— 1 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von 85 6. 5 Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— 8 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, ze ſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen u.. Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer 3 Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —õ— ————————— 71 8 8 . . z . 1* von Guſtav Schilling. Zweite Sammlung. Acht und vierzigſter Band. Inhalt: Die Ueberraſchungen. Zweiter Theil. Die Ueberraſchungen, von Guſtav Schilling. Zweiter Theil. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1830. Wir verließen Thereſinen, das vorige Kammermaͤgdlein der Graͤfin Gaſto, ſchwer verwundet auf dem Bette des franzoͤſiſchen Schneiders und finden ſie jetzt, Abends zehn Uhr, an der Hausthuͤre eines unſau⸗ bern Neſtes, im ſogenannten Kroͤtengaͤß⸗ chen wieder. Ihre Finger trommeln, ſtatt zu klopfen, die Weiſe eines Gaſſenliedes, die untere Halbſchied der Thuͤr thut ſich auf, ſie ſchluͤpft hindurch und lispelt: Judith, alles kauſcher?— Kauſcher!— entgegnete die Alte, Beide traten in's Stuͤbchen, der Lampe truͤbes Licht beleuch⸗ ete ein aufgehangenes Allerlei des Klei⸗ 6 dertroͤdels, die Roͤcke, Jacken, Pantalone gleichen, in dieſem zweifelhaften Scheine, gehangenen Dieben. Des feuergelben Katers Augen helfen das Nachtſtuͤck erhellen, er be⸗ gruͤßt, ſich erhebend, die Goͤnnerin mit zierlichem Buͤcklinge. Thereſine wirft die Vermummung ab, ſie druͤckt ihn koſend an's Herz, folgt nun der Wirthin, die an das Spuͤlfaß zuruͤck hinkte, fragt haſtig: Iſt Wendelin da? und ruft, als jetzt die Lampe plotzlich aufflammt, von dem An⸗ blicke betroffen: Blutige Waͤſche? Wendelin's Hemd— erwidexte Ju⸗ dith— er hat bereits im Zwielichte, toll⸗ dreiſt genug, vor dem Theater gearbeitet und einer Staatspuppe das Tuch von der Schulter gezogen, die natuͤrlich Ceter und Mord ſchrie. Die Landjaͤger ſind eben bei der Hand, ihn packen zwei, er ringt ſich los, entkommt breiweich geſchlagen und liegt nun draußen in der Beitze. 4 7 Gedachter Wendelin war demnach The⸗ reſinens Bruder, war jenes Leonhard's Spies⸗ geſelle, welcher als Lohnbedienter der Graͤfin Olowska mit deren unaͤchtem Schmucke und der Goldbörſe davon ging— war derſelbe, welcher als vorgeblicher Baron Wirrheim den wackern Polizei⸗Meiſter mittels des Bildes der Frau Sandmann bethoͤrte und beſtahl. Ein ſchreckliches Geſchwiſterpaar, deſſen Verworfenheit groͤßtentheils den Ael⸗ tern zur Laſt ſiel, die ſich doch allgemeiner Achtung erfreuten; denn von den Lippen des Vaters, der einem Lehramte vorſtand, floß das Schoͤne, Gute, Wahre wie Him⸗ melthau in Ohr und Herz, und ſeine Gat⸗ tin erſchien als ein Sinnbild der Demuth, der Sittlichkeit, der haͤuslichen Tugenden und frommer Naͤchſtenliebe. Doch jener Engel mit dem Palmenzweige in der Hand und den Worten des Lebens auf der Zunge, ſchwang daheim als hartmuͤthiger Haus⸗ tirann fort und fort den Stab Wehe uͤber der Frau und den Kindern und zuͤch⸗ tigte Gebrechen der Sterblichkeit und Fehler des Verſtandes ſo erbarmenlos als Frevel des boͤſen, entſchloſſenen Willens. Er belobte und begabte das Soͤhnlein, wenn es die Schweſter — und dieſe, wenn ſie den Bruder verrieth — machte ſomit die ſchwaͤchſte der Muͤtter zur Verhehlerin jedes kindiſchen Unfuges, die Kinder zu Verhehlern des inneren Sinnes, zu gewandten Heuchlern, die, Kraft der fruͤh erworbenen Meiſterſchaft in Lug und Trug, als ihr eigenes Gegentheil erſchienen, ſich der Umgebung als Muſter einer treff⸗ lichen Erziehung empfahlen, als ſolche be⸗ lobt, geſucht und beguͤnſtigt wurden. Kinder,— predigte die Mutter— nur vor den Leuten macht uns Ehre und laßt Euch zehn Mal eher auf den Knie'n als auf den Zehen finden, denn Alle wollen ja ſo viel als moͤglich gelten und wer ſie gelten — 9 laͤßt— wer ſich gefaͤllig zum Letzten macht, wer jedem Schoͤnes ſagt und auch das ſchlechteſte Laͤmpchen des Naͤchſten auf den Scheffel ſtellt, bleibt immerdar willkommen. Er wird zum oͤftern ſelbſt, aus Dankbar⸗ keit gewaltſam vorgeſchoben und nach Verdienſten venerirt. Auch wenn man Euch Kindern irgendwo Speiſe und Trank beſchert, ſo langt nach dem geringſten Biſſen, ſo wendet Euer'n Nachbarn die guten zu und nippt nur, gleich den Nach⸗ tigallen. Es wird bemerkt und um ſo mehr bewundert, da ſelbſt kleine Hoheiten luͤſtern und gefraͤßig ſind. Im Spiele endlich ſchuͤtzt man ſeine Einfalt vor, man macht ſich willig zum Luͤckenbuͤſſer, ſchmei⸗ chelt ſo den Wortfuͤhrern und Anmaßenden und gibt den Neidhammeln keine Bloͤße. „Denn der Duͤnkel,— ſagt Sirach— hat viele betrogen und ihre ermaſſänhat hat ſie geſtuͤrzt.“ 10 Die Andeutung dieſer Bildungweiſe reicht wohl hin, das kuͤnftige, von den ohnehin ſchlimmen Anlagen gefoͤrderte Ver⸗ derbniß des heilloſen Paͤrchens erklaͤrlich zu machen.— Der Vater ſtarb, die Gattin folgte ihm nach wenigen Monden, ihr geringer Nachlaß ſiel den Glaͤubigern zu. Wendelin hatte ſich, vom Geiſte der Gewinnſucht getrieben, dem Handelſtande gewidmet, hatte eben ſeine Lehrjahre been⸗ digt und verſchwand bald nach dem Tode der Mutter mit der Kaſſe des Lehrherrn. Thereſine, geſchickt und ſchlau, geſchmeidig und unbeſcholten, fand bei der Putzhaͤnd⸗ * lerin Linon Schutz und Erwerb und ward durch dieſe ſpaͤterhin der Graͤfin Gaſto empfohlen. Die Argloſe ahnte nicht, daß ſie in dem ſcheinbaren Taͤubchen eine furcht⸗ bare Schlange— die ſtille Spiesgeſellin des gleichartigen Bruders⸗ aufnehme, der nach jener Flucht allmaͤhlich zum Gauner 11 und Hauptdiebe geworden und mit dem ſie in fortwaͤhrender, geheimer Verbindung ge⸗ blieben war. Thereſine trat jetzt an ſein Bett, ſie ſprach die Freude des Wiederſehens aus, beklagte ſein Mißgeſchick und verhieß dem Bedraͤngten goldne Berge. Die brauche ich,— fiel er ein— und Du biſt hoffentlich noch bei der reichen Graͤfin und haſt es auf die gemuͤnzt? S. Bin nicht mehr dort, Wendelin! Ich ward von einer ſteinfremden, ſcheinheiligen Puppe verdraͤngt, die ſich wundern ſoll, wenn ſie ploͤtzlich zur Diebin gemacht, aus dem Hauſe gejagt oder durch die feſte in's Zuchthaus ſpaziren wird. Meine Graͤfin aber meinte es allzugut, ſie empfahl mich, da die alte Kammergehil⸗ fin ſtubenſiech iſt, ſo eifrig bei Hofe, daß ich deren Stelle vertreten darf. Wohl uns da laſſen ſich Geſchaͤfte machen, ich babe Fr rohn⸗ N 12 Dir bereis den Weg gebahnt. Den Weg zur Silberkammer. Die Schildwache iſt in meinen Haͤnden, wenn Zeit und Stunde puͤnktlich benutzt werden. Fuͤrerſt geleite ich Dich waͤhrend der Daͤmmerung in Mutter Judith's Sonntagſtaate auf mein Zimmer; es grenzt an einen Gang, der zu der Silberkammer fuͤhrt und der Gar⸗ diſt, der ihn bewacht, wird eingeſchlaͤfert. Fuͤr immer, wenn's ſeyn muß. Der Bru⸗ der meiner Verdraͤngerin; ein Gimpel, Wen⸗ delin! der nach dem gebratenen Spanferkel griff, als er zwiſchen mir und dieſem die Wahl hatte. Wendelin lachte auf, ſchrie aber da⸗ zwiſchen, da die Erſchuͤtterung das Weh in den zerſchlagenen Gliedern anregte. Pflege Dich nur,— fuhr ſie fort— und warte Zeit und Stunde ab, denn es ward an Alles gedacht und wenn ſie koͤmmt, ſo ſey bereit. 432 13 E. Das bin ich hoffentlich, nach der geruhſamen Nacht, doch der Schatz liegt gewiß an Ketten und hinter zehn Thuͤren feſt. S. Nur hinter einer eiſernen, und ſie iſt, der Schildwache wegen, die ſie huͤtet, ſchlechtweg verſchloſſen. Genug, wir wer⸗ den da mit einem Male geborgene Leute und dann iſt auch noch fuͤr ein Nacheſſen geſorgt. E. Ich eſſe mit! Wo denn? S. In Schaͤrflich's Hauſe, bei dem alten Fraͤulein von Rauhmund, das tief in Geld und Pfaͤndern ſitzt. Dort kenne ich jeden Schlich und Winkel. Wir geh'n ſelbander. Schweſter,— ſagte Wendelin laut feufzend— wenn mir wie eben heute zu Muthe iſt, ſo wuͤnſchte ich, wir gingen noch, wie ehedem ſelbander, zum alten Albert in die Schule. S.* Du naͤhmſt doch ſeine Aepfel wie⸗ der mit und laͤgſt, wie jetzt, vom Vater weich geſchlagen, da, ich aber verlange meinen Theil an Leonhard's Schmucke, der noch in Deinen Haͤnden iſt. Ach, Kind! in dem hat uns der Sa⸗ tan ein Bein geſtellt. Er iſt grundfalſch wie Deines Gleichen. Falſch!— rief ſie ſtill ergrimmt— Habe ich doch die Beſchreibung deſſelben in der Zeitung geleſen. Heraus mit der Halbſchied! Geh' in die Kuͤche,— ſprach er glach⸗ muͤthig— ſchiebe den Staͤnder abſeit, hebe die Platte auf, die ein Kalkfleck bezeichnet, und unter ihr findeſt Du die Beute noch un⸗ verſehrt— vergleiche dann die Steine mit der Beſchreibung und kuͤſſe mir die Hand — ich ſchenke Dir den ganzen Theaterſtaat. S. Aecht oder unaͤcht, ich nehme ihn mit! 15 E. Nimm auch die Dietriche, welche unter ihm liegen, ſo bin ich im ſchlimm⸗ ſten Falle nur ein argloſer Spaßvogel, der ſein Schweſterchen in der Frauentracht fop⸗ pen wollte, denn mir bangt, ehrlich geſtan⸗ den, vor dem Beſuche im Schloſſe. Thereſine ergriff jetzt lachend die Lampe, um ſich des Schmuckes zu bemaͤchtigen und hoͤhnte, abgehend, den Furchtſamen, er aber ſah nun ihr beleuchtetes Geſicht und rief: Verwuͤnſcht iſt doch Dein Schneider und ſeine Treppe. Der Fall von dieſer hat Dich gleichſam zur ſeligen Großmutter umgeſchaffen, die mir noch dunkel im Sarge vorſchwebt— zum Spiegelbilde unſerer Judith, wenn ſie ſich wie ihr Ka⸗ ter putzt. 16 Der Polizei⸗Meiſter Schaͤrflich wußte bereits von dem Diebe, der geſtern im Gedraͤnge am Schauſpielhauſe eine Dame beſtahl und ſich ſeinen Leuten entrungen hatte, doch ahnte ihm nicht, daß ihnen der vorgebliche Baron Wirrheim entſprungen war. Er traf jetzt, im Garten luſtwan⸗ delnd, auf ſeine Schwaͤgerin und fragte theilnehmend nach Julchen's Beſinden. Mein armes Kind,— erwiderte ſie wehmuͤthig— wird immer blaͤſſer und truͤ⸗ ſinniger, ißt und trinkt nicht mehr als ihre Nachtigall, ſpielt lauter Adagio's, ſingt bewegliche Motetten dazu und traͤgt den unſeligen Weßler nach wie vor in ihrem Herzen. Wie ſteht es denn um ihn? E. Er iſt noch bettlaͤgerig. S. Sollte ihn Gott abrufen, ſo wette ich darauf, es wuͤrde ihr beſſer, bin aber gewiß, daß ſie an ſeinem Hochzeittage ſtirbt. 17 E. Der ſcheint entfernt. Die Unthal iſt ja noch immer in Berlin, hat an der Wirthin des Gaſthofes, in dem ſie abtrat, eine Jugendfreundin gefunden und ihre Agathe veranlaßt, mit der kleinen Natalie nachzukommen. Vielleicht gehört dieſe Hei⸗ rath uͤberhaupt, gleich ſo vielen aͤhnlichen Sagen, zu den leeren Geruͤchten oder geht gleich den Krebſen ruͤckwaͤrts. Sie werden das am beßten wiſſen,— ſprach Frau Schaͤrflich, ihm ſtarr in die Augen ſehend und ſchoͤpfte, trotz der Ver⸗ neinung, aus ſeinen Geberden Troſt und Zuverſicht.— Zum Ungluͤcke,— fuhr ſie fort— beſteht nun auch die Stadtſchrei⸗ berin in Dachsleben auf der endlichen Heimkehr Margarethens, die meiner Julie an's Herz gewachſen und uͤberhaupt ein muſterhaftes Maͤdchen iſt, das unſere Stuͤtze in der Fuͤhrung des Hausweſens ward.. II. 2 E. Laͤuft es denn der Guten noch am Ruͤckgrate hinunter? S. Weder hinauf noch herab; der Arzt ſprach ſie los und meine Augen, die ſie ſahen, fanden die Jungfer durchaus kraͤftig und ſchoͤn und nirgend ein Unthaͤt⸗ chen. Den Aeltern aber laͤuft es jetzt kalt uͤber die Haut, denn ſie liehen ihr weni⸗ ges Vermoͤgen einem Wechsler, der feſt wie der Kirchthurm zu ſtehen ſchien, doch von dem anvertrauten Gute geſchwelgt und ge⸗ prunkt, Hunderte um den ſauer erworbenen Nothpfennig gebracht und einen ſchaͤndli⸗ chen Bankerott gemacht hat, der ihm viel beſſer als den Glaͤubigern bekommen wird. Dem unbeſchadet begehrt Gretchens Freier, der Senator Hornvogel, welchen weder ihre Sproͤdigkeit noch Entfernung abſchreckte, dieſelbe dringender als je zur Ehe, verzichtet, reich wie er iſt, auf die Mitgift und ſie ſoll nun ohne Weiteres dem rohen, abgelebten, 19 widrigen Geſellen und Bierbruder die Hand geben. E. Verdammt ſind dieſe Voͤgel und will denn das liebe Kind gehorchen? S. Es ſchwankt zwiſchen der Ergeb⸗ ung und dem Widerſtande und weint und trauert ſeitdem mit meiner Leidtragen⸗ den um die Wette, ich aber vergehe vor Angſt und Noth. E. So begleite Julie ihre Herzliebſte nach Dachsleben. S. Ach, in das Neſt! E. Dort erſcheint ſie gleichſam wie die Prinzeſſin im Puppenſpiele und iſt weiblich genug, ſich von dieſer Rolle ge⸗ ſchmeichelt und zerſtreut zu fuͤhlen. Sie ſoll naͤchſtdem, der Freundin zu Liebe, ein Uebriges thun, ſoll ihren Talisman an dem Hornvogel verſuchen, ſoll ihn von jener ab und an ſich zieh'n, was Julien ergöotz⸗ lich beſchaͤftigen, die Heirath hinausſchie⸗ 2* 20 ben und Margarethen Zeit gewinnen wird. Koͤmmt Zeit, koͤmmt Rath! Der Vorſchlag iſt gut!— erwiderte die Schwaͤgerin nach kurzem Bedenken— und da das Muͤhmchen morgen abgeholt wird, ſo will ich ihn meiner Tochter ohne Saͤu⸗ men mittheilen.— Sie ging, ihr Schwa⸗ ger aber ſchritt dem heimlichen Plaͤtzchen unter der Thraͤnenweide zu, denn er be⸗ merkte waͤhreud des Zwiegeſpraͤches, daß es ſich dort rege und bewege, fand auch mit innigem Vergnuͤgen die nothgedrungene Braut des Dachslebener Despoten vor. Gret⸗ chen ſchaͤmte ſich der verweinten Augen und fuhr vom Raſenſitze auf, er aber zog ſie, eilig Platz nehmend, an ſeine Sei⸗ te und ſagte mit halblauter, mildſeliger Stimme: Wie ſchoͤn, daß wir uns endlich ein⸗ mal unter vier Augen ſeh'n! Ich habe Ihnen ein Geheimniß zu entdecken und 21 benutze den willkommenen, guͤnſtigen Au⸗ genblick. Noch am Sonnabende war ich arm wie Hiob und Kompagnie, am geſt⸗ rigen Sonntage empfange ich die amtliche Mittheilung, daß mir der eben verſchiedene Oberſte Sternburg, ein ſeltſamer, hoͤchſt beguͤterter Kauz, zum Danke fuͤr einen, ihm auf dem Schlachtfelde erwieſenen Lie⸗ bedienſt zehntauſend Thaler vermacht hat. Nun iſt meine Witwe gedeckt, wenn ich ſterbe; um aber eine ſolche nachzulaſſen, muß des baldigſten fuͤr ein Weibchen ge⸗ ſorgt werden. Ob nun ein ſolches mich noch um mein Selbſt willen zu nehmen vermoͤge, ſoll Ihre ſchuld- und trugloſe Seele, offen und ehrlich wie vor Gott, ohne Zoͤgern und Umſchweife geſteh'n! Sie haben ja ſeit Ihrem Hierſeyn faſt taͤglich mit dieſem Hausgenoſſen und Haus⸗ freunde verkehrt, dem Sie tagtaͤglich liebens⸗ wuͤrdiger erſchienen und Ihr Geſchlecht ſieht 22 klar und tief, ſo lange ihm Amor nicht die Aeuglein blendet. Bin ich zu nehmen, Margarethe? Die Jungfrau blickte, mit Roſengluth bedeckt, zu ihm auf; ſie ſprach: Ich hoͤrte die Bejahung ſelbſt aus manchem ſchoͤnen Munde. E. Iſt's moͤglich? und was ſagt der Ihre? S. Er pflichtet den Achtbaren bei, die Ihre Abneigung vor dem Eheſtande be⸗ fremdete. Abneigung?— fiel er ein— Sie theilen mir da, bei meiner Ehre! eine Neu⸗ igkeit mit. Fuͤr den beßten Willen, zu heirathen, fuͤr Redlichkeit, Geſundheit, Her⸗ zensguͤte kann ich ſtehen, erſcheine mir aber im Spiegel, des Saͤbelhiebes wegen, mord⸗ haͤßlich, ward am Johannis⸗Abende zum Neun und dreißiger, hatte nur Schulden, heiße uͤberdieß weder Arthur noch Victor, 23 noch Fridolin, ſondern ward, des Ge⸗ burttages wegen, ein Haͤnschen, das zum ſteifen, vierſchroͤtigen Johannes auflief. S. Der Name iſt ſinnvoll und ge⸗ weiht— er erinnert an den holdſeligen Evangeliſten. E. Sans comparaison! Den fragten ja, zum Beiſpiele, die Phariſaͤer einſt: „Biſt Du ein Prophet?“ Er ſagte: „Nein!“ und ich kann, leider Gottes! nicht Ja! ſagen, wohl aber gleich ihm erwidern:„Ich bin die Stimme eines Predigers in der Wuͤſte!“ denn die Ge⸗ meine beachtet unſere zehntauſend polizeili⸗ chen, ſein Wohl bezweckenden Winke und Weiſungen ſo wenig als das Volk Got⸗ tes ehedem die zehn Gebote.— Wuͤrde Gretchen wohl meine heutige Predigt be⸗ herzigen? Im Exordio liegt bereits zu Ta⸗ ge, daß mich nach einem wuͤrdigen, wirth⸗ lichen und liebenswerthen Weiblein verlange G 24 und wenn die Propoſition eine andaͤchtige Zuhoͤrerin findet, ſo betrachten wir im erſten Theile die Freuden und Segnungen des heili⸗ gen Eheſtandes, wenden ſie im zweiten auf uns an und ich kuͤſſe am Schluſſe das Ja und Amen von Ihren wunderſuͤßen Lippen. Gretchen uͤberließ ihm in ihrem wohl— thuenden Drangſale die ergriffene, an ſein Herz gepreßte Hand, ſchoͤpfte Odem und ſagte, um ihr Urtheil uͤber die Predigt beſchworen: Ich bin zu geruͤhrt und zu gluͤcklich, um mich auszuſprechen, aber ach! auch viel zu unbedeutend, um dem edlen Waͤh⸗ ler auf die Dauer gefallen zu koͤnnen. Beherzigen Sie das! Die geringe Meinung von ſich ſelbſt, — erwiderte er— iſt ein Irrthum, von Tugenden veranlaßt, die allein ſchon hin⸗ reichen, mich vor der Reue zu ſichern und zum preiswerthen Manne zu machen und 25 die Demuth gehoͤrt ja zu den Kleinoden des weiblichen Schmuckes. Darauf wollte Johannes nach der Soldaten Weiſe Sturm laufen und Margarethen an's Herz ziehen, ward aber von den ſchnellkraͤftigen Armen zuruͤckgewieſen— ihm ſelbſt der Kuß ver⸗ ſagt, um den er jetzt verſchuͤchtert flehte. Die Jungfrau ſprach: Ich glaube noch, es ſey ein Traum, bin mit mir ſelbſt nicht eins, bedarf alſo Nachſicht und Zeit zur Be⸗ ſinnung. Das heißt zur Fertigung des Korbes? — ſagte er mit fallender Stimme. Nein!— lispelte ſie, wunderſuͤß laͤ⸗ chelnd, druͤckte die Hand, welche die ihre noch feſt hielt, an den Mund und Thraͤ⸗ nen entrollten ploͤtzlich in reicher Fuͤlle den beredſamen Augen, aus denen ihn das innige Wohlwollen und der heiße Dank fuͤr ſein willkommenes Geſtaͤndniß anſprach. In jeder dieſer Zaͤhren aber kuͤßte ein Freu⸗ 26 denengel ſeine Seele und Gretchen neigte ſich jetzt unwillkuͤhrlich zu dem Lauſchen⸗ den; Wange und Wange, Bruſt und Bruſt beruͤhrten ſich— ein langer, herzſtaͤrkender Verlobungkuß endete die gefuͤrchtete, lange Bedenkzeit. Plöͤtzlich ward es lebhaft in der Naͤhe, Gretchen entwand ſich ihrem Polizei⸗Mei⸗ ſter; er ſagte: Ich finde es hoͤchſt rath⸗ ſam, den Erfolg dieſer Segenſtunde der armen, liebekranken Julie fuͤr jetzt noch zu verſchweigen. Ich bin Juliens Liebling, erwiderte ſie: und dieſe goͤnnt mir ſo unbedingt das beßte Gluͤck, daß die Mittheilung weder Leid noch Neid erregen— der Freundin zaͤrt⸗ liches Herz vielmehr erquicken wird, fuͤrch⸗ te aber um ſo mehr den Groll und die hoͤchſte Mißbilligung von Seiten Ihrer Frau Schwaͤgerin, die Ihnen, frei geſtan⸗ den, die Tochter zudenkt.— Johannes 27 erſchrak uͤber dieſe geheime Weiſung und Gretchen entſetzte ſich gleichzeitig, denn ſie vernahm die kreiſchenden Toͤne des Hornvogels, welchen das kleine Gaͤrtner⸗ maͤdchen herbei fuͤhrte, nannte ihrem Braͤutigam den anruͤckenden Nebenbuhler und dieſer verſchwand hinter dem Laubbe⸗ haͤnge des Sitzes. Fundus! rief der Senator: Bonus Dies, Marg'rethchen! hier ſucht Sie der Geier nicht.— Papa und Mama gruͤßen ſchoͤn, warten mit Schmerzen und ich ſoll ihnen das Toͤchterchen wieder zurüͤckbrin⸗ gen. Mit vielem Plaiſir! ſagte ich und fahre deßhalb morgen Schlag vier Uhr hier vor, denn wir haben ſechs Meilen bis Dachöleben und der Weg gleicht, Trotz den heilloſen Wegzollplackereien, dem Sturz⸗ acker. Verſchlafen Sie es nicht, Herzlieb⸗ ſte.— Fuͤr die Munterkeit gedenkt Ihr Hornvoͤgelchen unter Weges zu ſorgen, ſo * „ A₰ — 28 hundsvöttiſch es mir auch dieß Mal in der Reſidenz erging. Verdammt iſt das Malheur! Wir ſtreiten doch bekanntlich mit der Buͤrgerſchaft— ob mit Fug oder Unfuge, kann nicht in Betracht kommen, da jede Obrigkeit geſchuͤtzt, geſtuͤtzt und obenauf erhalten werden muß, wenn es nicht uͤber lang oder kurz, wie Anno drei und neunzig in Frankreich losbrechen ſoll. Genug, die Sache liegt zum Spruche und das fuͤhrt mich vor Koͤnigs Fenſter, um möglichſt vorzubauen und ſie dem Juſtiz⸗ praͤſidenten an's Herz zu legen. Die Ex⸗ zellenz aber haͤlt auf Pferde, hat neun Stuͤck auf der Streu, zudem zwei Soͤhne bei den Dragonern, braucht alſo offenbar vor allem guten Hafer, der teufelmaͤßig aufſchlug und wir ſind in den Nathvor⸗ werken noch leidlich verſehen.— Fort mit der Wurſt nach der Speckſeite! denke ich, ſpaziere hin, laſſe mich anſagen, ſtehe faſt 29 2 eine Stunde lang wie ein Narr in der Antikammer, hoͤre aber zu meinem Troſte das Stampfen und Wiehern der Roſſe und wie der Kutſcher im Hofe uͤber die Preiſe des Hartfutters ſakramentirt. End⸗ lich thut ſich die Gnadenthuͤr auf, neige und beuge ich mich nach Gebuͤhr und noch tiefer, aber vergebens, denn die Excellenz kehrt mir, am Arbeittiſche ſitzend, den Ruͤk⸗ ken zu, fragt endlich mit halber Wendung; Was beliebt? und ruft, als ich den verdamm⸗ ten Prozeß zur Sprache bringe: Der gehoͤrt nicht hierher— ſiat justitia! Die Worte fuhren mir wie ein kalter Schlag in's Eingeweide, denn er ſoll in der Regel gleichſam ein Symbolum Hu⸗ manitatis ſeyn, alſo iſt Senatus ver⸗ ſchwaͤrzt worden und vor allem wohl die Seele deſſelben, meine Wenigkeit!— Laß Dich nicht einſchrecken, dachte ich, klagte nun uͤber den drangſeligen Zuſtand der „ 30 Kaͤmmerei und daß wir, leider Gottes! nur Hafer ſtatt des Geldes haͤtten, fuͤr den ich hier einen Liebhaber ſuche. Er horchte auf.— Wie viel haben Sie? An dreihundert Scheffel— Zu welchem Preiſe? Er iſt uns fuͤr ſo viel Thaler feil!— Ich dummes Pferd!— Jetzt ſah der Praͤſident ſich haſtig um, ſah mir zum erſten Male in's Geſicht, ſtarr und ſteif, bis meine Augen zu Boden fielen, ergriff die Schelle, klingelte, ſprach zu dem ein⸗ tretenden Kammerdiener: Herr Senator Hornvogel aus Dachsleben bietet mir ſo und ſo viel Hafer, zu dem und dem Preiſe an— dann rief er noch, zu mir gekehrt: Verſtand ich recht? Vollkommen, Exzellenz! Und da ich verſorgt bin— fuhr er fort— ſo fuͤhrſt Du den Herrn ſogleich 31 in die Reitercaſerne und bieteſt die drei⸗ hundert Scheffel zu beſagtem, hoͤchſt an⸗ nehmlichen Preiſe den Herren Ofſizieren an. — Was ſagen Sie dazu, Marg'rethchen? Mich wenigſtens ſchlug dieſer zweite Blitz zu Breie. Ich fand die ganze Geſellſchaft auf der Reitbahn, ſie trauete ihren Ohren kaum uud Einer ſagte zu dem Nachbar: Der Praͤſident liebt Roſſe und Reiter, der Hafer koͤmmt offenbar von ihm, er will uns verpflichten. Noch and're, ſelbſt hoͤh⸗ niſche Reden fielen hinter mir. Der Eine nannte mich einen ſeltenen Gerechten, der ſich ihres Viehes erbarme, der And're ent⸗ gegnete und ganz vernehmlich: Ich ſehe eher einem bußfertigen Kornjuden aͤhnlich. Ja, leider Gottes! dachte Gretchen. Genug, der Zweck ward verfehlt, der Hafer um den dritten Theil des Markt⸗ preiſes verſchleudert, den ich der Kaͤmmer⸗ ei verguͤten muß und mit Ausnahme des 32 Papa's duͤrfen ſich die eſelhaften Collegen dem Hornvogel kuͤnftighin unbedenklich zur Seite ſtellen.— Mit Ausnahme des ſchaͤtzbaren Herrn Vaters, ſage ich, der uͤbrigens als Rathsherr mein Gegenfuͤßler iſt und an veralteten Meinungen und Grundſaͤtzen haͤngt, die in der neuen Zeit wohl eher ruͤck⸗ als vorwaͤrts bringen. So hat er auch in frommer Zuverſicht auf Treu und Glauben, ſein Capitaͤlchen einem Dieb und Taugenichts anvertraut, was mir zum Gluͤcke den Beweis erleichtert, daß ich die liebe Margarethe nur um ih⸗ rer ſelbſt willen zur Ehe begehre. Doch davn morgen unter Weges— fuhr der Senator fort, denn die dreihundert Schef⸗ fel fielen ihm ploͤtzlich wieder auf's Herz; er ließ dem Grolle freien Lauf; er laͤſterte die Reiterei, den Praͤſidenten, die Verfaſſ⸗ ung und ſelbſt den hohen Landesvater, als ſein Nebenbuhler, uͤberraſchend genug, aus 33 dem Laubwerke hervortrat und das Maͤd⸗ chen ihren geheimen Freund, von der unver⸗ hofften Wiederkehr betroffen, als den Herrn Polizei⸗Meiſter vorſtellte. Jener ſprang durchſchauert auf und ergoß ſich demuͤthig in Honigworten, dieſer verſicherte, daß ihm die Pflicht obliege, nach dem Grunde der gehoͤrten, ehrloſen und verlaͤumderiſchen Aeußerungen zu fragen, welche er laut ge⸗ nug ausſchreie, um ſelbſt jenſeit des Gar⸗ tens vernommen zu werden. Hornvogel ſtammelte erblaſſend leere Worte, Gretchen warf ſich in ihrem Mitleide, beguͤtigend an des Braͤutigams Hals und dieſer ſagte, des willkommenen Zufalls froh, mit einem Nachdrucke, welcher den Senator als der dritte Wetterſchlag gemahnte: Sie ſehn in dieſer Großmuͤthigen meine Braut, ich aber werde in dem lei⸗ ſeſten Verſuche, das Maͤdchen zu der Ihr⸗ II. 3 34 igen zu machen, die Aufforderung ſehen, den pflichtvergeſſenen Schmaͤher zu belangen. Hornvogel ſtarrte die Fuͤrbitterin an, er biß, im Wahne, es aͤngſte ihn ein boͤ⸗ ſer Traum, auf ſeine Zunge, er ſagte dann, zermalmt und hoffnunglos: Ja, ich ver⸗ zichte— ich widerrufe— habe getrunken — leide am Kopfe— rede unterweilen irr und bitte ſcheidend um Erlaubniß, mich dem verehrlichen Brautpaare zu erquicken⸗ der Schonung und Vergeſſenheit ſo reue⸗ voll als demuͤthig empfehlen zu duͤrfen. Damit verbeugte er ſich, ruͤckwaͤrts ſchrei⸗ tend, unter geheimer Vermaledeiung der geſammten Menſchheit, tief und immer tiefer, bis der Laubfall der Thraͤnenweide zum Vorhange zwiſchen ihm und jenen ward. Der Hafer und die Braut, ſie waren dahin— dahin, unwiderbringlich! Weh ihm, wohl uns!— ſagte Johan⸗ nes, als der Senator verſchwunden war— 35 die goldene Venus hat es ſo gefuͤgt, ſie machte mich in ihrer Huld zum Perſeus, der, wie der goͤttergleiche Held, einen graͤulichen Hornvogel uͤberwand und ſein Gretchen, wie jener die Andromeda be⸗ freite. 1 Wieder ein Stoͤrenfried!— lispelte die Jungfrau unter dem innigen Kuſſe und riß ſich los, denn ihr Gehoͤr war das feinſte und er entſchluͤpfte abermal.— Willkommen mein Engelchen!— rief Fraͤu⸗ lein Rauhmund— Ich habe Sie wie einen Seelenſchatz geſucht, habe zu meiner innigen Betruͤbniß von der morgenden Heimkehr nach Dachsleben gehoͤrt und da⸗ hin will ich auch— nach Pilzhauſen viel⸗ mehr, wo eine wunderthaͤtige Hirtenfrau waltet, die Armen wie Reichen um Got⸗ teswillen hilft und mir den Hals ſtreichen ſoll, den erſt mein Guͤldenkraut, dann ein beruͤhmter Kurſchmied, zuletzt unſer Nach⸗ 3* 36 bar, der Barbier, behandelten und der doch immer anſehnlicher wird. Iſt's Ihnen ge⸗ faͤllig, das Gepaͤcke dem Boten mitzugeben und mir auf einer wunderſchoͤnen Troſchke Geſellſchaft zu leiſten, welche der Verferti⸗ ger dem dortigen Gutsherrn uͤberſchickt, ſo tragen Sie fuͤr die geſammten ſechs Meilen eine Wenigkeit bei und ich genieße Ihre werthe Geſellſchaft. Doch faͤhrt der Kut— ſcher zwei Stunden vor Tage und aus dem Gaſthofe zum Auerhahn ab, der in der aͤußern Vorſtadt befindlich iſt, wohin wir uns denn verfuͤgen muͤſſen. Des Fraͤuleins Vorſchlag ſchien Mar⸗ garethen ſehr annehmlich, da die Straße nach Pilzhauſen durch ihre Heimat fuͤhr⸗ te, die Rauhmund zur Schutzpatronin hin⸗ reichte, die neue Troſchke bei dem ſchoͤnen Wetter ein leichtes und angenehmes Fort⸗ kommen verhieß und das Ungluͤck, welches den Vater durch jenen Bankerott betraf, 37 ihr die Spaͤrlichkeit zur Pflicht machte. Gretchen dankte demnach fuͤr ihre guͤtige Meinung und Sergfalt und wollte bereits zuſagen, als Julie, flinker und freundlicher als ſeit Wochen erſcheinend, herbeikam. Freue Dich!— ſprach ſie— wir fahren ſelbander; die Mutter hat den gluͤcklichen Gedanken, mich fuͤr ein Weilchen nach Dachsleben zu verſetzen; ich ſehe einen Bethesda in Deiner Heimat und in Dir den Engel des Heilbades. Gleichzeitig aber warf ſie einen ſo vernichtenden Blick auf das Fraͤulein, daß dieſes ſofort, wie vorhin der Senator Hornvogel, abging, denn Julie haßte es als den ſchadenfrohen Herold der Verlobung Weßler's mit der Unthal, mehr als den Boͤſen ſelbſt und Angelika fuͤrchtete das haarſcharfe Zuͤnglein der Streitfertigen. Die Gelegenheit, mit welcher jene fuͤr⸗ lieb nahm, um ohne Koſten zu der Hals⸗ Butterberges, wo Angelika verzagend und 38 ſtreicherin in Pilzhauſen zu gelangen, ge⸗ hoͤrte allerdings nicht zu den Eilpoſten und wer ihr am folgenden Tage begegnete, ſperrte, wie die Widerſacher in David's Pſalter, das Maul auf und ſchuͤttelte den Kopf. In Dachs⸗ leben war der Jahrmarkt vor der Thuͤr; der Fuhrmann, welcher die neue Troſchke an Ort und Stelle bringen ſollte, hatte ſie mittels der Deichſel an das Ruͤcken⸗ ſtück ſeines laſtbaren mit Toͤpferzeuge uͤber⸗ fuͤlten Wagens befeſtigt und ihre Be⸗ wegung glich daher dem ſchwankenden Schleichgange eines Blinden, dem der Rock⸗ ſchoß ſeines Fuͤhrers zum Leithammel dient. Julie und Margarethe, welche durch des Hauptmannes Guͤte mit Extrapoſt, ob⸗ ſchon acht Stunden ſpaͤter als Angelika abfuhren, holten das Fraͤulein bald genug ein und fanden es zur Ariadne auf Naxos geworden, am Gipfel des ſogenannten 39 vergebens dem entſchwundenen Theſeus und ſeinem Toͤpferſchiffe nachrief. Die Langweil und der ſchneckengleiche Fortſchritt hatten dieſelbe naͤmlich allge⸗ mach eingewiegt, und ſie ſchlief, des fruͤ⸗ hen Aufbruches wegen, ſo feſt als nach den Baͤllen der einſtigen Bluͤthenzeit. Waͤhrend dem aber riß der Strick, wel⸗ cher die Troſchke mit dem Wagen verband, der Fuhrmann vermißte— vorn in der Schoßkelle gleich ſeinem blinden Paſſagier entſchlummert, den Wegfall jenes Schwei⸗ fes nicht und die Butterhoͤhe lag bereits weit hinter ihm, als Angelika erwachte, mit Schrecken umherſchauete, ſich wie ein weggeſetztes Kind gemahnte und wie ein ſolches winſelte. Der Fuͤhrer gedachter Extrapoſt jag⸗ te im ſcharfen Trabe an ihr voruͤber, denn ich fahre zwei Frauenzimmer, dach⸗ te er: die Weibſtuͤcke aber ſind barm⸗ 40 herzig und nöthigen mich ſonſt, die alte Katze aufzuladen. Das Fraͤulein ward zudem anfaͤnglich von der welligen Ober⸗ flaͤhhe des Berges gedeckt und im Au— genblicke des Vorbeifliegens nur von Ju⸗ lien erkannt, die zwar den Grund dieſer Verlaſſenheit nicht begriff, ſich aber derſel⸗ ben, bei ihrer feindſeligen Geſinnung gegen die Rauhmund, innig freute.— Ach, die arme Dame!— klagte Gretchen dagegen — der ſind gewiß die Pferde entlaufen oder die Straßenraͤuber haben ſie entfuͤhrt; laß halten, Julchen! wir ruͤcken zu. Das ſey nicht moͤglich— entgegnete dieſe— ihr Waͤglein viel zu ſchmal, das Verlangen uͤberdieß der Poſtordnung ent⸗ gegen und ſie habe die Pferde kaum drei⸗ ßig Schritte weit an einem Waͤſſerchen erblickt, wo der Kutſcher ſie unfehlbar traͤnke. Da beruhigte ſich die mitleidige Jungfrau, Julchen lachte noch lange ſtill 41 fuͤr ſich in's Faͤuſtchen und der Poſtillon zuweilen uͤberlaut. Wolfgang Herrlein, der Leibgrenadier, war zu entſchuldigen, wenn er in jener unhekannten Wohlthaͤterin, die ihm neu⸗ lich den Schweinbraten zuſteckte, ein ho⸗ hes Standesperſoͤnchen vorausſetzte. So Manche hatte ihm ja, ſeit Jahren ſchon, mittel⸗ und unmittelbar verrathen, daß er ein ſchmuckes Maͤnnlein ſey und das Be⸗ nehmen der Graͤfin Gaſto bei dem Zuſam⸗ mentreffen im Vorſaale beſtaͤtigte, gleich den Blicken aͤhnlicher, ihn mit ſichtlichem Wohlgefallen beachtenden Schoͤnen, den ſuͤßen Glauben. Ueberdieß hatte Wolf vor Kurzem die Geſchichte eines Gardiſten geleſen, der zufolge eines aͤhnlichen, aller⸗ höchſten Wohlgefallens aus der Wachſtube an's Ruder des Staates, auf einen Fuͤr⸗ 42 ſtenſtuhl erhoben ward und was dieſer Miniſter praͤſtirte, trauete er ſich als ein gelernter Jaͤger gleichfalls zu. Nun er— ſchuͤtterte aber Baͤrbchen neulich bei Ta⸗ fel des Bruders Wahnglauben und mit Schrecken vernahm er jetzt die Aeußerun⸗ gen eines Kameraden, nicht ahnend, daß der Neid aus dieſem Buſenfreunde ſpre⸗ che. Bruͤderchen— ſagte der lange Wein⸗ hard— mit der Dame, die Du Dir in der verliebten Nachtwandlerin einbildeſt, iſt es nun gar nichts. Die hier im Schloſſe wohnen, muͤſſen ſich insgeſammt, par honneur, wie Loth's Weib und Bathſeba geberden und erweiſen deßhalb kaum den Hofherren und Ofſtzieren die nothduͤrftige Ehre und Hoͤflichkeit, doch unſer Major Teu⸗ fel hat den Schleifer! Sieh, ich will tauſend Jahre lang bei Waſſer und Brot ſitzen, wenn er nicht unſern Regiments⸗Hans⸗ 43 wurſt, den alten Querpfeifer, in eine Sa⸗ loppe geſteckt hat, um Dich in Verſuchung zu fuͤhren und Du weißt ſelbſt, daß uns auch nur ein rother Heller— auf der Poſt angenommen, den Hals bricht, ge⸗ ſchweige denn das halbe Spanferkel. Du dauerſt mich! Der Ofſizier vom Dienſte unterbrach zetzt Weinhard's Mittheilung, indem er die Wachmannſchaft ſtellte, zu welcher eben Beide gehoͤrten und jenem ſiel ein neuer Centner auf die Seele, als ihm die erſte Nummer auf der gruͤnen Galerie zu Theil ward. Es iſt ein Schickſal, dachte Wolfgang: aber Gnade Gott der Verſu⸗ cherin und braͤchte ſie einen gebratenen Wallſiſch und das Heidelberger Faß mit, ich folge der Schweſter, ſetze ihr das Ba⸗ jonnett auf die Herzgrube und rufe dem naͤchſten Poſten zu. 44 Waͤhrend der Tagwache ſchlichen oder eilten, wie gewoͤhnlich, verbluͤhte Kammer⸗ frauen, bluͤhende Hoffraͤulein, Kammer⸗ und Stubenmaͤdchen voruͤber— theils in ſich verſunken, theils kalt und hofeaͤrtig, theils verſtohlen oder muthig an dem ſoge⸗ nannten ſchoͤnen Herrlein aufblickend, er aber geberdete ſich wie Joſeph in der Bil⸗ derbibel und dachte: Kommt mir nur! Jetzt iſt es Nacht— eilf Uhr und Wolfgang ſchreitet mit klopfendem Herzen heran, ſeinen Vordermann abzulöͤſen. Nichts Veraͤnderliches! brummt der Graͤm⸗ liche, dem Gefreiten folgend; er bleibt allein, er ſchaut ringsum, er ſpaziert, leiſ' auftretend, die Galerie entlang; es ſchlaͤgt ein Viertel, endlich halb, die Ronde zieht voruͤber und bald darauf rollt pltzlich eine Korbflaſche geraͤuſchlos vor ſeine Fuͤſſe hin; ein ſilberner Becher laͤuft ihr nach.— Merkſt Du den Teufel? fragte er ſich, 45 ſah ſcheu umher, ſah alle Thuͤren nach wie vor geſperrt, umſchritt die myſtiſche Be⸗ ſcherung und verwuͤnſchte die genoſſenen Poͤklinge, denn es plagte ihn ſeit dem Abendmahle ein untilgbarer Durſt und das willkommenſte, erquickendſte Loͤſchmit⸗ tel lag, wie von Geiſtern hergekollert, am Wege.— Verſchmachte, Kerl, ſprach die Pflicht, der erhobene Fuß ſchob haſtig bei⸗ de Koͤder in den Winkel, er ſchritt wie ein triumphirender Held auf und nieder, doch hinter der dunklen Ecke der Galerie hervor, ſchlich die neuliche Erſcheinung, wie damals angethan und verſchleiert auf ihn zu. Sie lispelte mit Silbertoͤnen: Wie? Du verſchmaͤhſt mich, Herrlicher?— Mein Leben!— Mein Abgott! und ſchmiegte ſich drangſelig an ſein Herz. — Wolf fuͤhlte wenigſtens, daß er nicht von dem alten, ſpionirenden Querpfeifer umſtrickt werde; er ſagte angſthaft: Ach, wenn Sie doch den zwoͤlften Kriegsartikel kennten— und ich Sie! ſetzte er hinzu und wollte die ſchwarze Kappe luͤften, aber ſie wehrte ihm und wisperte: Kennte der Liebloſe mich, er wuͤrde lieben und ſtolz werden— wuͤrde jetzt auf mein Wohl trinken und dießmal eine Goldboͤrſe in der Patrontaſche heimtra⸗ gen. Hol' mich der Dreibeinige, es iſt eine Standesperſon! dachte Herrlein; er ant⸗ wortete ſtill entzuͤckt: O Engel— o Erzengel! Das Lieben und das Trinken wuͤrde mir nach der Ablöſung die hoͤchſte Wonne ſeyn. Trink, Holder!— flehte ſie, den Ent⸗ flammten noch ſtuͤrmiſcher umhalſend— ſo thue ich Beſcheid und der bindet dann unſere Herzen und Weſen. 47 4 Trinken— nur trinken? dachte Wolf⸗ gang wiederum: Es iſt wohl gar ein Liebetrank? denn er war, als fleißiger Leſer, durch die„Wunderapotheke“, vom Verfaſſer des Weibes wie es iſt, mit die⸗ ſem Gebraͤude bekannt worden und die Kienholzerinnen ſagten dem mordhaͤßlichen Hegereiter in Baͤrenhorſt nach, daß er die junge, ſchoͤne Frau durch einen ſolchen ge⸗ kirrt und errungen habe. Der Glaube an die Gunſt und Gabe der Verhuͤllten wich dem zu Folge ploͤtzlich der Befuͤrchtung, das Liebchen moͤge jenem Hegereiter glei⸗ chen. Ploͤtzlich riß er die ergriffene Kappe hinweg und der leidige Anblick beſtaͤtigte den Argwohn, denn jener Fall auf der Schneidertreppe und das zerbrochene, ſchlecht geheilte Naſenbein hatten Thereſinens Ge⸗ ſicht zum widrigſten gemacht. Ich bin nicht durſtig! rief er ihr nach als ſie es haſtig wit den Haͤnden bedeckte 48 und pfeilſchnell enteilte; Wolfgang aber lachte laut auf, nahm nun die Flaſche und den Becher an ſich, um das Aben⸗- teuer morgendes Tages dem Major Teu⸗ fel von Teufelſtein zu melden und damit beides— die Beruftreue wie das ſittliche Gefuͤhl auf den Scheffel zu ſtellen. Auch eroͤffnete derſelbe, nach der Ruͤckkehr in die Wachſtube, dem zweideutigen Weinhard, was ihm widerfuhr und ſeinen Glauben an den zauberhaften Inhalt der Flaſche. Herr Bruder— entgegnete dieſer— dem Teufel ſage nichts davon, denn er verſchaͤrft ſonſt wiederum die Wachordnung und verſcheucht auf eine Zeit hin jeden aͤhnlichen Zuſpruch, aber wiſſen moͤchte ich wohl, ob.Du recht habeſt und ob der Trank auch auf Fremde wirke? Bewirthe doch vor Allen dort unſern Plagegeiſt, den Ser⸗ geanten, damit man ſieht, ob er dann zaͤrtlich wird— oder die ganze Wachmann⸗ 49 ſchaft; es waͤre ſpaßhaft, wenn ihr insge⸗ ſammt plöͤtzlich die Liebe in den Leib ſchluͤge und ſie nicht wuͤßte, wohin damit und Alle wie naͤrriſch im Schloſſe herum liefen, die ungekannte Braut zu herzen. — Wolfgang verwarf jedoch zum Gluͤcke den Vorſchlag als einen ſuͤndlichen, er ſtreckte ſich erſchoͤpft auf die Pritſche, ſchlief flugs und froͤhlich ein und traͤumte von der Prinzeſſin Thekla, die ihn fuͤr je⸗ nen Sieg uͤber ſich ſelbſt— fuͤr die ent⸗ ſchloſſene Abfertigung des entſchleierten Lockvogels, zum Vice⸗Corporal ernannte. Nina Unthal hatte bekanntlich in ihrer gefaͤlligen Guͤte die Frau von Wehlberg zu der todkranken Großmama nach Ber⸗ lin begleitet und war dort fuͤrerſt in einem Gaſthofe abgetreten, in deſſen Beſitzerin ſie eine ihrer liebſten Jugendfreundinnen II. 4 2—— 5⁰ zu finden wußte. Die Ueberraſchung ge⸗ hoͤrte zu den freudigſten; der zaͤrtliche Empfang zeugte fuͤr die beharrliche Treue derſelben. Eliſe war ebenfalls Witwe, ſo⸗ mit Herrin des Hauſes, reich und froh⸗ ſinnig und die Wehlberg, welche das Groß⸗ muͤtterchen bereits im Sarge fand, kehrte nach dem Begraͤbniſſe ohne die Gefaͤhrtin zuruͤck, die ſich in dieſer neuen, ſchoͤnen Welt und in den Armen der Freundſchaft fuͤr ein Weilchen gehaben und erheitern wollte. Eben lockte Nina eines Morgens ihr ſchönes Haar, als das Dienſtmaͤdchen ei⸗ nen Beſuch meldete. Der Herr,— ſagte es— iſt jung und ſchoͤn und ſchlank wie ein Gemahlter, aber ſchnurbaͤrtig. Er ver⸗ ſichert, von Ihnen gekannt zu ſeyn, hat Sie geſtern im Theater geſeh'n und um das Quartier zu erfahren, den Wagen bis zur Hausthuͤr verfolgt. Das alles ſoll 51 ich ſagen, damit er nicht abgewieſen werde. Nina griff nach dem Mantel, denn Artigkeit und Wißbegierde vermochten ſie, den Fremden zu empfangen; doch ſie er⸗ ſchrak und dachte, als er nun eingelaſſen ward, bewegt und hocherroͤthend: Ladislav! Der Graf Zadello waltete noch in Ber⸗ lin, fuͤhlte bei dem geſtrigen, uͤberraſchen⸗ den Wahrnehmen derſelben eine aͤhnliche Bewegung, fuͤhlte, erregbar wie Nina, den Anklang der fruͤheren, unbeguͤnſtigt geblie⸗ benen Empfindung wieder, fand ſie noch anmuthiger als damals und haͤtte ſich der Huldin gern auf der Stelle genah't. Nina wies fruͤher den feurigen Verehrer aus zaͤrt⸗ licher Ruͤckſicht auf ſeinen ſchoͤner'n Vetter und vollauf mit dieſem Verhaͤltniſſe beſchaͤf⸗ tigt, im Stolze der Befriedigung zuruͤck; doch mußte ihm die auffallende Aehnlich⸗ keit mit dem Verlorenen einen ruͤhrenden Eindruck verbuͤrgen und deß ſchnelle, die 52 Beharrlichkeit ſeiner Gefuͤhle bezeichnende Erſcheinen konnte der weiblich Geſinnten nicht mißfallen. Sie ſinden eine Beſtuͤrzte, die ſich fuͤrerſt erholen muß,— ſagte Nina und ihr Ausſeh'n zeugte fuͤr die Verſicherung— mir war, als kehre unſer gemeinſamer Freund im Schmucke des Lebens aus der Gruft zuruͤck, auch ſchien mir fruͤher dieſe Gleichheit der Formen und Zuͤge minder ſprechend.— Der Todte ward ſofort zum Stoffe des Wortwechſels; ſie ließ nun ohne Hehl den Thraͤnen freien Lauf, ſie ſah mit Wohlgefallen auch ſeine Augen naß werden und lauſchte mit Andacht und Wehmuth der traulichen Darſtellung, die ihr Arthur's Jugendgeſchichte und deſſen einſtiges Weben und Weſen vor Augen fuͤhrte. Zwei Stunden waren ſo, zu Beider Erſtaunen, auf Fittigen des Windes entfloh'n, als Ladislav, um vieles 53 herziger entlaſſen als empfangen, aufbrach und die Gewaͤhrung der demuͤthigen Bitte um das Geſtatten fernerer Zuſpruͤche mit ſich nahm. Gleich darauf ſchluͤpfte Nina's freund⸗ ſelige Wirthin in's Zimmer, umfing die Vertraute und ſagte: Wohl Dir! noch immer biſt Du ja die Gluͤckliche, vor der ſich alle Maͤnner neigen, nach der ſich alle Blicke wenden. Kaum in dem großen, nie beſuchten Berlin erſchienen, kommt auch ſchon ein Erleſener mit Weihrauch und Myrrhen herbei und macht die Stun⸗ den zu Minuten. Von Kindheit an haſt Du mich wie die Fee in unſern einſtigen Maͤhrchenbuͤchern gemahnt, denn ſelbſt die rohen, tyranniſchen Jungen, die uns damals wie Sclavinnen nieder hielten, ſchonten und liebten und feierten die ſchoͤne Nina und folgten ihr.— Dieſe vergalt der Schmeichlerin jetzt um ſo eifriger Gleiches 54 mit Gleichem, da ſie den Beſuch des jungen Mannes rechtfertigen wollte und Eliſe pries zu ihrem Troſte Zadello's Lob; ſie ruͤhmte auch ſeine Schweſter und den Gra⸗ fen Olowsky, die waͤhrend des Aufent⸗ halts in Berlin hier gewohnt hatten und durch welche Eliſen die Bekanntſchaft des angenehmen Ladislav ward, der noch jetzt an ihrer Gaſttafel ſpeiſ'te.— Nina freute ſich dieſer Mittheilung; ſie gedachte nun auch mit wachſendem Vertrauen ſeines noch viel liebenswertheren Verwandten, der ihn damals voͤllig in den Schatten geſtellt habe— der ruͤhrenden Beziehung zu jenem — ihres ewigen Schmerzes uͤber den Ver⸗ luſt des edlen, tugendhaften Arthur und eine zweite, willkommene Erſcheinung un⸗ terbrach jetzt die gegenſeitige Herzeneroͤff⸗ nung. Agathe hatte ſich dem erhaltenen, dringenden Geheiße zu Folge, ungeſaͤumt aufgemacht, die Sehnſucht des Mutterher⸗ 55⁵ zens nach der kleinen Natalie zu ſtillen und traf eben ein; das holde Kind ſchlich durch die leiſe geöffnete Thuͤr, erblickte die Mut⸗ ter und huͤpfte jauchzend an ihre Bruſt. Armuth, Beſchraͤnktheit, der Inſtinkt zu der dienſtbaren Rolle und ihre ſeltene, nicht zu erſchoͤpfende Herzensguͤte, hatten Agathen zum willenloſen Geſchoͤpfe der Freundin ge⸗ macht.— Ich danke Gott, daß Du uns ſo plͤtzlich herriefſt,— ſagte Jene, als ſich Eliſe entfernt hatte— denn Du giltſt eben da⸗ heim fuͤr Weßler's erklaͤrte Braut. Unſere Bekannten ſtroͤmten wie verabredet herbei, um Gluͤck zu wuͤnſchen, waͤhrend die Au⸗ gen und Andeutungen der Meiſten das Gegentheil ausſprachen und Keine glauben wollte, daß die Braut eben weit vom Hauſe und dieſe Heirath ihr und mir eine Neuig⸗ keit ſey. Zuletzt kam auch Guͤldenkraut, nach Nataliens Befinden zu fragen und bat mich, als er von meinem Abgange 56 hoͤrte, Dir dieſen Brief einzuhaͤndigen. Er iſt, der Aufſchrift nach, von Weßler's Hand, der bedeutend krank war, ſich aber bereits beſſern ſoll. Nina erbrach ihn, von dieſer Nachricht angeregt, unter ſeltſamen Gefuͤhlen. End⸗ lich denn! dachte ſie waͤhrend der Leſung: fand ich Gnade vor den Augen des eklen Sonderling's— doch hat er Zeit genug gebraucht, zu uͤberlegen, ob man auch ſeiner wuͤrdig ſey?—- Sie ging dann, waͤhrend der unruhigen Nacht, mit ſich ſelbſt zu Rathe, warf einen Blick in das Innerſte und begriff nicht, warum ihr Gefuͤhl fuͤr dieſen bisherigen, erſehnten Lieb⸗ ling, fuͤr den Gegenſtand des geheimen, heißeſten Wunſches ſich jetzt, am unver⸗ hoft erreichten Ziele, mit Unmuth und Waͤhligkeit vermiſche und Ladislav, der fruͤ⸗ her Verſchmaͤhte dagegen, ihr jetzt in Ar⸗ thur's Liebenswuͤrdigkeit erſcheine. Oft ge⸗ 57 nug hatte ſie bereits dieſer ſchnelle Wech⸗ fel der Empfindung— des raſchen Ueber⸗ ganges von der Leidenſchaft zum Gleich⸗ muthe, von der Gunſt zur Abneigung, von der Zaͤrtlichkeit zur Kaͤlte uͤberraſcht, be⸗ truͤbt, in widrige Lagen verwickelt— mit ſich ſelbſt entzwei't.— Ihr Gemuͤth kraͤnkelt! ſagte Guͤldenkraut, Nina's aͤrztlicher Beicht⸗ iger, bei dem ſie ſich einſt in dieſer Be⸗ ziehung Rath erholte— und iſt unheilbar! — ſetzte der Aufrichtige hinzu— ſelbſt die Jahre werden's nicht aͤndern.— Mein Gemuͤth bethoͤrt mich!— wiederholte ſie jetzt, das Koͤpfchen in die Kiſſen verſen⸗ kend— ich bin wie ich bin— kann nicht dafuͤr und nur der Tod kann mir helfen! Den Major Teufel fuͤhrte, am Morgen nach jenem naͤchtlichen Ereigniſſe auf der gruͤnen Galerie, ein Dienſtgeſchaͤft auf's 58 Schloß. Wolfgang ſah den Geſtrengen nahen und ſein Herz klopfte; doch von dem Vater gewoͤhnt, keine Schuld zu ver⸗ heimlichen, ſchlich er demſelben nach und eröffnete ihm zuerſt den fruͤheren Vorfall. Ich wollte es gelten laſſen,— ſagte jener, von Herrlein's Aufrichtigkeit entwaff⸗ net— wenn Dir die Verkappte wie Eva dem erſten Manne gethan und den Lecker⸗ biſſen gleichſam in's Maul geſteckt haͤtte; doch auf dem Wege zur Taſche, aus wel⸗ cher erſt die ſcharfen Patronen entfernt werden mußten, haͤtte ein Pflichtgetreuer des Verbotes gedacht und ſich beſonnen. Als ihm aber Wolfgang jetzt auch die Ge⸗ ſchichte der zweiten Verſuchung mittheilte, fuhr Teufel wie ſein Namenvetter auf und fragte, warum er das Ereigniß nicht augenblicklich gemeldet und die Verlarvte feſt gehalten habe? Das haͤtte ich mir nicht vergeben!— er⸗ 59 widerte Herrlein, in welchem ja das ritter⸗ liche Blut der Edlen von Rauhmund floß — und auch der Herr Major nicht!— ſetzte er hinzu— denn es bleibt doch mord⸗ ſchlecht, ein Frauenzimmer bloß zu ſtellen, das uns beguͤnſtigt, ja ſelbſt in ſeiner Paſſion, durch Zauberei zur Gegenliebe bringen will. Nur Ihnen vertraue ich mich. Hier iſt der Becher, den ſie mir zudachte, hier der Trank. Ich koſtete aus Neugier vorhin, was der Nagel faßt; er riecht nach Wein und ſchmeckt wie Spaniſch Bitter. Der Tropfen, denk' ich, kann nicht ſchaden. Herr von Teufel lachte, Trotz dem Zorn und Eifer, doch machte ihn der An⸗ blick des ſilbernen Bechers ploͤtzlich wieder ernſt, denn dieſer trug das Wapen ſeiner Tante, eines alternden, im Schloſſe woh⸗ nenden Hoffraͤuleins und ſeine Kenntniß derſelben widerſprach wenigſtens nicht der 60 Moglichkeit des allzu regen Wohlgefallens an dem herrlichen Jungen. Dieſe Anſicht hielt ihn jetzt ab, den Vorfall höͤhern Or⸗ tes zu melden und die Unterſuchung zu veranlaſſen; er legte jenem daher bis auf Wei⸗ teres das unverbruͤchlichſte Schweigen auf und verlangte eine genaue Schilderung der Ent⸗ ſchleierten, Wolfgang konnte aber nur die nette Form derſelben bezeichnen, da ihn die ſpaͤrliche Beleuchtung das ſchnell mit den beiden Haͤnden bedeckte Geſicht der Fliehenden nicht Zug fuͤr Zug, nur als ein haͤßliches erkennen ließ. Darauf nahm der Major — in ſeinem Argwohne beſtaͤrkt, die Fla⸗ ſche und den Becher an ſich, vollzog das Dienſtgeſchaͤft und fand die Tante, unan⸗ geſagt eintretend, unpaß wie es ſchien, im Divan. Die Gute war bisher ihrer wel⸗ ken Kraͤnze, wie ihrer Unbedeutendheit we⸗ gen, von ihm vernachlaͤſſigt, nur an Eh⸗ rentagen beſucht, nur in Geſellſchaftkreiſen 64 beachtet worden; ſie erſtaunte uͤber dieſen fruͤhzeitigen, auffallenden Zuſpruch und fragte, Theils ſchmollend, Theils erfreut, nach ſeinem Begehre. Mich hielt der Dienſt uͤber Nacht im Schloſſe feſt— entgegnete er, ploͤtzlich die Korbflaſche ſammt dem Becher hervor⸗ ziehend— und ich bitte, noch nuͤchtern, um Erlaubniß, mit Ihnen zu fruͤhſtuͤcken. — Jene verdroß, bei dem erwaͤhnten, ge⸗ ſpannten Verhaͤltniſſe, des Neffen Anmaßung — Aber mein Becher?— rief ſie und griff nach ihm— wie kommt dieſer ſchmerzlich entbehrte Liebling in Ihre Hand? O, nun vergebe ich Ihnen die ſcheinbare Unart und vergeſſe den vorgeſtrigen, hoͤchſt widrigen Sonntag. Am Morgen deſſel⸗ ben entfliegt mein lieber, vieljaͤhriger Ge⸗ treuer, der Staar; am Mittage thue ich, aus der Kirche heimkehrend, einen Fehl⸗ tritt, der mich noch heute an den Divan 62 feſſelt und am Abende vermiſſe ich das Andenken des ſeligen Vaters, das fuͤr im⸗ mer dort unter dem ſilbernen Kruzifix ſtand. Sie luͤftete jetzt die Bedeckung ih⸗ res ſchadhaften, verſchwollenen Fuſſes und befreiete ſich damit ohne ihr Ahnen, von einem ſchmaͤhlichen Verdachte. Der ver⸗ ſchaͤmte, in ſichtliche Verlegenheit gerathene Neffe ward jetzt vergebens bedraͤngt, zu ge⸗ ſtehen, wie das willkommene Kleinod in ſeine Hand fiel, er benutzte endlich die Ankunft des Wundarztes, ging ab und weilte auf der anſtoßenden, gruͤnen Gale⸗ rie. Es ließ ſich vorausſetzen, daß die Unbekannte auch den Becher entwandt habe und ſo beſchraͤnkt als luͤſtern ſey, da ſie dieſe kennbare Beute ſofort zu ver⸗ ſchenken gewagt hatte. Da fiel ihm auch die Thuͤr der Silberkammer in die Augen; der Anblick erregte den Gedanken an die Gefahr, die derſelben bei einer ſolchen 63 Nachbarin drohe und einen zweiten Ge⸗ danken an den eigentlichen, dieſem Schatze geltenden Zweck der Verwegenen. Wolfgang war eben wieder hier auf die Poſt getreten und ſtarrte den Sinnen⸗ den an, der ihn auf's neue in Frage nahm und die Ueberzeugung ausſprach, daß Jene ihn keinesweges zum Liebhaber, ſondern zum Opfer eines Hauptverbrechens erſehen habe. So drehe ich ihr den Hals um!— rief Herrlein, ihm auf's Wort glaubend — und der iſt ſchon ſo gut als gebrochen, denn bald nachdem das Laſter entſprungen war, fand ich dieß goldgelbe, falſche Loͤck⸗ chen, das ihr unſtreitig bei dem Abreißen des Schleiers entfiel. Der Major nahm es hocherfreut an ſich; eben kehrte der Wundarzt von ſeiner Tante zuruͤck, er ſtand in der folgenden Minute wieder vor dieſer und beſchwor ſie, 64 ihm alle hier im Schloſſe wohnende Blondinen der fuͤrſtlichen Dienerſchaft zu nennen, welche ſie insgeſammt kennen muͤſſe. Das Fraͤulein ſcherzte uͤber das ſelt⸗ ſame Begehren, dachte nach und verſicherte, daß dieſe, mit Ausnahme der neuen Kam⸗ mergehilſin, Theils braun, Theils ſchwaͤrz⸗ lich, Theils grau an Haut und Haaren waͤren. Und wie heißt dieſe Ausnahme? wo iſt ſie zu finden?. S. Sie heißt Thereſine Wendelin, wohnt hinter der gruͤnen Galerie, wird ſich jedoch, als eine ſchuͤchterne und ehr⸗ bare Perſon, des Herrn Vetters Zuſpruch wohl verbitten, iſt uͤberdieß auch durch ei⸗ nen ungluͤcklichen Fall entſtellt, alſo kein Gegenſtand fuͤr ſo ein Teufelchen.— Der Erfahrene hatte die beiden erſter'n ange⸗ ruͤhmten Eigenſchaften zu oft als Schleier 4 1„ —4 65 und Außenfarben erfunden, um ſich irren zu laſſen, er kuͤßte der Tante mit uͤber⸗ raſchender Zaͤrtlichkeit die Hand und ging. Wendelin, der Raͤuber, begleitete ge⸗ ſtern, der Verabredung gemaͤß, ſeine Schweſter waͤhrend des abendlichen Zwie⸗ lichtes und in Judith's Kleidung nach dem Schloſſe. Er ward in ihrer Kammer ver⸗ borgen, geſpeiſ't, getraͤnkt und ſchlief dann, von dem Treiben der vorigen Nacht er⸗ ſchoͤpft, wie ein Todter, bis ihn There⸗ ſine im Grimme uͤber das Mißlingen des Verſuches und von der Furcht geaͤngſtet, weckte, daß Wolfgang ſie erkannt oder ver⸗ folgt habe und eben hereinſtuͤrzen oder Laͤrm machen werde. Den unſanft Auf⸗ geruͤttelten veranlaßte die Mittheilung der Hiobpoſt zu rohem Schelten uͤber ihr Un⸗ II. 5 66 geſchick, ihren Leichtſinn, uͤber das blinde Vertrauen auf Herrlein's Trinkluſt und auf den Erfolg des betaͤubenden Trankes. Erſt wollteſt Du Suͤchtige ihn herzen und kuͤſſen,— fuhr er fort— drum blieb ich ungeweckt, er aber verſchmaͤhete, wie ſich verſteht, die Vogelſcheuche und ihr Mutterflaͤſchchen— ich aber waͤre, waͤhrend dem Du ſchoͤn mit ihm thateſt, herbei ge⸗ krochen, haͤtte ihn durch einen Fauſtſchlag auf's Leben, betaͤubt, dann erwuͤrgt und ſchmoͤlze nun, froh und geborgen, in Ju⸗ dith's Kuͤche das Silber ein. Darauf ver⸗ ſetzte Wendelin dem Schweſterchen, in ſei⸗ nem Grolle, einige Stoͤße, empfand da⸗ gegen die Schaͤrfe ihrer Naͤgel und Zaͤhne, ließ ab, trank Wein, und Sinchen ſchlich hinaus und lauſchte.— Es focht ſie an, dem ſtill vermaledeiten Schneemann noch jetzt nach des Bruders Sinne zu thun, um jenes Bechers und der Giftflaſche wieder habhaft A 67 zu werden, aber eben hatte es ein Uhr geſchlagen und er ward abgeldoͤſ't. Wendelin dachte indeß: Die Schildwache iſt kluͤger als Thereſel,— ſie roch Lunte — trank nicht— wollte die Katze nicht im Sacke kaufen, riß ihr den Schleier ab, ſah das Larvengeſicht, ward ploͤtzlich pflichtgetreu, meldete den Vorgang, macht ſich mit der beſtandenen Anfechtung breit und das Wetter faͤhrt uns auf den Kopf. Ich waͤre ein Narr, hier den Tag zu er⸗ warten und wie ich herkam heimkehren zu wollen.— Waͤhrend dem erhob er, auf dieſen Fall gefaßt, Judith's Sonntagrock, zog ein Strickleiterchen unter ihm hervor, hing es am Fenſter auf, das in den offenen Schloßgarten ſah, erreichte den Gipfel einer Linde, dann mittels ihrer Aeſte den Boden und ſchlich unangefochten nach dem Kroͤ⸗ tengaͤßchen. Die Nachbaren der Judith, welche ihn vielleicht in der Daͤmmerung 5* 68 wahrnahmen, mußten glauben, ſie kehre aus der Fruͤhpredigt heim. Fort mit Dir!— lispelte ſeine Schwe⸗ ſter, als ſie ihm jetzt, zuruͤck gekommen, die Strickleiter nachwarf und wuͤnſchte, den rohen, undankbaren Barbaren auf der Galgenleiter zu ſehn. Ich bleibe!— dachte ſie, entkleidete ſich und ſchluͤpfte in's Bett: ich heuchle, leugne, weine, verlange Ge⸗ nugthuung— die Zeugen fehlen.— Da Thereſine nun in der Zerſtreuung die Thuͤr abzuſchließen vergaß, ſo trat der Major am Morgen unaufgehalten an ihre Ruhe⸗ ſtatt; des Maͤdchens Geberden und Ge⸗ ſchrei bezeichneten nur die Angſt der uͤber⸗ fallenen, ſchamhaften Jungfrau— er da⸗ gegen hob mit Nachdruck ſeinen Spruch an, der auf die Ruͤhrbarkeit des weiblichen Gemuͤthes und das Grauen vor offener Schmach berechnet war, drohte mit un⸗ leugbaren Beweiſen beider Unthaten, die 69 er ihr vorhielt und rieth eindringlich, das Verderben durch ein offenes Geſtaͤndniß abzuwenden. Wenn nicht dieß alles ein Fiebertraum iſt,— erwiderte Thereſine, den Redner anſtarrend— ſo will irgend ein boshafter, geheimer Feind mich Unſchuldige zu Grunde richten. Ich bin zu ehrbar, bin zu recht⸗ lich und zu vernuͤnftig, um mich— ſelbſt einem Prinzen an den Hals zu werfen, der Spiegel ſpricht mir uͤberdieß, ſeit je⸗ nem ungluͤcklichen Falle, den Erfolg einer ſolchen Frechheit ab und wer es wagen kann, die Pflichtgetreue eines Diebſtahls zu be⸗ zuͤchtigen, wird ſeine Anklaͤgerin in ihr finden. Vergebens blieben des gewandten und angenehmen Redners Bitten, Schreckſchuͤſſe und Wendungen, er hielt ihr jetzt, er⸗ grimmt, die verdaͤchtige Flaſche vor und rief: Trink, wenn Du ſchuldlos biſt! 70 Thereſine veraͤnderte ploͤtzlich die Farbe, ſtieß ſeinen Arm zuruͤck und ſagte angſt⸗ haft: Was hat man mit mir vor? ſoll ich vergiftet werden? O ich Aermſte! Dieß Geberden und Verbleichen gab ihm neues Licht.— Ja, mit dem Gifte, das Du miſchteſt.— Trink! S. Wer dieſen Wein miſchte, mag es mir zutrinken. E. Alſo iſt Wein in der Flaſche? Das weißt Du? und fuͤllteſt ſie und biſt verloren! Die Wache ſteht vor der Thuͤr — ich rufe ſie! S. Um eine Schuldloſe zu entehren? O, iſt das menſchlich? ritterlich— edel? — Als er aber, ohne dieſe Klagen zu be⸗ achten, nach der Thuͤr hinſchritt, ſprach Thereſine, ploͤtzlich die Stimme erhe⸗ bend: 71 Noch ein Wort, Herr Major, und Sie werden mir Dank wiſſen, daß ich Ihnen das Bewußtſeyn einer ſchmaͤhligen Verſuͤndigung erſpare. Einige Zeilen, die ich ſchreibe, die Sie ſelbſt der Behoͤrde uͤberſenden moͤgen, reichen dazu hin, ich aber bleibe, bis die Antwort eintrift, hier unter Ihren Augen. Schreiben?— An einen Spießgeſellen — Nimmermehr! S. An einen Buͤrgen nur— nur an den Sohn des Marſchalls, der am Sonntage mit der Tochter des Hofwechs⸗ lers verlobt ward.— An den Baron Leerhelm, der Ihnen unumſtoͤßlich bewei⸗ ſen kann, daß Ihr unverdienter Haß eines der argloſeſten und ſittlichſten Maͤdchen in mir verderben will. Das iſt mir neu und hoͤchſt gewiß ein Nothbehelf— nur ein Verſuch der Hin⸗ terliſt.— Was haͤtte der zu ſchaffen mit 72 einer Solchen?— Der Inhalt wird ent⸗ ſcheiden,— ſetzte er hinzu, und warf ihr ein Blatt Pappier und den Bleiſtift aus ſeiner Brieftaſche hin. Sie ſchrieb: „Verlieren Sie keinen Augenblick, „mich einer großen, unverſchuldeten „Angſt und Noth zu entreißen. Im „Schloß auf meinem Zimmer. Thereſine Wendelin.“ Den Baron— ſagte ſie, das Blatt zuſammenbrechend— muß heute ſein Hof⸗ amt bereits in die fuͤrſtliche Garderobe ge⸗ fuͤhrt haben. Jener öͤffnete ſofort die Thuͤr, uͤbergab es der Ordonnanz, bedeutete dieſe, wo der Gedachte zu finden ſey und ſchritt nun geſpannt und verlegen auf und ab. Herr von Leerhelm, deſſen fluͤchtige Be⸗ kanntſchaft wir unlaͤngſt im Landhauſe des Grafen Gaſto machten, trug dieſen Namen 73 in der That, gehoͤrte jedoch zu einer der geltendſten Familien, ſelbſt zu den Guͤnſt⸗ lingen des Prinzen Hieronimus; die ſtein⸗ reiche, hoffaͤrtige Tochter des Hofwechslers hatte ihm deßhalb den Zepter geneigt. Der Major dachte noch uͤber den ſeltſamen Zuſammenhang und die unbegreifliche Ur⸗ ſache der Zuverſicht nach, mit welcher die⸗ ſes dienſtbare, eher alles als reizende Weſen auf den Schutz deſſelben zaͤhlte, als Leer⸗ helm odemlos in's Stuͤbchen trat. Er ſah den Offizier, erblaßte, verneigte ſich, warf einen ſcheuen Blick auf den offenen Alkoven, eilte an Thereſinens Bett, lauſchte ihrer heimlichen Mittheilung, kehrte endlich ſichtlich beaͤngſtet zuruͤck und bat, kaum der Worte maͤchtig, den Major, ihn ge⸗ faͤllig aufklaͤren zu wollen. Wir ſprechen franzoͤſiſch— ſetzte er hinzu— ſie ver⸗ ſteht es nicht. 74 Herr von Teufel erfuͤllte das Begeh⸗ ren, immer ſichtlicher ward die Beſtuͤrz⸗ ung des Zuhoͤrers, dem der Schweiß von der Stirn rann, der endlich die ergriffe⸗ nen Haͤnde des Majors an ſein Herz druͤckte und mit bebender Stimme ſagte: Dieſe Elende— der Plagegeiſt mei⸗ nes Lebens— war ſchon vor dem Falle, der ihr reizendes Geſicht entſtellte und ſie vollends mit Gott und ſich und den Men⸗ ſchen entzweite, eine böſe Fee und ward ſeitdem im aͤrgſten Sinne des Wortes zur Hexe. Sie lockte, blendete, umſtrickte mich in der Feenzeit als das Kammermaͤdchen meiner Mutter— hat mehre Briefe von mir, die ſich auf ihre damalige, unzeitige, verheim⸗ lichte Niederkunft beziehen und mit deren Be⸗ kanntmachung ſie mir droht, ſo oft ihr Geld oder irgend ein Beiſtand von Nothen iſt. — Ein Mißbrauch, der, vor allem jetzt, mein ganzes Gluͤck vernichten, meine Braut 75 abwendig machen, ſelbſt einen Criminal⸗ prozeß veranlaſſen koͤnnte, wenn Sie, mein Theuerſter, nicht großmuͤthig genug ſeyn ſollten, ſich durch die baldige aber ſchmach⸗ loſe Entfernung derſelben verſoͤhnen zu laſſen. Ich lege das Wohl der Zukunft, die Ehre und den Frieden meiner Familie in Ihre Hand— ich gebe Ihnen zu be⸗ denken, wie ſehr den Fuͤrſten ſelbſt, mein Ungluͤck und die Ruchbarkeit des heutigen Frevels verletzen wuͤrde, der zudem ja ganz unerweislich ſcheint. So tief und bis zur Diebin kann ſie unmoͤglich geſunken ſeyn, iſt auch zu klug, den Inhalt jenes Ge⸗ traͤnkes vergiftet zu haben und ich ſehe nur ihren rohen, mir wohlbekannten Trotz in der Weigerung, Sie durch den Genuß desſelben vom Gegentheil zu uͤberfuͤh⸗ ren. So trinke ſie denn, ſprach der Major, die Flaſche hervorziehend. Ich werde ihr zureden— ſagte Leerhelm— ſie liebte mich einſt mit der Gluth der Leidenſchaft und milde Worte fanden bisher noch oft genug den Weg zu dieſem verwilderten Herzen. Blitzſchell trat Thereſine jetzt, dem Bett entſchluͤpft, dem Alkoven entſchlichen, mit⸗ ten unter ſie, entriß dem Major die Fla⸗ ſche und der Klang ihrer Scherben toͤnte gleich darauf— denn das Fenſter war oſſen— aus dem Schloßgarten her, die Geſpenſtige aber ſah im folgenden Augen⸗ blicke hohnlaͤchelnd wieder unter der Bett⸗ decke hervor. Da ſehn Sie dieß Weib! ſprach Leer⸗ helm aufathmend, umſchlang den Major und preßte ihn unter dringenden, beſchwör⸗ enden Vorſtellungen an's Herz, doch die⸗ ſer riß ſich ſtuͤrmiſch los. Er befahl der Ordonnanz das Zimmer zu huͤten und ging, 77 zu thun was ihm die Pflicht gebot, ohne jene angſthaften Fuͤrbitten des Barons zu beachten, der Thereſinen nun ſelbſt fuͤr ſchuldig hielt und jetzt vor ihrer Bosheit zitterte, da er ſie zu ſchuͤtzen nicht ver⸗ mocht hatte. Die Familie Gaſto waltete noch im⸗ mer auf dem Landhauſe.— Omon ami! ſagte Emma, aus der Stadt heimkom⸗ mend, zu dem Gatten, welcher eben weg⸗ reiten wollte— unſere gute Graͤfin Wo⸗ linska hat einen allerliebſten Gedanken— doch davon hernach! Genug, ich war bei ihr, fand Geſellſchaft, meiſt Auslaͤnder— es ward mitunter muſtzirt. Vergebens ſtraͤubte ich mich, ſie drang mir die Guitarre auf. E. Eine willkommene Gewaltthat! S. Ich ſang:„Kennt Ihr das Land?“ und„di tanti palpiti.“ Du 78 haͤtteſt ſehn ſollen, wie Deine Emma den Fremden in's Auge ſtach. Die loſe Graͤ⸗ fin legt es manchmal recht darauf an, mit mir groß zu thun und ihr Herzblatt gel⸗ tend zu machen. Dazu war mein Stimm⸗ chen nie reiner, das Fraͤnzoͤſiſche floß mir vom Munde und ich hatte mehr Farbe als je, weil mich der Weihrauch aͤngſtete. E. Aengſtete? Das ſpuͤre ich nicht! er that Dir allzuwohl. So geht es nun! Man ſagt, herkoͤmmlich oder nothgedrun⸗ gen, den Damen ſchoͤne Worte, denkt aber wenig oder nichts dabei, doch Deines Glei⸗ chen denken, wir meinen es ernſtlich und ſo wird Euch das Koͤpfchen ver⸗ dreht. S. Du richteſt mir es wieder ein! Aber noch Eins, herzer Rudolf! nur graͤmle nicht! Die Wolinska will waͤh⸗ rend des Winters ihre Abendgeſellſchaften wuͤrzen— ſie laͤßt im Saale ein Thea— 79 ter aufſtellen, es ſollen Comoͤdieen bei ihr geſpielt werden. E. Die ſpielt Ihr ohnedieß. O, der leidigen Wuͤrze! S. Wie ſo? E. Weil es ihr nicht gelingen kann, die Unberufenen abzuweiſen. S. Die ſie berufen will, fanden be⸗ reits bei aͤhnlichen Verſuchen großen Bei⸗ fall und die Gute meint, ich werde auch keine Rolle verderben. E. Aber die Rolle Dich! S. Du magſt mir ſie zutheilen und wirſt Dich dann auf's neue verlieben. Wie wir noch im aͤlterlichen Hauſe Comoͤdie ſpielten, machte ich bereits als Galathee Furor. Hoͤre ein Mal! „Die Amſel iſt erſtickt und dieß hab' ich ge⸗ wollt! Ihr Schaͤfer wißt kaum mehr, wie Ihr uns quaͤlen ſollt. 80 Nun wird ſie Dein, Myrtill— vergiß die Jungen nicht!“ Nein, keines Weges!— fiel Gaſto ein— die ſindeſt Du dort— bildſchoͤne Jungen! ich aber werde die Amſel ſeyn und Theils vor Wehmuth uͤber Dein Spiel und Theils vor Eiferſucht erſticken. Die Lilienarme der holden Gattin um⸗ ſchlangen ihn; ſie ſagte mit eindringlichen Silbertoͤnen: Selbſt Lineck und Kron⸗ wald haben es ihren Frauen geſtattet. E. Auch die? Wie ſchlimm fuͤr Dich und Aehnliche! Die erſtere hat ent⸗ ſchiedenen Beruf zur Mime; die zweite iſt ſo bildſam und naiv als huͤbſch und Bei⸗ de ſtellen Euch dann in den Schatten. Gibſt Du das zu, Emma? S. Ja, ehrlich, ohne Neid; auch will ich nicht glaͤnzen! E. Und ich Dich nicht verdunkelt ſehn. Mein Herz iſt nur ein menſchliches und 81 dieß Spiel fuͤhrt unwillkuͤhrlich zu Ver⸗ gleichen, bei denen Du verlieren koͤnn⸗ teſt. S. Von dieſer Seite ſah ich's nicht. E. Sie liegt am Wege, Kind! Glaube mir, ich empfinde ſchon im Geiſte den Unmuth, Dich hinter der Erwartung zuruͤckbleiben zu ſehen und in den Augen der Andern derſelben ſtillen Mißbilligung zu begegnen.— Nein, Emma! ich koͤnnte die Durchfallende mindeſtens fuͤr den Au⸗ genblick nicht mit derſelben Innigkeit des Gefuͤhls betrachten und nur zu gern fuͤhrt der boͤſe Geiſt dann fortwirkende Nachwe⸗ hen herbei. O, ſtill!— rief die Erſchrockene, ihn haſtig an den Buſen druͤckend— ich ſehe zu!— Der Graf ritt nun um eins ſo froͤhlich aus und ſein Freund, der Major Teufel, ſprengte waͤhrend dem aus der Stadt herbei. II. 6 (0 Sie kommen zur rechten Stunde,— ſagte Emma— denn mein Mann iſt aus⸗ waͤrts, ſein Geburttag des naͤchſten, ich zerbreche mir den Kopf, ihn durch ein An⸗ gebinde zu erfreuen und ein Mann weiß am beßten was Maͤnnern willkommen iſt. Erſinnen Sie eins. Des Sinnens bedarf es nicht,— er⸗ widerte er— ſeine Falbe wird, unter uns geſagt, herzſchlaͤgig; ich rathe zu ei⸗ nem beſſern Pferde und empfehle meinen Englaͤnder, um den er mich ohnehin be⸗ neidet. Den kann ihm ein Freund zudenken? — fiel ſie ein— ſtieg er nicht neulich kerzengleich mit Ihnen in die Höhe? Mir ſchauerte die Haut. E. Das ſind nur ſogenannte Jungfer Muhmen, meine Gnaͤdige! die mir und dem Braunen Vergnuͤgen machen. Er ſteht um's Waͤhrgeld zu Befehl, iſt fehler⸗ 83 frei und koſtet mich achtzig Piſtolen in Golde. S. Die Kleinigkeit!— Kaum acht⸗ zig Gulden kann ich daran wenden, denn unter meine tauſend Untugenden gehoͤrt auch die Nachlaͤſſigkeit; alſo ließ ich den Schrank offen und ward beſtohlen. E. Von einem Hausdiebe wohl? S. Gott weiß es! Nur mein fruͤ⸗ heres Kammermaͤdchen kam in dieß Zim⸗ mer und es war treu wie Gold. Iſt es daſſelbe,— fragte er betroffen — welches Sie bei Hofe als Kammerge⸗ hilfin empfohlen haben? Denn dieſe fuͤhrt mich eigentlich her. Emma bejah'te; der Major erzaͤhlte nun zu ihrem Erſchrecken, wie wenig es die Verwendung und jenes Zutrauen ver⸗ dient habe und daß die Scheinheilige als eine Hauptgaunerin erfunden, feſt ſitze. 6* Es iſt unmoͤglich!— rief ſie— das arme Lamm! ganz offenbar verleumdeten. ſie Neid und Bosheit, denn die Menſchen ſind jetzt unbegreiflich arg, aber ich will fuͤr die Unſchuldige zeugen. Der Fuͤrſt hat ihr fuͤr's erſte den Po⸗ lizei-Meiſter, der ein gewandter Nierenpruͤ⸗ fer ſeyn ſoll, uͤber den Hals geſchickt und wir erfuhren dem zu Folge genug, um ſie hoͤchſt ſchuldig zu finden. Man gab ihr zum Beiſpiele waͤhrend des neulichen, ſehr ſchmerzhaften Krankenlagers, ein betaͤuben⸗ des Mittel; ſie mißbrauchte das aufgeho⸗ bene Rezept, verſah ſich allgemach reich⸗ lich genug mit jenem, um den ſtaͤrk⸗ ſten Mann damit zu toͤdten und dieſer Schlaftrunk ward nun auch der Schild⸗ wache zugedacht, welche die Silberkammer huͤtet. Zwar gluͤckte es der Schlauen, be⸗ vor ſie zum Geſtaͤndniſſe gebracht ward, die Flaſche mit dem Inhalte zu vertilgen 85 aber es fand ſich bei der Unterſuchung ihrer Kammer, außer einer bedeutenden Goldboͤrſe, ein Saͤckchen voll Dietriche, von deren Daſeyn die Wendelin bis jetzt nichts wiſſen will. Sie geſteht dagegen unaufgefordert, ſich eines Abends hier ein⸗ geſchlichen zu haben, um ihrer Verdraͤn⸗ gerin, der neuen Kammerjungfer, einen Streich zu ſpielen, der aber nicht gelungen ſeyn moͤge, da dieſe nach wie vor in Ihrem Dienſte und wohl gelitten ſey. Welch Ungeheuer!— rief Emma aus — doch die verworfene Abſicht ſcheiterte an unſerem Vertrauen auf das engelgute Baͤrbchen, dem dieſe Unthat nie bekannt werden ſoll. E. Auch ſoll dieß engelgute Baͤrb⸗ chen uͤber die Verhaftung ihres Bruders nicht erſchrecken, welche von ſeinen Bezieh⸗ ungen zu der Wendelin veranlaßt ward, die indeß keines Weges gefaͤhrlicher Art 86 find, Erſt ſuchte ſie den Eßluſtigen durch kalten Braten zu beſiegen, dann durch vergifteten Wein fuͤr immer zu betaͤuben und er wird, ſeines Heißhungers wegen, acht Stunden Kugeln tragen muͤſſen. Die Graͤfin konnte, vor Erſtaunen uͤber dieſe ſchrecklichen Neuigkeiten, ſich nicht faſſen und ihre Empfehlung der Verworfenen bekuͤmmerte ſie, der Major aber fragte jetzt mit lebhaftem Antheile nach dem Fraͤulein von Landſtern. Litta badet!— ſprach Emma, am Naͤh⸗ tiſche Platz nehmend— und Ihre Zeit⸗ ungen haben mich verſtimmt; erheitern Sie mich wieder. E. Ich Trauergeiſt! Warum fehl⸗ ten Sie denn auf dem Balle bei Kron⸗ wald's? Wir blieben heim, weil Melitta nicht tanzt und Gaſto dann und wann ein Ent⸗ ſagungfeſt von Noͤthen ſindet. Das ward gefeiert. E. Ich harrte lang vergebens an der Hausthuͤr auf die Ankunft der Fami⸗ lie Gaſto. S. Das heißt auf Melitten! E. Nur um ihr den Rittterdienſt zu erweiſen.— Wagen und Saͤnften kamen herbei, Raupengehaͤuſe vielmehr, aus denen nun die ſchoͤnen und unſchoͤnen Schmet⸗ terlinge ſchluͤpften— Pfauentagaugen, Wollkrauteulen, Perlenmuttervoͤgel und and're. Das Ausſteigen manches Ehe⸗ paares bezeichnete mir ſein ſtilles Verhaͤlt⸗ niß. Er ſprang, zum Beiſpiele, ohne weitern Antheil herab, der Treppe zu, Sie eilte nach, um den Barbaren einzu⸗ holen, ach! und dieß Loos traf mehr als Eine, die ich gern bis an der Welt Ende gefuͤhrt haͤtte. Andere halfen dagegen mit angſthaftem Eifer einem haͤßlichen Schaͤtz⸗ 88 chen herab, ordneten ſorgfaͤltig, was ſich an ihm verſchoben hatte— wieder and're kruͤmmten haſtig den Arm zum Empfange eines Haͤndchens, das ihn nur wie den Hen⸗ kel eines ruſſigen Topfes beruͤhrte und vielen Henkelloſen trippelten ihre liebeu Getreuen, an die Verabſaͤumung gewoͤhnt, harmlos zur Seite. Deutſche Unbildſamkeit!— erwiderte die Graͤfin— auch die beßten Maͤnner vernachlaͤſſigen uns oft eben da, wo die Gattin ſich der Auszeichnung oorzuͤglich freuen wuͤrde. Uebrigens gleichen Sie heute der Aloe und wie war denn der Ball?— E. Wunderſuͤß unfehlbar, aber die Aloe bluhte nicht, ging alſo, da Sie nicht kamen, nach Hauſe und haͤtte oben nur als bitteres Weh im Wege geſtan⸗ den. 89 S. Sie mußten bleiben und tanzen! Das iſt auf Baͤllen, wo es an Taͤnzern mangelt, die eigentliche Ritterpflicht. E. Man verkennt ja, leider! waͤhlig und ekel, mein Talent. Selbſt meine aͤltere Schweſter, die oft genug das Zu⸗ ſehen hat, verſchmaͤht die bruͤderliche Liebe und Thekla's Hofdame, die hoffaͤrtige, juͤn⸗ gere, verſicherte, als ich ihr neulich gut genug war, es ſey als ob ſie mit einem Dreibeinigen walze— Mit einem Vier⸗ fuͤßigen vielmehr, bemerkte die aͤltere. Emma ſagte lachend: Auch Schwe⸗ ſtern plagt der Neid, denn ſelbſt Thekla, unſere Terpſichore, ſchien ſich auf dem neulichen Hofballe an Ihrer Hand zu ge⸗ fallen. E. Dieſe Wahl der Prinzeſſin iſt, leider! nur ein Werk der Barmherzigkeit, das mir vergelten, mich erheben ſoll. Veſta, ihr Abgöttchen, die kleine Bologneſerhuͤn⸗ 90 din, erkrankte neulich, wollte nicht freſſen, ſchrie oft klaͤglich auf und die Hoheit litt mit ihr. Ich komme zu der Schweſter auf's Schloß, hoͤre von dem Herzleide, Charlotte ſchwimmt in Thraͤnen, hat die Patientin auf dem Schooße und beſchwoͤrt mich, den beruͤhmteſten der hieſigen Hun⸗ de⸗Doctoren oder einige herbei zu ſchaffen. Ich nehme Theil, beſichtige die Veſta, ſehe, daß ſie ihr Schnaͤuzchen ſorgfaͤltig offen haͤlt und finde bei naͤherer Unter⸗ ſuchung einen Knochenſplitter, der in dem verſchwollenen Zahnfleiſche feſt ſteckt— ich ſchreite ſofort zur Operazion, das Huͤnd⸗ lein geneſ't zu derſelbigen Stunde, mich aber laͤßt die Durchlauchtigſte durch meine Schweſter ihrer empfundenen Dankbarkeit verſichern. S. Ich wuͤnſche Gluͤck! Dieß Knoch⸗ lein wird es foͤdern. 91 E. Schwerlich, denn mein Lauf iſt naͤchſtens aus, wenn anders ein gewiſſes, myſtiſches Waldweib als Seherin den Hexen Makbeth's gleicht. Dann duͤrften Sie in Kurzem ſagen: Der arme Teu⸗ fel! Friede ſey mit ihm! und dem ſeligen Junggeſellen einen Palmenzweig in die Hand ſchieben. S. Zwei fuͤr einen und windelnaſſe, denn Melitta hilft mir weinen. Aber was iſt mit dem Waldweibe? Das wird romantiſch; erzaͤhlen Sie! E. Die Geſchichte faͤllt in den vor⸗ letzten Feldzug. Ich war noch Schuͤtzen⸗ Lieutenant— es gab einen Ungluͤcktag, wie ſie Napoleon, der böſe Feind, zu Tau⸗ ſenden uͤber unſere Vergangenheit brachte. Wir erreichten endlich mit dem Abende, nach vielſtuͤndiger, vergeblicher Arbeit, ge⸗ trieben und verſprengt, einen Wald, der immer dichter ward. Der Reſt meiner 92 4 Mannſchaft verlor ſich allmaͤhlig, um den verſchwundenen Weg aufzuſuchen, ich ſchlich geſtuͤtzt auf meinen Degen, vom Blutverluſte einer Schußwunde erſchoͤpft — ruhete, lauſchte, trauerte, war verlaſſen, raffte mich auf, rollte bald darauf, zuſam⸗ menſtuͤrzend, in der Finſterniß von einem ſchroffen Abhange nieder und der Reſt der Beſinnung verſchwand. O, kommen Sie wieder zu ſich! Ge⸗ ſchwind! Ihr Wunſch belebt und ſtaͤrkt,— er— widerte der Major, ſich verneigend— mir aber grauete nun, als mein erſter Blick in ein Geſicht fiel, das man gewoͤhn⸗ lich nur im wilden Fieber ſieht. Einzelne Sterne blinkten durch das loͤcherige Dach der Huͤtte; zur Rechten ſaß ein ſeltſames Thier— ein kirrer Fuchs, wie es ſchien, den der Lampe truͤber Schein zur Unform machte, zur Linken kauerte ein Geſpenſt; es ſtillte 93 durch aufgelegtes Moos mein Blut und verband mit alten Lappen die Wunde. Sie ſchmerzte furchtbar.— Laß, Mutter! Laß! ich bin ja ein verlorener Mann,— bat ich aufſchreiend— bin morgen des Todes— dann grabe mich ein. Das wollen wir ſehn!— brummte ſie, vollzog ihr Geſchaͤft, holte die Lampe her⸗ bei, ſtarrte mich an und ſprach:— Des Todes? Dieß Mal nicht, mein Buͤrſchchen! Nein! ich gebe Dir noch funfzehn Jahre — dann aber fuͤrchte Freundes Hand— Gott ſey Dir gnaͤdig! Die letzten Worte folgten mir, wie aus der Ferne hertoͤnend, in die nebelgraue Wuͤſte der Ohnmacht, in der mein Weſen ſich wiederum verlor. Am Morgen fand ſich das Buͤrſchchen je⸗ doch mitten unter Feinden, an einem Wach⸗ feuer wieder, in todtengleicher Schwaͤche, unfaͤhig zu ſprechen und zu denken; herbei getriebene Bauern kamen, mich in das 94 naͤchſte Dorf zu tragen, wo ich ein Dutzend meiner Kampfgefaͤhrten in einem aͤhnlichen Zuſtande wiederfand. O der ſchreckliche Krieg!— rief Em⸗ ma aufathmend— aber die Alte war, zuſammt ihrer Huͤtte, offenbar nur ein Phantom. E. Nichts weniger! denn die Truͤm⸗ mer dieſer Huͤtte dienten ja— mir noch erkennbar, zum Wachfeuer und der Wund⸗ arzt fand mich in gedachter Weiſe ver— bunden. S. Aber ein Major und Philoſoph wird doch hoffentlich jene alberne Wahr⸗ ſagung nur fuͤr das leere Geſchwaͤtz einer alten Zigeunerin nehmen? E. Ich kenne Philoſophen vom Hand⸗ werke, die das Unglaublichſte verfechten, und wer es glaubt, dem ſagt die Hexe wahr. Gab es nicht, wie Liphardt im Magazine der Erfahrungſeelenkunde erzaͤhlt, 95 zu Stettin noch im Jahre 1784 einen angeſe⸗ henen, zuverlaͤſſiigen Mann, dem ſelbſt das Geſicht bluͤhender, geſunder Menſchen die Naͤ⸗ he ihres Todes bezeichnete? Es erſchien ihm dann ploͤtzlich, zu ſeinem Entſetzen, im Zuſtan⸗ de der beginnenden Verweſung.„Gott, iſt's moͤglich!“— ſprach er, zum Beiſpiel', eines Tages zu ſeinem Begleiter, als ſie luſtwan⸗ delnd einigen jungen Damen begegneten— „das arme Fraͤulein dauert mich! Seh'n Sie den Engel, wie eine Roſe bluͤhend— bald, ſehr bald wird es Staub und Aſche ſeyn.“ Am vierten Tage ward es be⸗ graben. Die phantaſiereiche Emma warf jetzt aufſchauernd einen Blick in den Spiegel — ſie bluͤhte noch!— Warf einen zwei— ten in des Majors Geſicht, ihr war, als ſaͤhe er bleich und verfallen aus. O Lie⸗ ber!— ſagte ſie mit Eifer— ſo wuͤrde ich denn doch an Ihrer Statt, die furcht⸗ 96 bare Warnung der Alten beherzigen, aus der vielleicht damals ein Genius zu Ihrer Seele ſprach— wuͤrde entſcheidende Maß⸗ regeln ergreifen, um mich, mindeſtens fuͤr Jahr und Tage, vor allen Menſchen und namentlich vor allen Freunden ſicher zu ſtellen. Er lachte jetzt wie vorhin Emma und meinte: der Rath ſey zwar nicht ausfuͤhr⸗ bar, doch duͤrfte die Beachtung deſſelben, auch ohne jenen Grund, wohl oͤfter fruch⸗ ten; er wolle wenigſtens das Haus beſtel⸗ len, die Worte waͤhrend der kritiſchen Zeit ſorgfaͤltiger als wohl ſonſt abwaͤgen und bis zum naͤchſten Lebensfeſte nur freien, nicht heirathen. Baͤrbchen unterbrach das Geſpraͤch, es uͤberbrachte der Graͤfin eingelaufene Briefe und erſchien ihr jetzt, zu Folge der eben empfangenen Aufſchluͤſſe uͤber Thereſinens Unthaten, als ein argloſes Opfer der Bos⸗ 97 heit, um ein's ſo liebenswerth. Sie zog das Maͤdchen an ſich, ſie kuͤßte ſeine Ro⸗ ſenſtirn, es ergluͤhete unter der uͤberraſchen⸗ den Gunſtbezeugung und die Lippen des Majors ſpitzten ſich, von demſelben Be⸗ gehren erregt. Wie gluͤcklich— ſprach er nach ihrem Abgange— iſt eine ſolche Kammer⸗ jungfer! Iſt ſie das,— bemerkte Emma— ſo verdient ſie ihr Gluͤck. E. Und aͤhnelte ihr mein alter Reit⸗ knecht, der ebenfalls verdiente Steinhaͤuſer, ich ſchmatzte ihn, auf Ehre! taͤglich ab. S. Baͤrbchen iſt aͤngſtlich und zart⸗ fuͤhlend, darum verſchwiegen wir derſelben jenen Fund des verſteckten Ringes und Beutels, welcher uͤber jede Andere den dringendſten Verdacht gebracht haben wuͤrde — wir zwangen Chriſtinen und die alte Rahel, ſie mit der fruͤheren Guͤte und Il. 7 98 Achtung zu behandeln und doch beſchlich mich unterweilen ein Argwohn, den ich der Schuldloſen jetzt, ihr unbewußt, ab⸗ bat. E. O, ſchoͤn! ich armer Teufel ge⸗ mahne mich uͤberhaupt in dieſem Heilig⸗ thume wie mein gottheilloſer Namenvetter unter den himmliſchen Heerſcharen. Sie ſind der fertige Erzengel, Melitta ein angehender und die ſuͤße Barbara eine fruͤhverklaͤrte Maͤdchenſeele, die ſich an den letzten Seraf reiht. S. Die Schmeichelei iſt arg genug, um ſie hinter Rudolf's Ruͤcken mit anhoͤ⸗ ren zu koͤnnen, willkommener aber waͤre mir der verlangte Vorſchlag, was dieſem zum Geburttage werden ſolle? E. Nichts Poſitives, denke ich, denn er iſt ja mit Gutem bedeckt und neue Zei⸗ chen Ihrer Huld und Treue waͤren vom 99 Ueberfluſſe. Laſſen Sie ihn geben, nicht nehmen. Da iſt, zum Beiſpiele, mein vorhin erwaͤhnter Steinhaͤuſer, der bravſte Invalid, die redlichſte von allen Seelen, welche noch je ein Pferd gefuͤttert, einen Stiefel gewichſ't und einen Rock gebuͤrſtet hat. Sein armes Weib haͤlt ſich ſeit der letzten Niederkunft fuͤr die heilige Jungfrau und regt deßhalb weder Hand noch Fuß; fuͤnf allerliebſte Kinder jubelten und lachten gern, wenn Hunger und Froſt ſie nicht oft genug zu ſeufzenden Krea⸗ turen machte und was ich thun kann, reicht nur eben hin, die Noth der laufen⸗ den Woche zu mildern. Gaſto hat Ein⸗ fluß, Gold die Fuͤlle, dazu das Gemuͤth ſeiner Emma; die ſtelle ihm denn an ſei⸗ nem hellen Lebensfeſte das niedliche, nak⸗ kende halbe Dutzend der Infanten vor, ſchildere ihm die ſeelenkranke Mutter— die Hoͤhle des Elends, in der jene zu Hauſe 7* 100 ſind und ſpreche, wenn ſein mildes Herz ſich oͤffnet: „Was Du den Aermſten hier gethan, Dem Kleinſten auch von dieſen, Das ſieht der heil'ge Meiſter an, Als ob Du's Ihm erwieſen.“ So ſind Sie gut!— So gefallen Sie mir!— ſprach die Graͤſin unter her⸗ vorbrechenden Thraͤnen und bot ihm die Hand zum Kuſſe dar— ſchoͤner, froͤm⸗ mer, gottgefaͤlliger kann ich dieſen herrli⸗ chen Feſttag nicht feiern.— Melitta hatte indeß das Bad verlaſſen, hatte von Baͤrbchen gehoͤrt, daß der Ma⸗ jor zugegen ſey und ſich eiligſt angekleidet, um hinab zu gehn und Geſellſchaft zu leiſten, denn es ſchien ihr ſeit Kurzem, als ob Emma's Gemuͤth, ihre Seelen⸗ 101 ſchoͤne, ihre kindlich argloſe Herzlichkeit, oder der Verein gedachter Gaben, den Hausfreund zu lebhaft anſpreche und als ob der Graf dieſen lebhaften Antheil ſtill aber beunruhigt erkenne. Die ſittliche und treue Vertraute hielt es demnach zur Beruhigung des abweſenden Gatten fuͤr Pflicht, dem Einſamen in ſich eine Zeugin zu geben; da trat der Graf betroffen und erhitzt in's Zimmer. Guten Tag, beßtes Muͤhmchen!— ſagte er, den Unmuth bekaͤmpfend— wir ſpra⸗ chen uns heute noch nicht, denn Sie ba⸗ deten.— Der Schwan liebt das Waſſer; ich aber ritt aus und ſah ein Feuer in See⸗ berg aufgehn. Da kam ein Bauer, der dort zu Hauſe iſt, im vollen Laufe aus der Stadt zuruͤck, glaubte ſein Haus bedroht, hat die Kinder unter der Obhut der alten, ſchwachſinnigen Großmutter zuruͤckgelaſſen, war in unſaglicher Angſt und von 102 der Anſtrengung erſchopft, alſo gab ich ihm mein Pferd.— Ich kehrte heim und bemerkte durch's Fenſter den Major in Emma's Gartenzimmer, der ihr eben wie ein Liebhaber die Hand kuͤßte, ſie aber blickte ihn mindeſtens ſo zaͤrtlich und ſee— lenvoll als mich am Hochzeittage an und wer etwa voruͤber fuhr, oder uͤber den Hof ging, konnte es mit anſehen. Mir iſt zwar nichts gewiſſer, als daß nur argloſes Wohlwollen und kalte Gefallluſt dieß Ge⸗ berden veranlaßte, aber ein augenblickliches Verabſaͤumen der Haltung und des Schick⸗ lichen hat mindeſtens eben ſo viele Frauen zu beſcholtenen gemacht als offenbare Pflicht⸗ verletzung. Aeußere ich mich deßhalb ge⸗ gen die Graͤfin, ſo wird ſie, im Gefuͤhle ihres Unrecht's, heftig werden und es be⸗ ſchoͤnigen wollen, denn ihr Geſchlecht er⸗ traͤgt weit duldſamer unverdiente Kraͤnk⸗ ungen als verwirkte Ruͤgen, oder ſie wird 103 den gegebenen, falſchen Schein bereuen und beweinen, mich ſomit bei meiner ſchwa⸗ chen Seite faſſen und zum abbittenden Pantalon machen. Beides will ich ver⸗ meiden und ſpreche deßhalb Ihr Mittler⸗ amt an. Das Fraͤulein dankte ihm fuͤr dieß ehrende Zutrauen und begann eben, die Sache der Verklagten zu fuͤhren, als ſein Hausfreund in den Hof trat, nach dem Pferde rief, ſich aufſchwang und fort⸗ ſprengte, Emma aber huͤpfte gleich darauf, froh wie ein Engel, in Melittens Zimmer, fand ihren Rudolf bei dieſer, erſtaunte, geberdete ſich neckend als eiferſuͤchtige Frau, fiel ihm dann um den Hals und ſagte: Gleiches mit Gleichem, Herr Gemahl! mich hat indeß unſer Hausteufel entſchaͤ⸗ digt und beſſer als jemals unterhalten. Doch, Scherz bei Seite, ſey auf Deiner Hut, denn der Boͤſe hat uͤberall ſein Spiel 104 und zerſtoͤrt am liebſten die freundſeligen Ban⸗ de. Dem Major ward einſt wahrgeſagt, daß er ſein Leben im Laufe dieſes Jahres durch Freun⸗ des Hand bedroht ſehn oder gar verlieren werde und dem Satan iſt es ein Kleines, Zankaͤpfel zwiſchen Euch Hitzkoͤpfe zu wer⸗ fen, die am Ende einen Zweikampf ver⸗ anlaſſen und die heilloſe Prophezeihung wahr machen koͤnnten. Emma's Thun und Aeußern ſeit dem Eintritte waren nicht geeignet, den Gat⸗ ten zu erheitern, faſt jedes Wort vielmehr, ohne ihr Ahnen, ein Pfeil der ſein Herz verwundete, er ſah bald das beſtuͤrzte Fraͤu⸗ lein, bald das raͤthſelhafte Weibchen an, entzog ſich ploͤtzlich ihren Armen und ver⸗ ließ das Zimmer.. Nun, das iſt eine ſuͤße Laune!— ſprach ſie geaͤrgert zu Melitten— Ich komme ſeelenfroh und finde in Euch Beiden ein Paar Kopfhaͤnger, ohne Zunge, ohne 105 Ohren, ohne Theilnahme. Was fehlt ihm denn? Thue endlich Dein Schnaͤblein auf, o Nachtigall! und laß mich's erfahren.— Die Nachtigall begann zu ſchlagen, da fuhr ein Wagen voll Damen in den Hof und unterbrach ihr verduͤſterndes Lied. Wir verließen das Fraͤulein Rauhmund in der unbeſpannten Troſchke am Heerwege, im Zuſtande einer Vogelfreien, an welcher Prieſter und Leviten, ſich kreuzigend, vor⸗ uͤber gingen und der ſelbſt der Samariter keine Thraͤne weinte, wohl aber mußte ſie der Neugier jedes reiſenden Handwerkbur⸗ ſchen und der Unzahl heimkehrender Bo⸗ ten und Marktweiber Rede ſtehen, denen die Mittheilung dieſer laͤcherlichen Truͤbſal theils ein ſchallendes Gelaͤchter, theils leere, zum Vorſpann untaugliche Troſtworte und Beileidbezeigungen entlockte. Gern haͤtte 106 Angelika dieſen zierlichen Reiſepranger, ſelbſt auf die Gefahr eines Prozeſſes, dem Zu⸗ falle uͤberlaſſen und ſich der angeborenen Spaziermittel bedient, doch erſtens hatten Gram und Aerger ihre Nervenzufaͤlle an⸗ geregt, zweitens verkuͤmmerte der dicke Hals das noͤthige Reſpiration⸗Vermögen und ſie lispelte eben verzagend, mit Da⸗ vid:„Herr, zuͤcke den Spieß und ſchutze mich!“ als ein vierſpaͤniger Wagen von der Hoͤhe des Butterberges auf ſie zuflog. Die Prinzeſſin Thekla kam vom Luſtſchloſſe ihres Bruders zuruͤck, nahm das pferdloſe Waͤglein im Wege, das Jammerbild auf dieſem wahr und befahl in ihrem Engelſinne dem Bedienten, zu fragen, ob gegenwaͤr⸗ tiger Matrone ein Unfall zugeſtoßen und wie ihr in dieſem Falle zu helfen ſey? Dem Fraͤulein war wie einer Schein⸗ todten, die eben vor dem Einſenken wie⸗ der erwacht und den Sargdeckel abwirft; 107 doch Scham verbitterte die Wonne, denn wie konnte ſich eine reiche, vornehme Standesperſon, der Fuͤrſtentochter gegen⸗ aͤber, zu der gewaͤhlten Reiſe⸗Gelegenheit bekennen? Aber Angelika log ja nicht, als ſie verſicherte, im Schlafe von dem treuloſen Fuhrmanne verlaſſen worden zu ſeyn, weßhalb ihr denn dieſe Huldreiche ſofort die beiden Vorderpferde ſammt dem Vorreiter abtrat, welche die Erloͤſ'te nun im Fluge nach der Hauptſtadt zuruͤck⸗ brachten. Weßler war endlich hergeſtellt und ſeine ſchoͤne Unthal noch immer in Ber⸗ lin. Die lange Entfernung, der er⸗ klaͤrte Braͤutigamſtand, das ſchmerzli⸗ che, waͤhrend der Krankheit zwiefach em⸗ pfundene Entbehren der edlen Frauenhilfe ſteigerten, wo moͤglich, ſeine Leidenſchaft 108 und die Sehnſucht nach Nina's Beſitze. Die arge Meinung der Menge und ſelbſt der Freunde Aeuſſerungen im Bezug auf die Braut, erhoben ſie in ſeinen Augen zum ruͤhrendem Opfer der Verlaͤumdung, das er mit Goͤttern und Menſchen ver⸗ ſoͤhnen, dem er zu dem verdienten Rechte helfen mußte. Doch Nina's endlich ein⸗ gehende Antwort auf jenen Traumbrief, der ihr Herz und Hand anbot, war ein ſeltſames Gewebe von Zaͤrtlichkeit und Vernuͤnftelei, von dankbarer Zuſtimmung und aͤngſtlichem Bedenken; er wurde, gleich dem zwecklos verlaͤngerten Aufent⸗ halte in Berlin zum betruͤbenden Raͤthſel; Weßler that deßhalb, um dieſe Zweifel⸗ qual zu enden, was ſich an Geſchaͤften und Arbeiten waͤhrend der Krankheit ge⸗ haͤuft hatte, mit raſtloſer Thaͤtigkeit und Anſtrengung ab und eilte hin, die Zau⸗ 109 dernde zu uͤberraſchen— zu pruͤfen— zu begeiſtern. Wohl zauderte Nina und uͤberdieß an Zadello's Hand, der ſie feſt hielt. Faſt taͤglich hatte ſie ihn ja ſeit ihrer Herkunft durch Eliſens Vermittlung geſehn, ſie hatte den anhaͤnglichen, mannhaften, ſie vergoͤtternden Freund ihrem verewigten Guͤnſtlinge immer aͤhnlicher gefunden, hatte es fuͤr Pflicht gehalten, die fruͤhere, ſchnoͤ⸗ de Verſchmaͤhung und das Leid der un⸗ vergoltenen Liebe durch Freundſeligkeit und Wohlwollen zu verguͤten und des Grafen alte Liebe war bei dieſer Hinneigung ge⸗ waltiger als jemals aufgeflammt— war zur verzuͤckenden Inbrunſt geworden und loderte, taͤglich geſaͤttigt doch taͤglich ge⸗ naͤhrt, in immer neu entbrennender Gluth auf.⸗ Agathe war ausgegangen, die Waͤr⸗ terin der kleinen Natalie, welche im Ne⸗ 110 benzimmer Mittagruhe hielt, war verſchickt worden; des Kindes Mutter ruhte an Zadello's Herzen und lauſchte eben, von Wonneluſt und Kuͤſſen geroͤthet, dem red⸗ lichen feurigen Erbieten, ſie zum Altare fuͤhren, und dieß Cytherenkoͤpfchen mit dem graͤflichen Perlreifen ſchmuͤcken zu wollen. Zwar beſchraͤnke ſich ſeine Habe nur auf ein Lorbeerreis, auf drei ehrenhafte Wunden und ein Guͤtchen bei Grodno, doch ſey ſie ja bemittelt genug, das Noͤ⸗ thigſte in die Wagſchale zu werfen und nur der Beſitz des Noͤthigen begluͤcke; er ſichere des Menſchen Haltung und ſeinen Wandel auf der Mittelbahn. Nina's Antwort war um vieles kuͤrzer, beſtimmter und entſchiedener als ihre neu⸗ liche auf Weßler's mindeſtens eben ſo zaͤrt⸗ lichen und feurigen Traumbrief, Sie zog den Großmuͤthigen, der ſie zur Höhe des Lebens erhob, ſuͤßweinend an die Bruſt, 111 ſie nannte ihn mit den wohlthuendſten Worten, ſie duldete die Ausbruͤche ſeiner gluͤhenden Wallung und entwand ſich ihm ploͤtzlich, vom Entſetzen durchſchauert, denn von der Straße herauf ertoͤnte das gellende Geſchrei eines Kindes— die Stimme ih⸗ rer Tali, wenn irgend ein herber Schmerz oder Grauen oder Herzeleid die Kleine aͤngſteten. Bebend, geiſterbleich, im Drange furchtbarer Ahnung riß Nina die Thuͤr des Schlafzimmers auf und fand des Kindes Bettchen leer, fand einen Stuhl am Fenſter— das Fenſter offen; warf ſchwankend und verzagend einen Blick in die Tiefe, ſah das blutige Kind auf dem Steinpflaſter ausgeſtreckt, dem bereits voruͤber Gehende zu Hilfe eilten und ſank mit einem Jammerlaute beſinn⸗ unglos in des Braͤutigams Arme. Nina's fruͤherer, eben fuͤr immer auf⸗ gegebener Freund und Freier war vor we⸗ 112 nigen Stunden in Berlin angekommen, trat, waͤhrend dem er eben verdraͤngt ward, in ihre Wohnung, traf in dem untern Gaſtzimmer auf die Wirthin, die ihn zu⸗ folge der Schilderung ihrer Vertrauten ſofort erkannte und ſchnell errieth, was ihn herfuͤhre. Eliſe wußte auch, wer jetzt bei dieſer war, fuͤhlte lebhaft, wie unwill⸗ kommen der Zuſpruch eben ſeyn muͤſſe und aͤußerte herzliches Bedauern, daß die Freundin, mit Agathen ausgefahren, vor dem Abende ſchwerlich zuruͤckkommen werde. Doch ſah ſie ſich genoͤthigt, dem artigen, beredſamen, wunderſchoͤnen Manne gegen⸗ uͤber, in ein Geſpraͤch uͤber die Verleug⸗ nete einzugehen, das jene herzbrechende Wehklage des fallenden Kindleins zu ihrem gleichmaͤßigen Entſetzen unterbrach. Um ſich nicht in dem ſuͤßen Verkehre mit dem Geliebten unterbrochen zu ſehn, war Agathe zu dem Ausgange vermocht, 113 die Waͤrterin verſchickt, die kleine, noch höchſt muntere Natalie beredet worden, ihr Mittagſchlaͤfchen fruͤher als gewoͤhnlich zu halten; doch der Sandmann wollte nicht kommen und von der Hausthuͤr her⸗ auf erſcholl die Stimme Minona's, des Tochterchens der Frau Eliſe, die eben mit Zadello's Hunde, dem beiderſeitigen Lieb⸗ linge, ſpielte. Da focht die Sehnſucht nach dem Mitgenuſſe dieſer Freude das einſame, lebensluſtige Kind dringend an. Immer hatte es ja, wenn der ſogenannte ſchöͤne Soldat zu der Mutter kam, freien Lauf gehabt, entſchluͤpfte demnach jetzt dem Bettchen, warf die Kappe uͤber, oͤffnete behutſam die Thuͤr und eilte zu der Ge⸗ ſpielin hinab. Gourmand aber, der un⸗ feine Pudel, mit dem Minona, wie gedacht, ihr Weſen trieb, war eben, ohne Ruͤckſicht auf die zarte Weiblichkeit, an dieſer em⸗ porgeſprungen. Die Kleine fiel, ſie ſchlug II. 8 114 mit der Stirn zwiſchen die Steine und ſchrie ſo klaͤglich, daß ihre Mutter— noch im eifrigen Verkehre mit dem anzie⸗ henden, aber beaͤngſtenden Fremden, die⸗ ſen ſtehen ließ und hinaus ſprang, nach dem Kinde zu ſehn. Weßler folgte ihr, von denſelben Jammertoͤnen erſchreckt, traf aber im Hausraum auf die eben herab⸗ huͤpfende Tali, welche den werthen Freund, ihren fruͤhern Retter vom Tode, ſchnell und laut jubelnd erkannte; die er nun ge⸗ ruͤhrt an ſein Herz nahm und wie ein Vater umfangen ward. Natalie war noch um ein's ſo lieblich und bluͤhend, das niedliche Ebenbild der holden Nina worden und an dieſe gemahnt, fragte er unter ihren Liebkoſungen: Suͤßes Kind, wo iſt Deine Mutter? Is du Hauſe!— verkuͤndigte Tali— Schoͤne Soldat da— darf nicht hinein. Des Engelchens argloſe Worte durch⸗ 115 bohrten ſein Herz. Schon hatte die ſichtliche Betroffenheit Eliſens, ihr haſtiges Verleug⸗ nen der Freundin, das ſichtliche Bemuͤhen, den Stoff des Geſpraͤches von dieſer auf andere Gegenſtaͤnde zu lenken, den Arg⸗ wohn, der im Innern bruͤtete, geweckt und entzuͤndet. Er flog jetzt, mit Natalien im Arme, welche lachenden Muthes auf die Thuͤr des Wohnzimmers hindeutete, treppenan— er trat ein und die Kleine ſchrie weinend auf, als ſie die leichenblaſſe Mutter mit offener Bruſt und geſchloſſe⸗ nen Augen vom Ladislav gehalten ſah, der im Gefuͤhle, der Veranlaſſer dieſes gren⸗ zenloſen Ungluͤcks zu ſeyn, die Erſtarrte wuͤthend an's Herz preßte. Und jetzt er⸗ blickte der Troſtloſe, kaum ſeinen Augen trauend, einen Genius mit dem zerſchmet⸗ tert gewaͤhnten, unverſehrten Abgotte des Mutterherzens und rief in Nina's Ohr: Sie lebt! gelobt ſey Gott!— Geliebtes, 5* 116 theures Weib!— Dein Kind iſt wohl! — die Engel haben es geſchirmt! Sie ſchlug die Augen auf— ſie ſah den fern geglaubten, verrathenen Freund, einem Verſteinerten gleich, von deſſen Bruſt die ſuͤße Tali zwiſchen Lachen und Weinen zu ihr hinſtrebte— ſie raffte ſich auf, ſie entwand ſich Ladislav's um⸗ klammernden Armen, ſie rief von Weh⸗ muth und Scham, von Herzleid und Entzuͤcken durchdrungen: O Ferdinand! — O Engel meines Lebens! meines Kindes!— O Edelſter der Menſchen! und ſchmiegte ſich unter Zuckungen an ſein Herz.— Kein Wunder, daß der uͤbermaͤchtige Eindruck dieſer furchtbaren, aͤußerſten Gegenſaͤtze eine neue Ohnmacht herbeifuͤhrte.— Weßler ließ die Betaͤub⸗ te in den nahen Armſtuhl gleiten und ſagte zu Ladislav, den dieſer Hergang wie vorhin ihn, betaͤubt zu haben ſchien— 117 Willkommen, Herr Graf! Sie ſind mir als ein Ehrenmann bekannt und nen⸗ nen dieſe Dame Ihre Geliebte— unſtrei⸗ tig alſo mit vollem Rechte? Ja, guter Freund!— erwiderte er Odem ſchoͤpfend— doch ſcheint Ihr Aus⸗ ſehn und Nina's Zuſtand und Geberden meinen Argwohn zu beſtaͤtigen, den ſie bei jeder Aeußerung deſſelben bekaͤmpfte. Die Beſorgniß ſcheint gerechtfertigt, daß ſie mit getheiltem Herzen zwiſchen mir und Ihnen ſchwanke— daß Ihr fruͤheres Ver⸗ dienſt um dieſe holdſelige Kleine, daß aͤl⸗ tere Bande und die Erinnerung an trau⸗ liche Verhaͤltniſſe ſie zu Ihnen hinziehen, waͤhrend dem vielleicht nur mein Rang und Weſen, die Außenfarbe und der Reiz der hoͤher'n Rolle zum Gegenzuge wird. Wir aber kennen und achten uns gegen⸗ ſeitig; die Wahl iſt frei, ſie wird den Zuruͤckſtehenden gewiß ſehr ungluͤcklich 118 machen, doch uns auf keinen Fall ent⸗ zweien.. Taͤuſcht mich nicht alles— antwor⸗ tete Weßler— ſo ward die Wahl bereits getroffen und verflucht iſt, wer die Braut aus den Armen ihres Vertrauten empfan⸗ gen ſoll. Dieß Ungluͤck traͤfe mich und ich verzichte! Zadello hatte die gedachte Braut waͤh⸗ rend dem im Auge gehalten, denn ſie glich einer Sterbenden und Tali weinte angſt⸗ haft, an ihr Herz geſchmiegt. Er ſprang ihnen bei, Weßler aber verließ in dieſem Augenblicke das Zimmer, eilte in ſeine Wohnung zuruͤck und ſchoͤpfte Odem.— Ja, Ihr habt Recht! warnende Freunde! — rief er aus— Sie iſt ſchoͤn wie die Sonne, aber wechſelhaft wie der Mond — das einzige, was ihr zur Vollkommen⸗ heit mangelt, macht ſie zum Laſter— 119 ein einziges Gebrechen zur Gebrechlichſten. — Armer Hugo! fuͤr eine Gauklerin biſt Du geſtorben— Guter Unthal! nur eine Kokette brachteſt Du zu Ehren, nur eine Willenloſe bereicherte Dein letzter Wille und auch Zadells's Ehre und Leben wer⸗ den bald genug zum Spiele ihrer Launen werden. Ich fand ſie allein mit ihm— im luftigſten Hauskleide— er nannte ſie Du und ſeine Geliebte!— Wer kann noch an dem Reſte zweifeln?— Genug! Genug!— Fort mit dem Bilde der boͤſen Fee aus dieſer Bruſt oder verachte Dich ſelbſt, wenn Du noch liebſt, was Du nicht ehren kannſt.— Im Fiebertraume ſchrieb ich ihr und ſchrieb an ein Irr⸗ licht. Er warf das Bild aus ſeiner Bruſt, er dankte dem Schutzgeiſte, der ihn ſo un⸗ verhofft zur ploͤtzlichen Entzauberung fuͤhrte und beeilte ſich, einige vom Grafen Gaſto 120 empfangene Auftraͤge zu vollziehn, um dann ohne Zögern zuruͤckzukehren. Ladislav Zadello bruͤtete indeß im Di⸗ van, auf welchem Nina in Thraͤnen zer⸗ floß, die, ſeinem Argwohne zu Folge, dem entſchwundenen Storer zu gelten ſchienen und in der Bruſt des Gereitzten erwachte der Daͤmon der Eiferſucht; in ihrem Bu⸗ ſen der milde Geiſt der mahnenden, ſuͤßen Erinnerung. Weßler gehörte ja zu Ninas fruͤheren und wertheſten Freunden, zu den Männern nach ihrem Wunſch' und Sinne— ja er war nach des Kammer— rath's Tode der alleinige Gegenſtand ihrer Sehnſucht, das ſchoͤnſte, dauerndſte Bild der Phantaſie, der lieblichſte ihrer Gedan⸗ ken geweſen. Er hatte ſie uͤberdieß fuͤr immer verpflichtet— hatte ſein edles, bluͤhendes Leben eingeſetzt, um die kleine Tali dem Untergange z entreißen und ſie ſah damals in dieſem Ereigniß eine heil⸗ 121 bringende Fuͤgung— des Himmels Hand, die den Bewaͤhrten damit an die ihre, ihr holdes, vaterloſes Kind an ſein Herz knuͤp⸗ fen wolle. Jenes abendliche Beſchleichen an ihrem Fenſter und die unvergeßliche Morgenſcene in der Laube, welche ſie zum Geſtaͤndniſſe der Verirrungen hinriß und ihm damit die ſicherſten Pfaͤnder vertrau⸗ ender Liebe gab, hatte ihr gleichzeitg die Innigkeit der ſeinigen verbuͤrgt. Aber ver⸗ gebens hoffte Nina noch, ſeitdem, auf die unzweifelhaft ſcheinende Folge dieſer ent⸗ zuͤkkenden und engelreinen Schaͤferſtunde, als Ladislav hier, ſo ungeahnt als uͤber⸗ raſchend auf ſie traf, im Geiſte der fruͤher'n, verſchmaͤhten Zaͤrtlichkeit ſich naͤherte— das Bild des gefeierten Arthur's die Phan⸗ taſie aus ſeinen Zuͤgen ruͤhrend und er⸗ greifend anſprach, der Ernſt ſeiner Leiden⸗ ſchaft ſie eine rechtliche Verbindung, den Glanz der Grafenkrone, den Uebergang 122 zu einer hoͤheren, von Kindheit auf er⸗ ſehnten Rolle, hoffen ließ. Ich leſe in Deinem Herzen,— ſprach jetzt der Verbitterte, waͤhrend dem Nina, taub fuͤr ſein Zureden, in Thraͤnen ſchwamm — in einem Herzen, das dieſer wunder⸗ ſame Zauberſchlag ploͤtzlich getheilt und ſomit ſeine Tiefen und Naͤthſel vor mir aufgethan hat. Du moͤchteſt allzugern die Gattin beider Freier ſeyn; moͤchteſt am STage in der Rolle der ſchoͤnen, gefeierten, ehrgeizigen Graͤfin glaͤnzen und bis zum Morgen dann, als gluͤckliche Buͤrgerin, dem werther'n, bluͤhenderen Guͤnſtlinge der Ver⸗ gangenheit angehoͤren. Moͤchteſt in beiden, fortdauernd, wetteifernde, feurige Liebhaber ſehn und falls ſie einander endlich die Haͤlſe braͤchen, wuͤrde die leidtragende Witwe wie eben jetzt, in Waſſer zerrinnen und troſtlos eine andere Hauptſtadt bezieh'n, um einen fernern Troͤſter aufzufinden. —— 123 Nur heftiger weinte Nina, von der bittern Kraͤnkung um ſo ſchmerzlicher ver⸗ letzt, da er die wunde Stelle traf und jetzt unterbrach Eliſe die peinvolle Scene. Auch dieſe hatte der boͤſe Geniusgdes Tages ver⸗ ſtoͤrt und aufgewiegelt, ſie ſagte, zwiſchen Zorn und Mutterangſt: Scheint es doch, Herr Graf! als ob der verwuͤnſchte Gour⸗ mand ihr Goͤtze oder Herzblatt waͤre— wie viel Unheil, das ich Ihnen vergebens klagte, hat er ſchon in meinem Hauſ' und meiner Kuͤche geſtiftet und nur ihm danke ich es, wenn der Fall meiner Minona, die er umwarf, ihr Geſicht entſtellt. Ue⸗ brigens iſt der Bediente draußen, welcher Sie dringendizu ſprechen verlangt und roh, wie Ihr Pudel, mit mir hereinzudringen ſuchte. Die Anrede empoͤrte den Grafen um ſo mehr, da er Eliſen bisher als das Sinn⸗ bild milder Guͤte erfunden hatte und ſein 124 Stephan, urſpruͤnglich ein leibeigenes Baͤu⸗ erlein, wohl eher kroch als frevelte. Er verließ demnach, ſchweigend und gluͤhend roth das Zimmer und jener ſtreckte ihm haſtig den Brief entgegen, welchen eben eine Staffette uͤberbracht hatte. Er war vom Grafen Olowsky, dem Gatten ſeiner Schwe⸗ ſter Maria, die uns der Verluſt des falſchen Schmuckes bekannt machte, die jetzt, als Woͤchnerin, in Warſchau toͤdtlich krank lag und deren inniges Verlangen nach dem geliebten, einzigen Bruder, den Gemahl veranlaßte, ihn durch einen Eilboten herbei⸗ zurufen. Zadello's Herz hing an Marien, die Nachricht traf ihn im Innerſten. Er kehrte haſtig in das Zimmer der Braut zuruͤck, er legte den Brief in Nina's Schooß, er kuͤßte ihre Hand, entfernte ſich dann ſtill und ploͤtzlich und beide Freier ver⸗ ließen, zufaͤllig in derſelben Stunde, mit gleicher Schnelle und aͤhnlichen Gefuͤhlen 125 die Stadt und ihre Auserwaͤhlte. Verge⸗ bens hoffte dieſe, vom Inhalte des mitge⸗ theilten Briefes erſchreckt und geaͤngſtet, daß ihr der Braͤutigam, Falls er Olows⸗ ky's Ruf beachte, noch ein verſoͤhnendes Lebewohl ſagen werde und Agathe, wel⸗ cher das heutige, wie aus den Wolken gefallene Trauerſtuͤck unter Wehklagen mit⸗ getheilt worden war, durchwachte die Nacht am Bette der Troſtloſen und Erkrankten. Wunderbar ſind die Wege des Schick⸗ ſals, dachte dieſe treue Luſt⸗ und Kreuz⸗ gefaͤhrtin: ſelbſt Gourmand, der Pudel⸗ hund, muß ihm zum entſcheidenden Werk⸗ zeuge dienen. Ohne ſein Gebell und Trei⸗ ben blieb unſere Tali in ihrem Bettchen, Minona unverſehrt, Weßler im ungeſtoͤr⸗ ten Geſpraͤche mit Eliſen, Zadello in ſeli⸗ ger Eintracht bei der Unthal und jener waͤre, ſtatt das Brautpaar zu uͤberfallen und Unkraut zu aͤrndten und auszuſtreun, 126 fuͤr heute heimgekehrt und haͤtte die Nina morgen allein, haͤtte ſie vorbereitet und im Stande gefunden, ihm den Korb zu vergolden und ſich dem unbeſchadet die nun verſcherzte Achtung zu erhalten. Agathe erlaubte ſich nun auch, trotz ihrer blinden Ergebenheit, der Freundin Wahl und Walten im Herzen zu tadeln und dachte: der gute Weßler iſt doch wun⸗ derhuͤbſch, iſt ſo geſchickt als angenehm, geliebt und geehrt, hat eine herrliche Ein⸗ nahme und kann es, bei ſeinen Goͤnnern und Leiſtungen, noch hoch bringen. Den Grafen dagegen empfiehlt der kriegeriſche Anſtand, der ſogenannte Weltton und ſein Rang, aber er hat bloß bedenkliche Wun⸗ den ſtatt der Guͤter und ſtuͤrmiſche Leiden⸗ ſchaften, mit denen er die Gattin quaͤlen wird, bis ihr Vermoͤgen und ſeine Liebe zerron— nen ſind, bis ſeine Reue die Dankbarkeit heimſchickt und Beide ſich haſſen und flieh⸗ —- — 127 en. Was wird dann aus der Graͤfin und aus der armen Tali, in welcher Za⸗ dello jetzt bereits das muͤtterliche Suͤnden⸗ regiſter der Vergangenheit zu ſehen ſcheint. Mein Weßler aber, die gute Seele, truͤge den Engel gewiß, wie damals aus dem Waſſer, ſo durch's Leben, zaͤrtlich und vielgetreu, gleich einem leiblichen Vater.— Ach, warum bin ich nicht ſo klug, ſo rei⸗ zend und angenehm wie Nina worden, um einem ſolchen Manne gefallen zu koͤnnen? — warum muß ich Aermſte heim gehen, wie ich kam, unbeachtet, ungeliebt, den Freundinnen dienſtbar und zudem eine Unzahl von Schlimmen und Verdorbenen mit allen Segnungen weiblicher Gluͤck⸗ ſeligkeit uͤberhaͤuft ſehn? Jetzt ſtreckte Nina, die ſie entſchlum— mert glaubte, ploͤtzlich die Hand nach ihr aus und ſagte: Agathe! wenn er nicht wiederkehrte?— Wenn Ferdinand's un⸗ 8 128 ſeliges Erſcheinen ihn ein geheimes Ver⸗ ſtaͤndniß zwiſchen mir und jenem argwoͤh⸗ nen ließe?— Wenn er am Krankenbette der Schweſter ein ebenbuͤrtiges, liebewer⸗ thes Weſen faͤnde?— Wenn Maria und ihr Gatte von unſerer Verbindung gehoͤrt und ſie dieſen Behelf nur erſonnen haͤtten, ihn aus meinen Armen zu reißen? — Iſt das nicht moͤglich, Agathe?— Wird er beharren? glauben? lieben? Gott weiß es,— erwiderte ſie— aber ich am wenigſten. Befiehl dem Herrn Deine Wege! Thereſine wollte noch immer nichts von den Dietrichen wiſſen, die ihr der Bruder waͤhrend jenes Beſuches im Kroͤtengaͤßchen einhaͤndigte und welche er dann, bei der uͤbereilten Flucht aus dem Schloßfenſter, mitzunehmen vergaß. Man verhaftete jetzt 129 auch ihren Liebhaber, den Tanzmeiſter Bonneval, vernahm das luſtige Völkchen, welches eben die Exerzirſtunde bei ihm verſammelt hatte und fand bei der Aus⸗ ſuchung jenen falſchen, ihm wahrſcheinlich von Thereſinen anvertrauten Schmuck. Wolfgang Herrlein hatte indeß bereits, des angenommenen Spanferkels wegen, acht Stunden Kugeln getragen, er las eben daheim, in der Kaſerne, Hampel's merkwuͤrdige Seltſamkeitan und ſagte, ploͤtz⸗ lich auffahrend, zu den Waffen putzenden Kameraden: Hoͤrt, wollt Ihr miteſſen? Siphron von Aſti, hier ſteht es ſchwarz auf weiß: verzehrte vor den ſehenden Augen des Her⸗ zogs von Mailand, in einem Niederſitze: vier gebratene Kapaune, vier Feldhuͤhner, dreißig hart geſottene Eier, ein Pfund Kaͤſe und noch allerlei. Ferner brachte Bernhard von Schulenburg dem Herzoge II. 9 130 Bogislav von. Pommern einen Lausnitzer mit, der binnen zwoͤlf Stunden einen ganzen Ochſen verarbeiten konnte und, der Roͤmer Maximinus der juͤngere nahm unbeſchwert mit vierzig Pfund Fleiſch und vierzig Kannen Wein fuͤrlieb. Jene fluchten vor Erſtaunen, ſie wuͤnſch⸗ ten den Ochſen herbei, ſie kaueten und ſchlangen unwillkuͤhrlich, jetzt aber trat Wolf's Vertrauter, der Grenadier Wein⸗ hard, ein und ſagte zu jenem: Herr Bruder, Dein Sommerplaiſir ſteht im Hofe und verlangt nach Dir. Ein zuckerſuͤßes Schaͤtzchen mit einer Un⸗ terkehle, die dreitaͤgige Fleiſchportionen fuͤr ein Kannibalen⸗Bataillon hergeben wuͤrde. Mit den Ohrlappen koͤnnten wir die Schuhe beſohlen, an der Oberlippe aber hat ſie zwei haarige Warzen, die wie abgeſetzte Perruͤk⸗ ken auf einem alten Kamine ſtehn. 131 Das iſt die Tante Rauhmund, dachte Herrlein, waͤhrend dem jener ihr ungeſchmei⸗ cheltes Bild vollends ausmalte; er warf ſich in die Uniform und eilte hinab. Das Fraͤulein hatte, ſeiner harrend, auf einer Bank in der Vorhalle Platz ge⸗ nommen, winkte den Neffen wehmuͤthig laͤchelnd an ihre Seite, bot ihm die Hand zum Kuſſ' und ſagte, das linke Beinchen ausſtreckend: O himmliſche Liebe, Wolf! wer mir je geſagt haͤtte, daß dieſer, mein jungfraͤu⸗ licher Fuß irgend je eine Caſerne betreten wuͤrde! Aber laß Dir erzaͤhlen, ehe mich jemand hier erblickt— der Teufel von Teufelſtein, zum Exempel, die falſche Majorſeele— ich waͤre des Todes!— Du kennſt meine Wirthin, Vetter, die Madame Schaͤrflich; ich ſage kein Wort uͤber ſie und weiter nichts als: Richtet nicht!— Das that ſie gar zu gern und 9* 132 wie!— Vor einer Stunde kommt die Magd und bringt den Kuͤchenzettel, denn ihre Tochter Julie, die Pfauhenne, iſt nach Dachsleben ausgewandert und ſchlaͤgt dort, in der Hoffart, ein Rad nach dem andern; alſo laͤßt Mama das Eſſen im Gaſthofe holen. Genug, die Commiſſari⸗ uſſin nimmt den Zettel und lieſ't: gruͤne Suppe— Kalbfleiſch mit Nudeln— Entenbraten, Maca— ca⸗“— Macaroni, wie ſich vermuthen laͤßt, und bei dem Ca⸗ca wird ſie weiß und ſchwarz und ſinkt vom Stuhle. Mauſetodt, Woͤlfchen! Wer ſo ſtirbt, der ſtirbt— ſchnell! Maca— ca!— rief jener ergriffen — da moͤchte ich erben! Die Mahlzeit wenigſtens, oder Alles. S. Halb Part, Du Geizhals! aber der Todesfall geht dich dennoch an. E. Mich, Tantchen? Wie ſo? Es gibt 13³ wohl ein Leicheneſſen und Sie nehmen mich mit? S. Ja, auch zum Eſſen— Du ſollſt mein Gaſt ſeyn des Mittags und des Abends, ſollſt auch in meiner Kuͤche ſchlafen und nicht von der Stelle weichen, bis ſie begraben iſt, denn mir graut vor dem moͤglichen Spuk' und allen Leichen. Ich wirkte Dir bereits drei Tage Urlaub aus und komme, um Dich abzuholen— kannſt immer voran gehn. Ich habe die Ehre, Ihnen zu folgen, — erwiderte er— und muß mich erſt wegen des empfangenen Urlaubes melden. Ei, wenn Sie doch drei Tage lang wie der Herzog von Mailand oder wie Boges⸗ lav von Pommern geſinnt waͤren; Maxi⸗ minus der juͤngere wuͤrde nicht fehlen. Ich bin wie eine Dame geſinnt,— ſprach ſie aufſtehend— deren Ahnen auf Du und Du mit ſolchen Herzoͤgen lebten, 134 Du aber findeſt heute Bratwurſt mit Lin⸗ ſen und ſollteſt Dich geſchmeichelt fuͤhlen, daß ich den halbſchuͤrigen Schlingel, dem nur die Mutter Ehre gab, zu dieſem Ritterdienſt erwaͤhlte.— Drauf bot ſie ihm die Hand zum Kuſſe dar und ging. Als Julie Schaͤrflich, am Morgen nach ihrer Ankunft zu Dachsleben traurig an's Fenſter trat und den armſeligen Markt uͤberblickte, auf welchem, außer drei grauen und vier weißen Gaͤn⸗ ſen, einem vagirenden Hauptſchweine und den freudigen, ſich mit Kothbatzen werfenden ABC⸗Schuͤtzen, nichts von Bedeutung zu ſehen war, entſetzte ſie ſich, denn Ferdinand Weßler, der Unvergeßliche, ſchritt im Ehrenkleide eines Dragoner⸗Of⸗ fizier's unter den Fenſtern voruͤber. Auch 135 das herbei gerufene Gretchen erſchrak, ihre Mutter aber gab Auskunft und ſagte: Ja, Kinder! es iſt uns unterdeſſen eine Beſatzung geworden und dieſer Lieute⸗ nant ſcheint dem Doctor Weßler gleichſam aus den Augen geſchnitten zu ſeyn. Er nennt ſich Baron Loͤwendorf und auf den Abend haben wir das erſte Caſino, da werdet Ihr die Offiziere kennen lernen. Sie ſtifteten es ſogleich, als Freunde der Geſelligkeit, und Hornvogel lieh ihnen ſei. nen Kornboden dazu her, der nun zierlich ausſtaffirt, einem Staatsſaale gleicht. Donnerſtags und Sonntags erſcheinen auch die Frauenzimmer, dann wird getanzt und warm gegeſſen.. Heute war eben Donnerſtag; Julie gab endlich den dringenden Bitten der Fa⸗ milie Guding nach, welcher ihre Mutter die Zerſtreuung des Maͤdchens zur hoͤch⸗ ſten Pflicht gemacht hatte und begleitete 136 ſie in die erwaͤhnte Geſellſchaft. Sie ka⸗ men, ihres langen Widerſtrebens wegen, ſpaͤt; bei dem Eintritte ſchauerte den ge— ſamten Dachslebener Damen vor Erſtau⸗ nen uͤber dieſe leuchtende Hauptſtaͤdterin die Haut. Drei Offiziere, zwei Junker, der Amtſchreiber ſammt den Vice⸗Actuarien und andern, noch in der Bluͤthe ſtehenden Tanzbaren ſchritten gleichzeitig auf ſie zu, um mit ihr ſofort im Walzer hinzuſtuͤrmen, was jedoch eine Zoͤgerung erlitt, da dem Muſikchore, welches ſich heute auf zwei geigende Feldtrompeter beſchraͤnkte, ſo eben eine Saite geſprungen war. Julie bat fuͤr den Augenblick noch um Schonung, da die ſteile Bodentreppe der Kraͤnkelnden den Odem geraubt hatte und ihre geſchick⸗ ten Wendungen fuͤhrten ſie allmaͤhlig durch den Haufen in die Naͤhe des Freiherrn von Loͤwendorf, der entweder aus Beſchei⸗ denheit zuruͤckblieb, oder zu ſtolz und 137 fein war, gleich Jenen nach dem Ziele zu laufen. Jetzt aber neigte ſich ploͤtzlich dieſe Prometheiſche Bildſaͤule, die Augen er⸗ gluͤhten, Milch und Honig floß von dem perlenreichen Munde in Juliens Ohr und Herz, und als die beiden Geigen wieder laut wurden, ſank ihre Hand in ſeine dar⸗ gebotene und ſie flogen dahin wie ein Engelpaar, das von dem irdiſchen Kornbo⸗ den nach helleren Sternen zuruͤckeilt. Schon drei Mal hatte Julie bereits das Caſino beſucht und erſchien auf dem vier⸗ ten mindeſtens vier Mal heiterer als am Morgen, wo ſie den holden, jenem Weß⸗ ler ſo auffallend aͤhnlichen Freiherrn zu⸗ erſt erblickte. Sie wußte jetzt, daß er ein braver Mann, ein tapferer Soldat, aber blutarm ſey, ſah ſich von ihm gefei⸗ ert, glaubte ſich von ihm geliebt und daß ihr nach der Mutter Tode mindeſtens eine halbe Tonne Goldes zufalle, hatte Tante 138 Guding ihm und allen Freundinnen und Nachbar'n geſpraͤchweiſe mehr als ein Mal verſichert. Heute bei Tafel, wo Löwendorf Julchens Nachbar war, wo die ſteinalte, unzermalmbare Schoͤpskeule eine Pauſe veranlaßte, welche den Ideen⸗ Wechſel der Gaͤſte und die ſuͤße Mittheil⸗ ung foͤderte, erwäͤhnte die Jungfrau ſei⸗ ne ſprechende Aehnlichkeit mit einem ihrer Bekannten in der Hauptſtadt und fragte, ob gedachter Weßler vielleicht die Ehre habe, ihm verwandt zu ſeyn. Der Stolze verwarf— zwar laͤchelnd und ſchonend, doch kurz und buͤndig dieſe Möglichkeit, er aͤußerte ſich dann uͤber das ſeltſame Spiel der Natur in der Aufſtellung ſol⸗ cher Spiegel und Seitenſtuͤcke und verſich⸗ erte, daß Juliens gleichartige Aehnlichkeit mit ſeiner Braut, der Graͤfin Mohrfeld, ihn ſeit dem erſten Erſcheinen, wie bei jeder ſpaͤteren Begegnung, ergöͤtzt und angezogen — 139 habe. Gedachte Braut war ihr jedoch um kein Haar aͤhnlicher als Fraͤulein An⸗ gelika und die Verſicherung nur eine er⸗ quickliche Schmeichelrede, doch Julie ſah verſtummend auf ihren Teller nieder und die warme Theilnahme an dem Nachbar wich ſofort dem verſchmaͤhenden Grolle. — Auch dieſer zweite Weßler, dachte ſie: iſt alſo nur ein Trugbild, mit dem mich mein boͤſer Genius hoͤhnte— er iſt zu— dem ein Treuloſer, der, mir gegenuͤber, die Braut vergaß, mir wie ein Freier den Hof machte und falſch, betruͤglich, wechſelhaft wie das ganze Geſchlecht.— O die heilloſen Maͤnner! Aber ich werde ihnen nach Wuͤrden vergelten!— Sie moͤgen kommen, ſeufzen, werben, ſich vermeſſen und abquaͤlen, mich zu erringen und meines Geldes habhaft zu werden— ich will ſie taͤuſchen, anregen, hinhalten, anlocken, endlich unverhoft und ausgelacht 140 heimſchicken und fuͤr immer auf das glaͤnzende Elend des leidigen Frauenſtandes verzichten. Jetzt ward die Tafel aufgehoben und Julie fand bei der Heimkehr einen Brief ihres Oheims, des Hauptmannes, der ſie mit dem ſchnellen, bedenklichen Er⸗ kranken der Mutter bekannt machte, ihr ohne Zoͤgern heimzukehren rieth und das Aeußerſte, bereits Geſchehene fuͤrch⸗ ten ließ. Die Nachricht erſchreckte und betruͤbte Julien, doch beugte ſie die⸗ ſelbe nicht. Mama war in der Regel hoͤchſt unhold, eigenſinnig, voll irriger, halsſtarrig feſtgehaltener Meinungen und Anſichten, heute zaͤrtlich, morgen tiranniſch, mitunter ſelbſt vom Geiſte der Mißgunſt zur offenen Feindſeligkeit hingeriſſen. Ver⸗ warf auch das Gefuͤhl der Kindespflicht den Reiz des Freudenreiches, das jenſeit des muͤtterlichen Grabes fuͤr Julien auf⸗ ging, ſo ſprach ſie doch dieſe Zukunft in 141 dem reichen Erbe, in dem Gluͤcke der Unabhaͤngigkeit, in dem Ende aller Ruͤck⸗ ſichten, Wehthaten und Feſſeln des eigenen Willens, troͤſtlich an. Frau Guding und Gretchen aber, denen waͤrend des Auf⸗ enthaltes in jenem Hanſe nur Liebes und Gutes zugefloſſen war, empfanden den wahrſcheinlichen Hintritt der Wohlthaͤterin viel tiefer und ſchmerzlicher und begleiteten Julien, welche bei Nacht und Nebel nicht allein reiſen konnte, nach der Haupt⸗ ſtadt. Der Morgen grauete, die ſterbliche Huͤlle der Frau Commiſſariuſſin, welche man geſtern, zierlich angethan, ſehen ließ, ſtand, zur Abfahrt bereit, in dem geſchloſ⸗ ſenen, koſtbaren Sarge, Julie ſaß im Nebenzimmer weinend zwiſchen den Wei⸗ 142 nenden, die Trauerwagen rollten herbei und Wolfgang Herrlein, der treue, auf den Heerd gebettete Siegel⸗Bewahrer ſei⸗ nes furchtſamen Tantchens, fuhr jetzt ploͤtz⸗ lich, von einem Angſtrufe geweckt, aus dem Schlafe auf.— Ein zweiter, dumpfer Klageton zog ihn an die Thuͤr, welche das Wohnzimmer mit Angelika's Kammer verband, die ſie des Abends ſorgfaͤltig ver⸗ ſchloſſen hatte und die jetzt offen war. Vor ihrem Bette aber ſtand einer jener dienſtbaren Leichenbegleiter, die theils ne⸗ ben dem Sarge, theils neben den Wa⸗ gen der Leidtragenden hinwallen, ſchwarz angethan, mit dem Mantel behangen. Doch ſtellte ihn ſein Treiben vielmehr als einen Leichenmacher dar, denn ſein rech⸗ tes Knie hielt das Fraͤulein von Rauh⸗ mund gewaltſam im Bette feſt, indem er ihr einen Knebel in den ſchreienden Mund preßte und die Stoͤhnende, unter furcht⸗ 143 baren Laͤſterworten, um die Auslieferung ihres Mammons bedraͤngte. Die ſterbliche Huͤlle der Seligen fuhr waͤhrend dem unten ab und eben der erſte Trauerwagen vor, um den Beichtvater, den Schwager und den fruͤheren, vieljaͤh⸗ rigen Arzt derſelben, Herrn Doctor Guͤl⸗ denkraut einzunehmen; die Höflichen ſtrit⸗ ten, noch zwiſchen Thuͤr und Angel, um den Nachtritt, als erwaͤhnter, von der Treppe herabfliegender Leichenmacher, gleich einer Stuͤckkugel zwiſchen ihnen hindurch brauſ'te. Der wuͤrdige Seelſorger flog, zu Folge des gewaltſamen Stoßes, an das Leibchen einer unwuͤrdigen Zuſchauerin, Doctor Guͤldenkraut unter den Wagen, der Polizei⸗Meiſter aber warf ſich auf den hinſtuͤrzenden Fluͤchtling. Er fand in ihm ganz unverhoft ſeinen alten, lange verge⸗ bens geſuchten Bekannten, den vorgebli⸗ chen Freiherrn von Wirrheim, oder Wen⸗ 144 delin, den ein betaͤubender Fauſtſchlag Herr⸗ lein's niedergeſtreckt hatte. Der Spaͤtherbſt hatte die Familie Ga⸗ ſto von dem Landhauſe in die Stadt zu⸗ ruͤckgefuͤhrt, den Grafen eine Berufreiſe ent⸗ fernt und Baͤrbchen erſchien jetzt, um ihre Dame zu wecken, an ſeinem Bette, denn Emma hatte es indeß in Beſitz genommen und Melitten in das ihrige verſetzt. 3 Iſt denn das Begraͤbniß voruͤber? fragte jene— die Weckerin erzaͤhlte nun, was ſich begab, daß ihr Bruͤderchen der Tante Rauhmund Gut und Leben erhalten, einen Meſſerſtich in die Seite davon ge⸗ tragen habe und der Naͤuber bereits in Ketten und Banden ſitze. Dagegen aber fehle Thereſine ſeit dem geſtrigen Abende und auch der Gehilfe des Amtfrohnes, der ihr wahrſcheinlich aus dem Kerker gehol⸗ fen, werde vermißt. ————V—V—ÿ—᷑—ÿ—ꝛ—x˖—ÿ—ͦ—ᷣ·— — 145 Das iſt ja ſchrecklich!— klagte Emma — die thut es naͤchſtens jenem nach, er⸗ wuͤrgt Dich und pluͤndert uns.— Ach! waͤre doch mein Mann wieder da! Dieſe Gottloſe kennt alle Schliche hier, ſie weiß wo meine beßten Sachen ſtehn und liegen und haßt Dich bitterlich. Ward denn Dein armer Bruder ſchwer verwundet? Ich traue auf Gott!— erwiderte Baͤrbchen— aber Wolf waͤre todt wie unſere Wirthin, wenn er ſich nicht gewen⸗ det haͤtte, er trug deßhalb nur einen Schlitz davon. Er muß im Hauſe bleiben— fuhr jene fort— muß uns ſchuͤtzen helfen, bis Rudolph mit dem Jaͤger zuruͤckkommt, denn ein ſo braver Junge iſt mir weit lieber als zehn Jungfern. Sage ihm, daß er den Major Teufel, Namens meiner, um dieſe Verguͤnſtigung erſuche. II. 10 146 Ihnen und dem Fraͤulein zu Liebe, — wisperte Baͤrbchen— wuͤrde der Herr Major wohl ſelbſt mit Vergnuͤgen zum Nachtwaͤchter. Das leiſe Zwiegeſpraͤch hatte Melitten nicht erweckt, ſie ſchlief noch feſt, als der eben heimgekehrte Graf leiſe durch die Thuͤr trat, von dem Behaͤnge gedeckt, an Em⸗ ma's Bette ſchlich und ſich zu der abge⸗ wendeten Schlaͤferin neigte. Barbara nahm erſchreckend ihren Herrn wahr, zog dieſen haſtig zuruͤck, verwies ihn an ſein eigenes, entfernte ſich und Emma um⸗ ſchlang hocherfreut den Willkommenen; ſie machte denſelben am Ziele der Kuͤſſe mit dem Grunde des Tauſches, mit der Raub⸗ geſchichte dieſer Nacht bekannt und bat ihn, ſich nun unverzuͤglich zu entfernen, weil Melitta beim Erwachen troſtlos ſeyn wuͤrde, ſich hier unter eines Mannes Au⸗ gen zu ſehn. 147 Dieß Beſchleichen— entgegnete er— gereicht wohl ihr wie Dir und Jeglicher, vielleicht zum baͤnglichen, gewiß aber zum ſuͤßen Vergnuͤgen, wenn nur der Beſchlei⸗ cher zuſagt und Nachtzeug, Bett und Lage zierlich ſind. Weißt Du wohl, daß ich Luſt habe, Deinen Herzliebſten, den Herrn Major herein zu laſſen, welchen Baͤrbchens Bruder von dem Wagſtuͤcke des verkleideten Diebes unterrichtete und der ſofort herbeieilte, uns ſeinen Antheil zu bezeigen. Ich traf ihn, ankommend, vor dem Hauſe und nahm den Drangſe⸗ ligen mit herauf, weil mir ſeit Kurzem die Gewißheit ward, daß ſeine Paſſion Melitten gilt. Es wird ihn hoffentlich entzuͤcken, ſie hier im Heiligthume belau⸗ ſchen zu koͤnnen und dieſe kecke Naͤherung ſeinem Zagen und ihrer Ziererei ein ſchnel⸗ les, angenehmes Ende machen. Steh' auf, ich diene Dir als Baͤrbchen, däm hole ich . 10 148 den Anbeter— er knie't am Hochaltare nieder, weckt die Gefeierte mit Seufzern, Worten oder Kuͤſſen und weiß dann auf der Wachparade, woran er iſt. Biſt Du von Sinnen?— eiferte Em⸗ ma, blitzſchnell in den Mantel ſchluͤpfend — Selbſt einen erklaͤrten Braͤutigam wuͤrde ich nicht einlaſſen, geſchweige die⸗ ſen, bei der Gewißheit, daß Melitta einem Werther'n Herz und Sinn und Leben weihte. E. Meinſt Du den ruſſiſchen Magi⸗ ſter, der vor ſeiner Leidenſchaft fuͤr ſie er⸗ ſchrack, davon lief und jetzt aus Reue und Leid die Herren Baſchkiren leſen lehrt? S. Der vielmehr gewiß des naͤch⸗ ſten, dort durch ein Amt geadelt, als kai⸗ ſerlicher Superintendent wiederkommen und ihrem Vater dann als Schwiegerſohn ge⸗ nehm ſeyn wird. Darauf zog die Graͤ⸗ ſin haſtig an der Schnur, welche ſofort 149 das offene Behaͤnge des Doppelbettes ver⸗ ſchloß und ihn trieben zwei ewige Schild⸗ wachen fort: die feine Zucht und Eifer⸗ ſucht. Hoch uͤber jenem heiligen Schlafge⸗ mache befand ſich ein aͤhnliches, nach dem jedoch weder den Grafen noch irgend ei⸗ nen Stabs⸗ und Ober⸗Offiziere verlangte. Das Fraͤulein Rauhmund lag hier, von dem gewaltſamen Angriffe des verkappten Leichenbegleiters zerknirſcht, ſtoͤhnend und truͤbſelig. Wendelin's gluͤcklich dem Kerker entronnenes Schweſterchen hatte ihn geſtern in dem gemeinſamen Schlupfwinkel bei der alten Judith wiedergefunden. Sie hatte von dieſer vernommen, daß Madame Schaͤrflich plötzlich geſtorben ſey, daß ſie mit dem grauenden Tage beerdigt werde, ihn ſofort angeregt, dieſe guͤnſtige, Thuͤr 150 und Thor oͤffnende Gelegenheit zur Be⸗ raubung des reichen und einſamen Fraͤu⸗ leins zu benutzen und bei ihrer genauen Kenntniß des Oertlichen die noͤthige Aus⸗ kunft gegeben. Jetzt ſtand der Doctor Guͤldenkraut, welchen der Verfolgte am Morgen um⸗ rannte, mit verbundenem Kopfe vor An⸗ gelika's Bette; er floͤßte ihr Tropfen ein, troͤſtete und verwies ſie dabei auf das Loch in ſeinem Schaͤdel und den Zuſtand des Hauptmann’s, der ebenfalls braun und blau, aber dennoch freudig wie ein Engel ausſehe, weil jener gewandte und beruͤchtigte Mordhahn ihm, dem gehoͤhn⸗ ten Polizeier, gleichſam wie eine Gurke in den Schlund oder pharinx geflogen ſey. Er hat meinem Schutz⸗ und Wehr⸗ wolfe dort, dieſen Biſſen zu danken,— erwiderte Angelika, als der junge Gre⸗ 151 nadier eben mit einem Dreierbrot in der Hand eintrat— denn der Gold⸗ junge rettete gleichſam meine Einſame von den Hunden. Lob ſey Dir, Vetter! Iß Dich ſatt, der Buttertopf ſteht im Kamine und was noch d'rinnen iſt, wird eben hin⸗ reichen. Ein braves Maͤnnchen!— bemerkte Guͤldenkraut— dem Sie hoffentlich nach Kraͤften vergalten? Bringen Sie mich wieder auf die Fuͤſſe,— fuhr das Fraͤulein fort— ſo tragen mich dieſe zuerſt in das Gotteshaus, dann zum Miniſter. Ich ſtelle Dich ihm vor, Woͤlfchen! und lege mein Haupt nicht ſanft, bis der Fuͤrſt den jungen, wuͤrdigen Halbedelmann zum ganzen ge⸗ macht hat— bis ich das goldene Ehren⸗ zeichen an Deiner Bruſt, das goldene De⸗ genband in des Herrn Lieutenants Seiten⸗ gewehr erblicke und will Dich auch im 152 Voraus ſelbſt bedenken. Hier iſt der Schluͤſſel, Kind! oͤffne dort das obere Fach der gruͤnen Commode. Herrlein legte alsbald das Brotmeſſer von ſich, mit dem er vergebens einige Butterfloͤckchen des geleerten Topfes zu ſpießen verſucht hatte, er folgte der Weiſ⸗ ung und Angelika fragte: Sag' an! Was findeſt Du im Kaſten, mein Junge? Lauter altes Gerille;— ſprach er ver⸗ droſſen— ich oͤffnete wohl das unrechte Fach? Einen alten Strickbeutel, zum Exempel. Einen koͤſtlichen vielmehr—- zierliche Kloſterarbeit. Meine Brautſtrumpfbaͤnder ſtecken darin— nett und rein, noch unge⸗ raubt. E. Die moͤgen ruh'n! Zweitens ein Gaͤnſeſpiel. S. O ſelige Vergangenheit! 153 E. Auch eine zerbrochene Porzellan⸗ Taſſe und den Landesherrn in Gips. S. Das hohe Bild fiel, leider! von der Wand in die Taſſe und wuͤßte der Huldreiche um den Schaden, den ſein wuͤrdiges Conterfei geſtiftet, er ſchickte mir ein ganzes Tafelgeraͤthe. E. Endlich eine alte Buͤchſe mit Glas⸗ perlen, einer Brille ohne Glaͤſer, zwei Silberlingen und dieſer gehenkelten Schau⸗ muͤnze. S. Da haſt Du es! Die Muͤnze meine ich, Woͤlfchen! die denkt Dir meine Liebe zu! Sieh, dieſes koſtbare Schau⸗ ſtuͤck iſt vor mehr als dreihundert Jahren, gleichſam im Voraus, auf mein heutiges Ungluͤck geſchlagen worden. Beſieh ſie nur. Wolfgang trat an's Fenſter, beſchauete das Gepraͤge und rief: Element! da greift Gott Vater aus den Wolken; er zieht ei⸗ 154 nen Hemdenmatz aus des Teufels Klauen und auf der Ruͤckſeite ſteht geſchrieben: „Der Herr behuͤtet die Einfaͤltigen— Wenn ich unterliege, ſo hilft er mir! Pſ. Dav.“ Pſalmen David's— verbeſſerte die Tante— und der Hemdenmatz iſt eine arme, hartbedraͤngte Seele. Ich bin es vielmehr, die Du Einfaͤltiger dem Raub⸗ moͤrder entriſſen haſt. D'rum nimm dieß Schauſtuͤck hin und knauſert der Fuͤrſt viel⸗ leicht mit dem Ehrenzeichen, ſo trage es, als meinen Dir verliehenen Orden, auf der bloßen Bruſt. Ich liefere das Zwirn⸗ band.— Jetzt ward die Großmeiſterin des Or⸗ dens der Einfaͤltigen durch Beſuche in der Uebung ihrer Dankbarkeit unterbrochen. Frau Guding und Maragarethchen, welche die verwaiſ'te Julie von Dachsleben zuruͤck⸗ gebracht hatten, erſchienen, um ſie des 15⁵ herzlichſten Antheiles zu verſichern. Ih⸗ nen folgte Agrippine von Sterly, welche die Neugierde zur Verſöhnung bewog, die⸗ ſer das graubaͤrtige Fraͤulein, das Friedrich der Einzige nach der Schlacht bei Roß⸗ bach in den Bauſchbacken geknippen hatte und ein Dutzend andere Bekannte. Im⸗ mer von neuem erzaͤhlte Angelika, wie ihr eben getraͤumt, daß ſie mit der ſeligen Frau Wirthin bei Vollmondſcheine im Luſthauſe geſpielt und der Eichelunter, als Trumpf aufgeſchlagen, ſich ploͤtzlich empor⸗ gerafft, ſie, rieſengroß werdend, bei'm Kopfe genommen und ihr einen Seelentoͤdtenden Stoß auf den Magen verſetzt habe. Wolf⸗ gang mußte nun berichten, wie Tantchens Hilfgeſchrei ihn erweckte, herbeifuͤhrte und mittels welcher halsbrechenden Gegen⸗ ſtoͤße er den verwirklichten Unter in die Flucht trieb, worauf denn Doctor Guͤlden⸗ kraut den letzten, am Trauerwagen voll⸗ 156 zogenen Act ergreifend darſtellte und da⸗ mit die ſogenannte Schauerhaut der an⸗ daͤchtigen Zuhoͤrerinnen auftrieb. Warum biſt Du aber heute ſo ſchmieg⸗ ſam und freundſelig,— fragte der Graf ſeine Emma— ſie haben Dich wahrſchein⸗ lich wieder beſtohlen? Das fuͤrchte nicht!— erwiderte ſie— alles was mein iſt, liegt jetzt unter drei⸗ fachen Schloͤſſern. Doch ſteckt hoffentlich an jedem der Schluͤſſel.— Ein Anliegen alſo— laß hoͤren! was ſoll ich? Mein gutes Maͤnnchen ſeyn!— ſprach Emma, ihn umſchlingend— und einem andern, armen Maͤnnchen die helfende Hand reichen. E. Es haͤngt bereits ein halbes Duz⸗ zend dieſer Gattung an jedem Finger. 157 S. Die Graͤfin Wolinska iſt bei vie⸗ len unleugbaren Tugenden zuweilen recht lieblos. Sie dankt ihren huͤbſchen, thaͤt⸗ igen, getreuen Kongo ab. E. Den Mohren? Weßhalb? Weil er ihr Kammermoͤdchen heirathen will, daß ſie kaum einem Weißen goͤnnt und ihr uͤberdieß ſolche Mißbuͤndniſſe und die kuͤnftigen Mulattchen ein Greuel ſind. E. Was verlangſt Du von mir? Bin ich ein Ehehelfer? kann ich die Jungfer ſchwarz faͤrben oder ſoll ich den Mohren weiß und der Graͤfin den Kopf waſchen? „S. Das letztere wuͤrde nicht helfen, aber Du kannſt den armen Kongo in Dienſt nehmen; er hat bereits uͤberall ver⸗ gebens ein Unterkommen geſucht. E. Dieſe Handreichung wuͤrde uns auf immer mit jener entzweien. S. Immerhin— ich entſage der Freundin, die das Gluͤck eines rechtlichen 158 Paͤrchens ihrem Behagen aufzuopfern ver⸗ mag. E. Dieß Gluͤck iſt hoͤchſt zweifelhaft und der Geſchmack der Braut zu ſeltſam, um die nothwendige Dauer zu verbuͤrgen, Du aber, mein Emmchen, das ihn zu theilen ſcheint, fuͤhlſt Dich ja, gelobt ſey Gott dafuͤr! im Stande der ſeligſten Hoff⸗ nung— der boͤſe, immer thaͤtige Feind verkuͤmmert die heiligſten Freuden am lieb⸗ ſten und das ſogenante Verſehen gehoͤrt in's Reich der Moͤglichkeit. Nun denke Dir unſer unſagliches Herzleid, wenn die Graͤfin Gaſto ſtatt der Madame Kongo, oder gleich derſelben, ein Braunkoͤhlchen zur Welt braͤchte, das uͤberdem vielleicht nicht einen Zug von mir haͤtte. Dein Neger iſt ſchoͤn wie eine afrikaniſche Sommernacht, gewandt und artig, die Welt iſt arg, die Schmaͤhſucht frech— nein, Gott bewahre uns vor den denk⸗ 159 baren Folgen der ſorgſamen Guͤte. Doch will ich ihn noch heute meinem erkenntli⸗ chen Schuldner, dem Hofmarſchall em⸗ pfehlen, da der fuͤrſtliche Kammermohr, ein alter Taugenichts, des naͤchſten aus⸗ gemuſtert werden ſoll. 1 O Du Goldmann!— rief Emma— ihn an die Schwanbruſt druͤckend; ſie trat dann zu dem Sekretair und ſagte: Nun muß ich der Prinzeſſin Thekla ſchrei⸗ ben.— Dieſe war ihre zaͤrtliche Goͤnnerin und befand ſich eben am Hofe der ver⸗ maͤhlten Schweſter.— Zum erſten Mal' an eine ſolche,— fuhr ſie fort— was mich verlegen macht, doch die Gnaͤdigſte befiehlt und rechnet auf Neuigkeiten. Wie ſtellt man denn die Ueberſchrift? Diktire mir ſie, Rudolf! und auch den Anfang. Aller Anfang iſt ſchwierig. Bitte! Bitte! E. Das Bitte! Bitte! iſt Deine Loſ⸗ 4160 ung! O Plagegeiſt!— So ſchreibe denn; Allerdurchlauchtigſte— Lauchtigſte— wiederholte ſie— doch wohl mit dem g hinten! E. Dein Geſchlecht hat die Wahl.— Weiter!— Allerdurchlauchtigſte— Groß⸗ maͤchtigſte— S. Warum nicht gar! E. Unuͤberwindlichſte Prinzeſſin! Emma lachte wider Willen auf; ihr Einhelfer entwich und Melitta ſprach, aus dem Nebenzimmer hereintretend: Du Gluͤck⸗ liche, was ſicht Dich an? Ein haͤßlicher, ſchadenfroher Mann, — eiferte ſie— der mich lieblos in der Noth verlaͤßt— Aber Du Kluge, Ge⸗ lehrte, Gefaͤllige, wirſt mir beiſtehen, den ich ſoll der huldigen Thekla ſchreiben und ſchicke mich zur Briefſtellerin wie der Pin⸗ ſel zum Griffel. 161 Seufzend entgegnete Litta: Ich, leider! auch, liebe Graͤfin! Es gehoͤrt dazu ein beſonderes, oft genug ſelbſt den beßten Koͤpfen mangelndes Talent und meine Briefe an Reſpekt⸗Perſonen gemahnen mich in der Regel wie eine geſchriebene Menuet— die Saͤtze, Wendungen und Ausdruͤcke gleichen den Reverenzen und Reifroͤcken der ſeligen Großmuͤtter. In jedem erſcheine ich mir, wenn das Mach⸗ werk endlich muͤhſam zuſammen gelklickt iſt, als eine Zierpuppe, die das Maͤulchen ſpitzt und gar zu gern fuͤr etwas Apar⸗ tes gehalten ſeyn moͤchte. E. Und ich mir wie die zwoͤlfjaͤhrige, verzagende Emma, wenn der graͤmliche Sprachmeiſter ſcheltend und ſpottend mit der rothen Tinte uͤber die leidige Compo⸗ ſition herfuhr. Uns armen Frauen ſollte von Rechtswegen die Nothdurft angeboren ſeyn.— Das iſt der Fall bei Liebesbrie⸗ „II.. 11 162 fen, ſprach das Fraͤulein und ſetzte mit eines Dichters Worten hinzu: „Dieſe leben, athmen warm und ſagen Muthig, was das bange Herz gebeut— Was die Lippen kaum zu ſtammeln wagen, Das geſteh'n ſie ohne Schuͤchternheit.“ Ich moͤchte die Deinigen leſen!— fiel jene ein. Melitta erwiderte ſeufzend: Noch weiß ich von keinem! und ging, um die Schreiberin nicht zu ſtoͤren, ab. Ferdinand Weßler war aus Berlin zuruͤck⸗ gekommen und beeilte ſich, ſeinen Gericht⸗ herrn und Goͤnner, den Grafen Gaſto, von der Vollziehung der erhaltenen Auf⸗ traͤge zu unterrichten, fand jedoch nur das holde Baͤrbchen vor. Es erzaͤhlte ihm, daß die Herrſchaft ausgefahren, Frau Schaͤrflich geſtorben, Fraͤulein Rauhmund von einem Diebe faſt um's Leben gebracht 163 worden ſey; er aber ergoͤtzte ſich, trotz dem unerfreulichen Stoffe, an dem lieb⸗ lichen Vortrage und ſprach: Ich bringe dem Grafen tauſend Thaler in Banknoten, eine Summe, die man ungern mit ſich herumtraͤgt, und bitte Sie, ihm das Paͤckchen zu behaͤndigen. Tauſend Thaler!— ſagte Baͤrbchen erſchreckend— ein verwegenes Zutrauen, da ich Ihnen faſt unbekannt bin. Das war aber keinesweges der Fall, denn Graf und Graͤfin hatten ihm ſchon oͤfter das muſterhafte Maͤdchen angeruͤhmt und er es von dieſen, gleich einer lieben Geſellſchaf⸗ terin behandelt und ausgezeichnet geſehen. Weßler rechtfertigte demnach jene Anmuth⸗ ung, er verſicherte, daß der edle, argloſe Geiſt ihrer Augen und Zuͤge ein mehr als hinreichender Buͤrge ſey und die wohl⸗ thuenden Worte bedeckten ihr Geſicht mit leuchtender Roͤthe. Sie ging, ihn unter⸗ 11* 164 brechend, auf den Werth und Zauber uͤber, den dieſes federleichte Pappier enthalte, wie manches verdienſtliche Menſchenpaar es dem Hunger und Kummer entreißen, wie manchen Verlorenen es retten, wie manche troſt- und hilfloſe Lage es in ihr Gegentheil umzuwandeln vermoͤge. Weß⸗ ler hoͤrte andaͤchtig zu, denn Baͤrbchen ward noch um eins ſo anziehend wenn ſie ſprach und ſprach jetzt zum Herzen und ihre Stimme war ſo lieblich— er ging endlich. Gleich darauf kehrte der Graf heim, dem ſie den Schatz ſofort uͤbergab. — Sieh, mein Kind,— ſagte Gaſto— wenn du gut bleibſt und heiratheſt, ſoll Dir ein aͤhnliches Paͤckchen zur Vergeltung fuͤr Deinen Eifer, Deine Sittlichkeit und Treue werden. Die Großmuth waͤre mehr als fuͤrſt⸗ lich,— erwiderte ſie— doch duͤrfte wohl der Freier ausbleiben. 165 E. Das ſteht bei Gott! Hat Weßler vielleicht auf mich gewartet? S. Ein feines Weilchen. E. Und Dich unterhalten? S. Sehr angenehm. Wir ſprachen von dem Werthe des Geldes, von den Wundern, die es zu thun vermag und prieſen die Begabten gluͤcklich. E. Mich auch alſo? S. Mit Recht, Herr Graf! Sie ma⸗ chen Gluͤckliche! Verdirb mich nicht! rief er, warf einen Blick auf die Banknoten, einen zweiten in des Maͤdchens freundſeliges Angeſicht— und verfuͤhre mich nicht!— Gehſt Du heute noch aus? S. Gleich jetzt, in Auftraͤgen der gnaͤ⸗ digen Frau. Nach einigem Bedenken ſagte Gaſto: Es focht mich eben an, Dein Schmeichel⸗ wort wahr und Dich zur Mittlerin zu ma⸗ 166 chen. Dieß Geld iſt eine alte Spielſchuld, die Weßler in Berlin fuͤr mich eintrieb, der Schuldner ein Wuͤſtling, bald reich, bald duͤrftig, der das Vermögen der wak⸗ kern, duldſamen Frau vergeudete und ſie dann verließ. Die Arme lebt jetzt hier, von ihren Verwandten gemieden, auf muͤh⸗ ſeligen Erwerb beſchraͤnkt, hat zudem ein ſieches Kind, das des Vaters Suͤnde traͤgt und Mangel und Entaͤußerung werden um ſo druͤckender, wenn wir im Wohlſtande aufwuchſen und mit den Genuͤſſen des Lebens vertraut wurden. S. Ach, und am druͤckendſten, wenn uns der Gatte beraubte und betrog. E. Das wirſt Du kuͤnftig wohl dem Deinen nicht nachſagen duͤrfen. S. Wer kann denn in die Zukunft ſehen, die ein Raͤthſel wie das maͤnnliche Herz iſt? Aber nicht wahr, Herr Graf, Sie wollen der gute Genius dieſer Un⸗ 167 gluͤcklichen werden? Wollen ihr einen Theil des eingelaufenen Gewinnes zuruͤckgehen? E. Deines Gleichen werfen im Geiſte immer mit Goldſtangen um ſich, doch waͤren dieſe tauſend Thaler Dein, Du wuͤrdeſt Dich wohl auch bedenken. Nein!— ſagte Baͤrbchen mit Nach⸗ druck— Fort mit ihnen! wuͤrde ich denken: es iſt Blutgeld! E. Wie? erwarb ich es nicht im ehr⸗ lichen Spiele? S. Auf Koſten einer Darbenden und der Gewinn war eine Fuͤgung. Sie pruͤfen mich jetzt nur. E. Mit nichten, Kind! doch in Ge⸗ muͤthſachen ſeyd Ihr Himmelſtimmen! Wie viel ſoll ich denn aufopfern? Alles!— rief ſie mit naſſen Augen — Ein goͤttliches Opfer! E. Auch Du biſt arm— Du biſt auch gut— ungemein gut— haſt Verdienſte um 168 meine Emma— manche Sehnſucht— manches Beduͤrfniß— Nimm alſo das Ganze und finde jene ab. Ja, mit dem Ganzen!— fiel ſie ſchnell entflammt ein und kuͤßte ſeine Hand. Gott ſegne ſie, Herr Graf! Ich aber theile nur die Ruͤhrung und die Freude mit der Armen— um keinen Preis das Geld. E. Nun, ſo wird Beiden nichts! Das ſag' ich der Graͤfin!— rief Baͤrbchen auffahrend; ſie ergluͤh'te. E. Kann die mich meiſtern? S. Sie kann lieben und haſſen, bewundern und verwerfen! E. Deßhalb noch nicht! S. Deßhalb unfehlbar! Aber der gnaͤdige Herr pruͤfen mich wieder! Ich will es zugeben!— ſprach er la⸗ chend, beſchrieb darauf die Wohnung ſammt dem Ausſehen der Dame, befahl der Gluͤck⸗ 169 lichen, ſie verſchleiert, im Zwielichte des Abends aufzuſuchen, das Paͤckchen nur jener ſelbſt einzuhaͤndigen, ſich dann blitz⸗ ſchnell zu entfernen und legte, zur Be⸗ ruhigung der Empfaͤngerin, den Bankno⸗ ten einige namenloſe Zeilen bei, welche die Veranlaſſung und ihr Recht auf das Ueberſandte gnuͤgend darthaten. Julie Schaͤrflich beaͤugelte ſich im Trauerkleide vor dem Spiegel, gefiel ſich in dieſem um Eins ſo ſehr, muſterte dann auch die geoͤffneten Schraͤnke, Geld⸗ kaͤſten, Schmuck⸗ und Silberbehaͤlter der Mutter, fand den Nachlaß noch reicher als ſie gewaͤhnt und erblaßte doch vor Schreck und Unmuth, als der Curator der ſeligen Mama, Doctor Weßler, ge⸗ meldet ward, den ſein Beruf als jener herbeifuͤhrte. Laß ihn ein!— ſprach ſie 170 nach kurzem Beſinnen zu dem Maͤdchen— folge ihm dann und mache Dir irgend ei⸗ nen Behelf, der Dich bis zu ſeinem Ab⸗ gange im Zimmer feſthaͤlt. Jener erſchien, bezeigte in gewaͤhlten Worten ſein Beileid und ging ſodann auf den eigentlichen Zweck des Zuſpruches uͤber. Julie hoͤrte ihm bis jetzt, finſter und ab⸗ waͤrts ſehend, ſtarr wie eine Bildſaͤule, zu und ſagte nun: Sie bitte hoͤflichſt, ſich in Allem, was die Geſchaͤfte betreffe, an ihren kuͤnftigen Sachwalter, den Advocat Hammerſchlag zu wenden, der auch die Geldſachen, Rechnungen und etwaigen An⸗ ſpruͤche von Heller zu Pfennige pruͤfen und ihm dann nach Befinden gerecht wer⸗ den werde. Die Feindſelige nannte ihm mit dieſem Namen einen der boͤsartigſten und gefaͤhr⸗ lichſten Menſchen, deſſen Wahl ihr ſelbſt gefaͤhrlich werden mußte und die er, trotz 171 ihrem ſchmaͤhlichen Benehmen widerrathen haben wuͤrde, waͤre nicht Hammerſchlag, ſein perſoͤnlicher, geſchworener Widerſacher, wahrſcheinlich deßhalb von ihr erkoren worden. Die Vollziehung— antwortete er— kann weder Zeit noch Muͤhe koſten, denn alles liegt klar und abgeſchloſſen da.— Juliens Geberde bezeichnete, daß ſie auch mit ihm fuͤr immer abgeſchloſſen habe und ihre Augen hießen ihn gehen, er aber ſprach nun, des gegenwaͤrtigen Maͤdchens wegen, franzöſiſch und ſagte: Verſchuldet habe ich dieſe kraͤnkende Behandlung nicht, denn die Wohlfahrt meiner verewigten Clientin lag mir gleich der eigenen am Herzen und die Fruͤchte des Eifers und der Sorgfalt ſind ihr ge⸗ worden. Auch heute kam ich als Ihr Freund und Warner, denn Ihnen droht Gefahr und die Verkuͤmmerung Ihres Er⸗ 172 72 bes. Die Frau Mutter hatte vor Kurzem dem ehemaligen, in Noth verſunkenen Schreiber ihres Gatten eine Geldhilfe verſagt, um die er dieſelbe erſt beſchwor, dann beſtuͤrmte und dieſer zeigte hierauf, wenige Tage vor ihrem ploͤtzlichen Hintritte, den fruͤheren Brodherrn als einen unge⸗ treuen Haushalter und pflichtvergeſſenen Staatsdiener an. Er hat die Ausſage durch Pappiere gerechtfertigt, die ſich der Argliſtige, wahrſcheinlich nach dem Tode deſſelben, aneignete, um ſie dann, nach Gefallen, den Erben theuer zu verkaufen. Jetzt eben erfuhr ich dieß und fuͤhlte mich, ſo ſchon⸗ unglos es auch erſcheinen mag, verpflich⸗ tet, Sie von dem unabwendbaren Unheile zu unterrichten, denn man wird nicht ſaͤumen, ſich bis auf Weiteres des aͤlter⸗ lichen Nachlaſſes zu verſichern. Julie erblaßte waͤhrend dieſer Rede; es lief ihr eißkalt durch die Glieder. 473 Mitten im Fuͤllhorne des uͤberraſchenden Gluͤckes ſich mit dem jaͤhen Verluſte deſ⸗ ſelben bedroht, ſich von den zahlreichen Feinden verhoͤhnt und den geehrten Vater noch im Grabe entwuͤrdigt zu ſehen, war ein Gedanke, der die Stolze um ſo verſtoͤrender beugte, da ihr, wie ſie glaubte, fuͤr den offen dargelegten Groll und Haß vein ſchmaͤhter Liebe jetzt mit demſelben Maße gemeſſen ward. Sie hieß die Zeugin gehen, ſie warf ſich in ihrer ſchrankenloſen Hef⸗ tigkeit auf den Divan, wand die Haͤnde, ſprang empor und glitt lautweinend an Weßler's Bruſt. O edler Mann— ſagte die Troſtloſe— verkannter und bekraͤnk⸗ ter Freund! Ahmen Sie Gott nach, wer⸗ den Sie der Schutzgeiſt der Ungluͤcklichen! Ich will auf Alles verzichten, nur retten Sie meines Vaters Ruf und ſein ſchuld⸗ loſes Kind vor der Schmach und dem Spotte der Feindſeligen. 174 Jenes wuͤrde kaum einem Engel gelin⸗ gen,— entgegnete Weßler— und meine Handreichung den mißguͤnſtigen Anwalt ſofort an die Spitze jener Feindſeligen ſtellen. Noch iſt er das nicht!— geſtand Julie, zerriß den daliegenden Brief, wel⸗ cher ihn dazu einlud und den ihr Maͤdchen erſt beſorgen ſollte.— O, bieten ſie den vollen, augenblicklichen Erſatz, bieten ſie jenem elenden, undankbaren Verraͤther ein Schweigegeld an und ich werde den bruͤ⸗ derlichen Freund und Helfer bis in's Grab wie einen Schutzheiligen feiern. Die Eile iſt von Noͤthen,— erwiderte er, ſich den umſtrickenden Armen entwin⸗ dend— und was ſich thun laͤßt, will ich erſchoͤpfen. Es dunkelte bereits, als Weßler, der dieſer Verheißung ohne Zoͤgern genuͤgte, 175 in ſein Vorhaus trat. Er wohnte zu ebe⸗ ner Erde; ein verſchleiertes Frauenzimmer war ihm von der Flur aus, wo er es fand, in dieſes gefolgt und nannte jetzt mit ei⸗ nem Wehlaute ſeinen Namen. Er dachte, uͤberraſcht, an Julien, aber die Form widerſprach der Vermuthung. Wie un⸗ gluͤcklich,— ſagte die Nahende mit ſchwan⸗ kender, verhaltener Stimme— wie hilflos, wie elend muß ein ehrbares Maͤdchen ſeyn, das ſich unbedenklich dieſen Schritt erlaubt — wie edel der Mann, der ihn entſchul⸗ digt! Baͤrbchen Herrlein?— fragte der Er⸗ ſtaunte, oͤffnete haſtig die Thuͤr, ließ ſie ein, ſchob den Riegel vor und ſie entgeg⸗ nete, den Schleier zuruͤckwerfend: Die bin ich! E. Krank, wie es ſcheint! Er fuͤhrte ſie zum Sopha, ſie ſankeerſchoͤpft in die Kiſſen und lispelte: dem Tode nahe! 176 Nur der Gedanke an Sie hielt mich, wie eine himmliſche Hand, aufrecht— er ward mein Anker in der Seelenangſt.— E. O, köoͤnnte ich helfen! Kann ich? — Wie? S. Unmoͤglich— Nein! Vielleicht — O— nein! E. Der Zweifel quaͤlt mich— zur Sache denn! S. Sie Guter vertrauten mir heute tauſend Thaler fuͤr den Grafen an. E. Gott!— die fehlen? S. Die gab ich ihm. Er bezeichnete mir eine ehrenwerthe, nothleidende Dame, welcher ich ſie, doch erſt in der Daͤm⸗ merung, zuſtellen ſollte; ſeine Gemahlin aber hatte mich gleichzeitig mit Auftraͤgen an die Putzmacherin und den Schnitthaͤnd⸗ ler verſehen— mit Geldern, die ich Letzte⸗ rem behaͤndigen mußte, der mir zwei große Stuͤcke neuer Modezeuge mitgab. Ich kaufte 177 ferner noͤthiges Band fuͤr mich auf dem Markte, hatte da den Strickbeutel noch, in dem ſich das Paͤckchen fuͤr die Dame befand und als ich in die Thuͤr ihrer Wohnung trete, iſt er verſchwunden— verloren!— Das arme Baͤrbchen hatte ſich, von der Angſt und dem Grame be⸗ draͤngt, kaum vernehmlich, in abgebroche⸗ ner Rede geaͤußert; ſie ward jetzt ihrem Tuche an Weiße gleich und ging, ver⸗ ſtummend, in die tiefſte Ohnmacht uͤber. Ihm fehlte es an Mitteln zur Be⸗ lebung, auch bedurfte er ſelbſt eines ſol⸗ chen, denn das Schmerzenbild des frommen, holdſeligen, vielleicht dem Tode nahen Maͤd⸗ chens durchdrang erſchuͤtternd ſein Inner⸗ ſtes. Er neigte ſich zu ihr, er zog die Regungloſe an ſein Herz, rief ihr mit ſuͤ⸗ ßen Schmeichelworten und ſie erwachte endlich zu neuer Qual— die halbgebro⸗ chenen Augen ſtarrten ihn, ſein Grau'n nmn. 12 178 erhoͤhend, an. Ermannen Sie ſich,— bat er— noch iſt ja Hoffnung, noch waltet ja der Helfer im Himmel, Ihr Engel wird das ſchuldloſe Lamm nicht ver⸗ laſſen und das Verlorene findet ſich!— Ich bringe Sie heim, ich treffe unver⸗ zuͤglich die noͤthigen Anſtalten, ich rege meinen Freund, den Polizei⸗Meiſter, an — ich unterrichte den Grafen und bin ge⸗ wiß, daß ihr Zuſtand den Edlen weit ſchmerzlicher als der Verluſt dieſer Sum⸗ me betruͤben wird.— Einer Summe,— fiel ſie wehklagend ein— um die ein fuͤhlloſer Mann ſeine Gattin gebracht— deren Erſatz die Noth⸗ leidende erquickt und entzuͤckt haben wuͤrde. O, dieß Bewußtſeyn reicht hin, mein Leben auf immer zu vergiften. Der Doctor erſchoͤpfte ſich in Troſt und Zuſpruch, er bewies ihr, daß ſich auch dieſem Ungluͤcke eine Miiderung bei⸗ 179 geſelle; daß es um Ein's ſo druͤckend ſeyn muͤßte, wenn Jene bereits der zugedachten Wohlthat entgegenſehe und der gute, nach⸗ ſichtvolle Graf ſein Gegentheil waͤre. Doch Weßler's Reden verhallten unbeachtet und der Jammer der Verzagenden nahm uͤber⸗ hand. Die Graͤfin Wolinska gab an dem⸗ ſelben Abende einen großen Thee, dem auch die Frau vnn Sterly beiwohnte. Es iſt ein Elend,— ſagte ſie zu ihrer Nach⸗ barin, als eben von einigen Brautpaaren die Rede war— daß die Welt nicht ohne Maͤnner beſtehen kann, denn ſie verwildern immer ſichtlicher und ſelbſt die belobteſten ſind gewoͤhnlich nur ſchlau oder gluͤcklich genug, ihre ſtraͤflichen Schleichwege zu verheimlichen. So wuͤrde ich, zum Bei⸗ ſpiele, noch vor einer Spanne Zeit ein Rathhaus auf die Tugend und Ehrbarkeit des ſchoͤnen, artigen, zuͤchtig und gerecht 12* 180 ſcheinenden Weßler's gebau't haben und werfe ihn nun auch zu den Boͤcken. Den Braͤutigam der Unthal?— fiel jene verwundert ein. St. Fuͤr ſeine Suͤnden iſt er das! Denn was haben meine Augen auf dem Herwege erblickt, der mich an des Doctors Wohnung voruͤber fuͤhrte. Es ſchluͤpfte ein Paͤrchen aus dem Hauſe und ich er⸗ kenne beim Scheine der Lampe die Kam⸗ merjungfer der Graͤfin Gaſto, die, blaß und verwuͤſtet ausſehend, den Schleier herabzieht und mit dem Fuͤhrer davon laͤuft— laͤuft! denn ich folgte ſchnelles Schrittes, doch ſie entkamen mir. Und der Fuͤhrer? St. War Weßler wie er lacht und lebt. Ich falle in Ohnmacht! Doch man taͤuſcht ſich oft! 181 St. Selten oder nie, Theuerſte! auch fragte ich meinen Bedienten, der die La⸗ terne vor mir hertrug. Lieber Kaulfuß, — ſprach ich— hat er daß Paͤrchen dort erkannt?—„Ja, mit Verwunderung!“ — brummte der Alte—„Es war die und die und der und der!“— Die alſo zu ihm auf die Stube geht! Pfui der Schande!— Wer haͤtte das der kleinen Froͤmmlerin zugetraut. Mais c'est affreux!— rief ihre andere Nachbarin. 3 Was iſt affreux?— ſprach die Fol⸗ gende, ward berichtet, empfand daſſelbe Aergerniß und fliſterte: Ja, man entſetzt ſich, meine Damen! Doch dauert mich Weßler und ich glaube, daß ihn Gram und Groll auf Irrwege treiben, denn die Unthal iſt noch immer in Berlin, iſt ihm untreu, wohnt Seelen allein im Gaſthauſe 182 3 21 und haͤlt es ohne Scheu mit einem Polen. Ich weiß es genau. Das Laſter!— rief Frau von Sterly aus— wenn unſer Eine weiland das ge⸗ wagt haͤtte! Die Laſter haben Gluͤck,— bemerkte die zur Rechten— und dieſes abſonderlich. Sie geht ja fort und fort auf Roſen, geberdet ſich als habe ſie kein Waͤſſerchen getruͤbt und Alle nehmen die Heuchlerin wie einen Tugendſpiegel auf und ſprechen ihr zu. Jetzt trat, auffallend ſpaͤt, die Graͤfin Gaſto ein und es verlautete bald darauf, ſie habe vergebens auf die Ruͤckkehr ihrer Jungfer gehofft, die ein Geſchaͤftgang ent⸗ fernte, habe mit dem Beiſtande des Stu⸗ benmaͤdchens fuͤr lieb nehmen muͤſſen und ſtehe in großen Sorgen um jene Pflicht⸗ getreue, welcher unfehlbar ein Ungluͤck widerfahren ſey.— Ein ſauberes Ungluͤck! — 183 6 — wisperte die Sterly, draͤngte ſich, da eben das Beginnen des Spieles einen Auf⸗ ſtand veranlaßte, zu der Graͤfin und ihre Fragen veranlaßten dieſelbe zur Mittheilung der Urſache des ſpaͤten Erſcheinens. Schon fruͤher,— ſagte Emma— brachte mich ein ſchwerer Fall der Vorigen um ein köſtliches Feſt bei unſerer guten Wolinska und heute graut mir vor aͤhnlichen Nach⸗ richten. Agrippine erwiderte hierauf ſpoͤttelnd und lachend: gefallen moͤge die Jungfer ſeyn und vielleicht tief genug, doch nur in eines ſchoͤnen Mannes Arme. Sie vertraute derſelben hierauf, was ſie und ihr Kaulfuß auf dem Wege bemerkten und Emma entſetzte ſich, den Ruf des from⸗ men, fleckenloſen Baͤrbchens dieſem Laͤſter⸗ munde preis gegeben zu ſehen. Sie dachte: Das iſt wieder ein unbeſonnener Streich meines Rudolf's. Er hat den Weßler 184 ſprechen wollen, hat jener, die er im Be⸗ griffe ſah, auszugehen, befohlen, ihn herbei zu ſchaffen, Baͤrbchen aber folgte blind⸗ lings ihrem Dienſteifer und der Doctor ge⸗ leitete ſie, der Dunkelheit wegen, artig wie er iſt und aus Ruͤckſicht auf uns. Die Graͤfin gab auch ſofort, um des Maͤdchens guten Namen zu retten, die Vermuthung fuͤr eine wirkliche Thatſache aus, und ver⸗ ſicherte, es erſt nach der Heimkehr mit dieſem rechtlichen Gefaͤhrten, verſchickt zu haben. Alle, welche die Jungfer vorhin, dem Scheine gemaͤß, beargwohnt und ge⸗ richtet hatten, theilten jetzt den Kummer der Graͤfin um die Verſchwundene, Frau von Sterly aber ſagte zu ihren Vertrau⸗ ten: Gluͤcklich ſind wir blind! Auch der verruchten Thereſine trat ſie immerdar die Bruͤcke und dieſe Barbara iſt um nichts beſſer als die neun Baͤlger, die ich im Laufe von drei Jahren hatte, — 185 Das ſchmerzenreiche Baͤrbchen hing mit dem Gewichte einer Bewußtloſen an Weßler's Arm'; er fuͤrchtete von Schritt zu Schritte, ſie als ſolche aufnehmen und heimtragen zu muͤſſen und ſprach zu ihr: Sie ſchleichen nun ſogleich in ihr Stuͤb⸗ chen, legen ſich zu Bette, ſind unter We⸗ ges ploͤtzlich erkrankt, haben deßhalb in ei⸗ nem Kaufladen verweilt, an dem ich zu⸗ faͤllig voruͤber ging, Sie wahrnahm und Ihnen den Arm bot. Der Grund des Uebelbefindens wird verſchwiegen, ich aber hole den Arzt herbei und unterrichte dann den Grafen. Die Antwort erſtarb auf Baͤrbchens Lippen und er verließ ſie nun in Gaſto's Vorſaale, um den Hausarzt Guͤldenkraut aufzuſuchen. Melitta ſtand vorhin im Begriffe, die Graͤfin in jene Thee⸗Geſellſchaft zu be⸗ gleiten, als ein Brief ihrer Schweſter The⸗ 186 one einlief. In dieſem lag ein zweiter, offener und ſie ergluͤh'te, die Unterſchrift deſſelben erblickend, denn er war von ihrem gefeierten Waͤhlau, kam fernher von der Wolga Ufer, wo Gluͤck, Geſchick und ſei⸗ nes hohen Goͤnners Huld dem Theuern hoͤchſt gewiß ein Loos bereitet hatten, das ihn berechtigte, Melitten nun die Hand zu bieten. Sie warf ſich zitternd und aufgeregt an der Freundin Hals. Ich bleibe daheim,— ſagte ſie— um mich in dieſe Blaͤtter zu verſenken, die, wie mir ahn't, mein kuͤnftiges Geſchick enthal⸗ ten.„Briefe leben, athmen warm und ſagen, was die Lippen kaum zu ſtam⸗ meln wagen, und geſteh'n es ohne Schuͤch⸗ ternheit.“ Der Brief des geliebten See⸗ lenhirten war aber, wie ſie jetzt wahr⸗ nahm, an Theonen gerichtet, ſchoͤn und gemuͤthlich, ein ruͤhrendes Dankopfer fuͤr die fruͤher ihm gewordene, freundſelige 187 Beachtung der trefflichen Familie Landſtern und ſein eigentlicher, von Blumen und zierlichen Wendungen verdunkelter In⸗ halt ſagte: „Die fromme, erſte, begeiſternde Liebe ließ mich einſt meinen Standpunkt und die heiligen Schranken der Hoͤhe, zu der ich aufſtrebte, verkennen; doch das Pflicht⸗ gebot weckte den Schwaͤrmer— fuͤr im⸗ mer beſchaͤmt, gab ich den goͤttlichen Traum auf, folgte ich dem herben Gebote, folgte ich der Erkenntniß, daß nur Trennung und Ent⸗ fernung die vergebliche Sehnſucht zu mildern, die Wunde des blutenden Herzens zu heilen vermoͤgen.— Sie iſt geheilt, der Friede zu⸗ ruͤckgekehrt, die Lage Ihres dankbaren und ewigen Verehrers erwuͤnſcht, ſein bedeutender Wirkungkreis heilbringend, der General mein guter Genius und die treffliche Bild⸗ nerin ſeiner Kinder ſeit kurzem meine zaͤrtliche Lebensgefaͤhrtin ꝛc.“ 188 Emma war indeß zu der Graͤfin Wolinska gefahren, ihren Gemahl trieb das Ausbleiben Baͤrbchens, das er ſchon vor zwei Stunden mit jenen tauſend Tha⸗ lern ausgeſandt hatte, ruhelos umher, er trat jetzt in Melittens Zimmer, die mit verhuͤlltem Geſichte im Sopha lag und in Antwort auf die Frage des Erſchrockenen, der ſie erkrankt glaubte, kaum vernehmbar erwiderte: Er irre ſich, es ſey ihr wohl und nur der Schlummer habe ſie be⸗ ſchlichen. Als aber ein Bedienter zuruͤck⸗ kam, welcher die Jungfer vergebens ge⸗ ſucht hatte, nahm Gaſto den Beiſtand ſeines Hausgenoſſen, des Polizei⸗Meiſters, in Anſpruch und ſchickte jenen wieder fort, den Doctor Guͤldenkraut herbei zu holen, denn Litta verheimlichte offenbar ein be⸗ deutendes Uebelſeyn und er fuͤrchtete zudem, daß man jene vielleicht, von einer Ohn⸗ macht befallen oder von einem Hunde oder 189 Wagen verletzt, heimbringen werde. Auch Weßler ſuchte den Doctor jetzt um Baͤrbchens Willen auf, fand ihn bei Roſali zwiſchen Rheinwein und Auſtern, uͤbernahm die Verzehrung der letzter'n und trieb den Widerhaarigen an's Ziel. Als Thereſine Wendelin verhaftet ward, gelang es ihr noch, ein Roͤllchen mit Gold im Munde zu verbergen, das den Gehilfen des Stockmeiſters gewinnen und ſie ſchnell genug befreien half. Faſt nackt und zu der alten Judith fluͤchtend, fand ſie den Bruder vor und regte ihn zu dem Ver⸗ ſuche auf die Geldkaͤſten des Fraͤuleins von Rauhmund an, um dann, mit ihrem Theile an der reichen Beute, uͤber die Grenze zu eilen und nach Befinden in der Ferne ein neues Leben zu beginnen oder das Ge⸗ ſchaͤft in's Große zu treiben. Aber die 190 mißlungene Unthat fuͤhrte jenen in den Ker⸗ ker, welchem ſie kaum entſprungen war, Thereſine fand zudem jetzt alle Verſtecke geleert, in denen Wendelin die Fruͤchte ſeines Raubes zu bergen pflegte und er⸗ rieth, daß ihr die alte Hehlerin zuvorge⸗ kommen und ſich das Habſal des verloren Scheinenden angeeignet habe. Vogelfrei, bettelarm, unbedingt von der Graͤulichen abhaͤngig, wagte ſie es nicht, ihren Arg⸗ wohn und den Grimm, der ihr Innerſtes empörte, laut werden zu laſſen und Judith, bisher ſo dienſtfertig und ergeben, fragte jetzt, losbrechend: Was ſoll mir nun die verwuͤnſchte Prinzeſſin?— Zum Aſchenbroͤdel biſt Du zu faul und zu gebrechlich, was Du ver⸗ magſt, lockt keinen Hund vom Ofen, ge⸗ ſchweige denn Geld und Gut herbei und Kleidung, Koſt und Hauszins muͤſſen be⸗ zahlt werden. Die Nothdurft faͤnde ſich, 194 waͤrſt Du ſo huͤbſch als liederlich, garſtige Schaͤtze aber muͤſſen Haͤnde und Fuͤſſe regen, muͤſſen ſich ſelbſt helfen und das Dunkel beguͤnſtigt die Pfuſcher. Dort haͤngt mein Troͤdelkkam— waͤhle Dir ein paſſendes Maͤnnerkleid, Mantel und Muͤtze aus und gehe dann und verſuche Dein Heil. Kehren die Gaͤhnaffen aus der Bude des engliſchen Bereiters heim, ſo iſt dort ein dichtes Gedraͤnge; es wird dem Duͤmmſten leicht, etwas davon zu bringen. Die Faſelanten tragen oͤfter reiche Taſchenbuͤcher im offenen Sacke, ſchnat⸗ ternde Gaͤnſe den vollen Strickbeutel ſo loſe in der Hand, daß ein raſcher Zug, ein Schnitt mit der Schere und die ſchnelle Wendung hinreichen, ihn zu dem ſeinigen zu machen. Geh'— Marſch! ſage ich und da es pechfinſter und der Geſchmack ver⸗ ſchieden iſt, ſindet ſich wohl ein Sonder⸗ ling oder ein Trunkenbold, der Dich herzt 192 und Uhr und Beutel dann zu ſpaͤt ver⸗ mißt. Wagen gewinnt, alſo vorwaͤrts! Denn wer nicht arbeitet, mein Toͤchterchen! ſoll auch nicht eſſen!— Damit entzog ſie derſelben das Meſſer, mit welchem die Heißhungerige eben ein Brot anſchneiden wollte.— Thereſine ſchlich, knirſchend aber folgſam, zu den aufgehangenen Kleidern hin, beſah und waͤhlte, legte die Verkapp⸗ ung an und dachte: Ich will hier kein Brot mehr an⸗ ſchneiden, ſondern Fleiſch! Dein Gurgel⸗ fleiſch, Du Ungeheuer! und will dann vor Dir ſtehen wie Du vor mir und ſprechen: Siehſt Du, ich arbeite— Wagen ge⸗ wann! Her mit dem Mammon und nieder mit Dir!— Marſch, ſage ich, auf den Anger! Sie ging, ſie ſchlich Straße auf und ab, denn die engliſchen Bereiter ritten heute nicht und das Theater, wo geſpielt ward, ver⸗ 193 mied ſie wegen des erleuchteten Platzes und eingedenk des Mißgeſchickes, das dort, bei einem aͤhnlichen Verſuche, ihren Bru⸗ der traf. Noch hoͤher und gluͤhender aber loderte die Hoͤllenf8kamme in Thereſinens Bruſt, als ſie jetzt ihre gluͤckliche, grimmig beneidete Nachfolgerin im graͤflichen Hauſe mitten unter ander'n Kaͤuferinnen an ei⸗ ner Bandbude erblickte. Baͤrbchen oͤffnete eben den Strickbeutel, waͤhlte im Gelde, deckte den Kauf, nahm dann die beiden, von jenem Seidenhaͤndler empfangenen Pakete wieder an ſich und ging weiter. Ein Schnitt der Schere, welche jene in der bergenden Hand trug, reichte hin, den Beutel abzuloͤſen; er fiel, von Baͤrbchen unbemerkt, die Diebin trat auf ihn, um die Entfernung der Beraubten und der voruͤber Gehenden abzuwarten. Ihr ahnte nicht, daß ſie auf tauſend Thalern ſtehe, doch wich jetzt das marternde Weh ur⸗ II. 13 194 plötzlich dem Entzuͤcken befriedigter Rache und Beuteſucht und immer ſtaͤrker und draͤngender aͤußerte ſich des boͤſen Feindes Geiſt und Rath in der Verwilderten. Noch immer wartete Thereſine auf ei⸗ nen guͤnſtigeren Augenblick, den Raub, den ihr Fuß bedeckte, zu erheben und dachte hohnlaͤchelnd: Wehe Ihnen, Mamſell Herr⸗ lein! das iſt nur ein Vorſchmack! Wehe Dir, Julie Schaͤrflich! Hoffaͤrtiger Gluͤcks⸗ pilz, der immer nur eine Magd in mir ſah, kaum nickte, wenn ich hoͤflich gruͤßte und meine demuͤthige Naͤherung verſchmaͤhte. Vor allem Wehe Dir, verruchte Ange⸗ lika, deren Suͤndengeld meinem Bruder den Hals bricht. Noch ehe der Morgen graut, ſoll Mutter Judith mit ihrem ſchwarzen Hahn um die Wette kraͤh'n— ſoll der rothe Hahn Juliens Prachthaus mit Euch allen zu Aſche machen und die loͤbliche Polizei ſchwitze Blut!— Aber der Graf 195 und ſeine Emma!— Ja, die ſind rein! — Gibt's einen Gott, ſo hilft er ihnen — Mir half er nie! Wen ſollte ich ſcho⸗ nen? Das herrliche Gebaͤude, welches jene Tochter des Abgrund's mit allen ſeinen werthen und werthloſen Bewohnern dem Untergange weihte, ſtand um ſo mehr in Gefahr, da Thereſine mit ſeinem Innern, wie mit den Mitteln, es ſchnell zu ver⸗ derben und Allen die Flucht zu verleiten, bekannt war; denn Qualm und Gluth betaͤubte und erſtickte ſie, ehe ihnen Hilfe werden konnte, wenn Jene den Brand⸗ ſtoff durch ein unverwahrtes Fenſter der Futterkammer einwarf, die mit Heu und Stroh und Holz erfuͤllt, unfern des Ein⸗ ganges lag. Dieß Haus glich uͤbrigens im Laufe der gedachten Nacht einem 13* 196 Siechhauſe. Noch hatte Angelika die Fol⸗ gen des gewaltſamen Ueberfalles nicht ver⸗ ſchmerzt; die Zettel am Halſe der Arznei⸗ flaſchen erſchienen ihr wie Apotheker⸗Rech⸗ nungen, des Doctors Hand, wenn er den Puls pruͤfte, wie ein rieſenhaftes, der Thaler gewaͤrtiges Zaͤhlbret, ſeine Hilfe fruchtlos und das nahende Jenſeit wie ein ſchwarzgrauer Sumpf, in dem die Geiſter ihrer Suͤnden, theils als Unken wehklag⸗ ten, theils als Kroͤten auftauchten. Julie haderte ſchlaflos und froͤſtelnd mit dem Schatten des Vaters, welcher ihr in dieſem reichen Nachlaſſe nur Kum⸗ mer und Unehre zum Erbe gab. Melit⸗ tens Thraͤnenſtroöme uͤber das Erkalten, Entſagen und die Vermaͤhlung ihres Ido⸗ les veranlaßten ein immer zunehmendes, faſt betaͤubendes Kopfweh. Auch Mar⸗ garethe Guding, die gluͤckliche Braut, ging verduͤſtert in ihre Kammer, denn es aͤng⸗ 197 ſtete ſie ein rothes, achteckiges Sternlein; der feurige Polizei⸗Meiſter hatte naͤmlich die Holde, gute Nacht ſagend, zu gewalt⸗ ſam an's Herz gepreßt und ſein Orden⸗ kreuz ſich, Schmerz erregend, auf ihrem Buſen abgedruͤckt. 3 Im erſten Stockwerke ſah es noch truͤbſeliger aus. Der Doctor Guͤldenkraut ſaß am Bette des ſchwer erkrankten Baͤrb⸗ chens und konnte weder rathen noch hel⸗ fen, da der Zuſtand deſſelben dem Seelen⸗ leid entſprang. Graf Gaſto wußte bereits, von Weßlern unterrichtet, was ihr begeg⸗ net war, Beſtuͤrzung und Unruhe trieben ihn umher; vergebens trank er Zuckerwaſſer und verſicherte der Gemahlin, welche der Zahnſchmerz, die Folge guter Hoffnung, quaͤlte, daß die Theilnahme an ihrer Pein ihn dergeſtalt angreife. Emma erkannte innig geruͤhrt dieß uͤberzarte Mitgefuͤhl und verbiß, um ihn zu ſchonen, das Weh 198 nach Kraͤften. Sogar Chriſtine, das Stu⸗ benmaͤdchen, hing die Fluͤgel, doch dieſe war nur meißeldraͤthig, weil ſie ſich vor⸗ hin im Dunkel auf ihren guten Sam⸗ methut geſetzt hatte. Welch eine Nacht! Sie glich an Schwaͤrze dem zerſeſſenen Hute, dazu raſ'te der Sturm durch die Wipfel der uralten Gartenlinde, Schnee und Regen peiſchten wie Fittiche der boͤſen Geiſter die Glasſchei⸗ ben, doch gute Engel wahrten Dach und Fach, denn es ergluͤhete, außer den Wangen der Fieberkranken und den Kohlen des Heerdes, kein brennbares Staͤubchen in dem furcht⸗ bar bedrohten Reviere. Die innige Theilnahme an dem Ver⸗ haͤltniſſe des armen Baͤrbchens, das ſich geſtern, troſtlos doch vertrauend, in Weß⸗ ler's Arme warf, verkuͤmmerte auch dieſem die Nacht; er trat am Morgen, zugleich 199 mit einer Frau, die den Polizei⸗Meiſter zu ſprechen begehrte, in deſſen Zimmer. Guten Tag, geſtrenger Herr!— ſagte dieſe— Sie kennen hoffentlich die Witwe Sandmann noch, die Ihnen fruͤher einmal zu Befehl ſtehen mußte und deren Bild, leider Gottes! noch immer in Ihren Haͤn⸗ den iſt. Bei den Acten vielmehr und bleibt Ihnen unverloren— erwiderte Schaͤrflich — was beliebt?* S. So? Bei den Acten? In der Todtenkammer alſo? Da ruht es ſanft. Auch wiſſen Euer Geſtrengen, daß ich am Springbrunnen feil habe, mitten inne zwiſchen dem Schleifer und der Bandkraͤ⸗ merin. Dort ſitze ich noch und wollte geſtern Abends eben Schicht machen, nahm aber, wie durch Fuͤgung, ein Kerlchen auf's Korn, das zwiſchen meiner Boutike und der Bandbude gleich einem Weg⸗ 200 pfahle feſt ſtand und ſicherlich Boͤſes im Sinne hatte, denn es wird jetzt aͤrger als jemals gemauſ't. Ich hielt deßhalb den Graumantel unverruͤckt im Auge, ich ſprang hervor, ich rief: halb Part! als er ploͤtzlich etwas vom Boden aufraffte und faßte ihn am Rockzipfel, weil er um ſich ſchlug und ausreißen wollte. Jetzt trat denn auch der Nachbar Schleifer und der Gott⸗ fried der Bandkraͤmerin hinzu, da verlor das Buͤrſchchen den Muth, warf dieſen Strickſack von ſich und rannte fort. Gott⸗ fried iſt ihm vergebens nachgeſprungen, ich und der Nachbar aber unterſuchten den Inhalt der aus neun Thalerſtuͤcken, einem verſiegelten Paͤckchen, einem feinen, B. H. bezeichneten Tuͤchlein und zwei Schluͤſſeln beſtand.— Frau Sandmann— ſagte jener— ich habe Lack und Pappier in der Bude, wir thun ſo wohl und verpetſchiren als ehrliche Leute den Beutel, ich aber 201 haͤndige ihn morgendes Tages dem loͤbli⸗ chen Polizeiamt' ein. Der er zufiel— ſprach ich— die wird ihn abgeben und eines Hofſtuͤckgießers Tochter weiß ja wohl ohne Ihr Zuthun, was Pflicht und Chriſtenthum erheiſchen. Dann gab ein Wort das andere, er wurde groͤblich, ich biß ihn weg und deßhalb blieb der Beutel unverſiegelt; Euer Ge⸗ ſtrengen aber werden meiner Honettigkeit glauben und mir, Falls nach dem Saͤckchen gefragt wird, einen anſtaͤndigen Finderlohn ausbedingen.. Schaͤrflich erkannte an den Buchſtaben im Tuche und vornehmlich an dem Wapen des Grafen und der Handſchrift deſſelben auf dem Pakete, daß das goldene Vließ in ſeiner Hand liege, er winkte dem Freunde, der, wie ein Freudenengel gluͤhend, im Fenſter lehnte, und ſich kaum zu halten vermnchte. Frau Sandmann— ſagte er— Sie zeigen ſich 292 als eine Tochter edler Herkunft, die als ſolche Ihrem wuͤrdigen Vater und Ihrem ſeligen Vormunde, dem Maler Rauſchgelb noch im Grabe Ehre macht. Der Verluſt ward mir be⸗ reits gemeldet und ich beauftragt, den red⸗ lichen Ueberbringer mit dieſen vorgefunde⸗ nen neun Thalerſtuͤcken zu vergnuͤgen. Neh⸗ men Sie, Wertheſte! Ihr Genius mache ſo viele Tauſende daraus und ein Pracht⸗ haus aus Ihrem Boutikchen! Ausbund der Tugend!— rief Weßler losbrechend— Zierde des beſſern, engel⸗ haften Geſchlechtes, umarmen Sie mich! Frau Sandmann laͤchelte wie in der Mainacht des erſten Kuſſes, ſtrich haſtig den reichen Finderlohn in ihr Koͤrbchen und wisperte, die langen Arme oͤffnend: Immerhin! Kann ich doch ohne Ruhm vermelden, daß dergleichen Careſſen ſeit dem ſchmaͤhligen Heimgange meines Kan⸗ zelliſten, noch keinem Andern widerfahren ——— ——— 203 ſind. Sprach's— unterbrach aber zum oͤfftern die Rede, um den bildſchoͤnen Doc⸗ tor herzinnig abzuſchmatzen, verſicherte dann, ſie habe dieſe Menſchenliebe, ſelbſt im Traume nicht, auf dem loͤblichen Po⸗ lizeiamte geſucht, nehme deßhalb die fruͤ⸗ her geaͤußerte unverſtaͤndige Meinung zu⸗ ruͤck und ſchlage ſich auf's Maul. Dieß geſchah auch alsbald, doch plaͤrrte es, un⸗ verſchließbar, ſo lange fort, bis ihr der Hauptmann freundſelig den Arm bot und ſie zur Treppe geleitette. Als er zuruͤckkam, ſtand Weßler mit naſſen, himmelwaͤrts blickenden Augen und gefalteten Haͤnden im Zimmer, oͤffnete je⸗ ne nun, druͤckte ihn laut jubelnd an's Herz und bat: Ueberlaß mir den Beutel, ich thue die neun Thaler hinzu und bringe ihn der Vergehenden. S. Das Handgeld fuͤr die Braut. W. O lieber Johannes! 204 S. Ich ſehe es kommen, Freund! Die treue Clara ſchlaͤft im Grabe, die un⸗ treue Nina in des Ulanen Arm und das holde Baͤrbchen naͤchſtens an Deiner Bruſt. — Damit haͤndigte ihm der Prophet den erquickenden Talismann aus und jener ſtuͤrmte fort. Der gluͤckliche Weßler eilte hinab, um zu beleben, zu entzuͤcken, wir aber ſchlei⸗ chen auf den Zehen nach und ſuchen die werthen und unwerthen Kranken und Be⸗ truͤbten heim. Julie iſt heute um etwas minder erregt, auch gefaßter, denn ſie ver⸗ laͤßt ſich auf Weßler's Eifer, Einfluß und Geſchick, zudem ſitzt die Tante Guding am Bette und hat ihr einen troͤſtlichen, eben aus Dachsleben eingetroffenen Brief mit⸗ getheilt. Er iſt vom jungen Horn⸗ vogel, dem Neffen und Gegenſtuͤcke des 205 Rathherrn, der ein Gut unfern des Staͤdt⸗ chens beſitzt, das Maͤdchen auf den dorti⸗ gen Caſinobaͤllen kennen lernte, ihr den Hof machte und die Frau Pathe mittels dieſer Zuſchrift beſchwoͤrt, des vollen Her⸗ zens Sehnen, Leid und Zweck der Ange⸗ beteten vorbittend zu eroͤffnen. Ihm iſt bei eigenem anſehnlichen Vermoͤgen an der Mitgift derſelben weniger als nichts, doch alles an ihrer Huld und Ge⸗ waͤhrung gelegen, auch wiederholt er dieſe Verſicherung noch am Schluſſe unter Be⸗ theuerungen, die wie Heilſaft in Julchens Herz traͤufeln, das ſeit geſtern fuͤrchten muß, die Halbſchied oder zwei Dritttheile des aͤlterlichen Nachlaſſes verkuͤmmert zu ſehen. Sie kennt den jungen, huͤbſchen, rechtlichen Mann, findet ihn dem Schwane um vieles naͤher als dem Gaͤnſerich, fuͤr einen Landwirth gebildet genug, iſt jedoch höchſt verdrießlich, Madame ſchlechtweg und 206 ſogar Madame Hornvogel werden zu ſol⸗ len. Als nun die Steadtſchreiberin ihre Worte geſetzt, des Maͤnnchens Vorzuͤge und Eigenſchaften, Haus und Hof, Acker und Vieh nach Kraͤften belobt hatte, ta⸗ delte Julie bloß ſeinen ſchmaͤhligen Na⸗ men; ſie meinte, der uͤbrigens ſehr ehren⸗ hafte Antrag koͤnne nur dann ein Gegen⸗ ſtand der Beherzigung werden, wenn er ſich gefaͤlligſt umtaufen laſſe. Dieſe Um⸗ taufe ſey allerdings nur mittels der Erhoͤh⸗ ung in den Adelſtand zu erlangen, wider die ſie uͤbrigens nichts habe und nur dar⸗ auf beſtehe, daß der Vogel von dem Horne getrennt werde und die unnatuͤrliche, von der Naturlehre nirgend gerechtfertigte Zu⸗ ſammenſtellung verſchwinde. Vogel von Horneck, zum Beiſpiele, klinge ritterlich, auch Horn von Vogelhayn, Vogelthal oder burg oder berg moͤge ſchleichen.— Ja, 207 dachte ſie: auf dieſer noͤthigen und wohl⸗ feilen Veredelung muß ich um ſo mehr be⸗ ſtehen, da des Onkels wunderliche Wahl das blutarme Gretchen zur Hauptmaͤnnin — ſogar zu meiner Tante macht.— Ge⸗ dachtes Gretchen hatte wie ein Engel ge⸗ ſchlafen, der Schmerz und das Sternlein auf der Bruſt waren uͤber Nacht, zum innigen Vergnuͤgen der Aengſtlichen, ver⸗ ſchwunden und auch das Fraͤulein Rauh⸗ mund dankte dem Himmel eben im Mor⸗ genſegen fuͤr die empfundene Wiederkehr der Kraft und Heiterkeit und ſchloß den Vetter Herrlein in das Gebet ein. Derſelbe war, ſeitdem er ſie der Raͤuberhand entriß, Angelika's Herzblatt, war gleichſam ihre erſte Liebe und deßhalb bisher, ſo oft ihn der Dienſt nicht abhielt, ein fuͤr allemal zu dem auserleſenen Fruͤhſtuͤcke geladen worden, das keinen Heller koſtete. Wer die Pazientin jetzt beſuchte, mußte glauben * 208 1 in das Speiſegewoͤlbe der Graͤfin Gaſto gerathen zu ſeyn, denn alle Vertraute und Goͤnnerinnen ſahen ſie bereits fuͤr ein Kind des Todes an, trachteten daher nach einem Legate und warfen, um ein ſolches zu er⸗ werben, ausgeſuchte Krankeneſſen, Cromes und Eingemachtes, Grillirtes, Frikaſſirtes und Ungerwein nach dieſer Speckſeite des letzten, noch unausgeſprochenen Willens. Freue Dich, Woͤlfchen!— rief die Tante, gleich ihm vergnuͤgt, als er jetzt eintrat— meine Erbſchleicherinnen haben mir eben wieder um die Wette hofirt; die zierliche Paſtete dort, koͤmmt von der Sterly, die Naͤrrin hat ſie gar mit einem Kranze von Vergißmeinnicht geſchmuͤckt; den haͤnge an den Nagel auf, von dem mein gipſener Landesvater herabfiel, denn die Blumen ſind gemachte, die man gele⸗ gentlich noch brauchen kann. Friß, Vög⸗ 209 lein! ſchone nicht, doch ſage mir zuvor: Wie ſehe ich aus? Ganz unvergleichlich, Matante! ver⸗ ſicherte der Dankbare— friſch und roth wie ein abgeſchmatzter Borsdorferapfel— Vivat! Sie ſollen leben und wenigſtens tauſend Jahre noch wie heute! Das Weinchen wollte ich dem armen Vater gönnen!— Ach, alles, großer Gott! S. Verzehre es auf ſeine Geſundheit, ſo bekoͤmmt es ihm mittelbar und wenn Du ſatt biſt, Woͤlfchen! ſetzeſt Du Dich hier an mein Bett— mir gegenuͤber und erzaͤhlſt mir was. Ich ſeh' und hoͤre Dich ſo gern! E. Da wollte ich Ihnen den langen Weinhard wuͤnſchen, Gnaͤdige! der hat den ganzen Vatermecum im Kopfe und reißt daneben einen Witz, der Haͤnde und Fuͤße hat. II. 14 210 S. Laß Dich nur nicht von ihm verfuͤhren, Kind! denn aus dem Herzen ſolcher Witzbolde kommen in der Regel arge Gedanken und ich konnte neulich ſchon im Kaſernenhofe bemerken, wie ſehr es dort an feiner aͤußerlicher Zucht gebricht. Was treibſt Du den jetzt waͤh⸗ rend der endloſen Abende? Da wird geputzt, gebalgt, Schafkopf geſpielt oder Dame gezogen, oder ich leſe der Frau Sergeantin aus Happel's Curio⸗ ſitaͤten vor. Angelika ſagte haſtig: Der Du wohl ſehr in's Auge ſtichſt? E. In's rechte hoͤchſtens, doch ſpuͤr' ich es nicht— das linke hat ihr der erſte Mann, bei einem Rencontre, vor mehr als vierzig Jahren ausgeſchlagen. S. Die arme, bedauernswerthe Frau. Gruͤße ſie freundlich! Und was ſchreibt denn Dein Happel? 211 E. Geſtern, zum Beiſpiele, erzuͤhlte er von einer ſpaniſchen Aebtiſſin, die uͤber hundert Jahre alt ward. S. Ein koſtbares Alter und wer hilft dahin, Du Goldſohn? der zuͤchtige Jung⸗ fern⸗ und der reine Junggeſellenſtand, wie auch mein lieber, wohlfeiler Leibes- und Seelenarzt, Herr Doctor Mittelmaß⸗ E. Glauben Sie?— Nein, Tant⸗ chen! Mittelmaß iſt ein Faſtenprediger, da ſterbe ich lieber vor der Zeit. Im funfzigſten Jahre aber bekömmt gedachte Domina, zum Erſtaunen ihrer Kloſternon⸗ nen eine annehmliche Roſenfarbe und ei⸗ nen friſchen Zahn nach dem andern— die grauen Haare werden wieder ſchwarz und Haͤnde, Fuͤße und Zubehöoͤr feiſt und quapp⸗ lich wie ehedem:„Zumal ſich auch“, ſagt der Verfaſſer:„alle Runzeln als des Alters Trabanten, voͤllig verloren hatten.“ Ach, großer Gott rief die Sergeantin: 14* 212 4 warum kann das unſer Einer nicht wider⸗ fahren?— Auch dem Fraͤulein entglitt jetzt ein ſtoͤhnender Seufzer; da unterbrach die eintretende Sterly das Zwiegeſpraͤch und verſcheuchte den Miteſſer. Weßler, der Freudenherold, traf waͤh⸗ rend dem im Vorſaale auf die Graͤfin, der ihr Gemahl am Morgen die Urſache von Baͤrbchens bedenklichem Zuſtande er⸗ offnete— eine Schreckenpoſt, die derſel⸗ ben alsbald das Zahnweh vertrieben hatte. Jener verkuͤndigte das Heil und ließ ſie den Fund ſehen; ein Jubelruf Emma's lockte den Arzt aus dem Krankenſtuͤbchen herbei; ſie theilte ihm, durch Thraͤnen laͤ⸗ chelnd, die wohlthuende Botſchaft mit und fatzte haſtig Weßler's Hand, um ihn an Baͤrbchens Bett zu fuͤhren und zum Mit⸗ genoſſen des Entzuͤckens dieſer Grambedeck⸗ ten zu machen. Mit Nichten!— ſagte der unzarte Guͤldenkraut, welchem jetzt 213 auch das Waſſer in die Augen ſchoß— Die gnaͤdige Graͤfin wuͤrden da unſtreitig der Baͤrin gleichen, die ihre Jungen aus Zaͤrtlich⸗ keit zu Tode herzt. Sie lachte den Schmeich⸗ ler aus, eilte fort, um ihrem Rudolf Bericht zu erſtatten und jener ſprach nun zu dem draͤngenden Freunde: Her mit dem Beutel, Doctor! und dann abmarſchirt! Sucht Euer Vergnuͤgen bei geſunden Maͤdchen und verkuͤmmert mein Recht nicht, das mich zum Herz— blatte der Hinbruͤtenden macht. Ließe ich Euch walten, ſo fiel't Ihr mit dem Sarg⸗ deckel in's Haus, hier aber muß leiſe aufgetreten und die Pſyche gleichſam mit der Pincette erfaßt werden. Geht mit Gott! Die Thoͤrige wird Zeit genug nach dem Gluͤckpilze begehren, in den ſie, gleich den andern Blinden, vernarrt iſt und ihren Waͤchter und Helfer mit einem leidigen, am Strohfeuer gewaͤrmten„Ich 214 danke ſchoͤn!“ ablohnen.— Damit ent⸗ zog er jenem den werthen Talisman, ver⸗ barg ihn ſorgfaͤltig, eilte an's Kranken⸗ bett zuruͤck und ſagte, leiſ' und bedeutſam: Schaͤtzbares Baͤrbchen, mich verſichert ſo eben der Polizei⸗Meiſter, er habe Grund und Urſache, von der Thaͤtigkeit ſeiner Leute das Beßte zu hoffen und zu ver⸗ muthen, daß dieſe bereits die Spur des Finders entdeckten und verfolgen. Schmerzlich laͤchelnd, erwiderte ſie mit ſchwankender Stimme: ich zweifle nicht, daß Graf und Graͤfin, dieß engelhafte Menſchenpaar, alles aufbieten werden, um mich Schuldige ſelig zu taͤuſchen und man Sie deßhalb wahrſcheinlich zur Mitwir⸗ kung einlud. E. Fehlgeſchoſſen, Herzliebſte! Unſer Herrgott erſpart ihnen dieſen Moleſt; er trat in's Mittel! —— 215 S. Man wird ein anderes Paͤckchen bereiten, neun andere Thaler beilegen, mir den Fund froͤhlich vorzeigen und irgend etwas erdenken, um den Mangel des Beu⸗ tels und meiner Schluͤſſel zu beſchoͤnigen. E. Ei, Barbara, Barbariſata! Sie ſind viel ſchlimmer und verſchlagener als ich je gewaͤhnt. Wird aber dieſe unglaͤu⸗ bige Seele auch dann noch zweifeln und argwoͤhnen, wenn man den ganzen Kram, ſammt den unverkennbaren Artikeln, hier auf der Bettdecke, vor Ihren himmelblauen Augen auskramt und Sie dann ausrufen muͤſſen:„Das dank', o Gott! das dank' ich Dir! o danket, danket Gott mit mir!“ und ſo weiter. Darauf entgegnete Baͤrbchen leiſ' und weinerlich: Geſchieht das, ſo bethoͤrt mich nur ein heilloſes Trugbild— ein Fieber⸗ traum! und ich erwache dann noch um Eins ſo ungluͤcklich und troſtlos. Ich traͤume ſchon 216 jetzt ſo— traͤume Hoffnungen— O, wecken Sie mich doch! Blitz und der Doner!— rief Guͤlden⸗ kraut, der in ſeinem Aerger die Warnung von vorhin, den leiſen Auftritt ſammt der Pincette vergaß und jetzt ſelbſt wie ein Mondſtein in's Haus fiel— Wenn mir nicht auf der Stelle geglaubt wird, ſo hole ich den Doctor Weßler, der vor der Thuͤr lauert, vor Wonne aus der Haut fahren moͤchte und Sie wecken ſoll. Unterſtehen Sie ſich's!— fliſterte die Kranke— harter, unzarter Mann! Trau⸗ ern und weinen wuͤrde der edle Freund mit mir— wenn es ſich ſchickte— ihn herein zu laſſen.— Darauf verſank Baͤrbchen, nach den letzten, kaum vernehmlichen Wor⸗ ten, in eine ſchlummerartige Betaͤubung und ihre Graͤfin trat, geſpannt und lau⸗ ſchend, in die leiſe geoͤffnete Thuͤr. —— 217 * Der Graf Zadello fand, bei der An⸗ kunft in Warſchau, ſeine vielgeliebte Schwe⸗ ſter außer Gefahr, fand im Kreiſe der dortigen Verwandten nnd Krieggefaͤhrten die willkommenſte Aufnahme und eine Kette angenehmer Zerſtreuungen⸗ Noch aber trug er Nina's Kleinbild auf der Bruſt und das Herz unter dieſem mahnte ihn noch taͤglich mit ſchmerzlichen Gefuͤhlen, die zwiſchen Groll und Wehmuth, Verzichten und Verlangen ſchwankten. Sey gerecht, ſagte er ſich, wenn Sehnſucht und Milde eben vorherrſchten: waͤr es nicht grauſam, die Argloſe ihrer Menſchlichkeit und Auf⸗ richtigkeit wegen zu verdammen? Hat ſie nicht, auf die Gefahr hin, Dich zu ver⸗ lieren, in Stunden inniger Herzeroͤffnung den Schleier von vergangenen Tagen ge⸗ ehoben, den Freund mit ihren Schwaͤchen, ihren Fehltritten und dem Irrſale bekannt gemacht, in welches Liebreiz, Anmuth, 248 Guͤte und die Gewalt der Verfuͤhrung die Frauen dieſer holdſeligen Gattung ſo leicht verſtricken. Kann ich den Stab uͤber der Gemuͤthreichen brechen, die ſich von der Erſcheinung eines fruͤher'n, anziehenden, ehrenwerthen Freundes wohlthuend ange⸗ ſprochen fuͤhlt? mit einer Mutter rechten, die ihn wie den Geliebten begruͤßt, da er ihr Kind, das theuere Vergißmeinnicht ih⸗ res Idoles, dem Waſſertod' entriß. Jetzt ging zudem ein Brief der Leidtragenden an ihn ein, der mit Engelmilde und En⸗ gelzauber in demſelben Geiſte ſprach, ihm ſein ſchreiendes Unrecht an's Herz legte, das tief empfundene Weh durch manche, auf dem Blatte noch ſichtbare Thraͤne be⸗ glaubigte und mehr noch geſchrieben ſchien, um dem bittern Schmerze muthwillig be⸗ leidigter Ehre als bekraͤnkter Liebe genug zu thun. Gleichzeitig mit ihm erhielt La⸗ dislav einige herbe, dringende Mahnbriefe — 219 ungeſtuͤmer Glaͤubiger, die nicht laͤnger glauben und hoffen wollten und mit dem aͤußerſten Schritte drohten. Er durfte den Ernſt der Andeutung nicht bezweifeln und auch in dieſer Beziehung ſtand Nina als der gute Genius an ſeinem Wege und hatte, mit der drangſeligen Lage bekannt, ihn bereits großmuͤthig und unveranlaßt, um die Gunſt, ſeine Helferin werden zu duͤrfen, beſchworen. Noch immer blieb ihr dann ein bedeutendes Vermoͤgen;— es reichte bei verſtaͤndiger Einſchraͤnkung aus, die Zukunft und den Beſtand des Hausaltares zu ſichern und die bezeich⸗ neten Triebfedern waren ſtark genug, ihn zu beſtimmen. Eliſe, Nina's Wirthin, ſtand eben mit der kleinen Natalie auf dem Arme, am Fenſter, als Ladislav, nur eben vom 220 Schlitten geſprungen, auf das Haus zu⸗ ſchritt, ſein Herz, von Sehnſucht und Erwartung bedraͤngt, ſchlagen hörte, zu der Wohnung der Geliebten aufſchauete, deren Vorhaͤnge jedoch geſchloſſen waren und nur Eliſen wahrnahm, die ſtarr vor ſich hinſehend, ihn nicht zu bemerken ſchien. Seyn Sie ruhig, ſchoͤne Dame! dachte der Graf: dießmal ſoll Ihnen wenigſtens mein Gourmand kein Aergerniß geben. Er gruͤßt Dich, goldene Tali und der Viel⸗ getreue ſehnt ſich vielleicht eben jetzt nach dem vermißten Herrn, wie ich nach Dei⸗ ner ſuͤßen Mutter. Ladislav fand den Vorſaal offen und lauſchte hier. Es war ſtill wie im Grabe und die Thuͤr des Wohnzimmers verſchloſ⸗ ſen. Eine zweite, unverſperrte fuͤhrte in Nina's Schlafgemach; er oͤffnete ſie zoͤ⸗ gernd, mit unſtaͤtter Hand und erblickte— den Doctor Weßler, der mit geſenkten —— 221 22 Augen und verſchlungenen Armen an Ni⸗ na's Bette ſaß; das Bett aber war leer und verſtoͤrt. Weßler ſah jetzt auf und jeder erſchien dem Andern wie ein geſpenſtiges Traumbild. Regunglos und unſchluͤſſig, ob er vor⸗ ſchreiten oder fuͤr immer zuruͤckkehren ſollte, weilte Zadello zwiſchen Thuͤr und Angel, als jener ſich aufraffte und leſ und gleich⸗ muͤthig ſagte: Willkommen, guter Graf! Das Schick⸗ ſal fuͤhrt uns wiederum hoͤchſt unerwartet zuſammen und dieſer Schlag des gewalti⸗ gen ward Ihnen hoffentlich bekannt? Er hat die feindſeligen Nebenbuhler zu ver⸗ ſohnten Leidtragenden gemacht. Bin ich bei Sinnen?— rief Ladis⸗ lav vorſchreitend— Wo iſt Nina? Im Nebenzimmer— erwiderte Weß⸗ ler mit halber Stimme— jener ſtuͤrzte 222 auf die Thuͤr zu, doch ſie war ebenfalls verſchloſſen. W. Aaathe kleidet ſie eben— Aber ahnt Ihnen nicht, was ſich begab? 3. Mir ahnt nur hoͤlliſcher Betrug. Geſtorben meint Ihr?— Wie?— Doch wer ihr die Rolle der Todten aufdrang, wird zur Leiche! Agathe hoͤrte dieſe Drohung, ſie fuͤrch⸗ tete neues Unheil, trat deßhalb haſtig ein und ihr Ausſehn, ihre Geberden, ihre Thraͤ⸗ nen benahmen ihm den Irrwahn.— Die Rolle kam von Gott!— ſagte Agathe und der Graf erblickte durch den Thuͤr⸗ ſpalt ſeine Braut im offenen Sarge. Nach jener ſuͤßen, Herz und Gemuͤth ent⸗ zuͤckenden Morgenſcene in Nina's Garten⸗ laube, durfte dieſelbe wohl mit Zuverſicht 223 der Handreichung des begeiſterten, liebe⸗ gluͤhenden Weßler's gewaͤrtig ſeyn— doch weder er noch ein Brief ließ ſich in der naͤchſten Folgezeit blicken und ſie ver⸗ wuͤnſchte ihre uͤbereilten Geſtaͤndniſſe, die ihn vielleicht nach dem Verrinnen jener Wallung, abſpannten und verſchuͤchterten. Da entfernte ſie der Zufall aus ſeiner Naͤhe, da traf die herzkranke Schwaͤr⸗ merin, der das Leben ohne Liebe wuͤſt und werthlos ſchien, in Berlin auf jenen Ladislav, der ſie auf's Neue bedraͤngte, feierte, in das verlorene Freudenreich zu⸗ ruͤckfuͤhrte und ihr boͤſer Daͤmon ſtuͤrzte die Ungluͤckliche nun, im Augenblicke, der die heiße Sehnſucht kroͤnte, in den tief⸗ ſten Abgrund der Mutterangſt. Sie ent⸗ wand ſich dem entzuͤckenden Weihekuß', um das engelhafte Kind zerſchmettert am Boden zu waͤhnen und dieſer blitzſchnelle, furchtbare Uebergang verletzte den Kern 224 ihres Lebens, das Weßler's geiſtergleiches Erſcheinen mit der Unverſehrten— das Ladislav's ausbrechender Groll, das die pltzliche Flucht beider Maͤnner vollends zerruͤtteten. Nina kraͤnkelte ſeit dem ver⸗ haͤngnißvollen, ſchrecklichen Tage und hatte eben jenen ruͤhrenden, den Grafen zur ſchnellen Wiederkehr beſtimmenden Brief abgeſandt, als ein heftiger Blutauswurf ſie in Gefahr und das lebhafte Vorgefuͤhl des nahen Todes uͤber ſie brachte. Ladislav, das Idol der eiteln Sinn⸗ lichkeit, erblich jetzt neben der Lichtgeſtalt des beſſern Ferdinand's, des edeln Haus⸗ freundes, der ſie fruͤher, als Unthal's Gat⸗ tin, heilig gehalten hatte und den die Ret⸗ tung ihrer Tali zum kuͤnftigen Schutzgei⸗ ſte der Verlaſſenen weihte. Sie ſchrieb ihm jetzt ihr Lebewohl— ſchrieb im herz⸗ erſchuͤtternden Geiſte der Reue und des Leides, der heißen Zaͤrtlichkeit und der 225 troſtloſen Mutterliebe, die ihr Innerſtes durchdrangen; er eilte herbei und fand ſie, von einem wiederholten Blutſturze erſchoͤpft, im Verloͤſchen. Als Nina begraben war, machte Weß⸗ ler den Grafen Zadello, der jetzt wieder faͤhig ſchien, ihn zu verſtehen, mit dem heiligen Rechte, das ihn an's Sterbebette ſeiner Braut fuͤhrte, und mit dem Inhalte ihres letzten, gerichtlich beſtaͤtigten Willens bekannt. Natalie ward, laut deſſelben, ihre Erbin, Agathe des Maͤdchens Pfleg⸗ mutter. Dieſer und dem Grafen fielen bedeutende Geldſummen und ihrem gelieb⸗ teſten Freunde ein edleres Vermaͤchtniß, die Vollſtreckung dieſes Willens und der Beruf zu, des Kindes vaͤterlicher Vormund zu werden. Die Kleine wußte bereits, was der Tod ſey und daß er die holde, zaͤrtliche Mutter entfuͤhrt habe; doch half das Erſcheinen Weßler's, dem ſie innig II. 15 226 anhing, den Jammer mildern und ſie ahnete vielleicht, daß ſich ihr in dem ge⸗ liebten, ſchoͤnen und freundſeligen Manne ein heilbringender Genius fuͤr die ganze Folgezeit zuneige. Er begleitete Agathen und das verwaiſ'te Maͤgdlein nach der Heimat zuruͤck. Fraͤulein Angelika lag noch immer, hoffnungvoll, doch von dem Engel der Geneſung verlaſſen, zu Bette; die Erb⸗ ſchleicherinnen ſeufzten uͤber dieſe zaͤhe Katzennatur, ſchickten jedoch nach wie vor beſcheidene Eſſen und kamen ſelbſt, zu hoͤren wie es ſchmecke, zu ſehen wie es gehe und der Herzallerliebſtent ihr inniges Vergnuͤgen uͤber das angedichtete, muntere Ausſeh'n zu bezeigen. Auch Doctor Guͤldenkraut 227 ſprach eben ein, er fand dieß Ausſehen greulich und eiferte uͤber den Nichtgebrauch der Arznei, denn ſeine Kranke hatte aus Wirthlichkeit die verſchriebenen Rezepte beſeitigt und den hoͤchſten Helfer durch Stoßſeufzer und ſtuͤrmiſche Gebete zu ei⸗ ner Wunderkur zu vermoͤgen geſucht. Was haben wir denn Neues, Doc⸗ torchen? fragte ſie, den Strafprediger un⸗ terbrechend, und dieſer entgegnete, geaͤrgert und kurz angebunden: Drei Mordgeſchich⸗ ten— zwei buͤndige und eine breite. Der Baron Leerhelm hat ſich entleibt, und Wendelin ſich im Kerker erdroſſelt. Im Kroͤtengaͤßchen aber wohnt die ſoge⸗ nannte Judith, eine alte Troͤdlerin und Betſchweſter, die nebenbei auf Pfaͤnder lieh und ihre armen Verwandten dem Hun⸗ ger und Kummer uͤberließ— des Teufels Großmutter mit einem Worte, der, lei⸗ der Gottes! ſolche Muͤtter zu Tauſenden 15* 228 hat.— Das Fraͤulein erroͤthete.— Ge⸗ nug, es faͤllt ſeit einigen Morgen ihren Nachbar'n auf, daß die Fenſterladen der⸗ ſelben geſchloſſen bleiben; ein ſolcher laͤßt es endlich der Obrigkeit wiſſen; das ge⸗ ſperrte Haͤuschen wird eroͤffnet und an der verſchloſſenen Stubenthuͤr iſt mit Kreide geſchrieben:„Ich bin verreiſ't.“ Wohl in den Höllenſchlund?— rief Angelika, die Haͤnde faltend— Das hat der böſe Feind geſchrieben! Wendelin's Schweſter wahrſcheinlich! — fuhr jener fort.— Auch gut! denkt die Commiſſion und bedauert die unnüͤtze Muͤhe und den vorzeitigen Dienſteifer, aber der Nachbar, der ſie begleitete, ſchnob⸗ bert und ſpricht: Riechen Sie nichts, meine Herren? ich wittere Leichendunſt!— Jene reißen nun insgeſammt die Nuͤſtern auf; der eine ſagt: Ja, zweifelsohne, 229 meine Herren, das ſtinkt! Der Andere ruft: O, penetrant!— der Dritte brummt: Ich habe den Schnupfen, aber oͤffnen Sie die Thuͤren, Herr Hofſchloſſer. Mir ſtehen die Haare zu Berge!— klagte das Fraͤulein. Die ſtehen ja dort auf der Kommode! — bemerkte Guͤldenkraut— Die Herren aber treten ein und da liegt Judith, ei⸗ ner Hexe gleich, die in der Walpurgis⸗ nacht vom Bocke ſtuͤrzte— liegt mauſe⸗ todt, mit eingeſchlagenem Hirnkaſten, vor dem Heerde und hinter ihm die Moͤrderin mit einem gewaltigen Meſſer auf dem Schoße, daß ihr Judith wahrſcheinlich, bei der Nothwehr, durch Leib und Seele ſtieß. In Jener hat man denn bereits die Thereſine Wendelin erkannt, die fruͤher, als der Graͤfin Kammerjungfer, in ihrem ſcheinheiligen Lammſinne ſelbſt den Flie⸗ gen und Floͤhen Pardon gab.— 230 Wir ſehen aus dieſer Mittheilung, daß Thereſine dem furchtbaren Entſchluſſe treu blieb, deſſen Ausfuͤhrung durch das un⸗ verhoffte, von der Witwe Sandmann ver⸗ anlaßte Mißlingen jenes Raubverſuches beſchleunigt ward, aber ſie fand in der Alten eine uͤberlegene Gegnerin— jede in der andern die raͤchende Furie und der Todesſtoß dieſer Judith rettete naͤchſtdem die Bewohner des Schaͤrflich'ſchen Hauſes ohne ihr Ahnen von der angedrohten Flam⸗ menpein. — Den wechſelvollen Monden die alle dieſe Guten und Boͤſen ſo wunderſam be⸗ wegt und erregt hatten, folgte ein friedli⸗ cher, angenehmer Winter. Immer holder, wuͤrdiger, anziehender erſchien dem Doctor Weßler das verpflichtete, dankbare, ihn im 231 Herzen tragende Baͤrbchen, immer gleich⸗ muͤthiger dachte Melitta des verlorenen Waͤhlau und immer wohler that ihr die feurige, herzhafte Huldigung des ritterlichen Teufels von Teufelſtein. Dieſer fragte jetzt ſeinen Vertrauten, den Grafen, auf's Gewiſſen, ob er wohl endlich den innig⸗ ſten Herzenswunſch zur Sprache bringen und dem Fraͤulein Landſtern, dieſem Sterne ſeines Lebens, Herz und Hand bieten duͤrfe? Du haſt Dir da ſelbſt fuͤr Jahr' und Tage einen Berg in den Weg geworfen, — erwiderte Gaſto— haſt meiner Frau von jener Wahrſagung des alten Wald⸗ weibes erzaͤhlt und dieſe theilte ſie, um nicht am Herzdruͤcken zu ſterben, der Litta⸗ mit; Beide aber ſind wahnglaͤubig und ſeh'n Dich nun, ſtill beaͤngſtet, als einen verlorenen Mann an, der naͤchſtens mit einem oder dem andern Freunde zerfallen 232 und Theils erſtochen, Theils erſchoſſen wer⸗ den wird. Verdammt!— rief der Major— an allen dem iſt ja kein wahres Wort und die ganze Hiſtorie eine Nothluͤge. Ich fand einſt Deine Emma allein und hatte mich ausgeſprochen, ſie aber erklaͤrte ſich fuͤr mißlaunig, wollte zerſtreut und unter⸗ halten ſeyn. Wie konnte das mir Unge⸗ ſchicktem, abſonderlich zwangweiſe und ei⸗ ner Dame gegenuͤber gelingen, der man nicht ſchmeicheln und nichts Schoͤnes ſa⸗ gen darf, ohne angefahren oder ausgelacht zu werden. Das Wetter, die Schauſpiele, die Baͤlle, und das Quentlein erlaubter Afterrede verarbeiten ſich ſchnell und am willkommenſten iſt noch, was ihre Schwa⸗ nenhaut mit einem Schauerchen bedeckt. Ich irrte deßhalb durch Wald und Moor, rollte bergab, ließ es ſtockfinſter werden, ſank in Ohnmacht, fand mich in der wuͤ⸗ 233 ſten Huͤtte bei der geſpenſtigen Matrone wieder, die meine nicht erlogene Wunde verband und was mir eben einfiel prophe⸗ zeihete. O, auch die Fabel kann Dir Eintrag thun— erwiderte Gaſto— wird wohl Melitta Leib, Seele und Leben einem Luͤg⸗ ner anvertrauen? Wer luͤgt, der ſtiehlt, ſagt das Spruͤchwort und mit Recht, denn Du haſt ihr, unter uns, das Herz entwandt. Sie vertraute das vor kurzem meiner Frau, die mir es wieder ſagte, doch will das Fraͤulein aus Großmuth den Diebſtahl vertuſchen und weder laut noch klagbar werden. Wohl mir!— rief der Major— eben iſt ſie zu Hauſe. Melitta ward im Lager uͤberfallen, am Nachttiſche naͤmlich und unbewehrt, denn der Panzer lag noch auf dem Stuhle 234 und die Vorpoſt war zur Madame Linon gelaufen, um den geaͤnderten Hut zu ho⸗ len; wir haben demnach Grund, zu glau⸗ ben, daß dieſelbe, ſtatt des zweckloſen Widerſtandes, um Pardon bitten und der ſtarke, eifrige Teufel Gnade fuͤr Recht er⸗ gehen laſſen werde. Zu ebener Erde ſaß indeß, unter dieſem anmuthigen Wahlplatze, der junge Landwirth, Herr Erasmus Hornvogel, bei der bedraͤngten Julie, die ihres Va⸗ ters Unehre mit zwei aufgeopferten Dritttheilen des verkuͤmmerten Erbtheiles bedeckt hatte. Auch er ſprach ſich jetzt, auf einen erhaltenen Wink von Guding's Gretchen, perſönlich als ihr Freier aus, lehnte jedoch, was bereits mittelbar ge⸗ ſchah, die Anmuthung, ſich in einen Vo⸗ gel von Horneck verwandeln zu laſſen, ſo ehrerbietig als entſchloſſen ab und ward * — 235 deßhalb, ſtatt des gehofften, hingebenden Jawortes, mit gemeſſener Kaͤlte um das Geſtatten fernerer Bedenkzeit erſucht. Eras⸗ mus ging verbluͤfft und geaͤrgert und be⸗ gegnete auf der Treppe, ohne ſein Ahnen, einem Brautpaare, das aus der Kirche zuruͤckkam, wo es ſich, um die werthen Angehoͤrigen und Freunde zu uͤberraſchen, ſo eben in der Stille trauen ließ, dem verehrlichen Polizei⸗Meiſter naͤmlich und ſeiner liebens⸗ werthen Margarethe Guding, welcher es nun, als ſie der Gatte nach dem Segen⸗ ſpruch umfing, zum erſten Male wieder, doch nicht kalt, ſondern bruͤhwarm, am Ruͤckgrate hinab lief. Nicht etwa als be⸗ denkliche Folge des weiland gehobenen Waͤſchkorbes, ſondern als eine Schwing⸗ ung des Nervenreizes, welchen Andacht, Ruͤhrung, Luſt und Liebe zu dem heiligen Eheſtande und dem willkommenen Ehe⸗ gatten veranlaßten. 236 Doctor Guͤldenkraut ſaß waͤhrend dem, weich aber beklommen, im Divan der ver⸗ ewigten Nina neben Agathen, die ihn des Schnupfenfiebers wegen rufen ließ, das die kleine Natalie waͤhrend der Nacht an⸗ focht und ſchrieb ein Rezept, das gar kein Ende nehmen wollte— er bot es jener endlich dar.— Agathe faßte den langen Salm am Schluße deſſelben in die Au⸗ gen und las nun, bis zur Stirn' erroͤ⸗ thend, einen foͤrmlichen Liebe⸗ und Heirath⸗ Antrag.— Was meinen Sie, Theuerſte! — rief er, als die Jungfrau in ihrem Bedraͤngniſſe noch immer das Blatt vor⸗ hielt und nicht aufzuſchauen wagte— Zwar ſagt der Pater Abraham, ein wei⸗ land kaiſerlicher Hofprediger und Lebens⸗ Philoſoph: „O Ihr. Eheleut'! Euer Stand iſt faſt aͤhnlich einem Degen, deſſen Anfang 237 — bekanntlich das Gefaͤß— blank und ſchön vergoldet erſcheint, das uͤbrige aber, naͤmlich die Klinge, iſt nur zum Stechen, Hauen und Verwunden da; voller Wehe⸗ tage, Weheklage, Weheplage und ſo wei⸗ ter.“ Wir aber kennen und ſchaͤtzen ja einander ſeit mehr als zehn Sommern, wir ziehen kuͤnftig nicht vom Leder, ſondern halten uns an das ſchoͤne Gefaͤß. Agathe brach jetzt, theils aus Ruͤhrung und Betroffenheit, theils um Zeit zur Ant⸗ wort zu gewinnen, in Thraͤnen aus— ſie dachte: Huͤbſch iſt er nicht, aber wacker und frohſinnig— iſt mehr als Tauſende geeignet, ein unſchoͤnes, dreißigjaͤhriges Maͤdchen zur geborgenen und geachteten Frau zu machen und von allen Steinen des Anſtoßes bleibt eine rothe Naſe fuͤr unſer Eine der geringſte. Agathe ließ deßhalb jetzt den empfundenen Dank fuͤr 238 die ehrende Wahl und Geſinnung laut wer⸗ den, ſie ſtellte ihre guten, in dem Recepte verherrlichten Eigenſchaften demuͤthig in Schatten, pries die ſelige Nina, deren letzter Wille ſie mindeſtens der Scham uͤberhebe, dem edlen Waͤhler eine leere Hand bieten zu muͤſſen und bat ſchluͤß⸗ lich, wie Julie Schaͤrflich, doch nur der Form wegen, um Bedenkzeit. Der Freier funkelte jetzt, zu Folge dieſer troͤſtlichen Reden und Geberden, wie das vergoldete Degengefaͤß des Paters Abra⸗ ham, er verwarf, kuͤhn werdend, jenes Verlangen, ſchied endlich, gekuͤßt und be⸗ gluͤckt und verkuͤndigte nun jedem Bekann⸗ ten, an dem ihn der Weg voruͤberfuͤhrte, ſein Gluͤck in der Liebe. Freilich, dachte er nebenbei: koͤnnte die treffliche Agathe, zur Noth, Julchens, Baͤrbchens und Gret⸗ chens Mutter ſeyn, ſie ſieht auch, dieſen 239 gegenuͤber, wie ihre Mama aus, aber wuͤrden nicht alle Drei, als meine Weib⸗ chen, ebenfalls nur den Papa in mir ſe— hen? Einen Stiefvater uͤberdieß, dem die Tochter, ohne das vierte Gebot offenbar zu verletzen, Schnippchen ſchlagen, Naſen drehen, Eſel bohren kann. Sie wuͤrden, o, es leuchtet ein: zu lauter ehelichen— Weheklagen und Wehetage veranlaſ⸗ ſenden Hau⸗ und Stichklingen wer⸗ den; in Dir, Du Gleichartige! trage ich dagegen lebenslang nur einen unſchuldigen, aber zierlichen Galanterie⸗Degen an der Seite, trage eine willkommene Mitgift zu Buche und die Verſuchung wird Dich, menſchlichem Anſehen nach, ſo wenig als Deinen Guͤldenkraut anfechten. Ferdinand Weßler luſtwandelte an dem⸗ ſelben Tage, welcher das ſchoͤne Gretchen 240 zur Frau Hauptmaͤnnin und die gute A⸗ gathe zur Braut des wackern Arztes machte, unter wehmuͤthigen Erinnerungen zwiſchen den Gebuͤſchen des Muͤhlgrabens und dem Gottesacker. Aus jener Fluth hatte er vordem, durch himmliſche Fuͤgung, den kleinen Liebling gezogen, auf dieſem hatte Tali's Mutter von neuem ſein Herz ent⸗ flammt.— Verwundert und mit derſel⸗ ben zaͤrtlichen Sehnſucht ſah er jetzt ſein gegenwaͤrtiges Herzblatt, die junge Herr⸗ lein, in Begleitung der graͤflichen Aus⸗ geberin, dem Kirchhofe zuſchreiten, denn Baͤrbchen kam, den eben aufgeſtellten Lei⸗ chenſtein zu muſtern, welchen ihr Pflicht⸗ gefuͤhl und Wolfgang's Dankbarkeit dem Grabe des Fraͤuleins von Rauhmund ge⸗ widmet hatten. Die Schrecken jenes naͤcht⸗ lichen Ueberfalles brachten naͤmlich eine langwierige, ſchmerzvolle Krankheit uͤber Angeliken, deren endlicher Hintritt das d 241 blutarme Paͤrchen, ihre einzigen Erben, bereicherte. Waͤhrend dem nun Rahel mit einer alten Bekannten, der Todten⸗ graͤberin, verkehrte, beſah ſich Baͤrbchen das Grabmahl, ſie ſuchte dann noch wer⸗ there Ruheſtaͤtten auf und verweilte jetzt, beſtuͤrzt, ergluͤhend und geruͤhrt, vor einem zierlichen Leichenſteine.„Hier ſchlaͤft in Frieden Ehrenfried Anders ꝛc.,“ beſagte die Tafel und auf der Ruͤckſeite pries die Wirthin des Auerhahnes das Leben und Weſen dieſes lieben, thraͤnenwerthen Pa⸗ then, der vor Kurzem im Irrrenhauſe verſchieden war. Jene Klage um den Verlorenen durchdrang des Maͤdchens Herz, denn ſchuldlos trug es ja die Schuld ſei⸗ nes Unterganges und helle Thraͤnen weih⸗ ten den Huͤgel. 3 Auch Weßler ſchlich jetzt, von der Erſcheinung der Holdſeligen angezogen, zwiſchen den Ruhenden hin, voruͤber am II. 16 242 Bette ſeiner Clara und an Unthal's ver⸗ laſſener Gruft. Er weilte, der fernen Schlaͤferin denkend, vor dem duͤrren Zy⸗ preſſenzweige auf Hugo's Kreuze, der ſei⸗ nem Nachbar Arthur galt, Baͤrbchen aber haͤtte faſt aufgeſchrieen, als ihr ſtill Ge⸗ feierter ploͤtzlich, wie aus Ehrenfried's Grabe empor ſteigend, hinter deſſen Denk⸗ ſteine hervorſah und ſie mit erzlicher Innigkeit begruͤßte. Gott!— klagte die Wehmuͤthige, vom Wahnglauben geaͤngſtet— muͤſſen wir uns auf dem Kirchhofe treffen? Ein willkommenes Zeichen,— troͤſtete Weßler— iſt er nicht der Vorhof des Heils und des Lebens? der Eingang in das Vaterhaus und zu dem ewigen Haus⸗ altare? Hier, auf der Schwelle der Ewig⸗ keit, naͤher als irgendwo der Heimat der Liebe, will ich fragen, ob Du Fromme, Liebliche wohl bis zu dieſer Schwelle die Meinige ſeyn moͤchteſt? 4 4 243 Baͤrbchen konnte jetzt nur weinen, nicht antworten, aber ſie bot ihm, voll heiliger Freudigkeit und Wehmuth, die Hand dar und bald darauf glich Gaſto's Feſtſaal einem Feenſitze, denn er und ſeine Emma richteten die Hochzeit des hochbeguͤnſtigten Brautpaares aus.— Als aber die junge Frau am folgenden Morgen ihrer edlen Goͤn⸗ nerin, gluͤhend und bedraͤngt das Dankopfer bringen wollte, fand ſie dieſe noch im heiligen Torus, fand ein Knaͤblein in Emma's Armen, das ihr die gute Fee um's Morgenroth brachte— fand den Gemahl im Glanze ſeiner Wonnethraͤnen. Der beiſtaͤndige Guͤldenkraut war ebenfalls gegenwaͤrtig, er dachte Agathen ein aͤhnliches Heil zu, und die geſammten Hausbewohner ſchienen freudig wie Weßler aus einer Brautkam⸗ mer herzukommen. Heute gab auch die fromme Melitta, von Emma's Mutter⸗ gluͤck begeiſtert, ihrem Teufel das Jawort; er holte ſie bald darauf mit des Herrn Vaters Verguͤnſtigung heim und in allen dieſen Ehen ſpiegelt ſich des Himmels Friede. Julie Schaͤrflich aber iſt noch un⸗ vermaͤhlt, ſie bereut die erbetene Bedenk⸗ zeit und Wolfgang der Leibgrenadier, kehrte zu dem fruͤheren Berufe zuruͤck. Die rohe Eßſucht wich ſpaͤterhin der edlen Wißbe⸗ gierde, ſein Verſtaͤndniß oͤffnete ſich in dem Maß' als ſich der Magen ſchloß, er verſpricht demnach ein tuͤchtiger, werk⸗ thaͤtiger Forſtmann zu werden und hegt und pflegt, ein guter Sohn, das lebens⸗ muͤde Vaͤterchen. Ende. ——³ Ücp²— Dresden, gedruckt bei Carl Schultze. * f ſüſ nun 11 12 13 14 15 16 18