e= ſ —,.—.— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franz öſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Biblie pfangnahme Nlabe der Bücher jeden 7 Uhr bis 2 1 2. Lesepre jedem Tag 5 Pf. den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennah eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurücke wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſteht zur Em⸗ ag t Morgens eines geliehenen Buches wird von e Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ume ſtattet für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: an. 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 2 Nk.— Pf Auswürtige Ahonnenten hrbe für Hin⸗ und Zurückſendun der Vacor auf ihre eigenen Koſten und G ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für be eſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſ ler zum E tea des Ganzen verpflichtet. Anethezeiſ. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſondo darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ¹ 4 = 1 —4 j —y— ——— = ———= = — Der Guſtav Schilling. Roman im Romane, Zweiler Theil. Zweite verbeſſerte Auflage. — Dresden, 1818. in der Arnoldiſchen Buchhand lung. Der Roman im Romane. Von Guſtav Schilling. Schillings Schr. 44r Bd. 4 4 3 1 1 1 A— „Durchlauchtigſter Fürſt! ſprach ich, als der Fußſteig gefunden war, und ich mir, in Gedan⸗ ken, den Weg durch die Garden und die Lakgyen gebahnt hatte: ſo ſteht die Sache. Die Landes⸗ verfaſſung macht Sie zum Beſchuͤtzer der Un⸗ ſchuld, und es giebt keine bedeutendere im Staat, als die jungfraͤuliche. Duͤrfen Ihre Pagen, Ih⸗ re Stallmeiſter ungeſtraft in unſerer Schoͤpfung hauſen, ſo mag der Popanz ein Schoͤpfer ſeyn. Piano! rief der Fuͤrſt, was ficht Sie an? Maͤnnerſtolz vor Koͤnigs⸗Thronen! entgeg⸗ nete ich: man verzeiht ihn dem Schriftſteller. Ich bin ein ſolcher und klage laut. Woruͤber denn? fragte dieſer. „ 7 8 Mein Muͤhmchen hat dieſer Eſchen mir gs⸗ ſtohlen, ſprach ich mit Affekt, und zu welchem Zweck, begreift ſich leicht. Iſt das erlaubt? Keines Weges! erwiederte Sereniſſimus: aber ein Muͤhmchen das ſich ſtehlen laͤßt, iſt un⸗ ſers Schutzes unwerth, und Ihrer Sorge. Monseigneur, fiel ich ein, beguͤnſtigen zwar, durch dieſen Grundſatz die Bevoͤlkerung, aber meines Beduͤnkens fruchtet nur die geſetzmaͤfige dem Staate. Baſtarte werden, laut der Erfah⸗ ung, erzentriſche Weſen und als ſolche der mo⸗ narchiſchen Verfaſſung gefaͤhrlich.— Ich war in den Sturzacker gerathen, eutließ deshalb den Fuͤrſten ſammt der Phantaſie die ihn in Hand⸗ lung ſetzte und ſtieg mit großen Schritten dem angenehmen Stern entgegen, der vor mir auf⸗ ging. Der Stern aber verweilte an des Thor⸗ ſchreiber Wohnung und ward, als ich ihm naͤher kam, zu Roͤschens erleuchtetem Fenſter. Mein Tuch flog hinein, ein weißes Haͤubchen ſprang heraus. *△ ———— 5 Gruß und Chreirbietung! lispelte ich, und warf einen feurigen Kuß auf das Dach. Schon wieder da? entgegnete Bertrams Toch⸗ ter; es freut mich herzlich, Sie noch wohl zu J. Mich ſelbſt! Sind Sie denn ſo allein? S. Wer koͤnnte jetzt noch bei mir ſeyn? J. Das reimt ſich ja! Da ſehen Sie, wie wir harmoniren. Und noch ſo ſpaͤt auf? S. Ach ich war ſchon mit einem Fuß im Bette. J. Im Bette? Das heilige Bett! Ich kenn' es laͤngſt. Es iſt daſſelbe 3 Nach dem wohl ein Jüngling zehn Meilen weit . lief, Weil in ihm das ſüße, bildſchöne Roſettchen, Seit zweimal acht Sommern in Einſamkeit ſchlief. 1 S. Behuͤte Gott! An jenem ſtand ja eine Wiege. J. Lachen Sie nur. Gern lacht' ich mit, mir aber iſt die Luſt vergangen. S. Wie danern Sie mich! Und kein Blaͤtt⸗ chen Thee iſt im Hauſe. Kamillen zwar, die faͤn⸗ den ſich— J. Kamillen? o wie gut! S. So will ich mich nur erſt ein wenig an⸗ ziehen, und dann den Vater wecken. J. Den Vater? Ei wozu? Dem goͤnnen wir die Ruhe, Kind. S. Er hat die Kraͤuter im Beſchluß! 7,. J. So bleibt es mit dem Thee— Die Ka⸗ millen ſind doch gallebitter. S. Ja, bitter ſind ſie, aber bei Kraͤmpfen recht heilſam. J. Die, gutes Roͤschen! hab' ich nicht, und ein viel ſuͤßeres Heilkraut waͤchſt unter Ihrem Beſchluſſe. S. Meinen Sie mein Salbey⸗Stoͤckchen? J. Salbey?— O die muß ich ſehen! Ma⸗ chen Sie nur ein bischen auf. Wunderliche Din⸗ ge ſind mir in dieſer kurzen Zeit begegnet, und die erzaͤhlt' ich Ihnen gern. — 7 S. Wahrhaftig? und Sie erzaͤhlen aller⸗ liebſt. Ich bin ganz Ohr. J. Aufmachen, Bitte! bitte! S. Nein guter Mann, das thu ich nicht! J. So komm ich durch das Fenſter. Ein Katzenſprung, und wir ſind eins. S. Vor Katzen fürcht' ich mich, und ſchreie — Und ſchreie bis der Vater koͤmmt. J. Da werd' ich boͤſe! S. Das bin ich ſchon! J. Und ſehe Sie nicht wieder an. S. Mein Licht verloͤſcht. Nun ſchlafen Sie recht wohl! Das Fenſter ſchloß ſich und das Licht ver⸗ loſch. Lange beſah ich mir's— Ob es ein Wink war? ſprach ich jetzt, und ſah zu dem Dache, ob ich es wagte? Ich daͤchte nicht! erwiederte ein rauhes Or⸗ gan; des Thorſchreibers Muͤtze ward im Neben⸗ fenſter ſichtbar. Nicht? brummte ich, aus dem Himmel fal⸗ lend, und meine Wangen gluͤhten noch, als mir daheim die gaͤhnende Roſine das Haus offnete. Es war recht ſchlecht von Dit! ſprach mein Kopf, als ich ihn auf's Kiſſen legte. Der Stall⸗ meiſter, den Du Motgen verderben willſt, iſt um kein Haar ſchlimmer als Du! Wenn ſie nun aufmachte? Da muß ich ſeine Partie nehmen, ſiel mein Herz ein: er haͤtte nichts an ihr verdorben. Von Werthers Leiden oder von Sophiens Reiſen haͤt⸗ ten ſie geſprochen, oder wohl gar von ihrem Sal⸗ bey⸗Stoͤckchen, und dazwiſchen waͤre etwa als 3 —ꝛ Punkt, zum Schluſſe jedes Perioden, ein Kuß gefallen. Und immer kuͤrzer, entgegnete mein Empi⸗ riker: waͤren dann die Perioden geworden, im: 6 mer feuriger der Vortrag, immer groͤßer die. 4 „„————— — — ————— 9 Punkte. Die Punkte aber haͤtten ſie aufgewie⸗ gelt, und wie ein giftiger Mehlthan die ſchoͤne, fleckenloſe Blume bedeckt. Du haſt Recht! fiel ich ein, und manchen Gedankenſtrich hat mir Herrn Bertrams guter Rath erſpart. Doch, pflicht' ich auch dem Herzen bei, denn viel eher glaub' ich, wollt' ich, in meiner Bloͤdigkeit, den Selbſtherrſcher um eine ſeiner Prinzeſſinnen, als Thorſchreibers Roͤschen um irgend etwas anſpre⸗ ſchen, das ſich leichter empfangen als geben, und leichter geben als fordern laͤßt. Wer nur ſchon bei Hofe geweſen waͤre! Selbſt Roſens Bettchen wird in meinen Augen zur ſteinernen Hausbank, wenn mich der Gedanke an dieſes Wagſtuͤck uͤber⸗ laͤuft. Sei vernuͤnftig! fuhr ich ſort. Mit ihren eignen Waffen muß man die Phantaſie bekäm⸗ pfen. Denke Dir im Vorzimmer, Du ſeyſt ein Prinz, ſo wird der Fuͤrſt Dein Vetter, und daß er mehr iſt, laͤßt ihn Dein Freimuth dann ver⸗ geſſen. Je aͤngſtlicher Du ſtreben moͤchteſt, Dich zuſammen zu nehmen, je ſchneller wirſt Du aus 70 einander fallen und der guten Sache ſchaden, fuͤr die Du zu ſprechen haſt. Was ſeyn muß, muß ſeyn! ſprach ich auf dem Wege zum Schloſſe, Kuͤhnheit macht Heroen, die Bedenklichkeit hat immerdar nur Weiber und Memmen ausgebruͤtet. Er iſt ein Menſch, ich auch. Unverzagt wuͤrde ich, wenn er mich hier, als ein Unbekannter, im Oberrock anſpraͤche, ſei⸗ ne Fragen beantworten, und mich ſollte eine Glo⸗ rie die er dem Schneider dankt, in dem verdienſt⸗ lichſten aller Werke zuruͤckſetzen? Immer enger und niedriger ward der weite, hohe Vorſaal, denn immer baͤnger ward mir ums Herz. Da trat, als ich kaum hoͤrbar nach dem Kammer⸗ herrn vom Dienſt mich erkundigte, Herr von Eſchen aus der Garderobe. 11 Sieh da, ſprach er: Sie halten Wort! Im⸗ mer naͤher, Herr Siegfried. Herr Baron, entgegnete ich Odem ſchoͤpfend: da bin ich nun! Ich auch, und Ihnen zuvor gekommen. Sie wollen ein Maͤdchen, das bisher faſt gefaͤnglich von Ihnen inne gehalten ward, zur Heirath zwingen. Mutter und Tochter erſchoͤpfen alles, den unwillkommenen Freier abzuweiſen, und bit⸗ ten, als das vergebens iſt, um meinen Schutz, den ein ſo alter Freund, wie billig, zuſagt. Voi⸗ là tout! Tout? fiel ich erblaſſend ein. Bis auf den Prozeß, entgegnete er: den Sie verlieren und bezahlen werden. Gewiß ein Querulant! brummte der Traban⸗ ten⸗Hauptmann. Freilich wohl! erwiederte der Stallmeiſter, und aus dem Hintergrund ſtieg ein gewaltiges Heiducken⸗Paar auf mich zu. Die Frau Leutnantin giebt heute dieſe Bitt⸗ 12 ſchrift durch meine Hand ein! ſuhr er fort, und zog ein Pappier aus der Taſche. 1 J. Die Mutter? Wie? Ein Schreiben, gegen mich gerichtet? E. Wohl! Als Mutter der verfolgten Toch⸗ ter, auf die Sie kein Recht haben. Das ramaſſirte Paar kam naͤher, und recht heimtuckiſch laͤchelte Kaſtor den ungeheuern Pol⸗ lux an. Fuͤrchten Sie nichts! ſprach Herr von Eſchen, der meine Augen begleitet hatte; hier iſt Burg⸗ friede. Geſtern freilich haͤtt' ich dieſe Polaken in mein Schloß gewuͤnſcht; aber das behalten wir uns bei fernerm Zuſpruch vor. Nur der Feige prahlt mit Drohungen, ent⸗ gegnete ich. Fuͤhlen Sie nicht, daß dieſer Tri⸗ umph der Schaͤndlichkeit mich tiefer beugen muß, als jede Mishandlung, die mir noch werden koͤnn⸗ te? Ich gehe nun, mein Herr Baron, und gebe die Verfuͤhrte auf. Bleibt es dabei, fiel er ein: ſo wird dies 13 Pappier beigelegt und Ihnen ſeine Wirkung er⸗ ſpart.. Thun Sie was Ihnen gut duͤnkt! erwiederte ich, was ich verlor, hat mein Roman gewonnen, in deſſen zweitem Theil Sie nun, wie Satan mit einer Seele, an Malchens Hand zur Preſſe gehn. Damit flog ich die engliſche Treppe hinab. Aufgeben! rief ich, daß der Schweizer am Thor zuſammenfuhr— Ja, auf ewig verloren geben! Doch einmal ſehen muß ich ſie noch. Von weitem ſchon vernahm Roſette die Sprün⸗ ge, zu denen ich meinen Rappen zwang, ſah nach dem Reiter, und huſchte durch ihr Gaͤrtchen ins Freie. Auch der Vater ſah aus ſeinem Fenſter⸗ chen, ich aber abwaͤrts, weil ich mich vor ihm ſchaͤmte, auf den hoͤlzernen Eſel, der breitbeinig neben dem Wachhauſe ſtand. G Sie trippelte unter den Baͤumen hin, drehte ſich, als ich naͤher kam, und wollte nur ſo von ohngefehr hier gegangen ſeyn. Ach, ſprach ſie: was ich heute ſchon um Sie gelitten habe! So boͤſe war mein Vater nie. Auf die Erde warf er das Goldſtuͤck, welches Ihre Guͤte mir auf⸗ drang, er nannte es das Handgeld meiner Schan⸗ de. Sie haben es doch, zuſammt dem Brieſchen das er Ihnen ſchrieb, erhalten? 5 Ich war nicht zu Hauſe! ſprach ich klein⸗ laut. 15 Einen Boͤswicht nannt' er Sie, und dann behauptete er wieder, daß die Sage von neulich wohl gegruͤndet ſeyn moͤchte. Sage? Welche, gutes Kind? Daß Sie, ſtotterte die Errothende und griff an ihre Stirn, daß Ihnen— Nun, daß Sie ſich uͤberſtudirt haͤtten. Dabei laß ihn fuͤr jetzt, bat ich, und griff auch an ihre Stirn, auf der viel loſe Locken ſpielten: heute werd' ich fruͤher zuruͤck kommen, und dießmal den Vater unterhalten. Jeſus, er ruft! ſchrie ſie klaͤglich: ohne Le⸗ bewohl ſprengte ich fort. Steinau lag vor mir, ein Waͤldchen noch, und ich war am Schloſſe. Der Galopp ward zum Trab, der Trab zum Paſtoren⸗Schritt, als ich mich am Ziele ſah, und⸗ vergebens ſann, was ich ihr denn nun eigentlich noch zu ſagen habe? Da trat ploͤtzlich eine weib⸗ liche, ſchlanke Geſtalt gus dem Waͤldchen, und wandelte langſam vor mir her. Iſt ſie es 2 fragte ich meine Augen, aber meine Augen ver⸗ ſicherten das bald, bald zweifelten ſie. Ein 2 16 Spornſtich, und ich ſah in die ihren. Hier geht doch der Weg nach dem Schloſſe? fragte ich, und zog den Hut. Ja, beſter Herr Siegfried! ent⸗ gegnete die angenehme Dryas. Der„beſte Herr Siegfried“ ließ mich in Erſtaunen uͤber das Gluͤck, von ihr gekannt zu ſeyn, gerathen, ſie aber ſtellte einen Ball, auf welchem ihr vor dem Jahre die Ehre meiner Hand geworden waͤ⸗ re, als Zeugen auf, erzaͤhlte, daß ſie erſt ſeit acht Tagen nach Steinau zuruͤckgekehrt, und eben im Begriff ſey, meiner Jungſer Muhme ihren Beſuch abzuſtatten. Der ſeltſame Ton welcher auf dieſen Charakter fiel, preßte mir einen lau⸗ ten Seufzer aus. Verſteh' ich Sie? erwiederte Lieschen, und ſah mit großen, ſehr intereſſanten Augen zu mir auf. Pollkommen! entgegnete ich. — S. So ſagen Sie doch dem guten Maͤd⸗ een, daß ſie die erſte Betrogene nicht war, die 8 letzte nicht ſeyn werde. 17 J. Das iſt eben das Ungluͤck, liebe Seele, daß man das vergebens den Betrogenen predigt. S. Sagen Sie ihr, daß ich Sie uͤberzeu⸗ gen koͤnne. Fuͤrchtete ich den Unwuͤrdigen nicht, ſo waͤre das, ſchon am Tage meiner Herkunft geſchehn. J. O thun Sie es jetzt. Er iſt in der Stadt. Ich kehre indeß bei dem Herrn Paſtor ein, der doch ohnfehlbar Ihr Vater iſt? Mein Vater? lispelte ſie, und ward ſchnell duͤſter: mein guter Herr, nur meiner Schweſter Mann. Aber ſie werden dort willkommen ſeyn. Gott mit Ihnen! ſprach ich, und lenkte nach der Pfarre hin. Der Paſtor war ſo eben zu ei⸗ nem Kranken abgerufen worden, Eliſens Schwe⸗ ſter ausgegangen, und einſam hatte ich, eine Stunde lang, unter dem. Schattenbaum vor dem Hauſe geſeſſen, als jenſeit des kleinen Teiches, der es von dem Waͤldchen ſchied ein weibliches Weſen ſichtbar ward, das mit dem weißen Tuche winkte. Den Rappen an der Hand, flog ich auf einem buſchigen Pfade dahin, band das Pferd Schillings Schr. 44r Bd. 2 18 an den naͤchſten Baum und ſtand— vor Ama⸗ lien. Sprachſt Du Eliſen? 3 Fahlen Sprachſt Du den Fuͤrſten? beide, und beide riefen Ja! und beide fragten — Nun? Glaubſt Du ihr? fiel ich ein. Glaubt er Dir? fuhr ſie fort, mich angſi⸗ haft anſehend. J. Du verwirfſt, wie mir einleuchtet, ih⸗ ren Wink. S. Er hat gefehlt, doch ſchuldlos litt ſte nicht. Ihr Vater war hier, zu des Onkels Zei⸗ ten, Prediger und ein ehrgeitziger Mann. Ihm und ihr gefiel der Neffe, man zog ihn an, man gab ihm ſelbſt Gelegenheit, man rechnete auf die Gewalt der erſten Liebe, auf Eſchens gutes Herz und auf des Oheims Tod. Dieſer aber lebte noch lange genug, um ihm die Augen zu oͤffnen, und ſtatt der gnaͤdigen Frau ward ſie Mutter. J. Die Kleinigkeit! Und weiter nichts? Nun, Liebe, ſieh, das ſteht Dir auch bevor. 19 Beides! fiel ſie erroͤthend ein, ich leugne es nicht. Beides? rief ich, und hielt mich an den naͤch⸗ ſten Baum. Amalie! Wie? Soll ich dieſen truͤ⸗ ben Augen, ſoll ich dieſen bleichen Wangen glau⸗ ben? Nein, noch Geſtern bluͤhteſt Du wie mei⸗ ne Roſe, das iſt nur freche Laune, zu der Du Dich, mein Herz zu kraͤnken, zwingſt. Geſtern ſahn wir uns unter Licht, entgeg⸗ nete ſie: und ich war im Glanz und hatte Roth aufgelegt. Doch glaube was Du willſt. Du ſiehſt mich feſt, und nach dem, was ich Dich jetzt erra⸗ then ließ, wohl auch, wie unnuͤtz jeder Deiner fernern Schritte waͤre. J. Ja, Malchen, ja, das ſeh ich ganz. Da haſt Du Recht. Nun, ſo lebe denn wohl! Leb' ewig wohl, Du Geiſt des beſſern, nun entflo⸗ henen Malchens. Vor ihrem Leichnam ſteh ich hier, und moͤchte uͤber die menſchliche Schwaͤche weinen, uͤber die Sterblichkeit der weiblichen Tugend, uͤber den Leichtſinn mit dem Ihr das Heil Eures Lebens fuͤr Kuͤſſe verkauft. . S. Weine uͤber Dich, Heinrich! Ueber die kindiſche, nutzloſe Eiferſucht, die Dich um ſo viel Freuden bringt. J. Dieſer Daͤmon iſt entflohn, ein guter Geiſt hat ihn verbannt, ich bin Braͤutigam. Sie laͤchelte unglaͤubig. Ich bin's! betheuerte ich ihr. O, waͤr' ich's nicht, ich ſtuͤnde ſo nicht hier. Auch das entweihte Heiligthum entriß ich ihm, und mein Schutz wuͤrde Dir, ſtatt meiter Hand. Braͤutigam? lispelte Amalie nach langem Schweigen und Thraͤnen entſtuͤrzten ihr. Gut warſt Du mir doch! rief ich erſchuͤttert, und floh im Galopp davon. 21 Ein Braͤutigam biſt Du? ſprach mein unſichtba⸗ rer Freund, das iſt mir neu! Und wer waͤre denn die Tollkuͤhne, die ihr Schickſal an ein Dichterherz knuͤpfen moͤchte? Roſette? Aber blaue Augen, blonde Locken, bluͤhende Wangen haben von jeher mehr Opfer gekoſtet, als verguͤ⸗ tet, und was bleibt ihr, ohne dieſe Zuthat? Erſtens, ihre Naivetaͤt. Die, guter Freund, verſchwindet mit dem Lenz. Sie iſt die ſchoͤne aber fluͤchtige Bluͤthe am Baume der Unſchuld. Laß ſie ſchwinden. Ihre Guͤte verbluͤhet nicht, Gut ſind die meiſten, weil das Gutſeyn ſie empfiehlt. Sie hat mich herzlich lieb. Und jeden willkommnen Freier neben Dir. Aber noch andere Steine des Anſtoßes ſind zu be⸗ 22 achten. Freund, welche Sippſchaft faͤllt Dir zu? umſonſt verlaͤgneſt Du den Vetter Seifenſieder, den Gevatter Kamm⸗Macher, das ſchaͤbige Du⸗ tzend der Guͤter beſchauenden Hausfreunde. Die ſchreckt kein Sproͤdethun, die kommen wieder, die packen Dich an! Ich hoͤre ſie ſchmatzen! Mit Baͤren⸗Liebe fallen ſie Dir zu. Das freilich iſt nicht angenehm. Auf allen Baͤnken prahlen ſie mit dem ſtu⸗ dirten Vetter, und kannſt Du Dich wohl dem edlen Familien Kreis entziehen, wenn die ſchoͤne Frau weinend bittet, ihren armen, ehrlichen Verwandten den Zufall der Dich uͤber ſie erhob, nicht entgelten zu laſſen? Die Weiber haͤngen an den Ihren. Vetter Seifenſieder war vielleicht in den Kinderjahren ihr beſter Geſpiele, und Ge⸗ vatter Kamm⸗Macher der Gegenſtand ihrer fruͤ⸗ heſten Wallung. Nicht genug! Fuͤrſt Heraklius wird Dich zum Titular Rath ernennen. Die Frau Raͤthin tritt in den Kreis der hoͤhern Staͤn⸗ de; ihr Mangel an Bildung macht ſie, des Kontraſtes wegen, den Damen noͤthig, ihr Reitz 23 den Herren intereſſant. In gewaͤhlter Geſell⸗ ſchaft durchziehn wir, am ſchoͤnſten Sonntag, den Thiergarten, da fuͤhrt uns Satan, ſchadenfroh, die verſammelte Schaar der Herren Bruͤder und Frauen Muhmen entgegen. Begeiſtert von dem Bier und dem Feiertage waͤchſt ihnen das Herz. Faͤuſte fliegen Dir entgegen, wie Koͤnigsſchlan⸗ gen umklammern ſie Dich. Deine Frau erblaßt um Deinetwillen, Dich wandelt eine Ohnmacht an, die Herren und Damen ſcheinen, hinter ihren Huͤten und Faͤchern, ein Vater Unſer fuͤr Deine Aufloͤſung zu beten, und ziehen ſich abſeits. unſeliger Verſtand, rief ich aus: der uͤberall nur Wuͤrmer in der Roſe, und Bleizucker in dem Wonnekelche ſieht.. An Deiner Frau, fuhr er fort, wirſt Du mich ſehr vermiſſen. Ol ich verachte die ſuperklugen Hermaphro⸗ diten. Was der Braut abgeht, verſchmaͤht, wie bil⸗ lig, der Braͤutigam, dieſe freut ſich ſeiner Gnuͤg⸗ ſamkeit, und wird dann mehr als aͤrgerlich, wenn 24 die Entbehrungsluſt nach den Flitterwochen, zum Verlangen nach dem Entbehrten wird. 3 Des Weibes Beruf erfuͤlle ſi. d er Reſt iſt vom Uebel. Gute Koͤchin! darfſt dann zu ihr ſagen, oder liebe Amme! Nicht— Mein Weib! Mein 3 Spiegel! Mein Alles! Ich ziehe ſie mir nach! Vergebliche Muͤhe! Sie gaͤhnt, wenn Du lehrſt, ſieht nach den Linſen wenn Du ſchwaͤrmit, will nur die Seiſe erſt herausgeben, wenn Du ſie zur Umarmung lockſt. Ein Phaeton flog voruͤber. Vier Schimmel fuͤhrten den ſchwaͤrzeſten aller Neger nach Stei⸗ nau zuruck. Er ſtarrte mich an und rief— Sie waren dort? Zunm letztenmal! entgegnete ich. Frech, ſehr frech, auf meine Ehre! Ach haͤtten Sie deren! Auch Piſtolen! So ſchießen Sie ſich todt! erwiederte ich und ritt meines Weges. — 23 Bald ward das geſtrige Fenſter im Glanze des Abendgoldes wieder ſichtbar. Entſchließe Dich, ſprach mein Herz: wie oͤde iſt's jetzt in Deinem Hauſe. Quaͤlend wird Dich Malchens bleicher Schatten, wird die Ruͤckerinnerung an je⸗ ne beſſere Zeit, wird der Wechſelſtrom ſeliger und widriger Gefuͤhle den Einſamen verfolgen. Ein Maͤdchen gebe Dir, was Dir ein Maͤdchen nahm. Fuͤr manches ſchlug ich ſchon, fuͤr man⸗ ches ſchlag ich noch, doch ewig dann fuͤr die Ge⸗ waͤhlte nur. Strickend ſaß Roͤschen vor der Thuͤr, auch ſie verklaͤrte das Abendroth und die ſchoͤne Ver⸗ legenheit machte jetzt gemeinſchaftliche Sache mit ihm und trieb ihr das reine Blut ins Geſicht. Ich bin allein, lispelte ſie: der Herr Vetter hat den Vater mit ſich genommen. Leis erſeufzte ich, die Vetterſchaft von vor⸗ hin ſiel mir aufs Herz. Welcher denn? fragte ich kleinlant, und draͤngte ſie in das heimliche Stuͤbchen. 26 Der Vetter Feldwebel! entgegnete Röschen! fie ſchien ein Gewicht auf die Ehre dieſer Ver⸗ wandtſchaft zu legen. Ei, ſprach ich beifaͤllig: das ſind in der Re⸗ gel verdiente Maͤnner. Wohll fuhr das Maͤdchen mit ſteigender Waͤr⸗ me fort: dieſer vor allen. Am dritten Feiertage ward ſein funfzigſtes Dienſtjahr gefeiert; die Ge⸗ neralin hohlte ihn ſelbſt in ihrem Wagen ab. Schoͤn! Praͤchtig! An der Graͤfin Hand tritt er in den glaͤnzenden Saal. Trompeten und Pauken empfangen ihn und jede Ihrer drei Toͤchter reicht ihm einen Kranz. Einen fuͤr jede Wunde. Die hellen Thraͤnen ſind ihm da aus den Augen ge⸗ ſtuͤrzt. Ehre, dem Chre gebuͤhrt! rief ich erhei⸗ tart.— Aus eigenem Antrieb beſchenkten ihn ſeine Soldaten mit einem tuͤrkiſchen Pfeifenkopf, und auf dem ſilbernen Deckel ſtand„Unſerem Va⸗ kerl“ 27 Ein theures Wort! Ja, ſolche Vettern laß ich gelten. Gott zum Gruß, Jungfer Roͤschen! ſprach ein freundlicher, bluͤhender Knabe, und legte zwei Geldtuten auf den Tiſch: ich ſoll einen gu⸗ ten Abend ſagen von dem Meiſter, und das muͤßte ein Irrthum ſeyn, der Herr Vetter haͤtt' ihn ja laͤngſt bezahlt. Bezahlt? fiel Roͤschen ein: Sie ward roͤ⸗ ther als jemals. Bezahlt? wiederhohlte ſie und faltete die kleinen Haͤnde. Schon gut, mein Soͤhnchen! Es waͤre kein Irrthum, ſage Du, und ich kaͤme dann ſelbſt hinuͤber. Der freundli⸗ che Knabe huͤpfte fort. Thraͤnen, Roͤschen? das muß ein unereſ⸗ ter Irrthum ſeyn! Der edle Mann! ſprach ſie zwiſchen Weh⸗ muth und Freude. Zwar iſt er wohlhabend, hat aber acht lebende Kinder, und dieſe Waiſe zum neunten gemacht. Wir ſind ihm, noch von mei⸗ nem Brautſtand her, funfzig Thaler ſchuldig. Die hat denn mein Vater ſo nach und nach zu⸗ 28 ruͤckgelegt, und ſie heute hinuͤber geſchickt. Nun weiß der brave Mann, wie ſchwer uns das wer⸗ den mußte, und leugnet die Schuld ab. Soll mich das nicht ruͤhren? Auch ein Vetter alſo? rief ich begeiſtert. S. Seifenſieder Muͤller, meiner ſeligen Mutter Bruder. O, er iſt ſo gut wie die ſelige Mutter war. J. Vor den Hof⸗Damen, vor dem verſam⸗ melten Adel, auf dem Obelisk im Thiergarten wollt' ich den umarmen— Und waͤre der Kamm⸗ Macher nun auch der Ungekaͤmmteſte ſeiner Zunft, von ſolchen Vettern wird er uͤbertragen. S. Der Kamm⸗Macher? J. Gedachteſt Du nicht neulich eines ſol⸗ chen unter Deinen Verwandten? S. Den Kammerrath meinen Sie wohl? J. Kammerrath? Ei, das iſt ja ſchoͤn! S. Schoͤn? Nein wahrhaftig nicht! Ein ganz elender Menſch iſt das, der ſich ſeiner ehr⸗ lichen Familie ſchaͤmt— Ich erroͤthete— Der durch ſchlechte Mittel ein großes Vermoͤgen er⸗ 29 worben hat, und es nun mit den Vornehmen verpraßt. Meines Vaters aͤlteſter Bruder iſt er. Ach, da koͤnnt' ich Ihnen viel erzaͤhlen! Schon ſeit drei Tagen lag die ſelige Mutter auf bem Brete, die lange Krankheit hatte uns ſo arm gemacht, daß wir nicht wußten, wie ſie mit Eh⸗ ren in ihr Grab kommen ſollte. Der Vater ſchrieb an den Kammerrath, denn hinzugehen wagte er nicht. Was der Jammer ihm eingab, ſchrieb er da, es haͤtte dieſe Steine bewegt, und bat um den Vorſchuß weniger Thaler— Noch heute ſoll er von dem Liebloſen Antwort empfan⸗ gen.. Pfuy, rief ich, Pfuy, Gott ſegne den Sei⸗ fenſieder! Sichtlich thut er das. Seine acht Kinder, man ſieht ſie nur gern. Tage lang bin ich unter ihnen, und nirgends froher. Die Kleinen haͤn⸗ gen inniger an mir als an der Mutter, und wenn ſie ſich ſo, voll Sehnſucht und Zaͤrtlichkeit, an mein Herz ſchmiegen, dann moͤcht' ich nichts lieber ſeyn. 30 Mit naſſen Augen lachte ich. Im Kreiſe meiner Kinder ſah ich den holden Genius, der jetzt, von Ahnungen ſeines Berufs ergriffen, in dieſem harmloſen Geſtaͤndniſſe das ſchoͤnſte Ge⸗ fuͤhl des weiblichen Herzens ausſprach und beru⸗ higte es durch die argloſe Verſicherung daß die⸗ ſer Wunſch unter die erfuͤllbaren gehoͤre. Ach, fuhr ſie fort und entriß mir die gekuͤßte Hand: ach, ſolche Kinder ſind wohl die edelſte Gottes Gabe, ſein wahres, leibhaftiges Eben⸗ bild. Darum hatte ſie der Herr ſo lieb, denn ſeine himmelreine Unſchuld ſtrahlte ihm aus die⸗ ſen unbefleckten Spiegeln zuruͤck. Auch aus dieſem! ſprach ich, und zog ſie ſanft an meine Bruſt: auch Dir hat er ſein Reich verliehen, das Reich der Unſchuld, und der Lie⸗ be. Der Tugend ſanfte Flamme, der Kindheit fromme Schauer, die heilige Gluth der Religion haſt Du in meinem Herzen aufgeregt. O, wen⸗ de Dich nicht ab, Du edle Blume! Dir ſchmeichl' ich nicht und kann die Wahrheit Dich verletzen?— An meine Bruſt! Sei Du mein Weib! 31 Sie wand ſich ſchweigend ab, und Thraͤne fiel, auf Thraͤne, in ihren wallenden Buſen nie⸗ der. Vergebens ſchloſſen ſich die ſchoͤngewoͤlbten Au⸗ gendecken, vergebens wieſen ihre kleinen Haͤnde den heiligen Erguß zuruͤck, laut ſchluchzend flog ſie aus dem Stuͤbchen. Lange harrt' ich ihrer Ruckkehr. Ihr zu fol⸗ gen, wagt' ich nicht. Ein Brief an den Vater blieb auf dem Tiſche zuruͤck, leiſe ſchlich ich mei⸗ nes Weges. Wohl Dir! ſprach der Warner von vorhin. „O, der Wahrheit, o der Guͤte!“ rief mein Herz, O, der Sitten⸗Anmuth! bluͤhte Je im weiblichen Gemüthe, Jeder Tugend Reitz ſo hold?*) — *) G. A. Vürger, Begeiſtert trat ich zu dem verlaſſenen Pulke. Wie beziehungslos erſchien mir Angelo jetzt! Wie hoch ſtand er uͤber dem Unwuͤrdigen, dem er zum warnenden Beiſpiel dienen ſollte, wie hoch dieſe ſanfte Amalie uͤber der Suͤnderin, fuͤr die nun jedes Beiſpiel zu ſpaͤt kam! — Wir verließen den Markis im Kloſter. Ver⸗ gebens harrte er den ganzen Tag auf die jun⸗ ge, ihm ſo werthe Gefaͤhrtin, unterhielt er die wißbegierige Domina mit dem Ausſehn, der Auffuͤhrung, und den Fehltritten der Freun⸗ dinnen, die ſie einſt am Hofe zuruͤckließ, und war der einzige Heilige, zu dem die Nonnen heut andaͤchtige Augen erhoben. Die Tante wußte nicht anders, als daß er, fuͤr ſeine Suͤn⸗ den zu buͤßen, nach Loretto gehe, ſie beſchenkte ihn mit einer Reliquie, warnte vor den ita⸗ liſchen Damen, gab ihm Adreſſen an Kloͤſter die im Rufe wunderthaͤtiger Gottes⸗Muͤtter ſtanden, und fuͤhrte denſelben jetzt durch den hellen Keller, wo ſie ihre koͤſtlichſten Flaſchen fuͤr ihn aufthat, in die duͤſtere Kirche. Er ſah die Altaͤre an denen ſo manches Maͤdchen⸗ Herz den Gott der Liebe geſucht, und nur die Schauer der irdiſchen Sehnſucht gefunden Schillings Schr. 44r Bd. 3 54 hatte, Heilige von Himmelsglanz umfloſſen, deren Blicke die Beterinnen zum Paradis ver⸗ wieſen, und die blumigen Graͤber, durch wel⸗ che ſo Manche ſchon dahin gegangen war. Er ſah das hohe Chor, und lauſchende, verlan⸗ gende Augen hinter den Gittern. Mutter, bat er und kuͤßte die welke Hand der Domina: laſſen Sie mich die Braͤute je⸗ nes Lebens ſehn. Der feurige, von dieſen Braͤuten beneidete Handkuß wirkte, Sie oͤff⸗ nete die enge Thuͤr. Schon war er oben, ſtand, umfloſſen von der Grazie der Jugend, entflammt von den Weinen und der leiſen Gewalt des Eindrucks, ſchoͤn wie Johan⸗ nes, mitten unter ihnen, und ein dienſtferti⸗ ger Meßdiener unterhielt Jene indeß, am Fuß der Chortreppe, mit nothwendig werden⸗ den Ausbeſſerungen. Angelo ſagte jeder ein verbindliches Wort und haͤtte jede gekuͤßt, wenn der Weg zu ſo viel uuberuͤhrten Lippen nicht von drei ſteinalten Schweſtern bewacht wor⸗ 5 35 den waͤre, die mit ihren zitternden Haͤuptern und Haͤnden, gleich wachſamen Hirtinnen, uͤber⸗ all zwiſchen den Wolf und die Laͤmmer tra⸗ ten. O bittet fuͤr mich! rief er uͤber ſie weg, in den Haufen. Laͤchelnd nickten die Jungfrauen, und ihre Augen ſprachen— Nach Kraͤften! Hier, fuhr er fort: verliert der Gott der Zeit ſeine Fluͤgel. Fluͤgel? fiel die Aelteſte der Alten ein: Fluͤgel haben nur die heiligen Engel. Wir beten und arbeiten, verſetzte die zwei⸗ te: das toͤdtet Zeit und Fleiſch— Und ſehn nach dem was oben iſt! rief, zum Himmel ſchielend, die dritte. Nach den ſeligen Maͤrtyrern. Ein Maͤrtyrer, fuhr er fort: bin ich zwar auch, doch kein ſeliger. Statt des Satans hat mich die Grazie verſucht, ſtatt der Folter mein begehrliches Herz mich gepeinigt, ſtatt 2 2 36 der Ketten hat mich Amor mit dem duften, den Guͤrtel ſeiner Mutter gefeſſelt, und die Gluth in der ich den Herrn lobte, war nur die, irdiſcher Kuͤſſe. Jeſus Maria! riefen mit einem Mund und einem Ton die drei Alten und hielten ſchnell die Ohren zu. Auch die Laͤmmchen thaten desgleichen, doch reichten ihre kleinen Haͤnde nicht aus, ſie vor dem Strome ſeiner Rede zu beſchuͤtzen. Er ſah, daß es nur jenen Ernſt mit der Betaͤubung ſei, ließ ſchnell die Stimme fal⸗ len und lispelte— Ewige Jungfrauen, wie beklag' ich Euch! Wie gern waͤr' ich der Beich⸗ tiger, der Vertraute, der Gegenſtand aller Traͤume, in denen ihr die gluͤhenden Goͤtter⸗ Kinder der Phantaſie an Eure ſtrebenden Her⸗ „ zen druͤckt. Da ſtand die Domina vor ihm und be⸗ ſchwor ihn um aller Seelen willen, dieſen hei⸗ ligen Platz nicht durch ſo weltliche Reden zu 37 eentweihn, und die Kloſter⸗Frauen vielmehr durch die Reue und das Leid, welches ihn jetzt uͤber Berg und Thal nach Loretto treibe, zu erbauen. Damit nahm ſie ſeinen Arm. Die Nonnen verſchwanden, und ſahen, aus allen Fenſtern des Kreuzgangs, dem Prediger nach, der ſo theilnehmend zum Herzen ſprach und die ſtillen Funken ihrer Bruſt zu hellen Flammen angefacht hatte; der Friedenſtoͤrer aber, ward in den Gaſthof abgerufen, wo Amalie ſeiner harrte. Endlich! rief er und 4 foß die Seufzende in ſeine Arme. Endlich! erwiederte ſie, und immer zu fruͤh! Gebrochen iſt der Stab, ach, alle Welt wird mich verdammen. E. Ich ſpreche Dich ſelig, was bedarfſt Du noch?* S. Zu den gemeinen Dirnen wird ſie mich werfen, zu den veraͤchtlichen Thoͤrinnen, die Leichtſinn und Luͤſternheit ins Verderben ſtuͤrzt⸗ 38 E. Dich, die Edle, fuͤhrt ein Genius an des Bruders Herz. S. Keinen Troſt, Herr Markis. Schoͤne Worte befangen mich nicht. Ich kenne die Gefahren meiner Lage und das Straͤfliche dieſes Schrittes. Auf halbem Weg erwachte ich, mein Selbſtgefuͤhl ſprach zu mir, mir ſchauerte vor dem Abgrund dem ich entgegen ging, ich wollte zuruͤck. Da trat des Prinzen ehrloſe Leiden⸗ ſchaft, des Fuͤrſten Bannſpruch, des Oheims Haß, der Spott der Neiderinnen zwiſchen den Willen und die That, und eine Zaubergeſtalt winkte von der Grenze her. Die Warnerin verſtummte in meiner Bruſt, vertrauend warf ich mich in Ihre Arme.. E. Fuͤrchte nichts! Dich ſchuͤtzt ſo mancher Talisman. Der Unſchuld Wuͤrde, des Ungluͤcks Heiligkeit und vor allem Auguſta. Nur ih⸗ ren Namen darfſt Du nennen, und alle boͤſe Geiſter fliehen. Seudend ſah Amalie vor ſich nieder. 59 Und mich, fuhr er fort: mich nenne Ange⸗ lo, nenne mich Bruder! O Angelol lispelte die Liebende: er zog ſie ſanft an ſein Herz. Des Lieblings Kuß entband die ſtille, ernſt bekämpfte Gluth, und vermaͤlte die Wechſel⸗Flamme. Geſchloſſen war der heilige Bund und am Morgen der ruheloſen, ſchnell entſchwundenen Nacht fuͤhr⸗ te der zaͤrtlichſte aller Bruͤder die erheiterte Schweſter zum Wagen. Aus jeder Zelle flog ein Wunſch, ſah ein Brautkopf ihnen nach. Auguſta! ſprach Angelo mit elegiſchem Ton, blickte noch einmal nach den Gebirgen der Heimath, zog jetzt ihr ſchoͤnes Ebenbild aus dem Buſen, und brach in ſanfte Klagen aus. Aber die Klagen wiegten ſeine erſchoͤpfte Nachbarin in den Schlummer, und bald ſank ihr Haupt an des Freundes Bruſt. Benei⸗ denswerther! ſprach ſein Herz, wie elend waͤrſt Du ohne dieſe Vertraute. Sieh auf die Hol⸗ de, und zerſtreue Dich. So rein, ſo himm⸗ 40 liſch ſtralte nie der Unſchuld Engelsglanz vom Antlitz einer Sterblichen. Auch war ſie ja Auguſtens Liebling; an ihrem Buſen weinte Sie um Dich. Dieß Auge hat Sie ſchleier⸗ los geſehen, dieß Ohr ſo manches Wort ver⸗ nommen, das nie ein Maͤnner⸗Ohr vernahm — Schlumm're ſanft, Du ſuͤße Schlaͤferin! Sie will ich in Dir ehren und an Augu⸗ ſtens Herz mich traͤumen, wenn Du mich harmlos an das Deine druͤckſt. » ———.4——., 44 Das iſt menſchlich! ſprach ich am Morgen der ſchlafloſen Nacht, als meine Augen am Schluſſe der geſtrigen Arbeit hafteten, auch ich liebe ja in meinem Roͤschen die Verlorne und willig leiht ihr die Phantaſie was mich an jener bezauberte. Da klopfte es, und ſchuͤchtern ſah die Braut ins Zimmer. So blaß? rief ich, und flog der Lauſchenden entgegen.* Bin ich blaß? fragte ſie erroͤthend und warf einen Blick in den Spiegel, nun, ein Wunder waͤr' es nicht. Erſtens ſchloß ich kein Auge, zwei⸗ tens verzeih ich mir dieſen Beſuch nicht, den ich hoͤchſt unſchicklich finde. Drittens— Ich verzeih ihn! fiel ich ein und fuͤhrte die Widerſtrebende zum Sopha. S. Drittens, will zwar der Vater— J. Triumph! 1 S. Auch der Herr Feldwebel— J. Viktoria! S. Aber Vetter Muͤller— J. Wird gewonnen. 4. S. Glauben Sie? Ich— glaub' es nicht. J. Wird verleugnet. S. Uunſer Wohlthaͤter? Nein, lieber todt als undankbar! J. Die Liebe, gutes Roschen, ehrt keine Pflicht!. S. Ach Gott! dann haͤtte der Vetter nicht unrecht. J. Worinn! Was meint er denn?. 3 S. So mancherlei, was ſich nicht wohl ſa⸗ gen laͤßt. J. Nicht? Sei's auch das Uebelſte, ich werd' es widerlegen, und ihn eines Beſſern be⸗ lehren. S. O, koͤnnten Sie das. Schreibt Dein Siegfried Romane, ſagte der Vetter, ſo ſaͤet er Unkraut. Die Poeten, behauptet er, waͤren in der Regel ſchlechte Wirthe, ſelten kluge, noch ſelt⸗ ner gute Menſchen. Sie verachteten Gottes Ge⸗ bote mie den Nächſten, und ſäͤhen von ihren Stel⸗ 4 1 43 zen nur ſo herab. Das ſind ſeine Worte. Ihre ausgeartete Einbildungskraft mache ſie zu Phan⸗ taſten, und wer nicht mit ihnen, bald verzwei⸗ feln, bald gen Himmel fahren koͤnne 5 der ſei in ihren Augen ein— Pinſel. Sie beſaͤngen die Tugenden, und waͤren ſelbſt ohne Tugend, floͤſ⸗ ſen von Erhabenheit und Menſchlichkeit uͤber und mißhandelten ſich doch oft, vor aller Welt Augen, auf das Gemeinſte. Liebes RNoͤschen, ſiel ich verdrießlich ein: da hoͤrt man den Seifenſieder. Hat er denn Unrecht? fragte ſie. Nicht durchaus, entgegnete ich, aber was haben dieſe Beiſpiele und Ausnahmen von der Regel, mit unſerm ſtillen Gluͤck gemein? Komm an mein Herz, und erheitre Dich. Dieſe Stim⸗ me, dieſes Auge, dieſer Zauber wird ſicherer als alle Gegen⸗Beweiſe, des Herrn Vetters Ein⸗ ſpruch in ein ſanftmuͤthiges Ja verwandeln. Da⸗ rum thue das Deine. Ach, ich that es ſchon! ſprach ſie laͤchelnd. 44 Die Schlange des Paradieſes nannt' er mich, uͤber die er leicht ſelbſt ein Buch ſchreiben koͤnne. J. So? Iſt der Mann noch jung? S. Funfzig geweſen. Und um Gottes wil⸗ len bat er mich, ihn mit Thraͤnen zu verſchonen die er nicht ſehen könne und lief aus der Stube, als ich dringend ward. J. Er koͤmmt zuruͤck, gutes Roͤschen! Dann ſchmeichelſt Du wieder, dann weinſt Du, faͤllſt ihm um den Hals— In einem ſolchen Fall ge⸗ ſtatt' ich das— Willſt vergehn, wirſt krank wer⸗ den, wirſt boͤſe Augen von dem Jammer bekom⸗ men— haſt keinen Troſt auf Erden mehr. S. Dann freilich ſpricht er Ja! ſpricht„Geh und nimm ihn”“— ſpricht„Gott ſegne Dich!“ und dergleichen, aber dann— liebt er mich auch nicht mehr. J. Ich ehre Deine Anhaͤnglichkeit, doch muß, beim Lichte betrachtet, die Gleichguͤltigkeit eines Lichtziehers ſich endlich doch ertragen laſſen. Da lob' ich mir den Feldwebel. und den Vater! ſiel ſie ein. Er herzte und 45 kuͤßte mich. Nun kann ich ruhig ſterben! rief er, und zerdruͤckte eine Thraͤne im Auge. J. O, haͤtte die der Vetter geſehen! mehr als ein Strom der Deinen haͤtte ſie gewirkt. Glauben Sie das nicht! entgegnete Roͤschen. Wollte ich ihm die Troſtloſe zeigen, er beſtellte noch heute das Hochzeitgeſchenk; doch immer hab⸗ ich ſolche Gaukelei verachtet. J. Sehr gewiſſenhaft fuͤr ein liebendes Maͤdchen! 1 S. Moͤchten Sie ein gewiſſenloſes? Auch lieb' ich die ſelige Mutter in ihm, und ein ſo heiliges Gefuͤhl laͤßt ſich viel ſchwerer als jedes irdiſche verletzen, denn mein Gewiſſen ſtraft mich da. Dich aber— Sie aber— wiederhohlte die Erroͤthende, Sie lieb' ich anders! Waͤrmer, inniger, als Sie dereinſt die Gattin lieben wer⸗ den— J. O ſage das nicht! Lieben koͤnnten! ſetzte ſie hinzu, errͤthete wieder und ſeufzte tief. J. Koͤnnten? wie nehm' ich das? 46 S. Wie ein Geheimniß, das mich tief be⸗ kuͤmmert. J. Du erſchreckſt mich! Was waͤr' an Dir nicht liebenswerth? S. Der Schein betruͤgt. J. Doch die Wahrheit nicht, und dieſe hol⸗ de Goͤttin ſtellſt Du dar. Entdecke Dich! S. Wohl muß ich das, und darf den Mann nicht taͤuſchen; doch wie ich's ſoll, iſt mir noch dunkel. Wenige Worte reichen hin, entgegnete ich mit zitternder Stimme: und Dein Vertrau'n wird mich entzuͤcken. Es iſt ein Ungluͤck! lispelte ſie weinend, und. doppelt groß, da Sie es wiſſen muͤſſen, und ich's nicht vorzutragen weiß. J. Ein Ungluͤck nur 2 S. Nur? ſagen Sie? J. Ich ſage gar nichts. Ich ſteh' vor einem Raͤthſel, und du ſpanuſt mich auf die Folter. S. Mich ſelbſt! O ſehn Sie, wie ich bebe. 6z) . Wie eine Schuldige! Nein— es war Fritzens Schuld! Wie?— rief ich und mein Blut er⸗ 2 ſtarrte. Hilf Himmel, ſprach ſie: was begegnet Ih⸗ nen? Noch wiſſen Sie ja nichts und ſind ſchon außer ſich. 8 Nichts? ſtotterte ich aufſpringend, und ein ſchmerzliches Laͤcheln verſchoͤnte den Zauberſpiegel vor dem ich ſtand. Aber Sie werden doch ſchweigen? lispelte die Seufzende: denn außer meinem ſeligen Braͤu⸗ tigam weiß kein Menſch von der Sache. J. Ach haͤtteſt Du geſchwiegen! S. Und Sie betrogen? J. Selig ſind die Betrogenen! S. Aber nicht die Betruͤgerinnen! Nun hoͤ⸗ ren Sie mich. J. Ich habe gehoͤrt. Bis zur Taubheit haſt Du mein Ohr geſpannt, und die Rechtfertigung erlaß ich Dir gern. S. 9 mein Gott! 48 J. Ich liebe die Wittwen nicht, und die Schlangen werf' ich von mir. Wir ſind geſchie⸗ den. S. Geſchieden? ſtammelte Sie: geſchieden und warum? J. Welche Frage? S. Was verbrach ich denn? J. Nichts! Nichts! der ſelige otcdarßt traͤgt die Schuld. S. Eine verzeihliche. Seine Liebe— mei⸗ ne Angſt— J. O Weiber, und die Holle! S. Ich hatte die Blattern. Schon recht! 8 Das Gift warf ſich in die linke Bruſt— Da hegt Ihr es! Er behandelte mich. Gott ſei's geklagt! Ihr Zuſtand machte die Oeffnung noth⸗ 9 A A 8 wendig. Ich horchte auf. Lange widerſtrebt' ich; die Gefahr beſiegte 5 5 Scham und Widerſtand. Aber hier verließ der Wundarzt den Liebenden, und ſeine unſtaͤte Hand verletzte mich. Das Uebel ward aͤrger— Zwar rettete mich ſeine Kunſt, doch konnt' er nicht die tiefen Narben von mir nehmen, die ich nun, zum Gedaͤchtniß ſeiner frommen, ſchuͤchternen Liebe trage— Nichts weiter? ſiel ich ein: mein ſeliges Lächeln verdoppelte die Gluth auf den Wangen der Heiligen. Mehr als genug! erwiederte ſie, und ver⸗ barg ſanft weinend ihr Antlitz. Sie werden mich entzuͤcken! verſicherte ich troͤſtend: o beweine ſie nicht. S. Nein, um den Todten weine ich! Er tritt vor meine Seele, und ſolche Thraͤnen ver⸗ giebſt Du mir. Sie adeln Dich! ſprach ich geruͤhrt. Frmm und verſchaͤmt wie er, will ich Dich lieben, um einſt wie er, beweint zu ſeyn. Unſchuld nur ver⸗ ſchoͤnert des Maͤdchens Bruſt und Herzens⸗Fle⸗ Schillings Schr. 44r Bd. 4 50 cken nur entſtellen ſie. Wie fleckenlos biſt Du, Holdſelige! 5* Zartlich neigte ſie das thraͤnenvolle Angeſicht uͤber mich; ich kuͤßte feurig dieſe Perlen auf. Der Vetter ſoll! Der Vetter muß! lispelte ich unter den Kuͤſſen. 2 Der Vetter will! entgegnete Roschen, doch erſt dann, wenn Sie ein Amt haben. Ewig, erwiederte ich ſeufzend: flieht die Grazie das Arbeitshaus, und tuͤchtige Maſchi⸗ nen ſind dort willkommener als ſchoͤne Geiſter. Das iſt ein Ungluͤck! ſeufzte Roͤschen. J. Schon manchen Weg bin ich gegangen. Noch immer vergeblich. Dem einen ſchien mein Anſtand zu keck, dem andern meine Sprache zu kuͤhn, den dritten brachte mein Tituskopf auf. Der Praͤſident ſorgt nur fuͤr ſeine Vettern, der geheime Rath fuͤr ſeine Soͤhne, der Miniſter nur fuͤr den Meiſtbietenden. Doch das betruͤbe Dich nicht. Dort in Oſten thront ein Schutzgott der Muſen und zum Titular⸗Rath will er mich, aus hüchſt eigner Bewegung erheben.. ᷑8 5 8 Ich eine Raͤthin? ſprach ſie und ſah eni. thend auf ſich nieder— Du biſt mehr als Du werden kannſt! entgeg⸗ nete ich: biſt Koͤniginn! Selbſt Shakeſpear er⸗ klaͤrt Dich dafuür.„Der Schooͤnheit fuͤrſtliche Majeſtaͤt“ ſagt er im Heinrich:„hat die Gewalt, die Zunge zu laͤhmen und alle Sinne zu betaͤu⸗ ben.“ Ach, und noch eins, lieber Heinrich, fiel die Koͤniginn ein und hielt mir den Mund zu. Das Auskommen! Es ſei ein Hauptpunkt, meint der Vetter. G J. Immer zu fruͤh kam ich bisher aus, doch dafuͤr ſchuͤtzt mich kuͤnftig die reiche Frau. S. Spoͤtter! J. Die biſt Du. Nur wirthliche Maͤbchen ſind reiche. Man klopfte— Jeſus! lispelte ſie und rang die Haͤnde. Ins Kabinet! fluͤſterte ich, drangte die Zit⸗ ternde dahin und rief nun gebieteriſch— Her⸗ ein! 54 Die Schläſſel, ſprach Amalie: die Schlüſſel zum Qrnartier erbitte ich mir. Lange ſucht' ich in meiner Beſtuͤrzung verge⸗ bens, und reichte ſie nun ſchweigend hin. S. Biſt Du krank, Heinrich! J. Gottlob, nein? S. Und doch ſo finſter. J. Weil ich Dich ſehe. S. Unbilliger! J zend: wir zieh'n nun aus. J. Du kommſt mit Ihm? S. Im neuen Phaeton. Sieh hinab. Er ging aus. Ich bin allein! J. Ich nicht! und mein' es(weinend) gut mit Dir! Und komme jetzt, Dich zu verſoͤhnen— Der Schei⸗ dung Leidensfeſt zu feiern— Mit Thraͤnen Dir fuͤr jedes Opfer der Vergangenheit zu danken, Dir jeden Seufzer abzubitten. O, wende Dich nicht ab! O, kehre noch einmal an Deiner Freun⸗ din Bruſt zuruͤck, zum Lebewohll!— Koͤnnt' ich vergelten! koͤnnt' ich's doch! Heinrich, kalter Menſch!(Sie flog an meinen Hals) Den letzten Kuß verſagſt Du mir? Ich kuͤſſe keine Braut. Nenne mir die Deine. Du warſt es! Laß dieſe Wunden ruhn! Ach, ich be⸗ neide ſj Wie gluͤcklich wird dieß liebevolle Herz ſie machen.. J. Und ſie beneidet Dich. Im neuen Phae⸗ ton faͤhrſt Du, und wir gehn zu Fuße. S. Schweig! J. In Atlas rauſcheſt Du, ſie tritt nur in Kattun einher. S. Ein großes Gluͤck!. J. Dein ſchoͤner Jaͤger ſpricht ſein„Man ſagt nur ſo“ nur hinter Deinem Ruͤcken aus, mich macht die Einaͤugige, ſo oft es ihr gefaͤllt, zum Stichblatt ihres Stundenkummers. S. Alles, weißt Du, duld' ich ja von Dir. J. Dein iſt das ſchoͤne Steinau und das kee, e ba bluͤhende Roſenheim; Heinrichs Braut hat keine Guter als ihre Tugenden und mein Herz. 3 S. Ich muß ſie ſehen, muß ſie ſprechen, muß ſie lehren, wie ſie Dich gluͤcklich machen kann. J. Du? S. Ich, die ich Dich kenne. Wo iſt ihr Bild? 8 J. Ganz in der Naͤhe. Aber derlange das 3 nicht. Schon das todte Gemaͤlde wuͤrde Dich nie⸗ derſchlagen; mit welchem Geſicht, mit welchem Gefuͤhl koͤnnteſt Du vor den heiligen Engel der Unſchuld treten. 1 S. Schonungloſer! J. Als was ſollt' ich Dich vorſtellen? Die ganze Stadt weiß um Dein Verhaͤltniß, auch ſie.— ungerufen trat Roͤschen jetzt, zu meinem Er⸗ ſchrecken, aus dem Kabinet. Ich bin es! ſprach ſie, von Theilnahme und holder Schuͤchternheit verklaͤrt und ſchritt mit einem holdſeligen Laͤcheln zu dem auffahrenden Malchen hin. Schnell ver⸗ 55 blaſſend ſah dieſe an der glaͤnzenden Erſcheinung nieder, und erkannte meinen, einſt ſo unfreund⸗ lich von ihr abgewieſenen Morgenbeſuch in der Beneideten. 4 Ja, ich bin es! wiederhohlte Röschen, und werde dankbar jeden Wink der Kennerin empfan⸗ gen, denn ſein Gluck iſt ja das meine. Vergeben Sie einer Beſtuͤrzten, entgegnete Amalia und erhob, ſchnell gefaßt, den Kopf: noch wußt' ich nicht, daß Sie in ſeiner Kammer lauſchten. Ihr Eintritt verſcheuchte mich— ſtotterte Röschen, die eines viel andern Empfanges ge⸗ waͤrtig zu ſeyn ſchien. Das glaub' ich gern, fiel jene ein, und lach⸗ te ſo bitter, daß ich, ſchnell empoͤrt, A malia! rief. Ich wuͤnſche Gluͤck! fiel ſie ganz unerſchro⸗ cken ein: Dir zu dem unſchulds⸗ Engel, der aus dem Verſtecke trat, mir zu der Freudigkeit, mit der ich mich, trotz Deiner Beſorgniſſe, vor ihm ſtehn ſehe. 56 Füͤhren Sie meine Sache! ſlehte Roͤschen: ſie ſchmiegte ſich beaͤngſtigt an den Braͤutigam. 2 Die Jungfer waͤhlt da einen Heuchler zum Vormund, erwiederte Amalie: einen Gleisner, der laut uͤber Schwachheiten tobt, indeß er belſt der Schwaͤchſte iſt.. Sie hier? rief herein ſtuͤrzend der Baron; er eilte auf Amalien zu. 4 Sich zu beurlauben! entgegnete ich laͤchelnd, ſein Grimm entlud ſich in franzoͤſiſchen Floskeln. Amalia warf verblaſſend die Schluͤſſel aus einer Hand in die andere, und trat flehend zwiſchen uns, als der Erbitterte mich beim rechten, ich ihn beim linken Arme faßte, und das Fenſter aufriß. Eben marſchirte die Garde voruͤber, und ſeit Monaten ſahen ihre Fuͤhrer zum erſten Ma⸗ le wieder zu der Quele herauf, und Amalien, welche heute das Sehn und das Danken vergaß, unter ihren ſtuͤrmiſchen Freiern. Vergebens ſpra⸗ chen wir beide vernehmlich, die Trommeln uͤber⸗ toͤnten den Ausdruck, und kaum waren dieſe ver⸗ ſchollen, als ein wiederhohltes, hoͤchſt lebhaftes 57 Klopfen mich, von dem Freiherrn weg, an die Thuͤr zog, durch welche jetzt ein grau gekleidetes, finſterſehendes Maͤnnchen hereinbrauſte. Du hier? rief er, und trippelte auf Roſet⸗ ten zu, die ihr kleines Geſicht in der Angſt mit beiden Haͤnden bedeckte. Gute Geſellſchaft! ſprach der Baron, und lachte laut. Lieber Erdmann! bat Amalie. Hinab! fiel er ein, faßte die ſtreichelnde Hand, und zog ſie fort. Hinaus! rief der Graurock, riß dem geiſter⸗ bleichen Roͤschen die Hand vom Geſicht, und ſchnell verſchwand das Publikum der ſeltſamen Polonaiſe. Ich ging heftig auf und nieder, ward blaß wenn ich Amaliens, roth, wenn ich Roͤschens ge⸗ dachte, und beides zugleich, als es jetzt von neuem klopfte. Meiſter Muͤller bin ich, ſprach der Eintre⸗ tende: Sie verzeihen meine Kuͤrze von vorhin. 58 Sie hoch! Schlecht und recht, das iſt mein Wahlſpruch. Aber von mir iſt die Rede nicht. J. Von dem guten Roͤschen vielmehr— Von dem holden, frommen, liebevollen Geſchoͤ⸗ pfe, das ſeines Gleichen ſucht.— Von der Him⸗ mels⸗Bluͤthe die mich mein Genius finden ließ, die ich, mit Ihrer Erlaubniß, in dieſes Gaͤrtchen verſetzen und hegen und pftegen werde, wie ei⸗ nen Lebensbaum. Unvergleichlich! entgegnete der Ohm: ich kann mir denken, wie freundlich die Verblendete zu ſo ſchoͤnen Worten ſehen mag. Die ſind ihr denn naturlich bis in das innerſte Gemuͤth ge⸗ drungen, die haben alle Scham und Schen und Gottesfurcht in dem ſtillen, kindlichen Herzen vertilgt, und die Verlorne bei hellem Tage, vor aller Menſchen Augen, ins Netz gefuͤhrt. Der Schein iſt gegen uns, erwiederte ich ſanftmuͤthig: aber glauben Sie mir, Herr Muͤl⸗ ler, es gaͤbe keine Laſterhaften, es gaͤbe kein J. Braver Mann! Edler Mann! Ich ſchaͤtze ₰ 39 Elend, keine Vaterthraͤnen, keine Scheidung mehr, wenn jedes Maͤdchenherz dieſe heiligen Schaͤtze ſo rein bewahrte, als Roͤschen die geprieſenen, bis zu dieſer Stunde, fuͤr den gluͤcklichſten aller Maͤnner aufgeſpart hat. Ich weiß das am be⸗ ſten! Und darf die Frau um den Gatten ſeyn, warum ſollte die Braut mich flie hen? Ein Wort wie tauſend, ſiel der Meiſter ein und ſtampfte mit dem reich beſchlagenen Rohr auf den Boden, ſie ſoll und muß nun die Ihri⸗ ge werden. Hoffnung geben, Ehre nehmen— Ei, das kann ein Jeglicher! J. Warum ſo hitzig, beſter Mann? Dieſe Erklaͤrung macht uns gluͤcklich. Ich bin kein Frie⸗ deſtoͤrer. E. Nicht? Das waͤre viel! Nun ſo beſtell' ich das Aufgebot. J. Ungern wuͤrd' ich das Titelblatt meines ſchoͤnſten Romans auf der Kanzel verleſen hoͤren. Wir loͤſen einen Befehl. E. Deutet auf muthmaßlichen Einſpruch. J. Nur den Ihren fuͤrchtete ich! 60 E. Iſt Null und nichtig. Gut dann! Den Befehl loͤſe ich. Den Befehl zu Kreuz und Reue! Aber beſſer doch, ſie wird eine ungluͤckliche Frau als— Nichts fuͤr ungut! Als ſo eine Jungfer Muhme von Ihnen. Da bleibt uns, leider! kei⸗ ne Wahl. Wohl uns! rief ich, der Laſt entnommen, begleitete den Hochzeitbitter bis zur Treppe, und eilte meinen Fluchtlingen, deren Schickſal ſich nothwendig vor Roͤschens Beilager entſcheiden mußte, uͤber die Alpen nach. ve V 61 Zerſtreuung iſt das Heilbad des Lebens. Sie ſtillte die Schmerzen der Trennungs⸗Nacht in Angelos Bruſt, und das Heimweh der bangen Gefaͤhrtinn, die ihre Heimath jetzt an ſeinem Herzen fand. Immer romantiſcher ward ihr Verhaͤltniß, feuriger der Vertraute, ſchoͤner die Erde und der Odem Hesperiens wehte ſie berauſchend an. Einſam liegt, beſchattet von Platanen, am Garda⸗See eine Villa, welche die mittelloſe Beſitzerin dem reichen, ihr von Verona aus empfohlnen Kaͤufer, willig abtrat. Drei Mon⸗ den entflohn, noch blieb das Paradies ohne Schlange, noch dufteten die Lebens⸗Baͤume, noch ſchreckte die Glorie der Unſchuld den Feu⸗ rigen von jedem Heiligthum zuruͤck, das„die keuſch erroͤthende Kamoͤne“ bewachte. Taͤglich ward es ihm klarer daß Auguſta verſcherzt, 62 daß ſie auf ewig fuͤr ihn verloren, daß jeder Seufzer unnuͤtz, und ſein Gram um den Ver⸗ luſt, ein Naub an ſeinem Leben ſei; taͤglich be⸗ wies er das der zaͤrtlichen Schweſter, und Amalie widerſprach dem nicht. „Bald, mein Theurer!“ ſchrieb ihm jetzt ein Freund aus der Heimath, nſehn wir uns wieder. Auguſta iſt die erklaͤrte Braut des fuͤrſtlichen Werbers, den ſie fruͤher verwarf. Man beſchleunigt das Hochzeitfeſt, und ſobald er ſie heimfuͤhrt, wirſt Du zuruͤckgerufen, und fuͤr die kurze Verbannung nach Wuͤrden ent⸗ ſchaͤdigt. Ich ſprach die Aya. Sie ſcherzte uͤber die fluͤchtige Wallung junger Herzen, der man, ſehr uͤbereilt, den Charakter einer ern⸗ ſten Leidenſchaft geliehen habe, uͤber Deine Zaͤrtlichkeit gegen die Nonnen zu St. Jakob, uͤber die ruchbar gewordene Entfuͤhrung der fuͤrſtlichen Kammerdienerinn und geſtand, daß das Benehmen dieſes liebenswuͤrdigen Fluͤcht⸗ lings, lauter als ſelbſt das Fuͤrſtenthum des 63 Nebenbuhlers, fuͤr dieſen geſprochen habe, daß Angelo vergeſſen und verworfen ſei.“ ꝛc. Der Eilbothe traf, ſpaͤt in der Nacht, auf der Villa ein. Angelo ward geweckt, er las und verblaßte. Empoͤrter Stolz, gekraͤnk⸗ te Liebe, neu auflodernde Flammen der ſchlum⸗ mernden Leidenſchaft ſchwellten ſein Herz, und trieben ihn nach Amaliens Zimmer. Wohl⸗ verſchloſſen war die Thuͤr, ſein Ruf weckte die Schlafende— Einen Brief aus der Hei⸗ math, Neuigkeiten von der hoͤchſten Bedeu⸗ tung, die Entwicklung ſeines Schickſals ver⸗ kuͤndete er der Ueberraſchten und wie ſie ihn kannte, durfte ſie es wagen, den Riegel zu oͤffnen.. Maͤdchen⸗Schwuͤre, Maͤdchen⸗Treue! rief der Eintretende, und warf ſich auf die Otto⸗ mane: Sie verrieth mich, Sie iſt Braut. Braut? lispelte Amalia ſchnell ermuntert. E. Und vergaß und verachtet mich! S. Nein, Nein das kann ſie nie! 64 E. Weil ich Dich rettete, weil eine Hexe von Domina, weil ihr betaͤubender Wein, weil meine gluͤhende Sehnſucht nach dem ver⸗ loenen Himmel, an jenem Tag im Kloſter ei⸗ nen wahnſinnigen Schwaͤtzer aus mir machte. Sie weiß von mir? fragte Malchen erblaſſend. E. Und fuͤr wen giebt ſie mich hin? Die⸗ ſer gelbe Zwerg bricht die Roſen, vor denen ich anbetend lag, zerſtoͤrt ein Paradies, um das wohl Engel mich beneidet haͤtten, raubt mir ein Herz, das ihre Fuͤrſtenthuͤmer aufwog. Nein, Nein! ſie iſt kein Weib! Sie waͤre mir gefolgt; ſie haͤtte den Purpur weggewor⸗ fen, dem Vorurtheil getrotzt, an meiner Bruſt ein beſſeres Gluͤck gefunden. O, Sie kannte dieſen Angelo nicht, ahnte nicht, daß ich Dich wie einen geſchlechtloſen Genius ehrte, daß ich, durch goͤttliche Entſagung, Ihr das herr⸗ lichſte und ſchwerſte aller Opfer brachte. Amalie gab das zu, und verlor viel troͤ⸗ ſtende, beifaͤllige Worte an ſein taubes Ohr. 65 Aber mein Entſchluß ſteht feſt, rief er jetzt, und umarmte ſtuͤrmiſch die Troͤſterinn: Du biſt mein! Als Mann und Weib treten wir vor Sie. An Ihren Hof verfolg' ich die Treue loſe, und wie Banquo's Geiſt ſoll unſer Gluͤck zwiſchen ihr und jeder Freude ſtehen. Vergleichen ſoll ſie und elend ſeyn. Du biſt mein! Amalie Di Amone von nun an, mor⸗ gen ſoll uns der Prieſter vermaͤhlen. O ſchoͤ⸗ nes Blatt, o Himmelsſtrahl in der Geſchich⸗ te meines Lebens— Ich liebe Dich! Betaͤubt, berauſcht, bezaubert von dem Ge⸗ ſtaͤndniſſe, das er mit gluͤhenden Kuͤſſen ver⸗ ſiegelte, uͤberſah die Bedraͤngte fuͤr den Au⸗ genblick den truͤben Auell, aus dem dieſe Ver⸗ goͤtterung rauſchte, fuͤhlte nur die Wolluſt der belohnten Liebe, die Laſt ihres Gluͤcks, die Flammen ihres Buſens, die Zauber der Lethe die ſie von ſeinen Lippen trank, und erwach⸗ te ſpaͤt am Morgen, ſchamroth zwar, doch hoffnungsvoll in des Braͤutigams Armen. Schillings Schr. 44r Bd. 5 66 Ein Funke von Pſychens Fackel weckte einſt den ſchlummernden Amor, eine warme Thraͤ⸗ ne den ſchlummernden Angelo. Zuͤrnend floh jener die Frevlerinn, liebend umſchlang der Frevler die Weinende; ihr Kummer floh un⸗ ter ſeinen Geluͤbden. Begleitet von den feurigſten Wuͤnſchen, be⸗ geiſtert von der gluͤhenden Dankbarkeit der Ge⸗ tröſteten, eilte Di Amone am folgenden Tage nach Verona, um Anſtalten zu der Vermaͤh⸗ lung zu treſſen. Mit allem Gepraͤnge der Kirche ſollte der Biſchoff ſie vollziehen, und die Edlen der Stadt Zeugen des ſchoͤnſten Fe⸗ ſtes ſeyn. Verſunken in ſuͤße Traͤume rief er, auf dem Wege, die Vergangenheit zuruͤck, den Tag an dem er zum erſtenmal vor ihr ſtand, den Ball, zu deſſen Anſchauen er der Schuͤch⸗ ternen half, die Nacht die ihm folgte, die ſelt⸗ ſamen Lagen, welche ſein Herz zu ihr hinneig⸗ ten, die zarten Gefuͤhle der Theilnahme, des Mitleids und der Dankbarkeit, die es der wohl⸗ 67 thuenden Pflegerinn des Kranken gewannen. Er wußte nun, was ſie ſchon da fuͤr ihn em⸗ pfand, was ſie an ſeinem Bette litt. Mit der Geſchichte ihres Grams hatte ſie ihn in dieſen Stunden der innigſten Geiſtes⸗Eroͤff⸗ nung unterhalten, und durch dieß ſchmeicheln⸗ de Geſtaͤndniß neues Lebens⸗Oehl in die Flam⸗ me ſeines Opfers gegoſſen. Halt! ſcholl es jetzt, er fuhr beſtuͤrzt em⸗ por, Auguſtens Mohr ſah in den Wagen. Ein Brief von Ihrer Hand! Kaum vermochte der Zitternde ihn zu oͤffnen, that hundert verwor⸗ rene Fragen an den Ueberbringer, welcher Tag und Nacht geritten zu ſeyn betheuerte, ſich Gluͤck zu der Begegnung wuͤnſchte, und ſtatt aller Antwort auf die Depeſche wies. Von Ihrer Hand! wiederhohlte Di Amo⸗ ne und las—. „Ich glaube der Verlaͤumdung nicht, „und ward ich Braut, ſo ward ich 68 „es, ein theures, hartbedrohtes Da⸗ „ſeyn dem zu retten, der ewig fuͤr „mich leben, doch nimmer fuͤr mich „ſterben ſoll. Mein Vater iſt ſeit „geſtern todt, Auguſta bereit, dem „Manne zu gehoͤren, den ſich mein „Herz erkohr, den meine Thraͤnen, „meine Seufzer feierten— Weinend⸗ „trauert die Tochter, doch freudig „hofft die liebende Auguſta.“ Angelo ſank betaͤubt zuruͤck. Er ſtarb am Schlage! rief der Mohr in den Wagen und muͤndlich ward mir noch geſagt, kein Augen⸗ blick ſei zu verlieren. * 69 Blaͤſſer als Angelo, trat mein Muͤhmthen jetzt ins Zimmer. Hilf mir, rief ſie: ſchuͤtze, verthei⸗ dige mich. Dir gehoͤr' ich an, fuͤhre Du meine Sache! Er toht, er wuͤthet. Eine Verraͤtherinn ſieht er in mir, will mich verſtoßen. Vor ſeinen Leuten hoͤrt' ich mich herabwuͤrdigen, unbeladen kehren die Wagen zuruͤck. Da haben wir's! ſprach ich, von einem Fie⸗ berfroſt befallen. Deine Schuld! fuhr ſie lautweinend fort. Eſchen weiß, daß wir uns geſtern im Walde ſpra⸗ chen. O! wie viel mußt' ich ſchon um Deinetwil⸗ len leiden. Vergebens ſagt' ich Dir oft, daß Deine ſtuͤrmiſche Hitze mein ganzes Gluͤck zerſtoͤ⸗ ren werde. Es iſt zerſtoͤrt! J. O laͤngſt! Da ſchon, als Du noch Sorge dafuͤr trugſt. S. Hinab! Bei allem was Du vormahls fuͤr mich fuͤhlteſt, litteſt, thatſt— Um Deiner 908 Ehre und meines Lebens willen, geh hinab, ſprich ihm zu, ſchwoͤre, daß ich nicht ohne Zeu⸗ gen bei Dir war, daß ich Dich geſtern feindſelig zuruͤckwies. Verſöhn' ihn! Mein Ungluͤck ruhre, entflamme Dich. Auf meinen Knien will ich Dir danken, will taͤglich fuͤr Dich beten, Dich lieben wie mich ſelbſt, Dir nichts verſagen. Geh ich, Malchen! ſo koſtet es Blut. Die Veranlaſſung iſt vom Zaun geriſſen, denn wer die Bluͤthen bricht, verſchmaͤht die Frucht. Eine werdende Mutter fleht zu Dir. Rette dieſem Kinde den Vater, mich von der Schande. Im naͤchſten Waſſer begrab' ich ſie! Das fehlte noch! dacht' ich und ging. Eben jagte er im neuen Phaeton aus dem Hauſe und von aller Herrlichkeit war nur das Stroh der leer zuruͤckgekehrten Ruͤſtwagen vor der Hausthuͤr ſichtbar. Lachend ſah der Jaͤger zuruͤck. Er fuhr eben aus! lispelte ich. Aus? ſtammelte ſie— Aus? Davon! Die Reiſe Stallmeiſterinn laͤg mir ohnmaͤch⸗ tig in den Armen. 1 1 71 Faſt waͤr' ich es ſelbſt worden. In der Hoͤl⸗ le wird gerichtet!— rief ich, erſchuͤttert von dem Anblick des beweinenswerthen Opfers. Ich ſterbe! ſprach ſie erwachend, und reich⸗ te mir ihre zitternde Hand. Noch iſt ja Hoffnung! troͤſtete ich. Ach, meine Mutter! rief ſie, ein Thraͤnen⸗ ſtrom brach aus ihren Augen. Iſt ſie da? fragte ich. Auf dem Gute! fiel Malchen haſtig ein: Gichtkrank und voll Kummer verließ ich ſie. O, einen Wagen, Heinrich! mir iſt wohl. Hinaus, will ich, zu ihr, an meinen Platz! Ich fand das kindlich, lobenswerth, neben⸗ her auch zweckmaͤßig, und ſandte ſie, unter Ro⸗ ſauras Fluͤgeln, mit Ertra⸗Poſt au die Behoͤrde. * 72 Aluguſta ſtand jetzt einem Goͤtterbilde gleich, vor Angelos Augen. Die geweckte Sehnſucht, der geſchmeichelte Stolz, die berauſchende Hoff⸗ nung ſchwellte ſein Herz. Ihr feuriges Ge⸗ 5 ſtaͤndniß verhieß ihm die goldene Frucht der dauernden, der hoͤhern Liebe, die Geiſter ſei⸗ ner Ahnen winkten dem Zoͤgernden und im⸗ mer kleiner ward Amaliens Schatten, den 8 Nitleid und Pflichtgefuͤhl nur ſchwach gegen den Andrang dieſer Zaubergeſtalten verthei⸗ digte. Wo war ich? rief er ſich endlich, am Ziel des Kampfes zu. Der Enkel von Fuͤrſten, Auguſtens Liebling, im Begriff die Schaͤfer⸗ ſpiele ſeiner Kindheit zu wiederhohlen. Unſe⸗ lige Verirrung meines Herzens, das in der Wallung Maß und Ziel vergaß, und unbe⸗ zahlbare Vorrechte hinwarf, um ein ſehnſuͤch⸗ 73 tiges Maͤdchen zu vergnuͤgen. Aber Amalie iſt gut, verſtaͤndig, voll Edelmuth. Der Fee⸗ enruf der mein Schickſal umgeſtaltet, wird auch Sie entzaubern, wird ihr wie mir, in der Vergangenheit nur ein romantiſches Aben⸗ teuer zeigen, zu fluͤchtig um beweint, zu ſuͤß um je bereut zu werden. Gold kann vergel⸗ ten was Erkenntlichkeit hingab, und ungemeſ⸗ ſen wie meine Uebereilung, ſoll meine Dank⸗ barkeit ſeyn. Voll ſtiller Sehnſucht ſah die harrende Braut am folgenden Morgen, vom Söoͤller der Villa, zu dem Wege hin. Jetzt kraͤuſelte ſich der Staub im Orangen⸗Hain, doch nur ein Reiter kam, ſtatt des Wagens, nur ein Brief ſtatt des Braͤutigams. Zitternd erbrach ſie ihn, wollte ihren Au⸗ gen, ihren Sinnen nicht trauen, glaubte zu traͤumen, las und las, und ſank, ſtill ver⸗ zweifelnd, auf das ſorgſam bereitete, ſeidne 74 Ehebett. Zwar gehoͤrte ihr die Villa mit al⸗ lem was ſie barg, von nun an zu, zwar la⸗ gen reiche Wechſel bei, und vom erſten Waſ⸗ ſer waren die Juwelen, welche die Braut ſeit Geſtern am Hals und an den Haͤnden trug, aber Golkonda's Schaͤtze ſelbſt reichten nicht hin, den Abgrund zu bedecken, in den die ſe⸗ ligſte Erſcheinung ihres Lebens hinabſank. Das Abendroth begoß jetzt den beſchriebenen Bo⸗ gen, ſeltſam brachen ſich die Strahlen auf dem Pappiere. Ich gedachte der Narben, uͤberließ die getaͤuſchte Markiſin ihrem Jammer, den Treu⸗ loſen ſeiner Flucht, und eilte zu der Villa des 3] lners.— Herr Bertram ſtand mit Hunt und Stock in der Thuͤre. J. Beſter Mann— 75 E. Werther Herr— J. Ich habe— E. Sie wollen— So ſcholl es bunt durch einander, und kaum war die kurze Bewerbung voruͤber, als der froͤh⸗ liche Gewährer herzlich bedauerte, daß ein Dienſt⸗ geſchaͤft ihn jetzt abrufe, und mit der Hand nach der kleinen, reinlichen Treppe zeigte, die zu ſei⸗ ner Schatzkammer fuͤhrte.. Eine Maͤdchen⸗Schaar jubelte im Stuͤbchen; zoͤgernd lauſchte ich an der oberſten Stufe den Lie⸗ dern, die durch das Schluͤſſelloch toͤnten. 3 Singt er auch? rief jetzt die Eine. Ich glaube! ſeine Sprache mindeſtens iſt voll und wohlklingend— Ach, nur fuͤr Dein Ohr! erwiederte ich hauſſen. Gieb acht! im naͤchſten Buche trittſt Du auf. Du Gluͤckliche! Wohl bin ich das! geſtand Roſette. Ich goͤnn' es Dir! Nun kannſt Du Dich putzen. Sammtkpelze tragen. Und Federn— Zu den Vornehmen gehn— Und in die Wochen kommen! Ihr ſeid recht kindiſch! ſchalt die Braut. Iſt er zaͤrtlich? Gauz Liebe! Feurig? 4 Noch feuriger als ſeine Helden. Ich wollt, er kaͤme! Was gaͤb' ich drum! rief ſie ſehnſuchtsvoll. Lebhaft wie Meiſter Muͤller, klopfte ich jetzt und ſtand, ein beſchworner Geiſt, unter dem ver⸗ ſtummenden Chore. Kuͤſſend ſtellte mir die Er⸗ freute in Einnehmers Jettchen, in Cantors Min⸗ chen, und Hoffaͤgers Fritzchen, drei hold erroͤthen⸗ de Gratulantinnen vor, deren theils helle, theils dunkle Augen an den vermaͤhlten Lippen des Brautpaares hingen, und einmuͤthig verriethen daß ihre Beſitzerinnen dergleichen Kuͤnſte wohl auch koͤnnten. Hab' ich recht? fragte ich Roͤschen jetzt mit 77 braͤutlicher Hoffart, lachend winkten ihr dieſe, zu ſchweigen. Wir ſahen uns an. Es wird recht ſriſch! bemerkte Fritzchen, und warf ſich in den neuen Matin. O, wie der Himmel gluͤht! lispelte Cantors ſchuͤchterne Minna; ſie fluͤchtete zu dem Salbei⸗ Stoͤckchen ans Fenſter. Vor mich, der beide Behauptungen unter⸗ ſtuͤtzte, trat die Pallas des Einnehmers, gedachte in honigſuͤßen Worten meiner Arbeiten, meiner Talente und des Danks den ſie mir fuͤr ſo man⸗ che angenehme Stunde ſchuldig ſei. Kleinmuͤthig bezweifelte ich jene, lehnte großmuͤthig dieſen ab, und fuͤhrte ſie, ſo ſchnell es ſich thun ließ, aus den Steppen meiner Schoͤpfung, in die Frucht⸗ Gaͤrten der Meiſter hinuͤber. Da ſahen wir Jeau Pauls Siebenkaͤs hoch uͤber der dunkeln Erde, ſahn Schillers Jungfrau im Chor der Engel ſtehn, und nebenher bald auf das lauſchende RNoͤschen neben uns, bald zu dem Fenſter hin, wo Minette die gefaͤhrlichen Augen, ſo oft ſie den meinen begeg⸗ neten, ſchnell in den fliegenden Buſen warf und 78 das holde Oval des kleinen Angeſichts dem ver⸗ goldenden Abendroth zuwandte. Die Froſtige verſicherte jetzt, daß es bit werde, und wir blieben nach einem viertelſtuͤndi⸗ gen Abſchied allein. Erkenntlich fuͤr die Waͤrme mit der ich, vor den Augen ihrer Geſpielinnen, ſie bekannte, druͤck⸗ te Roͤschen meine Hand an den Mund. Ich un⸗ terhielt ſie von des Vaters Einwilligung, von des Vetters Zuſpruch, von der ſchnellen Umſtim⸗ mung ſeines Willens, von Malchens Erſcheinung. Der Vater ward geprieſen, der Vetter geſegnet, der Beleidigerin verziehen, und die Angſt belaͤ⸗ chelt, welche wir uns gegenſeitig gemacht hatten. Aber was brachte Sie denn heute ſo ſchnell, ſo ploͤtzlich gegen mich auf? fragte jetzt Roͤschen. Konnt' ich dafuͤr daß mir vor Ihnen ſchon ein braver Mann wohlwollte? Ach nein, verſetzte ich. Ich füuchete n, er habe Dir— weh gethan. Wohl hat er das, entgegnete ſie: doch mit Willen nicht. Aber von Scheidung ſprachen Sie? 79 Das ſchreckliche Wort toͤnt noch in meinen Ohren wieder.. J. Vergieb! Vergiß! S. Ihr Zufall kam ein Mal wieder? Nicht nahr⸗ So wenigſtens legt' ich mir's aus. Mein Zufall? Ja! Ich will Dir's nur ge⸗ ſtehn! Ein Zufall liebes Roͤschen, der alle Maͤn⸗ ner von Erfahrung, in einer ſolchen Spannung anwandelt. Aber genug davon. Seitdem Dich der Vetter abrief, hat Deine Blattern⸗Krankheit meine Phantaſie beſchaͤftigt. Wie eine Fee ver⸗ ſchwandſt Du heut. S. Ein ſchrecklicher Auftritt! Schneller kam ich nie nach Hauſe. Wer uns gehn ſah, mußte verſucht werden, Halt auf! zu rufen. Keinem Bekannten dankte der Zuͤrnende und ich gruͤßte dagegen in meiner Angſt die fremdeſten Menſchen,. J. Auch Offiziere? 9 S. Gott weiß es! Nur auf die ziße ſah ich ihnen, denn ich ſchaͤmte mich ſehr. Vor der Thuͤre ſaß der Vater. Er ſtimmte dem Anklaͤ⸗ ger bei und ſah mir, als wir allein waren, tief 8⁰0 in die Augen. Ich kuͤßt' ihn zaͤrtlich. Roſe! ſprach er, zwiſchen Unmuth und Liebe, denk an die Mutter! Da weint' ich heftig, und gelobte mir, Sie nie wieder ohne Zeugen zu ſehn. J. Nicht wahr, Roͤschen, heil biſt Du laͤn ſt? S. Wie?— O laͤngſt! J. Wie bedaure ich Dich! S. Und ich Sie! J. Sei ruhig, lieber erwel Dir len man keine Wunden an. S. Das waͤr' auch ein Ungluͤck. J. Am Ende war's wohl nicht der Rede werth? S. Der Rede wohl! Genug davon!— Hier unter dem Spiegel haͤngt ſein Bild. Finden Sie nicht, daß es dem Maͤdchen gleicht, welches vorhin dort am Fenſter ſtand? Der kleinen, ſchuͤchternen Bruͤnette. Sie iſt ſeine Schweſter, und mein Liebling.. J. Immerhin! S. Aber ich wollte noch ſtgen— Sie nann⸗ 8³ ten die Minna ſchuͤchtern? So war auch er! Vor allem gewann mich ſeine Sittlichkeit dem Be⸗ ſcheidenen. Darum zitterte die Hand— J. Das war ein Fehler— Sieh dieſe zit⸗ tert nicht! Gute Nacht! ſprach Roͤschen, und draͤngte ſie zuruͤck: gute Nacht! Es iſt noch fruͤh! Zu ſpaͤt fuͤr uns! Mein Zufall koͤmmt. Den kennen wir! Ich will ja fromm ſeyn. S. Fritz verſprach das nie, und war es im⸗ 599 J. Immer Fritz! das iſt unklug, Roſette! S. Er ward zum Engel.— J. Das werd' ich auch. So ſpaͤt als moͤg⸗ lich, wenn es Gott gefaͤllt. Bis dahin wollen wir menſchlich ſeyn. S. Der Minna gefielen Sie mgemen. Ei⸗ ne Gluͤckliche nannte ſie mich, und freute ſich des Erſatzes. Schillings Schr. 44r Bd. 6 82 J. Sehr guͤtig! Das Miͤ zaun iſt liebens⸗ werth. S. Und ſeelengut. J. Intereſſant! S. Sie verwandte Kelnen Blick von Ihnen. J. Wahrhaftig? Und ihre Augen blicken ſpre⸗ e.. Gefius Sie Ihnen? J. Ungemein! bleiben was ſie mir war. J. Ein lebendes Andenken an den ſeligen Doktor. Wenn ſie Dir nun gefaͤhrlich wuͤrde? S. Gefaͤhrlich? Sie lieben ja mich! J. Die Liebe, gutes Roͤschen, iſt eine ſehr bedenkliche Tugend, denn keine artet leichter aus. Sie iſt die Zauberbruͤcke, die Elyſium mit dem Orkus verbindet. S. Zauberbruͤcke? Bedenklich? Gott behuͤ⸗ te! Liebe iſt Liebe. Immer ſeyn Sie der Min⸗ na gut. Ihr als Freundin, mir als Frau. Da ſeh ich nichts gefaͤhrliches! S. Das iſt ſchoͤn! Dann darf ſie uns j 83 Eben hielt ein Wagen am Thore; Roſaura kam zuruͤck. Gluͤcklich hatte ſie die Pflegbefohlne nach Steinau zuruͤckgebracht, wo der Verräther, bei ihrem Eintreffen, noch nicht angekommen war. Da koͤnnen Sie ja gleich mit heimfahren! ſprach Röschen und draͤngte mich in den Wagen. X Auguſta zaͤhlte die Stunden. Schon ſollte, ſchon konnte der Markis zuruͤck ſeyn. Wei⸗ nend ging die Aya ab und zu; ihr ahnte, was geſchehen war, und zu ihrem Entſetzen hatte die Prinzeſſinn befohlen, der ſchon er⸗ klaͤrten Heirath mit keinem Worte ferner zu gedenken; hatte den neuen Fuͤrſten, ihren Bruder, veranlaßt, den Werber, ſo gut es ſich thun ließ, zu entfernen, und laut ver⸗ ⸗ 84 ſichert, daß ſie frei und feſſellos leben und ſterben wolle. Der Fuͤrſt, welcher die Rechte ſeiner Schweſter ehrte und uͤberdieß dem ge⸗ Recheien, zudringlichen Freier nie wohl gewollt hatte, ging willig in die Plaͤne der Entſchloſ⸗ ſenen ein, und trat ihr das Luſtſchloß Wild⸗ thal ab, welches Auguſten, als die Quelle ſo mancher ſuͤßen Erinnerung an ihre Kinder⸗ und Maͤdchen⸗Jahre, theuer war. Sie bezog es. Ungebeten ſolgte ihr die Graͤfinn, die jetzt taͤglich zur Ruhe verwieſen, nicht auſhoͤrte, taͤglich wieder von den heiligen Pflichten der Tochter, der Fuͤrſtinn und der Jungfrau, von dem Gewicht ihres Beiſpiels und den Gefahren dieſer Lage zu ſprechen. Sie ſprach vergebens. Der Stolz der frei Gewordenen verſchmaͤhte die Hand; das Herz der Liebenden die Lehre der muͤtterlichen Freun⸗ dinn, und ein Kammerdiener ward dem Mohr jetzt nachgeſandt. Auguſta mußte endlich 85 wiſſen, ob Angelo krank, ob er todt, ob er treulos ſey? — Alles ſchlief ſchon in dem oͤden Schloſſe. Nur Di Amone's Goͤttin wachte noch, und ihr ſchauderte jetzt bei dem leiſen Geraͤuſch, das von der Gallerie her, dem Zimmer naͤher und immer naͤher kam. Im Begriff die Kammer⸗ frau zu wecken, den Garde⸗Jaͤgern zu ſchel⸗ len, die im Vorſaale ſchliefen, ſiel ihr die Moͤglichkeit bei, daß er es ſeyn, daß ſeine kuͤhne Liebe ſich dieſen Weg zu ihr gebahnt haben koͤnne, daß uͤbereilte Furcht ſie, in die⸗ ſem denkbaren Falle, um die ſelige, lang er⸗ ſehnte Stunde des Wiederſehns bringen wer⸗ de. Jetzt ſprang die Tapetenthuͤr auf. Ein geiſterbleiches Weſen ſtand vor Ihr, Sie tau⸗ melte zuruͤck. 36 Ich bin es! ſprach Amalie, ſank zu den Fuͤßen der Gluͤcklichern, umfaßte ſchluchzend ihre Knie. Mit ſanften Vorwuͤrfen ſtrafte die bebende Gebieterin den weinenden Liebling und nahm ihn liebkoſend an ihren Buſen. Vergebung der Ueberraſchenden! lispelte Amalie, aber die Gewalt der Umſtaͤnde, mei⸗ ne Lage— Nur unter dem Schutze der Nacht wagt' ich es, mich her zu ſtehlen. O, am hellen Mittag will ich Dich aus⸗ zeichnen! fiel Auguſta ein. Fuͤr mich haſt Du gelitten, Liebe zu mir verbannte Dich. Wo lebteſt Du? Wie ging es Dir? Gedachteſt Du meiner? Weißt Du von Ihm? Komm! an meine Seite ſetze Dich. Erzaͤhle mir. Aber Du warſt krank, wie ich ſehe. Biſt bleich? Ein Todesengel! Weh mir, ich tra⸗ ge dieſe Schuld! A. Nein, wahrlich nein! Ich bin die Schuldige. Zu wohl war mir, Prinzeſſinn! Im Himmel war ich! Eine Selige! 87 Seit Tagen, ſprach, mit ihrem Gluͤcke nur beſchaͤftigt, Auguſta: ſeit Tagen ſchon erwart ich Ihn. A. Auch ich erwartete ihn einſt. P. In dieſem Sinne nicht, mit dieſer Hoffnung nie. Noch immer alſo, lebht ſein Bild in Deinem Buſen? A. Es lebt! Zu Grabe wird es mit mir gehn. P. und auch die Todes⸗Traͤume noch? O ſage, warum ſchriebſt Du nicht? Wo flohſt Du hin? Wer nahm Dich auf? A. Ich floh mit Ihm! Er nahm mich auf! P. Amaliel⸗ A. Sie zweifeln noch? P. Jetzt ſcherze nicht. Zwar ſtrebte die Verlaͤumdung, mir ſolch ein Maͤhrchen aufzu⸗ dringen, doch kannt ich Dich, und laͤchelte— A. Ich ſtand allein. Hinter mir der Bannfluch Ihres Vaters, die Wolluſt Ihres 88 Bruders, die Bosheit meines Oheims; vor mir der heiß Geliebte, Angebetete!— In ſeine Arme ſchloß er mich und ſchwor, ein Bruder mir zu ſeyn und mein Beſchuͤtzer. Vertrauend baut' ich auf den Schwur— P. Ungluͤckliche! Es waͤre wahr? Es waͤre doch gegruͤndet?— Wie? A. Seyn Sie gerecht! Fuͤr Sie war er verloren. Das Geruͤcht machte Auguſten zur Braut, Briefe beſtaͤtigten es. Betaͤubt von ſeinem Schmerz, von dieſem Wankelmuth empoͤrt, ſuchte er am Buſen der Vertrauten ſeine Rettung, und bot nun liebend mir die Hand. P. Schweig— Flieh— Aus meinen Augen, Verraͤtherinn! A. Nach Verona eilte er, um die Ver⸗ bindung zu beſchleunigen und kehite— nicht zuruͤck! P. Nicht? Nicht? Nun, eitle Thoͤrin! Nun? .—— 89 A. Nur armel eitle nicht. Verzweif⸗ lung treibt mich fort, ins Vaterland zuruͤck, zufaͤllig traf ich ſeine Spur— traf auf ihn ſelbſt. P. Wo? Wo? O Gott! A. Im Kloſter zu St. Jacob, da, wo er an dem Tage meiner Flucht mich auf⸗ nahm. P. So nahe ſchon? A. Und ferner doch als je, von Ihnen und von mir! P. Krank? A. Hoffnunglos! Die Anſtrengung— Der Seelenkampf— P. Dul! Du biſt ſeine Moͤrderinn! O nein! entgegnete ſie laͤchelnd. Sein Fall an jenem Jagdfeſt hier im Walde, traͤgt die Schuld. Von da an litt er an der Bruſt, und die Eile mit welcher der Beſtuͤrmte ſeine Ruͤckkehr beſchleunigte, verletzte die kaum ge⸗ heilten Wunden im Innerſten. 90 P. Rachſuͤchtige! So kalt erzaͤhlſt Du das? Und konnteſt ihn verlaſſen— A. Ich mußte wohl! Er ſendet mich! P. Dich? 1 3 A. Im Arm der Liebe will er ſterben— Im Ihrigen. Der Freundſchaft Hand ſoll Ihm die Augen ſchließen— Die meinige! P. Mit der Bedientin theil' ich nichts! A. Die war ich nur. Jetzt aber ſpricht die verlobte Braut eines theuern Verwandten zu Ihnen. P. Fort Buhlerin! A. Das mir? O, Gott! P. Dir! Dir! A. So ganz vergißt die ſanfte Fromme ſich? P. Ich laſſe Dich verhaften— Fort! A. Zu ihm! Fort, zu dem Sterbebett! Sein Anblick wird dieß Herz zerbrechen und verſoͤhnen. 6 8 9¹ P. Zum letzten Mal! Sie griff zur Klin⸗ gelſchnur. A. Und welchen Troſt ſoll 0 ihm bringen? P. Daß ich nur dem Fieber dieſe Wahl verzeihen koͤnne. A. Vergeſſen Sie jetzt mich! Ein Wort der Liebe nur fuͤr Ihn! Es wird ihn in die Ewigkeit begleiten, wird ihm, wie Engelsruf, in ſeiner Todes⸗Stunde toͤnen. Sie iſt verhaftet! rief die Gluͤhende und ſchellte. Auguſta! O Auguſta! ſtammelte Amalie und verſchwand. Noch lange ſchellte Sie, aber die Glocke weckte die Schlaͤfer nicht. Thraͤnen entſtuͤrz⸗ ten Ihr, Schlangen der Eiferſucht, Engel der Wehmuth, Furien des Zorns, umſchlangen, zerriſſen Ihr Herz, und bis an die Augen verhuͤllt, floß Sie mit dem Tage, im Wa⸗ gen der Bettmeiſterinn, dem Kloſter zu. Nicht gluͤcklicher als Auguſta war die ver⸗ 92 ſtoßene Braut dahin zuruͤckgekehrt. Sie fand den Kranken ſehr verſchlimmert. Schmerzlich laͤchelte er, da ſie zum Bette trat, und bor ihr die gluͤhend heiße Hand. Ihre Thraͤnen benetzten ſie.. Hier mein letzter Wille, lispelte Angelo, und zeigte auf ein verſiegeltes Packet, das im Fenſter lag. Ich ſicherte Dir eine ruhige Zu⸗ kunft. 6 Die Gattin folgt dem Gatten! ſprach Amalia und warf begeiſtert ihre Thraͤnenſchwe⸗ ren Augen zum Himmel. Sahſt Du Sie? fragte der Kranke. Ich ſah, ich ſprach, ich unterrichtete Au⸗ guſten. Zorn und Liebe kaͤmpften in der gluͤ⸗ henden Bruſt, doch nur mir galt der Zorn, die ſchoͤnere Wallung dem Vergöͤtterten. Ich danke Dir, Edle! erwiederte er, kaum vernehmbar, und ſank in Schlummer. Wohl biſt Du das, ſprach ihr Herz, o, daß er es fuͤhlte! Mit Opfern vergiltſt Du 9⁵ den Undank, Verwerfung mit Zaͤrtlichkeit— Und der Vater ſollte zuͤrnen, wenn die ver⸗ orne Tochter an ſeinen Buſen zuruͤckeilt? Ver⸗ welkt ſind meine Kraͤnze, geſcheitert meine Hoffnungen, meine Roſen gebrochen! Die Liebe ſinkt ins fruͤhe Grab die Freundſchaft, ſtoͤßt mich von der Bruſt, die Welt ſpottet der Thoͤrin und wirft mich zu den Laſterhaf⸗ ten. Liſch aus, du armes Licht. Ich ſeh Ihn wieder! Er ſieht mich wieder, und keine reißt ihn dann von meinem Buſen.— Fuͤr ihn le⸗ ben, mit ihm leben, das moͤchte Sie! Ich fordere Sie heraus, mit ihm zu ſterben. Das wird Sie nicht, und unter ſeinen Augen um⸗ ſtralt mich der Triumph.— Auguſta! lispelte der Traͤumende— Auguſta denn, fuͤr dieſe Spanne Zeit! Dann ruft er ewig mir, der Vielgetreuen. Es iſt die Frage! ſprach ich ſeufzend, aber ich ſehe nicht, wie ſie zu retten waͤre. Solche We⸗ ſen verſchmaͤhen, in ſolcher Spannung, Rath und Troſt, gefallen ſich in ihrem Jammer, umſchlin⸗ gen, wie Braͤute den Braͤutigam, dieſen Engel der Finſterniß. Ich kenne das! Auch mir war nicht beſſer, als ich, kurz vor Weihnachten, fuͤr mein liebeloſes Malchen ſterben wollte, das die⸗ ſer Hintritt nur eigenſuͤchtiger und duͤnkelvoller gemacht haͤtte.„Welche Zauberkraft“ wuͤrde die Getroͤſtete nach der tiefen Trauer zu ſich geſagt haben,„welch ein heimlicher, himmliſcher Lieb⸗ reitz muß von mir ausſtroͤmen, da der arme Hein⸗ rich ſelbſt ſein Leben leichter als mich entbehren lernte. Auch Angelo wird ſich, wenn er anders davon koͤmmt, von dieſem Opfer geſchmeichelter als gebeugt fuͤhlen, und aus der Wallung eines krankhaften Herzens, falſche Schluͤſſe auf die ge⸗ ſuͤndern ihrer Schweſtern ziehen. O faͤnde ſich 95⁵ nur ein redlicher, angenehmer, theilnehmender Freund! Kehrte ihr Engel zuruͤck! Aber der floh, als ſie auf der Villa an ſein Herz ſank und muß ihr, Kraft der poetiſchen Juſtiz, auf ewig den Ruͤcken kehren. Auf ewig? Nein! Das Grab entſuͤndigt! Es heiligt die Entheiligten, verſöhnt die Tugend und ihren Gott! Aber iſt ſie denn tugendlos? Riß Frevel ſie, riß ſie die Luͤ⸗ ſternheit dahin? Entſprang nicht dieſes Opfer dem hellen Quell der reinſten Liebe, dem Entzucken, der Dankbarkeit, dem Pflichtgefuͤhl der Gattin, zu der ſie ſein Geluͤbde machte? Und ward nicht, oft ſchon, in reinen Seelen der Verluſt der Un⸗ ſchuld das Mittel zur hoͤhern Veredlung? Der Abend graute, Auguſta trat ins Zim⸗ mer, Angelo ſchlummerte. Laͤchelnd ſah Ama⸗ 4 ig in das bleiche Geſicht, faßte heftig die Hand der zitternden, verſcherzten Freundinn, druͤckte ſie an ihre fliegende Bruſt, dann an den gluͤhenden Mund, und Auguſta duldete, entwaffnet von dem Anblick des Leidenden, die Zaͤrtlichkeit der Verſoͤhnerin. Schauer der Ewigkeit wehten ſie an, und aus Amaliens Augen ſtrahlte uͤberirdiſcher Glanz. Die Kriſe ging voruͤber! lispelte dieſe: der Arzt war eben hier und gab Hoffnung. Gelobt ſei Gott, er ſcheint gerettet! Gerettet? erwiederte Auguſta; ſie verbarg das Geſicht in ihrem Tuch. Fuͤr Sie! fiel die Troͤſterinn ein. Nur ſein Erwachen wart ich ab, dann flieht das Nachtgeſpenſt, vor dem Sie zittern. 97⁸ Amalie! ſtammelte die Geruͤhrte, ihre großmuͤthi ge Freundin umarmend. Wohl mir! ſprach Amalie: dies ſchoͤne Herz iſt wieder mein, und, lebhaft fuͤhl' ich es, dies Herz wird mich vermiſſen. Jetzt ſah der Kranke auf, ſah zwei 86g nien in reizender Gruppe vor dem Bette. Amalie nahm zuerſt das Erwachen des neu Belebten wahr, draͤngte die Gluͤcklichere ſei— nen ſtrebenden Armen entgegen und ſchlich verblaſſend zu dem Kuͤhltrank hin, den Sie fuͤr ſich bereitet hatte. Zu dem ſicherſten von allen, die das empoͤrte Blut bezaͤhmen, und das tobende Herz beſaͤnftigen. Zitternd griſſ ſie zu dem Glaſe. Von ihrer Guͤte, ihrem Adel, ihrer Großmuth war am Bett die Re⸗ de, und der Becher ſchwankte in der kalten Hand.. Warum zagſt Du? ſprach ihr Herz! Sie liegt in ſeinem Arm, und nur Dein Tod macht ihn gluͤcklich. Schillings Schr. 44* Bd. 7 83 Amalie! diefen beide, als rief ihr war⸗ nend das Schickſal. Bebend te ſie den Todes⸗Kelch zuruͤck und neigte ſich zu ihnen. Des Grabes Schrecken, der Geiſt der Ver⸗ zweiflung ſprach aus ihrem Angeſicht, und * der fuͤßen Worte, welche von Auguſtens ppen ſtroͤmten, erreichten ihr Ohr. Jetzt ſprach Angelo zu der Betaͤubten. Auf Dor⸗ nen lag der Kranke. Sein Gewiſſen ver⸗ dammte ihn, bange Ahnungen ergriffen das getheilte Herz und der Klageton mit dem die Leidende ſich ploͤtzlich aus dem Arme des um⸗ fangenden wand, erſchuͤtterte ſein Innerſtes. Ueberlaß Dich mir, bat Auguſta: ich will Dich an das Herz einer ſanften Freundin legen— Du wirſt vergeſſen, wirſt geneſen, wirſt die Wonne eines edlen Mannes werden, den ich Dir zudenke— Vergeſſen? ſprach Amalie und ſah ihr ſtarr ins Geſicht— Geneſen? fuhr ſie fort, und griff zu dem Becher— Ich eines Mannes — — 99 Wonne werden? Hoͤrſt Du es, Angelo? Ich! ittend winkte er ihr— Sa⸗ Dul! be⸗ theuerte Auguſta. Dein Heil! Dein Gluͤck! rief ihm die Un⸗ gluͤckliche zu: fuͤhrte haſtig das Glas an die Lippen und ein Laͤcheln des Wahnſinns ſie uͤber ihr geiſterbleiches Geſicht. * Hymen, der läͤchelnde Gott, trat dazwiſchen. Meiſter Muͤller ſandte den Befehl, der Goldar⸗ beiter die Trauringe, Titon den ſchoͤnſten Tag. Roſaura ſchmuͤckte die Kammer, ich ſah ihr zu. Das Brautbett leuchtete wie Alpenſchnee. So moͤcht' ich mich ſelbſt betten! ſprach die Einaͤugige, und hinter mir fragte jemand— Bekoͤmmſt Du Gaͤſte? Erſchrocken ſah ich ruͤckwaͤrts. Da bin ich! * 2 100 fuhr Malchen in einem Tone fort, der zuiſüen Lachen und Weinen ſchwankte. 8 d Himmel! rief ich und wendete mich von dem ungebetenen Hochzeit⸗ Gaſte. Du biſt gekleidet wie ein Graf! ſprach die aunte. Nur wie ein Braͤutigam ſchrie Ro⸗ . und blinzelte ſatyriſch mit ihrem Auge. Mein Muͤhmchen folgte mir haſtig in das Zim⸗ mer. Waͤr' es moͤglich? fragten ihre zitternden Lippen: und eben heute? J. Heute! S. Gott! das iſt ſchrecklich! ich, ich ſchied eben heut auf ewig von ihm. J. Du trauerſt? S. Meine Mutter! fiel ſie ein und weinte laut. Wohl ihr! . Weh mir! J. Alſo ſagt' ich wahr? S. Toͤdte mich nicht! J. Sie toͤbtete der Gram— S. Nein, nein! Sie ſtarb, der Hofnung voll. 101 J. Dich Mutter werden zu ſehn! S. Von dieſem Jammer befreite mich der Schreckenstag, an dem mich Eſchen hier verließ. Geſtern begrub man ſie. An ihrem Sarg be⸗ ſchwor ich ihn. Er war geruͤhrt, erſchuͤttert, er bot mir Gold. Zu ſeinen Fuͤſſen warf ich es, und floh, entheiligt zwar, doch nicht entehrt, an Dein Herz. Es iſt zu weich, mich zu verſtoßen, zu menſchlich, um mich zu verdammen. J. Noch findeſt du Dach und Fach in mei⸗ nem Hauſe. Ueber die Art unſers kuͤnftigen Ver⸗ haͤltniſſes wird Roͤschen entſcheiden. S. Alſo wirklich dieſe? O, ein ſolcher Mißgriff beugt mich tiefer, als mein eigenes Mißgeſchick. Heinrich, Du fuͤhrſt die Reue in Dein Haus. J. Das Ungluͤck macht boͤsartig. Dein Beneh⸗ men ſpricht fuͤr dieſe traurige Wahrheit. S. Waͤr' ich das, ich wuͤrde Dir ſchmeicheln. Mit falſcher, heuchleriſcher Zaͤrtlichkeit wuͤrd' ich Ench taͤuſchen und nur hinter dem Nuͤcken uͤber das neue Muͤhmchen laͤcheln, der ich mich, ſo 102 oft ich ſie ſehe, ins Geſicht zu lachen verſucht fuͤhle.. J. Armſelige. S. Das iſt ſie. In vieler Hinſicht iſt ſie das. O wie konnteſt Du da hinabfallen? J. Hinab? Zur Unſchuld, zur Anmuth, zur Guͤte ſteigen Engel ſelbſt aufwaͤrts— Aber daß Du Dich giebſt wie Du biſt, verdient meinen Dank. Hier ſind die Schluͤſſel. Geh und kehre heute nicht wieder. Meine Liebe haſt Du ver⸗ tilgt, meine Achtung verſcherzt, nur das Mitleid weiß noch von Dir. Erſchoͤpf' es nicht! Der Wagen iſt da! rief Roſaura— O mein Gott! ſtammelte ſie und rang die Haͤnde. Schnell griff ich zum Huthe, empfahl ſie der Einaͤugigen, kuͤßte troͤſtend ihre blaſſe Wange und flog nach dem Thore, um meine Braut zur Trauung ab⸗ zuholen. — 7 493 Des ſeligen Doktors ſchoͤne Schweſter trat mir im Stuͤbchen entgegen. Fluͤchtig gruͤſſend, ſah ich umher und eilte, ſtolz auf mein neues Recht, der Kammer zu. Die Kleine warf ſich mir ha⸗ ſtig in den Weg. Ihr dunkles Auge ſchien ver⸗ weint, ihre Wangen gluͤhten, ihre Lippen ſpra⸗ chen raͤthſelhafte Worte. Rund umher lagen Stuͤcke des Brautſtaats zerſtreut, und eben blies der Wind durch das offene Fenſter und den Myr⸗ tenzweig vom Tiſche. Ich ſtand verſteinert. Sie hob ihn auf, ſah ſtarr in die Blaͤtter und ſprach — Wie beklag' ich Sie! Wir waren geſtern bis zehn Uhr beiſammen. Roͤschen ſchien mir ern⸗ ſter und ſtiller als ſonſt. Recht feierlich. In aller Fruͤhe kam ich, meinem Verſprechen gemaͤß, ſie kleiden zu helfen und erſchrak vor ihr. Im Bette fand ich die Braut, ihre Haͤnde, ihre Wangen, ihre Augen gluͤhten, und kaum vernehm⸗ bar ſprach ſie— Es iſt aus mit mir! J. Und an mich dachte Niemand? 104 S. Von Stunde zu Stunde glaubten wir, es ſolle ſich beſſern, und Ihnen der Schreck er⸗ ſpart werden. Aber von Stunde zu Stunde ward ihr Zuſtand bedenkli cher. Das iſt ohnmöglich! rief ich, ein ſo raſches, feſtes Leben— 8, hier liegt irgend ein Behe he niß im Hintergrund. Jetzt ward die Kammerthuͤr geoͤffnet. Kont. men Sie naͤher! bat der troſtloſe Vater. Ich ſchwankte hinein. Armer Heinrich! ſprach die Kranke und ver⸗ ſuchte, ſich aufzurichten. O meine Geliebte! rief ich von dem Anblick vernichtet. „ Sahſt Du ihn? fragte ſie haſtig. Es war nur ein Traum! betheuerte Minna. O ſage das nicht! ſiel Roͤschen heftig ein, ich war bei mir, wie jetzt! Nur zu ſchlafen vermocht⸗ ich nicht. Immer heißer, immer druͤckender, im⸗ mer ſeltſamer fiel mir ein unnennbares Etwas aufs Herz, und der gluͤhende Durſt trieb mich ins Stuͤbchen, Mir ſchauerte.— Der Mond iſt 105 voll. Es war hell wie am Tage. Ich trank. Ein kalter Odem wehte mir ploͤtzlich in den Na⸗ cken. Bebend blick ich ſeitwaͤrts und ſein bleiches Antlitz ruhte auf meiner Schulter. Wollmar! ſchrie ich niederſinkend, und er verſchwand— Es ſchlug zwei Uhr!— Auch mir ſchauerte bei der Er⸗ zaͤhlung, und ihre Gebehrden ſprachen ihr Entſe⸗ en aus. Dort, auf dem Boden, lispelte mir der Va⸗ ter ins Ohr, fand ich ſie am Morgen, beſin⸗ nungslos. Wer iſt Wollmar? fragte ich. Mein Bru⸗ der, erwiederte Minna, ihr ſeliger Braͤutigam. Es war hell wie am Tage! fiel die Krau⸗ ke ein, und wiederhohlte woͤrtlich, mit immer ſteigendem Feuer, die Geſchichte der grauſen Er⸗ ſcheinung. 3 Der Vetter kam, die Freundinnen ſtroͤmten herbei, einer Pythia gleich ſprach ſie jetzt, wild begeiſtert, in Bildern und Raͤthſeln, und keine Warnung, keine Thraͤne, kein Flehen vermochte den Strom ihrer Rede, die wunderſame Stre⸗ 106 bekraft ihrer Seele zu daͤmpfen. Troſtlos kehrte ich in das Stuͤbchen zuruͤck! Die geht heim! ver⸗ ſicherte, mich begleitend der blaſſe Vetter, druͤck⸗ te mir tief erſchuͤttert die Hand, und ſchlich da⸗ von. Ich fuͤhl' Ihren Schmerz! fliſterte Minna und lehnte ſich ſchluchzend an meine Bruſt. Einnehmers Jettchen fuͤllte die Gruppe. „Flüchtig“ ſprach ſie mit Pathos,„fluͤchtig iſt der Roſe Pracht,“ beſter Herr Siegfried! Jetzt kam der Arzt vom Krankenbett' und zog mich, aus dem Maͤdchenkreis, ins Fenſter. Iſt Hoffnung? ſtammelte ich und zitterte vor dem befuͤrchteten Gegentheil. Krankheiten, ſprach er, ſind Kriege, und wer kann, mitten im Geſecht, den Zufall feſſeln, oder den Sieg verkuͤndigens Doch ein Wort unter uns! Haben Sie Vertrauen zu mir? J. Das innigſte. Der Arzt iſt mir ehrwuͤr⸗ dig. Fort und fort kaͤmpft er ja gegen die Ge⸗ walt des Verhaͤngniſſes an. Ein Sterblicher ge⸗ 107 gen das Schickſal! Der Kampf iſt ſo ungleich als ehrenvoll. 4 E. So bitt' ich denn um Offenheit. Zwar kennen Sie das Maͤdchen nicht, denn noch iſt es Ihre Braut— J. Die ich ſo eben zum Altar fuͤhren woll⸗ te— E. Waren Sie geliebt? J. O, ſonder Zweifel! E. Eigenſucht taͤuſcht oft. Einen Blick in Ihr Herz, beſter Mann. Lieh es vielleicht dem Mitleid, dem Wohlwollen, der Freundſchaft dieſe Farbe? Hing die Braut mit dem ſtillen, verlan⸗ genden, taͤglich wachſenden Feuer der Leidenſchaft an Ihnen, oder begegneten Sie nur der abge⸗ wogenen Hinneigung eines Gemuͤths, das Dank⸗ barkeit, oder Hochſchaͤtzung erwaͤrmte? Meine Frage iſt keck aber nothwendig. Feurig, entgegnete ich ſeufzend: leidenſchaft⸗ lich, ſtuͤrmiſch, hab' ich ſie nie gefunden. Doch fäͤllt dieſer Mangel wohl auf Rechnung des ſanfe 108 ten, gleichmüthigen Charalters, den Froͤmmig⸗ keit und fri ihes Leiden zuͤgelte. E. Und ihr Bewußtſeyn blieb ungetrübt? J. Es war mir heilig bis zu dieſer Stunde. Des verſtorbenen Liebhabers gedachte ſie nie? J. Ach, öfter als ich wuͤnſchte. Immer kam ſie auf dieſen zuruͤck, und ihr ganzes Weſen ver⸗ klaͤrte ſich dann. E. Und doch glaubten Sie, gluͤcklich zu wer⸗ den? J. Nicht? Wie? ich erſtarre! E. Taͤuſcht mich nicht alles, werther Herr, ſo ſeh ich auf den Grund der Krankheit. Nur einmal liebt ein Maͤdchen dieſer Gattung— Ei⸗ nen nur, doch ewig dieſen. Mit ihrem Woll⸗ mar ward ihr Herz begraben. O nein! Ach nein! ſtotterte ich und ſank in den Stuhl. Roͤschen iſt arm. Eine zaͤrtliche Tochter.— Sie danken Ihre Hand der Liebe nicht. Des Va⸗ ters Alter zu erfreun, der Pflicht ihres Geſchlechts, 109 dem Rufe der Natur, der Sehnſucht nach den Verhaͤltniſſen der Mutter und Gattin zu genuͤgen, ſchlug ſie ein. Achtung, Wohlwollen, Neigung hat dieß Herz im gluͤcklichſten Fall fuͤr Sie, aber die hoͤhern Gefuͤhle gelten dem Todten. 4 J. Gott, welch ein Abgrund! E. Der Brauttag nahte. Das zarte Selbſt⸗ gefuͤhl erwacht, die weibliche, dichteriſche Phan⸗ taſie ſtellt die Gefuͤhle ihrer erſten Liebe vor ihr auf, mahlt ſie, befreit von allen Schatten, mit ihren Zauberfarben aus. Sie oͤffnet das theure Grab, der Schlaͤfer erſteht und umſchwebt ſie. Zur Suͤnde wird ihr neues Geluͤbde, und ihre Pflicht gegen Sie, zur Quelle von Gewiſſens⸗ Biſſen. J. Nein, Menſchenkenner, nein! dießmal taͤuſchen Sie ſich. E. Ich kannte dieſen Wollmar. Er war mein Schuͤler, ein edler aber ſchlichter Menſch. Ich kannte auch ſein Verhaͤltniß zu dem Maͤd⸗ chen und weiß wie er vergoͤttert ward. Sie paſſen nicht fuͤr ſie. Nur ein gleiches Maß von 110 Ausbildung naͤhrt die Wechſelflamme. Mit ihm ſtand ſie auf einer Stufe, zu Ihnen ſieht ſie nur hinauf. 4„ Fritz! Fritz! ſcholl es jetzt aus der Kammer. Der Beweis dringt ſich auf! ſprach der Arzt, das hoͤren Sie ſelbſt. J. Weh mir! E. Wohl Ihnen. J. Ich vergehe. E. Sie geneſen. Viel tauſend Freiern waͤr auf dieſem Wege geholfen. Danken Sie Ihrem Schickſal! J. Vernuͤnftelei! Erſparen Sie ſich den lee⸗ ren Troſt. Dieſe Engels⸗Unſchuld— E. Vertilgt der Eheſtand! J. Dieſe Herzensguͤte— E. Theilt ſie mit Tauſenden! Dieſer Zauber— Vergaͤnglichkeit iſt ſein Name. Ach guter Doktor! rief die ſchluchzende Min⸗ na: helfen Sie doch; Sie ſah mich fuͤr den Bru⸗ der an und riß mich ſtuͤrmiſch an ihr Herz. Der 111 Arzt ging zum Bette, ich faßte des Maͤdchens Hand und ſprach— Minna, Sie waren Noͤs⸗ chens Vertraute, und ob die Braut das Opfer der fruͤhern Liebe ſei, muͤſſen Sie wiſſen. Minna ſah in ihre niedliche Hand, und er⸗ wiederte kleinlaut— Roͤschen verehrt Sie. J. Auch den Vater verehrt Sie, und den Vetter. S. Iſt denn nicht dieß Gefuͤhl die Seele der hoͤhern, edlern Liebe? Nein! Sie war Ihnen herzlich gut. Aber dieß todte Bild dort ihr theurer— In Stunden der Erinnerung vielleicht— So betrog ſie mich denn! Seyn Sie gerecht. Sie zu begluͤcken, iſt ihr hoͤchſter Wunſch, ihr baͤngſter Zweifel, ob ſie das vermag. J. Ich ſehe nun klar. Frau zu werden war Roͤschens Ziel; die Eigenſucht fragte nicht, um welchen Preis? Die Mehrheit der Maͤdchen giebt ihr Heil fuͤr den Frauen⸗Titel hin, und maͤch⸗ A A&& 112 tig wirkt dieſe Laune zum ungluͤck der betroge⸗ nen Freier fort. S. In Roͤschens reine Seele kam kein Be⸗ trug. 4 J. Sich ſelbſt hat ſie getaͤuſcht. S. Sie wird den Zweifler bald beſchaͤmen, den Liebenden verſoͤhnen und entzuͤcken. J. Unnuͤtze Muͤhe. So unnuͤt, als ich hier bin. Leben Sie wohl! S. Wie? Sie koͤnnten uns jetzt verlaſſen? Die Freundin welche um Ihretwillen leidet— fuͤr Sie ſtirbt? J. Fur mich? Hab' ich ſie denn beſchwatzt? War nicht ihr Wille frei? S. Dieſe Kaͤlte reicht hin, ein Herz zu brechen, das ſo uͤberſchwenglich reitzbar iſt. Man klopfte. Ich ſah hinaus. Ach, Herr Siegfried, jammerte die Einaͤugi⸗ ge: wir haben eine Leiche. Todt iſt die Mam⸗ ſell noch nicht, aber ſo gut als todt; wenn Sie nur einen Sprung nach Hauſe thun koͤnnten— Nur ein Spruͤngelchen!. 113. Eben kam der Arzt von Roͤschen zuruͤck. Beſter Mann, ſprach ich, begleiten Sie gefaͤlligſt dieſe Perſon hier. Sie wird Sie zu einem Maͤdchen fuͤhren, das meinen Hochzeittag nicht uͤberleben mag. Zu einem Muͤhmchen, das mir einſt mehr als Muhme war, und bei dem ich, ſeitdem ſie mich verſcherzte, wie Wollmar bei ſeiner Braut im Preiſe ſtieg. Gottlob! rief der Arzt, ſo geht ein Troſt auf, vor dem Wittwer. Wittwer? rief ich erſchuͤttert.„Ein Troſt auf?“ ſiel Minna verblaſſend ein. Sie haͤtten andere Goͤtter neben Roſalien?. Amalie Lenz! erwiederte ich Achſelzuckend— Ah dieſe! fiel ſie erheitert ein, wie beklag⸗ ich die Arme.— Ich ſelbſt! entgegnete ich. Auch in dieſem Herzen war ich nur der zweite. Das iſt ſeltſam! erwiederte ſie: erroͤthete ſchnell und ſah in ihren Buſen nieder. Seltſamer noch, fuhr ich fort: daß mein. Schickſal mir uͤberall nur dornige Stengel zu⸗ Schiuings Schr. 4ar Bd. 8 114 wirft, von welchen die Vorgaͤnger alle Roſen brachen. Es⸗ wird vergelten! troͤſtete Minna, ich trat in die Kammer. Roͤschen ſah auf. Seyd Ihr da? fragte ſie, und faßte die Hand der Freundin, welche liebkoſend zu des Bettes Haͤnp⸗ ten kniete. Wir kuͤßten die Kranke und unſere Wangen beruͤhrten ſich an ihrem Munde. Ich entſage Dir, Heinrich, ſprach ſie, Gott will es ſo!— Zweifle nicht, ich bin bei mir.— Liebſt Du mich, ſo nimm dieß Vermaͤchtniß hin. Die⸗ ſe Weinende. Seine Schweſter. Meine Minna! Schnell entzog ihr die Kleine jetzt die Hand und verbarg das gluͤhende Geſicht in dem Kiſſen. Sorgt fuͤr Waͤchterinnen, fuhr ſie fort, und kehrte ſich nach der Wandſeite— Sie werden noͤthig. Ich fühle mich. Vergiß mein nicht, Heinrich! O viel eher meiner ſelbſt! erwiederte ich, von Wehmuth aufgeloͤſt, und ſah bald zu dem lieb⸗ lichen Vermaͤchtniſſe nieder, das wie ein Lebens⸗ Engel am Sterbebett lauſchte, bald auf die ſtar⸗ ren Augen der Erblaſſerin, die das Bild des Er⸗ ſchienenen in der Ewigkeit auffuchten. 115 Ihr Vater entfernte mich von dem Bette. Verlaſſen Sie uns, bat er weinend, meine Toch⸗ ter lebe oder ſterbe, ſo bleibt ſie doch fuͤr Sie verloren. J. Verloren? Ein ſchreckliches Wort. Und das ſagen Sie ſo beſtimmt? E. Weil ich ſie kenne. Ihnen iſt ein beſſe⸗ res Gluͤck beſchieden. Ein ungetheiltes Herz. Ein geſundes Gemuͤth. Gott ſegne Sie! Ich neigte mich weinend uͤber die Kranke. Ihre Zuͤge ſchienen entſtellt. Zur Freundin kehr⸗ te ich mich; die Roͤthe der baͤngſten Betroffen⸗ heit ſprach den Erben um Schonung an. Schwei⸗ gend ging ich meines Weges. Die Erde lag auf mir. Kein Stern glaͤnzte am Himmel, Wetter⸗ wolken verhuͤllten ſein Antlitz, matte Blitze er⸗ hellten fuͤr Augenblicke die Grabesnacht. Wach' ich, leb' ich, bin ich noch? rief mein Geiſt, als ich in das oͤde Zimmer trat und das geſchmuͤckte Brautbett, ihrem geſchmuͤckten Sarge gleich, aus dem Alkoven leuchtete. Jetzt ſchwebte ein Ge⸗ „ 4163 3 ſpenſt durch die auffliegende Thuͤr, Amalie lag zu meinen Fuͤßen. Ich weinte laut. Gott, was iſt Dir? rief eine melodiſche Stim⸗ me und Roͤschens warme Hand ſtrich mir die Thraͤnen von der Wange. Ich ſchlug die Augen auf, ſah mich in dieſem Bett an ihrer Seite, an ihrer Bruſt, und bezweifelte doch, von Schauern befallen, noch Minutenlang mein Gluͤck. Ermuntre Dich, bat ſie und liebkoſte mich: du blickſt ſo wild umher daß mir bange wird. O welch ein Traum! ſprach ich kleinlaut und huͤllte mich tief in die Decke. Es ſchlug zwei Uhr. Deine Hand brennt wie Feuer, verſicherte Roͤschen: und kuͤßte die brennende. Zwei Uhr? fragte ich— Sonderbar. Zwei uhr ſchlug es, als Du ihn ſahſt. S. Wen denn, mein Engel? 117 J. Ach braͤche nur dießmal der Morgen an! S. Ein ſeltſamer Wunſch! Was traͤumte Dir denn? J. O frage nicht. Schon einigemal ließ ich meine Helden traͤumen und traͤumte ſelbſt oft, doch ſo merkwuͤrdig, ſo taͤuſchend, ſo ſchauerlich nie. S. Erzaͤhle! J. Jetzt nicht. Im Angelo ſollſt du alles leſen. Zwar ſind Traͤume verbraucht, und der Kritiker wird mich uͤberdieß der Wiederhohlung bezuͤchtigen, aber ich wache doch, Roͤschen? Schla⸗ fe doch jetzt nicht etwa? Wir ſind getraut? Nicht wahr? S. Welche Frage! Wie kaͤm' ich ſonſt hie⸗ her? J. Da haſt Du Recht— Das uͤberzeugt! und Dir iſt wohl? S. Unausſprechlich! J. Und Dein Gefuͤhl gegen mich, mehr als Mitleid, mehr als Wohlwollen? S. Heiße Liebe, O, alles biſt Du mir! 118. J. Ach, wenn doch der Doktor dieß Be⸗ kenntniß vernaͤhme! S. Naͤrriſcher Menſch! J. Gottlob! Das iſt die Sprache der Ver⸗ ehrung nicht. Die Minna log, wie er. Deine Liebe ſei nur Hochſchaͤtzung, meinte ſie. S. O, die Falſche! Nun, den Traum muß ich hoͤren. J. Wuͤnſche das nicht. Aber Deine Schulter iſt feucht. S. Du haſt ſie naß geweint. Ein Thraͤ⸗ nenſtrom entſtuͤrzte Dir. Du becteſt, ſchluchzteſt; lange hab' ich ſchon an Dir geruͤttelt. J. Das koͤmmt von dem Hechte. Wie elend hat mich ſeine Leber gemacht! S. Und von dem Weine— J. Aus dem ging die Minna hervor. S. So? Was hatteſt du denn eigentlich mit dieſer? J. Wenig erbauliches. Die ſollte und muß⸗ te ich nun heirathen. S. Gott behuͤte! 8 119 Das war Dein letzter Wille, Kind! Ich ſtarb alſo? Und legteſt ihre Hand in die meine. Da hab' ich phantaſirt.. Entſagteſt mir fuͤr Zeit und Ewigkeit! und das aͤngſtigte Dich? Guter Mann! Wie ſchmeichelhaft fuͤr Dein Roͤschen! J. Die Mamſel Wollmar ſchien uͤbrigens nicht geneigt, das Teſtament umzuſtoßen. S. Sei ſtill! Traͤume muß man vergeſſen. Schlaf ein, ſo weißt Du am Morgen kein Wort mehr. Ich folgte dem Rath und traͤumte, Dank ihrem Troſt und ihren Kuͤſſen, viel ſuͤßer. Eine liebliche Melodie weckte uns. Maͤdchen⸗Stim⸗ men ſangen, von meinem Fluͤgel begleitet, im Vorſaal ein Lied, in welchem„Heut, voll Se⸗ ligkeit, Auror' erwachte und Phoͤbus lachte.“ Wir lachten auch und warfen uns ſchnell in die Fruͤh⸗ kleider. Die Einaͤugige trat mit der Brautſuppe, Einnehmers Jettchen mit dem gereimten, in At⸗ las gebetteten Goͤtterkinde, Minna mit einem geſtickten Segensſpruch vor uns Gluͤckliche: erroͤ⸗ . . 2 9299 9 120 thend umarmten ſie die Erroͤthende. Auch ich ward roth, als mir die letztre den Roſenmund darbot, und die Phantaſie das Gaukelſpiel dieſer Nacht vergegenwaͤrtigte. Ach, wuͤßten Sie, ſprach ich, im Begriff, ihr die Erſcheinung mitzuthei⸗ len: wuͤßten Sie, beſtes Minchen, wie ſeltſam — Eruſtwerdend winkte mir die junge Frau— Was denn mein ſchoͤner Herr Siegfried? fragte die Wißbegierige— Wie ſeltſam, ſtotterte ich jetzt, an einem ſolchen Morgen einem Mann ums Herz iſt— Ich rechne auf Nachſicht, fiel Jettchen ein, und uͤberreichte mir mit mimiſcher Grazie das Gedicht; zwar halt' ich dieſen Verſuch fuͤr einen meiner gelungenſten, immer bleibt er jedoch nur ein ſchwacher Nachhall unausſprechlicher Gefuͤhle. Minna belaͤchelte den Nachhall, Roſanra trat mit dem gluͤhenden Weine dazwiſchen, die Maͤd⸗ chen ſchielten verſtohlen nach der Kammer und ſammelten ſich endlich vor der Buͤſte einer Pal⸗ „las Athenaͤ, welche noch immer den Blick der Weihe vergebens auf mein Pult herabwarf. Roͤs⸗ 121 chen hielt ſie ſchmollend fuͤr Amaliens Bruſtbild, Minna ſie fuͤr einen modernen Haubenkopf, Jett⸗ chen ſie fuͤr die Fran Leutnantin. Der Eiſer der Berichtigung fuͤhrte mich tief in die Mythe der Alten und eine Hoͤrerin nach der andern vor Roͤschens geoͤffneten Kleiderſchrank, der viel an⸗ ziehender als mein geoͤffneter Olympus, auf die Toͤchter des Staubes zu wirken ſchien. Selbſt Minchen machte ſich, unter dem Vorwand einzu⸗ ſchenken, einen Behelf, der mir, eben als ich von den ſchoͤnen Weſen der Fabelwelt auf mei⸗ nen Traum uͤberzugehen verſuchte, die Anwen⸗ dung erſparte und zum Ueberfluß trat Amalie, um ihren Morgen⸗Beſuch abzuſtatten, mit ver⸗ weinten Augen und bitterm Unmuth im blaſſen Angeſicht, herein. Betreten, auf einen Kreis kalt und feierlich dankender Maͤdchen zu treffen, eilte ſie unter meine Fluͤgel und verlor auf dem Wege einige gluͤckwuͤnſchende Worte fuͤr Roͤschen, die ſich, zwiſchen Mißmuth und Mitleid, der Umarmung hingab, zu welcher das Gefuͤhl der Schicklichkeit Amalien etwas ſpaͤt vermochte.... Findeſt Du nicht, ſprach ſie jetzt: daß mein Muͤhmchen viel Aehnlichkeit mit der Graͤfinn Hol⸗ berg hat? Das iſt die ſchoͤnſte Dame des Hofs, verſi⸗ cherte ich meiner Frau, die mit einer Verbeu⸗ gung erwiederte— Viel lieber moͤcht' ich der be⸗„ ſten aͤhneln. Madam ſind Roschens Hausgenoſſin? frag⸗ te Henriette und ſah ihr, bitter laͤchelnd, in die duͤſtern Augen. Mamſell verbeſſerte ich kleinlaut und noch blaͤſſer werdend ſprach Amalie zu der gutartigern Minna: Irr' ich nicht ganz, ſo waren wir fruͤ⸗ her Geſpielinnen?. Wohl, Wohl! erwiederte dieſe; ſie druͤckte ihr mit Herzlichkeit die Hand; meine Frau trat theilnehmend zu der Gruppe, Jettchen aber wiee der zu dem Pulte und blaͤtterte in der Hand⸗ ſchrift des Angelo, den mein Hochzeitfeſt zu den Todten geworfen hatte. Seunfzend ſah ich uͤber 123 ihre Schulter; er machte mir Kummer. Was ſollte, wenn er ſtarb, aus den beiden, troſtloſen Witwen werden? Was aus dem Buche ſelbſt, wenn Malchen, mein Liebling in dem Buche, die vergiftete Limonade trank? Zwar konnte ſich Angelo, falls ich ihn in den Fuͤrſten⸗Stand er⸗ hob, mit der Prinzeſſinn vermaͤhlen, theils aber fand ich bezahlte Standes⸗Erhoͤhungen unter der Wuͤrde des Mannes, theils ging dann, durch dieß Rettungs⸗Mittel, die Treue zu Grabe, die Treuloſigkeit dem Lohne zu und die moraliſche Tendenz verloren. Starb Malchen vor ſeinen Augen, ſo gab das eine ſchoͤne Moral. Die Eſchen konnten daraus lernen, wohin das Spiel mit Maͤdchen⸗Unſchuld und Maͤdchen⸗Ruhe fuͤhrt. Stieg der Markis ins Grab, ſo ſcholl aus die⸗ ſem, fuͤr alle Edelknaben von Europa, der gute Rath, bei der Schleppe die in ihren Haͤnden rauſcht, nur an die Seidenwuͤrmer und den Zo⸗ fen ihrer Gebieterin gegenuͤber, nur an den Staub zu denken, von dem ſie genommen ſind. Kaum waren die Maͤdchen fort, und Roͤs⸗ * 124 chen mit einem Huͤhner⸗Kauf im Vorhaus be⸗ ſchaͤftigt, als mein Genius mich nach St. Jacob rief. Die Limonade war verſchwunden. Eben als vorhin Amalie den Becher ergriff, ſehnte ſich Angelo nach Blumen, die er, vom Bett aus, im Garten gewahrte und bat Amalien, ihm deren herbei zu holen. Ich gab ihm die theuerſten! dachte ſie, ſetzte das Glas zuruͤck und eilte dem Wunſche zu genuͤgen. Auch dieſe irdiſchen empfang' er von mir, ein ſprechendes Sinnbild, zum letz⸗ ten Gedaͤchtniß! Fruͤher noch als dieſe ver⸗ gaͤnglichen, werd ich verwelken. Angelo klagte indeß uͤber Durſt. Unwiſ⸗ ſend, daß jenes bereit ſtehende Glas die Ver⸗ —— — 125 nichtung enthalte, reichte ihm ſeine Auguſta den Kuͤhltrank. Bald kehrte Amalie zuruͤck, bot dem Dankenden mit kalter, zitternder Hand den Strauß, nahm den geleerten Becher in der ſeinen wahr und ſank erſtarrt am Bette nie⸗ der. Mitleidsvoll rief Augu ſta ſie, nach man⸗ cher Anſtrengung, ins Leben zuruͤck. Amalie raffte ſich auf, ſah wild umher, warf ſich ſchreiend auf den Geliebten, aus deſſen Augen ſchon die Wirkung des betaͤubenden Giftes ſprach und verſchwand. Auguſta ahnte nicht, was ſie bewegte, nicht was ihm geſchah; fuͤhl⸗ te in ihrer Bangigkeit nicht, daß ſeine Hand kaͤlter und immer kaͤlter ward, freute ſich des ſtaͤrkenden Schlummers, der des Arztes Hof⸗ nungen zu beſtaͤtigen ſchien, verließ jetzt, ih⸗ res Wagſtuͤcks eingedenk, den Schlaͤfer, em⸗ pfahl ihn der reich beſchenkten Waͤrterin und eilte zum Wagen. Amalie, der ſie noch gern ein ſreundliches Lebewohl geſagt haͤtte, war, wie ſie vernahm, in der Kirche. Die Thuͤre 126 des nahen Kloſters ſtand offen. Amalie ſah in ihm die Pforte der Ewigkeit, ein Aſyl fuͤr den Jammer der das troſtloſeſte aller Herzen zerriß und warf ſich, einer Wahnſinnigen aͤhn⸗ lich, am Hochaltar nieder. Der Beichtvater der Nonnen ſah die Beterin. Ihre Gebehr⸗ den, die Gluth ihrer Andacht, das Streben ihrer hocherhobenen Haͤnde zog ihn an, er trat zum Altare, faßte die Buͤßerin ins Auge und las auf ihrem zerſtoͤrten Geſicht die Ge⸗ ſchichte eines namenloſen Elends. Jetzt blickte ſie zu ihm auf. Gleich einem Himmels⸗Bo⸗ ten erſchien er ihr. Mit Innbrunſt um⸗ ſchlang ſie die zitternden Knie des Greiſes, der ihr zum nahen Beichtſtuhl winkte und die ſchuldloſe Verbrecherin zu dem Heilquell ſeiner Kirche geleitete. Amalie vergaß im Drange der Bekenntniſſe, welche das uͤber⸗ ſtroͤmende Herz auf ihre Lippen trug, daß ſie Proteſtantin war, und ſchmolz unter den goͤtt⸗ lich milden Augen jenes Maͤrtyrers der vom 127 nahen Pfeiler zu ihr nieder ſah, in Thraͤnen hin. Der Aya, welche im Gefolge jener Miß⸗ verſtaͤndniſſe, Auguſtens Zimmer jetzt oft Ta⸗ ge lang verſchloſſen fand, entdeckte Frau Mar⸗ kus am Morgen, daß die Prinzeſſinn mit Tages⸗Anbruch, verkleidet, mit ihrer Kam⸗ merſrau abgereiſt ſei. Wohin? hoffte jene, da ihr Mann Wagen und Pferde dazu her⸗ gegeben hatte, nach der Ruͤckkehr beſtimmt zu erfahren. Der Aya ſchien der Vorfall uner⸗ hoͤrt, und gekraͤnkt, beleidigt, verantwortlich wie ſie war, fertigte die Graͤfinn auf der Stelle einen Eilboten an den Fuͤrſten ab. Der Tag verſtrich unter Erwartungen, die Nacht unter den baͤngſten Bekuͤmmerniſſen. Der zweite Abend kam, ſie fehlte noch. Pagen flogen, von Stunde zu Stunde, nach Wild⸗ thal und zuruͤck. Der beſorgte Fuͤrſt fuhr endlich, der vergeblichen Anfragen muͤde, ſelbſt auf das Schloß und durchwachte in ihrem 128 Zimmer die lange Nacht. Noch kannte nie⸗ mand den Grund dieſer Bewegungen. Der Hof, die Dienerſchaft, das Publikum erzaͤhlte ſich, daß die Prinzeſſinn ploͤtzlich ſehr krank worden ſei, nach dem Fuͤrſten verlangt habe und außer der Kammerfranl keine Bedientin vor ſich laſſe. Aber ſo feſt war der Ruf von ihrer Trefflichkeit gegruͤndet, daß ſelbſt die entſchloſſenſte Verlaͤumdung keine Folgerungen aus dieſer ſeltſamen Nachricht zog. Mitten in der Nacht kam der Mohr zuruͤck. Ein Zu⸗ fall hatte ſeine Ruͤckkehr verzoͤgert. Er wußte von nichts, geſtand dem Fuͤrſten nur, daß er mit Depeſchen an den Markis Di Amone nach Verona geſandt worden, daß derſelbe noch vor ihm aufgebrochen und auf jeden Fall ſchon ſeit mehrern Tagen hier ſei. Sein Zorn entbrannte gegen dieſen. Es liegt am Tage, ſprach er zu der troſtloſen Aya: daß Sie mit ihm entfloh. Offene Schande, die Folge ih⸗ 129 rer Pflichtvergeſſenheit, bedeckt mein Haus. Auf Sie, Frau Graͤfinn, faͤllt die Schuld! * Darf ich Euch aufhaͤngen? fragte Roͤschen und trat mit dem Hammer in der Hand und zwei Medaillons unter dem Arm, vor das Sopha. Sin⸗ nend nickte ich, da hing Sie erſt mich, dann die Minna, ſo daß ich dieſer in den Ruͤcken ſah, hupfte dann zu mir und las, was ich ſchrieb. Wie Maienhauch wehte mich des Weibes Odem an, ihre Wange gluͤhte im Feuer der Geſundheit, ihr Mund an dem meinen und ich vergaß, dem Fuͤr⸗ ſten zu antworten. Eine Mordgeſchichte? ſprach die Rezenſentin und warf das Blatt hin: warum machſt Du dieſe Liebenden nicht gluͤcklich, wie wir es ſind? So gluͤcklich, entgegnete ich: waren ſie laͤngſt, Schilings Schr. dar Bd. 9 130 Noch glucklicher. Kein Fiebertraum vergaͤllte ih⸗ rem Braͤutigam den Necktar⸗Kelch, und ein Au⸗ genblick, gelebt im Paradieſe, wird nicht zu theuer mit dem Tod bezahlt, wie Du aus dem Carlos wiſſen mußt. Aber was verſchuldete Anguſar Durch die Hand der Liebenden ſtirbt der Geliebte und nur das Elend und der Jammer bleibt auf der Buhne. Andere ſchließen mit der endlichen Hochzeit und der Leſer wird zum frohen, theilnehmenden Ga⸗ ſte und freut ſich der gluͤcklich Gewordenen. „Als ob das Traupult die Schwelle des Him⸗ mels waͤre! Mich, liebe Frau, erheitern die Bei⸗ lager des Schlußbogens nicht. Ich ſehe uͤber die Gegenwart hin und das Ende der Seligkeit. Ver⸗ maͤlte Romanhelden ſind entzauberte Dichter. Die Ideale fliehn, die Flamme verlodert und dem gluͤhenden Sommer folgt nur zu oft ein naßkal⸗ rer Herbſt. Die Liebe, ſagteſt Du neulich: mache ſanft und menſchlich. Du aber haſt Heute, am erſten Ehetage, wie ein Marder gewuͤrgt. Um Mal⸗ 84 — 131 chen moͤcht' ich weinen, Auguſta leidet ſchuldlos, und Angelos Untergang vergeb' ich Dir nicht. Sag' Uebergang! Grab und Gluͤck ſind Synonime. Nur die gemeine Menge findet in dem Segen des vierten Gebots ihr Heil, poeti⸗ ſche Seelen ſtreben nach der Heimath und keh⸗ ren lieber fruͤher als ſpaͤt zuruͤck. Nicht eher weiß ich den Menſchen geſichert, gls bis ich ihn im Sarge weiß. Was ſind wir denn hier? Kin⸗ der, Puppen, Thoren— Peiniger oder Gepei⸗ nigte, Betruͤger oder Betrogene— Unreine Toͤ⸗ ne, vom Sturm verweht. Wir zwei ſind harmoniſche! ſprach ſie, und druͤckte mich liebkoſend an den ſchwellenden Bu⸗ ſen. 9 Koͤnigin! rief ich mit Poſa: das Leben iſt doch ſchoͤn! Ja wohl! erwiederte die Monarchin, darum laß es uns genießen. Ich habe die Minna zu Tiſche gebeten. J. Gut! S. Und Amalien. 132 J. Jungen Weibern verlangt nach Zeugin⸗ nen ihrer Herrlichkeit. Aber Malchens Herz wirſt Du Phe . Heilen, ſo Gott will! Sie ſoleicht da⸗ hin 7 eine Lebens⸗Muͤde, ſieht ſtarr in dunk⸗ le Winkel oder blickt ſchwermuͤthig zum Himmel auf. J. Ihr Auge ſucht, was ihr Herz verſcherz⸗ te. Wie die Lage, ſo der Sinn. Werde, was ſie ward und Du wirſt, wie ſie, nach dem Dun⸗ kel blicken, Dich, wie ſie, an den Buſen des Paters zuruͤckſehnen von dem die Schlange ſie weglockte. S. Aber weißt Du wohl, daß die arme Min⸗ na recht uͤbel daran iſt? Der Cantor, ihr Stief⸗ vater, war von jeher ein Wuͤthrich. Wie waͤr' es, wenn wir uns ins Muͤttel ſchluͤgen? Gern traͤt er ſie mir ab und Malchen wuͤrde, mit Freuden, die Geſellſchafterin aufnehmen. J. Und Minna mich zum Stiefvater? S. O, mit Jauchzen. Arm iſt ſie nicht. Eine Rente von jaͤhrlich hundert Thalern deckt 7 133 die Beduͤrfniſſe der Genuͤgſamen, und auf ihren Beiſtand darf ich rechnen. J. Brauchſt Du Beiſtaͤnde? S. Zur Ausfuͤhrung eines Plaͤnchens, das mich ehren, Dich naͤhren wuͤrde. J. O laß hoͤren. Nahrung brauchen wir! S. Ich naͤhe gut!— Das Verdienſt iſt ſo unbedeutend, daß ich meiſterhaft ſagen darf. Malchen ſtickt mit ſeltener Faͤhigkeit, Minna iſt die fertigſte Putzmacherin. Wir errichten eine Maͤdchen⸗Schule. Iſt ſie im Gang, ſo empfaͤngſt Du auch Deine Rolle.— Ich lachte laut. J. Jetzt mach' uns die Ankuͤndigung. Sie muß ans Herz dringen. Benutzeſt du Dein Pfund, guter Mann, ſo kann es nicht fehlen. J. Nein, Roͤschen, nein! damit verſchone mich. Ich werde ja Rath. S. Rath. Was iſt das? ein Titel. Wahr⸗ haft goͤttlich dagegen iſt das Amt, junge, weib⸗ liche, unverdorbene Seelen zu bilden, zu erhe⸗ 134 ben, ihnen ihre Pflichten theuer, ihren Beruf heiliger zu machen. J. Immer, gutes Röschen, hab' ich die ar⸗ men Winzer bedauert, unter deren Pflege die Trauben reifen. Fuͤr fremde Lecker⸗Maͤuler ziehn ſie dieſe, oder Eſſig ſtatt des Weins. S. Cgoiſt! „J. Verkenne mich nicht. Leicht koͤnnte einſt die Biene, vom Roſenkelche weg, zu den Veil⸗ chen die ſie umbluͤhen, hinabfliegen und den ſel⸗ tenen Veilchenhonig ſchmackhafter als das taͤgli⸗ che Roſenwaſſer finden. S. Das trauſt Du Dir zu? J. Alles was menſchlich iſt. Vor zwei Jah⸗ ren noch, ſpielte ein Maͤdchen, wie Lottens Schwe⸗ ſterchen im Werther, mit ihrer Puppe auf mei⸗ nem Schooß, geſtern ſah ich, daß ſie die Puppe mit einem Aſſeſſor vertauſcht hatte. Ihr ſeyd wie Amor, als Kinder ſchon gefaͤhrlich. Darum laß mich aus dem Spiele. An Schülerinnen wird es ohnehin gebrechen. Jean Pauls Verſi⸗ cherung, daß zehn Romane nicht ſo ſchlimm als 135 ein Romanſchreiber ſind, ſteht Deinem Plan im Wege, ob ich gleich beſſer als mein gelungenſter aus fiel. S. So ſchweig in der Anzeige von Dir. Es gilt den Verſuch. O, raube mir die Mög⸗ lichkeit nicht, thaͤtig und wohlthuend auf mein Geſchlecht zu wirken. Die Tiſch deckende Roſaura unterbrach den Goͤtterplan, Malchen trat als Gaſt berein, und ſprach, meine Hand mit Heftigkeit ergreifend— Sie hat mich verſoͤhnt. Ihr folgte Minna, die mit holdſeligem Lächeln fuͤr die wohlwollende Auf⸗ nahme dankte, von der Maͤdchenſchule, als von einer bereits entſchiedenen Sache ſchwatzte und mir reiche Ausbeute verhieß. Jetzt kehrte auch Roͤschen zuruͤck. Umringt von dem Kleeblatt, entwarf ich die Verkündigung. Meine Fran gab den Ton an, Minna manches Wort dazu. Mal⸗ chen ſchwieg und laͤchelte ſtill vor ſich hin. Die Suppe kam. Das Inſtitut blieb, uͤber Tafel, an der Tages Ordnung. Geſaͤttigt von dem Ent⸗ wurf, wendete ich das Geſpraͤch an Malchen. 136 Sie ſah mich ſtarr, aber bedeutend an, und ſag⸗ te nichts. Deſto lauter wurden die neuen Bilde⸗ rinnen und mein kanariſches Haͤhnchen ſpottete ih⸗ nen unermuͤdet nach. Sie uͤberſchrieen den Saͤn⸗ ger, trieben die Sache ins Große und vergaßen mich und die Schweigende. Ich vergaß dieſe nicht, vielmehr die Schulanſtalt uͤber ihr. Mal⸗ chens Geſicht glich dem Antlitz der Schmerzen⸗ Mutter. Fluͤchtig hatt' ich ſie, Geſtern ſowohl als Heute uͤberſehn, jetzt feſſelte, jetzt erſchreckte, er⸗ ſchuͤtterte mich die Grabes⸗Geſtalt. Oft ſchloß ſie fuͤr Augenblicke die entzuͤndeten Augen und einer Verſchiedenen glich ſie dann. Leiſe Schauer durchzitterten die Sprachloſe; ihre Lippen entfäͤrb⸗ ten ſich unter den Schauern und bebten, wie von dem Kuß der Liebe gereitzt. Kraͤnkelnde Blume, dacht' ich: du verwelkſt! Es iſt das Wehn des Todes, das durch deine Blaͤtter fliſtert. Unſer Gluͤck zerdruͤckt dein Herz. Dir ward der Lebensbaum zur Zypreſſe! Jetzt ſtand ſie auf und wankte der Thuͤre zu. Roͤs⸗ chen ſah erſtaunt in das geiſterbleiche Geſicht, 137 und winkte mir, ſie hinabzufuͤhren. Wir traten ſchweigend in das kleine Zimmer, wo ich ſo oft ihr Warner, ihr Vorleſer, der Vertraute ihres Herzens war und ergriffen von jenen Erinnerun⸗ gen nahm ich die Ungluͤckliche an meine Bruſt, und nannte ſie, im Tone der Vorzeit, Am a⸗ lie! Zwei große Thraͤnen fuͤllten ſchnell des Maͤd⸗ chens Augen, aͤhnliche, von dieſem Ruf erweckte Gedanken ihr Herz aus; mit einem Klaglaut ſank ſie zu meinen Fuͤßen. Herzlich weinte ich an dem entweihten Altare! Verloren! rief Amalie und rang die Haͤnde. Nein! fiel ich troͤſtend ein: an meinem Herzen liegſt Du, Le idende! und im Schooße des Vaters! 1 Laß mich beten! bat ſie und floh in die Kammer. Du haſt geweint? rief meine Frau— Thraͤnen verſchoͤnern den Mann! verſicherte Minna und beider Augen ſchwammen, noch ehe . 138 ſie wußten, was die Quellen der meinigen auſ⸗ that. Ich will mit ihr beten! aͤußerte Roͤschen dann. O das kann ich. Als Dein Bruder ſtarb, Minna! Weißt Du es noch? Knieend verwein⸗ ten wir die Vollendungs⸗Nacht an ſeinem Bett, aber der Vater vernahm uns nicht und ſein Au⸗ ge brach unter unſern Gebeten. Geh hinab, erwiederte ich und kuͤßte ſie. Geh hinab, heiliger Engel, und nimm den ent⸗ heiligten liebend an Deine Bruſt. Sie ging. Wie beklag' ich die Arme! ſprach Minna und ſetzte ſich zu mir. Eigentlich macht doch die Lie⸗ be zu Ihnen, ſie elend. J. Glauben Sie das nicht. Nur Maͤnner kennen die Liebe, nur unſere Herzen verzehrt ihre Flamme. Vor der Flamme die zerſtoͤren kann, ſchuͤtzt ſeine Eigenſucht das zweite Ge⸗ ſchlecht. Wir trauern uͤber die verlorne Geliebte, die Verlierende betruͤbt, in der Regel, nur der untergang willkommener Ausſichten. Die Weiber — ——— — 139 lieben ſich ſelbſt zu ſehr, um etwas außer ſich mit aller Kraft der Seele zu umfaſſen. S. O laͤſen Sie doch in unſerm Innerſten! J. Ich las! Ich liebte. So ward ich nie geliebt. Selbſt das reine Herz meines Weibes erfuͤll' ich nicht. Nahrungs⸗Plaͤne, Kleidungs⸗ ſtuͤke, Wirthſchafts⸗Sorgen beſchaͤftigen ſchon am zweiten Ehetage eine Phantaſie, die, von ernſter Leidenſchaft ergriffen, Plaͤne, Kleider, Wirth⸗ ſchaft, Himmel und Erde vergeſſen wuͤrde. S. Zum Heil unſers Lebens gab uns der Himmel dieſen Gleichmuth, neben dieſer Waͤr⸗ me. Wie oft wuͤrden wir, ohne ihn, in Stun⸗ den der Verſuchung, Himmel und Erde vergeſſen und unſere Pflicht. J. Wohl! Doch hier iſt nicht die Rede von dem was ſie empfingen, ſondern von dem was ſie ſind. O Seligkeit des Himmels, wenn Flam⸗ me gegen Flamme ſtrebt— Aber nur leichten Funken begegnet die unſre, und von ihr umfan⸗ gen, verglimmen dieſe. S. Sie taͤuſchen ſich. Ich kenne Herzen die 140 in Flammen glühn. In Flamimnen beſtimmunglo⸗ ſer Sehnſucht.. Das glaubte ich ihr, griff zum Huth, eilte, von Malchens Verhaͤngniß gebeugt, ins Freie und ſuchte auf der Flur und im Hain, am Buſen der Mutter, den verlornen Genius mei⸗ ner Ruhe. Ihr Fuͤllhorn war aufgethan, aus Hain und Flur begruͤßte die Freude mich. Aber vor meinem Auge ſtand nur die ſchoͤne Ruine und in jedem Huͤgel ſah ich ein Grab, das Grab des Maͤdchens an deſſen Hand der Knabe huͤpfte, an deſſen Bruſt der Juͤngling gluͤh⸗ te, um die der Mann mit ernſter Liebe warb. Und die Sonne ward bleich, gellend der Voͤgel Lied, die duftende Flur eine Steppe und Stuͤr⸗ me des Todes brauſten im Hain. Finſtrer als ich ausging, kehrt' ich wieder. Roͤschen und Min⸗ na waren bei ihr. Unbeweglich lag ſie im Lehn⸗ ſtuhl; ihre Augen ſahen in den Buſen. Jetzt ſtiegen ſie an mir empor. Ich bin geſtorben! rief ſie, und ſtreckte die Haͤnde nach uns aus— Ge⸗ ſtorben! So begrabt mich doch= Ich bin geſtor⸗ ——— 141 ben! rief ſie dem eintretenden Arzt entgegen: da ſehn Sie dieſe Weinenden. O Gotk, lispelte Roͤschen, und ſchmiegte ſich furchtſam an meine Bruſt, Du haſt im pto⸗ phetiſchen Geiſte geſchrieben. Als Hausfreund mit ihren Verhaͤltniſſen bekannt, ſah der Arzt bald auf den Grund der Krankheit, traf einige zweckdienliche Anſtalten und empfahl mir, an der Huͤlfe ſeiner Kunſt verzweiſelnd, das ſcho⸗ nendſte, liebevollſte Benehmen gegen die Wahn⸗ ſinnige. So fiel denn aus hellem Himmel ein Blitz in die Roſenlaube der jungen Che. Blaͤtter, die zerſtreut in ihrem Pulte langen, Aufſaͤtze die ſie in lichten, ſeltenen Zwiſchenraͤumen ſchrieb, uͤber⸗ zeugten uns von dem ſtillen aber furchtbaren Kampfe, den die Arme, ſchon ſeit ihrer letzten Ruͤckkehr nach Steinau, gekaͤmpft, von der Ge⸗ walt die ſie ſich, uns gegenuͤber, angethan hatte, von der raſchen Hinneigung ihres betrogenen Her⸗ zens zu dem fruͤher Verſchmaͤhten, von dem druͤ⸗ ckenden Gefuͤhl der Schande, welche ſie zu uͤber⸗ 142 leben verzagte und die den Grund zu der firen Idee, daß ſie geſtorben ſei, gelegt haben moch⸗ ten. Fromm wie ein Lamm ſchlich ſie umher mit dem ſchwarzen Band um die Haube, in Schleier gekleidet, bleich wie die Vollendung und ſchweigend wie die Todten, mit ſtarrem Blick und ſeltſamen Laͤcheln, das, ſo oft ſie mich wahr⸗ nahm, ſo oft ich ihr ſchmeichelte oder zuſprach, ſchnell in die Gebehrde des Weinens uͤberging. Gern duldete ſie mich, floh die Verdraͤngerin, hing ſich taͤglich feſter an unſre Minna und weinte oft bitterlich am Buſen dieſer Troͤſterin.. ——— 143 Still vergehend wie meine Amalie, ſuchte Angelos Braut zu den Fuͤßen der Heiligen die ſie jetzt bekannte, am Altar der Madonna, in der ſie jetzt die verſoͤhnende Mutter ihres Gottes ſah, den Frieden der auf ewig ihrer Bruſt entfloh; ſtreute taͤglich friſche Blumen auf des Schlaͤfers Grab den die Aebtiſſin, ſei⸗ ne Verwandte, in die geweihte Erde des Klo⸗ ſter⸗Kirchhofs betten ließ, umſchlang noch taͤg⸗ lich die Knie der vergebenden Auguſta, die oft, Hand in Hand mit ihr, zu dieſem Gra⸗ be wallte. Eben als Auguſta ſich damals, auf der Ruͤckreiſe, frohen Hoffnungen und reizenden Entwuͤrfen uͤberließ, hohlte der zuruͤckkehrende Eilbote, welchen ſie kuͤrzlich dem Mohren nach⸗ ſandte und der eben zu St. Jakob den Tod des Markis vernommen hatte, ihren Wagen ein, erkannte ſeine Gebieterin in ihm, und 144— klagte laut um den Verluſt ſeines Goͤnners. Ohnmaͤchtig ſank Auguſta an den Buſen der Kammerfrau, die es fuͤr das gerathenſte hielt, nach dem Kloſter, als dem naͤchſten Ruhe⸗ punkt, zuruͤckfahren zu laſſen. An ſeinem Thor erwachte ſie. Aus der Kirche ſcholl die Hora, die Kuppel glaͤnzte im Abendrothe, es glomm in den rauſchenden Wipfeln der Lin⸗ den. Geiſter der Ruhe begruͤßten die Troſt⸗ loſe. Hier will ich ſterben! rief ſie, erhoben von dieſem Feierabend, flog aus dem Wagen, die Treppe hinauf, dem Chore zu und ſank in die Arme erſtaunter Nonnen, die, wie ſie, den ſchoͤnen Mann beweinten, der juͤngſt ſo beredt⸗ ſam zu den Braͤuten der Engel ſprach. Die Szene Ihres Zuſammentreffens mit Amalien, welche Wochen lang zwiſchen Td und Leben ſchwebte, liegt außer dem Gebiete der Darſtellung. Erſt am Abend des dritten Tages, als der Feierklang der Glocken ver⸗ „ 145 ſchollen war, der den Liebling dieſes gebroche⸗ nen Herzens zum Grabe geleitete, fiel Augu⸗ ſten bei, daß man ſie in Wildthal vermiſſen werde und ein Eilbothe ging mit der Anzeige der Aebtiſſin an den Fuͤrſten ab. Vergebens blieben ſeine Bitten wie ſeine perſoͤnliche Er⸗ ſcheinung. Die irdiſche Roſe ward zur himm⸗ liſchen Blume geweiht und Amalie verſchied unter ihrem Schatten. Weinend blickt Auguſta, wenn die Sehn⸗ ſucht nach verſchmaͤhten Guͤtern, nach Genuͤſ⸗ ſen ihres Ranges, nach den berauſchenden Freuden ihres Alters das entſagende Herz be⸗ ſtuͤrmt, zu Angelos Huͤgel, den ſie aus ihrer Zelle ſieht, oder auf das heilige Saatfeld, un⸗ ter dem Amalie den wilden Schmerz verſchlaͤft; ſieht dann die Graͤber offen und Gruppen glaͤnzender Engel uͤber ihnen. Im Traum er⸗ ſcheint er ihr, laͤchelt ihr aus dem heimlichen Verlobungs⸗Ringe zu, den ſie in jener Tren⸗ nungs⸗Nacht von ihm empfing. Da gedenkt Schiuings Schr. 44r Bd. 10 146 ſie der ſeligen Jugend⸗Zeit, der ſchuldloſen Kinderſpiele, der zarten Anhaͤnglichkeit durch die der Knabe des Maͤdchens fuͤhlendes Herz beſtach; der Dienſte des Juͤnglings, der Schwuͤre des Mannes, der gluͤhenden Umar⸗ mungen, die Geiſt mit Geiſt und Herz mit Herz vermaͤhlten. Thraͤnen der Wehmuth und der Erinnerung bedecken dann die ver⸗ ſchlungenen Arme, die einſt ihn umſchlangen. Auf Roſenwolken fliegt die Traͤumende zum Sterne der Vollendung und wandelt dort mit ihm, in ſeliger Eintracht. Friede den Nonnen⸗Kloͤſtern! Ihre Ver⸗ tilgung waͤr ein Verbrechen gegen die Huma⸗ nitaͤt. Des Mannes Freiſtaͤtte ſey immer⸗ hin die weite Welt. Der Ehre Flecken, das Bild der Geliebten, unbezahlbare Wechſel blei⸗ ben dieſſeit des Meeres und der Alpen zuruͤck, ein neues Leben winkt ihm von dem jenſeiti⸗ gen Lande. Aber durch ſeine Schwaͤche, ſeine Huͤlfloſigkeit an die Heimath gebunden, ſieht 14/ die Ungluͤckliche, ohne ſie, nur im Sarge ei⸗ ne Freiſtatte, nur im Grabe Schutz vor allem Hohn der dem Falle, vor allem Jammer der hoffnungsloſer Liebe, vor aller Qual die den Wunden des Gewiſſens folgt. Ihr wird das Kloſter zum Hafen der Hoffnung; der Engel des Glaubens verbindet dort, wohlthuend, die unheilbaren Wunden und die Religion der Lie⸗ be nimmt das weinende, verirrte Kind, mit Mutterſinn an ihren Buſen. * 8 . Herr Siegfried, ſprach die Einaͤugige: ich ſoll Filtrir⸗Pappier fuͤr die Madam hohlen, wenn Sie mir etwa was Geſchriebenes an den Buch⸗ drucker mitgeben wollten? Es waͤre ein Gang. Geduld, Roſaura! entgegnete ich und eilte zum Schluße. Vergebens hatte ſich Amalie, an jenem Wild⸗ thaler Feſttags⸗Morgen, bei der Todtengraͤbe⸗ rin das Grab unter der hohen Pappel beſtellt. Am Jahrestage nach dieſer Begebenheit trug man den Hof⸗Fourier, deſſen angehender Bruſt⸗ Wafferſucht ſchon fruͤher gedacht ward, durch das Thor. Er litt an ihr wie ein Gottloſer und ward begraben wie ein Reicher. Der Trauer⸗Wagen, welcher damahls ſo ſchnell vor der Thuͤr des Gottesackers ſtehen blieb, war jetzt mit luſtigen Erben beladen die ihn, freudiger als er an jenem Morgen, verließen, und dem ſinkenden Sarge laͤchelnd nachſahn. Auch das Fraͤulein von Hallen war dem Verhafngniß, das ihr eine ſo widrige Rolle zutheilte, nicht entgangen. Vom Hofe verwie⸗ ſen, der Ungnade wegen, von allen Großen, und wegen ihrer Boͤsartigkeit von allen Guten geflohn, wuchs dennoch ihr Stolz und die Hoſ⸗ ——— 1495 fart ihres Herzens in dem Maß als ſie aͤlter, aͤrmer, verachteter ward, und verkuͤmmert ihr den Herbſt des Lebens. 832 Auch in dem Auge der Einaͤngigen hing, als ich ihr den Schlußbogen in die Hand ſchob, eine Thraͤne. Ach, unſer Malchen! brummte die Theilnehmende und die Thraͤne fiel unter den Schlußſtrich. Dieſes Punktum, ſprach ich geruͤhrt: wuͤrde vielleicht einen feindſeligen Krittler gewinnen, Schade, daß es nicht mit gedruckt werden kann. Ach, fuͤr den Druck wein' ich auch nicht! fiel. ſie ſchluchzend ein: Gott ſtehe doch dem hochbe⸗ truͤbten Kinde bei! Das wird er, Roſaura! und dieſes Merkzei⸗ chen der Menſchlichkeit erheitere einſt Deine To⸗ desſtunde! Geh nun, geh, und weine nicht! Sein Wille geſchehe! 150 Die Thraͤne der Koͤchin war in mein Herz gefallen. Ich moͤchte, ſprach ich: die Maſſe derer ſehn, die, ſeitdem es Leiden giebt, dem Schmerze floſſen. Wuͤrde wohl das weite Bett des Lemans ſie faſſen? Und reichten nicht, fuͤr die Summe der Freuden⸗Thraͤnen, vielleicht die Scheitel⸗ Hohlen derer hin, welche die Freude getoͤdtet hat? Welch ein Mißverhaͤltniß! Wenn uͤber tau⸗ ſend Millionen Menſchen die Erde bewohnen und jedem das Leben nur tauſend Thraͤnen ko⸗ ſtet, ſo fließen in jedem Jahrfunfzig weit uͤber eine Billion. Welche Summe von Schmerz! Welche Maſſe von Tropfen! Zu denen, ſprach Roͤschen: mein armes Ge⸗ ſchlecht neun Zehntheile liefert. Zugegeben, erwiederte ich: doch das zehnte Zehntheil wiegt ſie auf. Es iſt der Geiſt dieſer geſammten Waſſer⸗Maſſe.. Das klingt vornehm! ſiel ſie ein: doch iſt es nur gewoͤhnliche Prahlerei. Die Thraͤnen der Schmerzens⸗Mutter, der verwaiſten Tochter, der gekraͤnkten Unſchuld, der gemißhandelten Gattin, 151 werden von Engeln aufgenommen und bethauen die Gefilde jener Welt. Vergieb mir, ſprach ich, Du haſt Recht! Und uͤberdieß vergaß Deine Beſcheidenheit des Thaues zu gedenken, den jungfraͤuliche Wittwen den Graͤ⸗ bern der Geliebten opfern. 3 Heut iſt ſein Todestag! entgegnete ſie, das Geſicht an meiner Bruſt verbergend. Du feierſt ihn doch? Das gelobt' ich ihm. Wir kamen eben von ſeiner Ruheſtatt, es fiel ein Beitrag zu der berechne⸗ ten Billion in die wogenden Halmen. Die Minna ſah nur ſein fruͤhes Grab und zerfloß faſt, ich ſah ihn unter den Seligen, und freute mich ſei⸗ ner Seligkeit. Drei angehende Jungfrauen ſaßen, als ich von einer Geſchaͤfts⸗Reiſe zuruͤckkam, vor dem Naͤh⸗ tiſche meiner Frau die mir ſie vorſtellte. Die Maͤdchen blickten ſchuͤchtern von ihrer Arbeit auf, naͤhten nun viel eifriger als zuvor und ſtachen ſich noch oͤfter in die Finger, denn jede von der ich eben die Augen abwandte, erhob die ihren lauſchend zu mir. 1 „ der Fleiß, ihr Kinder ſprach Röschen, und ſchielte in den Hintergrund des Naͤhtiſches, wo ein angehefteter, fuͤr dieſen Zweck gefertigter Aufſatz von mir, ihre Beredtſamkeit unterſtuͤtzte: „der Fleiß iſt die Ouelle des Gluͤcks. Thaͤtigkeit entwickelt die Kraͤfte des Koͤrpers wie der Seele, und wir muͤſſen ſie daher als die gefaͤhrlichſte Fein⸗ din unſeres Friedens fliehn. Die Traͤgheit nehmlich! fiel ich verbeſſernd ein, denn Roͤschen hatte eine Zeile uͤberſehn und errothete als die Eine, um ihr Laͤcheln zu bede⸗ cken, blonde Locken in die Stirn zog, die Andere — 153 von meinem Huſten angeſteckt, das Kinn in der Spalte ihres Tuchs verbarg, die dritte in un⸗ geſtoͤrter Andacht auf ihre Stiche niederſah. Mit einem Wort, fuhr Noͤschen, mein Con⸗ zept verlaſſend, fort: Sie muͤſſen huͤbſch fleißig ſeyn. Seufßzend ſchwiegen die Schuͤlerinnen. Min⸗ na, die bis jetzt am Fluͤgel gelauſcht hatte, ſchlug, ihr ausbrechendes Gelaͤchter zu uͤbertaͤuben, den „ſchonen Goͤtterfunken“ auf ihm an. Die Maͤd⸗ chen horchten erheitert auf, als ich mich, einſtim⸗ mend, feuertrunken erklaͤrte, und die Blon dine huͤpfte, von der Muſik ergriffen, zu dem Fluͤgel und hing ſich, als ob ihr der große Wurf bereits gelungen waͤre, mitſingend an meinen Arm. Roschen blickte befremdet zu dem Cantor auf, der mit dem errungenen, holden Weib auf der weit geoͤffneten Lippe, zu der neuen Gefaͤhrtin niederſah, die von dem großen Ringe ſchmach⸗ tende Augen zum Himmel warf, und als dieſe auf ihrem Wege den meinen begegneten, ſchnell erroͤthend auf den Text zuruͤckſah, die Stimme 154 fallen ließ und die Frende nun, kaum vernehm⸗ bar, von den Bruͤſten der Natur trank.—„Kuſ⸗ ſe“ flötete Minna betonend,„Kuͤſſe“ fiel mein Maͤdchen ſeufzend ein„Kuͤſſe gab ſie uns“ ruͤhm⸗ te beiſtimmend meine laut werdende Frau, und der Kanarien⸗Vogel folgte, als jetzt dem Wur⸗ me ſelbſt, die Wolluſt gegeben ward, dem Bei⸗ ſpiel ſeiner Ernaͤhrerin und uͤberſchrie uns. Endlich fuͤhrte der Todtenrichter die Blondi⸗ ne an den verabſaͤumten Hemdenhals zuruͤck. Der Hemdenhals aber war, zum Ungluͤck, nicht an dem das ich trug, ſondern auf einem das ich noch tragen ſollte, und ſtak am Naͤhkiſſen. Ach, ſchon funfzehn! ſprach ſie, als ich nach der Zahl ihrer Sommer fragte, und ſah recht traulich zu mir auf und dann recht gleichguͤltig in meines Roͤschens Angeſicht, die keinen ihrer Stiche gutthat. Funfzehn, rief ich geruͤhrt, ein ſeliges Alter. Da ſehn wir alles noch im Zauberlichte, und wandeln an der Hand ſchmeichelnder Feen. Glauben Sie das nicht! ſiel die Blonde ein 1 155 und ſangte einen Blutstropfen aus dem zerſto⸗ chenen, niedlichen Finger. J. Da traͤgt das Blut noch dieſe Farbe. Wie unvorſichtig! ſchalt meine Frau, ſah uns beide zugleich an: ſie griff nach dem engli⸗ ſchen Pflaſter. Thereſe aber ſah nur mich an und wies laͤchelnd mit der Spitze ihrer Naͤhna⸗ del auf einen Tropfen, der dem Hemdenhalſe zu⸗ gefallen war. Reiner, verſicherte ich, reiner und roſiger war der Ichor nicht, der einſt die weiße Roſe faͤrbte. Roͤschens Gemurmel ſchlug an mein Ohr und die vorgehabte Vergleichung mit Cytheren erſtarb mir auf der Lippe. Nebenher zog mich auch Min⸗ na am Rockſchooß und murmelte ebenfalls, doch zum Fenſter hinaus. Aber fuͤrchten Sie, fuhr ich, ſchnell zum Pre⸗ diger werdend, fort: fuͤrchten Sie dieß Blut, gu⸗ tes Maͤdchen. Geiſtig und raſch wie es iſt, wird es oft die Quelle des Leichtſinns und der Leicht⸗ ſinn iſt der Vater der Thorheit. 156 Maͤtzchen! mein Maͤtzchen! rief ſie zu dem ſchmetternden Vogel hinauf, und ſpitzte pfeifend ihre lieblichen ALppen. Roͤschen warf das Tuch auf den Kaͤfich; ich biß in die Zunge. Das arme Thierchen! klagte Thereſe. So geht es den Vorlauten! ſprach die ſchmaͤ⸗ lende Frau und machte einen zweiten Verſuch mit der moraliſchen Vorleſung, aber die Uhr ſchlug zwoͤlfmal und da ſchoben die Maͤdchen, mit einem Ruck, ihre Stuͤhle und wuͤnſchten uns geſegnete Mahlzeit. Da ſie ſich nun im dunkeln Vorſaal leicht haͤtten ſioßen oder wohl gar die Treppe hinabfallen koͤnnen, ſo gab ich Thereſen, aus Lehrerpflicht, das Geleite, meine Frau aber ſchob mir, eben als ich ihr den Arm bieten woll⸗ te, ein Patſchchen in jede Hand und meinte, Thereſe ſei groß genug ſich an die Stange zu halten, ich ſolle nur dieſe Kleinen vor dem Fal⸗ le bewahren. Zum Ueberfluß ſah uns Minna nach, Thereſe aber ſah ſich, erſt an der Haus⸗ thuͤr, nach der kleinen Familie um und ſprach, als ich dieſe jetzt ſchnell von der Hand ließ, ganz 457 leiſe— Ich nehm' es fuͤr geſchehn an, Herr Sieg⸗ fried. Machen Sie nur daß Sie wieder hinauf⸗ kommen. Damit huͤpfte ſie fort, ich aber ging recht vorſetzlich noch ein Dutzend Male im Haus auf und nieder und als ich unſere Minna herab⸗ kommen hoͤrte, ſo rief ich der laͤngſt verſchwun⸗ denen noch einen uͤberlauten Reſpekt an die Frau Mutter nach und ſtieg Wilhelminen nun recht eilig entgegen. Sie ſah verdrießlich aus und ſag⸗ te— Wo bleiben Sie aber? Die Suppe ſteht ſchon auf dem Tiſche. Wir wechſelten noch ein Paar Worte, entgegnete ich, und faßte Roͤschens kleinen Kopf ins Auge der lauſchend uͤber dem obern Gelaͤnder hing, und als ich ihm zunickte, ſchnell verſchwand. Wir ſetzten uns— Niemand ſprach. Die Seufzer der aufwartenden Roſaura ſchollen, wie fallende Tropfen im oͤden Burgver⸗ ließ, uͤber den Tiſch hin. Lange ſah ich eine nach der andern an, ſie aber ſahen ſtarr in ihre Loͤf⸗ fel, und als der Braten kam, in den Salat, und hatten nur ein trockenes Ja und ein halb⸗ lautes Nein fuͤr alles was ich ſagte. Da ſich 158 nun auf Ja und Nein nichts vernuͤnftiges erwie⸗ dern laͤßt, ſo hielt ich mich an den vernunftloſen Braten und dachte nebenher an Thereſen, und daß das funfzehnjaͤhrige Kind bereits ein muthi⸗ ges Koketchen ſei und wenn ich mich nicht ins Mittel ſchluͤge, im zwanzigſten Jahr erwas noch ſchlimmeres ſeyn werde. Meiner Frau ſah ich es an den Augen an, daß ſie daſſelbe dachte und in ihrem Herzen beſchloß, die mir zugedachte Lehrer⸗Rolle zu ſtreichen. Minna aber ſagte mir, als Roͤschen die Radieschen aus der Kuͤche hohl⸗ te/ ich ſei zum Maͤdchenlehrer ganz verdorben, und der Himmel ſollte ſie immerdar vor allem bewahren, was ich, in dieſem Fall, ihren Schuͤ⸗ lerinnen beibringen wuͤrde. Als ich ihr nun kuͤrz⸗ lich bewies, daß der Umgang mit jungen Maͤn⸗ nern zur Ausbildung junger Maͤdchen unentbehr⸗ lich ſei, ſo ward mir verſichert daß ſie damit, ganz ohne deren Zuthun, zu Stande gekommen waͤre. Jetzt kamen auch die Radieschen herein, und Roͤschen ſprach— Lieber Mann, Dein heu⸗ tiges Benehmen war eben nicht geeignet, meine 3 159 Anſtalt zu empfehlen.— Und das Deine, entgeg⸗ nete ich, hat mich in Angſt verſetzt. Sie merk⸗ ten es insgeſammt daß das moraliſche Kalb mit dem Du pfluͤgteſt, ein fremdes war. Dein Singen, fuhr ſie fort: verdrießt mich noch. J. Du ſangſt ja ſelbſt mit. Und noch dazu, fiel Minna ein: ein ſo et⸗ regendes Lied. Sagen Sie, ein unſterbliches! Aber wer ſchlug es denn an? Das moͤchte noch hingehen, ſprach meine Frau: doch ſelbſt des Aeffchens Blut ward ge⸗ prieſen. Blut iſt Blut! aͤuſſerte Minna. J. Warnte ich ſie nicht vor dieſem? Ueber⸗ hoͤrtet Ihr denn die Tendenz? R. Die Kinderei! J. Bei Kindern kindre ich ſtets. M. Nichts weniger! Sie haͤtten nicht maͤnn⸗ licher ſcherzen koͤnnen, und nur das kleine, nas⸗ 160 weiſe Ding war fuͤr Sie zugegen. Fuͤrwahr, ein ſeltſamer Geſchmack! R. Er ſah mich gar nicht an. M. Die beiden, kleinen Engel wurden recht traurig 3 daß man ſie ſo ganz uͤberſah. Schon zwei Uhr? rief ich aufſpringend, denn eben huͤpfte Thereſe mit ihrem Albeitskorbchen herein. Schon zwei Uhr? rief meine Frau. Beja⸗ hend nahm Thereſe am Naͤhtiſche Platz und brach⸗ te einen ergebenſten Empfehl von der Mama. 3 Roschen dankte kaum hoͤrbar. und Mama nehme ſich die Freiheit, der Madam Siegfried mit dieſem Spitzenreſt aufzu⸗ warten. Röschen dankte viel hoͤrbarer und gerieth uͤber dies volle Stuͤck in ein freudiges Erſtau⸗ nen. 1 Minna's finſteres Geſicht ſagte— Ich alſo gehe leer aus?. Ferner ſei Mama auf den Weinberg gefah⸗ ren, und laſſe die gute Madam, weil ſie uͤber 161 Nacht dort bleiben muͤſſe, recht inſtaͤndig bitten, das verlaſſene Toͤchterchen bis Morgen Abend in Ihren Schutz zu nehmen. Wie meint die Mama? fragte Roͤschen ganz kleinlaut. Ins Haus? ſetzte Minna hinzu. Ich ſchla' auf dem Sopha, troͤſtete die Kleine: und falle Ihnen gewiß nicht beſchwer⸗ lich! Gern, ſprach ich in der Uebereilung: werd' ich Ihnen mein Bett abtreten. Schoͤn, fiel Thereſe ein: das thun Sie gern, ich nehm' es an. Ei, wie unanſtaͤndig! ſchalt Roͤschen: Mein Mann fuͤhrt Sie ja nur in Verſuchung. Sie ſchlafen bei mir! rief Minna: und nun wird gearbeitet. Bei Ihnen? fragte ſie finſter ſehend. Wollteſt Du nicht meinen Vater beſuchen? ſiel Roͤschen ein. Den ſtoͤr' ich jetzt! entgegnete ich und ſank in das Sopha, auf dem Thereſe ſchlafen wollte. Schillings Schr. 44r Bd. 11 16²2* Mit funkelnden Augen ſahen mich die beiden Mi⸗ nerven an, naiv genug erwiederte ihre Schuͤle⸗ rin: Uns ſtoͤren Sie nicht! Jetzt trat Amalie ins Zimmer. Ihr An⸗ blick vertilgte ſchnell das Gefuͤhl der Schadenfreu⸗ de uͤber den zweckloſen Unmuth meines Harems, im Herzen. Sie ſetzte ſich ſchweigend neben mich, Thereſe verſtummte. Lange ſah die Ungluͤckliche in ihre Haͤnde, die jetzt gefaltet in den Schooß ſanken und laͤchelte mich an. Es war ein Laͤcheln 1 aus der ſchoͤnen Zeit, wo ſie noch, ein bluͤthen⸗ reicher Baum, im Garten des Lebens ſtand, wo noch Roſen in ihren Locken, Roſen auf ihren Wangen gluͤhten, mich die Hofnung noch aus hellen, harmloſen Blicken anſprach. 4 Es iſt ſo ſchoͤn, ſprach ich, und ſchmeichelte ihr: laß Dich ein wenig von mir ins Freie fuͤh⸗ ren. Bejahend laͤchelte ſie wieder. Meine Frau warf der Kranken gefaͤllig ihren neuen Mantel uͤber, Minna erſchoͤpfte ſich in Beiſtand, ich lei⸗ tete meine Dulderin durch Seiten⸗Gaͤßchen aus dem Thore, in den fuͤrſtlichen Garten. Sie 163 draͤngte mich ſchweigend nach dem Dunkel eines Waͤldchens hin und ſah freier empor. Ein roſi⸗ ger Anflug uͤbergoß die entfaͤrbten Wangen, ein Strahl von Seelenlicht glomm in den verſtorbe⸗ nen Augen. Das Aha oͤffnete uns jetzt ploͤtzlich die Ausſicht in das reitzende Thal, deſſen Hin⸗ tergrund eine Dorfkirche begrenzte. „Steinau!“ rief ſie und ſchluchzte laut. Mir wurde bang. Seit dem Ausbruch ihres Ungluͤcks hatte ſie keine Thraͤne vergoſſen. Eine Einſiedelei lag in der Naͤhe. Dahin trug ich die Zitternde, mehr als ich ſie fuͤhrte. Die Thuͤre war offen.— Begrabe mich doch! flehte ſie mit gefalteten Haͤnden. Drei Damen traten, als ich ſie auf die Bank vor dem Eremiten⸗Haus nie⸗ derließ, aus der geoͤffneten Thuͤr. Sie ſchienen beſtuͤrzt, und ein Blick auf die Kranke machte ſie blaß. Was iſt das? fragte die Schoͤnſte, ich erkann⸗ te Albertinen, des Fuͤrſten edle Tochter in der Fragerin. Eine Ungluͤckliche, erwiederte ich, deren Zu⸗ 4 464 4 ſtand um Nachſicht anſpricht.—„Steinaul“ fliſterte Amalie, und legte die Hand an ihre Stirn. Sie ſpricht von Steinau! ſprach die zweite zu der dritten, entendès vous? Denn dort, fiel ich ergluͤhend ein, dort hauſt der Satans⸗Engel, der ihre Mutter ins Grab ſtuͤrzte, und die entweihte Schuldloſe der Ver⸗ zweiflung uͤberließ. Sie iſt wahnſinnig! O Sott! riefen ſie mit einem Munde, und harmlos trat Herr von Eſchen aus dem Waͤld⸗ chen; ſeine Braut, eine dieſer drei Damen, ſtuͤtzte ſich auf die Nachbarin. Eſchen verbeugte ſich leicht, warf einen Blick auf mich, einen zweiten auf Amalien und ſtand verſteinert. Die Augen der Damen hingen an dem Verſtummenden. Kennen Sie dieſe? rief ich und faßte ſeinen Arm. Bald tritt ſie vor Gott, und Gott wird vergelten! Begrabt mich doch! flehte Amalie, und er⸗ hob die halb geſchloſſenen Angen. Sie erkannten ihn nicht. 3 136 Mais, mon dieu! ſtotterte Eſchen und wand die Haͤnde— Iſt das Ihr Werk? fragte Albertine. Ich entſage Ihnen! ſtammelte ſeine Braut, und winkte ihm, ſich zu entfernen. Fort! Fort! gebot Albertine. Betaͤubt von der Erſcheinung, verlor er ſich. 4 Das Ohngefaͤhr, ſagte ich: fuͤhrte uns in dieſe Gegend; aber ein Verhaͤngniß waltet uͤber den Menſchen und ordnet den Zufall. Die Hofmeiſterin ſprach jetzt leiſe mit der Fürſtentochter; ſie ſchien von Amaliens Ungluͤck und ihrem Verhaͤltniſſe zu Eſchen unterrichtet und dieſer Licht zu geben. O Du Arme! lispelte Albertine und ſah mit naſſen Augen auf Amalien herab. Des Mitge⸗ fuͤhls heilige Flamme verſchoͤnte ihr holdes Ge⸗ ſicht, ein Lakei meldete jetzt die Ankunft des Wagens. Sie fahren in ihm! ſprach ſie zu mir und ich werde ſchon zufragen laſſen, ob, und wie et⸗ wa zu helfen ſtehe? 166 Tief geruͤhrt kuͤßte ich die Hand der Guͤti⸗ gen, welche nicht ahnen mochte, daß Sie mir zu Auguſtens Bilde ſaß, und hob die ſtumme Gra⸗ bes⸗Braut in den Wagen. Begeiſtert durch den Erfolg unſers Spazier⸗ gangs, ſah ich, bald rechts, bald links herab, und mich, kraft des Hof⸗Wagens von allen Be⸗ gegnenden fuͤr den Oberſtallmeiſter gehalten. Die Fenſter der Quele waren, als wir ankamen, ſaͤmmtlich beſetzt. Röschen ſchien zu glauben, Herr von Eſchen fahre vor, ich ſah ihr den Schreck an. Minna hielt die beiden Kleinen unter den Armen; aus dem Kammerfenſter laͤchelte Thereſe⸗ herab. Der Hoflakei oͤffnete die Thuͤre, und machte mich zu ſeinem gnaͤdigen Herrn. Mein ganzes Publikum ſtand, als wir ins Haus tra⸗ ten, auf der Treppe. Welche Erſcheinung! rief Roͤschen und ſprang mir entgegen.. Wo waren Sie? fragte Minna; ſie benei⸗ dete jetzt meine Stumme. 167 Das iſt der Wagen der Hofdamen! verſicher⸗ te Thereſe. Welch ein Aufruhr! ſprach ich mit angenom⸗ menem Erſtaunen. Ich wartete der Prinzeſſin auf, und guͤtig wie immer, uͤberhob ſie mich des Heimgehens.— Die Gunaͤdige! riefen alle, wir zogen, zu zweien, in die Schulſtube zuruͤck. Biſt Du Ihr wirklich bekannt? fragte Roͤs⸗ chen. J. Ich habe die Freude, ſie an der Spitze meiner Goͤnnerinnen zu ſehn!. Gluͤcklicher Mann! ſprach Thereſe: ſie bat meine Frau, ihr Feierabend zu geben. Herzlich gern gewaͤhrte dieſe, blickte mir tief in die Augen, und ruͤhmte mein beſcheidenes Schweigen. Ich eiferte lebhaft gegen Prahlerei und verſprach, ſie bei Gelegenheit der ſchoͤnen Prinzeſſinn vorzuſtellen. Sie uͤberlegten ſehr ernſthaft, welcher Anzug an dieſem Ehrentage der ſchicklichſte ſeyn duͤrfte und bemerkten kaum, daß Thereſe mir auf mein Zimmer nachhuͤpfte. 168 Machen Sie doch, bat die Zutrauliche, und hing ſich ſchweſterlich an meinen Arm: machen Sie doch, daß ich nicht bei der Minna ſchlafen darf, ich wuͤßte nicht, wem ich ſo gram waͤre. Gram? fiel ich ſanft verweiſend ein. Iſt ſie nicht Ihre Lehrerin? Eine Reſpekts⸗Per⸗ ſon? 7 S. Nun fuͤr Sie hat Die keinen. J. Der waͤr' auch unnutz. Lern' ich denn Putz machen: S. Denn als Sie fort waren und die Madam Ihnen nachſah, ſchalt ſie mich aus. Recht vom Zaune brach ſie den Zank. Mein Benehmen ſei hoͤchſt unſittlich, ſagte Minna, und Sie waͤren ein gefaͤhrlicher Menſch. Nur um mich auszu⸗ hohlen, ſtiegen Sie zu mir herab, und wuͤrden mir dann ein boͤſes Spiel bei Madam Röschen machen. Ich laͤchelte bloß. Es iſt doch nichts als Eiferſucht, dacht' ich, weil Sie mich hald lieber haben werden, als dieſe Mohren⸗Koͤniginn. Um Gottes Willen! fliſterte ich, was ſchwa⸗ tzen Sie da? Wenn Sie das hoͤrte! Jede Sucht 169 ſollte Ihnen noch fremd ſeyn. Wer machte Sie ſchon mit der ſchrecklichſten von allen bekannt? S. Mein Herz! O von allen Schlangen des Herzens iſt dieſe die giftigſte. Sie ſchreiben das ſelbſt irgendwo, und ich unterſchreib' es. J. Sie laſen meine Schriften? Nimmt Sie das Wunder? Mit Bangigkeit betrat ich Ihr Haus. Laͤngſt hatte ich mir Ihre Bekanntſchaft gewuͤnſcht. Ich ſtarb vor Neugier⸗ de, zu wiſſen, ob Sie ſo feurig ſind, als Sie ſich ausdruͤcken. J. Erſt funfzehn Jahr. Es iſt zum Erſtau⸗ nen! 3 S. Intereſſirt Sie mein Bluͤthenmond? J. Ich fuͤrchte fuͤr den Sommer. S. Unter Ihren Augen wuͤrd' ich gedeihn! J. Eitler Wahn. S. Gebildet werden. J. Verbildet! S. Ich ſchaͤtze Sie hoch. J. Schenken Sie meiner Frau dieſe Ach⸗ kung. 170 S. Die ſieht nur ein Kind in der Schuͤle⸗ rin. J. O waͤren Sie das! S. Man verkennt mich. In der Regel, gute Thereſe! klagen nur die Erkannten uͤber Verkennung. 1 S. Sie thun mir weh. J. Um Ihnen wohlzuthun. Dieß reife Herz in der unreifen Bruſt, wird Sie elend ma⸗ chen. S. Das bin ich ſchon. J. Theveſe! S. Sehr elend!. J. Wer iſt elend? fragte eine Stimme. S. Die Horcherin! entgegnete mein Beicht⸗ kind: Minna warf die Alkoven⸗Chuͤre hinter ſich zu. S. Nehmen Sie Nuͤckſicht! bat ich. S. Erwiedern Sie denn Minchens Leiden⸗ ſchaft? fragte ſie leiſe. Ich bin Gatte! entgegnete ich, und hinter meiner Gattin iſt Ihr Platz. 171 S. Der meine, ja. Doch daß dieſe Min⸗ na vor der Gattin ſtehen moͤchte, ſpringt ins Auge. J. Nur in das Ihre. S. Roͤschen ſelbſt ebnet der Verraͤtherin ganz harmlos den Weg. O, bewahren Sie doch Ihr Herz und Ihren Frieden. J. Sie ſprechen wie mein Genius! Waͤr' ich das! fliſterte ſie und eben beruͤhrte der Mund des ſeltſamen Schutzgeiſtes den mei⸗ nen, als die aͤuſſere Thuͤre vernehmlich knarrte. Ja, ich bin gluͤcklich! rief ich uͤberlaut, alle Tugenden, welche das Weib verſchoͤnern, ſind in dem meinigen vereinigt. Wo ſeid Ihr aber? fragte Roͤschen, zwiſchen Unmuth und geſchmeicheltem Stolze. Ich wies Ihr Dein Bild! entgegnete ich, und wenn Dir die Ohren klangen, ſo iſt das unſre Schuld. Aber die Minna zuͤrnt, fuhr ſie fort: und mit Recht, wie ich glaube. Bitten Sie ab, The⸗ reſe, gehen Sie. 472 Gern, wenn Sie es wuͤnſchen, erwiederte die Erroͤthende, bedeckte ſie mit Kuͤſſen und ſchlich hinuͤber. Schnell wich der Reſt des Laͤchelus jetzt aus Röschens Zuͤgen, und mit ſchwankender Stimme ſprach ſie— Eifriger, als zu fuͤrchten ſtand, un⸗ terſtuͤtzeſt Du mich. Hoͤr einmal, rief ich: griff ſchnell zum 65ſten Bande der neuen, allgemeinen, deutſchen Bib⸗ liothek und las: „Der Verfaſſer dieſes intereſſanten Buchs er⸗ zaͤhlt, wie ein guter und gereifter Menſchen⸗ beobachter erzaͤhlen muß, bald herzlich, bald herz⸗ angreifend, bald launig, bald mit der ganzen Gewandtheit und Entwicklungsgabe eines er⸗ fahrnen Pſychologen, ſo daß wir ſein Werk ohnſtreitig eins der beſſern dieſer Art nennen koͤnnen.“ Das ſteht dahin! ſiel mein erzuͤrntes Weib⸗ chen ein. 173 „Die Menſchen“ las ich weiter,„ſonderlich die Weiber ſind hier wirklich ganz ſo gezeich⸗ net wie ſie ſind. Er beruͤhrt und deckt die feinſten Nuͤanzen ihrer Gefuͤhle und den ver⸗ ſchleierten Hintergrund ihres Charakters mit eben ſo viel Wahrheit als Delikateſſe auf, und giebt dadurch dem andern Geſchlechte Winke, Lehren und Warnungen, die nicht genug beherzigt werden koͤnnen“ ꝛc. Vergebens bekaͤmpfte Roͤschen ein beifaͤlliges Laͤcheln. Nun, rief ich, und kuͤßte das herzſtaͤr⸗ kende Blatt: nun ſprich dem Verfaſſer noch ein⸗ mal die Faͤhigkeit zum Maͤdchen⸗Lehrer ab. Auch dieſe Thereſe iſt ein Gegenſtand fuͤr den For⸗ ſcher und kannſt Du wohl ſchwach genug ſeyn, mit dem Zergliederer ihres moraliſchen Zuſtandes hadern zu wollen? Schwach? entgegnete Roͤschen, die mich miß⸗ verſtanden hatte, aber was gehn Dich ihre Glie⸗ der an?. Ich muß dieß Herz ergruͤnden! betheuerte 174 ich, und in den Abgrund dieſer Bruſt mich tau⸗ chen! Das verbitt' ich mir gaͤnzlich! rief ſie abge⸗ hend; ich blieb und ſchoͤpfte Oden. Ein Brief! ſprach die Einaͤugige, und hielt, nach ihrer Weiſe, nur den halben Arm durch die geoͤffnete Thuͤre. „Man wuͤnſcht, las ich: den edlen Beſchuͤ⸗ tzer jener Ungluͤcklichen auf irgend eine, ſei⸗ ner wuͤrdige Weiſe zu entſchaͤdigen, und hofft deßhalb, ihn Morgen um dieſe Stunde auf dem Platze zu ſehen, wo er heute ge⸗ wiſſen Damen begegnete.“ A. Lange dacht' ich dem Geheimniß nach. Nur ein Geck konnte glauben, daß Albertine ſelbſt ſich ſchriftlich zu mir herabgelaſſen habe, denn ſo zu⸗ vorkommend war das Kleinod unſeres Fuͤrſten⸗ Hauſes nicht, am wenigſten aber haͤtte das Mit⸗ leid ihr die Feder zu einer Beſtellung dieſer Art 175 in die Hand gegeben, und mehr als Mitleid konnte doch, ſelbſt im gluͤcklichſten Falle, das traurige Paar nicht eingefloͤßt haben. Das iſt Eſchens Werk! verſicherte ich mir. Mein Frei⸗ muth raubte ihm die Hand der reichen Braut, die Achtung der ſchoͤnen Gebieterin, vielleicht die Gnade ſeines Herrn. Er will dir das Leben neh⸗ men. Aber auf dieſes rechnete, außer mir und Roſetten, außer Amalien und der Minna, außer der hundertaͤugigen Thereſe und der einaͤugigen Roſaura, mancher gefaͤllige Freund ſo feſt, daß es vielfache Pflicht ward, den Grund, auf den die Obbenannten ihre Hoffnung bauten, vor al⸗ len Zerſtoͤrungs⸗Engeln zu bewahren. Daß ich am hellen Tag, um die heutige Stunde nach der Einſiedelei beſchieden war, be⸗ wies eigentlich gegen die muthmaßliche Hinterliſt, aber ganz unvermerkt konnte ja, zum Beiſpiel, eine Windbuͤchſe mir am hohen Mittag das Licht ausblaſen, und kraͤhten dann auch die Haͤhne der Nemeſis, ſo kraͤhte mich doch keiner vom ewi⸗ gen Schlummer auf. 376 Die Minna iſt fort! rief mir meine Frau, als ich, ſpaͤt am Abend, von einem Geſchaͤftsgang zuruͤckkam, entgegen. 4 Du biſt ja da! ſprach ich ſchmeichelnd, und umarmte ſie. Schon ſeit drei Uhr fehlt ſie! entgegnete die Verſtoͤrte, und zu ihrem Vater kam ſie nicht. Es wird ihr doch nichts begegnet ſeyn? J. Ich denke nicht. Aber vor kurzem ſprach ſie von der Flamme ihres Herzens, von unbe⸗ ſtimmter Sehnſucht und dergleichen. Die wird ihren Gegenſtand gefunden haben— Der Gegen⸗ ſtand werde ich ſeyn— S. Du biſt nicht klug! J. Und nun ſolgt ſie der Stimme des war⸗ nenden Gewiſſens, und flieht. S. Wie eingebildet!— J. Wuͤnſche Dir Gluͤck. Oder entbehrteſt Du lieber mein Herz als das Ihre? Saͤhſt Du Sie lieber in meinen Armen hier, als mich in den Deinen? S. Immer denkſt Du das Aergſte. O wie 177 grauſam, mir die theuerſte Freundin zu rauben, und meine beſte Stuͤtze bei der neuen Unterneh⸗ mung. Die Unternehmung? O die gieb auf. Ich bitte Dich dringend. S. Nimmermehr! J. So haͤng' ich mich an Thereſen. S. Die entfern' ich. J. Und ich die andern. S. So haͤßlich warſt Du nie. J. Kurzſichtige! Nie meint' ich es ſo gut, ſo redlich mit Deinem Heil und meinem Frie⸗ den. S. Nimm mindeſtens auf das Publikum Ruͤckſicht. Wie werden die Leute lachen und ſpot⸗ ten, wenn ſie hoͤren, daß das vielverſprechende Inſtitut nur einen Tag gedauert habe. J. Lachen wir mit, ſo dauert auch das Ge⸗ laͤhter nur einen Tag; viel laͤnger aber wuͤrden im Gegenfall die Thraͤnen Deiner Rene fließen. Wo iſt Thereſe? Zu Hauſe. Sie ließ ſich nicht halten! erwie⸗ Schillings Schr. 44r Bd. 22 278 derte die Schmollende und eilte, ohne mich zu kuſſen, mit einer froſtigen, guten Nacht in den Alkkoven.. Heeinrich! Heinrich! Traͤum' ich ſchon wieder? Wach' doch auf! Ich ſchlaf' erſt ein. Heinrich!. Was ſoll ich denn? Es kniſtert ſo— Wo denn? Horch nur, uͤberall! Maͤuſe!. Viel aͤrger— Ratten! So hoͤre nur!. Ja! das kniſtert! Es praſſelt recht! — 179 Feuer! rief ich und ſprang auf. Jeſus! ſchrie ſie und griff zum Roͤckchen, ich zum Rocke. Eben drang der Schall der nahen Stephans⸗Glocke in mein Innerſtes. Gotthold ſtuͤrmt! ſprach ich zu der Beben⸗ den, die mit dem rechten Arm in den linken Korſet⸗Aermel gefahren war und den andern nicht finden konnte. Ein brandiger Geruch drang in den Alkoven. Bleib' lieber Engel, ſtotterte ich, und half ihr in den neuen Mantel: bleib' an meiner Seite, und gefaßt wie ich! Uns ſcheidet nichts! verſicherte ſie weinend, an Deiner Bruſt will ich verbrennen. Wir ſpran⸗ gen ins Zimmer. Das gegenuͤber ſtehende Haus glaͤnzte im Wiederſchein der nahen Flamme, und von der Straße herauf ſcholl ein tauſendſtimmi⸗ ges Getoͤſe. Ich eilte durch Dampf und Qualm zur Treppe, ein Gluthenſtrom wuͤthete, als ich uͤber das Gelaͤnder hinabſah, im Hausraum. Wir flogen ins Stuͤbchen zuruck, da warf uns der Strahl einer Spritze das Fenſter entgegen, und mein Roͤschen auf mich. 180 Rettet! Rettet! rief ich lange vergebens hinab. Rettet! Rettet! rief das Volk herauf, doch kein Retter erſchien. Feuer⸗Leitern und Waſſer⸗ Strahlen kamen zu Huͤlfe, doch nur die letztern erreichten uns und auf ihnen konnten nur Geiſter hinabſteigen. Roͤschen, ſprach ich zu der Betenden, das Haus brennt von unten auf. Immerhin, fiel ſie ein: wenn nur das obe⸗ re ſtehen bleibt— Mit Staub und Ruß bedeckt, ſtuͤrzte jetzt ein Mann ins Zimmer, rief— Kom⸗ men Sie! und zog mein Roͤschen mit ſich fort. Zum hoͤchſten Boden ging der Lauf. Hier durch! ſprach er, ſtieg durch ein Loch der nachbarlichen Brandmauer und die Laterne entfiel ihm und verloſch. Wir folgten, tappten eine Weile in der Finſterniß umher, und jetzt verſchwand mein Vordermann. Ich griff nach Roͤschen; nachſtuͤr⸗ zend entglitt ſie mir, und halb ohnmaͤchtig ſucht⸗ ich eben mit beiden Haͤnden den verſchlingenden Abgrund, als ſie von unten,„Da bin ich!“ 181 ausrief. Auf allen Vieren umſchlich ich das Trep⸗ penloch und fand mich hinab. Hier war es hell. Die brennende Quele erleuchtete unſern Pfad. Waſſer⸗Goͤtter erfuͤllten den weiten Boden und ſchleuderten Eimer ſtatt der Blitze. Biſt Du noch ganz? fragte ich und riß ſie durch das Gedraͤnge fort. Kein Haar gekruͤmmt! entgegnete ſie, ich fiel auf den Füͤhrer. Wer war er? Gott kennt ihn! Wohin nun? Zum Vater! zum Vater! fiel Roͤschen ein, und bald ſaßen wir troſtlos zwar, wie ich in je⸗ ner Leidens⸗Nacht, doch treu vereint, auf dem zweimaͤnniſchen Armſtuhl des Schwieger⸗Vaters. Wie wir gehn und ſtehn, klagte ich, das iſt hart! Beruhigen Sie ſich, lieber Herr Sohn, ſprach der Thorſchreiber: was huͤlf' es Ihnen, wenn Sie auch den Nagel in der Wand gerettet hitten und ſelbſt verbrannt waͤren! Amalie fehlt! rief ich, und ſprang auf— O mein Gott! ſtammelte Roͤschen. und die arme Roſaura, und der aͤrmſte Se⸗ lim! Alles todt! Eine Hand voll Aſche! Einnehmers Jettchen trat, von ihrer Koͤchin begleitet herein.„Hoffnunglos,“ ſprach ſie: Hoffnunglos Weicht der Menſch der Götterſtärke, Müßig ſieht er ſeine Werke Und bewundernd untergehn. Gottlob nein! fiel ich ein. Kein Blatt iſt verbrannt, ich trug noch geſtern die letzten Bo⸗ gen zum Verleger. Sie wiſſen ſchon— Was?— Daß es nieder iſt? Mein Haus? Eingeriſſen! Immerhin! Iſt doch Roͤschen gerettet und der Reſt keiner Thraͤne werth. 1 Schoͤn! Herrlich! ſprach Meiſter Muͤller und ₰ 183 klopfte mir die Schulter, dieſer Glaube baut Ihnen ein neues Haus. Ich baue es! Schamvoll wie Eva, ſprang Roſaura jetzt im Hemde herein. Auch ſie hatte Amalien ge⸗ ſucht. 3 Aber wie entkamſt denn Du? fragte Roͤs⸗ chen.. Den Odem verſetzt' es mir, erzaͤhlte ſie, da wacht' ich auf, und da dampft' und brannt' es rings herum. Alle Sinne vergingen mir und als ich mich beſann, ſaß ich am Waſſertroge vor Kanzlers Hauſe. Es tagte, Die Sturmglocke ſchwieg. Ich warf einen Blick auf mich, fand mich im Feierkleide, meiner Frauen Kochbuch in der rechten, zwei Lichtputzen in der linken und den Tintenſtoͤpſel in der Uhrtaſche. Roͤschen war zwar mit leeren Haͤnden entflohn, doch ſahn zu meinem Troſt, die Abſaͤtze der Braut⸗Pantoffeln aus ihrem Buſen. Gegen Mittag wagt ich mich auf die Schrei⸗ ber⸗Gaſſe. Je naͤher ich ihr kam, je heftiger ſchlug mein Herz und vergebens ſprach ich mir zu. Der iſt Schuld! der iſt Schuld! riefen Nach⸗ bars Kinder und warfen mit den geloͤſchten Koh⸗ len meines Eigenthums nach dem inuthmaßlichen Verwahrloſer. Unverſehrt ragte noch ein Fuß von melner Frauen Naͤhtiſch aus dem dampfenden Schutte, Roſauras Pelz⸗Korſet gaukelte, vom Winde bewegt, an einem Ausſprung der Brand⸗ mauer, und zwei Straßenbuben hatten den Kopf . 185 meiner zerſchmetterten Minerven⸗Buͤſte zum Fangball gemacht. Noch begoß eine Spritze unablaͤſſig den gluͤhenden Reſt, ich ſah einen Glaͤubiger mit dem Fernglas in der Hand, auf der Brunnenroͤhre, und den armen Selim, wel⸗ cher eben von ſeines Maͤcens Weinberge zuruͤck⸗ kam, verſteinert auf dem Eckſteine ſitzen. Die Ruinen der Quele waren zum Wallfahrt⸗Ort geworden. Gruppen von Damen ſtanden um die Aſche meiner Hausgoͤtter, Freund und Feind ver⸗ ſammelte ſich jetzt um den Beſitzer. Alle woll⸗ ten wiſſen, wie, wenn, wo das Feuer ausge⸗ kommen ſei, ein Edler Rath ließ mich deßhalb ſogar vor die Seſſion beſcheiden, ich aber fragte nur immer nach Malchen, die, wegen Minna's Flucht, dieſe Nacht uͤber, ohne Schlafgenoſſin ge⸗ blieben war. Vom Rathhauſe ward ich zur Ober⸗ Hofmeiſterin berufen. Ich dachte an die Aya mei⸗ ner Auguſta und wuͤnſchte mir das Gut, auf welches ſich dieſe zuruͤckzog. Ein zweiter Afrika oͤffnete die goldreiche Thuͤre, und bedeckt von dem Kohlenſtaub mit dem mich Nachbars Kinder 186 eingeaͤſchert hatten, trat ich in die Gallerie. Sie wird hier vorbeikommen, ſprach der Mohr und verließ mich. Ein glaͤnzendes Götterkind ſchweb⸗ te aus dem hintern Zimmer, naͤher und naͤher, ganz ohne Begleitung. Iſt ſie gerettet? fragte Albertine, ſchien erſchuͤttert als ich ſie verloren gab, hoffte jedoch, ſie werde ſich wiederfinden. Die geſtrige Boͤrſe fiel von neuem in meine Hand und heute verſchmaͤht' ich ſie nicht. Sie verdienen Ihr Schickſal! ſprach ſie, im Begriffe zu gehen, die ungluͤckliche Auguſta ſchreit um Ra⸗ che. Ich laͤchelte ſchmerzlich. Und auch ſie ver⸗ dient ihr Ungluck! fuhr die Gluͤcklichere fort, denn ich vergaͤbe meiner Bedientin nicht, was ſie ſich ſelbſt geſtattete. Jetzt hohlte uns die Aya ein, fragte theilnehmend nach Amalien, und folgte Albertinen zur Kapelle.. Was ſie ſelbſt ſich geſtattete? wiederhohlte ich mir auf der Schloßtreppe. Arme Prahlerin! Was iſt das mehr als die Sprache der duͤnkelvol⸗ len Hoffart! Hab' ihr Herz, liebe wie ſie, und alles wirſt Du Dir, und alles wirſt Du Ihm 187 geſtatten! den Wonnebecher mit ihm leeren, und wenn es ſeyn muß, auch den Todeskelch! Noch immer ſaß der arme Selim auf dem Eckſtein und ſah in die Gegend auf, wo geſtern noch ein Roſenſtock vor ſeinem Dachſenſter duf⸗ tete. Ich trat zu ihm, er erkannte mich nicht. Erſchuͤttert von dem Anblick des Schmerzens⸗ Mannes, der zum Emeritus erklaͤrt, dem Bettel⸗ ſtab entgegen ſah, druͤckte ich die Halbſchied des eben empfangenen Goldes in ſeine kalte Hand, und kehrte von der verſtoͤrten Staͤtte zu meinem Schwiegervater zuruͤck. Mein Roͤschen ſchlief ſanft. Ich dacht' an Amalien, an die Zukunft, an die dunkeln Verhaͤngniſſe der Menſchen, an die furchtbare Schnelligkeit des Unglücks, und verſank in tiefe Schwermuth. Am Morgen ſprengte ein Garde⸗Offizier vor die Thuͤr. Er fragte nach uns und bat um eine Unterredung unter vier Augen. Ich komme von Steinau, und bin der Vet⸗ ter des Herrn von Eſchen. Er ſendet mich au Sie. 188 Sein Opfer, ſiel ich ein: iſt nun ein En⸗ gel! E. Meinen Sie die junge Lenz? Die iſt in Steinau. An ſeinem Bett' verließ ich ſie. J. Amalien? Bei ihm? E. Hoͤren Sie mich an. Die unglüuͤckliche Begebenheit in der Eremitage zerſtoͤrte ſein Gluͤck. Erkundigungen, welche man einzog, und die Ihre Ausſage leider beſtaͤtigten— die Ruͤckſicht auf ſeine zahlreichen Feinde— der Verluſt einer reichen, reitzenden Braut— die Gewißheit, das Maͤhrchen des Hofs zu werden— hundert aͤhn⸗ liche Triebfedern, beſtimmten ihn, ſein Vater⸗ land fuͤr den Augenblick zu verlaſſen. Malchens Ausſehn, ihre Lage, ihr Ungluͤck, das er bisher immer nur fuͤr Verſtellung nahm, und nur vom Hoͤrenſagen kannte, hatte in dieſer raͤchenden Stunde ſein Herz erſchuͤttert; die erſtorbenen Gefuͤhle wachten auf, er ſah jetzt in ihrer Ret⸗ tung die ſeine, und die Stimme des Gewiſſens ward nicht wie ſonſt, durch den lockenden Ruf der falſchen Ehre, durch Ausſichten auf manchen 189 nun verſcherzten Vortheil erſtickt. Er ſuchte mich auf, und bat um meine Vermittlung. Ich ſollte Sie bewegen, ihm Amalien abzutreten, die er verſorgen wollte. Sie waren ausgegangen. Ihre Gattin verſicherte mir, daß Sie ſich dazu auf keinen Fall entſchließen wuͤrden, daß Amalie un⸗ ter den unmittelbaren Schutz der Prinzeſſinn ge⸗ treten ſei. J. Meine Gattin ſagte das? E. Eine kleine, reitzende Bruͤnette. We⸗ nigſtens nahm ſie den Frauen⸗Titel an, und benahm ſich ganz als die Ihrige. Ich kann nicht irren. Das iſt Minna geweſen, fiel ich entzuͤſtet ein, Thereſe hat Recht. Welche Anmaßung! Meine Frau nicht! Auf Ehre nicht! Die haͤtte ſelbſt den Beſuch abgelehnt. Die waͤre fuͤr Sie gar nicht zu Hauſe geweſen. Zu bedenklich iſt ſie in ſolchen Faͤllen, zu ſchuͤchtern. E. Wohl Ihnen! Sie bleib' es! Ich brach⸗ te dem Vetter die widrige Nachricht.„So ent⸗ fuͤhr' ich ſie! rief er; ich wohnte dort, kenne 190 alle Schliche und habe ſelbſt den Hausſchluͤſſel noch!“ Sehr lebhaft ſtimmt' ich gegen dieſen Plan. Er ſchien ihn aufzugeben und bat mich zu ſchweigen. Dieſen Morgen ward ich nach Stei⸗ nau gehohlt. Ich finde den Baron mit verbun⸗ denem Kopf im Bette, Amalien zu ſeinen Haͤup⸗ ten, und keine Spur des Wahnſinns an ihr. J. Das fehlte noch! E. Er ſagt mir, daß er den Schluͤſſel be⸗ nutzt, daß er ſie zu einer Freundin gerettet habe. Sie ſei ihm willig gefolgt. Im Begriff, nach Steinau abzufahren, habe man Feuer gerufen. J. Wie? Am Ende war er wohl gar un⸗ ſer Retter? E. Das war er, aber auch nebenher die ungluͤckliche Quelle Ihres Verluſtes. In der Ei⸗ le mit der er zu Werke ging, blieb das Licht im Hauſe ſtehn, und das Haus lag voll Heu. J. Da haben wir's! Morgen wollt' ich das Pferd zu dieſem Heue kaufen. Nun aber bleib' ich ewig ein Fuͤßler. 191 E. Bei dem Feuerruf fiel das vergeſſene Licht ihm bei, und ein Zentner auf ſein Herz. Die Flamme ſchlug, als er hinkam, bereits aus der Thuͤr, er ſprang auf des Kanzlers Boden, der an den Ihren grenzt, oͤffnete ſich einen Durch⸗ gang, und entriß Sie dem Feuertode. Der un⸗ gluͤckliche Fall auf der Flucht—. J. Recht! ich beſinne mich. Roͤschen ſiel auf ihn! E. Beſchaͤdigte ihn an der hintern Scheitel, und ſein Zuſtand iſt bedenklich. J. Segnet die Feinde! Ich bedaure ihn! E. Als Ihr Muͤhmchen ſich am Morgen in Steinau fand, ſchien ſie von einem langen Traume zu erwachen, glaubte ſich von neuem mit ihm verſoͤhnt, und weint Thraͤnen der Freu⸗ de, wenn er von der nahen Vermaͤhlung ſpricht. J. Welch ein Wirrwarr von Begebenheiten! Kaum wuͤrd' ich es wagen, ſie in einem Roman aufzuſtellen. E. Jetzt eilen Sie hinaus. Das Teſtament iſt ſo eben, mit Zuziehung meiner, als des naͤch⸗ 192 ſten Erben, gemacht, und Steinau erſetzt Ihnen das verlorne Haus. 5 J. Steinau? Steinau mein?— Nein Herr von Eſchen, ich bin krank. Es iſt kein Wunder. Der Feuerlaͤrm, der Gram, der ſchnelle Wechſel meines Schickſals— Ich phantaſire. E. Sie haben mein Ehrenwort und ſind ge⸗ ſund. J. Ich, Herr von Steinau? Aber das iſt denn doch auf jeden Fall nur ein Romanenſtreich. Erdichtung! Ein Gaukelſpiel! E. Ich wiederhohl' es Ihnen. Sie ſind Mit⸗Erbe. Dem tiefen Fehltritt folgt die ſcho⸗ ne Reue, ſie macht Sie zum Pfleger der zer⸗ ſtoͤrten Blume, deren Anblick ſein Innerſtes durchbohrte. Betaͤubt von dem Heile der Verkuͤndigung ſprang ich an des Hauptmanns Hand in den Wagen. Wohin? rief meine Frau aus dem Fen⸗ ſter. Auf meine Guͤter! entgegnete ich: wir flogen fort. Auf halbem Wege begegnete uns der zu⸗ ruͤckkehrende Wundarzt. Ich beklage, rief der Beſtuͤrzte, aber das heftige Erbrechen ward mir ſchon geſtern bedenklich. Immer deutet es guf eine Verletzung des Gehirns. J. Tod alſo? Fuit! entgegnete er, und bezeigte ſein Mit⸗ leid. Wir fuhren ſchweigend weiter. Ich ſah die Nemeſis ſchweben uͤber dem Schloſſe, eine furcht⸗ bare Raͤcherin alles Frevels. Aber Herr Baron, ſprach ich endlich, Sie ſind ja ſein Erbe. Jh⸗ nen darf nichts entzogen werden. E. Ich ſelbſt, Herr Siegfried, veranlaßte dieß Vermaͤchtniß. Immer bleibt ja noch ganz Roſenthal mein, und eine Maſſe baaren Gel⸗ des. Ihre Forderungen ſind Ehren⸗Schulden, die gehn vor. Wer Ihre Braut raubte, Ihre Freundin betrog, Ihr Haus verwahrloſte, hat Urſach, auf Erſatz zu denken. J. Aber, was kuͤmmert das Sie? Schillings Schr, 4ar Bd. 13 194 Welche Frage? Muß ich denn der Schuldige ſeyn, um zu fuͤhlen, was Sie verloren? Wo es gilt, Unrecht zu verguͤten, wird jeder Redli⸗ che die Hand bieten. J. Edler Mann! Immer ſah ich in Ihrem Stande eine Pflanzſchule der Großmuth und der Entaͤußerung, und dieſe Handlung beweiſt, daß ich nicht fehl ſah. Es lebe die Ehre! Sie iſt die Flamme der Tugend, die Mutter jeder Edel⸗ that!, Der Kutſcher hielt, wir waren in Steinau. Malchen kam mir ſanftweinend entgegen. Er iſt nicht mehr! klagte ſte, und legte ihr rothgewein⸗ tes Geſicht an meine Schulter. Ich ſah uber die regelloſen, ſeidenen Locken des kleinen Kopfs in ein Zauberſchloß. Mein! Mein! ſprach das Herz; ungenugſam verſchlangen die Augen das neue Be⸗ ſitzthum, und die Einbildungskraft entwarf be⸗ reits ein praͤchtiges Monument welches ich mei⸗ nem Todfeinde zudachte. Malchen fuͤhrte mich, weinend aber gefaßt und bei voller Beſinnung zu dem Todten dem ich herzlich vergab und dann 195 von Stock zu Stock, ſelbſt in den Keller hinab wo ich mich ſtaͤrkte und ſie, auf mein Zureden, Beſcheid that. Es war Abend, als ich mit Malchen am Thore hielt. Wir hoben die Schlafende aus dem Wa⸗ gen, und betteten ſie auf Roͤschens Bett. Wie Du mich jetzt zu ganzen Tagen verlaſ⸗ ſen kannſt, ſprach meine Frau, welche ich zwi⸗ ſchen der Minna und Einnehmers Jettchen fand; wie Du jetzt Luſtreiſen anſtellen, und mich hier, zwiſchen Mangel und Gram vergehn laſ⸗ ſen kannſt, begreif ich nicht. Schaͤme Dich⸗ Heinrich! Ich werde nun unnuütz! aͤuſſerte Minna und griff zum Mantel. 196 So will ich nur auch gehn! rief Jettchen: ſie umarmte die Schmaͤlende. Ich fuͤhrte beide die Treppe hinab und kehr⸗ te zu meiner Frau zuruͤck, die mir mit dem klaͤglichen Zuruf— Denke nur, einen Schauſpie⸗ ler heirathet die Minna! entgegen trat. Die Sache hat ſich ploͤtzlich gemacht; er freite lange ſchon vergebens. 4 Eſchen iſt todt; entgegnete ich. Das war ihr neu. Ich begreife nicht, ſprach ſie, daß wir noch leben. J. Wir leben noch lange. S. In Hunger und Kummer! J. Ach, haͤtteſt Du das vorhergeſehn! S. So waͤr' ich doch, wie jetzt, die Deine. J. Das iſt nun ſo eine Rede. S. Immer war meine Rede Ja, ja! Und jetzt hab' ich Dich lieber als j‚e. J. Das wird Dir alles erleichtern. S. Gewiß! J. Der Himmel uns beiſtehn— S. Ich will beten! 197 Das thue! Und arbeiten— Ich auch. Vom Morgen bis zur Nacht! Meine Bauern ſollen es gut haben. Wie meinſt Du? Sollen einen Menſchen in mir finden. A A 2 S. Willſt Du Verwalter werden? J. Rathe beſſer! S. Das gaͤb' einen Beitrag zur Maͤdchen⸗ ſchule. Du ſaͤhſt aus, wie ein Landwirth. Hoͤ⸗ re, Heinrich, ein beſſerer Wirth koͤnnteſt Du ſeyn. Werd' es! das l'hombre laß, den Wein desgleichen. Ich will Dame mit Dir ziehn, ſo oft Du Luſt haſt. Polniſche! Spiel iſt ja Spiel. Freue Dich, ſprach ich, das Schickſal hat aufgedamt! Das und das iſt mir paſſirt.— Sie lachte erſt zweifelhaft, als ich mich aber vermaß, begoß ſie mich ganz mit ihren Thraͤ⸗ nen, und lief zu dem Vater und zu dem Vet⸗ 8 198 3 ter hinuͤber. Ich aber kuͤßte indeß die ſeltnen Juwelen ihrer Freude von meinen Haͤnden und fand ſie alle viel groͤßer als gemeines Thraͤnen⸗ gut. Das arme Malchen ſtarb, nach einer Spanne Zeit, in Roͤschens Armen; wir trauerten um ſie, wir zogen dann nach Steinau, lobten den Herrn, und befinden uns wohl. Ende. —— ———— 8 4 1 ſſſſſiſſiſſſiſiſnſſnnſſinntt 15 16 17 18 ſiiſiiiſſiſſſiſiſiſſſſfiſſſſiſſſſſſinenſſnſſſnennthinn 9 11 12 13 14 I — 1