A — Leihbibliothek 1 4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ¹ Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. jedem Tag 5 Pf. den angenommen. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 auf ¼ Monat: 1 Mr. f. 1 Der. 50 Pf 2 Nr= T. ¹ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „„— u. 1—— 1 I— 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der ¹ Ladenpreis erfetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſch mutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes„ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ‚das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 — —— — 1 der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr jelbſt zu ſorgen. ¹ 6. Schadenersatz. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 1 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 UNK. 24. — —— Erzaͤhlungen Guſtav Schilling. Dritter Theil. Dresden, 1811. In der Arnoldiſchen Buchhandlung. —— Er zaͤhlungen von Guſtav Schilling. — Dritter Theil. Soo-0So— Die Ueberſchriften der nachfolgenden zwoͤlf Kapitel wurden dem Verfaſſer, um das Maß ſeiner Geduld, ſeiner Gewandtheit oder ſeines Ungeſchicks zu pruͤfen, von einer literariſchen Geſellſchaft zugetheilt, die ihn auffoderte, aus dieſem ſproͤden Stoff einen kleinen Faun oder wohl gar einen Amor zu formen. Zwei andre, geſchaͤtzte Romanen⸗Dichter erhiel⸗ ten, zu gleicher Zeit, dieſelben zwoͤlf Worte und denſelben Beruf. Es galt einen Wett⸗ ſtreit und der Kranz hing am Ziele, aber der⸗ 6 gleichen Aufgaben werden bekanntlich leichter erdacht und genommen als geloͤſt, und der vorgefaßte Entſchluß, etwas recht Vorzuͤgli⸗ ches zu leiſten, feſſelt und verſtimmt, in der Regel, jenen Geiſt, den weder der Fleiß noch der Wille zwingt. Zwar bot der Jahrmarkt die Hand zu manchem Liebes⸗Abenteuer: zwar ließ ſich ein ſolches, obſchon auf deutſchem Boden viel zu fruͤh fuͤr das zweite Kapitel, durch ein Kammerfenſter verfolgen und das Po⸗ dagra hielt, noͤthigen Falles, den Genius der Heimgeſuchten feſt.— Zwar waren die aͤußern Kennzeichen des Schorſtein⸗Fe⸗ gers zu allen geheimen Liebes⸗Dingen nuͤtz und wie haͤtte es drei Bewohnern des obern Elbthales an Erinnerungen ſeliger, auf dem bewimpelten Schiffchen verlebter Tage, zu Darſtellung der Waſſerfahrt gebrechen — 2 können? Verwickelte ſich die vorgeſchriebene Fledermaus in Molly's Lockchen, ſo trug ſie dem Befreyer mindeſtens ein ſolches ein: das Vergißmeinnicht reichte hin, die verſtohlene Paſſion der Liebekranken auszu⸗ ſprechen und bei der Reichhaltigkeit dieſes Symbols, ſtand höchſtens nur die Ueber⸗ ſchwaͤngerung des ſechsten Kapitels zu be⸗ fuͤrchten— Einem Kunſtfertigen auf der Maultrommel, mußte es leicht werden, das aͤtheriſche, in Roſenduft oder Blumen⸗ ſtaub zerrinnende Gemuͤth ſeiner Benedeyten, mit dem beſten Erfolg anzubrummen und der Hohlſpiegel konnte als Hoͤllenzwang die⸗ nen. Die blinde Kuh iſt gleichſam die Iſis der Verliebten und dem Darſteller der ſie zu melken verſteht, nuͤtzlicher als ein Joch Ochſen. Die Veſtung liefert das noͤthige, uns Deutſchen unentbehrlich gewordene Kriegs⸗ 2 8 und Feldgeſchrei und nebenbei auch ein Hun⸗ deloch fuͤr den Wolf, deſſen Freßſucht die bangenden und verlangenden Schaͤfer und Schaͤferinnen, bis dahin noch zu keiner, nach ihrem Amt und Beruf genannten Stunde ge⸗ langen ließ— Und war nun der Beharrliche zur Staats⸗Perucke vorgedrungen, ſo kniete ja ſein Liebes⸗Paar bereits vor dem Altare und auf dem alten Altar⸗Blatte hat⸗ te vielleicht die Einfalt des Mahlers den Pa- ter omnipotens mit einem ſolchen Haupt⸗ ſchmuck ausſtaffirt. Viel leichter ſchien es uns, bei allen dem, zwoͤlf lebendige Enten, im Teiche, als zwoͤlf lesbare Kapitel, am Pulte, nach der Folge der gegebenen Ueberſchriften an den Faden zu reihen. Auch dieſe Noth ward indeß, gleich jeder irdiſchen, uͤberſtanden, die Arbeit eingeſandt 9 und von der Geſellſchaft in Betracht gezogen. Sie las, ſie laͤchelte, ſie rief, aus Hoͤflich⸗ keit, einſtimmig— Imprimatur!— Herr Friedrich Laun ſchrieb alsbald eine launige Vorrede, Herr Chriſtoph Arnold oͤffnete, zu Vergnuͤgung der Skribenten, den großen Chriſtoph ſeines Mammons und ſchickte die drei vereinten Weben, unter dem Titel„Das Kleeblatt“ in alle Welt. Mein Geſpinnſt zeigt ſich hier, zu Folge der neuen Ausgabe von jenem abgetrennt und nebenbei ein wenig aufgefaͤrbt; auch fuͤ⸗ ge ich ihm ein friſch gewobenes bei, in dem ſich die Bilderchen nach demſelben Geſetze, je⸗ doch, zu Gunſten des beliebten Wechſels, in umgekehrter Ordnung darſtellen. Da endlich hier von dem Verfaſſer die Rede iſt, ſo be⸗ nutzt er dieſe, wohl ſobald nicht wiederkeh⸗ rende Ausnahme von der Regel, um ſeinen 10 freundlichen Leſern fuͤr den Ehrenſold ihrer bisherigen Zufriedenheit und den Kunſtrichtern fuͤr ſo manchen ſanften Spruch, den gebuͤh⸗ renden und gefuͤhlten Dank zu ſagen. Guſtav Schilling. Gott lebet noch! Jahrmarkt. Gedankenvoll ſchritt der Paſtor Homilius am Walpurgis⸗Morgen der Stadt zu. Er trug ein ſorgenreiches Herz im Buſen, und ſechs Vikariats⸗Gulden in der Taſche, welche ihm ſeine Hausehre zum Einkaufe dringender Wirthſchafts⸗Beduͤrfniſſe uͤberantwortet hat⸗ te. Die reizende Chriſtine wandelte, ſittſam und harmlos, neben dem Vater, zwei acht⸗ jährige Homilien ſprangen vor ihm her, und jubelten den Freuden des Jahrmarkts entge⸗ gen. Die Wieſen dufteten, die Lerchen ſan⸗ gen, der Bluͤthen⸗ Schnee verſilberte den Pfad. Seht, rief der Paſtor, und zeigte mit dem ſchwarzen Stabe rund umher: ſeht 24 Kinder, alles das hat Gott der Herr er⸗ ſchaffen! Uns auch, uns auch!— riefen die Zwil⸗ linge, und ſchlugen, der Schoͤpfung froh, in ihre Haͤnde. Freilich wohl! entgegnete der Paſtor, zu ſeinem Bilde ſchuf er Euch! und Chriſtine ſang mit leiſen Feiertoͤnen— Mich, ruft der Baum in ſeiner Pracht, Mich, ruft die Saat: Hat Gott gemacht! Hat Gott gemacht! wiederholte der Va⸗ ter, und gab ihm im tiefſten Baß die Ehre. Die Kleinen unterbrachen das Dankfeſt. Mir eine Fiedel! bat Ehrenfried. Mir eine Maultrommel! flehte Jakob.— Und was Dir? fragte der Paſtor Chri⸗ ſtinen. Vergißmeinnicht! Poſſen, Poſſen! rief er, die wird man auf dem Jahrmarkt kaufen? Hinter der Muͤh⸗ le ſtehn ſie zu Tauſenden. — — 25 Keine gewachſenen! ſiel ſie ein: ſolche mein' ich, wie die franzoͤſiſche Mamſell ſie macht: ich haͤtte gar gern einen Zweig, zum Hochzeitgeſchenk fuͤr Schulmeiſters Lottchen. Piat! murmelte der Vater, und ließ die ſechs Gulden durch ſeine Finger laufen, eine Fiedel, eine Maultrommel, und Vergißmein⸗ nicht! Aber die Mutter hat gar knapp gemeſ⸗ ſen, auch wird uns Trank und Speiſe von Noͤ⸗ then ſeyn. Wir eſſen Pfefferkuchen! verſicherte Jaͤk⸗ chen.. Und trinken Waſſer! troͤſtete Ehrenfried. Solches wird Euch Moleſt machen! ent⸗ gegnete der beſorgliche Vater und uͤberlegte, wie ſich wohl ein Gulden oder mehr, auf eine glaubwuͤrdige Weiſe einrechnen laſſe, denn Wehe dem Armen, wenn er zu theuer gekauft hatte. Da fiel dem Paſtor ploͤtzlich bei, daß ihn ſein Achtel in der eben gezogenen Lotterie vielleicht zum reichen Manne machte, und neue Hoffnungen begleiteten den Zagenden 1 6 2 26 durch das Stadt⸗Thor. Kaͤrner und Pfer⸗ de, Spielleute und Marktſchreier, trunkene Bauern und nuͤchterne Kraͤmer fuͤllten die Gaͤßchen, immer dichter ward das Gedraͤnge; der Paſtor verſammelte ſeine Kuͤchlein unter die Rockſchoͤße, und bot der Tochter, welche dieſe laͤngſt uͤberwuchs, ſeinen Arm. 1 Ah! Wuͤrſte! rief Jakobus— Waͤrſte, Vater! ſchrie Ehrenfried, kauf doch, kauf! Erregen nur Durſt! fiel er wegwerfend ein, und ſchuͤchtern neigte ſich Tinchen zu dem Beſchuͤtzer, als eben der walzende Menſchen⸗ haufe einen jungen Dragoner⸗Offizier immer feſter und feſter an ihre linke, unvertheldii Seite druͤckte. Sie verloren Ihr Gülteiband, ſchoͤnes Maͤdchen! lispelte er, und reichte ihr das himmelblaue, welches als ein werthes Ge⸗ ſchenk der Frau Primariuſſin, nur an den we⸗ nigen Feſttagen ihres Lebens gebraucht ward. Ergluͤhend nahm ſie es aus ſeiner Hand, und wußte dem Finder im Herzen heißen Dank. 17 Holde Seele! fuhr er fort und legte, ent⸗ ſchuldigt von dem Gedraͤnge und der Verpflich⸗ tung, den Arm um die ſchlanke Geſtalt. Sie neigte ſich in ſuͤßer Beklommenheit abwaͤrts. Immer kleiner ward der junge, zudringliche Gefaͤhrte, immer naͤher kam ſein Mund ihrer Wange. O, nicht doch! bat Chriſtine, aber das nicht doch! ſtarb unter den Lippen des Frevlers. Ey, laſſen wir das! rief der Vater, der bis dahin die Bude eines Buͤcherjuden im Au⸗ ge hielt, als er den großen Dragoner in ſei⸗ nem Nacken, und eine gewaltige Hand unter Chriſtinens Herzen wahrnahm, welche das lange nicht laſſen wollte, und jetzt endlich der unſanften Beruͤhrung ſeines ſchwarzen Stabes wich. Halte die Taſchen zu! warnte der Paſtor⸗ Ach lieber Vater, entgegnete Tinchen, ſtehlen wollte der nicht. Sie ſuchen, welche ſie verſchlingen! er⸗ III. 2 26 wiederte Homilius, und ſeine Tochter ſah, ver⸗ ſtohlen, dem ſchneeweißen Federbuſche nach, der ihr noch aus der Ferne zu winken ſchien. Ein herrlicher Putz! dachte ſie, und ſo viel iſt gewiß, daß ihn der ſchoͤnſte Nenſch im Lande traͤgt. War es nicht einfaͤltig von mir, zum Dank fuͤr ſeine Rechtſchaffenheit ſo ein Aufhe⸗ ben zu machen? Jaͤkchen! Friedchen! brummte indeß der Alte von Minute zu Minute, denn Jaͤk⸗ chen und Friedchen gingen, von ihm ge⸗ zogen, meiſt ruͤckwaͤrts, und wuchſen vor je⸗ dem Garkenfaſſe, jedem Kuchen⸗ Tiſche, und jeder Puppen⸗ Schachtel feſt; ihm aber brach das Vaterherz, die ſchmachtenden Kleinen ſo unbefriedigt an dieſen hesperiſchen Fruͤchten vor⸗ uͤber ziehen zu muͤſſen. Vater, Vater, rief Ehrenfried, da haben ſie Fiedeln! O, ſchoͤne. Des Mahnens ſatt, trat er an die ſtatt⸗ liche Bude.— Geigen, Herr Magiſter? rief die Drechs⸗ 119 lerin, gleich ſollen Sie bedient werden. Ich habe die ſchoͤnſten, weit und breit, ja gewiß⸗ lich! Jubelnd umarmten ſich die Kleinen; Chriſtine ſtarrte, nachdenklich, ein hoͤlzernes Ebenbild ihres Guͤrtel⸗Finders an, der Vater aber ſtuͤtzte ſich, einer Ohnmacht nahe, auf den Zauherſtab, welcher vorhin die dritte Hand ſo ſchnell von Tinchens letzter Rippe wegwies. Beſtohlen? rief die Geigenfrau, und hing ihre Waare ſchnell wieder in den Hintergrund: ja, das thut mir nun ſehr leid, Herr Paſtor. Meine Gulden! ſtammelte der aͤrmſte der Seelſorger. Sechs! Alle ſechs! Ey, das iſt hart! ſehr hart!— Zu hart!— Laut wein⸗ ten die Zwillinge, Chriſtine verbarg das holde Antlitz in ihrem Tuch, und wuͤnſchte ſich im Herzen den ſchoͤnen Soldaten herbei, der, wie ſie vertrauend hoffte, auf ihre Vorbitte dem gu⸗ ten Vater gewiß aus der Noth helfen wuͤrde. 20 5 Kammerfenſter. Zufaͤllig ſtand die Drechslerbude naͤchſt dem Hoſemanniſchen Gewoͤlbe, deſſen Beſitzer dem Magiſter jenes Achtelloos aufgedrungen hatte, an welchem ſeine letzte Hoffnung hing. Lan⸗ ge kaͤmpfte Homilius mit den Koͤrben und Ho⸗ cken der Landleute, die den kleinen Laden aus⸗ fuͤllten, kehrte ſich jetzt zu ſeiner tief betruͤb⸗ ten Familie und ſprach— Chrißtine, meine Tochter, tritt indeß auf den Kellerhals dort, und laß deine Bruͤderchen nicht von der Hand. Sie mauſen auch Knaben, zum Seiltanz; du ſelbſt biſt nicht ſicher. Ich bleibe in der Na⸗ he; verſucht man dich, ſo ſchreie nur und fluͤchte dich zu Hoſemanns. Ey, ſieh da, Hochwohlehrwuͤrden! rief der Laden⸗Diener: Sie kommen recht zur be⸗ ſten Stunde. Komm ich zu dieſer: fiel der Paſtor, Troſt ſchoͤpfend ein: ſo wird mir der Herr Gevatter ein Darlehn von etlichen Gulden nicht verſa⸗ gen. 921 Tauſend Thaler: vertraute ihm jener: tauſend Thaler haben Sie gewonnen, Sie gluͤcklicher Mann! Tau— ſend? lallte der verblaſſende Kir⸗ chenlehrer, und die Thaler ſtarben auf ſeinen Lippen. Fragen Sie meinen Prinzipal: erwieder⸗ te dieſer, und wuͤnſchte Gluͤck. Die Kaͤufer thaten ein Gleiches, Handel und Wandel hoͤr⸗ te auf, und aller Augen hingen an dem Ge⸗ ſegneten des Herrn, deſſen Schickſal ein einzi⸗ ger Augenblick umgeſtaltet hatte. Wo ſind denn Herr Hoſemann, rief der Verklaͤrte: wo waltet der Gottes⸗Mann? Unten, Herr Pathe: fiel des Kraͤmers zehnjaͤhriges Toͤchterchen ein: unten in der Niederlage, er macht Burgunder. Homilius ſtuͤrzte nach der Kellerthuͤre hin. Nicht doch: widerſprach ihr der Diener: auf den Boden ging der Papa— und der Paſtor eilte der Treppe zu. Chriſtine ſtand indeß, bekuͤmmert wie An⸗ 8 8 — 8 r * 22 dromeda, auf dem Kellerhalſe, ſann auf Plaͤ⸗ ne zum Erſatz des geſtohlnen Geldes, wuͤnſch⸗ te fuͤr dieſen Zweck den artigen, ach ſo ſchnoͤd abgewieſenen Dragoner herbei, und ſah jetzt, hoch uͤber den Pelzmuͤtzen und Triangeln des Ackerſtandes, einen Federbuſch im Winde ſchwimmen. Immer ſichtbarer wehte das Feldzeichen, aber je naͤher es nun kam, je baͤnger ward ihr um das Herz. Sie begriff nicht, wie es ihr hatte beifallen koͤnnen, einen jungen, wildfremden Offizier, welchem ge⸗ genuͤber ſie vorhin kaum des Ja und Nein maͤchtig geblieben war, um Vorſchuß anſpre⸗ chen zu wollen. Er war es. So verlaſſen, meine Schoͤne? ſprach der Schmeichler, und warf ſich auf die ſteinerne Bank neben ſie hin, ſo ausgeſtellt, und doch nicht kaufbar? Auf Ehre, meinen Braunen gaͤb ich hin, fuͤr ein holdſeliges Wort von die⸗ ſen Lippen. Ach Gott! dachte Chriſtine, gern wolle ich ihm fuͤr ſechs Gulden, Tagelang vorſchwas 23 tzen. Sprachlos ſtarrten die Zwillinge den furchtbar beſpornten Eiſenfreſſer an, in deſſen einem Stiefel ſie fuͤglich beide Platz gefunden haͤtten; er aber ſchob jedem einige Zuckernuͤſſe in den Mund, und nannte ſie Enget. 91— riefen beide, und ſchlugen froͤhlich auf die nuͤchternen Maͤgen. Die dankbare Schweſter verbeugte ſich ſchweigend. Sind Sie mir gram? fuhr er fort, und faßte ihre niedliche Hand. Gott bewahre! lispelte Tinchen, und er⸗ „hob die blauen Augen zu ſeinem flimmernden Achſelbande. So begleiten Sie mich doch zu meiner Schweſter, bat er ſchmeichelnd: dort ins Eck⸗ haus, zur Graͤfin Lafleur. Gotts Tauſend! dachte ſie, ein Graf ſo⸗ gar, und doch ſo Seelengut und ſo zuthulich. E. Willkommen iſt, wen ich ihr vorſtelle. Ihren Arm! Wir trinken ein Taͤßchen Scho⸗ kolate, und ſind guter Dinge. Die Kleinen bewirthet indeß mein Kammerdiener. 24 Ich muß den Vater hier erwarten„ er⸗ zaͤhlte ihm Chriſtine: ach, der Arme bedarf mehr als wir, einer ſolchen Erquickung. Abi! donnnerte jetzt eine Stimme— Wetter! brummte der Graf, nahm den zuͤrnenden Jupiter in des Kraͤmers Kammer⸗ fenſter wahr, und ſchlich davon. Wir verließen Homilium auf dem Wege zum Boden. Tief in ſich ſelbſt verloren, hing die Frau Gevatter dort ihre Waͤſche auf, als des Paſtors ſchwarzbraunes Angeſicht plͤtzlich zwiſchen den Hemden hervorſprang. Sie ſchrie laut auf.. Der Ueberraſchende entſchuldigte ſich be⸗ ſtens und eilte mit ſeinen Fragen uͤber ihr wer⸗ thes Wohlergehen und des Herrn Liebſten Be⸗ finden, zu dem Gegenſtande, der ihn unter ihre Roͤcke trieb. G Ja! Tauſend Thaler, ſo ſag ich Ihnen! verſicherte die Kraͤmerin, und bedauerte nur, daß ihr Mann die Liſten eingeſchloſſen habe, und wegen eines Mißverſtandes ſo eben auf die * 34 Akziſe gefordert worden ſei, von dannen er unter einer Stunde wohl nicht zuruͤck kommen werde. Der Erſchuͤtterte lachte weinend; ſchritt, uͤbermannt von ſeinem Gluͤck, die geraͤumige Bodenkammer aus; trat, um Luft zu gewin⸗ nen, ans Fenſter; ſah Chriſtinen an der Hand des Verſuchers, und ſeine Kuͤchlein mit Zu⸗ ckernuͤſſen von ihm geſpeiſt. Das Abi! hat⸗ te dieſen verſcheucht. Gott lebet noch! rief er jetzt der er⸗ ſchrockenen Familie zu. Ueberraſcht von der glaubwuͤrdigen Ver⸗ ſicherung, ſahen die Buden⸗ Bewohner zum Himmel, aus welchem ſie zu kommen ſchien, und von ihm auf das Kammerfenſter herab, an dem ſich der Paſtor ſeinen Kindern offenbarte. Dieſe aber vernahmen den Inhalt der Dach⸗ predigt nicht, und wurden ſehr kleinmuͤthig. 86* Podagra. Lange noch ſtand die junge Herrſchaft in ban⸗ ger Erwartung auf dem Kellerhalſe. Ehren⸗ Homilius hatte der wißbegierigen Kraͤmerin jetzt ſein Schickſal erzaͤhlt, ſie um einen Vor⸗ ſchuß von ſechs Gulden angeſprochen, kraft ſeiner Ordnungsliebe einen Empfang⸗ Schein ausgeſtellt, ihn im Taumel der Freude mit dem Tintenfaß beſtreut, einen zweiten gefer⸗ tigt, und ſeine ſchwarzen, abhanden gekom⸗ menen Handſchuh, lange vergebens hinter den Oel⸗ und Roſinen ⸗Faͤſſern geſucht. Jetzt end⸗ lich trat er aus dem Laden, und die Zwillinge flogen an ſeinen Hals. Nun ſeid ihr gluͤcklich! rief der Vater, und herzte ſie. 2 Ja, das ſind wir! entgegnete Jakob— Aber hungrig! ſchrie Ehrenfried. Eſſen und Trinken, betheuerte jener: Kleider und Schuh ſollt ihr haben, und Tine einen Vergißmeinnicht⸗Strauß, ſo groß als — ich ſelbſt. 27 E. Und ich die Fiedel! J. Und ich die Maultrommel. V. Dazu auch jedes ein paar Pantoffeln. Mir gelbe, Vaͤterchen, bat Chriſtine. Aber wie ſind Sie denn ploͤtzlich ſo reich wor⸗ den? Und ſo froh auf das Ungluͤck? V. Fragſt Du noch? Gott lebet noch bei Hoſemann, ge⸗ winnt 8000 Thaler! Meine De⸗ viſe! Meine Wahl! Was ſagſt Du, Tina? Doch daſſelbe nicht durch mich, ſeine Gabe iſt es! Gewonnen? lispelte Chriſtine, und druͤck⸗ te, ergriffen von der Gluth der Dankbarkeit ihre Haͤnde gefaltet auf die ſchuldloſe Bruſt— Gott ſey gelobt! Verſteht ſich wohl! entgegnete der Vater: Laus, honor, et gloria! ſobald wir nach Hauſe kommen. M Das wollen wir machen! ief die Fa⸗ milie. Liebe Kindlein! fuhr er fort und ſchlug wie Moſes, mit ſeinem Stabe auf den Eck⸗ ſtein des Hauſes, vor welchem ſie eben ſtan⸗ den: hier iſt unſers lieben, gnaͤdigen Herrn Praͤſidenten zeitliche Wohnung, dem ich jetzt vor allem meinen ſchuldigen Reſpekt bezeigen muß. Das wird nicht aufhalten, gar nicht, und hab ich dieſen erſt im Ruͤcken, ſo ziehn wir kummerlos von Bude zu Bude, und ſind froͤhlich im Geiſt. So lange verhaltet euch hier, und Du, Taube, meide den Stoßvo⸗ gel! Damit trat er in das Haus, und die be⸗ truͤbten, von neuem zur Geduld verwieſenen Homilien vergaßen ihn bald uͤber dem Moh⸗ ren des Ober⸗Conſiſtorial⸗Praͤſidenten, wel⸗ chen dieſer vorlaͤngſt einem Zahnbrecher abge⸗ kauft, großgezogen, in der chriſtlichen Reli⸗ gion unterrichtet, und zur heiligen Taufe be⸗ foͤrdert hatte. Jetzt war der ſchwarze Fuͤrch⸗ tegott, als Liebling ſeines Bekehrers, das Schrecken der duͤrftigen, der Mittler der wohl⸗ 29 habenden Kandidaten, und der liebe, junge Freund des Stadt⸗Miniſteriums, welches ſich vor dieſem Touſſaint der Kirche viel tiefer als vor dem Herrn ſelbſt beugte. Tine, ſchrie Jakobus, als er den Neger erblickte, und zog ſie am Rocke: geh nicht hin, da ſteht der Mummel. Beſorgt um das Schleierkleid, machte ſie ſcheltend ſeine Haͤnde los, trat nun erroͤthend in die Thuͤre, und gruͤßte ihn freundlich. Fuͤrchtegott aber, der ſich einem Popanz ver⸗ glichen hoͤrte und ohnehin ein geſchworner Feind ſeiner fruͤhern Verfolger, der Kinder war, ſchnitt den Zwillingen ein ſo furchtbares Geſicht, daß ſie Zeter ſchrien und davon laufen wollten. Chriſtine wußte ſie zu beſäͤnftigen. Eilfertig hatte der Paſtor indeß den Staub von ſeinen Füͤßen geſchuͤttelt, den Kragen zu⸗ recht geſchoben und waͤhrend dieſer Zuruͤſtun⸗ gen der Anrede nachgedacht. Sie werden erwartet! rief ihm der Kam⸗ merdiener zu und oͤffnete die Thuͤr des Kabi⸗ 30 nets. Zoͤgernd trat der Demuͤthige in das Helldunkel der Daͤmmerung, welche die ge⸗ ſchloſſenen Gardinen verbreiteten, ſah den Praͤſidenten, mit Kiſſen bedeckt, im Lehn⸗ ſtuhle ſitzen und beklagte ſehr, ſeinen aller⸗ theuerſten Goͤnner bei nicht voͤllig erwuͤnſchtem Wohlſeyn vorzufinden. Der Podagriſt un⸗ terbrach ihn durch einige Jammerlaute, welche dieſer mit einem gutmuͤthigen Brummen beant⸗ wortete, dann die Huͤlfe des Hoͤchſten verhieß und nun, in aller Stille, davon zu ſchleichen verſuchte. Wollen bleiben! rief der Praͤſident, vol⸗ len Rede ſtehn; ſind ein Haͤretiker, wie ich hoͤre⸗ Homilius ſtutzte. So ein Neuerer, Aufklaͤrer, gernanſe Diener— Ey bewahre! entgegnete der Paſtor u und faltete verblaſſend ſeine Haͤnde. P. Werfen die Gnade weg— H. Halte feſt an ihr! 31 P. Taufen nach der Mode— H. Mit dem Fahr aus, immerdar! P. Haben eine Wirthſchafterinn— H. Wohl hab ich die. Rahelen Concor⸗ dien, mein Eheweib. Drei Kindlein ſo ich mit ſelbiger erzielte, ſtehen als redende Zeugen im Hauſe.— Der Kammerdiener meldete den Paſtor von Neudorf. Da iſt er ja ſchon! rief der Podagriſt. Halten zu Gnaden, fiel Homilius neube⸗ lebt ein, der Lindthaler bin ich, ein ſtarker eifriger Chriſt. Weiß es! pardonnés moi! entgegnete der Praͤſident. Gehen ſie mit Gott, Herr Paſtor— Das Zipperlein betaͤubt mich ganz — Meinen Empfehl an die Frau Liebſte. Werd' es zu preiſen wiſſen! verſicherte dieſer, erbat ſich die Erlaubniß, den gnaͤdig⸗ ſten Goͤnner in ſeine Fuͤrbitte einſchließen zu duͤrſen und ſtolzirte nun mit einem Ich dan⸗ ke dir Gott! an dem bekuͤmmerten Neolo⸗ 32 gen voruͤber, welcher truͤbſelig wie der Zoͤllner, am Eingange lauſchte. Schorſteinfeger. Auch Tina hatte waͤhrend dem auf Kohlen geſtanden. Faſt alle Voruͤbergehende laͤchel⸗ ten oder lachten ihr ins Geſicht. In Fuͤrch⸗ tegotts Anſchaun verſunken, bemerkte ſie das erſt, als bereits ein lauter Kreis von Gaſſen⸗ jungen ihrer Taſche zunickte und zwei junge Herrn die Fernglaͤſer nach derſelben Gegend hinkehrten. Schnell ergluͤhend, blickte Chri⸗ ſtine jetzt an ſich nieder und mit geſchwunge⸗ nem Beſen ſah ein kleiner, blendend ſchwarzer Eſſenkehrer aus der Seiten⸗Spalte ihres ſchneeweißen Schleierrocks. Jakobus, der ihm am näͤchſten Puppentiſche kaufte, hatte den kleinen Fuͤrchtegott, waͤhrend dem ſie den„ großen betrachtete, dahin verſetzt und von der luſtigen Anſicht ergoͤtzt, durch ſein Lachen und ſeine Fingerzeige, die erſten Zuſchauer um ſie 33 verſammelt. Bitterboͤs ſchleuderte ſie jetzt den Schwarzen, zu gemeinſamen Jammer der Zwillinge in die Luft und drohte mit einer ausfuͤhrlichen Meldung an den Papa, wel⸗ cher ſeiner Angſt entnommen, ſo eben unter ſie trat. Nun, ſo kommt denn! rief er und nahm einen an jede Hand, komm Fried, auch du Jakobe und Tina folge uns, auf daß wir bei⸗ des, Speiſe und Trank, mit Dantſäani em⸗ pfangen. Die Kleinen hoͤrten das gern, erſchoͤpften ſich in der Beſchreibung des boͤsartigen Fuͤrch⸗ tegotts und beſchworen nebenher die ſchmollen⸗ de Schweſter, ſeines Bruͤderchens nicht zu ge⸗ denken. Waſſerfahrt. Hart am Thore des Gaſthauſes traf die Fa⸗ milie auf Primariuſſens. Die Freude war groß. Kuͤſſe wurden gewechſelt, Haͤnde ge⸗ III. 3 34 kuͤßt, und was das Gedraͤnge fuͤr Augenblicke ſchied, ſchnell wieder zuſammengefuͤgt. Un⸗ ſere Zwillinge ſahen indeß eine neue, ſeltſame Welt. Sie hatten ſich durch das barfuͤßige Publikum, welches die Seligkeit des An⸗ ſchauns mit ihnen theilte, zu dem nachbarli⸗ chen Guckkaſten hingearbeitet, in welchem jetzt die Suͤndfluth, unter Begleitung eines Du⸗ delſacks einbrach. Noahs Soͤhne kappten die Anker, eine brittiſche Flagge wehte ſtolz vom hohen Maſt. Die Arche war ein Dreidecker von hundert Kanonen, da es aber hier, wo Gott der Herr ſelbſt, weit und breit alles ver⸗ tilgt hatte, nichts zu ſchießen gab, ſo ſteckte die Beſatzung, Statt des Geſchuͤtzes, ihre vielartigen Haͤupter aus den Lucken. Die Erſcheinung war ſeltſam. Neugierig ſah des Baumeiſters ſchoͤne Tochter zwiſchen dem Pa⸗ vian und dem Entrich, ein Fuchs bei der Taube, die Meiſe neben dem Habicht, aus den Schießloͤchern des Hinter⸗Kaſtells. Der Koͤnig des Thierreichs ward auf dem Verdeck 35 von einigen unterhlaten Hammeln, und wies ih⸗ nen ſeine glaͤnzenden Zaͤhne. Noah endlich, der Wogen⸗Bezwinger, ſaß unter den verſammelten Spielarten der Eſel am Bogſpriet und krab⸗ belte ihre Vorſteher hinter den Ohren. Wie blitzte ſeine Treſſen⸗Weſte! Schaut's! Schaut's! rief der Waͤchter dieſer Geheimniſſe: das war die große Waſ⸗ ſerfahrt zu Lande. Jungen weg! Wer zahlt noch zwei Dreier?. Unſere Zwillinge gehorchten dem Winke, denn an Dreiern gebrach es ihnen. Sie hat⸗ ten ja genug geſehen, um von der Schweſter beneidet zu werden, die einigemal ihr Haͤls⸗ chen verlaͤngert, und ſehnliche Blicke zu den Guckloͤchern geworfen hatte, an denen ihre Bruͤder, wie Bienen an der Bluͤthe hingen. — Oft auch ſah ſie, mit einem viel baͤngern Sehnen, nach den uͤbrigen Strichen der Wind⸗ roſe hin, denn noch brannte ja der erſte, ein⸗ weihende Juͤnglings⸗Kuß auf ihren roſich⸗ ten, bis heute unberuͤhrt gebliebenen Lippen. · 36 Fledermaus. Da ſaßen ſie endlich, nach einem Innhalt⸗ reichen Morgen, im Herzen der Fledermaus. Eine leichtfuͤßige Dirne fuͤllte mit Malaga ihre Glaͤſer, und mit der leuchtenden Gluͤckſe⸗ ligkeit im Geſicht, viertheilte Ehren Homilius zu Gunſten ſeiner Raben, einige Knackwuͤrſte. Die Mutter lebe! ſprach Chriſtine, ſtieß ihr Glas an das ſeine, und nippte jüngferlich. Vivat hoch! ſchrieen die Gebruͤder mit ei⸗ nem Odem: Vater hoch! Obligatus! entgegnete der Geehrte, ſchenk⸗ te wieder ein, und rief nach Semmeln, denn verſchlungen war bereits der betraͤchtliche Vor⸗ rath. Immer voller ward das Zimmer, im⸗ mer lauter die Beſorgniß einiger Foͤrſter uͤber Europens Verhaͤngniß und Bonaparte's Siege, und dazwiſchen brüllte ein Harfeniſt, von dem Klange der zitternden Scheiben beglei⸗ tet— 37 Bomben und Haubitzen blitzen, Mauche Staͤdt und Veſtung ſchwitzen! Durch das Feuer wird verzehrt! Laß blitzen, ſiel im zaͤrteſten Diskant, ſein Toͤchterchen ein: Laß blitzen! Noch ſitzen Des Himmels Maͤchte zu Gericht, Sie ſchlummern nicht! Groß gedacht! rief Homilius, und griff zum Glaſe. Trinkt Kinder, Gott lebet noch! Der Harfeniſt tobte weiter. Nord und Brand, Schuß und Stich, Tod und Verder⸗ ben waren der Stoff ſeiner Bluthymne, aber immer loͤſchte der Gegenſatz des Maͤdchens die Staͤdte wieder, welche der Vater anſteckte, heilte die Wunden, die er ſchlug, wie die Trommelfelle die ſein Baß zerriß, und der Paſtor ſprach zu den Seinen— Kindlein, dieſer Schreier und ſeine Toch⸗ 38 ter gemahnen mich, wie eine ſchlechte Fabel mit einer guten Moral. Schweigend hatte bis jetzt ein junger, wohlgebildeter Mann in Chriſtinens Naͤhe ge⸗ ſeſſen, ſie nicht aus den Augen gelaſſen, und den Himmelblauen des Maͤdchens, welche. bald auch Beruf fanden auf dem Betrachter zu verweilen, bei jeder Gelegenheit zugelaͤchelt. Jetzt winkte er dem Kuͤper; Champagner perl⸗ te in vier Glaͤſern, und freundlich ward Ho⸗ milius eingeladen, ſammt den Seinen Beſcheid zu thun. Der gute, von Wein und Gluͤck beſeligte Vater, ſah in dem Noͤthiger einen neuen Engel zu ſeinem Dienſte vom Himmel herabfallen, wollte erſt lange nicht berauben, wuſte nicht, wie er dazu komme, und ward endlich von den Winken der Zwillinge und ei⸗ nem beifaͤlligen Blick Chriſtinens uͤberredet, der Bitte des Fremden als einem Befehle zu ge⸗ horſamen. Aber dem Toͤchterchen nur einen Tropfen dieſes Schaumweins einzunoͤthigen, hielt viel 39 ſchwerer. Der Fremde fuͤhrte ihr endlich ſelbſt die Hand, in welcher ſie das abgewieſene Glas hielt, zum Munde, und ein ſanftes Feuer ſtroͤmte aus ihr in die ſeine. Es waͤre unartig geweſen, einem ſo regen Dienſteifer laͤnger noch zu widerſtreben. Sie nippte, nippte, und trank es aus. Ey, wie ſuͤß! Ey, wie lieblich! rief der Paſtor: dergleichen koͤſtliche Gottes⸗ gabe habe ich nimmerdar genoſſen. Sprachs, und winkte vergebens den Zwillingen, denen der Champagner jetzt in die Naſe ſtieg, und ihnen ein heftiges, unverhinderliches Nieſen zuzog, welchem ein noch lauterer Jubel folgte. Jakobe! Ehrenfried! ſeyd ihr bei Sin⸗ nen? ſchalt Homilius, und griff nach den Jubelnden, griff aber, da ſie ſich, kraft der koͤſtlichen Gottesgabe, um ihn her verdoppelt hatten, immer fehl. Hoͤchſt angenehm war die gluͤhende Jung⸗ frau bis dahin von dem Fremden unterhalten worden. Sie ſah jetzt die Fehlgriffe ihres Vaters, die Erleuchtung ſeines Geſichts, fluͤ⸗ 40 ſterte beſorgt: Gehn wir nun? und ſchwankte waͤhrend der Frage ſelbſt oin wenig, nach ih⸗ rem ſeligen Erzeuger hin. Tina! rief der Paſtor, und hielt ſein Glas gegen das Licht: Tina, meine Tochter, jetzt moͤcht' ich predigen! Hier in der Fledermaus, Papachen? Nein, ach, nein! Was Fledermaus! fiel er heftig n werdend ein, die Erde iſt uͤberall des Herrn.— Dem mit der Harfe, dem ſchnaubenden Bluthunde dort, moͤcht' ich das Felſenherz zermalmen— Das verletzte Gefuͤhl der kindlichen Ver⸗ ehrung ſprach in dem Maͤdchen an, dem im⸗ mer baͤnger ward, als der Vater jetzt mit wilder Begeiſterung unter die Gaͤſte ſah und ihr eifernd betheuerte— Den Tod des Suͤn⸗ ders will ich nicht, da ſey Gott fuͤr! Aber Vaͤterchen, entgegnete ſie: wir ha⸗ ben ja die Pantoffeln zu kaufen und den Fla⸗ nell; ſechs Bierglaͤſer und die Pillenſchachtel. Solches wird uns alles noch zufallen! ver⸗ 4 41 ſicherte der Vater und bat ſie unter Zaͤhren, vor allem dieſem nach dem Reiche Gottes zu trachten. Chriſtine weinte mit, als ſie des Vaters Augen naß ſah, und der Tochter Thraͤ⸗ nen fielen, wie ein aͤtheriſches Oehl, in die Flamme ſeiner Andacht.— Jetzo, lallte er, als ſie auf die gelben Pantoffeln zuruͤckkam: jetzo laß uns geiſtlich ſeyn!— Pauken wirbelten, Trompeten ſchmetter⸗ ten, Bajazzo kam. Den mußten die Gebruͤ⸗ der ſehn. Vor Schaden zu bewahren, eilte der Vater ihnen nach, Chriſtine ſtammelte, mit einem zauberiſchen Laͤcheln, dem Fremden ihren Dank, geſtand daß ſie die Folgen ſeiner Guͤte in ihrem Kopfe fuͤhle, uud ſchwankte, zwiſchen Leid und Wonneluſt, den Ihren nach. Wohl bekomm es uns! rief Homilius, warf noch einen ſegnenden Blick auf die Fle⸗ dermaus und betheuerte, daß ſie den goldnen Adler ſowohl, als den roͤmiſchen Hof weit hin⸗ ter ſich laſſe. Vergihßmeinnicht. Väͤterchen! lispelte die Jungfrau: nun darf ich wohl meine Vergißmeinnicht hohlen? Allerdings! ſiel er ein und gab ihr Geld: auch Jakobo gab er und dem ſchmeichelnden Ehrenfried, und allen Bettlern die ihn anſpra⸗ chen, denn die Welt war ja ſein. Die Klei⸗ nen wurden nun, aufs neue, von der Drechs⸗ lerin begruͤßt und willkommene Kaͤufer. Glaͤn⸗ zend, wie die Morgenroͤthe, trat Chriſtine in das Gewoͤlbe der franzoͤſiſchen Mamſel. Welch ein Reichthum, welche Pracht, welche Zauberwelt fuͤr das Auge der aͤrmſten aller Paſtoren⸗Toͤchter. Seidene Koͤrbe voll der ſchoͤnſten Blumen und geraͤumig genug, ſelbſt dieſe holde Cyane zu faſſen, umgaben die Staunende. Bald war ein Vergißmeinnicht⸗ Strauß ausgeleſen, behandelt, und dem Vater 43 uͤbergeben, welcher, voll des ſuͤßen Weines, blinzelnd am Eingange lehnte. Aber die Lie⸗ ferantin aller Braut⸗ und Todtenkronen des Kirchſpiels hatte noch manch kleines Beduͤrf⸗ niß dieſer Art, hatte Kraft der vaͤterlichen Freigebigkeit auch die Mittel ſie zu befriedigen, und Trotz dem Geiſt des Schaumweines Be⸗ ſinnung genug, die Frucht des ſeltenen Augen⸗ blicks zu brechen. Jetzt ſah ihr Engels⸗ Koͤpſchen aus der Thuͤre. Gleich werd' ich da ſeyn, gutes Vaͤterchen! Eile mit Weile! erſcholl es dagegen; und bedenk auch die Mutter, welche daheim am Spinnrade ſitzt. Ich ſtehe fuͤr alles und ſte⸗ he hier gut. 5— Aber in der Sonne, Papachen! Sie bot ihm ihr Schirmchen, er nahm es. Servus! ſprach jetzt Herr Hoſemann, und klopfte den Paſtor auf die Schulter. Mit gewaltſamen Wohlwollen druͤckte ihn dieſer an ſein Herz. Ueberall hab ich Sie ſchon geſucht, ver⸗ 44 ſicherte der Kraͤmer: lieber, guter Herr Ge⸗ vatter! Sie dauern mich recht. Da— Dauern? ſtotterte Homilius— Warum dauern? Hm! mein Volk hat Ihnen, aus Miß⸗ verſtand, eine vergebliche Hoffnung gemacht. Da, ſchauen Sie her! fuhr er fort und zog die Liſte ans ſeinem Buſen— hier— wo denn gleich— ich ſtrich es ja mit Roͤthel an — Da, da iſt ja Ihre Nummer. 7414. Niete, Null, Nichts! Fuͤrwahr, es thut mir herzlich leid. Die naͤchſtfolgende, ſehen Sie, machte den Schlag. Poſſen, Poſſen! rief der Paſtor, zwang ſich zu lachen, und zog haſtig die Brille aus ſeiner Weſten⸗Taſche. Poſſen? entgegnete Herr Hoſemann, der nebenher ein Stiller im Lande war: ey, die uͤberlaͤßt ein Auserwaͤhlter, wie billig, den Kindern dieſer Welt. No. 7415 las jetzt Homilius zum funf⸗ zehnten Mahl, No. 7415. Im dunkeln 45 iſt gut munkeln— Achttauſend Thaler. Der ſchwarze Stab zitterte in ſeiner Linken, der Vergißmeinnicht⸗Strauß in ſeiner rechten Hand, Chriſtinens Sonnen⸗Schirmchen uͤber ſeinem Haupte, und von der Naſe fiel die Brille herab und zerbrach. Das iſt verdruckt! das iſt verdruckt! rief er jetzt aus aller Kraft ſeiner bedraͤngten Bruſt, und eilte nach dem Lotterie⸗Hauſe. Troͤ⸗ ſtend ging ihm der Kraͤmer zur Seite, die Knaben taumelten harmlos hinter ihm drein. Ein Fluch! der erſte ſeit dem Tage ſeiner Weihe, entfuhr ihm jetzt. Ey! rief der Stille: ey, Gevatter! Was huͤlfe es Ihnen auch, wenn Sie die ganze Welt gewoͤnnen und Schaden litten an Ihrer Seele? Gotts Donner! wiederhohlte Homilius und fuͤhrte mit dem ſchwarzen Stabe einige gewagte Hiebe gegen ein Schickſal, deſſen Grimm ſein Faſſungs⸗Vermoͤgen uͤberſtieg. Herr Hoſemann, den ein koͤrperliches Gebre⸗ 46 chen mit dieſem Stuͤrmer Schritt zu halten nicht geſtattete, kehrte des Zuredens muͤde, auf dem naͤchſten Wege heim. Eben trat der Lotterie⸗Direktor in die Thür. Sie nehmen nicht unguͤtig! ſprach der Paſtor, den ſein Vergißmeinnichtſtrauß und der Stock, der Sonnenſchirm und die Liſte den Hut zu ziehen hinderte: hier iſt ein Druck⸗ fehler und den ruͤg ich Ihnen. Dieſe Funf⸗ zehn muß eine Vierzehn ſeyn. Eine Vierzehn, ſo wahr der Herr lebt! Machen Sie eine Vierzehn daraus, Hochedelgebohrner, ſonſt bin ich ein geſchlagener Mann. Ein trunkener vielmehr! entgegnete der Lotterie⸗Direktor, und ſchlug die Thuͤre vor ihm zu. Unbekannt mit allem was da vorgehe, war Chriſtine im Gewoͤlbe zuruͤckgeblieben; Ehrenfried hatte ſich im Gedraͤnge verlohren, und Jakobus lallte, nach dem Strauße ſprin⸗ gend— Vater, mir die— Blumen! Blumen? ſprach der Vater wie im 47 Traum. Haſt Recht!— Vergißmeinnicht! . 4 — Nun, dieſen Tag vergeß ich nicht! Maultrommel. Er ging davon. Gaſſe auf, Gaſſe nieder fuͤhrte ihn ſein zielloſer Lauf, und unverzagt trabte Jakobus neben ihm her, und ſpielte auf ſeiner Maultrommel die Melodie der Hym⸗ ne welche er dem Harfeniſten in der Fleder⸗ maus abgehorcht hatte, und das Ga ira Der Vater aber brummte ſeine eigene Weiſe, und ſtand jetzt, erſchoͤpft, vor dem Gewoͤlbe der franzoͤſiſchen Mamſel, in welchem er verge⸗ bens nach der Tochter fragte. Bon dieu! erwiederte dieſe, weiß ik nik, kenn ik nik! war ſik da demoiselles ohne Siehl et Sahl; belles et laides, und die jolie fil- lie aussi!— Der Paſtor ſah ihr jammervoll ins Ge⸗ ſicht, und ging ſeines Weges. Jakobus ſchlug 48 jetzt ein Paſſions⸗Lied an und wußte, ſo we⸗ nig als der Papa, was aus Chriſtinen, und dem geigenden Ehrenſried worden ſey. Hohlſpiegel. Heh da! Sieh da! rief Homilius, als eben der Fremde voruͤbereilte, deſſen Wein ihn in der Fledermaus zu Predigten begeiſterte: be⸗ ſter Mann, edler Wohlthaͤter! haben Sie mein Chriſtinchen ſamt Ehrenfried nicht geſehn? Der Junge traͤgt eine Fiedel mit ſich und ge⸗ ringeltes Haar, das Maͤdel aber ſieht mir gleich, Sie konnten nicht fehlen. Weder die eine, noch den andern: ent⸗ gegnete dieſer: aber, beſter Herr Magiſter, wie konnten Sie auch ihre Kinder in dieſem Gedraͤnge aus den Augen laſſen? Und ein ſo liebes Maͤdchen obendrein! Mein Gott, wie viel kann ihr begegnen! n 49 Begegnen? fiel der Paſtor ein. Wol⸗ len Sie mir auch das Herz zerbrechen? Vergeben Sie, entgegnete der Fremde: das Maͤdchen hat mich angezogen. Aus je⸗ dem ſeiner Zuͤge ſprach mich die reine Seele und der himmliſche Friede eines unbefleckten Herzens an. Gehen Sie dort hinaus, armer Mann!l ich werde ſie in dieſem Viertel ſuchen. So will ich denn zuvor um den wertheſten Namen bitten! ſprach der Paſtor und druͤckte ihm die Hand. Sekretaͤr Hohlſpiegel! entgegnete der Eil⸗ fertige, und flog davon. Hohlſpiegel? ſeufzte Homilius: der Nah⸗ me iſt bedeutend! ſehr bedeutend! Einen ſol⸗ chen wird mir, nach der unſeligen Ruͤckkehr, das Angeſicht meiner Concordia zeigen. Blindekuh. Kaum hatte Herr Hoſemann den Geiſter⸗ hleichen Gevatter von der Gewoͤlbthuͤre der III. 4 8 50 feanzoͤſiſchen Mamſell weggeſchreckt, als der Federſtutz, welcher ſchon bei ſo manchem Land⸗ maͤdchen ſein Gluͤck gemacht hatte, an Chri⸗ ſtinens Seite ſtand, die in hoͤchſter Froͤhlich⸗ keit unter den Blumen waͤhlte, und ihm, be⸗ geiſtert von dem Weine, dießmal viel freier und muthiger als vorhin ins Auge ſah. Die⸗ ſer freute ſich des ſchnellwirkenden Eindrucks, und brachte ſeine Worte an. Den Papa, be⸗ theuerte er, dort an der Ecke, ſo eben ſeiner Schweſter vorgeſtellt zu haben. Der liebe Mann ſey ſo gefaͤllig geweſen, eine Einladung in ihr Gartenhaus anzunehmen und mit der Graͤfin bereits auf dem Wege dahin. Ihm aber habe ſie befohlen, die Mamſel Tochter, ohne Aufenthalt, dem guten Vater nachzu⸗ fuͤhren. Unſchluͤſſig ſah Chriſtine in ihren Buſen nieder, und ſtraͤubte ſich jetzt aus allen Kraͤften, die ſeidenen Struͤmpfe, die elaſtiſchen Strumpf⸗ baͤnder und die modiſchen Handſchuh, welche er ihr in das Koͤrbchen warf, anzunehmen. 61 O, nehme Siet rief die Franzoͤſin, und knipp den Herablaſſenden in die Wange: neh⸗ me Sie, Mamſel! die Graf ſeyn ſchoͤn Jung, gut Jung, aimable gargon. Schoͤn und gut? das find ich ſelbſt! dachte Chriſtine, duldete jetzt das reiche Ge⸗ ſchenk in ihrem Beſchluß, und gab ihm, auf das Zeugniß der Modehaͤndlerin, und von der bevorſtehenden Ehre geſchmeichelt, den Arm⸗ Er eilte ſchnell mit ihr durch ein Quergaͤße chen. Immer menſchenleerer ward es um ſie her, immer enger die Straßen, die Haͤuſer im⸗ mer unanſehnlicher. Chriſtine bemerkte das. Der naͤchſte Weg zum Gartenhauſe! verſicherte der Graf. Sie werden noch einige Freunde und Freundinnen bei der gnaͤdigen Schweſter finden. Nur unbefaugen, meine Gute, man haßt dort das Feierliche wie den Tod, wir aber wollen froͤhlich ſeyn, wie die Goͤtter! Nir iſt recht bange! klagte Chriſtine: die vornehmen Damen werden uͤber meine Ein⸗ .„ falt laͤcheln, und mich wohl gar zum Beſten haben? Unnuͤtze Beſorgniß. Umarmen, herzen, kuͤſſen wird man den Engel. O, es ſoll Ih⸗ nen nicht an Zeitvertreib fehlen. Wir haben eine Schaukel im Garten, da ſchwinge ich Sie; dann wird drei Mann hoch geſpielt, oder Blindekuh— Blindekuh? fiel Chriſtine ein, das iſt al⸗ lerliebſt! Die ſpielen wir alle Sonntage hei Ober⸗ Foͤrſters. Feſtung. Der Abend daͤmmerte; Homilius trat mit dem Laͤcheln der Verzweiflung aus dem Thore. Der ſchlafende Jakobus ſaß auf ſeinem rechten Arm. Vergebens hatte er, als ein ſprechen⸗ der Steckbrief, alle Gaſſen durchwandelt, we⸗ der der Hohlſpiegel noch ſein Zauberſpiegel war zu erblicken und vergebens folgte er oft Stra⸗ 3 2 53 ßenlang einem Knaben der von hinten wie Eh⸗ renfried ausſah, aber von vorn keinen Zug mit dieſem gemein hatte. Pſt! rief er allen Maͤn⸗ nern nach, die dem Sekretarius aͤhnelten, und den verſtoͤrten, mit dem Stab und dem Strauß, dem Schirm und dem Jakob beladenen Kreuz⸗ traͤger, zum Theil, fuͤr unrichtig anſahn. Dann hielt ihn jedes Mahl die noͤthige Ent⸗ ſchuldigung zur Ungebuͤhr auf, und endlich fuͤhrte ſeine Erſchoͤpfung den armen Verſchmach⸗ teten nach der Fledermaus zuruͤck; er klagte dem Wirth ſeinen Jammer, der ihm mitleidig ein Glas Wein nach dem andern einnoͤthigte, und neue Hoffnungen in dem tief Betruͤbten aufweckte. Seyn Sie ganz auſſer Sorgen! troͤſtete er: Mamſell haben den Herrn Sohn im Ge⸗ woͤlbe behalten, den werthen Papa beim Her⸗ austritt vermißt; haben, wie Sie, vergebens geſucht, und dann fuͤr gut gehalten, in Got⸗ tes Nahmen, nach Hauſe zu ſpazieren. Natuͤrlich, natuͤrlich! ſo denk ich mir's * 54 auch! rief der Paſtor, erbat ſich die Ehre von ſeinem Wohlſeyn, leerte noch einige Glaͤſer zur ſchuldigen Dankſagung, nahm den ſchla⸗ fenden Maultrommler auf den Arm, ſegnete den heilſamen Troͤſter und ging aus dem Thore. Da ſaß, o froͤhliche Erſcheinung! ſein Ehrenfried, unter Puppen und Kuchenrinden, am Fuße der Meilenſaͤule, und geigte harm⸗ los auf der Fiedel. Des Paſtors Freuden⸗ ruf ſtoͤrte Jaͤkchen aus ſuͤßen Traͤumen auf. Schweigend belud ſich Ehrenfried mit dem Einkauf. Wo iſt die Schweſter? rief der Paſtor. Weiß nicht! verſicherte dieſer. Zu Hauſe wohl? fuhr jener fort. Ja, zu Hauſe wohl! meinte Ehrenfried, und mit ſtarken Schritten eilten ſie nach dem Dorfe. Vater: ſprach der Beladene auf halbem Wege: Vater, mußt den Hannswurſt tragen, kann nicht mehr! 5⁵ Allotria, lauter Allotria! ſchrie Homi⸗ lius, und griff nach dem Hampelmann. Jubelnd zog ein Theil ſeiner ruͤckkehren⸗ den Heerde bei ihm voruͤber. Die taumelnde Verwalterin hing ſich, fuͤr ein Weilchen, an ſeinen Arm und nannte ihn ihren Herzens⸗ Magiſter. Zwar verwies ihr das der Paſtor, welcher ſie, ſeit zwanzig Jahren, als eine Ver⸗ ſucherin zum Boͤſen geflohen hatte, mit einem Spruche des weiſen Salomo, aber der Ham⸗ pelmann auf ſeinem Arm widerſprach dem Wort der Weihe und noͤthigte der Neckerin ein helles Gelaͤchter ab. Jetzt ſchimmerte das Licht aus dem Pfarr⸗ hauſe; dem Alten war es kein Freudenſtern. Sechs Gulden hatte er verlohren, ſechs gelie⸗ hen, anderthalben verzehrt, viertehalben ver⸗ theilt, und den traurigen Reſt des letzten in der Taſche. Die Weinduͤnſte wichen der ern⸗ ſten Betrachtung, der Jammer beſiel ihn, wenn er ſeiner Ehekonſortin gedachte, oder auf den Hannswurſt an ſeiner Bruſt, oder auf den 85 feuerfarbnen Kammerherrn blickte der, in hal⸗ ber Verbeugung, uͤber Ehrenfrieds belaſteten Ruͤcken herabſah. Guten Abend, Herr Paſtor! rief es jetzt hinter ihm; er erkannte ſeines Herrn Gevat⸗ ters Kauf⸗ und Handlungs⸗Diener und dank⸗ te kaum, denn nur noch wenige Schritte wa⸗ ren bis zu dem Pfarrhauſe hin und das waren ihm Schritte zum Hochgericht. Da that Hoſemanns rechte Hand ihren Mund auf, und verkehrte ſeinen Jammer in Freude, ſein Zagen in Uebermuth. Dringend beſchwor Homilius den Hoſe⸗ manniſchen Geſandten, unter ſein Dach zu treten, dieſer aber ſchuͤtzte Geſchaͤfte vor, und verſicherte, in der guten Aufnahme ſo will⸗ kommener Nachrichten, die beſte Bewirthung gefunden zu haben. Die Kinder waren im⸗ mer vorausgeeilt, und jubelten bereits der Mutter entgegen. Ei, wer hat Euch denn ſo beſchenkt? rief die Spinnerin und ſah von ihrer Arbeit auf. 57 Der Vater! entgegneten beide, und mit gluͤhenden, glaͤnzenden Wangen, beſchwert mit Tinens Vergißmeinnicht und Frieds Ge⸗ paͤcke folgte dieſer und ſprach: Guten Abend, mein Goldſchatz! Haſt Du die Glaͤſer? fragte ſie, ſtatt des Gegengruſſes. Concordia! erwiederte er: der Suͤnde haͤtt ich mich gefuͤrchtet, und Deinen Zorn ge⸗ ſcheut. Voll Gallen waren ſie, grau, blind und widerlich und dabei theurer als Chryſtall. S. Und den Flanell zum Camiſol? E. Ich habe mich eines andern bedacht. S. Auch gut; der alte geht noch eine Weile! Haſt ja einmal recht gewirthſchaftet, Vaͤterchen? So hab' ichs gern! Aber die Le⸗ bens⸗Pillen bringſt Du doch mit? E. Hatte ſie. Doch that ſich das Schaͤch⸗ telchen auf, und da ſind ſie mir insgeſammt, durch ein Loͤchlein der Hoſen⸗Taſche, bis in die Kniekehlen gelaufen. Daß dich! brummte die Paſtorin und 58 ſetzte nach einer Pauſe traulich hinzu: Nicht wahr, die Spielſachen ſind von Primariuß⸗ ſens? Ich wollte, dem waͤre ſo! murmelte er, warf den Hannswurſt auf den Tiſch, und ſich in den Schlafrock. Waͤre ſo? fiel die Paſtorin ein, und ſah ihm nach. Den Kindern, fuhr er fort: mußte doch billig eine kleine Ergoͤtzlichkeit zukommen. Sieh Mutter! rief Ehrenfried, und ſtell⸗ te den hoͤflichen Kammerherrn auf das Spinn⸗ rad. Horch Mutter! ſiel Jakob ein, und ſchlug das Paſſionslied auf ſeiner Maultrommel an. Sie ſaß verſteinert. Die Kinder nah⸗ men dieß Erſtaunen fuͤr Theilnahme an der mitgebrachten Herrlichkeit, und fuͤllten ihr den Schooß mit Lebkuchen und Zuckernuͤſſen. Seid ihr verruͤckt! rief die Zuͤrnende, warf das Spinnrad zuruͤck, und ſtarrte den Vater an. Dieſer ging ſchweigend auf und nieder, 59 trat jetzt zur Lampe, und ordnete ein Haͤuf⸗ lein Kupfer⸗Dreier in ſeiner Hand. Sie hu⸗ ſtete, er hoͤrte nicht. Wir haben Wein getrunken! erzaͤhlte Jaͤkchen, o, delikaten! Drei Glaͤſer jeder! verſicherte Ehrenfried Tine zwei, und der Vater, ach, ſo viel! Erſt ſuͤßen, dann brauſenden, der Stoͤpſel ſprang mir an die Naſe. 8 Haſtig fuͤhrte ſie die Zwillinge in ihre Kammer, und ſprach, zwiſchen Lachen und Weinen zuruͤckkommend: Wein und Kuchen, Puppen und Narre⸗ theien fuͤr mein ſchoͤnes Geld? Du biſt von Sinnen, Alter, nun ſeh ich's ganz! Eram, ich war! entgegnete er, jetzt aber geht es wieder beſſer. Gott ſteh mir bei! fiel Concordia ein, verſchloß die Zuckernuͤſſe, ſchob das Spinnrad ſtuͤrmiſch in den Winkel, und den Stuhl mit großem Geraͤuſch an ſeinen Platz. Warum toben die Heiden? rief Homilins. 52 Discordia moͤcht' ich Dich nennen Du— He⸗ kate!— Sollt ich den Kindern einen Stein bieten, ſtatt der Wurſt, und Kopfnuͤſſe ſtatt des Pfefferkuchens? Ich eine Discordia? fragte die Paſto⸗ rin, und trat näher. Der fuͤße ſpricht aus Dir und der brauſende, Du Schlemmer, Du, Du— Ich eine Hekate? Sterben will ich; entgegnete er, und ſchloß, uf Aergerniß zu vermeiden, die Fen⸗ ſterladen zu: in die Grube will ich fahren, wenn Du weißt wer Hekate war. Sey doch huͤbſch freundlich! Sieh, ich gedachte Deiner in Lieb und Zaͤrtlichkeit und bringe Dir dieſe Ver⸗ gißmeinnicht mit. Sie hatten nichts beſſeres; Dein Toͤchterchen ſuchte ſie ſelbſt fuͤr Dich aus. Chriſtine! rief die Mutter jetzt, des Maͤd⸗ chens eingedenk: Chriſtine komm herunter! Komm gleich den Augenblick! Iſt ſie da? fiel er haſtig ein. Das fragſt Du?— Wie? Nicht? Nun, das fehlte noch. 6*⁴ Sie kam abhanden, Herze Frau! er⸗ zaͤhlte Homilius, und griff gleichmuͤthig nach ihrer Doſe; doch iſt es ihr wohlgegangen. Ein junger Graf hat ſie ſpazieren gefuͤhrt. Iſt er honett, ſo bringt er ſie nach. Wenn man den Wein nicht roͤche, fiel die Paſtorin ein, und zwang ſich zu lachen: ſo muͤßte ich Blut weinen, ſtatt des Waſſers. Gieb das Geld her, meine ſchoͤnen Gulden — Wo ſind ſie? Lieber Engel! verſetzte der Paſtor, und bot ihr die Hand voll Kupfer⸗Dreier: wer ſie hat, ſtirbt ſicherlich keines natuͤrlichen To⸗ des. Der Paſtorin ſchwoll der Kamm. Mor⸗ gen! rief ſie: morgen mit dem Tage, geh ich in die Stadt. Zum Praͤſidenten geh ich. Ih⸗ ro Exzellenz, will ich ſprechen, das und das Ungluͤck trifft mich jetzt, und ſo und ſo iſt mirs gegangen. E. Faſt haͤtt' ich den vergeſſen, Cordula! 62— Er laͤßt Dir einen freundlichen Empfehl ver⸗ melden. 4: S. Ich will Dich ſchon vermelden, ich! Thue das nicht an mir! bat der Magi⸗ ſter. Der Herr Praͤſident ſind ein ſchwacher, leichtglaͤunbiger Herr, und koͤnnten gar leicht dem Geſchwaͤtz Deiner loſen Zunge einigen Glauben beimeſſen. S. Das wird er, das ſoll er! Renovi⸗ ren ſoll er Dich, vom Amte ſetzen, und auf die Feſtung ſperren, Dein Leben lang. Herzlich lachte jetzt der Alte. Auf die Feſtung! rief er, und nahm den alten Hager vom Buͤcherbret: da, ſieh erſt zu, ob wir eine Feſtung im Lande haben. S. Er laͤßt eine bauen! betheuerte ſie. Ad vocem Feſtung, erwiederte der Pfar⸗ rer: faͤllt mir das heutige Sturmlaufen ein. Recht wie vom Himmel kam der Entſatz, denn mein Herz war umfangen von Seelen⸗Augſt⸗ und ohne des redlichen Hohlſpiegels Beiſtand ſtuͤnd' es jetzt, der Himmel weiß wie, um un⸗ ſer beſtes Kaſtell. Scheiden laß ich mich! rief Concordia; ſie ward immer zorniger, je herzlicher ihr Ehe⸗ herr den Feſtungs⸗Plan belachte, und als er jetzt mit einem: So ſchlafe denn recht wohl, mein Engel! das Stuͤbchen verließ, flog der Hannswurſt in ſeinen Nacken.— Naſch wandte ſich Homilius, erhob den Finger und ſprach mit Sirach— Wenn ſie boͤſe wird, ſo verſtellet ſie ih⸗ re Gebehrde, und wird ſo haͤßlich wie ein Sack! Wie ein Sack? fragte die Paſtorin— Staatsperuͤcke. Amen, ja! wiederholte der Magiſter, und eilte hinaus. Ey, ſieh doch! rief die ergrimmte Ver⸗ folgerin, jagte ihm nach, und faßte jetzt die 64 Endlocken ſeiner Staats⸗Peruͤcke. Entguͤr⸗ telt von dem gewaltſamen Rucke, verließ ſie die ſpiegelglatte Scheitel des Fliehenden, und Concordia warf ihm die gehaſchte Beute in den Obſtgarten nach. Er lachte ſehr und lobte den Herrn, der ihn nach einem ſo ſchmerzen⸗ reichen Tage dieſe Freudigkeit des Geiſtes und den Muth verlieh, den Thron der zwanzig⸗ jaͤhrigen Regentin auf dieſem Wege zu erſchuͤt⸗ tern. Sie aber, die den duldfamen Kreuz⸗ traͤger zum erſten Mahl in dieſer Laune, und weder ihre Gulden noch ihre Tochter wieder⸗ ſah, kehrte ſchluchzend zuruͤck, und ihr erſter Blick fiel auf den Kammerherrn, der noch rief verbeugt, ohne Haarbeutel zwar, aber laͤchelnd wie ihr Mann, an dem Spinnrade ſtand. Ob ich wohl nachgebe? dachte ſie endlich, nach manchem ergriffenen und wieder verwor⸗ fenen Entſchluß, erſtickte, als ihr ſein ſpoͤtti⸗ ſches Gelaͤchter beifiel, die Herzensſtimme wieder, und ſchlich doch gleich darauf dem 65 Studier⸗Stuͤbchen zu, in welchem der ſiegen⸗ de Heros mit ſtarken Schritten auf und nieder marſchirte. Vaͤterchen: ſprach jetzt eine kleinlaute Stimme vor der Thuͤre: Deine Suppe ſteht in der Ofen⸗Hoͤhle. Ich ſtehe ſelbſt darinnen! entgegnete er — In der ſengenden, brennenden Hoͤhle ei⸗ nes zaͤnkiſchen Eheweibes. Schuͤchtern trat die Paſtorin ein, faßte ſeine Hand, bedeckte ſie mit Thraͤnen ihrer herzlichen Reue, und lispelte— Du warſt auch gar zu ſeltſam, Alter! Im Dunkeln iſt gut munkeln! rief der Alte, und zog ſie plöͤtzlich auf ſeinen Schooß— Was meinſt Du, Cordula? S. Du biſt wohl trunken, geſteh es nur? E. Hinter meinem Raͤcken haſt Du gu⸗ munkelt, geſteh es nur? S. Lieber Vater! E. Die Frau Gevatter Hoſemann aber, III. 5 66 welche faͤlſchlicher Weiſe Mann und Weib fuͤr einen Leib hielt, offenbarte mir, daß mein Loos tauſend Thaler gewonnen habe. Haſt Du denn eins? fragte ſie. Wohl hatte ich ein! Und dergleichen erfuhr ich nicht? Nun weiß man doch, warum das Beichtgeld nir⸗ gends zulangt. Du aber hatteſt keins? ſiel der Paſtor ein— Wohl hatte ich eins, entgegnete ſe: ein armes Achtel nur— E. Ein ſchweres Achtel, Kind! Durch Feuer und Flammen hat es mich getrieben. Wie hier zu Tiſch und Bett, zu Kreuz und Freude, bin ich Dein Nachbar in der Liſte und gleich dem Baume, der da abgehauen und in das Feuer geworfen wird, ſteht mein verdorrter Stamm neben dem Fruchtbaume Deinss Segens. Concordia ſah die großen Buchſtaben ih⸗ res Wahlſpruchs, und die anſehnlichen Vaͤuche 67 der Nullen. Eins: zaͤhlte ſie numerirend: zehn, hundert, und ſo weiter— Acht in Achten ein Mahl— Tauſend! Ja, Tau⸗ ſend!— wiederhohlte ſie und erblaßte; fal⸗ tete weinend ihre Haͤnde, und ſank an des Paſtors treue Bruſt. Er aber weinte herzlich mit. Leis oͤffnete ſich jetzt die Thuͤre. Schuͤch⸗ tern ſah Chriſtinchen in das Zimmer, der jun⸗ ge Hohlſpiegel lauſchte hinter ihr. Gott lebet noch! rief der Vater, und ſprang auf.— Du Angſtkind! lispelte die Mutter, und druͤckte ſie an ihre Bruſt. Einen ſo zaͤrtlichen Empfang hatte Tina nicht getraͤumt, und dem Begleiter bereits das Mittleramt aufgetragen. Dieſer tadelte, unter leichten Verbeugungen, ſeine Kuͤhnheit und entſchuldigte das ſpaͤte Eintreffen, die El⸗ tern aber entſchuldigten beides, und ließen hundert Fragen an den neuen Freund erge⸗ hen. 68 Ach Mutter, fliſterte Chriſtine, denken Sie nur, ein Offizier hat mich verfuͤhrt! Verfuͤhrt? rief die Paſtorin, und ſchlug die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen— Entfuͤhrt, wollte ich ſagen! verbeſſerte das erroͤthende Maͤdchen. Nur an das Fiſcherthor! verſicherte der Sekretarius. Kaum hatte ich Sie verlaſſen, beſter Herr Paſtor, als mich der Laͤufer mei⸗ ner Prinzipalin, der verwittweten Graͤfin Lichtenau, eilig zu dieſer rief. Wir kommen von ihr! ſiel Tina ein und hob ſich auf den Zehen. Ey, ſieh doch! ſprach die Mutter, Ehre genug! Wie iſt Dir denn das gegluͤckt: Sehn Sie Mutter; fuhr Tinchen klein⸗ laut fort: der Graf— es iſt ein bildſchoͤner Menſch und nie haͤtte ich ihm ſolche Bosheit zugetraut— der Graf gab vor, Papachen ſey dort, er ſolle mich nachbringen. Ich hatte Wein getrunken, und folgte treuherzig. Als wir am Fiſcherthor um die Ecke traten, ſteht 69 eine Dame vor uns. Praͤchtig gekleidet, Mutter, in Atlas ſehen Sie, und mit einem Ordenskreuz an der Bruſt, und ein Laͤufer hinter ihr, und ein Heiducke. Sie kehrte, wie ich ſpaͤterhin vernahm, von einem Spa⸗ ziergange zuruͤck. Du verbeugteſt Dich doch? fragte die Mutter, und machte, als ſtehe ſie eben ſelbſt vor der Graͤfin, einen hinſinkenden Knix. Freilich wohl! erwiederte Chriſtine, und wiederhohlte, unwillkuͤhrlich, die tiefe Ver⸗ beugung: aber der Graf ließ ploͤtzlich meinen Arm fallen, und eilte ſeitwaͤrts. Verlegen ſtand ich da, und wußte nicht, wie mir ge⸗ ſchah. Der Stoßvogel! rief Homilius, dacht ich es doch! Sagt ich es doch! Erblickteſt Du das Sinnbild nicht auf ſeinem Huthe? Ch. Die Dame ſah recht veraͤchtlich auf mich herab, fragte, wie ich heiße, wie ich zu dieſem Begleiter gekommen ſey, wohin ich mit ihm wolle, und viele andere Dinge mehr. 70 Zitternd geſtand ich, was ich wußte, und daß ihm die franzoͤſiſche Mamſell das beſte Zeugniß gegeben habe, und der Himmel weiß, was mehr. Eine Einfalt nannte ſie mich jetzt, ſtreichelte mir die Wange, und bat mich, ihr zu folgen. Wir traten in ein großes Schloß. In praͤchtige Zimmer, Muͤtterchen; wie auf dem Eiſe ging ſich's da. Aber lachen mußt' ich unterweges, faſt uͤberlaut. Das wird ſich ſchicken! ſchmaͤlte der Va⸗ ter. Denken Sie nur, fuhr Tinchen, mit leich⸗ tem Spott im Tone fort: Schulmeiſters be⸗ gegneten uns und ſahen mich mit großen Au⸗ gen an, und er verlor den Huth uͤber dem Komplimente. Die Graͤfin erkundigte ſich, ob ich die Leute kenne— Es ſind Schulmei⸗ ſters! ſagte ich, da lachte ſie mit. Ja, ich war ganz dreiſt, wie hier im Hauſe. Die Graͤfin, unterbrach der Sekretair ſeine Gefaͤhrtin: ließ mich rufen. Sie war empoͤrt uͤber den Jaͤger ihres abweſenden 71 Sohns, deſſen Hukh und Ueberrock der Fre⸗ che, um ſich ein Anſehn zu geben, gemiß⸗ braucht hatte, und bat mich, die Gerettete zu ihren Eltern zuruͤck zu fuͤhren. Mamſel glaub⸗ ten, den Papa im Hoſemanniſchen Hauſe zu finden, dahin brachte ich Sie.— Ich kuͤßte ihr die Hand beim Abſchied, ſiel Tina ein: Sie kuͤßte mich auf die Stirn. Lauter Ehre! rief Concordia. Das iſt noch lange nicht alles— fuhr ſie fort und laͤchelte geheimnißvoll. Wir kamen zu Hoſemanns: erzaͤhlte der junge Hohlſpiegel: und fanden Sie nicht, wohl aber den Mann ſehr betreten und verlegen. Aus Beſorgniß, der Frau Paſtorin zu miß⸗ fallen, und ſich ein Extra⸗Geſchenk zu ver⸗ ſcherzen, hatte er Ihnen vorenthalten, daß die gluͤckliche Nummer ſo gut als Ihnen ſelbſt — daß ſie der Frau Liebſte zugehoͤre. Ich, der Ihren Kummer viel tiefer als dieſes kauf⸗ maͤnniſche Herz empfand, drang darauf, dem Herrn Magiſter das Raͤthſel zu loͤſen, machte 72 ſelbſt, um Sie aufzufinden, noch einen Gang durch die Stadt, und bat dann den Diener, hinauszueilen, und Sie, den ich bereits auf dem Ruͤckwege begriffen glaubte, ſowohl von meinem Fund als von dem zugefallenen Ge⸗ winnſt zu unterrichten. Das hat er, das hat er! rief der Paſtor. Er kam eben an, als ich dem Rabenſtein ent⸗ gegentrat. Was Du auch ſchwatzeſt, Vaͤterchen! rief Concordia.— Das Gluͤck macht leichtfertig! bemerkte der Sekretair und warf einen bedeutenden Blick auf Chriſtinen. Siehſt Du, Mutter! wisperte dieſe und oͤffnete ihr Tuch ein wenig: blinzelnd ſah die Mutter hin. Von einer ſchoͤnen Goldkette ge⸗ halten, wiegte ſich ein Schild auf dem fliegen⸗ den Buſen. Das hing mir die Graͤfin waͤh⸗ rend des Kuſſes um, und nannte mich eine liebliche Unſchuld. Vater! rief die Erſtaunte, guck her, Va⸗ 7³ ter! Das nenn' ich einen Jahrmarkt! Was werden Schulmeiſters ſagen und die Prima⸗ riuffin! Schnell griff der Vater zu der Brille, und Tina wendete ſich erroͤthend ab, als der Se⸗ kretair jetzt auch den Jahrmarkt in Augen⸗ ſchein zu nehmen verſuchte, Ach, beſter Herr! riefen die Eltern, wie viel Dank ſind wir Ihnen ſchuldig. Waͤr ich ein Sonntagskind wie Du, ſprach Homilius: ſo traͤt ich ihm ein Drit⸗ theil des Gewinnſtes ab. Mit tauſend Frenden! fiel die Mutter ein— Hohlſpiegel hatte Muͤhe die Entſchaͤdi⸗ gung abzuweiſen, und bat in ſeiner Beſchei⸗ denheit nur um ein Nachtlager. Gern haͤt⸗ ten ſie ihn insgeſammt auf Dunen gebettet. Chriſtine ſprach einige Worte in der Mutter Ohr, und eilte fort, ihr Bettchen weiß zu kleiden, denn ihm ſollte und mußte es ja, als das einzige raͤumbare des Hauſes, zur Staͤtte 74 dienen. Wie ging das der Verpflichteten ſo ſchnell von den Haͤnden. Wie emſig ſtrich und ſchuͤttelte ſie jede Falte aus, wie ſorgſam ſtrebte ſie, alles was den Schlaf des lieben Gefaͤhrten verfuͤßen und verſchoͤnern konnte, zu erſchoͤpfen. Die Alten uͤberhaͤuften ihn indeß noch mit mancher Frage. Der Vater mußte ja wiſſen, woher, wie alt, welches Glaubens er ſey, wo er ſtudirt habe, die Mutter aber, ob ſeine lieben Eltern noch am Leben, Herz und Haͤnde noch frei, die Einkuͤnfte betraͤcht⸗ lich waͤren, und ſo weiter. Geradezu ließ ſich das freilich nicht gut fragen; Concordia aber, die in Verhoͤren dieſer Art ihres Glei⸗ chen ſuchte, war, als der Waͤchter Mitter⸗ nacht abrief, von allem zu ihrer Zufriedenheit unterrichtet, und der angenehme, jetzt gute Nacht wuͤnſchende Gaſt empfing auf ihr Ge⸗ heiß einen warmen, herzlichen Kuß von Chri⸗ ſtinen, die ihm bis dahin lauſchend gegenuͤber 73 /9 geſeſſen, und nur fuͤr die Katze geſtrickt hatte. Der Gekuͤßte ſchloß aus den Geraͤthſchaf⸗ ten der Kammer, daß ſie dem Maͤdchen zu⸗ gehoͤre; aus der Unmoglichkeit ſich auszuſtre⸗ cken, daß er in ihrem Bettchen liege. Schon in der Fledermaus wuͤnſchte er ſich an die hei⸗ lige Staͤtte. Einige Gaͤſte, unter denen er dort ſaß, aͤußerten ſich zu Gunſten dieſer Fa⸗ milie, prieſen vor allem die Wirthlichkeit des Maͤdchens, ihre ſittlichen Vorzuͤge, und be⸗ ſtaͤtigten ſo den Empfehlungsbrief, der ihn aus ihren blauen Augen anſprach. Je laͤnger er jetzt, vom Schlummergott geflohen, ſei⸗ ner Lage nachdachte, je anziehender ward das kleine Bett, je preiswuͤrdiger ſeine Beſitzerin, je ſichtbarer die Hand ſeines Genius in dieſer Begebenheit. Hier waͤre noch Platz! dachte er, und ſchmiegte ſich ſehnſuchtsvoll an die Wand. Ein ſuͤßer Traum fuͤllte den Raum aus, und gekruͤmmt wie er lag, glaubte er, mit Ihr vor dem Altare zu knien. 76 Eintraͤchtig wandelte am Morgen die Fa⸗ milie unter den Obſtbaͤumen, die Zwillinge jubelten im Hofe, und heiter wie der Tag flog unſer Sekretarius von dem getraͤumten Altare zu der ſchoͤnen Altar⸗Genoſſin hinab. Das Eltern⸗Paar empfing den Kommenden mit herzlichen Wuͤnſchen, Chriſtine ſchlich ihm, mit der ſuͤßen Erinnerung an ein aͤhnliches Traum⸗ bild entgegen. Die Bluͤthen und die Herzen eutſchloſſan ſich dem holden Mayen⸗Odem, und Moritz umſchwebte, der Biene gleich, das offenſte und bluͤthenreichſte dieſes Kreiſes. Jetzt wurden die Abenteuer von geſtern wie⸗ derhohlt, und Ehren Homilius laͤchelte ver⸗ ſchaͤmt, als Chriſtine der Fledermaus⸗Predigt gedachte, welche Bajazzo unterbrach, und des Harfeniſten, der ſo eben in die Gartenthuͤre trat und noch unzerknirſcht, ſeine Haubitzen blitzen und ſeine Staͤdte ſchwitzen ließ. Vater, ſieh mahl! rief Jakob, und warf den Hannswurſt gegen die Wipfel des Kirſch⸗ 77 baums. Eine Vogelſcheuche wohl? erwiederte der Sekretarius, und griff nach dem Glaſe. Den Alten beſiel ein heftiger Huſten. Selt⸗ ſam! fuhr jener fort: eine Peruͤcke, Herr Paſtor! wie koͤmmt eine Peruͤcke auf den Kirſchbaum? Der Schulmeiſter wird doch nicht— fiel Chriſtine argwoͤhnend ein— Aber die ſind ja noch lange nicht reif. Sie iſt ganz neu! verſicherte Moritz, der ſie unverruͤckt durch das Fernglas betrachtete. Je, das iſt ja die Ihrige! rief Tina jetzt: mein Himmel, Vaͤterchen! wie koͤmmt denn die auf den Baumaſt? Laßt das gut ſeyn, Kinder! entgegnete die ſchamrothe Mutter: der arme Vater kehrte geſtern windelnaß zuruͤck, da hab ich ſie hier zum Trocknen aufgehangen. 78 Recte! fiel der Vater ein: ſie hat ſie da zum Trocknen aufgehangen. Die jungen Leute fanden das ſpashaft, und lachten ſehr: auch der Vater lachte mit, die Mutter aber hohlte, ſchnell verduͤſtert, eine Hopfenſtange, und trug ſie, ihren Jaͤhzorn bereuend, dem Hauſe zu. Nit ſchwerem Herzen beurlaubte ſich Mo⸗ ritz, und ward freundlich eingeladen, der Fa⸗ milie die Freude ſeines Beſuchs bald wieder zu goͤnnen. Moritz aber erfreute gern, und ſpa⸗ zierte faſt taͤglich nach Lindthal. Die Graͤfin verſtand ſeine Seufzer zu deuten, und ſetzte ihn wohlwollend in den Stand, ſie zu Lind⸗ thal laut werden zu laſſen. Vollauf hatte die Mutter nun zu erzaͤhlen, und zu thun, und zu kaufen. Sie ſelbſt ging, um Uebel zu verhuͤten, bei dem naͤchſten Jahrmarkt zur Stadt, und die Zwillinge trugen dießmal viel nuͤtzlichere Dinge nach Hauſe. Vergebens aber hatten ſie der wirthlichen Mama die Fle⸗ 79 dermaus empfohlen; ſie hielt ſich an Schul⸗ meiſters und ſprach, wie ſonſt, in dem roͤmi⸗ ſchen Hofe zu. 3 Als nun die Kirſchen des Peruͤckenbaums reif waren, pfluͤckte die froͤhliche Braut ſie zum Hochzeit⸗Mahle und bereitete dann ein viel laͤngeres und breiteres Bett fuͤr den Gaſt; er aber brachte ein reiches Hochzeit⸗ Geſchenk von der Graͤfin mit, und den koͤſtlichen Becher der Freude. Sie gedachten bei dem Tranke des Jahrmarkts und ſegneten ihn. Dann ſegnete Homilius ſeine Kinder, die Mutter aber weinte uͤber ſie, fuͤhrte das ſtill entzuͤckte Paar in die Kammer, und kehrte zu dem Alten zuruͤck. Gott lebet noch! rief er, und kuͤßte die Froͤhliche, welche ihm die Staatsperuͤcke dießmahl viel ſchonender abnahm, und mit Hand eine Freudenthraͤne von ſeiner Wimper ſanfter ſtrich. Auch Chriſtine fuhr ihrem 30 Moritz mit der kleinen Hand uͤber die Au⸗ gen und hielt ſie, ſchamroth, dem Gluͤckli⸗ chen zu. — * Ge ◻ Qη 2 ——₰ * 2 X — 8 — O— .Q⅔ . Z 4 — — Staats⸗Peruͤcke. Der ſchoͤne Seele ſtand auf Kohlen und ging mitunter auch, des Stehens und des Wartens muͤde, im Sturmſchritt auf und ab. Er war erſt am vorigen Abend aus der Gefangenſchaft zuruͤck gekommen und nur erſt ſeit kurzem von dem boͤsartigen Nerven⸗Fieber hergeſtellt, welches den ſtark behaarten Kriegsrath in ei⸗ nen kahlkoͤpfigen Eliſa verwandelte. Er war, naͤchſtdem, bereits fuͤr dieſen Mittag zu Her⸗ zens gebeten und ein Nachzuͤgler hatte die Kapſel mit dem falſchen Titus oder After⸗ Skalp, vom Packbrete des Wagens abgeſchnit⸗ ten. Das alte Werchgebund aber, welches ihn unter Weges bedeckte, konnte ſich um ſo weniger bei Ober⸗ Amtmanns ſehen laſſen, 84 da Charlotte, die liebliche Tochter des Hau⸗ ſes, um keinen Preis erfahren durfte, daß ihm die goldene, von ihr ſo oft belobte Lok⸗ ken⸗ Fuͤlle bis auf das letzte Haͤrchen entfallen ſey.— Beruhigen Sie ſich, beſter Herr Kriegs⸗ rath! troͤſtete Friedrich, als der Verluſt, waͤh⸗ rend des Ankleidens, zur Sprache kam: mein Vetter, der Peruͤcken⸗Macher Gaͤnſel, hilft uns gewiß aus der Noth. Bei dem iſt ja, in Ruͤckſicht auf Haut und Haar, kein Ding ohnmoͤglich. Ich ſpringe hin und ſchaffe Nath. Der Kriegsrath brummte wie ein Baͤr und Friedrich huͤpfte wie ein Windſpiel nach des Herrn Vetters Behauſung. Zuerſt be⸗ hauptete die Freude des Wiederſehns ihr Recht, dann kam das Fruͤhſtuͤck an die Reihe; ihr folgte eine kurze aber verwickelte Darſtellung des Feldzugs und der erlogenen, im Laufe der Gefangenſchaft erlittenen Drangſale, zuletzt kam Friedrich ploͤtzlich auf das ſchreiende Be⸗ 85 duͤrfniß ſeines Herrn. Da wird ihm mein Bendir ſchou aushelfen: entgegnete die Jung⸗ fer Gaͤnſeln: der Aufwaͤrter in der Charité iſt unſer Herr Gevatter und der verſorgt mei⸗ nen Bruder bis zum Ueberfluß. Die Vettern traten auch bald darauf, ſelbander bei dem Kriegsrath ein. Uns iſt geholfen! verſicherte Friedrich: hier bringe ich drei blonde und eine Semmelbluͤthfarbene Peruͤcke, nach der neueſten Manier zugeſtutzt; das Haar der letztern iſt von einer Jungfer die in's Kloſter ging. Ach, liebſter, beſter Herr Gaͤnſel! ſagte Seele, welchen die Ungeduld ſaſt verzehrt hat⸗ ke: ich zahle was man fordert, nur ſchweigen Sie! Wuͤrde mein Ungluͤck hier bekannt, ſo hieße es wohl gar, Cupido habe mich barbiert, oder die ſpottſuͤchtigen Maͤdchen theilten mir einen Spitznahmen zu, oder die Hoͤllen⸗Braͤn⸗ de unſerer Stadtkinder riefen— Kahlkopf, komm heraus! Sie kennen ja die Welt, lie⸗ ber Gaͤnſel. 86 Ja, leider Gottes! erwiederte der Pe⸗ ruͤcken⸗Macher unter tiefen Verbeugungen: die iſt mir nicht unbekannt, die ſpoͤttelt und kluͤgelt, wie Peter Anton in der Oper ſingt, aber auf mich koͤnnen Sie Haͤuſer baun. Der Herr Stadtrichter aͤußerten noch geſtern: Sie ſind mein Mann, lieber Gaͤnſel! Sie fuͤhren noch den alten Kammſtrich!— Wie der Zopf, ſo der Kopf! pflegte meine ſelige Mei⸗ ſterin zu ſagen: aber die Zoͤpfe ſind hin, aber die Koͤpfe ſind rar! Der Kriegsrath laͤchelte und ſprach— ich halte mich an den Ihren wenn Sie ſchwa⸗ tzen! Da gilt ein Wort ſo viel als tauſende! entgegnete jener. Die junge Graͤfin draußen, ich ſage nicht, wo, und eine gewiſſe Mamſel auf der Ziegen⸗Gaſſe und der galante Papa vor dem Stein⸗Thore waren faſt kahler als Ew. Wohlgebornen und das weiß noch heuti⸗ gen Tages kein Menſch als ich, auf den ſie ihr Vertrauen ſetzten. 87 Jetzt ſtiegen die vier Staats⸗Peruͤcken aus der Schachtel: der junge Seele fand die erſte zu licht, die zweite zu dunkel, die dritte mauſerte ſich, an der vierten ließ ſich dagegen, außer einem roͤthlichen, bald zu entfernenden Locken⸗Paare nichts von Bedeutung ausſetzen. Zudem war Herr Gaͤnſel die Billigkeit ſelbſt. Er foderte nur fuͤnf Dukaten, der reiche Kaͤu⸗ fer aber gab ihm ſechs um ſeine Zunge durch das heilige Band der Verpflichtung zu feſſeln. Jener vergoͤtterte den Großmuͤthigen und ver⸗ ſprach, das koͤſtliche Werk laͤngſtens nach Ver⸗ lauf weniger Minuten vollendet zuruͤck zu bringen. Der Kriegsrath empfahl ihm noch⸗ mahls die moͤglichſte Eile, warf ſich waͤhrend dem in eine glaͤnzende Commiſſariats⸗Uniform und ging ſo, bis zur Scheitel ein Adonis, wie vorhin auf und ab. Oft draͤngte ihn die Un⸗ geduld an's Fenſter, dann aber ſchreckte Frie⸗ drichs Zuruf:„Herr Kriegsrath, der Kahl⸗ kopf!“ den Vergeſſenden zuruͤck und mahnte ihn beſchaͤmend um ſein Mißgeſchick. 88 Das Amthaus lag im⸗Hintergrunde ſei⸗ nes Geſichts⸗Kreiſes. Schon wanderte der Senator Kraͤhmann mit Frau und Schwieger⸗ Mutter darauf zu. Ihm folgten Subrektors und die verwittwete Frau Kammer⸗Raͤthin in tiofer Trauer. Jetzt fuhr auch der arme Ba⸗ ron Acker aus Pilzenau, auf dem ſtark beſetz⸗ ten Einſpaͤnner voruͤber. Die Baronin, das Fraͤulein Eliſa und deren alte, ihm beſonders guͤnſtige Tante, ſahen allzugleich herauf, doch fahn ſie bloß den Vorhang wackeln, hinter dem er ſeine Bloͤße barg. Der Ober⸗ Amtmann Herz hatte das Gaſtmahl augenſcheinlich nur zu Ehren des jungen Freundes veranſtaltet. Erſtens, auf Lottchens Zureden, die mit dem ſchoͤnen Kriegs⸗ rath auf dem beſten Fuße ſtand: zweitens, weil ihm diefer, zu Folge ſeiner Herkunft aus dem Haupt⸗Quartier und ſeines Aufenthal⸗ tes in Feindes Lande, gleichſam als ein voll⸗ geſangter Schwamm erſchien, den der Alte recht mit Bequemlichkeit auszudruͤcken gedach⸗ 89 te: drittens, ſchmeichelte es ihm, die Ohren der wißbegierigen Gaͤſte mit den Toͤnen dieſer zuverlaͤſſigen Kriegs⸗Poſaune vergnuͤgen zu koͤnnen. Friedrich war indeß von neuem zu ſeinem Vetter hingetrieben worden, um ihm das Pu⸗ der⸗Meſſer an die Kehle zu ſetzen; er ſetzte jedoch, Statt deſſen, ſein vorhin unterbro⸗ chenes Feldgeſchrei fort und nebenbei das Schnapps⸗Glaͤslein an die Lippen.— End⸗ lich glaubte der vergehende Kriegsrath die Stimme des Helfers, von der Straße her, zu vernehmen. Er war es— ja! und we⸗ gen des guten Handels und der großmuͤthigen Bezahlung, die Freundlichkeit, die Schnellig⸗ keit, die Demuth ſelbſt. Er blickte auf, der gute Gaͤnſel, erblickte den geſchaͤtzten Goͤnner, verbeugte ſich aufs Ehrerbietigſte und uͤberſah den großen Stein, der ihm im Wege lag und ſtolperte. Rund um gab es Pfuͤtzen, die Schachtel ward unſtaͤt. Genug, Herr Gaͤw ſel ſtrauchelte zu des Kriegsraths Entſetzen, 90 der die Bockſpruͤnge und das Straͤuben des Schwebenden unwillkuͤhrlich mit aͤhnlichen Gebehrden begleitete. Da faßte Friedrich den Vetter bei dem Kragen und fing die Schachtel auf. Gottlob! rief der Kriegs⸗ rath; er oͤffnete im Voraus die Thuͤre. Mir ward ganz ſchwuͤl! verſicherte Mei⸗ ſter Gaͤnſel nach dem ganz unterthaͤnigen Knecht, fuͤr den er ſich ausgab. War es doch, als ob mir der Gott ſey bei uns! ein Bein ſtellte. Mir auch! rief jener, Odem ſchoͤ⸗ pfend und ſtrich ſich den Schweiß von der Scheitel. Geſchwind, geſchwind! die Zeit iſt koſtbar. Herr Gaͤnſel oͤffnete ſofort die Schachtel und trat mit einem leiſen Klageton zuruͤck. Friedrich bemerkte des Vetters Beſtuͤrzung, blickte hinein, rief— Ey Hadig! und lach⸗ te laut auf. Sein Herr flog herbei und die Aeuſſerung des Getaͤuſchten klang zu laͤſterlich um ſie drucken zu laſſen. Ich will die Ehre haben Ihnen zu ſagen, 91 wie das zugeht— ſprach Gaͤnſel jetzt in ſei⸗ ner Wehmuth. Mein dummer Junge ſoll dem Herrn Archi⸗ Diakonus, der heute bei Kreishauptmanns taufen muß, die gute Staats⸗ und Stutz⸗Peruͤcke hintragen und ergreift augenſcheinlich die unrechte Schachtel — Der Kriegsrath aber rannte, in ſeiner Verzweiflung auf ihn los, und Gaͤnſel, zu⸗ ſammt der Staats⸗ und Stutz⸗Peruͤcke, in großer Angſt davon und mitten durch die große Pfuͤtze vor der ihn Friedrich vorhin ſchuͤtzte und beinahe uͤber den rothnaſigen Amtsbothen weg, der jetzt an Seelens Thuͤre klopfte. Im⸗ mer herein! rief Friedrich in der Uebereilung und viel 3½ fruͤh fuͤr den ergrimmten Herrn, der ſich nun auch im Nuͤcken angegriffen ſah und Trotz dem Feierkleid das ihn bedeckte, nach der Nachtmuͤtze lief und ſie eiligſt uͤber den Kopf zog.— Der Abgeordnete erſchien und wollte nur vermelden, daß der Herr Ober⸗Amtmann ſammt lieber Familie und ſaͤmtlichen Gaͤſten den Herrn Kriegsrath mit Schmerzen erwarteten. 9³ Ein ploͤtzlicher Anfall des gehabten Fie⸗ bers, entgegnete dieſer: macht es mir ohn⸗ moͤglich, fruͤher als etwa zum Nachtiſche zu erſcheinen, man ſoll mich entſchuldigen! Die alte Nachtmuͤtze beglaubigte dieſen Grund; der Amtsbothe beklagte ſehr und ging. Frie⸗ drich gab ihm das Geleite und lauſchte dann, ganz muthlos, an der Thuͤre ſeines Herrn, der heftig mit dem Fuße ſtampfte und ihn ſo⸗ wohl als ſeinen Gaͤnſerich von Blutsfreund, dem Fuͤrſten der Finſterniß uͤbergab. Der Gaͤnſerich aber ſtand bereits vor dem Herrn Archidiakonus, welcher faſt zornig war und ſeinen Beichtſohn einen Haſenſchwanz nannte⸗ Feſtung. Der Mamfell Lottchen ging es indeſſen nicht um ein Haar beſſer als dem ungluͤcklichen Kriegsrathe. Sie hatte, zu Ehren dieſes Tages, bei der Jungfer Gaͤnſeln welche Putz machte, einen Huth beſtellt, der ſchon am Morgen fertig ſeyn ſollte, deſſen Vollendung jedoch, durch Friedrichs Erſcheinung in des Herrn Schwagers Hauſe, verzoͤgert worden war. Lottchen verſagte ſich deshalb den an⸗ kommenden Gaͤſten, ſtand, wie ihr Ferdinand, auf Neſſeln und ſendete, zum Verdruß der Mutter, welche die Maͤgde heute viel noͤthiger brauchte, eine nach der andern fort und eine nach der andern kam mit der Verſicherung zu⸗ ruͤck, die Gaͤnſeln werde gleich da ſeyn und habe nur noch den oder jenen Stich zu thun. Aber, Sie gottloſes Kind! rief ihr Char⸗ lotte jetzt entgegen, verſtummte jedoch bei dem Anblick des allerliebſten, gelungenen Huͤtchens und lauſchte, zu dem Spiegel eilend, der muͤndlichen Beifuge ihrer Putzmacherin die, als ein weltkluges Frauenzimmer, unverweilt von der Ankunft des Herren Kriegsrathes zu ſprechen begann. Haben Sie ihn auch ſchon geſehn? fragte Lottchen: je, wie ſieht er denn aus? Die Jungfer Gaͤnſelin laͤchelte ſeltſam, 94 faſt ſatyriſch; ließ ein bedeutendes Hi! zum Vorlaͤufer werden und ſprach— Geſehen? Nein! Aber mein Bendix hat bereits man⸗ cherlei mit ihm verkehrt. Er ſoll noch immer der ſchoͤne Kriegsrath ſeyn— Inzwiſchen doch— ſie huſtete— Nun, rief die Horchende: was denn? Ein wenig in das Bleiche ſpielen— wie brüͤcke ich mich denn aus? So, gleichſam, wie die welken Blumen. Die Folge des Fiebers! Vermuthlich wohl— wenn nicht— nun ja— Liebe Gaͤnſeln, ſiel Charlotte beunruhigr ein: Sie haben etwas auf dem Herzen! Und die liebe Gaͤnſeln entgegnete— Ich? ach, warum nicht! Wie denn ſo?— Nein, wahrlich nicht! Mein Bruder meinte nur— Aber Mamſellchen, er ſchluͤge mich tod, wenn ihm zu Ohren kaͤme, daß ich ein ſterbliches Woͤrtchen fallen ließ.— Charlottens Gebehrde ſprach ein Geloͤbniß 95 aus. Es iſt nicht der Rede werth, fuhr jene fort: aber Gaͤnſel wollte ſich vor Lachen faſt ausſchuͤtten. Das iſt wahr! rief er: der Herr Kriegsrath ſind und bleiben, nach wie vor, ein launiger, luſtiger Herr, dem der Kohl auf der Zunge waͤchſt. Heute verglich er ſich dem Propheten Eliſa. Eliſa? fragte Lottchen, Odem ſchoͤpfend: warum dem? Ja, denken Sie nur, beſtes Mamſell⸗ chen, die ſchoͤnen Haare ſind ihm insgeſammt, bis auf das letzte Mietzchen ausgefallen! Die Haare? O Herr Gott! Das waͤre traurig— doch, die wachfen wieder! Verhoffentlich! Und wie mein Bendix bei dem Anblicke des Kahlkopfs die Haͤnde zu⸗ ſammenſchlaͤgt, ſo ſprechen der Herr Kriegs⸗ rath mit Achſelzucken— da ſehen Sie, wie mich Cupido barbiert hat. Cupido? wiederholte Lottchen mit halber Stimme. Und ſo ein garſtiges Wort! Als Gotz 96 Herr— Nun, das verſteht ſich wohl! Ja, Krieg iſt Krieg und die Verſuchung liegt am Wege, abſonderlich dort von dannen er her⸗ kömmt. Dort fehlt es an Mannsvolk, ſie ſollen ganz erpicht auf unſre Leute ſeyn. Mein BVetter, Friedrich, hat mir viel erzaͤhlt. Die Stadt iſt feſt, ſagte er, aber die Stadtkinder ſind deſto lockerer. Vor, zu den Gaͤſten! rief die ungehaltene Mama in das Stuͤbchen und eilte weiter. Charlotte ruͤckte ſchnell den Huth zurecht und ſah ihn verdoppelt, denn ihre Thraͤnen traten zwiſchen ſie und den Spiegel und ihre ſchoͤnen Wimpern hatten Muͤhe, den Strom zuruͤck⸗ zuhalten. Die Verlaͤumderin wuͤnſchte guten Appetit und bat nochmahls um Gottes Wil⸗ len, ihr keinen Verdruß zuzuziehn; ſie laͤugne Alles, ſie wiſſe von Nichts, denn der Herr Kriegsrath habe gedroht, ihrem Bendix den Zopf auszureißen, wenn er nur ein Wort von dem Kahlkopfe oder von dem Urſprunge des Uebelſtandes verlauten laſſe. 97 Die Mamſel Herz war zu beſtuͤrzt, um irgend ein Woͤrtlein zu erwiedern und eilte nun, dem Willen der Mutter und der Forderung des Wohlſtands zu entſprechen. Charlotte hatte mit dem jungen Manne, an dem ſie ſo viel Antheil nahm, eine ſehr re⸗ ge Phantaſie und zu Folge derfelben, den Feh⸗ ler des Argwohns und der Eiferſucht gemein. Nicht ohne Gram und Zweifel ſah ſie ihn in den Krieg ziehn und bald darauf in Feindes Hand fallen; nicht ohne Kummer und Miß⸗ traun wußte ſie den Gefangenen in einer Fe⸗ ſtung aufgehoben, deren gaſtfreie Bewohner die fremden Gaͤſte mit Schmaͤußen und Baͤllen ergoͤtzten und in ihre Familien⸗Zirkel einfuͤhr⸗ ten. Kein Wunder, wenn der Brennſtoff Feuer fing, wenn Charlotte, nach dieſer Mit⸗ theilung, das vorgebliche Fieber fuͤr ein Maͤhr⸗ chen und den armen Kriegsrath fuͤr einen ver⸗ lorenen Menſchen hielt, den die zuͤgelloſe Ge⸗ ſellſchaft und der halbjährige, geſchaͤftloſe Auß⸗ III. 9 98 enthalt in jener Veſtung, zum Suͤndenbold ent⸗ wuͤrdigt habe. Die Herren, vor denen Charlotte jetzt er⸗ ſchien, ſetzten indeß die Flamme der Wehmuth und des Zorns in der ſie gluͤhete, auf Rech⸗ nung der geſchaͤftigen Wirthin, die Frauen und Maͤdchen aber ſahen nur auf den neumo⸗ diſchen, Aug' und Seele feſſelnden Huth und der Beifall den ſie ihr zugeſtehn mußten, er⸗ heiterte Charlotten in dem Maße, daß ſie ih⸗ re Faſſung wieder fand, den Kriegsrath mit eiſernem Gleichmuth zu behandeln und ohne Weiterung, kurz und fuͤr immer abzufertigen beſchloß.— Jetzt fuͤhrte ein Wink der Mut⸗ ter ſie abſeits. Es iſt halb zwei Uhr, ſagte dieſe: und Seele weiß doch, daß mit dem Schlage der zwoͤlften Stunde bei uns gegeſſen wird; ich habe ſo eben hingeſchickt. Sie thaten wohl! entgegnete Charlotte: es ſoll am Ende nur was heißen. Er will wielleicht die heilloſe Sitte geltend machen, wel⸗ che die Mittags⸗Mahlzeit bis zum Einbruche 99 des Abends verſchiebt. Das ſind die Fruͤchte ſeines Aufenthaltes in der Fremde und gewiß nicht die einzigen uͤber die man ſich aͤrgern wird.— Eben kam der Amtsbothe mit See⸗ lens Entſchuldigung zuruͤck. Die Mutter trug ſie dem Amtmann vor, der alte Herz theilte ſie, in ſeinem Aerger, den Gaͤſten mit, dieſe aber waren insgeſammt der unvorgreiflichen Meinung annoch ein Stuͤndchen zuzuſehn, da man ja hauptſaͤchlich ihm zu Ehren hier ver⸗ ſammelt ſey und er zum Nachtiſch kommen wolle. Die alte, verſtaͤndige Hausfrau ging deshalb, uͤberſtimmt und voll Unmuth, nach der Kuͤche um die Haſen und die Enten, wel⸗ che dieſe Zoͤgerung gefaͤhrdete, gleich der Ge⸗ ſellſchaft hinzuhalten; die Maͤdchen knuͤpften ein neues, mehr in's Breite gehendes Ge⸗ ſpraͤch uͤber Lottens Huth an, der Baron Acker beklagte ſich bei Herzen und Kraͤhmannen über den Verfall der Sitten und der Viehzucht in Pilzenau, der Subrektor unterhielt die al⸗ te Tante des Fraͤuleins von ſich und ſeinen Ver⸗ 2 2 109 dienſten um die Schul⸗Anſtalt, der Hausarzt rieth und widerrieth den aͤltern Damen aller⸗ lei, die juͤngern aber hatten einen Kreis um den angenehmen Aktuarius geſchloſſen und er⸗ goͤtzten ſich an den Scherzreden des Sinnigen. So entfloh die zugegebne Hore allgemach, jetzt aber kam die Amtmaͤnnin von neuem zu Charlotten hin und fliſterte— Schade auf deinen Kriegsrath! die Suppe wird zu Brey und was nicht verbrannt iſt, das iſt zerfallen. Geh und laß anrichten! Charlotte ging. Der Weg zur Kuͤche fuͤhrte an der Treppe voruͤber; eben flog der Kriegsrath herauf, ſie konnte nicht auswei⸗ chen. Er erblickte die edle Geſtalt, den bluͤ⸗ henden Engel und alle fruͤhere, im Strome der Entfernung verkuͤhlte Gefuͤhle loderten, neu ergluͤhend, in raſchen Flammen auf. Fer⸗ dinand faßte ſtuͤrmiſch ihre Hand und druͤckte ſie an ſeine Lippen, doch faſt noch ſtuͤrmiſcher entzog ſie ihm dieſe und erwiederte den feuri⸗ gen Gruß mit einer kalten Verbeugung. ——ͤͤ 101 Das mein Empfang? ſprach er betroffen. Meine Eltern und unſere Gaͤſte warten mit Schmerzen— Und Sie? Mich entfernt ein Befehl meiner Mutter! ſagte Charlotte und ging. Er hielt ihren Arm. Ich begreife Sie nicht! Welche Ver⸗ wandlung? Eine Verwandlung fuͤhrt die andre her⸗ bei. O, laſſen Sie mich! Die andre, wie? Ich bin noch, der ich war! Ein wenig verblichen, allerdings! aber das iſt die Folge des Fiebers und der Gefan⸗ genſchaft. Was jene Feſtung mir geraubt, ſoll dieſe Feſtung mir erſetzen. Er zog ſie raſch ans Herz— Sie will geſtuͤrmt ſeyn, wie ich ſehe! Charlotte rang ſich los und ſprach in ih⸗ rem Grolle— Sie wird ſich halten, dieſe Feſtung! Sie iſt kein Gegenſtand fuͤr einen Simſon der von der Delila herkömmt. Da⸗ mit ging ſie. Der Kriegsrath fah ihr, ſchnell ergluͤ⸗ hend nach. Simſon? Delila? wiederhohlte er halblaut und der Sinn der Deutung ward ihm klar. Da oͤffnete der Amtsbothe beide Fluͤgel des Gaſtzimmers und ein Vielſt.nmiges Willkommen! begruͤßte ihn. Blindekuh. Die Wirthin dankte dem Kriegsrath kalt und feierlich, das Fraͤulein Eliſe von Acker deſto waͤrmer; gleich darauf ſtuͤrzten die Her⸗ ren uͤber ihn her. Sein Antlitz verſank in den gewaltigen Bauſchbacken des Amtmanns, dann ſchmatzte ihn der Baron, Eliſens Va⸗ ter, mit Freundſchafts⸗Brunſt, verlor dabei das Gleichgewicht und trat dem andringenden Senator Kraͤhman ſo nachdruͤcklich auf die Huͤhner⸗Augen, daß dieſer laut aufkraͤhete und dem Subrektor das Feld raͤumte, welcher wie ein zweiter Oreſt, ſeinen Pylades umklammer⸗ te. Der Aregernah fluͤchtete ſich jetzt, halb 103 zermalmt, in den Kreis der Damen die nun einſtimmig betheuerten, daß ſein Ausſehn dem Fieber Hohn ſpreche. Er gluͤhete allerdings, zu Folge der Treppen⸗Szene, der eben erlit⸗ tenen Preſſungen, des dreifachen, ihm ſo eif⸗ rig aufgedruͤckten Liebes⸗Siegels und klagte uͤber Froſt und Hitze. Da trat Charlotte, noch roͤther als ihr ſchwer bekraͤnkter Freund, in's Zimmer und lud die Hungrigen zur Tafel. Ferdinand ſaß oben, zwiſchen dem Fraͤu⸗ lein Eliſe und ihrer Mutter: Lottchen ganz unten neben einem alten, harthoͤrigen Advoka⸗ ten und dem jungen, ſcharfſinnigen Aktuarius. Seele ſendete, mitten im Laufe des Geſpraͤ⸗ ches, von Minute zu Minute, die Blicke nach dem Tiſch⸗Ende hin, doch Lottchen ſah ent⸗ weder auf ihren Teller oder auf die Speiſen, welche ſie vorlegte, oder in die Augen des jun⸗ gen Nachbars der ihr beiſtand und ſie daun und wann, durch wenig leiſe Worte oder ir⸗ gend eine drollige Gebehrde, zu laͤcheln noͤ⸗ thigte. 10 Kinder! rief der Oher⸗Amtmann, wel⸗ cher den Kriegsrath mit Fragen beſtuͤrmt und immer finſtrer werden ſah: goͤnnt unſerm Freunde Trank und Speiſe. Nach Tiſche nehmen wir ihn in's Verhoͤr, jetzt aber ſoll er eſſen, trinken, leben! Hoch! Hoch! ſprach Eliſe und ſtieß ihr Glas an das ſeine. Der Trinkſpruch verbreitete ſich; Charlotte mußte, Ehren halber, einſtimmen. Ferdinand benutzte, bald darauf, eine Verhandlung, welche die uͤbrige Geſellſchaft beſchaͤftigte, um das Fraͤulein in der Stille nach dem jungen Manne zu fragen, deſſen Verkehr mit der Mamſel Herz, ihm den Kopf immer waͤrmer machte. Das iſt der Aktuarius Wildgang: erwie⸗ derte Eliſe, zu ſeinem Ohr geneigt: doch hat ihn Lottchen umgetauft und ſeitdem hoͤrt er nur auf den Nahmen Wildfang. Den fuͤhrt ernbrigens in der That. E. So ſcheint es mir.— S. Daneben iſt er auch ein guter Kopf 105 und der beſte Geſellſchafter. Es laͤßt ihm Alles ſo drollig und die Einfaͤlle ſtroͤmen dem neckiſchen Menſchen zu. E. Wahrhaftig? wohl ihm! den necki⸗ ſchen Leuten kann es nicht fehlen. S. Sie haben Recht, lieber Kriegsrath. Dieſe Gabe verlohnt ſich oft beſſer als das ent⸗ ſchiedene Verdienſt und hilft zu Ernten, wo jenes faſten muß. Aber ich ſage Ihnen, der junge Mann iſt geſchickt und wie der Herr Amtmann verſichert, ein braver Geſchaͤfts⸗ mann. Dabei tanzt er vortreflich und ſucht im Floͤtenſpiele ſeinen Meiſter. E. Darf ich ihn durch die Mittheilung dieſes Zeugniſſes ſtolz machen? S. 9, er weiß laͤngſt, was ich und Lottchen von ihm halten und es iſt vielleicht nicht ſein geringſtes Lob, daß dieſe Anerkennung ihn bei Gleichem laͤßt. Dem Kriegsrath entſprang ein lauter Seufzer. Er kann nur ſeit Kurzem hier ſeyn? S. Seit drei Monathen ohngefaͤhr. 106 Schon die Art ſeiner Einfuͤhrung ſetzte uns gleichſam in ein geſchwiſterliches Verhaͤltniß und erwarb ihm die Umtaufe. Der Amtmann verreiſte in's Carlsbad um die Mama zuruͤck⸗ zuhohlen. Lottchen fuͤhlte ſich ſo einſam, ich zog, um ihr Geſellſchaft zu leiſten, von Pil⸗ zenau herein. Ein Landregen hielt uns eines Abends zu Hauſe feſt, aber Julchen Hellberg, Millers Emilie und die beiden Weiderodens trotzten dem Wetter und ſuchten uns auf. Wir ſchwatzten und ſangen und wurden immer aus⸗ gelaſſener. Zum Ueberfluß trifft Lottens Bruder, der Student, von Goͤttingen ein. Durchnaͤßt wie er iſt, bindet ihm die Schwe⸗ ſter ein Tuch um die triefenden Locken; er zieht es lachend uͤber die Augen und ruft— Wer fuͤhrt mich aus, in meines Herren Huͤh⸗ nerhaus? Da war die Blindekuh fertig, das Spiel begann und jetzt kam ſeine Schweſter an die Reihe. Sie tappt, es brennt! ſie wendet ſich, haſcht eine Hand, zieht ſchnell die Binde vom Geſicht und ſchreit bei dem An⸗ 107 blicke des ſchoͤnen, Steinfremden Vogels auf, den ſie gefangen hat. Wir laufen herbei und begreifen insgeſammt nicht, wie er hereinkam. Jede hatte ihn, bei der Eile die uns trieb, fuͤr den Studenten gehalten; der aber ſtand jetzt am Klavier und ſchlug den laͤndriſchen Wirbeltanz an. Wildgang ſtellt ſich uns, kurz und gut vor, wir finden es insgeſammt gar poſſierlich, den neuen Aktuarius als Blin⸗ dekuh in ſeines Amtmanns Huͤhnerhaus auf⸗ treten zu ſehn, die Muſik ſpricht uns an, Charlotte kann nicht widerſtreben und ſchwimmt im Laͤndrer mit ihm fort— Der Ball iſt er⸗ oͤffnet. Genug, es war ein koͤſtlicher Abend und zum Beſchluſſe ſpielten wir, um zu ver⸗ kuͤhlen, auch noch die ſehende Blindekuh. Jetzt traf Charlottens Blick auf den ſei⸗ nen. Sie hatte ſchon, ſeit einem Weilchen nicht mehr gehoͤrt was Wildgang aͤußerte und an dem traulichen, verſtohlenen Geſpraͤch Eli⸗ ſens mit ihrem heilloſen Ferdinand, ein Aer⸗ gerniß genommen. Des Kriegsraths, auf ſie 498 abgeſchoſſener Augenblitz ward daher mit einem aͤhnlichen erwiedert und jeder folgende ſchlug gegenſeitig ein, und drang bis in das Herz der verbitterten Charlotte und des empoͤrten Fer⸗ dinands. Verdammte Blindekuh! dachte dieſer: du machſt mich ſehend, du ſtichſt mir den Staar! Dieſer Satans⸗Engel hat mein Lottchen gehaſcht und befangen; hat mich vor⸗ hin ohnfehlbar am Fenſter erlauſcht, ihr die Entdeckung zugetragen, des Kahlkopfs geſpot⸗ tet und der Schwankenden den Gnadenſtoß gegeben. Darum brach ſie auf der Treppe die Haͤndel vom Zaune, darum ward ich dem beſchornen Simſon verglichen. Dem Schee⸗ rer aber iſt das letzte Brot gebacken, ſo wahr ich— Kriegsrath bin! Die Baronin ſchob jetzt den Stuhl, der Aufſtand unterbrach das ſtille Selbſtgeſpraͤch und der verkuͤrzte Kraͤh⸗ mann hohlte, bei Anwuͤnſchung der geſegne⸗ ten Mahlzeit, die ruͤckſtaͤndige Umarmung nach. 169 Hohlſpiegel. Der Kaffeh ward im Garten genommen, Lottens Vater aber und der Herr von Acker mußten zuvor die herkoͤmmliche Mittags⸗Ruhe halten und legten deshalb dem Kriegsrathe, bis zu ihrer Ruͤckkehr, ein unbedingtes Still⸗ ſchweigen uͤber alles was er geſehen, gelitten und erfahren, auf. Die Geſellſchaft zerſtreue⸗ te ſich im Garten, Charlotte kam erſt ſpaͤter nach und traf im Laubengang auf Ferdinan⸗ den. Charlotte! rief er mit Klage⸗Toͤnen: — der ſchoͤne Traum iſt hin— Auch ich erwachte! ſiel ſie ein und wollte voruͤberſchluͤpfen, da vertrat ihr der Aktua⸗ rius den Weg. Ich komme wie gerufen, ſag⸗ te dieſer: Ihr Pfeifchen iſt ja ausgegangen, beſter Herr Kriegsrath! bedienen Sie ſich doch gefaͤlligſt meines Brennglaſes. Ferdi⸗ nand dankte ſehr, wies es zuruͤck, knirſchte ein wenig mit den Zaͤhnen, und wendete ſich zu dem eben herbeikommenden Subrektor, den 110 aber Lottchen in demſelben Augenblick anrede⸗ te. Wilbgang ſah die Wallung auf des Maͤd⸗ chens Wangen, die Gaͤhrung in Ferdinands Weſen und brachte deshalb, um Lotten freien Abzug zu verſchaffen, einen wiſſenſchaftlichen Gegenſtand auf den Tapet. Sagen Sie mir nur, meine Herren, wie es zugeht, hob er einfaͤltig an: daß mein Brennglas den Zuͤnd⸗ punkt hinter ſich bildet, waͤhrend dem ihn der Hohlſpiegel, als der Urpapa aller Brennglaͤ⸗ ſer, vorn erzeugt? Ferdinand biß in die Lip⸗ pen und ſchwieg, der lehrbegierige Subrektor aber laͤchelte und ſprach— Denenſelben wird es gewiß ſo bekannt als uns ſelbſt ſeyn, daß die Lens cauſtica auf bei⸗ den Flaͤchen convex erſcheint und daher die Strahlen durchfallen laͤßt, waͤhrend dem ſie das Speculum cavum, Kraft ſeiner Hoͤhlung, zuruͤck wirft. Es will mich uͤbrigens Wunder nehmen, daß man in dieſer Zeit Lauf den furchtbaren, wohl nur aus Kuͤnſtler⸗Neid be⸗ zweifelten Verſuch des großen Archimedes, —— 111 nicht weiter proſequirt hat, da ſich vielleicht die feindlichen Waaren und Geſchwader, ohne Muͤh und Koſten, damit zu Aſche machen ließen.— Aber warum denn ſo duͤſter in Portico, mein theurer Herr Kriegsrath? Die Blicke Ihrer Seelen⸗Fenſter gemahnen mich ja faſt, wie der Brennpunkt gzedachee Hohl⸗ ſpiegel. Ferdinand erwachte, wie aus dem Trau⸗ me deſſen er vorhin erwaͤhnte. Gandeamus igitur! fuhr der Subrektor fort und faßte Charlottens Hand, um ſie ihm zuzufuͤhren; da rief Eliſe den Lateiner ab. Maultrommel. Charlotte ſah nur zu gut, daß der ſchlaue Wildgang des Kriegsraths boͤſe Laune zu deu⸗ ten verſtand und ſein Muͤthchen an dem Eifer⸗ fuͤchtigen kuͤhlen wollte. Sie war deshalb zur Stelle geblieben und ſuchte jetzt die beiden Maͤnner zu der Geſellſchaft hinzulocken. Ge⸗ 112 wiß, daß man ihr folgen werde, ſchritt ſie der Laube zu; auch ging ihr Ferdinand ſofort zur Seite, der Aktuarius aber zog, wegen der geringen Breite des Ganges, hin⸗ ter dem ſchmollenden Paare drein. Jener ſprach, oder murmelte vielmehr, in dumpfen abgeriſſenen Toͤnen, und Charlottens Erwie⸗ derungen glichen dem Fliſtern des Laubes, wenn es ein unſanfter Wind bewegt. Als aber jetzt des Maͤdchens juͤngſter Bruder her⸗ bei ſprang und des Vaters Ankunft im Gar⸗ ten verkuͤndigte, da ſchwatzte ihm Wildgang die Maultrommel ab und begleitete den ſum⸗ menden Zwiſt ſeiner Vorder⸗Leute mit Fritzens Brummeiſen. Der Kriegsrath ſah ſich be⸗ troffen um und warf einen durchbohrenden Blick auf den Kuͤnſtler, der ſich jedoch nicht ſtoͤren ließ, Charlotte aber mußte lachen und dies Gelaͤchter fuͤllte die Kelter des Ingrimms, mit der ſich der ſchoͤne Seele trug, bis an der Rand. 113 Vergißmeinnicht. Nun half kein Straͤuben und kein Fieber; der Kriegsrath ward genoͤthigt, das Fuͤllhorn ſei⸗ ner Erfahrungen aufzuthun und zwiſchen dem alten Herz und dem Herrn von Acker Platz zu nehmen. Kraͤhmann und der Subrektor, der harthoͤrige Advokat und die alte, neugie⸗ rige Tante, reiheten ſich ſammt den uͤbrigen, maͤnnlichen Beſtandtheilen der Geſellſchaft, nach Stand und Wuͤrden, um die Gruppe; Wildgang dagegen verſchmaͤhete den amtlichen Bericht und zerſtreuete durch ſeine Poſſen die Andacht der juͤngern Zuhoͤrerinnen. Vater Herz drang, vor allem, auf den zureichenden Grund des erbaͤrmlichen Hergangs und Ablaufs der Dinge, der Herr von Acker wollte aber zufoͤrderſt wiſſen, wenn denn wohl endlich die zahlreiche, gewaltſam erpreß⸗ te Vorſpann an Pferden und Ochſen, bey de⸗ nen ſich auch die lieben ſeinigen befanden, zu⸗ ruͤck kehren werde? Er tobte wie ein Tuͤrk, III. 3 — — — 2 2* “ — 4. — — 1 1214 als der Kriegsrath erklaͤrte, daß jene faſt ins⸗ geſammt am Wege laͤgen, dieſe aber, waͤhrend der brotloſen Bivouaks, bei dem Holzwerke der Bauerwagen die ſie nicht mehr erſchleppen konnten, bis auf die Hoͤrner und den Schwanz, gebraten worden waͤren. Der Amtmann drang von neuem auf Beſcheid, der harthoͤri⸗ ge Advokat hing mit Argus⸗Augen an den Lip⸗ pen der Sprecher und webte aus dumpfen Toͤ⸗ nen und erhaſchten Woͤrtern, Bilder und Be⸗ griffe, die alte Tante aber ſprach dem Feld⸗ herrn, welcher ſich ergeben hatte, ſchon dar⸗ um das Leben ab, weil der gute, brave Herr Kriegsrath, zu Folge jener Pflicht⸗Vergeſſen⸗ heit, in Feindes Hand gerathen ſey. Dieſer hatte jedoch, im Ruͤcken des Heeres, den muͤſſigen Haufen der Fuhrknechte ſeines ver⸗ brannten Magazins, zu einer wehrhaften Truppe gebildet, mit der er ſich durchzuſchla⸗ gen verſuchte, im Laufe dieſes edeln Beſtre⸗ bens fuͤr ſeine Perſon unterlag und ſich gefan⸗ gen geben mußte. Eine That, welche der he⸗ 115 ſcheidene Darſteller ſo eben uͤbergehen wollte, als ſie der Herr von Acker zur Sprache brach⸗ te; denn meine Ochſen: rief er: fraͤßen noch, ſtatt gefreſſen zu ſeyn, wenn ſie das Gluͤck ge⸗ habt haͤtten, unter Ihrem Kommando zu ſte⸗ hen. Damit zog der Baron einen Brief des Praͤſidenten, ſeines Schwagers, aus der Ta⸗ ſche, in welchem dem entſchloſſenen Benehmen des Kriegsraths Seele das gebuͤhrende Lob er⸗ theilt und des goldenen Ehren⸗Pfenniges ge⸗ dacht war, der ihm nach der Auswechslung zukommen ſolle. In Ferdinands verduͤſtertes Gemuͤth fiel jetzt ein heller Stral, der ihn fuͤr einen Au⸗ genblick den Frevel des Wildfangs und Lott⸗ chens heilloſen Wankelmuth vergeſſen ließ. Die Sache war denkbar. So mancher hatte dieſes Ehren⸗Zeichen fuͤr nichts und wieder nichts empfangen, warum ſollte eben er fuͤr ſeine Leiſtung leer ausgehn? Der Kreis der Freunde jubelte laut. Laurea sit comme- ⸗ 116 renti!*) rief der Subrektor— Ehre dem Ehre gebuͤhrt! der Senator— Ach, meine Ochſen! der Baron. Vater Herz aber druͤck⸗ te Ferdinands Antlitz, wie vorhin, in die ge⸗ waltigen Bauſchbacken und hinter dem Ruͤcken der alten Tante erſcholl es ploͤtzlich— Kling, Kling, Kling! Ein heller Schrey begleitete das Klirren und Wildgang lief davon. Er hatte mit den Maͤdchen haſeliert und mit dem altfraͤnkiſchen Sommerhuth der Tante auf dem Kopfe, den Theeſchank uͤbernommen. Eliſe neckte ihn, die Kanne ſiel aus ſeiner Hand in Lottchens Mundtaſſe, der Becher ſprang in Scherben und das Maͤdchen ſchrie laut auf. Nicht ohne Grund. Die Taſſe war ein An⸗ gebinde Ferdinands, aus Feindes Land ihr zugekommen. Ein zartes Vergißmeinnicht im Grund des Bechers, ſprach die Trinkende bis dahin jedes Mahl, ſtill und erinnernd an und dieſe ſymboliſche Gabe lag nun, von ſei⸗ 9 Dem Verdienſte ſeine Krone. 117 nes Nebenbuhlers Hand zerſchmettert— ein Sinnbild der Gegenwart, vor Seelens Au⸗ gen.— Der Zufall erſchien ihm als eine be⸗ ſonnene Unthat; ſie warf ihn aus dem Him⸗ mel des goldenen Ehren⸗Pfennigs in die Tie⸗ fe des alten Haders hinab und jetzt kehrte der Aktuarius, mit einer Taſſe in der Hand, zu⸗ ruͤck, die wie ein Reichsapfel glaͤnzte und Theils vergoldet, Theils von Vergißmeinnicht umrankt war. Er nahte ſich dem Amtmann und der Amtmaͤnnin, erzaͤhlte den Vorfall zwiſchen Scherz und Ernſt, vom Geiſte der gewinnenden Beredtſamkeit ergriffen, und bat dann ehrerbietig um die Verguͤnſtigung, der Mamſel Herz den zugefuͤgten Schaden, durch dieſen, in der letzten Waaren⸗Lotterie ge⸗ haſchten Treffer, erſetzen zu duͤrfen. Seine Worte klangen ſo lieblich, ſeine Gebehrden ſprachen die Mutter ſo ruͤhrend, das Spiel ſeines Witzes den Vater ſo ergoͤtzend an, das Peachtſtuͤck endlich empfahl ſich ſelbſt ſo unge⸗ mein, daß der Bittſteller gleich darauf das 118 werthe Opfer auf Charlottens Schooß betten durfte. Auf den Schooß, ſagen wir, weil ſie die Haͤnde verſagte und die Taſſe dann, mit einer kalten Verbeugung, zu den uͤbrigen hin⸗ ſtellte.— Ferdinands Argwohn ſah jedoch in dieſer froſtigen Unthaͤtigkeit, nur das ſchlaue Gaukelſpiel der Heuchlerin und in dem Blicke der dem betroffenen Geber folgte, die Funken des Mitleids und der verſtohlenen Ab⸗ bitte. Er ſuchte die Scherbe mit dem Ver⸗ gißmeinnicht auf und ſchwor im Innerſten, ſie nun auf ewig zu vergeſſen. Fledermaus. Bei allem Haſſe gegen den Barbier, welcher den unſchuldigen Kriegsrath, wie Charlotte glaubte, der ſchoͤnen Locken beraubt hatte, drang ihr dennoch ſein Zuſtand tief in das gu⸗ te Herz. Wer weiß ob es wahr iſt? ſagte ſie bereits, im Stillen, zu ſich ſelbſt; hoͤrte, taub r19 fuͤr die Poſſen des Wildfangs, unbemerkt auf Seelens Mittheilungen, vernahm das Lob und die Verheißung des Ehren⸗Zeichens nicht ohne innige Zufriedenheit, und haͤtte uͤber die zerbrochene Taſſe weinen und ihrem Ferdinand, Trotz dem geargwohnten Suͤndenfall, an den Hals fliegen moͤgen. Sie ward dem Aktua⸗ rius jetzt von Herzen gram, ſie fuͤrchtete zu⸗ dem die unwillkuͤhrliche Triebfeder boͤſer Haͤn⸗ del zu werden und im Gefolge dieſer das Ge⸗ ſpraͤch der Stadt. Es ſchien ihr hoͤchſt noth⸗ wendig, dem kecken Wildgang einen Wink zu geben, nur war Charlotten noch nicht klar, wie dies geſchehen koͤnne, ohne ihr Verhaͤlt⸗ niß zu dem Kriegsrath bloß zu ſtellen und oh⸗ ne dem Aktuarius ein Vertrauen blicken zu laſſen, das er nur zu leicht mißbrauchen konnte. Der einbrechende Abend veranlaßte die Geſellſchaft, nach dem Gaſtzimmer zuruͤck zu kehren. Ferdinand war bereits, ohne Char⸗ lotten weiter eines Blickes zu wuͤrdigen, mit 120 dem Amtmann und dem Herrn von Acker vor⸗ aus gegangen; die Damen dreheten ſich noch in der Laube herum, ſuchten ihre Shawls, packten die Arbeits⸗Beutel und ließen die koſt⸗ liche Entſchaͤdigung Charlottens noch ein Mahl, bewundernd, von Hand zu Hand gehen; die⸗ ſe aber benutzte den Augenblick, ſich dem Ver⸗ ſtummten zu naͤhern und fliſterte— Ver⸗ ſchaffen Sie mir die Gelegenheit, Ihnen heu⸗ te noch einige Worte unter vier Augen ſagen zu koͤnnen. Heute noch? murmelte er betroffen— Heute noch, entgegnete ſie mit Heftigkeit: vor unſerer Ruͤckkehr aus dem Garten noch— Aber jetzt brachen endlich die Frauenzimmer auf, ſtracks nach dem Hauſe zu: da ward der Aktuarius zum Beſeſſenen. Eine Fleder⸗ maus! ſchrie er, quer Feldein ſpringend und wehrte ſich mit Haͤnden und Fuͤßen. Charlot⸗ te ſtimmte bey, das Geſchrei und die Flucht ward allgemein, des Amtmanns Tochter und 121 ſein Aktuarius blieben, zu Folge dieſer Kriegs liſt, in dem Laubengange zuruͤck. Waſſerfahrt. Des Kriegsraths Augen waren nach der Thuͤr gerichtet; er ſah die Frauenzimmer insge⸗ ſammt, wie von dem Feinde getrieben, her⸗ einſtuͤrzen; nur Er und Sie blieben außen. Jene ſpotteten jetzt, der vermeinten Gefahr entronnen, uͤber die weibiſche Furcht und das angſthafte Treiben des Herrn Wildgangs, den die Naͤhe der armſeligen Fledermaus um alle Beſinnung gebracht habe, Ferdinanden ſprang dagegen die Vermuthung, daß ſie der Hoͤllen⸗ brand zu Guͤnſten ſeines Zwecks erdichtete, gleich einer Fledermaus in's Auge. Es muß jetzt ſtockfinſter im Lauben⸗Gange ſeyn: fli⸗ ſterte ſein Daͤmon: jener wollte allein mit ihr bleiben, ſie mit Bequemlichkeit kuͤſſen, die Rolle fuͤr den Reſt des Abends mit ihr verab⸗ 122 reden und dieſer Haufe geſchworener Feindin⸗ nen aller verſtohlenen Luſt, laͤßt ſich bethoͤren und laͤuft davon!— Nun erſchien zwar Charlotte in der naͤchſtfolgenden Minute, doch eben hatte Eliſens Naͤherung ſeinen Standpunkt veraͤndert und er bemerkte ſie jetzt um ſo weniger, da die Geſchaͤftige nur durch das Zimmer eilte, um in dem anſtoßenden die Spieltiſche zu bereiten. Eliſe geſiel ihm uͤbri⸗ gens heute, und beſonders ſeit dem Fall der Taſſe ungemein wohl. Nicht allein war ſie zaͤrter und lieblicher als Charlotte geformt, ſie hatte ſich auch, in dem Haus ihres Vetters, des Praͤſidenten, den Geiſt und Ton ihres Stan⸗ des zu eigen gemacht und ihm vorhin mit ruͤh⸗ render Herzlichkeit zu der empfangenen Ver⸗ heißung des Goldpfennigs Gluͤck gewuͤnſcht. Sie war eben jetzt wieder das Wohlwollen ſelbſt und ihr Herz kannte er, aus fruͤhern Zeiten, als eines der gutmuͤthigſten. Kein Wunder, wenn die Folge der Wehthat, der liebloſen Verſchmaͤhung, des bekraͤnkten Selbſt⸗ 2 123 gefuͤhls— die Bosheit mit einem Worte, der er ſich laͤnger nicht erwehren konnte, man⸗ chen freigeiſteriſchen Gedanken in ihm aufreg⸗ te. Herr von Acker war in ſchlechten Um⸗ ſtaͤnden, er in den beſten; Eliſe zwar von Adel, er aber Kriegsrath und ein genannter Mann. Das Fraͤulein ſchien ihm ſehr gewo⸗ gen, der Vater wollte ihm wohl, es lag am Tage, daß er die gefallene Vorſpann uͤber dem vorſpannenden Schwiegerſohn vergeſſen werde. Eliſe ward jetzt abgerufen, dem Kriegs⸗ rath bot man eine Karte. Er lehnte ſie ab um in den Garten zuruͤck zu kehren und ſich dort ungeſtoͤrt dem webenden Geiſte dieſes Gedankens zu uͤberlaſſen. Da fiel ihm die Fledermaus wieder bei und der Groll erwachte von neuem mit dreidoppelter Kraft und beguͤn⸗ ſtigte den gehegten Entwurf. Im Dunkel des Lauben⸗Ganges ſchimmerte etwas Weißes am Boden. Er griff darnach, es war ein Tuch. Das Tuch der Verraͤtherin! dachte Ferdinand und eilte, um den Nahmenszug zu — ——— — — m — — —— 124 unterſuchen, nach den beleuchteten Fenſtern des Gaſtzimmers hin. Ob es nun gleich zu ebener Erde lag, ſo waren jene doch zu hoch, vor einem der folgenden aber ſtand die Erdwal⸗ ze des Gaͤrtners. Auf dieſe ſprang er und vernahm jetzt Wildgangs Stimme. Der ſchien zu predigen oder ein Liebes⸗Geſtaͤndniß zu thun, denn was er ſprach, klang hoͤchſt pathetiſch. Die Fluͤgel dieſes Fenſters waren geoͤffnet, aber die Gardine herabgelaſſen: Ferdinand ſchob ſie mit Vorſicht abſeits, um zu ſehen was ſein Todfeind hier treibe? Da ſaß er, allein mit Eliſen, neben dieſer im Sopha, und las ihr vor und des Fraͤuleins Blicke hingen, voll zaͤrtlicher Theilnahme, an dem Gefaͤhrten. Ferdinand erkannte das Buch, an dem zierlichen Einbande, fuͤr die „Luiſe, von Voß“ mit der er Charlotten zu ihrem vorletzten Geburtstage erfreute. Auch dieſe Gabe alſo war in des Verdraͤngers Hand? Genug, der Aktuarius las ſo eben die Waſſer⸗ fahrt in der erſten Idylle— 125 Alſo ſprach ſie und trieb; und ſie folgeten alle gehorſam, Trugen des Mahles Geraͤth in den raͤumigen Kahn des Verwalters, Traten dann ſelber hinein, und der Knecht ſtieß ab von dem Ufer. Fernher glimmten wie Gold die Fenſter der Kirch' und des Schloſſes Welche die Sonn abfinkend beleuchtete; rings an den Ufern Hingen Gebuͤſch und Saaten, vom roͤthlichen 3 Scheine beduftet, Umgekehrt in der Fluth und zitterten uͤber 5 zerſtreutem Glanzgewoͤlk und die Heerd' und die ſingende Magd bei der Milchkuh. Langſam ruderte Hans am Geſtad hin. Haͤu⸗ fig ermahnt er, Wenn Luiſ' im wankenden Kahn an den Juͤngling ſich anſchloß— Jetzt druͤckte Wildgang die lauſchende Eli⸗ ſe ploͤtzlich und ohne Widerſtand zu finden, an ſein Herz. So, ſprach er: Liebliche! ſo wirſt Du auf dem ſchwankenden Kahne der Zukunft mich umfaſſen! Eine herrliche, anſprechende 5 16 126 Darſtellung, dieſe Waſſerfahrt! Sie gleicht unſerer neulichen, nur daß uns da Charlotte nicht aus den Augen ließ. Sanft drehte ſich die Walze, auf der der Lauſcher ſtand, er glitt in dieſem Augenblick herab und rief, empoͤrt von dem was er geſe⸗ hen und vernommen, einen Fluch in die Nacht hinaus, welcher den laͤſterlichen, der ihm bei Gaͤnſels Mißgriff entfuhr, noch uͤberbot. Schorſteinfeger. Das zaͤrtliche Paar vernahm den Fluch, wußte aber nicht, wer ihn ausſtieß. Eliſe raffte ſich auf und ſchlich in das Gaſtzimmer zuruͤck, der Aktuarius folgte ihr, um das ge⸗ lehnte Buch in ſeine Wohnung hinauf zu tra⸗ gen, der Kriegsrath, welcher eben aus dem Garten wiederkehrte, ſah ihn, waͤhrend der Wanderung uͤber den langen, nur von einer La⸗ terne beleuchteten Vorſaal, der Treppe zuei⸗ 4 127 len. Seine Augen verfolgten den Fluͤchtigen der jetzt, am andern Ende deſſelben, auf ein Frauenzimmer traf und da alsbald wieder feſtwuchs. Ja, lieber Mann! ja, es wird nothwendig! erwiederte das Frauenzimmer mit Traulichkeit: es war Charlottens Stim⸗ me. Ferdinand kannte ſich nicht mehr, er flog wie ein Sturmwind uͤber den Saal, ſeine Hand fiel unſanft auf des Wildfangs Schul⸗ ter. Sie ſollen mir Rede ſtehn! rief er: hinabl hinaus, in den Garten— Mann gegen Mann! Was beginnen Sie? fragte die erſchro⸗ ckene Charlotte; das iſt ja Meiſter Bitterling! Ja, um Vergebung, verſicherte dieſer: ich bin der Schorſteinfeger und wollte nur an⸗ ſagen, daß wir morgen hier kehren werden. Der Aktuarius aber, war hinter beiden weg, nach der Treppe gegangen und die ſpaͤr⸗ liche Beleuchtung ließ den Kriegsrath dieſen ehrlichen, im Schatten ſtehenden Mann bis dahin nicht unterſcheiden. Er zog ſich jetzt 128 beſchaͤmt zuruͤck und Charlotte ſagte, um den Mißgriff zu bemaͤnteln— Denken Sie nur, Meiſter Bitterling, der Herr Kriegsrath hat das boͤſe Fieber aus dem Haupt⸗Quartier mit zuruͤck gebracht, und eben trat der Paroxis⸗ mus wieder ein. Es iſt uns recht leid um ihn. Ei, mir auch, mir auch! verſicherte die⸗ ſer: und ebener Maßen um das Haupt⸗ Quartier. Den Paroxismus haben wir ja, leider Gottes! ſchon bei dem Ruͤckzuge ver⸗ ſpuͤrt.— Charlotte gab ihm durchaus Recht und verſprach, den folgenden Morgen bis zu ſeiner Ankunft, kein Feuer auf dem Heerd zu dulden. Podagra. Ferdinand kehrte, noch verſtoͤrter als zuvor, in das Gaſtzimmer zuruͤck und trat, um Luft zu ſchoͤpfen, in das Fenſter aus welchem der 129 Subrektor, als ein eifriger Wetter⸗ Beobach⸗ ter, nach dem Stand und Zuge des drohenden Gewitters ſah. Beſter Herr Kriegsrath, ſagte er zu dem gruͤbelnden Nachbar: Sie glichen zwar von Jugend an dem Phoͤbus Apollon, doch heute dem umnebelten und ich kenne die Quelle. Nil timeas! Fuͤrchten Sie nichts! Der Schein betriegt und Mamſel Lottchen iſt ein Engel. Glauben Sie das ei⸗ nem Hausfreunde, vor dem die Frau Amt⸗ maͤnnin noch vorhin ihr Herz ausſchuͤttete. Der Aktuarius iſt allerdings des Geyers Vor⸗ laͤufer und ſeit geſtern ganz beſonders ausge⸗ laſſen, aber ich verdenk' ihm das gar nicht. Wiſſen Sie wohl, daß er fuͤr den natuͤrlichen Sohn des Praͤſidenten gilt, deſſen Brief an den Herrn von Acker uns heute, um Ihretwil⸗ len, ſo ergoͤtzte? daß ihn dieſer legitimiren laſſen wird, ſo bald des Praͤſidenten Bruder, der Miniſter, die Augen ſchließt— Daß der arme Aktuarius dann zum reichen Edelmann und in den naͤchſten Nonathen zum Iuſtiz⸗ III. 9 230 rath emporſteigt und das Fraͤulein Eliſa ehe⸗ licht, die mit ſeiner Abkunft und ſeinen Aus⸗ „ſichten bekannt, und uͤberdies bereits im Stil⸗ len mit dem Gluͤckskinde verſprochen iſt— Nun meldet denn der Praͤſident in einer Nachſchrift des mehrgedachten Briefes, dem Miniſter ſey das Podagra in den Leib getre⸗ ten und derſelbe liege bereits im Verſcheiden. Eliſe laͤßt das geſtern ihrem Verlobten wiſſen, und ſeitdem iſt ihm kein Baum zu hoch. Dixi, Beſter! Was ſagen Sie nun? Ey! wenn dem ſo waͤre, fiel der Kriegs⸗ rath ein und laͤchelte wie ein Begnadigter: dann lob' ich mir das Podagra, das ruͤckgaͤn⸗ gige! Dem einen hilft es zu der ewigen, dem andern zu der irdiſchen Seligkeit, und mich verſoͤhnt es, halb und halb, mit dem natuͤrli⸗ chen Sohne. Kammerfenſter. Das Fraͤulein Eliſe vermißte Charlotten, ſuchte ſie uͤberall und fand die Weinende end⸗ 231 lich in ihrer Kammer. Der Angriff auf Mei⸗ ſter Bitterlingen ließ ſie das Aergſte von Fer⸗ dinands Jaͤhzorne fuͤrchten; das arme Maͤd⸗, chen wußte nicht mehr was es thun oder laſſen ſollte und verklagte bald den Wildfang, bald den Kriegsrath, nur ſich ſelbſt nicht, ob gleich der ſchnoͤde, liebloſe Empfang alles folgende Unheil herbei gefuͤhrt hatte. Charlotte? rief das Fraͤulein jetzt— da biſt Du ja! Herr Gott, was fehlt Dir denn? Ch. Und darnach fragſt Du noch? Iſt es denn angenehm, die lang erſehnte Freude in den Born fallen zu ſehn? In den Abgrund vielmehr! Du weißt, wie mich nach dieſem Tag verlangte; nun iſt er da und ich wuͤnſch' ihn hinweg. E. Die Folge ſeiner Eiferſucht; aber auch Du, mein gutes Lottchen haſt, frei ge⸗ ſtanden, Dein Kruͤglein Oehl in das Feuer gegoſſen. Ch. Ich? Wie denn ſo? . ⸗ 132 E. Haſt Wildgangen heute zu wenig im Zuͤgel gehalten. Ch. Es iſt an Dir, ihm Zaum und Ge⸗ biß anzulegen. E. Warſt Du nicht bei Tiſche ſeine Nachbarin? Ch. Saß Ferdinand nicht Dir zur Sei⸗ te? Ihr hattet Euch ſo viel im Vertrauen zu ſagen, daß fremde Menſchen Dich und ihn ohnfehlbar fuͤr Braut und Braͤutigam gehal⸗ ten haben wuͤrden. E. Fremde Menſchen haͤtten uns fuͤr junge Leute, Dich und den Wildgang aber, unbezweifelt, fuͤr ein junges Ehepaar genom⸗ men.“ Ch. Willſt Du die Worte wiſſen, die wir wechſelten? In der Suppe waren die eingeſetzten Eydotter zerfahren. Das klagte ich ihm und er verſicherte, die Huͤhner legten jetzt lauter zerfahrne. Als ich die Haſen vor⸗ ſchnitt, welche Wildfang geſtern ſelbſt geſchoſ⸗ ſen hat, erzaͤhlte er mir die naͤrriſche Geſchich⸗ 133 te dieſer Jagd und noch ein Dutzend andre Schnoͤrkel. Gott, Du kennſt ihn ja! E. Und ich, liebe Lotte, habe faſt aus⸗ ſchließlich von ihm mit dem Kriegsrath ge⸗ ſprochen. Ch. Wem das Herz voll iſt, dem gehet der Mund uͤber— E. Von Liebe zu Dir und zu ihm. Sie umfing Charlotten. Aber was hat Dir der arme Seele denn eigentlich zuwider gethan? Charlotte weinte jetzt von neuem recht herzbrechend und ſagte waͤhrend dem— Den⸗ ke nur, liebſtes Lieschen, was ich vernehmen mußte, aber ich ſag es zu Dir und unter dem Siegel unſerer innigen Freundſchaft. Du kennſt meine Verſchloſſenheit! erwie⸗ derte Liſette und legte die Hand auf ihre volle⸗ unverſchloſſene Bruſt. Ch. Wie mir die Gaͤnſelin heute das Huͤthchen bringt, iſt der Kriegsrath ihr zwei⸗ tes Wort. Sie broͤckelte und deutelte und ging denn endlich mit der Sprache heraus. 134 Ferdinand hat in der Gefangenſchaft ſo flott gelebt— ſo locker, daß der Gaͤnſeln ihr Bruder uͤber Hals und Kopf einen falſchen Tituskopf fuͤr ihn herbei ſchaffen mußte. Es ſoll kein Mietzchen mehr auf ſeiner Scheitel zu finden ſeyn und was das aͤrgſte iſt, ſo weiß er ſich noch viel damit und ſagt zu allen Leu⸗ ten— Cupido habe ihn barbirt. Das iſt albern! entgegnete Eliſe: aber Du weißt ja, wie die Maͤnner ſind, ſobald wir ſie aus den Augen laſſen. Ich freute mich in Deine Seele, als es hieß, daß er das Fieber habe, denn auf die kranken kann man dann noch am erſten bauen. Ch. Es wird gewiß ſo ſchlimm nicht ſeyn.— Die Haare, liebſter Gott! koͤnnen ja dem Kind in der Wiege ausgehn, und dem Herrn Superintendent ſelbſt— E. Das denk ich auch, und uͤberhaupt iſt alles, was von der Gaͤnſeln herkoͤmmt, in der Regel eine Luͤge. Es bleibt mir dunkel, liebes Lottchen! wie Du Dich, in irgend eine 135 Weiſe, mit dieſer gefaͤhrlichen Poſten⸗Traͤge⸗ rin einlaſſen konnteſt? Beſſer und wohlfeiler arbeitet doch keine, entgegnete Charlotte: habt Ihr nicht insge⸗ ſammt mein Huͤthchen bis in den Himmel er⸗ hoben? Da haſt Du Recht! bemerkte das Fraͤu⸗ lein: ich haͤtte ſelbſt große Luſt, mir auch ein ſolches bei ihr zu beſtellen. Man laͤßt ſie re⸗ den, was ihr gut daͤucht und ſagt weder Ja und Nein dazu und hoͤrt doch mancherlei, was in keiner Zeitung zu leſen iſt. Wildgang ſuchte indeß, auf Charlottens vorhin gegebene Veranlaſſung, ſich dem Kriegsrath zu naͤhern. Des Subrektors Mittheilungen hatten ihm vorgearbeitet, er fand denſelben ungemein freundlich und ganz im Widerſpruche mit ſeinem fruͤheren, abſtoſ⸗ ſenden Benehmen. Man verſtaͤndigte, be⸗ freundete, umarmte ſich und ein Vertrauen rief dem andern. Der Kriegsrath machte den Aktuarius mit den Folgen des Fiebers und 136 Lottchens bitterer Anſpielung bekannt und ge⸗ ſtand nebenbei, daß er Wildgangen fuͤr den Entdecker und Verkuͤndiger des betruͤbenden Nißgeſchicks gehalten habe. Dieſer betheuer⸗ te dagegen ſeine Unſchuld, troͤſtete ihn mit dem Beiſpiele ihrer durchaus geſchorenen Lands⸗ leute und ſchlug dann vor, die beiden Maͤd⸗ chen aufzuſuchen und ſie in den neuen Bund aufzunehmen. Dem Kriegsrath konnte nichts willkommner ſeyn und beide ſchlichen eben, Arm in Arm, über den kleinen Hof, nach dem Innern des Hauſes, als Wildgang Lottchens Kammer⸗Fenſter erleuchtet ſah. Gefunden, fliſterte er in Ferdinands Ohr: ſie ſind in Lottchens Schlafgemach; ich ſehe zwei Schat⸗ ten hinter dem Vorhange und beide Fluͤgel ſte⸗ hen offen. Ich hoͤre ihre Stimme. Ich rieche die Roͤslein roth an ihrem Bruſtſtrauße. Daß die Verſteckten uͤber uns zu Gericht ſitzen, ſpringt in's Auge, wir aber hohlen, wenn es Ihnen gefaͤllig iſt, des 137 Gaͤrtners zweimaͤnniſche Leiter und ſpielen den Wolf in der Fabel. Wozu dieſe Umſtaͤnde? fragte der Kriegs⸗ rath: die Treppe wird doch nicht zerbrochen ſeyn? Ich geſteh Ihnen frei: entgegnete der Aktuarius: daß mir der Weg zu dieſem Kaͤm⸗ merlein unbekannt iſt. Das freut mich! ſagte Ferdinand: doch ich beſorge, Lottchen wird die Keckheit uͤbel nehmen und noch viel boͤſer auf mich werden. Ach, Gott bewahre, Freund! wie kann das ein Beguͤnſtigter fuͤrchten? Je hoͤher die Leiter, je kuͤhner der Steiger, je geſchmeichel⸗ ter fuͤhlt ſich die Heimgeſuchte. Ich wollte, ſie ſaͤßen beiderſeits auf dem Hahnbalken. Die Unterhaltung der Maͤdchen hatte ſich indeß, wie natuͤrlich, von dem Huͤthchen zu den Schuhen, dann aufwaͤrts zu dem Schnuͤr⸗ leib, von dieſem wiederum auf Kreuz und Noth und auf die beiden Liebhaber gewendet. Charlotte ſagte, laut erſeufzend— Es bleibt F 138 doch ewig Schade um den verlorenen Tag, auch fuͤhlſt Du ſelbſt, daß ich nicht fuͤglich die erſte Hand bieten kann und womit laͤßt ſich wohl, wenn Ferdinand ſie bietet, mein albernes Benehmen bei unſerm Wiederſehn entſchuldigen? Sag ich: man hat mich gegen Sie eingenommen, ſo fragt er: Wer? und geht in ſeiner Hitze der Gaͤnſelin zu Leibe, die ihn dann, weit und breit, fuͤr einen Wuͤthe⸗ rich erklaͤrt. Eliſe lachte laut und ſprach— Wir wer⸗ fen uns dem Wildfang in die Arme, der weiß zu allem Rath. Sind nur die beiden erſt verſtaͤndigt, ſo giebt der Reſt ſich wohl von ſelbſt, doch wuͤrde ich ihm, an Deiner Stel⸗ le, auf keinen Fall entgegen kommen, denn Reu und Leid verwoͤhnt die Freier. An ih⸗ nen iſt's, die erſte Hand zu bieten. Da iſt ſie! ſcholl es in das Fenſter. Die Maͤdchen ſchrien hell und klar. Zwei arme, reiſende Luftſchiffer— brummte Wildgang. ——— 139 Bitten um einen Zehrkuß! fuhr der Kriegsrath fort. Jener drohete, im Verſa⸗ gungs⸗Fall, mit dem Einſteigen. Charlotte war verſtummt, Eliſe ſchalt, doch naheten beide allgemach dem Fenſter und hatten den zudringlichen Luftſtreichern kaum einen Finger gereicht, als ſich jede von zwei ſtarken Armen umſtrickt fuͤhlte.— Jetzt ward es abermals ſehr laut in dem Fenſter und dann immer ſtiller; es klang wie Tropfenfall, das Echo wiederhohlte den Klang der erbetenen Zehrpfennige.— Diebel ſchrie der rothnaſige Amtsbo⸗ the. Diebe! jammerte die verblichene Jun⸗ gemagd, in das Gaſtzimmer ſtuͤrzend und ſagte ganz odemlos zu der Mama und den uͤbrigen, bebenden Frauenzimmern— Es ſtie⸗ gen zwei baumſtarke Maͤnner— in Mamſel Lottchens Kammer⸗Fenſter— Die Mamſel ſchrieen ganz klaͤglich— und immer klaͤglicher — bis es ganz ſtill ward— Sie haben ihr gewißlich den Mund verſtopft. 140 Die Herren ſprangen von den Spieltiſchen auf, ermunterten ſich gegenſeitig, in den Hof zu eilen und Herr von Acker lief nach ſeinem verroſteten Hirſchfaͤnger, den er vergebens zu entbloͤßen ſtrebte. Der ſchwachleinige Kraͤhmann und der verzagende Subrektor mußten, auf ſein Anre⸗ gen, die Scheide halten, er aber zog am Griff. Jene beiden wurden indeß, von ih⸗ ren beaͤngſtigten Ehe⸗Genoſſinnen, ſo gewalt⸗ ſam am Rockſchooß erfaßt, daß ſie die ver⸗ ſchloſſene Vagina des Lerchenſpießes ploͤtzlich fahren ließen, und der Baron mit dieſem, ruͤck⸗ waͤrts, auf den Schooß der verwittweten Frau Kammerraͤthin flog, die, von dem Schreck betaͤubt, nur einen leiſen Angſtruf ausſtieß. Der Ober⸗Amtmann ſtand indeß bereits, mit dem handfeſten Stabe des harthoͤrigen Advokaten bewaffnet, im Hofe, ſah die ver⸗ laſſene Leiter an und uͤber ihr zwei Maͤdchen⸗ Koͤpfe, deren roth gekuͤßte Lippen ſich alſo ver⸗ nehmen ließen— 141 Wir wollten in die Kammer, lieber V Papa— Um Lottchens neue Spitzen⸗Krauſe iu beſehn. Denn die Lili will ſich eine darnach ma⸗ chen laſſen— Ja, bei der Gaͤnſelin, mein guter Herr Pathe. Da fand denn die Lolo den Schluͤſſel nicht. Ich hatte ihn derlegt. Herzens⸗Vaͤter⸗ chen! weil es heute ſo viel zu thun gab. Nun wollte ich ihr gern das Suchen er⸗ ſparen und bat deshalb den Aktuarius, die große Leiter herbei zu hohlen— Und ich den Kriegsrath, ihm beizuſtehen, damit er ſich keinen Schaden thue. So verhaͤlt ſich die Sache, Herr Ober⸗ Amtmann. Und nun koͤmmt, zum Ungluͤck, der Saufaus von Anders und haͤlt unſere guͤtigen Beiſtaͤnde fur Spitzbuben. Die arme Lolo iſt ganz außer ſich. Ach, mir iſt nur um Dich leid, guter Engel! Vuater Herz ſchien nun allerdings berichtet und berichtiget und rieth dagegen den beiden Maͤdchen, kuͤnftighin auf dieſe und aͤhnliche Helfers⸗Helfer zu verzichten und alles dasje⸗ nige ſorgfaͤltig zu vermeiden, was den Be⸗ trunkenen ſowohl als den Nuͤchternen zum An⸗ ſtoß gereichen, oder wohl gar, wie im gegen⸗ waͤrtigen Falle, ein lautes Zeter⸗Geſchrei ver⸗ anlaſſen koͤnne. Es ſey viel leichter, ein gan⸗ zes Dutzend Seelen und Wildgaͤnge durch das Kammerfenſter einſteigen zu laſſen, als einen einzigen, ohne Nachtheil und Gefaͤhrte, wie⸗ der hinaus zu bringen. Sie moͤchten nur alsbald zu der Geſellſchaft zuruͤck kommen, welcher er, zu deren Beruhigung, den Ver⸗ lauf der Sache mittheilen wolle. Die beiden Freundinnen aͤrgerten und ſchaͤmten ſich hierauf ganz ungemein, huͤpften jedoch bald darauf, lachend und ſingend, in das Gaſtzimmer, Theils um die Gaͤſte in den⸗ 145 ſelben Ton zu ſtimmen, Theils um die Split⸗ ter⸗ richtenden Frauen durch dieſe aͤußeren Kennzeichen des guten Gewiſſens zu entwaff⸗ nen. Lottens Mutter befahl jedoch dem Toͤch⸗ terlein, mit ſchmaͤlenden Toͤnen und finſterem Geſicht, das Unzerſche Pulver herbei zu hoh⸗ len und die Baronin winkte Eliſen nur deshalb an ihre Seite, um ihr ein beſchaͤmendes „Schaͤme Dich!“ in das niedliche Ohr zu fliſtern. Lottchen und Lieschen erſchracken uͤber die Verſtoͤrung, welche ihr argloſes Abenteuer veranlaßt hatte. Fuͤr den ſchreckhaften, von einem Fieberfroſt geſchüttelten Subrektor, mußte Fliederthee beſorgt werden; die ge⸗ ſammte Kraͤhmanniſche Familie klagte uͤber Leibſchneiden und ſtahl ſich fort; die Frau Kammer⸗Raͤthin lobte gegen ihre Nachbarin⸗ nen Gott den Herrn, daß der Herr von Acker, der ihr vorhin in den Schooß flog, nur ein Klapperſtorch ſey— Dieſer endlich hatte, vom Spieltiſch auffahrend, denſelben umge⸗ 144. worfen und eben große Angſt uͤber das Schick⸗ ſal ſeiner Dreier und Sechſer, welche der rochnaſige Amtsbothe und das kichernde Stu⸗ ben⸗Maͤdchen auf ihren Knien liegend, zu⸗ fammen laſen. Vergebens ſuchten dieſe dann, auf des Amtmanns Geheiß, den Kriegsrath und den Aktuar. Vergebens wartete man ſpaͤterhin, wie am Mittag, mit dem Abend⸗ brot auf die Fehlenden und ſelbſt die beiden Maͤdchen wurden jetzt von den ſchmollenden Muttern aufgefodert, ihre lockenden Stim⸗ men in jedem Winkel des Amthauſes erſchallen zu laſſen. Sie eilten, Arm in Arm, vor ihren eigenen Schatten und dem Wiederhall ihres Gelaͤchters erſchreckend, durch die oͤden Gaͤnge dieſes einſtmahligen Kloſters und rie⸗ fen dann an jeder heimlicheren Stelle— Seele! Wildfang!— So kommt doch, ihr verwuͤnſchten Maͤnner!— Wir haben Ver⸗ druß. Doch die Verwuͤnſchten hoͤrten nicht und ihre Maͤdchen entſchuldigten dieſe Entfer⸗ nung mit dem Zartgefuͤhle der Verſchaͤmten. 145 Da nun des Barons alter Schimmel be⸗ reits auf allen Vieren im Stalle lag und ohne Flaſchenzug nicht fuͤglich von der Streu vor den Einſpaͤnner zu verſetzen war, es uͤberdem ſehr heftig regnete und blitzte, ſo gab die Ackerſche Familie den Bitten des gaſtfreien Wirthes nach und verblieb uͤber Nacht in dem Amthauſe. Noch ehe Kaſtor und Pollux vorhin das Geſchrei vernahmen, riſſen ihnen die erſchrok⸗ kenen Maͤdchen, faſt mit Gewalt, den Zau⸗ berkelch vom Munde weg und warfen den Wonnetrunkenen das Kammer⸗Fenſter vor der Naſe zu. Sie hoͤrten nun den Lerm und daß der Ober⸗Amtmann nach der geladenen Flinte rief, und liefen auf dem Keller zu. Die Thuͤr ſtand offen, denn das Stuben⸗Maͤd⸗ chen hatte vorhin Selter⸗Waſſer aus ihm herauf gehohlt und mit dem Bilde des goͤttli⸗ chen Kriegsraths beſchaͤftigt, um den ſie ihre Mamſel beneidete, das Zuſperren vergeſſen. Dieſer warf ſie jetzt, in ſeiner Beſtuͤrzung, III.. 10 146 hinter ſich in's Schloß und eilte dem Fuͤhrer nach. Die Keller des alten Kloſters aber waren ein wahres Labyrint, zum Theil durch Erdfaͤlle unterbrochen und Mitternacht voruͤber, als die beiden Fluͤchtlinge, nach manchem Fall und ganz erſchoͤpft, die Thuͤr wieder fanden, die ſich, zum Gluͤck, von innen oͤffnen ließ. Der Regen floß in Stroͤmen nieder. Was nun? fragte der Kriegsrath, mit der Peruͤcke in der Hand, die ihm ein niedriger Bogen des Keller⸗Gewoͤlbes abgeſtreift hatte. Lottchen muß uns die Hofthuͤr oͤffnen— entgegnete Wildgang. Um Gottes Willen nicht, Herzens⸗ Bruder! fiel jener ein, denn ſie hatten ſich, in ihrer Ermattung, da unten den vorgefun⸗ denen Wein ſchmecken laſſen und Bruͤderſchaft getrunken. Dort ſteht die Leiter noch zu Deinem Himmel: fuhr der Aktuarius fort: ſteig hin⸗ auf und klopfe an das Fenſterlein; nur leis' 147 und loſe, denn die Eltern ſchlafen, meines Wiſſens, daneben. So fuͤhle doch her! ſagte Seele mit Wehmuth und fuͤhrte des Bruders Hand auf den beregneten Kahlkopf— Wird die Lolo nicht glauben, das Hausgeſpenſt, der alte Moͤnch, erſcheine ihr und dann laut auf⸗ ſchrein? Du Armer! nun, ſo ſteig ich ſelbſt— Nein, das verbitte ich mir!— Da ſtanden ſie; doch ploͤtzlich ſprach ſich jetzt der Aktuarius, ſo grell und jaͤmmerlich, nach der Weiſe eines ſehnfuͤchtigen Katers aus, daß der Kriegsrath erſchrocken zuruͤck fuhr, eine Stange ergriff und den unzeitigen Hochzeit⸗ Bitter aufſuchte, um ihm die Wege zu wei⸗ ſen. Jetzt auch miaute die gerufene Braut, klar und klaͤglich; der Kater unterbrach ihr Minnelied mit Ohr zerreißenden Schwuͤren ſeiner gluͤhenden Liebe. Biſt Du toll? fliſterte Seele, der eben erſt bemerkte, daß Wildgang dieſer Kater war— . 148 Das Katzen⸗Geſchrei, ich weiß es, iſt Charlotten ein Graͤul: verſetzte der Aktuarius, es wird ſie aus dem Bettchen an das Fenſter locken, um die Liebenden zu verſcheuchen, dann haben wir Liebende gewonnenes Spiel— Und nun verkuͤndigte das Kaͤtzchen wieder, tief im Innerſten bewegt, ſein ſuͤßes Leid und Hinze ſprach das ſeine noch viel leidenſchaftli⸗ cher aus— Pfui der Schande! ſcholl es jetzt aus Lottens Kammer⸗Fenſter herab— Teufel! brummte Wildfang: das iſt des alten Tantchens Stimme— Willſt Du Dich packen! hieß es weiter: Du garſtiges, bruͤnſtiges Thier! Und dabei ward ein Glas voll Waſſer auf Seelens kahle Scheitel ausgegoſſen.— Die Katzen ver⸗ ſtummten, der Begoſſene fluchte leis aber nach Kriegs⸗Manier und durch die Spalten der Hofthuͤr ſchimmerte ein Licht. Sie oͤffne⸗ te ſich allgemach und in der geoͤffneten wurden nun zwei Pfoͤrtnerinnen ſichthar. —ö 149 Ich bin verloren! ſprach der Kriegsrath zu dem Kater, und beeiferte ſich, die windel⸗ naſſe, eingelaufene Locken⸗Haube auf den Glatzkopf zu preſſen. Zweiter Akt, erſter Auftritt, ſagte Wild⸗ gang und ließ, zu Seelens Gunſten, den ab⸗ gezogenen, triefenden Huth auf das Licht fal⸗ len. Es ziſchte und die Nacht trat ein. Das fehlte noch! ſchalt die Lili: ſo boͤſe ſind wir uͤberhaupt noch nie auf Sie geweſen. Fort! ſagte die Lolo gebietriſch. Sie nehmen den Ferdinand mit auf Ihr Zimmer. Nur gemach! entgegnete der Aktuarius: die arme Seele hat drei Loͤcher im Kopfe, mir aber fehlt ein Scheidezahn. Ach, daß Gott erbarm! lispelte Lieschen. O, armer, guter Ferdinand, fliſterte Lottchen und tappte vorwaͤrts, ihn zu troͤſten, doch Seele ſchlich, nach dieſem Wink des Bruͤderchens, abſeits, um den kahlen Kopf mit ſeinem Taſchen⸗Tuche zu verbinden und da es jenem ſchnell gelungen war, das weib⸗ 150 liche Mitleid aufzuregen, ſo wurden Beide Hahn im Korbe. Es hieß nicht mehr: Fort! Fort! ſondern: Ach Gott! wenn die Mutter erwachte! Sie haben uns, um Euertwillen, in die rothe Stube gebettet. Wir konnten vor Bekuͤmmerniß nicht ſchlafen! verſicherte Lottchen. Wir fuͤrchteten Euch! ſetzte Lieschen hin⸗ zu: und hoͤrten nun den Unfug im Hofe. Und woliten den Schluͤſſel der Hofthuͤr hinablaſſen, aber die Fenſter der rothen Stu⸗ be haben eiſerne Gitter. Die fernern Aeuſſerungen beider Maͤd⸗ chen zerfielen jetzt allgemach in einzelne Wor⸗ te; vermuthlich, weil ſie keine eiſernen Git⸗ ter vor den Lippen hatten, aber der rothnaſi⸗ ge Amtsbothe ſchnarchte zum Gluͤck wie ein Waſchbaͤr, dem alten Acker traͤumte von ſei⸗ nen Ochſen, dem alten Herz von moraliſchen Vorleſungen; den beiden Muͤttern, zu Folge des Unzerſchen Pulvers, von gar nichts, dem alten Tantchen aber von der Leiter, auf wel⸗ 151 cher jetzt der Herr Subrektor durch das Kam⸗ merfenſter herein ſtieg, der, als ſie ſich des bedenklichen Zuſpruchs erwehren wollte, wie der begoſſene Kater miaute. Aber die Loͤcher, wisperte Lottchen. Aber der Scheidezahn! fliſterte Lieschen, denn bei⸗ de merkten jetzt, daß Wildgang ſie belogen hatte und die Frucht der vorhin empfangenen, vaͤterlichen Rathſchlaͤge machte ſich geltend. Der Schliche kundig, liefen ſie davon und rie⸗ gelten die Thuͤr der rothen Stube hart und feſt hinter ſich zu. Verdammte Streiche! ſagte der graͤmeln⸗ de Kriegsrath zu Wildgangen, als dieſer von der unnuͤtzen Verfolgung zuruͤck kam: da ſteh ich nun, erkaͤltet und durchnaͤßt, im Finſtern, und weiß nicht, wo ich mein Haupt fuͤr dieſe Nacht hinlegen, noch weniger, womit ich es morgen bedecken ſoll, denn Gaͤnſel iſt ein Galgenſtrick, der die meiſten Locken, wie ich ſpuͤre, nur aufgeleimt hat; die Atzel zerlaͤuft mir unter den Fingern.— Der Aktuarius 152 verbiß ein Gelaͤchter, bemerkte, es ſey gegen Gottes Gebot, fuͤr die morgende Peruͤcke zu ſorgen und trat ihm ſein Bett ab, um die verſaͤumte Arbeit waͤhrend dem Reſt diefer Nacht zu beendigen. Jahrmarkt. Der goldene Ehren⸗Pfennig war bereits ein⸗ gelaufen, der Miniſter am Podagra geſtor⸗ ben, der Aktuarius ein reicher Edelmann ge⸗ worden, Eliſe ſeine Verlobte, Charlotte Fer⸗ dinands erklaͤrte Braut und der Jahrmarkt vor der Thuͤr, auf welchem beide Freundinnen das Leinen und die Federn zu den Hochzeit⸗ Betten, ſammt vielen andern Beduͤrfniſſen, einkaufen wollten. Des Ober⸗Amtmanns geraͤumige Wohnung ward, zur Jahrmarkts⸗ Zeit, von allen in der Naͤhe hauſenden Freun⸗ den und Bekannten deſſelben, als Abſteige⸗ QAuartier benutzt. Noch waltete Wildgang, — 89 153 ſeiner neuen Anſtellung gewaͤrtig, in dem zwei⸗ ten Stock und fuͤr den Kriegsrath, welcher die Braut jetzt, von der Reſidenz aus, flei⸗ ßig heimſuchte, hatte Lottchen die rothe Stu⸗ be zubereitet. Auch er traf, faſt zugleich mit der Ackerſchen Familie, am Vorabend des er⸗ ſten Meßtages ein und erblickte bei'm Ausſtei⸗ gen, nicht ohne Verdruß, einen ſchmucken Dragoner⸗Offizier, welcher neben Charlotten im Fenſter lag und traulich, wie ein Bruder, mit der Traulichen verkehrte. Wer iſt denn das wieder? ſprach er zu ſich ſelbſt: indem nahm die Braut den Braͤutigam wahr, er⸗ ſchrack und verſchwand. Sie faͤhrt zuruͤck! dachte er: nun, da haben wir's! ein gutes Gewiſſen bliebe ſtehn. Das gute Gewiſſen aber ſtand bereits auf dem Vorſaal, um ihn willkommen zu hei⸗ ßen. Ich wuͤnſche Gluͤck! ſagte er kalt und beißend: zu dieſer unverhofften Anſtellung bei der Kavallerie. Lottchens Freudens⸗Bezei⸗ gung uͤber ſeine friſch behaarte Scheitel, er⸗ 154 ſtarb auf ihren Lippen. Das hab ich geahnt! ſeufzte ſie und kehrte in das Zimmer zuruͤck, aus welchem ihm der alte Herz entgegen kam und den Schwiegerſohn begruͤſſend einfuͤhrte. Der Offizier, auf deſſen Bruſt drei Orden blitzten, nickte zuerſt nur eben mit dem Kopfe, verneigte ſich, bei Wahrnehmung des Ehren⸗ Pfenniges ein wenig und als die Amtmaͤnnin den Kriegsrath als ſolchen vorſtellte, noch etwas tiefer. Herr Graf von Lichtenau! ſagte Lott⸗ chen, auf den Oberſten zeigend. Es war derſelbe, deſſen Jaͤger, waͤhrend dem Jahrmarkts⸗Lauf der vorigen Geſchichte, die arme Mamſel Ho⸗ milius in die ſchmaͤhlige Verſuchung fuͤhrte; er hatte bisher dem Kaiſer aller Reußen gedient, den Abſchied genommen und wollte bei ſeiner Ruͤckreiſe das Haus des alten Bekannten um ſo weniger unbeſucht laſſen, da er, zu Folge des Jahrmarktes, den Gerichts⸗Direktor Hohlſpie⸗ gel, als die rechte Hand ſeiner Frau Mutter, hier zu finden hoffte, und des Amtmanns ſchoͤne Toch⸗ ter nebenbei der anziehendſte Gegenſtand war. eyg 155 Jetzt fuhr auch ein alter, zum Theil in Stricken haͤngender, lederner Kaſten vor, den die ſtockblinde Falbe und der hinkende Brand⸗ fuchs unter ſchallenden Hi! und Ho! nur Schritt fuͤr Schritt zum Ziele ſchleppten. Das Hi und Ho aber ſtießen die Gebruͤder Jakob und Ehrenfried aus, welche zu Heiducken auf⸗ geſchoſſen, in traulicher Eintracht auf dem Bocke ſaßen und jetzt der goldenen Knabenzeit und des Verhaͤngnißvollen Tages gedachten, an welchem ſie des Lebens Zauber und ſein Schmerz zum erſten Mahl bedeutend anſprach. Prl riefen beide jetzt— Steh Maͤtzchen! und die Sonnen⸗Roſſe ſtanden und wie der Vollmond den Verliebten laͤchelte Vater Homi⸗ lius zu den Fenſtern hinauf. Die Zwillinge halfen ihm, unter dem Beiſtande des rothna⸗ ſigen Amtsbothen, aus dem Kaſten. Rahel Concordia, ſein Eheweib, beſeitigte zuerſt die Schachteln und Packete, reichte ſie allgemach den beiden Soͤhnen, ſodann des Vaters ſchwarzen Stab, den Sonnenſchirm, zuletzt 156 auch einen Vogelbauer, der in der Stadt ge⸗ flickt werden ſollte und ſtieg nun, krumm und ſehr gebuͤckt, den ausgeladenen Guͤtern nach. Gleich nach den Eltern flog der Direk⸗ tor Hohlſpiegel mit der lieblichen, ein wenig verblichenen Chriſtine herbei, nach ihm ein Ober⸗Foͤrſter mit Familie. Es fuͤllte ſich der Saal, ein neues Umarmungs⸗ Feſt begann. Der alte Herz und der alte Homilius ſchwelg⸗ ten in den gegenſeitigen Bauſchbacken, die Frau Magiſterin und die Ober⸗Amtmaͤnnin vermaͤlten die Violen ihrer Lippen, Charlotte druͤckte die gluͤhende Roſe ihres Mundes auf Chriſtinens bleiche Wange; Fried und Jaͤck⸗ chen endlich, wurden bei dem Anblick der drei Orden und des Ehren⸗Pfenniges fuͤr's erſte zu Marmor, bald aber verwickelten ſich ihre Beine zu Folge der unbaͤndigen Kratzfuße— Noch ein Mahl ſahen alle rund umher, ob et⸗ wa jemand ungeſchmatzt geblieben ſey, und Ober⸗Amtmanns nahmen noch zuletzt die bei⸗ den aufgeſchoſſenen Heiducken bei den Koͤpfen — J 157 und lobten ihren Wuchs und fragten, was ſie werden wollten. Ehrliche Leute! verſicherte Jaͤckchen— Magiſter's! meinte Ehrenfried— Quod vult deus! rief der Papa. Ja, was Gott will! entgegneten beide. Lotte hatte, waͤhrend dieſes Liebesmahles, manchen bittenden Blick auf den Kriegsrath geworfen, welcher im Hintergrunde neben dem Grafen ſtand und mit dieſem franzoͤſiſche Gloſſen uͤber die deutſche Saugluſt machte. Ferdinand begegnete dem Blick, der ſeine deu⸗ tete auf den Nachbar und ſprach, wie vorhin, den Argwohn der Eiferſucht aus. Da wen⸗ dete ihm die Bekraͤnkte, wie vorhin, den Ruͤk⸗ ken, zerdruͤckte die Thraͤnen im Auge und fuͤhrte Chriſtinen auf ihr Zimmer. Eliſe folg⸗ te ihnen. Nun, ſey willkommen, meine Tina! hob Charlotte an: wie lebſt Du denn? Ach, liebes Herz! erwiederte die junge Frau! wir ſahn uns lange nicht, doch troͤſte⸗ ten mich Deine Briefe. Wohl geht mirs, 158 meine Lotte, nur moͤcht ich Ruhe haben! Drei Kinder in vier Jahren ſind keine Klei⸗ nigkeit. Ja, ich bin gluͤcklich, gute Seele! Wohl Dir! ſeufzte jene— Heil Ihnen! ſprach das Fraͤulein mit Gefuͤhl und Lotte ſagte jetzt— Das neue Kleid hat Dich wohl auch gefreut? Ich trieb und ſchickt' es gleich, ſo wie es fertig war. Ach, leider Gottes! nein! entgegnete Chriſtine: doch Du kannſt nichts dafuͤr; aber das hat mir die Gaͤnſeln bis in den Tod hin⸗ ein verdorben. Da ſehn Sie! fiel Eliſe ein: und mei⸗ nen Mantel auch. Von der kann ich ein Liedchen ſingen. Doch meinem Mann gefaͤllt es Wunder⸗ ſchoͤn! ſetzte Chriſtine mit leichtem Spott hinzu. L. Wie nun die Maͤnner ſind. E. Was wiſſen die! C. So, meint er, haba mich noch kein's gekleidet. —— 159 Da lachte Lottchen Hihihi! und Lieschen Hahaha! und Tinchen lachte mit und ſprach — Weil es ihm zuſagt, trag ich's auch. Klug! rief Charlotte— Wohlgethan! verſetzte das Fraͤulein und auf dem Vorſaal erhob ſich ein Zeter⸗Laͤrm. Becken und Floͤ⸗ ten, Trompeten und Geigen wurden, bunt durch einander, laut, Herr von Wildgang trat herein und ſprach— Der Jahrmarkt verlangt ſein Recht, auf, auf, zum Ringel⸗Reihen! und zog Eliſen mit ſich fort; der Kriegsrath folgte ihm. Er eilte, um dem Offtzier zu⸗ vor zu kommen, nach Charlotten hin und walzte, wider Willen und mit graͤmlichem Geſicht, bis ihm und ihr der Odem fehlte, der Offizier aber lehnte, verſunken in das Anſchaun der bluͤhenden, ſchwebenden Braͤute, neben der Thuͤr und wies dann Wildgangs Einladung, der ihm jetzt ſelbſt Eliſen zufuͤhr⸗ te, mit herzlichem Bedauern von der Hand. Meine Wunden, ſprach er: verſagen mir den liebſten und anziehendſten aller Genuͤſſe. 160 Der arme Mann! dachte Lottchen, die jetzt in ſeiner Naͤhe ſaß. Eliſe nahm an ih⸗ rer Seite Platz und fragte, ob ſie je eine ſchoͤnere, maͤnnlichere Form geſehen habe? Und ſchon ein Invalid! ſiel dieſe wehmuͤ⸗ thig ein: O, der verwuͤnſchte Krieg! ich danke nur Gott, daß Ferdinands Mietzchen wieder zu Haaren wurden. Und daß er auch ein Verdienſt⸗Zeichen hat! ſetzte das Fraͤulein hinzu. Koͤnnte ich meinem Wildgang ein ſolches verſchaffen, ſo moͤchten ihm immerhin die Haare bis auf das letzte Faͤdchen ausgehn. Nein, da ſey Gott fuͤr! entgegnete jene und Chriſtine ward herbei gerufen, um uͤber den kritiſchen Fall zu entſcheiden. Ihr guten Kinder! ſagte ſie: wänſcht Euern Zukuͤnftigen lieber ein edles, frommes Herz; das iſt das Einzige, was dem Weibe frommt und den Eheſtand heiligt. ſe Du Engel! rief Charlotte— Auch ſcherzten wir nur! verſicherte Eliſe, ſie ward — „ 161 von den Braͤuten umſchlungen. Der Graf trat laͤchelnd zu der Gruppe und dankte im Nah⸗ men der gegenwaͤrtigen Maͤnner fuͤr die er⸗ goͤtzende Augen⸗Weide. Ihm war der lau⸗ ſchende Ferdinand auf der Ferſe, den aber nahm der alte Acker jetzt bei'm Arm und woll⸗ te wiſſen, wie ein Hochpreisliches Kriegs⸗ Collegium ruͤckſichtlich der bewußten Ochſen ge⸗ ſinnt ſey und ob nicht endlich ein Erſatz zu hoffen ſtehe? Den alten Acker aber ſaßte ſei⸗ ne Gemahlin bei der Hand und verſicherte, daß es hohe Zeit ſey, auf den Jahrmarkt zu gehn und fuͤr die Braut einzukaufen. Die an⸗ dern Damen ſtimmten bei und eilten nach den Spiegeln; der Amtsbothe ward mit dem Geld⸗ ſack beladen. Das erſte, aus Matronen beſtehende Glied gelangte, nach mancher Hin⸗ und Wi⸗ derrede, allmaͤhlig zur Hausthuͤr. Charlotte faßte, um Ferdinands Vorwuͤrfen und des Grafen Honigworten auszuweichen, Chriſti⸗ nen und Eliſen unter den Arm; im letzten III. 11 462 Gliede prangten dieſe und Herr von Wildgang lief aus einem in das andere. Vater Homi⸗ lius endlich und der Ober⸗Amtmann hatten ſich von dem alten Acker bewegen laſſen, ihn auf den Thiermarkt zu begleiten und bei dem vorhabenden Einkaufe des noͤthigen Hornvie⸗ hes mit ihrer Einſicht und Erfahrung zu un⸗ terſtuͤtzen. u Ferdinand wandelte bereits eine geraume Weile zur Linken des Grafen, welchem das Gehen beſchwerlich zu werden ſchien, und blickte jeden voruͤberziehenden Stutzer, der etwa dem holden Maͤdchen ſcharf in's Auge ſah, noch ſchaͤrfer in's Geſicht, als ſich Char⸗ lotte ploͤtzlich zu ihm wandte und mit ihrem freundlichſten Laͤcheln ſagte— Ich habe den Strickſack vergeſſen, lieber Ferdinand! Mein Tuch und mein Geld iſt darinn, Sie waͤren wohl ſo guͤtig und hohlten mir ihn? Wo find' ich Sie wieder? war des Kriegsraths Frage. Bei den Leinwand⸗Buden! entgegnete Inhalt. Gott lebet noch! Seele, was verzagſt du doch? 163 Lottchen und ſetzte leis' hinzu— Du weißt ja, warum dort? Er dachte an das Hochzeit⸗Bett, er eil⸗ te fort, um baldigſt wieder da zu ſeyn; er rannte einen Korb mit Nuͤſſen und einen Tiſch mit gelbem Kuchen um, verſchmerzte die Laͤ⸗ ſterung der Hoͤckerinnen und dankte den Hei⸗ ducken kaum, welche Vater und Mutter ver⸗ laſſen hatten, um die ſuͤß duftenden Bratwuͤr⸗ ſte an der Ecke des Naſchmarktes zu verſuchen. Er war, zu Folge dieſer Eil, nach wenigen Minuten mit dem gefundenen Beutel in der Reihe der Leinwand⸗Buden und durchlief ſie mit forſchenden Blicken. Die Verkaͤuferin⸗ nen ſchloſſen von dieſen Blicken auf ſein Be⸗ duͤrfniß und von Bude zu Bude erſcholl es— Was ſuchen Sie denn, mein ſchoͤner Herr?— Immer naͤher, Ihr Gnaden!— Meine Schwaͤbiſche ſucht ihres Gleichen, und ſo wei⸗ ter und die jungen Frauen und Jungfrauen, welche hier feilſchten, ſahen faſt insgeſammt dem hohen, edel geſtalteten Manne nach, der 8 164 am Ende der Gaſſe den Wandel immer von neuem begann. Einige eingebildete unter ih⸗ nen vermutheten ſogar, daß er bloß ihretwe⸗ gen hier ſpaziere und blickten nun, ſo oft er wiederkehrte, ganz unverwandt und mit ih⸗ ren ſuͤßeſten Mienen nach der Seite hin, von welcher er herkam; Ferdinand aber ſtarrte ſie wie ein Mondſuͤchtiger an; denn er hegte be⸗ reits arge Gedanken und waͤhnte, daß er ab⸗ ſichtlich entfernt worden ſey. Der Graf wußte nicht, warum ſein Nach⸗ bar vorhin ſo ploͤtzlich Reißaus nahm, er fand die Geſellſchaft zudem aͤußerſt langweilig, die jungen Damen Wortkarg und verlegen, das Jahrmarkts⸗Getoͤſe zuſammt dem Drang und Gegendrang unertraͤglich und ging deshalb in der Stille nach dem Amthaus zuruͤck. Char⸗ lotte vermißte ihn zuerſt, ſie ſchoͤpfte wieder Odem und zog mit ihren Freundinnen den Muͤttern nach, denen ein boͤhmiſcher Federn⸗ haͤndler aufſtieß und ſie in ſeine weit entfernte Niederlage fuͤhrte. Um neuen Mißhelligkei⸗ 165 ten auszuweichen, ging Charlotte jetzt zufoͤr⸗ derſt heim, damit der Braͤutigam, den ſie noch dort zu finden hoffte, nicht etwa verge⸗ bens auf dem gegebenen Stelldichein ihrer harre. Der Kriegsrath aber war, Kraft ſei⸗ ner Eile, laͤngſt bei den Buden angekommen, er kreuzte noch in jener Gegend, ſah den Gra⸗ fen nach dem Amthauſe wandern, ſah jetzt Charlotten, die ihm zu folgen ſchien, und folgte ſchleunigſt dieſen beiden. Wenns moͤglich waͤre! dachte der Beaͤng⸗ ſtigte und was iſt unter dieſem Mond und im Verhaͤltniſſe der Verfuͤhrer zu den Verfuͤhrba⸗ ren ohnmoͤglich? Und damit ſchlich nun Fer⸗ dinand uͤber den Vorſaal und fand, wer ſchil⸗ dert ſein Entſetzen? fand hier den Grafen vor Charlotten hingeſtreckt, die wie der Engel des Erbarmens auf den dreifachen Ordens⸗ Ritter herab laͤchelte und ihn im Eifer ihres Mitleids aufzuheben ſtrebte. O, wie beklag ich Sie! ſprach das Maͤdchen und hing au dies Bedauern noch ein Dutzend liebreicher 166 Floskeln, die dem ungluͤcklichen Kriegsrath Arm und Zunge laͤhmten. Er ſtahl ſich fort. Fahr in die Hoͤlle, Buhlerin! war ſein erſtes Wort auf der Treppe, und ſein erſter, ſchnell vollzogener Gedanke, nach dem Poſt⸗ hauſe zu eilen und ohne Zoͤgern in die Haupt⸗ ſtadt zuruͤck zu kehren. Da rief es ploͤtzlich, ohnfern der Poſthalterei, mit kreiſchenden, widrigen Toͤnen— Seele! Seele!— See⸗ le, was verzagſt Du doch! Und gleich darauf ſtieß ein junger Mohr in die Trompete und lud die Umſtehenden zur Beſichtigung des zahmen Panthers und des reißenden Tiegers, des großen Pavians und der Loͤffelgans und vieler anderer, unvernuͤnftiger und ſehenswer⸗ ther Creaturen ein. Es war der ſchwarze Fuͤrchtegott des ſeli⸗ gen Herrn Ober⸗Conſiſtorial⸗Praͤſidenten, welcher ſeinem Zoͤgling ein anſehnliches Legat ausgeſetzt hatte, das der Mohr zu dem Ankaufe dieſer Menagerie verwandte. Auch der ſprach⸗ ſelige Papagey, der als Aushaͤnge⸗Schild 167 und Lockvogel vor der Bude hing, war ein Vermaͤchtniß Seiner Exzellenz. Fuͤrchtegott, der ihn fuͤttern und reden lehren mußte, hatte dem Papchen, in Ruͤckſicht auf die Gottes⸗ furcht des Praͤſidenten, mehrere geiſtliche Spruͤche in den Schnabel gelegt, die dieſer dann, nach der Weiſe einiger Pfarrherren abplaͤrrte. Seele! rief er wieder: was ver⸗ zagſt du doch? Der Kriegsrath Seele aber blickte, wie ein bruͤllender Loͤwe umher, den unzeitigen Spaßvogel zu entdecken und end⸗ lich war ihm nichts gewiſſer, als daß der Graf, in ſeiner Sieges⸗ Trunkenheit, den Geſchlagenen durch das Sprachrohr verhoͤhne. Eben kam der Herr von Acker mit dem alten Herz und dem Paſtor Homilius von dem Viehmarkt zuruͤck: drei wohlbeleibte Stiere folgten ihnen und der vergnuͤgte Freiherr er⸗ bot ſich, ſeine Beiſtaͤnde in die Bude zu fuͤhren. Sagen Sie gefaͤlligſt Ihrer Tochter, daß wir auf ewig geſchieden ſind! rief eine heiſere 168 Kehle in des Ober⸗Amtmanns Ohr, das ſchon zur Haͤlfte hinter dem flatternden Vorhange des Einganges ſtack. Der Amtmann wußte nicht, wie ihm geſchah— Und daß wir nie ein Herz und eine See⸗ le werden koͤnnen— Das waͤr des Teufels! rief der alte Herz und ſah ſich um, aber der Vorhang bedeckte das bauſchende Antlitz des Erſtaunten und Seele fuhr nach wenigen Minuten aus dem Thore. Das bluͤhende, verſprechende Ausſehn des Grafen von Lichtenau ſtand mit ſeinem koͤrperlichen Zuſtande im offenbaren Widerſpru⸗ che. Er litt an den Folgen der Wunden, welche ihm die drei Orden erwarben, ſein lin⸗ ker Fuß war nur der Luͤcken⸗Buͤßer des ver⸗ lorenen, das Kunſtwerk eines Mechanikers. Der Oberſte fuͤhlte in dem Gedraͤnge, nach mehreren Fehltritten, daß irgend eine Schrau⸗ be dieſes Gliedmaßes ſich verworfen haben muͤſſe und ging hauptſaͤchlich deshalb nach dem 169 Amthauſe zuruͤck. Das Erſteigen der hohen Treppe machte jenes Uebel aͤrger, die Haupt⸗ feder ſprang, er ſiel in dem Vorfaale und muͤhete ſich vergebens, wieder aufzuſtehn. Charlotte traf den Armen in dieſer Lage, ſeine ruͤhrende Mittheilung machte ſie mit dem zu⸗ reichenden Grunde bekannt, die Thraͤnen ent⸗ ſtuͤrzten der Gutherzigen, ſie wollte einen Hel⸗ fer herbei rufen, er aber verbat dies aus falſcher Schaam und Lottchen reichte ihm dienſtfertig ihre Hand, um ſich an derſelben empor zu richten. Bei dieſem reinen und wohlthaͤtigen Beſtreben uͤberraſchte ſie Ferdi⸗ nand. Charlotte ſah ihn nicht, der Graf nahm ihn erſt wahr, als er davon ging und er⸗ ſuchte jetzt die Helferin, ihren Braͤutigam zu vermoͤgen, daß er die Entdeckung dieſes Gebre⸗ chens, um ſeiner Mutter willen, vor der Welt verſchweige: er fuͤhre noch ein zweites Bein im Koffer und werde nach wenigen Minuten wieder auf feſten Fuͤſſen ſtehn.— Die billige Bitte erſchreckte das Maͤdchen, denn Wehe ihr, wenn der Eiferfuͤchtige mit den Augen des Argwohns geſehn hatte; dennoch gelobte Char⸗ lotte fuͤr ſich und dieſen ein ewiges Schweigen und jetzt kamen des Grafen Leute von dem Jahrmarkt zuruͤck und machten ihre Gegen⸗ wart entbehrlich. Sie ſuchte Ferdinanden nun in allen Stuben, Kammern und Gemaͤ⸗ chern, ſie eilte nach dem Markt zuruͤck, traf aber am Hausthor auf die drei Vaͤter und ge⸗ rieth unter die drei Stiere ihres Gefolges. Des Ober⸗Amtmanns Antlitz glich dem Ge⸗ ſichte des zuͤrnenden Todten⸗Richters, er ging auf die bekuͤmmerte Tochter zu und ſprach— Dein Kriegsrath iſt nicht um ein Haar ver⸗ nuͤnftiger als unſer Einkauf hier— ein Narr iſt er, ein Wahnwitziger, den Du vergeſſen mußt. Das und das ſchreit mir der Phantaſt in der Affenbude, zwiſchen der Thuͤr und der Angel in's Ohr und laͤuft ſofort wie ein Be⸗ ſeſſener davon. Was gab es? Heh! Geſte⸗ he, ſag ich Dir! Lottchen faltete vor Erſtaunen ihre niedli⸗ 171 chen Haͤnde, entband ſich, nothgedrungen, des Verſprechens, das der Oberſte von ihr empfing und erzaͤhlte dem Vater alles haarklein. Gott behuͤte mein Haus und Dein Leben vor einem ſolchen Unkraut⸗Saͤer! entgegnete Vater Herz am Schluß ihrer Beichte— vor einem ſolchen Splitter⸗Richter, vor dem un⸗ ſauberſten aller Geiſter, die den heiligen Ehe⸗ ſtand zum Weh⸗ und Qualenſtande machen. Sieh nicht ſo klaͤglich drein, mein Toͤchterchen! geh in die Kammer; geh und weine Dich aus und beſiehl dem Herrn Deine Wege. So unterbrach die blinde, thoͤrichte Ei⸗ ferſucht des ſchoͤnen Seele Charlottens Frie⸗ den, ihre Hoffnungen und Entwuͤrfe, zu⸗ ſammt der Eß⸗ und Meßluſt der Vertrauten, welche bei einem, uͤber dieſe Angelegenheit ge⸗ pflogenen Familien⸗Rathe einſtimmig der Meinung waren, daß Charlotte dieſes ſchein⸗ bare Gluͤck uͤber der Rettung des wahren, die Titel und Mittel uͤber der Sorge fuͤr die Ruhe ihres Lebens vergeſſen muͤſſe und daß es weit 172 beſſer ſey, unvermaͤlt zu Grabe als in die Marter⸗Kammer eines krankhaften Gruͤblers einzugehn, der in jedem Naͤchſten einen Stoͤ⸗ renfried und den geſchworenen, geheimen Feind und Entehrer ſeiner Hausgoͤtter erblicke. Duͤrften wir, bei der Darſtellung einer wahrhaften Geſchichte, den Erwartungen un⸗ ſerer Leſer ſchmeicheln, ſo wuͤrde der Kriegs⸗ rath, nach gemachtem Reu und Leid, mit Charlotten verſöͤhnt und getraut, zur Ruhe gehn und ein Federzug den haͤßlichen Flecken wie ein ungewaͤhltes Wort vertilgen. Die Genien dieſes Brautpaares ſahen aber, ohnfehlbar, zum Voraus, daß die Ver⸗ maͤlung des Argwohns mit der Eiferſucht zu Mord und Todtſchlag oder dem gleich toͤdtli⸗ chen Ueberſchwange des haͤuslichen Fluches fuͤhren muͤſſe, und fandten deshalb einen hold⸗ ſeligen, ſittlich ſchoͤnen Vetter des Maͤdchens, den jungen Paſtor Herz auf den Jahrmarkt, wo er Batiſt zu Ueberſchlaͤgen oder Prieſter⸗ Kraͤglein kaufen wollte, ſich dieſem Geſchaͤft —— 173 jedoch, aus Unkunde des Werthes und Preiſes, nicht gewachſen fuͤhlte. Er ſprach deshalb bei Ober⸗Amtmanns ein und ging ſein liebes, tief betruͤbtes Muͤhmchen um Rath und Bei⸗ ſtand an. Als ihn Charlotte nun, am zwei⸗ ten Meßtage, mit den eigenhaͤndig gefertig⸗ ten Ueberſchlaͤgen erfreut hatte, mußte er ſie dagegen, im Auftrag der Eltern, bei ihrem Heil beſchwoͤren, dem Quaͤlgeiſt zu entſagen, deſſen Liebe nur ein Gewitterſturm ſei, der ſie fruͤh oder ſpaͤt in das Grab wehen werde. Charlotte weinte, ſtatt der Widerrede, ſie dank⸗ te dem edeln, beredtſamen Freunde mit einem warmen Haͤndedruck, ſie verſchloß ſich dann mit dem Fraͤulein und Chriſtinen und ſchuͤttete das volle und gequaͤlte Herz, am Buſen der Vertrauten aus. Beide beſchworen ſie, gleich dem angenehmen, verſtaͤndigen Vetter, aber unter Kuͤſſen und Thraͤnen, dieſen Feuerbrand in den Lethe zu werfen, das heißt: den Kriegsrath aus dem Heiligthume. Sie ſchrieb ihm unter ihren Augen und begleitete Chriſti⸗ 174 nen, Tags darauf, nach ihrem Wohnorte, in welchem der heilſame Troͤſter als Diakonus an⸗ geſtellt war. Als nun die Freundin ſie, zum Winter⸗Markte, nach dem Elterlichen Hauſe zuruͤck brachte, kam der Diakonus mit ihr und auch die andern Gaͤſte ſprachen wieder bei dem Ober⸗Amtmann zu, der ihnen die geliebte Charlotte als das Braͤutchen des jungen, Ehrenwerthen Predigers vorſtellte. Der Mann mit dem Ehren⸗Pfennig aber ſaß da⸗ heim in dem Schmollwinkel und laͤſterte, lieb⸗ los und undankbar, ein Geſchlecht, das ihm immerdar wohlgewollt und dem er immerdar weh gethan hatte. Ende des dritten Theiles. 13 14 15 16 17 18 19