Leihbibliothek g, deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Mi— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— 3„ „„„ n 3„—„—„ 5. Auswärtige abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Kusatheell. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———--—— )„ —= — — 8 — Guſtav Schilling. Erſter T.heil. Dresden, 1824, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. von Guſtav Schilling. Zweite Sammlung. Sechs und zwanzigſter Band. r Der Frau 8 ehrerbietig zugeeignet. Vorzeichen. Die Erſter Theil. . Ein Frauenkreis umgab des Fuͤrſten Mut⸗ ter, die hochverehrte Dorothea; das eben eingetroffene Kleinbild ihrer zukuͤnftigen Schwiegertochter, ging von Hand zu Hand. Die Damen muſterten, belobten, laͤchelten es an— ſie fanden herbe Zuͤge mild, un⸗ feine plaſtiſch, die nichtsſagenden beredtſam und ruͤhrend; Fuͤrſt Armand aber, der ge⸗ genwaͤrtige Braͤutigam, ſah in dem Gan⸗ zen nur geſchminkte Haͤßlichkeit und wendete ſich haſtig ab; er eilte in den Nebenſaal. Die Mutter litt mit dem geliebten Sohne, welchen der letzte Wille des herriſchen Va⸗ ters— ein Verſprechen„ das ihm dieſer, noch in der Todesſtunde abdrang, zu der 8 unfreien Wahl gedraͤngt hatte; ſie blickte ihm verſtohlen nach und ſagte dann, Zu⸗ friedenheit vorſpiegelnd: Prinzeſſin Caͤlie iſt keinesweges ſchoͤn, doch tugendhaft und dieſer Schmuck wohl, ihr wie uns am nuͤtlichſten; auch bringt ſie meinem Sohne die reiche Burggrafſchaft Hellgau zu, des Landes Wohlfahrt aber iſt ſeine Liebe! Die Damen prieſen ſofort das Nuͤtliche, auch Armands ſeltene und ruhmwuͤrdige Lei⸗ denſchaft; ſie brachten, um die Wette, Loͤb⸗ liches zur Sprache, das die Braut, wie man vernommen, Theils juͤngſt, Theils noch im Fluͤgelkleide, gewollt, geaͤußert und ge⸗ leiſtet haben ſolle und erquickten ſo das Mut⸗ terherz durch Wahrheit und Dichtung. Im Nebenſaale traf indeß der liebens⸗ werthe, truͤbſelige Fuͤrſt auf ſeine edle Freun⸗ 9 1 din, das Hoffraͤulein Alma von Irwell, welches ſo eben, mit der Mutter, von dem Beſuche weit entfernter Verwandten zuruͤck⸗ gekehrt war. Der Weg hatte ſie an der Heimat ſeiner Braut voruͤber gefuͤhrt, Neu⸗ gierde und Ruͤckſicht dieſelben veranlaßt, ſich Caͤlien und ihrem Hauſe vorſtellen zu laſſen und beide erſchienen jetzt, der Fuͤrſtin Mut⸗ . ter aufzuwarten und ſie durch angenehme Mittheilungen zu erfreuen. Der Freiherr von Truwold, Armands bewaͤhrter Freund und ſein Kammerherr, be⸗ gruͤßte die Ankommenden und ward alsbald von Alma's bloͤdſichtiger Mutter, welche den entfernt ſtehenden Fuͤrſten nicht wahrnahm, in ein Geſpraͤch verwickelt; das Fraͤulein aber ſchritt dieſem entgegen.— O Alma! wis⸗ perte er, ſchnell erheitert und reichte ihr die Hand dar. Die Jungfrau legte, ſtatt der ihrigen, ein Brieflein ſeiner Braut in die 10 gebotene und geſtand, daß ſie es, von der Gelegenheit beguͤnſtigt, gewagt habe, ihrer zukuͤnftigen Schutzfrau aufzuwarten. Iſt's moͤglich! ſprach er haſtig, den Brief kaum beachtend: Sie ſahn, Sie ſpra⸗ chen Caͤlien und ſind hoffentlich noch meine Freundin? So wird und muß mir Wahr⸗ heit werden! Wahrheit, ohne Ausflucht, ohne Zoͤgerung und ohne Schleier! Auf Ihr Gewiſſen denn! wie finden Sie die Braut! Alma entgegnete gleichmuͤthig: Sehr angenehm. E. Ich beſchwor die Freundin und das Hoffraͤulein antwortet. S. Sie aͤngſten mich, gnaͤdigſter Herr! und wuͤrden ſich doch, fuͤrwahr! nicht graͤ⸗ men duͤrfen, wenn ich, ſogar, das Gegen⸗ theil verſicherte. Unſere Urtheile uͤber den Gehalt und Reiz der Braͤute gehen ja, wie Ihnen neulich zu erklaͤren gefiel, faſt durch⸗ 11 aus von dem Geiſte der weiblichen Erbſuͤnde aus; ſie ſind demnach grundfalſch, einſeitig, ungerecht!— Soll ich eine Erlauchte nicht angenehm finden, die uns liebreich entgegen kam? die mich, mehrere Tage lang, feſt⸗ hielt und mit ſeltener Huld erfreute! Die, ach! ſo gern von meinem edeln Herrn und Fuͤrſten ſprach und ſein Bild an der lieben⸗ den Bruſt, bald mit Thraͤnen des zagenden Zweifels, bald mit Blicken des innigen Glau⸗ bens bedeckte? Die mir es, endlich, bei der ruͤhrenden Trennung, zur Pflicht machte, ſie ihrem Armand ungeſchmeichelt zu ſchil⸗ dern und noch andere ſtille Wuͤnſche laut werden ließ. Der Fuͤrſt entgegnete, mild und bewegt: Es iſt erfreulich, daß ſich das Brautpaar in demſelben Wohlgefallen an der Trefflichkeit begegnet— daß Caͤlie, gleich mir, in un⸗ K4 12 ſerer Alma eine Wahlverwandte fand. Darf ich um jene Wuͤnſche wiſſen? S. Um einen fuͤr den Augenblick! O, Gluͤckliche! ſagte ſie, mich mit Wehmuth an's Herz druͤckend: koͤnnte ich doch jetzt mit Ihnen reiſen und ſtill und unerkannt das Ziel erreichen, denn mir bangt bereits vor dem laͤſtigen Prunkzuge. Man wird mich, herkoͤmmlich, unter Weges, von Schritt zu Schritt, mit Herrlichkeit, mit Freuden⸗ ſcheine, mit Blumen und Kräͤnzen uͤberhuͤu⸗ fen und in Reden und Verſen erhoͤhen, waͤh⸗ rend dem mein Aeußeres die Saͤnger und Lobrehner Luͤgen ſtraft und mir die Spuren des unfreundlichen Eindruckes und der kraͤn⸗ kenden Befremdung uͤber Armands Wahl, nicht entgehen koͤnnen. Viel Selbſtkenntniß! fiel er ſeufzend ein: eine ſeltene Entaͤuſſerung! vor Al⸗ lem fuͤrchtet Caͤlie vielleicht, den Waͤhler ſelbſt von dieſem Eindrucke verduͤſtert zu ſehn. O nein! ſagte Alma, mit Nachdruck. Den Braͤutigam weiß ja die Braut, Theils durch das uͤberſandte, treue Bild vor ſolcher Ueberraſchung geſichert, Theils konnte ich derſelben, mit dem troͤſtlichen Grunde der Wahrheit, betheuern, daß der erlauchte Freyer an meinem Geſchlechte nur die ſitt⸗ liche Anmuth und den Seelenwerth hochhalte. So? ſprach der Fuͤrſt zwiſchen Harm und Beſchaͤmung: das ſagten Sie? In troͤſtlicher Ueberzeugung ſogar? Iſt Alma deſſen auch gewiß? Gewiß! entgegnete das Fraͤulein mit einem ſuͤßen Blick und Tone: und dieſem „ſchoͤnen, glaͤubigen Gefuͤhle“ wird, hoff' ich, Wort gehalten werden! Die Hand darauf, gnaͤdigſter Herr! Und giebt es Be⸗ ziehungen zwiſchen uns und den Geiſtern, 14 ſo muß die Braut in dieſem Augenblicke ein erquickendes Wohlſeyn— ſie muß die Naͤhe ihres Engels empfinden. Sie werden dieſer Engel ſeyn, erwie⸗ derte Armand mit leuchtenden Blicken und verſage ich den Handſchlag, ſo geſchieht es nur, um, zwanglos, Ihr Vertrauen zu bewaͤhren. 3 Herr von Truwold ward indeß, uͤber denſelben Gegenſtand, mit Eifer und ſelbſtge⸗ faͤlliger Ausfuͤhrlichkeit unterhalten. Frau von Irwell hatte, uͤber ihrer Darſtellung, be⸗ reits die Tochter und die vorhabende Aufwart⸗ ung bei der Fuͤrſtin Mutter vergeſſen, als das ſchmelzende Wachs des nahen Wand⸗ lichtes ihren blanken und gewaltigen Nacken mit einem Tropfbade verſah und ihr, naͤchſt⸗ dem, die Bruſtſterne des Fuͤrſten in's Auge fielen. Zwei Schrecken in demſelben Mo⸗ menke. Der dienſtfertige Hofmann befliß ſich ſofort, auf ihr Anſuchen, der noͤthigen Wachsleſe, dann eilte ſie ſchleunig nach dem Vordergrunde, entſchuldigte, in Demuth, die Saͤumniß, brachte wortreiche Gluͤckwuͤn⸗ ſche dar, pries, gleich der Tochter, die hohe Braut und verbuͤrgte ihm das Gluͤck der Zukunft. Armand fuͤhrte ſie, erkenntlich, ſeiner Mutter zu und kam dann in den Saal zuruͤck, um die Zuſchrift der Braut zu durchlaufen. 5 Noch weilte Truwold auf demſelden Platze; er hielt den Leſer ſtill im Auge und uͤberlegte, ob Cäͤlie wohl aus Großmuth, Gleichmuth oder Argloſigkeit, die blendend⸗ ſchäne, geiſtvolle Alma zur Mittlerinn zwi⸗ ſchen ſich und ihrem Verlobten erkieſ't habe. Promenons nous! rief ihm dieſer zu, ſteckte den Brief bei und warf, nach einigen 16 Gaͤngen durch den weiten Saal, die Bemer⸗ kung hin, daß jene Reiſe die Frau von Ir⸗ well ganz verjuͤngt zu haben ſcheine. Sie verſichert, erwiederte Truwold: dieſe Auffriſchung der ehrenden und ruͤhrenden Aufnahme am Hofe der erlauchten Braut danken zu muͤſſen. Dieſe Engelſeele, ſagt die begeiſterte geheime Raͤthin: hat mir gleichſam neues Leben eingehaucht. Erſtens dem Geiſte, zweitens dem Leibe; drittens beiden. Um das vierte brachte mich eine troͤpfelnde, ihren zweiten, weitſchichtigen Ab⸗ ſchnitt, bethauende Wachskerze. Armand lachte auf und ſprach: Im Ernſte, Freund! was ſagt ſie uͤber Caͤlien? ET. Wir ſollen uns Gluͤck wuͤnſchen— ſtolz ſeyn und anbeten. A. Frauenweiſe! Gern ſchmeicheln die Geſchmeichelten. Auch Alma ſtellte mir ein freundliches Bild auf und Beiden ahnet nicht, 5 17 daß man ſie, weltklug, zu befangen ſuchte — mir aber wird, ſelbſt im gaͤnſtigſten Falle, bei dem Guten doch das Schoͤne ge⸗ brechen. Sie, lieber Truwold, ſahen ja, vorhin, wohl auch das Gemaͤlde und ich fra⸗ ge, nur um den Hofmann zu angſten, wie Ihnen Caͤlie gefiel? T. Selbſt Fraͤulein Alma behauptet, mein Geſchmack ſey bizarr und dieſer Aus⸗ ſpruch macht mich kleinmuͤthig. A. In tauſend aͤhnlichen Geſichtern entſchuldigt doch, gewoͤhnlich, ein oder der andere Zug, waͤr' es auch nur ein anſpre⸗ chendes Gruͤbchen, das mißfaͤllige Ganze, doch eben in dieſem hat der unſelige Zufall alles was mir, einzeln, am mindeſten zu⸗ ſagt, vereinbart.— Armand ſchwieg— er ſchien eines troͤſtlichen Widerſpruches ge⸗ waͤrtig und ſprach, als der Freiherr nur wehmuͤthig laͤchelte: I. Theil. 2 18 Ich fuͤhle, was Sie denken und daß Ihr Inneres den Selbſtſuͤchtigen verdammt, der, im Beſitze ſeltener Guͤter, Vollkom⸗ menheit begehrt und mit dem Geber ſchmollt, weil er ihm dies Mal nicht den Honig zu⸗ ckern will. Oder ſehen Sie, vielleicht in der Burggrafſchaft welche die Braut mir ein⸗ bringt, dieſen Zuckerhut? Die Mitgift faͤllt, allerdings, in's Gewicht, ſie wuchert mir und nuͤtzt dem Lande; doch, fruͤher Menſch als Fuͤrſt— ein ſchoͤnſinniger, ge⸗ muͤthvoller uͤberdies, wuͤrde ich der Fee, die Caͤlien nach meinem Sinne verlieblichte, mit Freuden dieſen Gau zum Lohne geben. Ach, Tonnen Goldes obendrein! Es macht ſo gluͤcklich, in der Gattin die Anmuth zu umfangen— es iſt ſo lieblich, an der Hand einer Huldin zu wandeln! Die Feyer die ihr wird, der Segen, der ihr folgt, koͤmmt dem Beſitzer mit zu Gute. Sein Wille 19 ſichert ſeine Tugend! Er wird ein Gott!— der moͤchte ich ſyn! Der Wunſch iſt mei⸗ nes Gleichen zu vergeben. Die irdiſche Goͤttlichkeit hat ihre Ge⸗ fahren, erwiederte Truwold: und waͤre dann nur Ihrer Sehnſucht werth, wenn der magiſche Glanz, der das verſagte Heil umſtrahlt, auch am gewaͤhrten haften bliebe — wenn nicht errungenes Gluͤck zum Quel⸗ le neuer Wuͤnſche wuͤrde. Mich, zum Bei⸗ ſpiele, umgeben Schoͤnheit und Liebreiz, in dichter und erleſener Fuͤlle; die Heiligen und Goͤttinnen der chriſtlichen und der griechi⸗ ſchen Mythe— des Vaters nachgelaſſener Bilderſchatz bedeckt die Waͤnde. Jeder Zu⸗ ſprechende vergißt mich, in der Regel, uͤber dieſer Geſellſchaft, preißt den Beſitzer gluͤck⸗ lich und moͤchte Wohnung bei mir machen. Ich aber, ich habe ſie geſehn, gemuſtert, genoſſen; vom erſten bis zum letzten Jah⸗ 2* — 20 restage vor Augen gehabt! Ich gehe nun, geſaͤttigt und gleichmuͤthig voruͤber und er⸗ ließe Jeder gern das Schoͤne, wenn ſie nur ein verſtaͤndiges Woͤrtchen zu aͤußern ver⸗ moͤchten. Immer dichten Phantaſie und Sehnſucht den vermißten Guͤtern einen Reiz an, der ſich im Beſitze verleugnet und Fauſts Verhaͤngniß ſpiegelt ſich in jedem un⸗ gemeſſenen Begehren. Armand wendete ſich ab, er ſah aus dem Fenſter, ließ Bruchſtuͤcke eines Opern⸗ liedes vernehmen und ſprach dann, zu dem Freunde zuruͤckkommend: Wiſſen Sie wohl, daß meiner Braut bereits vor dem feſtlichen Einzuge und den Foͤrmlichkeiten der Hochzeitfeyer graut? Daß ich Caͤliens Anſicht, die Furcht vor dem Laͤrmen um Nichts, vor den patheti⸗ ſchen Poſſen, dem ſichern Unfuge, dem moͤglichen Verdruß und Ungluͤck theile, 4 4 . 21 die ein ſolcher Staatsackt herbeizieht, und die Gute am liebſten, ſtill, wie ein Buͤrger, hier einfuͤhrte? Daß mich Erleuchtungen, Ehrenpforten, Luſtfeuer und Prachtgelage ſtets an die Zeit mahnen, wo der große Peiniger ſie uns, als Dankopfer fuͤr erlitte⸗ ne Pluͤnderung, fuͤr Mordbrand, Schmach und Frevel abnoͤthigte? Wie waͤr' es, Lie⸗ ber! wenn Sie ſelbſt meiner Braut die Antwort auf dieſe ihre Zuſchrift uͤberbraͤch⸗ ten? derſelben meine Anſicht und Zuſtim⸗ mung beilaͤufig mittheilten; zuhorchten, ob auch ihr Oheim, der Herzog, die Neuerung genehmigen moͤchte und in dieſem Falle als⸗ bald das Noͤthige einleiteten. Unfern der Grenze, auf Caͤliens Wege, liegt mein al⸗ tes Jagdſchloß Heimwald. Dort kann ich ja die Braut ohne Aufſehn erwarten, em⸗ pfangen, an demſelben Abende mit derſel⸗ ben hier eintreffen, ſie zur Kapelle fuͤhren, getraut werden und am folgenden Morgen verkuͤndigen dann hundert Kanonenſchuͤſſe den Lieben Getreuen, daß ihnen eine Fuͤr⸗ ſtin ward. Dieſe glaube ich, duͤrften mir Dank wiſſen. Man hat ihnen Talg und Oehl, die Bilder⸗ und Reimjagd, Hader und Rangſtreit, Drangſal, Koſten und Zeit⸗ verluſt erſpart und wer uns dennoch feyern will, wende ſich zu der Huͤtte des Armen und erleuchte die Nacht des Kummers.. Ich werde, dankbar, ein Gleiches thun! Amen! rief Truwold, mit ſichtlicher Freude und erklaͤrte ſich zu der Abreiſe be⸗ reit; der Fuͤrſt ging, um zu ſchreiben und jener in das Damenzimmer zuruͤck, wo Frau von Irrwell indeß die Prinzeſſin Braut den Beßten gleichgeſtellt, ſie redend 7 eingefuͤhrt und ſich damit die Fuͤrſtin Mut⸗ ter aufs Innigſte verpflichtet hatte. Dieſe nahm jetzt, beruhigt, an ihrem Fluͤgel Platz. r r 23 Die Mehrheit der Damen umringten ſie ſo⸗ fort, Theils um dem Vortrage der Meiſte⸗ rin zu lauſchen, Theils, um ihr, durch dar⸗ gelegten Kunſtſinn und Antheil, zu gefallen; Andre fuͤgten ſich, wispernd, in Gruppen, Truwold aber geſellte ſich zu dem Fraͤulein Alma, das er, mit ſeiner Schweſter Philip⸗ pine im Geſpraͤche, hinter dem Behaͤnge eines Fenſters traf. Auch hier ward eben wieder uͤber den heutigen, uͤberall vorherr⸗ ſchenden Text verhandelt.— Lieber Cou⸗ ſin, lispelte Alma, ihm traulich in die Au⸗ gen blickend: Sie waren ja immer mein Orakel und ſollen mir jetzt ehrlich ſagen, ob dieſe Verbindung Gluͤck oder Unheil bringen werden Unheil! ſprach Philippine, und ging ha⸗ ſtig davon, Truwold erwiederte, mit halber Stimme: Der Erfolg, mein Fraͤulein! liegt, wie 24 mir deucht, in Ihrer Hand. Ich hoffe das Beßte, doch ſo lange nur, als Alma dieſen Bund behuͤten und veredeln hilft. S. Ich? Sie erſchrecken mich! E. Andern wuͤrde dieſe Wahrſagung ſchmeicheln. 1 S. Die Stellung iſt, in alle Wege, viel zu kritiſch, als daß ich ſie behaupten koͤnnte! Und warum ich? E. Der guten, waffenloſen Caͤlie muß ſich nothwendig ein Schutzengel beigeſellen; vor allen eignet ſich des Fuͤrſten Heilige da⸗ zu. An der iſt es dann allerdings, im Stande der Verklaͤrung auszudauern— entſchloſſen zu verſchmaͤhen, was nur zu leicht die Weiblichkeit bethoͤrt und Sie dann tiefer, als die gefallenen Engel hinabſtuͤrzen wuͤrde.— Des Fuͤrſten ſchoͤnſter Gedanke iſt Alma! In Ihnen ſieht er den Inbe⸗ griff aller Segnungen, die eine irdiſche — —————;;— — —————— 25 Jungfrau der hochgelobten aͤhnlich machen⸗ Einfalt und Wuͤrde, ſittliche Guͤte, ruͤhren⸗ de Anmuth und die kindliche Unſchuld der Triebe— das Lichterſpiel geiſtiger Silber⸗ blicke und der lieblichſten Form. Darum, mein Fraͤulein! liegt Caͤliens Loos, liegt un⸗ ſer aller Wohlfahrt in Ihrer Hand und an jeden dieſer zarten Finger knuͤpft ſich ein Faden, der den Himmel herab oder die Hoͤlle heraufziehen kann. Auf Ihrer Tugend ruht dieſes Hauſes Frieden— des Landes Wohl— des Fuͤrſten Ehre!⸗ Alma, mit Glut bedeckt, voll Angſt und Erſtaunen, ward eben jetzt zum Fluͤgel hingerufen, um ihre wohllautreiche Stim⸗ me vernehmen zu laſſen, zu ihm aber trat die zuruͤck kehrende Schweſter und lispelte, dem Fraͤulein verwundernd nachſehend: Sie brennt und zittert; auch du biſt aufgeregt 26 und haſt wohl endlich Dein Herz ausge⸗ ſchuͤttet? E. Ich? in wiefern? S. Haſt ihr von Deiner Paſſion ge⸗ ſagt? E. Dann huätte ich offenbar gelogen. Ich will ihr wohl, doch ohne Leidenſchaft⸗ S. Deß freue ich mich! Sie ſchaͤtzt Dich nur! E. Auch das iſt troͤſtlich. Dauernde Zuneigung kann nur auf ſolchem Grunde wurzeln. S. Und Sie ſchaͤtzt in Dir nur den Mann von Einfluß. Genug davon! Sahſt Du das Bild? Der arme, bedauernswerthe Fuͤrſt! Wir alle ſind außer uns! Die kur⸗ ze Stirn, die hohlen Wangen, die duͤrfti⸗ gen Lippen und das geſpenſtige Augenpaar. Der Mahler iſt ein Jacobiner, oder ihr — 27 perſoͤnlich gram, und will ſie dem Braͤuti⸗ gam im Voraus verhaßt machen. Er faßte, ſtill empoͤrt, die Hand der Argen, er fuͤhrte ſie zum nahen Spiegel und ging davon. Philippine war garſtig; ſie wußte es ſogar und zog jetzt, in ihrem Jaͤhzorne, ein Geſicht, das eigentlich dem Bruder gelten ſollte, das der Spiegel treu⸗ lich zuruͤckgab und ſie durch das eigene Eben⸗ bild zuͤchtigte. Luiſe, Alma's Kammermäͤdchen, be⸗ kleidete eben, am folgenden Morgen, das Fraͤulein, und ſchrie, gleichzeitig mit dieſem, auf, denn ein junger, gewaltiger Offizier der reitenden Garde trat, in der umgeſtal⸗ teten, neuen Staats⸗Uniform, durch die Thuͤr, welche ſie zu ſperren vergeſſen hatte. Die Jungfer warf alsbald das große Tuch uͤber ihre erſchrockene Herrſchaft, Ryno aber 28 faßte der Schweſter Arm und fragte: Wie gefall' ich Dir? Alma erholte ſich ſchnell von der Be⸗ ſtuͤrzung; ſie hatte den Bruder geſtern nur fuͤr Augenblicke geſehen, umarmte ihn, blickte an dem Glaͤnzenden auf, wendete ihn nach der Seite, belobte des Fuͤrſten Geſchmack, der ſeine Garde erſt waͤhrend Alma's Abweſenheit ſo herausgeputzt hatte und ſagte lachend: Am beßten magſt Du wohl Dir ſelbſt gefallen. Ich bin zufrieden, erwiederte er: fruͤher ſahen wir freilich proteſtantiſcher, philoſo⸗ phiſcher— wenn Du willſſt, ſelbſt republikani⸗ ſcher aus, doch unſer Stand bedarf der Sin⸗ nenſpeiſe, und ich fuͤhle mich in den ſchame⸗ rirten Langhoſen, allerdings um eins ſo mo⸗ narchiſch geſtimmt und recht erpicht aufs Infallible— Abſolute. 2 29 S. Hat denn die Mutter ihr Herzblatt ſchon in der Vergoldung geſehen? E. O, die bekam ihre Kraͤmpfe vor Freuden— nur die kleinen, zum Gluͤcke; ſie griff nach dem Balſam und vergaß dar⸗ uͤber, zu fragen, wie es um meinen Geld⸗ beutel ſtehe?— O frage Du an ihrer Statt! Erbarme Dich des abgemagerten Zwergdarmes— borge mir! Wieder ein Mal! ſprach Alma klein⸗ laut: und die Zahltage daͤmmern, leider! erſt in jener Welt auf. E. Iſt Hoffnung nicht viel ſuͤßer, als Befriedigung? Ich fechte, glaube es! hoͤchſt ungern, die Verwandtſchaft an, doch Abraham iſt mauſetodt, ſein Iſaak ſchmollt und Jakob meinte, ich ſolle es doch ein Mal bei der Chriſtenheit verſuchen. Du Schweſterchen! gehoͤrſt ihr an. Ich habe, um mit der Eboli im Carlos zu reden: habe nie fuͤr eine ſchlecht're Chriſtin Dich gehal⸗ ten, als die Markiſin Mondekar. S. Gott Lob, daß Du nur Poſſen treibſt! E. Hoͤchſtens im Bezug auf die Erz⸗ vaͤter, mit Deinem Chriſtenthum aber mei⸗ ne ich's ernſtlich. Sieh, liebes Herz! ich habe ein Pferd im Handel— ein Pferd! Kaſtor und Pollux reiten kein beſſeres. Den⸗ ke Dir einen engliſchen Wallaachen, ſechs⸗ jaͤhrig, groß, ſtolz gehalſt, hellbraun, mit einer Blume und weißen Hinterkoͤthen— den Schweif ſchoͤn eingewachſen und ſpiegel⸗ blank. Iſt auf den Ganaſchen los, ſpielt eine koͤſtliche Vorhand, verſagt kein Futter, laͤuft wie die galloppirende Schwindſucht und ſetzt wie mein Pudel— S. Hoͤr' auf, ich bitte Dich! man hoͤrt einen Roßtaͤuſcher in ſeiner Verzuͤckung. E. Und ſoll es mein und ſoll ich gluͤck⸗ 31 lich werden, ſo ſey ſo zaͤrtlich und ſpanne vor! Vierzig ziehn! Du kennſt die Sorte. Alma hielt dem Bruder zufoͤrderſt eine ſchweſterliche Geſetzpredigt, holte dann ein Goldroͤllchen aus ihrem kleinen Mammon herbei, bot es ihm und ſagte: Bloß, weil ich Dich ſo friſch und bluͤhend wieder finde und Du, in dieſem Punkte, dem heiligen Ver⸗ ſprechen treu geblieben ſcheinſt. Ach Gott, und wie! fiel Ryno, ſie um⸗ armend ein: aber ſollteſt Du wohl glauben, daß man, um der Tugend willen, verklagt werden koͤnne? Sogar vom Schneider! wie reimt ſich das? Sechs bis acht neue Maͤntel, fuͤr die ihm freilich noch kein Gro⸗ ſchen ward, hab ich, ſeitdem wir uns nicht ſahen, nach Joſephs Weiſe fahren laſſen und meiſt alle, obenein, waͤhrend des Land⸗ regens; ich ward pudelnaß. Alma lachte wider Willen. Jetzt Scherz 32 bei Seite, ſprach ſie dann, den Liebling mit ihren weichſten Schmeichellauten und ihrem gewinnendſten Blicke bedraͤngend: iſt auch Dein Herz noch immer frey? Ein Maͤdchen hat wohl Jeder! entgeg⸗ nete Ryno: das meine aber dient mir gleich⸗ ſam zum Fallſchirme oder gegen die Faͤlle vielmehr. Alſo doch! ſeufzte die Schweſter, un⸗ muthig und ſchnell verduͤſtert: es mag ein ſauberes Weſen ſeyn! E. Ich wohne im Schneegaͤßchen, wie Du weißt, das nicht viel breiter als eine Mauerſpalte iſt und mir gegen uͤber— Erker gegen Erker, waltet Niſa, die ich meine. Um die Zeit, wo der Geiſt im Hamlet laut wird, ſtecken wir verſtohlen die Koͤpfe aus dem Feuſter, denn keuſch wie Orphelie, will ſie ſtets das Schneegaͤßchen zwiſchen uns wiſſen. Wie Hamlet, ſchwoͤre ich dann, ich lange hinuͤber, erfaſſe die Schuͤchterne am Kinne, das des Maͤdchens laͤngſte Partie iſt und halte meine Niſa feſt, bis ſie mir dies und jenes geſtanden hat— vor allem das Wachsthum ihrer Zaͤrtlichkeit. Wer unten durchgeht, denkt vielleicht, die Erker neigen ſich der ewigen Liebe. A. Du biſt ja durchaus der Alte ge⸗ blieben! ſprach Alma, zwiſchen Luſt und Schmollen: man hoͤrt noch immer kein ernſt⸗ haftes Wort. E. O, doch! ich will Dir Ruͤhrendes erzählen, von meiner zweiten Nachbarin— von der Mulattin Bobeline, die jetzt ber Wittwe Blankeis dienſtbar iſt. Die Arme hat es ſchlimm! Des Sonntags ſogar, wo ſelbſt ein Aſchenbroͤdel ſein Menſchenrecht fuͤhlt und geltend macht, den Kuͤchenruß ab⸗ ſchuͤttelt, ſich anputzt und ausfliegt, muß Bobelinchen den Kettenhund vertreten und J. Theil. 3 34 auch aus der Kirche zuruͤckbleiben, weil ſich ihre Feigenblaͤtter kaum fuͤr den Werkeltag eignen. Da ſaß ſie denn, am Oſterfeſte, auf einem Faͤßchen vor der Thuͤr, ſtrickte und ſann und in dem truͤbſeligen Geſichte lag das Gefuͤhl der bittern Armuth und Ver⸗ laſſenheit. Rings um aber war es oͤde und ſtil; alles hinausgegangen, den Lenz zu be⸗ gruͤſſen, nur Trolle, mein Pudel, machte ſich unten breit; er umkreiſ'te die Einſame, wedelte, ſchmeichelte, ſprang endlich an ihr auf und ſchmiegte, freundſelig, den Locken⸗ kopf an ihren Buſen.— Ploͤtzlich warf ſie das Strickzeug von ſich. Iſt mir doch Jemand gutl rief das Maͤdchen, druͤckte den Pudel an's Herz und verbarg die wei⸗ nenden Augen in ſeinem Behaͤnge. Ich ſah, hinter dem Vorhange lehnend, dieſem ſeltſamen Ruͤhrſpiele zu und ſuchte ſchnell 3⁵ ein Thalerſtuͤck heraus, um es ihr auf den Schooß zu werfen. Ryno, fiel Alma, mild und begutigt ein: geſteh es nur, die Mulattin iſt anzie⸗ hender, als Du ſie darſtellſt. E. Huͤbſch, meinſt Du, Schweſter⸗ chen! die Flammen⸗Augen weggerechnet, wohl nur in meines Pudels Augen. Miß⸗ farbig, wie ihre Gattung, zwerghaft, hoͤchſt gewiß ein Kind der Suͤnde, das wider den Willen ſeiner Mutter zur Welt kam. Ge⸗ nug, jetzt ſah mein Bobelinchen auf, er⸗ blickte mich, ſchien erſchrocken, gruͤßte de⸗ muͤthig und das Thalerſtuͤck flog hinab. „Ich meine es auch gut!“ rief ich ihm nach und verbarg mich. Der Hund apportirte das fortrollende Geld, er legte es ihr, we⸗ delnd, zu Fuͤßen und mein Herz ergriff die Wehmuth.—„Iſt mir doch auch Je⸗ mand gut!“ O, Du arme Verſaͤumte! 3* 36 eines Hundes Gunſt reichte hin, ſie zu troͤſten! So biſt Du liebenswerth! ſagte Alma ſchnell bewegt und umſchlang ihn. E. Als ich, am Abende des folgenden Sonntags von einem Spazierritte heimkehre, ſitt die Mulattin, wie neulich, vor der Thuͤr, nimmt mich wahr, faͤhrt auf, haͤlt ein neues, ſchoͤn eingebundenes Gebetbuch, die Frucht meines Thalers empor, kuͤßt und druͤckt es dann, wie Du jetzt mich, an ihren Buſen. ⸗ Ich kuͤſſe Dich auch, ſprach Alma, in Thraͤnen: zum Lohne fuͤr die heilbringende Gutthat. Dein Lohn wird mir, wie Manchem der Orden. Nicht ich, Schweſterchen! Trolle, mein Pudel, iſt der Thaͤter; der hat ſie umarmt, erquickt, ihr das Geld zugetragen 37 und wenn Du gerecht ſeyn willſt, ſo leg' ein Ehren⸗Waͤrſtchen fuͤr ihn bei. Fraͤulein Cora! rief Luiſe in's Zimmer: ſchon auf der Treppe. Cora, die Hofmuſe? fiel Ryno ein: die iſt willkommen! ſie ſoll mich in der Galla ſehn. Die bringt uns in Verſe, mich und den Braunen, den Pudel dazu. Sie macht ein Buch aus uns— ich bleibe! Dies Mal nicht! entſchied die Schweſter, ihn nach der Thuͤr draͤngend: Erſtens ſind ihr eitle Maͤnner zuwider, zweitens wuͤnſcht ſie mich, ihrer geſtrigen Aeuſſerung zu Folge, unter vier Augen zu ſprechen. Hat nichts zu ſagen! verſicherte Ryno: im Vorſaale muß ich ja doch auf ſie treffen und dann wird nicht unter, ſondern mit den vier Augen geſprochen. He, he, he! bon voyage, cher Dumolet! damit ging er⸗ 38 Der Leutnant hatte wahrgeſagt; denn Fraͤulein Cora ließ die Freundin lange genug auf ſich warten; ſie trat endlich in ſichtlicher Aufregung ein, flog an Alma's Herz und ſprach: Willkommen, Suͤßeſte! Du harrteſt meiner, aber rechte mit dem herrlichen Krie⸗ ger— die neue Uniform vollendet den An⸗ tinous. Gott, welche Aehnlichkeit! Der Bruder ſpiegelt ſich in Dir, wie Helios in der leuchtenden Schweſter. 3 Alma belaͤchelte den hochfliegenden Ver⸗ gleich; ſie durchlief im Geiſte ihre Goͤtter⸗ lehre, um ſich der Schoͤnrednerin durch einen aͤhnlichen zu empfehlen, kehrte vergebens auf Delos, zu Delphi, in Olympia ein und er⸗ klaͤrte endlich, als ſich Alles verſagte, ihre Halskrauſe fuͤr das Ideal aller gedenkbaren. Noch manche, nicht durchaus glaubwuͤr⸗ dige Rede dieſer Gattung ward hierauf, mit * 39 edler Selbſtverleugnung, gewechſelt, dann ſagte Cora mit fallender Stimme: Ach, Liebe! ſchmerzlich habe ich Dich vermißt und komme nun, das volle Herz am Buſen der Erwaͤhlten auszuſchuͤtten, den Rath meiner Treuen und Verſtaͤndigen in Anſpruch zu nehmen, und ihn dann blind⸗ lings zu befolgen. Blindlings? fiel Alma ein: da ſey Gott fuͤr! Du findeſt zwar die Treue und den redlichen Willen, doch uͤbrigens eine Uner⸗ fahrene, die Dein guͤnſtiger Vorbegriff be⸗ ſchaͤmt. Zu meinem Gluͤcke hat das Herz gewoͤhnlich, wenn es Rath begehrt, ſich ſchon entſchieden, denn es muͤßte mich auſſerdem aͤngſten, die Vertrauende in einer Haupt⸗ ſache von dem meinigen beſtimmt zu ſehen. Ausfluͤchte der Beſcheidenheit! erwiederte dieſe: die ich ehre, ohne ſie gelten zu laſſen. Du weißt, daß mir Herr von Seedorn den Hof macht! Vor kurzem endlich warb er, in aller Form, um meine Hand, und wird bis jetzt noch, durch die Bitte um Bedenk⸗ zeit hingehalten. Was ſagſt Du nun? A. Wohl ihm, ſag ich, und wohl auch Dir! der Mann iſt angenehm, iſt rechtlich und gebildet, iſt ein belobter Regierungzrath und auch vermoͤgend. C. Reich ſeit des Oheims Tod, den er beerbte. A. Und weder karg, noch verſchwende⸗ riſch. C. Ich aber bin, Du weißt es, un⸗ bemittelt. A. Bedarf es da noch guten Rath? C. Unzweifelhaft! Zwar will er mich mit Ueberfluß bedecken, mit erleſenen Krei⸗ ſen umgeben, Wagen und Pferde zu mei⸗ nem Befehle ſtellen, die Wohnung im neue⸗ ſten Geſchmacke verzieren, mir jaͤhrlich eine 41 große Summe zu den kleinen Beduͤrfniſſen darreichen und auf ſein Wort waͤre zu rech⸗ nen, Aber, ich liebe ihn nicht!— Tau⸗ ſende wuͤrden ſich, unter dieſen Verhaͤltniſſen, durch Selbſttaͤuſchung blenden und beſchwa⸗ zen, ich vermag es nicht! Was er auch bieten kann, es reicht nicht hin, mich mit der Opferung zu verſoͤhnen. Gewohnheit entzaubert ſchnell die todten Guͤter, die ge⸗ ſelligen Vergnuͤgen werden zu armſeligen Nothhuͤlfen und Betaͤubung⸗ Mitteln, wenn wir uns nicht, in ihrem Kreiſe, auf ein noch ſchoͤneres Daheim freuen koͤnnen— wenn nur gemahlte Blumen am Hausaltare bluͤhn. A. Auch die lebendigen verbleichen. C. Maͤnner ſind ſelbſtſuͤchtig und ein⸗ gebildet, Seedorn wird, naturlich, der Gattin Liebe als eine nothwendige, natuͤr⸗ liche Folge ſeiner Anzugkraͤfte vorausſetzen 42 und ihren Zeichen entgegen ſehn. Ich ſoll ihm dann, um unſeres Friedens Willen, Regungen vorſpiegeln, Wallungen heucheln und dem widerſtrebenden Gefuͤhle die Farben der Lebens⸗ und der Herze Wehe mir, wenn ich's ver uns Beiden, im Gegenfalle! A. Mindeſtens wird Dein Herz Wohl⸗ wollen und Dankbarbeit fuͤr ihn empfinden und dieſe reichen denn nswaͤrme leihn! eh' us, dem An⸗ ſpruche des Gatten zu Die ſchwaͤr⸗ meriſche Liebe ſoll ja, uͤberhaupt, nur in ſeltenen Faͤllen, zu einer gluͤcklichen Verbin⸗ dung fuͤhren und wer, beſonnen und nuͤch⸗ tern, in den Eheſtand tritt, erſpart ſich, dieſem nach, das ſchmerzliche Erwachen aus dem Rauſche und die unnuͤtze Sehnſucht nach einem entſchwundenen Engeltraume. C. Schoͤne Worte voll trauriger Wahr⸗ 43 heiten; ſie koͤnnen weder troͤſten noch auf⸗ muntern. A. Weil Dir der Freier widrig iſt? — Cora verneinte. A. Nun, ſo hat Dich der Unhold ge⸗ blende—, vor dem uns neulich der Dompre⸗ diger warnte— der oft eben dann, wenn uns das Schickſal guͤnſtig wird, des Men⸗ ſchen Sinn verkehrt, ihn zur Verſchmaͤhung ſeiner Wohlfahrt treibt, auf immer um die beſſere Zukunft bringt und der fruchtloſen Reue preisgiebt. C. Aber geſtehe doch, Alma! daß Seedorn ſich nur in der flachen Wirklichkeit gefaͤllt— daß er, gleichſam, das Sinnbild des Werkeltages iſt und ich dagegen durch ein Feenglas ſehe. Daß ich, am liebſten, im Aether, unter goldenen Horen wandle, waͤhrend dem er ſich, mit gebundenem Sin⸗ 44 ne, im Actenſtaub— im Takte des Pendel⸗ ſchlags bewegt. A. Aber nuͤtzend! So auch bewegt ſich der Saͤman, im Staube gehend und ſein ſtilles Weben ſchafft den Segen. Wüas ſcgaſf ein Maͤdchen auf der Aetherbahn? C. Das Schoͤne, wenn's gelingt! A. Wir, denk' ich, ſind berufen, es mit gebundenem Sinne, auf ebener Erde zu erwirken. 4 Berufen vielmehr, fiel jene, ſchnell er⸗ eifert ein: mit der Flamme im Buſen, mit der Sehnſucht im weichen Herzen, kuͤhl, feſt und engelhaft zu ſcheinen, dem Luͤgner zu glauben oder das Spiel des Verzuͤckten und das Opfer ſeiner Entzauberung zu werden— oft reicher als der Mann an Sinn und Ga⸗ ben, nur Kleinliches und Unbedeutendes, treiben und hervorbringen zu ſollen! Sie ſtand jetzt auf, ſie trat vor Ryno's Bild, das uͤber dem Arbeittiſche ſeiner Schweſter hing, klaͤrte ſich ſchnell wieder aus und ſagte, nach langer Beſchauung, mit Freundſeligkeit: Er iſt viel ſchoͤner!— Und er iſt ſo gut! wie gluͤcklich biſt Du, auch in dieſer Bezie⸗ hung. Ja, er iſt gut! entgegnete Alma: doch aber, wie alle ſeines Gleichen, zur Verwil⸗ derung geneigt. C. Die Folge der Kraftfuͤlle! Ich traue ihm Gemuͤth und ein zaͤrtliches Herz zu. Ob er wohl lieben mag? A. Mich und die Mutter!— den Pudel und ſein Pferd. C. Ein ſeltſames Kleeblatt!— Ich weiß es, er vergoͤttert Dich! A. Wie der Calabreſe die Schutzheilige — das heißt, ſo lange, als er ſie willfaͤhrig waͤhnt. Ryno liebt mich, weil ich, bei des Vaters Lebzeiten, timmerfort zudecken, ver⸗ 46 tuſchen und zur Suͤhne reden half, wenn ſein Unfug dieſen aufbrachte— weil ich, der Mutter aͤhnlich, den Wildfang ſtreichle, ſtatt zu eifern, dem Trotzkopfe gute Worte gebe, ſtatt ihm dieſen zurecht zu ſetzen und noch immer zu Allem Ja und Amen ſage, wenn er mir liebenswerth erſcheint. Cora legte, tief athmend, die Hand auf Alma's Schulter, ſchmiegte ſich an ſie und ſagte, mit bebenden Lauten und Lippen: Ich gaͤbe viel fuͤr einen ſolchen Bruder— das hoͤchſte Gluͤck fuͤr einen ſolchen Mann! — Mein Herz iſt voll!— Mein Mund ging uͤber!— Und weinend fuhr ſie fort: O habe Mitleid! verkenne mich nicht! Sage mir ein troͤſtliches Woͤrtchen! Haßt er mich, Liebe? Oder will er mir wohl? Sprach er ſich irgend je uͤber mich aus? Alma ſtand, erſtaunt und verſtummend, auf Dornen, denn das Geſtaͤndniß uͤber⸗ raſchte und erſchreckte ſie. Die Frauen wei⸗ nen leicht, ſobald ſie Thraͤnen ſehen und die Wirkung dieſer Mitleidenſchaft gewann ihr eine Minute Zeit zur Beſinnung. Gute Cora, ſagte ſie dann: dieſe Eroͤffnung faͤllt gleichſam aus den Wolken in mein Herz und mich kann nur die Staͤrke des Deinigen troͤ⸗ ſten. Du biſt eine Maͤnnin im edleren Sinne und als ſolche jeder Wallung gewach⸗ ſen, die tauſend Andre verſtoͤren wuͤrde. Mache jeht dieſe koͤſtliche Mitgift an Dir geltend!— Ryno liebt! ich muß es fuͤrch⸗ ten! fuhr Alma fort, zu der Nothluͤge grei⸗ fend, die der fromme Zweck in ihren Augen entſchuldigte: doch meine Cora liebt er nicht! Du giebſt mir Gift und Gegengift, fiel dieſe, haſtig und durch Thraͤnen laͤchelnd, ein: Er liebt! die Hoffnung flammt em⸗ por! O, waͤrſt Du vorhin die Zeugin un⸗ ſerer Begegnung im Vorſaale geweſen! Haͤt⸗ teſt Du, wie ich, dieſe lodernden, begeiſter⸗ ten Augen geſehen; gehoͤrt, was er ſprach und wie er die deutſame Rede betonte. Es wa⸗ ren ſelige, aus der Seele ſtroͤmende Gefuͤhle, die, Kraft ihrer Wahrheit, mein Innerſtes durchdrangen. Ich taͤuſche mich nicht! In dieſem Augenblicke trat Alma's Mut⸗ ter in das Zimmer, ſprach ihr Vergnuͤgen aus, das treffliche Fraͤulein, nach der langen Entfernung, ſo ſchoͤn und ſchoͤner noch als ſonſt zu finden, fragte mit Eifer nach man⸗ chen, uns gleichgiltig laſſenden Dingen und erzählte nun wieder von der Prinzeſſin Braut und der beſondern, dort genoſſenen Gunſt, bis Cora ſich empfehlen mußte. Alma kehrte an den Stickrahm zuruͤck, doch ihre Hand weilte unthaͤtig uͤber dem Stoffe. Die heilloſen Maͤnner! dachte ſie, kummervoll ſinnend: heute wird man, —,—— wenn die Laune oder ein augenblickliches Wohlgefallen ſie aufregt, in der Sprache der Leidenſchaft bedraͤngt und erhoben— mor⸗ gen gehn ſie, ſtolz und gleichgiltig, an der Belogenen voruͤber oder aͤffen wohl gar die Nachbarin mit aͤhnlichen Strohflammen. Oben auf und ausgelaſſen, wie er mich ver⸗ ließ, trieb mein Herr Bruder, offenbar, daſ⸗ ſelbe Spiel. Die arme Cora hat den Eit⸗ len, bei jenem Zuſammentreffen als eine wohlthuende Erſcheinung, im Geiſte ihrer Sehnſucht begruͤßt, er aber, von dieſer Hin⸗ neigung berauſcht, die Guͤtige noch uͤberbo⸗ ten und ſo den falſchen Wahn in dieſem gern⸗ glaͤubigen Herzen angefacht.— Er liebt ſie nicht! das iſt entſchieden! er flieht die Gat⸗ tung, der ſie angehoͤrt, er wuͤrde ſchnell zum Phaon an ihr werden, ſie aber weiſ't, in trauriger Verblendung, den wackern See⸗ dorn ab, um jene bald vergebens zu bewei⸗ 1. Theil, 4 nen.— Das Fraͤulein zog die Klingelſchnur; Luiſe kam. Der Bediente, ſprach ſie ha⸗ ſtig: ſoll meinen Bruder aufſuchen und ihn, Namens meiner, bitten, ſich augenblicklich einzuſtellen. L. Den haben die gnaͤdige Mama ver⸗ ſandt, um Damen zu der heutigen Spiel⸗ partie zu finden; ich gehe ſelbſt. A. Du ſelbſt? Zu einem Offizier? L. Nun, das ſind auch nur Menſchen, gnaͤdiges Fraͤulein! und um ihm zuzuſagen, muͤßte ich ein Klepper oder ein Huͤhnerhund ſeyn oder bettelarm und verkruͤppelt, denn ſeine Inklinazionen ſind wunderlich. Nein, nur zu des Herrn Bruders Wirthin wollte ich gehn, zu der Frau Merkerin, die fuͤr mich ſchneidert, und ſie zu ihm hinauf ſchicken. A. Iſt die noch jung? L. Ach Gott! meine Großmuhme. 51 A. Weißt Du nicht etwa, wer ihm gegenuͤber wohnt? L. Auf's Daus, Ihro Gnaden! Die kann ich an den Fingern herzaͤhlen. Zu ebener Erde die Witwe Blankeis, ein altes, boͤſes Thier, das Aquavit ſchenkt und auf Pfaͤnder borgt. Im erſten Stock ein Pferde⸗ Doctor, der, als Feldſcheer, bei dem Land⸗ ſturme gedient hat und am Silveſter⸗Abende ſeine Schwiegermutter abſchnitt, die ſich im zweiten gehangen hatte. Der ſteht nun leer, denn es geht drinn um. Im dritten ſitzt die Nieſen⸗Guſte. A. Herrliche Nachbarn! Und dieſe Guſte iſt wahrſcheinlich eine ſogenannte Mamſell? Luiſe lachte auf. Bewahr' uns Gott! Sie prudelt und waͤſcht, iſt haͤßlich und ſpin⸗ delduͤrr; ſie hat ein Kinn ſo lang und fegt unterweilen des Herrn Leutnants Quar⸗ tier aus. 4* 52 Die arme Frau! ſprach Alma, beruhigt; ſie lachte jetzt auch— uͤber Ryno's Niſa und ſeinen Schwank. Wohl iſt ſie arm, fuhr Jene fort: und muß zudem zwei ungluͤckliche Toͤchter er⸗ naͤhren. Die Aeltere, Ausgewachſene, hat weder Saft noch Kraft und leidet auf der Bruſt— es pfeift, ſo oft ſie Odem holt— Die Zweite aber kam blind zur Welt, ſieht uͤberdies der Mutter gleich; ſie tappt nun ſo herum, als ob ſie das Licht und den Helfer ſuchte. Die und dergleichen ſind des Herrn Leutnants Schaͤtze! Ich kann mich, leider Gottes! noch keines Groſchens von ihm ruͤhmen, der alten Nieſin aber wirft derſelbe, wenn er's hat und eben bei Laune iſt, quer uͤber das Gaͤßchen, bald Geld, bald kalte Kuͤche, in die Fenſter. Zum Beiſpiel neu⸗ lich, als ich eben dort war, einen Speck⸗Buͤck 53 ling, der der Verwachſenen auf das Ueber⸗ bein flog und ſie erſchreckte. Alma laͤchelte noch immer und ſagte: Ich weiß eigentlich nur von einem armen Mulatten⸗Maͤdchen— Die gute Haut, fiel Luiſe ein: die bei der boͤſen Hexe dient— ja, der geht's uͤbel. Doch Ihr Herr Bruder, ſetzte ſie, mit fallen⸗ der Stimme hinzu: haben bei der Merke⸗ rin einen Anzug fuͤr ſie beſtellt und kleiden den armen, ſchwarzgrauen Balg vom Kopf bis zum Fuße. Verrathen mich Ihro Gna⸗ den nicht, denn jene gab mir's unter'm Sie⸗ gel. Darauf ging die Jungfer ab, um den Verrathenen herbei zu holen. Errungen! Er iſt mein! ſcholl es in der geoffneten Thuͤr: ich habe den Braunen im Stalle! O Schweſter! wie dank ich Dir! 54 Wie? Durch Ernſt und Beherzigung! entgegnete ſie: laß alſo dies Mal den Harle⸗ kin ruhn. Freund, bleib' er draußen! lispelte Ry⸗ no: ſchlich auf den Zehen naͤher und neigte und gebehrdete ſich ſo ehrerbietig, als ob ihn die Fuͤrſtin Mutter einer Privat⸗Audienz wuͤrdige. Du geſtehſt mir ein Recht auf Deine Dankbarkeit zu, fuhr ſie fort: und die Schweſtern ſind uͤberhaupt der Gegenſtand, an welchem ſich Euer Zartgefuͤhl uͤben ſollte. Warum erfuͤllteſt Du nicht, am Morgen, um mir jene Erkenntlichkeit zu beweiſen, mei⸗ nen Willen? Warum ſtellteſt Du Dich, mir zu Trotz, der Cora in den Weg? Liebe, engellaͤndiſche Seele! erwiederte Ryno: das weiß ich ſelbſt nicht!— Aus Uebermuth! Ich war fidel! S. Und ſie gefaͤllt Dir? Geſteh es nur! 55 E. Als Schauſpielerin allenfalls. Du ſagteſt ſchon fruͤher, ihr Duͤnkel aͤrgre Dich und ſie waͤhne, von den Regungen unreifer Anlagen getaͤuſcht, im Lichtſcheine der Ge⸗ weihten glaͤnzen zu koͤnnen. S. Das ſagte ich! Das Urtheil uͤber unſeres Gleichen wird aber ſchwerlich eines Mannes Gefuͤhl und Geſchmack leiten. Was ſagſt denn Du? E. Daß ſie mir gleichgiltig oder, ehr⸗ lich geſtanden, fatal iſt. S. Abſcheulicher Menſch! und haſt Dich doch, am Morgen, ihr gegenuͤber, mit der Zaͤrtlichkeit eines Freyers geaͤußert— ſie mit den ausgeſuchteſten Schmeicheleien uͤber⸗ haͤuft. 3 E. Gleiches mit Gleichen. Sie goß zuerſt das Nardenwaſſer uͤber meinem Haar⸗ ſtraͤußlein aus; ich mußte nun, natuͤrlich, als joli coeur, zum Weihrauchfaße greifen, und 56 ſo balſamirte denn ein Affe den andern. Treibt Er und Sie, in unſern Jahren, nicht uͤberall daſſelbe Spiel? Noch am Sonn⸗ tage ſpazierte ich, die Wache habend, im Spiegelſaale, als Lady Shelfort, die ſich hier zu gefallen ſcheint, von Dorotheen kom⸗ mend, auf den Fuͤrſten traf. Da ging es um kein Haar anders her und ich habe Dei⸗ ner Cora, in freier Ueberſetzung, ganze Phra⸗ ſen eingebunden, die Armand damals von ſich gab. Sie erſtaunte recht ſichtlich, mich in der Schoͤnrednerei ſo beſchlagen zu finden. A. Und DOu bedachteſt nicht, daß die⸗ ſes Geckenſpiel willkommene Vermuthungen in ihr aufwecken koͤnne? Setze den Fall, daß Cora im Stillen fuͤr Dich fuͤhle— E. Fuͤrchte das nicht! Die verlangt mindeſtens einen Verſefabrik⸗Herrn zum Manne, ich aber weiß kaum, ob ſich Reit⸗ bahn und Kikeri⸗Hahn reimen. Die ſteht, — — 57 wie die Thuͤrmerin unter der Glocke und wimmert ſtuͤrmend, um das eigene Feuer ruchbar zu machen. Sie ſieht in unſer Ei⸗ nem, wenn auch mit Erbarmen, nur ein rauhes, ſcherbares Hammelfell, eben gut ge⸗ nug zum Kuͤchenpelze fuͤr meine Herzblaͤtter im Schneegaͤßchen— ſo einen gemeinen Pappenheimer aus Wallenſteins Lager und harrt auf den jungen Piccolomini. Will aber das Fraͤulein— denn Liebe iſt freilich blind! vielleicht im Ernſte meine Thekla wer⸗ den, ſo ſage ihr im Vertrauen: Der hat ſein Theil! hat ſeine Niſa! iſt verſorgt!— Sieh her, fuhr Ryno fort und zog einen ſtatt⸗ lichen Ring hervor, aus deſſen Faſſung ſie ein liebliches Maͤdchengeſicht anlaͤchelte. Es trug ein Diadem von Edelſteinen in dem goldlok⸗ kigen Haare, ein Ordenskreuz uͤber dem Buſen und jeder Zug war voll Liebreiz und kindlich. 3 58 Alma's Augen verſchlangen das Bild. Erſtaunen, Unmuth, Zweifel und Beifall* erfuͤllten ſie im ſchnellſten Wechſel, Trotz die⸗ 1 ſer Regungen aber zwang ſich die Schlaue, kalt und untheilnehmend zu ſcheinen und ſagte, ihm das Kleinod zuruͤckgebend: Den Ring hat Dir ein Wucherer, an Geldes Statt aufgeſchwatzt— ein lockerer Kamerad oder ein brotloſer Maler verkauft, oder Du gewannſt ihn im Spiele. O, liebes Herz! fiel er, weichmuͤthig, ein: Wie kaͤme ich zu den Wucherern, da Du mir ſo guͤtig und großmuͤthig aushilfſt und wie koͤnnte ich es bei uns Beiden ver⸗ antworten, wenn ich dieſe Gaben ſo zwecklos verſchwendete? Dies Bild iſt meine Liebe, ſie macht mich kalt gegen den Reſt des Ge⸗ ſchlechtes und das wirſt Du Deiner Cora eroͤffnen. Du nennſt mich guͤtig, Ryno, erwie⸗ * 1* 59 derte ſie in demſelben Tone: und ich ſtand, allerdings, in dem Wahne, ausſchließlich Deine Liebe zu ſeyn. Deine Vertraute min⸗ deſtens und dennoch haſt Du das Entſchei⸗ dende vor mir verheimlicht. Dieſe da iſt mir fremd und iſt vornehm. Eine Bekannt⸗ ſchaft alſo, die Du in dem letzten Feldzuge gemacht haſt. Und mir verſchwieg Er ſie! Nun, immerhin! ich muß nach Hofe— geh! Und ich zum Oberſten! ſprach er, haſtig den Helm ergreifend: es iſt die hoͤchſte Zeit. Doch ſollſt Du Alles des naͤchſten erfahren. Nur ſchmolle nicht, Almchen, und bleibe mir gut! Caͤlie, des Fuͤrſten Braut, ward, als Kind ſchon, elternlos; ihr Oheim, der re⸗ gierende Herzog, ſtellte die Verwaiſ'te unter die Obhut ſeiner Gemahlin und gab ſie den —y yy 1 60 eigenen Toͤchtern zur Geſpielin. Aber die unfreundliche Tante war ihr gram, aber die hoffaͤrtigen Muͤhmchen machten die Schutz⸗ loſe zum Ziel und Spiele ihrer Launen und dieſe Unbilden begruͤndeten in Caͤlien die Stimmung einer Leidtragenden, das Verza⸗ gen an ſich ſelbſt, den endlichen Glauben an die taͤglich vernommene Bemerkung, daß ſie zu auffallend von aller Anmuth des Gei⸗ ſtes, des Koͤrpers und des Benehmens ver⸗ laſſen ſey, um je dem feinern Theile der Ge⸗ ſellſchaft, geſchweige denn einem Gatten ge⸗ fallen zu koͤnnen. Armand's Wahl, das Werk ſeines Va⸗ ters, deſſen Kriegsgefaͤhrte und Herzensfreund der ihrige geweſen war, wandelte die bishe⸗ rigen Mißverhaͤltniſſe zu den liebloſen Ver⸗ wandten, ploͤtzlich um. Sorgfalt und An⸗ theil, Lob und Beachtung wurden jetzt er⸗ ſchoͤpft, um ſie die bisherigen Wehthaten und 7— 61 Bekraͤnkungen vergeſſen zu machen, denn es lag ihrem Oheim, aus gewichtigen Gruͤnden daran, ſich Armands künftige Gemahlin und dieſen ſelbſt zu befreunden. Daher die ausgezeichnete Aufnahme, welche Frau von Irwell an jenem Hofe fand und die jetzt, in erhoͤhetem Maße dem Baron Truwold zu Theil wurde. Des Freiherrn Wohlgeſtalt und feine Sitte, die anſprechende Miſchung von Geſchmeidigkeit und Wuͤrde, welche ſein Nehmen und Geberden ſchmuͤckte; ſein Ta⸗ lent endlich, nur uͤber willkommene Stoffe und immer mit Anmuth zu ſprechen, gewan⸗ nen ihm auch dort, in einer Spanne Zeit, die Herzen. Caͤlie ſelbſt legte ihre Beguͤn⸗ ſtigung des werthen Bothſchafters, um ſo offener an den Tag, da er, weltklug, ein aͤhnliches, ſie lieblich uͤberraſchendes Wohl⸗ gefallen an ihrer Perſoͤnlichkeit vorſpiegelte, 8 62 das ſich ſofort, zu beider Vortheil bald ver⸗ wirklichte. Dieſem wuͤrdigen Vertrauten Armands war, bekanntlich, die ungemein ſchwierige Aufgabe geworden, behutſam zu erforſchen, ob jener angelegentliche, gegen Alma geaͤuſſerte Wunſch der Braut, ihr vom Herzen gegan⸗ gen oder nur ein Gaukelſpiel falſcher Be⸗ ſcheidenheit und des augenblicklichen Gefal⸗ lens an ſolcher Selbſt⸗Entaͤußerung geweſen ſey? Es mußten ferner, als er ſie noch deſſelben Sinnes fand, zarte Wendungen und Scheingruͤnde erdacht werden, um ihren Oheim fuͤr den ſtillen Ab⸗ und Einzug zu gewinnen und ein Verlangen zu bemaͤnteln, das, unumwunden ausgeſprochen, alſo ge⸗ lautet haben wuͤrde: Fuͤrſt Armand, mein gnaͤdigſter, ganz unverliebter Sereniſſimus, ſieht ſich, von einem kindlichen Geluͤbde und den Reizen der Burggrafſchaft Helgau getrieben und be⸗ ſtimmt, die allerdurchlauchtigſte Prinzeſſin Caͤlie, zur ehelichen Gemahlin zu erkieſen. Da jedoch das Ausſehen, der Humor und Kleinmuth der Begehrten, zu Rechtfertigung ſeiner, von der Welt als freiwillig und ſelbſt⸗ ſtaͤndig geltenden Wahl und der herkoͤmm⸗ lichen Prunkfeſte, leider Gottes nicht geeig⸗ net iſt und die pflichtſchuldig verklaͤrenden Eh⸗ renredner, Tagblaͤttler und Anſinger theils zu Spoͤttern, theils zu Spotte machen oder in aͤrgerliche Drangſal ſtuͤrzen wuͤrde, ſo wuͤnſchen Sereniſſimus, die erlauchte Braut gleichſam als Contrebande eingeſchwaͤrzt und in das Ehebett gepaſcht zu ſehn. Car tel est son plaisir und auch das ihrige. Daß Herr von Truwold ſich dieſes dor⸗ nigen Auftrages, zum Ruhme ſeiner diplo⸗ matiſchen Faͤhigkeiten und zur vollkommen⸗ ſten Zufriedenheit beider Theile entledigt hatte, 64 und ihm die Auszeichnung geworden war, die Prinzeſſin auf ihrer geheimen Wanderung, als Schutz⸗ und Trutzritter zu begleiten, geht aus dem Folgenden hervor. Armand beſchloß, der Abrede gemaͤß⸗ die Braut auf dem alten, unfern der Grenze gelegenen Jagdſchloſſe Heimwald zu erwar⸗ ten. Ploͤtzlich und in der Stille die Hei⸗ math verlaſſend, ſollte Caͤlie bloß von einer Ehrendame, einem Hoffraͤulein und dem Herrn von Truwold begleitet, um die Mitte des beſtimmten Tages dort eintreffen; man konnte dann fuͤglich, bei dem Eintritte der Daͤmmerung, am Ziele ſeyn. Dieſer Tag erſchien und Armand, wel⸗ cher, nur von einem Gardejäger begleitet, bei guter Zeit aufbrach und in ſeiner Unge⸗ duld den Araber antrieb, erſchien zu fruͤh; noch war ſie nicht eingetroffen, auch von 65 dem Schloßberg' aus, weithin, kein Wagen ſichtbar. Da kam ihm der Gedanke, bis nach Meinfeld zu eilen, wo Calie fruͤhſtuͤ⸗ cken und ſich braͤutlich kleiden ſollte; er hoff⸗ te, auch dieſen Ort vor ihrer Hinkunft zu erreichen und ſie da unbemerkt zu ſehn, Dies mußte, ſeines Beduͤnkens, um ſo leichter geſchehen koͤnnen, da Caͤlie ohne Aufſehen und Gefolge reiſ'te, im Gaſthof abtrat und Truwold ihr Begleiter war. Sein Renner trug ihn wunderſchnell dahin und gleichzeitig mit demſelben ſprengte, von jener Seite her, ein Vorlaͤufer der Erwar⸗ teten in den Hof, ſagte die nahen Gaͤſte an und ſetzte den Wirth und ſeine dienſtbaren Geiſter in Odem. Auch Armand ſtellte jetzt hier einen Gaſt vor, er begehrte Erfri⸗ ſchungen, ſchritt raſtlos durch das Zimmer, dann auf die Straße hinaus und in den Hof zuruͤck, wo er, gleich dem Jaͤger Claus, I. Theil. 5 66 der die triefenden Roſſe geleitete, auf⸗ und abwandelte.— Puoͤtzlich bebte ſein Herz, denn das Poſthorn erſcholl, der ſechsſpaͤnni⸗ ge, von Staubwolken umkreiſ'te Wagen flog aus der Dorfgaſſe her.— Noch nie, ſelbſt an dem Tage nicht, wo er, als Juͤngling, in des Kaiſers Dienſte, eine Batterie ſtuͤr⸗ men half und Truwold, damals ſein Adju⸗ tant, mit Blute bedeckt, neben ihm hin⸗ ſank, hatte der kraͤftige Mann eine aͤhnliche Bedraͤngniß empfunden. Sie trieb ihn, pfeilſchnell, in den Hausraum zuruͤck. Der Wagen rollte vor die Thuͤr, Truwold ſprang zur Erde und hob die verſchleierte Braut her⸗ ab, zwei Damen folgten. Ein Storch! o ſehn Sie doch! rief Graͤfin Roſalinde, das Kammerfraͤulein und zeigte, von der befrem⸗ denden, ihr neuen Erſcheinung angezogen, nach dem Neſte am Giebel. Caͤlie erhob den Schleier, ſie blickte zu der klappernden Storchmutter auf und laͤchelte.— Ein erfreuliches Zeichen! bemerkte Frau von Espen, die Ehrendame.— Die Zeichen ſind Zufaͤlle, doch waren alle noch guͤnſtig! verſicherte Truwold und bot der Prinzeſſin die Hand, welche nun, ohne ihr Ahnen, an dem zukuͤnftigen, im Schlagſchatten eines Pfeilers lauſchenden Gemahle voruͤber wallte. Er hatte vorhin das Antlitz der Braut geſehen, ſeine Augen folgten jetzt, bis ſie entſchwunden war, ih⸗ rer Form.— Mein Pferd! rief er, odemlos, dem Jaͤger zu, trocknete die Stirn und ritt nun, im maͤhligen Schritte, der Auſſenwelt entnommen, verſunken in ſich ſelbſt, zuruͤck. 4 Derſelbe Aufruhr aͤngſtender Gefuͤhle, welcher vorhin in Armands Herzen ſtuͤrmte, bedraͤngte jetzt den Buſen der Prinzeſſin, 5* 68 als ſie die Thuͤrme des alten Jagdſchloſſes, geſpenſtigen Rieſen des Hochwaldes aͤhnlich, zwiſchen ſeinen Wipfeln erblickte. Hier ſoll⸗ te ſie ihn finden— er ſie ſehn! Und jeder Umſchwung der eilenden Naͤder brachte ſie dem erſten Momente jenes innigen und ewi⸗ gen Vereines mit einem Ungekannten naͤher, fuͤhrte ſie einem Schickſal entgegen, deſſen Zukunft dunkel, wie das Dickigt am Hohl⸗ wege erſchien, in den ſie eben hinabrollte. Die ſchalkhaften Einfaͤlle und Neckereien der Frau von Espen, welche dieſe krankhafte, von den entfaͤrbten Wangen bezeichnete An⸗ wandlung wegſcherzen wollte und nebenbei im Stillen den Flakon bereit hielt, verhall⸗ ten unerwiedert, wohl aber nahm die Ge⸗ aͤngſtete in den Augen der zaͤrtlichen Roſa⸗ linde helle Thraͤnen des Mitgefuͤhls wahr und bot ihr, laͤchelnd, ihre zitternde Hand dar. 69 Dumpf erklang die Zugbruͤcke unter der Pferde Tritt. Ein Schauer durchrann die Braut, die Augen ſuchten des Fuͤrſten Ge⸗ ſtalt unter dem offenen Portale; nur ein bleicher, vertrockneter Greis, mit zitterndem Kopfe, mit ſchneeweißen Haaren und ſelt⸗ ſam gekleidet, ſtand dort neben fuͤrſtlichen Jaͤgern. Den oͤden Hof bedeckten Neſſeln und Wolfmilch; das dichte Unkraut milderte den Schall der Raͤder. Tief verbeugte ſich der alte Kaſtellan, die Wagenthuͤr oͤffnend; Herr von Truwold vollzog, wie vorhin, ſein Ehrenamt und ſah beiher, betroffen, rings um. Caͤlie dankte, bleich, doch freundſelig, dem Greiſe und der Dienerſchaft. Wo iſt der Fuͤrſt? fragte jener, als er, mit der ſchweigenden, an ſeinem Arme fuͤhl⸗ bar ſchwankenden Braut, in die kalte, gruft⸗ artige Vorhalle trat, faſt ungeſtuͤm und außer Faſſung. Ein Jäͤger erwiederte: Hoheit kamen mit dem Morgen hier an und ritten dann vorwaͤrts. Uns alſo verfehlt! ſprach Caͤlie, aufath⸗ mend, ſie ſchritt nun, ermuthigter, nach dem weitſchichtigen, im Geſchmacke der Vorzeit geſchmuͤckten Staatszimmer, deſſen Waͤnde und Seſſel mit vergoldetem Leder bedeckt waren. Dieſe Nachricht hatte auch die truͤbſeli⸗ gen Geſichter beider Damen ploͤtzlich aufge⸗ klaͤrt. Die Matrone ward wieder laut und heiter, ſie gloffirte uͤber die ledernen Zier⸗ mittel der Altvordern und uͤber die Rieſen⸗ ſeſſel, in deren einem, nach ihrem Dafuͤr⸗ halten, ein anſehnlicher, ſattſam geſchnuͤrter Thee⸗Verein unſerer fleiſcharmen Zeiten, Platz und Spielraum finden wuͤrde. Die Prinzeſſin weilte indeß, in Beſchauung ver⸗ tieft, vor dem lebensgroßen, einzigen Bilde, das im Zimmer hing— vor einer anmu⸗ — 71 thigen Frau oder Jungfrau, die aber Far ben des Leides trug und gleichſam durch Thraͤnen laͤchelte. Das ehle Haupt neigte ſich einem ſchneeweißen, an ihre Bruſt ge⸗ ſchmiegten Taͤubchen zu.— Caͤlie wendete ſich enblich an das Fraͤulein und ſagte: Wer ſie wohl ſeyn— ob ſie noch leben— eine Verwandte des Hauſes ſeyn mag? Ich denke mich, im letzteren Falle, der Taube gleich, an dieſe Liebliche zu halten. Roſalindens Augen ſuchten den Frei⸗ herrn, der ja hier Auskunft geben konnte; aber dieſer hatte ſich eben entfernt, um rei⸗ tende Jaͤger nach dem Braͤutigam auszu⸗ ſchicken; ſie rief demnach den alten Kaſtellan aus dem Vorſaale herbei und Caͤlie wieder⸗ holte die Frage.* Der Greis ſchien, verlegen, auf Worte zu ſinnen, ſein Kopf ſchwankte ſichtlicher und ein krampfhaftes Laͤcheln ſetzte, fort Se und fort, blitzartig zuckend, die tiefgefurchte Haut des leichenhaften Geſichtes in Bewe⸗ gung; endlich ſprach er, nach weitſchweifi⸗ ger Vorbereitung: Was nun Hoͤchſtdero gnadenreiche Au⸗ gen hier erblicken, iſt das wohlgetroffene Conterfey der ſogenannten ſchoͤnen Agathe, einer verehrlichen Hofdame und bonne amie des Hoͤchſtſeligen Herrn und Groß⸗ vaters unſeres Fuͤrſten. Zufaͤllig hat der⸗ ſelbe ſie, zu ſeinem innigſten Bedauern, ei⸗ nes Tages oder Abends, an der Bruſt ver⸗ letzt und ſomit den Grund zu einem Scha⸗ den gelegt, der boͤsartig und unheilbar ward. Der hohe Goͤnner iſt hierauf, wie einleuch⸗ tet, von ihr abgewichen und alle, welche fruͤ⸗ her ihrer Gunſt gelebt oder dieſe geſucht, ha⸗ ben ſich denn auch, nach der Welt Lauf und Brauch, unter mancherlei Vorwaͤnden zuruͤck gezogen. Die arme Kreuztraͤgerin 4 79 aber, ward, nach ihrem Verlangen, auf dies Schloß gebracht und folgten derſelben, auſſer mir, als ihrem, jener Zeit noch als Laufburſche dienenden Pathen, nur der Wundarzt, die einſtmalige Amme und dies Taͤubchen, in die hieſige Einſamkeit nach⸗ Gedachter Liebling, Mignon genannt, iſt denn auch, bis zu dem endlichen Hintritte der Seligen, bei ihr verblieben, hat dann, ploͤtzlich, Speiſe und Trank verſchmaͤht und am Tage der Beerdigung vor ihrem Bilde hier, verendet. In dieſer unvergleichlichen Schilderei aber ſehen meine gnaͤdigſte Herr⸗ ſchaft Agathens eigenes Werk, denn es ſind der Wohlſeligen, wie an Liebreiz und Mild⸗ ſeligkeit, ſo an allerlei Wiſſenſchaften und weiblichen Fertigkeiten, wohl nur die wenig⸗ ſten zu vergleichen geweſen. Ein zweites, ſinnbildliches Gemaͤlde, in derſelben Groͤße, das ſie, noch waͤhrend der letzten, ſchmerzen⸗ 74 reichſten Zeit vollendete, haͤngt unfern ihres Sterbebettes, uͤber dem Betſchemel. Fuͤhren Sie mich hin! ſagte Cäͤlie, ſicht⸗ lich ergriffen. Vergebens bat Frau von Espen, ſich doch nicht eben jetzt dergleichen betruͤbenden Erſcheinungen und Eindruͤcken zu uͤberlaſſen; ſie war bereits dem Dienſt⸗ fertigen nach der Wand hin gefolgt, wo er eine verborgene Tapetenthuͤr oͤffnete. Die Prinzeſſin betrat das kleine, fuͤnfeckige, in einem Thurme der Burg gelegene Cabinet und erſchrack. Die ſchwarzen Tapeten und Fußteppiche verſchlangen das Licht und ver⸗ anlaßten eine ſchauerliche Daͤmmerung; der Kaſtellan that das Fenſter auf, des Bettes ſeidenes Behaͤnge wisperte, vom Luftzuge erhohen. Ein Geiſtergruß! ſprach Caͤlie; ihre Augen hafteten auf dem Schmerzen⸗ lager der Dulderin; ſtill ſeufzend trat ſie vor das Bild. Aus Mytthen ſtreckte ſich — ——— 75 ein rohes, hohes Kreuz empor; das Taͤub⸗ chen, mit dem Oehlzweige im Schnabel, ruhte auf des Stammes Gipfel und durch die Sturmnacht des Grundes brach ein Sonnenſtrahl; er ſchien dies dunkele Hei⸗ ligthum des Grauens zu erleuchten. Caͤlie betrachtete, von Wehmuth und Andacht durchdrungen, die ruͤhrenden Em⸗ bleme der Qual und des Friedens, der angſt⸗ vollen Erdennacht und des Saͤrgeſprengen⸗ den, himmliſchen Lichtes. Wie ſeltſam! ſagte ſie, mit bebender Stimme, zu der vertrauten Roſalinde: Statt des Braͤuti⸗ gams wird mir, an der Schwelle des neuen Vaterlandes, die Ausſicht auf den troſtloſen Todesweg einer Geopferten— auf jenes Sterbebett— auf dieſen Marterſtamm! — vielleicht, auf die wahrſagenden Vorbil⸗ der der eigenen Zukunft, geboten. Das Fraͤulein ſtammelte, beklommen, unver⸗ nehmliche Troͤſtungen.— Schreckliche Zeichen! murmelte die Matrone, laͤchelte jedoch ihre Prinzeſſin, freigeiſtig an, und einem flammenden Engel aͤhnlich, ſtuͤrzte Armand in das Castrum doloris. Hier find ich Sie? rief der Odemloſe und zog die Braut, welche, verblaſſend und erbebend, das Knie vor ihm beugte, gewalt⸗ ſam an ſein Herz. Endlich Gewißheit und endlich Beruhi⸗ V gung! dachte der Fuͤrſt, als er vorhin, von Meinfeld zuruͤckkehrte: die gute Alma taͤuſch⸗ te mich nicht und der Mahler ward, unfehi⸗ bar, von Caͤlien ſelbſt genoͤthigt, ſie in's Unſchoͤne zu mahlen, um in der Wirklichkeit zu gewinnen. Zwar koͤnnen nur freche Schmeichler ſie den Reizenden beizaͤhlen, ihr zarte Formen, anmuthige Zuͤge, Roſen und Lilien andichten, aber das Geſicht ſtoͤßt nicht —yy ———————- ab, aber die Geſtalt iſt nicht uneben, aber das Fleiſch rein und gediegen und ihr Laͤcheln, als ſie zu der ehrlichen Storchmut⸗ ter aufblickte, wahrhaft angenehm. Claus, der Gardejaͤger, welcher hinter dem Sinnenden drein ritt, freute ſich, Theils ſeiner geliebten Schecke, Theils des tauſend Thaler werthen Arabers wegen, daß ſein Herr in dieſem ſanften Schritte fort⸗ zog, denn beide Roſſe hatten es heute Cou⸗ rierpferden gleich gethan. Er freute ſich fer⸗ nerweit, als jener jetzt den Waldweg waͤhlte, welcher zwar in etwas umfuͤhrte, doch min⸗ der ſtaubig und durchaus ſchattig war, und verlor ſich nun auch in Gedanken an Lui⸗ ſen, das treubruͤchige Kammerkaͤtzchen des Fraͤuleins von Irwell, das ihm, noch am Sonntag Eſtomihi, auf dem Kellerballe ewige Liebe ſchwur und ſich, zu Faſtnacht, eben daſelbſt, von ſeinem Wachmeiſter mit Pfannkuchen ſtopfen und den Verdraͤnger nicht von der Hand ließ. So ritten Herr und Knecht, verſunken in der Liebe Wahl und Qual dahin und der feinſinnige Araber ſchlug, ſuͤßen Klee und Wieſenduft witternd, ganz unbehindert, einen Holzweg ein, der, wie des Laſters Pfad, Anfangs zu Blumen⸗ Auen, doch endlich in den ſchwarzen Mohr⸗ boden eines Moraſtes hinabfuͤhrte. Gott's Hagel, wo ſind wir? rief Claus, ploͤzlich aufſchauend. Das Schlagwort weckte den erlauchten Traͤumer und ein hundertſtimmiges Koak der Schlammgeiſter verſpottete, ſcheinbar, die irrenden Ritter. Armand's Zorn brauſ'te auf, denn er hatte ſich auf den wegkundigen Jaͤger ver⸗ laſſen; doch Dorothea, die weiſe Mutter hatte den Sohn, von Kindheit auf, gelehrt und gewoͤhnt, ſich nie, am wenigſten vor Zeugen, vom Aerger, Jaͤhzorn„oder irgend einer anſtuͤrmenden Leidenſchaft meiſtern und um den Gleichmuth und die Haltung brin⸗ gen zu laſſen, die dem Manne Noth thun und nuͤtzen, ihn zieren und erhoͤhn. Der Fuͤrſt gewaͤltigte auch jetzt den bittern Ver⸗ druß, er warf das Pferd herum, kehrte zu⸗ ruͤck und ließ, zu Folge dieſer Verirrung, die Braut in Heimwald auf ſich warten. Calie lag jetzt, ſich fuͤr den verfehlten Empfang und alle Wehthaten der Vergan⸗ genheit, im Ueberſchwang entſchaͤdigt fuͤh⸗ lend, an der Bruſt des holdſeligſten Braͤu⸗ tigams, empfing den erſten Kuß, vernahm den erſten Schmeichellaut von eines Man⸗ nes Lippe und ſah, im Geiſte, die Seligkeit. Die Damen kehrten endlich, auf ſein Geſuch, in das Zimmer zuruͤck; Armand verließ, fuͤr einen Augenblick, die Braut, vorgeblich um den Staub abzuſchuͤtteln, mit 80 welchem der gewaltſame Ritt ihn bedeckt hat⸗ te; er fand den Freiherrn von Truwold, ſeiner gewaͤrtig, im Vorſaal und ſprach, er⸗ eifert und im Drange zwiſtiger Gefuͤhle— O Freund! ſo mußte denn der boͤſe, immerdar mitwaltende Genius, uns auch heute, tuͤckiſch und ſchadenfroh, das Spiel verderben. Warum, ich frage Sie! ward jenes ungluͤckliche Bild nicht entfernt? Wie kam die Braut in jene traurige Todtenhalle und muß ſie nicht, einem Geſchlechte gehoͤ⸗ rig, das ſich ſo gern auch mit dem Antheile der Geiſterwelt ſchmeichelt, in allen dieſen ſeltſamen Zufaͤllen, ſo viele beaͤngſtende An⸗ deutungen einer ungluͤcklichen Zukunft ſehn? Gnaͤdigſter Herr, erwiederte Truwold: das Gemaͤlde blieb am Nagel, weil dem alten Kaſtellan keine Weiſung ward, es zu entfernen; er aber entſchuldigt ſich mit der Wißbegierde der Damen— mit dem Ver⸗ ——— 1 81 langen der gnaͤdigſten Frau nach jenem Al⸗ tarblatte, mit ihrem unabweislichen Befehle und uͤbrigens liegt es ja in meines edlen Fuͤrſten Hand, den etwa vorgefaßten Wahnglauben— durch die That zu ent⸗ fernen und nur das Sinnbild des treuen, freundlichen, friedſamen Taubers zu ver⸗ wirklichen. Ja, bei Gott! rief Armand, die Hand erhebend: Caͤliens etwanige Beſorgniſſe ſol⸗ len wie ein Fiebertraum zerrinnen! Sie iſt gemuͤthreich, verſtaͤndig, mild wie ein Engel und dieſer Engel wird, ſobald ſie laͤ⸗ chelt, offenbar; er bittet mich dann gleich⸗ ſam, ſtill doch ruͤhr)end, den Erdenſtaub der Huͤlle uͤber dem Himmelsfunken unter die⸗ ſer, vergeſſen zu wollen. Mein Herz, lie⸗ ber Truwold! hat die heilige Bitte mit Freudigkeit gewaͤhrt.— O wwiie ſchwach, wie armſelig erſcheine ich mir in dieſer Stun⸗ I. Theil. 6 8² de, als Sklav der falſchen Scham und ekeln Eitelkeit, welche alle jene Unfaͤlle ver⸗ anlaßten. Aber noch laͤßt ſich, zum Gluͤcke, das Unrecht verguͤten. Sie werfen ſich auf meinen Renner und ſind um Mittag in der Hauptſtadt. Dem Hofe und den Ein⸗ wohnern werde kund, daß ihr Fuͤrſt, zum Abende, die kuͤnftige Landesmutter mit ſich bringe. Caͤlie wird ſich, ich ſtehe dafuͤr, als eine ſolche beglaubigen und des freund⸗ lichen Willkommens werth machen. Moͤge uns, im Thore, die Liebe begruͤſſen, die Straße, durch die wir zum Schloße ziehen, hell genug ſeyn, um die Zufriedenheit in meinen Augen ſichtbar zu machen. Moͤgen die Glockenſtimmen des Domes unſern Ein⸗ gang weihen helfen und der Kanonendonner die Tochter eines Helden feyern, der auf dem Ehrenbette ſtarb. Armand umfing, in ſeiner ſchoͤnen Wallung, den bewaͤhrten 83 Freund— Und meiner Mutter, ſprach er unter rollenden Thraͤnen: meiner theu⸗ ern, ſtill bekuͤmmerten Mutter, ſagen Sie — die Wehmuth des kindlichen Gefuͤhles brach ſeine Stimme— daß dieſe Ehe hoffentlich— im Himmel geſchloſſen ward! O Fuͤrſt und Herr! rief Truwold, er⸗ ſchuͤttert wie dieſer: Im Namen dieſer ruhmwuüͤrdigen Mutter— im Namen und im Geiſte der Tauſende, die in Ihrer Wohlfahrt die eigene finden und der Erſte von allen dieſen, ſpreche ich die Segnung Aller aus! Der Drang der heiligſten und ſchoͤnſten Triebe verſtrickte jetzt das Freun⸗ despaar, im anſtoßenden Zimmer aber, huͤpfte eben die Graͤfin Roſalinde zu ihrer Fuͤrſtin hin und umſchlang ſie, den Abſtand vergeſſend, laut jauchzend. Im Begriffe, Cäliens Dienerinnen, welche der angelangte Kammerwagen mitbrachte, eine Weiſung 6* 84 derſelben kund zu machen, war ſie in den Vorſaal getreten, hatte ſie, von jenen un⸗ bemerkt, die edle Gruppe wahrgenommen, die Thuͤr betroffen wieder angezogen, in ihr verweilend, kein Wort das Armand ſprach, verloren und eilte nun, entzuͤckt, der trauten Goͤnnerin zu verkuͤnden, daß der Braͤuti⸗ gam draußen, in ſeiner Freudigkeit, den Kammerherrn umſchlungen halte und ſeine Braut mit Eifer preiſe. Ergluͤhend lauſchte Caͤlie der wonnevollen Mittheilung, ſie ver⸗ barg das Geſicht an dem wallenden Buſen des Lieblings und ihr Gefuͤhl ward zum Gebete. Armand geleitete, indeß, ſeinen Freund, bis in den Schloßhof und ſagte: mein Auf⸗ trag darf ſich hoffentlich, in alle Wege, Ih⸗ rer Zuſtimmung erfreu'n? Am wenigſten duͤrfte dieſe wohl, eben 85 jetzt, in Betracht kommen, erwiederte Tru⸗ wold: doch bekuͤmmert mich allerdings das Ausfuͤhren und ſein Erfolg. Der Geiſt der Uebereilung, fuͤrchte ich, wird, unvermeid⸗ lich, in jener vorherrſchen und den begleiten, in der Regel, wuͤſtes Treiben— Tumult — Verwilderung.— Nur Kleinliches, Unwuͤrdiges kann er erzeugen und wohl eher das Zwergfell als das Gemuͤth ruͤhren. Das alles find' ich wahr und treffend! fiel Armand ſeufzend ein: was alſo wuͤrden Sie, an meiner Stelle, thun? Folgerecht bleiben! ſprach der Kammer⸗ herr, ſich verbeugend: Das iſt, an jeder Stelle, ja das Beßte! A. Folgerecht?— Allerdings! Und Sie bleiben bei uns! Truwold aber erbat ſich die Vergoͤnnung, voraus eilen und die Fuͤrſtin Mutter mit den ſegenreichen Er⸗ ſcheinungen dieſes Tages bekannt machen zu 86 duͤrfen. Immerhin! ſprach der Fuͤrſt: viel⸗ leicht oͤmmt Ihnen, unter Weges, eine Eingebung, um meinem Wunſche zu genüͤ⸗ gen, ohne die Conſequenz zu verletzen oder den unſaubern Geiſtern eine Bloͤße zu geben. Armand fand die Braut, bei ſeiner Ruͤckkehr in das Zimmer, noch unter Flam⸗ men der Freude, welche die Botſchaft der lieben, zufaͤlligen Lauſcherin anregte und ſeine zaͤrtliche Umarmung beſtaͤtigte dieſe. Dann fuͤhrte er Caͤlien ſelbſt zu dem Bilde; er wiederholte und ergaͤnzte die Mittheilung des Kaſtellans. Ich ließ hier alles in dem vorigen Stande, fuhr er fort: und dieſe Bil⸗ der an ihrem Platze, denn die Phantaſie— uns mindeſtens eben ſo oft heilſam als ver⸗ derblich— haͤngt ſich an ſolche Mahn⸗ und Merkzeichen und regt damit das Gewiſſen und die moraliſche Kraft an. — —— 87 Roſalinde ſagte darauf, mit einem be⸗ deutſamen Laͤcheln: Das Schloß wuͤrde ſich, bei dieſer, allerdings treffenden Anſicht, zum nuͤßzlichen Sittenſpiegel eignen, und doch ſcheint es vernachlaͤßigt und gemieden. Mein verewigter Vater war gemuͤthlich und verſchaͤmt, erwiederte Armand: erſparte uns daher, gern, das ſchmerzliche Erroͤthen uͤber Suͤnden der Vaͤter und ihre Frucht. Findet es indeß meine Caͤlie, kuͤnftighin, rathſam, ſo ſoll die Burg das Ziel der Spa⸗ zierfahrten ihrer Hoffraͤulein und Ehrenda⸗ men werden. Roſalinde laͤchelte, erroͤthend, uͤber dieſe ploͤtzliche Wiedervergeltung.— Wir fahren am liebſten auf ebener Bahn! bemerkte Frau von Espen und Caͤlie ſprach, ſeine Hand an die gediegene Bruſt druͤckend: Mein guter Engel ſagt mir, daß Agathe ohne Seitenſtuͤck bleiben werde. Wer koͤnnte Engel Luͤgen ſtrafen! fiel 88 Armand, von einem frommen Gefuͤhle be⸗ wegt, ein, liebkoſ'te der Braut und fuͤhrte ſie dann in die ehrwuͤrdige Wuͤſtenei des Parks hinab, wo tauſendjaͤhrige Eichen, aus wildem Dickigt empor ſtrebend, ein naͤchtliches Duͤſter verbreiteten und kirres Hochwild ſich den Luſtwandlern zugeſellte. Sie verfolgten gemach, von den freudigen Gefaͤhrten ergoͤtzlich unterhalten, den daͤda⸗ liſchen Pfad; da ſaß ein Knaͤblein auf dem Raſen am Wege. Dem Anſcheine nach ein Kind aus dem Dorfe Heimwald, das zum Schloſſe gehoͤrte. Der Knabe war barfuß, nur mit einem Hemochen bekleidet, aber ein Bild der Anmuth und unter dem Behaͤnge ſeiner goldenen Locken ſtrahlten ſie zwei wunderblaue Augen— milde Lichter der kindlichen Seligkeit an. Er ſang, in leiſen Wohllauttoͤnen, in ſich verſunken, un⸗ vernehmliche Worte, faßte, aufſchauend, die 4 89 Braut in's Auge, ſprang ſchnell empor und bot ihr laͤchelnd drei Blumen dar, die ihm eben zum Spiele gedient hatten. Doch eben, als Caͤlie, erfreulich angeſprochen, dar⸗ nach griff und Armand das ſeltſame, lieb⸗ liche Kind erfaſſen und aufnehmen wollte, entzog es ſich, den gewaltigen Mann und ſeine blitzenden Sterne ſcheuend, dieſer Huld und verſchwand, den Elfen gleich, im nahen Gebuͤſche. Die Gabe beſtand in Mohnblumen und Himmelſchluͤſſeln; der lange Stiel einer blauen Cyane war, zur Schuͤrzung dieſes Straͤuschens, benutzt worden. Den Fuͤrſten beſchaͤftigte die Erſcheinung und der Ver⸗ ſchwundene; er eilte nach, ihn aufzufinden, zu hoͤren, wem er angehoͤre und ſah in die⸗ ſem Zufalle eine hoͤhere, das Gluͤck des Knabens bezweckende Weiſung. Cälie er⸗ götzte ſich indeß an dem Angebinde der Un⸗ 90 ſchuld und Frau von Espen nannte es ein ruͤhrendes, erquickendes Zeichen! Abſonderlich fuͤr Sterbefertige! entgeg⸗ nete die Prinzeſſin, um ſie, zur Strafe fuͤr ihre Zeichenſucht, ein wenig zu aͤngſten: der Mohn druͤckt mir, ſinnbildlich, die Augen zu und der kleine Genius fuͤgt deshalb, in ſeiner Guͤte, die Himmelſchluͤſſel bei. Jene ſann alsbald, verlegen und erroͤ⸗ thend, auf eine Wendung.— Aber die Cyane feſſelt das Leben! fiel Roſalinde mit Eifer ein. Warf ſie ſich nicht, kuͤhn und aufopfernd, den Roſſen des Schatten⸗Koͤ⸗ niges entgegen, als er Proſerpinen nach dem Orkus entfuͤhrte? Kuͤhn, doch vergebens ſprach die Prin⸗ zeſſin und dieſe Zeichen ſind, wie Herr von Truwold, der Verſtaͤndige, ſagt, nur Werke des Zufalls. Ein's hob, his jetzt, das an⸗ dere auf. Der Storch in Meinfeld war, 91 laut der Verſicherung unſerer Espen, troͤſt⸗ licher Natur; was mir, dagegen, im Schloß erſchien, offenbar rabenſchwarz und erſchre⸗ ckend und dieſer Andeutung widerſpricht, nach Ihrer Anſicht, der kleine Liebesgott und ſeine Gabe, Immerhin! fuhr die Fromme fort: „Er wog mein Gluͤck, er wog mein Leid Und beides fuͤhrt zur Seligkeit!“ Bald darauf kehrte Armand zuruͤck; es war ihm nicht gelungen, das Kind zu finden. Dorothee hatte die Vornehmſten des Hofes, fuͤr den Nachmittag zur Feier des Namenfeſtes ihrer hochgehaltenen Ober⸗ Hofmeiſterin geladen und ſomit einen Deck⸗ mantel zum anſtaͤndigen Empfange des ho⸗ hen Brautpaares aufgefunden. Armand war, vorgeblich, auf der Jagd. Herr von Truwold warf ſich, nach der Heimkehr, ins 92 Staatskleid, er eilte auf's Schloß, fand be⸗ reits den Hof verſammelt und die Fuͤrſtin Mutter am Spieltiſche. Sie ſah verwun⸗ dert zu ihm auf und fragte, wo er ſeinen Herrn gelaſſen habe? Im Walde und in der freudigſten Stimmung, entgegnete er: Ein Auftrag fuͤhrte mich fruͤher zuruͤck. Dorothee miſch⸗ te, vor Unruhe und Erwartung zitternd, die Karten, denn ſie las auf dem leuchten⸗ den Geſichte des Freiherrn, die Nachricht von der Begegnung und dem unerwartet an⸗ genehmen Eindrucke, den die Braut erregt haben muͤſſe. Als nun der Robber zu Ende war, erhob ſie ſich, verkehrte freundſelig mit den Umſtehenden, kam damit, allmaͤlig, dem Fenſter nahe, in welches ſich des Fuͤr⸗ ſten Freund zuruͤckgezogen hatte und ihm ward nun das ſchoͤne Gluͤck, ein zaͤrtliches 93 und zagendes Mutterherz mit Wonne und Befriedigung zu erfuͤllen. Das Brautpaar gelangte indeß zu dem Weichbilde der Hauptſtadt. Frau von Es⸗ pen ward immer herz⸗ und ſcherzhafter, Ar⸗ mand ſah, mit ſtillem Antheile, wie ſorg⸗ faͤltig Roſalinde ihre Goͤnnerin im Auge hielt, wie jeder ihrer Blicke dieſe zu ermun⸗ tern, der Braut zu ihrem Waͤhler und ih⸗ rem Looſe Gluͤck zu wuͤnſchen ſchien und Caͤlie belobte, zwiſchen Angſt und Wonne, die reizende Gegend, das ſtolze Ausſehn der Hauptſtadt und den herrlichen Vollmond, welcher eben uͤber der wolkenloſen Bergkette aufging und jede moͤgliche Beleuchtung er⸗ ſetzte. Jett erreichten ſie die aͤußerſten Haͤu⸗ ſer der Vorſtadt, flogen, im raſchen Laufe an einer Kirche, an ihrem ſanft beglaͤnzten Friedhof und gleich darauf an einem feſtlich 94 erhellten Gebaͤude voruͤber, vor welchem Truwold's Wagen hielt. Halt! rief es draußen und Jener trat herbei. Sie hier? fragte Armand befremdet. T. Es trieb mich— A. Alles in Ordnung?— T. In der beßten. A. Was ſagt meine Mutter? T. Sie iſt gluͤcklich und ſegnet. A. Und uͤbrigens? T. Behauptete die Conſequenz ihr gutes Recht. A. Wie billg! ich fuͤrchtete bereits, bei, dem Anblicke dieſes fernhin leuchtenden Hauſes, das Gegentheil. T. Ein Lebensfeſt macht es ſo hell. Der alte, hochverdiente Gottwerth, Paſtor an dieſer Kirche, feiert heute ſein funfzigjaͤh⸗ riges Amts⸗Jubilaͤum. Sie waren ſo ge⸗ recht, Ihm das Ehrenkreuz zuzuſprechen, —— 95 es iſt ihm, am Mittage, an der Tafel des Praͤſidenten uͤberreicht worden, ich aber trat jett bei ihm ein, um Ew. Hoheit zu erwar⸗ ten und mein Gluͤckwunſch berechtigte mich, ein geruͤhrter Zeuge des Feſtes zu werden, das uͤber zwanzig Kinder und Enkel ihm, bei der Heimkehr bereiteten. Wie waͤre es, ſprach Armand zu der Braut: wenn unſer erſtes, vereintes Begin⸗ nen, die ruhmvolle Pflichttreue dieſes Gott⸗ werthen, durch theilnehmende Anerkennung ehrte? Ihr Engel, glaube ich, duͤrfte dieſe Weiſe gut heißen. Sie ſind mein Engel! ſprach Caͤlie, ihn umſchlingend, und dieſer Eingang fuͤr mich die willkommenſte Ehrenpforte.— Truwold oͤffnete haſtig die Wagenthuͤr. Vater Gottwerth, ein ſtattlicher Greis, um deſſen edle Scheitel noch einzelne Sil⸗ 96 berloͤckchen ſpielten, deutete eben, im Kreiſe jener lieblichen Schaar, erhoben und ver⸗ juͤngt, auf die Bilder ſeiner beiden, ihm vorangegangenen Frauen und regte in der Kinder Herzen, den Geiſt der Erinnerung und der Dankbarkeit fuͤr dieſe muſterhaften Muͤtter an. Auf ſeinem Herzen prangte, zur Wonne der Soͤhne, das goldene Ehren⸗ kreuz, in ſeinen Augen glaͤnzten, von den Toͤchtern gewuͤrdigt, die bitterſuͤßen Thraͤnen ſeliger Wehmuth. Da trat jenes hohe Paar, begleitet von Truwold und den beiden Damen, ungemel⸗ det ein. Armand uͤberſchaute, mit Wohl⸗ gefallen, ein bluͤhendes, kuͤnftiges Geſchlecht. Willkommen! ſprach er: mein alter, aͤchter Hochwuͤrdiger! das dankbare Vaterland wuͤnſcht Ihnen, durch des Fuͤrſten Mund, zu dieſer ſchoͤnſten Abendſtunde Gluͤck! Heiliger Gott! rief der Greis, kaum 97 ſeinen Augen trauend; ein vielſtimmiger, ſchnell von der Ehrfurcht gedaͤmpfter Jubel⸗ laut der Seinen, verſcholl als Echo. Und dieſe Fromme da, fuhr Armand fort: wird heute meine liebe Frau. Sie zieht eben ein, ſtill aber heilbringend, wie das Gute. Vater Gottwerth ergluͤhete bis zur Stirn; dieſe Rede erhoͤhete zudem ſeine Betroffen⸗ heit, ſeine Ruͤhrung, ſein Erſtaunen. Er ſchritt den hohen Gaͤſten mit ſeiner Angelika, der juͤngſten, zweijaͤhrigen Enkelin auf dem Arme, entgegen. Das Maͤdchen hatte ihm eben, zum Angebinde, ein Myrtenkraͤnz⸗ chen uͤberreicht und die Gabe mit einigen kindlichen Worten begleitet; ſie hielt es noch in der zarten Hand, ſie laͤchelte vertraulich die Prinzeſſin an, wiederholte jetzt dieſelben Worte, an Caͤlien gerichtet und bot ihr die Myrtenkrone dar⸗ I. Theil, 7 98 O gnaͤdigſte Frau, bat der Großvater, welchem der gluͤckliche und unveranlaßte Ein⸗ fall wohlthat: empfangen Sie aus dieſer reinen Hand das fromme Sinnbild unſerer Liebe! Die Myrte gruͤne, wie des Herrn Guͤte, mit jedem Morgen neu. Er ſegne Ihren Eingang! Er ſende Ihnen Licht vom Heiligthum und ſeine Rechte bewahre Sie! Cäͤlie nahm den Kranz zuſammt dem Kinde. Sie druͤckte es, liebkoſend, bethaut mit Thraͤnen an die Bruſt und ſagte: Wohl mag ich eine Geſegnete des Herrn ſeyn, denn er fuͤhrt mich, in ſeiner Guͤte, an dieſen heiligen Hausaltar. Die Unſchuld bietet mir den Kranz und das Verdienſt giebt mir die Weihe. Der Jubelgreis wendete ſich nun, mit Dank und Wuͤnſchen, an den Fuͤrſten und dieſer druͤckte ihn, wie Caͤlie die Enkelin, an's Herz, und fuͤhrte den Geehrten in die Mitte 99 ber Kinder— unter junge, bluͤhende Muͤt⸗ ter und Juͤnglinge, die, von ſeiner Huld entzuͤckt, wie Engel weinten. Schoͤn! ſehr ſchoͤn! ſagte Armand, als der Wagen wieder fortrollte: dieſer Einzug iſt nicht prunkhaft aber erbaulich. Die Luſt⸗ kugeln und Perlracketten des Feuerwerkes ſind Wonnethraͤnen, die ſelbſt in jene Welt hinüber leuchten und ſtatt des rohen Geſchreies und der betaͤubenden Kanonenſchlaͤge, er⸗ quickten Segnungen das Ohr. Der Be⸗ leuchtung fehlte es an Blumenketten und Lichtmaſſen, aber der milde Stern des Buͤr⸗ gergluͤcks ging vor uns auf und das Kraͤnz⸗ lein, welches Dit Angelika in ihrem heiligen Inſtincte bot, wiegt die Flora der hieſigen Blumengaͤrten auf. Caͤlie fragte, mit vecchem Schmeichel⸗ laute: Darf es mir zum Brautkranze dienen? 7* 100 Gern, wenn es Dir genuͤgt, und des Knaͤbleins Gabe in Heimwald, zum Bruſt⸗ ſtrauße! Die Unſchuldigen neigen ſich, wie Wahlverwandte, mit reger Vorliebe zu Dir hin. Laſſet die Kindlein zu uns kommen! rief Frau von Espen triumphirend aus: bei ſol⸗ chen Zeichen liegt der geſegnete Eheſtand ja klar am Tage. Ich ſah im Geiſte ſchon, die Hoheit in der Mutterwonne, als das liebe Puͤppchen vorhin an Ihrem Herzen laͤchelte. Wie Gott will! ſprach Armand und küuͤßte die Hand ſeiner Ergluͤhenden: was uns gut iſt, wird Dir werden! Als ſie jetzt durch das Schloßthor fuhren, Caͤliens Herz wieder angſthaft bebte und der wirbelnde, Armands Ruͤckkehr bezeichnende Grenadier⸗Marſch der Burgwache hinauf⸗ 101 toͤnte, kuͤndigte Dorothea dem Hofe, in we⸗ nigen, buͤndigen Worten, die Naͤhe der neuen Landesmutter an. Sie rechtfertigte mit Gruͤnden, welche das Erſtaunen und die Neugierde fuͤr den Augenblick gelten lie⸗ ßen, die ungewoͤhnliche, geraͤuſchloſe Weiſe der Ankunft; ſie ſprach die Ueberzeugung aus, in dieſer Edelwerthen einen Inbegriff dauernder Vorzuͤge, die Zierde des Landes, die Perl des Hauſes, eine liebende Tochter zu finden und nahm den Arm ihres Hof⸗ meiſters, um Caͤlien auf halbem Wege zu begegnen. Die Herren und Damen ſtarrten ſich gegenſeitig an und folgten ihr, wispernd und murmelnd, zum Vorſaale, in deſſen jenſeitiger. auffliegender Thuͤr bereits zwei Pagen mit Windlichtern in der Hand, als Vorlaͤufer des nahenden Paares erſchienen. Der Mutter erſter Blick ſiel in des Soh⸗ 10² nes Geſicht, aus dem des Himmels Friede ſtrahlte; der zweite fiel auf Caͤlien, die jetzt mit einem Freudenlaut begruͤßt und umfan⸗ gen ward. Wie Bienen an der Bluͤthe, hingen die Augen der geſpannten Menge an dieſer Gruppe, begierig das Antlitz, die Geſtalt, die Geberden der jungen Fuͤrſtin zu erſchauen. Cäͤlie ward endlich ſichtbar, man fand ſie, faſt allgemein, jenem Kleinbilde gleich, doch das Scheinlob, welches die Herren und Da⸗ men, ſich, Kraft der Hofſitte, gegenſeitig zufliſterten, ward zum empfundenen, als ſie Dorotheen mit jenem ſuͤßen, ihr eigenen Laͤcheln, und von dem Lichte frommer Ruͤh⸗ rung erglaͤnzend, um Mutterhuld anſprach und die wohllautreiche Stimme ihren kind⸗ lichen und ſinnvollen Worten Gewicht gab. . 103 Dorothea fuͤhrte jetzt die Braut in ihre Zimmer, die Geſchmack und Sorgfalt aus⸗ geſchmuͤckt hatten. Der Torus prunkte, der Nachttiſch glaͤnzte, von der Wand des Ca⸗ binettes laͤchelten die Bilder der verewigten Eltern ſie an und an der Spitze ihres zu⸗ kuͤnftigen Hofſtaates fand ſie die Frau von Irwell und das Fraͤulein Alma, willkom⸗ mene, freundſelig anerkannte Weſen.— Die Dienerinnen traten jetzt herbei, um Caͤ⸗ lien zur Trauung zu ſchmuͤcken— Putz⸗ und Schmuckkaſten wurden aufgethan und die Demüͤthige glich, bald darauf, einer ſtrah⸗ lenden Fee. Sie wendete ſich von dem Rie⸗ ſenſpiegel ab, ſie blickte zu jenen Bildern auf, und ſagte, tief bewegt: Vater! Mut⸗ ter! Wie gluͤcklich ward ich doch! o, das iſt die ſelige Frucht Eueres Segens!— Da trat der Braͤutigam ein, in feiner Anmuth, funkelnd wie ſie und freudig wie Hymen— 10⁰4 er weilte beſchauend vor der Braut; et ſagte mit Nachdruck: Wahrlich, eine fuͤrſtliche Fuͤrſtin! 2 Ach, nur im Glanze! ſprach ſie klein⸗ laut: ich gleiche dem Monde. A. Nimm jenen ab, verhuͤlle dieſen und Deine innern, ewigen Geſtirne werden dann um ſo leuchtender aufgehen. Nicht ſolche Worte! bat Caͤlie flehend: ſie druͤcken mich nieder! Solche Worte, entgegnete Armand: ſind Stimmen des Herzens. Ich liebe Dich! Komm meine Freundin! Der Hof ſteht bereit, der Altar iſt geſchmuͤckt und der Praͤ⸗ lat erwartet uns. Er bot ihr die Hand, ſie kuͤßte dieſe, ſtillſelig, mit Inbrunſt, die Damen und Dienerinnen laͤchelten durch Thraͤnen, Alma von Irwell und die Graͤfin Roſalinde ergriffen die Schleppe des Fuͤrſten⸗ mantels und ſo wallte nun das Paar mit 5⁴ 105 Herrlichkeit umgeben, zur Kapelle, um den Bund zu verſiegeln, der, wenn der Wurf gelingt, das Gluͤck aus dem Himmel herab⸗ lockt und feſſelt. Wir erinnern uns noch des Ringes mit dem reizenden Maͤdchenbilde, das Ryno ſei⸗ ner Schweſter Alma ſehen ließ und das er ſeine Liebe nannte. Er ſprach damals, am folgenden Tage, wieder bei ihr ein und fand das Fraͤulein Cora vor, welches ſich, an⸗ geblich einer Stickerei wegen, Rath holen wollte. Es ward jetzt wiederum manch ſchoͤ⸗ nes Wort zwiſchen beiden gewechſelt, doch Cora's Luſt und Laͤcheln wich dem duͤſtern Ernſte, als ſie einen Ring an ſeinem Fin⸗ ger gewahrte und ihre ſcharfen Augen die Umriſſe einer weiblichen Form erkannten. Auch Alma nahm ihn wahr und der Anblick erheiterte ſie, im Gegenſatze zu der Freun⸗ 106 din, denn es bot ſich, hoffentlich, in ihm das Mittel dar, die Arme ſchnell zu berichtigen und ihr damit, wenn auch gewaltſam, einen irrfuͤhrenden Wahn zu benehmen. Traͤgſt Du Dich immer noch mit dem Ringe, ſprach ſie ſpoͤttelnd: und werde ich endlich erfahren, ob er gefunden oder im Faro gewonnen oder der lieben Eitelkeit von einem Schacherjuden aufgeſchwatzt ward? Es ſoll mich kraͤnken, fiel Irwell ein und wendete ſich zu dem geaͤngſteten Fraͤulein: die natuͤrlichſte Vorausſetzung als eine un⸗ denkbare umgangen zu ſehen; aber geſtehen Sie ſelbſt, Theuerſte! ob ſich Alma nicht zu einer ſolchen Schwaͤgerin Gluͤck wuͤnſchen duͤrfte? Er bot ihr, bei dieſen Worten, das abgezogene Kleinod dar. Verbuͤrgt nicht dies Geſicht den Adel der Seele und ſchoͤne Gemuͤthlichkeit? Iſt es nicht ein Sinnbild 107 geiſtiger und leiblicher Anmuth?— Cora fliſterte, erblaſſend, Worte des Beifalls. Und doch hat die arge Schweſter, leider, wahrgeſagt! fuhr Ryno fort: denn ich ge⸗ wann ihn allerdings im Spiele— in einem Spiele, wo wir das Leben einſetzen, um wie Hektor gelobt und wie mein voriger Rothſchimmel begraben zu werden. Heraus mit dem Wiel ſprach Alma, den Ring an ſich nehmend: wenn ich anders dies Goͤtzenbild wieder ausliefern ſoll, denn Du mußt wiſſen, liebe Cora, daß er es, wie eine Heilige, feiert. Du biſt lieblos und unzart! ſchalt der Bruder: und um ſo mehr, da Deine guten Worte noch immer eine gute Statt bei mir fanden, aber die Geſchichte kann junge Da⸗ men nur langweilen oder aͤngſten. Langweilen keines Weges! verſicherte Cora, in hoͤchſter Spannung: und auch die 4108 Aengſte haben ihren Reiz. Alma ſprach: O, bitte, bitte! Bruͤderchen, ich halte, außerdem, mein Wort! Da faßte er haſtig die Hand, in der ſie den Ring verbarg; er machte, ſo laut ſie auch aufſchrie, das Recht des Starken geltend, ſteckte ihn zu ſich und ſagte, zu jener gewendet— Ich war noch recht niedlich, als unſer Regiment in das Feld ruͤckte und mein On⸗ kel, der Oberſte, mich, auf mein flehendes Bitten, dem Pagenhaus entnahm und mit⸗ ziehen ließ, denn um jeden Preis mußte Pulver gerochen und mindeſtens ein Sporn verdient werden. Das Gluͤck laͤchelte an⸗ faͤnglich, es verſchaffte mir einen ehrenden Spitznamen. Die Reiter nannten mich den Junker David, weil ich, bei dem froͤhlichen Nachhauen, einen Goliath, welcher unſerm Standart⸗Traͤger den Garaus gemacht hat⸗ te, gluͤcklich vom Pferde ſchoß. Noch auf 109 dem Wahlplatze vertraute mit der Onkel Oberſte deſſen Panier an. Der Feind ent⸗ rann in wilder Flucht, die Arbeit war ge⸗ than, wir ruͤckten, bis zum Hinſinken er⸗ ſchoͤpft, in ein freundliches Dorf, fuͤtterten und entſchliefen, gleich den thoͤrigten Jung⸗ frauen. Mich hatten die Mordſcenen dieſes Tages, mein erſtes Probeſtuͤck, ſo manches Schauerbild und Lob und Lohn, zuſammt dem Kummer uͤber mein verwundetes Roͤß⸗ lein, in einen fieberhaften Zuſtand verſetzt; der Junker David warf ſich, zwiſchen Schnarchenden, ſchlaflos auf den Garben der Scheuer umher. Da fielen Schuͤſſe, denn unſere Vorpoſten ſchnarchten auch. Ich horche, wecke die Kameraden, ſpringe uͤber den Hof, in des Onkels Stube, um die Standarte zu holen, werfe mich mit dieſer auf eines ſeiner SFandpferde, die im Garten ſtanden und ſehe dort, der Deckung gewaͤrtig, umher 110 Wildes Geſchrei toͤnt aus der Dorfgaſſe; den einzelnen Schuͤſſen folgen Lagen, eine Flammenzunge ſtreckt ſich ploͤtzlich empor, ſie zeigt mir Fußvolk in Maſſen, unſere Leute, vereinzelt, von feindlichen Reitern getrieben und ihre Schuͤtzen, die Gaͤrten umkreiſend. Fort! Rette die Standarte! ruft mir der Oberſte zu und wirft ſich mit den Offizieren und der Wache dem naͤchſten andringenden Haufen entgegen. Ich ſetze, nothgedrungen, uͤber den Gartenzaun, mein Saͤbel fliegt aus der Scheide, weithin, und Kugeln pfei⸗ fen neben und uͤber mir. Ich gewinne einen Fußpfad, hoͤre den Hufſchlag der Verfolger, denke, Trotz dem Verluſte der Klinge, auf Gegenwehr, finde in der rechten Holfter nur eine Flaſche mit Chinatrank— die Arzney des Onkels, der am dreitaͤgigen Fieber litt, doch in der andern ein erwuͤnſchtes Piſtol, das geladen ſchien. Es wird in die Linke, 111 der Zuͤgel zwiſchen die Zaͤhne genommen und der große Fuchs fliegt mit dem kleinen Da⸗ vid, wie Lenorens Wilhelm, uͤber Korn und Dorn. Halt Junkerchen! tief eine feind⸗ liche Macht hinter mir: Gieb Dich! ich bin ein Deutſcher! Dein Landsmann— Nimm Pardon! Ich aber ſpornte kraͤftiglich und ſah nach hinten und einen ſtattlichen Huſaren⸗Offizier nur um einige Pferdelaͤngen noch entfernt. Ich ſchieße, mit verwandter Hand, uͤber die Schulter hin, ich fehle, werfe das Piſtol weg, um des Zuͤgels wieder maͤchtig zu wer⸗ den, fuͤhle mich, gleich darauf, am Kragen gepackt und meine Hand laͤßt jenen wieder fallen, um die haltende, ziehende Fauſt aus⸗ zubrechen. Cora geberdete ſich wie Hentiette im „Huſaren⸗Raube.“ Mir grauet auch! ſprach ſeine Schweſter: aber ich kenne Dich 8ο 112 ſchon! Das ganze Schauer⸗Gemaͤlde iſt, am Ende, nur ein Seitenſtuͤck zu der hold⸗ ſeligen Niſa im Schneegaͤßchen. Ich erzaͤhle die lautere Wahrheit— auf mein Ehrenwort! Der Huſar, fuhr ſie fort: wuͤrde doch wohl lieber den Saͤbel, als die Hand ge⸗ braucht und den Schuß nach Soldaten⸗Art vergolten haben? Wahrſcheinlich, entgegnete Ryno: war er bereits, im Handgemenge, um jenen ge⸗ kommen und gleich mir verſprengt. Genug, daß ich mich ploͤtzlich frei und mit Blut be⸗ ſpritzt fuͤhlte, und ſeine Hand in der meini⸗ gen blieb. Hanns Kaspar, ein Reiter, der mein Pferd verſorgte, ein treuer, kreuzbraver Degenknopf, war mir gefolgt und kam eben zur rechten Zeit nach, um den Knoten durch einen Meiſterhieb zu loͤſen. Er machte Je⸗ nen, einen Grafen Fallis, zum Gefange⸗ „.. 113 nen und reiche Beute; ich aber entkam mit der Standarte und traf auf Schwadronen des zweiten Regimentes, die zum Beiſtand herbei eilten. Das unſere ward, in dieſer dunkeln Morgenſtunde, zur Halbſchied auf⸗ gerieben, dem armen Onkel half ein Stahl⸗ mittel auf ewig von dem dreitaͤgigen Fieber, ich aber fand am kleinen Finger der erbeute⸗ ten Hand, den Ring mit dieſem magiſchen Bilde. Sie oder Keine! ſag' ich mir ſeitdem, ſo oft ich es anſchaue; und alſo Keine! fuhr Ryno mit fallender Stimme fort: denn mit dem Frieden ward der Graf, geheilt und kerngeſund, aus der Gefangenſchaft ent⸗ laſſen. Die Schweſter warf jetzt einen verſtohle⸗ nen Blick in Cora's Geſicht, die den Ein⸗ druck denrhein unter einem froſti⸗ gen Laͤcheln zu verbergen ſtrebte, und ſprach dann heftig— J. Theil. 8 ——— 114 Du warſt leider! der Thorheit immer ſehr zugaͤnglich, doch mehr als dieſe— eine ſchreiende Suͤnde iſt's, ſich durch wahnſin⸗ nige Geluͤbde um die Anſpruͤche eines bluͤ⸗ henden, reich begabten Leben zu bringen. Der Geſcholtene verneigte ſich, ſchwei⸗ gend und kaum bedankt, er ging und Cora's Augen entſtuͤrzte nun ein Thraͤnenſtrom. Wohl Dir! ſprach Alma und weinte auch: o, danke dem Genius„ der ihn eben herbei fuͤhrte— ihm dieſe unſelige Mittheilung ent⸗ lockte. Verſtaͤndiger, als Er, wirſt Du den Weg zur Wohlfahrt waͤhlen, wirſt dem red⸗ lichen Seedorn die Hand reichen und eine gluͤckliche Frau werden, mir aber ſchwebenim der Zukunft Trauerſpiele vor. Nicht ſeit„ heute erſt iſt dieſer Bruder de egenſtand. meines ſtilen Kummers. A Inneres gleicht einer wechſelhaften See. Bald iſt er zaͤrtlich, offen. treuherzig, bald, mit dem⸗ 115 ſelben, ehrlichen Geſichte, voll Unwahrheit und Ironie. Jetzt lacht und ſpielt das Kind in ihm und ploͤtzlich baͤumt, im ſchroffen Uebergange, ein Daͤmon auf und draͤngt ihn zu dem Aeuſſerſten. Ich fand ihn uͤber mei⸗ nen ſterbenden Haͤnfling in Thraͤnen und er verließ mich dann, um ſich, ohne mein Ah⸗ nen, mit dem Freunde zu ſchießen, den ein gutes Wort verſoͤhnt haben wuͤrde. Darauf umfingen ſich die beiden Leid tragenden Jung⸗ frauen und ihre Thraͤnen und ihre Worte verklagten die Maͤnner. Ryno befehligte, am Tage jenes ſeltſa⸗ men Einzuges, die Schloßwache. Er ſtand mit dem eben gedachten Freunde, einem DOffizier Garde⸗Regiments„ in einem 4 Fenſter des Machſaales. Die Herren und Damen, au Dokothea, 5 zur vorgeblichen Feyer des Namenfeſtes entboten hatte, wal⸗ . 8* 2 4 116 ten hier vorüͤber, und jene hielten Frauen⸗ ſchau. Wer doch in Deiner reizenden Haut ſtaͤcke, ſagte Hellſohn: und auch ein ſolcher Augen⸗Magnet waͤte, der ſelbſt die Bloͤben und Scheinheiligen zwingt, Dich holdſelig anzublicken und den erſtorbenen Liebeſinn in wackelnden Matronen wieder anregt. Nicht Eine, jung oder alt, zieht hier vor⸗ uͤber, ohne mindeſtens einen Seitenblick auf den praͤchtigen Ryno zu werfen; ich diene ihren Augen offenbar nur zum Winkeltrepp⸗ chen, uͤber das ſie, fluͤchtig, zu Dir auf⸗ klimmen.— Necke mich nicht! erwiederte Irwell, von der Bemerkung ergoͤtt: denn ſelbſt wenn Du Recht haͤtteſt, wuͤrde ich freudig mit Dir tauſchen— Soldaten⸗ Ehre Wunden⸗ ſchmuck und einer dieſer wohlverdienten Or⸗. den, ſind wahrlich ſchoͤner und begehrenswer⸗ 117 ther, als rothe Backen und die ſogenannte Wohlgeſtalt. Auch Du haſt brav gethan, fiel Hell⸗ ſohn ein: und ſollteſt wuchern mit dem Ta⸗ lisman, der Dir ſichtlich der Frauen Huld und Antheil zuneigt. Es wuͤrden Dir, in einer Spanne Zeit, mehr Roſen bluͤhen, als mir in einem Menſchenalter. Bluͤthen machen Diebe, antwortete Ry⸗ no: ich find' es heillos, ein liebliches, ge⸗ weihtes Gaͤrtchen zu berauben und verſchmaͤhe die entweihten.— Wer liebt, iſt erkrankt, iſt unſtet, ſchmachtet, argwoͤhnt, zagt, ver⸗ zehrt ſich, mitten im Genuſſe, vor unſtillba⸗ rer Sehnſucht und alle dieſe Zuſtaͤnde ſind Herzuͤbel; ſie bringen Fieberhitze, Schlaflo⸗ ſigkeit, Beaͤngſtigung und entmannen den Starken. Im Laufe des vorjaͤhrigen Fa⸗ ſchings, zum Beiſpiele, verbreiteten die drei ſproͤden, allerliebſten Polinnen hier eing 118 foͤrmliche Epidemie. Ihr alle ſchlicht, wie ein ſichtbares Miasma, bleich, hohlaͤugig, und mit Haͤngebacken umher. Der Eine wisperte, der Andre zirpte nur. Irre Ge⸗ muͤthreiche blickten, ſelig im Glauben, zu ihren Fenſtern auf, unbaͤndige Freigeiſter erſchoſſen ſich in Redensarten und der nerven⸗ kranke Mammuth ward ſogar ein bischen katholiſch. Doch die Sirenen flohn, die Exerzirzeit kam und alle fanden allmaͤlig, auf der angenehmen Reitbahn ſich ſelbſt und die Geneſung wisder. Drum, Beßter! fliehe ich das Geſchlecht; zwar auf den Knieen, ſchneckenhaft und adorirend, aber ich ſliehe doch!— Erſtens um meines Wohlſeyns willen— zweitens weil jeder Romandichter das Buch der Seligkeit am Polter⸗Abende zuſchlaͤgt— ein warnendes Merkzeichen! weil ferner, drittens, die ungedruckten, wirk⸗ lichen Liebes⸗Geſchichten ihre Helden großen⸗ 119 theils breit druͤcken, und weil ich, endlich, die Begehrte alsbalh zur Gattin machen wuͤrde. Ach und dann ſtriche ihr Fruͤhling und Sommer blitzſchnell voruͤber und Vater Ryno ſchliche, kaum zum Manne gereift, mit dem dornigen Stiele des laͤngſt entblaͤt⸗ terten Roͤslein's am Herzen, als Griesgram durch's Leben. Am Herzen, das, gleich einem gezwungenen Karthaͤuſer, ſich gegen die eiſerne Feſſel des Geluͤbdes ſtraͤuben wuͤrde. Deeine Freunde, ſiel Hellſohn ein: be⸗ fremdet es nicht, Dich unterweilen der eige⸗ nen Ueberzeugung zuwider ſprechen und die Gefuͤhle eines gluͤhenden Innern verleugnen zu hoͤren, jetzt aber laß uns abbrechen, denn ſie kommen, die Du knieend fliehſt. Was gaͤbe ich doch eben, fuͤr ein wenig Allwiſſen⸗ heit, um zu erfahren, welche von allen die⸗ ſen Holden meine naͤchſte Wahlverwandte und am geeignetſten ſeyn duͤrfte, den armen 2 4 Ernſt: 120 Hellfohn zum gluͤcklichen Gatten zu machen — ich waͤre nichts lieber! Ging Dieſe nicht bereits vorbei, entgeg⸗ nete Ryno: ſo laͤßt ſich das, vermoͤge der Kabbala ergruͤnden, die ich im Kriege, einem fuͤrſtlichen Menagerie⸗Aufſeher ablauſchte, bei dem ich Quartier und taͤglich eine geſeg⸗ nete Mahlzeit fand. Der Mann ſchwemmte Huͤhner auf, ſtopfte Gaͤnſe mit Nudeln, „machte Kapaune fertig und war beiher ein Myſtiker. Haſt Du denn keine Lieblingzahl? Hellſohn belaͤchelte den Einfall, er dachte nach und murmelte, zwiſchen Spott und Die Fuͤnf allenfalls. Ich zaͤhle fuͤnf Wunden und fuͤnf Glaͤubiger, trug, im Laufe von zehn Jahren, fuͤnf Koͤrbe heim und meine alte Diane hat geſtern, am ſchaßbaren Namenstage ihres Brotherrn, fuͤnf Junge geworfen. ——O—O.ꝭ—ꝭQ-˖-õ— 121 So ſpringt die magiſche Zahl in's Auge! fuhr Ryno fort: und faͤllt zum Gluͤcke, viel geringer aus, als die der Ashanteen in Afrika, deren Koͤnige, Kraft derſelben, drei⸗ tauſend, dreihundert, drei und dreißig Frauen nehmen muͤſſen. Wie leidig ſtehſt Du doch, 6 1 mit Deinen fuͤnf Hunden in ſo viel Koͤrben, neben dieſen! Jetzt aber erhebe die beſchei⸗ dene Fuͤnf zum Quadrate, dann eigne Dir *. den blinden Glauben, die nothwendige, fa⸗ natiſche Zuverſicht an und paſſe gut auf, denn die fuͤnf und zwanzigſte Unvermaͤlte, welche hier durchzieht, iſt Dein eigentlicher Sympathie⸗Vogel. Hellſohn lachte wieder. Es gilt den Verſuch! ſagte er und faßte die Fluͤgelthuͤren ſcharf in's Auge. Schon trat ein gnaͤdiges Mamachen mit den beiden Fraͤulein Kerzen ein. Sie ent. ſprachen dem Namen, waren honiggelb, 122 baumlang, hochmuͤthig und unbiegſam; ihre rothlockigen Spitzkoͤpfe flackerten gleichſam auf den ſchmaͤchtigen Haͤlſen. Gottlob! dachte Jener, betruͤbte ſich je⸗ doch alsbald, denn ein Dutzend der Liebens⸗ wertheſten ſchritt dieſen nach. Mehrere der⸗ ſelben ſahen ſogar den unſcheinbaren Ritt⸗ meiſter wohlwollend an und dankten recht guͤtig. Der Zwanzig, einer alternden Wit⸗ tib, folgte endlich Cora, die Hofmuſe, als herrliches vingt un declaré. Aber ſie ſchien Ryno's Anblick vermeiden zu wollen oder auf der Faͤhrte eines Reimwildes be⸗ griffen und ſchaute nicht auf und immer baͤn⸗ ger ward ihm, Trotz der Nichtigkeit des Spieles, zu Muthe. Der Strom ſchien verronnen. Es entſtand eine lange, gleich⸗ ſam den entſcheidenden Moment verkuͤndi⸗ gende Pauſe.„Alſo ſchwieg die Natur“ fliſterte Jener:„als aus den Fluthen Ana⸗ 123 dyomene ſtieg!“— Horch! da ſchwirrten Siilfenſchritte uͤber den Marmorboden des Nebenſaales; zwei verbrauchte Nieten, die Vorlaͤufer des Haupttreffers, erſchienen und entrauſchten— unguͤnſtige Vorzeichen! Und Hellſohn hielt den Odem an und die Ordens⸗ kreuze bewegten ſich auf ſeiner Bruſt, denn zwiſchen den Thuͤrfluͤgeln dort, traf eben die dunkle Erde mit dem beſſern Sterne— traf eine Lapplaͤnderin mit der Charis zuſammen und ſie begruͤßten ſich zaͤrtlich und verweilten im Hintergrunde. Das kleine, ſieche, ſchiefe, ſpiralfüſſige Fraͤulein Charitas erhob ſich auf den Zehen zu Alma's Feenbruſt, um einen weggedraͤngten Zierrath derſelben be⸗ quemer zu betten. Ryno ſah im erſten Hinblicke nur die Mißgeſtalt und lachte laut und ſchadenfroh, Hellſohn aber glich einem Spieler, welcher eben die Bank ſprengen oder ſie mit dem 124 Leben decken wird— da ſchritten beide aus und die kleine Charitas blieb nun, Kraft ewiger Geſetze, um einen halben und bald um einen ganzen Schritt zuruͤck. Aber ſie nahm Theil an der Huldigung, die ihrem Gegenſtuͤcke ward und dankte ſo erkenntlich und ungemeſſen, daß noch ein Ruͤckſchritt noͤthig ward, um das betretene Staatskleid vor einem Riß in den Vorhang zu ſichern. Hellſohn ſtand verſtummt und ſein Ge⸗ ſicht glich der Halbſchied einer rothgluͤhenden Stuͤckkugel. Auch Ryno war ploͤtlich ernſt geworden; er kehrte ſich haſtig zu dem Freund und ſprach: Hienieden iſt kein Ding unmoͤglich und ſelbſt Fraͤulein Charitas findet vielleicht noch den Weg in das Ehebett eines Behexten, doch meiner Alma ſteht das Naͤschen hoch! Wie billig! wisperte der Odemloſe: ich fuͤhle mich ſchon, von dem freundlichen Zu⸗ 125 fall erhoben. Das Fraͤulein iſt ja die Perl des Hofes. Liebreizend und doch verſtaͤndig — geiſtreich ſogar und doch weiblich— ge⸗ feiert, doch beſcheiden— gemuͤthvoll und doch makellos— Ein Phoͤnix, wie geſagt! Heil ihrem Bruder! R. Es laͤuft in ihr, bei alle dem, viel Kluͤgelei mit unter. Sie predigt und mei⸗ ſtert gar zu gern und umtrippelt, gleich der Henne in der Fabel, den Teich, wenn ſie den bruͤderlichen Entrich ſchwimmen ſieht. Abſonderlich graut derſelben vor den Stricken und Netzen, die ihre Mitſchweſtern nach mir auswerfen moͤchten, aber die zaͤrtliche Be⸗ ſorglichkeit entſpringt, am Ende, nur dem alten Geſchlechtsfehler. Sie goͤnnt mich Keiner, liebſter Gott! und um ſie zu be⸗ ſchwichtigen, ſpiegelte ich ihr eine phantaſti⸗ ſche, tief gewurzelte Leidenſchaft fuͤr ein Ge⸗ maͤlde vor, neben dem mir der Reſt des 126 Geſchlechtes, wie das Nullenheer der Dezillion erſcheine; denn ſie iſt leichtglaͤubig wie ein Großmuͤtterchen; ſchon tauſendmal— in aller Unſchuld heißt das— irre gefuͤhrt, baut ſie, noch immer, auf mein Aeußern. Nun aber gereicht ihr das Maͤdchenbild zum Aerger⸗ niß und ſo leben wir, nach wie vor, im Streite. Iſt denn das Bild zu ſehn? fragte Hellſohn... Ryno erwiederte: Denk an Grandorf, Freund! wo Dein werthes Antlitz zur Larve ward. Du weißt ja, daß Hans Kaspar dem feindlichen Huſaren⸗Offizier, der mich vom Pferde reißen wollte, auf meiner Schul⸗ ter hier, die Hand vom Arme hackte— daß dieſe in der meinen blieb und ich an ihrem kleinen Finger einen Ring fand. Das Maͤd⸗ chenbild in ihm, hat mich nun, angeblich, ſeit dem erſten Anblicke bezaubert. H. War der Mahler anders kein Liebe⸗ diener, ſo mag das Urbild es vermoͤgen. Gewiß! fiel Ryno, aufflammend ein: ich ſage Dir, unter Freundes⸗Siegel! da⸗ mit man nicht, als Narr, in Umlauf kom⸗ me: Dies Weſen iſt, nicht vorgeblich nur, die Puppe meiner Phantaſie— ſchon um des Zufalls willen, der mir es, zuſammt der Hand meines Wuͤrgers, ſo wunderbar aufbrang. Genug, ich bet' es an! Verdammt ſind die Zufaͤlle! entgegnete Hellſohn: ich ſage Dir dagegen, unter dem⸗ ſelben Siegel, doch ohne Furcht, deshalb fuͤr einen Narren zu gelten— daß Alma meine Puppe— nein, daß ſie der ſeligſte Gedanke meiner Seele iſt. Du biſt, ich hoͤr' es, auf den ſechſten Korb erpicht. Mit jenen war es Scherz— nie ſprach ich noch ein Weib um Gegenliebe an. 128 Nun, ich verdamme, wie Du eben, den luſtigen Einfall und das heilloſe Ungefaͤhr, denn meinem Wahne nach, war Alma be⸗ reits bei der Fuͤrſtin und zwiſchen Dir und ihr liegen alle Wechſel und Schuldſcheine der Mitwelt. Waͤrſt Du reich genug, die zu bezahlen, ſo wuͤrde damit immer erſt das Morgenroth der Hoffnung aufdaͤmmern,. Dein Habſal iſt der Degen, das unſere be⸗ ruht auf Dorotheens Huld, die uns, wie eigne Kinder liebt und meine Schweſter im⸗ merfort begabt. Der aber bettle ich dann den Bedarf ab, denn mir wird nichts aus jener hohen Hand— ich moͤchte ſonſt ein lockerer Zeiſig werden, meint die Goͤnnerin, und dieſe gute, kurzſichtige Meinung ſtellt mich unter Alma's druͤckende Controlle. H. O, wohl Dir unter des milden Engels Huth und in dem Schatten jener Huld. Sie wiegt mehr als ein Ritter⸗ —, 129 gut auf und Alma gehoͤrt ſonach zu den Reichen. R. Vor allem, guter Helſohn! gilt die Frage, ob ſie Dich lieben kann? Du biſt sans peur et sans reproche, aber be⸗ kanntlich der Schoͤnſte nicht. Verſchoben iſt die Halbſchied der Facies; die Kugel, wel⸗ che Dir den Backenſtreich gab, klopfte ne⸗ benbei ſo ungeſtuͤm an die roͤmiſche Naſe, daß ſie ſich, noch jetzt, nach ihr umzuſehen ſcheint. Dazu die biwachfarbene Haut und der unfeine Gliederbau— Nein„ Bruder! Du waͤrſt auf's Wort! weit eher ein Ge⸗ genſtand fuͤr die zaͤrtliche Charitas und da⸗ hin weiſ't Dich auch das kabbaliſtiſche Qua⸗ drat, denn Alma's Dazwiſchenkunft galt mir, dem Bruder. Zu mir draͤngt ſie die Sympathie, das liegt am Tage und waͤre der Gaͤnſenudler hier, er wuͤrde mir Recht geben. I. Theil. 9 130 Dein Daͤmon faͤhrt in Dich! ſprach Hellſohn verbittert: geluͤſtet Dich etwa nach einem zweiten Ritt auf die Grenze, um Deiner Schweſter Haß gegen den Mann, der ſie anbetet, zu erregen? Denn es duͤrfte nicht allemal bei Streifſchuſſen bleiben. Wie kann, ich frage Dich! ein Freund— ein Menſch Deiner Gattung, ſich eben jetzt als Satyr gefallen? R. Am ſchnellſten, denk' ich, weicht der Boͤſe, wenn man ihm, ſtatt zu miauen und Leid zu tragen, ein derbes Schnippchen ſchlaͤgt, und daß ich Recht habe, daß Liebe krank macht, ward mir jetzt eben wieder klar. Darum griff Dein Freund und Haus⸗ doktor zu heroiſchen Mitteln und Gegenreizen, fuhr mit dem Gluͤheiſen ein wenig uͤber Dein Ruͤckgrad herab und Du zuckteſt, zu ſeiner Beruhigung. Ermanne Dich alſo! Mein Rezept lautet ſo. Rufe Deine ſtarke Mannskraft in's Gewehr, und geht die dennoch zu dem Herzen uͤber, ſo ſchreib' an meine Schweſter und ſchicke mich zu ihr. Ich werfe Deinen Werth als Menſch und Krieger, die drei Orden, die fuͤnf Wunden, die Kugel, mit der Du Scharfſchuͤtze mir, ſchonend genug, den Backenbart abnahmſt — ich werfe ſelbſt die junge Dianen⸗Fa⸗ milie, zuſammt den fuͤnf Koͤrben hinein und ſchneide ein Geſicht bei der Uebergabe, da⸗ mit das ſchiefgeſchoſſene meines Schuͤtzlings im Preiſe ſteige. Auf Wort und Ehre, Hellſohn, denn Du ſtehſt in meinem Herzen unmittelbar hinter dem Ring' und der Schweſter; was ich vermag, das ſoll u Feuereifer gethan werden! Verliere kein Wort fuͤr dieſen Zweck! ſiel Jener ein: Kein Wort, ich rechne drauf!— bei Deiner Ehre! Damit 9* 132 ging er den Uebrigen nach, in das Prunk⸗ zimmer. Nach wenigen Stunben traf, wie er⸗ zaͤhlt ward, zu des Hofes Erſtaunen, der Fuͤrſt mit der Braut ein. Ryno ſtand im Gardeſaale, vor ſeinen Reitern, er ſalu⸗ tirte mit offenem Munde und vergaß die Mannſchaft wieder ſchultern und abtreten zu laſſen. Ihn verſteinerte der Anblick ſei⸗ nes verwirklichten Bildes— die Erſchei⸗ nung der Graͤfin Roſalinde, welche mit Caͤlien kam und dem wunderſchoͤnen Offi⸗ zier der Wache, fluͤchtig, aber holdſelig, in's Auge ſah.. Alma, eben noch in Dorotheens Gefol⸗ ge, theilte, gleich darauf, daſſelbe Gefuͤhl und Cora draͤngte ſich, waͤhrend dem die junge Fuͤrſtin von Jener umfangen ward und alle, ſtarr und ſtumm, in Beſchauung 133 verſunken ſtanden, zu Ryno's Schweſter hin und lispelte, erblaßt und kaum der Sprache maͤchtig: Sage, taͤuſche ich mich, Liebe! oder haben wir die Hofdame der Braut ſchon geſehen? Alma ſchoͤpfte Odem und erwiederte— Im Bilde, ja! in dem bewußten Ringe— ich begreif' es nicht. Sie iſt's! Bei Gott! man kann nicht zweifeln! Entſetzlich! fiel Cora ein; ſie faßte zit⸗ ternd Alma's Arm. Sey ruhig! troͤſtete dieſe: das Fraͤulein hat die Prinzeſſin nur begleitet und kehrt, der Sitte gemaͤß, des naͤchſten zurüͤck. C. Giebt es noch Sitten hier? Nim⸗ mermehr! Spricht dieſe Herkunft nicht den uralten, fuͤrſtlichen Gebraͤuchen Hohn? Sie bleibt! Sie verdraͤngt uns! Sie hat es mit Deinem Bruder abgekartet— der Heuch⸗ ler! Der Abſcheuliche! 134 A. Ich ſehe bis ietzt nur ein ſeltſames Ungefähr im Spiele und will mit ihr an⸗ knuͤpfen, ſobald es ſich thun laͤßt.— In dieſem Augenblicke naͤherte ſich ihnen die junge, beiden, ohne ihr Ahnen, dies Aer⸗ gerniß gebende Graͤfin und ſagte, mild und freudig, zu Alma: Unſere Fuͤrſtin hat mir bereits das Fraͤulein von Irwell ſo lebhaft und ſprechend geſchildert, daß ich es wagen darf, in Ihnen dieſe Liebenswuͤrdige voraus⸗ zuſetzen. 3 Alma erwiederte, in ihrer Beſtuͤrzung, die wohlthuende Anrede nur mit einer be⸗ jahenden, ſtummen Verbeugung. Sie ſind's! fuhr Linda, ihr die Hand druͤckend, fort: und ſehn daraus, wie ſtark und treffend die Darſtellungkraft meiner Erlauchten und wie tief und angenehm der Eindruck geweſen iſt, den die holde Irwell bei jenem Beſuche in Ihr zuruͤck ließ. Zu 135 Folge einer Uebereinkunft beider Hoͤfe, wird mir das Gluͤck, im Gefolge unſerer huldrei⸗ chen Goͤnnerin bleiben zu duͤrfen und ich wuͤrde kuͤnftig dieſen Augenblick ſegnen, wenn er ſich, als der erſte einer freundlichen, herzlichen Verbindung zwiſchen uns, bewaͤh⸗ ren wollte. Alma fand jetzt ploͤtzlich die Sprache und die Faͤhigkeit wieder, ſo liebliche und auszeichnende Aeuſſerungen mit aͤhnlichen zu vergelten, Cora aber, die von der Graͤfin unbeachtet blieb, verließ, empoͤrt, im Inner⸗ ſten zerruͤttet, der Freundin Arm; ſie warf die flammenden Augen umher, erblickte Philippinen von Truwold, die, gleich einer unholden Fee, im Hintergrunde lauſchte, . wollte zu dieſer, ſonſt Verſchmaͤhten, jetzt Willkommenen hineilen und traf auf den guten von Seedorn. Er ſprach ſie zaͤrtlich, boch ehrerbietig an, er klagte wehmuͤthig —— 136 uͤber die verleugnende Kaͤlte, mit der ſie ihn, ſeit kurzem, gebeugt und abgeſchreckt habe und Cora's Antlitz klaͤrte ſich ploͤßlich wun⸗ derbar auf. Es glich jetzt einem naͤchtlichen Gewitterhimmel, in dem die aufgehende Luna mit den Sturmwolken kaͤmpfte und ihren Erynnen⸗Schleier ſpaltet— Noch leuchtete in dieſen irren, glimmenden Augen das Wetter, noch draͤngten ſich dunkle Flo⸗ gen auf der Stirn, aber der Mund laͤchelte bereits und die entwichene, dienſtbare An⸗ muth ward, von Cora's Willen, ſchnell zu⸗ ruͤck gefuͤhrt und bethaͤtigt. Guter Mann! ſagte das Fraͤulein mit dem Floͤtenlaute des Antheils: ich habe Sie bedauert und bewundert, doch nur gepruͤfter Liebe iſt zu trauen und mein Freund— beſtand! Sie pruͤften mich? ſiel Seedorn, lä⸗ chelnd und mit ſichtlichem Erſtaunen ein: 137 darf ich geſtehn, dies ſey von Ueberfluß ge⸗ weſen, da meine Loſung: Semper idem! iſt— mein Herz von keinem Wandel weiß. S. Und das will mir noch immer wohl? E. Wohl? Großer Gott! Ich liebe wahrhaft ſchwaͤrmeriſc. Wie Abaͤlard, Theuerſte! Und Sie? S. Und ich— bin Ihre Braut! Sie duͤrfen es allen dieſen Leutchen eroͤffnen! Damit befluͤgelte ſie ihn durch einen magi⸗ ſchen Feenblick, ſie druͤckte vertraulich ſeine Hand, entzog ihm dann haſtig die gekuͤßte und enteilte, wie die ſchuͤchterne Daphne im Schaͤferſpiele— ſie eilte zu Philippinen hin. Dem neuen, aus den Wolken fallenden Braͤutigam war zu Muthe, als habe er ein Kelchglas ſeines edeln Tokayers geleert. Er ſchlich ſich, ſuͤß berauſcht und zum Spaßvo⸗ gel umgewandelt, an die Seite aller naͤhern Bekannten; er bat ſie, unter loſen Worten, zur Hochzeit, die Damen zur Kindtaufe und ſein Aeuſſern und Treiben ſammelte bald einen Kreis verwunderter Theilnehmer um ihn her. Cora aber und Philippine von Truwold, zogen ſich jetzt ſchon deshalb mag⸗ netiſch an, da Beider Hoffnung, als Hof⸗ fraͤulein bei der neuen Fuͤrſtin angeſtellt zu werden, durch Roſalindens Herkunft und Armand's Verſagung, getaͤuſcht worden war. Nun lieber, ſchoͤner, geiſtreicher Engel, wisperte Philippine, von der uͤberraſchenden Anneigung der ſtolzen Poetin geſchmeichelt: werden Sie denn nicht, uͤber Nacht, in die Saiten greifen, um, Trotz der argen Ver⸗ heimlichung, gluͤhende Kohlen auf des Braͤu⸗ tigams Haupt zu ſammeln? Werden Sie uns nicht ein Seitenſtuck zu dem Buͤrger⸗ ſchen Hochgeſange von der Einzigen geben? —— 30 Caͤliens Reizen„die das Lied, kluͤglich ſonſt zu nennen mied, ſchaffe Cora Glanz und Leben, durch ihr hoͤchſtes Feierlied!“ C. Noch hab' ich mich nicht im Epi⸗ gramm verſucht. P. Nur etwas moͤchte ich jetzt uns Beiden wuͤnſchen. Ihnen ein Glasfenſter⸗ chen in der lieblichen Bruſt, mir die Ver⸗ goͤnnung, hindurch ſehen und in ihrem In⸗ nern leſen zu duͤrfen. C. Was etwa da geſchrieben ſteht, ſpiegelt ſich ja auf der Stirn aller Verſtaͤn⸗ digen der Umgebung. P. Wir theilen, dem gemaͤß, dieſelbe Anſicht. Was ſagen Sie zu dieſem Polter⸗ Abende? C. Vor Jahren bat uns der Haus⸗ wirth, ein Kleinhaͤndler, zu dem ſeinigen— eine Anmuthung, die der ſelige Vater, aus Gruͤnden, nicht ablehnen mochte.— 140 Ich verſtehe, fiel Pinchen ein: und ſehe die Kraͤmerbraut und den Hergang bei je⸗ nem, ſo eben im Bilde— Hier koͤmmt, zum Ueberfluß, mein Bruder, der zeitige Hochzeitbitter. Er allein„ liebſte Freundin! hat den Fuͤrſten zu dieſer genialen Ueberra⸗ ſchung beredet. Herr von Truwold ergriff, im Voruͤber⸗ gehn, Cora's Hand und ſprach mit Freu⸗ digkeit: Endlich alſo! Iſt es gewiß? Darf ich Gluͤck wuͤnſchen?. Gluͤck wuͤnſchen? wiederholte die Schwe⸗ ſter, welche nur die beiden Schlußworte ver⸗ nommen hatte, mit ſchnoͤder Bitterkeit im Blick und Tone: ey, allerdings, in ſofern man uns mit der gefuͤrchteten Anſtellung bei dem neuen Hofſtaate verſchonte. Gluͤck zu Ihrem Brautſtande, fuhr Jener, ohne auf die Gloſſe zu hoͤren, mit Waͤrme fort: Herr von Seedorn verkuͤn⸗ 141 digt uns eben, in heller Verklaͤrung, daß Fraͤulein Cora bie Seinige ſey. Quelle folie! eiferte Pinchen, welche einen Mißverſtand in dieſer, ihr entſetzlichen Moͤglichkeit vorausſetzte: der Pedant iſt bei Laune und dann noch um eins ſo widrig und ſo abgeſchmackt. Die Braut ward ploͤtzlich zur Feuerflam⸗ me; ſie warf ſich in die Bruſt und ſprach: Seedorn's Geiſt mag nicht flimmern und prunken, er entbehrt zudem der Modefarben, aber er iſt, als Menſch, ohne Tadel, als Staatsdiener verehrungwerth, als Liebender bis zur Aufopferung hingebend und dieſer Verein ſeltener Vorzuͤge rechtfertigt, denke ich, meine Wahl. Der Baron Truwold ſtimmte der Aeu⸗ ßerung von Herzen bei, waͤhrend dem ſeine Schweſter, von den ſcharfkralligen, aber un⸗ ſichtbaren Gnomen des Neides und Grim⸗ 142 mes am Herzen erfaßt und gezwickt ward. Zur rechten Zeit fuͤr Beide zog jetzt ein Zu⸗ fall ihre Aufmerkſamkeit an. Das ſieche, nervenſchwache Fraͤulein Charitas, welches, allzulang', auf den Zehen geſtanden„ die Halsmuskeln allzuheftig angeſtrengt hatte, um ſich die neue Fuͤrſtin zu beſehen, ward ploͤtlich von der Lebenskraft verlaſſen; es ſchlich abſeit, einem Stuhle zu, und ſank ploͤtzlich in die Arme des Herrn von Hell⸗ ſohn, welcher die Arme taumeln ſah, ſie er⸗ griff und, um jede Stoͤrung zu entfernen, auf einen Divan des anſtoßenden Zimmers trug. Die Menge luaͤchelte ihnen nach, doch hielt der ſtaͤrkere Magnet der Gegenwart die Damen, und des Fraͤuleins Alter und Mißgeſtalt die Herren von allem thaͤtigen Antheile um ſo mehr zuruͤck, da ſie dieſelbe in den beßten Haͤnden ſahen. Hellſohn aber 143 gedachte, waͤhrend der Uebung des Ritter⸗ dienſtes, der Kabbala und dankte ſtill dem Himmel, daß Ryno, draußen vom Wach⸗ dienſte feſtgehalten, kein Augenzeuge dieſes Vorgangs ſey. Fraͤulein Charitas ermannte ſich ploͤtziich, ſie ſegnete den edeln Samari⸗ — ter„ zog ein Riechflaͤſchgen aus dem Buſen, deſſen Inhalt ihre Pſyche wunderſam anreg⸗ te und beſchwor ihn, das Werk zu vollenden und ſie, ohne Aufſehen, in die Burghalle hinab zu leiten, wo ihr Bedienter und ein Ueberfluß von Saͤnften zu finden war. Sie werden mir, ſetzte ſie hinzu, dieſen Liebe⸗ dienſt um ſo freundlicher erweiſen, wenn ich Ihnen ſage, daß Ihre ſchaͤtbare, nach Un⸗ garn verheirathete Schweſter Renate, meine vertrauteſte Jugend⸗Geſpielin war— daß wir Beide, als lebhafte, loſe Perſoͤnchen, manch luſtiges Stuͤckchen ausgehn ließen und daß ſie, unwillkuͤhrlich, mein ganzes 144 nachheriges Mißgeſchick veranlaßt hat. Denn als Renatchen, eines Tages, die ſtrenge Mutter in den Hof kommen ſah und ploͤtz⸗ lich von der Schaukel ſprang, welche das lange, quer uͤber Bauholz gelegte Bret bil⸗ dete, flog ich, aus der Hoͤhe, auf jenes her⸗ ab und die Folge des Sturzes machte mich ohne fuͤr den Augenblick einen ſichtbare Schaden zu nehmen, allmaͤlig zum Kruͤppel⸗ chen. Dennoch iſt ſie mir immer werth ge⸗ blieben und ich denke der guten Seele, heu⸗ tigen Tages noch, mit Ruͤhrung und Sehn⸗ ſucht, denn alte Liebe roſtet nicht! Der freundliche Gleichmuth, mit dem ihm Charitas ihr Ungluͤck und ihren Edel⸗ ſinn gegen deſſen Urheberin zu vernehmen gab, griff ihm an's Herz und umgab ſie, in ſeinen Augen, mit dem Lichtſcheine einer Maͤrtyrin. Er bot ihr jetzt willfaͤhrig den Arm, er ſagte der Beklagenswerthen von ſeinem innigen Bedauern und daß er ſie, Trotz jenem Mißgeſchicke, noch immer für die Gluͤcklichere halte, da Renate, waͤhrend dem, den Kelch eines ungluͤcklichen Eheſtan⸗ des bis auf die Hefen geleert habe— daß ihr Erbtheil der Raub der Spielſucht und aͤhnlichen Seuchen ihres entarteten Gatten geworden ſey und dieſer nun, ſeit Jahren ſiech und gelaͤhmt, von dem Ertrage ihres Fleißes verpflegt werde— Neuigkeiten, wel⸗ che Charitas mit Wehmuth und Erſtaunen vernahm und nach ihrem Aufenthalte fragte. Nichts war ihm jetzt gewiſſer und ver⸗ drießlicher, als Ryno's Spott und Gloſſen, den er im Wachſaale wußte und der ſich nicht umgehen ließ; er dankte ihm daher im Her⸗ zen die Schonung, mit welcher derſelbe, raſch auf⸗ und abſchreitend, das Paͤrchen zu ver⸗ leugnen ſchien. Doch dieſen hatte vorhin Roſalindens Anblick fuͤr die Erſcheinungen I. Theil. 10 145 146 der Außenwelt betaͤubt, und ſeine Augen ruhten ſtarr auf dem Ringe, deſſen ſprechen⸗ des Abbild ſie war. Die Einwohner der Hauptſtadt erfuhren, noch an demſelben Abende, daß ihre Lan⸗ desmutter, wie von dem Storche gebracht, in's Schloß gefallen ſey und dieſes ward als⸗ bald von Hunderten umkreiſ't. Die weib⸗ liche Neugierde fuͤhrte den Reihen und machte Haufen von Amazonen fertig, welche die Trauung zu ſehen, die hell erleuchtete Ka⸗ pelle zu ſtuͤrmen und den Kreis abwehrender Grenadiere Theils ſchmeichelnd, Theils kei⸗ fend und durch die Gewalt der Schwaͤche zu bezwingen ſtrebten. Fuͤrſt Armand war nach Verdienſt an⸗ erkannt und noch geehrter als geliebt; kein Wunder alſo, daß ſich. bald ein Lichtmeer 147 durch die Stadt verbreitete— daß fromme Segnungen ſein Brautfeſt heiligen halfen und daß, am folgenden Morgen, der Don⸗ ner der Kanonen und das Gelaͤute der Glok⸗ ken den Lieben Getreuen wohlthat und ſie ruͤhrte. Die Schauluſtigen und an der Form Haltenden wurden durch glaͤnzende Hof⸗ und gezuͤgelte Volkfeſte, mit dem ſtillen Einzuge verſoͤhnt, die Dichter ruͤhrten nun dennoch das Spiel, der Reimer Schaar die Kurbel ihrer Leyerkaͤſten und Armand beeiferte ſich, ſeine Caͤlie und ſeine Freude uͤberall ſichtbar werden zu laſſen. Huͤbſch ſey die Fuͤrſtin nicht! dabey blieb es.— Aber verſtaͤndig und ange⸗ nehm! verſicherte, wer ſich ihr nahen durf⸗ te. Und freundſelig und engelgut! betheuer⸗ ten die Frauen, welche ihr Nehmen und Aeußern am Hausaltare des Jubelgreiſes ſchnell gewonnen hatte; und Alle kamen 10* 148 darin uͤberein, daß eine ſolche Landesmut⸗ ter unbedingt die Schoͤnſte ſey. Die Flitterwochen waren voruͤber; Herr von Truwold, der, als Choraget, jene Feſte geleitet und ſie durch ſeinen Kunſtſinn und Geſchmack veredelt hatte, begann jetzt wie⸗ der das ſonſtige Tagewerk und erſchien am Morgen, um nach des Fuͤrſten Befehlen zu fragen. Lieber Truwold, ſagte dieſer, nach dem erſten, auf Geſchaͤfte Bezug nehmenden Wortwechſel: ich wuͤrde jetzt der gluͤcklichſte aller großen und kleinen Volkhirten ſeyn, wenn nicht mein fruͤheſter und liebſter Ge⸗ ſpiele, an deſſen felſenfeſter Seite ich dem Tod ins Auge ſah— der, zu dem freund⸗ lichen Leben zuruͤckgekehrt, mir es verſchoͤnern half und mein heilſamſter Rathgeber blieb— wenn mir nicht Truwold, lieblos, die Hande 149 gebunden haͤtte— die Haͤnde, mit denen ich ſo gern das Fuͤllhorn der Dankbarkeit uͤber ihm ausleeren moͤchte. Sie lockten mir einſt das Verſprechen ab, meinen Freund, nicht ohne ſein Geſuch, mit Titeln und Wuͤrden, mit Zierrathen und Hof⸗Ehren zu begaben, doch meine Folgſamkeit giebt mir das Recht, nun endlich auf die Befreiung von dieſer laſtenden Buͤrde zu dringen. T. Gnaͤdigſter Herr! Sie wollen Berge auf Berge uͤber mir thuͤrmen. Wo iſt ein Kleinod, das, in meinen Augen, die Huld, die Liebe, das begluͤckende Vertrauen eines edlen Mannes aufwiegen koͤnnte, der uͤber⸗ dies mein Herr und mein Fuͤrſt iſt und dem ich nie geſchmeichelt habe. A. Ihr eigenes, reges Zartgefuͤhl muß Sie empfinden laſſen, daß es dem Fuͤrſten weder ziemt, noch wohlthut, in verdienſtli⸗ chen, gepruͤften Freunden, großmuͤthige 150 Glaͤubiger zu ſehen— daß Schillers Poſa ſelbſt, bei aͤhnlicher Verſchmaͤhung, nur ſei⸗ nem Stolze ſchmeicheln wollte und daß allein die Aeußerung eines Wunſches das Gleichge⸗ wicht wieder herſtellen kann. Gnaͤdigſter Herr, erwiederte Truwold: ich habe allerdings ein Anliegen auf dem Herzen, deſſen Gewaͤhrung mich zu Ihrem dankbarſten und lebenslänglichen Schuldner machen wuͤrde. A. Gelobt ſey Gott! Die Aeußerung nimmt mir den Zentner von der Bruſt, doch fuͤrchte ich Ihre Maͤßigung.— Zur Sache! Ohne Scheu! Man ſagt, Sie wollen hei⸗ rathen? Ich ſtatte die Braut aus.— Heirathen alſo? mein Beiſpiel wirkt; ein Braͤutigam macht zehn. Der Hof dachte Ihnen laͤngſt unſere Harfnerin zu, aber die hat Seedorn entfuͤhrt— Hymen gebe, daß ihm nichts aͤhnliches widerfahre. Dann 151 traͤumte mir von der Irwell und neuerlich von Roſalinden. T. Es waren Traͤume! Dort wan⸗ delt eben Ihre Gemahlin mit Beiden im Garten. Sie haben dieſe mit den Grazien umgeben; wird ſie das gern ſehn? Armand blickte laͤchelnd auf. Sonder⸗ bar! ſprach er: noch geſtern ſagte mir Caͤlie, als ich uͤber den Ungeſchmack unſeres Hof⸗ Juweliers eiferte: Du haſt, wie jener, einen unſcheinbaren Carneol mit funkelnden Edelſteinen eingefaßt— mich zwiſchen Ro⸗ ſalinden und die Irwell geſtellt.— Liebe Caͤlie, troͤſtete ich: ſie ſind nur Deine Dia⸗ manten, der Lichtſchein Deines Genius. Da druͤckte ſie mich, dankbar und im ſuͤßen Glauben an die Bruſt, Gott aber weiß, daß die Erwiederung mir vom Herzen ging— vom Herzen, das ſich ihr, ploͤtlich und wun⸗ derſam, zugeneigt hat. 152 T. Man ſpielt ſo gern mit der Gefahr, der ſich der Muth gewachſen glaubt, aber ich ſelbſt— der Leidenſchaftlichſte nicht— habe mich, wohl oͤfter, mit ſtolzem Gleich⸗ muthe, einer Holdſeligen genaht und ſie nach wenigen Minuten, mit der Sehnſucht des Begehrens verlaſſen. A. Sie wiſſen, daß Alma, von Kin⸗ des Beinen auf, ein Liebling meiner Mut⸗ ter war und deshalb unter unſern Augen auf⸗ wuchs, daß unſer taͤgliches Beiſammenſeyn uns gleichſam verſchwiſterte und damit den gefuͤrchteten Pfai zerbrach. Roſalinden aber, die mich gleichgürig laͤßt, hat Ihre eigene, thaͤtige Vermittlunge hier eine bleibende Staͤtte verſchafft. T. Die Fuaͤrſtin kennt einen Theil der Verhaͤltniſſe, welche ihren Oheim, den Her⸗ zog wuͤnſchen lieſſen, ſie von ſeinem Hofe entfernen zu koͤnnen. Prinz Guſtav, ſein ——; —,— 15⁵3 zuͤngſter Sohn, verfolgte ſie mit einer Be⸗ harrlichkeit, die, bei ſeiner Schoͤne, ſeinem Minnegluͤck und ſeiner unſeligen Fertigkeit in dieſem Fache, Roſalinden ſicheres Ver⸗ derben drohte. Doch weder die Fuͤrſtin, noch der Herzog wiſſen um den eigentlichen Grund ihreß bisherigen, entſchloſſenen Wi⸗ derſtandes. Er reichte hin, ſelbſt Linda's Vater, der ihn zufaͤllig entdeckte, die Ent⸗ behrung der einzigen Tochter verſchmerzen zu machen. Die junge Graͤfin iſt dem Sohne ihrer vieljaͤhrigen Waͤrterin mit heißer In⸗ nigkeit zugethan— erkennt und ehrt die Pflichten ihres Standes, will aber nimmer eines Andern ſenä. A. Hoffentlich hat ſich der junge Menſch uͤber ſeine Abkunft erhoben? T. Allerdings! Julius dankt dem Va⸗ ter der Graͤfin die Mittel zu der Ausbildung mehr als eines ungewoͤhnlichen Talents. Er iſt ein firmer Muſikus und es ward ihm, durch Roſalinden's Einfluß, die Ehre, jenes Kleinbild zu mahlen, das Ihrer Hoheit ſo wenig gefallen wollte.— Er hat den An⸗ ſtrich eines Weltmanns, empfehlende For⸗ men und bewohnte, bis zu dem Tage, wo dem Grafen jenes Mißverhaͤltniß klar ward, ein Zimmer ſeines Hauſes. A. Entfernung wird die Kraͤnkelnde heilen. Wir laſſen dies Romaͤnchen ruhn und kommen auf Ihr Anliegen zuruͤck.— Sie ſind, bekanntlich, nicht bei Mitteln und haben— o, ich weiß es wohl, ſo man⸗ chem Erbieten, das hundert Andre, pflicht⸗ vergeſſen, mit offenen Armen umfangen, als ein aͤchter Ehrenritter widerſtanden.— Darf ich Erſatz leiſten? T. Sie ſehen, vielmehr, einen Wohl⸗ habenden vor ſich, ſeitdem mich das Beduͤrf⸗ niß zwang, die vaͤterliche Bilderſammlung —— „ 155 zu veraͤußern. Ich trieb die Abgoͤtter aus, dem Gott des Friedens Raum zu geben. Adam und Eva bezahlen meine Schulden, die nackenden Grazien kleideten mich neu, Mariens Himmelfahrt danke ich Wagen und Pferde und Selenens Wanderung uͤber den Latmus deckt die Koſten einer Reiſe, zu welcher mir die Erlaubniß meines huldreichen Fuͤrſten von Noͤthen iſt. Reiſen, murmelte Armand betroffen: und eben jetzt? Es muͤſſen gewichtige, mir dunkle Gruͤnde ſeyn, die dieſen uͤberraſchen⸗ den Entſchluß veranlaſſen. Ich will ſie unverholen ausſprechen. Man ſieht, bereits ſeit geraumer Zeit, den Guͤnſt⸗ ling des Fuͤrſten in mir. A. O, ſagen Sie, den Freund! Ihr Werth, Ihre Dienſte, und der Kugel⸗ regen des Schlachttages haben Sie zu dieſem geweiht. Ich ließ mein Ehrenkleid, mit H& 156 Ihrem Blute beſpritzt, dem Hermelin⸗Man⸗ tel beigeſellen. Truwold verneigte ſich tief und ſprach: bie oͤffentliche Meinung geſteht den Maͤchti⸗ gen nur Guͤnſtlinge zu— ein Wahn, der Ihre Wuͤrde beeintruͤchtigt, und Ihre Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit in Zweifel ſetzt— der nebenbei die Ruhe des Beguͤnſtigten verkuͤmmert und fuͤr die Dauer, ſelbſt auf meine Pflichten und Grundſaͤtze verderblich einwirken muß. O, das ſind Grillen! rief Armand ver⸗ duͤſtert. T. Ich gemahne mich oft„ wie ein Ausbund der Anmuth und Vollkommenheit, denn uͤberall begegnen mir ſuͤße Liebesblicke, feiernde Ehrfurcht und die ſprechende Sehn⸗ ſucht nach meiner Beachtung und Gegen⸗ gunſt. Das Vorzimmer wimmelt daheim von verſchaͤmten und ſtuͤrmiſchen Anbetern jedes Ranges und mein Mund betheuert ver⸗ „— 157 gebens, daß ich ohne Einfluß ſey und ſelbſt fuͤr mich keine Bitte wage. Sie ſehen mit blinder, fanatiſcher Zuverſicht den Wunder⸗ thaͤtigen in mir und wollen durch dieſen Mitt⸗ ler ſelig werden. Der Eine, mit Wuͤrden und großem Gehalte verſorgt, begehrt eine Zulage fuͤr den lieben, untauglichen Sohn und daß er die Tauglichen uͤberſpringe. Der andre, Steinreiche, pocht auf das angeborne Freibillet und verlangt noch ein Dutzend fuͤr die ſchaͤtbare Sippſchaft. Das ſchoͤnere Ge⸗ ſchlecht vollendet meinen Marterſtand. Dieſe will, durch fuͤrſtliche Machtſpruͤche, den Er⸗ wuͤnſchten im Brote, jene ſich aus den Klauen des Verwuͤnſchten gerettet ſehn— die dritte einen verlorenen Prozeß gewinnen, eine vierte die fuͤnfte geſaͤckt wiſſen und alle meinen, es koſte die Gewaͤhrung dem maͤchtigen Truwold nur ein Wort, So eben noch vertrat mir ein zwerghaftes, verputztes und verwachſenes 158 Juͤngferchen den Weg. Die Sprachſelige erklaͤrte ſich, Trotz ihren Diamant⸗ Ringen, fuͤr blutarm und Ew. Hoheit fuͤr verpflichtet, ſie Vorzugweiſe zu bedenken. Sie iſt un⸗ gluͤcklich und der Hoͤchſtſelige Fuͤrſt dieſes Un⸗ gluͤcks Schmid. Er gab, an ſeinem Hoch⸗ zeitfeſte, damaliger Sitte zu Folge, den Tafel⸗Abhub Preis. Da hat ſich denn der Haufe der Eingelaſſenen auf die Speiſen geworfen, hat ihre hochſchwangere Frau Mut⸗ ter, die nach einem wahrgenommenen Pom⸗ meſinen⸗Gelee geluͤſtete, braun und blau gedruͤckt und die Bittſtellerin ſomit bereits im Mutterleibe verwahrloſt. Drum ſey ſie, wie Figura zeige und rechne alſo auf Ent⸗ ſchaͤdigung. Armands eintretender Kammerdiener un⸗ terbrach die Mittheilung— Von der Poſt, ſagte er und uͤberreichtedem Freiherrn einen Brief an den Fuͤrſten, welchen Truwold ihm —y—y— 159 ſofort behaͤndigte. Der Diener verſchwand, Armand beſah das Siegel, er ſprach betrof⸗ fen— unfehlbar Eſſig in den Freuden⸗ wein! und rief, waͤhrend der Leſung: Galle ſogar! denn Georgine, unſere Gorgo, koͤmmt zuruͤck! Georgine war des Fuͤrſten aͤltere Schwe⸗ ſter und in ihren Bluͤthentagen eine Zierde des Hofes, durch Geiſt und Wohlgeſtalt, Humor und Freundſeligkeit ausgezeichnet und deshalb geliebt und gefeiert geweſen. Ploͤtz⸗ lich erkrankt ſie; boͤsartige Schwinden be⸗ decken den Koͤrper, entſtellen das Geſicht und ſelbſt die wohllautreiche Stimme wird rauh und heiſer. Der Wegfall dieſer Gaben und Vorzuͤge verſtimmt, verbittert ihr Ge⸗ muͤth, entzweit ſie mit dem Himmel und dem Leben und die innere Schoͤne geht all⸗ maͤlig, gleich der aͤußern, in ihr verletzen⸗ des Gegentheil uͤber. Georgine beginnt zu 160 haſſen, was ſie liebte, zu verſpolten, was ihr heilig, zu kraͤnken, was ihr theuer war und lieber weh⸗ als wohlzuthun. Sie fein⸗ det, in der Drangſal der vorherrſchenden, boͤſen Laune, ſich ſelbſt an, verſagt dem Koͤrper die noͤthige Erquickung, dem Geiſte ſeine Weide, den Genuß an den Kuͤnſten und beſucht ihren Fluͤgel, den ſie einſt als Meiſterin ſchlug, nur, um durch Fehlgriffe und ſchreiende Mißtoͤne den Genius der Har⸗ monie zu verhoͤhnen. Sie kirrt dazwiſchen, in ſcheinbar lichten Zwiſchenraͤumen, die Arg⸗ loſen ihrer Umgebung, mit erheuchelter Ver⸗ traulichkeit an, um ihnen, durch boͤſen Leu⸗ mund, die Befreundeten verdaͤchtig zu ma⸗ chen, um heimliche, innige Verhaͤltniſſe zu erforſchen, zu verrathen und zu zerſtoͤren. Sie ſaͤet, ringsum, nach Vermoͤgen Boͤſes und ergoͤtzt ſich an dem uͤppigen Wachsthume des wuchernden Unkrautes. Dorothea, die 161 Gebeugte, ſieht in der Entarteten nur eine ſeelenkranke, milder Schonung beduͤrftige Tochter, welche ſich dagegen, bald durch Trotz, bald durch vorgeſpiegelten Jammer an der edeln Mutter verſuͤndigt und ſie mit dem Fuͤrſten zu entzweien weiß. Aber Armands Geduld iſt erſchoͤpft. Er laͤßt ihr zwiſchen der Verſetzung in ein feſtes Schloß und der Befriedigung ihres fruͤhern, heiße⸗ ſten Wunſches, zu reiſen, die Wahl. Ein Wechſelſpiel von Kraͤmpfen und Thraͤnen, von wildem Trotz und fußfaͤlliger Demuth, andert kein Jota an der Entſcheidung. Sie geht jetzt ſtill mit ihrer Aya zu Rathe und faͤhrt bald darauf mit dieſer und einem, ihr von dem Bruder zugetheilten Ehren⸗Stall⸗ meiſter, gen Suͤden ab. Der Engel des Friedens und des Wohlſeyns kehrt in des Fuͤrſten Haus und Kreis zuruͤck und heute meldet, nach faſt zweijaͤhriger Entfernung, I. Theil. 11 162 die boͤſe Fee, daß der milde, hesperiſche Him⸗ mel, Wunder an ihr gethan— daß er Leib und Seele geheilt habe, daß nur die krank⸗ hafte Sehnſucht nach der hochverehrten Mut⸗ ter, nach dem vielgeliebten Bruder, nach den unvergeßlichen Geſpielinnen ihrer gluͤck⸗ licheren Jugend, den Segen der Geneſung noch verkuͤmmere, und daß ſie lieber zu Ar⸗ mands Fuͤſſen ſterben, als das Schickſal der verſtoßenen Hagar laͤnger tragen wolle. Dieſer theilte dem Freiherrn die Zuſchrift mit und ſagte ſeufzend: der boͤſe Feind laͤßt ſich melden; er liebt bekanntlich die Reſidenz⸗ Schloͤſſer! Zehn Bruͤdern von Georginens Gepraͤge wollte ich, mit Hoffnung und An⸗ theile, die Hand reichen, aber ein entartetes Weib iſt unheilbar; Theils gefaͤllt es ſich in ſeiner Verſtoͤrung, Theils mangelt ihm der Haft, ſich fuͤr die Dauer zu erheben und ſo dient es, con amore, den Furien. — — 163 Ich habe die Prinzeſſin immer beklagt, erwiederte Truwold: denn wer iſt ſicher vor der Rolle, die ihr das Verhaͤngniß aufdrang? Wer kann auf ſeinen Willen, auf Tugend und Erkenntniß zaͤhlen, wenn ein kalter Hauch, ein verierter Bluttropfen, ein er⸗ krankter Nerve— wenn Flechtenſchaͤrfe oder Erbſuͤnde hinreichen, die Gottaͤhnlichen mit Elend zu bedecken— ſie dem Bloͤdſinne, der Kette, dem Hochgerichte zuzufuͤhren. Wir bewohnen insgeſammt ein unheimliches, dem Untergange geweihtes Haus, voll dunkler Kammern und Verſtecke, wo das Lichtſcheue, Verderbliche, niſtet. A. Ich theile Ihre Ueberzeugung, ohne mich von derſelben beruhigt zu fuͤhlen. Selbſt dieſe Beilage der Aya erhebt meinen Muth nicht. Die Gute, Eingeſchreckte, kehrt, wie gewoͤhnlich, mit Eifer zum Beßten, ruͤhmt, nothgedrungen, Georginens Reue und Sin⸗ 11* 164 nes⸗Aenderung und Beide bitten um Er⸗ laubniß, meine Befehle an der Grenze, im Schloſſe Heimwald, erwarten zu duͤrfen. Der Mutter iſt unfehlbar mit derſelben Poſt geſchrieben worden und ihr Herz wird bluten, wenn ich Jene zuruͤckweiſe. Wie waͤre es, Freund, wenn Sie den werthen Zuſpruch dort erwarteten, ſich ſelbſt von Georginens Zuſtande, ihrem Nehmen und Aeuſſern un⸗ terrichteten, ihr die Weiſung kund machten, bis auf Weiteres dort zu verweilen, und mir Ihre Anſicht, ſchnell zuruͤckkehrend, mittheilten. T. Ein erwuͤnſchter Auftrag, gnaͤdig⸗ ſter Herr! den ich, unbefangen, mit der puͤnkt⸗ lichſten Treue vollziehen werde. A. Der dortige Kaſtellan ſoll unver⸗ zuͤglich einige Gemaͤcher in Stand ſeben und ein Offizier der Garde mit zwanzig Pferden zur Ehrenwache dahin abgehn. Aber ohne Saͤumen, Beßter! denn ich fuͤrchte, ſie 165 uͤberfaͤllt uns auſſerdem und Ealie muß auf die unholde Schwaͤgerin vorbereitet werden. — So eben ward Jene angeſagt; Truwold ging, um ſich reiſefertig zu machen. Nichts knuͤpft ſich leichter und freudiger, als das Band zwiſchen zwei wahlverwandten, argloſen Jungfrauen, die ſich mit gleichen, ebenmaͤßig befriedigten Anſpruͤchen, auf der⸗ ſelben Stufe des Lebens und der Verhaͤlt⸗ niſſe begegnen. Alma, mit Kraͤnzen be⸗ deckt, goͤnnte Roſalinden, neidlos, ihre Kronen; ſie goͤnnte, von Opfernden bedraͤngt, der Freundin gleichen Opferduft und Beide theilten ſich, Herz an Herz, ihre Wuͤnſche und ihre Siege, ihr Meinen und ihr Wollen mit. Was endlich der Graͤfin, durch Caͤliens Huld, an Schmuck und Sammet und Sei⸗ de ward, floß jener, um nicht hinter der 166 Gefaͤhrtin zuruͤck zu bleiben, durch Doro⸗ theens Milde zu. Ryno hatte, ſeit jenem Feſt⸗Abende, die Schweſter, bald flehendlich, bald ſtuͤr⸗ miſch angeregt, Roſalinden von ihm, von ſeiner Beute, ſeiner Gluth fuͤr das Bild und das Urbild— ſie von dem Rechte, das ihm dieſes wunderbare Vorzeichen gebe, zu unterrichten— zu erforſchen, ob der myſti⸗ ſche Ring durch ihr Zuthun an des Feindes Finger gekommen, ob er dieſem einen An⸗ ſpruch gegeben habe, oder er der ſichtlichen Weiſung des Schickſales folgen duͤrfe. Alma erwiederte darauf: Euer ruͤckſicht⸗ loſes, uͤbereiltes Sturmlaufen iſt hier, wo Du im Ounkeln tappſt und wie gewoͤhnlich, ein Mißgriff; ich finde es rathſamer, auf den Zehen zu ſchleichen und werde wirken, wenn es Zeit iſt und die Gelegenheit ſich bie⸗ tet. Bis dahin troͤſte und zuͤgle Dich die ———— 167 Verſicherung, daß Linda vor Deinem Aeuße⸗ ren nicht erſchrocken iſt und ein Beſuch ſie, geſtern, mitten in der Frage unterbrach, ob ich mit Dir zufrieden ſey? Erſchrocken? fiel Ryno lachend ein: die Graͤfin hat Dir, augenſcheinlich, zu dem Bruder Gluͤck gewuͤnſcht. Doch Alma mein⸗ te, das habe ſie leider! nicht Urſache, fer⸗ tigte ihn auch ſofort ab, freute ſich jedoch ſeiner Leidenſchaft, denn vor allen, ihr be⸗ kannten Jungfrauen, wuͤnſchte ſie ſich dieſe zur Blutsfreundin, goͤnnte ſie nur dieſer den Bruder. Beide Hoffraͤulein kamen, von Caͤlien, auf Alma's Zimmer zuruͤck. Jene hatte eben den Ueberſchwang ihres Frohſinnes und ihrer Zaͤrtlichkeit auf dieſe Lieblinge abgelei⸗ tet— ſie hatte Linda's Feenſtirn und Al⸗ ma's Lilien⸗Wangen rothgekuͤßt, ſich ihnen⸗ traulich koſend, gleich geſtellt, ſie mit zwei ſelbſtgeſtickten Schleiern angebunden. Die beiden Jungfrauen umfingen ſich nun in freudiger, ſympathetiſcher Wallung. O Gott! wir ſind beneidenswerth! fliſterte Alma. Die Graͤfin erwiederte: ich mehr als Du! ich fand, als Fremdling, ein ſchoͤneres Vater⸗ land, und Dich, Du Engel! in dieſer Fremde. Nein, ich bin gluͤcklicher! ſprach Ryno's Schweſter: mir ward ein Paar! Caͤlie und Roſalinde! Die Gute und die Liebliche! Dir aber fiel nur eine Leibeigene zu, die Euere Roſenkette traͤgt, an der Du ſie, groß⸗ muͤthig, emporhebſt. R. Es gefaͤllt Deiner Herrlichkeit, den Staubmantel umzuwerfen— o, wirf ihn lieber uͤber mich! Sieh her, fuhr Linda fort und zog ein Briefchen aus dem Buſen: mit dieſen traulichen Liebesworten nennt mich 6G 6 — 169 ein Mann, den ich an aͤhnlichen Ketten halte— der Sohn einer Dienſtbaren, den nur ſein Geiſt, ſein Herz und ſein Werth adeln— und dieß Geſtaͤndniß verſoͤhne uns, ſo oft Dich meine Abkunft von einem glaͤn⸗ zenden Geſchlechte und der beruͤhmte Name aͤrgert, den ich trage. Alma's Augen verſchlangen die flammen⸗ den Worte des Briefes; ſie hafteten an dem Namen Julius, und Roſalinde druͤckte ſie jeßzt an ihr Herz, bekannte ſich, mit ruhiger Entſchloſſenheit, zu dem Abgotte dieſes Her⸗ zens, gelobte ſich ihm, Trotz allen Felſen, die ſie ſchieden, fuͤr Zeit und Ewigkeit und ſagte: Du wirſt mich tadeln und beklagen— verwerfen nicht! Dich tadeln? ja! ſprach Alma, ſichtlich beſtuͤrzt: und auch bedauern, wenn Deine Leidenſchaft nur einen Gewoͤhnlichen verklaͤr⸗ te; wenn der Gehalt, den Du ihm beilegſt, 4 des Opfers, dns ne Dame Deines Ral ges dem rangkoſen Sohne i Dienſtbaren bringt, maßi immerdar ſein Vorwurf bleiben, die Gattin aber kann, ſelbſt in den ſeltenſten * beklage ich, ſelbſt in dem gaue, der Dich zu der Seinen macht, um ſo herzl 5 je wuͤrdiger er Deiner Liebe iſt. Die Gro Beweiſen der Liebe und der Dankbarkeit, die eine Ebenbuͤrtige entzuͤcken und begluͤcken wuͤrden, nur die erwartete und unbedingte Pflicht⸗Erfüllung ſehn. Ein Fräͤulein von geſtern, das des Vaters Geld oder Hoffart adeln half, verlaͤßt, auch an der Hand eines ehrbaren und geſitteten Handwerkers, die angeborene Sphaͤre nicht, in Dir aber muͤſ⸗ ſen, fruͤh oder ſpaͤt, die Vorbegriffe und An⸗ ſpruͤche der Abkunft wieder lebendig werden, muͤſſen die Sehnſucht nach den verlaſſenen — 171 Hoͤhen wieder aufregen und damit das ſtille Thal Deiner Zukunft entzaubern. Die Graͤfin erwiederte, laͤchelnd und ge⸗ laſſen: Du weißt, wie unzugaͤnglich, in ſolchen Faͤllen, das Herz iſt und wie verge⸗ bens der Eifer der Nuͤchternen ſich abmuͤht, um einer Berauſchten ihre beſſere Erkenntniß anzueignen; darum vergiß, was eine raſche Wallung Dir verrieth. Mein Verhaͤltniß iſt, allerdings, weder ein Gegenſtand fuͤr die Mittheilung, noch fuͤr die Theilnahme und ich lobe die Redliche, welche der Freundin nicht, auf Koſten der Wahrheit und mit Ver⸗ leugnung ihrer Grundſaͤtze, ſchmeichelt. Ge⸗ nug auf immer von meinem Leid und mei⸗ ner Liebe! Guter Engel! ſprach Alma, ſie geruͤhrt umfangend: ich that Dir weh und Du ver⸗ birgſt die Wunde, um mir den Schmerz uͤber meine Haͤrte zu erſparen. Aber ich muß Deine Großmuth erſchoͤpfen und mir eine Frage geſtatten. Die Pflicht der Freund⸗ ſchaft entſchuldige ſie. R. Frage, Liebe! ich werde aufrichtig ſeyn, wie Du! A. War Julius Soldat? R. Er hat dem letzten Kriege als Frei⸗ williger beigewohnt— er ward verwundet und gefangen, aber noch in demſelben Ge⸗ fechte wieder befreit. A. Vielleicht ward ihm da auch ein Ring mit Deinem Bilde entriſſen? O, wohl!l rief die Graͤfin, erroͤthend und befremdet: Du weißt von dem? Man pluͤnderte ihn, nach Kriegsmanier, aus; die Brieftaſche eignete ſich der Officier der Truppe an, durchſuchte den Inhalt, gab ihm die Banknoten wieder, behielt jedoch den Ring, der ſich in ihr befand, zuruͤck. Sieh, das Bild war ſein Werk, war ſpre⸗ chend getroffen, mein Kummer uͤber den Verluſt gewiß ſo aͤngſtend, als der ſeine. Und dieſes Bild kam Dir vor Augen? Ach, wohl auch Andern?— Liebe, goldene Ir⸗ well! ſage, wie? Alma unterhielt ſie ſofort von dem ſelt⸗ ſamen Schickſale des Ringes, welcher, hoͤchſt wahrſcheinlich, in und an der Hand jenes Offizier's geblieben und zugleich mit ihr ver⸗ loren worden war. Sie ſchilderte der Graͤfin die Gewalt des Eindruckes, den das ſeltſam erworbene Kleinod auf ihren Bruder geaͤuſ⸗ ſert habe und beklagte ſein Loos, das ihm mit dem unerreichbaren Urbilde auch das Ab⸗ bild entziehe. Der Eingang der Mittheilung hatte Ro⸗ ſalinden ſichtlich erquickt, der Schluß er⸗ ſchreckte und verduͤſterte ſie demnach um ſo mehr. Beide Freundinnen waren jedoch eben in der Meinung uͤberein gekommen, daß je⸗ 1 74 ner Ring nicht in Ryno's Haͤnden bleiben duͤrfe, als ihn Luiſe ploͤtzlich meldete und er derſelben auf dem Fuße folgte. Das Maͤd⸗ chen hatte ihm von der Gegenwart der Graͤ⸗ fin geſagt und der gewaltſame Drang des Verlangens zerrann nun ploͤtzlich in die ver⸗ zagende Scheu der erſten Liebe. Ryno ſtand, keines Ausdruckes maͤchtig, vor der Gefeier⸗ ten und dieſe ſuchte, gleich ſeiner Schweſter, vergebens nach einem anknuͤpfenden Wort und Stoffe, um dem geſammten Kleeblatt aus der beſchaͤmenden Verlegenheit und zur Sprache zu helfen. Ich koͤnnte das Wetter loben oder ta⸗ deln, hob Alma, ploͤtzlich losbrechend, an: ein Woͤrtchen gaͤbe dann das andre, aber der Himmel, mein lieber Bruder, iſt grau und bedeckt wie Dein innerer, der ſich ploͤtzlich verdunkelt hat. Du biſt ein Mann! fuhr ſie, ihn umarmend, mit ſchwankender Stimme A 24 fort: und ein edler zudem! Du giebſt der Graͤfin den Ring und in ihm jeden Anſpruch zuruͤck, mit dem er Dir ſchmeichelte. Ryno verblich bei der Aeußerung; er ſtand unbeweglich, er ließ ſich von der Schwe⸗ ſter mit Thraͤnen bedecken und warf einen flammenden Frageblick nach Roſalinden, die in aͤhnlicher Bedraͤngniß, zum Fenſter ge⸗ fluͤchtet war und durch ihr Ausſehn und Ge⸗ berden die dringende Bitte bekraͤftigte.— „Gieb Deine Laura mir!“ lispelte Alma, mit Schillers Worten; da zog er ſtill den Ring hervor, er kuͤßte die liebkoſende Hand der Schweſter, er druͤckte ihn in dieſe und in demſelben Augenblicke rauſchte Cora, praͤch⸗ tig gekleidet, herein. Scchelte Dein Maͤdchen nicht! rief ſie, das Fraͤulein umhalſend: ich wehrte der Meldung, wollte uͤberraſchen und meine eigene Karte ſeyn. Madame de Seedorn, pour se présenter. Sie verließ die Alma nun, in dem vor⸗ ausgeſetzten Erſtaunen uͤber die ſchnelle Voll⸗ ziehung ihrer Heirath, eilte zur Graͤfin in's Fenſter, um derſelben, wie jener zu thun und ſah dann vornehm, faſt hoͤhniſch zu Ryno auf, der ſie gedankenlos anſtarrte. C. Ja, ich bin Sein, meine Schoͤ⸗ nen! und er folgte, auf mein Andringen, des Fuͤrſten Beiſpiele, denn der gute See⸗ dorn haͤtte mich, allzugern, unter Trompe⸗ ten⸗ und Paukenſchall in den Eheſtand ein⸗ gefuͤhrt. Die beiden Jungfrauen wünſchten Glüͤck, und Cora, welche ſich fuͤr eine feine Men⸗ ſchenkennerin hielt, ſah in der Beſtuͤrz⸗ ung des Kreiſes, in der Kuͤhle des Antheils und der Aeuſſerungen, hoͤchſt irrig, den Geiſt der Mißgunſt— in Ryno's verſtoͤr⸗ tem Weſen die Reue, ſie Roſalinden nach⸗ geſetzt zu haben. 7 177 Die Befriedigung, ſagte ſie, den Rauſch her Wonne vorſpiegelnd: iſt, zur ſeltenen Ausnahme, dieſen guten Wuͤnſchen voran⸗ geeilt, denn mich umgiebt ſeit geſtern, was die Fee des Maͤhrchens ihren Lieblingen an⸗ zaubert. Zum Ueberfluſſe hat der gute See⸗ dorn, dem mein Sinn und meine Neigun⸗ gen nicht unbekannt blieben, Truwold's herr⸗ liche Gemaͤlde⸗Sammlung gekauft und als ich, am Morgen, in das Cabinet trete, thut der Olymp ſich auf, laͤcheln mich Amor und Pſyche in ruͤhrender Umarmung an, fuͤllt Ganymed den Nektarkelch, gruͤßt ein goͤttli⸗ cher Amor von Tintoretto, die junge Hausfrau. Im Vorſaale erſchien indeß Luiſen, zu ihrem freudigen Erſchrecken, der gewaltige und verliebte Wachmeiſter, uͤber welchen ſie 1. Theil. 12 178 den treuen Claus vergaß. Servus, Du Serafchen! ſprach er, herzhaft: da waͤr' ich. Ach engliſcher Pflockſchmidt! wisperte dieſe mit gefalteten Haͤnden: was wagen Sie? Ich werde gleich ungluͤcklich, wenn gnaͤdige Frau und Fraͤulein ein Mannsbild von der Cavallerie, in meinen vier Pfaͤhlen merken ſollten. Sey ruhig, Zuckerpuppe! troͤſtete Jener: wir ſehn uns, Zeit genug, nach neun Uhr hinter dem Klepperſtalle, jetzt aber fuͤhrt mich der Dienſt her. Ich ſuche unſern Leut⸗ nant, der, in zwei Stunden, mit zwanzig auserleſenen Le uten marſchiren muß. Ganz im Geheim! alſo reinen Mund gehalten, Luischen! Es kam ein Courier— ich den⸗ ke, ich denke, die Pelzwaͤſche iſt wieder vor der Thuͤr! dann gute Nacht! ihr matten Glieder. 8 O weh, meine Seite! tief ſie wehmů⸗ thig aus: ich ginge ein, wenn Sie ein's von den lieben Ihrigen einbuͤßten und ſeh⸗ es doch kommen! Der Fuͤrſt muß, leider Gottes! bei der Fahne halten und ſchickt, vielleicht, unſern jungen Herrn nach dem Hauptpaſſe zum Voraus, denn im Felde hat ſich der unvergleichlich gehalten. Das arme, junge, bildſchoͤne Blut! Ja, freilich iſt er eben hier und bliebe wohl zehntauſend mal lieber wo er iſt, als auf der Schamber de Batalge. Ich rufe ihn! Damit ſchluͤpfte Luiſe in's Zimmer, ge⸗ berdete ſich wie eine Wahrſagerin und ſprach mit halber Stimme: Erſchrecken Sie nicht, großer Gott! Die Botſchaft gilt Ihnen, gnaͤdiger Herr! und naͤchſtdem wohl der ganzen Welt. Es geht, allem Anſchein nach, wie vor zwei Jahren her, wo mein verblichener Braͤutigam, der Feldhorniſt, aus dem Bette geholt ward und nichts als 12* drei zerriſſene Schuhe und die helle Luftroͤh⸗ ren⸗Schwindſucht mit zuruͤck brachte. Der boͤſe Feind ſoll wieder im Anzuge ſeyn und ein Gewiſſer auf der Stelle, mit ausgeſuch⸗ 1 ten Truppen abmarſchiren. Draußen aber ſteht Pflockſchmidt, der Wachmeiſter, wenn Ihro Gnaden etwa denken ſollten: Was weiß denn die? Sie ſieht ja immerdar Ge⸗ ſpenſter. Sie lebten eben in jener unſeligen Zeit, wo des Erdtheils Wohlfahrt und Untergang, in der Hand eines Einzigen lag, der ſich und Millionen, der entzuͤgelten, rieſigen Lei⸗ denſchaft aufopferte. Luiſens Gewaͤſch ward deshalb, von ſo mancher, leidigen Erfah⸗ rung unterſtuͤtzt, fuͤr den Augenblick nicht durchaus verworfen. So haͤtte doch mein Seedorn recht! ſiel 3 Cora haſtig ein: der die heutige Zeitung ſehr bedenklich finden wollte und ſelbſt in meinen 181 Armen, ſich nicht von der Beilage trennen konnte. O, wie gut, daß er die Feder ſtatt des Degens fuͤhrt! Die armen Offizier⸗ Frauen und Braͤute ſind doch, Gott weiß es! zu beklagen; ich wuͤnſche jeder Gattin Gluͤck, die, gleich mir, ihr Schaͤfchen im Trockenen weiß.— Frau von Seedorn hatte, wie es eifrigen Schoͤnen und Vielſprecherinnen zuweilen widerfaͤhrt, eine Albernheit geſagt, die ſie, nothgedrungen, belachen half, als Alma fragte, ob der fromme Wunſch dem Schaͤf⸗ chen oder ſeiner Hirtin gelte? Sie warf auch, nebenbei, im Herzen, das die heutige Auf⸗ nahme verbitterte, die unſchuldige Freundin fuͤr immer aus dieſem und beurlaubte ſich ſofort, doch unter den freundſeligſten Um⸗ armungen. Der anruͤckende Feind beſchraͤnkte ſich in⸗ deß auf Armands arge Schweſter Georginen, und Ryno zog, als Haͤuptling ihrer Ehren⸗ wache, mit zwanzig Reitern nach Heimwald ab; er fand den Baron Truwold dort, der denſelben mit dem Zwecke ſeiner Entſendung bekannt machte, und ihm rieth, ſich von der Kranken moͤglichſt entfernt zu halten— guͤtiges, kaum zu verhoffendes Bezeigen mit kalter Ehrfurcht, boͤsartige Behandlung dagegen mit dem Stolze des Gleichmuths zu erwiedern. Georgine traf bereits am folgenden Ta⸗ ge in Heimwald ein und der Kammerherr ſprach, nach einer halbſtuͤndigen Unterredung mit derſelben, zu Ryno: Gottlob! daß ſie nicht heuchelt, noch irgend einige Sinnes⸗ Aenderung vorſpiegelt. Gott aber ſey's ge⸗ klagt, daß ſie noch durchaus die Alte iſt. Dar⸗ auf fuhr derſelbe, ohne Zoͤgern, nach der — — 183 Hauptſtadt zuruͤck, die Prinzeſſin aber begehrte den Offizier der Wache zu ſehen und dieſen auͤberlief ein Schauer, als ihm die mannhafte Geſtalt, durchaus mit ſchwarzem Krepp be⸗ deckt, gleich einem Unhold entgegen ſchritt. Ihr kupferfarbenes, brennend roth geflecktes Antlitz, mit den dunklen, rollenden Augen, trat um ſo ſchreiender aus dieſer Nacht her⸗ vor und die ſeinigen vermochten kaum, ihren durchbohrenden Blicken Stand zu halten. Irwell! ſagte ſie mit hohler, geiſterhafter Stimme: ich kenne Dich von Kindheit auf! Du warſt der flinkſte Page meines Bruders und biſt vorſchnell zum Manne gereift. Zum ſchoͤnen Manne, wuͤrde Manche hin⸗ zuſetzen, aber das ſeyd Ihr insgeſammt in Euerm Wahne und eitler als verwachſene Maͤdchen; dazu auch ſo hoffaͤrtig. Haſt Du denn ſchon den Feind geſehen? Ryno bejahte— Und etwas Tuͤchtiges gelernt? R. Das Nothduͤrftige, gnaͤdigſte Frau! G. Die Nothdurft begreift, jetzt, min⸗ deſtens ſo viel als die Weiſen Griechenlands inne hatten. Darum gleicht die Jugend dieſer Zeit, die von dem allen und nichts recht weiß, verſilberten Spielmarken; ſie glaͤnzt nur und ſtellt dar. Was lernteſt Du denn? R. Was gut zu thun und rathſam zu laſſen ſey. G. Das klingt philoſophiſch! Ein Moraliſt alſo?— Steht bei der Garde, und koͤmmt vom Baume der Erkenntniß her— der beßte Paſſirzettel! und ſoll mich hier vor Anfechtung bewahren. Eine Kran⸗ ke bedarf jedoch nur, alte, leiſ' auftretende Frauen zur Guardia, nicht aber geſtiefelte, die, wie der Erzdichter ſagt: große Schritte und eiſenfreſſeriſche Maͤuler machen. Iſt Dein Quartier in unſerer Naͤhe? 185 Ryno ſtand, in Flammen der bekraͤnk⸗ ten Ehre brennend. Er bezwang ſich und ſagte: bei der Witwe des hieſigen, juͤngſt verſtorbenen Amt⸗Verweſers; man ſieht das freundliche Haus aus dieſem Fenſter. G. Gehoͤrt auch die Wirthin zu den freundlichen? R. Sie iſt noch jung und artig, doch voon des guten Mannes Tod gebeugt. G. Gebeugt von eines Gatten Tode? Sie ziert ſich, Irwell, glaube mir, und will Dich damit ruͤhren; es iſt klar. Gute Ehe⸗ maͤnner ſind ſtumpfe Pinſel oder geſchorene Simſone und ſelbſt die zaͤrtlichſten liefern das arme Weib weit eher dem Gottesacker aus, als ihre Sinnlichkeit der zuͤgelnden Vernunft. Du wirſt, ich ſehe Dir es an, dies Mal das Gute laſſen, das Boͤſe thun und den Seligen noch im Grabe veruneh⸗ ren. Nimm Deine Wache mit und geh! 186 Geh in ein Nonnenkloſter, wie der Ophelia gerathen ward— aber nur fort mit Euch! ich liebe die Loͤwenhaͤute nicht. Der Fuͤrſt hat dieſe hergeſtellt! entgeg⸗ nete Ryno: ich aber kann und darf nur einem Herrn dienen! Doch einer Dame nebenbei? ſprach ſie milder: ich nehme, als ſolche, Deine Rit⸗ terpflicht in Anſpruch. Folge! Ryno verbeugte ſich; er ſagte: Alte be⸗ ſtiefelte Frauen haben von dieſer keine Ah⸗ nung— und ging. Aber doch Galle haben ſie— Gift und Galle! rief ihm Georgine nach: er vernahm, noch jenſeit der Thuͤr, ihr Hohngelaͤchter. Ryno's Wirthin war blond und blau⸗ aͤugig; ihr Aeußeres ſprach zu dem Herzen, und Schmerz und Trauer machten die Ge⸗ muͤthliche um eins ſo reizend und anziehend. — — 187 Er fand ſie, bei der Ruͤckkehr, im Gaͤrtchen, unter Pflanzungen des verewigten Gatten; zu ihren Fuͤßen ſpielte ein Knaͤblein, das der Mutter glich, das er, voll Liebe zu den Kin⸗ dern, aufnahm und das ihm, ohne Scheu vor dem fremden, gewaltigen Krieger, trau⸗ lich umſchlang und ſich an ſeinem flimmern⸗ den Achſelband ergoͤtzte. Er ſagte zu Jener: im Beſitz eines ſo lieblichen, wohlthuenden Troͤſters, ſey es Pflicht, ihrem Grame zu wehren und in Demuth und Dankbarkeit die Hand zu kuͤſſen, welche ſie nur der Halb⸗ ſchied ihrer Guͤter beraubt habe. Bertha blickte in dieſem demuͤthigen und dankbaren Geiſte zu ihm auf und ſprach: Herr von Irwell, Ihr Ausſehn, Ihr Benehmen und dieſe fromme Aeußerung ge⸗ ben mir den Muth zur Rechtfertigung me⸗ nes Zuſtandes, an die ich vielleicht noch ein * Anliegen knuͤpfen werde, das mein Herz bedruͤckt. Mein guter Mann befand ſich eben in der Geneſung von einem Uebel, das ihm die Berufs⸗Arbeit zugezogen hatte. Er war bis zur Aengſtlichkeit puͤnktlich und pflicht⸗ getreu und fand daher in Allen, welche ſein Wirkungkreis belaͤſtigen mußte, und denen er denſelben Berufs⸗Eifer anmuthete, Fein⸗ muth und Aerger. Dazu kam die Aufſicht uͤber eine bedeutende Kaſſe, das Entwirren verwickelter Rechnungen und der Mangel an Zahlenſinn und Ueberblick in dieſem Fa⸗ che. Es giebt der ſchlechten Leute viele im Dorfe und rings um eine Menge von Land⸗ ſtreichern, die der meilenweite, dichte Forſt begünſtigt. Mehrere Verſuche, bei uns ein⸗ zubrechen, machten den Aengſtlichen des Nachts zum ruheloſen Waͤchter des anver⸗ de und Widerſacher, Veranlaſſungen zu Un⸗ 6 —— 189 trauten, fuͤrſtlichen Gutes und nahmen ihm damit die Kraft fuͤr das folgende Tagewerk. Ich glaubte, fruͤher, dieſe Stelle, deren Be⸗ ſitz uns endlich in den Eheſtand fuͤhrte, von Gott erbetet zu haben, aber ward ſie Ihm bloß im Gefolge dieſer Bitten, ſo hat mein Flehn dem Himmel nur Pruͤfungen und Ungluͤck abgedrungen. Eben kehrte mein Eduard zum erſten Male wieder an ſeinen Arbeittiſch zuruͤck, um das Verſaͤumte nachzutragen, und einen Rechnungfehler zu ergruͤnden, deſſen unbe⸗ greifliches Erſcheinen jene Krankheit herbei fuͤhren half und an welchem der Verluſt von mehr als tauſend Thalern hing. Er war demnach bedeutend genug, um ſelbſt ei⸗ nen kraͤftigen und wohlhabenden Mann zu bekuͤmmern, und der eigentliche Irrthum ſo wenig aufzufinden, daß ſich mein Mann, durch Argliſt darum betrogen, oder von ei⸗ 8 nem Hausdiebe beſtohlen waͤhnte. Die Summe mußte, naͤchſtdem, der nahen Ab⸗ lieferung wegen, noch vor Ablauf der Woche gedeckt werden, uns aber fehlten die Mittel und huͤlfwillige ſowohl als vermoͤgende Freun⸗ de. Da bruͤtete der Arme nun, in ſteigen⸗ der Angſt und Verwirrung, und von der Krankheit abgeſchwaͤcht, vor dem unwandel⸗ baren Ergebniſſe der hundertmal gepruͤften Rechnungen und gemahnte mich wie ein Sterbender, als ich hereintrat, den kleinen Emil anzukleiden, welcher zu ſeinen Fuͤßen ſpielte, und eben erſt das Bett verlaſſen hat⸗ te. Die Magd war verſchickt, der Knecht nicht zu finden— ich floͤße ihm Tropfen ein, ich ſpringe in das Dorf, den Chirurgus zu holen, wir finden ihn, zuruͤckkehrend, noch in demſelben, betruͤbenden Zuſtande, bringen ihn zu Bett und jetzt vermiſſe ich das Kind. Vergebens iſt mein Suchen und —y — —— 191 mein Rufen und ein Blick auf den nahen, gewaltigen Schloßteich, deſſen Sumpf⸗ Ufer mit Emils Lieblingen, mit Wieſenblumen, Schilf und hohem Gras umgeben ſind, macht mich ſchauern. Eine Nachbarin, die mein Treiben gewahrt, koͤmmt herbei und verſichert, der Knabe ſey vor kurzem, barfuß und im Hemdchen dem Knechte nachgelau⸗ fen, der meines Mannes Pferd ausritt und ihn in dieſem Falle gewoͤhnlich mit auf das Roß nahm. Aber der Knecht kam zuruͤck und wußte nichts von ihm. Dort auf dem Bette lag der todtkranke Mann, er vergaß die mangelnde Summe uͤber dem verſchwundenen, einzigen Kinde und unſer Kummer wuchs von Minute zu Minute; er ward, als alle, die wir ausge⸗ ſandt hatten, allmaͤlig und erfolglos wieder⸗ kehrten, zur Seelenangſt. Ploͤtzlich tritt die alte Rebecke, eine Tageloͤhnerin, die im 192 Walde Holz las, mit dem Kinde, das la⸗ chend aus dem Korb auf ihrem Ruͤcken ſah, in die Thuͤr, ſie hat es, mitten unter zah⸗ men Hochwild, im Thiergarten gefunden und Eduard ſpringt jetzt, wie durch Kraft von Oben befluͤgelt und hergeſtellt, vom Bett auf, er preßt den Kleinen an die Bruſt, ich umſchlinge Beide— wir weinen uns aus. Mein Mann verlangte Wein, fuhr Bertha fort: er leerte haſtig eine Flaſche, die ihn mit Muth und neuer Hoffnung taͤuſchte; er nahm die Rechnungen mit ſich in das Gaſtſtuͤbchen hinauf und ſagte: Stoͤre mich nicht! Das Gute koͤmmt ge⸗ woͤhnlich, gleich dem Boͤſen, zu Paaren und ich werde, wenn auch vielleicht zum Abend erſt, wie Rebecke mit dem Funde zuruͤck⸗ kehren. 3 Ach, ich harrte, bis der Mittag kam 193 und das Eſſen ward ungenoſſen abgetragen. Ich harrte bis die Vesperglocke im Dorfe anſchlug, und mein Eduard kehrte nicht wieder— ich ſchlich, mit bebendem Herzen, hinauf, ich lauſche, ich oͤffne leiſe die Thuͤr, und geiſterbleich, wie am Morgen, rafft er ſich vom Lehnſtuhl auf und taumelt mir mit ausgeſtreckten Armen entgegen. Aus ſeinen Augen ſtarrte der Seelentod. Er wollte ſprechen und lallte nur, mich umſchlin⸗ gen und vermochte es nicht. Die Kraft ihn zu halten, verſagte ſich mir. Er ſank zu Boden und war nicht mehr! Thraͤnen entſtuͤrzten der Bebenden, ſie wehrte dieſen, athmete auf und fuhr mit ſchwankender Stimme fort: So mußte denn, allmaͤlig, alles, was einen ſchwaͤchli⸗ chen Koͤrper, einen bedruͤckten, durch krank⸗ hafte Anlage gefeſſelten Geiſt verſtoͤren kann, zuſammen wirken, um mir den innig ge⸗ I. Theil. 13 194 liebten, einzigen Freund zu entreiſſen— es mußte mir, obenein, der Troſt verſagt bleiben, ihn nach Wuͤrden anerkannt und be⸗ trauert zu ſehen.— Die er, der Pflicht gemaͤß, zur Erfuͤllung der ihrigen anhielt, vor Allem die verfeindeten, meiſtentheils ro⸗ hen und widerſpenſtigen Bewohner des Dor⸗ fes und der Umgegend, freuten ſich ſeines Todes, ſie hoͤhnten, zum Theil, ſelbſ. mich Ungluͤckliche und des Schulzen Haß hat Ih⸗ nen offenbar dies Quartier zugetheilt, um mich dem boͤſen Leumund bloß zu ſtellen. O, moͤchten Sie ein beſſeres waͤhlen! Ich werde ihn mit dem Morgen um ein ſchicklicheres angehen, troͤſtete Ryno: oder ſein ungebetener Gaſt werden; aber ver⸗ dammt ſey der Mammon; dieſe ewige Quel⸗ le der Greuel und der Noͤthe! Aber auch des Heils und der edelſten Freuden! erwiederte ſie: wir wollen gerecht 195 ſeyn! Da koͤmmt ein Mann, in deſſen Hand das Geld zum Segen fuͤr ihn und Andere wird. Dieſer Angedeutete war der Oberfoͤrſter des Heimwaldiſchen Revieres; ein wackerer, lebensfroher Greis, Ryno's Bekannter und ſeit des Amtverweſers Tode, ploͤtzlich als Schutzpatron ſeiner Witwe herbei getreten. Bertha nahm ihn wie einen ſolchen auf; er ſchien hier zum Rechten ſehn zu wollen, fuͤhr⸗ te, nach leiſem Verkehre mit jener, den jun⸗ gen Freund zur nahen Laube und dieſer brachte ſofort den Verſtorbenen zur Sprache und bat ihn um ein offenes Urtheil uͤber dieſen. Kind Gottes! verſetzte der Oberfoͤrſter: Das Sprichwort ſagt, wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verſtand dazu; aber das iſt nur ein Luͤgenwort, mit dem ſich jeder amtſüchtige Stuͤmper, von vorn 13*† 196 herein troͤſtet. Salomo ſpricht zu den Stel⸗ len⸗Vertheilern:„Ein guter Meiſter macht ein Ding recht, wer aber einen Huͤmpler dingt, dem wird's verderbet!“ Und ſo ein Huͤmplerchen war der Verſchiedene. An Eifer und Pflichtgefuͤhl ließ er alle zuruͤck, doch Eifer ohne Verſtand iſt ein Narrenzei⸗ chen und macht den Eiferer zu Spotte. So ging es Ihm! Wen er anſah, der ſpuͤrte den Kitzel und wen er anfuhr, mußte lachen. Immer angſthaft, beißig, erpicht, ſchwach⸗ ſinnig und zerſtreut, verdarb er, regelmaͤßig, ſein Tagewerk. Selbſt jenes Defizit, das ihm den Tod brachte, beſtand nur in ſeiner Einbildung, denn das wirre Maͤnnchen ver⸗ ſtrickte, wie bezaubert, was, klar und geſich⸗ tet, vor Augen lag. Es machte ſich muͤh⸗ ſelig einen Fußſack von Igelfellen und klag⸗ te unſern Herr Gott⸗an, daß er es auf Dor⸗ nen geſtellt habe. Frau Bertha aber, die 197 argloſe Seele, ſah, nach verliebter Frauen Weiſe, des Schatzes Langohren fuͤr Engel⸗ fluͤgel an und in den Fruͤchten ſeiner Thor⸗ heit unverſchuldete Gallaͤpfel, die ihm der Herr, zu Pruͤfung des Gerechten, in den Lebenskelch werfe. Ryno ſprach, von dieſer ſchneidenden Kritik verletzt: Sein Wille ehrt den Ungluͤck⸗ lichen doch; dazu war er ein zaͤrtlicher Vater und Gatte und darum ihrer Liebe und ihres Leides werth. Die Witwe ſcheint mir ver⸗ ſtaͤndig und ſittlich gut zu ſeyn. So ehrbar, entgegnete der Greis: daß ich den Lauerern und Klatſchen die Freude nicht goͤnnen mag, ſie mit dieſem angeneh⸗ men, bildſchoͤnen Offiziere unter einem und demſelben Dache uͤbernachten zu ſehen. Ihr edles Zartgefuͤhl wird mir beiſtimmen. Gern fuͤhrte ich den jungen Freund in mein eigenes Haus ein, wenn mir der Holofernes 198 nicht drei Eyer in die Wirthſchaft gelegt haͤtte, aus deren jedem ein nettes Maͤdel kroch; den Vater aber helf ich ſeibſt mit ſaͤcken und erſaͤufen, der der Gefahr und ih⸗ cem Fluche, muthwillig Thuͤr und Kammer oͤffnet. Darum, Geſchaͤtzter und Gefaͤhrli⸗ cherl wird Otto, mein Burſche, ſattſame Leibes⸗Nahrung und Nothdurft zur Stelle ſchaffen, die wir ſelbander verzehren wollen. Dann bringe ich den Toͤchtern die Frau Witwe mit und goͤnne meiner alten Schwe⸗ ſter dieſe Ehre. Sie wird, um ihrer Run⸗ zeln und Zahnluͤcken willen, erſt mit dem finkenden Abende hier einwandern. Treffliche Anſtalten! ſagte Ryno: die ich Ihnen vom Herzen Dank weiß.— Jetzt kam der flinke Jaͤgerburſche mit einem reich beladenen Korbe, aus deſſen Ecken Flaſchen mit Schimmelbedeckten Korken hervorſahn. „Und wuͤßten wir, wo jemand traurig laͤge!“ 199 ſang der Alte, griff zu der naͤchſten und trug ſie, der guten Frau Bertha zum Labſal, in's Stuͤbchen. Der Mond beſchien jetzt die Froͤhlichen in der Laube, zwei Sinnbil⸗ der der alten und der neuen Zeit, ſich in Ge⸗ fuͤhlen, die Zeit und Wechſel uͤberdauern, begegnend. Es ſchlug eilf Uhr im Dorfe, als der Alte ſchied und ſchließlich geloben mußte, den drei Holofernes⸗Eyern zu ruͤh⸗ men, daß man drei Flaſchen auf ihren zu⸗ kuͤnftigen Braut⸗Frauen⸗ und Mutter⸗ ſtand, mit Andacht geleert habe. Hans Kaspar fuͤhrte ſeinen Herrn in das Gaſtſtuͤbchen hinauf, das geeignet war, den Gaſt anzulaͤcheln, dieſen jedoch, wie eine unheimliche Todtenkammer gemahnte. Die lange Tafel im Hintergrunde war noch mit unendlichen Zahlen und Rechnungen be⸗ deckt— dem Werke des Verzagens und der Seelenangſt, getrieben in der Sterbeſtunde — die Kreide lag, unfehlbar ſeiner Hand entfallen, in Brocken auf des Tiſches Rande. Kaspar half ſeinen Herrn entkleiden, der in den Flammen des alten Hochheimers brannte, er ſagte ihm gute Nacht und ging in den Stall hinab, um ſich in der Naͤhe V des edeln Braunen zu betten, der wie Bu⸗ cephalus bedient und beachtet ward. Ryno ſchloß die Augen und ſah alsbald, im Geiſte, die unvergeßliche Roſalinde. Aber er hatte ja, nach dem Ermannen von dem erſten, herzzerreiſſenden Eindrucke, erkannt, daß ſeine Sehnſucht das Unmoͤgliche begehre, V daß Linda einem Andern gehoͤre, daß er ihr gleichgiltig, daß es Wahnſinn ſey, ſie er⸗ ſeufzen, ſie ertrotzen zu wollen. Er hatte ge⸗ 6 lobt, ein Mann zu bleiben, an ſich ſelbſt zum Helden zu werden, und ſeine Liebe und 20¹ und ſein Loos dem Genius anheim zu ſtellen, der, nach Ryno's Wahn, ihm ſtill zur Sei⸗ te ging. So wendete ſich denn die Phan⸗ taſie, gezwungen, von der Huldin ab und muſterte die Erſcheinungen dieſes Tages. Ihm ſchwebte Armands furchtbare Schwe⸗ ſter, gleich einer Tyſiphone vor und wehe den Damen allen, den makelloſen ſelbſt, wenn es der Fuͤrſt fuͤr rathſam hielt, ſie wie⸗ der in den Familien⸗Kreis aufzunehmen. Er dachte ſich eine Cour bei derſelben, das Zagen der Bloͤden, die Angſt der Unreinen, die Wirkung von Georginens ruͤckſichtloſen, entſchleiernden Aeuſſerungen— ein juͤngſtes Gerichtchen!— Jetzt aber ſchlug er ploͤtzlich die Augen wieder auf, denn ihm war, als webe, athme, ruͤhre ſich Etwas im Hinter⸗ grunde. Zwar hatten leichte Wolken den Mond verſchleiert, aber ſein Licht reichte noch hin, jeden Gegenſtand unterſcheiden zu laſſen. Folgen des Hochheimers, ſagte ſich Ry⸗ no, rings um blickend: und die ergoͤtzlichen Bilder jener Cour, wurden von dem Gedan⸗ ken an das Schickſal des Ungluͤcklichen ver⸗ draͤngt, der zwiſchen dieſen vier Waͤnden mit dem Leben und mit dem Tode rang. Du Aermſter, dachte er: Dir iſt, viel⸗ leicht— wie manchem Irren und mancher Mißgeſtalt— im Werden ſchon, die Zwang⸗ weſte und der Fußſack von Igelfellen zuge⸗ wachſen und Du mußteſt dann, nothgedrun⸗ gen, Dir ſelbſt ein Aerger und den Leuten eine Thorheit werden. Jene preßte Dir Angſt auf Angſt ab, dieſer ſtachelte die Maͤnnlichkeit zu Tode und Freund Hayn hat, auch dies Mal, das Beſſfte gethan!— Und wiederum fuhr Ryno empor, denn ſelbſt ein Nerven⸗ und Inſtinktloſer Romanheld wuͤrde dies unſichtbare, aber vernehmliche Et⸗ was im Zimmer, mit Befremdung anerkannt, dies ſtoͤhnende Athmen und Regen vernom⸗ men haben.— Ich wache ja! dachte der Erſchreckte, als ein Schauer, der die Solda⸗ tenhaut nicht ſchonte, verrieſelt war: ich bin nicht trunken, nicht geiſterſcheu, die Thuͤr iſt verſchloſſen und eher wird die Sonne im Abende aufgehen, als ein Todter aus dem Jenſeit zuruͤck kehren. Da ſah er ploͤtzlich den Teppich des Pfeilertiſches in wirbeln⸗ der, zuckender Bewegung, es erſchollen ein⸗ dringliche Klagelaute und unter jenem her⸗ vor ſtreckte ſich ein ſchneeweißes Antlitz. O, Trolle! rief er, ſchnell ermannt⸗ denn Bobelinens Verehrer, der geliebte Pu⸗ del, welcher, herkoͤmmlich, im Stalle uͤber⸗ nachten mußte, ſchlich, wedelnd und zoͤgernd, zum Bette hin und ſchleppte den Teppich mit ſich fort. Er wollte die zudringliche Pudel⸗Natur entſchuldigen, wollte durch vorbittendes Gewinſel, das Schickſal abwen⸗ 204 den, welches uͤber ſeinem ſchoͤn gelockten Felle ſchwebte und ſchien zu wiſſen, daß der Hund, oft da noch einen gnaͤdigen und ſcho⸗ nenden Herrn findet, wo der Mitmenſch die⸗ ſen vergebens um Nachſicht anſpricht. Ryno ſtand, am andern Morgen, un⸗ wohl auf, er war voll Unruhe, Mißmuth und Beklommenheit, wie weiland Bertha's Betrauerter; er ſchrieb, nicht ohne Muͤhe, eine Meldung an ſeinen Oberſten, welche Georginens Benehmen bezeichnete, bat um Verhalt⸗Befehle und übte nun die große, aus einem Gefreiten und drei Mann beſte⸗ hende Wach⸗Parade, im Waffentanze. Sie zogen dann, ſelbander zur Abloͤſung, auf das Schloß. Ryno ſah die Prinzeſſin am Fenſter, die ihm mit Heftigkeit den Ruͤcken zukehrte; er fragte bei der Aya an, ob Jene ihn vielleicht zu ſehen begehre, er⸗ — 205 hielt dagegen den Rath, ſich recht ſelten zu machen und ward ploͤtzlich von derſelben in ein Nebenzimmer gedraͤngt, denn ſie ver⸗ nahm Georginens nahe und nachdruͤckliche Schritte. Ryno harrte hier ein Weilchen, aber die Zeit ward ihm lang und er durfte, ſeines Beduͤnkens, nur durch die anſtoßende Zim⸗ merreihe fortſchreiten, um auf eine der zahl⸗ reichen Stiegen des Schloſſes zu treffen. Schon in dem folgenden Saale zog ihn ein maͤchtiges Gemaͤlde an— die Darſtellung eines Jagdfeſtes des fuͤrſtlichen Großvaters, der in der Todtenſchau des ſelbſt erlegten Sechzehn⸗Enders begriffen ſchien; im na⸗ hen, praͤchtig ſtaffirtem Zelte ſtand Agathe, als Diana gekleidet, doch der reumuͤthigen Magdala aͤhnlicher, umringt von ihren Nimphen, an der Seite der Landesmutter. Die Letztere ſchien bonne mine à mau- 206 vais jen zu machen und der Fettberg, wel⸗ chen ſie darſtellte, ihr dieſen Gleichmuth zu erleichtern. Im Seitenſtuͤcke fuhr jene Hoheit, als Endymion, dieſelbe Luna auf dem Schlit⸗ ten und beide belaͤchelten das Geberdenſpiel des luſtigen Rath's, ihres Vorreiters— Ein drittes ſtellte Jenen, umringt von ſei⸗ nen Lieblingshunden vor, die er mit Lecker⸗ biſſen ſpeiſ'te. Schildereyen„ welche die Haupt⸗Momente dieſes vieljaͤhrigen, heillo⸗ ſen, von manchem Dichter⸗Dutzende geptie⸗ ſenen Lebens bezeichneten und allerdings, als merkwuͤrdige Denkmaͤhler, auf die Nachwelt zu kommen verdienten. In jedem der folgenden fanden ſich aͤhn⸗ liche Wunderthaten verſinnlicht und Ryno gelangte endlich zu dem Zimmer, wo Aga⸗ the, die Neider verſoͤhnend, elend und ver⸗ laſſen, ihr Abbild im Bußkleide aufgeſtellt 207 hatte. Doch ſchritt er, ohne aufzublicken, an dem ruͤhrenden Werke voruͤber, denn der Blick auf die bewußte, eben offen ſtehende Tapetenthuͤr, ließ ihn das ſchwarze, anzie⸗ hende Gemach bemerken. Er nahte ſich, verwundert und ergriffen, dieſem Heiligthu⸗ me der Trauer, er faßte das Bild mit dem einſamen Kreuze und der Taube uͤber ihm, in's Auge, und vor dem Bilde ſtand, ein⸗ ſam wie jenes, in Beſchauung und Weh⸗ muth verſunken, die engelhafte Roſalinde. Aber es war nicht das Bild, das ihre Seele feſſelte. Die Augen hatten es bereits verlaſſen und hafteten eben, an dem Fen⸗ ſter dieſes Gemaches, das zu ebener Erde lag und durch deſſen Scheiben ſie ein jun⸗ ger Wandersmann anſtarrte.— Ihr Ju⸗ lius!— Graͤfin! rief er, ſie plöͤtzlich er⸗ kennend. Graͤfin! rief, gleichzeitig, der ein⸗ getretene Ryno— Graͤfin! ſprach, in deſſen 208 Ruͤcken, eine verweiſende, weibliche Stimme. Sie ſchauerte verbleichend auf; von der Ge⸗ walt des dreifaͤltigen Eindruckes geaͤngſtet, mit welchem dieſe traumaͤhnlichen Erſchei⸗ nungen ihr Innerſtes durchdrangen. Ende des erſten Theiles. ſſſfſſſnſſnſſiſ 3 1 TEMrraaaqwnmmmmrraaanwwnmmmrnaanwnmmmnananaun 15 1 1 11 12 1 5 6 7 18