Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur G vn. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 83 Deih- und Jeſebedingungen. 8 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſe pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deffelben entſprchende Sanaͤme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. N b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für chchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— weler: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 1 2 2„—„„= ⸗„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Iunn Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 —— Guſtav Schilling. 1 Zweite Sammlung. Neun und dreißigſter Band. Geſchwiſſte, von Guſtav Schilling. Zweiter Theil. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung, 1826. Die Geſchwiſter. Zweiter Theil. —OO——— ñℳö—õõõ——— —— —— ÿõÿõÿʒʒʒ—„232 ————ÿ/— 1 — — Pelion glich, während der Heimkehr, ei⸗ nem Nervenkranken, da aber Mathilde mit einer andern Familie zuruͤck fuhr und der Schlaf, auf halbem Wege, die Aeltern beſchlich, auch weder Mond noch Sterne den Ruͤckſitz erhellten, ſo neigte ſich die Braut vertraulich zu dem Schmoller. Sie fliſterte ihm ihre Rechtferrigung in's Ohr, ließ dann die warmen Lippen auf ſeinen Wangen ruhen und der Zauber dieſer Mit⸗ tel fuͤhrte, bald genug, die zweite Verſoͤh⸗ nung fuͤr den heutigen Tag herbei. Es dauerte ihn nur, daß er vorhin, im un⸗ nuͤhen Grimme, mit den Zaͤhnen geknirſcht hatte, die eine ſeiner ſchoͤnſten Zierden wa⸗ 6 ren und zu deren Schonung ſich derſelbe den Genuß des Confektes, der Knackman⸗ deln und aͤhnlicher Leibſpeiſen verſagte; da⸗ heim aber fand die Braut einen Brief von Enewold; ſie eilte zu Bette, um den In⸗ halt bequemer zu genießen und las: „Einzige, unſchaͤtzbare Schweſter! Du biſt ein Engel, der Pagen, Cadetten und Panduren ſelig macht— die Hanne ganz und mich zur Halbſchied; jene aber fuhr, Stationweiſe, in drei Acten zum Himmel. Erſtens, als ich Dein Fuͤllhorn auslud; ihr, Stuͤck fuͤr Stuͤck, als Eigenthum be⸗ haͤndigte und jedes folgende, wie die Theile eines guten Romanes, die fruͤhern an Reiz und Bedeutung uͤberwog. Zweitens, als ich ehrbarlich abtrat, und die Anprobe, mit Huͤlfe der Mutter, erfolgte, welche Euere Spenden dem Mannaregen in der Wuͤſte verglich, waͤhrend dem die Tochter 4 ſie mit Thraͤnen der innigen Wonne be⸗ ſtreute. Drittens, als Hannchen, am fol⸗ genden Johannis⸗Morgen, angeſtaunt von allen Even der Feſtung, zur Kirche ging; ich aber druͤckte die geraͤnderten Goldfruͤchte Deiner Liebe an die Lippen und ſchickte nach Wein, um dieſen Sabbath nach Wuͤr⸗ den zu feiern. Hanna verſagte; doch ihre Mama trank fuͤr die Bloͤde; ſie herzte mich, vom Geiſt ergriffen, wie ein Kind ihrer Liebe; Pandurus endlich ſchluckte und ſa⸗ kramentirte Dir Heil und Segen zu; ſeine ſchamrothe Schnarchnaſe glich einem bren⸗ nenden Johannistopfe. Der erſte Toaſt galt, wie billig, der milden, dem Gluͤck im Schooße ſitzenden Pelionide, denn als Romly's Verlobte wuͤrdeſt Du ja, ſtatt dieſes huͤlfreichen Goldes, dem Bruder hoͤch⸗ ſtens ein Wuͤrſtchen oder ein Gaͤnslein zu opfern vermocht haben und das wohl kaum? —— — —— — [—— 8 Schlug doch die Feldwebelin, als mich juͤngſt nach einem ſolchen verlangte, die Haͤnde uͤber ihrem Eulenhaupte zuſammen. Gebratene Gans, meinte ſie, ſei ein Lek⸗ kerbiſſen fuͤr den Stab, und Moſes am drit⸗ ten ſtehe geſchrieben:„Im Schweiße Dei⸗ nes Angeſichtes ſollſt Du Dein Brot eſſen“, nicht aber mit Speck oder Gaͤnſefette. Vor acht Tagen hob ſie den kleinen Profos aus der Taufe; Pandurus ging, als Freßgevatter, nach, ich und Hannchen blieben allein. Die Gute leidet, beilaͤufig geſagt, noch am Wadenkrampfe und ſteht, Troß meiner Warnung, auf dem Sprun⸗ ge, ſich dem Parazelſus von Kalkſtein, dem Scharfrichter Bonifaz anzuvertrauen, der, als ein Gegenfuͤßler der Homoͤopathen, am liebſten zu Pferdemitteln greift, aber Gluͤck hat und ſomit Aergerniß erregt— dieß in Parentheſi.— 8— — 9 Hannchen ſtand am Waſchfaß' und pries dabei wieder, mit Begeiſterung, ihre Huͤlfengel; ich mußte Dich ſchildern. Wir ſehn uns ſprechend aͤhnlich, ſagte ich: nur daß die Schweſter tauſendmal kluͤger, hun⸗ derttauſendmal ehrbarer und eine Million⸗ mal huͤbſcher und gluͤcklicher ward. Sie heirathet naͤchſtens den ſchoͤnſten unſerer jungen Herren, ein ſchneeweißes Laͤmmchen mit rothem Halsbande, das uͤberdieß reich genug iſt, ſeinen eben erkauften Pallaſt bis an den Hahnbalken vergolden zu laſſen und dann noch immer fragen kann: Wie theuer der Vollmond?. Deen goͤnne ich Ihr! ſagte Hanna: das Goldſchloß dazu und den ſchoͤnen, mildſe⸗ ligen Lammſchatz.— Sie zog hierauf ein ſuperfeines, mit geſtickten Kanten ge⸗ ſchmuͤcktes Schnupftuch aus dem Waſſer und ich erſtaunte. Hoͤre, weshalb. Du —õ —— 3 10 denkſt wohl des Abends noch, an dem die Aeltern auswaͤrts ſpeiſ'ten, die ſechs Gold⸗ maͤuschen zu Dir kamen und freien Lauf hatten, auch Mirabella herbei geholt ward und wir, nach dem Muſikmachen, blinde Kuh ſpielten. Die war ich zuerſt. Mira verband mir, zu meinem Entzuͤcken, mit ihrem eigenen Tuche die Augen und mein Herz brannte eben damals ſo lichterloh fuͤr die Goͤttliche, daß ich, nach dem Spiele, das Tuch beſeitigte und verleugnete. Du warſt guͤtig genug, Tags darauf, bei der Baudry das ſchoͤnſte ihres Vorrathes ein⸗ zukaufen— haſt, leider! auch die Auslage noch zu fodern— warſt ſo gefaͤllig, das M. C. ihrer Chiffer hinein zu ſticken, es der Campo, Namens meiner, als einen Erſatz fuͤr das verſchwundene einzureden und dieſes Tuch, das unverkennbare, erblickte ich jetzt in Hannchens Haͤnden und Frage 11 auf Frage folgt ſofort. Das Maͤdchen er⸗ gluͤht und verſtrickt ſich in widerſprechende Ausſagen; ich draͤnge und ſchmeichle, ge⸗ lobe ihr ewiges Verſtummen, zeihe ſie des Undanks, der Liebloſigkeit, der Suͤnde. Da ſtuͤrzen große Thraͤnen aus ihren an⸗ 1 genehmen Augen, denn ſie iſt huͤbſch!— Lieblose wimmert die Geangſtete und umfaͤngt mich ploͤtzlich, von ihrer ausbre⸗ chenden Leidenſchaft verzuͤckt, mit den Ar⸗ men voll Seifengiſcht und ſympathetiſch heule ich mit. Die Gruppe am Waſch⸗ faſſe ſtellte gleichſam den Wehr⸗ und Naͤhr⸗ ſtand in ruͤhrender Vermaͤhlung dar, denn ich wehrte mich nicht; ich ward zudem von einem langen, herzinnigen Kuſſe genaͤhrt und ihre Thränen vergroͤßerten die Feuers⸗ brunſt, ſtatt ſie zu loͤſchen. Wenn ich's geſtehe, lispelte ſie endlich: und Sie nicht ſchweigen, ſo laͤßt der Fuͤrſt den Libater erſchießen und ich falle vielleicht dem alten Bonifaz in die Haͤnde. Die Dame, der das Tuch gehoͤrt, Frau Maria Clausner, iſt eine geheime Staats⸗Ge⸗ fangene, die, vor Kurzem, bei Nacht und Nebel, hierher gebracht und der ich zur Aufwartung gegeben ward. Hannchen ſchil⸗ derte ſofort die Perſon und zeichnete, zu meinem Erſchrecken, Mirabellens Bild.— Du ſchriebſt mir neulich, wie bitterboͤſe Mira, ſeit dem Empfange jenes Schmuk⸗ kes, auf den Fuͤrſten ſey, ja, daß ſie, noch am Abende vor der Abreiſe, im Thee⸗ zirkel bei der Landraͤthin, von einem gehei⸗ men Zuſammentreffen mit demſelben ge⸗ ſprochen und die Mittheilung des Vorgan⸗ ges fuͤr eine Pflicht gegen ſich ſelbſt erklaͤrt habe. Alles das ward, hoͤchſt gewiß, dem Großherrn verrathen, welcher ſie, unfehlbar, in ſeinem Zorne an der Grenze aufheben 13 ließ und zur Buͤßerin machte; ein Wunder, daß dieß Schickſal die freiſinnige, ſelten das Wort waͤgende Muſe nicht fruͤher be⸗ traf. Nun aber ſoll und muß Maria Stuart auch erfahren, wovon uns Beiden nie getraͤumt, daß ich vor ihrem Kerker ſchild're, daß ein Quaſi⸗Mortimer in der. Naͤhe iſt und ſoll und muß, wenn anders nicht Hannchens natuͤrliche Eiferſucht zum Wadenkrampfe ihres Dienſteifers wird, in naͤhere Beziehung zu mir treten. Du aber, Schweſter! erhaͤltſt dieß gewichtige Blatt auf dem ſicherſten Wege, ſchweigſt, wie das Grab, verbrennſt es ohne Zoͤgern. Kaue und verſchlinge es ſogar, im dringendſten Falle, weshalb ich auch, zu Schonung Deiner Zaͤhnchen, ſtatt des Sandes, mit Pfeffer ſtreue, der ſelbſt unſere Roggen⸗ kloͤße— ein Surrogat der Kanonen⸗Ku⸗ geln, verdauen hilft; um wie viel leich . e——— ———— 14 ter mein Poſtpappier.— Gott ſey mit uns!“ 1 „Noch ein's, Lotte— ein rührender Zug! Vater und Mutter verlaſſen den Infanten, aber Tapſel, mein Huͤndlein, das im Pagenhauſe zuruͤck blieb, traf neu⸗ lich, einem Gerippe gleich, bei mir ein. Welche Naſe! Welche Treue! des ge⸗ raͤucherten Wurſtordens werth, der ihm ward und ihm ſchmeckte.“ Charlotten erfuͤllte des Bruders Zuſchrift mit Kummer und Unruhe. Sein roher Muth, ſein heilloſer Leichtſinn mußte ihn dort, hauptſaͤchlich nach der angezeigten Entdeckung, des naͤchſten in's Verderben ſtuͤrzen, auch kannte ſie den Geiſt, den furchtloſen Sinn, die Charakterkraft der Freundin— ſeltene Gaben„ welche Mira's Rollenfach geſtaͤrkt und ausgebildet hatte. Sie wußte, wie ſehr der Bruder jener zu⸗ ſagte, ſie durfte gewiß ſeyn, daß er, durch Johannen, den Weg zu ihr finden und Mira ihn, dagegen, zum Werkzeuge der Befreiung mißbrauchen werde; auch das verliebte Maͤdchen ſchien, in mehr als ei⸗ ner Hinſicht, ausgeſetzt.— Nun galt die Frage, ob es rathſämer ſey, dieß alles dem Schickſal anheim zu ſtellen„ oder dem dro⸗ henden Ungluͤcke durch verſtaͤndige Maßre⸗ geln zu begegnen— die zu erſinnen, war die Aufgabe. Es fiel ihr bei, daß der Onkel Amthor, den nur ein Fieberchen bis jetzt in der Mitte gezogener Nieten feſtgehalten hatte, des naͤchſten aufbrechen und zu ſeinem Freunde nach Siebenbuͤrgen zuruͤckkehren werde. Er war beſonnen, zu⸗ verlaͤſſig, ihr noch vom Herzen gut und deßhalb auch, vor Allen, geeignet, dem offenen Vertrauen zu entſprechen. Sie 16 konnte demſelben, ſicher vor Mißbrauch und Uebereilung, den Inhalt des Briefes mit⸗ theilen, ihn vermoͤgen, uͤber Kalkſtein zu reiſen, den Neffen zu begruͤßen, ihm den Abgrund zeigen, welchem er, auch durch die leiſeſten Vorſchritte zueile und ſein Eh⸗ renwort fuͤr das Verzichten auf jede Hand⸗ reichung verlangen. Der gefaßte, ihr wie von Oben kommende Entſchluß ward ſchon am folgenden Morgen bethaͤtigt. Amthor las, mit Erſtaunen, den Brief, gelobte zu ſchweigen und zu wirken und eilte dann, im Innerſten aufgeregt, nach ſeinem Zim⸗ mer, ſich dem empfangenen Eindrucke hin⸗ zugeben. Mirabellens Entfernung und die gemuͤthlichen, ruhrenden, ſinnreichen Worte, in denen ſie ihm, am Trennungmorgen, das Lebewohl ſagte, hatten ſein Gefuͤhl fuͤr die Liebenswerthe vergeiſtigt und erhoͤht. Er verzieh es ſich nicht„ damals, in der Laube, von dem Verdruſſe und der Wal⸗ lung des Augenblicks gemeiſtert, verſtummt zu ſeyn, ſich jede weitere Eroͤffnung verſagt zu haben. Wenn es gelaͤnge, dachte er jetzt: die Herrliche dem Kerker zu entnehmen, zu befreien, in Sicherheit zu bringen, wie gern, wie dankbar wuͤrde ſie dem befreundeten Ret⸗ ter mit ihrer Hand und ihrer Liebe vergelten. Zwar zerrann das Luftſchloß ſofort, bei dem Gedanken, daß des Fuͤrſten Rache unbe⸗ dingt die Seinigen treffen werde, wenn Pa⸗ low's Schwager im Spiel erſcheine, und bei der Ahnung, daß ihm die kuͤhne Kraft, Ge⸗ ſchick und Gluͤck— Bedingungen des Ge⸗ lingens, mangelten— aber die Veſtung wollte er beſuchen, den Neffen ſprechen, war⸗ nen, zuruͤckſchrecken, den Glauben an die ſchoͤne Moͤglichkeit feſthalten und wenigſtens des guten Hannchens Engel werden. —— II. Fheil. 2 18 Pelions Feenſchloß war nun ausge⸗ ſchmuͤckt, Charlotte bereits mit Gold und Juwelen und koͤſtlichen Kleidern von dem Braͤutigam ausgeſtattet, nichts ſtand der Vermaͤhlung mehr im Wege. Sie ging heute, in Clementinens Begleitung, hinuͤber, die Herrlichkeit zu beſchauen, denn der Hausherr war auf ſein naͤchſtes Gut ab⸗ gereiſ't, um das noͤthige Wild ſchießen zu laſſen und ſelbſt zuzuſehn, ob ſich die Kaͤlber, mit Eiern geſtopft, die gemaͤſteten Truthuͤhner und Kapaune zu Opfern fuͤr Hymens Altar eigneten? Die Braͤute ſchlichen ſtill durch dieſe Prunkgemaͤcher, nur durch das Schlafzimmer eilte Char⸗ lotte und ohne einen Blick auf den prau⸗ genden Torus zu werfen, ſie ſagte dann, verduͤſtert, zu jener: Der Himmel hat mir den freudigen Antheil und die Luſt an dieſem Glanze m 19 verſagt, denn ſeit ich in allen dem mein Eigenthum ſehn kann, iſt der ſonſtige rege Sinn fuͤr die Pracht und Schoͤnheit einer ſolchen Umgebung, in meiner Bruſt erlo⸗ ſchen. Darum bat ich den Braͤutigam, auch auf ein Sommerquartier Bedacht zu nehmen, das, meinem Wunſche gemaͤß, um ſo haͤuslicher und beſcheidener eingerich⸗ tet ward und wo mir wieder wohl werden ſoll, ſo oft der Mai die Auswanderung dahin geſtattet. Das wollen wir nun auch beſuchen. Ach, wie lieblich, wie traulich! rief Clementine nach der Hinkunft: im Win⸗ ter werden Sie beneidet, allein im Som⸗ mer gluͤcklich ſeyn. Die Fenſter ſehn nach Morgen und geſtatten ringsum den Blick in die freundliche Landſchaft. Auch hier ſtanden die netten Ruhe⸗ ſtaͤtten, des Paares gewaͤrtig, die Braͤute 2* jetzt verſtummend zwiſchen beiden. Da umarmte Charlotte ploͤtzlich die Begleite⸗ rin und ſagte, mit halber Stimme und thraͤnenden Augen: Du ſtehſt hier in Deiner Braut⸗ kammer, meine Tina! Dieſe Wohnung ward fuͤr Euch Gluͤckliche gemiethet und alles, was Du in ihr ſiehſt, iſt Dein Ei⸗ genthum— iſt ein Erſatz fuͤr Deine Pflege, wenn ich krank, fuͤr Deine Nach⸗ ſicht, wenn ich mißgelaunt, lieblos und unartig war. Pelion vergoͤnnte mir, die Zinſen dieſer Ehrenſchuld zu decken und nur in ſolchen Momenten weiß ich das Gluͤck zu wuͤrdigen, um das man mich — gewiß zur Ungebuͤhr— ſelig preiſ't. Clementine entfaͤrbte ſich im Laufe dieſer Rede; Erſtaunen, Ruͤhrung und Entzuͤcken preßten ihr Herz, ſie konnte nur durch Wonnezaͤhren, nur mit einer 2 2 21 innigen Umarmung danken und lobte Gott, am Buſen der Geberin. Arm, wie dieß Brautpaar war, hatten Sorgen fuͤr die nothwendige Ausſtattung des Hausaltares und der Mangel an unentbehrlichem Ge⸗ raͤthe, ſeinen Roſenmond verduͤſtert. Hier aber thuͤrmten ſich, wie durch guter Feen Macht und Gabe, zwei uͤppige Betten, die freundlichen Stuben ſchmuͤckte der Di⸗ van, der Sekretair mit einer Uhr, ein Fluͤgel und Commoden, mit fertiger Waͤ⸗ ſche gefuͤllt; alles ihrer Lage gemaͤß, nicht koſtbar, doch im beßten Geſchmacke. Auf's Neue roͤthete die Freude Tina's Wangen, als jene nun die helle, mit allem Noͤthi⸗ gen verſorgte Kuͤche aufthat, erfuͤllt mit dem Dufte des Holzes, das der nahe Verſchlag barg. Die ſuͤße Trunkenheit der Braut er⸗ quickte und verletzte gleichzeitig Charlottens 22 Herz. Sie ſank, von dieſem Drangſal uͤbermannt, an ihre Bruſt und weinte ſich aus. O, wie vollgluͤcklich wirſt Du ſeyn, ſagte ſie: im Arme eines innig ge⸗ liebten, dieſer Liebe wuͤrdigen Mannes— im Segen des Mittelſtandes— im Schoce ße des Stillebens— im Genuſſe eines Auskommens, das eben fuͤr die Nothwen⸗ digkeit hinreicht, noch Wuͤnſche uͤbrig laͤßt, noch Genuͤſſe fuͤr den Feiertag bietet, an Werkeltagen emſiges Weben und Streben zur Pflicht macht. Ich, meine Tina! ſtehe dagegen, ſchon jetzt uͤberſaͤttigt, mit leerem Herzen und erzwungenem Frohſinne, zwiſchen prunkenden Scheinguͤtern, und das Verlangen der Sehnſucht und die Suͤßigkeit der Befriedigung bleiben fern, weil mir jeder Morgen den Ueberſchwang des Entbehrlichen darreicht und ach! das wahre Gut— verweigert. 23 Auch jener mag zur Buͤrde werden, erwiederte Tina: aber eine leichtere bleibt er doch, als der Mangel und dazu ward ja den reich Geſegneten das goͤttliche Vor⸗ recht, zu helfen, zu retten; das Gluͤck der Schutzgeiſter, des Lebens hoͤchſtes, das uns Armen verſagt iſt. Ward Ihnen nicht eben eine Stunde wie dieſe? ein Vor⸗⸗ ſchmack der Seligkeit! Ich fuͤhle und ich erkenne das, erwie⸗ derte Charlotte: und Du thateſt wohl, mich darauf hinzuweiſen, denn wir vergeſ⸗ ſen ſo leicht uͤber dem Begehrten, was wir beſitzen, achten dieſes gering und uͤber⸗ ſchaͤtzen den Werth des Vermißten. Jetzt lachte Tina weinend auf, denn ihre Augen hatten waͤhrend dem die traum⸗ artige Beſcherung uͤberflogen. Welch ein Genuß ſteht mir nun noch bevor, ſagte ſie, wenn ich meinen Braͤutigam hier ein⸗ 24 fuͤhren und ihm ſagen werde: Das iſt mein— das iſt Dein!— Alles unſer! — Es draͤngte die Begluͤckte, das innerſte, das ſeligſte Gefuͤhl in Dank und Toͤnen auszuhauchen; ſie trat zu dem Fluͤgel, ſchlug einen Choral an, doch Laut und Ton verſagten ſich; ein dunkler Geiſt trat ploͤtzlich vor die goldne Sonne.— Mein armer Vater! klagte ſie, von dem Ge⸗ danken entzaubert und bedeckte das Geſicht mit den Haͤnden. Nun iſt das Troͤſten an mir, ſprach Charlotte: hienieden ſoll nun einmal und uͤberall die Freude in halber Trauer. gehn; jetzt aber wollen wir das freundliche Gaͤrt⸗ chen am Hauſe beſuchen, das Euch kuͤnf⸗ tig ebenfalls offen ſteht. Komm, befiehl Deinen Kummer dem Herrn und genieße die Bluͤthen des Augenblickes. 25 Obiges Hochzeitgeſchenk wuͤrde aller⸗ dings uͤberſchwenglich und verſchwenderiſch erſcheinen, wenn die Geberin ihrem Ver⸗ lobten die Anſchaffung deſſelben zugemu⸗ thet haͤtte. Als aber Herr von Pelion den neuen Pallaſt einrichtete, wurde die Mehrheit ſeines bisherigen Geraͤthes für denſelben nicht modiſch und zierlich genug erfunden, alſo entbehrlich. Ihn ſelbſt fuͤhr⸗ te Lottchens zufaͤllige Aeuſſerung, daß auch Clementine fuͤr den Freier geſtimmt und ihn belobt habe, zu dem erkenntlichen Ge⸗ danken, das beduͤrftige Paͤrchen mit jenem zu erfreuen. Er ward bethaͤtigt, als Pe⸗ lion von der Gunſt hoͤrte, deren Eugenie den Augenarzt wuͤrdigte; ſeine Großmuth konnte, unter ſolchen Beziehungen, der Prinzeſſin nicht unbekannt bleiben und ihm die Geneigtheit der Erlauchten zuwen⸗ den, an der er bisher zweifeln mußte. 26 Den erſten, ſchon gedeckten Zins fuͤr die gemiethete Wohnung, hatte Tina's große Goͤnnerin, die Frau von Palow, aus ih⸗ ren Mitteln beigetragen. Pelion waͤre gern auch bei der Einfuͤh⸗ rung zugegen geweſen, um ſich als Genius gefeiert zu ſehn, doch brachten ihn, be⸗ kanntlich, die Anſtalten zu dem eigenen Hochzeitfeſte um dieſe Erquickung. Denn er ließ, waͤhrend dem in jeder Thraͤne der begluͤckten Tina eine Himmelsroſe in Lottchens Leben fiel, auf ſeinem Landgute malen und ſcheuern, wog das gemaͤſtete Federvieh, haderte mit der Verwalterin uͤber die Pfeffergurken, die ſie, ſeiner Theo⸗ rie zuwider, nach ihrem Sinne eingelegt hatte— mit dem Zimmermann uͤber die Gartenbank, die, Trotz der Vorſchrift, um einen Zoll zu lang gerathen war— und mit der Hausehre des Schulmeiſters, der 27 weißen Maͤuſe wegen, die ſie fuͤr ihn groß ziehen ſollte, und welche Paſtors Kater, der alte Ueberall, erkundet und gefreſſen hatte. Charlotte kam, wie der Engel ſuͤßer Wehmuth, Pelion dagegen, wie Adam am Abende des erſten Ackertages, heim und ſein Verſuch, der Braut die Ruͤckkehr ſchriftlich anzuzeigen, koſtete ihm drei Poſt⸗ bogen mit goldenem Schnitte, da ſich auf dem erſten das Petſchaft nur zur Halb⸗ ſchied ausgedruͤckt hatte und das Radiren des zweideutigen Gedankenſtriches im zwei⸗ ten, ein Loͤchlein veranlaßte. A Der Fuͤrſt befand ſich noch auf dem Luſtſchloſſe. Er ließ, eines Morgens, den Lieutenant Romly rufen und ſagte: Hoffentlich iſt Ihnen die kleine Grenz⸗ ſtadt Wildringen bekannt? Jener bejahete. 28 F. Unfern derſelben, im Forſte, liegt das Rittergut Thurburg. Dort waltet jetzt ein Schweizer, Namens„Faͤhrwald, der es kaufte und fruͤher Fabrikherr gewe⸗ ſen ſeyn ſoll. Verdaͤchtige Fremdlinge gehn ſeitdem, verſtohlen, im Schloſſe zu und ab; nichts iſt wahrſcheinlicher, als daß der Spekulant ſich dort einniſtete, um einen Paſchhandel im Großen zu treiben und daß er in den blutarmen Bauern der Walddoͤrfer bereitwillige Helfershelfer fin⸗ den wird. Sie ruͤcken, um ihn abzuſchrek⸗ ken und dieſem Uebel zu begegnen, doch ohne Andeutung der Urſache, mit dreißig der tuͤchtigſten Leute„ in Thurburg ein, nehmen Ihr Quartier im Schloſſe, laſſen, Nacht fuͤr Nacht, die Waͤlder durchſtrei⸗ fen; erforſchen, in der Stille, die Zugaͤnge des Schloſſes, das Treiben des Beſitzers, ſeine Perſoͤnlichkeit und Umgebung. Die —— 29 Mannſchaft wird auf meine Koſten ver⸗ pflegt und den vorgeblichen Zweck ihres Dortſeyns rechtfertigen die Frevel, welche Holz⸗ und Wilddiebe, ſeit Menſchengeden⸗ ken, laͤngs der Grenze veruͤbten. Sie ſind, meines Beduͤnkens, zu beſonnen, um ſelbſt das Spiel moͤglicher Hinterliſt zu werden, klug und feſt genug, ſich von ſcheinbarer Rechtlichkeit, von den Weinen, den Wei⸗ bern, den Geſchenken des Verdaͤchtigen nicht bethoͤren zu laſſen und werden, poſtlaͤglich, den Miniſter mit Ihren Anſichten, Be⸗ merkungen und dem Stande der Sache bekannt machen.— Guten Erfolg! ſetzte der Fuͤrſt hinzu und entließ ihn. Romly fand, in dem Beſitzer von Thurburg, einen aͤltlichen, ehrbaren und freundſeligen Mann, deſſen Ausſehn und Aeußern einnahm und Zutrauen erweckte, 8 ſſſſ 30 nur ſeine kleinen, ſcharfen und unſteten Augen ſchienen den Argwohn wo nicht zu beſtaͤtigen, doch zu entſchuldigen. Ei, wie bedauernswerth ſind Sie! ſag⸗ te er, als ihm Romly die angebliche Ver⸗ anlaſſung des Erſcheinens mittheilte: auf die Freuden der Hauptſtadt Verzicht thun zu muͤſſen, um entweder, in meiner Ein⸗ ſiedelei, vor Langweile zu ſterben, oder das edle Leben gegen heilloſes Geſindel auf's Spiel ſetzen zu ſollen, das einen Ehren⸗ mann unbedenklich wie den Baum und den Hirſch faͤllt. Nur ich gewinne dabei und weiß dem Fuͤrſten Dank, daß er der wackern Truppe mein Dach und Fach vor andern goͤnnte; ob ſich dieſelbe gleich, in die Bauernhoͤfe vertheilt, weit beſſer als in einem beſchraͤnkten Wirthſchaft⸗Gebaͤude auf einander gehaͤuft, gefallen und befinden wuͤrde. Die Verſtreuung wuͤrde dem Dienſte ſchaden, erwiederte Romly: und das Ge⸗ fallen und Befinden darf neben dieſem nie in Betracht kommen. Von Ihnen erwar⸗ ten wir uͤbrigens nur, was die Ordonanz den Soldaten im Vaterlande zugeſteht und werden den verwuͤnſchten Zuſpruch nach Kraͤften erleichtern. Erwuͤnſchten Zuſpruch! verbeſſerte Faͤhr⸗ wald, befahl dem graͤmlichen, mißgeſtalte⸗ ten Verwalter, die Mannſchaft einzuweiſen, fuͤhrte nun den Leutnant an der Hand in's Schloß und beſchwichtigte drei gewal⸗ tige Doggen, die, an der Kette liegend, aufbaͤumten und den Fremdling gern zer⸗ riſſen haͤtten. Ein Brotbiſſen oder Kno⸗ chen, bemerkte jener: wird dieſe Wehrwöͤlfe, ſobald ſie nur wollen, in Laͤmmer verwan⸗ deln; denn die Hunde bethoͤrt, gleich ihren Herren, der Eigennutz und der Sinnen⸗ 32 kibel. Er fuͤhrte dieſen Gemeinplatz, waͤh⸗ rend dem Erſteigen der hohen, dunkeln Treppe, aus und oͤffnete jetzt, im dritten Stock', ein ſchoͤnes Zimmer, das Romly, ſammt dem anſtoßenden, als ſein Eigen⸗ thum anſehn und benutzen ſollte. Ich erkenne Ihre Guͤte, erwiederte die⸗ ſer: muß aber zu ebener Erde wohnen— Das ſei unmoͤglich, entgegnete Faͤhr⸗ wald und das gedachte Augenpaar blitzte grollend auf, doch laͤchelte er alsbald wie⸗ der um ein's ſo mild und ſetzte wohlmei⸗ nend hinzu— Dort unten iſt es unſau⸗ ber, feucht und kalt, nur mein Geſinde waltet da. Und ich!— fiel Romly mit einem Nachdrucke ein, der jeder Weiterung be⸗ gegnete. Sie kehrten ſchweigend zuruͤck und es fand ſich, Trotz jenem Bilde, ein recht wirthliches, trockenes, anſtaͤndiges Zimmer — 33 auf der Flur. Ich begreife doch kaum, ſagte Faͤhrwald, faſt weichmuͤthig: wie man dieſe gemeinen vier Pfaͤhle den freundlichen, die unterhaltendſte Ausſicht gewaͤhrenden Gaſtſtuben vorziehen kann, wo Sie vor Langweile vergehen werden. Zum Ungluͤcke iſt eben auch meine Frau, eine leidliche Geſellſchafterin, auf einer Reiſe begriffen und unſere Tochter ſchwerlich geeignet, ſie zu vertreten. Ich ſah ein weibliches Weſen im Erker, zu deſſen Ausſehn man den Aeltern Gluͤck wuͤnſchen darf. Sie war es, fuhr jener fort: iſt ſchon erwachſen und erſt im ſechszehnten Jahre; ganz undreſſirt und dem Inſtinkte uͤber⸗ laſſen geblieben, den wir, aus Gruͤnden, walten laſſen; alſo ein Kind der Natur, unſchuldig, muthig, nicht ohne Geiſt, wird aber keines Weges der Erwartung eines II. Theil. 3 34 Mannes entſprechen, der mit den Bluͤthen des Hofes und der Hauptſtadt verkehrt hat. Darauf beurlaubte ſich der Wirth; das Ordnen und die Feſtſtellung des, Dienſtes beſchaͤftigte den Gaſt bis zum Abende. Es dunkelte bereits, als die Tochter des Hauſes, mit zwei brennenden Wachs⸗ kerzen auf dem vergoldeten Armleuchter, eintrat, naͤher kam, die Einquartierung be⸗ ſchauete und traulich nickend ſagte: Guten Abend, Herr Romly, oder Herr Leutnant von Romly vielmehr. Mein Vaͤterchen erſchrack vor Ihrer Loͤwenhaut, aber die iſt, in der Regel, nur ein Um⸗ haͤnge⸗Pelzchen; faſt alle Offiziere meiner Bekanntſchaft waren ja lammfromm und edel. Es geht Ihnen wie uns Jungfern und den Lilien; wir ſaͤen nicht, wir aͤrnten nicht und unſer Herrgott ernaͤhret uns doch. 7— 7— — Willkommen alſo, fuhr ſie, ihm das Haͤnd⸗ chen bietend, fort: und vor allem den Hand⸗ ſchlag, daß Sie es jenen gleichthun und fuͤrlieb nehmen wollen.. Der uͤberraſchende Beſuch, der Geiſt dieſer Aeuſſerungen, die Ausdauer der ma⸗ giſchen Augen auf den ſeinigen, verbluͤfften ihn. Er druͤckte die ergriffene Hand und fragte, in ſeiner Verlegenheit: Wie heißen Sie, mein holdes Kind? S. Ich bin weder hold, noch ein Kind, am wenigſten das Ihrige, da Sie wohl eher mein Bruder ſeyn koͤnnten; Mutter aber nennt mich Lolo, der Vater Lotte. Charlotte? wiederholte Romly, mit ei⸗ nem Nachdrucke, der das Maͤdchen befrem⸗ dete. Es ſagte: der Anklang meines ehr⸗ lichen, gemeinen Namens ergreift Sie wunderbar. Was gilt's, der Herr hat ₰ 3* 36 eine Braut und die iſt meine Namen⸗ ſchweſter. Ich laſſe nur den Nachſatz gelten, ſprach er mit einem tiefen Odemzuge: Sie aber nennen mir, zur Strafe fuͤr die Mahnung, Ihren Erkorenen. Warten Sie, fliſterte Lolo, die leuch⸗ tenden Augen emporwerfend: denn ich bin waͤhlig und muß mich beſinnen— W— H— G— allee drei entzuͤcken und be⸗ geiſtern, ich aber nenne Friedrich Schiller! Schoͤn! rief er angeregt: ſo feiern wir denſelben Genius. Ach, viel zu fruͤh iſt ihm geworden, was er ſang— „Sie reicht ihm die Schale, In Jupiters Saale; Es ſchenket dem Dichter Hebe nun ein.“ Die Hebe wollte ich eben auch vorſtel⸗ len, erwiederte Lottchen: und frage deshalb, ob Sie geneigt ſind, eine Flaſche mit dem 37 Vater zu leeren, um die Zeit bis zur Stunde des Nachteſſens, zu verkuͤrzen. E. Vater und Kind verſchwenden ihre Sorgfalt, denn ich trinke hoͤchſtens bei Ta⸗ fel ein Glas und ſchon ein zweites wird mir ſchaͤdlich. S. Einem Soldaten? Der Fall iſt ſelten. Spielen Sie Schach? E. Das wuͤrden Sie mir bieten, bei'm dritten Zuge. S. Clavier? E. Wie ein Kind. S. Mein Gott, was denn? E. Um's Leben mit dem Feinde und kenne uͤbrigens nur eben die Karte. S. Wie ſchlimm und wie gut dabei! So wollen wir leſen. E. Das wollen wir! Ja, unſern Schiller! S. Die Dichter leſe ich mit keinem Manne.. E. Auch Klopſtock nicht? S. Den ehre ich und laß' ihn ruhn. Romly nannte noch andere, didactiſche, argloſe. Charlotte ſchuͤttelte das Koͤpfchen und ſprach: Ich wuͤrdige Ihren Zartſinn, aber genug, die Mutter verbot es— ſchon der Accorde wegen, die das Mitgefuͤhl des Schoͤnen in zwei Herzen anregt, die ſich fremd bleiben ſollen. E. Nun, ſo empfehle ich die Apo⸗ kalypſe. S. Nicht gefrevelt, mein Herr! E. Oder laſſe Ihnen die Wahl. Sehr gut! entgegnete Lolo: und Sie leſen mir vor. E. Nimmermehr! Ich leſe wie ich bin— eintoͤnig, anmuthlos. 39 S. uUnd ich recht gut, wie Viele ſa⸗ gen und eben deßhalb auf keinen Fall. E. Ihr Grund? Ob ich ihn angeben darf? fragte Lotte, beſann ſich wie vorhin, nickte dann und ſprach erroͤthend: Du frevelſt und verſuͤndigſt Dich! ſagte die Mutter: wenn es Dir einfäͤllt, einem Fremden gegenuͤber, Vorzuͤge leuchten zu laſſen, die ſeine Ruhe ſtoͤren, ſein Herz ergreifen koͤnnen; der kleinſte aber reicht oft hin, um großes Unheil anzuſtiften. Klingt das wie Duͤnkel, ſo iſt's der Mut⸗ ter Schuld. Romly erwiederte, mit lauſchendem Blicke: Gilt dieſer Grundſatz, ſo muͤßte auch der Fremde als ein Frevler und Suͤn⸗ der erſcheinen, wenn er, zum Beiſpiele, ſein Leſetalent, duͤnn thuend herabgeſetzt haͤtte, nun aber den Virtuoſen hoͤren ließe, 40 als ſolcher Ihrem Sinne und Gefuͤhle wohlthaͤte und ſo, vielleicht, auch Lottchens Herz entflammte? Ich glaube, ja! fiel Lolo ein: und nun ſagen Sie doch, was wir mit einander anfangen ſollen? Der Vater haͤlt es nicht allein fuͤr Pflicht, er dringt darauf, von Ihnen Notiz zu nehmen, Sie zu zerſtreuen, zu unterhalten und hat mir— unter uns geſtanden— beineben eingeſchaͤrft, Sie, im Bezug auf Ihre Leib⸗Eſſen und Lieb⸗ ling⸗Getraͤnke, wo moͤglich auszuforſchen. Romly horchte auf und ſprach: Die Guͤte iſt groß und ſeltener Art. Daß mir der Wein nicht mundet, ward Ihnen be⸗ reits kund und auf mein Wort ſey es be⸗ theuert, daß ich geringe Hausmannskoſt ſchmackhafter als die Leckerbiſſen finde. Nun, ſie ſind doch ein rarer Vogel! rief ſie lachend aus: und waͤren die Fran⸗ 41 zoſen Ihres Sinnes, ich glaube, wir haͤt⸗ ten ſie nicht wieder abziehn laſſen, denn mehr als Einer blieb uns werth. Da trat die Wirthſchafterin ein und ſagte, bedeutſam: Der Herr erwarten Sie Beiderſeits.— Romly bot Charlotten den Arm. Ich vergaß mich ganz, fuhr ſie fort: wer konnte glauben, daß Sie die Bekanntſchaft mit einem Examen begin⸗ nen und ich Ihnen, wie ein Schulmaͤd⸗ chen, Rede ſtehn wuͤrde. Geſchwind, Herr Katechet, ſonſt ſchmollt der Vater! Des andern Lottchens Hochzeittag war nun gekommen. Sie harrte, von gemiſch⸗ ten Gefuͤhlen bedraͤngt, im Feenglanze, ihres Braͤutigams und zitterte, bei jedem, aus dem Vorſaale hertoͤnenden Schritte, vor einer Hiobspoſt, denn welche Unzahl von Kleinigkeiten konnte nicht denſelben, 42 wie gewoͤhnlich, im Anzuge zuruͤckgeſetzt und die Erfuͤllung des heiligen Geluͤbdes, ſich heute nicht in Geringfuͤgiges zu men⸗ gen und nur an ſich und ſie zu denken, verkuͤmmert haben. Da flogen die Thuͤren auf, der moderne Adonis trat, im fun⸗ kelnden Hofkleide herein; an ſeiner Hand ein ungariſcher Huſaren⸗Major, der ihn Trotz jenes Strahlenſcheines, voͤllig ver⸗ dunkelte. Pelion hatte Charlotten, oft ge⸗ nug, von ſeinem juͤngern Bruder Arthur unterhalten, dem Gluͤck und Geiſt und Tapferkeit bereits das Thereſienkreuz und eine Schwadron verſchafften und welcher ſomit faſt durchaus das Gegenſtuͤck des aͤlteren war. Jetzt hatte er, nach zehn⸗ jaͤhriger Entfernung, die Heimat begruͤßt, um dieſem Hochzeitfeſte beizuwohnen, er uͤberraſchte das Brautpaar und Schwager und Schwaͤgerin ſtanden ſich, erſtaunt und — „. unter feierlichen Redensarten, in ſichtlicher Betroffenheit gegenuͤber. Welch ein Mann! dachte Lotte und er dagegen: Welch ein Engel! Der Braͤutigam aber ſchluͤpfte, nach der Vorſtellung, zwiſchen die beiden, einander ebenfalls gegenuͤber gepflanzten Anzugſpiegel, um ſich noch einmal und mit Muße von vorn und hinten zu be⸗ ſchauen. Da ſchlug die Stunde; er fuͤhrte die Erwaͤhlte in den Prachtſaal, wo die vor⸗ nehmen Gaͤſte verſammelt waren und wo nun der Hochwuͤrdige, dem an Eugeniens Lebensfeſte das Halsband von Opalen zu⸗ fiel, ſchmeichelnd und beredſam das Werk vollzog. Charlotte glich, waͤhrend der Trauung, den Witwen der Hindus, die ſich entſchloſſen und gleichmuͤthig den Flam⸗ men opfern. Sie konnte nicht weinen, denn eine eiſerne Hand hatte gleichſam 44 ihr Herz umklammert, wuͤrde auch wohl, auſſerdem, den Thraͤnen und jedem Aus⸗ bruche des innern Zuſtandes nach Kraͤften gewehrt haben und gefiel ſich als Maͤrty⸗ rin, denn immer tiefer war ſeither der Braͤutigam in den Augen und der Mein⸗ ung ſeiner Braut gefallen. Noch geſtern fragte ſie ſich ſelbſt, ob es nicht Pflicht und Tugend ſey, um jeden Preis zuruͤck zu treten? Aber der Preis erſchien ihr, in mehr als einer Nuͤckſicht, zerſtoͤrend, und ſo gelobte ſie ſich denn, die Zukunft mit frommer, beharrlicher Geduld zu er⸗ tragen und den Gatten nimmerdar fuͤhlen zu laſſen, daß er ungelieht und daß ſie ungluͤcklich ſey. Nach Tafel ward, von dem juͤngern Theile der Gaͤſte, ein gemuͤthliches, in franzoͤſiſchen Verſen geſchriebenes Gelegen⸗ heitſtuͤck aufgefuͤhrt, deſſen liebliche Anſpie⸗ 3 lungen ihr Herz, der Abſicht entgegen, als Pfeile des unwillkuͤhrlichen Spottes ver⸗ letzten und jetzt entſtuͤrzte Charlotten ein Thraͤnenſtrom, welcher, als die Folge der veranlaßten Ruͤhrung erſchien, waͤhrend⸗ dem ihn die ploͤtzliche Erinnerung an Cle⸗ mentinen herbeizog, die eben auch, in die⸗ ſen Stunden, viel ſtiller und ungefeierter, zur Frau und zur gluͤcklichen ward. Die Praͤſidentin hatte heute, wie fruͤ⸗ her, ihre Stieftochter im Auge gehalten, ſich ihrer Faſſung gefreut, ſie, zum Be⸗ ſchluß, entkleidet und derſelben mit ermun⸗ ternder, ſcheinbarer Freudigkeit, gute Nacht geſagt.— Charlotte ſaß, des zoͤgernden Braͤutigams gewaͤrtig, mit tobendem Kopf⸗ wehe, froͤſtelnd und gluͤhend, im Divan, warf ſcheue Blicke nach der geheimen Thuͤr, die ihr Schlafgemach mit dem ſei⸗ nigen verband und dieſe that ſich endlich 46 leiſ' und maͤlig, auf, aber an Pelions Statt erſchien ihr Bruder Enewold.— Doch er verweilte dort, regunglos, mit ſtarren Augen, erdfahl ausſehend und ſtatt der Kleidung in ein aſchfarbiges Tuch gehuͤllt. Charlottens heimgekehrte Eltern wach⸗ ten noch; es ſchlug ein Uhr. Sie ſpra⸗ chen von dem neuen Paare und Ein's verſicherte dem Andern, daß ſich wohl Al⸗ les zum Beßten fuͤgen, daß Lotte ſich, allmaͤlig, an den Gatten und ſeine Schwaͤ⸗ chen gewoͤhnen, in den glaͤnzenden Vorzuͤ⸗ gen ihrer Lage Erſatz finden und hoffent⸗ lich zur geſegneten Mutter werden werde; da regte und bewegte es ſich lebhaft im Vorzimmer; Auguſte ſprach, haſtig auf⸗ fahrend: Ein Ungluͤck! 1 Was ſicht Dich an? eiferte der Ge⸗ —— mahl: Es ſind unſere Leute, die bei dem Feſte mit zur Hand gingen und zu viel Wein tranken. Friedrich konnte kaum die Wagenthuͤr oͤffnen; beruhige Dich!— Jetzt aber trippelte die Alte herein, welche damals Lottens Bruder von dieſer abrief, weil der Pagen⸗Hofmeiſter nach ihm ver⸗ langte, ſchlich an das Bett der gnaͤdigen Frau und ſagte: Herr von Pelion laſſen melden, daß die Braut ploͤtzlich erkrankt ſey und herz⸗ innig bitten, ihm beiſtehn zu wollen— er ſchickt eine Saͤnfte mit. Es ſey kein Augenblick zu verlieren. Sagte ich es nicht? ſprach Auguſte, von Schauern uͤberlaufen: ein Ungluͤck! und der Praͤſident, deſſen Liebling die einzi⸗ ge Tochter und deſſen Werk die Heirath war, troͤſtete ſie, erblaſſend, mit leidigen Worten. 48 Wirr uͤberlaſſen jetzt die jungfraͤuliche Gattin dem Wiſſen und Vermoͤgen der fuͤrſtlichen Leibaͤrzte, der treuen Pflege ih⸗ rer Mutter, ihrer Tina; der kleinlichen, aber raſtloſen Sorgfalt des Gatten und Falls die Criſe uͤberſtanden wird, den er⸗ heiternden Kranken⸗Beſuchen des Huſaren. Charlotte hatte, wie bekannt, ihrem Onkel die beiden Gefangenen in Kalkſtein an's Herz gelegt; er beſchleunigte aus die⸗ ſem Grunde und ihres nahenden, ihm peinlichen Brautfeſtes wegen, die Abreiſe; er ließ, um ſich ſelbſt, um Auguſten und der lieblichen Nichte die Schmerzen der Trennung zu erſparen, ein ſchriftliches Le⸗ bewohl zuruͤck und verſchwand, uͤberra⸗ ſchend, wie er gekommen war, aber viel unmuthiger. Enewold ſchilderte heute wieder am Pulverthurme; er befand ſich, waͤhrend der 49 gegenwaͤrtigen Freiſtunden, in der Laube des Wachhauſes, das im freien Felde lag, ſchrieb eben, als der werthe, ihn aufſuchen⸗ de Onkel herein ſah und flog, aufjauch⸗ zend, in ſeine Arme. Fragen und Ant⸗ worten kreuzten ſich, man fand endlich das Gleichgewicht wieder; Eckbert griff nach Enewold's Heften, die der Wind eben aufblaͤtterte und ſah zwei Schreibebuͤcher; die oberſte Zeile jedes Blattes war eine zierliche Vorſchrift von des Neffen Hand. Der gute Sekretair Selwing, ſagte dieſer: hat ſich hier dem Unterrichte ar⸗ mer Soldaten⸗Jungen unterzogen und brachte mich damit auf den Gedanken, auch ihren Toͤchtern nuͤtzlich zu werden. Jener lachte laut auf, doch Enewold entgegnete: Der Held in„ Gotthold's Abenteuern“, die ſein Oberſt⸗Hofmeiſter Pandurus ihm empfohlen, habe, als Kal⸗ II. Theil. 4 50 ligraph, daſſelbe Gewerbe und mit ver⸗ wunderlichem Erfolge getrieben, die gute Abſicht ſei keines Weges ein Gegenſtand fuͤr den Spott und er beſchränke ſich, um kein Aergerniß zu geben, fuͤr jetzt nur auf zwei Schuͤlerinnen; auf die Tochter des Feldwebels, bei dem er wohne und ihre Freundin, Suſanne Bannas, als das ein⸗ zige Kind des Wachtmeiſter⸗Leutnants. Dieſer Mann, fuhr er fort: im Grunde nur ein Mittelding zwiſchen Unter und Ober, iſt gleichſam der hieſige Großpvezier — die rechte Hand des abgelebten Com⸗ mandanten und mordboͤs, oder lamm⸗ fromm, je nachdem man ihm zufagt oder unnüͤtz erſcheint. Die Staats⸗Gefange⸗ nen ſtehen unter ſeiner beſonderen Auf⸗ ſicht und befinden ſich genau ſo gut oder ſchlecht, als er von ihnen begabt und be⸗ zahlt wird. Mir aber borgte er anfaͤng⸗ 51 lich, ehe ich, durch Hannchens Rath und Beiſtand, zum Oeconomen ward, gegen theuere Verheißungen und Wechſel an die Zukunft geſtellt und dieſe Vorſchrift im Schreibebuche ſeiner Tochter: „Was wir hier geſäet haben, ernten wir einſt reichlich ein ꝛc.“ ſoll ihn im Glauben ſtaͤrken helfen. Die andere in Hannchens Buche ſagt dagegen: „Habe Deine Luſt am Herr'n, bei dem Herrn iſt Freud' und Leben ac.“ denn ihre Mutter duldet nur Geiſtliches. Der Anfang des Liedes giebt nebenbei Veranlaſſung, ſie vor der Luſt an dem Dative des Plurals— vor der Luſt an mehreren Herren, bei denen Freude und Leben iſt, zu warnen. O, thue das! fiel Amthor ein: vor⸗ zuͤglich vor der Luſt am Herrn Maͤdchen⸗ lehrer.— Darauf kam der Onkel auf 4* — 52 den Wachtmeiſter zuruͤck, der, bei dieſer Geldliebe, als ein taugliches Werkzeug fuͤr die Verwirklichung ſeines Traumes erſchien und jener aͤußerte, daß Herr Bannas auch ein ſogenannter Lebemann, wohl geformt, nicht ungebildet, nur aus Genußſucht geld⸗ gierig und ein feuriger Verehrer des ſchoͤ⸗ nen Geſchlechts ſey. Bedenkliche, ſelbſt Eckbert’s Eiferſucht aufregende Nachrichten, denn wohin konnten nicht, in Mirabellens Lage, Abhaͤngigkeit, Langweile, Laune, das Streben nach Befreiung, der boͤſe Feind und Bannas, die Gefangene, unter dem Schloß und Riegel eines ſolchen Zwing⸗ herrn, fuͤhren? Doch fand er es nun an der Zeit, den Neffen moͤglichſt auszuhor⸗ chen, ihm das Geheimniß ſeiner wahr⸗ ſcheinlichen Fortſchritte und des etwaigen Verſtaͤndniſſes mit Jener abzulauſchen, demſelben dann die Hoͤlle heiß zu machen 53 und ihn fuͤr jenen Fall, wo nicht den Tod, doch den lebenslaͤnglichen Cadetten⸗ ſtand, als die geringſte, aber unabwendba⸗ re Strafe, fuͤrchten zu laſſen. Ich erſtaune, entgegnete Enewold am Schluſſe der langwierigen, wohl ausgedach⸗ ten Rede, mit ruhigem Muthe: So hat Charlotte denn, zum erſten Male und in einer Halsſache mein Vertrauen gemiß⸗ braucht, was indeß, halb und halb, von ihrer ſchweſterlichen Sorglichkeit und guten Meinung gerechtfertigt wird. Wahthaft verdruͤßlich aber iſt es, daß ſie dem gnaͤ⸗ digen Onkel dieſen Umweg anmuthete und ihn, zum nothgedrungenen Theilnehmer an ihrer ruͤhrenden Beaͤngſtigung machte. Darauf fragte er, kurz abbrechend, ob Lottchens Brauttag noch nicht anberaumt ſei und ob er derſelben wohl, ohne ſchmerz⸗ liche Eindruͤcke zu erregen, ein halbes Hun⸗ ——ö, I 54 dert eigenhaͤndig geſchnitzter Waͤſchklam⸗ mern, die Frucht hieſiger Feierſtunden, zum Hochzeit⸗Geſchenke weihen duͤrfe? Dem Onkel kam es vor, als ob der Neffe ihn, Trotz dem ernſten und argloſen Geſichte, das die Frage begleitete, aus Aerger uͤber ſeine Einmiſchung und Ge⸗ ſetzpredigt, zum Beßten haben wolle, doch durfte er es jetzt um ſo weniger mit ihm verderben, da Suschen, des Wachtmeiſters Tochter, hoͤchſt wahrſcheinlich in herzlichem Vernehmen mit ihrem Schreibemeiſter ſtand und es ihm, nur auf dieſem Wege, moͤg⸗ lich ſchien, ein bereits fertiges Briefchen in Mirabellens Hand zu bringen. Eckbert uͤberging deßhalb die Anfrage, als habe er ſie nicht gehoͤrt, mit Schweigen, griff wie⸗ der nach den Schreibebuͤchern, ruͤhmte des Neffen Handzuͤge, beklagte recht wehmuü⸗ thig deſſen Schickſal, klimperte daneben 8 55 mit harten Thalern in der Taſche und hoffte, daß jener, von dem Wohllaut an⸗ gekirrt, mit einem Liebes⸗Antrage, naͤm⸗ lich mit der Bitte um geneigten Vorſchuß, herausplatzen werde. Der ſchlaue Expage, dem die Natur einen ſcharfen, ſichern Blick in das Inne⸗ re des Naͤchſten verlieh, bemerkte indeß, daß ſeinen Onkel, deſſen Art und Weſen ihm bereits im vaͤterlichen Hauſe bekannt ward, noch irgend ein Zweck oder Anliegen beſchaͤftigen muͤſſe. Die Bitte um Bei⸗ ſtand ſchien ihm jedoch um ſo uͤberfluͤſſiger, da Lottchen, ganz unzweifelhaft, aus ſchwe⸗ ſterlicher Zaͤrtlichkeit und um den Miß⸗ brauch des Vertrauens auszugleichen, ihren Botſchafter mit Schmerzengeld verſehen hatte und die Erwaͤhnung des ruͤhrenden Klammern⸗Geſchenkes war der Magnet, der es hervorlocken und den Saͤumigen 56 um die Vollziehung ſeines willkommenſten Auftrages mahnen ſollte. Enewold ver⸗ mied daher, Trotz dem Geklirre des groben Courantes, ihm auf die Taſche zu ſehn und fragte harmlos: Wo traten Sie denn ab, beßter Onkel? A. Im Schanzkorbe, lieber Vetter— Man hat hier keine Wahl, das Neſt aber lag am Wege und außerhalb der Veſtung⸗ werke⸗ E. Und hoffentlich wird mir die Wohlthat, Sie einige Tage genießen zu koͤnnen? Hofmann! ſprach der Onkel und die Schildwache vor dem Gewehr rief: Ab⸗ geloͤſ't! Enewold ſprang empor: Nun komme ich auf die Poſt an den Pulver⸗ thurm. A. Ep, ſo begleite ich Dich! E. Das iſt verboten, Theuerſter! Wer 57 ſich uns dort auf funfzig Schritte naͤhert, wird zuruͤck gewieſen und folgt er nicht, hier, von der Wache aus, verhaftet. A. So erwarte ich Dich morgen nach der Abloͤſung. Enewold ſagte zu, umarmte ihn, er trat in's Glied und wanderte, hinter dem Gefreiten, gemeſſenen Schrittes, wie der Storch, an's Ziel. Jener ſchaute ihm be⸗ troffen nach. Der arme Junge, dachte er— die wuͤſte Fliege! ſetzte er hinzu: und iſt, ſeitdem, wo moͤglich, noch huͤb⸗ ſcher und noch loſer geworden. Darauf kehrte Amthor nach dem Schanzkorbe zu⸗ ruͤck und traf, unter Weges, auf einen Herrn und zwei Frauenzimmer, die, von der Feſtung her, ihm entgegen ſchritten. Der Mann trug einen verzierten Solda⸗ tenhut, blauen Rock mit weißen Knoͤpfen, die rothe Weſte mit ſilbernen Treſſen be⸗ b 58 ſetzt, Beinkleider von ſchwarzem Pluͤſch und ſchwang den Stock, wie Poſeidon den Dreizack. Das eine Frauenzimmer war ſchief und haͤßlich, das andere um ſo rei⸗ zender, doch hinkte es und trug ein gefuͤll⸗ tes Koͤrbchen in der Hand. Die Garſtige hatte ſich ſchmaͤhlich heraus geputzt; weit beſſer kleidete die Huͤbſche das einfache Hauskleidchen und vor dem Kleeblatte her trabte ein Dachshund; er faßte jetzt den Herrn von Amthor in die Augen und ſprang, freudig wedelnd und bellend an ihm auf. Dieſer erkannte in demſelben Enewold's Zoͤgling, den ſogenannten Tapſel und dachte: 4 Das iſt unfehlbar der Wachtmeiſter⸗ Leutnant, der mit Suſannen und Johan⸗ nen luſtwandelt; und beide Maͤdchen treibt, wahrſcheinlich, dieſelbe Paſſion, den Herrn Schreibelehrer auf der Magazin⸗Wache zu — 59 beſuchen— der Vater ward zu dem Spa⸗ ziergange beredet und fuͤhrt, ohne ſein Ah⸗ nen, dem Zeiſige die verliebten Dinger zu. Er taͤuſchte ſich nicht. Bannas, der Gewaltige, faßte den Fremdling, Kraft ſeines Amtes und Duͤn⸗ kels, polizeilich in's Auge, denn es fiel ſo leicht keinem Reiſenden ein, in dieſem Schmollwinkel der Pallas zu verweilen und ſich die kahle Steppe zu beſehen. Gleiches mit Gleichem! dachte Eckbert, deſſen Stolz die Politik ubermannte; er warf ſich in die Bruſt und der angefachte Kampfhahn trat ihm ſofort in den Weg und fragte, mit Nachdrucke: Um Vergebung und von Rechts wegen, wer ſind Sie? Eckbert ſtarrte ihn, ſeiner Sitte und Natur zuwider, trotzig an und ſprach dann, vornehm: Baron Amthor, der Schwager des Kammer⸗Praͤſidenten von Palow und ſuch⸗ te hier den Sohn deſſelben, meinen Nef⸗ fen, auf. Die Larve des Grobians, welche Ban⸗ nas eben vorhielt, verlieblichte ſich, waͤh⸗ rend der Antwort, zu Eckbert's Ergoͤtzen. Jener hatte nicht allein die gehoͤrige Ehr⸗ furcht vor dem hochpreislichen Kammer⸗ Collegio und allen Betitelten, ſondern eben⸗ falls einen Schwager, den Schlagzieher im Außenthore, der auch nach hoͤhern Wuͤrden ſtrebte, doch bis jetzt nur vergebens in den Vorkammern der Maͤchtigen hofirt und ge⸗ wimmert hatte und deſſen Gluͤck der Praͤ⸗ ſident mit einem Federſtriche machen konn⸗ te— Bannas neigte deßhalb auch dem verlorenen Sohne deſſelben ſein Antlitz, er borgte ihm ſogar, gegen nur Dreißig vom Hundert und ohne Pfand. 61 Habe ich vielleicht das Vergnuͤgen, ſag⸗ te Eckbert, von dem ploͤtzlichen Uebergange zur Demuth und Ehrerbietung entwaffnet: in Ihnen dem Herrn Leutnant zu be⸗ gegnen? Gehorſamſt zu dienen! fiel er, ſich ver⸗ beugend ein: und vor allem erlaube ich mir, Hochdenenſelben meinen treu ergeben⸗ ſten Gluͤckwunſch zu dem vollkommenen Wohlbefinden des Herrn Vetters darbrin⸗ gen zu koͤnnen. Ein admirabler, junger Cavalier, der bereits mehr vergeſſen hat, als ich zeitlebens faſſen werde— der ein penetrantes Genie zeigt, ſich trefflich in die boͤſe Zeit zu ſchicken weiß und uns alle gleichſam ausclarirt und ſehend macht. Die beiden Maͤdchen hielten, waͤhrend dem, den Freiherrn im Auge; aus ihren Zuͤgen leuchtete das innige Wohlgefallen, einen Onkel des gefeierten Straf⸗Cadetten ———õʒ;ʒ“õõ 1 62 und vielleicht zum Beßten deſſelben, erſchei⸗ nen zu ſehn; ſie ſtimmten mit bejahendem Geberdenſpiele dem Zeugniſſe ihres Fuͤh⸗ rers bei. Muͤßte man nicht Bedenken tragen, Sie dieſen lieben Kindern zu entziehn, er⸗ wiederte Amthor: ſo wuͤrde ich mir Ihre Geſellſchaft erbitten. Bin zu Befehl! entgegnete Bannas: die Hannel traͤgt dem jungen Herrn das Abendbrot hinaus und Suschen laͤuft bloß Ehrenhalber mit. Sie finden den Weg wohl ohne mich. Mein Vetter ſteht eben auf der Poſt, ſprach der Onkel: und es darf ihm da, wie er verſichert, bei Leibes Leben, niemand zu nahe kommen. Mit Unterſchied, bemerkte jener: iſt Suschen mit dabei, ſo ſieht man, des Va⸗ . — — . 63 ters wegen, durch die Finger und den Thurm laſſen Beide ſtehn. Nun, ſo erſuche ich den Herrn, mich in den Schanzkorb zu begleiten. Wein habe ich bei mir und das Eſſen wird, hof⸗ fentlich, zu genießen ſeyn. Dem Wachtmeiſter⸗Leutnant konnte, laut ſeiner Antwort, Ehrenhafteres nicht. wiederfahren. Gruͤßt mir den Junker! rief er ſeinen ſcheidenden Gefaͤhrtinnen zu und er moͤge die Kaltſchale gefaͤlligſt im Schil⸗ derhaus ausloͤffeln; die alten Kriegsgurgeln raiſonniren ſonſt. Herr von Pelion waͤhlte, waͤhrend der heutigen Cour, einen Platz, wo ihn der Fuͤrſt und die Prinzeſſin beim erſten Auf⸗ blick ſehen, ihn, hoffentlich, auch in's Ge⸗ ſpraͤch ziehen, nach ſeinem und Charlottens Befinden fragen mußten, denn er war, ſeit dem traurigen Hochzeittage, hier nicht erſchienen. Eugenie hatte jedoch, bald ge⸗ nug, durch ihre treue und gewandte Ida erfahren, daß die Braut, nach dem Ent⸗ kleiden, ploͤtzlich erkrankt ſey, allerlei Phan⸗ tome geſehen und ihr Leben, waͤhrend der naͤchſtfolgenden Tage, in Gefahr geſchwebt habe. Die Gefahr war voruͤber und Pe⸗ lion ging deshalb nach Hofe, um ſich an der Theilnahme und dem Beileid zu wei⸗ den und als neuer Ehemann Gluͤck wuͤn⸗ ſchen zu laſſen. Eugenie konnte indeß heu⸗ te weniger als je ihre Abneigung gegen ihn uͤberwinden und wußte ſich, im Geſpraͤche mit den Hofherren, dergeſtalt zu wenden und zu ſtellen, daß er, Trotz ſeiner Gegen⸗ Bewegungen, immer nur auf die Kehrſeite der Erlauchten traf. Endlich entſchaͤdigte ihn der Fuͤrſt fuͤr dieſe Verleugnung. Wie .. 65 geht es zu Hauſe? fragte er und fuͤgte, die Antwort unterbrechend, mit halber Stimme bei: Erwarken Sie mich in der Garderobe.— Pelion ſtand wie aus den Wolken gefallen und ſagte, wie Poſa, zu ſich ſelbſt: „Mich will er haben? Mich? Das kann nicht ſeyn! Ich bin ihm nichts!“— Dennoch zeugte der wohlverſtandene Befehl vom Gegentheile; er eilte in das angedeu⸗ tete Gemach.— Errathen! dachte nun der Sinnende: der Gnaͤdigſte denkt uns ein Hochzeitgeſchenk zu, das nicht bekannt werden ſoll oder will, bei dem lebhaften Antheile, deſſen meine Braut oder Frau, oder Frau Braut vielmehr, ſich hier bisher erfreuen durfte, von ihrem Zuſtande unter⸗ richtet ſeyn. Mein Schickſal hat geruͤhrt. Die Hoheit traͤgt wohl gar den goldnen Schluͤſſel in der Taſche, um den ich, Jahr II. Theil. 5 66 fuͤr Jahr vergebens nachſuchte und ſagt: — Pour le merite! Nach langem Harren kam der Fuͤrſt und ſprach, raſch auf ihn zuſchreitend, kaum vernehmbar: Sie haben ſechs Ritterſitze? P. Fuͤnf und zwei Landguͤter. F. Eins von jenen, liegt unfern des Städtchens Wildringen, alſo in der Naͤhe von Thurburg, das ein gewiſſer Faͤhrwald gekauft hat. P. Wir ſind Nachbarn. F. Und kennen ſich? P. Von einer Jagd her, zu der er mich, bei meinem letzten, kurzen Aufent⸗ halt' in Blauſtein einlud. F. Ei, ſehn Sie doch in Blauſtein zum rechten. Die Frau Gemahlin iſt im Geneſen, alſo jetzt vor allem der Ruhe be⸗ duͤrftig und der kleine Ausflug ſchnell be⸗. endet. Pelion ſagte mit Pathos: O, haͤtte ich Fluͤgel der Morgenroͤthe; ein Wink Ih⸗ rer Hoheit wuͤrde mich bis an's aͤuſſerſte Meer fuͤhren.. F. Vorgeblich noͤthigt Sie ein dorti⸗ ger, dringender Vorfall zu der Reiſe; Sie aber beſuchen, nach der Ankunft, den Nach⸗ bar, bitten ſich zu Tiſche, finden in dem Lieutnant Romly, welcher in Thurburg auf Grenz⸗Poſtirung ſteht, einen Bekann⸗ ten und in der Tochter des Wirthes ein reizendes Maͤdchen. Es wird Ihnen leicht werden, zu bemerken, ob Jener mit der Familie, der er allerdings beſchwerlich fal⸗ len muß, in gutem oder uͤbeln Vernehmen ſey, ob er der Jungfer wohl will, ob ihn dieſe beguͤnſtigt? Faͤhrwald wird ſich un⸗ fehlbar hinter des Lieutenants Ruͤcken, bei⸗ oder mißfaͤllig uͤber ſein Thun und Neh⸗ men gegen Sie aͤuſſern. Rechtfertigt er 5* V —= ————-—-— 68 die wahrſcheinliche Unzufriedenheit mit zu⸗ reichenden Gruͤnden, ſo hilft man ihr, ohne Aufſehn, durch die Verſetzung der Truppe ab, denn mit meinem Willen ſoll kein Soldat den Staatsbuͤrger bedruͤcken; dem Vater muͤſſen die Kinder alle gleich lieb ſeyn.— Dreierlei erwarte ich von Ihnen. Unbefangenheit in der Anſicht— offene Mittheilung ohne Vorbehalt und daß kein Menſch ein Wort von dem Auftrage er⸗ fahre. Es liegt in Ihrer Hand, mich zu verbinden. Bon voyage! Pelion war nie gluͤcklicher, ſtolzer, ſelbſt⸗ zufriedener die Marmortreppe herab, in den Wagen gehuͤpft. Ihm war, in ſeiner Eitelkeit, als ſey er zum Geſandten in Paris oder London ernannt worden; die myſtiſche Audienz, der geheime Auftrag, des Fuͤrſten Zutrauen, die Ehre, ſich aus 69 der ganzen Maſſe der Hof⸗ und Geſchaͤft⸗ maͤnner erwaͤhlt zu ſehn— die Anerken⸗ nung diplomatiſcher Talente, welche dieſe Wahl beglaubigte, erſchienen als Gluͤck⸗ und Ehrenſterne, die ihm, bisher ſelbſt im Traume, nie aufgehen wollten; dazu auch that es dem Herzen ſo gut, des Neben⸗ buhlers Wohl und Weh in ſeine Hand gelegt, ſich gleichſam zu Romly's Schickſal erhoben zu ſehen; nach Befinden Boͤſes mit Gutem vergelten, ihn ſchonen oder ſtuͤrzen zu koͤnnen. Herzchen, ſagte der Berauſchte, am Bette der Kranken angekommen: Lilie! Primel! Paſſiflore! eben rufen mich— nur fuͤr zwei Tage, unabwendbare Geſchäͤfte nach Blauſtein. Die Schaͤferei— der Holzſchlag— eine Grenzberichtigung— aber ich will Dich mit der Aufzaͤhlung ver⸗ ſchonen und Dir wird zudem nichts abgehn. 70 Der Sinn der vier Endworte preßte Charlotten einen Seufzer aus.— Dir bleibt die Mutter, fuhr er fort: bleibt Cle⸗ mentine Reifers, die, auf den erſten Wink, mit Freuden herbei eilt; auch laß' ich den Bruder hier, der mir ja aͤhnlich ſieht, mich Dir vergegenwaͤrtigen und mit ſeiner herr⸗ lichen Laune die liebe Schwaͤgerin, ſo oft ſie es wuͤnſcht, zerſtreuen und ergoͤtzen kann. Den Bruder nimmſt Du mit, erwie⸗ derte Charlotte, faſt gebieteriſch: die lau⸗ ſchenden Neider und Verlaͤumder wuͤrden, nach Jahren noch, verſichern, daß er Tage lang allein mit mir geweſen, daß man ihn ſogar an meinem Bette gefunden habe, wohl aber wuͤrden ſie verſchweigen, daß es ein Krankenbett und ich von Frauen um⸗ geben war. Der Bruder ſchrieb eben, im offenen Nebenzimmer, um die Verlaͤngerung ſeines 71 Urlaubes, denn er gefiel ſich hier weit beſ⸗ ſer als im Katskemeter⸗Lande; er vernahm die Bemerkung und rief: Hart betont, doch wohl geſprochen! Ich fahre mit dem fraterculo auf's Gut! Wird das dem Fuͤrſten genehm ſeyn? dachte Pelion: dem alles Erfahrenden, Ge⸗ ſtrengen, haarſcharf Meſſenden— dem Schlauen und Gefaͤhrlichen! ſetzte er, ploͤt⸗ lich vom Argwohn' ergriffen, hinzu: der dir, vielleicht nach ſeiner Weiſe, in dieſem Auftrage eine Schlinge legte und Boͤſes mit dir vor hat, waͤhrend dem dich der ſchmei⸗ chelnde Schein bethoͤrt. Aber er wagte es um ſo weniger, ſeine kranke, reizbare, mit Zittern geliebte Frau, durch eine Gegen⸗ Vorſtellung aufzuregen, da der gewaltſame, ebenfalls mit Zittern geliebte Herr Bruder gegen ihn ſtimmte und ging bekuͤmmert ab, den andern Sorgen Raum zu geben. —————————:;ꝛx;,——— 72 Sollte er den kapergruͤnen, den nußbrau⸗ nen, den violetten Frack oder die Jagd⸗ Uniform, oder den polniſchen Rock zum Reiſekleide waͤhlen? Den Ermelmantel oder den Schanzlaͤufer mitnehmen? Ge⸗ ſpornt oder in Halbſtiefeln dort auftreten? Wie viel Hemden, Tuͤcher, Krauſen waren von Noͤthen? Werde ſein Bruder, der, wie der Sturmgott, uͤberall nach friſcher Luft ſtrebe, nicht den geſchloſſenen Wagen, ſelbſt den halb offenen verwerfen und auf der Troſchke beſtehn, die ihn allem Unge⸗ mach ausſetzte? Bretnagel und Hohen⸗ ſtamm, die beiden Leiblakeyen, wurden, vächſt dem Kammerdiener Cuiſſon, zur Conferenz berufen, um uͤber dieſe Halsſa⸗ chen entſcheiden zu helfen und im Betreffe der Pflanzen⸗ und Blumenpflege den noth⸗ duͤrftigen Unterricht zu empfangen. Die Troſchke ſtand endlich, ſchon eine Stunde 3 73 lang, zur Abfahrt bereit, der geheime Bot⸗ ſchafter hatte Charlotten bereits dreimal das zaͤrtlichſte Lebewohl geſagt, war noch immer nicht fertig, hatte noch Tauſenderlei zu verrichten, als der Bruder ihn, des Harrens muͤde, zum Huſaren⸗Naube mach⸗ te, den Schwaͤchlichen mit ſtarkem Arm ergriff und Trotz allem Straͤuben und Ei⸗ fern, hinab draͤngte. — „ Wir kehren nun, aus Pelion's ſpiegeln⸗ den Prachtzimmern in den rauhen Schanz⸗ korb zuruͤck, wo Herr von Amthor eben den Wachtmeiſter⸗Leutnant bewirthete. Sol⸗ en Burgunder hatte Bannas, ſeit der rigen Dienſtjubel⸗Feier des Com⸗ n nicht geſchmeckt, auch gluͤhete n Geiſte der zwei geleerten Flaſchen ſchwatzte, als Ehemann und Veſtung⸗ Beamter, aus der Schule. Er geſtand dem Goͤnner, daß der Gaſthof zum Schanz⸗. korbe, ohne des Wirthes Ahnen, auf einem Minengange des Hornwerkes ſtehe und wenn der Feind ſich in jenen logire, alsbald zum blauen Firmamente hinauf fliegen werde; ſein Eheſchatz aber ebenfalls den Hornwer⸗ ken zu vergleichen ſey. So oft indeß Am⸗ thor dem Ziele naͤher kam und das Geſpraͤch auf die gegenwaͤrtigen Staats⸗Gefangenen lenkte, ſchlug ſich jener, mit Heftigkeit, auf den plaͤrrenden Leuenmund und traͤllerte dann einen alten Marſch oder aͤhnliche Wei⸗ ſen, blieb auch, in dieſer Hinſicht, ein verſiegelter Born und ging endlich, der naͤchtlichen Dienſtpflicht eingedenk, ha ab, um auf Schleichwegen in die ſene Veſtung zuruͤck zu taumeln. Auch Eckbert hatte, als ein ſpaͤrlicher Weintrinker, des Guten zu viel gethan und erwachte, nach einer peinlichen Nacht, erſt am Mittage. Enewold kam, von der Wache abgeloͤſ't und ſichtlich begeiſtert, um ſich bei dem Onkel zu Tiſche zu bitten und dieſe Gaſtfreundſchaft durch die uͤberraſchend⸗ ſten Mittheilungen zu vergelten.— Wiſ⸗ ſen Sie wohl, ſagte er: daß das gute Panduren⸗Hannchen, dem geſtern die Ehre zufiel, Ihnen bekannt zu werden, heute am Morgen ein zweiſtuͤndiges Verhoͤr be⸗ ſtand? Hoͤchſt gewiß Deiner Kaltſchale wegen, eiferte Amthor: ich warnte ſie doch. Ader Bannas, der Prahler, meinte, die Maͤd⸗ chen duͤrften ſich immerhin an den Thurm Das geſchieht allerdings, verſicherte je⸗ ner: heute aber iſt die Frage, ob ihm ſelbſt dieſelbe Schonung wiederfahren moͤchte? Ich vertraue Ihnen, unter dem Siegel Salo⸗ monis, daß Frau Maria Clausner vermißt wird— daß ſie entflohn iſt und man, eben erſt, die noͤthigen, hoffentlich vergeb⸗ lichen Anſtalten, zur Verfolgung trifft. Eckbert fiel dem Neffen, ſeine Haltung verlierend, gleich einem Cholerikus, um den Hals, ploͤtzlich aber zerrann die Freude in Wehmuth und Kummer, denn wie ſollte das wehrloſe, mit der Gegend unbekannte Weſen, bei ſeinem Mangel an Paͤſſen und Gefaͤhrten, dem wahrſcheinlichen Aufgebote der Grenzbauern und den reitenden Land⸗ jaͤgern entkommen? Enewold troͤſtete. Mirabella, ſagte er: hat, ganz unzweifelhaft, in ihrem ſinne alles zum Voraus erwogen, leitet, ſichere Huͤlfmittel, die uns unbe⸗ kannt blieben, benutt, vielleicht die Mittel zum Geſpinnſte eines Verſtaͤndniſſes gefun⸗ den, an deſſen Faden es ihr, unbegreifli⸗ cher Weiſe, gelang, am hohen Thurme her⸗ ab zu gleiten. Denke ich mir aber den ſchlimmſten Fall und ſie von Haͤſchern um⸗ ringt und gedraͤngt, ſo bleibt ihr noch ein ganzes Zeughaus von Feen⸗Waffen. Die Gewalt der Anmuth, die Magie der Rede, gewandte Liſt, kuͤhne Beſonnenheit und wo es gilt, Bellonengeiſt— vielleicht auch ein Theaterdolch. O, all' ihr heiligen Engel! rief Am⸗ thor: eilt und rettet Eure Befreundete. E. Sie wiſſen, aus meinem Briefe an die Schweſter, daß Hannchen ihr auf⸗ wartete; daher das heutige Verhoͤr. Zum Gluͤcke kennt der alte Auditeur die gute Seele, weiß, daß ſie eher ſterben als einen Meineid begehen wuͤrde und ihrer beſchwo⸗ renen Ausſage nach, war Mirabella oder Maria Clausner vielmehr, noch am geſtri⸗ gen Abende, wo ſie derſelben, in Beglei⸗ tung des Aufſehers, das Benoͤthigte zutrug, gegenwaͤrtig, lag jedoch, uber heftige Kopf⸗ ſchmerzen klagend, auf der hoͤlzernen Ber⸗ gere, die ihr die alten Commandanten⸗ Schweſtern geliehen haben. Ich, fuͤr mein Theil, werde dieſem aufmunternden Bei⸗ ſpiele folgen, ſobald es ſich thun laͤßt, ohne meinen Gardian, den Vater Pandurus bloßzuſtellen. Da fuhr der Onkel auf, er hielt, Trotz ſeiner Zerſtreuung, eine abmah⸗ nende, Herz ergreifende Rede, malte Ket⸗ ten und Banden, ſtockfinſtere Kerker, ſelbſt den Sandhaufen aus. Fuͤrchten Sie nichts, erwiederte Ene⸗ wold: mich verbinden, zum Gluͤcke, weder Handſchlag noch Eidſchwur. Wie ich hier eintraf, war dem Herrn Auditeur eben der Zapfen gefallen und die Verpflichtung wur⸗ de aufgeſchoben. Als ſie nun endlich er⸗ 79 folgen ſollte, entſeelte mich vorgeblich, in der Nacht, die grimme Pein einer Darm⸗ gicht und ſo iſt denn die Eidesleiſtung bis jetzt unterblieben. Das Menſchenrecht Ih⸗ res freigeborenen Neffen wird jedoch hier um ſo mehr von der rohen Willkuͤhr be⸗ eintraͤchtigt, da mein Vater, wie Lottchen ſchrieb, den Stamm Juda und die boͤſen Chriſten bereits in folle vergnuͤgt hat. Amthor wiederholte ſeine andringlichen Warnungen, verſicherte, um ihn anderes Sinnes zu machen, daß an ſeiner Befreiung bereits mit Eifer gearbeitet werde und der Fuͤrſt ihn, gewiſſen Aeußerungen zu Folge, als Offizier in ein Regiment zu verſetzen gedenke. Enewold ſchien dieſen troͤſtlichen Nothluͤgen Glauben und Vertrauen zu ſchen⸗ ken und ſeine rebelliſche Geſinnung ging fuͤr jetzt in der zungen Gans und dem Sauer⸗ kraut unter, die der Wirth des Schanz⸗ 80 korbes auftiſchte. Der Stoff des Geſpraͤ⸗ ches blieb Mirabellens Flucht und die Menge von Zufaͤllen, welche dieſe verei⸗ teln und jene verderben konnten. Amthor aber dachte: Fort mit mir, uͤber die Grenze! Auch ſie hat augenſcheinlich denſelben Weg ge⸗ waͤhlt, mich aber eine offenbare Schickung, eben am Tage der Flucht, in ihre Naͤhe gefuͤhrt. Den Argwohn, welchen meine Gegenwart vielleicht nun erregen duͤrfte, muß der Wachtmeiſter, ſeines eigenen Beßtens wegen, ablenken, denn er wuͤrde, zu Folge unſers vielſtuͤndigen, naͤchtlichen Verkehres, als Mitſchuldiger verdaͤchtig wer⸗ den. Eckbert verkuͤrzte demnach die Ta⸗ felfreuden, ſtand auf und ſagte: Herzliebſtes Vetterchen, die treffliche Charlotte verpflichtete mich, dem Bruder dies Boͤrschen nur in ſofern einzuhaͤndi⸗ 81 gen, als ich dafuͤr ſein Ehrenwort empfin⸗ ge, die Dame Campo ihrem Schickſale uͤberlaſſen und ſich uͤberhaupt jedes frevel⸗ haften Wagſtuͤckes enthalten zu wollen. Mein Ehrenwort verkaufe ich nicht, erwiederte Enewold: und verzichte auf die bekraͤnkende Wohlthat. A. Es war vielmehr die bange, zaͤrt⸗ liche Schweſterliebe, welche jene, hoffentlich uͤberfluͤſſig wordene Bedingung aufſtellte; nimm alſo dies Pfand der Treue dankbar hin und die Erinnerung an Deinen redli⸗ chen Freund erloͤſche nicht, ob wir uns gleich, vielleicht, zum letzten Male ſehn. Enewold's Augen fuͤllten ſich ploͤtzlich mit Thraͤnen. Er umarmte ihn mit In⸗ nigkeit und ſprach: Wir ſehn uns wieder, glaube ich, und bald. Ich ſuche, nach der vorhin verhießenen Befreiung, den guͤtigſten der Onkel in Siebenbuͤrgen heim und Sie II. Theil. 6 helfen mir dort, durch ihren maͤchtigen Freund, zu einer Cadetten⸗Stelle, bei der die hier geſammelte Kriegs⸗Erfahrung dem hoͤchſt Empfehlenswerthen unfehlbar zu Statten kommen wird. Der Komus verlaͤßt Dich nicht! ent⸗ gegnete Amthor, gleich ihm durch Thraͤ⸗ nen laͤchelnd: moͤchte er zum Janus wer⸗ den! Der Leichtſinn zur Umſicht! Sie ſchieden nun und Enewold fand in dem zierlichen Boͤrschen, außer der Gabe der Schweſterhuld, ein ruͤhrendes, willkomme⸗ nes Scherflein von dem Onkel. Charlottens Zuſtand hatte ſich, waͤh⸗ rend der Abweſenheit ihres Gatten, nicht gebeſſert; ſie glaubte jetzt, mit dem Fruͤh⸗ rothe, aus einem krankhaften Hinbruͤten erwachend, wie am Brautabende, Phanto⸗ 83 me zu ſehn, denn ihr Gemahl ſtand, umguürtet mit einem gewaltigen Saͤbel, aus deſſen Kuppel zwei Piſtolen hervor⸗ ragten, am Bette. Guten Morgen, Herz⸗Engelchen! lis⸗ pelte er: da haſt Du mich! ich bin bei Nacht und Nebel gefahren, um bald wie⸗ der um Dich zu ſeyn. Sie bot ihm die Hand dar und ſagte: Mann, Du erſchienſt mir wie Carl Moor in den Raͤubern; ich entſetzte mich. Was ſoll Dir denn der Pallaſch und das Schieß⸗ gewehr? Bedenke doch die Nachtreiſe, Kind! Kann mein Spazierſtoͤckchen Leib und Le⸗ ben vertheidigen? Der Kutſcher hat die Haͤnde voll und Bretnagel iſt ein Quaͤker, alſo blutſcheu;z mein Bruder wollte mir ſogar noch die Windbuͤchſe aufdringen. Sie laͤchelte ſchmerzlich und ſagte: Der 6* 84 Bruder reichte vollauf hin, Dich zu be⸗ ſchuͤtzen. E. Er blieb ja in Blauſtein, oder in Thurburg vielmehr, bei'm Herrn Nachbar.— S. Wie?— dort— weßhalb? Erſtens, der Jagd wegen— zweitens, weil er in Faͤhrwald's alte Bekannte fand und ihm das aufgebluͤhte Toͤchterchen ge⸗ fiel. Charlotte naͤmlich, Deine Namen⸗ ſchweſter, aber eine Huſaren⸗Natur und darum des Bruders Wahlverwandte. Er hat fruͤher, im Kriege, bei ihrem Vater, welcher ehedem in Schwaben hauſ'te und Handel trieb, Quartier und gute Zeit ge⸗ habt und die Kleine damals fuͤr ſeine Braut erklaͤrt. Jetzt kann das Spiel zum Ernſte werden, wenn Romly keinen Einſpruch thut.— Raſch unterbrach ſich der Erzaͤhler, uͤber die Betonung dieſes Namens erſchreckend— 85 Nomly iſt dort? fragte die aufhorch⸗ ende Kranke, gleich ihm beſtuͤrzt. Auf Grenz⸗Commando— murmelte Pelion: er hat ſich trefflich eingeniſtet und man begreift den Geſchmack der meiſten Frauenzimmer nicht; ich aber bin halbtodt vor Erſchoͤpfung und will zu Bette gehn. Damit ſchied er. Romty! dachte Lotte, und wendete ſich nach der Wandſeite; ſie ſann, ſie ſeufzte und verbarg endlich das gluͤhende Geſicht unter der Decke, denn ein Strom von Thraͤnen floß der Erinnerung und ſeinem Dortſeyn bei der— Namenſchweſter. Der Fuͤrſt war eben aufgeſtanden, als Herr von Pelion gemeldet und vorgelaſ⸗ ſen ward. Gnaͤdigſter Herr! ſagte dieſer, unter 86 regelrechten Verbeugungen: komme ich zu fruͤh, ſo frevelt mein Dienſteifer. E. Ein ſeltener Fehler. Sie waren in Blauſtein? P. Und komme von Thurburg. F. Wurden gut aufgenommen? P. Hoͤchſt ſchmeichelhaft, wie zu er⸗ warten ſtand. Faͤhrwald iſt urſpruͤnglich nur ein Kaufmann, hat aber die Welt geſehen, hat Bildung und Kenntniſſe, iſt ſelbſt in der Pflanzenkunde bewandert, ſeine Frau praͤſentabel, das Toͤchterchen naiv und ſchoͤn, die Tafel vorzuͤglich. Es ward mir der Genuß, aͤchten Tobaier auf das Wohl Ihrer Hoheit zu trinken. Der wackere Mann macht uͤbrigens dem Com⸗ mando gute Tage und Leutnant Romly ſcheint der Freund des Hauſes und der Tochter geworden zu ſeyn. Man traͤgt denſelben gleichſam auf den Haͤnden und — 2 87 ruͤhmte ihn und ſeine Mannſchaft mit Eifer und Herzlichkeit. F. Das erkennt er hoffentlich und vergilt Gleiches mit Gleichem? P. Nach Kraͤften, gnaͤdigſter Herr! Nun, ich bedanke mich! ſagte jener, nach einigen Gaͤngen durch das Zimmer. Ruhen Sie aus! Bald darauf erhielt ein Offizier Be⸗ fehl, den Leutnant Romly abzuloͤſen und dieſem ward, dabei, ſchriftlich angedeutet, daß er, dem fruͤheren Geſuche zu Folge, ſeiner Rangſtufe gemaͤß, zu den Linien⸗ truppen verſetzt worden ſey. Herr von Pelion ſchlich, auf's aͤuſſerſte verſtimmt, durch das Burgthor zuruͤck Ich bin geflogen, dachte er: ich habe die junge, kranke Frau verlaſſen, um, unter uns geſagt, den Spion zu machen; habe, 88 waͤhrend der Nacht, im Walde Leih und Leben eingeſetzt, mir den Schnupfen ge⸗ holt, mit dem widrigen Romly ſchoͤn ge⸗ than, ihm, Trotz unſerer Spannung, Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen und werde, fuͤr alle dieſe Opfer, mit einem kahlen „Nun, ich bedanke mich!“ abgefertigt.— O, Herrendienſt! Daheim aber finde ich eine Frau, die, leider Gottes! noch Braut und noch krank iſt und wie es ſcheint, gar nicht Luſt hat, geſund zu werden— die, vorhin, bei der uͤbereilten Erwaͤhnung des verdammten Leutnants, blutroth und unruhig ward und lieber geweint haͤtte. Vor ſeinem Zimmer harrte Albine, der Frauen Jungfer, die eben Waͤſche bringen wollte, Die Großmama, Pelions Erblaſſerin, hatte das verwaiſ'te Kind auf⸗ genommen, groß gezogen, es, gleich dem Enkel, verwoͤhnt, dann, bei dem Sterben 89 einer Freundin vermacht und jener, als er den Hausſtand ordnete, Albinen, den Ge⸗ genſtand ſeiner fruͤheſten, durchaus platoni⸗ ſchen Paſſion, zum Kammermaͤdchen der Gemahlin erkoren. Sie folgte jetzt dem Herrn in ſein Kabinet, wo er ſich zufoͤr⸗ derſt uͤber das Faͤlteln der Buſenſtreife kritiſch ausließs, die empfangenen Stuͤcke zaͤhlte, dann das Maͤdchen in die Backen knipp und die Vorausſetzung aͤuſſerte, daß Binchen, hoffentlich, mit der gnaͤdigen Frau zufrieden ſeyn werde? Sie warf den Kopf zuruͤck, laͤchelte zweideutig und ſagte: Beſſer vielleicht, als mein gnaͤdiger Herr, der ſich um die ſchoͤnen Flitterwo⸗ chen gebracht ſieht.— Er murmelte ſeufzend: Wer kann dafuͤr! S. Das iſt die Frage! E. Die Frage? Ei, wie ſo? 90 S. So oder anders! E. Sag's ehrlich, Binchen! Du weißt ja wohl, daß mir zu trauen iſt— daß ich Dein Freund war— Dein beßter— S. Ja, ehedem— aber der Ehe⸗ ſtand veraͤndert die Herren— E. Die Schwachen nur, ich aber bin ſelbſtſtaͤndig; das wirſt Du zugeben, alſo rede! Wer pries Dich Tag fuͤr Tag der ſeligen Großmutter an? Wer ſprang Dir bei, mit Rath und That? wer hat Dich wieder in's Haus gebracht? Sey dankbar, Albine! Nun, freilich wohl! und frei geſtan⸗ den halte ich die gnaͤdige Frau jetzt fuͤr ſchulkrank.. E. Einfalt Dul frage erſt die Leib⸗ aͤrzte. Sie war dem Tode nahe, das iſt bekannt. S. Aus Herzleid! ja, man ſpuͤrte es. 91 E. Spuͤrte es? S. Daß ihr ein Anderer im Sinne lag. Sie haͤtte lieber Beide gehabt. Ei⸗ nen zum Staate und einen fuͤr's Herz. E. Biſt Du toll? Und ich waͤre der Staatsmann? S. Die ganze Stadt will ſagen, gnadige Frau haͤtten ſich, in der Stille, mit einem jungen Offizier verſprochen— haͤtten ihm, nur auf der Eltern Zureden, Valet gegeben und wohl auch nach der zukuͤnftigen Herrlichkeit Belieben getragen. Wir ſind nun einmal ſo— mich aus⸗ genommen! Nun einmal ſo! wiederholte Pelion mit zitternden Lippen: Verlaͤumder und Neider erdachten die Luͤge, ich bin geliebt. S. Gewiß!— Vielleicht am mei⸗ ſten in der Abweſenheit, das war zu be⸗ merken, als ſich der Herr in Blauſtein 92 befanden. Gnͤdige Frau ſprachen da oͤfter als jemals, von Ihnen. E. Da ſiehſt Du es. Was ſagte der Engel? Ich vernahm es nur zufaͤllig. Sie aͤuſſerten gegen die Mama: Mein Herr Gemahl wird wohl einen Tag oder einige zugeben— ſich aͤrgern, eifern, wirthſchaf⸗ ten, erkaͤlten, krank oder nicht fertig werden. E. Die Sorgfalt ſprach aus ihr. S. Ja, ſo E. Und aus Dir, Binchen, ſpricht— geſteh' es ehrlich— die Eiferſucht! O Schlaͤngelchen! das ſeh' ich klar. Geh', hebe Dich weg! ich bin boͤſe! Immerhin! fiel Albine, hoͤhniſch la⸗ chend, ein: ich gehe ſchon; quittiren Sie nur gefaͤlligſt den Waͤſchzettel. Er hatte dieſen Geſchaͤftgang, aus Liebe zur Ordnung eingefuͤhrt; beſcheinigte 93 demnach den Empfang der Hemden, Krau⸗ ſen, Tuͤcher fuͤr die laufende Woche und ſagte warnend: Laß ſie nichts merken! Binchen lachte, wie vorhin, ſchob das Blatt unter's Buſentuch und ging ihres Weges; Pelion aber warf ſich in den praͤch⸗ tigen Divan, der jetzt zum Dornſtrauche fuͤr ihn ward; er ließ den Flammen, die ſie anblies, freies Spiel, fand, daß Al⸗ bine, Trotz ihrer Mißgunſt, wahrgeſagt und daß er ſich, bis jetzt, durch Selbſttaͤuſchung verblendet habe. Auch ihm erſchien nun Lottens fortdauerndes Siechthum als ein Gaukelſpiel, mittelſt deſſen ſie ihn entfernt halten, wer weiß wie lange noch, um Recht und Anſpruch bringen wollte. Er ſah im Scheintode ihres ſonſtigen Frohſinnes— dem natuͤrlichen Nachklange der Krankheit— Zeichen des Widerwillens oder des Gram's der hoffnungloſen Liebe; er argwoͤhnte die 94 Fortdauer eines geheimen Verſtaͤndniſſes zu dem Nebenbuhler und eilte, von Groll und Pein und dem Streben nach leidiger Ueber⸗ zeugung getrieben, in das Wohnzimmer der Gattin, um, ohne weiteres, an der Quelle zu ſchoͤpfen. Es war jetzt unbewohnt, der Schreibtiſch verſchloſſen, doch ſeine Sorgfalt hatte fuͤr doppelte Schluͤſſel zu jedem noch ſo unbedeutenden Behaͤlter geſorgt und er kannte die geheimen Faͤcher des Secretairs, der, gleichſam unter ſeinen Augen, gefer⸗ tigt worden war. In einem von jenem fand ſich Charlottens Tagebuch, das die Bedachtloſe, aus Vorliebe zu den Denkzei⸗ chen der Erinnerung, unvettilgt gelaſſen, dem ſie Leid und Freude, Wehmuth und Sehnſucht, Empfindungen und Gedanken, dreiſt und lebendig anvertraut hatte. Auch Hieroglyphen gab es da, welche Namen, Perſonen und den Kern der bedeutendſten 95 Stellen verſchleierten. Er ſelbſt erſchien, im Anfange, ſich erkennend(als Pflanzen⸗ Kundiger) unter dem Bilde einer Blume, doch ſpaͤterhin als Kreuz, mit einem Ge⸗ folge von Zahlen und Zeichen, deren Sinn nur die Schreiberin zu erklaͤren vermochte. Oft genug fand ſich auch ein liegendes Kreuz ſtatt des ſtehenden, das dem Schwerte im alten ABC⸗Buche glich.„Soldaten macht der Degen kund“ dachte Pelion, mit dem Elementar⸗Werke vertraut, und Rom⸗ w war ein ſolcher— war das Schwert, das ihn niederſtieß. Er ſtoͤrte, blaͤtterte, las und verſchlang — fand anfaͤnglich die Blume nicht ſelten belobt— die ſchoͤne— die goldene— die ſpendable genannt. Dem ſtehenden Kreuze war ſpaͤterhin nie ein einziges Schmeichel⸗ woͤrtchen beigefuͤgt und jeder Schnoͤrkel der Umgebung viel zu mißgeſtaltet, um Ange⸗ —O 96 nehmes vermuthen zu laſſen. Ja, der un⸗ freundliche Leſer traf endlich auch auf un⸗ verhuͤllte Aeuſſerungen, die als Belege fuͤr Albinens Gloſſen und Geſtaͤndniſſe gelten konnten.— Ach, er wußte nun mehr als genug; er legte die Offenbarung in das Fach zuruͤck, fand, am Boden deſſelben, ein kunſtvolles Beutelchen, das aus lauter Vergißmeinnicht gewoben ſchien, in dieſem eine rauhe, bleierne Flintenkugel und dachte: Von der ſteht ja kein Wort im Buche und ſie gehoͤrt alſo, wahrſcheinlich, zu ei⸗ nem fruͤhern, geheimen und tragiſchen Ro⸗ mane: Gott weiß, wer ſich bereits, um Ihretwillen, erſchoſſen hat? Hierauf ver⸗ ſchloß derſelbe den Unheilſchrank und eilte, friſcher Luft beduͤrftig, in voller Gaͤhrung auf den Altan, welcher fruͤher mit Lorbeer⸗ Myrten⸗ und Orange⸗Baͤumen geſchmuͤckt, jeßt nur von ihrem Abfalle bedeckt war und 97 zum Bilde der Gegenwart diente. Auch kam es ihm vor, als ob bereits die ganze Stadt ſein haͤusliches Verhaͤltniß kenne, als ob die Voruͤbergehenden, theils hoͤhniſch, theils mitleidig zu ihm aufblickten; ſeldſt der gelehrte, kirre Staar, ein Nachlaß der Großmama, ſchrie von Minute zu Minute: Niais! benèt! béte! was ihn fruͤher nicht anfocht, jetzt aber in den Harniſch jagte. Herr von Amthor fuhr bekanntlich, von Hoffnungen getrieben, aus dem Schanz⸗ korbe ab, der Grenze zu; er ſchauete, wie ein neuer, noch dienſteifriger Thurmwaͤch⸗ ter, nach allen Seiten hin, um vielleicht Mirabellen, die hochverehrte Ausreißerin, zu entdecken. Schon begegneten demſelben zuruͤckkehrende Landjaͤger, ſcheinbare Gegen⸗ ſtuͤcke jenes Pflicht⸗ und Guckeifers, die II. Theil. 7 dem Vezier Bannas, oder dem geſtrengen Sultan, oder Beiden, den Aerger und die Folgen goͤnnen mochten, welche das Ver⸗ ſchwinden der angeblichen Madame Claus⸗ ner veranlaſſen mußten. Endlich trat eine alte, geſpenſterhafte Holzleſerin aus dem nahen Dickige hervor, blickte beſorglich rings⸗ um, humpelte, nach Kraͤften, an den Wagen, rief mit kreiſchender Stimme: Halt! und ſagte odemlos: Nichts fuͤr un⸗ gut; heißen Sie Amthor? Jener glaubte bereits die verkappte Hul⸗ din vor ſich zu ſehn. Eckbert von Amthor, mein Engel! und Sie? Die Alte wendete ſich, ſtatt zu ant⸗ worten, trotz ihres Herz⸗ und Fußgeſpan⸗ nes, raſch wie im Wirbeltanze, nach dem Gebuͤſche hin, winkte mit dem Baumaſte, der ihr zum Stabe diente und dem Zeichen des Waldweibes gehorſam, trat eine Dame, 99 verſchleiert und im ſchwarzen, ſammetnen Ueberrocke aus den Straͤuchern und ſchlich, wie jene, doch mit verklaͤrtem Angeſicht und erhobenen Armen, zu ihm hin— Mirabella, wie ſie lachte und lebte, doch das Lachen war ſchmerzlich und das Leben bedraͤngt. Eckbert ſprang in heller Ver⸗ zuͤckung herab, von dieſen offenen Armen Gewinn zu ziehn, auch fuͤhlte er ſich als⸗ bald umhalſ't und Beide wechſelten nun Bruchſtuͤcke von Wonnelauten und Schmei⸗ cheltoͤnen; die Alte aber ſchob die Verſtrick⸗ ten, eifernd und gewaltſam, dem Wagen zu und verſchwand dann hinter dem Baum⸗ ſchlage. Nirgend war eben ein Wanderer oder Verraͤther zu erblicken, der Kutſcher war Amthor's treuer Diener, Wagen und Pferde hatte ihm Pelion, der gern und oft mit dieſen wechſelte, um einen ſo billigen Preis 7* 100 abgelaſſen, daß er gewiß war, ſie in Wien mit anſehnlichem Gewinne veraͤußern zu koͤnnen, von wo aus ihn ſodann die Poſt an's Ziel fuͤhren ſollte. Die beiden Goldfuͤchſe wurden nun, gleich den Wettlaͤufern des olympiſchen Spieles, dem Ziele zugetrieben, das im fernen Grenzpfahl emporragte und die un⸗ baͤndigen Stoͤße des Wagens warfen ein gluͤckliches Paar auf einander. Als nun das Ziel im Ruͤcken lag, die Angſt der Wonne Raum geben konnte, die heiße Dankbarkeit den gluͤhenden Dienſteifer, auf Verlangen, mit wunderſuͤßen Kuͤſſen ver⸗ gnuͤgt hatte, ſprach Mirabella, ſich ehrbar und verſchaͤmt in die Wagenecke zuruͤckzie⸗ hend, aber, nach wie vor, ſeelenfroh: Nun komme noch ein Freigeiſt und ſage, daß es weder Fuͤgungen noch Schutz⸗ geiſter gebe— finde ein Krittler das Aben⸗ 101 teuerliche eines Romanes zu verwogen, waͤh⸗ rend dem die Wirklichkeit halbe Wunder herbei fuͤhrt. Da bin ich ja! bin frei und unter Ihrem Schutze— drei Gluͤckfaͤlle und Segnungen, die meine kuͤhne Phan⸗ taſie, wohl ſelbſt im Traume ſchwerlich zu vereinen gewagt haͤtte. Denn Ihnen ahnt wohl nicht, fuhr ſie fort: daß ich einem Kerker entfloh?„Daß ich dem düſtern Gefaͤngniß entſtiegen— haͤlt ſie mich nicht mehr, die traurige Gruft?“ Nein, nein! troͤſtete Amthor: Sie ſind geborgen. Wohl aber ward mir be⸗ kannt, woher Sie kommen, doch nicht, wie Ihnen das Wagſtuͤck gelang. Er er⸗ oöͤffnete hierauf Mirabellen, auf welche Weiſe ihm die Kunde von ihrem Schickſale ge⸗ worden, daß er, ſofort, voll des innigſten Antheiles, nach Kalkſtein eilte, um ihre Befreiung zu verſuchen— daß im Begin⸗ 102 nen dieſes Strebens ſie ihm zuvor gekom⸗ men und er nun pfeilſchnell aufgebrochen ſey, die Spur der Theuern zu entdecken und guter Geiſter Huld ihn dieſes Gluͤckes gewuͤrdigt habe. Frau Campo lauſchte, ſtill geruͤhrt, der Mittheilung, erkannte den Werth des Bemuͤhens, reichte und uͤberließ dem thaͤtigen, getreuen, zaͤrtlichen Freunde die Hand, die er an's Herz druͤck⸗ te und dann mit Kuͤſſen uͤberdeckte. End⸗ lich alſo lachte ihn der Engel der Hoffnung ermunternd an, ſchienen die bisherigen Querſtriche ſich zur Bruͤcke nach dem Ziele zu bilden, und Eckbert fragte nun vor al⸗ lem, wohin jetzt ihr Sinn ſtrebe und ob ihm vergoͤnnt ſey, ihr Begleiter zu bleiben? Ich bin ja Ihre Gefangene, erwiederte Mirabella mit einer lieblichen Geberde: und mein Gluͤck wuͤrde vollkommen genannt werden koͤnnen, wenn Sie ſich vielleicht 103 eben auf der Heimkehr zu Ihrem Freunde befaͤnden? Dann fuͤhrte Sie der Weg un⸗ fehlbar uͤber Wien, wo meine große Goͤn⸗ nerin, die Graͤfin Uwall lebt, unter deren Schirme ich, fuͤrerſt, der wahrſcheinlichen Verfolgung des Fuͤrſten trotzen kann. Ihr Wunſch und Wille iſt der meine, erwiederte Amthor: und mein Gluͤckſtern bei weitem der hellere. Mita ſchlug hoch erfreut in die Haͤnde, doch verduͤſterte alsbald wieder ein Woͤlk⸗ chen das verklaͤrte Geſicht. Ach, Beßter! ſprach ſie: wir ließen, in der Freude, die unerlaßlichſte Ruͤckſicht aus den Augen. Was wuͤrde, wer es zufuaͤllig erfuͤhre— was wuͤrde mein eigener Sittenrichter ſa⸗ gen, wenn ich allein mit Ihnen reiſ te? Die Bedenklichkeit ehrt Sie— ent⸗ gegnete Amthor: wir uͤbernachten indeß, heute, in einer bedeutenden Stadt, walten 8 10⁰4 in dem vorzuͤglichſten Gaſthauſe und fin⸗ den dort, unfehlbar, durch die Vermitt⸗ lung der Wirthin, ein Zoͤſchen, das jedes Mal in Ihrem Zimmer, im Wagen aber auf dem Ruͤckſitze Platz nimmt. Die an⸗ genehme Muͤhe ſoll ihm reichlich vergolten werden. O Amthor! wie edel und engelgut ſind Sie! Als wir uns im Theezimmer der trefflichen Praͤſidentin zum erſten Male ſa⸗ hen, ahnte mir nicht, daß Ihr Erſcheinen zu den Silberblicken meines Lebens gehoͤren werde. Das wolle Gott, theuere Mira! fliſterte er, ſtill entzuͤckt, verließ jedoch den ſchoͤnen Text, um dieſe heſperiſche Frucht der Er⸗ kenntniß voͤllig reifen zu laſſen, nicht, durch zudringliche Uebereilung, das Zartgefuͤhl zu aͤngſtigen und ſprach: Sie werden mir, hoffentlich, die Mit⸗ 105 theilung Ihrer Leidens⸗ und Rettung⸗Ge⸗ ſchichte nicht verſagen? Die ſchwebt mir laͤngſt auf der Zunge, erwiederte Mira: doch wollte ich ſie fuͤr den Zeitpunkt der Erſchoͤpfung aufſparen, um den Sandmann damit zu verſcheuchen, denn ich bin ſterbensmuͤde und ſaß bereits, von aller Kraft verlaſſen, in jenem Gebuͤ⸗ ſche, als der him mliſche Vater meinen „Retter herbei rief.— Sie wiſſen, zu Folge jener fruͤhern Mittheilung im Garten des Praͤſidenten, um meine Beziehungen zu dem Fuͤrſten. Sie kennen ſeine Arg⸗ liſt, ſeine Raͤnkeſucht, ſeine Schadenfreude und Unverſoͤhnlichkeit. Es leuchtete mir allmaͤhlig ein, daß die Verſagung der An⸗ nahme jenes Schmuckes aus Sigismund's Hand, ihn ſchwer beleidigt und verfeindet habe— daß mir in dem Hinlocken auf ſein Zimmer ein Fallſtrick gelegt ward— 106 daß jenes geheime Beiſammenſeyn, nach meiner Abreiſe, wahrſcheinlich zum Stadt⸗ geſpraͤche gemacht werden und mich enteh⸗ ren ſollte. Es blieb nichts uͤbrig, als den allgemeinen Glauben an meine Rechtlich⸗ keit geltend zu machen, den Goͤnnerinnen jenen Vorgang, unter Verſchweigung der empfangenen, geheimen Auftraͤge, mitzu⸗ theilen und fuͤr's erſte bei meiner guͤtigen Graͤfin zu Wien eine ſichere Freiſtaͤtte zu ſuchen. Doch, fruͤher als ſich fuͤrchten ließ, erfuhr er meine lauten Etzaͤhlungen und ob ich gleich in der naͤchſtfolgenden Nacht ab⸗ reiſte, war mir der Rachengel doch zuvor gekommen. Mein Weg fuͤhrte uͤber Kalk⸗ ſtein und ſomit in des Feindes Haͤnde. Der Tag grauete, als ich dort am Poſt⸗ hauſe eintraf. Zum Commandanten! rief eine gebieteriſche Stimme dem Poſtillon entgegen, es ſchwang ſich ein Mann auf 3 3 — 107 den Kutſcherſitz. Ich ſah nur eine Veſtung⸗ ſitte in der gewaltſamen Maßregel, ſtieg, auf Verlangen, jenſeit der Zugbruͤcke, vor der Pforte des ſchloßartigen Gebaͤudes aus; fand einen Invaliden mit dem Windlichte vor, dem ich, von dem erſtern begleitet, folgen mußte, und meine Fragen an die⸗ ſen wurden mit hoͤflichen Entſchuldigungen und dem Hindeuten auf den Gebrauch in feſten Plaͤtzen beantwortet. Jetzt, an dem letzten Abſchnitte der hohen Wendeltreppe, fuͤhrte man mich uͤber wuͤſte Gaͤnge in ein Stuͤbchen, das ſich keineswegs zum Be⸗ ſuchzimmer des Herrn Commandanten eig⸗ nete und mein Begleiter ſprach— Frau Maria Clausner, Sie haben ſich, zeither, in der Hauptſtadt, durch verwogene Reden, Gkoſſen und Ausfaͤlle verdaͤchtig und ſtraffaͤllig gemacht; werden deßhalb, auf Sr. Hoheit eigenhaͤndigen Befehl, fuͤr 108 unbeſtimmte Zeit mit dieſem leidlichen Ge⸗ faͤngniſſe fuͤrlieb nehmen und ſich hHoffent⸗ lich eines beſſern beſinnen. Vergebens nannte ich„ zwiſchen der Angſt und dem Glauben an ein Mißver⸗ ſtäͤndniß, meinen Namen; Bannas be⸗ merkte dagegen, er koͤnne, dem erhaltenen Befehle nach, gar nicht irren; die Damen vom Theater tauften ſich ja, oft genug, freiwilig um und Madam Clausner werde* hier genau ſo viel als Madam Campo gel⸗ ten.— Ich erſpare Ihnen die Schilder⸗ ung meines Zuſtandes, des Harms, des Grolles, der Krankheit, die mich nieder⸗ warf, waͤhrend der mir ein engelgutes Maͤd⸗ chen, die Tochter eines Unteroffizieres der 4 Beſatzung, als Pflegerin zugetheilt, meine Vertraute ward, mir weinen und mich troͤſten half. Zum Gluͤcke hatte ich das ſaͤmmtliche Gepaͤcke mit einem Fuhrmanne 109 voraus geſchickt, fuͤhrte nur den nothwen⸗ digſten Bedarf bei mir und außer dem Reiſegelde, das ſie mir abnahmen, hun⸗ dert Dukaten, fuͤr moͤgliche Faͤlle, in den Schnuͤrleib genaͤht. Letztere wurden dem mitleidigen Hannchen, als Preis der Ret⸗ tung dargeboten, aber das Pflichtgefuͤhl des vereideten Maͤdchens wies eine Summe, die es gluͤcklich gemacht haͤtte, mit Schmerzen, doch entſchloſſen, von der Hand. Du Muſterhafte! dachte Amthor: eben ſo wirſt Du, hoffentlich, den gefaͤhrlichen Schreibemeiſter zuruͤckweiſen. Um die gemeinern Dienſte zu verſehen, fuhr Mira fort: erſchien auch, Tag fuͤr Tag, die alte Philippine, des Wachtmeiſters Hausmagd. Das ſchnell gewonnene, herz⸗ liche Wohlwollen dieſer Graͤmlichen und die ſchonungloſe Weiſe, mit der ſie ſich uͤber 110 die Behanblung, welche mir geworden, uͤber den Fuͤrſten und ihren Herrn, als das Werkzeug deſſelben ausſprach, berechtigte zu neuen Hoffnungen. Sie hatte einen Sohn im Auslande, einen tuͤchtigen Tiſch⸗ ler, dem es aber an hundert Thalern zur Erlangung des Meiſterrechts fehlte; einen zweiten, den Beſenbinder im Grenddoͤrfchen, das hinter uns im Walde liegt und dem es an Brot fuͤr die Frau und fuͤnf Kin⸗ der gebrach und fiel mir, als ich ſie voͤllig gewonnen ſah und Gold verhieß, wie eine Verzuͤckte um den Hals. Das ſey des Herrn Hand, veerſicherte Philippine: der habe mich fuͤr den Augenblick in dieß Un⸗ glück geſtuͤrzt, um ihre armen, wackern Kinder auf den gruͤnen Zweig zu erheben und ſeine armſelige Magd auserſehn, die Zuchtruthe des grundboͤſen Wachtmeiſters zu werden, der Große und Kleine ſtrapa⸗ 111 ziere. Sie habe uͤberdieß, in dieſem Lande, keinen Deut zu verlieren, ein Aſchprudel aber finde, ſo weit der Himmel blaue, das taͤgliche Brod und in jeder Hausfrau einen ſpeiſenden Raben.— Dennoch wuͤrde mich vielleicht das Gewiſſen und die Furcht, dieſen Bannas durch meine Flucht um Dienſt und Freiheit zu bringen, zuruͤckge⸗ halten haben, doch der Freche war, aus erklaͤrlichen Gruͤnden, mein Peiniger ge⸗ worden und kein Gezenland fuͤr die zaͤr⸗ tere Ruͤckſicht. Die Nemeſis uͤber ihn! rief Amthor, feuerroth: Lob ſey der alten Philippine! Lob und Segen! erwiederte Mira. Ge⸗ ſtern trat ſie, mit dem Abende, bei mir ein, ſie fliſterte: Gott will es, und dieſe Nacht noch. Mein Herr hat ſagen laſſen, er ſpeiſe bei einem vornehmen Fuͤrſten im Schanzkorbe und Suschen ſolle mich, an ſeiner Statt, begleiten. Die aber hatte, des ausbleibenden Katers wegen, eben auch freien Lauf, ſie gab mir die Schluͤſſel und eilte zu Freunden. Gehn Sie nur, ſagte ich: mir brummt der Kopf, ich lege mich nieder, ſobald die Arbeit gethan iſt und die Schluͤſſel auf des Herrn Bett. Mich ſelbſt quaͤlte eben heftiges Haupt⸗ weh, doch es verſchwand waͤhrend dieſer Verkuͤndigung. Der Anzug, den ich bei der Herkunft trug, ward wieder aufgeputzt, die Alte befeſtigte eine Waſchleine an dem unverſtaͤbten Fenſter des Stuͤbchens, wel⸗ ches, mindeſtens funfzig Ellen hoch, uͤber dem Thurmhofe liegt, und ſelig iſt, wer glauben kann, daß ich an dieſer herabglitt. Dann drang mir Philippine den Schanz⸗ laͤufer ihres Herrn und ſeine Hausmuͤtze auf; ſo ſchritten wir, in Gottes Namen, Treppen ab, durch ihr bekannte Schlupf⸗ 113 winkel, zuletzt hinter einer ſchnarchenden Schildwache weg, uͤber das Bruͤckchen, wel⸗ ches den Wall dort mit den Auſſenwerken verbindet. Nun aber hoͤrte die Wegkunde der Alten voͤllig auf, ſie hielt nur die Him⸗ melsgegend im Auge und uͤberließ es mir, einen Ausgang zu ſuchen. Der Wall iſt ſteil, doch das Mauerwerk verfallen, der Graben trocken; ich warf in ihm den un⸗ ſaubern Deckmantel ab und es ſchlug zehn Uhr in Kalkſtein, als wir bereits den Forſt erreicht hatten, deſſen Zugaͤnge und Fuß⸗ ſteige ſie, als einſtige Holzleſerin, kannte. E. Die Nacht— der Wald— ein altes Weib zum Schirm und den Feind auf der Ferſe— was haben Sie gewagt und uͤberſtanden! Kleinigkeiten, entgegnete Mira: fuͤr Eine, die in Feldſchlachten Wunder that, die lebendig begraben war, vergiftet und er⸗ II. Theil. 8 9 traͤnkt, gen Himmel und nach Hauſe fuhr, um wohlgemuth ihr Bierſuͤppchen auszu⸗ oͤffeln. Aber hoͤren Sie nur. Fuͤr's erſte wollte Philippine dem guten, hart an der Grenze waltenden Beſenbinder unſern Zu⸗ ſpruch goͤnnen, damit er mich uͤber jene nach Summau geleite. Sie hatte, Jahre lang, in dem Orte gedient, dachte mich dort, fuͤr den Augenblick, ihrer vorigen Herrſchaft zuzufuͤhren, fuͤr meine Recht⸗ lichkeit gut zu ſagen und ſtand fuͤr die freundlichſte Behandlung und Aufnahme. Luftſchloͤſſer vielleicht! aber ſie erſchienen mir in jenen Stunden als herkuliſche Saͤulen. — So weit ging alles gut, doch die dunkle Nacht fuͤhrte uns irre, der Morgen war ſchwuͤl und als wir uns endlich wieder zu⸗ rechtgefunden hatten, verſagte ſich allmaͤlig die Kraft. Die Alte trug ohnehin ſchwer genug an dem eigenen Habſal im Korbe, 8. deſſen Oberflaͤche mit Reißig bedeckt war, doch zog ſie mich, Berg auf, an ihrem Stabe nach, den ich, mit beiden Haͤnden, feſthielt und endlich niederſank. Wir be⸗ fanden uns eben zwiſchen dichten Gebuͤſchen, unter welchen der Fußſteig, zunaͤchſt der Heerſtraße, hinlief— wohl noch zwei Stunden weit von der erſehnten Raſt, im Schooße ihtes Beſenbinders, entfernt— wir ſchwiegen, horchten, verſteckten uns und ſchliefen mitunter— da rollte ein Wagen herbei— ich ſehe ihn durch den Baumſchlag, ſehe einen einzelnen Herrn — bekannte Zuͤge— den werthen, mild⸗ ſeligen, von Gott geſandten Freund— will meinen Augen nicht trauen— darf nicht mehr zweifeln und juble und weine und treibe Philippinen hin, Sie zu be⸗ gruͤßen. 1 O himmliſcher Vater! rief Amthor aus, 8* 116 die ſchoͤne Gluth der Andacht riß den Frommen zur Umarmung hin, ihr band die Dankbarkeit die Haͤnde. Dem Major Pelion hatte es, wie ſein V Bruder bereits erwaͤhnte, in Thurburg ſo wohl behagt, daß er jenen allein heimkeh⸗ ren ließ; Romly's Breanntſchaft war ihm, fruͤher ſchon, in der Hauptſtadt geworden. Sie gefielen ſich, gegenſeitig, gefielen auch Faͤhrwalds und ihrem Toͤchterchen und kehr⸗ ten eben, unter traulichen Geſpraͤchen, mit Repphuͤhnern beladen, welche Lotte fuͤr die Kuͤche begehrt hatte, von der Jagd zuruͤck. Mein Bruder, ſagte Pelion: iſt ein ſehr reicher Mann, denn er hat die Groß⸗ mutter beerbt, die mir, als einem Wild⸗ fange, uͤbel wollte, weil ich, zu ihrem Ent⸗ ſetzen, den Waffenſtand waͤhlte, in die— Dienſte einer Macht trat, deren Heere 117 eben gegen Frankreich vorruͤckten, und un⸗ ter die Huſaren ging, die, ihrem Wahne zufolge, des Teufels aͤrgſte Vorlaͤufer wa⸗ ren. Der holte auch, was ich beſaß! Sie wiſſen wohl, wie leicht und ſchnell ihm dieſe Abholung gelingt. Romly ſagte ſeufzend: Vollkommen! P. Nun iſt die Luſt gebuͤßt, der Kraftdrang und Ehrgeiz befriedigt, die Farbe der Zukunft Grau in Grau und meine Wunden brennen und das Herz ſehnt ſich, algemach, nach der Straße, auf der der Segen wandelt— nach dem Hausaltar' und dem Stillleben. Ich ſuche deshalb, wie Herr von Amthor, eine Ge⸗ faͤhrtin, die um mich ſey— einen Treffer unter tauſend Nieten und der Erfolg iſt um ſo ſchwieriger, da mein Weibchen gut, verſtaͤndig, huͤbſch und vermoͤgend ſeyn muß und ich nur mich ſelbſt und etwa ein 118 Lorbeerblatt in die eigene Schale werfen kann. Was der Boͤſe geholt hat, erwiederte Romly: ſcheint Ihr guter Genius ploͤtzlich und mit reichen Zinſen erſetzen zu wollen, wenn anders nicht die Gefaͤhrtin adeliger Geburt ſeyn muß. Lottchen Faͤhrwald, die ja, im zwoͤlften Jahre ſchon, fuͤr Ihre Braut galt, iſt was Sie wuͤnſchen und mehr; ſie iſt noch unverſagt, der Freier ih⸗ ren Eltern als ein Ehrenmann bekannt und die Freudigkeit derſelben, bei ſeinem unver⸗ mutheten Erſcheinen, ein troͤſtliches Zeichen. Pelion faßte Romly's Hand, ſah ihm tief in die Augen und ſprach: Wirklich noch frei? Sind Sie deſſen gewiß, lieber Freund? Jener nickte. Und auch gewiß, daß meine Naͤherung keinen andern wackern Mann bekraͤnken und um die Hoffnung bringen wuͤrde? — 119 R. Den wuͤrde wohl mein Hierſeyn herbeigefuͤhrt haben. P. Ich ſetzte einen ſolchen in Ihnen zum voraus und begegne, in Charlottens Blicken und Weben, der Vorliebe zu dem beſcheidenen Verehrer⸗ R. Sie begegneten nur dem ruhigen Wohlwollen— nur einem geſchwiſterlichen Sinne— Lottchen hat mir, in ihrer zu⸗ traulichen Unſchuld, das Geheimniß meines Herzens abgelockt und moͤgliche, vielleicht aufkeimende Gefuͤhle ihrer Bruſt wurden nun, alsbald, zu Bluͤthen der harmloſen Freundſchaft. Pelion umarmte ihn in hoher Bewe⸗ gung. Auch ich weiß um dieß Geheimniß, ſagte er: und leide mit Beiden und ver⸗ berge, dem neuen, ungluͤcklichen Ehepaare gegenuͤber, das blutende Herz unter Scher⸗ zen und Laͤcheln. Doch hoffen Sie!— 120 nur in der Hoͤlle hoͤrt die Hoffnung auf; das Ziel war uͤberdieß, vielleicht, bloß auf dieſem Umwege erreichbar und was auf ihm fuͤr Sie verloren geht, ſeine Beding⸗ ung.— Mein Bruder ward nicht mehr als er, beſchraͤnkt und ſchwach, in alter Frauen Haͤnden werden konnte— der liebt die Gattin nun wie er die Großmutter liebte und wird ſie aufgeben, wenn er ſich nicht, wie von jener, gefeiert und gehaͤt⸗ ſchelt ſieht. Noch iſt Charlotte nur ein Mittelding von Braut und Frau, ſie ſcheint entſchloſſen, es zu bleiben, es man⸗ gelt ihr die Kraft der Ergebung, den Kelch zu leeren, den ſie, hoffentlich vom Pflicht⸗ gefuͤhl getaͤuſcht, gleichmuͤthig hinnahm und zum Munde fuͤhrte. Ich werde, bei der Ruͤckkehr, den grauen Tag in Sturm und Regen aufgeloͤſ't, die offene Fehde im Gange finden, werde dann meinem Bru⸗ 121 der an's Herz reden, ihm die Nacht der Zukunft ſchildern, ihn zum entfernenden Beſuche ſeiner Guͤter oder zu einer Reiſe vermoͤgen, welche die uͤbel Gepaarten fuͤr⸗ erſt bis zu dem Zeitpunkte ſcheidet, wo die Trennung, ohne ſchreiendes Aufſehn, erfol⸗ gen kann. Doch nicht um meinetwillen? fiel Rom⸗ ly ein. Sey auch der Dritte nur, was er ſeyn und werden mußte— ich mag nicht durch ein Gaukelſpiel gewinnen, das ihn zum Opfer ſeiner guten Meinung und ſeiner ehrlichen Zaͤrtlichkeit macht. Sie nahm ihn und ſie bleibe ſein und werde dankbar! Die Undankbare koͤnnte mir nur einen Diſtelkranz bieten; uͤber ſich und mich nur die Plagen der Nemeſis bringen. — O ſagen Sie ihr das, in Romly's Namen! Jetzt ſchluͤpfte Faͤhrwalds Lottchen aus 122 der Hinterthuͤr des Schloßgattens, den die Jaͤger eben erreicht hatten, ſchritt auf ſie zu und hielt zwei Briefe hoch empor. Taͤuſcht mich nicht alles, ſagte ſie: ſo bin ich ein Freudenherold und Herr von Romly empfaͤngt, aus meiner Hand, die Vergel⸗ tung fuͤr den hieſigen, glorreichen Feldzug. Hier eine Depeſche mit dem fuͤrſtlichen Siegel; die andere erſcheint daneben wie ein Liebesbrief— Sie werden roth! fuhr Lottchen, ſelbſt erroͤthend, fort: und ich Einfalt diente zur Iris. Pelion verwickelte ſofort die willkomme⸗ ne Brieftraͤgerin in ein Geſpraͤch und Rom⸗ w erbrach und las den Befehl, der ihn abrief und verſetzte. In dem mitfolgenden Billet meldete der Kamerad, der an ſei⸗ nen Plaßtz treten ſollte, daß er auf dem Herwege, durch einen Schuß aus dem Dickigt verwundet, von ſeinem Burſchen 123 in den Gaſthof nach Wildringen gebracht worden und kaum faͤhig ſey, dem Wund⸗ arzte Gegenwaͤrtiges in die Feder zu ſagen. Der Inhalt beider Briefſchaften war, in mehr als einer Hinſicht, betruͤbend und zum Leidweſen des Majors ſprang auch Charlotte jetzt, gleich einem Reh', in die Gebuͤſche, denn ihr ſcharfes Auge nahm ankommende Gaͤſte wahr, denen des Maͤd⸗ chens Luſtwandel mit Scharfſchuͤtzen und Huſaren zum Aergerniſſe gereicht haben wuͤrde. Romly's bisherige Meldungen, welche dem Beſitzer von Thurburg die ſchuldige Gerechtigkeit wiederfahren ließen, hatten ihn dem Fuͤrſten, der auf gefaßten Vorbe⸗ griffen zu beharren pflegte, verdaͤchtig ge⸗ macht und die Abſendung des Herrn von Pelion veranlaßt, von welchem, als des 124 Leutnants Feinde, derſelbe uͤber deſſen dor⸗ tiges Benehmen und die Familie Faͤhr⸗ wald aufgeklaͤrt zu werden hoffte. Jenem leuchtete der Grund der augenſcheinlichen Ungnade deutlich ein, zwei Urſachen aber behinderten ihn, den Worten der empfan⸗ genen Weiſung gemaͤß, unverzuͤglich abzu⸗ gehen. Sein Nachfolger befand ſich außer Stande, das Commando zu uͤbernehmen und es war, in Gemeinſchaft mit den amtlichen Behoͤrden zu Wildringen, fuͤr die naͤchſtfolgende Nacht ein Streifzug ver⸗ abredet worden, um endlic„ mit einem Male, die Rotte von Wilddieben und Gaunern aufzuheben, welche ſich, ſeit kur⸗ zem, von Romly's Truppe verſcheucht, in die Berge zog und das wuͤſte Schloß des Walddorfes Kurfels zum Schlupfwinkel ge⸗ macht haben ſollte. Der Schuß, der Rom⸗ ly's Kameraden traf, kam um ſo gewiſſer 125 von einem verſprengten Spießgeſellen der Bande, da dieſelbe, von den Truppen be⸗ draͤngt und geaͤngſtet, jedem Soldaten den Tod geſchworen hatte. Romly eilte fuͤrerſt nach Wildringen, um ſeinen Freund zu begruͤßen, deſſen Wunde, zum Gluͤck, keine toͤdtliche war; er leitete, von da aus, das naͤchtliche Un⸗ ternehmen vollends ein und ſetzte, zu Be⸗ guͤnſtigung deſſelben, falſche Nachrichten in Umlauf. Der Offizier hatte ihm, laut dieſer, den Befehl uͤberbracht, mit ſeiner Mannſchaft nach der Hauptſtadt zuruͤck zu kehren, welche ſich, zum Theil noch die Waͤlder durchſtreifend, hier verſammeln und mit dem Morgen abziehen ſolle. Aber ſie brach ſchon um Mitternacht auf, um das gedachte, von Forſtbedienten, Flurſchuͤtzen und bewehrten Bauern umkreiſ'te Schloß zu erſteigen und zu durchſuchen. Auf hal⸗ 126 bem Wege miſchte ſich ein ſtattlicher Wan⸗ dersmann, mit einem Naͤnzchen auf dem Ruͤcken, unter die Schuͤtzen, begruͤßte den Fuͤhrer und ſagte: Da kann ja wohl Meiſter Hartung, mit Verlaub, ſein bischen Leinwand, un⸗ beraubt und unzerpruͤgelt, nach der Haupt⸗ ſtadt tragen? Romly nahm denſelben ſo⸗ fort in Frage, beſichtigte, bei dem Scheine der Blendlaterne, des Mannes Geſtalt, ſeinen Paß und Torniſter, und ließ ihn dann, an der Spitze gehend, neben ſich hinſchreiten, um den bedenklichen Gefaͤhr⸗ ten im Auge zu halten. Herr Leutnant, ſagte dieſer endlich, mit halber Stimme: denken Sie denn noch, zuweilen, an die Nacht, in der wir, mitten unter Leichen, auf einem Sturzacker beiſammen lagen? Sie mit dem Schuß' in der Bruſt, ich mit dem Stich' in der Seite und beide 127 uͤberzeugt, daß wir den Morgen kaum er⸗ leben wuͤrden. Romly horchte auf und ſtarrte den vor⸗ geblichen Leinweber an. Er hatte, waͤh⸗ rend jenes Gefechtes, von ſeiner, Theils auf dem Platz gebliebenen, Theils geflohe⸗ nen Mannſchaft verlaſſen, ſich den herbei eilenden Schuͤtzen eines Linien⸗Regimentes angeſchloſſen und war, mitten unter ihnen, gefallen. Wir verſchmachteten faſt, fuhr jener fort: ich aber raffte das letzte Bischen Le⸗ ben zuſammen, kroch zu dem nahen Bache hin, brachte die Feldflaſche voll Waſſer zu⸗ ruͤck und Sie drangen mir, fuͤr dieſe Got⸗ tesgabe, Ihre Boͤrſe auf, von deren In⸗ halt ich ſpaͤterhin ein Haͤuschen kaufte. Die Boͤrſe war der Reſt von Romiy's Habe, welchen er, in der Ueberzeugung mit dem Morgen verſchieden zu ſeyn, fuͤr 128 dieß hoͤchſte, irdiſche Labſal mit Freuden preis gab. Die anziehende Eroͤffnung vergegenwaͤr⸗ tigte ihm jene Momente und den huͤlfrei⸗ chen Nachbar, deſſen Staͤrkungbecher ſeine Pſyche wieder aufgefriſcht hatte; er faßte, unwillkuͤhrlich, Hartungs Hand und druͤckte ſie. Willkommen, braver Kamerad! Reproſt! erwiederte dieſer: ich aber bin, des Goldes wegen, noch tief in Ihrer Schuld, obgleich das Haͤuschen, ſpaͤterhin, der lieben Juſtiz in die Haͤnde fiel und will mich nun abfinden. Der Weg, den Sie da einſchlagen, fuͤhrt, meines Wiſ⸗ ſens, nicht zu der Hauptſtadt, ſondern nach Kurfels. Ganz Wildringen meint, die Raͤuber und Wilddiebe, die ihr Weſen in den Grenzwaͤldern trieben, haͤtten ſich dorthin gezogen, doch ſetzten ſie wohl ſelbſt dieſe Luͤge in Umlauf und hauſen dagegen, 129 wo man ſie wohl am wenigſten ſuchen wuͤrde, im grauen Baͤre an der Haupt⸗ ſtraße. Meiſter Hartung, fiel Romly ein: es ſollte mir weh' thun, wenn ich Ihn, Trotz dem empfangenen Labetrunke, als einen Anhaͤnger des Geſindels, feſtnehmen und abliefern muͤßte. Das machen Sie, erwiederte jener: doch nicht fruͤher, bis das Garten⸗Ge⸗ baͤude des Baͤren durchſucht iſt. Der Gaſt⸗ hof war, vordem, ein Kloſter; im Baum⸗ garten ſteht noch ein altes, theils als Schuppen, theils als Fruchtkammer be⸗ nutztes Geniſte, mit weitſchichtigen Kellern, die dort niemand vorausſetzt, und in den Kellern waltet, ſeit kurzem, die ganze Ge⸗ ſellſchaft, deren Hehler der Baͤrenwirth iſt. Hartung! wie konnte ein braver Sol⸗ dat ſich dem verworfenen Volke zugeſellen? II. Theil. 9 130 Fehlgeſchoſſen! entgegnete dieſer: die Chriſtel, meine juͤngſte Tochter, ein kluges, gutes Kind, dient bei der Wirthin als Kindermaͤdchen, dachte, gleich mir, dort bei rechtlichen Leuten zu ſeyn, hat aber das Gegentheil verſpuͤrt, den Schlupfwinkel ent⸗ deckt, den Feiertag benutzt, um den Vater in Wildringen zu beſuchen und mir, was ſie erlauſchte, zu vertrauen. Ich aber durf⸗ te mich Ihnen, der Spuͤrhunde wegen, vor dem Abende nicht naͤhern und dem Amtmanne, dem Tyrannen, der mich, ge⸗ ringer Contrebande wegen, in's Ungluͤck gebracht hat, goͤnnte meine Seele das Wort nicht. So verhaͤlt ſich die Sache. Der unverzagte Leutnant wird jetz, hoͤchſt gewiß, vom Leinweber angeregt, die Raͤuberhoͤhle des grauen Baͤren ſtuͤrmen; wird hauen, ſtechen, ſchießen laſſen, kurz — — 131 eine Nachtſchlacht liefern, deren Graus man, wie billig, dem ſchreckhaften, Knall und Fall ſcheuenden Geſchlechte erſpart und zur Entſchaͤdigung das eheliche Kriegs⸗Thea⸗ ter oͤffnet, dem es, unſtreitig, gewachſe⸗ ner iſt. Herr von Pelion, den wir entzaubert, ſtaͤnkernd, Schloͤſſer oͤffnend, ſelbſt von dem Staare geaͤrgert, zuruͤck ließen, trat bereits als kampfſuͤchtiger Hektor in's Kranken⸗ zimmer, fand aber die Gattin, von der gnaͤdigen Stiefmutter beſchirmt, in einer unangreifbaren Stellung. Endlich hatte ein erfreulicher, aus Wien eingegangener Brief des Herrn von Amthor, die Beſorgniſſe der Familie, welcher er ſeit der Abreiſe nicht geſchrieben, zerſtreut und Frau von Palow, an die er gerichtet war, las ihn ſo eben der Tochter vor. Dem nochmali⸗ gen, ruͤhrenden Danke fuͤr das Uebermaß 9* mmnnnnnnnnͤͤͤſſſſ—— 132 genoſſener Guͤte, Sorgfalt und Nachſicht, folgte, als ein beruhigender Wink fuͤr Char⸗ lotten, die Anzeige, daß er den Vetter Enewold in Kalkſtein beſucht, ausnehmend heiter und feſt entſchloſſen gefunden habe, hinfuͤhro auf der heilbringenden Mittelſtraße zu wandeln und jeden Stein des Anſtoßes zu vermeiden. Mirabellens und ſeines wun⸗ derſamen und wonniglichen Zuſammentref⸗ fens mit der gemeinſamen, ebenfalls ver⸗ ſchollenen Freundin, ward um ſo weniger gedacht, da ihr Aufenthalt in der Veſtung zu den Staats⸗Myſterien gehoͤrte und er in dem Fuͤrſten einen begierigen Leſer freund⸗ ſchaftlicher, durch die Poſt zu erlangender Original⸗Briefe, vorausſetzen mußte. Statt 8 deſſen ließ ſich Eckbert uͤber den Wiener 4 Stephansthurm und aͤhnliche, argloſe Stoffe aus, bat um Antwort, da er noch eine 4 feine Weile in der Kaiſerſtadt zu bleiben 6 133 gedenke, um Mittheilungen uͤber den Her⸗ gang in der Heimath und wuͤnſchte zu dem, nun unſtreitig vollzogenen Ehebunde, ſeiner theuern Nichte Gluͤck. Endlich um⸗ armte derſelbe, naͤchſt der Familie Palow, die gute Clementine und gruͤßte mit em⸗ pfundener Ehrerbietung, alle jene, ihm ver⸗ gebens empfohlene Fraͤulein und Witwen, welche den Verſchmaͤher dagegen in's Pfef⸗ ferland wuͤnſchten. Pelion konnte, des Anſtandes wegen, nicht umhin, an dem Vergnuͤgen uͤber dieß Lebenszeichen des Herrn Stiefonkels, an dem langwierigen Geſpraͤche uͤber deſſen Sinn und Weſen, ſeine Wuͤrdigkeit und Waͤhligkeit, ſein Mißgeſchick bei dem Ge⸗ ſchlechte, ſeine ſchwachen und ſtarken Sei⸗ ten, Theil zu nehmen. Daruͤber verging die Zeit, kam der Augenblick herbei, in welchem, hergebrachter Maßen, die Blumen 134 verſorgt, die Lachtauben gefüͤttert werden mußten und Lottchen ging, als Pazientin, mit dieſen, das heißt: nach Sonnen⸗Un⸗ tergange zu Bette. Tages darauf hielt ihn das offenbarſte Gegenſtuͤck ſeiner Hofſtelle, ein gewaltiger, waͤhrend der Nacht einge⸗ tretener Bauerwezel, von der Gemahlin entfernt, am folgenden uͤberfiel er ſie end⸗ lich, wie Romly den grauen Baͤr, nur um ein Großes weich⸗ und kleinmuͤthiger und fand dieſelbe wiederum vor dem An⸗ griffe geſchuͤtzt. Eugeniens Guͤnſtling, die gute Dorning, ſaß an Charlottens Seite und letztere ſprach mit Freudigkeit: Du kommſt zur rechten Stunde her, um eine gluͤckliche Braut zu begruͤßen. Ida erklaͤrte ſich, ſo eben, als die Ver⸗ löbte Deines gefaͤlligſten Freundes. Pelion laͤchelte betroffen und bitterſuͤß. Wieder ein Mißbuͤndniß! dachte er, den . Aerger verbergend, denn ſeine Freunde muß⸗ ten, entweder turnierfaͤhig wie er ſelbſt, wenigſtens vornehmer oder noch reicher ſeyn. Sie hekrathet den jungen Hof⸗Apothe⸗ ker, fuhr Lotte fort: dem Du die hollaͤn⸗ diſchen Zwiebeln und ſo manche willkom⸗ mene Pflanze verdankſt. Pelion wuͤnſchte dem Fraͤulein darauf, kalt und grollend, zu einem Schritte Gluͤck, der uͤber das Leben entſcheide und um ſo kritiſcher ſey, da Amor betruͤglich und ſcha⸗ denfroh, den Diſtelkoͤpfen des ehelichen Paradieſes, oft genug, das Ausſehn jun⸗ ger Roſen gebe und die Frucht am Baume der Erkenntniß, in dieſem Falle, zum taͤglichen Brote werde. Ida ſah, bekraͤnkt, zu Boden, Pelion aber ſtarrte die Gemah⸗ lin, wie Adam die ſeinige an, als er den Kriebs des ſauern Apfels am Kehldeckel 136 ſpuͤrte. Charlotten uͤberraſchte dieſer Blick, die ſichtbare Gaͤhrung, der Kraftſchein, wel⸗ cher aus der rohen, im offenen Widerſpru⸗ che mit ſeiner Hofmanier ſtehenden Gloſſe, hervor blitzte. Doch gleich darauf verkuͤrzte der ausbrechende, gewaltige Laͤrm auf der Roſenſtraße, den Ermuthigten wie einen Gliedermann. Es brennt wohl? rief er, hinausſtuͤrzend: daß Gott erbarm! Immer lauter ward das Getüͤmmel; auch Frau von Pelion ſchlich, von Ida unterſtuͤtzt, zum Fenſter hin, ſie oͤffnete es und ihr erſter Blick fiel in Romly's Ge⸗ ſicht. Umringt und geprieſen von den ju⸗ belnden Mitlaͤufern, ritt er, auf dem be⸗ kannten Klepper, vor ſeinen Schuͤtzen her, die im Vierecke marſchirten, das die be⸗ zwungene, gefeſſelte Bande erfuͤllte; doch ploͤßlich ſprangen einige aus dem Volke heran, um den blutenden, erbleichenden, 11 137 vom Pferde gleitenden Ritter aufzuhalten. Der Verband einer kaum beachteten, im grauen Baͤre empfangenen Stichwunde war gewichen, Charlotte gewahrte das rieſelnde Blut, ſie ſah in die verloͤſchenden Flam⸗ menaugen, welche erſt jetzt und unwillkuͤhr⸗ lich zu ihr empor blickten und ſank nun auch, im Innerſten verwundet, an Ida's Bruſt. 1 Ein fortdauernder Plagegeiſt des Herrn von Pelion war die Angſt vor dem Feuer; theils Folge angeborener Furcht, theils der Beſorgniß, den herrlichen, praͤchtig ausge⸗ ſchmuͤckten Pallaſt, durch die Fuͤgung des feindlichen, allen Begabten aufſaͤſſigen Daͤ⸗ mons, verſtoͤrt zu ſehn. In jedem lauten Geſchreie glaubte er den Feuerruf, im uͤber⸗ raſchenden Glockentone den erſten Sturm⸗ ſchlag zu vernehmen. Jetzt taͤuſchte ihn zudem eine wunderſame Abendbeleuchtung, welche die Fenſter und Daͤcher der Gegen⸗ ſeite mit Gluthroth bedeckte; er rief da⸗ daher, den Vorſaal entlang, aus hellem Halſe: Bretnagel, Waſſer! Hohenſtamm, die Kruͤckenſpritze! Doch keiner der Dienſtba⸗ ren vernahm die Anordnung, ſie ſtanden im offenen Thorwege, um Naͤuber und Wilddiebe zu erſchauen und eilten jetzt, dienſteifrig, hinzu, den ſcheintodten Be⸗ zwinger derſelben, den wohlgekannten Rom⸗ ly, in des Thuͤrhuͤters nahe Unterſtube zu tragen, das Blut zu ſtillen und den Wund⸗ arzt herbei zu rufen. Pelion klomm indeß bis unter das Dach und flog hinwiederum Treppen ab, um die Vermißten zu ſuchen. Da ſchritten ſie ihm nun, mit dieſem un⸗ willkuͤhrlichen Zuſpruche in den Armen, ent⸗ gegen, erblickte er den Nebenbuhler und 139 gab— noch unbekannt mit dem Triumph⸗ zuge, in ſeinem Entſetzen der Vermuthung Raum, ſein Dorn im Auge habe ſich, gleich dem jungen Werther und unter Lot⸗ tens Fenſter, ein Leid angethan und die That den graͤulichen Tumult veranlaßt. Aber Bretnagel!— Gott's Tauſend ſechs und zwanzig!— Ihr wunderlichen Leutchen— warum denn eben in mein Haus? Das fehlte noch! Mord⸗Element! erſcholl es dagegen, wie vom Himmel herab: Ein ſolcher Gaſt muß dem Hauſ' und dem Hausherrn zur Ehre gereichen! Der rieſenlange, das ein⸗ dringende Volk uͤberragende Kleinkraͤmer, deſſen Geldkaͤtzchen, vor kurzem, der graue Baͤr verſchlungen hatte, und der deshalb in Romly einen preiswuͤrdigen Raͤcher er⸗ blickte, gab dieſe Stimme ab; er verwarf auch, als Tribun des gedachten Plebis, 140 die Einkehr in des Thuͤrhuͤters Stuͤbchen und jener ward demnach in ein Zimmer. des erſten Stockes verſetzt. Cuiſſon, der Kammerdiener, hatte in⸗ deß Erkundigung eingezogen, ſeinen Herrn von den Urſachen des Auflaufs unterrich⸗ tet, und dieſer trat jetzt, bleich und rath⸗ los, bei Charlotten ein, fand ſie viel kraͤn⸗ ker und die beiſtaͤndige Ida ihr zur Seite. Albine meldete bereits, eilig und eifrig, was ſich begab, wie nahe ihr der tapfere Herr Lieutnant ſey und daß er keinesweges in Gefahr ſchwebe; Pelion aber ſprach, die Haͤnde faltend: Wir haben nun den Freund im Hauſe; im gelben Zimmer liegt er, im allerekel⸗ ſten, das ſich wohl eher fuͤr eine Prinzeſ⸗ ſin als zum Spital eignet. Fraͤulein Dorning verließ, von einem Winke der Gattin bedeutet, das Cabinet.— Am Ende, fuhr jener fort: muß ich ihn auch begraben laſſen. Wcochl ihm und uns, in dieſem Falle! ſagte Charlotte, kaum vernehmbar; ſie blickte himmelwaͤrts. E. So, ſo?— Ja, ja! Nach al⸗ lem, was ich weiß— bemerkte— ſchwarz auf weiß vorgefunden habe— nach dieſem Deinem Benehmen und dem Tagebuche, das mir juͤngſt in die Hand fiel— duͤrfte man ſich, ohne die Suͤnde zu fuͤrchten, zu ſeinem Hinſcheiden Gluͤck wuͤnſchen. Der Gattin Freund, des Gatten Feind! ſprach die ſelige Großmutter, ein wahres Orakel; das ſey in der Regel! Dein eigner Feind biſt Dul erwiederte ſie: nur dieſer hat in meiner Meinung Dir geſchadet. Ich? fiel er hoffaͤrtig ein: ei, warum ich, der ſich ſchaͤtzen und loben darf, weil 142 er ſein edles Herz, ſeine unbedankte, ge⸗ mißbrauchte Guͤte, mit einem Worte, ſei⸗ nen ſtillen Werth erkennt. Wir wuͤrden wie im Himmel leben— beneidet und beneidenswerth, aber Du erſcheinſt ja, von Tage zu Tage, gleichſam als die ſchmaͤh⸗ lige Kritik auf das achtbare Werk, das ich vorſtelle. Theils lesbar, theils in Zif⸗ fern ſetzt Dein Tagebuch es herab und gibt zu verſtehen, die Frau koͤnne mich weder fuͤrchten noch lieben. Was ich auch ſagen duͤrfte, erwiederte Lotte: wuͤrde das Uebel nicht heben, nur aͤrger machen— mich vor dem Sittenrich⸗ ter nicht zu rechtfertigen, im Auge des Billigen nur zu entſchuldigen vermoͤgen; alſo wollen wir, ſchweigend und ohne lei⸗ digen Wortſtreit, aus einander gehn, wol⸗ len getraͤumt haben und den aͤngſtlichen Traum zu vergeſſen ſuchen. Man ſieht nun klar, ſprach er be⸗ draͤngt: daß Dir die Naͤhe des unſeligen Friedenſtoͤrers den Muth zu ſuͤndlichen Ge⸗ danken gibt. Suͤndlich, erwiederte ſie: iſt vielmehr unſere Verbindung geworden, deren Bedin⸗ gung gegenſeitiges Vertrauen und Gefuͤhle ſind, zu denen ſich das Herz nicht zwingen läßt. Als Du mein Jawort empfingſt, wollte ich Dir wohl genug, um dem Be⸗ rufe der Gattin genuͤgen zu koͤnnen; die ſpaͤteren Eindruͤcke veraͤnderten, unabhaͤngig von jeder andern Beiwirkung, meinen Sinn, und es wird nun zur heiligen und ſomit auch zur troͤſtlichen Pflicht, Dir dieſen Wechſel zu geſtehen. Pelion erſchien ſich jetzt als ein bewei⸗ nenswerther Gegenſtand. Weder die Groß⸗ . mutter, noch irgend ein weibliches Weſen ſeines Kreiſes hatte er, wie Charlotten, be⸗ 144 guͤnſtigt— er hatte ſich es große Sum⸗ men koſten laſſen, um ſie mit dem Glan⸗ ze einer Fuͤrſtin zu umgeben, alle Geluͤſte des Maͤdchenherzens erſchoͤpfend zu befrie⸗ digen und damit ihre Zaͤrtlichkeit zu gewin⸗ nen— hatte ſich, gewaltſam, ſo mancher Gewoͤhnung entzogen, ihr, in einem Tage, oͤfter zu Willen gelebt als der Großmama im Laufe eines halben Menſchenalters. Ach, und zum Danke fuͤr dieß Rieſenge⸗ birge von Opfern, warf ihn die Liebloſe jetzt mit allen ſeinen Schaͤtzen und Vor⸗ zuͤgen, wie eine taube Haſelnuß aus dem Fenſter. Gut! ſagte er, von der Wehmuth all⸗ maͤlig zum Grimm uͤbergehend: gut, ma femme! oder Mademoiselle! oder was Ihro Gnaden etwa ſeyn oder noch werden moͤgen; ich laſſe Sie heim bringen— im 4 beßten Wagen mit dem Allianz⸗Wappen 145 an der Thuͤr; mein Lilienkranz im blauen Felde, neben den drei Mohrenkoͤpfen der Palow's, bezeichnete, leider! im Voraus die Antipathie. Das Uebrige wird der Sachwalter ausfechten; ein haarſcharfer Patron, der arme Suͤnder am liebſten eigenhaͤndig abthaͤte und welchen meine Wahl ohnehin zu verdrießen ſchien. Albine trat herein, ſie brachte Thee, der ſie zur Naͤherung berechtigte und ſagte, ſeufzend, mit halber Stimme: Der Wundarzt iſt da— ich mußte allerlei herbeiſchaffen und habe die Wunde geſehn. Breit iſt ſie nicht, aber tief, wie ich glaube, doch Herr von Romly ſind wieder bei ſich und ſagten nur zwei Worte, aber mit Nachdruck. Er deutete mit der Hand ringsum; er ſprach: Ich beklage! — Was er beklagt, ſteht dahin, vermuth lich, der gnaͤdigen Herrſchaft beſchwerlich II. Theil. 10 146 fallen zu muͤſſen— dann blickte er ſchwer⸗ muͤthig nach der Decke. Jetzt aber eilte ¹ Binchen zum Fenſter hin, denn der Ma⸗ jor Pelion ſprengte herbei; ſein Renner triefte. Den eben Eingetroffenen veranlaßte, auf ſeinem Zimmer in Thurburg, die Lang⸗ weil, ſich mit dem Entwurfe des Briefes zu beſchaͤftigen, welcher Herrn und Frau 4 Faͤhrwald naͤchſtens um ihr Toͤchterchen an⸗ ſprechen ſollte— ein Unternehmen, deſſen muͤndlicher Vollziehung er ſich viel weniger, als dem Anfalle einer Batterie gewachſen fuͤhlte. Die liebliche Lotte, deren Wohl⸗ wollen ihn, taͤglich, auf's neue ermuthigte und das im fortdauernden Wachsthume begriffen ſchien, gedachte er zuvor, gleich ſchwachen Commandanten, zu gewinnen und ſie, vielleicht, ſogar zur Beſtellerin der † 147 Bittſchrift zu machen. Da trat die Jung⸗ frau uͤberraſchend ein; der Geiſt der Ver⸗ ſtoͤrung, der aus ihren Zuͤgen und Geber⸗ den ſprach, entſchuldigte den freimuͤthigen Geſuch zur Genuͤge. Romly hat ſich mit den Raͤubern geſchlagen, erſcholl es in ſchmerzlichen Wehlauten: er iſt verwundet — ſchwer— toͤdtlich! Er iſt verloren! ſetzte ſie hinzu und brach in lautes Wei⸗ nen aus. Der Major ſprang auf, um die Troſt⸗ loſe in ſeine Arme zu nehmen; Lottchen wehrte ihn ab und flehte ſchluchzend: Wenn Sie mir gut ſind— wenn Sie ihn lieb haben— es iſt kein Augenblick zu verlieren— Ich will ihn aufſuchen, troͤſtete jener: aber wo? Sie nannte den Gaſthof— E. Er wird noch leben— wird ge⸗ 10*† 148 neſen, wenn er hoͤrt, wer fuͤr ihn zittert, um ihn weint und leidet. Ja, ich zittere und weine und leide, fiel ſie ein: wie eine Zweite um ihn leiden wird, fuͤr die er— todt oder lebend ver⸗ loren iſt. 3 E. Nur Ihrer Freundſchaft glaubte Romly gewiß zu ſeyn— aber ich ſehe ihn herzinnig geliebt. S. Sehn Sie nicht— fliegen ſie lieber— hin und zuruͤck, um mir Troſt oder— keinen zu bringen— um ihn, Falls er zu retten iſt, in unſer Haus zu⸗ ruͤck zu fuͤhren— Mutter wird ihn wie die eigene pflegen. O, beßter Freund! ge⸗ ſchwind! auf Windes Fluͤgeln!— Damit verſchwand ſie. Nepomuck, ſattle! rief der Major ſei⸗ nem Diener zu; er faßte dann das Con⸗ cept, deſſen Inhalt ihm ſo viel Muͤhe ge⸗ 149 koſtet, deſſen fertiger Theil ſo wohl gelun⸗ gen war und die aͤlterlichen Herzen ergrei⸗ fen, ihnen wohl thun mußte— er brach den Bogen zum gewaltigen Fidibus und ſetzte mit ihm die Reiſepfeife, gewaltſam dampfend, in Brand. Im grauen Baͤre ſah es aus, als ob Napoleon mit Heeresmacht hindurch gezo⸗ gen waͤre, auch brannte das Garten⸗Ge⸗ baͤude noch, aus deſſen Verſtecken die Un⸗ holde nur Feuer und Flamme zu treiben vermocht hatte— ein halbes Dutzend der⸗ ſelben und drei Jaͤger gaben, todt auf den Boden verſtreut, dem Ganzen Bedeutung und den Farbenton des kleinen Krieges. Pelion fand nur den Nachtrupp vor, welcher eben den Wirth und die Wirthin, hart zerſchlagen und gefeſſelt, in ihren ſtatt⸗ lichen Wagen warf, ſie nach der Haupt⸗ * 150 ſtadt abzufuͤhren. Der Unter⸗Offizier ver⸗ ſicherte jenem, ihr Leutnant ſei dem Ge⸗ lichter, das, ohne Angriff, durch Feuer und Rauch haͤtte umkommen ſollen, zu dreiſt auf den Leib gegangen, deshalb auch mit einem Fleiſchpfuſcher in den Hals ver⸗ ſorgt worden, aber noch ſattelfeſt und be⸗ reits abmarſchirt. Jener ſchrieb nun, mit der Wunde im Herzen, die ihm Lottchen ſchlug, einige heilreiche Zeilen an dieſe, ſandte ſeinen Nepomuk nach Thurburg zu⸗ ruͤck, ritt dann dem Freunde nach und wuͤrde, wenn ihn nicht ein irrfuͤhrender Waldweg getaͤuſcht haͤtte, zugleich mit die⸗ ſem erſchienen ſeyn. Der Bruder huͤpfte in den Hausraum hinab und erſchrak vor dem Staubbedeck⸗ ten, welchen er außerdem umarmt haben wuͤrde.— Laß Dich nur abkehren, lieber Arthur! und begleite mich dann auf mein * — 151 Zimmer; Du triffſt zur rechten Stunde ein. Jener folgte ihm, ohne die Weiſung zu beachten, der Drangſelige ſchuͤttete als⸗ bald das geaͤngſtete Herz aus und ſagte, am Schluſſe der Eroͤffnung: Aufrichtig geſtanden, koͤmmt es mir vor, als ob ich, nach der erlangten, am Innerſten nagenden Erkenntniß, ohne Lot⸗ ten ſeyn und bleiben, mich ſogar weit beſ⸗ ſer befinden koͤnnte— als ob ich ihr gram waͤre, ja als ob ich ſie ſchlagen moͤchte— aber der Hof— aber die Stadt— aber die Spoͤtter! Das iſt die Ruͤckſicht, ſagt Prinz Hamlet: die den Leiden ein ſo lan⸗ ges Leben ſchafft; Und wer erſetzt mir dann, was Alles, um Ihretwillen, ver⸗ ſchleudert ward? Der Praͤſident iſt ein Habenichts, dem ich ein ſtarkes Capital ad dies vitae uͤberließ und zudem wird ſie ſtandesmaͤßigen Unterhalt verlangen. Nun 152 rathe, Bruder! denke fuͤr mich, deſſen Denkkraft am Berge ſteht. Was Du meinſt und fuͤr das Beßte haͤltſt, ſoll blind⸗ lings befolgt werden. Der Major erwiederte hierauf: Und wenn auch alle Spoͤtter der Haupt⸗ ſtadt im Chore laut wuͤrden— alle Fin⸗ ger der geſammten Einwohner, ein Schalt⸗ jahr lang, unverruͤckt auf Dich hinwieſen und in jedem Tag⸗ und Wochenblatte ein Satyr die Geſchichte Deines Eheſtandes ausmalte, ſo wuͤrde die Scheidung doch das kleinere Uebel ſeyn und kluͤglich einge⸗ leitet, ſelbſt hinter Theetiſchen nur fuͤr Au⸗ genblicke zur Sprache kommen. Du fuͤhr'ſt, fuͤr's erſte, Deine Frau nach Berglow— es iſt, in Hinſicht der romantiſchen Lage des Schloſſes und des Mangels an zudring⸗ licher Nachbarſchaft, fuͤr dieſen Zweck un⸗ ſtreitig das angemeſſenſte Deiner Guͤter — —;3-— und der Entlegenheit wegen, das entbehr⸗ lichſte. Du verſchreibſt ihr daſſelbe, gehſt auf Reiſen und der Reſt macht ſich ſpie⸗ lend. Spielend, Bruder! Traͤumſt Du denn? Ich ſoll ihr— wenn auch mein kleinſtes — doch ein Rittergut aufbringen? Ihr, die mir nichts als Stech⸗ und Galläpfel auf den Weg und in den Lebenskelch ge⸗ worfen hat. Thue das, wenn ich mich kuͤnftig zu Dir bekennen ſoll. C'est fort, ma foi! Ein Rittergut der Frau, die ſelbſt ihr Kebsmann ſo we⸗ nig ſchont, daß er ſich, von Wilddieben und Landſtreichern gemißhandelt, vor aller Welt Augen in mein Haus draͤngt und auf ihre zaͤrtliche Pflege rechnet; in ein's der beßten Zimmer bettet und das Blut laͤngs dem Vorſaal laufen laͤßt, ſo, daß 154 ich die Scheuerfrau loben will, die es aus⸗ tilgt. Der Bruder hoͤrte mit Verwunderung, was ihm nicht ahnen konnte, ließ jenen ſtehn und eilte zu dem verwundeten Freun⸗ de. Gleich darauf aber ſchluͤpfte Albine herein, ſie ſpraͤch entruͤſtet: Bretnagel iſt mir der Rechte, gnaͤdiger Herr! der muß fort, Fall's ich bleiben ſoll — ſingt und betet ſogar, wenn er Schuhe und Meſſer putzt und bringt Ihnen doch das leidige Malheur auf den Hals. War ſeine alberne Menſchenliebe nicht, warf er den Thorweg zu, ſtatt ihn zu oͤffnen, half er nicht ſelbſt den Ungluͤcksvogel in's Haus tragen, ſo ging uns dieſer Kelch voruͤber. Sei ruhig, Kind, ich bitte Dich! er⸗ wiederte Pelion: was ſich begeben ſoll, ge⸗ ſchieht! die Tuͤrken haben recht; ich wollte ich waͤre Einer! —— 155 Daß Gott erbarm! rief Binchen, zwi⸗ ſchen Spott und Mitleid: ein blinder Hei⸗ de? Pfui! E. Aber ich haͤtte dann meinen Ha⸗ rem und duͤrfte ſolche Friedenſtoͤrer, unge⸗ ſtraft, um eine Spanne kuͤrzer machen. S. So viel iſt wahr und duͤrften ſich, neben der falſchen und treubruͤchigen Frau, noch eine treue, aufrichtige beilegen. Eine, die Ihnen ſchon ergeben war, als wir noch Fleckchen mit einander zupften. „Ich denk' an Euch, ihr himmliſch ſchoͤnen Tage!“ E. Wo Du mir des Abends Ge⸗ ſchichten erzaͤhlteſt und im Winter das Deck⸗ bettchen waͤrmteſt. S. Ich ſage das und recht mit Weh⸗ muth: Adam und Eva im Stande der Unſchuld— die ſtellten wir vor. Ja, ſcheiden laß ich mich! rief er auf⸗ 156 fahrend. Die Jungfer entgegnete: Das iſt ein Wort! nur daß man, leider! nicht behaupten kann: Ein Wort, ein Mann! denn Ihr Gemüuͤth, gnaͤdiger Herr! ge⸗ mahnt mich, wie ein Frauenzimmer. Es iſt viel zu ſchwankhaft, zu weichlich, nicht terminirt. Abſonderlich hat mich der Rath geaͤrgert, den Ihnen der Herr Bruder gab; er ſchrie zudem, als ob Sie ſein Huſaren⸗ Regiment vorſtellten, man konnte Wort fuͤr Wort im Nebenzimmer hoͤren. Er denkt Ihr ein Gut zu, Ihr, die doch Ew. Gnaden in der Leute Maͤuler gebracht und ſo viel Gutes und Praͤchtiges mit dem ſchmaͤhlichſten Undanke vergolten hat? O laſſen Sie mich nur zu Ihrem Advokaten gehn. Ich will dort Zeugniß geben, gnaͤ⸗ diger Herr! Beſchwoͤren will ich und vor Gericht und blindlings und unbeſehn, was Ihnen nur gefaͤllig iſt und Cuiſſon thut Eô 194 daſſelbe, wenn ich„Entweder, oder“ zu ihm ſage; die Wahrheit aber, ſagt Koͤnig Salomo: beruhe auf zweier Zeugen Munde. E. Auf Reiſen gehe ich. Wer reiſ'te jetzt nicht? S. Da erkaͤlten Sie ſich. Da tritt das Leibſchneiden wieder ein, das der ſeli⸗ gen Großmama ſo viel Noth machte. E. An alle Hoͤfe. Ich laſſe mich vorſtellen. Ein Royaliſt, wie ich, iſt uͤber⸗ all angenehm. Gnaͤdiger Herr, ſprach Hohenſtamm, in's Zimmer tretend: der Offizier iſt wie⸗ der bei ſich und das Blut geſtillt; aber er verlangt eine Saͤnfte und will ſich weg⸗ bringen laſſen. Sie wuͤrden das nicht zu⸗ geben, meinte ich. Dummrkoͤpfe meinen! fiel Pelion un⸗ gnaͤdig ein. Du holſt und bezahlſt ſie.— Schnell! Das habe ich wohl dem Bruder zu danken? fuhr er, ſich zu Albinen wendend fort. Der iſt denn doch, im Grunde, mein Stecken und Stab. Dem will ich fol⸗ gen— ja, der ſieht weiter als ich und Du. Genug, Sie ſind wie— unſer Eine! entgegnete dieſe und ward jetzt zu ihrer Frau abgerufen. Des Fuͤrſten Heirath hatte ſich zer⸗ ſchlagen, denn die Erlauchte, der er dieß Gluͤck zugedacht, wies es, zur Ausnahme von der Regel, entſchloſſen ab. Er war eben verſtimmter als je und Romly's bra⸗ ve That demſelben um ſo verdrießlicher, da er ihm weh zu thun beabſichtigt hatte und ihn nun gar beloben ſollte. Vor allem naͤhrte Mirabellens Flucht ſammt der er⸗ folgten, Aufſehn und Geſchrei verurſachen⸗ den Andeutung ihres unverwirkten Geſchik⸗ 159 kes in oͤffentlichen Blaͤttern, ſeinen Groll. Der Wachtmeiſter⸗Leutnant ſtand bereits, zum Gemeinen herab geſetzt, mit Enewold um die Wette auf der Schildwache und Philippine ſollte, auf's Gerathewohl ge⸗ malt, am Schnellgalgen der dortigen Haupt⸗ wache aufgeknuͤpft werden. Bannas hatte, zu ſeiner Entſchuldigung, den Herrn von Amthor mit in's Spiel gezogen; er hatte vorgeſchuͤtzt, daß ihn dieſer im freien Felde angeredet, in den Schanzkorb gelockt, mit ſtarken Weinen und bedenklichen Fragen im Bezug auf die Staatsgefangenen be⸗ draͤngt und bis zur Mitternacht feſtgehal⸗ ten habe. Hannchen und Suschen, der Wirth des Gaſthofes und die Wachmann⸗ ſchaft der Pulver⸗Magazine beſtaͤtigten, eidlich abgehoͤrt, einen Theil dieſer Ausſa⸗ ge; Kundſchafter erforſchten, daß der Be⸗ ſchuldigte, in Summau, mit einer Dame 160 eintraf, die der Campo vollkommen glich; ſie waren ihrer Spur bis Prag gefolgt. Der Fuͤrſt ſah nun, in Jenem, Mira's Entdecker und Befreier, ſah ein Complott und Verrath, zweifelte auch um ſo weni⸗ ger an dem geheimen Beiwirken des Herrn von Palow, da dieſen die Art und Weiſe der Beſtrafung ſeines Sohnes ſichtlich ver⸗ letzt und Enewold's Schweſter ſich, ohne Ruͤckhalt, deßhalb ausgeſprochen hatte. Das Unwetter ſchwebte, bereits ſeit Wochen, uͤber dem Haupte des Praͤſidenten, und er ſtand eben, von dem Berufe herbei ge⸗ fuͤhrt, im Vorſaale, als jenen noch der Inhalt einer Schmaͤhſchrift brannte, die er im Schloßgarten an der Thuͤr, des blauen Luſthauſes klebend fand. Sigismund meldete und ließ den Praͤ⸗ ſidenten ein. Sie wollen ſich nun auch der Geſchaͤfte 161 begeben, ſprach der Fuͤrſt: und ich kann mir denken, daß Ihnen, nach dem Erſatze jener Caſſen⸗Defekte— dem Strafgelde fuͤr ein ruͤckſichtloſes, unbekuͤmmertes Ver⸗ trauen, die Luſt zu dienen, vollends ver⸗ gangen ſeyn muͤſſe. Ein ſchriftliches Ge⸗ ſuch um Wartegeld wird angemeſſene Be⸗ achtung finden. Ueber den Sohn endlich, moͤgen Sie, von nun an, nach Gefallen verfuͤgen. Er iſt frei. Der Praͤſident erblaßte— weniger vor Schreck, denn er hatte, als Diener der Willkuͤhr, ſchon oͤfter ein aͤhnliches Ende und das Geſpenſt des rohen Undankes in der Naͤhe geſehen, als im Gefuͤhle des er⸗ druͤckenden Ungluͤckes, das jetzt, von allen Seiten her, ſein Haupt bedeckte. Die Roſen der Krone, die ihm, fruͤher, in der Verbindung Charlottens mit dem reichen und lenkſamen Pelion vorſchwebte, waren II. Theil. 11 162„ ſchnell verſtaͤubt; nur der zackige Dornen⸗ kranz blieb zuruͤck und dieſen hatte er, durch ſeinen Irwahn, der Tochter aufge⸗ noͤthigt. Ein wachſameres Auge auf den Sohn, deſſen Lichtſchein ihn blendete, wuͤrde dieſen gezuͤgelt oder er die Verwilderung muͤ⸗ ßiger Kraͤfte bemerkt und ihr vorgebeugt haben. Enewold ſtand nun, unfertig, auf halbem Wege, in ſeiner Laufbahn unter⸗ brochen und oͤffentlich als ein Ausſchweifen⸗ der bezeichnet, deſſen kuͤnftiges, wahres Beduͤrfniß der Vater ſchwerlich zu befrie⸗ digen vermochte. Der Letztere blieb uͤber⸗ dieß ein unzahlbarer Schuldner des ver⸗ feindeten Eidams und ſollte und mußte nun, zu Friſtung ſeines Lebens, dieſen Fuͤrſten um ein Gnadengeld anſprechen. Fuͤr den Augenblick keines Wortes maͤchtig, oder zu ſtolz oder zu beſonnen, ſich, in ſolcher Gaͤhrung, zu aͤußern, verbeugte ſich —— 9 163 Herr von Palow und verließ, wie fruher nach vollbrachter Arbeit, mit gemeſſenem Schritte, das Zimmer. Enewold lebte, waͤhrend dem, in gluͤck⸗ licher Unbekanntſchaft mit dem Schickſale ſeiner Schweſter und den Nachtgewoͤlken, die das vaͤterliche Haus uͤberzogen. „Theuerſter Onkel,“ ſchrieb er an Eck⸗ bert:„wie gern waͤre ich Ihnen nachgeeilt und dem Beiſpiele der holden Bewußten gefolgt, wenn nicht die Furcht, durch die⸗ ſen Austritt das Herz des guten Vaters auf's neue zu bekraͤnken, ja, ihm vielleicht weſentlich zu ſchaden, mich bewogen haͤtte, der Maͤdchenſchule treu zu bleiben. Sie werden den Vetter deshalb beloben und mir, wie damals, vorſtellig machen, daß jenes Wagſtuͤck, bei dem Mangel an Paͤſſen und noͤthiger Beglaubigung, den Ausreißer nur 11 164 in's Verderben bringen koͤnne, und mein Entwurf war allerdings ein gewagter, aber die Ausfuͤhrung ſicherte denn doch, wenn ihn das Gluͤck beguͤnſtigte, vor allen poli⸗ zeilichen Klippen und Anſtoͤßen. Erſchrek⸗ ken Sie nicht vor der Gedankenbrut der hoffnungloſen Stunde. Ich wollte auf das Dach unſers Pulverthurms klettern und ihn, mittels eines Leitfeuers, anſtecken. Pandu⸗ rus, der ehemalige Buͤchſenmeiſter, ward deshalb ausgehorcht; er deutete, faſt bis auf's Korn, den Pulverbedarf einer Bombe von meinem Gewicht an, die, zum Bei⸗ ſpiele, den tauſend Schritte von hier ent⸗ fernten Schanzkorb treffen ſoll, in welchem uns das gebratene Gaͤnschen mundete. Re⸗ gula de tri zeigte fernerweit, die mir be⸗ kannte Pulvermaſſe des Thurmes reiche eben hin, Ihren anhaͤnglichen Vetter an die Donau, in des beßten Onkels Arme, —, 165 oder wenigſtens an den Lethe zu ſchlenkern, wo alle Fliehkraft ein Ende nimmt. Im erſtern Falle wuͤrden mich ſelbſt die Spuͤr⸗ naſen der Cometen⸗Riecher kaum gewittert, politiſirende Paßbeſchauer das Phaͤnomen fuͤr den ſeleniſchen Geſandten, gemuͤthliche fuͤr den Kinder bringenden Storch, wahnglaͤu⸗ bige fuͤr den Vorreiter des juͤngſten Ge⸗ richts oder einen bockbeinigen, mit Ketzer⸗ ſeelen beſchwerten Schaffner der hoͤlliſchen Eilpoſt gehalten haben. „Vom Boten unterbrochen, der mir eben einen Brief der guͤtigen Mutter ein⸗ haͤndigte, warf ich die Feder hin und las und es ward mir, wie einem, der, vom heiteren Traume erwachend, die Kammer ringsum in Flammen ſieht. Sie ſchreibt: „Ich ſey entlaſſen, doch der Vater auch! ich aus Gnade, er unverſchuldet. Es fehle, fuͤr die Zukunft, augenſcheinlich an 166 den noͤthigen Mitteln und das hoͤchſt ge⸗ ſpannte Verhaͤltniß zu dem Schwiegerſohne verbiete, von da aus, Unterſtuͤtzung zu hof⸗ fen oder ſie anzunehmen. Mutter fuͤrchtet ſogar, Charlotten, des naͤchſten, in das elterliche Haus zuruͤckkehren zu ſehn und fuͤgt inliegenden Brief an Sie, den einzi⸗ gen, geliebten Bruder, bei, in welchem der verlorene und verlaſſene Sohn Ihrem Antheil empfohlen wirb und dem ich nach⸗ folgen ſoll, ſobald mein ungluͤcklicher Va⸗ ter ſein Haus beſtellt und den nothwendi⸗ gen Geldbedarf fuͤr die Reiſe und Aus⸗ ſtattung eruͤbrigt haben wird. „Und dieſem Vater drangen mein Uebermuth und Leichtſinn tauſend Thaler ab, die er nun ſchmerzlich vermiſſen wird und die, nicht mir, nur Spielern und Wucherern zu Gute kamen! O, ihr Berge, fallt uͤber mich! ihr Huͤgel des ſtillen Friedhofs dort, bedeckt mich, den Heilloſen!“ 3 Ein Thraͤnenſtrom rollte auf das Blatt und der Reuige verbarg das Geſicht in den Haͤnden. Hannchen war eben allein mit ihm, ſaß am Spinnrade, ſchwang es em⸗ ſig und ihre Blicke flogen, ab und zu, von der Spindel auf den erregten, ergluͤ⸗ henden Leſer, deſſen Zuͤge nun allmaͤlig das Weh des bitterſten Herzleides ausſprachen. Da entglitt ihr der Faden, ſie ſpann nicht mehr, ſie ſah ihn weinen; die heilige In⸗ brunſt des Mitgefuͤhles trieb das Maͤdchen zu ihm hin; die Thraͤnen und die Schmei⸗ chellaute der Engelguten erquickten den Un⸗ toͤſtlichen. Der Major Pelion ließ, bekanntlich, ſeinen Bruder ſtehn, um in das gelbe Zimmer zu eilen und den geſchaͤtzten Ka⸗ 168 meraden zu beſuchen. Dieſer war, Kraft der gediegenen Soldaten⸗Natur und der wundaͤrztlichen Huͤlfe, bereits wieder faͤhig zu denken, zu ſprechen und auf's hoͤchſte uͤberraſcht, als er ſich von theilnehmenden, handreichenden Bedienten in Pelions Liv⸗ rey umgeben ſah und man ihm ſagte, wo er ſey. Als wir in Thurburg ſchieden, ſprach er zu dem herbeiſchleichenden Major, deſſen Weiſung die Zeugen entfernte: ahnte uns wahrhaftig nicht, daß Sie mich heute, im Pallaſte Ihres Bruders, zwiſchen dem Ko⸗ zyt' und dieſer Herrlichkeit wieder ſehn wuͤr⸗ den. Der ſogenannte Zigeuner verſetzte mir, zum Danke fuͤr die Bemuͤhung, ihn lebendig zu fangen, einen Dolchſtich in den Hals und der Verband ward ſo eilig, wie das ganze Geſchaͤftchen, gemacht. Ich ſchlug ſelbſt einen Umweg ein, um den —— † 169 Zug durch die Roſenſtraße zu vermeiden, da war, des Baues wegen, das Oberthor geſperrt und ſo trieb mich denn mein Schick⸗ ſal hierher. Doch fuͤhrt es guͤtig auch Sie herbei, der wohl fuͤhlen duͤrfte, daß die Verſetzung in das Militair⸗Spital, bei dem Mangel eines eignen Quartieres, fuͤr jetzt mein dringendſtes Beduͤrfniß ſey. Der Wunſch ward befriedigt und ſofort nach der Saͤnfte geſchickt; Pelion unterhielt ihn indeß von dem Jubel, den ſein gelun⸗ genes Unternehmen in jener Gegend erreg⸗ te, von dem innigen Antheile der Wild⸗ ringer und Thurburger, denen er ſich, ohne⸗ hin, ſo werth gemacht habe; von Lottchens Angſt und Zaͤrtlichkeit. Still davon! fliſterte Romly: die Lot⸗ ten erſcheinen an meinem dunkeln Lebens⸗ himmel, als liebliche und dennoch Verder⸗ ben bringende Geſtirne und meine Freude 170 uͤber dieſen Antheil wuͤrde ebenfalls einen Andern und dießmal einen Beſſeren be⸗ truͤben. Pelion ſah den blaſſen Kranken jetzt, ploͤtzlich, bis zur Stien ergluͤhn, denn bei⸗ de vernahmen, gleichzeitig, die Stimme ſeiner Schwaͤgerin, die eben zu Bette ge⸗ bracht ward und fuͤr jetzt im Nebenzimmer ſchlief. Sie ſchwiegen nun und nach we⸗ nigen Minuten erſchienen die Traͤger und der Freund begleitete die Saͤnfte an das Ziel ihrer Beſtimmung. Enewold hatte indeß ſeiner Stiefmutter geantwortet und die Stimme des kindli⸗ chen Gefuͤhles, der innigen Reue, der ruͤhrenden Gemuͤth⸗Ergießung war geeig⸗ b net, den Vater zu troͤſten, zu verſoͤhnen und das einſtige, herzinnige Wohlgefallen* an dieſem Sohne wieder zu beſchwingen. 171 Jenes neulich verheißene Reiſegeld und die nothwendige Ausſtattung wies Enewold mit Eifer ab; er betheuerte, durch der Schwe⸗ ſter fruͤhere Guͤte, noch zum Ueberfluß ver⸗ ſehen zu ſeyn und ſagte die Wahrheit, denn das wirthliche Hannchen, welchem die Kunſt, den Pfennig zum Thaler zu erhoͤhen, beiwohnte, war die Schatzmeiſter⸗ in des Wirthloſen und Enewold, auf die⸗ ſem Wege, mit dem Werthe des Geldes, mit den Genuͤſſen der Spaͤrlichkeit, mit dem Reize des Beſitzthumes bekannt wor⸗ den. Was die Getreue nun zu Rathe gehalten und geſammelt hatte, reichte fuͤr den gegenwaͤrtigen Zweck um ſo gewiſſer hin, da er ſich die Fußreiſe als eine Buͤ⸗ ßung auferlegt hatte und der Oheim, fuͤr jetzt, noch in Wien lebte. Da ſtand er denn, marſchfertig. Pandurus trommelte den Generalmarſch auf der Fenſterſcheibe 172 und aͤuſſerte, beiher, ſeinen Schmerz in ſeltenen, ihm nur im Sturme der hoͤchſten Aufregung gelaͤufigen Fluͤchen; die Frau Feldwebelin ſegnete dagegen den Goldſohn, wie Iſaak den vorgeblichen Eſau; doch nach Johannen ſah er ſich vergebens um; ſie war verſchwunden, weil ſich ihr Herz dem Wehe der Scheideſtunde nicht gewachſen fuͤhlte; der treue Tapſel war der Weinen⸗ den gefolgt und blieb ihr Eigenthum; ein werthes Vermaͤchtniß. Wir kehren zu Enewolds Schweſter zu⸗ ruͤck und finden ſie, mit ihrem Gemahle, in Berglow, auf dem Wege der Herſtel⸗ lung, doch in dem bisherigen, getrennten Verhaͤltniſſe. Auch der Major iſt dort, um ſeinen Bruder, zur Vollziehung der, heute gefaßten, morgen zuruͤck genomme⸗ nen Entſchluͤſſe im Betreff der Reiſe, der 2 7 kuͤnftigen Scheidung und billiger Nuͤckſich⸗ ten gegen die Geſchiedene, zu bringen. Jetzt iſt er endlich wieder zu allem bereit, iſt, im Traume verwichener Nacht, irgend⸗ wo vorgeſtellt, mit ausgezeichneter Huld empfangen, mit dem Gewuͤnſchten begna⸗ digt worden und ſieht in dieſem Schatten⸗ ſpiele den Wink der Schickſalmacht. Cuiſ⸗ ſon packt, Hohenſtamm fuͤllt die Faͤcher und Behaͤlter des Wagens mit Coͤllner Waſſer, kalter Kuͤche, feinem Weine, zier⸗ lichem Nachtzeuge, geladenen Terzerolen und einer Waͤrmflaſche. Ich ziehe nach Paris, ſagte er zu dem Bruder: ich lebe und ſterbe in dieſem Vor⸗ himmel, das iſt mein letzter Wille! und leite, von dort aus, die Scheidung ein. Berglow, mit allem was da ſteht und liegt, bleibt meiner Frau, oder dem Fraͤu⸗ lein Palow vielmehr, das unſern Namen 5 . 174 traͤgt; die Schenkung wird, noch heute, in aller Form vollzogen, doch unter der billi⸗ gen Bedingung nur, daß ſie den Romly nie zum Manne nehme. Iſt dieß Ge⸗ ſchaͤft in Richtigkeit gebracht und der Con⸗ trakt in meiner Taſche, ſo faͤhrt Dein treuer Bruder ab und der Oeconomie⸗Rath Huͤhnlein, meine vieljaͤhrige, rechte Hand, vertritt, von nun an, des Herrn Stelle. Bretnagel bleibt bei der gnaͤdigen Frau. Cuiſſon und der andere begleiten mich. Sprich alſo gefaͤlligſt mit dieſer und mache Deinen Einfluß und die Beredtſamkeit, die mir abgeht und Dir geworden i*ſt, geltend, denn es lag, vom Anbeginn, in ihrem Plane, mich, den Betrogenen, wegzuſchmet⸗ tern und ihren Romly zu begluͤcken. Der Major erwiederte darauf: Dieß alles ward ja bereits mit Charlotten be⸗ ſprochen und ihre Anſicht und Erklaͤrung . — 475 Dir zu wiederholten Malen mitgetheilt. „Waͤre mein Vater nicht ungluͤcklich ge⸗ worden, ſagt die Bedauernswerthe: und rechtfertigte nicht meine heilige, kindliche Pflicht die Verletzung des Zartgefuͤhls: ſo wuͤrde ich den dargebotenen Beiſtand, Geld und Gut und Guͤte, als eine Wehthat, entſchloſſen abweiſen und viel eher vom Ertrage weiblicher Arbeiten, bei Waſſer und Brot', als auf Koſten Ihres Bru⸗ ders, der eine Undankbare an mir fand, im Ueberfluſſe leben. Nur meiner Aeltern, und des Bruders wegen, die der Mangel bedroht, unterwerfe ich mich der edeln Rache— mein Dank, mein Antheil, mein taͤgliches Gebet wird ihn begleiten und Romly nie mein Gatte werden— hier, meine Hand darauf!“ So ſagte ſie und dabei bleibt es! Zartſinnige nahmen, vielleicht, ein Aergerniß an dem verzuͤckten, ſchnaͤbelnden Taubenpaare, das der ehrbare, beſonnene Eckbert und die zuͤchtige Mirabelle, als wir ſie im Wagen verließen, Trotz dieſer ruͤhmlichen Eigenſchaften, darſtellten. Beide rechtfertigt indeß der Zauber des Augen⸗ blicks, der die Dame, dem Kerker entron⸗ nen, erſchoͤpft, verzagend, den Haͤſchern, den Landſtreichern, jedem Unheil preis ge⸗ geben, wie durch Engelhand, unter den Schirm und in den enteilenden Wagen eines werthen und angenehmen Freundes fuͤhree und Amthor war kein Wildfang, doch nicht aus Schnee hervorgegangen. Er war und blieb— ein Mann, den dieſe, nie geahnte, lang entbehrte Gunſt der Aphrodite entflammen und berauſchen mußte. Schon im naͤchſten Nachtquartiere fand 177 ſich, ihrer Hoffnung gemaͤß, das noͤthige Zeichen, auch die verlorene Haltung wie⸗ der. Der lange, beſaͤnftigende Schlaf eb⸗ nete die Sturmfluth der Wallung, der Geiſt der feinen, aͤußerlichen Zucht nahm jetzt im Wagen zwiſchen beiden Platz und herrſchte, von nun an, um ſo ausdauern⸗ der vor, da die lebendigen Augen der neuen Jungfer gewandten Polizei⸗Spionen gli⸗ chen, welche die Arme, Knie, Augen und Odemzuͤge der herrſchaftlichen Nachbarn ver⸗ ſtohlen, doch unablaͤſſig, belauerten. Mira ward, nach der Ankunft, von dem getreuen Paladin zu ihrer Schutzfrau, der Graͤfin Uwall gefuͤhrt; ward wie eine lang erſehnte Tochter aufgenommen, aber veranlaßt, dieſelbe, ſchon am folgenden Tage, auf einer Geſchaͤftreiſe nach Bruͤnn, zu begleiten. Eckbert, der ſich, nach allem was Frau Campo zu ſeiner Empfehlung II. Theil. 12 geſagt, gleich dieſer und wie ein willkom⸗ mener Freund behandelt ſah, litt, bei die⸗ ſer ploͤtzlichen Trennung, um ſo mehr, da man die Ruͤckkehr erſt nach dem Verlaufe von vierzehn Tagen hoffen ließ und ergoß ſich nun in zaͤrtlichen, ausfuͤhrlichen Brie⸗ fen an die Gefeierte; ſie ſollten das endli⸗ che Geſtaͤndniß, den foͤrmlichen Heirath⸗ Antrag vorbereiten.— Ihm bangte haupt⸗ ſächlich vor der Frage, ob Mira wohl die Kraͤnze der Mime, den Weihrauch, welcher ihr, wo ſie ſich ſehn und hoͤren ließ, unzweifelhaft werden mußte, als Un⸗ kraut verſchmaͤhen, ob ſie den Freuden der Kaiſerſtadt, den Genuͤſſen eines erleſenen Kreiſes Valet ſagen koͤnne, um ihm, wie Ariadne dem Theſeus, nicht eben nach Naxos, aber an die Grenze der europaͤi⸗ ſchen Tuͤrkei zu folgen. Die Frage war ——41,— —1,— lang, wie das Bedenken, das er bei ihr vorausſetzen mußte, wenn anders nicht die Liebe es verkuͤrzen half und wie ſie ihm gelaͤchelt, ihn gekoſ't und gekuͤßt hatte, ſo laͤchelte und kuͤßte Eros nur. Der ſchoͤn geſtellte, ruͤhrend betonte, zierlich geſchriebene Heirath⸗Antrag ging nun ab und nach ſo mancher herben Er⸗ fahrung iſt das Schauerchen natuͤrlich, wel⸗ ches ihn, bald darauf, bei dem Eintritte des Brieftraͤgers und bei dem Anblicke der tanzenden Hora auf ihrem Siegel, uͤberlief. „Ihre Mittheilung, vom dritten die⸗ ſes“, ſchrieb Mirabella:„kann ich erſt muͤndlich, aber dann um ſo vollſtaͤndiger beantworten und werden Sie mich, ſo Gott will, am Abende des naͤchſtfolgenden Sonntags, im Quartiere meiner Graͤfin zu Wien finden, wohin ich derſelben in 12* Begleitung einer Jungfer vorangehe, Dank⸗ bar und achtungvoll unterzeichnet M. C.“ „Ausfuͤhrlich antworten?— dankbar und achtungvoll?“— die Worte wurden auf der Goldwage der Hoffnung gewogen, auf dem Probirſteine des Zweifels gepruͤft, doch das Ergebniß war und blieb, nach der Vergleichung beider Proben, daß Mi⸗ rabella nicht ſchlechtweg Ja oder Nein ſagen, alſo Bedingungen aufſtellen, oder den zugedachten Korb mit Mandeln und Roſinen fuͤllen wolle— daß ſie es erken⸗ ne, durch ſeine Guͤte von der Straße auf⸗ geleſen, dem Scheu'l und Greul des Zu⸗ falls entriſſen worden zu ſeyn und daß ſie ihren Rettung⸗Engel weder geringſchaͤtze, noch perhorrescire. Das Schauerchen erhob ſich, bei dieſer 1 —,.,— 181 Erkenntniß, allmaͤhlig zum Fieberfroſte, der ihm die Gaͤnſehaut auftrieb; die drei Tage, welche zwiſchen dem heutigen Abende und dem ſabbathlichen lagen, wurden zum ufer⸗ loſen, ſtuͤrmiſchen Zeitmeere, das allerlieb⸗ ſte Quartier im ſogenannten Heidenſchuſſe, zum Schuldthurme oder armen Suͤnder⸗ ſtuͤbchen. Wie ihm aber, am Sonntag⸗Abende, zu Muthe ward, als er nun Licht in Mi⸗ ra's Fenſtern ſah, die Treppen hinan wall⸗ te und den Klingelgriff erfaßte, wiſſen alle, die, als ungewiſſe Freier, das Jawort oder den Repuls zu holen gingen; die, in der Vorkammer der Maͤchtigen, die am Be⸗ haͤlter irgend einer Leid⸗ oder Heilquelle, in Hauptſachen, auf Entſcheidung harrten; bald zweifelnd, froren, bald hoffend, gluͤhten. Sie war allein, war ſchoͤner als je, 182 lieblich angethan und holdſelig wie Aethers Enkelin; ſchritt wohlgemuth dem Zoͤgernden entgegen und fuͤhrte ihn, mit der ſammet⸗ weichen Hand, zum Divan hin, an ihre Seite. Ihr Brief fuͤhrt an den Scheideweg, ſagte Mira: und die Qual iſt groß, denn es leben und ſtreben zwei Weſen in meiner Bruſt, die ſelten eins, gewoͤhnlich im of⸗ fenen Widerſpruche ſind. Der zaͤrtliche Freund ſtellt mich zwiſchen den Hausaltar und die Ara der Huldin, welcher ich alle Blumen der bluͤhenden Vergangenheit dan⸗ ke; jener iſt mit Palmen bedeckt, an die⸗ ſer haͤngt ein Kranz, der meines Gleichen, noch mitten unter Palmen, anzieht. Aber ich werde dunkel und ſchwuͤlſtig, fuͤgte ſie laͤchelnd hinzu: und verliere mich, gewoͤhn⸗ lich, im Bilderſpiele, wenn mir der ſchlich⸗ te Ausdruck herbe oder platt erſcheint und — 183 und ſich eben kein ſchicklicher darbietet. Genug, die arme Mira iſt zu bedauern! Sie moͤchte gern zur Frau des edeln Am⸗ thor werden und doch der Muſe treu ver⸗ bleiben, die das Toͤchterchen erhob und ver⸗ woͤhnte. Fuͤr alles, was der unwuͤrdige Campo an mir verbrach, wuͤrde ich, an dieſes Gatten Hand, Entſchaͤdigung finden, doch eine innere Stimme ſagt, es ſei Be⸗ ruf, mit dem Pfunde oder dem Quent⸗ chen zu wuchern, das uns jene verliehen hat und waͤhrend dem mich die edle Ver⸗ nunft zu dem Freunde hinweiſ't, will Herz und Sinn die Meiſterin nicht laſſen, die mir, gleich Schiller's Maͤdchen aus der Fremde und faſt Tag fuͤr Tag, friſche Blumen und Fruͤchte bot. Erſcheint Ih⸗ nen das offene, ehrliche Geſtäͤndniß, viel⸗ leicht im Widerſpruche mit mancher, fruͤ⸗ hern Aeußerung und Beſchwerde uͤber mein 184 Loos, ſo bekenne ich, daß dann nur der Unmuth des Augenblickes laut ward, daß ich dem Seefahrer glich, der das Meer verwuͤnſcht und ſich doch, mitten unter den Genuͤſſen des Hafens, wieder an Bord und in die treuloſe Wuͤſte hinaus ſehnt; fuͤr mich aber waren die Buͤhnen und Hoͤr⸗ ſaͤle, bis heute, wohl eher Feengaͤrten. Jetzt oͤffnete das Maͤdchen die Thür, um ihre Frau, einer dringenden Veran⸗ laſſung wegen, abzurufen. Glauben Sie mir, guter Amthor, ſprach ſie, aufſtehend, mit ſchweſterlicher Traulichkeit: Mirabella wuͤrde nur ein Scheingut fuͤr Sie ſeyn. Geeignet zwar, als Schauſpielerin, die Gefüͤhle und Wal⸗ lungen des Herzens— Liebe, Zaͤrtlichkeit Leidenſchaft zu verſinnlichen, geht mir doch ab, was die Mehrheit der Maͤnner, vor allem, in uns ſucht, vorausſetz und be⸗ 185 gehrt und dieſer Mangel— mein Pallas⸗ ſchild gegen die Unzahl der Luͤſternen, ent⸗ zweite mich, vom Anbeginne, mit dem fruͤhern, durchaus ſinnlichen Gatten. Mira verließ jetzt das Zimmer und verſprach, im Augenblicke wieder zu kehren; aber kaum war die Thuͤr hinter ihr zuge⸗ fallen, als Eckbert durch die andere hinaus ſchlich, nach Hauſe eilte und gleich dem Herrn von Pelion, nur eiliger packte; nicht, um wie dieſer, nach Paris, ſondern nach Siebenbuͤrgen zu fluͤchten und an der Bruſt des innigſten Freundes, das Ungluͤck in der Liebe zu verſchmerzen. Da fiel ihm bei, daß der Vetter, laut dem Inhalte ſeiner Briefe, des naͤchſten eintreffen und daß er ihn erwarten muͤſſe⸗ „Geliebtes Lottchen,“ ſchrieb Enewold, von Wien aus, an ſeine Schweſter nach 186 Berglow:„ich machte, ſo eben, die guten Eltern mit meiner Ankunft, mit den hier gefundenen Ausſichten bekannt und will Dich nun, des herzlichſten Antheils gewiß, von den juͤngſten Schickſalen des emeritir⸗ ten Cadetten unterhalten. Fuͤrerſt mit der Geſchichte der Fußreiſe, die vermiſchten Inhalts iſt. Das Fegfeuer in Kalkſtein hatte, dem Fuͤrſten ſey Dank, meinen Pagenduͤnkel ſo vollkommen zerſetzt, daß ich weder den Federhut, noch den Jagd⸗ klepper, noch die ſtandesmaͤßige Geſellſchaft vermißte und auf der Streu ſtockboͤhmiſcher Herbergen und im wechſelnden Geleite von Marktweibern, Landlaͤufern, Schwefelkraͤ⸗ mern und reiſenden Handwerksburſchen, Bekanntſchaften machte, die mir, im Stande der fruͤhern Erhoͤhung, wahrſchein⸗ lich entgangen ſeyn wuͤrden. Unſtreitig gab Deinem Bruͤderchen der ſchwebende 187 Gang, die Schmaͤchtigkeit der Form, der feine Tuchrock und das nette Raͤnzchen den Anſtrich eines Schneidergeſellen von gutem Hauſe, fuͤr den mich die gedachten Pilger, gleich den Annen und Marien jener Knei⸗ pen, faſt durchaus nahmen und anſahen. Ein genialer Rekrutenhaufe, welchem ich, hinter Strzekluk, begegnete, gruͤßte ſogar den Verkannten einſtimmig, wie der grie⸗ chiſche Chor, mit dem tremulirenden Maͤh des Ziegenbocks und haͤtte, beinahe„ am Schiller'ſchen„Wohl auf, Kameraden“ meiner Erwiederung, ein Aergerniß genom⸗ men. Unter den Handwerksburſchen aber fand ſich mancher empfindſame Wanderer, der von einem zaͤrtlichen Hannchen, von einer treuen, geliebten Schweſter zu erzuͤh⸗ len wußte und mich beineben auch, durch hellen Sinn und Sittlichkeit, anzog. Ein Abenteuerchen— ein kritiſches— lief auch mit unter; leis' angedeutet laͤßt es ſich der leiblichen Schweſter wohl mit⸗ theilen. Der Tag war gluͤhend heiß, der ſcheinbare Kleidermacher erſchoͤpft, es ging bergauf und da wir einſt auch voltigiren lernten, ſo ſchwang ich mich jetzt uͤber die falſche Scham hinweg, auf's leere Pack⸗ bret einer Poſt⸗Karrete, die vor mir hin⸗ kroch und ſah nun, kleinmuͤthig, durch ihr hinteres Guckloch, denn es galt die Frage, ob das Schifflein mildſelige Chriſten oder mitleidloſe Tuͤrken am Bord habe? Doch nur das nickende Haupt des Kutſchers war zu bemerken, die Beſatzung ſchlief wahr⸗ ſcheinlich, in die Ecken geſchmiegt und eben beſchlich mich dieſelbe Fee, als ein zwiefa⸗ ches Urbild der Liebesgoͤttin, oder Aurora vielmehr, in Begleitung ihrer bluͤhendſten Hora, aus dem Nebenwege herbei flog. Der zierliche Phaeton, von Goldfuͤchſen ge⸗ —, 189 zogen, deren Zuͤgel die Dame ſelbſt fuͤhrte, mußte, nothgedrungen, dem alten Landauer, Schritt fuͤr Schritt, im Hohlwege folgen und ihre muthwilligen Renner ſchnappten unterweilen nach meinen baumelnden Fuͤſ⸗ ſen. Die ſchoͤne Herrſchaft laͤchelte mich zwiſchen Ironie und Mitleid an, mir aber war, als ob ein ſiedender Regenguß vom Himmel ſtroͤme, als ob mein Ermelweſt⸗ chen zum rothen Pagenrocke wuͤrde und immer dreiſter lachten ſie; die Hora nickte mir ſogar— ich lachte und nickte auch, recht aus Verzweiflung, denn ſie erkannten mich, es lag am Tage.— Immer ſtei⸗ ler ward die Hoͤhe, die Fahrt immer ſchnek⸗ kenhafter; ploͤtzlich trennte uns fuͤr Augen⸗ blicke die Wendung um den felſigen Vor⸗ ſprung und ach! vergebens blieb mein Stre⸗ ben, den unwuͤrdigen Sitz durch einen ra⸗ ſchen Sprung zu quittiren und dann im 190 Buſchwerke zu verſchwinden. Das Pack⸗ bret hielt, unfehlbar geſtern erſt kalfatert und getheert, mein Feigenblatt von Nan⸗ king, wie Vogelleim die Eintagfliege feſt, Gewalt aber wuͤrde— und eben erſchienen ſie wieder— das Uebel verſchlimmert, Aergerniß gegeben und den Belaͤchelten vol⸗ lends zu Spotte gemacht haben.— Ich verzagte deshalb, beßte Lolo! denn was ward aus mir, wenn die Sonne aus den Wetterwolken hervortrat— wenn der muth⸗ maßliche Grobian von Kutſcher erwachte— wenn mein Schatten ihm den blinden Paſ⸗ ſagier verrieth und er ſein„Packe Dich!“ mit einigen, nach hinten gerichteten Peit⸗ ſchenhieben unterſtuͤtzte? Endlich war der Gipfel des Berges er⸗ reicht; da trieb die Dame, um uns aus⸗ zuſtechen, ihre Goldfuͤchſe an— ſie flog, noch ſchelmiſcher laͤchelnd, an meiner dia⸗ 191 boliſchen Pechbank voruͤber, doch Achſe traf an Achſe, der zarte Phaeton ſchwankte, fiel und die Goͤttin ſammt der Hora ſchrie laut auf und beide fielen mit ihm hinaus und hinab, doch weich genug, in Gras und Kraͤuter. Du kennſt deinen Bruder und wirſt uͤberzeugt ſeyn, daß er den Nanking laͤn⸗ ger nicht ſchonte, daß er ſich losriß, herab ſprang, die Fuͤchſe feſthielt, den Damen beiſtand und dann beſcheiden dem Min⸗ nedank entlief, doch leider Gottes! iſt dies ganze Zwiſchenſpiel nur eine Spiegelfechte⸗ rey des Phantaſus— ein Traum, liebes Schweſterchen! welcher den Maroden, zwi⸗ ſchen Staub und Schwuͤle, auf dem Pack⸗ brete beſchlich und jener Phaeton in der Wirklichkeit nur ein Schiebebock mit Haͤn⸗ deln, nemlich Huͤhnlein beladen, die ihr Papageno nach Wien fuhr.— Lobe in⸗ 192 deß, wie ich, den thaͤtigen Schutzengel, der fuͤr das erwaͤhnte Bindemittel zwiſchen mir und dem bedenklichen Sitze geſorgt hatte, denn mein Schlaf iſt tief und dauernd ge⸗ weſen und ich waͤre vielleicht, unaufgepicht, in die Speichen der Naͤder gefallen und jäͤmmerlich verkruͤppelt worden. Auch bitte ich Dich, mit der verdienten Anerkennung die Jungfraͤulichkeit meiner Phantaſie zu bemerken, deren Probirſtein eigentlich die Traͤume ſind. Jene Damen im Phaeton nehmen Theil an mir; ſie laͤcheln, locken, nicken ſelbſt, mich aber macht die Anregung ſogar im Schlafe ſchuͤchtern und ſchamroth und meine ſittliche Pſyche ruͤttelt den Schlaͤ⸗ fer auf, als ihn die blendenden Formen der Gefallenen im Graſe begegnen. Wel⸗ chen Grandiſon werden die Donau⸗Weib⸗ chen an dem Wachenden finden? Endlich, am Abende des vorigen Sonntages, erreicht Dein Enewold die Kaiſerſtadt, ſucht den„Heidenſchuß“ auf und tritt mit vollem Herzen und vom Weichmuth ergriffen, bei dem Onkel ein. Ich fliege an ſeine Bruſt, und finde den ſchwarzen Mann im Luſtſpiele dieſes Na⸗ mens vor; den halbgepackten Koffer auf dem Tiſche, die Stuͤhle, nach denen mich Erſchoͤpften verlangte, mit Kleidern und Waͤſche, die ihn fuͤllen ſollen, behangen. „Ich freue mich Deiner Ankunft! ſpricht er, in einer Laune, die den Ange⸗ kommenen augenſcheinlich hinauswirft— ich freue mich um ſo mehr, ſetzt er, ploͤt⸗ lich erheitert, hinzu: da wir nun, meinem innigſten Wunſche gemaͤß, noch in dieſer Nacht abfahren koͤnnen. „Nur einen Tag geben Sie zu! bitte ich flehentlich. Die lange, muͤhſelige Wan⸗ derung, Staub, Regen, Strohlager und II. Theil. 13 194 der Schmutz der Schenken, haben mir die Auſſenfarben eines Rußhaͤndlers, ſogar ein Pechpflaſter aufgedruͤckt und mein Nicht⸗ Ich bedarf, fuͤrwahr, der Erholung. Zu⸗ dem verſah mich das Muͤtterchen mit muͤndlichen, aber bedeutenden Auftraͤgen an die herrliche Campo und ich freue mich un⸗ ſaglich, ſie wieder zu ſehn. „Campo?— Wiederſehn!“ rief er, wie ein verzagender Tyrann, theils loͤwen⸗ haft, theils unkenartig, brach nun los und geſtand mir, daß ſie ihn, den ihr Thun und Treiben, ihr Geberden und Aeußern bisher gleichſam zum Braͤutigam gemacht, vor einer Stunde als aͤchte Comoͤdiantin abgefertigt und fuͤr immer der Luſt wie der Hoffnung beraubt habe.— Warten wolle er noch, mir zur Liebe— noch einen ewigen Tag lang, doch moͤge ich ihr ſagen, er habe bereits den Heidenſchuß, den 195 Stephansthurm, ganz Oeſterreich im Nuͤk⸗ ken und erwarte mich, jenſeit der Grenze, im Turban zu Preßburg. „Der arme Onkel Amthor! deſſen Name gleichſam ſein Omen ward; der im⸗ mer nur am Thore des Venustempels ſteht — dem Amor und die Grazien, ſv oft er je beſcheiden hinein guckte, den goldenen Thorweg vor der Naſe zuwarfen— dem es, im Punkte der Liebe, genau wie mir in Hinſicht auf den Mammon ging. „Am folgenden Mittage ſtehe ich denn in Mirabellens Vorgemache, hoͤre mich ge⸗ meldet, hoͤre den Freudenlaut ihrer Silber⸗ ſtimme, erblicke die Kamoͤne in der auf⸗ fliegenden Thuͤr, mir entgegenſchreitend und bin ſo tollkuͤhn, ſie zu umfangen. Mira erroͤthet; nicht aus Betroffenheit, nicht vor Schreck uͤber den Frevler, das zeigte ja ihr herziges Laͤcheln und der fluͤchtige, nur ge⸗ 13* ———⸗o-.⸗ꝛ-—-—-——— linde Andrang des Ichors in den Wan⸗ gen, die ſie mir zur Lippenweide darbot. Die Mittheilung begann; ich war begei⸗ ſtert, das gefäͤllige Wort, der treffende Ausdruck, Gedanken und Bilder ſtroͤmten mir zu, ſie lauſchte mit ſichtlichem Beifalle — mit mehr als ſolchem; glaube mir! War ich ihr Vetter, Stiefbruder und der⸗ gleichen, Mira haͤtte mich jetzt kecklich beim Kopfe genommen und ſich ſatt gekuͤßt.— Sie iſt, was auch der Onkel ſagen moͤge, nicht durchaus verſteinert und ich— ich habe am Waſchfaſſe der Jeannette Pan⸗ durus, Gott gebe ihr Freude! und ander⸗ waͤrts, ſchon aͤhnliche Triumphe gefeiert.— Du ſchlaͤgſt mich auf's Maͤulchen? Wohl⸗ gethan! „Dann ward das Nachtſtuͤck in Kalk⸗ ſtein ausgemalt, des Vaters Ungluͤck, Dei⸗ ne Lage, der Mutter Herzleid und aus den 4 197 Zauberaugen thauten Perlen auf den flie⸗ genden Buſen, der, liebend, fuͤr uns alle wallt; mir aber leuchtete die Pflicht ein, den Himmel der ſchoͤnen Seele wieder auf⸗ zuklaͤren, ich ging auf meine Wanderſchaft, auf die Schlaf⸗ und Reiſe⸗Gefaͤhrten, end⸗ lich auf mein Schneidergluͤck uͤber, ſchloß mit dem Maͤh! der neckenden Rekruten und wir lachten wieder, wie im Anbeginn. „Den Zeiſig muß ich kennen lernen, ſprach eine Maͤnnerſtimme im Nebenzim⸗ mer, deſſen Thuͤr nur angelehnt war und ein gewaltiger Herr, in reicher Uniform, mit hoͤchſtens vier Sternen und fuͤnf Kreu⸗ zen an der Bruſt, erſchien in jener⸗ Graf Uwall, der Bruder von Mira's Goͤnnerin, welche am Morgen mit demſelben von Bruͤnn zuruͤckgekehrt war; ein ruſſiſcher General, dem gleichſam der Tuͤrkentod aus den heroiſchen Augen blitzte. Die Schwe⸗ 198 ſter folgte ihm; Frau Campo ſtellte mich alsbald dem edeln Paare vor und ſagte Deinem Bruder ſo viel Schoͤnes, Empfeh⸗ lendes und mit ſo eindringlicher Ueberzeu⸗ gung nach, daß ich, wie Hannchens Va⸗ ter, gluͤhte, wenn ihn der Kornus zu Haͤupten ſtieg. Der General hatte, im Nebenzimmer, kein Wort von meinem Lebens⸗ und Leidenlaufe, von meiner ge⸗ aͤuſſerten Sehnſucht nach Anſtellung, nach Waffentanz und Waffenglanz verloren; er zog mich in das Fenſter hin und begann ein verbluͤmtes Exramen. Da wucherte mir ploͤtzlich die eingeſogene Milch der zwoͤlf oder dreizehn Profeſſoren, die uns im Pa⸗ genhauſe ſtillten und eine Wiederholung des Gelernten, aus Langweil, auf der Veſtung angeſtellt. Zwar weiß ich, Gott ſey Dank! in toto nichts, denn das Vielwiſſen macht Pedanten, doch von allem, was ſein Fach 199 betraf, eben genug, um dem gelehrten Moskowiter als das Holz zu erſcheinen, aus dem ſich ein brauchbarer Galopin ho⸗ beln laſſe. „Sie ſind mein Maͤnnchen! rief er endlich: wenn ich Ihr Mann bin und Ih⸗ nen nicht vor den Perſern graut, gegen die wir des naͤchſten marſchiren werden.— Sind, vor der Hand, in meinem Gefolge, duͤrfen, unbedenklich, uͤber fuͤnfhundert Sil⸗ berrubel, zu Anſchaffung des Noͤthigen, verfuͤgen und auf den Uwall und mithin auf die Gruͤndung Ihres Gluͤckes rechnen, Falls Ihnen ſelbſt, mit Ernſt und Eifer, an dieſer Gruͤndung liegt. „Das duͤrfen Sie! rief Mira mir, mit naſſen Augen, zu: die Excellenz iſt eine wirkliche! iſt der trefflicſte Mann— eine Zierde ſeines Landes und Heeres. „Nun denke Dir, wie ſich das alles, 200 ſpielend und im Augenblicke machte, waͤh⸗ rend dem das Erſtreben einer ſolchen Be⸗ guͤnſtigung hundert andern Gedienten und Geſchickteren eine Unzahl von Worten, Briefen, Gaͤngen, Reiſen und der Him⸗ mel weiß, was noch, gekoſtet haben wuͤrde. Aber die Triebfeder lag am Tage. Frau Mirabella war eben wieder, fuͤr ein Stuͤnd⸗ chen, in mich verliebt, der General in ſie, die Graͤfin in uns alle, die Liebe aber thut und ſchafft und fertigt alles, ſelbſt Galo⸗ pins und Hexenmeiſter; ich aber ſah, von nun an, meine Gluͤckſchoͤpferin nur hinter des Grafen Ruͤcken an, um ihn nicht eifer⸗ uͤchtig zu machen und er verſank, des mor⸗ genden Aufbruches gedenkend, in Schwer⸗ muth, denn Mira iſt ihm augenſcheinlich werther als der ganze Orient, mit allen Shawls und Damascenern, Tuͤrkiſſen und 201 Kameelen, Pelzkragen und Senesblaͤttern, die ich dort zu erbeuten gedenke. „Was mir an unſerer Campo, jetzt und immer, mißfiel, iſt der ſchnelle, ver⸗ gaͤngliche Anflug von herzlichem Gutmeinen, 3 von ergreifendem Wohlwollen, von ſchein⸗ barem Liebesſinne, mit dem ſie Maͤnner, die ihr zuſagen, ploͤtzlich anzieht, in Flam⸗ men ſetzt und ſich dann, ploͤtzlich oder all⸗ maͤhlig, zuruͤckzieht und ſie, als Pruͤde, mit Phraſen und Sophismen hinhaͤlt oder heimſchickt. Ihr Herz gemahnt mich, wie ein See⸗Polyp, der die wirbelnden Vielfuͤße nach dem Taucher ausſtreckt, aber den Erfaßten an die kaͤltende Felſenwand preßt. Zu wiederholten Malen gedachte ich, waͤhrend des anfaͤnglichen, traulichen Zwiegeſpraͤches, unſers guten, geſtern erſt von ihr gepreßten Onkels und jedes Mal pries ſie ſein Lob, bekannte ſie ſich zu un⸗ 202 verloͤſchbarer Dankbarkeit und ging dann, gleichmuͤthig, faſt verduͤſtert, auf einen andern Gegenſtand uͤber. „Ich kam endlich in den Heidenſchuß zuruͤck, begeiſtert und voll Eifer, ihm des Grafen Erbieten, den wenigſtens ſchein⸗ baren Sonnenaufgang meiner Zukunft mit⸗ zutheilen und ſeinen Rath zu vernehmen, ward aber, bei jedem Worte, von einer Frage nach Mira's Benehmen, ihren Aeußerungen in Bezug auf ihn, unterbro⸗ chen, ſah mit Betruͤbniß, wie er den mit⸗ getheilten, leeren Wortſchwall ihres Lobes fuͤr die Sprache der Liebe, der Sehnſucht, ſogar der Reue uͤber das verſagte Jawort nahm— ſah die Luſt zu einem zweiten Verſuche in ihm aufhänmein und zerhieb ſofort den Knoten. „Bedenken Sie, Onkelchen! ſagte ich: daß eine ſchoͤne, beredtſame, mit Orden —,— ——— und zierlichen Saͤbelhieben geſchmuͤckte Ex⸗ cellenz, Knie an Knie mit ihr, nach Bruͤnn reiſ'te, daß dieſer Heros, Wochen lang, unter demſelben Dache und Fache mit ihr waltete, aß, ausfuhr, zum Fuͤhrer und Gefaͤhrten diente und ſomit ihrer Ei⸗ telkeit, dem heimlichen, doch regen Stolze, im Ueberſchwange ſchmeichelte; daß ſie, in jedem Verhaͤltniſſe zu den Maͤnnern, nur die Scene eines Schauſpiels ſieht und nur fuͤr ihre Rolle lebt. Was in ihm dachte, ſtimmte mir bei, was in ihm fuͤhlte, ward vom Grolle der Eiferſucht und der Ver⸗ ſchmaͤhung verbittert; er ſchickte, in dieſer Gaͤhrung, nach den Pferden, ſtimmte fuͤr den Feldzug in Perſien und wir ſchieden, wie fruͤher im Schanzkorbe zu Kalkſtein und wie ich jetzt von Dir, geliebte Schwe⸗ ſter, ſchede— von Dir, mein guter 204 Genius!— im Geiſte der Wehmuth und der Liebe! Enewold.“ Das heutige, glaͤnzende Hoffeſt wuͤrde wohl, um ſo gewiſſer, auch ein Volksfeſt geweſen ſeyn, da es der Verlobung Euge⸗ niens mit einem ruhm⸗ und liebenswerthen Erbprinzen galt, doch dieſe Freude verkuͤm⸗ merte der Schmerz, den guten Engel des Landes mit ihr ſcheiden zu ſehn; die Sage des folgenden Tages veranlaßte dagegen eine eben ſo lebhafte, ungemiſchtere Theil⸗ nahme; der Fuͤrſt ſollte, zu Folge derſel⸗ ben, auf der Jagd geſtuͤrzt und in Gefahr ſeyn. Der Unfall ward verheimlicht und nicht verwuͤnſcht, aber bezweifelt; hatte man doch neulich verſichert, der Kammer⸗ junker, Herr von Pelion ſey, als er eben nach Paris reiſen wollen und ſchließlich in Berglow zum Rechten geſehn habe, kopf⸗ uͤber in einen Zober voll Buttermilch ge⸗ fallen und in dieſer ertrunken. Nur ſo viel war an dem, daß er, auf der zweiten Tagreiſe erkrankte, gleich dem beſungenen „Peter in der Fremde“ vom ſchmaͤhlichen Heimweh uͤberfallen, zuruͤck kehrte und nun, in Berglow, von der geneſenen Gattin ge⸗ pflegt, an einem ſchleichenden Fieber litt. Des Fuͤrſten Mißgeſchick beſtaͤtigte dagegen ſein Ausbleiben ſammt der eiligen Abfahrt der Aerzte nach dem Jagdſchloſſe und man wußte bereits, am folgenden Tage, daß das gemißhandelte Leibroß ſich mit ihm uͤberſchlagen und gefaͤhrliche Quetſchungen veranlaßt habe; auch war Prinz Herrmann ſein Nachfolger, der ehrenwerthe, gemein⸗ ſame Liebling, die Hoffnung des Landes, auf des Kranken Begehren herbei gerufen worden. Dieſer hatte bisher in einer Art 206 von Verbannung, zu Wieſenburg gewaltet und dort, nur von wenigen Unabhaͤngigen umgeben, den Wiſſenſchaften und dem wahrſcheinlichen, kuͤnftigen Berufe gelebt, obgleich die nothwendige Schonung der ge⸗ ſchwaͤchten Augen den Eifer beſchraͤnkte. Vater Selwing ſaß eben am verſtaͤb⸗ ten Fenſter ſeines Kerkers zu Kalkſtein; er betete und war traurig im Geiſte; da er⸗ ſchien der wackere, an Bannas Platz ge⸗ tretene Wachtmeiſter⸗Leutnant, ein junger, bluͤhender Mann, deſſen linker Arm jedoch auf dem Schlachtfelde begraben lag und ſagte, freundſelig: Papachen, eine Neuigkeit! der Fuͤrſt iſt todt und Prinz Herrmann unſer Herr. Vivat hoch!— Ihr Pruͤfungſtand laͤuft hoffentlich zu Ende. Selwing raffte ſich haſtig auf und ſah ein Engel⸗Antlitz jenſeit der offenen Thuͤr 207 — ſah ſein geliebtes Toͤchterchen, deſſen Augen voll Thraͤnen, wie Augen der Se⸗ rafim ſtrahlten, ſah hinter ihr ſeine bluͤ⸗ henden und gluͤhenden Soͤhne und Tina's braven Mann— eine Gruppe von Seli⸗ ligen, die ihm jauchzend nahte und wie vor Jahr und Tagen, doch gluͤcklicher als da, den Freigeſprochenen umſchlang.„Dank⸗ bar nahm er jetzt die Freude, aus des Hoͤchſten milder Hand“ erſchien, nach we⸗ nigen Tagen wieder, von den Collegen, wie hier von den Kindern begruͤßt, auf ſeinem Platze in der fuͤrſtlichen Kammer und em⸗ pfing, in der Stille, zu Herſtellung des Hausweſens, eine wohlthuende Entſchaͤdi⸗ gung. Es iſt ein rundes, lachendes, huͤlfrei⸗ ches Suͤmmchen, ſprach ſein Freund, der alte Reifers, als er ihn, eintretend, vor dieſem Schmerzengelde fand: und dennoch kaum ein rother Heller im Vergleiche zu dem Segen, um den Du fuͤr immer kamſt, Wahrlich, das ganze Staats⸗Einkommen duͤrfte nicht hinreichen, Dir die unverwirkte, mehrjaͤhrige Truͤbſal im Kerker, die Ent⸗ behrung der Freiheit, der werthen Kinder und des Genuſſes zu erſetzen, den ihr leib⸗ liches und geiſtiges Wachsthum, ihr lieben⸗ des, anziehendes Walten und Weben Dir gewaͤhrt haben wuͤrde, mich aber ficht da wieder das Grauen vor des Menſchen Loos auf Erden an, deſſen Heil und Unheil, oft genug, von dem Grolle, den Grillen und Machtſpruͤchen eines boͤſen Gewaltigen abhaͤngt. Lieber Bruder, entgegnete Selwing: ſolch Grauen bleibt um ſo mehr vom Uebel, da auch dieſe nur die Diener und Werk⸗ zeuge des Weltregenten ſind und uns, ohne ſein Gutheißen, kein Haar kruͤmmen koͤn⸗ 209 nen. Auch der Plagegeiſt koͤmmt von Oben und foͤdert Theils das wahrhaft Beßte, Theils geiſelt er, wie billig, die ſogenann⸗ ten Gottloſen und ſtraft jede Verſuͤndigung an dem Naͤchſten— ich, unter uns ge⸗ ſagt, verdiente die Ruthe, die mich ſchlug. Das traͤumt Dir wohl? fiel Reifers ein: Du ehrliche, pflichtgetreue Seele, die mir, ſeitdem wir uns kennen, als ein Muſter erſchien, das gern dem aͤrgſten Feinde ſelbſt die Sonne zugeneigt haben wuͤrde. Weil das Gewiſſen mich niederhielt, er⸗ wiederte Selwing, ſchmerzlich bewegt: weil es mich, gleichſam, zum Leidtragenden machte, wie wohl manchen, der ſich aus dem Wuſte der Verwilderung emporraffte und nicht, wie die meiſten Entarteten, an ſich verzagte und verloren ging. Du ſahſt mir es freilich nicht an, daß Jena, vor II. Theil. 14 210 faſt funfzig Jahren, einen der heilloſeſten Renommiſten in mir relegirte, dem, leider! kein Band zu werth, keine Ruͤckſicht, kein Verhaͤltniß zu wichtig und heilig war, wenn ihn der unſaubere Geiſt des Frevelmuthes und der Raufluſt verſuchte. So manches haͤndelſcheue, ſittige Mutterkind hab' ich geaͤngſtet und bekraͤnkt, ſo manchen braven, harmloſen Jungen zum Widerſtand erregt und mit blutigen Denkzeichen abgefertigt, bis endlich ein Similis zum Meiſter an mir werden wollte, ſich aber verrechnete. Sie trugen ihn, mit einem Stiche in die Bruſt verſorgt, uͤber die Grenze und nach Verlauf von acht Monaten, unſtreitig zu Folge der empfangenen Verletzung, in die Gruft.— Ein's troͤſtet mich— daß er die Haͤndel ſuchte und jene mit das Werk der eigenen blinden Hitze war, doch ſchlich mir, ſeitdem, immerfort ein leichengraues ! 5 — 211 Etwas nach, das meine hellſten Stunden verduͤſterte. Denn ich— mein Freund! fuhr Selwing mit fallender Stimme fort: ich war und blieb der Thaͤter, der ihn um das helle Leben, um die zukuͤnftige Luſt am eigenen Heile, an Fruͤchten der Beſſerung, an haͤuslicher Wohlfahrt, an Weib und Kind und Gute brachte— dar⸗ um alſo nahm mir der Himmel die herr⸗ liche Frau, verſenkte er mich in das Schein⸗ grab des Kerkers, ſchied er mich von dem Kleeblatte der Lieblinge, verſagte er mir die Uebung der ſuͤßen Vaterpflicht und die troͤſttche Augen⸗ und Herzenweide an ih⸗ rem Gedeihen. Nun endlich fuͤhlt ſich je⸗ doch der Gerichtete mit dem Richter ver⸗ ſoͤhnt, das nachſchleichende Geſpenſt iſt verſchwunden und mir wie dem Buͤßer zu Muthe, der entſuͤndigt vom Altare heim⸗ kehrt— wie dem reuigen, beſtraften Kinde, 14* 212 das, am Buſen der Mutter, die heilende Milde, die ewige Liebe wiederfand— der Herr neigt ſein Antlitz und ſegnet mich! Herr von Amthor verließ, bekanntlich, die taͤuſchende Fee Mirabella, welche, noch immer unverehelicht, als ſolche, wie als Kuͤnſtlerin leuchtet, um zu ſeinem Freunde nach Siebenbuͤrgen zuruͤck zu kehren, und fand, am Ziele, einen friſchen Wehmuth⸗ kelch— fand Jenen hoffnunglos erkrankt, und die Frau von Zelin ohne Troſt und jammernd uͤber den ſicheren Verluſt des theuern Gatten. Doch„Gut iſt alles, was Er will!“ und auch Eckbert erkannte, nach Jahr und Tagen, wie gut es war, daß Nichte Lottchen, daß Tina Selwing, daß Mirabella Campo und vielleicht manche Andere noch, ſich ihm verſagt hatten, denn liebenswuͤrdiger als dieſe insgeſammt, er⸗ „ 213 ſchien ihm, allgemach, die Wittib des er⸗ blichenen Freundes; zum erſten Male ſah auch er ſich, allgemach, in demſelben Gei⸗ ſte gewuͤrdigt, mit gerechtem Maße gemeſ⸗ ſen und nach dem Verlaufe von zwanzig Monden, als den gluͤcklichen Gatten einer reichen Erbin und holdſeligen Frau. Sie waͤhlten das genußvolle Wien zum kuͤnfti⸗ gen Aufenthalte und lebten dort, in ſeliger Eintracht, bei ungetruͤbtem Wohlbehagen. Amthor erhielt, bald nach des Freun⸗ des Tode, einen Brief von Enewold, in dem ihm derſelbe ſeine Ankunft zu Kitliar am Terek, auf der Weſtkuͤſte des kaspi⸗ ſchen Meeres anzeigte, den Grafen Uwall, nach wie vor, belobte, doch uͤber die Un⸗ bekanntſchaft mit der Dienſtnorm und der Landesſprache, uͤber die druͤckende Lage ei⸗ nes Neulings, uͤber Neid und Anfeindung und den mannigfachen Verdrus klagte, den 214 dieſe Mißverhaͤltniſſe uͤber ihn braͤchten. Seitdem war Enewold verſtummt und ver⸗ ſchollen und jede Nachfrage blieb unbefrie⸗ digt. Heute endlich, nach dem Verlaufe von fuͤnf Jahren, lief ein Brief von ihm aus ſeiner Heimath ein; er ſchrieb: „Verehrter Oheim! 3 „Der verlorene Sohn ſteht endlich wie⸗ der am vaͤterlichen Hausaltare und mir wie jenem zu Ehren, ward ein Kalb ge⸗ braten— ein Hirſchkalb uͤberdies und mit vollkommenem Appetit verzehrt. Geſon⸗ nen, Ihnen, des naͤchſten, das fertige, vielleicht des Druck's und Nachdruck's wer⸗ the Tagebuch zu uͤberſenden— es Ihnen ſelbſt, im letzteren Falle, dankbar und ehrerbietig zuzueignen, deute ich, fuͤr jetzt, nur fluͤchtig an, was in dem gedachten Werke handbreit zu finden iſt. Es ging mir naͤmlich, als dem neugebackenen Gold⸗ 5* 215 ſohne des Generals, wie dem Voͤglein aus der Fremde, das dem Fluge, dem es ſich beigeſellte, zum Aergerniß gereicht. Ich ward gepickt und pickte wieder, pickte, nothgedrungen, einen Spottvogel aus gro⸗ ßem Hauſe, den eiferſuͤchtigen Vetter mei⸗ nes Grafen, im ehrlichen Zweikampfe nie⸗ der und ward, obwohl unſchuldiglich, als moͤrderiſcher Tollkopf, zu einer Achtelſchwen⸗ kung genoͤthigt, zu Folge deren ich die Perſer rechts ruͤckwaͤrts liegen laſſen und ſtracks nach Koliwan, in's Erzgebirge des ſuͤdlichen Siberiens marſchiren mußte, um dort den Garniſondienſt verſehen zu hel⸗ fen. Von da ward ich bald weiter, fuͤnf und dreißig Werſte ſuͤdoͤſtlich, in die Ve⸗ ſtung Smejinogorskaja geſchickt, neben wel⸗ cher unſer Kalkſtein zum Edelſteine wird. Ich fand auch einen Bannas dort, fand einige, die ſelbſt meinen Pandurus in den Sack geſchnappſt und geflucht haben wür⸗ den; daneben wackere Maͤnner jedes Stan⸗ des, doch eine Jwanowa wollte ſich, ſo wenig als das Aphanäͤschen finden, das dem ſeligen Benjowsky zu gut kam. „Endlich, nach fuͤnf Jahren, bewirkt Graf Uwall meine Befreiung; er laͤßt mich großmuͤthig mit Reiſegeld verſehn— ein dortiger Mineralien⸗Haͤndler, den ich das Deutſche nothduͤrftig radbrechen gelehrt hat⸗ te, machte mich zum Reiſe⸗Gefaͤhrten und da iſt nun Ihr Neffe wieder, mit der Bruſt voll Wehmuth und voll Wonne. „Eins baͤte ich vom Herrn, das haͤtte ich gern!— daß mich ein Romanſchrei⸗ ber erſchaffen haͤtte; dann waͤre mir beſſer! Er haͤtte die Perſer unter meinen Fuß ge⸗ legt, mich mindeſtens als Oberſten zu Roß und Fuß, mit der heiligen Anna im Knopfloche, mit dem apoſtelgleichen Wla⸗ — K — 217 dimir am Halſe, mit vier, fuͤnf andern Sturm⸗ und Ehrenkreuzen— durchloͤchert zwar von Heidenſaͤbeln, doch friſch und ge⸗ ſund wie einen Opernhelden, zuruͤck kehren laſſen und mir die erbeuteten Schmuckkaͤſt⸗ chen eines fuͤrſtlichen Harems zur Mitgift verliehen. Von unſerem Herrgott aber nach ſeinem Bilde erſchaffen, ſteht Enewold, kahl wie er ging, mit leeren Haͤnden, und wieder als ein Ex— als ein geweſener, kaiſerlicher Leutnant da und muß den gu⸗ ten Fuͤrſten Herrmann loben, der ihn, im Betracht der bisherigen Veſtungdienſte, zum Ober⸗Leutnant erhob und dem neu errich⸗ teten Schuͤtzen⸗Bataillon zutheilte. „Uebrigens hat der gute Genius hier, waͤhrend dem, alles zu meinem innigſten Vergnuͤgen geordnet und zum Beßten ge⸗ kehrt. Ich finde den Vater wohl auf, liebreich und als wirklichen geheimen Rath; 218 finde Ihre Frau Schweſter neu aufbluͤhend. Pelion, mein ſchwachleiniger Schwager, liegt, ſeit Jahren, im Grabe, Charlotte, als gluͤckliche Gattin, am Herzen ſeines Bruders und Erben, des braven, auf Lor⸗ bern ruhenden Huſaren. Der Schweſter Leidenſchaft fuͤr Romly iſt, wie ihr Heim⸗ gegangener, verkuͤhlt und dieſen Braven entſchaͤdigt Faͤhrwald's Lottchen, durch Froh⸗ ſinn, Anmuth, Gold und Zaͤrtlichkeit. „Der Heimweg fuͤhrte mich uͤber Kalk⸗ ſtein— Johannens Aeltern ſchliefen ſanft, doch meine Traute— vergelte ihr Gott! lebt, ſtrebt und bluͤht; ſie hat den neuen, angenehmen und rechtlichen Wachtmeiſter⸗ Leutnant geehelicht und fehlt ihm ein Arm, ſo hinkt ſie dagegen und ſtellt ſomit das heilſame Gleichgewicht her.— Der al⸗ ternde Tapſel erkannte mich noch, er ſprang, laut winſelnd, an mir auf und ſein Ge⸗ —*. ,— 219 behrden und meine Thraͤnen lobten die Treue— auch Hannchen weinte mit— da nahm ich Beide an's Herz— es galt dem Feſt des Wiederſehens! „Sie wiſſen hoffentlich, daß Ida, die Sproͤde, zum Fleiſch und Beine des Herrn Hof⸗Apothekers ward? daß Clementine Reifers den werthen Vater wieder hat? ſie wiegen, ſtillen und ſitzen, wie die beiden Lotten, bis an den Lilienhals, im Blumen⸗ korbe des haͤuslichen Segens.— Selbſt mir, Verehrteſter! in welchem, ſchon ſeit Jahren, die Sproſſen der Wirthlichkeit auf⸗ keimten, fehlt das Noͤthige nicht. Vom Nachttiſche der edeln Schweſter fallen golde⸗ ne Broſamen ihres reichen Nadelgeldes, ſo oft ich Berglow heimſuche, in des Bruders Helm; Schwager Pelion hat mir, in ſei⸗ ner Guͤte, die ſchulfertige Beda, eine un⸗ gariſche Stute, verehrt und vor dem Hauſe 220 laden ſie, ſo eben, zehn Scheffel Hafer ab, mit denen uns Romly, an ihrem heutigen Namenstag' anbindet. Zu allen dieſem lebt mir ein reicher Stiefonkel in Wien, der ſich, hier, wie im Schanzkorbe und im Heidenſchuſſe, als ein beiſtaͤndiger bewaͤhrte, lebt mir der Vater im Himmel, der ihren treuen Neffen, zu ſeinem Heile, uͤber Kalkſtein, Kitzliar und Koliwan, an die heilige Wiege, in den Kreis der Lieben zu⸗ ruͤckfuͤhree und Ihm befehle ich das neue Bataillon und mich! Enewold.“ Ende. Gedruckt in der Gerlachiſchen Buchdruckerei. Anzeige fuͤr Gebildete. Bei der Arnoldiſchen Buchhandlung in Dres⸗ den und Leipzig ſind folgende ſchöngeiſtige und für Be⸗ lehrung und Unterhaltung geeignete Schriften von A. Apel, A. Bronikowski, H. Clauren, C. W. Conteſſa, de la Motte Fouqué, Th. Hell, E. v. Houwald, W. Irwing, Fr. Kind, Fr. Laun, W. A. Lindau, R. Roos, G. Schilling, St. Schütze, W. Scott, K. Streckfuß, L. Tieck, A. v. Tromlitz, C. F. van der Velde, C. Weisflog und andern er⸗ ſchienen und um die beigeſetzten Preiſe durch alle Buchhandlungen zu bekommen: Abendzeitung, herausgeg. v. Th. Hell und Fr. Kind, auf das Jahr 1817. 6 Thlr. 1818. 6 Thlr. 1822. 6 Thlr. 1823. 7 Thlr. 1824 7 Thlr. 1825. 7 Thlr. 1826. 10 Thlr. A. Apel, die Aitolier, Tragödie m. K. 1 Thlr. ⸗ Kunz v. Kaufung. Trauerſp. 20 Gr. A. Bronikowski, Hippolyt Boratynski, 2 beile. 825. Thlr. Das Geſpenſt. Drei Erzählungen, v. xe Laun⸗ Fr. Kind und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr⸗ Der Mantel. Drei Erzählungen, v. Fr. Laun, K. Streckfuß und G. Schilling. 1 Thlr. 6 gr. Ich und meine Frau. Drei Erzählungen v. Laun, Lindau und Schilling. 1 Thlr. 6 gr. H. Clauren, Luſtſpiele. 2 Thle. 1818. 2 Thlr. 6 gr. H. Clauren, Scherz und Ernſt, erſte Sammlung, 10 Bände, 1r u. 2r Bd., 3te Aufl. 1823. 1 Thlr. 21 gr. 3r u. 4r Bd., 3te Aufl. 1824. 2 Thlr. ö5r bis 8r Bd., 1820— 22. 4 Thlr. 9r u. 10r Bd. das Mädchen aus der Fliedermühle. 2 Thle. 1822. 2 Thlr. H. Clauren, Scherz und Ernſt, 2te Sammlung, 10 Bände, 1r u. 2r Bd. Des Vaters Suͤnde, der Mutter Fluch und die Fraueninſel, 1823. 2 Thlr. 3r Bd. Der Blutſchatz, 1823. 1 Thlr. 6 gr. 4r Bd. Das Dijon⸗Röschen, 1823, 1 Thlr. 6 gr. ö5r u. 6r Bd. Das Chriſtpüppchen, 2 Thle. 2 Thlr. 6 gr. 7r u. 8r Bd. Die Großmutter und der General⸗Bevollmächtigte. 1824. 1 Thlr. 15 gr 9r u. 10r Bd. Die Gräfin Cherubim, 2 Thle 1824. 1 Thlr. 18 gr. H. Clauren, Scherz und Ernſt, 3te Sammlung, 10 Bde., 1r, 2r, 3r Bd. Der Faſtnachtball, 3 Thle 1825. 2 Thlr. 18 gr. 4r Bd. Die Grenzkommiſſion und das arme Kind, 1825. 1 Thlr. 5r Bd. Rangſucht und Wahnglaube. 2te Aufl. 1825. 1 Thlr. 6r Bd. Das Pfänderſpiel. 2te Aufl. 1 Thlr. 6 gr. 7r Bd. Der Liebe reinſtes Opfer. 2te Aufl. 18 gr. 8r Bd. Das Schlachtſchwert. 2te Aufl. 48 gr. 9r u. 10r Bd. Des Lebens Höchſtes iſt die Liebe⸗ 2 Thle. 2te Auflage. 2 Thlr. Jede der 3 Sammlungen koſtet im herabge⸗ ſetzten Preiſe nur 7 Thlr. 12 gr., mithin alle drei 22 Thlr. 12 gr. ſtatt des Ladenpreiſes von 29 Thlr. 12 gr. § Clauren, Scherz und Ernſt, 4te Sammle, Ir und 3r Bd. Leopoldine und Molly, 2 Thle. 1825. 1 Thlr. 18 gr. 3r Band, Makk. 1825. 1 Thlr. 4r. u. 5r. Bd. Wilhelms Tage der Kindheit und die Verſuchung. 1826. 1 Thlr. 12 gr. H. Clauren, Der Vorpoſten, Schauſp. 1821. 16 gr. ⸗ ⸗ Liesli und Elſi, zwei Schweizergeſchich⸗ ten. 1821. geb. 1 Thlr. 8 gr. 4 Das Vogelſchießen, Luſtſp. 1821. 21 gr. 2 Der Bräutigam aus Mexiko, Luſtſpiel 1824. 1 Thlr. 4 gr. C. W. Conteſſa, Erzählungen, 2 Thle. 1819. 2 Thlr. K. Förſter, Sammlung auserleſener Gedichte für Ge⸗ dächtniß⸗ und Redübungen. 2te Auflage. 1824. 1 Thlr. 12 gr. Fr. de la Motte Fouqué, Reiſe⸗Erinnerungen, 2Thle. 823. 2 Thlr. 12 gr. Th. Hell, Bühne der Ausländer, 3 Bde. 3 Thlr. gr. ⸗ Lyratöne. 2 Thle. m. Kpf. 1821. 2 Thlr. ⸗ Des Maurers Leben. 3te Aufl. mit Kupf. 1825. geb. 1 Thlr. 8 gr. u uA uu Th. Hell, Der Renegat. 2 Thle, aus dem Franz. 1823. 2 Thlr. 3 gr. ⸗ ⸗ Salvator Roſa und ſeine Zeit, Aus dem Engliſchen der Lady Morgan. 3 Thle. 1825. 3 Thlr. 6 gr. Dramat. Vergißmeinnicht 1r. Thl. 1) Der Unſchuldige muß viel leiden. 2) Clementine. 1824. br. 1 Thlr. 2r. Theil. 1) Die Galeerenſclaven. 2) Der Hofmeiſter in tau⸗ ſend Aengſten. 1825. 1 Thlr. 3r. Theil. 1) Die beiden Sergeanten. 2) Der Herr Gevatter. 1825. 1 Thlr. 1 - ⸗z Oberon, König der Elfen. Schauſpiel mit Geſang, a. d. Engliſchen. 1826. br. 16 gr. E. v. Houwald, Erzählungen. 1819. 1 Thlr. 4 gr. Homers Heldengeſänge. Ilias und Odyſſee, überſ⸗. von Neumann. 2 Bde. 1826. 4 Thlr. 12 gr. Fr. Laun, Zwei Bräute für einen Mann. 1809. 2te Aufl. 1 Thlr. Die Gevatterſchaft. N. Aufl. 1809. 1 Thlr. Hiſtorien ohne Titel. 2 Thle. 2te Aufl. W u u 1808. 1 Thlr. 18 gr. - ⸗ Die ſtille Jungfrau. 2 Thle. 2te Aufl. 1808. 1 Thlr. 18 gr. Der wilde Jäger. 1820. 1 Thlr. 6 gr. Welcher? Drei Erzählungen verwandten Inhalts. 1821. 1 Thlr. 3 gr. ⸗ Myrthenzweige. 2 Thle. 1825. 2 Thlr. ⸗ ⸗ Das Verhängniß. 2 Thle. 1826. 1 Thlr. 12gr. W. A⸗Lindau, Lebensbilder. 2 Thle. 1818. 1 Thlr. 12gr. -„ ⸗ Die Braut, v. W. Scott, a. d. Engl⸗ 3 Thle. 2te Aufl. 1822. 3 Thlr. ⸗ ⸗ ⸗ EKduard, v. W. Scott, a. d. Engl. u A u n u 4 Thle. 1822. 4 Thlr. 18 gr. - 2 2 Das Herz von Mid⸗Lothian, v. W. Scott, 6 Thle. 1824. 6 Thlr. 2 2 Anaſtaſius, Abenteuer eines Griechen, 5 Thle. 1825. 6 Thlr. 16 gr. 2. Erzählungen v. W. Irwing, aus dem Engl. 1822. 1 gr. W. ALindau, DersLandprediger zu Wakefield, A. d. Engl. des O. Goldſmith. 1825.1 Thlr. 18 gr. ⸗ ⸗ ⸗ Anſelmo. Ein Gemählde aus dem Leben in Rom und Neapel, nach dem Engl. 2 Thle. 1826. 2 Thlr. 12 gr. - ⸗ 2z Leben und Sitte im Morgenlande, a. d. Engl. 3 Thle. 1826. 2 Thlr. 12 gr. T. F. M. Richters Reiſen zu Waſſer und zu Lande. Für die reifere Jugend zur Belehrung und zur Unterhaltung für Jedermann. 6 Thle. 1824— 1826. 6 Thlr. 4 gr. geb. 6 Thlr. 12 gr. R. Roos, Gedichte. 2 Thle. 1820 u. 23. 2 Thlr. 3 gr. ⸗ ⸗ Erzählungen, 2 Thle. 2te Auflage, 1825. 2 Thlr. 6 gr. St. Schütze, Heitere Stunden. 3 Theile. 1824. 3 Thlr. 9 gr. K. Streckfuß, Erzählungen. 1812. 1 Thlr. Taillefas, Schreckenſcenen a. d. Norden. 1820. 1 Thlr. L. Tieck, Novellen. 1r Thl. Die Gemählde. 1823. 4 Thlr. 2r Thl. Die Verlobung. 1823. 18 gr. 3r Thl. Die Reiſenden. 1824. 1 Thlr. 4r. Thl. Muſik. Leiden und Freuden. 1824. 18 gr. A. v. Tromlitz, hiſtoriſch romantiſche Erzählungen. 1r. Bd. Die Blinde. 1826. 21 gr. C. F. van der Velde ſämmtliche Schriften, Zte ver⸗ beſſ. Aufl. herausg. von C. A. Böttiger und Th. Hell, 8. Velinpapp. 1825. Erſte Lieferung 1r— 4r Bd. Erzſtufen, 3 Theile und Prinz Friedrich⸗ Vorausbezahlung 3 Thlr. 12 gr. Zweite Lieferung, 5r— 8r Band: die Eroberung von Mexiko, 3 Thle. und der Maltheſer. 3 Thlr. 12 gr. Dritte Lieferung, or— 12r Band: die Lichtenſteiner, die Wiedertäufer, die Patrizier und Guido. 3 Thlr. 12 gr. Vierte Lieferung 13r— 16r Band: Arwed Gyl⸗ lenſtierna. 2 Thle. Der böhmiſche Mägdekrieg 2 Thle. 3 Thlr. 12 gr. Fünfte Lieferung 17— 20 Band: Das Liebhaber⸗Theater. Chriſtine und ihr Hof. 2 Thle. Das Horoskop. 3 Thlr. 12 gr. Alle 25 Bände aber nur 20 Thlr. Der ſpätere La⸗ denpreis 28 Thlr. L. Weisflog, Phantaſieſtücke und Hiſtorien, 4 Thle. 1824 5 Thlr. 6 gr. - 5r und 6r Band. 1825. 3 Thlr. 15 gr. ⸗ 7r und 8r Band. 1826. 3 Thlr. 3 gr. Alle 8 Bände ſtatt 12 Thlr. nur 9 Thlr. Wittgens Raubſchloß. 1825. 1 Thlr. 6 gr Die 1te Sammlung der Schriften von Guſtav Schil⸗ ling beſteht aus 50 Bänden, welche im Laden⸗ preiſe 50 Thlr. koſten. uUm aber den Freunden der neuen Sammlung den Ankauf der frühern zu erleichtern, geben wir ſolche für 33 Thlr. Pr. Courant, wofür ſie durch alle ſolide Buchhand⸗ lungen zu erlangen iſt. Es ſind in jener Sammlung enthalten: 1.) Das Weib wie es iſt, 2te verb. Aufl. 2. 3. 4.) Die Igno⸗ ranten. 3 Thle. 3te verb. Aufl. 5. 6. 7. 8.) Der Liebesdienſt. 4 Thle. 9. 10.) Die ſchöne Sibille⸗ 2 Thle. Zte verb. Aufl. 11.) Bagatellen von Z. Kukuck. 2te verb. Aufl. 12. 13. 14. 15.) Erzäh⸗ lungen. 4 Thle. 16. 17. 18.) Geſchichten. 3 Thle⸗ 19, 20. 21.) Irrlichter. 3 Thle. 22. 23.) Abend⸗ genoſſen. 2 Thle. 2te verbeſſ. Aufl. 24.) Das Orakel. 25. 26.) Laura im Bade. 2 Thle. 27.) Der Beichtvater. 2te aus 2 in 1 Band gedrängte Aufl. 28. 29.) Die Saat des Böſen. 2 Theile. 30.) Clärchens Geſtändniſſe. 2te aus 3 in 1 Bd. gedrängte Aufl. 31.) Die Wunderapotheke, 32.) Der Weihnachtahend. 2te verbeſſ. Aufl. 33.) Die Neuntödter. 34.) Die Geiſter des Erzgebirges⸗ 35. 36.) Flocken 2 Thle. 37. 38.) Gottholds Abenteuer. 2 Theile 2te verbeſſerte Auflage. 39.) Wallmann der Schütze. 40.) Die Nachwehen. 41.) Freudengeiſter. 42.) Die Bedrängten. 43. 44.) Der Roman im Romane. 2 Thle. 2te verb. Aufl. 45.) Die Heimſuchung. 46.) Blätter aus dem Buche der Vorzeit. 47. Orangen. 2te aus 2 in 4 Band gedrängte Aufl. 48.) Flämmchen, 49.) Die Verſucherinnen. 2te verbeſſ. Auflage. 50.) Das Teufelshäuschen. 15 u n Die zweite Sammlung erſcheint in Lieferungen zu 5 Bänden, welche im Ladenpreiſe 5 Thlr., gegen Vorausbezahlung aber nur 4 Thlr. koſten. in den erſten 8 Lieferungen ſind enthalten: 4) Der Mann wie er iſt. ête verbeſſerte Aufl. 2. 3. 4) Verkümmerung. 3 Thle. 5) Heimchen. 6. 7) Stoffe. 2 Thle. 8. 9. 10) Die Familie Bürger⸗ 3 Thle. 1820. 11. 12. 13) Wallows Töchter. 3 Thle. 1821. 14. 15) Zeichnungen. 2 Thle. 1821. 16. 17) Wolfgang, oder der Name in der That. 2 Thle. 18. 19. 10) Häusliche Bil⸗ der. 3 Thle. 1822. 21. 22) Der Mädchenhüter. 2 Thle. Lte verbeſſ. Auflage. 1823. 23) Schil⸗ derungen. 24. 25) Leander, 2 Thle. 26. 27) Die Vorzeichen. 2 Thle. 28) Die Reiſe nach dem Tode. 3te Aufl. 29. 30) Gefaͤhrten. 2 Thle⸗ 31. 32) Der Hausgenoſſe. 2 Thle. 33. 34. 35) Hiſtorien. 3 Thle. 36. 37) Röschens Geheimniſſe. 2 Thle. 3te Aufl. 38. 39) Die Geſchwiſter. 2 Thle. 40) Gebilde. Außer dieſer Sammlung ſind noch einzeln gedruckt 3 und darin nicht enthalten: G. Schilling, Die Brautſchau, 2 Thle. 1809. 2 Thlr. 12 gr. 3 1 Thlr. Drako. Dämon der Hölle. 1808. 18 gr. Das Leben im Fegfeuer. 1804. 1 Thlr. Arnoldiſche Buchhandlung⸗ 4 14 8 04 * Mondſteinwürfe v. Z. Kukuk. 1808. —— 28 2 Rfſnninfſnfnfſnnſſſifffn 8 9 10 11 12 13 14 15 16