“ Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme „ 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe . hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 2„„„=„ 41„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Heimkehr oder „Wie hoͤchſt gluͤcklich iſt es fuͤr mich, bei meinem ungeduldigen Geiſte, ſie zum Gefaͤhrten zu haben, um dadurch die Laͤnge des Weges weniger zu empfinden!“ ſagte Ronald Breadalbane zum General Monthermer, indem Beide ſich auf der Reiſe von Portsmouth nach London be⸗ fanden. „Ich gebe ihnen ihre Worte aus ganzer See⸗ le zuruͤck,“ erwiederte der General,„da meine Ungeduld gewiß eben ſo groß iſt, nach einem mehr den ſechzehnjaͤhrigen Aufenthalte in Indien, London zu erreichen, meine Geſchaͤfte dort zu be⸗ O. II. 1 1 2 richtigen, und wieder in meine Heimath zu kom⸗ men.“ 3 „Ach,“ verſetzte der enthuſtaſtiſche, fuͤr ſein Land eingenommene Breadalbane, der uͤber⸗ dies um viele Jahre juͤnger war, als der General, „aber mein Geburtsland, meine hochläͤndiſche Hei⸗ math iſt ein gar zu bezaubernder Flecl!— Oh Schottland, mein theures Schottland, Land der Berge und der Thaͤler, Land der ſchoͤnen Weiber und der tapfern Maͤnner, Land der Barden und Geſaͤnge, Land der traulichen Gaſtlichkeit!— Mein Vaterland!— Ich bringe dir ein unver⸗ aͤndertes Herz, und die Ueberzeugung zuruͤck, daß nichts auf der ganzen bewohnten Erde dir gleich kommt.“ General Monthermer, der ſein eigenes Vaterland warm genug liebte, um auch an An⸗ dern einen gewiſſen National⸗Stolz zu dulden, antwortete mit wohlwollendem Laͤcheln:„Ich gebe ihnen in ihrer Behauptung uͤber Schottland völlig Recht, denn auch mich feſſelten die ſchoͤnen Frauen dieſes Landes, mit Entzuͤcken horchte ich auf den Wohllaut der alten Barden⸗Geſaͤnge, und las mit immer neuer Begeiſterung die Werke — 8 ihrer Dichter und Schriftſteller. Die trauliche Gaſtlichkeit der Bewohner that mir im Innerſten der Seele wohl, und wer jemals in der Haupt⸗ ſtadt ihres Landes geweſen iſt, Breadalbane, wird ſich derſelben Zeitlebens mit dankbaren Ge⸗ fuͤhlen erinnern, und mit Sehnſucht wuͤnſchen Edinburg noch einmal wiederzuſehen!“ „Dank, Dank, Freund,“ rief der warmher⸗ zige Caledonier, indem er ſich haſtig der Hanb des Generals bemaͤchtigte,„moͤge ich ſie bald dort willkommen heißen!“ .„Aber,“ rief der General lachend,„koͤnnen ſie mir denn gar nichts zum Lobe Alt⸗Englands als Erwiederung zuruͤckgeben?“ „Gewiß, viel, viel; ſie ſelbſt ſchon gereichen ihrem Vaterlande ſo ſehr zum Nuhme, daß ich unter manchen andern Wohlthaten, die es der Welt erzeigt hat, ihm gewiß auch die ſehr hoch anrechne, einen Mann als General Monthek⸗ mer iſt, hervorgebracht zu haben.“— „Sie machen mich erroͤthen, Breadalba⸗ ne, und ich bin in Verlegenheit, wie ich eine ſolche Artigkeit erwiedern ſoll.“ 1 1* ——— 4 „Das will ich ihnen gleich ſagen; beſuchen ſie mich in meinem lieben, kleinen hochlaͤndiſchen Eigenthume, und goͤnnen ſie mir die Freude ſie meiner Familie und meinen Freunden dort vorzu⸗ ſtellen.— Ach, es iſt ein herrlicher Fleck! Ich kann nicht ohne Thraͤnen des Entzuͤckens daran denken.— Die Felſen, die Thaͤler, der See!— Nennen ſie mich nicht einen romantiſchen Schwaͤr⸗ mer, wenn ich offenherzig geſtehe, ich bedaure Jeden, der nicht in einem Gebirgslande geboren iſt.— Meiner Meinung nach iſt es dem Men⸗ ſchen durchaus unmoͤglich, in gleichem Grade an einer ſachen unmaleriſch en 4 Heimath zu haͤngen, als ich an der meinigen haͤnge.* Sogar ſcheint es mir, als ſei die Neigung zu unſeren Bekann⸗ ten lebhafter, wenn ihr Bild im Zauber einer ſchonen Ge gend uns umſchwebt, und—— Ach, ich ſehe ſis lachen, General, und gewiß glauben ſie ait S anern eine eben ſo große Ungeduld zu beſi⸗ 2a ihre Eltern und Freunde in dem flachen Theile Englands wieder zu ſehen, den ſie bewoh⸗ nen, als ſich meiner bei dem Gedanken bemaͤch⸗ tigt, die Meinigen, und das Maͤdchen meines 5 Herzens, umgeben von den uͤppigen Schoͤnheiten der Natur, wieder zu erblicken.“ „Ich glaube es wenigſtens,“ erwiederte der General mit einem Seufzer.—„Eltern beſitze ich leider nicht, die mir ein Willkommen entgegen rufen koͤnnten,“ ſetzte er hinzu, indem er mit der Hand uͤber die Augen fuhr;„ſie ſind todt—“ „Doch lebten ſie hoffentlich lange genug, um von ihren auswaͤrtigen Siegen und ihrem gro⸗ ßen Zuwachs an Gluͤcksguͤtern zu hoͤren?“ „Gottlob! das thaten ſie, und das letztere iſt ihnen noch zu Gute gekommen. Unſere Fami⸗ lie iſt durch manche widrige Schickſale geſunken; aber nun hoffe ich den alten Glanz wieder her⸗ vorzuheben, und habe die Befriedigung, meinen theuern Eltern durch meine Mittel, noch vor ih⸗ rem Tode, wenigſtens zum Theil den Genuß und die Bequemlichkeiten ihrer Vorfahren wieder verſchafft zu haben.“— „Gluͤcklicher, gluͤcklicher Monthermer!“— „In dieſer Hinſicht bin ich es, und glauben ſie, ich fuͤhle mein Gluͤck eben ſo tief, als waͤre ich zwiſchen den Gebirgen ihres Hochlandes gebo⸗ ren, und meine Eltern haͤtten in ihren Thaͤlern 1 6 gelebt.— Nein, die Neigung haͤngt nicht vom Reiz der Umgebung ab. Wenn ſie nun bei ihrer Nachhauſekunft ihre Eltern todt, ihre Geliebte untreu, ihre Verwandten ausgewandert faͤnden, wuͤrde dann die Umgebung allein ihnen noch Freude gewaͤhren koͤnnen?“ „Nein; wenigſtens nicht in gleichem Ma⸗ ße.“— 4 „Doch muͤßten ſie davon uͤberzeugt ſeyn, um den Satz wahr zu machen, daß in einer gebirgi⸗ gen, reizenden Gegend, Erhoͤhung unſerer Ge⸗ fuͤhle fuͤr die Freunde liegt.— Nein, ich be⸗ haupte, wenn ich nur die wenigen Freunde die mir noch bleiben, geſund, treu und mir anhaͤng⸗ lich finde, werde ich mich in meiner duͤrren, baum⸗ leeren Heimath, meiner von allem Reiz entbloͤß⸗ ten, von Marſch und flachen Kuͤſten umgebenen Geburtsſtadt, eben ſo gluͤcklich fuͤhlen, als ſie zwiſchen ihren maleriſchen Bergen und erhabenen Felſen.“ „Ich bin davon uͤberzeugt“, antwortete Bread⸗ albane,„und doch danke ich dem Himmel, daß er mich auf Bergen hat geboren werden laſ⸗ ſen.“— 7 „Und ich danke ihm, daß er Gefuͤhle in meine Bruſt gelegt, und mir hoffentlich einige Gegenſtaͤnde erhalten hat, die ich lieben kann, und von denen ich wieder geliebt werde, es mag nun auf den Bergen, oder in der Ebene ſeyn.“— Endlich erreichten die Reiſenden London, und nachdem die Geſchaͤfte dort beendet waren, zog jeder ſeine Straße, Breadalbane nach Schott⸗ land, der General in die naͤhere, und weniger reizende Heimath. Doch trennten ſie ſich nicht oh⸗ ne ein gegenſeitiges Verſprechen, durch Briefe eine Bekanntſchaft fortzuſetzen, die in Indien ge⸗ gruͤndet, und durch eine lange Fahrt, auf dem naͤmlichen Schiffe, allmaͤhlig zur Vertraulichkeit uͤbergegangen war. Nach einer zweitaͤgigen Reiſe ſoh Monther⸗ mer ſchon aus weiter Entfernung die Thuͤr⸗ me ſeiner Vaterſtadt, im Glanze der Abendſonne hervorragen.. „Das iſt doch ein Vorzug, den ich vor Bread⸗ albane habe,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, waͤhrend ſeine Lippen vor tiefer, inniger Bewegung zitter⸗ ten.—„Da meine Vaterſtadt in einer weiten 1 3 Ebene liegt, kann ich ſie eher ſehen, als er die ſeinige erblicken wird.— Junger Mann, du biſt im Irrthume, wenn du glaubſt daß dein Herz in dem Augenblicke, da du dem heimathli⸗ chen Boden naͤher kommſt, hoͤher ſchlaͤgt, als das meinige, moͤgeſt du auch naͤhere Verwandte haben, als ich beſitze.“ 3 Der General rief nun den Poſtillionen zu, einen Nebenweg einzuſchlagen, der eine ſanfte Anhoͤhe hinan, an eine kleine Thuͤr fuͤhrte, wel⸗ che ungefaͤhr eine Viertelſtunde von der Land⸗ ſtraße entfernt lag. Hier ſtieg er aus, und be⸗ fahl ſeinen Leuten auf dieſer Stelle ſeiner zu warten. Die Thuͤr fuͤhrte auf den Gottesacker, wo die Ueberreſte ſeiner Eltern begraben lagen, und wo bis jetzt nur ein einfacher Stein ihre Ruhe⸗ ſtaͤtte bezeichnete. Hierhin lenkte er ſeine Schritte, und warf ſich mit wahrhaft kindlicher Zaͤrtlichkeit auf den kuͤhlen Raſen. Unter heißen Thraͤnen fuͤhlte er dennoch die Beruhigung in ſeiner See⸗ le, daß es ihm wenigſtens gelungen ſey den Abend ihres Lebens durch ſeinen Ueberfluß hei⸗ terer zu machen, und daß der Ruf der krie⸗ ————— 9 geriſchen Thaten ihres Sohnes ihre Bruſt noch mit Freude und Stolz uͤber ihn gehoben habe. 2 „Es bleibt mir nun noch eine Pflicht gegen ſie zu erfuͤllen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.“ Ich will ihrem Andenken hier ein Monument errichten laſſen.“— Dann ging er leiſen Schrittes wie⸗ der auf die Thuͤr zu, die vom Kirchhofe hinun⸗ terfuͤhrte. Ju dieſem Augenblicke hoͤrte er eine Stim⸗ me hinter ſich rufen:„Ach, gewiß er iſt es!— Gewiß das kann kein anderer ſeyn als Herr George Monthermer! Gott ſegne Ew. Gnaden! Willkommen wieder in Alt⸗Eng⸗ land!“— Monthermer wandte ſich um, und er⸗ blickte eine ſehr ſchlecht gekleidete Frau, die mit ihrer zerriſſenen Schuͤrze ſich die Thraͤnen abtrock⸗ nete, welche ihn eben ſo herzlich zu bewillkom⸗ nen ſchienen, als ihre Worte es ſchon gethan hatten. „Ich danke euch, gute Frau,“ ſagte er, in⸗ dem er ſie aufmerkſam betrachtete.„Ich danke 10 euch; aber ich erkenne euch nicht wieder, und wundre mich, wie ihr mich erkennt.“— „Ach, wie ſollte ich Ew. Gnaden wohl nicht wieder kennen; aber ich wundere mich nicht daß ihr mich nicht wieder kennt. Die Zeiten haben ſich bei mir und vielen andern ſehr geaͤndert, ſeit ihr fortginget, wie ihr wohl wiſſen werdet. Ihr habt aber doch deßhalb gewiß Lucy Simmons nicht ganz vergeſſen?— „Lucy!— Gute Frau, ihr ſeid es,“ rief der General freundlich;„ihr, die ich in einem ſo behaglichen Zuſtande verließ?— Warum ſchrieb mir denn niemand daß es euch nicht gut ginge?— Aber kommt, ſetzt euch auf dieſen Grabhuͤgel, und erzaͤhlt mir was ich alles hier veraͤndert finden werde. Uebrigens ſeid uͤberzeugt daß es euch nicht an einem Freund fehlen ſoll, nun ich zuruͤck bin.“— Die arme Lucy war in dieſem Augenblicke zu geruͤhrt, um ein Wort hervorbringen zu koͤnnen; ſobald ſie ſich aber geſammelt hatte, be⸗ muͤhte ſie ſich Monthermers Fragen zu be⸗ antworten. “ I11 „Gewiß, Ew. Gnaden, ſagte ſie, es wuͤrde mir ſehr ſchlecht gegangen ſeyn, damals als mein Mann ſeliger ſtard, und mir keinen rothen Hel⸗ ler hinterließ, als ſechs Kinder, die ich ernaͤhren mußte, haͤtte nicht Fraͤnlein Marianne Tre⸗ lawney mir beigeſtanden.“ „Wie ſo!“ rief der General ſtutzend,„ich glaubte Hr. v. Trelawney haͤtte ſein ganzes Vermoͤgen verthan, waͤre in Schulden geſtorben, und ſeine Toͤchter haͤtten wenig oder gar nichts zu leben, da die Guͤter an den maͤnnlichen Erben kamen.“— „Das iſt leider nur zu wahr, lieber Herr; aber ſie wiſſen wohl, wenn Fraͤulein Marian⸗ ne auch nur eine Guinee beſitzt, ſo gehoͤrt die Haͤlfte davon den Armen. Ueberdies geht es ih⸗ nen auch nicht gar ſo ſchlimm, und Fraͤulein Marianne wuͤrde ſich recht gut ſtehen, wenn die Schweſter nicht waͤre, die zu ihrer Zeit fuͤr eine Schoͤnheit galt, und von Vater und Mutter verzogen wurde.— Die hat nun noch ſo ihre Launen, muß delicate Sachen haben, und wird ihre Schweſter zu Grunde richten.— Fraͤulein Marianne haͤlt eine Schule— 12 „Haͤlt eine Schule!“— rief der Gene⸗ ral— Marianne Trelawney eine Schu⸗ te— „Ja, ja, was ich ihnen ſage!— Sie giebt am Tage feiner Leute Kinder Unterricht fuͤr Geld; zweimal in der Woche Abends unterrich⸗ tet ſie arme Kinder aus chriſtlicher Liebe, und da befinden ſich denn meine auch darunter. Das iſt mir nun eine große Huͤlfe; uͤberdies waſche ich fuͤr ſie, bekomme hier und da was uͤbrig bleibt, und ſo dergleichen.— Aber, du großer Gott, wie wird Fraͤulein Marianchen ſich freuen Ew. Gnaden wieder zuſehen!— „Wo wohnen die Schweſtern? 24— Lucy bezeichnete es ihm, und er ſtutzte noch einmal uͤber die Aermlichkeit ihrer Wohnung. „Wir haben Ew. Gnaden erwartet, fuhr die Alte fort, und das Haus iſt fertig.“— „Aber ihr erwartetet mich wohl nicht ſo bald?“ erwiederte er. „Nein, erſt in einigen Tagen.— Meine Guͤte! wie verändert werden Ew. Gnaden die Dinge hier finden!— Die Aislabies, welche den Kopf ſo hoch trugen, ſind ruinirt, und 8 8* 13 fort— und Benſons leben in einem wahren kleinen Loche.“——. „So, ſo,“ murmelte der General, ohne recht darauf Acht zu geben.—„öAber ſagt mir, ſind mein Bruder, meine Schweſter und die Kinder zu Hauſe?“ 4 „Nein, gnaͤdiger Herr, ſie ſind ungefaͤhr v einer Woche auf ihr Landgut gereiſt.“— In dieſem Angenblicke hoͤrte man in der Stadt ſchießen.— „Welch ein Laͤrmen iſt das, rief der Gene⸗ ral,„es klang wie ein Schuß!“— „Ach du mein Gott, ja, das war es auch; — Wie konnte ich nur vergeſſen es Ew. Gna⸗ den zu ſagen; man ſchießt um eurentwillen!“— „Um meinentwillen 20— „Ja; eins von den alten Parlaments⸗Glie⸗ dern iſt geſtorben, da war heute die Wahl des neuen, und da jedermann Ew. Gnaden ſo lieb hat, ſeid ihr gewiß gewaͤhlt worden.“— „Ich?“ rief der General, geruͤhrt durch dies ſen Beweis der Achtung ſeiner Mitbuͤrger.„ Pe) denn mein Bruder darum?— 14 „Nein, gnaͤdiger Herr; aber ich hoͤre er hat jemand zur Stadt geſchickt, und wird ſelbſt morgen erwartet.“ „Das iſt gut,“ erwiederte er;„aber kommt, laßt uns gehen, die Luft wird kuͤhl und feucht.“— 5— „Ach ja, ja, geht nur, rief Lucy.— Du mein Himmel, wie wird das Volk ſich freuen, den gnaͤdigen Herrn hineinfahren zu ſehen. Er⸗ kennen wird man euch gewiß gleich, und dann werden die Pferde abgeſpannt, und die Leute werden es ſich nicht nehmen laſſen, euch ſelbſt bis vor eure Wohnung zu ziehen.“— „Das ſollen ſie fein bleiben laſſen,“ rief der General;„und hoͤre Lucy, wenn du mich lieb haſt, ſo halte meine Ankunft bis morgen geheim.“ Luchy hielt dies fuͤr eine ſchwere Aufgabe, verſprach aber endlich ſich darein zu fuͤgen. Monthermer ſchob ihr beim Abſchiede einige Goldſtuͤcke in die Hand, befahl den Poſtillionen vor das beſte Wirthshaus zu fahren, und ſeinen Namen nicht zu nennen, wuͤnſchte dann der Al⸗ 15 ten gute Nacht, und fuhr, das Taſchentuch vor das Geſicht haltend, in die Stadt ein.— „So ſoll ich denn meine Vaterſtadt als Par⸗ laments⸗Glied vertreten,“ dachte er, indem er ſich dem Thore naͤherte;„wollte Gott, meine al⸗ ten Eltern haͤtten dieſen Freudentag auch noch erlebt!“— Im Wirthshauſe angekommen, ſagte er zu ſich ſelbſt:„Da ich den Bruder und ſeine Fami⸗ lie doch nicht zu Hauſe finde, koͤnnte ich mich wohl noch auf ein Stuͤndchen zu Trelawneys begeben.“— Und wenige Augenblicke nach die⸗ ſem Gedanken befand er ſich ſchon vor der Thuͤr ihres Hauſes.— Anſtatt des Livree⸗Bedienten, der ihm ſonſt am Eingange ihrer Wohnung entgegen zu kom⸗ men pflegte, wurde er nun von einer alten Magd empfangen, die ihm ſagte, ihre Herrſchaft ſey zu Hauſe, ihn in ein kleines Zimmer fuͤhrte, und ſich nach ſeinem Namen erkundigte. Mit leiſer Stimme antwortete Monther⸗ mer:„Sagt nur, ein alter Freund wuͤnſche ſie zu ſprechen.“ So leiſe dieſe Worte aber auch geſagt 1 16 waren, hatte Maramme die Stimme doch er⸗ kannt. „Er iſt es! Es iſt George Manihes⸗ mer!“ rief ſie, und ohne weiter auf ihre Klei⸗ dung noch ihre Beſchaͤftigung zu achten,(ſie buk eben Paſteten fuͤr den folgenden Tag,) rannte ſie aus der Kuͤche ins Zimmer. So wie ſie aber Monthermer erblickte, konnte ſie kein Wort des Willkommens hervorbringen, ſondern empfing ſeine herzliche Begruͤßung ſchweigend und zitternd. Jetzt brachte die Magd Lichter herein, und nun erſt erlangte Marianne in ſoweit ihre Spra⸗ 2 che wieder, daß ſie jener befahl, der Schweſter General Monthermers Anweſenheit zu mel⸗ den. Fraͤntein Henriette wußte es bereits; wie haͤtte ſie aber wohl! aran denken koͤnnen zu er⸗ ſcheinen, ohne vorher einige Aenderung in ihrer Kleidung gemacht zu haben; auch mußten die er⸗ blichenen Roſen der Wangen wieder aufgefriſcht werden, und nachdem dies alles berichtige war, trat ſie mit aller Wuͤrde ihres vormaligen Stan⸗ des, und einer geprieſenen Schoͤnheit ins Zim⸗ mer. 17 Seder Monthermer noch Marianne hatten waͤhrend ihres Alleinſeyns viele Worte ge⸗ wechſelt; beide waren zu ſehr mit dem Gedanken an den Wechſel des Gluͤcks ſeit ihrem letzten Zu⸗ ſammentreffen beſchaͤftigt. Zeit und Tod hatten hier gar Vieles anders geſtaltet. Endlich ſagte Marianne halb ſchuͤchtern:„Sie finden uns in einer ſehr veraͤnderten Lage!“— 1„Sprechen wir weiter nicht davon,“ erwie⸗ derte der General, indem er ihre Hand ergriff; „ſie ſelbſt ſind unveraͤndert, und ſehen noch eben ſo aus, als da wir uns zum letzten Male ſahen; Geſichtszuge koͤnnen wohl altern e genan uck altert nie.“ 4 „Sie aber haben ſich in der Art, wenn auch richt in der Perſon peraͤndert, antwortete Marianne laͤchelnd durch Thraͤnen, denn ſie ſind ein Schmeichler geworden, General.“— „General!— Nennen ſie mich doch Mon⸗ thermer, wie vormale.“— In dieſem Augenblicke trat das Fraͤulein ſtan⸗ desmaͤßig geputzt herein. Der General empfing ſie nicht wie er die Schweſter empfangen hatte; ſei⸗ H. II. 2 1 18 ne Begruͤßung war kaͤlter, fremder, wäͤhrend ſie ihn mit wohlgeſetzten Worten willkommen hieß. „Licber Himmel, wie ſieht meine Schweſter geſchniegelt und geputzt aus,“ rief Marianne laͤchelnd. Ich muß mich vahrlich wegen meines Anzugs entſchuldigen; aber als ich ihre Stimme hoͤrte, lieber Freund, vergaß ich wirklich daß ich eine Kuͤchenſchuͤrze vor hatte, und daß meine Hände voll Mehl waren. Nun merke ich es erſt, und ſehe wie weiß ich ihren Aermel gemacht habe.⸗ 4. Month rmer ſah gerade aus, als ob er Luſt hätte die kleine weiße Hand zu kuͤſſen, wel⸗ che eben die Stelle bezeichnete, wo ſie Unheil ge⸗ ſtiftet hatte; er that es aber nicht, ſondern be⸗ gnuͤgte ſich ſeinen Azzmnel zu kuͤſſen, von dem er das Mehl wegblies. „Sie ſind alſo wohl eine rechte Wirthſchaf⸗ terin geworden,“ ſagte er, waͤhrend Marian⸗ ne die Schuͤrze ablegte,„und geben ſogar vor, Paſteten und Puddings ſelbſt zu backen?“— „Dabei iſt nun weiter kein Vorgeben,“ er⸗ wiederte Marianne;„denn ich habe nieman⸗ den, der es lür mich thun koͤunte; und uͤberdies 4 19 iſt meine Schweſter ſo galant zu verſichern, daß ihr nie die Kruſte an einer Paſtete ſo gut ſchmeckt, als wenn ich ſie gebacken habe; meine eigene Ei⸗ telkeit macht mich alſo zur Wirthſchafterin.“— Monthermer ſeufzte, und runzelte faſt die Stirn, da es ihm in dieſem Augenblicke ein⸗ fiel was Lucy geſagt hatte, und er nun ſelbſt fuͤrchtete Marianne verzoͤge die Schweſter, und waͤre ihren Launen unterthaͤnig. Bald aber ent⸗ ſchlug er ſich dieſes Gedankens, um von andern Dingen reden zu koͤnnen. Frage f le uf Fra⸗ ge, und eben war man im Begriff auch recht viel zu antworten, als man durch den Schall mehrerer Stimmen und Fußtritte unterbrochen wurde. Ein heftiges Klopfen an die Thuͤre, uͤbertoͤnt durch den Ausruf: es lebe General Monthermer, ließ ſich nun deutlich vernehmen. Als die Magd endlich die Thuͤr oͤffnete, riefen eine Menge Kehlen auf einmal:„iſt der Gene⸗ ral hier?“— Und nicht ſobald war die Frage beja⸗ hend beantwortet, ſo traten auch ſchon zwei oder drei anſehnliche Vorſteher der Stadt herein, waͤh⸗ rend der Hausſtur ſich mit Volk anfuͤllte. 1 20 „Seid willkommen auf Englands Boden und in unſerer guten Stadt, Herr General!“ riefen die Abgeordneten mit feierlicher Stimme. Der General dankte, und druͤckte ſtillſchweigend die dargebotenen Haͤnde der Leute, waͤhrend Marianne ſich abwandte, um ihre Thraͤnen zu verbergen, das Fraͤulein aber darein ſah, als ge⸗ ſtatte ihre Wuͤrde nicht, dieſe Zudringlichkeit zu dulden.— „Herr General, fuhr einer der Buͤrger fort, da eure Poſtillione erfuhren daß ſie den neuen Candidater der Parlaments⸗Wahl gefahren hat⸗ ten, konnten ſie das Geheimniß eurer Ankunft nicht laͤnger verſchweigen, und ihr muͤßt mit uns kommen, um euch dem Volke zu zeigen.“— „Nein, nein, unmoͤglich!— Heute Abend nicht,“ erwiederte der General, dem vielleicht das Woͤrtlein muß nicht ganz gefallen mochte, da er erſt eben aus einem Lande kam, wo er geherrſcht und nicht gehorcht hatte. Die Buͤrger beſtanden indeß mit ſo freundlicher Gewalt auf ihrem Wil⸗ len, daß er endlich nachgab.— Vorher aber wandte er ſich noch mit allem Anſtand eines feinen Weltmannes zu den Damen, und bat um 2 21 Entſchuldigung wegen der Freiheit, die der Eifer fuͤr ihn und ſeine Sache den Leuten eingefloͤßt habe, ohne Erlaubniß in ihr Haus zu treten. Aufgeſordert durch ſein Beiſpiel machten nun auch die Buͤrger in ſolchen Ausdruͤcken ihre Ent⸗ ſchuldigung, die ſogar dem gnaͤdigen Fraͤulein, deren Hochmuth nicht im Gluͤckswechſel geſunken war, annehmbar ſchienen. Monthermer ver⸗ ſprach morgen wiederzukommen, und zog mit ſeinen Freunden davon.— Bis ſpaͤt in die Nacht hinein ertoͤnte das Freudengeſchrei: es lebe General Monther⸗ mer hoch! und abermal hoch! Das Fräulein beklagte ſich einige Mal, dadurch im Schlafe unterbrochen zu werden, indeß Marianne ſich dieſer Stoͤrung freute. Niemand aber war wohl gluͤcklicher den General zuerſt geſehen und erkannt zu haben, als Lucy Simmons, voorzuͤglich da nun das Band ihrer Zunge geloͤſt war, und ſie jedem der es nur hoͤren wollte, mit aller Weitlaͤufigkeit erzaͤhlen konnte, was er geſagt, was ſie geantwortet, was er verſprochen, und daß er ihr Geld gegeben habe. Hier aber muͤſ⸗ ſen wir hinzuſetzen, daß des Generals Großmuth 1 22 ſich nicht auf dieſe erſte Gabe beſchraͤnkte, ſon⸗ dern daß er ferner der armen Wittwe Herz mit himmliſcher Freude erfuͤllte.— Am folgenden Tage war Monthermer ſo mit Beſuchen und d Gluͤckwuͤnſchenden uͤberhaͤuft, daß er nicht vor zwei Uhr zu den Schweſtern ge⸗ hen konnte. Er fand ſie beim Mittagseſſen; Marianne beſtand darauf, er ſolle ſich zu ih⸗ nen ſetzen, obgleich Henriette, durch dieſe un⸗ ziemende Einladung, den Anſtand verletzt gläubte. „Ich dachte mir nicht daß ſie 2 feih eſſen wuͤrden,“ ſagte der General in einiger Verlegen⸗ heit. „ Freilich,“ erwiederte das alteſte Fräulein, „kann kein Menſch vermuthen, uns zu einer ſol⸗ Sen gemeinen Stunde ſchon am Tiſche zu fin⸗ den; aber da Marianne es ſich einfallen laͤßt Schule zu halten, muͤſſen wir auch die Mittags⸗ ſtunden der Schulmeiſterinnen mit tmachen.“— Indem ſie redete, ſah der General auf den Tiſch, und bemerkte daß ein gebratenes Kuͤchlein, nebſt gebratenen Kartof ffeln, und eine halbe Fla⸗ ſche Wein vor ihrem Teller ſtand, waͤhrend 4 8* Marianne ſich mit gekochtem Hammelfleiſch be⸗ gnuͤgte, und Waſſer d dazu trank. „Ha ha,— er, Marianne laͤßt es ſich wohl deßhalb e llen Schule zu halten, dawit du deine Leck ckerbi iſſen zu eange kannſt.“ Marianne, des Generals Blicke bemerkend, ſagte:„Meine Schweſter hat eine ſehr zarte Ge⸗ ſundheit, und dabei ſehr wenig Appetit.— Sie kann nichts vertragen als junge Huͤhner 4 und dergleichen leicht verdauliche Bohah) 8 war immer von ſtaͤrkerer Natur, wie ſe wohl wiſſen, und kann aches „Wollen ſte mir nicht erlauben von ihrem Hammelfleiſch mitzueſſen? ſagte er, ſich zu 5 ſetzend. 4 enla — Etwa 1 ten H Henriettet das Muͤnd⸗ chen, und bot ih en Fluͤgel von dem Huhn, nebſt einem Glaſe Wein an; der General aber nahm nur das letztere. „Trinken ſte denn keinen Wein?“ fragte er, ſich zu Marian nen wendend. „Sehr ſelten; ich bedarf ihn nicht, und er koſtet Geld.“ „Das iſt aber anch kein guter Wein, mein Fraulein, ſagte er, indem er ihn koſtete; und wenn ſie kraͤnklich ſind, duͤrfen ſie den nicht trin⸗ ken. Ich muß darauf beſtehen ihnen vortreffli⸗ chen Madeira zu verordnen, von dem ich eine ganze Ladung im Hafen liegen habe; ſobald er ausgeladen iſt, werde⸗ ich mir das Vergnuͤgen ma⸗ chen ihnen welchen zu ſchicken, und ich hoffe daß Schweſter dann vielleicht auf die Geſundheit dh alten Freundes mit davon trinkt.“— Henriette außerte ihre Dankbarkeit in hohen lusdrückeng Ma taune erwiederte an⸗ fangs nichts, endlich ſagte ſie:„Nein, ſogar ein 8 Geſchenk das von ihnen kommt, ſoll mich nicht zu einem ſo koſtſpieligen Luxus verfuͤhren; es iſt mein Grundſatz, ſo wenig Be urfniſſe als moͤglich zu haben. „Nun, rief Monthermer ctwas heftig, ſie moͤgen meinethalben das Weintrinken aus Grundſatz oder aus Wahl unterlaſſen; aber ich kann es nicht ertragen daß ſie es aus Nothwen⸗ digkeit entbehren.“— Marianne ſah ihn dankbar an, ſtand auf, und verließ das Zimmer, waͤhrend das A. A 23 Fraͤulein ihre Abweſenheit benutzte, um dem Ge⸗ neral zu verſichern, daß die Schweſter keineswegs noͤthig habe, ſelaviſch zu arbeiten, und ſich ſo manche Dinge zu verſagen. Es waͤre eine bloße Erille. Der General antwortete nicht, obgleich ihm manches Wort auf der Zunge brannte, und war ſehr erfreut, als Marianne zuruͤckkehrte; ſo⸗ bald ſie aber genoͤthigt war, ihre Unterrichts⸗Stun⸗ den anzufangen, ging er fort. Gegen Abend ſandte er den verſprochenen Wein, woruͤber das Fraͤulein hoch erfreut war. Marianne aber fuͤhlte ſich ein wenig gedruͤckt durch die vielen Dutzende von Flaſchen, weil ſie eigentlich von Niemand ein ſo koſtſpieliges Ge⸗ ſchenk annehmen mochte.— Doch ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„wenn ich irgend Jemand Verbindlichkeiten ſchuldig ſeyn muß, ſo habe ich ſie ihm noch am liebſten.“— Dieſer Tag ſollte den General nicht allein mit einem Bruder wieder vereinen, den er zaͤrt⸗ lich liebte, ſondern er hatte heute auch deſſen Frau und Kinder kennen gelernt, unter welchen ein ſchlankgewachſenes, funfzehnjaͤhriges Maͤdchen 26 war, von der die Schwaͤgerin unaufhoͤrlich ver⸗ ſicherte, ſie ſei ſo gut und tuͤchtig erzogen, daß⸗ ſo jung ſie auch. waͤre, ſie doch ſchon einem gan⸗ zen Haushalte vorſtehen koͤnne.— Und uͤberdies iſt ſie die liebenswuͤr digſte kleine Waͤrterin die ich jemals geſehen habe, ſetzte ſie laͤchelnd hinzu. „Haha!“ dachte der General,„ich merke, man hat ſchon fuͤr mich fuͤr eine Haushaͤlterin und Waͤrterin geſorgt. Auch entdeckte er gar bald daß die Frau Schwaͤgerin, die ihn durch die aͤußerſt wohlgeſetzten Briefe, die ſie ihm nach Indien ſch hrieb, fuͤr ſich eingenommen hatte, im Grunde eine recht kal therzige, eigennuͤßige Dame ſei, die den neuangekommenen Herrn Bruder, den ſie ſich als reichen Nabob dachte, mit Argus⸗ Augen bewachte.— Friedrich Monthermer war durchaus der Gegenſatz ſeiner Frau.— Großmuͤthig, un⸗ eigennuͤtzig, zaͤrtlich. Anſtatt zu wuͤnſchen daß ſein Bruder im ledigen Stande bleiben moͤge, um dadurch ſeinen Kindern einen bedeutenden Zu⸗ wachs an Vermoͤgen zu verſchaffen, hoffte er ihn gleich nach ſeiner Ruckkehr verheirathet zu ſehen. So lange der. gute Mann dieſen thoͤrigen Wunſch, 27 (wie die gnädige Frau es zu nennen beliebte,) ihr nur allein mitgetheilt hatte, ließ ſie ihn gewaͤh⸗ ven; als er es ſich nun aber ſogar einfallen ließ, dieſelbe Sprache gegen den Bruder zu fuͤhren, nachdem der Laͤrmen der Wahl voruͤber, und der Generalgals Parlamenty⸗Glied zuruͤckgekehrt war, konnte ſie nicht begreifen, wie wenig ihr Gemahl ſich auf ſeinen eigenen, und den Vortheil ihrer Kinder verſtehe. ieber Bruder,“ ſagte Friedrich,„jetzt da du General, und obendrein oin reicher Nabob biſt, wirſt du hoffentlich auch daran denken noch weit etwas beſſeres zu werden, naͤmlich ein gluͤcklicher Ehemann.“ 5 „Wenn ich eine Frau finde, die mich nur um mein ſelbſt willen liebt, und ich mich davon uͤberzengen kann, heirathe ich vielleicht,“ erwie⸗ derte der General.— Warum wollteſt du, daran zweifeln, lieber Genr gerdu biſt ein ganz huͤbſcher Mann, und doch wahrhaftig noch nicht veraltet; zwei Jahre juͤnger als ich; das kann man eigentlich noch jung nennen, denn vier und vierz ig Jahre iſt noch Fein Alter fuͤr einen Wuunpan Wenn wir ⁴ 283 nür erſt eine Frau geſunden haͤtten, die deiner würdig waͤre!— Vor deiner Abreiſe dachte ich wohl zuweilen, du haͤtteſt eine ſtille Neigung fuͤr die herrliche Marianne Trelawney; meiner Meinung nach ſieht ſie auch noch eben ſo gut aus, als damals, und ledig iſt ſie auch noch, wie du wohl weißt.“— „Lieber Gott, rief Frau Monthermer, ja freilich, ledig iſt ſie, und gerade auch nicht haͤßlich; aber ſie iſt doch wahrlich nicht mehr jung zu nennen. Wie kann es dir nur einſallen daß der Generaͤl jemals habe an eine ſo unbedeuten⸗ de Perſon denken koͤnnen, und jetzt vollends, nun ſie alt geworden iſt!“— d „Nun, nun, ſie iſt doch einige Jahre juͤn⸗ ger als der Bruder.“— „Nein, wenn der General durchaus eine von den Schweſtern haben ſoll, wird er doch wahrhaftig wohl die aͤlteſte vorziehen, die vor⸗ mals fuͤr eine Schoͤnheit galt, und noch immer recht huͤbſche Ueberreſte davon hat.“—. „Was, er follte dieſe alten Truͤmmer einer verwelkten Schoͤnheit, Reizen vorziehen, die noch immer ein friſches Anſehen haben?!— 29 Nein, Eliſe, dazu iſt mein Bruder hoffentlich zu vernuͤnftig, und du ſchlaͤgſt Mariannens Werth zu gering an!— Marianne iſt eins der Weſen, an welchen Perſonen ihres eigenen Geſchlechts nichts, wir Maͤnner aber gar vie⸗ les finden! Biſt du nicht auch der Meinung Bruder?— Sie mag meinethalben ſeyn, was ihr unbedeutend nennt, doch habe ich noch nie einen Mann geſehen, der ſie nicht huͤbſch faͤnde, nachdem er ſich eine halbe Stunde mit ihr un⸗ terhalten hatte.“— „Dazu gehoͤrt wenigſtens eine ſehr lebhafte Einbildungskraft, erwiederte die Dame mit hoͤhni⸗ ſchem Tone, und ich moͤchte behaupten, der Ge⸗, neral ſei hierin meiner Meinung. Du freilich biſt in dieſe Perſon immer etwas vernarrt gewe⸗ ſen.“— Der General haͤtte uͤber dieſen Gegenſtand gern ein Stillſchweigen behaupten moͤgen, doch nun ſah er ſich gewiſſermaßen herausgefordert, und antwortete:„Auch ich habe das aͤlteſte Fraͤu⸗ lein Trelawney noch in den Tagen ihrer Schoͤnheit gekannt, doch hatte ſie nie die Reize fuͤr mich, die ihre Schweſter in meinen Augen 85 noch jetzt beſitzt, und obgleich ich nicht’ beſchrei⸗ ben kann, worin es liegt, fuͤhle ich es doch tief.“ „Gieb dich weiter mit der Erklaͤrung nicht ab, lieber Bruder, rief Friedrich lachend; dieſer Muͤhe hat dich Homer ſchon überhoben, indem er uns den Guͤrtel der Venus beſchreibt, ohne welchen ſelbſt die Goͤttin der Schoͤnheit keine anziehende Kraft beſaß, und durch den ſogar die ſtolze e Juno unwiderſtehlich wurde.“— Der General ſuchte jetzt das Geſpraͤch auf etwas anderes zu lenken; aber ſein Bruder ſchien nun einmal hartnaͤckig darauf zu beſtehen, ihm eine Frau empfehlen zu wollen, und nannte in dieſer Hinſicht die Namen verſchiedener junger Maͤdchen; keines aber war ſo gluͤcklich der ſtren⸗ 1 gen Cenſur ſeiner Hausehre zu entgehen.— In der Familie der einen war der Wahnſinn eine erbliche Krankheit; die andere hatte von Kindesbeinen an Saaſein gehabt, und von der dritten wußte ſie daß ſie eine geheime, ungluͤck⸗ liche Neigung haſe— Kurz, der General ſah nur zu deutlich, daß ſeine Schwaͤgerin ihm nie eine Frau empfehlen wuͤrde, und wunderte ſich 31 uͤber die Blindheit des guten Brnders, der dies nicht bemerke. 4 Mit welcher Freude begab er ſich fort von dieſer engherzigen, eigennuͤtzigen Frau, um zu der einfachen, wohlwollenden M arianne zu eilen; ſogar die aͤltere Schweſter erſhie n ihm heute in einem vortheilhaftern Lichte.— Von allen Seiten ſtroͤmten jetzt Einladungs⸗ Karten und zuvorkommende Aan gkeiten auf den General ein; manche Mut r wuͤnſchte ſich den reichen, vornehmen Mann zum Schwiegerſohn, und manches Fraͤulein ſuchte ihn in ihr Netz zu ziehen. M konthermer, obgleich hoͤflig ge⸗ gen alle, ließ dieſe Belagerungsanſtalter faſt unbeachtet an ſich voruͤber gehen; jedoch hielt er es der Sitte gemaͤß, nun da ſein Haus foͤrmlich eingerichtet war, ein Feſt zur Wiedervergeltung zu geben; Karten zum Ball und 2 lbendeſſen wur⸗ den in Menge in der Stadt und umliegenden Gegend herum geſandt, und die Bri 7 aͤltern und juͤngern Dame fuͤllte ſich mit ſtolzen Erwartungen fuͤr den be ſtimmten Abend *. Er ſe ſelbſt aber teng eine Karte, von ſeiner eigenen Hand geſchrieben, in das Hans der 2 3² Schwweſtern, uͤbergab ſie ehrfurchtsvoll dem aͤlte⸗ ſten Fraͤulein, mit der Bitte, daß ſie und Ma⸗ rianne ſein Feſt durch ihre Gegenwart kroͤnen moͤchten. Das Fraͤulein verneigte ſich tief, ohne zu antworten; eine hohe Roͤthe, die ihr Antlitz uͤber⸗ deckte, ſchien irgend ein niederdruͤckendes Gefuͤhl zu verkuͤnden. Auch Marianne ſchwieg im erſten Augenblicke; endlich aber ſagte ſie mit lei⸗ ſer Stimme, daß ſie es ſich in ihrer jetzigen Lage vorgenommen habe, eine jede Einladung der Art abzuſchlagen.— „Was hoͤre ich,“ rief der General;„was koͤnnen ſie damit meinen?“— „Daß, geſunken im aͤußern Wohlſtande, und genoͤthigt mein Brod zu erwerben, ich nicht an meinem Platz in einer glaͤnzenden Geſellſchaft ſeyn wuͤrde; auch koͤnnte meine Erſcheinung dort Stoff zu Anmerkungen geben, denen ſie ſelbſt mich ge⸗ wiß nicht gern ausſetzen moͤchten.“— „Wie koͤnnen ſie nur einen Augenblick glau⸗ ben, daß ſie Beide in irgend einer guten Ge⸗ ſellſchaft je als uͤberfluͤſſig betrachtet werden koͤnn⸗ ten?“— 33 „Doch iſt dies wahrhaft meine Meinung, und meine Schweſter kann ſie aus der Erfahrung davon uͤberzeugen, wenn ſie ihnen erzaͤhlt, wie es ihr einſt auf einem oͤffentlichen Balle ergangen iſt, wo⸗ hin ſie ſich in unſerer gegenwaͤrtigen Lage wagte.— Ihre Erſcheinung dort, in einer Lage wie die unſrige, ihre Kleidung, alles wurde ſo laut und lieblos getadelt, daß ſie und die ſie beglei⸗ tende Dame froh waren, wieder fort zu kom⸗ men, und dieſe ihr den wohlmeinenden Rath er⸗ theilte, ſich nie wieder ſolchen gemeinen Behand⸗ lungen, wie ſie dies Betragen nannte, auszu⸗ ſetzen.“— Mit dem Ausdruck von Verdruß und Beſtuͤrzung hoͤrte der General dieſer Erzaͤhlung zu; als Marianne ſchwieg, ſprang er ploͤtz⸗ lich auf, und rief:„Bei allem was heilig iſt, ſchwoͤre ich, daß wenn ſie und ihre Schweſter, mei⸗ ne aͤlteſten, theuerſten Freunde, nicht zu meinem Balle kommen koͤnnen und moͤgen, ich gar keinen geben will!“— Nach dieſen Worten rannte er ſchnell zur Thuͤre hinaus, und ſchon vor Son⸗ nenuntergang hatte eine jede eingeladene Familie eine Karte empfangen, durch welche angezeigt 9. II. 2 9 34 wurde, daß der Ball, dringender Urſachen hal⸗ ber, aufgeſchoben werden muͤſſe.— Dies kuͤn⸗ digte er den Schweſtern in Perſon an, obgleich er uͤbrigens gegen einen jeden das tiefſte Still⸗ ſchweigen uͤber die Gruͤnde, die ihn dazu bewo⸗ gen, beobachtete. Selbſt ſein Bruder fragte ver⸗ gebens.—„Nein, ſagte er zu ſich ſelbſt, kein Feſt, in meinem Hauſe gegeben, ſoll ihnen ihre veraͤnderte Lage fuͤhlbarer machen; die edle Ma⸗ rianne ſoll es keinen Augenblick ſchmerzlich em⸗ pfinden, daß ihre nuͤtzliche Thaͤtigkeit, durch wel⸗ che ſie ſich und die Schweſter erhaͤlt, ſie von dem glaͤnzenden Schauplatz ausſchließt, wo ſie vormals willkommen war.— Es iſt ja nicht einmal ein Opfer von meiner Seite zu nennen; denn koͤnnte mir wohl irgend etwas Freude gewaͤhren, das Mariannens Zartgefuͤhl auch nur im minde⸗ ſten verletzte?“— Tief fuͤhlten die Schweſtern dieſen Beweis ſeiner Achtung; Marianne verſuchte vergebens ihn umzuſtimmen. Er beharrte darauf: Freund⸗ ſchaft fordre es von ihm, und er wolle ſo und nicht anders handeln. In der Heftigkeit ſeiner Rede nahm er ein Stuͤck Papier, die unbeſchriebene 35 Seite eines Briefes, welches nebſt andern auf dem Tiſche lag, und drehete es feſt zuſammen; endlich griff er wieder zu einem andern, welches Marianne ihm aber freundlich aus den Haͤn⸗ den wand, mit der Bitte, nicht noch mehr Un⸗ heil anzurichten. „Unheil!— welches Unheil habe ich denn angerichtet?“—— „Eben kein ſehr großes; doch haben ſie un⸗ noͤthiger Weiſe Dinge verwuͤſtet, die ich gerade noch anwenden wollte.“— Nun nahm ſie die Papiere, und wußte ſie auf eine ſo geſchickte Weiſe zu drehen, zu wenden und auszuſchneiden, das artige Kaͤſtchen, Puͤppchen und dergleichen Din⸗ gerchen daraus entſtanden, die ſie dann mit vie⸗ ler Leichtigkeit anmalte, und ihnen eine ſehr ge⸗ faͤllige Form und Außenſeite gab. „Um des Himmels willen,“ ſagte der Gene⸗ ral, indem er ihre haushaͤlteriſche Sparſamkeit, und ihren erfinderiſchen Geiſt bewunderte,„was wollen ſie mit dieſen Sachen machen, wenn ſie fertig ſind?“— „Ach“ erwiederte Fraͤulein Henriette,„ſie dienen ihr als Preiſe fuͤr ihre Zoͤglinge, und ſo 1 3* 36 unbedeutend die Dinge an und fuͤr ſich ſind, ſo verſichre ich ſie, die Kleinen ſetzen einen un⸗ endlichen Werth darauf. Sie wiſſen, Marian⸗ ne kann ihnen keine koſtbareren Geſchenke ma⸗ chen, ſchaͤtzen den guten Willen, und ſind ſtolz uͤber die Auszeichnung. Ueberdies lehrt ſie ſie in dieſen Kaͤſtchen allerhand kleine Reſtchen aufbe⸗ wahren, und da ſie ſehen daß das Ganze ſelbſt nur aus Ueberbleibſeln, oder Dingen, die man ſonſt unbenutzt an die Seite wirft, gemacht iſt, werden ſie dadurch gewoͤhnt, nicht ſo leicht alles wegzuwerfen, ſondern alte Karten und derglei⸗ chen anzuwenden.“— „Ja,“ unterbrach Marianne ſie lachelnd, „auch die hoͤchſt elegante Einladungs⸗Karte vom General Monthermer, die vormals wohl an die Seite geworfen worden waͤre, wird nun als Umſchlag zu einem artigen kleinen Nadelbuche ge⸗ braucht.“ „Alſo ſelbſt durch ein ſooſt nutzloſes Stick, chen Karte oder Papier ſuchen ſie das Gute zu befoͤrdern?“ ſagte der General.-. „Ich bemuͤhe mich wenigſtens es zu thun, und um meine eigenen Lehren eindringlicher zu 37 machen, laſſe ich alle meine Schuͤleriunen die vortreffliche Erzaͤhlung der Miß Edgeworth le⸗ ſen: Verſchleudere nichts, ſo mangelt dir nichts!“ 88 n Der General horchte aufmerkſam den Wor⸗ ten ſeiner liebenswuͤrdigen Freundin zu, und ehrte und bewunderte ſie mehr als jemals.— Unbemerkt ſiel er in ein tiefes Nachdenken, und gedachte der Zeiten, wo er, als ein armer Dra⸗ goner⸗Leutnant, im Geheim und hoſſnungslos fuͤr Marianne Trelawney, Erbin des reichen Herrn v. Trelawney, geſeufzt habe. Denn obgleich Monthermer immer auf ei⸗ nem ſehr freundſchaftlichen Fuße mit den beiden Schweſtern gelebt hatte, wurde er nicht allein wegen ſeiner damaligen aͤrmlichen Lage von einer Erklaͤrung ſeiner Neigung zu Mariannen abgehalten; ſondern er ſowohl, als alle ihre Be⸗ kannte, glaubten ſie in einer naͤheren Verbindung mit einem ſehr vermoͤgenden Manne, der ſich um ihre Hand zu bewerben ſchien, und in dieſem Augenblick der Zweifel und des Unmuths bekam ſein Regiment Befehl nach Indien zu gehen.— Marfanne aber wurde nicht verheirathet, und 1 38 der, den man ſchon als den beguͤnſtigten Liebha⸗ ber betrachtet hatte, heirathete ein anderes Mäͤd⸗ chen. Auch nach ſeiner Ruͤckkehr erzaͤhlte man ihm: ſie ſey aus alter Neigung fuͤr einen andern Mann ſo lange ledig geblieben, und dieſer ſuche ſich nun zu uͤberwinden ſie jetzt zu heirathen.— Schon dieſer Ausdruck war dem General wi⸗ derwaͤrtig, ja unausſtehlich;— als ob fuͤr irgend einen Mann Ueberwindung dazu gehoͤren koͤnne, ein Maͤdchen wie Marianne zu heirathen! Sein Blut kochte, und er fuͤhlte, es wuͤrde ihm ſchwer ſeyn, den Mann, der ſo daͤchte, nicht zu beleidigen, wenn er ihn je in Geſellſchaft treſſen ſollte.— 889 Die Einladungen, welche man dem General ſandte, und die Aufmerkſamkeiten, welche man ihm erzeigte, nahmen noch immer kein Ende.— Ein Gutsbeſitzer, in deſſem Hauſe ſich um dieſe Jah⸗ reszeit alles verſammelte, was nur zur ſchoͤnen Welt gerechnet werden konnte, und der uͤberdies unverheirathete Toͤchter hatte, bat ihn unter an⸗ dern, einige Wochen auf ſeinem Landſitze zuzu⸗ bringen. Von mehreren Seiten waren ihm die Toͤchter, die durch die Leitung einer vortrefflichen 39 Mutter eine Erziehuug ſollten genoſſen haben, welche ſie weit uͤber die Meiſten ihres Geſchlechts erhob, ſchon als vorzuͤglich geruͤhmt, und er entſchloß ſich endlich hinzugehen, um zu pruͤfen und ſich pruͤfen zu laſſen, und zu ſehen, ob es möglich waͤre daß irgend eine jugendliche Schoͤnheit das Bild aus ſeinem Innern verdraͤngen koͤnne, wel⸗ ches er von Europa mit nach Aſien hinuͤber ge⸗ nommen, und treu bewahrt wieder in ſein Va⸗ terland zuruͤckgebracht habe. Sobald ſein Plan gemacht war, beſchloß er, ehe er fortging, noch bei den Schweſtern vorzuſprechen. Er fand Fraͤulein Henriette allein.— „Herr General,“ redete ſie ihn gleich an,„es freut mich ſie einmal ohne Zeugen zu ſehen, da ich ſie als unſern beſten Freund betrachte.*— Der General machte ſtillſchweigend eine Verbeu⸗ gung, und ſie fuhr fort:„Sie werden begreifen, wie ſchmerzlich es fuͤr mich iſt, einen Abkoͤmm⸗ ling unſeres Hauſes als Schulmeiſterin auftreten zu ſehen, waͤhrend Leute, welche wir vor⸗ mals kaum bemerkt haben wuͤrden, jetzt hier im Ueberfluſſe leben, und Wagen und Pferde halten. Gewiß, gewiß, es iſt ſchon hart genug ſuͤr mich 48 zu Fuße gehen zu muͤſſen, da ich von Kindheit an gewohnt war, in einer Kutſche mit vier Pfer⸗ den zu fahren, ohne daß mir noch die Schmach wird zu ſehen, wie meine Schweſter Kindern das A B C lehrt!“— Hier brach ſie in einen Strom von Thraͤnen aus, und der General, der die Veraͤnderung ihrer aͤußern Lage tief in ihrer Seele fuͤhlte, bezeigte ihr ſeine herzliche Theil⸗ nahme. 4. Atorminen Nach einer Pauſe hob ſie aufs Neue an: „Mein Wunſch nun waͤre, da Marianne ein entſchiedenes Talent zur Malerei hat, und es doch weit weniger herabwuͤrdigend fuͤr ein Frau⸗ enzimmer von Skande iſt, Kuͤnſtlerin zu ſeyn, als zu ſchulmeiſtern, daß ſie fuͤr Geld zeichnete und malte, und ich zweiſle keinen Augenblick, auch dieſer Erwerb wuͤrde ihr gelingen, wenn ſie nur Goͤnner haͤtte, die ihr forthuͤlfen.“ derrr „Ueber den Plan ließe ſich vielleicht weiter reden; aber in welcher Art der Malerei zeich⸗ net ſich ihre Schweſter denn beſonders aus?“— „Es gelingt ihr ganz vorzuͤglich Miniatur⸗ Gemaͤlde nach der Natur zu zeichnen; doch trifft ſie Frauen weniger gut als Maͤnner.— Und 41. um ihnen einen Beweis zu geben, wie voll⸗ kommen letzteres ihr gelingt, will ich ihnen eine Probe ihrer Arbeit zeigen.—„Hier,“ fuhr ſie fort, indem ſie einen Schrank oͤffnete,„liegt ein Gemaͤlde, welches ſie vor vielen Jahren blos nach der Erinnerung entwarf, und es mir ſpaͤter auf mein dringendes Bitten gab, weil ſie weiß, wie hoch ich den Gegenſtand ſchaͤtze. Sie wuͤrde zwar ſehr boͤſe werden, wenn ſie erfuͤhre daß ich es ihnen zeigte, denn ſie laͤßt ihre Licht nie leuchten, ſondern ſtellt es immer ſorgfaͤltig hinter den Scheffel; aber es iſt nur, um ſies von ihrem Talent zu uͤberzeugen.“ 136 „Nun,“ dachte der General,„werdeaich wohl den gluͤcklichen Mann zu ſehen bekommen, den Marianne liebt!“— Sein. Herz ſehlug faſt hoͤrbar, als Henriette ihm eine kleine Kapſel reichte; kaum aber konnte er ſeinen Au⸗ gen trauen, als er ſie oͤffnete, und ſein eigenes Viid erblickte., nant onn „Marianne nalte dies, 1 rief er, zmund aus der Erinnerung?"0 IAus Imnsi „Ja, kurze Zeit darauf als ſte nach 9 Indiem gegangen waren; aber erſt vor wenigen Jahren 1 4² 1 habe ich es entdeckt, weil ſie ihre Talente immer verbirgt.— Nachher hat ſie mich auch gemalt; hier iſt es, es iſt aber nicht aͤhnlich.“— Monthermer nahm auch dies Bild in die Hand, uͤberzeugte ſich indeß bald, daß es wirklich nicht geſchmeichelt ſey.— Ja wahrlich, ſagte er, es ſcheint mir ſelbſt, als habe ſie mir zu viel, ihnen aber zu wenig Gerechtigkeit wiederfahren laſſen.“— Heimlich ſetzte er noch fuͤr ſich hinzu:„In welchen ſchoͤnen, hellen Far⸗ ben muß mein Bild vor der Seele des herrlichen Maͤdchens geſchwebt haben!“—. „Aber kommen ſie ſchnell,“ hob Henriette wieder an,„ehe wir uͤberraſcht werden, damit ſie noch ein anderes Bild ſehen, bei welchem ich ſie vor einigen Tagen antraf, und ſie beinahe mit Gewalt zwingen mußte es mir zu zeigen.“— Sie ging nun in ein kleines Kabinet, wo Ma⸗ riannens Buͤcher und dergleichen ſtanden, und nahm aus einem Malkaſten ein noch nicht vollendetes Miniatur⸗Gemälde. Der Ge⸗ neral erblickte wieder ſein eigenes Bild, doch ſo wie er jetzt war, und in Gedanken verloren ſtand er vor dieſem neuen Beweiſe ihres ſo treuen Andenkens, als ein Ausruf Henriettens: um des Himmels willen, die Bilder fort!— ihn aus ſeinem Entzuͤcken riß. Kaum vermochte er ſich zu faſſen bis Mariannne hereintrat. Mit ihrem gewoͤhnlichen lieblich laͤchelnden, ruhigen Blicke, kam ſie ins Zimmer; aber ihrem durchdringenden Auge entging die merkliche Ver⸗ wirrung beider Perſonen nicht. Was konnte hier vorgefallen ſeyn? Sollte das Geruͤcht wahr ſeyn, daß der General ihre Schweſter liebte? Dann hatte ſie ja Urſache ſich zu freuen; aber nein, dieß war nur Geſchwaͤtz muͤſſiger Leute, ſie hatte ſich vielleicht geirrt, und beide waren ſo ruhig, als ſie es in dieſem Augenblicke zu ſeyn glaubte. Zwei Equipagen, die jetzt vor dem Fenſter vorbei rollten, gaben dem General Gelegenheit das Stillſchweigen zu brechen.—„Wem gehoͤ⸗ ren ſie,“ fragte er,„die Livree iſt mir ja ganz neu?“— en „Das glaube ich wohl,“ erwiederte Henri⸗ ette,„denn die Eigenthuͤmer derſelben trugen viel⸗ leicht ſelbſt Livree, als ſie von hier reiſten. Es ſind von unſern neuen, reichen Emporkoͤmmlin⸗ gen, deren wir hier eine Menge beſitzen.“— 1 44 „Es liegt doch eine 5 Freude darin, ſagte Marianne, ſehen, wie eigner Kunſtfleiß ſeine— empfaͤngt. Selbſt der Gruͤnder und hehoge ſeines Reichthums und Gluͤckes zu ſeyn, iſt keine Rlaintgkais,; und wir muͤſſen dies auch zu ſchaͤtzen wiſſen.”“ e in 6„In unſerer Lage ſe dies nichte eicht 4be⸗ merkte Henriette.— 1 di „Theure Freundin,“ ſagte der Genen, „glauben ſie mir, es iſt weit ſchmerzlicher, den Fall einiger, als das Enporkonimen andoteb zu Tennon 5 1281 „Ohne Zweifel,“ antwortete Marianne, „aber dies ſind Gesfaggle die wir e tes asd ſtreben muͤſſen.“— i iues Die Eauipagen der Engoitomminge raſſel⸗ ken in dieſem Augenblicke wieder vor dem Hauſe voruͤber, Heuriette beklagte ſich daß ihr dies unausſtehliche Geraͤuſch die Nerven angreife, und die Unterhaltung ſtockte einige Minuten. Waͤhrend der Zeit aber war ihr der Gedanke gekommen das Geſpraͤch auf den Gegenſtand zu len⸗ ken, der ihr ſo ſehe am Herzen lag, und ſchon zum Voraus von dem Beiſtande Monther⸗ n 1 A 4 nn Z.. 2 71II: 9910 mers uͤberzeugt, fing ſie damit an, der Schwe⸗ ſter zu erzaͤhlen, ſie habe dem General ihr Bild gezeigt. „Dein Bild, Henriette,“ rief Mari⸗ anne, indem ſie die Farbe wechſelte,„wie konn⸗ teſt du nur, da du weißt“—— Bei dieſen Worten hatte ſie einen ernſten Blick auf beide gewagt, und war jetzt nur zu gewiß daß man ihr noch die Haͤlfte verhehlt habe.—„Nein, Henriette,“ fuhr ſie mit zitternder Stimme fort,„das war wieklich recht garſtig von dir, recht unfreundlich!“—. 326 „Was war denn Garſtiges und Unfreundliches dabei, deinem Freunde zu zeigen, wie huͤbſch du malſt!“— „Das nicht; aber du zeigteſt ihm gewiß mehr als dein Bild.“— „Das that ich freilich“— „Gewiß, Schweſter, ich haͤtte nimmer ge⸗. glaubt daß du ſo unartig gegen mich ſeyn koͤnn⸗ teſt,“ ſagte Marianne, indem ſie ſich ans Fen⸗ ſter ſtellte, um ihre Verwirung zu verbergen.—. „Wie aber koͤnnen ſie ſo unfreundlich gegen mich ſeyn,“ rief der General, der, obgleich ihm 1 . 45 ihe Schmerz leid that, doch nicht ohne ein ge⸗ wiſſes Behagen ihre Verwirrung bemerkte,„mit ihrer Schweſter zu ſchmollen, weil ſie mir ein Vergnuͤgen gemacht hat?— Gewiß ließ ich 1 es mir wenig traͤumen bei Mariannen in ſo lebhaftem Andenken zu ſtehen, ſonſt wuͤrde dieſer Gedanke mir manche ſchwermuͤthige Stunde er⸗ heitert haben.“—. Marianne lief jetzt ſchnell in ihr kleines Kabinet, unterſuchte den Malkaſten, und als ſie keinen Zweifel mehr haben konnte, daß auch das noch unvollendete Bild herausgenommen und betrachtet worden ſey, kehrte ſie noch blaͤſſer ins Wohnzimmer zuruͤck, ſagte mit ſtockender Stim⸗ me:„Wahrlich, ich weiß nicht, wie ich das ver⸗ geben ſoll!“— ſank dann auf einen Stuhl, und brach in einen Strom von Thraͤnen aus.— Monthermers Herz wurde durch dies ganze Betragen auf eine ſonderbar freudige Art bewegt; es ſchien ihm keinem Zweifel mehr un⸗ terworfen, daß dies ihm ſo theure Weſen mehr als freundſchaftlichen Antheil an ihm nehme, und ihm dies nur mit Muͤhe bis jetzt verhehlt habe. Waͤhrend die Schweſter entſchuldigend 8 47 vor ihr ſtand, und ihre Verzeihung erbat, er⸗ griff er eine ihrer Haͤnde, die er mit einem hei⸗ ben Kuß an ſeine Lippen druͤckte. Marianne ſtand ſchnell auf, und verließ das Zimmer.— „Es thut mir ſehr leid daß meine Schwe⸗ ſter die Sache ſo hoch aufnimmt,“ ſagte Hen⸗ kiette;„denn meine eigentliche Abſicht war, den vorher beſprochenen Plan in ihrer Gegenwart einzuleiten, da ich von ihrer Billigung und Un⸗ terſtuͤtzung gewiß war.“— „Ich ſollte es billigen daß ihre Schweſter andere Maͤnner fuͤr Geld malt?— Nein, wahr⸗ haftig, mein Fraͤulein, der Gedanke kann nie in meine Seele kommen!— Aber beantworten ſie mir nur noch die eine Frage: hat Mari⸗ anne nie irgend einen andeen Mann aus der Erinnerung gemalt?“— „So viel ich weiß, niemals.“— „Als ich damals fortging, ſprach man viel von einem gewiſſen Herrn Montague, und glaubte ſie wuͤrde ihn heirathen.“— 1 „* 48 „Wir alle glaubten es auch; er aͤußerte ſehr beſtimmte Aunthten, ſie aber ſchlug ihn aus.“— „Schlug Föa aus 2— „Ja, und niemand konnte begreifen wa⸗ rum.“— „Jetzt aber ſpricht man hier wieder von ei⸗ nem andern Manne, der, wie die Welt ſagt, gewiß nicht wuͤrde ausgeſchlagen werden, wenn er ſich ernſtlich erklaͤrte;— Hr. Ainslie“— „Die Welt hier ſcheint ſich in alles zu men⸗ gen, und doch von nichts Beſcheid zu wiſſen. Hr. Ainslie hat ihr einen Heiraths⸗Antrag gemacht, iſt aber ſehr kurz abgewieſen, zu mei⸗ nem großen Bedauern.— Aber, Hr. General, ich bitte zu bemerken, daß ich ihnen dies alles nur im groͤßten Vertrauen ſage; ſolche Dinge ſind eigentlich zu delicat, um davon zu ſpre⸗ chen.— Ja, ja, Marianne ſowohl wie ich haben uns ſehr im Lichte geſtanden; ich aber war immer ſehr ehrgeizig, und glaubte ein Recht zu haben meinen Kopf etwas hoͤher zu tragen. Mie Mariannen ſiſt dies nicht der Fall, und ich weiß eigentlich nicht, auf welche Rechnung ich 49 ihre Abneigung zum Heirathen ſchieben ſoll, wenn ſie nicht eine heimliche Neigung hat;— und das muͤßte ich doch wohl bemerkt haben,“ ſetzte ſie mit vielem Vertrauen auf ihren Scharfſinn hinzu. Marianne trat jetzt wieder ins Zimmer, vermied aber ſorgfaͤltig den Blick des Generals, und ſaß wie eine arme Suͤnderin da.— Mont⸗ hermer erzaͤhlte daß er willens ſey am folgen⸗ den Tage zu Lord Montford zu reiſen, wo er wahrſcheinlich mehrere Wochen bleiben wer⸗ de. Ihr neues Erblaſſen bei der Aeußerung der Schweſter: daß Lord Montford zwei ſehr ſchoͤne, liebenswuͤrdige Toͤchter haben ſolle, ent⸗ ging ihm gleichfalls nicht. „Ich habe ſie auch ſehr ruͤhmen gehoͤrt,“ erwiederte er. 4 „Was aber ſagt ihre Frau Schwaͤgerin zu dem Beſuch?“ fuhr Fraͤulein Henriette laͤ⸗ chelnd fort.„Da ſie niemand ſchont, wird ſie auch von keinem verſchont,— und ſie verſtehen mich wohl, Hr. General.———“ „Gewiß, mein Fraͤulein,“ erwiederte er mit einem ſchlauen Laͤcheln;„ihr ſcheint der Beſuch O. II. 4 1 50 auch gar nicht zu behagen; aber ſie muß es ſchon gewohnt werden daß ich meinen eigenen Weg gehe.—. Narianne verſuchte auch zu laͤcheln, es gelang ihr aber ſchlecht, und der General em⸗ pfahl ſich bald mit dem Verſprechen, ſie vor ſei⸗ ner Abreiſe noch einmal zu beſuchen. Bis zu ſeiner Wiederkunft gab ſie ſich alle nur erſinnliche Muͤhe ihre Gefuͤhle zu beherrſchen, um ihn mit gehoͤriger Ruhe empfangen zu koͤn⸗ nen. Es war ihr gelungen; in ihrem Blick lag jene ſtille Ergebung, die es mit dem unvermeid⸗ lichen Geſchicke aufzunehmen ſcheint, und noch lange nachdem er von ihr Abſchied genommen hatte, ſchwebte dieſer Blick der ſanften Ergebung vor ſeiner Erinnerung. Laͤngſt ſchon hatten des Generals haͤuige Beſuche bei den Schweſtern die Aufmerkſamkeit der Bewohner des Staͤdtchens auf ſich gezogen. Viele Zungen waren geſchaͤftig in Vermuthun⸗ gen und Urtheilen; doch konnte faſt keine Frau, (die wenigen weliche Mariannen aufrichtig lieb⸗ ten ausgenommen,) begreifen, wie ein Mann, den jede junge, reiche Schoͤnheit ſich gluͤcklich prei⸗ 51 ſen wuͤrde zu feſſeln, den Entſchluß faſſen koͤnne, ein armes Maͤdchen von ſieben und dreißig Jah⸗ ren zu heirathen, das uͤberdies wenig perſoͤnliche Reize ſchmuckten. Auch den meiſten Maͤnnern wollte es nicht in den Sinn, daß ein durch aſia⸗ tiſche Pracht und Wolluſt Verwoͤhnter, dem kein ſchoͤnes, junges Maͤdchen ihre Hand verweigern wuͤrde, ſo viel Vernunft und Selbſtverlaͤugnung beſitzen koͤnne, eine Frau, wie Marianne, zu waͤhlen.— Wie wenig kannten aber alle dieſe vorſchnellen Beurtheiler Monthermers wahren Charakter!— Sie ahneten nicht daß ſein rei⸗ nes Herz und ſein wohlgeordneter Verſtand ihm riethen, in ſeinem Weibe eine treue Gefaͤhrtin des Lebens, und nicht ein Spiel der Flitterwo⸗ chen zu ſuchen. Von uͤbertriebener Eigenliebe reif, wußte er nur zu wohl, daß er ſich kein dau⸗ erndes Gluͤck in der Verbindung mit einem Maͤd⸗ chen verſprechen koͤnne, das durch ihre Jugend noch ins bunte, rauſchende Getuͤmmel der Welt gezogen wuͤrde, welches fuͤr ſeine reifern Jahre wenig, oder gar keinen Reiz mehr hatte.— Die geſchwaͤtzigen Gevatterinnen aber bemuͤ⸗ heten ſich waͤhrend ſeiner Abweſenheit mit haͤufigen * 4 52 Beſuchen bei den Schweſtern, wozu ſie zwar nicht Freundſchaft, ſondern Neugierde trieb, und als ſie erforſcht hatten daß gar keine Kunde bei ihnen vom General eingelaufen ſey, ließen ſie es ſich angelegen ſeyn ihnen zu erzaͤhlen: man be⸗ haupte allgemein, er werde die ſchoͤne Laura Montford heirathen. „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ antwortete Marianne in einem ruhigen Tone; die Schwe⸗ ſter aber, welche ſich noch immer eingebildet hatte, er ſey wirklich ein Verehrer ihrer eigenen Reize, die ſie eben noch nicht fuͤr veraltet hielt, konnte kaum ihren Verdruß verbergen, und erklaͤrte die Behauptung geradehin fuͤr eine Luͤge; endlich aber wurde das Geruͤcht ſo oft wiederholt, daß ſie nicht laͤnger an der Wahrheit zweifeln konnte. Sogar Frau Monthermer, obgleich ſie wei⸗ ter keine naͤheren Nachrichten hatte, fuhr bei den Schweſtern vor, um Marianne, die ſie haß⸗ te, weil faſt alle Maͤnner, und vorzuͤglich ihr eigner Mann, viele Vorzuͤge in ihr erkannten, durch dieſe Neuigkeit zu Boden zu ſchlagen. Zu ihrem großen Verdruſſe ſprach aber aus dem mil⸗ den, offenen Auge des Maͤdchens nicht die min⸗ 3 deſte Befremdung, waͤhrend die Dame mit ge⸗⸗ laͤufiger Zunge von den gluͤcklichen Ausſichten ih⸗ res lieben Schwagers redete, und mit bedeuten⸗ dem Laͤcheln hinzuſetzte:„unter uns geſagt, wenn Rer doch einmal ein ſolcher Narr iſt, noch zu hei⸗ rathen, welches man eigentlich fuͤr einen Mann in ſeinen Jahren, und mit einer ſo gelben Ge⸗ ſichtsfarbe, die gewiß von einer Leber⸗Verhaͤrtung herruͤhrt, nicht wuͤnſchen kann: ſo freut es mich nur, daß er doch wenigſtens ein Maͤdchen von Stande heirathet, auf deren Verwandtſchaft man ſtolz ſeyn kann. Es wuͤrde mich ſehr geſchmerzt haben, wenn er ſich zu einer Mißheirath ent⸗ ſchloſſen haͤtte.“— „Gewiß, auch mich,“ erwiederte Marianne. Aufgebracht uͤber ihren ewigen Gleichuuth, nahm die Dame ſchnell Abſchied. Wenige Tage nach dieſem Geſpraͤch kehrte der General zuruͤck, und ſein erſter Beſuch galt den Schweſtern. Es war im Anfange des De⸗ cember⸗Monats, und da das Parlament uner⸗ warteter Weiſe zuſammenberufen war, mußte er noch dieſelbe Woche nach London reiſen, doch wollte er die Freundinnen zuvor ſehen. 54 So ruhig auch Marianne die andern Be⸗ ſuche empfangen hatte, gerieth ſie doch etwas au⸗ ßer Faſſung, als ſie den General erblickte. Sie zuͤrnte mit ſich ſelbſt die Herrſchaſt uͤber ſich ver⸗ loren zu haben, und es gelang ihr endlich den ruhig ergebenen Blick wieder zu gewinnen. „Ha, ha,“ dachte der General,„da iſt derſelbe Blick wieder!“— 9 Fraͤulein Henriette war ſichtlich verwirrt, und ſchien mit Muͤhe etwas zuruͤckzuhalten; end⸗ lich warf ſie ſich in die Bruſt und ſagte:„Nun, Herr General, wann werden ſie denn mit der Spra⸗ che herausruͤcken?— Wir wiſſen es zwar ſchon recht gut; aber ſie muͤſſen es uns doch ſelbſt an⸗ kuͤndigen.“— 3 „Was wiſſen ſie denn?“— „Ei nun, daß ſie Fraͤulein Laura Mont⸗ ford heirathen.“— Marianne verſuchte zu laͤcheln; aber es gelang ihr wieder ſchlecht. „Fraͤulein Laura Montford iſt ſehr lie⸗ benswuͤrdig;“ erwiederte der General;„aber ich heirathe ſie deßhalb doch nicht.“ „Nun, wen heirathen ſie denn?“— 55 „Auf mein Wort, Fraͤulein, ich habe bis jetzt noch niemanden Heiraths⸗Antraͤge gemacht.“— „Aber ſie gehen doch damit um?“— „Wie ſo, mein Fraͤulein?— Erlauben ſie mir ihnen zu ſagen, daß ſelbſt ſie, eine ſo alte, liebe Bekanntin von mir, kein Recht haben mich weiter uͤber dieſe Sache auszufragen.“— „Ein Recht?— Nein, Herr General, ich verlange mir auch kein Recht uͤber ſie anzuma⸗ ßen; nur als eine Freundin, die um ihre Wohl⸗ fahrt beſorgt iſt, frage ich.“— „Gewiß weiß ich dieſe freundſchaftliche Theil⸗ nahme zu ſchaͤtzen, und um ihnen einen Beweis davon zu geben, verſichre ich ſie auf meine Ehre, daß, ſobald ich wirklich verſprochen ſeyn werde, ſie zuerſt davon benachrichtiget werden ſol⸗ len.“— „Biſt du nun endlich zufrieden?“— ſagte Marianne, da ſie ihr Herz auf einmal ſonder⸗ bar erleichtert fuͤhlte. Der General, welcher ſie waͤhrend dieſer Unter⸗ redung genau beobachtet hatte, wandte ſich jetzt ſchnell zu ihr:„Marianne,“ ſagte er freund⸗ lich,„mir iſt es noch von alten Zeiten her be⸗ 1 56 wuͤrde?“— nehmen Tone. Schweſter fuͤhlt ſich in nennen.“ meine Seele kannt, daß ſie weder Wind noch Wetter ſcheuen; und warum ſollten ſie es auch?— Sie ſind eine von den wenigen Frauen, die es immer wagen koͤn⸗ nen dem Sturm zu trotzen; ich glaube ein kleiner Spatziergang am Strande wuͤrde uns beiden gur thun.— Glauben ſie nicht auch, mein Fraͤu⸗ lein, daß Marianne ſich wohl darauf befinden „Ich glaube Fraͤulein Marianne wird ſich ein Vergnuͤgen daraus machen ſie zu beglei⸗ ten,“ antwortete Henriette mit kaltem, vor⸗ „Was habe ich nun ſchon wieder verbro⸗ chen?“— fragte der General.— „Oh, quaͤlen ſie ſich nicht darum,“ ſiel Ma⸗ rianne lachend ein,„die liebe, theilnehmende belei⸗ digt, daß ſie mich ſo ſchlichtweg Marianne „Das thut mir leid; aber ich verſichre ſie, liebes Fraͤulein, daß ich es mir nie herausneh⸗ men werde, ſie ſchlichtweg Henriette zu nen⸗ nen, und der gehoͤrige Wohlſtand, den ich da 37 nicht aus den Augen ſetze, wird ihnen hoffentlich gnuͤgen.“— „Was den Wohlſtand anbetrifft, Herr Gene⸗ al, ſo fuͤrchte ich, ſowohl ſie als meine Schwe⸗ ſter ſetzen ihn ſehr aus den Augen, indem ſie einen Spatziergang mit einander allein machen; die Leute in der Stadt reden ohnehin ſchon genug uͤber ſie und uns.“— „Wirklich?— Nun ſo wollen wir ihnen noch mehr Stoff geben, und wenn ich mit Ma⸗ riannen zuruͤckkomme, werde ich mir die Ehre ihrer Begleitung ausbitten, damit die muͤſſigen Gevatterinnen vollends nicht wiſſen woran ſie ſind.“— Fraͤulein Henriette haͤtte um keinen Preis uͤber eine Suͤnde gegen den Wohlſtand lachen koͤn⸗ nen; Marianne aber nahm laͤchelnd Mont⸗ hermers Arm, und eilte mit ihm an den Strand. Ihr Spatziergang war lang, ja ſo lang, daß das Fraͤulein ſchon eine Stunde mit dem Mittagseſſen hatte warten muͤſſen, weshalb Ma⸗ rianne ſie in lieblicher Verwirrung um Ver⸗ 1 58 zeihung bat.„Gewiß,“ ſagte ſie,„es iſt das erſte Mal.“— „Und ich ſtehe dafuͤr daß es niht wieder ge⸗ ſchehen ſoll,“ fiel der General ein. 3 Henriette ſtellte ſich anfangs beleidigt, doch ſtimmte ſie bald einen mildern Ton an, vor⸗ zuͤglich als Marianne, die innerlich tief be⸗ wegt war, einer Ohnmacht nahe zu ſeyn ſchien, und um ein Glas Wein bat.— Der Gene⸗ ral blieb, bis ſie ſich voͤllig erholt hatte, und verließ ſie dann mit den Worten:„aber unſerer Abrede gemaͤß, nur ihr!“— Am folgenden Tage ging er nach London, und kam erſt gegen die Weihnachts⸗Feiertage zu⸗ ruͤck. Ungefahr um dieſelbe Zeit machte Mari⸗ anne bekannt, daß ſie nicht laͤnger Unterricht ge⸗ ben wuͤrde, welche Nachricht von dem Fraͤulein Schweſter mit unendlicher Freude, von den El⸗ tern und Zoͤglingen aber mit vieler Betruͤbniß aufgenommen wurde. Noch vor ſeiner Ruͤckkunft hatte der General Beſehl ertheilt, Einladungs⸗Karten zum Ball und Abendeſſen in der Stadt und umliegenden Gegend herumzuſchicken, und jetzt kam er ſelbſt, um noch 59 einige noͤthige Verfuͤgungen zu treffen. Wenige Tage vorher verließen die Schweſtern die Stadt, kehrten aber am Tage ſeiner Ankunft gleichfalls zuruͤck. Der von mancher Schoͤnen heiß erſehnte Abend des Balles kam, zu dem von allen Seiten die prachtvollſten Anſtalten getroffen waren; denn jetzt, da man wußte daß General Monther⸗ mer noch nicht verſprochen ſei, belebte Hoffnung aufs Neue das Herz der Jungen und der Alten. Auch die Schweſtern hatten die Einladung an⸗ genommen, und ſchienen diesmal allen Bemerkun⸗ gen Trotz bieten zu wollen. Schon ihr Anzug erregte allgemeine Aufmerkſamkeit, und zog man⸗ chen boͤsartigen Tadel auf ſich. Das aͤlteſte Fraͤulein trug ein koſtbares, mit Silber geſticktes Gewand; Marianne war zwar nur in ſehr feinen Mull, mit weißem Atlas darunter, geklei⸗ det, ihren huͤbſchen Hals aber zierte eine Reihe der ſchoͤnſten orientaliſchen Perlen, und ihr Haar war mit einem Kamm, der von Diamanten ſtrahl⸗ te, in die Hoͤhe geſteckt. Frau v. Monthermer, welche vom Ge⸗ neral gebeten war, die Stelle der Wirthin an dieſem 50 Abende zu verſehen, hatte eben die Schweſtern ſehr kalt und hochmuͤthig empfangen, und fliſterte jetzt mit einem boshaften Seitenblicke einer Nachbarin ins Ohr:„Nachgrade bin ich gewiß, daß mein Schwager nicht mehr heirathen wird; nicht wahr, Liebe, ſie verſtehen mich?“— Die Bemerkung wurde bald, mit dem chriſtlichen Zuſatze:„ganz unter uns!“— weiter verbreitet, und wer auch im Innern von der Wahrheit nicht uͤberzeugt war, glaubte doch der artigen Wirthin ein bei⸗ fäͤlliges Laͤcheln ſchuldig zu ſeyn. Noch allgemei⸗ ner aber wurde die Aufmerkfamkeit, als der Ge⸗ neral, der nicht tanzte, ſelten von Marian⸗ nens Seite wich, und faſt immer nur mit ihr beſchaͤftigt war. Endlich, um Ein Uhr nach Mitternacht, wurde die Geſellſchaft gebeten zum Abendeſſen zu gehen, und zum allgemeinen Erſtaunen, beſonders aber zum groͤßten Aerger der Frau v. Monther⸗ mer, gab ihr eigner Mann Mariannen zuerſt den Arm, und fuͤhrte ſle an den oberſten Sitz der Tafel, an welche der General ſich unten an ſetzte. Sobald die Gaͤſte alle ihre Plaͤtze einge⸗ nounnen hatten, erhob ſich Friedrich Mont⸗ 61 hermer feierlich wieder, fuͤllte ein Glas, und bat die Geſellſchaft mit ihm aufs Wohl des Generals Monthermer und deſſen Frau anzu⸗ ſtoßen. Erſtaunen und Verwirrung malte ſich auf den Geſichtern der meiſten Gaͤſte, und erſt nach wiederholter Aufforderung ſtimmte der groͤßte Theil der Maͤnner laut jubelnd in die Geſund⸗ heit ein. Friedrich, bemerkend, wie hochroth die Wangen ſeiner unwuͤrdigen Gattin gluͤheten, fliſterte ihr leiſe zu: ſich ruhig zu halten, damit jeder glauben koͤnne ſie ſey mit im Geheimniß geweſen. Die Schlauheit rieth ihr ſeinem Nathe zu folgen, und mit vieler Gewandtheit wußte ſie nun ihrer vorigen Bemerkung eine andere Wen⸗ dung zu geben. Mit Stolz und Freude erklaͤrte der General jetzt, daß er Mariannen, das einzige Maͤdchen, welches er je geliebt, geheirathet habe.— Ab⸗ ſichtlich hatte er Lord Montfords Einladung angenommen, um zu ſehen, welchen Einfluß die ſeiner dort wartenden Verſuchungen auf ihn haben wuͤrden. Seine Treue beſtand auch dieſe Probe. Er kehrte mit denſelben Gefuͤhlen 62 13 zuruͤck, legte Nariannen ſein Herz offen dar, und zog das ſuͤße Geſtaͤndniß der Gegenliebe von ihren Lippen, was aber bis zum Abend des Balls allen ein Geheimniß bleiben ſollte, um den boshaften Neidern, und vorzuͤglich ſeiner Frau Schwägerin, eine gerechte Zuͤchtigung zu bereiten, gegen welche ſie ſich nicht vorher gehoͤrig waffnen konnten.— Mit allem Erforderlichen verſehen, war er, der Verabredung gemaͤß, mit den Schweſtern in einem Dorfe zuſammengetroffen, welches ihnen von ihrer Kindheit an bekannt, und oft der Sammelplatz laͤndlicher Feoͤhlichkeit fuͤr ſie geweſen war Hier, in der einfachen Dorf⸗Kirche, empſing er die Hand des Maͤdchens, das er unter allem Wechſel der Gegend, des Climas und der Gluͤcks⸗ umſtaͤnde, treu und aufrichtig geliebt hatte.— Sechs Monate waren nun verſloſſen, ſeit der General ſich von ſeinem ſchottiſchen Reiſegefaͤhrten trennte. Obgleich er an ihn geſchrieben hatte, war keine Antwort erfolgt, und er fing an ernſtlich zu fuͤrchten, daß Breadalbane entweder krank oder ungluͤcklich ſeyn moͤge. Jetzt hielt er es fuͤr ſeine Pflicht, ihm die gluͤckliche Veraͤnderung ſeines ☛—— 63 Schickſals, und zugleich einen Beſuch von ihm und ſeiner Frau, fuͤr den naͤchſten Sommer an⸗ zukuͤndigen. Zugleich verſicherte er ihn, daß wahre Gluͤckſeligkeit nicht von der romantiſchen Umgebung abhaͤnge, und lud ihn ein, in ſeine Fläche zu ihm zu kommen, um ſich zu uͤberzeugen, wie herzliche Neigung eben ſo gut in der Ebene, als in der Naͤhe maleriſcher Felſen und Bergen gedeihen koͤnne. Noch ehe dieſer Brief an den Ort ſeiner Beſtimmung gelangt ſeyn konnte, kam ein ande⸗ rer von Breadalbane an, der ſchwarz geſie⸗ gelt war. Er enthielt die Erzählung einer langen Reihe von Kummer und Taͤuſchungen.„Ich fand, ſchrieb er, die Freunde meiner Kindheit todt oder ausgewandert, das Maͤdchen meines Herzens treulos, und eben mit einem andern verheirathet. Dieſer harte Schlag warf mich auf das Krankenlager; aber meine Eltern lebten noch, um mit treuer Sorgfalt fuͤr mich ſorgen, und uͤber mich wachen zu koͤnnen; und ſo war ich nicht ganz unglücklich. Kaum aber fuͤhlte ich mich geneſen, ſo ſing ihre Geſundheit, die durch Sorge um mich untergraben war, an zu ſchwinden, und beide * 64 ſtarben kurze Zeit nach einander.— Ach, Mont⸗ hermer!— wie oft haben ihre Worte in meinem Innern nachgehallt; wie richtig finde ich nun die Bemerkungen, welche ſie waͤhrend unſerer letzten Reiſe machten!“— „Ja, es iſt nur allzuwahr, daß die rei⸗ zendſte Gegend, ſobald ſie nicht mehr von Men⸗ ſchen bewohnt wird, die wir lieben, den hoͤchſten Reiz fuͤr uns verliert; und ich bin jetzt uͤberzeugt, daß die flachſte, traurigſte Heimath fuͤr uns ein irdiſches Paradies werden kann, wenn dieſer Fleck der Erde mit Weſen bevoͤlkert iſt, deren Herzen warm für uns ſchlagen.“ 1 „Lieber General, Schottland iſt noch das Land der Berge und der Thaͤler, noch daſſelbe Land fuͤr die Phantaſie und das Auge der Dichter und Maler; mir aber iſt es zur Einoͤde gewor⸗ den, und ich muß es auf eine Zeitlang verlaſſen, bis ich neue Bande wieder anknuͤpfen, oder die alten vergeſſen kann, die mich vormals hier feſ⸗ ſelten.“— Der General konnte nicht ohne innige Ruͤh⸗ rung den Brief des ungluͤcklichen, ſo hart ge⸗ taͤuſchten Freundes leſen; er lud ihn aufs Neue 1 65 ein zu ihm zu kommen, hoffend daß Zeit und Freundſchaft dem jetzt ſo tief Trauernden Gefuͤhle einfloͤßen wuͤrden, die in richtigerer Uebereinſtim⸗ mung mit ſeinen Jahren und ſeiner Gemuͤthsart ſtaͤnden, und er, durch die Schule der Erfahrung uͤberzeugt, immer mehr werde einſehen lernen, daß das wahre Gluͤck des Lebens nur von auf⸗ richtiger, gegenſeitiger Neigung abhaͤngig ſey.— Gleichwie das unbedeutendſte Stuͤck Flor, Flitter⸗ gold, oder irgend ein glaͤnzendes Kuͤgelchen, un⸗ ſerm Auge praͤchtig und koſtbar durch den zu⸗ ruͤckwerfenden Spiegel eines Kaleidoſkops erſcheint, ſo erhaͤlt der gewoͤhnlichſte, ja ſelbſt traurigſte Aufenthalt Werth und Reiz fuͤr uns, wenn wir ihn durch den Wunderſpiegel der Liebe betrach⸗ ten. D. 15. Geraldi Duval. — „Wer iſt das liebliche Maͤdchen, welches dort die Gaſſe herunterkommt?“— fragte Adolph Waldemar, der Ungere Sohn eines deutſchen Barons, ein Paar andere junge Maͤnner, die mit ihm vor der Thuͤre eines Buchladens in Regensburg ſtanden. 1 „Adeline Manſtein, eine unſerer jun⸗ gen Schoͤnheiten“ antwortete Baron Sig⸗ vert.— „Wenn die Entfernung ihre Reize nicht er⸗ hoͤht, ſo nennt man ſie wohl mit Recht eine Schoͤnheit,“ erwiederte Waldemar.— Adeline, die nie langſam einherſchlich, in dieſem Augenblicke aber noch ihre Schritte ver⸗ doppelte, um ſo bald als moͤglich den Blicken der Beobachter zu entgehen, war jetzt nahe genug 67 herangekommen, um Waldemar zu uͤberzeugen daß ihre Geſtalt in der Naͤhe nicht verloͤre; und als vollends eine hohe Roͤthe ihre Wangen uͤber⸗ zog, indem ſie an den Herren voruͤberging, ihren ehrerbietigen Gruß ſittſam erwiedernd, glaubte er in ſeinem Leben kein ſchoͤneres Maͤdchen geſe⸗ hen zu haben. „Es wundert mich, daß ſie noch nicht verhei⸗ rathet iſt,“ ſagte er leiſe. „Das iſt einzig ihre eigene Schuld,“ erwie⸗ derte Sigvert, mit einem etwas bittern Tone. „Daran zweifle ich keineswegs; denn ob⸗ gleich ich in Regensburg noch fremd bin, glau⸗ be ich doch daß ihr jungen Herrn hier eben ſo gut Geſchmack und Gefuͤhl habt, als andere Maͤnner, und alſo Adeline Manſtein bewun⸗ dern muͤßt.“ „ Allerdings; aber wer ſie auch gerne heira⸗ then moͤchte, faͤhlt ſich nicht geneigt ihren Anhang mitzuheirathen.“— „Und wer gehoͤrt denn dazu?— Iſt viel⸗ leicht der ſchoͤne Neu⸗Fundland⸗Hund, der um ſie herumſpringt, einer davon?“— d&r 68 G „Richtig! Außer dieſem aber noch ein aͤltli⸗ cher Mann, der nicht mehr arbeiten kann, und bei des Vaters Lebzeiten ſchon eine Art von Oberaufſeher im Hauſe vorſtellte. Ich glaube der Vater vermachte ihr beide Artikel unter der Bedingung, daß ſie ſie nie von ſich laſſen ſolle.“—. „Sie iſt alſo eine Waiſe? 20— 4 „Ja, und obendrein eine reiche Erbin.“— „Von guter Familie?“— „Das verſteht ſich.“— „Alſo ſchoͤn, reich und jung; üͤberdies Beſi⸗ tzerin eines alten ergebenen Dieners, und eines treuen Hundes, die ſie als heilige Familienſtuͤcke betrachtet, weil ſie ſie vom Vater geerbt hat; dies alles beweiſt daß ſie eine gute Tochter war, die die kindliche Pflicht gern uͤbt, und dient in meinen Augen nur dazu, ihren Werth zu erhoͤhen, und ſie als Frau noch wuͤnſchenswerther zu ma⸗ chen.— „Sie wiſſen aber noch nicht Alles. Zu ih⸗ rem Anhange gehoͤrt auch eine verſtoͤrte, faſt wahnſinnige Frau, die noch nicht hoch bei Jahren iſt, und alſo noch lange leben kann. Sie hat * 659 ein Geluͤbde gethan, dieſe bis an ihren Tod zich zu verlaſſen.“— „Wahrſcheinlich eine Verwandte?— „Keineswegs; aber ihre Eltern hatten ſich ihrer aus irgend einer Urſache, die nie bekannt wurde, angenommen, und Adeline beſteht aus irgend einer romanhaften Grille darauf, nie zu heirathen, wenn ihr Liebhaber nicht heilig ver⸗ ſpricht, dieſen ungluͤcklichen Gegenſtand in ſeinem Hauſe zu behalten. Ja, ich weiß ſogar daß ſie einem Manne, der gewiß eine wuͤnſchenswerthe Parthie fuͤr ſie geweſen waͤre, und den ſie auch nicht ungern ſah,(hier erroͤthete Sigvert und zog ſeine Halsbinde mit vieler Selbſtzufriedenheit in die Hoͤhe, welches Waldemarn uͤberzeugte, er rede von ſeiner eigenen werthen Perſon,) daß ſie dieſem auf ſeinen Antrag kalt erwiederte: er moͤge, ehe er ſich weiter erklaͤre, bedenken, daß ſie nie heirathen wuͤrde, ſelbſt wenn ſie den Mann, der ſich ihr antruͤge, noch ſo ſehr liebe, wofern er ihr nicht das Verſprechen gaͤbe, ihr armes Muͤtterchen,(ſo nennt ſie die Dame,) und ihren treuen Diener nimmer zu verſtoßen, ſon⸗ dern ſie im Hauſe bei ſich wohnen zu laſſen.— 1 70 Was den treuen Diener betriſſt, ſo mag es darum ſeyn, erwiederte mein Freund; aber das arme Muͤtterchen iſt doch wahrlich ein ſo trauriger Anblick des menſchlichen Elendes daß ich——“ „Sie ſcheinen unſchluͤſſig, ſiel ſie ihm in die Rede; aber ſie werden mich voͤllig entſchloſ⸗ ſen finden.— Kurz, da mein Freund ſah daß es nicht moͤglich ſey, ſie auf anderé Gedanken zu bringen, ſtand er von ſeiner Bewerbung ab.— Auch iſt er nicht der einzige, der um der naͤmli⸗ chen Urſache willen einen Korb bekommen hat.“— „Dann moͤgen alle dieſe Herrn wohl nicht ordentlich verliebt geweſen ſeyn,“ ſagte Walde⸗ mar, und indem er ſeinen Begleitern einen gu⸗ ten Morgen wuͤnſchte, ging er traͤumend ſeine Straße, ſolgte aber doch wohl nicht ganz abſicht⸗ los der Richtung, wohin er die ſchoͤne Adeline hatte wandern ſehen. Waldemar, durch ſeine Bemerkungen uͤber den menſchlichen Charakter belehrt, daß Ei⸗ genliebe das herrſchendſte Laſter der Geſellſchaft ſey, und daß wir leichter alles, als unſere eigenen Wuͤnſche und Bequemlichkeiten opfern, bekam 1— * 71 ſchon dadurch eine hohe Meinung von Adeli⸗ nens Werth, weil ſie im Stande war, ſey es nun aus Pflicht oder Schwaͤrmerei, ihr eigenes Gluͤck einem voͤllig huͤlfloſen Weſen hinzugeben, Er glaubte aus dieſem Betragen die richtige Schlußfolge ziehen zu koͤnnen, daß einmal verhei⸗ rathet, ſie als Frau willig und gern die man⸗ nigfaltigen Opfer bringen wuͤrde, die zur Gluͤck⸗ ſeligkeit des ehelichen Lebens ſo nothwendig ſind, und beſchloß ſich ihre naͤhere Bekanntſchaft ſo bald als moͤglich zu verſchaffen. In dieſen Gedanken vertieft wanderte er die Straße hinunter, wohin ſie kurz vorher ihre Schritte gelenkt hatte. Es dauerte nicht lange, ſo wurde ihm nicht allein die Freude ſie zuruͤckkommen zu ſehen, ſon⸗ dern noch uͤberdies das Gluͤck, ihr einen weſent⸗ lichen Dienſt zu leiſten. Als ſie einander auf einige Schritte nahe waren, ſprang der große Hund, der im Uebermaß ſeine Ergebenheit fuͤr die Gebietherin, ſich bellend und wedelnd um ſie herumdrehete, mit ſolcher Gewalt an ſie hinan, daß ſie, die in dieſem Augenblicke nicht genau auf ihre Schritte Acht gab, zu Boden gefallen 1 8 72 ſeyn wuͤrde, wenn nicht Waldemar ſie in ſei⸗ nen Armen aufgefangen haͤtte. „Ich hoffe ſie ſind nicht beſchaͤdigt,“ ſagte „bemerkend, wie blaß die eben noch ſo bluͤhende Wange geworden war. „Dank ſey es ihrer Freundlichkeit, nicht beſchaͤdigt; aber ſehr erſchrocken,“ antwortete ſie mit zitternder Stimme, indem ſie genoͤthigt war ſich an Waldemars Arm zu lehnen, um ſich aufrecht zu erhalten. Vielleicht befindet ſich ein Mann nie in groͤßerer Gefahr, als wenn er eben einem inter⸗ eſſanten weiblichen Weſen einen Dienſt geleiſtet hat, und dieſes noch, in ſcheuer Huͤlfloſigkeit, in ſeiner uͤberlegenen Kraft Schutz ſuchen muß.— Die Eigenliebe des ſtarken Geſchlechts fuͤhlt ſich auf eine angenehme Art befriedigt; es ſchuͤtzt ſo gerne, und iſt vielleicht nie ſchwaͤcher, als gerade in dem Augenblicke, da ſeine uͤberlegene Kraft anerkannt wird. Adeline erholte ſich bald ein gerriohen, doch nicht ſo hinlaͤnglich, als man es nach die⸗ ſem, in der That geringen Unfalle, haͤtte vermu⸗ then koͤnnen. 7 7³ „ Sie werden mich fuͤr ein recht ſchwaches, albernes Geſchoͤpf halten,“ ſagte ſie erroͤthend, „welches ſehr leicht außer Faſſung geraͤth; ſchmerzliche Umſtaͤnde meines fruͤheren Lebens aber haben ſo erſchuͤtternd auf meine Nerven einge⸗ ſtuͤrmt, daß der geringſte Schrecken ſehr nachthei⸗ lig auf mich wirkt.“— Sie verbeugte ſich bei dieſen Worten an⸗ muthig gegen ihren Beſchuͤtzer, ſuchte den Hund zur Ruhe zu bringen, und wollte ihren Weg allein fortſetzen; Waldemar aber beſtand darauf ſie noch eine Strecke begleiten zu duͤrfen, und verſicherte, obgleich ein Fremdling in dieſer Stadt, ſey er jedoch ein Bekannter des Baron Sig⸗ vert, und muͤſſe darauf beſtehen, ihr den Schutz anzubiethen, welchen dieſer an ſeiner Stelle ſich nicht wuͤrde haben rauben laſſen. „Mich duͤnkt, ich ſah ſie in einem Geſpraͤch mit dem Baron begriffen, als ich eben an Muͤl⸗ lers Buchladen voruͤberging?“— ſagte Adeli⸗ ne erroͤthend. „Ich durfte nicht ſo ſtolz ſeyn zu vermuthen, von ihnen bemerkt worden zu ſeyn,“ erwiederte Waldemar;„da ſie mich aber in guter Ge⸗ 1 74 ſellſchaft geſehen haben, darf ich hoffen daß ſie mich jetzt ihrer Begleitung nicht unwerth halten werden.“— Adeline wußte eigentlich ſchon mehr von Waldemar, als er von ihr. Die Ankunft ei⸗ nes jungen, vornehmen, huͤbſchen und reichen Fremden, der eben ein anſehnliches Vermoͤgen von einer weitlaͤuftigen Verwandtin geerbt hatte, und nun mit der Abſicht hergekommen war, ſich in Regensburg niederzulaſſen, erregte Aufſehen in der Stadt, und ſo wenig Geſe lſchaften Adeline auch in der Regel beſuchte, ſo hatte ſie doch genug von Waldemar gehoͤrt, um den Wunſch zu hegen ihn kennen zu lernen. Es war ihr alſo kei⸗ neswegs leid, ſeine B Bekanntſchaft ſo ſchnell zu ma⸗ chen, und ſogar der kleine Schrecken ſchien deßhal lb leicht vergeſſen. Willig nahm ſie den ihr angebo⸗ 3 tenen Arm, da ſie wirklich noch zitterte, und der Hund Luſt zu haben ſchien ſeine Freudenſpruͤnge zu erneuern. Nicht lange waren ſie ſ ſimit einander gewan⸗ dert, als ſie Sigv ert begegneten, dem Walde⸗ mar ungefragt den ganzen Vorfall erzaͤhlte, und ihn nun bat, ihn ſeiner Geſaͤhrtin in aller Form ——— 75 vorzuſtellen. Die ſchoͤne Buͤrde aber dem aͤltern Bekannten zu uͤberlaſſen, dazu war er nicht zu bewegen; er ließ ſich die Freude nicht rauben, ſie ſicher bis an die Thuͤre ihrer Wohnung zu beglei⸗ ten, und nahm erſt dann, wiewohl ungern, Ab⸗ ſchied. Am folgenden Tage ſchickte er eine Karte mit ſeinem Namen, um ſich nach ihrem Befinden erkundigen zu laſſen; bald wußte er ſich den Ein⸗ tritt in ihrem Hauſe zu verſchaffen, und nicht lange darauf fuͤhlte er ſich ſo verliebt, wie ein Mann es nur immer ſeyn kann, und hatte Urſache zu glauben, daß er Adelinen auch keineswegs gleichguͤltig ſey. Eine Bedenklichkeit aber hielt ſeine naͤhere Erklaͤrung noch zuruͤkk— Man hatte ihm ge⸗ ſagt, daß andere nur deßhalb verworfen worden waͤren, weil ſie nicht in die einmal feſtgeſetzten Bedingungen hatten willigen wollen. Wie, dachte er, wenn nun Adeline mir einzig den Vorzug gaͤbe, weil ich bereit bin in dieſe einzugehen!— Dieſer Gedanke war ihm zu ſchmerzlich, um lan⸗ ge dabei zu verweilen; noch ehe er aber einen feſten Entſchluß zu irgend einer Handlungsweiſe f 76 ſaſſen konnte, ſtoͤrte ihn ein unbewachter Augen⸗ blick in allen Vorſichtsmaßregeln. Er fand ſich mit Adelinen in ihrem Hauſe allein, und fuͤhlte ſich ſo hingeriſſen von der ganzen Liebens⸗ wuͤrdigkeit ihres Weſens, daß das volle Geſtaͤnd⸗ niß der Liebe ſchnell ſeinen Lippen enteilte.— Mit einem ſichtlichen Gefuͤhle von Freude und Schmerz hoͤrte Adeline dieſe Erklaͤrung; ſobald ſie Worte finden konnte, verſicherte ſie ihn, daß das Gluͤck oder Ungluͤck ihres kuͤnftigen Le⸗ bens davon abhaͤngen wuͤrde, wie er aufnaͤhme, was ſie genoͤthigt ſey ihm jetzt zu ſagen.— Wal⸗ demars Herz ſchlug unruhig; doch unterbrach er ſie nicht, und in großer Bewegnng nannte ſie ihm ihre Bedingungen. Oft hatte die liebliche Stimme waͤhrend der Rede geſtockt, denn Ade⸗ tine empfand jetzt zum erſtenmal was es heiße, wahrhaft zu lieben; doch ſammelte ſie alle ihre Kraft, und ſetzte mit vieler Beſtimmtheit hinzu: „Was es mich auch koſten möge, ich darf von dieſer Bedingung nicht abgehen, und will lieber ſterben, als mein einmal gethanes Geluͤbde bre⸗ en.“ chen.— — 77⁷ Alle Zweifel ſchwanden dem Gluͤcklichen. in dieſem Augenblicke; er ſah ſich geliebt, und wuͤnſchte auf der Stelle bei dem ungluͤcklichen Weſen eingefuͤhrt zu werden, welches bald, wie er hoffte, und fuͤr immer, eine ſichere Zuflucht unter ſeinem Dache finden ſolle. Adeline konnte nur durch Thraͤnen ant⸗ worten; ſtillſchweigend legte ſie ihre Hand in die ſeinige, und ſagte dann endlich:„Wie ſchmerzt es mich, daß mein armes Muͤtterchen das Gluͤck ihrer lieben Minna nicht fuͤhlen kann!“— „Minna nennt ſie ſie?— „Ja, weil ſie mich fuͤr ihre Tochter haͤlt, die dieſen Namen fuͤhrte, und die ſie vor eini⸗ gen Jahren verlor. Die einzige Freude, welche ſie noch faͤhig iſt zu empfinden, gewaͤhrt ihr meine Naͤhe; ſo begreifen ſie leicht daß ich mich nie von ihr trennen kann.“—— „Nein, mit einem Herzen wie das ihrige gewiß nicht;— aber was hat ihr Gemuͤth denn ſo tief erſchuͤttert, und warum iſt ſie ſo einzig ab⸗ haͤngig von ihnen?— „LEin fuͤrchterlicher Vorfall beranbte ſie in einem und demſelben Moment ihres Kindes und 78 ihrer Vernunft, und die Niedertraͤchtigkeit ihres Sohnes brachte ſie um ihr Vermoͤgen,“— ant⸗ wortete Adeline, indem Leichenblaͤſſe ihr eben noch ſo bluͤhendes Antlitz uͤberzog. „Welch ein ſchrecklicher Vorfall muß das denn geweſen ſeyn?“— „Erlaſſen ſie mir heute die ſchmerzhafte Er⸗ zaͤhlung, die ich nicht ohne die groͤßte Anſtren⸗ gung hervorbringen kann,“ ſagte Adeline tief bewegt;„es iſt meine Pfiicht, nichts vor ihnen, geliebter Freund, verborgen zu halten, und ſo hoffe ich morgen im Stande zu ſeyn, ihnen alles zu ſagen.— Jetzt folgen ſie mir zu meinem armen Muͤtterchen.“— Bei dieſen Worten fuͤhrte ſie den erſtaunten Waldemar in ein geraͤumiges Gemach, wel⸗ ches ſich nach einem Garten oͤffnete, und hier ſah er eine weibliche Geſtalt, in deren edlen Geſichts⸗ zuͤgen ſich noch Spuren ehemaliger Schoͤnheit zeigten, obgleich Furchen eines tiefen Grams auf der bleichen Wange unverkennbar waren, ein hoͤchſt ſchmerzlicher Zug um den fein geſchnittenen Mund ſpielte, und die voͤllige Zerruͤttung ihrer Geiſteskraͤfte aus dem hohlen Auge blickte. Das —-— 79 Ganze erhielt durch die ſchlaffherabhaͤngenden Ar⸗ me das Anſehen eines Weſens, aus welchem die Seele ſchon gewichen war. Iſt etwas vermoͤgend dieſe Bildſaͤule wieder zu beleben?— dachte Waldemar, indem ſeine Blicke in ſtillem Mitleiden darauf weilten;— ſobald ſie aber Adeline erblickte, fuhr ein war⸗ mer Strahl der Liebe in ihre dunklen Augen; raſch erhob ſie ſich von ihrem Sitze und eilte der vermeinten Tochter mit offenen Armen entgegen, indem ſie in franzoͤſiſcher Sprache die Worte: „Minna, theure Minna!“— ausrief.— „Mutter! arme Mutter!“— ſagte Ade⸗ line in der naͤmlichen Sprache, die bleiche Ge⸗ ſtalt feſt an ihr Herz druͤckend.— Dieſe aber, als ob noch an der Wahrheit der Erſcheinung zweifelnd, warf erſt einen ſcheuen Blick im Zim⸗ mer umher, richtete dann wieder das Auge mit unbeſchreiblicher Zaͤrtlichkeit auf Adeline, und rief aufs Neue:„Nein, es iſt kein Traum⸗ bild, ich halte ſie wirklich in meinen Ar⸗ men!“— „Iſt ſie eine Franzoͤſin,“ fragte Wal⸗ demar,„und glaubt ſie immer ihre ver⸗ lorne Tochter in ihnen zu umarmen?“— „Sie iſt in Frankreich geboren, und ſeit dem Verluſt ihrer Vernunft ſcheint ſie ſich keiner an⸗ dern Sprache, als der ihrer Kindheit, zu erin⸗ nern.— Immer bewillkommt ſie mich auf die naͤmliche Weiſe, und nennt mich Minna.— Ihre Tochter, meine vertraute Freundin, wuͤrde jetzt gerade in meinem Alter ſeyn, und war mir ſehr aͤhnlich.“— „Gluͤckliche Taͤuſchung!“ rief Waldemar!— „Nun ſetze dich, liebes Muͤtterchen, ich will dir etwas vorſingen,“ ſagte Adeline.— Schweigend folgte ſie der Aufforderung, und rief dann mit froͤhlichem Tone:„Ach, wie ſchoͤn, Minna will ſingen!— ſtill! ſtill!“ Adeline nahm jetzt ihre Harfe, und ſang eins der Lieder dazu, welches Minna vormals oft geſungen hatte. Mit ſtummen Entzuͤcken horchte die arme Mutter auf jeden der Toͤne, denen ſie mit einer leiſen Bewegung des Kopfes taktmaͤßig zu folgen ſchien.— 2 81 In Waldemars maͤnnlichem Auge glaͤnzte eine Thraͤne, und als Adeline von ihrem In⸗ ſtrument zu ihm empor ſah, fuͤhlte auch ſie ſich ſd tief ergriffen, daß ſie ihr Haupt an die Harfe lehnte, und in einen Strom von Thraͤnen aus⸗ brach. Augenblicklich ſtand die Ungluͤckliche auf, eilte auf ſie zu, legte das liebe Haupt der Toch⸗ ter ſtreichelnd an ihren Buſen, und rief innig bewegt: 3 „Weine nur nicht, mein Kind, meine Min⸗ 4 na!— Deine Thraͤnen toͤdten mich!“— 1 4 Aber Adelinens Thraͤnen floſſen nur noch. ſtaͤrker bei dem Ausruf; endlich wand ſie ſich fanft aus den ſie umſchlingenden Armen und ſagte: „„Es iſt unrecht von mir, meinen Gefuͤhlen hier ſo freien Lauf zu laſſen,“ kuͤßte die Ungluͤckliche, mit dem Verſprechen bald wiederzukommen, und eilte hinweg, indem ſie Waldemarn ein Zeichen gab ihr zu folgen. Mit den Augen ſtier auf ſie geheftet, ruheten die Blicke der Armen auf ihr, bis ſie vor ihren Augen verſchwand; dann begab ſie ſich wieder an ihren vorigen Platz, und ſetzte ſich in dieſelbe Stellung, in welcher Walde⸗ mar ſie beim Eintritte getroffen hatte, und aus 0. u. 6 1 82 welcher einzig Adelinens Gegenwart im Stande ſchien ſie entzaubern zu koͤnnen. 4 „Nie war meine Neugierde uͤber irgend ei⸗ nen Gegenſtand heftiger geſpannt,“ ſagte Wal⸗ demar, als er ſich im Wohnzimmer neben Adelinen auf das Sopha ſetzte,„und ich bin nicht wenig begierig die verſprochene Aufloͤſung von ihnen zu erhalten. Nehmen ſte aber zum Voraus die Verſicherung von mir an, daß der Gedanke, mein Haus in Zukunft als Freiſtaͤtte dieſer ſo hoͤchſt anziehenden Ungluͤcklichen zu be⸗ trachten, ſchon jetzt meinem Herzen wohlthaͤtig iſt, und daß ich willig und gern jede Sorge fuͤr ſie mit der Gefaͤhrtin meiner Tage theilen werde.“ „Die Freude hat eben ſowohl ihre Thraͤnen, als der Schmerz,“ erwiederte Adeline weinend; „ihre Verſicherungen thun meinem Herzen unbe⸗ ſchreiblich wohl.— Jetzt aber verlaſſen ſie mich; ich bin der armen Mutter einen Erſatz ſchuldig fuͤr die Bewegung, in welche meine Nuͤhrung ſie verſetzt hat, und ich will zu ihr gehn, um ſie in den Schlaf zu ſingen.“— 8³ Waldemar ſtellte ſich am naͤchſten Tage zur beſtimmten Stunde ein. Von dem was ihm da mitgetheilt wurde, wiederholen wir fuͤrs Erſte nichts. Er reiſte den Tag darauf nach Bruͤſſel, wo ſeine Adeline geboren war, und wo ihr Bruder wohnte. Bald nach ſeiner Ruͤckkunft wurde alles zu ihrer Verbindung vorbereitet, und die Hochzeit gefeiert, ſobald das Trauerjahr fuͤr die verſtorbenen Eltern verfloſſen war. Die arme Verſtoͤrte, der alte, treue Diener, und Carlo, der Neu⸗Fundland⸗ Hund, folgten den Neuvermaͤhlten auf Waldemars rei⸗ zendes Landhaus, welches in der Naͤhe von Regensburg lag. Nie wurde wohl eine Verbindung unter ſchoͤneren Vorbedeutungen geſchloſſen, und jedes Jahr ſchien dem gluͤcklichen Paare noch einen Zuwachs an Seligkeit bringen zu wollen. Doch war es nicht zu verkennen, wie eine truͤbe Wolke oft uͤber Adelinens ſchoͤner Stirn ſchwebte, wie ihre Nerven immer mehr angegriffen wurden, und ihr ganzes Weſen ſich in einem hoͤchſt gereiz⸗ ten Zuſtande befand. Mit erhoͤheter Aufmerk⸗ ſamkeit wachte des Gatten liebendes Auge uͤber 6* 84 das theure Weib, und ſeiner kaͤlteren, ruhigern Vernunft gelang es dann gewoͤhnlich, die uͤber⸗ ſpannten Gefuͤhle in ihrem Innern wieder in das rechte Gleichgewicht zu bringen.— So ſchwand die Zeit allmaͤhlig dahin. Adeline 5 war nun ſchon zwoͤlf Jahre eine gluͤckliche Frau geweſen, ſah vier liebliche Kinder unter ihren Augen wachſen und gedeihen, in denen Vater und Mutter ihr erneutes Bild in jugendlicher Anmuth wieder zu erblicken glaubten, als Waldemar genoͤthigt war nach Salzburg zu reiſen, um ei⸗ nen ſterbenden Freund noch vor ſeinem Ende zu ſehen. 1 2. Dies war die erſte Trennung der Eheleute und eine ſchwere Pruͤfung fuͤr Beide. Walde⸗ mar, um die Gattin nicht allein zuruͤck zu laſſen, hatte einige Freunde eingeladen, ihr waͤhrend ſeiner Abweſenheit Geſellſchaft zu leiſten, und ſchied endlich mit dem Verſprechen, ſeine Reiſe ſo ſehr als moͤglich zu beſchleunigen.— Eines Abends, da Adeline und ihre Gaͤſte ſich nach einem heißen Tage des Julius im Gar⸗ ten befanden, um dort, unter froͤhlichen Geſpraͤ⸗ chen, ein erfriſchendes Abend⸗Eſſen zu verzehren, 85 trat unerwartet ein reiſender Englaͤnder zu ihnen, der, von Bruͤſſel zuruͤckkommend, Waldemarn als einen alten Bekannten aufſuchen wollte.— Herzlich wurde er von der Frau des Hauſes be⸗ willkommt. Als er ſeinen Sitz im freundlichen Kreiſe eingenommen, und von mehreren gebeten war, ih⸗ nen etwas von ſeinem Aufenthalte in Bruͤſſel mit⸗ zutheilen, erzaͤhlte er unter andern folgende Bege⸗ benheit, die ihm der Mittheilung werth ſchien. Ein, in gewiſſer Hinſicht, merkwuͤrdiger Menſch wurde mir auch in den letzten Tagen in Bruͤſſel gez gt, ein junger Mann von neun und zwanzig Jahren, der funfzehn Jahre ſeines Le⸗ bens im Gefaͤngniſſe zugebracht hatte, weil er im vierzehnten Jahre ein Maͤdchen, in einem An⸗ fall von Eiferſucht, durchbohrte. Fuͤr dieſes Verbrechen war er zu zwanzigaͤhriger Kerker⸗ Strafe verdammt, fuͤnf Jahre wurden ihm aber jetzt erlaſſen, und er erhielt gerade an dem Tage da ich ihn ſah, ſeine Freiheit wieder.“— Kaum hatte er dieſe letzten Worte geſprochen, als Adeline einen durchdringenden Schrei aus⸗ ſtieß, von ihrem Stuhle ſiel, und in eine tiefe Ohnmacht ſank. Lange lag ſie ohne Spur des 86 Lebens da; als aber ihre Beſinnung endlich wieder⸗ kehrte, war ihre dringende Bitte, Waldemarn ſobald als moͤglich zuruͤckzurufen. Alle Gaͤſte, vorzuͤglich Meynell,(der eben angekommne Englaͤnder,) konnten ihr Erſtaunen nicht bergen, und baten um Aufklaͤrurg uͤber die⸗ ſen ſo ſonderbar ſcheinenden Vorfall. Sobald Adeline ſich gefaßt hatte, fuͤhlte ſie, was ſie ſich, und vorzuͤglich dem Frieden ihres Man⸗ nes ſchuldig ſey, ſandte die Kinder zu Bette, und ſich freundlich zu den verſammelten Freunden wen⸗ dend, ſagte ſie: „Wenn ſie hoͤren daß der ungluͤckliche junge Nann, den unſer Freund Meynell in Freiheit ſetzen ſah, mir den Dolchſtich beſtimmt hatte, durch welchen er meiner theuren Freundin Minna⸗ das Leben, und ihrer dabei ſtehenden Mutter die Vernunft raubte: ſo werden ſie nicht laͤnger ſtaunen, daß die Nachricht ſeiner Freilaſſung mir auf Augenblicke die Beſinnung nahm; auch werden ſie nun ſchonend den hoͤchſt gereizten Ner⸗ venzuſtand beurtheilen, in welchem ſie mich oft ſahen, da man ihn als eine Folge dieſes ungeheu⸗ ren Schreckens betrachten muß, der noch jetzt, in 827 der gluͤcklichſten Lage als Gattin und Mutter, oft zer⸗ ſtoͤrend auf mich einwirkt. Auch darf ſie das Stillſchweigen, welches ich bis jetzt gegen einen jeden, außer gegen Waldemar, uͤber dieſen Vorfall beobachtet habe, nicht befremden; es giebt gewiſſe Dinge, uͤber welche ſich das Band unſe⸗ rer Zunge, ſelbſt gegen nah befreundete Weſen, ſchwer löͤſet.“ Hier hielt Adeline einen Augenblick inne, um alle ihre Kraft zu ſammeln, und fuhr dann fol⸗ gendermaßen fort:. 1 „Minna und ich beſuchten mit dieſem Ge⸗ raldi Duval gemeinſchaftliche Tanzſtunden. Von unſerm erſten Zuſammentreffen an, zeichnete er mich durch die ausgeſuchteſten Aufmerkſamkeiten aus, immer aber fuͤhlte ich einen innern Schau⸗ der mich ihm zu naͤhern. Vielleicht war der Stolz, welcher in ſeinem ganzen Ausdrucke lag, Urſache daran; denn ſein Geſicht wurde allgemein fuͤr ſehr ſchoͤn gehalten, und ſeine Figur, obgleich er erſt vierzehn Jahr alt war, zeichnete ſich, durch die Regelmaͤßigkeit und Fuͤlle in dieſem ſo jugend⸗ lichen Alter, ſehr aus. Deßhalb duͤnkte er ſich auch wohl groß genug, bei jeder Gelegenheit mein 1. Taͤnzer zu ſeyn; ich aber ſah damals in meinem ſechzehnten Jahre ſehr auf ihn herab, und behandel⸗ te ihn als einen Knaben. So oft ich es nur ver⸗ meiden konnte, tanzte ich gewiß nicht mit ihm, und daran mochte wohl ein verborgener Hochmuth auch ſeinen Antheil haben.“ „Geraldi war eine Waiſe; ſeine Familie von vaͤterlicher Seite hatte niemand gekannt; die Mutter war eine Neapolitanerin, und lebte als die Wittwe von einem jener herumziehenden Ita⸗ liener, die Vaſen und angemalte Koͤpfe zum Verkauf herum tragen. Doch hatte ſein Vater, niemand wußte wie, ein kleines Vermoͤgen zuſam⸗ mengebracht, und hinterließ ſeine Frau in ziem⸗ licher Wohlhabenheit. Dieſe uͤberlebte ihn nicht lange, und ſollte nicht mehr Zengin des Verbre⸗ chens ihres Sohnes ſeyn, zu welchem wahrſchein⸗ lich ihre fruͤhere, uͤbertriebene Nachſicht den erſten Grund gelegt hatte. Durch dies kleine Vermoͤ⸗ gen nun wurde Geraldi in den Stand geſetzt, gleich andern vornehmen Kindern erzogen zu wer⸗ den, und ſein Vormund ſandte ihn in die Tanz⸗ ſchule, deren ich vorher erwaͤhnte. Seinem durch⸗ dringenden Blicke aber entging es nicht, daß we⸗ —— 89 der die Knaben noch die Maͤdchen, die dieſe Stun⸗ den beſuchten, in dem Sohne eines herumziehen⸗ den Italieners, der aus Frankreich von einer ganz unbekannten Familie abſtammte, ihres Glei⸗ chen erkennen wollten, und ich glaube er wuͤrde die Schule verlaſſen haben, haͤtten ſeine ungluͤck⸗ liche Vorliebe fuͤr mich, und ſeine Hartnaͤckigkeit ihn nicht darin zuruͤck gehalten. Um meinentwillen ſchien er ſowohl Erniedrigung als Verachtung, die ihm von allen Seiten wurden, ertragen zu wollen; doch klagt mein Gewiſſen mich nicht an, daß ich ihn mit Hochmuth behandelt habe; ich konnte ihn einmal nicht leiden, und daran war wohl nicht allein mein Stolz ſchuld, ſondern auch die Furcht, welche ſeine großen, ſeurigen ſchwarzen Augen mir einfloͤßten, und die Anma⸗ Fung, die in ſeinem ganzen Weſen lag.“ „Ich muß bei dieſen Kleinigkeiten verweilen, um ihnen durch die genaue Schilderung die ſchreckliche That klarer zu machen, zu welcher er ſich in der Folge hinreißen ließ.“ „Die Zeit kam, wo Minna und ich die Tanzſtunden verlaſſen, und nun auf Baͤlleu und in oͤffentlichen Geſellſchaften erſcheinen ſollten. Wir 90 beide waren damals faſt ſiebzehn, und Geraldi beinahe funfzehn Jahr alt.“ „Bei einem oͤffentlichen Balle, der eines Abends auf Subſcription zu einem wohlthaͤtigen Zweck gegeben wurde, ſollten, der Verabredung gemaͤß, alle jungen Leute beiderlei Geſchlechts in Maskenanzuͤgen erſcheinen; auch ich, begleitet von meinen Eltern und in Geſellſchaft von Minna und ihrer Mutter, ging dahin. Meine Freundin und ich waren voͤllig gleich gekleidet, welches die Aehnlichkeit, die wir uͤberdies mit einander hatten, noch erhoͤhete. Schon beim Eintritte in den Saal fiel uns Geraldi auf, der in einem aͤu⸗ ßerſt vortheilhaften Anzuge ſich ſowohl durch ſeine Figur als ſeine Schoͤnheit beſonders auszeichnete.“ „Ich war gleich ſo ſehr von Freunden um⸗ ringt, und ſo unaufhoͤrlich zum Tanze aufgefor⸗ dert, daß Geraldi, der ſich nicht unter die Tan⸗ zenden miſchte, keine Gelegenheit fand mit mir zu ſprechen; als der Ball ſich aber faſt zum Ende neigte, und ich, von einem Walzer erhitzt, mit Minna vor einem offenen Fenſter ſaß, nahete er ſich mir mit der Bitte, die beiden folgenden eng⸗ liſchen Taͤnze mit ihm zu tanzen. Ich ſchlug 91 ſeine Aufforderung unter dem Vorwande zu großer Ermuͤdung ab, und in dem Augenblicke fuͤhlte ich mich auch wirklich ermuͤdet. Er ſchien durch meine abſchlaͤgige Antwort zwar gekraͤnkt, doch nicht be⸗ leidigt; da er aber Miene machte plaudernd bei uns verweilen zu wollen, gab ich vor hier zu ſehr der Zugluft ausgeſetzt zu ſeyn, und ging mit meiner Freundin in ein Nebenzimmer. Er mur⸗ melte einige unverſtaͤndliche Worte zwiſchen den Zaͤhnen, ſchien im Begriff uns zu folgen, wandte ſich indeß ſchnell wieder von uns ab.“ „Verzeihen ſie meiner Schwaͤche; aber nie kann ich ohne inniges Mitleiden Geraldis Bild an jenem Abend vor meine Seele rufen.— Sein Spiegel ſchon mußte ihm geſagt haben, daß er es jedem Juͤnglinge an Pracht der Kleidung und köoͤrperlicher Schoͤnheit gleich thaͤte;— alles aber ging an dem Maͤdchen verloren, in deren Augen er einzig wuͤnſchte zu glaͤnzen; ſie begegnete ihm mit Widerwillen, ſchlug ſeine Hand zum Tanze nicht allein kalt, ſondern veraͤchtlich aus; und ob⸗ gleich er um ihrentwillen mit keiner andern tanzte, erkannte ſie dieſen Vorzug durchaus nicht, ſondern war noch unfreundlich.“— 9² „Ach, ihr Freunde, mein Gewiſſen wirft mir in dieſem Augenblicke des aufrichtigen Geſtaͤndniſſes noch mehr vor! Nachdem ich ihm den Tanz ab⸗ geſchlagen hatte, konnte ich dem Verlangen, mei⸗ nen Lieblingswalzer mitzutanzen, nicht widerſtehen, und ſtellte mich mit einem der vornehmſten Maͤn⸗ ner in die Reihen. Im Anfange bemerkte ich Ge⸗ raldi nicht; aber nie werde ich den Blick ver⸗ geſſen, den er auf mich richtete, als ich mehrere Male im Wirbel herumgedreht, wenige Minuten am Arme meines Fuͤhrers ausruhete. Seine Au⸗ gen gluͤhsten, ſeine Lippen waren blau von Zorn, und die drohend aufgehobene Hand ſchien mir Nache zu ſchwoͤren. Doch war dieſer Eindruck voruͤbergehend; aufs Neue ſing mein Taͤnzer an mich in dem Zauberkreiſe herumzudrehen, und ver⸗ geſſen war jene furchtbare Erſcheinung. Als der Walzer geendigt war, bemerkte ich Geraldi nicht 2 weiter im Saale, und freute mich von ihm erloͤſt zu ſeyn.— Spaͤter habe ich erfahren, daß er geſtuͤrzt ſey, um ſeinen erſchuͤtterten Nerven durch einige Flaſchen Wein Stäaͤrkung zu geben, dann iſt der arme Juͤngläng nach Hauſe gegangen, hat den Ort ſchnell verlaſſen habe, und in ein Weinhaus —— 93 die prachtvolle Kleidung von ſich geworfen, ſeine gewoͤhnliche wieder angelegt, ſich mit einem Dolche bewaffnet, und iſt ſo in die Vorhalle des Ball⸗Saals zuruͤckgekehrt, um dort den Aufbruch der Geſell⸗ ſchaft zu erwarten.“ „Dieſe Stunde kam endlich heran, und un⸗ ſere Eltern trieben Minna und mich in großer Eile fort, um bald an ihre Kutſchen zu gelangen. In der Schnelligkeit verwechſelten wir unſere Schawls, jede huͤllte ſich feſt in den der andern ein, und ſo gingen wir Arm in Arm durch einen langen Gang. Minna's Mutter folgte uns auf dem Fuße nach, waͤhrend mein Vater vorauf eilte, ſeine Bedienten zu ruſen. In dieſem Augenblick funkelte ein glaͤnzender Stahl bei dem faſt erloſchenen Lichte einer Lampe vor unſern Au⸗ gen; Minna ſtieß einen herzdurchdringenden Schrei aus, und fiel ruͤckwaͤrts in die Arme ihrer Mutter. In dem Moment kehrte mein Vater zuruͤck, und da er den Dolch noch in Geraldi's Hand erblickte, riß er ihn aus derſelben, und be⸗ maͤchtigte ſich des jungen Moͤrders, waͤhrend ich uͤber den Leichnam meiner Freundin geſunken war.“ 94 „Geraldi's Blicke, aus denen bisher die bos⸗ hafte Freude befriedigter Rache funkelte, zeigten nun den fuͤrchterlichen Ausdruck vereitelter Mord⸗ ſucht, und indem man ſich ſchon ſeiner bemaͤchtigt hatte, um ihn zum Gefaͤngniſſe abzufuͤhren, na⸗ hete er ſich mir noch, und fliſterte mir mit ei⸗ nem Ton und einem Blicke, den ich nie vergeſ⸗ ſen werde, die Worte ins Ohr:„Ich findedich dennoch wieder!“— Noch zittere ich, indem ich dieſe Ungluͤck weiſſagenden Worte wiederhole!“— „Nach wenigen Tagen war der ungluͤckliche junge Menſch verhoͤrt, und des Mordes uͤber⸗ fuͤhrt. In Hinſicht ſeiner Jugend aber wollte man ihn nicht am Leben ſtrafen, ſondern verdammte ihn zu zwanzigjaͤhriger Gefangenſchaft, jedoch mit der ausdruͤcklichen Bedingung, daß die Richter es ſich vorbehielten, die Strafe um fuͤnf Jahre ab⸗ zukuͤrzen, wenn die Auffuͤhrung des Gefangenen es verdiene.“ 4 „Mein Vater mußte beim Verhoͤre als Zeuge gegenwaͤrtig ſeyn; und obgleich des Moͤrders Arm gegen ſeine Tochter gehoben geweſen war, obgleich er ihr Leben noch bedrohete, konnte er ſich den⸗ noch nicht des Mitleidens gegen ihn erwehren, 2 95 da die That aus eiferſuͤchtiger Liebe vollbracht war; ſo ſonderbar es auch ſchien, daß dieſe Lei⸗ denſchaft ſich eines Knaben von vierzehn Jahren 3 in dem Grade bemaͤchtigen konnte. Daher freute er ſich, als das Urtheil in dem Grade gemildert wurde.“ 8 „Als aber der Richter, nach dem Ausſpruche Geraldi feagte, ob er das veruͤbte Verbrechen nicht bereue, erwiederte dieſer mit Bitterkeit, daß er allerdings bereue Minna Steinheim anſtatt Adeline Manſtein getoͤdtet zu haben, weil ſeine Rache und ſein Haß nun nicht befrie⸗ digt waͤren; doch hoffe er beiden eines Tages noch vollkommen Genuͤge leiſten zu koͤnnen. Von dem Augenblicke an, da mein Vater dieſe Worte hoͤrte, und den Blick des Juͤnglings ſah, der ſie begleitete, fuͤhlte er eine faſt immerwaͤhrende Furcht fuͤr mein Leben, die ihm ſelten Ruhe ge⸗ ſtattete. Ich war in einen Zuſtand der gaͤnzli⸗ chen Erſchoͤpfung gefallen, der wohl Folge des Schreckens und Schmerzes uͤber den Tod der Geſpielin meiner Kindheit, und der bejammerns⸗ wuͤrdigen Verſtandeszerruͤttung ihrer Mutter ſeyn mochte; denn von dem ungluͤcklichen Abende an 96 befand ſich Frau v. Steinheim in der Lage, worin ſie ſie noch jetzt ſehen.“— „Ihr Sohn, ein ſehr unwuͤrdiger Menſch, eilte auf die empfangene Nachricht vom Tode ſeiner Schweſter und der Krankheit ſeiner Mut⸗ ter von Eugland nach Bruͤſſel, nahm aber mei⸗ nes Vaters Anerbiethen, letztere in unſer Haus zu nehmen, mit Freuden an; doch beſtand der junge Steinheim erſt noch darauf, ein Koſt⸗ geld fuͤr die Ungluͤckliche zu bezahlen; bald aber verſchwendete er das ganze muͤtterliche Vermoͤgen, verließ Bruͤſſel wieder, und ſo ward die Arme voͤllig abhaͤngig von uns, welches wir indeß nie fuͤr eine Laſt erkannten, ſondern uns im Gegen⸗ theil gluͤcklich fuͤhlten etwas fuͤr ſie thun zu koͤn⸗ nen, da ich doch eigentlich die unſchuldige Urſache des Todes ihrer Tochter geweſen, und mein Va⸗ ter Minna als ein Opfer betrachtete, das fuͤr mich gefallen war.“— „Bald fanden wir es alle unmoͤglich laͤnger in Bruͤſſel zu bleiben; es trieb uns mit Gewalt fern von dieſem Aufenthalte, und ſo ſiedelten wir uns in Regensburg an. Dennoch lebten meine armen Eltern in beſtaͤndiger Unruhe, weil ſie 97 ſtets fuͤrchteten, Geraldi moͤge aus dem Ge⸗ faͤngniſſe entkommen, und ſeine Drohung gegen mich in Erfuͤllung bringen. Dieſe Sorge kuͤrzte auch wohl den Reſt ihrer Tage; aus ihren Haͤn⸗ den empfing ich die Mutter meiner Freundin als heiliges Vermaͤchtniß.“ „Kurze Zeit zwar ſchienen die Vorſichtsmaß⸗ regeln, welche die Eltern in Hinſicht meiner nah⸗ men, ſie in etwas zu beruhigen. Wenn ſie mich nicht ſelbſt begleiten konnten, durfte ich nie anders, als in Begleitung meines Hundes Carlo,(den ich ſelbſt auferzogen hatte, und der mir ſehr ergeber war,) oder des alten Moritz ausgehen. Dieſer in unſerm Dienſte graugewordene Diener kannte Geraldi perſoͤnlich, und beſaß nicht allein ei⸗ nen kraͤftigen Arm, ſondern auch einen kuͤhnen, entſchloſſenen Geiſt.— Aber ach! grade indem wir glaubten, die alles lindernde Zeit floͤße wie⸗ der Ruhe und neue Lebensluſt in unſere Gemuͤ⸗ ther, ſtarben die theuern Beſchuͤtzer meiner Ju⸗ gend, und ich hatte noch nicht mein einundzwan⸗ zigſtes Jahr zuruͤckgelegt, als ich ſchon eine Waiſe wurde. Zwei Jahre darauf ſollte mir die⸗ ſer Verluſt indeß reichlich durch den beſten der O. 11. * Gatten erſetzt werden, der noch vor unſerer Ver⸗ heirathung nach Beuͤſſel reiſte, und in das Gefaͤngniß ging, wo Geraldi ſich befand, um ſich mit eigenen Augen von der Gemuͤthsſtim⸗ mung des Juͤnglings zu uͤberzeugen. Walde⸗ mar erzaͤhlte mir nachher, er habe, waͤhrend eines Geſpraͤchs mit ihm, Reue uͤber ſein Ver⸗ brechen gezeigt; als mein Mann ihn aber verſi⸗ cherte, daß ich warmen Antheil an ſeinem Schick⸗ ſal nehme, und zu wiſſen wuͤnſche, ob ich ihm nicht durch Sendung einiger Buͤcher die Stunden der Gefangenſchaft weniger truͤbe und einſam machen koͤnne, bat er ihn, mir fuͤr meine ſo unerwartete Freundlichkeit zu danken, erklaͤrte aber zugleich ſeinen feſten Entſchluß, nie von einer die geringſte Gefaͤlligkeit anzunehmen, welche er die Abſicht gehabt haͤtte zu ermor⸗ den.“ „Dieſe Erzaͤhlung beruhigte mich wenigſtens etwas fuͤr die Zukunft, wenn ſie auch nicht im Stande war meine Furcht gaͤnzlich zu vernichten; ja ich freute mich aͤber die Milde der Richter, als ich hoͤrte daß Geraldi wahrſcheinlich fuͤnf Jahre der Gefangenſchaft, wegen ſeines guten 99 Betragens und ſeiner anſcheinenden Reue, er⸗ laſſen werden wuͤrden, obgleich ich wohl ſah, daß Waldemar nicht voͤllig mit dieſem Ausſpruche zufrieden ſchien.“ „Und nun, meine Freunde, habe ich nichts mehr hinzuzuſetzen. Sie alle waren Zeuge, wie das Ereigniß, das ich ſo unvorbereitet erfuhr, auf mich einwirkte. Der ſo ſehr gefuͤrchtete Geraldi iſt wieder frei, und mein Mann be⸗ findet ſich abweſend.— Rathen ſie mir jetzt, ſoll ich ihn zuruͤckrufen, und glauben ſie uͤberhaupt daß die Gefahr, worin ich ſchwebe, wirklich ſo groß iſt 20— 1 Als Adeline geendet hatte, berieth man ſich noch lange miteinander, endlich entſchied die Meinung der Meiſten doch dahin, daß ſie gleich an Waldemar ſchreiben, ihm die Nachricht von Geraldis Befreiung mittheilen, zugleich⸗ aber hinzufuͤgen ſolle, daß alle verſammelten Freunde, Meynell mit eingeſchloſſen, zu ihrem Schutze auf dem Schloſſe bleiben wuͤrden, bis er ſelbſt zuruͤckgekehrt fey.— Uebrigens ſuchten ſie ſie durch den Gedanken zu beruhigen, daß es Ge⸗ raldi ſchwer werden wuͤrde ſie unter ihrem jetzi⸗ * 7 100 gen Namen und in ihrem gegenwaͤrtigen Aufent⸗ halte auszufinden, und daß funfzehn Jahre ſtren⸗ ger Gefangenſchaft wohl den uͤbermuͤthigen, hoch⸗ ſtrebenden Sinn eines jungen, leidenſchaftlichen Menſhan gebeugt haben koͤnnten. Adeline wuͤnſchte ihrer Meinung zu ſeyn, tanst aber nicht zu der Ueberzeugung gelangen. Sie fuͤrchtete, eine Gefangenſchaft von der Dauer, und das Bewußtſeyn, die Bluͤthe ſeiner Jugend zwiſchen den oͤden Waͤnden eines Kerkers verloren zu haben, zugleich die Hoffnung des maͤnnlichen Alters, die ehrgeizigen Ausſichten fernerer Tage auf immer vernichtet zu ſehen, dieſes alles wuͤrde hinreichen, den Stachel der Rache gegen ſie, als die Urſache ſeiner Entwuͤrdigung, immer mehr zu ſchaͤrfen, und ihn, mit dem Brandmal des Mordes gezeichnet, gleich einem andern Cain, nach Blut durſtend, in der Welt umherirren ma⸗ chen. Innig beklagte ſie den Juͤngling, der nun, entehrt in den Augen der Menge, und wahrſcheinlich ſeinem Gotte voͤllig entfremdet, ohne Freunde, ohne Stuͤtze, ohne Hoffnung, ohne Furcht, aufs Neue aus ein Opfer ſeiner Leidenſchaften und ſchlechter Ge⸗ ſellſchaften werden wuͤrde. Fuͤr ihre eigene Si⸗ einzuſchiffen; ja ein Correſpondent in Bruͤſſel wollte 101T cherheit aber erhob ſich ihr Gemuͤth bald wieder im Vertrauen auf die, uͤber alle waltende Vorſe⸗ hung, ohne deren Willen die Hand des Moͤrders ſie nicht erreichen koͤnne.— Sie ſchrieb an Waldemar; auch ihre Freunde ſchrieben; unmoͤglich aber war es jenem, auf der Stelle den Freund zu verlaſſen, obgleich ler die Geliebte ſeines Herzens nicht anders ſicher glaubte, als wenn er ſie ſelbſt mit Argus⸗Augen bewachte. So ſchwand eine lange Woche nach der andern hin, bis er endlich ſchrieb, er hoffe in der naͤchſten zuruͤckzukommen. Waldemar hatte noch eine Urſache zur Furcht, die er Ade⸗ linen nicht mitgetheilt hatte. Er hatte den Blick bemerkt, den Geraldi im Gefangniſſe, beim Scheiden von ihm, auf ihn richtete, und in die⸗ ſem Blicke ſchienen ihm alle hoͤlliſchen Leidenſchaf⸗ ten ausgedruͤckt zu ſeyn.— In der Zwiſchenzeit waren die genaueſten Erkundigungen uͤber ihn in Bruͤſſel eingezogen, und alle Nachforſchungen beſtaͤtigten, daß er an die Kuͤſte gegangen ſey, um ſich nach Amerika 102 ihn ſogar ſchon am Bord eines Schiffes geſehen haben. Dieſe Nachricht beruhigte aller Gemuͤther, tete mit Innigkeit, der Himmel moͤge den doch vielleicht reuigen Suͤnder auf rechtem Wege lei⸗ ten und fuͤhren. Endlich kam der Tag, auf welchen Walde⸗ mar ſeine Zuruͤckkunft beſtimmt hatte Schon hat⸗ ten die Freunde ihre Wagen beſtellt, um am ſel⸗ bigen Abend gleichfalls heimzukehren; aber der Tag neigte ſich, und Waldemar erſchien nicht, ſo daß ſie ſich entſchloſſen, die Wagen wieder fahren zu laſſen, um ihrem Worte, Adelinen bis ben, obgleich nun von keiner Seite die geringſte Furcht mehr obwaltete. Adeline indeß, die Puͤnktlichkeit ihres Nannes kennend, und uͤberzeugt er wuͤrde geſchrie⸗ ben haben, wenn er nicht gewiß waͤre am Abend noch einzutreffen, konnte die Hoffnung ihn heute wiederzuſehen, nicht ganz aufgeben. In voller Carlo herbei, und beſchloß langſam mit ihm die und beſonders das der armen Adeline; ſie be⸗ zu ſeiner Ankunft nicht zu verlaſſen, treu zu blei⸗ Ungeduld der harrenden Liebe, rief ſie den treuen 103 Straße hinunter zu wandeln, auf welcher Wal⸗ demar kommen mußte. Kaum aber war ſie eine kleine Strecke vom Hauſe entfernt, als ein Ge⸗ raͤuſch in der Hecke ſie ſtutzen machte. Aengſtlich wandte ſie den Blick dahin, und ſah aus dem dichten Geſtraͤuch zwei große, feurige Augen her⸗ vorſcheinen.— Eine unbeſchreibliche Angſt preßte ihr das Herz zuſammen; doch gab die Groͤße der Gefahr ihr den Muth, nicht zu ſchreien, da ſie niemand in ihrer Naͤhe ſah, der ihr haͤtte zu Huͤlfe eilen koͤnnen; ſelbſt Carlo war fortgelaufen, um in einiger Entfernung mit einem andern Hunde zu ſpielen. Sie rief ihn jedoch, indeß mit einer vor Furcht ſo ſchwachen Stimme, daß das Thier nicht darauf hoͤrte, und indem ſie ſich umwandte, um ihre Schritte ſchnell wieder zum Schloſſe zu⸗ ruͤckzulenken, ſprang etwas behend uͤber die Hecke, und Geraldi ſtand vor ihr.— „Ha!“— rief er, ſie mit einer Hand umfaſ⸗ ſend, waͤhrend der fuͤrchterliche Stahl in der an⸗ dern blinkte,„finde ich dich endlich wie⸗ derl“ Vergebens ſuchte die halb ohnmaͤchtige Ad e⸗ line ſich aus den Klauen des ſchrecklichen Ver⸗ 104 folgers zu winden, vergebens ſchien ihr durchdrin⸗ gendes Geſchrei die Luft zu durchbeben; mit der Hand den Griff des Dolches zuruͤckhaltend, wandte ſie vielleicht auf einen Augenblick den Todesſtoß von ſich ab, glaubte ſich aber ſchon verloren, als Geraldi ſchmerzlich bei der Wade gepackt wurde, ſich umwandte, um den Feind ins Auge zu faſſen, und Carlo erblickte, der nun zwar vom Bein ab⸗ 3 ließ, ihn aber ſo heftig an der Gurgel packte, daß er genoͤthigt war die Ausfuͤhrung ſeines Strei⸗ ches zu verzoͤgern, um ſich erſt gegen das wuͤthende Thier zu verheidigen.— Noch einmal ſchrie Adeline nun aus allen Kraͤften um Huͤlfe. Meynell, der ſich grade am aͤußerſten Ende des Gartens aufgehalten, und die Toͤne der Angſt vernommen hatte, kam eilig herbei gerannt; Ade⸗ tine flog in ſeine Arme, ehe Geraldi, der den Dolch beim erſten Anfalle des Hundes von ſich geworfen hatte, im Stande war ſich aus den Klauen des Thieres zu befreien. Sich aber nun in ſo augenſcheinlicher Gefahr ſehend, gab er ihm einen Schlag mit der Fauſt, der ihn betaͤubt zu Boden ſtreckte, ſprang uͤber die Hecke zu⸗ ruͤck, ſchwang ſich auf ein ſchnelles Pferd, das er 105 im benachbarten Felde gelaſſen hatte, und war aus aller Augen verſchwunden.—. Obgleich man ſpaͤter beim Nachſetzen noch waͤhrend einer Strecke Weges das Blut ſah, welches aus ſeiner Wunde gefloſſen ſeyn mußte, verſchwand auch dieſe Spur bald, und es blieb von Geraldi und ſeinem furchtbaren Beſuche kein anderes Zeichen zuruͤck, als das in den er⸗ matteten Zuͤgen der noch immer vor Angſt beben⸗ den Adeline, und dem kaum von der Betaͤu⸗ bung wieder erwachten Carlo ſichtbar war.— Waldemar kam in der Nacht heim, fand aber ſein angebetetes Weib in einem ſtarken An⸗ fall von Fieber, und alle Freunde in Schrecken und Beſtuͤrzung um ſie verſammlet. Der bloße Anblick des geliebten Mannes ſchien hinlaͤnglich die Angſt aus Adelinens Seele zu bannen; ſchluchzend hing ſie ſich an ſeinen Hals, und ſagte mit dem Tone der zaͤrtlichſten Liebe:„nun bin ich ſicher, denn du wirſt mich nicht wieder ver⸗ laſſen!“— „Nie, nie, wenn es irgend in meiner Macht ſteht,“ erwiederte Waldemar, der ſich von dem unerwarteten Schlage noch kaum erholen konnte; 106 „aber wir muͤſſen alle Mittel anwenden, um den verhaßten Stoͤrer unſerer Ruhe aufzufinden, und ihn aufs Neue in engen Verwahrſam zu bringen.— Ich werde nichts unverſucht laſſen, und ſollte es mich mein halbes Vermoͤgen koſten!“ „Er haͤtte mich ja noch weit elender machen koͤnnen,“ erwiederte Adeline zaͤrtlich,„und ich bin dem Geraldi viel Dank ſchuldig, daß alle ſeine Verfolgungen nur auf mich gerichtet ſind!— Er haͤtte ja einem Leben nachſtellen koͤnnen, das mir weit theurer iſt als das meinige.— Ach, liebſter Adolph, huͤte dich ihn perſoͤnlich zu belei⸗ digen!“— 3 Kein Gedanke eigner Furcht aber vermochte Waldemarn von ſeinen Nachforſchungen abzu⸗ ſtehen, die jedoch, ſo genau der Thaͤter auch be⸗ 4 zeichnet wurde, alle fruchtlos blieben.— Adeline genaß indeß, ſchien heiter und ruhig, und der Vorſatz ihren jetzigen, ſo angenehmen Wohnort zu verlaſſen, wurde aufgegeben, ſo wie die Furcht nach und nach ſchwand, die indeß bald wieder die Oberhand gewinnen ſollte. Als ſie eines Abends mit noch zwei andern Frauen auf der Bank in ihrem Garten ſaß, hin⸗ 107 ter welcher die Hecke fortlief, die dieſen von der Landſtraße trennte, ſah ſie Carlo auf einmal ſehr heftig auf die Hecke zuſpringen, indem ſie ein ſtar⸗ kes Geraͤuſch in derſelben vernahm. Da ſie aber ihren Mann mit den uͤbrigen Herren in der Naͤhe wußte, dachte ſie an keine Flucht, ſondern ſtieg auf die Bank, um zu ſehen was Carlo in dem Grade beſchaͤftige. Sie bemerkte bald, wie er erſt eine Weile an der Hecke herumſchnoberte, dann ploͤtzlich uͤber dieſelbe hinweg, und wahrſcheinlich in den Graben hineinſprang, der an der andern Seite fortlief.— Einen Augenblick darauf ſah ſie daß ein Mann, der als Bauer gekleidet war, ſich nur mit Muͤhe von der Verfolgung des Hundes losmachte, bis dieſer endlich durch einen eben aus der Stadt zuruͤckkehrenden Stallknecht zur Ruhe gebracht wurde, dem er dann, obwohl heulend und knurrend, in den Garten folgte. Sobald der Stallknecht nahe genug heran war, fragte Adeline ihn, warum er den Hund zuruͤckgerufen habe?— „Weil er einen alten, wehrloſen Bauer an⸗ fiel,“ war die Antwort. 108 „Waret ihr gewiß, daß es ein alter Mann war?“ fragte Adeline weiter. „Ja freilich, Ihr Gnaden; er hatte Haare und Bart ſo weiß wie Schnee, und das Gehen ſchien ihm ſehr ſauer zu werden. Seine Augen zwar ſahen nicht alt aus, die blitzten wie hoͤlli⸗ ſches Feuer, vorzuͤglich da er auf den Hund blickte.“ „Lieber Johann, habt ihr denn gaͤnzlich vergeſſen, daß der Geraldi Duval, welcher uns verfolgt, ſo blitzende Augen hat? Ich ver⸗ muthe aus des Hundes Benehmen faſt, daß es dieſer Feind geweſen ſey.“— Der Stallknecht, dem jetzt die Wahrſchein⸗ lichkeit aufs Herz ſiel, lief ſchnell in den Stall, beſtieg einen der beſten Renner, forderte noch ei⸗ nige ſeiner Kameraden auf, ein Gleiches zu thun, und ſo begaben ſie ſich alle bewaffnet einige Mei⸗ len in die Runde, um dem alten Bauer nachzu⸗ forſchen. Bei ihrer Ruͤckkehr hatte aber keiner eine Spur von ihm gefunden, obgleich einige Nachbarn am Morgen einen ſolchen Mann geſe⸗ hen haben wollten 109 Da aber ſowohl Waldemar als die Gaͤſte uͤberzeugt waren, es ſey Geraldi geweſen, der in dieſer Verkleidung nur den rechten Angenblick abgewartet habe, um ſein blutiges Vorhaben aus⸗ zufuͤhren, hielt man es nun doch fuͤr das Raͤth⸗ lichſte, ſchnell, und ſo heimlich als moͤglich, den Wohnort zu veraͤndern. Schon am andern Tage zeigte die Einwirkung dieſes boͤſen Feindes ſich ſehr beſtimmt. Carlo taumelte in das Zimmer, wo Adeline mit ihren Kindern ſaß, kroch zu den Fuͤßen ſeiner Gebietherin, legte den Kopf in ihren Schoos, und ſtarb. Tief war der Schmerz, den Alle uͤber den Tod des treuen Thieres empfanden. Die Kleinen heulten und ſchrien, ſtreichelten den Leichnam, und ließen ſich nur mit Gewalt davon bringen. Adeline, die ihn als ein Vermaͤcht⸗ niß der theuren Eltern betrachtete, und in ihm ei⸗ nen ſorgſamen Waͤchter in jeder Gefahr verlor, weinte bittere Thraͤnen uͤber ſeinen Verluſt. Nur zu bald aber uͤberzeugte man ſich daß der Hund Gift bekommen habe. Der Stallknecht erin⸗ nerte ſich jetzt, daß er das arme Thier ſehr geſchaͤf⸗ tig bei einem Stuͤcke Fleiſch geſehen, welches 11⁰ der vermeinte Bauer in den Graben hatte fallen laſſen, als er ſich von dem Hunde befreit geſehen habe.— Von dieſem Augenblicke an fing Carlo an zu kraͤnkeln.— Niemand zweifelte mehr daß Geraldi es in der Abſicht, den ihm ſo laͤſtigen Waͤchter zu vertilgen, hinein geworfen habe, und der Gedanke, wie er noch immer ſeine Abſicht ver⸗ folge, war allen ſo ſchauderhaft, daß der Entſchluß, ſchnell den Wohnort zu verlaſſen, jetzt feſt von ihnen ergriffen wurde. Nur war es ſchwer zu beſtimmen, ob es vor⸗ theilhafter fuͤr ſie ſeyn wuͤrde, am Tage, oder in der Nacht abzureiſen; da Adeline indeß erklaͤrte, nicht ohne ihre Kinder und Frau von Steinheim gehen zu wollen, hielt man es fuͤr das Beſte, bei Anbruch des Tages abzufahren, und ſobald es dunkel werden wuͤrde, in einem guten Gaſthofe einzukehren. Alle Bedienten, außer Moritz und einem Kindermaͤdchen, ſollten zuruͤckbleiben, bis man einen ſichern Wohnort gewaͤhlt haben wuͤrde. So wurde alſo dies gluͤckliche Paar, durch die hoͤlliſche Rache eines Teufels, aus ſeinem fried⸗ lichen, heitern Aufenthalte getrieben, und ſo tief Beide dieſen Schmerz empfanden, hielten ſie es III dennoch fuͤr ihre Pflicht, Thraͤnen und Kummer zu unterdruͤcken, um den Kleinen nicht die harmloſe Jugendzeit zu kuͤmmern. An einem heitern September⸗Morgen began⸗ nen ſie ihre Fahrt in zwei Wagen; in dem einen ſa⸗ ßen Waldemar, Adeline, Frau von Stein⸗ heim und die beiden aͤlteſten Kinder; in dem andern Moritz, das Kindermaͤdchen und die uͤbri⸗ gen Kleinen. Ihre Abſicht war erſt nach Ham⸗ burg zu gehen, ſich dort einige Zeit aufzuhalten, und zu erwarten, ob man nichts Naͤheres uͤber Geraldi erfahren koͤnne; im ſchlimmſten Falle aber ihr Vaterland zu verlaſſen, und nach Eng⸗ land zu ſegeln. 4 Die erſte Tagereiſe war ſo heiter, als man ſie nur unter den Umſtaͤnden erwarten konnte; der Kinder unſchuldiges Lachen und Treiben ver⸗ ſcheuchte die Sorgen von der Stirn der Eltern; doch horchte man aͤngſtlich auf jeden Verbeikom⸗ menden. Ein ſchnell voruͤberſliegender Reuter hatte, nach des kleinen Knaben Ausſage, gewaltig ſtier in die Kutſche hinein geſehen; eben aber waren Vater und Mutter beſchaͤftigt, dem Toͤch⸗ terchen einen Dorn aus dem Fuße zu ziehen, und 112 als ſie auf den Ausruf des kleinen Adolphs: „Sieh, ſieh, Mutter!“— den Kopf zum Fenſter hinaus ſteckten, war der Reuter ſchon weit aus ihrem Geſichte entfernt. Grade gegen Sonnenuntergang erreichten ſie eine kleine Stadt, und beſchloſſen dort zu uͤber⸗ nachten; da der Abend aber ungemein ſchoͤn war, fuͤhrte Adeline, nachdem ſie ihre Kinder zu Bette gebracht hatte, die arme Freundin noch in den Garten des Wirthshauſes, um ihr den gewohnten Genuß der kuͤhlen Luft nicht zu entziehen. Die⸗ ſer Garten graͤnzte an einen großen oͤffentlichen Garten, der wegen eines Feſtes heute beſonders ſchoͤn erleuchtet war; rund um denſelben waren erhoͤhete Sitze angebracht, und ein froͤhliches Ge⸗ murmel der luſtwandelnden Menge ſchallte durch die helltoͤnende Muſik zu ihnen heruͤber. Frau von Steinheim ſchauete die funkeln⸗ den Lampen mit ſtarrem Erſtaunen an, waͤhrend Adeline, mit ihr an einer kleinen, offenen Pforte ſtehend, welche in den großen Garten fuͤhrte, ſich bemuhete ſie vom Weitergehen abzuhalten, da ſie es ſcheuete, ohne maͤnnliche Begleitung unter ſo viele Menſchen zu treten, und Waldemars 113 Ankunft erſt abwarten wollte, den ein Geſchaͤft noch im Gaſthofe zuruͤckhielt. Kaum aber ver⸗ nahm das arme, verſtoͤrte Weſen die Toͤne eines weiblichen Geſangs, der aus einiger Entfernung zu ihnen heruͤber ſchallte, und in dem ſie eine ihr wohlbekannte Weiſe zu erkennen glaubte, als ein unausſprechliches Entzuͤcken ſich uͤber ihr ganzes Geſicht verbreitete. Mit Begeiſterung rief ſie laut:„Horch, horch, Minna ſingt!“— und bei dieſem Worten zog ſie die ſchwache Fuͤhrerin, faſt mit Gewalt, unter die bunte Menge. End⸗ lich gelang es Adelinen, mit der immer vor⸗ waͤrts Eilenden ſeitwaͤrts, in eine etwas dunkle Reihe von Baͤumen zu treten, wo ſie der allge⸗ meinen Beobachtung weniger ausgeſetzt zu ſeyn glaubte, und waͤhnend hier von niemanden bemerkt zu werden, uͤberließ auch ſie ſich jetzt dem liebli⸗ chen Eindruck, welchen eine ſanfte, wohltoͤnende Vocal⸗Muſik ſo leicht in weichen weiblichen Ge⸗ muͤthern hervorbringt. Doch nicht lange ſollte dieſer Eindruck unge⸗ ſtoͤrt bleiben; bald erhob ſich ein ſonderbares Rau⸗ ſchen hinter ihr in dem dichten Gebuͤſch, welches ſogar die Aufmerkſamkeit der Gefaͤhrtin auf ſich O. II⸗ 8 1 114 zog, und Adeline, ſich ſchnell umwendend, er⸗ blickte Geraldi vor ſich ſtehend, in der naͤm⸗ lichen Geſtalt, wie ſie ihn vormals ſo oft geſehen hatte, mit den feurig funkelnden Augen, ja ſogar in derſelben Kleidung; nur daß Jahre den Kna⸗ ben zum Manne gereift hatten. In ſeiner Rech⸗ ten hob ſich wieder der blinkende Stahl, und dem von ſeinen Lippen zitternden Ausruf:„Hab ich dich endlich!“— wuͤrde unfehlbar der Todesſtoß gefolgt ſeyn, haͤtte nicht das arme verwirrte We⸗ ſen, dem er die Tochter und den Verſtand ge⸗ raubt hatte, in ihm den Moͤrder dieſer Tochter wieder erkannt. Sich uͤber die vor Schreck er⸗ ſtarrte Adeline werfend, rief ſie mit dem gel⸗ lenden Tone des aͤngſtlichſten Wahnwitzes die naͤm⸗ lichen Worte, die ſie damals in Bruͤſſel bei der ſchrecklichen Kataſtrophe ausgerufen hatte:„Min⸗ na! mein armes, liebes Kind!“ Das wild rollende Auge, mit dem ſie auf Geraldi blickte, die blaſſe, eingefallene Wange, und die innere Ueberzeugung, Urſache dieſer gaͤnzli⸗ chen Zerſtoͤrung zu ſeyn, laͤhmten den Arm des Moͤrders; der Dolch fiel aus ſeiner Hand, und nachdem er ſich ſtraͤubend von den kalten, todten⸗ 115 aͤhnlichen Fingern befreit hatte, welche ihn um⸗ klammert hielten, nahm er den Dolch wieder vom Boden auf, und verſchwand im Dickicht. Noch ſtand Adeline ſtarr wie ein Marmorbild da; als ſie ſich aber endlich von dem erſten, heftigen Schrecken erholte, und ſich nach ihrer armen Be⸗ gleiterin umwandte, ſah ſie dieſe bewegungslos am Boden liegen, und mußte glauben daß der fuͤr ſie aufgefangene Dolchſtoß ihrem Leben ein Ende ge⸗ macht, und alſo nun Mutter und Tochter ihr Da⸗ ſeyn fuͤr ſie geopfert hatten. Knieend warf ſie ſich an ihrer Seite nieder, luͤftete das Gewand, konnte aber nirgends eine Spur von Blut gewahr werden. Waldemar und Moritz, welche ſie lange vergeblich geſucht hatten, fanden ſie noch in dieſer Stellung, alle moͤglichen Mittel anwendend, um den geliebten Koͤrper, den ſie nun nur vom Schreck gelaͤhmt gkaubte, wieder ins Leben zuruͤckzuruſen. Ihrem ſchaͤrferen Blicke entging es nicht, daß die arme Leidende wirklich todt ſey; Schreck und Angſt, bei dem Anblicke des Moͤrders ihrer Tochter, hat⸗ ten den ſchwachen Lebensfaden zerſchnitten, der 38* 116 Geiſt war entſlohen aus der ſo zerbrechlichen Huͤlle.— „Liebe Adeline,“ ſagte Waldemar weich, „laß uns den Koͤrper ins Haus tragen, und dort noch alle Mittel anwenden, um ihn wieder zu beleben.“ „Ja, ja, ſchaffe ihn fort,“ rief Adeline in einem herzzerſchneidenden Tone;„er moͤchte ſonſt wieder kommen, und uns beide verder⸗ ben!“— „Wer ſoll wieder kommen, Geliebte?“ fragte Waldemar, ſo ſehr zitternd, daß er genoͤ⸗ thigt war die Sorge fuͤr den Leichnam einzig Mo⸗ riitz zu uͤberlaſſen. „Geraldil— Aber ſtille, ſtille!— Er iſt hier geweſen, ſie hat ihn erkannt, mit ihm ge⸗ ſprochen, ihn erſchreckt, verſcheucht, und ſo rettete ſie mein Leben!“— Dieſe Worte wurden in einem Tone und mit Blicken hervorgebracht, d die Waldemar, der ſte ins Haus fuͤhrte, glauben machten, wenn auch ihr Leben gerettet ſey, habe ihr Verſtand gelitten. Sobald aber der Koͤrper der armen Freundin in ein warmes Bett gelegt war, ordnete Adeline⸗ 3 117 alles zu ihrer Huͤlfe Erforderliche mit einer ſol⸗ chen Geiſtesgegenwart an, daß Waldemar ru⸗ higer fuͤr ſie wurde, obgleich er den Augenblick fuͤrchtete, wo ſie ſich uͤberzeugen werde, daß alle Verſuche fruchlos waͤren. Auch blieb dieſe Ueberzeugung nicht ange aus; im tiefſten Schmerz warf ſie ſich auf das ne⸗ ben der Todten ſtehende Bette, und bedeckte die kalten Haͤnde, welche ſie feſt an ihr Herz druͤckte, mit einem Strom von Thraͤnen.„Gott ſey ge⸗ lobt!“ rief Waldemar, als er dieſe wohlthaͤ⸗ tige Erleichterung der gepreßten Bruſt bemerkte. Um ſie in dieſer Stimmung zu erhalten, ſetzte er feierlich hinzu:„Armes leidendes Weſen, ſo iſt denn dein Leben auch ein Opfer dieſes feindſeli⸗ gen Menſchen geworden!— Diesmal aber hat er dir eine Wohlthat erzeigt; denn da er dich alles deſſen beraubt hatte, was dem Daſeyn Werth giebt, war der Tod wahrlich eine Wohlthat fuͤr dich.— So ſchwach und freudeleer aber auch dein armes Leben fuͤr dich und Andere ſeyn mochte, werde ich dich dennoch entbehren, und wie ſehr wirſt du meiner armen Adeline fehlen!— Ich muß mich deiner Befreiung freuen; aber es ſchmerzt 118 mich tief, daß ich nun nicht mehr im Stande bin, dir durch Aufmerkſamkeiten, wenn ſie auch unbeachtet an dir voruͤbergehen, zu beweiſen, wie innig ich die Groͤße des Dienſtes erkenne, den du nocj ſcheidend meiner Ade line erwieſen haſt!“— Als er dieſe Worte geſagt hatte, die ihre Wirkung nicht verfehlten, da Adelinens Thraͤ⸗ nen nur noch haͤufiger floſſen, ſetzte er ſich an ihre Seite, und legte ſeine Wange an die ihrige. Die Arme fuͤhlte daß ſie nicht allein weinte; bald aber rief ſie wieder mit erneuter Heftigkeit:„Soll ich ſis denn nie wieder laͤcheln fehen!— Soll ich nie mehr den theuren Namen Minnal von ih⸗ ren Lippen vernehmen; wird mir nie mehr die fuͤße Ueberzeugung werden, daß meine Naͤhe dieſe ſonſt ſo Karde⸗ fähsſ Geſtalt beleht und er⸗ freut!*— „Theure Adeline, wird dir nicht jetzt die noch viel fuͤßere Ueberzeugung, daß es dieſer ar⸗ men Leidenden wohl iſt, daß ſie ſich mit dem ver⸗ lornen Kinde vereint ſieht?— Und wenn auch das dir noch nicht genuͤgt, glaubſt du nicht daß die Arme, haͤtte ſie auch nur eine klare Stunde des Bewußtſeyns gehabt, ſich einen ſolchen Tod ———ʒ——— ————— — er dies Opfer deiner wahrhaft kindlichen Liebe an⸗ 119 gewaͤhlt haben wuͤrde, da ſie durch ihn ein Leben erhielt, welches ihr Jahre der unermuͤdetſten, ſorg⸗ faͤltigſten Aufmerkſamkeit geweiht hatte?— Koͤnnte je ein Kind ſeine Pflicht gegen die rechte Mutter treuer erfuͤllen, als du ſie gegen ein Weſen er⸗ fuͤllteſt, das nicht durch die Bande des Bluts mit dir vereint war? Und iſt der Gedanke nicht troͤſtend fuͤr dich, daß der Allmaͤchtige, als wolle erkennen, eben dieſem armen Weſen die Kraft verlieh, deine Liebe ſo zu lohnen?“— Obgleich die zaͤrtlichen Troͤſtungen des Gat⸗ ten Adelinen unbemerkt beruhigten, mochte ſie dennoch kein Wort erwiedern, nicht allein deßhalb, weil ſie dadurch der wohlthaͤtigen Rede Einhalt that, ſondern auch aus Furcht, ihr Mann moͤge, wenn ſie zeige, ſein Troſt habe Eingang in ihrem Gemuͤthe gefunden, darauf beſtehen, daß ſie das Zimmer der Todten verlaſſen ſolle, wo ſie ſo gern die ganze Nacht bleiben wollte. Waldemar aber konnte dies Bleiben nicht zugeben, und ver⸗ mochte endlich Adelinen durch ſeine Bitten, daß ſie ſich in ein anſtoßendes Kabinet zur Ruhe be⸗ gab, waͤhrend er verſprach bei dem theuren Leich⸗ 120 nam zu wachen. Ein wohlthaͤtiger Schlaf ſcheuchte bald den Kummer der Gegenwart, und die Furcht kuͤnftiger Gefahr, vor ihrem Blicke hinweg. Nicht ſo wohl ward es dem armen Walde⸗ mar.— Die langen Stunden der Nacht an der Seite der Leiche wurden zu Stunden ernſter Sorge fuͤr ihn, und waͤhrend er oft mit leiſem Schritte vom Bette der Todten an das Bett der Schlummernden ſchlich, abwechſelnd den Blick, bald auf die gluͤhenden Wangen der Gattin, und dann wieder auf die bleiche, kalte Wange der Vollendeten richtete, ſtand der Gedanke raſtlos vor ſeiner Seele, daß ohne das bewußtloſe Da⸗ zwiſchentreten dieſer nun todten, ſtarren Geſtalt, das jetzt noch mit lieblicher Lebensfaͤlle geſchmuͤckte Antlitz ſeiner Adeline bleich und kalt, wie das ihrige geweſen ſeyn wuͤrde.— Eben ſo wenig konnte er es vergeſſen, daß ſie der kaum entron⸗ nenen Gefahr ſtets aufs Neue ausgeſetzt ſey, und daß der Todesengel, unter der Geſtalt eines ir⸗ diſchen Daͤmons, ſie ſtets unſichtbar zu umſchwe⸗ ben, und jeden ihrer Schritte unſicher zu machen ſcheine. 121 Was war hierbei zu thun?— Wohin konnte Geraldi gegangen ſeyn?— Waͤhrend er dieſe Fragen ſchmerzvoll an ſich richtete, ſah er mit Ungeduld dem kommenden Morgen entgegen, da er Moritz und zwei andere ausgeſandte Be⸗ diente zuruͤck erwartete. Die Hausknechte hatten einen Mann, der der Beſchreibung nach Geraldi ſeyn mußte, an der Thuͤr des oͤffentlichen Gartens vein Pferd beſteigen, und im vollen Galopp die Straße hinunter reiten ſehen, auf welche unſere Reiſenden ſich am folgenden Tage zu begeben gedachten. Als aber der Morgen kam und Moritz be⸗ richtete, daß, obgleich ſie gewiß auf der rechten Spur geweſen, da einige ihnen begegnende Reiſende immer den Mann ihrer Beſchreibung vor ihnen auf geſehen, ſie dennoch nicht im Stande gewe⸗ ſen waͤren ihn einzuholen, und alſo ihre Nach⸗ ſtellung haͤtten einſtellen muͤſſen, hielt Walde⸗ mar es fuͤr unklug, dieſelbe Straße einzuſchlagen, welche Geraldi gewaͤhlt hatte. Einige Erkundi⸗ gungen, die er in dieſer Hinſicht einzog, beſtaͤtig⸗ ten ihn noch in ſeiner Meinung. Das Kinder⸗ maͤdchen erzaͤhlte, als ſie in der Kuͤche geweſen, 12² nachdem die gnaͤdige Frau mit der Frau von Stein⸗ heim in den Garten gegangen waͤre, habe ein langer Mann, mit dunklem Haar und feurigen Augen, an der Thuͤre geſtanden, waͤhrend ſie den Wirth gefragt habe, ob die Wege nach Hamburg gut oder ſchlecht waͤren, und hinzugeſetzt, ihre Herrſchaft daͤchte dahin zu gehen Gleichfalls erinnere ſie ſich, daß der Mann, ſo wie ſie dies geſagt habe, an ihr vorbei, zur Gartenthuͤr hinausgegangen ſeyz da waͤren ihr die hellfunkelnden Augen aufgefallen, und ſie habe ſich beim Wirthe erkundiget, wer der Herr ſey; dieſer haͤtte ihn aber nicht gekannt, da er nicht in ſeinem Gaſthofe abgetreten, ſondern ſich im benachbarten Hauſe aufhalte, wo der oͤf⸗ fentliche Garten ſey, der heute ſo ſchoͤn illuminirt werden ſolle, weßhalb er audh dahaltzandig dort geblieben ſeyn moͤge. Nach dieſer Erzaͤhlung blieb kein Zweifel mehr, daß dieſer Mann Geraldi ſeyn mußte, und daß er nun durch die Geſchwaͤtzigkeit des Maͤdchens die Richtung ihres Weges erfahren habe. Waldemar entſchloß ſich alſo nach einer ganz entgegengeſetz ten Seite zu reiſen, und zwar nach Böhmen, damit Geraldi, der ſie wahr⸗ 123 ſcheinlich in Hamburg vermuthete, wenn er ſie dort nicht faͤnde, glauben koͤnne, ſie waͤren zur See weiter gegangen, und dieſer Richtung folgte.— Adeline, mit allem zufrieden, was ſie nicht mit Geraldi zuſammenfuͤhrte, ſtimmte leicht in den Willen ihres Mannes; ſchwerer ward es ihr die Leiche der geliebten Freundin zu verlaſſen; doch auch hier mußte ſie der Nothwendigkeit Ge⸗ hoͤr geben. Doch wurde ihr noch die Genug⸗ thuung, die Seelenmetten zu hoͤren, welche fuͤr ſie geleſen wurden, und dem Sarge nach der ſtillen Ruheſtaͤtte mit Mann, Kindern und Bedienten zu folgen. Waldemar verſprach einen Grab⸗ ſtein auf den einfachen Huͤgel ſetzen zu laſſen, der dem Wanderer ſagte, welche Leidende hier be⸗ graben laͤge. Adelinens Seele und Koͤrper ſchienen ſich jetzt wieder in dem Gedanken zu er⸗ heben, daß der armen Freundin wohl ſey, und nach einem viertaͤgigen Aufenthalt im Gaſthofe, traten ſie ihre Reiſe nach Boͤhmen an.— Das Wetter war heiter, die Laudſtraßen beſ⸗ ſer als gewoͤhnlich, und unſere Reiſenden erreich⸗ ten den Ort ihrer Beſtimmung fruͤher, als ſie es ſelbſt gehofft hatten. Kein anderer Umſtand . 124 ſchrecis ſte auf der ganzen Reiſe, als daß ſie in jedem ſchnell voruͤbereilenden Reuter Geraldi zu erblicken fuͤrchteten. Waldemar befand ſich nicht zum erſten⸗ male in Boͤhmen; wohlbekannt mit dem Lande, verurſachte es ihm alſo keine Schwierigkeit einen paſſenden Aufenthalt zu waͤhlen, und da er hoͤrte, daß eine Art von feſtem Schloſſe, umgeben mit einem Graben, uͤber welchen eine Zugbruͤcke fuͤhrte, um einen gewiſſen Preis zu haben ſey, ſtand er keinen Augenblick an, dies zu kaufen. Wer Waldemarn in dieſer Gegend fruͤher gekannt, wunderte ſich uͤber die Veraͤnderung, die in ſeinem Aeußern ſtatt gefunden hatte. Immer⸗ waͤhrende Sorge, daß das geliebte Weib ſeines Herzens doch noch die Beute des rachgierigen Feindes werden wuͤrde, hatten ſein einſt ſo maͤnn⸗ lich ſchoͤnes Geſicht ſehr veraͤndert, und fruͤhzeitige Jurchen des Alters auf die heitere Stirne gegra⸗ ben. Auch Adeline, ſo huͤbſch man ſie noch immer ſinden mußte, hatte etwas ſo Sorgenvolles, Melancholiſches im oft unſtaͤt umherirrenden Blick, daß, wer ihre Geſchichte nicht naͤher kannte, dies durchaus nicht mit dem Verhaͤltniß einer anſcheei⸗ nend ſo gluͤcklichen Ehe zuſammenreimen konnte. Nur die Kinder bluͤheten in jugendlicher Kraft, voll Geſundheit und heiterer Lebensluſt; doch auch ihnen ward Freude und Freiheit oft durch die Aengſtlichkeit der Mutter getruͤbt, da man ihnen niemals geſtattete, außerhalb des Be⸗ zirkes ihres Schloſſes zu gehen, wenn nicht Mo⸗ ritz ſie nebſt einem großen Hunde, der an Car⸗ lo's Stelle angenommen war, begleitete; ſelbſt dann mußten ſie ſich auf beſtimmte Wege beſchraͤn⸗ ken, wo ſich naͤmlich kein dichtes Gebuͤſch, oder ſonſt irgend ein Hinterhalt beſand; denn Adeline, die jetzt Geraldis Haß als eine immer zuneh⸗ mende Leidenſchaft betrachtete, fuͤrchtete, er moͤge den Verſuch machen, ſie in dem empfindlichſten Theile, in Mann oder Kindern, zu verletzen. Noch hatte Waldemar gezsgert, die Nach⸗ barn mit der Urſache ſeines Aufenthalts in Boͤh⸗ men bekannt zu machen; endlich aber erzaͤhlte er ſeine traurige und hoͤchſt ſonderbare Geſchichte. Im Grunde gefällt ſich doch ein jeder darin, als Gegenſtand allgemeiner Theilnahme betrachtet zu werden, und obgleich wir uns grade nicht gern moͤgen 126 bemitleiden laſſen, ſo gewaͤhrt es uns eine eigne Art von Genugthuung, unſere erlebten Leiden und Ge⸗ fahren andern theilnehmenden Weſen zu vertrauen; und wer gewoͤnne wohl nicht den Hoͤrer deßhalb lieber, weil er uns ein aufmerkſames Ohr geliehen, und wir das Mitgefuͤhl im Auge, dem Spiegel ſeiner Seele, nicht haben verkennen koͤnnen?— Doch Waldemar ward zu dieſer Entde⸗ ckung nicht einzig durch dieſen Beweggrund geleitet; er glaubte noch uͤberdies, daß je allgemeiner die ungerechte, grauſame Verfolgung ſeiner armen Frau bekannt wuͤrde, um ſo leichter wuͤrde es ſeyn, den Urheber aufzufinden, ja, er hoffte, ganz Boͤhmen ſolle gemeinſchaftliche Sache mit ihm machen, ſobald dieſer Feind ſich nur auf den Grenzen blicken laſſe. Auch erregte ſeine Erzaͤhlung wirklich Theilnahme und Mitleiden; die ausgezeichnetſten Bewohner der benachbarten Staͤdte und Guͤter boten ihm jeden nur moͤgli⸗ chen Beiſtand an, und Leute von Gewicht ver⸗ ſprachen ihm, ein wachſames Auge auf alle Fremde zu haben. So gut dies von einer Seite ſchien, ſo brachte es dennoch viele nachtheilige Folgen mit ſich. Die 127 Bekanntſchaft mit ſeiner peinvollen Lage verur⸗ ſachte ihm manche theils wahre, theils falſche Kunde von Geraldi, die nicht immer aus den reinſten Beweggruͤnden entſprang, und ihn zu Aus⸗ gaben aller Art verleitete, die ſo bedeutend wur⸗ den, daß ſie droheten ſein Vermoͤgen zu uͤberſtei⸗ gen. So ſollte er die aͤußere Ruhe, in welcher er dem Anſcheine nach hier lebte, nicht ungeſtoͤrt genießen, da Sorgen anderer Art jetzt anfingen ihn als Familienvater tief zu bekuͤmmern. Der Monat Junius war herangekommen.— In uͤppiger Fuͤlle lagen die reichen, geſegneten Fluren des reichen Landes vor ihnen; der Hauch der rei⸗ nen, warmen Luft, ſchien Seele und Koͤrper der beiden Eheleute zu ſtaͤrken, und ſie mit neuer Kraft zu beleben. Waldemar ſcheute es nicht laͤnger, ſeiner Adeline die Sorgen, welche jetzt ſeine Bruſt druͤckten, mitzutheilen, und beide ſtreb⸗ ten nun vereint, einige nothwendige Einſchraͤn⸗ kungen zu machen. Ein Theil des uͤberfluͤßigen Geſindes wurde verabſchiedet, ja, Adeline fuͤhlte ſich ſtark genug, ihre Toͤchter ſelbſt unterrichten zu koͤnnen, und unternahm mit Freudigkeit dies ſo fuͤße Geſchaͤft, waͤhrend Waldemar ſich der Er⸗ 128 ziehung der Soͤhne widmete. Auf dieſe Weiſe konnte man auch des Hofmeiſters und der weib⸗ lichen Erzieherin entbehren, die ſeit ihrer Anſiede⸗ lung in Boͤhmen angenommen waren, und freu⸗ dig unterzogen ſich die Eltern dieſem ſo belohnen⸗ den Geſchaͤft, welches ihnen einen neuen Reiz des Lebens zu gewaͤhren ſchien.. Mitten in dieſer gluͤcklichen, heilbringenden Thaͤtigkeit kam ein Brief an Waldemar, der aus einer Stadt, die ungefähr vierzig Meilen von ſeinem Wohnorte lag, geſchrieben war, und ihm meldete, daß in einem elenden Gaſthofe daſelbſt, ein Mann auf dem Todbette laͤge, der aller Wahrſcheinlichkeit nach der beſchriebene Geral⸗ di ſey. Man rieth ihm ſelbſt zu kommen, oder jemand zu ſchicken, der den Beſagten kenne, um zu entſcheiden, ob der Kranke wirklich die Perſon ſey, der man ſo lange nachgeforſcht habe. Der Brief war von einer Magiſtrats⸗Perſon des Staͤdtchens unterſchrieben. Unmoͤglich durfte Waldemar dieſe Nach⸗ weiſung unbenutzt voruͤbergehen laſſen, da es fuͤr ihn von der groͤßten Wichtigkeit war, von der Wahrheit uͤberzeugt zu werden.— Wen aber konnte er ſenden?— Außer Moritz kannte niemand im Hauſe den Geraldi ſo genau, daß der Ausſpruch haͤtte entſcheidend ſeyn koͤnnen; jener war alt, und jetzt gerade kraͤnkelnd, und man durfte ihm, der Billigkeit gemaͤß, eine ſo weite Reiſe nicht zumuthen. Waldemar mußte ſich alſo entſchließen ſelbſt zu gehen, ſo ſehr Adeline auch ſtrebte ihn von dieſer Entfernung zuruͤckzu⸗ halten. Er gab Moritz ſtrenge Verhaltungs⸗Maß⸗ regeln waͤhrend ſeiner Abweſenheit, befahl ihm die Zugbruͤcke Tag und Nacht aufgezogen zu hal⸗ ten, und ſelbſt immer in dem Vorſaale zu ſchlafen, der in die Zimmer ſeiner Gebietherin fuͤhrte; dann warf er ſich mit einem Gefuͤhl anſcheinen⸗ der Sicherheit in den Wagen, und eilte dem Orte ſeiner Beſtimmung zu. Kaum aber war er zwanzig Meilen von ſei⸗ nem Wohnorte entfernt, als ſich eine unbeſchreib⸗ liche Angſt ſeiner bemaͤchtigte; er ſah die von ihm unbewachte Gattin tauſend Gefahren ausge⸗ ſetzt, denn ein Mann, der mit tief in die Augen gedruͤcktem Hut pfeilſchnell an ſeinem Wagen vor⸗ bey geritten war, brachte das Bild des Verfol⸗ gers wieder vor ſeine Seele, obgleich er ihn O. II. 9 130 durchaus nicht beſtimmt erkannt hatte. Er kaͤmpfte lange mit ſich, endlich hielt er es fuͤr ein Spiel aufgereizter Phantaſie, beſchloß es zu uͤberwin⸗ den, und ſetzte ſeine Reiſe in groͤßter Haſt fort. Erſt am folgenden Nachmittage erreichte er den Ort ſeiner Beſtimmung; wie groß war aber ſeine Taͤuſchung, ſein Schrecken, als er erfuhr daß weder die Perſon, von der das Schreiben unterzeichnet war, noch der angegebene Gaſthof ſich in der Stadt befanden. Die fuͤrchterliche Wahrheit enthuͤllte ſich jetzt auf einmal ſeinem Blicke, und er war voͤllig uͤberzeugt, Geraldi habe ihn hinweggelockt, um waͤhrend ſeiner Ab⸗ weſenheit eine Gelegenheit zu ſuchen, ſeine Mord⸗ luſt an Adelinen zu befriedigen. Auf der Stelle ließ er ſeinen Reiſewagen mit vier friſchen Pfer⸗ den beſpannen, und eilte mit aͤngſtlich klopfendem Herzen zu ſeiner Heimath zuruͤck. Des geliebten, ſchuͤtzenden Gatten Abweſen⸗ heit waͤre allein wohl hinlaͤnglich geweſen, die ar⸗ me Adeline in einen recht ſchweren Stand der Pruͤfung zu verſetzen; kaum aber war Walde⸗ mar fort, ſo ſtand ihr eine noch weit haͤrtere bevor. Ihr juͤngſtes Soͤhnlein, ein Kind von 131 ungefaͤhr ſechs Jahren, erkrankte ploͤtzlich. Aengſt⸗ lich hatte die ſorgſame Mutter ihren Platz an ſeiner Lagerſtaͤtte eingenommen; es ſchlug Mit⸗ ternacht, die Anfaͤlle des Fiebers ſchienen ſich zu verdoppeln, und ſie beſchloß, wenn es in ein paar Stunden nicht merklich beſſer werde, in die naͤch⸗ iſte Stadt nach aͤrztlicher Huͤlfe zu ſenden. Ge⸗ gen Ein Uhr des Morgens klagte das Kind ſehr uͤber Muͤdigkeit, meinte aber, es koͤnne nicht eher ſchlafen, bis die Mutter mehr Luft ins Zimmer gelaſſen habe. Da es eine warme Nacht war, ent⸗ ſchloß Adeline ſich, eins von den großen Fen⸗ ſtern, die in den Garten fuͤhrten, ganz in die Hoͤhe zu ziehen. Nun legte der Kleine ſich auf die Seite, und ſchlummerte ſanft ein. Noch eine Weile hefteten ſich ihre Blicke feſt auf den kleinen Liebling, dem ſie jeden Atheinzug abzulauſchen ſchien. Als ſie ihn nun ſo ruhig da⸗ liegen ſah, fuͤhlte auch ſie ſich von der Anſtren⸗ gung und der Hitze des Tages uͤberwaͤltigt, warf ſich auf ein neben ihm ſtehendes Ruhebette, und vergaß gleichfalls Sorge und Gefahr im ſuͤßen Schlummer, woraus ſie aber nur zu bald auf eine ſehr unſanſte Weiſe erweekt werden ſollte. Ein * 9— 132 im Zimmer vernommenes Geraͤuſch riß ſie auf einmal empor, und vor ihr ſtand Geraldi, mit den fuͤrchterlich fammenden Augen, die ſie mit blitzendem Strahl zu betrachten ſchienen, waͤhrend ſeine rechte Hand im Buſen nach dem Dolche 3u ſuchen ſchien.*⸗ aune „Wachſt du endlich!“ rief er im dumpfen Tone, als ob er fuͤrchtete von irgend jemand an⸗ ders gehoͤrt zu werden;„aber gieb keinen Laut von dir, oder ich toͤdte dein Kind. mfen A de line, uͤberzeugt er ſey im Sunde aug dies ſchreckliche Vorhaben auszufuͤhren, hob in ſchweigender Ergebung die gefalteten Haͤnde gen Himmel, und warf einen Blick auf den Moͤrder, der wohl haͤtte das haͤrteſte Herz erweichen koͤn⸗ nen. Aber ſchon war der Mordſtahl auf ſie ge⸗ zuckt, als der kleine Ernſt erwachte; einen frem⸗ den Mann im Zimmer ſehend, kam ihm gleich der Gedanke an Geraldi, den er ſo oft hatte nennen hoͤren, und mit fuͤrchterlichem Geſchrei rief er:„abſcheulicher Geraldi, bitte, bitte, toͤdte meine liebe Mutter nicht!— Faſt raſend vor Wuch flog Geraldi bei dem Ausruf des Kindes zu ihm hinuͤber, und . ergriff den armen Kleinen mit der linken Hand bei den Haaxen, indem er die Rechte ſchon erhob, um ihn mit dem Dolche zu durchbohren. An dieſe Rechte aber hing ſich Adeline mit aller Kraft, und verhinderte wenigſtens auf einen Augenblick die Ausfuͤhrung der ſchaͤndlichen That. Doch ſelbſt dieſer kleine Aufſchub ſollte ihr Huͤlfe herbei⸗ fuͤhren; denn als ihre Kraͤfte ſie ſchon verlaſſen wollten, und ſie erſchoͤpft zu Boden ſank, trat Moritz, der das Geſchrei des Kindes gehoͤrt hatte, und glaubte daß es vielleicht in heftigen Fieber⸗ phantaſien ſey, leiſe zur Thuͤr hinein.— Alter und Schwaͤche bei dem ſchrecklichen Anblicke vergeſſend, ſchlich er ſich hinter Geraldi; mit dem noch immer nervigten Arm bemaͤchtigte er ſich des Dolches, ſchleuderte ihn weit fort, faßte dann den Moͤrder im Kragen, und warf ihn, nicht wie er hoffte aufs Bette, ſondern nur mit aller Gewalt gegen die Fenſter⸗Wand. Ge⸗ raldi, der ſich entwaffnet und in den Haͤnden eines kraͤftigen Gegners ſah, ſprang mit der ihm eigenen Behendigkeit zu dem noch geoͤffneten Fen⸗ ſter wieder hinaus, beſtieg ſein unten graſendes Pferd, ſchwamm auf dieſelbe Weiſe, wie er gekom⸗ 134 men war, wieder mit ihm durch den Schloßgra⸗ ben, und war aus dem Geſichtskreife verſchwun⸗ den, ehe es nur jemand moͤglich war ihm nach⸗ zuſetzen.— Voͤllig gleichguͤltig uͤber ihre eigne Rettung, und alle Dinge um ſich her vergeſſend, war Adeline nur mit der Gefahr ihres Kin⸗ des beſchaͤftigt, welches in heftigen Zuckungen auf ihrem Schooße lag. Moritz, der erſt ſorgſam das Fenſter verſchloſſen hatte, aus Beſorgniß, Ge⸗ raldi moͤge noch einmal, aufs Neue bewaffnet, auf demſelben Wege zuruͤckkommen, eilte jetzt der bedraͤngten Mutter beizuſtehen.— Nach einer Weile oͤffnete das Kind die Augen, blickte wild um ſich herum, fragte mit kaum vernehmlicher Stimme; wo der abſcheuliche Mann ſey? und als er keine maͤnnliche Geſtalt außer Moritz be⸗ merkte, faltete er die kleinen Haͤnde und rief: „Gottlob! nun ſind Mutter und Ernſt in Si⸗ cherheit!“— Dann legte er das Haupt matt an der Mutter Bruſt, und ſchlummerte ſanft ein.— Treu hielt Moritz zu den Fuͤßen des Bettes Wache, und als der Tag anbrach, hatte er die 135 Freude Mutter und Kind durch einen ſuͤßen Schlaf Ruhe und Erquickung genießen zu ſehen. Waͤhrend dieſe Schreckensſcene auf dem Schloſſe vorging, war Waldemar ununterbro⸗ chen die ganze Nacht durchgereiſt, und nahete ſich nun mit aͤngſtlich klopfendem Herzen der Hei⸗ math. Um ein Großes wurde ſeine Beſorgniß noch vermehrt, als er am Eingangsthor klingelte, und kein Bedienter ihm entgegen kam.— Das ganze Schloß ſchien oͤde und ausgeſtorben, und ſeine aͤngſtliche Furcht ward immer mehr zur Ge⸗ wißheit. „Die grauſenvolle That iſt geſchehen!“ rief er vor ſich hin murmelnd, in dumpfer Betaͤubung. In dieſem Augenblicke ſtieg einer der Po⸗ ſtillione vom Pferde, und oͤffnete die Thuͤr des Wagens.— Waldemar, der ſich ſtark glaubte, indem ihn eigentlich nur Verzweiflung trieb, ſtuͤrzte ins Haus, und ihm entgegen flog Adeline mit den drei aͤlteſten Kindern.— Der Ueber⸗ gang vom tiefſten Schmerz zur hoͤchſten Freude war zu ſchnell, ſein Kopf ſchwindelte, und erſt dann kam er wieder zum vollen Bewußtſeyn, als er in Adelinens Armen auf einem Sopha erwachte, 136 4 und ſeine drei Kinder weinend vor ſich ſtehen ſah.— „Lebt ihr denn wirklich noch? Iſt mir mein groͤßter Reichthum geblieben?“— rief er, in⸗ dem er einige Thraͤnen, deren er ſich jetzt faſt ſchaͤmte, von der Wange trocknete.—„Aber geſtehe es ſelbſt, Liebe,“ fuhr er zu Adelinen gewendet fort,„daß mir, der ich Urſache hatte zu fuͤrchten Geraldi ſey hier geweſen, die traurigſten Ge⸗ danken aufſteigen mußten, ats ich— „Wer hat dir denn das vom Geraldi ſchon erzaͤhlt, lieber Vater?“ fragten die Kinder.— „Ach ja, unſer armer kleiner Ernſt.“—— „Was fehlt Ernſt? Wo iſt er?“ rief Wal⸗ demar aufs Neue erſchreckt. — Eine voͤllige Auseinanderſetzung des ganzen Vorganges folgte nun, und Waldemar erfuhr jetzt gleichfalls, warum ihm niemand entgegen ge⸗ kommen ſey.— Adeline war, ſobald ſie ſich im Stande befand die Vorgaͤnge der vergangenen Nacht klar zu uͤberdenken, voͤllig uͤberzeugt, daß der Brief an Waldemar erdichtet, und nur zu dem Endzwecke geſchrieben ſey, um ihn vom Hauſe 137 zu locken. Sich deutlich die Angſt vorſtellend, mit der er heim reiſen wuͤrde, fertigte ſie auf der Stelle den einzigen, ihr noch uͤbrig gebliebe⸗ nen Stallknecht an ihn ab, um ihn von Geral⸗ di's Beſuche und ihrer aller Sicherheit Kunde zu geben; die Reiſenden aber waren auf einem kuͤrzeren Wege nach Hauſe gekehrt, und ſo mußte jener ſie verfehlen. Moritz war gerade zu Bette geſchickt worden, um durch den Schlaf wieder Erholung fuͤr die verlornen Kraͤfte zu finden, Adeline hatte den kleinen Ernſt gebadet, wo⸗ bei das Kindermaͤdchen ihr huͤlfreiche Hand leiſtete, und ſo befand ſich niemand zur Stelle, um Wal⸗ demars Ankunft gleich zu bemerken. Doch jetzt war das ganze ungluͤckſelige Zuſammen⸗ treffen in der heitern Wiedervereinigung vergeſ⸗ ſen, und Adeline, beinahe gethiß, ihr Leben ſey durch irgend einen geheimen Zauber feſt, laͤchelte uͤber Waldemars Verſicht, als er den Vorſchlag that, die Fenſter von außen mit eiſernen Gittern ver ſehen zu laſſen. vetes Sheteen Nachdem einige Wochen wieder ruhig ver⸗ floffen waren, und groͤßere Sicherheit in die Ge⸗ muther zuruckkehrte, ſollte eine Nachricht ſie aufs 3 138 Neue erfreuen, und die Herzen mit ſtillem Dank zur Vorſehung erheben.— In den Zeitungen befand ſich ein Artikel, der ankuͤndigte, daß der ſo lange von den Gerichten fruchtlos verfolgte Geraldi Duval endlich, nebſt noch einigen ſeiner Spießgeſellen, die zu einer großen Bande Naͤuber gehoͤrten, gefaͤnglich eingezogen ſey, und ſich in dem Gefaͤngniſſe von Altenburg befinde, wo er wahrſcheinlich binnen einigen Monaten, we⸗ gen begangenen Raubes und Mordes, hiuünait werden wuͤrde. Beim erſten Leſen dieſer Nachricht waren alle von Freude erfuͤllt; nach ruhiger Ueberlegung aber hielt Waldemar es nothwendig, ſich von der Wahrheit der Sache naͤher zu uͤberzeugen. In dieſer Hinſicht wurde beſchloſſen, Moritz, der jetzt wieder voͤllig geſund war, nach Altenburg zu ſchicken. Es geſchah, und er kehrte mit der feoͤhlichen Beſtaͤtigung heim, Geraldi mit eig⸗ nen Augen im Gefaͤngniſſe gefeſſelt geſehen, und manche Fluͤche und Verwuͤnſchungen von ihm auf ſeinen Nacken geladen bekommen zu haben. Ein ſchwerer Stein ſiel bei dieſer Botſchaft von dem Herzen der noch immer heimlich geaͤng⸗ 139 ſtigten Ad eline; doch fuͤrchtete ſie dennoch, die zu ihm gehoͤrige Bande koͤnne vielleicht Vorkeh⸗ rungen treffen, ihren Anfuͤhrer wieder in Frei⸗ heit zu ſetzen, und ſo fuͤhlte ſie ſich nicht eher vollkommen ruhig, bis Moritz nach einiger Zeit noch einmal nach Altenburg gegangen, wo er den Geraldi in noch ſtrengerem Ver⸗ wahrſam gefunden, weil dieſer wirklich, mit Huͤlfe ſeiner Spießgeſellen, eine Flucht vorbereitet gehabt hatte.— Jetzt aber iſt er ſo gut verwahrt, ſetzte Moritz hinzu, daß es ihm unmoͤglich ſeyn wird zu entkommen.— Der Tag nahete, an welchem Waldemar und Adeline zum vierzehnten Male die Feier ihres gluͤcklichen ehelichen Bundes begehen wollten, und in der Freude ihres Herzens beſchloſſen ſie, ihn diesmal mit einem laͤndlichen Feſte zu feiern.— „Gottlob!“ rief Waldemar,„wir duͤrfen uns jetzt nicht mehr ſo eng eingekerkert halten!— Thuͤr und Thor ſoll den Armen ſowohl als den Rei⸗ chen aus der Nachbarſchaft geoͤffnet ſeyn, wie un⸗ ſere Herzen es lange fuͤr ſie geweſen ſind!“— Alle Vorbereitungen zum Feſte wurden auf der Stelle getroffen; die Kinder bekamen Erlaubniß, 140 unter gehoͤriger Aufſicht, in die benachbarten Huͤt⸗ ten zu gehen, um dort Brod, Geld oder Waͤ⸗ ſche unter die Armen zu vertheilen. Am Tage vor dem Feſte hatten die Kinder in Begleitung ihrer treuen Waͤrterin, ein zerlump⸗ tes Maͤdchen am Thore geſehen, die fuͤr ihre Großmutter bettelte, welche in einer der Huͤtten, die ſie ihnen mit der Hand bezeichnete, gefaͤhrlich krank laͤge. Die Kleinen gaben ihr einige Muͤnze, welche ſie gerade bei ſich hatten, und die Waͤr⸗ terin erbot ſich ſelbſt mitzugehen, um die Groß⸗ mutter zu beſuchen, und ihr, wenn ſie wirklich ſo krank ſey, Unterſtuͤtzung von ihrer guͤtigen Herr⸗ ſchaft zu verſchaffen. Schnell lief das Maͤdchen voran, um den Beſuch anzukuͤndigen, der ihr auf dem Fuße folgte. Beim Eintritt in die Huͤtte ſah man eine alte, ganz vermummte Frau, mit dem Ruͤcken gegen die Thuͤr gewandt, vor dem Heerde ſitzen, auf dem ſie ſich bemuͤhete noch ei⸗ nige Stuͤcke Holz aufzuſchuͤren. „Habt ihr das Fieber,“ fragte die Waͤrterin, „daß ih an einem ſo heißen ce e am d elh 85 t et? 74 5 12p 5 1427 Auf den Laut einer Stimme, wandte die Alte den Kopf, drehete ihn aber ſchnell wieder um, und nahm ihre vorige Stellung ein. Auf des Maͤdchens Bemerkung: Großmutter ſey ſo taub, daß ſie nichts hoͤren koͤnne, als was dicht vor ihrem Ohr geſagt wuͤrde, nahete die Waͤrterin ſich nun und wiederholte die Frage. Die Alte, indem ſie ſich winſelnd voruͤberbeugte, als werde ſie von großen Schmerzen gequaͤlt, antwor⸗ tete:„Fieber habe ich wohl nicht, allein ich ſtehe in⸗ nerlich entſetzlich aus.“— Waͤrterin und Kinder ent⸗ fernten ſich mit großem Bedauern, und ſchilderten bei ihrer Ruͤckkunft den Zuſtand ſo traurig, daß Adeline der Alten auf der Stelle Wein und Arzenei ſchickte, mit dem Verſprechen, ſie naͤchſtens ſelbſt zu beſuchen. Rein und klar ging die Sonne a am Morgen des Tages auf, der Adelinen vor vierzehn Jah⸗ ren zur gluͤcklichen Frau gemacht hatte; dankend hob ſich das Auge der Ehegatten zu dem empor, der ihre Seelen fuͤr einander geſchaffen und nun auch den letzten Feind beſiegt hatte, der ihre Ruhe hienieden ſtoͤrte. Der Schloßgarten war feſtlich geſchmuͤckt mit ſchoͤnen Blumengewinden; auf den 142 feeien Plaͤtzen hatte man weiß ſchimmernde Zelte aufgeſchlagen, unter welchen Erfriſchungen fuͤr die Gaͤſte bereit ſtanden, und ſchon am fruͤhen Morgen ſtroͤmten die froͤhlichen Landleute im Sonntagsſchmucke herbei, angefuͤhrt von einem Chor Muſikanten, um dem Herrn und der Frau des Schloſſes ihren Gluͤckwunſch zu bringen. een „Dies alles mahnt uns an vorige, glüͤckliche Tage, theure Adeline,“ ſagte Waldemar ge⸗ ruͤhrt,„Tage, wo noch kein Geraldi unſern Frieden ſtoͤrte!“—— „Moͤgen dieſe gluͤcklichen Tage jebt dauernd wiederkehren,“ erwiederte Adeline mit einer Thraͤne im Auge, indem ſie eilte, einige eben von Prag ankommende Freunde zu begruͤßen.— Alle Gaͤſte kamen nun ſo ſchnell auf einander, daß die freundliche Hausfrau nur fuͤr ſie und mit ihnen beſchaͤftiget ſeyn konnte. Mit laͤchelnd beſeligendem Blick ſchwebte ſie, wie ein guter Genius, Freude gebend, Freude nehmend, leicht im bunten Kreiſe einher. 2 Die Muſik begann im froͤhlichen Takt eines Walzers zu ſpielen; auf einem ſchoͤn dazu 143 geebneten Raſen, welcher von hohen ſchattigen Baͤumen umgeben war, zwiſchen denen ſich duf⸗ tende Blumengewinde herumzogen, verſammelte ſich alles durcheinander, und Adeline fuͤhrte den Reigen mit ihrem geliebten Waldemar an, der ſtolz darauf, die ſchoͤne Laſt im Arme zu halten, ſie in leichten Schwingungen unter der bunten Menge mit ſich fort bewegte.— Dann wieder ruhend, auf weichen Baͤnken von Moos, die um den Tanzplatz herum gemacht waren, ergoͤtzten ſie ſich an der Freude der Andern. Adelinens Wange gluͤhete, ihr Auge ſah dankend vom ge⸗ liebten Gatten zum Himmel empor, und Wal⸗ demar verſprach ihr, den verſammelten Landleu⸗ ten, von denen er wußte daß ſie es bedurften, morgen die Verſaͤumniß ihres heutigen Tagelohns reichlich zu erſetzen, und ſo dieſen Tag zu einem wahren Freudentag fuͤr ſie zu machen:— da fiel Adelinens Auge auf das arme, zerlumpte Maͤdchen, welches wieder am Thore ſtand, und gaffend die froͤhliche Verſammlung betrachtete. Sie erinnerte ſich an ihr geſtriges Verſprechen, die kranke Großmutter zu beſuchen; nachdem alſo der Tanz beendet war„ und alles wieder durcheinan⸗ 144 der lief, ſtahl ſie ſich unbemerkt fort, um auch in dieſe Huͤtte Freude und Erquickung zu bringen. Von niemand als der Kinderwaͤrterin beglei⸗ tet, die ihr den Weg zeigen mußte, trat ſie ihre Wanderung an; auf einmal aber fiel es ihr ein, daß ſie eine Arzenei vergeſſen habe, die ſie gegen die Schmerzen der Alten erſprießlich glaubte; ſo ſchickte ſie das Maͤdchen an der Thuͤr der Huͤtte wieder zuruͤck, um jene zu holen, und trat allein in die enge Wohnung ein. Mit einem von Dank gegen den Schoͤpfer erfuͤllten Gemuͤth, und mit from⸗ men Regungen in der Seele, wollte ſie eben, gleich einem guten Engel, naͤher an das Bette der Kran⸗ ken treten, als die von ihr nur leiſe angelehnte Thuͤr wieder geoͤffnet wurde, und ihre Kinder, von dem Lehrer begleitet, die Koͤpfe hinein ſteckten, mit der Bitte, hier, an der Schwelle ſtehen blei⸗ ben zu duͤrfen, um auf die gute Muftter zu war⸗ ten. Freundlich nickte ſie ihnen Bejahung zu, und nahete ſich nun der Alten, deren Kopf unter einer großen Kappe tief in den Kiſ⸗ ſen verſteckt lag. Auf einmal aber erhob ſich die ſer Kopf, und wandte ſich mit unverkennbarem Verdruß im Blick nach der Ecke hin, wo die 145 Kinder mit dem Lehrer ſtanden; Adeline glaubte die feurigen Augen wieder zu ſehen, welche ſich ihrem Innern ſo tief eingepraͤgt hatten, und wie ein leuchtender Blitzſtrahl ſuhr der Gedanke: es iſt Geraldil— durch ihre Seele. Zum Ue⸗ berlegen war keine Zeit; ſchnell ſprang ſie von der Bank auf, wohin ſie ſich ſchon geſetzt hatte, um ins Ohr der tauben Kranken zu reden, nahete ſich dem Lehrer, ihm laut ſagend: ſie wuͤnſche ein Paar Worte mit ihm allein zu ſprechen, zog ihn in die Thuͤr, rief dann die Kinder, und eilte mit ihnen von dan⸗ nen, ohne eine naͤhere Aufklaͤrung uͤber ihre Lippen bringen zu koͤnnen. Schon an dem Eingange des Schloſſes begegnete ihr Waldemar, der ſie vermißt hatte; ſprachlos warf ſie ſich in ſeine Arme; aber ihre blaſſe Wange, ihre ganz veraͤn⸗ derte Geſtalt druͤckten dem Gatten die Angſt aus, welche ſich ihres Herzens hemaͤchtigt hatte. End⸗ lich fand ſie ihre Beſinnung in ſo fern wieder, daß ſie ihm mit bebender Stimme ſagen konnte: ſie habe an der vermeinten Alten, welcher ſie haͤtte beiſtehen wollen, die fuͤrchterlich blitzenden Augen ihres Feindes entdeckt!— H. II. 1 10 146 Waldemar wand ſich aus den ihn um⸗ ſchlingenden Armen, rannte nach der Huͤtte;— aber keine kranke Großmutter war mehr zu fin⸗ den. Geraldi, fuͤrchtend Adeline moͤge ihn erkannt haben, hatte ſchnell die Verkleidung abge⸗ worfen, war aus dem Bette zum Fenſter hinaus⸗ geſprungen, und ſein ſchnelles, ſtets bereit ſtehen⸗ des Pferd beſteigend, hatte er die Flucht ergrif⸗ fen. Da durch den Lehrer Adelinens Gefahr in der Geſellſchaft bekannt geworden war, ſah Wal⸗ demar ſich von einer Menge der Gaͤſte um⸗ ringt, die ſich erboten dem Boͤſewicht auf der Stelle nachzuſetzen.—„Wohin ſollen wir gehen, wo ſollen wir ihn verfolgen?“ erwiederte er.— „Nein, Freunde, ich danke euch; aber ich bin entſchloſſen keinen Schritt weiter zu thun, ehe ich nicht mit dem Magiſtrat daruͤber verhandelt habe. Nur des zerlumpten Maͤdchens will ich mich be⸗ maͤchtigen, und ſie ſoll ſagen, ob ſie etwas Naͤhe⸗ res uͤber den Stoͤrer meines haͤuslichen Friedens weiß. Erfreut euch nun mit mir dieſes vierten gluͤcklichen Entkommens meiner Adeline!— 147 Oder vielmehr, laßt uns erſt Alle vereint Gott fuͤr ihre Rettung aus der Gefahr danken!“— Bei dieſen Worten fuͤhrte er ſie den Weg nach der Schloß⸗Capelle, wo ſie den Prieſter be⸗ reits ihrer wartend antrafen. Hier, vor dem Al⸗ tare des Hoͤchſten, beugten alle demuͤthig ihre Knie, und dankten ihm fuͤr die Rettung der theuren Gattin, Mutter, Freundin und Gebietherin.— „Ich glaube,“ ſagte Adeline, indem ſie ſich von den Stufen des Altares wieder erhob,„ich glaube daß dies der ruͤhrendſte, ſeligſte Aaseugtis meines Lebens geweſen iſt!“ Doch nur wenige harmloſe Augenblicke ſſ ten dieſem folgen. Zwar wurde der Garten er⸗ leuchtet, und die Feſtlichkeiten fortgeſetzt; aber theils auf ihres Mannes Bitte, theils aus eignem Antriebe, blieb Adeline ſtets von einigen Freun⸗ den umgeben, gleich einer Gefangenen, im Innern des Hauſes; denn mußte man den Verderber nicht aufs Neue fuͤrchten? Das kleine Maͤdchen, wel⸗ ches man gleich ins Verhoͤr nahm, gab auch kei⸗ nen naͤheren Aufſchluß. Schien ſie auch um Ge⸗ raldi's Verkleidung gewußt zu haben, ſo hatte ſie doch wohl keine Ahnung ſeiner eigentlichen 10* 1 ¶(¶.VQ„OQJQ„Oↄ9ↄ7Zl.rgbc m 148 Abſicht gehabt, und ihm nur aus Luſt zum Ge⸗ winn gedient. Auf der Landſtraße, an der Grenze von Boͤhmen, wo ſie bettelte, war er ihr in der Tracht eines alten Weibes begegnet, hatte ſie die aus der Ge⸗ gend war, mit ſich genommen, die kleine Huͤtte gemiethet, und ihr nun befohlen, die Fabel von der kranken Großmutter auf dem Schloſſe zu ver⸗ breiten. Sie beſchrieb den Schrecken, welchen es ihr eingefloͤßt habe, die vermeinte alte Frau, nach Adelinens Verſchwinden aus der Huͤtte, ploͤtzlich ſich erheben, die Weiberkleidung abwerfen, als Mann daſtehen, einen Dolch in den Guͤrtel ſtecken, und zum Fenſter hinaus ſpringen zu ſehen, ſo natuͤrlich und kunſtlos, daß Waldemar ſie wenigſtens nicht als eine Mitverſchworue betrach⸗ ten konnte, ſondern ſie wieder laufen ließ. . Feuerwerke ſollten nun den feſtlichen Tag be⸗ ſchließen; doch herrſchte nicht mehr die reine, lautre Freude, welche am Morgen die Bruſt der ganzen froͤhlichen Geſellſchaft belebt hatte, und im Grunde war jeder froh, als die Mitternacht herankam, und man das Schloß verlaſſen konnte. Auch die aufgehende Sonne des andern Ta⸗ ges ſollte Waldemarn und Adelinen zu neuen 149 Sorgen und neuer Furcht erwecken; dazu geſellte ſich die Ueberzeugung, daß ſie jetzt wieder unver⸗ meidlich zu Ausgaben verleitet wurden, die ihre Kraͤfte uͤberſtiegen. Adeline zwar wuͤnſchte, Waldemar moͤge keinen Schritt weiter thun, um den Feind zu entdecken, ſondern dieſe Sorge einzig den Gerichten anheimſtellen; doch er fuͤhlte keine Ruhe, bis er jedes Mittel ergriffen hatte, wel⸗ ches die Sicherheit der geliebten Frau endlich gruͤn⸗ den koͤnne, und dieſem Zwecke mußte, ſeiner Ue⸗ berzeugung nach, jede andere Ruͤckſicht weichen. Vertieft in duͤſtern Ueberlegungen, ging er am fruͤhen Morgen in den weitlaͤuftigen Gärten und Waldungen umher, die, nun wieder einſam und ſtill, kuͤrzlich noch vom Jubel der froͤhlichen Menge wiederhallten; ſein Auge wandte ſich auf die verwelkten B Blumengewinde;— auch ſein⸗ Hoffnungen waren gleich ihnen dahingewelkt.— Doch bald ermannte er ſich in dem Gedanken, daß doch das Leben feiner Adeline ihm aufs Neue erhalten ſey; ein dankbares Gefuͤhl bemaͤch⸗ igte ſich wieder feiner Bruſt, und belebte ſie mit feſtem Vertranen auf die Vorſehung, welche die 15⁰ Theure ſchon aus ſo mancher Gefahr gerettet habe.— 1 „Aber auch wir muͤſſen keine Maßregeln zur Sicherheit verſaͤumen!“ ſagte er, und nach wenigen Stunden war es ihm ſchon gelungen Ad elinen davon zu uͤberzeugen, daß es in aller Hinſicht zweckmaͤßiger ſeyn wuͤrde, kuͤnftig in Prag zu wohnen. Ein Haus in der Stadt wurde auf der Stelle gemiethet, und man beſchloß, ſich dort ſo ſparſam als moͤglich einzurichten. Schwer ward es ihnen indeß, ſich von dem ſo reizenden, laͤndlichen Aufenthalte zu trennen; von einem Tage zum andern zoͤgerte man mit der Abreiſe. Adelinens Bruder war aus Bräſſel zum Beſuche detommen mit ihm Garten und Fluren anſtellen, und allen den befreun⸗ deten Gegenſtäͤnden ein leßßtes Lebe bohl ſagen. Eine leichte Umzaͤunung trennte an der ei⸗ nen Seite den ſchoͤnen Park von der Landſtraße, und waͤhrend der Bruder in einer kleinen Ent⸗ fernung von ihnen ſtand, um Waldemarn auf einen beſonders ſchoͤnen Baum aufmerkſam zu 151 machen, den ſie jetzt alle betrachteten, hoͤrte man einen Schuß. Die Kugel ſtreifte ſo dicht an Ade⸗ linens Hute vorbei, daß ſie kaum einen Schritt weit von ihr nieder fiel. Die Ueberzeugung, der Schuß kaͤme von Ge⸗ raldi, und koͤnne wiederholt werden, bemaͤchtigte ſich in dieſem Augenblick ihrer aller.— Adeli⸗ nens Bruder ſprang uͤber die Hecke, zum Park hinaus, um, wo moͤglich den Raͤuber zu erhaſchen. Waldemar ſtuͤrzte ſich uͤber die vor Schrecken hingeſunkene Adeline, mit den Worten:„Nun ſchieße Barbar, und ende beider Leben!“ Ge⸗ raldi aber, der wirklich zum zweiten Male an⸗ legen wollte, war bei der Annaͤherung mehrerer Reiſenden zu Pferde zur ſchleunigen Flucht genoͤ⸗ thigt worden, und Manſtein ſah nur die Spur eines Reuters ſich am fernen Walde im Dickicht verlieren. 4r F nn Welch eine neue, gegruͤndete Furcht verbreitete die⸗ ſer moͤrderiſche Anſchlag uͤber die arme Familie! So lange Geraldi Adelinens Leben nur mit dem Dolche, bedoht hatte, mußte er ſich ſchon, um ſeinen Vorſatz ausfuͤhren zu koͤnnen, mit ihr allein, und in unmittelbarer Beruͤhrung beſinden; mit 132 der Piſtole aber konnte er auch in der Entfernung, aus jedem Hinterhalte, toͤdtlich auf ſie einwirken. Alle Sicherheit ſchien jetzt vollends verſchwunden, und Adeline zu einer beſtaͤndigen Verborgen⸗ heit verdammt zu ſeyn.— Das Land konnte nun weniger Reiz fuͤr ſie haben, ſie ſehnte ſich ſogar in die Stadt zu kommen, obgleich der Ge⸗ danke peinlich fuͤr ſie war, dieſe nie eher mit Si⸗ cherheit wieder verlaſſen zu koͤnnen, bis es gelun⸗ gen ſeyn wuͤrde, Geraldi aufs Neue zu fangen und einzukerkern. Selbſt die kurze Reiſe dahin konnte nicht ohne Gefahr unternommen werden. Jedoch trat man dieſe am folgenden Mor⸗ gen an.— Moritz und Manſtein ritten be⸗ waffnet neben dem Wagen her, in welchem Wal⸗ demar und Adeline ſaßen;(die Kinder ließ man aus Vorſicht in einem andern Wagen ſah⸗ ren;) und ſo erreichte man Prag, ohne irgend einen widrigen Zufall, ausgenommen daß das Gefuͤhl ſteter Unſicherheit keinen Nsnait der Ruhe und Freude ſtatt finden ließ. 15 1. Das Haus wuͤrde ſo bequem als moͤglich eingerichtet, weil Adeline entſchloſſen warn es, ehe die Lage der Dinge ſich nicht aͤnderte, nie zu 133 verlaſſen. Einige Monate aͤußrer Ruhe folgten, doch nagten Sorge und Gram merklich an hchſe demars innern Kraͤften. 1n. Adeline, ſtrebend eine gewiſſe Heiterkeit zu erzwingen, fuͤhlte tief dieſe gaͤnzliche Beſchraͤn⸗ kung ihrer Freiheit, noch mehr aber quaͤlte ſie der Gedanke, Urſache zu Entſagungen anderer Art zu ſeyn, woran ſie ſelbſt, von Kindheit an, nie gewoͤhnt geweſen war, und die ſie nur zu ſchmerz⸗ haft fuͤr ihren Gatten und ihre Kinder empfand. Blickte ſie dann aber wieder auf dieſe Kinder, die heiter und lebensfroh vor ihr ſtanden, ſo ſtieg dennoch ein warmer, inniger Dank zum Himmel, der ihr dieſen Segen erhalten hatte, und je we⸗ niger man nach außen ſich Zerſtreuungen erlauben konnte, um ſo inniger ſchlang ſich das Band zar⸗ ter Familienliebe um ihre Herzen. Auch hatte ja die Hand des Moͤrders noch keinen dieſer ge⸗ liebten Gegenſtaͤnde bedroht; Adeline durfte nur fuͤr ihr eignes Leben fuͤrchten. In dieſer Hinſicht war Waldemars Lage antigeedals die ihrige; Armuth haͤtte er mir der geliebten Frau ertragen koͤnnen; dieſe beſtaͤn⸗ dige Angſe aberum ihr Leben, und der Gedanke, wenu 154 des Moͤrders Hand ſie dennoch erreichte, ſie und alles fuͤr ſeine Kinder verloren zu haben, brachte ihn oft der Verzweiflung nahe. Er ſparte keine Muͤhe Geraldi endlich ausfindig zu machen; alle Verſuche aber blieben fruchtlos, und ſelbſt die Mittel, dieſe Verſuche mit jedem Tage erneuern zu koͤnnen, ſchwanden immer mehr dahin. Wie aber oft, wenn die Noth am groͤßten, die Huͤlfe auch am naͤchſten iſt, ſo geſchahe es auch hier. Eine entfernte Verwandte Adelinens, von der man nichts erwartet hatte, ſtarb, und hin⸗ terließ ihnen nicht allein ihr ganzes Vermoͤgen, ſondern auch noch ein ſehr betraͤchtliches Landgut, in der Naͤhe von Bruͤſſel, welches ſie auf der Stelle in Beſitz genommen haben wuͤrden, wenn die Furcht vor Geraldi ſie nicht davon abgehal⸗ ten haͤtte. So mußte man ſich denn fuͤrs erſte damit begnuͤgen, dieſe Angelegenheiten durch fremde Haͤnde verwalten zu laſſen. Der Gedanke, ihre Kinder jetzt vor Armuth geſichert zu wiſſen, gab Adelinen Geſundheit und Ruhe wieder; Waldemar aber genoß auch dieſes Gluͤck nicht rein, weil das Leben der gelieb⸗ ten Gattin noch immer in Gefahr ſchwebte. Lange 155 hatte er nichts von dem gehoͤrt, deſſen Hand er noch immer füͤrchtete, als ein oͤffentliches Blatt endlich die Nachricht brachte, daß Geraldi Du⸗ val und einer ſeiner T Verbuͤndeten, die vor den Nachforſchungen der Gerichte nach England ent⸗ flohen waͤren, in einem Anfalle von Trunkenheit zwei Maͤnner in London getoͤdtet haͤtten, und auf der Stelle verhaftet und ihres Verbrechens uͤberfuͤhrt, binnen kurzem hingerichtet werden wuͤrden. —„Iſt die Nachricht aber auch wahr?“— riefen beide Eheleute zu gleicher Zeit, und Wal⸗ demar entſchloß ſich, ſogleich an ſeinen Freund NReynell zu ſchreiben, der ſich jetzt in London befand, um die Beſtaͤtigung davon von ihm zu erhalten. Endlich, nach langem, ſchmerzhaſten W Ware kam folgonde Antwort: „Ich fuͤhle mich gläcktich, theurer Freund, 3h⸗ nen die fuͤr Ihre Ruhe ſo nothwendige Nach⸗ richt beſtäͤtigen zu koͤnnen. So wie ich Ihren Brief empfing, eilte ich von meinem Landſitze nach London, und begab mich gerade ins Gefaͤng⸗ niß⸗ wo 2 ſich die beiagie Uebelthäter bekanden. 136 Geraldi Duval der Name des einen ſey, der wegen eines Mordes verhaftet war. Ich verlangte ihn zu fehen, da ich hoffte ſeine Zuͤge wieder zu erkennen, die mir aus voriger Zeit noch dunkel vorſchwebten; ich wurde zu ihm gelaſſen, und habe keinen Zweifel mehr, diß es wir tich ihr Feind iſt.“ „Heißt ihr Geraldi Duval?“— fragte ich ihn.— 88 „Was kann euch daran liegen dies zu wiſ⸗ ſen?“— Erwiederte er in franzoͤſicher Sprache. „Ich bin ein Freund der Frau von Walde⸗ mar,“ antwortete ich mit bedeutendem Tone. „Dann werdet ihr hinlaͤnglich unterrichtet ſeyn, daß Geraldi Duval ihr geſchworner Feind iſt,“ entgegnete er mit dem Blicke eines Teufels.„Iſt euch das genuͤgende Antwort?“— Ich verließ ihn mit leichterem Herzen. Den naͤchſten Tag wurde er verhoͤrt, und zum Tode verurtheilt.— So widrig es mir iſt, bei Hin⸗ richtungen gegenwaͤr ttig zu ſeyn, bin ich entſchlof⸗ ſen dieſer beizuwöhnen, um Sie voͤllig beruhigen zu konnen.—————— 157 „Eben kehre ich vom Richtplatze zuruͤck; noch ſtraͤubt ſich mein Haar bei der Erinnerung.— Doch ſtill davon, Ihr, meine theuren Freunde, werdet nun ſo gluͤcklich ſeyn, als Ihr es verdient, denn Euch iſt Ruhe wieder gegeben.— Ich ſah Geraldi ſterben! Wollte Gott, ich koͤnnte hin⸗ zuſetzen, ich ſah ihn reuig ſterben.— Aber er edisnef den Beiſtand des Geiſtlichen, und als er mich in ſeiner Naͤhe unter der Menge gewahr ward, warf er einen ſo teufliſch, zweideutig la⸗ ihelden, boshaften Blick auf mich, den ich mir kaum zu erklären wußte.— Er iſt indeß wirk⸗ lich todt, und ſo leben Sie wohl, und genießen Sie der Nuhe, die einzig Ihrem Gluͤcke fehlte.— Ich hoffe Sie bald an dem Orte Ihres kuͤnftigen Aufenthalts zu ſehen.— Meynell.— „Er iſt todt, und wir koͤnnen wieder unge⸗ ſoͤrt gluͤcklich ſeyn!“— rief W Waldemar, in⸗ dem er ſeiner Gattin den Brief hinreichte.— Adelinens Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, waͤhrend ſie las, ſie empfand innige Theilnahme fuͤr den ungluͤcklichen Mann, den eine ehrſuͤchtige 138 Nelgung zu ihr ins Verderben geſtuͤrzt t hatte.— Worte konnte ſie nicht finden fuͤr ihre Gefuͤhle; ſprachlos warf ſie eſich an Waldemars Bruſt, und erſt dann fand ſie Ruhe wieder, als ſie am Fuße des Altars fuͤr den Suͤnder inbruͤnſtig be⸗ tete; auch 4* ſorrwähtend Seilen⸗ Meſſen Ffuͤr hn lefen.—“ 8*⁸½ 6 12 11229 Die nöthigen Vorberfitungen zur Reiſe wur⸗ den nun von VWaldemars. Seits mit gller Eile betrieben. Manche traurige Exinnerung ſchwebte zwar vor Adel inens Seele, als ſie ſich Briͤß ſel naheten; doch fand ſie den Bruder und deſſen Familie dort, ſah wie theuer das Andenken ihrer ver ſtorbenen Eltern noch den hinterlaſſe enen Freunden war, und ſoͤhnte ſich bald mit dem Aufenthalte aus. Sobald ſie von ihrem neuen Gute Beſitz genommen hatten, ließen ſie ſich die Sorge fuͤr deſſen Bewohner angelegen ſeyn. Jedem Man⸗ gel wurde abgeholfen; die Armen fanden durch die zweckmaͤßigſte Unterſtuͤtzung Rath und Huͤlfe, und die edelmuͤthigen Beſitzer ſchienen ihr Gluͤck einzig darin zu finden, es mit ihren Unterthanen zu theilen. 4 159 Adelinens naͤchſter Wunſch war jetzt, den Sarg, welcher die Ueberreſte der Frau von Stein⸗ heim enthielt, nach Bruͤſſel gebracht zu haben, um ihn dort an der Seite ihrer Tochter beiſetzen zu laſſen. Waldemar wollte auch hierin der geliebten Gattin Willen Genuͤge leiſten, und nach⸗ dem er ſich die Erlaubniß der Regierung ver⸗ ſchafft hatte, wurde der Plan ausgefuͤhrt.— Mutter und Tochter ruheten nun friedlich neben⸗ einander in der Kathedral⸗Kirche zu Bruͤſſel, wo Waldemar ein einfaches Denkmal von Mar⸗ mor, welches den Wanderer mit ihren Namen und Verdienſten bekannt machte, uͤber ihrar Mh heſtaͤtte errichten ließ.. 1196 Die Leute, welche den Sarg aus ſeiner vori⸗ gen Gruft nach Bruͤſſel begleitet hatten, erzaͤhl⸗ ten eine Anekdote, die man ihnen dort mitge⸗ theilt hatte. Wenige Tage naͤmlich, nachdem Waldemar und ſeine Gattin damals den Gaſt⸗ hof verlaſſen haͤtten, ſey das Grab am fruͤhen Morgen mit friſchen Blumen beſtreut, und ein Papier folgendes Inhalts auf dem Raſen, durch einen kleinen Stock befeſtiget geweſen:„Tri⸗ but der tiefen, aber leider! unnuͤtzen Neue.“— 160 Bei genauerer Erlundigung habe man erkahren, daß bei Tages Anbruch ein ſchoͤner junger Mann vom Gottesacker heruntergekommen, ſich auf ein Pferd geſchwungen, und dann augenblicklich ent⸗ ferntnhabe.— Se „Es iſt Geraldi geweſen!“ rief Adeli⸗ ne, der es innerlich wohlthat, einen Beweis von Gefuͤhl in dem Feinde zu finden, der nun vor dem Throne des Ewigen ſtand.— „Wie widerſprechend iſt es aber,“ erwiederte Waldemar,„daß derſelbe Menſch, der dein Le⸗ ben mit nimmer zu verſoͤhnendem Haſſe verfolgte, ſo viel Schmerz uͤber einen Mord fuͤhlen ſollte, den er veruͤbte.“. „Der Gegenſtand, den er toͤdtete, beleidigte ihn nie; ich aber that es, und ich verſichre dich, daß dieſer kleine Zug des fein unterſcheidenden Ge⸗ fuͤhts meinem verwundeten Herzen wohl thut.— Oft habe ich es ſchon in meinem Innern beklagt, daß irgend eine Nuͤckſicht meinen Vater von dem Verſuch abhalten konnte, Geraldi ans Herz zu reden, und den Feind zu einem Freunde umzuſchaffen. Lieber Adolph, ich bin feſt davon uͤberzeugt, nur ein ungluͤckliches Zuſammentreffen von Um⸗ 161 ſtaͤnden machte aus Geraldi, was aus ihm ge⸗ worden iſt, und wandelte das Gute in ihm, den Stolz, der richtig geleitet, zu etwas Hoͤherem haͤtte fuͤhren koͤnnen, zur bitterſten Verfolgungsſucht und zum Haß um.— Denke dir die ſchwere Pruͤ⸗ fung fuͤr einen ehrgeizigen jungen Mann, alle ſeine Plaͤne ſchon im vierzehnten Jahre ſcheitern, und ſich einem langen freudenleeren, hoffnungslo⸗ ſen Leben hingegeben zu ſehen!— Friede ſey mit ſeiner Aſche!“—— Und hier in Bruͤſſel, wie in Prag ließ Adeline„Sealrämel fuͤr den Ungluͤcklichen leſen.—— Arhnac Schwaͤrmerin!“ dachte Me ynell, als er bei ſeiner Ankunft in Bruͤſſel von dieſen Seelenmeſſen reden hoͤrte,„wenn ſie auch Geral⸗ di nichts helfen, ſo gereichen ſie dir zur Beruhi⸗ gung.“— Sorgfältig aber huͤtete er ſich, ſeine ketzeriſchen Gedanken vor Adelinen laut wer⸗ den zu laſſen, weil er ihre wahre Froͤmmigkeit chen B+ E Waldemar und Adeline glaubten ſich nun endlich dauernd angeſiedelt; ſie machten Be⸗ ſuche in Bruͤſſel und in der umliegenden Gegend, O. 11 11 162 empfingen freundlich die Gegenbeſuche, und knuͤpf⸗ ten um ihrer Kinder willen die doch nach weni⸗ gen Jahren in Geſellſchaften eingefuͤhrt werden mußten, Bekanntſchaften an.— Nie aber konnte Adeline ſich entſchließen, an oͤffentlichen Ver⸗ gnuͤgungen, Baͤllen und dergleichen Theil zu nehmen; ſie empfand einen entſchiedenen Widerwillen dage⸗ gen, der noch um ſo mehr befeſtiget wurde, da ihre Geſchichte zu bekannt war, um ſie nicht zu einem Gegenſtande allgemeiner Neugierde zu machen.— Waldemar fuͤrchtete oft, ſie moͤge dieſe Nei⸗ gung zur Abgeſchiedenheit zu weit treiben, und es wer⸗ de ihr dann ſchwer, ja faſt unmoͤglich fallen, ihre Toͤch⸗ ter einſt in die Welt einzufuͤhren, wenn dieſe einer muͤtterlichen Leitung beduͤrften. Aus dieſem Geſichts⸗ punkte betrachtet, hielt er es fuͤr ſeine Pflecht da⸗ gegen anzukaͤmpfen, obwohl dies nie ohne Zart⸗ heit und Schonung geſchah. Sobald alſo das Monument zum Andenken der Frau von Stein⸗ heim und ihrer Tochter errichtet war, und alſo alles, was auf fruͤhere, ſchmerzliche Begebenheiten Bezug haben konnte, aus dem Wege geraͤumt 163 ſchien, bat er ſie eines Tages, ihm eine große Gefälligkeit zu erzeigen. „Auf jede deiner Bitten kannſt du wohl im Voraus ſchon meiner Einwilligung gewiß ſeyn, lieber Adolph;“ antwortete ſie laͤchelnd. Waldemar erwiederte kopfſchuͤttelnd: daß er diesmal ſeines Sieges dennoch nicht ſo ſicher ſey.— „Wie koͤnnte ich dir nun wohl etwas abſchla⸗ gen?“ fiel ſie raſch ein. „Laß ſehen,“ verſetzte Waldemar, und nun erzaͤhlte er ihr, Graf Freiberg, einer ſeiner alten Bekannten, der durch ſonderbare Um⸗ ſtaͤnde einige Zeit mit ihm entzweit geweſen, jetzt aber voͤllig wieder ausgeſoͤhnt ſey, und ſich in Bruͤſſel niedergelaſſen habe, wolle einen großen Ball geben, an dem Tage, da ſein Sohn muͤndig ſeyn werde. „Und,“ fuͤgte er hinzu,„obgleich ich deine Abneigung gegen alle oͤffentlichen Luſtbarkeiten kenne, wagte ich doch zu hoffen, du wuͤrdeſt mir diesmal die Gefaͤlligkeit erzeigen, um der Kinder willen hinzugehen.“* 3 „Sind die Kinder denn auch gebeten?“— 1L* 164 „Freilich; es ſoll auch ein Kinderball ſtatt ſinden, und ihnen wird ein eigner Tanzſaal einge⸗ raumt werden. Die Eltern und andere Bekannte ſollen in Masken⸗Kleidern oder Dominos erſchei⸗ nen.“— „Alſo ſogar ein Masken⸗ Ball!— Nein, lie ber Adolph, ich kann wirklich nicht hiugehen.“— „Ich bin aber feſt entſchloſſen, nicht ohne dich zu erſcheinen, und wenn wir Beide nicht kom⸗ men, koͤnnte der Graf denken, ich waͤre entweder nicht voͤllig mit ihm ausgeſoͤhnt, oder wollte doch keinen oͤffentlichen Beweis davon ablegen; denn gerade hier in Bruͤſſel, weit eher als ich dich kannte, entzweiten wir uns, und unſer Streit wurde allgemein bekannt.— Und dann, denke dir die Kinder!— Wie wuͤrde es ſie ſchmer⸗ zen, nicht dahin zu kommen, vorzuͤglich da ſie die meiſten ihrer jungen Geſpielen dort treffen.— Die Grafin und ihre kleinen Maͤdchen werden auch noch dieſen Morgen bei dir oiſahten um ihre Bitte anzubringen.“ Nach vielem Bedenken gab Adeline endlich⸗ ihre Einwilligung, doch, wie ſie freundlich hinzunn ſetzte, nur um Mann und Kindern gefaͤltig zu ſeyn. 165 Der beſtimmte Abend kam; Adeline, in einem leichten Maskenanzuge, ſtieg mit Walde⸗ mar, der einen blauen Domino trug, und ihren beiden aͤlteſten Kindern, in den Wagen, der ſie nach dem Balle fahren ſollte. „Wo wohnt denn Graf Freiberg?“— fragte ſie.— Waldemar bezeichnete es ihr, fuͤgte aber hinzu, daß der Ball nicht in deſſem Hauſe, ſondern an einem oͤffentlichen Orte gege⸗ ben werden ſollte. „An welchem denn?“— ſagte Adeline mit zitternder Stimme, da es ihr in dieſem Au⸗ genblicke ſchwer aufs Herz fiel, daß der letzte Ball, den ſie in Bruͤſſel erlebt hatte, auch an ei⸗ nem oͤffentlichen Orte gegeben worden war.— Waldemar konnte es nicht genau ſagen; er wußte nur den Namen der Gaſſe, wo der Haupt⸗ Eingang war, und Adeline fuͤhlte ſich beruhigt, da es nicht der naͤmliche zu ſeyn ſchien. Sie hielten endlich an einer Vorhalle ſtille, die ſich nicht allein durch architektoniſche Pracht in der Regelmaͤßigkeit ihrer Saͤulenordnung aus⸗ zeichnete, ſondern auch uͤberdies noch auf das ge⸗ ſchmackvollſte erleuchtet war, ſo daß Adeline 166 durch keinen der aͤußern Gegenſtaͤnde an vorige Zeiten erinnert wurde.— Doch konnte ſie die Freude der andern Gaͤſte nicht theilen; der Ge⸗ danke, daß ihre Toͤchter jetzt ungefaͤhr in dem naͤm⸗ lichen Alter waͤren, worin ſie ſich an jenem Un⸗ gluͤcks⸗Abende befunden hatte, daß auch ſie viel⸗ leicht ein eben ſo wenig geahnetes Mißgeſchick treffen, und ihre uͤbrigen Tage mit truͤben Wol⸗ ken bedecken koͤnne, ſtimmte ſie ernſt und trau⸗ rig.— Jedoch da ſie ſich am Arme der Graͤ⸗ ſin, einer ſehr liebenswuͤrdigen Frau, hefand, hielt ſie es fuͤr ihre Pflicht, wenigſtens heiter zu ſchei⸗ nen, und eine Froͤhlichkeit zu erzwingen, die ſie innerlich nicht empfand. „Waldemar war an dieſem Abende zum erſtenmale von der Seite ſeiner Adeline gewi⸗ chen. Er glaubte ſie in aller Hinſicht ſicher und wohl verwahrt, und uͤberließ ſich zwanglos dem Vergnuͤgen, welches Maskenſreiheit mit ſich bringt. Von einem Bekannten zum andern gehend, ſuchte er dieſe auf tauſendfaͤltige Art mit einer verſtell⸗ ten Stimme zu necken, und die Neugierde zu ſpannen, da niemand ihn unter ſeiner Verkleidung erkannte.— Sein ungewoͤhnlicher Frohſinn 167 ſchien Adelinen uicht heitrer zu ſtimmen; ſie ſehnte ſich unbeſchreiblich aus der Menge hinweg, nach Hauſe zu kommen, und ihre Toͤchter der Sorg⸗ falt der Graͤfin zu uͤberlaſſen. Als ſie nun vol⸗ lends die muͤtterliche Genugthuung gehabt hatte, jene mehrere Male tanzen zu ſehen, hatte der Ort gar keinen Reiz mehr fuͤr ſie; da Waldemar ſie aber dringend bat, noch zu bleiben, ließ ſie den Arm der Grafin los, und ſetzte ſich in eine an⸗ dere Ecke des Saals an eine Thuͤr, die in einen Durchgang fuͤhrte, um dort in der Einſamkeit etwas freier athmen zu koͤnnen. Hier war ſie in tiefe Gedanken verſunken, und bemerkte wenig von den Voruͤbergehenden.— Unverſehens aber wandte ſich, nach einiger Zeit, ihr Auge auf den Durchgang, der nur ſchwach erleuchtet war; in heftiger Bewegung ſprang ſie von ihrem Sitze auf, denn ſie erkannte in dieſem Durchgange den Fleck wieder, wo Geraldi vor ſo vielen Jah⸗ ren das unſchuldige Opfer geſchlachtet hatte.— Ein neuer Eingang, Veraͤnderungen, die in der Ausſchmuͤ⸗ ckung der Zimmer vorgenommen waren, hatten ſie nur bis hieher getaͤuſcht; ſie befand ſich wirklich an dem naͤmlichen Orte, wo die blutige That damals 168 pollfuͤhrt war. Der Durchgang ſelbſt war durch⸗ aus nicht veraͤndert, ja, ihre jetzt ſo aufgeregte Phantaſie zeigte ihr noch Flecken von Minnas Blute an Mauern und Dielen, und als Walde⸗ mar ſie endlich antraf, fand er ſie faſt ohnmaͤch⸗ tig an die Wand gelehnt, den ſtieren Blick ver⸗ zweiflungsvoll in die Ungluͤcks⸗Halle gerichtet. „Fuͤhre mich fort von hier!“ rief ſien„die⸗ ſer Ort iſt mir fuͤrchterlicht“ und nun machte ſie ihn, ſo gut als moͤglich, mit der Urſache ih⸗ res Schreckens, und den Grauſen erregenden Ver⸗ muthungen bekannt, die ſich ihrer bemaͤchtigt hat⸗ ten. Waldemarz einſehend, wie fruchtlos es ſeyn wuͤrde, ſolche Gefuͤhle bekaͤmpfen zu wollen, entſchloß ſich, ſie von dem ungluͤcklichen Orte zu entfernen, und verließ ſie, um den Wagen auf der Stelle vorfahren zu laſſen.— Um den kuͤr⸗ zeſten Weg zu waͤhlen, lief er den Schreckens⸗ gang hinunter, waͤhrend Adeline, ihn mit den Augen verfolgend, ſo lange ſie noch eine Spur ſeines blauen Dominos erblicken konnte, zu ſich ſelber ſagte:„den Gang wird er mich doch hofſent⸗ lich nicht hinunter fuͤhren, um den Wagen zu er⸗ reichen! 4½— 169 Doch wir verlaſſen die Heldin unſerer Ge⸗ ſchichte, um auf den Urheber ihrer Leiden zuruͤck⸗ zukommen, deſſen Andenken an dieſem Abend auf eine ſo gewaltſame Art vor ihre Seele gerufen wurde, und der, obgleich man ihn todt glaubte, ſich in dieſem igsablie lebend in Bruͤſſel be⸗ fand. 20 lita 1 Wohl hatte Adeline ſich in der Vorausſe⸗ tzung nicht getaͤuſcht Geraldi's Haß gegen ſie wuͤrde durch die Strafe ſeines Verbrechens nicht allein nicht gemildert, ſondern vielmehr noch erhoͤht werden. Sein einziges Sinnen, in der langen Eingeſchloſſenheit des Kerkers, ging nur darauf, Rache an dem Gegenſtande ausuͤben zu koͤnnen, der alle Plaͤne ſeines Lebens vereitelt hakte.— Mit eeinigem Recht war er bis dahin ſtolz auf feine koͤrperlichen und geiſtigen Vorzuͤge geweſen, denn nicht allein ſeine wahr haft ſchoͤne Geſtalt⸗ ſondern auch ein ſcharfer, durchdringender Ver⸗ ſtand, zeichneten ihn vor vielen feines Geſchlechts aus. Sein Geiſt, von Kindheit an nach hohen Dingen ſtrebend, zeigte es ihm als ein Leichtes das Hoͤchſte zu erreichen, ſobald es ihm nur gelingen wuͤrde, durch eine vortheilhafte Verbindung Reich⸗ 170 thum und Anſehen in der Geſellſchaft zu erlan⸗ gen. Auf dieſen Punkt war er ſchon fruͤhe von den fuͤr ihn ſehr eingenommenen Eltern hinge⸗ wieſen, und eigner Ehrgeiz ſowohl als Selbſtliebe, malten ihm dieſen Plan immer als das Ziel ſei⸗ nes Strebens aus, wodurch der Flecken ſeiner Geburt einzig koͤnne voͤllig getilgt werden. So war es alſo wohl nicht allein kindiſche Leidenſchaft, ſondern zugleich feine Weltklugheit, welche ihn zu Adeline von Manſtein hinzog. Ihre Nichtachtung aller ſeiner Aufmerkſamkeiten, die er einzig auf ihren Stolz und die Dunkelheit ſeiner Geburt ſchob, verwundete ihn im tiefſten Gemuͤth. Der Umſtand, daß Adeline auf je⸗ nem Balle nicht mit ihm tanzen wollte, wohl aber, nachdem ſie es ihm abgeſchlagen hatte, ei⸗ nem Voruehmeren die Hand gab, uͤberzengte ihn immer mehr, wie der Makel ſeiner Geburt nie koͤnne abgewaſchen werden,(denn nur hierauf ſchob er ihre Weigerung,) und dieſer Gedanke war hinreichend, ihn in eine Art von Raſerei zu verſetzen.— Er war ſeiner ſelbſt nicht mehr Meiſter, rannte aus dem Saale, und ſchwur die Rache auf der Stelle zu vollziehen. Aber dieſe „ 171 Rache verfehlte den eigentlichen Gegenſtand, und zu ſeinem nicht geringen Schrecken wurden Min⸗ na und ihre ungluͤckliche Mutter, Opfer ſeiner Wuth. Beide hatten ihn immer mit zuvorkom⸗ mender Guͤte behandelt, ja Frau von Steinheim hatte ſeiner Mutter, die er zaͤrtlich liebte, meh⸗ rere Male weſentliche Dienſte erwieſen. Doch wuͤrde die Zeit ſeine Feindſchaft gegen Adelinen nicht noch in ſolchem Grade vermehrt, ſondern vielleicht geſchwaͤcht haben, haͤtte nicht das Schickſal ihn im Gefaͤngniſſe mit einem Kenſchen zuſammengefuͤhrt, der alles anwendete ſeinen Haß immer mehr zu entflammen, und ihn anfeuerte, die Rache gegen das unſchuldige Opfer auszuuͤben, ſobald die Stunde der Be⸗ freiung geſchlagen habe. Dieſer Menſch, der unwuͤrdige Sohn der Frau von Steinheim, war nach einer langen Reihe von Verſchwendungen und Ausſchweifungen, Schulden halber, in daſ⸗ ſelbe Gefangniß geſetzt, worin Geraldi ſich befand; anſtatt die Gegenwart des Moͤrders ſei⸗ ner Schweſter zu meiden, ſuchte er ihn vielmehr auf, und unter dem Schein ſein Herz durch die Verſicherung der Verzeihung dieſes Mordes zu 17² erleichtern, reizte er ihn zur Rache gegen Ade⸗ linen auf, die als die eigentliche Urſache von allem Uebel mit Recht zu betrachten ſey. Geraldi, den Steinheims abſichtliche Annaͤherung anfangs mit Abſcheu erfuͤllt hatte, da er es tief fuͤhlte, wie er nie in aͤhnlichem Falle dem wuͤrde haben verzeihen koͤnnen, der ſeine Mutter auf ſoſche Weiſe zu Grunde gerich⸗ tet haͤtte, fuͤhlte ſich dennoch durch den gemein⸗ ſchaftlichen Haß gegen Adelinen wieder zu ihm gezogen, ob er gleich nicht begriff, was ihn eigentlich bewog, dieſen Haß in gleichem Grade mit ihm zu empfinden. Dazu lagen aber ver⸗ ſchiedene Gruͤnde in dem ſelbſtiſchen, verderbten Gemäth dieſes jungen Mannes. Nur den eigenen Vortheil bedenkend, war der Tod der Schweſter ihm eigentlich wenig zu Herzen gegangen, da er ſich nun als alleinigen Erben des Vermoͤgens der Mutter betrachtete. Als nun vollends die Mannſteinſche Familie ſich großmuͤthiger Weiſe erbot, die Sorge fuͤr die ungluͤckliche Mutter gaͤuzlich zu uͤbernehmen, ſah er ſich gleich im Beſitz einer Geldſumme, die ihm zu ſeinen Aus⸗ ſchweifungen nothig ſchien, und betrachtete daher 173 Geraldi als ſeinen groͤßten Wohlthaͤter.— Als auch das kleine Vermoͤgen verſchwendet war, wandte er ſich verſchiedentlich an Manſtein um Unterſtuͤtzung, die dieſer ihm, in dem Ge⸗ fuͤhle daß er der Sohn einer ſo ungluͤcklichen Mutter ſey, nicht verweigert hatte.— Ade⸗ line aber, tief empoͤrt uͤber ſein gaͤnzliches Nichtachten dieſer Mutter, ſchlug ihm ſpaͤter ihre Huͤlfe ab, als er ſich, nach des Vaters Tode, auch an ſie wandte. Durch das feſte, veraͤchtliche Betragen, mit welchem ſie ſeinen wiederholten Bitten begegnete, war er ihr ge⸗ ſchworner Feind geworden, doch huͤtete er ſich wohl, gegen Geraldi dieſe Beweggruͤnde ſeines Haſſes laut werden zu laſſen, da er bald merkte, daß in des Moͤrders Bruſt doch Gefuhle ſchlum⸗ merten, die nie mit den ſeinigen in Einklang kommen konnten. Schlauheit rieth ihm, dieſen Menſchen noch zu andern Zwecken zu benutzen, ſo nahm er die Maske an, Adelinen zu haffen, einzig weil ſie die eigentliche Urſache des Todes ſeiner Schweſter ſey, und ſo ſuchte er dieſen Haß in dem leidenſchaftlichen Gernüde taͤglich mehr zu naͤhren. 1 Sree 174 Als endlich die Zeit der Freilaſſung Ge⸗ raldis herannahte, wußte er dieſen, der ſich doch als verbannt aus der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft anſah, zu bereden, ſich mit ihm unter eine Raͤuberbande zu begeben, deren eigentliche Hoͤhle in den boͤhmiſchen Waͤldern war, in de⸗ ren Naͤhe Waldemar ungluͤcklicher Weiſe ſei⸗ nen Wohnort nahm, nachdem er Regensburg verlaſſen hatte. Fruͤher zwar war Geraldi ſchon der Spur des Gegenſtandes gefolgt, deſſen Untergang er geſchworen hatte; gluͤcklich war er durch tauſend verborgene Schlupfwinkel ſei⸗ nen Verfolgern immer entkommen; einmal aber hatten ſelbſt die ſchnellſten Pferde ihn und ſeine Gefaͤhrten nicht vor einer Nachſetzung ſchuͤtzen koͤnnen; in der Naͤhe von Altenburg kam es zu einem harten Kampfe, in welchem S teinheim getoͤdtet, Geraldi aber und ſein Vetter Giu⸗ ſeppe Celarno gefeſſelt nach Altenburg ge⸗ fuͤhrt wurden. Auch hier entkamen ſie dem Ge⸗ faͤngniſſe wieder, und nachdem Geraldi noch einen Anfall auf Adelinens Leben fruchtlos verſucht hatte, ſahen er und Giuſeppe keine andere Rettung, als in einer ſchleunigen Flucht 175 nach England. Doch wurden ſie auch dort, wie wir bereits wiſſen, wegen eines Mordes, den Giuſeppe eigentlich veruͤbt hatte, beide wieder gefaͤnglich eingezogen.— Geraldi, uͤberzeugt, daß in dieſem Falle keine Schuld auf ihn kommen koͤnne, und er alſo wahrſcheinlich in Freiheit geſetzt werden wuͤr⸗ de, hielt es fuͤr die Zukunft der Klugheit ge⸗ maͤß, mit ſeinem Vetter die Namen zu wechſeln. Dieſer willigte leicht in die Bitte ſeines Kame⸗ raden; jeder wurde alſo unter dem erborgten Namen des andern angeklagt, und vor Gericht gezogen, und auf dieſe Weiſe entſtand Mey⸗ nells Sicherheit, der Hinrichtung des Geraldi beigewohnt zu haben, eine Sicherheit, die noch durch die Aehnlichkeit, welche dieſer mit dem Vetter hatte, vermehrt wurde. Geraldi wuͤnſchte ſich Gluͤck uͤber den geſcheuten Einfall, der ihm, nach ſeiner Freilaſſung, die Ruͤckkehr nach Deutſchland nicht allein erleichterte, ſondern Waldemarn und Adelinen ſo ſicher machen 3 wuͤrde, daß es ihm um deſto eher gelingen muͤſſe, ſeinen Vorſatz endlich auszufuͤhren. 176 Der Vorſicht gemaͤß trat er ſeine Neiſe nach Harwich verkleidet an, ſchiffte ſich dort ein, und landete in Oſtende, wo er gleich in den Zeitungen las, daß Baron Waldemar in Bruͤſſel angekommen ſey, um ein ihm durch Erbſchaft zugefallenes Gut in Beſitz zu neh⸗ men. Nach Bruͤſſel ſtand nun das Ziel ſeiner Waͤnſche gerichtet, und gerade an dem Abende kam er daſelbſt an, an dem Graf Freiberg den Ball in den naͤmlichen Sälen geben wollte, in welchen Geraldi vor einundzwanzig Jahren ſein ganzes Leben durch die erſte ruchloſe That befleckt hatte. In einem Kaffeehauſe hoͤrte er die naͤhern Umſtaͤnde dieſes Balles von einigen Anweſenden erwaͤhnen; zohne Scheu miſchte er ſich hier unter die Geſellſchaft, da daſſelbe Zeitungsblatt, wel⸗ ches die Nachricht von Waldemars Ankunft in Bruͤſſel berichtet, zugleich eine Schilderung ſeines Verhoͤrs und ſeiner Hinrichtung in Lon⸗ don enthalten hatte. Eine rothhaarige Perücke, ein falſcher Knebelbart und gefaͤrbte Augenbemue 1 — 177 nen dienten vollends dazu, ihn unkenntlich zu machen. Als er auch Baron Waldemar und ſeine Gemahlin unter den Namen der zum Feſte gelade⸗ nen Gaͤſte hatte aufzaͤhlen gehoͤrt, verließ er das Kaffeehaus, um in der Einſamkeit uͤber die beſten Mittel nachzuſinnen, wie er ſeine noch immer gehegten Plaͤne auf Adelinens Leben endlich in Ausfuͤhrung bringen koͤnne. Mit teuf⸗ liſcher Luſt hing er dem Gedanken nach, gerade an demſelben Orte, wo er die nie zu verzeihende Beleidigung empfangen, und ungluͤcklicherweiſe ein unſchuldiges Maͤdchen geopfert hatte, den Racheſtoß vollziehen zu koͤnnen.—„Nicht al⸗ lein mich, ſondern auch den Schatten der Ermordeten werde ich raͤchen!“— ſagte er zu ſich ſelbſt; und ſo begierig war er, ſein Vor⸗ haben auszuführen, daß ihm ſeine eigne Sicher⸗ heit, ſein eignes Leben richts im un Wardleich mit dieſem ſchien. na⸗ Rochdem ſein Plan voͤllig zur Reife gedie⸗ hen war, begab er ſich in die Kathedral⸗Kirche, um das Grab ſeiner Eltern zu beſuchen, und es mit. friſchen Blumen zurbeſtreuen, und in dieſem O. II. 12* 178 Augenblicke, da die Suͤnde gegen eins der goͤttlichen Gebote in ſeinem Innern beſchloſſen war, leitete ihn ein natuͤrliches Gefuͤhl kindlicher Zaͤrtlichkeit zur Erfuͤllung eines andern Gebots:„Ehre dei⸗ nen Vater und deine Mutter!“— Selbſt Jahre des Verbrechens hatten nicht vermocht dies Gefuͤhl in ihm abzuſtumpfen. Indem er in die Kirche trat, ward ſein Blick durch die Anſicht eines neu errichteten Denkſteins angezogen; er las die Inſchrift, und ſchauderte, die Namen zweier Opfer darauf gegra⸗ ben zu finden, deren Tod er ſchmerzlich bereuete. — Sinnend ſtreute er einige der Blumen darauf, ſtreute ſie mit der naͤmlichen Hand, die Beider Tod veranlaßte, und jetzt aufs Neue vor Be⸗ gierde zuckte, ein anderes Leben zu rauben, das ſtets mit ſchweſterlicher und kindlicher Zaͤrtlichkeit uͤber dieſe Leben gewacht, und ihrem Andenken den Marmorſtein errichtet hatte. Faſt mit Ge⸗ walt riß er ſich von der Stelle los, und warf ſich, im Innerſten der Seele bewegt, auf das Grab ſeiner Eltern. Haͤtte in dieſem Augenblicke eine warnende Stimme aus den Graͤbern zu ihm ſprechen koͤn⸗ nen, vielleicht waͤre die blutige That nicht voll⸗ fuͤhrt worden. Keine ſolche Stimme aber erſcholl, um den Suͤnder vom Verderben zu retten, und die Stimme des Gewiſſens, die wohl augenblicklich im Innern geſprochen hatte, wurde wieder be⸗ taͤubt; er ſchaͤmte ſich der kindiſchen Weichheit, ſprang ſchnell vom Grabe ſeiner Eltern auf, warf nur noch einen fluͤchtigen Blick im Voruͤbergehen auf den andern Denkſtein, und eilte an den Platz zuruͤck zu kommen, wo er den guͤnſtigen Zeitpunkt erwarten wollte, um ſeiner tanggähegtens Starze endlich Gnuͤge zu leiſten. nn nnzenn Hinter einem der Pfeiler des hellenenehteten Portico's ſich verbergend, lehnte Geraldi, waͤhrend die Wagen der zum Balee geladenen Gaͤſte ankamen, und gierig forſchte ſein Blick, ob ldeline nicht bald erſcheinen wuͤrde.— Jetzt hielt der lange erwartete Wagen, aus welchem Waldemar zuerſt ſtieg, deſſen Federhut, Do⸗ mino und ſchwarze Maske er ſich genau merk⸗ te, indem er Gattin und Kindern beim Ausſtei⸗ gen half. Seines Opfers gewiß, war er ſchon im Begriff ſich jetzt bis zum guͤnſtigern Zeitpunkte zu entfernen, als er gewahr wurde, daß Walde⸗ 2* 180 mar etwas fallen ließ; ſchnell raffte er es auf, und fand nun, daß 3 fuͤr ihn von der groͤßten Wichtigkeit ſey, denn es war die Einlaß⸗„Karte zum Ball, auf welcher gluͤcklicherweiſe kein Name geſchrieben war. „Alles beguͤnſtiget mein Vorhaben,“ dachte Geraldi, indem er ſich eiligſt in einen Laden begab, wo Maskenanzuͤge vermiethet wurden.— Gerade befand ſich hier ein Domino von der naͤm⸗ lichen Farbe, wie ihn Waldemar trug, ein aͤhnlicher Huth wurde ſchnell nach Geraldi's Anweiſung verfertigt, und wie er nun ſcheinbar noch an beiden etwas auszuſetzen fand, verſicherte der Kaufmann, Baron Waldemar ſey heute hier geweſen, und habe durchaus die naͤmliche Farbe und denſelben Schnitt gewaͤhlt.— Dies war hinlaͤnglich, ihn voͤllig zu beruhi⸗ gen; er ließ ſich alles nach einem Gaſthofe tra⸗ gen, und legte die Kleidung an; doch warf er noch einen großen ſpaniſchen Mantel daruͤber, und begab ſich in dieſer Verhuͤllung nach dem Saale, wo das Feſt gegeben wurde. n Er fand bald, daß die Einlaßkarten ſowohl am hellerleuchteten Portico, als an dem ſo be⸗ 181 kannten engern Durchgange angenommen wurden. Geraldi zog den erſteren zu ſeiner Erſcheinung vor. Ohne Bedenken wurde er eingelaſſen, und ſuchte nun ſich unter die Menge zu begeben; doch vermied er es, ſo viel als moͤglich, ſich nicht mit Waldemar in einem Zimmer zu beſinden. Verſchiedentlich war er ſchon von Bekannten als dieſer angeredet worden, und wenn er ſchweigend voruͤberging, hatte man ihm lachend nachgerufen: „Ha, ha, Baron, ſie wollen nicht antworten; aber wir kennen ſie dennoch.“— Dies uͤberzeugte ihn immer mehr von ſeiner Aehnlichkeit; ſobald er aber den wahren Waldemar hereintreten ſah, entfernte er ſich ſchnell.— Dies Spiel war ſchon eine Zeitlang fortge⸗ trieben, als Geraldi, der in einem Winkel an einem Pfeiler gelehnt ſtand, ſah, wie Adeline blaß und verſtoͤrt an dem finſtern Eingange ſaß, und ſich bittend zu Waldemar wandte. Es ward ihm klar, daß auch ſie den Fleck wieder er⸗ kannte, wo die Freundin von dem auf ſie gerich⸗ teten Todesſtoß getroffen wurde.— Er errieth ihre Bitte, und wunderte ſich alſo nicht, als Waldemar ſich ſchnell entfernte, ſeine Leute ¹ 182 rief, mit dem Bedeuten, die Frau ſey unwohl, und muͤſſe gleich nach Hauſe gebracht werden; doch fuͤgte er den ausdruͤcklichen Befehl hinzu, daß der Wagen an der Seite der großen Halle vorfahren ſolle. Es ſchien unter der Menge von Wagen, die ſich hier zum Wegfahren verſammelt hatten, unmoͤglich, den Weg nach der entgegenge⸗ ſetzten Seite einzuſchlagen, und er ſelbſt ſah ſich genoͤthigt hinaus zu gehen, um ſeine Befehle vollziehen zu laſſen. „Nun iſt es Zeit!“— dachte der Moͤrder, gab ſeinen Mantel wieder an einen der Aufwaͤrter, der glaubte, er wolle einen Maskenſcherz treiben, griff mit der Hand nach dem im Buſen verwahrten Dolche, und bereitete ſich, ſein ſchwarzes Vorha⸗ ben auszufuͤhren. Aengſtlich harrend ſah Adeline der Ruͤck⸗ kehr Waldemars entgegen; ſo wie ſie alſo den blauen Domino in der Ferne erblickte, ging ſie ihm einige Schritte entgegen, haſtig ihre zitternde Hand in die ſeinige legend. Als ſie aber be⸗ merkte, daß er ſie den von ihr ſo gefuͤrchteten Durchgang hinunterfuͤhren wollte, rief ſie bittend: „Nicht den Weg! Um Gotteswillen, ꝛwinge mich 183 nicht den Weg zu gehen! Alle Bilder jenes ſchrecklichen Abends wuͤrden aufs Neue lebhaft und graͤßlich vor meiner Seele ſtehen!“— Oögleich ſonſt jeder leiſe Wunſch der Gattin fuͤr den ſie liebenden Mann Befehl war, fuͤhlte ſie ſich diesmal weiter gezogen, und ſah ſich, un⸗ geachtet ihrer dringenden Bitte und ihres Straͤu⸗ bens, bald auf der naͤmlichen Stelle, wo ſie den Boden noch mit Minna's Blute befleckt glaubte; ihre Kniee wankten, als die wohlbekannte Stim⸗ me Geraldi'sihr leiſe ins Ohr rief:„die Bilder jenes Abends ſollen wahrhaft in dir erneuert wer⸗ den!“ und im naͤmlichen Augenblicke fuͤhlte ſie den moͤrderiſchen Stahl in ihrer Seite.— b Waldemar, der ſich jetzt wirklich nahete, um die Gattin aufzuſuchen, empfing ſie blutend in ſeinen Armen. Der Schrei, den Adeline im Fallen ausſtieß, erregte auch hier, in dem we⸗ niger erleuchteten Durchgange, Aufſehen; alles eilte herbei. Geraldi, der die Maske verloren hatte, wurde ergriffen; aller Widerſtand war fruchtlos, und noch einmal wurde er fuͤr die naͤmliche That, die er ein und zwanzig Jahre fruͤher, hier an der naͤmlichen Stelle veruͤbte, 184 in daſſelbe Gefaͤngniß gebracht, worin er damals verwahrt geweſen war. Alles dies ging unbemerkt an Waldemar voruͤber; er hatte nur Sinn fuͤr das geliebte Weſen, welches er leblos in ſeinen Armen hielt. Es wurde unverzuͤglich nach Huͤlfe geſandt, waͤh⸗ rend Adeline an der naͤmlichen Stelle, auf ein aͤhnliches Ruhebette gelegt ward, wo Min⸗ na's blutiger Leichnam damals gelegen hatte. Mehrere Stunden hindurch gab auch ſie kein Zeichen des Lebens von ſich; endlich bemerk⸗ ten die Aerzte einen leiſen Pulsſchlag, und ſin⸗ gen nun an zu hoffen, daß der Verluſt des Blu⸗ tes ihr nur eine tiefe Ohnmacht zugezogen habe. Dieſer Ausſpruch ſchien auch Waldemar, der betaͤubt an ihrer Seite gekniet hatte, aufs Neue zu beleben; er ſiel dem Arzt um den Hals, und verſprach alles, wenn nur die Geliebte gerettet wuͤrde. Man hatte die zweckmaͤßigſten Mittel angewandt, um das Blut völlig zu ſtillen; der Puls hob ſich jetzt mehr, und man hielt es nun fuͤr rathſam, die Verwundete von dem Orte fort⸗ zubringen, bamit ſie nicht beim Erwachen ſich auf 185 der naͤmlichen Stelle erblickte, wo ihre Freundin einſt gelegen hatte. Eine Saͤnfte wurde unverzuͤglich herbeige⸗ ſchafft, und Adeline nach dem Hauſe des Gra⸗ fen Freiberg getragen, welches in der Naͤhe lag. Als man ſie dort in eine Stube gebracht hatte, oͤffnete ſie die Augen, blickte ſtarr auf die ſie umgebenden Gegenſtaͤnde; aber leider! ohne irgend jemanden wieder zu erkennen. Der heftig ſchlagende Puls, die gluͤhende Wange, das feurige, unſtaͤte Auge, verkuͤndeten nur zu ſehr, daß ein heftiges Fieber in ihrem Innern wuͤthete. Sie phantaſirte unaufhoͤrlich, kannte niemand, und ſah nur Geraldi's Bild vor ſſich, den ſie auf das ruͤhrendſte bat, ihr Leben zu nehmen, wenn er nur das ihres geliebten Gatten verſchonen wolle; und indem nun dieſer ganz vernichtete Gatte ihre brennende Hand in der ſeinigen hielt, beklagte ſie das ungluͤckliche Geſchick, welches ihn von ihrer Seite geriſſen, und ſie Geraldi's Verfolgun⸗ gen Preis gegeben habe.— Dann beſchwor ſie Waldemar wieder, ihren Mann eiligſt her⸗ beizuſchaffen, und fuͤhlte es nicht, wie heiß ſeine 186 Thraͤnen auf ihre flehend zu ihm empor gehobe⸗ nen Haͤnde ſielen. Mit der Heftigkeit des Fiebers ſchwanden endlich auch die ſchrecklichen Bilder, die ihre Seele erfuͤllt hatten; Adeline erkannte den aͤngſtlich beſorgten Gatten wieder, der Tag und Nacht nicht von ihrem Bette gewichen, und die heißeſten Gebete fuͤr ihre Geneſung zum Himmel geſandt hatte.— Doch war ſelbſt dies Wieder⸗ erkennen nur augenblicklich, und hatten die wil⸗ den Phantaſien auch aufgehoͤrt, ſo ſchien nun eine ungluͤckliche Apathie, wenn auch nicht mehr fuͤr ihr Leben, doch fuͤr die gaͤnzliche Wiederherſtel⸗ lung ihrer Verſtandeskraͤfte, fuͤrchten zu laſſen. Der Gedanke, Geraldi ſey nicht wirklich ge⸗ fangen genommen, blieb vorherrſchend in ihr, ſo heilig Waldemar es auch verſicherte, daß er ſich gefeſſelt im Gefaͤngniſſe befinde; ſie hielt es fuͤr eine oft wiederholte Taͤuſchung, bis ihr Gatte ihr endlich verſprach ſelbſt hinzugehen, und ihn mit eigenen Augen zu ſehen. Als Waldemar nun dieſe immer noch ſchoͤne, kraͤftige Geſtalt im Kerker, durch ein wit Gittern verſehenes Fenſter betrachtete, fuͤhlte 187 er ſich tiefer erſchuͤttert, als es, dem Anſehen nach, Geraldi war, der ihn ſogar in dieſer Finſterniß gleich erkannte, heftig in die Hoͤhe ſprang, und mit wildem Blick fragte:„was die⸗ ſer zudringliche Beſuch zu bedeuten habe, und ob der Baron nur herkomme, ſeines gefeſſelten Fein⸗ des zu ſpotten?“— „Nein,“ erwiederte Waldemar,„ich komme einzig, um meine ſchwer beleidigte Frau zu beru⸗ higen.“— „Ihre Frau!— Iſt ſie denn nicht todt?“— fragte er haſtig.— .„Gottlob nicht!— Sie befindet ſich ſogar außer Gefahr.“— Wir wollen hier weder die Verwünſchungen wiederholen, welche Geraldi ausſtieß, daß ſein 4 Stahl auch diesmal nicht tief genug gedrungen ſey, noch der Vorwuͤrfe erwaͤhnen, die er ſich ſelbſt machte, zwei unſchuldige Opfer ſtatt ihrer getoͤdtet zu haben.— Als er endlich einen Au⸗ genblick inne hielt, ſagte Waldemar kalt: „Adeline war eben ſo ſchuldlos als dieſe Bei⸗ den.“— 7 188 „Schuldlos, ſchuldlos!“— rief er,„wenn ſie es wagte mich zu verſchmaͤhen, wenn ſie mir die Hand zum Tanze weigerte, die ſie einem andern reichte!— Die armen, guten Steinheims begegneten mir nie veraͤchtlich, und ich mußte ſie toͤdten, waͤhrend die Stolze lebt, um uͤber mein ungluͤckſeliges Geſchick zu triumphiren!“— „Sie beklagt es vielmehr; denn nie hat ihr edles Herz Rache gegen ihren Feind empfnnden; und ehe ich ſie verlaſſe, muß ich ihnen zu ihrer Ruhe noch die Verſicherung geben, daß Adeline ihnen vergiebt, und fuͤr ſie betet.“— „Sie mir vergeben!— Was haͤtte ſie denn wohl zu vergeben?— Ihr ſind Jahre der Gluͤckſeligkeit geworden, ſie hat ein Leben voll Freiheit, Freundſchaft und Liebe genoſſen; ihr blieb ein unbefleckter Ruf, ihr wurde Ehre und Reichthum!— Was aber iſt mir im Leben ge⸗ worden?— Einzig alles Unheil, weil ihr teuf⸗ liſcher Stolz die Plaͤne meines jugendlichen Her⸗ zens vernichtete, und kalt die Bluͤthen meiner ſchoͤnſten Hoffnungen zertrat!— Ich liebte ſiel— Ja, Herr Baron, ſo jung ich auch damals noch war, ich liebte ſie, und ſie wußte es!— Und 189 doch demuͤthigte ſie mich, und verwundete mich in der tiefſten Seele!— So wurde die Liebe in mir, durch die geſchaͤftigen Eingebungen des Stolzes, in Haß verwandelt; in dem Augenblick, da ſie mich gering ſchaͤtzte, wurde ich von ihr be⸗ mitleidet, und doch war ſie es, die mich durch die Folgen jenes ungluͤcklichen Abends aus der menſchlichen Geſellſchaft ſtieß, mich zum Gegen⸗ ſtande des allgemeinen Abſcheus machte! Und nun vergiebt ſie mir großmuͤthig!— Sie, die eigentlich auf den Knieen um meine Vergebung flehen ſollte, weil ſie alle Hoffnungen meiner Ju⸗ gend, die Freuden des gegenwaͤrtigen und zukuͤnf⸗ tigen Lebens in mir zerſtoͤrt hat!— Hier ſchwieg Geraldi in faſt krampfhafter Bewegung, und ſo unbedeutend und kleinlich der Grund, welcher zu allem gefuͤhrt haben ſollte, auch in Waldemars Auge erſchien, ſo krank er den Seelenzuſtand des Mannes fand, der ſolche Ra⸗ che naͤhren konnte: ſo ſchwanden dennoch alle andere Gefuͤhle in ihm, und loͤſten ſich in Mit⸗ leid fuͤr den Suͤnder auf, dem Gegenwart und Zukunft in ſo ſchwarzen Farben erſcheinen muß⸗ ten. Mit ſeierlichem Ernſt beſchwor er ihn, ihm 1 190 zu ſagen, ob es in ſeiner Macht ſtehe ihm zu dienen, und ob er nicht vielleicht geiſtlichen Zu⸗ ſpruch wuͤnſche 2 „Mir dienen!“ rief Geraldi—„Dazu giebt es nur ein Mittel:„befreit mich von den Feſ⸗ ſeln, die meine Haͤnde gebunden halten, gebt eure Verfolgungen gegen mich auf, und macht daß die Gerichte mich in Freiheit ſetzen!— Ihr ſeht, ich ſtelle die Wahrhaftigkeit eures Anerbie⸗ tens auf eine ſchwere Probe, und fordere keinen geringen Dienſt von euch.“— 28 S „Ihr fordert etwas, das ich nicht leiſten kann, weil es unvereinbar mit der Sicherheit meiner Frau iſt.— „Das iſt es, und folglich koͤnnt und duͤrft ihr mich nicht retten; warum bietet ihr mir denn eure Dienſte an?—. „Alles was in meiner Macht ſtaͤnde, wuͤrde ich fuͤr euch thun.“— a3 h „Eins nur thut mir Noth, und das koͤnnt ihr nicht.——— Begebt euch alſo hinweg!— Wenn mir geiſtlicher Zuſpruch frommt, will ich ſchon darnach ſenden.“— 1 191 Waldemar, einſehend daß hier nichts wei⸗ ter zu thun ſey, begab ſich wieder nach Hauſe. „Nun,“ rief Adeline ihm entgegen,„du haſt ihn nicht geſehen, er hat wieder Mittel ge⸗ funden zu entkommen?“— Hoben auch Waldemars Verſicherungen augenblicklich dieſe Zweifel, ſo war ſie doch uͤber⸗ zeugt, daß er gewiß noch entkommen wuͤrde, und oft bat ſie Waldemar in den zaͤrtlichſten Aus⸗ druͤcken, ihr den Aufenthalt in den Mauern ei⸗ nes Kloſters zu geſtatten, wo niemand ſie ferner verfolgen koͤnne. Als ſie den Tag von Geraldi's oͤffentlichem Verhoͤr vernahm, war ſie ſo ſicher er wuͤrde freigeſprochen werden, daß Waldemar ihr verſprach ſelbſt gegenwaͤrtig zu ſeyn, und ſo⸗ bald er wirklich freigeſprochen wuͤrde, ſie augen⸗ blicklich in ein Kloſter zu geleiten. Geraldi aber wurde des Mordes uͤberfuͤhrt, und zum Strange verurtheilt.— In den zwei Tagen, die noch zwiſchen dem richterlichen Aus⸗ ſpruch und der Vollziehung des Urtheils lagen, beharrte Adeline mit einer quaͤlenden Gewißheit auf ihrer Ueberzeugung, daß er dennoch entkom⸗ men werde.— Sie fuhr ooft ſchnell empor, be⸗ 192 hauptete ſeine Tritte auf der Treppe zu hoͤren, oder glaubte ihn durch's Fenſter kommen zu ſe⸗ hen. Hartnaͤckig beſtand ſie darauf, Walde⸗ mar ſolle noch einmal ins Gefaͤngniß gehen, und um ihr Ruhe zu geben, entſchloß er ſich endlich Bei ſeiner Ankunft vor dem Gitterfenſter war Geraldi's Geſicht gerade dahin gerichtet, doch ſchien er ſo in Gedanken verſunken, daß er des Barons Herantreten nicht bemerkte.— Tiefer Kummer lag in ſeinen Zuͤgen, der Stolz ſchien gebrochen, und Waldemar konnte ihn nicht ohne Thraͤnen inniger Ruͤhrung betrachten. Endlich fiel ſein Blick auf Waldemar, er nahete ſich ihm, und ſagte mit feſter Stimme:„Ich begreife nicht, Herr Baron, warum ſie ſo darauf beſtehen, ihre Beſuche bei mir zu wiederholen; doch ſchil⸗ dert man ſie mir als einen edlen Mann, und ich will alſo nicht glauben, daß ihre Abſicht ſey, einen Ungluͤcklichen noch mehr zu Boden zu dru⸗ cken.— 1* e „Gewiß nicht; bei allem was heilig iſt!“— antwortete Waldemar mit ſichtlichet Ruͤhrung im Ton und Blick. nenn 193 Geraldi betrachtete ihn noch einmal lange und ernſt, als wolle er im Innerſten ſeiner Seele leſen; dann fragte er:„Iſt ihre Frau todt, oder ſterbend?“— „Nein, ſie lebt, und wird leben.“— „Und dieſe Thraͤne fließt glſo fuͤr mich?— Dann danke ich ihnen!— Ach, haͤtte ein Mann wie ſie, mir damals, als ich mich zuerſt vom rechten Wege entfernte, dies Mitgefuͤhl gezeigt, vielleicht wuͤrde es nie ſo weit mit mir gekommen ſeyn, als es jetzt gekommen iſt!“——— 1 m,Der feſten Ueberzeugung bin ich gleich⸗ falls.“— 3 „Noch einmal Dank fuͤr dieſe Ueberzeugung, Herr Baron,“ ſagte Geraldi.— Nach einer Weile ſetzte er hinzu:—„Ich habe mich mit einem Geiſtlichen unterhalten, ſeit ſie das letzte⸗ mal bei mit waren, und er hat mich mit einer Sache bekannt gemacht, die mein Gefuͤhl gegen Adeline Manſtein um vieles veraͤndert hat. Ich weiß jetzt, daß ungeachtet ihres Stolzes, ſie dennoch uͤberzeugt war, Geraldi Duval habe eine Seele, weil ſie, nachdem ſie mich todt glaubte, hier und in Prag Seelenmeſſen fuͤr O. II. 13 194 mich leſen ließ. So ſah ich, daß ſie doch noch in gewiſſer Hinſicht einen Werth auf mich legte, und dafuͤr bin ich ihr Dank ſchuldig; ja, ich⸗ glaube, es iſt mir ſogar lieb, daß ich ſie nicht toͤdtete, und——— ja— ja— ich glaube, ich vergebe ihr. 8— Und nun,“ ſetzte er hinzu, als ob er jeden Zeugen ſeiner Ruͤhrung vermei⸗ den wollte,„verlaſſen ſie mich!“—— „Wollte Gott, ich koͤnnte ſie retten!“ rief Waldemar, mit dem Ton und Ausdruck, der von der Wahrheit des Gefuͤhls zeugt. „Sie koͤnnen es nicht; aber ich hoͤre, mein Erloͤſer kann es, und ich bemuͤhe mich daran zu glauban-— Leben ſie wohl.“— „unſer aller Gebet wird fuͤr ſie zu ſeinem Throne ſteigen,“ ſagte Waldem ar, indem er ſich ſchnell entfernte. Am naͤchſten Morgen litt Geraldi die Strafe ſeiner Verbrechen; ſein Benehmen bei der Hinrichtung war maͤnnlich, aber nicht rauh, und die Erzaͤhlung ſeines Betragens in den letzten Au⸗ genblicken des Lebens that dem fuͤhlenden Herzen Waldemars wohl. Niemand aber vermochte Adelinen von ſeinem Tode zu uͤberzeugen; ſie war gewiß, daß er ſogar den Scharfrichter getaͤuſcht, daß er ſich nur todt geſtellt habe. Waldemar fuͤrchtete mehr als je, daß ihr Verſtand nie voͤllig wiederkehren werde; ſo wie aber verzweifelte Urſa⸗ chen oft verzweifelte Mittel heiſchen, beſchloß auch er hier eine harte Cur anzuwenden. Er wirkte ſich vom Magiſtrat die Erlaubniß aus, in Ade⸗ linens Geſellſchaft den todten Koͤrper Geral⸗ di's ſehen zu duͤrfen, bevor er noch in das Grab⸗ Gewand gehuͤllt ſeyn wuͤrde. Schon am naͤmlichen Nachmittage, ohne zu ſagen, wohin er ſie fuͤhre, brachte er ſie in das Zimmer, wo ſich die Ueber⸗ reſte ihres nun erblichenen Feindes befanden. „Sieh hier, unglaͤubige Adeline, rief Wal⸗ demar, ſchaue in dies dir ſo wohlbekannte Ge⸗ ſicht, und ſage mir, ob es wirklich Geraldi'n angehoͤre?“— Adeline trat ſchaudernd bei dieſem Anbli⸗ cke zuruͤck, und ſagte mit faſt tonloſer Stimme: „Er ſchlaͤft ja nur!— Laß uns hinweg ei⸗ len, ſonſt erwacht er, um mich zu toͤdten!“— Dieſe Worte bewegten Waldemar im In⸗ nerſten des Herzens; er fuͤrchtete, auch dieſer An⸗ blick moͤge ihr die verlorne Vernunft nicht voͤllig 13* 196 wiedergeben; doch hielt er fuͤr Recht, noch nicht abzuweichen.„Sieh nur noch einmal hin, theure Adeline,“ ſagte er bittend;„nein, ſey nicht ſo leiſe, denn nur die Poſaune des letzten Welt⸗ gerichts kann dieſen Schlaͤfer hier erwecken.“— Adeline ſchauderte wieder.—„Die Po⸗ ſaune des letzten Weltgerichts!“— ſagte ſie kaum hoͤrbar;„du armer Geraldi!“— Nun ſchlich ſie naͤher, und als ſie die vormals ſo volle, ju⸗ gendliche Wange jetzt ſo welr, blaß und einge⸗ fallen ſah, die einſt ſo feurig ſtrahlenden Augen feſt verſchloſſen und eingedruͤckt erblickte, den ro⸗ then, vollen, trotzenden Mund im ſtummen, ewigen Schweigen begraben fand, begann ihr Buſen ſich ſchneller zu heben; ein leiſes Schluchzen ſchien Ueberzeugung anzukuͤndigen. Waldemars Hoffnung belebte ſich jetzt aufs Neue.„Adeline,“ rief er,„ruͤhre die Hand an, die ſo oft gegen dein ſchuldloſes Leben be⸗ waffnet war.— Jetzt iſt ſie machtlos, und nicht mehr im Stande dir zu ſchaden.“— Bei dieſen Worten nahm er ihre Hand, und legte ſie auf die des Geraldi; ſobald die eiſige Kalte des Todes ihre Finger beruͤhrte, war ſie 197 uͤberzeugt. Thraͤnen, die ihren Augen lange fremd geweſen waren, floſſen in wohlthaͤtigen Stroͤmen uͤber ihre Wangen, und ſich in ihres Mannes Arme werfend, rief ſie aus: „Waldemar, du haſt mich geheilt; aber nun bringe mich von hier fort, denn jetzt iſt die⸗ fer Anblick zu angreifend fuͤr mich!“— Von dieſem Augenblicke an genaß Adeline ſowohl geiſtig, als koͤrperlich; nichts hat ferner ihre eigene und die Gluͤckſeligkeit ihrer Familie geſtoͤrt, obgleich noch immer ein ſchwermuͤthiger Zug ſich uͤber ihr Geſicht verbreitet, ſobald das Geſpraͤch auf Geraldi kommt.— Sie hat die Beleidigungen vöͤllig vergeſſen, und beklagt innig das Geſchick deſſen, der ſie einſt ſo verfolgte. Oft, wenn ſie mit Mutterfreude auf die heitern Ausſichten ihrer Sohne fuͤr die Zukunft ſieht, ſchmerzt es ſie tief, daß ſie einſt Urſache ſeyn mußte, ähnliche Ausſichten und Heſinndatme einer luaud⸗ lichen Bruſt zu kerſtiren. Luͤge und Wahrheit. Im Hauſe des gemeinſchaftlichen Vormunds ſaßen Clara Delancy und Eleonore Mus⸗ grave eines Morgens in friedlicher Eintracht neben einander; der letzte Theil eines intereſſan⸗ ten Romans, mit deſſem Leſen ſie eben beſchaͤftigt waren, zog gerade ihre volle Aufmerkfamkeit an ſich, als ein Bedienteras den Vdeiuche einer Bekanntin ankuͤndigte. in. 4 0 „Ungluͤckliche Stoͤrung,“ rief SGarnasei „Jawohl ungluͤcklich,“ wiederholte Eleo⸗ nore.„Ich wuͤnſchte, die gute Fran dal, wo der Pfeffer waͤchſt!“— 228 E In dieſem Augenblicke trat Zrau Gomev⸗ ville ins Zimmer; Eleonore eilte ihr mit off⸗ nen Armen entgegen, und verſicherte, ſie ſey hoͤchſt erfreut ſie zu ſehen.— Clara ſetzte der Ange⸗ 199 kommenen hoͤflich einen Stuhl, indem ſie ſich nach ihrem Befinden erkundigte.— „Hoffentlich habe ich ſie doch nicht zeſist 27— fragte Frau Somerville.— , Durchaus nicht,“ verſetzte Eleonore; und wenn es auch der Fall waͤre, ſo koͤnnte eine ſolche Stoͤrung nicht anders als angenehm ſeyn.“— Elara erwiederte nichts; die Unterhaltung fiel bald auf die gewoͤhnlichen, nichtsſagenden, zeit⸗. toͤdtenden Gegenſtaͤnde, als da ſind: Wetter, Thea⸗ ter, Putz, und ſprang dann zur Kritik des lieben Naͤchſten uͤber. „Frau Harriſon hat alſo wirklich einen Ball gegeben?“ rief die beſuchende Dame. „Einen Ball kann man es eigentlich nicht nennen,“ erwiederte Clara.„Es war nur ein kleiner freundſchaftlicher Tanz.“— 4„Ei, rief Eleonore, indem ſie dem Baͤs⸗ chen einen Wink gab,„es war allerdings ein Bal,, und zwar ein recht eleganter!“— „Sie ſind alſo dabei geweſen?“— — „Ja, wir alle Beide, und wir wunderten uns ſehr, ſie nicht dort zu treffen.“— 200 „Ach, lieber Himmel, rief Frau Somer⸗ ville mit hoͤhniſchem Laͤcheln, indem ſie ſich in die Bruſt warf,„Herr und Frau Harriiſon werden ſich wohl huͤten, uns zu irgend einem ih⸗ rer Baͤlle, oder glaͤnzenden Banquette zu bitten, da ſie uͤberzengt ſind, daß wir ſie nie wieder ein⸗ laden werden.— 3 „Glaͤnzend konnte man dies kleine Feſt in keiner Hinſicht nennen,“ erwiederte Clara.— „Wie kannſt du nur ſo ſchwatzen,“ unterbrach Sleonore ſie ſchnell;„war die Geſellſchaft nicht ganz auserleſen, hatten wir nicht vortreffliche Muſik, und ein koͤſtliches Abendeſſen?“— „Die Geſellſchaft war allerdings gut, beſtand aber doch nur aus wenigen Perſonen, die in al⸗ ler Eile zuſammengebracht waren, um den Ge⸗ burtstag der aͤlteſten Tochter, und die Ruͤckkunft des Sohnes von ſeiner Reiſe nach Oſtindien zu feiern; und die Kinder des Hauſes, nebſt ihren jungen Gefaͤhrten, machten den groͤßten Theil der Dhenwen aus.— Was nun das Abend⸗ eſſen betriff“"—-———— 4 „Ja, das war koͤſtlich und auserleſen,“ fiel Eleonore ein;„ſowohl als das ganze Feſt, du 201 magſt es nun benennen wie du willſt.— Kaltes Wildprett, wilder Schweinskopf, Gaͤnſeleber⸗Pa⸗ ſtete, Ananas, Weintrauben, Indianiſche daseruif ene Chamgagner— kurz“—— Hier erhob ſich Frau Somerville, glͤhend vor Zorn, indem ſie die beißende Bemerkung aus⸗ ſtieß: wie nur ein Mann, der erſt vor ſechs Mo⸗ naten ſeine Zahlungen eingeſtellt, und deſſen Ac⸗ eord noch nicht unterzeichnet ſey, die Stirn haben koͤnne, ſo Tänhinbe oſtipiulihe Zeſt⸗ zu geben. „Ich bin aberzeugt,“ ſagte Clara, daß das Abendeſſen ihn nichts koſtete, und”“——— „ Ich verkenne ihre chriſtliche Abſicht nicht, mein Fraͤulein; ſie wuͤnſch arriſonszuentſchul⸗ digen, und ich weiß auch, warum ſ ſie es wuͤnſchen.— Aber eben ſo gewiß bin ich dennoch, daß Fraͤulein Musgrave mir die Wahrheit geſagt hat. Doch, guten Morgen, meine Lieben; wenn mein Mann ein⸗ mal Banquerott machen ſolite, und nicht zehn Pro⸗ eent zahlen kann, wollen wir auch ſe und koſtſpielige Abendeſſen geben.— G fohlen!— Mit dieſen Worten rannte ſte zum Zimmer hinaus. 202 „Ich rühmte das Feſt mit Fleiß, um ſie zu aͤr⸗ gern, denn ich weiß, wie neidiſch ſie immer auf Harriſons war, beſonders auf die huͤbſche Frau.— Selbſt das Ungluͤck der armen Leute hat ſie nicht milder gegen ſie ſtimmen koͤnnen.“. en„Warum aber trugſt du auch ſo hoch auf, und ſetzteſt Freunde einem gerechten Tadel aus, um eine Naͤrrin zu aͤrgern?— Vieles von dem, was du ſagteſt, war. doch entweder durchaus un⸗ wahr, oder zum wenigſten ſehr uͤbertrieben.— 4.„Kannſt du es denn leugnen, daß ſich nicht alle von mir erwaͤhnten Dinge auf dem Tiſche befanden?“— 9 „Es befanden ſie eberreſte einer Gaͤnſeles ber⸗Paſtete da, welche ihnen ein Freund geſandt hatte; Ueberreſte eines wilden Schweins⸗Kopfes, gleichfalls ein Geſchenk; eine Ananas und einige Trauben aus dem Treib⸗Hauſe ihres Freundes, Sir Charles Mowbray, und ein Krug Ingwer⸗ Bie ihr Sohn mitbrachte. Die von dir ſo h forte, welches Frau Harriſon, und einem Tam⸗ nn Die garſtige Katze!“— rief Eleonore.— bourin, das ihre Tochter ſpielte; der geruͤhmte * erhobene Muſik beſtand einzig im Piano⸗ —,— —,— 203 Champagner war ganz einfacher, ſelbſt bereiteter Johannisbeer⸗Wein.— Und dies kleine, ſpaͤrliche Mahl wurde von dir zu Jnnes gen, koſtſpieligen Feſte umgeſchaffen, voͤllig unpaſſend zu den Umſtaͤn⸗ den, in welchen dieſe Leute ſich gegenwaͤrtig befinden.“ „Ach, das thut alles nichts, da ich meinen Zweck erreichte, die garſtige Meerkatze zu aͤrgern; ich wuͤnſchte nur nath Paeeiihete aufaetragen iu haben.“— l kiit. d „Deine Sishresugen nd eashnu hin⸗ laͤnglich poetiſch. 77 „Nun, ſo kleine Uebertreibungen, oder un⸗ ſchuldige Flunkereien ſchaden lus Unterhaltung nichts.“— „ und doch koͤnnen ſie Unheil niften; denn wenn die Luͤge einmal geſagt iſt, wer wagt es ihre Folgen zu berechnen?— Nur die Wahr⸗ heit fuͤhrt zum rechten Ziel.“. „Dennoch iſt es nicht immer moͤglich, dieſe zu bekennen, ja manchmal wuͤtde man dadurch recht plump und grob erſcheinen.— Stelle dir nun einmal vor, ich haͤtte der Frau geſagt, wie unangenehm ſie uns ſtoͤrte, und wie wir wuͤnſch⸗ ten, daß ſie nicht gekommen ſeyn moͤge!!’“— 2⁰4 „Das war auch nicht noͤthig; eben ſo we⸗ nig aber war es oͤthig ihr zu ſagen, du feyſt hoͤchlich erfreut ſie ſehen, und ſie veranlaſſe eine angenehme Stoͤrung.“ Harht „Was ſchadete das aber?— Und ihren Verdruß abgerechnet, der mir obendrein ein an⸗ genehmes Gefuͤhl giebt, ſchadete es eben ſo wenig, daß ich den kleinen einfachen Sprung bei Har⸗ riſons zum eleganten Ball umſchuf.“— „Wie geſagt, die Folgen laſſen ſich nicht be⸗ rechnen. So viel ich weiß, iſt Herr Somerville einer der groͤßten Glaͤubiger des armen Harri⸗ ſons.“ 130 „Ja, das hatte ich vergeſſen,“ erwiederte Sleonove betroffen;„nun thut mir das Ge⸗ ſagte leid; in dieſem Falle koͤnnte es allerdings ſchaden.) „Suche es dadurch wieder gut zu machen, daß du zur Somerville gehſt und deine Ue⸗ bertreibungen eingeſtehſt.“— „Nein, nimmermehr; dann wuͤrde ſie mir ja ein andermal nicht wieder glauben, und jetzt ſtehe ich in hohem Credit— du merkteſt wohl, wie ſie gar nicht auf dich hoͤren wollte,— Aber 2 205 laß jetzt dein Predigen; wir wollen unſer Buch zu Ende leſen.“— Der Roman wurde beendigt, und Frau So⸗ merville gaͤnzlich vergeſſen; aber dieſe vergaß ſo leicht nicht.—— Die beiden Fraͤulein, welche den Hauptge⸗ genſtand unſerer Erzaͤhlung ausmachen, waren der Sorgfalt des Herrn Morley durch eine alte Dame uͤbergeben, welche ihnen ein betraͤcht⸗ liches Vermoͤgen, den Bruͤdern und Schweſtern aber, die von andern Muͤttern abſtammten, und aͤlter wie ſie waren, nichts hinterlaſſen hatte.— Dieſe alte Dame wuͤnſchte gleichfalls, daß ſie, wenn ſie nicht mehr in der Schule waͤren, bis zum fuͤnfundzwanzigſten Jahre, im Hauſe ihres Vormunds wohnen, und dann erſt zum Beſitz ih⸗ res Vermoͤgens gelangen ſollten.— Ein gluͤckli⸗ ches Geſchick aber hatte Clara vor jeder frem⸗ den Einwirkung bewahrt, indem es ihr eine lie⸗ bende Mutter erhalten hatts, die mit zaͤrtlicher Sorgfalt uͤber ihre Erziehung wachte, und mit ihr vereint unter dem Dache des Herrn Mor⸗ ley lebte, bis ein boͤsartiges Fieber ſie in der Bluͤthe des Lebens dahinraffte. 2 206 Jetzt erwartete der alte Morleiy taͤglich die Ruͤckkehr ſeines Neffen, Sidney Dave⸗ nant, aus Oſtindien, wo es dieſem gelungen war ein auſehnliches Vermoͤgen zu erwerben, um auch hier ein vielleicht noch betraͤchtlicheres in Beſitz zu nehmen, welches ihm von Morley'’s aͤlterm Bru⸗ der hinterlaſſen war.. Sidney war bei dem Oheim erzogen, und hatte bis zu ſeiner Abreiſe nach Oſtindien gleich⸗ falls unter ſeinem Dache gelebt; ſo war er den beiden Muͤndeln nicht ſremd geblieben, und ſein Bild hatte ſich vorzuͤglich in Clara's Erinne⸗ rung, die zwei Jahre aͤlter als Eleonore war, ſo tief eingepraͤgt, daß ihr Verſtand es umſonſt verſuchte, die heftigeren Schlaͤge des Herzens bei dem Gedanken an ſeine Ruͤckkehr zu unterdruͤcken.— Der Oheim trug ſeiner Seits oft dazu bei, ihre ſchoͤnen Wangen mit einem hoͤhern Roth zu färben, da er es einmal in der Art hatte, ſeine Scherze uͤber dieſe Gegenſtaͤnde zu treiben, die, etwas zweideutiger Natur, ſchwache Maͤdchen hin⸗ reißen, und den Kopf mit Liebhabern und Ero⸗ berungen füllen konnten, fuͤr das zartere, feinere, Gemüth aber immer beleidigend ſeyn mußten.— „ — 207 „ Nun, Maͤdchen, laßt uns auf die Geſundheit des huͤbſchen Nabobs trinken, der fuͤr eine von euch ein ſtattlicher Ehemann werden moͤge!“ Dies war die gewoͤhnliche Anrede beim erſten Glaſe Wein nach der Mahlzeit. Clara bemerkend, wie ein beſonderer Wink des Alten dann immer auf Eleonore fiel, glaub⸗ te hieraus ſchließen zu muͤſſen, daß Sidn ey's Wahl, wenn ihm anders noch eine frei ſtaͤnde, auf dieſe fallen wuͤrde.— „Wie darf mich das auch nur Heſtenrden, 77 ſagte das beſcheidene Maͤdchen zu ſich ſelbſt,„Elev⸗ nore iſt ſo ſchoͤn, und ihr ganzes Weſen ſo einnehmend! Ich kann den Leuten nicht ſchmei⸗ cheln, wie ſie es in ihrer Macht hat, und wo ich am tiefſten fuͤhle, kann ich mich am wenigſten aͤußern!“— Clara haͤtte hier noch hinzuſetzen koͤnnen:„auch iſt ihr Vermoͤgen groͤßer als das meinige.— Aber wiewohl ihr Vormund die⸗ ſen Artikel gewiß nicht aus der Acht ließ, wenn er in Gedanken die Vorzuͤge ſeiner Muͤndel auf⸗ zaͤhlte, ſo war Clara ſelbſt zu jung, und achtete das Geld zu wenig, um hierdurch ein großes Ue⸗ bergewicht in Eleonorens Wage zu legen.— * 208 „Clara,“ ſprach Eleonore eines Tages zu ihr,„was fuͤhlt dein Herz beim Gedanken an den jungen Nabob, welchen wir erwar⸗ ten?“— „Mein Herz?— Wahrlich, ich hab mich in dieſer Hinſicht noch nicht recht gepruͤft; ſeine Briefe aber, und das Zeugniß aller, die ihn ken⸗ nen, ſchildern Sidney als einen vorzuͤglichen jun⸗ gen Mann; auch erinnere ich es mich noch recht wohl, wie lieb er mich hatte, und wie freundlich er mich behandelte, als ich noch ein Kind war. 72 „Eben ſo freundlich war er auch gegen mich; indeß iſt mir durchaus kein Bild von ihm geblie⸗ ben, und ich wuͤrde voͤllig vergeſſen haben, daß es einen ſolchen Menſchen in der Welt gaͤbe, wenn der Vormund ihn nicht taͤglich vor mein Gedaͤcht⸗ niß fuͤhrte.“— „Ich wuͤrde ihn nimmer vergeſſen haben, ſelbſt wenn ich ſeinen Namen nie wieder gehoͤrt haäͤtte!— Ich weiß es noch recht gut, wie bitter⸗ lich ich bei ſeiner Abreiſe weinte.“— „Du warſt aber auch aͤlter als ich.— „Ja, zwei Jahre.“— 209„ „Nur zwei Jahre!— Sch glaubte, es ſey mehr geweſen.— Aber, Liebchen, du ſcheinſt mich nicht zu verſtehen; hier iſt nicht die Rede davon, was du von den Briefen nebſt uͤbrigen Tu⸗ genden und Talenten dieſes Ehrenmannes haltſt) ſondern ob du dich geneigt fuͤhlſt, dein Netz nach ihm anszuwerfen, wie unſer Vormund ſich aus⸗ zudruͤcken beliebt; denn daß dh dies thun mardee iſt feſt bei mir beſchloſfenunnn eee ie „Dann wirſt du dein Ziel ſicher nicht ver⸗ fehlen,“ erwiederte Clara mit zitternder Stimme, „und ich bin zu beſcheiden, in den Weltkampf mit dir beginnen zu wollen Was aber wird HauptmandTaylor dann ſonea— „Gehorſame Dienerin, du holde Beſcheiden⸗ heit!— Der Hauptmann mag uͤbrigens ſagen, was ihm beliebt; nur dies eine gebe ich dir noch zu bedenken: ſollte es deinem treuen Herzen ir⸗ gend ſchmerzlich ſeyn, dieſen indianiſchen Adonis aufzugeben, ſo ſpiele ich d dchnuch ne eaun ziehe mich zuruͤck.“ 8e. 1ef. Bei dieſen Worten warf ſie einen Blick in den Spiegel, der hinl laͤnglich zeigte, daß ihre An⸗ ſpruͤche, wenn einmal geltend gemacht, den Preis O. II. 14 210 davon tragen muͤßten.— Was aber hatte Clara dieſen Reizen entgegen zu ſetzen?— Ein offnes, ausdruckvolles Geſicht, eine Stirn, auf der Wahr⸗ heit thronte, ein Auge, aus dem das edelſte, reinſte Gefuͤhl ſtrahlte, welches ſich in jedem Worte, das uͤber ihre Lippen ging, auszuſprechen ſchien.— Wohlwollen verbreitete ſich um ſie her, wo ſie erſchien, und wenn Eleonorens hoͤhere Schoͤn⸗ heit allgemeine Bewunderung erregte, wandten ſich bei naͤherer Bekanntſchaft aller Herzen zu Sluen Uebrigens waren beide Maͤdchen von ſchlan⸗ der lieblicher Geſtalt, beide beſaßen Talente, die ihrer Erziehung Ehre machten; doch hatte Clara es im Spielen mehrerer Inſtrumente weiter ge⸗ bracht, als Eleonore, auch hatte ihre Stimme einen hoͤhern Wohlklang, ſo wie ſie uͤberhaupt in ihrer ganzen Bildung weiter fortgeſchritten war.— Sleonore, die ihre Eltern fruͤh verlor, wurde in einer Penſion erzogen, waͤhrend Clara unter der ſorgſamen Aufſicht einer herrlichen Mutter aufwuchs; zwar ſtarb dieſe Pflegerin ihrer Jugend fruͤher, als ſie die von ihr geſtreute Saat voͤllig zur Reiſe gedeihen ſah; aber der einmal ſo ſorg⸗ 18 211 faͤltig bearbeitete Boden trug die ſchoͤnſten Fruͤch⸗ te.— Konnte auch das Auge der geliebten Mut⸗ ter ſie hienieden nicht mehr bewachen, ſo ſchien ſie von den Sternen herab ſie unſichtbar zu um⸗ ſchweben, und Clara handelte und lebte, als waͤre die Mutter ihr noch immer gegenwaͤrtig. Auf den erſten Blick ſchien es leichter, mit Eleonoren zu leben. Ohne alle Grundſätze, ging ſie in die Meinung eines jeden ein, und nahm jede beliebige Form an, um andern zu ge⸗ fallen, vorzuͤglich wenn ſie es mit Leuten von Ton zu thun hatte. Ihr Witz trieb mit jedem ein leichtes Spiel; Freund und Feind mußte ihn er⸗ tragen lernen; wen ſie gewinnen wollte, der wurde gewonnen. Durch dieſen Schein hatte ſie laͤngſt verlernt, auf die Stimme der Wahrheit zu achten, ſie wußte es ſelbſt kaum mehr, wenn ſie anders redete, als ſie es meinte, da jedes Mittel ihr recht war, um ihren Zweck zu erreichen.— Clara ſchauderte oft uͤber dieſe Abweichungen von der Wahrheit, und doch mußte ſie die Kunſt bewun⸗ dern, mit der Eleonore andern ihre Falſchheit zu verbergen wußte. 0 14* 212 „Welche Neize habe ich wohl ſolcher Schoͤn⸗ heit und ſolchen Kuͤnſten entgegen zu ſetzen?“— fragte ſie ſich im Innern, ſo oft der Wunſch, von Davenant vorgezogen zu werden, in ihrem Herzen aufſtieg.— Sie gedachte des Juͤnglings nur zu oft, wußte es nur zu gut, wie er ſie waͤh⸗ rend der gluͤcklichen Spiele der Kindheit manch⸗ mal ſcherzend ſeine kleine Frau genannt, und wie ſie einmal ihre Mutter zu Morley hatte ſagen gehoͤrt:„Sidney nennt Clara ſeine kleine Frau; wenn der Mann in Zukunft dem hoff⸗ nungsvollen Knaben entſpricht, ſo wollte Gott, ich lebte noch ſo lange, um dieſe Verbindung wirk⸗ lich ſegnen zu koͤnnen!“— Von dieſem Augenblicke an naͤhrte Clara's zartes Herz die ſuͤße Hoffnung, welche durch die Worte der geliebten Mutter nur noch mehr ange⸗ facht war.— Scherzweiſe hatte Davenant dieſe Benennung oft wiederholt, auch da ſie ſchon zum Maͤdchen herangewachſen war; gleich nach der Mutter Tode, die er innig verehrte, ſchrieb er ihr den zaͤrtlichſten, theilnehmendſten Brief, und ungeachtet ihr Verſtand ſie oft deßhalb tadelte, 213 konnte ſie nicht umhin, bei dieſen ſuͤßen Erin⸗ nerungen zu weilen. G „Gewiß, Clara,“ ſagte Eleonore einſt zu ihr,„du erroͤtheſt ſo angenehm, ſo bald nur die Rede auf dieſen indianiſchen Adonis faͤllt, daß ich faſt glauben muß, du habeſt es dir vor⸗ genommen, dich in ihn zu verlieben. Geſtehe, Liebchen, ob du nicht ſelbſt der Meinung biſt?“— Noch zoͤgerte Clara mit der Antwort, wohl⸗ wiſſend, was in ihrem Innern vorging, als ein Bedienter ein Billet von Lady Sophia Mil⸗ dred an Eleonoren brachte, welches die drin⸗ gende Bitte enthielt, ſie dieſen Mittag nach ihrem Hauſe hin abholen zu duͤrfen, da ſie ihr Dinge von der groͤßten Wichtigkeit mitzutheilen habe.— Der Freundin Bitte wurde gewaͤhrt, und uͤber die noͤthigen Vorbereitungen der Toilette, die eben ergangene Frage an Clara vergeſſen, und ſo die Arme einer Antwort uͤberhoben. Die wichtigen Dinge, welche ſo dringend einer Mittheilung von Seiten der Lady So⸗ phia bedurften, waren Klagen, die ſie in den Buſen der Freundin ausſchuͤtten wollte. Sir Richard Mildred, ihr Gemahl, hatte es 214 naͤmlich gewagt, das Soͤhnchen, welches ſie zum ungehorſamen Rangen erzog, unter ihrer Zucht wegzunehmen, und der Aufſicht eines wuͤrdigen Mannes anzuvertrauen, der ſeine Pflicht zu ſehr ausuͤbte, um einer ſchwachen, launigen Mutter gefallen zu koͤnnen.— Vergebens hatte ſie ſchon alles angewandt, den Erzieher in den Augen ih⸗ res Mannes herabzuſetzen, vergebens verſicherte ſie, es wuͤrde ihr Tod ſeyn, wenn ihr Liebling, der Auguſt, laͤnger in den Haͤnden eines ſo des⸗ potiſchen Schulmonarchen bliebe; Sir Richard trauete Bellamy's Verfahren gegen ſeinen Sohn, fand daß der Bube, ungeachtet ſeiner Traͤg⸗ heit, doch ſchon Fortſchritte gemacht habe, und ließ ihn ruhig unter ſeiner Aufſicht.— Dieſe Klagen uͤber den Eigenſinn und die Unerbittlich⸗ keit eines Eheherrn, der Kummer uͤber die ſtrenge Behandlung, welche ihr liebes Guſtchen in der Schule erdulden mußte, ſollten nun der Freundin mitgetheilt werden. Sie verfehlte nicht, ſie zur be⸗ ſtimmten Stunde abzuholen, und ſchon auf dem Wege nach ihrem Hauſe konnte ſie es nicht uͤber das ſchwache Mutterherz bringen, an der Schule ihres Lieblings voruͤber zu fahren, ſondern mußte 213 ausſteigen, um ihm einen Kuß und einige Suͤßig⸗ keiten zu reichen. Gerade aber hatte ſie einen ungluͤcklichen Au⸗ genblick gewaͤhlt; denn ſchon durchs offne Fenſter gewahrte ſie, wie der grauſame Bellamy ihren Auguſt, der ein fuͤrchterliches Geſchrei erhob, etwas unſanft am Arme bis in die Mitte der Stube zog. „Der Barbar, der Moͤrder!“ rief die Da⸗ me in der hoͤchſten Wuth,„er wird mein Kind toͤdten!“ und mit dieſen Worten ſtuͤrzte ſie in die Schulſtube, gefolgt von Eleonoren, die zwar daſſelbe Schauſpiel vor ſich ſah, aber nicht die naͤmlichen Folgerungen daraus zog. So wie der Junge die Eintretenden erblickte, riß er ſich von der Hand des Lehrers los, und ſtuͤrzte mit einem Zeter⸗Geſchrei auf die Mutter ein, die ihn in ihre Arme ſchloß, und ihn unter Liekoſungen ihr armes, unſchuldiges Kind nannte. Waͤhrend der Zeit hatte Eleonore den Blick nach einem andern Kinde gewandt, von deſſem Wange Blut herunterfloß, das aus einer Wunde am Ohr herzukommen ſchien; auch dieſer Knabe war, gleich einem kleinen Suͤnder, 216 von Herrn Bellamy in die Mitte der Stube gezogen, der ruhig daneben ſtand, und auf Eleo⸗ norens Frage: wie der andere Kleine zu der Wunde am Ohr gekommen ſey, gelaſſen antwor⸗ tete:„Auguſt Mildred hat ihn gebiſ⸗ ſen.“— 1 S S Als das Mutter⸗Soͤhnlein dies hoͤrte, ſtampfte und ſchrie es nur noch ärger, und da Lady So⸗ phia fuͤrchtete, ihr Guſtchen moͤge Kraͤmpfe be⸗ kommen, zog ſie ihn in ein anderes Zimmer, wo⸗ hin ſie Eleonoren bat ihr zu folgen. Dort wurde er nun unter vielen Liebkoſun⸗ gen und Verſprechungen gebeten, ihr die Urſache zu ſagen, warum ſein Lehrer ihn ſo grauſam behandelt habe, und zuletzt geſtand er ſchluchzend: daß er ſich mit dem kleinen Felton gezankt, und der alte Bellamy ihm, wie gewoͤhnlich, Unrecht gegeben, und ihn eben habe ſtrafen wollen, als Mama zur Thuͤre hereingekommen ſey. „Aber der Unmenſch hat dich ja ſchon geſtraft,“ ſagte die aufs Aeußerſte aufgebrachte Mutter; „ſehe ich nicht auf deinen rothen, angeſchwollenen Backen die Zeichen ſeiner plumpen Finger!“— 217 „Ja, und ſieh nur,“ fiel der Knabe ein,„wie zerrauft mein Haar iſt!“— Je a Lady Sophia glanbte zu ſehen, daß er al⸗ lerdings an den Haaren geriſſen ſey, und verſi⸗ cherte, ſie wolle ihn ſogleich mit nach Haufe neh⸗ men, und er ſolle nie zu dem Tyrannen zuruͤck⸗ kehren; denn jetzt koͤnne der Papa ſich mit eige⸗ nen Augen uͤberzeugen, wie ſein Sohn gemißhan⸗ delt wuͤrde; und du, liebe Eleonore, ſetzte ſie hinzu, biſt Zeugin dieſer Gewaltthaͤtigkeiten gewe⸗ ſen.“— „Ich habe nicht gefehen, daß Herr Bella⸗ 1 my Auguſt geſchlagen hat.“— „Wenn auch nicht, ſo ſiehſt du doch die deutlichen Zeichen davon, und haſt geſehen, wie er ihn in die Mitte der Stube zog.“— „Ja, aber nicht bei ſeinem Haar.”— „Ja freilich; ſiehſt du denn nicht, wie viel Haar ausgeriſſen iſt?“— „Doch gewiß nicht durch Herrn Bellamy, dies wird Auguſt ſelbſt nicht ſagen koͤnnen.“— „Wer anders ſollte es denn gethan haben?— Nein, ſolch ein Unmenſch ſoll nicht laͤnger mein 1* 218 armes Kind quaͤlen!— Nicht wahr, Guſtchen, er ſoll nicht?“— Der Junge heulte.— Wenn Herr Bel⸗ lamy dies wirklich gehun haͤtte,“ ſagte Eleo⸗ nore—-—— „Wenn er es gethan haͤttet— That er es denn nicht? Sprich doch, Kind, du ſiehſt ja, Fraͤulein Musgrave will es nicht glau⸗ ben!“— „Ja, ja,“ ſchrie der Knabe auf einmal, dem es nun deutlich wurde, daß ſein Fortkommen aus der Schule von dieſem Beweiſe abhaͤnge.— „Ja wohl hat er es gethan, und Lore iſt recht garſtig, daß ſie es nicht glauben will!“ Bei dieſen Worten ſtieß er ſie mit dem Ellenbogen in die Seite; ſie ſchwieg, obgleich ſie nicht uͤber⸗ zeugt war. Lady Sophia ſuchte ſie nun zu uͤberfuͤhren, ß ſie es als den groͤßten Beweis ihrer Freund⸗ ſchaft anſehen werde, wenn ſie Bellamy's Be⸗ handlung, von der ſie Augenzeugin geweſen, gegen ihren Mann beſtaͤtige;„denn,“ ſetzte ſie hinzu, „mir glaubt Sir Richhard nicht, und wuͤrde die ganze Erzaͤhlung nur fuͤr eine Liſt halten, 219 um meinen Sohn wieder nach Hauſe zu bekom⸗ men. Der Friede meines Gemüths beruht alſo auf deine Ausſage, Liebe, da mein Mann leider immer an der Wahrheit meiner Worte zwei⸗ felt.“— „Welch ein herabwuͤrdigendes Bekenntniß fuͤr eine Frau!“— dachte Eleonore, und in dem Augenblicke fiel es ihr ſchwer aufs Herz, wie Clara doch wohl in ihrer Behauptung Recht haben koͤnne, daß man in jeder Hinſicht, ſogar in Kleinigkeiten, die Wahrheit reden muͤſſe. Da das liebe Guſtchen nun beruhiget war, nahm die Mama ihn bei der Hand, ging mit aller Wuͤrde einer Dame von Stande in das Schulzimmer, und ſagte Herrn Bellamy: daß ſie ihren Sohn dieſen Augenblick mit nach Hauſe nehmen, und ihr Moͤglichſtes thun wuͤrde, es uͤber ihren Gemahl zu vermoͤgen, ihn nie wieder an einen Ort zu ſchicken, wo er ſo gemißhandelt werde. „Wenn ihr Vorſatz ihnen gelingt, gnaͤdige Frau,“ antwortete Bellamy ſtolz und kalt, werde ich ihnen ſehr dafuͤr verbunden ſeyn; denn ſie befreien mich dadurch von einem der laͤſtigſten 220 Zoͤglinge.— So wuͤnſche ich denn den beſten Erfolg!“— Bei dieſen Worten befahl er dem Bedienten, den Wagen der Dame vorfahren zu laſſen.— „Wie ſich der alte Praͤceptor in die Bruſt werfen kann!“— ſagte Lady Sophia, ſich zu Eleonoren wendend;„aber es iſt doch ſein Ernſt nicht!“—. Sleonore antwortete nicht, war aber in⸗ nerlich vom Gegentheile uͤberzeugt; ihre volle Aufmerkſamkeit war jetzt auf die Blicke gerich⸗ tet, welche ſich A uguſt und der Knabe mit dem gebiſſenen Ohre gegenſeitig zuwarfen. Die bei⸗ den Jungen kamen ihr vor, als ein paar Katzen, die knurrend wieder auf einander losſpringen wol⸗ len, und ſie konnte nicht umhin, der Meinung zu ſeyn, daß das gebiſſene Ohr entweder Urſache oder Folge des zerrauften Haares und des Backenſtreichs ſey. Aber Mutter und Sohn beharrten darauf, der alte Bellamy,(wie ſie den jungen, ruͤſtigen Mann von ſechsundreißig Jahren im Zorn zu nen⸗ nen beliebten,) habe es gethan, und Eleonore ſah nicht ein, wie ſie das Gegentheil behaupten koͤnne.— Der Wagen fuhr vor; noch einmal 221 fletſchten die beiden Buben die Zähne Secmthnaſe der, und man eilte davon.— Sir Richard Mildred hatte es verſtan⸗ den, ſich als Hausherr in ſo gehoͤrigen Reſpect zu ſetzen, daß die ganze Familie ihn fuͤrchtete, und vorzuͤglich ſeine Frau, obgleich ſie es ihrer⸗ ſeits auch wohl verſtand Leute in Furcht zu ſe⸗ tzen. Da Furcht nun ſowohl wie Eitelkeit oft die Mutter der Luͤge iſt, hatte Lady Sophia die Kunſt, von der Wahrheit abzuweichen, und Dinge im entſtellten Licht vorzutragen, meiſter⸗ haft erlernt; jedoch in der Beh hauptung: ihr Mann glaube nie, was ſie ſage, ſprach ſie voll⸗ kommen wahr. Als nun der geſtrenge Herr ſie mit dem Knaben zuruͤckkehren ſah, hielt er es einzig fuͤr uͤbertriebene muͤtterliche Zaͤrtlichkeit, und nahm ſich ſchon zum voraus vor, keiner der Entſchuldigungen, die ſie dafuͤr vorbringen werde, Gehoͤr zu geben. 8 4 Gleich bei ſeinem Eintritte ins Zimmer be⸗ merkte Lady Sophia die finſtere Wolke, welche uͤber des Eheherrn Stirn ſchwebte, und da ſie gewoͤhnlich bei ſeinem Anblicke zitterte, ſo uͤber⸗ zeugt ſie auch war, das Recht immer auf ihrer 222 Seite zu haben, trug ſie die ganze Begebenheit ſtotternd und voͤllig unverſtaͤndlich vor, und en⸗ dete damit, die Mahlzeichen an Haar und Wange zu zeigen, welche der alte Bellamy ihrem Soͤhnlein beigebracht habe. Der Eheherr zeigte ſeinen völligen Nsslas, ben, behauptete nichts bemerken zu koͤnnen, und bewies die Unmoglichkeit, daß Herr Bellamy einen Sohn von Sir Richard Mildred auf dieſe Weiſe behandeln koͤnne.— Da nahm die aufs Aeußerſte gebrachte Gattin endlich weinend ihre Zuflucht zur Freundin, und bat ſie, als Zeugin fuͤr die gerechte Sache aufzutreten.— „Sprich, Theure, ſahſt du es nicht mit eigenen Augen, wie der Unmenſch das Guſtchen bei den Haaren bis mitten in die Stube zog?“— rief ſie, ſich zu ihr wendend. „Freilich ſah ich, n wie er ihn bis in die Mitte der Stube zog.“— „Ja, und bei den Haaren, nicht wahr 77— Hier wurde ein in Thraͤnen ſchwimmender, fle⸗ hender Blick auf E leonore geworfen.—„Ich kann es freilich nicht laͤugnen,“ war die Ant⸗ wort;„und“— ſetzte ſie hinzu, um eine Aus⸗ 223 flucht zu gewinnen,„die Zeichen des Backen⸗ ſtreichs, welche nun faſt verſchwunden ſind, waren in dem Augenblicke ſehr bemerkbar.“— „Iſt es moͤglich!“ rief Sir Richard aufgebracht.—„Wahrlich, gnaͤdige Frau, nur das Zeugniß dieſer wahrhaften jungen Dame kann mir die Sache glaublich machen; aber da ſie ihre Ausſage beſtaͤtigt, werde ich auf der Stelle an Bellamy ſchreiben, und ihm melden, daß dieſe Behandlung meinen Grundſaͤtzen gaͤnzlich zu⸗ wider iſt, und daß ich meinen Sohn ferner nicht ſolchen Haͤnden anvertrauen werde.. Se Bei dieſen Worten verließ er das Zimmer, um ſeinen Vorſatz auszufuͤhren. Mit vielen Aus⸗ rufungen dankte nun Lady Sophia der Freun⸗ din fuͤr den Dienſt, welchen ſie ihr erzeigt hatte, und verſicherte, ihn im Leben nicht vergeſſen zu koͤn⸗ nen. 1 1 Doch alle dieſe ſchoͤnen Worte vermochten nicht, Eleonoren im Innern mit ſich auszuſoͤhnen; ſie war es ſich bewußt eine Unwahrheit geſagt, und dadurch einen Mann, den ſie ſchaͤtzte, in ein nach⸗ theiliges Licht geſtellt zu haben, und das einzig, um einer Frau geſaͤllig zu ſeyn, die ſie eigentlich ver⸗ 224 achteke. Auch verhehlte ſie ſich nicht, daß dies eine Loge ſey, worein, wie Clara ihr oft vorhergeſagt habe, ſie durch ihre Aüheltzunngin von der Wlhte heit kommen wuͤrde.. Wer, der es ſich nicht zum unerlaͤß lichen Ge⸗ ſetz gemacht, nie von der Wahrheit abzuweichen, kann den Uebergang von der ſogenannten unſchul⸗ digen Luͤge zu der, fuͤr ſich und andre, dnheiſe bringenden, verderblichen berechnen?— Hier fuͤhlte ſie deutlich, wie ihre falſche Aus⸗ ſage zum Nachtheil eines achtungswerthen Mannes gereiche; denn wenn der Verluſt dieſes Zoͤglings auch an und fuͤr ſich kein großer Schade fuͤr Bel⸗ kamy war, ſo war ſie Schuld, daß dieſer Mann in den Augen Sir Richards herabgeſetzt, und eines Fehlers gezeiht wurde, den er nicht began⸗ gen hatte.— Die Sache war aber einmal ge⸗ ſchehen, und ihre einzige Hoffnung beſtand jetzt nur: noch darin, daß keine weitere Unterſuchung Statt finden moͤge. Mit pochendem Herzen ſah ſie B el⸗ lamy's Antwort entgegen, welche gegen Abend erſolgte, und nichts weiter enthielt als: es ſey ihm leid, daß Sir Richard ſein Betragen nicht billige; da aber ſein Gewiſſen ihm nicht die min⸗ 225 deſten Vorwuͤrfe uͤber zu große Strenge mache, ſo koͤnne er ſich leicht uͤber den Verluſt eines ſehr ungehorſamen, laͤſtigen Zoͤglings tröſten. Bellamy war ſtolz, und fuͤhlte ſeinen Werth; bis dahin immer von Sir Richard mit Achtung begegnet, waren dieſe kurzen Worte nicht ſo wohl an ihn, als an ſeine Frau gerichtet, durch deren Launen und Hochmuth er ſich oft ſchon empfindlich gekraͤnkt gefuͤhlt hatte.— Eleonor e, obgleich erfreut, daß nichts Naͤ⸗ heres beruͤhrt ſey, und die Sache alfo wohl dhne weitere Erklaͤrung abgehen wuͤrde, fuͤhlte doch eine tiefe Beſchaͤmung, als ſie am Abend vor Bella⸗ my's Hauſe vorbei ſuhr, und von dem Fenſter aus einen ſehr verbindlichen Gruß von ihm em⸗ pfing.—„Wenn ich ihn nur nie wieder ſehen ſoll!“— oͤnte es in ihrem Innern.— Mißmuͤthig, unzufrieden mit ſich und dem verlebten Tage, kehrte ſie in die Wohnung ihres Vormunds heim. Dieſer gewohnt, bei ihrer Ruͤck⸗ kunft aus Sir Richhards Hauſe immer mit einigen erbaulichen Scenen aus dem dortigen haͤuslichen Leben traktirt zu werden, wobei dann die haudelnden Perſonen auf das Lebendigſte vor⸗ O. II. 13 2²26 geſtellt wurden, wunderte ſich ihrer heutigen Ein⸗ ſilbigkeit, die ſie, auf ſein wiederholtes Fragen, ei⸗ nem heftigen Kopfweh zuſchrieb, welches ſie no⸗ thige zu Bette zu gehen. Clara, ihr Unwohlſeyn mehr geiſtig als koͤrperlich haltend, folgte ihr freundlich, und hoffte ſie noch zum Sprechen zu bringen; allein Eleo⸗ nore blieb ſtumm, oder ging wenigſtens in nichts ein.— 16 Am naͤchſten Morgen wurde Herr Bellamy gemeldet; gluͤcklicher Weiſe aber waren Morley und Clara wirklich nicht zu Hauſe, und Eleo⸗ nore ließ ſich verleugnen. So glaubte ſie dem Mißgeſchick entgangen zu ſeyn, dieſem Manne Rede ſtehen zu muͤſſen. Auf ihrem Heimwege begegnete Clara zufaͤlig Sir Richard nebſt ſeiner Gattin, die ſie freundlich anredeten, ſich erbothen ſie nach Hauſe zu begleiten, und ſich ſogleich erkundig⸗ ten, was ſie zu dem geſtrigen Vorfalle ſage, den Fraͤulein Musgrave ihr ohne Zweifel mit⸗ getheilt habe.— Auf Clava's gaͤnzliche Un⸗ wiſſenheit in der Sache, ließ Lady Sophia ſich in einen Vortrag ein, der auf eine ſo ſonderbare 227 Weiſe Wahrheit und Dichtung mit einander ver⸗ webte, daß Clara nicht ergruͤnden konnte, wo die eine anfange, oder die andere ende, obgleich ſie uͤberzeugt war, der ganze Vorfall koͤnne fi ch nicht ſo verhalten.— „Sollte dies wirklich alles wahr ſeyn?“ fragte ſie endlich mit zweifelndem Blicke. „Ja, wahrhaftig! rief die Dame heftig ent⸗ brannt; ich werde doch meinen eigenen üite trauen duͤrfen?“— „Verzeihen ſie, gnaͤdige Frau, bei einer ſoichen Gelegenheit wuͤrde ich mich kaum auf die meini⸗ gen perlaſſen haben! Ich kann es nicht glauben, daß ein ſo trefflicher, ruhiger Mann, als Herr Bellamy, ſich bis zu dem Grade habe vergeſſen koͤnnen!“— „So dachte auch ich,“ ſiel Sir Richarb ein, bis ihre liebe Baaſe, Fraͤulein Musgrave, verſicherte, Zeugin davon geweſen zu ſeyn, und erſt dies Zeugniß buͤrgte mir fuͤr die Wahrheit der Sache.“— Clara, die im Innern nicht ſo voͤllig von der Wahrhaftigkeit dieſer Ausſage uͤberzeugt war, hielt zwar dieſe Bemerkung zuruͤck, doch that ſie, was 15* 2²28 nur in ihren Kraͤften ſtand, den aufgebrachten Vater zu milderen Geſinnungen umzuſtimmen, und achtete nicht des grimmigen Gebehrdenſpiels der neben ihr gehenden Dame.— Indeß der Herr der Schoͤpfung hatte einmal ſeinen Ausſpruch gethan, dieſer war unwiederruflich, und ſo erreichte ſie ihre Wohnung, ohne eine Sache vermittelt zu haben, die ihr ſehr am Herzen lag, da ſie Bel⸗ lamy als einen redlichen Mann kannte und achtete, und uͤberzeugt war, daß ſich die Sache nicht ſo verhalten koͤnne. Ihre erſte Sorge war, zu Eleonoren zu gehen, die ſich aber wenig auf ihre Fragen ein⸗ ließ; zwar geſtand ſie, Lady Sophia habe ein wenig zu hoch aufgetragen, doch verſicherte ſie, es ſey im Ganzen gewiß beſſer, daß der kleine Au⸗ guſt unter Bellamy's Aufſicht weggekommen ſey, da dieſer eigentlich doch wohl kein paſſender Tehpes fuͤr ihn geweſen waͤre. „Viſt du bereit, dies in Bellamy; 8 Ge⸗ genwart zu erklaͤren?“— „Keineswegs; ich will mich weiter gae⸗ nicht darein miſchen, auch hoffe ich weder ihn, noch 229 ſeine Schweſter wieder zu ſehen, und habe mich heute Morgen ſchon vor ihm verleugnen läſſen. 74 „Einmal aber mußt du ihn doch wieder ſehen!“ „Nicht eher, bis dieſe Sache gaͤnzlich vergeſſen iſt; du weißt, wir reiſen uͤbermorgen nach London.“— „Und kannſt du es uͤber dein Herz bringen abzureiſen, ohne von dieſer liebenswuͤrdigen Fa⸗ milie Abſchied genommen zu haben? Muͤſſen ſie dann nicht denken, du gaͤbeſt ſie der Mildreds wegen auf, die Bellamy beleidigt haben? Erin⸗ nere dich doch, daß dieſer Mann von Sidney Davenant, der ihn in Indien gekannt hatte, unſerm Vormunde empohlen wurde.“— Das haͤtte ich beinahe vergeſſen!“— rief Eleonore;„indeß, jetzt iſt es nicht zu aͤndern, und Bellamy's moͤgen denken, was ſie wollen. — Wenn ich ſie faͤhe, wuͤrde ich doch nur in die Nothwendigkeit gerathen, eine Menge Unwahr⸗ heiten vorzubrimgen, und das kannſt du, als ei⸗ frige Anhaͤngerin und Vertheidigerin der Wahrheit nicht wuͤnſchen.— Ueberdies heißt es ja, daß Bel⸗ lamy's ihren gegenwaͤrtigen Aufenthalt veraͤndern, 236 und nach Surrey ziehen werden. Wahrſcheinlich ſind ſie fort, ehe wir zuruͤckkehren.“ „Nun, ich will kein Wort weiter ſagen,“ ver⸗ ſetzte Clara,„da ich weiß, es wuͤrde dich in Verſuchung fuͤhren, wenn du ſie ſaͤheſt.— Du magſt nun mit den Folgen fuͤrlieb nehmen, und ge⸗ duldig ertragen, einer Falſchheit gezeiht zu werden, deren du dich von einer Seite auch gewiß ſchul⸗ dig gemacht haſt.“— „Sie ſind aͤußerſt geſtrenge, mein Fraͤu⸗ lein.“— „Es kann ſeyn; aber mein innerſtes Gefuͤhl iſt beleidiget, und ich liebe dich zu ſehr, um einen Fehler an dir ohne Schmerz ertragen zu koͤn⸗ nen.“ „Da biſt du bei weitem großmuͤthiger als ich, denn ich freue mich jedesmal, wenn du irrſt. Es kraͤnkt die Selbſtliebe gar zu tief, in der Freundin einen vollkommnen Tugendſpiegel zu erblicken, und es kommt mir immer vor, als wuͤrde ich gezwungen, mit einem Rieſen, der meine Groͤße weit uͤberſteigt, Arm in Arm zu gehen. Die Lage iſt etwas peinlich.“— Eleonore beharrte auf ihrem Entſchluß, Bellamy's nicht zu ſehen.— Clara fuhr bei ihnen vor, freute ſich indeß, ſie nicht zu Hauſe zu treffen, da ſie auf dieſe Weiſe vielleicht Fragen entging, die ihr peinlich zu beantworten geweſen waͤren. Man reiſte nach London, um dort den lang erſehnten Neffen zu erwarten, der auch wirk⸗ lich bald darauf ankam.— Die erſten Augenblicke einer ſolchen Ankunft vergehen gewoͤhnlich im Getuͤmmel des Freuden⸗ rauſches, der Ueberraſchung, und laſſen ſelten zur Beſinnung kommen. Sidney fuͤhlte ſich etwas ſchmerzhaft bewegt, den geliebten Oheim, den er in der Bluͤthe des maͤnnlichen Alters verlaſſen hatte, nun in einen aͤltlichen Mann verwandelt zu ſehen, und die Ueberzeugung, daß er ihm dies Gefuͤhl verbergen muͤſſe, gab ſeinem ganzen We⸗ ſen etwas Kaltes, Zuruͤckhaltendes.— Der Oheim ſeinerſeits glaubte, dieſen aus einem muntern Juͤnglinge zum ernſten Manne gereiften Neffen nicht auf die gewohnte Weiſe herzen und kuͤſſen zu duͤrfen, empfing ihn daher mit einiger Verlegenheit, und druͤckte nur ſtill⸗ ſchweigend die ihm entgegengereichte Hand. Die 232 Muͤndel, welche der Vormund in der Verwirrung zu nennen vergaß, verneigten ſich laͤchelnd, ohne ein Wort zu ſagen; doch waren Clara's Augen mit Thraͤnen gefuͤllt, da der Anblick Davenants lebhaft das Andenken an die Mutter vor ihre Seele fuͤhrte, die den Juͤngling zaͤrtlich liebte, und ihn ihren Sohn zu nennen pflegte.— Dieſe Thraͤnen, und die Augen aus denen ſie ſloſſen, erinnerten ihn an den Augenblick, da er der ver⸗ ehrten Mutter das letzte Lebewohl ſagte, wo auch ihre ſanften, ausdrucksvollen blauen Augen glaͤnz⸗ tei gleich Deien, die er jetzt vor ſich ſah. „Nein, es iſt keine Taͤuſchung,“ ſagte er mit bebender Stimme,„ſie gleichen ihr zu ſehr, ſie ſind, ſie muͤſſen Clara ſeyn!— Gerade ſo blickte die herrliche Mutter auf mich,“ fuhr, er fort, nachdem er die gluͤhende Wange des Maͤdchen ns gekuͤßt hatte,„als ich mich zuletzt aus ihren Ar⸗ men riß!— Ach, in ſolchen Augenblicken fuͤhlt man das Schwere des Abſchieds doppelt!/— Bei dieſen Worten wandte er ſich ſchnell in hef⸗ tiger Bewegung in ein Fenſter.— Auch Clara verließ das Zünmer, um dem —— — 233 theuren Andenken der Mutter fuͤße Thraͤnen zu weinen. 1„ „Wer aber dies, lieber Oheim,“ fragte er, nachdem er ſich wieder geſammelt, und ſein 3 Blick mit ſtaunender Bewunderung auf Elco⸗ noren ruhete.—„Iſt es moͤglich, daß dieſe ſchoͤne, ſchlanke Geſtalt derſelbe kleine ſchwarzaͤu⸗ gige Plagegeiſt ſeyn koͤnne, der uns allen vormals ſo leichtfertige S treiche zu ſpielen pflegte?“— „Ja, ja,“ rief Morley, der jetzt erſt ſeine Sprache wiederfand,„ſie iſt es; aber nach aller Maͤnner Ausſage noch immer ein ſchwarzaͤngiger Plagegeiſt.“— „Kaum kann ich es glauben,“ erwiederte Sidney, indem er ihre Hand wiederholt an ſeine Lippen druͤckte.— Eleonore fuͤhlte ſich durch dieſe Art der Begruͤßung geſchmeichelt.— „Clara hat er mit bruͤderlichem Gefuͤhle umarmt,“ dachte ſie,„mit mir iſt es anders!“— und ihr dunkles Auge gluͤhete feuriger bei dieſem Gedanken.. Als Clara wieder hereinkam, nahm Da⸗ venant ihre Hand, und zog ſie zu ſich auf den Sopha, wo er ſchon an Eleonorens Seite 234 ſaß.—„Wie lebhaft erinnern ſie mich an ihre Mutter,“ ſagte er, nachdem ſein Blick eine Zeit⸗ lang mit dem Ausdrucke zaͤrtlicher Theilnahme auf ihr geruht hatte.„Einer herrlicheren Frau koͤnnten ſie nicht gleichen; ich liebte ſie innig.“— „und wahrſcheinlich wirſt du die Tochter auch recht innig lieben,“ bemerkte Morley lachend.— „Sehr wahrſcheinlich,“ war die Antwort, welche von einem Seußzer begleitet wurde.„Ich verdanke der Frau Delancy viel! Um ihres theuren Andenkens willen wuͤrde es mir leicht werden, einen weit weniger liebenswuͤrdigen Ge⸗ genſtand zu lieben, als der iſt, welcher mir zur Seite ſitzt.“— Arme Clara!— Obwohl es ſie wuͤrde betruͤbt und verdroſſen haben, wenn Davenant nicht der verſtorbenen Mutter Andenken geehrt haͤtte, ſuͤhlte ſie ſich doch nicht voͤllig befriedigt. Schien es nicht, als koͤnne er ſie nur um der Mut⸗ ter willen lieben, und ach! ſie fuͤrchtete, es wuͤrde ihr nur zu leicht werden, ihn einzig um ſein ſelbſtwillen zu lieben!— „Ich war gewohnt, ihre Mutter auch Mut⸗ ter zu nennen, liebe Clara,“ fuhr er fort.— „Und folglich werden ſie Clara wohl Schweſter genannt haben?“— ſagte Eleo⸗ nore.— 4 „O nein,“ erwiederte er ſchnell,„ich trieb die Kuͤhnheit etwas weiten ich nannte ſie meine kleine Frau.“ „Nannte ſie ſie denn ihren großen Mann? „Mit dieſem Namen beehrte ſie mich nicht,“ erwiederte er, den Blick auf Clara wendend, welche ſo tief erroͤthete, und ſo verlegen ausſah, daß er ſein Auge wieder von ihr abwandte. „Nun,“ rief Eleonore, mit bezauberndem Laͤcheln,„erinnern ſie ſich denn noch, wie ſie mich nannten?“— „Nein,“ entgegnete er, indem er mit Ent⸗ zuͤcken in ihr ſchoͤnes Antlitz ſah,„nein, ich erin⸗ nere es mich nicht; wahrſcheinlich aber mag ich ſie wohl: kleiner Stoͤrfriede, Quaͤlgeiſt, oder derglei⸗ chen betitelt haben; und wer weiß, ob ich nun nicht gleich andern Maͤnnern Urſache haben werde ſie großer Stoͤrfriede zu nennen.“ 236 „Hoffentlich bringe ich es dahin, ihre Worte wahr zu machen,“ erwiederte Eleonore lächeind; „denn jetzt haben ſie mich ſchon gereizt.“— „Sie gereizt!— habe ich ſie ſchon ge⸗ reizt!“— rief Davenant froͤhlich;„will⸗ kommner Laut! Was wuͤrden die ungluͤcklichen Maͤnner, auf welche mein Oheim vorhin zielte, darum geben, ſie zu dieſem Geſtaͤndniß gebracht zu haben!“— „Ich bin voͤllig unbekannt mit dem Wad pelſinn, den ſie aus meinen Worten ziehen,„ erwie⸗ derte Eleonore mit einer Verwirrung, die ſte nur noch ſchoͤner machte;„und ich bitte ſie, we⸗ nigſtens zu glauben, daß wenn ich etwas Unſchick⸗ liches ſagte, es unbewußt meiner war.“— „Wenn irgend ein Fehler begangen iſt, liegt er einzig auf meiner Seite,“ ſagte Davenant ehrerbiethig;„aber ich fuͤhle, daß ich zu ſehr auf die Rechte einer alten Bekanntſchaft bauete. Ent⸗ ſchuldigen ſie einen Berauſchten, denn berauſcht fuͤhle ich mich wirklich, mich nach einer ſo kang⸗ weiligen Seereiſe in die Geſellſchaft eines theuren Anverwandten und ſo liebenswuͤrdiger——— — Aber ſtille, ich darf es nicht wagen, alles 287 auszuſprechen, was ich uͤber die Iadenwirtg. Ge⸗ ſellſchaft denke.“— Bei dieſen Worten ergriff er die Hand von je der der ſchoͤnen Baaſen, zog ſie an ſeine Lippen, und nachdem er den Oheim um eine Unt terredung gebeten hatte, fol gie er ihm in ein anſtoßendes Zimmer. 1 „Mich ſoll verlangen„“ fagte Elevnore, indem ſie vor den Spiegel., trat, um ihr Haar zu ordnen,„was der huͤbſche Indiauer uͤber uns zu ſeinem Oheim ſagt, und welche Fragen er an ihn richtet.“— „Vielleicht iſt von uns gar nicht die N.den erwiederte Clara.— „Denkſt du das wirklich?“— „Nein, im Ernſt nicht; wahrſcheinlich wird er unſorer erwaͤhnen.“— „Ob er nur fragen wird, wie es mit unſern Herzen ſteht?“— „Wenn es ihn naͤher Lerähtt, wird er 16 wahrſcheinlich danach erku ndigen.“— Wenn es ihn naͤher beruͤhrt!— Das ſeiner Schweſter Clara geht ihn doch wohl an, denn, als ſolche ſcheint er dich zu betrachten. 4— 238 CEkara ſchwieg, und verließ bald darauf das Zimmer. Eleonore hatte in gewiſſer Hins ſicht recht; Davenant fragte den Oheim ver⸗ ſchiedenes die ſchoͤnen Muͤndel betreffend, und hoͤrte nichts als Lob uͤber ſie aus ſeinem Munde ſchallen; aber nach dem Zuſtande ihrer Herzen erkundigte er ſich nicht. Der groͤßte Theil ihrer Zeit ver⸗ ſkoß in Geſchaͤfts⸗Angelegenheiten, und ſie erſchie⸗ nen erſt wieder, als man ſie nach ſechs ne um Eſſen rief. Den Maͤdchen hatte dieſe Abweſenheit etwas lange gedaͤucht, doch ſchien Eleonore am un⸗ zufriedenſten damit.— Gewohnt ſchnelle, heftige Eindruͤcke zu erregen, konnte ſie nicht begreifen, wie es Davenant moglich ſey, ſich ſo lange freiwillig von ihr zu entfernen. Auch Clara hatte es nach dem letzten, ſtuͤr⸗ miſchen Ausbruche des jungen Mannes nicht möͤg⸗ lich gehalten; ſie freute ſich eigentlich, Eleonoren noch allein zu finden, als ſie nach einer Weile wieder ins Zimmer trat, und dies Außenbleiben, welches Eleonoren kraͤnkte, erheiterte Clara, weil ſie die Folgerung daraus zog, die Bezaube⸗ rung muͤſſe noch nicht fo arg ſeyn.— Aus dem 239 tiefen Stillſchweigen ging ſie in die heiterſte Laune uͤber, und erzaͤhlte mehrere Anekdoten aus ihrer Kindheit, in welchen Davenant immer der Held war.—„Ich wuͤrde ihn wieder er⸗ kannt haben, wo ich ihn auch getroffen haͤtte,“ ſetzte ſie hinzu, nungeachtet ſeines maͤnnlichern Anſehens und ſeiner verbrannten Geſichtsfarbe.“— „Ich wußte gar nicht mehr, wie er ausgeſe⸗ hen hatte,“ antwortete El eonore. „Wie ſonderbar, da du doch neun Jahre warſt, als er fortging.“ hgr bn „Aber ich war ja nur an den Feiertagen im „„Ach ja, nun faͤllt es mir ein; aber ich weiß nicht, wohin es gekommen iſt, doch muß ich es gewiß noch irgendwo haben.“ 240 „Ich habe die Armbaͤnder, um des Gebers willen, immer hoch gehalten, und ſorgſam verwahrt, obgleich ich ſie jetzt nicht tragen kann, da ſie mir zu eng geworden ſind.— ₰ „Empfindſames Geſchoͤpf!“— In dieſem Augenblick traten die Maͤnner ins Zunmer. Davenant fuͤhlte ſich ſo gluͤcklich in ſeiner Umgebung, daß er, ungeachtet der Ermuͤ⸗ dung der Reiſe, bis nach Mitternacht im kleinen Familien⸗Kreiſe weilte. Er traͤumte von Eleo⸗ no ren; als er aber erwachte, ſtanden die ſanften, blauen, in Thraͤnen ſchwimmenden Augen Cla⸗ ra's vor ihm, und riefen das Andenken der Mutter, welcher dieſe Thraͤnen galten, mit aller Gewalt vor ſeine Seele. Im Fruͤhſtuͤcks⸗Zimmer ſand er Eleonoren allein, die ihm ſagte, wie ungeduldig ſie ſeiner ſchon geharrt habe. Unbemerkt mußte Clara Zeugin der ganzen Unterredung ſeyn, da ſie im anſtoßenden Cabinett eben beſchaͤftiget war, die Thee⸗ Buͤchſen aufs Neue zu fuͤllen. „Ich kann ſie nicht anders als mit Verwun⸗ derung betrachten, hub Davenant an, wenn ich mir denke, daß ſie die kleine braune, magre 241 Geſtalt ſind, die ich vor zwoͤlf Jahren verließ. Veraͤndert muß ich ihnen indeß auch vorkommen, doch ſchwerlich iſt dieſe Veraͤnderung ſo zu mei⸗ nem Vortheil.“—— „Sie kommen mir im mindeſten nicht v veraͤn⸗ dert vor; ich wuͤrde ſie an jedem Orte wieder erkannt haben.“— „Wirklich,“ fiel Davenant mit einem be⸗ friedigten Gefuͤht ein;„es freut mich, ſolchen Eindruck auf ihr junges Herz gemacht zu ha⸗ ben.“— Eleonore hatte ſchon eine neue poetiſche Antwort auf der Zunge, haͤtte ſie nicht Clara erblickt. So wenig ſie ſich auch ſonſt daraus machte, anders zu reden als ſie dachte, ſo roͤthete doch diesmal Scham ihre Wange, daß Clara dieſe Unwahrheit gehoͤrt hatte; Davenant aber, den eigentlichen Grund des Erroͤthens nicht ahnend, legte es zu ſeinem Vortheil uͤber das eben Ge⸗ ſagte aus, und fuͤhlte ſich innerlich dadurch ge⸗ ſchmeichelt. Clara trat jetzt naͤher, und ſuchte die Em⸗ pfindung zu verbergen, welche der zaͤrtliche Haͤn⸗ dedruck des Freundes beim Morgengruße in ihr O. II. 16 8 242 hervorbrachte. Auch Morley erſchien, verjuͤngt durch die Freude, den lieben Neffen bei ſich zu haben, der, bald auf den Oheim, bald auf die bluͤ⸗ henden Maͤdchen blickend, ſich uͤberſelig in ihrem Kreiſe fuͤhlte. in— Freude wuͤrzte das Mahl; halb im Scherz hatte Davenan t, der zwiſchen beiden Maͤdchen, dem großen Spiegel gerade gegenuͤber ſaß, bemerkt, wie ſeine garſtige, gelbe Farbe, ſo grell gegen die ihrige abſteche, daß er ſich faſt ſelbſt davor ſchaͤmen muͤſſe.— Alle lachten; nur Eleonore war gleich mit der Behauptung zur Hand: daß er gar nicht gelb ſey, und kein Menſch, der ihn ſaͤhe, glauben wuͤrde, er kaͤme aus Indien.— „Schmeichelei!“— rief er.— „Gewiß nicht; ich ſage immer was ich denke. — Spyrich ſelbſt, Claral! wuͤrdeſt du wohl glauben, Herr Davenant kame aus Indien, wenn du es nicht wuͤßteſt?“— Clara, obgleich ſie ſah, wie wohl dieſe kleine Schmeichelei dem von der gluͤhenden Sonne ver⸗ brannten Manne gethan hatte, war ſo gewohnt wahr zu reden, daß ſie nicht umhin konnte, mit etwas gedaͤmpfter Stimme zu antworten;„Da * 243 es bei Maͤnnern durchaus nicht auf Schoͤnheit der Haut ankommt, hoffe ich Herrn Davenant nicht zu beleidigen, wenn ich bekenne, daß man ſeiner Geſichtsfarbe gleich anſieht, unter Mühlehein Himmelsſtriche er gelebt hat. 44. Morley, der laͤchelnd dem kleinen Zwiſt zugehoͤrt hatte, ſchien diesmal mehr mit Clara⸗ 8 Wahrhaſtigkeit, als mit Eleonorens Schmei⸗ chelei zufrieden, und ehe noch jemand anders ant⸗ worten konnte, rief er aus:„Wahrhaftig, Sid⸗ ney, es freut mich zu bemerken, daß du hier nicht verzogen wirſt; was Eleonore durch Schmeichelei verdirbt, macht Clara durch Auf⸗ richtigkeit wieder gut!“— Eine kleine Pauſe erfolgte, waͤhrend welcher jeder ſeine eigenen Betrachtungen anſtellen mochte. Der alte Herr unterbrach. ſie durch den Ausruf: „Nun, Maͤdchen, welche von euch erfreut uns jetzt durch Geſang?“—— „Sie ſingen alſo?“— fragte Sidney.— „Ja,“ erwiederte Clara. „Ein wenig,“ ſetzte Eleonore hinzu. „Spielen ſie auch?“—. Sh. 16* 244 „Ich ſpiele das Klavier und die Harfe et⸗ was,“ antwortete Eleonore. „ Das Wort etwas iſt wohl nur aus maͤd⸗ chenhafter Beſcheidenheit hinzugeſetzt,“ fiel Sid⸗ ney laͤchelnd ein;„wir kennen das ſchon. Nicht wahr, Fraͤulein Delancy, ſie ſpielen auch nur ein klein wenig?“— „Nein, ich ſpiele recht viel auf dem Piano, der Harfe und der Guitarre.“— „Lieber Neffe, du kennſt Clara noch lange nicht hinlaͤnglich,“ rief der Alte, ſonſt wuͤrdeſt du uͤberzeugt ſeyn, daß weder Beſcheidenheit noch ſonſt etwas auf der Welt ſie vermoͤgen koͤnne, die Wahrheit zu verhehlen.— In dieſer Hin⸗ ſicht iſt ſie ſehr gewiſſenhaft; ich glaube, ſie wuͤrde ſogar lieber ſterben, als nur eine Noth⸗Luͤge ſa⸗ gen.“— Der Blick, den Davenant jetzt auf ſie warf, belohnte ſie hinlänglich fuͤr den Schmerz, den ſie eben empfunden hatte, ihm eine, vielleicht unwillkommne Wahrheit ſagen zu muͤſſen.— „Wie ſehr weiß ich ſolche zarte Gewiſſenhaf⸗ tigkeit zu ſchaͤtzen,“ ſagte er endlich,„wie koſtbar und ſelten iſt ſie beſonders fuͤr mich, der ich eine 245 kange Reihe von Jahren unter dem ligenateien Volke auf der Welt habe leben muͤſſen!“ Eleonore merkte den Wink, und war ſo⸗ gleich bereit im pathetiſchen Tone eine Legende aufzuſtellen, die beweiſen ſollte, wie ſehr auch ſie die Wahrhaftigkeit ſchaͤze. Waͤre Davenant weniger befangen geweſen, ſo haͤtte er merken muͤſ⸗ ſen, daß dieſe wohigeſebre Rede nicht aus dem Herzen kaͤme. e 1408 Man ſang, und er e fuͤhlte ſich in ſeinen Er⸗ wartungen von Clara's Stimme getaͤuſcht, die vor Verlangen gut zu ſingen, und vor Bloͤdigkeit, keinen Ton rein hervorbrachte. Eleonore hin⸗ gegen, die keine Art von Schuͤchternheit kannte, ſang weit beſſer.— Als Clara gleich darauf das Zimmer verließ, konnte er die Bemerkung gegen Eleonoren nicht zuruͤck halten: wie ſehr es ihn ſchmerze, Fraͤulein Delanoy zum Sin⸗ gen beredet zu haben, da ſie gewiß kasilesee und alſo heiſer ſey.—— „Ach, ſie iſt immer ſo heiſer,“ erwiederte Eleonore, die gleichwohl wußte, wie ſehr ihrer Freundin Giiunne eigenahht der Er iheſgens Aäerlcpen war.— um 246 Wochen vergingen; Sidney erſchien jeden Tag im Hauſe des Oheims, und begleitete am Abend die ſchoͤnen Baaſen ins Schauſpiel und zu andern Luſtbarkeiten. Je tieſer und beſtimmter Elara fuͤhlte, wie er ihrem Herzen taͤglich theu⸗ rer werde, je mehr zog ſie ſich, ungeachtet ihrer ſonſtigen Aufrichtigkeit, in ſich ſelbſt zuruͤck, und nahm ein kaltes, ſcheues Weſen in ſeiner Gegen⸗ wart an. Eleonore, wahre Liebe nicht kennend, nur auf Eroberung ausgehend, heuchelte ihm Gefuͤhle, die ſie eigentlich nicht empfand, und ſchmeichelte durch ihre vertrauliche, hingebende Weiſe ſeiner Eigenliebe eben ſo ſehr, als er ſich durch⸗Clara's Kaͤlte verwundet fuͤhlte.— So trieb man die Sachen eine Weile, bis er ſich endlich ſogar geneigt fuͤhlte, den Nacken unter das Joch der goldenen Ketten zu beugen, mit denen Eleonore ihn zu umſchlingen trachtete, obgleich eine beſſere Stimme in ihm oft L lara'n den ziarpns gab. ms oſla 6Schlau hatte Eleonore gemerkt, wie ſehr ihm der Gedanke ſchmeichlo, waͤhrend der langen Abweſenheit nicht vergeſſen worden zu ſeyn. Li⸗ ſtig erzaͤhlte ſie ihm nun, ſobald ſie ſich mitein⸗ 247 ander allein beſanden, tauſend kleine Begebenhei⸗ ten, die ſich vor ſeiner Abreiſe unter ihnen zu⸗ getragen hatten, und die ſie nur wußte, weil die argloſe Clara ſie ihr jetzt wieder erzaͤhlt hat⸗ te.— Eleonore aber ſprach, als wenn ſie alles ſelbſt erlebt haͤtte, als wenn ſie han⸗ delnde Perſon geweſen ſey.— Wenn Da ve⸗ nant nun ganz hingeriſſen uͤber dieſe Erinnerung der kleinſten Umſtaͤnde war, ſeufzte er oft im Innern, daß Clara ſo gar kein Gedaͤchtniß fuͤr dieſe Zeit der ſuͤßen Kinderjahre, in Weziehung auf ihn, zu haben ſchiene.. „RNie ſpricht ſie mit mir von dieſen, mitein⸗ ander verlebten Jahren, von meiner Freundſchaft gegen ſie,“ ſagte er zu ſich ſelöſt; doch hatte ich ſie weit, weit lieber als Eleonoren!— Viel⸗ leicht aber hat ſie eine Neigung fuͤr einen An⸗ dern.—— Ich muß bei dem Dhein dahhalb nichſteſehunaee anſtellen.“— Als Elara eines Tages ein Köröchen, wo⸗ rin ſie ihre Arbeiten hatte, ordnen wollte, fiel ein kleines Kaͤſtchen herxaus, welches ſich im Fal⸗ len oͤffnete, und ein Paar Armbaͤnder von Koral⸗ len blickon ließ.—„Kennen ſie dieſe noch wohl 7 248 — flagte ſie den neben ihr ſitzenden Dade⸗ nant.. „Mich duͤnkt, ich ſoll ſi tennenae 3 „Sie gaben ſie mir, als ſie nach Indien gingen.“— 1e 1 8 „War nicht auch ein Halsband dabei d6— „Ja wohl,“ erwiederte Clara erroͤthend; „aber ich verſchenkte es.“ „Verſchenkten es!“ wiederholte Dave⸗ nant. tee „Man bat mich daram, und gewiß, 16 konnte es nicht abſchlagen.“— „Gewiß, ſie konnten es nicht eii age, weil der Bittende zu beredt bat.“— 1 „Freilich, es war———— Hier wurde das Geſpraͤch durch einige Ein⸗ aretende unterbrochen, und nicht wieder ange⸗ knüpft.— Wenige Tage darauf, als Eſeom ore das laͤngſt vergeſſene Halsband, welches ſie Clara'n damals abgetrotzt, zufaͤllig in irgend einem Winkel wiedergefunden hatte, ergriff ſie es haſtig, um ſich durch deſſen ſorgfaͤltige Aufbewahrung in Davenants Gunſt zu ſetzen. Sobald ſie ſich 249 alſo mit ihm allein befand, zeigte ſie ihm die Gabe, die, wie ſie ſagte, von ihm herſtamme. „Wirklich erinnere ich mich nicht, ihnen je ein Halsband gegeben zu haben. C lara'n gab ich einſt eins, und ein Paar Armbaͤnder; das Halsband aber verſchenkte ſie, und wollte mir eben ſagen an wen, als wir geſtoͤrt wurden.“ Fuͤrchtend, ihre Falſchheit möge verrathen werden, erwiederte ſie mit neuer Liſt:„Ja, ſie gab es mir; denn da ich ſah, daß ſie weiter keinen Werth darauf legte, weil es ihr zu eng geworden war, bat ich ſie darum fuͤr ein kleines Maͤdchen. — Niemand auf der Welt haͤtte mich aber be⸗ wegen koͤnnen, mich davon zu trennen, da die Gabe von ihnen kam.“— 2 „Tauſend Dank fuͤr dieſe Freundlichkeit, lie⸗ bes Maͤdchen!“— ſagte er mit glaͤnzenden Au⸗ gen; bald aber ſetzte er finſter hinzu:„es wun⸗ dert mich faſt, daß Clara die Armbaͤnder noch behalten hat!“— 4 „Sie vergeſſen, erwiederte Eteonore daß Clara bei⸗ eihrer Abreiſe alt genug war, um uͤberlegen zu koͤnnen, daß ſie vielleicht bei der Nuͤckkehr einſt nach dem Geſchenke fragen, und 230 es zu ſehen verlangen koͤnnten. Sie iſt, wie ſe wiſſen, mehrere Jahre aͤlter als ich.“— „Faſt haͤtte ich es vergeſſen,“ rief Dave⸗ nant,„freilich war ſie alt genug, um die Gabe eines Freundes ſchaͤtzen zu koͤnnen.— Sie muß aber fuͤr ihr Alter ſehr a klein aanpeſec ſeyn.“— 222 dn on Als Davenant ſch einige Tage päter mit ſeinem Oheim allein befand, fragte ersihn mit nicht zu verkennender Unruhe, wie es mit den Herzen ſeiner Muͤndel ſtehe, ob ſie ſre waͤ⸗ ren?— 1 H 5 26 „Vor deiner Ankunft, mein Freund, war Eleonorens Herz gewiß frei; ob es es jetzt noch iſt, magſt du ſelbſt wiſſen,“ antwortete der Alte mit bedeutendem Laͤcheln.— Davenant erroͤthete, doch fragte er mit ſteigender Verlegenheit: Pahe aboß dehee es mit Fraͤulein Oelaney 20— 5O 96 Haha! dachte der vorſichtige Alte, ſitzt es ihm da!— Dem Dinge wollen wir doch ſuchen vorzubeugen.—„Ja, erwiederte er bedaͤcht⸗ lich, wenn ich nicht vorher ſchon gegrüͤn⸗ dete Vemuthungen uͤber eine Herzens⸗Neigung 231 Clara's gehabt haͤtte, ſo muͤßte ich mich jetzt davon uͤberzeugen; denn geibiß, Sidney, du biſt noch ein ſo huͤbſcher Menſch, daß nichts als eine fruͤhere Neigung das Herz eines M aͤdchens, welches taͤglich mit dir irhe ht, vor dir betwa hren kann.“ 5 „Schmeicheleien bei Seite, beſter Oheim; glauben ſie wirk lich, daß Skara⸗ 8 Herg nicht mehr ihr gehoͤrt?“ u „Sch glaube feſt behaupten zu koͤnnen, daß es einem armen Leutnänt, Namens Beaumiont, gehoͤrt; ein huͤbſcher junger Mann, das iſt nicht zu teugnen.— Clara wu hte es dahin zu brin⸗ gen, daß ich ihm Zutritt in mein Haus giſtattete, als er in der Nachbarſchaft im Quartier lag.— Anfangs glaubte ich, ſie handle einzig aus Wohl⸗ wollen, weil man ſagte, der junge Mann ſey von niederer Geburt, und kein Menſch Notiz von ihm nahm; und es ſieht ihr aͤhnlich, ſich de⸗ rer anzunehmen, die von Gott und Menſchen verlaſſen ſind.— Andre Leit aber dußten nicht wie ich.—— 5 10 n. 2 38 25²2 „Da koͤnnte es doch wohl nur bloße Men⸗ ſchenliebe geweſen ſeyn.“—— „Das iſt ein kitzlicher Punkt; zwar nannte ſie ſeinen Namen nie in beſonderer Beziehung gegen mich, noch gab ſie mir irgend einen Wink, denn ſie weiß nur zu gut, daß ich nie meine Ein⸗ willigung geben wuͤrde;— aher in zwei Jahren iſt ſie muͤndig, die Zeit iſt ja ſo lange nicht mehr hin.— Jedesmal wenn er nach London kommt, ſpricht er hier vor, und ich weiß, daß ſie ſich ſchreiben.“— Alſo ſo ſtehen die Sachen!— dachte Dape⸗ nant, und die Kaͤlte, welche mich oft zuruͤck, ſchreckte, war Grundſatz!—„Lieber Oheim,“ ſagte er mit zitternder Stimme,„der arme Leut⸗ nant iſt in meinen Angen ein zhaißt,näddus, uerihe⸗ Mann!—8 3 Bei diefen Worten lufergte er, K ich, und Reerleß⸗ den Oheim ſeiner Freude, durch. eine kleine unſchuldige Luͤge, wie er ſie in ſeinem Sinne nannte, den Neffen vor der Thorheit be⸗ wahrt zu haben, aus romanhaſter Grille, ein Maͤdchen, welches nur 30000 Pfund im Vermoͤ⸗ gen beſaß, einem andern vorzuziehen, das 50000 233 reich war.—„Was ſchadet es denn uͤberhaupt,“ fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpraͤche fort,„ich habe ja nur beſtimmt ausgeſprochen, was ich doch Ur⸗ ſache habe zu vermuthen!— Clara freilich hat wiederholt verſichert, es kaͤme ihr kein Gedanke einer Heirath mit Beaumont in den Kopf; aber in dieſer Hinſicht iſt, keinem Maͤdchen zu trauen, ſelbſt einer Clara nicht.“— Eigentlich fuͤhlte er indeß doch Gewiſſensbiſſe, dieſen Punkt nicht in ſeiner Erzaͤhlung hinzugeſetzt zu haben.—„Es iſt bei alle dem aber doch gewiß kein Verbrechen,“ ſprach er wieder beruhi⸗ gend zu ſich,„eine kleine Lüge zu ſagen, wenn wir einem Freund dadurch dienen koͤnnen; und uͤberdies,“ fuͤgte er vielleicht im Gefuͤhle ſeines Unwerths hinzu,„iſt Clara ein ſo uͤberlaͤſtiger Plagegeiſt, mit ihrer verzweifelten Gewiſſenhaf⸗ tigkeit, daß Sidney ſich am Ende mit Eleo⸗ noren gluͤcklicher fuͤhlen wird!“—— Als Davenant den Oheim verließ, ging er in ſein Zimmer, um noch einmal mit ſeinem Herzen Nuͤckſprache zu halten, und die ernſtliche Frage an ſich zu thun, ob dies Herz auch zu er⸗ füͤut von Clarens Bilde ſey, um auf die Laͤnge 254 irgend einem andern Weſen Raum darin ge⸗ ſtatten zu koͤnnen. Er ſah, wie der Oheim hoffte und wuͤnſchte daß er ſich fuͤr Eleonoren er⸗ klaͤren ſolle, und ſie ſelbſt ſchien dieſe Erklaͤrung nicht allein zu wuͤnſchen, ſondern beſtimmt zu er⸗ warten. Mit dem Vorſatze ſich in Clara zu verlieben, kam er nach England zuruͤck; denn obgleich die Mutter einige Jahre aͤlter wie er geweſen war, hatte er dieſe mit der ganzen Staͤrke einer erſten, jugendlichen Leidenſchaft geliebt. Nur die Furcht, nicht allein von ihr verworfen zu werden, ſon⸗ dern ihr Wohlwollen zu verſcherzen, vermogte ihn, dies Geſtaͤndniß vor ihr zuruͤckzuhalten.— Ihr Bild aber begleitete ihn jenſeits des Oceans, umſchwebte ihn in dem Lande der Ueppigkeit und des Genuſſes, gleich einem Schutzengel, und bewahrte ſeine Jugend vor Fehltritten.— Nach Jahren fiel es ihm ein, daß ſie eine Tochter habe, eine Tochter, die ſchon in der Kindheit der Mutter aͤhnlich geweſen ſey. Er kehrte zuruͤck, noch immer nicht zu alt, um als Liebhaber dieſer Tochter auftreten zu koͤnnen, 235 und fand in ihr das Ebenbild der angebeteten Mutter, nicht ſowohl koͤrperlich, als auch geiſtig, ein wenig Kaͤlte und Verſchloſſenheit abgerechnet. — Nun wurde ihm geſagt, daß ihr Herz nicht mehr frei ſey.— Hinweg waren alſo alle ſchoͤnen, langgehegten Plaͤne ſeines Herzens; er mußte ſchweigen und vergeſſen. Ob aber dies Herz ſchon ſtark genug ſey, ſich einer andern zu wei⸗ hen, die ſich freilich ihm ganz hingegeben zu ha⸗ ben ſchien, die ihm nur zu deutliche Beweiſe ih⸗ rer Liebe gab, daran zweifelte er, und beſchloß wenigſtens nicht zu raſch zu handeln. Gerade an dem Tage erhielt Morley einen Brief vom Hauſe, worin ihm unter andern Neuigkeiten gemeldet wurde, Bellamy waͤre nach Surrey gezogen, und Herr Harriſon, nachdem er erfahren, daß ſeine Glaͤubiger, Herr Somerville an deren Spitze, den Accord nicht unterzeichnen wollten, ſey dadurch in die traurige Nothwendigkeit verſetzt worden, eine ihm angebo⸗ tene, ſehr eintraͤgliche Stelle nicht annehmen zu koͤnnen, und habe mit Frau und Kindern die Stadt verlaſſen, ohne irgend jemand zu ſagen, wohin er zu gehen gedenke. 256 Die Nachricht machte Clara ſehr traurig; Eleonore aber, zu ſehr mit ſich ſelbſt und ih⸗ rer neuen Eroberung beſchaͤftigt, fand keine Zeit, auch nur einen Augenblick bei einem Gegenſtande zu weilen, der ſie doch wohl haͤtte nachdenkend machen koͤnnen. Am Abende begaben ſich die beiden Pnafen, von Davenant und einer verheiratheten Dame begleitet, in eine Geſellſchaft, deren Hauptunter⸗ haltung in Tanz und Muſik beſtand. Zuerſt wurden einige Lieder und Duette von Clara'n, Eleonoren und andern Liebhabern und Liebha⸗ berinnen geſungen; darauf tanzte man eine Qua⸗ drille, worin Eleonore, von dem Wunſche zu glaͤnzen geleitet, ſich ſo beſonders auszeichnete, und ſo ſchoͤn ausſah, daß Davenant, der nur Zu⸗ ſchauer war, in Entzuͤcken gerieth, und ſie mit keinem Auge verließ.— Clara, die ſich den Fuß verrenkt hatte, konnte nicht tanzen; ſie ſah den Eindruck, welchen Eleonore auf Dave⸗ nant machte, und ihre Augen hefteten ſich trau⸗ rig auf die Taſten, die ſie mit den Fingern in Bewegung ſetzte, um die Muſik Vn 3 zn ſpielen. 257 Als die Quadrille voruͤber war, fing man an zu walzen.— Davenanr, Eleonoren zu einem Sitze in Clarens Naͤhe leitend, ſagte mit einer Art von Triumph:„Es freut mich, daß ſie nicht walzen;— nicht wahr, auch ſie walzen nicht, Fraͤulein Delancy?“— „Nein, ich liebe das Walzen nicht,“ antwortete Clara,„und habe nie gewalzt.“— Eleonore wagte nicht das Naͤmliche in Clarens Gegenwart zu behaupten; denn wenn ihr Vormund, der ihr ausdruͤcklich dieſen Tanz verboten hatte, nicht zugegen war, walzte ſie tuͤchtig darauf los. Auf Davenants Erklaͤrung wurde ſie jetzt etwas beſchaͤmt.„Mißverſtehen ſie mich nicht,“ ſagte er, ſich zu ihr wendend, „ich will dadurch nicht andeuten, daß ich alle jungen Damen, welche walzen, verdamme; aber ich moͤchte dennoch weder meine Schweſter, noch meine Geliebte walzen ſehen; es wuͤrde mir zu Muthe ſeyn, als muͤſſe ich zu ihrem Taͤnzer ſa⸗ gen, indem er ſie ſo mit ſeinen Armen umſchlingt: was du auf dieſe Weiſe beruͤhrſt, magſt du auch behalten.“— O. II. 17 258 8 Eleonore ſuchte ihre Verlegenheit zu ver⸗ bergen, wohl bemerkend, daß Clarens Blick ſie traf; doch ſtammelte ſie in einzelnen Worten, als: freilich— ſehr wahr— oh gewiß— Da⸗ venants Bemerkung Beifall zu.— Kaum aber hatte er ſeine Rede geendet, die beſonders an ſie gerichtet war, ſo ſtand ſie, unter dem Vor⸗ wande, mit einer gegenuͤberſitzenden Dame ſpre⸗ chen zu muͤſſen, ſchnell auf. In dieſem Augen⸗ blicke nahete ſich ihr ein artiger junger Herr mit den Worten: „Warum walzen ſie denn heute nicht? Er⸗ lauben ſie mir, den jetzt beginnenden Walzer mit ihnen zu tanzen.“— „Ich walzen!— Gott bewahre!— Um aller Welt willen nicht.— „Warum denn nicht?— Ich ſah ſie doch oft walzen, und hatte ſogar die Ehre, verſchiedene Male ihr Taͤnzer zu ſeyn.“— „Ich glaube ſie reden im Schlaf; ich verab⸗ ſcheue das Walzen.“ 1 Herr Fielding ſchien auf ſeine Sache be⸗ ſtehen zu wollen; aber Eleonore verſuchte, ohne daß Davenant, der mit etwas mißtraui⸗ 259 ſcher Miene dem Zweigeſpraͤch zugehoͤrt hatte, es bemerke, erſterem einen Wink zu geben, der ihn zum Stillſchweigen brachte; er verbeugte ſich, und bat des Mißverſtaͤndniſſes halber um Ver⸗ zeihung. Eilig ergriff Eleonore die Gelegen⸗ heit, ſchnell hinweg zu gehen, um, unter dem Schein angelegentlich mit der vorhin erwaͤhnten Dame zu reden, ihre Verlegenheit zu verbergen. Sobald aber Davenants Blicke ſie nicht mehr erreichen konnten, ſuchte ſie Fielding auf, um ihm, nach ihrer verſchmitzten Weiſe, auseinander zu ſetzen, warum ſie vorhin ſo hartnaͤckig eine Sache gelaͤugnet habe, der ſie ſich recht wohl be⸗ wußt ſey.„Ich fuͤrchtete gar zu ſehr,“ ſagte ſie mit einſchmeichelnder Stimme,„Herr Dave⸗ nant moͤchte es meinem Vormund wieder ſagen, der, wie ſie wiſſen, mir das Walzen unterſagt hat, und dann waͤre ich Gefahr gelaufen, nie wieder auf einen Ball gehen zu duͤrfen; ſo wer⸗ den ſie mir gewiß vergeben, lieber Fieldin g, und meine Entſchuldigung annehmen.“— „Dir vergeben, ſuͤße Betruͤgerin!“ rief er: —„wenn man in deine ſchoͤnen Augen blickt, 12* 260 wergißt man alle die kleinen, lieblichen Unwahr⸗ heiten, die deinen Roſenlippen entſchluͤpfen!“— Eleonore verſuchte zwar die Artigkeit mit einem Laͤcheln zu erwiedern, doch fuͤhlte ſie ſich eigentlich gedemuͤthigt, und wuͤnſchte von ganzem Herzen, daß die Sache nicht zur Lrathe gekom⸗ men ſeyn moͤchte. Auf eine Zeitlang wurden jetzt Tanz und Mu⸗ ſik durch geſellige Scherze verdraͤngt, als Eleo⸗ nore auf einmal Davenant laut bat, der Geſellſchaft das Lied vorzuſingen, welches er ih⸗ nen im Hauſe vorgeſungen hatte.— Clara wurde durch dieſe Bitte peinlich bewegt; denn da Davenant eigentlich keine Stimme hatte, um ſich in einer ſolchen gemiſchten Geſellſchaft allein hoͤren zu laſſen, fuͤrchtete ſie, er moͤge ſich Preis geben, und ſuchte ihn, ſo viel als moͤglich, durch Mienen und Geberden, von dem Unternehmen abzuhalten.— Er verſtand ihren Wink; aber Eleonorens ſchmeichelnde, und ſogar beſtuͤr⸗ mende Bitten trugen den Sieg davon. Waͤhrend er ein indiſches National⸗„Lied, in einer Sprache, die niemand verſtand, und im tiefen Baß⸗Tone vortrug, ſaß Clara mit zur Erde geſchlagenen 261 Augen da, die ſie nicht vom Boden zu erheben wagte, weil ſie fuͤhlte, der Mann, den ſie uͤber alles ſchaͤtzte, trete jetzt nicht an ſeinem richtigen Platz auf. Ein allgemeines Bravo und⸗ Befäll klatſchen begruͤßten ihn, nachdem er geendigt hat⸗ 1e; vorzuͤglich aber ſtroͤmte uͤberſchwengliches Lob von Elkonorens ſchoͤnen Lippen. Nur Cla⸗ ra blieb ſtumm, und vermied ihn anzufehen, ſo fehr er auch ihren Blick ſuͤchte. Seine Selbſt⸗ liebe fuͤhlte ſich dadurch ein wenig beleidigt, und als man ihn jetzt zufforderte, mehrſtimmig mit⸗ zuſingen, willigte er hne Bedenken: ein.— 9 n. 27975„Sie. chen, i. wil mich aufs, Neug Preis geben,“ ſagte er mit ereütem Tone zu Cla⸗ ran. rs Sr3it 2113 2 reh e „Wenn es auch der Falt waͤre, entgegnete a0„ſo geſchieht es diesnial doch wenigſtens in Geſellſchaft. 2 Perſonen, die ſich nicht vorher zuſam⸗ men eingeſungen haͤben, fingen ſelten gut und richtig⸗ miteinander. Mir kommt dieſe faſelnde Leichtigkeit, mit der man ſich hinſtellt, um groͤßere Sa⸗ chen gemeinſchaftlich vorzutragen, oft nur als ein Auskunfts⸗Mittel gegen die Langeweile, oder als 262 ein Beweis des Selbſtvertrauens und der Eitelkeit vor, die eher alles ertragen kann, als unbemerkt da zu ſitzen, und lieber ſchlecht ſingt, als ſchweigt.“— „Sie ſind ſehr ſtrenge in ihren Beobachtun⸗ gen,“ erwiederte Davenant;„ſtrenger, als ich es von ihnen erwartet haͤtte; mir faͤllt ein heitrer Mai⸗Morgen dabei ein, an dem uns beim ſchoͤn⸗ ſten Sonnenſcheine ein ſchneidender Nord⸗ Oſt⸗ Wind entgegen blaͤſt.— Wohlan dann! Ord⸗ nen ſie die eiteln Selbſtſuͤchtigen, damit wir deſto fruͤher ans Ziel gelangen.“— Man ſtellte ſich, und vier Menſchen, vun. denen ſich einige zuvor nie geſehen hatten, berei⸗ teten ſich, harmoniſch miteinander vorzutragen. Clara's geuͤbtes Ohr hoͤrte indeſſen bald, daß Davenant nichts zu Schweres uͤbernommen habe; er ſang ſeine Baßſtimme ſo richtig, blieb ſo im Takt, daß ſie es nicht unterlaſſen konnte, oft einen ſehr freundlichen, beifaͤlligen Blick auf ihn zu werfen. Als man geendet hatte, dankte ſie ihm in⸗ nig fuͤr die Freude, welche er ihr gewaͤhrt hatte, und Eleonorens wortreiches Lob ſchien ihm geringe gegen dieſen Dank. Aufmerkſam horchte 263 er auf alles, was ſie ſagte, ergriff dann lebhaft ihre Hand, und rief:„Wahrhaftig, es gewaͤhrt innige Befriedigung von ihnen gelobt zu werden, da man ſo ſicher iſt, daß dieſen Lippen kein un⸗ wahres Wort entſchluͤpft!“— Eleonore vernahm dieſen gerechten Tri⸗ but, den er der Wahrheit zollte, mit peinlicher Empfindung; um aber wenigſtens den Schein anzunehmen, als achte ſie nicht darauf, blaͤtterte ſie emßig in einem Noten⸗Buche. Auf einmal hoͤrte man im anſtoßenden Zimmer eine Quadrille ſpielen; alles bereitete ſich aufs Neue zum Tanze; nur Davenant, deſſen anfangs etwas ſchmerz⸗ lich verwundete Selbſtliebe jetzt voͤllig wieder geheilt war, ſtand wie angefeſſelt neben Cla⸗ ra'n, als Eleonore auf ihn zu kam, um ihn an ſein Verſprechen zu mahnen, die naͤchſte Qua⸗ drille mit ihr zu tanzen. „Was,“ rief Clara,„ſie wollen eine Qua⸗ drille tanzen; ſagten ſie nicht, ſie haͤtten noch nie eine getanzt?“— 3. „Das iſt auch der Fall; aber Fraͤulein Mus⸗ grave behauptet, ich werde leicht lernen, und da ſie ſich mich zum Schuͤler auserſehen hat, und 04 ich ſtolz darauf bin eine ſolche Lehrerin zu haben, ſo befinde ich mich nun auf dem Punkt, mich zum zweitenmale Preis zu geben, wie ſie es ohne Zweifel nennen werden.“ Clara ſchwieg, ſchien aber unruhig; jedoch konnte ſie es nicht laſſen, dem Freund in den Tanzſaal zu folgen, wo ſie ihn mit keinem Blicke verließ. Ihre genaue Aufſicht trug aber nur dazu bei, ihn noch mehr zu verwirren; er machte einen Fehler uͤber den andern, wandte ſich zur Rechten, wenn er zur Linken haͤtte ſeyn ſollen, und wurde unaufhoͤrlich gerufen und berufen. Einmal als er fuͤr einen Augenblick in den Ruheſtand verſetzt war, wandte er ſich mit den Worten an Clara: „Nicht wahr, liebe Freundin, ſie erſtaunen, daß ich in Fraͤulein Musgrave's Begehren wil⸗ ligte?— „Nein,“ erwiederte ſie, indem ſie ſich weg⸗ wandte um das Zimmer zu verlaſſen,„wurde Her⸗ eules doch ſogar an den Spinnrocken gebannt.“ — Davenant glaubte Eiferſucht an ihr zu be⸗ meerken, und dachte:„ſollte es vielleicht ein Irr⸗ thum in Hinſicht des Leutnants feyn?“— Den Tanz immer mehr verwirrend, bat er um Er⸗ laubniß, ſeinen Platz einem geuͤbteren Taͤnzer ein⸗ raͤumen zu duͤrfen; Sleonore aber erklaͤrte, ſie wuͤrde ohne ihn nicht tanzen, und ſo ſahe er ſich genoͤthigt, die ihm jetzt ſo unwillkommne Auf⸗ gabe zu vollenden. hen Sobald er ſchicklicher Weiſe ſeine Dame verlaſſen konnte, eilte er zu Clara. „Hercules hat den Rocken abgeſponnen,“ ſagte er;„aber ich fuͤrchte, ſie halten ihn nur zu bereitwillig, auf Begehren eine neue Arbeit der Art wieder zu beginnen.“ „Freilich wohl, da er nichts Herabwurdigen⸗ des darin ſieht.— „ Hevalwouregend halten ſie es?— „Wielleicht erſcheine ich ihnen abgeſchmackt; aber um die Wahrheit zu geſtehen, muß ich be⸗ kennen, daß ich den Tanz nur fuͤr ganz junge Leute paßlich finde, und es vorzuͤglich nicht er⸗ tragen kann, einen Mann, den ich achte und ehre, herumhuͤpfen zu ſehen.“ 3 „Gluͤcklich dann der Mann, den ſie auf dieſe Weiſe auszeichnen,“ rief Davenant, indem er eine ihrer Hände mit Zaͤrtlichkeit ergriff; jetzt 266 bin ich wahrhaft ſtolz auf den Widerwillen, wel⸗ chen ſie mir vorhin bewieſen!“— Clara verſuchte zitternd die noch immer von ihm feſtgehaltene Hand zuruͤckzuziehen, und erwiederte erroͤthend:„Bedenken ſie, daß ich nur von Achtung und Ehrfurcht ſprach!“— „Freilich,“ rief er, indem er ihre Hand fah⸗ ren ließ,„freilich!— Achtung und Ehrfurcht ſind nicht Liebe!“— Darauf wandte er ſich ſchnell von ihr, um Eleonoren außzuſuchen. Auf verſchiedenen kleinen Tiſchen ſtand das Abendeſſen nun bereit, und die Geſellſchaft ward eingeladen ihre Plaͤtze zu nehmen. Eleo⸗ nore, eiferſuͤchtig daß Davenant ſich auch nur einen Augenblick von ihr habe entfernen koͤn⸗ nen, wollte ihn wenigſtens jetzt davon abhalten, nicht wieder in die gefaͤhrliche Naͤhe zu kommen. Sie bemaͤchtigte ſich feines Arms, und zog ihn an einen andern Tiſch.— Fielding aber, der allgemein fuͤr Clarens Bewunderer galt, hatte ſich mit dieſer an einen Tiſch geſetzt, der nicht weit genug entfernt war, um nicht von Dave⸗ nant bemerkt werden zu koͤnnen.— 267 Ungluͤrklicher Weiſe mußten einige Glaͤſer Wein, welche Fielding ſchnell nach einander hinunterſtuͤrz⸗ te, das Gehirn des ſonſt ſehr nuͤchternen jungen Man⸗ nes, ungewoͤhnlich erhitzen. Der mit Eleonoren gehabte Streit wegen des Walzens, und die Unwahr⸗ heit, mit der ſie ſich genommen hatte, lag noch friſch in ſeiner Erinnerung; er uͤberſchuͤttete ſeine Nachbarin mit Lobpreiſungen, auf Unkoſten der Baaſe, die ſie, ſo lange es nur moͤglich war, unbemerkt an ſich voruͤber gehen ließ, um den ohnehin Gereizten nicht noch mehr zu reizen. Jedes Glas Wein aber erhoͤhte die Geſchwaͤtzigkeit ſeiner Zunge. „Ein ſchoͤnes Maͤdchen,“ rief er, indem er auf Eleonoren zeigte;„nur Schade, daß ſie luͤgt wie ein Kammerkaͤtzchen.“— Mehrere Bemerkun⸗ gen der Art folgten, und da er immer lauter wurde, ſtand Clara auf, um dem fernern Ge⸗ ſchwaͤtz zu entgehen. Augenblicklich erhob er ſich auch von ſeinem Sitze, und fragte:„Fraͤulein Delancy, iſt es ihnen nicht gefaͤllig zu walzen?“— „Sie wiſſen, ich walze nie.“— „Wenn ſie dies behaupten, weiß ich, daß es wahr iſt, denn ſie ſind ganz Wahrheit, ganz 268 Aufrichtigkeit; aber kucken ſie jene da einmal an! ſene ſchoͤne Geſtalt!“— Hier zeigte er wieder auf Eleonoren.„Ich muß noch ein Glas auf ihre Geſundheit leeren,“ fuhr er fort, indem er Clara am Kleibe b, damit l ſih üchr entfernen konnte— 1 „Lieber Fielding,“ ſagte ſie freundlich, laſſen ſie mich los, und trinken ſie nicht mehr.“— Tänt zum 8 den „Nicht mehr trinken!“— antwortete er, „nicht mehr trinken, da ich noch nicht duf kh Geſundheit getrunken habe! 199 Er fuͤllte wieder ein Glas, und nachdem er laut Clarens Lob geprieſen hatte, Rärzte er es auf ihre Gefundheit hinunter. Clara nahin jetzt Eleonorens Arm, und bat ſie das Zimmer mit ihr zu verlaſſen; Fiel⸗ ding aber draͤngte ſich an Eleonoren, indem er ihr auf eine ſpottende Weiſe zurief:„ich walze nie, habe noch in meinem eha erlche ge⸗ walzt.“— Stn n. Vor Jorn glu ihend trat Davenant, wel⸗ cher glaubte, er wolle de ean un beleidigen, in ſeinen Weg; Clara Unheil fuͤrchtend, 269 zog Fielding mit ſich in das Muſik⸗Zimmer. „Lieber Freund,“ ſprach ſie dort beſaͤnftigend, „ſie werden morgen bereuen, Eleonoren und mich heute Abend ſo ausgeſetzt zu haben.“— „Um keinen Preis moͤchte ich ſie, Fraͤulein Delancy, beleidigen; was aber Fraͤulein Mus⸗ grave betrifft"“—— Bedenken ſie, daß wir nahe verwandt ſind, wer ſie beleidigt, trifft auch mich; wenn ſie alſo wirklich Achtung fuͤr mich haben, ſo gehen ſie nach Hauſe.“— „Ich gehe,“ ſprach er,„well ſie es wuͤn⸗ ſchen.— Gute Nacht, gedenken ſie meiner nicht im Zorn.“— Bei dieſen Worten kuͤßte er ihre Hand, und lief aus dem Zimmer; als er aber an Eleonoren vorbeirannte, konnte er nicht umhin, noch einmal ſpottend zu wiederholen: „Sieh da, walzt nicht, walzt in ihrem Leben nicht!— Ei, ei!“— „Gottlob! daß er fort iſt,“ rief Eleonore mit zitternder Stimme.„Wenn der arme Menſch ein Paar Glaͤſer Wein getrunken hat, iſt er ſei⸗ ner Sinne nicht maͤchtig; dazu iſt er ſehr ehrgei⸗ zig, und wird es mir nie verzeihen, daß ich nicht „4 270 mit ihm walzen wollte, weil er ſich einbildet, mich fruͤher walzen geſehen zu haben.“ Dieſe glaubhafte Rede verfehlte ihren Zweck nicht, ſondern ſchlug die ſchon in Davenants Seele entſtandenen Zweifel voͤllig wieder nieder. Als er mit Eleonoren in das Muſtk⸗ Zimmer trat, fand er Claren von einem Kreiſe Herren und Frauen umringt, die ſie baten, eine neue Ballade, welche man ihr uͤberreichte, zur Guitarre zu ſingen. Freundlich willigte ſie in die vereinten Bitten, und von andern aͤngſtenden Gedanken erfuͤllt, achtete ſie wenig auf die Umſtehenden, ſondern griff raſch in die Saiten, und ſang mit voller, reiner Stimme folgende Worte: 1 „Heil meiner Lieb! Kriegswuth hat nun ein Ende; Fried iſt; dein Krieger kehrt in deinen Arm. Entzuͤckens Kuß und Liebesthraͤnen Spende Lohnt uns jahrelangen Harm. So ſehn wir uns in unbewoͤlktem Frieden, Die, ſcheidend, wild troſtloſer Schmerz zerriß! Ja, holde Maid, mein liebſtes Gluͤck hienieden! Sutzesmaͤcht entſchieden dies; 271 Entſchieden, von Tagſorgen, Nachtlang erharrten Morgen Sollt' unſer Gluͤck jetzt borgen Des Abſtichs neuen Reiz. Und ſind wir erſt vereint, Wird mitleidsvoll beweint Manch Herz, das Gram verzehrt Um den, der nimmer kehrt, Indeß wir ſuͤß gepaart, Allſelig ſind bereits.”“— 1 „Wie ſchoͤn ſang Clara,“ ſagte Daves nant ſeuſzend;„vermuthlich gedachte ſie ihres armen Leutnants bei den Worten des Liedes,“ ſetzte er leiſe hinzu.— „Was wiſſen ſie denn von dem armen Leut⸗ nant?“ fragte Eleonore.—. „Ihr Vormund hat mir alles geſagt;— glauben ſie nicht auch, daß ſie ſeiner dabei ge⸗ dachte?“— 5 „Gewiß,“ erwiederte Eleonore, die ſich gleich vornahm, dieſen Gedanken in Daven ants Seele feſt zu halten, um ihn zu ihrem eigenen Vortheil zu benutzen.—„Aber,“ fuhr ſie ſchlau 272 fort:„es iſt doch eigentlich Unrecht von meinem Vormund, ſolche Dinge auszuſchwatzen; ich bin redlicher in der Hinſicht geweſen.“ „Vielleicht weil ſie tiefer ins Vertrauen ge⸗ zogen waren.“— Eleonore erwiederte nichts, ſondern laͤchelte nur bedeutend.— Die Geſellſchaft bereitete ſich jetzt auseinander zu gehen, die Wagen wurden angeſagt. Morleys Wagen konnte in dem Augenblicke noch nicht vorfahren; da Clara aber wuͤnſchte bald ſortzukommen, ſchlug ſie vor, we⸗ nige Schritte zu Fuße zu gehen, um ihn zu errei⸗ chen. Sie ſelbſt ging mit der ſie begleitenden aͤltlichen Dame und einem Herrn, der ihr den Arm bot, voran; Davenant und Eleonore folgten. Ungluͤcklicher Weiſe hielt der Wagen vor der Thuͤr eines angeſehenen Kaffeehauſes, aus welchem gerade, indem die Letzteren voruͤber gingen, vier junge, ſtark mit Cbampagner und Burgunder beladene Herren herauskamen. Einer von ihnen ſtellte ſich Eleonoren trotzig in den Weg, und verhinderte ihr Einſteigen in den Wa⸗ gen, worin die beiden andern Damen ſchon Platz genommen hatten.— Davenaut ſtieß ihn 273 etwas unſanft an die Seite, welches der junge Mann uͤbel vermerkte, ihn beim Aermel ergriff und ſich Genugthuung ausbat.— 159 Nur mit Muͤhe machte Davenant ſich von ihm los, um die ſchreiende Eleonore in den Wagen zu heben, dann kehrte er ſich wieder zu dem ihm auf den Fuße folgenden, bat ihn, die Damen nicht in Schrecken zu ſetzen, gab ihm aber ſeine Adreſſe, verſichernd, er ſey Morgen zu jeder Stunde bereit, wenn er naͤhere Erklaͤ⸗ rung von ihm verlange. Hierauf ſprang er in die Kutſche, und man fuhr fort. Clara, die alles bemerkt, und in tauſend Sorgen war, nahm es ſich ſogleich vor, ihrem Vormund, ſalls er noch nicht zu Bette ſey, von allem zu benachrichtigen, oder ihm einen Zettel zu ſchicken, den er fruͤh am naͤchſten Morgen erhalten ſolle, ehe noch irgend ein widriger Vor⸗ fall ſich zutragen koͤnne. Durch dieſen Gedanken ſuchte ſie ſich fuͤrs erſte zu beruhigen; ſie litt aber nicht allein geiſtig, ſondern auch koͤrperlich, da ihr Fuß, der beim ſchnellen in den Wagen Springen aufs Neue beſchaͤdigt war, ihr die hef⸗ tigſten Schmerzen verurſachte. Neben ſich uͤber ſah ſie O. II. 18 27 4 nun Eleo noren, die, erſchreckt durch die mannigfal⸗ tigen widerlichen Vorfaͤlle des Abends, laut weinend, in faſt krampfhaften Zuckungen ſich an Dave⸗ nant ſchmiegte, der ſie mit ſeinem Arm umſchlang, um ſie aufrecht zu halten, und ſie durch die freund⸗ lichſten Worte zu troͤſten ſuchte, indem er auf die arme, wirklich leidende Clara durchaus weiter nicht Acht zu geben ſchien. Dieſe Scene konnte ihr eben keine Erleichterung verſchaffen. Ver⸗ ſchiedentlich ſteckte ſie den Kopf zu dem geoͤffneten Kutſchenfenſter hinaus, um bei den hellflimmern⸗ den Sternen Kraft und Troſt zu ſuchen, waͤhrend die beiden ſie Begleitenden jetzt voͤllig, da die aͤltliche Dame an ihrem Hauſe ausgeſetzt war, nie⸗ mand außer ſich zu bemerken ſchienen. In einem dieſer Augenblicke glaubte ſie die naͤmliche Ge⸗ ſtalt, welche vorhin mit Davenant in Streit gerathen war, neben dem Wagen herlaufen zu ſehen. Ein neuer Schrecken!— Vielleicht wollte der Menſch auf der Stelle Genugthuung fordern!— Schmerz, Angſt und Verzweiflung ſchienen ihr die Bruſt zuſammen zu preſſen; ihr gegenuͤber hoͤrte ſie nur daß ſuͤße Fliſtern der Verliebten. Ihr Bewußtſeyn fing an zu ſchwinden. Endlich erreichte man des Vormunds Woh⸗ nung, Davenant ließ es ſich nicht nehmen, die halb ohnmaͤchtig ſcheinende Eleonore in ſeinen Armen bis auf den Hausflur zu tragen, dann kam er zuruͤck, um Claren die Hand zum Ausſteigen zu biethen; vergebens aber rief er ih⸗ ren Namen, um ſeine Nuͤckkehr anzukuͤndigen, ſteckte dann den Kopf in den noch geoͤffneten Schlag, und fand ſie, zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen, kalt und bewegungslos in einer Ecke des Wagens liegen. Vor Schrecken faſt außer ſich trug er die lebloſe Geſtalt ins Speiſezimmer, wo er ſie auf ein Sopha legte, und alles in Bewegung 1 ſetzte, um ſie wieder ins Leben zu rufen. Eleo⸗ nore, die wieder Kraͤfte bekommen hatte, ſuchte vergebens nach fluͤhtigem Salz, oder der⸗ gleichen Mitteln; es war nichts im Hauſe zu fin⸗ den. Ein Herr aber, der mit ihnen zugleich her⸗ eingetreten, und nur in der erſten Beſtuͤrzung nicht bemerkt worden war, rannte jetzt wie ein Blitz an ihnen voruͤber, kam gleich mit dem Er⸗ forderlichen wieder, welches er Eleonoren gab, die aber weiter nicht beachtete, von wem ſie es 18* 2n6 erhielt.— Indem man beſchaͤftiget war, die noch immer Ohnmaͤchtige damit zu reiben, fragte Davenant Eleonoren im beſorgten Tone: woher wohl dieſe Unpaͤßlichkeit koͤnne entſtanden ſeyn?— Schnell fliſterte ſie ihm litts zu:„Hoͤrten ſie denn nicht, wie in der Geſellſchaft die Rede davon war, daß das vierundfunfzigſte Regiment Befehl erhalten habe, ſogleich nach Iadzen zu gehen?— —„Das hoͤrte ich freilich, wußte ab er nicht, daß dies das Regiment ſey, worunter——— „Jawohl!“— „O, dann kann ich es mir erklaͤren!“— In dieſem Augenblicke oͤffnete Claxa die Augen; ſo wie ſie aber den Fremden gewahr wurde, der ſich noch im Zimmer befand, und in einer Ecke ihr gerade gegenuͤber lehnte, wurde ihr Blick fuͤrchterlich, und ſie rief im Tone des höchſten Schreckens: „O Gott! was will der Mann dort, was fuͤhrt ihn hieher?!“— 272 Im Sprechen ſchlang ſie aͤngſtlich ihren Arm um den neben ihr ſtehenden Davenant, als wolle ſie ihn vor jedem Angriff ſchuͤtzen. Dieſer Ausruf machte, daß aller Augen ſich auf den Fremden wandten, der ſich jetzt ehrerbie⸗ thig Hahers, und mit bewegter Stimme antwor⸗ tete: „Seyn ſie ganz ruhig, theuerſte Seele, nur laſſen ſie mich nie wieder auf dem lieblichſten Antlitz von der Welt einen ſolchen Ausdruck von Haß und Abſcheu gegen mich erblicken; es koͤnnte mich auf der Stelle tödten!— Herr Davenant,“ fuhr er fort,„ich bin der ungluͤckliche Mann, dem ſie vorhin ihre Adreſſe gaben.“— „So laſſen ſie uns mit einander fortge⸗ hen.“— „Nein, mein Herr, ich muß mich hier erklaͤ⸗ ren. Ich glaubte vor Scham zu Boden zu ſinken, als ich ihren Namen las.— Wie, ſagte ich zu mir ſelbſt, den edlen, großmuͤthigen Davenant haͤtte ich beleidiget, der nicht allein meinem armen Bruder John in Indien das Leben, ſondern auch die Ehre rettete!— Und ſchnell wie der Blitz rannte ich hinter dem Wagen an. Hier bin 278 ich nun, und wenn mein Kopf gleich noch vom Weine verwirrt iſt, ſo iſt das Herz doch voll Dank⸗ barkeit, und bereit jede Entſchuldigung zu machen, die ſie noͤthig finden.— Ach, lieber Herr Da⸗ venant, was wuͤrde der arme John O'Byr⸗ ne fuͤhlen, wenn er wuͤßte, daß ſein Bruder den Arm gegen ſeinen groͤßten Wohlthaͤter erhoben haͤtte!— Beſter Herr, wenn ſie des Mitleids gegen mich faͤhig ſind, ſo legen ſie ihren Stock auf meine Schulter; erſt dann werde ich mich beruhigt fuͤhlen.“— Dieſe Worte wurden mit ſolcher Schnellig⸗ keit ausgeſprochen, daß es Davenant unmoͤg⸗ lich war, den Fluß der Rede zu unterbrechen. Jetzt aber ergriff er des Mannes Hand und ſagte: Seyn ſie uͤberzeugt, daß ich nie irgend einen Zu⸗ fall bereuen koͤnnte, der mir die Bekanntſchaft des Obriſten O' Byrne verſchafft, ſobald nur die Damen hier nicht dadurch beunruhiget wor⸗ den waͤren.— Meiner Verzeihung ſind ſie alſo gewiß; nur mit dieſen haben ſie es noch zu thun.“— 1 „Sie ſind wahrlich zu großmuͤthig gegen mich,“ rief O' Byrne,„mir die Aufgabe zu geben, dieſe 279 liebenswuͤrdigen Geſchoͤpfe um Verzeihung zu bit⸗ ten! Wie gern unterziehe ich mich dieſem; und wie oft ſoll ich die Abbitte wiederholen?— Darf ich waͤhrend eines Monats taͤglich zu einer be⸗ ſtimmten Stunde kommen, und Vergebung erſle⸗ hen?— Aber nein, das wuͤrde Belohnung ſeyn, und ich verdiene Strafe— doch,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich ſeufzend zu Clara wandte,„verur⸗ ſachte mir Fraͤulein Delancy's Blick des Wi⸗ derwillens eine ſolche Marter, daß ſelbſt der groͤßte Suͤnder hinlaͤnglich dadurch geſtraft ſeyn wuͤrde. Meine Damen, haben ſie mir vergeben, und wol⸗ len ſie, Fraͤulein Clara, mir verſprechen, mich nie wieder ſo anzuſehen?“— „Ich verſpreche es,“ erwiederte ſie, indem ſie ihm die Hand reichte,„im Fall ſie den Blick nie wieder verdienen.“— „Dann bin ich gluͤcklich,“ rief er,„und nun, gute Nacht! Erlauben ſie mir, lieber Herr Da⸗ venant, ihre Adreſſe zu benutzen, nicht um ihnen das Leben zu nehmen, ſondern um zu ver⸗ ſuchen, mir ihre Freundſchaft zu erwerben. Weit gluͤcklicher wuͤrde ich mich ſchaͤtzen, der Freund 280 eines ſolchen Mannes, als der Adjudant des größ⸗ ten Kaiſers zu ſeyn!“—. Nach dieſen Worten ging er fort; auch Da⸗ venant folgte ihm bald, und die Damen bega⸗ ben ſich in ihre Zimmer. Clara, von den Er⸗ eigniſſen des Abends aufs Aeußerſte angegriffen, gequaͤlt von koͤrperlichem Schmerz, konnte lange keine Ruhe finden. Davenants heutiges Be⸗ tragen gegen Eleonore gab ihrem armen Her⸗ zen faſt die Gewißheit, daß er ſeine Liebe ihr entweder ſchon erklaͤrt habe, oder doch bald erklaͤ⸗ ren werde, und dennoch ſchwebte die freundliche Theil⸗ nahme, die zaͤrtliche Beſorgniß, welche er ſpaͤter auch ihr geaͤußert hatte, unaufhoͤrlich vor ihrer Seele. Auch er brachte eine ſchlafloſe Nacht zu; Obriſt O'Byrne, dem er noch auf der Gaſſe begegnet war, hatte, nachdem er Clarens Vor⸗ zuͤge, ihre engelreine Guͤte, himmelhoch geprieſen, ihn endlich ohne Umſtaͤnde gefragt: ob ein naͤhe⸗ res Verhaͤltniß unter ihnen Beiden Statt finde? „Nein, gewiß nicht“, war die Antwort.— „Beim Himmel, ſo weiß ich nicht mehr, was Liebe iſt, antwortete der Irlaͤnder; mit welchem 3 281 innigen Ausdrucke ſchlang das fuͤße Geſchoͤpf ih⸗ ren Arm um ſie, als wollte ſie ſie vor mir be⸗ ſchuͤtzen!— In dem Augenblicke ſchienen ſie mir der neidenswertheſte Mann auf der Welt zu ſeyn.“— „Wahrlich, ich bin nicht ſo gluͤcklich von ihr geliebt zu werden,“ erwiederte Davenan t; indem er aber doch vor ſeiner Erinnerung den Augen⸗ blick noch einmal voruͤber fuͤhrte, es aufs Neue zu empfinden glaubte, wie Cla ra den Arm um ihn ſchlang, und den Blick des Abſcheus ſah, welchen ſie auf O' Byrne warf.— Sein Herz pochte heftig; wuͤrde ſie aber nicht aus Menſchen⸗ liebe und allgemeinem Wohlwollen vielleicht ſo gegen jeden andern gehandelt haben, den ſie in Gefahr geſehen haͤtte? fragte der zweifelſuͤchtige Verſtand. Die richtige Beantwortung dieſer Frage, welche er ſich wiederholt waͤhrend der Nacht vor⸗ legte, ließ ihn indeß wenig Ruhe finden. DSobald die Stunde ſchicklich ſchien, begab er ſich am andern Morgen zu ihr.— Nach freundlichen Erkundigungen, ihre Geſundheit be⸗ treffend, ſagte er:„Es ſcheint mir faſt, liebe Clara, als wenn O' Byrnes geſtrige Aeuße⸗ rungen uͤber ihren Werth nicht allein aus reinem 282 Wohlwollen floſſen, ſondern als wenn ein anderes Gefuͤhl zum Grunde liege.“— „Ich verſtehe den Scherz nicht, entgegnete ſie;„was kann der gatmfthig⸗ Narr ihnen ge⸗ ſagt haben?“ „Armer Mann! von ſeiner Seite iſt es we⸗ nigſtens kein Scherz!— Er fruͤhſtuͤckte dieſen Morgen bei mir, und verſicherte, der Blick voll Abſchen und Schrecken, den ſie geſtern Abend auß ihn geworfen haͤtten, verfolge ihn, wohin er auch ginge; er bat mich dringend, ja flehentlich, ihn im Hauſe meines Oheims einzufuͤhren, damit er Gelegenheit bekaͤme, wieder das freundliche, beſe⸗ ligende Laͤcheln zu ſehen, welches gewoͤhnlich um ihre Lippen ſchwebe. Darf ich ihn herfuͤh⸗ ren?“— 1 „Jeder Freund, den ſie bringen, wird mir willkommen ſeyn.“— „Sie betrachten ihn alſo nur als einen mei⸗ ner Freunde?— Haben ſie denn nicht bemerkt, wie er ſeit laͤnger denn einen Monat jede Gele⸗ genheit aufſucht, ſich an ihren Blicken zu weiden; wie er im Schauſpiel⸗Hauſe, in der Oper, an 283 jedem öffentlichen Orte, nur Augen hat fü ſie? „Ich geſtehe, daß es mir erſt ſeit kurzem auf⸗ gefallen iſt; fruͤher glaubte ich, es gaͤlte Eleo⸗ noren, und machte ſie auch darauf aufmerk⸗ ſam.“— „Ja wohl,“ fiel dieſe ein,„und ich war auch ſo einfäͤltig, es mir einzubilden, bis er geſtern Abend dein Geſicht, das lieblichſte Antlitz von der Welt nannte.“— „Er ſprach in dieſen Worten nur die innerſten Gedanken ſeiner Seele aus,“ fuhr Davenant fort,„und er wuͤnſcht nichts mehr, als daß Fraͤu⸗ lein Delancy eben ſo guͤnſtig uͤber ihn urthei⸗ len, und es ihm gelingen moͤge, das Herz zu gewinnen, welches aus dieſem Antlitz ſtrahlt.— Ich antwortete zwar, daß ich nicht ſo kuͤhn ſeyn koͤnne, ihm einen guͤnſtigen Erfolg zu verſpre⸗ chen;— was aber ſagt Clara ſelbſt dazu?“— „Sie ſagt,“ erwiederte das holde Maͤdchen in großer Beſtuͤrzung,„daß ſie Obriſt O' Byrne als ihren Freund freundlich empfangen wird, daß er aber nie weitere Anſpruͤche machen ſoll.“— 2 284 „Wenn aber der Obriſt nun fragt, ob irgend eine weſentliche Urſache ſeinen Hoffnungen und Wuͤnſchen entgegen ſteht, was ſoll ich da ant⸗ worten?“— „Iſt es denn uͤberall noͤhig, eine Urſache an⸗ zunten⸗— Geſetzt nun, er fragte, ob Fraͤulein Delan⸗ ey ihre Neigung ſchon einem gluͤcklichern Gegen⸗ ſtande geſchenkt haͤtte?“— „So antworten ſie, daß ſie nicht davon un⸗ terrichtet waͤren,“ erwiederte ſie, indem die hoch⸗ roth gluͤhenden Wangen ſich auf einmal mit der Weiße des Schnees uͤberzogen.— „Wenn ich nun aber aus eignem Intereſſe, als theilnehmender Freund, die Frage ſelbſt wagte, ob ihr Herz noch frei iſt?“— Beſtuͤrzt uͤber dieſe ſo voͤllig unerwartete Anrede, ſtand Clara ploͤtzlich von em Sitze auf, und ſchien in der erſten Verwirrung keine paßliche Antwort finden zu koͤnnen. Eleonore, gleichfalls betroffen, obgleich aus einer andern Urſache, fuͤrchtend Clara noͤchte nach ihrer 4 8: gewoͤhnlichen Wahrheits⸗Liebe antworten, und ſo auf einmal ein Geheimniß verrathen, hielt es fuͤr 1 285 kluͤger, noch zur rechten Zeit in die Rede zu fallen, und begann eben uͤber Davenants Zudring⸗ lichkeit zu ſchmaͤlen, als Clara den Muth in ſich fuͤhlte, ſelbſt ſehr beſtimmt zu antworten: „Meiner Meinung nach haben ſie kein Recht eine ſolche Frage an mich zu richten, erlauben ſie alſo, daß ich ſie gar nicht beantworte, indem ich durch eine Antwort die Vorrechte meines Beſchlechts vergeben wuͤrde.“ „Meine Frage iſt beantwortet, gnaͤdiges Fraͤu⸗ lein,“ ſagte Davenan t, ſich ſtolz und kalt ver⸗ beugend; mir bleibt jetzt auch nicht einmal ein Zwei⸗ fel mehr.— Vermoͤge ihrer Aufrichtigkeit wuͤr⸗ den ſie die Freiheit ihres Herzens eingeſtanden haben, ſobald die Wahrheit ihnen dies Geſtaͤnd⸗ niß nicht verbot. Obgleich aber die Tochter einer mir ewig theuren Frau es nicht ſcheint der Muͤhe werth zu achten, mich als ihren Freund anzuſehen, ſo hoffe ich ihr doch einſt meine Freundſchaft beweiſen, und ſie uͤberzengen zu koͤnnen, daß meine Frage nicht allein aus uͤberlaͤtiger Neugierde ent⸗ ſprang.“— Ein Strom von Thraͤnen verhinderte Clara'n 286 jetzt weiter antworteten zu koͤnnen; ſie verließ ſchnell das Zimmer.— S98. „Nun iſt mir alles klar; armer O' Byrne!“ rief Davenant,„und dreimal gluͤcklicher Beau⸗ mont!— Nicht wahr, dies iſt der Name des bewußten Leutnants?“—. Ein leichtes Ja ſchwebte uͤber Eleonorens Lippen; gefliſſentlich aber ſuchte ſie die Unterhal⸗ tung gleich auf einen andern Gegenſtand zzu len⸗ ken. Am naͤchſten Tage, da Clara der freien Luft bedurfte, und durch die Schmerzen am Fuß vom Gehen abgehalten wurde, fuhr ſie mit ihrem Vormund, Eleonoren und Davenant ſpa⸗ tzieren. Durch eine Menge anderer Wagen fuͤr den Augenblick aufgehalten, hielten ſie, unweit eines Ladens ſtille, aus welchem ein junger Mann geſprungen kam, ſich ehrerbiethig dem Wagen na⸗ hete, und um Erlaubniß bat, den von ihr beſtell⸗ ten Degen zeigen zu duͤrfen, welcher nun bald fertig ſey. 15 „Einen Degen!— Kind, du beſtellſt einen Degen! Was willſt du in aller Welt wohl mit einem Degen machen?“ rief der Vormund der 287 armen Clara zu, waͤhrend Davenan t, obgleich er ſich eingebildet hatte, ſchon alle Hoffnung auf Clarens Beſitz aufgegeben zu haben, ſo be⸗ troffen da ſaß, als verloͤre er ſie jetzt erſt. Sobald dieſe nur in etwas ihre Faſſung wieder gewann, antwortete ſie:„Ich ſelbſt bedarf freilich keines Degens; aber ich habe einen fuͤr einen Freund beſtellt, und werde mich freuen, ihr Urtheil daruͤber zu hoͤren.“— „Ha ha,“ ſagte Morley mit einem bedeu⸗ tenden Blick auf Eleonoren, und mit einem befriedigten Selbſtgefu l, daß das, was er nur 9 9 ſo in den Tag hineing eſprochen hatte, keine Luͤ⸗ e, 2 9) 9 ſondern Wahrheit ſey. Der wirklich ſehr zierlich gearbeitete Degen wurde nun herbeigebracht, und Eleonore be⸗ merkte laͤchelnd, wie Clara's Freund den Neid des ganzen Regiments dadurch auf ſich ziehen werde. Der junge Mann wuͤnſchte jetzt zu wiſ⸗ ſen, wohin er ihn fenden ſolle, ſobald er voͤllig vollendet ſey, und Clara, fuͤrchtend, ihr Vor⸗ mund moͤge nach dem Preiſe fragen, und ſie dann noch mehr tadeln, antwortete erroͤthend:„an 288 Leutnant Beaumont, im vierundfunfzigſten Re⸗ giment Linien⸗Truppen.“ Man fuhr weiter.— Der Alte ſowohl wie Eleonore fuͤhlten ſich ungemein heiter und leicht, weil ſie zufaͤlliger Weiſe einmal die Wahr⸗ heit geſagt hatten, und aͤußerten dieſe Heiterkeit durch Lachen und Scherzen. Clara aber ſaß ſtill und nachdenkend da; Davenant war ver⸗ ſtimmt, und im Gefuͤhl ſeiner Eiferſucht ſchien er nur mit Eleonoren beſchaͤftigt, und wandte ſich nicht anders zu Claren, als um ihr einige kleine Bitterkeiten zu verſchlucken zu geben. Sie ſah und fuͤhlte die Vernachlaͤſſigung.— „Sollte er eiferſuͤchtig ſeyn,“ dachte ſie,„v, dann liebt er mich ja!— Haͤtte ich nur den Muth ihm zu ſagen, wie Beaumont mir nie mehr werden kann, als er mir jetzt iſt!“— Aber dieſe Worte wollten nicht uͤßer ihre Lippen; Davenants Verdacht blieb alſo un⸗ gehoben. Mit ungewoͤhnlich finſterer Miene rief Mor⸗ ley am naͤchſten Morgen den Neffen in ſein Studierzimmer. Dieſer, die Wolken auf ſeiner 889 Stirne bemerkend, fragte: ob er ihn Beleidigt habe?— „Beleidigt gerade nicht,“ erwiederte der Alte; aber du haſt mich gekraͤnkt und meine Erwartun⸗ gen getaͤuſcht.“— „Und in wie fern, lieber Oheim?“— „Sidney, du ſpielſt mit den Neigungen ei⸗ nes Maͤdchens, das nur zu empfaͤnglich fuͤr dei⸗ nen Werth iſt.“— „Lieber Oheim!“———— „Keine Ausfluͤchte!— Ich bemerke nur zu deutlich, daß Eleonore dich liebt, und nicht ohne Urſache glaubt, von dir wieder geliebt zu werden; aber du flatterſt immer um ſie herum, ohne dich ernſthaft gegen ſie zu erklaͤren.“— „Haben ſie Eleonor en darum befragt?— „Ich that es, weil ich, nachdem ich mich bei Claren nach deinem Benehmen gegen Eleono⸗ ren am neulichen Abende erkundigt hatte, von jener erfuhr, daß ihr beide euch wie Verliebte gegen einander betragen haͤttet, und ſie alſo dar⸗ aus ſchließen muͤſſe, daß du dich bald gegen ſie erklaͤren wuͤrdeſt.“— b O. II. 19 290 „Das ſagte Fraͤulein Delancy?“ „Gewiß; und ſo halte ich es fuͤr Pflicht, als Eleonorens Vormund, von dir zu fordern, daß du entweder dein Benehmen aͤnderſt, ehe der Friede des armen Maͤdchens voͤllig geſtoͤrt iſt, oder ihr deine Hand antraͤgſt.“—. „Wie, ehe ich mit mir ſelbſt daruͤber einig bin?“— „Du mußt jetzt auf eine oder die andere Weiſe mit dir ſelbſt einig werden.“— „Darin haben ſie freilich Recht.— Glaubte Fraͤulein Delancy wirklich, ich ſollte meine Hand ihrer Freundin anbiethen?“— 3 „ Verſteht ſich,“ rief Morley beſtimmt, glau⸗ bend Clara's Ausſpruch wuͤrde mehr Gewicht uͤber den Neffen haben, als ſein eigener. „Sie wuͤnſchte vielleicht ſogar eine Verbin⸗ dung zwiſchen mir und Eleonoren?— „Ich bin uͤberzeugt, daß es ihr Wunſch iſt.“— 3 „So iſt denn mein Loos entſchieden, und ich hoffe es bis morgen ſo weit gebracht zu ha⸗ ben, mich beſtimmt gegen ſie erklaͤren zu koͤnnen, obgleich ich mir wohl vorher mehrere Gelegen⸗ 291 heit gewuͤnſcht haͤtte, Eleonorens Charakter genauer zu ſtudieren.“— „Poſſen!“ rief Morley;—„Charakter ſtudieren! Weißt du nicht bereits, daß ſie ſchoͤn, reich, voller Talente und Anmuth iſt, und dich auf das zaͤrtlichſte liebt?“— „Von dem Letzteren bin ich noch nicht voͤllig uͤberzeugt; doch koͤnnte mich dies am erſten be⸗ ſtimmen.“— Sie trennten ſich.— Und da nun Eleo⸗ nore es heute und morgen zweckmaͤßig hielt, recht ſchmachtend und niedergeſchlagen auszuſehen, machte Davenant ſeinen Antrag, noch ehe der zweite Tag ſich neigte, und verließ als erklaͤrter, und leicht angenommener Liebhaber am Abend das Haus. 5 Was Clara dabei fuͤhlte, bedarf keiner Schilderung; doch nicht allein den Verluſt ihres eigenen Gluͤcks betrauerte ſie, ſie fuͤrchtete mit Recht, daß auch Davenaut das ſeinige verſcherzt habe. Wie konnte ein Mann wie er wohl mit einer ſo liſtigen, raͤnkevollen Frau gluͤcklich wer⸗ den?— Doch der Wuͤrfel war gefallen, und Clara ſtrebte, den Schlag des Schickſals mit 3 19 292 Wuͤrde zu ertragen, und alle Kraft anzuwenden, um eine Leidenſchaft aus ihrem Innern zu ver⸗ bannen, die nun bald ſtraͤflich ſeyn wuͤrde. Eleonore ihrerſeits that alles, ihren Tri⸗ umph in Clarens Augen noch glaͤnzender zu machen, da ſie es nur zu ſchlau bemerkt hatte, wie theuer Sidney ihrem Herzen ſey. Sie ſprach unaufhoͤrlich von ihren ſuͤßen Hoffnungen, und der voͤlligen Huldigung, welche ihr Anbeter ihr bewieſe. Tief empfand Clara die Unzartheit dieſes Betragens, wuͤrde es aber entſchuldigt haben, haͤtte ſie gewußt, wie herbeigezogen Davenants Erklaͤrung geweſen, und wie man zu der Luͤge ihrer Liebe fuͤr Beaumont Zuſuucht hatte neh⸗ men muͤſſen, um ihn nur endlich dahin zu brin⸗ gen. Beleidigter Stolz und Eiferſucht hatten einzig uͤber ſein Schickſal entſchieden. Einige Tage hindurch gab der noch immer beſchaͤdigte Fuß Claren eine guͤltige Entſchuldi⸗ gung, wenigſtens nicht oͤffentlich mit dem Braut⸗ paar erſcheinen zu duͤrfen. Dieſe Einſamkeit wandte ſie an, um ihrem Gemuͤth Kraft zu geben, und es gelang ihr ſo gut, daß, wenn iſte ſich 293 auch nicht gluͤcklich fuͤhlte, man ſie doch nicht mehr elend nennen konnte. Der Gedanke, nie⸗ mand außer Eleonoren habe die geringſte Ah⸗ nung ihrer Neigung, hielt ſie aufrecht, und eine gewiſſe Hoffnung fliſterte ihr zu, Eleonore wuͤrde dieſe Schwaͤche nicht dem Freunde verra⸗ then. Endlich, da ihre Unpaͤßlichkeit voruͤber war, fand ſie keinen guͤltigen Vorwand mehr, laͤnger Zimmer und Haus zu huͤten, und mußte ſich dem Willen der uͤbrigen Geſellſchaft fuͤgen.— Morley hatte lange keine beſtimmte Nachricht uͤber Harriſons gehabt; man vermuthete nur, daß, da der Mann als truͤgeriſcher Banquerot⸗ teur bekannt gemacht ſey, er ſich irgendwo in die groͤßte Verborgenheit zuruͤckgezogen habe, wo er wahrſcheinlich mit ſeiner Familie in Duͤrftigkeit lebe. Clara haͤtte Vieles darum gegeben, ſeinen Aufenthalt ausfindig machen zu koͤnnen, doch bis jetzt waren alle Verſuche fruchtlos geblieben. Als ſie eines Morgens mit Davenant und Eleonoren vor einem Laden ſtille hielt, um Einkaͤufe fuͤr die Braut zu beſorgen, wurde ſie einen ſchlecht gekleideten Mann gewahr, der 294 gerade gegenuͤber in einen andern Laden ſchluͤpfte. Mit dem Ausruf: das iſt Harriſon!— ſprang ſie aus dem Wagen, lief quer uͤber die Straße in den andern Laden, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Davenant, welcher den Ausruf gehoͤrt, und von des armen Harri⸗ ſons Schickfal unterrichtet war, folgte ihr; auch Eleonore kam ihr nach, und bat ſie, von ih⸗ rem Vorhaben abzuſtehen, da es grauſam ſey, den armen Mann, der ſich gewiß ſchaͤme, mit Gewalt aus ſeiner Verborgenheit zu reißen. Clara aber, auf Beide nicht achtend, befand ſich in dieſem Augenblicke ſchon mitten in dem Laden, wo ſie aber die eben gehabte Erſcheinung vergebens mit ihren Blicken ſuchte. Auf ihre genaue Erkundigung erfuhr ſie nun zwar, daß ein Mann, ihrer Beſchreibung entſprechend, im Hinterhauſe mit ſeiner Familie wohne, daß ſie aber nie jemanden bei ſich ſaͤhen. „Mich werden ſie ſehen, rief ſie, und ſchon war ſie bereit, einen Bedienten mit ihrem Namen hinaufzuſchicken, als Harriſon, der von dem allen nichts ahnete, wieder zur Hinterthuͤr des Ladens hereintrat. So wie er die Damen eeblickte, 295 wollte er ſich wieder entfernen; Clara aber er⸗ griff ihn ſanft beim Arm, und ſagte mit Thräͤ⸗ nen in den Augen, indem ſie ſeinen aͤrmlichen Anzug, und ſein blaſſes, eingefallenes Geſicht ſah;„lieber, guter Harriſon, wie haben ſie es nur uͤbers Herz bringen koͤnnen, ihre Freunde ſo lange ohne Nachricht von ſich zu laſſen?“— Auch Eleonore, zwar etwas verlegen, naͤ⸗ herte ſich jetzt, um ihn zu begruͤßen, waͤhrend Clara ſchon bat, ſogleich zu ſeiner Frau gefuͤhrt zu werden. Im erſten Augenblicke vermochte Harriſon kein Wort zu erwiedern; endlich aber erſuchte er um Erlaubniß, ſeine Frau erſt auf den Beſuch vorbereiten zu duͤrfen, und verließ ſie dann.— Davenant, der ſich bei dieſer Zuſammen⸗ kunft als uͤberſuͤſſiger Zeuge betrachtete, wollte ſich entfernen, Clara aber hatte ihre Gruͤnde, auf ſein Dableiben zu beſtehen, und er blieb, ſo ſehr Eleonore ihn auch vom Gegentheil uͤberreden wollte. So wie Harriſon zuruͤck kam, ſtellte ſie ihm den Freund vor, welchen jener noch als Knaben gekannt hatte, und bat, ihn bei ſeiner Frau gleichfalls einfuͤhren zu duͤrfen.— 296 Es iſt weniger peinli ch, Fremde zu Zengen unſerer ganz veraͤnderten Lebensweiſe zu haben, als Freunde, oder alte Bekannte,“ erwiederte Harriſon.„ Doch wuͤnſcht meine arme Frau ſie zu ſehen, und wenn wir dem Geruͤcht trauen duͤrfen, ſo hat Herr Davenant uͤberdies noch ein Recht, Fraͤulein M usgrave uͤberall z8 be⸗ gleiten.“— Davenant laͤchelte, Eleonore erröthete, Clara ſeufzte; alle drei folgten indeß ihrem Fuͤhrer, der ſie eine enge, dunkle Hintertreppe hinauf leitete, die in eine große, finſtre, leere Stube fuͤhrte, in welcher drei artige Maͤdchen fleißig mit Stickereien beſchaͤftigt ſaßen, und eine vierte emßig Noten abſchrieb. 4 So wie die Maͤdchen Clara'n und Eleo⸗ noren gewahr wurden, ſprangen ſie von ihrer Arbeit auf, liefen auf ſie zu, und ſielen ihnen weinend um den Hals.— Bald oͤffnete ſich eine Thuͤre, die in eine kleine Kammer fuͤhrte, aus welcher Frau Harrifſon, geſtuͤtzt auf den Arm ihres Mannes, wankend heraustrat.— Kum⸗ mer und Sorge hatten dieſe ſonſt ſo ſchoͤne Ge⸗ ſtalt faſt unkenntlich gemacht. 297 Auch ſie empfing die Angekommenen mit vie⸗ ter Freundlichkeit, verſicherte, ſie waͤren die einzi⸗ gen Freunde aus ihren beſſern Tagen, welche ſie ſich uͤberwinden koͤnne zu ſehen, da ſie von ihrer herzlichen Theilnahme uͤberzeugt ſey.— Sich zu Davenant wendend, meinte ſie: wenn er Fraͤulein M usgrave's Hand wuͤrdig ſey, wo⸗ ran ſie nicht zweifle, ſo wuͤrde auch er an ih⸗ rem unverdienten Schickſale Theil nehmen.— Dieſe wenigen Worte hatten ſ ſie ſo erſchöpft, daß man ſie auf ein aͤrmliches Ruhebette legen mußte. „Liebe Freundin, ſagte Clara nach einer Weile, ich erwartete nicht, ſte in ſolchem Zuſtande zu finden; jetzt aber, hoffe ich, ſoll es bald à beſer u—— 7 „Es geht ſchon beſſer; denn ſeit meine Toͤch⸗ ter und mein Mann ſich Arbeit verſchafft haben, fuͤhle ich mich gluͤcklicher, und da Arzenei und Aufwartung ſehr koſtſpielige Dinge find, darf ich nicht aͤnger krank ſeyn; und wenn ich nur erſt etwas kraͤftiger bin, kann ich vielleicht auch Geld verdienen.“ 298 „Ach, meine lieben, jungen Freundinnen,“ rief Harriſon,„das iſt meine groͤßte Qual, dieſe, fuͤr eine weit andere Lage erzogene Frau in ſolcher duͤrftigen, ungeſunden Wahnung fuͤr Geld arbeiten zu ſehen!“— „ Es darf, es ſoll nicht ſeyn,“ riefen Clara und Elconore zugleich.— Davenant wandte ſich ſchnell hinweg. „Es muß ſeyn, wenn wir nicht Andern Ver⸗ bindlichkeiten haben wollen, wozu mein Stolz noch nicht genug gedemuthiger it. um ſie ktingen zu koͤnnen.“— In dieſem Augenblicke kam ein huͤbſcher Knabe Lon ungefaͤhr fuͤnf Jahren in die Stube gerannt. „Mutter, Vater,“ rief er,„wißt ihr nicht, daß heute mein Geburtstag iſt, und daß ich ſonſt im⸗ mer Mittags Plumpudding zu eſſen bekam? Die alte Marie aber ſagt, heute koͤnne ſie mir keinen backen.“— 4 Die Anrede des Kindes machte alle einige Mi⸗ nuten ſtumm; endlich nahm Harriſon den klei⸗ nen freundlichen Knaben auf den Schooß, und ſagte mit leiſer Stimme:„lieber Junge, wir konnen jetzt keine Geburtstage in der Familie mehr 299 feiern; Marie aber ſoll dir fuͤr ein Paar Pfen⸗ nige Roſinen kaufen, weil du ein gutes Kind biſt, und dein Geburtstag iſt.“— „Nein, nein, rief Frau Harriſon, mit dem Geburtstagfeiern iſt es nun weiter nichts; deine Eltern haben genug dafuͤr leiden muͤſſen. Vermuthlich,“ fuhr ſie fort, ſich zu den jungen Damen wendend,„wiſſen ſie, daß wir alle unſer gegenwaͤrtiges Elend dem kleinen Tanze zuzuſchrei⸗ ben haben, welchen wir zur Feier der Ruͤckkehr und des Geburtstages unſeres Sohnes Richard veranſtalteten?“— 1 „Nein, in der That, das wußten wir nicht,“ ſagte Clara geruͤhrt, indem ſie einen Blick auf Eleonoren warf, die leichenblaß ward.— „Freilich,“ fiel Harriſon ein,„jemand mußte grauſam genug geweſen ſeyn, Somervil⸗ les, oder richtiger geſagt, der Frau Somer⸗ ville zu berichten, daß wir eine große Geſellſchaft mit Muſik, feinen Weinen, Ananas, Weintrau⸗ ben, und was noch alles mehr, gegeben haͤtten, genug, eine Abendmahlzeit, wie es uns ſelbſt in beſſern Tagen, nie einſiel zu geben. Sie wiſſen, daß das ganze kleine Mahl aus Ueberbleibſeln und Ge⸗ ſchenken von unſern Freunden beſtand. Dieſe fal⸗ ſche Nachricht nun machte Herrn Somerville glauben, ich koͤnne Geld au die Seite gebracht ha⸗ ben; er hielt mich alſo fuͤr einen Betruͤger. Wie ſich mir nun die Ausſicht zu einer eintraͤglichen Stelle eroͤffnete, ſchlug er es ab, meinen Aecord zu unterzeichnen, und uͤberredete ſogar andere meiner Creditoren, die mir vorher wohl gewollt hatten, daß es mit meiner Redlichkeit nicht recht richtig ſey. — Auf dieſe Weiſe meiner Ehre beraubt, konnte ich den Gedanken nicht ertragen, an einem Orte zu bleiben, wo, meiner Meinung nach, alle Leute mit Fingern auf mich wieſen; wir gingen alſo nach London, um uns hier jedem Auge zu entziehen. Eine kleine Summe, welche mein aͤlteſter Sohn mir als Beihuͤlfe aus Indien geſchickt hatte, war bald verzehrt, und ſo befanden wir uns denn in der Lage, worin ſie uns treffen.“ „Warum aber,“ rief Clara,„wandten ſie ſich nicht an uns, um ſie gegen Somerville von dem Verdacht zu reinigen, der ſo ungerechter Weiſe auf ſie gefallen war?— „Sie befanden ſich in London, und er wollte nichts von mir ſehen noch hoͤren.“— „ 301 Aber jetzt iſt er anch in London; mer muͤſſen ſelbſt zu ihm gehen,“ ſagte Eleonore, indem ſie zitternd aufſtand. 3 „Es iſt zu ſpaͤt,“ fiel Harriſon ein,„die Stelle iſt einem andern gegeben.“ „Es werden aber doch wohl noch andere Stel⸗ len fuͤr ſie zu erhalten ſeyn; es muß ſich eine ſin⸗ den!“ rief Davenant. Clara las in ſei⸗ nem Blicke bereits die Erfuͤllung ihres Wunſches. „Sie ſind ſehr gut,“ ſagten beide Eheleute, „aber,“ ſetzte die Frau hinzu,„mit Herrn So⸗ merville, oder vielmehr mit ſeiner Frau, iſt nichts zu machen; ſie hatte immer einen Groll auf mich, von dem ich die Urſache eigentlich nicht weiß, denn meines Wiſſens beleidigte ich ſie nie.“— „Und doch,“ fiel Eleonore ein,„und zwar auf eine Weiſe, die ſie nie vergeben wird; ſie waren huͤbſcher und liebenswuͤrdiger, als ſie es iſt, und wurden ihr daher oft vorgezogen.“— „Moͤchte ſie mich jetzt ſehen,“ verſetzte Frau Harriſon,„ſo wuͤrde ledar Neid bald ſchwim⸗ den.“—. Eleonore, welche hes dgesren nicht laͤnger verbergen konnte, ging ins Fenſter, wo man ſte laut ſchluchzen hoͤrte, waͤhrend Davenant, dies fuͤr einen reinen Ausbruch innigen Mitleids hal⸗ tend, ſie mit den zaͤrtlichſten Worten zu troͤſten ſuchte, indem er ihr verſprach, den Freunden auf jede Weiſe zu helfen. „Koͤnnen ſie der armen Frau die Geſundheit wieder ſchenken, koͤnnen ſie ſie in ihren vorigen Zuſtand zuruͤckverſetzen?“— ſagte ſie in der aͤu⸗ ßerſten Bewegung. „Liebe, gute Eleonore,“ rief Harri⸗ ſon,„moͤchte es viele Herzen geben, die dem ih⸗ rigen gleichen!— Wir ſetzten vormals kein Miß⸗ trauen in unſere ſogenannten Freunde; wie ſchmerz⸗ lich aber fanden wir uns getaͤuſcht, und ahneten kaum die Moͤglichkeit, daß einer uns auf dieſe Art anſchwaͤrzen koͤnne; doch muß es geſchehen ſeyn.“— „Wie dem auch ſeyn moͤge,“ unterbrach Frau Harriſon ihren Mann,„ich habe es nie geglaubt, daß dieſe falſche Beſchuldigung von einer von ihnen herruͤhren koͤnne, obgleich man mir verſichern woll⸗ te, ſie haͤtten die unwahren Weſcheeibung unſetes Gaſtmahls geliefert.“* 303 Eleonore, uͤbermannt von Mitleid und Gewiſſensbiſſen, warf ſich in dieſem Augenblicke zu den Fuͤßen der ungluͤcklichen Frau„ergriff eine ih⸗ rer matt herabhaͤngenden Haͤnde, und rief in krampfhafter Bewegung:„Ich, ich habe das Verbrechen begangen; aber nicht aus Feindſchaft gegen ſie, ſondern einzig, um Frau Somerville zu kranken.— Nun wiſſen ſie alles.“— Erſtaunen und Beſtuͤrzung banden jetzt jedem die Zunge, nur Clara bemuͤhete ſich, Frau Har⸗ riſon zu uͤberzeugen, daß es nicht aus boͤſer Abſicht gegen ſie geſchehen waͤre, und tadelte ſie, daß ſie nicht gleich Eleonoren zur Rede geſtellt habe, da dann noch alles wieder gut zu machen geweſen ſeyn wuͤrde. „Wie konnte ich ſie eines Vergehens zeihen, deſſen ich ſie nicht faͤhig hielt;— aber ſtehen ſie auf, Fraͤulein Musgrave, ich vergebe ih⸗ nen.“— nn „Nie aber werde ich es mir ſelbſt vergeben koͤnnen,“ rief Eleonore, indem ſie ſich aufrich⸗ tete, und nun Claraon mit Bitten beſtuͤrmte, auf der Stelle mit ihr zu Somerville's zu fah⸗ ren, wo ſie alles geſtehen wuͤrde. Davenant, der eine Weile in tiefen Ge⸗ danken dageſtanden hatte, wandte ſich jetzt mit den Worten an Harriſon, daß er es als eine Freundſchaft fuͤr ihn betrachten wuͤrde, wenn er ſich ſogleich nach ſeinem Gute in Surrey auf⸗ mache, um dort ſeine Angelegenheiten zu be⸗ ſorgen.„Ich weiß, fuhr er fort, daß ſie fruͤher Rechts⸗Wiſſenſchaft ſtudirt haben; mir koͤnnte alſo nichts Erwuͤnſchteres kommen, als einen Mann zu finden, der dies mit einer genauen Ueberſicht im Rechnungsweſen verbindet. Mein verſtorbe⸗ ner Oheim hat mir dort, wie ich aus allem mer⸗ ke, einen Verwalter hinterlaſſen, der in keiner Hinſicht ſeine Pflicht thut, und es fehlt mir Je⸗ mand, der eine genaue Ueberſicht vom Gauzen nimmt, und mir einen treuen Bericht davon ab⸗ ſtattet.— Ich muß aber darauf beſtehen, daß kein Tag verloren gehe,“ fuͤgte er noch hinzu, und der hocherfreute Harriſon, durch Da ve⸗ nants Art zu bitten zum Glauben verleitet, er koͤnne ihm wirklich einen weſentlichen Dienſt er⸗ zeigen, verſprach ſich aufsd der Stelle zur Abreiſe fertig zu machen.— Sm ,e Ane Davenant ging jetzt mit ihm aus dem Zimmer, und als ſie zuruͤckkehrten, ſagte Har⸗ riſon, daß er ſich einen Platz in der Poſtkutſche beſtellen und ſeine beſten Kleider einloͤſen wolle, waͤhrend welcher Zeit ſeine Toͤchter einige Waͤſche fuͤr ihn einpacken ſollten. Entzuͤckt uͤber den Ge⸗ danken, ihren Gatten wieder in der alten, ge⸗ wohnten Kleidung eines feinen Mannes ſehen zu ſollen, druͤckte Frau Harriſon noch inniger ſeine ihr eben dargebotene Hand. Nach einem freundlichen Lebewohl an die uͤbrige Geſellſchaft, entfernte er ſich ſchnell, um ſeiner gegenwantigen Beſtimmung entgegen zu eilen. Einige Minuten darauf huͤpfte der kleine Bube wieder ins Zimmer, mit der freudigen Nachricht: Papa habe ein großes Stuͤck kalten Plumpudding heraufgeſchickt, das zum Mittags⸗ eſſen aufgeroͤſtet werden ſolle. „Eltern ſind ſchwache Geſchoͤpfe,“ rief Frau Harriſon, indem ſie unter Thraͤnen laͤchelte; „aber ich ſehe, mein Mann betrachtet dieſen Tag als ein Freudenfeſt, welches wir einzig ihrer Guͤte verdanken, Herr Davenant, und das wir doppelt feiern werden, wenn wir durch ſie, O. II. 20 306 meine Damen, jetzt unſern guten Namen wieder erlangen.“ „Ich habe keine Ruhe, bis ich Frau So⸗ merville uͤberzeungt habe,“ ſagte Eleonore, nund dieſe harte Lehre ſoll fuͤr die Zukunft nicht ungenuͤtzt an mir voruͤbergehen“— „Das gebe Gott!“— rief Davenant in einem ſo ſeierlichen Tone, daß die ſchoͤne Braut ſich noch beſchaͤmter als je fuͤhlte. Davenant wandte ſich jetzt mit der Bitte an Frau Harriſon, ihm, als ihrem Vormund in der Abweſenheit ihres Mannes, zu erlauben, auf der Stelle fuͤr eine beſſere und bequemere Wohnung fuͤr ſie ſorgen zu duͤrfen.— Der Blick des Dankes, den ſie auf ihren Wohlthaͤter warf, ſagte mehr als Worte im Stande geweſen, ſeyn wuͤrden auszudruͤcken; ſie faßte Clara's Hand, zog die noch immer weinende Eleonore an ihre Bruſt, und bat dann ihre aͤlteſte Tochter, ſte in die Kammer zu fuͤhren, weil ſie der Ruhe beduͤrfe.— Auch Davenant und die Da⸗ men fuhren jetzt fort, um eine anſtaͤndige Wohnung fuͤr die Familie zu ſuchen, und fanden eine ſehr bequem eingerichtete, die ſchon am namlichen 307 Abende bezogen werden konnte. Dann ging es zu Somervilles. Der Mann war gluͤcklicher Weiſe allein zu Hauſe, und es gelang Claren, durch eine wahrhafte und ruͤhrende Schilderung des Ganzen, ſein Herz zu erweichen.— Auch Eleonore geſtand aufrichtig ihren Fehler, ver⸗ ſchwieg ſogar nicht die Beweggruͤnde, welche ſie dazu verleitet hatten, und bat ihn dann, wenn er noch glaube, Harriſon habe einen betriege⸗ riſchen Banquerott gemacht, mit ihr in die aͤrm⸗ liche Wohnung zu gehen, und ſich mit eignen Augen von dem Elend der Familie zu uͤberzeu⸗ gen.— Somerville konnte den ſchoͤnen Fuͤrſpre⸗ cherinnen nicht laͤnger widerſtehen, und bedauerte herzlich, daß er ſich habe verleiten laſſen, einen Mann ins Elend zu ſuͤrzen, den er vormals ſo aufrichtig geſchaͤtzt habe. „Wenn ſie das wirklich bereuen, mein Herr,“ rief Davenant,„ſo hoffe ich, daß ſie jetzt un⸗ verzuͤglich den Accord des ehrlichen Mannes un⸗ terzeichnen, und durch ihr Beiſpiel und Fuͤrwort die andern Creditoren auch dahin zu bringen ſu⸗ chen, damit ſeine Ehre gerettet werde. Finden 20* 308 ſie es noͤthig, ſo werde ich die ganze Thatſache aufſetzen, und die Damen hier bitten, das Pa⸗ pier mit ihren Namen zu unterſchreiben.“— Somerville lehnte dies ab, und ver⸗ ſprach das Seinige redlich zu thun. Als der Be⸗ ſuch aber ſort war, gerieth er doch in einige Verlegenheit, wie er ſeiner Hausehre, wenn ſie von ihrer Spatzierfahrt im Park zuruͤckkaͤme, den ganzen Worſall anbringen ſolle. Kluͤglich verweilte er bei ſeiner Erzaͤhlung am laͤnaſten bei dem uͤblen Ausſehen der Frau Harriſon, ih⸗ rer ganz veraͤnderten Geſtalt, und ſtellte ihre und ihres Gatten Demuͤthigung in ein recht grelles Licht. Frau Somerville geruhte, die Sache mit Bedauern aufzunehmen, ſprach von Chriſten⸗ liebe und Menſchlichkeit, und billigte ihres Gat⸗ ten Vorhaben, dem Manne wieder zu Brode zu helfen. G Der wahrhaft edle Davenant uͤberließ dieſe Fuͤrſorge aber keinem andern, nicht allein 3 um ſeinem eignen Herzen Genuͤge zu leiſten, ſon⸗ dern auch um das Unrecht ſeiner Braut, ſo viel moͤglich, wieder gut zu machen. Er zog auf der Stelle Erkundigungen ein, fand einen eintraͤgli⸗ 309 chen Poſten offen, der aber gekauft werden muß⸗ „ſchaffte das Geld herbei, und begab ſich dann gleich nach Tiſche mit einem leichten Herzen zu Claren und Eleonoren, die er wieder zur Frau Harriſon begleitete, welcher er eine an⸗ ſehnliche Summe, als Vorausbezahlung auf i res Mannes Gehalt, uͤberlieferte. Clara's Augen ſtrahlten voll guumeher Freude anf ihn herab, auf ihrer Stirne ruhete keine Wolke des Bewußtſeyns einer Schuld, und als Davenant dem engelreinen Blicke begegnete, pries er im Innern wieder den armen Leutnant als einen reichen, neidenswer⸗ then Mann.— 3 Frau Harriſon und ihre Kinder bezogen noch am naͤmlichen Abende die freie, geſunde Wohnung; Ruhe und einige gewohnte Gemaͤch⸗ lichkeiten des Lebens, verſchafften ihr bald Ge⸗ ſundheit und Frieden wieder. lls der Mann nach vierzehn Tagen zuruͤckkehrte, druͤckte er ſie mit inniger Freude an fein Herz. Der durch Davenant fuͤr ihn erlangte Poſten ſetzte ſei⸗ nen Wuͤnſchen die Krone auf; redlich verwaltete er ihn, und eine ganze Familie hatte jetzt Ehre 310 und Wohlſtand wieder erlangt, deſſen ſie durch Eleonorens unbedachtſame Luͤge beraubt ge⸗ weſen waren.— Schon wurden die Zuruͤſtungen zur Hochzeit⸗ feier des jungen Paares aufs eifrigſte betrieben, als Davenant ſich genoͤthigt ſah, nach ſeinem Gute in Surrey zu reiſen, wo ſeine perſoͤnliche Gegenwart unumgaͤnglich nothwendig war; jedoch hoffte er binnen wenigen Tagen zuruͤckkehren zu koͤnnen. Bald aber erſchien ein Brief von ihm an Eleonoren, der ihr meldete, wie er ſich noch gedrungen ſehe, einen alten Freund aus In⸗ dien in dortiger Gegend zu beſuchen, der unan⸗ genehmer Weiſe in eine Rechts⸗Sache verwickelt ſey, und ihn angelegentlich um einen Beſuch ge⸗ beten habe, und wie dieſer Aufenthalt ſeine Ruͤck⸗ kehr wohl noch einige Zeit verzoͤgern koͤnne. Zwei Tage nach Empfang dieſes Briefes wuͤnſchte ein Fremder vor Eleonoren gelaſſen zu werden. Er ward hereingefuͤhrt, ſagte er kaͤme von Herrn Darby, Sachwalter des Sir Ri⸗ chard Mildred, uͤbergab ihr ein verſiegeltes Papier, und verſchwand, ehe ſie ſich naͤher er⸗ kundigen konnte. Das Papier enthielt eine foͤrm⸗ 311 liche Citation, an einem beſtimmten Tage vor Ge⸗ richt zu erſcheinen, als Zeugin in der Sache des Sir Richard Mildreds, der von Herrn Ge⸗ org Bellamy als Verlaͤumder verklagt ſey, und ſich dieſer Angabe halber vertheidigen wolle. — Eleonore ward faſt ohnmaͤchtig vor Schre⸗ cken; eben entſank das ungluͤckliche Papier ihren Häͤnden, als Morley und Clara in die Thuͤre traten. Man hob es auf, las, keines konnte ſich den Inhalt deutlich erklaͤren, und ſie war endlich genoͤthigt, ihrem Vormunde den ganzen Zuſam⸗ menhang zu geſtehen. Flehentlich beſchwor ſie ihn nun, ſich ihrer anzunehmen, indem er Sir Richard benachrichtige, wenn ſie zum Eide ge⸗ zogen werde, muͤſſe ſie den groͤßten Theil ihrer damaligen Ausſage widerrufen, und wuͤrde ihm alſo durch ihre Gegenwart mehr ſchaden als hel⸗ fen. verlaͤumden?“ rief Morley, vergeſſend wie oft er fuͤr ſich ſelbſt und andere ſeine Zuflucht zur Nothluͤge genommen habe, wie er die Unwahr⸗ „Kind, biſt du denn wirklich ſo ſchlecht ge⸗ weſen, etwas zu ſagen, was du nicht beſchwoͤren kannſt, und dadurch einen unſchuldigen Mann zu —yÿÿ— — 312 heit zu benennen beliebte.—„Kind,“ fuhr er kopfſchuͤttelnd fort,„ich muß ja wahrhaftig fuͤr dich erroͤthen, und habe faſt Luſt, dich deinem Schickfale zu uͤberlaſſen!“— „Es war ja nicht meine Abſicht, Herun Bel⸗ lamy dadurch zu ſchaden,“ verſetzte Eleonore mit zitternder Stimme. „Eben ſo wenig, wie du damals die Abſicht hatteſt, der Frau Harriſon zu ſchaden,“ fiel Elara ein;„du ſiehſt aber, welch unerwartetes Unheil jede Abweichung von der Wahrheit zur Folge hat.“— „Stelle jetzt dein Predigen ein, Ctara,⸗ rief Morley, und laß uns lieber ſehen, wie dieſe ſchlechte Sache wieder gut zu machen iſt.“— In dieſem Augenblicke wurde dem alten Herrn ein Brief von Sir Richard Mildred uͤberliefert, welcher folgende genauere Darſtellung enthielt:— Nachdem Sir Richard in Erfah⸗ rung gebracht hatte, daß Herr Bellamy ſich um die Stelle eines Oberlehrers an der Freiſchule einer Stadt in der Grafſchaft Surrey bemuͤhete, hielt jener es fuͤr Pflicht, denen, welche dieſe Stelle zu vergeben hatten, zu berichten, wie 313 Herr Bellamy zwar ein Mann von ausgebrei⸗ teten Kenntniſſen, aber, ſeiner Meinung nach, durchaus an dieſem Platze nicht paßlich ſey, da er ſeinen Sohn ſehr grauſam behandelt, und ihn auf ſolche Weiſe geſtraft habe, wie kein Lehrer ſeinen Zoͤgling ſtrafen ſollte. Er habe ihn naͤm⸗ lich bei den Haaren bis in die Mitte der Stube gezogen, ſo daß das Haar an verſchiedenen Stellen des Hauptes ſogar ausgeriſſen geweſen ſey. Zufolge dieſes Briefes,(welchen die Gerichte eine Schmäͤhſchrift nanuten,) ward dem Herrn Bellamy die Stelle verweigert, welcher nun eine Klage gegen Sir Richard einreichte, der deßhalb genoͤthigt war, Fraͤulein Musgrave zu erſuchen, als Zeugin in der bewußten Sache aufzutreten. Er ſchloß mit den Worten: die ge⸗ richtliche Citation wuͤrde ſchon erfolgt ſeyn, da die Sitzung uͤbermorgen ihren Anfang in Guild⸗ ford, der Hauptſtadt der Grafſchaft, nehmen werde.— 1 „Schoͤne Dinge!“ rief Mortey, nachdem er den Brief laut zu Ende gelaſen hatte;„mein armer Neffe wird recht angenehm uͤberraſcht wer⸗ den!“— 3 „Um Gotteswillen, braucht er es denn zu erfahren?“— anmelir die zitternde Eleo⸗ nore. e „Wie kann es ihm wohl verhehlt bleiben, wenn ſeine Braut oͤffentlich vor Werteßt er⸗ ſcheint?“—. 1es In bitterer Reue von Elcons rens 3 Seite, harten Vorwuͤrfen des Vormunds, und fruchtlo⸗ ſen Bemuͤhungen Claras, beide zu beruhigen, verging der Tag; der folgende ſollte ſie⸗ durch einen Brief von Davenant in noche groͤßere Beſtuͤrzung verſetzen. Dieſer benachrichtigte ſie, daß der fruͤher erwaͤhnte Freund aus Indien, auch der ihrige, naͤmlich Bellamy ſey, den er in einer ſehr ſchwierigen Lage angetroffen ha⸗ be, woraus ſie vielleicht im Stande ſeyn wuͤrde ihn zu reißen. Bellamy erinnere ſich naͤmlich, daß ſie bei einem Aunftritte gegenwaͤrtig geweſen ſey, den er mit dem kleinen Mildred gehabt, und nun erſuche er ſie daher, unverzuͤglich mit ihrem Vormunde nach Guildford zu kommen, um dort in einem Privat⸗Verhör als Zeugin fuͤr ihn aufzutreten, wodurch die Sache vielleicht noch zu einem Vergleich kommen, und Bellamy die 5 15 ⁴ Stelle, welche er wuͤnſche und verdiene, erhalten koͤnne.— „Vortrefflich,“ rief Morley;„die Sachen werden immer beſſer!— Eleonore, du kommſt mir vor wie Barthel in der Fabel, und kannſt dich der beſondern Ehre erfreuen, von beiden Partheien als wahrhafte Zeugin aufgeſordert zu werden!— In ſolche Haͤndel miſcht ſich unſer⸗ eins nicht gern.— Oh du armer, hochfahrender Neffe, wie wird dir zu Muthe werden! Doch hierbei iſt nun nichts anders zu thun, als auf der Stelle Pferde beſtellt und nach Guildford ge⸗ fahren!“— Mitt dieſen Worten rannte der alte. Herr zur Stube hinaus, und nach Verlauf einer Stunde befand man ſich auf dem Wege nach Surrey. Die Reiſe gehoͤrte nicht zu den erfreulichſten; Morley brummte unaufhoͤrlich vor ſich hin, meinte, dieſe Sache ſey noch zehnmal ſchlimmer, als die ſo eben abgemachte mit Harriſons; am Ende fuͤrchte er, ſein Neffe werde das nicht ſo verſchlucken koͤnnen. Auf der Zunge der aufs Aeußerſte gereizten Eleonore brannten die Worte:„meinethalben mag er mit mir bre⸗ 316 chen;““ aber tiefe Beſchaͤmung ſchloß ihre Lippen, ſie blieb ſtumm und niedergeſchlagen in der Ecke des Wagens ſitzen. Clara theilte zwar nicht ihre Schuld, doch war ſie eben ſo ſtumm. Sie war es uͤberzeugt, wie tief Davenant durch dieſen neuen Be⸗ weis von Eleonorens Schlaffheit und Leicht⸗ ſinn ergriffen werden wuͤrde, ſie war ſogar nicht gewiß, ob es nicht Urſache genug fuͤr ihn ſeyn wuͤrde, ſich von einer Verbindung loszuſagen, die das Ungluͤck ſeines Lebens ausmachen wuͤrde, und ohne weitere Beziehung auf ſich konnte ſie dies nicht beklagen, da ſie uͤberdies in ihrem Innern uͤberzeugt war, daß Eleonore ihn nicht liebe, ſondern ihn einzig aus Eitelkeit an ſich gezogen habe, und in ihrem Herzen dem Hauptmann Taylor bei weitem den Vorzug gebe. Als unſere Reiſenden Guildford erreichten, ſtieg Morley im erſten Gaſthofe ab, und kam bald zu der weinenden Eleonore mit der Nach⸗ richt zuruͤck, daß ſie keinen gluͤcklichern Augenblick zu ihrer Ankunft haͤtten waͤhlen koͤnnen, da beide Partheien eben mit ihren Freunden und Sachwal⸗ tern verſammeit waͤren, um, wo moͤglich, die 317 Sache guͤtlich beizulegen, und den oͤffentlichen Gang des Rechtes zu vermeiden.— „Wer aber ſind Bellamy's Freunde?— Gewiß iſt Davenant einer von ihnen!“— dachte Eleonor⸗ e, indem ſie alle ihre Kraͤfte zuſammenraffte, und geſtuͤtt auf Claren, in das Haus trat.— Der Aufwaͤrter, welcher die An⸗ gekommenen gemeldet hatte, kam mit der Nach⸗ richt zuruͤck, daß bei Fraͤulein Musgraves Namen, ſowohl Sir Richard als Herr Bel⸗ lamy freudig ausgerufen haͤtten: ſehr willkom⸗ men!— In demſelben Augenblicke kam Da⸗ venant ihr entgegengeſprungen, und ſagte zaͤrt⸗ lich, indem er bemuͤht war, die Zitternde mit ſei⸗ nem Arm zu unterſtuͤtzen: „Liebes Maͤdchen, wie freundlich iſt es von dir, ſo bald zu kommen; aber warum biſt du ſo erſchuͤttert?— Bedenke daß du nicht vor einem oͤffentlichen Gerichte ſtehen ſollſt, du biſt unter Freunden, die ſich nach deiner Ankunft ſeh⸗ nen.“— Bei threme Eintritte erhob ſich Sir Ri⸗ chard von ſeinem Sitze, und machte ihr eine ſehr verbindliche Verbeugung; Bellamy 318 aber kam auf ſie zu, ergriff ihre Hand, und ſagte:„Tauſend Dank, liebes Fraͤulein Mus⸗ grave; nun ſie kommen, wird alles gut ge⸗ hen!”“—— „Herr Lennox,“ redete Sir Richard ſeinen Sachwalter feierlich an,„jetzt werden ſie meine vollkommne Riechtfertigung vernehmen, da dieſe junge, ehrenwerthe Dame, meine einzige und hinlaͤngliche Zeugin, hier iſt!“— „Ihre Zeugin, Herr, rief Bellamy; erlauben ſie, ſie wird fuͤr mich auftreten; ich er⸗ ſuchte ſie, ſich hierher zu bemuͤhen.“— „Und ich ließ ſie gerichtlich eitiren, Herr,“ erwiederte Sir Richard mit donnernder Stim⸗ me, waͤhrend Bellamy ſie mit Erſtaunen, und nicht ohne Verdacht betrachtete, und Davenant ihr ins Ohr fliſterte:„der Mann iſt gewiß toll; was kann er damit meinen? „Mein Herr,“ erhob Bellamy noch ein⸗ mal die Stimme,„ich habe die Ehre, Fraͤulein Musgrave meine Freundin zu nennen; und da ſie bei dem ganzen Auftritte mit ihrem Sohne gegenwaͤrtig war, bat ich ſie, hieher zu kommen, und ſie kam.“ 4 319 „Herr Bellamy,“ entgegnete Sir Richard, „ich muß noch einmal wiederholen, daß ſie die Dame wohl koͤnnen erſucht oder gebeten haben, hierher zu kommen; ich ſie aber gerichtlich, bei Strafe citiren ließ, hier zu erſcheinen. Iſt es nicht ſo, mein Fraͤulein?“— „Sie thaten es,“ erwiederte Eleonore mit einer kanm vernehmlichen Stimme. „Sie hoͤren es alle,“ ſuhr Sir Richard fort;„Herr Lennox, thun ſie jetzt ihre Schul⸗ digkeit, und fangen ſie das Verhoͤr mit der Dame an.“— Unwillkuͤhrlich zog Davenant in die⸗ ſem Augenblicke ſeinen Arm, mit dem er ſi noch immer unterſtuͤtzt hatte, zuruͤck. Die erſten Fragen: ob ſie an dem beſtimm⸗ ten Tage mit Lady Sophia im Hauſe des Herrn Bellamy geweſen ſey, u. ſ. w. beant⸗ wortete ſie bejahend; als der Sachwalter aber weiter fragte: ob ſie geſehen habe, wie Herr Bellamy den Junker Mildred bei den Haa⸗ ren bis in die Mitte der Stube gezogen habe, antwortete ſie mit lauter Stimme:„Das habe ich nicht geſehen.“— 320 „Sie ſahen es nicht!“— ſchrie Sir Ri⸗ chard;„beſinnen ſie ſich, mein Fraͤulein, und machen ſie mich nicht bereuen, daß wir hier nicht oͤffentlich vor Gericht ſtehen, wo ihnen der Eid abgefordert wuͤrde.“— „Sie gehen etwas zu weit, mein Herr,“ rief Davenant;„ich werde auf keine Weiſe zugeben, daß dieſe Dame hier beleidigt wird.“— „Nun,“ fiel Lennox ein,„wenn ſie das denn nicht ſahen, ſo erklaͤren ſie ſich, was ſie ſa⸗ hen.“— „Ich ſah durchs Fenſter, daß Herr Bella⸗ my den Junker Mildred in die Mitte der Stube zog.“— „Alſo nur durchs Fenſter; ſo kann es doch wohl bei den Haaren geſchehen ſeyn.“— „Man wird mir hoffentlich vergoͤnnen hin⸗ zuzuſetzen, daß, da das Fenſter offen war, ich. alles eben ſo gut bemerken konnte, als wenn ich im Zimmer geweſen waͤre, und daß ich keines⸗ wegs Herrn Bellamy des Junkers aaupt be⸗ ruͤhren ſah.“— „Aber, gnaͤdiges Fräulein,“ fil Sie R 321 ard ein,„erzaͤhlten ſie mir nicht fruͤher eine ganz andere, Geſchichte?“— „Zu meiner Schande geſtehe ich, daß ich da⸗ mals durch mein Ja eine ganz andere Geſchichte beſtaͤtigte.“— „Sagten ſie nicht auch, ſie haͤtten die Spu⸗ ren des ausgerauften Haares am Haupte meines Kindes, und die Zeichen der Finger auf ſeinem Backen geſehen?“— Ja.“— „Und ſagte Auguſt nicht: Herr Bellamy habe ihn ſo gezuͤchtigt, und glaubten ſie es da⸗ mals nicht?— „Nein; auch ſagte ich dies nie; denn ich glaubte damals, und glaube jetzt, daß das Aus⸗ raufen des Haares ſowohl als der Backenſtreich von einem andern kleinen Knaben herruͤhrten, den Herr Bellamy gleichfalls beim Arme bis in die Mitte der Stube zog, und deſſen Ohr von einem Biſſe, den der junge Mildred ihm wahrſcheinlich beigebracht hatte, blutig war.“ „Aber erlauben ſie mir die Frage,“ fiel Sir Richard ein,„wenn ich uͤberzeugt ſeyn ſoll, daß ſie jetzt die Wahrheit reden, aus welchen Gruͤn⸗ O. II. 21 322 den erzaͤhlten ſie mir damals eine Unwahrheit? Denn ſie werden ſich erinnern, daß ich ein g durch den Glauben an ihre Wahrhaftigkeit veranlaßt wurde, meinen Sohn aus der Obhut eines Leh⸗ rers zu nehmen, in den ich bisher unbegrenztes Vertrauen ſetzte. Und dieſer Mann nannte ſie eben ſeine Freundin.“— „Er erzeigte mir durch dieſe Venreanang mehr Ehre, als ich verdiene,“ erwiederte Eleonore, in Thraͤnen ausbrechend; aber ich war und bin ſeine aufrichtige Freundin, und ahnete nicht, daß ich jemals als ſeine Feindin erſcheinen wuͤr⸗ de.“— „Wie iſt dies zu verſtehen??— „Ihre Frau Gemahlin, mein Herr, be⸗ ſchwor mich unter vielen Thraͤnen, zu ſagen, was ich geſagt habe, um ihre Ausſage dadurch zu be⸗ ſtaͤtigen, weil es ſie toͤdten wuͤrde, ihren Sohn laͤnger in der Schule zu wiſſen, und ſie wußte, daß ſie ihren Worten allein keinen Glauben bei⸗ meſſen wuͤrden. Als nun Herr Bellamy ge⸗ gen ſeymerts, ſie wuͤrde ihm einen Gefallen erzeigen, wenn ſie ihn von ihrem Sohne befrei⸗ te, hauee e ich dem verehrten Manne eher einen 323 Dienſt, als einen Schaden zu erzeigen, wenn meine Lippen das Ja bekannten, bei dem mein Gewiſſen eigentlich Nein rief. „Nun,“ fliſterte Morley ſeinem Neffen zu,„ſo war es doch Gottlob nur eine Noth⸗ Luͤge, die nicht aus boshaften Abſichten ent⸗ ſtand.“— „Nur eine Noth⸗Luͤge!“— wiederholte Davenant mit einem tiefen Seufzer.— „Und ihre jetzige Ausſage ſind ſie bereit durch einen Eid zu beſtaͤtigen?“ fuhr Sir Richard fort.—. „Ich bin nicht allein bereit dazu, ſondern ich bitte ſie, mich zum Eide zu laſſen.“— 3 „So ſchwoͤren ſie denn, mein Fraͤulein; da ich eine obrigkeitliche Perſon bin, darf ich ihren Eid annehmen.“— Davenant und Morley wollten jetzt durch ihr Dazwiſchentreten den Eid verhindern, als Clara ſich eilends nahete, und um Gehoͤr er⸗ ſuchte.. „Erlauben ſie mir zu bemerken, Sir Ri⸗ chard,“ ſagte ſie,„daß ſie das menſchliche Herz wenig kennen muͤſſen, wenn fie nicht ſehen, wie die 21** 324 gegenwaͤrtige Ausſage meiner armen Freundin, nicht allein das Gepraͤge der Wahrheit, ſondern auch der aufrichtigen Reue traͤgt, weil ſie ſich durch uͤbelverſtandne Freundſchaft zu einer Luͤge hat verleiten laſſen, deren Folgen ſie nicht berechnete. Unter dieſen Umſtaͤnden wuͤrde es eine Beleidigung ſowohl fuͤr den Charakter, als die Gefuͤhle des Fraͤuleins ſeyn, wenn ſie den von ihr in ihrem zerknirſchten Zuſtande angebotenen Eid annaͤhmen. — Weder als Menſch, noch als Mann duͤrfen ſie ein Frauenzimmer ſo herabwuͤrdigen wollen, und nach den Begriffen, die ich bisher von ihrer Ehre hatte, werden ſie nicht auf ihre Forderung beſte⸗ hen.“. Allgemeine Bezeugungen des Beifalls ver⸗ breiteten ſich durch das ganze Zimmer.— Eleo⸗ nore verbarg ſchweigend ihr Geſicht an der Schulter ihrer großmuͤthigen Fuͤrſprecherin, waͤh⸗ rend Sir Richard ſich uͤber den Verweis der ſtrengen, jugendlichen Schoͤnheit von Ehrfurcht durchdrungen fuͤhlte.— Sie haben geſiegt, mein Fraͤulein,“ rief er; ich werde ihre Freundin nicht zum Eide zwingen; 325 warum habe ich damals aber nicht mehr auf ihre Worte geachtet!“— „Auf meine Worte?“— „ öAls ich ihnen den unangenehmen Vorfall erzaͤhlte, welchen ihre Freundin, im Bewußtſeyn ihrer Schuld, ihnen verſchwiegen hatte, zweifel⸗ ten ſie an der Wahrheit, und erwiederten auf den Einwurf meiner Frau, alles mit eignen Ohren ge⸗ hoͤrt zu haben: daß ſie in dieſem Falle kaum den ihrigen trauen wuͤrden. Warm und innig ſprachen ſie dann zum Lobe des von mir gekraͤnk⸗ ten Mannes.— Jetzt kommt diefe Einſicht freilich zu ſpaͤt.—— Meine Herren,“ fuhr er fort,„ſie alle werden mit mir der Meinung ſeyn, daß mir nur eins zu thun uͤbrig bleibt, naͤrlich Herrn Bellamy's Verzeihung zu erbitten, und ihn um die Erlaubniß zu erſuchen, jedem der Maͤn⸗ ner, welche die von ihm gewuͤnſchte Stelle zu vergeben haben, perſoͤnlich erklaͤren zu duͤrfen, wie fehr ich mich im Irrthum befand. Auch bin ich uͤberdies noch zu einer oͤffentlichen Erklaͤ⸗ rung bereit, denn ich habe jede Demuͤthigung ver⸗ dient, weil ich thoͤricht genug war, gegen meine beſſere eberzeugung zu handeln, und Gläuben * 326 in das ſchwache Werkzeug zu ſetzen, welches man Weib nennt; denn, es ſey nun aus Leichtſinn, Bosheit, Furcht, oder angeborner Schwaͤche, in einem Punkt gleichen ſich alle, faſt alle ſind falſch treulos und luͤgenhaft.“— „Lieber Herr,“ rief Bellamy lächelnd, in⸗ dem er ihm freundlich die Hand reichte,„verdam⸗ men wir das ganze Geſchlecht nicht um weniger Beiſpiele willen; dabei fahren wir wahrlich ſelbſt am ſchlimmſten!— Uebrigens bin ich voͤllig be⸗ friedigt, wenn ſie ihr voriges Urtheit uͤber mich, gegen die Vorgeſetzten der Schule zuruͤcknehmen. Und nun moͤge alle Fehde zwiſchen uns ein Ende haben, obgleich ich mich faſt noch geneigt fuͤhle, ihnen als Vertheidiger dieſes Geſchlechts, welches ſie ſo hart und grauſam angegriffen haben, den Handſchuh hinzuwerfen. Irren iſt menſch⸗ lich; wenige aber bereuen ihren Fehler, und ſuchen ihn wieder gut zu machen, auf die Weiſe, wie meine junge Freundin hier es thut, die durch ihr gegenwaͤrtiges Benehmen jede Spur der Belei⸗ digung aus meinem Gedaͤchtniſſe tilgt. Eleonorens Kraͤfte waren erſchoͤpft; wie ein Stachel wirkten dieſe gut gemeinten, aber uns 327 verdienten Worte auf ſie; man war genöthigt, ſte in ein anderes Zimmer zu bringen, zur nicht geringen Freude Sir Richards, der eben um eine Antwort verlegen war, da er kein Verdienſt in Eleonorens Betragen ſah. Davenants Gefuͤhle laſſen ſich ſchwer be⸗ ſchreiben; fuͤr ihn, der die Luͤge im tiefſten Her⸗ zen haßte, ſchien die ſo ſchoͤne Braut jetzt allen Reiz verloren zu haben.— Er beſchloß ſogar, ſie nicht wieder zu ſehen, bis er mehr Herrſchaft uͤber ſich gewonnen habe, und, nach einer kurzen Entſchuldigung gegen ſeinen Freund, und wenigen Zeilen an den Oheim, reiſte er ſchnell wieder nach ſeinem Gute ab. Eleonoren kam es ganz erwuͤnſcht, ihn in dieſem Augenblicke nicht wieder zu ſehen; ihre Heimkehr nach London war froͤhlicher, als man es erwarten konnte; Schreck und Beſchaͤmung waren uͤberwunden, Bellamy's unverdientes Lob hatte ihren Werth in ihren eignen Augen wieder erhoͤhet, und das Vergangene ſchien ver⸗ geſſen. G Mehrere Tage vergingen, ohne daß ſie eine Zeile von Davenant empfing; endlich ſtiegen 328 kleine Zweifel in ihr auf; ſie ward unruhig, weinte, fuͤrchtete den Liebhaber verloren zu haben, wollte ihm ſchreiben, aber es fehlte ihr ſtets an Muth dazu, und ſo wandte ſie ſich mit der dringenden Bitte an Clara, ſich fuͤr ſie bei ihm zu ver⸗ wenden. 6 Clara, zwar anfangs nicht ſehr bereitwillig, dieſen Auftrag auszufuͤhren, fuͤgte ſich endlich in ihre wiederholten Bitten und Thraͤnen, und ent⸗ ſchloß ſich, folgende Zeilen an Davenant zu ſchreiben: „Ihr Außenbleiben und ihr voͤlliges Still⸗ ſchweigen verwunden in dieſem Augenblicke ein Gemuͤth aufs Neue, welches ſich kaum von der beſtandenen Angſt erholt hat. Haͤtten Sie ſelbſt den Schmerz geſehen, mit dem Eleonore den Brief erhielt, der ſie ein⸗ lud nach Guildford zu kommen, Sie wuͤrden die Reue, welche ſie uͤber ein Vergehen aͤußerte, zu welchem ungluͤcklicher Leichtſinn ſie verleitete, auf⸗ richtig gehalten haben.— Wahr bewies ſie ſich in ihrer Ausſage gegen Sir Rich ard, und das Verlangen, in Ihren Augen den begangenen nehluat wieder gut zu machen, war unverkenn⸗ bar. Ich fuͤge noch giazu, wenn die Inrcht Ih⸗ nen zu mißfallen ſchon eine ſolche Gewalt uͤber ihren Geiſt und Koͤrper hat, welchen Einfluß wird nicht der Wunſch Ihnen zu gefallen uͤber ihr ganzes kuͤnftiges Betragen haben?. Clara Delancy.“— Als Elara dieſen Brief geendet hatte, fuͤrch⸗ tete ſie faſt zu viel geſagt zu haben; fiel aber dann wieder ihr Blick auf die ungluͤckliche Eleo⸗ nore, ſo ſchien es ihr, als habe ſie kaum genug geſagt. Der Vormund war der letzteren Mei⸗ nung, und ſchrieb alſo noch eigenhaͤndig ſolgendes: „Lieber Neffe!. „Wenn Du weder etwas von Dir hoͤren laͤßt, noch binnen ein Paar Tagen ſelbſt erſcheinſt, ſo iſt es um das Leben unſerer armen Eleo⸗ nore geſchehen; ſie ißt nicht, trinkt nicht, ſchlaͤft nicht, und ſchl eicht wie ein Schatten herum.— Ich fuͤrchte, ſie iſt ſchon am Rande des Grabes.— Du biſt auch entſetzlich ſtrenge uͤber eine kleine, gutgemeinte Nothluͤge, die nur in der Abſicht 330 ausgeſprochen wurde, einem Freund zu dienen, und wahrhaftig dem andern nicht ſchaden wollte.— Dein treuer, aber ungluͤcklicher Oheim R. Mor ley.“ Nicht des Oheims Brief brachte Davenant nach London zuruͤck, denn er glaubte nicht, daß Eleonore dem Tode nahe ſey; Clara aber hatte geſchrieben, ſie hatte ſich fuͤr Eleonoren verwandt, ſie mußte alſo ſeine Verbindung mit ihr noch immer wuͤnſchen, und er kam, ohne die Seelengroͤße dieſes Maͤdchens ganz zu verſtehen. Seine Eitelkeit und Selbſtliebe füͤhlten ſich bei Eleonorens Anblick geſchmeichelt, die ihm blaß und verweint entgegen kam, in ſeiner Naͤhe aber gleich wieder aufbluͤhete. Mit zaͤrtlichem Ernſt ſtellte er ihr die Folgen ihres Leichtſinns noch einmal vor Augen, und fuͤgte hinzu, wie er hoſſe daß dieſe bittre Erfahrung ihr fuͤr ihr gan⸗ zes Leben zur Warnung dienen wuͤrde.— „Erfahrung und dein edles Beiſpiel werden mich kuͤnftig vor Fehltritten bewahren,“ fliſterte Eleonore. Ihre Demuth entzuͤckte ihn, und er beſchloß, das Vergangene zu vergeſſen, und ſich nur ihrer Schoͤnheit und Zaͤrtlichkeit zu erfreuen. Die Zubereitungen zur Hochzeit wurden jetzt aufs Schnellſte betrieben, als Clara eines Mor⸗ gens ein Billet von der Hand des Hauptmanns 3 Taylor gewahr wurde, und ein anderes, von Eleonorens Hand, unten auf dem Tiſche lie⸗ gen ſah, welches ein Bedienter eiligſt fortriß.— „Sonderbar!“ dachte Clar a, hielt es aber doch fuͤr beſſer, der Sache weiter nicht zu erwaͤhnen. Am Abend, da man eine Loge in der Oper gemiethet hatte, und Morley einer kleinen Un⸗ paͤßlichkeit halber nicht mitgehen konnte, bat Eleonore es ſich aus, bei dem Vormund zu Hauſe bleiben zu duͤrfen, um ihn zu unterhalten; jedoch beſtand ſie darauf, Davenant ſolle die Freude, ſeine Lieblingsmuſik zu hoͤren, nicht ent⸗ behren, ſondern Claren dahin begleiten. Er Wuhtr andüih ihren Bitten nachgeben. Kaum waren beide eine halbe Stunde im Theater geweſen, als Hauptmann Taylol zu ih⸗ nen in die Loge kam. Er ſchien betroffen, trat 332 auf Clara zu, ohne Davenant zu begruͤßen, und fragte, wo Eleonore ſey.— Als ihm die Urſache ihres Zuhauſeblei⸗ bens gemeldet war, ſagte er leiſe:„ich vermuthe, Furcht vor mir haͤlt ſie daheim, doch will ich dem Dinge bald auf den wahren Grund kommen!“ — Bei dieſen Worten verließ er ſchnell die Loge, indem er die Thuͤr heftig hinter ſich zu⸗ warf. „Wer war der Grobian?“— fragte Da⸗ venant. „Hauptmann Tay lor,“ erwiederte Clara, ein ungluͤcklicher Liebhaber Eleonorens, deß⸗ halb iſt die Grobheit wohl etwas verzeihlich.“ Dasvenant beruhigte ſich, man ging fruͤh aus dem Theater, um den kranken Oheim nicht zu ſtoren, und Clara beredete ſogar, aus der naͤmlichen Urſache, ihren Fuͤhrer, nicht mit ins Haus zu kommen. Bei ihrem Eintritte ins Zimmer wunderte ſie ſich nicht wenig, den Vormund noch mit Eleo⸗ noren Piauet ſpielen zu ſehen. 1 8 Hoffentlich fuͤhlen ſie ſich beſſer,“ ſagte ſie 333 mit freundlicher Stimme,„und die gute Ge⸗ ſellſchaft hat zu ihrer Geneſung beigetragen.“ „Viel habe ich eben nicht davon gehabt,“ entgegnete Morley etwas verdrießlich;„ſie iſt erſt feit einer Viertelſtunde bei mir, ſo lange hat ſie mit ihrer Putzmacherin zu thun ge⸗ habt.”“ Clara's Blick ſiel bei dieſen Worten auf Eleonoren, und dieſe erroͤthete heftig; ſie ſchuͤtzte ſtarkes Kopfweh vor, bat Clara die Karten zu nehmen, und eilte auf ihr Zimmer. 1 Wenige Tage darauf wurde eine neue Oper gegeben; Eleonore konnte diesmal dem Ver⸗ langen ins Theater zu gehen nicht widerſtehen, da der Entſchluß aber ſpaͤt gefaßt war, mußten die Damen ſich entſchließen im Parterre Plaͤtze zu nehmen, weil alle Logen ſchon beſetzt waren. Obriſt O'Byrne, der ſie am Eingange getroffen, ſetzte ſich an Clarens Seite, die ganz Ohr fuͤr die herrliche Muſik ſchien, und auf nichts anders Acht gab. Unbemerkt war beim zweiten Act Fiel⸗ ding hereingekommen, und hatte ſich auf einen leeren Platz hinter Eleonoren gedraͤngt. Sein Kopf war vom Weine erhitzt, und kaum hatte er . 334 den gewuͤnſchten Standpunkt genommen, als er ihr zufliſterte:„Guten Abend, Fraͤulein Mus⸗ grave, haben ſie kuͤrzlich gewalzt?“— und nun ſetzte er mit ſpottendem Tone hinzu:„Ach nein, bewahre der Himmel! ich walze niemals, nie in meinem Leben.“— Davenant, durch Eleo⸗ norens angſtliche Blicke aufmerkſam gemacht, wandte ſich von dem eifrigen Geſpraͤch mit einem Nachbar zu ihr. Da er Fielding erblickte, er⸗ innerte er ſich, was ſie ihm fruͤher uͤber ihn ge⸗ ſagt hatte, und horchte, ob ſeine Reden vielleicht auch wieder etwas Beleidigendes enthielten. „Ich haſſe die Läͤge, es iſt ein niedriges Laſter,“ fuhr er fort;„haſſen ſie ſie nicht auch, Fraͤulein Musgrave?“— „Ich haſſe Luͤge und Zudringlichkeit!“ er⸗ wiederte ſie.—— „Was, das wagen ſie mir zu ſagen, mir, den ſie zum Vertrauten ihrer neulichen Unwahr⸗ heit gemacht haben!— Wahrhaftig, Eleonore, ſie koͤnnten ſich mir mit aller ihrer Schoͤnheit und ihrem Reichthum zur Frau antragen, ich naͤhme ſie nicht, denn ſie luͤgen gar zu unver⸗ ſchaͤnt!“— Sein Kopf gluͤhete, und er hatte 335 die letzten Worte ſo laut geſprochen, daß Da⸗ venant ſie nicht uͤberhoͤren konnte, der ſich da⸗ her zu ihm wandte, und leiſe zu ihm ſagte: er wuͤnſche ihn im Vorzimmer zu ſprechen.— „Armer, betrogener Menſch!“ rief Fiel⸗ ding mit einem Blicke voll Mitleid.— Davenant ſtand auf, Fielding gleich⸗ falls, und beide verließen ſchnell das Parterre. Die Folgen fuͤrchtend, bat Clara, durch Eleo⸗ noren aufmerkſam gemacht, den Obriſten, ihnen zu folgen, und wenn es mag ich ſey, den Streit beizulegen. Als beide Gegner im Vorzimmer angelangt waren, ſagte Davenant kalt, aber beſtimmt: Da er ein Recht habe, Fraͤulein Musgrave zu beſchuͤtzen, muͤſſe er darauf beſtehen, daß Fiel⸗ ding ſich nie wieder herausnehme, ſie in einem ſo unverdienten, beleidigenden Tone anzureden— „Unverdient!“— rief der Andere;„wie wenig kennen ſie das Fraͤulein!“— „Wenn ſie noch immer uͤber ihre neulige Weige⸗ rung mit ihnen zu walzen erbittert ſind, ſo muß ich ihnen ſagen, daß ſie nie in ihrem Leben walzr. — Sie ſind alſo im Irrthum, wenn ſie glauben, 4 — ———— ——J8 6 à 336 ſie haͤtte es ihnen allein abgeſchlagen, und darin eine Beleidigung ſuchen.“— 4 „Wenn ich ihnen nun verſichre, mein Herr, daß ſie, nachdem ſie fort waren, zu mir kam, und wegen ihrer Luͤge Entſchuldigungen machte, ſo werden ſie es auch nicht glauben, und doch iſt es wahr.— „Es iſt nicht wahr, Herr!“ rief Dave⸗ nant, ſeiner nicht mehr maͤchtig;„es iſt nicht wahr! Sie kann das nicht geſagt haben, und ſie behaupten es nur aus beleidigtem Stolze, weil ſie ihnen den Tanz abſchlug!“— „Nicht wahr, Herr!— Sie beſchuldigen mich alſo nicht blos einer Luͤge, ſondern einer Luͤge aus dem niedrigſten Zwecke, um mich zu raͤchen? — Jetzt iſt es an mir, Genugthuung von ihnen zu fordern!“— 2 „Die ich bereit bin ihnen zu geben, obgleich der Menſch, welcher mit dem guten Namen eines Frauenzimmers ſein Spiel treiben kann, kaum werth iſt, ſich mit einem ehrlichen Manne zu ſchlagen.— „Herr, ſie prahlen, weil ſie reich ſind, und wiſſen, daß ich arm bin; morgen aber kommen 337 ihnen alle dieſe zaͤußenn Vorzuͤge nunſ weiter zu Statten.*—— 3 9 *„Das weiß ia, und uhme ihre Thefede rung an.¹— n Ort und Srunde wurden gerade in dem Au⸗ genbl tcke beſtimmt, als der Düriſt zu ihnen trat· ⸗ „Sie kommen bag wiufo rief Daͤe e⸗ nant ihm entgegen.—* 6 „Die erſchrockenen Damen ſandten mich, ſie aufzuſuchen;“— erwiederte 9 Byrne. Da⸗ venant erzaͤhlte nun das Vorgefallene, und er⸗ ſuchte ihn, am folgenden Morgen ſein Secundant zu ſeyn, welches der Obriſt als Mann von Ehre nicht verweigaͤrn zu koͤnnen glaubte. Fielding hatte ſchon einen ſeiner Bekannten um die naͤm⸗ liche Gefaͤlligkeit gebeten, und ſo beſchloß man, jetzt ruhig wieder hinein zu gehen, um die Damen zu taͤuſchen, und des Vorgefallenen nicht weiter zu erwaͤhnen. 3 Sie gingen Arm in Arm zu ihren Sitzen zurich, hielten ſich aber in moͤglichſter Entfernung, um allen Fragen auszuweichen. Als die Vorſtel⸗ lung zu Ende war, vegleiteten ſie die Damen 2 ⸗ O. II. 22 338 durch das Gedraͤnge zu ihrem Wagen, wo Da⸗ ven ant Abſchied nahm, ſich mit heftigem Kopf⸗ weh entſchuldigend. Jetzt ergriff Clara, der nichts Gutes ahnete, den Augenblick, um D ave⸗ nant leiſe zu fragen: was er mit Fleldina zu thun gehabt habe?— „Ich wuͤnſchte ſchon lange ihn näͤßee zeunen zu lernen, weil er in der neulichen Geſellſchaft ihr Lob ſo laut pries,“ antwortete er. „Ein hoͤheres Intereſſe fuͤr ihn wird ſee beſeelen, wenn ich ihnen ſage, daß er die Stuͤtze einer verwittweten Schweſter iſt, die er nebſt ih, ren vier Kindern einzig erhaͤlt.“— „Armer, armer Mann!“ rief Davenaut nun, indem er Claren ſchnell in den Wagen half, um jede naͤhere Eroͤrterung zu vermeiden. Ihre Furcht aber war jetzt beinahe zur Gewißheit geworden, und in tauſend Sorgen erreichte ſie das Haus. Morley ſchlief ſchon; was war zu thun?— Noch uͤberlegte ſie mit Eleono⸗ ren, die doch auch in einiger Angſt war, welche Mittel man wohl ergreifen könne, als Letztere ein Billet von einer Freundin erhielt, deren Mann, ungeſehen von Davenant, den ganzen Zwiſt 939 im Vorzimmer mit angehoͤrt hatte, und die es nun fuͤrz ihre Pflicht hielt, ihr Bericht davon ab⸗ zuſtatten, um, wo möͤglich, den Folgen zuvorzu⸗ kommen. Sie fuͤgte noch hinzu: ihr Mann habe Fielding nach dem Theater Vorſtellungen ma⸗ chen wollen, dieſer aber habe einen Freund am Arm gonommen, ſey mit ihm in ein Weinhaus gegangen, wo er ſein Blut noch immer mehr durch geiſtige Getraͤnke erhitze, und ſich alſo voͤllig unfaͤhig mache, vernuͤnſtigen Borſtanungen Gehör zu geben. S ai Dieſe Zelen vernichteten Claraos einzige Hoffnung, Fielding wuͤrde, wenn der Rauſch ihm nicht mehr die Sinne verwirre, vielleicht ſein unartiges Betragen in Hinſicht Eleono⸗ rens gegen Davenant zu entſchuldigen ſuchen, und dadurch der Sache eine andere Wendung lei⸗ hen.——— Dies war jetzt keineswegs zu erwarten.— Ein Mittel blieb nur uͤbrig, dem Unheile vorzubeu⸗ gen, und waͤhrend ſie dem Himmel dankte, ihr dies ein⸗ gegeben zu haben, bat ſie Eleonoren, das un⸗ noͤthige Jammern und Handktinhen ehnzaſtelun, und ihr ruhig zuzuhoͤren. 22* 840 „Du ſiehſt wohl ein,“ hub ſie an,„daß von Fieldings Seite jetzt nichts mehr zu hoffen iſt; wenn wir alſo dem Zweikampfe nicht auf an⸗ dere Art vorzubeugen ſuchen, ſo findet er morgen mit Tagesanbruche Statt⸗ „Wir köoͤnnen ihn nicht hindern,“ verſebte Eleonore;„mein einziger Troſt iſt nur, daß Fielding zu ſehr aufgereizt ſeyn wird, um Da⸗ venant etwas anhaben zu koͤnnen.“— iegt denn Beruhigung in den Dehahten daß Davenant ihn toͤdtet?— Der arme Mann, die ungluͤckliche Schweſter!“— ſagte C lara, in Thraͤnen ausbrechend.—„Wie kannſt du den Gedanken nur ertragen, ſelbſt wenn Davenant unbeſchaͤdigt davon kaͤme!“— „Lieber Himmel,“ rief Eleonore,„biſt du denn wirklich in Fielding verliebt?“ „Verliebt!— iſt dir denn das Gefuͤhl un⸗ eigennuͤtziger Menſchenliebe gaͤnzlich unbekannt?— Eleonore, es giebt nur ein Mittel, beider Le⸗ ben zu ſchonen, und du haſt es in Haͤnden!— „Sch?“— fragte ſie erblaſſend. n„Ja, wenn du dem edlen Manne, der ſein Leben fuͤr deine Wahrhaſtigkeit wagt, offen deine 341 Schuld geſtehſt.— Faſſe den Muth, Daven ant zu ſchreiben, Fielding habe wirklich ſaüherm mit dir gewalzt.“— 65 „Unſinn!— Wie koͤnnte ich nun vaßt ei⸗ nen Brief fruͤh genug an ihn gelangen laſ⸗ ſen?“— „Mein treuer Bedienter wird, wenn ich es — ihm auftrage, Wache vor ſeinem Hauſe halten, bis er zur beſtimmten Stunde heraus kommt; nichts iſt alſo leichter als dies.“— nEs iſt aber wahrhaftig fuͤr mich nicht leicht, ſolchen Brief zu ſchreiben.— „Das nicht; aber du mußt dich dazu uͤber⸗ winden, weil ein Menſchenleben auf dem Spiel ſteht!— Eleonore, bedenke, welche Gewiſ⸗ ſensbiſſe dich quaͤlen wuͤrden, wenn auch nur Fielding fallen ſollte, und du die Thraͤnen der Schweſter und ihrer Kinder ſaͤheſt, die von dir ihre einzige Stuͤtze wieder forderten!“— „Ich werde dann ihre Stuͤtze ſeyn.“— „Das kann dich nicht beruhigen!— Und wenn nun Davenant fallen ſollte, und du be⸗ denkſt, wie du ihn deiner Laͤge geopfert haſt, wirſt du dann je wieder Frieden erlangen?— Wirſt 34 2 du den Anblick ertragen koͤnnen“———— Clara bedeckte bei dieſem Gedanken, den ſie nicht auszuſprechen vermochte, ihr Geſicht mit beiden Haͤnden; Thraͤnen verhinderten ſie mehr zu ſagen. Beleidigter Stolz und Gefuͤhl der Scham bemaͤchtigten ſich Eleonorens; ſie erwiederte nichts. 1 Ma „Nun, Eleonore,“ hub Clara nach ei⸗ ner Pauſe wieder an,„biſt du uͤberzeugt, daß dies das einzige Mittel iſt, das Leben eines Men⸗ chen zu retten, den du in Gefahr gebracht haſt, wenn wir dieſen Menſchen auch mit keinem zaͤrt⸗ licheren Namen benennen wollen?“— „Vielleicht iſt die Gefahr nur eingegichet:; ich kann mich zu dieſer Selbſt⸗Erniedrigung nicht entſchließen.“*— 1 a „Selbſt⸗Erniedrigung!— Selbſt⸗Erhe⸗ bung wuͤrde ich es nennen!“— Als wieder keine Antwort erfolgte, fuhr ſie fort:„Gut dann, ſo werde ich ſchreiben, und wenn ich Daven ant ſage, daß Fiolding dich nicht falſch beſchuldigt hat, daß ich ſelbſt dich habe mit ihm walzen ges ſehen ſo wird er mir glauben!“—- mn d 343 „Das ſollſt, das darfſt du nicht,“ rief Eleo⸗ nore,„oder ich erklaͤre, daß du meine Heirath mit Davenant aus andern Gruͤnden hinter⸗ treibſt, die mir nur zu deutlich ſind!“— „Habe ich dir Urſache gegeben, ſo niedrig von mir zu denken; war der Brief, den ich an Davenant nach Surrey ſchrieb, ein Beweis davon?— Undankbare!— Aber es kuͤmmert mich jetzt wenig, welche Beweggruͤnde du mir un⸗ terlegſt, ich fuͤhle meine Pflicht, und werde ſie erfuͤllen!“— Bei dieſen Worten ſetzte ſie ſich an ihren Schreibtiſch; Eleonore aber, begrei⸗ fend wie viel nachtheiliger dies noch fuͤr ſie ſeyn wuͤrde, bemaͤchtigte ſich der Feder, indem ſie be⸗ hauptete: wenn denn durchaus geſchrieben ſeyn folle, wolle ſie ſelbſt ſchreiben.— Bald hatte ſie unter vieler Ueberwindung folgenden Brief zu Stande gebracht: „Wagen Sie nicht ein mir unendlich theures Leben, um Fieldings Beleidigung gegen mich zu raͤchen, denn ich geſtehe, daß er Wahrheit ge⸗ ſprochen hat. Ich habe oft, und auch mit ihm gewalzt, und nur die Furcht, in Ihrer Achtung zu ſinken, die mir damals ſchon werther als mein 344 eignes Daſeyn war, konnte mich in der Aufwal⸗ lung des Augenblicks verleiten, es zu leugnen.“— „So erniedrigend dies Geſtaͤndniß auch fuͤr mich iſt, ſtehe ich keinen Moment an, es offen vor Ihnen abzulegen, und hoffe nun von Ihrer Großmuth, es nicht umſonſt gethan zu haben.“ „Theurer Sidney, betrachte meinen Feh⸗ ler mit dem Auge der Nachſicht, und ſtrafe nicht nach Verdienſt Deine reuevolle Eleonore.“— Dieſen Brief uͤbergab Clara in die Haͤnde ih⸗ res alten, treuen Dieners, der ſchon von ihrer Kindheit an im Hauſe ihrer Eltern gelebt, und den ſie als Familienſtuͤck behalten hatte. Er ver⸗ ſprach, von vier Uhr an vor Davenants Hauſe damit zu warten, und nicht eher zu weichen, bis er ihn richtig abgeliefert habe.— Beide Maͤdchen beſchloſſen nun, nicht zu Bette zu gehen, ſondern die Ruͤckkunft des Botens miteinander abzuwarten. Auch Davenant brachte waͤhrend der Zeit eine ſchlaſloſe, unruhige Nacht zu.— Er hatte ſeinen letzten Willen aufgeſetzt, und alle irdiſchen Dinge geordnet dieſe konnten alſo ſein Gemuͤth 345 nicht mehr belaſten. Der Gedanke aber, ſeinen Grundſaͤtzen entgegen zu handeln, und einem Ne⸗ benmenſchen das Leben zu rauben, lag ſchwer auf ſeiner Seele. Sagte er ſich nun noch, wenn Fiel⸗ ding falle, ſey der Schweſter und den Kindern die einzige Stuͤtze genommen, ſo kam er ſich vollends wie ein Verbrecher vor.— Und handelte er nicht wirklich gegen das goͤttliche Gebot: du ſollſt nicht toͤdten, und war alſo die 1 That nicht ein Verbrechen?— n Nach vielem Hin⸗ und Her ſinnen. bei kal⸗ tem Blute, beſchloß er, am naͤchſten Morgen ſich auf dem beſt timmten Platze e einzufinden; dort aber, wo moͤglich, zu verſuchen ſich mit ſeinem Gegner zu verſoͤhnen.—„Wenn er nun noch uͤberdies, fliſterte eine innre Stimme,„die Wahrheit ge⸗ ſagt haͤtte!“— Dieſer Gedanke, den er umſonſt gaͤnzlich zu bekaͤmpfen ſuchte, ſchlug ihn voͤllig zu Boden.— Er nahm es ſich vor, um jeder Verſuchung zu widerſtehen, wohin aufs Neue erhitztes Blut wohl fuͤhrem koͤnne, ohne Waſſen nach dem Kampf⸗ platze zu gehen, und nachdem er dieſen Entſchluß 346 gefaßt, warf er ſich voͤllig angekleidet daſ⸗ Bette. 1 Um fuͤnf Uhr ſah Clarens treuer Waͤch⸗ ter den Obriſt O' Byrne an die Hausthuͤr klo⸗ pfen, welche Davenant ſelbſt oͤffnete.— Ein leiſes, langes Geſpraͤch entſpann ſich unter bei⸗ den; der Kriegsmann ſchien nicht zufrieden, daß ſein Freund keine Waffen habe; endlich mußte er ſeinen Gruͤnden nachgeben, und rief:„nun, wohl⸗ an, im Nothfalle ſind die meinigen zu ihrem Dienſt.“— Im Augenblicke, da beide vorwaͤrts ſchritten, trat der alte Diener ihnen mit dem Briefe in den Weg.—„Ich habe jetzt zu dieſer fruͤhen, ungewoͤhnlichen Stunde, keine Zeit Briefe zu le⸗ ſen, lieber Benſon,“ ſagte Davenant. „Doch muͤſſen ſe ihn jetzt leſen, lieber Herr!“ „Ich muß?— „Ja, verzeihen ſie meine Zudringlichkeit; aber ich habe es meiner lieben jungen Herrſchaft, die ich mehr todt als lebendig zu Hauſe verließ, verſprechen muͤſſen, nicht eher von der Stelle zu gehen, bis ſie ihn geleſen haͤtten.“— 347 „Weil es denn ihr Wunſch iſt, will ich le⸗ ſen.“— Erſlas; und obwohl ihm eine leiſe Ahnung geſagt hatte, Fielding koͤnne vielleicht wahr geſprochen haben, ſchauderte er bei der Ueberzeugung, und lehnte ſich eine Minute lang ſprachlos an die ſchon hinter ihm geſchloſſene Thuͤr. Endlich ermannte er ſich, nahm den Arm des ganz verwunderten O'Byrne, und rief:„kommen ſie, die Zeit draͤngt.“— Dann, ſich zu Benſon wendend, trug er ihm auf, ſei⸗ ner Herrſchaft zu ſagen, daß ſie nichts fuͤrchten möͤge, alle Gefahr ſey nun voruͤber, und er ken⸗ ne ſeine Pflicht.— „Haben ſie keinen Auftrag an Fraͤulein Musgrave?“— „Keinen,“ erwiederte er, ſich ſchnell mit O' Byrne in den Park wendend.— Hier harrten Fielding und deſſen Gefaͤhr⸗ te ihrer ſchon.— Mit innrer Bewegung ſah Davenant den Schmerz, welcher auf dem Ge⸗ ſichte des erſtern unverkennbar lag, ſo viel Mühe er ſich auch gab ihn zu verbergen. „Sis haben lange auf ſich warten laſſen, mein Herr,“ hob Fielding'an;„doch ehe wir 34⁸ zur Sache ſchreiten, erlauben ſie mir, ihnen ei⸗ nen Brief anzuvertrauen, den ich ſie bitte, wenn ich fallen ſollte, treulich an Fraͤulein Delancy zu uͤberliefern. Er enthaͤlt ein Geheimniß, wel⸗ ches ſie lange muß errathen haben, das ich aber erſt in dieſem Augenblicke wagen darf ihr zu ge⸗ ſtehen; zugleich beſiehlt er ihrer engelreinen Guͤte die Fuͤrſorge fuͤr die Weſen an, welche mein Tod jeder Stuͤtze beraubt.— Nun, mein Herr, bin ich fertig.“— An— „Ich aber nicht,“ rief Davenant, der ſich unwiderſtehlich zu dem ſtummen, hoffnungs⸗ loſen Liebhaber Clarens hingezogen fuͤhlte.— Er nahm ihn auf die Seite, da er fremde Zeu⸗ gen bei dieſem Bekenntniſſe vermeiden wollte, und machte ihm dort Entſchuldigungen, die Fiel⸗ ding anerkennen mußte. Um doch wenigſtens Eleonoren nicht voͤllig zu erniedrigen, legte er ihren Brief in ſeine Haͤnde.— „Zu dem Geſtaͤndniß hat Clara ſie ge⸗ bracht,“ dachte Fielding, obgleich er es nicht laut zu aͤußern wagte, ſondern den Vriaſ ſtu⸗ ſchweigend zuruͤckgaba⸗ dG. 3r., edes 349 „Und nun laß uns ruhig zu Bette gehen,“ ſagte Davenant, indem er Fieldings Arm ergriff, mit dem er jetzt gern allein geweſen waͤ⸗ re; aber auch der Irlaͤnder empfand ſo war⸗ men Antheil fuͤr Clarens Anbeter, daß er be⸗ ſchloß, ihn naͤher kennen zu lernen. Ungluͤcklich war er, gleich ihm,. ſo lange Davenant un⸗ verheirathet blieb, das verhehlte er ſich nicht; denn ſein ſcharfſichtiges Auge hatte lange er⸗ ſpäht, daß der Vorzug, den jeder von ihnen wohl mit der Haͤlfte ſeines Lebens erkauft haͤtte, dieſem ungeſucht zugefallen, ſo blind er auch fuͤr ſein Gluͤck ſey.— So lange alſo dieſer Aüht wirklich der Mann einer andern waͤre, und Zeit und Grundſaͤtze Clarens Geſinnung geaͤndert hatten, durfte kein anderer hoffen. O' Byrne ſah gleichfalls, wie Davenant Eleonoren nicht wahrhaft liebe, und durchdrungen von Clarens Werth fey; die eigentliche Lage der gegenwäͤrtigeit Dinge aber konnte der Obriſt dennoch nicht ergruͤn⸗ den, vorzuͤglich da Davenant, ungeachtet der Schonung, welche er ſich vorgenommen, doch nicht ganz verhehlen konnte, Eleonore haue nicht recht gehandelt.—. „Mag ſie ſich vorſehen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„oder ſie wird auf meine Shaass nie Frau Davenant.“ * Unter dieſen und andern Betrachtungen wa⸗ ren die drei Maͤnner eine Zeitlang, zwar nicht ſehr beredt, aber doch in groͤßter Eintracht, ne⸗ ben einander hergewandert, ohne weiter auf die Straße gemorkt zu haben, zals Freteng auf 2inaal ausrief: „Ich fürchte, ſie irre geleitet zu. haben, da dieſer Weg ſie unmoͤglich nach ihrer Wohnung führen kann, und will nun hier von ihnen Ab⸗ ſchied nehmen, weil ich mich nahe bei meinem Hauſe befinde,“— „s war mein Wunſch, ſie zu beglezkohe † fiel Davenant ein;„der Morgen iſt ſchoͤn, und obgleich ich vorher ihnen anrieth zu Bette zu gehen, ſpuͤre ich jetzt ſelbſt nicht die mindeſte Luſt dazu- 486 9; Byrne bohauptete das niwliche, und ſetzte noch hinzu:„Gewiß, lieber Fielding, wir muͤſſen naͤher mit einander hekanne wer⸗ den!“— Obgleich Fielding hierdurch in einige Ver⸗ legenheit zu gerathen ſchien, ſchlenderten ſeine Be⸗ gleiter immer neben ihm her, bis man ſich end⸗ lich vor ſeiner Wohnung befand, die in einem abgelegenen Theile der Stadt lag, und durch ei⸗ nen Thorweg, der in einen engen Hof fuͤhrte, endlich erreicht wurde. Hier wollte Fielding wieder Abſchied nehmen, aber in dieſem Augen⸗ blicke kamen Schweſter und Kinder, unter lau⸗ tem Ausruf der Freude, auf ihn zu, hingen ſich an ſeinen Hals, und ſchienen fuͤr nichts, außer ihm Sinn zu haben. Der Freund, der Beſchů⸗ tzer, den ſie verloren geglaubt hatten, lag wie⸗ der in ihren Armen.— 4 a. Ein ruͤhrendes Schauſpiel fuͤr die Begleiter, von deſſem Anſchaun ſie ſich nicht zu trennen ver⸗ mochten.— Dieſe Schweſter war die Wittwe eines irlaͤndiſchen Offeiers, der im Kriege ge⸗ blieben war, und ſeine Familie in einem huͤlflo⸗ ſen Zuſtande hinterlaſſen hatte.— Fielding nahm ſie zu ſich; ſein Einkommen und ein kleiner Wittwengehalt ſicherten ihr nothduͤrftiges Aus⸗ kommen, und Frau und Kinder, von denen die aͤlteſte Tochter ſchon ſiebzehn Jahr alt war, ſa⸗ 33² hen in ihin den Freund, den Vater.— Angſt⸗ voll hatten ſi ſie die Stunden der Nacht durch⸗ wacht, ſein gaͤnzliches Außenbleiben war unge⸗ wöhnlich, und ließ ſte nichts Gutes ahnen. Auf⸗ merkſam horchten ſie in ihrem entlegenen Winkel auf den Fußtritt jedes Kommenden; nun war er wieder da, er lebte, ſie hielten ihn unſchlun⸗ Fen. e Dierſene chrten welche nach der ſtummen Begruͤßung des geliebken Bruders und Oheims von der aͤlteſten Tochter geſprochen wurden, klan⸗ gen wie wohltoͤnende Muſik in O' Byrne's Ohr; er hoͤrte ſeinen vaterlaͤndiſchen Accent, hoͤrte ihn aus einem Munde, der wahrlich ver⸗ diente, ſchoͤn genannt zu wenden.— ,Das liebliche Geſchoͤpf iſt wohl gar meine Landsmaͤnnin?“ fliſterte O' Byrne dem neben ihm ſtehenden Gefaͤhrten zu, der in dieſem Au⸗ genblicke nur mit Scehaudern daran dachte, wie er im Begriff geweſen ſey, dieſer Familie die Stuͤtze zu rauben, und in Gedanken verloren, die Frage nicht beantwortete. 112a.I. Bald aber ſollten Beide aus ihren Traͤume⸗ reien geriſſen werden. Fielding, deſſen Lebens⸗ 353 geiſter auf ſo mannigfaltige Art angegriffen wa⸗ ren, fuͤhlte ſich jetzt auf einmal in ſolchem Grade erſchöpft, daß er an zu wanken ſing, und zur Erde gefallen ſeyn wuͤrde, wenn Davenaut und O“ Byrne ihn nicht in ihren Armen auf⸗ gefangen, und den voͤllig Bewußtloſen in das untere Zimmer einer Wohnung gebracht haͤtten, wohin Mutter und Kinder ihnen nun in ſtummer Angſt den Weg zeigten. — Shrem gemeinſchaftlichen Bemuͤhen gelang es bald, den Ohnmaͤchtigen ins Leben zuruͤckzu⸗ rufen. Ein Strom von Thraͤnen erleichterte ſeine Bruſt. „Nun wird er beſſer,“ rief O“ Byrne, „jetzt erholt er ſich!— Seyd auch nun ruhig, ihr lieben Menſchen, wir wollen euch ja auch verlaſſen, damit er euch den gauzen Vorfall un⸗ geſtoͤrt erzaͤhlen kann!“— „O Gott, was iſt denn vorgefallen, was hat er uns zu erzaͤhlen?“ ne frägte die arme Schweſter aͤngſtlich. „Ja, ja,“ ſiel O' Byrne ein, den es jetzt reuete, ſie in neues Schrecken verſetzt zu haben, ner hat euch etwas recht Angenehmes mitzuthei⸗ O. II. 23 334 len, näͤmlich daß er ſich in dieſem Herrn da und in mir zwei Freunde erworben hat, die ſtolz auf die Erlaubniß ſeyn werden, zu einer gelegenern Zeit hier wieder aufwarten zu duͤrfen.“— „Ja gewiß,“ ſagte Davenant, indem er Fieldings Hand herzlich druͤckte;„nun aber iſt es Zeit Abſchied zu nehmen, nachdem wir die Damen noch wegen unſeres Ueberfalls um Ent⸗ ſchuldigung gebeten haben.“— „Gott befohlen, lieber Freund,“ polterte O“ Byrne dazwiſchen;„eins aber merkt euch; wenn ihr noch einmal Urſache ſeyd, daß dieſe ſchoͤnen Augen ſich mit Thraͤnen fuͤllen,(hier fiel ſein Blick wieder auf die weinende aͤlteſte Tochter, Marie,) ſo habt ihr es mit mir zu thun; dann ſchieße ich euch ſelbſt die Kugel vor den Kopf.“— 4 Nach dieſen haſtig herausgeſtoßenen Ab⸗ ſchiedsworten machte er den Damen eine ſehr verbindliche Verbeugung, ſah ſich noch einmal beſonders nach Marien um, und ließ ſich dann endlich von Davenant fortziehen. Den erſten Theil des Weges gingen ſie ſchweigend nebeneinander her; auf einmal aber 3 355 hoͤrte Davenant ſeinen Geſaͤhrten die Worte laut ausſprechen:„leider iſt ſie nur zu jung!“— „Wer iſt zu jung?“— fragte er, ihn ernſe⸗ lich betrachtend. O' Byrne erroͤthete, wandte den Kopf weg und murmelte:„Unſinn!— ich meyne ei⸗ gentlich niemand beſonders damit; es iſt nur eine bunime Art an mir, daß ich oft Hannend laut rede.“— „Es iſt nicht zu leugnen, daß ſie wirklich ungemein huͤbſch iſt;“ ſagte Davenant laͤ⸗ chelnd.— „Wer denn,“ fuhr 9* Dyehe Gſangen heraus,„wer iſt huͤbſch?“— Dann ſetzte er ſeufzend hinzu:„was hilft mir auch alle Verſtel⸗ lung, Freund, ihr habt mich doch errathen.— Sagen ſie ſelbſt, gleicht dies Weſen, deren Na⸗ men ich nicht einmal weiß, nicht ganz Traͤulein Delancy?“ Obgleich Davenant ſich eigentlich in keiner zum Lachen geeigneten Stimmung befand, mußte er uͤber den Verſuch des Freundes, ſeine Un⸗ treue durch dieſe Aehnlichkeit gut machen zu wol⸗ len, dennoch laut auflachen.—„Ja freilich,“ 23* 3⁶ 3 ſagte er endlich,„die Aehnlichkeit iſt gerade ſo groß, wie ſie zwiſchen einem kaum ausgewachſe⸗ nen Maͤdchen mit ſchwarzen Augen und dunklen Locken, und einem Frauenzimmer von drei und zwanzig Jahren, mit blauen Augen und kaſtanien⸗ farbenem Haar, nur immer moͤglicher Weiſe be⸗ ſtehen kann. e „Ach, ſie gleichen ſich doch ungemein,“ er⸗ wiederte O' Byrne verlegen,„und gewiß, ich muß das holde Kind wieder ſehen, und auch die Mutter, die ebenfalls recht artig iſt.“— Davenant ſtimmte willig mit ihm im Lobe beider ein. Endlich war der ziemlich weite Weg zuruͤckgelegt, und da er ſich noch nicht ent⸗ ſchließen konnte, Eleonoren wiederzuſehen, bat er den Gefaͤhrten, im Hauſe des Oheims vor⸗ zugehen, um die Damen zu beruhigen. Der Obriſt richtete den Auftrag puͤnktlich aus, erzaͤhlte alles auf das Genaueſte; vorzuͤglich aber weilte er bei der Schilderung der Familien⸗Scene in Fieldings Hauſe, und wußte ſie ſo ruͤhrend darzuſtellen, daß er Thraͤnen aus Clarens ſchoͤnen Augen lockte, die gleich verſprach, die Schweſter naͤchſtens zu beſuchen. 357 Auch im Innern ſeines Zimmers fand Da⸗ venant die Ruhe nicht, deren er nach ſo man⸗ chen erſchuͤtternden Auftritten bedurfte. Der Ge⸗ danke an Eleonorens Doppelzuͤngigkeit ver⸗ folgte ihn unaufhoͤrlich.—„Wie kann ich es hoffen, mit einer Frau gluͤcklich zu werden, auf deren Wort man ſo wenig bauen kann?“— ſagte er ſich wiederholt.— Endlich ſchob er dieſe Ausſicht mit Gewalt von ſich, und entwarf Plaͤne, wie er zu Fieldings Gluͤcke beitragen koͤnne, den er noch, ehe er ſich einige Stunden aufs Bett warf, durch ein Billet aufforderte, mit ihm am fotlgenden Tage in einem beſtimmten Kaffeehauſe, zu Mittage zu eſſen. Als er endlich aus einem dumpfen Schlum⸗ mer erwachte, fand er es doch nothwendig, im Hauſe des Oheims vorzuſprechen; indeß fuͤrchtete er Eleonorens Anblick.— Gluͤcklicher Weiſe aber hatte auch ſie eine Unpaͤßlichkeit vorgeſchuͤtzt, und war noch nicht ſichtbar.— Er fuͤhlte ſich erleichtert, als Clara ihn verſicherte, ſie litte mehe geiſtig als koͤrperlich, und fuͤrchte wahr⸗ ſcheinlich auch ſeinem Auge zu begegnen, das viel⸗ leicht nicht vorwurfsfrei auf ihr weilen werde. A 358 „Und hat ſie dies nicht verdient?“ rief er, da er zugleich auch ihre Bitte erfahren hatte, dem Oheim die ganze Sache zu verſchweigen.„Folgt nicht ein Trug dem andern? Jetzt wuͤnſcht ſie Verheimlichung, und ſie ſelbſt muͤſſen mir doch geſtehen, daß der letzte Streich bei weitem noch aͤrger war als die fruͤheren, und die ſchlimmſten Folgen haͤtte nach ſich ziehen koͤnnen.“— „Das fuͤhlt ſie ſelbſt, und wenn etwas im Stande iſt, ſie von ihrem Fehler zu heilen, ſo ſind es die Qualen, die ſie in der letzten Nacht gusgeſtanden hat.“— „Wenn etwas im Stande iſt!— Ach Cla⸗ ra, auch ſie muͤſſen dies wenn hinzuſetzen.— Doch ſehe ich nur zu deutlich, ich muß die Ket⸗ ten tragen, welche ich ſelbſt mir geſchmiedet ha⸗ be, und will dann wenigſtens ſuchen, ſie mit An⸗ ſtand zu tragen!“— Spaͤt am Abende kam Eleonore endlich herunter, gehuͤllt in ein zierlich gewaͤhltes Nacht⸗ kleid. Die feine Spitzenhaube, welche die roth⸗ geweinten Augen verbergen ſollte, kleidete ihr, zu dem niedergeſchlagenen Blick, aus dem Scham und Verwirrung ſprachen, ſo allerliebſt, daß Da⸗ 359 veuants Herz aufs Neue von dieſer reuigen Schoͤnheit geruͤhrt ward, und er im Innern das Geluͤbde that, nicht mehr dieſes Fehlers zu geden⸗ ken, der doch eigentlich nur in der Abſicht, ihm zu gefallen, begangen ſey. So wie Eleonore ſich aber am andern Tage ihres Sieges wieder gewiß glaubte, er⸗ langte ſie ihre vorige Heiterkeit wieder, und jeder Gedanke an das Vorgefallene, mithin auch jede Reue, ſchien vergeſſen. Als Davenant nach dem mit Fielding zugebrachten Mittage wie⸗ der zum Oheim kam, war die ſchoͤne Braut ſo muthwillig, ſo ausgelaſſen luſtig, daß er ſeinen Unwillen kaum daruͤber verbergen konnte.— Sein Blut kochte, und indem er Claren beim Abſchiede eine gute Nacht wuͤnſchte, ſetzte er noch leiſe hinzu: „Welch ein trauriges Loos war es fuͤr mich, ſie mit Leutnant Beaumont verſprochen zu fin⸗ den!“— Clara ſtand nach ſeinem Verſchwinden ei⸗ nige Minuten bewegungslos da.—„Ich mit Beaumont verſprochen!“— ſagte ſie endlich zu ſich ſelbſt.—„Falſches, unwahres Geſchoͤpf, 8 360 das iſt dein Werk! Jetzt iſt mir das Ganze klar, Davenanes Benehmen, alles, alles.— Aber zittre, noch iſt es nicht zu ſpaͤt, ihn aus ſeinem Irrthum zu reißen, und du verdienſt keine Scho⸗ nung!“— Se. Nach ruhigerer Ueberlegung fand ſie den⸗ noch, es ſey zu ſpaͤt, und die arme Clara brachte wieder, im innern Kampfe mit ſich ſelbſt, eine ſchlafloſe Nacht hin.— Auch den folgenden Morgen band eine ge⸗ wiſſe, unuͤberwindliche Scheu ihre Lippen gegen Davenant; ſie konnte ihm den Jerthum nicht entdecken, ſo oft das Wort auch auf ihrer Zunge ſchwebte.— Bald nach dem Fruͤhſtuͤck gingen die Maͤnner in des Oheims Zimmer, und Clara begab ſich zu Eleonoren, die eben erſt aufge⸗ ſtanden war, und heute wieder die Rolle der in⸗ tereſſanten Leidenden und Reuigen annahm, da es ihrem ſcharfen Blicke nicht entgangen war, wie weit beſſer dieſe ſie in Davenants Augen kleide. Eben wollte Clara fragen, was ſie in Hinſicht Beaumonts von ihr geſagt habe, als einer von Morley's Bedienten hereintrat, und ſich etwas unverſchaͤmt mit der Bitte an Eleo⸗ 361 noren wandte, ihm die Gefaͤlligkeit zu erzeigen, ſeinem Herrn zu ſagen, daß ſie ihn neulich nach dem Theater hinbeſtellt habe, wo er ihrer haͤtte warten muͤſſen.— Der alte Herr ſey böſe, und wolle ihn fortjagen, weil er ohne ſeine Erlaub⸗ niß den Abend ſpaͤt ausgeblieben waͤre, und nur auf dieſe Weiſe koͤnne er wieder beſaͤnftigt wer⸗ den. „Das war ja aber nicht der Fall,“ rief Eleonore, uͤber ſeine Unverſchämtheit in Cla⸗ rens Gegenwart verlegen;„wie koͤnnt ihr mir zumuthen, eurem Herrn eine Unwahrheit zu ſa⸗ gen?“— „Warum nicht?— Habe ich doch oft mei⸗ nen Herrn und andere Leute um ihrentwillen be⸗ luͤgen muͤſſen!“— „Ihr ſeyd betrunken,“ rief Eleonore hef⸗ tig,„den Augenblick verlaßt das Zimmer!— Wie koͤnnt ihr euch unterſtehen, in dieſem Ton mit mir zu ſprechen?“— „Warum nicht, da es die Wahrheit iſt!— Eine Hand waͤſcht die andere,“— fuhr er fort, indem Eleonore ſich vergeblich bemuͤhete, ihn durch Zeichen zum Schweigen zu bewegen.— 36² „Wenn ich denn durchaus fort ſoll, ſo will ich gehen, und wenn ſie ſich nicht entſchließen koͤn⸗ nen, um meinetwegen eine Nothluͤge zu ſagen, ſo iſt es gut, Fraͤulein.“— Bei dieſen Worten verließ er das Zimmer, ſchmiß die Thuͤr unſanft hinter ſich zu, und rannte die Treppe hinunter, waͤhrend Eleonore, die ihm gerne gefolgt waͤre, doch als Kranke nicht aus ihrer Rolle fallen durfte, ſondern auf dem Sopha liegen bleiben muß⸗ te.— Eben wollte Clara ſich eine Erklaͤrung uͤber dieſen Auftritt ausbitten, als die Putzmacherin eintrat, mit welcher Eleonore in ein ſo eifri⸗ ges Geſpraͤch gerieth, daß ſie alle Furcht daruͤber zu vergeſſen ſchien. Im Durchſehen einiger Papiere angelegent⸗ lich beſchaͤftigt, ſtanden Oheim und Neffe in des erſtern Schreibſtube, als der Bediente faſt athem⸗ los ins Zimmer ſtuͤrzte, und ausrief:„da ich denn durchaus fort ſoll, hoffe ich wenigſtens ein gutes Zeugniß zu erlangen, wenn ich meinem Herzen Luft mache, und geſtehe, daß mir mein Unrecht leid thut, daß aber Fraͤulein Musgrave mich 363 mehr als einmal verleitet hat, meinen alten, bra⸗ ven Herrn zu hintergehen. „Wie ſo?“— riefen Morley und Da⸗ venant.— „Ja gewiß, ich ſage jetzt die Wahrheit. Die Herren werden ſich noch erinnern, daß ſie ei⸗ nes Tages einen Offizier zur Hausthuͤre hinaus⸗ gehen ſahen, und mich fragten, wer er ſey; Fraͤu⸗ ein Musgrave hatte mir aber befohlen zu ſa⸗ gen, es ſey jemand, der Fraͤulein Delancy angehe, und es war doch gewiß und wahrhaftig Hauptmann Taylor, der bei Fraͤulein Eleo⸗ nore geweſen war.“— „Iſt das moͤglich?“— wendete Dave⸗ nant ſich fragend zu ſeinem Oheim.—„ „Ich kann es wahrhaftig nicht ſagen; aber“—-———— „Ja, ja, es verhielt ſich alles ſo, und noch mehr in den Kauf. Den Abend, Herr, als ſie aus der Oper wegblieb, erwartete ſie ihren Hauptmann, und befahl mir, wenn er kaͤme, ſie herauszurufen, unter dem Vorwande, die Putz⸗ macherin ſey da. Schoͤne Putzmacherin! Er kam, und ſie blieb lange mit ihm allein.“— 364 ₰ „Ja, ja, den Abend ging ſie fort; aber hoͤre, Burſche, deine Geſchichte kann ich nicht glauben.“— „Noch weniger ich,“ rief Davenant gluͤhend;„meine verlobte Brant, heimliche Zu⸗ fammenkuͤnfte mit einem andern Manne!— Un⸗ moͤglich!“— „Wollen ſie dann glauben, wenn ich ihnen zeige, daß ſie an einen andern Mann ſchreiben kann?— Hier, da ich nicht laͤnger in ihren Dienſten bin, und nie eigentlich in des Fraͤuleins Dienſten ſtand, hier iſt ein Brief an den Haupt⸗ mann, den ich eben beſorgen ſollte; da ſie mir aͤber eine Gefalligkeit abgeſchlagen hat, warum ſollte ich ihr eine erzeigen?— Da iſt er.“— Sprachlos vor Wuth und Beſtuͤrzung ergriff Morley den Brief, und erbrach 5 das Siegel. 4 „Halt!“ rief Davenant, uus wol en ſie thun?“— „Meine Pflicht, ſowohl als Vormund, als Oheim. Noch beſindet ſie ſich unter meiner Ob⸗ hut, und ich hatte ihr verboten, dem Hauptmann Hoffnung zu machen.“— Er las nun den Brief, 365 den er zwiſchen ſeinen zieteruden Haͤnden hielt, und befahl dann dem Bedienten, ſogleich Fraͤulein Musgrave rufen zu laſſe Zufaͤllig trat Clara herein, und ſah mit Beſtuͤrzung, daß hier etwas bedeutend Unange⸗ nehmes vorgefallen ſeyn muͤſſe.— Ihre ſchuͤch⸗ terne Frage wurde kaum beantworter, ſtillſchwei⸗ gend gab Morley den Brief, der ihm keinen Zweifel mehr uͤbrig ließ, an Davenaut. Eine Botſchaft von Eleonoren erfolgte bald, welche beide Herren und Fraͤulein Delancy auf ihr Zimmer einladen ließ, da ſie zu ſchwach ſey hinunter zu gehen. Man fand ſich alſobald ein.—„Schoͤne Dinge!“ rief Morley ſchon beim Eintreten;„herrliche Auffuͤhrung!— Ich weiß jetzt zur Genuͤge, wie meine Muͤndel ſich ge⸗ gen meinen Neffen, ihren verlobten Braͤutigam, betraͤgt; wie ſie heimliche Beſuche von einem au⸗ dern Manne empfaͤngt, Briefe mit ihm wechſelt, obgleich ſie ihrem Brdurgam Treue ſchuldig iſt!— it— „Wer wagt zu üehnupeere———— „Um Gotteswillen, mein Fraͤulein, hüten ſie ſich, Betriegerei nicht noch durch Luͤge ent⸗ 366 ſchuldigen zu wollen, die mir ſchon an und fuͤr ſich in der Seele verhaßt iſt!“— fiel Dave⸗ nant heftig ein, waͤhrend Clara ſich vor Schre⸗ cken kaum an einem neben ihr ſtehenden Stuhl aufrecht zu halten vermochte. „Der Menſch, den du ſchon vielfaͤltig beſto⸗ chen haſt, um mich hinters Licht zu fuͤhren, iſt endlich dein Anklaͤger geworden; ich habe mit ei⸗ genen Augen den Brief an Taylor geleſen, in welchem du ihm ſagſt,„was er auch daruͤber reden hoͤren moͤge, ſei deine Verbindung mit meinem Reffen keineswegs ſo ausgemacht. Ich, dein grauſamer Vormund, wolle dich zwar zu dieſem Schritte zwingen, weil ich mir nun ein mmal in den Kopf geſetzt habe, der Menſch ſtuͤrbe, wenn er deine Hand nicht erlangte, da er bis uͤber beide Ohren in dich verliebt fey. Ungluͤcklicher Weiſe befaͤndeſt du dich nun freilich noch fuͤnf lange Jahre unter meiner Botmaͤßigkeit, und fuͤrchteteſt, daß deine natuͤrliche Nachgiebigkeit dich endlich zur Unterwerfung leiten werde; doch bis jetzt widerſtaͤndeſt du noch heldenmaͤßig allen Verſuchungen, und ſein Bild bliebe treu der allei⸗ nige Herrſcher deines Herzens; ſollte man dich 367 aber auch dieſem Davenant opfern, ſo bleibe ihm, dem ſaubern Hauptmann, dennoch deine Liebe gewiß.“— Nun, Fraͤulein Luͤgenhaft, was ſagſt du jetzt, da ich dir deine eigne Handſchrift und die Unterſchrift deines wertheſten Namens vor Augen halte!— Wagt man jetzt noch zu leug⸗ nen?“— „Ach hoͤren ſie mich, theurer Mann, hoͤren ſie mich,“ rief Eleonore, ihre Haͤnde flehend zu ihm aufhebend;„einzig Furcht fuͤr Dave⸗ nants Leben, das durch Taylor bedroht wurde, konnte mich dahin bringen, dieſe Zeilen zu ſchrei⸗ ben!— Ich wönſchte, ſohald er ſein neues Stand⸗Quartier beziehen wuͤrde, waͤhrend ſeiner Abweſenheit verheirathet zu werden; denn wahrlich, Sidney, ich liebe dich, und nur dich allein!“— „Da ſie das Naͤmliche dem Hauptmann Taylor verſichern, mein Fraͤulein, muß noth⸗ wendig einer von uns betrogen werden, und kei⸗ ner kann ihren Worten trauen. Obgleich nun zwar alle Vorbereitungen zu unſerer Hochzeit ſchon getroffen ſind, iſt dieſer Brief in meinen und jedermanns Augen hinlaͤnglich, mich zu rechtferti⸗ 368 gen, und ich erklaͤre alſo hiermit unſere Verbin⸗ dung fuͤr Null und nichtig.“— Eleonore ſiel bei dieſen Worten in heſtigen Kraͤmpfen zu Boden, und mußte in ihr Schlaf⸗ zimmer getragen werden, wohin Clara, die ſie zwar nicht entſchuldigte, ſie aber doch bemitleide⸗ te, ihr folgte. Sobald ſie aber ihre Beſinnung wieder erhielt, verlangte ſie allein gelaſſen zu werden.— 5 Als Clara wieder zu den Maͤnnern kam, hoͤrte ſſe Davenants Entſchluß, London auf kurze Zeit zu verlaſſen, und jeder ſah dies, bei den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden, als das Zweckmaͤ⸗ ßigſte an. Doch hoffte Morley, die ſaubre Muͤndel werde das Feld bald raͤumen, und in dieſem Falle verſprach Davenant zurückzu⸗ kehren. Nach einem kurzen Abſchiede begab Clara ſich wieder zu der Kranken, deren Thraͤnen jetzt noch haͤufiger floſſen.— Unter dem heftigſten Schluchzen legte ſie endlich einen eben empfange⸗ nen Brief von Taylor in ihre Haͤnde, in wel⸗ chem er ihr kund that, daß er nun, da die Hochzeitkleider ſchon verfertigt wuͤrden, nicht laͤn⸗ 369 ger an ihrer Verbindung mit Davenant zwei⸗ feln koͤnne, mithin die Falſchheit, mit der ſie ihn hingehalten hatte, voͤllig einſaͤhe, foͤrmlich Ver⸗ zicht auf ſie leiſte, und ſich beſtreben werde, ſo bald ais möglich ein Maͤschen zu vergeſſen, wel⸗ ches wahrer Liebe durchaus unwerth ſey. ⸗ — Nachdem ſie etwas ruhiger geworden, geſtand ſie Claven auf die Frage, warum ſie dieſe zweideutige Rolle geſpielt habe, daß eine gewiſſe Abhnung ihr immer zugeſliſtert, es wuͤrde nichts aus der Heirath mit Davenant werden, und ſie ſich daher nicht habe entſchließen koͤnnen, den Mann, den ſie fruͤher geliebt habe, gaͤnzlich aufzu⸗ geben.— Jetzt aber ſchienen beide unwiederbring⸗ lich fuͤr ſie verloren, obgleich ſie ſich augenblicklich noch immer mit der Hoffnung ſchmeichelte, Tay⸗ lorn vielleicht begreiflich machen zu koͤnnen, ſie habe nur um ſeinetwillen mit Davenant ge⸗ brochen. Die Sache aber mußte in London natuͤrlich Aufſehen erregen; hier konnte ſie nicht bleiben, um ihre Plaͤne weiter durchzufuͤhren, und ſie entſchloß ſich alſo, eine entfernt wohnende, O. II. 24 970 kraͤnkliche Schweſter zu beſuchen, und von dort aus die Unterhandlungen mit dem Hauptmann aufs Neue anzuknuͤpfen. Dem Vormund konnte nichts Erwauͤnſchteres kominen, als ihrer los zu werden, und ſo reiſte ſie nach wenigen Tagen, begleitet von ihrem Kammermaͤdchen und Bedienten, nach Devonshire ab.— In Clarens Seele kehrte jetzt immer mehr eine ungeſtoͤrte Heiterkeit zuruͤck.—„Wenn er wiederkommt, werde ich ihm ohne Scheu ſagen koͤnnen, daß ich mit Niemanden auf der Welt verſprochen bin,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt; dann aber erwachte der Gedanke wohl in ihr: wenn ihr dies Geſtaͤndniß ſchon ſo ſchwer geworden ſey, waͤh⸗ rend ſie ihn ſelbſt gebunden glaubte, wie viel ſchwerer es ihr dann nun werden wuͤrde.— Doch auch dieſe Betrachtung vermochte ſie nicht niederzuſchlagen; war doch Davenant, den ſie ſo herzlich liebte, aus den Feſſeln einer Frau befreit, die ihn nie haͤtte begluͤcken koͤnnen; in dieſem Gedanken allein lag ſchon Troſt.— Den⸗ noch ſehnte ſie ſich nicht wenig nach ſeiner Ruͤck⸗ 371 kehr; auch kehrte er ſchneller zuruͤck, als man es nach dem vom Oheim an ihn abgeſandten Briefe hatte ahnen koͤnnen, und ohne von ſeiner Ankunft unterrichtet zu ſeyn, traf Clara ihn eines Mor⸗ gens unerwartet bei Morley, in deſſen Stu⸗ dierzimmer ſie unbefangen hineinhuͤpfte. Eine hohe Roͤthe uͤberzog bei ſeinem Anblicke ihre Wangen, verlegen ſtand ſie da, ohne eine Silbe hervorbringen zu koͤnnen, und er, ſich an dieſer Verlegenheit weidend, erroͤthete faſt eben ſo ſehr, indem er ihr entgegen ging, um fie zu begruͤßen.— Morley, ſie bemerkend, dachte im Innern, daß doch wohl an der ganzen Geſchichte mit dem armen Leutnant kein wahres Wort ſeyn moͤge. „Sidney,“ ſagte er endlich, um ein Ge⸗ ſpraͤch anzuknuͤpfen,„weiß der Himmel, was mit dem Maͤdchen da vorgegangen iſt; ſie iſt munte⸗ rer als die arme Eleonore in ihren beſten Tagen war. Das ſingt im Hauſe herum, ſpringt zwei Stufen auf der Treppe auf einmal hinunter, 24* 872² und ſcheint ganz den vormaligen, ruhigen, ge⸗ meſſenen Schritt verlernt zu haben!— Ich habe dich fruͤher oft Clarens ſtille Anmuth preiſen hoͤren, und muß faſt fuͤrchten, daß du dieſe liebenswuͤrdige Eigenſchaft jetzt an ihr ver⸗ miſſen wirſt.. Pettiiti d2n „Meiner Meinung nach iſt Fraͤulein De⸗ lancy in jedem Augenblick von den Grazien umgeben, und es kann ihr alſo nie an Anmuth fehlen,“ erwiederte Davenant nit freundlichem Laͤcheln. 83. „Außerordentlich verbindlich,“ tief Mor⸗ ley;„aber du mußt doch geſtehen, daß es ſaſt ein wenig gefuͤhllos von Clara erſcheint, ſo ungewoͤhnlich munter zu ſeyn, nachdem ſie erſt eben ihre Freundin aus dem Hauſe verloren hat. — Sprich ſelbſt, Kind, und vertheidige dich, wenn du kannſt.“— „ Das wird mir eben ſo ſchwer nicht werden,“ erwiederte ſie,„denn obgleich Eleonore meine 373 Freundin war, beſitze ich doch auch einen Freund, der gewiß noch hoͤhere Rechte auf meine Achtung hat, und waͤhrend ich nun Eleonorens Ge⸗ ſchick beklage, troͤſtet mich das Bewußtſeyn“—— „Welches Bewußtſeyn?“— rief Dave⸗ nant haſtig.— 1 „Seiner Befreiung.“— „Befreiung mag man es wohl mit vollem Recht nennen,“ ſagte Morley;„aber Kind, du ſelbſt hieltſt dieſe Verbindung fruͤher doch ſehr paßlich?“— „Das that ich nie.“— „Nie, Clara! Du ſetzeſt mich in Erſtau⸗ nen!— Ich glaubte du ſagteſt, oder du dach⸗ teſt wenigſtens, daß“————— Hier fiel es dem Alten ein, wie er ſelbſt Davenant verſichert habe, Clara haͤtte geaͤußert, was nie uͤher ihre Lippen kam, um ihn nur ſchneller zum —— —— — Entſchluß zu bringen, und er wurde nun ſo ver⸗ wirrt, daß er, ein dringendes Geſchaͤft vorgebend, ſich eiligſt entfernte, und die Beiden bei einan⸗ der allein ließ. un. 1 „Sie uͤberraſchen mich in dieſem Augenblicke hoͤchſt angenehm,“ hob Davenant an;„mein Oheim ſagte mir fruͤher, ſie ſelbſt wuͤnſchten dieſe Verbindung.“ „Iſt es möglich?“— „Es iſt nur zu wahr,“— und nun wie der⸗ holte er woͤrtlich, was Morley damals mit ihm geſprochen hatte. Im erſten Moment vermochte Clara vor Erſtaunen und Verdruß kein Wort hervorzubrin⸗ gen; dann aber uͤberzeugte ſie den Freund gaͤnzlich von der Grundloſigkeit dieſer Behauptung, und wie ſie nur auf ſeine Frage geaͤußert habe, ihr gegenſeitiges Betragen damals in der Kutſche, waͤre ganz das von ein Paar verliebten Leuten ge⸗ 375 weſen,„und ſie ſelbſt werden ſich erinnern,“ ſetzte ſie erroͤthend hinzu,„ob ich in bieſer Dehnuweunng unrecht hatte.“— Sahanadt konnte dies keineswegs leugnen. „A fuhr Clara fort,„dies war wieder Luchi eine der Unwahrheiten meines Vormun⸗ des, die er unſchuldige Luͤgen betitelt, und wobei er kein Unrecht ſieht.— Was aber kann ſeine Abſicht dabei geweſen ſeyn; denn ſicher lag eine verborgen!“— 414 Beide ſtanden noch im ſtummen Nachdenken verloren, als ein Beſuch gemeldet wurde. Da⸗ venant nahm Abſchied fuͤr den ganzen Tag, da er zu einer Geſellſchaft geladen war; ſeine Stimmung aber erlaubte ihm nicht, ein heitrer Geſellſchafter zu ſeyn; freundliche Hoffnung hatte ſich wieder ſeiner Bruſt bemaͤchtigt, und es ſchien ihm ſo fuͤß, dieſen Traͤumen nachzuhaͤngen. Hatte der Oheim ihn in einer Hinſicht hintergehen koͤn⸗ nen, ſo mochte er auch wohl bei mehreren Gele⸗ genheiten nicht voͤllig die Wahrheit geſagt haben, ſſſſ 376 und Clara's Herz und Hand waͤren vielleicht noch frei.— So lispelte die Hoffnung ihm unaufhoͤrlich zu; dann aber ſtellte ſich der Degen, und manches Andere wieder vor ſeine Einbildungs⸗ kraft, um ihn zu martern, und er beſchloß endlich, der Qual ein Ende zu machen, und ſie ſelbſt am naͤchſten Tage beſtimmt zu fragen. Als er unter ſtarkem Herzpochen im Hauſe des Oheims anlangte, ſuchte er ſie vergebens in dem Zimmer, wo ſie ſich gewoͤhnlich aufzuhalten pflegte; nach einem Angenblick ungeduldigen Har⸗ rens, legte er ſeinen Hut dort ab, und eilte in des Oheims Studierſtube. Auch dieſer war nicht daheim. Mit dem feſten Entſchluß, endlich jemand aufßzufinden, begab er ſich nun durch eine Reihe ihm wohlbekannter Zimmer. Gerade als er die Thuͤr des vorderſten oͤffnete, ſah er Clara, welche ſich weinend auf die Schulter eines Officiers lehnte, der ſie mit ſeinen Armen umſchlungen hielt, ihr noch einen Kuß auf Wange und Stirn druͤckte, und mit den Worten:„Gott mit dir, Engel!“— ſich von ihr losriß, bei Davenant verbeirannte, und im Augenblick verſchwand. e7 Wie angewurzelt ſtand Davenant einige Secunden; die Frage, um derentwillen er hierher kam, ſchien mit einemmale beantwortet, und er glaubte jetzt, den oft ſchon beneideten Beau⸗ mont nun mit eignen Augen geſehen zu haben. Der Gedanke war ihm unertraͤglich; er wollte ihn nicht von Clara's Lippen beſtaͤtigt hoͤren, Augen, weinend in einer Ecke des Sophas ſaß, ohne ihn zu bemerken, rannte er die Treppen hinunter, und zum Hauſe hinaus. Kaum aber war er ein Paar Schritte im Freien, als er be⸗ merkte, daß er ohne Hut ſey, und ſich alſo in der Nothwendigkeit befand zuruͤckzukehren, um dieſen zu holen. Ungluͤcklicher Weiſe mußte Clara nun wieder in dieſem Zimmer ſitzen; auf den Haͤnden geſtuͤtzt, lag ihr ſchoͤnes Haupt auf dem Tiſche gelehnt; Schmerz war ſo vorherr⸗ ſchend in ihrem ganzen Weſen, daß Davenant, ſie anblickend, allen Groll vergaß, und nur Mit⸗ leid füͤhlte. Leiſe ruͤckte er einen Stuhl nahe an ſie hinan, ergriff freundlich eine ihrer Haͤnde, und nahm es ſich vor, ſeine eignen Wuͤnſche ver⸗ und indem dieſe noch mit dem Tuche vor den 378 geſſend, alles aufhubieten, um lheen e Gram zu lindern.— 1 Seine erſte Frage, ob nicht Beaumont ſie eben verlaſſen habe, wurde mit leiſer Stimme bejahend beantwortet.— Nun fragte er weiter, ob er vielleicht jetzt mit ſeinem Regi⸗ mente nach Weſtindien muͤſſe?— Clara ant⸗ wortete wieder, daß dem ſo ſey, und bereitete ſich nun mit pochendem Herzen auf die folgende Frage. „Fraͤulein Delanecy,“ hos Davenant endlich ernſt an,„die Scene, von welcher ich eben Zeuge geweſen bin, beſtimmt mich, London mor⸗ gen zu verlaſſen, und mich auf eine weite Reiſe zu begeben; ehe ich aber ſcheide, wuͤnſche ich ih⸗ nen zu zeigen, wie werth mir das Gluͤck der Tochter einer mir ewig thauren Frau t3i— Bei dieſen Worten ſtand er vcelſh auf, und ging mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und nieder; doch bald ſetzte er ſich wieder, und —— 379 fuhr mit gehaltener Stimme fort:„Es gab eine Zeit,— warum ſollte ich mich ſchaͤmen, es zu geſtehen,— da ich noch hoffte, die einſt fuͤr die Mutter gehegte Zaͤrtlichkeit auf die mir unendlich theure Tochter uͤbertragen zu duͤrfen; kaum aber hatte ich ſie wieder geſehen, und ſo recht im In⸗ nerſten der Seele empſunden, wie ſie ſo vöͤllig den kühnften Hoffnungen, die ich mir fluͤher in ſuͤßen Traͤumen von der Gefaͤhrtin meines Lebens entworfen hatte, entſpraͤchen, als ich auch ſchou erfuhr, daß ihr Pend dem Leunant B Beaumont — 23 ntt mate nen das?“ fei Clara cea lna 6 8* „Mein Oheim, und Eleonore beſtaͤtigte es durch mehr denn hingeworfne Winke.“— „Ahnete ich es doch,“ rief Clara; und Davenant ihr keine Zeit zu naͤheren Erklaͤrun⸗ gen laſſend, fuhr fort:„dieſe Worte und Winke wurden gleichfalls durch verſchiedene Umſtaͤnde 88⁰ beſtaͤtigt; das was ich heute ſah, hebt voͤllig jeden nooch uͤbrigen Zweifel meines Herzens, und vernich⸗ tet alle Hoffnung mit der ich dieſes Haus betrat. des, eines Bruders, und gieb mir Gelegenheit mich als ſolchen zu zeigen.“— Hier ſtockte feine Stimme vor tiefer Bewegung, und Clara, zu ſelig und zu geruͤhrt, um Worte ſinden zu koͤnnen, verbarg ihr Geſicht aufs Neue in dem Tuche.— „Clara,“ fuhr er nach einer Weile gefaß⸗ ter fort,„du haſt gegenwaͤrtig noch keine Macht, oͤber dein Vermoͤgen zu ſchalten; ich aber habe Geld und Einfluß, und beides iſt zu deinen Dienſten, um deinen Geliebten unter ein anderes Regiment zu bringen, das ſicher iſt, nicht in ein ſo entferntes, gefaͤhrliches Klima geſandt zu wer⸗ den; dann will ich ihm Geld zu ſeiner weitern Befoͤrderung vorſchießen.— Unendlich ſuͤß zwar würde es mir geweſen ſeyn, dein Gluͤck durch mein eignes Herz gruͤnden und befoͤrdern gedurft zu haben; aber da dies nun einmal nicht moͤglich 381 iſt, ſo will ich mich damit troͤſten, es durch ei⸗ nen Andern, der ſo gluͤcklich iſt von dir geliebt zu werden, befoͤrdern zu helfen.— Sprich nur ein„Wort, ſage daß du mich bedauerſt, und durch die Annahme meines Auerbiethens troͤſten willſt! 16— lora. nahm jetzt das Juch von den Auf gen, und indem ſie ihn mit einem durch Thraß nen ſuͤß laͤchel nden Blick anſah, ſagte ſie, ihre Hand auf die ſeine legend:„In Beaumonts Namen nehme ich ihr Anerbiethen an, und ge⸗ ſtehe, daß es mich einer großen Sorge entledigt, die ſchwer auf meinem Herzen gelaſtet hat, doch nur unter der Bedingung, daß ſie nie verrathen, was er mir iſt.“— 1. A Inuamn „Auch das, wenn ſie es verlangen.“— „Ich muß es;— ſo hoͤren ſie denn: dieſen Leutnant Beaumont iſt“—— „Was 2 fragte Davenant, faſt athem⸗ los.— „Der Sohi nnettes Baters, nid mnein Bru⸗ der.⸗ 3 1 3„Gott ſey gepriefen!“ rief Davenant, in heftige Thraͤnen ausbrechend, die im Schmerz zuruͤckgehalten, jetzt reichlich vor Freude uͤber⸗ ftrömten.— und Clara, zwar mit zitternder Stimme, fuhr dennoch in ihrer Rede fort, um lhi nun alles zu entraͤthfeln. Dies Gehenntſß butde mir von meiner Mutter uͤberliefert, der mein Vater es, in den Tagen ſeiner Bewerbung um ſie, anvertraut hat⸗ te; doch nur ſie allein wußte es, und ſagte es mir, nahe vor ihrem Ende, damit ich fuͤr Beau⸗ mont thun ſollte, was ſie, ſo lange ſie lebte, für ihn gethan hatte. Mit Ungeduld erwartete ich die Zeit meiner Muͤndigſprechung, damit ich ihn thaͤtiger unterſtuͤtzen koͤnne; um aber im Geiſte meiner Mutter zu handeln, die nie den gering⸗ ſten Schatten auf den Vater bringen wollte, habe ich unſere nahe Berwandtſchaft ſtets geheim ge⸗ halten, ſo wie auch Beaumont es gethan hat. 3 383 — Es ihnen aber zu vertrauen, ſtehe ich jetzt kei⸗ nen Augenblick mehr an, da mein Geheimniß bei ihnen ſicher iſt, und uͤberdem“——— „Fahre fort, theuerſte Clara,“ ſagte Dave⸗ nant, indem er ſich zu ihr beugte, und eine ih⸗ rer Haͤnde ergriff, die ſie willig in der ſeinigen ruhen ließ,„fahre fort, und ſage mir, warum du mir ein Geheimniß vertrauſt, das du allen an⸗ dern Menſchen verſchwiegſt?“— „Weil es,“ erwiederte Clara, lieblich erroͤ⸗ thend,„doch vielleicht bald nicht allein meine Freude, ſondern auch meine Pllicht ſeyn moͤchte, vor dir nichts zu verbergen.“— Ein Blick in das, bei dieſen kaum hoͤrbar gelispelten Worten, maͤdchenhaft geſenkte, jetzt aber wieder zu ihm empor gehobene Auge, ließ den entzuͤckten Davenant ſeinen ganzen Him⸗ mel leſen. Doch ſchweigen wir von den weitern Verhandlungen unter dem verliebten, und jetzt voͤllig einverſtandnen Paare, die eigentlich doch O. II. 25 384 nur für die handelnden Perſonen Intereſſe ha⸗ ben.— Morley, der ſich vorgeſetzt hatte, die Leut⸗ chen recht auszuforſchen und zu bearbeiten, damit doch eine ſeiner Muͤndel die Frau ſeines Neffen werde, fand bei ſeiner Nachhauſekunft die Trakta⸗ ten ſchon voͤllig geſchloſſen, zu ſeinem nicht gerin⸗ gen Erſtaunen. Als er ihnen aber ſeinen Gluͤck⸗ wunſch abſtatten wollte, ſiel ihm die Kaͤlte auf, mit welcher Beide dieſen aufnahmen; auch war Clara zu aufrichtig, um ihm verbergen zu koͤn⸗ nen, wie ſehr ſein Betragen gegen ſie ihr miß⸗ fallen habe; in aller Freundlichkeit fuͤgte ſie den Wunſch hinzu, daß er ſowohl, wie Eleonore, durch Erfahrung belehrt, es einſehen moͤchten, wie man durch Luͤgen, welche gerade nicht aus boͤſer Abſicht geſagt wuͤrden, eben ſo viel Schaden und Verderben uͤber Andere bringen koͤnne, als durch wirkliche Bosheits⸗Luͤgen.— Ueberhaupt wolle ſie jedem fuͤr die Zukunft rathen, nie die Wahr⸗ heit zu umgehen, da nur in dieſer Sicherheit und „Ruhe fuͤrs Leben liege.— ——— — 385 „Wahrhaftig,“ rief Morley, indem er ſich zwang zu laͤcheln, obgleich es ihm wohl nicht ſo zu Muthe ſeyn mochte,„heut zu Tage wollen die jungen Leute uns Alten Geſetze vorſchreiben, und behandeln uns, als wenn ſie Kinder vor ſich haͤt⸗ ten.— Mag es aber darum ſeyn; ihr koͤnnt vielleicht Recht haben. Wie aber war es moͤgli⸗ cher Weiſe vorherzuſehen, daß Eleonore ein ſo garſtiges Geſchoͤpf werden koͤnnte?“ „Doch, lieber Oheim, wußten ſie, daß ich von Anfang an Clara vorzog; wie ungluͤcklich haͤtten ſie mich nun leicht fuͤr mein ganzes Leben durch ihre falſchen Vorſpiegelungen machen koͤnnen!“— „Und auch mich,“ rief Clara, mit t deſen Gefuͤhl.— „Auch dich!“— erwiederte Morley ſchalk⸗ haft;„ſieh einmal an!— Wuͤrdeſt du wirklich durch Sidney's Verbindung mit Elesnorden ungluͤcklich geworden ſeyn?“— „Wenigſtens wuͤrde ſie den feſten Entſchluß in mir hervorgebracht haben, nie zu heirathen, da 25* — 386 ich nie einen andern Mann ſo haͤtte lieben koͤn⸗ nen?— 29 „Sprich kein Wort weiter, Kind,“ rief Mor⸗ ley geruͤhrt;„es kommt mir jetzt wahrlich ein Grauen bei dem Gedanken an, auf ein Haar zwei ſo gute Menſchen zeitlebens ungluͤcklich ge⸗ macht zu haben.— Den beſten Erſatz fuͤr mein Unrecht aber gebe ich wohl, indem ich euch jetzt witeinander allein laſſe.— Doch erſt ſage mir noch, Clara, was ſoll aus dem armen Kriegs⸗ mann werden?“— „Er bleibt mir, was er mir war, mein Freund; und Davenant wird fuͤr ſein Fort⸗ kommen ſorgen!“ Der alte Herr fand es jetzt nicht raͤthlich, mehr zu ſagen, und ließ das gluͤckliche Paar mit einander allein, zu deren Seligkeit es gehoͤrte, fuͤr die Zu⸗ kunft auch das Gluͤck ihrer Freunde zu begruͤnden. Fielding erhielt durch Davenants Ein⸗ ſluß bald eine eintraͤglichere Stelle.— Obriſt 382 O⸗Byrne fand mit jedem Tage die Aehnlich⸗ keit zwiſchen Marie und Clara auffallender, und teug endlich die Zaͤrtlichkeit, welche er fuͤr dieſe gehabt hatte, in erhoͤhtem Maße auf jene uͤber, die ſeine Liebe mit unbefangenem, jugendli⸗ chen Herzen erwiederte, und bald, mit der Be⸗ willigung der Mutter und des Oheims, die Frau des braven Irlaͤnders wurde. Eleonoren nur war alle Hoffnung abge⸗ ſchnitten, Taylors Neigung wier de n gewinnen, ruche mit ihr, ein anderes Maͤdchen heirathete. Sobald ſie aber die Nachricht von Davenants und Clarens da er zwei Monate nach dem Br Verbindung erhielt, ſuchte ſie ſich uͤber dieſen, wie uͤber jenen Verluſt zu troͤſten, indem ſie ihre Hand einem alten Edelmanne in Sidmouth ſchenkte.— Eiferſuͤchtig auf ſeine junge, ſchöne Frau, be⸗ wachte er ſie mit Argus⸗Augen, und traute ihr ſelbſt dann nicht, wenn ſie kein Mißtrauen verdiente.— So beſtand ihr ganzes Leben in Zaͤnkereien im Hauſe, und im Einſammlen neuen Stoffes fuͤr haͤusliche Uneinigkeit, ſobald ſie ſich mit ihrem ſtrengen Waͤchter in Geſellſchaft befand. 388 . Viel anders aber war Davenants und Clarens Leben beſchaffen. Im gegenſeitigen, auf Achtung gegruͤndeten Vertrauen, floſſen ihre Stunden in ununterbrochner Eintracht dahin, waͤh⸗ rend ihr Gluͤck noch durch Kinder erhoͤht wurde, die in ſtrenger Liebe zur Wahrheit erzogen, und durch Beiſpiel belehrt, der ſchoͤnſte Segen ihrer Eltern wurden.— Verbeſſerungen: Seite 31 Z. 8 v. unten I. frei, ſtatt reif. — 71— Z. unten l. ſeiner, ſtatt ſeine. — 1068— 7 v. uniten I. Pflicht, ſtatt Pflecht.