„—,——.—— Leihbibliothek ff deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Keſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens „7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zuͤrückerſtattet wird. 1 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8—. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Nk. Ff. 1 Ml. 50 Ff. 2 Mk. f „„ 3 2„=„ 3„„=. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ' 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflicjtet. 3 8 7. Nu aozelte Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —-y—ũ-—— 4 Guſtav Schilling. Zweite Sammlung. Acht und dreißigſter Band. — Ge ſchwiſter, von Guſtav Schilling. Erfer gheil. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung, 1826. Di e Geſchwiſter. Erſter Theil. * Am ſtillen Freitage war dem geheimen Sekretair Selwing die werthe, pflichtge⸗ treue Hausfrau geſtorben, am Freitage der Oſterwoche trat er in das funfzigſte Jahr und die liebenden Kinder bedeckten den Ar⸗ beittiſch des abweſenden Vaters mit gefaͤl⸗ ligen Liebesopfern. Der zehnjaͤhrige Bern⸗ hard hatte das Gaͤrtchen am Hauſe mit der Ruhebank der ſeligen Mutter gezeich⸗ net; Herrmann, ſein juͤngerer Bruder, den erbaulichſten Vers eines Troſtliedes zierlich auf Velin⸗Papier geſchrieben. Die Gabe der anmuthigen, ſiebzehnjaͤhrigen Clemen⸗ tine zeigte von ihrem weiblichen Kunſtſinne 6 und ein ſelbſt gedichtetes Liedchen von der Gunſt der Charis und dem heiligen Feuer der Gemuͤthlichkeit. Selbſt Rudolf, der erſtgeborene, verwilderte Sohn, ſandte aus der Ferne einen ruͤhrenden Gluͤckwunſch ein und Tinchen ordnete und umſchlang die Angebinde mit Ranken von Immergruͤn. Es ſchlug ein Uhr; der Vater mußte nun aus der Kanzlei heimkehren; das Leib⸗ eſſen war aufgetragen; die Kinder ſahen ihm voll Ungeduld entgegen, doch kam, nach langem Harren, nur ſein gebetener, vieljaͤhriger Herzensfreund, der Advocat Reifers. Er beſah, zum Tiſche hinge⸗ drängt, das Gaͤrtchen, er las, mit naſſen Augen, Tina's Lied, Herrmanns Vers und ſprach, erſchuͤttert: Ich danke Euch in des Vaters Na⸗ men und ſegne, an ſeiner Statt, die gu⸗ ten Kinder, denn man hat ihn, einer * — 7 dringenden Dienſtſache wegen, verſchickt und die Entfernung wird, dem Anſcheine nach, von Dauer ſeyn. Dich, Bernhard und Deinen Bruder ſoll ich deshalb, ſeinem Wunſche gemaͤß, in mein Haus verſetzen, das gute Tinchen aber will ihre Frau Pa⸗ the, die Praͤſidentin von Palow, von nun an bemuttern und zu ſich nehmen. Welch eine herbe, betruͤbende Zerſtoͤ⸗ rung des frommen, kindlichen Genuſſes. Herrmann zwar zerdruͤckte, leichten Sin⸗ nes, die Thraͤnen im Auge, er ſprang an dem Goͤnner auf und rief: Zu Ihnen? das iſt ſchoͤn! Bernhard dagegen ſtarrte die Schweſter an, umfing ſie, laut wei⸗ nend und die Entfaͤrbte ſagte mit bebender Stimme: Der Vater ward verſchickt?— So, wie er ging ünd ſtand und doch auf lange Zeit? Und er waͤre faͤhig geweſen, uns, 8 eben heute, ohne Lebewohl zu verlaſſen? — Nimmermehr!— Er iſt erkrankt! rief ſie mit gellenden Klagetoͤnen: die Mut⸗ ter hat ihn nachgeholt— Wir haben kei⸗ nen Vater mehr!— Sie warf die Haͤn⸗ de, gerungen, himmelwaͤrts; die Bruͤder ſtimmten jetzt laut jammernd ein und Rei⸗ fers ſagte, von derſelben Wehmuth durch⸗ drungen: Preiſet Gott, Ihr guten Kinder! denn er lebt und iſt wohl, aber wegen eines ſcheinbaren Dienſtfehlers verhaftet und nach der Baſtei gebracht worden, wo jedoch nur Standes⸗Perſonen verwahrt werden und mancher große Herr geſeſſen hat. Der Vater iſt unſchuldig! riefen die Bruͤder, wie mit einem Munde, im kind⸗ lichen Glauben an ſeine unfehlbare Wuͤr⸗ digkeit. D'rum ſeyd getroſt! fiel Reifers ein — 12— . 84 9 und griff nach dem Maͤdchen, das eben bewußtlos niederſank. Clementinens verewigte Mutter war fruͤher die Fuͤhrerin der vorhin erwaͤhnten Frau von Palow geweſen, war mit ihr in den freundlichſten Verhaͤltniſſen geblieben; dieſe hatte, als angehende Jungfrau, das Maͤdchen aus der Taufe gehoben und liebte es wie ein eigenes Kind. Sie hoͤrte, mit Erſchrecken, von ihrem Gemahle, dem Praͤſidenten, was uͤber Tina's Vater ver⸗ hangen ward; ſie beſchloß, Trotz der Schmach„die das Selwing'ſche Haus traf, dies ſchuld⸗ und ſchutzloſe Maͤdchen bei ſich aufzunehmen und ihr Gatte ſtimmte um ſo williger bei, da der Machtſpruch des heftigen, Schonung und Nuͤckſicht verach⸗ tenden Fuͤrſten, ſeiner dringenden Vorſtel⸗ lung und Fuͤrbitte zuwider, erfolgt war. 10 Die kinderloſe Praͤſidentin ſtand im dreißigſten, Herr von Palow im ſechszigſten Jahre. Noch im Spaͤtherbſte mannlich und anziehend, hatte er dem mittelloſen, ihm herzlich wohlwollenden Fraͤulein mit ſeiner Hand nicht eben Reichthum, aber Wohlſtand und Anſehn, die Genuͤſſe eines Lebens geboten, das dieſe ſchmuͤcken und erhoͤhen. Er hatte Auguſten, nebenbei, zur Stiefmutter eines lebensfrohen Paͤrchens gemacht, das aus ſeiner erſten Verbindung herſtammte und dem jene, im Bezug auf das Alter, auf Stimmung und Gefuͤhle allerdings naͤher als dem Gatten ſtand. Enewold ging in's achtzehnte, Charlotte in's ſiebzehnte Jahr, doch beiden gab Er⸗ ziehung, Mutterwitz und die Fuͤlle gedei⸗ hender Kraͤfte den Anſtrich der Muͤndigkeit. 11 Enewold, zur Zeit noch ein Mitglied des fuͤrſtlichen Pagencorps, trat jetzt, vom Hofe kommend, bei der Schweſter ein. Er trug einen zierlichen Damenhut auf der Scheitel, den die Putzmacherin eben hergeſandt, den er dem Dienſtmaͤdchen ab⸗ genommen hatte und ſich nun, im Geiſte der juͤngſt entſchlafenen, franzoͤſiſchen Mam⸗ ſell, zierſam und ſchwatzhaft geberdete. Aber wehe dem Bruder ſelbſt, der die rohe Hand an ein aͤhnliches, zartes und beliebtes Putzſtuͤck legt und Schweſter Lotte war ohnehin in tiefer Verſtimmung. Es ging ihm nach Verdienſt, doch zwei Con⸗ fektduͤten— Broſamen von der fuͤrſtlichen Tafel gefallen, entwaffneten die Scheltende. Sie erzaͤhlte nun die große Neuigkeit von Selwing's Verhaftung und daß die Mut⸗ ter— gewiß zu aller Welt Erſtaunen und 12 zum offenbaren Nachtheile ihrer Kinder, Clementinen in's Haus nehme. O, ich weiß Alles! erwiederte Enewold: hoffe jedoch, daß der Ehrenmann, blank wie ein Schwan, aus dem Kaſten zuruͤck⸗ kehren werde und bin vergnuͤgt, das gute Tinchen, durch dieſe Handreichung der Mutter, geehrt, getroͤſtet und gleichſam in unſerem Schooße zu ſehn. Mein Fraͤulein Schweſter aber, ſetzte er hinzu: wird die Arme freilich weder ehren noch troͤſten und hat ſie, von jeher, nur als den Nothnagel angeſehn. Lagſt Du krank oder ließen ſich die Andern entſchuldigen, ſo mußte Sel⸗ wing's Tinchen zur Stelle kommen, mußte ein Gluͤck in dieſer Auszeichnung finden, mußte mit der vorgefundenen, elenden Lau⸗ ne treugehorſamſt fuͤrlieb nehmen, ſich wohl auch geherzt und gekuͤßt und Tags darauf wieder verabſaͤumt und verleugnet ſehn. 13 So macht Ihr es, Ihr Gnaͤdigen! Waͤre aber Clementine ein Clemens, er wuͤrde wie das Chriſtkind empfangen werden. Das alte Lied! fiel Lottchen ein: das mich bloß darum aͤrgert, weil ich eben mein Herz vor dem Bruder ausſchuͤtten wollte und auf einen widrigen Superklug treffe. Leuchtet Dir nicht ein, daß Clementine, die ohnehin der Mutter Herzblatt iſt, alles aufbieten werde, ſie zu verpflichten, ihr je⸗ den Wunſch an den Augen abzuſehn— genug, das Aeußerſte zu thun? Schon ihre Lage ſpricht das Mitleid an, und ſo wird ſie denn— auf meine Koſten be⸗ guͤnſtigt und vorgezogen, mir in aller Un⸗ ſchuld das Leben verkuͤmmern. Das kann ſich ereignen, verſetzte Ene⸗ wold: wenn Du nicht Luſt haſt, es ihr gleich zu thun, alſo heirathe! Meine Kamera⸗ den beten Dich insgeſammt an und wir 14 werden, mit der Zeit, Ober⸗Kammerherr'n. — Doch Scherz bei Seite, Lottchen! Du haſt Recht und dauerſt mich; ich aber bin eben auch in der Klemme und will mein Herz nun auch vor Dir ausſchuͤtten. Hoͤ⸗ re zu und aͤrgere Dich nicht. Du kennſt Ida Dorning, die fuͤrſtliche Kammerdiene⸗ rin.— Ihr Blick verheißt ein Paradies, die Wang' iſt Morgenroͤthe und ihre Stim⸗ me toͤnt ſo ſuͤß, wie— was denn gleich? — wie Goͤthe!— Die ſchreitet alſo ge⸗ ſtern vor mir her, dem Schloſſe zu— ich, den der Dienſt dahin trieb, folge ihr. Die Sehnſucht ſchob mich vofttts, aber die Ruͤckſicht hielt mich am Rockzipfel; ſo gewann denn Ida den Vorſprung. Auf der Marmortreppe ſieht die Huldin nach unten, nimmt den Hintermann wahr und huͤpft nun, wie ein Rehboͤckchen weiter. Ich thue es ihr nach und wir gelangen ſo 15 unter das Dach. Was will ſie dort? Mir entlaufen! es leuchtet ein— denn pfeil⸗ ſchnell verfolgte die Schuͤchterne einen Gang, der zu der hintern Wenteltreppe fuͤhrt und wir ſprangen nun beide, wie eifrige Haſch⸗ kater, wieder bergab. Ein Affe lief dem andern nach! gloſ⸗ ſirte Lottchen: und die Dorning wollte ein⸗ geholt ſeyn. Das ſieht man! Du verſuͤndigſt Dich, rief Enewold: man ſah ihr vielmehr nur die heilige Angſt an. Jetzt endlich hatte ſie den Vorſaal ihrer Prinzeſſin und eine Seitenthuͤr erreicht und ſchlug ſie eben hinter ſich zu, als ich, odemlos, ankam. Mein Herz ſchlug auch, mein Muth nahm ab, aber der Genius raunte: Courage, Bajazzo! Nur die Courage bricht Myrten und Lorber'n. Iſt Ida Dir gram, dachte ich, ſo ſchob ſie den Riegel vor— iſt ſie Dir gut, ſo— 16 kurz, da ergriff ich den Druͤcker, fand die Thuͤr unverſperrt und ſtand nun im Hei⸗ ligthume!— zu meinem Einſetzen, im unrechten— in einem Putz⸗ oder Kleider⸗ oder Haͤubchen⸗ und Hutzimmer der Prin⸗ zeſſin; es wimmelte ringsum von praͤchti⸗ gem Plunder. Das goͤnne ich Dir! rief die auflachende Schweſter: und hoffentlich war die Er⸗ lauchte zugegen? Zugegen, ſchadenfrohes Ding! und ſah zwei Jungfern zu, die ein weißes Kleid, das ſie, wahrſcheinlich, heute Abend zum Balle traͤgt, mit lebendigen Blumen be⸗ ſetzten. Ich machte Kehrt Euch— blitz⸗ ſchnell, wie ein ertappter Dieb und wollte Reißaus nehmen. Da rief es hinter mir: Herr von Palow! die Hoheit fragen nach Ihrem Begehren.— Das fehlte noch. Ueberdieß war es die Dorning, welche mich 47 anrief, mir, ſchadenfroh wie Du und mit dem Bewußtſeyn der erreichten Sicherheit, in das arme Suͤndergeſicht kicherte. S. Das ſehe ich jetzt noch. Fahre fort! E. Die Prinzeſſin hatte augenſchein⸗ lich ihre Ida herein ſtuͤrzen geſehn— hat⸗ te bemerkt, daß ich derſelben auf dem Fu⸗ ße nacheilte und die Urſache dieſer Jagd errathen, denn ihre Blicke ſpießten mich, ſo zu ſagen. Nun weißt Du doch, daß Mutter neulich, im Schauſpiele, von einer Ohnmacht angewandelt ward; daß die Prin⸗ zeſſin ſie, leichenblaß, in Deinen Armen ſah und ihr den Flacon hinuͤber ſandte; weißt, daß Du in der Angſt die Schrau⸗ be zerbrachſt und mir die Mutter, am fol⸗ genden Morgen, auftrug, ſie von unſerem Goldarbeiter herſtellen zu laſſen, um der Gnaͤdigſten das Flaͤſchchen wieder einhaͤndi⸗ I. Theil. 2 gen zu koͤnnen. Das hatte ich nun eben bei ihm abgeholt; der Anblick der hohen Beſitzerin erinnerte meine Seele, durch ei⸗ nen hoͤchſt natuͤrlichen Ideengang, an ihr Riechflaͤſchchen und die edle Geiſtes⸗Gegen⸗ wart half mir, fuͤr den Augenblick, aus dem Drangſale. S. O, das bedauere ich! E. Gnaͤdigſte Frau, hob ich, demuth⸗ voll, aber freundſelig an; bat, mit einem Worte, um Gehoͤr und milde Beurthei⸗ lung des Unterfangens; erzaͤhlte zufoͤrderſt die Folge Deiner Faſelei und daß ich den herzuſtellenden Flacon auf dem Wege zum Goldſchmide verloren habe— daß ich um ſo troſtloſer ſey, da der Verluſt Ihre Ho⸗ heit treffe und ſelbſt meine gute Mutter Hoͤchſtderſelben vielleicht ſo nachlaͤſſig als undankbar erſcheinen werde. Da ſchreitet eben Fraͤulein Dorning vor mir her, fuhr 19 ich, Odem ſchoͤpfend fort: und mir koͤmmt, in meiner Beſtuͤrzung, der Gedanke, das Herz vor dieſer auszuſchuͤtten, ſie um Rath und That, um Vermittlung und Vorbitte anzuſprechen; das Fraͤulein aber mißkannte unfehlbar meinen argloſen Zweck und ent⸗ rann mir. Wie frech Du biſt! rief die Schweſter: wie luͤgenfertig! E. Der gute Junge! dachte Eugenie dagegen; ich ſah es ihr, waͤhrend dem weh⸗ muͤthigen Vortrage meiner Flauſe, an.— Ich bedauere Sie! ſagte die Edelſte: weit mehr aber die Frau Mutter, welche der Vorfall zur Ungebuͤhr bekuͤmmern wird und deren Beruhigung eine Nothluͤge entſchul⸗ digt. Sie haben, dieſer zu Folge, die Mama mißverſtanden, haben das Glas, welches ſie mir perſoͤnlich einhaͤndigen woll⸗ te, in meiner Garderobe abgegeben und 2* 20 zum Abende, wo ich die Frau von Palow auf dem Balle finde, wird mein Beneh⸗ men ſie voͤllig zufrieden ſtellen. Abſcheulicher Menſch! eiferte Charlotte: iſt es verantwortlich, mich und die Mut⸗ ter, Deiner armſeligen Liebelei wegen, ein⸗ zumiſchen? Ich bin nun, in Eugeniens Augen, die eigentliche Urſache des Verlu⸗ ſtes; ich habe den Flacon zerbrochen und ſie darum gebracht. Zeige Dich als eine praktiſche Chriſtin, entgegnete Enewold: und hefte der guten Stiefmama die beiden, edeln Nothluͤgen auf; ich aber will mich nicht fruͤher als auf dem Hofballe, vor ihr ſehen laſſen, wenn die Hoheit bereits ſchoͤn mit der Mut⸗ ter gethan und ſomit den Groll und Aer⸗ ger uͤber meinen Stolprian in liebliche Zu⸗ friedenheit verkehrt haben wird. Noch Eins, Charlotte! ſprach er, ſchon zwiſchen Thuͤr 21 und Angel ſtehend: fuͤnf Matadore, ſage ich Dir, die ich nicht nennen mag, verſi⸗ cherten mir geſtern, am Farotiſche, wo, in der Pauſe, die Rede auf Euch Zucker⸗ puppen kam: Die Venus ſeyſt Du nicht, und es gebe noch Reichere, aber— So? murmelte Lottchen— das ver⸗ ſteht ſich— aber? E. Das Aber wird Dich hoffaͤrtig machen! S. O, darauf wage es— ich kenne mich ſelbſt! E. Ein Vorzug erhebe Dich uͤber alle die Anderen. Nathe, welcher! S. Das lohnte die Muͤhe! E. Der Vorzug, meinten ſie einſtim⸗ mig— das ſchoͤne Gluͤck vielmehr: Meine Schweſter zu ſeyn. Lern' es ſchaͤtzen! Damit ging er und ein Zwirnknaul flog ihm nach. 22 Als Selwing, der verhaftete, am fol⸗ genden Morgen die Augen aufſchlug, dank⸗ te er, tiefbewegt, dem guten Genius, der ihn im erquickenden Schlafe geſtaͤrkt und den Sturm ſeines Innern gemildert hatte. Er ſah umher, ſah dieſe rauhen, mit den Namen ungluͤcklicher Vorgaͤnger, mit zahl⸗ reichen, theils elegiſchen, theils rebelliſchen Gloſſen, beſchriebenen Mauern; ſah, jen⸗ ſeit des verſtaͤbten Fenſters, die freundliche Landſchaft, das Gegenſtuͤck des duͤſtern Kerkers; ſah endlich, kaum den Augen trauend, den Tiſch mit Immergrüͤn und allerlei zierlichen und anſprechenden Gegen⸗ ſtaͤnden bedeckt— mit den Geburttag⸗ Geſchenken ſeiner Kinder.— Reifers, der treue Freund, hatte ihm, mittels des gut⸗ artigen Hausvogtes, dieſen Labekelch zuge⸗ wandt. Er raffte ſich auf, er ſtaunte, ſchauete, erblickte ſein Gaͤrtchen, die Hei⸗ 23 math des Friedens, ſo reich an Denkzei⸗ chen des verſchwundenen Gluͤckes, das mit Eliſen begraben ward— des Maͤdchens Lied ſprach, wie mit Engelzungen, die Wuͤnſche und Segnungen jener Verewigten aus. Zuletzt ergriff er die zierliche Schrift ſeines Herrmanns und las: „Dankbar nimm des Lebens Freuden Aus des Höchſten milder Hand—— Hat er Kreuz Dir zuerkannt, Nun, ſo faſſe Muth zu leiden. Gut iſt Alles, was er will, Dulde willig! Dulde ſtill!“ Des Knaben ahnungvolle Wahl, die Liebe der Kinder, die ſich in dieſen Gaben offen⸗ barte, durchdrangen das Vaterherz; der herbe Schmerz ward zur wohlthuenden, in Thraͤnen hinquellenden Wehmuth. Er konn⸗ te wieder beten, laͤcheln, Troſt aus ſich ſelbſt ſchoͤpfen; den Muth zu leiden— willig und ſtill zu dulden, faſſen. 24 Selwing war uͤbrigens jetzt der Held des Tages. Waͤhrend dem er jenen Labe⸗ kelch leerte, tranken die Fruͤhſtuͤckenden, bei Weinbrauers und anderwaͤrts, auf ſein Wohl und ſezirten gleichſam den Aufſatz der Zeit⸗ ſchrift, den man ihm zuſchrieb, deſſen In⸗ halt, kuͤhn, doch gehalten, eine Reihe ge⸗ meinſchaͤdlicher Hauptgebrechen und Wag⸗ ſtuͤcke verletzender Willkuͤhr, an's Licht zog. Im Rathe der Feinde ward der geheime Sekretair dagegen, theils als ein Unkluger und Phantaſt herabgeſetzt, theils als ein boͤsartiger Krittler und Friedenſtoͤrer, mit dem Zungenſchwerte gekoͤpft, oder, aus an⸗ geſtammter Milde, den Ketten⸗Straͤflingen beigefuͤgt. Enewold beſuchte ſein Schweſterchen, mit dem er im ſteten Kriege lebte und ihm dennoch fortwaͤhrend anhing, am folgenden 2 . 25 Mittage wiederum, Charlotte pries, begei⸗ ſtert und erſchoͤpft von dem Balle, Euge⸗ niens große Guͤte gegen die Mutter, wel⸗ che ſich, waͤhrend der Heimfahrt, mit Ruͤh⸗ rung geaͤuſſert, dieſe Huld geruͤhmt und zu Hauſe noch eine hoͤchſt angenehme Ueber⸗ raſchung— den Onkel vorgefunden habe⸗ Gedachten Oheim, Eckbert von Amthor, den Bruder der Praͤſidentin, hatte fruͤher, auf der Hochſchule zu Goͤttingen, ein vor⸗ nehmer, uͤberreicher, gleich ihm dort ſtudi⸗ render Auslaͤnder, liebgewonnen, hatte den Mittelloſen großmuͤthig ausgeſtattet, ihn zum Begleiter auf vierjaͤhrigen Reiſen ge⸗ macht, an deren Ziele derſelbe jetzt die Schweſter heimſuchte. Ich danke Gott fuͤr dieſen Gaſt, fuhr ſie fort: denn die Mutter lobte ihn von jeher; ſie liebt ihn augenſcheinlich viel zaͤrt⸗ licher als den Papa und das gute Herz 26 lacht aus ſeinen praͤchtigen Augen. Fuͤr unſer Eine ſind ſolche Onkel Goldes werth. Man gefaͤllt ihnen und darf ſie zu Ver⸗ trauten machen— man ſchuͤttet das Herz aus, ſchickt ſie an die Eltern, wo ſie zum Beßten kehren, unſer Gutes herausſtrei⸗ chen, uns manches auswirken und zuwen⸗ den, was jene, auſſerdem, zuverlaͤſſig ver⸗ ſagt haͤtten. Dem Onkel Eckbert gefiel ich uͤberdieß gleich bei dem Eintritte. Er zog mich an die Bruſt, waͤr, leider! unbarbirt und kuͤßte ſo nachdruͤcklich, daß man noch heute den Fleck ſieht. E. O Eitelkeit! iſt Eine in ſich ſelbſt vergafft, ſo ſieht ſie in jedem Wanzenbiß' ein Liebesmahl. Wollte Gott uͤbrigens, daß Ihr ein Paar wuͤrdet und der Onkel Schwa⸗ ger, am Polterabende, meine Schulden bezahlte, oder noch fruͤher. Sey nicht da⸗ gegen, Lotte! und hoͤre mich an: ich habe ſo eben wieder mit der allergnaͤdigſten Prin⸗ zeſſin verkehrt, und wir werden, am Ende, wohl auch noch ein Paͤrchen. Sieh, mich brannte ihr Flacon in der Taſche. Zwar hat das Ding keinen Werth, als die golde⸗ ne Faſſung des Stoͤpſels; es konnte mich aber, wenn der Teufel ſein Spiel trieb, und das Spiel iſt ja ſein beßtes Vergnuü⸗ gen, gelegentlich als einen Luͤgner oder Hehler bezeichnen und in's Verderben brin⸗ gen. Genug, ich ſtand heute, mit dem Schlag eilf Uhr, wieder in dem bewußten Vorſaale. Kein Thuͤrſteher, kein Bedien⸗ ter ließ ſich blicken, da koͤmmt, wie ge⸗ ſtern, durch Zuthun meines Engels, Ida Dorning, auf die es denn natuͤrlich mit abgeſehen war, leiſ' ſingend und freudig, von der Marmortreppe her; ſie faͤhrt zu⸗ ſammen und ſchreit faſt auf, als ſie die Thuͤr erreicht hat und ich hinter dem Pfei⸗ ler hervortrete. Gott!— theures Fraäͤulein!— ich Ungluͤcklicher!— Sie erſchracken? Das Maͤdchen iſt allerdings verletzbar, wie eine Grasmuͤcke; es ergluͤhte waͤhrend der Rhap⸗ ſodie, vielleicht auch mehr aus Furcht vor dem moͤglichen Erſcheinen einer neidiſchen Amtſchweſter, als der ehrlichen Pagenhaut wegen, aus der ſie Handſchuhe machen koͤnnte, was Ida bemerken und erkennen muß. Ich ſage Dir, ſogar die Haarwuͤr⸗ zelchen der idealen Stirn wurden von ih⸗ rem Blute unterlaufen und haſtig zog das Mauͤdchen beide Haͤnde zuruͤck, als ſich mei⸗ ne rechte verſtohlen ausſtreckte, weil ſie ein Liebesbrieflein in ihr vorausſetzen mochte, waͤhrend dem ich Ihr nur das Riechbuͤchs⸗ chen der Prinzeſſin zuſtecken wollte und nun aus dem Concepte fiel.— Fuͤrchten Sie 29 nichts! ſagte ich, verbluͤfft, in platter, hin und her wackelnder Proſa: es iſt das und das— der vermißte Flacon iſt's, der, durch ein Loch in meiner Taſche, zwiſchen Tuch und Futter ſchluͤpfte, wo mein Be⸗ dienter ihn heute, den Rock fegend, auf⸗ fand. Wuͤrden Sie denn wohl ſo gnaͤdig ſeyn, mich der Hoheit zu Fuͤßen zu legen und ihn derſelben einzuhaͤndigen? Ich vermag nur das Letztere! ſprach Ida aufathmend und wie Du hoͤrſt, mit Ironie; ſah mir dabei, noch immer miß⸗ trauiſch, auf die Hand, ergriff das Glas nur mit zwei Fingerſpitzen, machte ein Knixchen und oͤffnete und warf, wie ge⸗ ſtern, die Thuͤr des Paradieſes zu.— Ich blieb noch ſtehen— bloß der Prinzeſſin wegen, die vielleicht den redlichen Finder ſprechen wollte, da ſie ſeiner Mutter ſo gut iſt; auch that ſich, nach dem Verlaufe ei⸗ 30 niger Minuten, das Pfoͤrtchen, zu meinem innigen Vergnuͤgen, wieder auf. Nur handbreit, liebe Lotte; nur eben ſo weit, daß ich die Flammenaugen, die Cytheren⸗ Naſe, den Zaubermund, den Ledahals der Ida, vom Schlagſchatten der Thuͤrpfoſte verdunkelt, zu erkennen vermochte. Hoheit danken, ſagt ſie, wie eine Sprachmaſchine: und haben das Riechflaͤſchchen mir geſchenkt. Empfehle mich Ihnen! Schwapp! ſprang der Riegel wieder vor. Ich ergluͤhte, wie vorhin ſie, und komme zu Dir her; theils ſeelenfroh, ein Etwas in den Haͤndchen des ſproͤben Engels zu wiſſen, das mich ihm, ſo oft er es anriecht, verſinnlichen muß; theils ungeheuer disjuſtirt„ denn es liegt, in dem Verſchenken, offenbar ein Schnippchen, das mir die Prinzeſſin ſchlaͤgt. Nichts weniger, entgegnete die Schwe⸗ ſter: ſie folgte nur dem Zartgefüͤhle ihres Stolzes, der das Ding verſchmaͤht, weil es aus einer dienſtbaren Hand in die an⸗ dere ging und ſich in den zerriſſenen Ta⸗ ſchen des nachlaͤſſigſten und zudringlichſten unſerer Pagen herumtrieb. Uebrigens rathe ich Dir und ganz ernſtlich, die arme Ida unverſucht zu laſſen und werde es auſſer⸗ dem der Mutter ſagen oder dem Vater vielmehr, dem gar nicht ahnt, weß Geiſtes Kind ſein Goldſohn iſt. Sogar dem Vater? fiel er erſchrocken ein: Das waͤre ein edler Dank fuͤr mein Vertrauen. Dann ſage ich natuͤrlich allen, die Dich fuͤr ein Engelchen halten, daß Du innerlich nur dem greulichen Eichel⸗ Dauſe gleich'ſt und eine boͤſe Fee ſeyſt, die dem einzigen Bruder jede unſchuldige Luſt und Liebe verleide. Die Drohung reichte, wie er die Schweſter kannte, hin, ihr den Mund zu verſchließen, ſie aber ſetzte ſich nun ſchmollend zu ihrer Harfe und ſang und ſpielte ſo helltoͤnend, daß ſein weiteres Aeuſſern und Eifern unvernommen blieb. Eckbert von Amthor unterhielt, waͤh⸗ rend dem, die Praͤſidentin, ſeine zaͤrtliche, des Wiederſehens frohe Schweſter, von der Vergangenheit, von ſeinen Reiſen, von dem Verhaͤltniſſe zu dem Freiherrn von Zelin, jenem Freunde, deſſen Jonathan er geworden war und von dem eigentlichen Zwecke des Zuſpruches. Der Baron, ſagte er: iſt die Liebenswuͤrdigkeit ſelbſt, ein Sinnbild der Großmuth, der Treue, der Wuͤrdigkeit. Maͤchtige, in Siebenbuͤrgen gelegene Herrſchaften, der Nachlaß ſeiner Mutter, beſtimmten ihn, geſaͤttigt von al⸗ lem, was ihm das Leben, an Hoͤfen und in den Hauptſtaͤdten, bieten konnte, ſich auf dieſe zuruͤck zu ziehn und der gute Genius jener Gegend zu werden. Ihn unterſtuͤtzen, zu Folge ſeiner fruͤhern Vor⸗ liebe fuͤr die Landwirthſchaft, die noͤthigen Kenntniſſe, ihn begleitet zudem eine liebe, geiſtvolle Gattin, die er in Berlin kennen lernte, wo wir den vergangenen Winter zubrachten und ich, ſein zukuͤnftiger Groß⸗ marſchall, ſoll nun des Freundes Beiſpiele folgen. Ich ſoll der Frau von Zelin eine paſſende, gebildete, vertraͤgliche Gefaͤhrtin zubringen, damit es derſelben, in dem wildfremden Lande, nicht an dem hoͤchſten Beduͤrfniſſe des Geſchlechtes, an ſchweſter⸗ licher Mittheilung, an Theilnahme und Beziehungen mangle, die nur zwiſchen Landsmaͤnninnen denkbar ſind und deshalb wende ich mich zunaͤchſt nach der Heimath. Du, beßte Schweſter! wirſt, bekannt mit ihren Schoͤnen, mir dabei vorleuchten, mir ſuchen, waͤhlen, den Bruder vor einer Taͤu⸗ I. Theil. 3 34 ſchung ſichern helfen; vor der ſchmaͤhlichſten, verderblichſten von allen, die an des Man⸗ nes Wege liegen. Nicht Geld und An⸗ muth, liebe Auguſte, Geſundheit nur des Leibes und der Seele, ſittliche Guͤte und zeitgemaͤße Bildung ſoll die Mitgift ſeyn. Ueber allem menſchlichen Treiben waltet, meinem Glauben nach, eine hoͤhere Fuͤgung und ich bemerkte vielleicht, im Laufe dieſer Nacht, ihren Fingerzeig. Mein Herz er⸗ ſchwoll, als Du, vom Balle heimkehrend, mit Deinem wunderhuͤbſchen, lieblichen Toͤchterchen in's Zimmer trat'ſt; mir war als fuͤhre mir die werthe Schweſter meinen Engel zu und die freudige, wohlthuende Herzigkeit, mit der Charlottchen mich, den Fremdling, umarmte und willkommen hieß, beſtaͤtigte den ſuͤßen Wahn. Sie iſt Dein Kind, wuchs unter Deinen Augen auf und Du, ihre Bildnerin, Du, die Verſtaͤndige, 35 mußt beurtheilen koͤnnen, ob ſie ſich fuͤr den Bruder eigne, deſſen Eigenſchaften und Eigenheiten Dir unfehlbar noch vorſchwe⸗ ben und der ſich in der Hauptſache gleich blieb. Darauf entgegnete Auguſte: Muͤtter und Stiefmuͤtter ſind unſtrei⸗ tig am untauglichſten, einem ſolchen Ver⸗ Blangen redlich zu genuͤgen; jene zu befan⸗ gen, dieſe zu kritiſch, werden beide, un⸗ willkuͤhrlich, ein falſches Zeugniß geben und den Werth der Tochter uͤberſchaͤtzen oder verkennen. Charlotte iſt uͤberdies, zur Zeit, nur erſt ein Bluͤthenbaͤumchen, fuͤr deſſen kuͤnftigen Ertrag kein Gaͤrtner einſtehn kann — von meiner Wachſamkeit und dem In⸗ ſtinkte des Geſchlechts vor Entartung be⸗ wahrt, gefaͤllt ſie ſich in einem Scheine freudiger Zuverſicht, die als Naivetaͤt er⸗ goͤtzen wuͤrde, wenn ſich das Unabſichtliche 3* erkuͤnſteln ließe. Ich tadle ferner ihre Ge⸗ fallluſt, die, weniger der gemeinen Quelle als der Sucht entſpringt, ſich Alt und Jung, Geringen gleich den Hoͤchſten ange⸗ nehm zu machen; von aller Welt geliebt, gelobt und vorzugweiſe beguͤnſtigt zu ſehen. Es gehn aus dieſer Paſſion, zu ihrem Beßten, die Tugenden des Dienſteifers, der Wohlthaͤtigkeit, des willigen Zuruͤcktretens und manche aͤhnliche hervor; auch fehlt es Lotten keines Weges an Verſtand und man⸗ chem gluͤcklichen Talente. Die Kenner ruͤhmen ihre Stimme und ihr Harfenſpiel; ihre Briefe ſind allerliebſt; ſie iſt als Taͤn⸗ zerin geſucht und ſpricht franzoͤſiſch ohne Fehl. Von keinem Maͤdchen laͤßt ſich, uͤbrigens, mit einiger Sicherheit im Vor⸗ aus ſagen, was es als Hausfrau ſeyn und leiſten werde, denn wir ſind ein beweglicher Stoff und die Verhaͤltniſſe der Zukunft un⸗ ſere Schickſalsmaͤchte. Wohl der Gebrech⸗ lichen, wenn ſie im Gatten den Arzt fin⸗ det und ihn Beharrlichkeit und Liebe nicht verlaſſen. Wohl aber allen, die nicht im Taumel krankhafter Leidenſchaft ergriffen, vergoͤttert, errungen und erzwungen wur⸗ den, denn ſie fielen in die Hand eines Trunkenen, der morgen und fuͤr immer — gewoͤhnlich als das Gegenſtuͤck von ge⸗ ſtern, erwachen wird.— Ein Tantchen mit fuͤnf Toͤchtern un⸗ terbrach hier das Zwiegeſpraͤch. Es kam, zur rechten Zeit, vom Gute herein, um dem willkommenen, der Gehuͤlfin beduͤrfti⸗ gen Vetter die nie geſehenen Muͤhmchen ſehn zu laſſen. Charlotte ſang und ſpielte noch, als Eckbert, von dem mißfaͤlligen Zuſpruche ver⸗ ſcheucht, ſich bewogen fuͤhlte, die ſchoͤne 38 Stiefnichte zu beſchleichen. Ich habe ge⸗ horcht, liebes Lottchen, ſagte er: und muß Ihnen geſtehn, daß dieſer Sang und Klang mein Herz erfreute. Dann iſt es uͤber die Maßen genuͤg⸗ ſam, erwiederte ſie aufſpringend, ward nun bedraͤngt, den Genuß zu verlaͤngern, wei⸗ gerte ſich deſſen und ſagte: ich wuͤrde mir wie ein Kupfer im Almanache vorkommen und, keines Tones maͤchtig, laut auflachen muͤſſen. Nein, Onkelchen! wir haben, im Leben, erſt ſo wenige Worte gewechſelt, daß ſich die Fortſetzung nur in einem Opern⸗ terte rechtfertigen ließe. Als Sie uns da⸗ mals das Lebewohl ſagten, war ich ja noch ein Kind, bloͤd', ungeberdig, hoͤchſt einfaͤl⸗ tig.— Die Einfalt ſei heilig, meinte Herr von Amthor: und habe ſich, in ihr, zur Anmuth entfaltet.— Da ſchweigt man! bemerkte Lottchen und huͤpfte an's N₰ 39 Fenſter. Er ſchritt ihr nach, er oͤffnete ein dort liegendes Buch:„Bode's Anlei⸗ tung zur Kenntniß des geſtirnten Himmels“ und das Fraͤulein ſagte: Nach der Mutter Behauptung iſt die Buͤcherwahl eines Maͤdchens ſein Werth⸗ meſſer. Was werden Sie, dieſem Grund⸗ ſatze nach, von mir denken? E. Ich werde mich vor der Seltenen neigen, die, zu meinem Erſtaunen, ſtatt eines ſuͤßlichen Romanes, die Sphaͤren mu⸗ ſtert. Sie aber lachte auf und rief: Der gnaͤdige Onkel neigen ſich da ganz zur Un⸗ gebuͤhr und finden, unter dieſem Fenſter⸗ kiſſen, zwei oder drei der ſuͤßeſten; in das Sphaͤrenbuch aber habe ich noch mit keinem Auge geblickt. Einen alten Magiſter, der mir die Harfe ſtimmt, hat ſeine Schlaf⸗ loſigkeit zum Sterngucker gemacht; er ſpricht von nichts anderem; er moͤchte, ſeiner neu⸗ 40 lichen Aeußerung zu Folge, weder Gold noch Silber, weder Weihrauch noch Myrr⸗ hen, wohl aber den herrlichen Bode beſi⸗ ben, iſt aber zu arm, um ihn zu kaufen. Da bat ich denn mein Bruͤderchen, dieſen Himmelſchluͤſſel herbei zu ſchaffen und wenn der alte Stimmhammer wieder koͤmmt, ſo wird er damit angebunden. Wohl Ihnen, gutes Muͤhmchen! Sie kennen die Seligkeit des Gebens, die mir, unter Ihrer Leitung, eben auch werden ſoll. Ich bringe meiner guten Schweſter ein Andenken mit und bitte Sie, mit dem Geſchmacke derſelben unbekannt, zu bemer⸗ ken, was ihr etwa am willkommenſten ſeyn duͤrfte. Der Oheim zog, waͤhrend dieſer Aeußer⸗ ung, ein Kaͤſtchen hervor und ließ Char⸗ lotten eine Buſennadel„ einen blitzenden Ring und das Halsband von aͤchten Per⸗ — 41 len, Pariſer Arbeit im beßten Geſchmacke, ſehn. Herrlich! koͤſtlich! o, wie ſchoͤn! rief jene, ſtill ergriffen: doch kann mir nicht einfallen, an der Mutter Statt zu ent⸗ ſcheiden und der guͤtige Bruder darf ihr ja wohl, als ſolcher, ganz unbedenklich die Wahl laſſen. E. Erfahren aber darf er doch, wel⸗ che von dieſen Kleinigkeiten Sie vorziehen? S. Keine, Herr Onkel! Dieſe Klei⸗ node ſind alle drei vielleicht von gleichem Werthe, gewiß aber von gleicher Schoͤne. E. Und Ihnen zugedacht! Die Schwe⸗ ſter ward bereits vergnuͤgt. Charlotte ſah von dem Schmuckkäͤſtchen auf, in ſeine Augen; ſie ergluͤhete und wendete ſich haſtig ab, nach ihrem Tuche, denn die hellen Thraͤnen entſtuͤrzten ihr. Die gute Meinung ruͤhrt mich im In⸗ 42 nerſten, ſagte das Maͤdchen: aber ich darf keinen Schmuck tragen, darf auch von Herren kein Geſchenk annehmen und danke Ihnen— o, vom Herzensgrunde! Ich bin kein Herr in dieſem Sinne — ich bin Ihr naher Verwandter, liebes, gutartiges Maͤdchen! und uͤberzeugt, daß Vater und Mutter ihre Zuſtimmung nicht verſagen werden. Jetzt trat ihr Maͤdchen ein und ſagte: Ein Gaͤrtner bringt acht Blumenſtoͤcke— ganz ſuperfeine, die ſchon das ganze Vor⸗ haus ausraͤuchern und ſie ſtehen ſaͤmmtlich in Porzellan. Gnädiges Fraͤulein, meinte er: wuͤßten ſchon um das„Woher“ und er ließ ſich nicht halten. Charlotte ward ploͤzlich feuerroth, der Onkel auch. Jene vergaß, in ihrer Betroffenheit, ihm fuͤr die reiche Gabe zu danken, ſie eilte nach dem 43 Vorſaale und Eckbert ſchlich ſich unmuthig fort, Die Blumen waren dem Fraͤulein auf dem geſtrigen Balle zugewachſen. Charlotte ſtand, vor deſſen Beginnen, wie die Roſe eines Straußes, unter freudigen Vertrau⸗ ten, die, in ihrem Muthwillen, die Mehr⸗ zahl der Taͤnzer leiſ' aber haarſcharf rich⸗ teten.— Kapaneus, hieß es, zum Bei⸗ ſpiele: ſchnuͤre und ſchminke ſich mit der alten Frau von Rothfunkel um die Wette — Podarzis beſtehe nur aus Watte und Knochen— Pelion ſehe in alle Spiegel, der lange Ratatin aber(ein unpolirter Land⸗Cavalier) gleiche, im Wirbeltanze, einer Pappierſcheere. Dem Lieutenant Rom⸗ ly ließen ſie dagegen Gerechtigkeit wieder⸗ fahren, weil ihn Charlotte in Schutz nahm, auch ſagte derſelbe, bald darauf, waͤhrend der erſten Polonaiſe, leiſ' und wehmuͤthig zu derſelben:— Endlich wieder ein ſeliger Augenblick! Ach, immer und ewig wird die goͤttliche Charlotte der Inbegriff meiner Traͤume und Gedanken ſeyn und Sie hoͤren das, heute wie geſtern und wohl immer und ewig, ungeruͤhrt?— Seine heftig druͤk⸗ kende Hand fuͤhlte jetzt den milden Gegen⸗ druck der ihrigen. Aber es iſt beſchloſſen, fuhr er, entflammt von dieſer ſtillen An⸗ erkennung, fort: ich werfe mich ihrer edlen Mutter zu Fuͤßen. Sie werfen ſich vor einer Stiefmutter nieder, lispelte Charlotte, unter Seufzern: auch ſagte mir der Vater oft genug, er ſey ohne Mittel und ich ſolle dieß vor Al⸗ lem, bei der Wahl eines kuͤnftigen Gatten, beherzigen. Der arme Romly ſeufzte nun auch, 45 er dachte an ſeinen zwoͤlfjaͤhrigen Klepper, an die goldene Fabrik⸗Uhr, an den gerin⸗ gen Dienſt⸗ und Tanzſtaat, worauf ſich, mit Ausſchluß der ſechs Pfeifen und eines Viertellooſes in der Gothaiſchen Lotterie, ſeine Schaͤtze beſchraͤnkten und mußte nun, der Tanz war aus, ſeine Heilige dem Hof⸗ junker Pelion uͤberlaſſen.— Dieſer ſtimm⸗ te, in einer viel lieblicheren Melodie„ daſ⸗ ſelbe Lied an; er vertraute Charlotten, daß er, des ſchoͤnen Gartens wegen, das alte, Halleckiſche Palais auf der Roſenſtraße kau⸗ fen, es erneuen und darauf, nach dem Beſitze einer guten, goldlockigen Fee ſtreben werde, die dann nur eine Brandmauer von ihm ſcheide.— Lottchen war blond und gut, ſie wohnte neben jenem Pallaſte auf der Roſengaſſe, war alſo augenſcheinlich ge⸗ meint und ihre leiſe Erwiederung um ſo milder, da der bildſchoͤn Pelion mehrere 46 hunderttauſend Thaler und auſſer der Spie⸗ gel⸗Guckerei, der niedlichen Form und ſei⸗ nem faſt maͤdchenhaften Thun und Aus⸗ ſehn, keinen ihr bekannten Fehler hatte. Jetzt aber ſah ſie ſich belauſcht, wendete daher das Geſpraͤch ſchnell auf die Oran⸗ gerie, die den Saal ſchmuͤckte, erklaͤrte ſich fuͤr eine eifrige Blumenfreundin und waͤre faſt auf der Luͤge ertappt worden, da die Botanik Pelions Puppe war und derſelbe ſofort auf den Gegenſtand einging, mit einer Unzahl fremdartiger Pflanzennamen um ſich warf und in jedem Spiegel zuſah, wie er ſich, als Profeſſor der Blumenkun⸗ de, geberde und ausnehme. Die Freier haͤuften ſich heute uͤberhaupt, zu Lottchens Erſtaunen, denn man wollte, ſeit geſtern, wiſſen, der Praͤſident Palow werde, morgenden Tages, zum Miniſter ernannt werden. Auch Herr von Kapa⸗ 47 neus dachte: Wirſt du ſein Schwieger⸗ ſohn, ſo muß er dir weiter helfen; er ver⸗ ſuchte demnach ebenfalls ſein Heil und ward, zu Folge ihres angeſtammten Trie⸗ bes, trotz ſeiner Widrigkeit, mit Guͤte und anmuthig taͤuſchenden Worten hingehalten. Bei Tafel endlich, wo die junge Mann⸗ ſchaft hinter den Stuhllehnen der Damen Huͤtten baute, bedraͤngte der wattitte Po⸗ darzis mit girrenden Schmeichellauten, der unzarte Ratatin dagegen wiehernd und in's Haus fallend, die Kehrſeite der Jungfrau. Charlotte war fromm und pries, nach der Heimkunft, den himmliſchen Vater mit Inbrunſt fuͤr die vielen Naͤnnerherzen, die er ihr, der Unbedeutenden, ſchon im Be⸗ ginnen der Bluͤthenzeit, zugewandt habe. Dem Danke aber folgte eine flehende Bit⸗ te, die oben genannten Fatalen von ihr 48 wegzuſchrecken, ſie, bei der endlichen Aus⸗ wahl, den Beßten erkennen und ihn auch den Eltern gefallen laſſen. Der Hofjun⸗ ker Pelion ſchmeichelte, als ein ſchoͤner, reicher, geſchmeidiger Weltmann, ihrem Sinne— aber hoch uͤber ihn ragte, wie ein trauernder Engel, der arme, edle, das Herz erquickende Romly und ſelbſt ſein Mangel an allen jenen Guͤtern ward, bei Lottchens Fuͤhlbarkeit, zum anziehenden Bindemittel. Jener, ſo kam es ihr vor, — werde ſie ſtets wie ein Gaſt und Fremd⸗ ling gemahnen, zu dieſem hatte ſie, ſchon im erſten Augenblicke der zweijaͤhrigen Be⸗ kanntſchaft, Vertrauen gefaßt— hatte, ihm gegenuͤber— hatte, an ſeiner Seite im Spiele, an ſeiner Hand im Tanze die Wonne der Geſelligkeit, ein inneres, namenloſes Wohlbehagen, den Zauber wahl⸗ verwandter Kraft empfunden. Darum ſtand 49 Charlotte jetzt mit gemiſchtem Gefuͤhle vor den koͤſtlichen Gewaͤchſen und botaniſchen Kleinoden, die augenſcheinlich der Hofjun⸗ ker darbrachte und deſſen angedeutete, da⸗ mit naͤher bezeichnete Abſicht, die Eltern hoch erfreuen mußte. Sie iſt allerliebſt! dachte Eckbert„ trotz ſeinem Verdruſſe, als er von dannen ging: aber unzweifelhaft ſchon verſehen und hoͤchſt wahrſcheinlich ohne der Eltern Wiſſen, da meine Schweſter, bei der Aufzaͤhlung ihrer Fehler und Vorzüge und nach der Andeut⸗ ung meines Wohlgefallens an Charlotten, eines ſolchen Verhaͤltniſſes gedacht haben wür⸗ de. Darum veranlaßte auch, was ich ihr mitbrachte, eine ſichtliche Beſtuͤrzung, nur Wehmuth ſtatt der Freude„ und das ver⸗ gängliche Blumenopfer war dem Maͤdchen bei weitem willkommener. So ſind ſie! I. Theil. 4 Die Zerſtreuung fuͤhrte jetzt den Ver⸗ duͤſterten vom naͤchſten Wege nach ſeinem Wohnzimmer ab und in das Stuͤbchen, wo Clementine eben, betend und weinend, vor ihrem Bettchen kniete, bei Eckberts Erſcheinung ploͤtzlich auffuhr und ſich ergluͤ⸗ hend verneigte. Die Praͤſidentin hatte den Bruder be⸗ reits mit dem Schickſale des Sekretairs Selwing, ſeines alten Bekannten, und der Aufnahme der Tochter in ihrem Hauſe, bekannt gemacht; er fand auch dieſe, am geſtrigen Abende, bei der Ankunft vor und es betruͤbte ihn jetzt, die Leidtragende in dem heiligen, troſtbringenden Geſchaͤfte un⸗ terbrochen zu haben. Clementine erſchien allerdings als das ruͤhrende Gegenſtuͤck ſei⸗ ner Stiefnichte. Jene hatte, waͤhrend der verwichenen Nacht, den Becher der Freude, dieſe, ihrem Ausſehn nach, ſchlaflos und 51 gramvoll, den Schmerzenkelch geleert. Jene ſtand eben, geſchmeichelt und begabt, zwi⸗ ſchen Schmuck und Prachtblumen— dieſe umglaͤnzten nur Thraͤnen des Wehes; nur die Paſſionblume ward ihr geboten. Herr von Amthor fuͤhlte ſich bei ſeiner Unbe⸗ kanntſchaft mit dem Maͤdchen weder be⸗ rechtigt noch im Stande, ein aufmuntern⸗ des, wohlthuendes Wort zu ſagen, wohl aber ergriff dieß Sinnbild des Agnus dei ſein Gemuͤth. Er bot ihr, ſtillbewegt, die Hand und ſeine Augen wurden naß. Die ihrigen, die milden, rothgeweinten, blickten kindlich und dankbar zu dem Gutmeinen⸗ den auf, und dieſe fluͤchtige Begegnung ward ſo, ohne Zuthun eines Wortes, be⸗ deutend und ſinnvoll. Jetzt aber trat Herr Reifers, ihr getreuer Freund, in das Stuͤb⸗ chen und Eckbert verließ es. — 4* Der Praͤſident und ſeine Gattin ſpeiſ'⸗ ten auswaͤrts, ihr Gaſt, jetzt ſchon ſeit mehreren Wochen hier und noch immer nicht Braͤutigam, wartete eben einer rei⸗ chen Hausgenoſſin auf, Clementine beſuch⸗ te die Bruͤder, Lottchen ſtand, einſam und truͤbſinnig, hinter Pelions koͤſtlicher Flora am Fenſter. Die Aeltern waren mit ſei⸗ ner Gabe und ſeiner Aeußerung bekannt gemacht worden; denn das Geſchenk konn⸗ te um ſo weniger verheimlicht werden, da der Onkel bei dem Eingange zugegen war. Lottchen! rief es unten. Sie ſah aus dem Fenſter, Enewold hielt vor dem Hau⸗ ſe: Biſt Du allein?— Sie nickte. Er ſprang vom Pferde, deſſen Zuͤgel der Jok⸗ key auffing, war blitzſchnell oben, neben ihr und ſagte: Ich habe Dir wieder viel zu erzaͤhlen— paſſe man auf! Pagenſtreiche, wahrſcheinlich! murmelte 53 Lottchen: aber fuͤr die habe ich heute am wenigſten Sinn und mit Deiner Mamſell Dorning verſchone mich gaͤnzlich. E. O, mit nichts lieber. Die habe ich nun kennen gelernt und als was? Als ein Automat, liebe Lotte, ohne Seele, ohne Herz, ohne Alles. Als ein Ding, das ſei⸗ ne Prinzeſſin mechaniſch auftakelt und aus⸗ ſchnuͤrt; das flammende Briefe den Waͤſch⸗ zetteln gleichſtellt; deſſen Liebe der Laub⸗ froſch, deſſen wonnigſter Gedanke eine Quarkbemme iſt. S. So ſeyd Ihr! rufſt Du oft und das ſag' ich nun ebenfalls und tadle die Dorning, daß ſie Dir Rede ſtand; dem kecken Sperlinge nicht bei der erſten Be⸗ gegnung, die Thuͤr vor der Naſe zuwarf; denn die Euch nur den Finger zugeſteht, koͤmmt um die Hand— um mehr— um Ruhe und Unbeſcholtenheit, gleichviel, 54 ob ſie die Schlange ſchone oder fliehe. Ida iſt tugendhaft. Wag' es nicht, ſie nach Eurer Weiſe zu richten oder verdaͤch⸗ tig zu finden, weil ihr Stolz Deinen Duͤn⸗ kel zu Spott machte. Bewahre mich Amor! Sie iſt, was ich ſage— die Veſta ſelbſt und wuͤrde ſich an ihren elfenbeinernen, eiskalten Fingern zum Fehltritte hinziehn, ſich offenbar Ge⸗ walt anthun muͤſſen, um mich„Du“ oder„lieber Junge“ zu nennen. Und ſo, mein Lottchen! moͤgen Tauſende Deiner Schweſtern, zur Ungebuͤhr, um ihrer Haͤrte willen geprieſen und Tauſend Andere, eben ſo faͤlſchlich, des ruͤhrenden Gegentheils we⸗ gen, verdammt werden. Am geſtrigen Feierabende aber ging ich mit guten Freun⸗ den in den Theegarten. Die meiſten ſpiel⸗ ten, ich war bereits ausgebeutelt, dazu eine Gluth, wie in der Hundstagzeit; ich ſchlei⸗ che mit Romly, dem Jaͤger⸗Leutnant, an den See hinab, um zu baden, eine gewal⸗ tige Narbe an ſeiner linken Bruſt faͤllt mir in's Auge, das Merkzeichen einer Schuß⸗ wunde; ſie ſchnitten ihm, noch auf der Wahlſtatt, die Kugel, nah am Herzen aus. O, ſolche Wunden ſind doch ſchoͤn— die beßten Orden, ſie luͤgen nicht! Ich woll⸗ te, ich haͤtte eine, oder ein Dutzend und wie er gethan!— Genug, wir badeten; es ward um die Wette geſchwommen, aber das eiskalte Waſſer trieb uns bald wieder auf den warmen Sand am Ufer, wo wir nun traulich philoſophirten. Ich kam auf die Liebe und den Eheſtand und damit na⸗ tuͤrlich auf's Geſchlecht; ich wuͤrdigte die Dorning und Romly Dich— er meinte und wohl gar, um mir Schoͤnes zu ſagen: Ich habe Dein Kinn und denſelben freund⸗ ſeligen Bläck der Augen. Dann ward er 56 ſtill, er pfluͤckte, ſo weit ſein Arm reichte, Maibluͤmchen und Halme ab und warf ſie in die fliehenden Wellen. Ja, freundlich iſt ſie, fuhr ich fort: und tritt morgen in's achtzehnte Jahr.— Romiy horchte auf, er ſeufzte, legte den Kopf in die Hand, fiel mir dann, ploͤtzlich in Thraͤnen ausbre⸗ chend, um den Hals und ich ſah nun klaͤr⸗ lich, was mir laͤngſt ahnte. Heil ihr zu dieſem Tage! ſprach er mit bebender Stim⸗ me: ich liebe Dein Schweſterchen! o, uͤber alles lieb' ich es, doch leuchtet ein, daß Char⸗ lotte nicht mein werden kann— daß ich ihr nur Commisbrot und ein Stuͤbchen in der Kaſerne zu bieten vermoͤchte; aber das Herz unter dieſer Wunde wird, bis es bricht, ihr Bild bewahren und meine Liebe! Du weinſt ja auch? fuhr der Bruder fort, denn Thraͤne auf Thraͤne fiel aus Lottchens Augen: und ich wuͤrde kein Wort von dem ganzen Vorgang erzaͤhlt haben, wenn Dir nicht bekannt werden muͤßte, daß Romly ſeine Leidenſchaft mit maͤnnli⸗ cher Entſchloſſenheit beſiegen will— daß er bereits die Verſetzung betreibt, welche ein Abgang im Regimente erleichtert. Du weißt, was dem Vater der Krieg, was die Haushaltung und die junge Familie ko⸗ ſtet, alſo gute Nacht, armer Romly! und der reiche Pelion trete herbei und erheitere die Weinende— ſeine Steckenpferde, ſehe ich, ſind ja hier eingeſtallt. Aber auch Je⸗ nem habe ich, zum Danke und Lohne fuͤr die Opferung, geſtattet, Dir zu Deinem morgenden Geburttage ein Andenken zu weihen. Ein Kleinod— ſein einziges— die Kugel, die beinah ſein Herz zerriß. Da haſt Du ſie! und nun ſei ſtark wie Thekla, zeige Dich ſeiner wuürdig— ent⸗ ſag' ihm. 58 Er ließ das Blei in Lottchens Tuch⸗ ſpalte gleiten und ſie erfaßte, ſie kuͤßte es, umſchlang ihn, wie Romly gethan und weinte laut und bitterlich. Enewold liebte den braven Soldaten und ſeine Schweſter mit gleicher Herzlich⸗ keit— er gefiel ſich, naͤchſtdem, in der Rolle des Ausgleichers und ſah in des Freundes Verzichten und in Lottens Erge⸗ bung, das ruͤhrende, aber troͤſtliche Ende eines Unheil drohenden Verhaͤltniſſes. Er konnte, naͤchſtdem, ſein Tagebuch mit einer romantiſchen Situazion bereichern und ſich dabei, wie billig, in's Licht ſtellen; konnte nun dem reichen Pelion nuͤtzlich werden, von ihm borgen, die Schweſter begluͤcken, die Aeltern erfreuen helfen. Und dennoch ward, was er, ſo eben, mit ſtolzer Selbſt⸗ zufriedenheit gethan, zum Thorenſtreiche, denn die herztreffende Eigenſchaft der Ku⸗ ⁸ 59 gel zerſtoͤrte ſeinen Plan und die berechne⸗ ten Erfolge. Guter Enewold, ſagte die Schweſter, unter ſtroͤmenden Thraͤnen: Wer mich ſo liebt, der ſoll mich auch haben! Ich bin zudem bemittelter, als der Vater geſtehn will; zweitauſend Thaler Mutter⸗ theil und was die ſelige Mama an Mobi⸗ lien, an Schmuck und Waͤſche nachließ und mir zuſprach, reichen fuͤr die naͤchſte Zukunft mehr als hin; mein Romly aber ſteigt in⸗ deſſen hoͤher oder erhaͤlt, Trotz ſeiner Ju⸗ gend, der Wunde wegen und als des Praͤ⸗ ſidenten Schwiegerſohn, ein eintraͤgliches Amt. Beharrt er dennoch auf ſeiner Gril⸗ le, ſo bleibe ich ebenfalls ledig und jedem Freier gegenuͤber hart und kalt, wie das Blei dieſer Kugel. Lottchen! flehte Enewold, faltete er⸗ ſchrocken die Haͤnde, ſah, wie ein angſthaf⸗ ter Bettler, zu ihr nieder und umſchlang 60 ſie, doch Lottchen rief den Himmel und deſſen Heerſchaaren als Zeugen des Geluͤb⸗ des an, von dem ſie nur der Tod entbin⸗ den koͤnne oder Romly's Vermaͤhlung mit einer andern. „O der ruͤhrenden Gruppe!“ ſprach eine wohllautreiche Stimme hinter ihnen — ſprach Mirabella, die gefeierte Heldin und Säͤngerin des Hoftheaters; ſchoͤn wie Ceres und ſo makellos— aber bereits von einem unwürdigen Gatten geſchieden; ein Liebling der Frau von Palow und ihre Hausgenoſſin. Ihr dankte Lottchen die glaͤnzenden Fortſchritte in der Muſik, den Takt des Benehmens, das Geheimniß, den Talisman der Charis im Geiſte zarter Sit⸗ te zu handhaben. Die Geſchwiſter eilten ihr entgegen, das Fraͤulein umarmte, noch mit Thraͤnen bethauet, die herrliche Freundin, Enewold 61 ſtand vor ihr, wie der Page Alonzo im Carlos, hoͤrte ſich, der bruͤderlichen Zaͤrtlich⸗ keit wegen, belobt, deren Zeugin Mira eben geworden war, und ging dann, bemerkend, daß ihn dies Lob zugleich fuͤr den Abgang entſchaͤdigen ſolle und er nun uͤbrig ſey. Eben hat mich Ihr Onkel beſucht, ſagte Mira: und ich habe ihn ein wenig in Verſuchung gefuͤhrt. Der fremdartige Patron erinnert an die zierlichen, ihre Wor⸗ te ſetzenden Freier und Hausfreunde unſerer aͤlteren Schauſpiele und Romane. Ich bitte, ihm Gerechtigkeit wiederfah⸗ ren zu laſſen, ſiel Lottchen ein: er wuͤrde als Goͤnner, als Pathe, als weiſer Fuͤrſt, als edler Miniſter, kurz als ein huͤbſcher, lieber, verſtaͤndiger Mann von reifen Jah⸗ ren, noch in den neueſten gefallen.— Da ſehn Sie, Fruͤchte ſeiner Guͤte, fuhr das Fraͤulein fort und that das herbei ge⸗ 1 4 holte Schmuckkaͤſtchen vor ihr auf: und ich— was ganz unglaublich ſcheint— ich, die heillos Undankbare, nahm das rei⸗ che, ſo freundlich dargebrachte Angebinde, wie eine Hand voll Holzaͤpfel auf. Wohlgethan! fiel Mira ein: Maͤnner ſind am gefuͤhrlichſten, wenn ſie Geſchenke bringen, denn unſere ſchnell rege Dankbar⸗ keit macht ſie verwegen und entwaffnet uns. Aber mein Lottchen iſt verſtimmt; es laͤ⸗ chelte mich vorhin durch Thraͤnen an und ich habe neue Muſikſtuͤcke erhalten, die den Trauergeiſt verſcheuchen und dem Her⸗ zen wohlthun. O, kommen Sie hinauf zu mir! Charlotte ſaß an Mirabellens Fluͤgel und lauſchte, ihres Romly gedenkend„ mit getheilter Andacht den Engeltoͤnen der Saͤn⸗ gerin, da trat das Maͤdchen ein und mel⸗ 63 dete einen Herrn, der ſeinen Namen nicht nennen wolle. Iſt er bei Jahren? fragte Mira. Wie ſich verſteht, erwiederte Joſepha: die jungen muß ich ja unangeſagt fortſchik⸗ ken. Er habe einen Auftrag, deſſen Mit⸗ theilung Ihnen angenehm ſeyn werde. Ich trete, waͤhtend dem, in's Cabinet, ſagte Charlotte: und beſehe mir die herr⸗ liche Stickerei. Mira läͤchelte erkenntlich, ſie gab dem Fraͤulein das Geleite, kehrte dann an den Fluͤgel zuruͤck und ließ ihn eintreten. Gnaͤdige Frau, hob der Greis, ſich verneigend, an— Nur Frau ſchlechtweg, fiel jene ein: mein Mann hieß Franz Campo, war Schauſpieler und eines mallaͤndiſchen Klein⸗ buͤrgers Sohn. Und Sie?— Und ich bin Sigismund, des Fuͤrſten erſter Kammerdiener, der mich ſeines be⸗ ſondern Zutrauens werth haͤlt. Madam Campo, ſagt er mir vorhin: hat mich, im Laufe dieſer Woche, drei Mal ergoͤtzt; ja, mit Bewunderung erfuͤllt.— Als Koͤni⸗ gin— ei, wie hieß ſie doch? Als Gret⸗ chen und als Lady Milfort. Geh„ Alter! ſage der trefflichen Kuͤnſtlerin von meiner Danknehmung und ſtelle ihr dies Zeichen der Anerkennung ihres ſeltenen Talentes und ihrer muſterhaften Sittlichkeit zu. Der Wunſch, den Namen des Gebers zu ver⸗ ſchweigen, wird ihrem Zartgefuͤhle willkom⸗ men ſeyn. Damit bot ihr derſelbe ein ſcheinbares, praͤchtig gebundenes Buch dar. Herr Sigismund, erwiederte Mirabella: Sie gemahnen mich wie der Kammerdiener in Kabale und Liebe, der jener Milfort einen Schmuck uͤberbringt. Mir graut vor 65 der Rolle, in der ich gefiel und Ihnen wird es nicht beſſer als Jenem gehn. Das Buch da mag wohl Aehnliches enthalten, entgegnete er: doch ſind ja Ma⸗ dame Campo bekanntlich eine unbeſcholtene Perſon und Seine Hoheit, was ebenfalls landkundig iſt, die Zuͤchtigkeit ſelbſt. Theils wohl zu Folge des Temperamentes, theils abſonderlich aus loͤblichem Fuͤrſtenſtolze. Un⸗ ſer Einer weiß das am Beßten und kann darauf ſchwoͤren. Man ruͤhmt ihm jene Tugend nach, ſprach Mirabella: und um ſo wuͤnſchens⸗ werther finde ich es, auch Ihre gute Mei⸗ nung von mir zu beſtaͤtigen. Madam, ſagte Jener mit Herzlichkeit: mein Rath waͤre unmaßgeblich der, das argloſe Grazial ganz unbedenklich anzuneh⸗ men und den Herrn nicht zum Zorn zu reizen, den ich dann mit empfinden muß. I. Theil. 5 66 Schweigen wir drei, ſo kann auch die Ver⸗ laͤumdung den Mund nicht aufthun und das liebe Gut wird ein heilſamer Noth⸗ pfennig. O, ſehn Sie doch die koͤſtlichen Juwelen.— Es ſteht ja zudem, des Neides wegen und zu Abwendung alles Verdachtes, in Dero Belieben, ſie fuͤr un⸗ aͤchte auszugeben. Alter Mann! eiferte Mira und warf ihr Tuch auf den geoͤffneten Schatz: fuͤrch⸗ ten Sie ſich der Suͤnde nicht, hier als Verſucher aufzutreten und mein Gewiſſen mit dieſen Irrlichtern blenden zu wollen? Ich danke und verſage in Unterthaͤnigkeit. Nach Ihrem Willen, Madam Cam⸗ po! und das iſt alles, was dem Fuͤrſten geſagt werden ſoll? Sie legen ihm den Schmuck zu Fuͤßen und theilen Demſelben, wenn es ſich thun laͤßt, dieſen erſten und letzten Auftritt des 67 kleinen Schauſpiel's, das wir eben auf⸗ fuͤhrten, woͤrtlich mit. Gott ſei mit Ih⸗ nen, Herr Sigismund! Der alte Herr, ſprach Mirabella zu der wieder herbeigerufenen Charlotte: war, allem Anſcheine nach, ein Jude. Er bot mir Juwelen an, aber ich bin zur Genuͤge mit Scheingute verſorgt— mit Scheingu⸗ te! wiederholte Mira, ſchnell verduͤſtert: wie reich iſt das Leben an dieſem und wie un⸗ verſtaͤndig die Menge, die uns darum be⸗ neiden kann. Sie griff jetzt wieder in die Saiten, entzuͤckte die Zuhoͤrerin und ein Stuͤndchen verrauſchte auf Fittichen der Harmonie. Ach, koͤnnte ich mir dieſe Meiſterſchaft aneignen! ſprach Charlotte, die Kuͤnſtlerin umfangend: dieſe ſeltene Kraft und Vollendung, die Sie, am Ende, wohl auch zu den Scheinguͤtern zaͤhlen? 5* 68 Mirabelle erwiederte, mit des Dichters Worten: „Ich ſchelte nicht die edle Gabe, Die ich von Gott empfangen habe— Die Gabe hat mir Heil gewährt, Allein ihr Ruhm oft Fluch beſchert.“ Da kam Joſephe wieder und meldete ein Fraͤulein Dorning, das, dringender Ur⸗ ſachen wegen, angenommen zu werden wuͤnſche.—— Dorning? wiederholten Beide. Mir unbekannt! verſetzte Mira; Charlotte aber ſprach, ergriffen: Eugenie, die Schweſter des Fuͤrſten, hat eine Kammerdienerin dieſes Namens. Auch iſt der Schneider da, fuhr Jo⸗ ſephe fort: er ſteht wie auf Kohlen und bittet um Abfertigung.. Auf Kohlen? Nun, ſo geht er vor! ſprach Mira laͤchelnd. Fuͤhre ihn in's Ca⸗ 69 binet und das Fraͤulein in dieß Zimmer; mein Lottchen iſt ſo guͤtig, es fuͤr den Augenblick zu unterhalten.— Sie ging und Ida Dorning erſchien; Charlotte, wel⸗ che mit dem bisherigen Idole des Bruders noch kein Wort gewechſelt hatte, ſchritt, in geſpannter Erwartung, auf ſie zu, ent⸗ ſchuldigte die abweſende Freundin und ſag⸗ te, verbindlich, doch nicht ohne Ironie: Erlauben Sie mir, bei dieſer Veranlaſſung fuͤr die Guͤte zu danken, mit welcher mein zudringlicher Bruder, vor Kurzem, mehr als einer Verlegenheit entzogen ward. Ida erwiederte: Die Ruͤckſicht auf Ihre wuͤrdige Frau Mutter hat mir den kleinen Dienſt zu einer angenehmen Pflicht gemacht. Herr von Palow ſcheint uͤberdieß ſo treuherzig und ſo gut zu ſeyn, daß es mir weh that, ſein zweites Anliegen von der Hand weiſen zu muͤſſen; der Aerger, welchen er, bei der Verſagung, blicken ließ, geht augenſcheinlich aus der Unkenntniß meiner Pflichten und Verhaͤltniſſe hervor. Charlotte horchte betroffen auf und er⸗ roͤthete; es lag, neben dem Laͤcherlichen, fuͤr ſie wie fuͤr den Bruder, eine Demü⸗ thigung in dem offenen Geſtaͤndniſſe der Dorning, dem zu Folge ihr der Unbeſon⸗ nene, Lottchens Wahne nach, ſchriftlich oder muͤndlich zu nahe getreten war und den Repuls empfangen hatte. Mir liegt daran, fuhr Ida fort: gerechtfertigt zu er⸗ ſcheinen vor Ihnen, die Herr von Palow ſeinen Liebling, ſeine Vertraute nennt und welche ich deshalb mit dem ungewaͤhrbaren Verlangen bekannt glauben darf. Er hoͤr⸗ te vielleicht, daß die Hoheit, der ich diene, mit meinem willigen Eifer zufrieden ſey, ſchreibt mir, hoͤchſt irrig, einen Einfluß zu, den ich nicht habe und den die Selbſtſtaͤn⸗ 75 geſchmeichelten Stolzes, aus jedem Zuge und Blicke ſtrahlend, ploͤtzich von einem Woͤlkchen des Truͤbſinnes uͤberlaufen. Sie faßte haſtig die Haͤnde der guͤtigen Dor⸗ ning und ſagte mit Wehmuth: Ach, wie viel großmuͤthiger noch wuͤrde der Geber, wie viel gluͤcklicher ich, die hoch Geehrte, geweſen ſeyn, wenn er mir, ſtatt dieſer Steine, die Gewaͤhrung einer Bitte freigeſtellt haͤtte. Der Fuͤrſt kennt die glaͤnzenden Antraͤge, die mir, neuerlich, vom Auslande zukamen und ſucht ſie, unfehlbar, im guͤnſtigen Vorbegriffe von meiner Brauchbarkeit, durch dieß Gunſtzeichen zu entkraͤften. Wuͤrde es nicht, vielleicht, Ih⸗ re edle, menſchlich gute Gebieterin uͤber ſich nehmen, ihm zu ſagen: „Das eigentliche, wahrhaft diamantne Band, mit dem Du die Campo fuͤr die Folgezeit an unſere Buͤhne feſſeln könnteſt, 76 wuͤrde die Begnadigung des armen Sel⸗ wings ſeyn.“ Der Mann iſt brav, fuhr Mira mit ſteigendem Eifer fort: er iſt ein vieljaͤhriger, faͤhiger und thaͤtiger Staatsdie⸗ ner, den guten Kindern ſo noͤthig und ſei⸗ ne fromme, liebenswerthe, mir am Herzen liegende Tochter, wird im Grame vergehen, wenn ihn die Willkuͤhr im Grolle richtet. Ida's Geſicht ward, waͤhrend der uͤber⸗ raſchenden Rede Mirabellens, zum Spiegel jenes verduͤſterten. Wie gut ſind Sie! ſprach das Maͤdchen: wie wuͤrdig dieſer Edelſteine; aber ich darf mir, leider! ſelbſt die Mittheilung des Wunſches nicht ge⸗ ſtatten, da die Unmoͤglichkeit der Gewaͤh⸗ rung meine Herrin betruͤben wuͤrde und es, bei einer ſehr bedraͤngten Sphaͤre, mein taͤgliches Sinnen und Dichten iſt, alles Stoͤrende und Widrige von ihr abzuwenden und jedes Woͤlkchen zu zerſtreuen. Schon 77 ein verlorenes Wort, das den Schein der Einmiſchung truͤge, wuͤrde den eiferſuͤchtigen, ſich im Duͤnkel der Selbſtſtaͤndigkeit gefal⸗ lenden Bruder verbittern, der zudem, durch ſeine offenkundige Verachtung der Frauen, als ein Held und Fuͤrſt der ſeltenſten Gat⸗ tung zu gelten waͤhnt. Eugenie weiß um des ungluͤcklichen Selwings Vergehen und Verdienſte; ſie weiß, daß er ein Vater gut⸗ artiger Kinder, daß die Tochter ein treffli⸗ ches Maͤdchen iſt; ſie beklagt die Armen, als ob ſie in der naͤchſten Beziehung zu ihr ſtunden und ruͤhmt, im Kreiſe ihrer Ver⸗ trauten, den edeln Muth des Herrn Praͤ⸗ ſidenten, der die Tochter gleichſam zum Pflegkinde machte, waͤhrend dem der Fuͤrſt ihren Vater verderben will. Mira ſtreifte, waͤhrend dieſer Mitthei⸗ lung, ein Kleinod nach dem andern wieder ab, legte ſie, traurig, auf den Nachttiſch —— —— 78 zuruͤck und fragte nun an, ob und wenn ſie morgen in der Garderobe der Prinzeſſin erſcheinen und ihr fuͤr dieſe Huld die Hand kuͤſſen durfe? Jene ſann ein wenig nach und erwiederte: Am beßten um die Zeit der Wachparade. Eugenie wird die geprie⸗ ſene und begünſtigte Meiſterin hoͤchſt gewiß in ihr Kabinet rufen laſſen und regelmaͤßig macht der Fuͤrſt ihr, nach der Parade, ei⸗ nen Morgenbeſuch. Dann ſtehen Sie viel⸗ leicht dem Herrn uͤber Heil und Unheil gegenuͤber. Will es Gott, ſo gibt er Ih⸗ nen dann auch den Muth, die Aeuſſerung von vorhin mit Ihrer Engelſtimme und aus der Fuͤlle des warmen Herzens zu wiederholen; mit ſolchen Gaben hat eine ſchoͤne Frau oft genug Wunder gethan und der heilige Zweck wird Sie begeiſtern. Im Saale der Praͤſidentin ging, waͤh⸗ rend dem, Herr Eckbert mit jener auf und — ꝙᷣ☛— S 3Z ———— nieder, denn ſie gab heute großen Thee und alles ſtand bereit, die Hohen und die Holden zu bewirthen.— Die Zeit ver⸗ geht, klagte der Bruder: mein Freund ſchreibt, erwartungvoll und ich bin noch ſo fern von dem Gegenſtande meines Hier⸗ ſeyns, als am Abende der Herkunft. Bei allen Fehlern, die Du an Deiner Stief⸗ tochter ſiehſt, fuͤhlte und fuͤhle ich mich zu ihr hingezogen; auch Lottchen ſcheint, ſelbſt mitten unter juͤngern und reizendern Maͤn⸗ nern, keinem gewogener, als dem Onkel zu ſeyn. Ja, ſie bezeigte mir eine wahrhaft herzliche, oft gleichſam unwillkuͤhrlich her⸗ vortretende Anneigung; wird aber dagegen, ſo oft wir uns unter vier Augen ſehn, un⸗ erklaͤrbar und gleichſam verwandelt. Hoͤchſt erklaͤrbar, entgegnete Auguſte: was Dich als Liebe taͤuſchte, iſt Liebedie⸗ nerei. Glaubſt Du? ſprach er ſeufzend: und jene Kunigunde, die Du mir zuſicherſt, webte und lebte bisher unter Saͤngern und Schoͤngeiſtern; laſſen ſich die wohl am Grenzpfahle der Wallchei auftreiben und was kann ich dort der poetiſchen Seele, an ihrer Statt, vorſetzen? Hyazinthe, zu der mir ebenfalls Hoffnung gemacht wird„ iſt ein Engel, und als ſolcher ſo gemeſſen, ſo friedſam und gleichmuͤthig, daß man ſich, neben ihr, wie der Schiffer bei langwieri⸗ ger Windſtille, nach Stüͤrmen ſehnt, um nicht in den Seelentod zu verſinken. Auch Fraͤulein Ambroſie, die allzu Lebendige, naͤhme mich wohl, doch hauptſaͤchlich um unter das Haͤubchen, in fremdartige Laͤn⸗ der, in die Naͤhe der Tuͤrken, in neue, viel⸗ leicht ſeltſame Verhaͤltniſſe zu kommen. Die Praͤſidentin ſprach geaͤrgert: Das iſt der wahre Weg zur Alten⸗ Junggeſel⸗ 81 lenkammer. Seyd vollkommen, Ihr Her⸗ ren Freier, wenn Ihr Vollkommene be⸗ gehrt, und außerdem mit unſeres Gleichen zufrieden. Verliebe Dich erſt nach Gebuͤhr, ſo wird die Makelloſe gefunden ſeyn. Jetzt kamen die Theegaͤſte. Muͤtter und Toͤchter die, ſeit Eckbert's Ankunft, wußten, daß er eine eheliche Gefäͤhrtin ſu⸗ che, daß ſeine Schweſter die Hand dazu biete und welche daher die Einladung⸗Karte mit Dankbarkeit und gleichſam als ein Freilos in der Heirath⸗Lotterie empfingen. Zwar hatte ſeitdem ſchon mehr als ein großer Thee die Muͤndigſten und Waͤhl⸗ barſten hier verſammelt, aber noch hoͤrte man von keiner Auszeichnung der Einen oder Andern und das große Loos, ein bra⸗ ver, ſchoͤner, geſitteter Dreißiger, dem, von Freundes Hand, eine ſattſame, Weib und Kind deckende Leibrente verliehen worden I. Theil. 6 ——— war, lag alſo noch in der Urne des Schick⸗ ſal's. Das Großfuͤrſtenthum Siebenbuͤrgen, der Sitz des Hausaltares, ſollte zwar, laut der Erkundigung, um ein Bemerkliches hin⸗ ter dem Campaner Thale zuruͤck ſtehen, aber doch auch Bluͤthen und Blumen, Tanzſaͤle und Theezirkel haben und der zwangloſe Frohſinn und die gaſtfreie Ge⸗ ſelligkeit dortiger Magnaten das Grau ſei⸗ ner Nebel und die Nacht ſeiner Urwaͤlder aushellen. Auch alte und junge Herren ſprachen zu, doch von allen, welche Char⸗ lotten auf dem neulichen Balle zur Braut erkoren, nur Herr von Pelion. Die an⸗ dern hielten ſich zuruͤck, als ſie vernahmen, daß an des Praͤſidenten Erhoͤhung zum Miniſter jetzt um ſo weniger zu denken ſey, da er ſich, wegen der Selwing'ſchen Sache, den Unwillen des Fuͤrſten zugezogen und . ein Feind oder Spoͤtter jene Nachricht in Umlauf geſetzt haben muͤſſe. Herr von Amthor weilte, anfaͤnglich, fern von dem Damenkreiſe, unter ſprachſe⸗ ligen Theezechern und muſterte, von da aus, die Perlen. Er faßte auch die holde, li⸗ lienbleiche Clementine in's Auge, welche, in freiwilliger Dienſtbarkeit, dem Credenztiſche vorſtand und ward jetzt ploͤtlich von hin⸗ ten am Arm erfaßt und in das nahe Fen⸗ ſter gezogen. Charlotte hatte vorhin, in der lebhaften Unterhaltung mit Mirabellen und der Dorning, das Theefeſt vergeſſen, ſich nun im Fluge angethan; ſie gluͤhte deshalb wie die flammende Liebe und er⸗ ſchien, Trotz jener Eile, ſo reizend gekleidet, als ob die Feen ſie bedient und geſchmuͤckt haͤtten. 1 Stief⸗Onkelchen, bat ſie, mit leiſem 7 Wwohllaute: zeigen Sie ſich mir jetzt als 6*† 1 84 ein aͤchtes, leibliches. Halten Sie bei mir aus, wenn Herr von Pelion etwa herzu treten ſollte, denn ich muß ihm, außerdem, Rede ſtehn. Erſtens macht Sie meine Angſt zum Vertrauten, zweitens die helle Sympathie; wir wollten ja einander ſeit dem erſten Anblicke wohl und dadurch be⸗ zeichnet ſich dieſe magiſche Ziehkraft. Ein Bruder, wie Sie, waͤre das hoͤchſte Gut, das der Himmel der armen Lotte beſcheren koͤnnte. Eckbert faßte, zwiſchen Luſt und Weh⸗ muth, der Nichte Hand und wollte ſie zum Munde fuͤhren. Warum nicht gar! lis⸗ pelte ſie und entzog ihm dieſelbe: das wuͤr⸗ de an mir ſeyn! Vielleicht auch ſieht Ma⸗ ma eben her und noch andere; was koͤnn⸗ ten die denken? Aber ich will Ihnen, wenn Sie es wirklich ſo gut meinen, viel weſentlichere Mittel zuwenden, mich Ihrer 85 heilſamen Guͤte zu verſichern. Herr von Pelion, lieber Onkel— Pelion und wieder Pelion! ſprach Eck⸗ bert ſeufzend— Und wieder Er! fuhr Lottchen fork: Sie ſehn, daß Herr von Pelion ein jun⸗ ger, ſchoͤner, artiger Mann und wiſſen, daß er reich, von Stande— vielleicht auch, daß er bis zum Ueberſchwange in mich ver⸗ liebt und den Aeltern willkommen iſt. Ich habe ſeine Leidenſchaft, wie billig, mit Freundlichkeit und vielleicht allzu freundlich erwiedert; es ſtreitet nun ein, füͤr alle Mal, gegen mein innerſtes Gefuͤhl, junge, ſittli⸗ che Maͤnner, die an Prachtblumen voruͤber gehn und ein Veilchen erheben, mit geheu⸗ chelter Kaͤlte und ſcheinbarem Undanke zu kraͤnken. Die Mutter nennt das Kokette⸗ rie, der Vater nennt es Herzensguͤte und glauben Sie mir, Onkel! der Vater hat 86 recht. Ich bin, vielleicht, noch kindiſch, aber gut— gewiß!— Es ſchoſſen Thraͤnen in ihre Augen. Engelgut! troͤſtete Eckbert: und meine Schweſter irrt ſich oͤfter. C. Trotz allen dem aber, was Herr von Pelion iſt, beſitzt und will und fuͤr mich thut, kann ich doch an dem Spiegel⸗ gucker keinen beſonderen Gefallen finden und wuͤrde nur aus Pflichtgefuͤhl, nur um der Aeltern willen, die Seine werden, wenn nicht— nun ja! es muß heraus! wenn nicht ein Anderer mein Herz erfuͤllte. Ein armer Jaͤger⸗Leutnant, guter Onkel! der Romly heißt; der mich ebenfalls innig lieb hat, aber verzichten will, weil ich ihm ſag⸗ te, der Vater ſei vermoͤgenlos und den ich doch nicht laſſen mag. Giebt er mich auf, ſo bleibe ich, bis an's Ende, das Fraͤulein Palow— ja, auf's Wort! 87 Ach, gutes Kind! murmelte Eckbert⸗ Und vorhin, als ich mich anziehen muß⸗ te, liegt, auf meinem Nachttiſche, ein Brief⸗ chen— Gott wußte, von wem und wie es hinkam; die Eile dräͤngte, doch reiße ich den Umſchlag auf, uͤberfliege es, finde einen foͤrmlichen Heirath⸗Antrag— E. Von wem? S. Von Pelion. E. O, ewiger Pelion! S. Und er beſchwoͤrt mich, ihm hier, in der Theegeſellſchaft, bei der er erſcheinen will, nur mit einer Zeile— wenigſtens mit einem Blicke zu antworten. Da iſt der Arme nun und ich wage nicht, auf⸗ zuſehn. Lottchens Geſtaͤndniſſe hatten den zaͤrt⸗ lichen Geſinnungen des Onkels einen zwie⸗ fachen Gnadenſtoß verſetzt⸗ Blieb auch Romly, ſein erſter Vordermann, dem ge⸗ — ͦ—— 88 faßten, ruhmwuͤrdigen Entſchluſſe treu und gab Charlotte, dem zu Folge, wie dann zu hoffen war, das Geluͤbde der ewigen Jung⸗ frauſchaft auf, ſo trat der Zweite, trat Pe⸗ lion, mit allem, was nur Freier berechti⸗ gen und empfehlen mag, an des Leutnants Platz.— Wenn Sie mich alſo wahrhaft lieb haben, beſchloß Charlotte ihre kindlichen Beichte: ſo knuͤpft Ihre Guͤte ſofort ein trauliches Geſpraͤhh mit dem Herrn von Pelion an, das leicht auf mich geleitet wer⸗ den kann und wo ſich dann mein Onkel⸗ chen als beauftragter Mittler aͤußert und ihn mit dem Sinne und dem Entſchluſſe der Nichte bekannt macht. Pelion iſt ge⸗ bildet, ſtolz und eitel; der zureichende Grund wird ausreichen, ihn zu erkaͤlten und zu ent⸗ fernen. Sie aber, mein Genius! vollen⸗ den das Werk; Sie wirken, bei ihrem Ein⸗ fluß' auf die guten Aeltern, fuͤr mein Gluͤck 1— — 1— 89 und finden, in dem ſichern Erfolge, das ei⸗ gene. Gluͤcklich machen ſoll und muß die hoͤchſte, irdiſche Seligkeit ſeyn, auch wird es dem Vater, ſobald er unſere Anſicht theilt, nur wenige Worte und Federzuͤge koſten, dem wuͤrdigen, verdienten Romly zu einer eintraͤglichen Stelle und uns damit an's Ziel zu helfen, das ſo beſcheiden iſt und eben deshalb weſentliche, dauernde. Wohl⸗ fahrt verheißt. Alle Welt ſagt ja, das wahre Gluͤck werde nur im tugendhaften, glanzloſen Mittelſtande gefunden; es kehre weit oͤfter bei Floß⸗ und Rentmeiſtern, bei Zoll⸗ und Geleit⸗ Einnehmern, als hier oben ein und alle Welt hat immer Recht. Papa, zum Beiſpiele, iſt Praͤſident, traͤgt Stern und Band, genießt bedeutenden Ge⸗ halt, Einfluß und Ehre und findet doch ſo wenig Luſt an. aller dieſer Herrlichkeit. Nun, Bitte, Bitte! gnaͤdiges Vetterchen! 90 werden Sie mein Schutzpatron! ſagen Sie Ja! und ich falle Ihnen, hinter dem Vor⸗ hange hier, um den Hals! Des Oheims mildſeliges Antlitz hatte ſich jedoch allmaͤlig verfinſtert und ſtellte jetzt weit eher das Sinnbild der Ungnade dar. Des Maͤdchens Form und Weſen ergriff, bekanntlich, bei dem erſten Anblicke ſein Inneres— die Fehler und Gebrechen, mit denen ihn die Schweſter bekannt mach⸗ te, waren daher, in Eckbert's Augen, nur Bedingungen der Weiblichkeit, natuͤrliche Maͤngel, die der Reichthum an erfreulichen Anlagen bedeckte und eben heute war ihm Lottchen als die holdſeligſte von allen die⸗ ſen Blumen erſchienen und hatte ſein Ohr und Herz durch die Lieblichkeit ihrer Re⸗ den und Geberden gewonnen. Ach, und alle dieſe wohlthuende Suͤßigkeit ward nur aufgewandt, um den ſtill entflammten 91 Freier in einen großherzigen Ehehelfer zu verwandeln. Da wich die Zaͤrtlichkeit dem Pflichtgefuͤhle der Reſpectperſon, welche er, als Oheim, darſtellte und Herr von Am⸗ thor aͤußerte ſich ſofort, zum Lehrtone uͤber⸗ gehend, im Geiſt einer ſolchen. Er zeigte auf die Berge hin, welche zwiſchen Lott⸗ chens Verlangen und dem erſehnten Ziele lagen— auf Romly's kuͤmmerliche Lage, auf ſeine Jugend, die der Verſorgung im Wege ſtand und auf die Abhaͤngigkeit vom General⸗Marſche, der, in dieſer Zeit Laufe, faſt Jahr fuͤr Jahr die glücklichſten Paare ſchied. Er belobte ſelbſt den entſchloſſenen Willen des Vaters, das einzige Toͤchterchen wohl verſorgt und geſichert zu ſehen und des Leutnants Entſchluß, dem er, als ein Mann von Charakter und Edelmuth, zu ihrem Heile, treu bleiben werde und muͤſſe. Er ſtrebte fernerweit, ihr, mit Aufopfer⸗ — 92 rung des eigenen Vortheiles, den Herrn von Pelion an's Herz zu legen, ſchilderte die Wonne, die eine ſolche Wahl ſtatt des bedrohenden Wehes, den guten Aeltern bringe und beſchwor Charlotten nun um die Erlaubniß, jenen willkommenen Freier herbei winken und ihm zu dem Erfolge Gluͤck wuͤnſchen zu duͤrfen. Unterſteh'n Sie ſichs! brach jetzt die Nichte los und fluͤchtete, ihm den Ruͤcken kehrend, in den dichten Kreis ihrer Freun⸗ dinnen. .O— Der Onkel ſtand noch eine geraume Zeit, gleich einer Karyatide, an dem Fen⸗ ſterpfeiler, zu dem ihn Charlotte vorhin gedraͤngt hatte und ſeine Blicke hafteten endlich an dem Weben der guten Clemen⸗ tine, die, im offenen Nebenzimmer, den Kredenztiſch verſah. Das Maͤdchen ſtellte 93 dort, einſam und unbeachtet, mit der hei⸗ ligen Milde im Geſicht und der kindlichen unſchuld im Auge, einen wahlverwandten Genius dar und ihn hatte oͤfter ſchon der Gedanke beſchaͤftigt, ob nicht eben dieſe vor allen geeignet ſeyn duͤrfe, ihm Siebenbuͤr⸗ gen zu verklaͤren, ihn zum gluͤcklichen Gat⸗ ten zu machen? Selbſt ſeine Schweſter zaͤhlte ſie ja, in Hinſicht auf Seelenguͤte, Herzenswerth— auf Geſchick und Wirth⸗ lichkeit, den Möuſterbildern zu; er hatte, im taͤglichen Verkehre mit Clementinen, dank⸗ bare Anerkennung ſeiner Theilnahme und wie es ſchien, ihr herzliches Wohlwollen erworben und die buͤrgerliche Abkunft des Maͤdchens kam um ſo weniger in Betracht, da in dem Kreiſe, welchem Eckbert ſeine kuͤnftige Gattin zufuͤhrte, nur Sittlichkeit und Bildung galten. Eines Kuͤhltraakes ohnehin beduͤrftig und im Gefuͤhle, daß 94 ihm, dem guten Engel gegenuͤber, minde⸗ ſtens wohler um's Herz werden, daß er Beruhigung in dem Wiederſcheine der gleich⸗ geſtimmten Seele finden werde, ſchlich Eck⸗ bert zu Clementinen hin. Ihr hatte Char⸗ lotte, welche ihm den Wermuthkelch auf⸗ drang, in derſelben Stunde einen ſtill be⸗ geiſternden Labekelch gereicht. Freue Dich, Tina! lispelte ſie vorhin der Geſchaͤftigen zu: morgenden Tages wird und wie durch himmliſche Fuͤgung, eine ſo dringende und gewichtige Fuͤrbitte fuͤr Dein Vaͤterchen ein⸗ gelegt werden, daß man nicht zweifeln darf an dem Erfolge. Herr von Amthor fand, dem gemaͤß, Selwings holde Tochter, Kraft der belebenden Hoffnung, viel harmloſer und muthiger als ſie ihm, bis dahin, er⸗ ſchienen war. Als er aber nun vor ihr ſtand, fiel ihm gleichſam der ſilberne Thee⸗ keſſel, welchen Tina eben handhabte, auf 95 das ohnehin beſchwerte Herz ⸗ Er bat ſie, kleinlaut, um Mandelmilch, er ſann bei⸗ neben auf die Miſchung des Philtre oder Liebestraͤnkchens, das dem Maͤdchen, zur Vergeltung fuͤr die Orſade, gereicht werden ſollte und nippte nun, ſo herzig von der Mundſchenkin angelaͤchelt, daß die Ent⸗ ſchloſſenheit ploͤtzlich zurückkehrte. En avant! rief der Alexander in ihm: zerhaue den Knoten!— Mir traͤumte von unſerer Tina, hob er an: Erfreuliches, wie ſich verſteht! Das gehe aus, Herr von Amthor! er⸗ klang es dagegen in Silbertoͤnen. Der Freude bedarf ich. E. Die liegt oft, hinter dem Schwarz⸗ dorn, am Wege. Sie ſtanden, koͤſtlich angethan, vor dem Putztiſche meiner Frau Schweſter; Charlotte flocht den Myrten⸗ 96 zweig in Ihr ſchoͤnes Haupthaar und dann geleiteten wir das Braͤutchen zum Altare. S. Und der Braͤutigam? E. War nicht zu verachten. S. Weinte oder lachte ich denn? E. Sie weinten laͤchelnd; Sie blick⸗ ten, in ruͤhrender Bewegung, nach oben und befahlen dem Herrn Ihre Wege. S. Der beßte Rath! Und mein Ver⸗ lobter? Die Frage nach ſeinem Ausſehn iſt eitel, doch verzeihlich und hat zudem einen ernſteren Grund. Amthor erroͤthete und fuͤhlte, daß ſein erlogenes Traumbild ihn ploͤtzlich verſtrickt und an's Ziel gefuͤhrt habe— daß die Schilderung der eigenen Perſon ein uͤber⸗ eilter Heirath-Antrag und es verſtaͤndiger ſey, in einer ſolchen Haupt⸗ und Halsſa⸗ che, bei der ein Wort, ein Hauch uͤber das Loos der Zukunft entſcheide, mit Maß und 7 — 97 Weile vorzuſchreiten. Er malte daher die Form und Geſtalt des vorgeblichen Braͤu⸗ tigams, als ein annehmliches Phantom, in's Blaue und Tina, welche ihm geſpannt und andaͤchtig zuhoͤrte, ſagte, am Schluſſe der Darſtellung: Wird mir ein Aehnlicher beſchert, ſo habe ich ihn einem Springglaͤschen zu danken. Eckbert horchte auf; er faßte die Glaͤ⸗ ſermaſſe des Kredenztiſches, zuletzt auch den Becher mit Mandelmilch in's Auge, den ſie ihm dargeboten hatte, um den dunkeln Sinn der Anſpielung zu erkluͤgeln und ſah faſt einfaͤltig aus. Einem Glaskuͤgelchen, mit Weingeiſt gefuͤllt, fuhr Clementine fort: das man in's Licht ſteckt, um es platzen zu machen. Meine Bruͤder hatten deren vom Jahr⸗ markte heimgebracht, mich zu erſchrecken I. Theil. 7 98 und der rohe Spaß lief uͤbel ab. Ein fei⸗ ner Glasſplitter des geſprungenen traf in mein rechtes Auge und ließ ſich nicht auf⸗ finden; die Entzuͤndung nahm uͤberhand, ich waͤre faſt blind worden. Da empfahl uns Herr Reifers ſeines Bruders Sohn, einen jungen, noch wenig bekannten Au⸗ genarzt, der mir half. Man ſieht keine Spur mehr; es iſt hergeſtellt. Vollkommen! ſagte Eckbert und blickte truͤbſelig in das himmelklare, das ſie ihm, der Ueberzeugung wegen, zuneigte. Der wackere Mann, fuhr Tina mit fallender Stimme und geſenkten Augen⸗ wimpern fort: iſt, im Vertrauen geſtan⸗ den und mit des Vaters Zuſtimmung, mein beßter Freund geworden; doch bringt ihm, leider! die edle, heilreiche Kunſt bis jetzt nur wenig ein, aber wir hoffen auf Gott und auf den Ruhm, den ſein Geſchick ihm 99 doch allmaͤlig verſchaffen muß. Gebet und Segen manches Armen, dem er das Licht des Lebens wieder gab, wird dieſem Guten auch zum Heile des Lebens helfen. Ich zweifle nicht! Wohl Ihm! murmelte Eckbert und leerte, in maͤligen Zuͤgen das Glas, um die Wolke, welche ſein Geſicht uͤberlief, hinter ihm zu verſtecken. Oft, guter Herr von Amthor, fuhr Tina fort: hat mir bereits eine Bitte an Sie auf der Zunge geſchwebt; ein Anliegen, deſſen Gewaͤhrung Ihrem wohlwollenden Herzen ſo leicht werden und meinen Freund mit Gottes Beiſtande, zum geborgenen Manne machen wuͤrde. Wenn Sie ihn doch in Ihre zukuͤnftige Heimath mit ſich naͤhmen. Dort fehlt es ſicher nicht an Augenkranken, wohl aber an Aerzten fuͤr dieſes Fach, und Reifers iſt zu arm, die 7 ²* 100 Reiſe zu beſtreiten und den Verſuch auf das Gerathewohl zu wagen. Ihre Hand⸗ reichung wuͤrde der Himmel, das Bewußt⸗ ſeyn, mein Dank und mein Gebet vergel⸗ ten. Aber Sie ſehen ſo unfreundlich aus, ſetzte Tina hinzu und bot ihm, mit einer flehenden Geberde, das Haͤndchen dar: und habe ich Unziemliches gewuͤnſcht, ſo hofft das liebende, verlaſſene Maͤdchen auf Ver⸗ gebung und Nachſicht. Eckbert entgegnete, ſchnell ermannt: Vergebung und Nachſicht? Rath und That vielmehr! Sehn Sie den treueifri⸗ gen Agenten in mir, dem bereits der Wirk⸗ ungkreis vorſchwebt, in den mein Freund den Ihrigen verſetzen kann und wird, Falls ſeine Brauchbarkeit dieſem Zeugniſſe ent⸗ ſpricht. Faͤllt die Erkundigung meinem Wunſche und Glauben gemaͤß aus; ſo ſchreibe ich dem Herrn von Zelin; ich 101 ſchildre ihm zugleich die liebenswerthe, ſei⸗ ner Gattin unſtreitig ſehr willkommene Braut des Empfohlenen und das Heil, das ſeine Zuſtimmung uͤber ein edles Paͤr⸗ chen bringen wuͤrde. Sie thun den Himmel vor mir auf, lispelte Tina und ein Himmel der Liebe, der Wehmuth, der Segnung, ſtrahlte ihn jetzt aus ihren leuchtenden, thraͤnenvollen Augen an. Da ſchritt die Praͤſidentin vor⸗ uͤber; ſie erblickte, befremdet, die Wallung der Mundſchenkin, wie des Bruders ver⸗ ſtoͤttes Geſicht und ſprach zu dieſem: Du wirſt vermißt— gefaͤllſt Dir als Einſied⸗ ler— biſt, wie es ſcheint, erhitzt.. Allerdings, erwiederte er, ſich in Laune ſetzend: Deine Mandelmilch iſt ſo feurig, ich habe mir einen Huarbende angetrunken. 102 Mirabella ging, am folgenden Mittage, um ſich der erlauchten Eugenie vorzuſtellen. Vom Geiſte der Gewoͤhnung und ihres Be⸗ rufes vor Maͤnnerſcheu geſichert, gleichmuͤ⸗ thig, wenn auch tauſend Augen auf ihr ruhten, Wort und Ton, bis zur feinſten Bebung, von tauſend Horchern belauſcht ward, zagte doch das Herz bei dem Ge⸗ danken, ſich jenem Gefuͤrchteten gegenuͤber zu ſehn, deſſen Gunſt ſie, im Falle des Er⸗ ſcheinens, mit gewagter, kuͤhner Bitte zu erproben gedachte. Kraft ihrer Weihe auch mit der Sprache vertraut und beredtſam, verſagten ſich doch jetzt die Ausdruͤcke und Wendungen, welche Mira, Falls der Au⸗ genblick den eigentlichen Zweck beguͤnſtigte, fuͤr dieſen in Bereitſchaft halten, ordnen, an den Faden reihen wollte. Ida Dor⸗ ning hatte verſprochen, ſie in der Vorhalle des Schloſſes zu erwarten und als Fuͤhre⸗ rin auf dem unbekannten Wege zu dienen; Statt dieſer traf Mira hier den alten Si⸗ gismund, welcher mit ihrer Abſicht bekannt und beauftragt ſchien, ſie zu empfangen⸗ Sie werden willkommen ſeyn, ſagte er: und gewiß um Eins ſo vergnuͤgt heimkeh⸗ ren; denn die hoͤchſten Herrſchaften ſind, unter vier Augen, wo keine hindernde Ruͤck⸗ ſicht zu beachten iſt, wahre Sinnbilder der Liebeshuld und uͤberhaupt den Menſchen viel geneigter als unſer Einer, dem der Naͤchſte fortwuͤhrend zu nahe tritt. Hier⸗ auf oͤffnete der Kammerdiener, am Ende eines langen Ganges, die Thuͤr, fuͤhrte Mi⸗ rabellen durch ein gemeines, von Bedienten und Jagdhunden erfuͤlltes Vorgemach, that eine zweite auf und hieß ſie eintreten. Das Zimmer ſchwamm in gruͤnlichem Zwie⸗ lichte, das durch herabgelaſſene Gardinen brach, die Tapeten ſtellten ein ſpaniſches 104 Stiergefecht dar, auf der runden Tafel la⸗ gen mancherlei kriegeriſche Geraͤthſchaften, Saͤbel, Hoͤrner, Tzako's und Helme. Mirabella kehrte ſich betroffen um; ſah, mit wachſendem Erſchrecken, eine breitbeinig hingepflanzte Mannsgeſtalt vor dem Ka⸗ mine, welche ſie bewegunglos anſtarrte und gellend auflachte, als ſie angſthaft der Thuͤr zueilte und dieſe ſich nicht oͤffnen ließ.— Der Fuͤrſt, welchen Mira jetzt in dem La⸗ cher erkannte, gehoͤrte keines Weges zu den anziehenden, liebreizenden Maͤnnern„ auch beſtach die Kleidung das Auge nicht. Den Spitzkopf verlaͤngerten mißfarbige, zackig aufſtrebende Haare, die Stumpfnaſe ward von den Augen beſchielt; dazu trat er auf Storchbeinen, aber in maͤchtigen, weit uͤber die Kniee herauf langenden Reiterſtiefeln, wie ein Gewapneter einher. 1 Mira wendete ſich, nach dem vergebli⸗ 4 105 chen Bemuͤhen, zitternd und erblaßt, nach ihm hin; ſie begleitete die tiefe Verneigung mit angſthaften Worten und fuͤrchtete, vom Kleinmuthe uͤbermannt, in drohender Ge⸗ fahr zu ſeyn. Wohl eine Minute verlief ſo, waͤhrend der die Augen des Stummen ſich an der Anmuth oder an der Bedraͤng⸗ niß ſeiner Gefangenen zu weiden ſchienen; als er aber nun raſch auf ſie zuſchritt, floh Mira einer zweiten Pforte zu, die ihr erſt jetzt in's Auge fiel und hatte dieſe eben er⸗ reicht, als der Verfolger ſie gewaltſam faß⸗ te. Iſt das die Heldin, ſagte er: die ich, noch ehegeſtern, als Jeanne d'Are, ſelbſt ſchwarzen Rittern trotzen ſah? Ein Schritt aus dieſer Thuͤr vernichtet auf immer ih⸗ ren Ruf, denn es wimmelt eben, jenſeit derſelben, von Hofleuten, die mit Erſtaunen die ſchoͤne Campo bleich und verſtoͤrt aus meinem Kabinette treten ſehn, kaum ihren 106 Augen glauben, doch im Vertrauen alle Welt mit der Erſcheinung unterhalten wür⸗ den. Ich weiß von meiner Schweſter, daß derſelben ein Dankopfer gebracht werden ſollte, und Sigismund erhielt den Befehl, es dem eigentlichen Veranlaſſer zuzuwenden. Mancher Belobte, Beſungene, Vielgeliebte wuͤrde Ihnen jetzt dieſen Dank auf Koſten Ihrer Ehrbarkeit abfodern, abſchmeicheln, abnoͤthigen— ich, den man weder lobt noch liebt, bin nicht von dieſen und ver⸗ achte ein Gluͤck, das auf Erniedrigung beruht, fuͤr Minuten ergoͤtzt, aber für im⸗ mer entwuͤrdigt. Auch gilt jener Schmuck keines Weges der Kuͤnſtlerin, denn ich be⸗ lohne nur erworbene, nicht angeborene Treff⸗ lichkeit, verbitte daher jedes dankende Wort und erwarte einen Gegendienſt. Sie ſuch⸗ ten ja um Urlaub an und wollen in Koͤ⸗ nigsthal Ihr Licht auf den Scheffel ſtellen? —† 107 Mirabelle athmete jetzt wieder freier und ſprach: Vielfaͤltigem Verlangen zu begeg⸗ nen, gedachte ich dort, waͤhrend der Ferien, einige Gaſtrollen zu geben. E. Sie werden dort wie hier gefallen, von Ihrem Werth empfohlen, in den acht⸗ barſten Haͤuſern Zutritt finden und fruͤher als ich ſelbſt, Adelaiden, meine Braut ſe⸗ hen, die unter den Toͤchtern jenes Fuͤrſten⸗ hauſes gewaͤhlt ward. Noch weiß ſelbſt meine Schweſter nicht von dieſem Schritte, ich rechne deshalb fuͤr jetzt auf Ihre Ver⸗ ſchwiegenheit. S. Die gelobe ich, gnidigſte Herr! E. Waͤhrend Ihres Dortſeyns reift die Vethandlung, koͤmmt die Heirath zur Sprache. Neugierige bedraͤngen dann die Dame Campo, die mich kennen muß, die Rede und Antwort geben kann, und im Vertrauen ſagen und geſtehen ſoll, weß Gei⸗ 108 ſtes Kind der Braͤutigam und ob er wirk⸗ lich ſo haͤßlich, ſo herriſch und unhold ſey, als die Sage behaupte? Was werden Sie antworten? S. Ich werde das dankbare Herz ſpre⸗ chen laſſen und bedarf es denn mehr, als eines fuͤrſtlichen Wortes, mich mit den ſicherſten Waffen zu verſehn? Ein ſchoͤner, unwiderlegbarer Zug Ihrer Milde reicht mehr als hin, um Feindſelige zu beſchaͤ⸗ men und eben hoffen wir, mit glaͤubiger Sehnſucht, auf einen der ruͤhrendſten. Auf meinen Knieen, gnaͤdigſter Herr! fuhr Mi⸗ ra, ſich vor ihm niederwerfend, fort: nenne ich den Namen des ungluͤcklichen Selwing, und fuͤhle im Innerſten, daß ſeine Begna⸗ digung mich dort zum feurigen Herolde Ihres Edelmuthes erheben wuͤrde. Theaterſtreiche! entgegnete der Fuͤrſt: der Schwindler fodert, tolldreiſt, die Gewalt 109 heraus und ſie witd ihn, mit dem Nach⸗ drucke, der eben Noth thut, zurecht weiſen. Sie bitte ich, aufzuſtehn und von dem Irr⸗ thume zuruͤck zu kommen, als ob ich mich gefeiert wiſſen, mein Bild geſchmeichelt und ſeine Flecken bedeckt ſehen wollte. Schil⸗ dern Sie Form und Weſen, Ihrer Anſicht gemaͤß, ſo wird die Phantaſie mich ſofort noch in's Schwarze malen und das Origi⸗ nal, wenn man ihm naͤher tritt, dabei ge⸗ winnen; ſelbſt meine Braut, die, wie ich hoͤre, vor dem Freier zittert und Tag und Nacht weinen ſoll. Doch waͤhle ich, mit Vorbedacht, die einzige Unſchoͤne der vier Schweſtern, denn Adelaide wird dann als Pendant, nicht als mein Gegenſtuͤck, er⸗ ſcheinen. Sie aber, Frau Campo, ant⸗ worten dort den Fragern und Tadlern: Er iſt wie er iſt und gefaͤllt ſich als dieſer— Er will nicht geliebt ſeyn, weil an ſeinem 7 110 Platze, wie er meint, die Liebe nur verzie⸗ he und aufloͤſe, beharrliche Strenge dagegen ordne und binde. Er flieht desgleichen auch die Lieblichen, weil ſie, von Even bis zur Pompadour, mehr Unheil uͤber Fuͤrſten und Voͤlker gebracht haben ſollen, als alle He⸗ ren der Vorzeit und dieſer. Mirabella verſicherte, den empfangenen Weiſungen woͤrtlich Folge leiſten zu wollen und neigte ſich in der Erwartung, entlaſſen zu werden; da ergriff der Fuͤrſt ihre Hand und ſagte: Im zweiten Acte wird Ihre Rolle ſchwieriger. Sie ſuchen dort, mit Adelai⸗ dens Kammerfrau oder Dienerin, der die Anneigung der geprieſenen Campo wohl⸗ thun muß, in ein freundliches Verhaͤltniß zu treten; Sie werden, auf dieſem Wege, mit allen aͤuſſern und innern Licht⸗ und Schattenſeiten meiner Braut bekannt und 111 erſtatten mir, nach Ihrer Ruͤckkunft, des⸗ halb erſchoͤpfenden Bericht. Wohl Ihnen fuͤr die Folgezeit, wenn der Beſitz und die eigene Ueberzeugung ihn beſtaͤtigen; taͤuſcht, mißbraucht oder verraͤth hingegen Frau Cam⸗ po mein Zutrauen, ſo geſteht der alte Si⸗ gismund den Herren im Vorſaale und ſei⸗ nen Gevatterinnen, daß er Sie heute zu mir fuͤhrte, daß er die Thuͤr hinter uns abſchließen mußte und Ihnen ein Beſuch bei dem Garderobe⸗Maͤdchen meiner Schwe⸗ ſter zum Behelfe diente. Mira entfaͤrbte ſich, von dem Pfeile der Argliſt durchdrungen und ſagte mit be⸗ bender Stimme: O, wehe mir, deren ein⸗ ziges Gut dem Verdachte, der Laune, der Schwatzſucht eines Solchen preis gegeben ward. Verdiene ich die Schmach und die⸗ ſe Aengſte, die Ihre Foderung auf mich haͤuft? 112 Sie verdienen Juwelen und die wur⸗ den Ihnen! entgegnete der Fuͤrſt, ſchritt auf den ſeidenen Vorhang zu, der die Niſche des Zimmers bedeckte, zog ihn zu⸗ ruͤck und Sigismund ſtand, gleich einer Statue, vor Mira's Augen. Mir liegt wie Ihnen der Ruf am Herzen, fuhr der Fuͤrſt fort: und deshalb machte ich den alten, vielgepruͤften Knecht zum unſichtba⸗ ren Zeugen Ihres Hierſeyns. Er fuͤhre Sie nun der Prinzeſſin zu. Als Enewold, der Page, das Vater⸗ haus wieder heimſuchte, fand er die Schwe⸗ ſter in tiefer Bekuͤmmerniß und ſie erwie⸗ derte auf ſeine Frage: Bin ich denn nicht die Ungluͤcklichſte meines Standes und Alters? Die Eltern wiſſen nun um Pelions Abſichten und ſchelten mich eine Wahnſinnige, weil mein — —— 113 Herz dieſes Scheinglück verſchmaͤht und ich ihnen, bedraͤngt und beſtuͤrmt, mit Nach⸗ druck erklaͤrte, daß nur Romly der Meine werden koͤnne.— Vergebens habe ich den Vater mit Thraͤnen beſchworen, habe ich vor der Stiefmutter auf den Knieen gele⸗ gen und neulich ſelbſt den Onkel Eckbert um ſeine Vermittelung angefleht, doch alle drei ſind offenbar im Bunde gegen mich und zu allem dem koͤmmſt Du mit Dei⸗ nen Thorenſtreichen, die den Vater, der ſie naͤchſtens erfahren muß, vollends erbit⸗ tern und zum Haustyrannen machen wer⸗ den. Du lebſt ja mit dem wilden Entrich um die Wette, haſt, wie man hoͤrt, ganz ungeheuere Schulden und den tollen Ein⸗ fall gehabt, ſogar von der Prinzeſſin bor⸗ gen zu wollen. Den tollen? fiel er ein: o, ſage doch, den gluͤcklichen! Und ob mir 44“ I. Theil. 8 114 gottloſe, bleierne Dorning den Liebesdienſt verſagte und, wie ich hoͤre, mich uͤberdieß verrathen hat, ſchaffte mein Genius doch Mittel und Wege. S. Waͤr's moͤglich? Wie? Die Prin⸗ zeſſin gab Dir Geld? E. Sie wird. S. Leidige Hoffnung! E. Es iſt ſo gut als hätte ich es. Erſtens ſpricht, ganz unzweifelhaft, der weibliche Inſtinkt in ihr an, zweitens das weibliche, allmaͤchtige Mitleid, drittens und viertens die Großmuth ſammt der Vorliebe fuͤr Papa und Mama. Fuͤnftens und letztens will ich Hazarmaphet oder Jaketan heißen, wie die Altvordern meiner Blut⸗ igel, wenn ſie mir nicht zum Sterben gut iſt. Im blauen Luſthauſe des Schloßgar⸗ tens, wo die Erlauchte jetzt den Brunnen a meine Bittſchrift von ihr ge⸗ 115 funden; ein Ideal verſchaͤmter Bettelbriefe; ich weinte ſelbſt bei der Fertigung und bin deshalb gewiß, daß die hohe Leſerin in Thraͤnen zerfließen muß. S. Ich aber bin gewiß, daß ſie Dein Ideal dem Vater zuſchickt und dann wird das Weinen wieder an Dich kommen. E. Auch dem ward begegnet. Sie hilft, ſie ſchweigt und fuͤrchtet auſſerdem, mich in den Orkus hinabzuſchmettern, wo Heulen und Zaͤhnklappern iſt. Das alles habe ich, zwar verblumt und unmaßgeb⸗ lich, doch bezeichnend genug angedeutet, um ihr Gemüth zu bewegen oder das Gewiſſen zu ſchrecken.„Mein Verbrechen,“ ſagte ich:„war ein guter Wahn! Ich gab, wenn Hulfe Noth that und ruͤckſichtlos, mit voller Hand—“ S. Du? Das ſind Luͤgen! E. Das ſind Wahrheiten,“ 3 8* 116 gab den Geldſchaffern, in der Bedraͤngniß, wohl oͤfter vierzig Procent und mehr.„Ich traute Freunden,“ heißt es ferner:„und ward auf's bitterſte getaͤuſcht.“ Kein Wunder! rief Charlotte: denn Deine Freunde ſind darnach. E. Dem Koͤnige und der Dame nem⸗ lich: dem Buben und dem As— der six et dix— der ganzen Bagage, Sie ko⸗ ſtet mich viel! S. Schaͤme Dich, Heuchler! ſo be⸗ logſt und betrogſt Du die Gute. E. Der Schriftſteller waͤſcht ſeine Haͤn⸗ de in Unſchuld, wenn ihn die Leſerin falſch auslegt oder mißdeutet.„Krieg, boͤſe Schuld⸗ ner und der nothwendige Aufwand,“ ſage ich fernerweit:„haben die Kaſſe meines Vaters fuͤr geraume Zeit erſchoͤpft, auch würde mich derſelbe, ſtreng, wie er iſt und 4 Grundſaͤtzen, die der Sohn nicht 117 verwerfen kann, viel eher den Folgen mei⸗ ner Lage uͤberlaſſen, als ihr entziehen. Nur eines Engels Hand kann den Ungluͤcklichen vom Ufer des Todes auf die Hoͤhe eines Lebens zuruͤckfuühren, wo er die goͤttliche Retterin bis zu dem letzten Odemzuge fei⸗ ern und ſegnen, ihr durch einen fleckenloſen Wandel am wuͤrdigſten zu danken und zu vergelten hofft.“ Sela! Es waͤre viel! ſagte Lottchen: wenn Dir die Frechheit aus der Klemme huͤlfe und Deines Gleichen haben Gluͤck. Der arme, muſterhafte Romly wuͤrde dagegen, zuverlaͤſſig, eine Fehlbitte thun. Das iſt auch weislich ſo geordnet, er⸗ wiederte Enewold: denn die Muſterhaften verfliegen ſich nicht; ſie haben nur Floßfe⸗ dern und ſchwimmen gerade aus. Noch iſt die Frage, fuhr ſeine Schweſter 118 fort: ob ihr die Bittſchrift auch zu Haͤn⸗ den kam? Zu Haͤnden und vor Augen; zweifle nicht! ich hatte mich, wie Adam, im Gar⸗ ten verſteckt und konnte das offene Luſt⸗ haus uͤberſchauen. Da kam ſie. Ida trug ihr ein Buch nach, der Mohr die Brun⸗ nenflaſche ſammt dem Becher. Er ſah den großen Pathenbrief auf dem Tiſche und bot ihn der Prinzeſſin, die befremdet ſchien. Der Dorning ahnte augenſcheinlich der Ver⸗ faſſer; ſie ward bis zur Stirn feuerroth und gefiel mir da wieder; ich aber kroch hinter den Hecken weg, quer durch den Doͤrnerzaun, in's Freie.—„Er hat mich geſchunden, da, ſieh nur die Wun⸗ den!“ und heute iſt der dritte Tag. Ob ich mich wohl in der Vorkammer zeige?— mich der Ida in den Weg ſtelle, die, viel⸗ leicht, mit der Vollziehung beauftragt ward 119 und bei ihrem Zierſinne nicht weiß, wie ſie an mich gelangen ſolle? Was meinſt Du?— Da erſchien das Hexenhaupt der alten Hausmagd im Spalte der ge⸗ oͤffneten Thuͤr. Enewoldchen, knurrte ſie: Geſchwind! der Herr Pagen⸗ Hofmeiſter laſſen Sie ſuchen. Enewoldchen knurrte jetzt auch und ent⸗ foͤrbte ſich; es ſchien ihm Widriges zu ſchwa⸗ nen; er eilte fort, Charlotte aber riß das Fenſter auf, denn ein Reiter ſprengte eben voruͤber; es konnte Romly ſeyn, doch lei⸗ der! war es nur der Onkel, der von ei⸗ nem Spazierritte heimkehrte. Jetzt eben kam auch Mirabella vom Hofe zuruͤck; ſie traf im Hauſe auf den abſitzenden Eckbert, deſſen Bekanntſchaft ihr, waͤhrend ſeines Hierſeyns, bei der Praͤſidentin geworden war, den ſie ſchaͤtzen 120 gelernt hatte und welcher der Verehrten ge⸗ faͤllig den Arm bot, um ſie, Treppenauf, zu ihrem Zimmer zu geleiten. Gehen wir lieber in den Garten, ſagte ſie: mir iſt nicht wohl, ich bin in ſeltſamer Bewegung und bedarf der Zerſtreuung. Sieht uns Ihre Frau Schweſter, ſo koͤmmt ſie wohl herab und leiſtet Geſellſchaft. Die Scene im Schloſſe hatte ihr reges, tief fuͤhlendes Herz mit den widrigſten Eindruͤcken, mit Groll und Bangen, mit Grauen vor dem Fuͤrſten erfuͤllt, der ſie wie ein Abbild des Mephiſto gemahnte. Wohlthuend, heilſam und als ein erſehntes Beduͤrfniß erſchien ihr jetzt die Naͤherung dieſes werthen und vemäehiäcen Mannes, der die ruhmwerthe Frau und Kuͤnſtlerin bisher wie eine Hei⸗ lige gefeiert und die Anerkennung ihres zwiefachen Lichtkranzes viel weniger durch wörtliche Huldigungen, als durch den Opfer⸗ — 121 duft zartſinniger Ehrerbietung bezeichnet hatte. Mirabella durcheilte die Gaͤnge, ſie ſprach, im ſchnellen Wechſel, von gleichgiltigen und bedeutenden Dingen, nahm endlich, erſchoͤpft, in der Laube Platz und ſagte mit Thraͤnen in den Augen: Wie ungluͤcklich iſt doch die rathloſe Frau, wenn ihr weder ein edler, verſtaͤn⸗ diger Gatte, noch ein Bruder oder aͤhnli⸗ cher Freund zur Seite ſteht. Zwar brachte dies Beduͤrfniß das groͤßte Mißgeſchick des Lebens uͤber mich; ich uͤbereilte meine Wahl, und Herz und Hand und Bluͤthe wurden einem Unwuüͤrdigen preis gegeben, deſſen Außenfarben die Verblendete taͤuſchten; aber ich fuͤhle darum nicht minder das Unheil der Verlaſſenheit, den Mangel an lieben, nuͤtzlichen Verwandten. Sie, Herr von Amthor, gehoͤren, erweislich, zu den red⸗ 122 lichſten Maͤnnern und mein Zutrauen giebt Ihnen, fuͤr den Augenblick, die Rechte eines Vormundes, eines Bruders, eines Beichtigers, der mir rathen ſoll und kann. — Hierauf machte ihn Mirabella mit der Geſchichte des empfangenen Schmuckes, mit ihrer Verſagung, mit dem Grunde der end⸗ lichen Annahme und den Folgen derſelben bekannt und begehrte ſeinen Rath uͤber ihr bevorſtehendes Thun und Laſſen. Meine Verpflichtungen gegen die hieſige Buͤhne, ſagte ſie: laufen mit dem Schluſſe dieſes Monates zu Ende und die neuerlich einge⸗ gangenen wurden, meinerſeits, noch nicht unterzeichnet. Soll ich zuruͤcktreten oder ausdauern?— jene Gaſtrollen in Koͤnigs⸗ thal geben und des Fuͤrſten roher Weiſung gehorſam, zur Kundſchafterin dienen oder mit ſcheinbarer Bereitwilligkeit abreiſen, um nie wieder zu kehren und mich der ange⸗ —— 123 drohten Schmach und Verlaͤumdung aus⸗ ſetzen? Sigismund fuͤhrte mich aus des Fuͤrſten Zimmer in das Vorgemach der Prinzeſſin, wo ſich nur eine alte Kammer⸗ frau vorfand · Ich ward gemeldet; Euge⸗ nie trat, nach langem Zoͤgern, in die Thuͤr, hoͤrte meine Dankworte, im Wi⸗ derſpruche mit ihrer Guͤte, kalt und ge⸗ meſſen an, laͤchelte zweideutig, nickte und verſchwand— ein Benehmen, das mein Herz zerriß, da es die Vermuthung aus⸗ ſprach, ich ſey nur eine Gleisnerin, die es, auf Koſten des Schicklichen vorzog, dem Fuͤrſten hinter ihrem Ruͤcken zu danken, was ihr bereits bekannt ſeyn konnte. Bald genug wird dieſer, Auftritt, wird die Ur⸗ ſache des ſchnoͤden, der Huldvollen ſo un⸗ natuͤrlichen Betragens, von Eugenien's Umgebung erforſcht, erfahren, in Umlauf geſetzt werden und ihr boshafter Bruder 124. lockte mich vielleicht auch deshalb in die Falle, um ſich fuͤr die Verſchmaͤhung ſei⸗ ner eigenhaͤndigen Gabe zu raͤchen.— Mirabella verbarg jetzt das ſchoͤne, gluͤhen⸗ de Geſicht im Tuche und weinte bitterlich, Herr von Amthor aber ſagte, tief bewegt und gegen den verhaßten Bekraͤnker der Herrlichen empoͤrt: Tugend und Meiſterſchaft in dieſem ſeltenen und anerkannten Vereine, gehn, unbefleckbar, wie ein Genius uͤber die Erde und duͤrfen und ſollen ihr Koͤnigsrecht gel⸗ tend machen. Wo iſt die Buͤhne, der Geſellſchaftkreis, der Mann, die ſich nicht zu Mirabellens Beſitze Gluͤck wuͤnſchen wuͤr⸗ den? Nur Ihnen, nicht der Schmaͤhſucht wird geglaubt, wenn Sie fuͤrerſt den Vor⸗ gang hier gefliſſentlich mittheilen, dann aber ungeſaͤumt das Land verlaſſen und 2⁰5 die Gabe der Danaiden dem Geber zuruͤck ſenden. Mira ſchien in ihr Leid verſunken und ſchwieg; in dem Rathgeber aber war der drangſelige Freiergeiſt wieder aufgeflammt, er dachte: Iſt das nicht Fuͤgung, Eckbert? nicht eine Hand aus den Wolken, die Dir vielleicht eben die Eine und Einzige zufuͤhrt, die fuͤr Dich geboren ward? Schon ihr ruͤhrendes, uͤberraſchendes Vertrauen zeigt dafuͤr und der Drang der Wahlverwandt⸗ ſchaft neigt ſie Dir, ohne ihr Ahnen, zu. Darum verliere den Muth nicht, weil zwei Verſuche fehlſchlugen, denn hier iſt mehr als Lotte und Tina und mehr ſogar als Beide, in Eins verſchmolzen, ergeben wuͤr⸗ den. Geiſt bei der Tugend, Reinheit bei der Anmuth, tiefes Gefuͤhl bei hoher Bil⸗ dung, Zartſinn und Demuth bei dem Be⸗ wußtſeyn gläͤnzender Talente und alle dieſe 126 Edelſteine werden von einer Minervenform umfaßt, die dem Auge wohlthut, waͤhrend dem der Kern den Geiſt erquickt.— Doch, wie beginne ich? dachte er fernerweit: wo finde ich Worte und Wendungen, die der eben Ueberreizten mein Herz oͤffnen, ohne ihrem Zuſtande fuͤr den Augenblick zu nahe zu treten, ohne ſie den Schritt uͤbereilt und unſchicklich finden zu laſſen— ohne ihr, im ungluͤcklichſten Falle, eine verſagende Erklaͤrung abzunoͤthigen? Weg mit dem Wo und dem Ohne! ſprach der Geiſt wiederum in ihm: nicht auf den Zehen umſchleiche, was eben jetzt, im maͤnnlichen Sturmſchritte, am ſchnell⸗ ſten und ſicherſten zu erringen iſt.— Ihm war wie einem Reiter⸗General, der, hart vor dem Feinde haltend, angreifen will und muß und Odem zu dem„Marſch! Marſch!“ ſchopft. Er ſagte mit verhaltener Stimme: — —— 127 Wuͤchſe Ihnen nicht auf jeder Buͤhne des weiten Vaterlandes ein Lorbeerhayn zu — waren die Kraͤnze der Mime nicht, vielleicht, unerlaßliche Bedingungen Ihres Wohlbehagens— faͤnden Sie den milden Sternenſchimmer der Haͤuslichkeit annehm⸗ licher, als das bengaliſche Feuer der Theater⸗ Verklaͤrung und in ſich ſelbſt die Kraft der Neigung und des Willens, einem redlichen Manne in die Fremde zu folgen, ſo wuͤrde der Dankbare dieſe Opfer mit der Beharr⸗ lichkeit inniger Liebe, mit jeder moͤglichen Vergeltung bezahlen, die Zaͤrtlichkeit erſin⸗ nen und herbeifuͤhren kann. Sie ſind die Freundin meiner Schweſter, ſind unfehlbar durch dieſe mit dem Zwecke meines Hier⸗ ſeyns, mit dem hoͤchſten Beduͤrfniſſe mei⸗ ner Sehnſucht bekannt worden; wiſſen wohl auch, was ich etwa werth ſey und gelte und duͤrften, in ſofern, mit einiger Zu⸗ 128 verſicht, dem Looſe der kuͤnftigen Tage ver⸗ trauen. Was meinen Sie? fragte Mira, von der Zerſtreuung zuruͤck kommend, die ein Zufall, im Momente des Beginnens ſeiner gewichtigen Rede, veranlaßte. Sie hatte es fuͤr ſchicklich gehalten, ſich Eugenien, mit den Hauptſtuͤcken des erhaltenen Schmuckes geziert, vorzuſtellen. Ihre haſtigen Bewe⸗ gungen loͤſ'ten vorhin die Schleife des Hals⸗ bandes auf, das Kreuz an dieſem glitt in die Fuͤlle der Bruſt hinab; ſie vermißte es ploͤtzlich, entſetzte ſich, fuͤhlte jetzt, zu Folge einer raſchen Wendung, den empfind⸗ lichen Druck ſeiner Ecken, verhuͤllte ſich in's Tuch, um der Beſchwerde verſtohlen abzu⸗ helfen und fand hier unverhofften Wider⸗ ſtand. Der Schmerz nahm zu und eben als es ihr gelungen war, die funkelnde 129 Qualerin an's Licht zu ziehn, ſchloß Eck⸗ bert den inhaltreichen Redeſatz. Was ſagten Sie? wiederholte Mira; die Frage warf jetzt auch in ſeine Bruſt ein Kreuz— das eiſerne, eiskalte der Ent⸗ geiſterung und er ſann noch vergebens und feuerroth geworden auf das, was nun et⸗ wa zu ſagen ſey, als Ida Dorning in die Laube trat und jene ſich haſtig aufraffte und die willkommene, troͤſtliche Erſcheinung an's Herz zog. Da ging er. Der Fuͤrſt ſah neulich, von einem Spazierritte heimkehrend, uͤber die Mauer des Schloßgartens, der nur den Gaͤrtnern offen ſtand und den Pagen Palow im Ge⸗ buͤſche— ſah ihn dem ſogenannten blauen Luſthauſe zuſchleichen, gleich darauf ſeine Schweſter im Garten erſcheinen, jenen durch einen engen Spalt des Doͤrnerzaunes ent⸗ I. Theil. 9 130 ſchlupfen und mit gewagtem Sprunge uͤber den Waſſergraben ſetzen, der hier die Stelle der Mauer vertrat. Sein maßloſer Arg⸗ wohn folgerte ſofort eine geheime Bezie⸗ hung zwiſchen beiden; er ſprengte auf dem naͤchſten Wege heim, er eilte in den Park und uͤberraſchte Eugenien, die eben, mit der vorgefundenen Bittſchrift in der Hand, uͤberlegte, ob ſie, von ihrem Vorworte un⸗ terſtutzt, dem Vater oder der Mutter des Bedraͤngten mitzutheilen ſey, da ſich dieſel⸗ be den Beiſtand aus eigenen Mitteln, in mehr als einer Hinſicht, verſagen mußte. Der Bruder entzog ihr, wie im Scherze, das Blatt, er las, er lachte, der furchtbare Groll, vor dem ſie, bei dem erſten Blick' in ſein Geſicht erſchrak, verſchwand zu ihrer Ermuthigung, er ſprach, die Bittſchrift zu ſich ſteckend: nous verrons! fragte ſofort, mit Antheile, nach dem Erfolge der Brun⸗ 131 nencur und kehrte zuruͤkk. Genau ſo un⸗ verhofft, unangeſagt und uͤberraſchend er⸗ ſchien derſelbe vorhin, als Frau Campo eben der Prinzeſſin gemeldet ward, in Eu⸗ geniens Zimmer. Sie will unfehlbar fuͤr den Schmuck danken, bemerkte er: aber ich mache Dir es zur Pflicht, die ſchnoͤde Pre⸗ zioſa ſo kurz und kuͤhl als moͤglich abzu⸗ fertigen. Der hoffaͤrtige Duͤnkel, mit dem ſie das argloſe Geſchenk ihres Fuͤrſten zu⸗ rück wies, bleibt eine Beleidigung, die mei⸗ ne Schweſter theilen und ihr fuͤhlbar ma⸗ chen wird. Eugenie, der dies Benehmen der geliebten, ſittlichen Kuͤnſtlerin im Stil⸗ len wohlgethan hatte und die ſie daher mit Huld und Anerkennung zu empfangen ge⸗ dachte, entſchuldigte Mirabellen warm und eifrig; ſie ward, wie immer, mit Hohn und Häͤrte zurecht gewieſen und mußte ſich, abhaͤngig, wehrlos und abgeſchreckt, um ſo B 9⸗ 13²2 beſtimmter dem Machtſpruche fuͤgen, da jener im Zimmer und ein ungeſehener Zeu⸗ ge des Empfanges blieb. Jetzt aber kam Ida Dorning, von ihrer Herrin beauftragt, dieſe Wehthat mit einem ploͤtzlichen Uebel⸗ befinden derſelben zu entſchuldigen. Sie klaͤrte jedoch Mirabellen, im Vertrauen, uͤber die wahrſcheinliche Veranlaſſung derſelben auf, welche, der Anſicht des Maͤdchens nach, aus dem ungemeſſenen Stolze des Fuͤrſten entſprang, der die Schweſter an die Schran⸗ ken der Hofſitte feſſeln wollte und dem ih⸗ re leutſelige Guͤte um ſo mehr zum Aer⸗ gerniß gereichte, da er ſie deshalb ringsum geliebt und gelobt wußte, waͤhrend dem ihn die Schmeichler der Umgebung vergebens uͤber taͤgliche Zeichen und Beweiſe des ver⸗ wirkten, allgemeinen Haſſes zu taͤuſchen ſuchten. ¹ „Was ſagten Sie?“ fragte ſich Eck⸗ — 13³ bert, als er vorhin, Mirabellen verließ und einſam und verbittert in dem dunkeln Lau⸗ bengange auf und nieder ſchritt. O, Da⸗ me Campo, fuhr er fort: ich fuͤhle mich verſucht, zu ſagen, daß wahrlich auch die Beßte der Seufzer und der Unruhe nicht werth ſey, die ſie uns koſtet, geſchweige denn der Aengſte, der Verſtoͤrung, des Herz⸗ leides, das dieſe Hexenhaften uͤber den Mann bringen, der ihrer Zauberſchlinge naht. Mira iſt rathlos— ſie will mir wohl, will ja den Vormund, den Bruder — vielmehr den Balken, die Bohle, den Huͤhnerkorb in mir ſehen, wonach Geſchei⸗ terte im Meere greifen. Und als ich ſie in lauſchender, herzbegieriger Andacht ver⸗ ſunken waͤhne— als ich, wie Salomo der Prediger, zu ihrem Verſtande, wie Salomo der Minneſaͤnger, zu ihrem Gemuͤthe ſpre⸗ che, blickt ſie zerſtreut abſeit, zieht ſie den 134 Kopf in die Schultern, das Tuch uͤber die⸗ ſe und treibt ihr Weſen mit dem Halsge⸗ ſchmeide, das ihr doch ſo viel Aerger gab und weiß kein Wort von der inhaltreich⸗ ſten, gewichtigſten Rede, die noch 4. an ih⸗ res Gleichen verloren ward. Auch das iſt⸗Fuͤgung, troͤſtete er ſich. Dier ſoll nicht werden, was ein Tauge⸗ nichts, ihr Campo, gleichſam am Wege fand, aufraffte und wieder von ſich warf— — das erſehnte, hochbelobte Gluͤck der Ehe und der Haͤuslichkeit. Die mich wollen und einſchlagen wuͤrden, erſcheinen mir als leidige Puppen oder wie leibliche Schwe⸗ ſtern und die mein Herz begehrt, ſehn wahrſcheinlich, wie Mira, nur den Stoff zu einem ſchaͤtzbaren Vormunde oder Beich⸗ 6 tiger in meiner, wie ſie zugeſtehn, ertraͤgli⸗ chen Perſon. Doch will es Gott, ſo hat das ferne Siebenbuͤrgen den Engel meiner 135 Zukunft gewiegt; ſo tritt dort, ungerufen, eine liebliche Tochter der Natur aus ſchaͤ⸗ ferlicher Huͤtte und flicht den Kranz von Feldblumen, das Bild des prunkloſen, aber reinen Heils um meine Schlaͤfe. Fort al⸗ ſo da hinaus, in die kunftige Heimat, an des edeln Freundes Bruſt. Im Freunde liegt ja der Erſatz fuͤr jegliches entbehrte und vermißte Gut des Lebens. Der Praͤſident Palow hatte, in Geſchaͤf⸗ ten verſunken und bei der Sorge fuͤr Land und Leute, die Seinigen aus den Augen gelaſſen und war, vertraut mit den Gebre⸗ chen und Beduͤrfniſſen des Staats, ein Fremdling am eigenen Heerde geworden. Er ſtand daher in ſprachloſer Beſtuͤrzung vor dem Fuͤrſten, als dieſer, wie eine laͤ⸗ chelnde Bildſaͤule ausſehend, am Schluſſe des Vortrages, zu ihm ſagte: 136 Ihr genialer, vom Zeitgeiſte ergriffener Sohn wird, des naͤchſten, auf und davon fliegen, wenn wir ihm nicht unverweilt die Fluͤgel verſchneiden. Spieler, Wuche⸗ rer und die erwachten Paſſionen, koſten dem Wildfange bereits tauſend Thaler. Sein kindliches Vertrauen ſah, laut dieſer Bitt⸗ ſchtift, in meiner Schweſter einen rettenden Genius, aber ſie darf dem Vater nicht vorgreifen. Auch ſetzt er, wie es ſcheint, einen Ehrenpunkt in die Verheimlichung des Mißbrauches, der mit ſeinem Leichtſin⸗ ne getrieben ward und legt Ihnen damit, wenn Sie anders ungiltige Forderungen zu decken geneigt ſind, die verdrießliche Noth⸗ wendigkeit auf, Hundert fuͤr Funfzig aus dem Fenſter zu werfen. Nach allem die⸗ ſem wird man mir hoffentlich Dank wiſ⸗ ſen, wenn ich ihn, fuͤr einige Monate, auf die Feſtung verſetze, wo er als Cadet, bei 137 der dortigen Beſatzung mit den Genuͤſſen der Entbehrung, der Wirthlichkeit und ei⸗ nes ſtreng geordneten Lebens bekannt wer⸗ den ſoll. Der Commandant in Kalkſtein empfing deshalb die noͤthigen Befehle und naͤchſtdem auch die Weiſung, den Secretair Selwing aufzunehmen, der ſich dort eben⸗ falls eines andern und beſſern beſinnen mag⸗ ——— — Lieber Vater, ſprach Charlotte, als der Praͤſident, beſtuͤrzt und aufgebracht, vom Hofe zuruͤck kam und nach Auguſtens Zim⸗ mer eilte, um ſeinen Groll und Kummer auszuſchuͤtten: Sie hatten uns vorhin kaum verlaſſen, als die Mama, wie damals im Theater, von einer tiefen Ohnmacht befal⸗ len ward. Der Arzt erklaͤrte zwar den Zufall fuͤr ungefaͤhrlich, will aber, daß die Kranke jetzt ganz ungeſtoͤrt bleibe. Sie 138 waͤhlte Clementinen zur Pflegerin und uͤber⸗ trug mir die Beſorgung des Hausweſens. Lauter Unheil! murmelte jener, faßte der Tochter Hand, fuͤhrte ſie mit ſich in ſein Zimmer und ſagte, von dem Mhihue⸗ ſchicke gedraͤngt: Ich fuͤrchte fur Auguſten— ich ſehe zudem allgemach die Nacht der Truͤbſal einbrechen, die meinen Lebensreſt verdunkeln wird und darf nicht klagen, denn der Tag war ſchoͤn und das Gleichgewicht muß ſich, hienieden, uͤberall herſtellen. Es liegt in Deiner Hand, mein Kind! ein Sternchen dieſer Nacht zu werden und Du wirſt, hof⸗ fentlich, die Segnungen eines ſolchen Be⸗ rufes erwerben und verdienen wollen? Dein Bruder hat mich ſchmaͤhlich getaͤuſcht; der Fuaͤrſt ſchickt ihn ſo eben auf die Feſtung und uͤberlaͤßt es mir, ſeine Schulden zu dek⸗ ken, waͤhrend dem mich, des naͤchſten, ſelbſt 139 ein Glaͤubiger aͤngſten wird. Millo, der Haupt⸗Kaſſirer, welcher unter meiner Con⸗ trolle ſtand und vor Jahr und Tagen ploͤtzlich wegſtarb, galt fuͤr ein Muſter der Pünktlichkeit und Treue, doch hat ihn, hoͤchſt gewiß, die blinde Liebe zu drei Soͤh⸗ nen von meines Enewolds Gepraͤge, ver⸗ blendet. Er hinterließ, zu meinem Entſe⸗ tzen, einen Kaſſendefekt von mehr als acht⸗ tauſend Thalern, den ich, ſtill und ſchleunig, decken mußte. Die Frau von Eſten, Pe⸗ lions Großmutter, meine vieljaͤhrige, guͤtige Freundin, lieh dieſe Summe her, ſie ſtarb im Herbſt, ihr Enkel beerbte ſie. Hoͤrſt Du wohl! Herr von Pelion, den Du ver⸗ ſchmaͤhſt, dem ich nun ſchulde und deſſen Schuldner ich, wenn Du auf Deinem Sinne beharrſt, nicht laͤnger bleiben darf. Dich aber plagt die Romantik— der tolle Ge⸗ danke, jenem blutarmen Teufel, der uͤber⸗ 82 dieß ſo klug und rechtlich war, zurück zu treten, Gott weiß wie lange noch, treu und hold bleiben zu wollen und nur der Wahn⸗ ſinn kann einem fliehenden Schatten das ſichere, dargebotene Gluͤck, den Frieden und die Beruhigung der Eltern aufopfern. Pe⸗ lions Wahl erhebt Dich zur geborgenen, geehrten Frau, ſie nimmt die ſchwere Sor⸗ genlaſt von meinem Herzen, macht mir den Glaͤubiger zum Sohne und die Verſa⸗ gung ihn dagegen, hoͤchſt gewiß, zum draͤn⸗ genden, feindſeligen Mahner, den ich zu decken jetzt nicht faͤhig bin. Du ſtehſt am Scheidewege, Kind! Der eine fuͤhrt Dich uͤber Bluͤthen des Lebens und des ſuͤßen Bewußtſeyns, der andere durch Nebel und Dornen zur heilloſen Reue.— Verſtehe mich recht, Lottchen! Du ſollſt Dich Dei⸗ nem Vater nicht aufopfern, noch weniger aber Dein Gluͤck einer romantiſchen Grille, . 4 † 141 einer kindiſchen Laune hintanſeben, in der man ſich heute gefaͤllt und ſie bald genug und dann bis zum Grabe verwuͤnſcht. Bedenke das und waͤhle dann! Damit verließ er das Zimmer und die Tochter ſchlich, ſtill weinend, nach dem ihrigen. — Enewold war neulich, von ſeiner Schwe⸗ ſter weggerufen, mit bangen Vorgefuͤhlen in's Pagenhaus zuruͤckgekehrt, war dort, auf Befehl des Fuͤrſten, in Frage genom⸗ mon, ſodann in's ſogenannte Loch verſetzt worden, aus dem er in den Rollwagen uͤberging, der ihn nach Kalkſtein bringen ſollte. Der Weg fuͤhrte am vaͤterlichen Hauſe voruͤber, ſeine Schweſter hatte eben, nach der ſchlaflos durchweinten Nacht, das Bette verlaſſen; ſie oͤffnete, der kuͤhlenden Fruͤhluft beduͤrftig, das Fenſter und erblick⸗ te mit Schrecken des Bruders Geſicht.— 142 Lottchen! rief er und warf ihr Kuͤſſe zu: Beßte der Schweſtern, nimm meine Par⸗. tie! Ich bin unter die Helden geſteckt wor⸗ den und werde Dir ſchreiben. Die Traurige weinte wieder von Her⸗ zen, denn allerdings ſchien die Nacht, de⸗ ren der Vater geſtern gedachte, ſchwarz und jaͤhling herein zu brechen und in dem Bru⸗ der ging jetzt gleichſam ihr Zwillingſtern unter. Es hatten derſelben, waͤhrend der durchwachten Stunden, allerlei Leſefruͤchte der Lieblings⸗Romane vorgeſchwebt— Beiſpiele der Heldinnen, die, in aͤhnlicher Lage, ihre Herzblaͤtter und Abgoͤtter der Pflicht opferten; auch fiel ihr wohl ein Du⸗ bend junger Frauen bei, die, zur Verwun⸗ derung der Bekannten und augenſcheinlich wider Willen, meiſt den Eltern zu Liebe, das Jawort ausſprachen und faſt alle wohl+† auf und zufrieden ſchienen. Charlotte woll⸗ 143 te nun noch Clementinens Urtheil verneh⸗ men, deren moraliſches Uebergewicht ſie, neben der natuͤrlichen Eiferſucht empfand und willig anerkannte und dieſe trat eben ein, um troͤſtliche Nachrichten von dem Be⸗ finden der Mutter zu bringen. Sie ſah ſich mit uͤberraſchender Zaͤrtlichkeit begruͤßt, in's Vertrauen gezogen, um ihre Gedanken uͤber das Maß der kindlichen Pflicht und elterlicher Rechte in dem angedeuteten Fal⸗ le, um guten Rath, in Bezug auf die Wahl oder Abweiſung des Herrn von Pelion, befragt. Clementine erwiederte darauf: Einen werthloſen oder widrigen Freier wuͤrde ich, Trotz aller ſcheinbaren Vortheile, zuruͤckwei⸗ ſen, um nicht, im erſtern Falle, ungluͤcklich zu werden, in dem andern ungluͤcklich zu machen und zu ſeyn, doch auſſerdem um ſo 144 ergebener dem Wunſche guter Eltern fol⸗ gen, wenn die Gewaͤhrung ihnen Heil braͤchte. Widrig iſt mir Pelion keinesweges, er⸗ wiederte das Fraͤulein: und ich koͤnnte ihn unendlich hochſchaͤtzen, wenn er nicht in ſich ſelbſt verliebt und, mit einem Worte, maͤnnlicher waͤre. Die Maͤnnlichſten, bemerkte Tina: ha⸗ ben oft druͤckendere Fehler und der ſeine iſt, wie Frau von Palow meint, die Folge der muͤtterlichen Erziehung, die alle Knaben verderben ſoll; er wuchs unter den Fluͤgeln der Großmama auf und wird, an das weib⸗ liche Walten gewoͤhnt, ſich um ſo williger der Gattin anſchmiegen. Charlotte laͤchelte bitterſuͤß, denn ſie waltete und ſchaltete gern— ſchritt haſtig auf und nieder und kehrte ſich dann ploͤtz⸗ lich zu Clementinen. Sag' es der Mut⸗ ter! ſprach ſie: ich ſey Pelions Braut— 145 der Vater erfaͤhrt es von mir ſelbſt. Ti⸗ na aber ward jetzt zu dieſem abgerufen, denn er mußte ſie mit der Entſcheidung, im Bezug auf das Schickſal ihres Vaters, bekannt machen. Zahlreiche Kundſchafter, beſſer bezahlt und verſorgt als ſo mancher redliche, pflicht⸗ treue, von ihnen verleumdete Staatsdiener, hinterbrachten dem Fuͤrſten, was ſich im Lande und in den Familien der Haupt⸗ ſtadt begab und logen und erſannen, nach Willkuͤhr, Geſchichten, um gewandt und dienſteiftig zu erſcheinen. Auch Eugenie hatte deren, doch preiswuͤrdige; namentlich den Beichtiger und ihre Ida. Sie erfuhr durch dieſe, wo Huͤlfe Noth that, wo ver⸗ ſchämte Arme weinten, wo Gold oder Ein⸗ fluß Verdienſtlichen die uͤberhaͤufte Buͤrde des Lebens luͤften konnten. Des armen I. Theil⸗ 10 146 3 Selwing's Verhaͤngniß ging der edelmuͤthi⸗ gen Frau vor allem zu Herzen. Sie hoͤr⸗ te von Iden, was auf dieſen Bezug nahm und das feurige Lob der Tochter; hoͤrte, daß ſie die Braut des jungen, als Augen⸗ arzt bereits genannten Reifers ſey und ih⸗ res Vaters Ungluͤck, bei dem Mangel an Mitteln, auf die Verbindung ſtoͤrend ein⸗ wirke. In Wieſenhof aber, einem netten Staͤdtchen und Luſtſchloſſe, waltete Prinz Herrmann, ihr juͤngerer Bruder und Ver⸗ trauter, des Fuͤrſten Gegenſtuͤck und mit dieſem entzweit. Er hatte als ein tapferer Deutſcher gegen Frankreich gefochten und war, durch den Ounſt eines auffliegenden Pulverwagens, ſchwer beſchaͤdigt und bloͤd⸗ ſichtig worden. Der Umſtand gab, ſo we⸗ nig jenem auch durch Arztes Kunſt zu hel⸗ fen war, Eugenien ein Mittel an die Hand, das Paͤrchen zu vereinigen und 147 Herrmann, der, gleich ihr, die Unbilden des Fuͤrſten nach Kraͤften auszugleichen ſtrebte, bot, von der Schweſter angeſpro⸗ chen, willig die Hand zu dem loͤblichen Werke. Der Praͤſident geſtattete heute Selwing's Kindern, auf ſeine Gefahr, dem Vater das Lebewohl zu ſagen. Der Advokat Rei⸗ fers fuͤhrte, als es dunkelte, Clementinen und die beiden Bruͤder nach der Baſtei; der Kerker oͤffnete ſich und die heiße, hei⸗ lige, wehmuthvolle Liebe der Getreuen um⸗ klammerte, erquickend, den Vater. Wie bleich und verfallen erſchien er ihnen; der Anblick zerriß der Tochter Herz, die ver⸗ gebens beſchloſſen hatte, das vaͤterliche durch vorgeſpiegelte Faſſung zu ſtaͤrken. Auch Reifers, der bewaͤhrte Freund, ſah ihn heute zum erſten Male, ſeit jenem ver⸗ kuͤmmerten Lebensfeſte wieder und weidete 10* ſich an dem wohlthuenden Eindrucke, den das bluͤhende Ausſehn der beiden Knaben und ſein Lob ihres Fleißes und Wandels bewirkten. Da trat der juͤngere Reifers ein und erſchien, im Gegenſatze zu dieſer Gruppe von Trauer⸗Geſtalten, als ein freudiger Engel. O, theuerer Vater! ſagte er, in Sel⸗ wing's Arme eilend: vor wenigen Tagen nach Wieſenhof zu dem Prinzen Herr⸗ mann berufen, kehre ich eben, von dort, als ſein wohlbeſtallter Augenarzt, mit ei⸗ nem jaͤhrlichen Gehalte zuruͤck. Die Be⸗ ſoldung reicht, im Vereine mit meinem bei⸗ laͤufigen, immer ſteigenden Erwerbe, voll⸗ auf hin, den Hausaltar zu bauen, wenn ihn Ihr Segen weihen und heiligen will. Iſt's moͤglich? traͤume ich denn? rief Clementine jauchzend aus; ſie warf ihre Haͤnde gefaltet empor und läͤchelte ſtill ver⸗ 149 klaͤrt zu dem himmliſchen Geber auf, dann aber ſtreckte ſich die rechte nach dem Braͤu⸗ tigam, die linke nach dem Vater aus und ſie druͤckte die beiden Idole ihres Herzens, laut weinend, an die Bruſt. Gelobt ſei Gott! lispelte Selwing: „Denn er erquickt meine Seele und macht meine Finſterniß licht 1 Der Herr ſey Eue⸗ res Lebens Kraft! Vertrauet ſeinem hei⸗ ligen Namen!“ — Der drohenden Finſterniß, vor deren Eintritte dem Praͤſidenten grauete, war ploͤtziich ein neuer, heller Sonnenglanz ge⸗ folgt, den Auguſtens Geneſung, der Toch⸗ ter Brautſtand, des Freiers großmuͤthiges Verzichten auf die Ausſtattung, uͤber ſeinen Abend verbreiteten. Vom Baumeiſter bis zum Steinſetzer herab, ſtrebten jetzt Hand⸗ werker und Künſtler, Geſellen und Meiſter, den alten Halleckiſchen, von Jenem er⸗ kauften Pallaſt, zum Feenſitze umzuſchaffen und eine theuere Bilderſammlung ward er⸗ ſtanden, theils um die Waͤnde des Haupt⸗ ſaales zu ſtaffiren, theils um ihr Kleinod, eine himmliſch ſchoͤne Dange, im Cabinet der Gattin aufzuſtellen, damit der Anblick idealer Anmuth zukuͤnftig die Phantaſie der werdenden Mutter begeiſtere. Nie kam der Braͤutigam ohne Gaben zu der Braut und fuͤgte, gewoͤhnlich, den koͤſtlichen Ge⸗ ſchenken uͤberraſchende Arbeiten der eigenen Hand bei. Einen Filetſchleier, zum Bei⸗ ſpiele, den er ſelbſt geſtrickt, Blumen, den natuͤrlichen taͤuſchend nachgebildet, Sticke⸗ reien, die einer Meiſterin Ehre gebracht haben wuͤrden und ſchien bekraͤnkt, wenn Lotte ſeinen Leiſtungen nur eben die noth⸗ 3 duͤrftige Gerechtigkeit wiederfahren ließ, da ¹ die ihrigen doch, im Vergleiche mit dieſen, V 15¹1 Verſuche der Anfaͤngerin waren. Wenn er ſie aber verlaſſen hatte und die Braut, in ihrem Unmuthe, zu der Wage griff— in eine Schale den bildſchoͤnen Kammerjunker, den Pallaſt und den praͤchtigen Poſtzug, das reiche Nadelgeld, die Feſte der Zu⸗ kunft, das Fuͤllhorn voll Schmuck und Puß in die andere dagegen den duͤrftigen, ſchwarzbraunen Romly auf ſeinem duͤrren Klepper ſtellte, ſo flog doch jene hoch em⸗ por und ihre Thraͤnen ſtroͤmten in die ſin⸗ kende und machten ſie um eins ſo ſchwer⸗ Aber der Vater iſt gluͤcklich! ſagte ſie ſich: und ich werde, als Frau, meinem Manne begreiflich machen, wie wenig ihm das Blumenmachen, das Stricken und das Sticken zieme und wie nothwendig es ſey den Geiſt der Großmama in ſich zu ver⸗ tilgen.. — 1⁵² Charlotte erhielt jetzt ein Paket vom Bruder Enewold aus Kalkſtein, deſſen Bild der zerſtreuende Hymen fuͤr den Augenblick in den Hintergrund ihres Herzens zuruͤck gedraͤngt hatte. „Ich will ein Buch ſchreiben, begann die Zuſchrift: naͤmlich dieſen Brief und ſtelle die Deckung bes Ehrenſoldes der edeln Braut anheim, welcher es hiermit, im empfundenſten Gefuͤhle ihres Gluͤcks und meiner Miſere, ſo achtungvoll als dankbar gewidmet wird. Mit Wehmuth nur, be⸗ ginnt der jugendliche Verfaſſer ſein Erſt⸗ lingwerk; er taucht die Feber tief in Reue⸗ thraͤnen, des Kummers wegen, den ſein Leicht⸗ und Edelſinn, ſein Muth und Ueber⸗ muth, uͤber den guten Vater brachte; doch iſt beſchloſſen, ihm, in Zukunft, zur Ent⸗ ſchaͤdigung, ſo viele Freude zu machen als der verlorene Sohn, nach der Ruͤckkehr, 153 dem ſeinigen. Ja, es ſoll ihm um's Herz werden, wie dem alten Diagoras, deſſen Soͤhne, im olympiſchen Spiele, die Krone errangen. Die Ruhmwerthen verſetzten den Ehrenkranz auf des Greiſes Haupt und erugen ihn, auf ihren Schultern und unter dem Jubel der Menge, rings um den Cyklus. Den Vater toͤdtete die Wonne, der aber der unſere, der kraͤftige, mehr als gewachſen iſt.— Lottchen, ich ſehe es, Dich uͤberraſcht das Citat und mein Wiſ⸗ ſen, das ich der zeitgeiſtigen Bildung im Pagenhauſe danken muß, wo zwei Mal neun Magiſtri bemuͤht waren, uns, vom Yſop der Rechtſchreibung bis zur Ceder der Infiniteſimal⸗Rechnung, mit Allem aus⸗ zufuͤllen, was der Zeitgeiſt verlangt und meiſt unverdauet wieder abgeht. Unſer Vaͤ⸗ terchen aber(ich erwaͤhne das, sine slu- dio und bloß zu meiner Beruhigung) hat 154 ſich, als Juͤngling, ebenfalls ſeiner Ju⸗ gend gefreut, doch in dem liberalen Groß⸗ papa einen milden Geber und Vergeber ge⸗ funden und iſt, vielleicht bloß im Gefolge dieſer freiſinnigen, das Ablaufen der Hoͤr⸗ ner bezweckenden Maxime, zum welterfahr⸗ nen, albverehrten Staatsmanne gereift.— Gute Kinder und Unterthanen ſollen jedoch nicht kluͤgen und vernuͤnfteln; ſie ſollen, wie billig, den Kannewiſch kuͤſſen, der ſie ſcheuert und dieß Scheueramt hat der Com⸗ mandant von Kalkſtein, im Bezug auf mich, dem Feldwebel Pandurus uͤbertragen. Bei dieſem walte, ſpeiſe, ſchlafe ich, und werde von ſeiner reſpektablen Gemahlin be⸗ muttert. Sie haͤngt den Pietiſten, er den Freigeiſtern an, doch leben Beide, Trotz der verſchiedenen Confeſſion, in ruͤhrender Eintracht und zeugten ein Kind. Hanna, die einzige Frucht des Vereines, ſieht, zu 155 meinem Verdruſſe, der Ida aͤhnlich, ſie geht in's neunzehnte Jahr, leidet, ſeit dem neulichen Maibiere, wo ſcharf gewalzt ward, am Wadenkrampfe und macht daher, bei jedem Schritte, ein Knixchen, was ihr ge⸗ wiſſe, hoffaͤrtige Fraͤulein nachthun ſollten, die ſelbſt unſer Einen mit einem ſchnoͤden, affenhaften Kopfnicken abfertigen. Die Pa⸗ zientin dauert mich; ich ſchlug den Aeltern vor, ſie zu dem neuen Wunder⸗Doktor in die Hauptſtadt zu ſenden, doch Frau Pandurus meinte, man ſolle unſerem Herr⸗ gotte nicht vorgreifen und das Kind habe, wie ſie deutlich verſpuͤrt, im Mutterleibe ſchon gehumpelt.— „Die Kaſerne, mein Lottchen, iſt uͤbri⸗ gens ein Loͤwenfang, wir wohnen und fhla⸗ fen daher auch, mit Ausnahme des Ca⸗ detten von Palow, in einem und demſelben 156 Loche, das ſtatt der Fenſter, zwei verſtaͤbte Schießſcharten hat, die den ſumpfigen Stadt⸗ graben beſtreichen. Der Froſch Koak ſchreit Tag und Nacht, beweglich wie die Nach⸗ tigallen. An der einen Wand ſteht des Feldwebels Tiſch, an der andern mein dreibeiniger, dazwiſchen die Fawilientafel. Geſtern hatten wir ſuͤßlichen Kuͤrbisbrei, heute mordſaure Rindsflecke, Bilder des wechſelnden Lebens; morgen ſetzt es, wenn die Jagd gluͤcklich ausfaͤllt, gebratene Sper⸗ linge, die ich, ohne Kraut und Loth, mit einem alten Blasrohre buͤrſche. Aber zu⸗ ruͤck an den Hausaltar. Hier folgt, im Oſten, das zweimaͤnniſche Ehebett, weſt⸗ waͤrts eine alte Kommode, mit geflicktem Porzellan und einem Putzkopf' in der Mit⸗ te; zwei Spinnraͤder und vier hoͤlzerne Sche⸗ mel, ſammt dem Kruͤppelſtuhl fuͤr etwaige Gaͤſte, fuͤllen die Luͤcken. Auch des ge⸗ 3 157 platzten Kachelofens gedenke ich noch und blicke dann, empfindſam, nach der Decke, zu einem dort befeſtigten Beiſchlage. Schlag neun Uhr, Abends, tritt Pandurus, aus der Rabenſchenke heimkehrend, mit der Holzleiter ein, an welcher Hanna, die hei⸗ lige, keuſche, zu dieſem, ihrem Schlafkaͤm⸗ merlein, aufklimmt und verſchwindet; er aber verwahrt die Stiege ſodann unter dem Ehebette und die alte Mama ſingt mit heller Stimme:„Schuͤtze mich vor's Teu⸗ fels Netzen ꝛc.“ oder Aehnliches, was die Tochter oben, wie ein Engel in Himmels Hoͤhen, begleitet. Wo aber ich ſey? willſt Du wiſſen, wenn die Panduren ſich, des Bettganges wegen, entſchleiern? In ei⸗ nem Verſchlage des Hausraumes, liebe Lotte! zwiſchen ſechs Bretern und vier Bret⸗ chen, die eine ſogenannte Naſenquetſche bil⸗ den und viel zu kurz fuͤr mein Wachsthum . 158.4 1.. ausfielen— auf dem Federbalge eines Igels, den ſie Strohſack nennen; unter der Raspel gemeiner Kommisdecken. Iſt endlich unſere Familie in Schlummer ge⸗ ſunken, ſo werden die ſchnarchenden Rieſen⸗ naſen des Blocksberges laut, ſo verſetzen ſie mich, ſelig taͤuſchend, in die Hauptſtadt zuruͤck; ich hoͤre die Karoſſen dem Hofballe zuraſſeln und im alles zerreißenden Gur⸗ geltone des Feldwebels die Laͤufer unſers Sarraſſini. Endlich und zuletzt werde ich, im Hinbruͤten, zahlloſer Vampyre Raub— wird die geſchundene Expagen⸗Haut zum Imbiße fuͤr die große Armee der Caſernen⸗ Wanzen und kecke Maͤuſe uͤberlaufen mich, wie Luna den Endymion. Lolotte! ſchwebe ich Dir noch vor, im Hute mit der weißen Feder, im rothen, zierlich geſtickten Dienſtkleide und von der Scheitel bis zur Sohle a quatre epingles 4 2* 159 . fo wirf dieß Bild, wie einen un. jache mit dem einen Auge, doch wei⸗ ne mit dem andern, bei dem Gedanken an die Vogelſcheuche, die Dein Cadet, in der Montur abgemagerter, invalider Spar⸗ taner, grau und blau, darſtellt. Die gleich⸗ farbigen Schweſtern des Commandanten lachten ebenfalls, Trotz ihrer Leberbeſchwer⸗ den, in's Faͤuſtchen; doch praͤſentire ich das Gewehr, wenn ſie an meiner Poſt voruͤberziehen; die Kameraden thun desglei⸗ chen, der Troddelmuͤtzen wegen, welche ih⸗ nen dafuͤr mit Winters Anfange, von den dankbaren Fraͤuleins beſchert werden. Alſo mußt Du auch Schildwache ſtehn, armer Junge? Ja, leider Gottes! beßte Schweſter und ſchon am Tage der Einklei⸗ dung, weil wir im Pagenhauſe auch exer⸗ eiren lernten, was mich vor dem Lehreifer hieſiger Trillmeiſter ſchuͤtzte. Draußen am Pulvermagazine ſtand ich, das, im oͤden Sande, abgeſchieden von der Welt Lauf, zwiſchen gruͤnlichen Tuͤmpeln empor ſteigt; umgeben von den Graͤbern der Straͤflinge, die, fuͤr die Lebenszeit in Ketten geſchla⸗ gen, hier verſtarben. Auch Grillow liegt dort, der ſchoͤnſte Mann der Jaͤgergarde, der, im Rauſche, ſein treuloſes Maͤdchen niederſchoß, deshalb fuͤr immer hier aufge⸗ hoben, ſich aus Verzweiflung den Tod gab und am Tage meines Eintreffens begraben ward.— Da ſtand ich nun, waͤhrend der Mitternacht; mußte, herkoͤmmlich, mit jedem Viertelſtundenſchlage, um die Gegen⸗ wart und Wachſamkeit der Perſon zu be⸗ zeichnen, aus hellem Halſe„Wer da?“ rufen und Mancher wuͤrde, vielleicht, waͤre die Furcht in den Kriegsartikeln nicht auf s ſtrengſte verpoͤnt, in dieſer naͤchtlichen Todes⸗ 163 mit Ausnahme einiger Strumpfftricker, Waͤſchklammern ſchnitzen und Maͤuſefallen bauen und laͤchelte uͤber die Eitelkeit der irdiſchen Groͤße. Zu Clementinchens Troſte werde be⸗ merkt, daß ihr guter Vater ſich koͤrperlich wohl befindet, daß er, mit Erlaubniß des hohen Obern, die armen Soldatenkinder unterrichtet und daß ihn taͤglich ein Aga deſſelben uͤber die Waͤlle ſpazieren fuͤhrt. Haͤtte Tina, in ihrer Zaͤrtlichkeit, den Va⸗ ter begleitet, ſo wuͤrde ihr Jugendfreund hier um ſie ſeyn, ſie vielleicht auch ſpa⸗ zieren fuͤhren und die Vernachlaͤſſigung aus⸗ gleichen koͤnnen, die ich mir, im elterlichen Hauſe, gegen den Engel geſtattete. Aber dort war ich uͤberhaͤuft und hing an Goͤ⸗ ben wie die Dorning— ein Schneemann ſey mit ihr!— Genug fuͤr dies Mal, liebe Lotte! denn Frau Pandurus nimmt — 11* den Tiſch in Anſpruch, da heute großer Kovent bei uns iſt, der ſich von Eueren Thee's hauptſaͤchlich darin unterſcheidet, daß die Damen mit Spinnraͤdern und Kloͤppel⸗ ſaͤcken erſcheinen, theils auf dem Chebette, theils auf der alten Kommode und dem umgeſtuͤrzten Waſchfaſſe Platz nehmen und keck den Floh verfolgen, der ſie ſticht.— Wandle auf Roſen! ſteht auf meines Feld⸗ webels Pfeifenkopfe; das Hinſehe auch Dir, der Musketier, Enewold Freiherr von Palow. N. S. Hanna kuͤßt Dir, unbekann⸗ ter Weiſe, den Rock und wuͤrde, Trotz dem Wadenkrampfe, deckenhoch ſpringen, wenn Du der Armen einen ſolchen— auch nur den unterſten, verehren wollteſt, „denn forſcht' ich nicht, was ihr gebricht, ſo liebt' ich meinen Naͤchſten nicht.“ 165 Die Schweſter lachte allerdings mit ei⸗ nem Auge und weinte mit dem andern, als ſie dieſe Darſtellung las. Sie theilte den Brief der Praͤſidentin mit, welche, zu ihrer tiefen Kraͤnkung, ſtiefmuͤtterlich be⸗ hauptete, es ſey wohl eben fuͤr Enewold nichts erſprießlicher, als ein ſolches Gewalt⸗ mittel. Die Mama fand es ſogar unzu⸗ reichend, denn ſein grenzenloſer Leichtſinn arbeite ſich, ſelbſt unter dieſem Treibeiſe von Ungemach, empor; er ſpiele mit ihm und ſpotte der Ruthe, die ihn zuͤchtige. Sie mochte Recht haben, aber Charlotten ruͤhrte die Kraft dieſes Vermoͤgens, als ein Zeichen kraͤftiger Maͤnnlichkeit, die ſie, mit ſtillem Grame, Tag fuͤr Tag, an ihrem Braͤutigam vermißte. Enewolds Brief ward, theilweiſe, auch den ſechs ge⸗ nannten Freundinnen vorgeleſen, die ihren gemeinſamen Guͤnſtling, wie Aphrodite den Adonis, beweinten, ſich beiher an der Fa⸗ milie Pandurus ergötzten und, auf Lott⸗ chens Veranlaſſung, einmuͤthiglich beſchloſ⸗ ſen, irgend ein entbehrliches Stuͤck ihres Kleiderſchatzes zum Beßten des guten Hann⸗ chens auszumuſtern. Die Arme, welche ihre Bloͤße nur nothduͤrftig decken konnte, da des Vaters Bedarf und der Mutter Geiz derſelben den geringen Erwerb verkuͤmmer⸗ ten, war weit entfernt, das Heil zu ahnen, welches wenige Federzuͤge des vornehmen Stubenburſchen uͤber ihr Haupt brachten. Sie rief am Abende, in jenem Beiſchlage, die himmliſchen Maͤchte noch um die gebre⸗ chende, dringende Nothdurft an, als bereits ein gewaltiges, ihr zugedachtes Paket voll ſtattlicher Roͤckchen und Spencer, Tuͤcher und Hemden, Struͤmpfe und Schuhe, den Ruͤcken der laſtbaren Botenfrau beſchwerte. 167 Die Familie Palow war, nebſt den Vornehmſten des Hofes, zu einem Feſte gebeten, mit dem der Fuͤrſt, auf ſeinem Luſtſchloſſe, den Geburttag der Schweſter begehen wollte. Herr von Pelion hatte verſprochen, ſie, um zehn Uhr, im neuen, mit vier engliſchen Pferden beſpannten Wagen abzuholen und ward um eilf Uhr noch erwartet. Der Praͤſident eiferte und verwuͤnſchte den Troͤbler in's Pfefferland, Auguſte entſchuldigte und ſprach zur Suͤh⸗ ne, die Braut verbarg den Aerger, doch er verbitterte ihr Herz nur um ſo mehr und alle Boten kehrten mit der Verſicher⸗ ung zuruͤck, nicht Er, ein kleiner Unfall veranlaſſe die Zoͤgerung; der gnaͤdige Herr werde ſich rechtfertigen und in zwei Minu⸗ ten erſcheinen. Endlich fuhr der Pracht⸗ wagen vor, Aeltern und Tochter eilten hinab, ſtiegen ein.— Sitzt man nicht wie im Himmel? fragte Pelion: und mei⸗ ne Schimmel— Geld koſten ſie, es iſt nicht zu leugnen, ſind aber fehlerfrei und fliegen, wahrhaftig, wie Pegaſuſſe. Die Mutter ruͤhmte die getroffene Wahl, der Praͤſident kehrte das finſtere Amtgeſicht ſchweigend nach außen und Lotte ſagte ſchmollend: Wo bliebſt Du nur? Wo ich blieb? wiederholte er: beinahe auf dem Platze, lieber Engel! ich that ei⸗ nen ſchweren Fall und riechſt Du den Spiritus nicht, mit dem mich der Wund⸗ arzt bedeckte, ſo lobt das ſeine Fluͤchtigkeit. Du kennſt den Ungeſchmack der Herren Tapezierer, Du fandeſt ſelbſt die Draperie des gruͤnen Zimmers gemein und ſchwer⸗ faͤllig und ſtimmteſt meiner beſſeren Idee bei. Genug, ich laſſe heute, am Morgen, die Treppenleiter herbei bringen, ich aͤndere und ordene die Vorhaͤnge, jener gemaͤß, 169 beſehe mein Werk, finde es gelungen, ſchwanke, falle und verlebe mir, an der Leiter, das Schienbein. Arzt und Wund⸗ arzt mußten geholt werden, denn der Schreck zog mir Fieber⸗Bewegungen zu und der Fuß blutete; beide aber ſind Maul⸗ redner und verſicherten, als ſie von unſerer Partie hoͤrten, ich ſey zu aͤngſtlich und es habe nichts auf ſich. Das wird ſich nun zeigen. Auguſte ſtimmte, troͤſtend, der Mei⸗ nung der Aerzte bei, Vater und Tochter lachten gemeinſam, doch nicht im Geiſte des argloſen Komus und Pelion fuͤhlte den Hohn, aus dem dieſe Regung hervorging und erroͤthete. Jetzt hielt, zum Gluͤcke, der Wagen vor dem Hauſe des Oberjaͤger⸗ meiſters, deſſen Tochter, die ſchoͤne, froh⸗ ſinnige Mathildè, mitzunehmen war und ihre Dazwiſchenkunft gab dem verduͤſterten 170 Familienkreiſe ploͤtzlich eine freundlichere Stim⸗ mung und zerſtreuete die truͤbſinnige Braut. Der Fuͤrſt war heute, wo moͤglich, lie⸗ benswerth, aͤußerte ſich auch gegen die Gaͤ⸗ ſte und das Brautpaar ungemein guütig, denn er wußte wohl, wie weh dem Herrn von Palow, als Staatsdiener und als Vater, durch die herbe Beſtrafung des Se⸗ kretairs und des Pagen geſchehen war. Eugenie aber glich, mehr als je, dem gu⸗ ten Genius des Landes; es verſchoͤnte ſie der Geiſt der Ruͤhrung, welchen die wahr⸗ haft empfundenen Wuͤnſche und die ſpre⸗ chende, feiernde Liebe der Umgebung her⸗ beifuͤhrten. Nach aufgehobener Tafel ward der Garten beſucht und die Geſellſchaft ſam⸗ melte ſich in dem Kiosk, der auf einer, in den Strom vorſpringenden Felſenecke, die herrliche Umgebung beherrſchte. — 171 O, wie ſchoͤn! ſprach die Prinzeſſin zu Charlotten, welche mit dem Braͤutigam zu⸗ faͤllig in der Naͤhe ſtand. Dieſer nahm alsbald das Wort und ſagte: Um wie viel ſchoͤner noch fuͤr die Er⸗ lauchte, die in dieſem Eden ihr Erbland, in ſeinen Bewohnern die liebenden, dank⸗ baren Kinder des hohen Vaterhauſes ſieht⸗ Ob ſie das ſeyn mögen? unterbrach ſie den Schmeichler und wendete ſich ab und eben ging, im Hintergrunde des Paradie⸗ ſes, ein Feuer auf, das haſtig um ſich griff und auf einem fernen Jagdſchloſſe des Fuͤrſten zu ſeyn ſchien. Dieſer zog, in ſichtlicher Beſtuͤrzung, ſein Fernglas an das Auge, ſah, ſchnell beruhigt, daß man ſich irre und bot es der Prinzeſſin dar, die eben auch an's Fenſter eilte, da ihr das Schloß— ihr zufaͤlliger Geburtort und der Schauplatz ihrer Kinderjahre, beſonders 172 am Herzen lag. Doch eben als der Fuͤrſt ſich jetzt abwandte, um der Umgebung den eigentlichen Brennpunkt zu bezeichnen und jene den Gucker an's Auge zog, entglitt er ihr und rollte von dem Fenſterſims hin⸗ ab, in die Tiefe; Eugenie erblaßte, denn das Glas war, Trotz ſeiner Niedlichkeit, von ſeltener Guͤte, des Bruders ſtetes Be⸗ duͤrfniß und ihm beſonders werth. Ach, Herr von Pelion! lispelte die Er⸗ ſchrockene, da dieſer, Hand in Hand mit ſeiner Braut, ihr zunaͤchſt ſtand: was gaͤbe ich d'rum, wenn irgend ein Bedienter, oder Gaͤrtner, oder Jaͤger ſich hinab wa⸗ gen wollte, um das verlorene Glas zu ſu⸗ chen. Nicht weiter, heißt das, als es ſich ohne Lebensgefahr thun ließe, denn wahr⸗ ſcheinlich erreichte es den Strom nicht, hielten Buͤſche und Moos es auf. Pelion zuckte, betroffen, mit den Achſeln und ſagte: 173 Wer es unternaͤhme, gnaͤdigſte Frau! wuͤrde 5 verloren gehn, denn die Felſenecke ſteigt, bekanntlich, ſenkrecht aus dem Waſſer auf, das hier ungemein tief iſt und nur ein Gemſenjaͤger duͤrfte dem Wagſtuͤcke gewach⸗ ſen ſeyn. Eugenie warf einen Blick auf ihren Bruder, welcher, unbekannt mit dem Ver⸗ luſte, von dem Gefolge begleitet, das Luſt⸗ haus verließ; ſie klagte nun, mit Thraͤnen b in den Augen, Charlottens ihr ſo lieber Mutter, den Vorfall, klagte das Schickſal an, das ihr, noch immer jeden ſchoͤnen, ſeltenen Freudentag, durch irgend ein Miß⸗ geſchick, verleidet habe und verließ dann, ebenfalls, mit dieſer, den Pavillon, dem Bruder nachzueilen, ſich ihm an's Herz zu werfen und damit des druͤckenden Unmu⸗ thes zu entladen. Auch Charlotte folgte derſelben, Arm in Arm mit Mathilden 174 Der Freundin Laune und Wit hatte, ſo wenig als der Glanz des Feſtes, die Nebel dieſes Morgens voͤllg zu heben vermocht, ihr Truͤbſinn ſich vielmehr, Trotz dem Schoͤnen und Schmeichelhaften, das der Braut, als ſolcher, ſelbſt von der fuͤrſtli⸗ chen Familie geſagt ward, zur Schwermuth verdichtet, denn Romly war, als Offizier vom Dienſte, zugegen, da ein Theil des Jäͤgercorps die Luſtſchloͤſſer bewachte und in den anſtoßenden Flecken lag. Erſt nach dem Mittagmahle erſchien er„dem Fuͤrſten eine Meldung zu machen, hielt ſich ent⸗ fernt und Charlottens Augen hatten den ſeinigen bis jetzt noch nicht begegnet. Eugenie traf nun endlich auf den Bru⸗ der, ſie faßte ſeine Hand, ſie klagte ihm, wehmüͤthig, ihr Mißgeſchick und verſtummte ploͤtlich, als eine Hofdame mit dem Glaſe 175 in der Hand, herbei eilte und es der Er⸗ ſtaunten darbot. Wer fand es? fragte der Fuͤrſt. Leutnant Romly! erwiederte dieſ. Und wo? Auf dem Abhange der Feſenwanb. Er hat ſich hinab gewagt?— Das Fraͤulein bejahte, die Verwunderung wurde rings im Kreiſe laut, des Fuͤrſten Augen ſuchten ihn und der Beſcheidene ward her⸗ beigerufen. Ich wuͤrde Ihnen danken, ſagte jener, mit der gewoͤhnlichen, ſtarren Kaͤlte im Geſi St und Blicke: wenn nicht der Fre⸗ vel, um einer Kleinigkeit willen das Leben zu wagen, die aͤußerſte Mißbilligung ver⸗ diente⸗* Das Wagſtück beſchraͤnkte ſich auf den bedachten Verſuch, erwiederte Romly, in demſelben Geiſte und Tone: der Felſen iſt 176 minder ſenkrecht als er ſcheint, rings um bietet das Geſtraͤuch ſichernde Stuͤtzen und Handhaben dar; man bemerkte zudem, von oben her, das blinkende Metall der Faſ⸗ ſung, in nur maͤßiger Tiefe und ein moͤg⸗ licher Fall in das Strombett kann, bei der Tiefe deſſelben, geuͤbten Schwimmern nicht verderblich werden. Nun danke ich Ihnen! ſagte der Fuͤrſt und laͤchelte. Auch ich! ſprach Eugenie mit dem Silberlaute der Innigkeit und bot ihm, ein Sinnbild der Engelhuld, die ſcho⸗ ne Hand zum Kuſſe dar und aller Augen hafteten auf dem muthigen, bloͤden, heroiſch geſtalteten Manne, den der ſtille Hand⸗ druck der Erlauchten bis zur Stirn mit Gluth bedeckte.— Charlotte aber, die Zeugin des Vorganges, ſah um ſo blaͤſ⸗ ſer aus. Mehr Gluͤck als Recht! fliſterte Pelion, 177 an deſſen Arm ſie hing.— Lauter Recht vielmehr, entgegnete ſie mit Heftigkeit: doch flieht ihn eben deshalb das Gluͤck! Das iſt ja dieſer elenden Welt Lauf und Regel. E. Und wußte ich, wie er, der Felſen ſei gangbar, ſo wiederfuͤhre jetzt mir, an den die Prinzeſſin ſich vorhin zuerſt wandte, dieſe auffallende Auszeichnung⸗ Ihnens fragte die Braut, denn das Dir! erſtarb auf ihrer Lippe; der ſpottende Zweifel betonte das Woͤrtchen und machte es zum verwundenden Pfeile. Pelion ſchwieg, hielt aber Charlotten, als die Geſellſchaft ſich jetzt in Bewegung ſetzte, an der Hand zuruͤck, fuͤhrte dieſelbe waldeinwaͤrts und ſagte nun, mit zitternden Lippen und Toͤ⸗ nen: Ich kenne meinen Nebenbuhler! Iſt Romly gemeint, erwiederte ſie: ſo kann es weder einen edlern, noch gefahr⸗ I. Theil. 12 178 koſern geben, denn er flieht mich, ſeit Mo⸗ naten ſchon, wie ein Uebel und hat fuͤr dieſe Welt verzichtet. E. Worte! Worte! Redensarten der Verfuͤhrer. Er rechnet auf die zaͤrtliche Nachfolge und was iſt Er, bei'm Lichte betrachtet? Erkenne das, Lottchen! laß den Vorbegriff fahren— gieb der Wahr⸗ heit die Ehre— vergleiche! Was er iſt? Arm wie Hiob— ohne Ausſicht— ohne Verbindungen— ohne Alles! S. O, ich verglich— ich erkannte— was ſoll mir die Wahrheit? wohin kann ſie mich fuͤhren?— Ihr Herz war voll, es trat auf die Lippen, ſie ſprach ſich un⸗ umwunden aus. Ich Ungluͤckſeliger! lispelte Pelion: mir traͤumte von Liebe— von einer anhängli⸗ chen, dankbaren Braut und wenige arg⸗ loſe, dem Unmuth' abgepreſſte Worte ent⸗ —.— 179 reiſſen Dir den Schleier und erſchrecken mich.— Dir, die mein Liebling war— mein Abgott— meines Herzens Herz. Der Braͤutigam bedeckte jetzt das Ge⸗ ſicht mit der Hand und warf ſich auf eine Raſenbank, die der dichte Baumſchlag ver⸗ huͤulte. Lotte ſtand vor ihm, ſah den Ver⸗ zagenden in bitteres Herzleid aufgeloͤſ't— in Thraͤnen ſchwimmen. Die heiligen In⸗ ſtinkte der Frauenbruſt, das Mitleid und das Pflichtgefuͤhl, wurden rege. Du warſt zu hart— zu lieblos! ſprach die innere Stimme. Kann der Tauber dafuͤr, daß er kein Adler iſt? und gab ihm Deine Wallung nicht das volle Recht zur Eifer⸗ ſucht? Erſchoͤpft er nicht, raſtlos jeden Wunſch belauſchend, was Dir gefallen, Freude machen, Dich mit ſeinen Schwaͤ⸗ chen verſoͤhnen kann? Gab er nicht dem Vater Ruhe und Schlaf zuruͤck, wirſt Du 12.* — 180. ihn nicht, leicht und willkuͤhrlich, leiten, nicht frei von allen herkoͤmmlichen, laͤſtigen 4 Feſſeln, nach Deinem Sinne walten koͤn⸗ nen; waͤhrend dem dieſer ſtuͤrmiſche Romaly Dich vielleicht, bald genug, meiſtern und einſchrecken, zum Spiele ſeines harten Sin⸗ nes machen wuͤrde.— Darauf neigte ſie ſich, ſchnell und bewegt, dem Braͤutigam zu, faßte ſeine Hand, zog ſie an's Herz, ließ einige Schmeichelworte laut werden und 1 bald genug erfolgte die folgewidrige Ver⸗ ſoͤhnung vor der Bildſaͤule eines ſchadhaf⸗ ten Amors, die man, ihrer Gebrechlichkeit wegen, hier unter bergendes Laubwerk ver⸗ ſetzt hatte. Milde, entwaffnende Wechſel⸗ reden, welche die Herzen wie Oel das Meer beruhigten, wurden von Umarmungen un⸗ * terbrochen; ihr fiel endlich die dringende 1 Nothwendigkeit bei, ſich der Geſellſchaft an⸗ zuſchließen; ſie putte den Schmerzenmann 181 wieder auf, ſie ordnete die verſchobene, von ſeinen Thränen beregnete Schleife der Halskrauſe und er ſagte, ſtillhaltend, noch weich und kleinlaut: Charlottchen, rath' einmal, was dieſer wunderſchoͤne Battiſt koſtet? Die Praͤſidentin hatte, unter allen, wel⸗ che ihr Stieftoͤchterchen und die Verhaͤlt⸗ niſſe kannten, den meiſten Glauben an die zukuͤnftige Ertraͤglichkeit dieſer Ehe, da Lottchen es, der angeblichen Liebedienerei wegen, ſelbſt mit dem Geringſten ſo leicht nicht verdarb, ihr Herz zudem nicht Zorn halten konnte und jeden widrigen Eindruck leicht verſchmerzte. Sie erſchrak vorhin, bei Romly's Erſcheinen, hielt nun die Braut ſtill aber unverruͤckt im Auge; ſah, mit Zufriedenheit, daß dieſe nicht von der Seite des Verlobten wich, ſich und ihn von jenem entfernt hielt und mit Erſtau⸗ nen, wie das Paͤrchen endlich, gleich einem liebetrunkenen, die Geſellſchaft verließ und dem Buſchwerke zuſchlich. Da kam der Eifer uͤber die Strenge, ſie wendete ſich an den Eheherrn, ſie theilte ihm die Aerger gebende Entdeckung mit und ſeufzend er⸗ wiederte der Praͤſident, den die naͤhere Be⸗ kanntſchaft des zukuͤnftigen Schwiegerſoh⸗ nes mit Reue und Gram erfuͤllte: Wollte Gott, daß er Mann genug waͤre, Charlotten den Anſtand vergeſſen zu machen; das Maͤdchen vergißt vielmehr, bei der leidigen Erkenntniß des Gegenthei⸗ les, daß die Sitte durch dieſes Wegſtehlen verletzt werden koͤnne. Geh', uͤberraſche das Paar, ſo wirſt Du ihn bei der Aus⸗ gleichung ſeiner Strumpffalten oder bei ei⸗ ner botaniſchen Vorleſung uͤber Staubbeu⸗ tel und Fruchtknoten ertappen und der gaͤhnenden Braut höͤchſt willkommen ſeyn. —,—— 183 Nie werde ich mir vergeben, was fuͤr die Foͤrderung dieſer Wahl geſchah. Menſchen zu erfreuen und die Umge⸗ bung fuͤr Muͤhe, Nuͤckſichten und Opfer der Ehrfurcht zu entſchaͤſigen, war Euge⸗ niens raſtloſes Streben und wohl ihr ein⸗ ziger Genuß. Sie hatte deshalb, zur Wuͤrze des Feſtes, der kinderreichen Witwe eines Goldarbeiters den nachgelaſſenen Vor⸗ rath an niedlichen und zierlichen Schmuck⸗ und Silberwaaren abgekauft und zu Ge⸗ winnen einer nietenfreien Lotterie gemacht, die jetzt gezogen werden und jedem der Gaͤſte ein willkommenes Andenken zuwen⸗ den ſollte. Das große Loos beſtand in einem werthvollen Ringe, welchen der Fuͤrſt, als Eugenie ſeine Erlaubniß zu die⸗ ſem großmuͤthigen Vergnuͤgen nachſuchte, aus dem eigenen Schmuckkaſten darbot— 184 in einer antiken Gemme, auf welcher der myſtiſche Pan die entflohene, in ein Schilf⸗ rohr verwandelte Nymphe umarmte. Der Abend kam, das Feuerwerk war vorüͤber, die Looſe wurden ausgetheilt, das Gluͤckſpiel begann. Zwei junge Hofdamen zogen die Nummern und Gewinne, dem Fraͤulein Palow war die Aushaͤndigung derſelben uͤbertragen worden. Sie erſchien, zu Pelions Wonne und Romly's Harm, wie die roſige, Gaben ſpendende Hora, hinter der reich beladenen, funkelnden Ta⸗ fel, doch auch hier, wie uͤberall, zeigte ſich das Gluͤck boͤslich und grillenhaft. Jun⸗ gen Maͤdchen wurden Pfeifenſpitzen von Bernſtein, Beinguͤrtel⸗Schnallen und Ci⸗ garren⸗Behaͤlter, Seiner Hochwuͤrden da⸗ gegen ein Halsband mit Opalen, dem Stallmeiſter goldene Strickhoͤschen— faſt keiner Perſon, was ſie wuͤnſchte und be⸗ 185 durfte, zu Theil; der Fuͤrſt aber, dem Eu⸗ genie ebenfalls ein Loos zugetheilt hatte, gewann ſeinen Beitrag, das große. Als nun Charlotte demſelben, Kraft des auf⸗ habenden Amtes, den Ring behaͤndigte, verſagte er die Annahme und aͤuſſerte ſich leiſe, doch, dem Anſcheine nach, hoͤchſt gnaͤdig gegen ſie. Pelion, dem die Braut kurz zuvor ſeinen Gewinn, einen ſilbernen Butterſte⸗ cher und den ihren, ein Theeſieb, zugeſtellt hatte, fliſterte jetzt in des Praͤſidenten Ohr: Bemerken Sie, Herr Vater! wie wohl der Gnaͤdigſte Charlotten will? O, das muß Ihnen ſchmeicheln wie mir, um ſo mehr, da er die Damen in der Regel vermeidet.— Er laͤchelt— wie menſch⸗ lich! Bei Gott! man verkennt ihn!— Sehn Sie wohl? Lottchen erroͤthet— ſie I. Theil. 13 186 geberdet ſich, wie in dem ſchoͤnen Augen⸗ blicke, wo mir ihr erſtes Kuͤßchen ward.— Was gilt's, er hat der Braut, als ſolcher, das große Loos abgetreten oder denkt es gar, um mich in ihr zu ehren, dem Braͤu⸗ tigam zu, denn er ſchäͤtzt mich! Dubito! murmelte der Praͤſident, waͤhrend dem ſeine gluͤhend rothe Tochter, nach der tiefen Verneigung, zuruͤck trat und durch den Kreis der ausweichenden Herren auf Romly zuſchritt, der, als Offi⸗ zier der Wache, nicht zu den Gaͤſten ge⸗ hoͤrte und ſomit auch keinen Antheil an dem ausgeſpielten Inhalte jenes Fuͤllhorns hatte. Er ſah ſie nahen, ergluͤhte wie Lotte und Aller Augen wendeten ſich jetzt, die Eilende verfolgend, nach ihm hin, ſie aber ſagte, odemlos, mit bebender Stimme: Unſer gnaͤdigſter Herr tritt Ihnen die⸗ ſen Gewinn als ein Dankzeichen fuͤr das — — ,— 187 Fernglas und als ein Denkzeichen ſeiner Zufriedenheit ab. Das ſind des Fuͤrſten eigene Worte!— Darauf kehrte Char⸗ lotte haſtig in den Haufen der Damen zuruͤck, ſie zitterte ſichtlich und die Augen des Fuͤrſten begleiteten ſie, denn er wußte, hoͤchſt gewiß, um ihr Verhaͤltniß zu dem Beſchenkten und es ergoͤtzte ihn, dieß ſelt⸗ ſame Kleeblatt fuͤr Momente in die Flam⸗ men der Qualenſee getaucht zu ſehn. Romly den Dank zu erſparen, verließ er ſofort den Saal und die Herren umring⸗ ten nun den hochgeehrten Leutnant, um die koͤſtliche Antike zu beſchauen. Luͤſterne hatten ſich eine Cythere, Le⸗ da, Danae— Habſuͤchtige einen Solitair gedacht und der Neid der Unkenner ward zur Goͤnnung, als ſie nur dieſen alten, graͤmlichen Teichraͤumer oder Heumacher wahrnahmen. Romly dagegen erkannte 188 und empfand, mit blutendem Herzen, den Sinn des Gebildes, er ſah ſich ſelbſt in dem Bethoͤrten, der, am Ziele des feurigen Strebens, nur die verwandelte Nymphe, nur das Emblem des Fliehenhen und Wandelbaren an's Herz druͤckte. Ach, und das mußte er aus Lottens eigener Hand empfangen, der nicht unbekannt ſeyn konnte, was ſie ihm darbot, da Eu⸗ genie derſelben vorhin die Fabel des Bil⸗ des, harmlos und gefaͤllig erklaͤrt hatte. Ende des erſten Theiles, ſinifft nnfffff 5 16 1 10 11 13 14 1 6 7 . 1 * Ee 8