— — 1—— 1—————————* Erzäaͤhlungen von Gnſtav Schilling. Vierter Theil. Dresd en, 1811.. In der Arnoldiſchen Buchhandlung. Er z aͤhlungen von Guſtao Schilling. Vierter Theil. „——————————— 88— —— Inhalt. Die Saͤrge. Der boͤſe Feind. Nachtiſch. . — d Oi e S 1. Eine Neuigkeit, lieber Romano! ſagte der Graf: meine Tochter, die Hofdame, ſchreibt mir ſo eben, daß ihr Verhaͤltniß zu den dorti⸗ gen Umgebungen immer druͤckender werde; ſie bittet dringend um die Erlaubniß, dieſes leidi⸗ ge Ehrenamt aufgeben und ſich unter den Au⸗ gen des liebenden Vaters und im Schooße des Landlebens erhohlen zu duͤrfen. Es iſt der ewige Hader des unreinen Geiſtes mit dem rei⸗ nen, der ſie forttreibt; der ſtille Grimm des Haͤßlichen gegen die Anmuth, des Ungeſtalte⸗ ten gegen das Ebenmaß; ſchreiben Sie ihr des⸗ halb den Gewaͤhrungs⸗Brief. Romano verbeugte ſich, ſtill erfreut. Es ſchmeichelte ihm, dieſe Reine, Anmuthige, Ebenmaͤßige, durch die ſeltene Schoͤnheit ſeiner Schriftzuͤge im Voraus anſprechen zu koͤnnen. Und dann noch ein's, fuhr der Graf fort. Zum Ungluͤck liegt der Haushofmeiſter krank und ſeine Frau im Wochenbette, meine Tochter aber ſoll eine geordnete Wohnung vorfinden. Nehmen Sie die Einrichtung uͤber ſich. Ich raͤume Emilien die untern Zimmer ein, damit ſie das friſche Wieſenſtuͤck, den Spielplatz ihrer Kinder⸗Jahre, vor Augen habe und der Gaͤrt⸗ ner mag die Zitronen⸗Baͤume dahin verſetzen; die Graͤfin ſah und liebt das Orangen⸗Land. Ich fuͤhle mich von dem Auftrag geehrt, erwiederte Romano: aber ihm, leider! nicht gewachſen. Den Erwartungen einer Hofdame zu genuͤgen darf mir nicht beikommen, das Fraͤulein aber duͤrfte ſich leicht von den Miß⸗ griffen des Ungeſchickten zu einer Meinung be⸗ ſtimmen laſſen, die mir weh und unrecht thun wuͤrde. 9 Laͤchelnd entgegnete der Graf— Wie eitel boch die jungen Manner ſind! Sie haben ver⸗ than, wenn das Bett nicht auf dem Blumen⸗ Brete, der Schreibtiſch nicht zur Linken des Fenſters, der Fluͤgel nicht im Zuge, die Bild⸗ ſaͤule der Veſta nicht auf dem Kopfe ſteht und die Frau des Haushofmeiſters weiß uͤberdem von Alters her wo meine Tochter ſchlief und waltete und kennt ihre Lieblings⸗Plaͤtzchen. Sie werden ſich einem Geſchaͤfte nicht entziehen wollen, das mir Veranlaſſung giebt meiner Tochter zu ſagen— Danke dieſem: Eine Em⸗ pfehlung, die das gute Vernehmen befoͤrdern ſoll, ohne daß wir uns, in dieſer Abgeſchieden⸗ heit, leicht noch uͤbler als meine wohlgeformte Tochter bei der verwachſenen Prinzeſſin beſin⸗ den duͤrften. 2. Romano, der ſich im Laufe des letzten Feld⸗ zugs zu dem Grafen fand und als derſelbe den 10 Arm in der Schlacht verlor, ſeine rechte Hand ward, hatte die Graͤfin bisher nur im Bilde geſehn. Es war die Zierde des vaͤterlichen Wohnzimmers, es war die Weide ſeiner Augen, ſo oft ihn die Pflicht des Geſellſchafters vor dem Sopha des Grafen feſt hielt.— Und wenn des Kuͤnſtlers Schmeichelſucht nicht gera⸗ de zu der Wahrheit Hohn ſprach— wenn dem blauen Ange dieſe Engels⸗Milde, ihrer Form das aͤtheriſche Weben und Leben des Gebildes beiwohnte— wenn dieſe reine Haut, dieſe zar⸗ te Fuͤlle, dies Gepraͤge edler Weiblichkeit von ihr entnommen war, ſo durfte ſie kecklich neben die Herrlichſten und Schoͤnſten jedes Zeitalters treten. O⸗ Der Beauftragte legte ſelbſt mit Hand an. Er ſchob die ſtaͤhlerne Bettſtelle auf das heim⸗ lichſte Plaͤtzchen des Schlafzimmers, er ordne⸗ v 11 te die ſchwellenden Kiſſen; das Rieſeln der ſei⸗ denen Decke ſprach ihn wie ein myſtiſcher Lie⸗ besruf an. Die fuͤßeſten Blumen des Gartens verhauchten jetzt ihren Wohlgeruch in dieſen Zimmern, Hesperiens Goldfruͤchte reiften vor den Fenſtern und in jedem Verſtecke trank ſich die Fliege den Tod. Froh, wie ſein Gott am letzten Schoͤ⸗ pfungs⸗Tage, ſtand Romano vor dem vollen⸗ deten Werke, als ploͤtzlich ein Wagen in den Hof rollte. Das Fraͤulein! riefen die Bedien⸗ ten. Der Graf hielt eben Mittags⸗Ruhe, ſein Stellvertreter flog herbei; er hob die Ver⸗ ſchleierte herab, er fuͤhrte ſie in's Heiligthum und ſtellte ſich als den Geſellſchafter ihres Va⸗ ters vor. Sie warf den Staubmantel hinter ſich und ſprach— Die Anhaͤnglichkeit mit der Sie ihm dienen, macht mich zu Ihrer Schuld⸗ nerin; wir wetteifern kuͤnftig hin, ich nehme Ihnen willig die Haͤlfte des ſanften Joches ab. Eine zweideutige Guͤte, entgegnete Roma⸗ no, da ſie mich uͤberfluͤſſig machen wuͤrde. S. Fuͤrchten Sie das nicht! Was wir beguͤnſtigen, ſcheint unentbehrlich und mein Vater befindet ſich in dieſem Falle. Die Aeuſſerung klang faſt zweideutiger als die Guͤte. Romano erroͤthete. Sie ſind des Grafen Liebling! fuhr ſie fort, nun wagt ſich eine Neben⸗Buhlerin in die Schranken. E. Des Grafen Gunſt duͤrfte wohl ſchwerlich die Liebe des Vaters beeintraͤchtigen und Ihr gerechtes, mit jener Liebe bis zum Ueberſchwang geſaͤttigtes Herz, wird mir ſein Wohlwollen goͤnnen und zugeſtehn. Aber mein Gott! ſagte ſie, abbrechend und zu dem Fluͤgel hingewandt— Wer ſoll hier Noten leſen und den Teyt erkennen? Mein gu⸗ ter Vater haͤlt mich fuͤr die Erbin ſeiner Adler⸗ Augen— Das Bett ſteht ja viel zu frei. Ich komme ſpaͤt zur Ruh, hier wuͤrde mich das Morgenlicht im erſten Schlafe ſtoͤren. Jetzt trat ſie in das Neben⸗Zimmer und ſchlug, bei dem Aublick der Veſta, ein helles 15 Gelaͤchter auf.— Der Graf hat, wie ich ſehe, die Buͤſten⸗Troͤdler in Nahrung geſetzt. Wer iſt dieſe Goͤttliche? Die Hexe von Endor! rief er verbittert und eine ſolche trat jetzt, mit Schachteln und Pake⸗ ten beladen, ins Zimmer. Zwei Bedienten ſollen herbei! befahl ihre Gebieterin und dieſe Wildniß umgeſtalten. Dann wendete ſie ſich ploͤtzlich wieder zu dem Getaͤuſchten und ſprach mit Heftigkeit— Selbſt der Parket blieb ungebohnt und die⸗ ſer Spiegel macht mich gruͤn und gelb! Damit ließ das Fraͤulein den kaum erhobenen Schleier wieder fallen und eilte in das Cabinet. Gaudieb von Mahler! brummte Romano, der ſo eben erſt ihr Antlitz erblickte: daß Du gehangen wuͤrdeſt fuͤr den Frevel, dieſes widri⸗ ge Zerrbild vermenſchlicht, vergoͤttert zu haben. Pfui der Kunſt, die zur Luͤge wird, die der Suͤnde dient und ihren Maͤgden! Sie kam zuruͤck, ſie ſchlug den hagern, graugelben, auf jenem Bilde verklaͤrten Hals 14 mit einem alten, gruͤnen Reiſe⸗Faͤcher und fragte kurz und ſchnippiſch— Mein Vater, iſt er wohl? E. Seine Wunden— S. Verbind ich hinfuͤhro! Der liebenden Tochter Hand wird ſie heilen. Der Herr woh⸗ nen im Schloſſe? E. Sie wohnen uͤber Ew. Gnaden. S. Eine ſeltſame Vertheilung. Hier wird ſich manches aͤndern muͤſſen. 12 Exzellenz! rief der Kammerdiener in das Zimmer und oͤffnete die Fluͤgel⸗Thuͤr. Das Fraͤulein warf den Schleier zuruͤck und die ha⸗ gern Arme zum Umfangen empor, der Graf trat ein, die Adler⸗Augen blitzten, er ſprach empoͤrt— Sie hier? unangeſagt? Zu welchem Zwecke? Die Tochter faltete ihre Haͤnde, druͤckte ſie gegen die Herzgrube und fragte mit einem bit⸗ ter ſuͤßen Laͤcheln— Sollten der gnaͤdige Papa meinen Brief nicht empfangen haben? 7 15 Keine Silbe— Nun? Mich draͤngt der Neid, der Haß, die Ver⸗ folgung der Stifts⸗Damen, ein furchtbarer Zwiſt mit der Vorſteherin— doch mehr als al⸗ les das, die Reue eines kindlichen Gemuͤths zu Ihren Fuͤſſen. Wie? rief der Graf: Sie wagen es toll⸗ dreiſt, meinem Willen und Ihren Geluͤbden Hohn zu ſprechen? Sind wir nicht auf immer geſchieden? Ward mir nicht Brief und Siegel von Ihrer Hand? Verpflichteten Sie ſich nicht aufs Feierlichſte, mich bis zum Tode mit Ihrer verhaßten Gegenwart zu verſchonen? Kaufte ich nicht die boͤſe Feindin meiner Ruhe mit ſchwerem Geld in das Stift ein, in dem man Sie ohnſtreitig als den unſauberſten aller Gei⸗ ſter erkannt hat? Reue verſoͤhnt! entgegnete das Fraͤulein mit Pathos und hob den ſeidenen Oberrock auf, um ſich vor die Fuͤſſe des Grafen zu werfen, doch dieſer kehrte ihr den Ruͤcken und verſetzte abgehend— Die Zeit der Duldung iſt voruͤber! 16 Fort, ſag ich Ihnen; ohne Zoͤgerung! Frei⸗ willig oder mit Gewalt. Sie verletzen das Gaſtrecht! rief ſie er⸗ grimmt: und ſtellen ſich, nicht mich, vor die⸗ ſem Liebe⸗Diener bloß. Zum Wagen! gebot der General und ver⸗ ſchwand. Die einaͤugige Zofe belud ſich brum⸗ mend mit den Schachteln, das Fraͤulein aber ging ſtuͤrmiſch auf und ab, zerſchlug den grau⸗ gelben Hals mit dem hellgruͤnen Faͤcher und ſprach zu Romano— Das iſt das Loos der ungluͤcklichen Stieftoͤchter! Aber wie ich mich raͤchen werde— an dem eiſernen Vater— an der bleiernen Halbſchweſter— an dieſer Wucher⸗ Pflanze hier— foi d' honneur, davon haben Sie keinen Begriff! Romano ſagte dem Fraͤu⸗ lein ein ſchoͤnes Wort uͤber die Wahl dieſer me⸗ tallurgiſchen und botaniſchen Bilder, er hob ſie bald darauf, nicht ohne Schaden⸗Freude, in den Wagen und dankte eben ſeinem Genius fuͤr die unſelige Taͤuſchung als ein Poſthorn er⸗ 17 ſcholl und die holde, leibliche, der unholden Stief⸗ Tochter folgte. 4 Witommen! rief Emilie: ihre Freude ſtrahl⸗ te aus den Augen der graͤflichen Dienerſchaft wieder, welche den Wagen umringte und ihre Haͤnde und Gewaͤnder mit Kuͤſſen bedeckte. Hoch uͤber das Abbild des Mahlers erhob ſie der lebendige Odem ihres freudigen, freundli⸗ chen Geiſtes, die Anmuth der Blicke, der Stimme und der Bewegungen. Der Graf druͤckte die holdſelige, lang entbehrte Tochter mit der Zaͤrtlichkeit eines Buͤrgers an's Herz, und fuͤhrte ſie in jene Jimmer. Romano blieb, mit ihrem Shawl und ihrem Koͤrbchen in der Hand, auf dem Vorſaal zuruͤck und zerglieder⸗ te, ſtill in ſich ſelbſt verſenkt, die ſeltene Er⸗ ſcheinung. Hier gilt es, ſich des Feen⸗Staabes zu er⸗ IV. 2 2 wehren, ſagte er zu ſich ſelbſt: den Grundſatz zu bethaͤtigen, ein Held zu ſeyn! Was iſt der Mann mit ſeiner Seelen⸗Staͤrke, mit ſeinen Entſchluͤſſen und Erkenntniſſen, wenn die Son⸗ ne der Anmuth vor ihm aufgeht und ihr Him⸗ melsſtrahl die kalte, dunkle Hoͤhle des ſtoiſchen Vernuͤnftlers beleuchtet. Loͤſte er nicht, bei dem erſten, wohlthuenden Blicke mein Inner⸗ ſtes in draͤngende, verſtohlne Sehnſucht auf? Selbſt ihr Shawl wirkte magnetiſch; er hatte den heiligen Buſen bedeckt, er zog Ro⸗ mano's Lippen an und das Koͤrbchen mit dem Strickzeuge voll verletzender Nadeln, glich es nicht dem Koͤcher des ſiegreichen Amors? Endlich trat der Graf aus Emiliens Zim⸗ mer. Romano, ſprach er, laͤchelnd und ver⸗ juͤngt— bin ich nicht ein gluͤcklicher Vater? R. O, in des Wortes vollſtem Sinne und zudem iſt dieſes Gluͤck nur die Vorlaͤuferin ei⸗ nes groͤßern. Sie ſehen den Großvater ſchon unter den Enkeln.— Romano erroͤthete— Gehen 19 Sie zu ihr; ich habe den Haus⸗Marſchall angeſagt. 5. Ramand trat mit lodſnben Herzen vor Emilien. S. Ich ſoll Ihnen danken, ſagt mein Vater, auch haben Sie mich allerdings aufs ſinnigſte verbunden. Die Wahl der Geraͤth⸗ ſchaften, der Farben, der Blumen— die gan⸗ ze Einrichtung ſagt mir zu und lobt den Ord⸗ ner. Mir iſt, als ſey das Kind hier einge⸗ ſchlummert und ſo eben als Erwachſene aufge⸗ wacht. Da, wo der Fluͤgel ſteht, ſtand meine Wiege. E. Die ward zum Saitenſpiel. S. Und die Puppe zur Veſta. E. Der Fall iſt ungewoͤhnlich. S. Man hat mir auch die Orangerie zu⸗ getheilt. E. Das Seltne dem Schöͤnen. S. Da wird ſich das Schoͤne vor Amei⸗ ſen nicht zu laſſen wiſſen. E. Dafuͤr iſt geſorgt; die Baͤume ſtehen iſolirt— wie ich. S. So ſteht der Mann an ſicherſten. Und in dieſem Prunkgemach ſoll ich ſchlafen? E. Nach meinen Begriffen, ja! ich folgte dem Winke der Natur und der Mythe. S. Fuͤrwahr, ein aͤſthetiſcher Bettmei⸗ ſter! Sie beſchaͤmen die Fuͤrſtlichen. E. Die Perl ruht auf Perlmutter, und die Kamoͤne unter Roſen. Es ergoͤtzte den jungen, gefall⸗luſtigen Mann um ſo mehr, ſich wie der Held eines orientali⸗ ſchen Maͤhrchens zu aͤußern, da die bluͤhenden Bilder und die wohlthuenden Worte Emiliens Weiblichkeit anſprachen. Er reichte ihr jetzt den Shawl und das Koͤrbchen. Die Graͤfin dankte mit Traulichkeit und ſagte— Ich hof⸗ ſe, wir werden uns kennen lernen und verbiete Ihnen im Voraus dieſe Verſchwendung des 821 koͤſtlichen Weihrauchs der einem Maͤdchen auf die Nerven faͤllt. Laſſen Sie uns lachen und froh ſeyn und die Erheiterung meines Vaters zu unſerm hoͤchſten Ziele machen. Romano wollte antworten, als der Schloß⸗ Prediger gemeldet ward. Der iſt willkommen! ſagte Emilie und dann mit Waͤrme zu jenem— Das iſt mein guter, geiſtlicher Vater, der mich zur Chriſtin geweiht hat und die leichtſin⸗ nige Beichttochter wohl eher den thoͤrichten Jungfrauen als den Perlen und Grazien Ihrer Mythe vergleichen wird. Jetzt trat er ein; die junge Graͤfin flog, voll Herzlichkeit, an ſeinen Hals und fuͤhrte den erfreuten Greis zur Ottomane. Von ihrem Kuß erquickt, ſagte er, auf Romano deutend— Dem Heiden hat es nie getraͤumt, daß er mich noch beneiden wuͤrde. Die milde Gabe galt nur Ihrem Herrn: entgegnete dieſer: und allen Heiligen. Ihn fin⸗ det die Kamoͤne ab! ſagte Emilie zu dem Beicht⸗ vater, welcher lachend verſetzte— Die iſt ſein 22 drittes Wort und am Ende nur eine junge Zi⸗ geunerin darunter zu verſtehn, deren Harfen⸗ ſpiel ihn am letzten Jahrmarkt begeiſterte. Der eintretende General unterbrach die Neckerey. Er kam, ſich des geliebten Kindes zu erfreun und dem jungen Freund die Beant⸗ wortung der eingelaufenen Briefe zu uͤber⸗ tragen. 6. Der Familien⸗Zirkel war beſchraͤnkt genug, um ſich bald naͤher zu kommen und unwillkuͤhr⸗ lich dem Geiſte des Vertrauens zu uͤberlaſſen. Die Muſen wirkten bei, Emilie ſchlug den Fluͤ⸗ gel, Romano's Floͤte begleitete ſie, der Graf hing mit Ohr und Auge an dem ergoͤtzenden Wettſtreite und freute ſich ihrer beiderfeitigen Kunſtfertigkeit. Des Abends waren ſie ſeine Vorleſer. Das Lied der Lyra, die ruͤhrende Dichtung, das Fromme und Gemuͤthliche fiel —— 23 Emilien zu, und wenn Romano vortrug, muß⸗ te ſie ihm oft genug in den Zuͤgel fallen und mit Winken oder Worten um die verlorene Haltung mahnen. Er durfte ſie im Garten umſchwaͤr⸗ men, gleich einem Edelknaben ſie bedienen, gleich einem Bluts⸗Verwandten mit ihr ſcherzen. Der General fand in dieſem freundlichen Ver⸗ haͤltniß kein Arges, er liebte beide vaͤterlich und bauete auf den edeln Stolz und die Grundſätze der Tochter; Romano aber war, laut ſeiner Erfahrung, laut den Aeuſſerungen des Schloß⸗ Predigers und Emiliens Urtheil, ein Schwaͤr⸗ mer der, das Irdiſche und Sterbliche ver⸗ ſchmaͤhend, an einem Ideale hing das ihn vor jeder aͤhnlichen Verirrung ſchuͤtzte. Doch dieſer flocht indeß bereits, nach der Schwaͤrmer Weiſe, die Glorie ſeines Goͤtter⸗ Bildes um Emiliens Schlaͤfe; er ſah es, bald genug, in ihrer Form, er liebte, bald genug, dieſe harmloſe Fee mit der Gluth eines verzeh⸗ renden Feuers, denn die Ohnmoͤglichkeit lag zwiſchen ihm und dem Beſitze. Romano war 4 24 Vermoͤgenslos, ein Graubuͤndner von buͤrger⸗ licher Herkunft, der Graf ſein Wohlthaͤter und des Juͤnglings Leidenſchaft ein Verrath an der Pflicht der Selbſtbeherrſchung und der Dank⸗ barkeit. Von dieſem Sturm gepeitſcht, irrte Ro⸗ mano eines Tages in dem Park umher, als ploͤtzlich die junge Graͤfin vor ihm ſtand. Sie laͤchelte uͤber ſein Erſchrecken, und ſagte— Mein Freund erſcheint mir, wie ein guter Geiſt, zur rechten Stunde. Ich nehme Ihr Talent in Anſpruch. E. Verlangen Sie mein Leben— S. Gott bewahre es! Nur Ihre Feder. Ich habe eine Freundin, Romano! E. Die iſt beneidenswerth! Das findet ſie ſelbſt, fuhr Emilie ſcherzend fort: und verſagt ſich, offenbar um mir allein anzuhaͤngen, einem bedeutenden Manne, der ihr vor kurzem ſeine Hand antrug. Nun iſt es herkoͤmmlich, daß ich alle Briefe beantworte, welche an Marien einlaufen und daß ſie dieſe, 25 in dem feſten Glauben an die Guͤte meines Machwerks, woͤrtlich abſchreibt und verſendet. E. Viel Dienſtfertigkeit von der einen Seite; zuviel Bequemlichkeit von der andern. S. Nicht ſo vorſchnell gerichtet! Marie findet es leichter, die Haare ihres Haup⸗ tes zu zaͤhlen als die tauben Nuͤſſe des Wort⸗ krams an den Faden zu reihen; fuͤr mich hat dagegen dieſer trauliche Verkehr mit ſteinfrem⸗ den Buſen⸗Freundinnen und unbekannten Ver⸗ ehrern ſeinen Reitz und es ergoͤtzt mich, zu ſehen, wie naͤrriſch ſich die Sucht, meinen Weihrauch und meinen Gernwitz zu uͤberbieten, in der und jener Antwort aͤußert. Das Briefpappier, bemerkte Romano: iſt der Parade⸗Platz aller Gecken und Zier⸗ puppen. Wieder ein Abſpruch! ſagte die Graͤfin, doch mag er unbeſtritten bleiben, weil ich Ih⸗ rer ſo eben bedarf. Marie beſchwoͤrt mich bei ihrem entſchiedenen Widerwillen gegen dieſe Verbindung, den Brief des Freiers abweiſend 26 zu beantworten, ich aber fuͤhle mich einem ſo unfreundlichen Auftrage nicht gewachſen, denn es thut mir weh, die Hoffnung eines Liebenden kalt hoͤflich vernichten zu ſollen. E. O, ſchoͤnes Herz! S. O, ewiger Lobredner! Der Mann verſteht zudem am beſten, wie man ſich in dem gedachten Falle nehmen muß um einem Manne dieſen Becher zu verſuͤßen. Wollen Sie wohl an meiner Statt die Feder fuͤhren? Seufzend verſicherte er— Ich will ihm den Korb flechten! S. Flechten Sie Blumen hinein. E. Narkotiſche Kraͤuter. S. Und das Symbol der Freundſchaft— E. Die erlaͤßt er ihr. S. Vergißmeinnicht. E. Er wirft ſie aus dem Fenſter. S. Der Sgoiſt! Kann man das Herz zur Liebe zwingen? Hier iſt ſein Antrag— den Nahmen ſchnitt ich ab und rechne auf Ver⸗ ſchwiegenheit. Die Sache eilt.. 27 Ich bin nach wenigen Minuten wieder hier: entgegnete er und floh nach dem Schloſſe. 5 7* Romano las den Brief und ſein Geſicht ver⸗ klaͤrte ſich, denn dieſer Antrag⸗war augenſchein⸗ lich an Emilien gerichtet. Sie mag ihn nicht, ſie liebt ihn nicht! Sie ſpart den Goͤtterkranz fuͤr einer Werthern auf und weiht den zum Voll⸗ zieher dieſes Opfers. Nein, hoffe das nicht, Trunkener! fuhr er ſort und griff zur Feder. Kaum vermochte ſie, dem Fluſſe des Balſams zu folgen, den ſein Mitleid in die eben ge⸗ ſchlagenen Wunden des vermeintlichen Neben⸗ buhlers goß. Emilie empfing, ſchon in der naͤchſten Stunde, die Frucht der Begeiſterung. Das Werk lobt den Meiſter! ſagte ſie: und kaͤm ich ſelbſt, fruͤher oder ſpaͤter, in Mariens Lage, ſo wuͤrden Sie vielleicht von neuem in Anſpruch genommen werden. 28 Die ſteht Ihnen taͤglich bevor, entgegnete Romano: Ich nehme Sie bei'm Wort und ent⸗ werfe, ſchon im Voraus, ein Dutzend Erwie⸗ derungen. Es eilt nicht, guter Freund! ſagte Emilie: jetzt aber wird mein Vater Ihrer beduͤrfen. Damit entließ ſie ihn. 8. Der Ruheloſe hatte des Morgens faſt immer unter den Blumen und auf der Wieſe vor Emi⸗ liens Fenſter zu verkehren. Sie naͤhete und ſtickte an dem geoͤffneten und es ward ihm nicht ſelten ein freundlicher Blick, ein herzliches Wort zu Theil, oder die Toͤne ihres Fluͤgels ſprachen ſein Inneres an und er begleitete dann das ſuͤße Spiel mit leiſem Geſange. Die draͤngende Sehnſucht trieb ihn taͤglich naͤher und naͤher; er ſtahl ſich eines Morgens zwiſchen den Orangen⸗Baͤumen hindurch, zum 29 Fenſter ihres Cabinettes. Emilie ſaß, im Schneeweißen Nachtkleide am Schreibtiſche, verſunken in den Inhalt eines Briefs, der die Flamme der Herzinnigen Zufriedenheit auf ihre zarten Wangen lockte. Heilige! lispelte ſein Mund: Du Herrli⸗ che! Du Engelreine! Eine Thraͤne ſiel jetzt aus Emiliens Augen, ſie ſtand auf. Er ſchlich ſich fort und zu den Blumen hin, ſie oͤffnete das Fenſter. Guten Morgen, Romano! E. Das iſt er in der That! S. Ja, ein elyſiſcher! kommen Sie doch ein wenig naͤher— Schon ſtand er vor ihr. Sie huͤllte ſich tiefer in das ſeidene Tuch und ſagte— Wieder ein Anliegen! doch bald das letzte, mein guͤti⸗ ger Freund! Sie ſcherzen! fiel er lauſchend ein. S. Ich kehre an den Hof zuruͤck. Ro⸗ mano erblaßte. Die Graͤfin eilte eben zu dem 30 Schreibtiſch hin und bemerkte daher den Ein⸗ druck ihrer Rede nicht. An den Hof? In den Abgrund? wieder⸗ hohlte Romano, da huͤpfte ſie mit einem Pap⸗ pier in der Hand an das Fenſter und ſagte mit Andacht— Nun bitte ich, Sie wollen meine Beichte hoͤren, hochwuͤrdiger Herr! Ich armes, unwiſſendes Maͤdchen bekenne hiermit, daß mir das verwuͤnſchte vor und fuͤr, das lei⸗ dige das und daß, ja ſelbſt die zweifelhafte Wahl des Sie und Ihnen noch manchen Skrupel macht, daß mir ſo manches. unerkann⸗ te Boͤckchen aus der Feder ſpringt, daß dieſe Zuſchrift endlich, die ſchoͤnen, aber kritiſchen Augen des Freundes, dem ſie gilt, um keinen Preis verletzen darf. Zwar im Franzoͤſiſchen bin ich Taktfeſt, aber der Mann iſt ein Deut⸗ ſcher und kein beſonderer Freund der Fremden. Hier haben Sie den 1 und hier den Bleiſtift. Romano faßte das Blatt mit unſteter Hand und las— 31 Ueber die zudringliche Ungeduld! ich ſoll vollenden, theurer Graf? Sie wollen kei⸗ nen Tag laͤnger anſtehn, dem Kinde, das mit Ihrer Ruhe ſpielt, ſeinen rechten Nahmen zu geben und es Amor genannt wiſſen? Nun, immerhin! Emilien iſt dieſe Ruhe zu werth, um ſich noch laͤnger mit dem herkoͤmmlichen Poſſenſpiele zu be⸗ faſſen und ſie geſtattet Ihnen williglich, dem Drange des liebenden Gemuͤths zu folgen. Die Stimmung des meinigen offenbart ſich, wie ich glaube, in dieſer Verguͤnſtigung. Vor allem iſt mein Va⸗ ter zu begruͤſſen, den es hoffentlich freuen wird, den fruͤh verſchiedenen Sohn erſetzt zu ſehn. Ein Anliegen dieſer Art ſpricht ſich am beſten muͤndlich aus und Sie finden in dieſem Falle, was die Freundſchaft des Vaters und die Liebe der Tochter zu bieten vermag.— Die Ihrige Emilie. 97 A Die Schrift iſt fehlerfrei! ſagte er mit er⸗ blichenen Lippen, gab ihr das Blatt zuruͤck, verbeugte ſich und ging. Sie ſah ihm voll Erſtaunen nach— Ro⸗ maneo! Graͤfin! Er kam zuruͤck, einem Sterben⸗ den aͤhnlich, verſtoͤrt und Geiſterbleich. S. Was haben Sie gegen dieſen Grafen? E. Nichts in der Welt. Er iſt mir fremd. Ich kenne ihn nicht. Ich ſah ihn nie. — Ich hoͤrte nie von ihm! Vollenden Sie! Emilie wollte antworten, ſie vermochte es nicht. Der Schleier ſiel von ihren Augen, der Anblick ſprach zu ihrem Herzen; Romano glich dem Todes⸗Engel, die Fackel ſeines Le⸗ bens ſchien in den Thraͤnen zu verloͤſchen, die ihre Wimper jetzt zerdruͤckte. Haſtig ergriff er Emiliens Hand, druͤckte ſie an die eiskalte Stirn, an die bebende Lippe und ſchied mit ei⸗ nem Klageton von der Verſtummten. Ueber die Maͤnner! ſagte ſie, um ſich des gefaͤhrlichen Mitleids zu erwehren— Was ih⸗ 33 nen zuſagt das begehren ſie und wollen Alles zwingen, nur ſich ſelbſt nicht. Ich bin ihm gut, ich will ihm wohl; warum ſollt' ich es laͤugnen? Er iſt edel, ſittlich gebildet, ein gu⸗ ter Kopf, ein angenehmer Mann, der mei⸗ nem Theodor gefallen wuͤrde. Aber das achtet keine Schranke, keine Ruͤckſicht und ſtoͤrt mit roher Leidenſchaft die Freuden der Geſelligkeit. Es wird zur Pflicht, ihn zu entfernen. 9. Bei Tafel ſprach der Graf— Hat ſich Ro⸗ mano Dir empfohlen? Emilie lispelte einige Worte, die weder Ja noch Nein beſagten; die Frage uͤberraſchte ſie. Er bat um Urlaub, fuhr der Vater fort: und ſchien ſehr zerſtreut und verſtoͤrt. Ein dringendes Geſchaͤft noͤthige ihn, noch heute aufzubrechen, doch werde er nach Kraͤften ſich beeilen um es abzuthun. Er geht fuͤr immer! dachte Emilie, ſtill IV. 3 34 geruͤhrt: Wohl ihm, daß er in dieſem Drange noch den Muth zur Wahl des beſten Theiles fand. Was ſchreibt Dir Wallmohr? fragte der Vater. Sie zog den Brief aus ihrem Buſen und reichte ihm das werthe Geſtaͤndniß. Er hat ſich erklaͤrt! ſetzte Emilie hinzu und ihre Wangen faͤrbten ſich. Ein willkommener Sohn! rief der Graf und wuͤnſchte, hoch erfreut, der Tochter Gluͤck. Der junge Mann iſt mein Liebling— Auch der meine, ſagte ſie Schaamroth. Zwar nicht ſchoͤn— Ein Mars! ſo wollt Ihr unst S. Nicht reich— Sein Kopf iſt ein Freigut. S. Auch hat er es nur bis zum Major gebracht—. Hier wird er Oberſter werden. Ich uͤber⸗ geb ihm die Herrſchaft, da kann er nuͤtzen und ſich, mehr wie dort, ſeines Tagewerks freun. Emilie kuͤßte dem zaͤrtlichen Vater die 35 Hand, er nahm ſie an ſein Herz und ſagte— Du machſt mich gluͤcklicher als zwei Soͤhne. 10. Als Romano die Burg verließ, begegnete ihm auf der Schloßbruͤcke ein Ruͤſtwagen mit zwei leeren, reich verzierten Saͤrgen. Sein Pferd ſcheuete ſich vor dem Geraͤuſche der Raͤder auf den lockern Pfoſten, die vordere Achſe verletzte es am Fuß, es ſtieg, es uͤberſchlug ſich mit ihm, er ward fuͤr tod in das Schloß zuruͤck getragen. Der Graf befand ſich eben mit Emilien im Park. Dort hatte er, im Duͤſter des Luſt⸗ 4 hayns, ein Mauſoleum errichten laſſen, das bereits die Aſche ſeiner Gattin und ſeines Soh⸗ nes barg, und kuͤnftig auch ihm ſelbſt und Emi⸗ lien zur Ruheſtatt dienen ſollte. Eben war es vollendet und die beiden ankommenden Saͤrge beſtimmt, bis zu dem Tage des Bedarfs, zur 2 Rechten und zur Linken des Sarkophags der verewigten Graͤfin zu ſiguriren. Laͤchelnd ſagte der Sonderling, den dies ſchmucke Todtenhaus, als eine Lieblings⸗Idee, ſehr angenehm be⸗ ſchaͤftigte: Wir muͤſſen nun auch auf Deinen Gatten denken, Emilie. Ich daͤchte, ihr bet⸗ tetet Euch zu unſern Haͤupten; die Schlafſtel⸗ len meiner Enkel finden einſt rund um Dich her ihren Platz; der Mutter⸗Liebe weicht die Symmetrie. Emilie laͤchelte jetzt auch, aber ſchmerzlich. Der Vater ſah in ſeiner Puppe nur eine freund⸗ liche Schlafkammer und ſeine Lieben um ſich her im fanften Schlummer, ſie aber ſah mit dem Auge der regen Phantaſie und in dem Thor der Marmor⸗Halle die Spalte des Ab⸗ grunds, der allgemach das Liebſte und das Theuerſte verſchlingen mußte. Ein Geſchrei unterbrach ihre Antwort. Romano! der arme Romano! rief eine klagende Stimme vom Schloß her, ihre Jungfer nahete mit entfaͤrb⸗ tem Geſicht, im vollen Laufe. Er iſt geſtuͤrzt — 57 — Er iſt verſchieden! Der ſchoͤne, herrliche Menſch iſt des Todes! rief ihr das Maͤdchen zu — Des Todes? wiederhohlte Emilie— Des Todes! klagte das Echo in der Halle. Die Graͤfin eilte dem Vater voran, ſie fand ihn auf einem Sopha des Vorſaals. Die Farbe des Grabes bedeckte ſein Antlitz, der Glanz der dunkeln Augen war erloſchen, ſie ſtarrten, halb gebrochen, zu ihr auf. Emilie verſank in den Anblick— Romano! ſprach ſie Schmerz er⸗ fuͤllt, aber der Floͤtenruf weckte ihn nicht— Jetzt faßte ihre Hand die ſeine, ſie rief— Er lebt! Gott ſey gelobt!— Romano ſchlug die Augen auf, er vernahm die werthe Stimme und hielt ihre Hand feſt. Unſere Graͤfin iſt eine Heilige! ſagte der Kammerdiener zu der Gruppe der Umſtehenden: ſie weckt die Todten auf: da, ſeht nur her! 38 11. Romano war am dritten Tage ſchon wieder außer dem Bett und zuͤrnte mit dem Schutz⸗ geiſt, der ihn, wie durch ein Wunder, geret⸗ tet hatte, aber ſein Inneres blieb zermalmt.— Wie ſeltſam, wie ſonderbar! ſprach er zu ſich ſelbſt: daß mir der Sarg der Geliebten den Weg zur Flucht verſperren, daß mich ihr Liebes⸗ ruf von dem Ziele der erſehnten Vollendung zu⸗ ruͤck rufen mußte. O, waͤr' ich entronnen! jenſeit der Berge dort! jenſeit des Meeres! waͤre der neue, zweifelhafte, vernichtende Kampf uͤberſtanden. Ich war ein Thor, ich werd' ein Mann ſeyn. Zeit und Entfernung, die gewaltſamen Freunde des Menſchen, haben noch immer den unſaͤglichſten Schmerz und die Flamme der gluͤhendſten Leidenſchaften beſchwo⸗ ren und die Palme keimt aus der Aſche des Opfers. Da rief ihm eine Nachtigall aus dem nahen Gebuͤſche. Ich komme, ſprach er, lieb⸗ liche Saͤngerin! zum letzten Mahl will ich dem 39 Liede lauſchen, in dem Du oft der Goͤnnerin mein Leid vertrauteſt.— Der Schmerz entwich aus den verletzten Gliedern, Romano ſtahl ſich in den Park hinab, er verfolgte unwillkuͤhrlich einen heimlichen Fußſteig, der ſich durch's Dickicht wand und nach dem Mauſoleo fuͤhrte. Die ſinkende Sonne begoß es mit Purpur⸗ Glanz, die ehernen Gitter⸗Thuͤren ſtanden of⸗ fen, eine Lichtgeſtalt webte um den Sarkophag. Emilie hatte dieſen ſo eben, nach gewohnter Weiſe, mit friſchen Blumen⸗Kraͤnzen ge⸗ ſchmuͤckt und der Zeit gedacht, wo ihre Arme noch, an dieſer Staͤtte, die zaͤrtliche, bluͤhen⸗ de Mutter umfingen, deren Lieblings⸗Plaͤtzchen eine Laube war, die ſpaͤterhin dem Grabmahl weichen mußte. Die Selige ſchwebte der lie⸗ benden Tochter vor, die ihr jetzt den Wechſel ihres Schickſals vertraute, den liebenden Ge⸗ faͤhrten der Zukunft an das Mutterherz legte und ſich den Pflichten der Gattin und des neuen, willkommenen Berufes gelobte. Da trat Ro⸗ mano wie ein Gebild des Schattenreichs aus 4⁰ dem Behaͤnge der Trauer⸗Weiden hervor, auf die Schwelle des Grabmahls. Die Graͤfin blickte auf und nahm ihn wahr; ihr ſchauerte und ſie vermochte kaum, ſeinen feierlichen Gruß zu erwiedern. Ein Kranz von welken Roſen, den Emilie vorhin von der Urne der Mutter nahm, um ſie mit einem friſchen zu bekraͤnzen, entglitt ihrer Hand: Romano griff darnach und ſagte mit ſinkender Stimme— Du bleibſt mein Theil! Die Worte ſielen in ihr Herz. Ich hab⸗ Ihnen ein Andenken zugedacht! ſagte Emilie in ihrer Ruͤhrung und Thraͤnen fuͤllten ihre frommen Augen. Ich halt es ſchon! ſprach er naͤher tretend und druͤckte den Kranz an ſeine Lippen: Sie haben ihn geflochten und geweiht. Ich gehe, Graͤfin, ach auf immer— reichen Sie mir die Hand uͤber dieſem heiligen Grabe; hier, auf der Schwelle der Ewigkeit! Die Liebe der Schweſter reicht ſie Ihnen! lispelte Emilie unter Thraͤnen: der reine Geiſt, der uns in die Ewigkeit nachfolgt. Die Ge⸗ 4²* walt und der Sinn dieſer Toͤne, die Thraͤne, die ihm galt, die Wehmuth dieſes Engels er⸗ regte ſein Innerſtes, er zog ſie weinend an die Bruſt— Entſagen kann ich, ſprach er: doch vergeſſen nie und dieſe Stunde heiligt mich! Verſtummend ſchluchzte ſie an ſeiner Bruſt und ihre Lippen vermaͤlten ſich. Jetzt ward es im Gebuͤſche laut, die Graͤ⸗ fin wand ſich los, ſie winkte ihm ſich zu er⸗ mannen, ſie kuͤhlte ihre gluͤhende Wange an dem Marmor des Grabmahls. Die Angel des Gitters klirrte. Willkommen, ſuͤße Braut! rief eine Stimme, der Graf von Wallmohr flog an ihm voruͤber und als die Umfangene wieder aufſah, war Romano's Trauerbild ver⸗ ſchwunden. 12. Der Mond ging unter. Ein Gewitter, das ſchon am Abend uͤber dem Walde hing, nahete furchtbar, ſein Raben⸗Fluͤgel bedeckte das Sternenzelt, der Glockenſchlag der Mitter⸗ nachts⸗Stunde verklang in dem Sauſen des losbrechenden Sturmes. Romano blickte grol⸗ lend in die Nacht hinaus, ſie trug die Farbe ſeiner Seele. Der Auftritt in der Gruft hatte den Stab uͤber ſeinem Haupte, die Blume ſei⸗ nes Lebens gebrochen, das er, entſchloſſen, dem Untergang weihte. Drei Blitze ſielen jetzt zugleich auf das Schloß; die Erde bebte von dem Schlage. Emilie wußte nicht wie ihr geſchah und draußen ſchrie der Waͤchter— Feuer! Sie flog zum Fenſter hin und ſah, am Giebel des Pfarrhau⸗ ſes, den rothen Wiederſchein der Gluth; ſie ſprang aus dem Zimmer, die Tapeten des Vor⸗ ſaales loderten bereits in hellen Flammen auf; ſie ſtuͤrzte nach dem Gemache des Braͤutigams, doch ein erſtickender Schwefeldampf ſchied hier die Braut von dem Geliebten.— Hinab! hin⸗ aus! rief eine Stimme durch die Finſterniß⸗ eine ſtarke Hand ergriff die ihrige und zog ſie —— 45 fort. Der Vater war es, der die ſchwach Werdende nach einer Laube des Gartens trug und ſich dann wieder in die brennenden Zimmer warf, um noch zu retten was ſich retten ließ. Emilie ſchoͤpfte Odem und ſah umher. Schon wallte der Dampf aus den Fenſtern, ſchon loderte die Gluth in Romano's Kammer, die uͤber der ihren lag. Jetzt glaubte ſie des Braͤutigams Stimme zu vernehmen; die Stim⸗ me ward zum Huͤlfsgeſchrei, Emilie ſank Be⸗ ſinnungslos zu Boden. ☛ 13. Die Unterthanen liebten dieſe gnaͤdige Herw⸗ ſchaft, auch war ſie rund umher geſchaͤtzt, der Dienſteifer der Nachbarn wetteiferte daher mit den Anſtrengungen der Einwohner, das Feuer ſchien am Morgen gewaͤltigt und nur ein Theil des linken Fluͤgels lag in Aſche. Man hatte Emilien nach dem Pfarrhauſe 44 gebracht und als ſie die Augen wieder aufſchlug, hielt ſie der Braͤutigam umfaßt; der alte Pre⸗ diger ſaß zu ihren Haͤupten, die Haͤnde lagen in des Vaters Hand; im Lehnſtuhl aber ſaß Romano, mit verſengtem Haar und laͤchelte wie der Geiſt des Friedens. Sein rechter Arm war von dem Blitze verſehrt, am linken hing der Kranz der welken Roſen. Emilie ſprang von dem Bett auf, ſie fuͤhl⸗ te ſich wohl, ſie umfing die Geliebten, ihr Ge⸗ fuͤhl ward zum Dankgebet; dann feſſelte das Symbol des verſteinerten Schmerzes ihre Theilnahme. Verſuche doch, ſprach der abgerufene Vater im Fortgehn: ob unſer armer Freund Dich kennt?— Emilie fragte, von Wehmuth bedraͤngt, den Grafen, was dieſem Freund begegnet ſey, Wallmohr aber hatte ſich ſelbſt nur durch einen Sprung aus dem Fenſter zu retten vermocht und wußte bloß, daß der Gaͤrtner jenen unter Emiliens Kammer gefunden, fuͤr tod aufgeho⸗ 45 ben und hieher gebracht habe. Die Nachricht war geeignet, ihren ſtillen Antheil zu erhoͤhen, ſie neigte ſich zu ihm. Romanol fliſterte ſie, mit dem ſuͤßen, Herzergreifenden Tone, der ihn vor wenigen Tagen von dem Ufer des Lethe zuruͤck lockte— Er hob die entgeiſterten Augen zu ihr auf und ſein nichtsſagendes Laͤcheln beſtaͤ⸗ tigte die Beſorgniß der Umſtehenden. Armer Romano! fuhr die Graͤfin fort— Die Flamme hat Sie ſehr beſchaͤdigt.— Ro⸗ mano ſchien den Sinn dieſer Worte zu faſſen, ſein Laͤcheln ward ſchmerzlich: er hob den lin⸗ ken Arm empor und druͤckte den geretteten Kranz an die Bruſt. Da wendete ſich Emilie ploͤtz⸗ lich ab und verbarg ihre ſtroͤmenden Thraͤnen, der Braͤutigam aber ſchien geneigt, ihm den Kranz zu entziehn und ſagte— Er haͤlt ihn fuͤr irgend ein geborgenes Beſitzthum, es wird heil⸗ ſam ſeyn, ihm dieſe Taͤuſchung zu benehmen. O, nicht doch! rief Emilie, die jetzt lauter Herz war: wie koͤnnen Sie ſo lieblos ſeyn, 46 ihm auch das letzte, auf Gefahr ſeines Lebens gerettete Kleinod entreißen zu wollen. Das nennen Sie ein Kleinod? ſiel der Graf lachend ein: ich ſehe nur einen verdorrten Dornenzweig, der ihm bereits die Haͤnde blu⸗ tig ſtach— Auch das Herz! dachte Sie und Waltmohn griff jetzt, aus guter Abſicht, von neuem nach der Todten⸗Krone. Da ſprang Romano auf, ſein Auge gluͤhte wieder, er faßte den Major mit der Wuth der Eiferſucht bei der Bruſt. Emilie warf ſich, laut auſſchreiend, zwiſchen beide, ſie ſlehte, ſchmeichelte, draͤngte den Grafen aus dem Zimmer und wollte nun den Kranken ſchelten, der aber war, erſtarrt und bleich, in die Arme des Predigers geſunken, welcher vorhin zu des Grafen Beiſtand herbei eilte. 47 14 Jetzt erſchien ein Arzt, den die ausgeſandten Bedienten unter Wegs aufgerafft hatten. Er kam weit her, war ſtark gegangen, bat um ein Fruͤhſtuͤck und ließ ſich den Verlauf erzaͤhlen. Emilie fuͤhrte das Wort, ſie entwickelte die Ur⸗ ſachen und Wirkungen, den Charakter des Kranken, ſeine Denkart und Lebens⸗Weiſe und legte ihn ſchließlich dem Arzte als den Lieh⸗ ling ihres Vaters an's Herz. Der Doktor ſchiug mit der Hand an das ſeine. Auf dem liegt mancher! hob er ant und ich glaube, nach reiflicher Ueberlegung, nicht ohne Grund behaupten zu duͤrfen, daß der heftige, von Ihrem Dorfbader offenbar zu leicht genommene Fall mit dem Pferde, oder der Blitz, welcher augenſcheinlich das Hinter⸗ haupt und den rechten Arm ſtreifte, oder der Schreck uͤber den Fall und den Blitz, oder uͤber das, durch ihn entſtandene Schaden⸗Feuer, oder wohl auch die Zuſammen⸗ Wirkung gedach⸗ — 48 ter Ungluͤcks⸗Faͤlle, dieſen Zuſtand bewirkt ha⸗ ben muͤſſe. Derſelbe wird ſich nun entweder, nach zweckmaͤßiger Anwendung der, von mir ehebaldigſt zu verordnenden Mittel, allgemach zum Beſten kehren, oder wohl auch zu einem, Gott verhuͤte es, ploͤtzlich erfolgenden Tode fuͤh⸗ ren, oder endlich bis zu des Kranken ſpaͤteſten Lebens Jahren an demſelben bekleiben und ihn den Bloͤdſinnigen beigeſellen. Jetzt bat er um Feder und Pappier und verſchrieb ein Dutzend Mittel, die Emilie, voll Verdruß uͤber den Mißgriff der Bedienten, in das Feuer warf und einen reitenden Boten an den berihmteſen Heilkuͤnſtler der Gegend ſandte. Beſuche ſtroͤmten nun herbei; die Verwuͤ⸗ ſtung im Schloſſe und die Beduͤrfniſſe der Aus⸗ ſtattung, machten eine Reiſe nach der Haupt⸗ ſtadt nothwendig. Romano ward der Aufſicht des Predigers und der Pflege ſeiner ſorgſamen Ehe⸗Genoſſin uͤbergeben, Emilie trat jetzt als Braut vor die verwachſene Prinzeſſin, die ih⸗ ren Groll unter geheuchelter Theilnahme ver⸗ 49 barg und regte den Neid vieler Mitſchweſtern auf, denen der angenehme Graf jetzt geſchmack⸗ los und widerwaͤrtig und hoͤchſtens als ein Ge⸗ genſtand fuͤr den ſogenannten Nothſchnitt er⸗ ſchien— Sie verſoͤhnte die Mehrzahl der Schlimmen durch ihren Taubenſinn, ſie ſtieg im Preiſe bei den Guten, ſie ließ den boͤſen Feind des Hauſes, ihre feindſelige, an einem Gift⸗ und Gallen⸗Fieber verſchiedene Stief⸗ ſchweſter, zur Erde beſtatten und kehrte endlich mit dem Braͤutigam auf die vaͤterliche Burg zuruͤck, um dort, entfernt von der Armſeligkeit und dem Judas⸗Kuſſe des Gelichters, fuͤr den Vater und den Gatten zu leben. 15. Emilie ſuchte am Morgen nach der Ruͤckkehr den alten Prediger heim, der ſie trauen ſollte. Der Antheil an dem Kranken beſchleunigte viel⸗ leicht dieſen Zuſpruch, auch war der Paſtor aus⸗ Iv. 4 50 gegangen und ſeine Hausfrau auf dem oberſten Boden. Dagegen ſtand die Gartenthuͤr auf, durch die ſie ihren Maͤrtyrer in dem offenen Luſthaus erblickte. Die Graͤfin zoͤgerte un⸗ ſchluͤſſfig. Sollte ſie den Einſamen begruͤſſen, ſich uͤberhaupt vor ihm ſehen laſſen? Die inne⸗ re Stimme rieth— Entferne Dich! das Herz dagegen: Sey nicht undankbar!— Sie trat, ſich eines guten Zwecks bewußt, in das Luſt⸗ haus. Romano's Augen glaͤnzten, er ſchritt ihr neu belebt entgegen und faßte haſtig ihre Hand. Sie gruͤßte ihn freundlich und aͤußerte uͤber die vorgeſchrittene Beſſerung ihr Vergnuͤ⸗ gen. Der Kranke deutete, noch immer ſprach⸗ los, auf den gelaͤhmten Arm und druͤckte dieſe werthe Hand leis ſeufzend an die Lippen. Jetzt hafteten ſeine Augen auf dem Verlobungs⸗ Ringe; ein Schauer ergriff ihn, verblaſſend ſah er Emilien an und ließ ihre Hand fallen. Romanol ſagte ſie: wo iſt der Mann, der noch vor wenig Monden die Genuͤſſe der Ent⸗ ſagung pries und die Selbſtbeherrſchung den 8¹ Pruͤfſtein der Maͤnnlichkeit nannte? Immer war ich Ihre Freundin, was verlangen Sie mehr? Soll Ihre ſtraͤfliche Anmaßung das ge⸗ weihte Band zweier Herzen zerreißen? Wollen Sie, beſonnen und gottlos, den Feuerbrand in das Heiligthum werfen? Ich liebe Sie nicht! Meine Hinneigung zu dem angenehmen Geſellſchafter floß aus der Neigung des Glei⸗ chen zum Gleichen, des Frohſinns zu dem Scherze. Ihre Vorzuͤge erhoben dieſes Wohl⸗ wollen zur Achtung, das Mitleid gab ihm ſpaͤ⸗ terhin den Anſtrich der Zaͤrtlichkeit. Die Ih⸗ rige, hoffe ich, ſoll in dem Grolle der beſchaͤm⸗ ten Eitelkeit untergehn, die den Hoffaͤrtigen nach der Graͤfin hinzog; es wird Ihnen, bei der fluͤchtigſten Selbſtpruͤfung, klar werden, daß meines Vaters Vorliebe, daß meine theil⸗ nehmende Herzlichkeit Sie verwoͤhnte und zu der Ueberhebung ermuthigte, die meine Lang⸗ muth erſchoͤpft hat. Der Prediger war indeß zuruͤck gekehrt; er nahm die Graͤfin wahr, er ging nach dem . 5² Luſthauſe, vernahm die Aeußerung, begruͤßte Emilien und fuͤhrte ſie nach dem Familien⸗ Zimmer. Ihre Erklaͤrung gegen den Kranken: ſagte der freimuͤthige Greis: verſoͤhnt mich mit einem Schritte, der außerdem kaum zu recht⸗ fertigen ſeyn wuͤrde. Der Zweck entſchuldigt das Mittel, entgeg⸗ nete ſie: mir ſchien es klar, daß ich, um dies verſunkene Gemuͤth zu erheben, in ſeiner Mei⸗ nung fallen muͤſſe. Stolz wie er iſt, wird ſich Romano empoͤrt fuͤhlen und in dieſer Empoͤrung geneſen. Wohl Ihnen! entgegnete der Prediger: daß Ihr ſanftes Herz dieſem heilbringenden Verſuche gewachſen blieb. Was er mich koſtet, verſetzte ſie, ihren Thraͤnen wehrend: das beſteht fuͤr ſich. Wer ſein Herz verzieht, verwahrloſt ſeine Seele! ſagten ſie neulich: ich glaube dieſe Wahrheit beherzigt zu haben. 16. Wallmohr ſtand an der Thuͤr des Parks, als die Braut aus dem Pfarrhauſe zuruͤck kam. Sie flog an ſeinen Hals. Einen Gang durch die Haupt⸗Allee, wenn es Ihnen gefaͤllt? ſagte der Graf, ſie gab ihm den Arm. Meine Emilie hat geweint, ſprach er ver⸗ duͤſtert: weshalb, laͤßt ſich errathen. S. Das iſt die Frage, Theodor! E. Sie waren im Pfarrhauſe? S. Um mit dem Prediger wegen der morgenden Trauung Abrede zu nehmen. E. Und ſich von dem Zuſtande eines Ge⸗ wiſſen unterhalten zu laſſen— S. Auch nebenbei. E. Der faſt zu nah an dieſem Herzen liegt. S. So nah als jeder Leidende unſeres Kreiſes— E. Den mein neulicher Eintritt in das 54 Grab⸗Gewooͤlbe ſo ploͤtzlich verſcheuchte und der vielleicht nur zu gut wußte, was er that, als er jenen entblaͤtterten Kranz aus den Flammen rettete. Derſelbe Verruͤckte, der in dem Aus⸗ bruche ſeiner Eiferſucht Hand an mich legte, und den nur ſeine niedrige Abkunft vor einem Gang auf Tod und Leben ſchuͤtzt. Ein Comoͤ⸗ diant, liebe Emilie, der den Bloͤdſinnigen ſpielt, um im Vortheil zu bleiben, um ſich, nach wie vor, hier beguͤnſtigt zu ſehn und das weiche, ſchon halb gewonnene Herz meiner Braut unter der Larve des Opfer⸗Lammes zu umſtricken. Emilie erwiederte hierauf mit bedraͤngtem Herzen— Waͤre die Eiferſuͤchtelei der Verlieb⸗ ten nicht ein herkoͤmmliches Uebel und gleichſam der Dorn der Flitter⸗ Roſe, ſo wuͤrde mich dieſe kraͤnkende Eroͤffnung tief betruͤben. Gott ver⸗ gebe Ihnen das Unrecht, welches Sie mir und dem Ungluͤcklichen thun, deſſen ſittlicher Werth uͤber jeden Argwohn erhaben iſt. Laſſen Sie mich dagegen geſtehen, daß ich Ihnen nie die 55 zweideutige Faͤhigkeit zugetraut haͤtte, einen Groll, deſſen Gegenſtand ich bin, Monate lang unter zaͤrtlichen Liebkoſungen verbergen zu koͤnnen. E. unſer Aufenthalt in der Hauptſtadt entzog ihn meinen Augen, ich machte mir Gruͤnde und beruhigte mich. Der weltkluge General, die zartfuͤhlende Emilie, ſprach ich zu mir ſelbſt: werden Sorge fuͤr die Entfernung eines Wahnſinnigen tragen, der ſeinen Wohl⸗ thaͤter ausſetzt und den unziemenden Einfluß auf die Tochter des Hauſes mit roher Verwe⸗ genheit geltend macht. Aber wir kommen zu⸗ ruͤck und finden ihn wieder: es wird die erſte und angelegentlichſte Sorge meiner Braut, den Gehegten und Gepflegten heimzuſuchen und durch dieſe uͤbereilte Theilnahme neue, vermeſ⸗ ſene Hoffnungen in ihm aufzuregen. Verge⸗ ben Sie mir dieſe Offenheit, theure Graͤfin! Ich bin, wie ich bin und es duͤrfte ſelbſt Ihrer Feenhand nicht gelingen, einen Mann umzu⸗ praͤgen, deſſen Foderungen an die Braut und die Gattin von dem Ehrgefuͤhl ausgehen, das keinen Schatten, geſchweige denn einen Flek⸗ ken duldet. S. Ich darf mir einbilden, mit Ihnen auf derſelben Hoͤhe der Grundſatze zu ſtehen und gewiß wuͤrden wenig Worte hinreichen, die Beſorgniſſe eines Unbefangenen zu heben. Ich aber erſpare mir jedes unnuͤtze und verweiſe Sie an den Prediger. E. Wer wuͤrde hier die Stirne haben, ge⸗ gen Sie zu zeugen? So wird auch offenbar, um dieſes rohen Eies zu ſchonen, die Anſtalt zu unſerer Verbindung wie ein lichtſcheues Wagſtuͤck betrieben und alles Feſtliche bleibt ausgeſchloſſen, um dieſen nie geahnten Neben⸗ buhler vor jeder moͤglichen Erſchuͤtterung zu be⸗ wahren. S. Mein Vater haßt die Entweihung ei⸗ nes ſo heiligen Feſtes durch Prunk und Getoͤſe, darum ſollen wir in der Stille getraut werden. Er iſt zu dankbar und zu gut geſinnt, um ei⸗ nen Mann, der den Verbluteten aus dem Ge⸗ 57 tuͤmmel der Schlacht trug und ihm als Genius zur Seite ſtand, wie einen gemeinen Soͤldner zu entfernen. Sein Edelmuth iſt aͤlter, als Ihr Recht und Romano's Verdienſten um mein Haus gebuͤhrt ohnſtreitig eine dauerndere Kro⸗ ne, als der Roſenzweig, den er vom Grabe meiner Mutter mit ſich nahm. E. Vom Grab⸗ Ihrer Mutter? S. An dem Sie uns bei Ihrer Ankunft fanden— E. Ja, ich erinnere mich! und in einer Bewegung, die ich, gutmuͤthig, der Erſchei⸗ nung des Freiers zuſchrieb. Sie werden doch nicht laͤugnen wollen, daß dieſer unſelige Kranz der letzte Ring einer Geſchichte iſt, die man ſehr ungern entſchleiert und zur Sprache ge⸗ bracht ſehen wuͤrde. S. Erwarten Sie keine Rechenſchaft! Ich bin mit mir ſelbſt einig und kein Gegen⸗ ſtand fuͤr den Verdacht. Meine Mutter haͤtte immerhin aus ihrem Grabe ſteigen und bie 5⁸ Zeugin des Lebewohls werden duͤrfen, das Ihre Braut dem bruͤderlichen Freunde ſagte— E. Alles beſeitigt, ſcheint es denn doch, daß Emilie die Foderungen ihrer Abkunft zu wenig beachtete. S. Die Foderungen der Menſchen⸗Liebe haben meines Beduͤnkens den Vortritt. Jene fuͤhrt die Thoren am Seile, dieſe die Guten zu Gott. Daß mich Romano liebt, iſt ſo gewiß, als die Verſicherung, daß ich nur freundſchaft⸗ liches Wohlwollen, Achtung und Mitleid fuͤr ihn fuͤhle. Er iſt tugendhaft und beſcheiden, vollherzig und brav. Er wuͤrde, zu meiner Rettung, in die Flammen geſtuͤrzt ſeyn, wenn ihn der Wetterſtrahl nicht betaͤubt und gelaͤhmt haͤtte. Er iſt jetzt nur der Schatten ſeiner ſelbſt und dieſes Selbſt ging, wie es ſcheint, fuͤr immer in ihm unter. Daher mein Antheil und mein Mitleid. Wie kann ein edles Herz das Ungluͤck anfeinden? E. Das alles ſagt die Braut dem Braͤu⸗ tigam? 59 S. Ganz unbedenklich, lieber Theodor! Auch werden Sie mindeſtens ſo lange in Ge⸗ duld ſtehen muͤſſen, bis ich den Vater, der ihn nicht laſſen will, zu ſeiner Entfernung vermocht habe. Ich uͤbernehme das ſelbſt, rief er aufbrau⸗ ſend: denn ich ſehe klar— Ihr Herz iſt befan⸗ gen, dieſer Geck haͤlt es feſt! Damit verließ ſie der Braͤutigam und eilte in's Gebuͤſch. Emilie ſtand erſchuͤttert und ſah ihm nach. Der ſchoͤne Stern ihrer Hoffnung erblich, es ſchien ihr, als habe ſie ein Unhold im Lichtge⸗ wand des guten Engels getaͤuſcht. Dieſer gluͤ⸗ hende, feindſelige Blick, dieſer beſchimpfende Unglaube, die beſonnene Rohheit, mit der er, um ihr weh zu thun, den wehrloſen Ungluͤckli⸗ chen entwuͤrdigte, offenbarte der Braut, wie ſie glaubte, die Geſchichte der Zukunft und zeigte ihr die gemißhandelte Gattin unter dem Kreuze des haͤuslichen Unſegens. Vater im Himmell klagte ſie: alſo auch mir den Kelch meines bedraͤngten Geſchlechtes? alſo auch ich, 60 gleich ſo viel Tauſenden, ein weinendes Opfer? Die Kammerfrau unterbrach das Gebet durch die Meldung angekommener Gaͤſte. 17. Es waren Zudringliche, die das Brautpaar in Betracht ziehen wollten, und auf die Ein⸗ ladung zum Hochzeit⸗Feſte rechneten, welches jedoch, um Ihretwillen, von einem Tage zum andern verſchoben ward. Zwar hatte Herr von Wallmohr Anſtand genommen, den General um Romano's Entfernung anzugehn; die Graͤ⸗ fin dagegen bereits ihren vaͤterlichen Freund, den Prediger, mit dieſem Wunſch bekannt gemacht. Er fuͤhlte, gleich Emilien, die Nothwendigkeit der Trennung, Theils aber ſtand ihr des Kran⸗ ken Zuſtand und die Vorliebe des Generals zu jenem, Theils das Bedenken im Wege, des Vaters Freude uͤber dies bevorſtehende Feſt 6² durch die Mittheilung dieſer Verhaͤltniſſe zu truͤben. Sie wurden indeß bald genug ruchbar. Die Schloß⸗Predigerin hatte, als Romano's Pflegerin, den Kranken durch die wohlthuenden Wirkungen der milden, muͤtterlichen Obhut, zwar nicht zur Sprache gebracht(die ihm der Wetterſtrahl fuͤr immer geraubt zu haben ſchien) aber aus ſeinem Thun und Gebehrden⸗Spiele, aus den fieberhaften Bewegungen, in die ihn jede Erwaͤhnung des Brautpaars oder der be⸗ vorſtehenden Trauung verſetzte, ſolgerechte Schluͤſſe gezogen und ihm das quaͤlende Ge⸗ heimniß ſeines Grams allmaͤhlich abgelauſcht. Es mußte— wenn ihr Herz nicht noch vor Sonnen⸗Untergang unter der Laſt dieſer Wiſ⸗ ſenſchaft zerbrechen ſollte, ihrer demuͤthigen Freundin, der Schulmeiſterin— es mußte der hoffaͤrtigen, in Romano vergafften Tochter des Herrn Diakonus mitgetheilt werden. Jene trug es zu Klaͤtſchers und Leumunds, dieſe er⸗ griff die Feder, um es den Fraͤuleins, den Maͤdchen und Frauen ihrer ausgebreiteten Be⸗ 62 kanntſchaft mitzutheilen. So fuͤllte ſich denn, zu Folge der Bemuͤhungen dieſer Herolde, der Schloßhof des Generals mit Karoſſen und Stuhlwagen, die Reihe der Gaſtzimmer mit Schlangen und Lauſchern, das Pfarrhaus mit ſchauluſtigen Magiſterinnen und Pfarr⸗Mam⸗ ſellen, welche ſich den ſchoͤnen Ungluͤcklichen durch das Schluͤſſelloch beſahen. 18. Wallmohr bereute ſchon in der Stunde, die jenem Zwiſte folgte, die Haͤrte, mit der er ſich gegen Emilien geaͤußert hatte und haderte nun, gleich andern jaͤhzornigen Tollkoͤpfen, mit dem Verhaͤngniß, das ihn, wie er waͤhnte, ohne ſein Zuthun, fort und fort Zank⸗ und Streitaͤpfel in den Weg werfe. Er nahte ſich, mit Reu und Leid, der tief Betruͤbten; die Verſoͤhnungsluſt der Braut, welche, als eine Gabe des Himmels, dem weiblichen Gemuͤthe 63 beiwohnt, ebnete ihm den Weg und machte ihr die herbe Bekraͤnkung um ſo leichter vergeſſend, da ſie auf Rechnung der Liebe des Braͤutigams ſiel und Emilie, gleich ihren Schweſtern, in der verwundenden Glut des eiferſuͤchtigen Geliebten die ſchmeichelnde Flamme ſeiner Anhaͤnglichkeit ſah.. Jeder folgende Tag ward jetzt zum hochzeit⸗ lichen anberaumt, doch jeder brachte neue Gaͤ⸗ ſte, neuen Aufſchub und das Brautpaar zur Verzweiflung. Der General fluchte bereits, Trotz ſeiner Gaſtfreiheit, ſo oft ein Pferdefuß ſich hoͤren ließ und begriff nicht, welcher gute oder boͤſe Geiſt ihm ploͤtzlich dieſe Maſſe theil⸗ nehmender Verehrer auf den Hals zog. Es liegt am Tage! ſagten ſich dann die Abgeſpei⸗ ſten auf dem Heimwege: bemerkteſt Du wohl, wie duͤſter die Braut iſt, wie zerſtreut und wie Wortarm? Man erkennt den General nicht mehr! ver⸗ ſccherte eine andere. Sonſt der zuvorkommend⸗ 64 ſte, gefaͤlligſte Wirth, muß er ſich jetzt zur ge⸗ meinſten Hoͤflichkeit zwingen. Daß der Braͤutigam Lunte riecht, verſetzte ein Dritter: ſpringt in's Auge; der gelbe Aer⸗ ger ſtand ihm auf der Stirn, auch fand er we⸗ der Ruh noch Raſt und lief aus einem Zimmer in das andre. So wirkte Romano's zerſtoͤrende Leiden⸗ ſchaft noch in den Waͤgen und den Haͤuſern der Nachbarn fort und regte manch feindſeliges Ehepaar zu neuem Streit und Hader auf, der General aber befahl eben jetzt, von Morgen an weder Thuͤr noch Thor zu oͤffnen und alle Zu⸗ ſprechende mit der Weiſung, daß die Herrſchaft verreiſt ſey, abzufertigen. 19. Uaike, des Diakonus Tochter, Romano's feurige Verehrerin, machte ſich, waͤhrend dem, faſt taͤglich ein Geſchaͤft in des Predigers Hau⸗ 65 ſe. Sie hatte durch kleine Geſchenke und ver⸗ trauliche Mittheilungen die alte, lenkſame Schloß⸗Predigerin gewonnen, ſie war als die geſchickte Verfertigerin der Todten⸗ und der Hoch⸗ zeit⸗Kraͤnze gewoͤhnlich fruͤher als dieſe von den Sterbe⸗Faͤllen und Verlobungen in der Umge⸗ bung unterrichtet, und deshalb gleichſam ihr Moniteur. Ulrike durfte dagegen, zur billigen Vergeltung, oͤfter und laͤnger als jeder andere Rocken⸗Beſuch, durch das Schluͤſſelloch ſehen und erhielt ſelbſt die Verguͤnſtigung, dem Kran⸗ ken dann und wann in dem Luſthauſe Geſell⸗ ſchaft zu leiſten. Heut Abends trat ſie mit beſonderem Amts⸗ eifer bei der Paſtorin ein und wisperte— Weiß der Herr Vetter ſchon, daß er das graͤf⸗ liche Paar Morgen trauen ſoll? Kein Wort! verſicherte die Mama: er iſt noch auf dem Filiale. Was Du mir ſogſt, Riekchen! So ſetze Dich doch! Nun, Gott IV. 5 66 der Allmaͤchtige gebe ſein Gedeihen, aber ich zweifle noch— An dem Geihen? ich auch! An der Trauung, mein Toͤchterchen. Mit der iſt es richtig, wenn nicht ein Stern oder was aͤhnliches auf die Erde faͤllt. Vor einer Viertel⸗Stunde ließ mich die Graͤfin ru⸗ fen, ich muß noch den Kranz aͤndern, er iſt ihr zu voll. Damit zog ſie die Myrte aus ih⸗ rem Arbeits⸗Beutel und ſetzte ſich zur Arbeit nieder. Die Trauung ergab einen unerſchoͤpf⸗ lichen Stoff, man vergaß ſich im Laufe der Mittheilung und ward ſo laut, daß Romano, nur durch die Bretwand von den Schwaͤtzerin⸗ nen geſchieden, faſt jedes Wort vernehmen konnte. Dem General, erzaͤhlte Ulrike: iſt endlich, wie mir die Kammerfrau vertraut, reiner Wein uͤber Romano's hoffnungsloſe Paſſion einge⸗ 67 ſchenkt worden; Emilie hat ihm alles entdeckt. Die heilige Handlung wird deshalb, ohne Klang und Sang, auf dem Schloſſe vollzogen und den armen Romano will man, morgendes Tages, unter Begleitung des Sekretairs nach der Reſidenz ſchicken und der Aufſicht des Leib⸗ arztes anvertrann, der ihn in ſein Haus auf⸗ nehmen ſoll. Die Kammerfrau heulte und ſchrie, als ſie mir dies Geheimniß vertraute, uͤber Undank und Grauſamkeit, auch moͤcht' es, wahrlich in Gott! den Stein in der Erde er⸗ barmen. Die Schloß⸗Predigerin ſuchte ihr Taſchen⸗ tuch herbei und ſprach ſodann— Da gehn mir ſelbſt die Augen uͤber. Ach, der arme, un⸗ ſchuldige Menſch! was kann er dafuͤr, daß un⸗ ſer Herr Gott dies Engelskind nach ſeinem Bilde ſchuf? Ulrike legte die Brautkrone von ſich, be⸗ deckte ihr Geſicht mit beiden Haͤnden und wein⸗ te nun auch und noch viel lanter als die Kam⸗ *. 68 merfrau und die Frau Muhme. Wie gut ich ihm bin! geſtand ſie ſchluchzend: wie Seelen⸗ gut! Und wie ſollte man nicht? Aber es wird ein zweiter Werther aus ihm werden, weiß der Herr! Nach Gottes Willen! rief die Alte ſeufzend aus. Da ſitzt ſie nun und zerreißt ihm in aller Gelaſſenheit den ſchoͤnen Lebens⸗Faden, wie ich den Zwirn, wenn die Scheere fehlt. War⸗ um er nur auf dieſe und nicht auf eine andre fiel, die ihn, gewißlich! ſo gluͤcklich gemacht haͤtte, als ein ſterblicher Mann nur zu machen iſt. Unſer Herr Gott ſollte doch da, mit un⸗ ter, ſeine Autoritaͤt brauchen und dergleichen nicht zulaſſen. Aber denken Sie an mich, lie⸗ be Frau Muhme, es koͤmmt dem Brautpaar noch zu Haus und Hof. Der Graf iſt, unter uns geſagt, ein Schalk, ein Maͤdchen⸗Jaͤger, der ſie Tag taͤglich betruͤgen wird. Sie haͤtten 69 nur ſehn ſollen, wie ich ihm neulich in's Auge ſtach und welchen frechen und gottloſen Blick er auf meinen offenen Hals fallen ließ. Mein Alter! rief die Paſtorin, denn der graue Kopf der braunen Stute, die den Schloß⸗Prediger, ſeit ein und zwanzig Jah⸗ ren, nach dem Filiale trug, ward eben vor dem letzten Fenſter ſichtbar und machte dem Zwiegeſpraͤch ein Ende. Sie trocknete ſchnell ihre Thraͤnen und bald nach des Paſtors Ein⸗ tritt brachte der Laͤufer ein Billet von dem Ge⸗ neral, der ihn zur Abend⸗Tafel lud. 20. Emilie fuhr am Morgen ihres Hochzeittags aus ſchweren Traͤumen auf und ſtrich in angſt⸗ hafter Eil das Blut, mit dem ſie ſich bedeckt ſah, von der Bruſt und den Armen ab. Aber die fleckenloſe Weiße dieſer Bruſt und dieſer 70 Arme ſtrafte das Fieberbild Luͤgen; die Traͤu⸗ merin ermannte ſich, gedachte des bedeutenden Tages zu dem ſie erwachte und faltete die Haͤn⸗ de zum heißen Gebete. Der Braͤutigam klopfte bei guter Zeit an die Thuͤr; noch befand die Graͤſin ſich im Mor⸗ genkleide und ihre Kammerfrau, welche ihm gram war, wollte nicht aufmachen. So oͤffnen Sie doch! rief er Emilien gebietriſch zu: es iſt nicht der Uebermuth, der mich herfuͤhrt. Die Thuͤr that ſich auf und zu der Braut ſagte Wallmohr nach einer fluͤchtigen Begruͤſſung: Romano wird vermißt. Vermißt? lispelte Emilie; ihr Herz ſchlug hoͤrbar. E. Die Nachricht vernichtet Sie ganz. S. Soll ſie mich aufheitern? O, nur heute keinen Zwiſt, Theodor! ich bin nicht frei vom Wahnglauben und ein altes Spruͤchwort ſagt— Wie der Brauttag, ſo die Ehe! 71 E. Genug, Romano iſt verſchwunden— S. Verſchwunden?— Vermißt? Theo⸗ dor, foll mich dies Wort vielleicht auf ein ſchrecklicheres vorbereiten?. Das ich nicht wuͤßte. Ihr Mitleid, Emi⸗ lie! erſchoͤpft ſich an einem Unwuͤrdigen, der Ihnen ohnfehlbar nur die Wonne des Braut⸗ tags verkuͤmmern will. Sie wiſſen ſelbſt, wie vaͤterlich der General fuͤr ſeine Zukunft geſorgt hat. Der Prediger bereitet ihn demnach, noch geſtern Abend, auf die heutige Abreiſe vor. Er findet den Kranken heiterer, kraͤftiger, ge⸗ faßter als bisher, er freut ſich der willkomme⸗ nen Erſcheinung, der Zeichen ſeiner Bereitwil⸗ ligkeit, der maͤnnlichen Ergebung in ſein Schick⸗ ſal. Die Paſtorin ſteht mit dem Tag auf, ſie ruft ihn wiederhohlt, es bleibt ſtill. Sie ſieht durch ein Loch in der Thuͤr, ſie oͤffnet dieſe end⸗ lich und findet das Fenſter aufgeſperrt; genug, er iſt entflohn. Eben laß ich die Jaͤger den Wald mit der Kuppel durehſtreichen. 782 Emilie verblich, ein Schauer rann durch ihr Innerſtes, ſie ahnte den Zweck dieſer Flucht, das Werk der Verzweiflung. Der Gedanke, den Schutzgeiſt ihres Vaters, den werthen Ge⸗ faͤhrten goldner Tage, das Opfer dieſer ſchuld⸗ loſen Freuden, von dem Haſſe des Argwohns wie ein Wild verfolgt zu wiſſen, die Befuͤrch⸗ tung, ihn in den Tod geſtuͤrzt zu ſehn, der furchtbare Traum endlich, der als ein bleiches, blutiges Geſpenſt an ihrer Seele voruͤberflog, raubte der Beaͤngſtigten jetzt die Beſinnung; ohnmaͤchtig ſank ſie in den Arm der Kammer⸗ frau. Iſt es verſtaͤndig, ſagte dieſe zu dem Gra⸗ fen: iſt es verantwortlich, die Braut am Hoch⸗ zeittage mit ſolchen Hiobs⸗Poſten zu erſchrek⸗ ken? Erfuhr ſie das nicht nach zehn Jahren noch zu fruͤh?— Wallmohr aber, der dies Verfaͤrben, dieſes Entſetzen, dieſe Ohnmacht fuͤr eine Beſtaͤtigung ihrer ſtillen Leidenſchaft fuͤr Romano nahm, bedrohte die Kammerfrau, verwuͤnſchte ſein Schickſal und ſtuͤrmte fort. — 73 Jetzt kam ihr Bildner und Seelſorger, um der werthen Braut ſeine Gluͤckwuͤnſche zu brin⸗ gen und fand ſie krank und Troſtbeduͤrftig. Emilie theilte ihm ihre Beſorgniſſe mit, er be⸗ ruhigte, ſelbſt bekuͤmmert, die Geaͤngſtete und die vernichtende Gewalt ihres Schmerzes loͤſte ſich in einen Thraͤnenſtrom auf. 21. Der Prediger ging von ihr, um den Braͤuti⸗ gam zu beſaͤnftigen, er fuͤhrte die Sache der Unſchuld mit der Zuverſicht die ihm die Kennt⸗ niß dieſer Frommen gab, er ſprach mit Begei⸗ ſterung von ihren Tugenden und von dem Werth ihres engelreinen Herzens, mit Nachdruck von der Pflicht des Gatten, dieſe zarte Blume um ſeines eigenen Wohles willen, vor dem rauhen Winde der Liebloſigkeit zu bewahren. Er fuͤhr⸗ te den Beſchaͤmten am Schluſſe der wirkſamen Strafpredigt zu Emilien und dann das Paar, 74 welches erſt der Ausſoͤhnung bedurft hatte um das Geluͤbde der ewigen Eintracht zu vollziehen, nach dem Zimmer des Vaters, dem Romano's Verſchwinden das lang erfehnte Freudenfeſt verkuͤmmerte.— Die Thuͤren des Prunkſaals flogen auf, der Graf ward mit Emilien getraut, die ſich, waͤhrend dieſes Morgens, der Vergleichung ihres unduldſamen Stuͤrmers mit dem edlerem und ſanfterem Freunde nicht erwehren konnte und jetzt ihr Ja! nur Ahnungsvoll und ſchuͤch⸗ tern ausſprach. Jetzt aber ſchloß ſie der Braͤu⸗ tigam mit gluͤhendem Entzuͤcken an ſein Herz, er gelobte ihr, leis aber feurig, den verderb⸗ lichen Jaͤhzorn abzuſchwoͤren, ſie auf den Haͤn⸗ den zu tragen und die Zukunft des Ungluͤckli⸗ chen der ſie mit ſeinen Augen ſehe, nach Kraͤf⸗ ten auszuhellen. Emilie antwortete nur durch Thraͤnen, denn noch war ihr Gemuͤth in Weh⸗ muth aufgeloͤſt; dann warf ſie ſich an ihres Vaters Bruſt und ihre Nuͤhrung brach, an 75 dieſer theuern und vertrauten Staͤtte, in lau⸗ tes Schluchzen aus. Bei Tafel war, außer dem Schloß⸗Pre⸗ diger und dem Amtmann, kein Fremder zuge⸗ gen. Des Vaters Truͤbſinn, Emiliens Klein⸗ muth, die Zerfallenheit des Braͤutigams mit ſeinem Bewußtſeyn, verſcheuchte den frohen Fackeiſchwinger. Welch eine Leichen⸗Feier! dach⸗ te Emilie und fuͤhlte jetzt eine kaͤltende Hand in der Bruſt. Es war des Grafen Bildniß, das Kraft der Schwere des Goldes und der Juwee⸗ len die zarte Kette zerriß und nach Emiliens Herzen hinabglitt, die in dem Zufall eine Vor⸗ bedeutung ſah und ſich waͤhrend dem Reſt der Tafelſtunde ihrem Wahnglauben und der Deu⸗ tung der heutigen Ereigniſſe uͤberließ. 22. Man fand ſich im Garten wieder, man durch⸗ ſtrich zu Paaren das ſchattige Gebuͤſch und 76 eben begann die Unterhaltung ein wenig freu⸗ diger und lebhafter zu werden, als Wallmohrs Jager mit dem Gewehr in der Hand herbeieilte und ſeinem Herrn einen großen Raubvogel zeig⸗ te, der im Zenith deſſelben ſchwebte und im Sinken begriffen zu ſeyn ſchien. Der Gene⸗ ral ſah durch das Glas und ſprach— das iſt ein Adler der vom Flug erſchoͤpft oder bereits im Fluge geſtreift ward. Er iſt Schußgerecht! rief Wallmohr und entriß dem Jaͤger das Ge⸗ wehr. Emilie die dieſe Waffe und den Knall und den Herabſturz des getroffenen Adlers fuͤrchtete, trat ſeitwaͤrts in's Gebuͤſch. Er iſt mein! ſagte Wallmohr und druͤckte ab; das Gewehr verſagte. Haſtig zog er die treuloſe Flinte vom Backen, da brannte ſie nach, der Schuß ſchlug in die Buͤſche. Hier lauſchte der arme Romano, welcher ſich vor Tage ſchon in dem Grabmahl verbor⸗ gen und daſſelbe eben jetzt verlaſſen hatte um die nahende Verlorene zu erlauſchen, ihr das 77 letzte, heimliche Lebewohl zuzuwinken und in dem Abendroth ihres Brauttages unter zu ge⸗ hen.— Da ſiel der Schuß, da ſcholl ein Kla⸗ gelaut in der Naͤhe, da ſtuͤrzte Emilie Geiſter⸗ bleich auf ihn zu. Romano! ſtammelte ſie, ein Strom von Blut ſpritzte aus ihrem Buſen auf des Freundes Bruſt. Sie laͤchelte ihn ſterbend an, des Engels Seele floh, aus ſei⸗ nem Arm gen Himmel. Der Braͤutigam ſtuͤrzte herbei, erblickte die Gruppe, riß die Todte von dem Herzen des blutigen Mannes weg, ſah was ihr widerfah⸗ ren war und ſchrie laut auf; Romano aber, der Beneidenswerthe, ſank entſeelt vor der Ge⸗ liebten nieder; die Gewalt des Entſetzens hatte das zitternde Flaͤmmchen ſeines Lebens ver⸗ loͤſcht. Sie ruhen Beide, nach des Vaters Geheiß, in den zierlichen Saͤrgen, die Ihm an jenem Schickſalstag den Weg zur Flucht verſperrten 78 — Sanft ruhen ſie in der Marmor⸗Halle, wo ihm der Kranz der welken Roſen, wo ihm der Kuß der ſuͤßen Lippen ward— Sarg bei Sarg, Opfer bei Opfer— ein Bild des Lei⸗ des und der Liebe. Bruchſtuͤcke a u 8 Juliens Tagebuche. Gacklicher als die Spaͤtfruͤchte des Eheſtan⸗ des ſind, in der Regel, die Kinder jugendlicher Eltern, deren Anſicht noch dem Zeitgeiſte, deren Bildungsplan den Foderungen der Ge⸗ genwart entſpricht. Sie huͤpfen, Hand in Hand mit der bluͤhenden Mutter, einverſtan⸗ den mit dem frohſinnigen Vater in den Freuden⸗ ſaal des Lebens und an dem Haus⸗Altare duf⸗ tet die Roſe, webt und waltet die Hore der jungen Liebe noch. Mir und Auguſten ward es nicht ſo wohl. Die Eltern hatten, bald nach unſerer Entſte⸗ IV. 6 hung, dieſen Freudenſaal fuͤr immer verlaſſen, um den Ehe⸗Segen, mit dem ſie der Herr, noch im Herbſt ihres Lebens erfreute, im Geiſte der Entſagung aufzuziehn und vor der argen Welt und ihrer ſchnoͤden Sinnenluſt zu bergen. Des Vaters rauhe Hand ergriff den Laufzaum und was die ſtrenge Mutter liebte, das zuͤchtigte ſie. Der Moſt ſollte ſich, ihrer Meinung nach, ohne Gaͤhrung zum Weine ver⸗ edeln, das Toͤchterpaar durch Entfernung alles lockenden Irſals, hienieden ſchon dem Himmel zureifen. Dieſer Kampf mit den Grillen der Elterli⸗ chen Wahnbegriffe, dieſer Gram uͤber verkuͤm⸗ merte Anſpruͤche, die Geißel uͤber dem Haupte des aufſtrebenden Frohſinns noͤthigte uns allge⸗ mach einen Heuchelſchein auf, der ſich ſpaͤter⸗ hin, an der Scheitel meiner froͤmmern Schwe⸗ ſter Auguſte, zum Heiligenſchein verklaͤrte; der uns uͤbrigens, waͤhrend dieſer dornigen Lehr⸗ jahre, die Herzen der Menſchen gewann und die gewaltſamen Fuͤhrer taͤuſchte. Mein Be⸗ wußtſeyn laͤßt mir die Gerechtigkeit widerfah⸗ ren, ihn nie zu unwuͤrdigen Zwecken gemiß⸗ braucht, mich ſeiner nur als eines Schirmdachs der Wehrloſigkeit, als einer Schutzwaffe der Nothwehr bedient zu haben. Ich ging in das ſiebzehnte Jahr, als mei⸗ ne Mutter, vor Aerger uͤber die Einfuͤhrung des neuen Geſangbuchs, erkrankte und nach Verlauf von neun Tagen ſtarb. Ein lebens⸗ kluges, unvermaͤltes Tantchen, des Vaters einzige Schweſter, welche bis dahin in Zwie⸗ ſpalt mit den Eltern lebte, trat, an dem Ster⸗ bebett verſoͤhnt, auf ihren Platz. Wir fan⸗ den in der neuen Fuͤhrerin eine natuͤrliche Ver⸗ buͤndete, die ihren Einfluß auf den rauhen, verduͤſterten Vater zu unſerm Heile geltend machte und das Haus⸗Regiment nach Jahr und Tag, in aller Beſcheidenheit, mit ihm theilte. 34 Sein funfzigjaͤhriges Dienſt⸗Jubilaͤum ſtand bevor. Der Praͤſident der Kammer, deren aͤlteſter, wuͤrdigſter und thaͤtigſter Rath mein Vater war, veranſtaltete ohne ſein Wiſſen die Feier, welche das bewaͤhrte Verdienſt kroͤnen ſollte und Tantchen hatte uns bereits ſeit Mo⸗ naten hinreichend eingeuͤbt, um den Ehrentanz nicht von der Hand weiſen zu duͤrfen. Der feierliche Tag erſchien. Dem Vater traͤumte nicht von der Gegenwart ſeiner Non⸗ nen, mit der man ihn uͤberraſchen wollte: die Ball⸗Anzuͤge wurden, hinter ſeinem Ruͤcken, von der guͤtigen Tante fuͤr uns angeſchaft, wir traten zum erſten Mahl in den Farben unſers Alters, im Geiſt der herrſchenden Mode und alſo ganz unkenntlich fuͤr ihn auf. Erkannte ich doch kaum Auguſten, kaum mein eignes Perſoͤnchen im Spiegel, der uns heute wie der Mannetberg der Fabel anzog. Die Tante weinte vor Freuden, als wir in dieſem Pracht⸗ Einbande wie zwei moraliſche Romane vor ihr ſtanden und ſchalt, als ich daſſelbe that, weil —,— — — 2 —— — 85 meine Thraͤnen auf den ſchoͤnen Bruſtſtreif fie⸗ len. Dann legte ſie uns einige Anreden und Antworten auf vermuthliche Begruͤſſungen in den Mund, gab den andaͤchtigen Zuhoͤrerinnen mehrere nuͤtzliche Verhaltungs⸗Regeln zum Beſten, verbeugte ſich gegen Tiſch und Stuͤhle, deren einer der Praͤſident, der andre ſeine Ge⸗ mahlin, der dritte eine ſtolze Graͤfin, der vier⸗ te ein junger, mich zum Tanze aufziehender Mann war und aͤußerte ſich gegen jede dieſer Standes⸗Perſonen in unſerm Nahmen. Dann fuͤhrte ſie die Damen redend ein, wir mußten ihr antworten. Ach, mein Geſchlecht macht mir nicht bange, ſprach Auguſte: das ſoll mit mir zufrieden ſeyn, aber die Herren! Aber die jungen Herren! rief ich aus und ſeufzte: wollte doch Gott, ſie wuͤrden alle zu Tiſchen und Stuͤhlen, ſo lange wir dort ſind. Die Tante lachte laut und ſagte— Es ſind allerdings loſe Geſellen aber ſie nehmen uns wie ſie uns finden. Drumm gebt Euch 36 wie ihr ſeyd, natuͤrlich, harmlos, juͤngferlich, das iſt der beſte Schild gegen die Maͤnner. Der ſtille Glanz der Unſchuld veredelt auch die Roheren in unſerer Naͤhe. Ach, mir iſt Himmelangſt! klagte Auguſte; ſehen Sie nur wie mein Herz ſchlaͤgt.— Auch das meine! ſiel ich ein: der Kleinmuth uͤber⸗ mannt mich ganz. Der Muth koͤmmt mit dem erſten Contre⸗ Tanze! troſtete die Erfahrene: und mit dem zweiten ſchon der heimliche Muthwille. Die Taͤnzer werden Euch tauſend ſchoͤne Dinge ſa⸗ gen. Die uͤberhoͤrt man, ſtellt ſich unglaͤubig, oder laͤchelt— ſo etwa, oder ſo— ein bis⸗ chen wegwerfend, und faͤllt der Menſch mit der Thuͤr in's Haus, dann ſeht ihr gaͤnzlich weg, oder ihm, wenn Euch das Herz dazu wird, recht bitterboͤs in's Angeſicht. Unſere Augen ſind unſere Vormuͤnder.. Aufſehen kann ich um keinen Preis! rief Auguſte. Du ſiehſt ja beim Gebet den Schoͤpfer an: — ee 87 entgegnete die Tante: und wollteſt vor dem ſuͤndigen Geſchoͤpf verzagen? Ja, eben weil es ſuͤndig iſt! ſiel ich ein. Es ſchlug fuͤnf Uhr. Nun wird der Wagen kommen! ſagte ſie, wir falteten beaͤngſtigter die Haͤnde. Die Tante rief— Da koͤmmt er ſchon. Noch ein's, ihr Kinder, faſt das wich⸗ tigſte. Bei Tafel eßt ihr, ungeziert, ſoweit das Schnuͤrband reicht und braucht, wo moͤg⸗ lich, nur die Gabel. Dazwiſchen trinkt ein Glaͤschen Wein. Wein? rief Auguſte aus und ich— Um's Himmels Willen— Wein? Ein Glaͤschen, auf mein Wort! Man wird, nach der Erhitzung, blaß und unſcheinbar, die Lichter bleichen uͤberdies, der Wein faͤrbt dieſe Roſen wieder auf. Jetzt fuhr der Wagen vor. Meine Augen fielen in den Spiegel, ich er⸗ ſchien mir wie uns die Tante ſo eben beſchrieb und haͤtte gern das zugeſtandene Glaͤschen im Voraus getrunken, denn meine Zunge hing, vor Angſt und Bangigkeit am Gaumen; An⸗ 83 guſtens Faͤcher zitterte in ihrer Hand, wir be⸗ neideten Beide die Tante um den froͤhlichen Sinn, mit dem ſie in den Wagen huͤpfte. Es mußte ein langer, Saal durchwandert werden, um nach dem Damen⸗Zimmer zu ge⸗ langen. Der Haufe junger Herrn zerſiel bei unſerem Eintritt in eine Doppel⸗Reihe, durch welche wir mit einer Beklommenheit ſchlichen, die mich noch jetzt, bei der Erinnerung an je⸗ nen erſten Schritt in den Wirbel der Flitterwelt ergreift. Unſere Schaͤferin trippelte wohlge⸗ muth, an der Hand des Herrn der ſie am Ein⸗ gang empfing, vor ihren Laͤmmern her, ver⸗ weilte jetzt vor dem alten podagriſchen Haus⸗ freund des Vaters, dann vor dem jungen Land⸗ rath, unſerm Bekannten, neckte jenen, ſchmei⸗ chelte dieſem und zog, zu Folge des Stillſtan⸗ des, die Augen der Menge nach uns hin. Ich litt im vollſten Sinn des Worts. Der — 89 Mangel an Selbſt⸗Vertrauen, die Frucht der kloͤſterlichen Erziehung, das Grauen der Bloͤdigkeit druͤckte mich nieder und die Engel und Grazien deren dahinten, vielleicht in Be⸗ ziehung auf uns gedacht ward, trieben mir das Blut bis in die Stirn.— Jetzt endlich kamen wir zum Hochgerichte, die Haͤupter der Damen wendeten ſich allzugleich nach dem ein⸗ tretenden Kleeblatte, die freundliche, muͤtter⸗ lich holdſelige Praͤſidentin erſchien mir wie ein traulicher Genius, ich haͤtte an ihrem Herzen weilen und mich ausweinen moͤgen. Die ich anſah laͤchelten, mehr oder minder guͤtig, ei⸗ nige widrig, die meiſten zwiſchen Spott und Neugierde. Die Tante hatte ſchon bei'm An⸗ kleiden geſagt, daß es Morgen, wie wir uns auch anziehn und gebehrden moͤchten, arg ge⸗ nug uͤber uns hergehn werde, aber das waͤre nun ein Mahl die Erbſuͤnde der Frauenzimmer und das Erbtheil der alten Schlange und der Einfluß des Neidhammels, zu dem das Lieblingslamm der Mutter Eva, nach ihrem Suͤndenfall ge⸗ 9⁶ worden ſey.— Jetzt trat der Praͤſident in's Zimmer. Ein angehender Greis von edler, hoher Geſtalt, der vielleicht der ſchoͤnſte Juͤng⸗ ling ſeiner Zeit geweſen iſt. Die Milde dieſes Seelenvollen Geſichtes richtete mich wieder auf; der blitzende Stern an ſeiner Bruſt und die reiche Stickerei des Kleides benahm mir die⸗ ſen Freimuth wieder: meiner Schweſter gelang es, ihm einige ungewaͤhlte aber ruͤhrende Wor⸗ te uͤber die Blumen zu ſagen die ſeine Gnade auf den Lebenspfad unſers Vaters ſtreute, ich aber konnte ihm nur mit einem Thraͤnen⸗Paare danken, das meinen Augen bei dieſer Aeußerung entſtuͤrzte. Er faßte ſichtlich bewegt unſere Hand und ſprach— der Himmel hat ihn reich gemacht! Niccht wahr, lieber Graf! der Kammer⸗ rath iſt ein gluͤcklicher Vater? rief ſeine Ge⸗ mahlin und trat zu der Gruppe. Das Laͤcheln des Praͤſidenten, der warme Haͤndedruck, die Ruͤhrung im Auge und die Erwiederung auf dieſe Frage waren geeignet uns den Kopf zu ver⸗ 9 4 91 drehen. Ein Haͤuflein ankommender Damen unterbrach die Scene, wir nahmen unſere Plaͤz⸗ ze und athmeten allgemach ein wenig freier. Dieſe Reihe ergreifender Eindruͤcke, die Pracht der Zimmer, die ungewohnte Glorie der gro⸗ ßen Welt, des Weihrauchs Duft, der wechſel⸗ volle Reigen glaͤnzender, neuer Erſcheinungen entzweite mich fuͤr den Augenblick mit der Arm⸗ ſeligkeit meines bisherigen Daſeyns, das Gefuͤhl unſeres Mißverhaͤltniſſes zu dieſer Umgebung bedruͤckte mich. Meine vornehmen Nachbarin⸗ nen waren indeß guͤtig genug zu vergeſſen, daß ihnen nur eine buͤrgerliche, von dem Genius des Welttons unberuͤhrt gebliebene Rathstoch⸗ ter zur Seite ſaß. Die eine fand die Beſatzung meines Kleides allerliebſt, die andere wollte ihren Solitair fuͤr Arme wie die meinen geben, deren unfeine, uͤppige Form mich alſo bis da⸗ hin, ganz zur Ungebuͤhr verdroſſen hatte. Jetzt wurden einzelne Saiten⸗Toͤne laut, ſie regten die vorige, kaum verſchwundene Angſt wieder auf. Nur von dem Inſtinkt und den Huͤlfen 92 der Tante geleitet, ſollten wir jetzt vor die Au⸗ gen der Tanzaoͤtter treten und mit gelehrten, kunſtfertigen Prieſterinnen wetteifern. Welch ein Wagſtuͤck! welche Tollkuͤhnheit! Ich warf einen Blick zu Auguſten hinuͤber, in der daſ⸗ ſelbe Bedenken mindeſtens eben ſo angſthaft und noch ſichtlicher anſprach; da trat mein Vater mit dem Praͤſidenten in den Saal, ſtrich an ſeinen unbemerkten Toͤchtern voruͤber und die zuletzt gekommenen Damen umringten ihn und brachten ihre Gluͤckwuͤnſche dar. Er empfing und beantwortete ſie mit einer Anmuth und Geſchmeidigkeit, die uns an ihm, bis jetzt, ganz fremd geblieben war, gleich darauf begann die Muſik, die Praͤſidentin erhob ſich und machte es meinem Vater zur Pflicht, den Ball mit ihrer liebenswuͤrdigen Exzellenz zu eroͤffnen. Ich flog bereits, Arm in Aem mit einem jungen Matador im Wirbeltanze an dem vaͤ⸗ 4 4 8 93 terlichen Jubelgreis voruͤber, als die Waͤrme, mit der ſein Nachbar, der Praͤſident, zu un⸗ ſerm Lobe ſprach, ihm ploͤtzlich die Augen oͤff⸗ nete und mit Verwunderung und Unmuth er⸗ fuͤllte. Ich ſah die Wirkung dieſes Eindrucks, doch mitten durch die Verfinſterung ſeines Ge⸗ ſichts einen laͤchelnden Zug um den Mund, den ihm Theils der Beifall ſeines Goͤnners, Theils die Feenartige Verwandlung ſeiner Toͤchter auf⸗ drang— ich ſah wie dieſe Finſterniß allgemach dem Sternlein des Wohlgefallens an unſerm Hierſeyn und unſern Ausſehn wich und hatte am Schluſſe des Laͤnderers den Muth ihn zu beſchleichen, ſeine Hand zu kuͤſſen, ſie liebend an mein Herz zu druͤcken.— Ich Unbeſonne⸗ ne! An ein Herz das eben jetzt, zu Folge des wilden Tanzes ſo ſtuͤrmiſch arbeitete, daß er ſie mit Erſchrecken von ihm wegzog und mir mit ſeinem graͤmlichſten Geſicht ein Dutzend bittrer Worte ſagte. Der fruͤher gedachte, nuͤtzliche Heuchelſchein mußte jetzt aushelfen. Die Ge⸗ ſcholtene laͤchelte, um der Beobachter Willen, 94 ſo harmlos als ob er mich ſein liebes, goldnes Toͤchterchen genannt habe und huͤpfte zu der Tante hin, die ihre uͤbertroffene Erwartung laut werden ließ und mir den lieben Goldtoch⸗ ter Nahmen mit ſuͤßen Blicken zugeſtand. Der Kreis der Damen wetteiferte, den Zoͤgling des Tantchens durch aͤhnliche Aufmunterungen zu erquicken, die Praͤſidentin kuͤßte mir die Stirn, ſie ließ ſich herab, eine Kleinigkeit an meinem Haarputz zu verbeſſern und ruͤhmte die Wahl ihres Sohnes, des Kammerherrn, der ſo eben einen Polniſchen Tanz mit mir auffuͤhren wollte. Ich wallte hin, an ſeiner Hand. Vor ung der weite, leere Raum, zu meiner Rechten die glaͤnzende Reihe der Zuſchauer, zur Linken der ſchoͤne Graf mit dem Honigwort auf der Lippe, das der erhebende Wirbel der Pauke, das der ſchmetternde, mein Innerſtes erſchuͤtternde Ton der Trompeten uͤbertaͤubte. Meine Wangen gluͤhten, mein Herz ſchlug an die Bruſt und auf des Vaters Antlitz rang der Verdruß uͤber dieſe Freigeiſterei mit dem geſchmeichelten Stol⸗ —,— 8 95 ze und mit der innigen Luſt an ſeinen verwan⸗ delten Toͤchtern, die der Zauberſtab einer Fee beruͤhrt zu haben ſchien.— Ja, er beruͤhrte, er entzuͤckte, er verwandelte mich. Das Leben ging in dieſer Fruͤhlingsnacht mit allen ſeinen Bluͤthen und Knospen vor mir auf, ich ſtieg aus der Todtengruft der Vergangenheit, das Leichenkleid des Stilllebens blieb dahinten, der Engel der Erneuung hauchte die Entfeſſelte an. Mich dauert Auguſte! lispelte jetzt die Tante in mein Ohr: man zieht ſie faſt zu we⸗ nig in Betracht; das junge Schaf von Land⸗ rath ſitzt ſchon bei einer halben Stunde neben ihr und denkt wohl kaum daran, daß man ſich auf dem Balle lieber aufgezogen als unterhalten ſieht. Die Guſtel iſt zu ungeſchmeidig, ihr Ernſt ſchreckt ab; Du aber nimmſt Dich, wie man ſich benehmen muß— Ich war zu gluͤcklich, um nicht gerecht zu ſeyn. Auguſte iſt ſchoͤner, entgegnete ich: ſie iſt auch viel beſſer als ich, und es giebt hoͤhere Verdienſte als die geſellſchaftlichen. 96 Tantchen wollte antworten, als mich ein Offizier um den naͤchſten Tanz anſprach. Es war ein junger, feiner Mann, deſſen gemuͤth⸗ volles, maͤnnlich ſchoͤnes Geſicht einen ſeltſamen Eindruck auf mich machte; ich glaubte den vor⸗ hin geruͤhmten Praͤſidenten in dem Glanze der Verjuͤngung zu erblicken, und die edle, wohl⸗ toͤnende Sprache meines Soldaten vollendete das ſchnell gefaßte, guͤnſtige Vorurtheil. Um ſo weher that es mir daher, ihm bedauernd ge⸗ ſtehen zu muͤſſen, daß ich fuͤr dieſen Abend ver⸗ ſagt ſey. Er verſtand den Blick, welcher waͤh⸗ rend dieſer Entſchuldigung auf meine uͤberſe⸗ hene, in der Naͤhe ſitzende Auguſte fiel, der ich ihn ſo gern zugefuͤhrt haͤtte und ſprach mit Achſelzucken— Das Fraͤulein Schweſter ver⸗ ſichern mir ſo eben, daß Sie nur Polonaiſen tanzen. Die Muſik unterbrach uns jetzt, mein Taͤnzer rief mich ab. Die Scheinheilige! dachte ich: fie bringt ganz offenbar dem Vater dieſes Opfer, der Morgen wohl fuͤr Dornen zu dem heutigen Kranze ſorgen wird. Mein 97 Taͤnzer, ein Jagdjunker, verſcheuchte dieſen Ahnungsgeiſt durch eine rohe Schmeichelei, die indeß nur die Vorlaͤuferin eines Liebes⸗Ge⸗ ſtaͤndniſſes war, welches hinwiederum von ei⸗ nem Fall des Ungeſchickten unterbrochen ward. Mein Waldmann hinkte, ſeine Luna ver⸗ geſſend, nach dem naͤchſten Stuhl und ich woll⸗ te deshalb eben daſſelbe thun, als der Offizier von vorhin um Erlaubniß bat, fuͤr ihn eintre⸗ ten zu duͤrfen. Mein Herz wußte dieſe dienſt⸗ fertige Sorgfalt zu wuͤrdigen. Was er jetzt aͤußerte, war geeignet, den Empfehlungsbrief der Natur und mein Gefallen an ſeiner Perſon zu rechtfertigen und ich fand mich ſehr ange⸗ nehm uͤberraſcht, einen jungen Offizier unter denen ſich meine Phantaſie bisher eine Art boͤ⸗ ſer Engel oder zuͤgelloſer Wildfaͤnge gedacht hatte, mit Weihe und Waͤrme uͤber mancherlei ernſte und wuͤrdige Gegenſtaͤnde ſprechen zu hoͤ⸗ ren. Er hatte mich nehmlich, am Ziele jenes Tanzes, zu dem Stuhle gefuͤhrt, an meiner Seite Platz und das Wort genommen, deſſen IV. 7 4 Hoͤrerin ich im Geiſt und in der Andacht war. Der Vater ſaß ja tief im Spiel und durch ein Zimmer von der Frevlerin geſchieden, die aͤl⸗ tern Damen gleicher Maßen, mein Tantchen ging mit einigen ſorgfaͤltigen Muͤttern ab und zu und laͤchelte mich unterweilen wohlgefaͤllig an. Ich zaͤhle noch jetzt dieſe Stunden zu den ſuͤßeſten und genußreichſten meiner Jugend, der Gipfel der begluͤckten Liebe ſelbſt hat keine ſuͤ⸗ ßern, und nur ihr Morgenroth traͤgt reines Gold im Munde.— Nicht erſt ſeit heute, ſag⸗ te er jetzt: wird mir das Gluͤck, Sie zu be⸗ wundern. Neine Fenſter uͤberſchauen einen Theil Ihres Gartens, und jede Kirchen⸗Pa⸗ rade verſchafft mir den Genuß, eine Heilige beten zu ſehn. O, dieſer Anblick erhebt ein Herz, das ſich, Trotz der Rohheit des Beru⸗ fes, den Sinn fuͤr das Hoͤhere und Goͤttliche erhielt. Der Himmel weiß was ihm darauf erwie⸗ dert ward. Ich ahnete nur, daß mein Laͤ⸗ cheln mit dem empfohlnen der Tante nichts ge⸗ —— a 99 mein haben konnte, daß aber nebenbei meine Augen, ihrer Aeußerung gemaͤß, meine Vormuͤnder waren, und meine Wangen fuͤhlte ich gluͤhen. Vielleicht vernahm er ſelbſt, gleich mir, das Klopfen meines Herzens.— Da kam der unſelige Jagdjunker und pflanzte ſich, breit und baͤueriſch, vor uns hin. Er unterbrach den Offizier, um ſich wie der Held eines Ritter⸗ Romans auszuſprechen, er draͤngte ſich, als ich den Stuhl verließ, anmaßend zwiſchen uns und ich erſchrack uͤber die wenigen, leiſen aber nachdruͤcklichen Worte, mit denen ihn mein Schutzherr zurecht wies. Der Sohn des Praͤ⸗ ſidenten kam jetzt zu gelegner Zeit, mich in den Speiſeſaal zu fuͤhren. Den Toͤchtern des Jubel⸗Greiſes wurden bei Tafel die Ehren⸗Plaͤtze zu Theil; wir ſa⸗ ßen zwiſchen alten und beſternten Herren und es that mir wohl, in dieſem froſtigen Himmels⸗ ſtriche verkuͤhlen zu koͤnnen. Ich ordnete im Geiſt die bunten Erſcheinungen der naͤchſten Vergangenheit, und wiederhohlte mir, zu 100 Gunſten kuͤnftiger Erinnerungen, alles Selt⸗ ſame, Anziehende, Bedeutende. Ploͤtzlich erhob ſich der Praͤſident mit dem Glas in der Hand, und die Vornehmen um mich her mit ihm. Ehre dem Ehrwuͤrdigen! ſprach er, zu meinem Vater gekehrt: dem muſterhaften Staatsdiener, dem unbeſcholtenen Buͤrger, dem trefflichen Hausvater! Mein Vater veraͤnderte, Trotz dem Gleich⸗ muth und der Kaͤlte ſeines Herzens, vor Nuͤh⸗ rung die Farbe, ich erblaßte und erroͤthete mit ihm. Die Wahrheit ſprach aus ſeines Goͤn⸗ ners Munde, oder der Engel der Vergeltung vielmehr. Meine Thraͤnen ſtuͤrzten in das Glas, ſie bedeckten meine Bruſt, ich rang, in Wehmuth aufgeloͤſt, mit dem draͤngenden Aus⸗ bruche dieſes wohlthuenden Schmerzes. Jetzt klang ein Glas an dem meinen. Die jungen Herren hatten hinter unſern Stuͤhlen Platz gefunden und der Aufſchlag des Uniform⸗ Ermels verrieth mir den Theilnehmer an die⸗ —— —,— 101 ſem Trinkſpruche. Zum Ueberfluß nahm ich ihn in dem Spiegel wahr, welcher mir ſchief gegenuͤber hing und in dem er den Zuſtand, deſſen ſo eben gedacht ward, beobachtet haben mochte. Auch er ſchien bewegt. Ich nickte verſtohlen nach dem Spiegel hin, um ihm fuͤr dieſe freundliche Theilnahme zu danken und fuͤhlte meinen Nacken, als ich mich, Odem ſchoͤpfend, nach der Lehne des Stuhles zuruͤck bog, ſanft beruͤhrt. Lange wagte ſich kein zweiter Blick nach dem dienſtfertigen Spiegel hin und als die Neugierde endlich ihr Recht behauptete, ſtand der dicke Jagdjunker an dem Platze des Offiziers, oder lag vielmehr mit bei⸗ den Armen auf der Stuhllehne und hatte bereits den Mund geoͤffnet, um mir nach ſeiner Weiſe den Hof zu machen. Ich fand fuͤr gut, ihn, dem Rath der Tante gemaͤß, eine Taubſtumme unterhalten zu laſſen und ward, zum Glück, jetzt endlich von meinem vornehmen Nachbar angeſprochen, der ſich vor zwanzig Jahren mit unſerm Vater in dem Carlsbade zuſammen ——— 102 fand und eines goldenen Pudermeſſers gedachte, welches er ihm dort fuͤr meine ſelige Mutter habe einkaufen helfen. Ich wuͤnſchte mir bei der Erwiederung Gluͤck, im Beſitze eines An⸗ denkens zu ſeyn, deſſen Werth zu Folge dieſer Mittheilung im Preiſe ſteige und der alte Dom⸗ herr fand ſich von dieſem Gluͤckwunſch ſo ge⸗ ſchmeichelt, daß er mich bis zum Ende der Tafel⸗Freude unterhielt und meinem widrigen Hintermanne alle Luſt benahm, noch laͤnger in den Wind zu ſprechen.— Der Offizier aber war verſchwunden. Unſer Vater fuͤhrte die Tante zum Wagen, wir zogen hinter ihnen drein. Der Landrath, welchen dieſe vorhin ein Schaf nannte, ging bald mir, bald Auguſten zur Seite und erbat ſich beim Abſchied die Erlaubniß, uns Morgen aufwarten zu duͤrfen. Sie ſind zu jeder Zeit willkommen! ſagte mein Vater, der ihm wohl⸗ — 103 wollte; ein Vorrecht ſeines Tauben⸗Sinnes, das er bis jetzt ſpaͤrlich genug geltend gemacht hatte. Wir ſtiegen ein. Der Vater ſprach kein Wort auf dem langen Wege, die Tante deſto mehr. Sie uͤberhaͤufte den geehrten Bruder mit Lobes⸗Erhebungen, ſie zeigte nach dem Himmel auf, in welchem ihre ſeligen El⸗ tern ſich dieſes Tages freuen wuͤrden und er⸗ klaͤrte, dieſem Engel von Praͤſidenten und ſei⸗ ner himmliſch guten Gemahlin noch an jenem Tage fuͤr die ehrenvolle Freude danken zu wol⸗ len, welche die milde Guͤte auf dem Haupte ihres beſtverdienten Bruders gehaͤuft habe. Auguſte dachte jetzt des ruͤhrenden Trinkſpruchs und rief durch dieſe Erinnerung meinen Thraͤnen, der Vater blieb verſchloſſen, ließ die begeiſter⸗ te Tante jauchzen, mich uͤnd Auguſten in Freu⸗ den⸗Zaͤhren zerfließen und bot uns im Vor⸗ hauſe eine froſtige gute Nacht. So iſt er nun! ſagte jene, als wir in un⸗ ſer Stuͤbchen traten, um das Zauberkleid ab⸗ zuſtreifen und es auf eine lange, nicht zu be⸗ 104 rechnende Zeit mit der altmodiſchen Haustracht zu vertauſchen. Es war nicht huͤbſch von Dir! ſagte ich in meiner Verſtimmung zu Auguſten, daß Du Dich ausſchloſſeſt und um dem Vater zu gefal⸗ len, wie ein Kaͤutzlein in verſtoͤrten Staͤtten ge⸗ behrdeteſt. Sey nicht lieblos! entgegnete ſie, mich um⸗ fangend: nur Wenigen ward die Gabe der Gra⸗ zien und ich fuͤhlte zum Gluͤck, zeitig genug, wie wenig man ohne dieſe auf einem ſolchen Platz an dem ſeinigen iſt. Auch entſchaͤdigte mich der liebenswuͤrdigſte aller Maͤnner fuͤr die⸗ ſe Entbehrung und ward er mir, im Laufe die⸗ ſes Abends, nur halb ſo gut als Deine Schwe⸗ ſter ihm, ſo haͤlt er naͤchſtens um mich an. Gott geb' es doch! ſagte die Tante: dann nimmſt Du unſer Julchen mit auf ſein ſchoͤnes Gut und ich bleibe bei dem Vater und troͤſte mich, wenn er brummt und graͤmelt, mit Eu⸗ rem Gluͤcke. Wir kuͤßten ſie fuͤr die gute Ge⸗ finnung, wir mahlten den reizenden Traum 105 aus und ich faßte Muth, die Tante beilaͤufig zu fragen, ob ihr nicht etwa der Nahme des juͤngferlichen und doch ſo maͤnnlich ſchoͤnen Offi⸗ ziers bekannt worden ſey, mit dem ich gelän⸗ dert und der waͤhrend der Tafelzeit meine Stuhllehne nicht verlaſſen habe. Wie? fiel ſie ein: den kennſt Du nicht? Die Ehre war groß, liebe Tochter! und nichts gewiſſer, als daß die vornehmſten Fraͤuleins Dich um dieſe Auszeichnung beneideten. Das iſt Prinz Joſeph, ein Verwandter der Fuͤrſtin. Ich ſtand eben vor dem Spiegel, um den Knospenzweig, welchen die Praͤſidentin vorhin feſt geſteckt hatte, aus den Haaren zu loͤſen und ſah mich erroͤthen. Ein Prinz? ſeufzte ich; das Bild des jungen M Mannes verklaͤrte ſich zum Ideal. Das iſt wohl traurig? ſagte ſie: ja, ja, ich ſeh Dir's an. Ein Prinz? rief Auguſte und ſchlug in die Haͤnde: O, du beneidenswerthe Prinzeſſin! Morgenden Tages wirbt der um Dich und der 106 Vater wird hoffentlich mit Freuden ſeine Ein⸗ willigung geben. Dann zieh ich mit Dir in ſein Reich und Dein Zukuͤnftiger macht meinen Landrath zum Miniſter. Geſteh mirs frei, fuhr Tantchen fort: Du koͤnnteſt ihm wohl gut ſeyn, wenn er kein Fuͤr⸗ ſtenſohn waͤre? Von Herzen! fiel ich kleinlaut ein. Armes FJulchen, ſagte ſie ernſt werdend: ſo denke Dir, er ſey ein Koͤnig— ein Halbgott! kurz er ſey kein Mann fuͤr Dich, denn viel eher wuͤrde Dir der Vater ſeinen Segen entziehen, Dich enterben, Dich aus dem Hauſe ſtoßen, als einen Offizier als Schwiegerſohn in ihm aufnehmen. Ich ſcherzte nur, mein gutes Kind. Dieſer Menſch heißt Herr von Helfen und haͤngt von einer alten Tante ab, die ihm das Brot giebt und die weder ſo gut, noch ſo ſchwach, noch ſo dienſtfertig als manche andre Bluts⸗Verwandte, und der Hochmuth und der Ahnenſtolz ſelbſt iſt. Den ſchlage Dir doch gaͤnzlich aus dem Sinne. — — 107 Ich zwang mich, laut zu lachen, ſagte ihr die gute Nacht, eilte nicht ohne Herzleid in mein Kaͤmmerlein, um die Gebilde und den Stoff dieſer Inhaltreichen Nacht ungeſtoͤrt zu zergliedern und der ſchoͤne Juͤngling ward der Held eines reizenden Traumes, in dem die boͤſe Tante und der harte Vater ſich zum Ziele leg⸗ ten und liebend wetteiferten, uns zu einem gluͤcklichen Paͤrchen zu machen. Gegen Mittag kam Auguſte in die Garten⸗ Laube, wohin ich mich gefluͤchtet hatte, um meinen Gedanken nachzuhaͤngen und dem ange⸗ ſagten Landrath freie Hand bei der Schweſter zu laſſen. Sie hatte rothgeweinte Augen, zwang ſich jedoch zu laͤcheln und flog mit unge⸗ wohnter Heftigkeit an meinen Hals. Julchen, ſagte ſie: ich ſoll eine Fuͤrbitte einlegen und wuͤnſche Dir im Voraus Gluͤck. Zwar mit dem Prinzen iſt es nichts, aber auch ich hatte 108 geſtern nur auf Sand gebaut, denn nicht um mich ſondern um Dich wirbt der Landrath. Ich ſtand erſtaunt. Um mich? Sie nickte bejahend und zog ein Brieflein aus dem Buſen. Hier haſt Du die Beglaubigung. Nimm, lies das und gewaͤhre! Bewahre mich Gott vor dieſem Frevel! ſprach ich abweiſend. Auguſte ward beredtſam. Er iſt fromm und bieder, ſagte ſie: geachtet, Erbherr zweier Guͤter und uͤberdies, ſo bald Du willſt, ein Edelmann. Du biſt ſehr gut! ſiel ich ein: vergoͤnne mir, es auch zu ſeyn. Jetzt traten die Thraͤ⸗ nen ihr in's Auge, ich druͤckte ſie an's Herz. Nun wird es Pflicht, den Brief zu leſen, um ihn beantworten zu koͤnnen, fuhr ich fort: denn Wehe uns, wenn er den Vater in das Spiel zoͤge. Julchen! bat die Arme mit ruͤhrender In⸗ nigkeit: nimm den Mann! Um des Vaters, um der Zukunft Willen, denn er liebt Dich ſehr! —.— 109 Die Sorge fuͤr meine Zukunft verbietet die⸗ ſe Wahl, entgegnete ich. Heirathe, wer es vermag, ohne Liebe, es gehoͤrt eine Rohheit dazu, die das Weib entwuͤrdigt, oder eine Verzweiflung, die es betaͤubt. Damit eilte ich nach der Gartenthuͤr hin, doch ploͤtzlich vertritt mir ein Mann den Weg. Ein dunkler Frack faͤllt mir ins Auge, ich ſehe auf und begegne den blauen, ſanften Augen meines Soldaten. Er nahm mein Erſchrecken wahr, ergriff meine Hand, die in der ſeinen zitterte und ſprach— Ein unguͤnſtiger Zuſall entfernt mich in der naͤchſten Stunde aus dieſer Stadt, aus meinem Vaterland und aus dem Leben ſelbſt, wenn Sie mich hoffnungslos entlaſſen— Der Vater! unterbrach ihn eine warnende Stimme, die Tante warf ſich zwiſchen uns, ich druͤckte ihm voll Angſt und Theilnahme die Hand und floh nach der Laube zuruͤck. Gott, was begegnet Dir? rief Auguſte. Es fehlte mir an Odem, ſie mit der uͤberraſchen⸗ 110 den Erſcheinung bekannt zu machen und in der folgenden Minute ſtand der Vater vor uns. Julie, ſagte er: hier iſt ein Brief an Dich, den ich ohnfern der Gartenthuͤr an der Erde fand. In der Vorausſetzung, daß er ihn bereits geleſen habe, entgegnete ich mit der Offenheit, an die man uns fruͤher, durch eine Reihe von Pruͤfungen und Strafen gewoͤhnt hatte— Er iſt vom Landrath Bender, der mich heirathen will.— Ey, ſieh doch! fiel er ein: da wirſt Du den Vater wohl in das Vertrauen ziehen muͤſſen? Wie billig, guter Vater! leſen Sie— Er brach ihn auf und ſeine Stirn verfinſterte ſich von Zeile zu Zeile, bis zum Grolle der Erbitte⸗ rung. Furchtbarer war er mir nie erſchienen. Der Landrath ward zum Leutnant! ſagte er: zum Tollhaͤusler vielmehr, der erſt von Ehrfurcht, dann von Leidenſchaft, zuletzt von anbetender Liebe ſchwatzt. Vermuthete, natuͤr⸗ liche Fruͤchte des geſtrigen Balles. Ich will 111 nicht wiſſen, auf welchem Wege ſich dieſer Wiſch in mein wohl verwahrtes Haus einſchlich und erwarte dagegen nur die Vollmacht, ihn an Deiner Statt beantworten zu duͤrfen. Laß dieſe Langmuth Dich beſchaͤmen! Ich war keines Wortes maͤchtig, er ging nach dem Hauſe zuruͤck. Hatte mir jener ei⸗ nen Brief in die Hand geſpielt und ich dieſen in der Beſtuͤrzung verloren? Oder entfiel er dem Fliehenden? Ich weiß es noch jetzt nicht. Gleich darauf kam das Stuben⸗Maͤdchen, welches Auguſte verſchickt hatte und ſagte, ganz erhitzt— Herr Gott, uͤber den Auflauf! So eben trugen ſie einen jungen, Kugelrunden Menſchen zum Neuthor herein, der ſich heut in der Fruͤhe mit einem Offtzier geſchoſſen hat und wohl den Mittag nicht erleben wird. Welch ein Morgen! Die Nachricht durch⸗ drang mich gleich einem Todes⸗Schauer, Hel⸗ fens Aeußerung benahm mir jeden Zweifel und mein Bewußtſeyn erklaͤrte mich fuͤr die unſchul⸗ dige Urheberin dieſes heilloſen Zweikampfs. 112 Auguſte ſah ihre Schweſter erbleichen, fertigte das Maͤdchen ab und umfaßte mich Hinſin⸗ kende. 1 Als mir die Beſinnung wieder kam, fand ich mich zwiſchen ihr und der Tante, die den Auftrag hatte, mich zu dem Vater zu beſchei⸗ den und jetzt das, geſtern ſo erhobene Feſt und mein, ihr geſtern ſo erfreuliches Benehmen, verwarf und verklagte. Dann nahm ihr Mit⸗ leid wieder uͤberhand, ſie ſprach mir zu, ſie troͤſtete mich und ahnte nicht, daß ich zum Zankapfel fuͤr zwei Raufſuͤchtige ward, daß die entſetzliche Befuͤrchtung eines verurſachten Todtſchlags mein beaͤngſtigtes Herz zerdruͤckte. Ich raffte mich endlich auf und trat in des Va⸗ ters Zimmer. Dein Liebhaber, ſagte er, mir entgegen kommend: iſt entweder ein Narr oder ein Gluͤcksritter oder beides zugleich. Nur ein Narr freit um ein Maͤdchen, das ihm erſt vor wenigen Stunden bekannt ward, nur ein Abenteuerer ſpricht ſchon am zweiten Tage von 213 ewiger Liebe und gluͤhender Leidenſchaft, die ihm, was klar in's Auge ſpringt, mein Geldkaſten einfloͤßt. Man haͤlt mich fuͤr einen Kroͤſus, weil ich nach der Weiſe unſerer ſpar⸗ ſamen Voreltern lebe und die beduͤrftigen, geld⸗ ſuͤchtigen Freier wuͤrden ohnfehlbar dies Haus ſchon geſtuͤrmt haben, wenn ſie nicht zum Gluͤck den Schutzdrachen des Schatzes in mir ſaͤhen, der die verlornen Soͤhne anlockt. Dein Herr von Helfen aber iſt noch obendrein ein Boͤswicht, der den Neffen des Praͤſidenten im Zweikampfe toͤdtlich verwundet hat. Jetzt frag ich Dich, ob Du geſonnen biſt, mir einen ſolchen Schwieger ſohn zu geben? Die Ohnmacht, Dein Aus⸗ ſehn, Deine Aeußerungen ſeit dem Auffinden jenes eingeworfenen Brandbriefs, machen die⸗ ſe Frage zur Pflicht. Sie thun ihm Unrecht, guter Vater! ent⸗ gegnete ich: er iſt leichtſinnig, heftig, uͤber⸗ eilt, aber edel, und verdiente von Ihnen ge⸗ kannt zu ſeyn. IV. 8 114 Der Ehre hoffe ich zu entgehn. Das Gift hat ſchon gewirkt— Wehe Dir, Ungerathene! Ich bin nicht ungerathen! ſagte ich, von meinem Selbſtgefuͤhl geſtaͤrkt. So gieb dem Landrath Deine Hand! fiel er ein. Die Abſichten dieſes Redlichen wurden mir laͤngſt klar und ich bedarf eines Stabes fuͤr mein Alter. Toͤchter ſind ſchwankende Roͤh⸗ re, nur auf den Sohn kann der Greis bauen und dieſer Bender iſt ein Eckſtein. Sage Ja! ſo empfaͤngſt Du eine koͤſtliche Mitgift an Geld und Gut und vaͤterlichem Segen. Ich liebe ihn nicht! Mein Kind, die eheliche Liebe hat mit der jugendlichen Wallung wenig oder nichts ge⸗ mein. Sie iſt ein Verdienſt, eine Tugend und muß als ſolche, unter Kreuß und Leiden er⸗ worben und angeeignet werden. Sie iſt die Frucht der Selbſt⸗Beherrſchung und der Ent⸗ ſagung, der Triumph eines edeln Gemuͤths uͤber die Lockungen und die Wechſelſucht der Sinne.— Ich ſchwieg. Seine Heftigkeit kehr⸗ 116 te zuruͤck, er machte einige ſtuͤrmiſche Gaͤnge durch das Zimmer, blieb dann ploͤtzlich vor mir ſtehn und fragte— Nimmſt Du ihn? Sobald es mir gelungen ſey wird, den Freier liebenswerth zu finden. Das heißt bei Deiner Anſicht— Nimmer⸗ mehr! Ich ſtell es Gott anheim. Den laͤſtert dieſe Heuchelei— Ich ſchwieg — Dem Moͤrder aber, dem Vogelfreien, gaͤbſt Du unbedenklich das Geleite? Den kenne ich erſt ſeit geſtern, mein Va⸗ ter! und entſage dem einen wie dem andern. Er trat zum Arbeitstiſch und hieß mich gehn. Es draͤngte mich, ſeine Knie zu umfaf⸗ ſen und den Erzuͤrnten zu verſoͤhnen, aber die Natur hatte dies eherne Herz, wie ich es kann⸗ te, fuͤr jede Anfechtung der Zaͤrtlichkeit betaͤubt. Ich ging und verwuͤnſchte jetzt vom Herzen das geſtrige Zauberſpiel und den Feentraum, aus dem ſich eine ſo heilloſe Wirklichkeit entſponnen hatte. 116 Ach! ſeufzte die Tante: haͤtte man das Un⸗ heil ahnen koͤnnen, ſo waͤren wir fein und loͤblich daheim geblieben und haͤtten geſtickt oder geflickt und das laͤngſte Bußlied des alten Geſangbu⸗ ches dazu angeſtimmt. Der Landrath, ſagte ich: waͤre dennoch gekommen und ſie entgegnete: Vielleicht, aber auch Guſtel, die ihm ſonſt beſſer gefiel; Dein geſtriger Anzug, Deine Tanzfaͤhigkeit, bei der ich, Gott verzeihe mir! an die Herodias dachte; Dein Thun und We⸗ ſen hat ihn der Schweſter abſpenſtig gemacht. Liebe Tante, wie koͤnnen Sie dieſem gleich⸗ muͤthigen Manne ſolchen Wankelmuth zu⸗ trauen? Die Maͤnner ſind Menſchen! erwiederte ſie: und der Boͤſe ſicht die Starken und die Frommen am liebſten an. Jetzt kam der Vater, ich floh hinter den Schirm. Der Teufel iſt los! rief er eintre⸗ tend. Das ſagte ich eben! fiel die Tante ein: und den ſoll mir kein Freigeiſt wegkluͤgeln. Ich greife ihn mit Haͤnden, fuhr er fort: —yj— 117 und wohl ein jeglicher, der nicht mit dem blin⸗ den Gaul um die Wette gelebt hat. Glaube mir, Schweſter! es waltet ein Unhold uͤber dem Menſchen⸗Geſchlecht, der weder das Gu⸗ te noch das Heilbringende aufkommen laͤßt; weder den Frieden auf Erden noch die Ruhe im Hauſe und im Herzen. Iſt Dir wohl je ein erſehntes Vergnuͤgen geworden, an das ſich nicht vor, oder bei, oder nach dem Genuſſe ein widriges Aber gehangen haͤtte, in dem Du nicht irgend ein Hexenhaar fandeſt, dem nicht irgend ein Unfall auf dem Fuße gefolgt waͤre? So Dir, ſo mir, ſo dem ganzen, eingeſcheuch⸗ ten Menſchen⸗Geſchlechte. Bald koͤmmt er als Geſchichten⸗Traͤger, bald als Pantippe— bald bricht er, als Goliath, den Hader vom Zaune oder verteufelt, in lockender Leibes⸗und Liebes⸗Geſtalt, das Gemuͤth. Bald regt er ganze Voͤlker auf, bald unterwirft er ſie dem Fußtritt des Ruchlo⸗ ſen; jetzt, liebe Schweſter, iſt er endlich auch bei uns eingezogen. Wie wohl war mir ge⸗ ſtern! Der Engel der Vergeltung kuͤßte mich, 118 die funfzig Muͤh⸗ und Dornenvollen Dienſtjah⸗ re lagen, wie ſo viel gute Thaten, vor meinen Augen, wie ein reiches, der Schnitter gewaͤr⸗ tiges Fruchtfeld, das ich im Schweiße meines Angeſichtes beſtellt hatte. Mit Andacht und Dankbarkeit empfing ich den Erntekranz aus des Goͤnners Hand und lobte Gott, deſſen gnaͤ⸗ diger Wille mich dieſes Garbenfeſt erleben ließ⸗ Da erblick ich meine Toͤchter in dem Arm der Verſucher, mit der entzuͤgelten Hoffart im Au⸗ ge mit dem entbloͤßten Hals, im Schaamlo⸗ ſen Geiſte der Mode gekleidet, und wer ſie ſah der lobte ſie darum und ins Geſicht und unſere verlorenen Soͤhne ſchwenkten die Bethoͤrten wie Urian die Hexen des Blocksberges. Mir ſchauerte die Haut, ich ſah den boͤſen Feind, es kuͤßte ſie, er fuhr mit uns nach unſerm ſtillen Hauſe und macht ſich nun allmaͤhlig breit. Die Guſtel iſt in den Landrath verliebt, der Landrath in die Julie, die Julie in einen Bruder⸗Moͤrder, mit dem ſie allenfalls zur Hoͤlle üͤhre. Dich, liebe Sophie, weihte Sar 119 tanas in Deiner Unſchuld zur Kupplerin und mir hat er die Rolle des Pantalons zugetheilt, der gern den Buhlen Arm und Bein zerſchluͤge, aber ſo lange geplagt und genarrt wird, bis er ſie ſegnet und benedeiet. Und wenn nicht alles das des Teufels Arbeit iſt, ſo ſoll er mich, vor Deinen Augen hier, wie Fauſten und ſein Kebsweib hohlen! Die gute Tante, welche bis jetzt nicht zum Worte gelangen konnte, ſchrie bei dieſer frevel⸗ haften Aeußerung laut auf und naͤherte ſich mei⸗ nem Verſtecke. Es iſt nicht denkbar, ſagte ſie: daß ihm eine ſolche Macht uͤber getaufte Chri⸗ ſten gegeben ſey, aber mein Gebet wird ihn bannen. Fuͤrchte nichts, lieber Bruder: Dei⸗ ne Toͤchter ſollen ihm im Glauben widerſtehn. Was ſchlaͤgt ſich nicht ein Maͤdchen aus dem Sinne, wenn man ihm den ewigen Schwefel⸗ pfuhl zu Gemuͤthe fuͤhrt. Aus dem Sinne, ſagſt Du? Nicht ein Haubenband! Lehrt Dich Dein Bibelbuch doch auf der erſten Seite ſchon, was das erſte 1 —ÿõ—— 8 120 Weib, gleich nach dem erſten Odemzug angab. Es ruhete nicht, bis Satanas die gewuͤnſchte Notiz von ihm nahm, bis der arme Adam ver⸗ rathen, betrogen, zum Narren gehabt war, wie ich, Dein ungluͤcklicher Bruder hier. Der Gram, das Leid, der Drang, ihn zu beruhigen, trieb mich jetzt hinter dem Schirm hervor. Mein Glaube an die Macht des Boͤſen, die unſelige Folge dieſer Ballnacht, welche mir allgemach als ſein Werk erſchien, der Abſchen vor dem Quell des Unheils, ließ mich ploͤtzlich in dem Offizier einen ſeiner dienſt⸗ baren Geiſter erblicken und zu des Vaters Fuͤſ⸗ ſen eilen. Von neuem gelobte ſich ſeine Julie dem Himmel, entſagte der eignen, freien Wahl und legte ihm, Statt allen Widerſpruchs, Au⸗ guſtens Schickſal an das Herz. Er hob mich auf und ſchien geruͤhrt. Lieber Bruder! ſagte die ſchluchzende Tante: Du ſiehſt, der Boͤſe weicht dem Engel, der Dein Kind bewahrt. Jetzt iſt es an Dir, ihn vollends aus dem Hau⸗ ſe zu werfen, das bisher ein Tempel des Herrn 121¹1 war. Dringſt Du dem Julchen Deinen Land⸗ rath auf, den ſie nicht liebt, ſo ſetzt er ſich von neuem feſt, denn es giebt keine heißere, hoͤllli ſchere Hoͤlle als einen ungluͤcklichen Eheſtand. Darum bin ich eine Jungfer geblieben und ha⸗ be, ſchon als ſolche, Macht und Gewalt uͤber den Unſaubern— Weich, Teufel, weich! rief ſie jetzt, wie begeiſtert, mit chriſtlichem Ungeſtuͤm und ſchwenkte das Tuch in der Naͤhe des Vaters. Er that ihr Einhalt und ſagte— Sieht es doch aus, als ob Du mich ſelbſt fuͤr einen Beſeſſenen naͤhmeſt! Er fahre denn aus! fuhr er fort: ich will ihn wahrlich nicht weich betten! Sprich mit dem Landrath, Schweſter! und von meinem Bedauern, daß ſeine Paſſion eben auf die juͤngere Tochter gefallen ſey, wel⸗ che Auguſten in mehr als einer Ruͤckſicht nach⸗ ſtehe und dem heiligen Eheſtande noch lange nicht gewachſen ſey. Wir jauchzten laut und bedeckten den Va⸗ ter, der mir nie ſo vaͤterlich erſchienen war, mit dankbaren Kuͤſſen, ich aber eilte nun zu 122 Auguſten hinab und fand die arme, vielgeliebte Schweſter in der Gluth eines heftigen Fiebers. Sie geſtand mir, ſich bereits ſeit mehrern Ta⸗ gen unwohl gefuͤhlt aber des Jubel⸗Feſtes we⸗ gen ihr Uebel⸗Befinden verſchwiegen zu haben. Schon bei dem erſten Tanz ſey ihr ein Schwin⸗ del zugeſtoßen und ſie deshalb nothgedrungen geweſen, jede folgende Einladung abzuweiſen. Vielleicht auch habe die erlittene Angſt und Bangigkeit den Krankheitsſtoff entbunden und gereift, genug, ſie fuͤhle ſich ſehr krank und als eine Verlobte des Todes oder des himmli⸗ ſchen Freundes vielmehr, der ihr aus goldenen Wolken die Hand biete. Ich nahm ſie liebend, tief erſchuͤttert an mein Herz, wir weinten uns aus; ihre Lippen, ihre Wangen erblichen und ergluͤhten Wechſels⸗ weiſe, ſie redete irr. Da wurden meine Kla⸗ gen zu Gebeten, meine Gebete zu Thraͤnen, ich wuͤnſchte mir, an ihrer Statt, den Tod. 123 Ohnfehlbar enthielten die zwei folgenden, fehlenden Hefte dieſes Tagebuchs, Auguſtens Krankheits⸗Geſchichte, ihren Hintritt und die Triebfedern von Juliens endlicher Hinneigung zu dem Landrath, als deſſen Gattin ſie ſich, in dem nachſtehenden Reſte, wie folgt, aͤußert. Die beliebten, angenehmen und geiſtreichen Geſellſchafter ſind das vielleicht am ſeltenſten der Gattin gegenuͤber und gleichen oft genug dem Schauſpieler, der zwar ſein Publikum entzuͤckt, daheim aber, mißmuthig und abge⸗ ſpannt, auf der Ruhebank bruͤtet, oder die Anmaßung der geſchmeichelten Selbſtliebe im Geiſte ſeiner Comoͤdien⸗ Tirannen ausſpricht. Mir wucherte meines Mannes Herz, das den Mangel an blendenden, gefäͤhrlichen Talenten uͤberſchwenglich erſetzte. Er hatte ſich uns, an dem Sterbebett meiner verklaͤrten, unvergeßli⸗ chen Schweſter, durch die Weisheit und die Waͤrme dieſes Herzens, als Menſch, als 124 Freund, als Troͤſter werth gemacht; unſere Haͤnde lagen, von Ihr vereint, in der Hand der Verſcheidenden, die Religion und Ihre Liebe hatten gemeinſam unſern Ehebund ge⸗ weihet und geheiligt und ich empfand das from⸗ me Gluͤck einer traulichen, auf ſolchen Pfeilern unerſchuͤtterlich ruhenden Eintracht auf eine Dauer, welche die ſtuͤrmiſche, aus widerſtre⸗ benden Elementen gewobene Leidenſchaft wohl nie gewaͤhren kann. 1 Meine erſte Begegnung nach unſerer Ruͤck⸗ kehr von des Landraths ſchoͤnen Guͤtern war der Jagdjunker, welchen Herr von Helfen vor drei Jahren an den Rand des Grabes verſetzte. Der Menſch erkannte mich und erroͤthete: viel⸗ leicht eine Folge des beſſernden Kranken„Lagers, das oft der heilſamſte Arzt des Thoren iſt. Mein guter Heinrich fuͤhrte nun ſein junges Weib in den fruͤher erwaͤhnten Freudenſaal und der heilige Eifer, in dem ich, am Tage nach dem vaͤterlichen Jubelfeſte, die Tanzluſt fuͤr im⸗ mer abſchwor, hielt mich nicht ab, auf Baͤllen 125 eine theilnehmende Augen⸗Zeugin des Genuſſes zu werden, den mir der boͤſe Feind ſo fruͤh ver⸗ kuͤmmert hatte. Mein Tantchen aber konnte nicht unterlaſſen, an jedem Ball⸗ oder Geſell⸗ ſchafts⸗Tage auf die Schlingen und Stricke des Widerſachers hin zu deuten und rieth mir, ihn zu Sicherſtellung meines Heils, in allen und jeglichen Kriegs⸗ und Friedens⸗Uniformen, in ſchwarzen und ſcharlachnen Fracks(der be⸗ kanntlichen Leibfarbe des Fliegen⸗Gottes) vor⸗ auszuſetzen; denn die Vorausſetzung, ſagte ſie: ſchadet den Beargwohnten nicht, Dich aber er⸗ haͤlt ſie auf der Huth. Meines Mannes Zimmer war neben dem meinigen. Plötzlich hoͤr ich ihn eines Nach⸗ mittags in laute Freudens⸗Bezeigungen aus⸗ brechen, vernehme eine wohltoͤnende, bekannte Stimme, und erblicke durch die Spalte der angelehnten Thuͤr ein Geſicht, deſſen Zuͤge mir, 226 ſeit Jahren, oft im Traum erſchienen, und oͤfter noch in einſamen, der Erinnerung geweihten Stunden, vor das Auge getreten waren. Es iſt Helfen, von dem man, ſeit jenem Zweikam⸗ pfe, außer der Verbannung, die ihn traf, kein Wort vernahm, den ſein Gluͤckſtern in fremde Dienſte gefuͤhrt, ſein Muth und ſein Geſchick zum Oberſten erhoben hatte und welcher jetzt in der Heimat auftrat, um die Unterdruͤckung je⸗ nes Urtheils zu bewirken und ſich des Nachlaſ⸗ ſes ſeiner juͤngſt verſtorbenen Goͤnnerin zu ver⸗ ſichern. Als ein einſtmahliger Freund und fruͤherer ditſchuͤler des Landraths konnte er nicht um⸗ hin, dieſen zu bewillkommen und mein arglo⸗ ſer Heinrich ſaͤumte nicht, die angelehnte Thuͤr zu oͤffnen und dem Gaſte die junge Frau vorzu⸗ ſtellen, welche ihm, wie er guͤtig hinzu fuͤgte, durch ihre Liebe das Leben verſchoͤne.— Ich fuͤhlte mich bis zu der Stirn ergluͤhen, auch Herr von Helfen veraͤnderte die Farbe, wir ſtanden uns, einige Augenblicke lang, in wach⸗ 227 fender Beſtuͤrzung gegen uͤber. Mein guter Mann, der bei ſeinem Tauben⸗Sinne den regen Antheil des Freundes an dem geprieſenen Gluͤcke voraus ſetzte und ihn mit der Geſammt⸗Maſſe ſeines haͤuslichen Reichthums bekannt machen wollte, eilte jetzt nach der Kinder⸗Stube, um den kleinen Julius herbei zu hohlen und ließ die Verzagende, zur gerechten Strafe fuͤr die Verheimlichung ihrer fruͤhern Beziehungen, mit dem Oberſten allein. Kaum war mein Mann verſchwunden, als Herr von Helfen ploͤtzlich naͤher trat, meine Hand an ſein Herz druͤckte und mit leidenſchaft⸗ licher Haſt zu mir ſagte— Sie werden erra⸗ then, was mich in Ihre Naͤhe fuͤhrt und mei⸗ nen Schmerz zu wuͤrdigen verſtehn. Mit Ih⸗ rem Bild in der Bruſt erwarb ich mir, jenſeit der Alpen, was dem Soldaten ziemt und gebuͤhrt — mit meiner Liebe kehrte ich, und wie es ſchien fuͤr Sie dem Leben aufgeſpart, zuruͤck und finde die Geliebte in des Andern Arm! Nach einem froſtigen Laͤcheln, welches ich 128 mir aufnoͤthigen mußte, verſicherte ich ihm, daß es mir unbegreiflich ſcheine, wie ein geiſt⸗ voller, mit dem Laufe der Dinge und dem menſchlichen Herzen vertrauter Mann die Wal⸗ lung einer warmen Stunde ſo ernſtlich habe nehmen und feſthalten koͤnnen— Jetzt aber miſchte ſich das unberufene Mitleid ein und ſchilderte ihm meinen Schmerz uͤber ſein Miß⸗ geſchick, deſſen unwiſſende Triebfeder ich ge⸗ worden ſey. Er kuͤßte in heftiger Bewegung meine Hand und ſprach— Der Brief, den ich ſo gluͤcklich war, in dem Augenblick unſerer Trennung, in dieſe mir entriſſene Hand zu fuͤgen, mußte hinrei⸗ chen, ſie mit dem Ernſt und der Gewalt einer Leidenſchaft und mit der Wahrheit des Gefuͤhls vertraut zu machen, das weder Zeit noch Ent⸗ fernung getilgt haben. Der Brief fiel, unerbrochen, in des Va⸗ ters Hand: erwiederte ich. Das Schickſaß wollt' es ſo und was es uͤber uns verhaͤngt, 129 das iſt, nach meinem oft bewaͤhrten Glauben, ſtets das Beſte. Was ich litt! entgegnete er, zwiſchen Groll und Wehmuth— was ich wagte, was ich that, Ihrer wuͤrdig zu werden und das Vorurtheil eines liebloſen Vaters zu beſiegen, kann weder Rang noch Glanz, kann Ihre Hand, Ihr Herz mir nur vergelten. Die ſind verſagt! fiel ich ein: und die Aeuſ⸗ ſerung iſt ſo unzart als unnuͤtz— Die Hand der Freundin und das Herz der Schweſter! unterbrach er mich— Ihr Gefuͤhl und mein Ungluͤck ſprechen mir dieſe kaͤrgliche Vergeltung, den zweiten Platz in dieſem Her⸗ zen zu. Hand und Herz ſind vergeben! wiederhohlte ich ihm: der Landrath ward mein Freund und mein Geliebter, und meine Pflicht iſt heilig wie ſein Recht. Jetzt ſchlang er kuͤhn den Arm um mich und ſagte— Julie, Du liebſt mich noch! Dein Herz trat in jener Zauber⸗ nacht, es trat am Morgen, bei dem Lebewohl, IV. 9 130 in Deine Augen, es ſpricht noch jetzt— Gern waͤr' ich Dein! Und mein, beim Himmel! ſollſt Du werden! Ich rang mich waͤhrend der vermeßnen Rede los, da kam mein Mann mit dem Julius auf dem Arm und wollte den Kleinen belobt wiſſen. Helfen warf einen gluͤhenden Blick auf das Kind, das die Haͤndchen verlangend nach mir ausſtreckte und zwang ſich dann zu einem Gemeinſpruch uͤber die Schoͤnheit des Knaben und ſeine ſprechende Aehnlichkeit mit der Mut⸗ ter. Ich nahm den Julius an mein Herz. Sie ſehen, ſagte ich: wie gluͤcklich die Gattin und die Mutter iſt. Er verblaßte, ich ging und uͤberließ es meinem lieben, redſeligen Manne, ihm ein Gemaͤlde dieſes haͤuslichen Freuden⸗Standes zu entwerfen.— Der Ober⸗ ſte hatte vergebens meiner Ruͤckkehr entgegen geſehn und dann kurz abgebrochen und ſich beurlaubt. 131 Unartige Frau! ſchalt Heinrich, in mein Zimmer tretend: ich wollte groß mit Dir thun, da liefſt Du davon und kamſt auch nicht wieder. Sage, warum nicht? Weil der boͤſe Feind mich verſuchte. Ich erzaͤhlte ihm jetzt die Ball⸗Geſchichte mit ihren Folgen, die er laͤngſt haͤtte erfahren ſollen. Von allen dem, entgegnete er, nach einer Reihe von Kuͤſſen, welche mir meine Aufrich⸗ tigkeit einbrachte: hat mich die gute Tante un⸗ ter dem Siegel der Verſchwiegenheit, ſchon vor Jahr und Tag unterhalten und mir ſelbſt die geringe Meinung nicht verhehlt, welche mein Julchen damahls von den Geiſtes⸗Kraͤften ihres nachherigen Eheherren hegte. Heute be⸗ ſchaͤmt Dich mein Mutterwitz dafuͤr. Deiner Treue ſo gewiß, als des geheimen Zwecks, dem wir dieſen Zuſpruch verdanken, empfing ich ihn mit Jubiliren, nahm den Judaskuß wie ein Liebes⸗Siegel auf und fuͤhrte den vorſäͤtz⸗ lichen Friedens⸗Stoͤrer in das Heiligthum un⸗ * 132 ſerer Gluͤckſeligkeit ein. Er giebt es, nach die⸗ ſer Belehrung, hoffentlich auf, Dich zu ver⸗ derben und ſeinen Jugendfreund nach der Welt Weiſe zu betruͤgen. Laß packen und anſpannen, bat ich ihn: wir fahren noch heut auf Dein Gut zuruͤck. Das Gegentheil! ſiel Heinrich ein: wir gehen nun taͤglich in alle Geſellſchaften. Ich bin zu ſtolz, um in den Augen des Duͤnkelvol⸗ len als ein eiferſuͤchtiger Thor zu erſcheinen, der nur in der Entfernung ſeines beſtrittenen Schatzes Ruh und Sicherheit zu finden glaubt; des Weibes Tugend aber, ſoll ſich im Feuer der Anfechtung bewaͤhren. Keine Vorſtellung half⸗ die Konzert⸗Stunde ſchlug, ich mußte ihn da⸗ hin begleiten. Herr von Helſen trat, bald nach unſerer Ankunft, in den Saal; die fruͤhern Bekannten 133 draͤngten ſich an ihn, ſeine Heroen⸗Form, die Goldbedeckte Uniform, der Orden und die Faͤ⸗ higkeit dieſem modiſchen Flitterſtaat durch ſeine Darſtellung Gewicht zu geben, zog die Augen der Damen auf ihn hin. Welche Kuͤhnheit! ziſchelte eine der Vor⸗ nehmſten: der Mann gilt hier fuͤr Vogel⸗ frei. Man wird ihm die Begnadigung in das Haus ſchicken! verſicherte die zweite und eine alte Oberſtin verſetzte— Sie wollen ſagen, er werde als General bei uns ankommen; dann iſt mein armer Mann kaput!— Jetzt naͤherte er ſich, ich zog mich ſchnell auf einen Platz im Hintergrund zuruͤck, doch meine Augen beobach⸗ teten ihn. Der Oberſte gruͤßte die vornehmen Damen ſehr nachlaͤſſig, wechſelte hoͤchſtens mit den bekannteſten einige Worte, zog ſich allmaͤh⸗ lig ruͤckwaͤrts und ſtand mir nach wenigen Mi⸗ nuten zur Seite. Es verſteht ſich wohl, daß alle Haͤlſe laͤnger wurden, daß ich die Augen 134 der Damen auf mir ruhen wußte, die ins⸗ geſammt nicht zu begreifen ſchienen, welche dringende Veranlaſſung dieſen Helden des Ta⸗ ges, mit Uebergehung der Vornehmen und Ebenbuͤrtigen, zu der unbedeutenden Landraͤ⸗ thin hinziehe. Meine Nachbarinnen vernah⸗ men ohnſtreitig jedes Wort der Begruͤſſung und den Stoff den er an dieſe knuͤpfte; mich machte die Beſtuͤrzung taub und meine Antworten wuͤr⸗ den mir ſchwerlich einen Platz in der Reihe der Aspaſien erworben haben. Die erſte Symfonie begann, aber fuͤr ihn ſchien es weder ein Orcheſter noch ein Publikum zu geben. Er lehnte ſich an meinen Stuhl, ver⸗ kuͤrzte durch dieſe Stellung den Weg zu meinem Ohr und aͤußerte ſich, fort und fort, im Geiſt der Ruͤckſichtloſen Leidenſchaft.— Zu meiner Rechten ſaß ein altes Hexenbild, zur Linken ein niedliches Wachspuͤppchen, denen ich ver⸗ gebens Wort und Rede abzugewinnen verſuchte. Die Alte ſprach nicht deutſch, der Kleinen 235 ſchloß die Bloͤdigkeit den Mund und eine ſchoͤne Frau vor mir, fertigte das Dutzend meiner Fragen und Bemerkungen im Geiſte der Ver⸗ ſchmaͤhung, kurz und wegwerfend ab. Am Ende— dachte ich in meiner Bedraͤngniß: haͤlt man Dich fuͤr eine fruͤhere, vertraute Be⸗ kannte des Oberſten, denn der Boshafte legt es offenbar darauf an, Deinem Rufe zu ſcha⸗ den und mit einem Verſtaͤndniß zu prahlen das Du verabſcheuſt. Ich bin Ihr Schatten! lispelte er jetzt: ich bleibe Ihr Schatten, ich trotze dem Albernen, den man der Wehrloſen aufdrang und regt er ſich, ſo fodre ich ihn zu einem Gang auf Tod und Leben.— Damit verließ er mich. Ich ſaß betaͤubt, von Schauern ergriffen, mein Herz betete, mein Kopf ſann auf Aus⸗ wege und als ich endlich wieder aufſah, begegne⸗ te mir das widrige Geſicht des Jagdjunkers, der mich mit lauſchenden, haͤmiſchen Blicken maß und ſeinem Nachbar in's Ohr ziſchelte, 136 welcher das Glas vor die Augen zog und den Gegenſtand der Mittheilung aufſuchte. Mein Stolz empoͤrte ſich, ich blickte, ſchnell ermu⸗ thigt, rund umher und gewahrte den Landrath im Geſpraͤch mit dem Peiniger; es lief mir eis⸗ kalt durch die Glieder. Leicht konnte ja dieſer Tollkuͤhne eben jetzt auf ſeinen ehrloſen Zweck hin arbeiten, heute noch die Haͤndel vom Zaun brechen und das Aeußerſte zeitigen. Die ein⸗ tretende Pauſe gab mir Flucht; ich eilte durch die Damen⸗Reihe zu meinem Manne hin und klagte uͤber einen Fieber⸗Anfall, der mich die baldige Entfernung wuͤnſchen laſſe. Helfen ver⸗ ſchwand, doch nur um gleich darauf mit einem Glaſe Limonade fuͤr mich, zuruͤck zu kehren. Es ward, ohne aufzuſehn, von der Hand gewieſen. Ein Abgehender verwickelte in dieſem Augenblick den Landrath in's Geſpraͤch und jener benutzte dieſe Friſt zu neuen, wahnſinnigen Aeuſſerungen, die mich um ſo tiefer verwundeten, da ein Kreis von Of⸗ fizieren in ſeinem Ruͤcken ſtand und er laut — 137 genug ward, um von dieſen vernommen zu werden. Jetzt kam mir n blich Rath von Oben, der Himmel ſandte mir ſeinen Engel, er fuͤhrte die holdſelige, allverehrte Praͤſidentin herbei. O9, gnadige Frau! rief ich in meiner Bedraͤng⸗ niß, Sie erſcheinen hier ganz im rechten Au⸗ genblick, um die gute Sache der Ehre und der Pflicht fuͤhren zu helfen und zwiſchen mir und Ihrem Neffen zu richten. Sie laͤchelte be⸗ fremdet, mich aber machte Zorn und Angſt be⸗ redtſam, ich gedachte ſeiner Naͤherung auf je⸗ nem Ball, ſeiner Erſcheinung am folgenden Morgen, ſeines heutigen Benehmens am Al⸗ tare meiner Hausgoͤtter und der beſchimpfenden Zudringlichkeit, mit der mich der Drohende hier verfolge. Vergebens hatte Herr von Helfen ſeine An⸗ klaͤgerin zu unterbrechen geſucht, und jetzt ver⸗ ließ ihn, mit der Farbe, die Faͤhigkeit den Frevel zu beſchoͤnigen. Die Praͤſidentin ſtand empoͤrt 138 aber betroffen zwiſchen uns und ſchien auf Wor⸗ te der Beruhigung fuͤr mich zu ſinnen, als mein Mann, den ich noch im Geſpraͤch begriffen waͤhn⸗ te, ploͤtzlich herbeitrat und ſein Bedauern aͤuſ⸗ ſerte, dieſen argloſen, mit ſeinem Freunde ver⸗ abredeten Scherz ſo ernſtlich genommen und zum Quell einer Mihhelligkeit werden zu ſehn. Der Oberſte ſtotterte eine kurze Entſchuldigung und entfernte ſich dann, die Praͤſidentin pries den Landrath gluͤcklich, daß ſeine Gattin ſolchen Scherz nicht verſtehe und druͤckte die Beſchaͤmte mit muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit an's Herz, ich aber aͤußerte mich auf dem Heimwege zum erſten Mahl ſeit unſerm Trauungs⸗Tage, ſehr un⸗ freundlich gegen meinen Mann. Liebe Julie, ſprach er am Schluſſe der Strafpredigt: ſollteſt Du mir wirklich die Rohheit zutrauen, Dich ei⸗ ner ſolchen Neckerei und der Willkuͤhr dieſes ver⸗ dorbenen Weltmenſchen auszuſetzen? Aber der Oberſte, den Dein Gewaltſchritt in die Hoͤlle warf, war beſtraft, Dein Ziel erreicht, die Praͤſidentin, von den Gruppen der Lauſcher 139 umringt, in ſchmerzlicher Verlegenheit, und Beide entriß mein Auskunfts⸗Mittel dieſer Pein. Er wird mir Dank wiſſen und Dich wie ſein Gewiſſen fliehn, Sie aber nicht er⸗ mangeln Dein Lob zu preißen und ſich ihres Richteramts zu ruͤhmen, was ihr außerdem die Ruͤckſicht auf des Neffen Ruf wohl verboten haͤtte. Ich ſchoͤpfte wieder Odem, bat ihm die Wehthat ab und dankte dem Vertrauenden fuͤr ſeine edle Zuverſicht, mein Heinrich aber ſagte, das Danken ſey an ihm und nicht jede junge Frau geneigt, den boͤſen Geiſt ſo kraͤftig zu be⸗ ſchwoͤren. Gott ſey gelobt! mein Bannſpruch wirkte wie ein Hoͤllenzwang. Herr von Helfen verſchwand, von meinem Mann mit Nachdruck zurecht gewieſen, nach wenigen Tagen, der Engel unſeres Bundes aber 140 verſchwindet nicht: er offenbart ſich mir in Heinrichs Zaͤrtlichkeit, er ſpricht mich an in mei⸗ nem Kinde. Nachtiſſch. —— 143 1. 4 Hochwuͤrdiger Herr! ſprach eine ſchwermuͤthi⸗ ge Dame zu ihrem Beichtvater— ſollte das Seebett des ſchwarzen oder kaspiſchen Meeres wohl hinreichen, die Maſſe der Thraͤnen zu faſſen, welche ſeit der Entſtehung des Men⸗ ſchen⸗Geſchlechts gefloſſen ſind? Gnaͤdige Frau! erwiederte dieſer: wenn wir die unnuͤtzen, die kindiſchen und die ſtraf⸗ baren abziehn, ſo findet der Reſt in den Scha⸗ I len Platz, die ein Engel gen Himmel traͤgt, um ſie fuͤr den Tag der Vergeltung aufzuſparen. 2. Woher koͤmmt es, fragte jemand: daß klu⸗ ge Frauen den Wankelmuth der Maͤnner weni⸗ ger als ihren Undank fuͤrchten? 144 Der Treuloſe giebt uns auf, entgegnete ei⸗ ne Gewitzigte: aber der Undankbare giebt uns Preis. 3. Eine alternde, Putzſuͤchtige Schauſpielerin fragte den Theater⸗ Dichter, welchen ſie kurz vorher groͤblich beleidigt hatte— Sagen Sie mir, was iſt denn eine Renie? Aus dem Stegreif erwiederte dieſer— Luſtig flattert der Shawl in dem Arm der . geſchmuͤckten Hermine: Wollt' es die Mode, ſie truͤg' alſo das Hemd in der Hand. 4 ſchrieb ein Leidtragender an ſeinen Freund: hat mich mein geliebtes Weib heut in der ſiebenten Stunde zum troſtloſen Wittwer gemacht. Sey ſo gefaͤllig, mir durch die Ueberbringerin Dei⸗ Trotz den Hoffnungen, welche der Arzt gab, 145 nen Trauer⸗Degen und das Rezept zu dem kal⸗ ten Punſche zu ſchicken, der uns am Himmel⸗ fahrts⸗Tage das Herz ſtaͤrkte. 5. Ein Geſpraͤch uͤber die Duͤrftigkeit der mei⸗ ſten Schriftſteller veranlaßte Baylen zu der Be⸗ merkung: daß es faſt ſo viel arme als armſelige gebe. 6. Ein unwiſſender Landjunker ſchrieb an den Kunſthaͤndler— Schicken Sie mich doch ein 4½ Dutzend juder Blaͤhſtifte. NB. Engelſche! Ew. Hochwohlgeboren, antwortete dieſer: erhalten auf Verlangen ſechs Bleyſtifte. NB. Adelungiſche! ſie ſchreiben von ſelbſt or⸗ thographiſch. 7. Die Zahl Vier wird von den Cabaliſtikern IV. 10 266 den myſtiſchen zugezaͤhlt und das Wort Gott iſt faſt in allen bekannten Sprachen nur mit vier Buchſtaben bezeichnet. Die Roͤmer z. B. nannten ihn Deus, die Spanier Deos; die Franzoſen Dieu, die Griechen Teos. Bei den Dalmaziern heißt er Vogi, bei den Tuͤrken Alla, bei den Aegiptern Tond. Perſiſch Zuri, Indiſch Zimi, Hebraͤiſch Eloa und bei den Deutſchen Gott. 8. Pater Tellier, Beichtvater K. Ludwigs des vierzehnten, ſagte zu einem jungen, gaskoni⸗ ſchen Geiſtlichen, der ihn um eine Pfruͤnde an⸗ ſprach— So lang ihr Herren etwas ſucht, iſt unſer Einer gut genug, hat man Euch aber geſaͤttigt, ſo vergeßt ihr uns. Fuͤrchten Sie das nicht! entgegnete der Abbee: ich bin unerſaͤttlich. 147 9. Ma Bonne! fragte Emilie: warum ſind denn die heiligen Engel Geſchlechtlos! Dieſe erwiederte— Damit ſie die heiligen Engel bleiben. 10. Wenn Du mich aͤrgerſt, ſprach die Mama zu Clairetten, die ihrem Mops uͤbel mitfuhr: ſo kraͤnke ich mich und ſterbe und Du bekoͤmmſt eine Stiefmutter.— Die Kleine ward ploͤtzlich ſtill und nachdenkend und ſagte dann— Muͤt⸗ terchen, wenn die Bella ſtirbt, kriege ich wohl auch einen Stiefmops? 11. Das Fraͤulein Skudery ſchrieb dem Grafen Buͤſſy— Ihre Tochter iſt ſo geiſtreich als ob ſie taͤglich, und ſo ehrbar als ob ſie nie mit Ih⸗ nen umginge. 148 12. Der Miniſter, Baron Z. hatte von dem Mo⸗ narchen Stern und Band empfangen und das Zimmer ſeiner Gemahlin war deshalb mit Gluͤckwuͤnſchenden erfuͤllt. Im Winkel ſaß ihr kleiner Sohn; er blaͤtterte in einer Anekdo⸗ ten⸗Sammlung und rief jetzt ploͤtzlich in ſeiner Unſchuld— Muͤtterchen, hoͤr ein Mahl! da ſteht vom großen Hahnrey⸗Orden; hat den der Vater auch? 13. Ein junger, eitler Geck, den das Gluͤck zum Oberſten machte, unterhielt bei einem Feſt zwei junge Damen und laͤchelte und lachte fort und fort, um ihnen ſeine blendend weißen Zaͤh⸗ ne ſehn zu laſſen. Als er ſich endlich abwandte, fragte die eine— Ob er denn Pulver gerochen hat? Zahnpulver! verſetzte die Nachbarin. —— 149 14. In einem Geſellſchafts⸗Kreiſe kam die lei⸗ dige Frage: welches von beiden Geſchlechtern das beguͤnſtigtere ſey? auf den Taͤpet. Der Streit ward lebhaft und mit Heftigkeit gefuͤhrt. Die Herren ſprachen von dem Weihrauch und der Vergoͤtterung die den Fruͤhling und den Sommer der Damen begleite; dieſe von dem Kreuze der Abhaͤngigkeit, von dem Giftkelche der Verleumdung, von dem drangſeligen In⸗ halte der weiblichen Leidens⸗Geſchichte. Jelzt nahm die ſinnige Wirthin das Wort. Nie habe ich noch gehoͤrt, ſagte ſie: daß ein Mann zum Weibe zu werden gewuͤnſcht haͤtte, ſtuͤnde aber unſerem Geſchlechte die Wahl frei, ſo duͤrfte es ſchwerlich noch ein Frauenzimmer geben. 15. Zu einer maͤchtigen Fee ſprach ihr Schuͤtz⸗ 150 ling— O, raͤche mich an dem raſtloſeſten, boshafteſten Feinde meines Gluͤcks und meines Friedens. Er heuchelte mir Freundſchaft und betrog mich, er mißbrauchte mein Vertraun, erſchoͤpfte meine Kaſſe, verfuͤhrte mein Weib und prahlt, zum Ueberfluß, mit dieſen ſchaͤnd⸗ lichen Triumphen. Mach ihn, Kraft Deiner Zauberkunſt, zum Kanker oder zum Molche; zum Abſcheu ſeiner ſelbſt und alles Leben⸗ digen. Die Strafe waͤre zu mild, entgegnete die Fee, denn auch dem Kanker und dem Molche ward Genuß. Ich will ihm eine gefallfuͤchtige Naͤrrin zur Frau geben, die gluͤhende Eifer⸗ ſucht dazu und ein ſo anhaͤngliches Herz, daß er nicht von ihr laſſen kann. 16. Die alternde, Rieſenhafte Ehefrau eines Apothekers ließ, waͤhrend der Abweſenheit ih⸗ 15² res verreiſten Gatten, die Buͤchſen und Kaͤſten der Offizin anſtreichen und den verblichenen, faſt unlesbaren Denkſpruch— Ars longa, vi- ta brevis— uͤber der Glasthuͤr, wieder auf⸗ friſchen und vergolden. Nur bitte ich mir aus, ſagte ſie zu dem Mahler: daß Sie das erſte, garſtige Wort durch ein anſtaͤndigeres erſetzen; hier iſt das Woͤrterbuch. Der Mahler ſuchte und fand, ſchrieb und vergoldete: der Hausherr kehrte heim, verwunderte ſich und las— Anus longa, vivat brevis! 17. Ein Sterbender ſprach zu ſeiner Gattin— Du kannſt nun immerhin dem Bewußten die Hand reichen; er iſt wohlhabend und Dir dieſe Entſchaͤdigung fuͤr den Verluſt Deines Rufs ſchuldig. Dem Bewußten? fragte ſie ſeufzend: wel⸗ chen meinſt Du denn, mein Engel? 1252 18. CThaddaͤdel, deſſen junge Frau ſchon in der ſechſten Woche ihres Eheſtandes von einem reifen Knaͤblein entbunden ward, fragte wegen dieſes ſeltſamen Ereigniſſes einen Geburtshel⸗ fer um Rath. Das darf Sie nicht kuͤmmern, troͤſtete die⸗ ſer: wir haben wohl oͤfter dieſen Fall bei Erſt⸗ geburten, doch nie bei einer folgenden erlebt. 19. Waͤhrend dem Aufenthalt der Schwediſchen Chriſtine in Paris, kamen dort die Faͤcher in Gebrauch. Mehrere Hofdamen fragten bei ihr an, ob ſie deren wohl auch tragen duͤrften? Ich daͤchte nicht, erwiederte die Koͤnigin: Ihr ſeyd ja ohnehin genuͤglich aufgeblaſen. 20. Lady M., eine brittiſche Amazone, kehrte —— ' 155 in der Abend⸗Daͤmmerung von ihrem Land⸗ hauſe nach London zuruͤck. Ploͤtzlich werden die Pferde ſcheu, der Phaͤton fliegt im Sturm dahin, ein Stoß wirft ſie zur Erde. Die Lady pafft ſich auf, iſt unbeſchaͤdigt, ſieht umher und einige Haͤuſer in der Naͤhe. Jetzt trabt ein junger Mann voruͤber, nimmt ſie wahr und ſpringt vom Pferde. Das Halsband! ruft er und greift nach dem koſtbaren. Glas⸗ ſteine! entgegnet ſie, ſchnell gefaßt: wie kannſt Du glauben, daß unſer Eine ſolche Juwelen beſitzt oder ſie auf der Landſtraße zur Schau tragen wird? Ach, ich verſtehe! faͤllt er ein und draͤngt ſie abwaͤrts, nach einem Verſtecke. Das wuͤr⸗ de Dich reuen! perſichert die Lady: ich ſuche eben einen Wundarzt auf, der dort im letzten Hauſe wohnen ſoll. God dam you! fluchte jetzt der Raͤuber und warf ſich auf ſein Pferd; ihr Schmuck und ihre Ehre war gerettet. 21. Ariſtoteles ward um einen Maßſtab zu Beurtheilung des Werthes der Buͤcher angeſpro⸗ chen. Ihr Gehalt, entgegnete der Philoſoph: beruht auf der Bedingung, daß der Verfaſſer alles Noͤthige, nichts als das Noͤthige und dies Noͤthige gut ſage. 22. Keine Regel iſt ohne Ausnahme! ſagte der Lehrer zu Fritzen. O, doch! rief der Kleine— Die Regel ſelbſt iſt ohne dieſe. 23. Eine junge, uͤppig geformte Schauſpielerin verſprach ſich bei dem letzten Wort der Frage— Sahen Sie ſchon meine Buͤſte? ſo auffallend, 155 daß der rohere Theil des Publikums laut auf⸗ lachte, der zaͤrtere mit ihr erroͤthete. Seiner Rolle treu, entgegnete ihr Liebhaber— Ich ſah, ich kuͤßte ſie!— Das Haus erbebte. 24. Der Tirann eines Ritterſtuͤcks lag bereits erdolcht am Boden als er, Trotz allem Wider⸗ ſtreben, herzhaft nieſen mußte. Contente- ment! ſchrie ein Baſſiſt von der Gallerie her⸗ ab. Der Todte richtete ſich auf und ſprach mit Pathos— Wer will Dir in der Hoͤlle danken? 25. Toms und Baniſe waren auf einem Balle, wo das Loos die Reihen⸗Folge der Taͤnzer be⸗ ſtimmte, das zehnte Paar. Ein Spoͤtter ſag⸗ te— Sie iſt eine Null, er hoͤchſtens die Eins; das Paar ſpricht ſeine Nummer aus. 156 26. Je souffre beaucoup d'une rivière dans le pauvre juste, qui me défend la pièce— Schrieb eine angehende Deutſch⸗Franzoͤſin, um ſich uͤber den Fluß im rechten Arm, der ihr das Sticken verbiete, zu beklagen. 27. Die Geſetze des Caſſino zu Hanover in Penſilvanien beſagen unter anderem, daß kein Herr ohne Beinkleider in den Tanzſaal kommen noch ohne Rock tanzen ſolle. 1 28. Ein hoffaͤrtiges Kammer⸗Fraͤulein ging im Nachtkleide nach dem Schlafzimmer der Prin⸗ zeſſin. Der Wacht haltende Grenadier hatte Befehl, hier keinen Unbekannten paſſiren zu laſſen und rief deshalb der Hofdame zu wieder⸗ 157 hohlten Mahlen nach— He, Jungfer! Juͤngferchen!— Das Fraͤulein ſah ſich endlich um und ſprach— Ich eine Jungfer, alberner Renſch! ſeh er doch erſt zu, wen er vor ſich hat. 29. Ein verehrlicher Kirchen⸗Lehrer ſagt: Ob⸗ ſchon das weibliche Geſchlecht urheblich von ei⸗ nem Bein herſtammt, ſo iſt es doch nicht hart oder verbeint, ſondern von Natur weichherzig, deſſenthalben die Lateiner das Weib mulier oder mollior nennen und da man die Barm⸗ herzigkeit bei den Maͤnnern Quentelweiſe zu⸗ ſammen kehrt, ſo findet man ſie Centnerweis bei den Weibern. 30. Doktor Griffiths ward in Klein⸗Aſien von einer mitleidigen Frau, auf Gefahr ihres Le⸗ 158 bens, mit Milch verſehn. Dieſer Vorfall, ſagt er: ſtaͤrkte meinen Glauben an die eigen⸗ thuͤmliche, erbarmende Milde des zweiten Ge⸗ ſchlechtes und nirgends, wo ich hinkam, ſelbſt nicht unter den wildeſten Voͤlkern, iſt dieſer Glaube auch nur ein einziges Mahl getaͤuſcht worden. In den baͤngſten Momenten, verſichert Ledyard, der das Innere von Afrika durchzog: und wo ich mich unerrettbar verloren glaubte, war es immer ein weiblicher Engel, der mich, mitleidig und huͤlfreich, dem Verderben ent⸗ riß. Briſſons Schickſal zeigt indeß, daß auch dieſe Regel ihre Ausnahme findek. In die Sklaverei der Mauren gerathen, ward er, nebſt einigen ſeiner Leidens⸗Gefaͤhrten, durch die Wuͤſte nach ihrem Wohnplatz geſchleppt. Hier warfen ſich die Frauen und Kebsweiber ihrer Quaͤler uͤber die Ungluͤcklichen her; ſie 159 wurden von dieſen Furien gelaͤſtert und ange⸗ ſpieen, geſteinigt und gebiſſen, zerkratzt und an den Haaren geſchleift und die junge Mohren⸗ brut folgte, zur Ergoͤtzlichkeit der Muͤtter, die⸗ ſem Beiſpiel. Briſſons Herr ſteckte ſeinen Gefangenen bei der Ankunft einige Haͤnde voll Wuͤrznelken zu, um ſie mit dieſer Gabe ſeiner Guͤnſtlingin zu empfehlen, welche das Geſchenk hohnlaͤchelnd annahm, aber die demuͤthigen Geber mit Ungeſtuͤm aus dem Zelte trieb. Je⸗ ner rohe Halbmenſch ward nicht ſelten von einer Anwandlung der Leutſeligkeit ergriffen und mil⸗ derte in dieſer ihr Elend fuͤr Augenblicke, aber das heilloſe Weib ſann fort und fort auf neue Mißhandlungen und uͤberhaͤufte ſie mit einem Maß von Schmach und Qual, das die ſinken⸗ den Kraͤfte dieſer Ungluͤcklichen erſchoͤpfte. In Suͤd⸗Carolina fuͤhren, wie John Davis erzaͤhlt, die Frauen der Pflanzer das Haus⸗Regiment und laſſen ihre Sklaven und Sklavinnen, ſelbſt die Ammen ihrer Kinder, 160 fleißig peitſchen. Sie werden in dieſem Falle nach dem ſogenannten Zuckerhauſe geſchickt, bis zum Guͤrtel entbloͤßt und jeder Hieb nimmt die Haut zuſammt dem Fleiſch hinweg. Da dem Aufſeher fuͤr jedes Dutzend Hiebe ein engliſcher Schilling ausgeſetzt iſt und eine Sklavenreiche, ſehr geſtrenge Dame dieſe Ausgabe zu hoch fand, ſo gerieth ſie, als eine gute Wirthin, auf den Gedanken, die Geiſſelung uͤber Bauſch und Bogen verdingen zu wollen. 31. Bei dem Einzuge der Braut des Prinzen W. in B. wies eine junge Schildwacht zum oͤftern mehrere Damen zuruͤck, welche ſich vor⸗ draͤngten und dieſe Weiſung zu verachten ſchie⸗ nen. Plbtzlich nahm der Soldat, als er ſie abermahls auf der verbotenen Stelle fand, die Reizendſte bei'm Kopf und kuͤßte ſie nach Her⸗ zensluſt. Der Offizier war in der Naͤhe, ihr Huͤlfsgeſchrei und das ſchadenfrohe Gelaͤchter / der Zuſchauer zog ihn herbei. Menſch, biſt Du toll? rief er dem Freimuͤthigen zu. Nichts weniger, erwiederte dieſer: aber wer nicht hoͤ⸗ ren will, muß fuͤhlen! 32. Mein Liebling iſt der Je laͤnger je lieber! ſprach ein Landgeiſtlicher zu dem Schulzen, den er im Pfarrgarten herum fuͤhrte. Der alte Treuherz entgegnete— Das ſpuͤrt man an Ihren Predigten. 33. Liebes Kind, ſagte eine hagere Betſchweſter zu ihrer leichtfertigen Nichte, die ſich eben ein wenig uͤber die Leute aufhielt: bevor ich meinen Naͤchſten richte, ſo greife ich zuvor in meine eigne Bruſt und fuͤhle ob auch noch Fleiſch und Bein an mir iſt— Ach, liebe Frau Muhme, IV. 1 ¾ 162 rief die Unartige— ſagen Sie doch lieher; Haut und Knochen! 34. Frau von P. befahl dem einfaͤltigen Kam⸗ mer⸗Maͤdchen, ihre Geſchaͤfts⸗Traͤgerin, die Juͤdin Eſther herbei zu hohlen. Dieſe ver⸗ ſchob die Vollziehung des Auftrags, vergaß ihn bald, und ſann, als ihr derſelbe, ſpaͤt am Abend, wieder beifiel, auf eine Ausflucht. Nun, fragte jene beim Auskleiden: warum kam denn die Juͤdin nicht? Es that ihr recht ſehr leid: entgegnete Liſette: ſie wollte eben zur Beichte gehn. 35. Schade! ſagte der Philoſoph Mitard zu dem Dichter Theophile, welcher ihn durch eine Reihe ſchwankender und falſcher Behauptungen 163 verdrießlich gemacht hatte— Schade, daß Sie, bei ſoviel Geiſt, ſo unwiſſend ſind— Sie haben Recht! erwiederte dieſer: doch iſt es nicht erfreulicher, einen Vielwiſſer ſo geiſt⸗ los zu finden. 36. Ein, vor uns liegendes General⸗Befehl⸗ buch aus den erſten Monathen des ſiebenjaͤhri⸗ gen Krieges, beſagt unter anderm— Des Herrn General⸗Majors v. D. Pferd hat ſich noch nicht wieder gefunden; es iſt ein Rappe, eine Stute und ein Stutzſchwanz. Jedes Bataillon ſoll ſechs Schoͤpſe im Haupt⸗ Quartiere gegen Quittung abhohlen laſſen; die Garde und Prinz F.— zehn, die Grena⸗ diers⸗Bataillons ſind bereits damit ver⸗ ſorgt. 264 Die Regimenter, ſo keinen Wagenmeiſter haben, köoͤnnen ſolchen machen. Mit den uͤbrigen Vorſpann⸗Wagen unb Bauern, ſo noch da ſeyn, koͤnnen die Regie menter damit machen was ſie wollen. Die Schanzen 18. und 23. ſo bis dato noch nicht mit Canons verſehen, melden ſich bei dem Herrn General⸗Major v. W⸗ Wenn die Pferde krepiren, ſo ſollen die Regimenter ſie ſogleich durch den Scharfrichter wegbringen laſſen. Der katholiſche Gottes⸗ dienſt ſoll vor der Front der Garde gehalten werden. Alles Jagen wird(einer, dem Hunger⸗ tode nahen Truppe) aufs Schaͤrfſte verboten. Die Offiziers ſo dawider handeln, ſollen mit Caſfazion, Unter⸗Offiziers und Gemeine aber mit Lebens⸗Strafe belegt werden. 163 Wenn die(feindlichen) Huſaren kommen und wollen Pferde von der Weide nehmen, ſoll ihnen geſagt werden daß ſie ſich retiriren, und wenn ſie nicht wollen, ſoll auf ſie angeſchlagen werden und wenn auch das nicht hilft, ſoll Feuer gegeben werden, doch aber allzeit auf dieſe dreifache Remonſtration eine Zwiſchenzeit genommen werden, um ſich nicht zu uͤbere eilen. 37. Bei der Schlacht von Raucoux ward das Pferd des jungen, im Gefolge des Marſchalls von Sachſen befindlichen Thyange, von einer Kugel getroffen und ſtuͤrzte mit ihm. Als er ſich aufgerafft hatte ſagte jener— Ey, ey! wie Du zitterſt! Nur fuͤr Ihr Leben! rief der Juͤngling. 166 338. Pater Abraham a santa Clara erzaͤhlt— Ein immerwaͤhrendes Wunder ſpuͤrt man zu Osnabruͤgg in Deutſchland, woſelbſt ein Ma⸗ rienbild ſich von keinem andern tragen laͤßt, als von unbeſcholtenen Jungfrauen. Die dortigen Schoͤnen werden wiſſen, ob er Recht hat? 39. Derſelbe ſagt ferner— Gar weit irren thaͤte jener nicht, welcher ein Geheimniß ſuchen wollte in dem erſten Buchſtaben des Wortes Politicus. Dieſer Buchſtabe ſchicket ſich in alle Saͤttel. So man ihn wie gewoͤhnlich for⸗ mirt, iſt er ein p. Da man ihn umſchlaͤgt⸗ ein q. Daſſelbe aufwaͤrts geſtellt, wird zum d. Dafern man dieſes umkehrt, wird es ein b, und ſolcher Geſtalt ſoll vielleicht ein Politicus geartet ſeyn, daß er ſich ſein in alle Model be⸗ quemen köonne. 2 167 40. Endlich ſpricht dieſer Kaiſerliche Hof⸗ prediger, in dem, von ihm, bei Kurz⸗ boͤckk zu Wien erſchienenen„Gack Gack Gack Gack à Gal einer Wunderſeltſamen Henne“ ac. ſeine Anſicht der Dinge, wie ſolgt aus— Die nichtige, fluͤchtige; die ſchmu⸗ tzige, nichts nutzige; die oͤde, ſchnoͤde; die hinkende, ſtinkende; die rauberiſche, klau⸗ beriſche; die luͤgende, betruͤgende; die gleiß⸗ neriſche, kahlmaͤuſeriſche; die ſchlenderi⸗ ſche, baͤrnhaͤuteriſche; die alamodiſche und ſchlimmſchlammſchlodiſche Welt, verdient tau⸗ ſenderley Schimpf⸗ und After⸗ Nah⸗ men ꝛc. Welcher Epitheten wuͤrde ſich wohl die Ge⸗ genwart von dem frommen Eiferer zu verſehn haben? Ende des letzten Theils. „ ſiſſſſinnſſmniſſch ſinſſnſnnlnm ſnnnſfſfiſf . 14 15 16 17 18 9 10 11 12 13