deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von CEduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 38 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet wird. 3 t 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt, werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ——— 2 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„„—.„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Feſer zunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ⁴ — — — ꝙ8483ſ — ——— Die oe Vorzeichen, „ Guſtav Schilling. 6 Zweiter Theil. 1—— Dresden, 1824, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 7 von Guſtav Schilling. Zweite Sammlung. Sieben und zwanzigſter Band. Die Vorzeichen. Zweiter Theil. —j, Die Ruͤckkehr der unholden Georgine, war alsbald dem Hofe bekannt und mit Erſchrek⸗ ken vernommen worden. Truwold's Bericht hatte den Fuͤrſten zu der Wahl einer durch⸗ greifenden, ſeinen Frieden ſichernden Maß⸗ regel beſtimmt, deren Vollziehung der Mut⸗ ter dringende Fuͤrbitte nur fuͤr den Augen⸗ blick hemmen konnte. Sie beſchloß, zu Folge der genommenen Ruͤckſprache mit Armand, unverzuͤglich und in der Stille nach Heim⸗ wald zu fahren, ſich ſelbſt von Georginens Zuſtand und Abſichten zu unterrichten— zu verſuchen, ob Mutterrecht und Mutter⸗ liehe noch einige Anerkennung finde und dieſe heiligen Gewalten nach Kraͤften zu bethaͤtigen. 6. Nur ein Hoffraͤulein ſollte ſie begleiten, doch dieſen allen grauete vor der boͤſen Fee, welche ihnen, ehedem, die ſchwachen Seiten abge⸗ lauſcht, dieſe an's Licht gezogen, ſie gekraͤnkt und verrathen hatte. Der Leibarzt ward, nach Mitternacht, zu der Einen geholt; die Zweite hielten, am Morgen, ihre gewoͤhn⸗ lichen Nothhelfer, die Kraͤmpfe, feſt und eine Dritte erklaͤrte, von einigem Werch am Rocken geaͤngſtet, auf das Ehrenamt ver⸗ zichten zu wollen, wenn es ſie ehrenruͤhriger Behandlung ausſetze. Gnaͤdige Mutter, ſagte Caͤlie: befehlen Sie uͤber meine Roſalinde. Das Fraͤulein iſt der Kranken voͤllig unbekannt, hat alſo, im ſchlimmſten Falle, weniger als jede An⸗ dere zu fuͤrchten und ihr wohlthuendes Ver⸗ trauen wird ein Maͤdchen, das Sie anbetet, füͤr jede moͤgliche, unverwirkte Wehthat ent⸗ ſchaͤigen. Dorothea umarmte dieſe weiſe, 7 beiſtaͤndige Rathgeberin mit warmer Dank⸗ barkeit; die Empfohlene erſchien bald darauf, reiſefertig und mit freudiger Beeiferung; ſie aͤrntete die ehrendſten Lobſpruͤche. Dorothea verließ, bei ihrer Ankunft in Heimwald, den Wagen vor einer Seitenthuͤr des Schloßgartens, denn es lag ihr daran, die Tochter gleichſam zu uͤberfallen. Sie fand es, naͤchſtdem, ſchicklich und nothwendig, mit jener ohne Zeugen zu verhandeln, und bat Roſalinden, ſich es indeſſen bei der Aya gefallen zu laſſen; dieſe blieb demnach in dem Vorzimmer zuruͤck und klopfte vergebens an mehrere Thuͤren, um ein dienſtbares, ſie zurechtweiſendes Weſen aufzufinden. Die weiblichen waren eben um Georginen beſchaͤf⸗ tigt, ein Bedienter krank, ein zweiter, von jener gemißhandelt, entlaufen, der Kammer⸗ diener verſchickt worden und die Pforte, wel⸗ 8 che Roſalinde jetzt, auf's Gerathewohl, oͤff⸗ nete, führte ſie in das Zimmer, wo Aga⸗ the's Bild hing, und ſie ſich von Erinnerun⸗ gen an das fruͤhere Hierſeyn lebhaft ange⸗ ſprochen fuͤhlte. Sie faßte, von neuem, die rüͤhrende Schilderey in's Auge, verſenkte ſich in die Leiden der Ungluͤcklichen und ſuchte jetzt die Tapetenthuͤr auf, um auch jenes unheimliche, damals nur fluͤchtig beachtete Sterbezimmer zu betrachten. Das Pfoͤrt⸗ chen fand ſich; es war, noch von jenem Tage her, unverſchloſſen, ſie trat, das Straͤuben der bangenden Weiblichkeit bekaͤmpfend, hin⸗ durch und ahnte nicht die Naͤhe des unver⸗ geſſenen Lieblings, den ihre Sehnſucht, wie Agathe den Tauber, an's Herz druͤckte, Julius hatte, bald nach Roſalindens Entfernung, die Heimath verlaſſen; weniger aus gerechter Beſorgniß vor dem Haß und 9 der Verfolgung des verfeindeten Goͤnners, als von dem gluͤhenden Verlangen, ſie wie⸗ der zu ſehen. Er pilgerte, in ſtarken Tage⸗ maͤrſchen, dem neuen Wohnplatze ſeiner Hei⸗ ligen entgegen und hatte Heimwald bereits im Ruͤcken, als ein offener Wagen mit zwei Damen an ihm voruͤberflog. Er ſah durch die Gebuͤſche, welche den Fußpfad von der Heerſtraße ſchieden, das wohlbekannte En⸗ gelgeſicht„die Mahlſtatt ſeiner Kuͤſſe“ er eilte zuruͤck, dem Wagen nach und ſchluͤpfte, bald nach ihr, durch jene Gartenthuͤr, um die willkommene Spur zu verfolgen. Das Schloß umkreiſend, ſah er ſie, ploͤtzlich, im Glanze der wehmuͤthigen Wallung, welche jene Sinnbilder des Leides in dem bedraͤngten Herzen der Jungfrau angeregt hatten, durch das Fenſter— er ſah den eintretenden Ryno, der ihm als ein zudringlicher Frevler, oder Gefahr drohender Nebenbuhler erſchien und ——— 10 eben jetzt blickte Linda nach dem Fenſter hin, erkannte den Geliebten, ſtaunte, verklaͤrte ſich und uͤber ſeine Lippen flog der laute Sehnſuchtruf. Ryno ward, bekanntlich, von dem Zu⸗ falle hergefuͤhrt— die Aya, der er aufwar⸗ tete, hatte ihn ſchnell entfernt, weil ſie den Fußtritt der nahenden Prinzeſſin hoͤrte. Dieſe trat auch, gleich darauf, bei ihr ein. Sie hatte das Rollen des Wagens vernommen, hatte zwei Damen im Garten erblickt, fuͤrch⸗ tete, ſich von der gehaßten, doch ihr noch unbekannten Caͤlie, uͤberraſcht zu ſehn und noͤthigte jene deshalb, ſie nach den obern Stockwerken des Schloſſes zu begleiten, um ſich vergebens ſuchen zu laſſen. Die treue, wohlmeinende Mutter fand daher nur ihre Frauen vor, die nicht begriffen, noch zu ſagen wußten, wohin die Prinzeſſin ſo ploͤtzlich ge⸗ 11 kommen ſey, ihr, im Garten wie im Schloſſe, vergebens nachſpuͤrten und ohne ſie, in ſpre⸗ chender Bekuͤmmerniß, wieder kamen. Dorotheen ſchien es einleuchtend, daß die entartete Tochter ihre Ankunft bemerkt und ſie geflohen habe; dieſe heilloſe Verleugnung beſtimmte ſie— im Innerſten empoͤrt, zur ſchnellen Ruͤckkehr. Sie ſuchte das ver⸗ ſchwundene Fraͤulein, folgte der Spur, wel⸗ che die offene Thuͤr bezeichnete, fand Roſa⸗ linden endlich in jener entlegenen Trauer⸗ halle, fand ſie, in ſprechender Bewegung und allein mit Ryno, deſſen Leidenſchaft fuͤr dieſe, durch die verfeindete Frau von Seedorn, ihr zu Ohren gebracht worden war. Verſtummt und angſthaft eilte Linda der winkenden, ſichtlich erzuͤrnten Goͤnnerin nach und Jener folgte— des Fraͤuleins Stim⸗ mung mit empfindend, beiden Damen. Da ſtuͤrzte Georgine, hart vor Agathe's Bilde, 12. der Mutter entgegen, ſie warf ſich zu ihren Fuͤſſen, rechtfertigte, von dem Zeugniſſe der Aya unterſtuͤtzt, ihre Abweſenheit, ward hierauf von der Verſoͤhnten empor gehoben, und mit Wehmuth und Guͤte umarmt. Irwell ſchritt, in die wunderbare Er⸗ ſcheinung verſunken, laͤngs der Gebuͤſche des Weihers hin, welcher einen Theil des Schloſ⸗ ſes begrenzte; ſeine Schweſter hatte ihn be⸗ reits mit Roſalindens geheimen Verhaͤltniſſe und dem Gegenſtande deſſelben bekannt ge⸗ macht. Er traf hier ploͤtzlich auf den Pilger und ſagte: Wahrſcheinlich blieb Ihnen un⸗ bekannt, daß dieſer Garten kein oͤffentlicher iſt und Ihre Gegenwart mir Verantwortung zuziehen duͤrfte? Ich bin hier fremd, entgegnete Julius: ich fand jene Seitenthuͤr offen und unbe⸗ wacht, danke Ihnen aber fuͤr die freundliche 1 13 Zurechtweiſung. Sehr angenehm wuͤrde mir es ſeyn, zu erfahren, ob die beiden Damen, welche ich dort durch das Fenſter des Eck⸗ thurmes wahrnahm, ſich gewoͤhnlich hier aufhalten.. Sie kamen eben aus der Hauptſtadt, kehren auch vielleicht heute noch dahin zuruͤck⸗ Jener dankte verbindlich und wollte nun der Weiſung Folge leiſten, als Roſalinde, mit der alten Aya, aus einer Seiten⸗Allee hervorſchritt, auf ihn traf und erblich. Die Matrone ſagte einige verbindliche Worte zu Ryno, dem ſie vorhin, nothgedrungen, ſo eilig die Thuͤre gewieſen hatte und veranlaßte damit aͤhnliche Erwiederungen. Irwel hielt, nebenbei, ſeinen Fremden und die Graͤfin im Auge, bemerkte den Wechſel begeiſterter Blicke, geheime Zeichen und ſelbſt ein Blaͤtt⸗ chen in ſeiner Hand, das eben in die zaͤrtere hinuͤber geſpielt werden ſollte, als die Alte 14 fortſchritt und das Fraͤulein ihr folgen mußte. Jener ſtille Verkehr, des Fremden edler Anſtand, die antiken Zuͤge und die ange⸗ nehme Form zeigten klar daß er wirklich den beneidenswerthen Liebling Roſalindens vor ſich ſehe. Er ſagte ihm dieſes, herzlich und unverholen und bat den Ergluͤhenden, ihn nach ſeinem Quartiere zu begleiten, um dort den unerſchoͤpflichen Text von der Ein⸗ zigen, zur Wuͤrze eines Fruͤhſtuͤcks zu machen. Julius ſah, auſſer Faſſung geſetzt, mit unſteten Augen auf; er wußte nicht, ob hier zu leugnen oder zu geſtehen, zu grollen oder die Hand zu bieten ſey?— Ich habe mir, fuhr Irwell fort: und fuͤrwahr! nicht ohne Kampf und Selbſtuͤberwindung, einen Anſpruch auf Ihr Zutrauen erworben, denn ein gewiſſer Ring, den ich, wohl uͤber Jahr und Tag, mit vollem Rechte mein nannte, iſt wieder in der Graͤfin Haͤnden. Iſt's moͤglich? rief jener, ihn anſtarrend, aus: Sie waren es, der mich gefangen nahm? Ryno verneinte.— Julius nannte ſich ihm ſofort und ſprach: ich gehe mit Ihnen und rechne um ſo mehr auf eine troͤſtliche Löſung dieſes Raͤthſels, da Ihr Ausſehn und Aeußern den offenen Soldaten und den wahren Ehrenmann bezeichnen und bei dem erſten Anblicke mein Zutrauen erregten. Irwell unterhielt jetzt, in der Laube des ſeligen Amt⸗Verweſers, ſeinen Gaſt mit der Geſchichte jenes Ueberfalles, der ihm den Ring in die Hand ſpielte— mit der magi⸗ ſchen Gewalt, die ihn fuͤr das Urbild in Flammen ſehte, mit Roſalindens entſchloſſe⸗ ner Verſagung und dem Siege uͤber ſein 16 Herz, den er, bereits drei Tage lang, be⸗ hauptet habe. Das Erſcheinen ihres Lieb⸗ lings aber, ſey gleichſam ein Huͤlfheer, wel⸗ ches jenen ſichern und vollenden werde. Julius hatte ſo eifrig getrunken als zuge⸗ hoͤrt. Edelgeſinnt, hoͤchſt erregbar und durch den Geiſt des ungewohnten Weines ſchnell berauſcht, fuͤhlte er ſich jetzt von der Milde und Entſagungkraft ſeines großmuͤthigen, heldenartigen Gegners beſchaͤmt, verkleinert und durch das erhabene Beiſpiel zur Nach⸗ eiferung entzuͤndet. Was biſt Du neben dieſem? dachte der Schwindelnde: Ueber⸗ ragt er Dich nicht, in alle Wege, wie die Ceder den Waldbuſch? Welche Schoͤne! welche Mannskraft! welche Seelenſtaͤrke! Armer, Heimatloſer, leuchtet Dir nicht ein, daß er, ſchon als Ebenbuͤrtiger, dem Wahn⸗ begriffe einer Hochgeborenen zuſagt? daß ſeine Anbetung ihres bloßen Bildes hinreicht, 17 das weibliche Herz zu gewinnen— daß ſein Liebreiz und Edelmuth es vollends bezaubern und abtruͤnnig machen mußten? daß nur Mitleid und Pflichtgefuͤhll Dir noch ein Plaͤtzchen in ihm goͤnnen?— Ach, Sie war der einzige Stern meines Lebens und ein ewiges Geſetz fuͤhrt ihn zum Untergange — zieht ihn hinuͤber, um einer hoͤhern Re⸗ gion zu leuchten und dieſen Beſſern anzu⸗ ſtrahlen. Thraͤnen entſtuͤrzten ihm im rei⸗ chen Strome. Geh' hin, du Duͤrftiger! Du Sohn ihrer Waͤrterin, Du Frevler am Erhabenen, der Du die Liebliche zum Opfer Deiner Selbſtſucht machteſt, die, himmliſch gut, die Perlenkrone von ſich warf, um ei⸗ nen Dornenkranz mit Dir zu theilen. Nein, Roſalinde! ich will Deiner werth bleiben! Wer Dich liebt wie ich, muß Dein Heil wollen! Muß Opfer gegen Opfer bringen— ſein letztes Gut, ſein Leben aufgeben, gluͤck⸗ II. Theil. 2 18 lich genug, wenn Du, auf ſeinem Grabe das Myrtenreis zu Deinem kuͤnftigen Braut⸗ Abende pfluͤckſt.— Damit warf er ſich an Ryno's Bruſt und ſagte, immer herz⸗ licher weinend: Auch ich bin ein Mann und der Unwuͤrdigſte nicht. Fuͤhren Sie mich in Ihr Zimmer; dort will ich Roſalinden ſchreiben und Ihre Guͤte, mein neuer, aber aͤchter Freund! kroͤnt dann das Werk und behaͤndigt dem Fraͤulein einen Brief. Ryno fuͤhrte ihn, ungeſaͤumt, dahin und ſagte, ſeinem Zuſtande ſchmeichelnd: Eile mit Weile, Theuerſter! Fuͤr's erſte halten wir eine kurze Mittagruhe, denn al⸗ les Ernſte muß beſchlafen werden. Ich ſchloß zudem, waͤhrend der verwichenen Nacht, kein Auge und der Wein ſtieg mir zu Kopfe; bemerken Sie nicht ſelbſt, daß ich taumele? Schlafen? murmelte Julius, der jetzt K weit aufgelegter war, eine Götterthat zu 19 vollbringen, als ſich der Gegenkraft alles Wollens und Wirkens zu uͤberlaſſen. Ja, ſchlafen! ſiel Irwell bittend ein, druͤckte ihn auf das Feldbett nieder und enteilte, die Thuͤr vor dem aufſtrebenden Gaſte verſchlie⸗ ßend. Er ging nach dem Schloſſe, um ſich Dorotheen zu naͤhern und ſeine Unſchuld, im Bezug auf jenes Beiſammenſeyn mit dem Fraͤulein, durch ein unbefangenes, furchtloſes Benehmen zu beglaubigen. Noch war die Mutter bei Georginen, Roſalinde ſaß, unfern des Portales, im Schatten einer marmornen Cynthia; die eine Hand lag auf dem kuͤhlenden Fuße der Göttin, die andere hielt Vergißmeinnicht, welche ſie vorhin am Weiher gepfluͤckt hat⸗ te; ſie ſelbſt ſchien in ſtilles, tiefes Sinnen verſunken. Da ſah ihn Linda kommen, ergluͤhete, wollte ſich aufraffen und entfer⸗ 2* nen, ward ploͤtzlich anderes Sinnes und winkte ihm. Auch Irwells Wangen brann⸗ ten und beider Herzen ſchlugen hoͤrbar, als er vor ihr ſtand. Wie wird es uns gehn? fragte ſie, baͤnglich doch laͤchelnd: die Fuͤrſtin warf mir, in der traurigen Todten⸗Kapelle, einen Blick zu, deſſen ich dies Sinnbild der Mil⸗ de und der Huld, nimmer faͤhig geglaubt haͤtte. E. Sie werden Ihre gute Sache mit der Zuverſicht des Bewußtſeyns vertheidigen und Dorotheens Billigkeit wird, nach ver⸗ rauſchtem Jaͤhzorne, der ſie oft blitzſchnell uͤberlaͤuft, jene Rechtfertigung gelten laſſen. Linda oͤffnete ſeufzend den Mund zu ei⸗ ner zweiten, ſich ihr aufdringenden Frage, aber das Wort erſtarb auf den Roſenlippen, denn was ſie aͤuſſern wollte, nahm auf einen Dritten Bezug, der, Dieſem gegenuͤber, 21 nicht erwaͤhnt werden durfte. Ihm ahnte, was die Zartfuͤhlende ſo ploͤtzlich wieder in ihr Inneres verſchloß, er ſprach mit halber Stimme: Sie fuͤrchten, daß auch Julius von der Fuͤrſtin erblickt, ſein Ausruf und die un⸗ willkuͤhrliche Geberde des Erſtaunten bemerkt worden ſey? Immerhin! Verlobte und un⸗ ſtraͤfliche Liebe ſoll keine Zeugen ſcheuen, ſoll ihr Licht leuchten laſſen und kann, allein auf dieſem Wege, ſo dornig er auch ſey, ihr Ziel und ihr Gluͤck finden. Wir haben uns kennen gelernt, Graͤfin! Ich und Er! Der Mann iſt edelſchoͤn, iſt liebenswerth und ruht, eben jetzt, auf meinem Bette, von der erſchoͤpfenden Wanderſchaft aus— er wuͤr⸗ de mich vertrauenvoll zum Bothen gemacht haben, wenn ſeine Wallung ihm das Schrei⸗ ben erlaubt hätte. Irwell, fliſterte Roſalinde, welche jedes 22 Wort ſeiner Rede mit dunklerem Purpur gefaͤrbt hatte: Sie necken mich doch nicht nach Ihrer Weiſe? Wahrheit! ſetzte ſie fle⸗ hend, die Haͤndchen gefaltet, hinzu: ich bin ja ſo ungluͤcklich— Er erhob, wie zum Schwure, die Rechte. S. Julius iſt in Ihrer Wohnung? und dieſes Maͤnnerpaar, das ich, mit Gram und Zagen, feindſelig auf einander getroffen fuͤrchtete, trat wirklich in ein trauliches, freundſeliges Vernehmen? O, mein Freund! mein Bruder! Wie herrlich ſind Sie doch in jeder Beziehung. Ich fuͤhle, im Kerne meines Herzens, Ihren Werth, Ihre Staͤr⸗ ke, das Gewicht dieſer Opferung und wenn dem Edelſten die Liebe nicht vergelten kann, ſe muß es Sie troͤſten, ein Genius den Un⸗ berathenen zu ſeyn, der Inhalt meiner Ge⸗ bete, der Gegenſtand meiner innigſten Seg⸗ nungen. 23 E. Ich bete ſelten, Graͤfin! doch glüͤ⸗ hend bat ich einſt um Sie, als die Holde, mindeſtens im Bilde, noch mein war.— Genug von mir! Ich dringe jetzt auf Wor⸗ te, Weiſungen und Gaben fuͤr den Braͤu⸗ tigam. Guter Gott! klagte Linda; bot ihm, haſtig, die Vergißmeinnicht dar und ſprach, unter Thraͤnen: Dieſe Bluͤmchen erſchoͤpfen die Sprache und alle Wuͤnſche der Lieben⸗ den.— Braͤntigam? es liegt ein goͤttli⸗ cher Sinn in dem Worte— ach, waͤr' es dahin! Sobald Sie wollen, fiel Irwell ein: dieſe ſterblichen Pfaͤnder reichen nicht aus. S. Und wie kann ich— von Vorur⸗ theilen, Meinungen, Verhaͤltniſſen gefeſſelt, unſerem feurigen Willen genuͤgen? E. Dutrch die That, theure Graͤfin! Sie ſagen dem Fuͤrſten, ſeiner Gemahlin 24 und Mutter, einem Kleeblatte, das, zu Ih⸗ rem Heile, menſchlich fuͤhlt und fuͤrſtlich denkt, von Ihrer Liebe, Ihrer Beharrlich⸗ keit, Ihrem Entſchluſſe, und meine Schwe⸗ ſter und Truwold werden fuͤr denſelben Zweck gewonnen— S. Gewonnen? und wie? E. Die gemuͤthreiche Alma durch der Freundin Gram und Lage, der Kammer⸗ herr durch Ihre Perſoͤnlichkeit. Wo iſt ein ritterlicher Mann, der nicht auszoͤge, Ihnen den Bart und die Backenzaͤhne des Kalifen zu holen, wenn Linda ſie begehrt und ihren Zauber an ihm geltend macht? Laſſen Sie, naͤchſtdem, der Alma Ihren Julius ſehn, ſo wird die liebe Schweſter den Genuß eines Engels in der Rolle finden, die Sie zu dem ſeinigen macht. Es darf Sie nicht abſchre⸗ cken, wenn Armand, anfaͤnglich, mit Ge⸗ meinſpruͤchen, Maximen, Weigerungen ha⸗ 25 zwiſchen tritt; wenn Dorothea predigt und Caͤlie ſich verſagt oder bekuͤmmert ſtellt. Iſt Dieſe nur gewonnen, was bei ihrem wei⸗ chen Sinn nicht fehlen wird, ſo ſagt der Gemahl bald darauf Ja! und ſeine gnaͤdi⸗ ge Mutter Amen! Im ſchlimmſten Fal⸗ le aber, kann es dem vielſeitigen, talentrei⸗ chen Kuͤnſtler, nie am taͤglichen Brote ge⸗ brechen und ich eb'ne Ihnen den Weg an ſein Herz, wenn auch alle Fenſter und Thuͤ⸗ ren des Schloſſes geſperrt und mit dreifach vereideten Schildwachen beſetzt wuͤrden. Ach, guter Irwell! ſprach ſie ſeufzend: nicht Rath, noch Muth und Eifer, koͤnnen die Klippe verſetzen, die zwiſchen mir und dem Ziele liegt— den Fluch meines Va⸗ ters! Iſt es nicht ſchrecklich, den Aufgang meines Lebens an ſeinen Tod geknuͤpft zu ſehn? Die Vaͤter ſind Menſchen, entgegnete 14 * 1 26 Ryno: und die ſegnen morgen oft genug, was ſie heute verdammten; Armand aber darf nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben, nicht Ihr Gluͤck nur zulaſſen und beguͤnſti⸗ gen— er muß es, handelnd, herbeifuͤhren — den Vater verſoͤhnen und gewinnen! S. Verhuͤte Gott, daß er ſo lebhaften Antheil an mir nehme— daß Armand mich mit Ihren Augen ſehe! Der Dienſt⸗ eifer eines Vormundes iſt, in ſolchen Faͤllen, oft bedenklicher als ſeine Haͤrte und taͤuſch⸗ ten mich die Kennzeichen nicht, ſo wuͤrde er, uͤberhaupt, bei ſeinem Stolze, den guten Julius weit lieber zu den Gegenfuͤßlern ſchi⸗ cken, als mir ihn goͤnnen und zuwenden. Georginens Reiſe⸗Begleiter, der Stall⸗ meiſter, welchen ſie, bei dem Eintreffen in Heimwald, nach der Hauptſtadt geſandt hatte, war eben wieder zuruͤckgekehrt— er unterbrach dies Geſpraͤch und unterhielt die 27 Vorgefundenen, bis Dorothea endlich, an dem Arme ihrer Tochter, in den Garten ſchritt, ſich Jener ihr vorſtellte, Linda in das Gefolge beider Damen trat und die Geſell⸗ ſchaft nun luſtwandelte. Ryno ward, von ihnen, keines Blickes gewuͤrdigt, er ſchlich jedoch, als Ehrenwache, herzhaft hinten nach, waͤhrend der Stallmeiſter, ein ge⸗ wandter Hofmann, wie vorhin, das Wort fuͤhrte und mit lebhaftem Antheil vernom⸗ men ward. Dorothea, welche am Abende wieder in der Hauptſtadt ſeyn wollte, befahl jetzt vorzufahren. Jener geleitete ſie zum Wagen, Roſalinde warf ihrem Vertrauten noch einen ſeelenvollen Dankes⸗ und Se⸗ gensblick zu, dieſer fragte die ruͤckkehrende Georgine nach ihren etwaigen Befehlen und eilte, als ſie ihn mit einem nachdruͤcklichen „Va, te faire pendre! weggeſchmettert „ 28 hatte, in ſein Quartier zuruͤck, um endlich nach dem Gaſte zu ſehn. Julius hatte den Rauſch verſchlafen und das ganze, demſelben entſprungene Epos von Großmuth und Entſagung, ſich in Ver⸗ geſſenheit, Unluſt und Kopfweh aufgeloͤſ't⸗ Ihm war bloß erinnerlich, daß er einen Ne⸗ benbuhler dieſer ſeltenen Gattung gefunden habe, der hoͤchſt gewiß, eben jetzt, im Be⸗ griffe ſtehe, fuͤr ſein Beßtes zu wirken und ihm erwuͤnſchte, muͤndliche oder ſchriftliche Buͤrgſchaften der gelobten Ausdauer und Zaͤrtlichkeit heimzubringen. 3 Dieſer kam endlich, mit dem Vergiß⸗ meinnicht, welches ſein Innerſtes erquickte, doch ohne weitere Winke und Geheiße, ſich der Erſehnten zu naͤhern— ohne die Anga⸗ be der Mittel, zur Fortſetzung und Sicher⸗ ſtellung des noͤthigen Briefwechſels, ohne 29 allen Rath, der ihn, wenn auch fuͤr Augen⸗ blicke nur, in Linda's Arme— oder fruͤher als nach des feindſeligen Vaters Hintritt, zu ihrem Beſitze helfen konnte und dieſer Vater war, in alle Wege, geeignet, noch manches Schaltjahr zu erleben, Roſalinde hat uns zu Bruͤdern geweiht, ſagte Irwell: es gilt! Doch leuchtet Dir wohl ein, daß ihr Zartgefuͤhl ſich weigern mußte, dem Geliebten durch einen Dritten und eben durch mich, mehr als dieſe Blume ſpricht, zu ſagen? daß ſie, bei dem Eifer, den ich fuͤr Beider Gluͤck laut werden ließ, auf die Bethaͤtigung meines Antheils rech⸗ nete und wahrlich, ſie ſoll ſich nicht verrech⸗ net haben! Mich traf der Rang, gleich ei⸗ nem Lohnlakey, hinter der Prinzeſſin drein zu ſpaziren und die Muße half mir zu Ent⸗ wuͤrfen. Ich ſchreibe jetzt an meine Schwe⸗ ſter Alma, die, gleich ihr, Caͤliens Hofdame 30 iſt. Beide Fraͤulein wohnen im zweiten Stockwerke des Schloſſes, uͤber dieſer. Und ich beſtelle Deinen Brief! rief Ju⸗ lius neu belebt: O zeige mir den Weg, den ich wandeln ſoll. Du ſchreiteſt, wenn es daͤmmert, gut gekleidet und in dieſem Falle unaufgehalten, dreiſt an den Schildwachen voruͤber, der großen Treppe zu, die Dich, oben, in eine offene Vorhalle fuͤhrt. Aus ihr tritt man, ſich links wendend, in einen breiten, hellen Gang, welchen, im Hintergrunde, ihr ge⸗ meinſchaftliches Vorgemach begrenzt. Alma hat jetzt eben den Dienſt, ſie bleibt deshalb, nach Tafel, bei der Fuͤrſtin, um ihr vorzu⸗ leſen. und dieſelbe in den Schloßgarten oder bei der Spazierfahrt zu begleiten und kehrt, vor eilf Uhr Nachts, nicht auf ihr Zimmer zuruck. Du ziehſt nun, herzhaft, den Klingeldraht, fragſt den oͤffnenden Hofbe⸗ 3¹1 dienten oder das erſcheinende Kammerkaͤtz⸗ chen, ob die Graͤfin zu ſprechen ſey und aͤſſeſt Dich, als einen Landsmann anſagen, der von ihrem Herrn Vater mit Auftraͤgen fuͤr die Gnaͤdige beehrt worden ſey. Bald wird Dir nun das Heiligthum aufgethan— Sie ſieht— ſie ergluͤht oder verbleicht— in beiden Faͤllen vor Seligkeit und zwei ſol⸗ che Abendſtunden reichen hin, um fuͤr Jahr⸗ tauſende ein's zu werden. Haͤtte aber der Boͤſe ſein Spiel, verſaͤhe Linda eben den Dienſt oder oͤffnete wohl gar Alma eigenhaͤn⸗ dig das Pfoͤrtlein; ſo deckt Dich meine Zu⸗ ſchrift an das Fraͤulein von Irwell, das den Geſandten des Bruders, den ich zum Herrn von Vorwand ernennen will, mit Freudig⸗ keit empfangen wird. 7 9 6 —— 32 Roſalinde befand ſich, waͤhrend des Ra⸗ thes, welcher jetzt, zur Erquickung ihres Herzens gehalten ward, in einer ſehr uner⸗ quicklichen Lage, denn die Pferde hatten kaum angezogen, als Dorothea, heute bis in's Innerſte erbittert, den Unmuth aus⸗ ließ und ihre Strafpredigt begann. Gehor⸗ ſam, ſprach ſie: iſt die erſte Pflicht jeder Abhaͤngigen und Sie durchzogen, ſtatt mei⸗ ner Weiſung nachzukommen, die Gemaͤcher des Schloſſes, welche, ohnehin, groͤßten⸗ theils, mit unſittlichen Schildereyen erfuͤllt ſind und ſetzten des Fuͤrſten Mutter in die Nothwendigkeit, ihre ruͤckſichtloſe Begleiterin aufzuſuchen. Jedes ehrbare Maͤdchen wird die Moͤglichkeit ſcheuen, mit einem Irwell, an einſamen und verſteckten Plaͤtzen zuſam⸗ men zu treffen, mir aber draͤngt ſich, Trotz Ihren Ausfluͤchten, die Ueberzeugung auf, daß Sie ſich von ihm bemerkt ſahen und je⸗ 33 nen Weg nur deshalb einſchlugen, um den Verſucher nachzulocken. Wie es uͤberhaupt, um die Zartheit Ihrer Grundſaͤtze und Begriffe, in dieſem Hauptpunkte ſtehen mag, zeigt das fruͤhere, mir bekannt wor⸗ dene Liebes⸗Verſtaͤndniß mit einem Men⸗ ſchen aus der unterſten Volksklaſſe, das ich, bis jetzt noch, in Zweifel zog, nun aber ſehr natuͤrlich finde. Ich bin gewoͤhnt, bei der Wahl der jungen Damen meiner Umgebung, der Stimme des Herzens zu folgen und liebe ſie deshalb wie eigene Kin⸗ der, aber die Ausartenden und die Gleißne⸗ rinnen finden dagegen an mir eine um ſo ſtrengere Richterin; denn weder Rang noch Geiſt und Anmuth, nur fleckenloſe Sittlich⸗ keit beſtimmen meine Meinung und An⸗ ſicht. Ein Maͤdchen, das ich, zwei Mal, an demſelben Tage, im verſtohlenen, zeu⸗ genloſen Verkehre mit einem Manne fand, JI. Theil. 3 34 deſſen Leidenſchaft es kennt, und den es vorgeblich abwies, iſt, in meinen Augen, verwerflicher, als eine liebekranke Beſcholtene, deren Pflichtvergeſſenheit ihr Zuſtand zwar nimmer rechtfertigen kann, aber entſchul⸗ digt. Es ging, aus dieſen ſchonungloſen, die arme Linda in Scham und Thraͤnen ver⸗ ſenkenden Aeußerungen, fuͤr ſelbige minde⸗ ſtens die Gewißheit hervor, daß Dorothea ihren Julius am Morgen nicht erblickt, wohl aber, von Georginens Wohnzimmer aus, die trauliche Unterredung mit Irwell bemerkt habe. Ryno fertigte ſeinen neuen Freund und Schuͤtzling, mit dem Brief an Alma verſe⸗ hen, noch am Abende deſſelben Tages ab. Er ſuchte jetzt, von Wehmuth und Leid be⸗ ſchlichen, den einſamen Pfad am Weiher, 3 35 und das Plaͤßchen unter der Jagdgoͤttin auf, die der Mond, ihr Sinnbild, verklaͤrte, und wo ihm Linda das Bluͤmchen der Erinne⸗ rung, zu Gunſten eines Andern bot. Die⸗ ſer Auftrag, ihre Lieblichkeit, die trauliche Mittheilung, hatten ihn in Flammen ge⸗ taucht, die jetzt empor loderten und die Kraft der Entſagung in Schmerz und Sehnſucht aufloͤſ'ten. Aber die wahre, aber die hoͤhere Liebe, ſprach ſein Genius: will nur das wahre Gluͤck ihres Gegenſtandes— Das findet Linda nicht an Deiner Bruſt— fin⸗ det es in den Armen des Andern! und Du haſt es mit blutendem Herzen und willigem Geiſte gefoͤdert— drum ruhe wohl mit die⸗ ſem Bewußtſeyn. Schon acht Tage waren verſtrichen, und Irwell ſah noch immer, mit baͤnglicher Neu⸗ gierde, einem Briefe des Julius entgegen— 3* 36 ein Schweigen, das um ſo bekuͤmmerndet erſchien, da die Geſchaͤftloſigkeit, dieſe Quelle des Truͤbſinnes, ihm das Mißlingen des Entwurfes und verderbliche Erfolge fuͤr die Liebenden vorſpiegelte. Statt der erſehnten Aufſchluͤſſe, lief jetzt eine Ordre an ihn ein. Ryno ſah ſich, laut dem Inhalte, als Adjutant zu einem Dragoner⸗Regimente verſetzt und ſollte, ohne Saͤumen, nach Langen⸗Fabel, dem Stabs⸗Quartiere deſ⸗ ſelben abgehen; der Offizier aber, welcher den Befehl uͤberbrachte, das Commando in Heimwald uͤbernehmen. Gleichzeitig ſchrieb ihm Alma: „Ich wuͤrde Dir, mein lieber Bruder! von ganzem Herzen zu dieſem ehrenden Vorſchritte auf Deiner Laufbahn Gluͤck wuͤnſchen, wenn mir nicht zugleich die Pflicht oblaͤge, den gaͤnzlich veraͤnderten Geſinnun⸗ gen unſerer hohen Goͤnnerin, im Bezug auf 37 Dich, zu gedenken. Dein Bruder, ſagte ſie, iſt auf dem Wege zu verwildern und der Fuͤrſt ſelbſt findet es rathſam, dieſe muͤſſigen Kraͤfte, durch Beſchaͤftigung und zweckmaͤßige Schranken, zum Beßten zu wenden, und ihren Mißbrauch zu verhuͤten. Gieb mir Dein Ehrenwort, ihn, bis auf weiteres, nicht wie bisher, mit Geld', das er vergeudet und deſſen Werth ihm fuͤhlbar werden ſoll, zu unterſtuͤtzen— Dein Eh⸗ renwort, mich nicht mit Fuͤrbitten zu ver⸗ ſuchen, wenn ihm, vielleicht, fuͤr Jahr und Tage, der Urlaub nach der Haupt⸗ ſtadt verſagt bleiben ſollte, und klaͤre den⸗ ſelben, nach Deinem Ermeſſen, uͤber die Nothwendigkeit dieſer Maßregeln und die gute Abſicht, aus welcher ſie hervorgehen, auf ꝛc.. 3 N. S. Was mich heute ſo eilig macht, iſt die bevorſtehende Abreiſe der Mutter, die 38 Dich umarmt und uns morgen verlaͤßt, um die kranke Tante in Welow zu pflegen, von der ſie zu erben hofft und deshalb, vielleicht, Monate lang, dort verweilen wird⸗ Ryno las und las, bald den Brief, bald die Ordre— es waren zwei Blitze, die ihn ſtreiften. Doch ploͤtzlich ſprang er auf, er ſchoͤpfte Odem, faßte einen Denk⸗ ſpruch in's Auge, den wohl eher jeder An⸗ dre als der Amt⸗Verweſer in die Fenſter⸗ ſcheibe gekritzllt hatte und rief dem einge⸗ tretenen Kaspar zu:„Contentus sibi res, non se submittere rebus!*)“ Was fuͤr Zeug? fragte dieſer. Dort ſteht es im Glaſe, lieber Hanns! und heißt, auf Deutſch: In Langen⸗ Fabel iſt's auch huͤbſch!—„Dahin— *) Unterwirf Dir die Umſtaͤnde, ſtatt Dich von ihnen meiſtern zu laſſen. 39 Dahin— muß ich mit Dir— O, Kas⸗ par! laß uns ziehn!“ Mir zu gefallen! Aber was Neues, Herr Leutnant! Die Schecke kaͤkt, ſeit⸗ dem wir hier ſind. R. Heut' iſt doch ein wahrer Ungluͤcks⸗ Tag! Tag iſt Tag! fiel Jener ein: aber ſieht das der Braune, ſo thut er's ihr nach, denn„Schaͤker werden Kaͤker!“ ſagte mein Vater, ſeliger, der, ſein Leben lang, unter den Poſtmaͤhren war und manche kreuzbrave Herrſchaft umgeworfen hat, denn die Straßen wurden, ſelbiger Zeit, nur mit dem eigenen Quarke gebeſſert. Jetzt aber verkauft ſich die Schecke noch und mit Vortheil, wenn ich ſie ein bischen heraus⸗ putze und aufſchwemme. R. Betrug und Gleißnerey! O, Du Schlange an Adams Pferdeſtalle, verſuche 40 mich zum Boͤſen nicht! Ich denke viel⸗ mehr, in jenem Fall, ein gutes Werk zu ſtiften und was der Gaul auf rechtlichem Wege einbringt, mit Dir zu theilen. Sie ſpaßen doch nur, ſchmunzelte die⸗ ſer: die Frau Gaſtwirthin will achtzig harte Thaler geben und mir ein Zaumgeld, kom⸗ mel fo! Und wuͤrde mich, wie billig, dann ver⸗ maledei'n? Nicht alſo, mein Kaspar! hoͤre mich! Geſtern, im Felde draußen, hat Philemon, der Haͤusler, ſeine Baueis in den Pflug geſpannt und ackert. Das Maͤnnchen ſah aus, wie Abraham, als er den Stammhalter opfern ſollte, die arme Frau glich dem Weibe, wie es ſeyn ſoll. Ich trete hinzu und frage die Ziehende: Mußt du denn, Muͤtterchen?— Ich will und muß! hieß es dagegen: die ein⸗ zige Kuh iſt uns gefallen. Dabei ſchoß 41 ihr ein Dutzend Thraͤnen aus den Augen, der Alte aber nahm ſein Muͤtzchen ab und ſagte, beweglich: Das Herz im Leibe thut mir weh, doch wer kann's aͤndern? Mein Ehregott blieb vor dem Feinde, die Tochter ward von der Kriegpeſt hinweg gerafft, dann kamen drei Pluͤnderungen und mit dem Frieden der geſtrenge Herr Amtmann.— Nur die Huͤtte dort und dies Aeckerchen haben wir noch, fuhr er fort und blickte himmelwaͤrts:„aber der Herr traͤnket ſeine Furchen auennſegnet ſein Gewaͤchs und kroͤnt das Jahr mit ſeinem Gute!“ Zieh an, Mutter! damit wir zu Stande kommen.— Fuͤhlſt Du das, Eisbaͤr! So gehe denn und fuͤhre die Schecke in Martins, des Haͤuslers Stall und ſage: Die ſende ihm der Herr, der das Jahr mit Gutem kroͤne, durch ſeinen Knecht in Langen⸗Fabel. Da⸗ 42 fuͤr wird Dir ein Zaumgeld von Wonne⸗ thraͤnen und dieſer freundliche Ducaten zu⸗ fallen. Kaspar ſah ſeinen Herrn bitterſuͤß und kopfſchuͤtteind an. Thraͤnen? brummte er, nahm den Oukaten und ſagte abgehend: Wenn Mariin geſcheit iſt, ſo laͤßt er die Schecke der Gaſtwirthin ab und ſpannt ſeine alte Bauce, nach wie vor, an die Karrete. Julius ſtand, ſchon am Tage nach ſei⸗ ner Hinkunft, im Zwielichte aͤmme⸗ rung, vor dem heiligen Pfoͤrtchen. Noch brannten die Lampen nicht, die kloͤſterliche Stille des Corridor's ward nur durch das Schrittgetoͤne ferner Schildwachen unterbro⸗ chen. Er hielt den Griff der Klingel in der Hand, er lauſchte, zagte, zog ihn jetzt, ſo maͤhlig und furchtſam, als muͤſſe nun der 43 Vorhang der Ewigkeit vor ihm aufrauſchen und jenſeits ſchlug die Schelle, dumpf und ſeltſam, wie ein geſpenſtiges Sterbegloͤckchen an. Ihr Laut blieb demnach unbeachtet. Er wiederholte, nach langem Saͤumen, den Verſuch, dann noch ein Mal— faßte nun, ſchnell ermuthigt, den Griff der Thuͤr, fand dieſe unverſchloſſen, ſchluͤpfte hindurch, flog an's Ziel, in Roſalindens Gemach und ſchob, beſonnen, den Riegel vor. Helene? rief es im Nebenzimmer. Das war die wohlbekannte Stimme Linda's, welche ihn asſchicktes Maͤdchen zuruͤckgekehrt glaubte; er aber ſchwieg, von Luſt durch⸗ ſchauert. Da trat die Huldin aus dem Ka⸗ binet, ſie ſah die Mannsgeſtalt im Helldun⸗ kel der Daͤmmerung, erſchrack, erkannte den Liebling und faltete verbleichend die Haͤnde. Doch dieſe loͤſten ſich unter ſeinen Kuͤſſen, die Angſt ging unter in ſeliger Selbſtvergeſ⸗ 44 ſenheit, er ward von ihren leuchtenden Al⸗ men umſchlungen. Tiefes Dunkel verhuͤllte das Paar, als der ſturmartige Schlag der Schelle ſeine Seligkeit endete. Heiliger Gott! lispelte die Graͤfin, ſprang empor und zog ihn in ihr Cabinet. Das iſt die Irwell, ſagte ſie: welche von einem Beſuche auruͤckkehrt; hoffentlich geht dieſelbe ſofort in ihr Zimmer. Unſere Thuͤr iſt geſperrt! troͤſtete Ju⸗ lius.— Aber die Gefahr nicht geringer, fiel Linda ein und eilte nach uhem Hinter⸗ grunde, um auch die kritiſche Tapetenthuͤr zu verriegeln. Dieſe verbarg ein Treppchen, welches unmittelbar zu dem Zimmer der Fuͤr⸗ ſtin hinab fuͤhrte. Caͤlie konnte, mittelſt deſſelben, in das Revier beider Fraͤulein ge⸗ langen, ſie nach Gefallen uͤberraſchen und dieſe im Augenblicke bei ſich ſehen, ohne ſie 45 dem kalten Zugwinde der Schloßhallen oder den warmen Schmeichelluͤften der Hofherren im Vorſaal auszuſetzen. Faſt taͤglich ſprach ihnen die geſellige, ſie wie Schweſtern liebende Fuͤrſtin, auf dieſem Wege zu und Linda kehrte eben, von der geheimen Thuͤr zuruͤck, als Caͤliens Schritte von dem Treppchen vernehmbar herauf toͤnten. Wohin nun, ihr helfenden Engel und Gewalten?— Julius warf einen Blick aus dem offenen Fenſter, unter dem ein er⸗ reichbarer Vorſprung hervor trat. Schon ward, gleichzeitig, an beiden Thuͤren ge⸗ klopft. Roſalinde ſtand betaͤubt, mit ge⸗ rungenen Haͤnden, er glitt hinaus, er faßte Fuß und zog den Fluͤgel des Fenſters an den Rahm. Sein Leben durfte nicht in Be⸗ tracht kommen. 46 Der zufaͤllige Stifter dieſes Unheil's, Herr von Irwell, war in ſeinem neuen Quartierſtand eingetroffen und ſchrieb, den Unmuth auszulaſſen oder zu vertreiben, an Alma: „Lob ſey dem Raffzahne des alten Kro⸗ nos, der taͤglich Lappen fertig macht, die unſer hieſiger Pappier⸗Fabrikant mit Yſopen, ſeinem Muͤller, waͤſcht, wie Koͤnig David gewaſchen ſeyn wollte. Ich ſchreibe Dir auf einem ſolchen, aber der Humor wird hier unter der Feder zum Gernwitze, alſo weg mit dem Kitzel! und die anziehende Jugend⸗ Geſchichte dieſes Poſtbogens bleibe beſeitigt. Roſalinde— Julius ſey mit Ihr! oder Du, oder irgend ein Planet des Caͤliſchen Fixſternes, erzaͤhlte mir von einem Knaͤblein, das der jungen Fuͤrſtin, am Tage ihrer An⸗ kunft in Heimwald, drei deutſame Blumen uͤberreicht habe und dann, nach der Elfen 47 Weiſe, verſchwunden ſey. Das Kind iſt gefunden und durch mein Verdienſt. Es heißt Emil und war der Erbprinz des dorti⸗ gen Amt⸗Verweſers, eines armen, nun verewigten Narren, bei deſſen Wittib ich im Quartiere lag und die indeß, um mei⸗ ner Schoͤnheit willen, ſich anderwaͤrts bet⸗ tete, was ſowohl ſie als den redlichen Finder des Knaͤbchens, dem beſondern Antheile bei⸗ der Fuͤrſtinnen empfehlen duͤrfte. Du fragſt unfehlbar, ob ich zufrieden ſey? a.) Mit der Verſetzung— b.) Mit mir ſelbſt— c.) Mit Langen⸗Fabel oder der Außenwelt? Mit der erſter'n ausnehmend! erwiedere ich: denn dieſe Verbannung iſt das Werk der Feen, die, bekanntlich, bald kurze und bald lange Fabeln in das irdiſche Maͤnner⸗ leben flechten. Mit mir ſelbſt? mehr als je! Auch Ariſtid ward verbannt! dem unſterbli⸗ chen Naſo ging es nicht beſſet.— Mit dem Orte endlich? nicht durchaus. Erſtens iſt er ein Eyland, vom Quappelbach' um⸗ armt, der, auſſer der Regenzeit, zu einem ſchlammigen Zwergſtyre einlaͤuft und dage⸗ gen, bei großem Waſſer, ſtets das Bruͤck⸗ chen mit ſich nimmt. Die Herſtellung deſ⸗ ſelben veranlaßt, jedes Mal, einen lang⸗ wierigen Rechtſtreit zwiſchen der ſtaͤdtiſchen, fuͤrſtlichen und noch einer dritten und vier⸗ ten Behoͤrde, waͤhrend deſſen die Bewohner, den inkarzerirten Naturſaͤngern in Papage⸗ no's Kaͤfig gleichen. Regt ſich jedoch der Lebenspuls mit Macht, ſo ſchuͤrzen ſich die ausfliegenden Damen hoch, wie Juda's Toͤchter, als ſie das rothe Meer pafſirten, ſuchen die Furthen und legen, erſt an jenem Ufer, Schuhe und Struͤmpfe an. Ruͤſtige Liebhaber und junge Ehemaͤnner ſchlagen ſich dann, gleichſam, als Roſſe und Maͤuler, in 49 das Mittel, ſie hocken die Gefeierten auf und treten deshalb, etwas unzart, aber voll⸗ auf entſchuldigt, in gewaltigen Fiſcherſtiefeln einher. Du fragſt, fernerweit, nach des Staͤdt⸗ chens Umgebung; ob ſie luſtig, idylliſch oder erhaben ſey? Platt, Schweſterchen! wie einige Erzaͤhlungen und Gedichte. Flach, ſandig und zirkelrund. Sie gleicht, im Sonnenſcheine, einem rieſenhaften, dem Erz⸗ oder Ultra⸗Verdienſte beſtimmten Eh⸗ ren⸗Pfennige. Statt des Wahlſpruchs— dem Pio— Digno— Promerenli, oder einem aͤhnlichen Schmeichelworte, ſteht Langen⸗Fabel in der Mitte: die Rand⸗ ſchrift aber wird, ringsum, von Knieholz und kruͤppelhaften Kiefern vertreten.— Fata Morgana dieſer Wuͤſte beſtehen aus der Brandſtelle des ſpukenden Windmuͤllers, aus dem ſchwanghaften Galgen und einigen II. Theil. 4 50 Korn tragenden Oaſen, deren Halme ſo frei und ungepreßt aufſchießen, daß ein teaͤchti⸗ ges Elephanten⸗Weibchen„ ohne Anſtoß, hindurch traben koͤnnte. Der Ort ſelbſt erſcheint uͤbrigens als ein Sinnbild der Sta⸗ bilitat. Banner, Tilly, Holk und ihre Hoͤllengeiſter wuͤrden es, auf den erſten An⸗ blick, wieder erkennen— ein ſprechendes Zeichen vorwaltender Genien, da die Stadt weder feuerfeſt noch waſſerdicht iſt, denn ih⸗ ren Schindeldaͤchern entkeimen Schwamm und Moos, und nieſelt oder rieſelt es drau⸗ ßen, ſo nehme ich, nothgedrungen, Lottchens Regenſchirm mit zu Bette— Das ſchmei⸗ chelt ihr. Ob endlich auch die Goldfruͤchte der Eintracht und der Bruderliebe hier gedei⸗ hen?— O, wie das Manna in Kala⸗ brien— wie die Melonen um Peſth und Ofen. Die Hauptſtraße, welche Langen⸗ 51 Fabel eigentlich lang und zur Stadt macht, reiht dieſe Gemeine gleichſam an zwei ein⸗ ſtimmige Darmſaiten und verbindet Jeden und Jegliche, zum regen Antheil an des Andern Thun und Laſſen, Weibern und Kindern, Herd und Seckel. Ich ſelbſt bin bereits und ohne mein Zuthun, ein Mitglied dieſer ſichtbaren Loge geworden und begleite morgen Charlotten zu ihrem Freier, dem Herrn Stadtpiper, der zum Konzert und nebenbei zum Abenbrote bat. Zu Lammbraten, wenn dem Geruͤchte zu trauen iſt; ein alter Schoͤps, der ihn hergeben ſoll, wird ſo eben auf die Schlachtbank getrieben. Du aber fragſt: Iſt Lotte huͤbſch?— Ei, allerdings! ſie iſt, gleichſam, die Fee der halbwuͤchſigen Perlhuͤhnchen, welche jenſeit dieſer Bretwand kackern, denn ich fand bei ihrem Erzeuger, dem Schullehrer Fenchel, 4* 52 zwar weniger Dach als Fach, aber doch, bis auf weiteres, ein bleibend Ouartier. Nun, Schweſterchen! koͤmmt das Poſt⸗ ſkript! Die allergnaͤdigſte Dorothea iſt un⸗ gnaͤdig, ich aber vergebe ihr die herbe Ver⸗ ſagung und bete nur um ſo eifriger fuͤr die Erlauchte. Aber Du! o Dul die mir ein Fels der Treue, ein Inbegriff der Schweſter⸗ liebe ſchien— Du alma soror] konnteſt in dies Sturmhorn blaſen helfen?— konnteſt Dein Ehrenwort geben, mich und Hans Kaspar'n, den Pudel und den Braunen(die Schecke ward bereits verſtoßen) verlaͤugnen und verſaͤumen— uns dem Hungertode uͤberliefern zu wollen?— Schon reißt der Mangel ein, ſchon ſicht' es mich an, Dich Lotten, lieblos wie Du biſt, zu ſchildern und ihre Schweſterſchaft mir zu erbitten— ja, ich wuͤrde bereits, nothgedrungen, den ſilber⸗ nen Zahnſtocher, das werthe Merkzeichen Deiner fruͤhern Zaͤrtlichkeit, auf das Leih⸗ haus geſchickt haben, wenn Langen⸗Fabel ſich eines ſolchen ruͤhmen koͤnnte. Darum ſey Dir und meiner hart gewordenen Goͤnne⸗ rin hiermit, im vollen Ernſte, das letzte, weiche Lebewohl geſagt!— Ich gehe, Schweſter! Es geluͤſtet mich nicht, an das lachende Morgenroth meiner Selbſtbiographie die Drangſal⸗Naͤchte eines berittenen Hun⸗ gerleiders zu knuͤpfen; ich halte, ſobald der Oberſte vom Urlaube zuruͤck koͤmmt, um Entlaſſung an. Napoleon ruͤſtet ſich wieder und breitet ſeine Vater⸗Arme nach deutſchen Malkontenten aus, die, ſattelfeſt wie Ryno, Dein Bruder und unverzagt wie Kleiſt, mein Barde,„Ehr' oder Tod im raſenden Getuͤmmel ſuchen.“ Irwell. 54 Wir vetließen den armen Julius am Abgrunde des Todes, auf einem fußbreiten Zierrathe ſtehend und bei dem Mangel ir⸗ gend einer tauglichen Handhabe, feſt an die Mauer gepreßt. Dreißig Ellen tief unter ihm, lag die gepflaſterte Flaͤche des Schloß⸗ hofes und vor ihm war die Glasſcheibe, durch die er, als Helene jetzt Licht brachte, der Fuͤrſtin, bei ihrem erſten Hinblicke, ſicht⸗ bar werden mußte. Die Augen flogen ſcheu umher, die Seele, zagend, himmelwäͤrts, denn Schwindel und Grauen beſchlichen ihn; da gewahrte er, bei dem Schimmer der Lampen, die den Schloßhof erhellten, zu ſeiner Rechten die Stange des Ableiters. Nichts ſchien ihm leichter, als an dieſer, wenn auch auf Koſten der innern Haͤnde⸗ Bedeckung, hinab zu gleiten; raſch ward ſie, mit der Rieſenkraft der Angſt, erfaßt; er umſchlang den Stab, er half ſich fort und ◻☚ᷣ 5 gelangte bis zum erſten Stocke, wo dieſer Leiter, naͤchſt einem offenen Fenſter, ſein Ende nahm. Der Reſt war, noͤthiger Aus⸗ beſſerung wegen, entfernt worden. Hier auch gelang es ihm, den Rahmen des Fen⸗ ſters zu ergreifen, ſich, mittelſt dieſes Stuͤtz⸗ punktes, auf den aͤuſſern Sims zu verſetzen und es galt nun, auf Gerathewohl, ein Fortkommen durch die Zimmer zu ſuchen. Er ſtieg, mit Vorſicht, in das Gemach, weilte lauſchend, ſah ſich, von demſelben Lichtſchimmer beguͤnſtigt, unter Wandſchraͤn⸗ ken— fand nirgend einen Ausgang, und fiel, dem Hintergrunde zuſchreitend, uͤber ein unbemerktes Etwas, das, klappernd, zur Seite flog. Ploͤtzlich ward nun eine Thuͤr aufgethan; der Fuͤrſt ſtand, mit der Kerze in der Hand, vor dem uͤberraſchenden Zuſpruche und Herr von Truwold ſtuͤrzte hinter dieſem weg, auf ihn zu und faßte den 56 Fluͤchtigen, der ſich aus dem Fenſter hinab werfen wollte. Julius war in Armand's Kleiderkam⸗ mer gerathen, die an ſein Wohnzimmer ſtieß und galt fuͤr einen eingeſtiegenen Dieb⸗ Truwold beſtuͤrmte ihn alsbald mit Fragen und der Geiſt, in dem ſie beantwortet wur⸗ den, die edle Geſtalt, der gewaͤhlte Anzug des Verdaͤchtigen, erregte in Armand die Vermuthung, daß er den geheimen Guͤnſt⸗ ling einer ſeiner Damen, vielleicht den Mah⸗ ler vor ſich ſehe, um deſſen Willen Roſalin⸗ de aus der Heimat entfernt worden war. Auch Julius erkannte jetzt den Fuͤrſten, wel⸗ chen er geſtern, von einer Kriegs⸗Uebung zuruͤck kommen ſah— er wendete ſich, Muth ſchoͤpfend, zu dieſem und ſprach: Es waͤre ſchrecklich, wenn ich, wie durch ein Wunder dem Tode entronnen, der Schmach und Schande verfallen ſollte! 3 57 Wie kamen Sie herein? fragte Tru⸗ wold, vom Fenſter zuruͤckkehrend, wo er ei⸗ ne Leiter zu finden geglaubt hatte. J. Ich fuhr, dem Blitze gleich, an einer Wetterſtange nieder.— Seine dar⸗ gebotenen, blutenden Haͤnde, bezeugten die Ausſage. Ein tolles Wagſtuͤcl! murmelte Ar⸗ mand: wer hat es veranlaßt? Julius ſah verſtummend zu Boden. Der Fuͤrſt wiederholte ſeine Worte. Gnaͤ⸗ digſter Herr! entgegnete Jener: dies Ge⸗ ſtaͤndniß wuͤrde mich des Todes werth ma⸗ chen, den ich verwirkt zu haben ſcheine. Antwort! rief Armand auflodernd: die Wache iſt nah! J. Kann nur Verrath die Schmach entfernen, ſo bedecke ſie mich! 3 Der Fuͤrſt war betroffen, ſeine Vermu⸗ thung ſtieg zur Gewißheit, er ſprach nun, 58 lange und leiſe, mit Truwold, welcher Je⸗ nen feſt im Auge hielt, ihn jetzt, zu Folge der empfangenen Weiſung, mit ſich nahm und in ein Nebenzimmer fuͤhrte. Sie ſind der Mahler Julius, ſagte er hier: der, undankbar und ruͤchſichtlos, ein edles, vornehmes Fraͤulein bethoͤrte und ſich — den Burgfrieden ſtoͤrend, vermeſſen in das Innerſte des Schloſſes ſtahl, um, Trotz dem Vaterfluche, das heilloſe Werk zu vollenden. Julius entgegnete darauf, die blutenden Haͤnbe gefaltet emporhebend: Bewahre mich mein Gott und Retter vor ſolcher Frevelthat! T. Was treibt Sie der Geborgenen nach? J. Die reine— die allmaͤchtige Liebe! T. Die Beide in's Verderben ſtuͤrzt! Der beſſere Menſch wird, unter ſolchen Ver⸗ haͤltniſſen, weit eher ſein ertraͤumtes Gluͤck, — 59 als den Ruf, die Ruhe, das Heil der Ge⸗ liebten aufopfern. J. Nur ſehen wollte ich die Geliebte und dann ſcheiden. Der Zweck iſt erreicht, ich gehe nun! T. Das ſollen Sie! Sie ſollen, bis zu dem Tode des ſchwer beleidigten Grafen, dieſen Staat nicht wieder betreten— ſollen bis dahin, ſich weder durch Briefe, noch auf irgend eine gedenkbare Weiſe mit jener Da⸗ me in Beziehung erhalten— ihr weder ein Zeichen Ihrer Fortdauer, noch Ihres Auf⸗ enthaltes geben. So willl es der Fuͤrſt, um Sie dann zu begnadigen. J. Er fordert da des Fraͤuleins Un⸗ tergang. T. Man wird demſelben das ſchriftli⸗ che, mit Ihrem Ehrenworte bekraͤftigte Ge⸗ luͤbde mittheilen, das Sie jetzt ausfertigen. 60 J. Und wenn ich mich dieſer gewalt⸗ thaͤtigen Anmuthung verſage? T. Ich erwarte, zu Beider Rettung, unbedingten, ſelbſt freudigen Gehorſam. Die Foderung bezweckt den Friedenſtand ei⸗ ner Wuͤrdigen, aber Bethoͤrten— die Si⸗ cherung des guten Namens, der Tugend, der hoͤchſten Guͤter einer Solchen. J. Der Befehl Ihres Fuͤrſten ver⸗ tilgt mich. T. Einen Schwaͤchling vielleicht, und der falle! Der Mann traͤgt ſein Schickſai. Die Maßregel iſt vielmehr geeignet, Ihre Zukunft zu erheitern. 4 Julius blickte nach der Thuͤr, Nach den Fenſtern; die rollenden Augen maßen des Draͤngers Stellung und Geſtalt; Truwold ergriff die Klingelſchnur und ſagte: Keine Thorheit! Jeder Verſuch zu entfliehen, muß verungluͤcken, Ihren Frevel zum Maͤhrchen 61 der Stadt machen und die Bewußte mit ſchmaͤhlichem Argwohn bedecken. Sie aber verfallen dann, des Einbruchs dringend ver⸗ daͤchtig und von dem Fuͤrſten ſelbſt in ſeiner Kleiderkammer aufgefunden, dem Kriminal⸗ Richter. Als Herr von Truwold, bald darauf, mit der vollzogenen, ſchriftlichen Verpflich⸗ tung des Entlaſſenen, in das Cabinet des Furſten zuruͤckkehrte, ſagte dieſer: Auch die Machtſpruͤche aͤußern, unter⸗ weilen, heilſame Wirkungen; haͤtte ich Ih⸗ ren Reiſeplan nicht durchkreuzt, ſo fand mich der Luftſpringer vorhin allein und trotzte mir vielleicht Gnade fuͤr Recht ab. Das Recht aber, welches ich ihm widerfahren ließ, ſoll, denke ich, in ſeinen Folgen die weſent⸗ lichſte Gnade aufwiegen. Roſalindens Va⸗ ter uͤberlebt, vielleicht, uns insgeſammt; 62 die Bezauberten wuͤrden, unter leidiger Hoff⸗ nung, veralten oder, aus Ungeduld, den leidigen Suͤndenfall wiederholen und Tren⸗ nung hilft vom Liebesfieber, wie China von dem kalten. Des naͤchſten werde ich die Graͤfin unter vier Augen zu ſprechen ſuchen und mich, wie der Prediger Salomonis aͤußern;— ich werde erfahren, ob ſie ihm, als Ariadne, den Faden bot und welcher Zu⸗ fall ihn zu dieſer halsbrechenden Abfahrt beſtimmte. Mich unterbrach der ſeltſame Gaſt in meiner Mittheilung. Ich wollte Ihnen ſagen, daß die Mutter mich, wie Veturia ihren Coriolan, mit einem Anliegen beſtuͤrmte und daß ich mich willig finden ließ, weil es nur einen haͤuslichen Gegenſtand be⸗ trifft. Georgine iſt bettlaͤgerig, ſie will ſter⸗ ben und ſich verderben, wenn ich laͤnger noch mein Antlitz vor ihr verberge. Sie hat Ge⸗ heimniſſe auf dem Herzen, an denen des 63 Staates Wohlfahrt hängt. Sie trachtet, mit einem Worte, darnach, wie fruͤher, in den Familienkreis aufgenommen zu werden und meine Caͤlie, den Dorn in ihrem Auge, fuͤrerſt zu ruͤhren, zu gewinnen und dann zu quaͤlen oder aufzuwiegeln. Ich werde deshalb, um die boͤſe Fee fuͤr immer zu ent⸗ zaubern, mit dem Tage nach Heimwald rei⸗ ſen und Sie begleiten mich. Die geſammten Schloßbewohner erzaͤhl⸗ ten ſich am folgenden Morgen, daß Graͤfin Roſalinde geſtern ploͤtzlich erkrankt und von einer tiefen, noch jetzt fortdauernden Ohn⸗ macht befallen worden ſey. Caͤlie hatte in⸗ deß ihrem Armand dieſen Zufall verhehlt, da ihm ja heute, ohnehin, eine Reihe wi⸗ driger Eindruͤcke werden mußte.. Es tagte bereits, als die Kranke, an deren Bette die treue Alma und der alte 64 Leibarzt gewacht hatten, Spuren der wieder⸗ kehrenden Beſinnung zeigte. Sie blickte auf, ſchien aus dem Lethe aufzutauchen, ward mit Arznei geſtaͤrkt und ſagte haſtig, wie von einem erſchuͤtternden Gedanken durch⸗ drungen: Nicht dieſe Mittel, meine Guten, nur die friſche, ſtaͤrkende Fruͤhluft kann mir nuͤtzen. Bin ich Euch werth und ſoll ich ge⸗ neſen, ſo laßt mich ſie am Fenſter einath⸗ men. Und damit entſprang die Kranke ploͤtzlich dem Bette, floh zu jenem und riß es auf. Unfehlbar war, in der erwachten Seele, die Erinnerung an das geſtrige Entſetzen wie⸗ der lebendig geworden; ſie ſtrebte, unter To⸗ desſchauern, den Schleier zu heben. Die eherne Wetterſtange, an welcher der Entflohene hinabklomm und die er mit der Rieſenkraft der Angſt umklammert hatte, 65 war, zu Folge ihres Alters und mehr als eines Blitzes der ſie traf, rauh und ſchieferig. Sie hatte ihm die rechte Hand ſo bedeutend verletzt, daß ſein Blut, im reichen Maß, an ihr niedergefloſſen und auf den Quadern am Boden ſichtbar war. In Roſalindens Wahne harrte der Geliebte draußen noch der helfenden Hand, oder ſein Leichnam laͤg, zerſchmettert, im Schloßhofe. Sie wollte ihn, im erſtern Falle, rettend an's Herz ziehn, ſie wollte ihm, im zweiten, pfeil⸗ ſchnell nachſpringen— ein Loos, ein Grab, dieſelbe Stelle im Himmel mit ihm theilen. Doch, als die Arme draußen weder ihn, noch den Leichnam, nur tief unten die fri⸗ ſche Blutſpur ſah, vergingen ihr, wie ge⸗ ſtern, die Sinne; der Arzt und Alma, wel⸗ che der Befluͤgelten eilig gefolgt waren und ſie jetzt auffingen, trugen dieſelbe unter He⸗ ſenens Beiſtand, nach dem Bette zuruͤck; II. Theil. 5 66 jener erſchoͤpfte vergebens die gebraͤuchlichen Belebung⸗Mittel. Die Kranke in Heimwald zeigte und aͤuſſerte ſich, dam Bruber gegenuͤber, in dem fruͤhern Geiſte. Das Gaukelſpiel wehmuͤ⸗ thiger Zaͤrtlichkeit und Zerknirſchung war, erfolglos, an ihm abgeglitten; er ſpielte, waͤhrend dem ihr Klagelied ſich, unter Thraͤ⸗ nenſtroͤmen, vernehmen ließ, mit dem zu⸗ thuigen Schooßhunde; Georgine faßte ſich allmaͤhlig und ſagte, ploͤtziich aus der Rolle fallend:— Nicht mir, mon Frère! zeige lieber 4 dem Volke, mit dem Du Bruͤderſchaft mach⸗ teſt, dieſe eiſerne Maske. Auch Du ſchmei⸗ chelſt nun dieſem knurrigen Baͤren, den un⸗ ſere Vaͤter, wie billig, mittelſt der Peitſche niederhielten, fuͤr die er geboren iſt. Gott, wie viel Unheil und Verkehrung hat Euere 67 feige Schwaͤche uͤber den Erdtheil gebracht. Als noch in's Zuchthaus kam, wer uns miß⸗ fiel, noch auf den Hirſch geſchmiedet ward, wer den Wildſtand verſehrte— als noch ein vorlautes Urtheil uͤber die hohe Regierung zum Rabenſtein fuͤhrte— da war Ruhe und Ordnung im Lande, wie jetzt unter dem großen Napoleon. Soll uns wohl werden, ſo gehe hin und mache es wie er— ſelig ſind, die ihm folgen! Noch lange ſprach Georgine in dieſem Geiſt und Tone fort; endlich unterbrach ihre Kammerfrau die unerbauliche Rede. Sie trat mit einem Handbriefe der Fuͤrſtin gn Armand ein, den ſo eben ein Eilbothe uͤber⸗ bracht hatte. Dieſe ſchrieb: „Ich muß Dich erſuchen, mein gelieb⸗ ter Freund! Deine Ruͤckkehr moͤglichſt zu beſchleunigen, da unſere Roſalinde krank— ſehr krank iſt und mit angſthafter Sehn⸗ 2 5*† 68 ſucht nach Dir und nur nach Dir ver⸗ langt.“ Caͤlie. Armand ſtand auf, verließ das Zim⸗ mer ohne Lebewohl, warf ſich in den Wa⸗ gen und theilte ſeinem Truwold dieſe Nach⸗ richt mit. Roſalinde, ſagte er: war Ge⸗ ſtern Abend nicht ſichtbar und ich vermied, aus Schonung, die Fuͤrſtin von dem Vor⸗ gange zu unterrichten. Nun wird das Uebel aͤrger werden und ſtirbt ſie uns, ſo ſchreit der Witwer, ſo wird Fuͤrſt Armand, des naͤchſten, in irgend einem Roman oder Beitrage, als Tyrann hauſiren und Herr von Truwold, als Marinelli, ſeine Gifte miſchen helfen. Den ſchoͤnen Seelen zu gefallen, haͤtte ich geſtern, den Hemd⸗ Ermel vom Leibe reiſſen, des Mahlers Wunden damit verbinden, ihn auf den 69 Divan betten, mit einem Kammergut be⸗ lehnen, ein Grafen⸗Diplom fuͤr ihn aus⸗ fertigen und Sie zu Linda's Vater ſenden muͤſſen, um dieſem das Jawort abzuſchmei⸗ cheln. Was aber wuͤrde Georgine dazu geſagt haben, die ſich eben, ſo und ſo, uͤber mich ausſprach— die ich nun, fuͤr immer in Heimwald feſthalten und damit abermals den Gemuͤthlichen ein Aergerniß geben werde. Sie haben mir die Alekto nach dem Leben geſchildert. Nun denke man ſich dieſe, zum Manne geworden, von keinem Geſetze, keiner Verfaſſung ge⸗ zuͤgelt, an meinem Platz und ſchaudere vor den Fruͤchten der Willkuͤhr!— Drei Mal geſegnet ſey der Tag, an dem ich mich und meine Nachfolger, vor der Verſuchung zum Frevel, vor dem Mißbrauche der hei⸗ ligen Gewalt, fuͤr immer ſicher ſtellte. Es war ein Dankopfer, dem Hoͤchſten dargs⸗ 70 bracht, der mich, in ſeiner Huld, zum Fuͤhrer eines gebildeten Volkes berief, das ſanften, vaͤterlichen Mitteln zugaͤnglich iſt und deſſen Zuͤgel man luͤften muß, um ſeiner edeln, geregelten Kraft, den vollen Spielraum zu verſchaffen. Vergebens ſah Ryno einer Antwort ſei⸗ ner Schweſter entgegen; ihn druͤckte bereits der Mangel an Geld, das demſelben bis da⸗ hin, durch Dorotheens Guͤte und Alma's Beiſtand, ſelten oder nie gefehlt hatte. Statt jener lief ein Brief von Hellſohn an ihn ein. „Es lebe die Kabbala, ſchrieb ihm die⸗ ſer: und der große Meiſter, der mich weihte, und in das Heiligthum blicken ließ, denn das Quadrat der magiſchen Zahl, hat mich, gleichſam, zu einem Cubus der Gluͤckſelig⸗ keit erhoben. Wiſſe denn, daß Fraͤulein Charitas Deinen Juͤnger zum geborgenen⸗ —— 71 Manne macht; daß ich ſie liebe, ſegne, bene⸗ deie und honny soit, qui mal y pense! Vielleicht hab' ich Dir ſchon erzaͤhlt, daß die Gute, bei einem Kinderſpiele, durch mei⸗ ner Schweſter Schuld, zum Kruͤppelchen— daß ſie an des Fuͤrſten Hochzeit⸗Abende, bei Hofe, ohnmaͤchtig, von mir aufgefangen, wieder in's Leben gebracht und zur Senfte gefuͤhrt ward. Ich lief neben dieſer her, um ſie auch daheim Treppen an zu geleiten — Alles dem Quadrate der heiligen Zahl zu Ehren, die meinen Glauben uͤberſchweng⸗ lich belohnt hat. Was ich an dem Fraͤulein gethan, mußte ihm um ſo lieblicher ſchmei⸗ cheln, da es kein Gegenſtand fuͤr der Maͤn⸗ ner Augen und ihren Liebeſinn, zudem nur eine ſtille Reiche und deshalb ungeſucht, un⸗ gefeiert, unbelogen geblieben war; wohl eher zehn Wehthaten, als eine Auszeichnung er⸗ fahren hatte.— Genug, die trefflichſte der 72 Jungfrauen erkrankt— hat nur lachende Erben, die ſie Theils mißbrauchten, Theils meiſterten oder geringſchaͤtzten, ſie wendet das Gemuͤth von dieſen ab, denkt jenes Ritter⸗ dienſtes— meiner unverhofften Zaͤrtlichkeit und Sorgfalt und macht ihren Helfer und Heimfuͤhrer zum Vollſtrecker des letzten Wil⸗ lens, in dem ſie, großmuͤthig, meine arme Schweſter mit zehntauſend Thalern vergnuͤgt und mir den Reſt, an vierzigtauſend, im gewiſſen, uͤberlaͤßt. Vorgeſtern fruͤh, mit Tages Anbruch, kehrte dieſe reine, Gott ge⸗ faͤllige Seele, wie ich eben in den Zeitungen ruͤhmte, zu der Heimath der Engel zuruͤck und ich ſchreibe Dir, neben ihrem ſchoͤn po⸗ kirten, mit blinkenden Handhaben verzierten Sarge, der mich uͤber achtzig Thaler koſtet, denn ſie ſoll, ihrem Wunſche gemaͤß, praͤch⸗ tig— wie Romeo's Julie auf einem Haupt⸗ Theater, begraben werden. Dich aber, den — 3 492 ſchoͤnen Geiſt, bitte ich um eine ſchickliche, buͤndige Grabſchrift, da meine Dankbarkeit der Schlummernden ein marmornes Deck⸗ bett zudenkt, und der Bildhauer mich— ein wenig geſchmeichelt, als weinenden Ge⸗ nius darauf ſetzen wird. Ihre Tugend und meine Zaͤrtlichkeit muͤſſen, gleichſam als haut-relief, aus der Legende in des Wan⸗ drer's Augen ſpringen und zu den Fuͤſſen iſt noch etwa eine Spanne Raum fuͤr den Lei⸗ chentert aufzuſparen, den ihre alte, bibelfeſte Kammerkatze liefern will. Daß ich vorzuͤglich Dir und Deinem Scherze oder Ernſte, dieſen Segen danke, ſagt mir mein Selbſtgefuͤhl und Du ſollſt deshalb, ohne Schonung und Ruͤckſicht, uͤber den Schuldigen verfuͤgen. Borge mir ab, in der Noth, und ich will Dir helfen oder geluͤſtete Dich nach einem praͤchtigen Roth⸗ ſchimmel, den ſelbſt der Fuͤrſt ruͤhmte, als 74 ich ihn geſtern bei der Parade ſehen ließ, ſo ſteht er, laͤngſtens zum Sonnabende, vor Deiner Thuͤr. Was Du auch wuͤnſchen magſt, es wird ſich finden, wie ich mich zu der ſeligen Erblaſſerin und ihr Schatzaͤſtlein ſich in mein oͤdes Quartier gefunden und das Felleiſen voll Mahnbriefe verdraͤngt hat. Hellſohn. Ryno erhielt die liebſelige Zuſchrift, als er eben einem ſehr liebloſen Geſchaͤft entgegen ritt. Die Kameraden, unter welche er hier, zu Folge der Verſetzung, getreten war, ſa⸗ hen, irriger Weiſe, in dieſer nur den unge⸗ rechten Zweck, einen Beguͤnſtigten der Rei⸗ henfolge entnehmen und ihn ſchnell empor⸗ bringen zu wollen. Der neue Adjutant hatte deshalb nicht allein eine ſehr froſtige Auf⸗ nahme, ſondern ſelbſt in dem Befehlhaber, der ſeinen Sohn beeintraͤchtigt glaubte, einen herben, ſchmollenden Vorgeſetzten gefunden. Irwell's ſtolze, trotzende Haltung, deſſen Witzſpiele und Gloſſen, machten Uebel aͤrger und veranlaßten, bald genug, einen Zwei⸗ kampf, welcher ſeinen Muth und Geſchick in das Licht ſtellte. Heute ſollte er ſein Heil auf's Neue verſuchen, ſollte Kugeln wechſeln und wenn ſie fehlgingen, auf Tod und Le⸗ ben fechten. Der Braune trug ihn eben zur Stelle. Des Gegners Bley zerriß ſein Ach⸗ ſelband— Ryno ſchoß und Jener ſank; die Kugel hatte den Helm durchſchlagen und die Scheitel geſtreift. Aus der Betaͤubung zuruͤck gekommen, bot der Verwundete die Hand zum Frieden und machte ſo der Fehde ein Ende. Irrwell aͤuſſerte ſich hierauf, vor ihm und den Zeugen, in einer, Theils lau⸗ nigen, Theils gemuͤthlichen⸗Standrede, wel⸗ che ſeine Unſchuld klar machte und den Grund zur aufrichtigen Verſoͤhnung mit dieſen bra⸗ 76 ven, von einem Vorbegriffe geirrten Waffen⸗ bruͤdern legte. Sie beſchloſſen, jene am Abende feſtlich zu beſiegeln und kehrten in der heilſamſten Stimmung zuruͤck. Charlotte, des Hauswirthes Toͤchterchen, verkuͤndigte jetzt dem abſteigenden Ryno, das Fraͤulein Schweſter ſey indeß eingetroffen und oben in ſeinem Zimmer, das ſie ihm aufgethan; ſie pries zudem dieſen froͤhlichen, liebreichen Engel, der ihr bereits ein herrli⸗ ches umſchlinge⸗ Tuͤchlein verehrt habe. Meine Schweſter? dachte er erſtaunt: 4 das bedeutet nichts Gutes oder das Beßte! 2 Wer begleitet ſie denn? Feldbett ausgeſtreckt, eben als er eintrat: . C. Eine alte, ſtocktaube Buͤrgerfrau.— Auch dies ſchien ihm ſeltſam. Er flog n. auf. Die bezeichnete, allerdings liebliche, 4 aber ſteinfremde Jungfrau ſang, auf ſeinem 8 . 1 ——— ——— ₰ Sans les amours Point de beaux jours, etc, Die Alte aber wuͤhlte, von ihm abge⸗ wendet, in dem mitgebrachten Koffer. Jene ſprang, ihn erblickend, pfeilſchnell wie ein Gemslein empor, ward purpurroth und wis⸗ perte, Odem ſchoͤpfend: Sie ſuchen unfehlbar meinen Bruder? Er iſt ausgeritten. „Ich bin mein Bruder!“ wie jener im Luſt piele„entgegnete Ryno: und ſehe mich, vielmehr, nach der Schweſter um. Aline laͤchelte, von der Antwort erregt, doch die Beſtuͤrzung vertilgte den Silberblick; ſie ſagte haſtig: O Gott! wohnt denn nicht Herr von Erfeld, mein Bruder hier? E. Fruͤher vielleicht.⸗ Jetzt iſt er in der Heimat auf Urlaub. 1 Das Fraͤulein wendete ſich, raſch, zu 78 der Alten, die, gemaͤchlich auspackend, den Erſchienenen weder geſehn, noch vernom⸗ men hatte, faßte ſie, zwiſchen Lachen und Weinen, bei den Schultern und ihr ergoͤtzli⸗ ches Geberdenſpiel machte dieſer den heilloſen Irrthum begreiflich. Daß Ihnen deshalb nicht leid werde! troͤſtete Irwell: Alle Kameraden ſind Bruͤ⸗ der und es beſteht demnach, zwiſchen uns, ganz offenbar ein geſchwiſterliches Verhaͤltniß, das Ihnen Rechte und mir Pflichten giebt. Ein herrlicher Grund! eine ſuͤße Ge⸗ ſchichte! entgegnete Aline, die vollen, wei⸗ ßen, küſſenswerthen Aermchen in einander ſchlingend: das iſt mein erſtes Abenteuer auf Reiſen und uͤberhaupt in der Welt. Aber wie konnte denn das niedliche Puͤppchen da unten, des Wirthes Tochter, die uns ein⸗ ließ, die Frage, ob Herr von Erfeld hier wohne, ſo zuverſichtlich beſtaͤtigen? ₰ — Sch heiße Irwell! gnaͤdiges Fraͤulein; ſo erklaͤrt ſich der Mißverſtand. Mamſell Fenchel weiß zudem, daß mir auch eine lie⸗ denswerthe Schweſter geworden iſt und haͤlt Sie fuͤr dieſe. A. Sie muͤſſen fuͤhlen, wie betruͤbend, beſchaͤmend, aͤrgerlich, dieſer Irrthum fuͤr mich iſt. Pack' ein, Muͤtterchen! fuhr ſie klaͤglich fort und begleitete das Geheiß wieder⸗ um mit Pantomimen der ſchon geruͤhmten Arme: aber es wird doch ein Gaſthof in Langen⸗Fabel ſeyn? E. Eigentlich nur ein Futteral fuͤr Kaͤr⸗ ner, Muſterreiter und dergleichen unempfind⸗ ſame Wanderer. Ihro Gnaden wuͤrden weit beſſer thun, ſich es hier in der loͤblichen Freiſchule gefallen zu laſſen. Aline laͤchelte jetzt wieder. Nun, das iſt luſtig, rief ſie aus: wir kommen jetzt aus einer ſolchen, aber unfreien, in welcher an 80 kein Offizier⸗Quartier zu denken war. Eben, als ich, in der Tanzſtunde, mein Entre- chat ſchlage, ſchreien ſie Feuer, brennen wir ab und die bonne Addaide ſieht ſich, zu ihrem bitterſten Herzleide, genoͤthigt, die ganze Menagerie, mit Ausnahme einiger Waischen, nach Hauſe zu ſchicken. Da wollte ich denn hier, bei dem Bruder uͤber⸗ nachten, und ihn als Begleiter mitnehmen, denn es ſind geſtern, in Walkau, drei Raͤu⸗ ber entſprungen. Zwar liegt Groß⸗Solow, unſer Gut, nur drei Meilen weit von hier, aber der Weg geht durch mehr als einen Wald und ich fuͤrchte mich vor boͤſen Maͤn⸗ nern noch weit mehr, als ich die gutſcheinen⸗ den verehre. E. Ich reite Ihnen morgen, bis zu dem Weichbilde der Heimat vor und Sie benutzen bis dahin mein Zimmer. Lottchen wird fuͤr ein anſtaͤndiges Bett ſorgen, mich — 81 aber entfernt, waͤhrend der Nacht, ohnehin ein Liebeßmahl, das bis zum Morgen dauern duͤrfte. Lina erhob, aufhorchend, das blonde, lockenreiche Koͤpſchen. Sie beherzigte den Antrag und ſagte: ein freundliches Erbieten! die Frage iſt jedoch, ob ich— ob die Mut⸗ ter— ob tauſend haarſcharfe Tanten und Splitter⸗Richterinnen, ganz und gar nichts dagegen haben duͤrften? Wir arme Maͤd⸗ chen ſind allzu ſchlimm daran! Ein lautes Gelaͤchter der Auspackerin unterbrach die Bemerkung. Dieſelbe zog jetzt einen unſaubern, dem Bedienten der Erzieherin gehoͤrigen Stiefelknecht, die ge⸗ fuͤllte Waͤrmflaſche der letztern und ein gewal⸗ tiges Schinkenbein aus dem Koffer; entbehr⸗ liche Schaͤtze, welche das Fraͤulein, das, in der Feuerangſt, ohne Wahl zugriff, ſammt ihren fuͤnf Saͤchlein hinein geworfen hatte: II Cheil. 6 82 Aline lachte, erroͤthend, aber lebhaft, mit, dann rief ſie: Nein! in Ihrem Zimmer bleib' ich nicht! Es ſchreit in mir etwas da⸗ gegen und in ſolchen Faͤllen reicht ſelbſt ein leiſes Zirpen des Gewiſſens zur Entſcheidung hin. Begleiten duͤrfen Sie uns morgen, das koͤnnte ich den Raͤubern ſelbſt nicht weh⸗ ren, aber bis dahin, helfe mir Gott! E. Mein Wirth hat, zu ebener Erde, ein Gaſtſtuͤbchen; in ihm ſteht das ſaubere, ſchon vorhin erwaͤhnte Bett und die gute Haut wird Ihnen beides willig uͤberlaſſen. S. Mir und der tauben Frau Liſel, heißt das! Chère Adelaide hat mir dieſe, als Garde du Corps zugeſellt. Die laſſe ich nicht! E. Auch Lotte kann bei Ihnen bleiben, wenn Sie ſich, vielleicht, einen vollſinnigen Schutz⸗Engel wuͤnſchen. Nach Lottchens Gefallen! rief Lina ſes⸗ — lenfroh: und die guten Leute ſollen bedankt werden— ich habe Geld— ſie ſchuͤttelte den Strickſack— hoͤren Sie? Aber es werden mir doch weder Ratten noch Maͤuſe zu nahe kommen? Laſſen Sie nachſehn, beß⸗ ter Freund! und allenfalls ein Kaͤtzchen mit einſperren. Ich weihe ihm, im Voraus, das Schinkenbein. Katzen fuͤhren wir jetzt nicht, entgegnete Ryno: denn ſie gingen gewoͤhnlich mit zur Schule und ſtoͤrten die Maͤdchen in der An⸗ dacht; aber ich ſtelle Ihnen den Knochen⸗ freund Trolle, meinen artigen Pudel, zur Seite. Er ſucht, als Maͤuſefaͤnger, ſeines Gleichen, haſcht Bremſen und Muͤcken im Fluge und ſchmauſ't ſie, wie jene, mit eines Schmeckers Wohlbehagen. O ſtill! rief Lina, ſich ſchuͤttelnd: doch aͤßen wir auch gern.— Semmelmilch, ſetzte ſie, halb bittend, halb befehlend hinzu: 6* 84 aber mit Zucker.— Das Leckermaͤulchen; werden ſie denken. Das Zuckerröschen! fiel er eufzend ein und eilte hinab, um die gefaͤllige Lotte in Odem zu ſetzen. Bei dem Verſoͤhnung⸗Feſte ging es, wie, weiland, auf den Baͤllen her. Der ernſten Polonaiſe und Menuet des gemeſſenen, wiſ⸗ ſenſchaftlichen Verkehres, folgten, Kraft des Feuerweines, die Gallopade der Ereiferung, der Walzer der Kriegs⸗ und Liebeslieder; zu⸗ letzt ward, auf das Heil und Leben der Hul⸗ dinnen, das eigene Leben eingeſeht. Scharf geladene Piſtolen dienten als Champagner⸗ Glaͤſer— ſie wurden, bis zum Rand der Muͤndung, mit ſolchem gefuͤllt, der Hahn ward geſpannt, der Finger an den Druͤcker gelegt, der gefaͤhrliche Kelch nun, auf der Huldin Wohl geleert und die Piſtole, nach —— — „ 85 dem letzten Zuge, gegen ein Konterfei Na⸗ poleons abgeſchoſſen, der damals, naͤchſt der Welt, auch ihre Fluͤche trug. Die Sonne ging auf, als eine dreimalige General De⸗ charge fuͤr ihres Armands Heil und Caͤ⸗ liens kuͤnftigen Mutterſtand, die Kugeln und den Schaum zur Decke ſpritzen ließ, und Ryno warf ſich nun, begeiſtert, auf das Roß, um der gelobten, anziehenden Pflicht zu genuͤgen. Alinens Wagen fuhr eben aus dem Stadtthor und ward hier angehalten. Ge⸗ ſtern, bei dem Einzuge, ſaß die Zoll⸗Be⸗ hoͤrde, ſchnarchend, auf der Bank und ließ ihn deshalb unangefochten voruͤber rollen— Heute ſollte dieſe Verſaͤumniß an der Un⸗ ſchuld geraͤcht werden, ſollte die Unſtraͤfliche Strafe geben, weil ſie geſtern, in ihrer 86 traum nicht ſtoͤren wollte. Aber ſeyn Sie doch chriſtlich! bat das Fraͤulein mit ihrem ſuͤßeſten Schmeichellaute. Ich bin kein Chriſt, fiel jener ein: ich bin der Zoͤllner! und wenn Sie noch viel un⸗ nuͤtze Worte machen, ſo— Aline druͤckte ihm ein Geldſtuͤck in die Hand— ſo hab' ich das Contentement, Ihro Gnaden eine vergnuͤgliche Reiſe zu wuͤnſchen!— Sie guter Herr! erſcholl es dagegen: ſchlafen Sie recht wohl!. Ryno holte das Fraͤulein bald genug eins Von dem ruhigen Nachtlager und dem roſi⸗ gen Fruͤhlichte verſchoͤnt, glaͤnzte ſein Schuͤtz⸗ ling wie eine Himmliſche; er aber, nur gluͤ⸗ hender von der durchſchwaͤrmten Nacht, glich dem entflammten Goͤtterſohne; ſie gruͤßten, ſahn und laͤchelten ſich, mit gegenſeitigem, innigen Wohlgefallen an. Milde, des Aufpaſſer's moͤglichen Roſen⸗ —,— 1 Gott und Ihnen ſey Dank! rief Aline: wie wohl iſt mir— waͤre doch allen Abge⸗ brannten ſo um's Herz. O, welch ein ſchoͤ⸗ nes Pferd! es fliegt wie Pegaſus. E. Ich danke es meiner Schweſter Alma. S. Sie ſind ihr Liebling? o gewiß! E. Kein Lob fuͤr Alma's Geſchmack, aber ich hoff' es! S. Wenn Sie gut ſind, ein großes. Der gute Mann allein iſt liebenswerth. E. Und dennoch wollen ſelbſt viele der Beßten das Gegentheil erfahren haben. S. Nach Ihrem Gefallen! Jetzt aber ſchildern Sie mir doch das Fraͤulein Schweſter. E. Ich thue nichts lieber. Alma gleicht Ihnen, zu des Maͤdchens Gluͤcke, an Ge⸗ ſtalt und Groͤße. Den plaſtiſchen Kopf um⸗ wallen hellblonde, von der Natur gerollte Locken— die reine Stirn„ das griechiſche 88 Naͤschen, der kußwerthe Mund erfreuen den Kuͤnſtler, wie den Layen. Aus den blauen, vielſagenden Augen ſtrahlt der Gott des Froh⸗ ſinns, ihre Formen loben den Schoͤpfer und verkuͤndigen die nahende Vollendung des Schoͤnen. Dazu erſcheint mir ihr Herz en⸗ gelrein, ihre Unſchuld naiv, alſo anziehend, ihr heller Geiſt kindlich und anſpruchlos, alſo erquickend. Ryno hatte, Zug fuͤr Zug, Alinen dar⸗ geſtellt. Sie lauſchte ein Weien und ſagte dann— Hoffentlich ſind einer Solchen alle Maͤn⸗ ner zuwider, die ihr, vorſaͤtzlich und ſcho⸗ nunglos, ſchmeicheln. E. Allerdings! doch die Aufrichtigen finden Nachſicht und Entſchuldigung, wenn Schoͤnheitſinn und begeiſterte Gefuͤhle ſie etwa laut— ſelbſt vorlaut machten. Aline erwiederte, hell auflachend: ma 89 bonne Adelaide war anderer Meinung. Kinder, ſprach ſie, noch vor wenig Tagen, als uns ſchoͤne Herren im großen Conzerte viel Wohlthuendes geſagt hatten: da ſeht Ihr nun, ganz offenbar, daß Euch die Maͤnner fuͤr Aeffchen und Papageyen hal⸗ ten. Keiner naht ſich, ohne der Einen oder der Andern candirte Mandeln oder Zucker⸗ brot mitzubringen und ihr die Lockſpeiſe unter das Naͤschen zu halten— ich aber wuͤnſchte nichts mehr, als Euch dann, jedesmal, in Meerkaͤtzchen verwandeln zu koͤnnen, damit Ihr ſie gehoͤrig in die Finger zwicktet. Es waͤre ſpaßhaft, wenn ſich der Wunſch ver⸗ wirklicht haͤtte. 4 Adelaide, ſprach er verlegen: iſt offen⸗ bar eine Maͤnnerfeindin und aͤußerte ſich nur darum ſo unhold, weil ſie, gleich dem ver⸗ dorrten Feigenbaume, zwiſchen hesperiſchen ſtand. MNachen Sie mir die Bildnerin nicht verdaͤchtig! eiferte Lina: man iſt ja, ohne⸗ hin, den rauhen aber heilſamen Winden ab⸗ hold und ſetzt ſich, unbeſonnen, der ſchaͤdli⸗ chen Schmeichelluft aus. Der Kutſcher hielt jetzt, um etwas an dem Geſchirre zu beſſern. Ryno's Gaul wendete ſich nach dem Wagen, er ſchnob das Fraͤulein an und duldete ihre koſende Hand an den Nuͤſtern. Wie gut ich ſolchen Thieren bin! ſagte ſie freundſelig: iſt es doch, als ob der Wild⸗ fang darum wuͤßte. R. Unzweifelhaft, denn ich ſelbſt darf ihn kaum anruͤhren. Beneidenswerther! er⸗ kenne Dein Gluͤck! Aline zog ſchnell die Hand zuruͤck, druͤckte ſich in die Ecke des Wagens und ſagte ſchmollend— Ach, haͤtte mich die Mamſell doch verwandelt! —xx 91 Kreuz Element! rief der Kutſcher: dort ſitzt eine Hexe! Er ſchwang alsbald die Peit⸗ ſche, knallte kreuzweis und zeigte dann, mit⸗ telſt derſelben, nach dem Geſtraͤuche hin. Das Fraͤulein wisperte: Eine Zigeunerin! und die gehoͤrt wahrſcheinlich zu der Bande. O ziehn Sie doch geſchwind Ihren Saͤbel. Mein Fraͤulein, der iſt eingeroſtet. Aber die Piſtolen. 1 Sind ungeladen und verſchleimt. Es ward damit, waͤhrend der Nacht, zur Ehre der Schoͤnen und der Allerſchoͤnſten, des guten Fuͤrſten, der geſegneten Landesmutter, des General⸗Commando's, der reſpectiven General⸗Kriegs, Kriegs⸗Gerichts und an⸗ derer Praͤſidenten, der lebenden und todten Waffenbruͤder, ſo wiederholt gefeuert, daß die Haͤhne wie lenteszirende Moral⸗Philo⸗ ſophen wackeln. Darauf jagte er, ſofort, auf die Erſcheinung los; der Pudel aber war 92 ihm bereits zuvor gekommen; er wedelte, wimmerte, ſprang an Bobelinen auf und ward, wie einſt im Schneegaͤßchen, von ihr umſchlungen. Die Mulattin laͤchelte mit dem einen Feuerauge ihren Verehrer, mit dem andern ihren Wohlthaͤter an; eine himmliſche Freude erleuchtete das mißfarbige Geſicht. Du hier? rief Irwell: Woher?— Wohin? Ich komme aus der Hauptſtadt, er⸗ wiederte ſie: Frau Blankeis iſt geſtorben und Fraͤulein Alma, Ihr gnaͤdiges Schweſter⸗ chen, haben ſich, ganz unverhofft, meiner angenommen. Sie haben mich der Frau von Erfeld empfohlen, die ein haͤßliches, aber ehrliches Dienſtmaͤdchen ſucht, weil ſie verliebte Soͤhne und großen Reichthum hat. Eben bin ich auf dem Wege nach Solow ——— 93 und nun verſagen mir, leider Gottes! die Fuͤſſe den Dienſt. Du ſteigſt hier ein! troͤſtete Ryno, ritt zum Wagen hin, verſicherte Adelinen, daß ſie ihre zukuͤnftige Hausjungfer vor ſich ſehe und bat um ein Raͤumlein fuͤr die Arme. Das Fraͤulein ſchmaͤlte, verſagte und ſprach: Das ſind freche Luͤgen der Gau⸗ nerin; ich fuͤrchte mich vor ihr; er aber er⸗ klaͤrte ſie fuͤr ſeine Bekannte, buͤrgte fur die hohe Rechtlichkeit der Unſcheinbaren, die jetzt, dem Winke des Schutzherrn gehorſam, herbei hinkte, den Saum von Lina's Roͤck⸗ chen kuͤſſen wollte und in Freudenthraͤnen ausbrach, als Ryno verſicherte, daß ſie vor ihrer jungen Herrſchaft ſtehe. Auf den Nuͤckſiß gewieſen, ward ſie jett von Adelinen mit Fragen uͤberhaͤuft. Irwell ſprengte, von der Enge eines Hohl⸗ weges genoͤthigt, dem Wagen voran und 94 das Fraͤulein benutte alsbald ſein Ver⸗ ſchwinden zu der Frage nach dem Entſtehen ihrer Bekanntſchaft mit dieſem. Da oͤffnete Bobeline der Mutter Mitgift, das uͤppige Negermaul und pries, ſchnell begeiſtert, mit funkelnden Augen, ſeinen Edelmuth, ſeine Milde und Menſchlichkeit— ſie rief die Mutter Nieſin, die Familie des Flickſchnei⸗ ders, und alle Jungfern und Hausfrauen des Schneegaͤßchens, als Zeuginnen der Wahrheit ihrer befluͤgelten Worte auf und ließ Alinen, ihr Paͤckchen oͤffnend, einen Zipfel des Sonntagkleidchens ſehn, mit der er ihre Bloͤße gedeckt hatte. Das Fraͤulein lauſchte, ſtill erbaut und mit Roſenroth uͤberflogen; es ſagte: Du kannſt meiner Mutter gelegentlich dies alles mittheilen, wenn etwa ſeiner zu Hauſe ge⸗ dacht werden ſollte— aber gleichmuͤthiger, mein Kind! nicht ſo eifrig, ſie denkt ſonſt wohl, Du habeſt Dich in ihn vergafft, was ich nicht fuͤrchten will? Schoͤn genug ſey er, meinte Bobeline, und Gott und der Beichtiger moͤchten es ihr vergeben, aber ſeitdem ſie ihn kenne, ſehe ihr Schutzpatron demſelben in der Einbildung, auf ein Haar gleich. Das Fraͤulein eiferte gegen den Mißbrauch der Phantaſie, fragte darauf nach ſeiner Schweſter Alma und ver⸗ nahm eine Schilderung derſelben, welche ihr minder als die, von Ryno aufgeſtellte ſchmei⸗ chelte und Alinen erkennen ließ: daß ſie ſich zu Alma nur etwa wie das Feldbluͤmchen zur Lilie verhalte. Noch immer trabte Irwell vor dem Wa⸗ gen her, mit Ihr, wie ſie mit Ihm be⸗ ſchaͤftigt. Es war demſelben, in dieſer freundlichen Erſcheinung, ein Sternlein auf⸗ gegangen, das ihm die dunkle Gegenwart aushellte. Alinens Weben und Weſen— 96 die Miſchung des Kindlichen, zum Theil noch Kindiſchen, mit reifem Mutterwitze, dieſer leichte Sinn und dieſe liebliche Form hatten, gleichzeitig, ſeine Denk⸗ und Fuͤhl⸗ kraft angeregt. Groß⸗ Solow, ihr Gut, lag ihm nahe genug, um dort, an jedem geſchaͤftloſen Tage einſprechen zu koͤnnen und die Frau Mutter mußte, was er fuͤr die Tochter gethan, unſtreitig mit Dankbarkeit erkennen. Aber es gab auch Bedenklichkei⸗ ten. Ryno hatte ſich geſtern, bei den Ka⸗ meraden, nach dieſer erkundigt und vernom⸗ men, daß die Mutter ſehr reich, weltklug, ſtrenge, die erkl laͤrte Feindin des Wehrſtan⸗ des und eines Jeden ſey, der ſie etwa zur Schwiegermutter zu begehren ſcheine, auch deshalb ihre einzige Tochter in eine Erzie⸗ hung⸗Anſtalt verſetzt habe. Der aͤltere, muͤndige Sohn befand ſich auf Reiſen, der mittlere unbedeutende, wie erwaͤhnt, in So⸗ 97 low auf Urlaub, der juͤngſte, eben zum Juͤng⸗ linge geworden, war dem Cadetten⸗Hauſe zugedacht. Schon tauchte jetzt der Kirchthurm ihrer Heimat aus den Waldhoͤhen auf und Ali⸗ nens leichter Sinn wich vor dem ernſten, ſich bei dieſem Anblicke zudringenden Gedanken: was wird die gnaͤdbige Mama ſagen? Wird ſie die Wahl des Nachtquartieres rechtſpre⸗ chen, das um ſo weniger verſchwiegen wer⸗ den kann, da ihr Gerichthalter,(ein alter, plauderhafter Hageſtolz) in Langen⸗Fabel wohnt und zuvetlaͤſſig bereits das ganze Neſt mit Deinem Abenteuerchen bekannt worden iſt. Und wird ſie an der Beglei⸗ tung kein Aergernis nehmen? Das war der Stein, der ihr auf's Herz fiel und die entſprungenen Straͤflinge reichten, als Be⸗ ſchoͤngung⸗Gruͤnde, um ſo weniger aus, da es in dortiger Gegend, der Prozeß⸗ „ 7 98 koſten wegen, herkoͤmmlich war, ſelbſt Moͤr⸗ der und Mordbrenner ehemoͤglichſt davon laufen zu laſſen und dieſe dann die Umge⸗ gend, erkenntlich, mieden und verſchonten. Fiell auch die Wahl der tauben Frau Gf ſel nur der chore Adelaide zur Laſt, ſo mußte dies Gebrechen doch die Mutter um ſo mehr verdrießen und die Mulattin war ſo ſpaͤt aufgeleſen worden, daß der Herr Leutnant, bis dahin, ihr ungehindert hun⸗ derttauſend Worte zu ſagen vermocht haben wuͤrde, von denen, nach Mamachens Grundſaͤtzen, ſich kaum ein Dutzend fuͤr die Einſame eignete. Und welch Geſchrei, dach⸗ te Aline fernerweit: werden Beda und Marzelline, Baſilie und Irmtrub— wer⸗ den ihre Muͤtter und alle unſere Freundin⸗ nen ringsum erheben, wenn ihnen kund wird, daß ich im Quartiere des ſchoͤnſten 99 aller gedenkbaren Adjutanten uͤbernachtete, daß er mir das Geleite gab, daß nur dieſe harthoͤrige Schnarcherin von unſer'm Ver⸗ kehre zu ſagen weiß?— Sie lachte laut auf, ward dann poͤtzlich wieder truͤbſinnig und fragte ſich: Iſt es wohlgethan, ihn jetzt gleich heim⸗ zuſchicken oder rathſamer, mich von demſel⸗ ben bis zu der Mutter begleiten zu laſſen? denn je unbefangener ich ſcheine— je unab⸗ ſichtlicher erſcheint die Sache und ſie kann mich dann nur der Albernheit, nicht aber der Koketterie beſchuldigen.— O lieber, lieber Gott! lispelte Aline, gen Himmel blickend: hilf mir doch nur dies eine Mal aus der Drangſal und der Mama zu guter Laune!— Da unterbrach der heranſpren⸗ gende Schirmherr ihre Andacht und fragte, ob ſie wohl geſtatte, daß er derſelben bis an's Ziel zur Seite bleibe, ſich, bei dieſer 7* 100 ſchicklichen Gelegenheit, der Frau Mutter vorſtelle und dem Herrn Bruder, ſeinem lie⸗ ben Kameraden, den ſchuldigen Beſuch ab⸗ ſtatte.— Daruͤber denk' ich eben nach! verſicherte das Fraͤulein: und bitte Sie, in dieſem Fal⸗ le, die moͤgliche, kuͤhle Aufnahme nicht miß⸗ deuten zu wollen, denn meine gute Mutter gleicht, in mancher Hinſicht, dem Saiten⸗ ſpiele. Voll Wohllaut und Annehmlich⸗ keit, wird ſie doch leicht verſtimmt und die Feuersbrunſt, meine Heimkehr— zwei Er⸗ eigniſſe, die ſie nicht ahnen kann— die Cavallerie⸗Bedeckung, der alte Stiefelknecht und die gefuͤllte Waͤrmflaſche, welche ich, ſtatt meiner neuen, verbrannten Garderobe mitbringe, reichen hin, die Harmonie in ſchreiende Mißtoͤne zu verwandeln. Ich fuͤhle das, erwiederte Ryno: und werde am Saume des Waldes zuruͤckkehren; 101 der gnaͤdigen Mama kann uͤbrigens die Eh⸗ re, welche Sie mir goͤnnten, ganz unmaß⸗ geblich verſchwiegen werden. Seufzend ſprach Aline: Nein, Herr von Irwell! verheimlichen und luͤgen mag ich um ſo weniger, da ihr meine Reiſe⸗ Schickſale gewiß zu Ohren kommen werden und ein ſolcher Ausweg Uebel aͤrger macht. Irren iſt menſchlich, aber der Mißgriff fuͤhrt zu Angſt und Noth, wenn wir bei jenen Mitteln Zuflucht ſuchen. Das hat mir die Mama von jeher eingeſchaͤrft, und die bon- ne Adelaide war ihrer Meinung. Alles, was Jene, im Bezug auf heute und ge⸗ ſtern, auſſer der ⸗Regel finden ſollte, wird, mit Wahrheit, auf den Zufall geſchoben und wenn dieſer, nach der Mutter Anſicht, nicht hinreicht, auf Sie! E. Dann aber werde ich, ganz unver⸗ 102 dient, zum Scheul und Greul in deren Augen!. S. Wenn die Mama ausgeſchmaͤlt hat und wieder Ton haͤlt, ſo komme ich auf Sie zuruͤck, ſchildere Ihre Guͤte, ruͤhme den Zartſinn, mit dem ſie mir erwieſen ward, beklage, daß ſcheinbarer Undank ihr Lohn worden ſey und dann wird die Mutter, ge⸗ recht und erkenntlich, den Herrn von Irwell hoffentlich einladen. Bis dahin nehmen Sie mit dem Segen einer armen, Abge⸗ brannten fuͤrlieb, die, zu Vollendung ihres Ungluͤcks, geſtohlenes Gut bei ſich fuͤhrt und vielleicht, um der Waͤrmflaſche willen, mit Steckbriefen verfolgt wird. Hier iſt ein Kreuzweg— hier ſcheiden wir! Nicht ohne Handkuß! entgegnete Ryno und ſtreckte die Hand nach ihr aus, aber ſie ſchlug ihn auf dieſe und ſagte lachend: das 3 —.— 103 bin ich der Mutter ſchuldig! Auf Wie⸗ derſehn! Ja, auf Wiederſehn! ſprach und dachte der entflammte Irwell, als Alinens Wagen hinter dem Abhange verſchwand, denn er hatte, gleich einer Vorpoſt, das Pferd, bis dahin, auf dem Platze feſtgehalten und jag⸗ te nun zuruͤck. So will ich, jedes Hinder⸗ niß niederreitend, uͤber Zaun und Mauern und jeden Schlagbaum ſetzen, den die gnaͤ⸗ dige Mama oder ein Bruder oder die Sipp⸗ ſchaft und der boͤſe Feind zwiſchen uns wer⸗ fen moͤchte, denn das Fatum ſelbſt hat mir das Maͤdchen zugewuͤrfelt. An meinem Hausaltar— auf meiner Biwache fand ich die Beſcheerte, begann der liebliche Ro⸗ man und am Altare ſoll er enden. Die freudige Hebe! und was ihr Blick, ihe Seufzer und ihr Laͤcheln ſagte, leuchtet ein; 104 die Engel neigen ſich, mit Myrten und Pal⸗ men beladen, zu uns nieder, mein Schutz⸗ geiſt aber that noch mehr. Er drehte der Hexe Blankeis den Hals um und ſtellte die befreite Bobeline dieſer jungen Fee zur Sei⸗ te. Das dankbare Aſchbroͤdel traͤgt mich, naͤchſt dem Pudel, im Herzen, ſie lobt mich dort und Trollens Huld, mein Thaler und das Sonntagkleid tragen nie geahnte Fruͤch⸗ te des Wohlthuns.— Du biſt auch reich, ſuͤßes Maͤdchen: das faͤllt mir erſt jetzt ein! Wohl uns! Gold iſt der Nordſchein, der die pechſchwarze Erdennacht ausklaͤrt; ſelbſt der Liebe koͤmmt es zu Gute. Es hilft befrie⸗ digen, entfernen, erfreu'n— es wuͤrzt das Alltaͤgliche, verherrlicht das Ungemeine, ent⸗ waffnet den Feind und feſſelt die Freunde. Mildreiche macht es zu Goͤttern und ihre irdiſche Todesſtunde himmelhell.— O lie⸗ bes, mildes, reiches, frohſinniges Linchen! 105 welcher Chorus von Freudengeiſtern wird, mit Dir, in mein zukuͤnftiges Rittergut ein⸗ ziehn— Englaͤnder werden im Stalle ru⸗ moren, Wißzfunkenſpiele zwiſchen uns kni⸗ ſtern und ſpruͤhen! Da unterbrach ihn der Anblick eines haſtig voruͤber ſchreitenden, tief in Gedanken verſunkenen Mannes; er rief verwundert: Julius! Ich bin's! ſprach dieſer, aufſchauend und ſchien erſchrocken. R. Du hier? Kehr um! J. Mit nichten! R. Wohin? 8 J. In die Welt. R. Und willſt bei mir nicht raſten? Und wiegſt mir gleichſam die Worte zu? J. Fuͤr mich giebt's rings um keine Raſt! R. Siehſt blaß aus— entſtellt. O 106 Gott! Dir iſt ein Ungluͤck widerfahren? Der Verſuch mißrathen!— Wie? Julius ſchwieg. R. Unſere Freundſchaft iſt jung, aber edel— bewaͤhre ſie und ſprich! J. Ich darf nicht! R. Doch kein Verbrechen? J. Gottlob, nein! mein Bewußtſeyn iſt ruhig, wie dieſer Hochwald. R. Wirſt Du verfolgt? Da nimm mein Roß! die Grenze iſt naeoh. J. Habe Dank, braver Irwell! Die ſuche ich, aber bedarf deſſen nicht. R. Was denn alſo? Geld? Komm mit nach Fabel— ich ſchaffe Rath! Er zeigte ihm eine volle Boͤrſe. R. Nun leuchtet mir es ein! Sie be⸗ trog Dich! Du fandeſt eine Schlange ſtatt der Taube— Du fandeſt ſie wohl gar in eines Andern Arm? 107 J. Ich fand einen Engel, doch flieh“ ich ihn. Leb wohl! R. Wohin? J. Frage Gott! R. Wirſt Du mir ſchreiben? J. Nein! der Himmel vergelte Dir, Redlichſter! Leb wohl! R. Ich darf ſie doch gruͤßen in Dei⸗ nem Namen? J. Nein! Wenn Du mich achteſt— an mich glaubſt— mein Heil willſt— Nein! Damit eilte Julius dem nahen Geſtruͤp⸗ pe zu und Jener ſah ihm, wie vorhin dem entſchwindenden Wagen, traurig und ver⸗ gebens nach. Welch ein Raͤthſel! murmelte Ryno, zerbrach ſich den Kopf am Reiche der Moͤg⸗ lichkeit, und als er aufblickte, ſchritt der Braune durch das Thor, auf ſein Quartier zu⸗ 108 Kaspar nahm ihm das Pferd ab; Ir⸗ well trat in die Schulſtube, wo gewoͤhnlich der Schluͤſſel zu ſeinem Zimmer hing, und Meiſter Fenchel eben die kleinen Studentin⸗ nen im Glauben feſtſetzte. Seine Augen hafteten an einer niedlichen, Alinen ſpre⸗ chend aͤhnlichen Blondine. Das Maͤdchen ſagte jetzt, von jenem uͤberhoͤrt, die ſechſte Bitte her, ward bei dem Anblicke des herr⸗ lichen Offizieres feuerroth und zerſtreut und wisperte, ſich verſprechend„Auf daß uns der Teufel, die Welt und unſer Fleiſcher nicht betruͤge.“ Da laͤchelte der Lehrherr nothgedrungen, auf ſeinem Katheder, Lott⸗ chen aber, das eben, mit einem Brief in der Hand, auf Ryno zuſchritt, lachte laut und dieſer enteilte, um fuͤrder kein Aerger⸗ niß zu geben. Sie folgte ihm zur Flur und ſprach, noch immer kichernd: Vom Herrn Brieftraͤger. 109 Lache nicht, Kind! entgegnete Ryno: der Fleiſcher, deſſen dieſe Unſchuld gedenkt, iſt ein arger Geſell' und trachtet abſonderlich nach jungen Laͤmmern. Das ſchreibt er Ihnen wohl? ſpoͤttelte Lottchen: der Brief iſt wenigſtens mit ei⸗ nem Schlaͤchterzeichen verpetſchiert. E. Einfalt! Ein ſchwarzer Stier im goldnen Felde, iſt das Bild der Kraft— unſer Geſchlecht⸗-Wapen. Vater Zeus hat, als ein ſolcher, Europen, meine Ahnfrau entfuͤhrt, die ihm den Minos gebar, den ſtygiſchen Gerichts⸗Direktor. Die arme Mama! ſprach Charlotte: Gott ſchenk' ihr die Ruhe! meine Urgroß⸗ mutter hat den Schulmeiſter in Kalten⸗ Bauzen genommen und zwoͤlf Soͤhne ge⸗ habt, die alleſammt Magiſter und großmaͤch⸗ tige Kirchenlichter geworden ſind. Ich luͤge nicht, Sie koͤnnen es nachleſen. Die Nach⸗ 110 eicht ſteht, gleich hinter der Offenbarung, in unſerer alten Familien⸗Bibel. Dir glaub' ich gern auf's Wort! ent⸗ gegnete er: laß mich die zwoͤlf Magiſter kuͤſ⸗ ſen! Charlotte aber wehrte ihm, ſie wand ſich los„damit mich“ wie ſie ſagte:„die Welt und unſer Fleiſcher nicht betruͤge. Lieber Ryno, ſchrieb Alma dem Bru⸗ der: Du ſollteſt mich, am Wenigſten jetzt, mit jenem widrigen Gemiſche von Scherz und herben Ernſte, von Luͤgen, Wahrheit und ſchroffen Gegenſaͤtzen aͤngſten, in denen man hoͤchſtens ſich ſelbſt, doch Andern um ſo weniger gefallen kann. Es iſt nur eine boͤſe Angewoͤhnung, denke ich zu meinem Troſte, um nicht fuͤr Dich und Deine Zu⸗ kunft fuͤrchten zu muͤſſen. Daß der Inhalt Deines letzten Briefes, die liebende, getreue Schweſter kraͤnken wer⸗ — 111 de, leuchtet Dir wohl nun, wie jedem, den die boͤſe Laune zur Wehthat hinriß, von ſelbſt ein? Ihre Anfaͤlle betaͤuben und ver⸗ bittern das Herz, ſie ſtellen den Beßten, fuͤr Momente, dem Boͤſen gleich und„wie bleibt, bei ſeinem Ungeſtuͤm, die Liebe Got⸗ tes noch in Ihm?“ hab' ich mich, ſchon oͤf⸗ ter, mit Gellert gefragt. Bruͤder Deiner Gattung gewoͤhnen ſich fruͤhzeitig, auf Schweſtern nur herab zu ſehn, alſo erſpare ich mir Rath und War⸗ nungen und auch die Rechtfertigung, da mich mein Gewiſſen freiſpricht, ja. belobt! Deine Drohung, in des Erbfeindes Dienſt treten zu wollen, konnte mich nicht erſchre⸗ cken, nur in Deine Seele erroͤthen laſſen und kaum hatte ich, wie durch Eingebung, dieſen aͤrgerlichen Schluß des Briefes wegge⸗ ſchnitten, als die junge Fuͤrſtin in mein. Zimmer trat, um eine dringende, fuͤr ſie he⸗ 112 9 ſtimmte Stickerei, vollenden zu helfen Noch lag er offen da. Wohl ein Heiratha Antrag? ſcherzte ſie— Nur ein Liebesbrief, gnaͤdigſte Frau! Das giebt mir ein Recht, ihn zu leſen! — und dies Recht machte die Hoheit auf der Stelle geltend, durchlief ihn, laͤchelte, freute ſich des aufgefundenen Kindes, ver⸗ hieß ihm muͤtterlichen Beiſtand und ſprach ein ſehr ſchonendes Urtheil aͤber den ſcho⸗ nungloſen Schreiber aus. Ja, ſie fuͤgte, nach einer Pauſe in ihrer milden Freund⸗ lichkeit hinzu: Wenn es ſich ſchickte, ſo wuͤrde ich das Schweſterchen in den Stand ſetzen, ihn der Verlegenheit zu entziehen. Das hieß, in Caͤliens Munde, offenbar— kannſt Du ſchweigen, Alma! ſo helf' ich ihm durch Deine Hand.— Ich aber er⸗ öffnete ihr nun, der Pflicht gemaͤß, daß Dorothea, unſre edle Goͤnnerin, Dich ab⸗ —— 113 ſichtlich in den Stand der Entbehrung ver⸗ ſetzt und mir, im Bezug auf den Bruder, die Haͤnde gebunden habe. Da ſchwieg ſie ſtill, ging dann auf unſere Arbeit uͤber und als ich wieder allein war und den Brief be⸗ ſeitigen wollte, war er verſchwunden. Viel⸗ leicht zeigt ſie ihn der Fuͤrſtin Mutter, die leichter laͤchelt als Zorn haͤlt, und Dir, wenn Du fromm und ruhig ausdauerſt, bald ge⸗ nug wieder hold werden duͤrfte. Hier wollte ich dies Briefchen ſchließen und Dir, aus Schonung Roſalindens Zu⸗ ſtand verſchweigen; finde es aber rathſamer, den Sagen zuvorzukommen und Dir eine er⸗ ſchuͤtternde Ueberraſchung zu erſparen. Sie iſt krank— nicht ſchmerzhaft, nicht toͤdtlich und doch ſind Schmerz und Tod willkomm⸗ nere Uebel als das ihre. Die Aermſte be⸗ findet ſich, ſeit einer gehabten, tiefen Ohn⸗ macht, in ſcheinbarer Geiſtes⸗Zerruͤttung. II. Theil. 8 114 ½ Sie verlangte, am Morgen nach jener, mit angſthafter Sehnſucht den Fuͤrſten zu ſpre⸗ chen, der eben in Heimwald war, ſah in dieſem Ausbleiben eine abſi ſchtliche Verſagung, ward keaͤnker, redete irr— wies ihn, als er endlich herbei kam, mit Eifer— faſt mit Abſcheu zuruͤck, und iſt gegenwaͤrtig zwar koͤrperlich hergeſtellt, doch taub und todt fuͤr die Außenwelt. Sie verſagt ſich, entſchloſ⸗ ſen, Laut und Ton, erwiedert kein Wort, keine Liebkoſung; hat ihren Fluͤgel verſchloſ⸗ ſen und kleidet ſich ſchwarz.— Vergebens erſchöpften Alle ſich in Muthmaßungen, ich aber, welche, nach dem erſten Anfalle bei der ungluͤcklichen Freundin wachte, fuͤrchte aus Gruͤnden, daß ihre Liebe der Quell des Uebels— daß der bewußte Gegenſtand der⸗ ſelben irgend etwas, ihr Herz Zerreißendes gethan oder erlitten habe.— Welch ein —, 115 Fluch fuͤr den Urheber!— Gott bewahre Dich! Alma. Ryno legte das Blatt zuruͤck. Gott be⸗ wahrte mich nicht! ſprach er, aufſpringend: mich trifft dieſer Fluch; ich bin der Urheber und Julius— vielleicht ein Ungeheuer!— Nein! Nein! Es liegt am Tage— Er ward verrathen! Er hat ſie beſchlichen— hat ſie treulos gefunden—. Unfehlbar in des Fuͤrſten Arme, nach dem ſie dann ſo angſt⸗ haft verlangte— den ſein boͤſes Gewiſſen— das Grauen vor dem Lautwerden der zer⸗ knirſchten Suͤnderin zur Verleugnung be⸗ ſtimmte. So iſt's! und mein armer, troſt⸗ loſer Freund widerſprach dem nur aus falſcher Scham, oder Großmuth oder⸗ eingeſchreckt durch furchtbare Drohungen.— Wer aber maͤgt die Schuld? der Schuldige!— Bin 8* 116 ich es?— Nein, ich bin nicht ſchuldiger als der Blitz, als die Welle, als der Waf⸗ fenſchmidt, der, ohne ſein Wiſſen, dem Moͤrder in die Hand arbeitet.— Noch gilt die Frage, ob es ſtraͤflich war, fuͤr die Lie⸗ benden zu denken, zu handeln, zu rathen— den Weg zu zeigen und zu bahnen?— Aber die Seele fand Tugend in der Selbſt⸗ verleugnung, aber das Herz einen frommen Genuß in dem Opfer, und was geſchah, entſprang aus edlem Triebe. Ein gutes Werk ward boͤſer Geiſter Spiel und Beute. Calie ſah, mit innigem Herzleide, die geliebte Roſalinde, von einer hoffnungloſen Leidenſchaft verſtoͤrt und dieſe Wolke bleichte den Lichtſchein des Gluͤckes, das ihr vorſchrei⸗ tender Segenſtand zu vollenden verhieß. Ar⸗ mand hatte ſie, noch am Tage ſeiner eiligen Ruͤckkehr aus Heimwald, uͤber die eigentliche 117 Urſache des Unfalles aufgeklaͤrt, da das un⸗ geſtuͤme Verlangen der Kranken nach ihm, geeignet war, die Regungen des Argwohns in der aͤngſtlich liebenden Gemahlin zu er⸗ wecken. Unſtreitig waͤhnte jene, bei der Zer⸗ ruͤttung ihrer Begriffe, er koͤnne dem Leben rufen, wie den Tod verhaͤngen— oder ſie ge⸗ dachte, voll Scham und Furcht vor dem ei⸗ genen Geſchlechte, ſich dem Manne, als dem mildern Richter der weiblichen Schwaͤche, vertrauend zu entdecken und auf dieſem Wege Gewißheit oder Troſt und wohl gar, im gluͤcklichſten Falle, die freudige Verheißung zu erhalten. Doch ihre Seele verlor ſich, bevor er eintraf, in Irrſal und Wahnſinn; ſeine feurigen, von Truwolds Zeugniß unter⸗ ſtuͤtzten Betheuerungen, daß der Verſchwundene unverletzt entkommen ſey, bliehen unbegrif⸗ fen, alſo erfolglos, oder Linda entgegnete, in lichten Augenblicken:„Waͤr' er noch, ſo 118 waͤre er hier!— Durch einen ungluͤcklichen Zufall war, zu Vollendung des Mißgeſchik⸗ kes, jener ſchriftliche Beweis ſeiner Fort⸗ dauer, welchen Truwold dem Fuͤrſten einge⸗ haͤndigt hatte, unter andere, an jenem Abende den Flammen uͤbergebene Papiere gerathen und ward vergebens aufgeſucht.— Als nun der Zuſtand der Kranken derſelbe blieb, verſetzte man ſie in die nahe, mit einem Fluͤgel des Schloſſes verbundene Woh⸗ nung des Leibarztes, deſſen zartſinnige Gat⸗ tin dieſelbe in Aufſicht nahm und mit der Sorgfalt einer Mutter pflegte. Roſalindens Vater befand ſich eben, ſeinen Herzog be⸗ gleitend in Paris; ſie zoͤgerten deshalb, ihm von dem traurigen Ereigniſſe Kunde zu ge⸗ ben, aber es galt endlich, als kein Heilmit⸗ tel anſchlug, die Frage: in wie weit derſelbe mit der Lage ſeiner ungluͤcklichen Tochter und ihrer Veranlaſſung bekannt zu machen ſey. 119 Meiner Anſicht nach, ſprach Caͤlie— unnd der Rath des Leibarztes unterſtuͤtzte ſie: wird es zur Pflicht, die Verhaͤltniſſe uͤber der Menſchlichkeit zu vergeſſen— den Mann, der ihr Abgott ſeyn muß— den ſie vernich⸗ ter, oder mindeſtens heillos entſtellt waͤhnt, in ihre Arme zuruͤck zu fuͤhren, und wenn der Verſuch gluͤckt, das Paar, ohne Weite⸗ res, zu vereinigen. Darum muß der Graf mit dem eigentlichen Grund und Verlaufe der Sache bekannt werden und opfert er, wie ich hoffe, den Stolz und die Vorbegriffe, der Rettung ſeines Kindes auf, ſo reicht die Erhebung in den Adelſtand hin, dem leidi⸗ gen Geſchreie der Hoffahrt zu begegnen. Armand erwiederte darauf: Haͤtte es dem hoͤchſten Regenten gefallen, mir einen Blick in die Zukunft zu goͤnnen, ſo wuͤrde ich, unſtreitig, den tollkuͤhnen Freier, als er durch mein Fenſter einſtieg, ein freundli⸗ 120 ches: Bon jour, Baron! zugerufen, ihn mit eigener Hand in das Kaͤmmerlein der Braut zuruͤckgefuͤhrt und auf ein Wapen fuͤr den neuen Freiherrn gedacht haben. Aber das iſt der Voͤlker Ungluͤck, daß ihre Fuͤrſten, gleich ihnen, vom Weibe geboren wurden, gebrechlich wie ſie und weder fern⸗ ſichtiger, noch gehaltiger ſind. Wir Men⸗ ſchen, denke ich, werden uns, bei dem Un⸗ maße von Zeit und Raume, das zwiſchen uns und der hoͤchſten Staffel moͤglicher Se⸗ ligkeit liegt, dieſem Gipfel nur maͤlig und im Schneckenſchritte naͤhern; mir aber wuͤrde, fuͤr Zeit und Ewigkeit, an einem Zuſtande genuͤgen, in welchem wir, der Tyranney der Sinnlichkeit entnommen, unſere menſch⸗ lichen Verhaͤltniſſe wiederfaͤnden, aber von Weſen einer hoͤhern Ordnung regiert wuͤrden, die immer nur das Beßte waͤhlen und thun koͤnnten. Deine Anſicht, liebſte Caͤlie, er⸗ 121 ſcheint mir uͤbrigens als die richtigſte, und der Kanzler ſoll, ſofort, alles aufbieten, um den Verſchwundenen herbeizuſchaffen.— Aber der Winter kam und verging, der Fruͤhling ſchmuͤckte ſich, doch riefen und lu⸗ den alle Tagbaͤtter Jenen noch vergebens zur Ruͤckkehr ein. Roſalindens Zuſtand blieb derſelbe und ihr Vater hatte ſeine endliche Entſcheidung von der Wiederkunft des Ver⸗ ſchollenen abhaͤngig gemacht. Die Krankheit der Graͤfin machte eine Stellvertreterin ihres Hofamtes nothwendig. Waͤhle ſie Dir, liebe Caͤlie! ſprach Armand: nach eigenem Sinn und Wunſche. Du kennſt bereits die Tauglichen und wirſt, bei Deinem ſicheren Inſtinkte, nicht fehlgrei⸗ fen.— Lange genug zoͤgerte die Beſchei⸗ dene, dieſe ſchmeichelnde Berechtigung gel⸗ tend zu machen und ſagte endlich, als er 122 von neuem in ſie brang: So bitte ich denn um das Fraͤulein Philippine Truwold.— Da ſtarrte ſie der Fuͤrſt mit ſeinen blitzenden, durchdringenden Augen an und rief: Du ſcherzeſt noch? Ich meine es ernſtlich, mach' ein Ende! S. Auch ich meine es ernſtlich, ſo ſehr Dich auch die Wahl befremden mag. E. Mehr als befremden, ſag ich Dir! Das Fraͤulein iſt, erſtens, grundhaͤßlich. S. So werd' ich, neben ihm bildſchoͤn⸗ E. Zweitens, ein feindſeliges Weſen. S. Aber doch zuͤchtig und ſich gleich. Es gilt den Verſuch, es uns zu befreunden. E. Das kann Dir nimmermehr gelin⸗ gen. Drittens haßt Dich Philippine. S. Sie glaubt mich ungerecht und ſchmollt. Reicht Milde ihr die Hand, ſo wird der Haß ſich zu dankbarer Anhaͤnglich⸗ keit, die gemißbrauchte Kraft zur wohlthuen⸗ —— 123 den ausklaͤren. Weſen ihres Gepraͤges wer⸗ den gefuͤrchtet, alſo geflohen, auf ſich ſelbſt zuruͤck geworfen und damit immer gereizter und verbitterter. Die Liebe aber hat eine ſtill verſoͤhnende und beſſernde Gewalt, die ich an der Truwold erproben will. Der Liebe ward eine Engelhand und dieſe iſt der Armen vielleicht noch nie geboten worden. Laß mich's verſuchen. Ich kuͤſſe dieſe Engelhand! fiel Armand ein und druͤckte ſie, mit Ruͤhrung, an die Lippen: moͤge der fromme, geweihte Geiſt, der, Tag fuͤr Tag, aus Deinem Herzen in mich uͤberſtroͤmt, auch das erſehnte Kind un⸗ ter dieſem beſeelen. O, mein Geliebter! lispelte ſie, an des Umarmten Bruſt geſchmiegt: ich ſtaͤrkte mich an Deiner Wuͤrdigkeit, aber Du wirſt mich ſehn in meiner Schwaͤche, wenn irgend je das Unheil hereinbricht— wenn ich Dir nun 124 das Kind geboren habe und Gott es wieder nehmen ſollte.— Ach, eine bange Ahnung ſagt mir das und mein Gluͤck iſt zu groß fuͤr ein ſterbliches Weib! Die Pruͤfung kann nicht auſſen bleiben. Das ruͤhrende Zwiegeſpraͤch ward vom Keieggetoͤne unterbrochen. Armand hatte die Truppen, nothwendiger Uebungen wegen, in den Umkreis der Hauptſtadt berufen und eben zog ein Reiter⸗Regiment am Schloſſe hin; Ryno, als Aöutant, mit ihm. Alma eilte zum Fenſter, ſie weidete ſich an dem glaͤnzenden Zuge und ihre Augen fanden den geſuchten, lang entbehrten Bruder; das weiße Tuch flatterte ihm den Willkommen zu— er blickte mit derſelben Regung zu der Schweſter empor, ſenkte die Klinge und ließ den Braunen ſpringen und ſteigen. Aus Seedorns Pallaſt⸗aͤhnlichem Hauſe kam ihm ein aͤhnlicher Liebesgruß, denn Cora ſtand, 3 im leuchtenden Morgenkleide, umringt von jungen Maͤnnern, auf dem Altane. Ihr Maͤnnchen aber, ſeit kurzem zum Vice⸗Praͤ⸗ ſidenten ernannt, ſaß bereits auf der Kanz⸗ lei und ſeufzte bei jedem Trompetenſtoße; denn ſie brachten ihm wahrſcheinlich neue Gaͤſte und einen Zuwachs an Herzleid. Das Offizier⸗Corps wartete den Haͤup⸗ tern des Landes auf und Cora vertrat die Stelle des abweſenden Gatten; ihr Rede⸗ ſchmuck, ihre Schoͤne und Gewandtheit er⸗ quickten die Krieger.— Herr von Irwel,, rief ſie, bei dem Abgange derſelben, dem Freunde zu, welchen ihre Augen, bis dahin, nur im Voruͤberfliehen beruͤhrten; er weilte, nothgedrungen— ſtand jetzt allein vor ihr. Wie geht es Ihnen? wuͤrde ich fragen, wenn Ihr Ausſehn nicht die Sterblichkeit in Zweifel ſtellte. Wir ſahn uns lange niche 126 und dies Erſcheinen weckt Gedanken an die verklungene Zeit. Sie ſchwieg— Er auch. Alma iſt wohl, ſo viel ich weiß— denn die Unbillige trat, ſeitdem ich Frau bin, zu⸗ ruͤck— ließ, ſtillſchweigend, ein Band fal⸗ len, das uns, von Kindheit auf, verſchwi⸗ ſtert hatte und dem ich goͤttliche Stunden danke. Sie ſah ihm, bei dieſer Aeuſſerung, wehmüuͤthig in's Geſicht, er aber, der Al⸗ ma's zureichenden Grund ahnete und recht⸗ ſprach, liebaͤugelte eben mit einem Aeffchen, das auf dem Fenſterkiſſen ſaß und ihm ge⸗ ſellig ein Pfoͤtchen darbot. Mein guter Mann, fuhr Cora, ſchnell verduͤſtert, mit tieferen Toͤnen fort: wird die Herren des naͤchſten zum Balle laden und ich rief Ihnen deshalb um die Zahl der Taͤnzer zu vernehmen, auf die man etwa rechnen koͤnnte. Ryno verneigte ſich, er zog die Briefa kaſche hervor, durchlief das Dienſtroſter und ſagte: 6 Ihr Herr Gemahl iſt, offenbar, viel zu guͤtig, ich aber muß mit Beſchaͤmung ge⸗ ſtehen, daß der Balletmeiſter faſt nicht einen Gerechten unter uns auftreiben duͤrfte. Dem Regimente ward, waͤhrend des letzten Feld⸗ zuges, die Ehre, eine geraume Weile im Kartaͤtſchenſtrich' auszudauern„ es hat da⸗ her ganz vorzuͤglich an den Fuͤſſen gelitten. Ja, hin und her beſehen, finde ich, im Au⸗ genblicke, nur ſechs Theils halb, Theils ganz Tanzfaͤhige auf. Unſern Meiſter, zum Beiſpiele, der, an der Spitze der Polonaiſe, ein zweirer Kosziusko iſt— den Major Wir⸗ belbein, den Leutnant Erfeld, zwei Junker und den Regiment⸗ Chirurgus. S. Doch Herr von Irwell macht ein Dutzend voll. E. Der tanzt nicht mehr. 128 S. Nicht? Ege Nein! S. Um aufzufallen und die Hoffnung froͤhlicher Maͤdchen zu taͤuſchen? E. Das waͤre boshaft! S. Aus Opferluſt alſo! E. Einer Freundin zu Liebe! S. Freundinnen wiegen, in ſolchen Stunden, kaum ein Paar Tanzſchuh auf. E. Die meine wiegt, in meinen Au⸗ gen, mit Ausnahme der gnaͤdigen Frau, das ganze Geſchlecht auf. S. O, unverdiente Guͤte! eine Braut alſo? Ryno verbeugte ſich zwiſchen Ja und Nein und ihr Zoͤfchen meldete den Freiherrn von Truwold. Iſt willkommen! fiel Cora ein. Ihre Blicke und Geberden ſagten, gemaͤß den Wechſelwellen des ſtuͤrmenden Herzens: 4 v * * — — 129 Gehl— Bleib!— Abſcheulicher! Herr⸗ licher! Noch lieb' ich Dich!— Und haſſe Dich!— Ryno benutte dieſe erwuͤnſchte Dazwiſchenkunft und empfahl ſich. 4 Endlich, mein Beßter! und zur rechten Stunde! ſagte Frau von Seedorn, ſchnell erheitert und fuͤhrte den Baron, an ihrer ſchoͤnen Hand zum Divan: ich habe mancher⸗ lei mit Ihnen zu beſprechen und erkenne dieſe Heimſuchung um ſo dankbarer, da ſie mir von dem langweiligen Menſchen hilft. Die jungen Deutſchen ſind und bleiben doch, mit Auslaͤndern ihres Alters verglichen, linkiſch und bleiern; ſie gemahnen mich wie die Lieb⸗ haber in alten Komoͤdien und dieſer Irwell hat ſich, uͤberdies, in dem Neſte ſeines bishe⸗ rigen Quartierſtandes, zum Erſchrecken ver⸗ worfen. Nun, etwas Neues, Herr Kammer⸗ herr! und Gutes, wenn ich wuͤnſchen darf! II. Theil. 9 130 Truwold erwieberte ſeufzend: Meine Schweſter Philippine iſt, ſo eben, zur Hof⸗ dame der jungen Fuͤrſtin ernannt worden. Philippine? fragte ſie und unterbrach jede Silbe gleichſam durch einen Gedanken⸗ ſtrich. E. Philippine! S. Neu iſt mir dieſe Erhoͤhung aller⸗ dings. Auch Pinchen hat ſich, wie Alma Irwell, ſeit meiner Heirath von mir ab⸗ gewandt. Wir wechſelten, an Armands Trauung⸗Abend, wo Ihre Guͤte mir zum Brautſtande Gluͤck wuͤnſchte, das letzte Wort.— Immerhin! Wohl gehe es Ihr! und jetzt zu dem, was mich betrifft: Sie wiſſen, Herzensfreund! daß ich mor⸗ gen die fuͤnf und zwanzigjaͤhrige Dienſtzeit meines guten Mannes zu feiern denke. Ich gebe Ball und Abend⸗Eſſen und uͤber hun⸗ dert Geladene haben zugeſagt. Sie wiſſen 131 ferner, daß mich des Fuͤrſten neuliche Aeuſ⸗ ſerungen berechtigen, auf ſein Erſcheinen bei dieſem Feſte zu hoffen— daß mich die aus⸗ zeichnende Gnade ſchon in der Hoffnung ent⸗ zuͤckte, daß ich Sie dringend bat, ihn in dem herrlichen Entſchluſſe zu beſtaͤrken, der Seedorns Gluͤck vollenden wuͤrde. Da iſt nun mein trauter Goͤnner und bringt un⸗ fehlbar die Gewißheit, denn mir huͤpft das Herz. Ich bringe Ihnen vielmehr, zu meinem Bedauern, die Nachricht, daß unſere Fuͤr⸗ ſtin unpaß iſt und dieſer Zufall die gute Abſicht vereitelt hat. Unpaß? wisperte Cora, die Farbe ver⸗ aͤndernd: gleichwohl ruͤhmte mir, vor weni⸗ gen Minuten, der Leibarzt hr Wohlſeyn. Nein, Herr von Truwold! dieſe bekraͤnkende Verſagung hat augenſcheinlich eine andere Quelle und auch Sie ſind alſo ein falſcher 9* 132 Freund! Das, das allein iſt's, was mich niederbeugt. Cora verbarg ſofort ihr erbli⸗ chenes Geſicht in dem Tuch und ſchluchzte, er aber ſprach: 1 E. Sie erklaͤren, zur Ungebuͤhr, die Schonungluſt fuͤr Falſchheit und wuͤrden dem Aufrichtigen noch viel weniger Dank wiſſen. Welch ein Trugſchluß! rief ſie, zwiſchen Wehmuth, Zorn und Furcht. Wahrheit, reine, offene Wahrheit iſt der Freund uns ſchuldig, wenn wir ihn nicht verwuͤnſchen ſollen. Nur die Verheimlichung macht Uebel aͤrger und irrt und aͤngſtet uns. E. Sie wollen und ich erſchoͤpfe die herbe Pflicht.— Der Furſt aͤuſſerte gegen ſeine Gemahlin, daß er den wackern See⸗ dorn auf die gedachte Weiſe zu ehren denke und ſie ihn hoffentlich begleiten werde. Du haſt zu befehlen, erwiederte Caͤlie—(ich ſtand dabei, gnaͤdige Frau!) doch duͤrfte es 133 auffallen, wenn wir an ſo manchem Haus⸗ altare ſtiller, aͤchter Tugend voruͤber gehn, um der Hoffahrt einer Seedorn zu ſchmei⸗ cheln. Iſt es nicht ſtadtkundig, daß ſie den gutartigſten, gefaͤlligſten aller Ehemaͤnner hintan ſetzt, ihn mit maßloſen Anſpruͤchen quaͤlt und Summen auf Summen weg⸗ wirft, um hier als das Muſterbild der Mode zu glaͤnzen? Daß ihre uͤppigen Feſte ſein Vermoͤgen aufzehren— daß ihr Wandel Aergerniß giebt und die Beſcholtene, zu allen dem, nicht etwa das Opfer einer gewaltigen Leidenſchaft— eines luͤſternen und krank⸗ haften Herzens, ſondern die beſonnene, kalt berechnende— Frau von Seedorn iſt. Cora ſprang laut ſcheltend auf; die Au⸗ gen gluͤhten, ſie ſagte, mit gebrochener Stimme— der offene, treue, die Wahr⸗ heit erſchoͤpfende Freund, wird mir hoffentlich 134 Rede ſtehn und dieſe Verleumdungen, der Fuͤrſtin gegenuͤber, wiederholen. Still, Frau von Seedorn! warnte Tru⸗ wold: beherzigen Sie lieber meine Winke. Graf Vermeil, den Sie erſt erhoben und dann fallen ließen, hat, vielleicht abſichtlich, in Caͤliens Vorgemache einen Brief verloren, der, durch manche Hand, bis in die hoͤchſte kam und jene Aeußerungen, leider! beglau⸗ bigte. Entſetzlich! wisperte Cora— das Un⸗ geheuer! er hat ihn geſchmiedet, weil ich den Frechen entſchloſſen abwies.— Wir ar⸗ men, beklagenswerthen Frauen! aber ich ſchreibe der Fuͤrſtin und ſie ſoll mich kennen, ehren, das Opfer des Neides und der weib⸗ lichen Bosheit in mir beweinen lernen!— Auch davon rathe ich ab, entgegnete Truwold: Sie wuͤrden die erwieſene Schuld . 135 durh dies Gaukelſpiel nur noch ſchreiender machen. f Was haͤlt mich ab, rief Cora jetzt, vom Grimme erfaßt und zur Furie entflammt— was haͤlt mich ab, den heilloſen Schmaͤher und Bekraͤnker, ohne weiteres, aus dem Hauſe zu weiſen? Das Bewußtſeyn! entgegnete Truwold: und ich ſprach, unter uns geſagt, im Auf⸗ . trage des Fuͤrſten, der ſein Ausbleiben recht⸗ fertigen zu muͤſſen glaubte. Darauf ging er. Das Fraͤulein Truwold hatte die Zimmer Roſalindens in der Burg bezogen und war damit Alma's Nachbarin geworden, welcher die Fuͤrſtin, durch dieſe Wahl, die erſte Veranlaſſung zu Unmuth und Beſorgniſſen gab. Philippine fuͤhlte lebhaft, daß ſie die kaum getraͤumte Ehrenſtelle, weder dem Bru⸗ der, noch ihrer Perſon, noch der Argloſig⸗ 136 keit des Herzens und Geiſtes zu danken habe. Sie fuͤhlte auch, daß Caͤlie keinesweges von der Furcht vor den Sarkasmen und der Keck⸗ heit ihrer Gloſſen und Urtheile, zu dieſem ſcheinbaren Beſchwichtigung⸗Mittel bewogen worden ſey, da jene ſich, durch ihre Huld und Wuͤrdigkeit, bereits zum Idol aller Guten erhoben hatte und den Leumund eini⸗ ger Feindſeligen verachten konnte. Jetzt aber ſchien ſich Philippinen ploͤtzlich die geheime Urſache jener Wahl enthuͤllen und ihr klar werden zu wollen, daß Haß und Rache ſie auf dieſem Blumenwege zu verderben gedenke. Das fuͤrſtliche Paar beſuchte, mit ſeinem Gefolge, den Maskenball, welchen einer der Großen, zu Armands Ergoͤtzung, alljaͤhrlich veeranſtaltete. Ein anziehendes Feſt, das dem Geſchmacke und der Erfindungkraft, der Luſt und dem Witze, durch Kunſtſinn und feine Sitte veredelt, freien Spielraum gab. 137 Hier nahete ſich Philippinen, am Schluſſe deſſelben, eine Parze, die ſie bis jetzt nicht bemerkt hatte— faßte, ſchnell und verſtoh⸗ len, des Fraͤuleins Hand, druͤckte ein kuͤnſt⸗ lich gebrochenes Blaͤttchen in dieſe und ver⸗ ſchwand im Gedraͤnge. Endlich ein Liebes⸗Antrag! dachte Pin⸗ chen: der erſte in meinem Leben und den ich, offenbar, nur der Sonne zu danken habe, die mir Caͤlie zuwandte. Sie konnte kaum den Augenblick der Ruͤckkehr erwarten, um zu ſehen, wer ſein Gluͤck durch ihre Hand zu machen ſuche, warf daheim eilig das Maskenkleid ab und las: „Man folgert aus triftigen Gruͤnden, welche die Kenntniß von Philippinens Scharf⸗ ſinn und ihrer ſeltenen Klugheit unterſtuͤtzt, daß ſie, in dem empfangenen Ehrenamte, nur einen Fallſtrick ſieht und der gleißneri⸗ ſchen Caͤlie ſo herzlich gram iſt, als ſie von 138 dieſer gehaßt wird. In dieſem Falle benutze ſie den Inhalt des vorgefundenen Paketes, um dieſer Schreckhaften Gleiches mit Glei⸗ chem zu vergelten und nehme, in der beige⸗ fuͤgten Entſchaͤdigung, einen Beweis des er⸗ kenntlichen Wohlwollens hin, das ſich, nach erreichtem Zwecke, viel weſentlicher bethaͤtigen wuͤrde.“ Hier iſt auch ein Paͤckchen, ſprach die Kammerjungfer: das ein alter Bedienter noch ſpaͤt am Abende uͤberbrachte. Ihro Gnaden wuͤßten ſchon, woher es komme. Philippine ſagte der Zofe gute Nacht, oͤffnete dann den ſorgfaͤltig verſiegelten Um⸗ ſchlag, fand einen phantaſtiſch geformten Talar, eine graͤuliche Teufel⸗Larve und zwei Tauſend Thaler in Banknoten vor. Alma ſtand eben, entkleidet, vor Lui⸗ ſen, die ihr das Nachtkleid darbot und er⸗ — 139 ſchrak, als Fraͤulein Truwold ploͤtzlich herein ſtuͤrzte.— Vergebung! ſagte dieſe: aber ich will, Kraft des Maskenrechtes, der hei⸗ ligen Luna als Nimphe dienen und daneben die heutigen Erſcheinungen mit Dir beſpre⸗ chen. Geh nach Bethlehem, liebe Luiſe! und uͤberlaß mir Deine Goͤttin. Alma ſtand betroffen und jene folgte, ſchlafſuͤchtig, dem willkommenen Geheiße. Philippine erzaͤhlte nun, mit ſtuͤrmiſchem Eifer, was ihr begegnet ſey, las die em⸗ pfangene Weiſung vor und ſagte: Stuͤrb' ich in dieſer Nacht, ohne das Ereigniß irgend einem beglaubigten Weſen eroͤffnet zu haben, ſo ſtuͤnde es meinen Fein⸗ den frei, zu behaupten, daß nur der Tod die Ausfuͤhrung behindert haben moͤge, doch Armand hat ſich dies Mal verrechnet. Armand? rief die Irwell auffahrend: wie kann ein Maͤdchen— kluͤger und ſcharf⸗ 140 ſichtiger als wir Alle, den edelſten der Maͤn⸗ ner ſolcher Argliſt faͤhig halten? P. Er haßt mich! Er gab, nur noth⸗ gedrungen, der Großmuth ſeiner Fuͤrſtin nach und will ihr gern beweiſen, weſchrelad ſie fehlgriff. A. Welch ein heilloſer Tagſäu. Beide haben vielmehr Deine bekannte Ab⸗ neigung gegen ſie, im Geiſte ihres Sinnes vergolten. Sie haben die Feindin erfreut, ſie erhoben, ihr wohlgethan. O, Pinchen! blick' in Deine Bruſt und frage Dich, wer die Schuld des Haſſes, den Du dem Fuͤr⸗ ſten andichteſt, traͤgt? Wie oft entgegneteſt Du mir:„Die iſt mir gram! der iſt mir feind! die wollen mir uͤbel“ wenn zwi⸗ ſchen uns von dieſem oder jenem Bekannten die Rede war. Aber ward nicht der Groll dieſer feindſelig Geglaubten verwirkt und kann auf Ganſt und Liebe zaͤhlen, wer ſich in der che die Guͤte aus ihrer Bruſt verwies und ſie 141 Bektaͤnkung des Naͤchſten gefiel?— Zuͤrne der Aufrichtigen nicht! fuhr Alma fort und ſchlang den Lilien⸗Arm um Philippinens Nacken: Gott weiß! ich meine es gut und ſchweſterlich mit Dir! P. Das fuͤhle ich! fahre fort! Dir war ich immer hold; Du darfſt mir keck die ſogenannte Wahrheit ſagen. A. Dein kritiſcher Geiſt, Dein dorni⸗ ger, geißelnder Witz, wirft ſich, erbarmen⸗ los, auf jede abgelauſchte Schwaͤche und Deine eigene, ſchwaͤchſte Seite iſt der Miß⸗ brauch dieſer gefaͤhrlichen Gabe, die, unge⸗ zuͤgelt, zur Freikugel wird und auf ihren Schuͤtzen zuruͤckfliegt. Wie herzlich gut wuͤr⸗ den wir alle Dir werden, wie wohlwollend wuͤrde Caͤlie ſich der Geiſtreichen zuwenden, wenn Du, wie unſer Eine, waͤrſt und wuͤr⸗ deſt. Ungluͤcklich muß wohl Jede ſeyn, wel⸗ 142 darum, vergebens, von Andern erwartet. Die, im Zwieſpalte mit ſich und dem Naͤch⸗ ſten, ſich ſelbſt nicht gefallen kann und den⸗ noch ſich und ihm gefallen moͤchte. Deren Herz ein feindlicher Geiſt beſchlich und den freundſeligen verdraͤngte, der uns mit dem Leben verſoͤhnt und mit den guten Menſchen verſchwiſtert. Zwei Thraͤnen fielen jetzt aus Philippi⸗ nens Augen in die offene Feenbruſt der edeln Alma.— Dir freilich, ſagte ſie, erweicht und kleinlaut: Dir neigen ſich, ungerufen, Menſchen und Engel zu, denn Du biſt lieb⸗ lich und ein Guͤnſtling des Himmels und Deine Tugend iſt Dein Inſtinkt, mir aber, der Verſaͤumten, hat ſich die Natur, im Werden ſchon, als eine gehaͤſſige Stiefmut⸗ ter gezeigt; die leibliche Mutter aber war hart, wie das Fatum und bildete oder preßte mich, vielmehr, in dieſelbe Form. O, es 4 143 lag, fruͤher, viel Boͤſes in mir, was ich, allmaͤhlig, an der Frucht, die mir es trug, erkannte, und daß ich nicht ſchlimmer noch als Viele bin, koſtet mich mehr, als Dich Deine Trefflichkeit— es koſtet mich taͤgliche, gewaltſame Kaͤmpfe mit dem Daͤmon, der noch oft genug laut wird— dem es ſogar nicht an bedeutenden Gruͤnden fehlt, um den Charakter, den er mir aufdringt, zu recht⸗ fertigen.— Alma, fuhr ſie, Odem ſchoͤ⸗ pfend, in ſichtlicher, muͤhſam verhaltener Aufregung fort: Du biſt die Einzige auf Erden, vor der ich jetzt und wider Willen, die Tiefen meines Innern aufthat und dies Geſtaͤndniß macht Dich auch zur einzigen Vertrauten, die ich auf Erden mochte und fand. Sey alſo nachſichtig und gerecht— erwarte nicht, daß der Falke, unter Deinem Hauche, blitzſchnell zur Taube werde und hilf mir jetzt die Schlange finden, die mich, 144 die Mittelloſe, durch Tauſende verblenden, erkaufen und verderben will. Was ſie be⸗ zweckt, leuchtet ein. Ich ſoll zum Burgge⸗ ſpenſte werden— ſoll die ſchwangere Fuͤrſtin ſchrecken, um ihre Mutterhoffnung zu zer⸗ ſtoͤren und dieſer teufliſche Entwurf kann nur von einem Todfeinde des Hauſes, des Lan⸗ des und meiner ſelbſt herkommen. Hab' ich nun Caͤlien oder den Fuͤrſten oder Beide mit dem Vorgange bekannt zu machen und wer⸗ den ſie, die mir, vielleicht, nur Arges zu⸗ trauen, nicht den Gedanken faſſen, daß ich die Erfinderin der Unthat ſey, um meine zweifelhafte Treue zu beglaubigen? Dem widerſpricht die Beifuͤgung der Banknoten, entgegnete Alma: wuͤnſche Dir Gluͤck, daß der Unhold, in ſeinem Eifer, Dich zu bethoͤren, dieſe Summe auf's Spiel ſetzte; ſie wird, auch aus verruchter Hand, dem Waiſenhauſe Segen bringen. Du aber 145 machſt, hoffentlich, nicht Deinen Fuͤrſten, ſondern Deinen Bruder zum Vertrauten und ſchoneſt den heiligen Frieden unſerer Goͤn⸗ nerin. Zwei gute Rathſchlaͤge in einem Odem, ſprach Pinchen, die gewonnene, einzige Freun⸗ din an's Herz druͤckend: wie wohl wird mir an dieſer ſuͤßen, frommen Bruſt— wie wohl wird einſt, an ihr, dem Manne wer⸗ den, dem ich dann weichen muß! Ryno hatte ſeine Schweſter beſucht, ſo oft ihm der ͤberhaͤufte Dienſt das Feldlager zu verlaſſen erlaubte, ſie aber, zufaͤllig, nie gefunden. Heute endlich erwartete und er⸗ freute ſie denſelben mit dem zaͤrtlichſten Em⸗ pfange. So eben, ſagte Irwell: komme ich von unſerer Fuͤrſtin Mutter, die ſchon neulich, bei der großen Cour, holdſelig laͤchelte und mir heute, wo ich mich, auf gutes H. Theil. 10 146 Gluͤck anſagen ließ, den Zepter muͤtterlich zuneigte. Ob ſich die Gnaͤdigſte denn wohl glauben gemacht hat, daß ihr Gewaltmittel angeſchlagen, daß ich die Paar Thaler des Gehaltes, durch Noth gezwungen, zu ſo viel Doppel⸗Piſtolen erhoͤht habe? Wie kurz⸗ ſichtig doch die weiſen Frauen ſind! Ich bin gewiß, troͤſtete Alma: daß Dich jetzt Schulden druͤcken moͤgen, aber Sie ſetzt mich nun, zuverlaͤſſig, in den Stand, dieſe Luͤcke heut oder morgen auszufuͤllen. Deine Guͤte iſt groß, beßte Schweſter! doch der Himmel verlaͤßt die kindlichen Dra⸗ goner nicht. Schon lag, in jener Drang⸗ ſalzeit, ein Brief an unſern redlichen Pa⸗ tron, den Baron Truwold, zum Abgange fertig, in welchem ich, naiv genug, um einen Vorſchuß bat, weil mich Fortuna Do⸗ rothea, erſt, unverdienter Weiſe, unter den Lebensbaum geſetzt, dann, eben ſo unver⸗ — wirkt, den alten Even nachgetrieben habe und ich mich ungern in Langen⸗Fabel er⸗ ſchießen wuͤrde, wo ſelbſt der Buͤrgermeiſter ſich, noͤthigen Falles, nur ſtill, im Quap⸗ pelbach erſaͤufe. Da liefen, unverhofft, ein⸗ hundert blanke Rand⸗Dukaten mit der Poſt ein. Veſta, die Himmliſche, lauſchte, tief verſchleiert, auf dem Siegel und im Um⸗ ſchlage ſtand nicht ein Wort, doch Jokel'n ſoll der Pudel beißen, wenn ſie nicht eine ſelige Folge jenes Briefes waren, den Caͤlie bei Dir fand und las.— Ich ſegnete und dankte:— Weg ſind ſie! Dann drang mir Hellſohns Dienſteifer einen Vorſchuß auf— er iſt dahin! Und ſetze nun den Fall, daß Dich eben ein Tuneſer gekapert und dem Bruder ein Loͤſegeld abverlangt hätte, ſo koͤnnte ich ihm eben, außer dem Dienſtpferde und Kaspar's einaͤugigem Schweißfuchſe, nur dieſen abgegriffenen 10* 148 Lhombre⸗Block, vier Zehnkreuzer und zwei Kupferdreier, fuͤr die Perl der chriſtlichen Jungfrauen anbieten.— Sieh nicht ſo wehmuͤthig drein, herze Schweſter! denn ich oͤſe Dich doch aus! Gleich nach geen⸗ deter Heerſchau wird der Abſchied begehrt, wird von dem braunen Gaule auf den gruͤ⸗ nen Zweig geſtiegen und Hochzeit gemacht. Meiſter Schenderlein, unſer Hufſchmidt in Fabel, half mir hinauf.— Schon wieder ſingſt Du das alte Lied! klagte Alma: Quaͤle mich nicht! Abſchied? Hochzeit? ein Hufſchmidt dazu— O Ryno! Schenderlein, ſag' ich Dir, der edle Ehehelfer! Ich wollte ihn, als einen Edeln von Leinſchender oder Schender von Leine ſchmidt oder unter irgend einem allego⸗ 1 riſch⸗pathetiſchen Krampfnamen, baroniſiren laſſen, aber davor graut ſeinem Buͤrgerſtolze, der ſelten genug iſt, um Schonung zu ver⸗ 149 dienen und man laͤßt ihn alſo bei ſeinen Wuͤrden. Lieber Ryno! wiederholte ſie, noch wei⸗ cher und bittender. Dies Praͤludium, fuhr er fort: war vielleicht nothwendiger„ als irgend eines Eures eiteln Dom⸗Organiſten und Du er⸗ faͤhrſt nun, wahr und klar, meine ſeltſame Heirath⸗Geſchichte. Ich ſtoße, im Walde hinter Langen⸗Fabel, ſo ungern als mittel⸗ bar, einen Kameraden an den Kopf; er faͤlt, iſt ſcheintodt, rafft ſich auf, ſchenkt V mir ſeine Freundſchaft und wir kehren, wie David und Jonathan, Hand in Hand, nach Hauſe. Als ich nun eintrete, liegt ein ſteinfremder Engel auf meinem Ruhebette, 4 der Aline heißt, eben abgebrannt iſt, sans les amours point de beaux jours gel⸗ ten laͤßt und auſſer der ſtocktauben Bonne nur ein Kofferchen mit kalten Waͤrmfla⸗ 150 ſchen, Stiefelknechten und geraͤucherter Kno⸗ chenluſt bei ſich fuͤhrt. Wir lernen uns auf der Stelle kennen, lieben und ehren, ich fuͤt⸗ tere das Fraͤulein mit Semmelmilch, ich bette es zu Fenchels Lottchen, geb' ihm am Morgen das Geleite, beſuche dann Lina's gnaͤdige Mama, die Frau von Er⸗ feld, Erbherrin auf Groß⸗Solow, Hollaz und Kalten⸗Bauzen und finde ſie, finde das Fraͤulein, ſammt meiner Bobeline, der Großmagd und drei kleinern, im Hofe. Sie bemerken mich kaum, ſie klagen, ſie eifern, und bedraͤngen den Kuͤhjungen, denn eben hat er, nach der Schecke werfend, dem Lieblinge der Damen, einem Naturſpiel und Zwergrehe, das rechte Vorderbein zer⸗ ſchlagen. Es hinkt auf mich zu, als ob es ſeinen Leib⸗Chirurgus in mir wittre, Aline eilt ihm nach und heißt den Freund, un⸗ ter herzbrechenden Thraͤnen, willkommen. 151 Da faͤllt mir Schenderlein, der Hufſchmidt, bei, ein wahrer Wunder⸗Doktor fuͤr jede unvernuͤnftige Kreatur; ich nenne, ich em⸗ pfehle den Ruͤhmlichen und erklaͤre, noch ſattelfeſt, die kleine Pazientin an den Heil⸗ quell reiten zu wollen. Frau von Erfeld, grämlich bis dahin, laͤchelt und gruͤßt. Lina hebt, unter dem Beiſtande der Mulattin, das Thierchen zu meinem Schooß empor, der Braune ſchnappt nach dem Straͤußlein an ihrer Bruſt; erhaſcht es— frißt es! — Ich haſche den Liebling, ich eſſe— nein, ich kuͤſſe ihn und wir jagen nun, raſch abſchwenkend, nach Langen⸗Fabel, an des Heilkuͤnſtlers Ambos zuruͤck. Ich ge⸗ mahnte mich, unter Weges, wie ein flie⸗ gender Leichenſtein ,mit dem„Steh Wan⸗ d'rer!“ an der Spitze; denn die Neiſenden und Spaziergänger hemmten insgeſammt ihren Lauf und ſahen dem berittenen, ſchein⸗ 152 baren Wilddiebe nach. Aber Tazitus iſt der Breiteſte nicht, und ſo ſag' ich Dir, kurz und gut, daß Meiſter Schenderlein das kleine Rehwunder in einer Hand voll Zeit voͤllig herſtellte, daß ich es ſelbſt, nach drei Wochen, bei der gnaͤbigen Frau in So⸗ low einfuͤhrte, daß meine Thierliebe mir die Mutterliebe der entſchiedenen Soldaten⸗Fein⸗ din erwerben half, daß ſie dieſelbe, ſobald ich den Waffentanz aufgegeben, mit Alinens Hand vergelten und nach Kalten⸗Bauzen ziehen will, da Solow, als das Vermaͤchtniß eines Oheims, meiner Braut gehoͤrt. Nachdem nun Ryno der verbluͤfften Schweſter die dunkeln Stellen ſeiner Mit⸗ theilung gelichtet, ihr den Werth der Mit⸗ gift, die Herrlichkeit des Ritterſitzes geſchil⸗ dert hatte, in welchem ihm, ein Solo mit fuͤnftautend Matadoren oder Thalern jaͤhr⸗ licher Einkuͤnfte zufiel, warf ſie ſich, unter 153 Freudenthraͤnen, an ſeinen Hals, verſicherte, (was er ſchon wußte) deſſen kuͤnftige Schwie⸗ germama perſoͤnlich und als eine ſchaͤtzbare Matrone zu kennen und bat mit Eifer, um eine Darſtellung der Erwaͤhlten. Alinens Ausſehn, erwiederte Ryno: iſt freilich nicht die Folie meines Gluͤckes, doch Armand ſelbſt hat mit einer Unſchoͤnen fuͤr⸗ lieb genommen und lebt doch wie ein Seli⸗ ger an ihrer Hand. Du haſt der Frau von Erfeld meine Bobeline zugewieſen und wohl damit gethan, denn ſoll das Braͤutchen mir gefallen, ſo faſſe ich zuvor die Mulattin in's Auge und finde jenes dann hoͤchſt liebens⸗ werth. Aline hat fuchsfeuerrothes Haar und immerfort die ſogenante Gaͤnſehaut auf ihrer allzudicken Naſe, doch, ſieh nur ſelbſt zu— dies Bild ſtellt ſie getreulich dar. Er zog die goldene Kapſel, umſtrahlt von Diamanten, unter dem Bruſtſtreife hervor 154 und hielt ſie vor der Schweſter Augen. Ein Meiſter hatte die freudige Iris, Zug fuͤr Zug, ſprechend dargeſtellt. Wahrlich! rief Aline zwiſchen Luſt und Unmuth: Du waͤreſt werth, daß eine boͤſe Fee dies liebliche Geſichtchen in Dein Zerr⸗ bild umgeſtaltete und nur fuͤr Dich verhaͤß⸗ lichte. Aline ward nun der Text des Ge⸗ ſpraͤches, bis die Glocke ſchlug, die Jene zu der Fuͤrſtin rief. Da ſagte ihm die Schwe⸗ ſter, unter tief empfundenen Gluͤckwuͤnſchen, das Lebewohl, durchwebte ſie mit guten Leh⸗ ren und Bitten, die der Braut wuchern ſoll⸗ ten und ſprach zuletzt: Du haſt auch ein ſehr heilſames Werk geſtiftet. Die arme Amt⸗Verweſerin ſteht jetzt unter Caͤliens Schutze, welche fuͤr die Erziehung ihres Emils ſorgen will. Sie fand ſich deshalb wohl auch, in der Stille, mit jenem Golde fuͤr die Entdeckung ab und wird Dir, unfehl⸗ 155 bar, bei der Cour, ein verbindliches Wort ſagen. Das Fatum iſt doch roh und blind! fiel Ryno ein: den Einen— oft den Beſſern, packt und ſchleppt es, mit der Tygerklaue von Sumpf zu Sumpf, den Andern, mich Unwuͤrdigen, zum Exempel! haͤtſchelt es wie Koͤnigſoͤhne, fuͤhrt ihm die Todespfeile an der Naſe voruͤber, ſpielt ihm Groß⸗Solow in die Hand, Alinchen in den Arm, neigt ihm die Huld beider Fuͤrſtinnen zu und giebt dem Gluͤckpilz, um dies Unmaß der Selig⸗ keit zu verankern, eine Alma zur Schweſter. Es thut noch mehr! ſprach Alma laͤ⸗ chelnd: es macht ihn, zum Beſchluße, ga⸗ lant! Verankere doch auch dieſe Gabe! Armand ſtand vor dem offenen Schatz⸗ behaͤlter und ſah, im Spiegel, ſeinen Kaͤm⸗ merer Truwold, mit dem Paket eintreten, 1⁵6 das Philippine dieſem behaͤndigt hatte: er rief, ereifert: Sie fehlen noch, Schaͤtz⸗ barer! Sind das Bettelbriefe, ruͤhrende Bittſchriften, wirkliche Nothſchreie, ſo helfe Gott den geplagten Plagegeiſtern— ſo lege ich mein Aemtchen nieder und ziehe nach Heimwald, zu der liebenden Schyweſter. Naͤchſt ſeinen Suͤndenboͤcken iſt wohl nie⸗ mand bedauernswerther, als ein Fuͤrſt. Schon darum, weil er nicht bedauert, ſon⸗ dern beneidet wird und Jeder ein Johannis⸗ Feuer in ſeiner Marterflamme ſieht. Faſt immer haben wir nur zwiſchen Scheinheil und nothwendigem Uebel die Wahl und die Unbilligen— das ſind die Meiſten im Be⸗ zug auf meines Gleichen— verlangen uns die Weisheit, Allmacht und Allguͤte Gottes ab. Ich aber moͤchte mir nur einen Anhauch ſeiner Allwiſſenheit wuͤnſchen, denn Georgine ſagt, und nicht durchaus zur Ungebuͤhr: — — 157 „Ihr Fuͤrſten gleicht dem Pollzeier auf oͤffentlichen Maskenbaͤllen. Der ſteht, Kraft ſeines Amtes, als der einzige Erkannte, ein⸗ ſam und im raſtloſen Irrſal, unter Gauk⸗ lern, Vermummten und Truggeſtalten; gluͤcklich genug, wenn die Ungeberdigen Re⸗ ſpect vor ihm haben und nothduͤrftig Friede halten.“ Sie finden mich ſo eben in offe⸗ ner Fehde mit einem ſolchen Rabuliſten, der ich ſelbſt bin! Als uns mein guter Bruder, der deutſche Protektor, die Huͤlfgelder ab⸗ ſchmeichelte, deckte ich, um Brand und Pluͤnderung zu hemmen„ das Unerſchwing⸗ liche aus eigenen Erſparniſſen— ich verſtieß ſelbſt die großen Diamanten des Schatzes, den letzten Nothhaft, um meine Vaterpflicht zu erfuͤllen und ſammelte nun wieder, fuͤr den Erſatz jener Kleinode, denn in den Au⸗ gen der Menge macht nur der Nimbus den Schutzpatron.— Genug, mein Geſchaͤft⸗ N 1⁵58 traͤger in Holland, meldet mir, daß er, fuͤr baares Geld, ſo eben einen Handel ohne Gleichen ſchließen, mir die erleſenſten Juwe⸗ len verſchaffen koͤnne und das ſollte ihm eben zugefertigt werden, als ſich der geheime Rath Bahner anſagen laͤßt. Er hat, bekanntlich, die Grafſchaft Hellgau, die Mitgift meiner Frau, uͤbernommen, hat, auf mein Ge⸗ heiß, den dortigen Zuſtand der Dinge ſorg⸗ faͤltig unterſucht und macht mir nun den niederſchlagendſten Bericht. Caͤliens Oheim hat daſelbſt, als ihr Vormund und Verweſer, gleich dem ſchlechten Haushalter im Evange⸗ lio, gewirthſchaftet und das anſteckende Bei⸗ ſpiel, in ſo manchem Beamten, einen eifri⸗ gen, den Meiſter zum Theil uͤbertreffenden Nachahmer gefunden. Hellgau, beßter Tru⸗ wold! ward ein Eldorado fuͤr Alle, die man hieſigen Ortes aufknuͤpfen wuͤrde und wer dort Geld hat, nun, der hat auch Recht! — — QQCC—— 159 Alle Stuͤteen des Gemeinweſens ſind in dem traurigſten Verfalle, die Straßen Moraͤſte, oͤffentliche Anſtalten, Spitaͤler, Waiſenhaͤu⸗ ſer, die Beute ihrer Rabenvaͤter und nur ein Mann wie Bahner wird, naͤchſt einer bis zwei Tonnen Goldes, die neue Schoͤpfung zu begruͤnden vermoͤgen. Was bleibt mir nun uͤbrig, als auf den hollaͤndiſchen Kar⸗ funkel zu verzichten und die Summe, die ich fuͤr dieſen Zweck, nicht ohne manche Verſa⸗ gung beſeitigt hatte, zu Hellgau's Rettung zu verwenden. Gleichwohl ward da, ſo zu ſagen, ein alter, geheimer Rath aus des uͤppigen Ahnherrn Zeit, in mir laut; er wi⸗ derſprach unmaßgeblichſt, er wies ſogar mein dargebotenes Averſional⸗Quantum zuruͤck und ſagte:„Jedem das Seine, Serenis- sime princeps!— Das bleibe dem Nachfolger!— Haben genug gethan— ſind kein Theaterfuͤrſt, der, des Effektes 150 wegen, jeden Bettelſack mit Goldbarren fuͤl⸗ len muß.— Erſt der Hirt, dann die Heerde! Der Fuͤrſt iſt das Vaterland, iſt die Eins vor den Nullen und was ihm auſ⸗ ſerdem zu ſeyn beliebt. Doch dieſer Rath⸗ geber heißt Mephiſto und war, unfehlbar, in Hellgau Praͤfekt.— Dann, lieber Tru⸗ wold! ſollte die Entſcheidung dem Looſe an⸗ heim geſtellt werden, wie ich in zweifelhaf⸗ ten Faͤllen geſcheh'n laſſe, wenn ſich, zum Beiſpiele, mehrere, gleich taugliche Ehren⸗ maͤnner um eines und daſſelbe Amt bewer⸗ ben. Wer dann die Niete zieht, kann nicht uͤber Ungunſt und Parteilichkeit ſchreien, er findet zudem, in dem obwaltenden Verhaͤng⸗ niſſe, eine Beruhigung. Doch alle dieſe Auskunftmittel verwarf der Landes⸗Engel, der nun an des Verſuchers Stelle laut ward. Er rief:„Hilf erſt dem Hellgau auf! Die Pflicht⸗Erfuͤllung iſt der einzig aͤchte, 161 fuͤrſtliche Karfunkel; ein goͤttlicher Licht⸗ ſchein, der aus veredelten Schulen, aus bluͤhenden Saaten, aus dem Cherubſchwerte des ewigen Rechtes, aus dem freudigen Treiben eines befreieten aber geordneten Volkes und ſeinen Segenthraͤnen ſtrahlt und endlich uͤber Deinem Sterbebette als ein Eliaswagen glaͤnzt.— Sie hoͤren, er waͤhlte, ſchon des Eindruckes wegen, erha⸗ bene Bilder und Worte: und wolle ich ein Selbſtherrſcher ſeyn, beſchloß der Genius: ſo muͤſſe ich, vor Allem, zum Selbſtbeherr⸗ ſcher werden— zum aͤchten Auguſtus!— Was ſagen Sie dazu? T. Wo der Schutzgeiſt des Landes entſchieden hat, ſchweigt und beugt ein Tru⸗ wold das Knie! Aber das muͤſſen beſon⸗ dere und gewichtige Ruͤckſichten ſeyn, wel⸗ che dieſen Kampf veranlaſſen konnten, denn es lag, von jeher, gleichſam in der Natur II. Theil. 11 „ 162 unſeres Fuͤrſten, das Wohl des Staates dem Prunke vorzuziehn und lieber glanz⸗ als lieblos zu erſcheinen. A. Ich danke Ihnen fuͤr das ehrende Zeugniß und es gab allerdings ſolche Ruͤck⸗ ſichten. Meine Caͤlie wird Mutter wer⸗ den.— Gelobt ſey Gott dafuͤr, rief Ar⸗ mand, von ſuͤßer Ruͤhrung uͤbereilt: Und die wollte ich dann mit erleſenen Diaman⸗ ten begaben, damit ſie, nicht, wie am Trau⸗Altare, nur mit Kleingut herausge⸗ putzt, bei dem Kirchgang erſcheine. Hellgau wird leuchten an ihrer Statt! ſagte Truwold. Sie trete, ſchmucklos, mit dem Kinde am Buſen, das uns Gottes Huld verheißt, zum Altare und wir werden ſie durch zitternde Freudenthraͤnen ſehn und mit den reichſten Juwelen der Erde bedeckt glauben. Armand trat an's Fenſter, von ſuͤßer —,— —₰ Wehmuth uͤbermannt, dann ſprach er, um ſein Gleichgewicht wieder zu finden, uͤber Geſchaͤfte und ſagte endlich: Wiſſen Sie wohl, daß ſich das boͤsartige, ringsum hauſende Fieber, ſeit kurzem auch in der Stadt zeigt? der geheime Rath Bah⸗ ner wollte heute, der Heimkehr zu Ehren, ein Familienfeſt feiern und waͤhrend der Nacht erkrankt ſeine Frau an den gewoͤhnlichen Vorzeichen dieſer Seuche. Ich habe, auf das Andringen des Beſorgten, im aͤußerſten Vorzimmer und in gehoͤriger Entfernung von ihm, den Zuſtand Hellgau's vernehmen muͤſ⸗ ſen und er hatte ſich uͤberdies, zu meiner Sicherſtellung, wie einen Brief aus Smyrna behandelt, mit Eſſig geſalbt und beraͤuchert. Noch riecht es drauſſen wie Quarantaine. Aber was fuͤhren Sie denn eigentlich in die⸗ ſem Schneider⸗Pakete? T. Auch ein Miasma, gnaͤdigſter Herr! 11* 164 das aber, gluͤcklicher Weiſe, zerſetzt ward. Fraͤulein Truwold legt dies Geheimniß zu Ihren Fuͤſſen. Ich habe meine Schweſter veranlaßt, den Vorgang ſchriftlich darzuſtel⸗ len; hier iſt die Anzeige. Armand las und ſein Ausſehn glich dem Geſichte des zuͤrnenden Seegottes im Thuͤr⸗ ſtuͤke. Er las auch das Billet der Parze, ſtarrte die Banknoten an; rief endlich, in verhaltener Gaͤhrung— Georgine! und faßte den Teufelshabit in's Auge, welchen Truwold entfaltete. Meine Caͤlie, fuhr er fort: ſpricht jezuweilen von ihrem Engel, als ſtehe ihr ein ſolcher, ſichtbar, zur Seite: und es kommt mir vor, als habe ſie derſelbe, allerdings, zu der getroffenen Wahl dieſes Hoffraͤuleins veranlaßt, das fruͤher ihre bit⸗ tere Feindin war. Wer weiß— aber Ver⸗ zeihung! unterbrach ſich Armand: ich ver⸗ —-— ——; 3 1 165 gaß, bei Gott! in der Betroffenheit, daß ſie des Fraͤuleins Bruder ſind. T. Ein Bruder, gnaͤdigſter Herr! der, bei derſelben Befuͤrchtung, gleich Ihnen, in jener Wahl die hoͤhere Fuͤgung ſieht. A. Des Himmels Guͤte hat uns Bei⸗ den demnach, wahrſcheinlich tiefes Herzleid erſpart. Sagen Sie dem Fraͤulein Truwold, naͤchſt meinem Danke, daß es ſchweige! Der Reſt wird ſich finden! Als Ryno, an jenem Morgen, die froh⸗ ſinnige Aline bis zu dem Weichbilde ihrer Heimat geleitet hatte, traf er, bekanntlich, im Forſte, auf Julius, ſeinen fluͤchtigen Schuͤtzling. Dieſen hatte das feierliche, dem Baron Truwold gegebene Verſprechen, die Zunge gefeſſelt, er ward daher zum Naͤthſel fuͤr den Freund, er eilte waldeinwaͤrts und warf ſich, erſchoͤpft, unter dichtem Gebuͤſche 166 nieder, um uͤber ſeine Zukunft Rath zu halten. So viel beſtand, als wahr und klar, daß vor des Grafen Tode, kein Aufbluͤhn ſeiner Hoffnung denkbar, daß Roſalinde, vom Weibe geboren, weich, alſo wandelhaft ſey; daß der Kreis ihrer Umgebung fortdauernd auf ſie wirken, den Geiſt des Standes in ihr anregen, das Gefuͤhl der Zweckloſigkeit den Abrathenden beiſtimmen, die Entſagung rechtfertigen und irgend ein reicher, reizender, vornehmer Freier ſich an ſie draͤngen und ihr Herz gewinnen werde. Das Leben lag ſchwer auf ihm. Hier iſt's ſo ſtill, dachte Julius, ſich unter dich⸗ tem Laubbehäͤnge bettend: ſo iſt's am Buſen der Befriedigung, ſo um die Seelen der Befreiten. Er warf den Blick auf ſeine Vergangenheit und fand nur wenig Silber⸗ blicke, faſt durchaus graue Werkeltage— 167 eine freudenloſe, von rohen Pedanten ver⸗ dunkelte Jugend— den Fittig durch Nie⸗ drigkeit und Armuth gefeſſelt— des Grafen endlichen Antheil und Beiſtand durch Demuͤ⸗ thigungen verbittert. Nur Roſalinde beglaͤnz⸗ te, als ein helles Geſtirn, den Vorgrund des Nachtſtuͤckes, doch unerreichbar wie ein ſolches.— Zwei innige Jugendfreunde wa⸗ ren auch bereits und an ſeiner Seite unter⸗ gegangen— der eine verſank, mit ihm ba⸗ dend, im Strome, der andere blieb, als ſein Nebenmann, vor dem Feinde und jetzt trat dies Paar, von der Erinnerung ange⸗ leuchtet, aus dem Nebel des Jenſeit, vor die trauernde Seele. Er zog ſein Stamm⸗ buch aus dem Felleiſen; ſie hatten ſich in jenem, hatten ſich in demſelben Sinne und Beide mit Worten des Seneka bezeichnet. „Allgegenwaͤrtig iſt der Tod!“ ſchrieb Theodor:„Der Goͤtter Sorge war's, daß 168 Jeder uns das Leben, doch Keiner den Tod rauben koͤnne. Tauſend offene Wege fuͤhren zu dieſem.“ Wahr! lispelte Julius: Dank ſey den Goͤttern fuͤr dieſe unerkannte, aber wohlthaͤ⸗ tigſte aller Gaben. Wenn das blinde Schick⸗ ſal, dem ſie ſelbſt unterthan ſind, den Men⸗ ſchen nur zur Halbſchied aufreibt, verſtuͤm⸗ melt, heillos elend macht, ſo reicht ihr Mit⸗ leid ihm die rettende Parzenſcheere, das Aetzte, zaͤhe Band zu loͤſen. Walther dagegen, der Feſte, Kaltmuͤ⸗ muͤthige, hatte auf die Ruͤckſeite des Blat⸗ tes geſchrieben: Non est, ut putas, virtus, frater! timere vitam, sed malis ingentibus Obstare, nec se vertere ac retro dare,*) *) Es iſt nicht⸗Tugend, Bruder! wie Du glaubſt, das Leben zu fuͤrchten, wohl aber dem gewaltigen Uebel, ohne Umkehr, ohne Ruͤckſchritt zu widerſtehen. 169 Es waren zwei troͤſtliche, befreundete Geiſterſtimmen, die von dem ſtillen Todes⸗ Ufer heruͤberſchollen. Julius druͤckte das Blatt an ſeine Lippen. Obstare! ſprach der Geiſt in ihm; er raffte ſich, ermuthigt, auf, um heute noch die Grenze zu erreichen, und dann nach Frankreich zu eilen, wo ein lebenskraͤftiger Todes⸗Veraͤchter, in jenen Tagen, gebahnte Wege fand, ſich Namen, Rang und alles zu verſchaffen, was ihm mangelte, dem Verhaͤltniſſe gerecht und Ro⸗ ſalindens Vater angenehm zu werden. Noch hatte ſich Armand uͤber das Schick⸗ ſal, das er ſeiner Schweſter zudachte, nicht zu beſtimmen vermocht. Der Brief an Philippinen war von ihrer, ganz unverſtell⸗ ten Hand, doch banden Ruͤckſichten auf die Mutter und auf ſeines Hauſes Ehre ihm die Hand und Georginens Verſetzung in ein 170 feſtes Schloß ließ ſich nur, durch das Be⸗ kanntwerden jener Unthat voͤllig rechtfertigen. Frau von Bahner war indeß, nach Ver⸗ lauf weniger Tage, ein Opfer der gedachten Seuche worden, der Witwer, mit unbegrenz⸗ ter Vollmacht und reichen Geldmitteln, nach Hellgau zuruͤckgekehrt und jetzt beſchlich der Pruͤfung-Engel auch des Fuͤrſten Haus und Seele.— Er erwachte, mitten in der Nacht und gewahrte Caͤliens gluͤhendes Ge⸗ ſicht uͤber dem ſeinigen. Vergieb der Stoͤrerin! ſagte dieſe, mit ſchwankender, ſeltſamer Stimme: aber mein Herz bricht vor Angſt und noch ſchwebt mir ein ſchreckliches Traumbild vor, das gar nicht weichen wollte, bis ich mich aufraffte und voͤllg ermunterte. Mir war, als wecke mich ein Fall. Dann that ſich die Thuͤr auf und Agathe ſchlich herein. Agathe! lieber Ar⸗ mand! ſo ſprechend, als habe ihr Gemaͤlde 171 in Heimwald ſich verkoͤrpert, doch ſtatt des Taubers hielt ſie einen ſilbernen Kinder⸗ ſarg an der Bruſt. Und immer naͤher kam ſie— neigte ſich zu mir— wollte mir ihn aufdringen. O, fuͤhle nur, wie mein Herz arbeitet! und dazu iſt mir jetzt noch, als ob etwas draußen unter dem Fenſter ſey und wispere. Armand entſprang dem Bett', er eilte zu jenem, oͤffnete es leiſe und ſah unter ihm, vom Monde klaͤrlich angeleuchtet, eine weiße, knieende Frauen⸗Geſtalt, die Haͤnde gefal⸗ tet uͤͤber der Bruſt. Sie betete, mit In⸗ brunſt, vernehmlich. Er kehrte zu der Fuͤrſtin zuruͤck; die Ver⸗ ſtoͤrung in ihren Augen, dieſe brennende Roͤ⸗ the, das draͤngende Wogen des Buſens er⸗ gaben, zuſammt dem Traumbilde und jener geſpenſtigen Beterin, ein Ganzes, das ihm Grauen machte. Caͤlie ſchien jetzt zu ſchla⸗ 172 fen, doch bald entflohen gebrochene Worte, bald leiſe Klaglaute den webenden Lippen. Er zog die Schelle, umkreiſ'te die Leidende, ſchlich wieder an das Fenſter hin und ſah die Erſcheinung nicht mehr. Es iſt das boͤſe Nervenfieber, ſprach der alte, freimuͤthige Leibarzt, am Morgen, zu Armand: und die Heftigkeit mit der es, Trotz dem Hoffnung⸗Stande, eintritt, welcher die Frauen in der Regel ſchuͤtzt, macht mir Sorge. Das Uebel bedingt zudem die ſtreng⸗ ſte Abſonderung der hohen Kranken und ih⸗ rer Pflegerinnen, damit es ſich nicht, in⸗ nerhalb des Schloſſes, verderbend fortpflanze. Gemuͤthlicher Antheil, zaͤrtliche Gefuͤhle, muͤſſen hier der Hauptpflicht weichen. Fuͤr⸗ ſtinnen ſind erſetzbar, nicht aber ein ſolcher Regent und ich erbitte mir, im Namen des Vaterlandes, Ihr Ehrenwort, ſich der Ge⸗ 173 mahlin, bis auf Weiteres, nicht ohne un⸗ ſere Zuſtimmung, naͤhern zu wollen. Was muthen Sie mir zu? rief Armand und zog den Arzt empor„ welcher ihn jetzt, auf ſeinen Knieen, um die Gewaͤhrung be⸗ ſchwoͤren wollte: daneben aber dachte derſelbe, waͤhrend jener von neuem in ihn drang, des boͤſen und des ſchwachſinnigen Bruders und der ſichern Zerſtoͤrung ſeiner Saaten in dem moͤglichen Falle— er brach in Thraͤnen aus, welche die Angſt um Caͤlien und des Arztes harte, doch unabweisbare Foderung veran⸗ laßten und gab ſein Wort. Geſtern ſchon hatte die Fuͤrſtin ſich un⸗ wohl und verduͤſtert gefuͤhlt; hatte, gegen ihre beiden Gefaͤhrtinnen„ uͤber die Nichtig⸗ keit des menſchlichen Daſeyns, des irdiſchen Gluͤckes geſprochen„ lebhafte Furcht vor der hauſenden Seuche geaͤußert, jene dringend zur Behutſamkeit ermahnt und erklaͤrt, daß ſie ihnen, im Falle des Erkrankens an dieſer, im Voraus jede Naͤherung unterſage. Da ergriff Alma ihre Hand, druͤckte die gekuͤßte an's Herz und ſprach mit Eifer: 1 Die Pflicht mag ihre Grenzen haben, gaaͤdigſte Frau! die Liebe nicht! mich ſollte weder Ihr Befehl, noch Ihre Bitte— ge⸗ ſchweige denn eine menſchliche Gewalt vom Krankenbette meiner Heiligen entfernen. Philippine aber, welche eben einen Brief, den Caͤlie geſchrieben, mit dem Umſchlage und der Aufſchrift verſah, ſagte kein Wort dazu und unterbrach den ruͤhrenden Wort⸗ wechſel durch die Bitte um den noͤthigen Siegelring. Bald, nachdem die hohe Kranke, unter Begleitung des weiblichen Kammerdienſtes, in das entfernteſte Gemach dieſes Burgfluͤ⸗ 175 gels gebracht worden war, erſchien Alma mit einem Paͤckchen fuͤr den taͤglichen Nothbedarf, das ſie eilig gepackt, um ihrem Herzen, wie ihrem Geluͤbde zu genuͤgen, im Vorgemache. Hier aber waren bereits zwei Garde⸗Reiter aufgetreten; ſie wieſen das Fraͤulein kurz ab und kreuzten, als es dennoch hindurch drin⸗ gen wollte, die Waffen vor der Thuͤr. Alma eilte, ereifert, zum Wachſaal, um dem Offizier ihr Recht vorſtellig zu machen, ihn um Huͤlfe gegen die beiden Despoten anzu⸗ ſprechen und fand den Rittmeiſter Hellſohn vor. Was haͤtte dieſer nicht fuͤr ſeine Ver⸗ goͤtterte gethan?— Gnaͤdigſtes und edelſtes Fraͤulein dieſer Erde, ſprach er, in unſaglicher Bedraͤngniß die Haͤnde faltend: Sie verlangen da den ſichern Tod und naͤchſtdem meine ſchimpfliche Entſetzung; auch wuͤrden dieſe Schildwachen mein Vorwort ſo wenig als Ihr Recht be⸗ achten. Hat ſich doch ſogar der Fuͤrſt deſſelben begeben und uns ausſchließlich an die Verfuͤgun⸗ gen des Leibarztes gewieſen— Paſſiren darf nur, wen dieſer einfuͤhrt, die Hoheit ſelbſt, nicht ohne ſein Beiſeyn! Alma flog ſofort, jede Bedenklichkeit ver⸗ ſchmaͤhend, nach Armands Vorzimmer und verlangte, gemeldet zu ſeyn. Der Fuͤrſt trat ihr entgegen, das Fraͤulein beſchwor ihn mit Thraͤnen, es die heiligſte der Pflichten jetzt erfuͤllen zu laſſen. Es iſt ein Ehren⸗ poſten! ſagte ſie: und die Verſagung muß mich entwuͤrdigen, beſchimpfen— vernichten. Ihr Anſpruch iſt heilig, Ihr Eifer ruͤh⸗ rend, entgegnete er, im Innerſten ergriffen: und ſolches Pflichtgefuͤhl macht ſich ſelten; doch meine Caͤlie will, was ihr lieb iſt, ge⸗ ſchuͤtt wiſen, am wenigſten ſelbſt dieſen Gegenſtaͤnden Gefahr bringen; troͤſten Sie 177 ſich alſo mit dem Gatten, der, gleich Ih⸗ nen, ausgeſchloſſen ward. Damit verſchwand Er. Alma kehrte ſchluchzend zuruͤck und traf auf den Kam⸗ merherrn Truwold. Sie warf ſich, ruͤck⸗ ſichtlos, an ſein Herz, beſtuͤrmte ihn, flehte mit Wehlaut⸗Toͤnen und ſchien in Jam⸗ mer aufgeloͤſ't. Wuͤßte ich Sie in dem Krankenzim⸗ mer, erwiederte dieſer: und wieſen mich die Schildwachen ab— ich wuͤrde Beiden meine Habe bieten, um den Einlaß zu er⸗ kaufen— ich wuͤrde, im Verſagung⸗Fall, auf Tod und Leben mit ihnen ringen, ſie gewaͤltigen, die Thuͤren ſprengen, und un⸗ ſere Alma weit hinweg tragen, um ihr edles, bluͤhendes Leben zu tetten. Ermeſ⸗ ſen Sie daraus, wie theuer mir es iſt! Hilft des Himmels Hand unſerer Fuͤrſtin, ſo wird ſie Jeden loben und ſegnen, der II. Theil, 12 178 ihr den Liebling aufſparen half— der ſie vor der Moͤglichkeit ſchuͤtzte, den Tod uͤber eine Solche gebracht zu haben. Damit druͤckte er einen Kuß auf die bebenden Lip⸗ pen des Fraͤuleins, das ſich ſtuͤrmiſch los⸗ wand und enteilte. Noch war der ſchon erwaͤhnte Leibarzt unangeſprochen. Ein rauher, unfuͤgſamer, aber gewichtiger Meiſter, der ſich, wie Al⸗ ma wußte, eben jetzt bei der Kranken be⸗ fand. Sie kehrte deshalb in die Region der beiden Schildwachen zuruͤck, um ihn daſelbſt zu erwarten oder, mit der naͤchſten Bedientin, die ihr Beruf dahin fuͤhrte, ge⸗ waltſam einzudringen. Eben kam der er⸗ ſehnte Leibarzt von Caͤlien, die Reiter war⸗ fen ſchnell die Thuͤr hinter ihm zu. Alma vertrat ihm alsbald den Weg und ſete nun alle Zaubermittel, die ihr Aphrobite gütig verliehen hatte, in Thaͤtigkeit— die 4 179 magiſche Gewalt der Augen und ber Thraͤ⸗ nen, das liebliche Geberdenſpiel, den ſuͤßen Floͤtenton und die gewinnende Beredſamkeit. Der ſeltſame Alte pflegte zu aͤcheln, ſelbſt zu lachen, wenn er geruͤhrt ward, und immer lauter, je mehr ihm etwas zu Her⸗ zen ging— er laͤchelte und lachte jetzt auch und zu Alma's Troſte, vernehmlich, faßte raſch ihren Lilienarm, draͤngte ſie nach außen und ſagte— kommen Sie, freiherrliches Engelchen! Das iſt brav!— das iſt chriſt⸗ lich und Ihre Gegenwart gewiß an jedem Krankenbett erſprießlich. Wohin aber? fragte Alma befremdet und zog ihn ruͤckwaͤrts. Durch mein Quartier! fiel er, ſie fort⸗ reißend ein: es hat ſeine Gruͤnde! folgen Sie, ſchaͤtzbare Seele! Denn ich muß Ihnen zuvor etwas mittheilen; es iſt ja nur ein Katzenſprung an meinen Heerd.— Waͤh⸗ 12*½ 180 rend dem ich in verwichener Nacht zu einem armen, abſchnappenden Suͤnder geholt wer⸗ de, laͤßt mein ſchlaftrunkener Gaͤnſerich die Hausthuͤr offen. Raſch und heimlich ſchluͤpft unſere Graͤfin Roſalinde, die des Nachts immer munter iſt, aus dem Bettchen; ſie hat das Schloß nicht abſchließen gehoͤrt, be⸗ nutzt die Gelegenheit und macht ſich fort. Zum Gluͤcke iſt auch meine Frau rege gewor⸗ den, weckt die Magd, ſetzt ihr nach und nimmt ſie endlich, jenſeit des eiſernen Git⸗ terwerkes, unter ihren ſonſtigen Wohnfen⸗ ſtern wahr. Da kniet ſie und betet eifrig. Der Hofrath lachte ploͤtzich— aus Al⸗ ma's Augen quollen Perlen der Wehmuth. Und auf dem ſchlafenden Loͤwen am Ein⸗ gange, fuhr er fort: ſitzt die Schildwache und ſchnarcht, wie ein Nordkaper. Da ha⸗ ben wir denn nun neue Noth; die Andacht auf den Quaderſteinen, im Nachtmantel 181 und im Unterroͤckchen, hat Leib und Seele gegen einander getrieben und mir iſt wieder leid um dieſelbe. Alma beklagte die Gelieb⸗ te, welcher ſie, bis jetzt, faſt taͤglich ein Stuͤndchen und zahlloſe Thraͤnen geweiht hatte, mit Innigkeit und als der Hofrath jetzt der Graͤfin Schlafzimmer vor ihr auf⸗ that, ſagte er: Treibt es Sie wirklich, ſich, als aͤchte Chriſtin und barmherzige Schweſter zu be⸗ waͤhren, dann iſt hier ſattſamer Stoff fuͤr den Zweck, ohne das eigene, ſchoͤne Leben einſetzen zu duͤrfen; denn zu der Fuͤrſtin gelangen Sie nicht, ſo lange mein Wort noch im Schloße gilt! Darauf entlief er ihr und ſeine Gattin trat hervor und begruͤßte das Fraͤulein. 182 Caͤlie lag, am Abende, noch bewußtlos in den Flammen des Fiebers. Der alte Doktor kam und ſprach zu dem Haͤuflein der Kammerfrauen und Maͤdchen, welche, weinend und wispernd, das Bett umring⸗ ten: Schaͤtzbare Seelen, ſo geht es nicht fort. So wird die Luft verdorben und Kraft und Eifer unnuͤtz abgeſchwaͤcht. Ich bleibe bis zum Tage hier und bedarf nur Ei⸗ ner von ihnen, um die Andern, noͤthigen Falles, herbei zu rufen. Dieſe ſpaziren gefaͤlligſt in's Nebenzimmer, betten ſich da und ſchlafen, wo moͤglich, ſtatt zu plappern, um morgen, als freundliche Maikaͤtzchen, dienſtbar zu ſeyn. Geht— ich bleibe! ſprach die juͤngſte der Jungfern zu den Fortgewieſenen und nahm im Lehnſtuͤhle am Bette Platz; ſie folgten unweigerlich, der Hofrath aber ver⸗ ſetzte indeß ſeine ſchneeweiße Haarbeutel⸗Per⸗ 183 ruͤcke auf eine marmorne, ſeit dem Frieden hier beſeitigte Buͤſte Napoleons, zog ein Muͤchen uͤber den Kahlkopf und ſagte: Schlimm genug, wenn es ſich unſer Ei⸗ ner, unter den Augen der Herrſchaft, ſo be⸗ quem machen kann. Aber ich ſoll Sie ken⸗ nen, Mamſellchen! Das iſt wahrſcheinlich, entgegnete Jene: ob ich gleich, dem Himmel ſey Dank! noch nie in Ihre Haͤnde fiel. Wohl die Leutnants⸗Tochter, deren Pa⸗ pa, bei der Berennung von Landau, erſchoſ⸗ ſen ward? Wie heiſſen Sie denn gleich? Die General⸗Leutnants⸗Tochter viel⸗ mehr; das Hof⸗Fraͤulein, Philippine von Truwold. Der Alte ſprang empor, er bog den Lichtſchirm zuruͤck, faßte ſie in's Auge und murmelte nun einen Fluch, der kein Ende nehmen wollte. 184 (Roher Mann! eiferte Pinchen: ziemt ſich dies Treiben in dem Heiligthume? Sie ſehn, es gibt noch Kluͤgere, die Ihre Maß⸗ regeln erriethen und umgingen. Ich warf mich ſchnell in eines Beimaͤdchens Tracht, faßte Geraͤthſchaften auf und ſchluͤpfte ſo, als ein Anhaͤngſel des Kammerdienſtes, mit herein. Nun muͤſſen Sie mich doch hier dulden, denn auſſerdem ſoll es mein Erſtes ſeyn, jeden, der auf mich Ausgewieſene trifft, und waͤr' es der Fuͤrſt, an's Herz zu druͤcken und den Fieberſtoff in allen Fluͤgeln und Stockwerken des Schloſſes zu verbreiten. Der Doktor war maͤuschenſtill. Großer Gott! hob er endlich an: wie gluͤcklich iſt doch unſere Landesmutter! Wo leibliche 1 Muͤtter ſelbſt, von ihren Kindern verlaſſen und geflohen werden, da draͤngen und ſchlei⸗ chen ſich dieſe Pflege⸗Toͤchter herbei; um Noth und Tod mit Ihr zu theilen. Er lachte, nach ſeiner Weiſe, haſtig auf und zerdruͤckte eine Thraͤne im Auge.— Wohl⸗ gethan! Sehr wohl! Das Opfer wird Ih⸗ nen Freunde erwerben und deren beduͤr⸗ fen Sie! S. O, fern ſey jede Berechnung dieſer Art! Ich werde die Grollenden hoͤchſtens zu einem falſchen Laͤcheln und leiſer'n aber bit⸗ tern Gloſſen veranlaſſen, und was Sie fuͤr ein Opfer anſehn, ſind nur Zinſen einer Ehrenſchuld. Es war an mir, zu beweiſen, daß die Fuͤrſtin in ihrer Wahl ſich nicht vergriffen habe, und die Gefahr die hier drohen kann, hat nichts Erſchreckendes fuͤr mich. Ich bin weder ſchoͤn, noch ange⸗ nehm, weder beguͤtert, noch gluͤckfaͤhig— was iſt das Leben fuͤr Enttaͤuſchte oder Un⸗ taͤuſchbare? Wie laͤſtig dies Daſeyn, das aus lauter Gebrechlichkeit beſteht und deſſen hellſte Lichter, in jedem Momente, von dem 186 alles verloͤſchenden Hauche des Todes bedroht werden— wie elend der Menſch, mit dem Haupte unter Engeln und an den Fuͤſſen vom zaͤhen Schlamme der Niedrigkeit ge⸗ feſſelt. Die Kranke richtete ſich jetzt haſtig auf; ſie blickte ſcheu umher, ſie ſah den Alten, in ſeiner Schlafmuͤtze, fuͤr irgend einen laͤſſigen Staatsbeamten an, ſie wies ihn eifernd fort, an ſein Tagewerk und ſagte, zu der uner⸗ kannten Philippine, als ihr dieſe Arzney ge⸗ reicht hatte: Wo iſt die Uhr hin?— Sie ſchlug, ohne Ablaß, Stunde auf Stunde— da ging die Zeit aus— der Pendel ſchwieg und Alles rollte durch einander.— Hier⸗ auf ſank ſie, mit einem Klagtone, in die vorige Betaͤubung zuruͤck. Ein treffendes Fieberbild! wisperte der Hofrath: Kranke ſind allerdings verwilderte 187 Uhren und wir Aerzte beſſern, juſtiren, helfen nach und bringen doch nichts Dau⸗ erndes zu Stande. Was ſie ſprach, verſetzte das Fraͤulein: erſchien mir als ein Vorgefuͤhl; die Seele wahrſagt, wenn der Zerſtoͤrung⸗Engel das Band luͤftet. Auf Ihr Gewiſſen! Hof⸗ fen Sie? Ich hoffe auf Gott! erwiederte er: der bald die freudigſte Ausſicht zu nichte macht, bald an dem Hoffnungloſen ſich verherr⸗ licht. Wir aber thun und waͤhlen, was uns nuͤtzlich ſcheint und leiſten und irren ſelbſt, nicht ohne ſein Einwirken. Sein Geiſt und Odem waltet uͤberall; er hindert und foͤrdert, nach ſeinem Rathe, darum gelingt dem Einfaͤltigen oft, was kein Klu⸗ ger vermochte. 188 Schnell, auf Fluͤgeln des Ungluͤcks, hat⸗ te ſich die Nachricht von dem Erkranken der guten Fuͤrſtin und der Gefahr, die bereits uͤber ihrem Haupte ſchwebe, in der Stadt und Umgegend verbreitet und nicht die Bedraͤngten allein, die ſie er⸗ quickt hatte, wohl Alle, denen Sinn und Fuͤhle fuͤr den Werth einer muſterhaften Frau und Landesmutter ward, ſandten Wuͤnſche fuͤr ihre Rettung gen Himmel. Die Kirchen fuͤllten ſich mit trauernden Ma⸗ tronen und Jungfrauen und ringsum ward der Geiſt der feiernden und frommen Liebe ſichtbar, die ein menſchlich gutes, tugendhaf⸗ tes Fuͤrſtenpaar, unwilluͤhrlich, in dem Herzen des Volkes anregt und tief begruͤn⸗ det.— Gluͤckliches Land, deſſen Fuͤrſten⸗ burg ein Tugendtempel iſt; in dem, ſo El⸗ tern als Kinder, edle Muſterbilder, gefuͤrſtet 189 durch die Wuͤrdigkeit des Weſens und des Waltens ſehn. Aber dieſe Burg war jetz eine Llagen⸗ volle Trauerhalle, der wir, bis die Entſchei⸗ dung naht, den Ruͤcken kehren, um, mit Alma's Bruder, in Solow, ſeinem kuͤnfti⸗ gen Freudenreich' einzukehren. Er hatte, nach beendigter Heerſchau, den geſuchten Abſchied, hatte ihn als Rittmeiſter erhalten und war nun, unverzuͤglich, dorthin geeilt, um, lieber heut als morgen, ein gluͤcklicher Gatte zu werden. Die Entfernung hatte ſeine Sehnſucht beſchwingt, die Braut in ſeiner Phantaſie verklaͤrt und das neue Le⸗ ben lag, wie eine Feenwelt, am Ziele. Die⸗ ſes altritterliche Schloß ſollte ſein Eigenthum, die immer frohe, loſe, holde Aline ſein Weib werden; er ringsum demuͤthige Unterthanen, verpflichtete Freunde, willkommene Gaͤſte, und ſich, in jedem Spiegel, als Herr und ——— ——— — — — — — 190 Mieiſſter ſehn. Es war ein Gluͤck, das uͤber ſein Haupt ging und deſſen er kuͤnftig werth zu werden, ſich gelobte. Denn mit der Verdienſtlichkelt hapert es noch! ſagte der Kritikus in ſeinem Innern. Aber ich bin doch kein ſchreiender Gluͤcks⸗ pilz! entgegnete Ryno: ich habe, kaum aus den Knabenſchuhen getreten, das war⸗ me Pagenbett, das Tafel⸗Confekt und den federleichten Hofdienſt aufgegeben, um Kom⸗ misbrot am Wachfeuer zu ſpeiſen— habe, wie ein Alter, gefochten, die Standarte ge⸗ rettet, mich, als Ehrenmann, ein halbes Dutzend Mal herum gehauen, geſtoßen, ge⸗ ſchoſſen. Wenn auch der Paſtor in Solow dergleichen gute Werke nicht zu den verdienſt⸗ lichen zaͤhlen kann, ſo wird er doch, als ehe⸗ maliger Jenenſer, ſeinem Kirchenpatron nachſagen, daß er Haar auf den Zaͤhnen ha⸗ be, und die Bauern damit, zum. Voraus, 191 in's Bockshoͤrnlein jagen. Das iſt mir recht! Der Unterthan muß fruͤher fuͤrchten, ais lieben lernen und in der Herrſchaft, gleichſam, den feurigen Ofen ſehn, der wohl⸗ thut, aber brennt.— Dem Herrn Ritt⸗ meiſter ſtand, zu allem uͤbrigen, in Solow eine hoͤchſt angenehme Bekanntſchaft bevor. Graf Fallis, der ihn einſt am Kragen er⸗ faßte, um die Standarte zu erbeuten— den Kaspar, durch ſeinen Simſonshieb, um die Hand brachte und gefangen nahm— der, damals, als Feind, auf dieſen Guͤtern gewaltet und da die Frau von Erfeld ver⸗ pflichtet hatte— war eben hier ein will⸗ kommener Gaſt. Er hatte, urſpruͤnglich deutſcher Abkunft, den franoͤſiſchen Dienſt als Oberſter verlaſſen, einen Stern und fuͤnf Ordenskreuze erworben, wollte ſich nun im Vaterlande anſiedeln und da ihn der Weg bei dieſen ſchaͤßbaren Bekannten vor⸗ 192 aͤber fuͤhrte, denſelben, fuͤr einige Wochen, ſeine Gegenwart ſchenken. Drei waren ihm bereits, wie ſoviel Mayentage, hier ver⸗ gangen. Ryno erfuhr dieſe Neuigkeit, als er eben, durch ein offen ſtehendes Hinterthuͤr⸗ chen in den Hof geſchluͤpft war, um der Braut die Wonne der Ueberraſchung zu be⸗ reiten, von ihrer Jungfer, die ihm hier auf⸗ ſtieß. Eben ſchaukelt er das Fraͤulein, ver⸗ ſicherte ſie, am Schluſſe der Mittheilung: ein herrlicher Mann! voll Feuer, Leben und Artigkeit. Das muß der Feind ſelbſt den franzoͤſiſchen Offizieren zugeſtehn— ſie ſind und bleiben doch perfeckte Herren! Die Schaukel ſtand am Ende des Gar⸗ tens, auf einem Wieſenſtuͤcke, von Gebuͤ⸗ ſchen umkraͤnzt. Er vernahm Alinens Luſt⸗ geſchrei, er ſah ſie jetzt ſelbſt, im kuͤhnen Schwunge, uͤber die Wipfel empor ſchwe⸗ 4 193 ben, unterſchied, naͤher kommend, manch ſchoͤnes Wort, das Graf Fallis derſelben, uͤber ihren Muth, uͤber die zarten Fuͤßchen und die ſcheinbaren Roſenhuͤgel ſagte, die der aufgeſchwellte, den Nacken umflatternde Shawl bildete. Aline nahm jetzt ploͤtlich den Braͤuti⸗ gam wahr: ſie warf ihm, unbeſtuͤrzt, ei⸗ nige Kuͤſſe zu und rief: halten Sie ein, Colonel!— Hoͤren Sie auf!— ich muß Ihnen den Braͤutigam vorſtellen! Mais, cessez donc!—. Dieſer folgte endlich dem Geheiße, das Fraͤulein huͤpfte, mit einem gewagten Sprunge, von der Schau⸗ kel an Ryno's Bruſt und erfaßte ihn, da ſeine Arme unthaͤtig blieben, um nicht zu fallen, an den Schultern. Dieſer Froſt unterbrach, naͤchſt der Gluth des Unwillens in ſeinem Geſichte, fuͤr Augenblicke, Lin⸗ chens Freudigkeit; doch ſchnell wieder auf⸗ II. Theil. 13 194 wallend, nannte ſie ihm nun den Namen des heran ſchreitenden Gefaͤhrten und dieſer ſprach, mit Anmuth, ſein Vergnügen aus, eine Bekanntſchaft, die ihm, urſpruͤnglich, naͤchſt der Freiheit, die beßte Hand gekoſtet habe, unter Lilien und Roſen erneuern zu koͤnnen. Ryno aͤußerte ſich, Trotz dem Aufruhr in ſeiner Bruſt, auf dieſelbe, ver⸗ bindliche Weiſe und ſah beiher Alinen nach, die, zwiſchen Beiden auf ein Knie geſun⸗ ken, einige Blumen pfiuͤckte, ſie in den offenen Buſen verſetzte und mit halber Stimme ſang: Le bonheur, comme la rose, Ne dure qu' un seul instant; Le jour qu' on la voit eéclose, Elle est reduite au néant. Dann tanzte. ſie, geſchmeidig wie die Hora, vor beiden Maͤnnern her, dem Schloſſe zu, wendete ſich ploͤßlich an Rpno 195 und ſagte: Mama iſt unpaß und Bobeline ſtarb, vor drei Tagen, an dem argen Fie⸗ ber, das auch hier ſein Weſen treibt. Wir ließen ſie zu der Hirtin bringen und fan⸗ den uns reichlich bei dieſer ab. Die Arme hat da die beßte Pflege gehabt, zu retten aber war ſie nicht. Todt? rief Irwell mit einem Nach⸗ drucke, der ſie zuſammenſchrecken machte. Todt? wiederholte er, um eins ſo mild, im Geiſte der Wehmuth: Friede ſey mit ihr!— „War ihm doch Dieſe gut geweſen!“ Nun muß ich nach der Mutter ſehn, fuhr Aline ſort, als ſie in den Haus⸗ raum traten: und anfragen, ob ſie Dich ſprechen kann— erwarte mich in meinem Zimmer. 13* 196 Ryno wartete lange genug. Er blickte in den Naͤhtiſch, da ſah es bunt aus und zwiſchen Blonden, Noten, Buͤchern und Baͤndern, ragten Blaͤttchen mit goldenem Schnitte, franzoͤſiſche Klinggedichtchen her⸗ vor, mit denen der Graf ſie, augenſchein⸗ lich, angebunden hatte. Ryno's Bild lag, ſtaubbedeckt, unter dem Wuſte und doch hatte Linchen, bei dem Empfange, frei⸗ willig gelobt, es, waͤhrend ſeiner Entfer⸗ nung, im Heiligthume ihrer Bruſt zu tra⸗ gen. Auf dem Naͤhkiſſen endlich erſchien ein F. mit Nadeln geſteckt, deren Kuppen es darſtellten. Alſo war der Graf bereits ihr Gedanke. Jetzt kam ſie, flog an ſeinen Hals und ſagte, zwiſchen Luſt und Unmuth: Wie kalt und ſtarr Du biſt! Zum erſten Male uͤberdies, wo wir uns, Dank ſey dem Schnupfen der Mutter! auf meinem Stuͤb⸗ — 197 chen und unbewacht, unter vier Augen be⸗ gegnen. Ja, ich bin kalt und ſtarr! entgegnete er: denn eine boͤſe Fee hat Dich verwan⸗ delt. Welch ein Empfang! welch Beneh⸗ men! als ob Du Dich, vor dieſes Frem⸗ den Augen, unſerer Verbindung zu ſchaͤmen haͤtteſt. O, das nun gar nicht! ſprach ſie klein⸗ laut: aber Fallis ſagt mir, in Frankreich ſey es Sitte der Liebenden, ihren Rapport vor der Welt zu verleugnen. E. Wird eine rechtliche Braut ſich dort, allein mit dem Fremden— mit einem Fremden dieſes Gepraͤges— im Gebuͤſche verlieren? ſich auf der Schaukel bloßſtellen und den Verſucher muthwillig aufmuntern? S. Ach Gott, jal ſelbſt die Zuͤchtigſte hat dort ihr Feſt mit den Maͤnnern, doch 198 bleibt die Ehrbarkeit unverletzt. Bloß, um nicht als ein Gaͤnschen zu erſcheinen, ge⸗ berdete ich mich in ihrem Geiſte und wie Iſidore— eine junge Lyoneſerin, die mit in unſerer Anſtalt war. Das iſt ja Welt⸗ ton, der Dich anſprechen ſollte! O, ſey doch gut, Ryno! Wuͤßteſt Du nur, wie ſehr ich mich bisher nach Dir ſehnte!— Ich bin ja auch ein Mann! ſprach der Graf, wenn ich das Koͤpfchen hing, und trieb tauſend Poſſen, aber Dich konnte er doch nicht erſetzen! Ich ſagte es ihm ehr⸗ lich. Darauf umſchlang ihn Aline mit feurigem Eifer, doch ihre Kuͤſſe, ihre Lieb⸗ koſungen blieben unerwiedert; er entwand ſich ihr und ſprach: Dein Graf fand eine bildſame Schuͤ⸗ lerin; dieſes Schoͤnthun iſt nur leidige Gri⸗ maſſe oder ein aufflammendes Irrlicht be⸗ ſtandloſer Regungen und was mir fruͤher — 199 als Unſchuld und Naivetaͤt erſchien, war nur die Bluͤthe der Koketterie und der Rol⸗ lenſucht. Aline brach jetzt ploͤhlich in Thraͤ⸗ nen aus; ſie weinte laut und warf ſich, das Geſicht mit dem Tuche verhuͤllend, in's Sopha, Ryno aber eilte hinab, in den Garten. Der Gerichthalter der Frau von Erfeld war eben aus Langen⸗Fabel angekommen; er ſah, nemlich, bei Tages Anbruche, ſeinen kuͤnftigen Prinzipal hindurch ziehn, ſetzte zum Voraus, daß dieſer nun in Solow Hochzeit machen wolle und trabte nach, um bei der Hand zu ſeyn und ſich dem angehenden Herrn durch Demuth, Eifer, Willffaͤhrigkeit und nuͤtzliche Winke zu em⸗ pfehlen. Irwell traf jetzt im Garten auf denſelben, errieth den Zweck, laͤchelte bit⸗ 200 ter und floh nach einem Seitengange, wo ihm ploͤtzlich der Graf in den Weg trat. Ein Wort, Herr Rittmeiſter! ſagte Fallis, ſeine Hand ergreifend: ich bin Ih⸗ nen nachgeeilt, wie am Morgen des Uiber⸗ falles und wuͤnſche nur, daß es mir nicht wie damals gehe. Das heutige, erfreuliche Zuſammentreffen ſcheint, unverhofft, den Character jener feindlichen Begegnung an⸗ nehmen zu wollen und ſchon die Heiligkeit dieſes Bodens macht es Beiden zur Pflicht, die Zwietracht im Keime zu erſticken. Wir ſind ja Ehrenmaͤnner! Soldaten, die das Leben gegen einander einſetzten und das Blut Ihres Verfolgers, mit dem ſie da⸗ mals bedeckt wurden, verknuͤpft uns.— Zur Sache! Meine Gegenwart erregt Ih⸗ ren Unmuth, ich aber begegne gern dem Grolle des Naͤchſten, ehe er ſich einniſtet und ihn fuͤr Recht und Billggkeit betaͤubt. 201 Der Heerweg fuͤhrte mich durch Solow; ich hielt es fuͤr ſchicklich, die Dame des Hauſes, meine fruͤhere Bekannte, zu be⸗ gruͤſſen— ich war derſelben, waͤhrend der Kriegslaͤufe, nuͤtzlich geworden, fand dem⸗ nach Dankbarkeit, ruͤhrendes Wohlwollen und taͤgliche, von ihrer Guͤte herbeigefuͤhrte Veranlaſſungen, die Weiterreiſe zu ver⸗ ſchieben. Das Fraͤulein iſt ein harmloſes Goͤtterkind, das ſich langweilte, das mein Scherz und Geſchwaͤtz ergoͤzte, dem ich, nach der Sitte der Franzoſen, die mir an⸗ haͤngt, den Hof machte. Erſt nach dem Verlaufe mehrerer Tage ſagt mir Frau von Erfeld von dem Brautſtande ihrer Toch⸗ ter; wird mir bekannt, daß Aline die Ver⸗ lobte deſſeiben Tapfern ſey, der lieber ſter⸗ ben, als mir die Trophaͤe uͤberlaſſen wollte. Ich ehre die hoͤchſte Pflicht der Damen und wuͤrde mich— fruͤher von dieſer Vers⸗ 202 bindung unterrichtet, im Geiſte der Stoa zuruͤckgehalten haben, aber das trauliche Verhaͤltniß war bereits im Gange und mei⸗ nes Beduͤnkens um ſo gefahrloſer, da ich, unfehlbar, dem Braͤutigam nachſtand und meine Abreiſe ſich laͤnger nicht aufſchieben ließ. Sie kommen, eben da ich gehen will, fangen augenſcheinlich Feuer, fuͤhlen, wie ich fuͤrchten und folgern muß, Ihr Recht bekraͤnkt und glauben das Herz der Braut verkuͤhlt oder abgewandt. R. Dies Alles trifft zu! F. Entſchuldigung! es trifft keines Weges! Aline ſpielte, gleich dem Kinde, mit der fremdartigen Puppe, doch ihr Wille iſt kindlich, ihr Herz iſt treu und des Braͤu⸗ tigam's Eiferſucht wuͤrde, ganz zur Unge⸗ buͤhr, in dieſer Verſicherung nur den Noth⸗ behelf eines uͤberraſchten Nebenbuhlers vöt⸗ ausſetzen. Alinens leichter Sinn, die Gabe der Charis, iſt ihr maͤchtiger Fuͤrſprecher und dieſer wird dem Gatten kuͤnftig Ro⸗ ſen ohne Zahl und Wandel tragen. Ryno erwiederte, mit ſchroffem Ernſte: Mir, Herr GrafV erſcheint dieſer Fuͤrſpre⸗ cher, vielmehr, als ein Anklaͤger, dieſer leichte Sinn als entzuͤgelter Leichtſinn— als der Triebſand, auf den ich, ſchnell ver⸗ ſinkend, gefußt habe. Leichtſinn aber iſt das gefaͤhrlichſte der weiblichen Gebrechen, da er, arglos, in Farben der Unſchuld ein⸗ her ſchwebt, uns ſpielend betruͤgt, fuͤr jeden Frevel Mittel und Troſt weiß und vor an⸗ dern Laſtern Nachſicht und ein mildes Ur⸗ theil bei der Welt findet. F. Die Liebe feſſelt ihn. R. Ihn feſſelt jede neue, anziehende Erſcheinung, doch jede fuͤr Momente nur. Die Leichtſinnige iſt es,„die, auf meinem Schooß', durch Aeugeln ſchon dem Nach⸗ 204 bar ſich verbindet”“ und ſo, von einem Nach⸗ bar zu dem andern hinuͤber ſchluͤpft. F. Der Argwohn macht Sie lieblos und ungerecht, mich aber, den ſchuldloſen Entzweier des liebenswuͤrdigen Paares, ſehr ungluͤcklich. Noch heute ſoll ſich der fuͤr immer entfernen. R. Wir ziehn ſelbander und im Frie⸗ den. Um einer Solchen willen, turnire ich nicht! Herr von Irwell! rief Fallis, ſeltſam bewegt: goͤnnen Sie den hoͤlliſchen Maͤchten dieſen Triumph nicht. Bringen Sie Ihr verdientes Gluͤck, dieſen Ueberſchwang er⸗ freulicher Guͤter, den Beſitz der lieblichen Aline und ihrer reichen Mitgift, einer boͤ⸗ ſen Laune nicht zum Opfer. Die Laune ſchwindet, die Reue bleibt! R. Das ſeltene Gluͤck wuͤrde zur fluch⸗ wuͤrdigen Nothwendigkeit werden, eine Be⸗ ſtandloſe zu huͤten, ihr jeden Abend veruͤbte Unbilden vorhalten und vergeben zu muͤſſen — es wuͤrde eine ewige Wiederholung des troſtloſen Schauſpiels:„Menſchenhaß und Reue“ ſeyn— die Geſchichte ihrer Unheil⸗ barkeit und meiner Entwuͤrdigung⸗ Jetzt unterbrach der heran ſchreitende Gerichthalter das Geſpraͤch durch wohlgeord⸗ nete, an den kuͤnftigen Erbherrn gerichtete Honigworte, dieſer verwickelte ihn, ſobald es ſich thun ließ, in einen Verkehr mit dem Grafen, machte ſich los und ſchluͤpfte aus dem Garten in das Feld hinaus, den endlichen Beſchluß zu faſſen. Da ſtand die Hirtin vor der Thuͤr ihrer Huͤtte, gruͤßte ihn freundlich und ſagte: Er komme wie von Engeln geſandt, es ſey ihr ein Vermaͤchtniß fuͤr ihn anvertraut worden. Der gnaͤdige Herr wiſſe wohl ſchon, daß Bobelinchen ihr Ende hier gefunden, daß ſie dieſelbe ge⸗ 206 pflegt, der Entſchlafenen die Augen zuge⸗ druͤckt und ihr Grab auf dem Kirchhofe nach Kraͤften herausgeputzt habe? Die Gute habe ſeiner, noch in der Todesſtunde, mit Dank und Segen gedacht, habe ihr das Kleid geſchenkt, welches ſie vom Herrn von Irwell empfangen und es derſelben auf die Seele gebunden, ihm, ſobald er hier an⸗ komme, das Bewußte, in aller Stille zu behaͤndigen. Ryno trat in die Huͤtte, empfing ein ſorgfaͤltig eingenaͤhetes Paͤckchen und fand, bei der Oeffnung, das Gebetbuch vor, an welches Bobeline damals den erhaltenen Thaler verwendete— ſein Ausſehn zeigte von dem eifrigen Gebrauche. Im Buche lag ein Blatt mit ausgeſchnittenen Buch⸗ ſtaben der Druckſchrift beklebt, deren ſich die Getreue, des Schreibens unkundig, um ihm verſtaͤndlich zu werden, bedient hatte. Er las:„Die Braut iſt untreu“ und dieſer 207 Ruf, vom ſtillen Todes⸗Ufer herauf toͤnend, erklang und drang, durchſchauernd, in ſein Innerſtes. Ryno verbarg das Erbſtuͤck in der Bruſttaſche, begabte die Hirtin und eilte zuruͤck, uͤber den Schloßhof, nach dem Stalle hin, aus deſſen Thuͤr Hanns Kaspar, ver⸗ zuͤckt, in's Blaue ſah. Graf Fallis hatte eben gluͤhende Kohlen auf dem Haupte des alten Haudegens gehaͤuft, der ihn, bei je⸗ nem Handgemenge zum Kruͤppel machte, rein auspluͤnderte, gefangen nahm und alle dieſe Liebesdienſte jetzt mit einem Dutzende blinkender Dukaten verzinſ't ſah. Eine Groß⸗ muth, die auf Alinens und ihrer Mutter Wuͤrdigung berechnet ſchien. Um ſo ſchneller fiel jett Kaspar aus dem Himmel, den er in Solow offen waͤhnte, als ſein Herr un⸗ verzuͤglich zu ſatteln befahl, ſelbſt Hand an⸗ legte und ſich auf den beliebten Braunen 208 ſchwang; im gemeſſenen Schritte davon reitend. Auf der Hoͤhe uͤber dem Dorfe hielt und ſchauete der Abziehende, wie Loths Gattin, noch ein Mal ruͤckwaͤrts, auf die weggewor⸗ fenen Schaͤtze. Da lag die Ritterburg im Sonnenſcheine, von dem freundlichen Gar⸗ ten und uͤppigen Fluren umgruͤnt, zur Rech⸗ ten fuͤllte Hollaz ein bluͤhendes Thal aus, im Hintergrunde blauete der Laubwald von Kaltenbauzen.— Noch ſtehſt Du am Scheidewege! ſprach er zu ſich ſelbſt: noch iſt der Wurf nicht gethan, der Vollmacht⸗ brief unzerriſſen und dieſe Flucht gilt, wenn Du heimkehrſt, fuͤr einen Ritt zu Beſchauung der Mitgift. So viel beſteht zwar, daß Linchen Dich— rücht wie den erſehnten Braͤutigam empfing— daß ihre innere Stimme, deren leiſeſtes Zirpen, am Tage der erſten Begegnung in Langen⸗Fabel, vorgeblich eifrige Beachtung fand, gaͤnzlich verſtummt ſcheint— daß Fallis ihr wahl⸗ verwandter und angenehmer vorkoͤmmt— daß ſie wohl lieber die Gemahlin eines be⸗ ſternten und bekreuzten Oberſten und Gra⸗ fen, als Frau von Irwell ſchlechtweg wer⸗ den moͤchte. Aber in tauſend verlobten Maͤdchen regt ſich, unzweifelhaft, aͤhnliche Sehnſucht und ſtreckte Graͤfin Roſalinde jetzt die Hand nach Dir aus, ſo duͤrfte— wer ſteht dafuͤr? dem Fraͤulein Erfeld wohl ein Seitenſtuͤck in dem Braͤutigam zuwach⸗ ſen und ſein Gefuͤhl dem ihren gleichen. Aber ward Alinen auch die moraliſche Kraft, die mich ihr dennoch treu erhalten, die An⸗ fechtung bezwingen, und„ ſelbſt im Gegen⸗ falle, das Heiligthum ihrer Ehre unbekraͤnkt laſſen muͤßte, waͤhrend dem die Untreue der Gattin den betrogenen Mann mit Schmach II. Theil. 14 210 bedeckt. Und iſt nicht ihr Herz, wie mir jetzt einleuchtet, ein flatterndes Blatt, ein Spiel jedes Hauches, der ihm ſchmeichelt? Und wird die Frau eine Schranke kennen, die, ſchon als Braut, ſich jenſeit derſelben und als Irrlicht gefaͤllt?— Da trat ihm das F. des Naͤhkiſſens, der ſchreiendſte Ver⸗ raͤther ihres Innern, vor die Augen, und jede dieſer Stecknadel⸗Kuppen ſchwoll zu ei⸗ ner Brandkugel an— da ſah er ſein be⸗ ſtaͤubtes, unter Laͤppchen und Zindel begra⸗ benes Bild und die unſteten Blicke der Braut, als ſie ihn taͤuſchen, ihn durch die Scheingluth des Umfangens und draͤngen⸗ der Kuͤſſe, bethoͤren und berauſchen wollte— da ſah er den Grafen, lauſchen, in's Faͤuſt⸗ chen lachen, ſah hinter jedem Vorhang ei⸗ nen Beimann lauern; rief, entſchloſſen: Gute Nacht, Solow! gab dem Braunen 211 die Zunge und flog im geſtreckten Galop⸗ pe davon. Der alte Leibarzt eilte jetzt, in ſeinem Feierkleide, mit einer neuen Staats⸗Per⸗ ruͤcke bekroͤnt und von dem freudigen Geiſte verjuͤngt, in Armands Vorzimmer, ward gemeldet und augenblicklich eingelaſſen. Ehre ſey Gott! rief er, laut auflachend: nun kann doch, ein Mal, das Te deum aus voller Bruſt, im Geiſt und in der Wahrheit geſungen werden, denn unſer gu⸗ ter Landes Engel iſt, wie eine Verklaͤrte, dem Grab entſtiegen und geborgen. Ich raͤume das heute erſt ein, weil mir vor Ruͤckfaͤllen bange war. Hoheit finden ſie, gewiß um ein's ſo blank und friſch und von jetzt an, wieder in ihren Zimmern. Wir duͤrfen uns nun auch, mit ziemlicher Sicherheit, einer gluͤcklichen Entbindung getroͤſten. 14* 212 Armand hielt dieſen Herold des Heils in ſeinen Armen und das Unmaß der Won⸗ ne, die des Fuͤrſten Herz bedruͤckte, loͤſ'te ſich in einem Thraͤnenſtrom auf. Der Hofrath begleitete dies vernehmbare Schluchzen, fort und fort, mit lautem, immer helleren Ge⸗ laͤchter und Armand draͤngte ihn zu einem praͤchtigen Schranke hin. Er oͤffnete dieſen, der Alte ſtand, geblendet, von dem Juwelen⸗ Feuer, das ihm hier aus Doſen, Ningen, Uhren und aͤhnlichen Koſtbarkeiten entgegen flammte. Waͤhle nun, Vaͤterchen! rief der Fuͤrſt: o, waͤhle nach Deinem Sinn und Wunſche, und vor Allem ſo ruͤckſichtlos, als ob Gol⸗ konda mein Kammergut waͤre. Du haſt Sie gerettet!— wo iſt ein Kleinod, das dieſe That vergelten koͤnnte? 3 Ich keines Weges! eiferte jener und 213 erhob die gefalteten Haͤnde: Du haſt's gethan, Rath, Kraft und Held, Durch den die Welt Und Alles iſt, im Himmel und auf Erden! Doch Hoheit halten wohl zu Gnaden, wenn ich dergleichen Prachtſtuͤcke unberuͤhrt laſſe. Prezioſen verlangen einen Weltmann, der die Hand mit dem Ringe gehoͤrig zu drehen weiß, die Ehren⸗Doſe ſtreicheln und handhaben kann, ich wuͤrde mich damit, wie Koͤnig Salomo im Puppenſpiel', aus⸗ nehmen. Baares Geld lacht! denkt meine Seele mit dem Spruͤchwort und faͤllt auch der Gedanke in's Haus, ſo faͤllt doch die Gewaͤhrung, Segen bringend, auf duͤrre Auen. Ich fuͤr mein Theil brauche es auch nicht. Ich ſpiele, traktire, pokulire nicht, habe kein Steckenpferd, eine wirthliche Haus⸗ frau und weder geniale Soͤhne, noch puhſuͤch⸗ 214 tige Toͤchter. Aber ich habe einen Collegen, mein gnaͤdigſter Herr! der arme, hoffnung⸗ volle Teufel ſtudiren und promoviren laͤßt— der ſiechen, mittelloſen Kunden ein Bettlein, ſtatt des harten Strohſackes unterſchiebt, ſie in die Baͤder ſchickt, die Apotheker⸗Rech⸗ nung deckt und wenn ſie abgefahren ſind, ſich ihrer Waischen erbarmt und ſie großzieht. Dem ein Roͤllchen oder zwei in die Hand ſpielen zu koͤnnen, wuͤrde mich mehr, als al⸗ les dieſes blitzende Steingut vergnuͤgen. Den kenne ich! rief der Fuͤrſt und öͤff⸗ nete den Gold⸗Behaͤlter. Da nimm! o, nimm mit Haufen und bette ſie Alle weich, die Du auf Dornen findeſt und biete allen den Lebenskelch, damit ſie froͤhlich werden, wie ich und, wie meine Caͤlie, dem Tod entrinnen! 3 Was recht iſt! ſagte der Leibarzt: wenn es Noth thut, ſo wage ich mich kuͤnftig wie⸗ —* —— —— 215 der an dieſen Bethesda. Darauf ergriff er zwei Roͤllchen, wehrte der Hand des Fuͤr⸗ ſten, die ihn mit Gold beladen wollte und eilte hinaus. Irwell, der ruͤckgaͤngige Braͤutigam, war, nach der Flucht aus Solow, in ſein bisheriges Quartier nach Langen⸗Fabel zu⸗ euͤckgekehrt, wo Lottchen eben mit einem ſchaͤtzbaren Urenkel jener zwoͤlf Magiſter, dem Stadt⸗Muſikus, Hochzeit machte. Er trank, hoͤchſt unpaß, nur liquor Minde- reri auf ihr Wohl, fuͤgte Alinens Bildniß einem Briefe an Frau von Erfeld bei und ſchrieb dann der verehrten Schweſter von ſei⸗ ner Sinnes⸗Aenderung und ihren Gruͤnden. „Ich bin geſonnen, hieß es fernerweit: der noͤthigen Zerſtreuung wegen, einen Ausflug in die Schweiz zu machen, mich auf den kuͤhlen, nie erklommenen Gipfel des Wetter⸗ 216 horns zu ſetzen und bort umſichtige Entwuͤrfe fuͤr meine Zukunft auszudenken. Das Geld, mit dem mich Deine Engelhand, zu Deckung der noͤthigen Braͤutigam⸗Spenden unterſtutzte, reicht dazu mehr als hin. In mir iſt Krieg, doch Friede ſey mir Dir, Du Fromme!“ Eben hatte Alma dieſen Brief geleſen und ſtand, in Kummer und Erſtaunen ver⸗ ſunken, als ſich Herr von Hellſohn melden ließ, der jetzt Major bei jenem Dragoner⸗ Regiment geworden, im Begriffe war, nach Langen⸗Fabel abzugehn und endlich Sturm 3 lief. Er hatte ſie ebenfalls mit einer aͤng⸗ ſtenden Zuſchrift uͤberraſcht; jetzt kam der 1 Freier, um die Antwort muͤndlich zu empfan⸗ gen. Alma warf einen Blick in den Spie⸗ gel, fand ſich auffallend blaß, ſchoͤpfte Odem und ließ ihn eintreten. Gnaͤdiges Fraͤulein, hob der Beklomme⸗ 217 ne, pathetiſch an: ich habe mit leichterem Herzen und mit freudigerem Muthe vor dem Feind und dem Tode geſtanden, als eben jetzt vor dem Genius der Huld und des Lebens. Mir iſt wie einem, der ſein Heil und ſeine Fortdauer an den Ausfall eines Looſes knuͤpfte und jetzt vor dem geſchwun⸗ genen Schickſals⸗Rade ſteht. Alma erwiederte: ein Mann von Ih⸗ rem Geiſte und Ihren Grundſatzen weiß, daß auch getaͤuſchte Hoffnungen reine Ge⸗ winne ſind; die Looſe fallen ja aus Gottes Hand. E. Es giebt herrliche, troſtvolle Wahr⸗ heiten, die aber noch ſelten ein Herz be⸗ ruhigten.. S. Zu den Troſtbeduͤrftigen habe ich Sie nie gezaͤhlt. Das Schickſal, mein ge⸗ ſchaͤtzter Freund! war Ihnen, meines Be⸗ duͤnkens, vor Tauſenden guͤnſtig. Vor dem 218 Feind und dem Tode, deren Sie vorhin ge⸗ dachten, erhielt es Sie bei Muth und Freu⸗ digkeit; toͤdtliche Ehrenwunden heilte ſeine wunderthaͤtige Hand und Ihr Bewußtſeyn ſagt Ihnen, was auch die Welt erkennt: daß Sie dieſe Ruhmzeichen verdienen. End⸗ lich ergaͤnzte die gute Charitas den Kranz von werthen Guͤtern und verwandelte eine druͤckende Buͤrde in ſichernden Wohlſtand. Wie koͤnnte, bei allem dieſem Guten, wo⸗ mit Sie des Himmels Huld vor Tauſenden ſegnete, die Verſagung eines Wunſches Ihr Gemuͤth und Ihre Zukunft verduͤſtern? E. Es giebt nur ein wahrhaftes Gluͤck — geliebt zu ſeyn! S. Um unſeres Werthes willen, ja! Dies Gluͤck kann Ihnen nicht gebrechen und und zu ſolcher Liebe bekenne ich mich! E. Mein Wagſtuͤck war ungemeſſen, * 219 wie mein Gefuͤhl. Nur Gott iſt ſtaͤrker, als die Leidenſchaft. S. Der Gott in uns! Die Selbſtbe⸗ herrſchung! E. So gehe ich alſo troſtlos fort? S. Sie gehn, begleitet von der Ach⸗ tung und der Dankbarkeit einer verpflichte⸗ ten Freundin. E. Ach, dieſe Worte ſind ſchoͤn und auf Ihren Lippen voll Wohllaut, aber ich gemahne mich wie ein Maͤrtyrer, der mit Juwelen geſteinigt wird. Gnaͤdiges Fraͤulein! rief Luiſe: die Putzmacherin! ſie iſt eilig und bittet um Ab⸗ fertigung.— Das Maͤdchen verſchwand. Die Abfertigung wird mir ungebeten! fliſterte Hellſohn, beugte ſich tief und ging im Reiterſchritt davon. 220 Armand hatte die Seinen, vor Jahr und Tagen, mit einer Landesmutter uͤber⸗ raſcht; auch das Kind des Landes ſollte, wenn es anders dem Himmel gefiel— zum Quelle unverhoffter Freude werden. Der Segenſtand der Fuͤrſtin ward deshalb, an⸗ faͤnglich, verſchwiegen und ihre Entbindung war bereits in der Naͤhe, waͤhrend man der⸗ ſelben, erſt nach Verlauf einiger Wochen, entgegen ſah. Es ſteht Ihnen Angenehmes bevor, ſag⸗ te Alma eines Morgens zu ihrer Herrin: eine Befriedigung, welche wir fuͤr jetzt noch aufſparen wollten; der Leibarzt aber meint, die Wonne werde ſich, mit Gottes Huͤlfe, bald bis zum Ueberſchwange haͤufen und die⸗ ſer Vorlaͤufer der groͤßern jetzt an ihrem Platze ſeyn.* Sag' an! bat Caͤlie: mir bangt unſag⸗ lich vor dieſer groͤhern; ſie koͤnnte mich ja, 221 leicht genug, auch um die verkuͤndigte brin⸗ gen. Die goͤnne mir! A. Eine ſeltſame Kriſe, welche unſre Roſalinde in der Nacht beſchlich, in der wir fuͤr das Leben der beßten Fuͤrſtin zitterten, ſcheint die Herſtellung derſelben veranlaßt zu haben— Gott ſey Preis! fiel Caͤlie, die Haͤnde faltend ein: o, fahre fort! Sie liegt mir, wie das Kind am Herzen. A. Von dem Krankenbette meiner gnaͤdigſten Frau verbannt, ward ich ihre Pflegerin und es gelang mir, naͤchſt Gott und dem trefflichen Arzte, wohlthaͤtig auf ſie einzuwirken, denn die Natur bot jetzt die Hand. Ihre Seelenkraͤfte fanden allmaͤh⸗ lig das Gleichgewicht wieder, der innere Sonnen⸗Aufgang erhob auch die geſunkene Koͤrperkraft, der Friedens⸗Engel neigte ſich zu ihrer Seele und ich durfte es endlich wa⸗ „ . 222 gen, mit ihr von dem Stoͤrer und Verſcheu⸗ cher deſſelben zu ſprechen. Sie weiß nun, daß er lebt und verwieſen ward und die heiße Leidenſchaft hat ſich, zu einem ruhigen, wehmuͤthigen Mitleide mit ſich und ihm her⸗ abgeſtimmt. Es iſt an Ihnen, zu befeh⸗ len, ob und wenn die Geneſene das Gluͤck haben duͤrfe, ſich zu naͤhern und Ihrer Ho⸗ heit jenen unſeligen Fehltritt abzubitten. Schon ſo weit iſt Linda vorgeſchritten? rief die Fuͤrſtin und umhalſ'te das Fraͤulein: gleich ſoll ſie kommen— gleich! Alles ſey vergeben! Die Liebe iſt ſtaͤrker, als das Herz und Er allein traͤgt die Schuld. Geh! bringe ſie im Augenblicke. Alma wendete ſich nach der Thuͤr, oͤff⸗ nete dieſe und Roſalinde, bleich wie die za⸗ gende Pſyche und ruͤhrend wie dieſe, trat, an Philippinens Hand, in's Zimmer. Die Fuͤrſtin ſchritt ihr raſch entgegen; Linda ſank zu ihren Fuͤſſen, umſchlang die Kniee der Huldigen, weinte herzlich wie Magdala und beide Jungfrauen hoben ſie, auf Caͤliens Geheiß, empor. Dieſe druͤckte den Liebling nun, mit der neu erwachten, fruͤher'n Zaͤrt⸗ lichkeit an die Bruſt und ſagte, innig bewegt: Sey mir willkommen, nach wie vor. Du warſt der Engel, an deſſen Seite ich dies Segensland betrat— den Braͤutigam erblickte— gluͤcklich ward! Und dieſe Bei⸗ de wollten den Todeskelch mit mir leeren. Erhalte mir dies Kleeblatt, himmliſcher Vater! Am Abende deſſelben Tages ſchritt Ar⸗ mand, mit ſeinem Truwold, in demſelben Saale auf und ab, wo er damals— mit Caͤliens Bilde ſchmollend, ſein Schickſal beklagt hatte, das er nun ſegnete. Aber ihm bebte jetzt das Herz und der Kammer⸗ 224 herr ſprach, wie damals, leere Troſtworte, denn die bange Stunde ſeiner Geliebten hat⸗ te geſchlagen. Im Hintergrunde weilten die Genien derſelben, Alma und Linda, in zagender Angſt; Philippine muthig und hoff⸗ nungvoll. Dorothea befand ſich im Zim⸗ mer der Kreiſenden.— Es wird lebhaft, fliſterte Armand; ſie horchten auf und im⸗ mer lauter ward das Getoͤne: der alte Dok⸗ tor erſchien jetzt, als ein Himmelsbote. Al⸗ les gut! ſprach er laͤchelnd und die gnaͤdigſte Frau eine Heldin! ſie wird uns einen Her⸗ mann der Zukunft beſcheren! Der Fuͤrſt druͤckte die Hand des Troͤſters an ſein Herz.. Waͤr' es gefaͤllig, ſich hinab zu bemu⸗ hen? fragte dieſer und lachte ſchallender als je.— Entbunden? rief Armand jauchzend aus —— 7 225 und Viktoria! der Doktor— Alma und Linda umfingen ſich mit einem lautem Freudenſchrei. Kinder, lispelte Pinchen: vergeßt nicht, daß ihr Hofdamen ſeyd!— Georgine wird auch ſchrei'n. Der gluͤckliche Vater flog hinuͤber, in's Heiligthum, an ſeiner Mutter Bruſt, die ihn zur goldnen Wiege fuͤhrte. Zwei wun⸗ derholde Knaben prangten in dieſer. Schon donnerten die Feuerſchluͤnde; ein vielſtim⸗ miger Jubel toͤnte, bald rings um das Schloß und die ſelige Geberin dieſer Wonne ſtreckte die Arme, kraͤftig und laͤchelnd, nach dem beſeligten Gatten aus. Arm in Arm mit Philippinen, eilte Linda vorhin dem Fuͤrſten nach und Herr von Truwold faßte Alma's Hand. Er hielt ſie zuruͤck; das Fraͤulein ſah ſich, im folgenden Augenblicke, allein mit ihm in II. Theil.. 15 dem weiten Saale und fragte betroffen, was ihm beikomme? T. Wie neulich vertrete ich Ihnen jetzt den Weg zu der Fuͤrſtin, ſprach er haſtig— wie damals wiederhole ich die Betheuerung, daß Sie mir theurer als das eigene Leben ſind und ein Wort aus Ihrem Munde kann dieſe reiche, goͤttliche Segen⸗ ſtunde mir auf immer verklaͤren! Jetzt eben neigt ſich der Freuden⸗Engel auf un⸗ ſere Hausgoͤtter herab, das Land jubelt, uͤberall wird die Wonne laut— ſoll ich heute der einzige Leidtragende ſeyn? Alma ſah zu Boden und gluͤhete. Ueberraſchen konnte der Anſpruch nicht, ſie wußte ſich laͤngſt von ihm gefeiert; wußte, daß ihre Gewährung zu den ſtillen und innigen Wuͤnſchen des erlauchten Paares gehoͤre— wußte, daß Truwold der edelſte Mann ſey, trug ihn im Herzen und um⸗ — — 227 ſchlang, unwillküͤhrlich, den Gluͤcklichen, hingeriſſen von der magiſchen Gewalt der Ruͤhrung und der Freude. Ryno hatte, wie bekannt, der lieben, vertrauten Schweſter gemeldet, daß ſein Hei⸗ rathplan zerronnen ſey, daß er auf dem Wetterhorne der Alpen Zerſtreuung, Kuͤh⸗ lung, neue Ausſichten aufſuchen wolle. Im Begriffe dahin abzugehen, erhielt derſelbe einen Brief aus Piſa, von willkommener Hand. „Mein edler und unvergeßlicher Freund!“ ſchrieb ihm Julius:„wir ſahen uns, zuletzt, auf der Heerſtraße, wo ich Dir als ein Wahnſinniger erſcheinen mußte. Der zu⸗ reichende Grund bleibt muͤndlicher Eroͤrterung aufgeſpart. Ich fand, in die Heimath zu⸗ ruͤckgekommen, den Ritter Kington, einen jungen, liebenswerthen Britten, den Bruder 13* 228 des engliſchen Geſchaͤfttraͤgers an unſerem Hofe vor, der, fruͤher mein Schuͤler, dann nach London heimgekehrt und jetzt im Begriffe war, Italien zu ſehn. Kington wuͤnſchte, dieſe Reiſe unter der Leitung eines Kuͤnſtlers zu machen, er dachte des befreundeten Leh⸗ rers, mein Genius fuͤhrte ihn zu mir. Die Bedingungen hatte das herzliche Wohlwollen und die brittiſche Freigebigkeit entworfen. Mir ſchwebte zwar ein anderer Plan vor, aber Gott wollte, daß ich jenen vorzog und mein Heil damit. In Nom befiel uns das oͤrtliche Uebel. Es brachte mich zu des Grabes Rand, an welchem mir, wie wohl den meiſten wider⸗ fahren mag, eine andere Anſicht der Dinge ward. Die Kleinode des Lebens verloren ihren Reis und Zaubek, ſelbſt die Leidenſchaft füͤr das goͤttliche Maͤdchen erſchien mir jetzt ſogar als eine heilloſe Verirrung. Ich * — ℳ— — —— 229 fand es unedel und ſtrafbar, Roſalindens Herz beſchlichen, die Wohlthaten ihres Va⸗ ters, der mich aus dem Staub' erhob, der meinen Talenten Spielraum und Leitung verſchaffte, mit Undanke vergolten zu haben. Ich fand es nichtswuͤrdig, das engelhafte Weſen an dieſen Feſſeln feſtzuhalten und da⸗ mit den heiligen Anſpruch auf ihr Recht und ein kuͤnftiges, angemeſſenes Gluͤck zu ver⸗ kuͤmmern. Ich legte mir, allmaͤlig gene⸗ ſend, die Ertoͤdtung der Selbſtſucht, das Verzichten auf ein Beſitzthum, welchem Va⸗ terfluch oder des Wohlthaͤters Tod als Mit⸗ gift und Bedingung anhing, zur Buße auf und— ich habe dieſe Buße bethaͤtigt! Wir kehren, des naͤchſten, nach London zuruͤck, wo ich, durch eine Leibrente gedeckt, meines Freundes Gefaͤhrte und ein Mitglied ſeiner liebenswuͤrdigen Familie bleibe, mit 230 der wir hier zuſammen trafen. Du findeſt uns, den erſten des kuͤnftigen Monates, in meiner Heimath, die wir paſſiren und daſelbſt einige Tage verweilen werden. Ich rechne feſt darauf, Dich dort zu ſehn, Dir einen Brief an die, mir ewig Heilige und den verhaͤngnißvollen Ring einzuhäͤndigen, welchen ich von ihr zuruͤck erhielt und der zum Talisman fuͤr den Freund werden moͤge, deſſen Näͤherrecht mein Herz nun anerkennt und bem allein es ſie goͤnnen mag.“ Oer Inhalt der Zuſchrift zeigte klar, daß ihm jener oͤffentliche Aufruf zur Heimkehr ſo unbekannt, als die traurige Folge ſeiner damaligen Heimſuchung der Geliebten, ge⸗ blieben war.— Zufaͤlle hatten den Eingang des Briefes verſpaͤtigt und Ryno mußte ei⸗ jen, um den Freund noch zu treffen, deſſen — 5 —..—— 231 frommer und maͤnnlicher Entſchluß ihn mit neuen Hoffnungen erfuͤllte. Caͤlie ruhete, geſund und wohlgemuth, im Divan und hatte eben ihre holden Knaͤb⸗ lein, die in dieſer Stunde getauft wurden, dem himmliſchen Vater empfohlen, da tra⸗ ten Alma und Roſalinde, des Feſtes wegen herrlich geſchmuͤckt, in der Staatstracht ein — Jene mit dem kleinen Armand, dieſe mit Emil in den Armen. Sie hatten ſich derſelben bemeiſtert und trugen ſie der Mut⸗ ter zu. Zwei Madonnen! ſagte Caͤlie, nachdem ſie die kleinen Chriſten gekuͤßt und geſegnet und ihre ſprechende Aehnlichkeit mit dem Vater belobt hatte: aber behaltet ſie noch, heilige Jungfrauen! Ihr habt ſie gar ſo gern. Linda koſete nun mit ihrem Emil, Alma druͤckte den Armand an die Lippen ☛ 232 à. und Thraͤnen ahnungvoller Luſt und ſtiuer Sehnſucht miſchten ſich in ihre Kuͤſſe; der durſtige Kleine aber wendete das Koͤpfchen nach der wallenden Bruſt; ſie zog ihn ab⸗ waͤrts und erroͤtheke.. Die Mutter hielt beide 2ase innigem Wohlgefallen, im Auge. Ich ſehe Bilder der naͤchſten Zukunft, ſagte ſie: und werde dann auch kommen und Euere Gold⸗ puppen kuͤſſen und haͤtſcheln.— Auch Ro⸗ ſalinde erroͤthete jetzt; ſie verbarg, ſtill ſeuf⸗ zend, ihr Antlitz an Viktor's Wange. Schon. hatte Alma, als des Bruders treue Aifrige Mittlerin, ihr den Entſagungbrief des Ju⸗ lius behündigt— ſchon hatte dieſe erkannt“ und zugeſtanden, daß ſein Entſchluß ie d begrunde, daß Irwell dfie ſey nnd d. 8 aus der Geſchihte Ning e fuͤr ſie uben d Die Ammen mhmen Beiden iebt 1 233 ſchreienden Hoheiten ab und Caͤlie rieth ih⸗ nen, ſich der Staatskleider zu entledigen; da eilten ſie, mittelſt des erwaͤhnten, gehei⸗ men Treppchens, nach ihren Zimmern und Alma bat: Tritt erſt bei mir ein, Liebe! ich will Dir ein Bild meines Bruders zeigen, das mir gelungen ſcheint. Gern! ſagte die Graͤfin; ſchritt durch die Thuͤr, die jene hinter der Gefangenen zuwarf und vor ihr ſtand Ryno, welchen die Schweſter fuͤr dieſen Zweck beſchieden hatte. Er trug, wie einſt, den Ring am Finger, Flammen im Auge, die neu entgluͤhte Zaͤrt⸗ lichkeit in ſeiner Bruſt. Das Paͤrchen muß ſich da, wie Alma und Truwold, ſattſam verſtaͤndigt haben, denn die liebende Goͤnnerin konnte, nach Verlauf von Jahr und Tagen, beiden jun⸗ gen Frauen Wort halten und ihre Erſt⸗ 234 linge haͤtſcheln und kuͤſſen. Dem armen Major Hellſohn blieb das Nachſehn, doch ward ihm, ſpaͤterhin, eine andere, wackere Frau. Graf Fallis fand Groß⸗Solow reizend und einbringlich genug, um die ver⸗ laſſene Aline, mittelſt ſeiner Hand, zu entſchaͤdigen, doch ein gewagter Sprung hat ſie gelaͤhmt und damit um vieles be⸗ daͤchtiger und verſtaͤndiger gemacht. Geor⸗ gine ſtarb ploͤtzlich, in der Nacht nach Caͤ⸗ liens Entbindung; der Hintritt veranlaßte eine froͤhliche Landtrauer— Frau von See⸗ dorn aber ward geſchieden, verarmte, ver⸗ altete und klagt nun, in mannigfaltigen Sangweiſen und Silbenmaßen, Geſchoͤpf' und Schoͤpfer an. Faſt zwei Jahrzehende entſchwanden ſeit⸗ dem und ſtraften jene angeblichen, ſchrecken⸗ den und gehaͤuften Vorzeichen, Lugen. Noch bluͤht des edein Fuͤrſtenhauſes Gluͤck; 2* — noch prangen die Zwillinge und ein Klee⸗ blatt lieblicher Toͤchter, kraͤftig und herrlich wie Armand, freundſelig und tugendreich, wie die Mutter, flicht Roſen in den Pal⸗ menkranz. Gedruckt in der Gerlachiſchen Buchdruckerei. Anzeige fuͤr Gebildete. Bei der Arnoldiſchen Buchhandlung in Dres⸗ den ſind folgende ſchoͤngeiſtige und andre fuͤr Be⸗ lehrung und Unterhaltung geeignete Schriften von A. Apel, H. Clauren, C. W. Conteſſa, de la Motte Fouqué, Th. Hell, E. v. Houwald, W. Irwing, Fr. Kind, Fr. Laun, W. A. Lindau, R. Roos, G. Schilling, St. Schuͤtze, W. Scott, K. Streckfuß, L. Tieck, C. F. van der Velde, C. Weisflog und andern erſchienen und um die beigeſetzten Preiſe durch alle Buchhandlungen zu bekommen: Abendzeitung, herausgeg. v. Th. Hell und Fr. Kind, auf das Jahr 1817. 6 Thlr. 1818. 6 Thlr. 1819. 6 Thlr. 1820. 6 Thlr. 1822. 6 Thlr. 1823. 7 Thlr. 1824. 10 Thlr. A. Apel, die Aitolier. Tragoͤdie m. K. 1 Thlr. 2 Kunz v. Kaufung. Trauerſpiel. 20 Gr. Das Geſpenſt. Drei Erzaͤhlungen, v. Fr. Laun, Fr. Kind und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. Der Mantel. Drei Erzaͤhlungen, v. Fr. Laun, K. Streckfuß und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. Ich und meine Frau. Drei Erzählungen, v. Fr. Laun, W. A. Lindau und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. H. Clauren, Luſtſpiele. 2 Thle. 1818. 2 Thlr. 6 gr. 2 3 Scherz und Eruil, 1752 2r Thl. 3te Aufl. 823. 1 Thlr. 20 gr. 8 2 8 2 47 4r Thl. Zte Aufl. 1824. 2 Thlr. 4 2 2 8- 5r bis 10r Theil, 1820— 22. 6 Thlr. 2. Scherz und Ernſt, 2te Sammlung, 1⁰r. u. 2r. Thle Des Vaters Suͤnde, der Mutter Fluch und die Fraueninſel, 1823 2 Thlr. 2 Scherz u. Ernſt. Zr. Thl. Der rBlutſchat. 1823. 14 hM. 6 gr. Scherz u. Ernſt. Ar. Thl. Das Dijon⸗Roͤschen. 1823 1 Thlr. 6 gr. „ ör u. 6r Thl. Das Chriſtpuͤppchen, 2 Thle. 2 Thlr. 6 gr. 2 r u. 8r Thl. Die Großmutter und der Ge⸗ neralbevollmaͤchtigte. 182 4. 1 Thlr. 15gr. H. Clauren, Das Pfaͤnderſpiel, 1820. 1 Thlr. 6 gr. 2„ Der Vorpoſten, Schauſp. 1821. 16 gr. 2 2 Der Liebe reinſtes Opfer. 1821. 18 gr. 2 4 RNangſucht und Wahnglaube. 1821. 22 gr. . Liesli und Elſi, zwei Schweizergeſchichten. 1821. geb. 1 Thlr. 8 gr. 3-⸗ Das Schlachtſchwert. Eine Erzaͤhlung. 1821. 18 Gr. 2 2 Das Vogelſchießen. Luſtſp. 1821. 21 gr. 8 2 Des Lebens Hoͤchſtes iſt die Liebe. 2 Thle. 1822. 2 Thlr. C. W. Conteſſa, Erzaͤhlungen, 2 Thle. 1819. 2 Thlr. Fr. de la Motte Fouqué, Reiſe⸗Erinnerungen, 2 Thle, 1823. 2 Thlr. 12 gr. Th. Hell, Buͤhne der Auslaͤnder, 3 Bde. 3 Thlr. 6 gr. - ⸗ gyratoͤne. 2 Chle. m. Kpf. 1821. 2 Thlr. 22 4 ⸗ Des Maurers Leben. 3te Aufl. m. Kpf. 1822. geb. 1 Thlr. 4 gr. 2 Der Renegat. 2 Thle. aus dem Franzoͤſ. 1823. 2 Thlr. 3 gr. 2 ⸗ Dramatiſches Vergißmeinnicht, 1r Thl. 1) der Unſchuldige muß viel leiden, 2) Elementine. 1833. br. 1 Rthlr. E. v. Houwald, Erzaͤhlungen. 1819. 1 Thlr. Agr. Fr. Laun, Zwei Braͤute fuͤr einen Mann. 1809. 2te Aufl. 1 Chlr. Die Gevatterſchaft. Neue Aufl. 1809 1 Thlr Hiſtorien ohne Titel. 2 Thle. 2te Aufl 1808. 1 Thlr. 18 gr. ⸗ Die ſtille Jungfrau. 2 Thle. 2 Aufl. 1808. 1 Thlr. 18 ge, 4 2 Der wilde Jaͤger. 1820. 1 Thlr. 6 gr, 5 u A 2* Fr. Laun, Welcher? Drei Srzühkungen verwandten Inhalts. 1821. 1 Thlr. 3 gr. W. A. Lindau, Lebensbilder, 2 1Thie 1818. 1 Thlr. 20 gr. 7 2 Die Braut, a. d. Engl. v. W. Scott, 3 Thle. 2te Aufl. 1822. 3 Thlr. W. A. Lindau, Eduard, aus dem Engl., von Walter Scott, 4 Thle. 1822. 4 Thlr. 18 gr. .* 2 Das Herz von Mid⸗„Lothian⸗ von Walter Scott, 1r, 2r, 3r, 4r Thl. 1823. 4 Thlr. * ⸗ Anaſtaſius, Abenteuer eines Griechen. 2 Thle, 1821. 2 Thlr. 16 gr. 2* 4 Erzaͤhlungen von W. Irwing, aus dem Engl. 1822. 21 Gr. A. F. M. Richters Reiſen zu Waſſer und zu Lande. Fuͤr die reifere Jugend zur Belehrung und zur Unterhaltung kin ehemand, 4 Thle. 1822. 1823. 4 Thlr. 4 gr. R. Roos, Gedichte. 2 Thl. 1320 u. 23, 2 Thlr. 3 gr. ⸗ Erzählungen. 1820. 1 Thlr. 3 gr. „ 2⸗ Diietrich v. Harras. 1822. 1 Thlr. 3 gr. G. Schilling Schriften. Erſte Sammlung, 50 Bd. 50 Thlr. Praͤn. Pr. 33 Thlr. . 41 Zgweite Sammlung 30 Bde. 30 Rthlr. Praͤn. Pr. 24 Rthlr. St. Schuͤtze, heitere Stunden, 1r. Theil. 1821. 1 Thlr. 3 gr. 4 ⸗ 2 2 2r. Theil. 1822. 1 Thlr. 3 gr. 2 4 2 5 Zr. Te 1823. 1 Thlr. 3 gr. K. Streckfuß, Erzaͤhlungen. 1812. 1 Thlr. Taillefas, Schreckensſcenen a. d. Norden. 1820. 1 Thur. L. Tieck, Novellen. 1r Theil, Die Gfmnahide⸗ 1823, 24 Thj 0⸗ 1 Thlr. r l. ie Verlobung. 1823. 18 Gr. — 4 . F. van der Velde, Erzſtufen. 3 Theile. 1819. 6. T. van Erzſtuß 2 Thlr. 18 gr. rinz Friedrich. 1820. .. n) 1 Thlr. 12 gr. 3 ⸗ 3 2 Die Eroberung von Mexiko, 3 Thle. 1821. 3 Thlr. 2 ⸗ 2 3 Der Maltheſer. 1822. 1 Thlr. 12 gr. ⸗„ Die Lichtenſteiner. 1822. 1 Thlr. . 2*- Die Wiedertaͤufer. 1822. 1 Thlr. 3 gr. „ ⸗» Die Patrizier. 1823. 1 Thlr. 15 gr. 86* 2„ Guildo. 1823. 21 Gr. 2 2 2 Arwed Gyllenſtierna, 2 Thle. 1823. 2 Thlr. 12 gr. L. Weisflog, Phanfaſtftäck und Hiſtorien, 2 Thle. 82 Die 1te Sammlung der Schriften von Guſtav Schil⸗ ling beſteht aus 50 Baͤnden, welche im Ladenpreiſe 50 Thlr. koſten. Um aber den Freunden der neuen Sammlung den Ankauf der fruͤhern zu erleichtern, geben wir ſolche fuͤr 33 Thlr. Saͤchſ. oder Pr. Courant, wofuͤr ſie durch alle ſolide Buchhand⸗ lungen zu erlangen iſt. Es ſind in jener Sammlung enthalten: 1.) Das Weib wie es iſt. 2te verb. Aufl. 2. 3. 4.) Die Ignoranten. 3 Thle. 3te verb. Aufl. 5. 6. 7. 8.) Der Liebesdienſt. 4 Thle. 9. 16. Die ſchoͤne Si⸗ bille. 2 Thle. 3te verb. Aufl. 11.) Bagatellen von Z. Kukuck. 2te verb. Aufl. 12. 13. 14. 15.) Erzaͤhlungen. 4 Thle. 16. 17. 18.) Geſchichten. 3 TChle. 19. 20. 21.) Irlichter. 3 Thle. 22. 23.) Abendgenoſſen. 2 Thle. 2te verb. Aufl. 24.) Das Orakel. 25. 26.) Laura im Bade. 2 Thle. 27.) Der Beichtvater, 2te aus 2 in 1 Band gedraͤngte Aufl. 28. 29.) Die Saat des Boͤſen. 2 Theile. 30.) Claͤrchens Geſtaͤndniſſe, 2te aus 3 in 2 Bd. gedraͤngte Aufl. 31.) Die Wunderapotheke. 32.) Der Weihnachtabend. 2te verb. Aufft. 33.) Die Neuntoͤdter. 34.) Die Geiſter des Erzgebirges. 35. 36.) Flocken. 2 Thle. 37. 38.) Gottholds Abenteuer. 2 Thle, 2te verb. Aufl. 39.) Wallmann der Schuͤtze. 40.) Die Nachwehen. 41.) Freuden⸗ geiſter. 42.) Die Bedraͤngten. 43. 44.) Der Roman im Romane. 2 Thle. 2te verb. Aufl. 45.) Die Heimſuchung. 46.) Blaͤtter aus dem Buche der Vorzeit. 47.) Orangen. 2te aus 2 in 1 Band gedraͤngte Aufl. 48.) Flämmchen. 49.) Die Ver⸗ ſucherinnen. Ite verbeſſerte Aufl. 50.) Das Teu⸗ felshaͤuschen. Die zweite Sammlung erſcheint in Lieferungen zu 5 Baͤnden, welche im Ladenpreiſe 5 Thlr., gegen Vorausbezahlung aber nur 4 Thlr. koſten. In den erſten 5 Lieferungen ſind enthalten: 1.) Der Mann wie er iſt. 2te verb. Aufl. 2. 3. 4.) Ver⸗ kuͤmmerung. 3 Thle. 5.) Heimchen. 6. 7.) Stoffe. 2 Thle. 8. 9. 10.) Die Familie Buͤrger. 3 Thle. 1820. 11. 12. 13.) Wallows Toͤchter. 3 Thle. 1881. 14. 15.) Zeichnungen. 2 Thle. 1821. 16. 17.) Wolfgang, oder der Nahme in der That. 2 Thle. 18. 19. 20.) Haͤusliche Bilder. 3 Thle. 1822. 21. 22.) Der Maͤdchenhuͤter, 2 Thle. 2te verb. Aufl. 1823. 23.) Schilderungen. 24. 25.) Leander, 2 Thle. 26. 27.) Die Vorzeichen, 2 Thle. 28. Die Reiſe nach dem Tode, 3te Aufl. 29. 30.) Gefaͤhrten. 2 Thle, A Arnoldiſche Buchhandlung. ſinſſhſim. 16 17 enͤͤͤͤ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 —