deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von„ Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 6 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ e pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗* den angenommen.—.— 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſpre hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mi 1 7 Entgegennahme chende Summe r zurückerſtattet wird.— o 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſl 4 beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 auf 1 Monat: 1M. If. 1 Nr. 30 Pf. 2 Nk.. L „ 3 24„—„ 3„„„„ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung b 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerr ſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ l 5 L orene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Vumn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 8 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. èe eeeee 9 D „9 —— Schriften von Guſtav Schilling. f Zweite Sammlung. Sieben und vierzigſter Band. Inhalt⸗ 2* Die Ueberraſchungen. Erſter Theil. Die Ueberraſchungen, von Guſtav Schilling. Erſter Theil. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 1830. - ——— Die Ueberraſchungen. Peu— brummte der Kutſcher Tobias im Thore— die blinde Falbe ſtand und des Zoͤllners Gehilfe ſchlich verdroſſen zu dem armſeligen Einſpaͤnner hin. Er ward aber ploͤtzlich mild und geſchmeidig, als die Frau Stadtſchreiberin aus Dachsleben den Lands⸗ mann willkommen hieß, ihr Gretchen mit Sil⸗ bertoͤnen: Gott's Tauſend, Herr Schwaͤtzel! ausrief und ihm traulich die Hand bot. Herr Schmwaͤtzel hatte naͤmlich fruͤher in ihrer Heimat als Tauſendkuͤnſtler hauſirt, hatte gepappt und gewichſ't, Wanzen und Motten vertrieben, Vogelbauer, Maͤuſe⸗ fallen und Neujahrwuͤnſche gemacht, die 6 Staare reden, die Jungen ſchwimmen, die Maͤdchen tanzen gelehrt und war endlich durch hoher Goͤnner Zuthun ein Mann bei der Hauptſtadt geworden. Froh bewegt von der unverhofften Erſcheinung dieſer Patroninnen, fragte er mit Eifer nach dem werthen Befinden. Ich und der Stadtſchreiber— erwiederte Frau Guding— muͤſſen noch immer zu⸗ frieden ſeyn, doch bringe ich meine Tochter mit, die hier von dem beruͤhmten Phyſikus ſondirt und berathen werden ſoll; denn als ſie neulich den vollen Waͤſchkorb vom Boden aufhebt, verſpuͤrt das Maͤdchen ploͤtzlich einen Knacks im Innern und ſeit⸗ dem laͤuft es ihr, bald krabbelnd, bald eis⸗ kalt, am Ruͤckgrate hinunter. Sie ſchoͤne Seele!— ſchmeichelte er, die Patientin zaͤrtlich anſchauend, empfahl ihr ſofort das Katerfett als ein unſchuldiges Hausmittel, welches ſeine faſt verkruͤmmte 7 Schweſter mit dem ſichtlichſten Erfolge genoſſen habe, und ſagte dann, um Beide zu erheitern: Sie kommen uͤbrigens zur rechten Stunde her, denn ſelten gab es in der Hauptſtadt ſo viel zu ſehen. Heut' Abends, zum Beiſpiele, vernimmt man, wie ge⸗ wöhnlich, den großen Zapfenſtreich und morgen ſteigt ein Luftballon mit einer Jungfer und zwei Kaninchen. Die erſtere iſt, um Angſt und Ungluͤck zu erſparen, nur ein Puppenlaſter; faͤllt es, ſo faͤllt es! Ferner haben wir des naͤchſten das liebe Gregorienfeſt, bei welchem auch meine jungen Raben, Fridolin und Ihr Pathchen paradiren. Der Junge ſtellt den guten Hirten vor, die Leontine aber kehrt ihr neues Laͤmmerpelzchen um und macht das Schaf; ſie iſt eben pfiffig genug dazu, auch loben der Herr Maͤdchenlehrer ihren Comment. Wie ſteht es denn mit dem Theater, — fiel Gretchen ein— ſie ſpielen doch? E. Ganz unvergleichlich, ſage ich Ih⸗ nen, und werden dennoch zenſulirt; ja, in der Hauptſtadt, großer Gott, iſt ſelten ein Lebendiger gerecht. Auf dem Wollboden aber arbeiten Dreher und Compagnie und im Gaſthofe zum grauen Sacke zeigt ſich eine junge, haͤndeloſe Tyrolerin, die Alles und Jedes mit den Beinchen verrichtet, ſogar mittels der Fußſohlen applaudirt, auch nebenbei den geneigten Zuſchauer durch Singen, Springen, Fuatzenſchneiden und andere freie Kuͤnſte und Streiche conten⸗ tirt. Dort koͤnnten Sie abtreten. Der Wirth iſt ein Anfaͤnger, er ſchaͤmt ſich noch der Prellerei und man ſindet, der drei umgaͤnglichen Toͤchter wegen, immer⸗ fort ſcharmante Geſellſchaft. Wir bleiben bei Freunden,— erwie⸗ derte die Stadtſchreiberin— bei einer nahen, 9 ſeit vielen Jahren nicht geſehenen Ver⸗ wandten anf der Blumenſtraße. Der blinde Klopfhengſt witterte jetzt ploͤtzlich Morgenluft oder irgend etwas, das ihn anregte, er ſetzte ſich von der Stelle aus in Trab und die Damen huͤpften nach wenigen Minuten aus dem gebrech⸗ lichen Fuhrwerke in das zierliche Haus und in die Arme ſeiner Beſitzerin, der Madame Schaͤrflich. Ihr Eheliebſter hatte jenes, als Concommiſſarius des loͤblichen Bauamtes, von dem Ertrage der Stelle aufgefuͤhrt, bald nach dem Einzugſchmauße aber trat der Todesbote ploͤtzlich an ſein Bett und ſagte, ihm das Lebenslicht aus⸗ blaſend: Sic vos non vobis! Der Erſtar⸗ rende mußte ohne weiteres aus der hellen, köſtlich tapezierten Eckſtube in die finſtere, rohe Bretkammer hinabziehen, wo man zum Gluͤcke wie ein Engel ſchlaͤft, um, will es Gott! auch als ein ſolcher zu erwachen. 10 Julie, ſein Toͤchterlein, kredenzte jetzt in gedachtem Eckzimmer dieſen Gaͤſten den Kaffee und ermuthigte das bloͤde Muͤhm⸗ chen durch ſchweſterliche Anneigung; die beiden Muͤtter eroͤffneten ſich gegenſeitig mit regem Eifer und Alle muſterren beiher die Luſtwandelnden, da der Weg nach dem Thiergarten hier voruͤber fuͤhrte. Ei, ſeht mir doch die Zuckerpuppe! — unterbrach ſich Frau Guding, der hier faſt Alles anziehend und bedeutſam erſchien — wie eine Schmerl ſchlank und doch nicht ſpindelig— ein liebes Geſichtchen und Hals und Nacken wie von Elfenbein. Ach und ihr Hut— lispelte Marga⸗ rethe— und das göttliche Tuch! Wohl eine Hochgeborene, gute Tante? Nicht hoͤher als ich— entgegnete Frau Schaͤrflich— und auch ſchon Witwe. Die Kammerraͤthin Unthal iſt's, die eben aus⸗ getrauert hat und froh ſeyn mag, ſich wie⸗ 11 der wie ein Regenbogen herausputzen zu koͤnnen. Ihr Maͤnnchen ſtarb im erſten Ehejahre und niemand ſieht es dieſen blan⸗ ken Schultern an, daß ſie, unter uns ver⸗ ſichert, eine Blutſchuld tragen. Gott ſey ihr gnaͤdig!— rief die Stadt⸗ ſchreiberin— ſie hat alſo den Liebſten aus der Welt geſchafft? Ihr Gretchen fragte, ſich gleich der Mutter entſetzend: Und darf hier ungekoͤpft ſpazieren gehen? S. Der Kammerrath ſtarb denn wohl eines natuͤrlichen Todes, aber die Roman⸗ Prinzeſſin hatte ſich bereits als Maͤdchen mit ihres Vaters Actuar verſtrickt und der entleibte ſich an ihrem Hochzeittage— er⸗ ſchoß ſich, ſage ich, um ihretwillen und blieb auf der Stelle— begreife es, wem das moͤglich iſt. Margarethe erwiederte ſeufzend und kleinlaut: Deßhalb trug ſie wohl auch den Zypreſſenkranz in der Hand? 12 Wie? einen Zypreſſenkranz?— riefen Alle. M. Jal! auf mein Wort! Frau Schaͤrflich ſann und ſagte nun: Den traͤgt die Gleißnerin unſtreitig auf des Gatten Grab, uͤber dem ſie ein gothiſches Kapellchen erbauen ließ. Ein Luſthaus vielmehr, denn es iſt ausgemahlt, mit Tiſchen und Baͤnken verſehen und neu⸗ lich hat ſie, wie verſichert wird, in dieſer uͤbertuͤnchten Schauerſtaͤtte ihren Freun⸗ dinnen einen Thee gegeben— einen Thee, ſage ich! mit Moostorte, Spritzkuchen und allem Zubehoͤr. Steht Euch der Verſtand ſtill, meine Lieben? Mir wenigſtens! Pr!— rief die Stadtſchreiberin wie vorhin der Kutſcher Tobias unter dem Thore, ihr Toͤchterchen ſpuͤrte ploͤtzlich wie⸗ der das Gerieſel am Ruͤckgrate, Frau Schaͤrflich aber druͤckte den Strickſtrumpf an das Herz und ſagte: 13 Ich, fuͤr mein Theil, blicke denn im⸗ merdar, bevor ich richte, in die eigene Bruſt; ich kehre gern und immerdar zum Beßten, doch ſolche Balken in des Naͤch⸗ ſten Augen ſtoßen mir gleichſam die mein⸗ igen aus.— Wehe einer Jeden, ſtehet geſchrieben: durch welche das Aergerniß in die Welt koͤmmt. Jetzt ſchritt ein Herr vorbei, der we⸗ nigſtens den beiden Jungfrauen kein ſol⸗ ches gab. Ein bildſchöner Mann— lis⸗ pelte Gretchen— Julie fragte lauſchend: Gefaͤllt er Dir? und ihre Mutter ſprach zu der Stadtſchreiberin: Der Doctor Weß⸗ ler, mein rechtlicher Beiſtand. Gewiß ein Wunderdoctor?— ſcherzte dieſe— fuͤr junge Maͤdchen und Frauen wenigſtens; ſein Ausſehn ſchon erquickt. Ein trefflicher Advocat vielmehr,— ent⸗ gegnete die Schaͤrflich— der, unter uns ge⸗ ſagt, ein Auge oder beide auf meine Julie zu 14 werfen ſcheint. Auch Gretchen neckte dieſe, als der Belobte jetzt verbindlich gruͤßte, doch Julchen ſprach ergluͤhend: Ach, Gott bewahre mich! Der will erobern, will verſuchen und nichts weiter! Die ſchoͤnen Maͤnner ſind hier alleſammt viel eitler, gefallſuͤchtiger, herzloſer und verbuhlter als unſere ſchmaͤhligſten Koket⸗ ten und ich wette, daß er eben der Un⸗ thal auf den Kirchhof nachſchleicht. Sie kennen ſich genau. Warum nicht gar!— rief die Mama — der zuͤchtige, gerechte Junggeſelle! Ver⸗ ſuͤndige Dich nicht! Doch— ſetzte ſie, vom Geiſte des Argwohns und der Neugierde angefochten, hinzu— will Gretchen viel⸗ leicht unſern Garten ſehen, ſo koͤnnt ihr ja von der Terraſſe aus die Gegend uͤber⸗ ſchauen. O, komm' mit mir!— ſprach Julie, haſtig aufſtehend— der Garten wird Dir 15 gefallen und Weßler ſelbſt erklaͤrt mein Lieblingplaͤtzchen unter der Thraͤnenweide fuͤr ein elyſiſches. Gluͤckliche Frau;— ſagte die Stadt⸗ ſchreiberin, als jene hinauseilten— wie reich hat Sie der Herr gemacht. Ihr Toͤchterchen iſt ein wahrer Goldſchatz; lieb⸗ reizend, klug und angenehm und doch ohne Hoffarth. Hier ſteht der Fluͤgel, dort ei⸗ ne Weltkugel— auf dem Fenſter liegen franzoͤſiſche Buͤcher, alſo hat ſie auch Ge⸗ ſchick und Wiſſenſchaften. Dazu fiel Ih⸗ nen dieſes ſchmucke Grundſtuͤck zu, das jaͤhrlich viele Hunderte einbringen muß und unfehlbar mit lauter hohen Herrſchaften beſetzt iſt. Eben als wir vorfuhren, trat eine junge Fee auf den Altan. S. Die Graͤfin Gaſto hoffentlich, und ihr Gemahl iſt noch um ein's ſo ſchoͤn. Ein Mann nach meinem Herzen, was die wenigſten ſind— ein halber Engel— ein 16 reicher, hoͤchſt modeſter und ſtets vergnuͤg⸗ ter Cavalier, der große Reiſen gemacht und dann dieß blutarme Fraͤulein heimge⸗ holt hat. Die Halbſchied des zweiten Stockes bewohnt mein Herr Schwager, der Hauptmann, in der andern halten zwei hohe Behoͤrden, die loͤbliche Landesſchulden⸗ Commiſſion und das Polizeiamt— gleich⸗ ſam zwei ſtille Familien— ihre Sitz⸗ ungen; im dritten waltet ein beruͤhmter Naturaliſt, der eben die große Barbarei bereiſ't und das alte, ſehr bemittelte Fraͤu⸗ lein von Rauhmund, mich aber haͤlt die Demuth zu ebener Erde feſt. Sie ließ ſich jetzt noch weitlaͤufiger uͤber jene Haus⸗ genoſſen aus, da guckte des Gaͤrtners Toͤch⸗ terchen in's Zimmer und rief: Schoͤnen Dank, Frau Pathe! und die Mamſell laͤßt vermelden, daß ſie Recht habe und Er und die Bewußte auf dem Kirchhofe waͤren. 17 Alſo doch!— eiferte Juliens Mutter und hob die Haͤnde gefaltet himmelwaͤrts — O Naͤnner! Maͤnner! die ſich Starke nennen, waͤhrend dem ſie der Stoßſeufzer einer Delila umwirft.— Ein ſauberer Curator, der mich nun am laͤngſten curirt haben ſoll. Laſſen Sie es gut ſeyn, Frau Muhme! — fiel jene ein— unſere Dachslebener ſind um kein Muͤckenhaͤrchen ſtaͤrker und noch maſſiv dabei. Graf Gaſto, der belobte Halbengel, trat waͤhrend dem in's Kabinet der Ge⸗ mahlin, um mit ihr nach dem Weinberge der Graͤfin Wolinska zu fahren, die heute dort ein großes Feſt gab und erſchrack, ſie noch ungekleidet und ſichtlich bedraͤngt zu finden.. I. 2 18 Welche Erſcheinung!— rief er aus— es iſt die hoͤchſte Zeit, Du aber ſtehſt noch im Schlafrocke, wie ein Bild der Truͤbſal da und alle unſere Leute ſcheinen verſchwun⸗ den. Was gibt es? Verkuͤmmerung, lieber Rudolf! Der neue Schneider— der windige Franzoſe, hat mir, trotz aller Betheuerungen, das Kleid nicht geſandt. Ich ſchicke vor zwei Stunden ſchon die Jungfer hin— ſie kömmt nicht wieder— Chriſtine, das Stu⸗ benmaͤdchen, macht ſich auf— es kehrt nicht zuruͤck. Ihr laͤuft endlich mein Be⸗ dienter und dieſem vor wenigen Minuten die alte Rahel nach, doch Alle bleiben wie verzaubert aus. E. Unbegreiflich! und Allen ſoll das Wetter auf den Kopf fahren— was wird nun? Die Haare und die Fuͤße ſind im Stande, — fuhr Emma mit beguͤtigender Milde 19 fort— und wenn Du Herzensmann mir beiſtehen wollteſt, ſo koͤnnen wir in laͤng⸗ ſtens zehn Minuten abfahren. Vor allem ſchnuͤre mich! Ich?— rief er, wider Willen auf⸗ lachend— Satteln und zaͤumen kann ich wohl und auch das Ausſchnuͤren iſt keine Hexerei, aber— S. O Du— Unfeiner! E. Aber ich wuͤrde Dir viel lieber in einen Sack als in die verdammte Zwang⸗ weſte helfen. Das Schnuͤrband iſt der wahre Bandwurm! Zerreiß es nicht— bat ſie, waͤhrend dem der Schmaͤhlende das Werk begann, mit Schmeicheltonen— und uͤberſieh kein Schnuͤrloch, ſonſt werde ich ſchief. Du biſt auf dem Wege— ich uͤber⸗ ſah bereits zu viel und verzog Dich! S. Ihr Maͤnner könnt doch haͤßlich ſeyn!— Noch ſtraffer, liebes Kind! 2* 20 E. Das Kind biſt Du— das thoͤ⸗ rige!— Nun haͤlt ſie gar den Odem an, damit die Weſpe fertig werde.— Emma lachte nun auch und ſprach: Den Reſt des Bandes verſtricke ich ſelbſt.— So— habe Dank! Sie warf ſich koſend an ſeinen Hals, doch Rudolf murmelte ſchmollend: Mir waͤre ſo!— Das Stu⸗ benmaͤdchen trat in's Zimmer. . Nun, endlich!— rief Emma— und das Kleid und die Jungfer? Chriſtine gluͤhte, ſchoͤpfte Odem und ſagte in gebrochenen Worten: Die arme, ungluͤckliche Thereſine! Sie wartet dort auf's Kleid— erhaͤlt es endlich— der Meiſter iſt manierlich wie alle Franzoſen b— er gibt ihr das Geleite und den Arm, um ſie die Stiege hinab zu fuͤhren. The⸗ reschen weiß denn auch, was ſich ſchickt .— will es nicht zugeſtehn— neigt ſich, beugt ſich, thut einen Fehltritt, faͤllt Kopf 21 uͤber zehn bis zwanzig Stufen hinunter, liegt nun fuͤr todt da und ſchwimmt zu⸗ ſammt dem Kleide in ihrem Blute. Das Naſenbein, zum Beiſpiel, iſt morſch ent⸗ zwei. O Gott! um meinetwillen!— rief die Graͤfin und rang die Haͤnde. Ich trat dort ein— fuhr jene fort— und fand die Jungfer auf dem Ehebette. Zwei Geſellen hielten die Schreiende, waͤhrend der Bader ihr den verrenkten Arm wieder einrichtete und wie ein Karrngaul zog, am Boden aber lag das Haͤubchen und der Kamm— lagen die falſchen Locken und ihr eigener, goldgelber Haarzopf, denn der Grauſame hat ſie rattenkahl geſchoren, um vor allem die Kopfwunden beſichtigen und verbinden zu koͤnnen. Dazu war die Meiſterin eben erſt nach Hauſe gekommen — eine alte, giftwilde Hexe, die beide Lehrjungen am Rocke hielten, weil ſie den 22 Mann mit Thereſinen verdenkt und ihm mit allen zehn Naͤgeln zu Leibe ging. Mir wollte mein Herz brechen, gnaͤdige Frau, denn unſere Jungfer ſah mich an und wis⸗ perte: Es iſt mein Letztes, liebe Chriſtel! erbarme Dich und hole mir den Tanzmei⸗ ſter Bonneval. Sie phantaſirt alſo!— rief der Graf. Mit nichten, gnaͤdiger Herr! er iſt ihr Liebſter, unter uns geſagt und meine Bot⸗ ſchaft ſchlug ihm in die Beine; ich mußte eine Saͤnfte holen und habe ſo die Zeit vertroͤdelt Die gute Graͤfin laͤchelte weinend und beſchwor den Gatten, ſich der Ungluͤcklichen anzunehmen, auch eilte dieſer fort, nach ihr zu ſehen, aber es waͤre ihm faſt auf der eigenen Treppe wie Thereſinen ergangen, da er gegen den rieſenhaften Calculator der löblichen Schulden⸗Commiſſion anrannte, die eben eine Sitzung zu halten gedachte. 2³ Der Doctor Weßler war keinesweges jener reizenden Witwe nachgelaufen; er machte auf dem Gottesacker einen Kranken⸗ beſuch. Als derſelbe geſtern am ſchattigen Muͤhlgraben luſtwandelte, glitt das drei⸗ jaͤhrige, unbewachte Pflegekind der Todten⸗ graͤberin, Blumen pfluͤckend, in die raſche Fluth; er warf ſich ihm nach, er faßte, er barg es, ſein Bemuͤhen weckte das Scheintodte und die Theilnahme veranlaßte ihn jetzt, nach dem lieblichen Maͤgdlein zu ſehen. Es war wohlauf, gruͤßte den zaͤrt⸗ lichen Helfer mit Kußhaͤndchen, umſchlang ihn und er trat nun in den Gottesgarten hinaus, die Ruheſtatt der Eltern und des unvergeßlichen Claͤrchens heimzuſuchen, das ſeine erſte Liebe war. Willkommen im Heiligthume!— rief die Begleiterin der Witwe aus des Kammerrathes zierlichem Grabmale, an dem er eben voruͤberſchritt und veranlaßte ihn, dieß wirthliche Vor⸗ 24 höfchen der Ewigkeit zu beachten. Weßler verweilte, beſchauete, belobte den Bau und fragte nach der leidtragenden Freundin; da zeigte Agathe in den Hintergrund des Kirchhofes und lispelte ſeufzend: Sie bringt dem Ungluͤcklichen einen Kranz. Armer Hugo— klagte er bewegt, denn der Todte war ihm bekannt geweſen und ſie ſprachen noch uͤber das unſelige Ereigniß, als Nina mit verweinten Augen und vom Geiſte der Wehmuth verduͤſtert, zuruͤck kam, den jedoch dieſer angenehme Zuſpruch entfernte. Hilfreicher!— ſagte ſie mit aufflammendem Eifer— Sie haben mich ohne Ihr Wiſſen erfreut und verpflichtet — haben die liebe, kleine Natalie dem Untergange entriſſen, die mir ſo lieb ge⸗ worden iſt, die dieſe unzaͤrtlichen Pflege⸗ aͤltern verabſaͤumen und die ich ſo gern in mein Haus und an mein Herz naͤhme, dem es an jedem Ziele fuͤr ſein heiligſtes und innigſtes Begehren mangelt. 25 Ein gluͤcklicher Gedanke— entgegnete Weßler— man wird Ihnen den ar⸗ men Fuͤndling hoͤchſt gewiß mit Freuden uͤberlaſſen. Ich muß die Kleine doch beſuchen!— ſagte Agathe und ging, Frau Unthal aber faßte jetzt des Doctors Hand, bat ihn, an ihrer Seite Platz zu nehmen und ſprach: Ich mußte ja ſeit des Gatten Tode den edlen Freund entbehren— werde von Rechtshaͤndeln, die jener nachließ, gepeinigt und wagte es doch nicht, Ihren Rath und Beiſtand zu erbitten, denn Argwohn, Neid und Mißgunſt verfolgen mich. Das Schickſal der Beneidenswerthen— fiel er ein— doch gaͤbe es da ein Aus⸗ kunftmittel; Sie ſchreiben mir in dieſem Falle und die Antwort kommt Ihnen durch Agathens Vermittelung zu. Nina laͤchelte ſeufzend, doch beifaͤllig. Sie ſind mein Freund— fuhr ſie mit 26 wohlthuender Traulichkeit fort— Sie kennen mein Geſchick und nennen mich be⸗ neidenswerth?— O, werde ich denn noch immer verkannt— gerichtet— verleum⸗ det?— Was ſagt man jetzt von mir? E. Man fragt vielmehr, ob die holde Nina nicht wieder Braut, noch keiner ih⸗ rer zahlreichen Verehrer der Beguͤnſtigte ſey? S. Noch gibt es keinen, dem mehr als die Verſchmaͤhung wurde und uͤber eine zweite Wahl ſoll nur allein das Herz ent⸗ ſcheiden. Sie wiſſen, was mich zwang, dem Todten der hier unter uns zu Staube wird, die Bluͤthen meines Lebens aufzu⸗ opfern. E. Ja. Friede ſey mit ihm! aber er hat dieſe Hingabe wenigſtens durch alles, was die zarteſte Liebe, die dankbarſte An⸗ erkennung vermögen, zu belohnen geſucht. S. Allerdings! doch werden die, wo 27 Gegenliebe fehlt, oft ſelbſt zur Qual fuͤr die Gefeierte und ein Bluͤmchen aus der Hand des Lieblings iſt willkommener als ein Paradies, das der Unwillkommene vor uns aufthut. E. Und dennoch ſchmuͤckten Sie das Grab des Unwillkommenen, zum Aerger der Feinde, im Geiſte einer zaͤrtlichen Gat⸗ tin aus. S. Weil ſich mein Mann, im Tode wie im Leben, eine zierliche Behauſung wuͤnſchte— weil ich mir ſeit Jahren nur auf dieſer Grenzſcheide Elyſiums gefalle und deßhalb ein wirthliches Dach und Fach bedurfte, das mich einſt auch fuͤr immer bergen ſoll. Aber genug von meinem Lei⸗ de, meinen Grillen und dem Leumunde der Argen. Wohl Ihnen, dem Guten— dem Belobten! Und dem Verlobten, wie ich hoͤrte. 28 Verlobt?— ſprach er aufhorchend— Wie heißt denn die Braut? S. Man denkt Ihnen nicht weniger als drei zu. E. Ich kenne nur die vierte und komme eben von ihr her. S. Alſo doch! E. Von meiner Clara, die dort unter Veilchen und Vergißmeinnicht ſchlummert. S. Geborgener als wir; o, zeigen Sie mir das gefeierte Grab— ich will es bei jedem Hierſeyn begruͤßen und fuͤr die Bluͤmchen Sorge tragen. Weßler fuͤhrte ſie zu dem gruͤnenden Huͤgel; Nina las mit halber Stimme die ruͤhrende Inſchrift der Steinplatte; Thraͤnen entſtuͤrzten ihr, er wendete ſich ab. Da faßte ſie traulich ſeine Hand und deutete ſtill weinend auf ein Kreuz, das jener Zypreſſenkranz umrankte. Clara! 29 Hugo!— lispelte ſie— wir vertreten die Genien der mangelnden Denkmaͤler. Und dieſe Liebenden wurden zu jenen! — entgegnete Weßler, geleitete die Freun⸗ din nach der Gruft des Gatten zuruͤck, kuͤßte ihr bewegt die Hand und verſchwand hinter den Fliedern des Kirchhofes. Angelika, das alternde Fraͤulein von Rauhmund, welches im dritten Stocke des Schaͤrflich'ſchen Hauſes wohnte, beſeitigte die beiden hartgeſottenen Eier ihres Mahles, um einen Metzger abzufertigen, dem ſie auf Pfaͤnder geliehen, der eben ruͤckſtaͤn⸗ dige Zinſen uͤberbracht und ſie, mit Hilfe der beigefuͤgten Rieſenwurſt, zu weiterer Nachſicht vermocht hatte. Ein ſeidener, ſchwarz geweſener Strumpf, in dem An⸗ gelika vor nun dreißig Jahren den Heim⸗ gang der hoͤchſtſeligen Landesmutter be⸗ 30 trauern half, ward mit den eingegangenen Thalern gefuͤllt und mittels einer Leiter, in der geheimen Schatzkammer, dem Rauch⸗ fange des unbenutzten Kamines aufge⸗ hangen. Da erklangen ploͤtzlich gewaltige Tritte im Vorhauſe; die Thuͤr flog auf, nach wenigen Secunden ſtand vor der Lei⸗ ter, von der ſie mit Entſetzen herabſchauete, ein junger, krauskoͤpfiger Vagabond, im abgetragenen Jaͤgerklede und mit dem Hirſchfaͤnger an der Huͤfte; ſeine funkeln⸗ den Augen ſchienen zu ſagen: Beſtelle Dein Haus, denn Du mußt ſterben.— He⸗ da!— rief er— komme ich recht? Hier ſoll die Tante Rauhmund wohnen. Ich bin der Vetter, Wolfgang Herrlein aus Kienholz. Der Geier wohnt hier!— kreiſchte Angelika, welcher dieſe Anzeige wenigſtens die Todesangſt benahm; ſie klomm herab, ſie gab ſich zu erkennen und ſchrie laut 31 auf, als der feurige Neſſe ihr winziges, zerbrechliches Gehaͤuſe an's Herz preßte. J, Tantchen!— rief er laut auflachend — Sie fegen wohl die Eſſe ſelbſt? S. Nur jeden Sans-fagçon! wo iſt der Beſen? E. Werden doch die liebe Blutsfreund⸗ ſchaft nicht hinauskehren wollen? den Vetter Herrlein und ſeine Schweſter? Unſer Muͤtterchen ſtarb, wie Ihnen be⸗ kannt iſt— der arme Vater ſchickt uns her, und wenn das Fraͤulein Schwaͤgerin an Gott und ſein Wort glaubt, ſagte er: ſo wird die Zuſchrift wohl ihr Herz be⸗ wegen. Da iſt der Brief— mein Baͤrb⸗ chen ſitzt noch draußen im Auerhahne, weil unter Weges die Schuhe in tauſend Stuͤcken gingen und ſie nicht barfuß in die Reſi⸗ denz einziehen mochte. Heiliger Gott!— rief Angelika zit⸗ ternd und bebend— Was ſteht mir bevor? 32 Ein Bettelbrief alſo? Beiliegend zwei Brotdiebe, die ich kleiden, fuͤttern, huͤten ſoll? Mir waͤre ſo! Wer ſpeiſ't denn mich? Wer deckt denn meine Bloͤße, jetzt und immerdar?— Die Galle, nicht das Herz wird Deines Rabenvaters Kritzelei bewegen; mein Eingeweide iſt kein Espen⸗ laub, die Truͤbſalhitze hat es hart geſotten, gleich den zwei Eiern hier, die heute eben mein Ein und mein Alles ſind. Wolfgang warf einen flammenden Blick auf die Barbarin, einen luͤſternen nach dem beſcheidenen Eſſen. Mich bringt kein Menſch wieder fort!— ſprach er und glitt, erſchöpft von dem Hunger und den Ge⸗ waltmaͤrſchen, doch trotzig und verbittert, in den naͤchſten Stuhl, ſie aber ſchrie jetzt wieder, als ob er in ihr Eingeweide ſtuͤtze. Herr!— klagte die Schriftkun— dige mit David:—„Es ſind Heiden in Dein Erbe gefallen, die haben Jakob auf⸗ 33 gefreſſen.“ Oder wollen es doch!— ſetzte ſie kreiſchend hinzu und warf ihr Buſen⸗ tuch uͤber die daliegende Magenwurſt. Die juͤngſt verſtorbene Mutter jenes Paͤrchens, Angelika's juͤngere Schweſter war von Jugend auf das Gegenſtuͤck derſelben, gutartig, reizend, arglos und weichmuͤthig; Vorzuͤge, welche, bei dem Mangel an Leitung und Aufſicht, bei leichtem Sinn und regen Trieben, die Ver⸗ ſucher anzieh'n, beguͤnſtigen und immerfort eine Unzahl aͤhnlicher Weſen dem Irrſale und der Entweihung zufuͤhren. Die Hand des armen Foͤrſters in Kienholz hob end⸗ lich jene Verirrte aus der Schmach em⸗ por, ihr Engel ließ Brigitten am ſtillen Hausaltare den Zweck des Lebens wieder finden, ſie verſoͤhnte ihn als pflichtgetreue Hausfrau und Mutter, und dieſe Heilig⸗ ung milderte die Buͤrde der Armuth und des langwierigen Siegthumes, das den I. 3 34 redlichen Gatten vor kurzem zum troſtloſen Witwer gemacht hatte. Dieſer ſchickte nun ihren einzigen Nachlaß, den Wolfgang und die Barbara, unfaͤhig, fuͤr deren weitere Bildung zu ſorgen und im Vertrauen, das der Noth entſprang, ſeiner einzigen und uͤberdieß hoͤchſt bemittelten Verwandten zu und hoffte, daß es der Nauhmund, bei ihren Verbindungen in der Hauptſtadt um ſo leichter ſeyn werde, das Paͤrchen zu ver⸗ ſorgen, da der kraͤftige Wolfgang bereits durch die dortige Schule gelaufen war, die geſchickte Mutter uͤberdieß des Maͤdchens Anlagen im Bezuge auf weibliche Kunſt⸗ fertigkeit geuͤbt und ausgebildet hatte. Wolfgang pries dieſe Schweſter jetzt der Tante im Geiſte der Wahrheit mit Eifer an. Mein Baͤrbchen— ſagte er— beſteht gleicham aus zwei Theilen— der eine ſcheuert und kehrt, kocht und bettet wie die treufleißigſte Jungemagd, der an⸗ N 5* 35 dere naͤht, knoͤtelt, ſtickt, macht Putz und geberdet ſich ſo fein und lieblich wie die Herrſchaft jenes Kuͤchen-Dragoners. Zu⸗ dem iſt ſie wunderhuͤbſch, iſt zuͤchtig wie Bathſeba, und da der ſeligen Mutter Schweſter, wie ich ſehe, den beiden har⸗ ten Eiern gleicht, ſo will ich morgendes Tages weiter ziehen, wenn Sie ſich ihrer erbarmen wollen. Außerdem aber— ſetzte er, auf den Hirſchfaͤnger ſchlagend, hinzu — verklage ich Sie bei Gott und— bleibe Ihr Gaſt! Laß Dich bedeuten!— wisperte das Fraͤulein, welches ſein Ausſehn und Ge⸗ berden erſchreckte— Du trittſt hier wie ein Forſtbedienter auf, traͤgſt ſchon den Lerchenſpieß an der Seite und haſt alſo dem Vater nachgepfuſcht? Da weiß ich Rath! Die Freifrau von Sterly, meine zeitliche Goͤnnerin, welche mich faſt Tag fuͤr Tag zum Thee und Spiele zieht, ſucht 3 8 36 einen Herrenjaͤger; nicht eben einen, der die Bremſe im Fluge ſchießt, auch jede Faͤhrte und Loſung kennt— er darf nur ſerviren und dergleichen— dieſer empfehle ich Dich alſo, doch ohne der leidigen Ver⸗ wandtſchaft zu gedenken. Ei, wie ge⸗ rufen!— unterbrach ſich Angelika, das Fenſter aufreißend, und warf ein Kußhaͤnd⸗ chen hinaus— da geht die Huldreiche eben voruͤber. Der Vetter fragte, uͤber ihre Schulter ſehend: Meinen Sie die alte, zierſame Rieke dort, die den Bandkram und aller Welt Suͤnde auf der Gaatze traͤgt? Ruchloſer!— erſcholl es dagegen— Gott ſchuf die gnaͤdige Baronin Ihm zum Bilde!— E. Das glaub' ein Anderer! und der ſoll ich aufwarten? Ich ein Lakei werden? — Nicht bei der Koͤnigin, geſchweige denn — da klopfte man; die Ausgeberin des 37 erwaͤhnten graͤflichen Hauſes trat in's Stuͤbchen. Das Fraͤulein liebte gute Biſſen wie ſich ſelbſt, die vertrauliche Mittheilung uͤber alles und hatte ſich deßhalb zu jener Spenderin beider Genuͤſſe mildſelig herab geneigt. Frau Rahel kam dieß Mal, den ſchrecklichen Fall des Kammermaͤdchens zu verkuͤndigen, welches wohl gewiß ein Kind des Todes ſey, und anzufragen, ob ſie viel⸗ leicht eine hoͤchſt nothwendige, taugliche Stellvertreterin zu empfehlen vermoͤge? Dieſer Liebedienſt— ſetzte ſie leiſe hinzu — werde zuverlaͤſſig der Graͤfin unguͤn⸗ ſtiges Vorurtheil gegen das Fraͤulein, wel⸗ ches bis dahin vergebens nach dem Zu⸗ tritte geſtrebt hatte, in dankbares Wohl⸗ wollen und in die Anerkennung ihrer ſtadt⸗ kundigen Meriten verwandeln. Auch eine Schickung, dachte Angelika, 38 laͤchelte zuckerſuͤß und ſprach, die Bauſch⸗ backen der Matrone ſtreichelnd: Ach, liebe, herzige Rahele! die wur⸗ den allerdings bis jetzt verkannt, doch nen⸗ nen Sie mich kurz und lang, wenn ich der gnaͤdigen Graͤfin nicht mit dem mor⸗ genden Tage eine Jungfer vorſtelle, welche die Unſchuld und Ehrlichkeit ſelbſt iſt, wie ein Maͤuschen naͤht und wie ein Daͤchs⸗ chen ſchneidert, ihren Putz comme il fäut macht, vom Lieben, Laufen, Klatſchen, Zanken und aͤhnlichen Erbſuͤnden nicht mehr als unſer Eine vom großen Mogul weiß, zudem ſo huͤbſch als ich, ganz ohne Ruhm zu melden, vor zwanzig Jahren, iſt und fuͤr ein Spottgeld dienen wird. Rahel kuͤßte, in ihrer Freude uͤber das ſuͤße Verſprechen, die koſende Knochenhand der Goͤnnerin und eilte fort; dieſe aber wendete ſich zu dem ſchmollenden Vetter und ſprach: 39 Gott lebet noch und hat ſeine geringe Magd angeſehen, welche, dem zu Folge, Ueberſchwaͤngliches an Euch thun wird— an Deiner Schweſter, will ich ſagen, die ich jetzt im Auerhahne abholen, mit dem beßten Paare meiner abgeſetzten Schuhe verſorgen und hereinfuͤhren will, um ſie zur gluͤcklichſten Perſon auf Erden zu machen. Du aber haſt die Wahl, bis zu der Ruͤckkunft dort in dem Kaͤmmerchen fuͤr lieb zu nehmen oder Dir indeß die praͤchtige Reſidenz zu beſehen. 1 Gott ſey gelobt!— rief jener aufſprin⸗ gend— wenn auch das Gluͤck nur ertraͤg⸗ lich ausfaͤllt; ich fuͤr meinen Theil ver⸗ lange nichts als ein Bund Stroh fuͤr die Nacht, jetzt aber Bier, ein Groſchenbrot und einen Quarkkaͤſe oder zwei. Sey er nicht anmaßend,— ſprach ſie — hier iſt keine Schenke! Nimm dieſe beiden Eier da, Waſſer und Brot findeſt 40 Du in der Kammer, auch meinen Sor⸗ genſtuhl, dem aber ein Hinterbein fehlt; wirſt alſo nicht wie die Thuͤr in's Haus darauf hinfallen und das Gleichgewicht zu behaupten wiſſen. Damit oͤffnete An⸗ gelika den gedachten, lichtloſen Verſchlag, warf haſtig die Pforte hinter dem Einge⸗ tretenen in's Schloß, preßte ein altes Schuhpaar in den Strickbeutel und ging, um den Auerhahn, ein geringes, in der aͤußerſten Vorſtadt gelegenes Gaſthaus, aufzuſuchen. Wolfgang's Schweſterchen hatte unter Weges den Beutel mit dem Reſte der Reiſekaſſe verloren, ein Ungluͤck, das geſtern Beide zwang, im hohen Korne zu uͤber⸗ nachten, aus dem Bache am Wege zu trinken und uͤber jenen allgemach den Heiß⸗ hunger des reißenden Loͤwen brachte. Beide Eier waren bereits in dem finſtern Ver⸗ ſchlage, ſo gut es ſich thun ließ, geſchaͤlt 41 und verſchlungen worden, ihm aber ſchwebte jetzt die herrliche, vorhin erblickte Magen⸗ wurſt, als die Blume des Lebens vor. Noth bricht Eiſen!— dachte er; ein Druck des Starken reichte hin, den Kerker zu ſprengen, ihm ſielen bei dem Anſchauen des gedeckten Tiſchleins die Feenmaͤhrchen bei; er durfte nur jenes verſteckte, hoͤchſte Gut darauf verſetzen, das Waltegott ſprechen und zulangen. Wohl bekam ihm das ungerechte und auch zur Loͤſchung des grim⸗ migen Durſtes wurde Rath, denn der Gaſt fand nach kurzem Bemuͤhen zwoͤlf niedliche, auf Sand gebettete Bierflaſchen unter dem Heerde. Koͤſtliches Doppelbier, ein Geſchenk jener gnadenreichen Freifrau von Sterly, das er nur der Sage nach kannte, das den Erſchöpften neu befluͤgelte, ihn zum Herrn der Welt und ſo verwegen machte, die Feigenblaͤtter abzuſtreifen, der Tante weiches Bett fuͤr einen Freihafen 42 zu nehmen und in dieſem vor Anker zu gehen.— Er ruhe wohl! Die Ueberraſch⸗ ung der Heimkehrenden wird, bei dem An⸗ blicke dieſes Rieſenflohes im junfraͤulichen Heiligthume, ſo lebhaft als ihr Erſchrecken uͤber den leidigen Wurſtreſt und die ge⸗ leerten Flaͤſchchen ſeyn. Frau Guding, die Stadtſchreiberin, kam am folgenden Morgen mit ihrem Joͤchter⸗ lein von dem beruͤhmten Landphyſikus zu⸗ ruͤck, den ſie im Bezug auf daſſelbe um Rath und That erſucht hatte und’ Gret⸗ chen eilte in Juliens Zimmer und klagte derſelben ihre Noth. O, ſieh nur dieſe Litanei!— ſprach ſie, den Striekbeutel oͤffnend— lauter Rezepte. Hier eine Salbe, zweimal einzureiben— eine Pti⸗ ſane, als kuͤnftiges Fruͤhſtuͤck und Abend⸗ trank— Pillen, zwoͤlf Stuͤck an jedem 43 dritten Tage und der Himmel weiß, was noch? Das Aergſte iſt ein Haͤngewerk. Zwei Stricke, an der Decke befeſtigt, tra⸗ gen ein Querholz, das ich mit beiden Haͤnden faſſen und mich, gleich den En⸗ geln in der Puppen⸗Comodie, hin und her ſchlenkern ſoll. Denn Beſchluß macht, wenn nichts helfen will, die eiſerne Schnuͤrbruſt.— Nein, lieber wuͤrde man da krumm und ſchief, was aber nicht zu fuͤrchten iſt, denn ich fuͤhle jetzt nur kleine Gewiſſensbiſſe. Sieh, liebes Julchen! der Bader in Dachsleben pries der aͤngſtlichen Mutter dieſen Arzt an und meine Sehn⸗ ſucht, die Reſidenz zu ſehn, war unaus⸗ ſprechlich, alſo klagte ich oft zur Unge⸗ buͤhr, denn das Rieſeln und der Schmerz am Ruͤckgrate hat ſich ſchon ſeit Wochen verloren. Nur wenn uns Hornvogel, der fatale Senator in den Weg oder in's Haus kam, lief mir noch der Tod uͤber's 44 Grab und jenem entging man ebenfalls, wenn wir reiſ'ten. Nun aber muß die unnuͤtze Kur der guten Mutter ſchweres Geld koſten, um welches ſie das eigene Kind muthwillig bringt, denn warum ſollte ich mich denn ſalben, baͤhen, bau⸗ meln, wenn mir wie dem Fiſche im Waſ⸗ ſer und an keinen Auswuchs zu denken iſt? Julie erwiderte darauf herzlich lachend: Sey ruhig, Kind! von den Gewiſſens⸗ biſſen helf ich Dir, da Du der Mutter Herzblatt biſt. Die Erſcheinungen der Hauptſtadt bezaubern ſie, die Gute ſcheint ſich hier unendlich zu gefallen, was ſchon an ſich ein Vortheil iſt. Wenn wir nun morgen, wo die neue Pracht⸗Oper gegeben wird, aus dem Theater heimkommen, entdecke ich ihr Deine Beſſerung wie das kindliche, Dir die ſuͤße Gegenwart verkuͤm⸗ mernde Herzleid und der Troſt, ihr Gret⸗ 5 45 chen vor der Verkruͤppelung geſichert zu wiſſen, reicht mehr als hin, eine zaͤrtliche Mama zu verſoͤhnen. Ach, Liebe! die meinige iſt, leider Gottes! hart wie Fiſch⸗ bein gegen ſie. Die riebe mir gewiß zur Strafe dieſe Salbe ein und ſchlenkerte mich ohne Zuthun des Haͤngewerks; doch ſtill, ſie koͤmmt! Begleitet von der Frau Stadtſchreiberin erſchien die fiſchbeinerne Mama; ſie glaͤnzte wie Karpfenſchuppen. Freue Dich, Jul⸗ chen!— rirf ſie aus— mein Weßler hat den Grilling'ſchen Prozeß gewonnen, wir ſind um faſt dreitauſend Thaler reicher. Er ließ mir es eben durch ſeinen Schreiber melden und ich weiß nun auch, was den Wackern geſtern auf den Kirchhof fuͤhrte. Die Todtengraͤberin prozeſſirt, wie der Schreiber verſichert, und unſer Freund dient auch ihr, wie allen Unterdruͤckten, als Ar⸗ men⸗Advokat. Juliens ſuͤßes Laͤcheln ward ploͤtzlich zum ſchmerzlichen. Ich kenne das Weib — erwiderte ſie— es war vordem als Stubenmaͤdchen bei der Unthal und ihre Vertraute; unfehlbar hat die Kammerraͤthin ihr den Doctor empfohlen. Nein, er empfahl ſich ſelbſt— ent⸗ gegnete die Mutter— er ſetzte ſogar ſein edles Leben ein, das Pflegkind der Letztern aus dem tiefen, reißenden Muͤhlgraben zu ziehen, in den es gefallen war. Der Ehrenmann!— rief die Stadt⸗ ſchreiberin— Dergleichen Conſulenten ſin⸗ den Sie in Dachsleben nicht. Wohl man⸗ cher iſt bereits um ihretwillen in unſern Stadtteich geſprungen, doch wuͤrde ſchwer⸗ lich einer, der Unſchuld wegen, in's Waſſer gehn. Den Herrn Senator Hornvogel nehme ich aus. Gretchen laͤchelte jetzt eben ſo ſchmerz⸗ lich wie Julie und wuͤnſchte gedachten Vo⸗ 47 gel im Herzen an die Seite jener Clienten in den Stadtteich. Barbara, Wolfgang's Schweſter, harrte indeß, gleich ihm erſchoͤpft und ſterbens⸗ muͤde, im Winkel der Gaſtſtube des Auer⸗ hahnes auf Erloͤſung; ſie ſah, gequaͤlt wie Tantalus, nach der Wirthtafel hin, an welcher einige Markthelfer, Fuhrleute und wandernde Handwerker zwiſchen Schwein⸗ fleiſch und Sauerkraut ſaßen und ſchlich jetzt der Wirthin an den Heerd nach, ihr den Verluſt des Beutelchens, den quaͤ⸗ lenden Hunger, die Furcht vor jenen ro⸗ hen Geſellen zu klagen und derſelben ein ſeidenes Tuͤchlein als Unterpfand fuͤr die erbetene Mahtzeit anzubieten. Herzengelchen!— erwiderte dieſe— haͤttſt Du doch laͤngſt das Roſen⸗ maul aufgethan! Ich leihe nicht auf S 48 Pfaͤnder und dieſe klaren, frommen Au⸗ gen ſagen gut fuͤr Dich. Sey unſer Gaſt, wir wollen eben zu Tiſche gehen. Damit oͤffnete dieſelbe einen Verſchlag, ſie fuͤhrte das Maͤdchen zur Tafel, an der bereits der alte, taube Wirth, ihr junger, ſchöner Pathe Ehregott ſammt der Groß⸗ mutter ſaßen, und labte die Verſchmachtete. Der Alte laͤchelte die liebliche Erſcheinung, dann ſeine Ehehaͤlfte an, welche ſich ihm durch Zeichen verſtaͤndigte; der Pathe bot ihr erroͤthend die beßten Biſſen dar, das Großmuͤtterchen aber erſchoͤpfte ſich in Fragen nach Barbara's Namen, Alter, Abkunft, Familie, dem Zwecke ihres Hierſeyns und rief, als jene der Tante Rauhmund, ihres kuͤnftigen Schutzengels, Erwaͤhnung that: Ein halbes Fraͤulein alſo? Tauſendmal Tauſend! Ei Kind! ſo gedenke des Au⸗ erhahn's und der Meinigen, wenn Du, ſo Gott will, zu Ehren koͤmmſt. 49 Als endlich das Dankgebet geſprochen war, ſagte der ſchoͤne Ehregott, welcher als Fiaker ſein Brot erwarb: Mit Ih⸗ rer Erlaubniß fahre ich Sie nun vor das Quartier der gnaͤdigen Matante, denn ohne Schuhe und in dem beſtaͤubten Rei⸗ ſekleidchen wuͤrde Ihnen der weite Weg noch einmal ſo lang und hundeſauer werden. Wohlgethan!— fiel die Wirthin ein — die Schecke iſt ſatt wie Du, ich will ſie traͤnken und anſpannen und kommt der junge Herr, um ſein Schweſterchen in Empfang zu nehmen, ſo wird ihn der Liebedienſt erfreuen. Das geruͤhrte Baͤrbchen ſtraͤubte ſich anfaͤnglich gegen dieß Uebermaß von Guͤte und dachte: Ach Gott! welche Engel ſind doch die Menſchen in der Reſidenz im Vergleiche mit den groͤblichen Kien⸗ holzern. Schon hier im Auerhahne finde I. 4 4 1 4 5 — 50 ich gleichſam den Himmel auf Erden, wie mag es vollends im Schloſſe hergehen. Doktor Weßler wuͤnſchte der Frau Schaͤrflich jetzt perſoͤnlich zu dem erwuͤnſch⸗ ten Ausgange des Prozeſſes Gluͤck und ward wie ein Großkanzler empfangen. Umarme unſern Genius! ſagte ſie begei⸗ ſtert zu Julien, die bei ſeinem Eintritte den Stickrahmen verlaſſen und ſich neben die Mutter geſtellt hatte, um ihr erkennt⸗ liches Gefuͤhl gleich dieſer auszuſprechen. Die Jungfrau zoͤgerte, bis zu der ſchoͤnen Stirn ergluͤhend, der Doktor kuͤßte be⸗ ſcheiden dieſe Stirn und dann zum Danke fuͤr die Vergoͤnnung, der Mutter Hand. Es ward hierauf noch eine Unzahl ſuͤßer Worte und ſchmeichelhafter Redensarten gewechſelt; er beurlaubte ſich endlich und eilte treppenan, den Schwager ſeiner Frau 51 Clientin, Herrn Hauptmann Schaͤrflich, zu beſuchen. Derſelbe war ſein Jugend⸗ freund, war als verdienter Halbinvalid entlaſſen und zum Polizeimeiſter ernannt worden. Ach Ferdinand!— rief der Erfreuete — Du machſt Dich rar! Wie geht's? Schlecht— ſprach der Doktor und warf ſich in's Sopha— ich wache und Ihr ſchlaft; das Gegentheil wuͤrde mir und den Mitbuͤrgern zu Gute kommen. S. Ihr Unbilligen! W. Ich kehre, zum Exempel, er⸗ ſchopft und verbittert von dem Zweikampfe mit einem Rabuliſten ober Zungendreſcher, vom Hader mit eſelhaften, halsſtarrigen, das Recht fuͤr Unrecht haltenden Bauern heim, trete an's Pult, um eine ſchwierige Berufarbeit zu enden oder zu beginnen— da ſpielt ein tobendes Rudel der Straßen⸗ brut vor meinem Fenſter Bataille, haͤm⸗ 4* 52 mert mein Hausgenoſſe, der Schmied, pocht mein Nachbar der Böͤttcher, die, gleich allen Spektakelmachern, ihr Weſen am Ende der Stadt treiben ſoll⸗ ten, und mein Kopf wird zur Eiſenplatte oder zum Faſſe.— Die ſtille, jedes Un⸗ gethuͤm beſaͤnftigende Nacht bricht ein, lange ſuche ich vergebens den heilenden Somnus, endlich beſchleicht er den Lebens⸗ muͤden. Da ſchreckt mich das Gewinſel eines Verdammten aus dem lieblichen Traum auf. Der ausgeſperrte Pudel des gedachten Boͤttchers iſt's, der unver⸗ nommen bleibt, mich zur Verzweiflung bringt— dem endlich eine Heerde aͤhnli⸗ cher Gaſſenkoͤter, bellend und heulend, bis zum Morgenrothe ihr vermaledeites Bei⸗ leid bezeigt. O, wohl dem menſchlichen Geſchlechte, wenn ihm uͤberall das hieſige Hunderecht wuͤrde! Dazu iſt ihre Zahl Legion, gleich den empoͤrenden Skandalen, 53 die ſie geben, aber das Uebel wahrſchein⸗ lich ein nothwendiges, wenn tollge⸗ wordene oft genug ganze Familien in un⸗ heilbares Weh und namenloſen Jammer ſtuͤrzen.— Doch ich komme auf meine Naͤchte zuruͤck. Schweigen die Beſtien, wiehern und gurgeln die heimkehrenden Trunkenbolde nicht, ſo gibt doch mein Gegenuͤber, der Bierwirth, woͤchentlich zwei Concerte, die bis zur Mitternacht dauern, und vergebens wuͤnſcht Dein Friedlieb ſeine Pauker und Trompeter auf irgend ein Schlachtfeld. Wie manchen Kranken, den nur der Geiſt der Ruhe und des Schlummers heilen kann, moͤgen die bereits in meines Klaͤrchens Schlaf⸗ ſaal hinausgeſchmettert und gewirbelt ha⸗ ben. Der Hauptmann ging im Sturm⸗ ſchritt auf und nieder. Ihr aber— fuhr der Doktor, zum Theil mit Poſa's Wor⸗ 54 ten fort: Ihr laßt der Uebel grauenvol⸗ les Heer in unſrer Hauptſtadt lieber to⸗ ben— Euch wird man nicht gewahr— Beſcheiden verſteckt Ihr Euch hinter ellen⸗ breite Klebezettel, die ſelten einer lieſ't und beachtet. Ich bin ſo wunderſam gebaut— er⸗ widerte jener, ploͤtzlich laut auflachend— daß die Galle nur mein Zwergfell reitzt; ein Gluͤck, um das mich ſelbſt der Lord Mayor beneiden wuͤrde. Wiſſe indeß, daß in jedem freiſinnig, alſo wohl regier⸗ ten Lande unſer Einer an Statt des Stabes Wehe nur den Lilienſtengel oder Schaͤferſtab handhaben koͤnne— wenn daher die vergnuͤgte Jugend, die rohe Hundeſchar und des Bierwirths Euterpe ihr unverhinderliches Weſen treiben, ſo danke Gott, daß Du, wie jene, ungeſtraft knurren, bellen und ſelbſt ſchriftlich pau⸗ ken, muͤndlich trompeten und Deine My⸗ 55⁵ ſterien dem Briefe und Siegel ſicher an⸗ vertrauen darfſt— daß Dich kein Spaͤ⸗ her aushorcht und verraͤth und daß den Strauchelnden in dieſen heil'gen Hallen, ſtatt des Geſchmeides und der Baſtonna⸗ de, nur etwa ein verhallender Wiſcher zur Pflicht fuͤhrt. Wen uͤbrigens unſer Herr Gott lieb hat, ſagt das Sprichwort, dem gibt er's im Schlafe, und ich weiß daher bereits, daß Du ehegeſtern das Pflegkind der Todtengraͤberin, die kleine Natalie, dem Waſſertod entzogſt— daß Du mit der Kammerraͤthin Unthal auf dem Got⸗ tesacker zuſammentrafſt— daß ſie da be⸗ muͤht war, den gemuͤthlichen und verlieb⸗ ten Juris Prakticum durch den Tod in's Leben zu fuͤhren, jenes Engelchen aber nicht blos, um ihr ruͤhrbares Herz vor Dir leuchten zu laſſen, auf der Stelle an Kindes Statt annahm. 56 W. Du weißt genug und hoffentlich auch, daß die Unthal ſo rechtlich als lie⸗ benswerth, ſo gut als gebildet, ſo klug als empfindſam, daher ein Gegenſtand des Neides und des Leumunds gemeiner See⸗ len iſt. S. Und des Verdachtes fuͤr unſer Einen! Weßler rief auffahrend: Wie?— Nenne die Gruͤnde! S. Hoichſtens ihrem zukuͤnftigen Braͤu⸗ tigam, wenn er mich deßhalb auf mein Gewiſſen fragen ſollte. So viel beſteht indeß, daß jener Hugo nur ein Opfer ih⸗ rer Gefallſucht ward, daß ſie weder ihn noch den armen Kammerrath— und nur des Erſteren Goͤtzendienſt und nur des Letz⸗ teren Titel und Mittel liebte. W. Schmaͤhliger Argwohn!— O, wie bedauernswerth ſind doch die Frauen! 57 Amen, ja!— rief der Hauptmann mit Nachdrucke— und viel bedauernswerther noch find' ich die Hugos und ihre Nach⸗ folger. W. Ein ſolcher bin ich nicht, aber gerecht und im Innerſten empoͤrt, da eben ſelbſt eine vornehme, hoͤchſt achtbare Goͤn⸗ nerin, mit der ich von der Unthal ſprach, die Vermuthung hinwarf, jenes Waiſen⸗ kind ſey ihr eigenes— der geheime Zeuge ihrer erſten Verirrung. S. Die das behaupten, erinnern ſich auch, daß die bisherige Pflegmutter der Kleinen ehemals als Stubenmaͤdchen in Nina's elterlichem Hauſe diente und Mut⸗ ter und Tochter auf einer Badreiſe be⸗ gleitete, von welcher die Letztere blaß, kraͤn⸗ kelnd und abgefallen zuruͤckkehrte. W. Man darf wohl fragen, ob jene Luͤgengeiſter auch den Vater erkluͤgelten? 4 4 12 8 — 58 S. Unter dem Siegel des Vertrau⸗ ens geſtehe ich Dir, daß ſelbſt einige Arg⸗ loſe den Grafen Gaſto, meinen Hausge⸗ noſſen, fuͤr dieſen halten und ſehe mit Erſchrecken Dein frommes, redliches, gleich⸗ muͤthiges Herz von ſtiller, aber heißer Lei⸗ denſchaft bethoͤrt— ſehe meinen liebſten Freund an der Pforte einer Marterkam⸗ mer, in die er ſich ſtuͤrzen will. W. Du ſiehſt da wieder ein Phan⸗ tom. Ich liebe nur mein Klaͤrchen! die Reine, Selige, Verklaͤrte! S. Das Herz taͤuſcht ſich ſo leicht — oft gern; es liebt die Todte in der Lebenden. W. Nein— nur das Mitleid neigt mich Jener zu. S. Und Nina vermag es zu be⸗ ſchwingen, entflammtes Mitleid aber thut es, unſerm Pflichtgefuͤhle ſchmeichelnd, aus dem wir es entſprungen waͤhnen, an In⸗ 59 nigkeit und Opferungen der hoͤchſten Liebe gleich— da unterbrach ein Dienſtge⸗ ſchaͤt den Warnenden; Weßler benutzte die willkommene Stoͤrung und ging ab. Das Fraͤnlein Angelika machte ſich be⸗ kanntlich in ihrer Verwandtenliebe auf, die junge Herrlein aus dem Auerhahne herbeizuholen, ſie traf jedoch im Haus⸗ raume ihrer Wohnung auf Chriſtinen, das Stubenmauͤdchen der Graͤfin Gaſto, welches derſelben ſofort ebenfalls den Ungluͤckfall der Jungfer, die Geſchichte von dem ein⸗ gerichteten Arme, dem geſchorenen Kopfe, dem Toben der argen Meiſterin und dem gelaͤhmten Tanzmeiſter Bonneval mittheilte. Beide beſpraͤchen das Mißgeſchick noch, als ein Waͤglein vor dem Hauſe hielt, aus dem die holde Barbara ſtieg, die fuͤrerſt den ſchöͤnen Ehregott ſtatt des Fuhrlohnes mit 60 wohlthuenden Worten und Blicken ent⸗ ſchaͤdigte, dann ſcheu in's Haus ſchluͤpfte und die beiden verwunderten Frauenzimmer wie eine verſchaͤmte Arme fragte, ob hier das Fraͤulein Rauhmund wohne?— An⸗ gelika, die in derſelben eine bluͤhende, be⸗ ſcheidene Jungfrau erblickte, welcher der Wagen einige Bedeutſamkeit gab, entgeg⸗ nete in halber Verneigung: ſie ſey die Genannte, und ward ſofort mit kindlichem Eifer an den Buſen der Nichte gepreßt, entzog ſich ihr jedoch, von boͤſer Ahn⸗ ung ergriffen, mit derſelben Haſt und wis⸗ perte, ſchnell verwandelt: Wohl gar die Herrlein? Ich will nicht fuͤrchten? Ja, gnaͤdiges Tantchen!— ſprach dieſe kleinlaut— Seyn Sie nur gut! A. Und koͤmmt im Wagen? Iſt das erhoͤrt? B. Der redliche Fiaker fuhr mich gratis. 61 A. Gratis? Ein hieſiger? Da muͤßte ja der Welt Ende vor der Thuͤr ſeyn. B. Bewahre uns der Himmel! Bloß weil ich keine Schuhe habe und ihn dauerte. Iſt denn der Bruder da? Ja, leider Gottes!— ſprach das Fraͤu⸗ lein, es ſetzte dann, ſich an die lauſchen⸗ de Chriſtine wendend, leis hinzu:— Das Maͤdchen iſt meine weitlaͤufige Verwandte — ein Schaf, das aber macht was ſeine Augen ſehen und Thereſinchens Stelle bei der Frau Graͤfin am beßten vertreten kann. Bieten Sie doch gefaͤlligſt die Hand dazu. Ach, alle beide!— entgegnete dieſe — denn ein ſolches Schaͤflein war ja ſpielend zu meiſtern und einzuſchrecken. Dieſes ſchlich jetzt wie zur Schlachtbank, auf wunden Sohlen, ſeiner Schererin nach. Angelika horchte fuͤrerſt an dem Ver⸗ ſchlage, in welchen ſie den Wolfgang ge⸗ “ —— 62 ſperrt hatte. Der ſchlafe! dachte ſie, als kein Laut zu vernehmen war und ſprach dann zu der verſchuͤchterten Jungfrau: Kniee nieder, Du Staubgeborene! und danke dem Herrn Deinem Gotte, daß er Dir vornehme, großmuͤthige und einfluß⸗ reiche Verwandte gab, die heute noch die irdiſche Himmelsthuͤr vor Dir aufthun wer⸗ den. Danke ihm vielmehr im Abendge⸗ bete und waſche Dich jetzt und wirf dieſes armſelige Faͤhnchen ab, denn die getreue Tante will Dich der Graͤfin Gaſto vor⸗ ſtellen, einem Engel in Damengeſtalt, die ein honnetes Kammermaͤdchen braucht. Ich lehne Dir, verſteht ſich, fuͤr den Au— genblick, zu dieſem Parademarſch ein Haͤub⸗ chen undzierliche Kleidungſtuͤcke, die, wie durch goͤttliche Fuͤgung, fuͤr Dich gemacht ſchei⸗ nen. Verfallene Pfaͤnder, auf welche ich aus chriſtlicher Liebe einer weltberuͤhmten Schauſpielerin Geld lieh, die nun, hier ne⸗ benan, im Oecremente ſitzt. 63 Baͤrbchen vollzog mit ſtiller Ergebung, was ihr geheißen ward und das Fraͤulein rief jetzt, die Haͤnde faltend: Hunger und Kummer wollt ihr Luͤgenmaͤuler gelitten haben, dennoch biſt Du, wie eine Gans um Martini, bei Leibe und vermuthlich, gleich den ſaubern Bruder, ein Vielfraß, die hier zu den zweideutigen Perſonen gezaͤhlt werden. Die Jungfrau wendete ſich ſchnell er⸗ gluͤhend ab und lispelte weinerlich: Ach nein, gnaͤdiges Tantchen! auch dieſer Fleiſch⸗ ſegen iſt nur eine himmliſche Fuͤgung, denn ich ging oft genug hungrig zu Bette, um den armen Vater nicht darben zu laſ⸗ ſen; Wolf aber ißt freilich wie ſein Namen⸗ vetter, Gott geb's ihm zu Gute! Ein ſuͤndlicher Wunſch!— eiferte jene — Gott beſſere vielmehr den Freſſer, mit dem ich gar nichts anzufangen weiß. Angelika warf ſich waͤhrend dem eben⸗ falls in Glanz, denn ſie wollte ihre Nichte 4 3 8 64 heute noch los werden, wollte die willkom⸗ mene Gelegenheit benutzen, der Graͤfin aufzuwarten und naͤher zu kommen, was bisher, trotz aller Verſuche, mancher Ernied⸗ rigung und dem eifrigen Bemuͤhen Rahe⸗ lens nicht gelungen war; das Maͤdchen aber entſchaͤdigte der Spiegel fuͤr die kraͤnk⸗ ende Aufnahme. Zum erſten Male ſah ſich Baͤrbchen in einer koͤſtlichen, gewaͤhl⸗ ten, jede Gabe der Charis erhoͤhenden Tracht; ſie lauſchte ſtill entzuͤckt vor dem Glaſe, das derſelben gleichſam ihr verklaͤrtes Ebenbild zeigte, ward aber ploͤtzlich von der Alten verdraͤngt, die ebenfalls ihr Aus⸗ ſehen, beineben auch das vorhabende Ge⸗ berdenſpiel muſtern wollte und ſich, gleich jener, uͤber die Maße geſiel. Bald darauf ſtanden ſie, von der Rahel gemeldet, im ſchmucken Vorſaale der Graͤ⸗ fin; die Tante, wie ihres Gleichen auf alten Faͤchern, zur Reverenz bereit, mit 65 Milch⸗ und Honigworten auf den blauen Lippen und nach der Weiſe porzellaner Zerr⸗ bilder laͤchelnd; die Nichte dagegen glich einer jungen Heiligen, die ſich ihrer An⸗ muth ſchaͤmt— das Herzchen und die Kniee bebten, die kraͤftige, bedraͤngte Bruſt erhob den Schleier. Weißt Du denn noch— wisperte die Tante— was ich Dir in den Mund ge⸗ legt habe? Wort fuͤr Wort, damit ihr Dein Stammeln wohlthue, in's Innere dringe und nicht etwa zum vorlauten Ge⸗ ſchnatter werde? Baͤrbchen erſchrack, ward noch um Eins ſo roth und lispelte: Ich kuͤſſe ihr fuͤr's erſte die Hand— A. Den Saum des Gewandes, ſag' ich Dir! Sage ich Dir!— fuhr die Angſthafte fort: und ſpreche:— Ich Un— ich Arme— ich Ver— I. 5 66 Ich Maulaffe!— brach Angelika, vom Jaͤhzorn ergriffen, los, vergaß ihre Stell⸗ ung und das Columbinen⸗Laͤrvchen ward zur Fratze; ſie ſtreckte, ziſchend wie der Lindwurm, die Zunge vor und erblaßte in der folgenden Secunde, denn Barbara beugte ſich eben in magdlicher Demuth vor dem feenhaften Gegenſtuͤcke dieſes Drachen — vor der Graͤfin Gaſto, die aus einer Tapetenthuͤr hervorgeſchluͤpft war, fuͤr den Augenblick vor jener Spottgeburt zuruͤck⸗ fuhr, dann wider Willen laut auflachte, ſich bezwang und freundſelig zu der Jung⸗ frau ſagte: Sie wuͤnſchen ſich an meines Kam⸗ mermaͤdchens Platz? Baͤrbchen faßte ſchnell ermuthigt die Hand der Huldigen, druͤckte ſie an ihren Buſen, an ihre Lippen, laͤchelte durch Thraͤnen wie ein bittender Engel und ſagte mit Wohllaut: Ach, wenn es Gott wollte! 67 Das Wollen iſt an Ihrer Excellenz!— erſcholl es jetzt in Beider Ruͤcken. Ihre verewigte Mutter war eine Rauh⸗ mund!— fuhr jene mit einem flammen⸗ den, das Fraͤulein Angelika verwerfenden Blicke fort— ſie ſtammt ſomit aus einem alten, ehrenwerthen Hauſe und die Schwe⸗ ſter derſelben bietet das rechtliche, hilfloſe, ſich in ihre Arme werfende Muͤhmchen als eine Dienſtbare aus?— Ja, ich nehme Dich an und auf, liebe Verlaſſene! Du wirſt mir dienen, doch nicht als Gedungene, und um ſo treuer, eifriger. Sie aber, Fraͤulein! treten mir hoffentlich Ihre Rechte uͤber das Maͤdchen ab, wenn ich mich zu den Pflichten, die Ihnen oblagen, bekenne. Angelika waͤre der Befreierin von die⸗ ſer Buͤrde gern um den Hals— in ihrem Grolle uͤber die ſchmaͤhlige Behandlung, noch lieber in die Haare gefallen, doch waͤhlte ſie den Mittelweg, ſie ſprach, ſich 5* 3 68 wunderlich geberdend: Verkennung ſchmerzt, wenn man es engelgut gemeint und meine Nichte hat die Wahl!— neigte ſich dar⸗ auf kaum bemerklich und ging, mit ge⸗ meſſenen Schritten, wie die Jungfrau von Orleans ab. Das heutige Fruͤhſtuͤck des Polizei⸗ meiſters hatte wieder in Eſſig und Galle beſtanden, die letztere abermal das Zwerch⸗ fell angeregt. Er kehrte eben von einer amtlichen, ſchwierigen Verrichtung heim, als ein Fremder eintrat, ſich den Baron Wirrheim nannte und ſeinen Beiſtand in Anſpruch nahm.— Man zaͤhlt Sie hier, wie ich hoͤre, zu den verſtaͤndigſten und thaͤtigſten Staatsdienern— fuhr er fort— und dieſes Zeugniß verbuͤrgt im Voraus die gewuͤnſchte Unterſtuͤtzung und Theil⸗ 69 nahme. Ich war in Prag ſeit Jahr und Tagen der Hausgenoſſe einer verwitweten Frau von Roſenau und gewann ſie taͤg⸗ lich lieber. Es gelang mir auch, ein aͤhn— liches Gefuͤhl in ihr anzuregen, das meine Neigung zur Leidenſchaft erhob. Der Bund ward geſchloſſen, mein Ueberfluß an Gluͤcks⸗ guͤtern entzog die Mittelloſe jeder Nahr⸗ ungſorge, Aurora ſah in dem zaͤrtlichen Freunde einen Himmelsboten— die wohl⸗ thuendſte, willkommenſte Erſcheinung ihres Lebens, und dennoch iſt die Unbegreifliche waͤhrend einer kurzen, mich entfernenden Geſchaͤftreiſe verſchwunden, ohne irgend eine Andeutung zuruͤckzulaſſen und ſomit entſchloſſen, ſich mir fuͤr immer zu ent⸗ ziehen. Mein Staunen, mein Erſchrecken, das quaͤlende, vergebliche Sinnen, dieß Naͤthſel zu ergruͤnden, muß Ihnen ein⸗ leuchten. S. Ei, allerdings! Ward ſie viel⸗ 70 leicht entfuͤhrt oder ſchwermuͤthig und ſtuͤrzte ſich in's Waſſer oder ſonſt wohin? W. Mit nichten! Gold und Eifer verſchafften mir nach dem Verlaufe von acht peinvollen Tagen die Gewißheit, daß ſich die Entflohene hierher gewandt habe; der Thorzettel beſtaͤtigt die Nachricht, auch iſt ſeitdem keine Dame dieſes Namens auspaſſirt und ich bitte daher um Erlaub⸗ niß, dem, der ſie auffindet, funfzig Du⸗ katen fuͤr ſeine Muͤhwaltung behaͤndigen zu duͤrfen. Waͤre mir das Gold ſo werth als Ihnen die Begehrte,— ſprach der Haupt⸗ mann— ſo wuͤrde ich die Praͤmie per⸗ ſönlich zu verdienen ſuchen, doch hat ſie wahrſcheinlich die Namen verwechſelt und hier einen ſichern Verſteck. Vor allem duͤrfte, naͤchſt der genauen Bezeichnung derſelben, die Warnung von Noͤthen ſeyn, Ihre Gefeierte nicht mit dem Pinſel der 71 Leidenſchaft zu malen, damit uns das wahre, ſprechend aͤhnliche Conterfey zu⸗ komme. Sie fodern einen Steckbrief— entgeg⸗ nete Wirrheim— und meine Paſſion ſoll mir nicht wehren, ihn treu und kalt wie ein Gerichtſchreiber zu entwerfen. Au⸗ rora von Roſenau verlor ihren Taufſchein, vergaß ihr Geburtjahr, geſteht ſich dreißig Sommer zu und iſt in Hinſicht der Ge⸗ ſtalt ein Gegenbild der Heroinen— zu klein, zu fleiſcharm vielleicht fuͤr Jeden, der ſie nicht mit meinen Augen ſieht— ſo federleicht, daß ich, ein ſtarker Mann, ſie unbeſchwert auf der Hand des ausge⸗ ſtreckten Armes tragen konnte. S. Ei, ſehn Sie doch! Ein Kolibri im Palmenkohle. W. Bis auf den mangelnden Farben⸗ glanz, denn man kann ſie nicht ſchoͤn nen⸗ nen. Die Augen ſpielen in's Graue, das 72 rechte ſieht ein wenig abwaͤrts, das Kinn tritt keck hervor und ihre Naſe fand Aurora ſelbſt zu bedeutend, was ich auch zugebe. Niedlichere Ohren aber und eine uͤppigere Fuͤlle blonden Ringelhaares hat wohl ſelten noch ein Weib gehabt— endlich pflegt ſich Frau von Roſenau theils aus fal⸗ ſcher Scham, theils wegen eines Feuer⸗ males, bis in die Gegend des Kehldeckels zu verhuͤllen. Der Hauptmann lachte jetzt wieder nothgedrungen auf, denn er aͤrgerte ſich uͤber die Blindheit des Liebhabers, der ei⸗ nem ſolchen Schatze nachlief, gab jedoch der poſſierlichen Andeutung des Deckels die Schuld und ſagte: Der Geiſt und das Gemuͤth der Dame uͤbertreffen unſtreitig ihre Form und feſſelten Sie durch magiſche Bande? Sie ſchmeicheln uns— entgegnete Wirrheim, ſich verneigend— denn ich ge⸗ 73 ſtehe Ihnen, daß Aurora mit jenen Vor⸗ zuͤgen keinesweges in dem Maße begabt ward, um eines Mannes Seele inniger als ſeine Sinne zu ergreifen.— Ei, ſo hol' Euch Herodes! dachte jener. Aber ich liebe ſie!— rief Wirrheim aufflammend— kann ohne ſie nicht froh ſeyn, nicht leben und werde Ihnen, Falls ihre Handreichung zum Ziele fuͤhrt, ewig Dank wiſſen. Schaͤrflich gelobte, das Seinige zu thun, er ruͤhmte die Gewandtheit ſeiner Leute und ihren Eifer in Bezug auf jede Spur des ſchoͤnen Geſchlechtes. Am beßten wird dieſer unterſtuͤtzt— ſprach der Baron, ſchnell die Weſte oͤff⸗ nend— wenn ich Ihnen, ſo ſchwer mir auch die Trennung wird, das Bild der Geliebten anvertraue.— Er nahm es von der offenen Bruſt, bot es ihm dar und 74 ſagte mit verhaltener Ruͤhrung: O, fuͤhren Sie dagegen das Urbild an mein Herz zuruͤck! Kreuz⸗Element!— rief der Haupt⸗ mann, als Jener gegangen war— ſein Urbild ſieht ja wie das Zifferblatt eines altmodiſchen Wandſeigers aus; die Naſe vertritt den Perpendikel, und laut des muͤndlichen Berichtes hat ſie ihr Maler offenbar noch, wie gewoͤhnlich, in's Schoͤne gepinſelt. Wierheim, der Verwirrte, ſollte Gott danken, daß dieſe Aurore— viel⸗ leicht aus Selbſterkenntniß— durch die Lappen ging, er aber laͤuft ihr nach, er bietet Gold und dringt in mich, auf Loͤffel⸗ gaͤnſe Jagd zu machen.— Da lob ich meine Wahl! Waͤre ich nur auch die ihrige; aber Gretchen Guding reißt viel⸗ leicht gleich dieſer Roſenau aus, wenn ich „ mich ihr beßtens zum Schaͤfer empfehle. O Amor! hilf der keuſchen, zaͤrtlichen, 75 verliebten und betruͤbten Polizei zu der beſcheidenen Krone von Dachsleben. Das Fraͤulein Angelika eilte, im Grimme uͤber die Bekraͤnkung, die derſelben ſtatt der erwarteten Ehre und Dankhbarkeit ge⸗ worden war, aus dem Vorſale der Graͤfin Gaſto zu ihrer Goͤnnerin, der Agrippine von Sterly, und ſchuͤttete das Herzchen aus. Dieſe ſtimmte ſofort, als die ge⸗ heime Feindin aller ſchoͤnen und juͤngeren, reichen und vornehmeren Frauen, mit Eifer bei, doch meine Treue und Aner⸗ kennung— ſagte ſie— heilt, wie ich glaube, dieſe Seelenwunde. Sie ſchenken mir den Abend, liebes Angelikchen! fin⸗ den Ihr Leibeſſen, Krebſe wie Hummer groß und wir machen— Trotz meinem ausdauernden Ungluͤcke— ein Spielchen.- 76 Angelika laͤchelte wie die begluͤckte Lie⸗ be, vergoͤtterte das himmliſche Gemuͤth der Patronin, trocknete, ſcheinbar zu Thraͤnen bewegt, die triefenden Augen und beſchloß ſogar, ſich heute aller Kartenkuͤnſte, der Quelle jenes Ungluͤcks, zu enthalten. Es war faſt Mitternacht, als dieſelbe, uͤberſaͤttigt von dem reichlichen Abendmahle, doch verſtimmt wie bei der Herkunft, zu⸗ ruͤckkehrte, denn ſie hatte verloren und das ſtille Geluͤbde ſie mindeſtens den Werth der genoſſenen Krebſe gekoſtet, auch mußte dem heimleuchtenden Bedienten der Frei⸗ frau ein Batzen in die begehrliche Hand gedruͤckt werden. Die Jungfrau ſchluͤpfte in ihr Stuͤb⸗ chen, ſchlug Licht an, horchte an der Thuͤr des Verſchlages und freuete ſich, den ar⸗ gen Neffen noch immer ruhig, alſo ſchla⸗ fend zu finden. Darauf loͤſ'te Angelika, nach dieſem wechſelvollen Tage der Ruhe 71 beduͤrftig, ſchnell den Guͤrtel und das Per⸗ ruͤckenband, ließ die Schleier fallen, trip⸗ pelte in's Kaͤmmerlein, an's Bettchen hin und ſchrie erbleichend auf, als ſie es gleich⸗ ſam zur Wolfſchlucht geworden ſah, aus der ein Samiel den Struppkopf empor ſtreckte. Ei, guten Abend, Tante Rauhmund! — rief er, bei dem Anblicke der Geſpen⸗ ſtigen auflachend— Sie haben mich ja ganz vergeſſen— haben wohl mit Baͤrb⸗ chen bei der Frau Graͤfin geſpeiſ't und goͤnnen dem Verlaſſenen nun die Ruhe⸗ ſtatt, denn in dem alten Wackelſtuhle draußen dauert kein Hund aus und ich mache mich ſchmal. Geniren Sie ſich nicht, der Wolfgang ruͤckt zu. Im Va⸗ terhauſe, wo es an Betten gebrach, habe ich Jahre lang neben der ſeligen Groß⸗ mutter geſchlafen, und wir vertragen uns ebenfalls. Steigen Sie ein! 78 Angelika litt an Nervenzufaͤllen, die ihr oft ploͤtzich den Odem und die Spra⸗ che raubten; ſie ſchlich zuruͤck, um Liquor zu nehmen, fand jetzt, ſtatt des geſuchten Schrankſchluͤſſels, die vier geleerten Fla⸗ ſchen des Doppelbieres, weiterhin auch die Schale der Magenwurſt, den welken Blaͤttern ihres Kranzes aͤhnlich und wuͤnſchte nichts inniger, als eben in Amſterdam zu ſeyn, um dieſen verruchten Stubenbur⸗ ſchen einem Seelenverkaͤufer in die Haͤnde ſpielen zu konnen. Was ihr indeß noch zum Troſte gereichte, war eine heute em⸗ pfangene Verheißung. Angelika hatte der Frau von Sterly vorhin ihr Leid geklagt und den ungebetenen Gaſt als einen hoch⸗ muͤthigen, rohen Taugenichts geſchildert, der ſelbſt die Ehre, Jener als Herrenjaͤ⸗ ger dienen zu duͤrfen, tief unter ſeiner Wuͤrde finde.— Ei, Liebe!— erwi⸗ derte die Goͤnnerin darauf— Ihr Vetter 79 ahnet nicht, daß wir Beide vor kaum dreißig Jahren unter dienſtwilligen Kam⸗ mer⸗- und Jagdjunkern die Wahl hatten, aber goͤnnen Sie doch den Plagegeiſt meinem Schwager, dem Garde⸗Major Teufel von Teufelſtein. Kaltes Eiſen, Strapazen und Donnerwetter vertreiben die Hoffahrt und ich will ihm, wenn es Ihnen gefaͤllt, morgenden Tages einen Wink geben. Nichts in der Welt koͤnnte mir beſſer gefallen— erwiderte Angelika— und gehen der Herr Oberſt⸗Wachmeiſter darauf ein, ſo ſchreibe ich dem Burſchen ein Uriasbriefchen, das er ihm uͤberbringen muß und meine Haus⸗ und Seelenruhe kehrt zuruͤck. Der truͤbſinnige Weßler wandelte heu⸗ te, wie gewoͤhnlich nach vollbrachtem Tag⸗ 80 werke, um die Stadt und traf auf ſeinen Beichtiger, der eben aus einer offenen Gartenthuͤr trat, ihn begruͤßte und im Namen der Nothleidenden mit Innigkeit fuͤr uͤberſandte fuͤnfzig Thaler dankte. Die Gabe koͤmmt vom Grafen Gaſto— er⸗ widerte Weßler— deſſen Sachwalter ich bin, der eben, als ich bei ihm war, einen Solofaͤnger kaufen wollte und mir ſofort das uͤberſandte Gold zu jenem Behufe einhaͤndigte, als ich die Bemerkung hin⸗ warf, daß ein Segenſpruch erquickter Ar⸗ men viel einbringlicher als die gluͤcklichſte Haſenjagd ſey. Der Prediger belobte ſei⸗ nen heilſamen Freimuth, verſicherte, den Geber von der zweckmaͤßigen Verwendung der Summe unterrichten zu wollen und ging, Weßler aber warf einen Blick durch das Pfoͤrtchen und ſah ſeine Freundin Un⸗ thal in der nahen Laube, denn es war der Garten ihrer Wohnung, deſſen Hin⸗ 8¹1 terthuͤr auf das Feld traf. Sie nickte ihm ſo freundſelig, die magiſchen, vom Wohlwollen erglaͤnzenden Augen fragten ſo einladend, ob er nicht naͤher zu kom⸗ men gedenke, daß er wie von Geiſterhand gezogen, unwillkuͤhrlich eintrat, die Pforte, der argen Welt wegen, hinter ſich zu⸗ ſchob und den herzigen Gruß der Erfreu⸗ ten traulich erwiderte. Wie Pſyche in Elyſium! ſagte er, und Nina erwiderte mit weichem Wohl⸗ laute: So iſt mir auch, denn eben hat uns mein Herr Beichtvater verlaſſen— der treffliche Mann, dem vor vielen die Gabe ward, das Herz zu erheben, zu er⸗ quicken, zu heiligen. Ihr inniges Ver⸗ haͤltniß zu ihm beweiſ', daß Einer des Andern wuͤrdig ſey. Er kam von einem Sterbette— die junge, liebenswerthe Hil⸗ lau iſt verſchieden und ihr Gatte ohne Troſt— unergruͤndliches Schickſal! I. 6 Der Witwer ſollte mit dem Geſchicke nicht hadern— erwiderte Weßler— denn er war ja der gluͤcklichſte Ehemann und das Begluͤckende kann hienieden nicht dau⸗ ern. Ihm bleibt die ſuͤße Wehmuth des Gedenkens, die Blume ſeliger Erinnerung. Er liebte und er ward geliebt! In die⸗ ſem Bewußtſeyn liegt die Heilquelle fuͤr jedes Leid ſeiner Zukunft; ſie kann nicht verſiegen! Die kleine Natalie trat jetzt ploͤtzlich aus dem Laubbehaͤnge hervor und bot dem Doktor laͤchelnd und holdſelig ein Straͤußchen gepfluͤckter Wieſenblumen dar. Auch Sie ſind geliebt!— ſagte Nina, ſchnell bewegt, mit leiſen Silbertönen— ein heiliger Inſtinkt leitet dieß Kind, es gleicht noch ſeinem Engel und darf dem frommen Triebe folgen. Die Kleine iſt ſeit geſtern mein! 83 Wohl Beiden! dachte der Geruͤhrte, pries jetzt im Herzen den Zufall, der ihn zum Retter des Maͤdchens werden ließ, griff nach den Blumen, nahm das liebli⸗ che an's Herz und ſprach: Aus dieſen Zuͤgen, dieſen Augen, dieſem harmloſen Weben ſtrahlt die entſchwundene Unſchuld⸗ welt zu uns heruͤber— das Gottesreich und ſein Friede. Nina lauſchte der Rede, ihre Blicke hafteten an dem laͤchelnden Sinnbilde, ſie entzog es ihm, ſie preßte es ergriffen an den Buſen und lispelte unter ausbrechen⸗ den Thraͤnen:„Umſchwebe mich, Du Un⸗ ſchuld gold'ner Jahre!“— Da rauſchte Agathe herbei. Sie ſchien uͤberraſcht, ſchien die veranlaßte Stoͤrung zu bedau⸗ ern, begruͤßte den willkommenen Gaſt auf's freundlichſte und ſagte zu jener: Frau von Erburg ſchleicht mit ihrer 6* 84 Schweſter die Gaſſe herab— unfehlbar zu uns— willſt Du ſie annehmen? Die Falſchen!— fiel Nina, ſchnell verbittert, ein— Sie wollen alles wiſ⸗ ſen und ergruͤnden, ſie horchen uͤberall, hoͤrten unſtreitig bereits, daß ich die Kleine zu mir nahm und kommen, ſich zu uͤber⸗ zeugen. A. Und werden, Falls ich Dich ver⸗ leugne, bei mir verweilen, ſich in dem Garten ergeh'n, oder durch dieſen zuruͤck⸗ kehren wollen. Was thue ich, Beßter? Ihr Aus⸗ ſpruch entſcheide! ſagte Nina mit Innig⸗ keit und ſah zu dem Freunde auf. Sie erwarten die Schlangen, die ich fliehe! entgegnete er, kuͤßte ihre Hand, dann auch des Kindes Wange, das noch an Nina's Herzen lauſchte und jetzt laͤch⸗ elnd das Haͤndchen ausſtreckte, um es 85 ebenfalls kuͤſſen zu laſſen. Gott gebe Dir Friede! lispelte er bewegt und eilte fort. Auch uns! rief Nina dem Entfliehen⸗ den nach. Unfern des Gartens begegnete Weßler nun auch ſeinem Arzte, dem Doctor Guͤl⸗ denkraut. Schoͤn! ſo iſt's recht, Bruͤder⸗ chen!— ſagte dieſer— nur tuͤchtig ambu— lirt; aber Du ſiehſt ja wieder ein Mal wie der verwitterte Seehund auf dem Marktbrunnen aus. W. Weeil ich leide! G. Hypochondrie und nichts weiter! W. Sage lieber, Erkenntniß der Dinge! G. Die Du im Hohlſpiegel ſiehſt. W. Durch's Mikroskop vielmehr, das uns im klarſten Waſſer zahlloſes 86 Ungeziefer, in der herrlichſten Geſtalt eine Unform zeigt. Ich ſehe uͤberall des Teu⸗ fels Saat gedeihen, die Boͤſen floriren und den gleißenden Lug und Trug aller irdiſchen Guͤter. O, gluͤcklich ſind wir blind! die Mehrheit iſt's, zu ihrem Gluͤcke. Der brummende Guͤldenkraut zog jetzt ploͤtzlich den Hut ab und neigte ſich, denn eben ſchritt Frau Schaͤrflich mit ihrer Ju⸗ lie und den beiden Muhmen aus Dachs⸗ leben, welche hier ebenfalls luſtwandelten, um die Ecke der Stadtmauer her, an ih⸗ nen voruͤber. Weßler hatte die Nahen⸗ den in ſeinem Eifer nicht bemerkt, er gruͤßte nun auch, ſah ihnen nach und ſprach dann zu jenem: Wieder ein Naͤthſel! Geſtern noch haben mich Mutter und Tochter, die ich verpflichtete, wie den heiligen Chriſt em⸗ pfangen und gefeiert, jetzt aber warf 87 mir jene, kaum ſichtbar dankend, einen Baſiliskenblick zu und Julie blickte grol⸗ lend nach der Gartenmauer hin. Sieh', aͤhnliche verſtimmende Eindruͤcke werden mir bei jedem Geſchaͤft- oder Spatzier⸗ gange. Faſt immer treffe ich da nur auf fatale Perſonen oder auf ſchwatzſuͤch⸗ tige Bekannte und ereiferte Kannegießer, oder auf hohe Staatshaͤupter, vor denen man wo moͤglich ausreißt und oft genug in den Suͤden geraͤth, wenn unſer Ziel im Norden liegt. Am meiſten aber wi⸗ dert mich die Unzahl der Narren an, die ohne irgend ein Recht auf Beachtung, den Gruß erwarten und ertrotzen wollen, im Geiſte unſerer Zeit, die alles verkehrt hat. Sind dieſe Dunſe etwa auch nur Trugbilder meiner Phantaſie? G. Nein, leider nicht! Ich aber habe mir es zur Buße auferlegt, vor je⸗ dem ſolchen den Hut abzuziehn, da man 88 ſich ja oft genug als ihr similis ertappt. Auffallend war es uͤbrigens, daß die Da⸗ me Schaͤrflich an ihrem Herrn Curator, wie an dem Hausarzte voruͤberſchritt, ohne die Plappermuͤhle in Gang zu ſetzen, noch auffallender, daß Julie den Doctor juris verleugnete und blaß wie der Tod ausſah. Die zaͤhlſt Du hoffentlich nicht den Fatalen bei? Das Maͤdchen iſt wun⸗ derhuͤbſch, iſt ſchlank und doch uͤppig, ver⸗ ſtaͤndig, gut, gebildet und regſam wie das blitzende Augenpaar. W. So regſam allerdings, daß Ju⸗ lie den zukuͤnftigen Eheherrn in's Bock⸗ horn oder aus der Haut jagen wird— krankhaft⸗reizbar, unruhig, wechſelhaft und nur dann anziehend, wenn unſere Augen⸗ luſt die Urtheilkraft niederhaͤlt. Nun wird mir alles klar!— fiel je⸗ ner ein— das Liebespaar hat ſich ent⸗ zweit; der Schaͤfer grollt, die Hirtin 89 ſchmollt und die Mama tritt ihr das Bruͤckchen. Als aber Weßler jedes naͤ⸗ here Verhaͤltniß zu Julien entſchloſſen ab⸗ leugnete, faßte Guͤldenkraut ploͤtzlich ſeine Hand und ſprach: So wiſſe denn, daß ich in dieſem Falle des naͤchſten um ſie freien werde. W. Iſt's moͤglich— Du? G. Ich, und weßhalb? Primo, weil Julchen meine erſte Paſſion iſt; zweitens, weil ſie Geld hat; mir drit⸗ tens ſichtlich wohlwill und ihre Mutter, viertens, meine Wenigkeit wuͤrdigt und ehrt. Zwar bin ich kein Lobhudler— W. Sage, ein Eſſighaͤndler. G. Kein Molkendieb. W. Ein Vampyr vielmehr. G. Und nicht der Schoͤnnſte. W. Der Ausdruck ſchmeichelt noch; denn unter uns, die Leda haͤtte ſich eher 90 entſetzt als vergeſſen, wenn Jupiter ihr in Deiner Haut erſchien. Lautlachend entgegnete jener: Man hoͤrt da wiederum, wie traurig es um Deine Milz und um das intestinum coli ſteht, doch hat mich mein Berufe zur Nach⸗ ſicht mit den Irren und Truͤbſeligen ge⸗ woͤhnt und willſt Du dankbar ſeyn, ſo aͤußere, dem ſuͤßen Julchen gegenuͤber, das contrarium. Bringe mich da mit guter Art auf's Tapet— ſprich zum Exempel: Ihr Arzt iſt doch ein Ehrenmann! W. Das gebe ich zu. G. Iſt geſund wie ein Walffiſch. W. Auch ſo geformt! wird ſie er⸗ widern. G. Weiß ſich, vermoͤge ſeines Eifers und Treffers, vor Kranken nicht zu laſſen und hat ſich ſelbſt dem Hofe empfohlen. W. Dem Kirchhofe wohl?— Aber liebſt Du das Maͤdchen im Ernſte? 91 G. So wahr ich lebe, wie mich ſelbſt! — Jetzt wurden ſie von bekannten Luſt⸗ wandlern unterbrochen und der Verliebte ſchritt dem nahen Hospitale zu. Wolfgang Herrlein ſtand jetzt vor dem Major Teufel, der eben das Urias⸗Brief⸗ chen geleſen hatte und mit Wohlgefallen den ſchoͤnen, gediegenen Juͤngling betrach⸗ tete. Das Fraͤulein Rauhmund— ſprach er— empfiehlt Sie mir als den Sohn eines verarmten Foͤrſters in Kienholz, zum Rekruten. Nun, immerhin!— erwiderte jener— ſo muß es Gottes Wille ſeyn. M. Sie haben wohl Schule? W. Mein Chriſtenthum und ſchreibe mit unſerem Schulmeiſter um die Wette, bin in der Rechnenkunſt bis zu der Re⸗ gula de tri vorgedrungen, uͤbrigens ein 92 halbſchuͤriger Jaͤger und treffe auf den Fleck. M. Das iſt das Beßte! Gibt es viel Wild dort? W. Die Grenze iſt nah, die Raub⸗ ſchuͤtzen pirſchen es; ich legte noch vor acht Tagen den langen Joſeph um, als er eben den Vater auf's Korn nahm. M. Recht ſo! Der ward verſorgt! Wohl dem, der Freude an ſeinen Kindern erlebt! 4 W. Die hat der Vater, doch kein Brot!— Wird mir denn Handgeld, Herr Major? M. Jedem Freiwilligen, und gefaͤllt mir der Mann, ſo buͤße ich aus eigenen Mitteln zu. Da ſind fuͤnf Dukaten. Wolſgang ergluͤhte bei dem Anblicke. Er hatte noch kein Gold geſehn, er ſtarrte es an und ploͤtzlich entquollen Thraͤnen ſei⸗ nen Augen. 93 Wie,— rief der Geber— koͤmmt die Reue ſchon? W. Nichts weniger; das helle Ver⸗ gnuͤgen kommt. Die Goldpfennige ſchicke ich dem Vater, Herr Major! damit er wieder Freude an mir erlebe, ſich einmal guͤtlich thue, den Schneider bezahlen und in neuen Stiefeln einher treten koͤnne. Sie aber ſollen kuͤnftig ebenfalls Freude an mir haben. M. Wie wirſt Du das anfangen? W. Wandle vor Gott und ſey fromm! ſprach der Vater bei dem herzbrechenden Valete. Thue recht, ſcheue Niemand! Alſo will ich fromm ſeyn und recht thun. M. Brav! und auch froh ſeyn! Das kannſt Du bei des Vaters Lehre und Se⸗ gen.— Sage mir, woher koͤmmt die Be⸗ kanntſchaft mit dem Fraͤulein von Rauh⸗ mund? 94 W. Nur von der ſeligen Mutter her, die ihre Schweſter war. M. Ihre Schweſter? Ei, ſo biſt Du ein geborgener Mann! Vielmehr ein geſchlagener— fiel Wolf⸗ gang ein— und erzaͤhlte, von dieſer un⸗ verhofften Guͤte zum Vertrauen angeregt, die Geſchichte des Empfanges und der letz⸗ ten Nacht. Sein Goͤnner fluchte, lachte und gloſſirte waͤhrend dieſer ergoͤtzlichen Mittheilung, um die Wette; da trat der Feldwebel ein und erhielt ſofort die Weiſ⸗ ung, den jungen Herrlein unverzuͤglich ein⸗ kleiden, mit einem anſtaͤndigen Quartiere verſehen und ſich denſelben wie einen Sohn empfohlen ſeyn zu laſſen. Gott ehre den Teufel! dachte Wolf⸗ gang und ſagte es auch. Ich habe nun, was mein Herz begehrt: Kleider und Schuhe, Geld in der Taſche, freie Wohn⸗ ung, einen ehrenden Dienſt— ſogar drei 95 Vaͤter ſtatt des einen. Wie wird ſich der leibliche freuen, wenn ich's ihm ſchreibe, wie wird mein Baͤrbchen jubiliren, dem es zum Gluͤcke noch viel beſſer als mir geht. Das iſt der Mutter Segen, der uns Haͤuſer baut. Graf Gaſto hatte den Hof, von Am⸗ tes wegen, auf der Hirſchjagd begleitet. Er kehrte erſt am folgenden Tage heim, trat in das Zimmer ſeiner Gemahlin, die eben ausfahren wollte, von Thereſinens holder Stellvertreterin gekleidet ward, den Willkommenen freudig an's Herz druͤckte und ihm das Maͤdchen vorſtellte. Die Schuͤchterne ergluͤhte unter den muſternden, leuchtenden Augen des hohen Herren und beantwortete ſeine mildſeligen Fragen mit wankender Stimme. Ich lobe Deine Wahl— ſprach er 96 endlich zu der Graͤfin— und finde an der Jungfer nichts auszuſetzen als den barbari⸗ ſchen Vornamen, der an lauter Unbarbirtes erinnert. Er mißfaͤllt mir ebenfalls,— bemerkte Emma— aber ſie meint, er ſey ihr ſtets recht lieblich vorgekommen, wenn Vater oder Mutter ſie„Mein gutes Baͤrbchen“ ge⸗ nannt haͤtten. Die Mahnung iſt heilig,— fiel er ein — ſo bleibe Du denn auch das gute Baͤrbchen, und finde jene nun in meiner guten Emma wieder! Ich fand ſie ſchon,— erwiderte das Maͤdchen ſchnell geruͤhrt und kuͤßte unter hervorſtuͤrzenden Thraͤnen der Graͤfin Hand. Bewegt mich nicht,— ſagte dieſe— ich muß ja Staatsbeſuche machen. Wie lief die Jagd ab, Rudolf? ich habe in Angſt geſchwebt. E. Und ich in Langweile. Der Fuͤrſt 97 ließ mich dießmal bei dem Wagen der Damen zuruͤck. S. Du Gluͤcklicher! E. Aber die gnaͤdigſte Landesmutter litt am Zahnweh; ſie verwuͤnſchte gleich mir das leidige Zuſehn und verlor dann kein Wort mehr. S. Und die beiden Prinzeſſinnen? E. Nickten mir zwar um die Wette zu, aber im Schlafe nur, weil der geſt⸗ rige Ball ſie erſchoͤpft hatte; ſo blieb h denn auf die alte, foͤrmliche Graͤfin be⸗ ſchraͤnkt und dankte Gott, daß ihr die Mißlaune der Dulderin ſammt der Ruͤck⸗ ſicht auf die traͤumenden Feen, den Veil⸗ chenmund verſiegelte. Emma muſterte ſich lachend im Spie⸗ gel, denn ſie war fertig und Baͤrbchen ging auf ihr Geheiß, den Jaͤger zu be⸗ deuten, daß er vorfahren laſſe. Taͤuſcht mich nicht Alles, lieber Mann!— ſagte 7 98 ſie jetzt mit Freudigkeit— ſo ward mir Thereſine in dieſer Kleinen reichlich erſetzt. E. Die Kleine iſt groß genug. S. Ein Lamm an Unſchuld und Wil⸗ ligkeit. Geſchickt, gemuͤthlich, fromm und huͤbſch. E. Zu huͤbſch, wie es ſcheint. Wenn ich mich nun verliebe? S. Das aͤußerte ich auch, als Du den Major Teufel an Dich zogſt. E. Den Engel unſerer Schaͤferinnen. So meinſt Du alſo, halte ein Schwert das andere in der Scheide?— Da faßte ſie den Gatten in die argloſen, holdſeligen Augen, ſie umſchlang ihn mit ſuͤßer In⸗ nigkeit und ſagte laͤchelnd: Du biſt mein, ich bin Dein, nur der Tod kann uns ſcheiden! Auch dieſer nur fuͤr Augenblicke!— erwiderte Gaſto— das Leben verlobt und pruͤft die einverſtandenen Seelen hier; der 99 Trau⸗ und Hausaltar iſt dort im werthen Vaterhauſe. Jetzt kehrte Baͤrbchen zuruͤck, ſah dieſen ruͤhrenden Verein und ſehnte ſich in eines aͤhnlichen Mannes Arme. Der Doctor Weßler ſprach bei ſeiner Clientin zu, um ihr einige auf den ge⸗ wonnenen Prozeß Bezug habende Acten⸗ ſtuͤkke und Urkunden einzuhaͤndigen und die Urſache jenes abſtoßenden Benehmens zu ergruͤnden. Aber Frau Schaͤrflich, die er von der Straße aus, am Fenſter be⸗ merkte, war laut der Verſicherung des Dienſtmaͤdchens, ſammt Julien und beiden Gaͤſten auf den Weinberg gefahren; er ging deßhalb zu ihrem Schwager hinauf, um ſeinem Aerger Luft zu machen und er⸗ ſchrack vor ihm, denn der wackere Polizei⸗ Meiſter raffte ſich blaß und verſtoͤrt vom Sopha auf und ſagte, ihn heftig an's Herz druͤckend: 7 3* 100 Du koͤmmſt zur dunkeln Stunde, Freund!— zur dunkelſten meines Daſeyns, dem es uͤberhaupt nicht an grauen Tagen und langen Naͤchten mangelte.— Mir bleibt nur die Wahl, in der oͤffentlichen Meinung als ein Ehrloſer zu leben, oder zu ſterben; ein ſolches Leben aber iſt ein taͤglicher Tod. Weßler erblaßte jetzt auch, denn der Hauptmann gehoͤrte zu den Lieblingen ſei⸗ nes Herzens. Laß hoͤren, was Dich aͤng⸗ ſtet, ſagte er: das Ungluͤck betaͤubt ja, vielleicht ſehe ich heller, vielleicht auch kömmt uns Rath von oben. H. Nur Wunder koͤnnen helfen und ihre Zeit iſt voruͤber. W. Der Wunderthaͤter waltet noch und un⸗ ſere Zeit iſt reich an ſolchen. Entdecke Dich! H. Mein Amt, das unſelige, fuͤhrte dieß Unheil herbei und mir fehlen zum Argus, den es bedingt, nur acht und 101 neunzig Falkenaugen. Zur Sache denn! Ein vornehmes lithauiſches Ehepaar koͤmmt nach Berlin, will Frankreich und Italien bereiſen und ſucht einen treuen, gewand⸗ ten, ſprachkundigen Stellvertreter fuͤr den Bedienten, der, vom Wagen fallend, ver⸗ ungluͤckte. Ein gewiſſer Leonhard, mit trefflichen Zeugniſſen verſehen, gefaͤllt vor Ander'n, wird gedungen, erwirbt ſich ſchnell die Gunſt und das Vertrauen der neuen Herrſchaft und verſchwindet am Vorabende der Abreiſe mit der Goldboͤrſe des Herrn und dem Schmuckkaͤſtchen der Dame. Steckbriefe verfolgen ihn, gelan⸗ gen auch an uns und einer meiner thaͤ⸗ tigſten Spaͤher bringt ſchon am folgenden Tage die Nachricht, daß der Bezuͤchtigte eben hier eingetroffen, dem Paſſe zu Folge der Juwelier Sarisky aus Warſchau, im weißen Fuchſe der Norder⸗Vorſtadt wohn⸗ haft ſey— daß er einen Bedienten bei 102 ſich habe und auf die Frankfurter Meſſe reiſe. Ich eile hin, finde den Gedachten der Schilderung durchaus entſprechend, ſehe ihn bei unſerm Eintritt' erbleichen, dringe ihm nach einem ſtuͤrmiſchen Auf⸗ tritte das Geſtaͤndniß ab, unterſuche ſein Gepaͤck, und er liefert mir jetzt ſelbſt die Goldboͤrſe und den Schmuckkaſten aus. Der Diener iſt nicht aufzufinden, je⸗ ner wird in Verwahrung gebracht, ich aber kehre heim, das Noͤthige zu verfuͤgen. Da tritt ein Fremder ein— voorgeblich ein Baron Wirrheim aus Prag, der ſeine entlaufene Braut verfolgt, die er hier ver⸗ ſteckt glaubt und zu der ich ihm helfen ſoll. (Wir uͤbergehen hier die Mittheilung des bereits erzaͤhlten Vorfalles.) Als ich nun den begehrten Beiſtand zugeſagt, ihn entlaſſen hatte, das Kaͤſtchen und die Boͤrſe vom Tiſche nehmen und verſchließen woll⸗ te, waren beide verſchwunden. Verſchwun⸗ „ 103 den, ſag' ich Dir! Dieſer Wirrheim iſt alſo ein gewandter, tollkuͤhner Gauner, der ſie wahrſcheinlich in dem Augenblicke ſtahl, wo er mir das Fratzenbild ſeines Liebchens vor die Augen hielt und dem wir nun vergebens nachſpuͤrten.— Er war unfehlbar der vorgebliche Bediente und Spießgeſelle des Verhafteten, war in irgend einem Verſtecke jenes ohnehin ver⸗ daͤchtigen Gaſthauſes Zeuge des Vorgan⸗ ges, mag mir dann auf dem Fuße ge⸗ folgt ſeyn und konnte, mittels der ver⸗ dammten Glasthuͤr, vom Vorſaale aus mein Zimmer uͤberſchauen, alſo das Kaͤſt⸗ chen auf dem Tiſche bemerken. Auch auß⸗ erdem aber wußte ja er das Kleinod in meiner Taſche und rechnete im letztern Falle, als ein tollkuͤhner ausgelernter Dieb, mit derſelben Zuverſicht auf das Gelingen des Wagſtuͤckes.— Was moglich iſt 104 verſucht ein ſolcher, wo Alles auf dem Spiele ſteht. Weßler erwiderte hierauf: Aber wenn wir auch in dem Beargwohnten die Meiſterſchaft ſeines Gewerbes, den frechen Muth, die ſeltene Geiſtesgegenwart vorausſetzen, ſo fehlte es ihm doch offen⸗ bar an Zeit zur Wahl des Mittels und zum Erſinnen jener Fabel, die uͤberdieß zu ironiſch ſcheint, um aus dem Stegreife hervorzugeh'n. Mit nichten,— fiel Schaͤrflich ein — denn die Vollziehung des Geſchaͤftes und das vergebliche Aufſuchen des Bedienten hielt uns wohl eine Stunde im Gaſthofe feſt — der Behelf, welchen das Bild unterſtuͤtzte, konnte laͤngſt fuͤr aͤhnliche Faͤlle erdacht worden ſeyn und das Wagſtuͤck lohnte die Muͤhe, da dieſer Schmuck, der Anzeige nach, einen Werth von mindeſtens dreitau⸗ ſend Dukaten hat. Deine Zweifel und Ein⸗ 105 wuͤrfe aber bezeichnen das erdruͤckende Ge⸗ wicht meines Ungluͤcks, denn wird mir die Stadt, wird mir die hoͤhere Behoͤrde Glau⸗ ben ſchenken, wenn die einzig moͤgliche Ur⸗ ſache deſſelben ſelbſt dem Freunde verwerf⸗ lich erſcheint?— Ich bin verloren! W. O, das iſt Keiner, den ſein Be⸗ wußtſeyn troͤſten kann. H. Es reicht nicht hin, dem Manne von Ehre das Brandmal der Schmach und der Verdammniß ertraͤglich zu machen. Nur eine Hoffnung daͤmmert noch, denn der Verhaftete muß die Geſtalt und das Aus⸗ ſeh'n ſeines Bedienten kennen und andeuten. W. Er wird vielmehr ein Bild ent⸗ werfen, das dem Mitſchuldigen ſo wenig aͤhnelt als Ganimed dem Doctor Guͤlden⸗ kraut. Doch faſſe Muth, Lieber! der Muth thut Wunder! Noch gibt es zudem einen Amt und Ehre rettenden Ausweg. Ich eile nach Berlin und unterrichte das be 106 raubte Paar. Ich ſuche, es im ſchlimmſten Falle zum annehmlichen Vergleiche zu be⸗ wegen, lege dort eine Summe nieder, die ihm werden ſoll, Falls ſich der Schmuck oder ſein Dieb nicht wiederfinden, und darf um ſo gewiſſer auf Billigkeit und Hand⸗ reichung zaͤhlen, da es außerdem, bei Dei⸗ nem Mangel an Vermoͤgen und den obwal⸗ tenden Rechtsbehelfen, auf die Erſtattung verzichten muß. H. Du ſetzeſt, ſtatt des ſichern Arg⸗ wohnes und Verdachtes, ein Unmaß von Glaubensluſt und Guͤte zum voraus, wo aber liegt der Schatz, den ich heben muß, um jene Summe darzubieten? W. Dir fehlt es nicht an Freunden und Credit. Sprich Deine Schwaͤgerin an, der eben durch den Gewinn eines Rechts⸗ handels an fuͤnftauſend Thaler zufielen. H. Und welche mir im gluͤcklichſten Falle, uͤberdieß mit ſauerem Geſichte und 107 graͤmlichen Geberden, funfzig zugeſteht, wenn ich ſie um ein Darlehn von Tauſen⸗ den anſpreche, dann aber die geleiſtete Hilfe meinem Gehilfen anvertraut und von ihm wiſſen will, ob ich vielleicht zum Spie⸗ ler geworden oder gar in's Netz einer Deli⸗ la gefallen ſey? W. Das Ungluͤck entmannt Dich, hier aber gilt es, die Kraft zu bethaͤtigen. H. O, ſtelle mich in den Kugelſtrich, nicht aber ſelbſtſuͤchtigen Vettern und Muh⸗ men, herzloſen Scheinfreunden und reichen Patronen gegenuͤber, die zum Theile gefaͤllig dienen wuͤrden, wenn ich ihnen, naͤchſt dem puͤnktlichen Abtrage der Zinſen, die voll⸗ kommenſte Sicherheit verbriefen koͤnnte. W. Die Hand, die Dich im Kugelſtri⸗ che hielt, haͤlt Dich auch jetzt, wenn Du die Deinigen nicht in den Schooß legſt. Sinnt, handelt, wagt der Mann, ſo oͤffnet ſein Genius ihm ploͤtzlich die verſchloſſene, nie 108 geahnte Quelle. Fuͤnftauſend Thaler— meinen geſammelten Nothpfennig, hat er be⸗ reits zu unſerer Verfuͤgung geſtellt und die⸗ ſer Troſt erhebe Dich. Wie— rief der Hauptmann— ich ſollte meinen Herzensfreund mißbrau⸗ chen? Dich— denn es iſt Dein Alles!— um die Fruͤchte des muͤhſeligen, redlichen Erwerbes bringen? W. Der Himmel oder Du erſetzen mir den Ueberfluß. Als Knabe noch ver⸗ lor ich meine lieben Geſchwiſter, da wur⸗ deſt Du mein Bruder— mein liebſter und getreueſter Freund, der mir den Genuß der Vergeltung, das Recht zu helfen nicht ent⸗ ziehen darf.— Jener bedeckte jetzt das Geſicht mit den Haͤnden und Weßler ſchloß ihn freudig an die Bruſt. 109 Das Fraͤulein Rauhmund haͤtte ihm, gleich der Schwaͤgerin, zu dienen ver⸗ mocht, denn auch jener war eben ein Capital eingegangen, das ſich im Schorn⸗ ſtein nicht aufhaͤngen ließ, deßhalb vor der Hand unter dem dreibeinigen Sorgenſtuhle in jenem finſtern Verſchlage geborgen ward und ihr die erſte Nacht verdarb. Angelika, ſprach die Phantaſie zu der Schlafloſen: Du haſt den rohen Wolf⸗ gang der Leibgrenadier⸗Garde in die Haͤn⸗ de geſpielt; er ließ ſich ſeitdem nicht wieder bei Dir blicken, mag alſo bitter und böſe ſeyn und weiß zum Ungluͤcke hier, von der Eſſe bis zur Bettſtelle, ſo gut als Du Beſcheid. Daß ihn das ſie⸗ bente Gebot nicht kuͤmmert, bezeugen die geleerten Bierflaſchen ſammt der ver⸗ ſchlungenen Magenwurſt und der Solda⸗ tenſaͤbel, den ich ihm aufdrang, kann den 110 Verwegenen um ſo leichter auch zum Veraͤchter des fuͤnften machen, da er, als ein gelernter Jaͤger, an und fuͤr ſich blut⸗ duͤrſtig und als Grenadier zum Morde und Todtſchlage berufen iſt. Die Verzagte betete darauf wie Franz Moor und Ham⸗ let's Stiefvater und unterbrach ſich wie⸗ derholt, denn bald ſchlich es auf Socken im Wohnſtuͤbchen, bald winſelte die Thuͤr⸗ angel des Verſchlages, und als ſie endlich, wie von Geiſterhand gewuͤrgt und erdroſ⸗ ſelt, ploͤtzlich empor fuhr, verſchwand die Spiegelfechterei der Alpe, war es hoch am Morgen und Beate, die Aufwaͤrterin, bat klopfend um Einlaß. Angelika warf ſich haſtig in die Klei⸗ der, um ihren quaͤlenden Mammon ſofort in Staatspapiere umzuſetzen und ein gewal⸗ tiges Vorlegeſchloß zu borgen, das ſie juͤngſt bei einer Freundin bemerkt hatte. Selbſt der alten Beate ſah heute, ihres 111 Beduͤnkens, der Diebſinn aus den Augen, ſie ward, ſobald es ſich thun ließ, abge⸗ fertigt, das marſchfertige Fraͤulein aber warf noch einen Blick in den Spiegel und gewahrte in dieſem, laut aufſchreiend, ein pelzartiges Ungeheuer— die Baͤren⸗ muͤtze des eingekleideten Leibgrenadier's, welcher, um nicht fernher vernommen und ausgeſperrt zu werden, auf den Zehen her⸗ eingeſchlichen war. Unterthaͤnigen guten Tag!— ſprach Wolfgang mit verhaltener Stimme— warum ſchreien Sie denn? Ich laſſe es ja gut ſeyn— ich bin mit meinem Gott zufrieden und komme auf des Herrn Oberſt⸗Wachmeiſters Geheiß und ſomit gleichſam in's Teufels Namen, um fuͤr die gnaͤdige Empfehlung zu danken. Nicht Urſache— wisperte ſie— haͤtte Dir der Herr Major von Teufel doch auch ſeine feinen Manieren angeeignet. Man ſtuͤrzt 112 bei nervenſchwachen Damen nicht mit der Thuͤr in's Haus.— Man klopft! Um Vergebung, nein!— rief er haſtig— Herrlein, ſagte der Feldwebel: das Anpochen und die Kratzfuͤße fallen nun weg, denn der Soldat geht, gleich dem Kernſchuſſe, g'rad' aus. Der— Kernſchuß!— brummte ſie— und ich gehe jetzt auch! E. So habe ich die Ehre, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten. 1 S. Das fehlte noch! Glaubſt Du, ich werde mit gemeinen Soldaten herum⸗ zieh'n? Ich, eine ledige Perſon? ein Fraͤulein, Du— Baͤrenmuͤtze! vor wel⸗ chem Deines Gleichen das Gewehr praͤ⸗ ſentiren ſollten, denn der ſelige Groß⸗ vater, mußt Du wiſſen, war General⸗Ge⸗ waltiger bei der Reichs⸗Armee und konnte als ſolcher jeden Marodeur auf ſeinen ei⸗ genen Leib haͤngen laſſen. 113 E. Da waͤre er ja von Galgenholz geweſen, und ein Gewaltiger werde ich hoffentlich auch in der Zukunft. S. Dann kehre wieder und hole mich ab. E. Nun, ſo bleiben wir jetzt noch ein Bischen beiſammen. S. Nicht eine Minute laͤnger!— Was bedeutet das Umſeh'n? Hier iſt we⸗ der Wurſt noch Doppelbier mehr zu haben und der Garkoch wohnt ſchief gegenuͤber. Ich komme nicht des Fruͤhſtuͤkks we⸗ gen. Geh' zu der Tanke— ſprach der Major— ſtelle der Gnaͤdigen ihren Re⸗ kruten vor und bitte ſie in Unterthaͤnigkeit um einen monatlichen Zuſchuß, denn die Loͤhnung reicht bei Deinem Wachsthum' und Appetite nur eben zu Salz und Brote hin. Angelika blies ſich waͤhrend dieſer Er⸗ oͤffnung gleich einem Truthahn auf und I. 8 114 rief, haſtig vorſchreitend: Salz und Brot macht Wangen roth! Wie kaͤm' ich denn dazu? Am Ende ſpraͤchen wohl die Laͤ⸗ ſterer und Neiderinnen, ich unterhalte ei⸗ nen jungen Gardiſten! Schon der Ge⸗ danke bedeckt mich mit Gaͤnſehaut, Dein Herr Major aber ſollte der Freundin fuͤr den geſtellten Mann— fuͤr den gebotenen Finger Dank wiſſen und greift nun toͤlpiſch nach der Hand; doch die iſt leer— da, ſieh' ſie an! 1 4 G. Sie ſieht wie eine Maulſchelle aus, aber es waͤre wahrlich um ſo ge⸗ wagter, den Oberſt⸗Wachmeiſter in den Harniſch zu jagen, da ich in aller Un⸗ ſchuld einen albernen Streich gemacht habe.— S. Schon wieder? Großer Gott! So ſage ich ja und Amen, wenn er den Wolf aus der Haut jagt. * * 6 115 E. Daran iſt deßhalb nicht zu den⸗ ken. Die Strafe, fuͤrchte ich, faͤllt auf Sie, wenn Ihre milde Hand ſich nicht aufthut. S. Zur Maulſchelle, die Du ihr an⸗ ſiehſt.— Damit Punktum! E. Der Herr Major fragte naͤmlich, als er Ihr Briefchen geleſen hatte, nach meiner Herkunft, Wiſſenſchaft, meinen Huͤhnern und Gaͤnſen, hoͤrte mit Erſtau⸗ nen, daß Sie unſere Tante waͤren, ſchien Vergnüuͤgen an den Antworten und Aeußer⸗ ungen zu finden, die mir gleichſam vom Munde floſſen und ſeine Zufriedenheit machte mich treuherzig. Ich beſchrieb ihm nun auch, wie es uns bei der Her⸗ kunft erging, erzaͤhlte von dem Kaͤ⸗ ſiche, in dem Sie mich einſperrten— von den zwei harten Eiern, dem dreibeini⸗ gen Stuhle und Ihrem Bettchen et caetera. * 8* 116 Abſcheulicher!— rief Angelika ergluͤ⸗ hend und ergrimmt, denn die Heuchlerin ſchmeichelte ſich, fuͤr ein Muſter chriſtlicher Liebe zu gelten— Du Natter, die ich an meinem Buſen hegte— Verraͤther— Iſcharioth!— Packe Dich— und platze 4 wie dieſer! Ich bin noch nuͤchtern!— entgeg⸗ nete Wolfgang— aber mein verehrlicher Teufel fluchte und lachte laut durch ein⸗ ander. Das muß ich Der und Der er⸗ zaͤhlen! rief er: und Dem und Dem— die Namen vergaß ich: ſo erfaͤhrt es die Fuͤrſtin, die eben guter Hoffnung, doch boͤſer Laune iſt; die Ihnen Dank wiſſen und ſich heiter lachen wird. Da dauerten Sie mich, armes Tantchen, und ich bat ihn um Gott, zu ſchweigen und der ſe⸗ ligen Mutter eheleibliche Schweſter nicht zum Spotte der Leute werden zu laſſen. — So mache ſie es wieder gut! fiel er 7 117 ein: und ſichere Dir einen jaͤhrlichen Zu⸗ ſchuß von funfzig bis ſechzig Thalern, denn außerdem werd' ich zum Pfahle in ihrem Fleiſche.— Auf's Wort! rief der Hitz⸗ kopf, ward kirſchbraun und focht mit den Armen wie ich jetzt: Sie verdient es! Funfzig bis Sechzig?— brach ſie los und focht nun auch.— Er ſoll nur kom⸗ men! Du aber biſt als Blutsverwandter Fleiſch von meinem Fleiſche, alſo trifft der Pfahl uns Beide. E. Am ſichtlichſten empoͤrte es ihn, daß Sie dieß Fleiſch verleugnet hatten. S. In guter Abſicht, Vetterchen! damit er Dich nicht etwa verziehen moͤge; doch hoͤre jetzt einen Vorſchlag zur Guͤte. Du ſagſt und ſchilderſt ihm, wie mir Dein Anliegen zu Herzen gegangen ſey, wie gern und willig ich Dir monatlich fuͤnf Thaler zugeſtanden habe, biſt aber ſo gerecht und kindlich, es in frommer Beachtung meiner 118 Armuth bei dem guten Willen bewenden zu laſſen. E. Wie, Tantchen? ich ſoll meinen lieben, zweiten Vater beluͤgen? Wer luͤgt, der ſtiehlt, ſagt das Spruͤchwort: und dann waͤren Sie ſelbſt nicht mehr ſicher, denn Hunger thut weh und die Noth brach ſchon neulich das Eiſen, als ich dort im Kaſten ſtack. Angelika faltete rathlos die Haͤnde. —„Farren haben mich umgeben“,— rief ſie mit David—„Und der Boͤſen Rotte hat ſich um mich gemacht!“ Aber ein Wort wie tauſende; ich werfe dem Faulenzer taͤglich einen Groſchen Cou⸗ rant aus. Die Arbeiter im Weinberge, Matthaͤi am zwanzigſten, bekamen nicht mehr— doch Sonn⸗ und Feſttage gehen drein! E. Gott bewahre! wird der Major ſa⸗ gen; es iſt mir als hoͤrte ich ihn ſchon! 119 Da wuͤrde jedes Hochfeſt fuͤr Dich zur Marterwoche, am wenigſten aber ſoll die guͤtige Geberin ihrem Neffen am Sonn⸗ und Freudentage das Maul verbinden. S. Ich werde ihm ſchreiben. Ab⸗ marſchirt! E. Ein Wort iſt noch vergoͤnnt! Der Herr von Teufel ſpeiſ't heute bei der alten Prinzeſſin; bringe ich nun jetzt weder den Brief, noch die fuͤnf Thaler fuͤr den lau⸗ fenden Monat mit, ſo haͤlt er ſchwerlich reinen Mund.— Ich meine es ehrlich, Tantchen! und werde dankbar wie ein leib⸗ liches Kind ſeyn. S. Gar wie ein leibliches, Du Un⸗ verſchaͤmter! Waͤren nicht drei meiner Freier als Stabs⸗Offiziere vor dem Feinde geblie⸗ ben, haͤtte ich den lieben, aber unwirthli⸗ chen Kammer⸗ und Jagdjunker nicht ab⸗ gewieſen und ſpaͤterhin den Klumpfuß des wuͤrdigen Pagenhofmeiſters uͤberſeh'n, ſo 120 wuͤrden jetzt meine leiblichen gerathenen Soͤhne den verlorenen hinaus werfen. E. Es gilt die Frage, Tantchen! ich fuͤrchte den gerathenſten nicht!— und un⸗ willkuͤhrlich auflachend ſetzte er hinzu— noch weniger Ihre Schattenkinder; doch unſer Herrgott weiß, daß ich Sie nur im Namen und auf Verlangen des Oberſt⸗ Wachmeiſters anſprach und mir die Bitte ſo wenig als die Gewaͤhrung in den Sinn kam.— Sie wuͤrdigte ihn keiner ferner'n Antwort und zog den umgeworfenen Shawl gewaltſam uͤber dem Herzblatte zuſammen. Jetzt trat die Freifrau Agrippine von Sterly, wie vom Himmel fallend, ein und Wolfgang verſchwand, als ſich die beiden Turteltauben unter ſuͤßem Girren begruͤßten und ſchnaͤbelten. Noch wohl, meine Angelique?— fliſterte jene— Engelhaft wohl vielmehr; 121 — das Ausſehn ergibt es. Sie bluͤh'n, o Unverwelkliche! A. Nur wenn ich meine goldige Sterly ſehe. Ihr Zuſpruch verjuͤngt mich. St. Ach, waͤr' ich golden, aber dann waͤr' ich nicht mehr— das Armuth haͤtte ſich in meinen Staub getheilt. A. Das Armuth, meine Pina, iſt, unter vier Augen geſagt, eine heilloſe Nace, die pur von unſerer Schwaͤche zehrt. St. O9 Meaenſchenkennerin! Aber Sie ahnen nicht, was mich heute an Ihr Herz fuͤhrt— A. Das Ihnen offen ſteht! St. Heilige Sympathie!„Die Un⸗ ſterblichkeit,“— ſagt mein Klopſtock— Wie ſagt er doch?— Genug, ich bin die Ihrige! Das Fenſter ſah auf den Hof und gegenuͤber ſtand eben ein Liebeopfer Agrip⸗ pinens— ſtanden die geleerten Behaͤlter 122 22 des edlen Doppelbieres auf dem Flaſchen⸗ brete. Angelika deutete nach dieſen hin, ſie wisperte geruͤhrt: Erquickerin! und dachte: Schicke mehr! Ein Koͤrbchen mit Engliſchem wird ihnen folgen— verſicherte jene— heut' aber, werthe Auserwaͤhlte, macht meine Wahl ihr frommes Recht geltend— es ſchuͤgt die ernſte Pruͤfungſtunde. Sie kennen meinen juͤngſten Bruder— meinen Liebling— den genialen Wildfang Levin? A. Der auf Reiſen iſt? St. In London jetzt, wo er, o Gott! im Kerker ſchmachtet.— Der Argloſe verlor neulich bei der Lady Kingsbench, der er empfohlen ward, tauſend Pfund, ſtellte Wechſel aus, konnte nicht zahlen, ward verhaftet. Noch hielt Angelika, zu Folge des obigen Umfangens, die Achſeln ihrer Trau⸗ 123 ten in den Haͤnden, welche jetzt allmaͤhlig herabglitten. St. Der Koͤnig von London aber haßt das Spiel und mit Recht wie die Suͤnde, er ſchickt deßhalb, um die Verwe⸗ genen zu ſchrecken, jeden unzahlbaren Schuldner dieſer Gattung, ohne Anſehn der Perſon, auf zehn und mehr Jahre nach Podagri⸗Bai. An's Ende der Welt, meine Angelique! wo der Kocytus durch die Wuͤſte weint, wo die Verbannten ſelbſt waͤhrend der Hundstage im Schnee waten, mit Kannibalen, Giraffen und Tauſendfuͤßen kaͤmpfen und gleich den Trog⸗ lodyten in feuchten Hoͤhlen untergeh'n. Dahin, dahin ſoll mein Levin ziehn, der gefeierte Harfner und Novelliſt, dem ſeine katarrhaliſchen Uebel dort alsbald den Garaus machen wuͤrden. Du Engelſeele aber retteſt ihn der Kunſt und mir und heiße Segnungen, warme Wonnethraͤnen 124 verzinſen naͤchſt zehn Prozent die Schuld, bis mich des reichen, uralten Oheims Tod in den Stand ſetzt, ſie zu decken. Des Fraͤuleins hagere und lange Naſe ward waͤhrend dieſer eindringlichen Eroͤff⸗ nung noch um eins ſo duͤnn und ſpitz und das vorhin offen ſtehende Herz zum verſchnuͤrten, denn ſie wußte bereits, daß Levin, der Taugenichts, auf irgend einem Winkeltheater handire und das anſehn⸗ liche Vermögen ſeiner unwirthlichen Schwe⸗ ſter auf die Neige gehe. Sie hatte dieſer bereits nothgedrungen eine bedeutende Summe geborgt und von dem uralten Erblaſſer ſelbſt nur feindſelige Aeuſſerun⸗ gen uͤber die Frau Nichte vernommen. Hier, beßte Freundin!— ſagte Ange⸗ lika, als ihr jene nun tief und herz⸗ brechend ins Auge ſah, und bot Agrip⸗ pinen den eiſernen Reif dar, an welchem der Keller⸗, der Haus⸗ und noch ein al⸗ 125 ter bartloſer Schluͤſſel hingen— hier ſind die Sperrhacken zu allem was mein iſt. Oeffnen Sie den Schrank, die Kommo⸗ den, das Pult und findet ſich an Baa⸗ rem mehr als eine angebrochene Tuͤte mit zehn Thalern und ein Koͤrbchen voll Pfen⸗ nige fuͤr gute Werke und den Klingelbeu⸗ tel, ſo ſey es Ihrem Levin geſchenkt, nicht geliehen. Das mildſelige Antlitz der Frau von von Sterly ward ploͤtzlich zu einem jener Fratzengeſichter, welche die kunſtfertige Ty⸗ rolerin, laut des Zoͤllners Bericht, im Gaſt⸗ hofe zum grauen Sacke hje da Beate, des Fraͤuleins Aufwaͤrterin, derſelben be⸗ reits von den fuͤnf ſchweren, geſtern ein⸗ gelaufenen Geldfaͤßchen erzaͤhlt hatte. Den erleſenen, befluͤgelten Worten der hoͤhern Poeſie folgte nun ein Strom von herben, ungewogenen.— Nur das Bewußtſeyn der erſchoͤpften Schweſterpflicht— ſagte 126 die Abgehende, ſich ſchnell wieder auf⸗ ſchwingend— kann mich uͤber die Einfalt beruhigen, mit der ich Trauben bei den Dornen und Feigen bei den Diſteln ſuch⸗ te.— Angelika ſchwieg, um die gewuͤnſch⸗ te, kuͤnftige Verſoͤhnung zu erleichtern und fand ihren Troſt uͤber die heilloſen Szenen dieſes Morgens in dem Aerger, der ihr das Mittagmahl verdarb, alſo er⸗ ſparte. 4 Als Wolfgang vorhin ſeine Tante— eben ſo unbefriedigt als Agrippine, verließ, ſtand der Vorſaal des Grafen Gaſto offen, und noch hatte er ſein Baͤrbchen ſeit dem Tage der Ankunft nicht wieder geſehn. Das Herz trieb ihn daher, ſich in dieß Heiligthum zu wagen und ſie aufzuſuchen. Er ſchlich hinein, der Saal war leer, doch eben 127 trat eine junge Dame aus der Hinterthuͤr und ſtutzte bei dem Anblicke des jungen Grenadiers, der ebenfalls betroffen ſchien und ſie mittels der erhobenen, an die Baͤ⸗ renmuͤtze gelegten Hand begruͤßte., Was ſuchen Sie?— freagte jene. Mein Schweſterchen!— ſiel dieſer kleinlaut ein— der ganze Vorgang war das Werk eines Augenblick's, der folgende fand ſie ſchon lautjubelnd Bruſt an Bruſt; doch Baͤrbchen’s Freudentöne wurden plotz⸗ lich zu Wehlauten. Soldat biſt Du ge⸗ worden, Du armer Wolf! das faͤllt mir ſchwer auf's Herz— E. Mirr nicht, denn mir iſt wohl! und Du? S. Ach, ich bin gluͤcklich! E. Ei, ſo bin ich's auch! S. Sieh mich nur an— E. O, wenn Dich doch der Vater ſaͤhe! Kaum wuͤrde er ſeinen Augen trauen⸗ 123 Wie zierlich— vornehm— allerliebſt! Ich dachte, die Frau Graͤfin komme. S. Die muß Dich ſehn! Es iſt ihr Wunſch, ich melde Dich. 3 E. Nein, Baͤrbchen! nein, das thue nicht. Ich bin ja nur ein lederner Gott⸗ lieb— ein bleierner Vogel, der ſich in Kienholz fuͤr einen ganzen Kerl hielt und hier erſt fuͤhlt, wie tief er ſteht und was ihm mangelt. Vor allem der Hofton. S. Nichts geht Dir ab. Die Sol⸗ datentracht kleidet Dich herrlich! Du biſt ein ſchmucker, bildſchoͤner Junge und wirſt ihr tauſendmal beſſer als die geſchliffenen, geſchnuͤrten und wattirten Unmaͤnner ge⸗ fallen, die uns hier zu Dutzenden um⸗ ſchleichen. Sie koͤmmt! unterbrach ſich das Maͤdchen, denn eben rauſchte ihre Gnaͤdige, aber hoͤchſt ungnaͤdig und erei⸗ fert herein. Rahel, die Ausgeberin, hatte nämlich vom Gange aus den Eintritt 129 des Gardiſten, das Erſcheinen der Jungfer, die Haſt und Zaͤrtlichkeit bemerkt, mit wel⸗ cher ſich dieſe ohne Weiteres in ſeine Ar⸗ me warf, und verkuͤndigte der Gebieterin unter Ach und Weh, was ſie geſehen. Das iſt mein Bruder!— ſagte Baͤrb⸗ chen— von den Geberden der Graͤfin er⸗ ſchreckt— und die Sonne der Huld brach plötzlich wieder durch die Wolken.— Dein Bruder? fliſterte Emma; ihre Blicke hafteten an der gediegenen Form, an dem maͤnnlich ſchoͤnen Geſichte, an den flam⸗ menden Augen des Juͤnglings, die den Zauberglanz ihrer Anmuth ſtill aber ver⸗ ſtaͤndlich und wohlthuend prieſen. Gnaͤdi⸗ ge Frau,— ſprach er begeiſtert— Sie haben uns im Glauben an Gott und die Engel geſtaͤrkt, haben Großes an der Schweſter gethan und am liebſten moͤchte ich jetzt niederknieen und den Saum Ihres Gewandes kuͤßen, aber das wuͤrde ſich lei⸗ 1. 9 130 der! nicht ſchicken.— Sie bot ihm laͤ⸗ chelnd die Hand zum Kuſſe dar und ſah ſich hoͤchſt ungern von zwei Damen ge⸗ ſtoͤrt, die eben in den Vorſaal traten. Der wackere Polizei⸗Meiſter war zu Folge des Schreckes und Kummers er⸗ krankt, ob ihm gleich Guͤldenkraut, ſein Arzt, ein Freund von Weßler's ſeltener Gattung, mit einer bedeutenden Summe aushalf und dieſen damit in den Stand ſetzte, nach Berlin zu eilen und ſein Heil bei den Beraubten zu verſuchen, welche er bereits ſchriftlich von der Hinkunft unter⸗ richtet und die Veranlaſſung derſelben dun⸗ kel angedeutet hatte.— Jetzt trat ein dienſtbarer Geiſt des Hauptmanns an ſein Bett und ſprach: So eben bemerkte ich zufaͤllig die Perſon, fuͤr deren Entdeckung der fremde Baron funfzig Dukaten verhieß, 131 und bringe ſie Ihnen— man wird zum wenigſten geſtehen muͤſſen, daß dieſelbe dem Bilde auf ein Haar gleicht, von dem ich uͤbrigens der Frau nichts ſagte. Schaͤrflich verließ ſofort das Bett, be⸗ fahl, ſie in ein Nebenzimmer zu fuͤhren, verſah ſich mit dem Bilde und fand in Auroren von Roſenau mit Erſtaunen nur eine ſchwarzdornige, baͤrbeißige Kleinbuͤr⸗ gerin vor. Geſtrenger Herr! nahm ſie das Wort: Ihr Urian hat mir doch einen grauſamen Schreck in die Glieder gejagt, denn ich kann, unter uns geſagt, nichts weniger goutiren, als die hochedle Polizei. De gustibus non est disputandum!— erwiderte Schaͤrflich— und die Mei⸗ nungen der Einfalt verdienen Nachſicht. Wer ſind Sie denn? S. Ich mauſe, kupple, raiſonnire nicht, ich gebe dem Kaiſer was des Kaiſers iſt, 9* 132 verdiene mein Brot im Schweiße des An⸗ geſicht's und bin kurz und gut die Wit⸗ we Sandmann, eine ſtille und honnete Perſon, die ſeit mehr als zehn Jahren Tag fuͤr Tag in einem Buͤdchen neben der Schleiferbude am Springbrunnen ſitzt und mit Blei⸗ und Zeichnenſtiften, Pinſeln, Farben, Bilderbogen, auch allergnaͤdigſt anerkanntem Schoͤnheitwaſſer und engliſcher Stiefelwichſe handelt. Nun, das iſt loͤblich; nehmen Sie Platz! und ſollte ich in den heiligen Ehe⸗ ſtand treten, ſo werden meine Frau und Kinder die Madame Sandmann oft genug in Nahrung ſetzen; fuͤr jetzt aber muß ich dieſelbe, Kraft obliegender Pflicht, befra⸗ gen, ob ſie ſich jemals malen ließ? Malen ließ?— fiel ſie ein, und ſprach nach langem Bedenken mit Nachdrucke— im ganzen Leben nicht, worauf ich ſchwö⸗ ren kann. 133 E. Und gleichwohl ward mir ein Klleinbild gezeigt, das Ihnen, ſpruͤchwoͤrt⸗ lich, aus den Augen geſchnitten ſcheint. Aus den Augen?— brummte die Sinnende und rief dann plöͤtzlich— Nun wird mir alles klar, geſtrenger Herr! Denn ich bin huͤbſcher Leuten Kind und darf es unſerm Herrgott lagen, daß nicht eine angeſehene Frau vor Ihnen ſitzt. Das Bild ſtellt eigentlich meinen Großvater, den geweſenen Hof⸗Stuͤckgießer vor. E. Einen Stuͤckgießer im Spitzenhaͤub⸗ chen? Sind Sie klug? S. Mit Schaden wird man das am Ende, aber es gehört eine weitlaͤufige Ge⸗ ſchichte zu dem Bilde.. E. Um deren wahrhaften, doch kurz gefaßten Verlauf ich dringend bitten muß. S. So, ſo? Ei, daß die Witwe Sandmann wahrhaftig und kurz angebun⸗ den iſt, wird ſelbſt ihr Nachbar, der Schlei⸗ 134 fer, wie die Bandkraͤmerin zur Linken be⸗ zeugen. Ich hatte naͤmlich einen Mann, der in dem Herrn ruhen mag— der, leider Gottes! den meiſten glich und als Freier von lauter Suͤßholze war. Einen bild⸗ ſchoͤnen, aber federfaulen Kanzliſten— Einen luſtigen Bruder, der viel lieber nach Schlenkerwitz als auf die Kanzlei ging und deßhalb eine bemittelte Frau ſuchte. Die fand er denn in meiner Unſchuldigkeit. Ich hatte die Aeltern verloren und ward von einem alten, kargen, aber ehrlichen Vormunde, dem Maler Rauſchgelb, beva⸗ tert, deſſen neidiſches, grundboͤſes Weib des Muͤndels Tugend wie ein Drache be⸗ huͤtete. Der Kanzliſt Sandmann aber war ihrer verſtorbenen Schweſter Kind— ihr Zoͤgling und Augapfel, dem goͤnnte ſie mich denn, um ihm auf den gruͤnen Zweig zu helfen und meinen zwei Gaͤnſe⸗ augen geſiel der flotte, beredtſame, wie eine 135 Pappel gewachſene Menſch um ſo mehr, da mich die Heirath dem Fegfeuer entzog und ich mir das verlorene Paradies im Eheſtande dachte. Kafharinchen!— ſprach der Vormund, als wir verlobt waren— Du ſollſt nun— meine Frau beſteht dar⸗ auf— dem Braͤutigam ein anſtaͤndiges Geſchenk verehren, doch waͤre es thoͤrig, das ſchoͤne Geld fuͤr loſe Modewaare zu verſchleudern. Unter Deinen Erbſtuͤcken iſt des Großvaters Bild in Gold gefaßt, der ſich noch als Springinsfeld malen ließ und Dir— wie die Natur es manch⸗ mal fuͤgt, ganz zum Verkennen aͤhnlich ſieht. Ich ſchaffe ihn vollends in Dich um, ich mache die Allongen⸗Perruͤcke zum Lockenkopfchen und ſetzte dem Seligen ein Haͤubchen auf, ſo lachſt und lebeſt Du, da der Mantel, den er ſtatt des Braten⸗ rockes traͤgt, den Wechſel beguͤnſtigt.— Es gilt den Verſuch! meinte ich und der 136 gelang auch gut genug, da der wackere Rauſchgelb vorzuͤglich in der Herſtellung alter und beſchaͤdigter Bilder geuͤbt war, ich aber wollte dem Herrn Hauptmann ſo viel Kuͤſſe von unſern ſchoͤnſten Stadt⸗ kindern goͤnnen, als mein Sandmann bei dem Empfange und waͤhrend der Braut⸗ tage auf die Kapſel des Liebepfandes ge⸗ druͤckt hat. Großen Dank, Mamachen!— fiel Schaͤrflich ein— ich habe kein Gluͤck bei den Damen, es wuͤrden nur Judaskuͤſſe ſeyn! Bis zur Mama brachte ich es nicht! — fuhr ſie fort— In Pharao's Traume aber folgten, wie jede Chriſtin weiß, die ſieben haͤßlichen Kuͤhe den fetten und daſ⸗ ſelbe leidige Traumbild ging auch, als ich nun muͤndig war, in meinem Weheſtande aus; die magern fraßen jene, wie dort geſchrieben ſteht, doch ohne zuzunehmen und 137 meine Mitgift fraß der nimmerſatte Kanzliſt und ward immer duͤrftiger und ſchlech⸗ ter. Endlich hat man ihn eines Mor⸗ gens bei Schlenkerwitz im Teiche gefunden, und was mir blieb, reichte eben noch hin, den kleinen Buͤdchenhandel zu beginnen. Sie arme Frau!— ſprach Schaͤrflich und faßte theilnehmend ihre Hand— aber das Bildniß? S. Das mag, gleich meinen uͤbrigen Kleinodien, vertroͤdelt worden ſeyn, die mir der ſelige Taugenichts nach und nach theils wegſtibitzte, theis abgeſchwatzt hat, da ich ihm, unter uns geſagt, leider zu gut war. Es hielt ſich in der letzten Zeit ein, hier in Arbeit ſtehender Goldſchmiedgeſelle, Namens Wendelin, zu demſelben— ein ſeltſamer, durchtriebener Vogel, auch huͤbſch und inſinuant, der bald nach Sandmann's Tode weiter zog.— Sie beſchrieb jenen nun auf des Hauptmanns Andringen und 138 es ſchwebte ihm, laut der außtfuͤhrlichen Darſtellung, der leibhafte Baron Wirr⸗ heim vor. Aber gehen Sie nun auch mit der Sprache heraus, geſtrenger Herr!— fuhr ſie fort und ruͤckte zutraulich naͤher— denn unſer Eine ſieht, ganz ohne Ruhm zu melden, zuweilen durch zehn Breter und merkt demnach, daß mein vermißter und verlorener Schmuck der hohen Obrig⸗ keit in die Haͤnde fiel und Sie mir ihn wieder zuwenden wollen. Der liebe Gott geſegne es Ihnen und thut es ſchon durch meine Hand, denn ich werde mich abfin⸗ den und denke Ihnen im Voraus ein An⸗ denken zu.— Das Bild, geſtrenger Herr! theils, weil Sie immer nur nach dieſem fragen und es Ihnen alſo gefallen mag, theils auch der goldenen Faſſung wegen, die netto fuͤnf Dukaten wiegt. Der Polizei⸗Meiſter brummte jetzt ei⸗ 139 7 nen Fluch in den Bart, die Witwe Sand⸗ mann aber brummte, bei dem Mangel an dieſem, hoͤchſt verſtaͤndlich, als er derſel⸗ ben jene Freudigkeit des Geiſtes benahm und ſogar das vorgezeigte, von ihr aner⸗ kannte Bild fuͤr jetzt verſagte. Frau Schaͤrflich, des Hauptmanns Schwaͤgerin, hatte geſtern den Kranken beſucht und ſagte, von ihm herabkom⸗ mend, zu ihrem Toͤchterchen, das aͤngſtlich nach dem Befinden des geliebten Vetters fragte: Er ſteht in Gottes Hand, aber ich wette darauf, daß wir dem guten Weßler neulich Unrecht thaten. Unrecht?— fiel Julie ein— ſahen wir ihn denn nicht wie einen fluͤchtigen Dieb aus der Gartenthuͤr der Unthal her⸗ vorſchluͤpfen und haſtig und verzuͤckt zuruͤck blicken? Alſo gibt es bereits verſtohlene 140 8 Zuſammenkuͤnfte und mich empoͤrt nur ſein Geſchmack. Auch hoͤrte ich deutlich die Stimme der Gezierten,— fiel jene ein— die es gern der Nachtigall gleich thaͤte, weiß aber, daß er ihr in einer Rechtſache dient und nichts truͤgt oͤfter als der Schein. Zudem iſt Weßler des Schwagers Vertrauteſter und dieſer brach, da ich jetzt bei ihm war, ſein Lob vom Zaune; er ward nicht muͤde, denſelben als einen Ausbund aller Wuͤrd⸗ igkeit zu preiſen und es geſchah denn nicht von Ungefaͤhr. Weßler hat Abſichten auf Dich, das liegt am Tage, er hat ſein Herz vor dem Jonathan ausgeſchuͤttet, die⸗ ſer beeiferte ſich deßhalb, ihm den Weg zu bahnen und ſeinen Liebling in den Himmel zu erheben, was gar nicht noͤthig iſt, da er uns Beiden willkommen waͤre. Heute hatte nun Weßler, der dieſe Clientin ſeit der Verleugnung auf dem 8 141 Spaziergange unbeſucht ließ, ihrem be⸗ draͤngten Schwager, der Abreiſe wegen, das Lebewohl geſagt; er traf im Haus⸗ ranme auf die Mutter und Tochter, die eben in den Garten treten wollten, ihn gleich⸗ zeitig mit Wehmuth und wohlthuenden Worten wegen ſeines langen Aublei⸗ bens ſchalten und mittels dieſer uͤberraſch⸗ enden Zaͤrtlichkeit beſtimmten, ſie in jenen zu begleiten. Doctor Guͤldenkraut aber, welcher um Weßler's Reiſe nach Berlin wußte, hatte den erwaͤhnten Fuͤrſprecher noch geſtern um die ſchleunige Vollziehung des bewußten Auftrages an Julien be⸗ ſchworen und dieſer dachte jetzt: Das fuͤgt ſich ja: Beide gleichen zu meinem Er⸗ ſtaunen, den Matkaͤtzchen, haben vielleicht ſchon von dem Hauptmann einen Wink uͤber des Arztes Paſſion und die Wahl des Mittlers erhalten und vermuthen wahr⸗ ſcheinlich, daß Du Dich als ſolcher be⸗ 142 4 glaubigen werdeſt. Sie nahmen jetzt auf der Raſenbank vor der Bildſaͤule eines ſchußfertigen Amors Platz und die Mama fragte, Weßler's Hand ergreifend: Was ſagen Sie denn zu meines ar⸗ men Schwagers Maladie? Ich fand ihn geſtern noch recht krank. E. Und ich ihn heute wie einen Ge⸗ neſenden. Er danke das dem trefflichen Guͤldenkraut, der ſeine Kunſt an ihm er⸗ ſchopfte und bewaͤhrte. Der gute Mann!— ſiel Julie mit ſanften Wohllauttoͤnen ein. Dem Gott vergelte! rief die Mutter. Im Ehebette!— ſetzte Weßler hinzu. Er war geſtern bei uns— unterbrach ihn das Maͤdchen mit der vorigen Milde — und klagte mir, daß Sie verreiſen wuͤrden. M. Der Loſe ſcherzte wohl? W. Er ſagte die Wahrheit. 143 M. Wir ſehen Sie hoffentlich bald wieder? W. Je nachdem die Geſchaͤfte ſich fuͤgen. Julie blickte ſchnell verduͤſtert auf den Strickſtrumpf nieder, die Mama ſtreckte haſtig den Fuß aus, um eine Raupe zu ertreten und Weßler ſetzte mit verhaltener Stimme hinzu: Um ſo willkommener war mir es, Sie jetzt allein zu finden, um ein wichtiges, mich lebhaft beſchaͤftigendes Anliegen zur Sprache zu bringen. Ein Geſuch— ein Begehren— der Odem verſagte dem Bedraͤngten— deſſen Ge⸗ waͤhrung meinen beßten Freund begluͤcken wuͤrde. Des Maͤdchens Buſen ſchwoll, es er⸗ gluͤhte; die Mutter dachte, ſtill erquickt: Koͤmmſt Du mir da heraus? Der Freund iſt Er!— Beide ſchwiegen. 144 Ja, die Gewaͤhrung,— fuhr Weßler fort— wuͤrde einem Ehrenmanne Heil bringen, der von mittlerem Alter, kernge⸗ ſund iſt, weit mehr als das Noͤthige erwirbt, in allgemeiner Achtung ſteht und den Mangel an ausgezeichneter Leibesſchoͤne durch Seelenwerth, durch Herzensguͤte, große Kenntniſſe und ein gemeinnuͤtziges Wirken erſetzt. Ueber das Selbſtlob! dachte Julie; ſie ſah mit leiſem Spott' im Blicke auf.— Er fuͤhlt ſich! dachte gleichzeitig die Ma⸗ ma: doch dieſe Ueberſchaͤtzung iſt im Gei⸗ ſte der Zeit; die Maͤnner werden immer ſelbſtgefaͤlliger; wahrhaftig, wir beſchaͤ⸗ men ſie! W. Der Wackere kennt zudem unſere holde Julie genugſam, um alle ihre Tu⸗ genden bemerkt und erwogen zu haben; es drang ſich ihm daher die Ueberzeugung auf, 145 daß ſie vor Tauſenden geeignet ſey, der Genius ſeines Lebens zu werden. O Gott! ich Aermſte!— lispelte dieſe und verbarg ihr roſenrothes Geſicht hinter dem ergriffenen Tuche; Frau Schaͤrflich aber ſprach, ſich Wuͤrde gebend, zwiſchen Ernſt und Milde: Mein guter, zarter Freund! des Mannes Name wird uns ſa⸗ gen, ob das geehrte Maͤdchen ſich denn lauch wirklich zur Gefaͤhrtin des belobten Biedermannes eigne? W. Mindeſtens in ſofern, als Ihr Jul⸗ chen, von den Maſern befallen, dem wak⸗ kern Guͤldenkraut die Rettung ihrer ſchoͤ⸗ nen Augen dankt. Die Mama verlor jetzt, aus den Wol⸗ ken fallend, die Priſe, welche eben den Geiſt ſtaͤrken ſollte und ihre Hand ſank dem Marino nach, in den Schooß.— Herr Doctor,— ſagte ſie mit wankender Stimme— zu dieſer Heirath wuͤrde mei⸗ 10 146 ne Tochter ſich vielleicht entſchließen, wenn ihm die Rettung ihrer Augen nicht ge⸗ lungen waͤre. Das Maͤdchen ſtand er⸗ bleichend auf, beſtaͤtigte durch ein Kopf⸗ nicken die Antwort und eilte der herbeitre⸗ tenden Stadtſchreiberin und ihrem Gret⸗ chen entgegen. Dieſe kamen vom Jahr⸗ markte heim, wo ſie, außer andern Be⸗ duͤrfniſſen, eine lange Pfeife fuͤr den Pa⸗ pa einkauften, um denſelben fuͤr die lange Entbehrung der Hausfrau zu entſchaͤdigen. Letztere ſollte und mußte, auf ſein An⸗ dringen, morgen endlich nach Dachsleben zuruͤckkehren, hatte jedoch dem Toͤchterchen noch weiteren Urlaub ausgewirkt, da es Margarethen in der Hauptſtadt unaus⸗ ſprechlich geſiel und die kraͤnkelnde Julie dieſe willkommene, anſpruchloſe und ſichere Vertraute feſt hielt. Gretchen vergaß uͤber dem erſchreckenden Ausſehn der Freundin die ergoͤtzlichen Erſcheinungen des Jahr⸗ 4 147 marktes, Frau Schaͤrflich aber warf einen daͤmoniſchen Blick auf den, Brautwerber, ſchritt nun freundſelig zu der Stadtſchrei⸗ berin hin, um ihre ſcheinbare Theilnahme an dem gemachten Einkaufe zu bezeigen, und Weßler verneigte ſich, nur von dieſer bedankt, und ging ſeines Weges.— Dockor Guͤldenkraut hatte indeß dem Kranken zugeſprochen; er lauſchte am Fen⸗ ſter, das den Garten uͤberſah und dachte, ſchnell erröthend:„Herr, hilf, laß wohl⸗ gelingen, Amen!“ Dort ſaß ja ſein Weß⸗ ler dem Julchen gegenuͤber, hielt augen⸗ ſcheinlich Wort, ſprach ſichtlich zum Her⸗ zen; die Mama hoͤrte freundſelig zu und die Tochter laͤchelte wie eine ſchuͤchterne Jungfrau, der von willkommenen Gefuͤh⸗ len geſagt wird. Die Gruppe feſt im Au⸗ ge haltend, theilte Guͤldenkraut dem Haupt⸗ manne das Bemerkte und ſeine aufflamm⸗ ende Hoffnung mit. O Ungefaͤlliger! 10* 148 — fuhr er fort— wie wirſt Du Dich der beharrlichen Weigerung ſchaͤmen, wenn mein Weßler nun triumphirend aus dem Garten tritt, um den Erhoͤrten aufzuſu⸗ chen. Ihm ahnt nicht, daß ich Zeuge ſei⸗ nes Liebedienſtes bin und gleich hinab⸗ ſpringen werde, mich, dem Engel gegen⸗ uͤber, auf Freiers Fuͤßen darzuſtellen. Liebe, ehrliche Seele!— fiel Schaͤrf⸗ lich ſeufzend ein— Du gemahnſt mich wie der ſteinalte Cupido im Garten, der ſchon ſeit vielen Jahren im Anſchlage liegt und doch alle Herzen nur vergebens auf's Korn nimmt. Du gehoͤrſt zu jenen noth⸗ gedrungenen Junggeſellen, die jeder Wuͤrd⸗ ger des aͤchten Werthes mit Eifer ſucht, mit Sorgfalt hegt und wie ſich ſelbſt lie⸗ ben muß, waͤhrend dem die Schoͤnen da⸗ gegen zwar den wackern Mann gelten laſſen, doch uͤbrigens nur den etwaigen Gegenſtand eines endlichen Nothſchrittes 149 in ihm ſehen. Glaube einem Dankbaren, ehrlicher Kauz! Ich wuͤrde Berge zu ver⸗ ſetzen geſtrebt haben, wenn die allein nur zwiſchen Dir und dieſem Maͤdchen laͤgen, will aber, auf mein Wort, morgendes Tages um die Witwe Sandmann anhal⸗ ten, wenn nicht Mutter und Tochter Deinen Brautwerber mit einem ungeheuern Trag⸗ korbe fuͤr Dich heim ſchicken. Verbittert ſagte Guͤldenkraut: Ihr ſeyd nun einmal uͤberein gekommen, unſer Ei⸗ nen fuͤr ein ſogenanntes Rezept gegen die Liebe zu halten, waͤhrend dem mich zwei geſunde Augen und mehr als ein unpar⸗ teiiſches Frauenzimmer in dem Glauben ſtaͤrken, daß man zu lieben und zu nehmen iſt.— Beide ſchwiegen jetzt; der Haupt⸗ mann, um ihn nicht zu kraͤnken; der Freier, weil jener Glaube ploͤtzlich zum Senfkorne ward, denn er ſah, wie das aufſpringende Julchen geiſterbleich, die 150 Mama kirſchbraun, der beredſame Bot⸗ ſchafter zum Spiegelbilde jenes taub⸗ ſtummen Amors ward, griff mit un⸗ ſtaͤtter Hand nach dem Hute und eilte ohne Lebewohl hinunter. Das graͤfliche Paar waltete jetzt auf dem zierlichen, unfern der Stadt gelegenen Landhauſe. Neuigkeiten!— ſprach Gaſto, in Emma's Zimmer tretend— Politiſche? — fragte ſie, vom Stickrahm aufſehend— Kömmt etwa Napoleon wieder? In je⸗ dem Sturme!— fiel er ein— aber der Onkel in Altona ſchreibt und kuͤßt Deine Haͤnde. Ihm ward ganz unverhofft ein Erſatz fuͤr den Verluſt der ſeligen Frau. Sein Schwiegervater, der ehrliche Schwabe, iſt ihr nachgefolgt, hat ihm das Gut am Bodenſee vermacht und er muß nun ohne Saͤumen dahin reiſen, um ſich der Erbſchaft 151 zu verſichern. Zudem heirathet eben die Geſellſchafterin ſeiner Toͤchter; die juͤngſte begleitet ihn und er bittet ſo dringend, Theonen, die aͤltere, bis zu ſeiner Heim⸗ kehr bei uns aufzunehmen, daß mir, wenn Du es anders geſtatteſt, nichts uͤbrig bleibt als zu gewaͤhren. Nach Deinem Gefallen— erwiederte die Graͤfin— noch aber ſah ich keine von Bei⸗ den und Du mußt wiſſen, weß Geiſtes Kind ſie ſey. E. Hoffentlich das Kind ihres Va⸗ ters, des Freiherrn von Landſtern. Theone iſt muͤndig, eher alles als huͤbſch, mißt uͤber drei Ellen, hat, geſchnuͤrt, hoͤchſtens vier Zoll im Durchmeſſer, malt, dichtet, rezenſirt, wird alſo den gelehrten Jungfern beigezaͤhlt. Sie traͤgt, um ihr Licht leuch⸗ ten zu laſſen, die Prachtſtellen der aͤſthe⸗ tiſchen Urlichter auf der Zunge, geht mit 152 dem Shakſpeare zu Bette und ſteht mit Goͤthen wieder auf. Ich erſchrecke!— rief Emma, die Sticknadel zuruͤcklegend. E. Zum Gluͤcke nicht aus Eiferſucht, denn ihr werdet Euch wie die Taube der Venus zu Minervens Eule, wie Cytherens Guͤrtel zum Degenkuppel der Athene ver⸗ halten— Du mit der ſuͤßen Leeberede, ſie mit dem Backobſte der Citate— ein ergoͤtzlicher Gegenſatz! S. O, ſcherze nicht; auch Dich wird dieſe Ergoͤtzlichkeit bald genug angrauen. Ich fuͤge mich, wenn auch nicht freudig, doch ergeben, in jedes unabwendbare Uebel, mein heftiger Rudolf aber verliert ſo leicht die Geduld und mit ihr die Schonung, deren wir Beide beduͤrfen. 311 E. Man kitzelt ſich zuweilen, um zu lachen, und ich bin eben jetzt um nichts ſpaßhafter als der Brummbaͤr. 153 Emma verſetzte kleinlaut: Du ſagſt, ſie ſey garſtig?. E. Und iſt doch den Maͤnnern zuge⸗ than, aber beſtandlos. Trotz ſeiner Haar⸗ beutel⸗Perruͤcke war Immanuel Kant The⸗ onens fruͤheſtes Idol— ihm folgte Mei⸗ ſter Fichte, den Jacobi ausſtach und jetzt haͤlt ſie es, der Sage nach, mit den Na⸗ tur⸗Philoſophen. Mir ſchauert die Haut!— klagte die Graͤfin zwiſchen Lachen und Weinen— Sie wird nun wie vom Blocksberge auf mich niederſehen und unſern Hausaltar zum Katheder machen. Was will denn dieſer Ruͤſtwagen vor der Thuͤr?— fragte Gaſto, der am Fen⸗ ſter lehnte, und eilte hinaus, Emma aber zog die Klingelſchnur und ſprach zu dem herbeifliegenden Baͤrbchen: Eben wird uns der Beſuch einer Ver⸗ wandten angeſagt— eines Fraͤuleins von 154 Landſtern— fuhr ſie tiefathmend fort— einer Weltweiſen, die bald ſtudirt, bald malt, bald dichtet— die ſchneller ein Buch ſchreibt als wir einen Waͤſchzettel und die drei hintern, in den Garten ſehenden Zim⸗ mer bewohnen mag. Dort iſt ſie unge⸗ ſtoͤrt und weit genug entfernt, um nicht bei jedem Schritte auf uns zu treffen. Du mußt jene ohne Saͤumen in Stand ſetzen. Baͤrbchen hoͤrte mit gefalteten Haͤnden zu und erwiderte: Zu Ihrem Befehle, gnaͤdige Frau, doch hart unter den Fen⸗ ſtern liegt Moloch, der Kettenhund; er heult, ſo oft die Nachtigallen des Gaͤrtners laut werden. Das arme Thier!— fiel Emma ein — aber Weſen von des Fraͤuleins Range ſind in der Regel fuͤr die Außenwelt taub; thue alſo nur, was ich Dir ſage.— Baͤrbchen ſtattete hierauf noch anderweiten 155⁵ Bericht ab und ging endlich, als der Graf wieder eintrat. Das iſt doch unzart!— rief er aus — Herr von Landſtern wartete meine Ant⸗ wort gar nicht ab:— dieſer Fuhrmann bringt mir einen Brief von Theonen; ſie bittet uns, die beifolgenden ſieben Saͤchlein ſo freundlich und nachſichtvoll als die Be⸗ ſitzerin derſelben aufnehmen zu wollen. Die heilige Sieben beſteht nun, laut des Frachtbriefes, in eben ſo vielen gewaltigen Kiſten. Nummer eins enthaͤlt, der An⸗ zeige nach, Theonens neuere Handſchriften, fuͤr welche ſie einen verſtaͤndigen, billigen und bemittelten Verleger ſucht. Nummer zwei ihre Taſchenbibliothek. Nummer drei ſechs und zwanzig, theils unfertige, theils vollendete Oel⸗ und Paſtell-Gemaͤlde, welche die Dilettantin den Meiſtern unſerer Akademie vorlegen und deren Urtheil ver⸗ nehmen will; in Nummer vier bringt ſie 156 Dir dagegen, unfehlbar als Suͤhnopfer, geraͤucherte Gaͤnſebruͤſte, Speckboͤklinge und Hamburger Rindfleiſch— die Gaben je⸗ ner Zone, mit und die drei uͤbrigen Kaſten enthalten, da das Muͤhmchen augenſchein⸗ lich beſeſſen iſt, ihre Hausapotheke, einen galvaniſchen Apparat, einen beſchaͤdigten Cometenſucher, der hier wieder hergeſtellt werden ſoll, und ihres Leibes Nothdurft an Huͤten, Hauben, Feigenblaͤttern.— Was ſagſt Du denn zu allen dieſem? Kein Wort, lieber Rudolf, als daß die Schreckliche weit beſſer thun wuͤrde, im Irrenhauſe abzutreten; jetzt aber iſt es Zeit, in die Stadt und nach dem Caſino zu fahren, das mir die Familie Landſtern verdorben hat. ————ᷣ ↄ— Emma erwachte erſt ſpaͤt am Morgen, denn ein wuͤſter Traum hatte dieſelbe nuch 157 dem endlichen Entſchlafen, in's Caſino zuruͤckgefuͤhrt, wo ſie ſich jetzt zwiſchen Kantianern und Speckpoͤklingen, Spino⸗ ziſten und Gaͤnſebruͤſten, Kometenſuchern und Hamburgiſchem Nindfleiſche, unter galvaniſchen Saͤulen umhertrieb, an deren groͤßter die gelehrte Couſine in der Form eines dreiarmigen Wandleuchters hing. Und wiederum glaubte Emma zu traͤumen, als ſie— noch im Schlafrock und Nacht⸗ haͤubchen, ihr Zimmer betrat und es gleich⸗ ſam in einen Feenſitz verwandelt fand. Herrliche Bilder bedeckten die Waͤnde, der ausgeſpielte Fluͤgel war einem muſterhaften Kunſtwerke, der ſchmuckloſe Arbeittiſch ei⸗ nem blinkenden Meiſterſtuͤcke gewichen und jetzt ſchluͤpfte Rudolf herein und wuͤnſchte, die holde Geburttaͤgerin umfangend, zu ihrem Lebensfeſte Gluͤck. Emma weinte vor Freuden, Baͤrbchen weinte ſympathetiſch mit. 158 Faſt haͤtte Dich der alberne Fuhrmann um den Genuß der Ueberraſchung gebracht — ſagte Gaſto— er fuhr geſtern, trotz der empfangenen Weiſung, am hellen Tage vor und ladete bereits die Kiſten ab, als ich ihn wahrnahm. Du mußteſt ſie na⸗ tuͤrlich ſehen, mußteſt in der Form des einen Verſchlages den neuen Fluͤgel vor⸗ ausſetzen und ſo ſiel mir denn in der Be⸗ ſtuͤrzung nur die Ausflucht bei, die ge⸗ ſammten Frachtſtuͤcke fuͤr Theonens Ge⸗ paͤcke zu erklaͤren. Dein immer reger Satyr gab Dir ſie ein, Du Schadenfroher!— entgegnete Emma freudig erſtaunt— und mein heutiges Gluͤck waͤre vollkommen, wenn die gelehrte Theone ſich in einen aͤhnlichen Freudenquell vermandeln ließe. Auch iſt dem ſo— fuhr ſie, in Hoffnung aufflamm⸗ end, fort— geſteh es nur! Du haſt da wieder und zum tauſendſten Male meine 459 einfaͤltige Leichtglaͤubigkeit gemißbraucht und einen Popanz aufgeſtellt, waͤhrend dem ſie vielleicht dem eben beſcherten Göttermaͤd⸗ chen dort uͤber dem Divan gleichen wird? Nein, auf mein Ehrenwort!— fiel er ein— Wohl ſelten wird uns hinieden ein Wonnekelch, in den Mephiſto nicht wenigſtens eins ſeiner Barthaare wuͤrfe; iſt die Couſine ein ſolches, ſo konnte ich doch, ohne undankbar zu erſcheinen, des Oheims Zumuthung nicht von der Hand weiſen. Mein guter Vater ließ mir auf der Hochſchule, um einen guten Wirth zu bilden, nur das Nothwendigſte zukommen; da trat denn jener gefaͤllig in's Mittel, er half, er lieh und wies entſchloſſen die Zinſen ab, als ich ihn endlich zu decken vermochte. Lachend erwiderte Emma: Ei, ſo wird das Barthaar zum Staubfaden und Theone gewiß auch eine anziehende Seite haben 160 zum wenigſten belehrend auf mich wir⸗ ken. Ein junges Frauenzimmer wuͤnſcht meine gnaͤdige Herrſchaft zu ſprechen— ſagte die eintretende Rahel— ein blut⸗ junges, ſchuͤchternes Ding.—„Wer ſind Sie denn? fragte ich und noch ein Mal, da die Jungfer kaum das Maͤulchen auf⸗ that; hab' ich nun recht gehoͤrt, ſo iſt ſie das Kammermaͤdchen des Fraͤuleins von Landſtern. Der Name fiel der Graͤſin, trotz ihrer Selbſttroͤſtung, auf's Herz. Laß ſie vor! — ſprach der Graf; er lispelte dann, zu zener gewendet— Die iſt alſo bereits in der Stadt— und dachte bei dem erſten Blick' auf das eintretende Zoͤſchen: Ach, waͤrſt Du Theone! denn es aͤhnelte an Form und Lieblichkeit der Zuͤge dem Bilde, das ſeit dieſem Morgen uͤber Emma's Divan prangte. 161 Die Jungfer verneigte ſich tief und ſagte, vom Roſenrothe zarter Scham ge⸗ faͤrbt: Mein Fraͤulein erlaubt ſich nicht eher, die edle Gaſtfreundſchaft der hohen Verwandten anzuſprechen, bis es ſeine ſcheinbare, unartige Zudringlichkeit entſ chuld⸗ igt weiß. Frau von Fern, eine Freundin des Landſtern'ſchen Hauſes, wollte nach Genf reiſen, ihren Sohn, der dort erzogen wird, zu beſuchen, und da ihr Weg ſie hier durchfuͤhrt, das Fraͤulein mit ſich nehmen; es konnte keine ſchicklichere Gele⸗ genheit fuͤr uns geben. Da wird ihr die Nachricht, daß der Sohn einen Fall ge⸗ than, ſich ſchwer verletzt habe; ſie be⸗ ſchleunigt die Abreiſe und ſo kommen wir denn, auf des Vaters Befehl, ohne die nachgeſuchte Vergoͤnnung erwartet zu ha⸗ ben, denn Herr von Landſtern zweifelte, im freudigen Vertrauen auf Ihre Guͤte, an dieſer nicht. I. 11 162 Das Muͤhmchen iſt hoͤchſt willkommen — verſicherte der Graf— und hatte nur unſre Abweſenheit zu fuͤrchten, da wir ge⸗ woͤhnlich die ſchoͤne Jahreszeit zu irgend einem Ausfluge benutzen. In dieſem Falle— erwiderte das Maͤdchen— blieb ihr die Tante Stelzen⸗ au, die, wie ich hoͤre, ſeit Jahren ſtu⸗ benſiech iſt und derſelben noch am Tage vor der Abreiſe ſchriftlich ihr Leid klagte. Theone befindet ſich alſo in der Stadt? — fragte die Graͤfin— iſt in unſerer Wohnung abgetreten und der alte Jakob hat ihr hoffentlich die Gaſtzimmer ge⸗ oͤffnet? Wir beduͤrfen noch in anderer Hinſicht Vergebung— fuhr jene fort— die Frau von Fern entlchloß ſich naͤmlich in ihrer Mutterſorge, Tag und Nacht zu reiſen— eine Beſchwerde, welche ſich die kraͤnkelnde Theone nicht zumuthen konnte; ſie wird 163 demnach den Herrn Vater nach Schwaben begleiten und ſtatt dieſer bittet nun Me⸗ litta, die juͤngere Schweſter, um eine freundſelige Aufnahme. Gott!— rief die Graͤfin neu belebt, erſtickte aber ploͤtzlich das„ſey gelobt!“ auf der Zunge und ſprach nun— Arme und Herz ſind offen, auch wuͤnſche ich der Couſine zu ihrem Maͤdchen Gluͤck. Die Jungfer kuͤßte, ſich wiederum tief verneigend, die Hand der Huldigen und Rudolf ward gleichſam zum Spiegel und Echo ſeiner Gemahlin. Ich ſchicke augen⸗ blicklich den Wagen nach der Stadt— ſagte er— und laſſe die gute, nie geſehene Litta holen. 2 Das waͤre vom Ueberfluß, mein gnaͤ⸗ diger Herr!— ſiel jene ein— der alte Jakob verſchaffte uns einen Miethwagen; ſie iſt ſchon hier! Wo? riefen Beide nach der Thuͤr eilend. 11* 164 Vor ihren Augen!— ſprach das Fraͤulein und druͤckte Emma's eben ge⸗ kuͤßte Hand auf's Neue an den Roſen⸗ mund. Dem Grafen war wie einem Geiſter⸗ 4 banner, dem ſtatt des Unholds, ein Se⸗ liger erſcheint und ſeine Gattin, die Me⸗ litten jetzt aufjauchzend umfing, hatte ſelbſt die innigſte Freundin nie mit ſolcher In⸗ brunſt an's Herz gedruͤckt, denn dieß Muͤhmchen ſtellte ja ein Sinnbild des Lie⸗ benswerthen in ſich dar. Zahlloſe Honig⸗ worte wurden gewechſelt, die Schweſter⸗ ſchaft, zu Folge Emma's befehlender Bitte, geſtiftet, Gaſto aber lauſchte, ſtill erquickt, dem anmuthigen Weben und Vereine bei⸗ der Grazien und brachte endlich die Aehn⸗ lichkeit des erwaͤhnten Gemaͤldes mit Me⸗ litten zur Sprache. Sie erroͤthete, Emma ſtimmte ihm gefaͤllig bei und er ſagte: Mir ſind dieſe Bilder an Zahlungſtatt 165 von einem boͤſen Schuldner zugekommen, den die Sucht zu glaͤnzen, im Laufe von acht Jahren um achtzigtauſend Thaler brachte, der unter anderem auch als Kunſtſinniger gelten wollte und doch, gleich mir, von allem Kunſtſinne verlaſſen war. Der Himmel weiß, ob ſie einen bedeuten⸗ den Werth haben. Es geht mir da genau wie meinem Rudolf— fiel Emma ein— doch liebe ich die Bilder wie ein Kind. Die ich hier ſehe— bemerkte Melitta — gehoͤren, meines Beduͤnkens, faſt alle zu den ſehenswerthen und einige zu den vortrefflichen. O allerliebſtes Muͤhmchen!— rief Gaſto— Sie wollen ſich uns Geiſtes⸗ blinden vielleicht noch angenehmer machen, was ganz unmoͤglich iſt. Das uͤber dem Divan laſſe ich, ſchon wegen der gedach⸗ ten Aehnlichkeit mit Ihnen, fuͤr ein Mei⸗ 166 ſterwerk gelten, wer aber mag die Herr⸗ liche ſeyn? Eine Muſe, und welche? Sie haͤlt das antike Volumen in der Hand, doch die Sinnbilder der Pierinnen ſind nicht unterſcheidend genug⸗„Als ſie noch die ſeligen Geſchlechter fuͤhrten“ galt Eine fuͤr Alle, erſt ſpaͤterhin ward jeder ein be⸗ ſonderes Gebiet im Reiche des Schoͤnen zugetheilt. Melitta zog das Glas an's Auge; Laute des Unmuths, des Erſtaunens und die verwerfende Geberde bezeichneten den widrigen Eindruck. Gewiß eines Sudlers Werk— mur⸗ melte Gaſto— und mich trifft die Strafe der Unwiſſenden, die in aller Unſchuld zu Spotte werden. Das Bild iſt bei weitem lobenswerther als die Perſon,— ſiel das Fraͤulein ein — denn dieſe gehoͤrt am wenigſten den Kamdnen an. —‿ —— 167 Gr. Wie? das Original lebt demnach und ward Ihnen bekannt?— Melitta laͤchelte bitterſuͤß und ſchwieg.— Heraus mit der Sprache, wenn Du mir gut biſt! — rief die Graͤfin. Die Bedingung laͤßt keine Ausflucht zu,— fuhr das Fraͤulein fort— wohl kenne ich dieſe Schoͤne, ſie iſt meine Lan⸗ desmaͤnnin und hieß insgemein die Pauker⸗ Mathilde, weil ihr erſter Gemahl ein ſol⸗ cher war. Von ihm geſchieden, heirathete ſie einen jungen, vorzuͤglichen Kuͤnſtler, der die Reizende, in ſeiner Begeiſterung, unter mannigfachen Formen und Geſtalt⸗ ungen malte und bald genug von ihr be⸗ trogen, dieſe Sammlung im gerechten Grimme einer öffentlichen Verſteigerung preis gab. Der reiche Großhaͤndler, der ihn entzauberte, mußte bald genug einem franzoͤſiſchen Oberſten weichen, welchen ihr das Nervenſieber entriß und Mathilde be⸗ 168 gleitete nun ſeinen Bedienten nach Paris, von dannen ſie, nach Jahr und Tagen, ſich kaum noch aͤhnlich, heimkehrte und immer tiefer ſinkend, dem Spinnhauſe zu⸗ fiel. Die Rolle in ihrer Hand iſt demnach das Volumen ihres Suͤndenregiſters. Abſcheulich— rief Emma zum oͤftern dazwiſchen; der Gatte ſprach, die After⸗ muſe haſtig herab nehmend: Ein ſchmei⸗ chelhaftes Angebinde! Vergib mir, liebes Weib! Mag doch ſo Manche dieſes Ge⸗ praͤges, als das Sinnenziel ihres Malers, zum Gegenſtande frommer Feier und ſtiller Anbetung geworden ſeyn. Fort denn mit der unheiligen Pauker⸗Mathilde; hinauf in die Bodenkammer— hinter den Schorn⸗ ſtein— Auch geſellte er der Verſtoßenen, auf Melittens Rath, eine heilige, dem Battoni nachgepfuſchte Masdalene bei, die, anregend hingeworfen, im Caſanova zu le⸗ ſen ſchien und Baͤrbchen, welche beide, 169 auf des Grafen Geheiß, mit verſchaͤmten Wangen beſeitigen half, fragte jetzt nach des Fraͤuleins etwaigen Beduͤrfniſſen und Wuͤnſchen. Vor allem, mein gutes Kind! bedarf ich jetzt einer Ruheſtatt— erwiderte Litta — und naͤchſtdem Deinen gefaͤlligen Wil⸗ len und Beiſtand. Als jene ſie hierauf in das Gaſtzimmer gefuͤhrt hatte, huͤpfte Emma hoch auf, ſchlug in die Haͤnde und ſprach: Endlich ein Mal eine angenehme Taͤuſchung! Dank ſey dem guten Genius, der mir, ſtatt der gefuͤrchteten Hexe von Endor, dieſe Wahlverwandte beſcherte. Die moͤchte ich lebenslang behalten. Nur gemach, liebe Frau!— erwiderte er, Odem ſchöpfend— Dich meiſtert im⸗ merfort jeder lebhafte Eindruck. Reiſende und Gaͤſte werden anfaͤnglich faſt insge⸗ ſammt uͤberſchaͤtzt, weil ſie die Lichtſeite mit Sorgfalt nach außen kehren, bei laͤn⸗ 170 gerem Verweilen aber ſchwindet die Schminke, verdorrt das Feigenblatt, die Blößen treten vor und erſcheinen dann um ein's ſo grell. Immerhin!— troͤſtete ſich Ekmma— die Landſtern wird in dieſem Falle zum Weibchen wie es iſt und alſo dem Dei⸗ nigen gleich werden, das jetzt noch an ihr aufſehen muß. Auf halbem Wege nach Berlin ſtand Weßler, der Pferde gewaͤrtig, in der Thuͤr des Poſthauſes, als ein junger Mann, welcher eben von dort eintraf, aus dem Wagen ſprang, ihn in's Auge faßte und mit einem Freudenrufe begruͤßte. Uns fuͤhrt ein gluͤckliches Ungefaͤhr zuſammen, — ſagte er— denn ich komme in Auf⸗ traͤgen meines Schwagers, aber Sie kennen mich nicht mehr! 171 Graf Zadello?— ſprach Weßler, froh bewegt; der Fremde bejahete. Zwei Vettern dieſes Namens, Arthur und Ladislav, ritterliche und liebenswerthe Lithauer, Offiziere in Napoleon's polniſcher Garde, hatten waͤhrend des Krieges einige Wochen lang in ſeiner Heimat gewaltet, wo der erſtere verwundet zuruͤckblieb und dort ſpaͤter an den Folgen der Verletzung ſtarb. Weßler machte damals die Be⸗ kanntſchaft des letzteren und ſie gehoͤrte zu den wenigen Sonnenblicken der gedachten Pruͤfungzeit. Ich komme in Auftraͤgen meines Schwagers, des Grafen Olowsky,— fuhr Ladislav fort— deſſen treuloſer Bedienter mit einer Goldboͤrſe und dem Schmucke meiner Schweſter davon ging. Sie, Beß⸗ ter, meldeten ihm ſchriftlich, daß Leonhard verhaftet, der Raub bei ihm gefunden worden, es aber einem wahrſcheinlichen 472 Helfershelfer deſſelben gelungen ſey, den Schmuck auf's neue zu entwenden und ſagten, in Bezug auf dieſen Unfall, Ihr perſoͤnliches Erſcheinen an. Es walten jedoch Umſtaͤnde ob, die es zur doppelten Pflicht machten, Ihren Freund der herben Sorge zu entziehen und ſeinem Anwalte die Reiſe zu erſparen; ich brach deßhalb unverzuͤglich auf, treffe Sie hier, theile Ihnen nun die Lage der Sache kurz, ofſen, ehrlich, ſelbſt auf Koſten mancher zarten Nuͤckſicht mit, muß aber aus Gruͤnden wie der weitſchweifigſte Erzaͤhler beginnen. Mein Schwager Olowsky iſt unzwei⸗ felhaft, in Hinſicht auf Bildung, Form und gute Eigenſchaften, eine Zierde der Maͤnnerwelt, doch arm wie Hiob— Maria, meine Schweſter, reizend wie er, ſehr bemittelt, feurig und leichten Sinnes, verſchmaͤhte die bedeutendſten Freier und ward die Seinige. Das vollgluͤckliche Ehe⸗ 173 paar wandelte uͤber den Sternen und kehrte nur zur Erde nieder, um irgend ein Feſt zu verherrlichen oder zu geben, oder ſich auf Reiſen in Florenz, Rom, Neapel zu gehaben. Eine Lebensweiſe, welche die Mitgift meiner unwirthlichen Schweſter um ſo ſchneller verkuͤrzte, da ſie keine Klage hoͤren, keine Thraͤne ſehen kann, ohne ihre hilfreiche Hand zu bieten, nicht ahnend, daß ſolche ungemeſſene Guͤte das Spiel des Mißbrauchs und der Schlechten wird. Genug, die Einkuͤnfte reichten nicht hin, die Schulden nahmen zu, wurden aus Leichtſinn oder Grille dem Gatten ver⸗ heimlicht und Maria kaufte in der Stille unaͤchten Schmuck, um jene, mittels der Veraͤußerung des aͤchten, zu decken.— Von allen Klippen des weiblichen Heils iſt Geldnoth die gefaͤhrlichſte; doch unver⸗ hofft wird meine Schweſter die Erbin ei⸗ ner jungen, bemittelten, ploͤtzlich geſtor⸗ 4 * 174 benen Tante und hat das ſchoͤne ſuͤdweſt⸗ liche Deutſchland, hat das entzuͤckende Paris noch nie geſehen, ihr Wille aber iſt ein Befehl fuͤr den zaͤrtlichen, dankbaren Gatten; es wird gepackt und aufgebrochen und ich begleite ſie nach Berlin, wohin mich eben ein Rechtshandel rief. Der Verluſt des beßten, unter Weges verun⸗ gluͤckten Bedienten noͤthigt ſie dort, einen andern tauglichen zu ſuchen; treffliche Zeugniſſe und Wohlgeſtalt, Gewandtheit und Sprachkenntniſſe verurſachen die Wahl des Gauners, der nach wenigen Tagen mit der Goldboͤrſe des Grafen und jenem unaͤchten Schmucke meiner Schweſter da⸗ von geht. Ihre Verblendung aber und die falſche Scham halten dieſelbe auch jetzt von dem Geſtaͤndniſſe ſeines Unwer⸗ thes zuruͤck und der Graf veranlaßt ſofort eine Anzeige des Raubes und den Steck⸗ brief, deſſen widrige Folgen Marien treffen, 175 die der Eingang Ihres Briefes jetzt end⸗ lich zur Sprache brachte. Gott ſey gelobt!— rief Weßler aus — der an den Unwerth dieſer Steine die Rettung meines Freundes knuͤpft. Z. Und auch Mariens Rettung, wie ich hoffe, die von der boͤſen Frucht des Leichtſinnes, der Verſchwendung und dem bruͤderlichen Strafgericht erſchuͤttert, des Gatten Guͤte hoffentlich laͤnger nicht miß⸗ brauchen wird; die ſich nun freiwillig zu ſeinem Muͤndel gemacht und auch der fer⸗ nern, koſtſpieligen Reiſen und jedes thoͤrigen Aufwandes begeben hat. Wohl Beiden dann;— fiel Weßler ein— das Boͤſe iſt ja uͤberhaupt der Duͤnger heilſamer Fruͤchte und es gefaͤllt Ihnen hoffentlich nun, mich nach Berlin zu begleiten, um das Geſchaͤft dort zu beendigen? m 9 Der Graf verſah mich mit hinreichen⸗ 3 4 176 der Vollmacht,— ſprach Zadello, die Brieftaſche öffnend— er verzichtet hier⸗ durch ſchriftlich und eigenhaͤndig auf je⸗ den Erſatz, zu dem ſich Ihr Freund ver⸗ ſtehen moͤchte. Theils weil der falſche Schmuck kein Gegenſtand fuͤr die Ent⸗ ſchaͤdigung iſt, theils weil die zweihundert Ducaten der Goldboͤrſe den herben, einem Ehrenmanne gemachten Kummer nicht zum hundertſten Theile aufwiegen und das Ge⸗ gentheil der bisherigen Lebensweiſe hin⸗ reichen wird, dieß Paͤrchen nach dem Ver⸗ laufe weniger Jahre in den fruͤhtrn Wohl⸗ ſtand zu verſetzen. Sie aber, Wertheſter! verſchweigen hoffentlich, was Ihnen zur Aufklaͤrung des aͤrgerlichen Ereigniſſes ver⸗ traut werden mußte. Ja, auf mein Ehrenwort!— betheu⸗ erte jener und druͤckte ihm innig geruͤhrt die Hand; der Graf fragte jetzt mit leb⸗ haftem Antheile nach Maͤnnern, Frauen, 177 Maͤdchen, die er waͤhrend des Aufenthal⸗ tes in Weßler's Heimat gekannt oder be⸗ achtet hatte, und Weßler ward zum auf⸗ richtigen Referendarius. Und die ſchoͤne Nina?— ſprach Za⸗ dello endlich, ſeufzend, mit verhaltener Stimme— hat alſo geheirathet? W. Den Kammerrath Unthal, deſſen Tod ſie ſchon im zweiten Ehejahre zur Witwe machte. Z. Und einen ſolchen konde ſie waͤh⸗ len? W. Er war verbluͤht, war kraͤnklich, unbedeutend, aber achtbar, bemittelt und Nina ein ſchutz⸗ und mittelloſes Maͤdchen, das er wie eine Goͤttin feierte. Z3. Am Nachfolger wird es unicht ge⸗ brechen. Ich weiß von keinem— erwiderte Weßler ſichtlich verduͤſtert— oder von Einem vielmehr, der vielleicht fruͤhere Rechte I. 12 178 geltend machen köͤnnte— den uns und ihr der Krieg entfuͤhrte. Z. Der heißt? W. Graf Ladislav Zadello! Auf meine Ehre, nein!— rief dieſer zwiſchen Groll und Ruͤhrung. W. Aber ich darf ihr doch einen Gruß oder tauſend von dem liebenswuͤrdigen Be⸗ kannten bringen? Z. Der war ich nie in Nina's Augen. W. Der Grund iſt raͤthſelhaft. Z. Einleuchtend vielmehr— ich wollte ihr wohl und ſie mir uͤbel. W. Das ſcheint unmöglich. Z. Was waͤre im Herzen dieſes Ge⸗ ſchlechts unmoͤglich?— Aber ich habe ei⸗ nige Flaſchen mit edlem Rebenſaft im Wa⸗ gen, die wir, trotz dem, auf's Wohl der Frauen leeren wollen. Ja und mit Recht!— ſiel Weßler 179 ein— ſie bleiben doch die Blume des Labeweines. — Um endlich Gleiches mit Gleichem zu vergelten, hatte Angelika von Rauhmund fuͤr heute eine Theegeſellſchaft gebeten und Zadello's Schweſter, die Graͤfin Olowska, wuͤrde ſchwerlich in jenes Drangſal gera⸗ then ſeyn, wenn ſie bei ihren Feſten des Fraͤuleins Maß und Weiſe beachtet haͤtte. Die Theeblaͤtter ſelbſt ſtammten noch aus dem Nachlaſſe des ſeligen Hofkuͤchen⸗Mei⸗ ſters, ihres Vaters, alſo, obſchon verrochen und verdorrt, aus guter Quelle. Das Backwerk fertigte ſie ſelbſt und ein wohl⸗ feilerer Cardinal iſt ſelten gebraut worden, denn als ſie geſtern ſpaͤt Abends im Gar⸗ ten ſpazierte, fielen eben die nothwendigen Pomeranzen zufaͤllig von den Baͤumen ihrer Wirthin, der Madame Schaͤrflich; 12* — 180 zudem hatte Rahel derſelben zwei Flaſchen mit umgeſchlagenem Weine aus des Gra⸗ fen Keller verehrt. Da nun Angelika den Zucker, welcher ihr bei Theefeſten geboten ward, zwar ergriff, doch nicht der Taſſe, noch dem Maͤulchen, ſondern mittels eines fertigen Taſchenſpieles ihrem Strickbeutel zuwandte, ſo konnte ſie jetzt mit der ge⸗ ſammelten Beute den praͤchtigen Zuckerkorb, ein verfallenes Pfandſtuͤck, anfuͤllen. Das lieblich duftende Naͤucherpulver endlich dankte Angelika der nun verfeindeten Frau von Sterly. Ddie Gaͤſte kamen. Zuerſt Frau Schaͤrf⸗ lich mit Julien und dem Dachslebener Gretchen; ſie hatten bereits aus Vorſicht zu Hauſe gevespert; dann zwei eisgraue, wie Ahnenbilder ſtaffirte Fraͤulein, die im⸗ mer zugleich ſprachen und am liebſten von Friedrich dem Großen erzaͤhlten, der nach dem Siege von Roßbach bei ihren ſeligen 181 Eltern uͤbernachtet, die juͤngere, ganz ſei⸗ ner Art zuwider, in den damaligen Bauſch⸗ backen geknippen, die aͤltere aber mit la⸗ chendem Muthe gefragt habe:„Wie geht's?“ Endlich fuͤllten, der Unbedeutenden nicht zu gedenken, drei ebenbuͤrtige, das alte Kanapeh beſetzende Damen den Kranz und und ſahen, wie die Thuͤrmerin zur Huͤh⸗ nerſchar auf dem Kirchhofe, nieder. An⸗ gelika glich heute ihrem Sparzucker, denn ſie zerfloß in Suͤßigkeit, lockte damit ſelbſt die gedachten Thuͤrmerinnen zu der Ge⸗ meine herab, zog, jenen beiden Fraͤulein zur Liebe, Friedrich den Großen gleichſam am Haarzopfe herbei und ſtellte endlich auch das Läͤmpechen der buͤrgerlichen Gaͤſte auf den Scheffel. Gretchen Guding, die demuͤthige Zierde von Dachsleben, kredenzte bereits, der Wirthin beiſtehend, den Car⸗ dinal, als das Kleeblatt auf dem Ka- napeh den Brautſtand der aͤlteſten Prin⸗ 182 zeſſin des regierenden Hauſes und deren prachtvolle Ausſtattung zur Sprache brachte, die man eben im Schloſſe zur Schau ausgeſtellt hatte. Jene entſchuldigten naͤm⸗ lich ihren gezeitigten Aufbruch mit dem Erbieten des Hofmarſchalls, ihnen heute zu der Beſichtigung deſſelben auf einem Schleifwege zu helfen, da der Sturm und Drang der Schauluſtigen das Hauptthor zur Hoͤllenpforte machte. Die Uebrigen aͤußerten daſſelbe ſehnſuchtvolle Verlangen und beklagten nur, daß man dort Leib und Leben einſetzen und ſomit auf dieſe Augenweide verzichten muͤſſe. O, keinesweges, meine Damen!— entgegnete Angelika, von dem Geiſte des Theefeſtes befluͤgelt— auch meine Wenig⸗ keit ſteht mit einigen der dortigen Macht⸗ haber in Beziehung, die mir den Weg bahnen muͤſſen— mit Wuͤrdigen, die das Recht des ſeligen Oberhofkuͤchen⸗Meiſters 183 noch in dem Toͤchterchen ehren und beach⸗ ten; namentlich mit dem gefaͤlligen Bett⸗ meiſter, durch deſſen Wohnung wir bequem in's Innere der Burg gelangen. Auch finde ich mindeſtens einen oder einige Be⸗ kannte unter den gegenwaͤrtigen Hofherren, auf alle Faͤlle aber den Gardemajor, mei⸗ nen ſchaͤtzbaren Teufel, der um ſo williger dienen wird, da ich demſelben vor Kurzem einen herrlichen Rekruten zuwies und ihn noch anderweit verpflichtete. O Sie Gluͤckliche!— riefen die Guͤnſt⸗ linge Friedrich's des Großen. Das waͤre köſtlich!— ſprachen Einige— Goͤttlich! ſetzten Andere hinzu. Ich ginge ſelbſt mit!— geſtand Frau Schaͤrflich. Das eben aufbrechende, hohe Kleeblatt machte Hoffnung, ſich dort im Voraus fuͤr den Einlaß dieſer achtbaren Geſellſchaft ver⸗ wenden zu wollen, vergalt der Freuden⸗ geberin mit zaͤrtlichen Kuͤſſen, verweilte 184 jedoch auf der Treppe, um jene Gaben zu ſchimpfiren und den bezwungenen Lach⸗ reiz gewaͤhren zu laſſen. Bald darauf ſtand Angelika an der Spitze ihrer Gaͤſte, der Amazonen⸗ Koͤ⸗ nigin gleich, vor des Bettmeiſters Haus⸗ thuͤr und zog bereits zum drittenmale um ſo herzhafter an der Schelle, da ſie zu ſeinen Glaͤubigern gehörte; doch ſtatt der Ppforte ward das naͤchſte Fenſter geoffnet; eine alte Magd ſagte graͤmlich: Die Herr⸗ ſchaft iſt ausgefahren! warf es wieder zu und verſchwand. Die Herrſchaft?— ſpottete Angelika, wendete ſich dann haſtig zu dem eben voruͤber ſchreitenden Kammermohr und ſprach:— Schaͤtzbarer, dieſe fremden, zwan⸗ zig Meilen weit hergekommenen Damen gaͤben viel darum, die hohe Ausſtattung zu ſehn. Wie viel denn?— fragte der geld⸗ 185 ſuͤchtige Heide!— ſie ſah ihre Damen for⸗ ſchend an und aller Haͤnde oͤffneten ſofort die Strickbeutel, ſuchten, waͤhlten, ſpen⸗ deten; Abdallah aber oͤffnete des Bett⸗ meiſters Thuͤr und ſagte in gebrochener Rede: Spazieren Sie nun laͤngs dem Gange hin, dann rechts uͤber's Hoͤfchen, dann wieder links, wo eine Treppe zu der Hinterpforte des Wachſaales fuͤhrt und gute Worte weiter helfen.— Das Haͤuf⸗ lein eilte, ging und ſtieg, gelangte endlich zu der Thuͤr, die gute Worte oͤffnen ſoll⸗ ten und Angelika ſtieß einen Wonnelaut aus, denn ſie erkannte in dem Grenadier, der hier ſchilderte, ihren Wolfgang. Gotts⸗ tauſend!— ſprach er, gleich ihr vergnuͤgt — Sie ſind wohl wieder gut geworden und wollen mich auf der Poſt beſuchen? Ja freilich, liebes Woͤlfſchen! und da⸗ fuͤr wirſt Du dankbar ſeyn, wirſt uns paſſiren und in den Wachſaal treten laſſen. 186 Ei, treten, ſetzen, legen laſſen— aber ich darf nicht und wuͤrde auf der Stelle abgeloͤſ't und krumm geſchloſſen. Krumm wie ein Katzenbuckel, Tantchen! in's letzte Glid. S. Du Einfalt Du! laß Dir doch keine Naſe drehen. Selbſt unſer Herr Gott ſucht nur bis in's dritte und vierte heim und was den Damen zu Liebe geſchieht, bringt jedem Schildergaſte Ruhm und Ehre. E. Steht das im Reglement? S. Es ſollte, von Rechtswegen, d'rum laß uns ein! E. Wenn der Schließer nicht waͤre! S. Du liegſt ja auch im Bette krumm! Bedenke doch den Zuſchuß, Her⸗ zens⸗Wolf, und daß Du die zweite Mutter in mir fandeſt— die Aufſchließerin gleich⸗ ſam, denn morgen bitte ich Dich los und hört Dein Oberſter, daß das junge Herr⸗ 187 lein aus Kindesliebe mankirt hat, ſo macht er Dich zum Corporal en chef. Wolf lachte unwillkuͤhrlich auf und trat, verſagend, mitten vor die Thuͤr; da uͤbermannten Aerger und Jaͤhzorn das Fraͤulein. Ein Wort wie tauſend! Schlingel!— fuhr ſie auf und legte Hand an, um ihn wezgzudraͤngen, in ihrem Ruͤcken aber ward ein Brummbaͤr laut. Meine Damen— rief der herbeiſchreitende Unteroffizier— ich bitte ſehr, unſere neue Mannſchaft nicht zu verſuchen; iſt aber Ihre Schauluſt unbezwinglich, ſo fuͤhrt das Wendeltreppchen dort, Sie ohne wei⸗ tere Behinderung zum Ziele. Der Nachſatz ſeiner Rede verſoͤhnte die Unmuthigen mit der beſchaͤmenden Warnung, das Tantchen dankte ihm ſogar mittels einer Reverenz und lispelte beineben ihrem Neffen zu: Dir, Gottvergeßner! will ich's gedenken! Darauf verfolgte ſie an der Spiitze der 188 Gefaͤhrtinnen die dunkle, ſteile Schnecken⸗ ſtiege, doch ploͤtzlich ward es hell und klar uͤber den Haͤuptern der Erſchoͤpften und Angelika rief, ſtoͤhnend an die Mauer ſink⸗ end: Der ruchloſe Schadenfroh! er hat uns auf den Schloßthurm geſchickt. Weßler kehrte wie ein Freudenengel von jener Berufreiſe zuruͤck; Zadello's Eroͤff⸗ nungen und der rechtliche Sinn des Grafen Olowsky gaben ja ſeinem Freunde die hoͤch⸗ ſten Guͤter des Lebens zuruͤck und erhielten ihm ſelbſt die muͤhſam erworbene Summe, welche er der Freundſchaft zum Opfer bringen wollte. Nina Unthal war unter We⸗ ges faſt ſein einziger Gedanke, denn Za⸗ dello hatte derſelben, waͤhrend dem Genuſſe des Hochheimers in jenem Poſthauſe, aufs neue und im Geiſte der Zaͤrtlichkeit und der Wehmuth gedacht— hatte die Anmuth ih⸗ 189 res Weſens, die Tiefe ihres Gemuͤthes, die Klarheit ihres Verſtandes, die Guͤte ihres Herzens— die Feengaben alle, welche auch ihm einleuchteten, geprieſen— hatte ſie ſelbſt ahnen laſſen, daß er mit Nina's fruͤ⸗ heren Verhaͤltniſſen und der Quelle ihres Truͤbſinns bekannt ſey und doch jede trau⸗ liche Beziehung zu derſelben, unter heiligen Betheuerungen abgeleugnet. Es ſchlug zeh'n Uhr, als Weßler vor dem Thore der Heimat, begeiſtert von der letzten Flaſche jenes Kraftweins die ihm Zadello bei dem Lebewohl aufdrang, eine Mannesgeſtalt wahrnahm, welche ſich uͤber die Mauer des Unthal'ſchen Gartens ſchwang, in deren Naͤhe die Straße hinlief. Fahr' immer heim!— ſprach der Ergluͤhende, vom Wagen ſpringend, denn die verleugnete, heiße, ſtill bekaͤmpfte Leidenſchaft fuͤr die Fee, welche hier waltete, flammte bei jenem Anblicke blitzſchnell in Gluthen des Arg⸗ 190 wohnes und der Eiferſucht auf und trieb ihn, Jenem nach, uͤber die Mauer.— Hier waltete ringsum des Grabes Stille— nur Heimchen zirpten und die Nachtigall ſchlug— er harrte lauſchend— da zeigte ihm der Mond, aus zerriſſenen Wolken her⸗ vorbrechend, ein geſpenſtiges, zwiſchen dem Gebuͤſche kauerndes Zerrbild.— Ach lie⸗ ber Herr, Barmherzigkeit!— wimmerte der Kobold, am Schopf erfaßt— Ich ar⸗ mer Teufel habe eine todkranke Frau da⸗ heim, die ſich nach Kirſchen ſehnt und woll⸗ te eine Hand voll pfluͤcken. Alſo ein Obſtdieb!— ſprach er, O⸗ dem ſchoͤpfend. Der reiche Segen hier ward ſelbſt den Sperlingen beſchert und unſer Einer iſt ja, laut der Schrift, mehr als viel ſolche werth. Da iſt Geld! Packe Dich!— Der Bett⸗ ler pries den ſeltenen Kirſchenwaͤchter und klomm uͤber die Mauer zuruͤck, Weßler 191 aber ſchaute, von der troͤſtlichen Aufklaͤr⸗ ung erquikt, voll Sehnſucht nach dem Hau⸗ ſe hin, denn Nina's ihm bekanntes Wohn⸗ zimmer ſah, zu ebner Erde liegend, in den Garten und war noch beleuchtet.— Sie rollte eben die ſchoͤnen Haare auf, ſie ahnete die Naͤhe des Werthen nicht, den vorhin der gewaltſamſte Zwingherr der Sterblichen uͤber die maͤchtige Mauer, jetzt durch den bergenden Laubengang hertrieb. Noch ſchien der Mond und ſtatt des fratzenhaften Un⸗ hold's, den Weßler vorhin mit Grauen gewahrte, erblickte Nina den wunderſchoͤnen, von Luna's Silberlichte beglaͤnzten Freund zwiſchen den Fliedern, die ihr Fenſter um⸗ rankten. Sie glaubte, auffahrend, ein Phantom zu ſehen, vernahm jetzt leiſe Schmeicheltoͤne, griff mit der einen Hand nach dem entglittenen Tuche und druͤckte mit der andern haſtig den Fluͤgel zu; doch dieſer wich dem Staͤrkern, der, Trotz dem 192 Straͤuben, ihren Arm erfaßte.— O Weß⸗ ler!— lispelte die Bebende— Sie hier, und jetzt? E. Hier, jetzt und gluͤcklich! mein Engel fuͤhrte mich! S. Ein boͤſer Engel nur, der mich verderben will. Ich bin verloren, Falls Sie bemerkt wurden. Agathe ſchlaͤft ſchon— mein Maͤdchen auch und die Einſame,— ſetzte Nina, ſchnell ihren Arm befreiend, hinzu— darf Sie nicht dulden. Mein Zweck iſt arglos,— entgegnete er, von dieſer Haͤrte verbittert— ich bringe Ihnen nur einen herzinnigen Gruß des Grafen Zadello und gehe nun. Zadello?— ſprach ſie mit Erſchrecken; Weßler erſchrack, gleich ihr, uͤber den ſicht⸗ lichen, gewaltſamen Eindruck ſeiner Rede. — Stanislav? Wo iſt er? Wo lebt er? E. In Ihrer Bruſt! Nein!— ſagte Nina, kaum vernehm⸗ 193 bar, loͤſchte das Licht aus, verſchwand und er hoͤrte die Kammerthuͤr hinter ihr zufallen. Auch Baͤrbchen wickelte zu derſelben Stunde ihre ſchoͤnen Haare, hatte aber das Licht bereits ausgeloͤſcht und gaͤhnte ſchlaͤfrig den keuſchen Mond an. Da regte es ſich ploͤtzlich neben an im Badſtuͤbchen der Graͤfin, das doch keinen anderweitigen Ausgang hatte; ſie lauſchte, ſie entſetzte ſich, ſprang zu der Thuͤr deſſelben, den Riegel vorzuſchieben, doch dieſe oͤffnete ſich eben und vor ihr ſtand eine ſchwarze, ver⸗ mummte Geſtalt. Baͤrbchen ſchrie laut auf, floh hinaus, rief dem Bedienten, der aber zu den Dirnen in's Dorf hinabge⸗ ſchlichen war und fluͤchtete nun, von der Angſt getrieben, in's Schlafzimmer der Graͤ⸗ fin, die noch in Melittens Kammer war, welche vorhin plöͤtzlich erkrankte. Ihr Ge⸗ I. 13 194 mahl, im Begriffe, ſich nieder zu legen, faßte betroffen des Maͤdchens Hand, das jetzt abermal aufſchrie und ihm wehrte. Du biſt wohl auch krank?— fragte er, beſah ſich bei dem Mondſcheine die Geiſterbleiche, welche ihn beſchwor, ſie los zu laſſen und odemlos, unter heftigen Schauern, den Grund des Hierſeins an⸗ deutete.— Ja, Du biſt krank!— fuhr Gaſto fort, ſchlang ſeine Decke um die Entkleidete, befahl ihr, ſeine Ruͤckkunft zu erwarten und eilte nun nach Baͤrbchen's Kammer, doch fand ſich weder hier, noch in der Badſtube die Spur eines Geiſtes oder Diebes vor. Nina erwachte nach kurzem, friedloſen Schlafe mit dem Morgenrothe, ſie raffte ſich auf, ſie dachte der verwegenen, raͤthſel⸗ 195 haften Erſcheinung ihres liebſten und ehr⸗ barſten Freundes nach, durchirrte, freier Luft beduͤrftig, den Garten, trat in die Laube, in der er ſie neulich uͤber⸗ raſchte, und ſtand wie Luna vor dem ſchlummernden Endymion. Weßler hatte naͤmlich nach der Ruͤckkehr von ihrem Fen⸗ ſter, jenſeit der Mauer Tritte und Stim⸗ men vernommen und ſich in die Laube gefluͤchtet, war hier, bedraͤngt von bitter⸗ ſuͤßen, ſtuͤrmiſchen Gefuͤhlen, in die Ge⸗ ſchichte dieſes Augenblickes verſunken, war endlich, zu Folge der ermuͤdenden Reiſe und des Weingeiſtes, vom Schlummer uͤberraſcht worden, der jetzt der goldnen Morgenhore wich. Er erwachte und Nina ſtand vor ihm, von der Fruͤhluft, dem ſuͤſ⸗ ſen Schrecke und dem himmliſchen Roſen⸗ lichte geroͤthet. Sie ſtand vor ihm im leich⸗ ten, jeden Wellenzug der holden Form be⸗ zeichnenden Gewande und trotz dem 13 ¾ 196 Schrecke, wie Aurora laͤchelnd und huld⸗ reich, umkreiſ't von dem bergenden Laub⸗ werke, begruͤßt vom Liebelied der Vögel, umfangen von dem ſchnell Entflammten, der die Wehrloſe unter Wonnelauten an's Herz preßte, mit Kuͤſſen bedeckte und auf den Sitz zuruͤck an ſeine Seite zog. Es iſt kein Traum!— ſprach er auf⸗ athmend, nach dem langen, berauſchenden Kuſſe— O Nina, welch ein Augenblick! Verkuͤmmere ihn nicht und theile dieſe Se⸗ ligkeit! 8 Ich theile ſie! erwiderte Nina mit dem bebenden ſein Herz durchdringendeu Zauberlaute, ſie barg, von Thraͤnen uͤber⸗ raſcht, das gluͤhende Geſicht an jenem. Ihr aber, heilige Schutzpatrone, ſchirmt dieſe Theilende jetzt vor dem raſchen Entarten des gottlichſten Triebes, vor ſchmaͤhlichen Zu⸗ faͤllen, vor Mephiſto's Tuͤcke und den Luchs⸗ augen der Nachbarſchaft. 197 O, laß den Geiſt der Innigkeit gewaͤh⸗ ren— fuhr er fort— mich endlich nun die Raͤthſel Deines Herzens, Deines Sin⸗ nes, Deines Lebens ergruͤnden. Gleich⸗ viel, ob die Eroͤffnung Dich verklage oder verklaͤre; ein Engel richtet hier— die Liebe!— Sie blickte traulich auf und ſprach, des Freundes Hand ergreifend: Die Beichte wird mein Herz, von langer ſchwerer Qual befreien.— Iſt Graf Zadello gegenwaͤr⸗ tig? 2 E. Ich ſprach ihn weit von hier.— S. Sie kannten den Arthur, ſeinen Vetter? E. Nein! S. Er ward bekanntlich, nach dem Gefechte bei Seeberg am Fuße verwun⸗ det, in die Stadt gebracht und fand ſein Quartier bei uns. Die Aeltern lebten noch. Den Vater entfernten faſt immer 198 Berufreiſen, mein Muͤtterchen feſſelten die Nachwehen des Nervenfiebers. Ich ſah den Gaſt nun taͤglich, unbehuͤtet— ſah bald genug den liebenswertheſten der Maͤn⸗ ner und auch den wuͤrdigſten— eine An⸗ ſicht, die ſeine Kameraden theilten. Ich hoͤrte nur ſein Lob! fiel Weßler ein. S. Er neigte ſich zu mir und Nina fuͤhlte ſich von dieſer Gunſt erhoben! Er gewann mich lieb— ich ſage nicht zu viel, er betete mich an und ich ſtellte mich den Seligen gleich. Sein Vetter Ladis⸗ lav ſprach taͤglich zu— um meinetwillen, wie uns klar ward; ich aber begriff die Blindheit nicht, in der er waͤhnte, neben Jenem gefallen zu koͤnnen und hatte eben den Ungeſtuͤmen entſcheidend zuruͤckgewie⸗ ſen, als der Krieg ſein Regiment und ihn ploͤtzlich weiter fuͤhrte. 199 E. Er bereut jenen Frevel und lobt und liebt noch immer den Gegenſtand. S. Arthur blieb, der bedeutenden Ver⸗ letzung wegen, zuruͤck; ich dankte dieſer Wunde den Blick in's Paradies— die laut beweinten Zauberſtunden— den Voll⸗ beſitz des Einzigen. „Nicht als Einen von der Erde Soͤhnen, Nein, als Erſten aus der Engelſchar, Als das Urbild des unendlich Schoͤnen Stellt ihn noch die Phantaſie mir dar!“ Wie bald ward dieſer Ueberſchwang zu bittern, namenloſen Leiden! Ich fuͤhlte unter Grauen und Schauern, was jede Gattin mit der hoͤchſten Segnung, jedes Maͤdchen mit Schmach und Entſetzen bedeckt— des Falles Frucht! Zur Vollendung des Elends beſchlich ein plotzlich ausbrechendes Fieber den Geliebten, warf ſich der Krankheitſtoff auf die Wunde, ergriff ſie der Brand, die Aerzte gaben ihn verloren.— Verlo⸗ 200 ren! das kleine Wort umfaͤngt die Hoͤlle. — Ich ſchlich zerruͤttet, tief in der Nacht an das Sterbebett, ich ſah den treuen, verſchwiegenen Diener weinend an ihm be⸗ ten, ſah Arthur's Auge brechen, das Vor⸗ bild meines Unterganges und eignete mir unbemerkt ein Mittel an, das die Rath⸗ loſe aus dieſer Marterkammer retten, ſie ihrem Arthur nach, in's Land des Frie⸗ dens fuͤhren konnte. Ein gewaltiges, ſchnell toͤdtendes Gift, das jener bei ſich trug, um, vielleicht auf dem Schlachtfelde zerſchmet⸗ tert, die Qualen des hoffnungloſen Da⸗ ſeyns zu verkuͤrzen. Ach! ſtill befahl ich Gott die verzagende Seele und— trank es!— That ich wohl, Ferdinand? Er ſchwieg. S. Vergebens ſtand ich Aermſte die Todesangſt aus— es hatte ſeine Kraft verloren, ich fand mich, aus tiefer Betaͤub⸗ ung erwachend, noch in dem ſchrecklichen 2⁰¹ Dieſſeit, der gute Guͤldenkraut hielt meine Hand in der ſeinen, die troſtloſe Mutter jauchzte auf, mich aber trieb nun das Ge⸗ wiſſen, trieben Wehgefuͤhl und Reue, dem treuen Muͤtterchen und dem bewaͤhrten Arzt und Hausfreunde zu geſtehen, was ich veruͤbt und was mich zu der That beſtimmte. Jene ſank ohnmaͤchtig in des Helfers Arme, ich glaubte, der Schreck toͤdte ſie und verwuͤnſchte laut aufſchreiend meinen Retter; er aber weckte jetzt auch dieſe Bewußtloſe, ſprach Worte des Troſtes und rieth beſonnen und verſtaͤndig das Heilſame.— Noch war, Dank unſerer immer wachen Vorſicht, mein Verhaͤltniß zu dem Grafen unbemerkt, mein Ruf un⸗ befleckt geblieben und jener Rath ward nun bethaͤtigt. Ich ſtellte mich unwohl, ward ſtubenſiech, ward bedauert und be⸗ ſucht, mein Zuſtand und der Mutter Kraͤnk⸗ lichkeit rechtfertigten die vorgebliche Reiſe in ein entferntes Bad; dem argloſen Va⸗ ter ahnte ihr Zweck nicht und die Ver⸗ heimlichung gelang. Ulrike, das Dienſt⸗ maͤdchen begleitete uns; dieſe einzige, aber ſchweigſame und mir ergebene Vertraute war eben Braut, ward nach der Heim⸗ kehr von uns ausgeſtattet, ward Nataliens Pflegmutter und Sie, o Weßler! ſehn zu meinem Erſtaunen, die ſchwere Suͤnder⸗— in wie der Engel der Milde und des Mit⸗ gefuͤhls an. E. Wie ſollte ich nicht? Jener Qualenkelch muͤßte wohl ſelbſt die erbar⸗ menloſe Todfeindin verſöhnen, doch werden Sie den Strafengel in mir finden, wenn der folgende redliche Freier getaͤuſcht ward. S. Mich aͤngſteten zwei ſolche Draͤn⸗ ger, waͤhrend dem ich— die ganze Maͤn⸗ nerwelt verſchmaͤhend, in Arthur's Armen lag. Der ſanfte Unthal, wie der unge⸗ 203 ſtume Hugo, des Vaters Zoͤgling und Amtgehilfe und die feiernde Zaͤrtlichkeit des erſteren ruͤhrte mein Herz, waͤhrend dem mir das ſtuͤrmiſche, gewaltſame Treiben des bluͤhenden, aber entzuͤgelten Schwaͤr⸗ mers mißſiel und es verſchloß.— Jetzt brachte der Todesengel neues Unheil, neue Angſt— mein guter Vater ſtarb, dem bei ſeltenen Vorzuͤgen die Tugend der Wirth⸗ lichkeit gebrach— die Glaͤubiger erwach⸗ ten und bedraͤngten uns, wie Hugo mich und jetzt bot mir Unthal ſeine Hand, bot der Verarmten mit dieſer die Liebe, den Frieden, den Ueberfluß und das Mittel, die Zukunft der getreuen, theuern Mutter zu ſichern, zu erhellen. Doch Nina taͤuſchte nicht, wie Sie fuͤrchten, den Biedermann. Ich kannte ſeinen Edelſinn— verſtoßen konnte er mich— nicht verrathen; das Geſtaͤndniß ward unter brennender Scham und heißen Thraͤnen abgelegt und die 204 Schilderung des Jammers, den ein allzu zaͤrtliches Herz und die Gewalt allmaͤchti⸗ ger Gefuͤhle uͤber die Buͤßerin gebracht hatten, verſoͤhnten ihn mit ihrer Suͤnde. Doch unverſöhnlich blieb die rohe Neme⸗ ſis, denn Hugo vertilgte ſich an meinem Hochzeitabende, mich aber hielt jetzt das Bewußtſein aufrecht, ſeine Leidenſchaft weder gereizt, noch genaͤhrt, noch geduldet zu haben— eine hoffnungloſe, ſelbſt im gluͤcklichſten Falle, da er arm wie ich, noch ohne Amt und Ausſicht, das Spiel entarteter Kraͤfte und zuͤgelloſer Sinne war. So feiert denn nur das Mitleid ſein Grab? ſagte Weßler, des Zypreſſenkranzes und der Begegnung auf dem Kirchhofe gedenkend. Mitleid und Wehmuth!— erwiderte ſie— denn neben ihm ſchlaͤft Arthur, zu dem ſich Nina nicht bekennen darf. 205 E. Und den allein ſie ewig lieben wird. 6 Durch Thraͤnen laͤchelnd ſprach Nina mit ſuͤßer Innigkeit: Mich knuͤpft ein An⸗ ker noch an dieſes Leben— das heiligſte, das ſtaͤrkſte aller Bindemittel— das Ver⸗ gißmeinnicht der hoͤchſten Wonne und der hoͤchſten Qual— Natalie! und wer ent⸗ riß mein Kind der Fluth? Wem danke ich die Gerettete?— Und die leuchtenden Arme erhebend, ſetzte ſie begeiſtert hinzu: Wer hat auf ewig die Mutter ver⸗ pflichtet, wie Arthur ihrer ewigen Liebe gewiß.— O Ferdinand! Da warf er ſich in dieſe offenen Arme; Nina vergaß jetzt an des theuern Mannes Bruſt ihr Leid und ihre Schuld; er aber ſchluͤpfte endlich, von dem regen Leben des Morgens, das ringsum laut ward, fortge⸗ trieben, durch die nahe, hintere Gartenthuͤr, froh wie ein Gott, denn ihr Geſtaͤndniß 206 hatte die holde Buͤßerin entſuͤndigt, aus Herz und Augen hatte ihn das Licht der innigſten Liebe angeſtrahlt und ſo trat er denn wie ein Verklaͤrter vor des kranken Freundes Bett, um auch dieſen durch die Erklaͤrung des Grafen Olowsky in ſeinen Himmel empor zu heben. Die Krankheit der ſchoͤnen Melitta von Landſtern war mit dem folgenden Morgen verſchwunden, gleich dem Ge⸗ ſpenſte, das Baͤrbchen in's Schlafzimmer der Herrſchaft trieb, aber nicht die leiſeſte Spur ſeines Daſeyns zuruͤck gelaſſen hatte und Emma heute mit dem Fraͤulein zur Stadt gefahren; Beide ſchienen nach der Ruͤckkehr aͤußerſt verduͤſtert. Kaum hatte ſich der Graf deßhalb, nach der Bewill⸗ kommnung, auf ſein Zimmer zuruͤckgezogen, als die Gemahlin eintrat, auf ihn zueilte, 207 ihn umſchlang und mit den Worten: Sey nicht boͤſe, guter Rudolf! in Thraͤnen ausbrach. Er fragte gleichmuͤthig: Was aͤngſtet Dich denn? S. Ein Verluſt. Du ſchenkteſt mir am Weihnachtfeſte den herrlichen Ring und am Geburttage die Rolle mit hundert Dukaten. Beide lagen ſeit dem Empfange in meinem Schranke verwahrt— jener, weil er zu enge iſt, denn ich nehme zu, dieſe, weil es mir bis jetzt noch nicht an Geld gebrach. Als wir nun heute in der Stadt waren, oͤffne ich den Schrank und die Rolle fehlt. Das darf Dich nicht wundern; er ſtand ja immer, wie die Gnadenpforte vor dem Bußfertigen, offen, da hat denn ein Unbußfertiger zugelangt. Und auch der Ring fehlt— fuhr ſie weinend fort— und meine beßten Bruͤßler Kanten vermiſſe ich ebenfalls. 208 E. O, ſelbſt Dein Schmuck wuͤrde fehlen, wenn ich ihn nicht unter Schloß und Riegel hielte. S. Ich bin ganz außer mir; beſon⸗ ders weil es Deine Gaben ſind und die Nachlaͤſſigkeit mich in Deinen Augen her⸗ abſetzen muß. 9.n E. Die ſchlimme Angewoͤhnung be⸗ ſtraft ſich hart genug, aber ich kenne eine Anzahl von Eheherren, die den zehnfachen Werth des Geſtohlenen darum gaͤben, wenn ihre Frauen nur Spitzen, Gold und Ringe verwahrloſ'ten. Der Vorfall beunruhigt mich in ſofern, als er die Dienerſchaft verdaͤchtig macht und einen Hausdieb be⸗ zeichnet, und ich will ohne Saͤumen den neuen, thaͤtigen Polizei⸗Meiſter in Kenntniß ſetzen, der ſich mit gewandten und redlichen Gehilfen verſehen hat. Du aber ſchweigſt, erheiterſt Dich und beher⸗ zig'ſt kuͤnftig die Folgen des Leichtſinnes. 7209 — Noch bitterlicher weinte die Leidtragende und das ſuͤße Weh der Nuͤhrung und der Dankbarkeit verſchoͤnte ſie zum Engel, den er, ſtatt zu ſchmollen, kuͤßte. Da meldete man den Doctor Weßler; Emma ver⸗ ſchwand, er ward angenommen. Lieber Freund,— ſagte der Graf— Sie ſind, wie immer, allzu puͤnktlich; ich haͤtte Sie morgen in der Stadt gefunden, doch gehoͤrt dieſer Zuſpruch zu den will⸗ kommenen. Kaum ward mir, in der Folge des Erbvertrages, das ſchoͤne Rittergut Steinburg zu Theil, ſo ſtirbt der Gericht⸗ halter und ich wuͤrde mir Gluͤck wuͤnſchen, wenn mein langmuͤthiger Repetent auf der Hochſchule an ſeinen Platz treten wollte. Gedenken Sie denn noch jener goldenen Tage und der wenigen Ehre, die Sie da mit Ihrem graͤflichen Faulpelze einlegten? Sie ſchlichen von einem akademiſchen Blumenſtocke zu dem andern, ich trabte I. 14 210 nach allen Winden hin; Sie opferten der Pallas Athene, ich— Gott weiß, wel⸗ cher! Sie bruͤteten noch ſpaͤt Abends uͤber den Heften, ich hinter dem Talon am Pharothiſche. Ich paukte mich, ein ſchlag⸗ fertiger Cain, con amore, Sie ſchlu⸗ gen ſich nur mit den Claſſikern her⸗ um und dennoch iſt mein Weg nach Oben um tauſend Meilen kuͤrzer als der Ihre. — Hab' ich Recht? Ja, leider Gottes!— dachte Weßler und verneigte ſich. G. Der Welt Lauf, lieber Doctor! und um ſie nun in etwas mit den Naͤth⸗ ſeln des Lebens zu verſoͤhnen, denke ich Ihnen das erwaͤhnte Richteramt zu. Es laͤßt ſich unbeſchwert von Ihrem Zimmer aus verwalten, bringt jaͤhrlich uͤber ſechs⸗ hundert Thaler ein und verknuͤpft mich auf’'s Neue mit dem einſtigen, werthen Commilito, zu dem ich mich im Wuſte 21¹ und Strudel jener Tage, wie der Irrwiſch zum Fiyſterne verhielt. Der Geiſt dieſer Hyperbel erlaͤßt mir die Antwort,— entgegnete Weßler— aber ich nehme das ehrende Erbieten, auf immer verpflichtet und mit dem entſchloſ⸗ ſenen Willen an, meine Pflicht zu erſchoͤp⸗ fen. 3 G. Ich zweifle nicht! Sie werden mich, wie ehedem, theils beſchaͤmen, theils anregen und mein getreuer Palinurus ſeyn. So hieß ja wohl Aeneen's Steuermann? W. Der aber erſt erſaͤuft und dann erſchlagen ward und ſich jenem nur als Schattenbild eroͤffnen konnte. Beſchaͤmen, wie geſagt!— rief der Graf— Da ſehen Sie nun den Ignoran⸗ ten.. W. Ich ſehe vielmehr den humanen, weltklugen Lebensphiloſophen, deſſen edle 14* 212 3 Guͤte mir in einer Hauptſache Licht geben koͤnnte. G. Ich? Die Ehre iſt groß, doch Ihre Vorausſetzung im gluͤcklichſten Falle, leider nur ein Vorbegriff.— Laſſen Sie hoͤren! Weßler erroͤthete. Vermoͤchte ich das! Mir fehlt es aber theils an Muth, theils an der Faͤhigkeit, das Anliegen, ſeiner Na⸗ tur gemaͤß, leiſe, zart und verſtaͤndlich zu betonen. G. Und warum auf den Zehen gehen? Treten Sie auf, fallen Sie aus, Mann gegen Mann, wie weiland auf dem Fecht⸗ boden der Landsmannſchaft. Jener ſchoͤpfte Odem und ſagte mit ſchwankender Stimme: Ein wackerer Mann legte mir vor Kurzem ſchriftlich eine Gewiſſensfrage vor.— Er liebt, er wird geliebt und der Gegenſtand ſeiner 213 Wuͤnſche ſcheint vor allen geeignet, ihn zum gluͤcklichſten Gatten zu machen.— G. Wie jedem Verliebten! W. Die Erkorene war Gattin, iſt Witwe, vom Neide beargwohnt und ver⸗ leumdet, doch in beiden Verhaͤltniſſen er⸗ weislich auf ebener Bahn und treu der Pflicht gewandelt. G. Erweislich wohl nur in dem Falle, wenn ſich der Himmel aufthat und ihr Engel in eigner, hoͤchſter Perſon fuͤr ſie zeugte. W. Nun aber verſichert ihm ein be⸗ waͤhrter Freund, die Erwaͤhlte habe als Maͤdchen in einer— allzu vertraulichen Beziehung zu mir geſtanden und jener be⸗ ſchwoͤrt mich jetzt beim Heile ſeines Lebens, ihm die Wahrheit zu geſtehen. Und jener Freund hat Recht?— fragte Gaſto lauſchend und laͤchelnd. 214 W. Es iſt an Ihnen, Herr Graf! daruͤber zu entſcheiden. G. Wie? an mir, ſagen Sie? bin ich Ihr Gewiſſen? W. Ich frage Ihr eigenes!— war Nina Unthal einſt die Ihrige? Der Graf lachte auf, ſprach jedoch, ſchnell wieder ernſt werdend: Nein, Theu⸗ erſter! nie gab es— weder ein zaͤrtliches, noch ſtraͤfliches Verhaͤltniß zwiſchen uns und luͤge ich, ſo muͤſſe meine edle, reine, ſittlich ſchoͤne Emma in ihr Gegentheil ausarten und die Schmach uͤber mein Haupt bringen. Nun aber nennen Sie mir den Verlaͤumder. W. Der iſt ein Weib— die Sage! G. Alſo Lilith, des Teufels Frau!— Gaſto ſchritt haſtig auf nieder, er ſagte dann: Der Grund des boͤſen Leumunds aaͤßt ſich erklaͤren. Ich machte vor Jah— ren in Paris die Bekanntſchaft eines jungen, 215 höchſt liebenswuͤrdigen Mannes, des Gra⸗ fen Zadello, der ſpaͤterhin, nach dem Ge⸗ fechte bei Seeberg, als Ulanen⸗Rittmeiſter verwundet hierher gebracht ward und in Nina's aͤlterlichem Hauſe Quartier erhielt — dem ich da zuſprach und bis er ſtarb, als willkommener Geſellſchafter diente. In dieſem, faſt taͤglichen Verkehre hat nun unfehlbar die hoͤlliſche Laͤſterſchule nur ei⸗ nen Behelf geſehen und mich, nach der Sitte der Argen, fuͤr den Verſucher des Maͤdchens erklaͤrt.— Jetzt flog die Thuͤr auf und ein Zuſpruch— der Baron Leer⸗ helm, ein Guͤnſtling des Prinzen Hieroni⸗ mus— trat, zu Gaſto's Verdruß, in's Zimmer. Emma war jenem heute in der Stadt begegnet und es lag ihm daran, zu wiſſen, wie ihre ſchoͤne, nie geſehene Begleiterin ſich nenne, von wannen ſie komme und was ſie hierher ziehe? Weß⸗ ler verſchwand waͤhrend der erſten Wech⸗ 216 ſelreden und Leerhelm verſicherte, er habe dem Drange nicht widerſtehen koͤnnen, die⸗ ſen Feenſitz zu begruͤßen und nach dem Befinden der Familie Gaſto zu fragen. Die wuͤrde wohl auf ſeyn,— erwi⸗ derte der Graf— wenn uns die Fee'n von der Unzahl dummdreiſter Fliegen helfen koͤnnten, die das Idylleenſtuͤck beſchmitzen. Kinder des Sommers,— fiel der Baron ein— gleich den blutduͤrſtigen Inseparables der Damenwelt. Aber Ihr Garten iſt ein Paradies,— fuhr er, durch's Fenſter blickend, fort— darf ihn mein alter Adam wohl betreten?— Sie gingen hinab und trafen die Graͤfin und das Fraͤulein, welches Leerhelm bei jenem Blicke wahr⸗ genommen hatte. Melitta trug ſich mit einem eben gefangenen Schmetterlinge, der ihr, wie ſie verſicherte, in die Hand geflo⸗ gen ſey. Nichts iſt natuͤrlicher,— bemerkte der Baron— die Bluͤthe zog ihn an.— 217 So zaͤhlen Sie mich denn zu den Neſſeln und Diſteln,— erwiderte jene— zur Schafgarbe und den Kaͤſepappeln, denn nur nach dieſen verlangt dieſer Gattung— der ſogenannten„ſchönen Frau“, die, ſo viel ich weiß, auch der„Diſtelfalter“ oder „Stieglitz“ heißt. Ei, ei!— ſprach Emma und lachte, von ſeiner mißlungenen Schmeichelei ergotzt, Leerhelm aber pries erröthend des Fraͤuleins Vertrautheit mit den Geheimniſſen der Etymologie. Entomologie!— fiel Melitta, ihn damit noch röther faͤrbend, ein— Das Wenige aber, was ich von ihr weiß, beſchraͤnkt ſich auf die Folge des lebhaften Antheiles, den ich an der reichen Sammlung meines Vaters nahm. O, wie bewundernswerth iſt doch der Schoͤpfer, auch in dem Weben und in dem Baue dieſer kleinen, ſprechenden Sinn⸗ bilder der Veredlung. Wer ſieht es ihren 218 Augen an, daß jedes aus mindeſtens ſechs⸗ zehntauſend ſechsſeitigen, erhabenen Flaͤchen beſteht— eine Form, der dieß Inſekt un⸗ fehlbar eine Unzahl nothwendiger Vortheile dankt. Wem ahnt, daß jeder einzelne Staubpunkt dieſer herrlichen Faͤrbung eine beſtielte, aus ſeiner Fluͤgelhaut emporſprieſ⸗ ſende Feder iſt.„Goͤttlicher Meiſter!“— ſetzte Melitta ſtill ergriffen hinzu und ließ den Schmetterling entfliegen—„Von Dir zeugen alle Dinge, ſo geringe ſie auch ſcheinen, wie im Großen, ſo im Kleinen!“ Emma druͤckte ſie im Anklange derſelben frommen Regung, an die wallende Bruſt. — Ja, auf Ehrel es iſt viel!— ſprach der Baron, ſeine Halskrauſe ordnend, Gaſto aber weidete ſich an der ruͤhrenden Gruppe und empfand das feiernde Hallelujah ihrer Seelen. Arm in Arm verſchwand jetzt das Paar hinter dem Laubwerke und Leerhelm aͤußerte, 219 von der achtungloſen Entfernung betroffen, die Beſorgniß, daß ſeine Gegenwart die Damen verſcheuche. Er fragte nach der Abkunft des Fraͤuleins und brach endlich“ als jene nicht zuruͤck kehrten unb Gaſto ſich in ſeinen Erwiderungen noch kuͤrzer als weiland Leonidas faßte, ſtill erbittert auf, um den Hof von der Hoffahrt dieſes ihm verhaßten Hauſes und dem Schwindel der vorgefundenen, ſuperklugen Magiſterin zu unterhalten. Der Hauptmann Schaͤrflich trat in Weßler's Zimmer und ſprach: Du fragteſt vorhin ſchriftlich an, wann ich daheim und ungeſtoͤrt zu ſprechen ſey; mein Amt aber gleicht der Unruhe in der Uhr; auch der klappernden Muͤhle, in der man ſelten ſein eignes Wort vernimmt, oder der Werkſtatt eines Wunder⸗Doctors, der raſtlos uͤber⸗ 220 laufen wird und Allen von allem Uebel oder zu dem vermißten Gute helfen ſoll. So wird denn ſelbſt die angenehmſte Privat⸗Au⸗ dienz oft genug von Schreiern oder Ver⸗ ſchreiern unterbrochen; ich komme Dir deß⸗ halb zuvor, um Dein wahrſcheinliches Anlie⸗ gen zu vernehmen und Dir ebenfalls ein ſolches an's Herz zu legen. W. Der Gaſt hat den Vorrang und die Anliegen geh'n den Mittheilungen vor; alſo eroͤffne Dich. S. Du weißt, Herr Bruder! daß ich gern die ganze Chriſtenheit, abſonderlich ſchaͤtzbare Verwandte und Freunde zum Se⸗ gen ſetzte, unter welchen letzter'n Du der vornehmſte biſt. Nun tritt der Fall ein, daß Julie, mein gutes, ſchoͤnes, gebildetes Muͤhmchen, ſeit Kurzem von bedenklicher Schwermuth geplagt— immer blaͤſſer und tiefſinniger wird und der neue, ſtatt des armen, beſeitigten Guͤldenkraut berufene 221 Arzt, das Uebel fuͤr eine Gemuͤthkrank⸗ heit erklaͤrt, deren Grund und Urſache ſie verleugnet und ich erkenne. Sie liebt Dich! — rief der Hauptmann in Weßler's Ohr — ja Beßter! bis zum Ueberſchwange! und viele ehrenwerthe Maͤnner wuͤrden ſich ſelig preiſen, wenn ihnen eine ſolche Fleckenloſe bei zwanzigtauſend Thalern in Gewiſſem, den Lilienſtab neigte. Du aber biſt, ſo viel ich weiß, noch frei; das neulich geaͤu⸗ ßerte Wohlgefallen an der Unthal war au⸗ genſcheinlich nur eine fliegende Hitze und mein Wink in Bezug auf ihren fruͤheren Suͤndenfall oder deren vermuthlichen Plu⸗ ral, iſt ein wirkſames, jedes ernſtere Be⸗ gehren niederſchlagendes Pulver. Beherzige den Antrag, Theuerſter! und ward Dir die Liebenswerthe, der Du ſonſt den Hof mach⸗ teſt, nicht plotzlich zuwider, ſo rette ſie vom Untergange; bei der Tiefe ihres Gemuͤthes ſehe ich ſie im Gegenfalle vor Gram vergeh'n. Weßler erröthete, ſchritt haſtig auf und ab und ſagte: Dieſer betruͤbenden Eroͤffnung mußte meines Beduͤnkens die Frage vor aus geh'n: ob ich noch unbefangen und unver⸗ ſagt ſey und der Freund mit jener ver⸗ ſchont werden, wenn die Antwort Deinen Wunſch vereitelte. S. Und Deine Antwort? W. Vereitelt ihn! S. O, das iſt hart!— So unbe⸗ dingt? W. Ja, denn ich wollte Dir eben die endliche Wahl meines Herzens anvertrauen. S. Ich erſchrecke. W. Ich auch, und leide nicht weni⸗ ger als Du. Ward Dir ein Auftrag? S. Nein! bloß mein Herz hat mich berufen!— Du liebſt alſo? W. Stark und innig. S. Biſt verlobt? 223 W. Noch habe ich mich als Freier nicht geaͤußert. S. Schmeichelſt Dir aber mit Ge⸗ waͤhrung? W. Die volle Gewißheit derſelben ſchmeichelt mir. S. Und die Erkorene bleibt ungenannt? W. Fuͤr dießmal noch. S. Doch muß ſich eine Wahl, von Dir getroffen, dem Freunde mit ſtolzer Zuverſicht bezeichnen laſſen. W. Wie aber, wenn den Freund ein Vorbegriff irr' und einſeitig machte. Iſt's moͤglich!— rief der Hauptmaun auffahrend— iſt es der Zweideutigen ge⸗ lungen? Hat Dich die Unthal bethöoͤrt? W. Aufgeklaͤrt vielmehr— berichtigt — verſoͤhnt! Sie wird die Meine! S. So ſchließe ich Dich denn von nun an in mein Gebet ein— das Julchen ebenfalls! 224 W. Ich auch. Selbſt frei und un⸗ gebunden wuͤrde ich nicht mehr fuͤr dieſe thun koͤnnen, oder meinſt Du, es ſey des Mannes Pflicht, das Heil ſeiner Zukunft dem Begehren einer krankhaften Nachbarin aufzuopfern? S. Das Heil der Zukunft? Iſt dieſe Nachbarin nicht gut und ſchoͤn, reich und verſtaͤndig und flicht nicht ihre innige Liebe die hoͤchſte Goͤttergabe in dieſen Kranz ſeltener Vorzuͤge? W. Wie kann mir ein Opfer from⸗ men, zu deſſen Vergeltung ich mein Herz zwingen muͤßte? Julie hat Geiſt und Kraft — zwei Genien, die ſie troͤſten, aufrecht halten, ihr, naͤchſt jenen Guͤtern, bald ge⸗ nug einen Mann zufuͤhren muͤſſen, der mein Bild verdraͤngt, mich vollauf erſetzen— uͤberwiegen wird. Still, man klopft!— fiel jener ein. Weßler oͤffnete die Thuͤr und Fraͤulein Ange⸗ 225 lika ward draußen ſichtbar. Der Haupt⸗ mann entſchluͤpfte, von ihr unbemerkt, durch ein Seitenpfoͤrtchen. Entſchuldigung, Verehrteſter!— ſagte die Eintretende— dem glaͤnzenden Muſter⸗ bilde unſerer jungen Maͤnner darf ſich die Jungfrau wohl, trotz jedem boͤſen Zungen⸗ ſtiche naͤhern? Ein Wink und ich haͤtte Ihnen auf⸗ gewartet,— erwiderte der Doctor, ſie zum Sopha fuͤhrend— was befehlen meine Gnaͤdige? S. Verſuchen Sie die Demuth nicht! Ich komme nur, beſcheiden anzufragen, ob mir die Krone unſerer Rechtsgelehrten ein williges Gehoͤr goͤnnen moͤchte? All' uͤber⸗ all wird Ihr Geſchick, wird Ihr Amteifer und Ihre Beuſsne geprieſn 225 ſogar zum Armen⸗Advokaten her, der als ſolcher meinem ſchlechteſten Schuldner, dem Gaͤrtner Roſenſtiel bedient iſt. E. Welchem ihr Sachwalter die Hilfe thun will. S. Um den Gottvergeſſenen zahlbar zu machen. E. Er iſt vielmehr ein wackerer Mann, verler durch den Brand Haus und Habe, arbeitete im Schweiße des Angeſichts und die Halbſchied des Erwerbes geht fuͤr den taͤglichen Bedarf und die Arzneien auf, welche der alten Mutter und zwei ſiechen Schweſtern das Leben friſten. Hausmittel wuͤrden daſſelbe thun,— entgegnete Angelika— im Stillen aber be⸗ truͤgt der Gewiſſenloſe ſeine Herrſchaft, ver⸗ kauft das geſtohlene Obſt ſammt den Blu⸗ men, nnte wenigſtens, wenn er ein ehr⸗ licher Mann waͤre, von dieſen Schwenzel⸗ „ 227 Pfennigen meine Foderung decken, lebt aber flott und laͤßt mich klagen. E. Seine Herrſchaft belobt vielmehr des Mannes Treue, auch ſollten die genoſ⸗ ſenen, wucherlichen Zinſen Ihro Gnaden zur Schonung beſtimmen. Es waͤre um die Darlehnerin geſcheh'n, wenn dieſe Un⸗ bilde zur Sprache kaͤme und ich muß ſie nothgedrungen an's Licht zieh'n. Da ſprang Angelika auf und verbarg das Erſchrecken hinter Zorn und Eifer uͤber den vorgeblichen Schimpf. Was ihr in dieſer Beziehung geworden,— entgegnete dieſelbe— habe ſie als Abtrag auf die Foderung betrachtet, dem Schuldner gut geſchrieben und ſey bereit, die fromme Ab⸗ ſicht eidlich zu erhaͤrten. Uebrigens, mein Herr Doctor,— fuhr ſie, Odem ſchoͤpfend fort— verſichert mir die Gaͤrtnerin der Madam Unthal, bei welcher ich meinen geringen Bedarf kaufe, eine kindgute, lamm⸗ 15* 1 228 fromme Perſon, daß an der Familie Ro⸗ ſenſtiel kein gutes Haͤrchen ſey. E. Sie kann das vielmehr nur von ſich und ihrem Manne ſagen, welchem die Kammerraͤthin, ſeiner Schlechtigkeit we⸗ gen den Dienſt kuͤndigte. So hoͤr' ich— brach Angelika los — und weßhalb vertreibt ſie den Redli⸗ chen? Weil jene gute, ehrbare Frau in ihrem Verdruſſe uͤber die zuchtloſe Herr⸗ ſchaft, aus der Schule ſchwatzte. Weil es ihr zum Greuel gereichte, gewiſſe Gleiß⸗ ner in der ſinkenden Nacht uͤber die Gar⸗ tenmauer ſpringen und ſie noch am Mor⸗ gen bei der tugendbelobten Frau Kammer⸗ raͤthin Herz an Herz in der Laube er⸗ blicken zu muͤſſen. Der Hergang, meinte die Gaͤrtnerin, werde dem Herrn Doctor Weßler noch genauer als ihr ſelbſt bekannt ſeyn. Angelika's unliebliches Antlitz hatte 229 ſich waͤhrend dieſer aufrichtigen Mittheil⸗ ung zur Larve verzerrt; er aber glich jetzt dem bleichen Geiſte des Entſetzens, denn gibt es wohl fuͤr den Ehrenmann ein tie⸗ feres Leid als das Bewußtſeyn, den Dor⸗ nenkranz der Schmach uͤber das Haupt der Gefeierten gebracht zu haben?— Ihm ſchwebte im Sturme des Drangſals nur ein Mittel und das einzige zur nothduͤrftigen Ehrenrettung vor. Wohl iſt mir dieſes Beiſammenſeyn bekannt, erwiderte er mit ſcheinbaren Gleichmuthe: aber die Lauſche⸗ rin hat da ein erklaͤrtes Brautpaar be⸗ ſchlichen, daß ſich im Geiſte reiner Liebe wie vor Gottes Augen umſing. Ein Brautpaar?— wisperte Angelika, von der Schadenfreude zur Beſchaͤmung hinabgeworfen— Welche Neuigkeit! Da muß ich denn ergebenſt Gluͤck wuͤnſchen— ſobald naͤmlich die Hochzeit vollzogen ſeyn wird— ſetzte ſie, ſich haſtig wieder auf⸗ 230 raffend, hinzu— will mich indeß dem Herrn Braͤutigam empfehlen und ſchließ⸗ lich noch bemerken, daß Roſenſtiel nur deßhalb mit Ernſt und Nachdruck angegan⸗ gen ward, weil ich die Schuldpoſt eines edlen Rathes Armenhauſe zudenke und ſie demſelben heute noch in aller Form abzutreten beſchloß. Wohlgethan!— erwiderte er, das Fraͤulein bis zur Treppe geleitend— die Ausfuͤhrung des Vorhabens wird Sie den entehrenden Folgen des Wuchers entziehen und ich decke in dieſem Falle aus eigenen Mitteln die Foderung. Weßler hatte die gefeierte Nina ſeit je⸗ ner wonnereichen Morgenſtunde nicht wie⸗ dergeſehen. Zwar begegnete ſie da ſei⸗ ner aufflammenden Leidenſchaft in demſel⸗ ben feurigen Geiſte und ihr Geſtaͤndniß ward zum Buͤrgen der hingebenden, ver⸗ trauenden Liebe; der Weihe dieſes innigen 231 Vereines war jedoch mit keinem Worte gedacht worden, denn er hielt, ſelbſt in der Fluth des Zauberrauſches, an dem Grund⸗ ſatze feſt, des Herzens Drang und Willen nie im Sturme der Sinnengluth zu be⸗ thaͤtigen. Er wog noch jetzt, in der Er⸗ kenntniß des Zentners, der an dieſem ent⸗ ſcheidendſten aller Schritte haͤngt, befan⸗ gen, doch beſonnen, das Fuͤr und Wider, als ihn die Hexe Rauhmund zum Ent⸗ ſchluſſe hinriß. Sie ging, er aber eilte ohne Saͤumen in Nina's Wohnung, ſah bei dem Ein⸗ tritte Agathen mit der kleinen Tali im Garten, ſuchte die Huldin mit klopfendem Herzen vergebens in allen Gemaͤchern und ſchritt endlich mißmuthig zu jener herab, ſie zu erfragen. Agathe ſchien uͤberraſcht, doch erfreut, ſie verſicherte, die Freundin werde des baldigſten von einem Geſchaͤft⸗ gange zuruͤckkehren und ihr Dank wiſſen, wenn ſie den willkommenen Beſuch bis dahin feſt halte. Weßler vergalt der Guͤ⸗ tigen mit wohlwollenden Worten, er hob die engelhafte Natalie zu ſich auf, die den Angenehmen laͤchelnd nnd koſend mit den Aermchen umſchlang und in des kuͤnf⸗ tigen Stiefvaters Bruſt ein ſchmerzendes Gefuͤhl erweckte. Er wuͤrdigte das Goͤtter⸗ gluͤck ſeines Vorgaͤngers, die Wunderbluͤ⸗ the, die— fuͤr ihn verloren— Arthur Zadello davon trug, des Fremdlings uner⸗ ſetzliche Beute, deren Kleinod er eben an's Herz druͤckte. 3 Agathe neigte ſich zu der Gruppe und ſagte ſeufzend und bewegt; O koͤnnten wir doch alle wie Tali ſeyn und bleiben — Lebensbaͤumchen, Himmelspflanzen— harmlos, ohne Fleck und ohne Wandel. Weh' uns— fiel Weßler ein— auch dieſes Lebensbaͤumchen birgt ſchon die Knospen der Suͤnde— auch dieſe Him⸗ 233 melspflanze wird das Unkraut umranken. — Da trat der Diener der Frau von Wehlberg in den Garten, bot jener ein Billet und Agathe es nach der Durchſicht dem Freunde dar. Der Inhalt— ſagte ſie forteilend— wird meine Entfernung rechtfertigen. Die herbeikommende Waͤr⸗ terin nahm ihm das Kind ab, er erblickte Nina's Unterſchrift und las: „Eben bin ich, des Hutes wegen, der allerliebſt wird, bei der Linon, da tritt die gute Wehlberg ein, iſt hoch erfreut, mich zu ſehn, hat ihren Mann, der in's Bad reiſ't, hierher begleitet, hat eingekauft, will heute noch auf's Gut zuruͤck, fuͤrchtet ſich vor der Oede, die ſich nach des Gatten Entfernung dort einſindet und dringt in mich, ihr min⸗ deſtens einige Tage lang Geſellſchaft zu leiſten. Du weißt, wie ſchwer mir das Verſagen wird und der Wagen haͤlt 234 bereits vor der Thuͤr; ſchicke mir deß⸗ halb ohne Saͤumen das Nachtzeug und was etwa fuͤr dieſe Spanne Zeit von Noͤthen iſt. Meine Tali lege ich Dir an die Seele, das Kind ſah heute auf⸗ fallend blaß aus.— Herzchen, noch Eins! vergiß nicht, den Vogel zu fuͤttern und den Hut morgen abholen zu laſ⸗ ſen. Die Wehlberg ſchien von ihm begeiſtert und beſtellte ſich gleich ei⸗ nen aͤhnlichen. Tauſend Kuͤſſe unſe⸗ rer Goldpuppe— bewahre ſie ja!— Gott mit Dir und dem Engel. Deine Nina.“ Agathe kam nach dem Verlaufe weni⸗ ger Minuten zuruͤck, haͤndigte dem Diener das Paͤckchen ein und ſagte zu dem be⸗ ſtuͤrzten Freunde: Die Gute bliebe wohl tauſendmal lieber daheim, iſt aber die Ge⸗ 235⁵ faͤlligkeit ſelſt, auch gehoͤrt Frau von Wehlberg zu den wenigen, welche ihr un⸗ ter allen Verhaͤltniſſen anhingen.— Nina ward nun der alleinige Text des Geſpraͤches und der Abend nahete bereits, als Weßler aufbrach, denn er hatte den Flug der Ho⸗ ren uͤber dieſem Stoffe vergeſſen. Als vorhin das Fraͤulein Rauhmund mit dem verhaltenen Grolle und dem uͤber⸗ vollen Herzen aus Weßler's Wohnung auf die Straße trat, ſchlich eben jene eis⸗ graue Jungfrau voruͤber, welche Friedrich der Große vor mehr als funfzig Jahren nach ihrem Befinden gefragt hatte. Ange⸗ lika fragte jetzt, gleich ihm: Wie gehts? Und wiſſen Sie bereits die Neuigkeit, daß Doctor Weßler naͤrriſch worden iſt und die Unthal zur Ehe nimmt? Sie koͤnnen mir's nachſagen! Ich hoͤrte es von ihm 236 ſelbſt und bin eben eilig! Gott befoh⸗ len! Die Harthöͤrige ſperrte zweifelhaft ihr Maͤulchen ſammt den Augen auf und ſah der fliegenden Staffette nach, welcher jetzt die Frau Liebſte ihres Beichtvaters in den Wurf kam. Gratuliren Sie doch in mei⸗ nem Namen ſeiner Hochehrwuͤrden— rief Angelika voruͤber brauſend— es ſteht ihm eine angenehme Trauung bevor; die Kammerraͤthin Unthal hat endlich den Ge⸗ richtsdirector Weßler geangelt— er nimmt ſie!— Meinen Reſpekt! ſetzte ſie hinzu und wendete ſich haſtig zu dem vorbei ſchreitenden Caſtellan, der ihr neulich in's Schloß helfen ſollte und ſich hinter dem Ruͤcken der harten Glaͤubigerin wegzuſteh⸗ len gedachte. Sie ſind mir auch der Rechte, der von keinem Zahltage weiß und auf meine Koſten mit Kind und Kegel ſpazieren faͤhrt. Ich wollte neulich mit einigen Damen die 237 fuͤrſtliche Ausſtattung ſeh'n und Ihre Er⸗ kenntlichkeit anſprechen, aber„Meine Herr⸗ ſchaft iſt ausgefahren!“ ſchreit die alte baͤrbeißige Magd aus dem Fenſter und wirft es vor unſer'n Naſen zu. Was muß ich hoͤren, theueres Fraͤu⸗ lein!— fiel jener kleinlaut ein— das einfaͤltige Thier! Bloß meine Frau fuhr an jenem Tage und leider Gottes! nur zu Grabe, ich aber befand mich oben im gro⸗ ßen Audienzſaale, um den allerhoͤchſten Gnadenſtuhl ausklopfen zu laſſen, weil die Motten ins Thronkiſſen gerathen ſind. Angelika's Augen hafteten indeß auf dem nahen Putzladen, ſie ſah die Unthal aus dieſem in den Wagen der Frau von Wehlberg huͤpfen, ließ von dem Schuldner ab, ſtand im folgenden Augenblicke vor der Madamr Linon, fragte nach dem Spitzenhaͤubchen, das ſie ihr zur Erneuer⸗ ung anvertraut hatte und ob die Kam⸗ 238 merraͤthin Unthal vielleicht eben den Braut⸗ ſtaat eingekauft habe? Den wollte ich, ei doch wahrhaftig mit Freuden liefern,— entgegnete jene— Wie ſie iſt Braut, die liebe, ſchoͤne Frau? A. Weßler's Ferdinand, des ſeligen Hofrath's Abſalon bringt ſie wieder zu Ehren. Je groͤßer die Bewußte,— pflegt man zu ſagen, je groͤßer das Gluͤck und alte Spruͤchwoͤrter haben Recht! L. Doch im Bezug auf dieſe nicht? Ei doch wahrhaftig, nein!— Die koͤnnte nur ein Laͤſtermund ſchimpfiren,— fuhr die Jaͤhzornige fort und ſchlug einen da⸗ ſtehenden Putzkopf auf's Maul— Ihr Haͤubchen aber bleibt in meinen Haͤnden, bis Ihro Gnaden das falſche Achtgroſchen⸗ ſtuͤck austauſchen, welches ſich bei der neu⸗ lichen Zahlung befand.— Die jungen Mitarbeiterinnen der Madame Linon ſtarr⸗ ten jetzt insgeſammt das Fraͤulein Rauh⸗ 239 mund an und zwoͤlf, theils himmelblaue, thoils rabenſchwarze, theils mißfarbige Augen ſchienen ſie, als ſo viel Stoßklin⸗ gen, durchbohren zu wollen. Angelika ſchlich verzagend hinter einer eintretenden Lady hinaus, zog heim, traf ihre Wirthin auf der Treppe und rief, ſie umfangend: Nein, herze, liebe Schaͤrflich! Was muß ich eben jetzt von Ihrem Herrn Curator hoͤren?— dem ſchoͤnen, klugen, unbeſchol⸗ tenen Manne hat ja die Nina Unthal wie Eva unſer'm Aeltervater gethan; hat ihn beſchwatzt, verfuͤhrt, bezaubert— hat ihm das A abgelockt, worauf er nun aus fal⸗ ſcher Scham und Einfalt B ſagte, indeß die ganze Stadt Weh und Ceter ſchreien wird. Erſtens, liebe Theuere, erzaͤhlt die Gaͤrtnerin der Unthal aller Welt, daß Weßler und dieſe Schamloſe Nacht fuͤr Nacht im Garten zuſammen trafen und als ich ihm jetzt, zweitens, einen 240 warnenden Wink deßhalb gebe, meint er lachend und gleichmuͤthig:„Verlobten ſev die Nachtluft zutraͤglich und er helfe das Obſt huͤten.“ Frau Schaͤrflich ſah in dieſer erſchuͤt⸗ ternden Nachricht gleichſam den Todeskelch ihrer Julie, die Hand faßte krampfhaft das Treppengelaͤnder und der bebende Mund widerſprach, Angelika aber beſchwor jene Ausſage, ſchilderte dann, plotzlich abbrech⸗ end, die Maͤngel des Schloſſes an ihrer Thuͤr, bat um ein beſſeres und empfahl ſich. Baͤrbchen Herrlein war von der Graͤ⸗ fin mit Auftraͤgen in die Stadt geſchickt worden, ging jetzt uͤber den Schloßhof, wo ihr Bruder eben als Schildwache auf und ab ſpazierte, erkannte ihn und nickte verſtohlen. 241 Willkommen, Schweſterchen!— rief er dagegen— ſeh ich Dich endlich einmal? Bleib', ſtehe mir Rede. S. Das ſchickt ſich nicht. E. Ich habe Dir ſo manches zu ſa⸗ S. Doch Gutes, hoffentlich? E. Wie Du es nimmſt. Am Hofe, Kind! erlebt man Bedeutendes. Sie ſagte laͤchelnd: Im Innern, ja, Du aber ſtehſt nur auf dem Hofe. Jetzt geh ich, Wolf! und bin dann in des Grafen Wohnung zu finden. E. Schlag eilf Uhr werd' ich frei; Du koͤnnteſt mich zu Tiſche bitten. S. Mit tauſend Freuden; ſtelle Dich ein. Wolfgang hielt Wort und es ſchien bei Tafel, als ob die Grasmuͤcke den Greifgeier bewirthe. Baͤrbchen— ſprach er endlich— vor Dir hatte ich nie ein Geheim⸗ I. 16 242 niß; jetzt höͤre zu, was mir begegnete. Ich ſchilderte am Sonntage Nachts von eilf bis ein Uhr in der gruͤnen Galerie, die zu den Wohnzimmern der Kammer⸗ damen fuͤhrt. Da koͤmmt von der Treppe her eine Solche, die vermuthlich, wie eben ich, auswaͤrts geſpeiſ't haben mochte. Sie iſt ſchön angethan, aber die Lampe brennt dunkel und der Schleier haͤngt ihr bis auf's Herz herab— man konnte nur die unvergleichliche Geſtalt unterſcheiden. Jetzt bleibt ſie vor mir ſtehn und ſagt leiſe und loſe: Ich bin die und die, denn ich ver⸗ ſtand den Namen nicht: und hier iſt der Schluͤſſelt. So will es die Vorſchrift, wenn eine von der weiblichen Dienerſchaft nach dem Zapfenſtreiche dort aus oder ein⸗ geht.— Paſſiren Sie gefaͤlligſt, entgegnete ich und wuͤnſchte ihr angenehme Ruhe. Leider kann ich den Wunſch nicht zu⸗ ruͤckgeben, ſprach das Fraͤulein: da Sie uns 243 hier bewachen muͤſſen und junge Leute ſchlafen doch gern. Sie dauern mich.— Ei, meinte ich: es ſey viel angenehmer, ſchbae Damen zu bewachen, als in dem alten Kommidoͤbette zu liegen.— Sehr ſchmeichelhaft füe uns, erwiderte ſie und fragte, ob mich denn in den oͤden Gaͤn⸗ gen die Furcht nimmer anwandle? Gott bewahre!— ſprach ich dagegen — ich habe wohl manche Nacht, auf das Wild oder den Wildſchuͤtzen lauernd, im Walde gelegen. Ob ſich aber nicht, zu Folge des ſte⸗ ten Hin⸗ und Herſpazierens, Hunger und Durſt melde? Ach nur zu ſehr, die verlaſſen mich gar nicht. Dem könne ſie abhelfen! verſicherte die Gnaͤdige, eilte die Galerie entlang, ſchloß ein Thuͤrchen auf und kehrte bald 16 ¹6 244 genug mit einem derben Pakete zuruͤck. Rathe, was d'rinnen war?— Ein hal⸗ bes Spanferkel, Baͤrbchen, gebraten und maulrecht!— Ich kuͤßte ihr die wilde Hand, ich riß die Patrontaſche auf— es fuͤllte ſie wie die ſechszig Patronen.— Ihre Guͤte iſt beiſpiellos! ſagte ich, denn dieſe Herablaſſung griff mir an's Herz. Chriſtenpflicht! ſprach die Großmuͤthi⸗ ge: die Krieger wachen ja, damit wir ſicher ruhen können und wenn Sie der Dienſt wieder auf dieſen Poſten fuͤhrt, will ich fuͤr einen Labetrank ſorgen. O, ſchoͤn! das koſtet mich ein gutes Wort, ſo werde ich jedesmal hierher ge⸗ ſtellt. Aber eine Frage im Vertrauen, gnaͤdiger Engel! wem dank ich denn dieſe milde Guͤte? Nach meinen Grundſaͤtzen— lispelte das Fraͤulein— darf ſelbſt die linke Hand nicht wiſſen, was die rechte thut und die Ver⸗ 245 heimlichung ſolcher Liebedienſte iſt an mei⸗ nem Platze unbedingt nothwendig.— Jetzt lernte ich ſie um ſo hoͤher ſchaͤtzen und plotzlich ergriff es mich, der edlen Wohl⸗ thaͤterin um den Hals zu fallen— da hoͤren wir vom Wachſaale her die Fuß⸗ tritte der Ronde und wie ein Blitz iſt das Herzchen verſchwunden. Wolfgang leerte jetzt ſein gewaltiges Bierglas; die Schweſter fragte lauſchend: Und ſie duldete dieß freche Beginnen? Ja wohl!— rief er froͤhlich im Gei— ſte, ließ aber, zu jener aufſchauend, ploͤtz⸗ lich die Stimme fallen, denn aus ihren Augen flammte ein Strafgericht. Wirſt Du denn nimmerdar klug wer⸗ den?— hob Baͤrbchen eifernd an— lebenslang der alberne Wolf bleiben, der wie ein ſolcher blindlings der Lockſpeiſe nachlaͤuft und in die Falle geht. Einfaͤlti⸗ ger! Deine Hofdame war hoͤchſtens ein 246 Laſter von Hofkuͤchenmagd, der Du in's Auge ſtichſt und die ſich herausputzte, um Dich deſto gewiſſer zu bethoͤren. Sie hat von Deiner Eßſucht gehoͤrt, hat den Ta⸗ felabhub gepluͤndert und das Spanferkel, wie Eva den Apfel am Baume der Er⸗ kenntniß, gemißbraucht. Glaubſt Du?— freagte er erroͤthend und zweifelhaft— Doch eben ſowohl kann dieſe Verſchleierte die Prinzeſſin Thekla ſeyn, denn die Geſtalt traf zu, auch roch ſie wie Blauveilchenwurzel und jene hat mich neulich wie eine Liebſte angelaͤchelt, als ſie auf derſelben Galerie an mir vor⸗ uͤberſchritt und ich das Gewehr praͤſen⸗ tirte. Baͤrbchen lachte wider Willen auf, ſie ſchalt ihn dann wegen des verwegenen, heilloſen Argwohns noch eifriger und ſprach: Vor allen Dingen gelobe mir 247 jetzt bei Gott und ſeinem Worte, nie wie⸗ der dieſen Poſten zu betreten. Von Gott und ſeinem Worte magſt Du wiſſen— fiel er ein— und mehr als ich— vom Dienſte aber um ſo we⸗ niger und verlangſt daher das Unmoͤgliche. S. Sagteſt Du nicht zu jener Ehr⸗ vergeſſenen: ein gutes Wort reiche hin, Dir jenen Poſten zu verſchaffen? Daſſelbe muß ihn alſo auch von Dir abwenden koͤnnen. E. Fehlgeſchoſſen! ſagt unſer Schul⸗ meiſter: denn einmal hilft nicht alle⸗ mal. Geſetzt alſo— fuhr Baͤrbchen fort— Du ſtaͤndeſt wieder auf dem Ungluͤckplatze und wuͤrdeſt auf's neue von der Schlange verſucht, ſo ſprich: Hebe Dich weg, Elende! und ſchlage Dein Gewehr gegen ſie an oder rufe aus hellem Halſe nach der Wache. 248 Wolfgang lachte jetzt wie vorhin die Schweſter. Gewehr in Arm!— rief er — ich bin ihr wohl ſeelenallein gewachſen und die Wache wuͤrde mich fuͤr ihr Span⸗ ferkel halten, wenn ich den weißen Raben, der mir Liebes und Gutes erwies, mit dem Bajonnette vertriebe!— Es hatte ſchon ſeit einer Stunde gewit⸗ tert; der Blitz, der jetzt fiel und der Schlag der ihm folgte, ſchreckte die Warnerin ploͤtz⸗ lich vom Stuhle empor. Gleich darauf ſchrie man Feuer, toͤnte die Sturmglocke, rollten die Trommeln und Wolfgang eilte, ihr haſtig ſein Lebewohl ſagend, in die Ka⸗ ſerne zuruͤck. Das Unwetter loͤſ'te ſich in Regen auf; Baͤrbchen mußte zum Abende wieder auf dem Landhauſe ſeyn und Jakob, der alte Thuͤrhuͤter, einen Fiaker herbei holen. Ei, guten Tag, Herr Ehrenfried! ſprach ſie erfreut, als ihr guter Bekannter aus 249 dem Auerhahn erſchien, welcher die Unbe⸗ ſchuhete damals freiwillig zu Angeliken fuhr. Der Juͤngling dankte hocherroͤthend und verſicherte, es ſey ſein ſchoͤnſter Tag, da ihm das Gluͤck werde, dem Fraͤulein zu dienen. Baͤrbchen hatte in ihrer Dankbarkeit fuͤr die wohlthuende Sorgfalt und Erquick⸗ ung, welche derſelben am Tage der Ankunft in jenem Gaſthofe ward, ein zierliches Haͤubchen gefertigt, es der mildſeligen Haus⸗ frau perſoͤnlich uͤberbracht und Ehrenfried wendete ſich, als ihnen die Stadt im Ruͤk⸗ ken lag, ruͤckwaͤrts und ſprach: Wie wird ſich die Frau Pathe freuen, wenn ſie hort, daß ich daß unvergleichliche Fraͤulein kut⸗ ſchirt habe. S. Sie werden ihr herzliche Gruͤße ſagen; hoffentlich iſt die Gute wohlauf? E. Wie ein Fiſch, Gott behuͤte ſie, aber leidtragend. Am Freitage vor acht 250 Tagen ward ihr ſeliger Ehewirth, und geſtern die alte Großmutter begraben, ſie aber will ſich nun zur Ruhe ſetzen und mir, zu aller Welt Verwunderung, nach Oſtern, wenn es Gott gefaͤllt, die Wirth⸗ ſchaft uͤbergeben. Mir armen Teufelchen! — Fried! Du haſt Pferdegluͤck! ſagen die Kameraden.— Ja, denke ich: wenn nicht das Aber waͤre und ich ſah zudem noch keinen gluͤckſeligen Gaul. Baͤrbchen bezeugte ihm jetzt ebenfalls lebhafte Theilnahme und fragte wißbegierig nach dem Steine des Anſtoßes. Ach, ich ſoll freien,— ſprach er klein⸗ laut— nach ihrem Sinne, heißt das, der nicht der meine iſt; ſoll ihren Liebling, das Dienſtmaͤdchen, zur Ehe nehmen und mag es nicht. Schon darum nicht, weil ſie ein treuloſes Gemuͤth hat, mit allen Gaͤſten ſchoͤn thut und die Schlange mich tagtaͤglich gleichſam in die Jerſe ſticht, 251 weßhalb ich ihr lieber den Kopf zertraͤte. Ja,— fuhr er haſtig fort— wenn ich vor die Frau Pathe kommen und zu ihr ſagen koͤnnte: He, Muͤtterchen! die und die Auserkorene verſchmaͤht mich nicht, will ſich entaͤußern, will mich zum Manne neh⸗ men— Viktoria! Da freilich ſpraͤnge ſie gewißlich mit mir um die Wette und gaͤbe jener ein Stuͤck Geldes, um ſich anderweit zu verthun, doch eher, glaub' ich, wird der Papſt evangeliſch— Gott erbarm's! Darauf verſtummte Ehrenfried, er neigte, ſeiner Schecke gleich, das Haupt; dem Maͤdchen, dem jetzt unheimlich zu Muthe ward, kam es ſogar vor, als ob er weine und ein College, der voruͤber fuhr, rief zwiſchen Spott und Verwunderung: Ei, Fried! wie ſiehſt Du aus? Der Auerhahn iſt wohl mit abgebrannt? Der arme Junge! dachte die Weich⸗ muͤthige, ſie fuͤhlte Veranlaſſung, ſich ſelbſt 252 fuͤr die Erkorene— fuͤr den Gegenſtand ſeines bittern Herzeleids anzuſeh'n.— Immer hielt er, ſammt Andern ſeines Ge⸗ werbes, auf dem freien Platze vor des Grafen Wohnung; ſie hatte ihn da Tag fuͤr Tag wahrgenommen, hatte ſeinen eifrigen Gruß immer freundlich erwidert und die Beharr⸗ lichkeit, mit der er fort und fort ihr Fen⸗ ſter anſtarrte, wohl bemerkt. Sie hatte ihn, bei der Einhaͤndigung jenes Haͤub⸗ chens, im Hofe ſeiner Pathe vorgefunden und Ehrenfried, der eben die Schecke aus dem Stalle zog, uͤberließ dieſe ploͤtzlich der Willkuͤhr. Er ſprang ihr wie ein Begei⸗ ſterter entgegen, geleitete den werthen Zu⸗ ſpruch in's Putzſtuͤbchen, rief die Haus⸗ frau herbei, wich nicht von dannen und bat dann faſt fußfaͤllig um die Vergoͤnn⸗ ung, ſie wieder heimfahren zu duͤrfen, was Baͤrbchen jedoch entſchloſſen ablehnte. — Das Maͤdchen ging nun beaͤngſtet mit 253 ſich ſelbſt zu Rathe und ſprach ſodann: Mein Freund, ich kenne ein ſchoͤnes Lied, das ſagt:„Ja, klage! Gott erlaubt die Zaͤhren, doch denk' im Klagen auch zuruͤck — Iſt denn das Gut, das wir begehren, fuͤr uns auch ſtets din wahres Gluͤck?“ Mich hat die Erfahrung in aͤhnlichen Faͤllen ge⸗ woͤhnlich vom Gegentheile uͤberzeugt. Ehrenfried lauſchte den Silbertoͤnen ihrer Rede und entgegnete hierauf mit wanken⸗ der Stimme: Was ich begehre, iſt weder der Auerhahn, noch irgend ein irdiſches Gut, ſondern ein leibhafter Engel und ſomit das allerwahrhaftigſte Gluͤck! Ach Fraͤulein! Sie haben noch Keinen geliebt? Wohl liebe ich Einen!— ſagte Baͤrb⸗ chen, um ihm auf immer die thoͤrige Hoff⸗ nung zu benehmen— und vom Herzen — meinen Braͤutigam. Braͤutigam?— rief er; ſie entſetzte ſich vor dem Tone, vor dem Blicke und 254 dem Ausſehen des Verſtörten, der ſie jetzt in halber, krampfhafter Wendung wohl eine Minute lang anſtarrte, dann aber ploͤtzlich vom Wege ablenkte und das Pferd unter grimmigen Peitſchenhieben dem ſenkrechten Abhange zutrieb, deſſen Fuß ſich tief unten im Strome verlor. Die Raͤder des Waͤgleins rollten ſchwirrend uͤber die wegloſe Felſenplatte hin, jetzt brach es zuſammen, ſtuͤrzte der Gaul, flog der Sinnloſe uͤber ihn hin und Baͤrb⸗ chen laut ſchreiend zwiſchen die Aeſte einer Birke, welche die Schwerkraft ihres Falles ſchwaͤchten. Was nun?— fragte Melitta ihre Freundin Emma, denn ſie waren des Stickens muͤde und der Regen verbot den Beſuch des Gartens und die Spazierfahrt. Leſen!— erwiderte dieſe und oͤffnete —õ— 255⁵5 den Buͤcherſchrank— aber ſpotte nicht, wenn Du die Halbſchied dieſer Werke noch unberuͤhrt findeſt, denn nur die Min⸗ derzahl ſagt meiner Einfalt zu und ich be⸗ ſchraͤnke mich auf einige Lieblinge. Des Fraͤuleins Augen uͤberliefen die Titel der goldreichen Ruͤckſeiten. Haller, uz, Bodmer, Kleiſt— ſagte Litta— die ruhmwerthen, im Apoll ruhenden Bildner und Ahnherren der gewandteren Enkel. Schade, daß die Charis jener Tage wie unſere Großmuͤtter, in hohen, roſenrothen Abſaͤtzen, in der Fontange und dem Reif⸗ rocke einher trat. Willkommen, Meiſter Wieland! fuhr ſie fort— Schoͤpfer des Oberon's, auch noch im weiten, brei⸗ ten Ueberrocke gefaͤllig, belehrend, ungemein. Wer aber ſteht dort oben— zu hoch fuͤr uns? E. William Shakespear's ſaͤmmtliche Werke. — 256 M. Die Alpenwelt.— Und hier un⸗ ten eine Reihe franzoſiſcher Claſſiker. Schö⸗ ne Winterlandſchaften mit glaͤnzenden Schneegipfeln und candirten Baͤumen; doch iſt Peter Corneille des Vaters Abgott; ich ward deßhalb, ſeinem erſten Buͤhnenſtuͤcke zu Ehren, Melitta genannt.— Sieh, hier iſt Goͤthe!— ſprach die Graͤſin— aber ich Ungeweihte habe nur den Werther geleſen, und Trotz den Thraͤ⸗ nen, die er ſtroͤmen macht, manch Dutzend Mal. Ich kuͤſſe die Hand, die ihn ſchrieb! — fiel das Fraͤnlein ein— Und ich kuͤſſe den Nachbar!— ſagte Emma— meinen Schiller! Sie gehen Hand in Hand zur Ewig⸗ keit— fuhr jene fort— und mit gleicher Liebe wende ich mich von dem einen zum andern, je nachdem der Geiſt oder das Ge⸗ muͤth in mir vorherrſcht. 257 Der eintretende Graf unterbrach jetzt das holde Paar, um die Nachricht mitzu⸗ theilen, daß Feuer in der Stadt geweſen, ein Haus in Aſche gelegt worden ſey; er machte ihnen nun den ſchoͤnen, doppelten Regenbogen bemerkbar und erzaͤhlte bei⸗ laͤufig von einem mehr als zwanzigfachen, den er waͤhrend der ſtuͤrmiſchen Ueberfahrt von Dover nach Calais geſehen.— Ein Spiel der Lichtſtrahlen— meinte das Fraͤu⸗ lein— die in zerſtaͤubte Rieſenwellen jfielen. Emma wollte jetzt auch ihr Licht leuch⸗ ten laſſen; ſie ſagte: Die Iris hat alſo Doppelgaͤnger? und der Graf entgegnete: Wahrſcheinlich ward Deiner Jungfer ein ſolcher, denn ſie koͤnnte außerdem laͤngſt wieder da ſeyn. Die Arme— erwiderte jene— wird augenſcheinlich von dem Re⸗ gen zuruͤckgehalten und Bedenken tragen, einen Fiaker zu nehmen, ſie iſt gewiſſen⸗ I. 17 258 haft genug, uns auch die kleinſte Aus⸗ gabe erſparen zu wollen. Jetzt trat Chri⸗ ſtine, das Stubenmaͤdchen, ſo eilig und erhitzt wie damals ein, als ſie The⸗ reſinens Fall von der Treppe des franzö⸗ ſiſchen Schneiders verkuͤndigte und ſagte, Odem ſchöpfend: Gnaͤdige Herrſchaft, ein Wort im Vertrauen. Als ich eben Jung⸗ fer Baͤrbchen's Kammer ſaͤubern will, laͤuft eine Maus uͤber die Schlafſtaͤtte und ich auf ſie zu. Die Maus ſchluͤpft in das Stroh hinab, ich werfe, ſie zu fangen, die Betten heraus und finde in jenem meinen laͤngſt vermißten Perlbeutel. Im Beutel aber iſt etwas blaues Papier und der Ring, den die Frau Graͤfin zum Ge⸗ burttage empfingen und den ich ſeitdem nicht wieder ſah, doch fehlen die Steine. Sind alſo nicht Zeichen und Wunder ge⸗ ſchehen, ſo iſt die Jungfer, die wir, der Graͤfin zur Liebe, wie ein Fraͤulein vene⸗ 259 rirt und geſchont und bedient haben, eine ſchaͤndliche Hausdiebin, die uns arme Leute in ſchmaͤhlichen Verdacht, um Ehre, Zu⸗ trauen und ſomit aus dem Hauſe bringt. Die Graͤfin entfaͤrbte der Schreck, Me⸗ litta verließ betroffen das Zimmer, Gaſto, der, gleich ſeiner Gemahlin, dieſe Chriſtine als ein Muſter der Treue kannte, oͤffnete, beſtuͤrzt wie Emma, den Beutel, erkannte an dem Siegel des erwaͤhnten, zerriſſenen Pappieres die Rolle, in welche er jene hun⸗ dert Dukaten ſchlug, in der Faſſung des gedachten Ringes den angedeuteten und ſagte: Der boͤſe Schein klagt allerdings das Maͤdchen an, allein der Schein betruͤgt und hat ſchon oft genug die Unſchuld in den Kerker und auf den Rabenſtein gefuͤhrt Euer Gnaden hohes Wort in Ehren,— erwiderte Chriſtine— aber meine ſelige Mutter meinte, der gute Schein truͤge 17* 260 wohl tauſend Mal oͤfter als der boͤſe, und im Betreff der Menſchenkenntniß nahm ſie es mit dem Herrn Superintendenten auf. Dann aber gelobte ſie auf ſein Andringen, die Entdeckung fuͤr jetzt als ein heiliges Geheimniß bewahren zu wollen und ver⸗ klagte den boͤſen Feind, der am liebſten die Unſchuld zu faͤllen trachte und ihr ſelbſt, obſchon vergebens, zum oͤftern ein Bein geſtellt habe. Weßler kehrte hoͤchſt unruhig uͤber den verfehlten Zweck, aus Nina's Woh⸗ nung zuruͤck, verwuͤnſchte die Frau von Wehlberg, welche ſie ihm in einem ſo ent⸗ ſcheidenden Moment entfuͤhrt hatte und be⸗ ſchloß, ihr zu ſchreiben und den Boten mit dem grauenden Morgen abzufertigen. Da traf er, kaum aus dem Hauſe derſelben ge⸗ treten, auf zwei Damen ſeiner Bekannt⸗ 261 ſchaft, die ihm ſchon fernher zulaͤchelten und jetzt den Gruͤßenden anſprachen.— Man kann errathen, woher Sie kommen! — neckte die Eine, und ihre Gefaͤhrtin ſagte: Die Neuigkeit hat uns hoͤchſt an⸗ genehm uͤberraſcht. Ueberraſcht allerdings,— fuhr jene fort— denn ſie fiel gleichſam aus dem Himmel, und dieſe lispelte:„Die ſchoͤn⸗ ſten Bande ſind's, die ſuͤßeſten, die das Geheimniß ſtiftet.“ Heil Ihnen und der holden Unthal!— Er dankte ergluͤhend, er machte ſich los, vermaledei'te im Her⸗ zen die greuliche Rauhmund, welche bereits zur Poſaune geworden ſeyn mußte, und bald darauf erſcholl aus einem Fenſter erſten Stockes die zierſame Stimme der Frau von Sterly: Mon docteur, ein Wort! Ich hoͤrte eben im Laden der Linon, daß ſich das Schoͤne mit dem Edlen vermaͤhlen 262 wolle und bin entzuͤckt. Aggrééz mes felicitations! Hol' Sie der T...., dachte Weßler, ſich tief verbeugend, ſchritt haſtig fort und rannte vor der Thuͤr des Schaͤrflich'ſchen Hauſes, an welchem ihn der Weg voruͤber fuͤhrte, gegen ſeinen Barbier an, welcher jetzt aus dieſem hervor trat. Unterthaͤnigſt Gluͤck zu wuͤnſchen!— ſprach der Demuͤthige und raffte den ent⸗ glittenen Hut vom Pflaſter auf. Wozu? Zum Koͤnigſchuſſe! zu der Frau Kam⸗ merraͤthin. Wer ſagt Ihnen von dieſer? Fraͤulein Rauhmund, das mich eben wegen des zunehmenden tumoris am Halſe, zu Rathe zog, wofuͤr ich ihr ein cataplas- ma nidi hirundini, Stercoris canis und aͤhnlicher, aufloͤſender Subſtanzen, in Milch zu einem Breie gekocht, empfohlen habe. 263 Nicht auf den Hals— auf's Maul mit dem Breie!— fiel jener ein, ſtuͤrzte fort, fuͤhlte ſich bei der Heimkunft hoͤchſt unwohl und der herbeigerufene Guͤldenkraut fand ihn am Morgen bedeutend krank. Mein Uebel, ſagte Weßler, der Pazi⸗ ent: iſt die Folge gewaltiger, wiederholter Aergerniſſe, ſtillen Grimmes, der ſich nicht auslaſſen konnte und waͤhrend der Nacht ploͤtzlich ein grimmiges Fieber entband, das unbegreifliche Erſcheinungen veranlaßte. Mein letzter, verſtaͤndiger Gedanke war ein hoͤchſt wichtiger, noͤthiger, noch unge⸗ ſchriebener Brief, der mit dem Tage ver⸗ ſandt werden ſollte und wiederum war er, bei dem Auftauchen aus der wuͤſten Fie⸗ bernacht, mein erſter. Ich biete den Reſt der Kraͤfte auf, verlaſſe das Bett, erreiche den Tiſch, will den Brief entwerfen und finde hier die fertige, tadelloſe, lesbare Zuſchrift, im Ausdrucke buͤndiger und gewaͤhlter als 264 ſie vielleicht bei voller Beſinnung gelungen ſeyn moͤchte. Ein Jeſuitenkind wuͤrde Mi⸗ rakel! ſchreien, ein Schwaͤrmer auf das Zuthun ſeines Schutzengels ſchwoͤren, ich ſelbſt aber ſtehe wie ein Stier am Berge und Eure Weisheit wird da wohl mein Geſellſchafter werden. Ich gehe vielmehr triumphirend bergan, — entgegnete Guͤldenkraut— denn dieſe gewaltſame, phyſiſche und pſychiſche Gaͤhr⸗ ung hat augenſcheinlich Eure innere, bisher unentwickelt gebliebene Anlage zum Som⸗ nambulismus ploͤtzlich gereift und bethaͤtigt, der ſod ann wohl noch groͤßere Dinge und hal⸗ be Wunder thut. Die hoͤchſt glaubwuͤrdige franzoͤſiſche Encyelopaͤdie erzaͤhlt uns Aehnli⸗ ches von einem jungen Geiſtlichen. Der Schla⸗ fende ſtand auf, arbeitete ſofort eine Rede aus, las ſich das Geſchriebene, Trotz den ge⸗ ſchloſſenen Augen, vor, machte Verbeſſer⸗ ungen und der nachherige Erzbiſchof von 265 Bordeaux, welcher ihn, damals noch als Seminariſt, beobachtete, fand die Arbeit in Hinſicht des Inhalts wie der Hand⸗ ſchrift, gelungen. Um zu wiſſen, ob ſie wirklich ohne die Mitwirkung der Augen vollzogen werde, hielt er eine Pappe zwi⸗ ſchen dieſe und das Pappier, was aber dem Schreiber weder aufſiel noch ihn unter⸗ brach und ſchob man, ſtatt des letztern ein anderes Blatt unter, ſo bemerkte er den Wechſel nur, Falls es jenem nicht durchaus gleich war. Merkwuͤrdiger noch erſchienen ſeine muſikaliſchen in demſelben Zuſtande entworfenen Stuͤcke. Der Schlaͤ⸗ fer brauchte den Stock zum Lineal, zog die fuͤnf Linien, deutete die Vorzeichnung ſammt den Noten richtig an, ſchwaͤrzte erſt zuletzt die richtig erfundenen und ſchrieb dann den Text mit Genauigkeit ein. In einer Winternacht aber trieb er es wie Du, als Deine milde Hand das Pfleg⸗ N 266 kind der Todtengraͤberin aus dem Muͤhl⸗ graben rettete. Ihm war unfehlbar, zu Folge eines fruͤher erlebten, aͤhnlichen Fal⸗ les, als ſehe er ein Kind in's Waſſer fallen. Er geberdete ſich, ploͤtzlich uͤber das Bett geworfen, wie ein Schwimmender, ergriff endlich ein Kiſſen, in dem er ſich jenes denken mochte, mit der einen Hand, ruderte mit der andern, kam an's Ufer, legte es ab, lief nun unter heftigen Schauern, als ob er wirklich eben den eis⸗ kalten Strom verlaſſe, auf und nieder und verlangte von den Beobachtern Brannt⸗ wein. Man bot ihm gemeines Waſſer, das der ſichtbar Frierende nach dem erſten Schlucke zuruͤckwies, auf jenem beſtand, ihn erhielt, beroch, mit Wohlgefallen trank, ſich wieder zu Bett legte und ruhig fort⸗ ſchlief. Bezeichtete ſein Treiben einen wi⸗ drigen, beaͤngſtenden Gegenſtand, ſo reichte eine leiſe Beruͤhrung der Lippen hin, den 267 Traͤumer auf andere Gedanken zu brin⸗ gen. Es gibt allerdings eine Menge aͤhnli⸗ cher Nachtſchwaͤrmer— erwiderte Weßler — und wieder And're, die, wie Doctor Guͤldenkraut, eine feuerrothe Laternennaſe durch's Leben tragen, doch finde ich beide Abnormitaͤten hoͤchſt traurig und werde, wenn Eure Kunſt auch dießmal betteln geht, wohl kuͤnftig gar im Schlafe prakti⸗ ziren. Du kannſt Dich da mit mehr als ei⸗ nem Confrater troͤſten— ſpoͤttelte jener — und dem Schoͤpfer fuͤr die ſeltene Ein⸗ gebung danken, wenn Deine Klagen, Laͤu⸗ terungen, Interventionen und die geſammte Prozeßlitanei juridiſcher ausfallen. Heilloſer!— rief der Kranke— jage doch jetzt lieber einem tuͤchtigen Heilmittel als dem untuͤchtigen Gernwitze nach. Zu⸗ vor aber muß ich Dir die Veranlaßung 268 dieſes Traumwerkes mittheilen, worauf Du den Brief leſen und eiligſt an die Behoͤr⸗ de ſenden wirſt. Weßler vertraute ihm hierauf ſeine ploͤtzlich ſo innig gewordenen Beziehungen zu der Witwe Unthal, den Verrath ihrer Gaͤrtnerin, den Zuſpruch Angelika's, das ergriffene, gewaltſame Rettungmittel, die Staͤrke ſeiner Liebe und die Gruͤnde des Glaubens an die ſittliche Guͤte der Beſcholtenen. Guͤldenkraut hoͤrte ſchweigend zu, er las den Brief und jener rief nun auffah⸗ rend: Biſt Du taubſtumm? G. Der tauben Leidenſchaft gegen⸗ uͤber. W. Ein wahrer Freund wird in re incerta erkannt; ſprich Dich aus! G. Ich bedachte eben, welche Un⸗ zahl von Liebesbriefen und Heirathantraͤ⸗ gen aus aͤhnlicher Mondſucht hervorgingen; mein Aeußern aber fruchtet nicht und 269 ſpraͤche ich auch mit Engelzungen. Frau Nina iſt ſchoͤn und lieblich— beredſam, gebildet, entzuͤckend und gehoͤrt zu Folge dieſes Ueberſchwanges, der Maͤnnerwelt, doch nicht dem Manne an. Sie wird die gute Fee der Geſellſchaft, aber die doͤſe ihres Gatten werden, das leuchtet mir, inſoweit ich das Geſchlecht kenne, ein. W. Das Geſchlecht kennt nur, wer von der alma mater beguͤnſtigt, mit den Verſchiedenſten in mannigfachen, traulichen Beziehungen ſtand und ſelbſt in den trau⸗ lichſten den Geiſt der Beſonnenheit und der Beobachtung feſthielt. G. Wos lebt gedachter Hexenmeiſter? Mich Ungeleckten haben freilich weder almae matres noch dulces filiae in's Kaͤrt⸗ chen ſehen laſſen und ſtand mir ihre Kam⸗ mer offen, ſo ſaß die Krankenwaͤrterin oder ein Vorlaͤufer des Senſenmannes am Bette, doch ſcheint es mir, als ob ſich 270 uͤber dieſen beweglichen Stoff nichts feſt⸗ ſetzen laſſe und der Zufall in Haupt⸗ und Nebenſachen gewoͤhnlich uͤber ſie entſcheide. W. Ja meiner Unthal ſpiegelt ſich jede Tugend und Schwaͤche des Geſchlecht's und dieſer Inbegriff der Weiblichkeit macht ſie folgerecht und zum Magnete fuͤr das unſere. Sie iſt gut und muß die Meine werden— ich wuͤrde eine Krone fuͤr ſie hingeben. G. Den Doctorhut wenigſtens. Aber beide bleiben immerdar liebliche Prachtſtuͤcke, doch Nina nicht und ehe Du jene fuͤr ſie hingibſt, iſt es rathſamer, Dir dieſe als goldene Jubelbraut zu denken. Verliebte haͤngen immer nur an den lachenden Farben und Lichtern der Gegenwart und halten ihre fliegende Hitze fuͤr ein ewiges Feuer. Wenn aber die Zeit den Zauber loͤſ't, Ent⸗ fernung oder die Erkentniß eines Mißgriffes das Fieber vertreiben und uns in Liebe⸗ V 271 ſachen die Augen aufgeh'n, ſo verſchließt ſich gleichzeitig das Herz und verſchmaͤht in dem Maß' als es huldigte. Drum mache ich mir aus Julien nichts mehr. Weßler fragte jetzt auffahrend: Wirſt Du wohl endlich den Brief, an dem mein Leben haͤngt, beſtellen?— Du willſt— es geſchehe!— ſprach jener beguͤtigend— auch will ich ſelbſt das Noͤthige aus der Apotheke herbeiholen und einen tuͤchtigen Waͤrter beſorgen. Eine mildſelige Waͤrterin begehre ich! — rief ihm der Kranke nach und fuͤhlte jetzt den Dornenkranz des Junggeſellen⸗ ſtandes, das Leid der Verlaſſenheit, den Mangel der milden, treuen Frauenhand und der wohlthuenden Sorgfalt. Schon oft gebar der Berg nur eine Maus, das Maͤuschen aber, welches Chri⸗ 272 ſtine vergebens in jener heiligen Schlaf⸗ ſtaͤtte geſucht hatte, ſchien einen Berg von Unheil geboren zu haben. Die Nacht brach ein und Baͤrbchen fehlte noch; ihr Aus⸗ bleiben ſchien auf Flucht zu deuten und ſo⸗ mit den Verdacht zu beſtaͤtigen, deſſen ſich der Graf und Emma, im begruͤndeten Glauben an des Maͤdchens Wuͤrdigkeit, er⸗ wehrten. Der Jaͤger war, um ſie aufzu⸗ ſuchen, auf Gaſto's Befehl, in die Stadt geritten; er kam mit der Verſicherung zu⸗ ruͤck, daß die Jungfer, nach Jakob's Aus⸗ ſage, bei guter Zeit in einem Fiaker heim⸗ gekehrt ſey. Bald darauf fuhr ein Leiter⸗ waͤglein vor, der Förſter zu Seeberg bat um Einlaß— er brachte ſie. Ich befand mich eben bei den Holzſchlaͤgern im Walde, — ſagte er— als wir das Naſſeln des Einſpaͤnners vernahmen, deſſen Gaul uͤber die ſogenannte Moosplatte hin, dem Ab⸗ hange zurannte. Da brach das Fuhrwerk 273 zuſammen und alles ſtuͤrzte uͤbereinander. Der Kutſcher lag beſinnunglos unter dem unbeſchaͤdigten Pferde und Beide wurden in meine Wohnung gebracht, Mamſell Herrlein aber vermochte, mir zu ſagen, wer ſie ſey und wohin ſie begehre und ſcheint nur an den Folgen des Schreckes und der Erſchuͤtterung zu leiden, die der harte Fall veranlaßte. Die Bedienten, ihr ſaͤmmtlich zuge⸗ than, hatten waͤhrend dieſer Mittheilung das Maͤdchen bereits aus dem Wagen in ihr Zimmer getragen; Rahel, die alte Ausgeberin, ſprang herbei, um die Weh⸗ klagende zu entkleiden, zu beſichtigen und die ſchmerzerfuͤllten Glieder mit Seifengeiſt zu ſtreichen. Auch Emma uͤberwand, von dem zaͤrtlichen Herzen bedraͤngt, ein wid⸗ riges Gefuͤhl; ſie ging zu ihr hinab und hoͤrte mit Freuden von der beiſtaͤndigen Rahel, daß derſelben dem Anſcheine nach kein I. 18 274 weſentlicher Schade widerfahren ſey. Die letzte Regung des Mißtrauens und des Unmuthes ſchwand, als ſie in das arg⸗ loſe Engelgeſicht blickte, als Baͤrbchen, ge— ruͤhrt von dieſem freundlichen Antheile, mit der Bruſt voll Leid und Liebe, der Graͤfin Hand ergriff und mit innigen Kuͤſ⸗ ſen bedeckte. Ja, dieſe half ihr jetzt ſelbſt zu Bette, entfernte die Alte, hoͤrte mit Entſetzen die betruͤbende Veranlaſſung des Unfalles und troͤſtete die Beaͤngſtete, welche ſich des armen Ehrenfried's wahrſcheinlichen Untergang beimaß.— Der Morgen grauete, als Emma das Maͤdchen endlich in den Armen des heilſamſten Genius mit der Ueberzeugung verließ, daß es ſchuldlos, daß die gefundene Spur des Raubes ein Werk der Bosheit ſey und dieſe Anſicht dem Gatten anzueignen ſtrebte. Dein Glaube iſt der meine— ſagte dieſer— denn eben fiel mir die vermummte Geſtalt 215 bei, welche ſie neulich aus ihrer Kammer ſcheuchte und die ich fuͤr ein Trugbild der Furcht hielt; die hat das Bubenſtuͤck voll⸗ bracht; vergebens ſinne ich auf die Thaͤ— terin, denn das Geſpenſt war, der An⸗ zeige nach, klein und ſchmaͤchtig und dieſe Schilderung ſpricht zum Gluͤcke unſere ſaͤmmtlichen Dienſtboten frei. Der kranke Weßler blickte auf, denn die begehrte Waͤrterin kam, ſchlich an das Bett und er erkannte in ihr mit Freude und Verwunderung die angenehme Kin⸗ derfrau der kleinen Natalie.— Meine Kammerraͤthin— ſagte ſie— nehmen herzinnigen Theil an Ihrem Uebelbefinden und ſchicken mich als Beiſtand her. Waͤr's moͤglich?— rief er— o, der Guͤte! aber ſie begleitete ja eine Freundin nach Feldingen? 18* A ◻ Sie iſt wieder da, erfuhr vom Doctor Guͤldenkraut, was Ihnen begegnete, ent⸗ ſetzte ſich und wenn Sie nicht erſchrecken wollen, wird ſie in aller Stille ſelbſt zuſprechen. Geneſen werde ich, nicht erſchrecken— fiel er, kaum den Sinnen trauend, ein und dachte: Kuͤhn, aber goͤttlich! nur heiße Liebe wagt das, und mein Guͤldenkraut gab ihr den Brief.— Sie bringt mir das entzuͤckende Jawort! Jetzt warf die Waͤrterin das Behaͤnge des Bettes zuruͤck und Nina laͤchelte ihn weinend an— ſie ſank im folgenden Au⸗ genblicke, von ihm umſtrickt, an's Herz des Kranken, die Begleiterin aber ließ den Vorhang wieder fallen und trat in das offene Nebengemach. Das ſuͤße Gelispel zaͤrtlicher Liebereden erſtarb unter dem ſuͤße⸗ ren Kuſſe, ein heilbringender, magiſcher Strom floß aus dem innerſten Weſen der 277 Huldin in ihn uͤber und in nie empfunde⸗ nes Wohlbehagen zerrann jetzt der Krank⸗ heit Wehgefuͤhl.— Sie war nun ſein und doch ſein Gluͤck noch unvollkommen. O, waͤr' ich Arthur Zaͤdello!— lispelte er, von ihrem Buſen zu dem gluͤhenden Feen⸗ geſichte aufblickend—„denn als Erſten aus der Engel Schar, als das Urbild des unendlich Schoͤnen, ſtellt Dir ja die Phan⸗ taſie Ihn dar!“ Da rieſelte der ſeidene Vorhang, leis erhoben, und Eine aus der Engel Schar— ſein verewigtes Claͤrchen erſchien ihm, herrlich und himmelmild, die irdiſche Zauberin aber verſchwand— er erwachte untern Schauern von dem be⸗ thörenden Traume und fuͤhlte ſich um vie⸗ les kraͤnker und erſchoͤpfter. Bald nach Nina's Abreiſe erhielt Agathe abermal ein Brieflein von ihr. Sie ſchrieb: 278 „Die gute Wehlberg fand bei der Heimkunft die Nachricht vor, daß ihre Großmutter in Berlin todkrank ſey und ſie auf's Sehnlichſte herbei wuͤnſche. Nie habe ich noch dieſe herrliche Haupt⸗ ſtadt geſeh'n, ich begleite daher, der Zerſtreuung beduͤrftig, die Einſame, ih⸗ rem dringenden Begehren gemaͤß und um ſo williger, da ſie, der Landwirth⸗ ſchaft wegen, bei der Abweſenheit des Gatten nur wenige Tage dort verweilen und mich, bei unſeren aͤhnlichen Formen, mit dem noͤthigen Anzuge verſehen kann. Dich und meine Tali umarmend, die Deinige. Nina.“ Am Abende deſſelben Tages kehrte auch der Bote, den Doctor Guͤldenkraut nach Feldingen geſandt hatte, mit jenem Traumbriefe zuruͤck, da die Unthal be⸗ reits abgereiſ't und dem Beauftragten die 279 Weiſung geworden war, ihn dieſer perſön⸗ lich einzuhaͤndigen; im Garten des graͤf⸗ lichen Landhauſes aber luſtwandelte zu der⸗ ſelben Zeit Melitta unter traulichen Er⸗ oͤffnungen mit der Graͤſin und Gaſto ge⸗ ſellte ſich jetzt, aus der Stadt zuruͤckkom— mend, den Holdſeligen bei. Er hoͤrte mit Bedauern, daß Baͤrbchen noch an den Nachwehen des ſchmaͤhlichen Abenteuers darnieder liege, erzaͤhlte von dem ploͤtzlichen, gefaͤhrlichen Erkranken ſeines neuen Ge— richthalters, von der ſichtlichen Geiſteszer⸗ ruͤttung, wegen der man den ſchwer ver⸗ wundeten Ehrenfried in's Irrenhaus brachte, von dem Brande in der Stadt, von den Verwuͤſtungen, die das Unwetter ringsum angerichtet habe und die Nachtſeite des Lebens ward zum Texte des ferneren Ge⸗ ſpraͤches. Welch ein Unmaß von Nieten und Jerſal— ſprach der Graf— ſchwingt doch dieſer Globen, dem Lottorade gleich, 280 Tag fuͤr Tag um den Ring; neue, freud⸗ ige Spieler ſehen von Tage zu Tage den gehofften Treffern entgegen und kehren truͤbſelig und getaͤuſcht wie die Billionen ihrer Vorgaͤnger, heim. Aber ſie gehen heim!— ſagte Me⸗ litta— der Himmel liegt in dieſem Woͤrt⸗ chen— heim in das Vaterland! Die Milchſtraße dort fuͤhrt uns im Geiſte von Licht zu Licht, von Heil zu Heil, an die Ziele der ewigen Sehnſucht. Emma beſah ſich die genannte Bahn und lobte den gluͤhenden Hesperus. Auch Mars iſt eben ſichtbar— be⸗ merkte Gaſto— unſere Erde aber rollt, bedeutſam genug, zwiſchen der Venus und ihm— ſonach zwiſchen der Leidenſchaft und der Zerſtoͤrung um die unnahbare Sonne— kein troͤſtliches Sinnbild, Me⸗ litta! Dieſe entgegnete: Sie wandelt eben 281 ſo treffend zwiſchen der Kraft und der An⸗ muth! und Emma ſagte laͤchelnd: Wie eben ich zwiſchen meinem Rudolf und Dir! Die Wendung iſt gluͤcklich und wohl⸗ thuend!— fuhr jener fort und kuͤßte ſie — mir faͤllt aber bei dieſem Planetentanze der Ball ein, zu dem die Graͤfin Wolinska fuͤr den Sonntag bat und der Dich, wie ſie meint, fuͤr jenen entſchaͤdigen ſolle, um den uns Thereſinens Ungluͤck brachte. Ich ſagte zu und meldete auch unſere Melitta an, die hoͤchſt willkommen iſt. Melitta. Hoͤchſt unwillkommen viel⸗ mehr, da eine Fremde, bei dem uͤberall herrſchenden Mangel an Taͤnzern, den Raubbienen gleicht, ich aber wuͤrde dort allerdings nur einen Stuhl in An⸗ ſpruch nehmen koͤnnen und ſtatt der Zu⸗ friedenheit, außer dem Staube und dem Kopfſchmerze, höchſt betruͤbende Erinner⸗ ungen zuruͤckbringen. 282 Gaſto. Die Aeußerung betruͤbt mich ſelbſt. Auch ich tanze nicht, finde aber dort die ſchoͤnſte Augenweide und auch das Herz erfreuet ſich. Es freut ſich mit ſo mancher holden, ſittlich ſchoͤnen, nur auf Entſagungfeſte verwieſenen Jungfrau, der endlich die goldene Stunde ſchlaͤgt, deren ſtilles Gluͤck ſich im Geſichte der Mutter und der Goͤnnerin ſpiegelt, die das herzliebſte Kind gefallen, geſucht — von der Luſt des Genuſſes verklaͤrt ſeh'n. Auf jedem Balle gibt es uͤberdieß gewoͤhnlich eine laͤcherliche Perſon oder einige, die ſich fuͤr ihr Gegentheil halten und ohne Ahnung des erregten Eindruck's, auf Fluͤgeln der ſelbſtgefaͤlligen Zufrieden⸗ heit ſchweben. Und was beſtimmte Dich, dem Tanze zu entſagen? fragte die Graͤfin, als Ga⸗ ſto jetzt abgerufen ward. M. Ein boͤſer Genius, meine Emma, 283 der ſchon dem Kinde auf Baͤllen faſt immer bitteres Leid brachte. Meine liebſten, taͤg⸗ lichen Geſpielen waren Emil und Mathil⸗ de, die Kinder der Graͤfin Nordau, Zwil⸗ linge im dreizehnten Jahre, mit mir in derſelben Stunde geboren und ich und Emil ein Liebepaar der Unſchuldwelt. Ma⸗ thilde, das Lamm ohne Neid und Galle, fuͤllte dieß Kleeblatt; ich und ihr engel⸗ ſchöͤnes Bruͤderchen galten naͤchſtdem fuͤr die Kleinode der großen, aus der geſamm⸗ ten Jugend unſeres Kreiſes beſtehenden Tanzſtunde und waren bei Darſtellungen ſogenannter Tableaux, als Genien, als Kinder Tell's, als Amor und Pſyche und zu Ergaͤnzung aͤhnlicher Gruppen geſucht und willkommen. Auch wurden wir vor⸗ zugweiſe zu den Baͤllen des Statthalters und der Vornehmen gezogen, um als Ko⸗ ſak und Koſakin ein ergoͤtzliches Zwiſchen⸗ ſpiel zu geben und dann, wie einſt Veſtris 284 und die Koͤniginnen des Pariſer Balletes, geprieſen und gekoſet. Unſere Muͤtter nah⸗ men ihren Theil von dem Weihrauche; bei weitem den größer'n; er entzuͤckte ſie⸗ Eine Reiſe fuͤhrte jetzt hohe Herrſchaften in die Stadt, man gab ihnen Feſte, auch einen Ball, fuͤr welchen wir und unſeres Gleichen zu einem Charaktertanz eingeuͤbt wurden und mir und meinem Emil die erſten Rollen zufielen, geeignet, ſelbſt die Kraͤfte gediegener Kuͤnſtler zu erſchoͤpfen. Aber man wollte mit uns glaͤnzen und rechnete voll Zuverſicht auf den Erfolg. Ich ſtand eben, den Wagen erwartend, idealiſch angethan, verſunken in den Schim⸗ mer dieſer Herrlichkeit, vor dem Spiegel, als Emil, wunderhold wie der Liebesgott, aber blaß wie der Todesengel eintrat, die Ver⸗ traute allein findend, auf mich zuflog, mir um den Hals fiel und in Thraͤnen aus⸗ brach. Ach,— klagte er— wie werd' 285 ich beſteh'n? mir iſt ſo unwohl— bang und ſeltſam, aber die Mutter ſtuͤrbe, wenn ich zuruͤcktraͤte; ſie ſetzt ihr Mutterherz in den Herrſchaften voraus und ſieht mich be⸗ reits umarmt, belobt, beſchenkt und mein Gluͤck fuͤr die Folgezeit gemacht.— Mir, liebe Emma! traͤumte von aͤhnlichem Heile, doch meine Liebe war ſtaͤrker als meine Eitelkeit; vergebens beſchwor ich ihn, abzuſteh'n und ſchminkte endlich ſeine ſchneebleichen Wangen. Der Wagen kam, der Ball begann, der Tanz ward ausgefuͤhrt, wir uͤbertrafen uns Beide und hatten eben geendet, als Emil mir das Tuch entzog und es, ſich abwen⸗ dend, an den Mund druͤckte. Die erlauch⸗ ten Gaͤſte nahmen dieſe Feier, wie die fruͤ⸗ heren Huldigungen, mit dem Gleichmuthe der Zufriedenheit auf, nickten Beifall, gingen zur Tafel und ich ſchlich truͤbſelig meinem Kranken nach, der faſt bewuſtlos am Ka⸗ 286 mine lehnte, mir das Tuch— ich hab' es noch— mit Blut bedeckt einhaͤndigte, vom Fieberfroſte durchſchauert, kaum zu ſpre⸗ chen vermochte, meine Hand an das to⸗ bende Herz preßte und jetzt von der erſchrok⸗ kenen Mutter gefunden, geliebkoſ't und abgefuͤhrt ward. Ein zweiter Blutſturz folgte in derſelben Nacht— er verlangte, aus einer todtengleichen Ohnmacht erwach⸗ end, mit Sehnſucht nach ſeiner Melitta; man kam, mich zu wecken, aber ich hatte vor Herzeleid kein Auge geſchloſſen— man brachte mich an ſein Bett; anmuthig, wie im Tanze, ſtreckte Emil die Arme nach mir aus, mein Thraͤnenſtrom bedeckte ihn— er zog mich an's Herz und ward an mei⸗ ner Bruſt zum Engel! Auch jetzt entquoll Melitten ein Thraͤ⸗ nenſtrom, Emma umfing ſie, zaͤrtlich wie ihr ſterbender Liebling und weinte mit der Schmerzerfuͤllten. 287 Seine untroͤſtliche Mutter ward tief⸗ ſinnig— fuhr das Fraͤulein fort— ſie folgte ihm nach wenigen Monaten, ein Opfer des Grames und der Reue und ich betrat erſt nach dem Tode der meinigen, von einem ſtaͤdtiſchen Feſte veranlaßt, dem wir Ehrenhalber beiwohnen mußten, den Ballſaal wieder. Ich betrat ihn ungern und furchtſam, der langen Pauſe wegen zum Neulinge geworden, doch auf den Vetter Wilhelm, einen trefflichen Taͤnzer, zaͤhlend, der mich, in zarter Beachtung meines Klein⸗ muthes, um die erſten Taͤnze bat. Ein Haufe von Herren umringte jetzt die gefallende Erſcheinung, ich wußte mich nach wenigen Augenblicken fuͤr den ganzen Abend verſagt, aber in meiner Betroffenheit nicht, wem und fuͤr welchen Tanz ich dieſem oder je⸗ nem, meiſt lauter Unbekannten, angehör⸗ te. Der Ball begann, der Vetter, der Inſtinkt, das Gluͤck und die fruͤhere Ueb⸗ 288 4 ung ſtellten mich bald genug den Fertigſten . gleich, mit dem Erfolge wuchs der Genuß, die Stunden eilten wie wir, im Fluge da⸗ hin und ich geſtand eben einer Freundin, ¹ daß dieſer Abend zu den angenehmſten meines Lebens gehoͤre, als ein roher, be⸗ trunkener Englaͤnder herbeiſchwankte, die vorgebliche Zuſage geltend machte und mich ohne Weiteres zum Walzer fortzog. Mein Vetterchen, der Lieutenant, ſchritt eben vor⸗ uͤber, ich riß mich los und erklaͤrte dem Fremden, daß jenem das Naͤherrecht fuͤr— dieſen Tanz zuſtehe, Wilhelm begriff ſo⸗ fort die Weiſung, verſicherte, mich deß⸗ halb eben aufgeſucht zu haben, ergriff meine Hand und Beide ſtanden einander im fol⸗ genden Augenblicke zu meinem Entſetzen, als Widerſacher gegenuͤber. Andre traten da⸗ zwiſchen, ſie trennten die Erbitterten, mein Vater, der ſein Spiel beendet hatte, kam herbei, ſagte mir, daß der Morgen graue, daß es an der Zeit ſey, heimzukehren und mein Bett umſing nun eine Schlafloſe, denn ich zitterte vor den moͤglichen Folgen des Zwiſtes, welchen meine Uebereilung veranlaßte. Aber gab es ein anderes Mit⸗ tel, dem Trunkenen zu entkommen und ei⸗ nem ſchmaͤhlichen Aufſehen zu entgehen? Vergebens ſchickte ich am Mittage in Wil⸗ helm's Quartier, der ausgeritten und noch am Abende nirgend zu finden war; Tags darauf aber wußte bereits die ganze Stadt, daß er um meinetwillen mit dem Englaͤn⸗ der Kugeln gewechſelt, daß ihm ein Schuß den rechten Arm zerſchmettert habe und jener mit einer bedeutenden Kopfwunde heimgekehrt ſey.— Gute Nacht denn fuͤr immer, dachte ich: ihr lachenden Zauberhallen der boͤſen Fee, wo wir in aller Unſchuld Freude ſuchen und oft genug nur Unmuth, Kraͤnkung, Angſt und bitteres Herzleid finden; wo ein un⸗ I. 19 290 gewogenes Wort, wo der leiſeſte Verſtoß die Zukunft verduͤſtern und die Faſelei einer Einfalt zwei Maͤnner zum Spiele um's Leben fuͤhren kann. Emma ſtimmte ihr ſeufzend bei; ſie fragte: Ward denn Dein Wilhelm her⸗ geſtellt? M. Allmaͤlig ja, vielleicht zu Folge meines bruͤnſtigen Gebetes; mein Wil⸗ helm aber iſt er nicht, ich verließ ihn als den Braͤutigam der Schweſter Emil's und goͤnne ihr den Trefflichen. Sich traulich an Melitten ſchmiegend, — fuhr jene fort— wie nennt ſich denn der Deinige? M. Entſagung heißt er und Du glaubſt mir nicht? Der Himmel ſcheint zu wollen, daß ich auf den Gatten wie auf die Taͤnzer verzichte. Nicht, daß es mir an Freiern fehlen koͤnnte, denn der Vater hat Guͤter, er erzog uns mit 291 Sorgfalt und ich gefalle; aber Einige hatten offenbar nur die Mitgift im Auge, Andere ſprach augenſcheinlich nur die Auſ⸗ ſenfarbe an und die Mehrheit glich den Dutzenduhren. E. Und Du liebteſt nie? M. Als Kind den lieblichen Emil — als Jungfrau, bis zu dieſer Stunde, einen innigen Freund, der theils in irriger Anſicht der Verhaͤltniſſe, theils von frem⸗ der Einwirkung beherrſcht, eine gluͤckliche, Wohlfahrt und Segnungen verbuͤrgende Lage aufgab, um ſich in oͤder Ferne dem Spiele des Schickſals bloß zu ſtellen. E. Den Mann begreife ich nicht. Erzaͤhle mir mehr von ihm und Dir. M. Von allem, was mein Herz beſchaͤftigt. Wir lebten, vom Fruͤhjahre bis zum todten Herbſte auf unſerm Land⸗ guͤtchen hinter Altona, das zu einem 292 Ritterſitze gehoͤrt, welchen ſein Inhaber, ein ruſſiſcher General, ſeit vielen Jahren nicht beſucht hatte. Des alten Pfarrers Stellvertreter ward jetzt ein junger Mann nach meines Vaters Herzen— edel, be⸗ ſcheiden, fromm, ſo unterrichtet als gebil⸗ det, holdſelig uͤberdieß, beredſam und ge⸗ eignet, das Anziehende belehrend, den trockenen, dunklen Stoff verſtaͤndlich und ergreifend vorzutragen. Theodor Waͤhlau ward demnach unſer willkommener Geſell⸗ ſchafter und faͤnd in mir und Theonen eifrige, andaͤchtige Schuͤlerinnen. Ich ge⸗ mahnte mich wie jene geheiligte Freundin des Mittlers, wenn er des Sonntags an geweihter Staͤtte das Wort des Herrn verkuͤndigte und Waͤhlau erſchien mir im geſelligen Verkehre wie der unvergeßliche, zum Manne gewordene Emil— Ich liebte jetzt wieder, doch wie die Gottesbraut den himmliſchen Verlobten. Gegen das 293 Ende dieſes elyſiſchen Sommers noͤthigten vorgebliche Geſchaͤfte den Vater zu einer Reiſe nach Seeland. Noch hatte ich Ko⸗ penhagen nicht geſeh'n, ich mußte ihn auf ſein Geheiß begleiten, Theone blieb unter der Hut der Lamartin, unſerer Hofmei⸗ ſterin, in Hellborn zuruͤck. Es leuchtet ein, ſagte jener, als mein Paradies hinter uns lag: wie ſchwer Dir dieſes Opfer wird, daß Du viel lieber mit unſerem Waͤhlau ſelbſt nach einer wuͤſten Inſel ſchiffteſt, daß er Dein Ein und Alles iſt und ich geſtehe ſogar, daß mir die Ver⸗ bindung mit dieſem Seltenen erwuͤnſcht ſeyn wuͤrde, denn ſein Werth macht ihn ebenbuͤrtig und das kuͤnftige Pfarramt zum geborgenen Manne.— Ich glaubte zu traͤumen, liebe Emma— eine Stimme aus dem Himmel zu vernehmen und be⸗ deckte die ergriffene Vaterhand mit Kuͤſſen und Thraͤnen. 294 Aber haſt Du auch hinreichenden Grund, dieſelbe Zuneigung in ihm voraus⸗ zuſetzen? Beweiſe ſeiner Liebe und des Verlangens, der Deinige zu werden? Weder Briefe noch Geſtaͤndniſſe— er⸗ widerte ich— doch ſcheint ihn nur die zarte Nuͤckſicht auf meine Abkunft und die Furcht vor Ihrer Verſagung zuruͤckzuhal⸗ ten. Keinesweges!— erwiderte der Va⸗ ter— Die Lamartin hat Waͤhlau's Herz erforſcht und ihn zur Sprache gebracht— ſie ſchwoͤrt darauf, daß er Dich nur ſchaͤtze und ehre und ſein Gefuͤhl um ſo gewiſſer kein waͤrmeres ſey, da er ſie im Ver⸗ trauen, doch blos im heitern Geiſte der Neugierde gefragt habe, ob ihm nicht bald die Freude werden duͤrfte, Dich oder Theo⸗ nen am Traualtare zu ſegnen.— Ich 295 verſtummte, meine Emma, ich verbarg, ſchnell und fuͤr immer enttaͤuſcht und gede⸗ muͤthigt, mein Geſicht in dem Tuche und beſchwor dann den Vater, ſeiner fernerhin mit keinem Laute zu gedenken. Er hielt Wort!— Wir fanden in der Hauptſtadt werthe Bekannte und ein Unmaß von Zer⸗ ſtreuungen, ich aber die traurigſten Stun⸗ den meines Lebens, denn was iſt quaͤlen⸗ der, als mit verſtoͤrtem Gemuͤthe, von Wehmuth und Heimweh geaͤngſtet, harm⸗ los erſcheinen, ſich den Weltleuten gleich⸗ ſtellen, beachtet und angenehm machen zu ſollen, wenn uns die Kraft zur Selbſtbe⸗ herrſchung oder die Faͤhigkeit, zu heucheln, abgeht? Jetzt ſchrieb Theone, daß der General bald nach unſerer Abreiſe unver⸗ hofft eintraf, daß er ihr einen Beſuch ge⸗ macht, jene Entfernung bedauert habe und Waͤhlau, wie es ſcheine, bereits ſein be⸗ guͤnſtigter Geſellſchafter ſey. Der Vater 296 wuͤnſchte die uͤberfluͤſſige Bekanntſchaft des ruſſiſchen Herrn zu erſparen und verlaͤn⸗ gerte, den dringenden Bitten unſeres dorti⸗ gen Kreiſes nachgebend, den Aufenthalt in der Reſidenz, deſſen eigentlichen Zweck ich jetzt endlich erkannte. Die Abſicht war, ſeine Melitta mit einem dortigen jungen, ihm zuſagenden Verwandten in naͤhere Be⸗ ziehung zu ſetzen. Der gute Kammerherr fand mich ſchon bei dem erſten Zuſamen⸗ treffen nach ſeinem Sinne, umſchwebte mich Tag fuͤr Tag und ward auf einer Wanderung durch das idylliſche Seeland unſer Fuͤhrer. Er bewirthete uns unter Weges auf ſeinem trefflichen Landſitze, ließ endlich das Geſtaͤndniß ſeiner Zaͤrt⸗ lichkeit und ernſten Abſicht in den Strick⸗ beutel des gleichmuͤthigen Muͤhmchens glei⸗ ten und verſchwand, als ich deſſen, in meiner Verſchmaͤhung aller Maͤnner und Freuden dieſer Erde, mit keinem Worte 297 gedachte und nach wie vor eine unerreg⸗ bare Karthaͤuſerin darſtellte. Er dauert mich!— lispelte die Graͤ⸗ fin. Zur Ungebuͤhr— erwiderte Melitta — denn eine ſchoͤne, beguͤterte Juͤtlaͤnde⸗ rin hat ihn noch in demſelben Jahre er⸗ hoͤrt und entſchaͤdigt.— Der Vater ver⸗ barg ſeinen Mißmuth, die Tanten ſchmoll⸗ ten und begriffen nicht, wie man ſich einem ſolchen Freier verſagen koͤnne, die ſchmollenden Muͤhmchen dagegen wurden wieder hold und lobten dieſe Waͤhligkeit, mich aber beſchlich, im Gefolge des ſtillen Herzleides und Heimwehes, ein Nerven⸗ uͤbel, das unſere Ruͤckkehr noch um zwei Monate verzoͤgerte. Mamſell Lamartin war indeß mit Theonen nach der Stadt zuruͤckgekehrt; die Schweſter empfing mich 298 bei der endlichen Heimkehr zaͤrtlich doch verduͤſtert, denn was ſie jener im Bezug auf unſern Liebling abgelockt hatte, ſtellte des Vaters Aeußerungen in offenen Wi⸗ derſpruch mit dem eigentlichen Verhaͤlt⸗ niſſe und bezeichnete die vorgefaßte Ab⸗ ſicht, mich von dem edlen Freund und Bildner zu entfernen und die dortigen Verwandten fuͤr einen ihm willkommenern Schwiegerſohn ſorgen zu laſſen. Ich weiß nun— ſagte ſie— daß Du ſchon bei dem erſten Anblicke Waͤhlau's Herz er⸗ regteſt, daß dieſe Neigung allmaͤlig zur innigen Liebe ward, daß er endlich, von dem eifrigen Wohlwollen des Vaters er⸗ muthigt, anfragte, ob ihm dieſer wohl, nach dem Empfange der Prediger⸗Stelle in Hellborn, Deine Hand zugeſtehen werde und der Vater dagegen, liebreich und be⸗ dauernd, einer ſchon fuͤr Dich getroffenen Wahl gedachte, welche die Verhaͤltniſſe un⸗ — — — 299 ſeres Hauſes noͤthig und wuͤnſchenswerth machten. In dieſem Falle— entgegnete Waͤhlau— gebietet mir die Pflicht gegen Melitten und mich ſelbſt die ſchleunigſte Entfernung, der Vater aber verſicherte, daß er das Bewußtſeyn nicht ertragen wuͤrde, Deinetwegen die Gemeine ihres guten Hirten, ihres kuͤnftigen geliebten Seelſorgers beraubt, einen ſo trefflichen Mann aus ſeiner ebenen, heilreichen Bahn verdraͤngt zu wiſſen und Du nun ohne Zoͤgern der kuͤnftigen Beſtimmung zugefuͤhrt werden ſolleſt. Daher der ſchnelle Aufbruch nach Kopenhagen. Ach, es war uns, als ob Du geſtorben ſeyſt. Waͤhlau kam noch taͤglich, doch wie ein leidtragender Freund, der den Trauernden zuſprechen will und ſelbſt keinen Troſt hat. Am Tage, der uns Deinen erſten Brief brachte, traf unverhofft der Gutsherr ein und unſer Truͤbſeliger ließ ſich nun erſt 300 am Ende der Woche wieder blicken. Er ſchilderte den General als einen hochgebil⸗ deten, gemuͤthreichen Mann, der ihn mit unverdienter Auszeichnung behandle, dem er wahrſcheinlich von irgend einem Goͤn⸗ ner weit uͤber die Gebuͤhr empfohlen wor⸗ den ſey und der ſich ruͤhme, eine der treff⸗ lichſten Frauen Rußlands und fuͤnf bluͤ— hende, ihr an Guͤte und Liebreiz gleichende Kinder zu beſitzen, welchen nur ein ange⸗ meſſener Bildner fehle.— Er habe an der untern Wolga, an Aſiens Grenze, große, treff⸗ lich gelegene, von deutſchen Colonien umgebene Guͤter und auch dieſen durchaus proteſtanti⸗ ſchen Anſiedlern gebreche es nur an einem wuͤr⸗ digen Prediger und Lehrherrn. Bei jugendli⸗ cher Kraft und regem Sinne fuͤr den verdienſt⸗ lichen Beruf, koͤnne ein ſolcher beiden heilbringenden Zwecken genuͤgen und wolle Waͤhlau der Stimme von oben folgen, die ihn durch ſeinen Mund anſpreche, ſo — — — ᷣ— werde er den armen Coloniſten wie der Familie des Generals als ein Geſegneter des Herrn erſcheinen. Die zeitlichen Vor⸗ theile, fuhr Waͤhlau fort, die er mir fuͤr den Fall der Gewaͤhrung anbietet, ſind ſo glaͤnzend und die Buͤrgſchaften fuͤr dieſe ſo ſicher, daß ich bereits mein Haus beſtellte, morgendes Tages nach der Stadt fahre, um die Entlaſſung nachzuſuchen, meiner Schweſter dort das Lebewohl ſage und dem General nach Breslau vorangehe, um ihn von da aus zu begleiten.— Ach, liebe Melitta!— ſetzte Theone hinzu— Du haͤtteſt die Bewegung ſehen ſollen, in der er jetzt zum Abſchiede meine Hand ergriff— haͤtteſt die Innigkeit ſeines Kuſ⸗ ſes empfinden ſollen, denn ich fiel ihm, von der Wehmuth uͤbermannt, um den Hals und weinte laut, als er jetzt Deiner im Geiſte der zaͤrtlichſten Sehnſucht ge⸗ dachte, Dich ſegnete, ſich dann verſtum⸗ 302 mend losriß nnd, weinend wie ich— wohl fuͤr immer davon ging. Auch Melitta verſtummte nun, ſie um⸗ fing, durchdrungen von derſelben Wehmuth, die nahe marmorne Bildſaͤule der Ceres und druͤckte ihr gluͤhendes Geſicht an den kuͤhlenden Buſen der Goͤttin. Dresden, gedruckt bei Carl Schultze. ſ — ſiſ— fnfff fffffffee unauaumuu 1 8 9 11 12 13 14 6 17 18 — 4 — 1 *½ 8 2* 8 5 3“ ** 1 * 1 5