Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 ÜUhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 3 b 4. Abonneament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: für achentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ͥ ⁴y————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 5„— ⸗ 5. Auswüärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Auswahl kleiner Erzaͤhlungen nach dem Engliſchen der Maria Edgeworth. 8* 5 Erſter Theil. . ö 3 Jena, bei Friedrich Frommann, 1 8 2 O, — ——————— —— Bilder aus dem Leben. Eine Auswahl der neueſten Engliſchen Romane und Erzaͤhlungen, beſonders für Frauenzimmer. Erſter Theil. Kleine Romane und Erzaͤhlungen nach MNM r 3. O pi e. Erſter Theil. Jena, bei Friedrich FIrommann, 9. 1 8 † Frau Arlington, oder Es iſt nicht alles Gold was glaͤnzet. 1 „Wem mag wohl jenes Haus gehoͤren?“ fragte Frau Derville einen voruͤbergehenden Landmann, als ſie mit ihrer achtzehnjaͤhrigen Toch⸗ ter Johanne, ihrem zwanzigjaͤhrigen Sohne Lio⸗ nel und ihrer kleinen Marianne, die erſt acht Jahre zaͤhlte, von London in ihre Heimath zu⸗ ruͤckkehrte, die in einer entfernten Grafſchaft lag. „Jenes Haus, erwiederte der Mann, nebſt allen Laͤndereien, die es umgeben, ſo weit das Auge nur reicht, und den Waldungen, die ſich faſt bis an die Seekuͤſte hinunter ziehen, gehoͤrt ei⸗ ner gewiſſen Frau Arlington.“ O. I. 3 1 2 „Welch ein reizender Wohnort!“ ſagte Jo⸗ hanne. „Und je naͤher man kommt, je anmuthi⸗ ger erſcheint er,“ fuͤgte die Mutter hinzu. 4„Ach ſieh nur, Mutter, den ſchoͤnen Gar⸗ ten dort unter den Fenſtern, rief in kindlichem Froh⸗ ſinn die klſeine Marianne; mich duͤnkt, ich rieche ſogar hier ſchon den Duft der Blumen.“ „Welch eine Freude muß es ſeyn, dort zu le⸗ ben,“ ſiel Lionel ganz begeiſtert ein. „Ja gewiß, die Beſitzerin muß eine benei⸗ denswerthe Frau ſeyn,“ verſetzte die Mutter mit einem Seuſßer. „Ach wohl beneidenswerth!“ hallte es aus dem Munde der Kinder wieder, indem der Weg ſie um dies irdiſche Paradies herumfuͤhrte, wel⸗ ches bei jeder neuen Anſicht neue Schoͤnheiten entfaltete. Es war wirklich ein herrlicher Fleck. Ein praͤchtiges, großes Gebaͤude erhob ſich auf Terraſſen an der Wand eines hohen, uͤppig be⸗ wachſenen Huͤgels, hinter welchem, von einem ne⸗ benuͤberliegenden Huͤgel, das Meer in nicht zu großer Entfernung dem Auge ſichtbar wurde, und — —— ſchweigen ſiel. 3 die Ausſicht aus dem hinterel Theile der Woh⸗ nung auszumachen ſchien. Die Vorderſeite des Gebaͤudes uͤberſah einen ſtillen, friedlichen Schauplatz. Am Fuße der Terraſſen ſchlaͤngelte ſich ein klarer Bach durch gruͤne Matten, die von duftendem Geſtraͤuch umzaͤunt waren; an beiden Seiten des Hauſes zogen vielfarbige Blumenbeete das Auge wunder⸗ voll an, und erfuͤllten die Luft mit ihren Wohl⸗ geruͤchen, waͤhrend Treib⸗ und Gewaͤchshaͤuſer nebſt andern Neben⸗Gebaͤuden, in einem edlen Style erbaut, dem Ganzen durch ihre architekto⸗ niſche Schoͤnheit noch neuen Reiz verliehen, und ſowohl den Geſchmack als den Reichthum der Beſitzerin verkuͤndeten. „Welch eine Wonne muß es ſeyn, hier zu le⸗ ben!“ wiederholten die Reiſenden einmal um das andere. „Ja gewiß, und ich beneide dieſe Frau Arlington um den herrlichen Beſitz,“ ver⸗ ſetzte die in Gedanken verſunkene Frau Der⸗ ville, indem ſie den letzten Blick uͤber die rei⸗ che Herrſchaft warf, und dann in ein tiefes Still⸗ 1 4 Freilich war dieſe Beſitzung an Beſchaffen⸗ heit und Umfang ſehr von der ihrigen verſchie⸗ den, vögleich an Schoͤnheit der Lage und innrer Gemüͤthlichkeit die Pfarrei, welcher Derville als Prediger vorſtand, ſich mit jeder andern meſ⸗ ſen konnte. Bis zu dieſem Augenblicke hegte die gute Frau ſelbſt hieruͤber nie einen Zweifel; aber eine Erbſchaft, eine Reiſe nach London und ein ſechswoͤchentlicher Aufenthalt daſelbſt, hatten ihre Gedanken in dieſer Hinſicht etwas veraͤndert. In einem Alter von ſechzehn Jahren war Frau Derville als eine in ihrem Kreiſe all⸗ gemein bewunderte Schoͤnheit aufgetreten, und ſowohl ihre koͤrperlichen als geiſtigen Reize, ver⸗ bunden mit einer ehrenwerthen Herkunft und ei⸗ nem anſehnlichen Vermoͤgen, hatten eine Verbin⸗ dung mit ihr von allen Seiten wuͤnſchenswerth gemacht.— Unter vielen Bewerbern zeichneten Zwei ſich durch die Verſchiedenheit ihrer irdiſchen Anſpruͤche beſonders aus; einer war ihr an Reichthum weit uͤberlegen, beſaß eine Wohnung und Guͤter, die ſich wohl mit dem Beſitzthum der Frau Arlington meſſen konnten; der an⸗ dere war weit weniger beguͤtert als ſie; aber ſein 3 innrer Werth entſchied, und die reiche, ſchoͤne Anne Pointz gab Herz und Hand dem jungen Derville, der in den geiſtlichen Stand getreten war, und beſchenkte ihn mit einer anſehnlichen Pfruͤnde, die einen Theil ihres Vermöͤgens aus⸗ machte. Jeder Tag uͤberzeugte ſie von der Weisheit ihrer Wahl, da jeder Tag, jede neue Lage des Lebens ſie neue Tugenden in ihrem Gatten ent⸗ decken ließ, der als Mann, Lehrer und Vater Allen zum Muſter dienen konnte. Drei liebliche Kinder hatten das Band ehelicher Gluͤckſeligkeit noch feſter um beide Gatten geſchlungen, als eine vornehme Verwandte, die zu ſtolz geweſen war, waͤhrend ihres Lebens mit der Frau des Predi⸗ gers Derville irgend eine Verbindung zu pfle⸗ gen, ſtarb, und ihr ein anſehnliches Vermaͤchtniß an Geld, nebſt einem Theil ihres Hausgeraͤthes, ihrer Kleidungsſtuͤcke u. ſ. w. uͤberließ, bei wel⸗ chem die Wahl ihr freigeſtellt war. So ſchien es raͤthlich, ja ſogar nothwendig fuͤr ſie, ſich ſelbſt nach London zu begeben. Mit ſchwerem Herzen verkuͤndete Derville ihr die Unmoͤglichkeit, ſie ſelbſt nach der Hauptſtadt 6 zu begleiten, da niemand waͤhrend ſeiner Abwe⸗ ſenheit ſein Amt verwalten koͤnne. Im Innern ſeiner Seele aber lag noch ein anderer Grund, warum er eben jetzt ſeine Gemeinde nicht verlaſ⸗ ſen wollte. Doch dieſen ſuchte er zaͤrtlich vor der Gattin zu verheimlichen, nicht allein um ihr unnoͤthige Sorge zu erſparen, ſondern auch um ſie und ſeine Kinder in Sicherheit zu wiſſen. Ein anſteckendes Fieber war grade im Dorfe aus⸗ gebrochen, und Dervillen, der uͤberzeugt war, daß ſeine Frau, wenn ſie dies wuͤßte, entweder dar⸗ auf beſtehen wuͤrde, Pflicht und Gefahr mit ihm zu theilen, oder wenigſtens ihren Aufenthalt in London nicht ſorgenfrei genießen koͤnne, gereichte es zur Beruhigung, alle ſeine Lieben außer Ge⸗ fahr und gluͤcklich zu wiſſen. So ſuchte er den Ausbruch der Krankheit ſorgfaͤltig vor ihr zu verbergen, und beſtand darauf, daß ſie unverzuͤg⸗ lich mit den Kindern abreiſen ſollte, obwohl es ihm ſchwer wurde, einer Trennung entgegen zu ſehen, die vielleicht auf immer fuͤr dieſe Welt ſeyn konnte. Doch das Bewußtſeyn, ſeine Pflicht zu erfuͤllen, und das Theuerſte was er auf Er⸗ den hatte, in Sicherheit zu bringen, gab ihm — 7 Kraft, den Abſchied und die Trennung maͤnnlich zu beſtehen, wiewohl er es ſich nicht verhehlte, daß eben dieſen Lieben vielleicht auf jener Reiſe Ge⸗ fahren einer anderen Art drohen koͤnnten, die leicht eben ſo groß ſeyn moͤchten, als die, vor welchen er ſie in dieſem Augenblicke zu ſchuͤtzen bemuͤht war. 1 Gluͤcklich erreichten unſere Reiſenden am dritten Tage die Hauptſtadt. Da ſie bisher au⸗ ßerhalb ihrer Heimath nirgend als in einem be⸗ nachbarten Bade geweſen waren, verſetzte der Laͤrmen in den Gaſſen dieſer ſo volkreichen Stadt ſie in kein geringes Erſtaunen, und waͤhrend Frau Derville, Lionel und Johanne alle Dinge mit ſtiller Verwunderung anblickten, war die kleine Narianne in unaufhoͤrlichen Ausrufun⸗ gen kindlichen Entzuͤckens begriffen, bis ſie an das Haus gelangten, welches üür Anwald für ſie ge⸗ miethet hatte. In den erſten Tagen ihres Aufenthalts ſiel nichts Merkwuͤrdiges vor, da Frau Derville ſich nach der Reiſe etwas unwohl fuͤhlte, und kein angelegentlicheres Geſchaͤft kannte, als ihrem Manne einen unſtaͤndlichen Bericht ihrer eigenen 8 8 und beim Anblicke Londons abzuſtatten. Obgleich ſie wohl wußte, daß ſie nicht allein nach der Haupt⸗ ſtadt gekommen war, um an ihren Mann zu den⸗ ken und ihm Briefe zu ſchreiben, fuͤhlte ſie ſich doch ſo einſam in der ihr fremden Menge, daß ſie ſich am liebſten mit ihren Gedanken nach der ſo theuren Heimath wandte, und die ſüßeſte Beruhi⸗ gung in der Beſchaͤftigung mit dem Gatten fand. Glaͤcklich fuͤr ſie, daß ſie die Gefahr nicht ahnete, in welcher er ſchwebte! Sie beſchloß, nicht in das Sterbehaus; zu gehen, und die Schaͤtze, die ihrer dort warteten, zu betrachten, bis Lady Lucy Donellan, die ihrer Verwandtſchaft wegen gleiche Rechte mit ihr an dem Erbtheil hatte, im Stande ſeyn wuͤrde, ſie dahin zu begleiten, und benutzte nun die Zeit, waͤhrend dieſe Dame unpaß war, ſich und ihre Kin⸗ der mit anſtaͤndigen Trauerkleidern zu verſehen. Aber Lady Lucy, uicht allein begierig alle dieſe Dinge mit eigenen Augen zu ſchanen, ſondern auch voll Verlangen ihre Mit⸗Erbin kennen zu lernen, um zu erfahren, ob ſie nicht vielleicht einigen Vortheil aus ihrer Einfalt ziehen konne, achtete ihre und ihrer Kinder Empfindungen waͤhrend der Reiſe, ——— — ————— 9 Krankheit nicht, und fuhr ſchon am dritten Morgen fruͤh bei Frau Derville vor.— Noch hatte ſie ſich keine feſten Verhaltungsregeln ihres Be⸗ tragens gegen die Pfarrers⸗Frau vorgeſchrieben, und war unſchluͤſſig, ob es beſſer ſei, ihr durch ihren Rang zu imponiren, oder durch herablaf⸗ ſende Guͤte ſie dahin zu bringen, ihrer vornehmen Verwandtin in allem gefaͤllig zu ſeyn. Ueberzeugt daß weder die Mutter noch die Kinder ſich in ordentlicher Geſellſchaft praͤſentiren koͤnnten, be⸗ ſchloß ſie dennoch ſie zum Mittags⸗Eſſen einzu⸗ laden; aber nur einige von ihr abhaͤngige Per⸗ ſonen dazu zu bitten, um nicht erroͤthen zu muͤſ⸗ ſen, an ihrer Tafel ſolche linkiſche Figuren vom Lande zu haben. Noch war dieſer wichtige Entſchluß nicht voͤl⸗ lig in ihrem Innern gereift, als ſie ſchon aus ihrer Kutſche ſtieg.— Frau Derville, dieſen Beſuch wenig ahnend, ſaß eben mit ihren Kindern in einem hintern Zimmer des Hauſes, und ſang mit Johanne und Lionel einen italieniſchen Canon, welchen eine Dame, die ſie im Bade kennen gelernt, ſie gelehrt hatte. 10 So wie Lady Lucy den Fuß auf die er⸗ ſte Stufe der Treppe ſetzte, und dieſe in der That recht harmoniſchen Toͤne hoͤrte, blieb ſie vor Erſtaunen ſtehen, und glaubte ſich in der Wohnung geirrt zu haben; aber der fuͤr die Zeit des Londoner Aufenthalts angenommene Bediente verſicherte, daß ſeine Herrſchaft ſaͤnge, und mit einem Reſpect, den ſie nie geglaubt hatte fuͤr die Pfarrers⸗Familie zu empfinden, trat ſie in die Thür. Frau Derville beſaß zu viel Einfachheit des Charakters und eigene Wuͤrde, um auch nur einen Augenblick beim Eintritte eines Vornehme⸗ ren in Verlegenheit zu gerathen, und zu Lady Lucy's noch groͤßerem Erſtaunen wurde ſie ſo⸗ wohl von der Mutter als Tochter mit ſo vieler Leichtigkeit bewillkommt, als wenn ſie ihres Glei⸗ chen geweſen waͤre.— Noch aber ſollte ihr Er⸗ ſtaunen nicht enden; denn war ihr Ohr vorher entzuͤckt geworden, ſo wurde es nun ihr Auge, als ſie die perſoͤnlichen Reize dieſer Menſchen erblickte; und noch ehe die erſten Begruͤßungen voruͤber waren, und die Lady ruhig auf ih⸗ rem Stuhle ſaß, hatte ſie ſich ſchon uͤberzeugt, 11 daß ihre neuen Freunde nicht allein praͤſentabel, ſondern eine hoͤchſt angenehme Zugabe fuͤr ihre Cirkel waͤren, vorzuͤglich jetzt im Julius⸗Monat, da etwas Neues einen außerordentlichen Reiz hat⸗ te, weil die alten Schoͤnheiten ſchon anfingen aus der Mode zu kommen. Lady Lucy beſchloß alſo, Frau Derville ſollte, als eine ſchoͤne Da⸗ me vom Lande, die nahe Verwandtin und Erbin der Lady Anne Pointz, nebſt ihrer reizenden Tochter, und ihrem huͤbſchen Sohne, die alle wie Engel ſaͤngen, der Gegenſtand ihrer Lobeserhebun⸗ gen fuͤr die naͤchſte Woche ſeyn, und am Ende derſelben wollte ſie ihnen zu Ehren ein Feſt geben, um ſie glaͤnzend in die ſchoͤne Welt einzufuͤhren. Eine Zeitlang verdraͤngte ſogar der Gedanke dieſes Feſtes alle anderen eigennuͤtzigen, habfuͤchtigen Gedanken, indeß bald kehrten dieſe in vollem Ma⸗ ße zuruͤck; uͤberzeugt aber, daß dieſe Landpredi⸗ gers⸗Frau ſich nichts durch Scheu und Furcht ablocken laſſen wuͤrde, verſuchte ſie alle Kuͤnſte der Schmeichelei um zu ihrem Zwecke zu kemmen, und es gelang ihr nur zu gut. Man entſchloß ſich endlich auf ihr Bitten, noch einmal zu ſingen, ward gelobt, bewundert, und dieſes kleine Talent, wel⸗ 52 ches bisher nur einigen Werth gehabt hatte, weil es das Ohr eines Gatten und Vaters entzuͤckte, bahnte ihnen jetzt durch die Lobeserhebungen der Lady den Weg in glaͤnzende Geſellſchaften, wohin ſie nie gehofft hatten zu kommen. Auch vergaß man nicht, die perſoͤnlichen Schoͤnheiten zu erheben, und obgleich man den aͤltern Theil der Familie nicht ſo ins Angeſicht loben konnte, wiewohl Frau Der⸗ ville im ſechs und dreißigſten Jahre noch ausſah als die aͤltere Schweſter ihrer Tochter, und Jo⸗ han ne ihrer noch immer ſchoͤnen Mutter ſehr aͤhn⸗ lich war, bezeigte Lady Lucy doch wenigſtens ihr Entzuͤcken uͤber die Schoͤnheit des kleinen Maͤd⸗ chens, und verſicherte, ſie ſei ganz das Ebenbild der Mutter und Schweſter. Gewiß, liebe Frau Derville, auch ihr Sohn gleicht ihnen voͤllig, fuͤgte ſie hinzu, nur ſind ſeine Augen dunkler, ſeine Geſichtsfarbe und ſein Ausdruck maͤnnlicher!— Suͤß toͤnte dieſe Sprache der Schmeichelei; denn aufrichtig, wie die Der villes ſelber waren, glaubten ſie auch an die Aufrichtigkeit Anderer, und hielten die Lobpreiſungen ihrer neuen Bekann⸗ tin fuͤr voͤllig uneigennuͤtzig. Aufrichtig waren ſie allerdings gemeint, denn da Lady Lucy den — 13 Eindruck kannte, welchen neue, huͤbſche Geſichter in der Londoner Welt machten, verſprach ſie ſich ſo viel Aufſehen von der Erſcheinung dieſer Neuheiten in ihrem naͤchſten, auserwaͤhlten kleinen Cirkel, daß ſie ganz begeiſtert wurde. Sie war ſo liebenswuͤrdig, ſo unterhaltend, daß die Dervil⸗ les ſich freuten, ſie am andern Tage wieder ſehen zu ſollen. Sie kam, holte die Mutter ab, um ſie in einen der erſten Putzlaͤden zu fuͤhren, und alles wegen des Trauer⸗Anzugs zu ordnen, wieß den jungen Derville zu einem modiſchen Schneider, und dann fuhr man mit einander ins Sterbehaus, um den Nachlaß der Verblichenen zu uͤberſehen. La⸗ dy Lucy erhielt, was ſie wuͤnſchte, und zur Ver⸗ geltung nahm ſie die Fremden mit in ihre Loge in der Oper, verſchaffte ihnen eine Loge in beiden Schauſpielhaͤuſern fuͤr zwei andere Abende der Woche.— Genug, ſie zeigte ſich ungemein huld⸗ reich, und waͤhrend Derville mit Gefahr ſei⸗ nes Lebens am Krankenbette kniete und betete, die Armen mit ſeinem eigenen Vorrath von Wein und Arzeneien unterſtuͤtzte, redeten die Briefe ſeiner Frau nur von Opern, Concerten und Schau⸗ ſpielen, von Bewunderungen der Lords, von Ein⸗ 14 kadungen der Lady's, und von ihrem und ihrer Kinder Singen vor den Ohren erlauchter Ken⸗ ner und Liebhaber.— Auch konnte er, wenn er dies alles las, oft nicht umhin zu ſagen: habe ich nicht in meiner blinden Weisheit dieſe lieben Ge⸗ ſchoͤpfe groͤßeren Gefahren ausgeſetzt, als ihrer hier warteten, einer moraliſchen anſteckenden Seu⸗ che, die ſchlimmer iſt als der Tod?— Dann aber richtete er ſich wieder durch den Gedanken auf, daß gute Grundſaͤtze und gute Gewohnhei⸗ ten nicht in einem Augenblicke zerſtoͤrt werden, und es troͤſtete ihn, daß ſie ja nur waͤhrend eines Monats in London bleiben ſollten. Das Ende dieſes Monats war indeſſen her⸗ angekommen, und Frau Derville wollte eben noch um eine Verlaͤngerung des Auſenthalts bit⸗ ten, als Derville ihnen ſchrieb, noch eine Wo⸗ che laͤnger zu bleiben. Willig wurde dieſer Bitte Folge geleiſtet, obgleich Fran Derville ein et⸗ was demuͤthigendes Gefuͤhl bei dem Gedanken empfand, daß ihr Mann, unaufgefordert, den Zeitpunkt ihres Wiederſehens noch laͤnger hinaus⸗ ſchoͤbe. Wenig ahnete ſie, daß eſe Bhunſc ein neuer Beweis ſeiner Liebe ſei, da er fuͤrchtete, daß 15 die Anſteckung, der er gluͤcklich entgangen ſei, noch immer fuͤr ſie gefaͤhrlich ſeyn moͤge. Der kleine Verdruß dauerte indeß auch nur einen Au⸗ genblick, da die ertheilte Erlaubniß ihr zu einer Quelle neuer Vergnuͤgungen ward, indem eine angenehme Einladung nach der andern fuͤr die Woche erfolgte. Die Wirklichkeit zeigte ſich eben ſo reizend als die Erwartung der Dinge, und nur ein Glied der Familie ſehnte ſich wieder zu⸗ ruͤck in den ſtillen laͤndlichen Aufenthalt, und pries London nicht als den herrlichſten Ort der Weit. Dies war die kleine Marianne, welche in ihr Bettchen mußte, wenn die andern auf glaͤnzende Feſte gingen, und welche alle kunſtreichen Gaͤrten Londons ſchlecht fand, in Vergleichung mit ihrer lieben Heimath. Haͤtten die ſchoͤnen Laͤden, die praͤchtigen Equipagen, das Gewuͤhl der Menſchen ſie nicht noch in etwas entſchaͤdigt, ſo wuͤrde das arme Kind ſich recht ungluͤcklich gefuͤhlt haben waͤhrend eines Aufenthaltes, der alle andern in Entzuͤcken verſetzte. Endlich naheten auch die beiden letzten Tage dieſer Woche heran; man mochte eben ſo wenig an die Abreiſe denken, und muütterliche Eitelkeit 16 und Zaͤrtlichkeit, verbunden mit dem eigenen Ver⸗ gnuͤgen, welches Frau Derville noch darin fand, in der modiſchen Welt bewundert zu wer⸗ den, brachten ſie endlich zu der Bitte, den Aufent⸗ halt noch um eine andere Woche verlaͤngern zu duͤrfen. Nicht ohne innre Befriedigung ihrer Ei⸗ telkeit hatte ſie bemerkt, daß ein vornehmer Mann von angenehmen Aeußern ihrer Tochter ganz er⸗ klaͤrt den Hof machte, und da Johanne ſehr zu ſeinem Vortheil eingenommen ſchien, hoffte ſie, daß ernſthaftere Erklaͤrungen bald folgen, und ſie durch ihre Schoͤnheit und ihre Talente ein Gluͤck in der Welt machen wuͤrde, wie es ſchon ſo manche an⸗ dere junge Maͤdchen gemacht haͤtten.— Johanne hoffte eigentlich das naͤmliche; das Bild eines jungen Geiſtlichen aus ihrer Nachbarſchaft, der, mit des Vaters Bewilligung, ſich um ihre Neigung bewarb, wurde von Tage zu Tage ſchwaͤcher, und die Liebe, welche vor dieſer Reiſe ſich ihres jun⸗ gen Herzens ſchon ziemlich bemaͤchtigt hatte, war in Gefahr, von der Ehrſucht verdraͤngt zu werden. Deßhalb wuͤnſchte auch ſie ſehnlichſt, den Aufent⸗ halt in London verlaͤngern zu koͤnnen; ihr Bruder wuͤnſchte es gleichfalls, weil es ſeinem Stolze ſchmeichelte ſich von einem jungen Baron, Sir Mordaunt Williams, auf alle Weiſe aus⸗ gezeichnet zu ſehen. So vermochten der Kinder Wuͤnſche und ihre eigenen Frau Derville, ob⸗ gleich nicht ohne ein innres Gefuͤhl von Scham und Reue, ihren Gatten zu bitten, ſie bis zum Anfange der zweiten Woche des Auguſt⸗Monats in London zu laſſen. Der Brief war geſchrieben, aber noch nicht abgeſchickt, als der Wagen vor der Thuͤr hielt, um ſie in eine Geſellſchaft zur Lady Lucy Do⸗ nellan zu fahren.— Man kam daſelbſt an, und Lord Bar⸗ rington(der vornehme Herr, von dem vorher die Rede war) ſtellte ſich wie gewoͤhnlich hinter Jo⸗ hannens Stuhl. Da er ein Mann von Talen⸗ ten, und ein hoͤchſt wichtiger Mann in allen Eirkeln der großen Welt, ſo wie im Parlamente war, füͤhlte ſich Lady Lucy nicht wenig geſchmeichelt ihn oft in ihrem Hauſe zu ſehen, und dankte es der kleinen Schoͤnheit vom Lande daß ſie ihn jetzt ſo haͤuſig dahin bannte. Auch Lionel fand gleich ſeinen neuen Freund unter der froͤhlichen Menge, der ſich an ſeinen O. 1. 2 18 Arm hing, und mit ihm in der Reihe der praͤch⸗ tigen Gemaͤcher auf und nieder ſpatzierte. Zum erſten Mal ſahen Dervilles heute die weiten Gemaͤcher alle geoͤffnet; die Schoͤnheit derſelben im vielſtrahligen Glanz der Lichter, die Pracht der Anzuͤge, alles trug dazu bei, ih⸗ nen diefen Abend in den erſten Augenblicken als den herrlichſten erſcheinen zu laſſen, den ſie in dieſer Art in London erlebt hatten. Auch Frau Derville haͤtte beſtaͤndig ei⸗ nen Anbeter zur Seite haben koͤnnen, wenn ſie ihre Grundſaͤtze haͤtte ihrer Eitelkeit voͤllig auf⸗ opfern wollen. Nicht allein war ſie noch ein Gegenſtand der Bewunderung aller Maͤnner, die ſie nie vorher geſehen hatten, ſondern auch noch derſelbe Liebhaber, welcher in fruͤheren Jahren aus Liebe zu Derville von ihr war verwor⸗ fen worden, befand ſich jetzt oft in ihrer Geſell⸗ ſchaft, und ſuchte ſie bei jeder Gelegenheit zu uͤberzeugen daß er ſeine alte Neigung nicht vergeſ⸗ ſen habe. Er war Pair des Reichs, und ſo feſt uͤberzeugt er auch ſchien daß ſeine Auszeichnung der Pfarrers⸗Frau ſehr ſchmeichelhaft ſeyn muͤß⸗ te, ſo erlaubten ihre Grundſaͤtze ihr doch nicht ſie 19 im vollen Maße anzunehmen, und ſelbſt die Ei⸗ telkeit vermochte es nicht uͤber ſie, ihm mehr als ein hoͤfliches Laͤcheln zu goͤnnen. Zwar gab es Angenblicke, in welchen ſie wohl wuͤnſchte daß ihr ein glaͤnzenderes Loos gefallen ſeyn moͤchte; indeß verband ſie mit dieſem Gedanken nur die Moͤglichkeit daß ihr Mann einſt im geiſtlichen Stande hoͤher ſteigen koͤnne. Doch wir kehren zu dem Abend⸗Cirkel bei Lady Lucy zuruͤck.— Der ſtets um Jo hannen beſchaͤftigte Lord bat ſie und eine andere Dame mit ihm in ein Nebenzimmer zu gehen, um dort Erfriſchungen einzunehmen. Frau Dervil⸗ le, ihre Entfernung bemerkend, hielt es als Mut⸗ ter fuͤr Pflicht zu folgen; indeß war das Gedraͤnge in den Thuͤren ſo groß daß ſie eine Weile ſtille ſtehen mußte. Waͤhrend dieſer Zeit hatte ſie das Vergnuͤgen Lionel am Arme des jungen Mannes haͤngen zu ſehen, den man allgemein als ein, Muſter der ſchoͤnen Welt pries, und ihr muͤtterlicher Stolz geſtand ſich nicht ohne innres Wohlbehagen, daß ihr Sohn dieſen Phoͤnix an friſcher, jugendlicher Schoͤnheit, an edlem maͤnnlichen Ausdrucke, noch weit uͤbertraf. 2* 20 In dieſem Augenblicke ſagte ein aͤltlicher Mann in ihrer Naͤhe zu ſeinem Nachbar: „Wer mag dies neue Opfer ſeyn, deſſen ſich Sir Mordaunt ſo ausſchliefiih üemachtin . hat? 2u „opfer! 1— was verſtehen ſie drunter⸗ Sir T Th om as? „Ich meine daß es ein Verderben fuͤr je⸗ den jungen Mann ſei, von Sir Mordaunt bemerkt und vorgezogen zu werden; denn unfehl⸗ bar wird er ihm ſeine eigenen Laſter einimpfen, und ihn mit ſich an den Spieltiſch ſchleppen.“ „Ich fuͤrchte ſie haben nicht Unrecht,“ war die Antwort. „Ich weiß daß ich Recht habe!— Aber ſa⸗ gen ſie mir doch den Namen des armen Juͤng⸗ lings. Er hat ein ſo gutes, unſchuldiges Anſe⸗ hen, daß ich wuͤnſchte ſein Gefaͤhrte moͤchte ihm weniger gefallen“.— „Er iſt wirklich noch ein Neuling in der Welt, erwiedere der Andere, der Sohn einer Da⸗ me die erſt kuͤrzlich vom Lande gekommen iſt, und durch Lady Lury in der Welt eingefuͤhrt wird. 82 21 „Die arme Frau!“ rief der gutmuͤthige Beob⸗ achter.„Iſt denn kein Menſch ſo mitleidig ſie zu warnen, und ſie zu bitten dieſe Vertraulichkeit ihres Sohnes mit dem gefaͤhrlichen Manne zu ver⸗ hindern? Von Lady Lucy iſt freilich dieſe uneigennuͤtzige Freundlichkeit nicht zu erwarten.“ Obgleich dieſe Worte leiſe gewechſelt waren, hatte Frau Derville alles gehoͤrt; mit welchen Empfindungen, laͤßt ſich leicht denken. Die letzte Bemerkung brachte ſie aber faſt aus aller Faſ⸗ ſung; ſie war nahe daran ſich umzuwenden, und zu ſagen: die arme Frau iſt gewarnt, Gott vergelte es ihnen 1 Hatte ſte nun auch Gewalt ge⸗ nug uͤber ſich ſelbſt dieſe Worte zuruͤckzuhalten, ſo wandte ſie ſich doch unwillkuͤhrlich nach dem Spre⸗ cher um, der an ihrem glaͤnzeuden Auge, der ho⸗ hen Roͤthe ihrer Wangen, und dem ganzen Aus⸗ drucke der Dankbarkeit zu erkennen glaubte, wer ſie ſei, und nach eingezogener Erkundigung fand daß er ſich nicht getaͤuſcht habe. Im erſten Mo⸗ ment freute er ſich, abſichtlos einer Mutter be⸗ huͤlflich geweſen zu ſeyn ihr Kind vom Verder⸗ ben zu retten; aber er war ein Weltmann, und fuͤrchtend daß dieſe Frau ihn anreden und naͤhere 22 22 Erkundigungen uͤber Sir Mordaunt bei ihm einziehen moͤge, die er nicht gerne beantwortete, zog er ſich ſo ſchnell als moͤglich aus ihrer Naͤhe zuruͤck, vorzuͤglich da ein Freund von ihm ihn grade jetzt laut bei Namen anredete.— Nun mußte er verſchwinden, da Frau Derville ſchon mehr als er wuͤnſchte von ihm gehoͤrt hat⸗ te; denn konnte ſie ihrem Sohne nicht ſagen: es iſt Sir Thomas Waring, der behauptet daß dein neuer Freund ein gefaͤhrlicher Menſch, ohne alle Grundſaͤtze iſt.— Es waͤre doch thoͤ⸗ richt, fuͤgte er zu ſich ſelbſt hinzu, mich um dieſer Leute willen, die mich nichts angehen, mit Sir Mordaunt und ſeiner Familie zu ent⸗ zweien! So ſprach der Weltmann, und ward den Abend nicht wieder geſehen.— Frau Deroille hatte nun das Zimmer er⸗ reicht wo Erfriſchungen gegeben wurden, und be⸗ merkte Johannen, die mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit auf Lord Barringtons Unterhaltung horchte. Zufrieden ihre Tochter nicht aus dem Geſichte zu verlieren, wollte ſie ſich nicht naͤher zu ihr draͤngen, ſondern nahm einen leeren Stuhl ein, forderte ein Glas Eis, und dachte uͤber die 23 zweckmaͤßigſten Mittel nach ihren Sohn von dem verderblichen Umgange zu entfernen. Indem ihre Gedanken auf dieſe Weiſe beſchaͤftigt waren, wandte ſie den Ruͤcken gegen zwei Damen, die gleichfalls Erfriſchungen zu ſich nahmen, und dhoͤrte eine von ihnen zu der andern ſagen: „Ich ſehe ihn immer an ihrer Seite; wer iſt ſie denn?“— „Sie iſt die Tochter einer gewiſſen Frau Derville, Verwandtin und Erbin der Lady Anne Point;z; die Mutter aber ſehe ich heute nicht in den Zimmern.“ „Es iſt aber doch ſonderbar und hoͤchſt un⸗ ſchicklich daß ſie ihre Tochter ſo allein herumzie⸗ hen laͤßt.“ „Ach, es iſt eine einfaͤltige Frau vom Lan⸗ de, die wohl nichts Boͤſes dabei denkt, wenn eine ſo junge Gans mit einem verheiratheten Mann von funfzig Jahren herumgeht. Sie freilich, und ich, die wir Lord Barrington kennen, wiſſen daß wir unſere Toͤchter keinem gefaͤhrliche⸗ ren Manne anvertrauen koͤnnten. Nie war wohl ein Erſtaunen groͤßer als das, welches Frau Derville in dieſem Augenblicke 88 24 empfand. Lord Barrington ein verheirathe⸗ ter Mann! Unmoͤglich!— Da die Damen in⸗ deſſen noch mehr Eis forderten, blieb ſie ſtille ſitzen, in der Hoffnung daß ſie ihr Geſpraͤch viel⸗ leicht fortſetzen wuͤrden.— „Sehen Sie, ſehen Sie, ſagte die Eine bald darauf, wie das arme Maͤdchen erroͤthet und wie vergnuͤgt ſie ausſieht! Ich will weiter nichts ſagen als daß es mich freut daß es nicht meine Tochter iſt! Wahrhaftig, waͤre der Lord unver⸗ heirathet, die haͤtte ihn gefangen; aber gebunden iſt er, und wird es bleiben, das kann er nur glauben, denn noch geſtern habe ich Lady Bar⸗ rington geſehen, die noch eben ſo jung und ge⸗ ſund ausſah, als da ſie vot zwanzig Jahren aus⸗ einander gingen.“ „Huͤten ſie ſich ihm das zu erzaͤhlen, wenn ſie ſeine Gunſt nicht verſcherzen wollen, und wuͤn⸗ ſchen ihn bei ihrem morgenden Cirkel genenwär⸗ tig zu haben”“— Nach dieſen Worten verließen ſie das Zimmer, ohne Frau Derville zu bemerken. Verwnn⸗ derung, Zorn und getaͤuſchte Erwartungen kaͤmpf⸗ ten in dem Gemuͤthe der Mutter; doch ſiegte 25 der Zorn; denn war Lord Barrington ver⸗ heirathet, was konnten ſeine Abſichten ſeyn?— Und wie unfreundlich war es, am gelindeſten aus⸗ gedruͤckt, von Lady Lucy, es ihr nicht zu ſa⸗ gen.— Doch, fuͤgte ſie innerlich hinzu, konnte Lady Lucy denken daß ich ſo— ſo thoͤricht ſeyn konnte, von einem Pair zu erwarten daß er meine Tochter heirathen wuͤrde!— Niedergebeugt, beleidigt, beſchaͤmt, und ſich ſelbſt anklagend, ſtand ſie noch einen Augenblick bewegungslos am Tiſche; dann eilte ſie mit ra⸗ ſchen Schritten zu ihrer Tochter, bemaͤchtigte ſich ihres Arms, und bat einen Bekannten ihren Wa⸗ gen rufen zu laſſen. Indem ver ließ ſie ſchon das Zimmer, und der Lord war gegen ſeinen Willen ge⸗ noͤthigt mit J ohannen zu folgen. Als ſie ſchon im Wagen ſaß, bat Frau Derville den Herrn der ſie gefuͤhrt hatte, ihren Sohn zu rufen. Er brachte ihn, und man fuhr fort. Stillſchweigend hatte man neben einander im Wagen geſeſſen; auch die Nacht verging der Mutter faſt ganz ſchlaflos, doch faßte ſi ſie den feſten Entſchluß am naͤchſt fol⸗ genden Tage die Stadt zu verlaſſen, wovon ſie die Nothwendigkeit um ſo mehr einſah, da Lis. 26 nel ſie noch am Abend gebeten hatte, mit Sir Mordaunt auf ein Pferderennen gehen, und einige Tage bei ihm in ſeinem Jagdſchloſſe blei⸗ ben zu duͤrfen. Fruͤh ſtand Frau Derville auf, und ließ ihren Anwald bitten ſogleich zu ihr zu kommen. Bei ihm erkundigte ſie ſich nach Sir Mor⸗ daunt, und hoͤrte alles am geſtrigen Abend Ge⸗ fagte, beſtaͤtigt. Die Frage nach Lord Bar⸗ rington ſchien ihr unnoͤthig, da die That ge⸗ gen ihn ſprach. Er war verheirathet, und ſein Betragen gegen ihre Tochter litt keine Entſchul⸗ digung.— Als Johanne und Lionel hereintraten, ſchien Letzterer etwas auf dem Herzen zu haben, das er ſich ſcheute hervorzubringen. Sie glaubte es ſei die erneuerte Bitte Sir Mordaunt zu begleiten, und hielt es fuͤr rathſam dem Dinge ein Ende zu machen, indem ſie ſagte daß ſie den Brief an den Vater verbrannt habe, und ent⸗ ſchloſſen ſei London Morgen zu verlaſſen.— „Ach wie freue ich mich, rief die klſeine Marian⸗ ne, dann werde ich den lieben Vater wieder ſe⸗ hen, und Nelly, und meine Kaninchen!“— 27 Aber Marianne war auch die einzige Gluͤck⸗ liche; Bruder und Schweſter ſchienen traurig um ihrer ſelbſt willen, und die Mutter war es um ihrentwillen. Sie fuͤrchtete daß das Herz ihrer Tochter ſchon Liebe fuͤr den Lord gefaßt, und daß der Umgang mit Sir Mordaunt ihrem Sohne eine Neigung zum großen Leben beige⸗ bracht habe, die ſich wenig zur Vorbereitung auf ſeine Studien fuͤr die Univerſitaͤt ſchicke.— Sie hielt es fuͤr das Beſte ihnen alles zu ſagen, was ſie in Hinſicht des Bewunderers der Ei⸗ nen, und des einſchmeichelnden Freundes des An⸗ dern gehoͤrt hatte, und indem ihr muͤtterliches Herz uͤber den Kummer blutete, den ſie ihnen verurſachen mußte, blieb ſie nicht ohne innre Vor⸗ wuͤrſe, aus Ehrgeiz und Eitelkeit zu leicht und nach⸗ ſichtig geweſen zu ſeyn. „Ja, mein ſuͤßes Kind, ſagte ſie nach einer Pauſe zu der kleinen Marianne, ja, wir werden den theuren Vater nun bald wiederſehen; aber ich fuͤrchte daß du die Einzige biſt, die ihm ohne innre Vorwuͤrfe ins Antlitz ſchauen kann, denn du biſt die Einzige, die immer gerne zuruͤckkehren wollte. Auch ich fuͤhle mich ſchuldig gegen ihn; 28 aber nun iſt alles uͤberſtanden, denn mich ekelt die Unredlichkeit und Schalheit dieſer Weltkinder an, ich ſehne mich in meine laͤndliche Wohnung und zu dem theuren Vater zuruͤck.“ „Einen Ekel vor London, vor dieſer herrli⸗ chen Stadt! riefen Lionel und Johanne. Liebe Mutter, wie kannſt du ſo ſprechen?— Und wann willſt du denn fort?— „Morgen.“ „Morgen!— Oh nicht Morgen, bleibe nur noch bis zur naͤchſten Woche!“— „Unmöglich!“— „Aber was wird Lord Barrington ſagen, Johanne?“ ſagte Lionel zu ſeiner Schwe⸗ ſter mit einem bedeutenden Laͤcheln. „Und was wird dein neuer Freund, Sir Mordaunt, ſagen, den du ſo hoch erhebſt?“ erwiederte Johanne erroͤthend. „Liebe Marianne, ſagte Frau Dervil⸗ be, gehe in die andere Stube, ſchließe dich ein, und ſchreib einen huͤbſchen Brief an den Vater, worin du ihm ſagſt daß wir kommen, und wie du dich daruͤber freueſt.“— Und Marianne, entzüͤckt uͤber den Auftrag, huͤpfte hinweeg, und 29 ließ ihrer Mutter die Freiheit, Mittheilungen zu machen, bei welchen ſie ein uͤberfluͤſſiger Zeuge ge⸗ heneſen ſeyn wuͤrde. „Es kuͤmmert mich wenig, ſuhr ſe zu den andern fort, was Sir Mordaunt, Lord Bar⸗ rington, und ſogar Lady Lucy ſagen moͤ⸗ gen. Je ſchneller du die Verbindung mit dem Erſteren abbrichſt, lieber Lionel, je beſſer iſt es fuͤr dich. Und wenn ich die ausgez eichnete Aufmerkſamkeit bedenke, die der Lord dir, liebe Johann e, beweiſt, ſo bin ich uͤberzeugt daß es Zeit iſt ein Ende darin zu machen.“ Bruder und Schweſter ſtammelten Beide ſo bewegt: was kannſt du nur damit meinen, Mutter? daß ſie alle ihre Kraͤfte zuſammenneh⸗ men mußte, um Lionel zu ſagen was ſie von ſeinem vermeinten Freunde gehoͤrt habe. Der junge Mann horchte auf, mochte nicht glauben was er hoͤrte, und doch rief ihm ſein Gedaͤchtniß ſo manches Wort, ſo manche Bemerkung aus dem Munde dieſes Freundes zuruͤck, daß er endlich uͤberzeugt wurde, dieſe Bekanntſchaft, ſo ſehr ſie ſeiner Eitelkeit geſchmeichelt habe, haͤtte doch ſei⸗ nem Frieden nachtheilig werden koͤnnen, und ſtill⸗ 1* 302 ſchweigend, aber nicht mißfaͤllig, willigte er in die morgende Abreiſe.—„Aber warum, ſagte er endlich, als er Johan nens verſtoͤrten Blick ſah, warum mißbilligeſt du Lord Barringtons Aufmerkſamkeiten gegen meine Schweſter, und fuͤhrſt ſie fort, ehe ſie ihre Eroberung vollendet, und der Pair ſich gegen ſie erklaͤrt hat?““ „Geſchwaͤtz!“ ſagte Johanne, innerlich erfreut obgleich ſie die Lippe aufwarf. 1„Ja wohl, Geſchwaͤtz, erwiederte Frau Der⸗ ville, da Lord Barrington ein verheirathe⸗ ter Mann iſt, obgleich er von ſeiner Frau ge⸗ trennt lebt.“ „Ein verheiratheter Mann!“ rief Lionel, indem er haſtig von ſeinem Sitze aufſprang, waͤh⸗ rend Johanne blaß und ſprachlos daſtand. „Ein verheiratheter Mann, und betraͤgt ſich ſo gegen meine Schweſter?— Dann iſt er ein Nichtswuͤrdiger!— Aber nein, es kann nicht ſeyn, man hat dich unrecht berichtet!“— „Unmoͤglich; ich hoͤrte es von einer Dame,. die ſeine Ken zün noch geſtern Mongen geſehen hatte.“— 31 Nun erzaͤhlte ſie woͤrtlich, was ſie im Ne⸗ ben⸗Zimmer hoͤrte. „Was ſoll ich thun? rief Johanne in der groͤßten Bewegung; Lord Barrington kommt dieſen Morgen, ich kann ihn nicht ſehen. Ver⸗ heirathet— und ſich ſo gegen mich zu betragen!“ — Hier erleichterte ein Thraͤnenſtrom ihr armes, gepreßtes Herz. Mutter und Bruder ſuchten ſie zu bernhigen, obgleich Lionel meinte, wenn der Lord kaͤme, wuͤrde er ihn zur Rede ſtellen. End⸗ lich erhielt die Mutter durch viele Vorſtellungen von dem Sohne das Verſprechen, in dem Falle das Zimmer zu verlaſſen, und es gelang ihr ih⸗ rer Tochter zu beweiſen daß ſie bleiben muͤſſe, um dem Lord durch ihr ganzes Benehmen zu zeigen, daß wenn ihr Herz ſie auch auf kurze Zeit haͤtte zur Schwaͤche verleiten koͤnnen, die Ue⸗ berzeugung der Unrechtlichkeit ſeiner Geſinnungen ſie augenblicklich wieder zur Vernunft gefuͤhrt ha⸗ be. Denn gewiß fuͤhlſt du es tief, mein Kind, ſetzte ſie hinzu, daß ein verheiratheter Mann, der es verſucht die Neigung eines unſchuldigen Maͤdchens zu gewinnen, durchaus ohne alle Grundſaͤtze von Ehre und Rechtlichkeit ſeyn muß. 32 „Ach gewiß, gewiß,— doch dachte ich, hoffte ich= aI 29t⸗ „Ja, rief Lionel, der Gedanke die ſchoͤne Stirn mit einer Grafenkrone zu ſchmuͤcken hat dich vergeſſen machen daß, wenn du dieſen Brautſchmuck truͤgeſt, der arme Eduard um deinetwillen den Weidenkranz tragen, und viel⸗ leicht bald eine Trauerweide uͤber ſeinem Grabe wehen wuͤrde. ‚eſchwätz!“ erwiederte Johanne wieder; aber mit einem Tone, der ſehr verſchieden von dem war, mit welchem ſie das Wort etwas fruͤ⸗ her ausgeſprochen hatte; denn die Erinnerung an ihren treuen, tugendhaften Liebhaber that ihr wohl, obgleich innre Vorwuͤrfe bei dem Gedan⸗ ken erwachten, daß ihr Herz ſchwach genug gewe⸗ ſen ſei, ſo ſeichten, ſelbſtiſchen Schmeicheleien Eingang zu geſtatten; Frau Derville aber gab ihrer Eitelkeit noch den letzten Stoß, indem ſie das Alter des Lords anfuͤhrte.— Lionel lachte laut auf bei dem Gedanken daß ein Maͤdchen von achtzehn Jahren ſich vor Liebe zu einem Juͤng⸗ linge gegen funſzig verzehren koͤnne. Johan⸗ ne ſelbſt konnte ſich bei dieſer Bemerkung nicht 33 des Laͤchelns enthalten, und da die Mutter jetzt gluͤcklich ihren Endzweck erreicht zu haben glaubte, fuhr ſie keichteren Herzens fort alles auf die Reiſe vorzubereiten. b Als Lord Barrington kam, hatte Frau Der⸗ ville die Beruhigung zu ſehen, daß ihre Tochter ſich voͤllig zu ihrer Zufriedenheit gegen ihn benahm. Er bemerkte zwar gleich daß etwas eine ſchleu⸗ nige Sinnesaͤnderung in Mutter und Tochter hervorgebracht haben muͤſſe, und konnte ſich die wahre Urſache nicht verhehlen, da es ihm eine Freude geweſen war mit ihrer Unwiſſenheit ſei⸗ ner Lage, die ſogar oft bei ſeinen naͤheren Be⸗ kannten in Vergeſſenheit gerieth, ein Spiel zu treiben, und die ehrſuͤchtigen Hoffnungen die er in ihrer Bruſt erweckt hatte, zu naͤhren. So⸗ bald er nun aber davon uͤberzeugt zu ſeyn glaubte, daß irgend jemand dieſen laͤndlichen Schoͤnheiten ſeine naͤheren Verhaͤltniſſe entdeckt habe, hielt er es fuͤr das Geſcheuteſte aus der Nothwendigkeit eine Tugend zu machen, und ſelbſt davon zu reden, um zu gleicher Zeit den Stolz zu demuͤthigen, der uͤber ihn den Sieg davon tragen wollte.— „Sie wollen alſo wirklich fort, ſagte er, und ich O. 1. . 3 34 habe doppelte Urſache dieſe ſchnelle Abreiſe zu be⸗ klagen, da mir noch nicht einmal das Gluͤck zu Theil geworden iſt ſie auf meiner Villa zu ſehen, und dort ſingen zu hoͤren, wo ich herrliche Zimmer zur Muſik und ein ganz vorzuͤgliches Inſtrument beſitze.— Meine Gemahlin iſt ſelbſt ſehr mu⸗ ſikaliſch, und hat alles nach ihrem Geſchmacke ein⸗ gerichtet; als wir uns trennten, beſtand ich dar⸗ auf dies fuͤr mich zu behalten. Vermuthlich haben ſie von meiner ungluͤcklichen Lage gehoͤrt?— Jo hanne konnte vor Aerger nicht antworten, Frau Derville aber ſagte: ſie wiſſe jetzt daß ter verheirathet und von ſeiner Gemahlin getrennt ſei, habe es aber erſt am vorhergehenden Abende erfahren. Es wurde mir ſchwer zu glauben, fuͤgte ſie hinzu, daß Ew. Herrlichkeit ſchon feit dreißig Jahren verheirathet ſind, da ihr ganzes Beneh⸗ men durchaus das eines jungen, freien, ungebun⸗ denen Mannes iſt. Er erroͤthete ſichtlich bei dieſer Bemerkung, und um ſo mehr, da er glaubte auf Johannens Lippen ein hoͤhniſches Laͤcheln ſchweben zu ſehen; um ſich aber fuͤr den Stich zu raͤchen, erwiederte er: daß, kaum dem Knaben⸗Alter entwachſen, er bei der Wahl ſeiner Braut unfaͤhig geweſen ſet auf etwas anderes als aͤußere Vorz zuͤge Ruͤckſicht zu nehmen. Lady Barrington ſei ſchoͤn, jung, und von hoher Geburt, die Tochter eines Her⸗ zogs geweſen, und da hohe Geburt, ſeiner Mei⸗ nung nach, eine unerlaͤßliche Eigenſchaft bei ei⸗ ner Frau fuͤr ſeinen Stand ſei, haͤtte er ſich gluͤck⸗ lich geprieſen, dieſe mit den uͤbrigen Vorzuͤgen in der Erbin des Herzogs von Bedfort vereint zu finden, und dadurch gaͤnzlich gegen die uͤbrigen Maͤngel verblen det, habe er ſein Ungluͤck nach der Verheirathung erſt einſehen gelernt. Man hielt es fuͤr beſſer nicht mehr uͤber dieſen Gegenſtand zu ſprechen. Frau Derville lenkte die Unterredung auf eiwas anderes, und Johanne ſchien unbefangen daran Theil zu neh⸗ men. Des Lords Verdruß war indeß ſo groß daß er den Eintritt des Anwalds benutzte, um ſich bei den Damen zu beurlauben. Dieſer blieb gleichfalls nur kurze Zeit, nach⸗ dem er den Entſchluß zur Abreiſe ſehr gebilligt hatte; nun aber ſtand 1 ihnen noch ein anderer Beſuch bevor, der ihre Abreiſe kein ieswegs gut hieß. Lady Lucy ſtuͤrzte ins Zimmer. 0* 3 36 „Wie, meine theuerſte Deroille, rief ſie, indem ſie zaͤrtlich ihre Haͤnde ergriff, was muß ich hͤren!— Aber ich kann es nicht glauben, bis ihre eigenen Lippen es mir beſtaͤtigen.— Man ſagt, doch nein, es iſt unglaublich! Man ſagt daß ſie uns Morgen fruͤh verlaſſen wollen! Und grade habe ich nichts in meinem Kopfe gehabt als Ein⸗ richtungen fuͤr die naͤchſte Woche.— Auf Mor⸗ gen Abend ein ſo allerliebſtes kleines Feſt in meinem Hauſe, bei welchem ſie und ihre Tochter die Koͤniginnen ſeyn ſollten, und wo ich ſie eini⸗ gen Perſonen vom erſten Range vorſtellen woll⸗ te, die beinahe vor Verlangen ſterben ſie kennen zu lernen.“ „Wir ſind ihnen fuͤr alle ihre Aufmerkſamkeiten ſehr verbunden, verſetzte Frau Derville kalt; nichts aber kann mich vermoͤgen noch eine Woche hier zu bleiben.“ „Nun gut dann, aber Morgen muͤſſen ſie noch bleiben, ich kann mich nicht ohne ſie zufrie⸗ den geben, da das Ganze um ihrentwillen einge⸗ richtet iſt. Ich habe der Geſelſſchaft mein Wort gegeben daß ſie die Freude haben ſollte ein Neſt der allerliebſten Sing⸗Voͤgelein zu ſehen und zu hoͤren.“ „Unmoͤglich, gnaͤdige Frau; die Voͤgel werden in Zukunft nur in ihren eigenen, ſichern, hei⸗ mathlichen Waͤldern ſingen, denn hier haben ſie doch nur Habichte zu fuͤrchten, die auf ihr unbe⸗ wachtes Haupt hernieder ſchießen”“— „Habichte! ſchoͤn figuͤrlich ausgedruͤckt, mir aber bei alle dem ganz unverſtaͤndlich; denn ich verſichere ſie daß alle meine morgenden Gaͤſte mehr den Turteltauben gleichen, die begierig ſind den ſuͤßen Saͤngern ihre Bewunderung entgegen zu girren. Unter andern werden ſie dort eine jun⸗ ge, ſchoͤne Erbin ſehen, die von ihnen, lieber Derville, Dinge ſagt, die ich nicht wiederho⸗ ten darf, um ſie nicht zu eitel zu machen.— Und ein gewiſſer Baron erklaͤrt Fraͤulein Der⸗ ville ſei eine Gottheit! Gewiß, Lord Bar⸗ rington vergeht vor Schmerz, wenn er dieſen Magnet nicht bei mir findet! Was wuͤrde er thun, wenn ſeine ſuͤße Sirene wirklich entflohen waͤre?“— „Sich ſo bald als moͤglich eine andere ſuͤße Sirene ſuchen, wenn es ihm gelingt eine zu fin⸗ 38 den, die die beſondere Auszeichnung eines verhei⸗ ratheten Mannes annimmt. Haͤtte meine Tochter gewußt daß er verheirathet waͤre, wuͤrde ſie ſich ſicher anders gegen ihn genommen, und ſich und ihre Mutter nicht zweideutigen Bemerkungen aus⸗ geſetzt haben.“ 4 „Iſt es denn nur moͤglich, Theure, daß Sie ſo ſchwach ſeyn koͤnnen ſich an das Gewaͤſche eiferſuͤchtiger, neidiſcher Frauen zu kehren?— Lord Barringtons Bewunderung iſt allein hiinlaͤnglich ein junges Maͤdchen gleich in die Mode zu bringen, und ich war entzuͤckt uͤber die Ar⸗ tigkeit, welche er unferer lieben kleinen Johanne bezeigte, weil ich wußte, welche Aufmerkſamkeit von der ſchoͤnen Welt dies uͤber ſie herbeiziehen wuͤrde.— Und nun, da es gelungen, da ſie ſo bewundert, ſo geſucht iſt, daß ſie unfehlbar ihr Gluͤck machen wird, iſt es ſtiefmuͤtterlich gehan⸗ delt ſie herauszureißen. Und dann, meine Beſte, erlauben ſie mir hinzuzuſetzen, wenn ſte es wirk⸗ lich nicht wußten daß der Lord verheirathet war, woran ich lieber nicht zweiſeln will, wird nicht ihre ſchnelle Abreiſe nach Erhaltung dieſer Nachricht jeden Menſchen davon uͤberzeugen, daß diefer 39 entzuͤckende Adonis von ſunſzig Jahren das Herz ihrer Tochter erobert hat, und ſie es fuͤr „beſſer halten zum Abmarſche zu blaſen, indem ſie zugleich der ganzen Welt die Schwachheit zei⸗ gen, in ihrer Lage, ſo hochfliegende, ehrgeizige Plaͤne fuͤr ihre Tochter gefaßt zu haben?“ Frau Derville war anfangs zu ſehr ge⸗ reizt, um auf dieſe lange, ſchlaue Rede gehoͤrig antworten zu koͤnnen, waͤhrend Johanne ſtill und zitternd da ſaß, und Lionel die Dame mit Blicken betrachtete, in denen man deutlich den Wunſch leſen konnte: waͤrſt du ein Mann, damit ich dich meine Fauſt fuͤhlen laſſen koͤnnte! „Wenn mein Ehrgeiz mich jemals zu dem Wunſche verleitet haͤtte mein Kind an einen Edelmann verheirathet zu ſehen, und dieſer Edel⸗ mann waͤre Lord Barrington, erwiederte Frau Derville endlich, ſo wuͤrde ich mich zur Buͤßung meiner Schuld den kraͤnkenden Bemer⸗ kungen Preis geben, welche ſie da ausmalten.“ „Aber haben ſie irgend ein Recht ihre Toch⸗ ter Preis zu geben? Beantworten ſie mir dieſe Frage.“— — ———— 40 „Johanne, antworte du ſelbſt, denn ich bin uͤberzeugt, du wirſt antworten wie es recht iſt.“— Und Johanne, die kaum vermoͤgend war ein Wort vor Thraͤnen hervorzubringen, er⸗ wiederte:„Was meine Mutter fuͤr ſich ſelbſt und fuͤr mich als das Beſte erkennt, davon bin ich uͤberzeugt daß es das Rechte iſt; und da ſie es gut haͤlt Morgen zu reiſen, ſo bin ich bereit ihr zu folgen, die Welt mag daruͤber urtheilen wie ſie will.“ „O Wunder uͤber das gehorfiune Kind!— Und ſie, Herr Derville, ſind ſie eben ſo wil⸗ lig und folgſam als das holde Schweſterlein? Wollen ſie auch im Nu alle ihre Verbindungen mit dem hoͤchſt intereſſanten jungen Manne, Sir Mord aunt, abbrechen, der ihnen mehr Auf⸗ merkſamkeiten als irgend einem andern Menſchen bewieſen hat, und der ihren Manieren die letzte aͤußere Politur haͤtte geben koͤnnen? „Ohne Zweifel, erwiederte Lionel, der durch Lady Lucy s ungereimtes Betragen gaͤnz⸗ lich auf die Seite der Mutter trat, haͤtten meine Manieren an Politur durch ihn gewinnen koͤn⸗ nen; aber was denken ſie wohl, gnaͤdige Frau, 41 wuͤrde aus meinem ſittlichen Charakter unter der Aufſicht eines ſolchen Lehrers geworden ſeyn, als wir nun im Sir Mordaunt erkennen?“— „Was koͤnnen ſie denn gegen Sir Mor⸗ daunts Sittlichkeit einzuwenden haben? Ich wage es kuͤhn zu behaupten daß er nicht ſchlech⸗ ter iſt als andere junge Leute, und ich kann nicht begreifen, wer der dienſtfertige Ohrenblaͤſer gewe⸗ ſen ſeyn mag, der durch ſeine Geruͤchte im Stan⸗ de iſt ſie alle augenblicklich in die Flucht zu ja⸗ gen, da es ihr hoͤchſtes Intereſſe ſeyn muͤßte zu bleiben.“ „Ein Zufall, oder richtiger geſagt, die Vor⸗ ſehung veranlaßte mich geſtern Abend ein Ge⸗ ſpraͤch anzuhoͤren, welches meine Plaͤne auf ein⸗ mal veraͤnderte, und wenn ich ihnen den Inhalt mittheile, werden ſie ſich nicht aaͤnger uͤber meinen Entſchluß wundern.“— Hier erzaͤhlte Frau Der⸗ ville, und ehe Lady Lucy antworten konnte, ſuhr ſie fort:„Sie ſehen nun, gnaͤdige Frau, ein Fremder fuͤhlte Mitleiden fuͤr die Mutter, welche ſie, eine angebliche Freundin, nicht einmal warnten. Ein Fremder wuͤnſchte daß ich auf meiner Hut ſeyn moͤchte, waͤhrend ſie ſorgfaͤltig meines Sohnes Gefahr vor mir verbargen.— Und wenn ſie nun alle dieſe Umſtaͤnde erwaͤgen, darf es ſie noch befremden daß die Voͤgelein, wie ich vorher ſagte, entſchloſſen ſind nicht laͤn⸗ ger herumzuflattern, wo ſie gewiß ſeyn muͤſſen daß Habichte auf ſie herabſchießen?“— Ueberzeugt daß die Augen der aͤngſtlichen Mutter jetzt zu klar geoͤffnet waren um ſich wie⸗ der zu ſchließen, ſah Lady Lucy nun keinen Ge⸗ winn mehr, den ſie von den Dervilles zie⸗ hen konnte, und hielt es alſo auch nicht laͤnger der Muͤhe werth ſich zu verſtelle. Mit der groͤßten Heftigkeit und Niedertraͤchtigkeit warf ſie nur noch der ganzen Familie die Verbindlichkeiten vor, welche ſie ihr haͤtten, und den Undank, mit dem ſie ihr lohnten. Frau Derville beſchuldigte ſie noch beſonders, unter der Maske der Moral und Religion ein ehrgeiziges, rachſuͤchtiges Herz zu verbergen, das nur zu leicht geneigt ſei das Boͤſe von ſeinem Nebenmenſchen zu glauben. „Wenig dachte ich, fuhr ſie fort, daß eine Be⸗ kanntſchaft, die ich mit ſolcher Freude knuͤpfte, auf dieſe Weiſe endigen wuͤrde. Weil es aber ſo ſeyn ſollte, freut es mich daß es ſich ſo bald entdeckt, da 43 mein, leider, zu zartes Gemuͤth ſich nur zu bald an⸗ ſchließt, und noch ein paar Tage laͤnger, dies ar⸗ me Herz bei dem Gedanken gebrochen ſeyn wuͤr⸗ de, ſie ſo unwiederbringlich aufgeben zu muͤſſen, als ich es hiermit thue.“— Bei dieſen Worten rannte ſie nach der Thuͤr, und war die Treppe hin⸗ unter, ehe man im Zimmer noch Zeit hatte ſich von der Beſtuͤrzung des Auftritts zu erholen. Nur die kleine Marianne, welche gegen⸗ waͤrtig geweſen war, blieb ſich voͤllig gleich. Sie huͤpfte in der Stube herum, und rief mit kindli⸗ chem Entzuͤcken: ach, wie freue ich mich daß die garſtige Frau fort iſt!— Dann ahmte ſie, mit ſo großer Treue im Mienenſpiel und Ton, viele Bewegungen und Phraͤſen der Lady nach, daß 5 Johanne und Lionel ſich des Lachens nicht enthalten konnten, obgleich Frau Derville dies — gefaͤhrliche Talent der Nachaͤfferei nicht geduldet „ haben wuͤrde, wenn ihre Stimmung ihr erlaubt haͤtte darauf zu achten. Kaum aber war Lady Lucy. bis an die Hausthuͤre gekommen, als ſie ſich unklug ſchalt, ſich— auf dieſe Weiſe von dem Landvolke getrennt zu 2 haben, das nahe bei einem ſehr beſuchten Bade 44 wohnte, und bei dem es ihr ganz angenehm ſeyn koͤnnte jaͤhrlich einige Wochen des Herbſtes hinzu⸗ bringen. Sie entſchloß ſich alſo ſchnell wieder zuruͤck zu gehen, und unter dem Vorwande der ungluͤcklichen Reizbarkeit ihrer Nerven in Augen⸗ blicken wo ihr Gefuͤhl beleidigt wuͤrde, um Ver⸗ zeihung zu bitten.— Schon war ſie bereit ei⸗ nige Thraͤnen in ihre Augen zu locken, und trat mit dem Taſchentuch vor dem Geſichte in die Thuͤr, als ſie Mariannen erblickte, die eben treu ihr Conterfei darſtellte. Außer ſich vor Wuth, ſprang ſie auf die Kleine los, gab ihr eine derbe Ohrfeige, vergaß alle Verſoͤhnungs⸗Ge⸗ danken, rannte die Stiegen wieder hinunter, warf ſich in ihre Kutſche, mit dem feſten Vorſatze ſich an dem niedertraͤchtigen Landvolke zu raͤchen, in⸗ dem ſie in der ganzen Stadt ausſprengen wolle, Frau Derville ſei ſo ſchleunig abgereiſt, weil ihre Tochter ſich in Lord Barrington ver⸗ liebt habe, und ſie die Folgen fuͤrchte. Nicht fogleich konnte die Familie ſich von der abermaligen Erſcheinung dieſer Dame erho⸗ ten, die diesmal gleich einer boͤſen Fee ohne Ein⸗ ladung erſchienen, Schmerzen verurſacht, und wie⸗ 45 der verſchwunden war; ſobald aber die Beſin⸗ nung bei ihnen wiederkehrte, ſagte Frau Der⸗ ville ruhig zu Mariannen:„Ich danke es der Lady Lury daß ſie mir die Muͤhe erſpart hat dich ſelbſt uͤber einen Fehler zu ſtrafen, den ich ſehr mißbillige, und ich hoffe daß die Erinne⸗ rung dieſer Zuͤchtigung dich bewahren wird ihn wieder zu begehen.“ „Nein, gewiß nicht, ſchluchzte Marianne; ich wuͤrde es ihr zum Schabernack gleich wieder thun, wenn ſie mich auch braun und blau ſchluͤ⸗ ge; aber ich will es nicht thun, um dich nicht zu kraͤnken, Mutter, denn das iſt mir leid, ſonſt aber nichts.“ Als die Mutter den kleinen Trotzkopf hoͤrte, ſtand ſie auf, und fuͤhrte ihn in ein anderes Zim⸗ mer, da es nie ihre Gewohnheit war, ein Kind in Gegenwart der andern, wegen eines Verge⸗ hens zur Rede zu ſtellen. Nachdem ſie. ihr nun dort ihr Unrecht vorgeſtellt hatte, brachte ſie die kleine Suͤnderin reuig zuruͤck. So endete der letzte Auftritt ihres Londoner Lebens, und da er die Bekanntſchaft mit Lady Lucy gaͤnzlich ab⸗ brach, konnte man ihn wohl gluͤcklich nennen. 46 Mit dankbarem Gemuͤthe erblickte Frau Der⸗ ville den kommenden Morgen des Tages, der ſie von London entfernen und dem ruhigen Auf⸗ enthalte der haͤuslichen Gluͤckſeligkeit naͤher fuͤh⸗ ven ſollte. Die Gefahren, in denen ſie ihre Kinder er⸗ Plickte, waren ihrem muͤtterlichen Herzen ſo nahe getreten daß ſelbſt ihre Eitelkeit, von der ſie un⸗ ter Evens Toͤchtern auch ihren Antheil beſaß⸗ uͤberwunden ſchien. Dieſer Eitelkeit war in Lon⸗ don ſehr geſchmeichelt, und das Einzige was im Anfange dort ihrer Gluͤckſeligkeit fehlte, war die Gegenwart ihres Mannes; denn nie kehrte ſie von den glaͤnzenden Scenen zuruͤck, wo ihr al⸗ les huldigend entgegen gekommen war, ohne zu ſich ſelbſt zu ſagen: wenn nur Derville dage⸗ weſen waͤre, um zu ſehen, wie ſeine Frau ausge⸗ zeichnet wird! 8— Doch⸗ ungeachtet aller dieſer ſchmeichelhaften Beweiſe, ſprang ſie am Morgen ihrer Abreiſe, nachdem alles berichtigt, und ihrem theilnehmen⸗ den Freunde, dem A nwald, das letzte Lebewohl geſagt war, mit ſo leichtem Herzen in den Wa⸗ gen, daß nur Marianne es ihr darin gleich 47 zu thun ſchien. Johanne konnte ihre ſtolzen Traͤume von Eroberungen noch nicht voͤllig auf⸗ geben, und Lionel beklagte daß er das Pferde⸗ Rennen nicht geſehen habe, und da er uͤberdies ein ſehr artiges Brieflein von Sir Mordaunt, zur Erwiederung ſeiner gemachten Entſchuldigung er⸗ halten hatte, kam ihm auch von Zeit zu Zeit der Gedanke, daß dieſer junge Mann doch wohl nicht ſo ſchlimm ſeyn moͤchte, als ihn der Ruf verkuͤndigte.— 1 8 So im Innern beſchaͤftigt wurde die Reiſe waͤhrend einiger Meilen mit Stillſchweigen fort⸗ geſetzt, welches nur zuweilen durch Marjan⸗ nens Ausruf der Freude, die freie Natur wieder zu ſehen, und das garſtige London verlaſ⸗ ſen zu haben, unterbrochen wurde. Aber noch ehe man das erſte Nacht⸗Quartier erreichte, kehrte die froͤhliche Geſchwaͤtzigkeit unter dem jungen Volke wieder, und die Sehnſucht nach Hauſe zu kommen behauptete ihr Recht uͤber die jugendli⸗ chen Gemuͤther. — Nur mit Frau Derville war dies nicht der Fall. Je weiter ſie London, mit allen ſei⸗ nen Genuͤſſen, dem angenehmen Muͤſſiggang, der 48 Froͤhlichkeit, und den behaglichen Bequemlichkei⸗ ten des Lebens, hinter ſich ließ, jemehr fuͤhlte ſie was ſie verloren hatte, waͤhrend die Gefahr in welcher ihre Kinder ſchwebten, und der Ekel den ſie zulett ſelbſt empfunden hatte, in der Erinne⸗ rung vergangener Freuden ſchwanden. Zwar liebte ſie ihren Mann zaͤrtlich, und fuͤhlte innig das Gluͤck mit ihm wieder vereint zu werden; aber hinter dieſes erſte, entzuͤckende Wiederſehn ſtellte ſich rieſenartig die nicht erfreuliche Ausſicht alles deſſen was mit einem beſchraͤnkten Einkom⸗ men, einer von allem aͤußern Schein entbloͤßten Wohnung verbunden iſt.— Sie ſollte in enge Zimmer zuruͤckkehren, unmodiſches Hausgeraͤth ſehen, und wenig von den Bequemlichkeiten ge⸗ nießen, ohne welche ſich zwar unſere Vorfahren ſehr gut behalfen, die wir aber als unerlaͤßlich nothwendig anſehen. Ihr hatte das Leben der letzten fuͤnf Wochen einen zu ſuͤßen Begriff da⸗ von gegeben. Am Morgen war ſie nur zu neuen Freuden erwacht, hatte ſich auf Beſuchen, Spa⸗ tziergaͤngen oder in den Laͤden herumgetrieben— dann ward das geſchmackvolle Morgenkleid mit einem eleganten Abend⸗Anzug gewechſelt.— Den 49 Geſchmack an die Einfachheit ihrer eigenen laͤndli⸗ chen Wohnung hatte ſie durch den Aufenthalt auf dem ſehr praͤchtigen Landhauſe einer Dame von Stande verloren, und nur mit Schmerz dachte ſie an die Sorgen des Haushalts, wenn ſie ſie mit den abwechſelnden Vergnuͤgungen in der Hauptſtadt verglich. Moͤchte doch Derville ein jaͤhrliches Einkommen von tauſend Pſund haben!— ſeufzte ſie oft innerlich, und bedauerte dabei daß das Geld, welches ſie in London verbraucht hatte, das einzige ſei, welches nach ſeinem Willen von der Erbſchaft genommen werden ſollte, die, ſo hoch Lady Lucy ſie auch ausſchrie, um ihren Freun⸗ den vom Lande dadurch mehr Gewicht zu geben, doch nur vier tauſend Pfund betrug. Dieſe Sum⸗ me wollte er anwenden, um ſeinen Sohn ſtudie⸗ ren zu laſſen, da ſein eigenes Einkommen, ſeiner Meinung nach, hinreichend fuͤr die Lebensbeduͤrf⸗ niſſe ſeiner Familie war.— Doch, dachte ſie dann wieder, eine kleine Summe wird wenigſtens hinreichen das Innere unſeres Hauſes etwas auszuſchmuͤcken, und dieſe wird er mir nicht ab⸗ ſchlagen. O. I. 50 Mit dieſen Gedanken beſchaͤftigt bot ſich ih⸗ rem Auge zuerſt der Anblick des ſchoͤnen Wohn⸗ hauſes und der Beſitzungen der Frau Arling⸗ ton dar, und entlockte ihr den Wunſch: hier moͤchte ich leben!— Von ſolch einem Beſitzz thume haͤtte ich einſt Gebieterin ſeyn koͤnnen!— Grade hatte ſie dieſe Betrachtungen gemacht, als ſie die Thuͤre des Hauſes ſich oͤffnen, und ein paar Bedienten in ſtattlicher Lree heraustreten ſah. Ich vermuthe, ſagte ſie zu den Kindern, daß wir entweder der Beſitzerin ſelbſt, oder Gaͤſten, welche ſie beſuchen wollen, begegnen werden, denn die Bedienten ſcheinen jemand zu erwarten. Kaum hatte ſie dieſe Worte geſagt, als man zwei Vorreuter in gleicher Livree erblickte, denen ein ſchoͤner, offner Wagen, von vier Grauſchim⸗ meln gezogen, in kleiner Entfernung folgte, in welchem eine verſchleierte Dame und eine Kam⸗ merfrau ſaßen. Die Kinder waren im Begriff ihre Bemerkungen daruͤber zu machen; aber die Poſtillone fuhren ſo raſch daß Frau Derville, die ſonſt nicht furchtſam war, nur aͤngſtlich damit beſchaftigt ſchien auf ihren eigenen Kutſcher Acht zu haben. Wirklich war ihre Furcht nicht unge⸗ 51 gruͤndet; denn grade an der engſten Stelle der Landſtraße, wo der Dervilleſche Kutſcher ausbie⸗ gen wollte, fuhr der andere mit den raſchen Pfer⸗ den ſo ſtark an die Raͤder ihres Fuhrwerks daß ein Rad zerbrach, der Wagen umgeworfen und Lionel in einen Abgrund geſchleudert wurde, wo er ohne Bewegung liegen blieb. Die beiden Toͤchter blieben unverletzt; Frau Derville aber, die mit der Schlaͤfe auf einen ſpitzen Stein gefallen war, blutete heftig; doch ihrer eigenen Schmerzen wenig achtend, warf ſie ſich faſt beſinnungslos auf ihren Sohn, waͤhrend Johanne, die ihre Faſſung noch nicht verloren hatte, dem Kutſcher auftrug, mit einem der Pferde auf einen benachbarten Pachthof zu reiten, um Huͤlfe zu ſuchen. Nach wenigen Minuten aber war die Dame aus dem andern Wagen, welche man fuͤr Frau Arlington hielt, ihnen ſchon nahe, rieb Lionels Schlaͤfe mit wohlthaͤtigem Waſſer, und ſuchte Mutter und Schweſtern zu beruhigen. Gluͤcklicher Weiſe war er durch den Fall nur betaͤubt worden; bald oͤffnete er die Augen, und war im Stande ſich ohne Huͤlfe vom Bo⸗ den aufzuheben. Der Uebergang vom Schmerz 4* 5² zur Freude war zu groß fuͤr die bewegte Mut⸗ ter, die nun ſelbſt beſinnungskos hinſank. Jetzt erſt gewahrte man die Wunde an der Schlaͤſe, und fuͤrchtete daß der Blutverluſt ſie ohnmaͤch⸗ tig gemacht habe. Frau Arlington ſchickte ſchnell einen ihrer Vorreuter hin, um einen Wundarzt zu holen, indem ſie darauf beſtand daß die ganze Familie ſich mit ihr nach ihrem Hauſe begeben ſollte. Als Frau Derville erwachte, fand ſie ſich, umringt von ihren Kindern und im Arme ihrer Tochter, im Wagen der Fremden Dame ſitzend, der langſam auf das Haus zu⸗ fuͤhr.— „Was bedeutet dies alles 2“— ſtammelte ſie; doch als ſie ihren Sohn ihr gegenuͤber erblickte, warf ſie ſich mit einem Thraͤnenſtrom um ſeinen Hals. Dann erſt wandte ſie ſich an Frau Ar⸗ lingron, deren ſprechendes Auge das hoͤchſte Mitgefuͤhl ausdruͤckte; aber ehe ſie ihr noch ih⸗ ren Dank ſagen konnte, rief Marianne aus: Ach, liebe Mutter, denke nur, wir fahren nach dem ſchoͤnen Hauſe!— Und ſchon hielt der Wagen vor der Thuͤre ſtill. 53 Frau Derville wollte reden, ihre Ent⸗ ſchuldigungen machen; aber die fremde Dame unterbrach ſie mit einem wohlwollenden Laͤcheln, indem ſie verſicherte, da ſie das Ungluͤck verur⸗ ſacht habe, ſei es ihre Pflicht alles nur Moͤgli⸗ che zu thun, um es wieder gut zu machen; und ſo freue ſie ſich des zerbrochenen Wagens, weil die Familie dadurch genoͤthigt waͤre ihr Haus als das ihrige zu betrachten, bis ſie im Stande ſeyn wuͤrden es wieder zu verlaſſen. „Aber koͤnnen wir keine Poſtchaiſe bekom⸗ men, und gleich weiter reiſen?“ fragte Frau Der⸗ vilbe. 5 „In einer Poſtchaiſe haben fuͤnf Perſonen nicht bequem Raum, obgleich eine davon meine kleine Freundin da iſt, war die Antwort; und wenn ſie irgendwo erwartet werden, koͤnnen ſie mit der Poſt ſchreiben, welche in wenigen Stun⸗ den hier durchgeht. Ueberdem. beduͤrfen ſie der Ruhe.“ Frau Derville willigte nicht ungern in den Vorſchlag, da ſie die bittenden Angen ihrer Kinder ſah; und ſelbſt ließ ſie ſich es gerne gefallen noch einmal, obgleich ſcheinbar ge⸗ 54 zwungener Weiſe, einige Tage in dem Glanze und in der Bequemlichkeit zu leben, deren Ent⸗ behrung ſie noch eben ſo bitter beklagt hatte. Unſere Reiſenden ſtiegen aus, und wurden freundlich von der Frau Arlington in die fuͤr ſie beſtimmten Gemaͤcher gefuͤhrt. Der herbeige⸗ rufene Wundarzt erklaͤrte, daß weder Lionels Sturz gefaͤhrliche Folgen haben wuͤrde, noch die Wunde der Frau Derville bedenklich ſei, und beruhigte alle Gemuͤther durch dieſe Verſicherung. Als Frau Arlington ſich entferute, fragte ſie im Hinuntergehen das fremde Maͤdchen: wer ihre Herrſchaft ſei? erfuhr aber nichts weiter als ihren Namen, der ihr unbekannt war; indeß be⸗ gnuͤgte ſie ſich damit eine Familie unter ihrem Dache zu beherbergen, die ſich gegenſeitig herz⸗ lich zu lieben ſchien, und die ganz das Anſehen und Weſen wohlerzogener Leute hatte. Frau Derville, die auch von ihrer Wir⸗ thin nichts weiter als den Namen wußte, ſetzte ſich aus manchen Umſtänden zuſammen daß ſie eine Wittwe ſeyn muͤſſe, die vielleicht einen al⸗ ten Mann des Geldes wegen geheirathet haͤtte, und nun unumſchraͤnkt im Ueberfluſſe lebte. Sie 55 ſchien ihr dem Aeußern nach wenige Jahre juͤn⸗ gerer als ſie ſelbſt zu ſeyn, ihr ganzes Weſen floͤßte Achtung und Zutrauen ein, und ſo dankte ſie dem Geſchick, welches ſie hier eine Bekannt⸗ ſchaft hatte machen laſſen, die vielleicht in der Zukunft ihrer Tochter einmal Mrſentlichen Nutzen bringen koͤnne. Waͤhrend die Mutter beſchaͤftigt war ihrem Gatten den erlittnen Unfall zu melden, bei wel⸗ chem ſie nur das verzoͤgerte Wiederſehn beklagte, lief Marianne in Entzuͤcken von einem Zimmer in das andere, betrachtete bald die ſchoͤnen Ge⸗ maͤlde, bewunderte die herrliche Ausſicht aus den Fenſtern, und weidete ſich dann wieder ganz be⸗ ſonders an dem Anblicke ihres Schlafzimmers, wo ſie in einem allerliebſten Zeltbette ſchlafen ſollte. Ach Mutter, was iſt Frau Arlington fuͤr eine gluͤckliche Frau, rief das kleine Maͤdchen einmal uͤber das andere, obgleich ſie weder Mann noch Kinder zu haben ſcheint!— und der aufs Neue erwachte Geſchmack der Mutter fuͤr Groͤße und Reichthum, ſchien mit dem Ausruf des Kindes uͤbereinzuſtimmen. Lange war Ma⸗ riannens ſonſt gewohnte Stunde zum Mittags⸗ Eſſen ſchon voruͤber; aber ſie war außer ſich vor Frenden einmal wieder in Gefellſchaft eſſen zu ſol⸗ len, ein Gluͤck, das ihr in London ſelten zu Theil geworden war, und der Ausdruck ihres frohen Geſichts beſeligte das wohlwollende Herz der freundlichen Wirthin. Als unſere Reiſenden in den Eßſaal gerufen wurden, fanden ſie außer der Frau vom Hauſe noch zwei Perſonen ihrer dort wartend, den Hauscaplan, und eine Dame, welche Frau Der⸗ ville ſchon fruͤher in den Cirkeln der Lady Lu⸗ cy geſehen, und die im Vorbeifahren Frau Ar⸗ lington einen Beſuch gemacht, und ihr zugleich mit geſchwaͤtziger Zunge alle naͤheren Umſtaͤnde berichtet hatte, die ihr ſelbſt von der Landpredi⸗ ger⸗Familie bekannt waren. Keiner aber beklagte es, als die Dame ſich bald nach dem Mittags⸗ Eſſen entfernte; man freute ſich wieder mit der liebenswuͤrdigen Beſitzerin des Hauſes allein zu ſeyn, und nahm willig die Einladung zu einem Spatziergange in ihrem Park an. Da der Abend ſchwuͤl war, wurde eine Waſſerfahrt vorgeſchlagen, wozu man gleich ein huͤbſches Boot mit Rude⸗ rern bereit ſah. 57 „In dieſem lieblichen Aufenthalte findet ſich doch alles was die verwegenſten Wuͤnſche nur begehren koͤnnen,“ rief Lionel. „Ja gewiß, es iſt ein beneidenswerther Auf⸗ enthalt,“ ſetzte Frau Derville hinzu. Frau Arlington war waͤhrend dieſer Ausrufungen in das Boot geſtiegen, und buͤckte ſich ſtillſchweigend, um eine Waſſerlilie zu pfluͤ⸗ cken, indeß die kleine, ihr immer freundlich zur Seite huͤpfende Marianne ausrief:„Ach Mut⸗ ter, wie gluͤcklich iſt es doch daß wir mit dem Wagen umgeworfen ſind, da dieſer Zuſall uns hierher brachte! Ich kann es dir gar nicht ſagen, wie ſehr mich alles entzuͤckt was ich hier ſehe!“ „Pfut, ſagte Johanne, wie kannſt du dich uͤber einen Unfall freuen, der der Mutter Schmerzen verurſachte, und den Bruder in Ge⸗ fahr brachte. Sieh nur einmal, wie blaß die Mutter noch von dem Schrecken ausſieht; gewiß hat ſie ſich noch nicht voͤllig erholt.“ „Wenn ich auch noch nicht ganz erholt bin, mein Kind, ſo freut es mich doch daß euch die⸗ fer Genuß wird, und daher vergebe ich auch gern Mariannen ihre kleine eigennuͤtzige Aeuße⸗ 58 rung, obgleich ſie wohl weiß, wie oft der Vater ihr geſagt hat, daß ſie ſelbſt in Kleinigkeiten im⸗ mer das Wohl und die Freude Anderer, ihrer eigenen vorziehen ſolle.“— e „Wie ſchoͤn und treffend finden wir dieſe wichtige Lehre in den Erzaͤhlungen der Miß Edge⸗ worth ausgefuͤhrt, ſagte Frau Arlington, und um die Kleine fuͤr den wohlverdienten Ver⸗ weis zu entſchaͤdigen, will ich, wenn. wir zu Hauſe gekommen ſind, mit ihrer Erlaubniß einen Theil dieſes unvergleichlichen Werks ſuchen, und eins ihrer Kinder kann uns, waͤhrend wir arbei⸗ ten, daraus vorleſen.“— Mariannens Koͤpf⸗ chen, das ſich bei dem. Vorwurfe des Eigennutzes auf die Bruſt geſenkt hatte, erhob ſich nun wie⸗ der bei dem Gedanken an dieſen bevorſtehenden Seelen⸗Schmauß, und das Auge, in welchem die Thraͤne der Beſchaͤmung geblinkt hatte, ſtrahlte jetzt wieder freudetrunken um ſich her. Als nun der Abend ſich neigte, kehrte alles mit ſeligen Gefuͤhlen uͤber den ſo ſchoͤn genoſſe⸗ nen Tag zum Hauſe zuruͤck.„Waͤre doch der Vater hier, ſagte Frau Derville, wie gluͤcklich wuͤrde auch er ſich fuͤhlen! Hierher wuͤnſche ich —— — 59 1 ihn; aber nie habe ich ihn um ſein ſelbſt willen in den Londoner Geſellſchaften herbeigewuͤnſcht.“ „Ich that es oft, ſiel Lionel lebhaft ein, wenn ich bemerkte, wie ſehr man dich und Jo⸗ hanne bewunderte, und euren Geſang lobte; dann fuͤhlte ich mich ſo gluͤcklich uͤber dieſes Lob daß ich ihn ſehnlich zum Theilnehmer herbei⸗ wuͤnſchte.“ Der Mutter Augen fuͤllten ſich mit Thraͤ⸗ nen, und aus Johannens Biicken leuchtete ein Freudenſtrahl bei dieſer Aeußerung des geliebten Sohnes und Bruders. Frau Arlington aber ſah ihn an mit einem Ausdruck, der mehr ſagte als alle Worte, indem ſie freundlich fragend hin⸗ zuſetzte:„Hatte er denn nicht auch ſeine Bewunde⸗ rer in London?— Er ſingt doch auch wohl?“ „Ach gewiß, erwiederte Johanne lebhaſt, vielleicht beſſer als wir, und auch wir hatten Urſache recht ſtolz auf ihn zu ſeyn.“— „Daran zweifle ich nicht, ſagte ſie, indem ſie ihre ſchoͤnen dunkeln Augen mit unbeſchreibli⸗ chem Wohlwollen auf die gluͤckliche Mutter heftete, und ein gar lieblicher Genuß iſt es fuͤr mich, Zeugin dieſer gegenſeitigen Familien⸗Liebe zu 60 ſeyn!— Aber ihr muͤßt mir erlauben ſelbſt uͤber euer muſikaliſches Talent urtheilen zu duͤr⸗ fen, und ich denke, nach der Vorleſung begeben wir uns alle in das Muſik⸗Zimmer.“ Nachdem die Erzaͤhlung geleſen, und die Schriftſtellerin geprieſen war, die es ſo ganz in ihrer Gewalt hat, durch ihre Schilderungen, nicht allein in den Hauptbegebenheiten, ſondern ſelbſt in den an ſich unbedeutend erſcheinenden Neben⸗ ſachen, Andere zu beſſern und zu belehren, oder vielmehr jeden durch ihre Darſtellung zu uͤber⸗ zeugen daß nichts Kleinigkeit iſt, wodurch das Wohl eines Nebenmenſchen befoͤrdert wird, be⸗ gab man ſich in das Muſik⸗Zimmer, und Ma⸗ rianne erhielt die Erlaubniß heute bis zehu Uhr aufbleiben zu duͤrfen. Die Reiſenden wie⸗ derholten manches was ſie in London miteinan⸗ der geſungen hatten, und Frau Arlington be⸗ griff es wohl, indem ſie ihre harmoniſchen, rei⸗ nen Toͤne hoͤrte, und ſich dabei ihres lieblichen Ausdrucks erfreute, welch ein ſeltner Fang dieſe anſpruchloſen Schoͤnheiten fuͤr die zweibeinige Menagerie der Lady Lucy Donellan geweſen ſeyn mochten. Doch fuͤrchtete ſie zu gleicher —— 61¼ Zeit daß der Geſchmack, den ſie an der großen Welt und ihren Schmeicheleien bekommen hatten, vielleicht die Einfachheit des laͤndlichen Lebens, der ſie wieder entgegen gingen, weniger reizend fuͤr ſie machen koͤnne, und ſo fand ſie ſie uͤber die Bewunderung, welche ſie eingeerndtet hatten, mehr zu beklagen, als ſie ihnen daruͤber in ih⸗ rem Innern Gluͤck wuͤnſchen konnte. „Liebt Herr Derville die Muſik?“ frag⸗ te ſie. „Außerordentlich!“ war die Antwort. „Das iſt ſchoͤn, fuhr Frau Arlington fort; beneidenswerth iſt die Frau zu nennen, de⸗ ren Mann ſich ihrer Talente erfreut!“— und heimlich ſetzte ſie hinzu: moͤge ſein Beifall Euch hoher gelten, als die Lobſpruͤche der Menge!— Die Gaͤſte drangen nun ihrerſeits in die guͤtige Wirthin ſie auch mit ihrem Geſange und Saitenſpiel zu erfreuen. Sie weigerte ſich aber zu ſingen, aus Furcht daß dann die Unbefangen⸗ heit weichen, und ſich in eine gewiſſe Scheu ver⸗ wandeln moͤge, die ein zu hoͤherer Vollkommen⸗ heit gebrachtes Talent ſo leicht einfloͤßt. Sie ſah, wie das Lob, welches die Menge ihnen er⸗ 62 theilt, ihrer kleinen Eitelkeit geſchmeichelt hatte, und wollte ſie wenigſtens nicht eher demuͤthigen, bis der Wunſch fuͤr ihr wahres Wohl es erforderlich machte. Einige Sonaten und Walzer, die ſie ihnen vorſpielte, uͤberzeugten ſie ſchon daß ſie eine ſehr geuͤbte Spielerin ſei.— Erſt ſpaͤt ging man mit vieler Befriedigung auseinander. Der Morgen kam, und das Fruͤhſtuͤck⸗Zim⸗ mer bot wieder ſo mannigfaltige Schoͤnheiten und Bequemlichkeiten dar, daß Frau Derville glaubte weniger als je Vergleichungen mit der Einrichtung ihres einfachen Landhauſes anſtellen zu duͤrfen. Auch dies entging dem durchdringenden Blicke der Wirthin nicht.— Wie noͤthig iſt es doch fuͤr die groͤßere Anzahl der Menſchen, Ver⸗ ſuchungen zu meiden, dachte ſie, denn wie wenige haben Kraft genug ihnen zu widerſtehen!— Ich ſehe es dieſer gluͤcklichen Gattin und Mut⸗ ter an, daß ſie nicht mehr ſo zufrieden mit ihrer an ſich beneidenswerthen Lage iſt, nun ſie die Freuden der großen Welt genoſſen hat, die mei⸗ ſtentheils doch nur im aͤußeren Scheine beſtehen, und keine wahre Gluͤckſeligkeit gewaͤhren. Waͤre ſie in ihrer friedlichen Zuruͤckgezogenheit geblies 63 ben, ſie wuͤrde ſich dauernd begluͤckt gefuͤhlt, und nicht die Suͤnde begangen haben uͤber das Loos, welches ihr gefallen iſt, zu murren. Waͤhrend Frau Arlington noch in die⸗ ſer Selbſtbetrachtung beſchaͤftigt war, hoͤrte ſie Frau Derville ausrufen:„Gewiß, Kinder, ich werde euren Vater bitten, einiges Geld fuͤr neues Hausgeraͤth und andere ſo allerliebſte Sachen, wie ich ſie hier auf dem Tiſche ſehe, anzuwenden. Alles was wir beſitzen ſieht wirklich aus, als wenn es aus der Arche Noah herſtammte.“ Lio⸗ nel und Johanne ſchienen ganz ihrer Mei⸗ nung, und in Kurzem war nichts in der Stube, das nicht im Kleinen in der Pfarrei nachgeahmt werden ſollte. Frau Arlington ſagte nichts; aber ſie ſeufzte im Stillen daß ſie der Gegenſtand des Neides fuͤr eine Frau ſei, deren wahrhaft gluͤck⸗ liches Loos eigentlich von ihr beneidet wurde, und als ſie im Laufe des Tages bemerkte, wie dieſe Begierde nach aͤußerem Schein immer zu⸗ nahm, wie Frau Derville zuletzt ſogar mit offner Unzufriedenheit uͤber die wenigen Bequem⸗ lichkeiten klagte, die ihre Wohnung darboͤte, hin⸗ 7 zuſetzend, Derville muͤſſe dieſes oder jenes an⸗ ders einrichten laſſen, als wenn das Geld) wel⸗ ches von ihr herkaͤme, ihr ein Recht gaͤbe her⸗ riſch in ihren Foderungen zu ſeyn, nahm ſie es ſich ernſtlich vor das Uebel, wenn es moͤglich waͤre, im Entſtehen zu daͤmpfen, da es ihr der Muͤhe werth ſchien, Menſchen wieder auf den rechten Weg zu bringen, die, ungeachtet aller die⸗ ſer kleinen Schwaͤchen, gewiß zu den vorzuͤglicheren gehoͤrten. Mehr ward ſie noch in ihrer Mei⸗ nung beſtaͤrkt, als Frau Derville ſie in einer einſamen Unterhaltung mit den Gruͤnden bekannt machte, die ſie zu dem Entſchluſſe bewogen hat⸗ ten London ſo ſchnell zu verlaſſen, und allen Verſuchungen und Ueberredungen zu widerſtehen; und ſie beſchloß zu der Erhaltung des Friedens dieſer gluͤcklichen Familie beizutragen, wenn ihr das Mittel dazu auch ſelbſt ſchmerzhaft ſeyn ſollte. 1 Anſtatt des am andern Tage erwarteten Wagens, kam die Nachricht daß er erſt am fol⸗ genden Abend wieder in den gehoͤrigen Stand geſetzt ſeyn koͤnne, und Frau Derville ſah ſich genoͤthigt ihren Mann zu bitten ſie noch nicht 65 zu erwarten. Uebermorgen aber werde ich ge⸗ wiß Pin, fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich be⸗ muͤhete ſich ſelbſt zu uͤberreden daß ihr dieſe Verzoͤgerung unendlich leid thue.— 1 2 Ich hoffe, ſagte Frau Arlington, als ſie wieder zuſammenkamen, und der Brief abgeſchickt war, ſie haben den Tag ihrer Abreiſe nicht feſt beſtimmt, da ich eigennuͤtzig genug bin den gluͤck⸗ lichen Zufall, der ſie in mein Haus gebracht hat, noch laͤnger fuͤr mich benutzen zu wollen, und auch gerne ein kleines muſikaliſches Feſt nach einigen Tagen fuͤr ſie bereiten moͤchte. Frau Derville, welche fuͤr ſich und ihre Kinder wuͤnſchte an dieſem Feſte Theil zu nehmen, hatte nicht den Muth zu bekennen daß ſie den Tag ihrer Ankunft genannt habe; jedoch uͤberzeugt daß ihr Mann ſie erwarte, glaubte ſie gehen zu muͤſſen, vermied eine beſtimmte Antwort zu geben, weil ſie fuͤrchtete, dann von ihrer Wirthin nicht laͤnger zuruͤckgehalten zu werden, und behalf ſich mit dem Gemeinſatze: Sie ſind ſehr, ſehr guͤtig; aber ich ſchaͤme mich faſt dieſe Guͤte laͤnger zu miß⸗ brauchen— u. ſ. w. Sobald aber Johanne und Lionel den Vorſchlag erfuhren, waren ſie HO. 1I. 3 66 entzuͤckt uͤber den Gedanken eines bevorſtehenden Feſtes, und brannten vor Verlangen noch einmal glaͤnzend aufzutreten.— Am folgenden Tage wurde Geſellſchaft zum Mittags⸗Eſſen erwartet. Zwei der Gaͤſte be⸗ ſtanden aus einem reichen Edelmanne mit ſeiner Schweſter, und Johanne, deren Herz noch bei dem Gedanken an die Eroberungen ſchlug, die ſie in London gemacht hatte, ordnete ihr Haar ſorg⸗ ſältig in der Art, welche Lord Barrington immer am meiſten zu bewundern pflegte. Lionek fragte, nachdem er noch einmal einen Slick in einen großen Spiegel warf, und die Schleife am Hakstuche zurecht zog:„Iſt die Schweſter des fremden Herrn, den ſie erwarten, eben ſo huͤbſch, als ſie reich iſt?? 2 „Wenigſtens freut es mich, verſetzte Frau Arlington, daß ſie nicht fragen, ob ſie eben ſo reich als huͤbſch iſt, denn ſonſt muͤßte ich fuͤrchten daß ſie ſchon zu viel von Sir Mor⸗ daunt gelernt haͤtten, da er ſeine Frage auf dieſe Weiſe geſtellt haben wuͤrde.”“— „Kennen ſie Sir Mordaun t ꝛ fragte Liv⸗ nel erroͤthend. S 67 „3ch kenne ihn, und kenne Lord Barring⸗ ton, und verſichere ſie daß ihre Mutter nie in hoͤherem Grade ihre Liebe und Dankbarteit ver⸗ dient hat, als indem ſie den Bitten meiner alten Bekan ntin, der Lady Lucy, widerſtand, und ſie von t Landon wegfuͤhrte.“ Bruder und Schweſter ſchienen beſchämt bei dieſen Worten, und obſchon ſte wohl im Innern den Wunſch hegten, daß ihre Mutter weniger mittheilend geweſen ſeyn moͤge, ſo lag doch im ganzen Weſen der Frau Arlington etwas ſo Vertranen Er⸗ weckendes daß ſie ſelbſt ihr ſchwerlich haͤtten wi⸗ derſtehen koͤnnen, wenn ſie mehr zu wiſſen ver⸗ langt haͤtte. 4 Fräßlich verging, die Mehhed veeen 3 Jo⸗ hanne ſich ein wenig in ihrer Erwartung ge⸗ taͤuſcht fand, da Obriſt Orme, ein Mann von Welt, der Mutter mehr Aufmerkſamkeiten be⸗ wies, als der Tochter. Bei Fraͤulein Orme. ging nun vollends Lionels ſchoͤne Halsſchleife ſo wie ſeine ganze huͤbſche Perſon völlig verlo⸗ ren, da nur Reichthum und Stand Eindruck auf ſie machten; von einem Herrn Derville hatte 68 ſie in ihrem Leben noch nicht gehoͤrt, und konnte alſo auch unmöͤglich Notiz von ihm nehmen. Haͤtte er ſich indeſſen, mit ſeiner Bekanntſchaft des Sir Mordaunt und Lord Barrington breit ge⸗ macht, dann wuͤrde ſie e ſich mit Entzuͤcken und mit geſchwaͤtziger Zunge zu ihm gewandt und gedacht haben: daß dieſer gewiſſe Herr Derville doch auch wohl keine Null ſeyn muͤſſe, da er ſolche Maͤnner kenne. Aber Oumes hatten London ver⸗ laſſen, ehe Dervilles doͤrt ankamen, wie konnte ſie dies alſo nur ahnen!— Indeß ſtand ihr das gluͤckliche Ereigniß bevor es noch im F Muſe des Tanes zu gerfahren. Snaagt ea Frau Arlington, obwohl ſie es ablehnie ſelbſt zu ſingen, bat ihre Gaͤſte ſich hoͤren zu laſ⸗ fen, und als man in Johannen drang, ein Duett mit ihrem Bruder zu ſingen, ſagte er: „Komm, Schweſter, laß uns das ſingen, welches Lord Barringsom Lſo gerne hoͤrte.“ e nn Deeſe Vorte wirkten gleich einem dhitriccen Slas⸗ auf das Fraͤulein, die, ſich haſtig umwen⸗ dend, Lionel ſragte:„Mein Sott, ſie kennen Lord Barringkon⸗, 2“ 14ʃʃ 69 „Ja, mein Kraͤulein,“ war die ganze Antwort, denn der Zuſatz: ich habe die Ehre, wollte nicht uͤber ſeine Lippen. „Ach, ich bitte ſie, ſingen ſie ſein Lieblings⸗ Duo, es muß gewiß bezaubernd ſeyn!— Iſt er nicht ein wahrer Liebesgott?"— Ehe Lionel noch dieſe ſonderbare Frage beantworten konnte, rief Frau Arlingtont „Ein Liebesgott!— Er iſt in der That etwas alt fuͤr den Vergleich, und muß wenigſtens der Groß⸗Papa aller Liebesgoͤtter ſeyn.“ „0h, ich weiß wohl, ſie waren ihm eiu aber ich wette daß er dieſem Herrn und deit d men da gefallen hat.“ 3 Zur großen Erleichterung ihrer Gaͤſte nahm auch hier Frau Arlington wieder das Wort: „Freilich mußte er ihnen wohl gefallen, da ſie ihn nur nach ſeinen geſelligen Talenten beur⸗ theilen konnten; ſie und ich aber, Eliſe, haben ihn auch von andern Seiten kennen gelernt, wie ſie wiſſen.— Uebrigens haben meine lieben Gaͤ⸗ ſte ſowohl ſeine, als die Bekanntſchaft des Sir Mordaunt Williams, und anderer ihrer ge⸗ prieſenen Helden, in dem Hauſe der Lady Lucy Donellan gemacht.“ 5 „Lady Lucy! o Himmel!— Iſt das nicht eine koͤſtliche Frau?— rief Fraͤulein Orme aus. 8 „Iſt ſie nicht eine diebesgttin, oder die Groß⸗Mama aller Liebesgoͤttinnen?“— fiel. Frau Arlington laͤchelnd ein.„Aber laſſen wir dieſe entzuͤckten Ausrufungen, um Lord Barringtons Lieblings⸗Duo zu hoͤren.“ Es wurde geſungen, und Fraͤulein Orme war wieder entzückt daruͤber; um aber doch nicht gar zu huldreich in ihren Lobeserhebungen zu ſeyn, ſetzte. ſie hinzu, daß, um es ganz genießen zu koͤnnen, ſie wohl wuͤnſche es von Miß Ste⸗ phens und Braham, oder von Mrs. Sal⸗ mon und Vaughan ſingen zu hoͤren. — 2) bin nicht gewiß, El iſe, daß du wüßteſt, wer es ſaͤnge, wenn du es auch von den genann⸗ ten beruͤhmten Tonkuͤnſtlern hörteſt, wofern man dir es nicht ſagte, erwiederte ihr uͤber ihre un⸗ höflichkeit beſchaͤmter Bruder, da du eigentlich kein richtiges Ohr fuͤr Muſik haſt; indeß bin ich aberzeng: daß du es von Liebhabern nie beſſer 71 haſt vortragen gehoͤrt.— Jetzt hoffe ich aber daß wir auch das Vergnuͤgen haben werden ſie ſingen zu hoͤren, gnaͤdige Frau,“ fuͤgte er hinzu, ſich zu Frau Arlington wendend. „Entſchuldigen ſie mich, antwortete ſie, ich fuͤhle mich heute nicht ſtark genug vor ſolcher Kunſtrichterin zu ſingen; denn ich moͤchte ſchwer⸗ lich die Vergleichungen ertragen, die auch in Hinſicht meiner gemacht werden koͤnnten. Fraͤulein Orme warf einen beleidigten Blick auf ihren Bruder und Frau Arlington, und wollte eben noch etwas zur Vertheldigung ihres richtigen Gehoͤrs hinzuſetzen, als der Wa⸗ gen angeſagt wurde, und man nach einem kurzen Abſchiede ſich von einander trennte.— Jeder der Zuruͤckgebliebenen ſchien ſich nun leichter zu fuͤhlen, obgleich man von keiner Seite wagte ein Urtheil uͤber die Fortgegangenen zu faͤllen. Am nächſten Morgen kuͤndigte ein Bedien⸗ ter der Frau Derville an, daß der Wagen jetzt voͤllig wieder in Stand geſetzt ſei, und fragte zu⸗ gleich, um welche Zeit ſie morgen die Pferde be⸗ foͤhle. 72 ine ſichtbare Wolke verbreitete ſich bei die⸗ ſer Nachricht uͤber die Geſichter der Reiſenden; freundlich wiederholte Frau Arlington ihren Wunſch, daß ſie doch wenigſtens bis zu dem mor⸗ genden muſikaliſchen Abendzirkel bleiben wuͤrden? Noch ſchwankte Frau Der ville zwiſchen dem Verlangen des Genuſſes, und dem Gedanken an das ihrem Manne gegebene Verſprechen, als ein bittender Blick ihrer Kinder uͤber ihre Zweiſel ſiegte, und ſie mit unſichrer Siimnme antwortete: „Die Verſuchung iſt in der That ſo groß; wir werden vielleicht lange keine Gelegenheit wie⸗ der haben Muſik zu hoͤren, daß——— „Ich darf ſie keineswegs zu⸗ einer Sache aͤber⸗ reden, die ihnen nicht recht zu. ſeyn. ſcheint, ſiel die freundliche Wirthin ein; mir wird ihre Abreiſe leid ſeyn, wann ſie auch erfolgt; indeß da ich glaubte von ihnen verſtanden zu haben, daß ſie Herrn Derville noch keinen Tag der Ruͤckkunft feſtgeſetzt haͤtten, ſo ei ich meine Bitte nicht fuͤr Unrecht.“ Frau Derville erroͤthete, und ſuchte Frau Arlingtons durchdringendem Blicke auszuwei⸗ chen, da ſie in ihrem Innern nur zu gut wußte, 23 was ſie ihrem Manne geſchrieben hatte: indeß da dies doch niemand anders wußte, und die Verſu⸗ chung zum Bleiben zu groß war, beſchloß ſie mit der Abendpoſt einen zweiten Brief an Derville zu ſenden, und ſo ihren eigenen, wie den Wuͤn⸗ ſchen ihrer guͤtigen Wirthin und denen ihrer Kin⸗ der, Genuͤge zu leiſten.— Als die Pferde fuͤrs erſte noch nicht beſtellt wurden, verbreitete ſich ein Freudenſtrahl uͤber Johannans und Lionels Geſichter; der Morgen verfloß in angenehmen Unterhaltungen, nur Frau Derville konnte den innern Vorwurf nicht voͤllig uͤberwinden. Marianne hatte, außer am erſten Tage ih⸗ rer Ankunft, jedesmal ihr Mittags⸗Eſſen auf der Stube genoſſen, und war nur zum Nachtiſch zur Geſellſchaft gekommen. Heute aber verſuchte das Maͤdchen vergebens ſie bis zur gehoͤrigen Zeit zuruͤckzuhalten, ſie erſchien fruͤher, und anſtatt ſich wie ſoönſt an Frau Arlingtons Seite einzu⸗ ſchieben, hing ſie ſich mißmuͤthig an den Stuhl der Mutter. „Was fehlt dir, mein Kind? 20 fragte dieſe. „Ach Mutter, Johanne fagt, wir rei ſſen morgen noch nicht. 74 „Nun gut, Kleine, was ſchadet denn das; hiſt du nicht ſehr gluͤcklich hier?— 1 „Ach ja!— Aber miche verlargt 3 5 na dem Vater.“— „Komm zu mir, a Kind,“ fante⸗ grnn Arlingron freundlich, und nachdem die Kleine dem Rufe gefolgt war, fuhr ſie fort:„Du moͤch⸗ teſt alſo lieber zum Vater gehen, als bei mir blei⸗ ben, auf dem Waſſer fahren, Blumen pflückon, und auf dem Raſen herumſpielen ²³ 5 „Ich kann auch zu Hauſe Blumen pfluͤcken und ſpielen, und da habe ich Nelly, meine Kanin⸗ chen, und den lieben Vater dazu.“ 1 „Den du gewiß nicht am wenigſten liebſt, obgleich er zuletzt genannt wird, ſagte Frau Ar⸗ lington laͤchelnd.— Aber mein Kind, mor⸗ gen iſt große Geſellſchaft hier, herrliche Muſik; Mutter, Bruder und Schweſter wuͤnſchen zu blei⸗ ben, u und ich wuͤnſche auch ſie zu behalten.” 2 „Und ich muß in mein Bettchen, und darf dies alles nicht ſehen und hoͤren; und der Vater wird traurig ſeyn, denn er erwartet uns, wie du weißt.“ —— 75 3„Nein, ich bin vom Gegentheile uͤberzeugt, da die Mutter ihm nichts Beſtimmtes uͤber euxe Ankunft geſchrieben hat. 9 „Jawohl hat ſie es gethan, ich habe ja den . Brief g geſehen!— Nicht wahr, Mutter?— „Ich habe es zwar geſchriehen, antwortete Frau Derville in großer Verwtrrung; aber ich werde ihm dieſen Abend melden daß er uns erſt ei⸗ nen Tag ſpaͤter erwarten ſoll. Frau Arlingtons Geſicht veraͤnderte ſich merklich bei dieſen Worten, und erſt nach einer Pauſe ſagte ſie mit ernſter Miene:„Alſo hat Herr Derville ſie zu einer beſtimmten Zeit er⸗ wartet?— Der arme Mann! Haͤtte ich das ge⸗ wußt, gewiß wuͤrde ich ſie nicht gebeten haben zu 1 bleiben.“— Hier ſchwieg ſie zwar; aber ſie ver⸗ mochte es nicht ihren Gaͤſten ganz den innern Unwillen zu verbergen, welchen ſie ͤber ihr Betragen empfand; abſichtlich vermied ſie ſogar ihre Blicke, waͤhrend ſie Mariannen mit Liebko⸗ ſungen uͤberhaͤufte, die bald durch Eis, Kuchen und Obſt ihre kindliche Heiterkeit wieder erlangte, und endlich das einzige geſpraͤchige Weſen in der gan⸗ 3 zen Geſellſchaft blieb. 76 „Mich duͤnkt, ſagte die Kleine, ſich zu Frau Arlington wendend, du haſt gar keinen ſo huͤbſchen Hund in deinem ganzen Hauſe, als meiner iſt.— Mich ſoll verlangen, ob er mich wiederkennen wird. Die Kaninchen kennen mich gewiß nicht wieder. 9 „Sie werden ſich doch uͤber deine Ankunft freuen, wenn du ihnen Kohlb latter giebſt, ant⸗ wortete Frau Arlington, und einer im Hauſe 4 wird dich gewiß tieder kennen, und das iſt der liebe Vater.“ „Oh ja, getwiß, obgleich die Mutter ſagt, 19 ſei ſehr gewachſen.“ „ Aber doch biſt du nicht verändert; die Reiſe nach London hat dich liche anders. macht.“— Ein Seufzer zeigte daß Fiau O Dervi lle dieſe Worte auf ſich anwendete, und da ihr Herz ſie nicht frei von Schuld fprechen konnte, ſchien ſie die Bemerkung faſt etwas empfindlich zu nehmen. Bald ſtand man vom Tiſche auf, ging ins Nebenzim⸗* n er, indeß ſtockte auch dort die Unterhaltung; Lio⸗ nel fuͤhlte ſich zum erſtenmale nicht recht geneigt in der Geſellſchaft der Frauen zu bleiben. Er 8 1 . men gla 22 ſah die Wirkung, welche durch Mariannens Mittheilungen hervorgebracht war, und hatte nicht uͤbel Luſt ſowohl mit ſeiner Mutter, als mit der bisher ſo guͤtigen Wirthin zu ſchmollen. Doch uͤberwand er ſeine unmuthige Stimmung, ging zu ihnen, und erbot ſich wieder eine von Miß Edgewo rth. Erzählungen vorzuleſen, deren vor⸗ trefflicher, maraliſcher Inhalt, ſogar Frau Arling⸗ tons Stirn misder ein wenig erheiterte.— Aber ganz wurden die Wolten dadurch nicht vertrieben; ſie beſaß ein tiefes Gefühl füͤr ſittliche Schöͤnheit, und gerade die Neigung fuͤr Mann und Kinder, weiche ſe in ihrer neuen Bekanntin wahrzuneh⸗ gble, hatte ſie mehr zu ihr hingezogen, als ihre perſönliche Lebenswuͤrdigkeit, und die Anmuth ihres Weſens. Sie glaubte in ihr eine gluͤckliche Frau zu ſehen, die den hohen Werth ih⸗ res Gluͤckes und ihres Ber fs fuͤhlte, und das machte ſie ihr theuer. Nu aber da ſie bemerkte daß Vergnuͤgungsſucht und Eitelkeit ſie vermoͤgen konnten, dieſen geliebten M Mann in feinen Erwart un⸗ gen zu taͤuſchen, daß ſie ſelbſt ſogar kleine Abwege nicht ſcheute, um zu ihrem Zwecke zu gelangen, wurde ihr Gefuͤhl fuͤr Recht und W Wahrheit ſo 23 tief verwundet, daß es ihr unmöͤglich war ihren Veideih zu verbergen. Nach dem Ther ging man, wie gewoͤhnki ch, ins Muſik⸗ Zimmer; aber auch dies vermochte nicht den böſen Daͤmon zu vertreiben. Man bat endlich F Frau Arli ngton zu ſt ſingen, die man wohl 1 ſchon auf dem Piano und der Harfe bewundert, aber deren Geſang man noch nie gehört hatte, und es ſchien faſt als zoͤge man die Folgerung daraus, daß ſte vielleicht deine beſonders ſchöns Stißtine haben moͤchte. Heute indeß, da ſi weit davon entfernt war ihten Gaͤſten ein gebifſes Gefühl der Seſchämung erſparen zu wollen, ſondern es vielmehr für heil⸗ 4 ſam hiekt ſie zu uberzeugen, daß grade das muſtea⸗ liſche Feſt, um deſſentwillen ſie ihre Heimreiſe 4 ausgeſetzt, und das Herz eines liebenden Vaters in ſeinen Erwartungen getäuſcht hatten, keins wäre, in welchem ihre Tälente be ſonders geglaͤnzt haben wurden, ſetzte ſie e ſi ch ans Klavier, und 4 ſang eine der ſchwerſten Arien von Mozart mit der 2 hoͤchſten Vollkommenheit. Ihre Stimme, zugleich liebllch und vielumfaſſend, ſchien ihnen die ſchoͤnſte, welche ſie jemals gehoͤrt hatten, und ſi 79 konnten kaum Worte finden ihren Danck auszudruͤ⸗ n. Auf ihre einmuͤthige Bitte folgten mehtere Lieder und Arien, von den beruͤhmteſten Tonkuͤnſt⸗ lern geſetzt; eine einfaäche, ſchwermuͤthige Ballade, in welcher der Schmerz wohl geahneten, aber nie genoſſenen Gluͤcks ſich ausſprach, und von der Inhäͤkt und sSSeiſe ihr eigenes Werk war, naahi den T Beſchluß. Noch ganz entzuͤckt rief Frau Der ville: nnc wir dieſe d Toͤne gehoͤrt haben, muͤſſen wir biltig kragen: wie konnten ſie uns nur auffordern ans durche unfern Geſang Preis zu geben, 56, Hat te ich im mindeſten geglaubt daß ſie ſich dadurch Preis gaͤben, wuͤrde ich es ſicher nicht gelitten haben. Sie alle beſitzen wahrlich recht angenehine Stimmen, haben einen guten Ausdruck und verfehlen den Takt nicht. Es hat mir Freude gemacht ſie zu hoͤren; auch wuͤrden ſie es gewiß eben ſo weit gebracht haben, als ich, haͤtten ſie die Getegenheit zum vorzuͤglichen Unterricht geh habt, die mir geworden iſt.“ „Warum haben ſie uns aber denn ſo lange das ¹egu ihrer Stimne itheten laf⸗ ſen 2= 4½ „Dazu hatte ich meine geheimen Gruͤnden nun aber muͤſſen Fern mir auch noch etwas vorſin⸗ gen. 1 Kan tit 1* 4336 „Nachdem wir ſie gehoͤrt, haben?— Gexiß nicht! Wir duͤrfen es nie wieder wagen in ihrer Gegeuwart den Mund 39 ofnen.* d„Nun ſehen ſie die Gruͤnde, warum 8 fa⸗ her nicht ſang; ich fuͤrchtete es wohl daßzein Ge⸗ miſch pon Eitelkeit und falſcher Beſcheidenheit mich um dies Vergnuͤgen bringen wuͤrde.— Aber kommt, Kinder, ohne Zierexei!— Laßt uns mit dem letzten Chor aus der Clemenza: di Tito den, Beſchluß machen, und ich will die Solo⸗ Parthien uͤbernehmen.— Lionel will ich gar nicht bitten mit mir zu ſingen; um des Himmels willen nicht!— Er wuͤrde zu aͤngſtlich ſeyn; aber morgen ſoll er es mich mit einem der erſten Saͤnz ger ſingen hoͤren, der nebſt. mehreren vorzuͤgli⸗ chen Tonkuͤnſtlern hierher kommen wird.“ Die voͤllig verwirrten Muſtk⸗ Aebhaber ſtuͤm⸗ perten das Chor zu Ende. Sie ſchienen den mor⸗ genden Abend nicht mehr mit derſelhen Sehnſucht herbei zu wuͤnſchen, und begaben ſich überhaupt, ſobald es ſchicklich war, auf ihre Zimmer. 1 81 Als Frau Der ville ſich dort befand, loͤ⸗ ſten ſich ihre Empfindungen in einem Strom von Thraͤnen auf. Sie fuͤhlte daß ſie in der Ach⸗ tung ihrer Wirthin verloren habe, ſie hatte wahr⸗ ſcheinlich das Herz ihres Mannes gekraͤnkt— und warum dies alles?— Um den Genuß eines Vergnuͤgens, das vielleicht fuͤr ſie und ihre Kinder mehr Verdruß als Freude herbei fuͤhren wuͤrde. Wohl ſtellte ſie es ſich herrlich vor, die ſchoͤne Muſik zu hoͤren, Frau Arling⸗ tons praͤchtige Gemaͤcher erleuchtet und voll glaͤn⸗ zender Geſellſchaft zu ſehen; aber die Furcht gleich⸗ falls zum Geſange aufgefordert zu werden, mußte ihr den ganzen Abend verderben, das ſah ſie vor⸗ aus; denn es ſchien ihr eben ſo peinlich dies Ge⸗ ſuch abzuſchlagen, als darein zu wiſligen. Haͤtte ſie dem leiſen Gefluͤſter ihres Herzens gefolgt, waͤre ſie der Pflicht gegen ihren Mann treu ge⸗ blieben, anſtatt ſich durch Eitelkeit und Vergnuͤ⸗ gungsſucht verfuͤhren zu laſſen, ſo waͤre ſie jetzt kaum eine halbe Tagereiſe mehr von der Hei⸗ math und dem Gatten entfernt geweſen, den ſie, ungeachtet aller ihrer kleinen Sehwwachen, auf das zaͤrtlichſte liebte. De T. 6 82 Viele bittre, aber heilſame Thraͤnen floſſen bei dieſen Selbſtbetrachtungen, und in erneuten guten Entſchluͤſſen erhob ſich endlich das zer⸗ knirſchte Gemuͤth. Frruͤh am naͤchſten Morgen begab ſie ſich zu Lionel und Johannen, um ihrem Herzen ge⸗ gen ſie Luft zu machen, und ging dann, freier athmend, in das Fruͤhſtuͤck-⸗Zimmer, wo ſie dem noch immer etwas veraͤnderten Blicke ihrer Wir⸗ thin mit heitrer Unbefangenheit begegnete. Bald kam ein Bedienter mit der Nachricht herein, daß die Pferde vbinnen aei Stunden bereit ſeyn wuͤrden.— „Was ſoll das bedeuten?“— fragte Frau Arlington erſtaunt.— „Daß wir heute abreiſen, erwiederte Frau Derville ruhig, und ich bin uͤberzeugt daß ſie dies billigen, weil ſie es fuͤr meine Pflicht hal⸗ ten. „Ich kann es nicht leugnen, ihr Entſchluß freut mich, obgleich ich mich perſoͤnlich ſehr un⸗ gerne von ihnen trenne; aber wenn ich bedenke daß ſie zu einem liebenden und geliebten Gatten, in die friedliche Ruhe eines gluͤcklichen, ehelichen —— 8³ Lebens zuruͤkkehren, dann kann ich ihr ſeliges Loos nur beneiden, und Gott bitten daß er ihre Schritte befluͤgeln moͤge!“— Bei dieſen Worten druͤckte ſie die Hand der Freundin innig; jede Spur der Kaͤlte oder Miß⸗ billigung war aus ihrem Weſen verſchwunden, und indem ſie ſich ſchnell ans Fenſter wandte, brach ſie in einen Strom von Thraͤnen aus. Bald aber gewann ſie die Herrſchaft wieder uͤber ſich ſelbſt, ſetzte ſich mit unbeſchreiblicher Freund⸗ lichkeit an ihren vorigen Platz, und ſagte laͤchelnd unter Thraͤnen: 5 „Ich hoffe, dies iſt nicht das letzte Fruͤh⸗ ſtuͤck, welches wir mit einander genießen.“ „Hoffentlich nicht, erwiederte Frau Der⸗ ville geruͤhrt, indem Johanne, die neben der Wirthin ſaß, ſich ſanft an die liebe Frau anſchmiegte, und der Mutter Worte wiederholte.“* „Vielleicht beſuchen ſie uns einmal, ſagte Lionel; nur beſitzen wir nichts was ſie reizen koͤnnte.) „Alſo rechnet ihr euch ſelbſt, und den An⸗ blick haͤuslicher Gluͤckſeligkeit wohl fuͤr nichts?— 6* 34 „Ach ja, konm nur, rief Marianne, ſich an ihren Hals haͤngend, ich will dir auch meine Nelly ſchenken, wenn es dir Frende macht — Aber nein, ſie moͤchte nicht gerne zu dir ge⸗ hen, ich will lieber eins ihrer Jungen fuͤr dich aufziehen.“ „‚Dantk dir, liebes Kind— Nelly iſt alſo wohl dein Lieblingshund; ich glaubte immer, es ſei vielleicht deine Waͤrterin. Wie kommt er denn aber zu dem Namen Nelly?“— 3 „Sie werden ſich wundern, wenn ſie die Veranlaſſung hoͤren, ſiel Frau Derville ein. Nelly ſoll eine Verkuͤrzung von dem Namen Cor⸗ nelia, der Mutter der Gracchen, ſeyn, die meine Kinder aus der Geſchichte ſo lieb gewonnen haben. „Ach, die gute Cornelia!— Freilich ſiel es mir nicht ein daß ein Schooßhuͤndchen nach die⸗ ſer ehrwuͤrdigen roͤmiſchen Matrone koͤnnte ge⸗ kauft werden.— Aber kommen ſie, liebe Der⸗ ville, laſſen ſie uns noch eines einſamen Spa⸗ tzierganges genießen, waͤhrend die jungen Leut⸗ chen alles zur Abreiſe bereiten. So ſagend, nahm ſie ihre Freundin unter dem Arm, und fuͤhrte ſie einen ihrer Lieblingswege, der am Ufer des 85 Fluſſes hinlief. Man kam bald in ein ſehr un⸗ terhaltendes Geſpraͤch, da Frau Arlington es abſichtlich auf Lionel, und deſſen fernere Beſtimmung hinlenkte. Ein Wort des freund⸗ lichen Vertrauens fuͤhrte das andere herbei. Frau Derville erzaͤhlte daß Johanne von einem jungen Geiſtlichen geliebt wuͤrde, der Aus⸗ ſichten zu einer guten Pfruͤnde habe, doch, ſetzte ſie hinzu, wuͤnſche ſie nicht daß dieſe Verbindung, die doch immer nur ein maͤßiges Auskommen ſichere, zu ſehr beſchleunigt wuͤrde, vorzuͤglich da Johanne in London wieklich ſehr viete Bewun⸗ derer gehabt habe.“ 8 „Iſt der junge Mann brav, gebildet, und von einnehmendem Weſen?“ „Oh ja, er iſt ein geſcheuter und recht huͤb⸗ ſcher Mann.“ aund ſind ſie uͤberzengt daß er ihre Tochter wahrhaft liebt?7— „Er hat ſie von ihrer Kindheit an ſehr zaͤrtlich geliebt.“ „ Beſte Freundin, fagte Frau Arlington, mit faſt feierlichem Ernſte, laſſen ſie mich ſie denn beſchwoͤren, nicht ſo blind gegen das wahre Gluck . 86 ihrer Tochter zu ſeyn, in Hoffnung ſie vielleicht glaͤnzender verheirathen zu koͤnnen, um auch nur einen Augenblick die Verbindung hinaus zu ſchies ben, ſobald der junge Mann die Stelle erhaͤlt. Sind ſie denn nicht gluͤcklich in ihrem Stande, und hat es ſie gereut daß ſie damals Herr Der⸗ villen ſeinem reichen Nebenbuhler vorzogen?— „Nie!— denn mein Loos iſt gluͤcklicher geweſen, als das der meiſten Frauen.“ „Warum kann ein aͤhnliches Loos denn nicht ihrer Tochter werden? Warum raͤumen ſie, wenn von dem Gluͤcke ihres Kindes die Rede iſt, dem verderblichen Ehrgeiz Gewalt uͤber ſich ein, dem ſie fuͤr ihre eigene Perſon widerſtanden?— Ach, dieſe Sache liegt mir ſehr nahe am Herzen!— Aber es wird heiß, laßen ſie uns ins Boyt ſteigen, und ſehen ob wir uns nicht ſelbſt bis zu jenem ſchattigen Sitze, am jenſeitigen Ufer, hinuͤber helfen koͤnnen, denn ungluͤcklicher Weiſe iſt keiner der Ruderer oder Garten⸗Arbeiter grade in der Naͤhe.“ „Laſſen ſie mich nur das Ruder nehmen, ſagte Frau Derville, indem ſie ins Boot ſprang; gewiß verſtehe ich das beſſer zu fuͤhren als ſie. 87 Schon war Frau Arlington im Begriffe ihr zu folgen; aber noch ehe der Andern Hand ſie er⸗ reichte, um ihr beim Einſteigen Huͤlfe zu leiſten, glitt ſie aus, und fiel der Laͤnge nach in den Fluß, grade da, wo eine ſeiner tiefſten Stellen war. Schrecken beraubte auf einen Augenblick Frau Derville faſt ihrer Beſinnung; als ſie aber die Freundin wieder in die Hoͤhe kommen ſah, kehrte ihre Geiſtesgegenwart zuruͤck, und ſie be⸗ ſchwor ſie, ſich einige Augenblicke am Hintertheile des Bootes feſt anzuhalten„ waͤhrend ſie es, mit aller ihr nur moͤglichen Schnelligkeit, ein wenig wei⸗ ter ſeitwaͤrts nach einem Flecke zu wenden bemuͤht war, von dem ſie glaubte daß er ſeichter ſei.— Eine fuͤrchterliche Angſt bemaͤchtigte ſich ihrer, in⸗ dem ſie der faſt ohnmaͤchtigen Freundin immer zurief ſich feſt zu halten. Endlich kam ſie der ſeichten Stelle nahe; aber noch ehe ſie ſie voͤllig erreichte, verlor Frau Arlington alle Kraͤfte, und ſank aufs neue unter. Jetzt aber ſahe ſie den Sand unter dem Waſſer blinken, ſprang hinein, und es gelang ihr, nicht ohne Gefahr ihres eigenen Lebens, die Ohnmaͤchtige, indem ſie ſich mit der einen Hand am Boot anhielt, 88 mit der andern an ihrem langen Haar zu ergrei⸗ fen, und ſie wenigſtens zur Haͤlfte bis auf den ſchluͤpfrigen Sand zu ziehen. Mehr war ihren Kraͤften unmoͤglich, auch wagte ſie nicht ſie los⸗ zulaſſen, aus Furcht daß der ganze Koͤrper dann wieder ins Waſſer gleiten koͤnne. Ein lauter Schrei um Huͤlfe zog endlich Lionel herbei, der eben im Begriffe war die beiden Freundin⸗ nen aufzuſuchen. Ihrem vereinten Beſtreben ge⸗ lang es den leblos ſcheinenden Koͤrper voͤllig aus dem Waſſer zu ziehen, und ihn am Ufer auf dem ſonnigen Raſen niederzulegen. Mehrere Be⸗ dienten und Arbeiter waren waͤhrend der Zeit herbeigeeilt, welche alle laut jammernd den Tod der theuren Gebieterin beklagten. Frau Der⸗ ville ſuchte ſie zu beruhigen, und vermochte es endlich uͤber ſie den Koͤrper ſchleunig nach Hauſe zu tragen, wo man, durch einige zweckmaͤßig ange⸗ wandte Mittel, ihn bald wieder ins Leben rief. Der erſte Laut ihrer Stimme ſprach den Nanmen der Freundin aus, die noch immer huͤlf⸗ reich um ſie beſchaͤftigt war. Mit Blicken, die mehr ſagten, als Worte vermochten, zog ſie ſie in ihre Arme, und druͤckte ſie feſt an ihre Bruſt. —— 89 „Der Geiſtes⸗Gegenwart dieſer Frau habe ich mein Leben zu danken, ſagte ſie endlich zu den Umſtehenden. Ohne ihre Huͤlfe wuͤrde ich nie meine Augen wieder geoͤffnet haben.“ Lionel und Johanne fuͤhlten ſich ent⸗ zuͤckt uͤber dieſe Worte, waͤhrend/ der Dank der ganzen Hausgenoſſenſchaft ſich auf ver⸗ ſchiedene Weiſe gegen die Lehens⸗ Retterin der allgemein verehrten Gebieterin zu erkennen gab. Einige weinten, andere hoben ihre Haͤnde zum Himmel, wieder andere riefen laut: Gott ſegne euch dafuͤr, edle Frau!— Allgemein aber drang man nun in Frau Arlington ſich in ein warmes Bette zu begeben, und nach aͤrzt tlicher Huͤlfe zu ſenden. Auch Frau Derville ging auf ihr Zim⸗ mer, um ſich umzukleiden, und einige Augenblicke Ruhe nach dem Schrecken und der großen An⸗ ſtrengung zu genießen; aber kein Schl af kam in ihre Augen. Ihr erſter Gedanke war ein in⸗ niger Dank zu Gott, der ihr Kraͤfte verliehen hatte das Leben eines Nebenn enſchen zu retten. Als ſie hoͤrte daß der gereetrafen Arze Fran Arlington außer aller Gefahr erklaͤrte, ſtand ihr Entſchluß feſt in wenigen Stunden abzureiſen. Schon befand ſie ſich wieder an der Seite ihrer Freundin, als ihr zwei Briefe gebracht wurden, deren Inhalt noch angreifender fuͤr ſie geweſen ſeyn wuͤrde, wenn beide Frauen ſich weniger wohl nach dem erlebten Unfall gefuͤhlt haͤtten. 1 Der eine war von Derville ſelbſt, der andere von einem ſeiner Freunde. Derville ſchrieb ſehr kurz; gab aber ſo freundlich ſeine Einwilligung in ihr verlaͤngertes Außenbleiben, da es ſie gluͤcklich zu machen ſchiene, daß ſie es faſt ſchon bereuete die Pferde beſtellt zu haben. Kaum aber hatte ſie den Brief des Freundes geleſen, als ſie in Thraͤnen ausbrach, und indem ſie ihn der Frau Arlington uͤberreichte, haſtig das Zimmer verließ. 1 Derville hatte zwar immer aus zarter Scchonung gegen ſeine Frau die Krankheit ver⸗ hehlt, die im Dorfe wuͤthete, und auch jetzt, da das Uebel gaͤnzlich gehoben war, und er wohl einer zaͤrtlichen Wartung und Pflege nach allen den Anſtrengungen, denen er ſich raſtlos unterzo⸗ 91 gen hatte, bedurfte, ſchwieg er davon, um Frau und Kindern nicht die Freude zu verderben. Aber ſein Freund und Nachbar Travers, dem ſeine auffallende Blaͤſſe nicht gefiel, dachte anders, und er bat Frau Derville nicht allein ſchleu⸗ nig zuruͤckzukehren, ſondern ſtellte es ihr als ihre erſte Pflicht vor, indem er ihr das ganze 1 edelmuͤthige Benehmen ihres Mannes, nebſt der großen Selbſtverlaͤugnung ſchilderte, mit der er ihre Abreiſe betrieben hatte, um ſie ſelbſt nicht Ge⸗ fahren auszuſetzen, denen er muthig entgegengegan⸗ gen war. Er ſagte ihr: wie er fremde Leiden, mit Aufopferung ſeiner ſelbſt, gemildert, wie er ſeinen Pfarrkindern als ein Engel des Troſtes erſchienen ſei, waͤhrend ſie ſich umringt von Zerſtreuungen, den Freuden der großen Welt ergeben habe. Als Frau Arlington dieſen Brief mit der groͤßten Ruͤhrung den Kindern vorgeleſen hat⸗ te, kam Frau Derville weinend wieder ins Zimmer zuruͤck. „Und dieſen Mann haͤtte ich verlieren koͤn⸗ nen, rief ſie in der heftigſten Bewegung, er haͤtte angeſteckt werden koͤnnen, und—— hier ver⸗ mochte ſie nicht auszureden.— Aber Gott ſei ge⸗ 3 92 kobt, der ihn zum Beſten ſeiner Nebenmenſchen erhalten hat, ihn, den edten Mann!“— „Waͤre ich an ihrer Stelle, antwortete Frau Arlin gton, ich wuͤrde in Pilgerkleidern, bar⸗ fuß, nach Hauſe eilen, wenn atsse ihn nitht anders ſehen koͤnnte.“ „Ach, und ich konnte andere Vergnuͤgungen dem Genuß vorziehen zu ihm zuruͤckzukehren!— Aber Gottlob! daß mein Entſchluß wenigſtens jetzt ſchon fruͤher gefaßt war, als die Briefe ka⸗ men!“— „Wohl ihnen! daß dies der Fall war,“ ſagte Frau Arlington, indem ſie ihre Hand zaͤrt⸗ lich druͤckte. „Aber es war doch nicht ganz recht von ihm mich ſo in der gaͤnzlichen Unwiſſe enheit zu laſſen! Haͤtte er mir nicht wenigſtens die Wahl zu bleiben, oder zu gehen uͤberlaſſen koͤn⸗ nen?—— „Nein, er hat vollkommen recht und groß⸗ muͤthig gehandelt, und ſie ſind, meiner Meinung nach, die beneidenswertheſte aller Frauen!— Kein Wort mehr gegen dieſen Mann, den ich als einen Heiligen verehre.— Aber ſind ſie 93 fertig zur Abreiſe?— Denn obgleich ich ſie ſchmerzlich entbehren werde, ſo ſehne ich mich doch ſie fortfahren zu ſehen.“ Waͤhrend die Familie ſich mit Einpacken be⸗ ſchaͤftigte, ſchrieb Frau Arlington an Der⸗ ville, und bat ihn in den freundſchaftlichſten Ausdruͤcken, im Falle vielleicht Veraͤnderung der Luft ſeiner Geſundheit zutraͤglich ſei, zu ihr zu kommen, um ihr das Vergnuͤgen zu goͤnnen ei⸗ nen Mann perſoͤnlich kennen zu lernen, der als Gatte, Vater und Lehrer wie ein Ideal vor ihrer Seele ſchwebe. Nun fuͤgte ſie einfach und wahr hinzu, was ſie ſeiner Frau verdanke, die ſie die Retterin ihres Lebens nannte, und wel⸗ cher ſie ſich alſo auf immer verpflichtet fuͤhle. Endlich fuhr der Wagen vor. Zu welchem Wechſel von Empfindungen hatten aber wenig Stunden Veranlaſſung gegeben! Noch vor Kur⸗ zem ſchien der Dank einzig auf Frau Dervil⸗ les Seite zu ſeyn; jetzt ſtand die Freundin ge⸗ ruͤhrt als Schuldnerin beim Abſchiede da. „Ich kann nicht viele Worte machen, ſagte ſie, indem ſie die Thraͤnen nur muͤhſam zuruͤck⸗ hielt; aber ich werde meine Dankbarkeit durch 94 die That beweiſen, und fuͤr ſie thun, was ich fuͤr keinen andern Menſchen gethan haben wuͤrde. Bald werde ich mich ihnen naͤher erklaͤren.“ Frau Derville war zu bewegt, um ant⸗ worten zu koͤnnen; man trennte ſich ſtillſchwei⸗ gend unter Thraͤnen. Noch einmal aber wandte Johanne ſich nach der Thuͤr, und wiederholte die Bitte: Frau Arlington moͤge doch we⸗ nigſtens taͤglich ſchreiben, um zu ingen, wie es ihr ergehe.— Wie viel leichter iſt es, wenn ein großes Opfer von uns gefordert wird, recht zu handeln, als die kleinen, unzaͤhligen, oft unbedeutend er⸗ ſcheinenden Pflichten des taͤglichen Lebens zu er⸗ fuͤllen, die doch groͤßtentheils auch in Opfern be⸗ ſtehen. Keine Ruͤckſicht wuͤrde Frau Derville vermocht haben ihren Mann zu verlaſſen, haͤtte ſie die Gefahr gewußt, in welcher er ſchwebte. Selbſt London mit allen Zerſtreuungen haͤtte ſie auf der Stelle verlaſſen, ſobald ihr nur die ge⸗ ringſte Kunde davon geworden waͤre.— Aber das viel leichtere, anſpruchloſere Opfer, einen einzigen Abend des Vergnuͤgens hinzugeben, um den Gatten einen Tag fruͤher wiederzuſehen, um 95 ſelbſt durch dieſe kleine Entbehrung ihre Liebe zu beweiſen, dazu konnte ſie ſich nicht entſchließen.— Und liegt denn nicht in dieſen kleinen taͤglichen Opfern, welche die Liebe anſpruchlos giebt, ohne Dank oder Lob dafuͤr zu erwarten, die eigentli⸗ che Seligkeit des Lebens?— Eben ſo wenig war es ihr moͤglich ſich eher aus dem Rauſche der großen Welt zu entfernen, bis ſie fuͤr den Frieden eines Kindes, und die Sittlichkeit des andern zittern mußte; nun war die Gefahr zu merklich, zu nahe, das Opfer mußte gebracht werden. Bis dahin aber wurde jede Gefahr, jede ſtrenge Erfuͤllung der Pflicht, aus dem naͤheren Geſichtskreiſe verbannt, um nur ruhig die Freuden des Augenblicks genießen zu koͤnnen.. Ohne Aufenthalt ging es mit unſern Rei⸗ ſenden weiter, bis der Abend hereinbrach; doch wurden ſie dann durch Mangel an friſchen Pfer⸗ den genoͤthigt fruͤher liegen zu bleiben, als es eigentlich ihre Abſicht war. Gluͤcklicher Weiſe aber begegneten ſie einem von Dervilles Pfarrkindern, der eben im Begriffe war nach Hauſe zuruͤckzukehren, und durch ihn gab Frau 96 Derville ihrem Manne Kunde, daß ſie fruͤher kommen wuͤrde, als er nach dem letzten Vriefe erwarten konnte. Mangel an Pferden hielt ſie auch noch am folgenden Morgen einige Stunden auf, und ſchon fing die Sonne an zu ſinken, ehe die Huͤ⸗ gel ihnen deutlich wurden, welche die Heimath einſchloſſen, ehe ſie endlich auch den See ſahen, der ihnen ſilberglaͤnzend aus der Ferne entgegen blinkte, und den ſammetweichen Raſen gewahr wurden, auf welchem die von Wein⸗ und Je laͤn⸗ ger je lieber⸗ Laub umſchattete Wohnung ſtand. Die Strahlen der untergehenden Sonne ließen alles im goldnen Purpur⸗Schimmer vor ihnen 3 erſcheinen, und Lionel rief begeiſtert aus: „Ach dies iſt noch ſchoͤner als Frau Arlingtons Beſitzung!“ „Es muß uns ſo erſcheinen, weil es unſere Heimath iſt,“ ſagte Johanne, indem ihre Au⸗ gen vergeblich Jemand ſuchten, der, ihrer Mei⸗ nung nach, wohl ſchon hier ihrer Ankunft haͤtte ſehnend entgegen harren koͤnnen. Frau Derville ſprach nicht; ihr Herz war u bewegt, vorzuͤglich da ſie auf einem Huͤgel, von — 4 —— ——õ——Q—᷑B᷑O—ñ;pU—ł˖——ñ—ñ⁸—OQ———QOQñ:ñ⸗-ñ——— 97 dem man die Straße uͤberſehen konnte, ih⸗ ren Gatten ihrer wartend erblickte. Froͤhlich ſchwenkten die Kinder dem Vater die Taſchentuͤ⸗ cher entgegen, zum Zeichen daß ſie ihn ſchon er⸗ kannt hatten; aber die von tieferen Gefuͤhlen be⸗ ſtuͤrmte Gattin druͤckte ſich in eine Ecke des Wa⸗ gens, und verbarg ihr Geſicht mit dem Tuche. In wenigen Augenblicken war Derville den Huͤgel herunter, und oͤffnete das Eingangs⸗Thor zum Empfange der Lieben; auch er konnte nur durch ei⸗ nen Blick ſie willkommen heißen. Frau Derville, zu ſehr von tauſend ver⸗ ſchiedenartigen Empfindungen ergriffen, wußte nicht deutlich, wie ſie in's Haus gekommen war; aber ſie fand ſich dort an der treuen Bruſt des Mannes wieder, in deſſem Auge ſie die naͤmliche Liebe las, durch welche ſie ſchon ſo manches Lebensjahr beſeligt worden war. Wie unbedeutend, wie nichtig erſchien ihr in dieſem Augenblicke London mit ſeinen rau⸗ ſchenden Freuden! Sie fah ſich umgeben von al⸗ lem was ihr auf Erden das Theuerſte war, und als Derville inbruͤnſtig ausrief:„Habe Dank, Vater der Liebe, daß du mir ſie alle geſund zuruͤck⸗ gefuͤhrt haſt!”“— bewegte auch ſie ihre Lppen im O. 1. 7 98 ſtillen Gebet, und fuͤhlte daß ſie in der That eine beneidenswerthe Frau ſei. „Aber du biſt ſo mager, Friedrich, und ſehſt ſo blaß aus,“ ſagte ſie endlich aͤngſtlich beſorgt. „Kein Wunder, Liebe, ich habe ſchwere Pflich⸗ ten zu erfuͤllen gehabt.“ „Ach, ſprich nicht davon!— Ich mag nicht an die Gefahr denken, worin du ſchwebteſt.“ „Du mußt daran denken, um dankbar zu ſeyn daß ich ihr entkam. Ach, es waren ſchwere Pruͤfungen, herzzerreißende Seenen, die ich beſte⸗ hen mußte;— und wenn ich dann zu Hauſe kam, fand ich kein theilnehmendes Weſen, das mich be⸗ willkommte, keine Hand, die mir liebreich den Angſtſchweiß von der Stirn trocknete.— Alles war oͤde und leer. Aber Gott hat mich aufrecht erhalten in dem Bewußtſeyn der Erfuͤllung mei⸗ ner Pflicht, und in dem beruhigenden Gedanken eurer Sicherheit.— Nun ſeid ihr mir ja alle wiedergegeben, und meine Angſt iſt reichlich be⸗ lohnt.“ 3 Dieſen Abend war Frau Der ville zu voll Seligkeit, um irgend eine unguͤnſtige Verglei⸗ chung zwiſchen einer einfachen Pfarr⸗Wohnung 99 und einem glaͤnzenden Pallaſt anſtellen zu koͤnnen, obgleich ſie doch von Zeit zu Zeit das Zimmer mit ihren Blicken maß, als ob ſie innerlich daͤchte: „ich haͤtte es doch nicht ſo klein gehalten!“— Die arme Marianne aber glaubte große Urſache zur Unruhe zu haben, die ſie laut aͤußerte. Schon gleich nach dem erſten Empfange hatte Nelly ſie wieder verlaſſen„ um zu ihren Jungen zu ge⸗ hen, die erſt am vorigen Tage zur Welt gekommen waren; nur der Vater vermochte ſie wenigſtens etwas durch die Verſicherung zur Ruhe zu bringen, daß es ſich doch fuͤr eine Cornelia nicht ſchicken wuͤrde, die jungen Gracchen unter irgend einem Vorwande zu verlaſſen. Als man ſich am Abend gemuͤthlich um den Theetiſch verſammelt hatte, uͤbergab Frau Der⸗ ville, auf die Frage ihres Mannes: wer denn Frau Arlington ſei, den an ihn gerichteten Brief mit den Worten: Frau Arlington iſt ein Engel.—. Mitt ſichtbarer Bewegung las Derville das Lob ſeiner Frau und die Beſchreibung des Dienſtes, den ſie ihr geleiſtet hatte. . 7*¾ 100 „Alſo haſt du ihr wirklich das Leben geret⸗ tet? fragte er.— Eben erzaͤhlte mir Mari⸗ anne daß Frau Arlington ins Waſſer gefal⸗ len, und ohne deine Huͤlfe gewiß ertrunken ſeyn wuͤrde; ich glaubte aber, das gute Kind ſpraͤche es vielleicht den Dienſtbothen nach, die leicht zu uͤbertreiben pflegen, da ſie ſelbſt bei der Be⸗ gebenheit nicht gegenwaͤrtig geweſen war.“ „Oh ja, gewiß, Vater, riefen Lionel und Johanne, begierig ihrer Mutter das ihr ge⸗ buͤhrende Lob zu ertheilen, der Mutter Geiſtes⸗ gegenwart rettete wirklich das Leben der herrli⸗ chen Frau, und dies bezeugten auch gleich die er⸗ ſten Worte, welche dieſe ſprach, nachdem ſie wie⸗ der zur Beſinnung gekommen war.“. 3 Derville warf einen zaͤrtlichen Blick auf die Kinder, und wuͤnſchte dann mit einer Freu⸗ denthraͤne ſeiner Frau Gluͤck, daß es ihr durch Selbſtbeherrſchung gelungen ſei das Leben eines Menſchen zu erhalten. Voͤllig ſchien ſie in dieſem Augenblicke zu vergeſſen, daß wenn ſie fuͤr die Erhaltung eines einzigen Lebens ſo warme Lob⸗ ſpruͤche verdiene, als ihr vorzuͤglich Frau Arling⸗ ton ertheilte, ihrem Manne, der mit der groͤßten — 101 Aufopferung ſo Vieler Leben zu erhalten ge⸗ ſtrebt hatte, noch weit hoͤherer Dank gebuͤhre. Aber ſo ſehr er das Verdienſt in Andern zu ſchaͤzen wußte, ſo gering ſchlug er ſein eigenes an, weil alle ſeine Handlungen aus einem ed⸗ leren Geſichtspunkte floſſen, und er, indem er ſich fuͤr Andere aufopferte, einzig nur ſeiner Pflicht Genuͤge zu leiſten glaubte. Schnell und gluͤcklich flohen die Abendſtun⸗ den voruͤber; es ſchien Frau Dervillen keine Unmoͤglichkeit in dieſer Umgebung die uͤppigen Freuden der Hauptſtadt, oder die angenehmen Bequemlichkeiten, welche das Landhaus ihrer Freundin gewaͤhrte, entbehren zu koͤnnen. Am naͤchſten Mittag aber, als ſie ſich zu Tiſche ſetz⸗ te, fand ſie ſchon das einfache, irdene Geſchirr unertraͤglich, und wollte ſobald als moͤglich eta neues Service von chineſiſchem Porcellan kommen laſſen. Auch fiel es ihr ſehr auf daß eine Magd bei Tiſche aufwarte, da ſie gewohnt geworden ſei ſich den Teller durch einen Bedienten wegneh⸗ men zu laſſen. 19 „Ja freilich, du hieltſt dir in London einen Bedienten, ſiel Dervill eein, und hatteſt 102 Kutſche und Pferde, wann du ſie verlangteſt.— Das heißt vornehm leben, und ſo haͤtteſt du immer leben koͤnnen, wenn Anne Pointz nicht ein kleiner Einfalts⸗Pinſel geweſen waͤre und die Liebe dem Ehrgeiz vorgezogen haͤtte.“ Dieſe ſcherzhafte Anſpielung auf vergangene Zeiten war im rechten Augenblicke angebracht, und verſcheuchte den Wunſch nach Dingen, die über ihrem Wirkungskreiſe lagen. Mit liebe⸗ vollem Blick ſah ſie den Gatten an, und ver⸗ ſicherte: Anne Derville koͤnne nie die Wahl bereuen, welche Anne Pointz getroffen habe. „Glaube es mir, lieber Friedrich, ſetzte ſie mit ernſter Stimme hinzu, wie ſchwach ich auch wohl geweſen ſeyn mag, ſo hat mein Herz doch nie nach Groͤße verlangt, die du nicht mit mir theilen koͤnnteſt.“— Waͤhrend ſie ſprach, fuͤll⸗ ten ſich ihre Augen mit Thraͤnen, und ihre Stimme fing merklich an zu zittern. Derville ſchien erſtaunt, und mochte vielleicht an das be⸗ kannte Sprichwort denken: wer ſich entſchuldit klagt ſich an. „Liebe Frau, ſagte er, ich Hane dich noch nie in dem Verdacht irgend eines Trachtens nach 103 Groͤße, die ich nicht mit dir theilen koͤnnte, noch klagte ich dich der Schwaͤche an.“ 5 „Nein das thatſt du bisher gewiß nie, ant⸗ wortete ſie, im innern Bewußtſeyn ihrer Schuld; aber ich bin doch ſchwach geweſen, recht ſchwach; doch ich will dir alles bekennen.“ „Derville wurde beſtuͤrzt, blickte auf die Kinder, als wenn er ſeine Fran an ihre Ge⸗ genwart mahnen wolle; doch war er wieder uͤber⸗ zeugt daß die Schwaͤche nicht groß ſeyn koͤnne, de⸗ ren ſie ſich in ihrem Beiſeyn anklagen wollte. „Nun wohl, Liebe, ſagte er nach einer Pauſe, wenn es dein Herz erleichtert mir zu beichten, werde ich dir zuhoͤren. Uebrigens bin ich auch zufrieden nichts mehr davon zu hoͤren, da mein Vertrauen zu dir grenzenlos iſt.“ Iſt es wohl moͤglich die Launenhaftigkeit des menſchlichen Weſens voͤllig zu berechnen!— So ſchmeichelhaft Frau Dervilles beſſerem Gefuͤhle dieſe Erklaͤrung des unumſchraͤnkten Vertrauens ihres Mannes ſeyn mußte, ſo fand ſie ſich dennoch beinahe gekraͤnkt daß er ſo ganz und gar nicht eiferſüchtig ſei, und ſie wuͤnſchte aufs Neue, moͤge er Zeuge der mannigfaltigen Bewunderungen 5½ 104 geweſen ſeyn, die man ihr in London gezollt hatte. 125b3 Dieſer Gedanke trieb ſie an auf einmal aus⸗ zurufen:„Nicht wahr, ich habe dir geſchrieben daß ich Lord Derby in London ſah?“ e „Wohin zielt das,“ fragte Derville, indem eine hohe Roͤthe ſein Geſicht bedeckte;„ich hoffe nicht daß dies in einiger Verbindung mit deiner Schwaͤche ſteht,“ ſetzte er laͤchelnd hinzu. Jetzt erroͤthete Frau Derville wieder im Gefuͤhl ihrer Wuͤrde, weit ſie ſich beleidigt fand daß er auch nur einen Augenblick ſolchen eiferfuͤch⸗ tigen Zweifeln Raum geben koͤnne.— Aber er konnte es in der That auch nur für den Augen⸗ blick, und ſein Herz warf es ihm vor, waͤhrend er ruhig, heiter fragte:„Nun, wie ſieht Lord Derby denn aus; ſteht die Pair⸗Wuͤrde ihm an, und ſteht er der Wuͤrde an? Fragte er auch nach mir?2— Bis wir Nebenbuhler wurden, konnte er, wie du weißt, mich ſehr wohl leiden.“ n,Du thuſt ſo viele Fragen auf einmal, ſagte Frau Derville faſt etwas verdrießlich, daß ich nicht weiß, welche ich zuerſt beantworten 105 ſoll. Lord Derby ſieht fuͤr ſeine Jahre alt aus, doch iſt ſein Weſen noch das naͤmliche; er ſchien nicht ſtolz auf ſeinen hoͤheren Rang.— Auch erkun⸗ digte er ſich nach dir, als wir uns das erſte Mal ſahen; aber obgleich wir oft mit einander in Ge⸗ ſellſchaft waren, ſprach ich nicht viel mit ihm.“ „Nicht!— das iſt ſonderbar!— Ich daͤchte, es muͤſſe dir hoͤchſt angenehm geweſen ſeyn, unter lauter Fremden einen alten„Freund anzu⸗ treffen.“ Jioo „Einen alten Freund, ja; aber“——— Hier wurde ſie durch Johanne unterbro⸗ chen, welche fragend einſiel:„Lord Derby!— Nicht wahr, Mutter, das war der Herr, wel⸗ cher dich immer ſo ſtarr anſah, und dann ſo tief ſeufzte daß es dich faſt in Verlegenheit ſetzte.“ „Ja, fiel Lionel ein, und wenn du ſangſt, ſo legte er den Kopf ganz auf eine Schulter, und ſah lächeriich geruͤhrt aus.“ 3 Zu jeder andern Zeit wütde Dervilte ſeinem Sohne Vorwuͤrfe gemacht haben, ſich uͤber jemand aufzuhalten; aber diesmal war es ihm nicht leid zu hoͤren daß Lord Wae aͤcher⸗ lich geruͤhrt ausſäͤhe. ⸗ 168 106 „Iſt es wahr, Anne, fragte er laͤchelnd, zeigte der Lord dieſe Kennzeichen noch nicht er⸗ loſchener Liebe?“— „Ich glaube es faſt.“— „Pfui, das war nicht recht von ihm; je⸗ doch ſollte ich ihn beklagen, und thue es auch recht herzlich.“. „Aber du haͤtteſt doch wohl nicht gewänſcht daß ich mich viel mit ihm unterhalten haͤtte?“— „Nein, gewiß nicht; und ich lobe dich es nicht gethan zu haben, obgleich ich auch ohne Verſicherung davon uͤberzeugt geweſen waͤre.”“ „Ich vermied die Unterhaltung mit ihm, weil es mich verdroß daß er Gefuͤhle zußerte, die ihn ſtrafbar machten, und mich heräbſibten, indem ich Zeugin davon war.“ „Armer Derby!“— rief Dewo2; „alſo ſelbſt ſeine Grafen⸗ Krone konnte ihm kein belohnendes Lächeln fur ſeine lange, laͤſtige Treue erwerben?— Nun beneide ich ihm ſeine Pair, 65 Wuͤrde gewiß nicht“ 4—. „Es iſt doch eine ſhäne Sache Pae zu ſh⸗ lieber Derville, und ich habe mich oft 107 auf dem Wunſch ertappt, daß du einer ſeyn moͤch⸗ teſt!* „Ich, ein Pair?“ „Ja; ſind denn die Biſchöſfe nicht auch Pairs des Reichs? „Alſo wuͤnſchteſt du wirklich, ich nschen Bi⸗ ſchoff ſeyn, liebe Anne? Und du wollteſt die⸗ ſen friedlichen Aufenthalt verlaſſen, in welchem wir ſo gluͤcklich waren?“— „Manchmal wuͤnſche ich das wohl; obgleich ich nie wuͤnſche Lady Derby zu ſeyn.“ „Gut, gut, rief Derville, ich ſehe daß um deſſentwillen was du nicht wuͤnſcheſt, muß ich dir ſchon vergeben was du wuͤnſcheſt.“ „Nun, Vater, welch ein Verdienſt liegt denn darin daß die Mutter nicht wuͤnſchet Lady Derby zu ſeyn? fragte Johanne. Du ſiehſt doch zehnmal juͤnger und huͤbſcher aus als er, und wenn ich dich vollends erſt gelehrt habe, die Schleife an deinem Halstuche zu binden, wie es Lord Barrington that“— fuhr ſie fort, ihn ſchmeichelnd bei der Halsbinde zupfend.— „Und wenn ich, ſiel Lionel ein, indem er des Vaters glaͤnzendes ſchwarzes Haar ſtrich, dir 108 erſt beigebracht habe, dein Haar von der Stirne zu ſtreichen, wie es Sir Mordaunt und ich thun— dann“— 3„Nun dann, rief Derville, dann hatt ihr einen alten Gecken aus mir gemacht!“ „Alt! lieber Vater, ich verſichre dich daß ich waͤhrend meiner Abweſenheit keinen Mann geſehen habe, der mit dir zu vergleichen waͤre, ſelbſt in Anſehung der maͤnnlichen Schoͤnheit. Was das modiſche Weſen anbetrifft, das iſt ein ander Ding, wie du weißt. A 1 1 „Komm doch auch her, liebe Anne, Mief Derville, ſeine Frau freundl ich zu der uͤbrigen Gruppe ziehend, und ſieh, ob du nicht auch eine Aenderung an deinem altmodiſchen Ehemann zu machen haſt?— Sg „Keine, rief ſie, indem ſie ſich liebevoll in die ſich ihr oͤffnenden Arme warf. Du haſt gar keine Maͤngel, oder 3 ſehe ſie wanſten nichn ae 316 Auch dieſen Abend ging Frau Set le mit dem Gefuͤhle zur Ruhe, die gluͤcklichſte Frau guf Erden zu ſeyn. Wenige Zeilen von Frau Arlington, die noch vor dem Schlafengehen —9 2—— 109 angekommen waren, hatten, wo moglich, ihre Freude erhoͤht, indem ſie ſie ihrer Geſundheit und dauernden Freundſchaft verſicherten.— Ihrem guten Vorſatze gemaͤß, ſollte der naͤchſte Morgen ſie ſchon als eifrige Wirthſchaf⸗ terin in ihrem Haushalte finden; aber ſie lief im ganzen Hauſe mit vielem Geraͤuſche umher, ſchien ungemein geſchaͤftig, und that eigentlich nichts. „Was haſt du denn an Geraͤthe aus dem Nachlaß der Lady Anne mitgebracht, fragte Der⸗ ville am folgenden Mittage; ich habe ja noch ſo wenig davon gehoͤrt.“ „Davon iſt auch wenig zu ſagen, denn es kaugte im Ganzen nicht viel, und ſowohl unſer Anwald, Herr Farrell, als ich, hielten es fuͤr's Beſte, das Meiſte davon zu verkaufen, um Reues dafuͤr einkaufen zu koͤnnen. Einiges haͤtte ich wohl behalten moͤgen; aber ich uͤberließ es Lady Lucy.“ „Warum thateſt du das?“ „Weil ſie es zu beſitzen wuͤnſchte, und da⸗ mals ſo ungemein hoͤflich und artig war, daß es mir zur Freude gereichte ihr meine Erkenntlichkeit 110 dadurch zu bezeigen, obgleich Farrell mir rieth es nicht zu thun.“ „Eigennutz macht die Menſchen oft hoͤflich und artig; doch iſt es mir lieber daß ſie dich uͤbertrieben großmuͤthig, als ſelbſtfuͤchtig nennen kann.— Aber nun erzaͤhle mir mehr von Frau Arlington; in ihrem Briefe an mich ſpricht ſie ſich als eine Frau von vieler Bildung und Herzensguͤte aus; das iſt aber alles was ich von ihr weiß, und du ſelbſt uſhe wuhi naße viel mehr. 4 „Nein, nur daß ſie außerdem auch noch eine der ſchoͤnſten, anmuthigſten und beneidens⸗ wertheſten Frauen iſt, die ich je geſehen habe.“ „Beneidenswerth, Anne; hat ſie Mann und Kinder?“ „Kinder gewiß nicht; vielleicht auch keinen Mann, und in dieſer Hinſicht, ſetzte ſie laͤchelnd hinzu, moͤchten wohl andere Frauen mehr zu be⸗ neiden ſeyn.— Aber ihr Haus, ihr ganzes Be⸗ ſitzthum, ihre Art zu leben— Genug, Der⸗ ville, ich wuͤrde ſehr gluͤcklich ſeyn, grade wie ſie leben zu koͤnnen, verſteht ſich mit dir und meinen Kindern, ſonſt nicht!“ — 111 „Jedoch weißt du nicht, wer ſie iſt?— Hier unterbrach die Ankunft des Herrn Tra⸗ vers die Unterhaltung auf einen Augenblick; doch knuͤpfte Derville ſie wieder an, ſobald man Platz genommen hatte.. „Hoͤre Travers, ſagte er, ich kann noch immer nicht ausſinden, wer die neue Freundin meiner Frau eigentlich iſt.“ „Ich glaube es ausgefunden zu habeh, er, wiederte dieſer; aber meine Gedanken und Erin⸗ nerungen uͤber dieſen Gegenſtand ſind bis jetzt noch etwas unvollkommen und verwirrt. Mich duͤnkt, ſie war vormals ein Fraͤulein Louiſe Fortescue— Arlington iſt nicht ihr wah⸗ rer Name.“— Nicht ihr wahrer Name!“ wiederholten die Uebrigen erſtaunt. 1 „Nein; ich muthmaße daß ſie um irgend einer Urſache willen von ihrem Mann geſchie⸗ den iſt, der, glaube ich, Seymour hieß.“ „SeymourV! rief Johanne; dann ſa⸗ hen wir ſein Gemaͤlde, welches durch einen Vor⸗ hang bedeckt war, den ich einmal wegzog. Es ſtellte einen ſehr ſchoͤnen Mann vor, und ich fragte wer es ſei. Jetzt erinnere ich mich daß ſie ſich tiefſeufzend wegwandte und antwortete: des Mannes Name iſt Seymour.“ „Sonderbar und ſehr geheimnißvoll,“ ſagte Deroille in Gedanken verloren. „Es wirft allerdings immer einen uͤblen Schein auf eine Frau, bemerkte Travers, wenn ſie ge⸗ trennt von ihrem Manne in ſolchem Ueberfluſſe lebt, und noch uͤberdies einen andern Namen als den ih⸗ rer Eltern fuͤhrt. Uum Johannens ſowohl, als um ihrer ſelbſt willen, liebe Frau, moͤchte ich wohl rathen daß ſie, ehe ſi ſie dies Freundſchafts⸗ band enger ſchließen, ſich etwas genauer nach den eigentlichen Verhaͤltniſſen erkundigten; denn auch ſie ſelbſt ſind noch zu jung und liebenswuͤrdig, um mit einer Frau von zweideutigem Rufe umgehen zu duͤrfen.“ „Lieber Freund, erwiederte Frau Derville ſchnell, obgleich ich nicht die Erfahrung habe ge⸗ nau beſtimmen zu koͤnnen, wie Frauen von zwei⸗ deutigem Rufe ausſehen, reden und handeln, ſo erſcheint es mir als eine Unmoͤglichkeit, daß irgend jemand wie Frau Arlington ausſehen, reden 113 und handeln koͤnne, der nicht rein und makellos in Gedanken und Werken ſei.“ „Rein, wie ſie ſelbſt ſind, beſte Freundin, halten ſie andere auch dafuͤr; wer wahrhaft gut iſt, hat nicht leicht die Tugend ſeines Nebenmenſchen in Verdacht.“ „Warum aber werfen ſie denn einen Verdacht auf Frau Arlington?“— „Gut zu Hauſe gebracht!“ rief Derville. „Aber ſie muͤſſen es mir doch einraͤumen, ſagte Travers, daß der Schein gegen ſie iſt.“ „Wenn auch; doch nicht allemal ſind wir da wahrhaft ſtrafbar, wo der Schein gegen uns iſt. Zum Beiſpiel, welche Schluͤſſe koͤnnte ein Fremder wohl gezogen haben, der die Gefahr kannte, in welcher mein Mann hier durch eine anſteckende Krankheit ſchwebte, und nun zu gleicher Zeit ge⸗ ſehen haͤtte, daß ich mich allen Zerſtreuungen hin⸗ gaͤbe, als wenn zu Hauſe alles wohlauf geweſen waͤre. Der Schein ſprach ſehr gegen mich, und doch war ich eigentlich in dieſer Hinſicht nicht ſchuldig.“— „Es freut mich, ſagte Derville, dich ſo fuͤr deine neue Bekannte auftreten zu ſehen, und H. 1. 3 114 ich will ihren Brief beantworten. Doch ſcheint es mir vernuͤnftig einige Erkundigungen uͤber ſie einzuziehen, und dieſe Muͤhe wird Farrell gern uͤbernehmen.— Aber komm, Liebe, laß uns, ehe es dunkel wird, einen Spatziergang machen, und einige meiner Pfarrkinder beſuchen, oögleich ich dich, aus Furcht vor der Anſteckung, noch nicht in alle Huͤtten fuͤhren werde.— „Nein, nein, rief Travers, gehe du hin, wohin du willſt; aber laß mich bei deiner Frau bleiben, mit der ich unter vier Augen zu reden wuͤnſche.“ 48 „Gut; ich darf aber doch bald wiederkommen mit deiner Erlaubniß, und werde alſo nur den Kindern eine neue, von mir waͤhrend ihrer Abwe⸗ ſenheit entdeckte Ausſicht zeigen.“ Als Derville fort war, wuͤnſchte Tra⸗ vers, Frau Derville moͤge mit ihm allein in die Huͤtten der Pfarrkinder gehen, um das Ent⸗ zuͤcken zu genießen ihren Gatten von ihnen prei⸗ ſen zu hoͤren, wovon die Ehrfurcht gegen ihn ſie in ſeinem Beiſeyn zuruͤckhalten wuͤrde.— Sie dankte ihm herzlich fuͤr ſeine freundliche Abſicht, und genoß auf dieſer kurzen Wanderung das hoͤchſte 115 Entzuͤcken, was einer liebenden Gattin werden kann, das wohlverdiente Lob und den Segen ihres Mannes aus dem Munde der Menſchen zu vernehmen, die er gerettet und getroͤſtet hatte. Wie Derville ſeine Frau bei ihrer Ruͤck⸗ kunft wiederſah, ſchien ihm im erſten Augenblicke die hohe Roͤthe ihrer Wangen, die Thraͤnen in ihrem Auge, bange Furcht zu erregen; aber das liebevolle Laͤcheln, der zaͤrtliche Haͤndedruck, mit dem ſie ihn bewillkommte, verſcheuchte ſeine Angſt. Freundlich ſagte Travers: laß dich die Thraͤnen deiner Frau nicht gereuen, es ſind Thrä⸗ nen des edelſten Stolzes und der hoͤchſten Gluͤck⸗ ſeligkeit.— Auch dieſen Abend uͤberſah ſie gaͤnzlich den engen Raum ihrer Zimmer, bemerkte nicht das einfache irdene Geſchirr, welches die Tafel deckte, Der naͤchſte Tag brachte wieder einen Brief von Frau Arlington, als Antwort auf den, in welchem Frau Derville ihr ihre gluͤckliche Heimkunft gemeldet, und dem Marianne eine Nachſchrift beigefuͤgt hatte, um ihr zu ſagen daß Nelly mit zwei Jungen in die Wochen gekom⸗ men ſei, von denen ſie einen, den ſchoͤnſten, fuͤr 35 8* 116 ſie aufziehen wolle. Der Brief war frankirt, und als Frau Derville ihn oͤffnete, fand ſie ein Papier darin liegen, auf deſſem Außenſeite geſchrie⸗ ben ſtand: Pathengeſchenk fuͤr Nelly. Folgen⸗ der kleiner Zettel fuͤn Marianne lag dabei: Mein liebes Kind! Ich bitte dich mein Pathchen, falls es ein Hund iſt, Cajus zu nennen, und ſende dir, wie es von Gevattern gebraͤuchlich iſt, ein kleines Geſchenk, uͤber welches du indeß frei ſchalten ſollſt, unter der Leitung deines guten Vaters, der es gewiß auf das Zweckmaͤßigſte zum Beſten des jungen Gracchen anwenden wird. Deine dich liebende Freundin, Louiſe Arlington. Das Papier wurde geoͤffnet, und die entzuͤck⸗ te, aufs hoͤchſte verwunderte Marianne, hielt drei Banknoten in ihren kleinen Haͤnden. Als Derville ſie ſah, haͤtte er gleich eine davon gerne fuͤr die Ueberzeugung hingegeben, daß Frau Arlington wirklich der Engel ſei, und ſtets geweſen waͤre, wie ſeine Frau ſie ſchilderte, da er wohl denken konnte, daß dieſe Gabe aus ei⸗ nem großmuͤthigen, vielleicht ſtolzen Herzen ent⸗ —— —— 112 ſpraͤnge, welches ſich gerne erkenntlich beweiſen wollte, und wahrſcheinlich nur der Vorlaͤufer noch groͤßerer Wohlthaten ſeyn wuͤrde. Mit Freuden haͤtte er es aus den. Haͤnden unbe⸗ fleckter Tugend empfangen; aber er ſchauderte es von einer Frau anzunehmen, deren Cha⸗ rakter in einem zweideutigen Lichte erſchiene. Indeß ſuchte er den unlautern Gedanken zu ver⸗ ſcheuchen, und waͤhrend die Mutter und die aͤl⸗ teren Kinder ganz entzuͤckt uͤber die feine Art waren, mit welcher Frau Arlington dies Ge⸗ ſchenk gemacht hatte, nahm er die erſtaunte Marianne auf ſeinen Schoos, um ihr die Sache wenigſtens etwas begreiflich zu machen. „Aber Vater, ich verſtehe doch nicht, ſagte die Kleine, wie man ſo viel Ruͤhmens davon ma⸗ chen kann, daß Frau Arlington mir Bankno⸗ ten fuͤr den jungen Hund ſchickt? Haͤtte es jemand anders gethan, ſo wuͤrde ich ſagen, es ſei recht dumm; denn wenn ich ſie ihm nun gaͤbe, er zer⸗ riſſe ſie ja doch nur.“— „Da haſt du recht; aber du ſollſt ſie ihm ja auch nicht geben, ſondern man hat dich gebe⸗ ten ſie mir zu geben, das heißt, es mir zu uͤber⸗ 118 laſſen, ſie auf das Beſte fuͤr den jungen Gracchen anzuwenden.“ „Nun ja.“ „Hoͤre denn, liebes Kind! Ich will dies Geld auf Intereſſen legen, dann wird es jaͤhr⸗ lich eine gewiſſe Summe eintragen; und da du die Herrin von Nelly und ihren Jungen biſt, kannſt du ihnen dafuͤr irgend einen vorzuͤglichen Genuß verſchaffen. Vielleicht kaufſt du ihnen dann und wann ein junges Huͤhnchen, oder trak⸗ tierſt ſie mit einer Flaſche Wein, ſchoͤnem Obſt, und dergleichen.“ „Oh Vater, das waͤre doch eine Schande, Hunden ſolche Leckereien zu geben, da ſie ſie nicht gebrauchen, und eben ſo gluͤcklich ohne ſie ſind. Fuͤr das Geld koͤnnteſt du dir ſelbſt, der Mut⸗ ter, Schweſter, Lionel, oder mir etwas kau⸗ fen! Gewiß, meine gute Arlington kann nicht im Ernſte wollen, daß ich das Geld fuͤr die Hunde anwende.“. „Nein gewiß, Kind, das will Frau Ar⸗ lingtorn auch nicht; und nun verſtehſt du viel⸗ leicht, warum Mutter und Geſchwiſter ſich ſo uͤber die feine Art freuten, mit der ſie dir eigentlich 119 ein Geſchenk machte, indem ſie vorgab, es ſei ein Pathen⸗Geſchenk fuͤr den kleinen Hund.“ „Dann hat ſie mir ja etwas weiß gemacht, Vater, und ich glaubte das ſei nicht recht.“ „Jemanden elwas weiß machen, wenn wir ihn dadurch hintergehen wollen, iſt unre Nun hoͤre aber, liebe Kleine, ob du mich verſte⸗ hen kannſt: Frau Arlington iſt eine reiche, reiche Dame, der deine Mutter das Leben erhal⸗ ten hat. Wir ſind nicht reich; obgleich ich ein gutes Einkommen habe, ſo dauert das doch nur ſo lange ich lebe. Nach meinem Tode wird Lionel zwar meine Stelle wieder bekommen; was ich aber uͤbrigens fuͤr dich und Johannen hinterlaſſe, iſt nicht viel, und auf dieſe Weiſe genommen, wird dies Geſchenk ein anſehnlicher Zuwachs zu deinem Vermoͤgen werden.“ „Zu meinem Vermoͤgen allein? Nein, Va⸗ ter, du wirſt doch wohl Soannen die Haͤlfte davon geben?“— „Gutes Kind!“— fagte der geruͤhrte Va⸗ ter, waͤhrend Johanne die gluͤhende Wange der Kleinen kuͤßte;„nein, du mußt es alles behal⸗ ten, oder vielmehr ich hebe es fuͤr dich auf, denn 120 ſo war es der Wille der Geberin.— Auch bin ich uͤberzeugt daß ſie zu ſeiner Zeit ein Mittel ausfindig machen wird, eben ſo großmuͤthig ge⸗ gen deine Geſchwiſter zu ſeyn.“ „Davon bin ich eben ſo feſt uͤberzeugt,“ fiel Frau Derville ein, und ſowohl Johanne als Lionel ſchienen ſtillſchweigend ihrer Mei⸗ nung zu ſeyn. „Aber nun hoͤre mich noch einal an, Ma⸗ rianne; nicht wahr, du biſt acht Jahr?“ „Nein Vater, ich bin ſchon beinahe neun.“ „Es mag darum ſeyn; wenn ich dir das Geld zu 5 Procent belege, und laſſe die Intereſ⸗ ſen immer zu dem Gelde ſchlagen, ſo wird ſich die Summe binnen ſieben Jahren ſchon verdop⸗ pelt haben, und in deinem 22 Jahre wirſt du dann ein recht giehaiiche Vermoͤgen dein nennen koͤnnen.“ „Ich, Vater!— Ach, das iſt ſehr freundlich von der guten Frau Arlington— und doch kann ich nicht begreifen, warum ſie es mir nicht grade⸗ zu ſelbſt gab, ſondern 86 mir fuͤr die nahunde ſchickte.⸗ 121 „Sieh, Kind, weil das wuͤrde ausgeſehen haben, als haͤtte ſie damit ſagen wollen: Du biſt arm, ich bin deiner Mutter Verbindlichkeit ſchuldig; ſo nimm dies Geld, ich weiß du kannſt es gebrauchen.— Indem ſie es aber auf dieſe Art gab, ſchien ſie einen Schleier daruͤber zu zie⸗ hen, und“—— Derville wurde in der That bei allen dieſen Schein⸗Gruͤnden verwirrt, auch hoͤrte ſeine Verwirrung nicht auf, als Ma⸗ rianne ihm in die Rede fiel:„Es bleibt ja aber doch immer daſſelbe, lieber Vater, du biſt nicht reich, Frau Arlington weiß dies, und ich kann nimmer die Schoͤnheit von allem dieſen Weißmachen einſehen.“— Derville konnte ſich endlich des Lachens nicht enthalten, indem er antwortete:„Auch ich nicht, Kind, wenn ich es recht uͤberlege, und wenn Frau Arlington offen zu mir geſagt haͤtte: ich wuͤnſche etwas fuͤr deine Kinder zu thun, weil ihre Mutter mir das Leben gerettet hat, und gebe ihnen von meinem Ueberfluſſe: ſo wuͤrde ich mich weder beleidigt gefuͤhlt, noch es zuruͤckge⸗ wieſen haben. Und doch kann ich nicht leugnen 12² daß eine gewiſſe Feinheit in der Art liegt, mit welcher ſie giebt.“. 1— „Oh, darin liegt unendlich viel,“ riefen alle, außer Mariannen, der nun einmal nicht ge⸗ fallen wollte, was ſie nicht verſtand. Am folgenden Tage nach dieſem freudigen Ereigniſſe verſuchte Frau Derville ihre ge⸗ woͤhnlichen Beſchaͤftigungen wieder vorzunehmen; doch wollte es nicht recht ſchmecken, und ſie ließ ſich willig darin ſtoͤren, um einige eben von London angekommene Kiſten auszupacken. Da ward es ihr aber ſchwer Raum fuͤr alle dieſe Sachen zu finden, und ſie fand ſich von der Nothwendigkeit uͤberzeugt, ſowohl das Porcel⸗ lain, als das Silberzeug⸗Kabinett vergroͤßern zu laſſen. Doch ſah ſie nicht die Moͤglichkeit dazu ein, weil ſie ſich vorgenommen hatte, ein ande⸗ res Kabinett, worin ein großes Zelt⸗Bette ſtand, und welches eine ſchoͤne Ausſicht hatte, in ein artiges Boudoir umzuſchaffen. „ Glaubte ich doch kaum daß ich ſo viele Beduͤrfniſſe haͤtte, ſagte ſie zu ſich ſelbſt; es iſt mir ein Raͤthſel, wie ich mich habe ſo lange be⸗ helfen koͤnnen! Wir haben doch wahrhaftig kaum ei⸗ 123 nen Stuhl, auf dem man ordentlicher Weiſe ſitzen kann; auch muß ich neumodiſche Canapees ha⸗ ben, anſtatt dieſer alten, langen, ausgepolſterten Ruhebetten.“ 4 Bald trug ſie ihrem Manne dieſe Klagen im Allgemeinen vor, und verſuchte ihm die Un⸗ moͤglichkeit begreiflich zu machen, laͤnger ohne dieſe oder jene Dinge leben zu koͤnnen, zu deren Ankauf ein Theil von der Erbſchaft angewandt werden koͤnne—„Auch verſichere ich dich, ſetzte ſie hinzu, Lionel iſt ganz damit zufrieden, we⸗ niger in ſeinem erſten Univerſitaͤts⸗Jahre zu ge⸗ brauchen. „Das ſteht in deinem und ſeinem Belieben, antwortete Derville ernſt; er iſt ſo gut dein Kind als das Meinige, und ſein Wohlſeyn auf der Univerſitaͤt muß dir, wie mir am Herzen liegen. Wenn es alſo ſein Wille iſt weniger zum Nothwendigen zu gebrauchen, damit du mehr zu eingebildeten Beduͤrfniſſen verwenden koͤnneſt, ſo mag es darum ſeyn.“ „Eingebildete Beduͤrfniſſe?“— „Ja, Liebe, ſind ſie es nicht in der That? — Der Sopha iſt noch eben ſo gut, als er 124 vormals war, obgleich er nicht neumodiſch iſt, und wir ſind bisher ſo gluͤcklich und vertraͤglich gewe⸗ ſen, daß wir kein Boudoir, oder beſonderes Zim⸗ mer um darin zu ſchmollen, noͤthig hatten; denn ſo ſollte man doch Boudoir wohl richtig. gerſt,— tzen!“ „Geſchwaͤtz,“ erwiederte Frau Dervilte verdrießlich,„nenne es meinethalben ein Putz⸗ zimmer; genug, ich bedarf ein Zimmer, welches ich mein eigenes nennen, worin ich mich am Morgen aufhalten, und Gaͤſte empſangen kann, wenn es mir beliebt.“ „Haſt du dicßt zwei raht Deriiite Zim⸗ mer. „Ja.“ „Und können darin nicht ſchicklicher Gaſ⸗ angenommen werden, als in einem Kabinette, vorausgeſetzt daß du dich nicht ausſchließend darin nur mit einer Perſon unter vier Augen unterhal⸗ ten willſt?“ Frau Derville, das Treffende dieſer Be⸗ merkung fuͤhlend, erwiederte mit gereiztem Ton der Stimme: ſie haͤtte kaum Platz frei zu athe⸗ 12²5 men, das ganze Haus erſchiene ihr wahrlich ſetzt wie eine Nußſchaale. „Aber hoffentlich doch wohl als eine Nuß⸗ ſchaale mit einem ſuͤßen, wohlſchmeckenden Kerne, verſetzte er ſanft; wenn deine Zimmer auch klein ſind, ſo ſind ſie dir vormals gemuͤthlich erſchie⸗ nen, nicht wahr, liebe Anne?— Und ich hoffe es wird wieder ſo werden, ſonſt haͤtten Frau Arlington und ihre Cieltohrende Poſtillone ſehr viel zu verantworten.“. Nach dieſen Worten verließ er mit einem Ausdrucke des Schmerzes das Zimmer, und Frau Derville fand, nachdem ſie den Zim⸗ mermann zu Rathe gezogen hatte, die Anlegung eines Boudoirs zu koſtbar, da ſie es doch eige* lich nicht beduͤrfe. Ein Porcellan⸗Kabinett abe⸗ mußte ſie durchaus haben, um die ſchoͤnen geerb⸗ ten Sachen hineinzuſtellen, und dazu ſollte das Zimmer mit dem Zelt⸗Bette eingerichtet werden. Einige der Vaſen und Taſſen indeß beſchloß ſte, ſelbſt auf die Gefahr daß ſie entzwei geſtoßen werden koͤnnten, auf Geſtellen und Tiſchen grade ſo im Wohnzimmer zu ordnen, als ſie es bei Lady Luey und Frau Arlingtan geſehen 126 hatte. Wie ſie ihren Mann beim Mittagseſſen wiederſah, fagte ihr zwar eine innre Stimme daß ihre Unzufriedenheit ihm Kummer verurſacht habe; aber der feſte Entſchluß ihren Vorſatz durchzufuͤhren, und ihr Haus ſo elegant als moͤg⸗ lich einzurichten, ſiegte uͤber jedes beſſere Gefuͤhl des Herzens, und ſie beſchloß ihm durch ihr Stillſchweigen auf ſeine letzten Worte zu beweiſen, daß ihr Haus ihr nicht wieder gemuͤthlich wer⸗ den koͤnne, wenn er ſich nicht in ihre neuen Ein⸗ richtungen fuͤgte. Zum erſten Male herrſchte Verſtimmung un⸗ ter den Eheleuten beim ſonſt ſo heitern Mahle; Frau Derville oͤffnete nicht anders den Mund zum Sprechen, als um ſich uͤber die Unbequem⸗ lichkeit der Stuͤhle zu beklagen, und behauptete, ſie waͤren ſo unvernuͤnftig breit daß ſie noch einmal ſo viel Platz als noͤthig ſei, in dem ohne⸗ hin kleinen Zimmer, wegnaͤhmen. Auch wuͤrde man beſſer gethan haben, aͤußerte ſie, die alten Tiſche in London in der Auction verkaufen zu laſſen, und dafuͤr andere, die ſich ein⸗ und aus⸗ ſchieben ließen, zu kaufen. Was nun vollends —;———— **— ———— 127 den Sopha betraͤfe, ſo koͤnne ſie ihn keinen Tag laͤnger vor Augen dulden. „Wie undankbar du biſt! Anne, ſagte Derville endlich; wie oft haſt du mit Wohl⸗ behagen darauf geruht, wenn du dich nicht ganz wohl fuͤhlteſt, und behauptet, waͤhrend ich in der ei⸗ nen Ecke ſaß, und dich in den Schlaf zu leſen verſuchte, daß kein Bett bequemer ſeyn koͤnne! Anne, der Sopha iſt noch der naͤmliche, auch hat ſich dein treuer Pfleger nicht veraͤndert.— Aber“— hier ſchwieg er, ſtand ſchnell von ſei⸗ nem Sitze auf, und verließ das Zimmer. Wenn einmal der böſe Feind ſich unſerer bemaͤchtigt hat, iſt es ſehr ſchwer ihn zu vertrei⸗ ben; dies war auch hier der Fall. Leiſe fluͤſterte das Herz der Frau Derville zu: folge deinem Manne, und ſage ihm: daß du dich eben ſo wenig veraͤndert haſt, als er und der Sopha, der im Grunde recht gut waͤre. Der Stolz aber fluͤſterte: daß Derville nicht genug Ruͤckſicht auf das Leben und die angenehmen Umgebungen naͤhme, welches ſie in den letztern Wochen zu fuͤh⸗ ren gewohnt worden ſei, und daß er alſo billig ihre Unzufriedenheit nicht ſo hoch anſchlagen ſolle. 128 Was wuͤrden Lady Lucy, oder andere vor⸗ nehme Herrn und Damen zu dieſem ganz unmo⸗ diſchen Hausrath ſagen, wenn ſie mich zufaͤllig beſuchten! Nein, wahrhaftig, um ſeiner eigenen Ehre willen muß ich ſuchen alles etwas beſſer einzurichten!— Und ſie folste ihrem Manne nicht. Derville wanderte allein bis an das ente fernteſte Ufer des Sees, nicht ſowohl um ſeine Bewegung vor jedem Auge zu verbergen, als um ſich auch zu pruͤfen, ob er die kleinen Thor⸗ heiten ſeiner Frau vielleicht nicht zu hoch aufneh⸗ me. Von Lionel hatte er gehoͤrt, wie allae— mein ſie in London bewundert worden ſei, und er fuͤhlte wohl daß es nur an ihr gelegen habe, ihren alten Anbeter, einen Mann vom erſten Range, voͤllig wieder in ihre Feſſeln zu bekom⸗ men. Von dieſer ſtrafbaren Eitelkeit war ſie durch die Liebe zu ihrem Manne und ihre Grund⸗ ſaͤtze abgehalten, und ihr Zartgefuͤhl hatte ihr nicht einmal erlaubt, eine beſondere Auszeich⸗ nung von ihm anzunehmen.— Hier, wo es wirklich galt, war ſie ſtark geweſen; durſte er — 1²9 ihr nun alſo dieſe kleinen weiblichen Schwaͤchen ſo hoch anrechnen?— „Ich habe unrecht, ſagte er zu ſich ſelbſt; mein Aufbrauſen verſoͤhnt ſie nicht mit ihrer laͤnd⸗ lichen Eingezogenheit, der, wie ich es nur zu deutlich ſehe, ihr Herz wirklich etwas entfrem⸗ det iſt. Ich will wieder nach Hauſe zuruͤckkeh⸗ ren, ſie aufſuchen, und freundlich mit ihr reden.— Gewiß konmmt ſie mir auch ſchon entgegen.“ In dieſer Hoſfnung aber ſah er ſich getaͤuſcht; Frau Derville befand ſich im Wohnzimmer, und betrachtete neue ſilberne Gabeln, die mit den aude ern Sachen angekommen waren. Bei ſeinem Ein⸗ tritte wandte ſie den Kopf nach der Thuͤre, und zeigte ihm eine der Gabeln mit einem ge⸗ zwungenen Laͤcheln; aber ihr Blick war ganz ruhig, und zu ſeinem Erſtaunen bemerkte er durch⸗ aus keine Spuren von Thraͤnen auf ihren Wan⸗ gen, obgleich er ſie doch zweimal mit beleidig⸗ tem Gefuͤhle verlaſſen hatte.— Nun, ſo iſt ſie denn wirklich veraͤndert, dachte er, und ahnete nicht die Anſtrengung, welche es ſie koſtete, ihre Empfindlichkeit zu verbergen. H. I. 9 In dieſem Augenblicke trat Johanne her⸗ ein. Ihr folgte Eduard Murray, der be⸗ wußte junge Geiſtliche, der ſich bisher, mit der Einwilligung der Eltern, nicht ohne Erfolg um Johannens Herz beworben hatte.— Der⸗ ville hatte gerne dieſe Verbindung beguͤnſtigt, da er dem jungen Manne wohl wollte, und ſeine Ausſichten fuͤr die Zukunft nicht unguͤnſtig waren.— Iſt Johannens Mutter, dachte er, doch damit zufrieden geweſen, einem einfachen Landgeiſtlichen die Hand zu geben, warum ſoll die Tochter hoͤhere Plaͤne haben, die weder ſchoͤ⸗ ner, noch geiſtreicher iſt, als die Mutter?— In dieſer Hinſicht hatte es ihn auch gefreut Jo⸗ hannen mit freiem Herzen zuruͤckkommen zu ſe⸗ hen, und er bewillkommte jetzt Murray mit wahrhaft vaͤterlicher Guͤte. Frau Dervilles kalten Empfang ſchrieb er auf Rechnung des kleinen haͤuslichen Zwiſtes; Johannens Betragen aber verdroß ihn aufs Aeußerſte, da er ſah wie tief Eduard es fuͤhlte. Das kleine Trotzkoͤpſchen konnte es nicht vergeſſen, daß der Liebhaber ihr nicht gleich bei 2 der Ankunft entgegen gekommen war, daß er ſie 131 nicht wenigſtens einige Stunden vergeblich erwar⸗ tet hatte, und ſie beſchloß ihn nun mit der kaͤl⸗ teſten Hoͤflichkeit fuͤr ſeine geringe Sehnſucht zu be⸗ zahlen. Die Rolle gelang ihr nicht ſchlecht. Setzte er ihr einen Stuhl, ſo bat ſie ihn, ſich nicht zu bemuͤhen; wollte er etwas das ſie fallen ließ von der Erde aufheben, ſo meinte ſie: er ſei allzu⸗ guͤtig; und wenn er es ihr dennoch reichte, ſo nahm ſie es zwar mit einem Laͤcheln an, ſah ihm aber waͤhrend des Dankes nicht einmal ins Ge⸗ ſicht. Lionel hatte Eduard noch nicht geſehen, und der herzliche Empfang des Bruders wuͤrde ihn fuͤr die Kaͤlte der Schweſter entſchaͤdigt ha⸗ ben, wenn Freundſchaft da einen Erſatz gewaͤh⸗ ren koͤnnte, wo das liebende Herz ſich durch den Gegenſtand ſeiner Neigung gekraͤnkt fuͤhlt. Als Derville die vor Freude gluͤhenden Wangen ſeines Sohnes bei der Bewillkommung ſah, dachte er: zum wenigſten iſt doch einer von ihnen un⸗ verdorben und unveraͤndert zuruͤckgekehrt!— „Nun Eduard, wie geht's? Es freut mich dich wiederzuſehen,“ rief Lionel, indem jener ſeinen Willkommen nur durch einen Haͤndedruck 9* 132 erwiederte.„Aber wo ſteckteſt du denn am Abend unſerer Heimkehr, und warum haben wir dich uͤberhaupt nicht ſruͤher geſehen? Sowohl Jo⸗ hanne als ich erwarteten, dich an dem Wege zu treffen, der nicht weit von deiner Wohnung auf die Landſtraße fuͤhrt.“ Johanne ſchien bei dieſen Worten mit nichts anderem als den ſilbernen Gabeln beſchaͤf⸗ tigt zu ſeyn, die ſie emßig in ihrer Hand wog, um ſich dadurch das Anſehen zu geben Lionels Wworte nicht zu hoͤren; indeß war ſie ſehr begie⸗ rig auf die Antwort, und auch der Vater, dem jetzt manches klar ward, war es nicht minder. „Es war wohl meine Abſicht dort eurer zu warten, ſagte Edu ard; grade aber als ich im Begriffe war dahin zu gehen, wurde ich in ein benachbartes Kirchdorf gerufen, wo der Prediger krank geworden war. Ich mußte ſeinen Dienſt verſehen, und da die Krankheit anhielt, durfte ich ihn erſt heute verlaſſen, wo ich dann grade hieher gegangen bin, ohne noch zu Hüſe gewe⸗ fen zu ſeyn.“ 8 Mich ſoll verlangen, welche Wirkung dies auf Iohannen hat, dachte Derville, und zu 133 ſeiner großen Freude ſah er, daß ſie ſich hocher⸗ roͤthend zu Eduard wandte, indem ſie ihm eine der ſilbernen Gabein zeigte.„Sehen ſie doch, welche uͤberfluͤſſige Dinge wir von London mitgebracht haben“, ſagte ſie mit holdem Laͤcheln. Die Handlung an ſich war unbedeutend; aber in der Art lag viel. Eduard nahm die Gabel, ſeine Augen begegneten den ihrigen; er wußte ſich nun ihre vorige kalte Hoͤflichkeit zu er⸗ klaͤren, und ſein Herz ſchlug mit erneuter, ſuͤßer Hoffnung. Ja, als er ihr die Gabel zuruͤck⸗ reichte, und dabei verſtohlen ihre Hand druͤckte, glaubte er den Druck erwiedert zu fuͤhlen. Von Dervilles Herzen war wenigſtens eine Laſt gewaͤlzt, und die Hoffnung fluͤſterte ihm zu, auch ſeine Frau werde wieder gut werden. Jetzt brachte die Magd ein Packet herein, das eben von der Poſt gekommen war. Es war an Frau Derville gerichtet, und ſchien nichts als Ge⸗ ſchriebenes zu enthalten. Sie öͤffnete es ſchnell, ſah die Handſchrift der Frau Arlington, las einige Augenblicke leiſe, dann aber fuͤllten ſich ihre Augen mit Thraͤnen, ihr Herz klopfte hoͤrbar. Endlich warf ſie ſich an die Bruſt ihres Man⸗ 134 nes, und rief, ihr Geſicht an ſeiner Schulcer verbergend:— „Vergieb mir, mein theurer Fried ri ch!“— Frau Arlington ſchrieb: „Aus meinem weiten Schloſſe, dem Sitze trau⸗ riger, einſamer Groͤße, wende ich mich in ihre einfache Wohnung, dem Aufenthalte muͤtterlicher und eheli⸗ cher Gluͤckſeligkeit.— Lange noch, nachdem ſie mich verlaſſen hatten, folgte ich ihnen in Gedan⸗ ken, und beneidete ſie um jeden Fortſchritt; denn fie eilten in die Heimath ihrer Jugend⸗Liebe, in die Arme eines Mannes, den ſie mit Stolz den ihrigen nennen koͤnnen.— Bitter mußte ich lachen, wenn ich daran dachte, daß ich ihnen als ein Gegenſtand des Neides erſchienen war, und es vielleicht noch in ihren Augen bin; denn wer weiß, in welcher Stimmung ſie dieſe Blaͤtter uͤberraſchen. Die erſten Tage nach der Wiedervereinigung mit dieſem geliebten Gatten werden dann ſchon voruͤber ſeyn, und ich fuͤrchte nicht ohne Grund daß bald jene Sucht nach Groͤße und falſchem Schein, die durch die letzten Auftritte ihres Le⸗ bens wieder in ihnen erwacht iſt, die ſuͤßeren, 135 innigeren Gefuͤhle verdraͤngen wird. Schon ſehe ich ſie neue Einrichtungen treffen, Aufwand er⸗ ſinnen, und unzufrieden mit ihrem Gatten, der nicht in ihren Geſchmack eingehen will. Es ſcheint mir ſogar, als ſaͤhe ich einen ungewoͤhnli⸗ chen Truͤbſinn uͤber ſeine ſonſt ſo ruhige Stirn verbreitet, zum erſtenmal in ihrem Leben ſcheint der Unwille in ihnen das ſonſt ſo beſeligende Be⸗ wußtſeyn zu unterdruͤcken, zu den wenigen wahr⸗ haft Gluͤcklichen ihres Geſchlechts zu gehoͤren. Ach, wenn meine Ahnungen gegruͤndet ſind, ſo beſchwoͤre ich ſie bei allem was heilig iſt, den boͤſen Daͤmon zu verſcheuchen, und mit reuiger Liebe die Verzeihung des Mannes zu erbit⸗ ten, den dieſe weibliche Schwaͤche kraͤnkt; und wenn er ſie dann vergebend und vergeſſend an die liebende Bruſt gedruͤckt hat, ſo leſen ſie ihrer Familie dieſe Blaͤtter vor, welche ich ſchrieb, um ſie inniger zu uͤberzeugen, welch ein gluͤckliches Loos ihnen geworden iſt, und um ſie dadurch auf immer von jedem ſtrafbaren Mur⸗ ren, und jedem thoͤrichten Wunſche zu heilen.— Moͤgen ſie dankbar ihre Knie beugen vor dem Va⸗ 136 ter der Liebe, der ſie ſo uͤberſchwenglich reich ge⸗ macht hat, waͤhrend ſie die Geſchichte leſen Ihrer Louiſe Arlington.“ Bis hierher war Frau Derville gekom⸗ men, als ſie nicht laͤnger die Vorwuͤrfe ihres Herzens unterdruͤcken konnte, als ſie ſich wei⸗ nend an die Bruſt ihres Mannes warf. Nach⸗ dem Murray fort war, las Derville die hier folgende Geſchichte der Frau Arlington ſeiner Frau und ſeinen Kindern vor, die mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zuhoͤrten. X„* „Ich war von vielen Kindern das einzige am Leben gebliebene, und wurde daher mit unge⸗ woͤhnlicher Sorgfalt erzogen; doch waren meine Eltern, bei aller Zaͤrtlichkeit, nicht zu nachſich⸗ tig gegen meine Fehler, ſondern beſtrebten ſich durch heilſamen Zwang und weiſen W derſpruch das Beſte ihres Kindes zu befoͤrdern.“ „Schwer iſt es oft zu entſcheiden, was Urſa⸗ che und Wirkung iſt; ſo weiß ich es nicht, ob meine Erziehung meine Gemuͤthsbeſchaffenheit her⸗ vorbrachte, oder dieſe ſich nur durch die Erzie⸗ —+⏑⏑⏑˖—:— 137 hung entwickelte; genug, ich war fromm und gern der Eltern Zucht unterwuͤrfig, und mein Gehorſam gegen ſie gruͤndete ſich wahrhaft auf Liebe und Ehrfurcht.“ „Mein Großvater vaͤterlicher Seite, ob⸗ gleich ein Edelmann von Geburt, hatte ſich dem Kaufmannsſtande gewidmet, und ein betraͤchtli⸗ ches Vermoͤgen erworben, welches mein Vater, als einziger Sohn, erbte, ſo wurde ich als eine reiche Erbin betrachtet, und nichts zu meiner Er⸗ ziehung geſpart. Da ich ſchon fruͤh Talent zur Muſik zeigte, ſorgte man fuͤr die beſten Leh⸗ rer, um mich ſowohl im Singen als im Spie⸗ len zu vervollkommnen, und um dieſen Zweck beſ⸗ ſer zu erreichen, brachten wir bis zu meinem ſechs⸗ zehnten Jahre immer die Winter in London zu. Um dieſe Zeit aber litt die Geſundheit meiner Mutter ſo ſehr durch die in der Hauptſtadt herr⸗ ſchenden Nebel, daß wir auf ein Landgut zogen, welches mein Vater in der Naͤhe einer andern bedeutenden Stadt gekauft hatte. Die Muſik⸗ Lehrer verſprachen, uns waͤhrend einiger Mo⸗ nate im Jahre dahin zu folgen, um meinen Un⸗ terricht fortzuſetzen.“ 138 „In dieſer Stadt lag ein Regiment Drago⸗ ner, und wiewohl ich noch nicht fuͤr voͤllig er⸗ wachſen galt, machte ich doch die Bekanntſchaft einiger Officiere; einer unter ihnen, ein jun⸗ ger Leutnant Seymour, zog meine beſondere Aufmerkſamkeit auf ſich, obgleich er ſich nie aus⸗ ſchließend mit mir beſchaͤftigte, ſondern mich mehr noch als ein Kind behandelte.“— 8 „Wenn koͤrperliche Schoͤnheit des Mannes die Neigung des weiblichen Geſchlechts entſchul⸗ digen kann, ſo konnte er mit vollem Rechte An⸗ ſpruch darauf machen. Zu ſeiner aͤußern ſchoͤnen Geſtalt geſellte ſich noch die hoͤchſte Anmuth im Betragen, und ein uͤberaus wohlklingender Ton der Stimme. Dieſer gefaͤhrliche junge Mann blieb indeß nicht lange in unſerer Naͤhe, ſondern wurde auf Recrutirung weiter verſandt.— Der Nuf ſprach viel von ſeinen Ausſchweifungen und ſeiner Sittenloſigkeit, allein ſeine Bewunderer, unter denen ich mich auch befand. Areſchuldiglen ihn mit ſeiner Jugend.“ „So verblendet ich war, wuͤrde ich ihn den⸗ noch vergeſſen haben, wenn er nicht grade zum Regimente zuruͤckgekommen waͤre, als ich auf ei⸗ 139 nem oͤffentlichen Balle meinen erſten feierlichen Eintritt in die Welt machen ſollte.“ „Dem Laufe der Dinge gemaͤß, konnte eine reiche Erbin, wie ich, nicht unbemerkt und un⸗ bewundert auftreten; der junge Leutnant gehoͤrte unter die, die mir dies am meiſten bemerkbar mach⸗ ten, und da er von ſehr guter Familie, und dem Aeußern nach anſtaͤndig war, durfte mein Vater ihm meine Hand zum Tanze nicht verweigern.“ „Aber warum bei dem gefaͤhrlichen Vergnuͤ⸗ gen des Abends, und noch ſo mancher folgenden verweilen?— Ich war ungeachtet ſeiner Feh⸗ ler ſchon im Voraus fuͤr ihn eingenommen, und es gelang lihm nur zu gut mich von ſeiner Liebe zu uͤberreden. Endlich machte er mir einen foͤrm⸗ lichen Heiraths⸗Antrag; ich wieß ihn an meine Eltern, die fruͤher oft erklaͤrt hatten, daß ſie mir in dieſer Hinſicht freie Wahl laſſen wuͤrden, vor⸗ ausgeſetzt, daß der Gegenſtand meiner Liebe mich, auch ihrer Meinung nach, gluͤcklich machen koͤnne.“ „Mein Vater aber verwarf ſeine Antraͤge gaͤnzlich, und verbarg ihm die Urſachen ſeiner abſchlaͤgigen Antwort nicht, wie ich ſpaͤter erſuhr. 140 Er ſagte ihm daß er, da er meine Neigung zu ihm entdeckt, ſchon Erkundigungen uͤber ihn ein⸗ gezogen habe, und da dieſe in aller Hinſicht un⸗ guͤnſtig fuͤr ihn ausgefallen waͤren, koͤnne er ſich nie entſchließen, ungeachtet der Vorzuͤge ſeiner Geburt und ſeiner Figur, einen Mann von ſol⸗ chem Charakter ſeinen Eidam zu nennen.— Vergebens wollte mein Liebhaber ſeine Jugend zum Deckmantel ſeiner Verirrungen machen, ver⸗ gebens behauptete er, daß die Liebe zu mir ein ganz anderes Weſen aus ihm ſchaffen wuͤrde; mein Vater beharrte auf ſeinem Entſchluß, und bat meine Mutter ihn mir als unwiederruſlich anzukuͤndigen.“ „Obgleich durch das mißbilligende Auge meines Vaters, ſo oft er mich mit dem jungen Manne in einer Unterredung betroffen hatte, fchon etwas vorbereitet, ſchlug dieſe abſchlaͤgige Antwort mich dennoch voͤllig zu Boden. Mein Schmerz war ſo groß, daß die nur zu nachgie⸗ bige Mutter es endlich verſuchte meinen Vater dahin zu ſtimmen, dem vielleicht nur verirrten Juͤngling eine Probezeit zu ſetzen, und wenig⸗ ſtens nicht alle Hoffnung abzuſchneiden, wenn ihn * 141 eine tugendhafte Liebe einſt von ſeinen Jugend⸗ fehlern geheilt habe.“ „Aber alle ihre Ueberredungskunſt blieb fruchtlos, und ich ſah mich wahrſcheinlich auf immer von dem getrennt, der, meiner Mei⸗ nung nach, von Neidern groͤßtentheils verlaͤum⸗ det war, und den ich, ungeachtet des vaͤterlichen Verbots und meines ſonſt gewohnten Gehor⸗ ſams, unbeſchreiblich liebte.“ „Seym our ſtrebte ſeinerſeits den einmal auf mich gemachten Eindruck zu erhalten. So oft er nur Gelegenheit fand, ſuchte er mir zu begegnen; fuhr ich mit meiner Mutter allein aus, ſo ſah ich ihn ſicher bleich und entſtellt un⸗ ter irgend einem Baume am Wege liegen. Auch trug er Sorge daß es mir nicht verborgen blieb, wie er ſich jetzt von aller Geſellſchaft ent⸗ ſerne, ſelbſt ganz abgeſondert von ſeinen Came⸗ raden lebe, genug, ein ganz anderer Menſch ge⸗ worden ſei. Dies alles machte nicht allein auf mich, ſondern auch auf meine Mutter einen ſehr tiefen Eindruck, und als ſie ſah wie ſicht⸗ lich ich mich abhaͤrmte, glaubte ſie mein Vater ſei 142 zu weit gegangen, und beharre zu hartnaͤckig auf ſeiner einmal gefaßten, unguͤnſtigen Meinung.“ „Um dieſe Zeit war mein Vater genoͤthigt in Geſchaͤften nach London zu reiſen; bald nach ſeiner Entfernung ſchrieb Seym our an meine Mutter, deren mitleidige Blicke ihm nicht enr⸗ gangen waren. Er ſchloß einen Brief an mich ein, den ihm, wie er ſagte, ſeine Ehrfurcht fuͤr die Rechte der Ektern und meine eigenen Grund⸗ ſaͤtze verbiete, auf einem andern Wege an mich gelangen zu laſſen, beſchwor ſie aber, wenn ihr ſein Wohlergehn auf Erden und ſeine ewige Seligkeit theuer ſei, ihn mir zu uübergeben.“ „Der heilige Ernſt ſeiner Worte, ſein Un⸗ gluͤck, das Gefuͤhl daß ihre Tochter Urſache da⸗ von ſei, ruͤhrten meine Mutter.— Sie erlaubte mir den Brief zu leſen, deſſen Inhalt ſich nie vergeſſen werde.— Er bereuete ſeine vorigen Fehler, wozu Jugend und Leidenſchaft ihn ver⸗ leitet haͤtten, ruͤhmte den Einfluß einer tugend⸗ haften Liebe, die er bisher nie empfunden habe, und verſicherte bei allem was heilig iſt, daß ich, wenn ich ſeine Frau wuͤrde, nicht allein der Welt einen beſſeren Menſchen, ſondern dem Himmel 4ℳ 143 eine Seele zufuͤhren, und einen Suͤnder vom Untergange retten wuͤrde.“ „Von dieſem Augenblicke an wurde es Grundſatz in mir meine Neigung zu ihm nicht zu unterdruͤcken; auch die Mutter redete dem reuigen Suͤnder das Wort. Mein Koͤrper ſchien der Gewalt der Leidenſchaft zu erliegen, und ſelbſt mein Vater war bei ſeiner Ruͤckkunft zu Boden gedruͤckt uͤber die ſichtliche Veraͤnderung meiner Geſtalt. Er ſah den Liebling ſeines Herzens, das einzige ihm noch uͤbriggebliebene Kind, nahe daran den andern in die Grube zu folgen, aus Schmerz einer hoffnungsloſen Leidenſchaft; doch ſchrecklich wie dieſe Ausſicht fuͤr ihn war, glaubte er doch dieſen Kummer eher ertragen zu koͤnnen, als mich mit einem laſterhaften Manne verbunden zu ſehen, der mein ganzes Leben un⸗ gluͤcklich machen wuͤrde.— Aber er verrechnete ſich in ſeiner eigenen Standhaſtigkeit, und fand endlich daß wenn er mich doch verlieren muͤſſe, ich lieber ein Opfer meines Eigenſinnes als des ſeinigen werden ſollte.— Genug, da meine Mutter erklaͤrt unſere Freundin war, und mein Vater ſich durch ſein eigenes Herz verrathen . 144 faͤhlte, ſetten wir unſere Sache durch, Sey⸗ mour erhielt ſeinen Abſchied vom Regimente, und wir wurden verheirathet.“ „Mannigfaltig waren die Bemerkungen der Welt uͤber meine Ausdauer in dieſer Neigung; man beſchuldigte mich im Allgemeinen der Eitel⸗ keit, indem ich mir einbilde daß meine köoͤrperli⸗ chen und geiſtigen Reize im Stande ſeyn wuͤr⸗ den, einen Wuͤſtling zu beſſern.— Eitelkeit war hier nicht gradezu mein Fehler; ich heira⸗ thete aus Liebe— koͤrperliche Schoͤnheit und ein nicht gewöhnlich einnehmendes Weſen hatten mich verblendet, und meine Urtheilskraft bezaubert, und ſo ging es mir, wie es ſchon vielen verlieb⸗ ten Frauen gegangen iſt, ich ſetzte kein Mißtrauen in die Betheurungen des geliebten Gegenſtandes. Er ſagte mir daß nicht allein ſeine irdiſche, ſon⸗ dern auch ſeine ewige Seligkeit von unſerer Ver⸗ bindung abhaͤnge, und ich glaubte ihm.— Dabei iſt wohl weiter nichts Wunderbares.“— „Wir wurden alſo verheirathet, und mein großmuͤthiger Vater bezeigte ſich nicht allein ge⸗ gen mich, ſondern auch gegen meinen Mann ſo freigebig in aller Hinſicht, daß auch er durch dies 4 ᷓ 145 edle Benehmen geruͤhrt ſchien, und ſich ſo ehr⸗ furchtsvoll gegen ihn betrug, daß die gute Mut⸗ ter die Stunde ſegnete, in welcher ſie ſeine Fuͤr ſprecherin geworden war, und mit frohem Blick in die Zukunft ſah. Doch uͤberlebte ſie unſere Verbindung nicht lange.“ „Wenige Monate nachher machten wit eine Reiſe durch Schottland, begleitet von meinem Vater und einem ſeiner Vettern. Hier bemerkte ich zuerſt, wenn wir allein und unbeobachtet wa⸗ ren, daß Seymour ſich wohl kurze Zeit in ſei⸗ ner Gewalt gehabt habe, eigentlich aber ſein Charakter noch eben ſo leidenſchaftlich ſei, und jetzt ſah ich nur zu gut, auf welchem ſandigen Grunde das Gebaͤude meiner ehelichen Gluͤckſe⸗ ligkeit errichtet war. Mein Entſchluß war ge⸗ faßt; mit Geduld und Ergebung wollte ich die Folgen meines Eigenſinnes tragen, und jedem Auge, vorzuͤglich aber dem meines Vaters, das Elend verbergen, welches ich mir einzig feibſt zugezogen hatte.“ „Bei unſerer Ruͤckkehr von Schottland be⸗ zogen wir ein Haus in der Stadt, und ich ver⸗ ließ mit Seelenangſt und banger Ahnäns das 9.. 2 10 146 vaͤterliche Dach. Durch fruͤhere Erziehung an Selbſtbeherrſchung gewoͤhnt, war ich im Stande meinen tief geruͤhrten Vater mit ſcheinbarer Ruhe zu verlaſſen; doch entging dem ſich ſchul⸗ dig fuͤhlenden Gatten mein verborgener Gram nicht; er bemerkte daß meine Augen uͤber den Abgrund geoffnet waren, der meiner wartete, und als er mich aus dem gluͤcklichen Aufenthalte mei⸗ ner Kindheit fortfuͤhrte, beſchloß er die Maske nicht kaͤnger zu tragen, die ihm laͤngſt laͤſtig ge⸗ worden war.“ „Kaum war der Wagen um die Ecke gebo⸗ gen, als er ſich zu mir wandte, und mit bitterem Hohnlaͤcheln ſagte: Habe ich doch nie eine vor⸗ trefflichere Vorſtellung von Verzweiflung und Er⸗ gebung geſehen, als ſie und ihr faſelnder Vater eben gegeben haben.— Sie ſehen wahrhaftig aus, als fuͤhre man ſie zum Gerichtplatze, und der Pfaffe ermahne ſie!— Was nun vol⸗ lends ihren jaͤmmerlichen Vater betrifft, ſo glau⸗ ben ſie doch wohl nicht daß ich ihm jemals ſeine abſchlaͤzige Antwort, und noch weniger die Un⸗ verſchaͤmtheit vergeben kann, mit welcher er mir grade ins Geſicht ſagte, ich koͤnne nicht ſein 147 Schwiegerſohn werden, weil er meine Sittenlo⸗ ſigkeit verabſcheue, meine Leidenſchaften fuͤrchte, und lieber wolle er ſie zu Grabe, als an den Altar mit mir geleiten!— Wenn ich das je⸗ mals vergeſſe“—— „Bei dieſen letzten Worten erſtickte die Wuth ſeine Stimme, waͤhrend Klugheit und tiefe Nuͤh⸗ rung mir die Zunge band. Auch er ſchwieg ei⸗ nige Minuten; aber der fuͤrchterliche Ausdruck ſeines Geſichtes ward nach und nach milder, ja verſchwand endlich gaͤnzlich, und wandelte ſich zur einſchmeichelnden Sanftmuth und belebenden Klar⸗ heit. Es war der Regenbogen der oft der ſchwar⸗ zen Gewitterwolke folgt; ach, eben ſo voruͤberge⸗ hend als jener!“ „Nun ließ er ſich herab meine verwirrten Le⸗ bensgeiſter wieder aufzurichten, entſchuldigte ſein auf⸗ fahrendes Weſen, fragte, ob es nicht empoͤrend ſei fuͤr einen jungen, verliebten Ehemann, wenn er ſehen muͤſſe daß ſeine Frau das vaͤterliche Haus verließe, als ſolle ſie zum Tode gehen, und da⸗ durch beweiſe daß ſie den Vater weit mehr liebe als den Mann; und ob ich es ihm wohl verden⸗ 10 † 143 ken koͤnne, daß er die Worte meines zu ſtrengen Vaters noch ſo tief empfinde.— Sein ganzes Weſen war ſo einnehmend, ich war ſo verblendet durch meine Liebe, und wollte mit Gewalt ſo verblendet ſeyn, daß ich meinem Vater und mir Unrecht gab, und ihm verzieh.— Aber es wa⸗ ren noch die Flitterwochen der Liebe, und nur zu bald wurde ich gewahr, wie jeder Tag neue aufbrauſende Leidenſchaften herbeifuͤhrte, fuͤr wel⸗ che ſelbſt die blindeſte Liebe keine Entſchuldigun⸗ gen mehr finden konnte.“ „Sobald wir uns aber in Geſellſchaft be⸗ fanden, war er ganz zaͤrtliche Aufmerkſamkeit ge⸗ gen mich, da er ſich vor dem Urtheil der Menge fuͤrchtete; und wohl ahnend daß man ihn mit Recht einen Wuͤthrich nennen koͤnne, machte er mir einſt die bitterſten Vorwuͤrfe wegen meiner unge⸗ woͤhnlichen Blaͤſſe und meines traurigen Anſehens, die ihn in den Augen der Welt anklagten, und zwang mich Roth aufzulegen, um dadurch alle un⸗ verſchaͤnten Auslegungen zu vermeiden.— Ich gehorchte, und gab mir Muͤhe ſo heiter als moͤg⸗ lich zu ſcheinen, doch nicht ſowohl um die Welt, als um meinen armen Vater zu taͤuſchen.“ — 149 „Wie gluͤcklich fuͤhlte ich mich, wenn dieſe Taͤuſchung gegen ihn mir nur einen Augenblick gelang; aber es war eine ſchwere Aufgabe. Des Vaters ſorgſames, wachendes Auge bemerkte nur zu bald, daß alles nicht war, wie es ſeyn ſollte, vorzuͤglich als er ſah, welche Summen mein Mann verſchwendete, und hoͤrte daß er ſehr hoch ſpiele.“ „Er kam jetzt oft unerwartet zur Stadt, und bei dieſen Ueberraſchungen gelang es mir weit ſchwerer mich zu verſtellen, als wenn ich auf ſeine Ankunft vorbereitet war. So verfloſſen zwei Jahre, in welchen ich mich wenigſtens in Geſell⸗ ſchaft noch gluͤcklich fuͤhlte, weil mein Mann mir da mit der ausgezeichnetſten Aufmerkſamkeit ent⸗ gegen kam; ungluͤcklich aber war ich im Hauſe, als die nahe Ausſicht der Mutterfreuden mein Gemuͤth aufrichtete. Doch auch hier ſollte meine Freude durch den Unmuth getruͤbt werden, den mein Mann daruͤber aͤußerte, indem er taͤglich wiederholte, Kinder waͤren zu nichts nuͤtze als Unruhe und Koſten fuͤr ihre Eltern zu verurſa⸗ chen. Auch fing die Ueberzengung jetzt an mich . 150 zu quaͤlen, daß es ſelbſt fuͤr die allernothwendig⸗ ſten Dinge immer an Geld fehlte.“ „Einen Umſtand, den ich bisher aus meiner Geſchichte weggelaſſen habe, muß ich verſuchen hier nachzuholen, naͤmlich, daß wenn mein Vater noch andere Urſachen noͤthig gehabt haͤtte die Hei⸗ rath mit dem Mann meiner Wahl zu mißbilligen, ſie wohl in dem Wunſch gelegen haben koͤnnten, mich mit einem Manne ganz nach ſeinem Sinne und Herzen zu verbinden, mit einem Manne, den jeder Vater mit Freuden ſeinen Eidam, und jedes nicht verblendete Maͤdchen mit Stolz ihren Gatten genannt haben wuͤrde.— Aber ich war verblendet, bethoͤrt, eigenſinnig, ſchwach, und ver⸗ warf ihn. Auf die Nachricht von meiner Ver⸗ heirathung, nahm er eine diplomatiſche Stelle an, und verließ ſein Vaterland. Doch kehrte er nach drittehalb Jahren wieder zuruͤck; ich ſah ihn nicht allein oft in Geſellſchaſt, ſondern mein Mann lud ihn haͤufig ein, uns in unſerem Hauſe zu beſuchen. Warum er dies that, kann ich nicht begreifen, wenn er nicht vielleicht hoffte einſt da⸗ durch Gelegenheit zu bekommen, mir meine Auf⸗ merkſamkeit gegen einen alten Anbeter vorzuwer⸗ fen. Wenig aber kannte er den Mann, welchen er in Verſuchung, noch die Frau, welche er in ſchwierige Lagen bringen wollte; mein vormaliger Liebhaber ſchlug jede Einladung in unſer Haus zu kommen ſtandhaft ab, ausgenommen an den Tagen, wo unſere Thuͤren allen Gaͤſten offen wa⸗ ren, und wenn auch noch ein Funke der fruͤhe⸗ ren Neigung zu mir in ſeinem Buſen glimmte, achtete er mich zu wahrhaft, um es in ſeinen Blicken oder Betragen bemerkbar zu machen. Aber innig bedauerte er mich, denn nur zu oft durchſchauete ſein Auge den tiefen Schmerz im Innern, den ich ſorgfaͤltig vor der Menge weg⸗ zulaͤcheln ſtrebte. Einmal ſogar hoͤrte er zufaͤllig, wie mein Mann, indem er mich an den Wagen fuͤhrte, mich mit bittern Vorwuͤrfen uͤberhaͤufte, und nie werde ich den Blick der zaͤrtlichen Theil⸗ nahme vergeſſen, mit dem er mich anſah, und der mir zu ſagen ſchien: arme Betrogene, was haſt du gethan?— Du haſt mein Gluͤck und dein eigenes zerſtoͤrt!“— „Doch war dies der einzige Augenblick, in welchem ſeine Blicke ſich ſprechend auf mich hef⸗ teten; bald darauf verließ er England aufs Neue, ging als Geſandter an einen auswaͤrtigen Hof, und ich habe ihn ſeitdem nicht wieder geſehen.“ „Ernſt und ſehnſuchtsvoll ſah ich nun dem Augenblicke meiner Entbindung entgegen, denn noch hoffte ich, was auch mein Mann mir wie⸗ derholt uͤber ſeinen Widerwillen gegen Kinder aͤu⸗ ßern mochte, daß der Anblick eines eigenen Kin⸗ des ſein Herz auch gegen die Mutter erweichen wuͤrde.— Aber auch hier ſollten meine Hoffnun⸗ gen getaͤuſcht werden!“— „Eines Morgens trat Seymour,(der nie zuließ daß ich etwas von meinen eigenen Einkuͤnften in Haͤnden behielt, und mich alſo eben ſo arm er⸗ hielt, als er ſich ſelbſt machte,) in mein Zimmer, und verlangte daß ich ihm alles gebe, was ich an Gelde beſitze. Ich hatte aber nichts zu geben; und mochte nun ſein Beduͤrfniß nach Geld drin⸗ gender als je ſeyn, genug, er gerieth bei meiner abſchlaͤgigen Antwort in die fuͤrchterlichſte Wuth, verfluchte den Tag, da er mich geheirathet hatte, fluchte mir, weil ich ſo ſchwach geweſen waͤre ihn zu lieben, und zu glauben daß er mich liebe, da er mich doch einzig des Geldes wegen genommen, 3 . 4 6 —— und immer eine Andere geliebt habe, die er auch noch liebe.“ „Herzzerreißend vereinte ſich jetzt das Ge⸗ fuͤhl der Eiferſucht mit dem Bewußtſeyn nie von dem Manne geliebt worden zu ſeyn, den ich ange⸗ betet hatte, und als ich mit dem Blicke der Ver⸗ zweiflung in die Hoͤhe ſah, ſtand mein Vater in der Thuͤr, und war nun ſelbſt Zeuge des graͤnzen⸗ loſen Ungluͤcks geweſen, welches ich ihm bisher ſo ſorgfaͤltig verſchwieg. Bei dem Anblicke ſeines Kummers konnte ich ihm den meinigen nicht laͤn⸗ ger verbergen; ein unwillkuͤhrlicher Schrei der hoͤchſten Verzweiflung entfuhr meiner beengten Bruſt; mein Mann wandte ſich raſch um, und er⸗ blickte nun den ungluͤcklichen Vater, deſſen Herz er durchbohrt hatte. Er wich, von Gewiſſensbiſſen geaͤngſtet, einen Schritt zuruͤck, verhuͤllte ſein Geſicht mit beiden Haͤnden, und verließ ſchnell das Zimmer.“ „Erlaſſen ſie mir die Beſchreibung der Scene, die nun zwiſchen meinem Vater und mir erfolgte. Als ich mich an ſeine Bruſt warf, glaubte ich mich dennoch weniger ungluͤcklich; mein trauriges Stillſchweigen war gelöͤſt, ein Weſen nahm noch 3 Theil an mit, meine Thraͤnen floſſen an ſeinem treunen Herzen.“ „Er brach zuerſt das Stillſchweigen, aber mit einer Stimme und einem Blicke, der mir nur zu deutlich ſagte, was folgen wuͤrde, und in unnennbarer Angſt rief ich: ach, fluche ihm nichi/ theurer Vater!“ 3 „Gott weiß, was der arme Vater erwiedert haben wuͤrde; in dieſem Augenblicke aber ſah er die Blaͤſſe des Todes uͤber mich verbreitet, ich ſank faſt leblos in ſeinen Armen zu Boden, und kaum war er im Stande an der Klingel zu zie⸗ hen, um Huͤlfe herbei zu rufen.“ „Eine zu fruͤhzeitige Niederkunft war der Erfolg dieſes Auftritts; mehrere Stunden ſchwebte mein Leben in Gefahr. In den Zwiſchenraͤumen der Beſinnung fragte ich nach meinem Vater, und ſeine Stimme ſchien mich immer aufs Neue zu beleben. Nach meinem Gatten fragte ich nie, obgleich ich ſpaͤter hoͤrte, er habe ſich alle Muͤhe gegeben die Rolle des liebenden und geliebten Ehemannes zu ſpielen, der ein augenölickliches Aufbrauſen tief bereue.“ 155 „Endlich erblickte das kleine Opfer der vaͤ⸗ terlichen Wuth das Licht der Welt, um gleich ſeine Augen auf immer wieder dafuͤr zu ver⸗ ſchließen. Mich troͤſtete die Ueberzeugung daß kein vaͤterlicher Segen ſein irdiſches Daſeyn ver⸗ ſchoͤnert haben wuͤrde.“ „Sobald mein Leben außer Gefahr war, ſagte mein Vater mir daß er nach Hauſe zuruͤck⸗ kehren muͤſſe. Mich befremdete ſeine Eile nicht, da der Anblick meines Mannes ihm zuwider ſeyn mußte, obgleich dieſer waͤhrend meiner Krankheit die groͤßte Angſt gezeigt hatte. Viel⸗ leicht mochte der Grund dieſer Angſt wohl in der Vernichtung ſeiner irdiſchen Hoffnung auf Reichthuͤmer liegen, die mit mir begraben wuͤr⸗ den, vielleicht mochte auch Reue uͤber ſein Be⸗ tragen mit dieſem Grunde verbunden ſeyn. Mein Vater wuͤnſchte daß ich ihn aufs Land begleiten moͤge, allein die Aerzte erklaͤrten mich fuͤr den Augenblick zu ſchwach dazu, und da ich ſtuͤndlich ſeinen Widerwillen gegen meinen Gatten be⸗ merkte, magte ich nicht ihn um Aufſchub der Ab⸗ reiſe zu bitten. Als aber Seymour erklaͤrte daß er zu einer kleinen Reiſe genoͤthigt ſei, blieb der 136 Vater noch einige Tage laͤnger, und dies waren auch die letzten Tage inniger Mittheilung, die ich mit ihm genoſſen habe. Ich verſuchte meinen Mann wenigſtens einigermaßen gegen ihn zu ent⸗ ſchuldigen, verſicherte daß mir dennoch mancher gluͤckliche Augenblick zu Theil wuͤrde, und ich keine Reue uͤber meine Verbindung fuͤhlte, und dieſe Ueberzeugung war ſo nothwendig zu ſeinem Frieden, daß er ſich endlich ſelbſt zu uͤberreden ſchien, mir zu glauben.“ „ Nur zu ſchnell flohen dieſe Stunden der Mittheilung voruͤber, in denen mir der Umgang mit einem liebenden Weſen vergoͤnnt war, deſ⸗ ſen Auge mit wahrhafter Zaͤrtlichkeit an mir hing. Ich mußte mich von ihm trennen; aber doppelt ſchrecklich war dieſer Schmerz fuͤr mich durch den Gedanken, daß die Wiederkunft des Gatten den Vater von ſeinem einzigen Kinde vertriebe.“ 3 3 4 „Laßt mich, o meine Freunde, laßt mich ſchweigen von der Verzweiflung, die ſich meiner in dem Augenblicke bemaͤchtigte, als der Vater ſich beim Scheiden vor mir auf die Knie warf, und mich mit zitternden Lippen und weinenden 157 Augen dem Schutze des Himmels anbefahl. Als er mich verlaſſen hatte, ſiel ich in eine Art von dumpfer Betaͤubung, und bewillkommte meinen wiederkehrenden Gatten mit einem Laͤcheln der Ruhe, welches faſt an Bloͤdſinn graͤnzte; er ſelbſt ſchien dadurch ſo geruͤhrt daß er einen ungewoͤhn⸗ lich zaͤrtlichen Kuß auf meine bleichen Lippen druͤckte.“ „Doch bald ſollte ich auf die ſchrecklichſte Weiſe aus dieſem dumpfen Gleichmuthe geriſſen werden. Die letzt erlebten Auftritte hatten ſo heftig erſchuͤtternd auf meinen Vater gewirkt, daß er drei Tage nach ſeiner Ruͤckkunft von einem ſchlagartigen Zufalle ergriffen wurde. Mein Mann, dem man ſogleich einen Boten ſandte, brachte mir dieſe Nachricht nicht allein mit der großten Schonung an, ſondern hatte die Aufmerkſamkeit, die Pferde vorher ſchon in Bereitſchaft zu hal⸗ ten, damit ich gleich zu ihm reiſen koͤnne. Er beſtand darauf mich zu begleiten, doch wollte er ſeine Ankunſt vor dem Vater geheim halten.“ „Dieſe ungewohnte Freundlichkeit hielt mich aufrecht bei dem neuen Schlage des Schickſals; ich beſchaͤftigte mich unterwegs mit dem Gedan⸗ 158 ken, meinen Vater, wenn ich ihn in einem 3u⸗ ſtande des Bewußtſeyns antraͤfe, durch die Er⸗ zaͤhlung davon mit meinem Gatten mauszuſih⸗ nen.“ „Aber ach, auch däeſe, Freude ſollte ſchwin⸗ den! Seymour ſtieg bei unſerer Ankunft zu⸗ erſt aus, um Nachrichten einzuziehen; aͤngſtlich folgten meine Blicke ihm, und als ich ihn end⸗ lich heiter wieder zuruͤckkommen ſah, nun das Beſte hoffend mich ſchnell zu ihm wandte, und er mir dann kalt ſagte: ich muͤſſe mich auf das Schlimmſte bereit halten, da konnte ich ſelbſt in dieſem ſchrecklichen Augenblicke den Glauben nicht unterdruͤcken, daß die Gewißheit von meines Va⸗ ters Zuſtande den froͤhlichen Ausdruck auf ſeinem Geſichte hervorgebracht habe.“ „Unwillkuͤhrlich ſchlug ich ſeinen mir daegee botenen Arm aus, rannte allein die Stiegen hin⸗ auf, und taumelte in das Zimmer des Todes. Obgleich der letzte Kampf des mir ſo theuren Le⸗ bens ſchon heranzunahen ſchien, der arme Leidende ſchon nicht mehr der Sprache mäͤchtig war, er⸗ kannte er mich dennoch gleich, und hielt mir die Hand entgegen, waͤhrend die faſt erloſchenen Au⸗ gen mit unbeſchreiblicher Zaͤrtlichkeit auf mir ru⸗ heten. Im tiefſten Schmerz warf ich mich vor ſeinem Bette nieder, und beſchwor ihn unter tau⸗ ſend Thraͤnen, um meinentwillen zu leben, oder mich mit ſich hinuͤber zu nehmen.— Noch einmal verſuchte er es den Arm um meinen Nacken zu ſchlingen, und ſtammelte in faſt unverſtaͤndlichen Worten, indem er den Blick gen Himmel hob: dort bleibt dir ein Vaterl— und wäͤhrend ich noch, uͤber ihm haͤngend, mehr von ſeinen Lip⸗ pen zu hoͤren hoffte, ſah er mich ſtarr an, der um mich geſchlungene Arm fiel kraftlos nieder, und ſein Auge ſchloß ſich auf immer.“ „Ich muß hier abbrechen— dieſe Erinne⸗ rung druͤckt mich zu Boden.“— „Mehrere Wochen hindurch zeigte ich, wie man mir ſpaͤter erzaͤhlte, kein Zeichen der Beſin⸗ nung; und haͤtte man nicht meinen Athemzug ge⸗ hoͤrt, wuͤrde man an meinem Leben gezweifelt haben.— Endlich aber ſiegte meine Jugend uͤber den Zuſtand ider Betaͤubung, ich erholte mich, um mein Ungluͤck zu begreifen, und um in den erſten ſchrecklichen Augenblicken meines Bewußtſeyns mich in den vorigen Zuſtand zuruͤck⸗ . 160 zuwuͤnſchen. Es ſchien mir als ſtaͤnde ich jetzt ganz allein in der Welt, ungeliebt, ungetroͤſtet, von Niemanden aufrecht erhalten!— Die Au⸗ gen, welche von der zarteſten Kindheit an mit theilnehmender Liebe auf mir geruht hatten, wa⸗ ren auf immer geſchloſſen; das Herz, welches al⸗ lein noch warm fuͤr mich geſchlagen hatte, war nun kalt und gebrochen!— Und ich, ich hatte es fruͤher gebrochen, ich hatte den theuren Vater durch die Folgen meines ungluͤcklichen Eigenſin⸗ nes fruͤher ins Grab gebracht— doch ſollte ich leben, ich mußte leben, um hier noch meinen Feh⸗ ler zu buͤßen.— Dieſer Gedanke hielt mich, und hob mich.“ „Mein Mann zeigte große Freude uͤber meine Geneſung, und als ſeine Thraͤnen meine Wangen benetzten, bei dem erſten Zeichen des Bewußtſeyns das ich wieder von mir gab, als mein Auge ihn und die Gegenſtaͤnde um mich her wieder erkannte, ſchauderte ich freilich an⸗ fangs bei ſeinem Anblicke zuruͤck, mein Herz aber warf mir meine Verſtocktheit vor, ich lehnte mich an ſeine Bruſt, und nahm es mir vor ihn, wo 161 moͤglich, noch zu lieben, und alles zu verſuchen, um mir ſeine Gegenliebe zu erwerben.“ „Ich liebte ihn wahrhaft noch, ungeachtet alles Vergangenen, und wenn er mir nun ſeine Stunden weihete, um mich aufzuheitern, vergaß ich ſeine vormalige, grauſame Behandlung voͤllig, und wuͤnſchte ſehnlich mein guter Vater moͤchte Zeuge der gluͤcklichen Umaͤnderung ſeyn. Aber mit meiner ruͤckkehrenden Geſundheit und Ruhe ſchwan⸗ den meines Mannes Aufmerkſamkeiten wieder; ich wurde wieder allein gelaſſen, um uͤber mein Ungluͤck nachzudenken. Heftiger als alle anderen Oualen bemaͤchtigte ſich meiner jetzt die Qual der Eiferſucht; die Worte, daß er mich nie geliebt, ſondern immer eine Andere geliebr habe, die er auch noch liebe, klangen uͤberall in meinen Ohren. Wer konnte dieſe gluͤckliche Ne⸗ benbuhlerin ſeyn?— Vielleicht hatte er es nur geſagt, um mich zu quaͤlen; doch dieſe Vorſtel⸗ lung, wahr oder falſch, verfolgte mich uͤberall, und wenn wir miteinander in Geſellſchaft waren, bewachte ich aͤngſtlich jedesmal ſein Geſicht, ſobald ſich mit andern Frauenzimmern unterhielt.“ O. I. 11 162 „ Vielleicht nimmt es euch, meine Freunde, Wunder, mich von in Geſellſchaften gehen reden zu hoͤren; ich hielt es aber fuͤr meine Pflicht, da mein Mann es wuͤnſchte, nachdem die erſten Mo⸗ nate der Trauer um meinen Vater voruͤber wa⸗ ren. Er ſchien ſogar eine Uebertreibung darin zu finden daß ich mich laͤnger vor der Welt ver⸗ ſchloͤſſe, und glaubte dieſe koͤnne endlich argwoͤh⸗ nen, ich moͤge eher um den noch lebenden Gat⸗ ter, als um den verſtorbenen Vater weinen. Er beſtand darauf daß ich die Trauer ablegen, mich wieder ſchminken, und wie vorher in Geſellſchaft gehen, und welche bei mir annehmen ſolle.“ „ Ich gehorchte, und that ſogar mein Moͤg⸗ lichſtes, um wieder heiter zu ſcheinen. Sonder⸗ Der⸗ bar und auffallend war nun aufs Neue der Un⸗ terſchied ſeines Betragens gegen mich im Hauſe und in Geſellſchaften. Hier betrug er ſich ſo, als wolle er den Neid aller andern Frauen ge⸗ gen mich erregen; aber ſobald wir uns allein be⸗ fanden, ward die Maske abgeworfen, und der Haus⸗Tyrann erſchien in ſeiner vollen Kraft.“ „Waͤhrend ich dieſe harte Behandlung er⸗ duldete, fliſterte eine innre Stimme mir oft zu: —-—O—ę˖-—— 163 ja, ja, er ſprach wahr, er liebte dich nie, und liebt eine Andere!— Dieſer Gedanke nagte an meinem Herzen; aber nie erblickte ich das mir vorgezogene Weſen, denn nie ſah ich ſein Auge auf irgend einer Frau mit beſonderem Wohlge⸗ fallen ruhen. Doch war er oft Tage und Naͤchte lang von mir entfernt, und ſeine Verſchwen⸗ dung ſchien keine Grenzen zu kennen.“ „Sobald ich im Stande war mich um Ge⸗ ſchaͤfte zu bekuͤmmern, fand ich, was ich kaum zu finden hoffte, daß meines Vaters Teſtament, nach ſeinem letzten Beſuche in London, nicht um⸗ geaͤndert war, denn das fruͤher ausgeſetzte, be⸗ traͤchtliche Legat fuͤr meinen Mann, war noch daſſelbe. Mein Erbtheil aber war auf ſolche Weiſe belegt, daß niemand als ich ſelbſt die Zin⸗ ſen davon heben konnte, und da das Legat mei⸗ nes Mannes ſogar ſeine eigenen Erwartungen uͤbertraf, glaubte ich ihn nun wenigſtens in die⸗ ſer Hinſicht zufriedengeſtellt.“ „Doch erfuhr ich nur zu bald daß die ganze Summe wenige Zeit nach dem Empfange wieder verſchwendet war, und begann nun in der That zu fuͤrchten, die ungluͤckliche Neigung zum Spiele moͤge 11* 16⁴4 der Steudel ſeyn, in welchem Seymour zu Grunde ginge. Lange war mir, und vielleicht mir nur allein ſein Hang zum Spiele und zu al⸗ len andern Ausſchweifungen verborgen geblieben; doch wie natuͤrlich war dies!— Wer wagt es wohl einer Frau, die Achtung fuͤr ſich ſelbſt und ihre Pflichten hat, mit den Verirrungen ihres Mannes bekannt zu machen, oder wie duͤrfte ſie auch nur einen Augenblick ſolchen Erzaͤhlungen ihr Ohr leihen?— Nur die ungluͤcklichen Folgen konnten alſo bisher dieſen Verdacht in meinem Her⸗ zen erwecken. Indeß ſuchte Seymour, ſeinem argwöhniſchen Charakter gemaͤß, nach und nach alle meine naͤheren Bekannten, unter dem Vor⸗ wande ſeiner Eiferſucht auf irgend eines Andern Liebe zu mir, zu entfernen; eigentlich geſchah es aber wohl aus Furcht daß ſie mir Dinge, die zu ſei⸗ nem Nachtheil gereichten, vertrauen moͤchten, und daß ich ſchwach genug ſeyn koͤnnte ſie anzuhoͤren.“ „Noch auf eine andere Weiſe uͤbte er ſeine Tyrannei ſehr ſchmerzlich uͤber mich aus, indem er mich bat mein Singen zu unterlaſſen, da ihm Muſik im Allgemeinen und von mir im Beſonde⸗ ren ſo zuwider ſei, daß er, wenn er auch zuwei⸗ 165 len geneigt waͤre nach Haufe zu kommen, weg⸗ bliebe, um mein unausſtehliches Kreiſchen nicht zu hoͤren. Auch, ſetzte er hinzu, ſaͤnge ich ſeiner Meinung nach fuͤr eine Frau von Stande zu gut, und da ich nun dadurch dem einzigen Mann, dem ich wuͤnſchen koͤnne zu gefallen, nicht gefiele, hielte er es fuͤr meine Pflicht es gaͤnzlich zu unter⸗ laſſen. Das war eine harte Probe meines Ge⸗ horſams; aber dennoch gehorchte ich.— Ach, liebe Freundin, wie beneidete ich ſie, als ſie mir ſagten ihr Mann hoͤre ſie gerne ſingen!— Er⸗ innern ſie ſich noch, was ich ihnen in dem Augen⸗ blicke antwortete?“ „Um dieſe Zeit ereignete ſich ein bedeutender Vorfall in meinem Leben. Meine Mutter hatte einen Oheim, der, nur wenige Jahre aͤlter als ſie ſelbſt, ſowohl ſie als meinen Vater innig liebte. Er war meines Vaters Schul⸗Camerad geweſen, und ging, wenige Monate vor ſeiner Ver⸗ heirathung, mit ſehr vortheilhaften Ausſichten nach Indien. Nach einiger Zeit meldete er den El⸗ tern, ſein innigſter Wunſch ſei Pathenſtelle bei einem ihrer Kinder zu vertreten. Ich wurde ge⸗ boren, man nannte mich nach ihm, der Lud⸗ 766 wig Arlington hieß, Louiſe, und einer ſeiner Freunde hob mich an ſeiner Statt aus der Taufe.“ 1 „So fleißig ſeine Briefe auch in den n eeſten FJahren ſeines dortigen Aufenthalts kamen, ſo hatte er nun doch ſchon ſeit langer Zeit nichts von ſich hoͤren laſſen; eines Tages aber, als ich al⸗ lein und trautig in meinem Zimmer ſaß, mel⸗ dete man einen Herrn Arlington bei mir an. Der Gedanke, es koͤnne der Oheim meiner Mutter ſeyn, machte daß ich ihm mit zitternder Eile ent⸗ gegen ging. Ich hatte mich nicht getaͤuſcht, und unſere Thraͤnen floſſen vereint im Andenken an meine geliebten Eltern.“ „Seine Ankunft ſchien mir eine Erleichte⸗ rung meines haͤuslichen Kummers zu ſeyn; hatte ich doch nun wieder ein Herz gefunden, das mit mir fuͤhlte, und mit mir um die Verlornen klagte!“— „Meine einzige Zurcht bei dieſer Freude lag nur in dem Gedanken, es moͤge mir nicht immer gelingen dieſem theuren Verwandten den tiefſten Schmerz meiner Seele zu verhehlen, und er wuͤrde nur zu bald entdecken, aus welcher Ur⸗ 162 ſache meine bitterſten Thraͤnen floͤſſen.— Je⸗ doch erleichterte mir mein Mann dieſe ſchwere Aufgabe, indem er den Oheim, von dem er wußte daß er ſehr reich, unverheirathet, und mein Ge⸗ vatter ſei, mit aller nur moͤglichen Aufmerkſam⸗ keit und Achtung behandelte, wahrſcheinlich um ihn dahin zu ſtimmen, mir nach ſeinem Tode ſein ganzes Vermoͤgen, ohne Einſchraͤnkung gegen ihn, zu hinterlaſſen.— Sogar nahm er, als er merkte daß Herr Arlington ein großer Freund der Muſik ſei, ſein Verbot wegen des Singens zuruͤck, und ich durfte mir ſelbſt nun nicht allein dieſen Genuß wieder geſtatten, ſon⸗ dern auch noch einem ſo lieben Verwandten durch mein Talent Freude gewaͤhren.“— „Da der Oheim faſt taͤglich bei uns aß, und ich meinen Mann ſelten zu einer andern Zeit al⸗ lein ſah, war mein Leben jetzt wieder, wenn auch nicht gluͤcklich, doch ruhig. Meine groͤßte Sorge beſtand nur darin, immer Mittel auszufinden, um dem Mangel Anderer abzuhelfen, woran ich von Jugend an gewohnt war. Durch die ſo haͤufig wiederkehrenden Geldbeduͤrfniſſe meines Mannes wurde meine Boͤrſe nur zu oft erſchoͤpft, und 168 wagte ich einmal ſeine Forderungen zu verweigern aus der Urſache, weil dieſe oder jene Summe ſchon zu irgend einem wohlthaͤtigen Zwecke beſtimmt ſei, ſo ſprach er in den verachtungsvollſten Worten uͤber mein Almoſenſpenden, wie er es nannte, hat mich zu bedenken daß es oͤffentliche Armen⸗Anſtalten gebe, und daß die hinreichend waͤren dieſe Claſſe meiner Guͤnſtlinge zu unterſtuͤtzen.“ „Bei Auftritten dieſer Art wurde zufaͤlliger Weiſe Herr Arlington einige Male gemeldet, und waͤhrend ich noch nicht faͤhig war auf mei⸗ nem Geſichte voͤllig zu verhehlen, was im In⸗ nern meiner Seele vorging, empfing mein Mann den Hereintretenden mit dem heiterſten Laͤcheln, und verſicherte, indem er bemerkte daß der Oheim forſchend auf meinen Blicken ruhete: es ſei grade eben ein kleiner gewoͤhnlicher Zwiſt uͤber meine liebenswuͤrdige, aber doch zu grenzenloſe Freigebigkeit vorgefallen, die uns beide zu Grunde richten koͤnne, wenn er ihr nicht zupeilecn 6 Kiugheit vorzübeugen ſuche.“.— „Ein paar Mal ſehien dieſes Maͤhrchen den guten Alten zu beruhigen; zum dritten Male aber ſah ich deutlich aus dem Blicke voll Ver⸗ 169 achtung und Mißtrauen, den er auf meinen Gat⸗ ten warf, daß er keinen Glauben mehr daran habe. Doch ſchwieg er noch, und bat mich nur, nachdem wir allein waren, ſeine Boͤrſe als die Meinige anzuſehen, und frei daruͤber bei ſolchen Gelegenheiten zu ſchalten, wozu ich ein voͤlliges Recht als Nichte und Pathe von ihm habe. Ich nahm freundlich an, was mir mit ſo reiner Guͤte geboten wurde.“— „Ungefaͤhr ein Jahr lang genoß ich die Ge⸗ ſellſchaft dieſes ſchaͤtzbaren Mannes, doch merkte ich nur zu deutlich daß er mit der eigentlichen Beſchaffenheit meiner haͤuslichen Lage bekannt ſei, und hoͤrte in der Folge auch daß er Erkundigun⸗ gen eingezogen habe, die meinem Ohre fremd bleiben mußten. Gegen Seymour betrug er ſich indeß fortwaͤhrend mit der groͤßten Hoͤflich⸗ keit, um mir keinen neuen Kummer zu verurſa⸗ chen, doch ſah ich es wohl daß er keine Achtung fuͤr ihn fuͤhlte.“ „Waͤhrend dieſes Jahres kaufte Herr Ar⸗ lington das Beſitzthum, welches ich jetzt be⸗ wohne, ordnete den Bau mit vielem Geſchmacke an, und richtete alles das ein, was ſie, liebe 170 Freundin, bewundert, und warum ſie mich be⸗ neidet haben. Koͤnnen ſie mich noch benei⸗ den?“— „Der herrliche alte Mann war mir ſehr theuer, und in vieler Hinſicht unentbehrlich ge⸗ worden. Er war allenthalben fuͤr mich ein an⸗ ſtaͤndiger Begleiter, und ich bedurfte nun nirgend des Armes der muͤßigen jungen Maͤnner, die ſich nur zu leicht zur Begleitung einer Frau ein⸗ ſinden, die in dem Rufe ehemaliger Schoͤnheit ſteht, und von ihrem Manne vernachlaͤſſigt wird. Ihr Freund, liebe Johanne, Lord Bar⸗ rington, war zu der Zeit ſehr geneigt, mir üͤberall zu folgen; als ei aber einſah daß alle ſeine Artigkeiten an einer Frau verloren gingen, die ſich feſt einbildete durch ſeine Schmeicheleien eher herabgeſetzt, als geehrt zu werden, hielt er es bald nicht mehr der Muͤhe werth, mich durch ſich ins Gerede zu bringen.“ „Ueber alles werth aber war mir Arling⸗ tons Geſellſchaft im naͤheren, vertrauten Um⸗ gange. Es gab doch nun wieder ein Weſen das mit mir und fuͤr mich fuͤhlte; ich ſtand nicht mehr allein in der Welt. Mit ihm konnte ich 171 uͤber alles ſprechen das mir theuer geweſen war; auch war ich uͤberzeugt zu ſeiner Erheiterung, zu ſeiner Gluͤckſeligkeit beizutragen, und dies Ge⸗ fuͤhl machte mir mein haͤusliches Elend ertraͤgli⸗ cher. Die Eiferſucht war zwar noch nicht aus meinem Innern gebannt; aber da ſie an keinem beſtimmten Gegenſtande feſthalten konnte, wurde ſie allmaͤhlich ſchwaͤcher, und vielleicht dies um ſo eher, je mehr meine Augen uͤber den wahren Charakter meines Mannes geoͤffnet wurden, und meine blinde Liebe zu ihm alſo auch mit der Zeit ſchwinden mußte.“. „Ein neues Ungluͤck aber ſollte nun durch den Tod des geliebten Oheims uͤber mich einbre⸗ chen. Er ſtarb ſchnell und unerwartet in ſeiner neuen Beſitzung, die eben vollendet war.“ „Mein Mann begab ſich auf dieſe Nachricht ungeſaͤumt dahin, um ihn zu Grabe zu begleiten, und bei Eroͤffnung des Teſtaments gegenwaͤrtig zu ſeyn. Doch hoffte er eigentlich daß gar kein Te⸗ ſtament vorhanden ſeyn ſolle, weil er in dieſem Falle alles gleich in Beſitz nehmen koͤnne, da ich, nach den Geſetzen, einzige, rechtmaͤßige Erbin war. Doch hier ſah er ſich in ſeiner Hoffnung 3 172²* getäͤuſcht:; es fand ſich ein Teſtament, welches zu ſeiner hoͤchſten Unzufriedenheit auf das Buͤn⸗ digſte mich zur alleinigen Erbin einſetzte„ doch mit der ausdruͤcklichen Bedingung, daß ich mei⸗ nem Gatten, Sedley Seymour, durchaus nichts davon zukommen ließe, ſogar ihm kein Geſchenk mit irgend etwas mache, das von die⸗ ſem Vermoͤgen oder Eigenthum herruͤhre.— Auch war ihm durchaus kein Recht zugeſtanden, ſich um meine Anwendung dieſes Vermoͤgens zu be⸗ kuͤmmern. Sobald mir bewieſen werden koͤnne, daß ich auch nur in einem Punkte gegen den ausdruͤcklichen Willen des Erblichenen gehandelt habe, ſollten die Laͤndereien und Beſitzthuͤmer an den naͤchſten, rechtmaͤßigen Erben kommen, er moͤge ſeyn wer er wolle, das Vermoͤgen aber der Perſon anheim fallen, die zum gerichtlichen Anwald in dieſer Angelegenheit erwaͤhlt ſey.nn „ Dieſer, nach dem Tode ſo laut ausgeſpro⸗ chene, Groll erklaͤrte nur zu deutlich daß Um⸗ ſtaͤnde vorhanden ſeyn muͤßten, die dieſen Groll verurſacht haͤtten, und indem⸗ die Eigenliebe mei⸗ nes Mannes dadurch beleidigt, ſeine Hoſfnung getaͤuſcht wurde, diente das Ganze nur dazu, die — 8 173 Kluft zwiſchen uns immer mehr zu vergroͤßern. Nie werde ich die ſchreckliche Scene vergeſſen, die meiner bei ſeiner Ruͤckkunft wartete!“—— „Ich war nun Herrin eines ungeheuren Vermoͤgens, woruͤber ich allein ſchalten ſollte; doch hatten alle die Vorzuͤge, die es mit ſich brachte, in meinen Augen einen geringeren Werth, als der taͤgliche Umgang des Gebers fuͤr mich ge⸗ habt hatte, und obgleich mein Mann mich der Heuchelei beſchuldigte, trauerte ich innig uͤber den Verluſt des guten Oheims.“ „Oft erfuͤllte es mich auch mit Schmerz daß ich meinem Mann nichts von meinem Ueber⸗ fluſſe geben durfte, obgleich er nie meinen Ver⸗ ſicherungen glauben wollte, ſondern im Gegen⸗ theil behauptete, ich habe dem Alten das Teſta⸗ ment in die Feder geſagt. Doch wirklich glau⸗ ben konnte er dies nicht, und die Beſchuldigung war nur im Zorne hingeworfen. Ich that mei⸗ nerſeits alles, um ihm gefaͤllig zu ſeyn, kaufte ſchoͤne Pferde und Wagen, deren er ſich bedienen konnte, und gab prachtvolle Gaſtmaͤhler, zu de⸗ nen er bat, wen er wollte. Als das Landhaus voͤllig eingerichtet war, lud ich dort die Geſell⸗ 74 ſchaft ein, die ſeinem Geſchmack am meiſten an⸗ gemeſſen war. Auch vermochte ich die Bevoll⸗ maͤchtigten meines Ehecontraks, mir eine gewiſſe Summe meines vaͤterlichen Vermoͤgens auszu⸗ zahlen, weil Seymour mir ſagte, dieſe Sum⸗ me koͤnne ihn allein vor Arreſt bewahren. Bis⸗ her hatte man ſich immer ſtandhaft geweigert etwas von dieſem Vermoͤgen herzugeben, doch nun, in der Ueberzeugung daß ich mehr habe, als ich je gebrauchen koͤnne, gab man es mir auf meine dringende Bitte.“ „Meine Geſchichte neigt ſich nun, dem Him⸗ mel ſei Dank, zum Ende, und ich habe nur noch ein Hauptbegebenheit zu erzaͤhlen.“ „Als ich eines Morgens, mit einem Be⸗ dienten hinter mir, in einen Laden gehen wollte, wo ich immer gewohnt war meine Einkäuf. zu machen, noͤthigte mich ein heftiger Regenguß, meine Zuflucht in einen naͤher liegenden Laden zu nehmen, und hier zu kaufen, was ich grade gebrauchte.“ „Hier traf ich eine Dame mit einer Amme und einem Kinde, die ſo jung und ſchoͤn war daß ich ſie mit Erſtaunen und Bewunderung be⸗ 75 trachtete. Auf die Frage des Kaufmannes, was zu meinen Dienſten ſtehe, ſetzte ich mich auf einen Stuhl, und bat die andere Dame erſt zu bedienen, eigentlich nur, um ſie mit Muße noch einige Au⸗ genblicke auſchauen zu koͤnnen. Meine Hoͤflich⸗ keit lockte ihr ein freundliches Laͤcheln und eine aͤußerſt anmuthige Verbeugung ab; darauf wandte ſie ſich um, und liebkoſte das Kind, welches un⸗ gefaͤhr zwei Jahr alt war. Mit Erſtaunen hoͤrte ich daß es ihr Kind ſei, obgleich ſie mir faſt zu jung fuͤr eine Mutter ſchien.„„Ein lieblicher Knabe,““ rief ich unwillkuͤhrlich.“ „„Es iſt meiner,““ erwiederte ſie laͤcheind.“ „„So huͤbſch er auch iſt, gleicht er ihnen doch gar nicht.““ „„Ach, er iſt ganz das Ebenbild ſeines Va⸗ t. S,“, ſagte ſie, indem ſie nun wieder emßig ih⸗ ren Einkauf beſorgte.“ „Ich ſpielte waͤhrend der Zeit mit dem klei⸗ nen Knaben, und ſuchte ſeine Aufmerkſamkeit durch meine goldne Halskette anzuziehen; als er darauf freundlich in mein Geſicht ſah, ſann ich baruͤber nach, wer wohl der Vater ſeyn koͤnne, da die Augen mir ſo bekannt vorkamen.“ . 176 „Der Regen floß noch immer in Stroͤmen nieder, und ich ſandte endlich den Bedienten fort, um meinen Wagen zu holen. Da die Dame un⸗ terdeß ihre Einkaͤufe gemacht, und gebeten hatte ſie ihr zuzuſchicken, fragte der Kaufmann nach ihrem Namen, und ich horchte mit der groͤß⸗ ten Aufmerkſamkeit zu.„„Frau Sedley Sey⸗ mour,““ war die Antwort; mehr aber hoͤrte ich nicht.— Eine duͤſtere Ahnung ſagte mir, daß ich hier endlich meine Nebenbuhlerin entdeckt haͤtte, die nicht allein meine Rechte, ſondern auch meinen Namen theilte.“ 1 4 „Der Kaufmann, meine augenblickliche Blaͤſſe bemerkend, ſchien eine Ohnmacht zu fuͤrchten, ührte mich in ein anſtoßendes Zimmer auf ein opha, und die unrechtmaͤßige Beſitzerin meines amens, ſich keiner Schuld bewußt, gab ihm ein Flaͤſchchen mit fluͤchtigem Salze, um mir dadurch zu helfen. Jetzt aber ſuchte ich mich zu erman⸗ an, und Herr uͤber meine Schwaͤche zu wer⸗ ich lag einige Augenblicke ruhig auf dem ne und dachte der Moͤglichkeit nach daß es gen vielleicht einen andern Sedley Sey⸗ „London geben koͤnne, obgleich der Na⸗ 177 me nicht gewoͤhnlich war, und ſo ſchien es mir wieder wahrſcheinlich daß dieſe junge, ſchoͤne Frau eben ſo unſchuldig ſeyn koͤnne, als es ihre Blicke verkuͤndeten. Mit dem feſten Vorſatze der Sache auf den Grund zu kommen, und mich aus die⸗ ſen peinlichen Zweifeln der Ungewißheit zu rei⸗ ßen, kehrte ich in den Laden zuruͤck. Theilneh⸗ mend kam ſie mir entgegen, um ſich nach meinem Befinden zu erkundigen; doch ihr Anblick und der des Kindes, in welchem ich nun die auffal⸗ lende Aehnlichkeit mit Seymour nicht laͤnger zu verkennen glaubte, haͤtten mich faſt aufs Neue aller Kraft beraubt. Mein Wagen war indeß gekommen, und nachdem ich mich wieder geſam⸗ melt und meine Maßregeln genommen hatte, bot ich der Fremden an, ſie erſt zu Hauſe zu bringen. Anfangs ſchlug ſie es ab, unter dem Vorwande mir nicht dieſen bedeutenden Umweg zumuthen zu moͤgen; ich ſiegte aber uͤber ihre Einwendun⸗ gen, und wir ſuhren mit einander fort. Da ſie in einem ſehr entlegenen Theile der Stadt wohnte, hatte ich Muße verſchiedene, mir noth⸗ wendig ſcheinende Fragen an ſie zu richten.“ 0. 1. 12 . 178 „„SIſt dies ihr aͤlteſtes Kind 2 hub ich end⸗ lich an; denn ſchwer wurde mir jede Frage, und faſt hoͤrbar pochte mein Herz bei dieſem Exa⸗ men.“ „„Ach ja, erwiederte ſie, ich bin noch kaum drei Jahre verheirathet.“"“ „„Verheirathet 161— wiederholte ich in mei⸗ nem Innern, und meine Hoffnung belebte ſich aufs Neue.—„„Nach ihrem Aeußern ſollte man kaum glauben, daß ſie ſchon ſo lange verheira⸗ thet ſeyn koͤnnten,““ fuhr ich fort.“ „„Doch, ſagte ſie, lieblich erroͤthend, bin ich ſchon ſo lange verheirathet geweſen; verſprochen war ich ſchon ſeit meinem funfzehnten Jahre; aber mein Mann, der auf Werbung in Wales lag, wo ich wohnte, war damals nur Dragoner⸗ Leutnant; er hatte kein Vermoͤgen, ich hatte auch nichts, und ſo waren wir genoͤthigt auf beſ⸗ ſere Zeiten zu warten.““ „„Bei welchem Regimente ſtand ihr Ge⸗ mahl?““ „Sie nannte meines Mannes Regiment. Gluͤcklicher Weiſe hielt ich ihr Flaͤſchchen mit fluͤchigem Salze noch in der Hand, und dies be⸗ 179 wahrte mich wahrſcheinlich vor einer neuen Ohn⸗ macht.“. „„Es iſt hart, fuhr ich nach einer Weile fort, wenn Mangel an Geld zwei Menſchen, die ſich lieben, vom Heirathen abhaͤlt.““ „„Ja wohl, verſetzte ſie; gluͤcklicher Weiſe aber ſiel mir drei Jahre hernach, bald nach dem Tode meines Vaters, und der Abreiſe meines Bruders nach Indien, ein anſehnliches Vermoͤ⸗ gen zu. Ich ſchrieb an meinen Geliebten, er kam, und wir heiratheten uns. Ach, ich war damals recht, recht froh ihn zu ſehen, denn nicht gar lange Zeit vorher hatte ich in den Zeitun⸗ gen die Heiraths⸗Anzeige eines Herrn Sedley Seymour mit einem Fraͤulein Forteseue geleſen, und mir war ſo bange, er moͤchte dies ſeyn. „„Das glaube ich,““ rief ich, indem ich fuͤhlte daß alles ſich mit mir im Schwindel herum⸗ drehete.“ „„Ich ſchrieb es ihm auch in meinem Briefe; aber als er zu mir kam, erzaͤhlte er mir, daß es ſein Oheim geweſen ſei, der eine außerordentlich ſchoͤne, reiche Erbin geheirathet habe.““ 12* „Wie wenig mochte ſie wohl die außerordent⸗ liche Schoͤnheit in der neben ihr ſitzenden ma⸗ gern, blaſſen, zitternden Geſtalt wieder erkennen! Wie ich im Stande war mich aufrecht zu erhalten, weiß ich nicht; aber ich hielt mich, und jetzt lag doch die ganze, ſchreckliche Wahrheit enthuͤllt vor mir da. Wenn ich in dieſem Augenblicke daruͤber nachdenke, glaube ich daß eine zweifache Ueber⸗ zeugung mir wenigſtens etwas Kraft gab, und mein Elend milderte. Erſtlich ſchmeichelte ich mir mit der Hoffnung, daß vielleicht mehr der Mangel an Geld, als wirkliche Liebe, Seymour vermochte, dies ungluͤckliche Maͤdchen zu heirathen, die durch ihren Brief dieſe Verſuchung uͤber ihn gebracht hatte. Zweitens freute ich mich daß er ſie we⸗ nigſtens nicht verfuͤhrt habe, und ſie alſo vor Gott und Menſchen unſchuldig ſei.— Ja, ſo groß auch ſein Unrecht gegen ſie und mich war, gewaͤhrte mir dieſe letztere Ueberzeugung doch un⸗ endlichen Troſt.“ 6 „Sobald ich durch ihre unſchuldige Ge⸗ ſchwaͤtzigkeit erfahren hatte, was ich wiſſen wollte, ſetzte ich mich, unter dem Vorwande meines Un⸗ wohlſeyns, tief in die Ecke meines Wagens, und 181 dachte daruͤber nach, wie ich mich bei der haͤrte⸗ ſten aller Pruͤfungen, die mir im Leben zu be⸗ ſtehen geworden waren, benehnen ſollte. Bald ſchien es mir grauſam gegen dieſe, ſich ſchuld⸗ los waͤhnende Frau, den Schleier abzuziehen, der ſie von der Schuld ihres Mannes und ihrem Ungluͤck uͤberzeugen mußte.— Durſte ich aber Seymours Verbrechen beguͤnſtigen?— Jetzt war die arme Betrogene nur ſchuldlos zu nennen, hatte ſie aber den Muth, ſobald die Wahrheit ihr enthuͤllt wurde, den laſterhaften Gatten zu verlaſſen, ſo erſchien ſie wahrhaft tugendhaft, und meine Pflicht war es ſie auf dieſen Weg zu brin⸗ gen. Jeder Pulsſchlag aber ſtockte in mir bei dem Gedanken, den heitern, unbefangenen Blick durch meine Entdeckung auf immer zu truͤben, und ſo war dies gewiß die haͤrteſte Pruͤfung zu nen⸗ nen, welche die Laſter meines Mannes uͤber mich verhaͤngt hatten.* n „Endlich erreichten wir die Wohnung mei⸗ ner Rebenbuhlerin, und da ich noch immer recht krank ſchien, und es in der That auch war, bat ſie mich einen Augenblick mit ihr auszuſtetgen, eine Hoͤſlichkeit, die ich erwartete, und Welchs ich 18² beſchloſſen hatte anzunehmen. Laſſen ſie mich meine Schwaͤche ganz geſtehen: der Anblick des mir gegenuͤberſitzenden Kindes war mir, ſeit ich wußte wer der Vater war, ſo unerträͤglich, da es unzaͤhlige traurige Erinnerungen in meine Seele rief, daß ich oft die Augen ſchloß, um den la⸗ chenden Knaben nur nicht anſehen zu duͤrfen.“ „Waͤhrend die, nichts Arges waͤhnende Frau hinausging, um mir Tropfen zu holen, ſah ich mich im Zimmer herum, welches mit ſauberem, aber nicht ſchimmerndem Hausgeraͤthe verſehen war, und der erſte, mir in die Augen fallende Gegen⸗ ſtand war Seymours Gemaͤlde. Es glich ihm ſo ſprechend in ſeinem vortheilhafteſten Ausdrucke, daß ich es mir gleich vornahm nicht wieder hin⸗ zuſehen, um mir ihn nur ſo vorzuſtellen, als die Gegenwart mir ſein Bild enthuͤllte. Bald kam die arme Emilie,(dies war der Name des ſchuldloſen Opfers,) zuruͤck, reichte mir die Tro⸗ pfen, und ſetzte ſich freundlich an meine Seite.“ „Unſer Haus iſt klein, ſagte ſie; aber wir ſehen auch gar keine Geſellſchaft bei uns. Da der Umgang mit meines Mannes vornehmer Be⸗ kanntſchaft und Familie ihn bei ſeinen ſehr ein⸗ 183 geſchraͤnkten Umſtaͤnden zu Ausgaben verleiten wuͤrde, die unſere Caſſe nicht beſtreiten kann, hat er mich nirgend eingefuͤhrt, und hat ſeine Heirath nicht oͤffentlich bekannt gemacht, obgleich er ſie auch nicht verheimlichet. Wenn ich ihn nur ſehe, bin ich gluͤcklich; aber leider! iſt dies nicht oft der Fall. Er hat eine Anſtellung, die den groͤßten Theil ſeiner Zeit in Anſpruch nimmt; auch muß er oft bei einem alten Oheim auf dem Lande ſeyn, ſo daß er ſelten mehr als zwei volle Tage der Woche mit mir zubringt, den Sonna⸗ bend und Sonntag.“— Es fiel mir im Augenblicke ein daß er ge⸗ gen mich immer vorgab, an dieſen Tagen ein fuͤr allemal auf Lord Barringtons Landhauſe ein⸗ geladen zu ſeyn. Zu welchem Gewebe von Luͤ⸗ gen war er gezwungen geweſen ſeine Zuflucht zu nehmen, um mich und dies arme, argloſe Ge⸗ ſchoͤpf zu betriegen!— Wie blutete mein Herz fuͤr ſie, indem ich ihren Verderber beinahe ver⸗ wuͤnſchte!— Und wer war dieſer Menſch?— Er war mein Gatte!— Und doch, ungeachtet der Leiden, die dieſes armen, verblendeten Weſens warteten, erwachte noch augenblicklich eine ſolche 3 184 Schwaͤche in meinem Buſen, daß ich ſie benei⸗ dete, weil er ſie liebte, und immer geliebt hatte; obgleich auch ſie wohl nicht voͤllig unbekannt ſeyn konnte mit der fuͤrchterlichen Wuth ſeiner Lei⸗ denſchaften, die bisher das Ungluͤck meines Le⸗ bens gemacht hatten; doch jetzt war ich feſt ent⸗ ſchloſſen, keine Gemeinſchaft mehr mit ihm zu haben, ſondern ihn eien Geſhis⸗ zn uͤber⸗ laſſen.“ 3 a 1 E „Der Morgen war faſt vergangen, und noch fehue es mir an gehoͤrigem Muthe meinen Vor⸗ ſatz auszufuͤhren, und den. Schleier ganz wegzu⸗ ziehen. Mit kummerbeladener Seele erhob ich ſchweigend mein Herz zu dem, der mir allein Kraͤfte leihen, und mich aus dieſem Labyrinthe fuͤhren konnte. is ich endlich die einige Augen⸗ blicke vor meine Augen gehaltene Hand wieder wegzog, beſchloß ich nun nicht laͤnger zu ſaͤu⸗ men. 77 1 Bild,““ ſagte die arme Emilie mit freudigem Stolz, indem ſie das Miniatur Gemaͤlde von der Wand nahm, und mir hinreichte.“— Sehen ſie doch, dies iſt meines Mannes — 183 „Es iſt Herrn Seymours Bild,““ er⸗ wiederte ich kalt.“ „„Wie, haben ſie ihn denn je geſehen?“— „„Ja, ich habe ihn geſehen, und beklage die Stunde, in welcher ich ihn zuerſt ſah.— Doch faſt noch mehr moͤchte ich um ihretwillen, armes, ſchuldloſes Opfer, die Stunde beklagen, die ihn zuerſt vor ihre Augen fuͤhrte, und, was es mich auch koſten mag, ich muß ſie davon uͤberzeugen.““ „Ich vermuthe die arme Kleine glaubte ich ſei wahnſinnig geworden, und ſo ſehr ſie dieſer Ge⸗ danke auch in Furcht ſetzen mochte, ſo ſollte doch noch ein weit haͤrterer Kampf folgen. Noch hielt ſie das Gemaͤlde in ihrer Hand; ich nahm es ihr ab, und brach in einen Strom von Thraͤ⸗ nen aus. Dies erleichterte mein Herz, und bald war ich im Stande weiter zu reden.“ „„Sie ſagten mir, dies ſei das Gemaͤlde ⸗ res Nannes, fuhr ich fort; merkten ſie nicht daß in meiner Antwort: es ſei Herrn Seymours Gemaͤlde, etwas Bedeutendes lag?““— „Ein Nein zitterte von ihren Lippen; ſie war zu bewegt deutlich reden zu koͤnnen.“ n 186 —„„Ich wollte dadurch andeuten, liebe, un⸗ ſchuldig Betrogene, denn die ſind ſie in meinen Augen, daß es nur das Gemaͤlde des Herrn Seymours, nicht das ihres Mannes ſei, denn er iſt mein— mein Gatte! Ich war die ungluͤck⸗ liche Louiſe Fortescue, welche Sedley Sey⸗ mour heirathete; er hat keinen Oheim.“—f „Unmoͤglich iſt es den Ausdruck zu beſchrei⸗ ben, der ſich nun in allen ihren Zuͤgen malte. Mit ſtarrem, wilden Blick heftete ſie das Auge auf mich, und rief dann mit einem Gelaͤchter, das an Verruͤcktheit graͤnzte:„„Nein, nein, nein— das iſt unmöͤglich! „„Moͤchte es unmoͤglich ſeyn, erwiederte ich faſt eben ſo heftig bewegt als ſie; aber ſie kennen ohne Zweifel ſeine Handſchrift, leſen ſie dies, und uͤberzeugen ſie ſich“““— Bei dieſen Worten legte ich beifolgendes Brieſlein in ihre Hand, welches ich zufaͤllig bei mir hatte, indem ich ihr die Auf⸗ ſchrift zuerſt zeigte.“ 4 es b Sch werde dieſen Mittag nicht zu Haufe eſſen, Louiſe; aber ich hoffe den Abend mit Lord und Lady Nelvin in deiner Aſſemblee zu erſcheinen.“— 187 „Sie las, ſtieß einen lauten Schrei aus, und ſiel bewußtlos in meine Arme; doch ungluͤck⸗ licher Weiſe dauerte dieſer Zuſtand der Vergeſ⸗ ſenheit ihrer Leiden nur wenige Augenblicke. Nie werde ich den wilden Blick der Verzweiflung ver⸗ geſſen, mit welchem ſie mich anſtarrte, als ihre Augen ſich wieder oͤffneten; dann verbarg ſie ihr Geſicht, fiel mir zu Fuͤßen und bat. ihr zu verzeihen.“ „„Dir verzeihen, mein armes Kind, ſagte , ſie zaͤrtlich an meine Bruſt ziehend; weß⸗ zu haͤtteſt du um Verzeihung zu bitten?— Unbewußt haſt du in meine Rechte eingegriffen, und, noch einmal wiederhole ich es dir, du biſt unſchuldig. Habe nun den Muth tugendhaft zu ſeyn, ſo wirſt du in mir eine Freundin, eine Nutter fuͤr dich und dein Kind finden. Ich habe die Mittel und den Willen dich zu retten, und dir beizuſtehen!““— „Dann muß ich ihn ja wohl verlaſſen, darf ihn nie wiederſehen?“— rief ſie mit einem neuen Schrei des Entſetzens, indem ſie in heftigen Kraͤmpfen zur Erde fiel.“ 188 „FEin ſolcher Anblick wuͤrde mein menſchli⸗ ches Gefuͤhl immer tief geſchmerzt haben; dies ſchuldloſe Geſchoͤpf aber in dieſem Zuſtande vor mir zu ſehen, und der Gedanke daß mein Mann Urheber dieſer Qualen ſei, machte mich ſelbſt faſt beſinnungslos. Doch rief ich alle meine Kraft zuſammen, ſuchte ſie wieder zu beruhigen, und ſtellte ihr dann ſo liebevoll als moͤglich vor, daß wenn ſie jetzt, nun ſie die ſchreckliche Wahr⸗ heit wiſſe, noch fortfahren wuͤrde mit Sey⸗ mour zu leben, ſie nicht mehr ſchuldlos zu nen⸗ nen ſey, und weder ich, noch irgend ein Menſch ſie achten koͤnne. Wenn ſie aber den Entſchluß faßte ihren Verfuͤhrer zu verlaſſen, ſo wuͤrde ſie ſo tugendhaft erſcheinen daß jeder, der ihre Geſchichte hoͤre, ſie achten müuͤſſe.“ „Sie ſah die Wahrheit von allem ein, was ich ihr vorſtellte, doch fuͤrchtete ſie ihre Schwaͤ⸗ che; endlich beſchwor ſie mich ſie und ihr Kind gleich mit fortzunehmen, und ſie auf immer vor Seymour zu verbergen, denn wenn ſie ihn wiederſehe, koͤnne ſie fuͤr nichts ſtehen.“ 2„Wie tief fuͤhlte ich fuͤr dies ungekuͤnſtelte Natur⸗Kind, welche innige Thraͤnen weinte ich 4³ 189 faͤr ſie. Wir ſchienen beide gaͤnzlich zu vergeſſen daß wir Nebenbuhlerinnen waren, ſie ſah in mir nicht die, welche ihr ihre Rechte als Frau raubte, ſondern nur die von ihr Gekraͤnkte, und dankte mir fuͤr meine Verzeihung.“ „Noch dachte ich daruͤber nach, wie ihr Vor⸗ ſchlag ſie fortzubringen am beſten ausfuͤhrbar ſei, als wir jemand mit haſtigen Schritten die Treppe herauf eilen hoͤrten, und Seymour ins Zim⸗ mer ſtuͤrzte. Bei ſeinem Anblicke ſchrie Emi⸗ lie laut auf, und verbarg ihr Geſicht an meinem Buſen, waͤhrend ich, kuͤhn durch meine eigene Unſchuld, und ſtolz darauf, als die Beſchuͤtzerin der beleidigten Unſchuld zu erſcheinen, ſeine An⸗ naͤherung ruhig erwartete.“ „Einen Augenblick ſtand er ſichtlich beſtuͤrzt da, und ſchien alle Faſſung verloren zu haben. Endlich rief er:„„Es ſteht ihnen in der That wohl an, gnaͤdige Frau, meine Handlungen aus⸗ zuſpaͤhen, und ſich in ein Haus zu ſchleichen, in welchem ich Herr bin! Hier glaube ich wenig⸗ ſtens unabhaͤngig von einem niedern, falſchen Weibe zu ſeyn, und kann mich von einem Ge⸗ genſtande befreien, der mir in der tiefſten Seele 190 verhaßt iſt; und ſo befehle ich ihnen, bei dem Gehorſam, den ſie mir ſchuldig ſind, im Augen⸗ blick dies Zimmer zu verlaſſen!““— „„Nach dem was ich jetzt erfahren habe, mein Herr, erwiederte ich mit Feſtigkeit im Blick und Ton der Stimme, obgleich meine Zunge mir an⸗ fangs wie gelaͤhmt ſchien, muß ihre Gegenwart mir eben ſo zuwider ſeyn, als die meinige ih⸗ nen vielleicht lange geweſen iſt. Ihre viehiſche Heftigkeit habe ich ertragen, da ich nur allein da⸗ durch gekraͤnkt wurde; aber die Verfuͤhrung dieſes jungen, unſchuldigen Weſens kann ich weder ver⸗ zeihen, noch entſchuldigen.““ „„Nicht!— rief er aus; kann ihre Schoͤn⸗ heit mich nicht entſchuldigen?— Sehen ſie ſie einmal genau an, und geſtehen ſie, daß ſie ihnen in allem, ausgenommen im Reichthum, weit uͤber⸗ legen iſt; aber ſie geht auch nicht damit um, durch niedere Kuͤnſte der Schmeichelei alte ſchwache Maͤnner zu verfuͤhren, daß ſie ein Te⸗ ſtament machen, welches den Gatten, den man vor⸗ giebt zu lieben, von der Gnade der Frau abhaͤn⸗ gig macht. Sonſt iſt ſie ihnen in allem weit uͤberlegen, an Jugend, Schoͤnheit, Herzensguͤte.— 191 Und ſie iſt ſo rein und makellos, wie ſie es ſich nur immer einbilden moͤgen, ſelbſt zu ſeyn! Ohne ihre Dazwiſchenkunft wuͤrde ſie gluͤcklich geblieben ſeyn, denn ſie liebt mich, und ich bete ſie an; ja, einzig ihr heilloſes Dazwiſchenkom⸗ men ſtoͤrt unſer Gluͤck!— Eine Gefaͤlligkeit wenigſtens fordere ich von ihnen, zum Erſatz die⸗ ſes verlornen Paradiefes.“— „„Nennen ſie ſie mir.““ „„Stirb, Weib, ſtirb! ſchrie er mit vor Wuth blitzenden Augen; ſtirb! damit ich dieſem Engel einen Erſatz fuͤr alles geben kann, was ſie in dieſem Augenblick leidet, damit ich ſie ge⸗ ſetzmaͤßig meine Frau nennen kann.““ „Wohl hatte ich geglaubt ſchon das Bitterſte erfahren zu haben, doch brachten mich dieſe Worte, dieſe Bitte um meinen Tod, aus dem Munde eines Mannes, dem ich ſo vieles geop⸗ fert, fuͤr den ich ſo viel gelitten hatte, faſt zur Verzweiflung, und ſelbſt die arme, tiefgebeugte Emilie rief mit dem Tone des Abſcheus: „„Phui Seymour, wie kannſt du ſo ſpre⸗ chen r 4 — 192 „„Sch will ſie vor der Suͤnde mich ferner ſo zu behandeln bewahren, mein Herr, ſagte ich, indem ich alle meine Faſſung zuſammenrief, und es dieſer Dame uͤberlaſſen ihnen zu ſagen, wo und wie wir uns fanden. Doch muß ich noch bekennen, daß unter den Vorzuͤgen, die ſie vor mir hat, und die ſie ſorgfältig bemuͤht waren mir aufzuzaͤhlen, ſie dennoch einen großen zu nennen vergeſſen haben, den naͤmlich, daß ſie nicht ihre Frau iſt.““ „Nach dieſen Worten verließ ich das Zim⸗ mer, und Seymour, der noch nie einen aͤhn⸗ lichen Muth, ihm die Spitze zu biethen, an mir erfahren hatte, ſchien betroffen, und ließ mich ungehindert gehen. Ich erreichte meinen Wa⸗ gen; als ich aber nach Hauſe kam, fanden die Bedienten mich ohnmaͤchtig am Boden deſſelben liegen; auch konnte ich mein Bett waͤhrend zweier Tage nicht verlaſſen. Seymour kam in die⸗ ſer Zeit nicht zu Hauſe; mich verlangte ſehr et⸗ was von Emilien zu wiſſen.“ „Am Abend des dritten Tages ſtuͤrzte er, gleich einem Wahnſinnigen, in mein Zimmer, und Sſchrie:⸗ 2 8 293 4 „„Wo haſt du ſie verborgen? Wohin haſt du Emilie und mein Kind gebracht?— Gieb ſie mir zuruͤck, oder ſchreibe dir die Folgen ſelbſt zu.%— Bei dieſen Worten erbriſ er mi beß tig beim Arme. 4„Sie iſt alſo von ihnen gegangen 7— ſogte ich freudig; edles Maͤdchen! V.— 1„ Du weißt es, Heuchierin!— Den Au⸗ genblick bekenne, wo ſie iſt 1a⸗— lg 24„Ich bin keine Heuchlerin, erwiederte ich kalt, und weder mein Schmerz, noch meine Freude ſind je verſtellt. Wenn ſie ſi ch aus ih⸗ rer Obhut begeben hat, freue ich mich daruͤber, und ehre ſi ſi e; das Einzige was mich dabei ſchmerzt, iſt, daß ſie ſich nicht zu mir gefluͤchtet hat.“ ,,„Muß ich denn glauben, rief er, daß ſie mich verlaſſen hat, und nicht hier iſt!— Dann bin ich noch ungluͤcklicher als vorher; denn was kann aus ihr geworden ſeyn!“—- „„Ja wohl, was mag aus ihr geworden ſeyn,“4 erwiederte ich; und Sey mour nun uͤber⸗ zeugt daß ich mit ihrem Schickſale unbekannt ſey, ſüürzte haſtig wieder zum Zimmer hinaus."* 24 5 194 „Am naͤchſten Morgen erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand; ich oͤffnete ihn, und fand mit unbeſchreiblichem Entzuͤcken die Unterſchrift: Emilie. Er war aus einer aͤrm⸗ lichen Wohnung, von einem ganz entlegenen Theile der Vorſtadt geſchrieben, und bat mich, ihr und ihrem Kinde den verſprochenen Schut. angedeihen zu laſſen., 4 6 „Mein Entſchluß war gleich getroffen, und mein Plan gemacht. Ich beſtellte eine Mieth⸗ kueſche um meiner in einiger Eutfernung vom Haufe zu warten, fuhr, nur von einem treuen, mir ganz ergebenen Maͤdchen begleitet, in meinem eigenen Wagen bis dahin, gab dem Miethkut⸗ ſcher erſt ein anderes Haus an, um meine Be⸗ dienten, die ich zuruͤckſchickte zu täͤuſchen, uid näͤ⸗ herte mich dann endlich, auf einigen Umwegen, dem Ziele. So wie Emilie a3 lasbne flog ſie in meine Arme.“.. „Sie und die Tugend haben⸗ geſege, rief ſiez aber ach, was habe ich gelitten!— Als ſie damals fortgingen, und er noch bei mir blieb, glaubte ich ihn nie verlaſſen zu koͤnnen. Ich verſprach es ihm auch, obgleich es nun eine 195 Suͤnde war laͤnger mit ihm zu leben. Meinem Verſprechen trauend ging er aufs Land, um ei⸗ nem Pferde⸗Rennen beizuwohnen. Beſſere Ge⸗ fuͤhle gewannen die Oberhand in mir, und ehe er zuruͤckkehrte, war ich fort. Und nun, ver⸗ bergen ſie mich, wo ich ihn nie, nie wieder⸗ ſehe!“— „Ich ſagte dem lieben Kinde daß ich in der Abſicht gekommen ſey, brachte ſie mit ihrem Knaben auf ein Landhaus, welches ich auch von dem guten Oheim geerbt hatte, das aber meh⸗ rere Stunden von dem Gute entfernt iſt, wel⸗ ches ich jetzt bewohne, und ſo einſam liegt daß man es von der Landſtraße gar nicht gewahr wird. Dort gab ich ſie fuͤr eine Freundin von mir aus, die der laͤndlichen Luft und Einſamkeit bedürfe, und richtete alles zu ihrer Bequemlich⸗ keit ein. Ehe ich ſie verließ, nahm ich Leute zur Bedienung fuͤr ſie an, ſicherte ihr ein Einkom⸗ men, das dem glich, welches ſie fruͤher beſeſſen hatte, von dem aber nichts mehr vorhanden war, und verſprach nenqſaler fuͤr— Hind zu ſorgen." — 13* „Erſt nachdem ſie ruhig geworden war, verließ ich ſie, und fuhr dann nach meinem ge⸗ genwaͤrtigen Aufenthalte, wo mich mein Wagen erwartete, mit dem ich in die Stadte zuruͤck⸗ tehrte Ibt Als Seymonr, ungefaͤhr acht Tage dar⸗ auf, zuerſt wieder zu mir kam, ſagte er ſpoͤt⸗ telnd: 39 Dies iſt woht die rechte Art, wie f ich tu⸗ zeuzale Frauen betragen muſſen Sie verlaſ⸗ und bhn mehrere Tag⸗ abweſend, ohne doß er ihren Aufenthalt erfaͤhrt.““, „„Unter den meiſten Umſtaͤnden wüͤrde ein ſolches Betragen unrecht ſeyn, erwiederte ich; ich mußte aber diesmal ſo handeln, und dann bitte ich ſie zu bedenken, daß ich nicht allein reiſte, ſondern eine lang erprobte, treue Dienerin als Begleiterin mit mir nahm„ und ſie zur Zeugin meiner Handlungen machte.— Haben ſie un⸗ terdeß etwas von ihrer Emilie gehoͤrt?“„ 1 6„„„Nein, und ich bin ihrentwegen ſehr un⸗ ruhig! Sollten ſie vielleicht Nachricht haben 76— 197 „„Sie wandte ſich mit der Bitte um Schutz und Beiſtand an mich; ich habe ſie geſchuͤtzt, und werde ſie ferner vor ihnen ſchuͤtzen.““ 3 „„Wo, wo haben ſie ſie verborgen?““— „Sagte ich nicht eben daß ich ſie vor ihnen ſchuͤtzen wuͤrde; wie kann ich ihnen denn ihren Aufenthalt entdecken?““ „„SIch beſtehe aber darauf es zu wiſſen!““ „„Von mir werden ſie es nie erfahren.“ „Laſſen ſie mich ſchweigen von der Scene, die nun folgte; doch glaubte ich, ungeachtoet aller Wuth, die ſich Seymours bemaͤchtigte, zu be⸗ merken, daß dennoch eine Laſt von ſeinem Herzen gewaͤlzt ſei; und da er die Hoffnung immer noch nicht gaͤnzlich aufgab ihren Aufenthalt zu erfah⸗ ren, und ſie von Zeit zu Zeit ſehen zu koͤnnen, ſchien es ihm ganz recht, ſie von einem andern ernaͤhrt zu wiſſen.“ „„Du willſt alſo wirklich Emilien und das Kind erhalten? ſagte er, nachdem er ruhiger ge⸗ worden war. Ich hoffe, es geſchieht auf eine anſtaͤndige Weiſe, denn ſie iſt von ſehr guter Herkunft und ihr Vermoͤgen ſowohl als ihre Er⸗ ziehung waren ihrem Stande gemöß.““ 198 „„Kannſt du daran zweifeln baß anſtindis fuͤr ſie geſorgt wird?⁰— „Nein, bei meiner Ehre, Louiſe, ich muß dir Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, erwiederte er mit einem Ausdruck von zaͤrtlichem Gefuͤhl, den ich lange nicht in ihm geſehen hatte, und glaube daß du in dieſer Hinſicht weit mehr thuſt, als irgend ein Anderer an deiner Stelle thun wuͤrde.“— „Ich habe in dem was ich gethan habe, nur die Billigung meines eigenen Gewiſſens geſucht, und dies iſt mir hinreichend; aber, um dich voͤl⸗ lig zu beruhigen, ſetze ich noch hinzu, daß, wenn ich Morgen ſterben ſollte,— rhier zitterte meine Stimme bei der Erinnerung ſeines neuli⸗ lichen Wunſches, daß ich ſterben moͤchte— iſt deinem Kinde ein hiureichendes Vermoͤgen geſi⸗ chert, und ſeine Mutter wird ihrem Manne kein unbetraͤchtliches Erbtheil zubringen.““— „Der Blick, mit dem er mich in dieſem Mo⸗ mente anſah, iſt faſt der einzige, den ich mir ſeit unſerer Verheirathung gerne zuruͤckrufe.— Thraͤnen fuͤllten das Auge, welches er noch lange traurig, zaͤrtlich, und mit dem Ausdruck der 199 tiefften Ehrerbietung auf mich geheſtet hielt; dann zog er eine meiner Haͤnde an ſeine bren⸗ nenden Lippen, und verließ ſchnell das Zimmer.“ „Es war unſer letztes Zuſammentreffen! Ich ſollte ihn nicht wieder ſehen!“ „So wie ich nachher hoͤrte, war er noch den naͤmlichen Abend in ein Spielhaus gegangen, wo er bis zum folgenden Abend blieb, und nach⸗ dem er alles, was er beſaß, verloren, und zur ungluͤcklichen Stunde den Namen eines Andern in dringender Geldverlegenheit mißbraucht hatte, wodurch ſeine Ehre gefaͤhrdet wurde, ſah er ſich genoͤthigt ſchnell ſein Vaterland zu verlaſſen. Ich habe es fuͤr beſſer gehalten, nie in die eigentliche Wahrheit dieſer Sache zu dringen, da ſie mir auf jede Weiſe ehrenruͤhrig zu ſeyn ſchien.“ „Obgleich mich die Urſache tief empoͤrte, war mir die Wirkung nicht unangenehm. Wir waren nun, ohne irgend einen ſchmerzhaften Ver⸗ ſuch von meiner Seite, getrennt; ich durfte jetzt wieder mir ſelbſt und den Beſchaͤftigungen, die ich liebte, leben, und hing in meinem Kummer und meiner Freude nicht laͤnger von dem Wil⸗ len eines Tyrannen ab. Der erſte Gebrauch, wel⸗ 200 chen ich von meiner Freiheit machte, warz Lon⸗ don aindüih zu verlaſſen, und hiether zu⸗ 1ie hen. 771 AnG 2 Gnz 1 tpdt „Was noch ſerner in meinen Kraͤften ſtand, fuͤr meinen ungluͤcklichen Gatten zu thun, habe ich redlich gethan. Er genießt auch fort⸗ waͤhrend die Intereſſen meines vaͤterlichen Ver⸗ moͤgens im Auslande, ſo wie er ſie hier genoß. Oft hat er mich dringend gebeten, ihn jetzt Em i⸗ liens Aufenthalt wiſſen zu laſſen, da ich ſicher ſei daß er nicht zu ihr kommen koͤnne; aber ich fuͤrchtete daß er es ſchriftlich verſuchen moͤchte, ſie mit in das Land ſeiner Verbannung zu ziehen, und ich ſchwieg daruͤber, um ſie vor dieſer Ver⸗ ſuchung ſicher zu ſtellen. Doch ſicherte ſie ſelbſt ſich auf eine Art gegen jede Verſuchung, die ich kaum ahnete; ihre wahre Gottesfurcht und Froͤm⸗ migkeit gaben ihr Kraft der Stimme ihres Her⸗ zens 3e wwiderſehenun und der Tüend t treu z9 blei⸗ ben.“ „Sobald es akaunt wurde daß Seymour England verlaſſen, und ich nicht mit ihm gegan⸗ gen ſei,(ein Opfer was er, nach dem unter uns Vorgefallenen, ſelbſt nicht von mir verlangen 201 konnte,) uͤbergab der Teſtaments⸗Vollſtrecker meines Oheims mir einen Brief, den der Verſtorbene erſt dann in meinen Haͤnden wiſſen wollte, wenn ich von meinem Manne, auf eine oder die andere Weiſe, getrennt ſeyn wuͤrde. Mein Oheim er⸗ ſuchte mich in dieſem Falle, erſtlich, den Namen Seymourabzulegen, und mich nach ihm, Arling⸗ ton zu nennen. Ferner bat er mich, in dieſer, fuͤr eine junge, ſchoͤne Frau,(ich war damals erſt ſieben und zwanzig Jahre) ſo gefahrvollen Lage, London gaͤnzlich zu verlaſſen, und auf einem mei⸗ ner Landguͤter zu leben. Er ſetzte hinzu, daß um mir einigen Erſatz fuͤr die Freuden der großen Welt zu gewaͤhren, habe er das Beſitzthum,/ auf wel⸗ chem ich jetzt lebe, zu allen Arten von Vergnuͤ⸗ gungen eingerichtet, einen Muſik⸗Saal, Geſell⸗ ſchafts⸗Saͤle, und ein Theater hier erbauet, und ſogar nicht vergeſſen, den morgenlaͤndiſchen Lurus der Marmor⸗Baͤder dem allen noch hinzuzufuͤgen. Ferner bat er mich, da er der indiſchen Pracht durch lange Gewohnheit noch immer ergeben ſei, nicht ohne einen gewiſſen Aufwand zu leben, der ſowohl meinem Vermoͤgen, als meiner Abſtam⸗ mung von zwei edlen Familien, gemaͤß waͤre. 202 So ſollte ich, nach ſeinem Wunſche, nie anders als mit vier Pferden und Vorreuter ausfahren, einen Kammerdiener haben, eigene, weibliche Be⸗ dienung fuͤr die Baͤder, und Ruderknechte fuͤr die Barke halten; genug, er wuͤnſchte ausdruͤcklich daß alles auf dem moͤglichſt vornehmſten Fuß ge⸗ helten werden moͤge.“ „So lieb es mir war, hier, in dem wahr⸗ haft ſchoͤnen Aufenthalte zu leben, ſo ſchmerzlich war es mir den Glanz um mich zu verbreiten, den er von mir verlangte. Konnte er auch nur einen Augenblick glauben daß Pracht und Schein mir Erſatz fuͤr das haͤusliche Gluͤck geben wuͤr⸗ den, welches ich entbehrte? Und doch lag dieſer Gedanke wohl zum Grunde. Indeß gehorchte ich ſeinem Willen buchſtaͤblich, wie ſie geſehen haben, und fand endlich in der wiederangeknuͤpften Ver⸗ bindung mit Freunden, die ich lange hatte vernach⸗ aaͤſſigen muͤſſen, in der Erfuͤllung der Pflichten, die mein großes Vermoͤgen von mir heiſchte, und in der Ausbildung meines Geiſtes und der klei⸗ nen Talente, die ich beſaß, dennoch eine Art von Gluͤck wieder, deſſen ich lange ſchmerzlich entbehrt hatte.“ „Doch nie werde ich den ungluͤcklichen Irr⸗ thum vergeſſen, der mich bei der Wahl eines Gatten keitete, nie es mir verzeihen daß ich aus Verblendung einem Manne wie Sedley Sey⸗ mour den Vorzug geben konnte!“— „Nicht allein die Beharrlichkeit in einer Nei⸗ gung gegen den Willen meiner Eltern liegt ſchwer auf meinem Gewiſſen, nein, faſt noch ſchwerer laſtet darauf dieſer Mangel an wahrhaft morali⸗ ſchem Gefuͤhle in meinem Innern, der mich, nach dem was ich von glanbwuͤrdigen Zeugen uͤber Seymours Sittenloſigkeit gehoͤrt hatte, noch einen Augenblick zweifeln ließ, daß es keinen Einklang zwiſchen Reinheit und Unreinheit geben koͤnne, daß wahre Tugend nicht bei dem Gedanken zuruͤck⸗ ſchandern muͤſſe, ſich mit dem Laſter zu vermaͤhlen.“ S eymour konnte belogen, ſeine Fehler uͤber⸗ nieben dargeſtellt ſeyn; aber er ſelbſt leugnete ja nicht ſchlecht und ausſchweifend gelebt zu haben. Wie durfte da ein wahrhaft tugendhaftes, reines Maͤdchen es wagen, ihre Leitung einem Manne von ſchlechten Sitten anzuvertrauen, ihre Un⸗ ſchuld und Froͤmmigkeit einem Freidenker und Wuͤſtlinge hinzugeben!“ * 2⁰4 „Aber die Strafe war meinem Fehler auf dem Fuße gefolgt, und ich beugte mich demuͤthig und geduldig unter den unerlaͤßlichen Folgen der wiedervergeltenden Gerechtigkeit.“ „ Wenig bleibt mir noch zu erzaͤhlen uͤbrig; nur muß ich noch erwaͤhnen, daß die arme Emi⸗ lie, die ich haͤufig hier, oder in ihrem Hauſe ſehe, ihr K Kind verloren hat; doch habe ich alles ver⸗ ſucht, um ſie zu uͤberzeugen daß die Vorſehung, bei dem ungluͤcklichen Schatten, der auf der Ge⸗ burt des Kindes ruhte, auch dieſes Ungluͤck weiſe herbeifuͤhrte. Sie hat die Neigung eines red⸗ lichen jungen Mannes, von anſehnlichem Ver⸗ moͤgen, der in ihrer Nachbarſchaft wohnt, und dem ihre ganze Geſchichte bekannt iſt, auf ſich gezogen, und ſie glaubt, unter andern Umſtaͤnden, wohl wieder Neigung fuͤr ihn empfinden zu koͤn⸗ nen, doch iſt ſie entſchloſſen, ſo lange Seymonr lebt, nicht zu heirathen.“ „Und er lebt immer noch, obgleich verbannt vom Vaterlande, und auf Wegen, fuͤrchte ich, welche die Tugend nicht billigen kann, und dies iſt es, was mein Gemuͤth noch immer mit dem⸗ ſelben Kummer erfuͤllt, den es von dem Augen⸗ blicke an empfand, als mir zuerſt die Augen uͤber ſeine Verirrungen geoͤffnet wurden. Doch ſind wir nun ſchon ſeit drei Jahren getrennt, und die Zeit, welche unbemerkt meine Neigung fuͤr ihn ſchwaͤchte, wird mir auch helfen mit weniger nagendem Gram an ſeine Laſter zu denken. Er ſchreibt noch zuweilen an mich, erwaͤhnt aber in ſeinen Briefen ſelten mehr Emiliens. Sein letz⸗ ter Brief indeß zeugte von der finſterſten, klein⸗ muͤthigſten Stimmung, und ſollte er den beſtimn ten Wunſch aͤußern mich zu ſehen, o bin 4 ilezidſſen zu ihm zu reiſen.“ „Nachdem ſie, theure Freundin, nun mit meiner ganzen Geſchichte bekannt ſind, darf es ſie nicht mehr wundern, daß es mein Gefuͤhl da⸗ mals empoͤrte, als ich ſie nur einen Augenblick ſchwanken ſah zwiſchen dem Genuß eines rau⸗ ſchenden Vergnuͤgens und der wahren Freude, einen liebenden Gatten wiederzuſehen; es kann ſie nicht mehr befremden daß ich den Blick vor⸗ wurfsvoll auf ſie heftete, als ich erfuhr daß die⸗ ſer Gatte ſie ſogar erwartete, und ſie werden mir glauben, wenn ich ſie verſichere daß. Ins 206 Freuden alle meine weiten, reichen Beſitzthuͤmer um eine Heimath wie die ihrige geben wuͤrde /— „Nur aus der Quelle wahrhaft tugendhaſter Neigung kann das eigentliche Gluͤck des Lebens fließen; ſo heiß mein Herz auch einſt gluͤhte, es iſt nur ſchmerzhaft vom eigenen Feuer verzehrt!— „Eins laſſen ſie mich noch hinzuſetzen, ehe ich dieſe Blaͤtter ſchließe. Schon damals, als ich gewiſſe, nicht begluͤckende Gefuͤhle in ihnen auf⸗ keimen ſah, war ich oft nahe daran ſie mit der wirklichen Lage einer Frau bekannt zu machen, die ſie beneideten; doch konnte ich es nicht uͤber mich erhalten die Fehler meines Mannes ſo klar vor irgend einem menſchlichen Auge zu enthuͤllen. Als ſie mir aber das Leben gerettet hatten, hielt ich es fuͤr Pflicht ihnen meine Dankbarkeit auf eine thaͤtige, wirkſame Art zu beweiſen, und ſo will ich denn auch in Demuth hoffen daß ich durch mein Beſtreben ihnen nuͤtzlich zu ſeyn nicht die Pflichten verletzt habe, die mir, ſelbſt gegen einen unwuͤrdigen Gatten, obliegen. Doch nur unter dem heiligſten Siegel der Veyſchwiegenheit ſende ich ihnen dieſe Blaͤtter, und rechne darauf daß ſie ſie mir, nachdem ſie ſie mit ihrem Gat⸗ 297 ten, und im Kreiſe ihrer Familie geleſen haben, ſicher wieder zuſtellen. Louiſe Arlin gton.“ Nicht ohne vielfaͤltige Unterbrechungen hatte Der ville die Blaͤtter zu Ende gebracht, haͤufig floſ⸗ ſen die Thraͤnen ſeiner Frau uͤber die Leiden der Freundin, oft legte er ſelbſt das Blatt nieder, um ſeinem Herzen durch die Ausrufung Luft zu machen: wie es nur einen ſolchen Mann geben koͤnne!—„und an der Seite einer ſolchen Beaa 1 fuͤgte Lionel hinzu. Als man bis ans Ende gekommen war, weinte Frau Derville noch lange, nicht ſowohl um der Freundin Ungluͤck, als uͤber die Undankbar⸗ keit, mit welcher ſie bisher ihr eigenes gluͤckliches Loos verkannt hatte. Doch im ſchmerzlichſten Be⸗ wußtſeyn ihrer Schuld richtete der Gedanke ſie empor, daß ihre edle Freundin nicht umſonſt ge⸗ warnt habe, daß das Mittel wirkſam ſeyn, und die Heilung nicht verfehlt werden ſolle. Sie fuͤhlte ſchon tief, wie viel mehr ſie der großmuͤthi⸗ gen Frau, als dieſe ihr zu verdanken habe; hatte ſie ihr doch nur das Leben gerettet, ſie aber dankte ihr kuͤr den noch uͤbrigen Reſt ihrer Tage ein weit 208 groͤßeres Gut: die Sicheran ihres Hanunhen Gluͤcks!— „Nun, Friedrich, ſagte ſe endlich, was den du denn jetzt von Frau Arlington?“ „Was ich von ihr denke?— daß ſie lieber nicht hieher zu uns kommen moͤchte,“ erwiederte er in der Abſicht ſeine tiefe Bewegung unter dem leichten Schleier des Scherzes zu verbergen. „Lieber nicht hieher kommen! tufenz alle er⸗ ſtaunt, und warum nicht?“— „Damit ich nicht in die Verſuchung gera⸗ the nich in ſie zu verlieben, und dann vielleicht auch zu dir die 2 bate ſage, welche ihr Mann einſt an ſie richtets: thue mir den„efanne 3 ſterben, liebe Fraude— „Pfui, Vater, ſo ſehlecht aonuteſe du dech ge⸗ wiß nie ſeyn,“ rief M arianne. 4 „„Nein, Kind, das koͤnnte ich auch nicht, ich ſcherzte nur; aber es war ein ſchlechter Scherz, und man ſollte an den ſchrecklichen Gemuͤthszu⸗ ſtand dieſes Seymo urs eigentlich nie im Scherze, ſondern nur mit dem innigſten Gefuͤhle des Mit⸗ teidens denken.“ Er fuhr nun noch ſort zu be⸗ merken, daß er uͤberzeugt ſei, ſo wenig Trau 209 Arlington auch im Ganzen uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand ſpraͤche, ſie es gewiß ſehr tief fuͤhle, und daß er hoffe, ihr werde noch die Beruhigung wer⸗ den, ihren Gatten vor ſeinem Tode ſeine Suͤnden bereuen zu ſehen. 191 1„ Ach, lieber Vater, wenn er dich doch nur predigen hoͤrte, rief Marianne, und uͤber den Text, worin du die gefallenen Suͤnder zur Buhe ermahnſt!“— 3 Derville konnte ſch des Laͤchelns giche ent⸗ halten, uͤber den hohen Begriff, den die Kleine von ſeinem Einfluß als Prediger hatte; ihre Be⸗ merkung ſchwaͤchte aber gewiß nicht den zaͤrtlichen Kuß, welchen die Mutter jetzt mit der Bitte auf ihre Lippen druͤckte, daß ſie nun zu Bette gehen moͤge, da es nach eilf Uhr ſei. Sac „Nach eilf Uhr, Mutter, und ich bin noch auf! Was wird meine gute Arlington ſagen, wenn ſie dies hoͤrt?“— Dann begab ſie ſich mit einem Herzen voll Mitleids uͤber die Leiden dieſer lieben Frau, und einem Gefuͤhl von großer Wich⸗ tigkeit, daß ihr ein Geheimniß anvertraut ſei, welches ſie niemanden wiederſagen duͤrfe, zum er⸗ ſten Male ganz leiſe, leiſe auftretend, in ihr O. 1. 14 210 Schlaſgemach. Marie, ihre Waͤrterin, war ſehr erſtaunt uͤber die große Bedaͤchtlichkeit, und fragte: ob ihr etwas fehle?— Nein, ich bin nur in tie⸗ fen Gedanken, antwortete Marianne ernſt; als ſie aber Mariens ſorgenvolles Geſicht ſah, that es ihr recht innerlich leid, ihrer alten Vertrau⸗ ten, der ſie ſonſt alles mittheilte, dies Geheim⸗ niß nicht mittheilen zu duͤrfen. Am folgenden Tage ſchrieben alle Frau Ar⸗ lington, und haͤufig netzten Frau Dersilles Thraͤnen das Blatt, indem ſie ſchrieb. t Denſelben Abend kam ein Wagen mit twoht verwahrten Kiſten an, der Frau Dervillen ein ſehr artiges Fruͤhſtuͤcks⸗Service, nebſt allen den auserleſenen kleinen Annehmlichkeiten zur Beſetzung des Fruͤhſtuͤcks⸗ und Mittags⸗Tiſches brachte, die ſie im Hauſe ihrer Freundin ſo oft bewundert hou⸗z 689 waren von in foſgendem Briefe enſiten 1„London— „Wenn Sie beikommendes kleine Ardenten Ihres abweſenden Freundin empfangen, werde ich mich ſchon auf der Reiſe zu meinem armen Man⸗ ne befinden. Er iſt ſehr krank geweſen, und ich din durch einen ſichern Freund benachrichtigt, daß 211 er ſich noch in einem hoͤchſt ſchwachen Zuſtande befindet, und ſich aus der Nachbarſchaft von Pa⸗ ris nach Boulogne begeben hat, um der Seeluſt zu genießen. Der Freund fuͤgt noch hinzu, daß Seym our ſich dort in einer aͤrmlichen Wohnung, ohne die gehoͤrige Pflege befinde. Sie koͤnnen alſo leicht denken daß ich keinen Augenblick an⸗ ſtehe, mich ſelbſt auf den Weg nach Boulogne zu begeben. Ich werde mir dort ein Haus mie⸗ then, und den armen Kranken zu mir, in meinte Wohnung, einladen.— Lebt wohl, Ihr Thelein! Gott ſei mit Euch!— „Eure theilnehmenden Briefe lockten wohl⸗ thaͤtige Thraͤnen aus meinen Augen; ihr Alle fuͤhltet und ſchriebt, als ich es von Euch erwartete, und wuͤnſchte daß Ihr ſchreiben moͤch⸗ tet. Im Innerſten meines Herzens bewahre ich die Verſicherung meiner ſuͤßen Marianne, daß ſie in Zukunft nie zu Bette gehen wuͤrde, ohne fuͤr mich num lieben Gott um Teoſ und Beiſtand zu beten.— „Noch einmal, lebt wohl!— Sobald ich gelandet bin, ſchreibe ich wieder.“ „Louiſe Arlington.“ 14* 212 Sie hielt Wort, und Frau Derville erhielt nicht lange darauf folgenden Brief:; „Boulogne— „Meine Reiſe war kurz und glücklich!— Icher wohne hier in einem ſehr geraͤumigen Hauſe, das eine angenehme, freie Lage hat. Jetzt weiß mein Mann ſchon daß ich hier bin, und waͤh⸗ rend ich ihnen dieſe Zeilen ſchreibe, erwarte ich mit kopſendem, Herzen den Sefols meiner Sen⸗ reich zu 1 hen, ſobald er er nur dazu im Stande ſeyn wuͤrde. 44 „Es wird Ihnen Frende machen zu ören daß 19, unerwarteter Weiſe, einige entfernte Ver⸗ wandten meiner Mutter, die mir vormals ſehr theuer waren, hier angetroffen habe, Lady Arlington und ihre Toͤchter. Ihr juͤngſter, und jetzt ihr einziger Sohn iſt auch hier; ſie ſind auf der Reiſe nach Paris und Rom begrif⸗ fen, wollen mich aber nicht verlaſſen, ſo lange Seymour in dieſem gefaͤhrlichen Zuſtande bleibt.“— s. 213 „Der an meinen Mann geſandte Freund iſt zuruͤck. Die Nachricht meines Hierſeyns und der Vorſchlag den ich ihm gemacht habe, hat ihn ſehr geruͤhrt; er nimmt meine Einladung an, und ich eile jetzt die noͤthigen Anſtalten zu treffen, um ihn zu mir bringen zu laſſen. Welch einem Wie⸗ derſehen, und welchen neuen Pruͤfungen gehe ich entgegen!“ „Beten Sie fuͤr mich, lieber Herr Der⸗ ville!— Beten Sie fuͤr mich!— Binnen ein paar Tagen ſollen Sie mehr von mir hoͤren.“ „L. A.“ Der naͤchſte Brief lautete:— „Erwarten Sie keine Schilderung unſeres erſten Wiederſehens!— Ich kann es Ihnen nicht beſchreiben.— Wie veraͤndert habe ich ſein Aeußeres gefunden; wie alt, ausgemergelt und blaß ſieht er aus!“— „Ohne große Unbequemlichkeiten fuͤr ihn, wurde er in mein Haus gebracht, und es that mir wohl zu ſehen, wie er mit jedermanns Dienſt und Pflege unzufrieden war, außer mit der mei⸗ nigen; aber auch dieſe kleine Freude ſollte mir bald wieder getruͤbt werden.“ 214 8 „Als alles geordnet war, und er in ſeinem neuen, bequemen Bette lag, rief er mich zu ſich. „Louiſe, ſagte er, ich vermuthe du willſt mich glauben machen, daß du einzig um meinentwillen hieher kamſt?“ℳ—. „„Du weißt, ich bin nie unwahr geweſen, und ich verſichere dich, daß ich einzig um deinentwillen gekommen bin.“ „O pfuil glaubſt du denn ich koͤnnte daran zweifeln daß du Sir Henry Arlingtons Anweſenheit in Boulogne gewußt haͤtteſt!““ (Sir Henry Arlington iſt der Name meines fruͤheren Liebhabers, deſſen ich in meiner Lebensgeſchichte erwaͤhnte.) „, Ich wußte es nicht; aber ich ſchaͤme mich in deine Seele daß du ſolche Frage an mich rich⸗ ten kannſt, und halte es unter meiner Wuͤrde ſie zu beantworten. Du ſollteſt mich hinlaͤnglich ken⸗ nen, um uͤberzeugt zu ſeyn, daß ich unr um dei⸗ nentwillen hierher kam, und daß ich Sir Henry Arlington gewiß nicht nachgereiſt ſeyn wuͤrde.““ „In dieſem Augenblick trat Sir Henry, (auf meines Mannes dringende Einladung, wie ich ſpaͤter erfuhr,) in die Thuͤr, und nur meine wiederhol⸗ 215 ten Bittet vermochten S eymour, ihm nicht unſere eben vorgeſallene Unterredung mitzutheilen; doch ſprach er faſt die ganze Zeit anſpielungsweiſe uͤber unſer vormaliges Verhaͤltniß.— Dies giebt mir eben keinen großen Beweis der Aenderung ſeiner Sinnesart; doch hoffe ich indeß noch einigen guͤn⸗ ſtigen Erfolg fuͤr ihn von dem taͤglichen Umgange dieſes vortrefflichen Mannes.— Er verlangt ſtuͤndlich nach Sir Henry, und dieſer hat wohl an feſten moraliſchen Grundſaͤtzen, ſo wie in der Kraft der Rede, kaum ſeines Gleichen. So fuͤhle ich mich weniger ungluͤcklich als vor⸗ her.“ 194 „Gott mit Euch, geliebte Freunde!— Der naͤchſte Brief wird melden, ob wir nach Nizza gehen, oder ob alles voruͤber iſt. „L. A. Die letzten Worte waren faſt unleſerlich ge⸗ ſchrieben; Thraͤnen hatten ſie ſichtlich verwiſcht. Bald kam der erwartete Brief und begann: „Alles iſt voruͤber— erwarten Sie aber keine umſtaͤndliche Nachricht einer Scene, die, obwohl ich ſie nie vergeſſen werde, meine Feder nicht 216 beſchreiben kann!— Und dennoch lag ein Troſt fuͤr mich darin. Welche aufrichtige Reue, welch erſchuͤtterndes Bewußtſeyn ſeiner Schulde und meiner Nachſicht!— Ach, moͤchte das Weſen, gegen welches er ſich am tiefſten verging, ihm vergeben, wie ich ihm vergeben habe!“— „Wahrſcheinlich werde ich Sie, meine Freun⸗ de, noch in langer Zeit nicht wiederſehen. Meine Geſundheit iſt ſehr angegriffen, und verlangt den Genuß eines milderen Climas, ſo wie mein Ge⸗ muͤth Veraͤnderung des Orts und der Gegenſtaͤnde fordert. Ich werde Lady Arlington und ihre Toͤchter nach Rom begleiten, und mich ſo lange mit einer der Toͤchter in der Naͤhe von Paris aufhalten, bis der uͤbrige Theil der Fami⸗ lie zur Reiſe nach Italien fertig iſt, wohin Sir Henry uns binnen einigen Monaten folgen wird.“ „Von Zeit zu Zeit ſollen Sie Nachricht von mir erhalten; aber ich bitte Sie, mir unverzuͤg⸗ lich nach Paris zu ſchreiben.— Wohin das Schiceſa⸗ mich unh fuͤhrt, immer Ihre treue Freundin L. A. 44 217 „Armes Weib!“ rief Derville aus, nach⸗ dem er den Brief ſeiner weinenden Frau laut vor⸗ geleſen hatte. Johanna und Lionel ſchienen mehr geſtimmt ſich uͤber die Befreiung ihrer Freun⸗ din aus dieſer peinlichen Lage zu freuen; doch, zuruͤckgehalten durch des Vaters Ausrufung und der Mutter Thraͤnen, ſchwiegen ſie ſtill.— Ma⸗ rianne aber ſiel fragend ein:„Armes Weib, ſagſt du, Vater?— Haͤltſt du Frau Ar⸗ lington denn jetzt arm, da ſie nicht laͤnger von dem garſtigen Manne gequaͤlt wird?— Ich moͤchte eher ſagen, dies ſei ein ſolcher Verluſt⸗ den du wohl ſonſt Gewinn zu nennen pflegſt!—“ „Liebes Kind, erwiederte er, ein Todten⸗ bett iſt eine ſehr ernſte, erſchuͤtternde Scene fuͤr jeden Umſtehenden; wie viel mehr mag aber dies Todtenbette ergreifend fuͤr eine ſolche Frau gewe⸗ ſen ſeyn, die gewiß, in dieſem Augenblicke ſich ſelbſt vergeſſend, dem reuigen Suͤnder noch Jahre des Lebens gewuͤnſcht hat, um ſeine Vergehun⸗ gen hier, ſo viel moͤglich iſt, wieder gut zu ma⸗ chen.— Daher werde ich ihr auch, wenn ich ihr ſchreibe, nicht Gluͤck uͤber ihre wiedererlangte Freiheit wuͤnſchen, ſondern in den Schmerz, den 218 ſie uͤber dieſen Tod empfunden haben muß, einge⸗ hen. Doch hoffe ich, dies wird die letzte, harte Pruͤfung unſerer Freundin ſeyn, und ihre Tage werden, wenn die Zeit die Erinnerung der Leiden geſchwaͤcht hat, nun iücslichee⸗ und ruhigen dahin fließen.“ Bei dieſen letzten Worten ſahen Johanne und Lionel ſich mit bedeutendem Lächeln an; Marianne aber rief, indem ſie die kleinen Haͤnde in einander ſchlug:„Mich ſoll nur verlangen, ob die arme Frau Arlington nicht wieder hei⸗ rathen wird, Vater!“— Derville, der das Mienenſpiel der aͤlte⸗ ren Kinder bemerkt hatte, beluſtigte ſich uͤber Ma⸗ riannens Auslegung, doch antwortete er nur: „Es iſt noch zu fruͤh, hieruͤber weitere Muth⸗ maßungen zu hegen; doch⸗ Frau Arlington ſcheint mir ſo ganz dazu gemacht, als Gattin und Mutter zu begluͤcken, daß, wenn es im Kreiſe ihrer Bekannten einen Mann giebt, der ſie verdient, ich mich ſikuen wuͤrde ſie wieder verheiather zu wiſſen.—— „Ach, ich wuͤrde mich ſchon ſehr ronten, wenn ich ſie nur erſt wiederſaͤhe, ſagte Frau Der⸗ ville, und die Zeit wird mir recht lang werden, bis ſie aus Italien zuruͤckkehrt.“ Wirklich verging ein Jahr, und noch kehrte Frau Arlingteon nicht zuruͤck, und obgleich mehrere Briefe von ihr kamen, benannte ſie doch den Zeitpunkt ihrer Ruͤckkunft nicht. Frau Derville hatte waͤhrend der Zeit ihr eheliches Leben, im Kreiſe der ſie liebenden Umgebung, auf eine wuͤrdigere Art ſchaͤtzen ge⸗ lernt, und ihr Gluͤck ſollte noch durch die Ge⸗ burt eines Sohnes erhoͤhet werden. Oögleich nun jeder eitle Wunſch nach aͤußerem Schein in ihrer ſo friedlichen Wohnung, laͤngſt in ihr geſchwiegen hatte, und aus ihren Blicken die vollſte Zufrieden⸗ heit ſtrahlte, ſo war ihr dankbarer, gluͤcklicher Ehemann jetzt nur um ſo mehr befleißigt alle dieſe kleinen Wuͤnſche zu befriedigen, je mehr ſie ſie gaͤnzlich vergeſſen zu haben ſchien. So hielt eines Tages ein hochbepackter Wagen vor der Pfarrwohnung, deſſen große Ballen an Frau Derville uberſchrieben waren. „Das iſt ſicher wieder ein neuer Beweis des guͤtigen Andenkens meiner Freundin, ſagte ſie; 220 doch waͤre es mir lieber, ſie meldete mir ihre Ruͤckkunft, und zugleich einen Beſuch bei uns an.“ 113Derville laͤchelte, und half die Ballen auspacken. Man erblickte ſchoͤn gearbeitete Stuͤh⸗ le von Mahagoni⸗Holz, die die Stelle der ſchwe⸗ ren, breiten Stuͤhle im Eßſaal vertreten ſollten; zwei zierlich geformte Sophas, um die altmodiſch gepolſterten, ſchwerſaͤlligen Ruhebetten zu ver⸗ draͤngen, nebſt Stoff zu neuen Vorhaͤngen, und einem ſchoͤnen Fußteppich fuͤr den Eßſaal. Frau Derville, obgleich erkenntlich fuͤr die freundliche Aufmerkſamkeit ihrer Freundin, fuͤhlte ihren Stolz doch ein wenig gedemuͤthiget durch dies zweite, ſo anſehnliche Geſchenk, und ſah die herrlichen Gaben mit Blicken an, die ih⸗ ren Mann faſt kraͤnkten. .„Nun, Anne, ſagte er, bewunderſt du denn dieſe ſchoͤnen Sachen gar nicht ein wenig?— Du biſt ganz ſtumm.“ , Ach ſt ſie ſind ſchoͤner als ich ſie mir je ge⸗ wüͤnſcht habe, verſetzte ſie; aber ich mag nicht ſo viele koſtſpielige Geſchenke von der naͤmlichen Per⸗ ſon haben; Frau Arlington thut zu viel, um mir Freude zu machen.“— 14 221 „ Iſt denn Frau Arlington ſo durchaus das einzige Weſen, welches wuͤnſchen koͤnnte dir Freude zu machen, daß du nur an ſie denkſt, wenn jemand es ſich angelegen ſeyn laͤßt deine Wuͤn⸗ ſche zu erfuͤllen?“ Der leiſe Vorwurf, der im Ton dieſer Wor⸗ te lag, obgleich er von liebevollem Laͤcheln beglei⸗ tet war, enthuͤllte auf einmal der nun entzuͤckten Frau die Wahrheit des ganzen Zuſammenhangs. Hohe Freude uͤberzog ihr edles Geſicht, und in⸗ dem in ihrem, vor Wonne ſtrahlenden Auge eine Thraͤne der zaͤrtlichſten Nuͤhrung glaͤnzte, rief ſie: „Oh, nun iſt mir alles klar, und das Einzige was meine Freude in dieſem ſchoͤnen Augenblick truͤbt, iſt der Gedanke, daß du dich vielleicht noch jener Augenblicke der Schwaͤche erinnerſt, welche ich ſo gerne aus deinem Andenken verwiſcht haͤtte!“ „Ich kann nichts vergeſſen was du thuſt oder ſagſt, Anne. Liebe hat ihr eigenes Regiſter im Herzen, das mit ehernem Griffel darin ver⸗ zeichnet iſt; wenn es auch unter eng Verbunde⸗ nen Augenblicke der Schwaͤche giebt, ſo ſind ſie 222 ſehr zu entſchuldigen, und der eihf. Erſat iſt mir dafüͤr geworden!“— in Die hohe Freude, tvelche durch dieſe Worte, von dem liebenden Blicke des Gatten begleitet, in Annens innerſtem Gemuͤth hervorgebracht wurde, wuͤrde ihr ſelbſt von der reicheren Freundin beneidet worden ſeyn!— Nie hatte dieſe wohl ihr koſtbares Hausgeraͤthe mit dem Entzuͤcken in den weiten, glaͤnzenden Gemaͤchern geordnet, als nun in der Pfarrwohnung dieſe Beweiſe der zaͤrt⸗ lichen Neigung, des freundlichen Zuvorkommens, an ihren Platz geſtellt wurden. Da die Reihe aber jetzt an das einſt ſo verachtete, altmodiſche Ru⸗ hebette kommen ſollte, deſſen Verdienſte Derv ille ſich damals bemuͤht hatte zu preiſen, brach ſie in Thraͤnen aus.. Es ward in Dervilles Suneerinmer ge⸗ bracht, und ſeine Frau verſicherte: ſie glaube daß ſie in Zukunft lieber auf dieſem, als auf dem neuen ruhen wuͤrde.„Gewiß, erwiederte er, ſo wie ein alter Freund, an deſſem Umgang wir durch ſuͤße Erinnerungen der Kindheit gewoͤhnt ſind, uns oft willkommener iſt, als der, durch gläͤn⸗ zendere Vorzuͤge ausgezeichnete, neue Freund.“— 223 Frau Arlington war bereits anderthalb Jahre abweſend geweſen, und Lionel ſchon zum zweitenmale Male auf die Univerſitaͤt zu⸗ ruͤckgekehrt; Murray ſollte ſein Amt als Pre⸗ diger antreten, und ſchon war Johannes Hoch⸗ zeittag angeſetzt, als Frau Derville einen Brief von ihrer Freundin aus London erhielt. Schon die Ueberſchrift: London! erregte große Freude im Hauſe; als aber vollends der Brief geleſen war, als man höͤrte, daß die ge⸗ liebte Frau hieher kommen und einen Monat bei ihnen bleiben wolle, da kannte vorzuͤglich Mari⸗ annens Entzuͤcken keine Grenzen.— Sie ſtuͤrzte aus dem Zimmer, um allen vernuͤnftigen und un⸗ vernuͤnftigen Weſen dies frohe Ereigniß zu ver⸗ kuͤnden; Marien, Nelly, ja ſelbſt den Kanin⸗ chen ſchrie ſie entgegen: Frau Arlington kommt, meine gute, liebe Frau Arlington kommt!— Als aber die erſten Gefuͤhle der Freude vor⸗ uͤber waren, erwachten einige kleine Bedenklich⸗ keiten in Frau Derville. Sie hatte ein klei⸗ nes Kind, welches ſie ſelbſt naͤhrte, und ſo furch⸗ tete ſie ihrer Freundin nicht alle die Bequemlich⸗ keiten und Aufmerkſamkeiten beweiſen zu koͤu⸗ 224 nen, woran dieſe gewohnt fei.— Haͤtte ich nur mehr Bedienung, dachte ſie wieder; doch bald lachte ſie uͤber den kleinen Ruͤckfall voriger Schwaͤ⸗ che, und indem ſie ſich das Bild des zu erwar⸗ tenden Gaſtes ſo recht lebhaft vor die Seele ſtellte, rief ſie unwillkuͤhrlich laut aus: welche Thorheit! konnte ich denn: nur einen Augenblick zweifeln, daß dieſer Beſuch etwas anders als liebende Herzen von uns fordert, die ilhin a will⸗ kommmend entgegen ſchlagen! 5 5 Freude und Jubel verbreiteten ſc in der gan⸗ zen Pfarrwohnung, als ein neuer Brief Frau Arlingtons Antanft auf den naͤchſten Abend vertündets— 14 So ſanbaßbhr. es auc klingt, ſ2 daßr iſt es dennoch, ſagte Derville bald nachher, daß ſo oft ihr alle auch mir von Frau Arhington erzählt, und ihre Schoͤnheit beredt und entzuͤckt geprieſen habt, niemand mir noch ihre Perſon ſo recht eigentlich beſchrieben hat. Wie ſieht ſie denn ungefaͤhr aus; welche Art von Schoͤnheit iſt ſie? Denn es giebt in der Schoͤnheit mancherlei Arten, wie ihr wohl wißt.“ . 225 „Ich glaube, erwiederte Frau Derville, die Form ihres Geſichts koͤnnte wohl griechiſch genannt werden, vorzuͤglich im Profil; der Kopf iſt ſchoͤn gebaut, und ſie traͤgt ihr langes, ſchwar⸗ zes Haar immer einfach, in Flechten um ihn her⸗ umgeſchlungen. Dabei iſt ſie lang, und hat einen herrlichen Hals und Schultern, welches alles mit einander die ſchoͤnſte antike Buͤſte bildet, die ich jemals geſehen habe. Ihr Geſicht aber iſt ma⸗ ger, bleich, und der ganze Ausdruck zeigt daß ſie nicht gluͤcklich iſt. Doch glaube ich, waͤre ſie fetter, und haͤtte ſie mehr Farben, ſie ſihe nicht halb ſo einnehmend aus.“ „Nicht? antwortete Derville, indem er ſeine Frau zaͤrtlich anſah; in meinen Augen hat immer Bluͤthe und Geſundheit den Netz der weib⸗ lichen Geſtalt erhoͤhet.“ „Aber krank ſieht Frau Arlangton, auch nicht aus, ſiel Johanne ein; ſie hat zwar keine lebhaften Farben, doch iſt ſie nicht bleich, und obgleich ſie mager iſt, iſt ſie doch gewiß nicht zu mager, und ihre Augen ſind losd dunkel und aus⸗ drucksvoll!— 1 O. 1. 3 15 226 „Duͤnkel! ſagte die Mutter, dunkel!— ſie ſind vielmehr von einem ſchoͤnen, lichten Blau⸗ grau; und nur die heerlichen, ſeidenen, ſchwarzen Wimpern, machen ſie ſo dunkel erſcheinen.) 5„Ich armer, ungluͤcklicher Mann! rief Der⸗ vitle im pathetiſchen Tone, es wird mir immer klarer daß die Zauberin mir Frau und Tochter bezaubert, und ſie mit Blindheit geſchlagen hat! — Eine nennt ihre Augen dunkel, die andere hell; und Johanne ſpricht ſogar von Bleich⸗ heit die nicht bleich, und Magerkeit die nicht mager iſt!“ 81 „Ach, Vater, ich habe den rechten Ausdruck gefunden, fiel Marianne ein, Frau Arling⸗ ton iſt ſchlank; aber nicht duͤrre.. „Gut bemerkt, Kind!— Nun, wie groß iſt ſie denn?“ „Sie iſt recht, recht groß; aber nicht zu groß!—“ „Nicht ſo gut ausgedruͤckt; denn hier iſt wieder von Groͤße, die nicht zu groß iſt, die Re⸗ de. Das Reſultat aller eurer ſchoͤnen Beſchrei⸗ bungen iſt wohl, daß ich dieſe Frau ſelbſt ſehen muß, um richtig uͤber ihre Schoͤnheit urtheilen 227 zu koͤnnen, und ſo bin ich denn ſehr gluͤcklich daß ſie morgen kommt.“ Mit welcher unbeſchreiblichen Frende wurden zwei der beſten Zimmer fuͤr den lieben Gaſt eingerichtet. Als alles fertig war, begaben Mutter und Toͤchter, die Frau Arlington noch in einigen Stunden nicht erwarteten„ſich erſt in das Dorf, um Lebensmittel bei den Nachbarn zu beſtellen, im Falle daß ſie ſelbſt Mangel daran leiden foll⸗ ten, und grade in dieſer Zwiſchenzeit fuhr der liebe Gaſt vor die Pfarrwohnung, den Derville nun allein empfangen mußte. Sie kam in einem ganz einfachen Reiſewa⸗ gen mit Poſtpferden beſpannt, und nur von einem maͤnnlichen Bedienten und einem Maͤdchen begleitet. Derville, der zwar etwas in Verlegen⸗ heit war, ſich ſelbſt vorſtellen zu muͤſſen, hielt es doch fuͤr nothwendig zu ſagen:„ich bin Der⸗ ville,“ weil vielleicht ſeine Frau und Toͤchter ihr eine eben ſo falſche Beſchreibung von ihm gemacht haben koͤnnten, als ſie ihm von ihr ge⸗ geben hatten; denn als er einer vollen, bluͤhenden, jugendlich heiteren Geſtalt zum Wagen heraus 15* 228 half, konnte er kaum glauben, in dieſer die blaſſe, magere, ungluͤcklich ausſehende Frau Arlington zu erblicken, und indem ſie beim Ausſteigen freund⸗ lich ſagte:„ich hoffe Herrn Derville vor mir zu ſehen,“ antwortete er laͤchelnd: 4 „Der bin ich, gnaͤdige Fran; doch bin ich nicht gewiß Frau Arlington zu begruͤßen; alles was ich ſagen kann, iſt, daß ich es hoffe.” 4 Erroͤthend erwiederte ſie:„Sie glaubten wahrſcheinlich nicht eine ſo ſtarke, friſch ausſe⸗ hende Frau zu bewillkommen; aber ſie werden ſich doch freuen zu hoͤren, daß, was mir an Zartheit abgeht, ich an Gluͤckſeligkeit gewonnen habe." Ein freundliches Wort fuͤhrte jetzt leicht das andere her⸗ bei, und ehe Mutter und Toͤchter noch zuruͤckka⸗ men, glaubte Frau Arlington ihren Wirth ſchon Jahrelang gekannt zu haben. Endlich ſah man Frau Derville, welche den Wagen von weitem erblickt hatte, herbeiſtuͤrzen; ihr Mann eilte ihr entgegen, und waͤhrend beide Maͤdchen ſchon ins Haus gelaufen waren, ſagte er zu ihr; ———. 22²9 „ Die arme Frau Arlington! du Pif ſie kaum wiederkennen!“ „Wasl rief Frau Deubill⸗ enhrocen, iſt ſie kran— 8,„Rein; aber ſie Pe all den bezaubernden, anziehenden Reiz fuͤr dich verloren; die arme Frau iſt bluͤhend und voll geworden, und ſieht gluͤcklich und froͤhlich aus.“ Frau Derville hatte keine Zeit zu antworten, denn ſchon kam die Freun⸗ din ihr, umſchlungen von den Kindern, entgegen. Und in dieſem Augenblicke, bei der vollen Erinne⸗ rung voriger, ungluͤcklicher Zeiten, wurde ihre Wange wieder blaß, ihr Auge fuͤllte ſich aufs Neue mit Thraͤnen. 1 Derville ſtand eine Weile als ſtummer Zeuge dieſes erſten Wiederſehens, dann nahm er die Kinder mit ſich hinweg, um die Freundin⸗ nen allein zu laſſen. 1 Des Fragens und Erzaͤhlens war anfangs kein Ende; endlich rief Frau Derville im ſchoͤ⸗ nen Gefuͤhl der Mutterfrende: ich muß ihnen meinen Jungen zeigen! Der Knabe ward ge⸗ holt, geliebkoſt, man fand in ihm das Ebenbild des Vaters; und nun haͤtte die gluͤckliche Mutter 230 auch gerne gewußt, was ſie von dieſem urtheile. Freundlich kam man dem, wohtzuerrathenden Wunſche zuvor.„Ich freue mich, ſagte Frau Arlington, ſie bei meiner Ankunft nicht getroffen zu haben, denn dies gab mir Gelegen⸗ heit ſchnell mit ihrem Manne bekannt zu wer⸗ den.— Ein herrlicher Mann!— Seine Ge⸗ ſtalt, ſein Anſehen, ſein Weſen, ſind ganz ſo, wie ich ſie mir bei einem ſolchen Manne wuͤn⸗ ſchen wuͤrde.— Ja, wahrlich, die Faſſung iſt des Juwels werth, den ſie einſchließt.“ In ſtummen Entzuͤcken druͤckte Fran Der⸗ vilke erſt das geliebte Kind, dann die Freundin an die Bruſt, die, durch das Lob ihres Man⸗ nes, ihr noch theurer geworden zu ſeyn ſchien. Nach dem Abendeſſen, ehe man ſich von einander trennte, ſagte Frau Arlington, nach einer kleinen Pauſe, in welcher ſie lieblich erroͤ⸗ thete:„Ich muß wohl beichten, ehe ich mich ſchlafen lege, obgleich mein Gewiſſen grade von keiner Suͤnde belaſtet iſt.— Sie werden ſich erinnern daß ich ſie bat, mich einen ganzen Mo⸗ nat hier zu beherbergen.“ 231 „Ja, und wir alle hoffen, ſie werden Wort halten.”“ 2 auz 19 „Ich werde es, da vieles davon ßängt. Ich will wieder heirathen, und will von keinem andern getraut ſeyn, als von ihnen, lieber Der⸗ ville, und das hiere in dieſem Ainſenahact⸗ eher licher Gluͤckſeligkeit.“ Wir haben lange ſcon kleine, teiſe Ahmun⸗ gen in dieſer Hinſicht gehabt, erwiederte Der⸗ ville, waͤhrend ſeine Frau die Freundin innig um⸗ armte, und mit feierlichem Tone hinzuſetzte:„Moͤ⸗ gen ſie ſo gluͤcklich werden, als ich es bin!“— Frau Arlington ſagte nun: wie Sir Henry Arlington jetzt ſeine Bewerbungen um ſie erneuert habe, die durch Jahre gepruͤſter Treue, und den Gedanken, wie ſehnlich ihre El⸗ tern einſt dieſe Verbindung gewuͤnſcht, einen hoͤ⸗ heren Werth bekommen haͤtten, und wie ſie nun von ganzem Herzen darein gewilligt habe, die Seinige zu werden.—„Heute noch wird er im benachbarten Bade⸗Orte ankommen, fuͤgte ſie hinzu, welcher, wie ich hoͤre, ſo ſehr in der Naͤhe iſt, daß er leicht hieher und wieder zuruͤck fahren kann. 232 Nachdem dieſe wichtige Mittheilung Detnacht war, begab jedes ſich zur Ruhe. 1149 Als man aber Mariannen, die ſchon fruͤ⸗ her zu Bette gegangen war, am ſolgenden Morgen die Neuigkeit meldete, zeigte ſie eine außerordent⸗ liche Begierde zu wiſſen, wie dieſer Sir Hen⸗ ry Arlington wohl ausſehen moͤge. Mutter und Schweſter hatten eigentlich den naͤmlichen Wunſch, und ſo wie ſie ihn nur von ferne laut werden ließen, ſagte Frau Arlington ihnen, daß er durchaus nicht huͤbſch zu nennen ſei, aber den Anſtand und das Weſen eines feinen Mannes habe.„Oft habe ich ihm ſchon ſcherzhaft vor⸗ geworfen, ſetzte ſie hinzu, er habe ganz den for⸗ ſchenden, durchdringenden Blick eines Diploma⸗ tikers, wie ich ihn manchmal ſchon bei dieſen Herren bemerkt habe; nur ſieht er nicht voͤllig ſo ſchlau und liſtig ause als die weiſen eines Collegen.“ „Er iſt nicht hubſch rief Martanne, ſich an die liebe Frau anſchmiegend.„Nicht huͤbſch! wiederholte ſie in einem traurigen Tone. „Nein, und ich bin ſogar nicht gewiß, ob du ihn nicht alt und haͤßlich nennen wirſt.“— 233 Marianne erwiederte nichts, ſchlich in eine Ecke, wo man ſie bald heftig Giubꝛn hoͤrte. 1 „Was fehlt dir?“ fragte die Mutter; und erſt nach einem Weilchen war ſie im Stande zu antworten:„Ich kann den Gedanken nicht er⸗ tragen, daß meine gute⸗ Arlington einen lter haͤßlichen Mann heirathet!“— 39 Mit vieler Muͤhe ſuchten Mutter und Freun⸗ din die Kleine durch die Vorſtellung zu beruhi⸗ gen, daß innrer Werth, Tugend und Talente den Mann weit mehr ſchmuͤckten, als aͤußere Schoͤn⸗ heit. Heiter aber ward ſie dennoch nicht wieder. „Ueberdies liebe ich ihn, ja ich bin ſogar in ihn verliebt,“ ſagte Frau Arlington laͤchelnd. „ Ich kann nicht begreifen, wie du dich in ei⸗ nen alten, haͤßlichen Mann verlieben kannſt, eben ſo wenig, wie ich der Mutter Behauptung begrei⸗ fe: daß aͤußere Schoͤnheit keinen Werth fuͤr den Mann habe, und doch bin ich gewiß, ſie inakan auf des Vaters Schoͤnheit.“— „Aber Marianne, ich bin noch weit ſtol⸗ zer auf deines Vaters Tugenden, erwiederte Frau Derville; doch, weil ich ſehe daß du nicht 234 wohl aufgelegt biſt, dies zu begreifen, wollen wir kieber jetzt nicht weiter uͤber dieſen Gegenſiamd veden.“ Den naͤchſten Morgen ging Derville frah nach dem benachbarten Bade, um Sir Hen⸗ ry kennen zu lernen und mit ihm zuruͤckzukehren. Freudig folgte dieſer ſeiner Einladung, und fuhr mit ihm und einem Freunde, der ihn hie⸗ her begleitet hatte, im leichten Wagen hinuͤber nach der Pfarrwohnung, wo ſie zende zir rech⸗ ten Zeit eintrafen. So wie Marianne aber hörte, Sir Hau⸗ ryj ſei unten, vermochten weder Marienoch Jo⸗ hanne es, ſie hinunter zu bringen. Ihre Furcht, den alten, haͤßlichen Braͤutigam der lieben, ſchoͤ⸗ nen Frau Arlington zu ſehen, war zu groß, und die Ueberzeugung daß ſein Anblick ihr widerwaͤrtig ſeyn wuͤrde, zu feſt begruͤndet. Endlich brach⸗ te Johanne ſie faſt mit Gewalt in den Spei⸗ ſeſaal. Zwei Fremde hier erblickend, war ſie nicht gewiß, wer der gefuͤrchtete Braͤutigam ſei; doch hielt ſie es fuͤr beſſer lieber Beide nicht anzu⸗ ſehen, ſtand nun mit einem ihr ganz ungewoͤhn⸗ lichen, linkiſchen, ſchafsmaͤßigen Weſen da, ſetzte —— 235 ſich endlich auf die Ecke eines Stuhls, und fing an mit ihren Fingern zu ſpielen. ufaͤllig ließ Sir Henry jetzt einen ſeiner Handſchuhe fallen; Frau Derville rief Ma⸗ rianne ihn wieder aufzuheben; verwirrt aber, wie ſie war, ließ ſie ihn noch einmal fallen, und da Sir Henry ſich nun ſelbſt buͤckte, um ihr zu helfen, ſtießen beide Koͤpfe aneinander. Haͤtte Marianne auch wirklich Schmerzen von dem Stoß empfunden, ſo wuͤrde ſie dennoch ſchon in der theilnehmenden, freundlichen Art, mit welcher der Fremde ſich entſchuldigte, Troſt gefunden haben. Er zog ſie ſanft an ſich, und ſie fuͤhlte ſich durch das ganze Betragen ſo ſehr mit neuem Muth belebt, daß ſie ihm ins Geſicht ſah, und verſicherte, es habe ihr ganz und gat nicht wehe gethan. e Der Fremde betrachtete die Kleine noch i im⸗ mer mit ſo wohlwollendem Blick, daß dieſe be⸗ ſchaͤmt zur Erde ſah; dann aber hob ſie das Koͤpf⸗ chen wieder, um noch einmal in die freundlichen Augen zu ſchauen. „Ich glaube, ich weiß wie du heißt,“ ſagte Sir Henry leiſe. 236 „Ach nein, gewiß, das wiſſen ſie nicht.* „ und doch, du biſt gewiß Marianne. 4 „95, das errathen ſie nur; weil Johanne erwachſe en iſt, vermuthen ſie, ich muͤſſe wohl; M a⸗ ria nne ſeyn. Aber ich kann ihren Namen nicht errathen; alles was ich beſtimmt weiß, iſt, daß ſie nicht Sir Henry Arlington ünd. „ und warum nicht?“—— „Ach, ich weiß es wohl; aber ich ſage es nicht. „, Nun, wenn 19 es üht bin, wer konnte es dann ſeyn?- 8 „‚Der andere Heyx dort im Sraſter der mit dem Vater redet.“ Indem wagte ſie noch einen forſchenden Blick in Sir Henry's Geſicht, und rief aufs Neue:„Nein, nein, gewiß, Iie ſind nicht Sir Henry Arlington!“— „Was kann ſie damit meinen?“— fragte Sir Henry, ſich zu der laͤchelnden Geliebten wendend:„Komm zu mir, Marianne,“ rief Frau Arlington recht innerlich befriedigt,„und ſage mir leiſe ins Ohr, warum dieſer Her nicht Sir Henry ſeyn kann?“ 237 „Weil du mir ſagteſt, fluͤſterte ſie ihr zu, ich follte mir ihn alt und haͤßlich vorſtellen; und der iſt ja recht huͤbſch, er ſieht ſo Lut⸗ und dſemnde lich aus.“ „ Vielleicht gen⸗ weil er ſo gut und freund⸗ lich ausſieht, ſindeſt du ihn huͤbſch; denn ich ver⸗ ſichere dich, es iſt Sir Henry.“ „Ach! wie macht mich das gluͤcklich!“ rief das entzuͤckte Kind, indem es wieder zu Sir Henry ſprang. 1 „Was macht dich gluͤcklich, Marianmeere „Daß du wirklich Sir Henry biſt!“— Als dieſer nun fragte, was Nelly mache, verſicherte Marianne, es ſei noch Zeit genug vor dem Mittagseſſen, um mit ihm zu Nelly, ihren Jungen und den Kaninchen zu gehen. Sir Henry folgte freundlich der Aufforderung, und ſchon ſtand das Eſſen auf dem Tiſche, als er mit der Kleinen an der Hand zuruͤckkehrte. Bald machte er ſich nicht weniger beliebt bei der Mutter; er nahm den Saͤugling auf ſei⸗ nen Arm, liebkoſte ihn, und verſicherte, obgleich er uͤberhaupt ein Freund aller Kinder ſei, komme es ihm vor, als habe er noch nie ein ſo huͤbſches kleines Kind geſehen.— Nun konnte er in Frau Dervilles Augen gewiß keinen Fehler haben; aber auch Derville lernte bald ihn aus ſicherern Gruͤnden ſchaͤtzen, da er ſeine durchaus rechtliche Denkungsart, ſeinen gebildeten Werſtande und z ſein edles Gemuͤth kennen lernte. Eines Tages zog Frau Arlington die Freundin bei Seite, indem ſie zu ihr ſagte:„Eine Pfruͤnde von wenigſtens tauſend Pfund jaͤhrlichen Ertrags iſt grade jetzt in meinen Beſitzungen freigekommen; ſoll ich ſie ihrem Manne, oder Sohne anbiethen?“— „Meinem Sohne, erwiederte Frau Dervil⸗ le; ich bin durch ihre freundlichen Ermahnungen gebeſſert, und habe jetzt in der Hiuſcht keinen Wunſch fuͤr mich mehr.“ „Wohl nicht fuͤr ſich ſelbſt; aber dennoch fuͤr ijre Kinder; alſo ſcheint es mir am beſten, Derville hebt dieſe Pfruͤnde fuͤr Lionel auf, bis dieſer alt genug iſt; und wenn ſie den Ertrag zuruͤcklegen, ſo werden ſie dadurch im Stande ſeyn, ihr Vermoͤgen binnen drei Jahren zu ver⸗ mehren. In der Folge mag dann Lionel des 88 Vaters Unter⸗Pfarrer werden.“ 7 3 239 Nachdem dieſe Sache berichtiget war, fragte Frau Arlington die Freundin noch ganz unbefan⸗ gen:„ob es ihr und ihrem Manne erfreulich oder peinlich geweſen ſei, daß ſie ihre Erkenntlichkeit gegen die Mutter durch ein Geſchenk an Maxi⸗ anne habe beweiſen wollen?— Als Frau De r⸗ ville hierauf eben ſo offenherzig antwortete: es ſei ganz dem Sinne der Geberin gemaͤß angenom⸗ men, nur habe ſie ſpaͤter der Gedanke gequaͤlt, daß das neue Hausgeraͤthe auch von ihr kommen koͤnnte, und das ſei ihr peinlich geweſen. „Ich will die Abſicht, warum ich frage, nicht verhehlen, fuhr Frau Arlington fort; ich moͤchte gerne fuͤr Johannens Ausſteuer ſor⸗ gen, fuͤrchtete mich aber, ſie moͤchten dies fuͤr zudringlich halten. Doch wird es ihnen klar ſeyn, daß ich etwas fuͤr ſie thun muß, da ich Ma⸗ riannen Geld gegeben, und Lionel mit einer Pfruͤnde beſchenkt habe.— Und da ich waͤhrend meiner Abweſenheit vom Hauſe kaum mein hal⸗ bes Einkommen verzehrt habe, beſitze ich wahr⸗ haftig ſo viel Geld, daß ich faſt nicht weiß, wohin damit. Helfen ſie mir alſo, Liebe, wenigſtens 240 einen kleinen Theil davon zweckmaͤßig anzule⸗ gen. „ Die Bedenklichkeiten der Familie waren bald gehoben, und Johanne ſah ſch, durch Frau Arlingtons Freigebigkeit, in den Stand geſetzt, nicht allein fuͤr alle Nothwendigkeiten, ſondern auch für einige angenehme Bequemlich⸗ keiten ihres neuen Haushalts, berfluͤſſig ſorgen zu koͤnnen. Ueberdies hatte ſie ſowohl als Ma⸗ rianne die Freude, die geliebte Frau als Braut⸗ jungfern zum Altare zu geleiten. Die Trauung wurde in der einfachen Dorfkirche vollzogen, und durch den Segen des Mannes, den ſie am mei⸗ ſten ehrte, empfing ſie die Hand des Mannes, welchen ſie aufrichtig liebte. Dieſe zweite eheliche Verbindung wurde un⸗ ter weit gluͤcklichern Vordeutungen, als die erſte geknuͤpft. Nicht das druͤckende Bewußtſeyn der Schuld, gegen die beſſere Einſicht eines zaͤrtlichen Vaters gehandelt zu haben, nagte an ihrem Her⸗ zen; im Gegentheile war ſie feſt uͤberzeugt, daß wenn beide geliebte Eltern von oben auf ſie herab⸗ ſchauen könnten, ſie den jetzt geſchloſſenen Bund 241 ſegnen, und mit froͤhlicher Hoffnung auf ihr Kind blicken wuͤrden. Und noch jetzt iſt das Gluͤck dieſer Ehe unun⸗ terbrochen, und ſogar durch die Geburt zweier lieb⸗ licher Kinder erhoͤht. Auch genießt Lady Arling⸗ ton die innre Beruhigung, Zeugin des Gluͤckes der einſt durch Seymour ſo tiefgekraͤnkten Emi⸗ lie zu ſeyn, die mit einem braven Manne in heiterer Zufriedenheit lebt. Das Einzige was nur von Zeit zu Zeit Lady Arlingtons irdiſches Gluͤck truͤbt, iſt die Reue, aus Verblendung nicht ſchon fruͤher einen Mann grwaͤhlt zu haben, deſ⸗ ſen Werth ſie taͤglich mehr ſchaͤtzen lernt.— Doch erhebt ſich ihr Gemuͤth dann wieder kraͤftig im Dank fuͤr die gluͤcklichen Tage, die ihr jetzt noch zu Theil werden, und bei jeder Gelegenheit, wo ſie die einſt ſo von ihr beneidete Frau Der⸗ ville ſieht, ſagt ſie ſich mit froͤhlichem Bewußt⸗ ſeyn:„auch ich bin jetzt eine beneidenswerthe Frau!"“ anst wenlon 3 5843 1toe 9r enn O. I. 16 Heinrich Woodville. Nie hat es wohl eine gluͤcklichere Familie gegeben, als die der Woodvilles, noch eine deren Gluͤck dauerhafter gegruͤndet zu ſeyn ſchien. Der Vater, ein wohlhabender Fabrikant in einer großen Stadt Englands, ſah mit inniger Freude den Zeitpunkt herannahen, wo ſeine bei⸗ den Kinder, Heinrich und Eliſabeth, ver⸗ ſorgt, und die Stuͤtze ſeines Alters ſeyn wuͤrden. Heinrich, jetzt noch Handlungsdiener in einem ſehr angeſehenen Kaufmanns⸗ Hauſe in London, hatte die wahrſcheinliche Ausſicht, von ſeinem kin⸗ derloſen Herrn Handlung und Vermoͤgen zu er⸗ ben. Eliſabeth wurde von einem jungen, rei⸗ chen Kaufmanne geliebt, deſſen Vater anfangs zwar nicht in eine Verbindung willigen wollte, die er unter ſeinem Stande und Vermoͤgen hielt; nach⸗ 4 243 dem er ſich aber mit eigenen Augen von dem Werth und der Liebenswurdigkeit des Maͤdchens uͤberzeugt hatte, ſiegte das gute Herz uͤber jede fruͤhere Bedenklichkeit, und der alte Harcourt gab ſeine Einwilligung, daß die jungen Leute ein Paar werden ſollten, ſobald ſein Sohn das fuͤnf und zwanzigſte Jahr zuruͤckgelegt haben wuͤrde. Mit immer wachſender Ungeduld ſah Hein⸗ rich jetzt der Stunde entgegen, die ihn zum Theilnehmer der Handlung machen ſollte; denn auch ſein Herz war nicht mehr frei, obgleich er mit dem Gegenſtande ſeiner Neigung noch kein Wort gewechſelt, ja ſogar feſt uͤberzeugt war, daß das Maͤdchen ihn noch nicht einmal angeſehen habe. Zwei oder dreimal ſah er ſie zufälliger Weiſe im Hauſe ſeines Prinzipals, und waͤhrend die Mutter mit Herrn Courtnay uͤber Ge⸗ ſchaͤfte ſprach, ſtand das holde Kind mit ver⸗ ſchaͤmt niedergeſchlagenen Augen da; doch war es um Heinrich geſchehen, das Bild ließ ihm keine dh⸗ und obgleich er es in ſeiner gegenwaͤrtigen nicht wagen durfte, der Mutter die Wuͤn⸗ tus ſeines Herzens vorzutragen, hoffte er doch, wenn er erſt Theilnehmer der Handlung ſei, nicht 16* 244 unerhoͤrt von ihr zu gehen. Jeden Sonntag ge⸗ lang es ihm, ihr auf einem öͤffentlichen Spazier⸗ gange, wo die ſchoͤne Welt zu luſtwandeln pflegte, zu begegnen, jedesmal ſchmeichelte er ſich mit der Hoffnung, endlich von der ſchoͤnen Emmy Vin⸗ cent bemerkt zu werden; alles aber leider ver⸗ gebens!— Sein Unſtern wollte ſogar, daß, als ſie einſt zufaͤlliger Weiſe einen ihrer Handſchuhe auf die Erde fallen ließ, ein anderer junger Mann, ſchneller als er, ihn aufnahm, ihn ihr wieder uͤberreichte, und nun den freundlichen Dank von ihren Lippen empfing, der fuͤr ihn von unbeſchreiblichem Werth geweſen ſeyn wuͤrde. Jedoch troͤſtete ihn der Gedanke, daß ſobald er nur wirklich Antheil an Herrn Courtnay's Handlung erhalte, dieſer guͤtige Freund ihn zu ihr fuͤhren, ſich fuͤr ihn verwenden, und dann ſein heißeſter Wunſch erfuͤllt werden wuͤrde. Ein höchſt unerwarteter Schlag aber machte auf ein⸗ mal allen dieſen froͤhlichen Ausſichten, ſo wie dem ganzen Familien⸗ Gluͤcke der ebsdutes⸗ ein Eäld.— 3 Vnvorhergeſehene unrends eeten mit ſol⸗ cher Gewalt uͤber das Fabrik⸗ Weſen der alten 245 Woodville herbei, daß er ſeine Zahlungen einſtellen mußte, und dem unvermeidlichen Bruche ſeines Hauſes entgegen ſah. Jedoch hatte ihm ſeine ſeit langen Jahren anerkannte Redlichkeit Freunde erworben, die ihm kraͤftig zur Seite traten; ein maͤßiger Accord wurde auf der Stelle unterzeichnet, und er in den Stand geſetzt, ſein Geſchaͤft ohne Stockung fortſetzen zu koͤnnen⸗ Man nahm willig an, was nach genauer Pruͤ⸗ fung, geboten werden konnte, und Woodville beſchloß nicht eher zu ruhen, bis er im Stande Kans wuͤrde die fehlende Dunue nacigagatee 3 Bei einer drichabe eingeſcränkten Detens⸗ weiſe und raſtloſem Fleiße ſah er dieſem Zeit⸗ punkte mit gegruͤndeter Hoffnung entgegen, und ihm ward auch uͤberdies noch die Beruhigung, daß der alte Harcourt die einmal gegebene Ein⸗ willigung zur Verbindung ſeines Sohnes mit Eli⸗ ſabeth nicht zuruͤcknahm.„Es iſt ein Un⸗ gluͤcksfall, der jeden redlichen Mann treffen kann, ſagte er, und die allgemeine Achtung, welche man Woodville in dieſem Augenblicke ecveiſ macht ihn mir nur noch ſchaͤtzbarer.— 246 Noch eine andere Freude ſollte dem Alten werden, die man indeß bis jetzt noch ſorgfäͤttig vor ihm verborgen hielt. H einrich, der wirk⸗ lich einen Antheil an Courtnay's Handlung bekommen, hielt es fuͤr hoilige Sohnes⸗Pflicht, redlich das Seinige zu der fruͤheren Abbezahlung der Glaͤubiger ſeines Vaͤters beizutragen. In dieſer Hinſicht ſparte er alles zuſammen, und er⸗ laubte ſich auch, ſo lange dieſe Pflicht nicht er⸗ fuͤllt fei, keinen Gedanken an ein anderes Gluͤck. Die Mutter ſeiner Geliebten wurde aus vecono⸗ miſchen Gruͤnden genoͤthigt London zu verlaſſen; er erfuhr es, und ſchwieg, obgleich ihr kuͤnftiger Aufenthalt ſelbſt Weern om Ee nap unberaſt blieb. iſolint aun K So verfloſſen drei Jahre.— Am Ende derſelben ſahe Heinrich ſich im Stande ſeine Erſparniſſe dem Vater zu uberliefern, deſſen Schuld dadurch bis auf hundert Pfund getilgt werden konnte.— Mit der innigſten Nuͤhrung nahm er die Gabe des Sohnes, und dankte ihm dafuͤr durch einen Brief, der Heineich ſde Aufopferung reichlich lohnte.— 247 „Nun, dachte er, iſt das was ich ferner verdiene mein, die fehlenden hundert Pfund wer⸗ den bald durch meinen Vater oder mich eruͤbrigt werden, dann darf ich an mein eigenes Gluͤck denken, und obgleich Frau Vinceent London verlaſſen hat, wird ihr Aufenthalt doch wohſ zu erforſchen ſeyn!“— „Grade war es jetzt um 88 Jahrszeit, wo zu Reading, im Berkſhite, Pferderennen gehalten werden, und Heinrich, der bisher ſehr angeſtrengt gearbeitet, und alle unnoͤthigen Ausgaben vermieden hatte, glaubte ſich einmal den Genuß dieſes Vergnuͤgens erlauben zu duͤr⸗ fen, von dem er ſich um ſo mehr verſprach, da er noch nie bei einem Pferderennen gegenwaͤrtig geweſen war.— Ueberdies ſchmeichelte er ſich mit der Hoffnung, daß ein gluͤcklicher Zufall ihn dort vielleicht mit der Geliebten ſeines Herzens zuſammenfuͤhren koͤnne, und ſo machte er ſich froͤhlich, mit der Zuſtimmung ſeines Handels⸗Ge⸗ faͤhrten, auf den Weg dahin. Nie erſcheint uns wohl ein Vergnügen gra ßer, als wenn es uns nach langen Entbehrungen, die uns durch ſchwere Pflichten auferlegt ſind, 248 endlich einmal gewaͤhrt wird. Heinrich fuͤhlte ſich bei dieſer erſten Ausflucht ſo leicht und froh, als er ſich lange nicht gefuͤhlt hatte, und die an⸗ genehme Landſtraße, welche ihn nach Reading fuͤhrte, daͤuchte ihm der Eingang zum Paradieſe zu ſeyn. 16 a Als er den Ort ſeiner Beſtimmung erreichte, und hoͤrte daß das Pferderennen am folgenden Tage beginnen ſollte, war es ſein angelegentlich⸗ ſtes Geſchaͤft, ſich gleich nach den beſuchteſten Spatziergaͤngen zu erkundigen, in Hoffnung, dort den Stern ſeiner Liebe zu erblicken. Aber er ſpaͤhete vergebens, obgleich die lebhafte Einbil⸗ dungskraft ihn oft einen Gegenſtand von ferne erblicken ließ, den er fuͤr den erſehnten hielt, dem er dann mit ſchnellen Schritten entgegen eilte, bis endlich in der Naͤhe eine Taͤuſchung nach der andern ſchwand, und er von ſeinem Irrthum uͤber⸗ zeugt wurde. Jedoch, da der Abend ſchoͤn, der Spatziergang anmuthig, die dort wandelnden Frauen huͤbſch waren, ging er immer weiter; die Purpur⸗Strahlen der untergehenden Sonne ſchie⸗ nen Freude in ſein Herz, und belebten es mit neuer Hoffnung auf den folgenden Morgen. 1 4 4 4 3 1.7 58 249 Der Morgen kaͤm, und Heinrich begab ſich auf den Platz, wo das Pferderennen gehal⸗ ten werden ſollte. Mit ſpaͤhendem Auge muſterte er die in offenen Wagen ſitzenden Perſonen;— auch hier war ſie nicht zu finden.— Er nahete ſich den Geruͤſten fuͤr die Zuſchauer, fand aber auch dort die nicht, welche er ſuchte.— Einen Augen⸗ blick fuͤhlte er ſich getaͤuſcht in den ſchoͤnſten Er⸗ wartungen, doch endlich ſagte er ſich ſelbſt, wie er ſie nur da wahrſcheinlicher Weiſe habe erwar⸗ ten koͤnnen, lachte uͤber ſeine Thorheit, und als das Pferderennen begann, vergaß er vollends allen Kummer. Ein herrlicher, neuer Anblick fuͤr ihn; die bunte, ſchauende Menge, die ſchoͤnen Renner! Bald hatte auch er ſich ein Lieblings⸗Pferd auserwaͤhlt, und wettete mit Leuten, die er gar nicht kannte, daß dies zuerſt das Ziel erreichen wuͤrde. Hoffnung und Furcht wechſelten in ſei⸗ nem Innern, und er vergaß gaͤnzlich, uͤber den neuen, nie empfundenen Reiz dieſes Vergnuͤgens, die Grauſamkeit, mit welcher die armen Thiere gemartert wurden. 9 Auch als er vom laͤrmenden Schauplatz des Wettlaufs entfernt war, und ſchon mit andern 250 Fremden ein froͤhliches Mittassmahl einnahm, dauerte der Freudenrauſch noch fort, und mit Verlangen ſah er dem Wiederbeginnen des Feſtes am naͤchſten Tage entgegen. Weun man die ihn umgebenden fremden Ge⸗ fhen auch nicht zu der geiſtreichſten Geſellſchaft zaͤhten konnte, ſo waren ſie wenigſtens harmloſe Geſellen, und hatten alle, gleich ihm, nur un⸗ beträchtliche Summen verwettet.— Auch der Ball, welcher am Abend gegeben wurde, brachte Heiterkeit und Freude, und obgleich hier wieder der hoͤchſte Reiz fuͤr Heinrich, die Geliebte, ge⸗ fehlt hatte, legte er ſich doch mit froͤhlichem Her⸗ zen ſchlafen, und traͤumte ſchon von den Vergnuͤ⸗ gungen des naͤchſten Tages. Dieſer aber ſollte eine Pruͤfung fuͤr ihn herbeifuͤhren, welche er wenig ahnete. Ein junger Mann, der mit ihm zu gleicher Zeit auf dem Comtoir des Herrn Courtnay gewe⸗ ſen war, und die Hoffnung gehegt hatte den Platz zu bekommen, den einrich jetzt ein⸗ nahm, erſchien heute im thshauſe, ſo wie beim Wettrennen. Ausſchweifungen, Vergnuͤgungs⸗ ſucht und Vernachlaͤſſigung ſeiner Geſchaͤfte, hat⸗ 251 ten ihn dem Peinzipal ſo zuwider gemacht, daß dieſer dem Vater deſſelben gradezu erklaͤrte, nie eine Verbindung mit ſeinem Menſchen eingehen zu koͤnnen, der, aller Beſſerung unfaͤhig, den Vortheil ſeines Herrn nicht allein nicht foͤrdere, ſondern ſeiner Pandlung den größten Sehaden Lae 2eG An Weder Vater roeßs Soßn konnten dieſe ge⸗ rechte Zuͤchtigung jemals vergeſſen, und als Hein⸗ rich endlich, zur Belohnung ſeines muſterhaften Benehmens, zum Theilnehmer der Handlung erklaͤrt wurde, aus welcher David Bradford ſich hatte entfernen muͤſſen, wurden beide die ent⸗ ſchiedenſten Feinde des trefflichen jungen Mannes. Wo der Sohn ihn nur traf, ſuchte er Streit mit ihm anzufangen, und Heinrich blieb end⸗ lich nichts anders uͤbrig, als ihn, ſeinen eigenen Grundſätzen, and den Warnungen ſeines vaͤter⸗ lichen Freundes Courtnay gemaͤß, ſo viel moͤg⸗ lich, zu vermeiden.— Da er ihn nun auch hier traf, bemerkte wie er ſich immer an ihn hinan⸗ draͤngte, ihn zum detten verleiten, und ein Ge⸗ ſpraͤch mit ihm anknuͤpfen wollte, da er ſah, wie leidenſchaftlich ſein Auge, bei einem mit Muhe 252 erborgten Tone der Hoͤflichkeit, auf ihn blickte, fuͤrchtete er mit Recht, bei Schauſpielen, wo das Gemuͤth ohnedem ſchon aufgeregt wird, nicht fuͤr ſeine eigene Faſſung ſtehen zu koͤnnen, und beſchloß lieber die Gefahr zu meiden, als darin umzukom⸗ men. Noch ehe der letzte Lauf begann, entfernte er ſich nicht allein von dem Platze des Wettren⸗ nens, ſondern beſtieg ſein Pferd, ritt aus der Stadt, und beſchloß ſich nach Abingdon zu begeben, wo der Gerichtshof in einem oder zweien Tagen eroͤffnet werden ſollte. O bgleich anfangs allein hier, fuͤhlte er ſich dennoch nicht verlaſſen. Er las, hing ſeinen Gedanken nach, und wiewohl es ihm nicht an⸗ genehm war, den Gefaͤhrten zu vermiſſen, der ihn auf dieſer kleinen Ausflucht begleiten wollte, obgleich er ſich fremd in dem Gewuͤhle der volk⸗ reichen Gaſſen und in dem beſten Gaſthofe der Stadt vorkam, ſchwanden ihm dennoch die beiden Abende, ehe die Sitzungen ihren Anfang nahmen, unter Leſen und Schreiben an Herrn Courtnay und ſeine Verwandten, ganz angenehm dahin. Endlich zagen die Richter mit allem Pomp und aller Feierlichkeit, die dem ehrwuͤrdigen Amte, 66 5 4 6 253 welchem ſie vorſtanden, ziemte, in die Stadt; und als Heinrich durch Glockengelaͤute und Trompetenſchall ihren Einzug verkuͤnden hoͤrte, dachte er mit innigem Mitgefuͤhl der ungluͤckli⸗ chen Gefangnen, denen dieſe Toͤne nicht Freude und Beluſtigung, ſondern Angſt, und vielleicht die Ausſicht auf nahen Tod gewaͤhrten. 35 „Auch mich werden die Vergnuͤgungen, wel⸗ che dieſe Woche mit ſich bringt, nicht anſprechen, ſagte er zu ſich ſelbſt, wohl aber werde ich ein lebhaftes Intereſſe an den oͤffentlichen Verhand⸗ lungen im Gerichtshofe nehmen.“— Wirklich war er den ganzen erſten Tag bei der Sitzung gegenwaͤrtig; als er aber am Abend zum Gaſt⸗ hofe heimkehrte, wartete ſeiner eine hoͤchſt unan⸗ genehme Ueberraſchung. Schon beim Eingange trat der Wirth ihm mit den Worten entgegen: daß, da das Haus uͤbrigens ganz voll geweſen ſei, er ſich die Freiheit genommen habe, einen aufs Neue angekommenen fremden Herrn in dem kleinen Kabinett, nahe an ſeiner Stube, einzu⸗ quartieren, welches er ſich nur in ſo dringenden Umſtaͤnden erlaube, da es keinen andern Ausgang, 54 ſtaunt. 2354 als durch das von enthln chon bauphut Ahumer habee Obgleich Heinsich mit dieſer Eentieztung vchmus nicht zufrieden war, glaubte er doch ſich darein fuͤgen zu muͤſſen, da der andere Gaſthof der Ftadt ebenfalls ſo gedraͤngt voll war, daß es ihm gleich anfangs mißlang dort ein Unter⸗ kommen zu finden. „Es mag darum ſeyn, erwiederte er, wie⸗ woßl es mir nicht ndenehm iſt; iſt der Fremde unten im Gaſtzimmer?“. „Nein, mein Herr, er iſt bereits zu Betta gegangen, weil er ſich ſehr muͤde fuͤhlte, nach⸗ dem er eine anſehnliche Quantitaͤt Ale ausgetrunken hatte. Der Kopf ſchwindelte ihm dergeſtalt daß er ihre Ruͤckkunft nicht erwarten konnte, welches er ſehr bedauerte, da er das Vergnuͤgen hat mit ihnen bekannt zu ſeyn.“ „Mit mir bekannt!“ rief Heinrich er⸗ „Zu dienen, mein Herr, er⸗ ſagte, ſie wuͤr⸗ den wegen der Einraͤumung des Kabinetts nichts einzuwenden haben, da es nicht das erſte Mal ſei daß ſie Schlaf⸗Cameraden geweſen waͤren, in⸗ 235 dem ſie vormals als Eolehennt in einer Sudbn geſtanden haͤtten.“ Heinrich hoͤrte dieſe Worte mit der⸗ Hruh ten Unruhe; wahrſcheinlich war alſo der Menſch, dem er auf jede Weiſe auszuweichen ſuchte, ſein Stubengefaͤhrte geworden, und doch bunneiſſn nicht das Haus verlaſſen, ohne Bradford per⸗ ſoͤnlich dadurch zu beleidigen.„Nun, dachte er, ich muß mich wohl in die Umſtaͤnde fuͤgen, ſo ſauer es mir auch wird, und was auch daraus entſtehen mag, der goldnen Raget folgen: trage, und dulde.“) Mit ſchwerem Herzen begab e er iſich jett auf ſein Zimmer, deſſen friedliche Stille nun durch Bradfords Schnarchen geſtört wurde, welches man deutlich durch die duͤnne Wand des Kabinetts vernehmen konnte, deſſen Thuͤr auch einmal feſt in die Fugen ging. Heinrich ſchloß indeß endlich ſeine Augeh, ſchlief bis ſechs Uhr, ſtand dann auf, kleidete ſich an, fruͤhſtuͤckte„ und hatte ſchon einen Sitz un⸗ ter den Zuhoͤrern im Gerichtshofe eingenommen, ehe Bradford erwachte. Er wuͤnſchte ſich in⸗ nerlich Gluͤck ihm entgangen zu ſeyn; um vieles 256 aber wuͤrde die Freude, mit der er hier das fuͤr ihn ſo neue Vergnuͤgen genoß, die intereſſanten Verhandlungen der Richter und Partheien zu hoͤ⸗ ren, getruͤbt worden ſeyn, haͤtte er geohnet daß Bradford ſein fruͤhes Weggehen als eine wie⸗ desis Beleidigung betrachtete, und ihm dafuͤr Rache ſchwur. Als die Sitzung aufbrach, kehrte Hein⸗ rich in ſeinen Gaſthof zum Abendeſſen zurüͤck, und begab ſich zu dieſem Endzwecke in das allge⸗ meine Speiſezimmer. Die Geſellſchaft war nicht groß, und beſtand, außer den, Heinrich ſchon vom erſten Abende her, Bekannten, nur aus Bradford und wenigen neuen Gaͤſten. 1 „Mein Herr, ſagte Bradford, ſo wie Heinrich ſich geſetzt hatte, mich duͤnkt ſie haͤt⸗ ten wohl die Artigkeit haben koͤnnen, mich von ihrer Abſicht nach Abingdon zu gehen zu be⸗ nachrichtigen, damit wir den Weg in Geſellſchaft haͤtten antreten koͤnnen. Aber es ſcheint daß ſie, ſeit ſe Compagnon und Erbe des Herrn Courtnay geworden ſind, ſich zu hoch duͤn⸗ ken, um mit alten Freunden Umgang zu pflegen.“ ₰ 257 „Es kann mir nicht einfallen, irgend jemand beleidigen zu wollen, erwiederte Heinrich ſanft, und ich bedaure daß ſie darin eine Vernachlaͤſſigung muthmaßen,— worin gewiß keine liegt. Zum Zei⸗ chen ihrer Verzeihung bitte ich ſie ein Glas dein mit mir zu trinken.“— Bradford ſchien anfangs gar nicht geneigt den Verſoͤhnungsweg einzuſchlagen; da er aber gewahr wurde daß alle gegenwaͤrtige Fremde ihn mit Bli⸗ cken anſahen, die darauf deuteten daß er Hein⸗ richs Anerbiethen annehmen muͤſſe, fullte er ſein Glas;— und fuͤr den Augenblick ſchien alles unter ihnen ausgeglichen zu ſey. n Der Tag war ungewoͤhnlich heiß, und der Gerichtshof zum Erſticken voll geweſen. Theils aus Durſt, rheils durch die Aufforderungen an⸗ derer genoͤthigt, hatte Heinrich ein Glas Wein ſchnell nach dem andern hinunter geſtuͤrzt, und fuͤhlte endlich daß er mehr getrunken habe, als er eigentlich vertragen konnte. Bradford, den boͤſe Gewohnheit ſchon laͤngſt zum Saͤufer gemacht hatte, wurde immer lauter und abſprechender, und ſchien immer mehr geneigt mit Heinrich Streit anzufangen, deſſen O. 1. 17 258 ſonſt ſo ſanftes Weſen, jetzt durch Wein aufge⸗ regt, nicht laͤnger geeignet ſchien beleidigende Anſpielungen zu ertragen, die von:„heuchleri⸗ ſchen Buben ſprachen, welche ſeichte Maͤnner bei der ſchwachen Seite faßten, um ehrliche junge aus dem Brod zu ſtoßen, und ſich dann in ihre Rechte einzuſetzen.“ Fuͤr die uͤbrige Geſellſchaft waren zwar dieſe Anſpielungen unverſtaͤndlich; Heinrich merkte indeß, wohin ſie zielen ſollten, und beſchloß das Zimmer ſo bald als moͤglich zu verlaſſen, weil er ſein Blut kochen fuͤhlte. In dieſem Augen⸗ blicke aber zog Bradford die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft durch einen Beutel mit Gold und Silber an, von dem er behaupte⸗ te ihn beim Pferderennen gewonnen zu haben— und ſchuͤttete den ganzen Inhalt auf den Tiſch aus, 3 um einige darunter befindliche ſeltne Muͤnzen zu zeigen.— Grade wollten die Aufwaͤrter das Tiſchtuch wegnehmen, Bradfo ud mußte das Geld in den Beutel ſtecken, noch ehe Heinrich eine fremde Muͤnze hinlaͤnglich be⸗ wundert hatte, die ihn wegen ihrer ſeltnen Schoͤn⸗ heir ſehr anzog. e e. amn elsnoe 259 Nachdem der Tiſch abgeraͤumt war, und die Aufwaͤrter den Wein wieder aufgeſetzt hatten, bat er Bradford, ihm den Beutel noch einmal zu uͤberlaſſen. Dieſer that es, doch mit der aus⸗ druͤcklichen Bitte, ihm den ganzen Inhalt ja rich⸗ tig wieder zuzuſtellen, da er nicht allein das Geld, ſondern auch die Muͤnzen gezaͤhlt habe, und wiſſe wieviel die Boͤrſe enthalte. 3 Heinrich ſtellte ſich als naͤhme er die be⸗ leidigende Bedingung fuͤr Scherz, und nachdem er die ſeltne Muͤnze noch einmal beſehen hatte, ſteckte er ſie wieder in die Boͤrſe, welche er dem Eigner gleich darauf zuruͤckgab. 9 Bradford ſtuͤrzte nun das Ganze auf den Tiſch, zählte mit argwoͤhniſchen Blicken alles ſorgfaͤltig uͤber, erklaͤrte daß ihm ein Goldſtuͤck, fuͤnf Guineen an Werth, fehle, und bat Hein⸗ rich es augenblicklich zuruͤckzuſtellen, falls er ſich nicht einer Unterſuchung unterwerfen wolle. „Sie koͤnnen nicht im Ernſt ſprechen, ſagte Heinrich, indem er leichenblaß vor Verdruß ward, ſie koͤnnen mich im Ernſt eines ſolchen Streiches nicht faͤhig halten, und ſie wiſſen daß ich kein Spaßmacher bin; wenn ich es aber auch 17* 260 waͤre, ſo wuͤrden ſie der letzte Menſch ſeyn, mit dem ich einen Scherz triebe.“ „ Was helfen mir alle ihre Scheingräͤnde, Herr, erwiederte Bradfordz ich ſehe gar nicht ein, warum ſie das Geld nicht koͤnnen genommen haben.— Ein Banquerottirer kann eben ſo leicht einen Betruͤger zum Sohne, als eine liederliche Dirne zur Tochter haben; denn es iſt ja welt⸗ bekannt, daß ihr Vater vor nicht langer Zeit Banquerott machte, und daß ihre Schweſter die Maitreſſe des jungen Harcourt iſt.“ Das war zu viel fuͤr Heinrich, und mit den Worten:„elender Luͤgner und Verlaͤumder!“ gab er dem Bradford eine derbe Maulſchelle, der hierauf gleich ſeinen Degen zog.— Hein⸗ rich zog auch, und Blut wuͤrde unvermeidlich ſchon in dieſem Augenblicke gefloſſen ſeyn, haͤtten nicht die Umſtehenden Beide mit Gewalt zuruͤck⸗ gehalten; auch der von den Aufwaͤrtern herbeige⸗ rufene Wirth verbat ſich ernſtlich ſolche Scenen in ſeinem Hauſe, und ſo wurde der Friede ver⸗ mittelt. Als Heinrich aber auf Abbitte und Ehrenerklaͤrung von Bradfords Seite drang, und dieſer ſeine Verlaͤumdungen mit dem Zuſatze —— 261 wiederholte: die ganze Welt ſolle erfahren daß Heinrich ihn beſtohlen habe, geſtanden ſelbſt die Umſtehenden ein, ein Zweikampf ſei nach den Geſetzen der Ehre unvermeidlich, und Heinrichs Forderung ſei nicht allein gerecht, ſondern die ihm gethane Beſchimpfung koͤnne nicht anders, als in dem Blut des Beleidigers, abgewaſchen werden. Man kam uͤberein daß die Sache am naͤch⸗ ſten Morgen, jedoch nicht allzuzeitig, abgemacht werden ſolle; da einer der Umſtehenden ſich auf der Stelle zu Heinrichs Seeundanten erklaͤrte, keiner der Andern aber Bradford dieſen Dienſt erzeigen wollte, und er ſich alſo genoͤthigt ſah, erſt in aller Fruͤhe einen Freund und Verwand⸗ ten, der eine Stunde davon wohnte, zu dieſer Ehre abholen zu muͤſſen. Er fuhr jetzt fort ſo heftig zu trinken, daß man ihn bald voͤllig betrunken zu Bette tragen mußte. Hierdurch wurde nun Hein⸗ richs Abneigung in ſeiner Naͤhe zu ſchlafen vermindert, da er wenigſtens ſicher war daß er ſobald nicht erwachen wuͤrde, um den Streit mit ihm wieder anzufangen. 262 Nachdem man jenen alſo ausgekleidet, und voͤllig bewußtlos ins Bette gelegt hatte, wollte auch er ſich zur Ruhe begeben; indeß beredete man ihn vorher noch einige Glaͤſer Ale auf gu⸗ ten Erfolg am andern Morgen zu trinken. Auf ſo verſchiedene Weiſe erhitzt und aufge⸗ regt, fuͤhlte Heinrich ſich bald ungewoͤhnlich betaͤubt; kaum war er im Bette, ſo ſtarb ſogar das ihm gewohnte Abendgebet auf ſeinen Lippen, alle Gedanken verwirrten ſich, und er ſiel in einen feſten, todtenaͤhnlichen Schlaf. Einer der Aufwaͤrter, Namens Everett, der fruͤher zu einer Raͤuberbande gehoͤrte, einmal ſchon der Strafe der Gerechtigkeit entronnen, und dem es nun gegluͤckt war dieſe Stelle im Gaſthofe zu erhalten, hatte grade dem Herrn ſchon den Dienſt zum folgenden Tage aufgekuͤndigt, weil er ſich wieder zu ſeiner Frau begeben wollte, die ihr Weſen mit Schleichhaͤndlern trieb, in deren Geſellſchaft ſie vereint aufs Neue auf Raub aus⸗ gehen wollten.— Ueberzeugt daß er der ganzen Bande mit vollen Taſchen willkommen ſei, und in der Gewißheit, die Seekuͤſte, von der ſie ab⸗ ſegeln wollten, bald erreichen zu koͤnnen, beſchloß 263 er, wo moͤglich, ſich alle das Geld zuzueignen, mit dem Bradford am Abend vor aller Augen geprahlt hatte.— Leichter noch ſchien ihm dies auszufuͤhren, da dieſer vor vielen Zeugen ſchon Heinrich beſchuldigt hatte, ihm einen Theil⸗ deſſelben geraubt zu haben, und der Verdacht alſo natuͤrlich auf den fallen muͤſſe, dem er auch, falls er ihn, ſeiner Erwartung gemaͤß, recht feſt ſchla⸗ fend finden wuͤrde, noch einige Muͤnzen und Goldſtuͤcke in die Taſche ſtecken wollte. Mit dieſem Entſchluß der Bosheit bewaff⸗ net oͤffnete er, als alles im Hauſe zur Ruhe war, vermittelſt eines Nachſchluͤſſels, Heinrichs Thuͤr, der in ſeinem todtenaͤhnlichen Schlafe von dem allen nichts gewahr wurde. Auf dem Tiſch⸗ chen vor ſeinem Bette lag eine kleine Tuchnadel von Diamanten, die der Boͤſewicht im Vorbei⸗ gehen noch als gute Beute betrachtete, ſie ſchnell oben in ſein Hemd ſteckte, und ſich dann Brad⸗ fords Bette naͤherte. Als er dieſen aber nicht tiefſchlafend fand, und gewahr wurde daß er den Rock, worin der Beutel ſtecken mußte, unter das Kopfliſſen gelegt hatte, ſah er keine andere Moͤglichkeit zu ſeinem Endzweck zu gelangen, als 264 wenn er Mord mit Raub vereinte. Er ging noch einmal in Heinrichs Stube, holte deſſen De⸗ gen, und verſetzte dem noch unruhig traͤumenden Bradford damit einen nachdruͤcklichen Stoß, der ihn zwar verwundete, aber nicht toͤdtete. Dieſer, durch den Schmerz aus der Betaͤubung geriſſen, ermannte ſich, um mit dem Moͤrder zu kaͤmpſen; doch kurz war der Kampf, noch ein Stoß, und Bradford ſank leblos, in ſeinem Blute hingeſtreckt, auf ſein Lager zuruͤck. Leiſe ſchlich Everett nach Heinrichs Zimmer, und ſteckte den blutigen Degen wieder in die Scheide. Als er nun aber ſeine Beute holen wollte, bemerkte er daß Heinrich unruhig wurde, und im Schlafe zu ſprechen begann; dies ſetzte ihn ſo ſehr in Furcht, daß er keinen Augenblick laͤnger weilen mochte, nur ſchnell die Kabinettthuͤr an⸗ druͤckte, und in ſeine eigene Kammer ſchlich, um, wenn er ſich erſt ſorgfaͤltig vom Blute gereinigt habe, noch einmal wieder zuruͤckzukehren. Kaum aber verſuchte ers aufs Neue die Thuͤre zu oͤff⸗ nen, als eine laute Stimme:„wer da?“ rief.— Er zog ſich zuruͤck, wartete draußen, hoͤrte aber zu ſeinem Schrecken daß Heinrich bald darauf — 265 aufſtand und ſich anzukleiden ſchien; ſo mußte er die eigentliche Abſicht, um derentwillen er den Mord begangen hatte, unausgefuͤhrt laſſen, und erndtete keinen Gewinn von ſeiner ſchwarzen That. Auch wagte er es unter den gegenwaͤrtigen Um⸗ ſtaͤnden nicht, das Haus, ſeinem erſten Vorſatze gemaͤß, am naͤchſten Morgen zu verlaſſen, aus Furcht dann verdaͤchtig erſcheinen zu koͤnnen, und obgleich Mord im Herzen, begab er ſich zur be⸗ ſtimmten Zeit wieder mit unbefangenem Angeſicht an ſein gewoͤhnliches Tagewerk. Nachdem Heinrich aus ſeinem erſten, tiefen Schlafe erwacht war, ſah er daß es um die Ruhe der Nacht geſchehen ſei. Schwer ſtand nun ſo⸗ gleich das Bewußtſeyn des am geſtrigen Abende vorgefallenen Streites, ſo wie die ungluͤcklichen Folgen davon, vor ſeiner Seele. Er war nicht feig; aber der Gedanke in dieſem Zweikampfe entweder ſein eignes Leben zu verlieren, und da⸗ durch das Gluͤck ſeiner Eltern auf immer zu ſtoͤ⸗ ren, oder einem Nebenmenſchen das Leben zu nehmen, ließ ihm keine Ruhe; es ſchien ihm eine Handlung gegen die Pflichten der Moral und Religion zu ſeyn.— Ze mehr er kalt dar⸗ 266 aber nachdachte, je klarer wurde ihm dies; einen Augenblick ſtritt noch das Gefuͤhl, welches man gewoͤhnlich Ehre nennt, mit ſeinen Grundſaͤtzen als Menſch und Chriſt; bald aber verbannte wahre Gottesfurcht und die Liebe zu ſeinen El⸗ tern jede kleinliche Beſorgniß vor Menſchen⸗ Satzung und Menſchen⸗Urtheil aus ſeinem In⸗ nern, und half ihm ſogar die Empfindung der Rache unterdruͤcken. Er beſchloß, ſich ſogleich aus Berkſhire zu entfernen, einen Brief fuͤr Brad⸗ ford und ſeinen eigenen Secundanten zuruͤckzu⸗ laſſen, in welchem er ihnen ſeine Urſachen, war⸗ um er den Zweikampf vermeide, auseinander ſetzte und ſeinen Entſchluß erklaͤrte, im Falle Er⸗ ſterer ſeine falſche Beſchuldigung und Verlaͤum⸗ dung nicht zuruͤcknehmen wolle, er den ordentli⸗ chen Weg Rechtens mit ihm gehen werde. Das kleine Felleiſen war ſchon gepackt, er ſaß voͤllig angekleidet da, bis auf den Degen, an den er noch nicht weiter gedacht hatte, und bereitete ſich jetzt eben den Brief zu ſchreiben, als die Thuͤre geoͤffnet ward, und der Kellner herein⸗ * trat. b „Was wollt ihr?“ fragte Heinrich. * ———— „Herr Bradford hat eefahſe ihn um fuͤnf Uhr zu wecken.“ „ Iſt es ſchon ſo ſpaͤt?“ ſagte er.— Seid ſo gut Herrn Bradſord noch nicht zu wecken, ſetzte er unruhig hinzu, ich habe meine Urſachen.“ „Ich muß es aber thun, mein Herr,“ er⸗ wiederte der Kellner, mit einem Blick voll Ver⸗ dacht,„es iſt ein gar heftiger Mann, und er koͤnnte ungehalten auf mich werden.“ „Das ſchadet nicht, thut mir immer den Gefallen, hier iſt eine Kleinigkeit fuͤr euch,“ fuͤgte Heinrich hinzu, fuͤrchtend durch Bradfords Erwachen in der Ausfuͤhrung ſeines Entißluſſes geſtoͤrt zu werden. „Ich mag ihr Geld nicht, Herr,“ verſetzte der Menſch veraͤchtlich, der in dieſem Augenblicke einen Blick auf den blutigen Degen warf der auf einem an der Thuͤr ſtehenden Stuhl lag, und dann ſchnell vor dem erſtaunten Hein⸗ rich vorbei, in das anſtoßende Kabinett lief. Bei dem Schreckens⸗Anblick, der ſeiner hier war⸗ tete, brach er in einen Schrei des Entſetzens aus, der auch Heinrich mit den Worten:„was fehlt euch?“ herbeieilen machte. 268 So wie er Heinrichs Stimme hoͤrte, wandte er ſich um, ſtieß ihn unſanft an die Seite und rief:„Koͤnnt ihr noch fragen, elender Heuchler!“ lief dann ſchnell aus der andern Thuͤr, ſchloß ab, und ſchrie laut: Mord! Mord! Erſtaunen bemaͤchtigte ſich Heinrichs im erſten Augenblicke, da er vergebens geſtrebt hatte den Kellner zuruͤckzuhalten; wer malt aber ſein Ent⸗ ſetzen, als er ſich nun dem Kabinette nahete, von dem die Thuͤre offen geblieben war, und dort Bradford in ſeinem Blute, und mit den Zuͤgen eines Todten im Bette liegen ſah. Mitleiden und Schrecken ergriffen ihn in ſolchem Grade, daß auch er faſt leblos an die Wand ſauk, ohne an irgend etwas anders als den traurigen Anblick, der ſich ſeinen Blicken darbot, denken zu können.— Doch bald muß⸗ re Art ſich auszudruͤcken, ſein ganzes Benehmen gegen ihn, ſiel ihm jetzt wieder bei, und uͤber⸗ zeugte ihn daß der Verdacht des Mordes auf ihn fallen wuͤrde. Bleich und bewegungslos, ten ihn andere Betrachtungen aus dieſem dum⸗ pfen Hinbruͤten reißen. Des Kellners ſonderba⸗ mit ſtier auf den Todten gehefteten Augen, ein —y — 269 Bild der Verzweiflung, ſtand er noch da, als er die Thuͤre ſeines Zimmers aufſchließen hoͤrte, und faſt alle Bewohner des Geſthofes hereinſtuͤr⸗ zen ſah. 59 enue Es ſchien hier keiner weitern Nachfrage zu beduͤrfen, die Sache erklaͤrte ſich aller Meinung nach von ſelbſt. Auf dem Bette des innern Ka⸗ binetts lag Bradfords blutiger, kalter Leich⸗ nam; an ſeiner Seite ſtand Heinrich, mit allen Zeichen der Seelenangſt auf dem Geſichte, wel⸗ che leicht als Gefuͤhl der Schuld genommen wer⸗ den konnten, waͤhrend der Wirth den blutigen De⸗ gen des jungen, ungluͤcklichen Mannes aus der Scheide zog, und ihn allen Anwefenden zeigte. „Mein Degen!“ ſchrie Heinrich, durch den ſchrecklichen Anblick aus der Betaͤubung gezogen, „alſo iſt die grauſenhafte That auch ſogar mit meinem Degen geſchehen?— Dann bin ich voͤllig verloren!“ Und das Geſicht mit beiden Haͤn⸗ den verhuͤllend, lehnte er ſich im tiefften Schmerz gegen die Wand. Bei naͤherer Unterſuchung fand es ſich daß Bradford keineswegs beraubt worden ſei. Ein glaͤnzender Diamant ſunkelte am Fußboden, nahe dem Bette, und als einer der Fremden ſich buͤckte, um ihn aufzuheben, fand es ſich daß es Hein⸗ richs Bruſtnadel ſei, die jener noch am vorigen Abende, ihrer Schoͤnheit wegen, in ſeiner Hals⸗ krauſe bewundert hatte. Der Kopf dieſer Nadel war in dem kurzen Kampfe zwiſchen Bradford und dem Moͤrder abgebrochen, der, wie vorher bemerkt iſt, ſie im Voruͤbergehn als gute Beute in ſein Hemd geſteckt hatte, und diente nun, nebſt dem Umſtande, daß dem Ermordeten kein Geld fehlte, zum vermehrten Beweiſe gegen den unſchuldigen Heinrich. 1 4:8„ Ach,“ rief der Fremde, indem er ſie Heinrich zeigte, der jetzt ſein Geſicht wieder enthuͤllt hatte,„ungluͤcklicher junger Mann, ſe⸗ hen ſie dieſen neuen Beweis gegen ſie!? Heinrich blickte hin, erkannte die einſt ſo theure Gabe einer geliebten Mutter an ſeinem Geburtstage, wandte ſich ab, und ſchluchzte laut, ohne ein Wort hervorbringen zu koͤnnen. Als aber eine herbeigerufene Gerichtsperſon eintrat, und die Unterſuchung begann, rief er Gott laut zum Zeugen ſeiner Unſchuld an, ſo ſehr der Schein auch gegen ihn ſeix. sn 6 — — 271 Dieſe Auftritte des Schreckens waren ſo ſchnell auf einander gefolgt, daß Heinrich ſich in der erſten Beſtuͤrzung die traurigen Folgen des ganzen Vorfalls noch nicht deutlich aus⸗ einander geſetzt hatte. Da man ihn nun aber, nachdem er beim erſten Verhoͤr keinen Beweis ſeiner Unſchuld, der vor dem Richterſtuhle der Menſchen gilt, vorbringen konnte, als den ver⸗ meintlichen Moͤrder Bradfo rds, ins Gefäng⸗ niß abfuͤhrte, ſah er erſt den Naarund, der vor ihm geoͤffnet war, und ſeine faſt hoffnungsloſe Lage klar ein, und unr der Gedanke gewaͤhrte ihm noch einen ſchwachen Lichtſtrahl von Hoff⸗ nung, daß ſein Freund und Handelsgefaͤhrte nur zeine Tagereiſe von ihm entfernt ſei. Denn daß dieſer nicht allein gleich nach erhaltner Nachricht herbeieilen, ſondern auch die Trauerpoſt den ge⸗ liebten Eltern mit moͤglichſter Schonung anbrin⸗ gen wuͤrde, davon war er feſt uͤberzeugt. Er bat alſo um die Erlaubniß zu Grsßßew erhielt ſie, und nachdem er in einem Briefe an Courtnay⸗ ſeine voͤllige Unſchuld mit dem feſten Vertrauen dargethan hatte, daß dieſer keinen Zweifel in die Wahrhaftigkeit ſeiner Ausſage ſetzen wuͤrde, fuͤhlte er ſich ruhiger und ergab ſich dem Willen und dem Schutze des Weſens, das nicht Lichur, wie Menſchen richten. 251 Wir wollen es nicht verſuchen ſeine Gefuͤhle zu beſchreiben, als die Nacht des Kerkers uͤber ihn einbrach, und er ſich gefangen, gefeſſ elt, und als einen Moͤrder verabſcheut ſah; obgleich ſein Be⸗ wußtſeyn ihn von jedem benbflchtigtein Verbrechen freiſprach, inſoferne man den Vorſatz, einem Men⸗ ſchen im Zweikampfe Au begegnen, Betzahulis nicht ſo hart benennt. 3 Das bitterſte äber ſüt ihn war der Gedäͤnke, was ſeine Eltern, ſeine Familie, ſeine Freunde leiden wuͤrden.„Sie werden dich indeß gewiß keinen Augenblick fuͤr ſchuldig halten,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.—(Endlich gelang es ihm, ſeine Seele durch Gebet zu erheben, und er ſiel in einen ſanften, erquickenden Schlummer. Wie verſchieden von dieſen, fuͤr Heinrich ſo qualvollen Stunden, floſſen indeß die Tage im elterlichen Hauſe dahin. Es nahete ſi ich der lang erwartete, heiß erſehnte Tag, da die Ehren⸗ ſchuld,(wie die wuͤrdigen Alten es zu nennen pflegten,) voͤllig getilgt werden ſollte, und erſt 273 nach dieſem Zeitraume glaubten ſie den Blick wie⸗ der frei gegen einen Jeden heben zu koͤnnen. Woodville hatte beſchloſſen an dem Tage ein großes Mittags⸗Eſſen zu geben, und alle, die nur im mindeſten durch ſeinen Banquerott gelitten hatten, erſchienen zur beſtimmten Stunde als geladene Gaͤſte, ohne auch nur entfernt zu ahnen, was ihrer dort wartete. Ein großes Feſt in einem Hauſe, wo ſeit geraumer Zeit kein Feſt gegeben war, erregte die Aufmerkſamkeit Aller, und einige fluͤſterten ſchon in Geheim uͤber den Aufwand, den Woodvil⸗ les nun wieder anfingen zu machen, fuͤrchtend der alte Herr habe gaͤnzlich vergeſſen daß er damals nur 40 pro Cent haͤtte bezahlen koͤnnen. Die Gaͤſte waren verſammelt, das Eſſen ſtand auf dem Tiſche. Nur mit großer Anſtren⸗ gung hielt der Alte noch die Bekanntmachung zu⸗ ruͤck, waͤhrend er von Zeit zu Zeit beſonders freundliche Blicke auf zwei oder drei Menſchen in der Geſellſchaft warf, von denen er es wußte daß eine unerwartete Summe ihnen grade jetzt beſonders willkommen ſeyn wuͤrde. Frendig ſchlug ſein dankbares Herz bei dem Gedanken, daß er O. 1. 18 1 1 274 nun wieder im Stande ſei denen aufzuhelfen, die ihm in ſeinem Ungluͤcke ſo treu zur Seite geſtanden hatten. Ungewoͤhnlich lange ließ ſi ch einer der Gaͤſte erwarten, und ſchon wollte Woodville, der es vor Ungeduld nicht mehr aushalten konnte, die großen, leinenen Beutel mit Muͤnze, Bank⸗ noten und Wechſeln austheilen, um die Geſell⸗ ſchaft zum Nachtiſch damit zu traktiren, als der ausgebliebene Gaſt ſo blaß und verwirrt in den Speiſeſaal trat, daß ſein Benehmen aller Augen auf ſich zog, ausgenommen die des Wirths, der nur an die Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens dachte. Feierlich erhob der ehrwuͤrdige alte Mann ſich jetzt von ſeinem Sitze, indem er ſich mit vor Ruͤhrung zitternder Stimme an alle ſeine Gaͤſte wandte, und ſie mit der Abſicht ſeiner heu⸗ tigen Einladung bekannt machte. Jedem gab er einen Beutel, welcher die Summe, die er ihm ſchuldig geblieben war, nebſt den gehoͤrigen In⸗ „tereſſen, enthielt.— Aber obgleich alle uͤberraſcht und dankbar geruͤhrt ſchienen, war es der zuletzt eingetretene Fremde, Namens Adderly, ſo be⸗ ſonders, daß er, als Woodville erklaͤrte: 275 dies ſei der ſchoͤnſte und gluͤcklichſte Tag ſeines Lebens, ſchnell von ſeinem Sitze aufſprang, und ans Fenſter ging, um ſeine heftige Bewegung zu verbergen. Mit zitternder Hand und einer Freudenthraͤne im Auge, fuͤllte der Alte nun einen Becher, hob ihn in die Hoͤhe, und bat die Anweſenden, die Partheilichkeit eines Vaters zu entſchuldigen, wenn er die Geſundheit ſeines Sohnes, Hein⸗ rich Woodville, ausbraͤchte, der ſich jede Be⸗ quemlichkeit, die ſeine Lage ihm erlaubte, entzo⸗ gen haͤtte, um ſeinen Vater dadurch fruͤher in den Stand zu ſetzen ſeine Schulden bezahlen, und ſeine gewohnte Lebensweiſe wieder an⸗ fangen zu koͤnnen.„Und erlauben ſie mir,“ ſetzte er hinzu,„dieſer Geſundheit den Wunſch beizufuͤ⸗ gen, daß jeder von ihnen mit einem aͤhnlichen Sohne geſegnet ſeyn moͤge!“ Adderly ſuchte ſich bei dieſen Worten zu ermannen; auch er nahm ſein Glas in die Hand; kaum aber hatte er den Wein an die Lippen ge⸗ bracht, als er es wieder niederſetzte, in Thraͤnen ausbrach und rief:„Nein, ich kann es nicht hinunterbringen, es erſtickt mich!“ Bei dieſen 18* 226 Worten lehnte er den Kopf auf den Tiſch, und ſchluchzte laut. Eine unbeſchreibliche Augſt ergriff jetzt das Herz der zaͤrtlichen Mutter; ſie eilte zu dem Fremden und beſchwor ihn, bei allem was ihm theuer fei, die Urſache ſeiner Bewegung nicht laͤnger zu verhehlen, ſondern ihr zu ſagen, ob den geliebten Sohn ein Ungluͤck getroffen habe?— Unfaͤhig die Frage zu beantworten, zog Ad⸗ derly ſtillſchweigend ein Zeitungsblatt aus der Taſche, welches er in dem Augenblicke empfan⸗ gen hatte, da er ſich zur Geſellſchaft begeben wollte, und uͤberreichte es dem jungen Hart⸗ court,(Eliſabeths Braͤutigam,) der, indem er es las, leichenblaß wurde, und den alten Woodville bat mit ihm in ein anderes Zim⸗ mer zu gehen. 1b „Nein, auch wir wollen es wiſſen!“ riefen Mutter und Tochter im Tone der hoͤchſten Angſt, indem ſie in banger Erwartung den andern ſolg⸗ ten.. Das Blatt enthielt eine Erzuͤhlung des gan⸗ zen traurigen Vorfalls, und verſetzte nun durch ſeinen ſchrecklichen Inhalt die Familie, welche den „³ 277 Tag noch am Morgen als den gluͤck lichſten ihres Lebens geprieſen hatte, in den alerle ammnerfs⸗ wuͤrdigſten Zuſtand. Einen kleinen Troſt gewaͤhrte donen die all⸗ gemeine Behauptung der Gaͤſte, daß es unmoͤg⸗ lich ſei Heinrich Woodville ſchuldig zu glauben; und als nun der ungluͤckliche Vater auf der Stelle zu dem geliebten Sohne abreiſte, hatte er wenigſtens die Genugthuung, ſich beim Ein⸗ ſteigen in den Wagen von zahlloſen Freunden umringt zu ſehen, die ihm ihre Dienſte anho⸗ then, und die herzlichſten Wuͤnſche fuͤr Hein⸗ richs baldige Losſprechung auf den Weg gaben. Lang und traurig war die Reiſe fuͤr den ge⸗ beugten Vater, obgleich er ſich nicht allein, ſon⸗ dern in Geſellſchaft eines treuen Freundes und Nachbars befand.— Noch langſamer ſcehlichen die Augenblicke fuͤr die ungluͤckliche Mutter und Schweſter dahin, die auf Woodvilles aus⸗ druͤckliches Gebot hatten daheim, unter Hart⸗ courts Obhut, bleiben muͤſſen, obgleich ſie ſich wohl unendlich geſehnt hatten, den theuren Sohn und Bruder zu fehen. 278 Auch ihm ſchwanden jetzt traurig einſame Stunden im finſtern Kerker; doch verließen wir ihn getroͤſtet durch die fuͤße Vergeſſenheit, die fůr uns M enſchen im wohlthaͤtigen Schlafe liegt. In der ganzen Stadt Abingdon ward von nichts als dieſer Bezebenheit geſprochen; je⸗ der hatte das Intereſſe fuͤr andere vorkommende Rechtsfäͤlle verloren und ſchien einzig auf dieſe Sache geſpannt, die am Ende der Woche vorge⸗ nommen werden ſollte, und mit der man die diesmaligen Sitzungen ſchließen wollte. Wie es aber nur zu haͤufig bei ſolchen Gelegenheiten der Fall iſt, ſo ging es auch hier; der ungluͤckliche Heinrich wurde ſchon zum voraus verurtheilt und ſchuldig erklaͤrt, ehe die Sache noch zum eigentlichen, gerichtlichen Verhoͤr gekommen war. Sogar die Fremden, welche an der Wirths⸗ tafel beim Streite gegenwaͤrtig geweſen, damals Bradſords poͤbelhafte Auffuͤhrung getadelt, Heinrichs Betragen hoͤchlich gebilligt hatten, fuͤhlten ſich jetzt durch das ſchreckliche Ende des Erſteren ſo ſehr zum Mitleiden geneigt, daß auch ſie der Meinung wurden, Heinrich habe ſich verſtellt. Einer unter ihnen, der naͤmliche 279 welcher ſich gleich zum Secundanten des jungen Mannes erbot, erinnerte ſich jetzt der Hindeu⸗ tungen Bradfords auf elende, heuchleriſche Buben, welche ſeichte Maͤnner bei der ſchwachen Seite faßten, um ehrliche junge Leute aus dem . Brod zu ſtoßen, und ſich daun in ihre Rechte einzuſetzen, und glaubte üͤberzeugt zu ſeyn daß dieſe Worte wohl auf Heinruch haͤtten gehen ſollen. Genug, ſo guͤnſtig man arach fruͤher uͤber ihn geurtheilt hatte, ſo ſehr verdamm te man ihn jetzt, und entſchuldigte Bradf. ords voͤbelhafte Aufführung mit der ſchlechten Behandlung, die er gewiß von Heinrich erfahren haͤtte. Der weſentlichſte enhee ihn war Tho⸗ mas, der Kellner, welcher Bradford wecken ſollte.— Auch Everett war ſchon vorlaͤufig verhoͤrt, und trat, nachdem er ſich durch eine gute Menge Branntwein geſtaͤrkt hatte, mit einer Unverſchaͤmtheit, die er ſich ſelber kaum zutraute, gleichfalls als Zeuge des Streits an der Wirths⸗ tafel gegen ihn auf. Eins verdroß ihn nur bei der Sache, naͤmlich, daß man ihm nicht erlau⸗ ben wollte die Stadt zu verlaſſen, bis er ſeine 280 Ausfage sffelitlich vor Glles wiehat haben wurde. Als Heinrich am naͤchſten Morgen er⸗ wachte, keinen theilnehmenden Freund um ſich ſah, hielt er es fuͤr ſeine Pflicht, wenigſtens alle in ſeiner Gewalt ſtehenden Mittel zu ergrei⸗ fen, um ſeine traſchuld zu vertheidigen, und verkangte daß mon unvetzuͤglich den verſtaͤndigſten Rechtegelehtted. in der umliegenden Gegend zu ihm ſchicken ſolle. u Ungluͤcklicher Weiſe war die⸗ ſer ſchon fuͤr die Gegenparthei in Beſchlag ge⸗ nommeſar, doch fandte man ihm einen andern, der, nach der Meinung des Publikums, den zweiten Rang in dieſer Hinſicht einnahm. In Heinrichs ganzem Weſen und An⸗ ſehen lag ſoviel unſchuldig redliches, der Ton ſeiner Stimme war ſo einnehmend, daß der her⸗ beigerufene Anwalt Murray keinen Augenblick gkauben konnte, einen abſichtlichen Möoͤrder vor ſich zu haben, ſondern in feinem Innern uͤber⸗ zeugt war, wenn er wirklich Bradford getod⸗ tet habe, ſei es aus Nothwehr geſchehen. Auch ſchwand ſeine einmak gefaßte guͤnſtige Meinung uͤber Heinrich nicht, als dieſer ihm eine ein⸗ 281 fache Schilderung ſeines vergangenen Lebens, ſei⸗ ner Familien⸗Umſtaͤnde, ſeiner Ausſichten und Plaͤ⸗ ne, bis zu jener unglätktichen Nacht, vorlegte, und ſein Antheil faͤr den uͤngtäͤcklichen jungen Mann ſtieg noch um ein Großes in dem Augen⸗ blicke, in welchem er ihm den Schinerz ſeinei Eltern ſchilderte, der ihn nehr maſt⸗ Sals fein eigenes Schickſak. 1not Gel) „Ich kann ſie in meinem Herzen keinen Alu⸗ genblick fuͤr ſchuldig erklaͤren, ſagte der Anwalt mit ſtockender Stimme, und doch muß iich lei⸗ der geſtehen daß der Schein auf eine ungewoͤhn⸗ liche Weiſe wider ſie iſt. Bezeugten die Umſte⸗ henden nur, daß ſie eben ſo betrunken als Brad⸗ ford geweſen waͤren, oder koͤnnten ſie nur be⸗ zeugen daß ſich irgend ein geiſtiges Getraͤnk auf ihrem Zimmer befand, ſo wuͤrde ich geneigt ſeyn zu glauben, ſie haͤtten den ungluͤcklichen Menſchen in einem Anfall von halbem Wahnſinn und voͤlli⸗ ger Trunkenheit umgebracht, ohne jetzt ſelbſt eine Ahnnns davon zu haben.“ „Aber niemand kann mich dieſes Umſtandes des Trinkens und Betrunkenſeins zeihen, erwie⸗ derte Heinrich, weil es wirklich nicht der Falk ——QOQO.—ꝭ—᷑—᷑—C&Lÿj—— 28²2 war. Ich ging in einem mir ſelbſt bewußten Zuſtande in mein Zimmer, und genoß dort nichts mehr. Doch werde ich es bis ans Ende meines jetzt vielleicht nur noch kurzen Lebens bereuen, daß ich es mir erlaubte mehr geiſtige Getraͤnke zu mir zu nehmen, als es ſonſt meine Gewohn⸗ heit iſt; denn waͤre ich ſo nuͤchtern als gewoͤhn⸗ lich geweſen, wuͤrde ich gewiß nicht ſo feſt ge⸗ ſchlafen haben„ um das Eintreten eines Men⸗ ſchen, der mir meinen Degen vor dem Bette wegnahm, nicht zu hoͤren. Auch zweifle ich nicht daß der naͤmliche, der den armen Bradford ermordete, mir auch meine Bruſtnadel ſtahl, die er in dem blutigen Kampfe wieder verlor. Zu⸗ gleich erinnere ich mich deutlich, um drei Uhr Morgens etwas an meiner Thuͤr gehoͤrt zu ha⸗ ben, das ſich aber auf meine Frage: wer da?— gleich wieder entfernte; jetzt vermuthe ich freilich daß dies der Moͤrder war, der in der Abſicht 5 ſeinen Raub zu holen, zuruͤckkehrte.— Wer kann es aber geweſen ſeyn?“— Der Advocat pflichtete Heinrichs Muth⸗ maßungen bei, indeß vermochte auch er die letzte Frage nicht zu entraͤthſeln. Es konnte der Wirth, 283 es konnte einer der Aufwaͤrter geweſen ſeyn, doch fielen Beider Muthmaßungen vorzuͤglich auf Tho⸗ mas, der zuerſt einen Verdacht gegen Hein⸗ rich geaußert hatte, und der Rechtsgelehrte nahm ſich vor, dieſen Menſchen vor Gericht beſonders ſcharf zu verhoͤren. „Murray, der von Heinrics gauzem Weſen und der Unterhaltung mit ihm ſehr zu ſeinen Gunſten eingenommen war, begab ſich jetzt zu ſeinem Collegen Rickwood, der vom Vater und Bruder des Ermordeten beauftragt war, die Sache der Gegenparthei zu fuͤhren. Obgleich der junge Bradkord ſeinen Va⸗ ter bisher oft ſchwer betruͤbt hatte, ſo konnte in dieſem Augenblicke doch kein anderes Gefuͤhl in ihm die Oberhand gewinnen, als der Schmerz, den Sohn, in der Bluͤthe der Jahre, auf eine ſo ſchreckliche Weiſe verloren zu haben, und ihm ſeine vorigen Vergehungen nun nicht mehr lebend vergeben zu koͤnnen. Sein zweiter Sohn, John, war zwar uͤber des Bruders Tod nicht ſehr trau⸗ rig, doch fuͤhlte er einen unausloͤſchlichen Haß gegen den Moͤrder, und glaubte beſtimmt, dies koͤnne kein anderer ſeyn, als der ſeit langer Zeit 284 don der ganzen Familie ſchon beneibete und ge⸗ haßte Heinrich Wood ville. K. zoie . Auf dieſe Weiſe war natuͤrlich ihr Anwald Rich wood ſchon aufs außerſte von ihnen gegen den unſchuldigen Heinrich eingenommen, und ſie hatten ihn foͤrmlich zu der Meinung zu ſtim⸗ men gewußt, Herr Courtnay, ein fehr ſchwa⸗ cher Mann, ſei durch allerhand Schliche und Naͤnke der Familie Woodville dahin gebracht worden, Heinrich den Antheil der Handlung z1 geben, welcher dem jungen B Bradford ſchon verſprochen geweſen war. 1 Der arme Heinrich fuͤhlte ſich in ſeinen Erwartungen ſehr getaͤuſcht, als er ſeinen vaͤter⸗ lichen Freund C ourtnay nicht zu ſeinem Tro⸗ ſte herbei eilen ſah. Bald aber ſollte er durch einen Brief aus dieſen peinlichen Zweifeln geriſ⸗ ſen werden. Herr Courtnay meldete ihm daß er ſich beim Empfange ſeiner Trauerpoſt auf einer nothwendigen Reiſe, dreißig Meilen von der „Hauptſtadt entfernt befunden habe, ſogleich aber zuruͤckgekehrt ſei, und morgen bei ihm eintreffen werde.„Ich zweifle eben ſo wenig an deiner Unſchuld, als an der meinigen, fuͤgte er hinzu, und 285 habe gleich einen reitenden Boten an deinen Va⸗ ter abgefertigt, der gewiß bald nach mir bei dir ſeyn wird. Bis dahin verzage nicht, mein ge⸗ liebter Heinrich!“. Wie ſuͤß, wie beruhigend n war dieſer Brief und die Ausſicht, ſeinen großmuͤthigen Wohlthaͤter ſchon morgen zu ſehen, fuͤr das Herz des armen Heinrichs! Wußte er auch daß Courtnay's Zeugniß ihn nicht losſprechen konnte, ſo lag ſchon in dem Gedanken, dieſer Mann werde fuͤr ihn auftreten, ein unendlicher Troſt. Den geliebten Vater auch bei ſich zu ſehen, fuͤrchtete er eigentlich mehr, als er ſich daruͤber freuen konnte.— Mitt tiefer Bekuͤmmerniß ſah er dem theuren Greis entgegen, deſſen hoͤchſter Stolz er bisher geweſen war, und den er nun, obgleich unſchuldiger Weiſe, wahrſcheinlich mit Schande beladen ſollte. „ Wie gluͤcklich iſt es nun doch, ſagte er in ſeinem einſamen Kerker zu ſich ſelbſt, daß Em⸗ my Vincent mich und meine Geſinnungen fuͤr ſie nicht kennt, und daß mein hartes Geſchick nicht auch noch das Herz dieſes geliebten Maͤd⸗ chens bricht. Der Schmerz, den ich meinen El⸗ 4½ 286 tern, meiner Schweſter und meinen Freunden be⸗ reite, laſtet ſo ſchon ſchwer genug auf mir!“ Courtnay kam, nachdem er die ganze Nacht durchgereiſt war, ſchon am naͤchſten Mor⸗ gen fruͤh an. Es war ein ruͤhrendes, erheben⸗ des Wiederſehn, doch wurde die Hoffnung des gluͤcklichen Ausgangs der Sache, mit der er ſich noch im Gefaͤngniſſe ſchmeichelte, bald durch die niederſchlagende Verſicherung von Heinrichs Anwalt geſtoͤrt, daß leider alle Ausſagen unguͤn⸗ ſtig lauteten, und alle Gemuͤther daher gegen den unſchuldig Angeklagten geſtimmt waͤren. Unmoͤg⸗ lich war es, das letzte gerichtliche Verhoͤr laͤnger hinaus zu ſchieben, und der ſo verhaͤngnißvolle Tag erſchien. Der Gerichtshof war ſchon fruͤh am Mor⸗ gen mit Leuten aus allen Staͤnden angefuͤllt, und ſogar Damen ſcheueten ſich nicht unter der Menge zu erſcheinen, indem ſie ſich wahrſcheinlich uͤberre⸗ deten, nicht Neugierde, ſondern Abſcheu des Ver⸗ brechens fuͤhre ſie dahin; denn ohne den Be⸗ klagten noch einmal geſehen zu haben, ſiel keinem auch nur von Ferne der Gedanke ein, daß er un⸗ ſchuldig ſeyn koͤnne. 3— ₰ 287 Aber aller, ſo hoch geruͤhmte Abſcheu gegen das Verbrechen ſelbſt und den Verbrecher ſchwand, als Heinrich an der Seite ſeines Freundes Courtnay hereintrat, und ſeinen ihm angewie⸗ ſenen Sitz vor den Schranken einnahm. Sein jugendlich ſchoͤnes, maͤnnliches Anſehen, die Lieb⸗ lichkeit ſeines Ausdrucks, die ſich ſogar in dieſer bedraͤngten Lage immer gleich blieb, und die ruhige Ergebung, die aus ſeinem ganzen Weſen hervor⸗ leuchtete, machten einen ſo allgewaltigen Eindruck auf die verſammelte Menge, daß der Abſcheu ge⸗ gen das Verbrechen ſich in allgemeine Bewunde⸗ rung fuͤr den Angeklagten aufloͤſte. Als er nun vollends, nach dem Gebrauche, die Worte:„nicht ſchuldig,“ mit einer ruͤhrenden, aber feſten, ſichern Stimme ausſprach, ſchlug manches Herz mitleids⸗ voll fuͤr den, deſſen Namen man noch einige Augenblicke zuvor nicht ohne Greuel hatte aus⸗ ſprechen konnen, und mancher, der mit dem be⸗ ſtimmten Wunſche ihn verurtheilt zu ſehen, in den Gerichtshof trat, haͤtte jetzt vieles darum gegeben, ihn freiſprechen zu hoͤren. Der gelehrte und beredte Mann, welcher gegen ihn auftreten ſollte, wurde nur zu bald den 288 guͤnſtigen Eindruck gewahr, den der Gefangene auf die Verſammlung gemacht hatte, und ſchoͤpfte hieraus neuen Zunder fuͤr das Feuer ſeiner Be⸗ redſamkeit, indem er die Richter warnte, ſich nicht durch die ſo ſehr gefaͤllige Auſſenſeite des Beklag⸗ ten beſtechen zu laſſen, die, er leugne es nicht, auch ihn fuͤr ihn eingenommen haben wuͤrde, waͤre er nicht durch unwiderlegbare, ihm dargethane Thatſachen zu der gruͤndlichen Erkenntniß ge⸗ bracht, daß auch hier, wie ſo oft im Leben, der Schein truͤge.— Nun begann er dieſe Umſtaͤnde, welche er Thatſachen nannte, zu entwickeln, naͤmlich: den vorhergegangenen Streit; die Abſicht des Zwei⸗ kampfs auf den folgenden Morgen; die ſchweren Beſchuldigungen, welche, nach Ausſage der ſich gegenwaͤrtig befindenden Herren, von dem Er⸗ mordeten gegen den Angeklagten an jenem Abende vorgebracht waren, und welche nur durch Blut abgewaſchen werden konnten; die auffallende Be⸗ ſtuͤrzung des Gefangenen, als der Kellner um fuͤnf Uhr Morgens hereingetreten ſei, um den Ermordeten zu wecken; der Umſtand daß Beklag⸗ ter ſich um dieſe Zeit ſchon außer dem Bette und 289. angekleidet befunden, auch ſein Felleiſen gepackt, gehabt habe, und vor allem ſein mit Blut be⸗ ſpritzter Degen und ſeine diamantne Bruſtnadel, die vor dem Bette des Ermordeten gefunden, und wahrſcheinlich waͤhrend des Kampfes abge⸗ brochen ſei.— Dies alles, nebſt der Unwahr⸗ ſcheinlichkeit, daß irgend ein Anderer die That koͤnne verrichtet haben, da keine Spur oder Zei⸗ chen von Blut ſich in irgend einem Theile des Hauſes, noch an irgend einem Bewohner des Gaſthofes gefunden habe, auch kein Diebſtahl vollfuͤhrt worden ſei, ſpreche ſo buͤndig gegen den Angeklagten, daß er, der Rechtsgelehrte, ſich nie eines Falles erinnere, in welchem eine Anklage auf, beweiſendere Thatſachen gegruͤndet geweſen waͤre. Die Beredſamkeit dieſes Mannes, die ihm be⸗ ſonders eigne Kunſt, womit er Vortrag und Worte zu ordnen, und die Klarheit, mit der er das Ganze zu entwickeln verſtand, machten keinen geringen Eindruck auf Richter und Zuhoͤrer, und legten ein ſchweres Gegengewicht in die Wage, die ſich ſo eben, durch Heinrichs perſoͤnliche Anmuth, zu ſeinem Vortheile geneigt hatte. Sogar der O. I. 19 290 unſchuldig Beklagte mußte das Werkzeug bewun⸗ dern, welches ſein Leben zu vernichten drohete; ſo hoch er aber noch wenige Tage fruͤher die Kunſt der Beredſamkeit geſtellt hatte, ſo ſchau⸗ derte ihn nun doch bei dem Gedanken, daß es in ihrer Macht ſtaͤnde, Verderben uͤber einen voͤl⸗ lig Schuldloſen zu bringen. Als der Rechtsgelehrte ſeine Rede geendigt hatte, rief er ſeine Zeugen auf, unter denen auch Everett ſich befand. Dieſer hatte Sorge ge⸗ tragen, ſeine Augen durch einen gruͤnen Schirm dem Blicke der Zuſchauer zu verbergen, und da er eine ſtarke Erkaͤltung vorſchuͤtzte, ſprach er in einem rauhen, faſt unverſtaͤndlichem Tone. Brannt⸗ wein und Opium- gaben ihm Kraft ſein kurzes Verhoͤr zu beſtehen, und Murray, der ungluͤck⸗ licher Weiſe den ſtaͤrkſten Verdacht auf Thomas geworfen hatte, hielt es nicht der Muͤhe werth, ein ſcharfes Gegenverhoͤr mit jenem zu beginnen. Seine Ausſage lautete alſo nur ganz einfach, daß er den Streit zwiſchen dem Gefangenen und Er⸗ mordeten mit angehoͤrt habe; man erlaubte ihm bald abzutreten, und geſtattete ihm ſogar die * — 291 Stadt zu verlaſſen, ſobald er wolle, von welcher Erlaubniß er augenblicklich Gebrauch machte. Das Gegenverhoͤr des Thomas machte Murray's Scharfſinn Ehre; da der Mann aber feſt in Behauptung ſeiner erſten Ausſage be⸗ harrte, und man keinen guͤltigen Beweis gegen ihn aufſtellen konnte, war natuͤrlich auch dieſer Verſuch zu Heinrichs Rettung fruchtlos. Es blieb Murragy alſo fuͤr ſeinen Clienten nichts weiter zu thun uͤbrig, als die Unwahrſchein⸗ lichkeit in das hellſte Licht zu ſtellen, daß ein bisher in aller Hinſicht liebenswuͤrdiger junger Mann, von deſſem edlen Betragen er die buͤndigſten Zeug⸗ niſſe darthun koͤnne, im Stande ſei ein ſolches Ver⸗ brechen zu begehen. Waͤhrend er ſeine Behaup⸗ tung noch mit aller Kraft der Rede zu entwickeln ſtrebte, wurde dem Gefangenen ein Billet einge⸗ haͤndigt. Heinrich las es, und lehnte ſich, faſt außer aller Faſſung, an die Schulter ſeines Freun⸗ des Courtnay.. 1 So wie Murray dies bemerkte, hielt er inne, um ſich das Papier auszubitten, uͤberſah ſchnell den Inhalt, und erſuchte die Richter um Erlaubniß es laut vorleſen zu duͤrfen. Der An⸗ 19* —— ——ÿÿy 292 walt der Gegenparthei aber erklaͤrte, dies gehoͤre nicht hieher, da der Ausſpruch der Jury nicht durch Gefuͤhle beſtochen werden duͤrfe. Doch als Murragy hartnaͤckig auf ſeiner Forderung beſtand, willigte Rickwood endlich darein, hinzuſetzend: er wuͤrde nicht nachgeben, wenn er nicht durch ſeine vorgelegten Beweiſe des richterlichen Aus⸗ ſpruchs ſchon gewiß waͤre. Das Billet war von Heinrichs Warer⸗ und enthielt Folgendes: „Ich hin hier, mein theurer, unſchuldiger Sohn, und wuͤnſche zu wiſſen, ob die Gegenwart eines Vaters, deſſen Freude und Stolz du von jeher wareſt und noch biſt,(denn ſicher betraͤgſt du dich auch in dieſer ſchweren Pruͤfung mit Er⸗ gebung und Kraft,) dich troͤſten und aufrichten kann; in dieſem Falle eile ich ſogleich zu dir.“— So wie der Sachwalter dieſe Worte laut verleſen hatte, ſah man Mitleid und Nuͤhrung ſich uͤber die Menge verbreiten, welche ſich bald durch ein allgemeines Gemurmel aͤußerte. Der Richter unterbrach endlich das darauf folgende Stillſchweigen durch die an Heinrich gerichtete Frage, ob er wuͤnſche ſeinen Vater hier zu ſe⸗ — 293 hen?— Er verbat es, und Courtnay ent⸗ fernte ſich hierauf, um mit dem gebeugten Greiſe zu ſprechen. Murray, durch die erhaltene Erlaubniß die vorhergehenden Zeilen vorzuleſen, kuͤhner ge⸗ macht, erſuchte jetzt die Richter, der Verſamm⸗ lung noch einen Brief mittheilen zu duͤrfen, der den Charakter des Vaters und Sohnes in ein helles Licht ſtellen wuͤrde.. Dieſer Brief, vom alten Woodville an Heinrich, war grade wenige Tage nach der Gefangennehmung des Letzteren eingetroffen. Er ſagte ſeinem Sohne darin, wie er endlich im Stande ſei, ſeinen Glaͤubigern das ganze ihnen noch ſchuldige Kapital, nebſt den Intereſſen zu zahlen, und wie er ſie zu dieſem Endzwecke alle an einem beſtimmten Tage bei ſich eingeladen habe. Der gute Alte beſchrieb nun die Freude, welche er daruͤber empfinden werde, die noch um ein Großes durch den Gedanken erhoͤht ſeyn wuͤrde, daß des Sohnes kindliche Liebe keine Aufopferun⸗ gen und Entbehrungen geſcheut habe, um ihn durch ſeine thaͤtige Beihuͤlfe in den Stand zu ſetzen, die⸗ ſen ſo heiß erſehnten Angenblick fruͤher herbei zu 294 fuͤhren, und ihm dadurch wieder Ruhe uud Hei⸗ terkeit im Alter zu verſchaffen. Da ein Brief aber eben ſo wenig als ein Billet als buͤndige Beweiſe der Unſchuld gelten konnten, und da jener noch laͤnger als dieſer war, wurde dem Anwald das Vorleſen unterſagt, der jedoch darauf beſtand, wenigſtens den Haupt⸗In⸗ halt deſſelben zu erzaͤhlen und Herrn Courtnay zum Zeugen fuͤr Heinrichs Charakter aufrief. Dieſer treue Freund war ſo geruͤhrt, als er ſich von ſeinem Sitze zum Reden erhob, daß er in den erſten Augenblicken kein Wort hervorbringen konn⸗ te; als er aber endlich zu ſprechen begann, zeigten ſich ſeine Worte eben ſo beredt, als es ſein Still⸗ ſchweigen geweſen war. Ein anderer Zeuge wurde nun zu demſelben Endzwecke hervorgerufen, einer von Heinrichs jungen Freunden, und unerwartet folgten ihm mehrere andere, die alle begierig waren ein lau⸗ tes Zeugniß fuͤr die Tugend und den fleckenloſen Wandel ihres Freundes abzulegen. Dieſe jungen Leute waren, ſobald ſie die Nachricht von Heinrichs trauriger Lage em⸗ pfangen hatten, aus eignem Antriebe von London 295 und andern Staͤdten herbeigeeilt, und verlangten jetzt mit einmuͤthiger Stimme daß ihnen ein Eid abgenommen, und ihr Zeugniß gehoͤrt werde. „Edle Herren der Jury,“ ſagte Murray mit glaͤnzendem Auge und ſtockender Stimme, (nachdem er die Zeugen verhoͤrt, und ſein Geg⸗ ner, dem Gebrauche gemaͤß, ein Gegenverhoͤr mit ihnen angeſtellt hatte,)„geſchworne Männer des Gerichts, ich habe zu meiner Vertheidigung nichts mehr hinzuzufuͤgen.“ In dieſem Augenblicke erhob ſich Rick wood wieder, und obgleich weniger begeiſtert, als in der Rede, mit welcher er die Sitzung eroͤffnet hatte, zeigte er dennoch ſtrenge auf die Nothwendigkeit hin, welche die geſchwornen Maͤnner der Jury zwinge, nur nach Thatſachen, und nicht nach Ge⸗ fuͤhlen ihren Ausſpruch zu thun. Mit vollendeter Kunſt ſuchte er nun die Thatſachen, welche den Gefangenen vorzuͤglich ſtrafbar darſtellten, wieder dem Gedaͤchtniſſe voruͤber zu fuͤhren, zugleich be⸗ merkend, wie eine ſo vollkommne Tugend, als dem jungen Manne durch das Zeugniß ſeiner Freunde beigelegt werde, faſt auf Erden unerreich⸗ bar ſei, und daher dieſes uͤbertriebene Lob billiger 296 Weiſe den Verdacht des heuchleriſchen Charakters beſtaͤtige, deſſen er von dem ungluͤcklich Ermor⸗ deten beſchuldigt worden ſei. Dieſe letzte Bemerkung aber erregte ein ſo lautes Gemurmel des Mißfallens in der ganzen Verſammlung, daß der Richter ſich genoͤthigt ſah Stillſchweigen zu gebieten. Rickwood zog ſich auf ſeinen Sitz zuruͤck, beruhigt durch die Ueber⸗ zeugung ſeine Pflicht gethan zu haben. Der Richter zaͤhlte jetzt die Beweiſe auf, und uͤberließ der Jury die Entſcheidung. Die Berathung dauerte nicht lange, und ge⸗ gen die allgemeine Erwartung, ja ſelbſt jetzt gegen die allgemeine Hoffnung, lautete der Ausſpruch des Vorſitzers:—„Schuldig!“— Eine tiefe Stille, die nur durch ein nicht zuruͤckgehaltenes Murren von Heinrichs Freun⸗ den unterbrochen wurde, herrſchte jetzt im ganzen Gerichtshofe. Nur Heinrich allein ſchien gefaßt, obgleich ſein Geſicht mit der Blaͤſſe des Todes uͤberzogen war, und antwortete auf die ihm vorgelegte ge⸗ woͤhnliche Frage:„ob er noch etwas gegen dies Urtheil zu erinnern habe?“ mit ruhigem / 297 Ton der Stimme:„Ich habe nichts weiter zu ſagen, als daß dieſer Ausſpruch nicht haͤtte erfol⸗ gen ſollen, weil ich an dem mir aufgebuͤrdeten Verbrechen ſo unſchuldig bin, als es nur irgend einer in dieſer Verſammlung ſeyn kann. Aber ich fuͤhle daß der Schein ſehr gegen mich zeugt, und vergebe daher den eben vernommenen unge⸗ rechten Ausſpruch, weil ich vielleicht an der Stelle einer der Geſchwornen grade ſo entſchieden haben wuͤrde. Doch hoffe ich daß einſt der wirkliche Moͤrder entdeckt werden wird, und danke Gott, der mich lieber unſchuldig, als ſchuldig, ſterben laͤßt.“ Nachdem Heinrich ſchwieg, ſah man dem Richter die Ueberwindung an, welche es ihn ko⸗ ſtete, das Urtheil noch einmal zu wiederholen; er hielt einen Augenblick inne, und die wenigen noch gegenwaͤrtigen Frauen benutzten dieſen Zwi⸗ ſchenraum, um ſich eiligſt zu entfernen. Auch Courtnagy konnte die fuͤrchterlichen Worte nicht hoͤren; ein mitleidiger Nachbar fuͤhrte ihn hin⸗ aus, ehe das Urtheil verleſen wurde. Man geſtattete Heinrich jetzt ſich fortzu⸗ begeben; bei dem Gedanken aber daß er dem ar⸗ 298 men, gebeugten Vater entgegen gehen ſollte, ſchien ihn alle Faſſung zu verlaſſen. Doch auch dieſe Pruͤfung mußte uͤberſtanden werden, und er rief alle ſeine Kraͤfte zuſammen, um den Ungluͤcklichen aufrichten zu koͤnnen. Er traf den theuren Greis, auf Court⸗ nay's Schulter gelehnt, vor dem Eingange zu ſeinem Gefaͤngniſſe, ſeiner wartend. Auf das Geklirre der Ketten aber fuhr er erſchrocken auf, wandte den Blick, und als er ſah daß ſie den geliebten Sohn feſſelten, ſtuͤrzte er ſich auf ihn, und ſank ohnmaͤchtig in ſeine Arme. Erſt lange nachher fand er ſeine Beſinnung auf Hein⸗ richs Bette wieder. Wir wollen es nicht verſuchen die hierauf folgende Scene zu ſchildern, nur ſo viel ſei ge⸗ ſagt, daß Vater und Sohn ſich wechſelsweiſe ſo wiederholt durch den Gedanken aufzurichten ſuch⸗ ten, es ſei beſſer unſchuldig als ſchuldig zu ſter⸗ ben, daß ſie am Ende glaubten beide daaüri getroͤſtet zu ſeyn. 4 Da das urthal am Sonnabende geſprochen war, hatte Heinrich zwei Tage ſich auf ſeinen Tod vorzubereiten, und der Sonntag wurde voͤl⸗ 8 I 1 299 lig, ſeiner Lage gemaͤß, in erhebenden Troſtgruͤn⸗ den der Religion hingebracht. Endlich aber nahete der von ihm am mei⸗ ſten gefuͤrchtete Augenblick, der Abſchied von ſei⸗ nem Freunde Courtnay und von dem gelieb⸗ ten Vater. Als er ſich zuletzt noch mit dieſem allein befand, fuͤhlten Beide es tief, daß kein Troſtgrund hinreichend ſei den Schmerz einer ſol⸗ chen Trennung zu mildern. 4 Nur die gebietende Stimme des Gefangen⸗ waͤrters vermochte endlich den Vater aus den Armen des Sohnes zu reißen; man fuͤhrte den Greis faſt bewußtlos fort, hinter ihm ſchloſſen ſich die Angeln der ſchweren eiſernen Thuͤre, die nun fuͤr dieſes Leben auf immer Vater und Kind von einander trennen ſollte. In Verzweiflung warf Heinrich ſich auf das Bette, und wuͤnſch⸗ te in den erſten Augenblicken ſeiner Sinne beraubt zu werden, um nur die Groͤße des Schmerzes we⸗ niger zu fuͤhlen; doch dankte er Gott daß Mutter und Schweſter nicht auch zu ihm gekommen waͤren; denn wie wuͤrde es ihm moͤglich geweſen ſeyn, den Kummer des zaͤrtlichen, weichen Mutterherzens auch noch zu ertragen, und die Thraͤnen der 300 Schweſter, der Swielgekihttin ſeiner Kindheit, der Freundin ſeiner reiſgin Iahre, ſneßen zu fe⸗ hani—* 6 Wit bemerkten vorher daß der ungluͤckliche Vater mit Gewalt aus den Armen des Sohnes geriſſen werden mußte; aber Thraͤnen ſtanden ſo⸗ gar in den Augen des ſonſt gewoͤhnlich unem⸗ pfindlichen Gefangenwaͤrters, als er den faſt wahnſinnigen Greis Heinrichs jungen Freun⸗ den uͤberlieferte, die draußen ſeiner warteten. Er druͤckte noch einmal theilnehmend des Alten Hand, und bat ihn mit ſo tief geruͤhrter Stimme, ſich zu faſſen, daß die jungen Leute ihn mit Er⸗ ſtaunen anblickten, und ſich fragten, wie noch ſo viel Mitleid in der Bruſt eines Gefangenwaͤrters leben koͤnne. Sie ahneten nicht daß hier ein ungluͤcklicher Vater dem andern Troſt einzuſpre⸗ chen ſuchte; ſie wußten nicht daß der Sohn die⸗ ſes Mannes, den abar niemand fuͤr ſeinen Sohn hielt, am naͤmlichen Morgen zum Strange verur⸗ theilt worden ſei, und daß er in Woodvilles Kummer ſeinen eigenen erneuert fuͤhlte.— Heinrich hatte ſowohl ſeinen Vater als Courtnay gebeten, nicht bei ſeiner Hinrichtung 301 zugegen zu ſeyn, da die Anweſenheit Beider ihm den Todes⸗ Streich noch ſchwerer machen und ſeine Faſſung, die er in den letzten Augenblicken ſo ſehr zu erhalten wuͤnſchte, voͤllig zerſtoͤren wuͤrde. Auch erſuchte er ſie, lieber die Stadt vor der ſchrecklichen Kataſtrophe zu verlaſſen. Hierzu aber war keiner zu bereden; es ſchien ihnen ein Troſt darin zu liegen, die letzte traurige Pflicht gegen ihn zu erfuͤllen, und ſie beharrten darauf, auch vor den Augen der Welt zu zeigen, wie theuer ihnen die Ueberreſte eines Juͤnglings waͤ⸗ ren, den ſie im Leben geliebt, und den ſie auch im Tode ehren wollten, obgleich das Geſetz ihn vor den Augen der Welt geſchaͤndet hatte. „Dies unſchuldige Opfer ſoll wenigſtens ein ehrliches, anſtaͤndiges Begraͤbniß haben,“ rief Courtnay.— Auch fuͤrchteten ſie nicht durch die Beleidigungen des Poͤbels in dieſer feierlichen Handlung geſtoͤrt zu Werden; denn ſo wandelbar iſt Volksmeinung, daß dieſelbe Menge, welche einige Tage fruͤher Bradfords Leiche mit Aus⸗ rufungen des Mitleids und lauten Verwuͤnſchun⸗ gen gegen den Moͤrder zu Grabe geleitet hatte, ſich jetzt bereitete mit noch hoͤherem Bedauern 302 dem Leichenzuge des ungluͤcklichen jungen Mannes zu folgen, den der Ausſpruch des Geſetzes als Moͤrder des erſteren erklaͤrt hatte. Ja, als der ihn verdammende Urtheilsſpruch öffentlich bekannt gemacht wurde, ſprach die ſo wandelbare Stim⸗ me des Volks ihn von aller Schuld frei, und man hoͤrte laut die Worte rufen:„Laßt uns ihn befreien!— er muß gerettet werden!“— Doch wir kehren zu Heinrich zuruͤck. Als ſich die erſten heftigſten Aufwallungen des Schmer⸗ zes, nach dem Abſchiede vom Vater, in ſeiner Bruſt gelegt hatten, Vernunft und Religion wieder ihr Recht uͤber ihn behaupten konnten, ſetzte er ſich nieder, um noch einige kleine Geſchaͤfte, gleich⸗ ſam ſeinen letzten Willen, fuͤr dieſe Welt zu ord⸗ nen und niederzuſchreiben. Jedem, der ihm theuer war, ließ er ein kleines, freundliches Andenken zuruͤck; vorzuͤglich aber ſchrieb er der Mutter und Schweſter einen Abſchieds⸗Brief, um ihnen da⸗ durch die Verſicherung zu geben daß ſie, nebſt dem Vater, die letzten irdiſchen Gegenſtaͤnde waͤ⸗ ren, bei denen ſeine Erinnerung hienieden weile, und daß er ihrer noch in ſeinem letzten Gebet — — Haupte ſchon gezuckt ſeyn wuͤrde.— 3⁰03 gedenken werde, wenn das Beil uͤber ſeinem Nachdem er dieſe theure Pflicht vollendet, und ſich Gott in einem inbruͤnſtigen Gebete em⸗ pfohlen hatte, kleidete er ſich aus, ging zu Bette, und fiel bald in einen ruhigen, erquickenden Schlaf. Kaum mochte er zwei Stunden geſchlafen haben, als er durch das Aufſchließen der eiſer⸗ nen Thuͤre ſeines Gefangniſſes erweckt wurde, und den Gefangenwaͤrter hereintreten ſah. „Iſt es moͤglich daß es ſchon Morgen iſt, rief Heinrich traurig, und iſt der ſchreckliche Augenblick denn wirklich ſchon ſo nahe?“ „Seid ruhig,“ erwiederte der Gefangen⸗ waͤrter mit leiſer Stimme,„es iſt erſt Mitter⸗ nacht, und ich komme euch zu befreien!“ „Mich zu befreien!“ „Ja, ja;— aber kommt, zieht euch ſchnell an; doch wartet, laßt mich erſt eure Feſſeln ab⸗ nehmen.“— Waͤhrend dieſer Worte ſah der voͤllig verwirrte Heinrich ſeine Ketten loͤſen, und zweifelte noch, ob alles nicht bloß ein ſchoͤ⸗ ner Traum ſei. G . 3⁰4 „Nun hier ſind eure Kleider, zieht euch an,“ fuhr der Gefangenwaͤrter fort;„waͤhrend der Zeit will ich euch erzaͤhlen. Ihr muͤßt wiſſen daß mein Sohn, eine wilde Nange, aber bei alledem doch mein Sohn, wegen einiger kleinen Raͤube⸗ reien, auf Morgen zum Strange verurtheilt iſt. — Zwar kannte ihn niemand als meinen Sohn, denn ihr koͤnnt leicht denken daß er ſonſt nicht der Obhut ſeines armen, ſchwachen Vaters an⸗ vertraut worden waͤre. Nun, das Ende vom Liede iſt, daß er entweder ſterben, oder ich ihn befreien, mit ihm davon laufen, und verſuchen muß, einen beſſern Menſchen aus ihm zu ziehen, wenn das mir anders gelingen will. Ich will eine Art von Brief zuruͤcklaſſen, um das Volk mit der Wahrheit der Sache bekannt zu machen, und wer ſelbſt Vater iſt, wird mich nicht ver⸗ dammen, da ein Kind, wie ihr wißt, unſer eige⸗ nes Fleiſch und Blut iſt, und ein Vater, wie ihr auch wiſſen werdet, fuͤr den andern fuͤhlt.— Nun ſeht, das iſt auch die Urſache, warum ich euch mit auf die Reiſe nehmen will; denn mir wurde gar zu bewegt zu Muthe, als ich den al⸗ ten Herrn, euren guten Vater, ſich ſo jaͤmmer⸗ 305 lich gebehrden ſah, und ich ſchwur bei meiner ar⸗ men Seeſe, wenn ich meinen Sohn rettete, den ſeinigen auch zu befreien.— Und nun habe ich euch den ganzen Brei vorgetragen.“ Heinrich vermochte im erſten Augenblicke kein Wort zu erwiedern. Dankbar ergriff er ſtill⸗ ſchweigend die Hand des Mannes, und war ent⸗ ſchloſſen ſein Anerbiethen anzunehmen. Die Liebe zum Leben regte ſich ſo allgewaltig in ſeiner Bruſt, daß er auf jede Gefahr dem ungerechten Schickſale, was ſeiner wartete, zu entfliehen be⸗ ſchloß. Der Gefangenwaͤrter langte nun einen dun⸗ kelgelben Saft hervor, mit dem er Heinrichs huͤbſches Geſicht anſchmierte; nachdem er noch ſeine Augenbraunen und Bart beſonders geſchwaͤrzt hatte, ſetzte er eine dunkle Peruͤcke auf ſeinen Kopf, und verließ ihn dann, um zu ſeinem Soh⸗ ne zu gehen. Nach einer halben Stunde befanden ſie ſich gerettet außerhalb der Mauern des Gefaͤngniſſes, und auf dem Wege nach London. Der Gefan⸗ genwaͤrter hatte die Schluͤſſel zum Gefaͤngniſſe und den Brief in ein Packet gewickelt, welches O. 1. 20 3⁰06 er, unter der Adreſſe des Aufſehers uͤber das Gefaͤngniß, vor der Thuͤre des Poſthauſes nie⸗ dergelegt hatte. Als ſie voͤllig im Freien waren, gaben der Ge⸗ fangenwaͤrter und ſein Sohn(deren Geſichter gleichfalls durch Farbe verſtellt waren), einen lauten Pfiff von ſich, der ſogleich beantwortet wurde. Bald hierauf erſchienen ein Mann und eine Frau, Mitſchuldige des jungen Mannes, die ihnen einen Packen Kleidungsſtuͤcke reichten. Da Heinrich obgleich wohlgewachſen, keines⸗ wegs ſehr groß war, mußte er Frauen⸗Kleidung an⸗ ziehen, und mit einem Korbe am Arm, und einer kurzen Pfeife im Munde, glich er vollkommen einer Marketenterin, oder einer herumſtreifenden Zigeunerin. Die Manner ſahen alle auch Zigeu⸗ nern aͤhnlich, und der Juͤngere unter ihnen hatte auch ſogar die Sprache dieſes Volks voͤllig in ſeiner Gewalt. Die Kleider, worin ſie das Ge⸗ faͤngniß verlaſſen hatten, wurden in eine Art von Querſack gelegt, welchen der Gefangenwaͤr⸗ ter uͤber die Schultern ſchlug, und in dieſem Aufzuge ſetzten ſie ihre Reiſe weiter fort. 307 Als es voͤllig Tag geworden, und ſie fuͤrch⸗ ten mußten andern Menſchen auf der Heerſtraße zu begegnen, hielten ſie es fuͤr rathſamer ſich von dort zu entfernen, und ſich gleich Zigeunern an abgelegeneren Orten zu lagern, ein Feuer anzuzuͤn⸗ den und ihr Mittagseſſen zu bereiten, wozu ſie durch einige ihnen begegnende Freunde reichlich verſehen waren. So gelangten ſie, auf Kreuz⸗ und Querwegen, am dritten Tage gluͤcklich nach London, und verbargen ſich dort in einem, dem jungen Manne bekannten Schlupfwinkel. Hein⸗ rich dankte Gott fuͤr ſeine Rettung vom Tode, und freute ſich innig ſeines Lebens, obgleich el ſich genoͤthigt ſah die Nacht in einem ſehr verdaͤchti⸗ gen Hauſe, unter Dieben und Raͤubern, zuzu⸗ bringen. Am folgenden Morgen aber ſtattete der aͤußerſt vorſichtige Gefangenwaͤrter ihm ſchon einen Beſuch vor ſeinem Bette ab, um ihm die zweck⸗ maͤßigſten Mittel zu ſeiner Sicherheit anzurathen. „Ich weiß, ſagte er, hier kann es euch nicht be⸗ hagen, denn mir ſelbſt iſt die Geſellſchaft faſt zu ſchlecht. Ich bin aber ſchon genoͤthigt hier zu bleiben, bis das erſte Geſchrei voruͤber iſt; dann 20*† 2308 hoffe ich wieder einen ehrlichen Weg fuͤr mich auszufinden, obgleich ich faſt fuͤrchte, ſetzte er hinzu, indem er ſich die Augen rieb, daß es mir nie gelingen wird, meinen armen Jungen vom ſchlechten Wege abzubringen.“ „Mein guͤtiger Freund, erwiederte Hein⸗ rich, ſo lange ich ſelbſt, mein Vater und Herr Courtnay leben, koͤnnt ihr unſerer Huͤlfe ge⸗ wiß ſeyn. Gegenwaͤrtig muß ich zwar, ſowohl als ihr, noch ſehr im Geheim auftreten, und wir duͤr⸗ fen nicht beiſammen geſehen werden. Ich zweifle indeß nicht daß der wahre Moͤrder eines Tages entdeckt werden wird, und ich wieder frei vor aller Augen erſcheinen darf; wo aber kann ich mich bis dahin verbergen?“— „Ohne Zweifel ſind jetzt ſowohl euer Vater als Herr Courtnay, denen eure Entweichung bekannt geworden iſt, ſchon wieder nach Hauſe, oder muͤſſen doch bald dahin zuruͤckkommen. So moͤchte ich euch rathen, euch in ein Kaͤm⸗ merchen zu begeben, welches ich nicht weit von hier, in einer kleinen Gaſſe, fuͤr euch beſor⸗ gen will. Nach zweien Tagen koͤnnt ihr es dann ſchon einmal wagen, in dieſer Verkleidung, die 3⁰9 euch voͤllig unkenntlich macht, zu Herrn Court⸗ nay zu gehen, und wenn ihr bis dahin den ein⸗ ſamen Aufenthalt im Kaͤmmerchen zu langwei⸗ lig findet, ſo koͤnnt ihr in den Gaſſen herum⸗ ſchlendern und Lieder und Blumen verkaufen.“ Heinrich fand mehr Behagen am einſa⸗ men Aufenthalt, als am Lieder⸗ und Blumen Verkaufen; als er daher in ſeinem Kaͤmmerlein angekommen war, wartete er daſelbſt, bis der Ge⸗ fangenwaͤrter ihm melden wuͤrde daß es jetzt Zeit ſei zu Courtnay zu gehen. Jedoch hatte er ſich ſchon eines Abends herausgemacht, und fuͤhlte ſich ſo furchtlos daß er faſt im Begriffe war den Verſuch zu wagen; indeß mochte er doch das Un⸗ ternehmen nicht ohne den Rath ſeines Freun⸗ des ausfuͤhren.— Nachdem dieſer alles wohl ausgekundſchaftet, und gefunden hatte daß Courtnay's Schreib⸗ ſtube, in welcher er gewoͤhnlich allein ſaß, in einen Hof ging, der auf die Straße fuͤhrte, rieth er Heinrich ſich bei Tage dahin zu begeben, nahe an ſeinem Fenſter voruͤber zu wandern, und wenn er ihn allein ſaͤhe, hineinzugehen, unter dem Vorwande ihm Blumen oder Lieder verkau⸗ 310 fen zu wollen. Auf dieſe Weiſe wuͤrde alle Ge⸗ meinſchaft mit den Handlungsbedienten oder Leu⸗ ten im Hauſe vermieden, und Herr Courtnay koͤnne ſeine Maßregeln, ihn fuͤr die Zukunft zu verbergen, am zweckmaͤßigſten nehmen. Heinrich billigte den Plan, und da er darauf beſtand, dem Gefangenwaͤrter ſobald als moͤglich eine Belohnung fuͤr die ihm erzeigte Wohlthat zu ertheilen, ſo ward unter ihnen aus⸗ gemacht daß dieſer, ſobald er ſelbſt mit Court⸗ nay geſprochen habe, zu teiner unter ihnen be⸗ ſtimmten Stunde am Abend, unter deſſen Fen⸗ ſtern, als ein blinder Mann mit einem Leier⸗ kaſten herumwandern ſolle, bis er die verſpro⸗ chene Belohnung von Courtnay o de em⸗ pfangen haben. Nun fuͤhlte Heinrich ſich, in der nahen Ausſicht die Dienſte dieſes guten Mannes beloh⸗ nen zu koͤnnen, erſt recht leicht ums Herz, denn von ſeinem Freunde war er uͤberzeugt daß er gern die erbetene Summe verdoppeln wuͤrde. Endlich kam der Gefangenwaͤrter, um Hein⸗ rich anzukuͤndigen, er glaube Herrn Courtnay dieſen Morgen in eigner Perſon vor ſeiner Haus⸗ 311 thuͤr geſehen zu haben, und der Verſuch koͤnne alſo jetzt gewagt werden. „Seht hier, fuͤgte er hinzu, was ich mit⸗ gebracht habe; legt dies in euren Korb.“ Heinrich betrachtete es, und ſah daß es Steckbriefe waren, die ihn ſelbſt bis auf die ge⸗ ringſte Kleinigkeit beſchrieben, und eine große Be⸗ lohnung auf ſeine Auslieferung ſetzten. Er ſchau⸗ derte waͤhrend er las; da er aber wußte daß Courtnay's Haus nicht weit entfernt lag, und daß, wenn es ihm nur erſt gegluͤckt ſei, bis zu ſeiner Schreibſtube zu gelangen, er dort leicht vor jedermann verborgen werden koͤnne, uͤber⸗ wand er ſeine Furcht, und machte ſich auf den Weg. Gluͤcklich, und faſt unbemerkt erreichte er die Thuͤr ſeines Freundes, da ſolche Geſtalten, wie die ſeinige, zu gewoͤhnlich in den Gaſſen waren, um ein beſonderes Aufſehen zu erregen. Er guckte ins Fenſter, wurde ſeinen Freund gewahr; vergebens aber ſuchte er ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen.— Courtnay winkte ihm nur verdrieß⸗ lich mit der Hand, zum Zeichen daß er ſich weg⸗ begeben ſolle, und fuhr fort Zeitungen zu leſen. 312 Endlich ſah er ſich alſo genoͤthigt die Thuͤr zu oͤffnen und ins Zimmer zugehen; ſo wie Court⸗ nay aber dieſe Unverſchaͤmtheit gewahr wurde, ſprang er heftig auf, und befahl ihm ſich augen⸗ blicklich wieder zu entfernen. Statt aller Ant⸗ wort hielt Heinrich ihm nun einen Strauß und einen der Steckbriefe entgegen. Kaum hatte Courtnay den Namen Hein⸗ rich Woodville bemerkt, als er blaß ward, eilig das Papier ergriff und mit haſtiger Stim⸗ me fragte:„Habt ihr mehr ſolche abſcheuliche Zettel?“— In dem naͤmlichen Augenblicke be⸗ maͤchtigte er ſich des Korbes, ſchleuderte ihn auf die Erde, indem er alle Steckbriefe in kleine Stuͤcke zerriß, faßte dann die vermeintliche Zi⸗ geunerin beim Arme und rief mit faſt vor Wuth erſtickter Stimme:„Wenn ihr euch unterſteht jemals mehr von dieſen verwuͤnſchten Zetteln zu verkaufen, ſo laſſe ich euch einſtecken, ſo ſollt ihr..“ Welche fernere Drohungen noch erfolgt ſeyn wuͤrden, koͤnnen wir nicht berichten, denn der Strom ſeiner Rede wurde hier ſchnell unterbro⸗ chen. Heinrich aufs innigſte geruͤhrt, durch 313 den Eifer der Courtnay in Hinſicht ſeiner be⸗ ſeelte, lehnte ſeinen Kopf an des edlen Mannes Schulter, brach in Thraͤnen aus, und ſagte leiſe mit ſeiner eigenthuͤmlichen Stimme:„mein theurer, guͤtiger Freund!“— Dies war hinreichend; Courtnay wagte nicht zu antworten, zog das Rouleau nieder, legte den Finger auf ſeinen Mund, um die Nothwendigkeit des Stillſchweigens zu beweiſen, ſchob Heinrich mit großer Schnel⸗ ligkeit in ein anſtoßendes Kabinett, von dem er die Thuͤr abſchloß, und ſich dann ſogleich wieder ſtillſchweigend entfernte. Nach einer halben Stunde erſchien er wie⸗ der, oͤffnete eine kleine Thuͤre des Comtoirs, die, vermittelſt einer Hintertreppe, nach dem Wohn⸗ hauſe fuͤhrte, und Heinrich ſah ſich bald in einerz Kram⸗ Kammer auf dem Boden, die ent⸗ fernt vom uͤbrigen Theile des Hauſes lag. Hier erſt wagte Courtnay den Mund zu oͤffnen, und den Gefuͤhlen, welche ſein treues Herz bewegten, freien Lauf zu laſſen. Er erzaͤhlte nun auch, wie er, nachdem er⸗ Heinrich in dem erſten Kabinette eingeſchloſ⸗ ſen, gleich Sorge getragen habe, die Bedienten 314 zu entfernen, dann den Schluͤſſel zu dieſer Kram⸗ Kammer genommen,(die immer verſchloſſen ſei, weil ſie auch durch eine Treppe mit dem Com⸗ toir in Verbindung ſtehe), und Wein und Erfri⸗ ſchungen aus einer benachbarten Garkuͤche hinein⸗ geſchafft habe. Hierauf habe er die Thuͤr von außen verſchloſſen, und ſei nun gewiß daß er ſich fuͤrs erſte in dieſem Zufluchtsorte ſicher befinden werde. 1 Ies n Heinrich mußte ihn nun ſeinerſeits mit den naͤheren Umſtaͤnden ſeiner Flucht und ſeiner Ankunft in London bekannt machen. Nachdem er geendigt hatte, rief Courtnay:„Dann darfſt du weder hier oder uͤberhaupt in London noch eine Nacht bleiben; koͤnnen wir uns auch auf den Gefangenwaͤrter verlaſſen, ſo koͤnnte doch ſein Sohn dich dem andern Diebsgeſindel verra⸗ then, da, wie ich ſehe, der Preis auf deine Ver⸗ haftung ſehr hoch iſt. Ich eile in dieſem Augen⸗ blicke einen Plan einzuleiten, der dich, wie ich hoffe, vor allen ferneren Nachforſchungen ſicher ſtellen ſoll. Kaum ließ er Heinrich noch die Zeit, ihm ſein Verſprechen an den Gefangenwaͤrter zu 315 berichten. Courtnay gab ſein Wort zur be⸗ ſtimmten Stunde am Abend wieder da zu ſeyn, es an Belohnungen nicht ſehlen zu laſſen, riß ſich nun ſchnell von dem geliebten Juͤnglinge los, und eilte, nachdem er ihn ſorgfaͤltig eingeſchloſſen hatte, die Treppe, welche dun Comtoir hhutr hinunter. Als Heinrich ſich allein faß, warf er ſich mit dankbarem, leichten Herzen auf ein zerbro⸗ chenes Sopha, das in einem Winkel ſtand, und ſchlief, in dem Gedanken ſich unter dem Dache ſeines Freundes zu beſinden, ſanft und rhe ein. Courtnay kehrte erſt heim, als der Blin⸗ de mit dem Leierkaſten ſich ſchon unter ſeinem Fenſter befand; er ließ ihn nicht lange auf eine Belohnung warten, die, in jeder Hinſicht, der Wichtigkeit des geleiſteten Dienſtes entſprach. „Gott ſegne euch Herr und den jungen Herrn, fuͤr den ihr gewiß recht Sorge tragen werdet, ſagte der Gefangenwaͤrter; ſo will ich auch gar nicht fragen, wo ihr ihn verberoen wollt. Nein, nein, es iſt beſſer daß ich es nicht weiß, und ſo frage ich auch nicht.“ 316 Dies war ein neuer Beweis von der Ehr⸗ lichkeit des Gefangenwaͤrters, und Courtnay verließ ihn mit leichtem Herzen. Er nahm nun einem Traͤger, der ihm ge⸗ folgt war, ein Packet ab, welches er ins Com⸗ toir trug, nachdem er ſich erſt uͤberzengt hatte daß ſeine Handlungsdiener zu beſchaͤftigt waren, ihn zu bemerken. Eine Weile darauf trug er es nach der Kammer, wo er Heinrich verborgen hielt. Das Aufſchließen der Thuͤre weckte dieſen aus dem Schlaf.„Komm, lieber Heinrich, ſagte Courtnay, wir duͤrfen keine Zeit verlie⸗ ren. Noch eine Stunde geſtatte ich dir, um zu eſſen und dich umzukleiden, und dann muͤſſen wir fort.“ Er erzaͤhlte ihm nun alles, was er von ſei⸗ nem Vater wußte, der, auf die Nachricht von Heinrichs Entweichung, Courtnay nach Lon⸗ don begleitet hatte, da es ihnen wahrſcheinlich ſchien daß der Fluͤchtling am erſten Zuflucht un⸗ ter dem Dache ſeines Freundes ſuchen wuͤrde. Nachdem aber ein Brief dem Alten von der Krank⸗ heit ſeiner Frau Kunde gebracht habe, ſei dieſer unverzuͤglich nach Hauſe geeilt.„Ich zweifle aber 317 nicht, ſetzte Courtnay hinzu, daß die Freude uͤber dein gluͤckliches Entkommen die gute Mut⸗ ter jetzt ſchon wieder hergeſtellt hat. Und nun mache dich ſo ſchnell als moͤglich auf den Weg nach Berkſhire; ich hoffe dich einzuholen, ſobald du außerhalb der Stadt biſt.“— Courtnay hatte ihm von einem Troͤdler eine ſchon etwas abgetragene Livree, nebſt einem Hut und einem weiten Ueberrock, wie die Be⸗ dienten ſie tragen, mitgebracht. Dazu war eine Peruͤcke angeſchafft, die ſo gut als moͤglich zu Heinrichs gegenwaͤrtiger Geſichtsfarbe paßte, und zu noch mehrerer Verſtellung wurde eine gruͤne Binde uͤber das Auge gelegt. Da grade, wegen einer oͤffentlichen Feierlichkeit, eine Mas⸗ querade gegeben wurde, konnte er leicht vorgeben, alle die erwaͤhnten Kleidungsſtuͤcke zu dieſem Zwecke zu gebrauchen. Ferner hatte er am Abend eine Poſtchaiſe mit vier Pferden vor ſeine Thuͤr beſtellt, und im Hauſe vorgegeben, ein kranker Freund verlange dringend ihn zu ſprechen. Er nahm Piſtolen fuͤr ſich und Heinrich mit, ſetzte ſich in den Wagen, und befahl den Poſtillonen nach Berkſhire zu fah⸗ 318 ren, unterwegs aber anzuhalten, um ſeinen Be⸗ dienten aufzunehmen. Heinrich fand ſich am verabredeten Wege ein; Courtnay befahl ihm ſich auf den Bock zu ſetzen, gab ihm ein Paar Piſtolen und eine Doppelflinte, und ließ nun ſo raſch als moͤglich vorwaͤrts fahren. Wir wollen es nicht verſuchen Heinrichs Einfindungen zu beſchreiben, als er ſich wieder auf demſelben Wege befand, den er erſt kuͤrzlich un⸗ ter ſo verſchiedenartigen Gefuͤhlen zweimal zu⸗ ruͤckgelegt hatte. Das erſte Mal fuͤllten Freude und Erwartung ſeine Bruſt; ſpaͤter betrat er dieſe Straße als uͤberwieſener Miſſethaͤter, um der Strafe der Gerechtigkeit zu entfliehen,— und jetzt wußte er noch nicht wohin er ſollte, war ein Verbannter, der ſich den Augen der Men⸗ ſchen zu entziehen ſtreben mußte. Courtnay hoffte daß man ihn weniger in der Naͤhe des Orts vermuthen werde, von dem er entſtohen ſei, als in weiterer Entfernung, deß⸗ halb beſchloß er ihn uͤber die Saverne nach Bri⸗ ſtol zu bringen, und ihn dann in irgend einem 3¹9 Hauſe in der Gegend von Chepſtow einzumie⸗ then. Bis ſie Wales erreichten, galt Heinrich noch immer fuͤr den Bedienten; ſobald ſie aber uͤber den Fluß waren, langte Courtnay einen voͤlligen Anzug fuͤr ihn aus ſeinem Koffer, den er wohlbedaͤchtlich mit eingepackt hatte; nun wur⸗ de er wieder in ſeine vorige Figur umgeſchaffen, außer daß die Geſichtsfarbe noch etwas von dem dunklen Anſtriche behielt, und ſo ſetzten Beide ihre Reiſe fort, um einen ſchicklichen Aufenthalts⸗ ort auszufinden. Gluͤcklicher Weiſe wurden ihre Bemuͤhungen bald mit einem guͤnſtigen Erfolge gekroͤnt. Im Hauſe einer aͤltlichen Wittwe, die ungefaͤhr eine halbe Meile von Chepſtow, in einer entlegenen Gegend wohnte, fanden ſie was ſie ſuchten. Zwei artige Zimmer wurden auf der Stelle in Be⸗ ſchlag genommen, und Heinrich ward fuͤr einen erſt eben Geneſenen ausgegeben, der der Luft⸗ Veraͤnderung beduͤrfe. Die ganze Gegend ſchien von duͤrftigen Landleuten bewohnt, nur ein ein⸗ ziges freundliches Haͤuschen, von Epheu und Je⸗ laͤngerjelieber beſchattet, ſtand in einiger Ent⸗ 320 fernung, grade den Fenſtern von Heinrichs Wohnſtube gegenuͤber. Auf die Frage wer es be⸗ wohne, antwortete die Wittwe: es ſei zwar kuͤrz⸗ lich vermiethet, doch noch nicht bezogen worden. Unter dem erborgten Namen Wilhelm Granville nahm Heinrich alſobald von ſeinen kleinen Zimmern Beſitz. Courtnay ſchied mit leichterem Herzen von ihm, da er ihn jetzt in Sicherheit hoffte, verſprach ihm Buͤcher, Papier, Bleifedern, Pinſel und Farben zu ſen⸗ den, da Heinrich es weit in der Zeichenkunſt — gebracht hatte, und hoffte daß in dieſen Beſchaͤftis gungen dem geliebten Juͤnglinge die Stunden ruhig und heiter voruͤberfließen wuͤrden. Auch ſchied er nicht ohne das Verſprechen, auf der Stelle ſelbſt zum alten Woodville zu reiſen, da das Geheimniß ſeiner Rettung der Poſt nicht anver⸗ traut werden durfte; er ſelbſt aber wollte den ge⸗ beugten Eltern einen Brief von ihrem aus dem Grabe geretteten Kinde uͤberbringen, um ſie da⸗ durch mit neuer Hoffnung zu beleben. Hier erſt konnte Heinrich zum erſten Male ſeit ſeiner Gefangennehmung ſein Gemuͤth wie⸗ der ruhiger ſtimmen, ſeine Gedanken ordnen, die 321 Groͤße der Gefahr, welcher er entronnen war in ihrem ganzen Umfange faſſen, und der Vorſe⸗ hung, die ihn ſo wunderbar rettete, mit geruͤhr⸗ tem Herzen danken. Freilich mußte er auch jetzt noch, unter einem erborgten Namen, in der groͤßten Zuruͤckgezogen⸗ heit leben; vielleicht lange noch verbannt von al⸗ lem feyn, was ihm das Theuerſte auf Erden war; aber er war doch der Schmach eines entehrenden Todes entgangen, genoß wieder freie Luft, ge⸗ ſunde Nahrung, befand ſich in einem Aufent⸗ halte, den jeder Reiz ſchmuͤckte, welchen die Ein⸗ bildungskraft ſo oft in Stunden der Begeiſterung⸗ herbei zu zaubern ſtrebt. Auch ward ihm zu dien ſem vielen Guten noch die Ueberzeugung der Liebe ſeiner Freunde, die er in jenen Stunden der Noth und Gefahr ſo ſehr eaenhaus gehabt hane 3u⸗ erproben. Durfte er dies olus nchs als einen Seden betrachten, und ſich fuͤr einen Beguͤnſtigten des Himmels halten? Eins freilich fehlte ſeinem Gluͤ⸗ cke, naͤmlich die Rechtfertigung ſeiner Unſchuld vor den Augen der Welt; aber auch dies hoffte er noch zu erleben„ denn ihn beſeelte das feſte O. 1. 21 322 Vertrauen daß der Gott, der ihn ſo unerwarte⸗ ter Weiſe von dem ſchmaͤhlichen Tode gerettet hatte, ihm auch mit der Zeit ſeine Familie und einen guten Namen wieder ſchenken werde, und ſo fuͤhlte er ſich gluͤcklich in der Gegenwart, bei allem was ihm auch noch mangelte Um wie vieles gluͤcklicher ſollte er aber noch werden; in wie weit erhoͤhterem Zauberlichte ſollte et bald die ihn umgebenden, reizenden Gegenden erblicken, wenn die Liebe erſt ihren Slänz häe aͤber verbreitet haben wuͤrde! Kaum hatte er ſich ſeit wenigen Tage in ſeiner neuen Wohnung gemuͤthlich eingerichtet, als ſeine Wirthin ihm mit freundlicher Geſchwaͤtzig⸗ keit erzaͤhlte, wie ſie an dem ungewoͤhnlichen Läͤr⸗ men im gegenuͤber liegenden Hauſe bemerke, daß die neuen Miethsleute angekommen ſeyn muͤßten. „Sie beſtehen aber nur aus einer Mutter mit ihter Tochter und einigen Bedienten, ſagte ſie; ich haͤtte wohl um ihrentwegen gewuͤnſcht daß auch ein Herr dabei ſeyn mochte.“— „Heinrich laͤchelte und dankte ihr fuͤr den freundlichen Wunſch; da er aber nie ohne ein ganz beſonderes Gefuͤhl einer Mutter und Toch⸗ 323 ter erwaͤhnen hoͤren konnte, und ſich dann jedes⸗ mal eine ſchon vielfach getaͤuſchte Hoffnung wieder in ſeinem Buſen belebte, beklagte er es eben nicht daß ſich kein Mann bei der Geſellſchaft be⸗ finde, ſondern fuͤhlte nur große Neugierde die Damen zu ſehen. Bald gelang es ihm dieſen Wunſch zu be⸗ friedigen. Er ſah ſie einſt in der Kuͤhle des Abends am Fluſſe luſtwandeln, war ihnen in einiger Entfernung gefolgt, und ſuchte nun ihnen auf einem Umwege entgegen zu kommen. Wer vermag aber ſein Entzuͤcken zu ſchildern, als er die ſuͤßeſten Traͤume ſeiner Einbildungskraft ver⸗ wirklicht ſah, als er die Geliebte, an welcher ſein Herz immer treu gehangen, vor ſich erblickte, und ſie ihm ſo nahe wohnte daß er ſie jeden Tag ſe⸗ hen, ſogar vielleicht einmal ſprechen konnte!„Ach, dachte Heinrich, was ich auch gelitten habe, ſo ſegne ich jetzt mein Ungluͤck, das mich auf den Weg zu dieſer Gluͤckſeligkeit gefuͤhrt hat!“— Konnte er wohl einen ſtärkeren Beweis ſeiner Liebe geben?— 3 Nach den erſten Augenblicken dieſes hohen Entzuͤckens aber draͤngte ſich ihm die Betrach⸗ 21* 324 tung auf, daß er in ſeiner gegenwaͤrtigen Lage kein Recht auf eine naͤhere Bekanntſchaft mit der Frau Vincent und ihrer Tochter habe.— Denn was war er eigentlich?— Ein Verbann⸗ ter, dem das Beil beſtaͤndig uͤber dem Haupte ſchwebte, ein uͤberwieſener Verbrecher, der der Strafe der Gerechtigkeit entflohen war, und ein⸗ zig in der tiefſten Verborgenheit dem Schickſal ent⸗ gehen konnte, das ihn noch immer bedrohte.— „Ach, dachte er, nie darf ich es je wagen mit dieſer erborgten Geſichtsfarbe, und den ſchwarz gemalten Augenbraunen, mich dem Gegenſtande meiner Liebe zu nahen!“ 1. Courtnay hatte zwar Hein rich ernſtlich angerathen, die ihn unkenntlicher machende Ge⸗ ſichtsfarbe, die kuͤnſtlichen Augenbraunen und das falſche Haar beizubehalten; aber! Eitelkeit, und vielleicht noch ein anderes Gefuͤhl, verfuͤhrten ihn dieſem Rathe ungetreu zu werden, und alle den falſchen Schein von ſich zu werfen, er möͤge üͤbri⸗ gens mit den Vincents bekannt werden, oder nicht. Zum nicht geringen Erſtaunen ſeiner Wirthin wurde der ſchwarzbraune Juͤngling nun von Tage 325 zu Tage ſchoͤner, welches ſie einzig der ſo ſehr heil⸗ ſamen Luft von Herefordſhire zuſchrieb. Mit einem Male aber bekam ſein Haar auch eine viel hellere Farbe; dieſe Veraͤnderung konnte ſchwer⸗ lich in der Luft liegen; doch beruhigte ſie ſich gut⸗ muͤthiger Weiſe bei dem Gedanken, er habe wohl vorher, auf Anrathen der Aerzte, eine Peruͤcke ge⸗ tragen, um den Kopf recht warm zu halten, und dachte weiter nichts Arges dabei.— Auch den feingebogenen, kaſtanienfarbnen Augenbraunen wurde nun vergoͤnnt wieder in ihrer natuͤrlichen Schoͤnheit zu prangen, und, indem Heinrich bei dieſer veraͤnderten Geſtalt zu ſich ſelber ſagte:„Sie ſoll mich ſo ſehen, als ich wirklich bin!“ und glaubte hier einzig von dem Gefuͤhle der Wahrheit geleitet zu werden, mochte die Eitelkeit doch auch wohl ihr Spiel mit ihm treiben. Ob aber Vorſicht und Klugheit dieſes Wegwerfen aller Verſtellung in ſeiner gegenwaͤrti⸗ gen Lage billigen konnten, iſt eine andere Frage. Frau Vincent wurde bald durch die Um⸗ ſtaͤnde genoͤthigt mit Heinrichs Wirthin Be⸗ kanntſchaft zu machen, und Beide ſchienen Ge⸗ fallen an einander zu finden, da Eine ſich als 326 eine hoͤchſt gefaͤllige Nachbarin, die Andere als eine ſehr artige, herablaſſende Dame bewies. Zufolge dieſer Bekanntſchaft ſprach Frau Vincent auch eines Abends bei Frau Evans, (ſo hieß Heinrichs Wirthin,) vor, und traf ſie grade beim Durchſehen einer Mappe, worin ſich Zeichnungen von Heinrich befanden, die er ihr, auf ihre beſondere Bitte, geliehen hatte. Die Zeichnungen ſchienen ihr ſo gut, daß ſie um die Erlaubniß bat, ſie auf kurze Zeit mit nach Hauſe nehmen zu duͤrfen, um ſie ihrer Toch⸗ ter zu zeigen, und Frau Evans glaubte die Bitte nicht abſchlagen zu duͤrfen. So wie Emmy aber die Zeichnungen ſah, erklaͤrte ſie ſie fuͤr ſo vortrefflich, daß ſie durchaus von der Hand eines Kuͤnſtlers verfertigt ſeyn muͤßten. Die Mutter ergriff willig die Gelegen⸗ heit, der Tochter, wenn es moͤglich ſei, ferneren Unterricht in einem Talent geben zu laſſen, das ſie fruͤher ſchon mit Erfolg getrieben hatte, und verſprach ſich bei Frau Evans zu erkundigen, ob Herr Granville wohl eine Schuͤlerin an⸗ nehmen wuͤrde. —————— ——— 3²⁷ Als dieſe ſich ihres Auftrags an Heinrich mit einigen Umſchweifungen entledigte, konnte er anfangs vor freudigem Erſtaunen kaum antwor⸗ ten. Endlich ſtammelte er eine bejahende Ant⸗ wort, und ſogleich machte ſich die geſchaͤftige Frau auf den Weg zu ihrer Nachbarin, um ihr von dem guten Erfolg ihrer Sendung Bericht abzu⸗ ſtatten, und ließ Heinrich in Freiheit ſeine Freude auf jede Weiſe, innerhalb der vier Waͤn⸗ de ſeines kleinen Zimmers auszulaſſen. Nach eini⸗ gen Minuten aber erſchien ſie wieder, machte ih⸗ ren Knix zu den gehorſamen Empfehlungen, wel⸗ che ſie von der Frau Vincent beſtellte, die Herrn Granville erſuchen ließe, den Preis fuͤr die Stunde zu beſtimmen. „Den Preis, rief Heinrich beſtuͤrzt aus, einen Preis! was meint ſie damit?“— Doch bald beſann ſich ſein gekraͤnkter Stolz eines bef⸗ ſeren, und er fuͤgte hinzu:„Gut, gut, ich will daruͤber nachdenken. Haben ſie die Guͤte, Frau Vincent zu ſagen, daß ſie morgen von mir hoͤren ſolle. Diesmal fuͤhlte er ſich bei weitem nicht ſo froͤhlich, als da die gute Frau zum erſten Male 328 von ihm ging. Es war ihm eine ſchmerzliche Be⸗ trachtung fuͤr ſeine Stunden bezahlt zu werden; ja der Umſtand, im eigentlichen Sinne als ein Zeichenmeiſter bei ihnen aufzutreten, ſchien ihm ungünſtig fuͤr ſeine Abſichten auf die ſchoͤne Em⸗ my.—‿ Unter welchem Vorwande aber konnte er es verweigern, wie durfte er ſonſt hoffen ein⸗ gefuͤhrt zu werden, da er ſeinen wahren Stand und Namen ſorgfaͤltig verhehlen mußte?— Die kleine Aufwallung von Stolz mußte alſo unterdruͤckt werden; er ſagte am folgenden Tage ſeiner Wirhin einen Preis, der willig an⸗ genommen wurde, und ſchon am naͤchſten Mor⸗ gen machte er ſich mit klopfendem Herzen auf den Weg, ſein Amt als Lehrer anzutreten. Obgleich er Mutter und Tochter verſchiedene Male geſehen hatte, ſeitdem ſie ſich in dem Land⸗ haͤuschen aufhielten, war er doch nie von ihnen bemerkt worden. Vielleicht wuͤrde Frau Vin⸗ cent, haͤtte ſie ihn bemerkt, ihn nicht ſo leicht zum Lehrer ihrer Tochter beſtimmt haben. Frau Evans beſchrieb ihn als einen artigen, wohl er⸗ zogenen jungen Mann, der, wie er gekommen ſei, zwar etwas gelb und garſtig ausgeſehen, auf 329 den die geſuͤnde Luft von Wales aber einen ſo günſtigon Einfluß habe, daß die Geſichtsfarbe ſich alle Tage beſſere, und er ihrem lieben, verſtor⸗ benen Sohn Thomas immer aͤhnlicher werde. Als Frau Vincent und Emmy den ſchoͤ⸗ nen jungen Mann mit ſo edlem Anſtande ins Zimmer treten ſahen, begruͤßte die Mutter ihn etwas ernſthaft, waͤhrend die Tochter nicht wenig Gefallen an ihm zu haben ſchien.— Frau Vin⸗ eent beruhigte ſich indeß bei dem Gedanken, daß ſie ihrer Tochter von Kindheit an einen Abſcheu gegen Mißheirathen eingepraͤgt habe, und hoffte, ihr Stolz werde eine etwanige Neigung ſchon ge⸗ hoͤrig zu unterdruͤcken wiſſen. Das Fraͤulein mußte nun, auf Verlangen ih⸗ rer Mutter, ihre Zeichnungen zeigen, welche dann, obgleich ſie nicht beſonders ſchoͤn waren, gehoͤrig von Heinrich bewundert wurden; und ſchon am Ende der erſten Stunde fanden Lehrer und Schuͤ⸗ lerin ſich gegenfeitig ſo befriedigt, daß ſie der naͤchſten Stunde mit Ungeduld entgegen ſahen. Sogar Frau Vincent konnte, nachdem Heinrich fort war, nicht umhin zu bemerken: ſie habe faſt nie einen artigern jungen Mann A 330 geſehen, und vermuthe, er ſei nicht in dieſem Stande geboren. Emmy hatte beide Bemerkun⸗ gen ſchon fruͤher in Geheim gemacht, und vielleicht war es nicht klug von der Mntter, ihr Urtheil durch dieſen Ausſpruch zu beſtaͤtigen. Fuͤr Heinrich gab es nun nur vier Tage in der Woche, die naͤmlich, an welchen er⸗ Em⸗ my Unterricht gab. In der Zwiſchenzeit guckte er oft hinter ſeinem Vorhange hervor, um ſie ein⸗ und ausgehen zu ſehen. Da er es jetzt, nachdem er alle Verſtellung von ſich geworfen hatte, nicht mehr wagen durfte, in ſeiner wah⸗ ren Geſtalt weite Spatziergaͤnge zu unternehmen, aus Furcht von Fiſchern, oder Leuten am Stran⸗ de bemerkt zu werden, ſtand er bei Sonnenauf⸗ gang auf, um vom Waſſer aus Anſichten fuͤr Emmy aufzunchmen, die die gelehrige Saple rin dann mit fleißiger Hand copirte. Nach und nach gelang es ihm auch dutc ſein ganzes Benehmen, der Mutter ſtrengen Blick zu mildern. Er war ganz Aufmerkſamkeit gegen ſie, und ſuchte ihr zu dienen, wo er nur konnte. Auf ſeine wiederholte Verſicherung daß Emmy viel Nutzen aus dem Zeichnen nach der Natur, un⸗ 331 ter ſeiner Anleitung, ſchoͤpfen koͤnne, verſtand ſich Frau Vincent dazu, mehrere Male an einem ſchoͤnen Morgen mit ihr und Heinrich an ma⸗ leriſche Stellen in der Umgegend zu gehen, wo man Skizzen aufnahm, die dann im Hauſe ausge⸗ arbeitet wurden.— So blieb es unvermerkt bald nicht mehr bei den eigentlichen, beſtimm⸗ ten Unterrichts⸗Stunden. Als man endlich ent⸗ deckte daß Heinrich der Floͤtenſpieler ſei, deſſen Toͤne ſie am Abend ſo oft entzuͤckt hatten, war dies ein neues Bindungsmittel. Er ward von Zeit zu Zeit eingeladen, Emmy's Geſang mit ſei⸗ nem Inſtrumente zu begleiten, und Emmy ſchien nur in ſeiner Naͤhe zu leben und froͤhlich zu ſeyn. En. 18335 Endlich waren der Mutter Augen uͤber die Gefuͤhte ihrer Tochter geoͤffnet worden; ſie ſah daß hier der Stolz nicht ausreichte, und warf es ſich vor, dieſen ſo beſonders liebenswuͤrdigen jun⸗ gen Menſchen in ihren Weg gefuͤhrt zu haben; doch konnte ſie der Tochter Geſinnungen nicht verdam⸗ men, und da ein undurchdringliches Dunkel uͤber Heinrichs Geſchichte zu ſchweben ſchien, hoffte ſie zwar bisweilen von der Zeit eine guͤnſtige Auf⸗ klaͤrung, ſah aber fuͤrs erſte keine andere Rettung, als in der Entfernung. Sie gab ein dringendes Geſchaͤft vor, und machte Emmy mit ihrem Ent⸗ ſchluſſe bekannt, in der naͤchſten Woche nach Lon⸗ don reiſen zu muͤſſen. Die Blaͤſſe, welche die Wangenzd des liebenden Maͤdchens bei dieſer Nachricht uͤberzog, die Thraͤ⸗ nen, welche aus ihren Augen ſtuͤrzten, wuͤrden der Mutter den Zuſtand ihres Herzens verrathen ha⸗ ben, wenn ſie ihn nicht ſchon geahnet haͤtte. Auch begriff ſie gar wohl daß Emmy nicht blind fuͤr die Liebe des jungen Mannes ſeyn konnte, die deutlich aus ſeinem ganzen Weſen zu ihr ſprach. Obgleich nun alſo das Geheimniß verrathen war, beſchloß Frau Vincent doch die augenblickliche Bewegung ihrer Tochter ſcheinbar nicht zu bemer⸗ ken, und ihr weiter keine, doch nur unnuͤtze Mo⸗ ral daruͤber zu leſen, ſondern lieber von der Zeit und Entfernung zu hoffen, daß ſie den Eindruck der letzten drei Menabe⸗ wieder vaalgſchen wuͤr⸗ den. Auch Heme ich iheilte ſe ihten Ent⸗ ſchluß, die Gegend zu verlaſſen, mit, als er einſt mit ihnen am Ufer des Fluſſes ſaß, und eine Aus⸗ ——— 333 ſicht aufnahm, die Emmy beſonders liebte. So wie er aber die Trauerpoſt vernahm, fiel die Bleifeder aus ſeiner Hand, und er war unfaͤhig irgend ein Wort hervorzubringen. Endi ſagte er in einem traurigen Tone: „Werden ſie lange wegbleiben?“— „Mehrere Monate,“ war die Antwort.— Heinrich ſprang auf, gab ein heftiges Zittern der Hand vor, welches ihn am Zeichnen hindere, und warf ſich am ulfer hin, das grade von jenen blauen Bluͤmlein uͤberſaͤet war, in denen ſich die Farbe des azurnen Himmels zu ſpiegeln ſcheint. — unbewußt was er that, riß er eine Menge davon aus, und warf ſie neben ſich ins Gras.— „Kennen ſie den Namen, welchen die Deut⸗ ſchen dieſer Blume geben, fragte Emmy mit holder, bewegter Stimme, der jetzt auch unter uns Englaͤndern angenommen iſt?“— „Nein,“ erwiederte Heinrich gedanken⸗ los. 1 „Vergiß mein nicht,“ liſpelte Emmy leiſe. Schnell raffte er nach dieſen Worten die aus⸗ gerauften blauen Bluͤmlein zuſammen, und dmaßm ſie mit ſich nach Hauſe. 334 Am naͤchſten Morgen ſtand er ſehr fruͤh auf, malte einen Strauß dieſer Blumen, den er zu Em⸗ my trug, und ſie bat, ſich dabei der Bedeutung des Namens zu erinnern. Was das holde Maͤd⸗ chen, das mit niedergeſchlagenen Augen, erroͤthen⸗ der Wange und zitternder Hand die Gabe an⸗ nahm, erwiedert haben wuͤrde, wiſſen wir nicht, denn Frau Vincent trat ins Zimmer, und Em⸗ my, anſtatt der Mutter das gemalte Blatt zu zeigen, verbarg es ſorgfaͤltig in ihrer Mappe. Waͤhrend der junge Woodville auf dieſe Weiſe die Neigung der Tochter mit ihrem eigenen, freien Willen, und die der Mutter, ſelbſt gegen ihren Willen, gewann, waren ſeine taͤglichen Be⸗ ſuche einem, dem Anſcheine nach, ganz unbe⸗ kannten Manne, an der andern Seite des Dorfs, ebenfalls unentbehrlich geworden. Mutter Evans, die in der ganzen Runde als eine ſehr gute, wohlthaͤtige Frau bekannt war, hatte bald in ihrem neuen Miethsmanne ein ſehr wohlwollendes Herz entdeckt, und wandte ſich oft an ihn, da, wo ihre Mittel zu helſen nicht aus⸗ reichten.— Da ſie auch in der Heilkunde ſehr erfahren zu ſeyn glaubte, und geſpraͤchsweiſe von 5 — 333 Heinrich hoͤrte, daß ſein Großvater Arzt ge⸗ weſen, und er in fruͤherer Jugend ſelbſt zu die⸗ ſer Laufbahn beſtimmt geweſen ſei, unterhielt ſie ſich gern mit ihm uͤber dieſe Gegenſtaͤnde, und zog ihn oft bei vorkommenden, ſchwierigen Faͤl⸗ len zu Rathe.. Eines Tages aber, als die gute Frau ſelbſt ſo ſehr an Gicht litt, daß ſie unfaͤhig war aus⸗ zugehen, beklagte ſie dies doppelt, weil ſie da⸗ düͤrch verhindert wurde, einen armen, kranken Mann im Dorfe zu beſuchen, der ſicherlich heute einer neuen Vorſchrift von ihr beduͤrfe. Hein⸗ rich erbot ſich im Augenblicke ſtatt ihrer den Be⸗ ſuch abzuſtatten, ja, er war jetzt ſogar ſo ſicher geworden, daß er ſich nicht weigerte am Nach⸗ mittage dahin zu gehen, weil ſie ihm ſagte, der kranke Mann gebrauche dann am meiſten des Beiſtandes, da dies ſeine ſchlimmſte Periode ſei. „Der arme Mann hat ein recht garſtiges Menſch zur Frau, fuͤgte ſie noch hinzu, die ihn auch verfuͤhrt hat, ſich mit Schleichhaͤndlern ein⸗ zulaſſen; doch iſt ſie jetzt auf ein benachbartes Dorf zu Biere gegangen, und wenn ſie fort iſt, 336 ſindet man den Mann imnmer am geduldigſten und lenkſamſten.)“) asun Heinrich forſchte bald den Ort ſeiner Woh⸗ nung aus, und kam in eine kleine Stube, wo er ein großes Gardinen⸗ Bette ſtehen ſah, in welchem eine voͤllig abgezehrte Geſtalt, mit blei⸗ chen, eingefallenen Wangen und geſchloſſenen Augenliedern lag, die im erſten Augenblicke ſein Hereintreten gar nicht zu bemerken ſchien. Nach⸗ dem er ſich aber genaͤhert, und freundlich geſagt hatte, warum er komme, und wer ihn hergeſchickt habe, richtete der Elende ſich von ſeinem Kiſſen auf, und rief im angſtvollen Tone:„um Got⸗ tes Willen, welche Stimme iſt das, was wollt ihr hier?“ 4 6 4 Noch einmal wiederholte Heinrich die Ab⸗ ſicht ſeines Kommens; kaum aber hatte der Mann ihn aufs Neue mit fuͤrchterlicher Heftigkeit ange⸗ ſehen, als er ohnmaͤchtig auf ſein Kiſſen zuruͤck⸗ ſank. 1d 2— Obgleich keineswegs auf einen ſolchen Em⸗ pfang vorbereitet, den er einem Anfalle von Wahnſinn zuſchrieb, ſuchte Heinrich doch ſo⸗ gleich durch die zweckmaͤßigſten Mittel den Elen⸗ 337 den wieder zur Beſinnung zu bringen. Sobald der Kranke ſich erholt hatte, ſtierte er den jun⸗ gen Mann tiefſinnig an, und bemerkend wie theilnehmend er ihm zur Seite ſtand, wie er ſeinen brennenden Kopf wohlthaͤtig mit der Hand unterſtuͤtzte, rief er ploͤtzlich:„ Laßt mich los, ich kann es nicht ertragen!“ ſtieß dann den Arm fort, und wickelte ſein Geſicht in den Betttuͤchern ein. Bald aber fuhr er wieder empor, und frag⸗ te: ſeit wann Heinr ich bei der Frau Evans ſei, wie lange er dort bleiben wolle, und warum er uͤberhaupt hingekommen ſei? Haͤtte ein geſunder Menſch dieſe Fragen an ihn gerichtet, ſo wuͤrde er keinen Beruf gefuͤhlt haben ſie zu beantworten; da er aber des Lei⸗ denden ohnehin ſo gereizten Zuſtand nicht ver⸗ mehren wollte, fagte er bloß: er ſei ſeit drei Mo⸗ naten hier, weil er der geſunden Luft und Ruhe genießen wolle, und wiſſe nicht wie lange er blei⸗ ben werde. Waͤhrend dieſer Worte war er beſchaͤftigt einen beruhigenden Trank einzumiſchen, welchen er nun dem Kranken mit der Verſicherung, daß er ihm gut thun werde, hinreichte. Dieſer aber HO. I.. 22 338 ſtieß die ihm dargebothene Arzenei mit einem krampfhaften Weinen zuruͤck, und rief;„Nein, nein, ich kann nichts von euch hinunter bringen, es wuͤrde mich erwuͤrgen!“ „Das iſt in der That urgluͤcklich, erwieder⸗ te Heinrich, da ihr dann ganz ohne Huͤlfe ſeyd. Frau Evans wird in vielen Tagen noch nicht ausgehen koͤnnen, und der Chirurgus in Chepſtow iſt krank; wenn ihr aber keine Arzenei von mir nehmen wollt, habe ich hier nichts zu thun, und will lieber gar nicht wiederkommen. 20 „Nein, ihr muͤßt wiederkommen! um Got⸗ tes Willen, kommt jeden Tag zu mir!— Euer Anblick iſt mir heilſamer als alle Arzeneien!“— „Das iſt Unſinn.“ „Nein, nein, es iſt kein Unſinn! Und ich beſchwoͤre euch, fuͤgte er hinzu, wenn noch das 3 geringſte Mitleid in eurer Bruſt lebt, beſucht mich alle Tage. Ich will ja gerne Gift nehmen, um euch nur zu ſehen⸗ Verſprecht mir daß ihr jeden Tag kommen wollt.”“. 19 3 „Das iſt zu viel verlangt; rduth⸗ will ich eigen⸗Tag um den andern kommen.“ 3 K „So laßt mich wenigſtens von euch hoͤren, wenn ich euch nicht ſehe!“— „Vielleicht.“. „Nun, Gott ſegne euch! Er wird, er muß euch ſegnen!— Mir, mir allein wird er flu⸗ chen, mich wird er raͤchend verfolgen!“ Bei dieſen Worten bruͤllte er laut vor Schmerz, und Heinrich fuͤrchtete faſt daß ein mit Schuld beladenes Gewiſſen Urſache des Wahnſinns ſei, den er nur zu deutlich an dem armen Manne ver⸗ ſpuͤrte. Doch erinnerte er ſich, oft ſchon von Faͤl⸗ len gehoͤrt zu haben, wo ſelbſt ſchuldloſe Menſchen ſich in einer Verſtandszerruͤttung der groͤßten Verbrechen anklagten, die ſie nie im Stande gewe⸗ ſen waren zu begehen. Aus dieſer Urſache un⸗ terdruͤckte er den erſt gefaßten Verdacht als unge⸗ recht, und verſuchte das Gemuͤth des Leidenden zu beruhigen. Je ſanfter er aber zu ihm ſprach, je wuͤthen⸗ der wurde der Menſch. Endlich rief er in der groͤß⸗ ten Verzweiſtung:„Ich kann es nicht ertragen! — ſprecht nicht ſo freundlich mit mir!— Das iſt zu viel!“— Dann ergriff er auf ein⸗ mal Heinrichs Arm und ſagte mit gedaͤmpfter 22* 340 Stimme;„Kommt nie wieder zu dieſer Tages⸗ zeit; ummt bei Nacht, wenn alles dunkel iſt!— Ich kann es nicht zugeben daß ijr bei Tage kommt!“— „Ich muß zu der mir paßlichſten Stunde kommen, erwiederte Heinrich; nun aber muß ich gehen,— ſo bitte ich euch vorher dieſe Arzenei zu nehmen, oder ihr werdet mich nie wiederſer hen.“— Der Elende nahm den Trank und ſchluͤrfte ihn haſtig hinunter. Da er ſehr ſchmerzſtillend war, wartete Heinrich noch einige Augenblicke, um die Wirkung zu ſehen, und da er bemerkte daß ſein Kranker augenſcheinlich ruhiger wurde, und ſich Auf die Seite legte, verließ er bald das Zimmer, ohne weiter von ihm bemerkt zu werden. Sicher giebt es wohl keine Leidenſchaft, die ſo blind macht, als die Liebe; waͤre Heinrich nicht unter dem Einfluſſe dieſes Sterns geweſen, gewiß wuͤrde er etwas ungewoͤhnlich Auffallendes in dem Betragen des Mannes, ſo wie in ſei⸗ nen Ausrufungen und Fragen bemerkt haben. So einzig aber war jetzt ſein ganzes Intereſſe auf den Gegenſtand ſeiner Neigung hingezogen, daß er 341 ſogar das Schwerdt, welches noch immer uͤber ſei⸗ nem Haupte ſchwebte, daruͤber vergaß. Nur da⸗ mit beſchaͤftigt, ſie zu ſehen, ihr vorzuleſen, Zeichnungen fuͤr ſie zu entwerfen, lebte er im ei⸗ gentlichſten Sinne nur fuͤr ſie, und fuͤhlte ſich ſogar mit der Verbannung von Eltern und Freun⸗ den ausgeſoͤhnt, mit denen er nicht einmal im ſchriftlichen Verkehr ſtehen durfte.— Die kur⸗ zen Worte:„Alles iſt wohl!“ welche Court⸗ may zuweilen vorn in ein Buch ſchrieb, wenn er ihm Packete ſchickte, oder von Zeit zu Zeit kalte Hoͤflichkeits⸗Briefe, die er der Poſt anver⸗ traute, genuͤgten ihm. So aͤußerſt vorſichtig ver⸗ fuhr man von der einen Seite, um durchaus kein Licht uͤber Heinrichs Aufenthalt zu geben, weil Bradforts geſchworen hatten, nicht eher zu ruhen, bis ſie ihn aufgefunden haͤtten, und ſo ſorglos ſetzte Heinrich jetzt jede Maßregel hindann, welche die Klugheit gebot.— Gluͤck⸗ lich wuͤrde ſich indeß ſeine Familie, wuͤrden ſich ſeine Freunde gefuͤhlt haben, haͤtten ſie es auch nur ahnen koͤnnen, daß ſich durch das Wieder⸗ auffinden des Gegenſtandes, fuͤr welchen ſein Herz die erſte Neigung empfunden hatte, ein Sonnen⸗ 34² ſchein uͤber ſeine Gegenwart verbreitete, der ihn alle ſeine Sorgen vergeſſen machte, und ſogar die Entſernung von ihnen nicht Weht a als ein Ungſucs erſcheinen ließ. Als Heinrich wieder zu zrau⸗ Evans kam, aͤußerte er ſeine Verwunderung daß ſie ihm nichts von der Geiſtes⸗ Seeeatiun des Mhuntos geſagt habe. „Mein Gott, erwiederte ſie, der Mann iſ ſo wenig verruͤckt, als ich es bin; meiner Mei⸗ nung nach iſt er ein armer, Merknieſelte Sün der!— „Mir kommt er whsſnſ vor, ſagte Hein⸗ rich, und eben ſo argwoͤhniſch, wie es dieſe Leute gewoͤhnlich ſind. Er wollte auch keine Arzenei von meiner Hand nehmen, und fragte mich, wo⸗ her ich kaͤme, warum ich hier ſei, und was mir das befremdendſte war, er beſtand darauf daß ich ihn jeden Tag beſuchen, aber ja nicht vor e ancht kommen ſollte.“— —„Nun, ich kann weiter nichts ſagen, als daß er nicht wahnſinnig war, wie ich ihn beſuch⸗ te,“ verſetzte die gute Frau, und hiermit hatte das Geſpraͤch ein Ende. 343 4 Am naͤchſten Tage war Heinrich zu ſehr beſchaͤftigt, um auch nur an ſeinen armen Pa⸗ tienten denken zu koͤnnen, da er den ganzen Morgen bei Frau Vincent zubrachte, um Em⸗ terricht mit der Tochter theilte,) behuͤlflich zu ſeyn, einige Skizzen nach der Natur entworfen, auszuarbeiten, welche ſte gerne zum Andenken ih⸗ res gegenwaͤrtigen Aufenthalts mitnehmen woll⸗ ten. Nachher aß er in ihrer Geſellſchaft zu Mit⸗ tage, und gegen Abend begab man ſich auf einen anmuthigen Spatziergang, der nur von wenigen Menſchen um dieſe Zeit beſucht wurde. Erſt ſpaͤt ſahen ſie die eigene, freundliche Wohnung wieder aus der dunklen Umſchattung hervorblicken, doch noch ehe ſie wirklich erreicht wurde, erhob ſich ploͤtzlich vor ihnen aus dem Graſe eine elend ausſehende Geſtalt, die auf Heinrich zulief und mit ahehlendir Stimme ſagte: 1 „ Warum habt che n mich denn heute nicht be⸗ ſucht?— Und wenn ihr nicht ſelbſt kommen konn⸗ tet, warum ſandtet ihr mir keine Nachricht?— Mutter Evans ſagte auch, ſie wiſſe nicht, wo 344 ihr waͤret; aber nun ſehe ich euch, und bin wie⸗ der ruhig!“ 1 „Guter Freund,“ erwiederte H einvich ſanft, waͤhrend die Damen halb erſchrocken den ſo ſtier ausſehenden Mann in einiger Entfernung betrach⸗ teten,„ich konnte nicht ſelbſt kommen, und ver⸗ gaß zu euch zu ſchicken. Nun aber geht zu Hauſe, denn die Luft beginnt feucht zu werden; morgen will ich euch gewiß beſuchen.“ „Aber ja morgen Abend,“ verſetzte er;„dann erwarte ich euch ſicher.“— Niach dieſen Worten nickte er 793 einmal mit dem Kopfe und ſchwankte unſicheren Schrit⸗ tes fort. Frau Vineent und Emmy waren feſt uͤberzeugt daß. der Mann verruͤckt ſei, und Emmy bat Heinrich ſehr freundlich, doch nie mit ihm allein zu ſeyn. 4 Am naͤchſten Abende ging er indeß, n ehe er ſeinen gewoͤhnlichen Spatziergang begann, der ihn immer mit lieben Freunden uſaninen fuͤhrte, zu ſeinem Kranken. 3 „Gottlob, daß ihr kommt!“— rief dieſer ihm ſchon entgegen;„ ſehd ihr es aber auch wirk⸗ lich?“ Prr- 343 „Ja,“ erwiederte Heinrich, voll Mitlei⸗ den uͤber den Zuſtand, worin er ihn antraf, denn der aume Mann war heute mit einem kleinen Maͤdchen von zwoͤlf Jahren ganz allein gelaſſen, die in einer Ecke ſaß, als wenn ſie ſich vor ihm fuͤrchtete;„ja, ich bin es, und hoffe eure Lage ertraͤglicher zu machen, inſofern dies durch Geld, oder ſonſtigen Beiſtand geſchehen kann. Seht, ich habe euch einen Pfuͤl mitgebracht,“ fuhr er fort, indem er dieſen aus dem Korbe eines ihn begleitenden Knaben nahm,„damit ihr bequemer liegt; hier ſind auch einige Lebensmittel, und weil ich bemerkt habe daß ihr gegen Abend im⸗ mer bei eurem Fieber ſo friert, habe ich Kohlen fuͤr euch herbeſtellt, und“—— Hier wurde Heinrich durch das fuͤrchter⸗ liche Schluchzen des Elenden unterbrochen, der am ganzen Leibe convulſiviſch zitterte, und aus deſſen Zuͤgen die hoͤchſte Seelenangſt ſprach. „Fort, fort! ſchrie er endlich, ich kann euren Anblick nicht ertragen!— Um Gottes Willen geht!— eure Guͤte vernichtet mich!— Ach, erbarmt euch meiner, und geht!— Aber laßt mir das Verſprechen zuruͤck, euch morgen, 346 und jeden folgenden Tag wiederzuſehen, oder ich werde voͤllig verruͤckt.“— Noch ſchwankte Heinrich in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe; aber die wiederholte Bitte des Mannes machte, daß er ihn endlich verließ. Doch ehe er ging legte er noch ſanft den Pfuͤl unter des Ar⸗ men Kopf, der in dieſem Augenblicke ſeine Hand ergriff, ſie an ſeine brennenden Lippen zog, dann aber wieder ſchmerzlich bittend nach der Pahi hinwieß. 1 Am folgenden Tage wurde He iusuch ver⸗ hindert ihn zu beſuchen, ſandte aber jemand zu ihm, um ſich nach ſeinem Befinden erkundigen zu laſſen, und erhielt zur Antwort:„ nach der Erkundigung gehe es ihm beſſer.“ 12 4 Als er ihn hierauf verſchiedene Male wieder ſah, ſand er ihn zwar aͤußerlich ruhiger; aber ſehr niedergebeugten Gemuͤths, und wurde nach einigen hingeworfenen Fragen uͤberzeugt, daß wirk⸗ lich eine ſchwere Laſt auf ſeinem Gewiſſen liegen müſſe. Er rieth ihm daher zum Prediger des Kirchſpiels zu ſchicken und bei ihm Troſt und Beiſtand zu ſuchen, deſſen er ſo bihr An bbsdüͤt⸗ fen ſcheine. 347 „Nein, nein, erwiederte er, der Prediger iſt ſelbſt ein zu großer Suͤnder, um mir meine Suͤnden vergeben zu koͤnnen. Ein Wort von euch, ein Gott ſegne euch, von euren Lippen ge⸗ ſprochen, macht groͤßeren Eindruck auf mich, als alle ſeine Reden thun koͤnnten. Und wenn ihr mir die Stelle aus der Bibel vorleſet, wo dem reuigen Suͤnder Vergebung zugeſagt wird, fuͤhle ich mich getroͤſtet, und denke daß ich doch oeß etwas thun kann, um“——— Hier unterbrach ihn wieder ein heftiger Thrä⸗ nenſtrom; ſobald er ſich aber faſſen konnte, wa⸗ ren ſeine erſten Worte:„Verſprecht mir nie einen Tag vergehen zu laſſen, an welchem ich euch nicht ſehe, oder wenigſtens von euch hoͤre!“ Obgleich Heinrich ſich nicht durch ein Ver⸗ ſprechen binden wollte, verging doch kein Tag, an welchem ſein gutes Herz ihn nicht zu der Huͤtte des armen Troſtbeduͤrftigen hintrieb. Waͤhrend eines dieſer folgenden Beſuche, fand er einmal einen ſehr unwillkommenen Zeugen ſeiner Freund⸗ lichkeit dort. Das abſcheuliche Weib war zuruͤck⸗ gekehrt und ſchalt ihren Mann einen feigen, lum⸗ pigen Gauner⸗Schuft. Heinrichs Gegenwart 348 legte ihrer Zunge durchaus keinen Zaum an, denn eine gute Portion Brandtewein ſchien ſie gegen einen Jeden feuerfeſt gemacht zu haben. Beim naͤchſten Beſuche wurde ihm dieſe Creatur noch unausſtehlicher; denn da er heute grade fruͤher gekommen war, und die unterge⸗ hende Sonne noch einen hellen Schein uͤber ſein Geſicht warf, trat ihm das freche, beſoffne Weib gleich beim Eintritte mit dem Ausrufe entgegen: „Gott verzeih mir die Suͤnde, was biſt du fuͤr ein ſchoͤner Kerl!“ wollte die Arme um ihn ſchlingen und ihm einen Kuß geben. Heinrich aber ſtieß ſie mit dem groͤßten Abſcheu ſo unſanft von ſich, daß ſie an die Wand prallte und fluchend zur Thuͤre hinaus⸗ lief.— Der Kranke, der aus ſeinem Bette die Seene mit angeſehen hatte, freute ſich von dem Drachen befreit zu ſeyn, der nun hoffent⸗ lich nach Chepſtow laufen, und in Minngen Tagen nicht wiederkehren wuͤrde.— Jedoch war ſie ſchon am folgenden Nach⸗ mittage heimgekehrt, als Heinrich von Frau Evans zur Huͤtte geſchickt ward, um ſeinen Ein⸗ fluß uͤber den armen Kranken zu verſuchen, dem * 349 der jetzt wieder geneſene Wundarzt einen Aderlaß verordnet hatte. Der Mann war nicht dazu zu bereden, ſondern erklaͤrte: der Anblick des Blu⸗ tes ſei ihm durchaus zuwider— er habe Blut genug geſehen; endlich fing er an ſo irre zu re⸗ den, daß Frau Evans Heinrich holen ließ, um zu ſehen, was ſeine Gegenwart über dön ver⸗ moͤge.— Er kam; aber weder ſein freundliches Zure⸗ den, noch die Verwuͤnſchungen des Weibes, hat⸗ ten irgend einen Einſluß uͤber ihn; er beharrte darauf daß der Anblick des Bluts ihn auf der Stelle toͤdten werde, und man war endlich ge⸗ noͤthigt den Verſuch aufzugeben. Heinrich entging diesmal die beſondere Aufmerkſamkeit nicht, mit welcher das Weib ihn betrachtete, indem ſie ſich von Zeit zu Zeit weg⸗ wandte, um verſtohlner Weiſe etwas anzuſehen, welches ſie in der Hand hielt, und von dem ſie dann wieder den Blick mit grinſender Bosheit auf ihn richtete. Am folgenden Abend begleitete er Frau Wincent und ihre Tochter, auf dem gewoͤhnli⸗ chen Spatziergang, am Ufer des Fluſſes. Em⸗ 330 my pfluckte einige Feldblumen, in der Ablicht ſie zu malen, und wollte ſie in ein altes Zeitungs⸗ blatt wickeln, das ſie zufaͤllig in ihrem Koͤrb⸗ chen fand. Geſchaͤftig eilte Heinrich ihr huͤlfreiche Hand zu leiſten, faltete das Papier auseinander, und ſah, zu ſeinem nicht geringen Schrecken, ſeinen eigenen Namen gleich zu An⸗ fange des Blattes ſtehen. Auch Emmy wurde den Namen im naͤm⸗ lichen Augenblicke gewahr und rief beſtuͤrzt:„Ach, wie leid thut es mir dies Papier mitgebracht zu haben! es verkuͤmmert mir den ſchoͤnen Abend. Es iſt das, liebe Mutter, welches die Erzaͤhlung der Entweichung des armen jungen Mannes, Heinrich Woodville enthaͤlt.* „So?“ erwiederte Frau Vincent;“ ja, ja, ich weiß es noch ſehr gut, welchen lebhaften An⸗ theil du immer an dem Schickſale dieſes Juͤng⸗ lüngs nahmſt. Du wollteſt ihn nie fuͤr ſchuldig erkennen.“ une „Nein, das thue ich auch jetzt noch nicht,“ verſetzte Emmy ſchnell. Heinrich, der gluͤcklicher Weiſe mit dem Ruͤcken gegen das ſchon hereingebrochene Abend⸗ licht geſtanden hatte, war zwar bisher nicht von ihnen bemerkt worden. Nun aber fing ſeine Hand ſo heftig an zu zittern, daß er Papier und Blu⸗ men auf die Erde fallen ließ. Er buͤckte ſich, um ſie aufzuſammeln, hatte aber nicht die Kraft ſich bald wieder empor zu richten, und gab einen hef⸗ tigen Schwindel als Entſchuldigung an. „Das kommt davon, wenn man ſo lange im feuchten Graſe, nach einem heißen, ermuͤden⸗ den Spatziergange, verweilt,“ verſetzte Frau Vincent freundlich.„Sobald wir nach Hauſe gekommen ſind, werde ich darauf beſtehen daß ſie, lieber Herr Granville, ein Glas Wein zur Staͤrkung trinken.“ Emmy ſprach kein Wort; ihre Wange war aber eben ſo blaß, als die des zitternden Hein⸗ richs, der ſich indeß nun hinlaͤnglich geſammelt hatte, um den Ruͤckweg mit ihnen antreten zu koͤnnen. 3 2 85 „Ja“ ſagte Frau Vincent, um Hein⸗ richs Aufmerkſamkeit von ſich ſelbſt ab, und auf einen unterhaltenden Gegenſtand zu lenken,„ich erinnere mich nie an einer gerichtlichen Verhand⸗ lung ſo viel Antheil genommen zu haben, als an 35² der Unterſuchung der Sache des jungen Wood⸗ ville. Ich hatte fruͤher meinen Bekannten, Herrn Courtnay, ſo gut von dem jungen Manne reden gehoͤrt, daß ich innig wuͤnſchte, er moͤchte freigeſprochen werden; aber er ward ſchul⸗ dig befunden, und, meiner Meinung nach, nach unbeſtreitbaren Beweiſen. Was denken ſie uͤber die Sache, Herr Granville, denn ohne Zwei⸗ fel haben ſie doch das gerichtliche Verhoͤr gele⸗ ſen?“— „Ja,“ gnaͤdige Frau, erwiederte er mit leiſer Stimme,„ich habe es geleſen, und muß geſtehen daß die zufaͤligen Beweiſe ſehr gegen ehn zeugten. 7, „Siehſt du waht. Emmy,“ rief Frau Vincent. „Liebe Mukter, 16 ncsſiche ja gern, dß be ſehr gegen ihn zeugten,“ verſetzte Emmy,„wir haben aber bei einer aͤhnlichen Sache ſchon ein⸗ mal aͤhnliche Beweiſe geſehen, und doch kam die Unſchuld des armen Ungluͤcklichen, der gehangen wurde, ſpaͤter an den Tag.— Aber, liebes Muͤt⸗ terchen, Herr Granville hat auch noch nicht 358 geſagt daß er den armen Heinrich Wood⸗ ville ſchuldig glaubt.“— 1„ Nein,“ ſagte Heinrich mit feſtem To⸗ ne;„ich werde dies auch nie behaupten, weil ich Heinrich Woodville ſo unſchuldig an dem Verbrechen glaube, als ſie ſelbſt es nur im⸗ mer ſeyn koͤnnen.“ „Nun, hoͤrſt du wohl, hoͤrſt du wohl!“ rief Emmy triumphirend.„Ach, ich war auch ſo gluͤcklich, als er entkam, und du weißt wohl, Mutter, ich wuͤnſchte immer wir haͤtten ihn ge⸗ kannt, und er waͤre zu uns gefluͤchtet, denn in unſerm vorigen Hauſe haͤtten wir ihn ſo gut ver⸗ bergen koͤnnen!“ 8 „Wielleicht haͤtten wir es wohl gekonnt; aber eigentlich doch nicht geſollt, weil es, meiner Mei⸗ nung nach, unrecht iſt, der Gerechtigkeit vorzu⸗ greifen.“ „„Der Gerechtigkeit!— Warſt du denn ſicher daß die Gerechtigkeit gerecht war?“ „Ja, ich fuͤrchte, ſie war es; und unter dieſen Umſtaͤnden wuͤrde ich mir das Verhehlen des Verbrechers nicht haben erlauben koͤnnen.“ O. I. 23 . 354 „Verbrecher!“ rief Emmy entruͤſtet;„ich kann es nicht leiden daß du ihm dieſen Namen beilegſt, und ich hoffe von ganzem Herzen, daß wo er auch ſeyn mag, er nie entdeckt werden möge. Auch zweifle ich nicht daß ſeine Unſchuld eines Tages noch ans Licht kommen, und er ge⸗ rechtfertigt daſtehn wird. Sind ſie nicht auch der Meinung, lieber Herr Granville! „ Ich hoffe es nicht allein, ſandern ich baue feſt darauf,“ antwortete Heinrich mit einem ſo ruͤhrenden Tone, daß Emmy, der dieſer Ton durch die Seele ging, ſchnell ihr Koͤpfchen nach ihm wandte und mit theilnehmender Stimme ſag⸗ te:„Ach Gott, vielleicht haben ſie den armen Heinrich Woodville gekannt?— Welchen Schmerz muͤſſen wir ihnen dann durch unſere Un⸗ terredung verurſacht haben!“— Heinrich druͤckte ſtillſchweigend ihre Hand. Man war ins Haus gekommen, Frau Vin⸗ cent befahl Licht herein zu bringen, und holte ſelbſt eine Flaſche ſtarken Wein, aus welcher ſie ihrem Gaſte ein Glas einſchenkte, und hinreichte. Er nahm es mit zitternder Hand, doch ſetzte er 335 ſich nicht, obgleich man ihn zum anaeſe ein⸗ geladen hatte. „Warum ſetzen ſie ſich nicht zu uns, Herr Granville, ſie duͤrfen wahrhaftig nicht laͤnger ſtehen, ſagte Frau Vincent,“ waͤhrend Emmy mit Thraͤnen in den Augen den todtenbleichen Juͤngling anblickte. 4 „Weil ich es nicht wagen darf mich in ih⸗ rer Gegenwart zu ſetzen,“ erwiederte Heinrich mit edlem Stotze, obgleich ſeine Stimme dabei zitterte,„eben ſo wenig wie ich je in Zukunft, ohne ihre ausdruͤckliche Erlaubniß, ihre Schwelle wieder betreten werde, denn in mir ſehen ſie den ungluͤcklichen Menſchen, den ſie verdammen, ob⸗ gleich ſie ihn bedauern.— Ich bin Heranich Woodvillel“ Bei dieſen Worten lehnte er 3 vnmash tig ſchwankend an die Thuͤre, und Emmy, von tauſend verſchiedenartigen Gefuͤhlen beſtuͤrmt, wollte ihm zu Huͤlfe eilen, ward aher durch einen fin⸗ ſtern Blick ihrer Mutter davon abgehalten, die jedoch durch dieſe unerwartete Entdeckung nicht allein von Mitleiden, ſondern auch von Achtung uͤber ſein bisheriges Betragen, ſo ſehr uͤberwaͤltigt 23* ⸗ 356 wurde, daß ſie ſelbſt ſchnell vom Stuhle auf⸗ ſtand, Heinrichs Arm ergriff, und ihn auf das Sopha fuͤhrte. 1 thita. Dieſe Handlung ſprach viel aus, und Hein⸗ rich fuͤhlte ſich wenigſtens etwas dadurch beru⸗ higt. Sie ſetzte ſich zu ihm, lehnte ihr Haupt an die Schulter der weinenden Tochter und brach in einen Strom von Thraͤnen aus. Endlich ſagte ſie:„Wenig glaubte ich irgend etwas koͤnne im Stande ſeyn, meine Ueberzeu⸗ gung daß Heinrich Wo odville ſchuldig ſey, zu ſchwaͤchen; aber ihr ganzes Betragen, ſeit wir uns kennen, hat mich ſo zu ihrem Vortheile ein⸗ genommen, daß ich nicht umhin kann, ihnen, lieber, ungluͤcklicher junger Mann, zu geſtehen, mein Glaube an dieſe Schuld wankt, und ich wuͤnſche die ganze Geſchichte aus ihrem eigenen Munde zu hoͤren, ſobald ſie im Stande ſeyn werden, ſie mir mitzutheilen.“ m 31 tbo Enſur 8 SIch bin dazu in dieſem Augenblicke aim Stande, erwiederte er, und noch ehe wir aus⸗ einander gehen, ſollen ſie alle meine Muthmaßun⸗ gen daruͤber, und mein ganzes Elend erfah⸗ ten. r neentden 8eeneeit isſ 3 337 Die Erzaͤhlung war nicht kurz, denn Hein⸗ rich begann damit, wie er Emmy zuerſt geſehen, was er fuͤr ſie gefuͤhlt, fuͤr ſich gehofft und ge⸗ wuͤnſcht habe. Und als er mit maͤnnlicher Oſſen⸗ heit, doch geziemender Beſcheidenheit geſtand, wie er ſeine ſchoͤnſten Wuͤnſche weiter hinausgeſchoben habe, um erſt ſeine Pflicht als Sohn zu erfuͤl⸗ len, ſchlug das muͤtterliche Herz der Frau Vin⸗ cent laut fuͤr den edlen Sohn, und glaubte es unmoͤglich, in ihm einen Moͤrder ſehen zu koͤnnen. Emmy hatte anfangs das holde Geſicht mit beiden Haͤnden verbergend, auf den Tiſch ge⸗ lehnt, doch ruͤckte ſie unbewußt ihren Stuhl im⸗ mer naͤher an Heinrich, und noch ehe er ſeine Erzaͤhlung geendet hatte, ruheten Kopf und Haͤn⸗ de auf der Lehne des Sophas, wo er ſaß⸗ Auch auf die Mutter machte Heinrichs Erzaͤhlung einen ſo tiefen Eindruck, daß ſie ihn am Ende derfelben verſicherte: ſie ſey beinahe, wenn auch nicht voͤllig, von ſeiner Unſchuld uͤber⸗ zeugt; und, fuͤgte ſie hinzu,„wenn der Elende auch wirklich durch ihre Hand ſiel, ſo bin ich gewiß, ſie uͤbten die That in einer ſo voͤlligen Trun⸗ kenheit aus, daß ſie am naͤchſten Morgen ſelbſt nicht die mindeſte Erinnerung davon hatten. Wenn er aber nicht durch ihre Hand ſiel, wer konnte ihn denn getoͤdtet haben, oder glauben ſie daß er ſich ſelbſt das Leben nahm“? „Das glaube ich nicht; indeß muthmaße ich daß einer der Aufwaͤrter, der ihn am Abend ſein Geld ausbreiten ſah, die That veruͤbte; aber verſcheucht wurde, ehe er den Raub fortbringen konnte.“— „Ja, rief Emmy haſtig, waͤre ich ihr Anwald geweſen, ſo wuͤrde ich den einen Men⸗ ſchen ſcharf ins Verhoͤr genommen haben, der ei⸗ nen gruͤnen Schirm vor den Augen trug!“ Heinrich geſtand, er ſelber habe es ſpaͤter bereut, daß allein der Kellner, auf den anfaͤng⸗ lich der groͤßte Verdacht gefallen, auch vorzuͤglich am ſchaͤrfſten verhoͤrt worden ſey. Unter dieſen Erzaͤhlungen waren mehrere Stunden verfloſſen. Als Heinrich endlich auf⸗ ſtand, ſagte Frau Vincent ihm beim Abſchie⸗ de: da ihre Abreiſe durch eine unvorhergeſehene Veranlaſſung ſchon um zehn Tage verzoͤgert wor⸗ den ſei, koͤnne er es jetzt nicht befremdend finden, wenn ſie ihren gegenwaͤrtigen Aufenthalt am ... 359 naͤchſten Montag beſtimmt verlaſſe, um nie wie⸗ der zuruͤckzukehren. Unter andern Umſtaͤnden wuͤrde eine Verbindung zwiſchen ihm und ihrer Tochter den ſuͤßeſten Wuͤnſchen ihres Herzens entſprochen haben, ſo wie die Sachen aber jetzt ſtaͤnden, muͤſſe er fuͤhlen daß es als Mutter ihre Pflicht ſei, jeden Umgang unter ihnen abzubrechen. „Heute iſt es Freitag,“ fuͤgte ſie hinzu,„Mon⸗ tag bin ich zur Abreiſe fertig, am Sonntage wird es mir lieb ſeyn, ſie noch einmal bei mir zu ſe⸗ hen; aber dies muß das letztemal ſeyn, wenn nicht eine gluͤckliche Veraͤnderung der Dinge ſtatt findet.“— Haͤtte auch Heinrichs Herz gegen dieſen Ausſpruch vieles einzuwenden gehabt, ſo konnte ſeine Vernunft ſich doch nicht dagegen auflehnen; und da Emmy, mit einer Freimuͤthigkeit, die ſie ihm nur noch theurer machte, aͤußerte: wenn er einſt in einer Lage ſei, um ihre Hand bitten zu duͤrfen, wuͤrde ſie ſie ihm ohne Zoͤgern rei⸗ chen: ſo fuͤhlte er ſich uͤber ſeine Erwartung gluͤck⸗ lich, indem er nach Hauſe ging. Auch war er ja nun von der Laſt der Verſtellung befreit, die oft rentnerſchwer auf ihm geruht hatte, und fuͤhlte 360 zugleich die Bruſt vom ſtolzen Bewußtſeyn geho⸗ ben, dies freimuͤthige Bekenntniß ſelbſt auf die Gefahr abgelegt zu haben, nie wieder im Hauſe ſeiner Geliebten erſcheinen zu duͤrfen. Dennoch druͤckte ihn beim Erwachen der Ge⸗ danke, daß er nicht ſeinen gewoͤhnlichen Beſuch dort abſtatten, nicht mit dem theuren Maͤdchen den Morgenſpatziergang machen duͤrfe!— Er fuͤhlte ſich ſehr niedergeſchlagen, und beſchloß nun den ganzen Tag nicht aus dem Hauſe zu gehen. Den ganzen Morgen ſtand er am Fenſter, um zu forſchen, ob er ſie nicht wenigſtens von wei⸗ tem erblicken koͤnne— So verging der Vor⸗ mittag. Am Nachmittag wollte er ſeinem Kran⸗ ken nur einen Gruß durch Frau Evans ſchi⸗ cken, ſie ging aber nicht hin, und der Kranke be⸗ kam keine Nachricht von ihm. Heinrich, dem ſein ſehnſuchtsvolles Hinuͤ⸗ berblicken zum kleinen freundlichen Haͤuschen nicht belohnt worden war, zog endlich gegen Abend die Vorhaͤnge nieder, und legte ſich aufs Sopha, um durch einen wohlthaͤtigen Schlummer den langen Zwiſchenraum von heute bis morgen, wenigſtens abzukuͤrzen. Auf einmal 361 aber wurde er durch das Eintreten der Frau Evans geſtoͤrt, welche ihn dringend bat herun⸗ ter zu kommen, um den armen, kranken Ja⸗ mes zu beruhigen, der durchaus nicht aus dem Hauſe gehen wolle, bis er ſich mit eigenen Au⸗ gen uͤberzengt habe, daß ihm kein Ungluͤck be⸗ gegnet ſey. Er ging; kaum aber erblickte der Ungluͤckliche ihn, ſo ſchlug er die Haͤnde mit den Worten:„Gottlob! Gottlob!“ entzuͤckt zuſam⸗ men, rannte wieder zum Hauſe hinaus, und ließ Heinrich keine Zeit uͤbrig, irgend eine Frage an ihn zu richten. Nach einer voͤllig ſchlafloſen Nacht, hatte Heinrich kaum ſein Fruͤhſtuͤck eingenommen, als das Gelaͤute der Glocke ſchon zur Kirche rief. Ueberzeugt ſeine Nachbarinnen auch daſelbſt zu finden, freute er ſich noch einmal in Emmy's Naͤhe dem oͤffentlichen Gottesdienſte beizuwohnen, und da Frau Vincent ihn ſelbſt auf den Sonn⸗ tag Mittag zu ſich eingeladen hatte, fuͤrchtete er auch nicht ihr einen Anſtoß durch ſeine Anweſen⸗ heit im Gotteshauſe zu geben. Ahnungslos was ihm bevorſtehe, richtete er ſeine Schritte dahin. In der Vorhalle begeg⸗ 962 nete ihm das ſo widrige Weib des alten James, ſah ihn mit einem boshaften Blicke an, den er nicht verſtand, und ſchlug triumphirend ein Schnipp⸗ chen, indem ſie an ihm voruͤber ging. Nachdem der Gottesdienſt ſchon begonnen hatte, kamen zwei ſeltſam ausſehende, fremde Maͤnner den Chorgang heraufgeſchlichen; da es ihnen an einem Sitze zu fehlen ſchien, oͤffnete Heinrich hoͤflich ſeinen Stuhl, um ſie hereinzu⸗ noͤthigen. Sie nahmen ſein Anerbiethen an, ſetz⸗ ten ihn aber nicht wenig durch ihr ſtarres Angu⸗ cken, und durch das genaue Muſtern ſeiner Per⸗ ſon, in Verlegenheit.— Als er bemerkte daß ſie kein Geſangbuch hatten, lieh er ihnen das Seinige, wurde aber bald gewahr daß ſie es nicht zu gebrauchen verſtanden, und wahrſcheinlich nicht hierhergekommen waren, um zu ſingen und zu beten, denn immer ruhete ihr Auge forſchend auf ihm. Ein ſonderbares Grauſen bemaͤchtigte ſich ſei⸗ ner in ihrer Naͤhe; doch ſuchte er, ſo viel als moͤglich, alle ſtoͤrenden Gedanken abzuwehren, er⸗ hob ſeine Seele im Gebet zu Gott, und ging, 363 auf alles gefaßt, nach vollendetem Gottesdienſte, zur Kirche hinaus. Am Ausgange hielt er ſich noch einen Au⸗ genblick auf, um mit der Frau Vincent und ihrer Tochter zu ſprechen; auch Emmy waren die fremden Maͤnner aufgefallen, und mit innrer Angſt bemerkte ſie, wie ſie Heinrich ſtets auf dem Fuße folgten. Hart ſtreiften ſie in der Vor⸗ halle an ihm vorbei, wandten ſich dann ſchnell wieder um, traten ihm, ſo wie er aus derſelben heraus kam, trotzig entgegen und zeigten ihre Voll⸗ macht vor, ihn, im Namen des Koͤnigs, zu ver⸗ haften. „Fuͤr wen haltet ihr mich?“ fragte Hein⸗ rich. 4 „Fuͤr Heinrich Woodville, der aus dem Gefaͤngniſſe zu Abingdon entwichen, und ei⸗ nes Mordes halber zum Tode verurtheilt iſt.“ „Ich bin Heinrich Woodville, und uͤberliefre mich euern Haͤnden; was aber den Mord anbelangt, ſo betheure ich hier in Gegen⸗ wart aller Umſtehenden, daß ich ſo unſchuldig daran bin, als einer unter euch.“ 364 „Kommt, kommt, ſolche Entſchuldigungen ſind wir wohl gewohnt zu hoͤren,“ erwiederte einer der Maͤnner. „Unſer Karren wartet in einiger Entfernung, und dahin muͤßt ihr mit uns gehen,“ ſagte der an⸗ dere, indem er ihn beim Arme ergriff. Heinrich hatte es waͤhrend dieſer Unter⸗ redung nicht gewagt Frau Vincent und ihre Tochter anzuſehen, jetzt aber wandte er ſich zu ihnen mit einem Blick, deſſen ſchmerzvollen Ausdruck Worte nicht ſchildern koͤnnen, und ſah Emmy bewußtlos in den Armen der tiefbewegten Mutter liegen. Schnell riß er ſich von den Ge⸗ richtsdienern los, die grade im Begriff waren ihn zu feſſeln, bemaͤchtigte ſich der Hand des ohnmaͤchtigen Maͤdchens, und druͤckte ſie an ſeine Lippen. „Gehen ſie, lieber Heinrich, the meine Emmy erwacht, ſagte die Mutter geruͤhrt. Gott mit ihnen, er ſegne und erhalte ſie Ein tiefer Seufzer von Emmy's Lippen verkuͤndigte ihre Ruͤckkehr ins Leben; ſchon hat⸗ ten die hartherzigen Maͤnner Heinrich aufs neue ergriffen; noch einmal zog er die kalte Hand 865 an ſein Herz, ſtammelte ein Lebewohl, und ver⸗ ſchwand. 3 Nachdem man den Karren erreicht hatte, wurde Heinrich kreuzweiſe geſeſſelt, und zwi⸗ ſchen beide Gerichtsdiener geſetzt, die ihn auf dieſe Weiſe auch in der Faͤhre uͤber die Saverne, und bis zu dem Gefaͤngniſſe brachten, aus welchem er, vor einigen Monaten, gluͤcklich entkommen warr..—— Emmy's Zuſtand nach ihrem Erwachen kann ſich jeder leicht denken. Die Mutter ſuchte vergebens ſie aufzurichten; ihr fuͤßeſter Troſt lag in dem Gedanken daß Heinrich von ihrer Liebe auͤberzeugt ſey, und wiſſe daß, ſſie ihn unichundig halte. Aengſtlich erwartete der Arant⸗ am Abend die Stunde, in welcher er Heinrich gewoͤhnlich Sonntags zu ſich eintreten ſah, aber er wartete vergebens. Kaum faͤhig ſich aufrecht zu erhal⸗ ten, war er vor Ungeduld dennoch ſchon im Be⸗ griff aufzuſtehen, um ihn außzuſuchen, als ſeine Frau halb beſoffen, mit boßhaft minmphisenden Anſehen, in die Huͤtte trat. 3 366 „Siehſt du vielleicht Herrn Granville hem men?“ fragte er. „Herrn Granville?— warum nicht gar!“ — erwiederte das Unthier;„den heuchleriſchen Spitzbuben, der ein ſo weinerliches Blarren⸗Ge⸗ ſicht aus dir gemacht hat!— Nein— den ſehe ich nicht, und den wirſt du 2uc nie wieder⸗ ſehen.“ 1.2 „Nie wiederſehent— was meinſt du da⸗ mit?— Atur 6 „Ich meine daß es mir endlich gelungen iſt ſeine werthe Perſon auszufinden, und mein Pro⸗ fitchen dabei zu machen. Na, was zitterſt du denn, und ſtehſt ſo wild aus, ehe du noch wethe, wie die Sache ſteht?“— Der Ungluͤckliche vermochte kein Wort zu er⸗ wiedern, und ſie fuhr fort:„Ja, ja, ich fand nach der ganzen Beſchreibung daß er der Hein⸗ rich Woodville ſeyn muͤſſe, der aus dem Ge⸗ eaͤngniſſe, zu Abingdon entſprungen iſt. Darauf ſchrieb ich einen Brief dahin, und ſie ſandten zwei handfeſte Kerle her, die ihn fortfuͤhren mußten. Ich kriege die Belohnung, und er wird 367 um einen Kopf kuͤrzer werden— und ſo habe ich ihm das Garaus gemacht. „Dann haſt du auch mir das Garaus ge⸗ macht!“ ſchrie der Ungluͤckliche.„Fort, gefan⸗ gen, ins Gefaͤngniß gebracht, und hingerichtet!— Er, er, der ſo gut, ſo großmuͤthig iſt! Und— ———— Hier ſiel er in wilden, unverſtaͤnd⸗ lichen Ausrufungen auf den Pfuͤl zuruͤck, wel⸗ chen Heinrich ihm gegeben hatte, waͤhrend das Weib, ihn von der Seite anſchielend, erklaͤrte, er ſei eine ſehr ſchlechte Geſellſchaft, und mit Fluchen die Huͤtte verließ. Sobald ſie fort war, ſammelte er alle ſeine Kraͤfte, ſtand auf und kleidete ſich an. Ein feſter, guter Entſchluß ſchien ihm ungewöhnliche Staͤrke zu geben. So ſchnell es ſeine zitternden Glieder ihm geſtatteten, eilte er bis an die Faͤhre, und gelangte ſo zum jenſeitigen Ufer. Als er eben daruͤber nachdachte, auf welche Art es ihm nun moͤglich ſeyn wuͤrde ſeine Reiſe fortzuſetzen, fuhr ein Mann mit einem Karren an ihm voruͤber, der mitleidig fragte: ob er ihn hintenauf nehmen ſollte. Freudig wurde das An⸗ erbiethen angenommen, und bald ſah ſich der Un⸗ 36⁸ gluͤckliche ſchon eine Stunde Weges uͤber Briſtol hinaus, auf der Straße nach Abingdon. Die ſon⸗ derbaren Reden aber, welche er waͤhrend der Fahrt fuͤhrte, indem er ſich unter fuͤrchterlichem Heulen eines großen Verbrechens anklagte, mach⸗ ten den Fuͤhrer bange; er glaubte einen Unſinni⸗ gen bei ſich zu haben, machte daß er ihn mit gu⸗ ter Art vom Karren los wurde, ließ ihn liegen, und fuhr weiter. Kat ii e Als ſich der arme Elende auf dieſe Weiſe mitten auf der Landſtraße verlaſſen befand, wurde er voͤllig wahnſinnig; ſeine Kraͤfte erlaubten ihm nicht weiter zu gehen. Er ſchrie um Erbarmen, und einige Voruͤbergehende brachten ihn endlich in ein nahe gelegenes Wirthshaus. 1 Nachdem er dort ein wenig zu ſich ſelbſt ge⸗ kommen war, bat er die Leute um Gotteswillen, den Gerichtsdienern nachzuſetzen, die Heinrich. Woodville ins Gefaͤngniß bringen wollten, in⸗ dem er ſich mit fuͤrchterlichem: Geheul als den Thaͤter des Verbrechens anklagte, um deſſentwil⸗ len der Andere hingerichtet werden ſollte. Noch immer hielt man ihn fuͤr wahnſinnig, da alle ſeine Reden von der groͤßten Verwirrt⸗ 0369 (heit zu zeugen ſchienen; dendlich ſank er erſchoͤpft nieder und fiel in einen dumpfen Schlaf. 2 Ruhig und beſonnen erwachte er nach eini⸗ ger Zeit, fragte wieder: ob den Gerichtsdienern nachgeſetzt ſei, ſprang, als man dies verneinte, aus dem Bette, lief mit der groͤßten Haſt die Treppe hinunter vor die Hausthuͤr, und ſchrie dort mit lauter Stimme jeden Voruͤbergehenden an, ſich doch um Gottes Barmherzigkeir willen gleich auf den Weg nach Abingdon zu begeben. Grade ſtand ein Reiſewagen vor der Thuͤre, und der Reiſende gab in dem Augenblicke Be⸗ teht, vier Pferde davor zu beſtellen, um ihn nach London zu bringen.—„Vier Pferde fuͤr den Ober⸗ Richter von nOerfſhitet rief der Auf⸗ waͤrter.— Everetr,(den die eſer ſchon Nanas wie⸗ der erkannt haben werden,) ſah den Ober⸗Rich⸗ ter Irwin ernſt an, als dieſer ſich umwandte. Das wohlwollende Aeußere des Mannes machte ihn kuͤhner, er waßte ſeinen Arm zu ergreiſen und ihn um eine geheime Unterredung zu bitten. —Sobald Beide ſich allein befanden, warf er ſich auf ſeine Knie und rief:„Ihr ſeht einen O. 1. 24 87⁰ Möͤrder vor euch, und ein unſchuldiger Menſch wird fuͤr mein Verbrechen buͤßen, wenn ich nicht zeitig genug Abingdon erreiche, um dem Unrecht vorzubeugen. Um Gotteswillen alſo, vergoͤnnt mir hinten auf eurem Wagen zu ſitzen, und gebt mir dadurch ein Mittel ſchneller fortzukommen! Ach, gewaͤhrt einem reuigen Suͤnder dieſe Bitte, und verhindert daß ein Engel nicht an der Stelle eines Teufels hingerichtet werde!“”“ bi nn Der Blick, der Ton, mit welchem dieſs Wod⸗ te vorgebracht wurden, buͤrgten fuͤr die Wahrhrit des Bekenntniſſe es; Irwin ſtand keinen Augen⸗ blick in ſeiner Entſchliehung an, und glaͤcklich war es in der That zu nennen, daß dieſe Bitte grade an einen Mann gerichtet wurde, der ſeine hoͤchſte Befriedigung darin fand, jedes Elend zu mildern, jedes Unrecht auszugeichen. Nach wenigen Minuten ſaß Irwin ho mit Everett im Wagen. Da er dem Un⸗ gluͤcklichen keine lange Lebensfriſt mehr zu⸗ traute, hatte er die Vorſicht gebraucht, Bleifeder und Papier zu ſich zu ſtecken, und ſo ſchrieb er nun ſchon unterwegens ſein Bekenntniß nieder⸗ 4.0 371 das oft durch Lobeserhebungen des jungen Woode ville unterbrochen wurde. Gewiß war es Heinrich nie in den Sinn gekommen daß er, indem er die Pflichten der Menſchlichkeit gegen einen leidenden Bruder aus⸗ uͤbte, einen ſeiner aͤrgſten Feinde zu ſeinem waͤrniſten Freund umgeſchaffen hatte, der nun, wenn auch nicht mehr ſein Leben, doch auf alle Faͤlle ſeine Ehre und ſeinen guten Ruf rettete. Irwin, der zwar gleich anfangs beſchloß, Everett ſelbſt nach Abingdon zu begleiten, fuͤhlte, nachdem er den ganzen Verlauf der Ge⸗ ſchichte erfahren hatte, den lebhafteſten Antheil fuͤr Heinrich; doppelt ſuchte er ſeine Reiſe zu befluͤgeln, als er zu ſeinem Schrecken erfuhr, daß der Gefangene mit ſeiner Begleitung reichlich einen Vorſprung von wenigſtens vier und zwan⸗ zig Stunden vor ihnen voraus hatte. Obgleich ſie die ganze Nacht durchfuhren, wurde dennoch ihre Reiſe durch heftige Regen⸗ guͤſſe, die in dieſer Gegend gefallen waren, und durch die Unmoͤglichkeit allenthalben gleich friſche Pferde zu bekommen, ſo ſehr verzoͤgert, daß Ir⸗ win endlich das Mittel ergreifen wollte, ſeinen 24* 37² L Bedienten auf einem Courier⸗Pferde mit dem Befehl voran zu ſchicken, die Hinrichtung his zu ſeiner Ankunft aufzuſchieben; aber ungluͤckli⸗ cher Weiſe war auch aiadend6 ein lblchesn Dfun Htreißen 89290!sp Hshie naton elcehtt Als Heinrich Unteideſſen in in Abngdon an⸗ gekommen war, benachrichtigte man ihn, wie der Richter der Stadt,(ein Verwandter und Freund Bradfords,) beſchloſſen habe, ſeine Hinrich⸗ nuig daufs Schleunigſte volizihen zu laſſene „ Seine Gefuͤhle waren aufänglich durch den plößlichen Wechſel des Geſchicks ſo betaͤubt, daß er das, was eigentlich Verzweiflung in ihm war, fuür Ergebung nahm. Als er aber die Stunde ſeines Todes ſo nahe ſah, gab er ſich einem Schmerze hin, der ihm bisher fremd geweſen war, und fuͤhlte um wie vieles theurer ihm in dieſein Augenblicke das Leben ſei, da die Liebe es ver⸗ ſchoͤnert habe.— Er ſollte ſterben, ohne irgend einen geliebten Gegenſtand noch vor ſeinem Ende wiederzuſehen, ſterben, ohne von ihr, die er uͤber alles liebte, noch einen Blick, noch ein Lebewohl zu empfangen! Sne 8 373 Dieſer Gedanke war ihm im erſten Augen⸗ blicke ſo bitter, daß er beſchloß, um einige Tage Aufſchub anzuhalten; doch als ihm die Erinne⸗ rung der Qualen, welche Vater und Freund beim damaligen Abſchiede von ihm ausgeſtanden hat⸗ ten, wieder deutlich vor die Seele traten, und er ſich nun dachte, was Emmy leiden wuͤrde, unterdruͤckte er jeden eigennuͤtzigen Wunſch, und beſchloß ihr nur wenige Neſentevemvia⸗ 4 lchdre ben. aun 30: 1160G Kaum war er hiermit fersg. als man ihm meldete daß die Schergen ſeiner ſchon warteten, und er ſich zum Tode vorbereiten muͤſſe. Es ſchlug neun Uhr, die Stunde, wo die ungluͤckliche Hinrichtung vollzogen werden ſollte, und in dieſem Augenblicke fuhr der Ober⸗ Richter mit ſeinem ganz erſchoͤpften Gefaͤhrten zur Stadt Abingdon hinein. Ein Gewuͤhl auf den Gaſſen in der Naͤhe des Gefaͤngniſſes, ein Gemurmel unter dem Volk, ſchien Fh. etwas Vät asdene uhee ie verkuͤnden. „Guͤtiger Gott, gieb daß wir nicht zu ſpaͤt — rief Irwin, waͤhrend Eue⸗ rett ſtumm und ſtarr an ſeiner Seite ſaß. 374 Jetzt erblickten ſie den Gerichtsplatz von fern, fahen Heinrich ſchon knieen, und alles zur Vollziehung des Urtheils bereit.—„Halt! halt!“ ſchrie Irwin, indem er mit ſeinem Taſchentuche zum Kutſchfenſter hinauswehete, und Everett ſich bemuͤhete von der andern Seite hinaus mit der Hand zu winken.„Um Gotteswillen haltet ein?“ wiederholte er noch einmal; doch war er noch zu weit entfernt, als daß ſeine Stimme ge⸗ boii werden konnte. Endlich aber erkannte die Menge des DOber⸗ Richters Livree und Wagen; da man ihn fort⸗ waͤhrend mit dem Taſchentuche winken ſah, glaub⸗ te man ein Zeichen der Begnadigung fur den ar⸗ men Verurtheilten darin zu erblicken,: und viele Stimmen riefen nun dem Nachrichter zu:„Auf⸗ ſchubl Aufſchubl im Namen des Ober*Rich⸗ eerst— Augenblicklich wurde Plat für die Pferde Iemacht⸗ der Wagen hielt am Gerichtsplatze ſtill, man riß den Schlag auf, Irwin ſprang her⸗ aus, und ſtieg mit Everett, den er kaum fort⸗ zubringen vermochte, auf das Schafott. 375 Sobald Heinrich Letzteren erblickte, der beide Arme nach ihm ausſtreckte, kam er ihm wankend entgegen.„Ich, ich habe Bradford umgebracht! ich bin der eigentliche Moͤrder!“ rief der Elende, ſeine letzten Kraͤſte anſtrengend, der Menge entgegen; dann ſank er zu Hein⸗ richs Fuͤßen, ſchlang die ermatteten Arme um ſeine Knie, ſtammelte Mäiſe:„Edelſter der Men⸗ ſchen, vergieb mirl— und fiel beuußilos zu Boden.. Ueberwaͤltigt von un Gefühlen, verſuchte Seit⸗ rich vergebens ihn aufzurichten; auch er verlor die Beſinnung, wurde aber indeß bald zu ſicht ſelbſt, und zu neuen, dankbaren Empfindungen des Daſeyns gebracht, und als er nun die Au⸗ gen auf den noch immer am Boden liegenden 4 Everett richtete, ſah eer wohl daß alle Muͤhe hier umſonſt angewandt wurde. Der Ungluͤckliche hatte fuͤr immer aufgehoͤrt zu athmen. nn, Gottlob!“ rief Heinrich, ſich mitleids⸗ voll uͤber den kalten Leichnam beugend,„er ſtarb als reuiger Suͤnder, im Bekenntniſſe ſeiner Schuld, und Gort Awird im poan Wäsgohen a ver⸗ geben!“— 8 e u 111911 376 Der Ober⸗Richter war nun vorgetreten, um der verſammelten Volksmenge laut Everetts. Bekenntniß zu verleſen. Er ließ kein Wort von Heinrichs edlem Betragen gegen dieſen armen Suͤnder aus; alles war genau von ihm, aus dem Munde des unglicehichen mührandn der äanhis aufgezeichnet. 34 Als er geendet hatte, Tea aſt ein augen⸗ blickliches, tiefes Stillſchweigen; dann toͤnte die Luft wieder von lautem Ruf des Beifalls und der Freude. Heinrich wurde ſeiner Bande entledigt, im Triumphe vom Schafott herunter⸗ gefuͤhrt, und nebſt Irwin in den Wagen ge⸗ tragen; man ſpannte die Pferde aus, und das Volk zog die Beiden, unter beſtaͤndigem Hurrah⸗ Rufen, zum beſten Gaſthofe der Stadt. Kaum aber war er mit ſeinem zweiten Retter in ein Zimmer gelangt und glaubte nun ſich dem Ge⸗ fuͤhle der Freude und des Danks uͤberlaſſen zu koͤnnen, als die noch immer verſammelte Menge aufs Neue Veriunane, er lalle ſ H. am Zanken zer gen. Eben ſtand er dort, ſich frrundlich zum Balke hinunterneigend, an Irwins Seite, der im ed⸗ 377 len Gefuͤhle ſeiner Freude, dieſen Menſchen ge⸗ rettet zu haben, Geld unter die Menge warf, als eine Poſtchaiſe vor dem Gaſthofe ſtille hielt, aus welcher eine Dame herausblickte, einen lau⸗, ten Schrei ausſtieß, und ſich dann wieder in der, Ecke des Wagens verbarg. Schuell wie der⸗ Blitz rannte Heinrich hinaus, und nach weni⸗ gen Augenblicken trug er die ohnmaͤchtige Em⸗ my in ſeinen Armen ins Zimmer. Ihm folgte die zwar zitternde, doch gluͤckliche Mutter, die, wenn ihr gleich der Zuſammenhang der Dinge noch verborgen war, doch alles aus Heinrichs Freiheit und dem allgemeinen Jubel ahnete. Warum noch laͤnger bei der Zergliederung der naͤheren Umſtaͤnde weilen?— Dem theil⸗ nehmenden Leſer dieſer Erzaͤhlung genuͤge die Ver⸗ ſicherung, daß Heinrichs Gluͤck ſich jetzt mit jedem Augenblicke mehrte; denn als er ſich mit der geliebten Emmy und ihrer Mutter in einem Wagen befand, der von vier raſchen Pferden ge⸗ zogen nach London eilte, begegneten ihnen der Vater Woodville und Courtnay, auf der Straße nach Abingdon. Heiß und innig druͤck⸗ ten Beide den ihnen nun wiedergeſchenkten, jetzt 378 voͤllig geretteten Sößhe und Freund, an die hoch⸗ klopfende Bruſt. 8 Mit innigem Entzuͤcken ſah Itwin⸗ der Heinrich und den Damen in ſeinem Wagen gefolgt war, dieſer⸗ nüheenden Scene des Wie⸗ derſehens zu, und als e ſich endlich von der nun⸗ ſo gluͤcklichen Familie trennen mußte, geſchah es nicht ohne gegenſeitige Derſprechungon eines bnu⸗ diuen Wiederſehens. 1 n 1 Heinrichs Freiſprechung und Woödererlnnst nung. ſeiner buͤrgerlichen Ehre ſollte nicht allein fuͤr ihn und Emmy die ſeligſten Folgen herbei⸗ fuͤhren, auch der alte Harcourt gab nun freu⸗ dig ſeine Einwilligung zu der Verbindung ſeines Sohnes mit Eliſabeth, und GEimas Tag veeinte belde alncsliche Mande 6 1t 1 Der Quzker 1.Man a, Sa1 ne, wus an Mn. a M. at tuke i m dus⸗ Niehts veranlaßt vielleicht eine ſonderbarere Miſchung von ungleichartigen Charakteren, als das Reiſen in einer Poſtkutſche, und oft treffen hier Perſonen auf einander welche der Zufall ſonſt nicht leicht zuſammenfuͤhren wuͤrde. Ein wohlgebildeter junger Mann, deſſen Klei⸗ dung ganz nach dem Schnitt der neueſten Mode geformt war, befand ſich auch eines Tages ganz allein in einer Poſtkutſche mit einem aͤltlichen Manne, der zu einer Verbindung gehoͤrte, die man die Freunde nennt, oder, um verſtaͤndli⸗ cher zu ſprechen, er fand ſich mit einem Quaͤker beiſammen, und zwar einem Quaͤker, der noch voͤllig nach den Regeln der Geſellſchaft gekleidet war, welcher er angehoͤrte. 386 Dem Quaͤker wurde es gar bald einleuch⸗ tend daß ſein junger Gefaͤhrte ungluͤcklich ſei, und da Wohlwollen einer der Hauptzuͤge ſeines Cha⸗ rakters war, wöͤnſchte er ohne Zweifel, um mit Sterne zu ſprechen, es moͤge jetzt noch eben ſo ſeyn, als in den Tagen Eſras, und er koͤnne zu ihm ſagen:„Bruder, was fehlt dir, warum biſt du ſo beunruhigt?“ Weltſitte aber verbot ihm dieſe Frage; je⸗ doch that er ſein Moͤglichſtes, um ihn aus dem dumpfen Hinbruͤten heraus, in eine Unterhaltung hineinzuziehen, und manthaials velann es ihm das mitt. 5 1 In⸗ n. Auch hatte die uuntethanaung aberdies nach den Vortheil, daß einer dadurch von dem an⸗ dern eine guͤnſtige Meinung erhielt, da Beide im Urtheil uͤber verſchiedene wichtige Gegenſtaͤnde, wenigſtens in der Hauptſache, uͤbereinſtimmten. Als der Kutſcher ſtill hielt, um einige Pa⸗ ckete abzugeben, bat ein alter lahmer Reger, den ſein huͤlfebeduͤrftiges Schickſal vor der Stirne⸗ geſchrieben ſtand, um ein Almoſen, und bei⸗ de Reiſende griffen in die Taſche, ihm eine kleine Gabe zu reichen; ehe ſie aber noch im A 381 Stande waren eine Frage an ihn zu richten, ſchwang der Kutſcher ſchon ſeine Peitſche, und es blieb ihnen kaum die Zeit die Maͤnze in fei⸗ nen Hut zu werfen.. A 255G „Gewiß iſt es im Vhnrinen, untechaum be⸗ merkte der Quaͤker, Bettler zu unterſtuͤtzens dieſer arme Mann aber ſchien ſo ungluͤcklich daß ich nicht umhin konnte, ihm eine kleine Beihuͤlfe zu geben, da er, wie du wohl wiſſen wirſt, wirk⸗ lich nicht im Stande iſt ſeln Brod zu verdie⸗ nen... 3u 18652 385„ udfn. ben went er ein Schwarzer iſtz und ich geſtehe ihnen, mein Herr, wo einer von dieſen ungluͤcklichen Menſchen mich anbettelt, kang ich ihm ein Almoſen nicht verſagen, weil mir jedesmal die urſpruͤngliche Grauſamkeit und Um⸗ gerechtigkeit einfaͤllt, welche wahrſcheinlich ihn, oder ſeine Eltern, in ein fremdes Land brachten, und ihn dadurch zu einem Gegenſtande des Mie⸗ leids machten.“ 398 u„Ich fuͤhle ganz wie du in dieſer Wuſih und freue mich daß du des armen Africaners Recht, als Menſch und Bruder Letenchreegn wer⸗ den, nicht verkennſt.“ * 382 Dies Geſpraͤch fuͤhrte zu einer weitlaͤuftigen Abhandlung uͤber Abſchaſſung des Selavenhan⸗ dels und ſo ferner. Auch der Grauſamkeit gegen Thiere wurde nun gedacht, und da die Meinung unſerer Reiſenden voͤllig in dieſen Punkten uͤber⸗ einſtimmte, war wahrſcheinlich jeder von dem an⸗ Den arzane, das er Shlhlaan und menſchiich geſ innt ſei. 16 Dieſes Imnſtige Borethat ſollte wenngſtens von der einen Seite bald noch um ein Großes erhöht werden. Der Kutſcher fuhr gegen einen Pfahl, und ehe die Reiſenden noch die gegen den Regen aufgezogenen Glaͤſer iederaſſen konn⸗ ten, warf die Kutſche um.— Der junge Mann, welcher Frant War⸗ burton hieß, blieb unverletzt, war aber nicht wenig erſchrocken, als er fahe, wie das Glas die Stirne des Quaͤkers beſchaͤdigt hatte, und hoͤrte, daß er ſich im Fallen das Handoeenet Susßeſeßt habe. Sobald ſie ſich alſo nur aus der e Artſch herausgeholfen hatten, beſtieg Warburton eins der Pferde, und jagte im vollen Galop nach dem naͤchſten Feldſcheer, der eine gute halbe 383 „Stunde davon entfernt wohnte. Der ehrliche Quaͤker ſah ihm geruͤhrt nach, und murthelte leiſe:„„Du biſt ſo freundlich, armer Juͤngling; ich wollte, fech wu was vuf dem eihen lia e It Gtit ſtt Wakburt on kam ebe ſchnell mit der Muhriche zuruͤck daß der t Sedſcher ihm bald fa. gen werde. 4227 „Ich danke dir,“ ſagte der Quzker;„aber komm, ſetze dich; du biſt ja ganz außer Athem, und ich fuͤrchte in der That daß du für deine Freundlichteit leideſt, was mir ſehr ſhmitzhit ſeyn wuͤrde.“— Der Feldſcheer kam,„ nachdem er die Wunde verbunden, und das Handgelenk wieder eingeſetzt hatte, erklaͤrte der Quaker, der 3 ahn Reynolds hieß, ſich im Stande, die Reiſe fortſetzen zu koͤnnen, ſobald die Kutſche ausge⸗ beſſert ſeyn wuͤrde. „ Wollen. ſie ſich wirklich wieder in 1 de Kut⸗ ſche hinein wagen?“— fragte Warburton. „Wenn du es thuſt, warum ſolte ich es nicht auch thun?“— . 2384 n Ich⸗ mein Herr, habe kaneurinhe Nr Furcht, da ich ſo gluͤcklich davon gekommen bin.“— 865„Da muß ich dir widerſprechen, denn deine Reihe, verletzt zu werden, koͤnnte jetzt kom⸗ men, und mein i uͤberſtanden; aber ich hoffe, die beſte Sicherheit fuͤr uns Beide liegt in der groͤßeren Vorſicht, die der Kutſcher, nach dem er⸗ lebten Unfalle, anwenden wird.“ „ Aber, mein Herr, wird die Erſchütterung der Kutſche ihnen nicht Schmerzen verurſachen? 2— „ Die wuͤrde ich in einer Poſtchaiſe eben ſo gut fühien, und ſo bin ich entſchloſſen in der Kutſche weiter zu reiſen, wenn du naͤmlich auch dari faͤhrſt.“—. „„Was mich betrifft, ſo iſt 6s mir volig gleichguͤltig, wie ich meine Reiſe fortſetze„ vor⸗ ausgeſet daß es in ihrer Geſellſchaft geſchieht.— „2) danke dir, Freund.— Wie ee Frank Watburton.— Warburton. Mich duͤnkt,“ ſetzte er nuu⸗ indem er ſeine Geſtalt in einem Spiegel beſah, „ich habe durch dies Pflaſter auf meiner Stirn ein ziemlich kriegeriſches Anſehen bekommen, vor⸗ zuͤglich fuͤr einen Mann meines friedfertigen Glaubens!— Was werden die Freunde von mir denken, wenn ich morgen in unſerer vierteljaͤhr⸗ Uchan Buüemmenuſles Sſcheineie— , 4— Die Kutſche war nun wieder in gehorigen Stand gebracht, und unſere Reiſenden ſetzten ih⸗ ren Weg fort. Der junge Mann bezeigte ſich ſehr aufmerkſam gegen ſeinen aͤlteren Gefaͤhrten; er beſtand darauf ihm immer den Ellenbogen der verletzten Hand zu ſtuͤtzen, damit der Arm weni⸗ ger Erſchuͤtterung leiden moͤge, und rief dem Fuhrmann alle Augenblicke zu, doch ja, ſo viel moͤglich, jede holperige Stelle des Weges zu x ver⸗ meiden. Im gewähnlichen taͤglichen Verkehr gieht es nicht leicht einen hoͤheren Reiz, als freundliche Aufmerkſamkeit, die ſich in Kleinigkeiten aus⸗ ſpricht; auf des Quaͤkers eigenes wohlwollendes Herz mußte alſo dies Betragen einen tiefen Ein⸗ druck machen, und immer wiederholte der gute Mann in ſeinem Innern:„es ſcheint mir, armer Juͤngling, als beduͤrfeſt du eines Freundes; wie gerno moͤchte ich der deinige ſeyn 4/. ne O. I. 23 336 Sie hatten eine Zeitlang ſtillſchweigend ne⸗ ben einander geſeſſen; Warburton war in Träumereien verſunken, aus denen er nur durch einzelne Fragen ſeines Gefaͤhrten augenblicklich herausgeriſſen wurde; dann ſtarrte er wieder vor ſich hin, ſtieß tiefe Seufzer aus, und beſtaͤrkte den Quaͤker immer mehr in dem Glauben, daß iegend eine ſchwere Laſt auf ſeinem Heizen ruhen müſſe. „Ich will es doch verſuchen auf den Grund zu kommen,“ dachte der Quaͤker;„ Jugend iſ gewoͤhulich mittheilend.— Der Kutſcher hielt jetzt ſtill, um einem jun, gen Maͤdchen ein Packet hinuntetzuwerfen; ſie aber fing es nicht auf, und da es auf die Stra⸗ ße ſiel, ſah ſie ſich genoͤthigt es, mit Smt bedeckt, wieder aufzunehmen. 115 3 „Konnte ich doch denken daß ſie fehtgreiſen wuͤrde,“ rief Warburton mit einem Ausdrucke von ungewoͤhnlicher Bitterkeit;„ Frauen ſind im⸗ mer linkiſch, man kann ihnen weder in großen Dingen, noch in Kleinigkeiten trauen!— Eie ſind ſich alle gleich, eine iſt grade wie die an⸗ dere;“ ſetzte er fuͤr ſich murmelnd hinzu, indem ½— 44. 387 er dabei heftig mit einem kleinen Stocke, den er in der Hand hielt, auf ſeine Stiefeln losſchlug. n„Ha, ha!“ dachte der Quaͤker,„alſo eine Frau iſt auf irgend eine Weiſe Urſache der Un⸗ zufriedenheit dieſes armen Jungen!— Schwer⸗ lich vermag ich dann viel fuͤr ihn zu thun; al⸗ lein ich bin ihm Erkenntlichkoit fuͤr ſeine Guͤte ſchuldig, und ich will mein Heil verſuchen.“— Waͤhrend der Quaͤker noch uͤberlegte, wie er es anfangen wollte, murmelte Warburton wien der zwiſchen ſeinen Zaͤhnen:„Wer war ſchuld daß Mark Antonius die dberdſehaftee der Welt verlor? Ein Weib 1 6 Ens. „Der Markk Antonins war im Grunde ein einfaͤltiger Pinſel,“ bemerkte der Quaͤker laͤ⸗ chelnd,„und du biſt eigentlich noch zu jung, um eine ſo niedre Meinung von dem weiblichen Ge⸗ ſchlecht haben zu koͤnnen, als du da aͤußerſt;— dunmußt ſehr ungluͤcklich in deinen Verbindungen geweſen ſeyn, Frank Warburton!”“ „Nicht mehr als die meiſien örähen Maͤn⸗ ner, Naale iche“ n nnn „Dann bin ich dir verbunden daß du mir eime neue Urſache zur Dankbarkeit giebſt; denn 25* 388 wenn die Verbindung mit Frauenzimmern die meiſten Maͤnner veranlaßt, uͤbel von ihnen zu denken, hat meine gluͤcklichere Erfahrung mich nur das weibliche Geſchlecht um ſo mehreſſchaͤtzen gelehrt, je naͤher ich es kennen lernte, und dies darf man denn wohl ein Gluͤck nennen.“—r 0Das iſt es auch in der That; aber, lieber Herr, wenn ſie gelitten haͤtten, was ich gelitten haben— wenn ſie ein weibliches Weſen geliebt, verehret haͤtten, wie ich es that, und dann ge⸗ zwungen worden waͤren ihre hohe Meinung von dem geliebten Weſen auf einmal herabzuſtimmen, und mit offnen Augen zu ſehen, daß die, welche ſie hoͤher ſtellten als alle Uebrigen, ſchwaͤcher waͤre, als die Schwaͤchſte unter ihnen— Ach dann, mein Herr, wuͤrden ſie ſich nicht wundern, daß ich das ganze Geſchlecht um zdirſer Einen bfſlenn verachte.“ 112G9 329 „Doch wuͤrde cch es, wai 165 michis immer uͤber Ungerechtigkeit wundere; und wenn du mich auch gegen das ganze uͤbrige Geſchlecht aufzubrin⸗ gen ſuchteſt, kann ich dennoch, dir zu Gefallen, nicht ſchlecht von meiner Mutter, meiner Frau und meiner Tochter denken.“”“ wnſilt aunn de 389 „Ihrer Mutter, mein Herr!— Daban ſte eine Mutter?“— Lnnnt „Jetzt nicht mehr.— „und ſt ſie war eine gute Frau?“ 5 d Ich hielt ſie dafͤr, nach dem was das Wrt gut gewöͤhnlich arsdruckt. 41, ae 435 9 Sie hielten ſie zuſirt.— Aber war iſie wirklich gut?„ uz ennan „Ja, meiner aan e a war ſie es, und um ſo nuhr eon weil ſie ſcch dälſt nicht dafuͤr hielt. 4— 34 1 1 1 a hie apnui 1 und d Sha ſte vot Ihrenn Tode nichts, das ihre gute Meinung uͤber ſe geſchwuͤcht haben Tante J. aee 1 u2.lie nie han zinchtn 0 „Nein, im Sepenhet; lalles was ſie that, beeſe nur dieſe noch zu Peneheie e 259 a „Glatkiicher Mann!— Aber prech nfe via lnger uͤber die Guͤte einer Mutte Wit mir; iich kann es nicht ertragen, es iſt mir un⸗ moͤglich l astzn vat net d nese. Der Freund blickte ihn erſtaunt an, und er⸗ wiederte kalt:„Ich bitte dich um Verzeihung; aber wie konnte es mir ſeinfallen dich durch Ver⸗ G9⸗ ſicherungen von der Guͤte meiner Mutter 15 kraͤnken?“—— Lanna am Foft 7 Jetzt hielt die Kutſche ful und die Reiſen⸗ den ſtiegen aus. Warba rtons Abſicht war, an dieſem Orte zu Mittige zu eſſen; der Quaͤ⸗ ker wollte ſich eigentlich nicht aufhalten; allein da es ſein Wunſch war, mehr von ſeinem Ge⸗ faͤhrten zu erfahren, beſchloß er auch noch ein Staͤndchen zu bleihen, vögleich ſein Wagen ſchon vor der Thure des Gaſthofs hielt. Auch der junge Mann war jetzt bereits uͤberzeugt daß die Unterhaltung mit ihm hetlſamer fuͤr ihn ſei, als ſeine eigenen Gedanken, und freute ſich alſo ſeine Geſellſchaft noch ein Weilchen zu genießen. Das Mittagsmahl ging heiter voruͤber; kaum aber war das Tiſchtuch weggenommen, und der Wein . guſgeſetzt, als Warburton, aufs Neue in Traͤu⸗ wereien verfiel, aufſprang, und, indem er die Stube mit haſtigen Schritten maß, ausrief: „Nein, ich kann ihr nimmer vethebent ich will ſie nie, nie wiederfehen!— Eine ſolche Heirath zu ſchließen!— Es iſt unverzeihlich, und ich kann es ihr nicht vergeben, ſo lange ich lebe!“— Nach dieſen Worten ſetzte er ſich wie⸗ der heftig auf den Stuhl nieder.— 3 „Obgleich du deine Reden nicht an mich ge⸗ wandt haſt, ſagte der Quaͤker, ſo will ich doch thun, als wenn du ſie an mich gerichtot haͤtteſt, und darauf antworten. Dein Entſchluß iſt ſehr unchriſtlich!— Und wer iſt es denn, dem du niemals vergeben willſt?— Iſt es deine Verlobte? Hat ſie einen andern gaheirathet, und dich vergeſſen?“— „Nein, ich habe keine Verlobte, und bin noch nie verliebt geweſen.“— „Nun, ſo iſt es vielleicht deine Schweſter, die ſich wider deinen Willen verheirathet hat„ und der du nie vergehen willſt, obgleich dir befohlen iſt, deinem Bruder zu verzeihen.“— „Meine Schweſter!— Ich habe keine.— Das Weſen, welches ich nie wiederſehen, und dem ich nie vergeben will, iſt meine Mutter.“— „Deine Mutter!“— rief der Qnuaͤker im Tone des groͤßten Erſtaunens;„die arme, un⸗ gluͤckliche Frau!— Wie ſchlecht muß ſie dich erzogen haben!“— 392 „Mein Herr, ich verſtehe nicht, was ſie damit meinen!— Meine Mutter iſt eine ſehr geſcheute, und eine gute Frau, und iſt Wenfalls eine gute Mutter geweſen.“— „ Alſo einer guten Mutter willſt du nim⸗ mer vergeben?— Das Ding wird immer ſchlim⸗ mer!— Aber ich behaupte ſie iſt keine gute Mutter gegen dich geweſen, denn ſie hat ihre Pflicht nicht erfuͤllt, und dich nicht gelehrt Be⸗ leidigungen zu vergeben.“— 1 „ Sie hat mich nicht gelehrt ein ſolches Un⸗ recht zu verzeihen, als ſie gegen meinen Bruder und mich begangen hat.“— Das heißt mit andern Worten, ſie hat dich nicht gelehrt eine deiner erſten Pflichten zu er⸗ fuͤllen, naͤmlich: deinen Vater und deine Mutter zu ehren.“— „Ich glaube, mein Herr, ſie wollen mir eine Predigt halten,“ erwiederte Warburton aͤrgerlich.— „Ja, nach deinem Begriff vom Predigen; aber nicht nach dem meinen.— Doch ſieh, es gefallt mir daß du mich ſo ziemlich geduldig an⸗ hoͤrſt, und ich wuͤnſche von Herzen dir wieder 393. einen Dienſt zu leiſten, weil du ſo freundlich ge⸗ gen mich in der Noth geweſen biſt.— Komm, ſetze dich zu mir, und theile mir deine agen uͤber deine Mutter mit.“— 2 „Nun, Herr, ſie hat ſich wieder d gecheita⸗ thet, und das mit einem Manne, der in fruͤheren Zeiten nur Handlungsdiener meines Vaters war. Spaͤterhin bekam er zwar einen Antheil an der Handlung; aber er iſt durchaus nicht von guter Familie! Und nun denken ſie ſich, uns einen kolchen Stiefvater zu geben!— Einen Mann, den ſie gewiß nie geliebt hat.— Die Urſache, warum ſie es gethan hat, iſt uns bis jetzt dunkel geblieben; aber wir werden beide in zwei Jah⸗ ren muͤndig ſeyn, dann iſt es unſere Abſicht Eng⸗ land zu verlaſſen, und ſie nie wieder zu ähaasen Bis zu der Zeit———- Wan „Iſt deine Mutter noch jung??² 16 „Ach nein, ſie iſt ſchon uͤber funßig.“— „Iſt der Mann reich?“— 4 „Sehr reich 1 „War ihr ein guta àHetrehat⸗ ausge ſetzt?“— ttan u „Ja“— 394 „Liebte ſie deinen Vater?’’”“ „Auf das zaͤrtlichſte.. n img n „ Iſt ihr gegenwaͤrtiger Ehemann⸗ ein üſti⸗ ger, raͤnkevoller Mann? 1 „Nein; unde bis zu dihſes unuchunsbehe benheit hatten ſowohl mein Bruder als ich eine ſehr hohe Meinung von ſeinem Charakter, da er ſich bis dahin immer ſehr freundlich gegen uns betrug.4 unt „Die Heirath befremdet mich in der Rhatz gewiß aber liegen noch beſchoͤnigende Unnſtünde zum Grunde, die uns unbekannt ſind.— So befremdend der Vorfall aber auch cheihem mag, ſo ſollte er dich nie zu ſolcher pflichtwidrigen Hef⸗ tigkeit gegen deine Mutter verleiten. Haſt du vergeſſen, wer uns beten lehrte:„vergieb uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Schul⸗ digern?“— Und ſollte ein Kind ſeiner Mut⸗ ter nicht vergeben?— „Nun, wenn ich ihr auch dergeßt, ſo kann ich ſle doch nie wiederſehn!“— „Dann vergiebſt du auch nicht aufrichtig. Wirkliche Verzeihung kann ſich nur durch eine offenbare Handlung kund thun; und wenn du deine Mutter nicht ſehen willſt, haſt du ihr nicht vergeben. Auch ſehe ich das große Ungemach bei der ganzen Sache nicht ein. Du und dein Bru⸗ der beſitzen ein unabhaͤngiges Vermoͤgen; deine Mutter hat einen reichen, achtbaren Mann ge⸗ heirathet, deſſen einzige Fehler ſind, daß er ein⸗ mal Diener in dem Hauſe war, dem er jetzt als Prinzipal vorſteht, dos heißt, daß er erſt lernte, ehe er Renaſee⸗ und daß er dein Siiefdaceke ge⸗ worden Aſt. 4 49 20 „Aber, lieber Herr, bbededken ſie doche eine Frau von Stande, wie meine Mutter, mit ei⸗ nem Manne verheirathet, der Buschaus Mche vor⸗ ſtellbar iſt!“—. 1 enn„Nicht vorſtellbarc— Was meinſt du ei⸗ gentlich damit?— Verſtehſt du darunter daß er nicht am Hofe vorzuſtellen iſt?— Nun, wenn er nur einſt an dem höͤchſten aller Hoͤfe ſo gerecht befunden wird, als ein ſchwacher Menſch es ſeyn kann, das iſt die einzig wichtige Sache, und dieſe Fähigkeit leugneſt du nicht in ihm ab. — Nein, komm, mein Sohn, bleib ruhig ſitzen, und ſchuͤttle nicht ſo unruhig mit deinen Knieen an einander; zur Vergeltung fuͤr deine Geſchichte 396 will ich dir die meinige auch erzaͤhlen.— Ich verlor meinen Vater, als ich mich grade in dei⸗ nem Alter beſinden mochte, und es war ein Va⸗ ter, auf den man ſtolz ſeyn konnte, wenn man nicht uͤberhaupt ſuchen ſollte den Stolz in ſich zu unterdruͤckoen. Auch auf meine Mutter war ich ſtolz, und liebte ſie zaͤrtlich. Zwei Jahre nach dem Tode meines Vaters verließ ich unſer Haus, und war auf einer Geſchaͤftsreiſe begriffen, als ich einen Brief von meiner Mutier arhielt, in welchem ſie mir ihre Abſicht kund that, ſich mit einem gewiſſen Thomas Hickmann zu wer⸗ ehelichen, einem Manne, der weit unter ihrem Stande war; zwar hatte er den Ruf eines recht⸗ lichen Mannes, doch war er ſelbſt unter uns kaum zu den Angeſehenen zu rechnen, und uͤber⸗ dies beſaß er einen reichen Eheſegen an Kin⸗ dern von ſeiner erſten Frau. Die Sochteſt elh⸗ noch vor meiner Ricthaß ſeyn.— aſcheulchtn-— nef War burton;:„diss war noch eine weit ſehlimmere Heirath, als die. meiner Mutter. 1 E SR ann „Sa wohl, 81 ſummer e 7 „Da haben ſie ihr doch auch gewiß nicht ſo⸗ bald vergeben, und ſie auch lange nicht wieder⸗ ſehen koͤnnen?— 35 imn „Junger Mann, es fiel mir Gottlobl nie ein, daß ein Chriſt nicht dem andern vergeben ſollte; wie war es denn moͤglich meiner Mutter nicht zu vergeben?— Nach einigen Stunden gar ſchmerzlicher Ueberlegung ſchrieb ich ihr ei⸗ nen recht freundlichen Brief, und wuͤnſchte ihr daß der vorhabende Schritt zu ihrem Gluͤcke ge⸗ reichen moͤge. Da ich mich grade in Norwich be⸗ fand, ſandte ich ihr zu gleicher Zeit ein Stuͤck ſchwarz und weiß Seſieriſtem, Stoff zum zSoch zeitkleide.“ „Unbegreifliche Nachſicht!— Che cch mei⸗ ner Mutter ein Huczzeteled bie hätte, wuͤrde ich“———— 3 „ Sie lieber haben unkommmen n luſſen; fiel der Freund mit einem bittern Laͤcheln ein.„Nun es kam den Fabrikanten in Norwich zu Gute, daß ich einer entgegengeſetzten Meinung war; uͤber⸗ dies erhielt ich es noch uͤber mich ſchneller ab⸗ zureiſen, um zu ihrer Hochzeit da zu ſeyn. Eine harte Pruͤfung war dies in der That fuͤn mich⸗ 398 obgleich die Erfahrung, daß Robert Hick⸗ mann ihre erſte Liebe geweſen war, mich etwas milder ſtimmte— Peüfung bli es indeß doch immer“— „Eine Prifung, wozu mich beine Gewau der Erde gezwungen haben wuͤrde „ Die beſtimmte auch mich nicht dazu; die Mac der ich gehorchte war nicht von dieſer Welt— Sie war meine Mutter, und es war meine Pflicht ſie zu ehren.— Aber du wirſt, deiner Meinung nach, noch mehr Verkehrtheiten von mir zu hoͤren bekommen. Kaum war ich zwei Jahre in London eingerichtet geweſen, als mein Stiefvater ſtarb; ſeine Geſchaͤfte waren in Unordnung, und meine Mantten hatten ſeine fuͤnf Kinder zu ernaͤhren.“ 8n 153 u hatte ſie's dafür—— Arme Frau!— ich fuͤrchte ſie dachte dies unch.⸗ 2— 11 „Nun, und was bren w fär 3 lebe dent 173f 19is e „Das einzige was in meiner Gewalt fauds ich gab meine eigenen Geſchuͤfte auf, verließ Lon⸗ don, ſtellte mich an die Spitze der Handlung ih⸗ 399 res Mannes, und arbeitete um ſie und die Kin⸗ der zu erhalten.“— 3 „Nein wirklich, das thaten ſie?“— „ Ich that es.“—. Herr!“ rief Warburton aus, indem er des guten Mannes Hand ſo ſtark druͤckte, daß dieſer faſt laut aufgeſchrieen haͤtte,„ich ehre ſi hes aber ich kann es ihnen nicht gleich thun!“— „ Das it ungluͤcklich; ich wuͤnſchte lieber du thäteſt es mir gleich, und ehrteſt mich nicht— Denn welche Ehre iſt eigentlich dabei, wenn man einfach ſeine Pflicht erfuͤllt?— Ehre!— Das iſt wieder ſo ein Ding in eurer Weltſprache, bei dem ihr eigentlich wenig oder gar nichts mei⸗ 1 net.“— „Nichts dabei meinen!— Ich meine gewiß was ich ſage, und Bſuge nie was ich nicht meine.— „Dennoch thuſt du es; denn du ſagſt, duͤ willſt deine Mutter nie wiederſehen, ihr nie ver⸗ geben, und doch bin ich uͤberzeugt, du gingeſt in dieſemalugenblick gerne zu ihr, und uibiß dich an ihren. Hals,4 ☛ um en 1 nmt 0 480 „Darin irren ſie, mein Hetr; obgleich ich geſtehe daß ich nicht mehr vallig 6 fätaszrach gegen ſie bin.“— di en. „Laß es gut ſeyn; ich will in meiner Erzaͤh⸗ lung fortfahren. Wo war ich denn ſtehen geblie⸗ ben?— Ja, als ich. meines Stiefvaters Ge⸗ ſchäfte uͤbernahm. Ich war thaͤtig und vorſich⸗ tig, und bald gelang es mir alles wieder in Ord⸗ nung zu bringen; kurz, wir verdienten Geld, ich ſteuerte zwei der Maͤdchen aus, nahm die beiden Jungen in die Handlung, und——— Abet ich weiß wahrlich nicht, wie ich dir anbringen ſoll, was ich mit dem dritten Mͤdchen vornahm, denn das wirſt du, wenn auch nicht fuͤr ein Vetbre⸗ chen, doch ſi icher als eine große Tharheit anſe⸗ hen.— Nun?,—. d 2 „Ich machte ſi ſi e zu meiner Frau!— 45, da me wieder eine Mißheſrath. ë⁶6 „ Mir bleibt nichts uͤbrig als bn wuͤnſchen daſ das Maͤdchen ihrer werth war.“ a e „Sie iſt eine der beſten Frauen Dhhnesens duc man ſoll nicht mit ſo etwas pralen 1e ir 401 „Dann ſind ſie wenigſtens fuͤr ihren Edel⸗ muth belohnt.“— „Wenn du nur nicht ſo hohe Worte bei ganz einfachen Dingen gebrauchen wollteſt!— Aber das iſt ein Fehler, der in deiner Erziehung, und in deinem Umgange mit Weltkindern liegt.“— „Ich bin ſelbſt nur ein Weltkind.“— „Das weiß ich wohl, und das iſt ſchlimm fuͤr dich;— doch iſt ſo vieles in dir, was mir gefaͤllt— Und nun, Frank Warburton, hoͤre das Ende meiner Geſchichte. Malne arme Mut⸗ ter lag, nach einer langwierigen Krankheit, auf dem Todbette, und hier erndtete ich, was du die Belohnung meiner Handlungen nennen wuͤr⸗ deſt; denn ſie dankte mir ſo ruͤhrend, geſtand ih⸗ re Schwaͤche in Hinſicht der Heirath ein, konn⸗ te dieſe Schwaͤche aber dennoch nicht bereuen, da meine Liebe gegen ſie dadurch bewaͤhrt geworden, und ſie, wie ſie ſich auszudruͤcken beliebte, erſt recht meinen Werth erkennen gelernt habe. Ich will, kann und darf dir nicht alles wiederholen, was ſie mir ſagte; aber es war ungemein wohlthuend ſol⸗ che Worte aus dem Munde einer Mutter, und einer ſterbenden Mutter zu hoͤren!— Und als O. I. 26 40⁰² ich den letzten Blick auf ihren Sarg heftete, nach⸗ dem man die erſte Schaufel Erde darauf gewor⸗ fen hatte, war es mir hierherum ſo ruhig zu Muthe——(bei dieſen Worten legte er die Hand auf ſeine Bruſt)— Nun hoͤre, Frank Warburton, fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort, wenn deine Mutter ſchnell aus dieſer Zeit⸗ lichkeit abgerufen werden ſollte, koͤnnten wohl dei⸗ ne Gefuͤhle ſo befriedigend ſeyn, als es die mei⸗ nigen waren?“— Warburton konnte nicht antworten; ſtill⸗ ſchweigend legte er den Kopf auf den Tiſch, und brach in einen Strom von Thraͤnen aus. Als er ſich wieder gefaßt hatte, geſtand er, daß er im erſten Eifer einen ſehr heftigen Brief, in ſei⸗ nem und ſeines Bruders Namen, an die Mut⸗ ter geſchrieben, worin er ſich foͤrmlich von ihr losgeſagt und geſchworen habe, nie wieder die Schwelle eines Mannes zu betreten, der ſie durch ſeine Heirath erniedrigt haͤtte.— 1 „Arme, arme Frau!— wie leid thut ſie mir! Es muß ſehr bitter fuͤr eine Mutter ſeyn, von ihrem Kinde verleugnet zu werden!— Aber wie beklage ich auch dich, armer, unbeſonnener 4⁰3 1 Juͤngling!— Wenn ſie nun krank wird, und dein harter Brief ſchuld daran iſt?“— „Um Gotteswillen, Herr, wenn ſie noch einige Menſchlichkeit beſitzen, ſo fuͤhren ſie mir dies ſchauderhafte Bild nicht vor die Seele!“— „Sobald du mir verſprichſt, es ſelbſt durch einen andern, und beſſern Brief zu verbannen.“— „Ich muͤßte mich doch ſchaͤmen, ſobald dar⸗ auf einen anders lautenden Brief zu ſchreiben!“— „Des erſten Briefes haͤtteſt du dich billig ſchaͤmen ſollen, nicht des zweiten. Komm ſchreib, ich bitte dich, ſonſt moͤchteſt du es Zeitlebens bereuen. Denke dir, wenn nun deine Mut⸗ ter——— „Still, ſtill! nicht noch einmal die ſchreck⸗ lichen Worte; lieber will ich alles thun!—“ Er ergriff ſchnell ein Blatt Papier und ſchrieb ſeiner Mutter, daß er ſeine erſte Heftigkeit bereue, ſie deßhalb um Verzeihung wegen ſeines letzten beleidigenden Briefes bitte, und erboͤtig ſei zu ihr zu kommen, wann ſie es befoͤhle. Ihres Man⸗ nes Namen aber nur zu nennen, oder auch ihm einige freundliche Worte zu ſagen, dazu konnte der gute Alte ihn nicht bewegen. Doch hatte er 26* 404 ſchon uͤber ſeine Erwartung 9ahen, und dies beruhigte ihn.— „Nun,“ ſagte er zu lhm,„ich hoffe we⸗ nigſtens du wirſt es nicht bereuen John Rey⸗ nolds unterwegs begegnet zu haben. Wohin willſt du aber jetzt gehen?“— „Ich will einen Freund in der Nachbarſchaft beſuchen, werde aber uͤbermorgen wieder hier durchkommen, um zu ſehen ob Briefe an mich gekommen ſind, und werde hier eine Antwort auf meinen heutigen Brief erwarten.“— „Ich werde am naͤmlichen Tage auch wieder hier ſeyn. Wollen wir dann, ſalls nichts dazwi⸗ ſchen kommt, hier mit einander zu Mittage eſſen?“— „Mit vielem Vergnuͤgen; glauben 6 ie es mir äörigens, lieber Herr, daß ich nie den freundli⸗ chen Antheil vergeſſen werde, den ſie an mir unbeſonnenem jungen Menſchen genommen be ben.“ „Haͤtte ich dich blos fuͤr unbeſonnen gehnlten, wuͤrde ich mich ſchwerlich um dich bekuͤmmert haben; aber es ſchien mir gleich anfangs, als ſei etwas in dir, wobei es ſich der Muͤhe verlohne 2 4⁰⁵ es heraus zu bringen, und ich habe mich nicht geirrt. Ich habe dein Herz ſondirt, und finde es auf dem Grunde geſund. Lebe wohl, ich hoffe wir ſehen uns wieder.“— Jeder reiſte nun ſeine Straße, traf aber am beſtimmten Tage wieder im Wirthshauſe ein. „Nun,“ ſagte Reynolds, haſt du mir etwas Neues zu berichten?“—. „Nein, die Poſt iſt noch nicht da; aber, wenn ich es recht uͤberlege, kann ich auch heute noch keine Antwort auf meinen letzten Brief ha⸗ ben, da die Briefe uͤber London gehen muͤſſen.“— „Das thut mir leid; ich haͤtte gerne ihre Antwort geſehen.“— In dieſem Augenblicke kam die Poſt an, und man brachte einen Brief an Warburton herein.„Das iſt des unausſtehlichen Menſchen garſtige Handſchrift“”— vief er, indem er den Brief wuͤthend auf den Tiſch warf;„was hat er mit mir zu thun?— Warum ſchrieb meine Mutter nicht ſelbſt?— Ich kann mich nicht uͤberwinden ihn zu oͤffnen.“— „Laß mich doch die Aufſchrift ſehen.— Gar⸗ ſtige Handſchrif!!— Hm— du ſcheinſt ſehr 4⁰6 ſtrenge, Freund Warburton; mich duͤnkt es iſt eine recht gute Hand.— Vielleicht iſt deine Mutter krank, und kann nicht ſchreiben, denn gewiß konnte nur eine ſehr triftige Urſache ihren Mann zu der Herabwuͤrdigung bewegen, dir zu ſchreiben, nachdem du dich noch kuͤrzlich ſo ent⸗ ehrender Ausdruͤcke gegen ihn bedient hatteſt.— Komm, oͤffne den Brief; ich bin wirklich unru⸗ hig.“— „Und ſie haben mich faſt mit ihrer Unruhe angeſteckt.“ Er oͤffnete den Brief und las folgendes:— Mein Herr! Meine liebe Frau, die ſeit dem Empfange Ihres fuͤrchterlichen Briefes,(wie ſie ihn ſelbſt nennt,) toͤdtlich krank iſt, bittet mich Sie zu beſchwoͤren, auf das Schnellſte zu ihr zu ei⸗ len, weil ſie uͤberzeugt iſt daß Sie und Ihr Herr Bruder, dem ich gleichfalls ſchreibe, einer ſterbenden Mutter verzeihen werden, obgleich Sie ſich im Leben von ihr losgeſagt hatten. Auch hat ſie Ihnen noch etwas Wichtiges mitzutheilen. Fuͤrchten Sie uͤbrigens nicht, mein Herr, daß ich mich in Ihre Gegenwart eindraͤngen wer⸗ 407⁷ de; ich bitte Sie nur noch mein Haus, ſo lange es Ihnen beliebt, als das Ihrige zu betrach⸗ ten.— B. B. Warburton hatte kaum bis zur dritten Zeile geleſen, als er mit der groͤßten Heftigkeit an die Klingel riß, und augenblicklich eine Poſt⸗ chaiſe mit vier Pferden verlangte. Hierauf gab er allen ſeinen Gefuͤhlen des Schmerzes und der Reue in einem ſolchen Grade Raum, daß Rey⸗ nolds, der gewohnt war, nur mit Leuten von gemaͤßigten Leidenſchaften umzugehen, fuͤrchtete, er habe den Verſtand verloren. „Herr, leſen ſie dies, rief er, und ſie muͤſſen ſich dadurch uͤberzeugen, daß ich ewig ihr An⸗ denken ſegnen werde! Denn haͤtte ich den zwei⸗ ten Brief jetzt nicht ſchon geſchrieben, ich muͤßte raſend werden!“—— Reynolds las den Brief mit inniger Be⸗ wegung. Er zog gleichfalls an die Klingel, und indem er einen Blick voll Mitgefuͤhl auf den jungen Mann warf, befahl er dem Aufwaͤrter ein paar Poſtferde zu ſeinen eignen friſchen Pferden 4⁰⁸ vor ſeinen Wagen ſpannen zu laſſen, weil es auf dieſe Weiſe ſchneller gehen wuͤrde. „Ich will und kann dich in einem ſolchen Gemuͤthszuſtande nicht allein reiſen laſſen; auch ich bin Vater von mehreren Soͤhnen, und weiß wie ich gewuͤnſcht haben wuͤrde, daß ein anderer, unter aͤhnlichen Umſtaͤnden, gegen ſie gehandelt haͤtte. Obgleich du mir alſo eigentlich fremd biſt, will ich dich doch begleiten.“ „Ach, mein Herr, ſie ſind allzuguͤtig.“— „Ich bitte dich, liebes Kind, verſchone mich mit deinen Ach und Oh's, und deinen uͤbertrie⸗ benen Ausrufungen!— Dies fuͤhrt allemal meine Geduld in große Verſuchung.— Und doch bin ich dir, ohngeachtet alles deſſen, ſo von Herzen gut, vorzuͤglich auch, weil du, ſelbſt in deiner groͤßten Heftigkeit, noch nie den Namen des Herrn unnuͤtzlich gefuͤhrt haſt.— Ueberdies biſt du ja noch ſo jung, noch nicht einmal muͤn⸗ dig, den Geſetzen nach.“— „Doch bin ich alt genug ihren Werth nach Wuͤrden in ſchaͤtzen, und ihre Ermahnungen zu ehren;— und ich will Mhuan aus ihnen ziehen, wenn ich kann!“— 409 „Dieſer dein Zuſatz:„wenn ich kann,“ gefaͤllt mir viel beſſer, als die beſtimmte Verſi⸗ cherung, daß du in jedem Falle gewiß Nutzen daraus ziehen werdeſt, mir gefallen haben wuͤrde, da er eine Kenntniß deiner ſelbſt, und ein ge⸗ rechtes Mißtrauen in die Ausfuͤhrung deiner gu⸗ ten Vorſaͤtze, vorausſetzt.“— Der Wagen, mit Reynolds friſchen, mu⸗ thigen Pferden und zwei Poſt⸗Pferden beſpannt, fuhr nun vor, die Reiſenden ſetzten ſich hinein, und raſch ging es vorwaͤrts. Reynolds verſuchte unterwegs ſeinem Gefaͤhrten die Zeit zu verkuͤr⸗ zen, indem er durch Fragen nach ſeiner Familie, 1 ſeinem bisherigen Streben, und ferneren Aus⸗ ſichten des Lebens, ſeine Aufmerkſamkeit von der Gegenwart abzuziehen ſuchte. Auf dieſe Weiſe erfuhr er, daß ſein junger Freund von gutem Herkommen ſei, ſo bald er muͤndig ſeyn wuͤrde, ein anſehnliches Vermoͤgen zu erwarten habe, und hoͤrte gleichfalls, daß die Mutter immer ge⸗ gen ihn ſehr zaͤrtlich und vielleicht zu nachgiebig geweſen ſei.— „Ja, ja, ſo nachgiebig, daß ſie dich verzog, und dadurch die Ordnung der Natur umkehrte, 41⁰ indem ſie unter deiner Herrſchaft ſtand, und nicht du unter der ihrigen, wie es billig der Fall ſeyn muß.— Armer Junge!— Es iſt ein wahres Sprichwort: Selaven machen Tyrannen, und nicht Tyrannen Selaven.— Haͤtte ſie dich in deiner Jugend hinlaͤnglich gezuͤchtigt, wuͤrdeſt du es nicht gewagt haben dich gegen ſie aufzuleh⸗ nen, und ſie unwuͤrdig zu behandeln, jetzt, da ſie alt iſt.— Es iſt eine ſchlimme Sache, wenn Muͤtter nicht bedenken, daß, ſo ſuͤß es auch iſt geliebt zu ſeyn, die Liebe ſelbſt Gefahr laͤuft wie ein Schattenbild zu vergehen, ſobald ſie nicht von dem ſichern Bollwerke wohlverdienter Achtung umgeben iſt.“— „Muß ich ihnen hier auch eine kleine Schwaͤ⸗ che meiner Mutter eingeſtehn, ſo beſitzt ſie den⸗ noch ſehr vorzuͤgliche Eigenſchaften, obgleich ihre muͤtterliche Zaͤrtlichkeit wohl vielleicht zu ſehr Lei⸗ denſchaft war.“— „Leidenſchaft!— Grundſatz haͤtte es gewe⸗ ſen ſeyn muͤſſen, denn der Erfolg beweiſt, daß auch dieſe Leidenſchaft, wie alle uͤbrigen, nichts als Unheil und Verderben hervorgebracht hat.“— 411 So wie man ſich jetzt dem ſtiefvaͤterlichen Hauſe naͤherte, wurde Warburton wieder auf das heftigſte bewegt.„Wenn ich dennoch zu ſpaͤt kommen ſollte“, rief er,„wenn———— „Bedenke daß dein letzter Brief auch ange⸗ kommen ſeyn muß, und vielleicht das tief ver⸗ wundete Gefuͤhl in etwas geheilt hat.“— „Das tief verwundete Gefuͤhl!— Ja, ja!— Aber wer ſtieß den Dolch in dieſe Bruſt?— Ich ſelbſt!— Ich Elender, ich Muttermoͤr⸗ der!“— „Hoͤre, Frank, wenn es dir irgend einige Beruhigung gewaͤhrt, dich ſelbſt mit ſolchen har⸗ ten Namen zu belegen, ſo will ich dich darin nicht ſſtoͤren; aber mich duͤnkt, du thuſt es zu fruͤh. Sieh ſelbſt, uͤberzeuge dich mit eigenen Augen, armer Junge, wir fahren ja ſchon auf das Haus zu, welches doch wahrlich nicht wie ein Sterbehaus ausſieht.“— Der Wagen hielt; Warburton war weder im Stande zu ſprechen, noch auszuſteigen, bis ſein Freund einige Erkundigung eingezogen hatte. Da im erſten Augenblicke Niemand herbeieilte, 4¹² oͤffnete der gute alte Mann ſelbſt den Schlag, ſtieg aus, und ging in die offne Thuͤr des Hauſes. „Iſt deine Frau noch am Leben?“— fragte er einen ihm entgegenkommenden Bedienten.— „Gott ſei Dank, ja, mein Herr, und ſie fuͤhlt ſich etwas beſſer.“— „Seit wann?“— „Seit geſtern, Herr.“ „Hat ſie einen Brief mit der Poſt bekom⸗ men?“— 5 „Ja, mein Herr, und hierauf rief ſie aus: Dies thut meinem Herzen wohl!— Und ſeit⸗ dem ſcheint ſie wieder aufzuleben.“ Reynolds, der ſchon bei der erſten Ant⸗ wort ſeinem jungen Freund freundlich zugenickt hatte, eilte nun nach dem Wagen, indem er unterwegs mit der Hand uͤber ſeine Augen fuhr. „Pfui,“ ſagte er,„ich glaube du haſt mich mit deiner Weichheit angeſteckt.“— E „Nun, mein Herr 70— „Nun, warte einen Augenblick; deine Mut⸗ ter iſt beſſer, und beſſer, wie es ſcheint, ſeit deinem letzten Briefe. Die arme, weiche See⸗ le!“— Hier mußte er wieder aufhoͤren zu 4¹3 ſprechen, ſo ſehr waren Warburtons Bhiäh auf ihn uͤbergegangen. „Ach, wir Eltern ſind doch wahrlich ſchwache Geſchoͤpfe, daß Tod und Leben von dem Eigen⸗ ſinne ſolcher Brauſekoͤpfe abhaͤngig iſt, wie du und deines Gleichen ſind.— Aber komm, jetzt benimm dich maͤnnlich, trockne deine Thraienn und ſteig aus.“— d Hierauf wandte er ſich um, und ging ins Haus; Warburton aber lief raſch an ihm vorbei, in die Bedientenſtube hinein und rief: „ſage deiner Frau, ihr Sohn Frank ſei hier.“— „Hoͤre, Frank, wenn du zu deiner Mutter kommſt, ſo bedenke, daß eine kranke Frau nicht meine eiſernen Nerven hat, die du durch deine Heftigkeit ſogar in etwas erſchuͤttert haſt.— Der Bediente kehrte zuruͤck und meldete: ſeine Herrſchaft wuͤnſche den jungen Herrn gleich zu ſehen.— „Wie gut wuͤrde es fuͤr dieſen ſtuͤrmiſchen Juͤngling geweſen ſeyn,“ dachte Reynolds, indem er im Zimmer auf und nieder ging,„wenn er in der Geſellſchaft der Freunde erzogen worden waͤre!“— * — 4¹⁴ Nach ungefaͤhr zwanzig Minuten kehrte War⸗ burton in einem weit ſchlimmeren Zuſtande als vorher zuruͤck. Seine Oh's und Ach's nahmen kein Ende, er ſchluchzte laut, rannte in der Stube herum, und ſchrie:„Nie, nie werde ich es mir vergeben koͤnnen!— Nie———— „Was iſt nun wieder los, junger Menſch?— Iſt deine Mutter ſchlimmer?“— „Ach nein, beſſer!— Oh, nie, nie werde ich es mir verzeihen!“—— „Lieber Junge, jetzt biſt du mir daechaus unverſtaͤndlich.— Erſt konnteſt du dir es nimmer vergeben, weil du die Urſache ihrer Krankheit warſt; und nun kannſt du es dir nicht vergeben, weil du ſie wieder hergeſtellt haſt.— Komm, erklaͤre dich ordentlich.“— 2 319: „Noch bin ich dazu nicht im Stande;— ſie iſt das edelſte Weſen, und ich bin der undank⸗ barſte aller Menſchen!“——— Bei dieſer Ausrufung hob er beide Arme gen Himmel, ſchlug ſich dann vor die Stirn, und gab alle dem Uebermaß der Gefuͤhle Raum, in welchem Leute, die es nicht gewohnt ſind ihre Leidenſchaften zu unterdruͤcken, ſich wohl verlieren. 4¹⁵ „Verzeihe es mir, Frank, wenn ich dir jetzt ſage, daß du mir als ein Comoͤdiant vor⸗ kommſt; obgleich ich nie in meinem Leben ein Theater beſucht habe, ſo ſah ich doch oft auf den Jahrmaͤrkten ſo herumziehende Schauſpieler, die ſich grade ſo gebehrdeten wie du. Einige wenige Thraͤnen ſind dem Manne nicht allein verzeihlich, ja ſie ehren ihn zuweilen, denn wir alle wiſſen, wer auch einſt weinte. Aber dieſen Ver⸗ renkungen thue dadurch Einhalt, daß du es ernſt⸗ lich uͤber dich gewinnen willſt, mir die Sache einſach zu erklaͤren.“ Hier oͤffnete ſich die Thuͤr, und Herr Black⸗ more trat herein; ſobald er aber Warburton erblickte, wollte er zuruͤckgehn. Dieſer ließ es indeß nicht zu, ſprang auf ihn los, ergriff eine ſeiner Haͤnde, druͤckte ſie an ſein Herz, und rief: „Ach, vergeben ſie mir, theurer Mann!“— Blackmore verſuchte ſeine Hand zuruͤtk⸗ zuziehen, und erwiederte mit gekraͤnktem Gefuͤhle: „Heftiger junger Menſch, da ſie ihre Mutter nicht getoͤdtet haben, vergebe ich ihnen.“— Nach dieſen Worten verließ er ſchnell das Zimmer.—. „Das iſt alſo dein Stiefvater!— Sein Brief an dich geſiel mir, aber die Worte, welche er zu dir ſagte, kann ich nicht billigen, und ich ſtimme darin mit dir uͤberein, daß ſeine Erſchei⸗ nung eben nichts Gefaͤlliges hat.“ „Ach, mein Herr, ich bitte, ſagen ſie kein Wort gegen ihn; ich kann es nicht ertragen!— Er iſt der guͤtigſte, der edelſté aller Menſchen!“—— „Was?— der Mann, mit dem deine Mut⸗ ter ſich nicht ohne Erniedrigung verheirathen konn⸗ te? Frank, redeſt du wirklich jetzt von dem naͤmlichen Manne, von dem du einige Tage fruͤher auch redeteſt?"“—-— Jetzt trat Blackmore wieder herein, um ſich gegen Reynolds, den, wie er hoͤrte, ein⸗ zig Freundlichkeit gegen ſeinen Stiefſohn hergefuͤhrt habe, zu entſchuldigen, ihn nicht fruͤher mit ge⸗ hoͤriger Achtung bewillkommt zu haben. Er mel⸗ dete zu gleicher Zeit, daß das Mittags⸗Eſſen bereit ſei, wobei er hoffe die Ehre ſeiner Geſell⸗ ſchaft zu genießen. „Es wird mir zur Ehre gereichen, an einem Tiſche zu ſitzen mit dem guͤtigſten und edelſten aller Menſchen,„wit dein Stiefſohn dich nennt.„— —, —:—— —— 417 „Nennt er mich ſo?— Dann haben ſich ſeine Ausdruͤcke etwas geaͤndert.“— „So thut er; indeß da er es liebt ſich in einem beſonderen Bombaſt von Worten auszu⸗ druͤcken, und verſichert ſich nicht deutlicher erklaͤ⸗ ren zu koͤnnen, ſo giebſt du mir vielleicht naͤhe⸗ ren Aufſchluß; denn ich bin wirklich ungeduldig die Wahrheit zu erfahren, um die Widerſpruͤche ausgleichen zu koͤnnen.“— „Ja, erzaͤhlen ſie alles, theurer Herr 3 lack⸗ more,“ rief Frank;„mir wuͤrde es zu pein⸗ lich ſeyn; nur da, wo ſie ſich ſelbſt nicht hin⸗ laͤnglich Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, werde ich ergaͤnzen.“— „Es iſt keine angenehme Aufgabe, von ſich ſelbſt reden zu ſollen,“ erwiederte Blackmore; „aber, wenn es ſeyn muß, wohlan dann!— Doch. muß ich noch voraus bemerken, daß viel Laͤrmen um nichts gemacht wird. Vielleicht iſt es ihnen ſſchon bekannt, mein Herr, wie ich eigentlich al⸗ les dem verſtorbenen Warburton verdanke? Er erzog mich, nahm mich in ſeine Handlung, die vorzuͤglich Geſchaͤfte nach Amerika machte, und als er ſelbſt dieſe Geſchaͤfte niederlegte, be⸗ O. 1. 27 kam ich einen anſehnlichen Antheil der Handlung. Vor ungefaͤhr drei Jahren ſtarb er, und indem ich damals alles ordnen mußte, hatte ich haͤufig Ge⸗ legenheit um ſeine Wittwe zu ſeyn. Obgleich ich noch nicht wagte den kuͤhnen Gedanken zu faſſen mich ihr anzutragen, ſo fuͤhlte ich doch ſchon damals eine große Reigung fuͤr ſie; um der Mutter willen liebte ich auch die Kinder mehr noch als vorher, wiewohl ſie mir immer ſo recht von Herzen lieb gewefen waren.“— Hier mußte er vor Ruͤhrung inne halten; Warburton ergriff ſeine Hand, waͤhrend Rey⸗ nolds zum Fenſter hinaus ſah. Nach einer Pauſe fuhr er fort:. „So vergingen Jahre; ich ſah Frau War⸗ burton haͤufig.— Meine Neigung konnte ihr kein Geheimniß mehr ſeyn, da ſogar andere ſie be⸗ merkten; ſie aber gab mir keine Aufmunterung, und ich ſchwieg. In dieſer Lage befanden ſich die Dinge, als mir eine traurige Poſt zu Ohren kam. Herr Warburton hatte gegen meinen Rath das Vermoͤgen ſeiner Soͤhne in einem an⸗ ſehnlichen Handelshauſe belegt, bis ſich eine guͤn⸗ ſtige Gelegenheit zeigen wuͤrde, es in den oͤffent⸗ 419 lichen Fonds unterzubringen. Als er ſtarb, wuͤnſch⸗ te ich, als Teſtaments⸗Vollſtrecker, das Geld herauszuziehen, weil ich es lieber der oͤffentlichen Sicherheit, als Privat⸗Perſonen anvertrauen wollte; aber meine Verſuche mißlangen, und dies beunruhigte mich, denn der Gedanke ſtieg natuͤr⸗ lich in mir auf, daß ein Haus, welches nicht im Stande ſei ein ſolches Depoſito⸗Vermoͤgen aus⸗ zuzahlen, nicht recht feſt ſtehen muͤſſe. Der Er⸗ folg zeigte daß ich mich nicht geiert hatte, denn bald wurde ich im Geheim benachrichtigt, daß das Haus brechen wuͤrde. Ich begab mich nun mit dieſer Nachricht zur Frau Warburton, und da ihr Wittwengehalt, obgleich hinreichend fuͤr ſie, dennoch unbedeutend erſchien, ſobald ſie ihn mir ihren beiden Soͤhnen theilen ſollte, war ſie untroͤſtlich uͤber dieſe Ausſicht, vorzuͤglich da ſie Beide als etwas verſchwenderiſch, und ſehr ehrgeizig kannte“—— „Nun, Freund Blackmore, fahre fort; warum ſtockſt du in deiner Rede?“— „Weil ich nun durchaus mehr von mir ſelbſt reden muß. Als ich ſie nun ſo traurig ſah, ſagte ich ihr, daß, da ich alles was ich beſaͤße 27 ihrem verſtorbenen Gatten verdanke, alles auch zum Gebrauch fuͤr ihre Kinder ſei, und wenn ſie nur ihre Zuſtimmung gaͤbe, wolle ich die Haͤlf⸗ te der Summe, die ihre Soͤhne durch den be⸗ vorſtehenden Banquerott verlieren wuͤrden, aus meinen Erſparniſſen wieder erſetzen, und zwar ſo, daß es ihnen nicht bekannt wuͤrde, und ih⸗ nen dann den noch fehlenden Reſt nach meinem Tode zuſichern.“— „Und noch immer kein Wort von deiner gjebe?2— „ Nein; es wuͤrde do in der That ſehr niedrig und ungroßmuͤthig geweſen ſeyn, in einem pichen Augenblicke meinen Antrag gemacht zu haben.“— Der ehrliche Freund ſand von ſeinem Stuh⸗ le auf, ergriff Blackmores Hand und ſagte: „Ich achte dich wahrhaft.— Aber was erwie⸗ derte die Wittwe?“— „Sie dankte mir fuͤr mein Anerbiethen, fuͤgte aber hinzu, daß ihr Stolz ſich dagegen em⸗ poͤre, und daß ſie uͤberzeugt ſei, auch ihre Soͤh⸗ ne wuͤrden eine ſolche Verbindlichkeit nicht ertra⸗ gen koͤnnen.— Vergebens bat ich; ſie blieh 421 ſtändhaft bei ihrem Entſchluſſe. Endlich mußte ich ſie verlaſſen, und ſann nun darauf, wie ich ihren Soͤhnen, die damals noch auf der hohen Schule waren, den Verluſt ihres Vermoͤgens beibringen wollte, als mir auf einmal der Gedanke kam mich jetzt zu erklaͤren. Kurz, ich ſchrieb ihr, daß, ob⸗ gleich ſie mir als Frau Warburton weder fuͤr ſich noch ihre Soͤhne Verbindlichkeit haben wolle, es doch noch einen Ausweg gaͤbe, alle Hinder⸗ niſſe aus dem Wege zu raͤumen, und erklaͤrte ahe meine Liebe.“— 2nnt 14 9 9„zund ho fenetc mit gutem Erfslgede— „Ja; ſie geſtand mir naͤmlich, daß ſie das Andenken ihres verſtorbenen Gatten noch zu zärt⸗ lich liebe, um je einen andern Mann lieben zu koͤnnen, und daß ſie daher beſchloſſen habe, nie wieder zu heirathen; daß ſie aber fuͤr ihre Kin⸗ der fedes Opfer bringen, und mich heirathen wuͤr⸗ de, wenn ich verſpraͤche ihre Kinder als die mei⸗ nigen zu betrachten.— Wir wurden zehn Tage darauf in der Stille getraut; indeß beſchloß ſie, aus Zartgefuͤhl gegen mich, den Soͤhnen den ei⸗ gentlichen Beweggrund ihrer Heirath zu verber⸗ gen, und ſie wuͤrde es ihnen auch nie geſagt ha⸗ 4²² ben, obgleich Frank den bewußten Brief ſchrieb, haͤtte ſie ſich jetzt nicht auf dem Todbette geglaubt. Um ihr geaͤngſtetes Gemuͤth zu beruhigen, be⸗ ſchwor ich ſie die Wahrheit zu entdecken, damit ſie ſich in den Augen ihrer vorſchnell urtheilen⸗ den Kinder rechtfertigen koͤnne.— Mehr habe ich nicht hinzuzuſetzen; das Uebrige iſt ihnen be⸗ kannt, ausgenommen daß der Banquerolt des vor⸗ hin erwaͤhnten Hauſes heute in der Zeitung au⸗ gekuͤndigt iſt, und man glaubt, es werde nicht. Dren ieuhe koͤnnen.“ 3939 amjoltt „ Fre Blackmoye, ſagte Reynolds, veiche mir noch einmal deine Hand!— Ich ſa⸗ ge dir zwar nicht, wie unſer Frank hier, daß du der guͤtigſte und edelſte aller Menſchen biſt, denn hoffentlich gieht es noch manche, die dir glei⸗ chen; aber ich ſage dir daß es mich freut deine Bekanntſchaft gemacht zu haben, und daß, wenn nicht beſondere Gruͤnde mich daran hinderten, ich gerne ferner deinen und deiner Familie Umgang genießen moͤchte.— D „Und warum wollten ſie das nicht, mein Herr?— Duͤrſen wir niche hoffen ſie oͤfter bei uns zu ſehen?“ 423 8„Sch will es nicht ganz verneinen, doch”— „Oh, mein guͤtiger, theurer Freund, mein Warner und Ermahner, ſie koͤnnen es doch nicht im Ernſte meinen, daß unſere Bekanntſchaft hier ſchon enden ſollte?“— 8 9 „Seht, da kommt er ſchon mieder mit ſeiuen Oh's und uͤbrigem Wortſchwall!— Hoͤre, F rank, ich will ganz aufrichtig mit dir ſeyn. Ich habe eine Tochter, und da ſie zu der Geſellſchaft der Freunde gehoͤrt, und ich wuͤnſche daß ſie darin bleiben moͤge, mag ich ſie nicht der Gefahr ausſetzen, ihre Neigung auf irgend einen Mann außer der Geſellſchaft zu werfen. Da du nun wirklich ein huͤbſcher junger Menſch biſt, Frank, und da der Vater nun einmal nicht um⸗ hin kann, dich lieb zu haben, ſo bin ich wahr⸗ lich beſorgt die Tochter moͤchte dich noch lieber gewinnen, und zu lieb, und du am Ende ſie auch— Alſo, bis Rachel Reynolds nicht Nachel andersweitig heißt, oder du ſelbſt ver⸗ heirathet biſt, wollen wir uns von Zeit zu Zeit Briefe ſchreiben, wenn du es wuͤnſcheſt; aber uns in unſern Haͤuſern keinen Beſuch abſtatten. Denn ſieh, es iſt mein Grundſatz, daß Eltern nie ihre Kinder in Verſuchung fuͤhren ſollten Ver⸗ bindungen zu lhließ hen, die ſie dann nachher nicht billigen koͤnnen.— Und nun 14Weiß d du dien ganze Wahrheit.“— un ir NeSn „Eine ſchmeichelhafte, und dach hmerglihe Wahrheit fuͤr mich; aber ich hoffe daß Rachel Reynolds bald einen andern Nanten ſtheen wird, und dann werden wir uns medesſehene— „ Aber ſie, mein Here, koͤnnen uns doch zuweilen mit ihtem Beſuüche erfreuen Ta ſagte B la ck m or e.— 93„Jawohl; und 36. komme ublse Sas einmal, um deine Frau kennen zu lernen, wenn ſte beſſer iſt; aber nun muß ich mich zur Abreiſe anſchicken, denn ich habe noch einen langen Weg vor mir— Aber. ſieh, wer kommt da Eine poſtchaiſen mit vier ſchaͤumenden Pfer⸗ den beſpannt, hielt jetzt vor der Thuͤre ſtill, aus welcher ein junger⸗Mann ſprang, dor gleich ins Haus lief, und dem Bedienten entgegen ſchrie: „Komm ich zu ſpaͤt?— Lebt ſie noch?7— Auf die empfangene Antwort rannte er mir dem Ausruf:„Gott ſei Dank!“— in die Stube, wo ——— der faſt eben ſo ſehr erſchuͤtterte Frank den ar⸗ men Bruder auf einen Stuhl half. Charles Warburton konnte nicht dem gepreßten Herzen durch Thraͤnen Luft machen, als ſein Bruder, und litt daher wahrſcheinlich noch mehr.—„Ach Frank!“ rief er, indem Blackmore veraͤchtlich anblickte,„was habe ich ſeit dem ſchrecklichen Briefe ausgeſtanden!“— „Du haſt vieles zu hoͤren,“ erwiederte Frank, der den Blick bemerkt hatte,„deßhalb komm mit mir in eine andere Stube, damit ich dir alles erzaͤhlen kann.“— Bei dieſen Worten nahm er den Bruder beim Arme, und ſagte zu Blackmore, indem er an ihm voruͤber ging „Verlaſſen ſie ſich darauf daß er ſie eben ſo eh⸗ ren wird, wie ich.“— „Wie nothwendig und heilſam wird die Züch⸗ tigung, welche die jungen Leute durch den Ver⸗ luſt ihres Vermoͤgens erfahren haben, fuͤr ſie ſeyn!“ ſagte Reynolds.—„Der Stolz muß⸗ te gedemuͤthiget werden. Welch einen Blick er dir zuwarf!— Darf irgend ein Sterblicher ſich unterfangen, ſeinen Nebenmenſchen ſo anzuſe⸗ hen?“— „Lieber Herr, beide Bruͤder haben ihre Schwaͤchen, und doch ſind ſie im Grunde gute Jungen; und dann bedenken ſie ihre Jugend, und daß man ſehr nachſtchtig in ſhter Seehuds Sebeſun iſt.— Das iſt ſehr freundlich von dir geurtheilt, und ich bin auch uͤberzeugt, daß wenn ſie nur den Hochmuth uͤberwinden,(und mich duͤnkt der ar⸗ me Frank iſt ſchon auf gutem Wege dazu,) ſo werden ſie aus dieſer⸗Peefußg als beſſere Men⸗ ſchen hervorgehen.“— Noch ehe Blackmore antworten konnte, trat Frank herein und bat ihn in das andere Zimmer zu kommen, um mit ſeinem Bruder zu ſprechen. Der Freund genoß nun auch noch die Freu⸗ de Charles Warburton mit dem Sieſvatat verſoͤhnt zu ſehen. Jetzt ſetzte man ſich zum Mittagseſſen; bald darauf aber ſagte Reynolds:„Ich muß nun von dannen, ſo leid es mir auch thut; aber ich hoffe daß wir uns bald in Frieden und Liebe wiederſehen werden. Lebe wohl, Freund Black⸗ more; lebe wohl, lieber Frank!— Erinnere dich, wenn es dir jemals an einem trenen Rath⸗ —— 4²⁷ geber und Freund fehlen ſollte, daß du an mir einen ſinden wirſt.— Aber ich ſchreibe dir auch — Und nun noch einmal, lebt wohl!“— Er reiſte ab, und lange noch ſah Warbu d⸗ ton dem davon eilenden Wagen nach, mit ge⸗ ruͤhrtem Herzen, und einer Thräne im Auge. Einige Briefe wurden im Laufe der Zeit zwiſchen Beiden gewechſelt, die, von der einen Seite, liebevolle, vaͤterliche Ermahnungen, und von der andern Dankbarkeit und ehrfurchtvolles Zutrauen ausſprachen. Jedoch waren die jun⸗ gen Maͤnner ſchon muͤndig geworden, ehe ſie Reynolds wiederſahen, als er unerwartet eines Tages mit ſeiner Tochter und ihrem Manne zu ihnen kam. „Nun, ſagte er, da meine Rachel verhei⸗ rathet iſt, komme ich euch zu beſuchen, und habe ſie nebſt ihrem Gatten mitgebracht.... Die ſo ſehr willkommnen Gaͤſte wurden von der ganzen Familie mit der groͤßten Freude be⸗ willkommt. 5 „Nun ſehe ich, theurer Freund, ſagte Frank, indem er Reynolds an die Seite 428 zog, daß ſie fruͤher fuͤr mich, und nicht fuͤr ihre Tochter fuͤrchteten. Wie ſchoͤn iſt ſie!“— „Bah, bah“ rief Reynolds,„nenne ihre Bildung lieber angenehm; aber gewiß, ich fuͤrch⸗ tete fuͤr euch alle Beide.— Nun, wie geht es mit den Geſchaͤften, Frank?“— „Ganz vortrefflich.“—. Frank ſowohl als Charles hatten ſich geweigert ſelbſt von dem Manne ihrer Mutter die ſo betraͤchtliche Summe zum Geſchenk anzu⸗ nehmen; da aber ihr Vermoͤgen um ein Anſehn⸗ liches verringert war, beſchloſſen ſie, ſich mit vol⸗ ler Thaͤtigkeit dem Geſchaͤftsleben zu widmen, und ergriffen freudig Blackmores Anerbiethen, ſie zu Theilnehmern ſeiner Handlung zu machen. Wuͤrdig beſtanden ſie in dieſer Probe; gebeſſert durch Widerwaͤrtigkeiten, angefeuert durch das gute Beiſpiel ihres Stiefvaters, mußte man ſie nicht allein ihres treuen Fleißes wegen loben, ſon⸗ dern die Geſchicklichkeit bewundern, mit welcher ſie ihr Geſchaͤft trieben. Ein guͤnſtiger Erfolg kroͤnte ihre Unternehmungen.— K e „ Nun, alles was ich von euch, ihr jungen Maͤnner, hoͤre, gefaͤllt mir,“ ſagte Reynolds, 4²9 und ich darf dich, Freundin Emma Blackmo⸗ re, wohl in Wahrheit eine gluͤckliche Mutter nennen. ,Das bin ich; und glauben ſie mir, nie werde ich vergeſſen, wieviel ich ihren freundlichen Warnungen und Zurechtweiſungen in Hinſicht mei⸗ nes Sohnes zu danken habe. Sie uͤhrien 8 auf den Weg des Guten.“— „Doch nicht ſo einzig, liebe Frau; waͤre nicht ein guter Stoff in ihm geweſen, den ich bearbeiten konnte, ſo wuͤrden alle meine Arbeiten nichts gefruchtet haben. So war mein ganzes Verdienſt wohl nur, daß ich ſein Herz fruͤher zum Guten leitete, als es ſonſt vielleicht geſche⸗ hen ſeyn wuͤrde. Nun bleibt mir nur noch ein Wunſch uͤbrig, naͤmlich deine Soͤhne verheirathet zu ſehen.— Frank laͤchelt und ſieht aus, als wenn er wohl wuͤßte—— Hoͤre, iſt viel⸗ leicht etwas der Art ſchon im Werke?“— „Ja, lieber Herr; die Erzaͤhlung ihres ei⸗ genen Lebenslaufs iſt weder an mir noch meinem Bruder verloren gegangen. Sie heiratheten eine Tochter ihres Stiefvaters, und wir haben es uns einfallen laſſen, uns in die Nichten des Un⸗ ſrigen zu verlieben, deren Vermoͤgen der groß⸗ muͤhige Mann durch die Summe, welche er uns nach ſeinem Tode zudachte, ſchmaͤlern wollte. Da weder er, noch meine Mutter in dieſem Augen⸗ blicke gegenwaͤrtig ſind, darf ich wohl hinzuſetzen, daß ſie von muͤtterlicher Seite aus einer ſehr guten Familie ſtammen, und von ihren Verwand⸗ ten eine vorzuͤgliche Erziehung genoſſen haben.“ „Ich will mich wohl huͤten dir ſo aufs Wort zu glauben, Frank, ſondern will mit eigenen Augen daruͤber urtheilen. So lade ich euch alle ein die Flitterwochen der Ehe in meinem Land⸗ hauſe zuzubringen. Wie werde ich mich freuen die ganze Familie in Liebe vereinigt zu ſehen— Denn gewiß entfernen wir uns ſchon hienieden weit vom rechten Pfade, wenn wir den gehaͤſſi⸗ gen Gefuͤhlen des Zornes und der Empfindlich⸗ keit Raum geſtatten, und daruͤber das neueſte und ſchoͤnſte aller Gebote vergeſſen:„Liebet euch untereinander!— 6E . 19OfrAu 1 15 Verbeſferungen. a. Seite 10r Z. 10 v. oben lies: eine ſtatt keine. — 103— 2 v. unten lies: er möge ſtatt möge er. A4⁷ ———— —