7 — . deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. „1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abenvs 8 Uhr offen. „2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. V eiß- und Teſeedingungen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme wird. — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— fuͤr wocheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 43. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das T eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eines Buches, eine dem Werthe deelcen entſprechende Summe 3 hinterlegen, welche bei deſſen Zuru gabe von mir zurückerſtattet auf 14 Tags feſtgeſetzt und wird 2* —— Roman im Romane, von Guſtav Schilling. Erſter T heil. Zweite verbeſſerte Auflage. Dresden, 31 g. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Der Roman im Romane. Von Guſtav Schilling. Schillings Schr. 43r Bd. 2 —— 4 4 4 3 4 8 X. 1 4/ 1 4 8 4 8 8 Stiu! lspelte Malchen: die Mutter haͤlt Mit⸗ tags⸗Ruhe. Ich ſchlich auf den Zehen zu ihr, an den Stickrahm, ſie hielt mir das Koͤrbchen hin. Haſt Du geleſen? fragte ich und zog die Rolle aus dem niedlichen Behaͤlter. Konnt' ich denn? klagte ſie, die Weſte muß fertig werden und dieſe Aſtern nehmen kein Ende. Bleib, Vet⸗ terchen! fuhr ſie ſort: und lies mir vor, dann geht es noch um eins ſo raſch; ich will Dich mit keinem Hauch unterbrechen. Es gab nichts Suͤſſeres als Malchens Kuͤſſe und die Mutter ſchlief; aber noch viel wohlthu⸗ ender erſchien mir der Genuß, ihr meine Dich⸗ tungen vorzuleſen und das geſchah mit halber Stimme und gus voller Bruſt, wie folgt— — Siegfrieds Angelo. Der Tag grauete, die Lichter verloſchen, hold wie der Morgen lehnte Angelo, in Schlaf ver⸗ ſunken, an einem Pfeiler des fuͤrſtlichen Tanz⸗ ſaals. Di Amone, rief der Pagen⸗Hofmei⸗ ſter; ſo erwachen Sie doch! Traͤumend oͤffnete er die dunklen Augen, und ſtarrte die Damen an, welche ſich rund um den Schlaͤfer verſammelten. Di Amone! lispelte eine Silberſtimme, und laͤchelnd fragte er: Wer tanzt denn noch?— Die Morgen⸗ Horen! erwiederte Auguſta, und zog leiſe, doch vergebens an ihrem Mantel, welchen er immer feſter ans Herz druͤckte. Noch einmal ſprach ſie ſeinen Nahmen aus, der Floͤtenruf .6 gab ihm Beſinnung. In ſeine Wangen trat das Blut, und auch Sie erroͤthete, als er die Huͤlle jetzt um ihre Schultern legte, und mit der unſteten Hand den Nacken der ſchoͤnen Fuͤrſtentochter beruͤhrte.— Sie haben die Spitzen zerknittert! ſchalt das Fraͤulein Ulrike von Hallen. Der goldne Jugendſchlaf! ſprach Auguſtens Aya zu dem finſter ſehenden Pagen⸗Hofmei⸗ ſter— und ſeine Traͤume! fuhr ſie mit einem Seufzer fort: jedes Erwachen ein Auferſte⸗ hungsfeſt— Ah, mon ami, ſo ſchlafen Sie und ich nicht mehr! Die Damen laͤchelten, ſie folgten dem Zu⸗ ge und eilten zu Bett. Auch Auguſta ſchloß die blauen, frommen Augen, ſie ſehnte ſich lange vergebens nach dem geprieſenen Jugend⸗ ſchlaf, und ſeinen Traͤumen. Die Floͤtenuhr ſpielte, bunte Gruppen tanzten, nach ihrer Melodie, um das Lager der fuͤrſtlichen Jung⸗ frau. Jetzt warf ploͤtzlich eine Hand den Vor⸗ ₰ —.,.— —,.— 7 hang am Bette zuruͤck, glaͤnzend wie ein Ge⸗ nius ſah Angelo zu ihr herab, ſie fuhr er⸗ ſchrocken auf. Ich bin es, lispelte die Kam⸗ merfrau, es iſt bald Mittag. — Di Amone! ſprach der Pagen⸗Hofmeiſter, ſo wachen Sie doch auf, es iſt bald Mittag. Seufzend entriß ſich Angelo dem ſuͤßen Schein⸗ tod und ahnte nicht, wem er ſo eben erſchie⸗ nen war. Frohe Botſchaft aus Neapel, fuhr der Major fort und hielt ihm einen Brief entgegen. Der Onkel iſt todt, und Angelo ſein Erbe. Haſtig griff dieſer nach dem Brie⸗ fe, er verließ das Bett und das Zimmer. Ein ſeltſamer, junger Herr! ſprach der Hof⸗Fourier, welcher das Paket uͤberbracht hatte. Ach wertheſter Herr Major, wenn un⸗ ſer einem dergleichen begegnete! Gott ehre den Erblaſſer! Solche Vettern ſind ſchoͤne Leichen. Wohl, wohl, mein Herzens⸗Freund! er⸗ wiederte der tief verſchuldete Major ſeinem langmuͤthigſten Glaͤubiger: doch raubte dieſer Erblaſſer dem Ungluͤcklichen mehr, als ſein Gold ihm erſetzen kann. Iſt das moͤglich? fiel der Hof⸗Fourier ein, rief nach Glaͤſern, und zog ein Fläſchihen Tok⸗ kayer aus der Taſche. Angelos Eltern, erzaͤhlte jener: waren das gluͤcklichſte Paar. Unterſtuͤtzt von Anſehn und Reichthum verfolgte ein luͤſterner Oheim die ſchoͤne, tugendhafte Nichte mit Antraͤgen, die in der Regel dort willkommen ſind. Ganz ploͤtzlich ſtarb, als ſie ihn verwarf, ihr junger kerngeſunder Gatte und der Giftmiſcher bot ihr nun, außer dem Gold und den Juwelen, auch ſeine Hand an; aber die Ungluͤckliche blieb treu bis in den Tod und verſchied nach Jah⸗ resfriſt, vor Gram. Frau von Hallen, unſre Geſandtin, nahm ſich, als eine vertraute Freundinn der Verſchiedenen, des kleinen An⸗ — — — — — —4——* 9 gelo an und brachte ihn an unſern Hof, mit dem ſeine Familie, durch der hochſeligen Fuͤr⸗ ſtinn Durchlaucht, gewiſſermaßen verwandt iſt. Unvergleichlich! rief der Hof⸗Fourier, da ſieht man Gottes weiſe Fuͤgung. Nun, mir wird dort niemand einen Deut verlaſſen, und wenn auch das gelbe Fieber in Welſchland Wohnung machte: boͤſe Gewiſſen haben meine Verwandten wohl, aber kein Geld. Lieber Major, der Markis iſt auf Weihnachten Kam⸗ merherr. Ein lieber Mann! ein trefflicher Cavalier. Nun, ich werde ihn Lebenslang veneriren. Sagen Sie ihm das. Und Falls er Mangel ſpuͤrte fuͤr den Augenblick— Hier iſt Moſes. So ein Gottes⸗Liebling! Mit Freuden dient man da! Aber weiß er denn wohl auch, warum der Oheim ihm das ſchwe⸗ re Geld vermachte? Nie darf er das erfahren! erwiederte der Major. Ihre Hand darauf! Der Hof⸗Fou⸗ rier vermaß ſich hoch und ging zur Tagesord⸗ 10 nung uͤber. Vom Schlucken, der geſtern die Prinzeſſinn nach dem Genuß des Eiſes uͤber⸗ ſiel, von dem Prinzen, der eben um ſie warb, vom Ohrenzwange des Fuͤrſten war die Rede, und man wuͤnſchte die guten, alten Zeiten zu⸗ ruͤck, in denen der Staat nur durch den Hof⸗ ſtaat glaͤnzte. Di Amone ward zum Stallmeiſter ernannt. Aller Augen ſahen jetzt auf ihn, den bisher nur die Damen bemerkt hatten, unter Freu⸗ denthraͤnen beſchwor ihn der Hof⸗Fourier, den ledigen, erſten Stock ſeines Hauſes zu bezie⸗ hen, und fuͤhrte ihn auf der Stelle dahin. Ich laſſe mahlen, ſprach er auf dem Wege, laſſe durchbrechen, laſſe Parkets legen. Was Ew. Gnaden nur im Traume wuͤnſchen moͤ⸗ gen, ich fuͤhr es aus, und kein lebender — 11 Menſch ſoll uͤber Ihrem Haupte wandeln, als meine Nichte, und die tritt leis auf, wie ein Heimchen. Eine Wayſe, beſter Herr Markis, an der ich Barmherzigkeit uͤbe. Das bin ich auch! ſprach Angelo: ſo ſind wir Geſchwiſter.. Ach wollte doch Gott! rief jener und fal⸗ tete die Haͤnde;— der Paſtor zu Haynau, hat ſie mit meiner ſeligen Schweſter gezeugt; der iſt nun Todes verblichen, da mußt' ich denn zugreifen. Amalie ſah ihren Oheim mit Angelo die Straße herabkommen. Sie hatte geſtern, als eine beſcheidene Zuſchauerin, dem glaͤnzenden Hofballe beigewohnt, hatte den bluͤhenden Juͤngling, der weit uͤber die andern Edelkna⸗ ben hervorragte, im Gefolge der wunderſchoͤ⸗ nen Prinzeſſinn bemerkt, hatte ihn im Herzen geſegnet, als er ihr, da es zur Tafel ging und ihr einziges, ſeidenes Kleid in Gefahr kam, aus dem Gedraͤnge half, und den Oheim 12 bereits um den Nahmen des langen, jungen Herrn, mit dem reichen Achſelbande, mit der Adlernaſe, und den blitzenden Augen gefragt. Je naͤher er eben kam, je hoͤher ſchlug ihr Buſen, je baͤnger ward ihr um das Herz, und eilig fluͤchtete ſie, als ſeine Tritte auf dem Vorſaale ſchollen, in ihr heimliches Stuͤb⸗ chen. Vernimm mein Wort, fluͤſterte der ein⸗ tretende Onkel. Dein geſtriger Platz⸗Major wird unſer Hausgenoſſe, laß Dir's geſagt ſeyn. Wie Staub und Aſche gebehrde Dich, Malchen und fuͤhr ihn durch alle Zimmer; ich muß aufs Schloß. Aber, beſter Onkel, ſtotterte die Beklom⸗ mene, ich weiß mich noch ſelbſt hier nicht zu finden. Mein Haus iſt kein Jrrgarten! er⸗ wiederte der Hof⸗Fourier, oͤffnete die Thuͤr, ſtellte dem Markis das Maͤdchen unter tiefen Verbeugungen vor und eilte zu dem Kuͤchen⸗ meiſter, der ihm von einer Tuuͤffel⸗Paſtete geſagt hatte. ——— ———— 153 In reitzender Betroffenheit ſtanden ſie ſich jetzt, von Zeugen verlaſſen, gegenuͤber. Au⸗ gelo bat mit traulichem Freimuth um die Er⸗ laubniß, kuͤnftig in ihrer Naͤhe wohnen zu duͤrfen, und Amalie erhob, als er noch eine Weile fortgeſprochen hatte, die braunen Augen, dankte ihm fuͤr den Beiſtand von geſtern und ſprach mit Waͤrme von dem Glanze des Feſtes und der engelſchoͤnen Prinzeſſinn. Di Amone druͤckte durch die Bemerkung, daß er ſie dieſer ungemein aͤhnlich finde, die kaum erhobenen Augen der Schuͤchternen von neuem zu Boden, fand dann, um ſie zu verſoͤhnen, die Ausſicht in ein enges Gaͤßchen angenehm, die Zimmer geraͤumig, den ungeheuern Zins, mit welchem ihn der Hof⸗Fourier bereits bekannt gemacht hatte, maͤßig genug, und waͤhrend dem er ſo, lobend und beifaͤllig, die Zerrbilder eines alten Thuͤrſtuͤcks anlaͤchelte, flogen Amaliens Blicke uͤber das glühende, adelreiche Antlitz des Si⸗ zilianers, an der edlen Geſtalt herab. Ihr 14 Herz verglich ihn einem Endymion, vor dem ſie geſtern auf dem Schloſſe ſtand und ein ſeltſames Gefuͤhl ergriff ſie bei dem Gedanken, kuͤnftig nur durch eine Wand von ihm getrennt zu ſeyn. Er ging; beſtuͤrmt von mancherlei Empfindungen, eilte ſie zum Fenſter und ſah ihm durch den Vorhang nach. Jetzt ver⸗ ſchwand er. Sie wiederholte ſich die ganze Traum aͤhnliche Szene, erſtaunte uͤber ihre Dreiſtigkeit gegen den Markis, welcher, als ein Verwandter des fuͤrſtlichen Hauſes, ſchon deshalb in ihren Augen einen Nimbus hatte, und fuͤhlte ſich von der zarten, ſprechenden Achtung, mit der er ſich benahm, geſchmei⸗ chelt und erhoben. — 15 Auch ihn begleitete die holde Erſcheinung. So wuͤrde Raphael eine Heilige darſtellen, dachte Angelo auf dem Wege zur Frau von Hallen, die eben aus einem Bade zuruͤckge⸗ kehrt war und das ſchnelle Gluͤck ihres Pfle⸗ geſohns nur aus Briefen kannte. Hocherfreut druͤckte die edle Frau den jungen Freund an ihre Bruſt, und Angelo der in ihr die Ver⸗ traute ſeiner ungekannten Mutter ehrte, in ihr eine zweite Mutter liebte, bedeckte, von Ruͤhrung ergriffen, die theure Wohlthaͤterinn mit Thraͤnen und Kuͤſſen, und ſtrebte jetzt ver⸗ gebens, ihr die Haͤlfte der reichen Erbſchaft aufzudringen; ein Opfer, das ſie ſtandhaft ab⸗ wies. Jetzt trat ihre Tochter— dieſelbe, welche in jener Ballnacht Auguſtens Spitzen⸗ mantel zerknittert fand— in das Zimmer und ſchlich mit einem ſeltſamen Laͤcheln naͤher. 46 Wuͤnſch' ihm Gluͤck, Ulrike! rief Frau von Hallen. Das waͤre wohl unnuͤtz, meine Mutter! ßiel dieſe ein, denn alles was ich ihm wuͤn⸗ ſchen koͤnnte und mehr vielleicht als ich ihm wuͤnſchen moͤchte, beſitzt er ſchon. Liebloſe! ſchalt die Abgerufene; Angelo griff zum Huthe. Wie unſtet ſind die Gluͤcklichen! ſprach das Fraͤulein, und ſah in ſein leuchtendes Antlitz, das die ſchoͤne Regung von vorhin mit Roſen⸗ gluth bedeckt hatte. Ulrike verſcheucht ſie ja! erwiederte er und kehrte zuruͤck. Sie griff betroffen nach einem da⸗ liegenden Taſchenbuche, blaͤtterte und ſagte— Liebe! nichts als Liebe! das gewoͤhnliche Lied. Zerrbilder und Ideale, die hinter einem armſeligen Vorhang ihr Weſen treiben, ſich quaͤlen und vergoͤttern, einander bald das Le⸗ ben retten, bald verkuͤmmern, ſich heirathen⸗ 17 ſelig werden und am Morgen, wie Adam und Eva, entzaubert jenſeit der Mauer ſtehn. Zwei Lebenslaͤufe in einem Odem! entgeg⸗ nete der Markis: Aber was that Ihnen denn die ſuͤße Liebe? Hat ſie nicht, brüderlich von Engeln oft geküßt, Was ſchön, was gut, was groß, und edel iſt, Durch ihre Lieblinge geſät? S. Der Saͤmann wird erwartet! man ſtirbt vor Sehaſucht ihn zu gruͤſſen. E. Anſichten dieſer Art haben noch immer jedes Herz gebrochen, das ſie feſt hielt. Die Mutter ſah ins Zimmer. Wiſſen Sie wohl, fuhr Ulrike, ſchnell er⸗ heitert fort, daß mein Ohrring noch, ſeit je⸗ nem Hofball, in Ihren Haͤnden iſt? Er war unheilbar, entgegnete Angelo. Neh⸗ men Sie dieſe zum Erſatz. Die Pflicht der Entſchaͤdigung war es ja, die mich herfuͤhrte. Gern haͤtte ich eine beſſere Stunde abgewartet, doch moͤchte dieſe wohl nimmer ſchlagen. Schillings Schr. 43 r Bd. 2 4 4 18 Schoͤn! Geſchmackvoll! Trefflich! lispelte Ulrike, trat zum Fenſter, und ließ die Juwe⸗ len im Sonnenlicht ſpielen. Ein großes, glaͤn⸗ zendes Geſchenk! Zu reich fuͤr mich. Aus je⸗ dem dieſer Steine blitzt ein neuer Feind, und deren hab' ich ſchon zu viele. Da, nehmen Sie— Ich entſage jedem Almoſen. Jedem, Herr Markis! Dieſer verbeugte ſich und ging. Ein groͤßeres Herz ſchlug ihm entgegen, einer beſſern Stelle flog er zu. Der Fuͤrſt nahm ihn guͤtig auf, ſprach viel von den Verdienſten des Herrn von Hallen und von der mittelloſen Lage, in welche ſein Tod die achtungswerthe Witwe verſetzt habe. Auguſta empfing mit gewohnter Anmuth den Verlegenen, pries ihn gluͤcklich, daß er ſich nun den Gefuͤhlen eines erkenntlichen Herzens, der ſuͤßen Pflicht der Dankbarkeit uͤberlaſſen duͤrfe, und dankte ihm mit einem Laͤcheln des zarteſten Wohlwollens fuͤr jeden kleinen Dienſt der Vergangenheit. Ich fuͤhle lebhaft, erwiederte Angelo, daß ——— —— 19 dieſe Vergangenheit der ſchoͤnere Theil meines Lebens war. Die Antwort uͤberhoͤrend, ging Auguſte ſchnell auf die Neuigkeiten des Tages uͤber und ſprach, als er nun ſcheiden wollte— Eine Gewiſſens⸗Frage, Herr Markis! wird mich Ihr Gluͤck vielleicht um eine Dame aͤrmer machen? Wenn es nicht Vermeſſenheit waͤre, erwie⸗ derte er, und trat ihr naͤher: das ſchoͤnſte Herz der Erde mit den kleinlichen Sorgen eines Un⸗ bedeutenden zu beſchaͤftigen— Vergaßen Sie denn, fiel Auguſte traulich ein: daß wir als Kinder auf dieſem Zimmer ſpielten? daß ich die Schaͤferinn war und Sie das Lamm, und das Lamm mir immer nicht folgen wollte? Dieſe Erinnerung giebt Ihnen ein Recht auf meine Theilnahme. O, der goldenen Tage! ſprach Angelo in hoher Bewegung. Auf dieſer Stelle hier, beſchwor die ſanfte Geſpielinn einſt den Trotz 20 des Knaben, und weinend feierten wir ein ſeliges Verſoͤhnungsfeſt. Damals lagen nur Blumen zwiſchen uns. Still ergriffen warf Auguſte die blauen Au⸗ gen auf die Staͤtte der Erinnerung, und er⸗ röͤthete. Ich bin ein Fremdling! fuhr er fort.— Als ich zu der Mutter verlangte, als ich mich nach dem Vater ſehnte, fuͤhrte mich Frau von Hallen auf ihre Graͤber, und druͤckte ſchluchzend das weinende Kind an ihre Bruſt. Sie rettete meine huͤlfloſe Jugend, durchwachte manche bange Nacht am Bette des Kranken und das Wahre wie das Gute, dank ich ihr— Gern wollte ich vergelten, aber Sie kennen Ulriken. Ungeliebt bei allen Reitzen, ſteht ſie, mit ihrem Truͤbſinn, ihrer Mißgunſt, ihrer Spottſucht allein, und verkuͤmmert jedes Leben um ſich her. Oft nannte uns ihr Vater im Scherz ein kuͤnftiges Paar, und auf ſeinem Sterbebette geſtand er mir, daß dieſe Hoff⸗ nung ihm den Tod verſuͤße. Von den Vor⸗ 21 ſpiegelungen der ſchlauen Tochter getaͤuſcht, glaubt uns die Mutter uͤber dieſen Punkt laͤngſt einverſtanden und eigenſuͤchtig ſieht Ulrike in einem Benehmen, das aus Dank⸗ barkeit und Langmuth hervorgeht, nur den Triumph ihrer Reitze, und in mir einen ge⸗ feſſelten Sklaven, den man fuͤr den Nothfall groß zog. Herr von Hallen, entgegnete Auguſte: op⸗ ferte dem Staate, in wichtigen, geheimen Angelegenheiten, ſein Vermoͤgen auf, und mein Vater ſcheint ſich deshalb fuͤr die Familie zu intereſſiren. E. Mit Freuden entſpraͤch ich ſeinem Wunſche; ich bot Ulriken ſelbſt die Hand, aber der Geiſt ihrer Verſchmaͤhung ließ mich zugleich den Abgrund erblicken, in den mich die Gewaͤhrende ſtuͤrzen wuͤrde. Mein Vater, antwortete Auguſte, und ihr Herz trat in ihre Angen, mein Vater ſoll er⸗ fahren was Sie thaten, ſoll es wiſſen, daß 22 Sie ſeinen Erwartungen vorkamen und daß Sie edel ſind, wie Ihr Geſchlecht. O, truͤg' ich noch den Saum dieſes Ge⸗ wandes! lispelte Angelo. Die Aya trat ins Zimmer. Auguſte reichte dem Markis die Hand zum Kuſſe, und dankende, ſeelenvolle Blicke folgten ihm. Nun, meine Durchlaucht, ſprach die Graͤ⸗ finn und legte traulich ihre Haͤnde auf die ver⸗ ſchlungenen Arme der Sinnenden: welche Ant⸗ wort kann ich bringen? Bedachten Sie wohl? Eine regierende Frau! Im kleinen zwar, aber doch Herzogin, und wenn ihm nun auch der Mahler ſchmeichelte— Quaͤlen Sie mich nicht, gute Graͤfinn! Bon dieu! wie koͤnnt ich das! Ich lieb' ihn nicht— Das faͤnde ſich! 3 Und faͤnd' es ſich nicht, wie dann? Wo Pflichten ſprechen, meine theuere, ge⸗ liebte Prinzeſſinn, da muß das arme Herz J J 23 verſtummen, und Zeit und Geduld heilen ja doch die gebrochenen. O, nur der Tod! Aber, von Pflichten ſprechen Sie? Die heiligſten haben wir ge⸗ gen uns ſelbſt. Ich folge dieſen, indem ich ſeiner Hand entſage. Sie betruͤben mich, Prinzeſſinn, den Herrn betruͤben Sie, das ganze Land. Keraft alter Vertraͤge faͤllt die Grafſchaft Oſtthal in dieſem Fale- Es falle, was da wolle, fiel Auguſte mit Heftigkeit ein: ich aber falle keinem zu, dem mich die froſtige Staats⸗ Klugheit Preis geben moͤchte. Die Rechte des Weibes muͤſſen mich vor dieſem Sklaven⸗Handel ſchuͤtzen, gegen welchen ſich mein freyes Herz empoͤrt. Herr Gott! rief⸗ Jene zuruͤcktretend, das klingt ja wie Demokratie! Sie gluͤhen, Aller⸗ gnaͤdigſte? Hat meine Sorge Sie erzuͤrnt? Beruhigend umarmte Auguſte die Matrone und nannte ſie chere maman. 24 Ihr freyes Herz? lispelte dieſe, und ſtrei⸗ chelte voll Zaͤrtlichkeit die Roſenwangen der Fuͤrſtentochter.— Und wenn nun jetzt die al⸗ te, redliche maman eine kuͤhne Frage wagte? Wenn ſie, wie eine liebende, geliebte Mutter vor die fromme Tochter traͤte, ihr tief in die unſteten Augen ſaͤhe, und ſie auf ihr Gewiſ⸗ ſen fragte— Iſt auch dies Herz noch frey? Ergluͤhend ſah Auguſte auf den Brillant an ihrem Finger, dann in die forſchenden Au⸗ gen der hochverehrten Fragerinn, und wieder ſchnell in den Buſen nieder, der heftig auf und niederflog. Ja, wer nun zaubern koͤnnte! fuhr die Graͤfinn fort, und ſchlang ihren Arm ſanft um Auguſten. Mit einer Krone auf ſeinem Haup⸗ te traͤte dann ein edler, junger Mann— ſo einer, dem nichts als dieſe fehlen mag, vor mein ſuͤßes Herzblatt, und erloͤſte es ſchnell von aller Qual. Schweigend ſank Auguſte an —y,ͤ— ——— —,ö— 95 den Hals ihrer Aya, und bedeckte mit ihren Schmerzens⸗Thraͤnen ſeine Perlen. Aber zaubern kann ich nicht, meine theu⸗ erſte Auguſta. Nur beten und bitten, rathen und Sorge tragen, daß die holde, fromme Tochter nicht fehltrete, ihr Herz an keine ſterb⸗ lichen Goͤtter haͤnge und das unſterbliche Klei⸗ nod ihres Lebens nicht verwahrloſe. Die Buͤr⸗ gerinn gehoͤrt ſich ſelbſt, die Fuͤrſtentochter dem Staate, dieſe muß verſchmaͤhn, was jene hoch begluͤckt, und ſich willig aufopfern, wo ihr Recht die Rangloſe vor Opfern ſchuͤtzt. Um dieſen Preis gehoͤlen Sie dem Thron, dafuͤr werden Sie die Mutter von Landesvaͤtern, und Koͤnigsbraͤuten.— Nur heftiger weinte Augu⸗ ſte, und druͤckte das gluͤhende Antlitz in den Buſen der Graͤfinn. Ach, ſo manche kleine Sorge hatte dieſe bereits mit ihrem Lieblinge getragen, ſo man⸗ che Grille weggeſcherzt, ſo manches Unheil zum Beſten gekehrt. Aber dieſer ernſte Kummer ..— 26 4 benahm ihr die Faſſung und uͤberraſcht, der Gewalt der erſten Leidenſchaft zu begegnen, wo ſie hoͤchſtens auf einen fluͤchtigen Eindruck rieth, vermochte ſie jetzt nur, herzlich mit zu weinen, nebenher einige Worte uͤber Entſa⸗ gung, Selbſtuͤberwindung, und Fuͤrſten⸗Wuͤr⸗ de zu verlieren, und die Kraft der Religion, als das einzige Heilkraut fuͤr wunde, weibliche Herzen anzupreiſen. Der wohlbeleibte Hof⸗Fourier eilte von Pallaſt zu Pallaſte, den Hofball anzuſagen, welchen Auguſtens Geburtstag veranlaßte. Der gol⸗ dene Tag erſchien, in Haufen flogen die glaͤnzen⸗ den Wagen dem Schloſſe zu. Schoͤn und Haͤß⸗ lich ſchwebte, im bunten Wechſel, voll banger. Sehnſucht nach Taͤnzern, den blendenden Saͤ⸗ len zu. Jetzt verließ auch Di Amone das Zimmer, und traf unmittelbar auf Amalien, 27 die in einem Fenſter des Vorſaals lehnte, aus dem man bis zum Schloſſe ſah. Sie noch hier? rief er befremdet. Der gute Onkel wird mich vergeſſen haben, erwiederte ſie kleinmuͤthig und bey ſo vielen Geſchaͤften als dieſer Tag fuͤr ihn hat, nimmt mich das nicht Wunder. Aber Sie haͤtten doch ſo gern den Ball ge⸗ ſehen? fiel er ein: und ſprachen ſchon Geſtern mit geſpannter Erwartung davon. Ach wohl! entgegnete ſie, ein Thraͤnchen im Auge zerdruͤckend: doch meine Freuden traf faſt immer dieſes Loos. Gutes Maͤdchen! ſo wenige, ſo maͤßige, und auch dieſe verbittert? O, nehmen Sie mich zum Onkel an. Ich fuͤhre Sie dahin! Wie, Herr Markis? ſtotterte ſie, zwiſchen Freude und Unmuth; wie koͤnnt ch das. Sie und ich? Sie, der alle Augen anzieht— Alle Augen? Was ſagen Sie da? Dieſe hier, die truͤben, moͤchte ich hell wie immer * ₰ 4 8 f 28 ſehen. Ihren Arm, Amalie! Fuͤrchten Sie nichts! O, wenn Sie mir nur ein wenig gut ſind, ſo kommen Sie; es dunkelt ſchon. Mein beſter, mein theuerſter Herr! bat ſie zoͤgernd, und druͤckte die kleinen Haͤnde ge⸗ faltet gegen ihre Bruſt: Ihr ſchoͤnes Herz ver⸗ gißt, daß ich ein armes, buͤrgerliches Maͤd⸗ chen— und uͤberdem, daß ich ein Maͤdchen bin. O, zwey Minuten nur Geduld! rief er, und eilte, wie auf Fluͤgeln, dem Schloſſe zu. Des Hof⸗Fouriers Rubinen⸗Naſe leuchtete fernher. Bald war er aufgefunden, in Ange⸗ los Wagen geworfen, und der Behoͤrde zuge⸗ fuͤhrt. Hell glaͤnzten Malchens Augen, als ſie jetzt, an des Oheims Arm, in den Traban⸗ tenſaal trat, wo Angelo ihrer harrte, und ſie nun, mitten durch die Garden, an einen Platz fuͤhrte, von wo aus ſie, gleich einer Schick⸗ ſalsgoͤttin, den Saal uͤberſchauen konnte. Hei⸗ terer kehete er jetzt dahin zuruͤck. Di Amone 8 » 29 fuͤhrt heute das Nimphen⸗Chor! ſprach Ulri⸗ ke, Trotz der Abweiſung jener Gabe, mit ſei⸗ nen Ohrringen geſchmuͤckt, zu einem Fraͤulein ihres Gepraͤges. Sie irren ſich, erwiederte er: die Gloſſe vernehmend: ich habe nur die fliehende Gra⸗ zie hinter die Schranken gerettet. Die Nachbarinnen ſahen ſchnell zu der Ge⸗ retteten hinauf, und Angelo erroͤthete uͤber dem Erroͤthen ſeiner Freundinn, die jetzt uͤberall auf Augen traf, und da ſich das Hinſehn von Gruppe zu Gruppe mittheilte, einem Meiſter⸗ werke des Apelles glich das ſein Schoͤpfer dem Entzuͤcken der Bewunderer, und den Pfei⸗ len ſeiner Neider Preis gab. Immer hoͤher ſtieg des armen Maͤdchens Angſt, immer boͤher ſchlug auch Angelos Herz. Eben ſchoß der Hof⸗Fourier an ihm voruͤber. — O, ſehn Sie doch, ſehn Sie doch! rief der Markis den Umſtehenden zu, und alle Seher und Seherinnen verließen jetzt die doloroſe 30 Madonne, und ſtarrten lachend ihren erſchre⸗ ckenden Oheim an, welcher ſchnell verweilte, nicht wußte wie ihm geſchah und ſich endlich ſelbſt beſehen half. Ein Pagenſtreich! ſprach ein alter General und klopfte den Markis fanft auf die Schulter. Jetzt winkte der Mar⸗ ſchall, Paucken wirbelten, die Fluͤgel flogen auf. Auguſta, trat, von Himmelsgluth um⸗ floſſen, an ihres ſtolzen Vaters Hand in den Saal. Das weiße, ideale Gewand ſchwamm wie Morgenduft, um die vollendete Form, und wie Thau in Bluͤthenkelchen glomm das Di⸗ adem unter den goldenen Locken der Jungfrau. Voll Anmuth und Wuͤrde neigte ſie ſich ge⸗ gen den glaͤnzenden Kreis, warf dann einen bittenden Blick auf die rothgeweinten Augen der Aya, und eroͤffnete nun mit ihrem Bruder den Ball. Schon ſeit Stunden tanzte man, noch hat⸗ te Angelo keiner Dame die Hand geboten. Am Pfeiler, wo ſie juͤngſt ihn weckte, lehnte der 31 Einſame, ſah bald der glaͤhenden Goͤttin nach, die den Reihen verſchoͤnte, bald zu der lau⸗ ſchenden Oreade hinauf, welche, von ihrem Schreck zuruͤckgekommen, in ſeinen dunkeln Verſteck, wie auf die lichten Plaͤtze, wo Au⸗ guſte ſchwebte, ſpaͤhende Blicke warf, und nicht begriff, wie dieſe eben ihn, den bluͤhendſten, geſchmeidigſten aller Maͤnner uͤberſehen konnte. Jetzt trat die Prinzeſſinn ab, ſah rund um⸗ her. Sie ſucht ihn! ſprach Malchen frohmuͤ⸗ thig zu ſich ſelbſt— Sie fand ihn! ſeufßte ſie, als er eben ſeinen Platz verließ, und auf dem untern, menſchenleeren Theile des Saals auf die Suchende traf. Man will einen Tanz zu Ehren meines Tages auffuͤhren, ſprach Augu⸗ ſte, und ſah abwaͤrts: mein Page ſollte Sie dazu einladen, aber der gute Menſch iſt noch ſo ſchuͤchtern, daß er alles mißverſteht. O, vergeben Sie ihm das, bat Angelo mit raſchem Feuer; mich ſelbſt druͤckt heute dieſe Glorie zu Boden. Damit folgte er der 3² Zuruͤckkehrenden, ſie faßte ſeine Hand, der Tanz begann, der Hof ſchloß einen Kreis um die erleſenen Paare, ein A entwickelte ſich aus den ſchoͤnen Verſchlingungen und dies Erleſen⸗ ſte machte den Herz trich. Jetzt verſtummten fuͤr einen Augenblick die Toͤne. Verſteinert ſchien die Gruppe. Der Fuͤrſt ſchlug laͤchelnd in die Haͤnde— Hoch leb Auguſtal rief Angelo; alle Lippen ſprachen es nach, ein Strom von Harmonie befluͤgelte den Segens⸗ ruf, ein jauchzendes Getoͤſe erfuͤllte den Saal und Thraͤnen entſtuͤrzten dem uͤberraſchten, ge⸗ feyerten Maͤdchen, das ſich zwiſchen Wehmuth und Entzuͤcken, an die Bruſt des Vaters neigte. Angelo harrte, ſtill durchſchauert, ihrer Ruͤckkehr in der Mitte der Paare, warf jetzt einen Blick auf ſeine Hausgenoſſinn, die von draͤngenden Gefuͤhlen beſtemt, hinter ihrem Tuche weinte, empfing nun Auguſten an der Hand des Fuͤrſten, fuͤhrte raſch den Tanz zum . 33 Ende, und eilte dann, um Faſſung zu gewin⸗ nen, nach dem anſtoßenden Saale. Ein ſeidnes Gewand rauſchte hinter ihm, die Aya ſtand, als er ſich umſah, vor dem Betroffenen. Ich nehme Gelegenheit, ſprach ſie: Ihnen fuͤr dieſe laute Betonung unſerer Gefuͤhle ein verbindliches Wort zu ſagen. Ver⸗ ſtieß auch vlelleicht die Art der Aeußerung ge⸗ gen das Herkommen, ſo haben wir doch fuͤr dießmal die Entſchuldigung in den Augen un⸗ ſers gnaͤdigſten Herrn geleſen, und ich ſelbſt fuͤhle mich fuͤr die erweckte Rhrang verpflich⸗ tet. Der Markis verbeugte ſich fhwegeng Man bewundert nur, fuhr ſie leiſer fort: daß der Herr dieſe Gelegenheit nicht ergriff, die Prinzeſſinn als Braut zu erklaͤren. Ein Wort, und die Freude waͤre vollkommen geweſen. Als Braut? ſtotterte Angelo. S. Sie nehmen doch Antheil? E. Den innigſten! Schillings Schr. a3r Bd. 3 8 ————ͤᷓᷓ —. 34 S. Wer weiß, was noch geſchieht; in der Pauſe vielleicht, ehe es zur Tafel gehet. Prinzeß Auguſte ſind unpaß, ſprach der ein⸗ tretende Page: wollen auf ihr Zimmer zuruͤck und verlangen nach Exzellenz. Siichtlich betroffen eilte die Graͤſinn davon, Angelo ſah ſtarr auf den Boden, und Augu⸗ ſte laͤchelte ihn an. Er beugte ſich ſchnell. Sie war es. Aus dem Medaillon der Aya hatte ſie ſich weggeſtohlen, und lag, in ihrer ſpre⸗ chenden Anmuth, verlaſſen zu ſeinen Fuͤßen. Zum Luͤgner und zum Hehler wirſt du mich machen! rief er begeiſtert, nie ſoll dich die Graͤfinn wiederſehen. Eine Dame nahte, ſchnell verbarg er das Bild im Handſchuh, Ulrike flog herbei. Widriger war ſie nie zwi⸗ ſchen ihn und ſeine Freuden getreten. Sie ſind nun ein Mal mein Vertrauter, ſagte das Fraͤulein: hoͤren Sie, was ſich be⸗ gab— Ich ſtehe vorhin neben einer Gewiſ⸗ ſen, die ploͤlich dieſe Ohrringe ins Auge ſaßt. 35 Ein Andenken von meinem Halbbruder: ſag⸗ te ich zuvorkommend und begleitete den Auf⸗ ſchluß mit einer tieſen Verbeugung.„Sie machen ihm Ehre,“⸗ erwiederte ſie(oh ich, oder dieſe, weiß der Himmel!)— erröthete und eilte bis an das Ende des Saals, um den Geehrten aufzuſuchen. Ich machte es ihr nach.. 2 AM 485 Kommen Sie in den Saal zuruͤck. Eben ſet ſich der Fuͤrſt aum Spiel, eunſere Juno ihr min wir ſind unter uns. Auch ich bin unwohl und im Verſchwin⸗ den begriffen! erwiederte er— Ulrike verzog den Mund zu einem bittern Laͤcheln, und ging haſtig ab. Verloren in die Maſſe von Eindruͤcken, die ſich, in einer Hand voll Zeit, auf ſein Herz warfen, fand ſich der Markis auf ſeinem Zimmer wieder und that einen Blick in dieß beſtuͤrmte Herz. Hundertmal, ſprach er: trug ich Ihre Tuͤcher und Schleppen, Naͤchte . 36 1 lang Ihren Faͤcher; fand jene koſthar, dieſen niedlich, und weiter nichts. Mein Gefuͤhl war Ehrfurcht, ich fuͤhlte mich geheiligt in Ihrer Naͤhe, und verwarf, von Auguſten entfernt, jeden Gedanken, den ſie verſchmaͤht, jede Handlung, die ſie verworfen haben wuͤr⸗ de. Schnell hebt der Zufall mich in eine hö⸗ here Sphaͤre, wie ein junger Held erwacht das Selbſtvertrauen in meiner Bruſt. Zur Roſenwolke wird der Schleier der Heiligen, das Ideal erreichbar und die Anbetung zur elase. 37 Ein wiederholtes Schellen weckte den Traͤu⸗ mer. Er hatte den Riegel vorgeſtoßen, und durch dieß Verſehen ſeine Hausgenoſſinn aus⸗ geſperrt, die jetzt, begleitet von Auguſtens Mohr, den ihr der Oheim zum Beſchuͤtzer beygeſellt hatte, viel fruͤher als von jenem Balle, zuruͤckkam. Schnell oͤffnete Angelo die Thuͤre, und prallte zuruͤck, als der glaͤnzend ſchwarze Afrikaner, wie ein Engel der Finſter⸗ niß, durch die Spalte ſah. Amalia eilte, fuͤchtig gruͤſſend auf ihr Zimmer. Sie wer⸗ den um Licht verlegen ſeyn? ſprach der Mar⸗ kis, trug ihr das ſeine nach, und trat, mit ihr zugleich, in das heimliche Stuͤbchen. Mal⸗ chen neigte ſich dankend und ihre Kerze gegen die Flamme, aber immer fuͤhrte die unſtete Hand ſie an dieſer voruͤber, und als Angelo jetzt, um ihr beyzuſtehen, nach dem Leuchter griff, traf er auf die kleine Hand, welche ihn hielt, und hielt nun dieſe. Die Lichter brann⸗ in. und ſah ihr ſcharf ins Auge. So will ich Thee beſorgen, ſiel ſ 4 e helte nehtlend ein. CThee heilt mich nicht, entgegnete er: lie⸗ ber dulden Sie einde noch ein n wenig in Th⸗ rem Himmel. O, aus dem Himmel kommen Se er⸗ wiederte die Baͤngliche, und blieb in ihterw vo⸗ rigen Stellung. E. Dieß Erroͤthen verklaͤrt Adleghn macht mich arglos wie die Taube. Was blie⸗ be noch zu fuͤrchten, als die Verlaͤumdung, und nur des Himmels Sterne ſehn uns hier. ten, und des Abſchieds gewaͤrtig, ſchwieg Ama⸗ Ich bin krank, recht krank! klagte Angelo, Und ein Zeuge wacht uͤber dieſen! brach ſte mit Wuͤrde. Den ich nicht ſcheuen darf, fiel er ein, 1 39 das Maͤdchen griff beruhigter, doch in der hoͤchſten Spannung nach ihrer Arbeit er aber ergriff ihre Hand und ſagte mit Herzlichkeit — Ich bin nicht furchtbar! S. Ich glaube, Herr Markis, daß Sie ſo gut, als gluͤcklich ſind. E. Gluͤcklich? Wer iſt das? S. Sie oder keiner. Herrlich bluͤht der Kranz Ihres Lebens.— E. Die Roſen fallen, die Dornen blei⸗ ben! Eine Nacht reicht hin, ihn zu entblaͤt⸗ tern. S. Nun, heute gruͤnt er noch. Wie ſind Sie ſo beneidenswerth. Auguſte ſelbſt, verließ die Großen ihres Hofs, um Ihnen die Hand zu reichen, und alles ſchien ſich die⸗ ſer Wahl zu freuen. Dankbar fuͤhrten Sie die Holde der Vergoͤtterung zu. Lebhaft hat dieſer Tanz, und die Szene welche er hehbey⸗ fuͤhrte, auf mich gewirkt. E. Ein fluͤchtiger, ſchon bereuter Einfall. 6 4⁰ Ruͤhren wollte ich nicht, ſchmeicheln noch we⸗ niger. Die liebliche Muſik, das reitzende Ver⸗ haͤltniß, die auszeichnende Guͤte der ſchoͤnen Gefaͤhrtinn oͤffnete ſchnell mein Innerſtes, und ſchneller als ich ihm wehren konnte, trat das Gefuͤhl auf meine Lippen. S. Das ſah man Ihnen an, Herr Mar⸗ kis. Die Begeiſterung ſtrahlte aus den blitzen⸗ den Augen, und Auguſte glich einer Pſyche, die ſo eben die Fluͤgel ſchwingt. Wie reich iſt Ihr Oheim, rief Angelo; und doch, wie arm dabey, wie bettelarm! Ihm fehlt der Sinn fuͤr dieſe Schaͤtze, er hat kein „Ohr fuͤr dieſen Wohlklang, fuͤr dieſe Euryth⸗ mie kein Auge, aber ſchuͤtzen ſollte er doch, was er zu wuͤrdigen nicht verſteht; zu lieben nicht vermag; ſollte den Schatz bewachen, den er nicht heben kann. S. Er weiß mich unter der Obhut guter Gei er und vertraut meinem Selbſtgefuͤhl. E. O, daran dacht er kaum. Das Gold 41 iſt ſein Goͤtze, beſſere Goͤtter kennt er nicht; mit angſthafter Zudringlichkeit hing er ſich an den reichen Erben, und ließ ihn wohlbedaͤch⸗ tig in dieſen Zauberſpiegel ſehn. Er iſt mein Oheim, und mein Wohlthaͤ⸗ ter, ſiel Amalie erroͤthend ein. Seine Nach⸗ ſicht und ſeine Rechtfertigung gehn von dieſem Glauben an Menſchen⸗Tugend aus, die Sie ihm abſprechen. Er baut auf die Ihre. E. Auch Amalie? Ja! ſprach ſie mit Zuverſicht. E. Auf den Schein? S. Was klar zu Tage liegt, blendet nicht. E. Argloſe Seele! Aber hoͤrten Sie nie ein Wort von dem furchtbaren Geiſte, der fort und fort gegen die Goͤtterkraft in uns an⸗ kaͤmpft? O, laſſen Sie mich Ihren Warner ſeyn! Liehe iſt nur ein ſchoͤnes Meteor, die Freundſchaft gleicht dem Sonnenſterne, der dort 42 in Oſten glimmt; rein wie ſein Licht, unwan⸗ delbar wie er, ſey unſer Verhaͤltniß. Unwandelbar? fiel Amalie ſeufzend ein, das hoffen Sie? fuͤr Augenblicke nur hebt dieſe ſchoͤne Wallung mich uͤber die dunkle Kluft; morgen treten Ihre Anſpruͤche und mein Nichts wieder zwiſchen uns, und mir bleibt dann blos die ſchmerzliche Taͤuſchung. E. So ſpricht der Stolz. Amalie ſieht „nur Herablaſſung in meiner Ehrfurcht, nur Eigenſucht in dem reinſten Triebe der je ein Herz erhob. S. Sie thun mir weh. Ich handle wie ich muß. In Ihr Schickſal verwickelt, wuͤrde ich untergehn. 5 4 Da ſey Gott fuͤr! rief Angelo und ſtand auf. Der Wehmuth himmliſcher Liebreitz war uͤber ihr Geſicht verbreitet, durch Thraͤnen laͤchelnd blickte ſie zu ihm empor, und ſprach — Ein groͤßeres Herz verſteht das Ihre, ein ſchoͤnerer Morgen geht vor Ihnen auf. Im 43 Herzen des A. ſtand der Gluͤckliche heut an ihrer Hand, und ihre Thraͤnen ſprachen— Ich lieb' ihn!— Des Oheims gluͤhendes Antlitz ſah ins Zim⸗ mer. * Das hoͤr' ich gern! ſprach der Trunkne, als Angelo verſchwunden war, wie fein und lieb⸗ lich iſts, wenn wir hier eintraͤchtig bei einan⸗ der wohnen. Und ſchon auf Du und Du? Ich lieb' ihn, Du liebſt ihn— und ſo wei⸗ ter. Das giebt eine herrliche Ausſtattung und was willſt Du mehr? Nur fein bedaͤchtig, Kind, auf daß er Gold regnen laſſe und Gol⸗ deswerth, und Dich unter die Traufe ſetze, wie der Heiden⸗Gott ſeine Danae. Mit Entſetzen vernahm Amalie die uͤber⸗ raſchende Aeußerung, fuͤhlte jetzt lebhaft, daß die Beſorgniß ihres Warners keine vergebliche war und eilte weinend in ihre Kammer. Mor⸗ gen iſt große Jagd in Wildthal, rief ihr der Oheim nach, die Bettmeiſterinn wird Dich in ihrem Wagen abhohlen. 68 ᷣ Angelo eilte mit dem Tage aufs Schloß. Er ſelbſt hatte den Tartar zugeritten, welcher Au⸗ guſten tragen ſollte, und ihre Kammerfrau verſicherte, daß die Unpaͤßlichkeit von Geſtern voruͤber ſey, daß ſie der Jagd beywohnen werde. Im Geſpraͤch mit dem Jaͤgermeiſter, trat der Fuͤrſt aus ſeinem Zimmer, Auguſte im Jagdkleid aus dem ihren. Die Aya war mit den Damen vorausgefahren. Der Markis eilte die Stiegen hinab, und rief nach dem Pferde. Auguſte kam, ihr Geſicht erhellte ſich 45 und laͤchelnd ſprach ſie zu Angelo— Wird es auch folgen?— Unbedingt! erwiederte er, hielt ihr den Buͤgel, ſchwang ſich dann raſch auf den Britten und flog an ſeinen Poſten, an die Spitze des Zuges. Der Fuͤrſt ſelbſt hatte kein Pferd dieſes Ranges im Stalle und von dem reitzenden Anblick gefeſſelt, ſah Au⸗ guſte keinen außer ihm, und wuͤnſchte ſich im Herzen von ihrem kleinen Verber auf das ſtolze Roß, oder ſeinen Reiter an ihre Seite. Der ſchoͤnſte Morgen laͤchelte den Jagdluſtigen. Herrlich ſtieg die Sonne uͤber den Wald, leicht vergoldete Woͤlkgen flogen wie Hoffnungen ihr entgegen, und fernher glaͤnzten die Thuͤrme des Wildthaler Schloſſes. Der ernſte Fuͤrſt ward heiter und geſpraͤchig, Auguſte verlor ſich in ſuͤßen Phantaſien, und vernahm kein Wort der wohlgeſetzten Rede des Jagdjunkers, der ſie zu unterhalten wagte. Man kam zu dem Pavillon, welcher auf einem freyen Platz im Walde lag, frohſinnig traten die Damen 46 den Kommenden entgegen. Schnell ward das Fruͤhſtuͤck abgefertigt, die Hoͤrner ertoͤnten, die Doggen ſchlugen an, ein gewaltiger Eber trat aus dem Dickicht. Der Fuͤrſt ſaß auf, ihm folgte was zum Hiſthorn ſchwor, Angelos Schimmel wurde laut. Den muͤſſen Sie ſe⸗ hen! ſprach Auguſte zu den Damen, und er ließ ihn herbey fuͤhren. Brauſend ſtieg das edle Roß, und wieherte, hoch uͤber ihren Koͤ⸗ pfen. Faſt moͤcht' ich es verſuchen! rief Au⸗ guſte. Durchlaucht ſcherzen! ſiel die Graͤfinn ein, das Thier iſt thurmhoch und unbeſteig⸗ bar. Die Damen riethen ſaͤmmtlich ab, ihre Widerrede reitzte nur dringender zum Verſuche. Wag' ich es, Angelo? fragte ſie mit ſchweſter⸗ licher Traulichkeit, es wird doch großmuͤthig ſeyn? Fromm wie ich! entgegnete er, verkuͤrzte ſchnell die Buͤgel und Auguſte ſchwang ſich leicht wie Iris, von ihm unterſtuͤtzt, auf das Noß. Ihre Knie zitterten, ihr Herz bebte un⸗ 47 ter der ſuͤßen Beruͤhrung, lautzuͤrnend ſchalt die Aya und in dieſem Augenblick ſtuͤrzten die Jaͤger, mit wildem Getoͤſe, dem Eber ent⸗ gegen. Der Schimmel eilte den fuuͤchtigen Gefaͤhrten nach. Vergebens benutzte Augu⸗ ſte alle Huͤlfen die ihr der Stallmeiſter zu⸗ rief, alle Mittel die der geuͤbten Neiterinn beyfielen. Er ſtieg, wenn ſie ihn zu baͤndigen ſtrebte, ſo Gefahr drohend, hob ſich in ſo verwegenen Saͤtzen, daß die Graͤfinn ihr blei⸗ ches Angeſicht mit den Haͤnden bedeckte und der Damen lauter Jammer die Luft erfuͤllte. Verblaſſend troͤſtete Angelo, warf ſich auf Au⸗ guſtens kleinen Berber und folgte im geſtreck⸗ ten Lauf der Huͤlfloſen, die ſein ſcheu gewor⸗ dener Renner ihm enrfuͤhrte, Wald einwaͤrts. Er trieb mit allen Reiterkuͤnſten den klei⸗ nen Tartar an, und ſchlug endlich, des Hay⸗ nes kundig, einen Seitenweg ein, der ihn, wie er hoffte, ihr entgegen fuͤhren mußte. Das Pferd war erſchoͤpft, und ſtand keuchend .48 ſtillk, der Markis ſprang, von Angſt getrieben, herab, und eilte auf eignen Fuͤßen weiter. Immer dichter ward der Wald, immer un⸗ wegſamer der Pfad, und jetzt flog der Britte aus dem Dickicht auf ihn zu. Buͤgellos hing Auguſte uͤber ihm, die Arme hatte ſie um ſei⸗ nen Hals geſchlungen, und ein Seitenſprung warf den Helfer, als er ihm jetzt in den Weg trat, zu Boden. Er hatte fallend den Zuͤgel ergriffen, es ſtand. Schnell glitt Auguſte her⸗ ab, und reichte dem bleichen Gehuͤlfen, der ſich vergebens aufzurichten ſuchte, ihre zitternde Hand. Mir iſt— nicht wohl! ſtammelte er, und druͤckte ſie gegen ſeine Bruſt. Klagend beugte ſie ſich zu ihm nieder, das Haupt des Verblaſſenden ſank an ihr beaͤngſtigtes Herz. Mir iſt— recht wohl, ſprach Angelo, aus einer langen Ohnmacht erwachend: an ſeiner Wange ſchlug ihr Buſen. Wohl dann auch mir! rief Auguſte, ich glaubte Sie todt! Das 49 gluͤhende Leben ſeiner Blicke widerſprach der Beſorgniß. Das Heft war zu Ende. Ich moͤchte die Prin⸗ zeſſinn ſeyn! ſagte Malchen: und auch nicht ſeyn, wenn mir die Zukunft beifaͤllt— O, fahre ſo fort! Du taͤuſcheſt mich wieder, entgegnete ich: aber mein Selbſtgefuͤhl taͤuſcht mich nicht. Das alles iſt ſo tief unter dem Ziele meines Willens geblieben, daß ich weinen moͤchte. Heut am Mor⸗ gen freute ich mich der gelungenen Arbeit, jetzt werd' ich dieſe Bogen vernichten. Du warſt immer ungerecht gegen Dich, fiel Malchen ein: und ein feindſeliger Kritiker Dei⸗ ner ſelbſt. Troͤſte mich nicht! bat ich. Sieh, Du haſt ruhig fortgeſtickt, ein Beweis, daß 10 weder Schillings Schr. 43r Bd. 4 50 ruͤhrte noch erfreute, weder uͤberraſchte noch uu⸗ terhielt. Wuͤßteſt Du nur, lispelte Malchen: wie beſorgt ich um Amalien bin— Ich nicht minder! entgegnete ich— Sie wird doch die Seine noch? fragte ſie. Sein muß ſie werden! Weil Du den Baron im Herzen haſt— ſprach ich halblaut. Von jeher, entgegnete ſie und ſtand erroͤ⸗ thend auf: fandeſt Du es bequemer, mir Bitter⸗ keiten zu ſchreiben als zu ſagen; in jeder Deiner Arbeiten find' ich mich ausgeſtellt und diesmal zu einem Verhaͤltniſſe benutzt das nur in Deinen Traͤumen lebt; aber der Spiegel, den Du mir vorhaͤltſt, zeigt die Geſchichte einer Zukunft, die ich gewiß nicht veranlaſſen werde— Damit ging ſie, die Tante zu wecken, und ich, entzweyt mit ihr und mir und meinem Augelo, auf mein Zim⸗ mer. 51 51 Ich wohnte auf der Schreibergaſſe, im eignen Hanſe. Es war nur drey Fenſter breit, aber vier Stock hoch; Spottvoͤgel nannten es deshalb die Quele. Im erſten Stocke waltete der fuͤrſtliche Leib⸗Page, Baron von Eſchen, ein junger Mann von großen Vorzuͤgen; im zweyten meine alte Tante mit ihrer Amalie, ich im dritten, und aus dem vierten ſah Herr Selim, ein armer Steuer⸗Kanzelliſt ins Weite. Jede Stufe der, etwas ausgetretenen Treppe, war uͤbrigens ein gradus ad parnassum, denn der Baron blies meiſterhaft die Floͤte, gleich einem Cherubim ſang Malchen, ich ſchrieb beliebte Romane, und Herr Selim machte Verſe, ſchnitt Schattenriſſe und fertigte nebenher arithmetiſche Raͤthſel, die er dann, als Zankapfel, an die Leipziger Zeitung und den Reichsanzeiger verſandte und mich, ſtatt des Zinſes, mit dem Schluͤſſel vergnuͤgte. Ihn uͤbertrug der Baron, der wie ein Englaͤnder * ——-——— 53 zahlte. Die Tante und Malchen ſaßen frey. Von allen Hausgenoſſen war mir eigentlich dieſes Muͤhmchen die liebſte, und nicht eben um ihrer Schoͤnheit willen, wie manche wohl glauben duͤrf⸗ ten. Nein! ſie mußte im Gegentheil jedem, dem ein reiner Sinn fuͤr Ebenmaß und Einklang ward, einiges Aergerniß geben. Dies Koͤpfchen war offenbar kleiner als Eytherens Kopf, das Auge zwar ſo groß, ſo ſchoͤn geſtellt, doch bei weitem frommer als Amors Auge, und wie reim⸗ te ſich ſeine Himmelsblaͤue zu dem Nußbraun des Haars, das von dem Bildner gelockt, den Schnee der Engelsſtirn erhob? Aber haͤtte auch ein Prarxiteles Stirn und Naſe tadellos gefunden, ſo wuͤrde er ſich, hier, wo nur eine fluͤchtige Andeutung zu erwarten ſtand, mit Unmuth und Betruͤbniß, von der Fuͤlle des Halſes gewandt haben, welche an dieſer zarten Form, mehr uͤber⸗ raſchen als ergoͤten konnte. Mir aber, dem Nachſichtigen, gefiel, trotz dieſem Wechſel von Mangel und Ueberftuß, das aͤußere Muͤhmchen ungemein, und ich hatte, ſo oft mich auch das — 53 innere, durch ſeltſame Launen ſeiner Weiblichkeit niederſchlug, mein ganzes volles Herz an dieſen Gegenſtand gehangen, der, trotz der angezeigten Bildungsfehler, nicht unbemerkt blieb. Selbſt unter dem kunſtliebenden Offiziers⸗Corps der Garde, deren Wachtparade taͤglich durch die Gaſſe zog, gab es Sonderlinge, welche die verzeich⸗ nete Hebe gegluͤckt fanden. Malchen ſchaͤtzte gute Kirchenmuſik, aber ein Marſch war ihr, bei allen dem, lieber. Lauſchend eilte ſie, wenn er die Straße herabſcholl, zum Fenſter, denn die Offi⸗ ziere ſtarrten, als ob irgend ein Goͤtterwerk in der Quele ausgeſtellt waͤre, mein zweites Stock⸗ werk an, und griffen huldigend an ihre Baͤr⸗ muͤtzen. Eiferte ich, wenn mich der Zufall, um dieſe Zeit in Malchens Fenſter, oder in ihren Ruͤcken fuͤhrte, uͤber ſolche Beſchauungsluſt, be⸗ wies ich, hinter den Vorhang geſchmiegt, daß dieſe Huldigung ihrem Nicht⸗Ich gelte, und des⸗ halb eine zweidentige ſey, ſo dankte ſie zwar verſtohlner, aber nur um ſo anziehender den Gruͤſſenden, Ward ich heftig, ſo laͤchelte ſie, und 34 die marſchirenden Verehrer nahmen danu dieß Laͤ⸗ cheln fuͤr Aeußerung des Wohlgefallens, oder fuͤr einen aufmunternden Wink. Vergebens rief der Major ſein: Diſtanz! in die Zuͤge; unverruckt ſahen ihre Fuͤhrer nach der Quele zuruͤck, und mit keinem Auge zu den Sirenen des Kanzlers hinauf, die dann, unter Hohngelaͤchter, die Fen⸗ ſter ihres Pallaſtes zuwarfen. Mein Haͤuslein hing, wie ein Johanniswuͤrmchen, deſſen fernhin glaͤnzender Lichtpunkt Malchen war, an ſſeiner Brandmauer. Kummervoll ſeufzte indeß die Tante, welche ſeit dem ſiebenjaͤhrigen Kriege, der ihr den theuern Gatten raubte, eine geſchworne Feindin des Soldatenſtandes blieb, bei jedem Trommel⸗ ſchlage der Malchens Herz erhob, und ahnte, kraft ihres bloͤden Geſichtes und ſchweren Gehoͤ⸗ res, die Ehre nicht, welche meinem Hauſe und ihrem Kinde widerfuhr, das ſie am Stick⸗ nicht am Fenſterrahm beſchaͤftigt glaubte. Ich aber predigte, um Amalien den Verdruß zn erſparen, nur leiſe, und beantwortete im Nothfall, an der — 55 Tochter Statt, die muͤtterlichen Fragen. Die gute Mutter! Auch ſie war in Arkadien, war reitzend, wie die holde Tochter geweſen, auch zu ihrem Fenſter hatte die Garniſon andaͤchtige Augen erhoben, und der Leutnant Lanz, welcher, außer ſeinem Patent, kein Dokument von Werth beſaß, den Muth gehabt, ihr ſeine leere Hand zu bieten. Der ſchoͤne Mann, die geſchmackvolle Uniform, die Sehnſucht nach den Verhaͤltniſſen der Gattin und Mutter, ließen Marien vergeſſen, . daß Gold die Seele des Lebens iſt, und taub ge⸗ gen die Warnungen ihrer Freunde und die Drohun⸗ gen ihrer Verwandten, griff die Bezauberte nach dem Ringe, der ſchnell und ſtill, wie ein Talis⸗ man, allen Zauber dieſer Gattung aufloͤſt. Die Frau Muhme war im Wohlſtand erzogen, und aß gern das Beſte, ihr Geliebter zog den Rhein⸗ wein, allen andern vor.⸗Reichlich ward am gold⸗ nen Hochzeitabend fuͤr beides geſorgt, und als das gluͤckliche Paar nun, ſatt und wonnetrunken, in die Brautkammer trat, da ſchwor ſie, unter hellen Thraͤnen und heißen Kuͤſſen, daß Salz und Brot in ſeinen Armen ein Goͤttermahl ſeyn werde. Er hielt zur Dankſagung dem Waſſer, von ihrer Feenhand geſchopft, die feurigſte Stand⸗ rede, und vier lange Monate dauerte der ſuͤße Traum, aus welchem der Herr Leutnant zuerſt erwachte. Der Brei zog ihm Magenkrampf, das Waſſer Steinſchmerzen zu; Haſen und Gaͤnſe kamen wieder, die Weinflaſchen kehrten zuruͤck, aber mit ihnen auch die Daͤmonen des haͤuslichen Jammers, und eine ſchwere Niederkunft pfluͤck⸗ te, zum Ueberfluß, alle Bluͤthen und Blumen, die ihr bis dahin noch, im Manne den Liebha⸗ ber erhielten. Eben begoß ſie, in einer dunkeln Stunde, müt heißen Thraͤnen den Reſt des ein⸗ ſtigen Brautbettes, eben ſchob er, finſter und ſchweigend, die Mahnbriefe in den laͤngſt erkal⸗ teten Ofen, als der Feldwebel eintrat, und mit leiſer Stimme einen Marſch⸗Beſehl ablas. Der Leutnant warf einen Blick auf ſein todtkrankes Kind, einen zweiten auf die ſchluchzende Mutter, einen dritten zum Himmel, und ſah in dieſer Weiſung das lang erſehnte Mittel zur Flucht 57 aus einem Leben, in welchem es, ſeiner Erfah⸗ rung nach, außer dem Reichthum kein Heil gab. Der Morgen des Aufbruchs daͤmmerte. Weinend druͤckte er unſer Malchen, das eben in der Blat⸗ ter⸗Kriſe lag, an ſeine Bruſt, und ſtarb kurz darauf, bei Lowoſitz, den Tod des Soldaten. Die Hinterlaßne ſtand jetzt allein. Ihre Ver⸗ wandten, gegen deren Rath und Willen ſie ſich dem glaͤnzenden Elende hingab, ſpotteten theils der Gedemuͤthigten, theils empoͤrten ſie, durch hingeworfenes Almoſen, ihr zerdruͤcktes Herz. Ei⸗ ſerner Fleiß, und hohe Faͤhigkeiten zu allen weib⸗ lichen Arbeiten, ſchuͤtzten Marien gegen den aͤuſ⸗ ſerſten Mangel. Mich, dem ſie von Jugend auf wohl wollte, der ohne Wiſſen ſeiner Eltern, hal⸗ be Tage an der Seite der holden Geſpielinn ver⸗ lebte, die ihn ſchon damals weit ſtaͤrker, als die Tante ſelbſt, anzog, hatte jetzt der Hintritt meines Vaters in den Stand geſetzt, ſie an dem maͤßigen Erbtheil, das mir zufiel, Theil nehmen zu laſſen, und dem kleinen Hauſe durch ihre Ge⸗ genwart einen Werth zu geben, den wenigſtens 58 die Herren von der Garde zu wuͤrdigen verſtan⸗ den. 1 Mit großen Schritten ging ich am Morgen auf und nieder, mein Thee ward kalt, die Pfeife verloſch von Minute zu Minute, noch immer ſaß Angelo im Walde, ich theilte die Angſt der Aya und der Damen und wußte nur ſo viel, daß der Markis mit der Bruſt an einen Baumſtamm ſchlug, daß Amalie mit der Bettmeiſterinn, nach der Jagd, auf das Schloß fahren werde, welches kaum einen Buͤchſenſchuß von di Amone's jetzigem Ruhepunkt abſtand, und daß dieſe Fuhre eine ro⸗ mantiſche Gelegenheit ab, ihn fuͤr jetzt dahin in Sicherheit, und die Prinzeſſinn zu ihren Damen zuruckzubringen. Wedelnd, las ich mir vor: „* *ℳ Wedelnd, ſtand des Fuͤrſten Leibhund vor dem ſchweigenden Paare. Auguſte fuhr er⸗ ſchrocken auf, und wehrte unmuthig den Lieb⸗ koſungen, mit denen des Vaters redlichſter Liebling ſie uͤberhaͤufte. Prinzeſſinn! rief es durch die Baͤume— La voila! ſprach eine zweyte Stimme, und odemlos wandte ſich die Graͤfinn, von einem Kammerfraͤulein unter⸗ ſtuͤtzt, durch Diſteln und Dornen, zu der Ge⸗ ſuchten hin. Tod! tod! rief ihr Auguſte zu, und rang die Haͤnde, hier fand ich ihn, und keine Spur von Leben auf ſeinem Geſichte. O helfen Sie doch. Läͤchelnd ſchloß Angelo die Augen, hielt den Odem an und ward ſchnell zu dem Endy⸗ mion der ſtaunenden Graͤfinn. Gott erbarme ſich! ſtammelte dieſe. Den Hals hat er ge⸗ brochen! rief Ulrike und legte zwey Finger an 60 1 ſeinen fleiſchigen Nacken, sur ma foi, er iſt ganz weich um dieſe Gegend. Nur mit An⸗ ſtrengung unterdruͤckte Auguſte ein helles Ge⸗ laͤchter, heftig zog die Graͤfinn jetzt ihren Schuͤtzling mit ſich fort. Wo Sie ſind, laͤ⸗ chelt ſelbſt der Tod! ſprach ſie laut zu der Be⸗ troffenen— ich bin au fait! ſetzte ſie leiſer hinzu, und ſtrafte Auguſten mit einem Blick, in welchem ſich Zorn und Verachtung paarten. Comment Madame? fiel Auguſte ein, und eilte, ſtolz und aufgebracht, mit ſtarken Schritten vor ihr hin. Sie werden mich in Ungnade bringen, klagte die Aya, und bot ihre letzten Kraͤfte auf, die Fliehende einzuhohlen, welche jetzt auf den Platz traf, wo die fuͤrſtli⸗ chen Jagdwagen hielten. Schnell ſprang ſie in den naͤchſten, und befahl den Kutſcher, nach dem Schloſſe zu fahren. Von ſeinem Scheintod erwacht, raffte ſich di Amone auf. Ein heftiger, unertraͤglich werdender Schmerz in der Bruſt ſchien ihn er⸗ 61 ſticken zu wollen, ſaͤſt bewußtlos ſchlich er, auf Geradewohl, durch die Straͤucher und traf einen Pfad der ihn in den Schloßgarten fuͤhr⸗ te. Zwey Damen ſtanden hier vor einem Nep⸗ tun, welcher aus immer voller Urne kriſtallhel⸗ les Waſſer in ein Marmor⸗Becken herabgoß. Ihn duͤrſtete, er trat naͤher. Weitlaͤuftig hieß die Frau Bettmeiſterinn den wohlbekannten Gaſt willkommen. Gott, was iſt Ihnen? rief Amalie, und faßte erblaſſend ſeine Hand, Sie gleichen einem Sterbenden. Der bin ich vielleicht! ſtammelte der ſchwaͤ⸗ cher werdende, ſank auf den Rand des Baſ⸗ ſins, und bat um Waſſer. Frau Markus eilte, in ſo weit ihre Wohlbeleibtheit ihr das erlaubte, ein Glas herbeyzuhohlen, dienſtfertig ſchoͤpfte Malchen mit ihrer Hand aus dem Be⸗ cken, und fuͤhrte das Waſſer zu dem Munde des Kranken. Die Dankbarkeit ſprach aus ſei⸗ nen erloſchenen Blicken, und eben druͤckte er die geleerte Hand an ſein Herz, als Auguſte, 62 in ihrer Aumuth und Hoheit, vor der ſeltſa⸗ men Gruppe ſtand, und ſchnell verfinſtert zu Amalien ſprach— Wer ſind Sie, meine Gu⸗ te? Schnell erhob Amalie die dunkeln Augen, ſie trafen auf ein Ordenskreuz, hoͤher noch, und eine zuͤrnende Najade ſchien aus der Urne Neptuns geſprungen zu ſeyn. Amalie Linau! ſtotterte ſie, und griff mit der linken, trocknen Hand nach der rechten der Prinzeſſinn, die ihr verſagt ward. Angelo hatte aufzuſtehen verſucht, aber die Baͤume und die Damen tanzten um ihn her, und ſchwankend taumelte er, bey dem wiederhohl⸗ ten Verſuch, auf Amalien zu, die ihn mit ih⸗ ren Armen auffing, und weinend um Beyſtand rief. Auguſte ſah, bald auf den geiſterbleichen Freund, bald in Amaliens Geſicht, das die Farbe des Morgenroths trug, und verſchwand jetzt, vom Wagen der Graͤfinn verſcheucht, hinter den Hecken. X 635 Darf ich? lispelte mein Muͤhmchen. Ich warf die Feder weg, und zog ſie ans Herz. Eine Bitte fuͤhrt mich her, fuhr ſie fort. Das Anliegen einer Undankbaren. J. Nie dient' ich, um bedankt zu werden. S. Um ſo unedler muß ich Dir erſcheinen. J. Und noch habe' ich jede gewaͤhrt. S. Und ich noch keine gewaͤhrte vergolten. J. Es giebt eine Kraft in dem Menſchen, die aller Conſequenz Hohn ſpricht und jeder Pflicht in den Weg tritt— eine Kraft— S. Predige nur— gut bleibe ich Dir doch. J. Wenn ich dienſtfertig aus dem Weg trete—. S. Spotte nicht. Laß mich als Schweſter ſprechen. Du liebſt, Heinrich! Ja, Du haſt mich herzlich lieb, aber weil ich den Wohlthaͤter in Dir verehren muß, dachteſt Du zart genug, 1 4 64 4 mir nie von Deiner Leidenſchaft zu ſagen. So handeln wenige und nur die Edelſten. J. Wieder ein Fehlſchluß, Amalie. Waͤr es⸗ nicht Wahnſinn, die Braut eines andern von meiner Paſſion zu unterhalten? und fuͤr die Braut des Freyherrn von Eſchen haͤltſt Du Dich ja, gefäͤllſt Dir in dieſem Mißverhaͤltniß, findeſt Genuß in dem Kummer, dem es Dich unter⸗ wirft, Wolluſt in den Thraͤnen, die es Dich ko⸗ ſtet. 6 S. Eſchen iſt ein edler Mann. J. Ein Edelmann, der Liebling des Fuͤrſten und um ſein Gluͤck gebracht, ſo bald es ihm ein⸗ fiele, fuͤr einige Monate das Deine zu machen. Die Zukunft, meine Freundinn— S. Die ſoll mir Dein Malchen im Di Amo⸗ ne verſinnlichen? O, mache ſie nicht ungluͤcklich, ich beſchwoͤre Dich! Laß mich doch in meiner Schoͤpfung hauſen, fiel ich ein: Ungluͤck iſt das Heilkraut der Geiſter, nirgends vermiſſeſt Du es. —.——:—— 65 S. So ein ſanftes, frommes, argloſes We⸗ ſen— DOb ſie das ſey oder nur ſcheine, ſoll ſich erſt zeigen, entgegnete ich. Meine Geſchöpfe haben den freyen Willen der goͤttlichen, und wie ſie ſäen, ſo ernten ſie. Gern werd' ich ihr, reißt ſie ſich von dem zweydeutigen Menſchen los, ei⸗ nen redlichen rechtlichen Mann, etwa einen blu⸗ henden Sekretarius, oder einen feurigen Dichter zufuͤhren. An mirr niederſehend, ſeufzte Malchen. J. Auguſte empfaͤngt dann was ihr gebuͤhrt — Ein Fuͤrſtenthum— S. Die Beklagenswerthe!. J. Mein Hoffourier ſtirbt an der Bruſtwaſ⸗ ſerſucht. Ulrike bleibt unverſorgt. S. Das ſoll mich freuen. J. Alle die widrigen, boͤsartigen Eigenſchaf⸗ ten altender Maͤdchen dieſes Gepraͤges, tragt ſie ſchon im Herzen und ſo werd' es ihre Hoͤlle. S. Und Angelo? Schillings Schr. 43r Bd. 5 66 J. Geht unter! Gern ließ ich ihn, wie es jetzt Sitte iſt, bevor ihm ſein Fatum den Hals bricht, katholiſch werden, aber das iſt er laͤngſt. Tief im Dunkel liegt ſein Schickſal, und mich ſelbſt ſoll es uͤberraſchen. Nie wird einem das Schreiben laͤſtiger, gutes Malchen, als wenn man das Ende des Liedes im Voraus weiß. Du biſt doch ein großes Genie! ſprach ſie und ſah zu mir auf. O, ſage das nicht! fiel ich, mit einem weh⸗ muͤthigen Blick auf die Jenaer Zeitung, ein. S. Ich wollte, Du haͤtteſt mir nichts ver⸗ rathen, fuhr Malchen fort: das Salz der Taͤu⸗ ſchung faͤllt nun weg.. Ach liebes Kind, es kann vor dem Abend anders werden. Sollte ſich Deine Lage aͤndern, ſo mache ich alle dieſe Creaturen zu Creatoren, und gluͤcklich. Iſt denn die Weſte fertig wor⸗ den? S. Fertig und abgeliefert, doch unbezahlt geblieben. J. Und Du wirſt Beduͤrfniſſe haben? Da, 67 laß uns theilen. Dein ſey der halbe Angelo! nimm ihn keck aus dieſer Tuͤte. Ach, goldner Heinrich! ſprach ſie ſanft erro⸗ thend, wie beſchaͤmſt Du mich! ich kann die Au⸗ gen nicht zu Dir aufheben. J. Nur die Schuld ſieht zu Boden, und mein Muͤhmchen iſt ja gut. Schneller als ich dem Ausbruch inniger Dank⸗ barkeit zu wehren vermochte, druͤckte ſie ihre Ro⸗ ſenlippen auf meine anſehnliche Hand, ſchmiegte ſich, ſanft weinend, an des Gebers Hals, und geſtand mir dann, daß ſie ihrer Mutter ein Hauskleid zum Weinachtsgeſchenk zugedacht habe. Zweifelhaft ſah ich ihr ins Geſicht, immer hef⸗ tiger weinte Malchen, und als ſie jetzt nach ih⸗ rem Tuche griff, flog mit dieſem ein Ring aus der Taſche, auf meine Handſchrift. Sie verblaß⸗ te. Amalie! ſprach ich, die Hinterliſt ahnend, das iſt wohl das Hauskleid fuͤr die Mutter? Be⸗ jahend verhuͤllte ſie das kleine, gluͤhende Geſicht. Der Ring iſt ſchoͤn, fuhr ich fort, und zog ihr ſanft das Tuch vom Auge, Dein Nahmenszug . 68 von Deinem Haar geflochten— Der Baron wird ſich freuen. Hier trag' ich den Seinen! erwiederte ſie, zwiſchen Schaam und Begeiſterung, und legte die Hand auf ihren wallenden Buſen, erhaͤlt er nun dieß Gegenpfand, ſo ſind wir ja verlobt, ſo hat er Pflichten, und ich Rechte. J. Fuͤr ein liebendes Maͤdchen, rechneſt Du noch fertig genug, aber falſch. Ring und Pflich⸗ ten wird er brechen, wenn das Geſpenſt der Chre zwiſchen Euch tritt, wird Dich, bedauernd, in dein Nichts zuruͤckweiſen, ſobald die Sonne ſeiner Beſtimmung vor ihm aufgeht. Glaube mir, Gute! die jungen Herren von Eſchens Stand und Grundſaͤtzen, ſehen Maͤdchen Deiner Gat⸗ tung auf einer viel tiefern Stufe als ihr ſteht, ſehen in Euch beſchraͤnkte, ſehnſuͤchtige Thoͤrin⸗ nen, die nur angeſprochen ſeyn wollen um ſich hinzugeben, geſchmeichelt und vergoͤttert, um mit Wucher zu bezahlen. So ſpielen ſie mit euch, bis ihr euer Heil an ſie verlohren habt und wer⸗ deu dann nicht mehr geſehen. Tauſendmal ſagt' . 69 ich Dir das, und will es wiederhohlen, ſo lange bis Du gerettet, oder elend biſt. Weinend ging Malchen ihres Weges und ich verfiel, ſo gern auch Selbſtgeſpraͤche von guten Schriftſtellern vermieden werden, in ein ſehr leb⸗ haftes. Fahre hin, ſprach ich und ſchlug die Ar⸗ me in einen Knoten: fahre hin, du leere, letzte Hoffnung. Ein Thor iſt der Mann, der ſeine Seligkeit in einem Himmel ſucht, wo nur April⸗ ſchauer gefunden werden. Wer ſaͤh' es meinen Romanen an, daß ich ſie mit zerriſſenem Herzen ſchrieb, wer dieſer Hand, daß ſie den Ning eines Nebenbuhlers, mit ſauer erworbenem Ehrenſold bezahlte? Und wer wird es, nach vierzig Som⸗ mern, dieſem Malchen anſehen, daß der Zauber ihrer Jugend, einen Freiherrn mit ſeinem Wap⸗ pen, und einen Dichter mit der Goͤttin ſeines Lebens entzweite. O Himmel! ein ganzer Erd⸗ ball fuͤllt den Abſtand nicht aus, der zwiſchen dem Nimbus des Maͤdchens, und den Faltenwuͤr⸗ en der Matrone liegt. Betracht' ich die Tante, ſo weht mich der Jammer an, Entzucken faßt 70 mich, wenn ich Amalien muſtre, und doch ſteht die Zeit zu erleben, wo auch dieſe zur Hekate werden, wo keiner meiner Neffen begreifen wird, wie ich ih⸗ nen eine Solche zur Tante geben konnte. An dieſen Troſt ſollte ſich jeder ungluͤcklich Liebende halten. — Auch mich halt' er aufrecht, und ſo nehm' er ſie denn hin!— Ich zwang mich, fort zu ſchrei⸗ ben, da lag der Ring noch auf dem Pappiere. Sinnend ſchob ich ihn an den Finger, bewunder⸗ te des Goldſchmidts Kunſt, das feine, glaͤnzen⸗ de, ſchoͤnbraune Haar, das, zu meinem Kum⸗ mer, noch lange nicht ergrauen zu wollen ſchien, fand ihn wie angegoſſen, und es, je laͤnger ich ihn anſah, je billiger, daß er mein bleiben muͤſ⸗ ſe. Es lag ja da noch, von des Vaters Zeiten her, ein Brillantring von viel groͤßerem Werthe in meiner Schatzkammer, der fuͤr einen Frei⸗ herrn gemacht ſchien. Der Herr Baron! rief meine einaͤugige Koͤchinn ins Zimmer und er⸗ blaſſend ſprang ich auf, ihn zu empfangen. Die Stadt ernannte Sie ſchon vor Wochen zum Stallmeiſter, ſagte ich, nach den erſten 71 Begruͤſſungen, und ich darf im Voraus Gluͤck wuͤnſchen. Man iſt ſehr guͤtig gegen mich, erwiederte Herr von Eſchen, aber noch ahnt wohl ſelbſt der Fuͤrſt dieſe Befoͤrderung nicht. In meinem Po⸗ ſten bleibt, wer dem Herrn gefaͤllt, oft bis tief ins maͤnnliche Alter, dann wird man als Halb⸗ invalid angeſehen, und zur Ruhe geſetzt. Ihnen, Herr Siegfried, darf ich indeſſen wohl geſtehen, daß ich dieſen Ruhepunkt nicht erwarten werde. Des Oheims Tod machte mich zum Herrn von Steinau und dahin zieh' ich mich zuruͤck. Dieſe Nachricht erſchreckte mich und laut bedauerte ich den Staat, den dieſer Ruͤckzug, wie ich verſi⸗ cherte, um eine ſchoͤne Hoffnung aͤrmer mache. Sie ſcherzen! erwiederte der Baron. Der Schluͤſ⸗ ſel der mir werden koͤnnte, iſt an jeder Huͤfte an ſeinem Platz, und uͤberhaupt nicht geeignet, Huͤlfsquellen fuͤr das Land zu oͤffnen. Wenig triftiges ließ ſich gegen dieſen Einwurf aufſtel⸗ len, und in dem Entſchluſſe des Barons ſah ich den Vorbothen ſeiner Hochzeit. Fluͤchtig uͤber⸗ 72 ſah er jetzt meine Kupfer, warf ſich nun, mit leichtem Anſtand, in das nachbarliche Sopha und ſprach nach einer kleinen Pauſe— Ihr ſchoͤnes Muͤhmchen begegnete mir auf der Stiege. Er⸗ röthend gab ich die Maglichkeit zu. Ein liebli⸗ ches Weſen! fuhr er fort, ich dank' es meinem Gluͤcke, mit ſo trefflichen Menſchen ein Haus theilen zu duͤrfen, und wunſchte ſehr, daß Sie mir dieſe Wohnung auch kuͤnftig zum Abtritts⸗ quartier uͤberließen. Stumm hatte ich mich bis jetzt bei jenen wohlthnenden Worten verbeugt, jetzt oͤffnete ich den Mund und ſprach— Sie ge⸗ dachten vorhin meines Muͤhmchens, Herr Baron, und laͤngſt ſchon wuͤnſchte ich, in Hinſicht ihrer, mich gegen Sie zu erklaͤren. Zu erklaͤren? ſiel er ein, bon! ich werde ganz Ohr ſeyn. J. Dieſes Maͤdchen, Herr von Eſchen— dieſes Maͤdchen, meine nahe Verwandte— E. Sie ſind Geſchwiſter⸗Kinder! J. Und mehr als das, vertraute Freunde! 53 E. Wie ſich verſteht! Die guten Menſchen knuͤpft uͤberall ein himmliſches Band. J. Sie iſt der Nachlaß eines armen Subal⸗ ternen, der bei Lowoſitz blieb. E. Daß weiß ich ausfuͤhrlich. Die Tante haben mich, ſo oft ich mir erlaubte ihr aufzu⸗ warten, von der Geſchichte ihres Ungluͤcks unter⸗ halten. J. Sie vergeben ihr das! ſprach ich, auf Kohlen geſtellt, denn noch ſah ich nicht, wie ihm, ohne hart zu werden, ans Herz zu kommen ſtand. Daß ſie blutarm iſt, fuhr ich fort— E. Ihr Edelmuth, Herr Siegfried! bedeckte dieß Geheimniß. J. Tugendhaft— E. Ein ſeltenes Maͤdchen. Es durfte Ih⸗ nen ſchwer werden, ihre Vorzuͤge in einem Odem zu erſchoͤpfen. J. Ein ſo guͤnſtiges Vorurtheil rechtfertigt die Auszeichnung, womit ſich dieß Maͤdchen von Ihnen erhoben ſieht. 3 E. Erhoben? Sie ſpotten Henj Siegſried. 74 Sie erhebt meines Gleichen und jedes unverdor⸗ bene Maͤnnerherz dem das Gluͤck wird, ſie in der Naͤhe zu verehren. J. Nehm' ich dieß Urtheil fuͤr Worte des Hofmanns, oder fur die Ueberzeugung des Lieb⸗ habers? Des Liebhabers! fiel er laͤchelnd ein. J. Des Braͤutigams alſo? E. Das ſind Synonime. Amalie, fuhr ich mit gedaͤmpfter Stimme fort: darf ſich alſo, gegen maͤnniglich, als die Ihrige erklaͤren. E. Sobald ich am Ziele bin. Sie fuͤhlen wohl ſelbſt, daß eines Pagen Braut, am beſten und ſicherſten, Braut in Petto bleibt. J. Lebhaft. 1 E. Offner, trefflicher Mann! Viel dank ich dem Wohlthaͤter Amaliens, und gern, ich geſteh' es, wuͤrde ich ein noch tieferer Schuld⸗ ner. Sie koͤnnten mir den willkommenſten Dienſt erweiſen. Heerzlich gern! erwiederte ich, und laͤchelte 75 wie ein Verzweifelnder. Traurige Erfahrungen fuhr er fort: haben ein Herz, das ſich zu oft und zu willig hingab, ſchuͤchtern und behutſam gemacht. Nicht gaͤnzlich ohne das, was die ſchoͤ⸗ nere Menſchenhaͤlfte anzieht und gewinnt, trat ich ihr naͤher. Der reine, hohe, ſchwaͤrmeriſche Sinn fuͤr das Schoͤne fuͤhrte mich in ihre Kreiße, fuͤr die ich bald ein Gegenſtand ward. Zum Schüler weihte mich die Beſuchte, die Einſame zum Vertrauten. Geſtillt ward mein Durſt. Eſ⸗ ſig und Galle hatte ich getrunken. Hoffart und Falſchheit, Spottſucht und Kaͤlte, Selbſtſucht und Beſtandloſigkeit entzaubern die Grazie der hoͤhern Staͤnde und der frevelnde Geiſt der Ueber⸗ bildung zerſtoͤrt die holden Bluͤthen reiner Weib⸗ lichkeit, die Euch Gluͤcklichen der Mittelſtand aufſpart. 4 Er ſollte wohl, erwiederte ich: er koͤnnte auch, aber das unſelige Streben nach Anfwaͤrts und die Nachaͤffungsſucht unſerer Maͤdchen wird uns, bald genug, um das hohe, buͤrgerliche Vor⸗ recht des haͤuslichen Gluͤcks bringen. 76 E. Haͤusliches Gluͤck! O, ein himmliſcher ewiger Wohllaut, liegt in dieſen Worten, und mein Herz ſchwillt, wo ich dieſem Gluͤck begegne. J. Moͤchte es Ihnen doch, in aller ſeiner Fuͤlle, die großen Opfer vergelten, die Sie ihm zudenken. Mehr als beklagenswerth waͤre dieſes edle Herz, wenn es auch in Amaliens Armen der Taͤuſchung begegnete. E. Das iſt mein Kummer! Darum bin ich hier. Die Hand auf Ihre Bruſt, mein guter Herr Siegfried. Sie kennen das Maͤdchen und was ich glaube, wiſſen Sie. Liebt Malchen den Freiherrn oder den Menſchen, den armen Edel⸗ mann oder den reichen Erben in mir? Herr Baron, entgegnete ich mit Kenner Miene: das weibliche Herz iſt ein Abgrund den nur der Vorſicht Blick ergruͤndet, noch jeder Sterbliche verirrte ſich in ſeinen Tiefen. E. Das ihre wird ſo bodenlos nicht ſeyn. Ihren Beiſtand, Freund, und es iſt erforſcht. J. Auf welchem Wege? E. Hoͤren Sie mich. Es gilt die Probe. 77 Meines Lebens Heil und Ihrer Freundinn Gluͤck leg' ich in Ihre Hand. J. Von allen waͤhlt Ihr edelmuͤthiges Ver⸗ trauen die unfaͤhigſte. E. Die redlichſte mindeſtens. J. Mit nichten. Ach, Herr von Eſchen, ich, ich ſelbſt liebe Amalien.— Das verſteht ſich! ſprach er nach einer Pau⸗ ſe. Wer ſollte ſie nicht lieben? Wohlan, mein Freund, folgen Sie mir in die Schranken und des Maͤdchens Verhaͤngniß entſcheide zwiſchen uns. J. O, es entſchied! E. Noch blieben Sie mir Antwort ſchuldig auf meine Frage, Liebt ſie meine Ausſichten oder mich? Ihre Stimme toͤnt eben in der Naͤhe, ſprach ich, und ging nach der Thuͤr. Herr Selim un⸗ terhielt ſie noch auf der Treppe. Er verbengte ſich tief, und ſtieg in ſeinen Himmel. Amalie! rief ich. Mit ernſter, ſchmerzen⸗ voller Miene kam ſie naͤher. Schweigend faßte ich ihre Hand; ſie widerſtrebte ſanft, ſchluͤpfte 78 nun ins Zimmer, und erblaßte, als Herr von Eſchen ihr entgegen trat. Von allem weiß dieſer Freund! ſprach er, und faßte ſie ins Auge, ich bringe Ihnen Gluͤck und Ungluͤck, meine Theure. ungluͤck? lispelte ſie, ward noch blaͤſſer und warf einen fragenden Blick auf mich. Das Teſtament iſt geoͤffnet, fuhr er fort: meine Hoffnung erfuͤllt, ein großes Gut mir zu⸗ gefallen. Das iſt ja ſchon! ſprach ſie erheitert. Aber um welchen Preiß? rief der Baron. Nur unter Bedingungen empfang ich es, nur wenn ich, bin⸗ nen Jahresfriſt, einem ſtiftsfaͤhigen Fraͤulein die Hand reiche, wird es mein. Worte des Erblaſ⸗⸗ ſers, Amalie!. Wenn das Ungluͤck nicht ſchwerer hereintritt, entgegnete Malchen: ſo ſind wir jetzt immer viel gluͤcklicher als vor des Onkels Tode. Er allein ſtand ja zwiſchen uns. E. Er gllein. Jetzt aber tritt der Fuͤrſt an 79 dieſe Stelle, und mit der ganzen Kraft ſeines unbedingten Willens tritt er dazwiſchen. Er trete wohin er will, ſprach ſie, mit leich⸗ tem Spott: die Erde iſt groß genug, ihm aus⸗ zuweichen. E. Dreihundert Thaler jaͤhrlicher Zinſen ſind alles, worauf ich, entlaſſen und enterbt, noch rechnen koͤnnte. M. Die Liebe wird ſie zu ſo viel Tauſenden machen. E. Unter einem fremden, buͤrgerlichen Nah⸗ men vergrab' ich mich dann in irgend ein Felſen⸗ thal der Schweiz, und werde dort ein Hirt oder ein Landmann. Das, Amalie, iſt die Ausſicht die der traurige Wandel meines Schlckſals vor Ihren Hoffnungen aufthut. Sie wollke antworten, er unterbrach die Be⸗ troffene. Die Schwaͤrmerinn ſprach er: wirft ſich blindlings in den Strom, uberlegend weilt das verſtaͤndige Maͤcchen am Ufer. Morgen folg' ich dem Fuͤrſten nach Belvedere; wir kehren nach drei Wochen zuruͤck, Leben Sie wohl, bis dahin, 80 Amalie! Mit Heſtigkeit druͤckte er ihre Hand an 3 ſein Herz, und flog davon. 4 Betrug, nichts als Betrug! rief ſie, und brach in Thraͤnen aus. Er liebt mich nicht mehr. Brechen will er, will ſich los machen, und das iſt Dein Werk, Du Unedler! Mein Werk? fiel ich ein, und vermaß mich hoch, wo, wie, wenn haͤtt' ich es denn vorberei⸗ tet? Mit einer frohen Nachricht wollt' ich Dich uͤberraſchen, zu jeder beſſern Stunde wuͤrdeſt Du Freudenthraͤnen dafuͤr gehabt haben. Gott ſorgt doch wunderbar— Begegnete Dir nicht der Col⸗ lecteur? Sechstauſend Thaler ſind mir zugefal⸗ len. O, wie gluͤcklich waͤr' ich, wenn nicht dieſe Troſtloſe zwiſchen mich und den Lotterie⸗Ge⸗ winn traͤte. Faſſe Dich Malchen, bleib' im Lan⸗ de, bringe den guten Menſchen nicht um ſein Gluͤck. Gieb ihn auf und rechne auf ei⸗ nen beſſern Mann, der weder Ritterguͤther hat, noch hinwirft, und der die Quele zum ſchoͤn⸗ ſten Alpenthale machen will. Traͤum' ich denn? fragte ſie, und legte die Hand * 81 an ihre Stirn— Nein, ich traͤume nicht— haſt gewonnen, ſagteſt Du? Ich?— nein! ich traͤume nicht! ich habe verloren! Viel! Alles— Alles! Mit dieſen Worten warf ſie ſich ſchluch⸗ zend ins Sopha und erſchuttert von dem tragi⸗ ſchen Pathos, ſtand ich auf dem Punkt ihr zu geſtehen daß ſie in der Hand des Verſuchers ſey. Aber triumphiren ſoll er nicht, ſprach ſie auf⸗ fahrend: der Leichtglaͤubigen nicht ſpotten. Mache dein Recht geltend, guter Heinrich, tritt an den Platz, deſſen Du wuͤrdig biſt, und rechne auf die Treue der Dankbaren. Er liebt Dich ja noch, betheuerte ich klein⸗ laut: alles will er Dir aufopfern, wenn Du ane ders den Muth oder den Leichtſinn haſt, Mutter, Freunde, Vaterland zu verlaſſen„ um dieſem Theſeus in eine Wuͤſte zu folgen. S. Ich folge! J. Drey Wochen Bedenkzeit! Pruͤfe Dich wohl, und findet die Eigenſucht das Opfer nicht zu groß, fuͤhlt das duͤnkelvolle Herz die Kraft zu Schiulings Schr. 43r Bd. 6 vollſtaͤndigem Erſatz in ſich, ſo ziehe mit ihm, und wenn Du kannſt, ſo mach' ihn gluͤcklich. S. Nein, ich entſage! Gold und Ehrgeitz ſind des Mannes Abgoͤtter, keines Weibes Liebe vermag, euch dieſe auf die Dauer zu erſetzen. Er gehe ſeinen Weg, nehme Beſitz von dem Erb⸗ theil, biete einem Fraͤulein ſeine Hand— Ich bin entſchloſſen! Treffliches Maͤdchen! rief ich aus: die einu⸗ gige Koͤchinn hielt laͤchelnd ein Billet durch die halbgedffnete Thuͤr. Es war von ihm au mich. „Eine Frage noch, ſchrieb er: einen Vor⸗ ſchlag, eine Auskunft— wie Amalie will. Die Gewaͤhrung wuͤrde mich ihr, mir aber ein reiches Erbtheil erhalten, und reitzende Ausſichten man⸗ cher Gattung unverſperrt laſſen. Sie entreiße ſich dann, fuͤr einen Augenblick, jedem gemeinen Vorurtheil, und nur von dem Engel der Liebe berathen, frage ſich meine ewig Geliebte, ob ſie, auch uneingeſegnet, gluͤcklich machen, und gluͤcklich ſeyn koͤnne? Es verſteht ſich, daß ich ihr ein⸗ Schickſal bereiten wuͤrde, welches fuͤr jeden denke 83 balen Fall ihre Zukunft ſicherte, und nebenbey Herrn Siegfried allen Schleudern und Pfeilen er⸗ zuͤrnter Rezenſenten entzoge. Tauſend Thaler ſtuͤnden, fuͤr dieſen Fall, als erſtes Unterpfand meiner redlichen Geſinnungen, jeden Augenblic zu erheben und das zuſchane Schlbhes meines Erb⸗ theils ihr offen.“ rnate⸗ 1 82 14 Dies Sendſchreiben ſchien mir zwar im Geiſte unſerer Abrede geſchrieben, doch nicht von dem Geiſte diktirt, der ſich, noch vor wenigen Minn⸗ ten, ganz anders als der animus eines gewoͤhn⸗ lichen Leib⸗Pagen uber haͤusliches Gluͤck und aͤhn⸗ liche Heiligthuͤmer ausließ. Zu dreyen Mahlen las ich es durch, und eicht' es dann Amalien hin. Ihre Augen verſchlangen die Schriftzuͤge, erroͤthend ſtand ſie auf und verließ ſchnell das Zimmer. In Koͤnigsberg vefvitft man die Nothluͤgen! ſprach ich und kehrte an mein Pult zuruͤck, aber noch bin ich kein Kantianer, und mehr als ſechs⸗ tauſend Thaler ſind gewonnen, wenn ich ſie ge⸗ 84 winne. Truͤgt mich nicht alles, ſo wird der Ba⸗ ron ſeine Schweizerkuͤhe allein huͤten muͤſſen, oder vielmehr am Hofe bleiben und Kammerherr werden. Dieſe Probe beſtuͤnde ſie nur, wenn kein Wohlthaͤter mit Haus und Hof im Hinter⸗ grund lauſchte. Der Himmel ſorge fur den Reſt! Es waͤre unmoraliſch, nur den kleinſten Spahn in dieſe Flamme zu werfen, und verliert er das Spiel, ſo halt' ich ihn im Angelo ſchadlos. Damit griff ich zur Feder, und kehrte nach Wild⸗ thal zuruͤck. 85 Angelo fand ſich im Bette der Bettmeiſterinn wieder, ein Blutſturz hatte der verwundeten Bruſt und dem gepreßten Herzen Luft gemacht, Amalie lauſchte zu den Haͤupten und ſein er⸗ ſter Blick fiel auf den trauernden Genius, der, ſchnell verklaͤrt, zu dem Kranken herab⸗ ſah, und ſich in kleinen Huͤlfleiſtungen, die ihm unausſprechlich wohlthaten, erſchoͤpfte. Die Aerzte kamen, empfohlen Ruh' und Ab⸗ wartung, es ſchickte der Fuͤrſt, und ließ in den theilnehmendſten Ausdruͤcken nach ſeinem Befinden ſich erkundigen. Die Bettmeiſterinn ſtieg hinab, die glaͤnzende Taſel in Augen⸗ ſchein zu nehmen, und nun blieben ſie al⸗ lein. 4 Wie kann ich vergelten? lispelte Angelo. Amalie neigte zaͤrtlich ihr Geſicht auf ſeine Hand. Verlaſſen Sie mich nicht! bat der 85 Geruͤhrte, Frau Markus wird mit Freuden die neue Freundinn beherbergen; es fehlt hier mindeſtens nicht an Gelaß. Ich bleibe! ſprach ſie mit Freudigkeit, die gute Frau hat mich ſelbſt dringend gebeten. 1 Wohl dann mir! erwiederte der Kranke, erhob ihr das Geſicht, und ſah in die glaͤn⸗ zenden, verſchaͤmten Augen. Warum ſo furcht⸗ ſam, reine Taube? fuhr er fort und ſtreichel⸗ te die Wange, welche unter ſeiner Beruͤhrung ergluͤhte: Du wirſt mich ſterben ſehn. 4. Amalie aͤußerte ſich, die Beſorgniß ver⸗ bergend, in troͤſtenden Worten, er ſchien unter ihnen zu entſchlummern. Ihre Augen weil⸗ ten auf den geſchloſſenen. Angelo! ſprach des Maͤdchens Herz, und ein Fieberſchauer durch⸗ zitterte es: o Angelo haͤtt' ich Dich nimmer erblickt! Der Kranke lag, in bleicher Schon⸗ heit, vor der Betrachtenden, ſie ſah ihn ins Grab ſenken und zum Engel werden, ſah wie er ihr fernher, vom glaͤnzenden Geſtade der Se⸗ 8) ligkeit winkte, ſtreckte unwillkuͤhrlich die Ar⸗ me gen Himmel und helle, milde Thraͤnen ſielen in den wallenden Buſen. Immer feſter ward ſein Schlaf, immer entzuͤckender der Traum, den ſie traͤumte. Hand in Hand mit ihm, ſtand ſie eben unter Bluͤthenbaͤumen der beſſern Welt, als eine Wendung ſeine Bruſt enthuͤllte, von der, aus einer goldenen Kap⸗ ſel Auguſtens Bild, die Liebende zu belaͤcheln ſchien. O, ich Arme, o ich Elende! ſprach ſie, ſchnell entzaubert, zu ſich ſelbſt, und ſtreb⸗ te endlich die Nebenbuhlerinn zu bedecken, doch immer hielt ein zartes, jungfraͤuliches Gefuͤhl ihre verſuchende Hand und Schmer⸗ zensblicke flogen wechſelnd von dem laͤchelnden Bild auf die maͤnnliche Bruſt die das Bild wiegte und von ihr zum Himmel auf. Jetzt rauſchte es im Vorſaal. Angſthaft warf ſie, um den Geliebten der gluͤcklichen Feindinn zu ſchonen, ihr Tuch auf den Fund, welchen An⸗ gelo, an jenem Ballabend davon trug und 88 verheinilichte. Eine Dame ſah durch die ge⸗ oͤffnete Thuͤrſpalte, verſchwand, als Malchen ſie ins Auge faßte, und leis und kummervoll, ſchwebte im naͤchſten Augenblick eine andere herein, zum Bette hin. Tief verbeugte ſich Angelos Waͤrterinn. Wie geht es? lispelte Auguſte⸗ ſie ſah Amalien, ſchmerzlich bewegt, ins Geſicht. Er ſchlummert ſanft! ſtammelte dieſe; ih⸗ re Wangen gluͤhten, ihr Herz bebte. Jungfer Linau! fuhr Auguſte fort, und erhob, wie zur Warnung, den ſchneeweißen Finger: da zog Amalia das Tuch von ſeiner Bruſt und deutete ſchweigend auf das Bild. Auguſte ſtarrte ihr Ebenbild, dann Ama⸗ lien an, veraͤnderte die Farbe, faßte jetzt die Hand des Maͤdchens, druͤckte dies ſelbſt mit Heftigkeit an den Buſen, und ſprach, von aller Faſſung verlaſſen„O, pfleg' ihn und be⸗ wahr ihm das, ich will dafuͤr Dein Engel ſeyn! Damit verſchwand ſie. 89 Amalie weinte laut und ihre Lippen wieder⸗ holten— Bewahr ihm das!— Sein Bild will ich bewahren, und wenn Sie ſelbſt an dieſem Buſen liegt, mit ſeinem Bild in dieſem Her⸗ zen, zu Grabe gehen. Ein neuer Beſuch uͤberraſchte ſie. War die Prinzeſſinn hier? fragte Ulrike, haſtig eintre⸗ tend; ihre Augen muſterten Amalien, in der ſie jetzt, mit Erſtaunen, die Geprieſene er⸗ kannte, welche Di Amone an jenem coſdale hinter die Schranken rettete. Malchen leugnete: ſie aͤußerte ſich von der Vorausſetzung befremdet. Ulrike fuhr, ſich faſſend, fort— Wenn er aufwacht, ſo ſagen Sie ihm, daß ich da war und den Fuͤrſten beruhigen wolle, der um den Kranken bekuͤmmert ſcheint. Uebrigens, ſetzte ſie, abgehend, hinzu: wuͤrde es vom Ueberfluß ſeyn, einer ſo zaͤrtlichen Pflegerinn die Sorgfalt fuͤr dieſen Mann ans arz zu legen. 90 Das Fraͤulein hatte eben die Thuͤr im Nuͤcken als Angelo die Augen oͤffnete und kaum vernehmbar fragte— Iſts moͤglich? war Auguſte hier? In dieſem Zimmer, an dieſem Bett! er⸗ wiederte Amalie: in ihren Augen glaͤnzten Thraͤnen. 3e Mirr iſt viel beſſer! ſprach Angelo, ſich aufrichtend: der Fall kann nicht von Folgen ſeyn. O, ich ſehe jetzt viel heller als vorhin und naͤchtliche Geiſter in der Naͤhe. Gefah⸗ ren mancher Art bedraͤuen am Krankenbette die Geſunden. Leicht koͤnnte das Mitleid ei⸗ ner ſolchen Pflegerinn zu warm, die Dank⸗ barkeit des Geneſenden unbegrenzt, und die Verlaͤumdung zur Wahrſagerinn werden, Hef⸗ tig bewegt ſprach Amalie— Sie ſibſt belahl mir ja, zu bleiben. E. Auguſte?— Wie: Wur „S. In ihre Arme nahm ſe mich. 80 zurteſt Wohlwollen gegen uns, athmete 6 94 allem was ſie ſprach. Sie ſah ſich doppelt, fuhr Amalia mit zitternden Lippen fort: und verrieth, uͤberraſcht von der Erſcheinung, ihr Entzuͤcken. E. Sie ſah dies Bild 9 Gott! und Dich nahm ſie an Ihren Buſen? Ich druͤcke Dich jauchzend an den meinen, und bin gluͤcklich! Angelo! ſtammelte das Maͤdchen unter ſei⸗ nen Kuͤſſen, wand ſich los und eilte ſchluchzend aus dem Zimmer in den Garten hinab. Auguſte ſaß, mit Blumen ſpielend, in ei⸗ ner nahen, dunkeln Laube, erkannte Amalien und rief ihr zu. Mit dem Gram im Geſicht, mit Augen, die voll Thraͤnen hingen, mit ei⸗ nem Herzen, das vergebens nach Faſſung ſtreb⸗ te, trat das Maͤdchen vor die Gluͤckliche. Er iſt wach, lispelte ſie: er iſt wohl, er iſt trun⸗ ken vom Gefuͤhle des wiederkehrenden Lebens. Das beſtaͤtigen dieſe Freudenthraͤnen, ſiel die Prinzeſſinn, finſterwerdend ein. Solche Thraͤnen entſchuldigt Ihr Herzt e er⸗ 92. wiederte Amalie: tief ruͤhrt mich, was ihn jetzt begeiſtert, und beſſer noch als ich, wuͤrde eine aͤhnliche Seele die ſeinige faſſen. Was aͤußert er denn? fragte Jene. A. Gefuͤhle! die ſchoͤnſten und erhaben⸗ ſten. Von einem Engel hat ihm getraͤumt, der leiſe zum Bette trat und ſein Lager mit Thraͤnen ſchmuͤckte. Auguſte ſah auf ihre Blumen. Von dem Engel, fuhr jene fort, der in wechſelloſer Huld auf ſeinem Herzen laͤchelte. Dich muß ich um mich haben! fiel ſie ein, da trat die Aya in die Laube. Die Tochter meiner fruͤheſten Waͤrterinn, ſprach Auguſte: eine Nichte des Hof⸗Fouriers, Amalie Linau. Ich wuͤnſchte ſie als Kammer⸗ dienerinn angeſtellt. Die Raufeld hat zwar aͤltere Anſpruͤche, entgegnete dieſe und faßte Amalien ins Au⸗ ge: doch Ihre Wahl iſt frey. 9 Ich aͤußere nur den beſcheidenen Wunſch, 9³ theure Graͤfinn! erwiederte Auguſte: die Rau⸗ feld iſt ja reich, und dieſe Arme ſteht allein. So hat ſie die Stelle! ſprach die Graͤfinn. Amalie ward auf Morgen in die Vorkammer beſchieden, denn der Fuͤrſt nahete eben, um die Damen zur Heimfahrt einzuladen. Warum tobt mein Herz, dachte Amalie, dem Wagen nachſehend: preißt die Vernunft mich nicht gluͤcklich? Soll ich das Schickſal anklagen, daß es mir keine Fuͤrſtinn zur Mut⸗ ter gab, und kindiſch weinen, weil goldne Wolken nur Wolken ſind? Seine Verkkaute nannte mich der edle Mann, an ihr Herz druͤckte mich die ſchoͤne Fuͤrſtentochter, und ich waͤhne mich elend? Fort, ſchnoͤde Eigenſucht! gemeine Weiblichkeit! Die Blumen meines Lebens will ich auf euere Wege ſtreuen, und in eurem Gluͤcke gluͤcklich werden, oder unter⸗ gehn. 4 94 Ich muß Dich ſchon wieder unterbrechen, lis⸗ pelte eine Wehklage: Malchen trat mit rothge⸗ weinten Augen und einem vollgeſchriebenen Hau⸗ benſchnitt in der kleinen Hand, zum Pulte. Willſt Du wohl das Konzeyt durchſehn? Zwei Stunden verlor ich an die Antwort auf den ſchaͤndlichen Antrag und fand doch keinen Ausdruck für mein empöxtes Zartgefühl. * Seufzend ergriff ich den zerter, las und lob⸗ te, tadelte und ſtrich und erſchrack weniger uͤber den ſtelzfußigen Bau, als uͤber den niederſchla⸗ genden Inhalt folgender Stelle:— „Sollten Sie aber der unedle, der Treu⸗ poſe, der Verkehrte nicht ſeyn, der heute zum erſten Mal aus Ihnen ſpricht, ſo glauben Sie, daß ich als Gattinn, auch oh⸗ ne Namen, ohne Gold, ſelbſt ohne Ob⸗ 95 dach, an Ihrer Hand, und nur an der Ihrigen gluͤcklich leben, und freudig ſter⸗ ben werde.“ Ohne Obdach? rief ich ſpoͤttelnd, das iſt nun ein Bild, wie alle Bilder. Ich will Dich nach den Flitterwochen, nur eine Dezemberuacht uber, zu ihm auf die Bruͤcke ſetzen, und dann am Morgen nach Deinem Glucke ſehn. Der Ofen hinter dem Du ſchriebſt, hat Dich ſo oxſer⸗ luſtig gemacht. Traue mir das zu! ſprach ſie mit Pathos, draͤngte mich vom Stuhle weg und ſchrieb an meinem Pulte und mit allen meinen Federn den Brief ab. Malchen, bat ich: bedenke, was Du da, im Rauſche der Leidenſchaft aufgiebſt. Eine gute Mutter, eine theure Vaterſtadt, werthe Fieunde, und einen unter dieſen, der Dich uͤber alles liebt. Es wird mich tanſend Thraͤnen koſten, hel ſie ein und weinte ſchon jetzt; und manche ſchlaf⸗ loſe Nacht, aber ich liebe ja, auter Heinrich. Du 96 ahneſt nicht, wie ſtark unſer ſchwaches Herz, in dieſem Falle wird. Ich fuͤrchte nur, ſtotterte ich— Fuͤrchte nichts mehr! Der ſchoͤne, liebe, treue Mann, war nur ein Verſucher und nun er ſich bewaͤhren ſoll, faͤllt die Maske. Du ſagteſt wahr. Nein, nein, ich log! rief ich, geruͤhrt von dieſen Thraͤnen, zog ſie heftig an mein Herz, und begoß ihren wunderſchönen Hals mit den meinen. Auch Dir entſag' ich! lispelte ſie: bey Gott! ich verſage Dir meine Hand. Schwach bin ich wohl, aber nicht unedel, und was Dir ein ande⸗ rer hinwarf, ſollſt Du nicht aufheben. Du biſt ſein! ſtammelte ich: biſt Braut, biſt am Ziele, biſt die gluͤckliche Frepfrau von Eſchen! Amalia wußte nicht, wie ihr geſchah; meine Thraͤnen trocknend, eilte ich hinaus, die Einaͤu⸗ gige mit dem Scheidebriefe meines Gluͤcks an den Glücklichen zu ſenden und dann im Freien Luft. 97 zu ſchoͤpfen. Es ſtuͤrmte, ſroͤberke, wie in der Nacht, wo ſich der leidende Werther mit aͤhnli⸗ chen Gefuͤhlen in den erſtorbenen Gefilden um⸗ hertrieb, die ihm Lotte einſt zum Eden gemacht hatte, ſich wie ich in den Schooß ſeiner Mutter zuruͤckſehnte, und wie ich, verzweifelnd an allen Hoffnungen, die Moglichkeit aufgab, den uner⸗ reichbaren Abgott zu erringen. Ach lieber, blinder Mann, ſprach mein Kopf, dem ich den Hut verwegen genng aufgedruͤckt hatte: wie ruhig, froͤhlich, ſelbſtzufrieden koͤnn⸗ teſt Du jetzt in deinem Stuͤbchen, hinter dem dampfenden Theekeſſel ſitzen und Dich am Spiel dieſer Sympathie⸗Voͤgel ergoͤtzen, das, bei wei⸗ tem, das gehaltloſeſte unter der Sonne iſt. Wie viel vernuͤnftiger waͤre es, uͤber die Verzuͤckun⸗ gen zweier Kranken zu lachen, die ein heiterer Wahnſinn bethoͤrt, als einem Trugbilde nachzu⸗ jagen, das Dich, auf dieſem ſeltſamen Spatier⸗ gange, bei zwanzig Grad Kaͤlte, mindeſtens um die Naſe bringen kann. Laß mich ausreden, ar⸗ mer Freund! Ich habe nichts wider die Mamſell Schillings Schr. 439 Bd. 7. 9— Lanz. Sie iſt gut, das ſind nicht alle; reines Herzens, und das ſind wenige, ſogar verſtaͤndig wenn ſie will, und das iſt viel an einem Maͤd⸗ chen, welches man huͤbſch nennt. Aber Malchen, mit allen ihren Vorzuͤgen und Schwaͤchen, iſt es nicht, uͤber deren Verluſt Du jetzt verzweifeln moͤchteſt. Laͤngſt trug Deine Phantaſie ein Him⸗ melsbild in dieſe Form uͤber, und ſo liebteſt Dn in ihr nur Dein Ideal, und fandeſt die Reitze alle, alle die Tugenden und Vorzuͤge, die ich der Lanzin goͤnnen wollte, an und in ihr. So geht es den Schwaͤrmern. Ueber einem Phantom bruͤ⸗ teſt Du, das der Segen des Prieſters, oder eine Reiſe nach den Hanſee⸗Staͤdten, oder irgend ein anderes Malchen ſchnell genug verſcheuchen wuͤr⸗ de. Aus falſchem Mitleid haͤlt Dir dein zwei⸗ deutiges, ſchmeichleriſches Herz einen Zauber⸗ Spiegel vor, in dem Du die angebetete Geliebte nur in der Glorie erblickſt, und endlich tritt auch die liebe Eigenſucht, die alle Roſen fuͤr ſich be⸗ gehrt, und die boͤſe Mißgunſt, die keinem An⸗ dern eine Bluͤthe goͤnnt, auf ſeine Seite. Er⸗ 99 manne Dich! Ich will ein Pfeifenkopf ſeyn, wenn Du nicht, in Jahr und Tag, uber die Thraͤnen und den Jammer des Thoren laͤchelſt, der dieſe Schnee⸗Weben ſeinem herrlichen Bette vor⸗ zieht.— Immer heftiger tobte der Sturm— „Der Sturm, klagte das Herz: der Deine Blaͤt⸗ ter herabſtoͤrt! O, ehre mein Leid!“ entgegnete es jetzt dem Warner— Was kann ich dafuͤr, daß ein Himmel voll Wonne aus ihren ſauften Augen ſpricht, daß ihre Stimme dem Nachhall der Harmonika aͤhnelt, ihr ganzes Weſen ſich in holde, reine, entzuͤckende Weiblichkeit aufloͤſt. Treu bewahrte ich Deinen Schoͤnheitsſinn, gab folgſam wieder was ich empfing und gebahr Dir, fort und fort, die lieblichen Kinder der Gefuͤhle. So, im wilden Streite beider Kraͤfte, hin und her geworfen, vom Sturm gepeitſcht, getrie⸗ ben von der Hoͤlle die in meinem Innern brann⸗ te, irrte ich umher, und welkem Laube gleich, flogen die Geiſter vergangener Freuden, die un⸗ ſeligen Schatten getaͤuſchter Hoffnungen meiner Seele voruͤber, Und wie dann! rief ich jetzt, . 100 und hob die erſtarrten Haͤnde zu dem verſchleier⸗ ten Himmel auf— Wie dann Wenn der Mann bey Kerzenſtheine Ihr zum Braurgemache winkt, unnd in Deinem Freudenweine Sich zum frohſten Gotte trinkt?*) Aus fliehenden Wolken ging der Mond her⸗ vor, ein naͤchtlicher Geiſt trat vor meine Seele. Heut' iſt der zehnte! ſprach ich, heut' uͤber vierzehn Tage der Weinacht⸗Abend. Er koͤnnte ihr merkwuͤrdig werden, dieſer Abend, koͤnnte leicht der Vorabend ewiger Feiertage, oder der Feierabend meines Seyns werden. Gute Nacht, Amalie! Viel lieber haͤtt' ich wohl geſagt— Gute Nacht, ſuͤße Braut, guten Morgen holde Frau! Aber nimmer wirſt Du die Meine. Ver⸗ loren hab' ich Dich und will nun auch verloren gehn! *) Bürger, in der Elegie. — 40⁴ Ei, ei, Herr Siegfried! rief der Thorſchreiber, als ich an die Pforte klopfte; an dem kleinen Fenſter zeigte ſich ein niedliches Nachthaͤubchen, ich ſank erſchoͤpft auf die Bank vor dem Hauſe. Mit der Lampe in der einen, mit der andern Hand am loſen, vom Sturm gehobenen Buſen⸗ tuche, ſprang ſein Roͤschen in die Thuͤr und lockte mich in das heimliche Stuͤbchen. Unwiſſend, wie feenhaft ihre Erſcheinung in dieſem Augenblick, auf ein Herz wirkte, das die Natur fuͤr ausge⸗ ſtorben hielt und unter Todeskaͤmpfen zuckte, trat ſie naͤher, und huͤllte ihren Gaſt in den warmen, ſonntaͤglichen Schlafrock des Vaters, der mich in ſeinen Lehnſtuhl druͤckte. Der Fieber⸗ froſt ſchlug mir die Zaͤhne auf einander, ein hef⸗ tiger Bruſtkrampf benahm mir den Odem und ich glaubte den Weinacht⸗Abend gekommen, als Roͤschen mit der dampfenden Schale hereintrat, und mich beſchwor, ihren Thee zu verſuchen. In 102 Wehmuth loͤſten ſich allgemach die wilden, die gluͤhenden und vernichtenden Gefuͤhle meines Her⸗ zens auf, und Thraͤnen ſielen in die Taſſe. Ver⸗ gebens that der Vater tauſend Fragen, er rech⸗ nete ſich ſelbſt die moͤglichen Faͤlle vor, welche mir begegnet ſeyn koͤnnten und jetzt fuͤhrte ihn die ankommende Poſt vor die Thuͤr. Wohlthaͤtiges Weſen, ſtammelte ich, die niedliche Hand ſeiner Tochter mit einem Feuer druͤckend, das ſie ſo ſeltſam, als die ungewohnte Gunſtbezeigung uͤber⸗ raſchte. Sie reichte mir, geſchaͤftig und erroͤ⸗ thend, die zweite Taſſe, und ſchob dann einen fallenden Strom blonder Locken unter das nied⸗ liche Haͤubchen zuruͤck. Immer ging ich gern aus dem Waſſerthore, denn die ſchoͤnſte Gegend umgab es. Der Thor⸗ ſchreiber war ein gebildeter Mann, mein alter Verehrer, in Oſtindien geweſen, und deshalb der Humbold unſerer Stadt. Jedesmal hatte ich ſein Roͤschen freundlich gegruͤßt, ſie mir hinwie⸗ derum theilnehmend gedankt. Sonſt fand ich ſie huͤbſch, bezaubernd ſchien ſie mir in dieſer — 163 Nacht. Ich hatte auf die Menſchheit Verzicht gethan, und an den Pforten ewiger Entſagung trat ihr lieblicher Innbegriff vor meine zagende Seele und rief mich ins Leben und zu manchem vergeſſenen Anſpruch zuruͤck. Darf ich nach einem Arzte ſchicken? fragte Noͤschen, ſo mild, ſo bittend, ſo melodiſch, daß Amalie fuͤr einen Augenblick in den Hintergrund trat. Und Ihnen unſer Gaſtbett fuͤr dieſe Nacht abtreten?— fuhr ſie fort: zwar wird es zu kurz feyn, aber bequemer doch als der weite Weg nach Ihrem Hauſe. Ich ziehe meinen Braut⸗ Ueberzug uͤber. Auch Sie ſind Braut? ſiel ich ſeufzend ein. Geweſen! lispelte Roͤschen mit einem Kla⸗ geton, der in meinem Innern wiedertoͤnte. Geweſen? wiederhohlte ich, und eilte aus dem Stuͤbchen fort, und unter heftigen, mich erſchoͤpfenden Schauern, meinem Hauſe zu, in dem jetzt nur ein Auge das keine Thraͤnen fuͤr mich hatte, das einzige der einaͤngigen Roſine of⸗ fen ſtand. 104 Lange noch klang Roͤschens Ausruf in mei⸗ nen Ohren. Geweſen! ſprach ich, und warf mich aufs Bette: das iſt die Looſung alles Vergaͤng⸗ lichen. Alle Weſen werden zu geweſenen, der Vergangenheit Abgrund verſchlingt ſie. Und auch die Leiden! bemerkte mein Freund, und den Liebreitz der uns bethoͤrt, und die Flamme wel⸗ che der Ewigkeit Trotz bot. Am Morgen ließ mich die Tante zum Thee bitten. Mit bitterſuͤßen Blicken empfing Ama⸗ lie den Verblichenen und erzaͤhlte, daß ſie ſo eben, ein keckes, vorlautes Ding, welches mich zu ſprechen verlangte, abgewieſen habe. Dem Steckbriefe nach, den ſie mit einiger Heftigkeit entwarf, war es mein theilnehmendes Roͤschen geweſen. Selbſt Deine Uhr, fuhr Malchen, lau⸗ ſchend und verduͤſtert, fort: betheuert die Crea⸗ tur in den Haͤnden zu haben, wollte ſie mir aber weder zeigen, noch ausliefern. Ach goldner Vetter, rief ihre Mutter aus: ich ſage nur das, was ſoll man zu ſolchen Din⸗ gen denken? Es ſchlug ein Uhr, als Sie ka⸗ 3 f 5 1 —O—— 105 men. Sie gerathen doch nicht etwa auf Ab⸗ wege? Das waͤre ja ſchauerhaft! fiel Malchen ein. Geld bringt oft Boͤſes, fuhr die Tante fort: abſonderlich im Spiel und es ward Ihnen ja der große Lotterie⸗Gewinn? Eine Niete, Frau Mutter! ich ſcherzte nur, um Malchen zu verſuchen. Da ſchalten beide, erſt mich, dann Fortunen aus, die Frau Mutter aber ſagte— Nun ſo gebe nur Gott, daß der Baron nicht auch ſo ſcherzhaft ſey, nicht arme, tugendhafte Perſonen zum Beſten habe. Der iſt mein, ewig mein! troͤſtete Malchen, und riß das Fenſter auf, denn der Deſſauer Marſch ſcholl aus der Ferne. Dießmal trat ich nicht wie ſonſt, zwiſchen den Vorhang und ih⸗ ren Ruͤcken. An die Seite der Lauſchenden draͤng⸗ te ich mich und ſprach— Sehr ſonderbar erſcheinſt Du mir heute, und Deine Mutter ſpricht aus einem Tone, den ich 106 nie an ihr wahrnahm. Iſt es die Zauberkraft des Gluͤcks, die Euch verwandelt? Gott behuͤte! verſicherte ſte, die Straße hin⸗ abſehend. 6 Amalie, fuhr ich fort, und preßte ihre Hand an mein gepreßtes Herz: Gott behuͤte Dich im⸗ merdar vor meinem Zuſtand in der letzten Nacht. Die Kanzlerinn ſieht heruͤber! entgegnete Malchen, zog ſchnell die Hand zuruͤck, und ſprach— Wie dauerſt Du mich, armer Hein⸗ rich! Ich lachte laut, doch große Thraͤnen ſtuͤrz⸗ kden uͤber meine Wangen. Betroffen ſah Amalie auf die fallenden, ſchlich jetzt vom Fenſter weg und weinte auch. Ich ging erſchuͤttert nach mei⸗ nem Zimmer. Wir haben Beſuch, ſprach die Einaͤugige, als ich in den Vorſaal trat. Vergeben Sie der Zudringlichen: erſcholl es hinter ihr; aber mein Pater befahl mir, zu hoͤ⸗ xen ob Sie wieder hergeſtellt waͤren und Ihnen Ihr Eigenthum zuruͤckzubringen. 207 Welche Guͤte! S. Die ganze Nacht uͤber hoͤrt' ich es pi⸗ cken, fuhr Roͤschen fort: denn ich konnte nicht ſchlafen, und als wir am Morgen aufſtanden, lag dieſe ſchoͤne Uhr im Lehnſtuhl. Die iſt dem Herrn! verſicherte mein Vater, und einem ſo wackern koͤnne ich ſie keck auf die Stube brin⸗ gen. Die liebliche Geſchwaͤtzigkeit des holden Roͤs⸗ chens, das immer roͤther und roͤther ward, er⸗ quickte mir Ohr und Herz. Unter dem Spiegel hing eine Damen⸗Uhr, die Amalien zum Wei⸗ nachtgeſchenk zugedacht war. Wie ſie einſt mit mir, ſpielte ein Maͤdchen auf der Ruͤckſeite mit ihrem Vogel. Jetzt glitt die niedliche in Roͤs⸗ chen Tuchſpalte wo ſie die meinige geborgen hatte: pickt es des Nachts, ſagte ich: ſo erin⸗ nere das meine Freundinn an den Samariter, in deſſen Wunden Sie das Lebensoͤhl der Theil⸗ nahme goſſen. Die uͤberraſchende, nicht geringe, ſehr gefäͤl⸗ lige Gabe erregte Staunen und ernſten Wider⸗ 108 ſtand. Nicht von der Stelle! rief ich endlich, ihr den Weg vertretend, bis Sie gelobt haben, dies argloſe Andenken ſchweſterlich aufzunehmen. Laͤngſt hab' ich mir gelobt, erwiederte Roͤs⸗ chen: mich von den Bruͤdern unter keiner Form beſchenken zu laſſen, und ſolche Geluͤbde muͤſſen Sie ehren. Aber, wenn Ihr Vater Sie losſpricht.— Das wird er nicht! fiel Roͤschen ein: ach Gott, dem waͤre ſie wohl noͤthiger als mir. Da⸗ mit eilte die Sproͤde der Thuͤr zu. Ein Wort noch! bat ich. Ich habe Eile! ſagte ſie. J. Und ſtrenge Fr unde?— Aber was ward aus dem Braͤutigam? S. Ein Engel! Das doſe Fieber riß ihn, im Herbſt, aus meinen Armen. Mein Gott, wie hab' ich da geweint! Wohl Ihnen! der Tod iſt ſicherer als die taͤuſchbare Hoffnung. Ich hatte Gewißheit! fiel ſie ein. 109 J. Willkommner als der Dornenkranz un⸗ gluͤcklicher Liebe. S. Aber die unſere war gluͤcklich! Der gu⸗ te Menſch hatte ſein Brot, und alle Leute waren ihm gut. Eine Baderei wollt' er ſich kaufen, denn Kunden gab es die Fuͤlle, und das Land⸗ volk ſtroͤmte ihm zu. J. Ein Wundarzt alſo? . Doctor war er zwar nicht— nein, mit nichten, aber ſie hießen ihn alle ſo. Doctoren macht oft das Geld, entgegnete ich: Aerzte die Kunſt. Ach, als ob ich ihn hoͤrte! Und ganz ohne die koſtſpielige Doctorſchaft, hat er mir in den Blattern das Leben gerettet. Aber ich vergeſſe mich ganz. Gott befohlen, lieber Herr Sieg⸗ fried.— Gott befohlen! ſprach ich, und eilte zu mei⸗ nem verlaſſenen Pulte— Ja, beſohlen ſey Dir mein Schickſal, Vater der Liebe, der Du ewig alles zum Beſten lenkſt! Zentner waren von meinem Herzen gefallen 110 Weggeſchwatzt, weggeweint, weggelaͤchelt hatte ſie Roͤschen, hatte mich ſchließlich an unſern Va⸗ ter im Himmel verwieſen, und durch die Ge⸗ ſchichte von dem Hintritt ihres Doctors ſich als eine duldſamere Leidens⸗Genoſſinn, mir zum Beiſpiel aufgeſtellt. Bernhigter griff ich zu der draͤngenden Arbeit und lauſchte nun den Einge⸗ bungen der Phantaſie, die eben des Hof⸗Fouriers Nichte in das Vorzimmer der Prinzeſſinn, und mich dann ſchnell wieder in meine Lage zuruͤck⸗ fuͤhrte. Sonſt— ſprach ich ſeufzend zu der Hand⸗ ſchrift: ſonſt trug ich Dich des Abends zu Mal⸗ hen hinab und fuͤhrte ſie in meiner Schoͤpfung umher; mit meinen Kindern ſpielte ſie und flog mit meinen Braͤuten zur Brautkammer. Ach, ohne mich wird ſie die ihre nun betreten, kein liebes Auge fortan in dieſe Bogen blicken, kein poetiſches Herz Situazionen bei mir beſtellen, kein neugieriges Maͤdchen mehr, den Abend und mich und die Fruͤchte meines Fleißes herbeiwuͤn⸗ ſchen, welche kuͤnftig nur, durch Roſinens Markt⸗ korb, zur Preſſe gehn. * — 5 4 Des Hof⸗Fouriers Nichte ſtand in Auguſtens Vorzimmer; ein eisgrauer Kammerdiener un⸗ terhielt die Verzagte. Jetzt klang die Schelle. Nur ohne Furcht und Scheu, ſprach er ihr zu und fuͤhrte ſie zur vergoldeten Thuͤre: bald werden Sie dreiſt und freudig hier eingehen. Amalie vernahm keine Silbe. Ihre Lage, der Glanz der ſie aus den Umgebungen an⸗ ſprach und ein Auftrag ihres Freundes, aͤng⸗ ſtigte das Maͤdchen. Auguſte war allein. Iſt ihm beſſer? rief ſie und trat ihr entgegen: wie war die Nacht? Schlief er gut? ruhig? feſt? A. Frau Markus hat bei ihm gewacht, und beſtaͤtigt dieſe Hoffnungen. P. Sehr einſilbig meine Linau. Was ſagt der Arzt? A. Er ſoll in Wildthal bleiben, ſoll eine 112 Cur dort brauchen; viel ſoll er thun und laſ⸗ ſen, was er ſonſt nicht that und nicht ließ. P. In Wildthal? Schoͤn! Die freie Luft wird ihn herſtellen. A. Herſtellung erwartet er nur von der Luft, in der ſeine Gönnerinn athmet. Fuͤr den Fall des Todes— P. Leere Furcht! A. Fuͤr den Fall des Todes, wiederhohlte Amalie: legt er ſeinen letzten Willen in dieſe Hand. In die meine? rief ſie, und nahm haſtig das niedliche, Briefartig gebrochene Teſtament aus der zitternden Hand ſeiner Beauftragten. Die Kammerfrau wird Dich einweiſen, ſprach Auguſte: daß ich die Schlimmſte nicht bin, liegt am Tage. Es kann Dir wohl an manchem fehlen, gutes Kind? Hier, dieſe Kleinigkeit ſey Dein. O, Gnaͤdigſte! rief die Erſchrockene, der die Boͤrſe mit funfzig Dukaten ſchwer in die 115 Hand ſiel: weit theurer als die reiche Gabe, wird mir Ihre Zufriedenheit ſeyn. P. Biſt Du zufrieden? Dein Auge, Dein Ausſehn, Deine Seufzer ſagen das Gegentheil. A. Ich habe eine Mutter verloren die mir theuer war, einen Vater den ich kindlich liebte— 3 P. Die Mutter iſt erſetzt, und bald viel⸗ leicht giebt ſie Dir, an des Vaters Stelle, ei⸗ nen liebenden Gatten. A. Dieſem Geſchenke muß ich ſtandhaft entſagen. Laſſen Sie mich in Ihrer Naͤhe bleiben— In Ihrem Morgenroth enden. Auguſte ſah ihr tief ins Geſicht; ihre Er⸗ wiederung ward von der Anzeige unterbrochen, daß Ulrikens Mutter ſo eben, vom Schlage getroffen worden und verſchieden ſey. Jene brach, erſchrocken und geruͤhrt, in Thraͤnen aus, das Maͤdchen entfernte ſich. * Schillings Schr. 43r Bd. 8 N Jetzt trat der Herr von Eſchen ein, er ſprach mit Entzuͤcken von Amaliens beſtandener Ver⸗ ſuchung, von der Naͤhe und dem Reitze ſeiner Ausſichten, ſeiner Verbindung und ſeines Gutes, und vertraute mir, daß er das Tantchen bewo⸗ gen habe, Amalien jetzt fuͤr einige Tage da hin⸗ aus zu fuͤhren. Der Oheim habe das Schloß im willkommenſten Zuſtand und voͤllig eingerichtet, hinterlaſſen. Es ſey eine Freude, dieſe Reihe ge⸗ faͤlliger, niedlicher Zimmer zu durchlaufen, und einer Ueberraſchung, einer Fernhinſicht, einem Spiel der Phantaſie nach dem andern zu begeg⸗ nen. Amalie werde ſich dort ungemein wohlge⸗ fallen, des Barons Vergnuͤgen aber nur dann erſt ganz ungeſchwaͤcht und vollſtaͤndig ſeyn, wenn ich ihm erlaube, mir ein Pferd in den Stall lau⸗ fen zu laſſen, das mich, ſo oft mein Genius ſich am Buſen der Natur ſtaͤrken wolle, nach Stei⸗ nau hinaustragen koͤnne. e⸗ e 115 Sie werden nun ſchuell zum Ziele eilen, ent⸗ gegnete ich, ſein Erbieten kurz abweiſend: und dem ſeligſten Lebenstage mit froher Ungeduld ent⸗ gegenſehen. 3 Das leuchtet ein! entgegnete er: nur fordert die Klugheit, mit Weile zu eilen. Gern rettete ich mir des Fuͤrſten Gnade, um die mich leicht ein uͤbereilter Ruͤckzug bringen koͤnnte. Ich werde bedenklich huſten— Er fuͤrchtet nichts mehr als die Kranken— werde Blut auswerfen, ein ver⸗ lorner Mann in ſeinen Augen ſeyn und auf die ſchnelle Gewaͤhrung meines Geſuches, in dem eh⸗ renvollſten Ausdruck, rechnen koöͤnnen. Dann zieht man ſich alsbald nach Steinau zuruͤck und Hymen zuͤndet die Fackel an. Er bedarf einer Pflegerin! heißt es: und ſie entſchuldigen den Unheilbaren. Trefflich ausgedacht! erwiederte ich: aber Mal⸗ chen bliebe denn doch, meines Beduͤnkens, zu Vermeidung uͤbler Nachreden, bis dahin am ſicher⸗ ſten in meinem Hauſe aufgehoben und ſaͤhe, am gluͤcklichen Hochzeittage, fruͤh genng das Reich Ihrer Herrlichkeit.— 116 Meinen Sie? fiel er treuherzig ein. Ich niche bejahend, er meinte nun auch. Die Liebende, ſagte er: muͤſſe dergleichen Bedenklichkeiten von ſich werfen, und Opfer mit Opfer vergelten lernen. Das Zartgefuͤhl erſcheine in der Uebertreibung, als Grimaſſe. Des Maͤdchens Opferluſt, entgegnete ich: ha⸗ be er allerdings, durch jenen ſchriftlichen unedeln Antrag faſt zu ſchonungslos gepruͤft. Nicht zwecklos! fiel er ein. Wer ein weibliches Herz zu ergruͤnden verdammt ward, der uͤberhaͤufe es mit raſchen und lebhaften, Theils willkommenen, theils widrigen Eindruͤcken, raub' ihm ſchnell al⸗ les Gleichgewicht, und ſehe dann indeſaugen in die ſelten geoͤffnete Blume. Ich wollte antworten als man ihn abrief und eilte, dem Unheil vorzubeugen, zu der Tante hinab. MWMir reiſen auf's Gut! rief mir Amalie mit verſteckter Froͤhlichkeit entgegen, und warf ſchnell ihr verklaͤrtes Geſicht in die Falten des Kum⸗ —,— — 117 mers und der Theilnahme an meinem Zuſtand. Zu dem Herrn Sohne! ſetzte die Mama hin⸗ zu. Ich wuͤnſche Ihnen gluͤckliche Reiſe! entgeg⸗ nete ich. Beide dankten und Amalie ging, um zu packen; ich ſchaͤrfte Jener das Gewiſſen. Herr von Eſchen, ſagte ich: rechnet offenbar auf die Schwaͤchen Ihres Alters, auf den Glanz, der Sie dort blenden, auf die Gewebe, womit er Sie umſtricken, auf die Betaͤubungen, durch die er Sie verwandeln wird. Die getaͤuſchte Mutter fuͤhrt ihr eigenes, ſchuldoſes, einziges Kind an den Abgrund, und verzweifelt dann, wenn es hinabſtuͤrzt. Erſchoͤpft von Kaͤmpfen mit dem Ungluͤck, glaubt ſie in dieſem Irrlicht einen Leitſtern zu ſehen, und verwirft in ſtolzer Sicherheit die Stimme des Warners. Man wird Sie einſchlaͤfern, gute Tante! Zur Nach⸗ ſicht gegen die Tochter wird man Sie, und dieſe zur Nachſicht gegen ſich ſelbſt verfuͤhren. Schlaue⸗ re Muͤtter wurden getaͤuſcht, und Ihre Hoff⸗ nungen zu Jammer. Mit Pflicht und Wohlſtand, 118 mit menſchlichen und goͤttlichen Geboten treibt die frevelnde Leidenſchaft ihr Spiel. Amalie kam jetzt zuruͤck. Ich habe das auch gedacht, ſprach die Mut⸗ ter und verließ uns: reden Sie nur ſelbſt mit ihr. Lieber Heinrich, erwiederte Malchen, als die geſchehn war: ich verzeihe Dir gern. Noch un⸗ artiger, noch heftiger wuͤrde ich vielleicht, an Deiner Stelle, mir in den Weg treten, denn daß Dir weh geſchieht, iſt gewiß. Aber er wuͤnſcht es. Er wuͤnſcht es nicht allein, er beſchwoͤrt— bedraͤngt uns.— Darf ich einem Manne, der mich ſo uͤberſchwenglich liebt, mir ein ſo glaͤnzen⸗ des Gluͤck macht, die erſte und billigſte ſeiner Bitten verſagen? Und was kann mir denn ge⸗ ſchehen? Traue mir doch auch ein wenig Klug⸗ heit neben meiner Liebe zu, und Tugend neben dieſer. Jene macht vorſichtig, dieſe ſtark. Die Verfuͤhrung iſt ſtaͤrker! entgegnete ich.. Und in acht Tagen ſind wir zuruck! fiel ſie ein, und hielt beſchauend ein neues Kleid gegen das Fenſter. 119 Ich ſage nur, ſprach die zuruͤckkehrende Mut⸗ ter: aber Unrecht hat er nicht, der Vetter. Was werden die Leute dazu ſprechen, Malchen? Was ihnen gut deucht! entgegnete dieſe. Waͤr' ich wie Du, fuhr ſie fort: ich ſagte es ihm ab. Der Vetter hat mir ganz Angſt ge⸗ macht. Sie haben zu befehlen! lispelte Amalie, warf mir einen ſehr unfreundlichen Blick zu, und verſchwand. Jetzt trat Herr von Eſchen ins Zimmer, nannte mich mon cousin, und ſchien untroͤſtlich, daß ich mich ſchon beurlauben wolle. Ich ging, beruhigt, gethan zu haben, was an mir war und beſchloß, mich zur naͤchſten Meſſe uͤber die unheilbaren Schwaͤchen der Muͤtter, und die harmloſe Blindheit der Toͤchter weitlaͤuftig und nachdruͤcklich auszulaſſen, denn zweckmaͤßiger fand ich es jetzt, uͤber Amalien zu ſchreiben, als fuͤr ſie„den kalten, ſchrecklichen Kelch zu leeren, aus dem man den Taumel des Todes trinken kann.“ 3 120 Am folgenden Morgen brachte mir Roſine die Schluͤſſel zu dem Quartiere der Tante, welche ſich, ſammt Amalien noch vielmahls empfehlen ließ. Sind ſie gereiſt? fragte ich, bitter laͤ⸗ chelnd, und warf mit den Schluͤſſeln meinen letzten Anſpruch und den Reſt der Theilnahme hin. Be⸗ dentungsvoll, als haͤtten ſie die Pforte des Frie⸗ dens hinter ihr verſchloſſen, erklangen dieſe; die Theilnahme blieb: ich griff, um dieſe Quzlerin zu ertoͤdten, nach der Feder.— — Schon ſeit Wochen hatte man in Wildthal Anſtalten zu einem Feſte getroffen, mit dem Auguſta ihren Vater, an ſeinem Namenstage zu uͤberraſchen gedachte. Sie ſelbſt fuhr, als dieſer, ſeine Truppen zu muſtern, im Lager war, begleitet von einer Dame, welche jetzt die Stelle der gichtkranken Aya vertrat, nach Wildthal hinaus, um mit eigenen Augen zu ſehen, ob man ihren Plaͤnen nachkomme. Frau Markus erſchoͤpfte ſich im Lobe der Anſtalten, wie der Anſteller, fuͤhrte ſie von Geruͤſt zu Geruͤſte, und vertraute der Fragenden, welcher eine nie geſehene, romantiſch gelegene Huͤtte 3iijmm wildeſten Theile des Parks auffiel, daß der Herr Markis ſich dort angeſiedelt habe, und dieſen Verſteck ſeinen ſchoͤnen Zimmern im Schloſſe weit vorziehe. Noch manchen —— 122 Befehl hatte Auguſta hier zu geben, und der betagten, erſchoͤpften Hofmeiſterin ward gera⸗ then, erlaubt, befohlen, ſich von Frau Mar⸗ kus nach dem Schloſſe zuruͤckfuͤhren zu laſſen, wo man ſie abzurufen verſprach. Freier jetzt, als ſeit den Tagen ihrer Kindheit, benutzte die Unbewachte den Augenblick, dieſen Schauplatz fruͤherer Spiele zu durchfliegen, die Wieſen und Hecken wieder zu ſehen, wo der Gefaͤhrte jener Tage ihr, als Knabe, Blumen oder Beere pfluͤckte, die Baͤume die er erſtieg, und jede Staͤtte wo ſeine Kuͤhnheit ihr ein Zittern oder ſeine Anhaͤnglichkeit ihr ein Dankgefuͤhl ab⸗ noͤthigte. Wie Pfyche in Eliſium, wandelte Auguſta unter den verwilderten Gruppen des ſtillen Hains, eng umſchloſſen von dem niedern Geſtraͤuch, das bei jedem Schritt die ſchwim⸗ menden Gewaͤnder feſthielt, und vor ihr ſtand der Erſehnte. Di Amone! rief ſie beſtuͤrzt. Di Amone! ſprach der Wiederhall. —xVͤ— ——ʒ— 123 Himmliſcher Geiſt! lispelte Angelo: er druͤckte ſie an ſeinen Buſen und ſprach— Ich liebe Dich! Angelo! ſtammelte die Fuͤrſtentochter! ſie ſtrebte nach Ddem. O, ſtirb mit mir! bat Di Amone: denn nur jenſeits darf ich Dich beſitzen. 3 S. O, dieſſeits ſchon! Welche Gewalt koͤnnte uns trennen? Die ſtaͤrkſte Macht ward ja der Liebe und mein Gefuͤhl trotzt jedem Hinderniß. E. Ob mit Erfolg, das iſt die Frage. Zwar bin ich ein Verwandter des Hauſes, aber fuͤllt wohl dieß Sandkorn nur die beſcheidenſte der vaͤterlichen Erwartungen aus? Zur Fuͤr⸗ ſtinn gebar die Mutter Sie, zur Koͤniginn er⸗ hob Sie die Natur. Wehe mir! nach dem Ueberirdiſchen ring' ich, ein Irdiſcher. S. Angelo, Sie hab' ich mir erwaͤhlt! Ich ſchwoͤre das, vor Gott, in Ihre Hand! Nie ſoll ein Opfer der Convenienz aus Au⸗ 124 guſten gemacht werden. Froh und frei, und Maͤdchen bis zum Grabe, will ich dem Zweif⸗ ler hier gehoͤren! Der Wille eines Engels! rief der Entzuͤck⸗ te: aber Vaterfluch und Schlangenbiß werden ihn verkuͤmmern. Die Liebe iſt goͤttlich, entgegnete ſie; koͤnn⸗ te er das Goͤttliche an mir verwuͤnſchen? Nein, nimmer wird dieß ſanfte Vaterherz die edle, freigebohrne Tochter in den Arm eines Be⸗ gehrers werfen den ſie verwirft. Zu theuet bin ich ihm, und Ihre Braut! Mein alſo? rief er in der hoͤchſten Wal⸗ lung, und hob ſie empor⸗ der Schoͤpfung ſchoͤnſte Blume.. Treffender, erwiederte ſie an ſeinem Halſe haͤngend, treffender vergleichſt Du mich den ſanften Violen, die hier ringsum duften. Wie manche ward mir in goldnen Tagen von die⸗ ſer Hand gepfluͤckt. Noch bluͤhen, leben ſie in —— 125 meiner Erinnerung, und dankbar bezahl' ich jetzt die Schuld.— Das Geraͤuſch der Arbeiter ſcholl in der Naͤhe, es rauſchte im Geſtraͤuch. Wonnetrun⸗ ken eilte Angelo durch das Dickicht fort, be⸗ fluͤgelt die Geliebte dem Schloſſe zu. Heller ſchien ihr die Sonne, verklaͤrt die daͤmmernde Natur, alle Voͤgel des Hains beſangen um ſie her die ſuͤße Liebe und Schauer der beſſern Wellt zitterten ſanft durch ihr Innerſtes. Amalie dagegen ſtand mit dem Wurm im Buſen, und dem Gram im Geſicht, als ihre Gebieterinn von Wildthal zuruͤckkam, in Au⸗ guſtens Cabinet. Die Gluͤckliche ſchwebte, ei⸗ nem hoͤhern Weſen gleich, einher. Amalie, rief ſie und ſah ihr ſtarr ins Geſicht— ſah die Wehmuth am offnen Grabe laͤcheln, und ihr Entzuͤcken ging in ſuͤße, tiefe Ruͤhrung uͤber. Milder Himmelsthau ſtroͤmte aus dem ſchwellenden Herzen, ſie warf ſich ſchluchzend in den Divan. Amalie wußte wo ſie herkam. 126 las in den Zuͤgen der Eintretenden die Geſchichte dieſes Tages, und ſank jetzt, von Ahnungen ergriffen, uͤbermannt von ihren Schmerzen, niedergedruͤckt von ihrem Verhaͤngniß, vor die Weinende. Das Geiſterbleiche Antlitz ſiel in Auguſtens Schooß, und ſie bedeckte mit Kuͤſ⸗ ſen die Arme, welche vor wenigen Stunden den verlornen Abgott ihres Herzens umfingen. Was beginnſt Du? fragte die Goͤnnerin. Ich freue mich Ihres Gluͤcks! Wie eine Verſchiedene! Dieſer Zuſtand, Amalie— Er iſt genußreich! Reicher als Sie hoffen duͤrfen. Er verraͤth Dein Geheimniß? ſiel Auguſte forſchend ein. 3. Er fuͤhrt mich an's Ziel. Ich liebte ihn— ich geb' ihn auf und preiſe die Gluͤckliche ſelig, der er zu Theil ward. P. Weißt Du von dieſer? A. O, blicken Sie in dieſen Spiegel. 127 P. Amalie! A. Solche Wonne verbirgt ſich nicht. P. So wenig als Dein Weh. Ach, koͤnnt: ich Dich heilen. A. Das wird der Tod. P. Nicht ſterben! Fliehn! Zeit und Wech⸗ ſel, ſagt man ja, perbinde die tiefſten, die blutendſten Wunden unſerer Seele. Ich will, ich muß Dich nun entbehren.— Flieh! A. Noch vor Wochen gelobten Sie mir, unter Ihren Augen bleiben zu duͤrfen. Ich rechne feſt auf dieß Geluͤbde. Suche Dir einen Mann Deines Standes aus. Ich ſelbſt werde Deine Brautwerberinn ſeyn und fuͤr Dich ſprechen, als ob Du meine Schweſter waͤrſt— Ich will meinen Vater beſchwoͤren, daß er Dich zum reichen Maͤdchen mache. Nur flieh! Flieh, Du Beweinens⸗ werthe! 3 Beweinenswerth! wiederholte Malchen, und 5128 warf ſich, von wildem Schmerz durchſchauert, auf den Boden. Stuͤrmerin! ſchalt Auguſte, hob ſie zu ſich empor, druͤckte ſie zaͤrtlich an ihre Bruſt, und bedeckte mit ihren Thraͤnen die Wangen der Ohnmaͤchtigen. Es gilt Dein Leben! fuhr ſie fort, als jene die Augen wieder aufſchlug: Dein Leben, meine Ruhe! Verſage mir die Bitte nicht. Ich entferne mich! ſtammelte dieſe. Bald! Gewiß! Heute noch! rief Auguſtea, heute noch, eh es Dich reuet. A. Vielleicht! Vielleicht! So kann es nicht lange mehr dauern. Nein! Nein! das nicht! ſiel die Prinzeſ⸗ ſinn ſchluchzend ein: mein frommes Maͤdchen hat ja Pflichten hier, und dort einen Richter. Hoͤre mich, Gute! Ich ſende Dich zu meiner Tante. Das iſt eine ſanfte, edle Frau, laß mich fuͤr die Aufnahme ſorgen. 129 „Sie ſind Fuͤrſtinn! ſiel Amalie ein, und wollen Ihr Wort brechen? Verſtoͤßt mich An⸗ guſta, ſo wirft ſich die Ungluͤckliche in den Fluß, der unter dieſen Fenſtern ſtroͤmt. Oft winkte er mir ſchon! Ich habe den ganzen troſtloſen Nachmittag uͤber, ſeinen tuſenden Wellen gelauſcht. Du biſt ſehr krank, Amalie! Finden Sie das? rief ſie erheitert. P. Deine Stirn iſt bleich, und brennt doch wie Feuer. Kraͤmpfe zucken durch Deine Glieder, und dieſe Lippen zittern unter Fieber⸗ froͤſten. Ich fuͤhle das ſelbſ, entgegnete ſe, u und druͤckte Auguſtens Haͤnde an ihre tobende Bruſt: aber meine Krankheit iſt keine der anſteckenden. Du wirſt in meinem Welimnnar ſchlafen! enwitdeste jene. O, ich Gluͤckliche! ſprach Amalie Und Deinen Engel feſthalten! fuhr Auguſta fort. Hier, theure Leidende, ſchwoͤre auf Dein Schiulings Schr. 43r Bd. 9 230 Herz, bei der heiligen Mutter, bei allen Maͤr⸗ tyrern ſchwoͤre mir, Dein a Saäitkſal nicht zu übereilen. 3 Ich ſchwoͤre! tief d die Schiuchzende. Dul⸗ den will ich, wie die heiligen Maͤrtyrer, und wie ſie, mitten unter Flammen, den Gott lo⸗ ben, der mein Herz zerbricht. Auguſta ſprach jetzt von dieſen Helden des Glaubens, von den Segnungen des Vaters, den ſie bekannten, von der Liebe des Sohnes, fuͤr die ſie ſtarben, von dem ſeligen Einfluß ſeiner himmliſchen Mutter auf die Herzen der Weinenden und der Troſtloſen. Glaͤnzende Heilige wallten an Amaliens Seele voruͤber, und die Proteſtantinn ſah, in der oft belaͤchel⸗ ten Legende, eine Quelle des Troſtes und der Beruhigung. Auguſte ſchloß in dieſer Nacht kein Auge, ſchlich, von Stunde zu Stunde, ins Vorzim⸗ mer, fand Amalien jetzt in Schlaf verſunken und auf dem laͤchelnden Geſicht die Geſchichte 131 eines begluͤckenden Traums, in dem ein junger Sieger ihr jenſeits die Strahlenkrone reichte. Zum erſten Mahl, ſeit den Begebenheiten je⸗ nes Jagdtages, beſtieg Angelo, am Abend ſei⸗ nes ſeligſten Lebenstages, den Britten, und ritt nach der Stadt. Frau von Hallen war nicht mehr. An ihrem Grabe wollt' er opfern, und ſich von dem Hintritt ſeiner erſten und aͤl⸗ teſten Freundinn naͤher unterrichten laſſen. Fruͤh am Morgen trat er bei Ulriken ein, die ihn guͤtiger als ſonſt empfing, und bei ſeinem Anblick heftig weinte. Auch uͤber Angeld's Wangen floſſen Thraͤnen: ſchweigend trat er vor das Bild der Verehrten, die nun vielleicht bei ſeiner Mutter war, und die Selige von ihm unterhielt. 132 Nur die verlornen Guter ſchaͤtzen wir ganz! ſprach Ulrike, und lehnte ſich an die Schulter des betrachtenden, dankbaren Sohnes. Gedachte ſie meiner? fragte er, in ihr ver⸗ ſtoͤrtes Geſicht blickend. Sie war nicht mehr, als man mich vom Schloſſe abrief. So innig haßt mich Auguſte, daß es mir an Muth gebrach, die Prinzeſſinn um Urlaub anzugehen. Ich figurirte, als ſie mit dem Tode rang. 4 Auguſte iſt nicht allwiſſend, erwiederte Angelo.. Das iſt mein Gluͤck! ſprach die Verbitterte: aber laſſen Sie uns auf beſſere Gegenſtaͤnde uͤbergehen. Dieſer Brief, an Sie gerichtet, ſand ſich unter den Pappieren der verewigten Mutter. 2 Der Markis zog ihn ſchnell aus ihren Haͤn⸗ den, trat ins Fenſter, erbrach und las. „Immer ſchwaͤcher fuͤhl ich mich, oder viel⸗ mehr, immer vollendeter. Bald werde ich 135 Deine Mutter umarmen, theurer Pflegeſohn, werde bei ihr ſeyn in ewiger Freude, und des edeln Mannes gedenken, zu dem das Kind ih⸗ rer Liebe ward. Ach, geh ich nicht auch als Mutter aus dieſer Welt, und ſehe keine Hand, der ich, wie ſie, mein Kind vertrauen koͤnnte? Wirſt Du ihr Gatte nicht, ſo wirſt Du ihr Bruder bleiben, dazu gab Dir meine Treue das Recht, mein Verhaͤltniß gegen Dich, die Pflicht. Sey dankbar Sohn, und der die Dankbaren ſegnet, begleite Dich!“ Leſen Sie! ſprach Di Amone, und reichte der Lauſchenden den Brief. Sie las, ſie laͤchelte, gab ihn zuruͤck und trat mit ver⸗ ſchlungenen Armen vor den Sinnenden. Was ſagen Sie? ſprach er betroffen. S. Daß Sie verkannt wulden. E. Ich? S. Auf Dankbarkeit rechnet ſe e. E. Nicht vergebens. S. Wahrhaftig? 134 E. Sie ſind meine Schweſter. S. O der graͤnzenloſen Guͤte! E. Den Freier wieſen Sie zuruͤck, den Bruder nicht! S. Den Freier, ich? 1 E. An dieſer Staͤtte. Ihr Gedaͤchtniß iſt ſchwaͤcher als ich fuͤrchtete. Am Tage wo Sie aus dem Bade zuruͤckkamen— S. Ach ja! ich gedenke! Da verloren Sie, mit finſterem Geſicht, einige dunkle Worte, veegalten mir dann mit einigen Dia⸗ manten meine zoͤgernde Schuͤchternheit, eilten fort, und empoͤrten mich ſpaͤterhin durch ein Benehmen, das ſich freilich nicht fuͤr ein naͤ⸗ herndes nehmen ließ. Genug davon— Und die gnaͤdigſte Auguſte beſtimmt mir auf dem Schloſſe eine Wohnung. O, Ihr Edlen, wie ſoll ich Euch lohnen. E. Die werden ſie annehmen? S. Ihr zu Trotze, ſa! E. Seltenes Maͤdchen! —..-————;;— 235 S. Werde der Engel eurer Liebe ſeyn. E. Unſerer— Liebe? S. Liebe, ſag' ich. Der boͤſe vielleicht, aber die boͤſen, ſagten Sie einſt in Wildthal, zu Ihrer Buhlerinn, ſind ja Quellen des Heils fuͤr die Guten. Ulrike, das iſt ihrer Mutter Bild. Mutter, das iſt der Findling, dem Du Dein Kind hinwarfſt, der es aus Deinem Herzen verdraͤngte. That ich das, rief der Ergluͤhende, und warf ſich mit gefalteten Haͤnden vor der laͤ⸗ chelnden Wohlthaͤterinn nieder: that ich das, ſo zeuge Du dort wider mich, und auf ewig werde mir der Himmel verſchloſſen. Comoͤdiant! rief Ulrike, ſie verließ, rau⸗ ſchend wie eine Windsbraut, das Zimmer. Lange noch lag Angelo vor dem Bildez und Ruhe, Faſſung und Duldſamkeit ging, als ein ſtiller Triumph fuͤr den Kuͤnſtler, aus den milden Blicken der Himmliſchen in ihn 5 136 uͤber. Vergeſſen war Ulrike, W und am Abend jede Schuld die ihre bedraͤngte Mutter zuruͤck⸗ ließ, getilgt. Der fuͤrſtliche Nahmenstag erſchien. Wagen unnd Reiter bedeckten den Weg nach Wildthal, und aus Karoſſen und Tragkoͤrben ſcholl der Jubel der Jugend. Eine zahlloſe Familie zog ihrem Vater nach, und ſeine Waͤchter ſprengten in nagelneuen Kollern, mit dem Saͤbel in der Fauſt, hin und her und man⸗ ches ſelige Paar aus einander⸗ Auguſta ſtand noch, in enthuͤllter Schoͤn⸗ heit vor Amalien, die dieſe Schaͤtze jetzt un⸗ ter reichen, reitzenden Gewaͤndern verbergen half. 3 Gefall ich Dir? fragte die Fuͤrſtentochter mit ihrem mildeſten Ton die Betrachtende. 137 Wie ihm! entgeguete dieſe und kuͤßte den Nacken der Ergluͤhenden. Ein wenig Roth! ſprach Auguſta, Trotz dem Erroͤthen, nach der Schminke greifend— bedenke doch, daß ich in den Glanz von tau⸗ ſend Lichtern trete.. Sie faͤrben die Roſel ſchalt Amalie— Auch die weiße! erwiederte dieſe, entzog ihr die Kapſel, und ſchminkte nun Malchens Wangen. Das Maͤdchen ergluͤhete unter dem Geſchaͤft, es laͤchelte, als Auguſta ſie jetzt der Pſyche im Platfond verglich, und ſich dieſe zarte Haut, dieſe reinen, jungfraͤulichen Zuͤge, dieſe ſtill ans Herz ſprechende Grazie des An⸗ geſichts wuͤnſchte und warf lauſchend verſtohl⸗ ne Blicke in den Spiegel, aus dem eine ſelige Dulderinn ſie begruͤßte. Vollendet trat Augu⸗ ſta nun aus ihren Haͤnden, und die Aya ins Zimmer. Die Wagen fuhren vor, ſechs Jſa⸗ bellen flogen mit ihr davon. Einſam wie neulich, und unter aͤhnlichen Gefuͤhlen ſtand 8 138 Amalie im Cabinet und trug die Maſſe von Reichthum, welche rund umher zerſtreut lag, an ihren Platz zuruͤck. Der alte Kammerdie⸗ ner meldete den Hof⸗Fourier. Tief verbeug⸗ te ſich dieſer hinter ihm und wagte es kaum, einen Blick in das Allerheiligſte der Prinzeſ⸗ ſinn zu werfen. Amalie hieß ihn freundlich willkommen. Goldner Engel, ſprach er halblaut: ich hatte Ihnen heute eine Freude zugedacht, aber Sie werden ſolche ganz unfehlbar verſchmaͤ⸗ hen. Nach Wildthal wollt ich Sie fuͤhren, und lief bei drei Stunden— Sie muͤſſen mir's anſehen— nach einer Gelegenheit herum, denn der Stallmeiſter ſchlug mir geradezu den Hofwagen ab, auf den ich gerechnet hatte. Das konnte Di Amone uͤbers Herz brin⸗ gen! ſprach ſie und laͤchelte. E. Wer anders? Der Undankbare! 3c) habe den Dienſt nicht, meinte er, und nur auf dieſen ſei gerechnet. Ich bringe ja mein 139 Malchen, das Fraͤulein Kammerdienerinn brin⸗ ge ich mit! erlaubte ich mir, einzuwenden. A. Auch das half nicht? E. Um ſo weniger! entgegnete er, und kehrte mir den Ruͤcken zu. Um ſo weniger? rief die Betroffene— Und Sie haben eine Gelegenheit? Freilich wohl, aber, aber! Ich zwar bin uͤber ſolche Dinge hinaus— Sei es ein Leiterwagen, ich fahre mit! entgegnete ſie, griff zum Mantel und bat ihn, vorfahren zu laſſen. Das nun wohl nicht, verſicherte der Onkel, ihr den gekruͤmmten Arm bietend: doch hab⸗ ich ihn, Aufſehn zu vermeiden, vors Thor be⸗ ſtellt. Er will mich nicht dort! ſprach Amalie, auf dem Wege, zu ſich ſelbſt, auch Auguſte fragte nur obenhin, ob ich die Kammerfrau begleiten wolle, und ſchwieg, als ich es ab⸗ lehnte. Er ſoll mich dort ſehen! fuhr ſie fort, 1 — — — 140 und ſtand vor einem, der gewoͤhnlichen, ſchwarz angeſtrichenen Trauerwagen. Da ſehn Sie nun, rief der Hof⸗Fouvier; er ſchlug mit dem Stock auf das Trauerhaus, vor welchem zwei hungerleidige Gaͤule in der Druſe la⸗ gen.. O, wie trefflich! fiel Malchen ein und umarmte mit Heftigkeit den uͤberraſchten Hof⸗ Feourier, Sie waͤhlten gluͤcklicher, als zu hof⸗ fen ſtand.. Gottlob, entgegnete der Oheim! auch wer⸗ den dieſe Pferde nicht durchgehen, und fahren wir langſam, ſo fahren wir auch wohlfeiler als alle, die da, wie unſinnig, vorbei kario⸗ len. Ja, lacht nur, lacht, wir kommen auch hin, und auf der Ruͤckkehr nach Mitternacht, ſieht doch ein Fahrzeug dem andern gleich. Immer lauter ward, um den Wagen her, das Gelächter. Ein Volkshaufe der ſo eben nach Wildthal zog, umgab ihn, als die will⸗ kommenſte Quelle der Zeitverkuͤrzung auf dem 141 langweiligen Wege, und auf dem Packbrete turnirte bald ein halbes Dutzend blinder Paſ⸗ ſagiere. Amalie druͤckte ſich tief in die Ecke, der Onkel ſchimpfte, bald rechts bald links, aus den Fenſtern und der kachektiſche Wagenlenker hieb mit der Trauerpeitſche, bald auf die keuchenden Roſſe, bald unter die bei⸗ den Haarkraͤusler, welche hinten, dem Zeter ſchreienden Schorſteinfeger das Haar zerzauſten. Seit Jahren hatten dieſe Pferde, faſt taͤg⸗ lich, den Weg auf den nahe liegenden Gottes⸗ acker, kraft ihrer Kaduzitzt nie einen weitern, kraft ihrer Beſtimmung nie einen andern zu⸗ ruͤckgelegt, und deshalb gewiſſe Eigenheiten an⸗ genommen, die ſie auch heute geltend machten. Im Schneckengange wandelte gewoͤhnlich das ſeltſame Paar bis in die Naͤhe des Kirchhofs, wo es ſich dann in Trab warf, ſo fluͤchtig als es ihm moͤglich war, bis zu dem Thore lief, und von da, nach einem kurzen Halt, in et⸗ was ſtaͤrkerem Schritt den Ruͤckweg einſchlug. 142 Gottlob! rief der Hof⸗Fourier, als dieſer Lauf jetzt begann, bewies Amalien in aller Kuͤrze, wie leicht man ſich, durch voreiliges Abſprechen, an Menſchen und Vieh verſuͤn⸗ digen koͤnne, und wuͤrde, waͤre Malchen nicht ploͤtzlich verblaßt, dieſen Beweis noch uͤberzeu⸗ gender durchgefuͤhrt haben. Der Wagen hielt nemlich, wie der Kutſcher vorausgeſehen und durch gewaltige Fluͤche und noch gewaltigere Peitſchenhiebe vergebens abzuwenden verſucht hatte, vor dem offenen Thore des Kirchhofs, und mit dem Spaden in der Hand ſah das Bruſtſtuͤck der Todtengraͤberinn, einer Er⸗ ſtehenden gleich, aus einem halbgeoͤffneten Grabe. 8 O mein Gott! ſtammelte Amalie, von Ahnungen ergriffen, ſah in dieſem ploͤtzlichen Stillſtehn der Pferde einen Wink des dunkeln Schickſals, in dieſem offenen Grabe die Pfor⸗ te ihres nahen Todes, ihr Ziel auf dem Wege zu Angelo's Fyeuden, und beſchwor den On⸗ . 143 kel, ſie hier ausſteigen zu laſſen. Dieſem ſchauerte die Haut. Nie hatte er bisher, ohne die hoͤchſte Noth, nie ohne Fieberfroͤſteln ei⸗ nen Kirchhof betreten, und naͤchſt dem Zorne des Hofmarſchalls, war ihm der Tod ein Inn⸗ begriff alles Schrecklichen. Poſſen, Poſſen! rief er jetzt, blaͤſſer als ſtine Nichte, die von Vorbedeutungen ſprach und bat den Kutſcher um Gottes willen, die Maͤhren todtzuſchla⸗ gen, auf daß ſie anzoͤgen und weiter gingen. Dieſer meinte, viel weiter wuͤrden ſie nun wohl nicht zu bringen ſeyn, er wolle deshalb in Gottes Nahmen umkehren, und nach Hau⸗ ſe fahren. Die Pferde hdrten kaum von die⸗ ſer Aeuſſerung, als ſie, unangetrieben, was ihres Amts war, vollzogen. Schaͤumend ſprang der Hof⸗Fourier heraus, ſtill laͤchelnd Amalie, die Genien des Packbretes ſulbten dem Beiſpiel. Kommen Sie, Herzenskind! bat der On⸗ kel, und ſah mit klaͤglichem Blick dem Trauer⸗ 144 wagen nach, der in ſanftem Trabe nach dem Thore zuruͤckrollte. Auch Amalie ſah ihm nach. So, dachte ſie, werden die Leidtragen⸗ den von Deinem ſtileen Grabe ins Leben zu⸗ ruͤckfahren, und der Begrabenen noch eine Thraͤne weihn. Ach, wie viel brechende Her⸗ zen haſt Du ſchon dem gebrochenen nach, an dieſe Pforte, und wieder zuruͤckgefuͤhrt. Ein Hauptſpaß! fliſterte der Hof⸗Fourier und ſchuͤttelte ſich, denn ſeine Augen kamen ſo eben von einem Todtenkopfe her, der aus dem Giebelloch der nahen Rathsgruft herab⸗ ſah. Ein toller Spaß! fuhr er fort, und ſah auf ſeine Fuͤße herab: nun, ſo ſpatzieren wir denn, unter des Herren Beiſtand, mit eigner Gelegenheit nach Wildthal hinaus. Ich daͤchte, fiel Amalie ein, und ſchlich dem naͤchſten Monumente zu; wir ſaͤhen uns hier erſt ein wenig um. Das ſollte mir beikommen! rief der On⸗ kel, vergaß fuͤr einen Angenblick, daß er vor 145 einer fuͤrſtlichen Kammerdienerinn ſtehe, und ergoß ſich in loſen Reden. Liebe Frau, ſprach Amalie zu der Todten⸗ graͤberinn: wenn das Plaͤtzchen dort unter der hohen Pappel noch frei iſt, ſo ſpare Sie mir's auf. Spotten Sie nur nicht! entgegnete dieſe, noch juͤngern hab' ich das Bett gemacht. Man⸗ che Braut grub ich hier ein: ſie ſchlafen ſanft in ihrer Kammer. 6 Sanft! lispelte Amalie: ſie ſah, laͤchelnd wie eine Ueberirrdiſche, auf die Graͤber. Ich gehe! rief der Hof⸗Fourier mit ge⸗ ſchloſſenen Augen. Verſunken in ihr Schickſal folgte die Nichte, und erwachte, als ein Kreis von Freundinuen ſie in Wildthal begruͤßte, aus einem langen Traume, der die Geſchichte ihrer letzten Tage, ihres Todes, und ihres Begraͤb⸗ niſſes enthielt. Zu Fuße, gnaͤdiger Herr, zu Fuße! ſchrie jetzt der Hof⸗ Fourier. Sie hier? ſprach, ihm Schillings Schr. 43r Bd. 10 146 den Ruͤcken kehrend, Di Amone und Amalie ſchlug, uͤberraſcht von der glaͤnzenden Erſchei⸗ nung des ſchoͤnen Mannes, den die Jagduni⸗ form trefflich kleidete, die Augen nieder. Und zu Fuß, wie ich hoͤre? fuhr er fort— Das hat der Herr Stallmeiſter zu ver⸗ antworten, erwiederte ſie: den ich bei Ihnen verklagen werde. Bluͤhender ſah ich Sie nie, ſprach er ſchmeichelnd. Sie ſchmuͤckte mich! lispelte Amalie, und fuhr ſchnell mit dem Tuch uͤber die Wangen. E. Auguſte ſpricht von Ihnen, wie eine Selige von der andern. S. Und ich vergoͤttre ſie. E. So knien wir vor demſelben Altare! S. Di Amone, warum goͤnnten Sie mir die Freude nicht, dieß Feſt zu ſehen? Ich bedarf der Zerſtreuung. Er wollte antworten, da rauſchten— denn es entſpann ſich dieß Geſpraͤch mitten in dem 147 Gewimmel— einige Damen zwiſchen ihnen durch, freueten ſich, den Markis wieder ſo wohl zu ſehen, und baten, ſie ein wenig durch den Park zu begleiten. Jetzt hieß Frau Mar⸗ kus Amalien willkommen, deren Augen ver⸗ gebens den Hof⸗Fourier ſuchten, welcher, einer Erquickung beduͤrftig, Amalien uͤber ſeinem Magen vergeſſen und den Kuͤchenmeiſter auf⸗ geſucht hatte.— Die Markus unterhielt das Maͤdchen aufs angenehmſte und fuͤhrte ſie durch den Garten, um ihr neue Anlagen zu zeigen, zu einem freundlichen Badehaͤuschen, das ſich im nahen See ſpiegelte. Es ſtand in ihm, durch ein Bruͤckchen mit dem Ufer verbunden. Friedli⸗ che Wellen ſpielten rings um ſie her, mit den ſchwimmenden Zweigen der Trauerweiden, die ſich vom hohen Ufer hinabtauchten, und ver⸗ hallten melodiſch an dem Geſtade. Hier war's ſo ſtill, ſo heilig, ſo feierabendlich wie auf den Graͤbern von denen ſie herkam, wohl⸗ . 2 148 thuend kuͤßte die kuͤhle Luft ihren gluͤhenden Buſen. Amalie trat, gereizt von den Herrlichkei⸗ ten ſeines Innern, welche die Fuͤhrerinn be⸗ lobte, in das Vorgemach, aus ihm in ein niedliches, achteckiges Spiegelzimmer und jetzt flog die Thuͤr, wie vom Zuge geſchloſſen, ploͤtzlich hinter ihr in's Schloß, ſie ſah ſich verſperrt und rief vergebens der Gefaͤhrtinn. Wo iſt Amalie? rief, aus dem Park hervor⸗ ſtuͤrzend, Di Amone der Bettmeiſterinn zu, die mit dem Strickſtrumpf in der Hand, unter den Trauerweiden hinſchlich, und von Zeit zu Zeit ſpaͤhende Blicke nach dem Badehaus warf. Das weiß ich nicht, gnaͤdiger Herr! ſtot⸗ 149 terte dieſe, die Augen an ihrer Arbeit zaͤh⸗ lend. Nicht? fuhr jener fort: doch ging ſie. noch vor wenigen Minuten, an Ihrer Seite. Und verlor ſich— im Gedraͤnge— Hier ein Gedraͤnge? Wehe Dir, Abſcheu⸗ liche! Wo iſt das Maͤdchen? Huͤlfe! rief Frau Markus: ſie ſtrebte, den gefaßten Arm loszumachen. Hinab in den See mit Dir! fiel er ein. Der Zorn erſtickte ſeine Stimme. Sie badet! ſtammelte die Bleiche, und ſprang davon; er flog nach dem Hauſe hin. * Auguſte trat jetzt mit der Aya und allen Da⸗ men, aus einer Allee an das Ufer. Dieſe erſchoͤpften ſich im Lobe der Kuͤhlung und prie⸗ ſen den Einfall der Prinzeſſinn, welche ihnen eine Moͤglichkeit zu baden verſchafft habe. Die Aya behauptete, daß dieß hier, weder mit Sicherheit noch mit Anſtand geſchehen koͤnne; daß der Zufall und der Frevel, daß Sturm und Woge mit Anſtalten dieſer Art oft ein gefaͤhrliches Spiel treibe, und ſie, fuͤr ihre Perſon, ſchon durch den Gedanken, daß die Herren des Hofs hier entkleidete Damen vor⸗ aus ſetzten, ſich von Scham und Unmuth er⸗ griffen fuͤhle. Jeſus Maria! rief die Prinzeſſinn, und das Gefolge rief es mit. Einem Wahnſinni⸗ gen aͤhnlich, ſtuͤrzte Angelo mit dem Hirſch⸗ laͤnger in der Fauſt, mit blutigem Geſicht uͤber —j. — 151¹ das Bruͤckchen, ſtand einen Augenblick am Ufer ſtill, und verlor ſich unter den Buͤſchen. Auguſte vergaß ihren Rang, ihren Schmuck, ihre Schleppe und eilte, wie auf Windes Fluͤ⸗ geln, dem einzigen Pfade zu, der in dieſe Gegend fuͤhrte. Sein Jaͤger rannte ſchnell, und ohne Rede zu ſtehen, an ihr voruͤber, vergebens ſah ſie ſich nach dem Geliebten um. Die Damen kamen nach, odemlos beſchloß die Aya den Zug. Ich ſterbe! verſicherte die Ein⸗ treffende, Auguſte nahm ſie in den Arm und erſchoͤpfte ſich in Schmeicheleien und Entſchul⸗ digungen. Alles ward auf die leidige Neu⸗ gierde geſchoben, und noch immer wuchs dieſe in den Fragen ihrer Damen, die gegenſeitig bezweifelten, daß es der Markis geweſen, und gegenſeitig betheuerten, daß er es geweſen ſey. Die eine wollte das Blut am rechten, die an⸗ dre am linken Backen die dritte, bloͤdſichti⸗ gere es nur auf dem Hirſchfaͤnger bemerkt haben, und alle riethen, die wenigen Schritte 152 bis zum Badehaus auf ſich zu nehmen, und die Sache an Ort und Stelle zu unterſuchen. Das wollen wir! ſprach Auguſte, und blieb ſtehen. Das wollen wir! ſprachen die Damen und doch wagte es keine, einen Fuß vorzuſetzen. Jetzt trat der Markis vor die Gruppe, begruͤßte ſie laͤchelnd und erklaͤrte ſich mehr als uͤberraſcht, auf einem ſo einſamen Plaͤtzchen den Goͤttinnen dieſes Hayns zu be⸗ gegnen. Was war das? ſprach Auguſte, ſah unver⸗ ruͤckt von ſeinem Hirſchfaͤnger, der glaͤnzend in der Scheide ſtack, zu einzelnen Blutstro⸗ pfen die an den Kleidern hingen, und von dieſen wieder auf jenen zuruͤck. Ein boͤſer Geiſt treibt dort ſein Spiel! rief die Aya; ſie zeigte auf das Badehaus. Nur eine Fledermaus! verſicherte er: be⸗ wundern Sie in mir einen zweiten St. George. Man rief jetzt zur Tafel. — 153 Der Hof erſchien. Eben als man Platz nahm, ſprach ein Kammerherr einige Worte in des Fuͤrſten Ohr. Dieſer ſah rund umher, und ſchuͤttelte unmuthig den Kopf. Doch keine Stoͤrung? fragte die Aya. Die ſchoͤnſte Har⸗ monie! erwiederte jener und eilte an ſeinen Platz. So oft Auguſte jetzt ihre Augen aufhob, hafteten ſie auf dem Markis, der ihr gegenuͤ⸗ ber ſaß, ſeine Nachbarinnen mit Anſtrengung unterhielt, ein Glas nach dem andern leerte, die Blicke der Lauſchenden vermied, und alle Spuren einer ſeltſamen Stimmung zu ver⸗ bergen ſtrebte. Die Tafel⸗Muſik begann, ver⸗ anlaßte und uͤbertoͤnte manches lautere Wort. Wahrheit! ſprach die Prinzeſſinn jetzt, als ſie endlich auf Angelos Augen traf. 154 Heute noch! erwiederte er, zur Decke ſe⸗ hend. 3 Ungluͤck? fuͤſterte ſie nach einer Pauſe: er bewegte verneinend den Kopf— doch ſah ich Blut! verſetzte ſie ſpaͤterhin— Die Fledermaus! fiel der Markis ein. Ich ſterbe vor Ungeduld! lispelte Auguſte wieder, da glitt ihr bald darauf ein Aufſchluß in die Hand. Mit Bleyſtift unter dem Ta⸗ feltuch geſchrieben, bedurfte das Blaͤttchen ei⸗ ner genauen Beſichtigung, Angelo ſorgte fuͤr die Moͤglichkeit. Bald ſah ſie ihre Nachba⸗ rinn lebhaft genng von ihm unterhalten, um das Pappier unbemerkt entfalten, den Inhalt entraͤthſeln zu koͤnnen, aber er hatte, in ſei⸗ ner Bedraͤngniß, mit dem verkehrten, bleylo⸗ ſen Ende des Stiftes geſchrieben, kein Zug erſchien deshalb auf dem Blaͤttchen. Tief ſeufzte ſie. Er ſeufzte mit, und ſprach nach einer Weile— Es dunkelt ſchon! Auguſte leg⸗ te das Tuch auf den Teller, und ſah zu ih⸗ 153 rem Vater auf. Die Stuͤhle flogen, der Kaf⸗ fe ward kredenzt, verſchwunden war der Mar⸗ kis, und vergebens wagten ſich die verſam⸗ melten Damen mit Fragen an die Beklomme⸗ ne. Nicht Eine hatte ihn, ſeit dem Aufhe⸗ ben der Tafel, geſehen und die Bruͤder, Vet⸗ tern, Freunde, unter den Garden und dem Jagd⸗Gefolge, welche deshalb, auf der Da⸗ men Veranlaſſung, nach allen Winden ausge⸗ ſendet wurden, kehrten alle mit der Betheu⸗ rung, daß er nirgends angetroffen werde, zu⸗ ruͤck.. Man ſetzte ſich zum Spiel— Di Amone hatte am Tage, als er ſich dem Fuͤrſten ge⸗ ſund meldete, den goldnen Schluͤſſel empfan⸗ gen, und heut den Dienſt bei der Prinzeſ⸗ ſinn. Jetzt mußt ihn ſein Amt herbeifuͤhren. Er kam nicht. Auguſte, ſtolz, heftig, unfaͤ⸗ hig eine maͤnnliche Kraͤnkung weiblich zu er⸗ tragen, uͤberhoͤrte in ihrem Aerger, die Stim⸗ me des entſchuldigenden Herzens, wendete 156 ſich gegen die Aya, und ſprach— Der Page war brauchbarer, als der Kammerherr, ich bitte Sie, ihm das zu ſagen. O, mehr als das! entgegnete dieſe, wenn ich ihn nur erſt ſaͤhe. Vergeben Sie, ſprach der Fuͤrſt der eben voruͤberſtrich, und vernahm wovon die Rede ſey: ich ſelbſt habe ihn verſchickt. Die Toch⸗ ter verbeugte ſich, erroͤthete beſchaͤmt, uͤber ih⸗ re Aufwallung und fliſterte in der Graͤfinn Ohr: Nun kein Wort, Maman, ich vergebe! Daß er gefehlt hat, erwiederte dieſe: liegt am Tage. Melden mußte er es doch— und erfahren muß er nun auch, daß der Verſtoß empfunden ward. Mich, nicht ihn beſtrafen Sie dann! ent⸗ gegnete Auguſte, wendete ſich raſch von ihr, an den Spieltiſch, wo Fehler auf Fehler die Geduld der duldſamen Mitſpieler erſchoͤpfte. Jetzt begannen die Tanze des Landvolks, — — — 157 es ertoͤnten Volkslieder zum Lobe des Fuͤrſten, weiße, mit Roſen bekraͤnzte Maͤdchen brachten ihm einen Blumenkranz, bluͤhende Juͤnglinge eine Garbe mit dem Oehlzweig umwunden, aber die Seele des Feſtes ſchwieg. Wie vor⸗ hin beim Spiele haͤuften ſich jetzt, in der Ausfuͤhrung, Fehler auf Fehler, der gute Fuͤrſt ſah ſich, abwechſend, bald zu herzlichem Dank, bald zur Entſchuldigung der Ungeſchick⸗ ten, die auf jenen hinarbeiteten, veranlaßt. Erſchoͤpft von den feierlichen Poſſen kehr⸗ te er zu ſeinem Pbombre zuruͤck, und verlor ein Spiel nach dem andern. Mit erzwunge⸗ nem Laͤcheln bot Auguſte, als es geendet war, dem Vater die Hand, und fuͤhrte ihn auf den Balkon. Ein Lebehoch von tauſend Stimmen erfuͤllte die Luft, der Park ſchien im Feuer zu ſtehen, ſein Nahme gluͤhte im Hintergrunde, Kanonen donnerten, das Feuerwerk praſſelte. Jubelnd ſah der Poͤbel den Rachetten⸗Stroͤ⸗ men nach, die Menſchen ſahen zu der Fuͤrſten⸗ 158 tochter hinauf, welche, glaͤnzender als der Strah⸗ lenkranz ihrer Juwelen, gleich dem Genius des Vaterlandes, an der Seite des Landesva⸗ ters ſtand und ſeine Hand voll kindlicher Zaͤrt⸗ lichkeit zu wiederhohlten Malen mit Kuͤſſen be⸗ deckte.— Jetzt ſtieg das letzte Bouquet in die Luft, und weithin ward die Nacht zum hellen Ta⸗ ge. Viel einſtimmiger als vorhin, rief die verſammelte Menge Auguſten nun ein Lebe⸗ hoch, dankend umarmte ſie der Fuͤrſt, fuhr dann mit ihr durch die beleuchteten Alleen, und uͤberſaͤttigt von den Freuden dieſes Tages, der ſo tief unter Auguſtens Erwartungen blieb, nach der Stadt zuruͤck. Nie war ſie einſilbiger, Amalie nie geſpraͤchi⸗ ger geweſen. Mich ſchlaͤfert ſehr, klagte Au⸗ guſte. Den Schlaf lernte ich beſchwoͤren! ent⸗ gegnete Amalie. P. Du warſt in Wildthal. Ich ſah Dich. A. Mein Oheim fuͤhrte mich hinaus. P. Ohne mein Wiſſen? A. Hatt' ich nicht Ihre Erlaubniß? P. Aber mit dieſem? Mir klag' es nicht, wenn die Aya ſchmaͤlt. A. Sie zuͤrne! P. Amalie! A. O, ich weiß ſelbſt nicht, was ich P. Haſt Du ihn geſehen? A. Wohl! P. Geſprochen? 160 A. Oft! P. Nach Tafel noch? A. Vor und nach. P. Er verſchwand. Der Fuͤrſt hat ihn verſchickt. A. Auf eine lange Zeit. P. Du kedeſt irr! A. Beſchwoͤr ich ſo den Schlaf? Fort ſoll er, fort. Soll reiſen. Morgen ſchon. A. Amalie! A. Und Prinz Carl— P. Mein juͤngſter Bruder? Den hab ich auch vermißt. A. Weil er Arreſt hat. P. Meine Ahnung— A. Und verwundet iſt. P. Willſt Du mich foltern? Sprich! um aller Heiligen willen, ſprich! Du biſt im Ge⸗ heimniß, Ungluͤckliche! Dich machte er zur Vertrauten! Dich? 164 A. Mich, gnaͤdigſte Frau. Und wuͤßten Sie wohl außerdem ein Wort? P. Du willſt Dich wichtig machen? A. Schelten Sie immer jetzt, noch in dieſer Nacht werden Sie mich loben. P. Rede! A. Prinz Carl ſtellt mir nach. P. Deine raͤgiiche Klage. Die Wuͤrde der Unſchuld reicht hin, eine ſo kindiſche Verſtr chung zuruͤckzuweiſen. 2ns Nicht immer! erwiederte Amalie mit hoͤ⸗ herem Ernſt; am mindeſten dann, wenn eine abgefeimte Kupplerinn— z P. Wer duͤrfte es wagen— A. Frau Markus. Gelang ihr Dian, ſo haͤtte ich meine Schande im See ertranke. P. Ich erſtarre! A. Sie lockte mich nach dem Badehaus. Sie beredete mich das Innere zu beſehen, ſie fuͤhrte den Schluͤſſel bei ſich uͤnd oͤſfnete die Thuͤr. Ich trete ein, dieſe fliegt alsbald hin Schillings Schr. 43 r Bd. 14 162 ter mir zu, aus einem Neben⸗Gemache tritt Prinz Carl. P. Der Abſcheuliche! Ich zittre mit Dir. A. Vergebens ruf' ich der Begleiterinn, rufe vergebens aus allen Kraͤften meiner be⸗ aͤngſteten Bruſt, um Huͤlfe, denn ſeine gieri⸗ gen Blicke, ſeine Worte und Gebehrden zeig⸗ ten klar genug, daß er entſchloſſen ſey, mich zu verderben. Ich entrinne ſeinem Arm, ich ſpringe zu dem Fenſter um mich zu befrein, er faßt mich, er bittet, beſchwoͤrt— droht und draͤngt mich— da ſpringt die Thuͤr auf, der Mar⸗ kis tritt, einem Engel gleich in das Gemach und fragt mit Nachdruck den Beſtuͤrzten, wer ihm das Recht gebe, Hand an ſeine Freundinn zu legen. Zuruͤck! rufte der Prinz: er zeigte auf ſeinen Degen. Zuruͤck! rufte Di Amone, ſonſt fließt Ihr Blut. Jener ſtieß nun ein entehrendes Wort aus; ich warf mich zwiſchen ſie, mich aber draͤngte der Markis zuruͤck, ſie eilten in das Vorgemach, die Klingen toͤnten, ich hoͤr⸗ 163 te fechten, mein Zuſtand ward unbeſchreib⸗ bar. P. Ich fuͤhl ihn! A. Dem Toben folgt die tiefſte Stilee: ich faſſe mir ein Herz, ich trete hervor, ſehe Blut am Boden, Blutſpuren bis zum Walde hin. Einige Damen luſtwandelten dort, ich ſchlich hinter ihnen diein, kam ſo bis zum Schloſſe, traf auf den Onkel, und beſchwor ihn, den Markis von meinem Daſeyn zu un⸗ terrichten. 1 P. Wieviel ein Maͤdchen doch zerſtoͤren kann! A. Der Prinz ward bei Tafel mit Un⸗ paͤßlichkeit entſchuldigt. Kaum war ſie aufge⸗ hoben, als Angelo dem Fuͤrſten in ſein Ka⸗ binet folgte, und ihn dort, unter vier Augen, von dem Verlauf der Sache unterhielt. P. Aber wie erfuhr Angelo, meines Bruders unedle Leidenſchaft? Wie den Plan, Dich Heute zu verderben? 164 A. Das wird er Ihnen vielleicht ſelbſt ge⸗ ſtehen. 1 Und reiſen, ſagſt Du— ze ie ſen ſoll er? Nimmermehr! Und morgen ſchon die Stadt meiden. Di Amone, hat der Fuͤrſt erwiedert: ihr ſeid bei⸗ de verwundet. Carl in den Arm, Sie in das Herz, und dieſe Wunde iſt die bedeutendere. Reiſen Sie, ſo weiß ich von nichts. Blei⸗ ben Sie, ſo werden ſich Zwangsmittel ſinden, zu Ihrer Heilung. Doch Guaͤdigſte, er ſelbſt wird Ihnen das viel beſſer und ausfuͤhrlicher erzaͤhlen. den Damen! A. Er ſoll Sie allein ſehen. P. O, waͤre das moͤglich! A. Es iſt! P Das wagt er nicht. A. Und wollten Sie es wagen? Ich bin tröſtlos! fiel Auguſte ein— Er⸗ zaͤhlen, ſagſt Du? Vor der Aya Woßl und ——ę—ỹ—O—ͦB—Z—Z—·—-— ——C———ꝛ—ꝛ—ꝛ———j—:———— 165 P. Mit Freuden, ja, zu jeder ſchicklichen Stunde. 3 A. Fuͤr reine Weſen iſt jede ſchicklich. P. Zu jeder ſichern dann. A. Die bietet nur die Nacht dar. P. Aber auch Du wagſt. A. Alles fuͤr Sie, mehr als Alles r den Retter meiner Ehre. P. 9O Du Dankbare! A. Meine Liebe traͤgt, von nun an, dieſe Farbe, die helle ſtatt der traurigen. ꝓ. Wohl Dir! Doch Angelo, mein Kind, Angelo bleibt hier. Der darf nicht fort. A. Bei Ungnade muß er das. Selbſt ſeine Freiheit waͤre gefaͤhrdet. P. Wir muͤſſen uns ſehen, uns ſprechen, um jeden Preis! Und ſollteſt Du ihn, ſelbſt verkleidet, durch alle Wachen und alle Kaich terinnen fuͤhren. A. Das will ich! rief Amalie, doch pruͤ⸗ 265 fen Sie ſich wohl, damit mich ſpaͤterhin kein Vorwurf treffe. P. Mein ewiger Segen, Malchen! mei⸗ ne heißeſte Liebe. A. Viel heißer lieben Sie wohl ihn, und eine ſolche Lage macht großmuͤthig. Mein be⸗ reitwilliger Dienſteifer koͤnnte das unuͤberſeh⸗ barſte Ungluͤck veranlaſſen.— Stark iſt des Mannes Seele zwar— P. Beſonders wenn ſie Dich im Vorzim⸗ mer weiß. Ich ſelbſt bitte Dich, in der Naͤ⸗ he zu bleiben. Fuͤrchte nichts, meine Liebe. Viel theurer noch, als die Ehre der Freun⸗ dinn, fuͤr die er ſein Gluͤck heut' aufs Spiel ſetzte, muß ihm die Unſchuld der Geliebten ſeyn. Prinzeſſinn, fuhr Amalie laͤchelnd fort: haͤtten Sie den Muth, ihn jetzt zu ſprechen? P. Jetzt? Wie das? Jetzt? Ich will nicht hoffen? A. Hoffen Sie! —— 167 P. Ich bin entkleidet, nie hat mich ſo ein Mann geſehen, am wenigſten mag ich mich dieſem im Nachtzeuge darſtellen. Sie waren nie ſchoͤner! entgegnete jene. Die Geſchmuͤckte ſah er bis jetzt, nun entzuͤck ihn das ſchmuckloſe Maͤdchen. P. Du ſcherzeſt, Malchen! Wie koͤnnt er unentdeckt hierher, bis ins Innerſte des Pallaſtes kommen? Die Hand der Dankbarkeit fuͤhrt ihn! ent⸗ gegnete Amalie, und ſchlug in die ihre. Schnell oͤffnete ſich die Thuͤr und vor Augu⸗ ſten lag Angelo. Seufzend verſchwand ſeine Fuͤhrerin. — 156⁸ Sie bob ihn raſch zu ſich empor, er ſank aufs Sopha neben ſie, nur Kuͤſſe hatten die Seligen bis jetzt gewechſelt. Vergeſſen war die Enthuͤllung ihres Geheimniſſes, des Fuͤrſten Zorn, die nahe Trennung. Hing nicht ſein Mund an dem ihren? ſchlug nicht ihr Herz in ſeiner Hand? lag ſie nicht, harmlos und vertrauend, wie eine Braut, im Arm der er⸗ ſten, der heißeſten, der innigſten Liebe, um⸗ fangen, umſtrickt von dem Braͤutigam, der ihr ſein Bild an den Finger ſchob? Amalie vernahm kein Wort. Nur der leiſe, luͤſterne Seufzer der Gluͤcklichen, nur das Getoͤne lan⸗ ger, ſuͤßer, verſchlingender Kuͤſſe ſchlug an ihr Ohr, und reuevoll warf ſie ſich jetzt das kuͤh⸗ ne, uͤbermenſchliche Opfer vor, welches ihr er⸗ 4 kenntliches Herz, auf eigene Koſten, dem Ge⸗ liebten gebracht hatte. Verſchwunden war der F — 169 hohe Heldenmuth, in welchem ſie, bewegt von ſeinen Bitten, entzuͤckt von ſeinem Zutrauen, vom Gefuͤhle hoher Verpflichtung hingeriſſen, den Wunſch gewaͤhrte, deſſen Erfuͤllung jetzt ihr Herz zerbrach. Zum Dornenkranze ward die gehoffte Palme, zur Hoͤllenflamme die Wonne der Großmuth, der Funke der Begei⸗ ſterung zur verheerenden Fiebergluth. So lauſchte Amalie, tief in ihr Tuch perhuͤllt, ver⸗ gehend unter wildem Schmerz, betaͤubt und thraͤnenlos, im Fenſter, vernahm die leiſe Arbeit des Hauptſchluͤſſes an der aͤuſſern Thuͤr nicht, nicht die beſchleichenden Tritte der Kom⸗ menden. Aus dem Himmel fallend, ſprang Augu⸗ ſta vom Sopha auf; der Ueberraſchte hielt ihre Hand. Sie hier? ſprach der erſchrockne Fuͤrſt. Mein Tod! rief die jammernde Ayg. Hab' ich verlaͤumdet? fragte Ulrike. 170 Du verſtummſt meine Tochter? fuhr jener fort. A nalie Meine Liebe, entgegnete ſie: iſt rein wie neine Seele, und ich zoͤgerte nur, ihrer vor dieſer Elenden zu gedenken, die ich verachte. Laͤchelnd verbeugte ſich Ulrike. Dahinein! ſprach der Fuͤrſt, und fuͤhrte das Fraͤulein in ein anſtoßendes Kabinet, das er hinter ihr abſchloß. Mit Heftigkeit warf ſich Auguſta jetzt an ihres Vaters Hals. Zu meinen Fuͤßen iſt Dein Platz! entgeg⸗ nete er, und verſuchte, ſich loszumachen. Dahin fluͤchte die Schuldige! rief Auguſta: Ihre ſchuldloſe Tochter gehoͤrt an des Vaters Bruſt.. F. Viel Dreiſtigkeit, bei Gott! Doch Du biſt ungluͤcklich, und auch das Ungluͤck hat ſei⸗ ne Rechte. Ich liebe den Markis, mein Vater! ent⸗ gegnete ſie: mit allem Feuer meiner unbefleck⸗ ten Seele lieb' ich ihn. 171 F. Ihre Schuld, Herr Markis! P. Auf halben Wege begegneten wir uns. Geſpielen von Jugend auf, verſtanden unſere Herzen ſich, fruͤher noch, als ſie die Liebe kann⸗ ten. Ein wichtiger Punkt! fiel jetzt die Graͤfinn ein: entſoͤndigt er nicht, ſo ſpricht er doch um Schonung an. Bin ich denn unbillig? fragte der Fuͤrſt. O, ein Vater, wie wir uns den Vater im Himmel wuͤnſchen! entgegnete die Graͤfinn, ſeine Hand kuͤſſend. Meine Tochter! fuhr er fort: Dein Selbſt⸗ gefuͤhl uͤberhebt mich, wie zu hoffen ſteht, mancher Eroͤrterung. Du haſt Pflichten, und wirſt ihnen folgen. P. Ich will! Ich werde! F. Daran erkenn⸗ ich Dich. P. Aber nie kann ich eines andern Man⸗ nes Gattinn ſeyn. 172 F. Das betruͤbt mich. Dem Markis ent⸗ ſagſt Du jetzt. P. Dem Markis? a9. nimmermeht: Ewig muß ich ihn über alles lieben! F. Und was ſagt dieſer Schweigende? M. Ich ſehe mich verwieſen und verſto⸗ ßen, doch giebt es eine Stelle, von der mich nichts verſtoßen kann. 1 F. Verſtoßen nicht, entfernen— nur. Aber werden Sie, auch aus der Ferne, den Frieden meiner Tochter ſtoͤren? Ihr vergeb⸗ ich dieſe Spannung, das Werk des Lehrers, die Frucht der Schwaͤrmerei. Auguſtens Ge⸗ fuͤhl iſt rein und unvermiſcht, doch neben Ih⸗ res Guͤnſtlings Leidenſchaft, erblick' ich den Stolz und ſeine Plaͤne. M. Gott kennt mein Herz! So warm als jetzt, ſchluͤg' es fuͤr Auguſten, haͤtte ich ſie auch in der aͤrmſten Huͤtte gefunden. F. Genug des Geichinibes. Morgen rei⸗ ſen Sie! —— 293 Der Markis verbeugte ſich ſchweigend. Ihr Ehrenwort endlich, daß Sie, ohne meinen eigenhaͤndigen Beſehl, die Grenze die⸗ ſes Landes nicht betreten.— M. Und wenn ich den Muth iet⸗ dies Wort zu verſagen? F. So kennen Sie das Schickſal der Verwieſenen, welche eigenmaͤchtig zuruͤckkehren. Ein ſicheres Gefaͤngniß wuͤrde ſich finden, und das Recht des gekraͤnkten Vaters von der Ge⸗ walt des beleidigten Fuͤrſten unterſtuͤtzt werden. M. Ich gebe es! Ohnmaͤchtig fiel Auguſta in den Arm der Aya. Der Fuͤrſt entließ jetzt Ulriken ihrer Haft, und kehrte zuruͤck. Ich bin die Schuldigſte! ſprach Amalie, und vertrat ihm den Weg. Sie that nur wie ihres Gleichen! entgeg⸗ nete er: ihr Reiſegeld liegt bereit. Fort, aus dieſer Stadt— aus meinen Staaten. Wie meines Gleichen that ich nicht! ent⸗ 17 ½ gegnete Amalie, beſinnungslos zu ſeinen Fuͤſ⸗ ſen ſinkend. Di Amone faßte ſie auf, der Fuͤrſt ver⸗ ſchwand. Komm Gefaͤhrtin! ſprach er, als ſie die Augen oͤſſnete: Malchen folgte bewußt⸗ los, ſie fand ſich, erwachend, auf Angelo's Zimmer wieder, und den Markis an ihrer Seite. Wo bin ich? rief ſie auffahrend. In Bruder⸗Armen! troͤſtete er. Moͤchteſt Du lie⸗ ber zu dem Hof⸗Fourier fliehen? Allein! ſtammelte ſie, rundum, ſoweit die Erde reicht, keine rettende Hand? Gefahren nur, oder Knechtſchaͤft, nirgends eine liebende, vertrauende Seele. O, das iſt ſchrecklich! Gnuͤgt Dir an mir? 4 Ich bin ein Maͤdchen! Meine Schweſter! Du begleiteſt mich, ich verlaſſe Dich nicht. Sie ſchwaͤrmen, Angelo! Gieb beſſern Rath! Fluͤchte zum Onkel, er wirft die Thuͤr' zu, vor der Verſtoßenen. Zu ——— 475 Frau Markus? Sie liefert Dich hohnlachend dem Verderber aus. Immer bleibt dir dies Herz eine heilige Zuflucht, und Neapel meine Vaterſtadt, wird doch mindeſtens eine Familie haben, der ich Dich anvertrauen kann. Noch lange verwarf Amalie den gewagten Vorſchlag, immer willkommener fand ihn das Herz und vergebens ſann ihr Verſtand, ihm einen annehmbarern entgegen zu ſtellen. Rund⸗ um lag fuͤr ſie nur ein Siberien von Elend. Dieſem Manne durſte ſie trauen, denn ſie betete ihn an. Bruder, Warner, Retter, al⸗ les war er ihr geworden. 4176 Am folgenden Morgen ward Amalien eine Goldrolle mit folgenden Zeilen eingehaͤndigt— „Innliegender Wechſel ſchuͤtzt vor Mangel. Viel Thraͤnen hat Ama⸗ lie veranlaßt, Thraͤnen der Thorheit und des Kummers uͤber dieſe. Sie leidet nur, was ihre Thaten werth ſind. Ihr Ungluͤck beſſere ſie. Die Aya. Am Mittag fuhr Amalie in Begleitung einer Ehrenwaͤchterinn nach dem Kloſter ab, deſſen Aebtiſſinn eine Bekannte Angelo's und der ſie bereits, durch einen Eilboten, von ihm empfohlen war. —.— — ᷣÿIYÄ⁵— Vergebens hatte die Aya den Reſt der Nacht an Auguſtens Bett mit Gemeinſpruͤchen aus⸗ gefuͤllt, die, kalt und troſtlos, von einem Herzen abglitten, dem man, in der Stunde der Vergoͤtterung, ſeine Goͤtter geraubt hatte. Sie wußten, ſprach Auguſta: um das Ge⸗ heimniß meiner Liebe, und verriethen es. Die Rachſucht verraͤth, entgegnete die Graͤ⸗ finn, die Pflicht zeigt warnend an. Das that ich laͤngſt, nach jenem Balle ſchon, als ich vergebens bei Ihnen fuͤr den willkomme⸗ nen Freier warb, den Sie verwarfen. Ulrike ſtirbt! fiel Auguſta ein: Angelo wird Banditen ſchicken, aus ſeiner Vaterſtadt. Schillings Schr. 43r Bd. 12 178 Prinz Carl iſt ihr Beſchuͤtzer! erwiederte dieſe. Auch das noch? ſeufzte Amalie. Zu unſerm Gluͤck! ſprach die Graͤfinn. Der Fuͤrſt weiß alles, und ſie geht, mit ſtarken Schritten, dem Kloſter zu, das ſo boͤsartige Naturen am ſicherſten verwandelt, oder— begraͤbt. ₰ 179 . Der Markis reiſte ab, am Schloſſe voruͤ⸗ ber. Seiner harrend lag Auguſte im Fenſter. Er ſah hinauf, ſah Thraͤnen ſtroͤmen uͤber die blaſſen Wangen der Leidensgeſtalt, und ſeine Lippen, ſeine Augen, ſeine Gebehrden ſpra⸗ chen den letzten innigſten, heiß erwiederten Gruß aus. Die Szenen dieſer Nacht gingen an ſeiner Seele voruͤber; an dieſem Herzen lag ſie, in ihrer Schoͤnheit, ihrer Anmuth, ihrer ganzen, vollen, hingebenden Liebe. Sei⸗ ne Kuͤſſe bedeckten die edle Stirn, den uͤppi⸗ gen Mund, den entfeſſelten Buſen. Eine Se⸗ kunde, und das alles war dahin, war auf ewig verſcherzt, war zum Traume des Bett⸗ lers worden, den eine Sommernacht zum .. 180 Mogul machte—— Vor dem Kloſter hielt der Wagen, ſein Jockei ſchellte, die Pfoͤrtne⸗ rinn ſah durch das gothiſche Fenſter. Iſt die Fremde da! fragte Angelo. Kein fremder Menſch! entgegnete dieſe⸗ Zwar gedachte die Domina heut' eines Zu⸗ ſpruchs, aber noch hat uns das Juͤngferl nicht heimgeſucht. — a— —e.— 181 Wo ſteckt Sie nun? rief ich, und warferſchoͤpft die Feder weg: ohnfehlbar wird ſich Amalie im Klo⸗ ſter eines Beſſern beſinnen? Sittliche Maͤdchen weiſt ihr Zartgefuhl ſchnell zurecht, und geht es mir nach, ſo ſieht und flieht ſie nun, in dem ein⸗ zigen Freunde, den gefaͤhrlichſten Feind ihres Friedens. Ach, gliche nur Eſchen dieſem Angelo! aber ſechs Wochen ſind voruͤber und doch iſt von der Hochzeit noch ſo wenig als von Malchens Ruͤckkehr die Rede, und was ich neuerlich von ihm hoͤrte, nicht geeignet, mir Hoffnung oder Zuverſicht einzufloͤßen. Roſine brachte die Zeitun⸗ gen; ich fand, unter mehrern Befoͤrderungen, den bisherigen erſten Kammer⸗ und Jagd⸗Pagen Freiherrn von Eſchen, zum Reiſe⸗Stallmeiſter er⸗ nannt, ſteckte, triumphirend das Blatt in die Taſche, griff zum Hute, und eilte ſporn⸗ ſtreichs nach Steinau. Ohne ſein Wiſſen und Wol⸗ 182 len, ſprach ich auf dem Wege, hat er dieſe Stelle nicht empfangen. Alſo bleibt er am Hofe! Bleibt er am Hofe, ſo darf er nicht wagen, ſich in ein Mißbuͤndniß einzulaſſen, und bleibt Malchen auf ſeinem Hoſe, ſo wird er ihr Kirchhof. Es iſt hohe Zeit, mit Muth und Stolz zwiſchen das Lamm und den Wolf zu treten, und noͤthigen Falls, ſo laut zu ſprechen, daß man am Throne vernommen wird. Ein niedliches, ſingendes, ſchnellfuͤßiges Franen⸗ zimmer ſchwebte, mit einem Packet in der Hand, vor mir hin. Ich wollte, das waͤre meine Fran! dachte ich, Sie iſt mir weder zu Kopf gewachſen, noch zu klein; eben groß genug, ihre Rechte gel⸗ tend zu machen. Sie ſingt, das verraͤth aͤſtheti⸗ ſchen Sinn. Singt Lieder der Freude! die be⸗ zeichnen ein freies, frohes Herz. Eine Schwer⸗ muthige, Befangene, Schuldige, wuͤrde Elegien, oder Bußlieder anſtimmen. Dieſer takthaltende, ſittliche Schritt burgt fuͤr ein reines Bewußtſeyn, die edle Haltung des Koͤrpers und des Kopfs fuͤr —a— 183 moraliſche Guͤte und Selbſt⸗Achtung.— Leicht und ſchnell, wie Rehe des hohen Liedes huͤpfte ſie jetzt uͤber ein Baͤchlein und der Sprung gab mir neuen Stoff. Dieſe weißen, niedlichen Struͤmpfe, fuhr ich fort, dieſe geſchonten, blaß⸗ blauen Strumpfbaͤnder ſind Zeugen ihrer Nettig⸗ keit und Ordnung⸗Liebe. Der Himmel gebe, daß das Geſicht uns weder Luͤgen ſtrafe, noch erſchrecke. Schon war ſie zu erreichen, als mich ein Steinhaufe, unter großem Geraſſel, mit Stock und Pfeife fallen machte: O Jemine! klagte die Nachtigall; ich ſchaͤmte mich ſehr. Herr Siegfried? fuhr Roͤschen verwundert fort— Sie hier? Das iſt ja herrlich, aller⸗ liebſt! Bis auf das Stufen⸗Cabinet, entgegnete ich: welches mir in Stiefeln und Taſchen, und Gott weiß, wohin gelaufen iſt; dieſe kleinen Kie⸗ ſel fuͤllen, wie Queckſilber, jeden leeren Raum aufs ſchnellſte. Aber wohin des Weges, gutes Roͤschen? Vor allem erlauben Sie mir, Ihr Ka⸗ 184 1 meel zu werden. Damit entzog ich ihr das Pa⸗ cket. S. Ei, gehen wir denn eines Weges? Ich bejahete und ſagte— Beide den Him⸗ melsweg. Dann war von ihrem Herrn Vater und den Beſchwerden der Thorſchreiberei die Rede, von meinem Zuſtand in jener Nacht, der zu Werthers Leiden und ins Gebiet der Liebe fuͤhrte. Von meiner Art ſie darzuſtellen, von meinen Buͤchern die ſie Theils las, Theils verleugnete. Ihre Meinungen und Urtheile uͤberraſchten und erquick⸗ ten den Romanenſchreiber. Schoͤpfen Sie, fragte ich, dieß Alles aus ſich ſelbſt? Lachen Sie nur! entgegnete Roͤschen: ich ſchaͤme mich nicht, meine Reberzeugung laut wer⸗ den zu laſſen. J. O, ich umarme Sie dafuͤr. Ich that 185 es, ſie wehrke dem und ſchalt— Auf offener Straße? J. Nicht etwa aus geſchmeichelter Selblie⸗ be, aber Sie ahnen den reichen, kritiſchen Schatz nicht, der in Ihrem Herzen ſchlummert. Dich⸗ terkuſſe, mein holdes Roͤschen, ſind Goͤtterfun⸗ ken, ſie erwecken den Geiſt der Poeſie, den rei⸗ nen, heiligen, in der Maͤdchen Bruſt. S. Der reine, heilige in uns, bedarf des Weckers nicht; am wenigſten eines ſolchen. Aber nun moͤchte ich wiſſen, ob hier der Weg nach Steinau abgeht. J. Nach Steinau? R. Nach Steinau. Hab' ich Ihnen nicht ſchon vorhin geſagt— J. Kein Wort! Dahin wollen Sie? Und was dort? R. Mein Gluͤck ſuchen. Sie wiſſen daß wir arm ſind. Sehr arm! Dem Vater faͤllt es allgemach zu ſchwer. Da trachtete ich denn, ſchon ſeit Monaten, nach einem Unterkommen. Jetzt 186 ſucht die Ansgeberinn des Herrn von Eſchen ein Kammermaͤdchen. Der Steinauer Verwalter ſprach heute mit Verehrung von ihr, und ſein Rath fuͤhrt mich jetzt zu dem Verſuche. Kehren Sie um, bat ich: o, kehren Sie um! Die Tochter dieſer Ausgeberinn wies Sie an jenem Morgen, auf der Treppe meines Hau⸗ ſes ab, und dieſe Tochter koͤnnte Ihnen, wie ich fuͤrchte, ſelbſt bei dem beſten Willen, fuͤr jetzt nur einen ſehr zweideutigen Himmel oͤffnen. Dieſe? rief, meine ernſt werdende Gefaͤhr⸗ tinn, um ihre Hoffnungen betrogen: ja dann bin ich ganz vergebens gegangen. Beſtes Roͤschen, ſprach ich, und zog ihr Pa⸗ cket vom Stocke: ich ſelbſt ſehe mich vielleicht ſehr bald im Stande, Ihnen einen Platz, ei⸗ nen, der mehr nach Ihrem Sinne, einen der Ihrer wuͤrdiger ſeyn duͤrfte, zu verſchaffen. Vor kurzem verſchmaͤhten Sie die Uhr. Jetzt biet' ich Ihnen dies elende, einzige Goldſtuͤck meiner 4 —— —— —ᷓù 187 Boͤrſe an, nicht als Geſchenk, als Vorſchuß nur. Sagen Sie Ihrem Vater, daß ich der Lehner ſey, daß er ſich guͤtlich dafuͤr thun ſolle, daß ich meine Zudringlichkeit bei ihm verantworten und nicht ruhen werde, bis er ein anſtaͤndiges Ein⸗ kommen habe. Roͤschens Augen verriethen den Kampf des dringenden Beduͤrfniſſes mit dem Zartgefuͤhl und ihren Grundſaͤtzen, ich aber lief nun, ſo ſchnell mich meine Fuͤße trugen, dem Walde zu. Einmal mußte denn doch noch zuruͤckgeſehen werden. Noch ſtand ſie da, erhob den Arm, warf mir einen dankenden Kuß zu, einen noch, und nun den dritten. Weit warf ich meinerſeits den Stock von mir, und erwiederte die ruͤhrende Gebehrde, unausgeſetzt mit beiden Haͤnden und kam endlich, ohne Gold und ohne Stock, auf einem ſelbſtge⸗ bahnten Wege, vor der Hinterthuͤr des Schloſ⸗ ſes an. Ein reich gekleideter Jaͤger fragte— Was will er? 4 188 Mores lernen! entgegnete ich: und von Ihnen. Zur gnaͤdigen Frau wohl? fuhr er fort. Giebt es hier eine ſolche? Man ſagt unr ſo! erwiederte er lachend, und ließ mich ſtehn. Ach, hoͤrte das Malchen! dachte ich, und ſtieg hinauf. Eine Fee trat aus dem Vorſaal. Tief ver⸗ neigte ich mich. Ah, mon cousin! ſprach ihre wohlbekannte Stimme, ſeyn Sie mir herzlich Gott gruͤß' Dich, Malchen! entgegnete ich etwas rauher: faſt haͤtt' ich Dich nicht gekannt. Sie fuͤhrte mich, unter ſuͤßen Worten, durch 1 eine Reihe geſchmuͤckter Zimmer, in ihr Kabinet. Die Waͤnde waren mit Seide bedeckt, der Ka⸗ min von glaͤnzendem Marmor. Thuͤrſtuͤck und Platfond verkuͤndigte Genuß, und eine Art des Genuſſes, den Malchen zu geben, von der Natur berufen ſchien. 189 Hier druͤckte mich meine Begleiterin ins So⸗ pha nieder, ich fuͤrchtete in den duftenden Kiſſen zu verſinken, und fragte kleinlaut— Wo iſt denn die Mutter? Sie fuhr nach der Stadt, entgegnete Mal⸗ chen: verſchiedenes einzukaufen, denn hier fehlt es noch an Allem. Am Guten nur, am Schoͤnen nicht! entgeg⸗ nete ich, und ſah mich um. Bei mir iſt ſie nicht abgetreten. 4 M. Im Gaſthof wohl. Noch dieſen Abend erwart' ich ſie. J. Noch? vielleicht koͤmmt ſie erſt Mor⸗ gen. M. Vielleicht— Warum? J. Du biſt hier ganz allein indeß? M. Allein? Es ſchuͤtzen uns Jaͤger und Be⸗ diente. J. Vor Naͤubern, ja! Wer ſchuͤtzt Dich denn vor Ihm? 190 M. Die Braut vor dem Braͤutigam? J. Die Betrogene vor dem Betruͤger? M. Biſt Du noch immer hypochonder? J. Das heißt— bei Ehrgefuͤhl. M. Ungerechter! J. Verblendete! M. Wie kurz war meine Freude, den ver⸗ mißten Freund endlich wieder zu ſehn, J. Jetzt trat der Jaͤger ein und zuͤndete den Kronleuchter an. Malchen! ſprach ich: vor wenigen Minuten fragte mich dieſer Menſch, ob ich zu der gnaͤdigen Frau verlange, und als ich mein Befremden, ſchon eine ſolche hier zu fin⸗ den, aͤußerte, erwiederte er lachend— Man ſagt nur ſo!—.— Dem Jaͤger ſiel der Zuͤndſtock aus den Haͤn⸗ den. Aus meinen Augen, Elender! rief ſie, ſchnell empoͤrt. Er ging, vernehmlich brummend, ſei⸗ nes Weges. — 191 Heinrich! rief jetzt Amalie, im Innerſten verwundet: Ruͤckſichtloſer, wie beſchimpfft Du mich! J. Ich mache Dich nur mit der oͤffentlichen Meinung bekannt.„Man ſagt nur ſo“ verſtehſt Du mich, und weiß, daß Du die Buhlerinn des Freiherrn wardſt, der zum Reiſe⸗Stallmeiſter ernannt, alſo fuͤr Dich verloren iſt. Ich erroͤthe, ſo oft mich gute Freunde nach Dir fragen; an Deiner Stelle wuͤrd' ich vergehn. S. Sprich, was Du willſt, Dir verzeih' ich. Mir gnuͤgt das Wort des Edlen, mich kann er nicht taͤuſchen, ich weiß, woran ich bin. J. Woran denn? S. Hart am Ziel. Dieſe Befoͤrderung ge⸗ hoͤrt in ſeinen Plan. J. An Plaͤnen hat es ihm nie gefehlt, aber der Plan, Dein Gluͤck zu machen, ſcheint verun⸗ gluͤckt. S. Die Stimme der Eiferſucht betaͤubt Dein Herz. 192 J. Wahrhaftig, nein! Dich gab ich auf. Und waͤrſt Du auch noch rein, zerriſſeſt Du auch heute dieſe Banden noch, fuͤr mich waͤrſt Du nicht mehr. S. Die Ewigkeit der Maͤnnerliebe. J. Und ich, ich ſehe was Tand und Glanz, was die Zunge eines beredtſamen Verfuͤhrers in ei⸗ ner Hand voll Zeit aus einem Maͤdchen machen kann, das fuͤrwahr unter die beſſern gehoͤrte. S. Wann fiel ich unter dieſe? J. Am Morgen der Abreiſe. S. Vorurtheil! J. Wehe Deinem Geſchlecht, Amalie! wenn es uͤber Vorurtheile, die ihm Ehre, Ruhe, alle Heiligthuͤmer ſeines Lebens erhalten, zu vernuͤnf⸗ teln beginnt. Sind der Herr Reiſe Stallmeiſter zugegen? S. Ich erwarte ihn, J. Heute noch? S. Zum Abende. 193 . Vor kurzem verſicherte er mir, daß meine Gegenwart ſein Gluͤck vollenden wuͤrde, Gern mach' ich Gluͤckliche und komme deshalb. S. Sei freundlich, ſo nimmt er Dich mit offnen Armen auf. J. Ei, das glaub' ich Dir! Trug er Dich nicht auf offenen Armen in das offene Grab Dei⸗ ner Ehre? S. Der Himmel gab mir Herz und Sinn, Vernunft und Ueberlegungskraft, doch ſah ich bisher keinen Schatten von den Schreckbildern, die Du mir da in Deinem Widerwillen zeigſt. Glaube mir, Heinrich, Deine Lage macht Dich ſo truͤbſinnig, und das Buͤcherſchreiben zum Pe⸗ danten. Nannteſt Du nicht ſelbſt oft dieſe Dich⸗ ter⸗Fantaſie eine boͤſe Fee, die Dir uͤberall nur Hohlſpiegel vorhalte, Dich nur auf ſtuͤrmiſche Gipfel oder in Abgruͤnde treibe, und die Zwerge der Grillen zu Rieſen mache? J. Du, freilich! machteſt gern die Rieſen des Gewiſſens zu Zwergen, und Grillen aus der Schillings Schr. 431 Bd. 13 — 194 Pflicht. Ach, Amalie, weinen moͤcht' ich, wenn die Erinnerung an jene beßre Zeit mich ſaßt, wo ich Dich noch, hoffnungsvoll, an dies Herz druckte. Du lebſt in dem meinen! entgegnete ſie, mit dem Zauber des Wohlwollens und ſetzte ſich trau⸗ lich an meine Seite. Gebenkſt Du, fuhr ich fort: gedenkſt Du noch der langen Winter⸗Abende, wenn wir ſo wie jetzt, doch viel harmloſer, im heimlichen Stuͤbchen ſaßen, und die heiligen Banden der Freundſchaft, der Mittheilung und des Mitge⸗ fuͤhls uns umſchlangen. Wie wir uns da jede geheime Regung mittheilten, ich in Deiner See⸗ le las, Du uber das Schickſal meines Alberts weinteſt, mit meiner Lina Dich der Triumphe freuteſt, die ihr ſchoͤnes Herz errang. Ich gedenke! ſprach ſie ſeufzend, und legte das Geſicht in ihre Hand. A Dein Innerſtes lag offen vor mir da. Iu Dir ergruͤndete ich das Weib, o raube mir den Glauben nicht an Dein Geſchlecht. * 193 Nimmermehr! lispelte ſie, den Arm um mei⸗ nen Nacken ſchlingend. Welche Gruppe! ſprach Herr von Eſchen, und trat aus einer Tapetenthuͤr. Ich ſprang auf. Was befehlen Sie noch? fragte er, naͤher kom⸗ mend, 3 Dieſes moch entgegnete ich, beweiſt, daß meine bisherigen Aeußerungen einen Hoͤrer fan⸗ den. 1 Sie ſprachen ſo vernehmlich, erwiederte er, daß ich, ohne mich eben zum Lauſcher herabzulaſ⸗ ſen, kein Wort verlor. S. So erſpart mir die Kraft meiner Rede manche, laͤſtige Wiederhohlung. Ich bin gewohnt, verſicherte der Baron: Be⸗ leidigungen uͤbereilter Freunde mit Sanftmuth zu erwiedern, und vermag ich es, mit Großmuth * zu vergelten. J. Ich nehme Sie beim Wort, Baron! Ich fordere Sie zur Uebung dieſer Tugend auf. Zei⸗ gen Sie endlich Amalien eine ſichere Ausſicht auf 2 0 8 Ihre Hand, und gern will ich die Kohlen gluͤhen laſſen auf meinem Haupte. Laſſen wir vielmehr dieſen kleinen Krieg, fiel er ein, er koſtet nur Worte, Sentenzen und Galle. Amalie weiß am beſten, welche Berge bisher zwiſchen uns, und dieſem Ziele lagen. Umarmen Sie mich, und ich vergeſſe, daß meine Braut an ihrem Herzen lag. J. Die Blutsverwandtinn lag an ihm. Der Gott den ſie im Buſen traͤgt, ſah fuͤr einen Au⸗ genblick durch den Schleier mit dem Ihre Kunſt ihn verhuͤllt hat. Die beſſere Vergangenheit daͤmmerte vor ihr auf, die ſeligen Erinnerungen an eine Zeit, aus der kein Vorwurf ſie ver⸗ folgt. Herr Siegfried, rief der Baron: dieſe zu⸗ dringliche Unfeinheit, dieſes rüͤckſichtloſe Hinar⸗ beiten auf Zwietracht, erſchoͤpft meine Geduld. Frei, wie ſie dieß Haus betrat, ſteht hier Ama⸗ lia. Sie waͤhle zwiſchen uns, und in Frieden ziehe der Weggewieſene heim. 8 197 gieber Eſchen! ſprach unſere Kampfrichterinn, und drückte ſeine Hand mit Heftigkeit auf ihre ſchone, faſt enthuͤllte Bruſt: nur der lebhafte, bruͤderliche Antheil an meinem Heil, entbindet ſeine Zunge und laͤßt den Eifrigen vergeſſen, vor wem er ſteht. Nie wußt' ich das beſtimmter! entgegnete ich ſehr beſtimmt. Entſcheide! bat er, Malchens Hand kuͤſ⸗ ſend. Swig, ſprach ſie, und umarmte ihn: ewig werd' ich zwar die Deine ſeyn, aber nie ſoll auch mein Herz den Wohlthaͤter meiner verlaſſenen Mutter, den Vertrauten meiner Kindheit, den Beſchuͤtzer maeiner Iugend verlaͤugnen. Ei, ſehn Sie doch! rief der Baron, und draͤngte ſie von ſich. Bleibt, fuhr Amalie fort: bleibt dies Ge⸗ ſtandniß unter der Erwartung des Gereitzten, ſo wird es mich doch gewiß in den Augen des Be⸗ ruhigten erheben, und Ruhe finden wir beide 198 nur am Altare. Gieb mir die Hand, Geliebter! und ihm vergieb. Vergebung, entgegnete ich, bedarf ich erſt am Hochzeittag, und lange duͤrft' es werden, bis dorthin. Doch geh' ich getroͤſteter, denn noch re⸗ gen ſich Adel und Wuͤrde in Deiner Bruſt. Zum Fuͤrſten geh' ich, bald haſt Du Gewißheit. Sind Sie bei Sinnen? rief der Baron und ſtuͤrzte mir nach. Das hoff' ich zu beweiſen! entgegnete ich, floh uͤber die engliſche Treppe hinab, durch den Garten, dem Wege zu. Es war ſcockfinſter. Heinrich! Heinrich! rief Amalie mit bittendem Ton aus dem Fenſter, aber Heinrich eilte fort. Ende des erſten Theils. ———— Druckfehler: 08 Zeile 1 ſtatt Lanz lies Lenz. — ſſſſſinſſſſſſſſiſſſſmſſſſſſſſinſnſſinſſſſſnin UIi 5 1 1 11 12 13 14 1 6 7 18