◻ 8* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 1 Leih- und Leſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:.— für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 17 d—-——BℳℳℳVkg————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 3— ¹ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung— „ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Ge ahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Verlag von M. DuMont⸗Schauberg. Aachen und Köln, hei Ludwig Kohnen. III. Sechstes Buch. — Erſtes Kapitel. Die Kriegsereigniſſe im Verlauf des Jahres 1589 waren von geringem Belang. Weniger die Reſultate derſelben, als die Urſachen, weßhalb die Thätigkeit erſchlaffte, nehmen un⸗ ſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Bald werden wir aus denſelben Urſachen Wirkungen hervorgehen ſehen, welche der Republik eine neue Stellung gegen Spanien verſchaffen. In Friesland führte der Statthalter, Graf Wilhelm Ludwig von Naſſau, das ganze Jahr 1589 hindurch, mit abwechſelndem Glück, den kleinen Krieg gegen den tapfren Ver⸗ dugo. Graf Wilhelm Ludwig beabſichtigte dabei eigentlich vorzugsweiſe, Gröningen den Spaniern zu entreißen; aber er beſaß für dieſe Unternehmung eine zu geringe Truppenzahl; denn gerade Gröningen war von jenen Feſtungen, welche die Spanier im Norden hielten, am ſtärkſten beſetzt. Wichtiger war die von uns bereits erwähnte Uebergabe Gertruidenbergs an die königliche Parthei. Parma wollte dieſen Vortheil raſch benützen und beorderte deßhalb den Grafen Karl von Mansfeld, ſich der Stadt Heusden an der Maas zu bemächtigen. Zu Anfang Juni begann Karl von Mansfeld die Belagerung Heusden's, welches Karl von Levin, Herr von Famars wacker vertheidigte. Auch ſuchte er ſich der Stadt Bommel(durch heimliches Einverſtändniß mit mehren Bewohnern in derſelben) zu bemeiſtern. Die Ver⸗ 4 rätherei der Letzteren wurde aber entdeckt und Mansfelds Anſchlag dadurch vereitelt. Dagegen drangen die königlichen Truppen in den Bommeler⸗Waard ein, belagerten und eroberten im Auguſt das Schloß Heel. Doch Prinz Moritz, welcher die Gegend nicht verließ, zwang Mansfeld plötzlich, die Belagerung der Voorner Schanze aufzuheben. Mansfeld wollte nun mit ſeinen Truppen über die Waal ſetzen, und geradesweges auf Utrecht losrücken. Groß war dadurch die Gefahr für Holland, als dieſelbe unerwartet durch die Feinde ſelbſt abgewendet wurde. Ein ſpaniſches Regiment, das des Oberſten Leva, weigerte ſich nämlich, über die Waal zu ſetzen, bevor es ſeine Soldrückſtände erhalten habe. Vergeblich ſuchte Mans⸗ feld den Meutern durch Gewaltmaßregeln zu imponiren. Nur noch mehr erbittert, ſchoſſen ſie auf den Feldherrn und laut ſcholl das Geſchrei:„Es lebe der König, fort mit der ſchlechten Re⸗ gierung!“ Nicht blos wirkliche Noth der unbezahlten Truppen (eine Folge ihres ſchwelgeriſchen Lebens) ſondern auch insbeſon⸗ dere die Eiferſucht der Spanier gegen die Italiener war der Grund der Meuterei. Dieſe Eiferſucht wurzelte auch in den Herzen der höhergeſtellten Spanier gegen den Herzog von Parma, als Italiener; der Herzog von Paſtrana und der Prinz von Ascoli, ſeine erbitterten Feinde, waren es, welche jene Meuterei angeſtiftet hatten. Die empörten Truppen zogen hierauf nach Grave zurück. Das Regiment Leva wurde in der Folge ſchimpflich aufgelöst, und die Soldaten in andre Regimenter vertheilt. Heusden blieb bis in den Ok⸗ tober 1589 belagert, um welche Zeit die Feinde endlich ab⸗ zogen.. Inzwiſchen hatte auch der kühne Martin Schenk nicht gefeiert. Zwar grollte er, ſeit der Uebergabe Bonns an die königliche Parthei, den Staaten, welche nach ſeiner Meinung 3 Bonn hätten retten können, wenn ſie ſeinem Rath gefolgt wären Er ſtand ſogar ſchon im Begriffe, aus Unmuth die Dienſte der Republik wieder zu verlaſſen, als die Spanier im Juni ſein Schloß Blienbeck eroberten. Da erwachte ſein Haß gegen die Letzteren aufs Neue. Er verproviantirte Rheinberg, welches von ihnen belagert wurde und ſich erſt im Februar 1590 dem Grafen Karl von Mansfeld ergab. Im Auguſt unternahm Schenk einen Anſchlag, um Nymwegen, wo er mit einigen Bürgern im Einvernehmen ſtand, den Spaniern durch einen Ue⸗ berfall zu entreißen. In der Nacht auf den 10. Auguſt brachte er ſeine Truppen in 25 Schiffen auf der Waal von der Schen⸗ kenſchanze her vor Nymwegen, während ſeine Reiter ſich dieſer Stadt zu Lande näherten. Raſch wird das St. Antons⸗ thor eingeſtoßen und ein unfernſtehendes Haus erbrochen, wo man eben Hochzeit hält. Durch dies Haus dachte Schenk auf den Markt zu dringen. Doch die frohe Feier wird ihm zum Ver⸗ derben. Kaum ſtürmen die wilden ungebetenen Gäſte in's hochzeitliche Haus, ſo entfliehen die gebetenen, und eilen durch die Straßen mit dem Rufe:„Der Feind, der Feind!“ Da greift die Beſatzung, da greifen die Bürger zu den Waffen. Ein hef⸗ tiger Kampf bricht los. Vergeblich vertheidigen ſich Schenk und ſeine Schaaren. Das Hochzeithaus, welches er einge⸗ nommen, wird beſchoſſen, wird gewonnen; von Schrecken er⸗ faßt, denken ſeine Krieger endlich nur an Rückzug und Rettung. Von den Feinden verfolgt, drängen ſie in wilder Haſt zum Thore hinaus, ans ſchmale Ufer, nach den Schiffen. Schon hat der reiſſende Strom mehre derſelben fortgetrieben; um ſo eiliger ſpringen jetzt die Soldaten im Gefecht mit den verfol⸗ genden Feinden an Bord der übrigen, welche die Ueberzahl nicht faſſen können. Mehr als ein Schiff wird von der Laſt der Flüchtlinge in den Grund hinabgezogen. Vergeblich will Schenk, ergrimmt, die Ordnung wiederherſtellen; vergeblich wirft er ſich mit dem Degen in der Fauſt den Fliehenden entgegen und ſtößt dieſen und jenen nieder. Er kann das Schickſal nicht aufhalten. Zürnend ſpringt er endlich, da er alles verloren ſieht, in einen Kahn, um den Seinigen zu folgen; da ſchlägt das Fahrzeug um, und von ſeiner ſchweren Rüſtung hinabgezogen, verſinkt Martin Schenk in den Fluthen. So ſtarb der kühne Mann, der romantiſche Proteus des Krieges, in ſeinem vierzigſten Jahre. Erſt eine halbe Meile unterhalb der Stadt beim Dorfe Oſter⸗ holz, wo die enteilten Schiffe die Anker auswarfen, vermißten die Soldaten ihren tapfren Feldherrn. Die Nymweger aber, die nach Befreiung der Stadt auf der Waal umherfuhren und mit Netzen und Enterhaken nach Menſchen und Beute fiſchten, zogen eine geharniſchte Leiche aus den Fluthen empor, brachten ſie an's Land und erkannten den Schenk an ſeinen Wunden, deren jede das Gedächtniß einer kühnen Waſſenthat erneuerte. Noch die Leiche des einſt ſo gefürchteten Condottiere koſtete man⸗ chem Nymweger das Leben. Sie wurde geviertheilt und das Haupt an einem Pfahl über dem St. Antonsthore aufgeſteckt. Ergrimmt über dieſe Schmach, machten. die Kriegsleute, die unter Schenk gedient hatten, auf die Nymweger Jagd und opferten jeden derſelben, der ihnen in die Hände fiel, erbarmungslos den beſchimpften Manen des Todten zur Sühne. Da ließ denn end⸗ lich der Marquis von Varrambon Schenks irdiſche Reſte in eine Kiſte legen und in einem Thurme aufbewahren, bis nach Verlauf von zwei Jahren Prinz Moritz die Stadt eroberte und die Leiche mit kriegeriſchem Pomp in der Kirche vor dem Hochaltar beſtatten ließ, wo die Gebeine der alten Herzoge von Geldern ruhten.— Zwei Monate nach Schenks Tode ſtarb durch einen leidigen Zufall,(nämlich bei Unterſuchung neuerfundener Geſchütze, wo⸗ 7 bei ein Funke in das Pulver fiel,) der Graf Nieuenaar, am 6. Oktober 1589, gerade ein Jahr nachdem er die Reſtauration zu Utrecht vollbracht hatte, und wenige Tage nachher, da er in Gemeinſchaft mit den Staaten von UAtrecht die ſtädtiſche Regierung erneuert hatte. Wir heben dieſen letzteren Umſtand hervor, weil er auf den Geiſt der Zeit ein Licht wirft. Nieu⸗ enaar hatte nämlich Anfangs behauptet, daß die gewöhnliche Erneuerung der ſtädtiſchen Regierung ihm allein(als Statt⸗ halter der Provinz) zuſtünde. Die Staaten hingegen wi⸗ derſetzten ſich, indem ſie ihn daran erinnerten, daß ſie bei ſeiner Anſtellung zum Statthalter, eine beſondere Abkunft deßhalb mit ihm geſchloſſen, von welcher ſie nicht ablaſſen wollten; ſie ver⸗ ſicherten jedoch, daß ſeine Autorität dadurch nicht im Mindeſten beeinträchtigt werden ſolle. Nieuenaar erkannte dies auch an, und ſo geſchah denn die Erneuerung der ſtädtiſchen Regie⸗ rung durch ihn und die Staaten von Utrecht gemeinſchaft⸗ lich.— Die von Nieuenaar bekleideten Statthalterſchaften über Utrecht, Geldern und Over⸗Yſſel erhielt(1590) der Prinz Moritz, und dadurch wurden die Macht und der Ein⸗ fluß des Letzteren beträchtlich vermehrt. So war nun die Republik der vereinigten Provinzen plötz⸗ lich zweier bedeutender Männer beraubt, von denen der Eine, Martin Schenk, vorzugsweiſe als kühner und kluger Heer⸗ führer, der Andre, Graf Nieuenaar, aber auch als Staats⸗ mann bedeutend war. Der Verluſt, welchen die Republik erlitt, und der ihr— unter den früheren Verhältniſſen— im höchſten Grade bedrohlich hätte werden können, wurde zu ihrem Glück durch die Unthätigkeit ihres gefährlichſten Feindes, des Herzogs von Parma aufgewogen;— eine unfreiwillige Unthätigkeit, welche durch die Intriguen ſeiner Feinde und durch die Politik Philipps II. veranlaßt wurde. 8 Parma war im Laufe des Jahres 1589 ſchwer erkrankt. Man gibt verſchiedene Urſachen oder Veranlaſſungen dafür an. Insgemein ſchrieb man ſein Leiden dem Umſtande zu, daß er, als er nach Aufhebung der Belagerung von Bergen⸗ op⸗Zoom gen Mecheln ritt,(am 10. November 1588) geſtürzt und ins Waſſer gefallen war. Anderſeits glaubte man, ſein körperliches Siechthum ſei durch nagenden Mißmuth über das Mißlingen ſeiner Pläne in der letzten Zeit verurſacht worden, vornämlich über den ſchlimmen Ausgang der Armada und über die paſſive Rolle, die er unfreiwillig dabei geſpielt hatte, ſowie über die verunglückte Unternehmung gegen Bergen⸗op⸗Zoom. Seine Landsleute, die Italiener, glaubten ſogar, daß ihm die Spanier, aus Neid auf ſeinen wohlverdienten Ruhm ein ſchleichendes Gift beigebracht hätten. Dem ſei wie ihm wolle, die Blüthe von Parmas Kraft und Lebensmuth war verwelkt. Siechen Leibes, trüben Geiſtes, begab er ſich im Mai 1589 nach Spaa, um die Heilkraft des dortigen Geſundbrunnens zu verſuchen; dem alten Grafen von Mansfeld übergab er für die Zeit ſeiner Abweſenheit die Leitung der Kriegsangelegenheiten. Hatte Philipp je einen wahrhaft treuen Diener, ſo war es gewiß dieſer Alexander Farneſe, den die Natur mit allen Eigenſchaften ausgerüſtet hatte, um ſeine Treue zu Philipp, die auf religiöſen Grundanſichten beruhte, durch die That auf das Glänzendſte zu beweiſen. So lange es einen Katholizismus auf Erden gibt, wird Niemand dem Herzog von Parma den Ruhm ſtreitig machen, daß er deſſen großartigſter Vertheidiger war. So lange es einen Abſolutismus gibt, wird ſelten ein Verthei⸗ diger deſſelben, dem die volle Macht in die Hand gelegt ward, die ſchwierige Sache deſſelben ſo menſchlich zu behaupten ver⸗ ſtehen, wie Parma, wenn er es vielleicht auch nur aus Klug⸗ heit that. Auf ſeinem Standpunkte leiſtete er jedenfalls das — 9 Höchſte, was ſich auf demſelben leiſten läßt, und ſei Wirken erhielt dadurch den höchſten Werth, daß es uneigennützig war; man kann nicht genug gerade darauf hinweiſen. Es gab ja keine höhere Würde oder Auszeichnung, die Farneſe durch ſeine Treue gegen Philipp erſt hätte erringen können oder wollen; er beſaß ſie bereits, er ſtand ſeinem Monarchen an Rang und Rechten gleich, er opferte ihm ſogar ſeine Anſprüche auf Portugal. Mag daher auch Farneſes Charakter einzelne Flecken haben, die wir wegwünſchen möchten(und wir haben den größten Flecken nicht verſchwiegen,) ſo müſſen wir anderſeits bedenken, daß unendlich Viel dazu gehört, ſich einem abſoluten Monarchen gegenüber völlig rein zu behaupten, welcher in Jedem, der ſich ſeinem Dienſte gewidmet hat, nur ein unbedingtes Werkzeug erkennen kann. Je größer nun Parmas Verdienſte um Philipp II. und die ſpaniſche Monarchie waren, je weniger wir an ſeiner un⸗ wandelbar aufrichtigen Ergebenheit für die Intereſſen beider zweifeln können, um ſo tragiſcher erſcheint uns die Kombination, daß eben dieſer Parma von Spaniern verdächtigt werden konnte, daß er ſich dieſe Verdächtigung zu Herzen nahm, und daß die⸗ ſes Gift, ein ſchlimmeres als jenes, das bloß durch die Adern kreiſet, das Gift der Kränkung, einen ſo feſtgegründeten, groß⸗ artigen Charakter zu untergraben im Stande ſein ſoll! Und doch war dies der Fall. Es iſt die ewige Tragödie, die ſich in der Weltgeſchichte wiederholt, daß der Große meiſtens nicht durch den Ebenbürtigen, ſelten nur durch die Uebermacht, am öfteſten durch die Skorpionenſtiche der gemeinen Kleinlichkeit unterliegt. Parmas Verbrechen in den Augen ſeiner Nebenbuhler war ſeine Größe, die er ſich verdienſtvoll errungen; der Verdienſtloſe ſieht ſie nie gleichgültig an. Sein anderes Verbrechen war ſeine Na⸗ tionalität. Alle jene Spanier am Hofe Philipps wie bei der Armee, die blos Höflingskünſte beſaßen, konnten es dem Itali⸗ 10 ener nicht verzeihen, daß ſein Ruhm bei Freunden wie bei Fein⸗ den auf Thaten beruhte; dieſe gemeinen Seelen fühlten ſich ſchon durch das bloße Uebergewicht einer großen genug gedrückt und um ſich von dieſem armſeligen Unbehagen zu befreien, fan⸗ den ſie keine andere Auskunft als die Verdächtigung. Dazu kam nun auch noch ein andres Motiv; jene Höflinge ſuchten ihre Ungeſchicklichkeit, und die Ungnade des Monarchen, welche damit zuſammenhing, von ſich ab auf Parmas Schultern zu wälzen. Die thatſächlichen Beſchuldigungen, welche ſeine Feinde gegen ihn erhoben, waren der Reihe nach folgende. An der Spitze jener Gegenparthei, deren Motive ſich hauptſächlich auf die Verſchie⸗ denheit der Nationalität, auf die ſtolze Oppoſition des ſpaniſchen Elementes gegen das italieniſche begründen, finden wir jenen Spanier Paſtrana, von dem wir annehmen dürfen, daß er die Meuterei der Soldaten eingeleitet oder begünſtigt hatte, wodurch die Unternehmung gegen Utrecht vereitelt wurde. Daran reihen ſich nun Parmas niederländiſche Nebenbuhler, welche man in der Ariſtokratie der wiederunterworfenen Provinzen ſuchen muß; an der Spitze dieſer Faktion ſteht der Herr von Cham⸗ pigny. Die beſonderen Verhältniſſe, welche von dieſer Seite her eine Anklage gegen Parma begründen konnten, waren fol⸗ gende. Champigny hatte mit zu jenen Kommiſſären gehört, welche zu Bourbourg die bekannten Friedensverhandlungen vermit⸗ teln ſollten; er hatte damals der Königin vortheilhafte Bedin⸗ gungen verſprochen und bei dem Geſandten Richardot, welcher eine geheime Inſtruktion des Herzogs von Parma ge⸗ habt haben ſollte, Widerſpruch gefunden. Nach dem unglücklichen Reſultat der Armada klagte nun Champigny den Herzog von Parma beim ſpaniſchen Hofe an, daß deſſen Gegenbetrieb die Herbeiführung jenes Reſultates mit verurſacht habe. Aller Wahrſcheinlichkeit nach lag jedoch ein tieferes Motiv zu Grunde; 11 die belgiſche Ariſtokratie konnte das Uebergewicht des Statthalters noch nicht recht verſchmerzen, eines Statthalters, der auf Standesprivilegien vielleicht weniger Rück⸗ ſicht nahm, als es jener wünſchenswerth war. Sollte man dem Herzog von Parma die Noth Belgiens, ſeit es ſich wieder un⸗ terworfen, zum Vorwurf machen? Konnte man dies? War ſie ſeine Schuld? Freilich war die Noth des Volkes unbeſchreib⸗ lich; aber aus Urſachen, welche Parma weder herbeigeführt hatte, noch ungeſchehen machen konnte. Und litt denn auch eben die Ariſtokratie in gleichem Grade darunter wie das Volk? Die geiſtreiche Tochter Philipps II., die Infantin Iſabella unter⸗ richtete den Herzog von Parma von jener Anklagez; und dieſer verbannte den Herrn von Champigny in die Franche- comté. Würde Parma dies wohl haben wagen können, wenn er ſich wirklich ſchuldig gefühlt hätte? Ueber dieſelbe Angelegenheit er⸗ ging übrigens auch von einer andern Seite her ein Vorwurf gegen Parma. Der Herzog von Medina⸗Sidonia, deſſen Un⸗ fähigkeit das Mißglücken der großen Expedition gegen England verſchuldet hatte, ſuchte ſich dadurch zu rechtfertigen, daß er Parma anklagte, dieſer habe die Operation gehemmt, weil er die Flotte der Republik nicht vertrieben habe, welche den Hafen von Dünkirchen geſperrt hielt. Die Abſurdität dieſer Beſchuldi⸗ gung ergibt ſich nicht bloß durch die einfache Thatſache, daß Parma Alles aufgeboten hatte, um ſich mit der Armada zu vereinigen, ſondern auch durch Parmas erwieſenen Wunſch, Eng⸗ land zu erobern. Wenn nun gerade dieſer Wunſch die Urſache war, weßhalb Parma durch die dem Richardot er⸗ theilte Inſtruktion die Friedensverhandlungen zu hin⸗ tertreiben ſuchte,(wie eben Champigny anführte) ſo mußte das Biderſprechende beider Beſchuldigungen und die Schuldloſigkeit Parmas klar in die Augen fallen. Der tiefge⸗ 12 kränkte Parma ſchickte jenen Richardot(Präſidenten von Artois) nach Spanien an den Hof, um ſich durch denſelben rechtfertigen zu laſſen, und ſchnell ſetzte man nun dieſe Sendung mit Parmas Reiſe nach Spaa in Verbindung. Man behauptete, er habe ſich gefliſſentlich aller Geſchäfte entbunden, bis Richardot zurückkäme; der Zweck, ſeine Geſundheit herzuſtellen, ſei blos erdichtet gewe⸗ ſen. Ueberhaupt bewährte ſich damals die alte Erfahrung, daß man, wenn ſich einmal gegen einen hochgeſtellten Mann verſchiedene Umſtände vereinigt haben, um ſeinen Sturz herbei⸗ zuführen, auch den geringſten, der gänzlich außerhalb ſeiner Berechnung liegt, dazu benützt, um ihn gegen ihn zu verwen⸗ den. Ein ſpaniſcher Offizier, Namens Juan Moreo hatte dem Könige in Chifferſchrift eine Menge Beſchwerden gegen Parma mitgetheilt; und wenn man bedenkt, wie Philipp II. eine eigene Superiorität darin ſuchte, alle ſeine Diener ſtets genau zu kon⸗ troliren, wie er in dieſer Beziehung Feind gegen Feind, Neben⸗ buhler gegen Nebenbuhler vernahm, wie er deßhalb mit wahrhaft erſtaunlicher Thätigkeit Hunderte von Schreiben wechſelte, ſo kann man wohl annehmen, daß ihm auch dieſe geheime Mitthei⸗ lung Moreo's von Wichtigkeit geweſen. Sie wurde jedoch auf⸗ gefangen und ſiel dem Prinzen Moritz in die Hände, welcher ſie durch den gewandten St. Aldegonde entziffern ließ und dann dem Herzog von Parma zuſchickte. Es ſchien beinahe, als ob dieſer dem Feinde durchaus nichts zu verdanken haben wolle; wenigſtens nahm er, Moritzen gegenüber, auch nicht die mindeſte Notiz von jener Mittheilung, welcher er vielleicht auch andere Motive unterlegte. Als aber jener Moreo bald darauf plötzlich ſtarb, und zwar kurze Zeit nachher, nachdem ihn Parma zu einem Gaſtmahl geladen hatte, ſo benützten die Feinde des Letzteren dieſen Umſtand, um Moreo's Tod der Rache Par⸗ mas unterzuſchieben und man ſprach geradezu den ſchlimmen 13 Verdacht aus, daß Parma den Moreo durch Gift aus dem Wege geräumt habe. Spanien war voll von ſeinen Feinden, die ihn verdächtigten; immermehr hatte Parma in jedem Spa⸗ nier einen argwöhniſchen Aufpaſſer; als ob der Umſtand, daß er kein Spanier ſei, ihn zum Feind aller Spanier und des ſpaniſchen Intereſſes überhaupt hätte machen müſſen! Parma bewies ſeine Treue durch die That. In jenen kritiſchen Ver⸗ hältniſſen lag ihm die Verſuchung nahe, die belgiſchen Provinzen, die ja nicht Philipp 11., die er unterworfen, die ſein Wort für ſich hatten, das er ihnen auch redlich hielt, dieſe belgiſchen Provinzen, die ihm vertrauten, die ſeine Charaktergröße ſchätz⸗ ten, die er durch ein ihm ergebenes Heer im Zaume halten konnte, für ſich ſelbſt zu behalten. Nochmehr: es gab Men⸗ ſchen genug, welche ihm einen ſolchen Rath ausdrücklich gaben, welche ihn daran erinnerten, wieviel ſicherer es ſei, den für Phi⸗ lipp II. errungenen Beſitz für ſich ſelbſt zu behaupten, als abzuwarten, bis ihn dieſer Monarch, als abgenütztes Werkzeug bei Seite ſtellen würde. Man erinnerte ihn dabei, daß er in einem ſolchen Falle in England und Frankreich auf manche Freunde zählen könnte, daß ſogar die Provinzen der Ut⸗ rechter Union ſich lieber an ihn, als an Spanien ſchließen würden, daß man endlich in Belgien ſelbſt ihn mit Freuden als Herrſcher begrüßen würde, da man dort unter ſeiner Herrſchaft einem glücklicheren Zuſtand entgegen ſehen könnte. Aber alle dieſe Verſuchungen prallten von Parma's treuer Bruſt ab, und er hatte auch die ſchöne Genugthuung, daß Philipp II. ſelbſt ihn rechtfertigte. Philipp hatte ſowohl den Herzog von Medina⸗Sidonia als Parmas Abgeordneten Richardot vor ſich beſchieden, Beide gehört, Beider Vorſtellungen erwogen und Beide, Medina⸗Sidonia wie Alexander Farneſe für unſchuldig erklärt. Jene erhabenen Worte, welche er bei der Nachricht 14 von dem Unglück der Armada ausgeſprochen, verbuͤrgten auch Gerechtigkeit gegen Parma; leider war Philipp gerechter gegen Perſonen als gegen Nationen; hätte er es, ſeiner Erzie⸗ hung, ſeinen Grundſätzen, ſeiner religiöſen Weltanſchauung nach, auch gegen die letzteren ſein können, die Welt würde dem Sohne Kals V. ihre Bewunderung nicht verſagen, ſo wenig ſie ihn für ſeine Stellung und den Einfluß ſeiner Umgebung von früh auf verantwortlich machen kann. Daß er gerecht ſein wollte, bewies er, indem er Parmas vorzüglichſten Feind, den Herzog von Paſtrana, aus den Niederlanden verbannte. Vielleicht, ja gewiß, war jedoch hier auch noch ein anderes politiſches Motiv im Spiele, die Rückſicht auf ſeine Pläne gegen Frankreich. Um dieſe Verhältniſſe, welche auf die An⸗ gelegenheiten der Niederlande einen unmittelbaren großen Ein⸗ fluß hatten, richtig zu würdigen, müſſen wir hier eine kurze Darſtellung der franzöſiſchen Zuſtände einſchalten, und uns auf die Andeutungen zurückbeziehen, welche wir ſchon früher darüber gegeben haben. Wir wiſſen, wie tief ſich Philipp II. mit der katholiſchen Ligue in Frankreich eingelaſſen hatte, wie er am 31. Dezem⸗ ber 1584 einen Vertrag mit ihr geſchloſſen hatte, worin er den Kardinal von Bourbon als rechtmäßigen Thronerben Frankreichs anerkannte. Die Folgen, welche daraus entſtanden, die Fortſchritte, welche die Ligne genommen, waren bedeutend und beſonders hatte ſich in Paris ein Mittelpunkt aller Fanatiker begründet, welche den König Heinrich MII. von Frankreich zum Ziel ihres Haſſes nahmen, weil er ihnen viel zu tolerant gegen die Proteſtanten ſchien. Ein neuer engerer Bund, der der Sechszehn, war dortſelbſt entſtanden, wobei in jedem der ſechs⸗ zehn Quartiere von Paris ein beſtimmter Führer ſich verbind⸗ lich gemacht hatte, die gemeinſame Sache auf jede mögliche 15 Weiſe zu fördern und für den gemeinſamen religiöſen Zweck (d. i. die Alleinherrſchaft des Katholizismus und den Untergang der Proteſtanten) immer mehr Theilnehmer zu gewinnen. In⸗ zwiſchen hatte Heinrich von Navarra den berühmten Sieg bei Coutras über die Truppen der Ligue(am 20. Oktober 1587) errungen; aber die hugenottiſche Parthei hatte auch durch den Tod des Prinzen von Condé(am 5. März 1588) einen bedeuten⸗ den Verluſt erlitten. Dagegen war Heinrich von Guiſe unter dem Jubel des Volkes nach Paris gekommen(9. Mai 1588), wodurch der ſchwache, ſtets ſchwankende König Heinrich 111. in die peinlichſte Verlegenheit kam. Er ließ zu ſeiner Sicher⸗ heit gegen die hierarchiſch⸗revolutionäre Parthei viertauſend Schweizer nach Paris kommen. Aber jene Sechszehn wur⸗ den durch dieſe Maßregel nur in ihrem Mißtrauen beſtärkt, und durch Guiſe verbreitete ſich plötzlich das Gerücht, daß Hein⸗ rich III. die Männer der Ligue überfallen und aus dem Wege räumen laſſen wolle. Die Schweizer kamen und wurden in den Straßen vertheilt; aber ebendadurch ſteigerte ſich auch die Aufregung der Pariſer Bürger; man errichtete Barrika⸗ den, und als ein Schweizer, ungeachtet des Verbotes von Seiten des Königs, auf die Bürger, welche die Schweizer auf jede Weiſe verhöhnten, ſchoß, brach die Revolution zu Gunſten der Guiſen los. Die Guiſeſche Parthei erhielt mit einem Male vollſtändig das Uebergewicht, und König Heinrich III. flüchtete, ganz verzagt, aus Paris, wo ſich der Herzog von Guiſe von nun an wie ein Souverain benahm. Mittler⸗ weile unterhandelte Heinrichs III. Mutter, die kluge Katha⸗ rine von Medici, mit dem Herzoge von Guiſe und Hein⸗ rich III. ernannte, um ſich aus ſeiner Verlegenheit zu retten, eben Jenen zum Generalſtatthalter des Reiches. Die Verſamm⸗ lung der Staaten zu Blois(im Oktober) unter Guiſes Ein⸗ ——ͤ—e fluſſe vollendete die ſchmähliche Demüthigung des ſchwachen Königs. Doch plötzlich raffte ſich dieſer empor und beſchloß, ſeine Autorität durch einen blutigen Gewaltſtreich zu retten; denn es galt ja nicht blos ſeine Krone allein, es galt auch, wie er glaubte, ſeine Freiheit, ja ſein Leben. Ein würdiger Schüler ſeiner Mutter Katharina, deren Namen ewig mit dem des großen Proteſtantenmordes in der Bartholomäusnacht zuſammen⸗ genannt werden wird, ließ er, wiewohl ohne deren Wiſſen, den Herzog von Guiſe in ſeinem Vorzimmer ermorden(er ſelbſt hatte den Verſchworenen die Dolche dazu ausgetheilt), deſſen Bruder, den Kardinal Ludwig von Guiſe im Gefängniſſe. Der dritte Bruder, der Herzog von Mayenne, war glücklich entflohen. Heinrichs M. Mutter erſchrack heftig, als ſie die Kunde dieſes Mordes erhielt; ſie ſtarb am 5. Januar 1589. Furchtbar waren die Folgen der That für den König ſelbſt. Die liguiſtiſche Parthei eiferte jetzt ganz offen gegen ihn, und von den Kanzeln berab predigte man die Ermordung eines Ty⸗ rannen(Heinrich III. war damit gemeint) als ein verdienſt⸗ liches Werk; rief man laut zur Rache! Ganz Frankreich war durch furchtbare Anarchie zerriſſen; der König wurde von der hierarchiſch⸗revolutionären Volksparthei verabſcheut; der Herzog von Mayenne, der nach Paris kam, unter dem Jubel des Volkes als Generalſtatthalter des Königreiches anerkannt. Die hierar⸗ chiſch⸗demokratiſche Parthei hatte ihr Ziel erreicht. Dem ſchwa⸗ chen Könige blieb nun, wenn er ſich gegen dieſelbe behaupten wollte, nichts anderes mehr übrig, als, ſich mit der Gegenparthei, den Hugenotten, eng zu verbinden. So verſprach er ihnen denn feierlich Religionsfreiheit und ſchloß ſich aufs Engſte an den reformirten König Heinrich von Navarra an. Beide zogen nun ihre Truppen zuſammen und führten ſie gegen Paris. Da ermordete im entſcheidenden Augenblick ein fanatiſcher junger 1 ₰ Mönch Jakob Clement, welcher ſich durch die Hinrichtung des Königs, der es mit den Ketzern hielt, die ewige Seligkeit zu verdienen glaubte, am 1. Auguſt 1589 den unrühmlichen Heinrich III. Sterbend erklärte dieſer den König Heinrich von Navarra, welcher an ſein Bette eilte, zu ſeinem recht⸗ mäßigen Nachfolger auf dem franzöſiſchen Throne, da mit ihm das Haus Valois erloſchen war und ſomit die bourboniſſche Linie in das Erbfolgerecht trat. Heinrich von Navarra, oder wie er von nun an hieß, König Hein⸗ rich IV. von Frankreich hatte jedoch als Proteſtant die ganze ſtrengkatholiſch geſinnte Parthei der Ligue gegen ſich und wenn er ſein neues Königreich beſitzen wollte, ſo mußte er daſſelbe erſt erobern. Der Herzog von Mayenne ließ den alten Kardinal von Bourbon, obwohl ſich dieſer in Heinrichs Gewalt befand, als Karl X. zum König von Frankreich ausrufen, und ſich ſelbſt zum Generalſtatthalter er⸗ nennen. Niemand hatte wachſamere Augen auf Frankreich als Phi⸗ lipp II,, welcher bisher durch ſeine geſchickten Agenten in Frank⸗ reich, mit welchen er in ununterbrochener Correſpondenz ſtand, immer den größten Einfluß auf den Fortgang der katholiſch⸗re⸗ volutionären Parthei ausgeübt hatte. Er ſelbſt ſtrebte insgeheim darnach, den Beſitz Frankreichs für ſein Haus zu gewinnen, und ein Rechtsgrund dafür ſchien in ſeiner dritten Heirath mit Eli⸗ ſabeth, der Tochter Heinrichs II. und Katharinens von Medici zu liegen. Er benahm ſich jedoch, indem er fort⸗ während eine enge Verbindung mit der Ligue unterhielt, äußerſt vorſichtig. Er begnügte ſich vor der Hand damit, zu forſchen, die Verhältniſſe zu ſtudiren, die Entwickelungen der allgemeinen Gährung prüfend abzuwarten, bevor er irgend einen durchgrei⸗ III. 2 18 fenden Schritt thäte. Er vermied es mit der größten Sorgfalt ſich zu kompromittiren. Die Ermordung Heinrichs III. warf auf einmal das Gewicht in die Wagſchale, indem die Ligue dadurch plötzlich einen enor⸗ men Zuwachs an Macht erhielt; der ausſchweifende Fanatismus der bigotten Volksparthei äußerte ſich durch zahlloſe Pasquille auf den ermordeten letzten Valois„persécuteur du pauvre peuple,“ durch die Apotheoſe des Mörders. Dieſe Stimmung wurde durch die Wahl des reformirten Königs von Navarra noch heftiger geſchürt. Daß Philipp II. ſchon aus religiöſen Grün⸗ den den proteſtantiſchen Heinrich von Navarra nicht als Vierten dieſes Namens in der Reihe der franzöſiſchen Könige anerkennen würde, bedurfte keiner Frage. Um dieſen vor der Hand ja nicht zu Kräften kommen zu laſſen, erkannte er den Gegenkönig Karl X. an und wies der Ligue einen Kredit zur Unterſtützung an. Im Grunde konnte er dadurch für ſeine geheimen Wünſche nichts verlieren; er betrachtete das, was ge⸗ ſchehen war, eigentlich nur als proviſoriſch. Aber indem er ſeinem Geſandten, Don Bernhardin de Mendoza, ſchrieb, daß der Kardinal von Bourbon, oder wie er jetzt hieß: König Karl X. in den Stand geſetzt werden müſſe, um ſeine„königlichen Funk⸗ tionen“ frei ausüben zu können, daß derſelbe alle Bedingungen der Ligue pünktlich erfüllen, daß der Generalſtatthalter des Kö⸗ nigreiches, der Herzog von Mayenne, ſtets in ſeiner hohen Stellung erhalten werden müſſe, erinnerte er ſeinen Geſandten zugleich, daß der Kardinal⸗König ihm(Philipp II.) alle für die Sache der Ligue gemachten Auslagen, die ſehr bedeu⸗ tend ſeien und noch täglich zunähmen, zu erſtatten habe. Er ſorgte bereits für den Fall, wenn der Kardinal die Frei⸗ heit nicht erlangen könnte und„wenn ſich die Katholiken, zu ſchwach gegen den Bearner(Heinrich IV.) und gegen die Ketzer, 19 wie ſie ſagen, in ſeine(Philipps) Arme werfen wollten.“*) Der Geſandte erhielt ferner die Weiſung, auf eine geſchickte feine Manier(„diestramente“) die Rechte der Infantin zu inſinuiren und die andern Rechte, die man der Krone Spa⸗ nien entriſſen habe, zu vindiciren. Er ſollte ſich übrigens in der ganzen Angelegenheit mit„guter Verſtellung“(„con bona disimulacion“) benehmen, um das Terrain und die Stimmung der Gemüther zu erforſchen und zuſehen, welchen Effekt dies machen würde. Man ſieht aus dieſen Andeutungen, wie Phi⸗ lipp II. den Gedanken, den Beſitz Frankreichs an ſein Haus zu bringen, feſt hielt. Auch ſein Herz war bei die⸗ ſem Plane betheiligt. Jene Infantin, deren Nechte auf Frank⸗ reich zu inſinuiren, er ſeinen Geſandten anwies, war ſeine Tochter Iſa bella Klara Eugenia, für welche der ernſte, in ſich gekehrte Monarch die zärtlichſte Vorliebe hatte, mit wel⸗ cher er oft mehre Stunden der Nacht traulich beiſammen ſaß, die er ſich nach ſeinen Wünſchen herangebildet hatte, deren Geiſt ihn anzog, die manche ſeiner Regierungsgeſchäfte mit ihm theilte, vielleicht das einzige Weſen, von dem er in ſeinem freu⸗ denloſen Alter, in ſeiner königlichen Einſamkeit, Licht und Wärme für ſein Herz empfing. Philipps II. Verhältniſſe zu Frankreich wurden dadurch ver⸗ wickelter, daß ſich Heinrich IV. an Eliſabeth von Eng⸗ land und an die vereinigten Provinzen um Unterſtützung wendete und ſie von beiden erhielt. Hier trat nun der alte Haß Philipps II. gegen Eliſabeth in friſcher Kraft wieder hervor *)„ils devroient, en traitant avec elle-(Sa Ma djesté)„abandonner d'abord tonte mesfiance. Si pourtant ils ne veulen ent point avoir re- cours à cet appuy, Sa M ajesté n'en s moins leur amy et leur protecteur dans l'oc Brief an Men doza bei Ca⸗ pefigue. V. Bd. 35 und von Seiten ſeiner abgefallenen Unterthanen ſah er zugleich eine neue Beleidigung gegen ihn und gegen die katholiſche Sache, umſomehr da ihm die Ligue den Titel eines Protektors der Krone Frankreich“ übertragen hatte.*) Indem er ſich aber nun mit dem größten Eifer in die franzöſiſche Angelegenheit einmiſchte, die Exaltation der fanatiſchen Volksparthei in Paris bis zum Ausbruch der Anarchie ſteigern, den Häuptern der Ligue bedeutende Geldunterſtützungen zukommen ließ und dem Herzog von Parma Befehl ertheilte, derſelben eine Anzahl niederlän⸗ diſcher Hülfstruppen zu ſenden, ſetzte er eben dieſen ſeinen treff⸗ lichen Feldherrn in die größte Verlegenheit und entblößte die ihm wiederunterworfenen ſüdlichen Provinzen. Vergeblich machte der erfahrene Parma ſeinem Monarchen die triftigſten Gegen⸗ vorſtellungen; vergeblich drang er darauf, zuerſt den Krieg in den Niederlanden zu beendigen. Philipp war durch ſeinen Eifer für die katholiſche Sache und für ſeinen geheimen Lieblingsplan(Frankreich für die Infantin!) verblendet, welchem letzteren durch den Tod des(Kardinals von Bourbon bald ein Hinderniß weniger im Wege ſtand. Tapfer hatten die dreizehn⸗ *)„Muerto el Rey de Francia el Parlamento de Paris pronuncié un Auto que fue aprobado por el Conscjo de Estado, cuya substancia y palabras formales eran:„,, Que se acudiese al Catolico é invicto Rey de las Espannas Don Felipe II., principal protector de la Reli- gion Catolica, y zelador de la salud de aquel Reyno, conforme al testimonio que de ello daban sus claras hechos pasados y continuos socorros, que havia hecho à Carlos IX. y à Enrico III., quando se mostré enemigo de los Hereges y Cismaticos, por solo el deseo de preservar la Religion Catolica; pues due de su piadosisimo y libera- lisimo animo y condicion se podian prometer el socorro que se le embiaba ä pedir. El Rey, due yä estaba libre de las obligacio- nes con la casa de Francia, y con otras presentes, y nuevos cuida- dos de mirar por la Religion Catolica, accepté la Proteccion con mucho, y atendié ä ſavorecer la Liga“ etc. etc. Salazar de Mendoza a. a. 0. p. 260. 21 hundert Wallonen, welche aus Flandern nach Frankreich mar⸗ ſchirt waren, in der Schlacht bei Jvry(am 14. März 1590) gegen Heinrich IV. gefochten, aber deſſen Sieg über die li⸗ guiſtiſche Armee nicht aufhalten können. Als nun HeinrichIv. Paris belagerte, mußte Parma, auf Philipps ausdrücklichen Befehl, eine anſehnliche Heeresmacht nach Frankreich führen, um Paris zu entſetzen, welches Philipp in Betracht der zahlreichen exaltirten Parthei, die dort für ihn ſtand, durchaus nicht in Heinrichs Iv. Gewalt gerathen laſſen wollte. Mit widerſtre⸗ bendem Herzen gehorchte Parma dem königlichen Befehle, über⸗ trug dem Grafen Peter Ernſt von Mansfeld und deſſen Sohne Karl die Regierung und den Krieg in den Niederlanden und begab ſich im Auguſt deſſelben Jahres mit 10,000 Mann zu Fuß und 3000 Mann Reiterei, nebſt den beſten Offizieren nach Frankreich. Sein Erſcheinen vor Paris, verbunden mit der Ankunft des Herzogs von Mayenne brachte allerdings die gehoffte Wirkung hervor; Heinrich IV. mußte die Belagerung von Paris aufgeben. Indem nun Philipp die kriegeriſchen Unternehmungen des Herrzogs von Parma in den Niederlanden lähmte,(dieſer hatte bei ſeinem Abzuge nach Frankreich den beiden Grafen Mans⸗ feld ausdrücklich eingeſchärft, ſich ſtreng auf die Defenſive zu beſchränken) nahmen jetzt die vereinigten Provinzen die Stellung der Offenſive ein, welche Parma nothgedrungen hatte aufgeben müſſen. Der ſcharfſinnige, tapfre, erfahrne und durch Geiſtesbildung wie durch unbeſcholtenen Charakter ehren⸗ werthe Graf Wilhelm Ludwig, Statthalter von Fries⸗ land, brachte dieſen Plan zuerſt in Anregung. Schon zu An⸗ fang des Jahres 1589 hatte er darauf aufmerkſam gemacht, wie günſtig eben die Umſtände fär einen ſolchen Plan ſeien. Zu dieſem Ende machte Graf Wilhelm Ludwig ferner unter an⸗ 22 2 derm den Vorſchlag, die Soldaten durch einen anſehnlichen Lohn eifriger und bereitwilliger zu machen und dieſelben auch als Schanzgräber zu verwenden, was von großer Wichtigkeit in Be⸗ zug auf die Eroberung der von der keniglichen Parthei noch beſetzten Feſtungen im Norden war. Wilhelm Ludwigs Vor⸗ ſchlag fand jedoch vorzugsweiſe bei den ſtädtiſchen Magi⸗ ſtraten Widerſpruch, welche es für rathſamer hielten, die Lande durch Anlegung neuer Feſtungswerke gegen die Angriffe der Feinde beſſer zu verwahren, als die von den Feinden allerdings meiſtens ſchwach beſetzten Grenzfeſtungen zu erobern. Die Staaten beriefen ſich darauf, wie unglücklich bereits mehre Ver⸗ ſuche in früheren Jahren, die Offenſive zu ergreifen, abgelaufen waren, wogegen ſich jedoch die Einwendung machen ließ, daß damals auch die Verhältniſſe für die Provinzen keineswegs ſo günſtig geweſen waren, wie jetzt. Wenn man nun auch 1589 Wilhelm Ludwigs Vorſchlag noch nicht für unausführbar hielt, ſo überzeugte man ſich doch ſchon im nächſten Jahre von dem Vortheil, die Offenſive zu ergreifen. Uebrigens beſaß die Republik auch den rechten Mann, um einen Angriffskrieg zu leiten; dieſer Mann war Prinz Moritz von Oranien. Moritz ſtand damals in der Blüthe und Fülle ſeiner ju⸗ gendlichen Kraft. Auf der vaterländiſchen Hochſchule Leyden, wo er erzogen worden war, hatte er ſeinen klaren durchdringen⸗ den Geiſt, unter Leitung des trefflichen Simon Stevin aus Brügge, des damals berühmteſten Mathematikers in den Nieder⸗ landen, vorzugsweiſe mit der Mathematik und allen auf die⸗ ſelbe begründeten Wiſſenſchaften innig befreundet. Sein ange⸗ borenes Genie für die Kriegführung, welches durch perſönlichen Muth geſtützt und von dem ausgezeichnetſten Talent für das Fach des Staatsmannes begleitet war, erhielt durch das eifrige Studium jener Wiſſenſchaften eine ſichere Richtung. Durch den 23 Tod ſeines Vaters plötzlich aus dem ſtillen Leben für die Wiſ⸗ ſenſchaften mitten in den Kreis der politiſchen und kriegeriſchen Thätigkeit hinausgerufen, lernte Moritz unter allen Stürmen und Intriguen, durch welche die junge Republik während des vorherrſchenden engliſchen Einfluſſes bedroht war, ſeine Kraft ſtählen, ſeine Kenntniſſe anwenden, ſeine Umſicht erweitern. Er beſaß die meiſten Talente ſeines Vaters und ſeines Großvaters mütterlicher Seite, jenes berühmten Moritz von Sachſen, wenn auch nicht die ganze Seelengröße des Erſteren. Raſcher und ungeduldiger wallte ihm das Blut in den Pulſen; ſein junges Herz verlangte nach einem Befreiungskriege. Sein Verſtand durchſchaute das Geheimniß, wodurch ſein großer Gegner Parma das Glück an ſich gefeſſelt; Moritz hatte in den Bü⸗ chern der Geſchichte die Thaten der alten Helden erforſcht; aber ebenſo durchſchaute ſein ſcharfer, klarer Verſtand auch alle Ge⸗ brechen im nationalen Heere, und von Grund aus unternahm er es, dieſelben, der Natur des Landes und der Bevölkerung gemäß, zu heilen. Er war überzeugt, daß die Stärke eines Heeres nicht in der Zahl der Soldaten liegt, ſondern im Geiſte, der ſie beſeelt, daß nur dieſer Wunder verrichtet. Dieſer Geiſt iſt der Geiſt der ſtrengſten Ordnung, begründet auf Gehorſam einerſeits und auf Redlichkeit anderſeits. Moritz drang, wie ſein trefflicher Verwandter, Graf Wilhelm Ludwig, darauf, daß die Truppen guten Sold in richtiger Bezahlung erhielten. Nur, wenn ſie ſahen, daß man die Pflichten gegen ſie redlich erfülle, nur dann war auf ſie zu bauen; dann ließ ſich auf Mannszucht dringen. Solange der Soldat nicht aus Noth zu betteln oder zu plündern brauchte, ſo lang konnte er das Ehrgefühl nicht verlieren, und ſo lang ihn dies beſeelte, durfte man auch auf außerordentliche Anſtrengungen deſſelben in außerordentlichen Fällen ſicher rechnen. Solche Anſichten und Grundſätze leiteten den jungen Prinzen und in dieſem Geiſte reorganiſirte er das Heer, begründete er eine ſtrenge Kriegszucht.— Jedes Regiment beſtand damals aus zehn Fahnen, jede Fahne oder Kompagnie aus wenigſtens hundert Mann mit dreizehn Offizieren, drei Schildknappen und drei Pagen. Moritz übte die Armee(ſowohl zu Fuß als zu Pferd) auf eine neue Art in den Waffen, zumal auch im Mitführen des Proviants und in den Schanzarbeiten. Aber die Hauptſtärke ſeiner Kriegskunſt be⸗ ſtand darin, daß er große Treffen ohne dringende Noth zu ver⸗ meiden, und dafür dem Feinde durch kleine Gefechte Abbruch zu thun bemüht war. Am bedeutendſten war ſeine Befähigung feſte Plätze zu belagern oder zu vertheidigen, hochwichtig bei der damaligen Artz Krieg zu führen, und bei der Natur des Landes. Daß nun Moritz durch Geiſt, Kenntniſſe und Cha⸗ rakter, verbunden mit friſcher Jugendkraft, dem Vaterlande vollkommen nützlich werden konnte, dazu trug auch noch ſeine einflußreiche Stellung weſentlich bei; bekanntlich vereinigte er mit den Statthalterſchaften von Holland und See⸗ land nach Nieuenaars Tode jene über Utrecht, Geldern und Over⸗Yſſel,*) womit zugleich die Würde eines ober⸗ ſten Feldherrn über die Landmacht für Holland und über ſämmtliche Flotten der vereinigten Provinzen verbun⸗ den war; in der Folge erhielt er auch in den übrigen Pro⸗ vinzen(bis auf Friesland und Gröningen) die höchſte ausübende Macht, auch in Kriegsſachen. Ein romantiſches Vorſpiel ſeiner künftigen Thaten für die Re⸗ — *) Die Statthalterſchaſt über Utrecht erhielt Moritz, vornämlich durch„ Oldenbarnevelds Bemühungen, im Februar 1590; ungefähr 3 um dieſelbe Zeit wurde er auch zum Statthalter von Over⸗Yſſel erhoben. Erſt im Mai 1591 erhielt er ſeine Inſtruktion als Statt⸗ halter von Geldern und Zütphen. — 25 publik war die Eroberung Breda's, welche zwar nicht durch ihn perſönlich, aber unter ſeiner Leitung vollbracht und von ihm ebenſo raſch als vortrefflich benützt wurde. Die Stadt Breda in Brabant(zwei Meilen von Zevenbergen, wo⸗ mit ſie durch das Merkflüßchen verbunden iſt) war nun bereits ſeit 9 Jahren im Beſitz der Königlichen, und dieſe beſorgten nicht im Geringſten einen feindlichen Ueberfall. Schon im Jahr 1589 hatten mehre Schiffleute im Dorfe Leur(nicht weit von Ze⸗ venbergen), welche Torflieferungen für die ſpaniſche Beſatzung von Breda machten, den Prinzen Moritz, welcher ſich damals auf der Vvorner Schanze befand, über die Gelegenheit des Schloſſes in Kenntniß geſetzt und ihm ihre Dienſte für Le⸗ ben und Tod angeboten. Moritz überlegte die Sache, nachdem er ſich bei jenen patriotiſchen Leuten bedankt und ihnen das ſtrengſte Schweigen anbefohlen hatte, mit Oldenbarneveld, welcher Letztere die Staaten für eine Expedition gewann, um Breda durch Liſt den Spaniern zu entreißen. Auch Graf Philipp von Naſſau, welcher Gouverneur von Gorkum, Workum, Loeveſtein und den umliegenden Forts war, wurde ins Intereſſe gezogen und endlich der Obriſt Heraugieère zum Chef der Unternehmung beſtimmt. Dieſer tapfre Mann, welchen man früherhin im Verdacht gehabt hatte, als neige er allzuſehr zur Leiceſterſchen Parthei, ergriff mit Enthuſtasmus die Gele⸗ genheit, welche ſich ihm darbot, um ſeinen Patriotismus durch ein kühnes Wageſtück zu beweiſen. Er ſammelte, als die Unter⸗ nehmung gehörig vorbereitet worden war(man erkennt den ächt holländiſchen Geiſt wieder in der Behutſamkeit, mit welcher die Expedition von allen Seiten reiflich erwogen und vorbereitet wurde, bevor es dienlich ſchien, ſie auszuführen) die erleſenſten Soldaten und Offiziere, im Ganzen ſiebenzig Männer, und ver⸗ barg dieſelben in dem Fahrzeuge des Torfſchiffers Adrian van 26 Bergen, welcher zum Behufe ſeiner Lieferungen von Brenn⸗ material an die Garniſon in Breda freies Geleite hatte. Das Torfſchiff war für die Expedition mit einem Bretterverſchlag im unterſten Schiffsraume verſehen worden, wo ſich jene Siebenzig befanden; über dieſem Verſchlage war der Torf aufgeſchichtet. Die ganze Unternehmung, welche endlich im Februar 1590 zu Stande kam, war gefahrvoll und abentheuerlich. Schon das unbemerkte Einſteigen der Siebenzig erforderte die größte Vor⸗ ſicht und wäre beinahe mißglückt. Durch einen widrigen Oſt⸗ wind aufgehalten, blieb das verhängnißvolle Torfſchiff auf der kurzen Strecke von Zevenbergen nach Breda vom Abend des Montags bis zum Morgen des Donnerſtags unterwegs; und eine mit dem Oſtwind eingetretene furchtbare Kälte, Hunger, ja ſelbſt das Waſſer im Schiffsraume(weil nämlich das Fahr⸗ zeug leck war,) bedrängten die verborgenen 70 Krieger aufs Aeußerſte. Endlich kam denn das Schiff vor Breda an und wurde eingelaſſen. Der geringſte Zufall konnte Alles entdecken und die Siebenzig waren dann in der Falle. Die Schleuße hinter ihnen war geſchloſſen; ja das Eis ſogar hielt ſie feſt. Zum Glück verrichtete der Korporal von der Schloßwache, wel⸗ cher das Schiff unterſuchte, ſein Geſchäft ziemlich nachläßig, und zum Glück blieb ferner gerade während dieſer verhängnißvollen Augenblicke Jeder von den Verborgenen vom Huſten verſchont, obwohl Viele daran litten. Der Korporal verließ das Schiff wieder; es wurde nun durch die aufgezogene Schleuße in die Stadt gebracht, und mehre Italiener von der Beſatzung ſelbſt zogen es durch das Eis weiter. Ein Lieutenant von der ver⸗ ſteckten Bemannung, Namens Matthias Held, welcher mit einem unaufhörlichen Huſten behaftet war, zog ſeinen Dolch und bat ſeine Kameraden, ihm denſelben in die Bruſt zu ſtoßen, damit er ſie nicht unfreiwillig verriethe. Man that dies nicht 27 und der wackre Schiffer Adrian wußte das Geräuſch dadurch zu übertäuben, daß er luſtig ſingen und friſch drauflos pumpen ließ. Als nun das Schiff an Ort und Stelle war, beeilte man ſich, auf das Drängen der Beſatzung, der das Brennmaterial ausging, ſehr mit dem Ausladen des Torfes; jedes Wachthaus wollte damit verſehen ſein. Aber eben durch dieſe Eile entſtand auch für die Siebenzig die Gefahr, vor der Zeit entdeckt zu werden, wenn man beim Ausladen bis auf den geheimen Ver⸗ ſchlag kam. Die Geiſtesgegenwart Adrians rettete ſie auch jetzt wieder. Er ſagte den feindlichen Soldaten:„ſie hätten ja jetzt fürs erſte Bedürfniß genug Torf; ſeine Leute wären ſehr ermüdet; den Reſt könne man ja am anderen. Tage ausladen.“ Die Soldaten gaben ſich damit zufrieden. Nun ſtiegen die Siebenzig um Mitternacht aus dem Verſchlage hervor; und, um die feindlichen Schildwachen über das Geräuſch zu täuſchen, pumpten die Schiffsleute unverdroſſen. Raſch vertheilt jetzt der kühne Heraugisre ſeine Braven, um das Schloß von meh⸗ ren Seiten zu überfallen.„Wer da?“ ruft eine Schildwache; doch Heraugiere faßt den Mann an der Kehle und raunt ihm zu:„Du biſt des Todes, wenn Du ein Zeichen gibſt!“ Hierauf fragt er den Erſchrockenen aus und erfährt die ziemlich geringe Zahl der Beſatzung des Schloſſes. Zum Glück für die Angrei⸗ fenden war der Kommandant von Breda Lanſavecchia gerade abweſend. Der Herzog von Parma hatte nämlich dem⸗ ſelben nicht bloß dieſe Stadt ſondern auch Gertruidenburg anvertraut, und Moritz klugberechnete Bewegungen gegen das Letztere gemacht, welche zur Folge hatten, daß der Komman⸗ dant ſelbſt ſich dahinbegab und Breda einſtweilen ſeinem noch unerfahrenen jungen Neffen, Antonio Paolo, übergab. Die Siebenzig griffen nun das Schloß an, fanden Widerſtand, über⸗ wanden jedoch denſelben bald und beſetzten die wichtigſten Poſten, 28 während ſie dem Prinzen Moritz, der ſich in der Nähe befand und über alle Vorgänge in Kenntniß erhalten wurde, von dem glücklichen Anfang der Expedition durch Feuerſignale Nachricht gaben. Inzwiſchen gab es in der Stadt Allarm und die Bür⸗ gerſchaft griff raſch zu den Waffen, um die Eingedrungenen zu vertreiben, wurde aber von dieſen mit Gewehrfeuer empfangen und abgewieſen. Die Beſatzung der Stadt, von Schrecken er⸗ faßt, dachte blos an Rettung und flüchtete, voll Feigheit, wofür Parma ſpäter einige Offiziere nach dem Ausſpruch eines Kriegs⸗ gerichtes enthaupten ließ. Indeſſen waren der Graf Hohen⸗ lohe und Prinz Moritz, auf die Nachricht vom Gelingen des Anſchlages mit einer ſtarken Truppenzahl und vielen edlen An⸗ führern raſch nach Breda gerückt, und hatten das Schloß beſetzt, während die Trompeter als Siegesmarſch die Melodie des Volksliedes blieſen: „Wilhelmus van Nassouwen Ben ik van duytschen bloed.“ Moritz drohte nun den Bürgern, die Stadt zu beſchießen, wenn ſie ihm dieſe nicht übergeben wollten. Die Drohung wirkte umſomehr, da die Bürger durch die Flucht der Beſatzung völlig preisgegeben wurden. Sie kapitulirten denn mit Moritz, übergaben die Stadt unter den Gehorſam für die Generalſtaa⸗ ten und ihn, und verpflichteten ſich, jedem Soldaten— Kopf für Kopf— einen zweimonatlichen Sold zu bezahlen, wofür ſie von der Plünderunzg verſchont blieben und die ſtädtiſchen Rechte und Privilegien behielten. Jenen Bürgern, welche die Stadt verlaſſen wollten, wurde das Recht des freien Abzuges zu⸗ geſichert; ſämmtliche Kirchen Bredas, bis auf eine, welche den Katholiken blieb, wurden für den reformirten Gottesdienſt be⸗ ſtimmt. Stattlich zog Moritz in das Erbe ſeines Hauſes(und das war Breda) ein, übergab dem kühnen Heraugiére 29 das Kommando, legte, um die Eroberung gegen Parma behaup⸗ ten zu können, eine ſtarke Beſatzung ein und verſah den wichti⸗ gen Platz ſchnell mit Proviant und Munition. Der glückliche Erfolg des Wagniſſes war für die Republik von hoher Bedeu⸗ tung, nicht bloß durch den Beſitz der wichtigen Grenzfeſtung, ſondern vornämlich auch durch die moraliſche Wirkung, welche das Gelingen auf die ganze Nation ausübte. Die Eroberung Bredas war, nameuntlich durch die romantiſchen Umſtände, unter denen ſie vor ſich gegangen, ein ſo allgemein populäres Ereigniß, welches im Geiſt, Herzen und Mund des Volkes friſch fortlebte, daß der Aufſchwung des Nationalgeiſtes mächtig da⸗ durch gefördert blieb; in dem„Torfſchiff von Breda“ hatte das geſunde praktiſche Volk einen koſtbaren Stoff,(ſo möchte man ſagen,) für Tradition und Lied, einen Stoff, der, ſo oft er wie⸗ der anklang, ſtets aufs Neue elektriſirte. Die Staaten trugen dankbar und klug das Ihrige dazu bei, um dieſen Eindruck zu befeſtigen. Sie bewilligten dem wackren Torfſchiffer Adrian und ſeinen zwei Knechten eine ſtattliche Summe als Geſchenk und ein Jahrgeld für Lebenszeit; jeder Soldat von jenen Sie⸗ benzig, welche die Expedition mitgemacht hatten, bekam außer dem zweimonatlichen Sold, eine goldene Schaumünze im Werth von 25 Gulden;*) der treffliche Oldenbarneveld, welcher für die ganze Sache auf ſeinem Felde unermüdlich thätig gewe⸗ ſen war, einen zierlichen vergoldeten Becher, worauf die ganze Begebenheit in getriebener Arbeit nachgebildet war.*—⸗) Auch *) Die Medaille zeigte auf der eine Seite das Torſſchiff mit der Schrift: „Parati, vincere aut mori“, und unten:„Prämium invicti animi; auf der andern Seite die Worte:„Breda a servitute Hispanica vin- dicata, ductu principis Mauritii a Nassou 4. Martii 1590°. **) Nebſt lateiniſchen Diſtichen und dem Chronoſtich.: DVrIS MILItIbVS naVI sVb Cesplte teCtls Est BaCChl festo NassaV tibl Breda sVbaCta. 30 verehrten ihm die Staaten bei der Geburt ſeines Sohnes Wil⸗ helm, bei dem ſie Pathenſtelle vertraten, als Pathengeſchenk ein Gefäß von 600 Gulden im Werth, und ſeinem Sohne ſetzten ſie eine jährliche Rente von 200 Gulden aus. Kaum hatte Parma die unwillkommene Nachricht von der Eroberung Bredas vernommen, als er den Grafen K Larl von Mansfeld beauftragte, es wieder einzunehmen. Noch im März kam dieſer denn auch in die Amgegend Bredas, berannte die Stadt, warf bei dem Dorf Ter Heide an der Merk eine Schanze auf und bemächtigte ſich Zevenbergens, welches geplündert wurde. Im Mai wandte ſich Mansfeld vor die Schanze Norddamm bei Zevenbergen, welche jedoch Matthias Held(derſelbe, der ſich im Torfſchiffe niederſtoßen laſſen wollte, um durch ſeinen Huſten die Kameraden nicht zu verrathen) ſo trefflich gegen die Uebermacht der Feinde verthei⸗ digte, daß Mansfeld mit einem nicht geringen Verluſt abziehen mußte. Mittlerweile war Prinz Moritz in die Betuwe gerückt, um durch eine ſcheinbar beabſichtigte Diverſion gegen Nym⸗ wegen, den feindlichen Feldherrn von Breda fortzulocken. Dies gelang ihm auch vortrefflich. Mansfeld verließ ſeine Stellung vor Breda, folgte ſeinem Gegner und machte nicht weit von Nymwegen, zwiſchen Maas und Waal, Halt. Mo⸗ ritz blieb mit ſeinem Heere in der Betuwe ungd hielt die Waal bis zu ihrer Verbindung mit der Maas durch Schiffe, ihre Ufer durch Truppen beſetzt, ſo daß die Königlichen keinen Uebergang unternehmen konnten. Indem er auf dieſe Weiſe die Operationen derſelben lähmte, warf er auch gegenüber, vor Nymwegen, nördlich von der Stadt, eine Schanze auf, die ſogenannte„Knodſenburg.“ Unter ſolchen Diverſionen, wo⸗ bei Moritz bereits ſeine militäriſche Ueberlegenheit bewährte, 1 12——— 31 verging der Sommer. Im Verlauf des Jahres, während ſich Parma mit dem großen Theil des Heeres in Frankreich befand, brandſchatzte der junge Feldherr das platte Land bis gegen Deutſchland hin und im Herbſt eroberte er mehre Schan⸗ zen in Nordbrabant und die Stadt Steenb ergen. Die Bürger von Venlo vertrieben faſt zur ſelben Zeit die könig⸗ liche Beſatzung aus der Stadt, obſchon ſie den Grafen von Mansfeld ſchriftlich verſicherten, daß ſie dem König deſſenunge⸗ achtet treu bleiben wollten. In dieſe Zeit ſiel eine Verhandlung der deutſchen Reichs⸗ fürſten mit beiden kriegführenden Partheien, den Spaniern und der Republik, über die Verletzung des Reichs⸗ gebietes durch Einmiſchung in die Kölner Angele⸗ genheit. Sowohl gegen Parma als gegen die General⸗ ſtaaten wurden darüber von Seiken des Reiches Beſchwerden erhoben. Parma war, als die deutſchen Geſandten bei ihm in Brüſſel eintrafen, eben im Begriffe, nach Frankreich abzureiſen und gab Denſelben, ohnehin mißgeſtimmt, weil er, auf des Königs Befehl, mitten in ſeinem Werke abbrechen mußte, eine hochfah⸗ rende Antwort.„Von deutſcher Seite her“ ſo erwiederte Parma den Geſandten,„habe man ihn ja angegangen, die Sache der katholiſchen Parthei zu vertheidigen; nichts ſei daher billiger, als daß man dort auch den Schaden trage, der nicht zu vermeiden geweſen ſei.“ Mit dieſer Aeußerung ließ er die Sache dahingeſtellt ſein. Nun verlangten und erhielten die deutſchen Geſandten Päſſe nach den vereinigten Provinzen, und begaben ſich in den Haag. Sie beſchwerten ſich hier(im Auguſt) insbeſondere über die Errichtung der„Schenkenſchanze“ auf deutſchem(kleve'ſchen) Gebiet und verlangten freie Schifffahrt auf dem Rhein und der Ems; man gab ihnen von Seiten der Generalſtaaten eine höflichere Antwort.„Die Spanier ſind es“(ſo lautete im Weſentlichen der ſchriftliche Beſcheid der Generalſtaaten vom 23. September 1590)„welche uns Niederländer gezwungen haben, die Waffen zu ergreifen. Wohl ſind die Grenzlande durch das Kriegsvolk geplündert worden, aber daran tragen die Staaten keine Schuld; man kennt ja den Uebermuth der Soldaten; ſelbſt die Befehlshaber vermögen es mit ihrem gan⸗ zen Anſehen nicht, denſelben zu zügeln. Wie es auch mit dem (überdieß zweifelhaften) Rechte, in Bezug auf die Schenken⸗ ſchanze beſtellt ſein möge,— dieſe wurde lediglich zur Ver⸗ theidigung der Grenzen errichtet. Deutſchland hat von der Armuth der Niederländer ſo wenig zu fürchten als von der Freiheit der tapferen Schweizer. Was endlich die freie Schifffahrt betrifft, ſo iſt das ſehr unrathſam in Beziehung auf die Stellung zum Feinde.“ Was die Grenzfeſtungen auf deut⸗ ſchem Boden anging, ſo hatte Parma erklärt, er würde die⸗ ſelben räumen, ſobald die Staaten ein Gleiches thäten; die Letzteren konnten ſich jedoch, aus wohlbegreiflichen Gründen, dazu nicht entſchließen. Somit blieben denn die Sachen auf dem alten Fuße, wiewohl Kaiſer Rudolf II. es an dringenden Ermahnungen zum Abſchluß eines Friedens mit Spanien nicht fehlen ließ. Die Republik nahm darauf keine Rückſicht, und zwar um ſo weniger, da ſie ſich durch aufgefangene Briefe überzeugt hatte, das Philipps tiefeingewurzelter Haß gegen die Proteſtanten noch immer in friſcher Kraft geblieben war. Nun war der Zeitpunkt eingetreten, in welchem die Staaten den im vorigen Jahre ertheilten Rath des Grafen Wilhelm Ludwig von Naſſau, die bisherige Defenſive mit der Offenſive zu vertauſchen, beherzigten. Eliſabeth hatte ſie und den Prinzen Moritz dazu angeeifert und namentlich einen Einfall in Flandern angerathen. Man traf unverdroſſen die 33 geeigneten Anſtalten dazu. Der Staatsrath lieferte gegen Ende des Jahres 1590 das Kriegsbudget für das folgende Jahr ein; es ergab ſich, daß die Staaten damals über eine Armee von ungefähr 20,000 Mann zu gebieten hatten, und daß man noch 3000 Mann zu Fuß und 300 zu Pferd bedurfte, zu deren Wer⸗ bung die Staaten bereitwillig die Koſten übernahmen. Eifrig betrieben ſie die Inſtandſetzung ihres Heeres zu einem An⸗ griffskriege. Sie rüſteten Kriegsgeräthe und Munition für ihre verſtärkte Armee und nahmen Schiffleute in Sold, welche das Geſchütz bedienen und es im Nothfall auf ſumpfigem Ter⸗ rain fortſchaffen ſollten. Uebrigens bewilligten die Staaten, wie ſchon früher der Republik Genf gegen den Herzog von Savoyen und dem König Heinrich IV. ſo jetzt dem Letzteren wieder eine bedeutende Geldunterſtützung, um welche er angeſucht hatte. Mit dem Frühling 1591 eröffnete nun Prinz Moritz, nach⸗ dem alle Voranſtalten aufs Solideſte und Umfaſſendſte getroffen waren, den Offenſivkrieg gegen die Spanier und damit zugleich eine neue glückliche Aera für die Republik. Mit 9000 Mann zu Fuß und 1600 zu Pferd zog er raſch ins Feld, ohne daß die Feinde es erwartet hatten. Sie ahnten ſeinen eigentlichen Plan, welcher auf die Eroberung der feſten Plätze an der Yſſel gerichtet war, um ſo weniger, da er, um ſie irre zuführen, den Anſchein genommen hatte, als wolle er gegen die Maas hin vorrücken, gegen Herzogenbuſch oder Ger⸗ truidenberg zu. Plötzlich machte er eine Wendung nach Züt⸗ phen hin, und der Ritter Franz Vere, Befehlshaber der engliſchen Truppen, bemeiſterte ſich(am 23. Mai) durch einen raſchen Ueberfall der dieſer Stadt gegenübergelegenen Schanze auf dem linken Ufer der Iſſel. Am anderen Tage erſchien Moritz plötzlich vor Zütphen, wo man ihn nicht er⸗ wartet hatte. Dieſe Stadt war nur ſchwach beſetzt und ſchlecht III. 3 verproviantirt. Morr itz beſchoß ſie dreimal mit ſeinem ganzen Geſchütz und forderte ſie dann zur Uebergabe auf. Sie ver⸗ langte eine Friſt zur Berathung, und als Moritz eine ſolche nicht zugeſtehen wollte, ergab ſie ſich ihm am 30. Mai 1591. Die(600 Mann ſtarke) Beſatzung erhielt freien Abzug, die Stadt die Verſicherung, daß alle ihre Privilegien unangetaſtet bleiben ſollten; in Beziehung auf die Religion ſollte ſie allen Städten der vereinigten Provinzen gleichgehalten werden. Nun rückte Moritz ohne Verzug von Zütphen vor die Stadt Deventer, welche nur drei Stunden nordwärts davon an der Iſſel liegt. Dort befehligte der muthige Graf Hermann van den Berg, ein Sohn jenes zweideutigen Grafen, den wir im Anfang dieſer Geſchichten kennen lernten, und Moritzens Vetter; die Stadt war ziemlich wohl verſehen und die Beſatzung ſtark, aber Moritz hatte erfahren, daß in derſelben Uneinigkeit herrſchte, indem die walloniſchen und die deutſchen Soldaten, aus welchen ſie zuſammengeſetzt war, immerdar Händel mit einander hatten. Hieraus ſchöpfte Moritz Hoffnungen, die Stadt überwältigen zu können. Er ließ durch ſeine Truppen alle Zu⸗ gänge beſetzen, zwei Brücken über die Yſſel ſchlagen und, nach⸗ dem er die Belagerten vergeblich zur Uebergabe aufgefordert hatte, die Stadt aufs Heftigſte beſchießen. Es glückte ihm, eine Breſche zu machen, und nun gebot er den Sturm. Die Eng⸗ länder in ſeinem Heere eilten den übrigen Truppen voran, und obwohl eine Brücke, die man über den Graben in der Eile ge⸗ worfen, zu kurz war, ſo daß ein ungemeines Gedränge entſtand, wagten die muthigen Engländer dennoch den Angriff. Schon drang ein Fähndrich in die Breſche, aber im nächſten Augenblick ſtreckte ihn eine Kugel zu Boden. Graf Hermann van den Berg, welcher Beweiſe der größten perſönlichen Tapferkeit gab, hatte dabei ein Auge verloren. Furchtbar wüthete der Tod auf 35 beiden Seiten; aber es gelang den Belagerten, den Sturm endlich abzuſchlagen. Moritz war dadurch keineswegs entmu⸗ thigt und traf Anſtalten zu einen zweiten Sturme. Da entſchloß ſich Graf Hermann van den Berg zur Kapitulation. Sie wurde am 10. Juni abgeſchloſſen und zwar unter denſelben Bedingungen wie die von Zütphen, welche überhaupt fortan ſo ziemlich den allgemeinen Maaßſtab gab. Moritz behandelte ſeinen Vetter ſehr freundſchaftlich, woraus die Spanier Argwohn gegen die Treue des Letzteren ſchöpften. Bei dieſer Belagerung hatte ſich eine romantiſche Epiſode ereignet. Ein alter Krie⸗ ger Alba's hatte nämlich den Junker Ryhove(einen Sohn des Genter Demagogen, zum Zweikampf herausgefordert und dieſer ihn angenommen. Belagerte und Belagerer ſehen dem ſeltenen Schauſpiel zu, wie der junge und der alte Krieger zum Kampf gegen einander treten. Zuerſt verſuchen ſie es ritterlich mit den Speeren. Sie fallen einander an, ſie wetteifern lange in wechſelſeitiger Geſchicklichkeit. Der Ausgang bleibt unent⸗ ſchieden. Da greift der erbitterte Veteran plötzlich zur Piſtole und ſchlägt auf den Junker an. In demſelben Augenblick holt dieſer mit dem Schwerte aus und haut ſeinem Gegner die Hand ab, ſo daß die Piſtole mit dieſer zugleich zur Erde fällt. „Ich bin beſiegt“ ruft der Veteran, und gibt dem Junker die goldene Kette, die er am Halſe trägt. Moritz, ein Zeuge des Kampfes, läßt den Ueberwundenen frei nach Deventer zurück⸗ kehren. Freudigen Muthes wendete ſich Moritz von Deventer nach Friesland, um auch Gröningen anzugreifen, wozu ihn die Frieſen dringend aufgemuntert hatten. Sein Marſch war höchſt beſchwerlich geweſen, da er ſeinen Weg durch ein ſum⸗ pfiges Terrain nehmen mußte. Als er aber in die Nähe von Gröningen kam, ſah er, daß der eben ſo wachſame als tapfere 36 Verdugo, welcher von ſeinem Plan Kenntniß erhalten und Koeverden ſowie Steenwy! beſetzt hatte, in den Vorſtädten Gröningens bereits wohl verſchanzt lag. Dieſer Umſtand, ſowie die Nachricht, daß der Herzog von Parma ſelbſt im An⸗ zuge ſei, um Gröningen zu entſetzen, veranlaßten Moritz, daß er nach ſechs Tagen mit ſeinem Heere wieder aufbrach. Gleichwohl verlor er den Plan, ſich Gröningens bei der nächſten günſtigen Gelegenheit zu bemeiſtern, nicht aus den Au⸗ gen. Auch überwältigte er bei ſeinem Abzuge die wichtige Feſte Delfzyl, durch welche der Dollart beherrſcht wird, und ließ deren Werke bedeutend verſtärken. Dadurch war für ſeine Zwecke einſtweilen ſchon Viel gewonnen. Verdugo hingegen nahm Slogteren ein, wodurch er ſich die Kommunikation von Weſtphalen nach der Bourtange öffnete. Inzwiſchen war der Herzog von Parma, welcher Brüſſel am 20. Juni verlaſſen hatte, in der That auf dem Wege nach Gröningen geweſen. Doch der ſchlechte Zuſtand der Straßen hinderte ihn, und ſo entſchloß er ſich raſch, ſich nach der Waal zu wenden und die neue Feſte Knodſenburg zu belagern. Gerhard de Jonge, ein tapferer Offizier, vertheidigte die⸗ ſelbe mit 600 Mann und fügte dem Feinde dabei einen nicht unbedeutenden Verluſt zu. So z. B. büßte der Graf Ottavio von Mansfeld vor Knodſenburg das Leben ein. Inzwiſchen hatte Prinz Moritz, welcher nach ſeinem Abzug von Grönin⸗ gen die Uebermeiſterung Steenwyks im Auge gehabt, von der Diverſion gegen die Feſte dnodſenburg vernommen. Er eilte, die Beſchützung Frieslands dem wackren Grafen Wilhelm Ludwig übertragend, über Arnheim in die Betuwe, und gab den Belagerten durch Zeichen und Boten Nachricht von ſei⸗ ner baldigen Ankunft. Als Parma die erſten Geſchwader der feindlichen Reiterei wahrnahm, ſchickte er ſieben Kornetten gegen 37 ſie aus, um ſie anzugreifen. Die Feinde hatten vierhundert Reiter in einen Hinterhalt gelegt und zogen ſich, als die Kö⸗ niglichen gegen ſie herankamen, in großer Haſt zurück; allzu eifrig folgten ihnen Jene, bis ſie dieſelben in den Hinterhalt ge⸗ lockt hatten; dann griffen ſie die Königlichen an, rieben ſie faſt völlig auf, und erbeuteten dabei drei Standarten, worunter ſich auch die Parmas ſelbſt befand, welche das Bild Chriſti mit der Schrift:„Hic fortium dividet spolia“ und das der heili⸗ gen Maria mit der Schrift:„Ouem genui, adoro!“ trug. Dieſer kleine Vortheil der niederländiſchen Truppen über die Königlichen wurde dadurch folgenreich, daß der ſiegreiche, be⸗ rühmte für unüberwindlich gehaltene Parma, welcher jedoch jetzt nicht mehr der Alte, deſſen beſte Kraft verwelkt war, die Belagerung der Feſte Knodſenburg aufgab und ſich über die Waal zurückzog. So hatte der erfahrene, treff⸗ liche Feldherr zum erſten Male vor ſeinem jungen Gegner das Feld geräumt. Welch ein Triumph für dieſen, welche Ermuthi⸗ gung für deſſen Krieger! Freudig verfolgten ſie Parmas Rück⸗ zug und eroberten mehres Brückengeräthe, ſowie mehre Geſchütze, welche die Königlichen mit ſich führten. Parma war in tief⸗ ſtem Grund der Seele über einen ſolchen Wechſel des Glückes betrübt, welcher ihm um ſo empfindlicher war, da er nicht vor der Uebermacht, ſondern vor der Klugheit hatte weichen müſſen. Wohl mochte ihm eine innere Stimme ſagen, daß ſein Glücksſtern unaufhaltſam im Sinken ſei; und wie ſollte er es vermögen, woher bei dem fühlbaren Schwinden ſeiner körper⸗ lichen Kraft, die geiſtige nehmen, um ſeinen wohlerworbenen Ruhm zu überleben? Er brach aus ſeinem Hauptquartier in Nym⸗ wegen auf und verließ dieſe Stadt, deren Bewohner, ſich durch ſeinen Abzug dem Feinde preisgegeben wähnend, ihren bisherigen Beſchützer mit bittren Schmähungen überhäuften. Sodann ließ 38 er ſeine Truppen die Winterquartiere beziehen und begab ſich, durch den Kummer aufs Neue krank gemacht nach Spaa, um die dortigen Bäder zu gebrauchen. Moritz ſah die großen Schwierigkeiten ein, welche beſon⸗ ders der damals hohe Waſſerſtand der Waal einer Belagerung Nymwegens entgegenſetzte. Er berief deßhalb den Advokaten von Holland, Johann van Oldenbarneveld, zu ſich ins Feld und als dieſer eingetroffen war, berieth man ſich, ob man unter den gegenwärtigen Umſtänden einen Angriff auf Nym⸗ wegen wagen ſollte. Viele hielten dies für ſehr zweckmäßig, aus dem Grunde, weil das Heer der Staaten nun einmal doch in der Betuwe ſtünde, und ſodann, weil man die üble Stim⸗ mung der Bürger von Nymwegen gegen den Herzog von Parma raſch benützen müſſe. Andere behaupteten dagegen, ganz ſicher in Erfahrung gebracht zu haben, daß der Magiſtrat von Nymwegen dem Herzog gelobt habe:„dem König un⸗ brüchlich treu zu bleiben;“ auch wollten ſie wiſſen, daß Ver⸗ dugo mit ungefähr 2000 Mann zu Fuß und 300 bis 400 Rei⸗ tern zwiſchen Grave und Venlo vorgerückt ſei, um Nym⸗ wegen im Fall der Noth zu beſchützen. Das Reſultat der Berathung war der Beſchluß: mit dem Heere aufzubrechen. Moritz befolgte jetzt einen meiſterhaften Kriegsplan. Er nahm, um den Feind irre zu machen, den Schein an, als ahme er Parmas Beiſpiel nach, und verlege ſeine Truppen in die Winterquartiere. Sein tieferer Plan offenbarte ſich bald. Er ſchiffte ſein Fußvolk auf 300 Fahrzeugen ein und brachte es aus Seeland die Schelde hinauf; die Reiterei eilte durch Bra⸗ bant nach Flandern, wo Moritz das Fußvolk ausſchiffte. Mit einer Schnelligkeit, welche ihm den Erfolg verbürgte, hatte er die Feinde getäuſcht, die Schanzen der Landſchaft Waas erobert und(am 25. September) die Stadt Hulſt eben dort 39 nach einer Belagerung, die nur fünf Tage gewährt, eingenom⸗ men. Der Graf von Solms beſetzte die gewonnene Stadt, und die Soldaten Moritzens erhielten das fruchtbare Waas⸗ land zur Plünderung, ſo daß ſich die Bewohner deſſelben dazu bequemen mußten, Brandſchatzung zu bezahlen. Doch der tapfre Mondragon, welcher Kommandant der Citadelle von Ant⸗ werpen war, bemeiſterte ſich gar bald der Schanzen und der Umgegend von Hulſt wieder. Die Folge davon war, daß die Bewohner des Waaslands den Truppen der Staaten die ſti⸗ pulirte Brandſchatzung jetzt nicht bezahlten. Solms behauptete übrigens Hulſt fortwährend für die Republik. Kaum hatte Moritz durch die unerwartete Diverſion gegen Flandern die Auͤfmerkſamkeit der Feinde von Geldern ab⸗ gezogen, als er plötzlich nach dieſer von den königlichen Trup⸗ pen entblößten Provinz zurückkehrte. Er wollte die günſtigen Umſtände raſch benützen und Nymwegen noch vor dem An⸗ bruch des Winters in ſeine Gewalt bringen. Am 14. Oktober 1591 ſtand er denn mit einer Armee von 10,000 Mann wieder vor dieſer wichtigen Stadt. Zu Oſterholz führte ihm ſein Vetter Wilhelm Ludwig 12 Fähnlein aus Friesland zu und augenblicklich traf nun Moritz alle Anſtalten zur Belagerung. Er rechnete dabei auf jene Zwietracht der Bürger, wovon be⸗ reits die Rede geweſen, und welche ihm auch in der That zu Statten kam. Denn die republikaniſche Parthei gewann bei der großen Verarmung, welche in der Stadt eingeriſſen war und bei der ſteigenden Noth, gar bald das Uebergewicht über die königlichgeſinnte, welche durch die Erbitterung gegen Parma ohnehin viele Anhänger verloren hatte. Gleich⸗ wohl wurde die erſte Aufforderung Moritzens zur Uebergabe noch mit Trotz abgewieſen. Die königlichgeſinnte Parthei hoffte nämlich noch immer, daß Verdugo, welchem Parma die Ob⸗ 40 hut Gelderns anvertraut hatte, zum Entſatze herbeieilen würde. Dieſe Hoffnung zerrann indeſſen bald, und man erfuhr, daß der tapfre Verdugo, an deſſen gutem Willen allerdings nicht zu zweifeln war, ſeine Truppen nicht vollzählig habe, und ſich daher auch in keinen Feldzug einlaſſen konnte. Mittlerweile beſchoß Moritz, nachdem ſeine Aufforderung zurückgewieſen worden war, die Stadt auf's Heftigſte; Granaten und andre Zündgeſchoſſe brachten ſie in die äußerſte Gefahr und ſo verloren denn immer Mehre von den Bewohnern den Muth zu einem längeren Widerſtand; während zu gleicher Zeit die republika⸗ niſchgeſinnte Parthei zuſehends an Zahl und Einfluß wuchs und auch die Maſſe des Volks mit ſich für ein Einvernehmen mit den Staaten fortriß. Voll Erbitterung gegen den Magiſtrat, drang die Gemeinde tumultuariſch in das Rathhaus, und zwang denſelben, ſich nicht länger der Uebergabe zu widerſetzen. So wurde dieſe denn in kurzer Friſt(ſchon am 21. Oktober) abge⸗ ſchloſſen. Moritz geſtattete der Beſatzung freien und ehrenvol⸗ len Abzug, veränderte die ſtädtiſche Regierung und behielt ſich, für die Dauer des Krieges, deren jährliche Erneuerung vor. Die Katholiken hatten öffentliche Uebung ihres Gottesdienſtes verlangt, welche ihnen jedoch aus Vorſicht nicht bewilligt wurde, wie wir denn überhaupt bemerken, daß die Republik, ſeit dem Verluſte Flanderns und Brabants und der Reſtauration des Katholizismus in dieſen Provinzen, ſtrenger als früher darüber wachte, daß der letztere im Umfang der vereinigten Provinzen nicht feſten Fuß faſſen ſollte. Mehre deßhalb er⸗ laſſene Plakate ſind Zeugen dafür und den Grund derſelben muß man wohl vorzugsweiſe in dem Mißtrauen gegen eine ge⸗ heime Reaktion durch die Mönche, beſonders durch die Jeſuiten, ſuchen, welche letztere von den ſpaniſchen Niederlanden herüber dem Proteſtantismus auf jede mögliche Weiſe Abbruch zu thun 41 ſtrebten. Man muß jedenfalls hier ſtreng zwiſchen dem Weſen des Katholizismus(der in einer Republik die zum größten Theil durch den Kampf um Gevwiſeensfreiheit entſtanden war, gewiß einen ehrenvollen Platz einnehmen konnte und mit Recht gleichen Schutz wie andre Konfeſſionen in Anſpruch nehmen durfte) und zwiſchen den fanatiſch⸗politiſchen Umtrieben unterſcheiden, welche wie Schmarotzerpflanzen ſich an den Erſteren klam⸗ merten. Die Eroberung Nymwegens für die Republik war von der größten Wichtigkeit; denn damit war faſt die völlige Wie⸗ dergewinnung Gelderns vollbracht. Moritz übergab das Kommando in Nymwegen dem Grafen Philipp von Naſ⸗ ſau, und beſchloß dann ſeinen glorreichen Feldzug von 1591, indem er ſeine Truppen in die Winterquartiere legte und nach Holland zurückkehrte. Mit hohen Ehren wurde der junge, (erſt vier und zwanzigjährige) Held dort als würdiger Sohn des Vaters des Vaterlandes, als Beſchützer des heimathlichen Bodens als Befreier der Ströme, empfangen. Goldne und ſil⸗ berne Medaillen wurden zum ewigen Gedächtniß geprägt, mit frommen Sinnſprüchen, worin man Gott die Ehre gab. Auch im Verlauf des Winters von 1591 auf 1592 raſtete der Krieg nicht ganz; beide Partheien unternahmen Anſchläge auf verſchiedene Städte. So ſuchten ſich die Truppen der Re⸗ publik Gertruidenberg's, Maaſtricht's und Sluis', die König⸗ lichen Breda's wieder zu bemächtigen;— doch beide ohne Erfolg. Noch im November 1591 beriethen ſich die im Haag verſammelten Staaten der vereinigten Provinzen, ob man im folgenden Jahre den Krieg fortſetzen ſollte. Die glücklichen Re⸗ ſultate des ebenvollendeten Feldzuges ermunterten ſie zu dem Beſchluſſe, das Offenſivſyſtem beizubehalten und demgemäß den Krieg im Jahre 1592 fortzuſetzen. Holland, Seeland, 42 Utrecht und Fries land trugen bis jetzt faſt ausſchließend die Laſten des gemeinſamen Krieges, da die übrigen Provinzen ſchon durch die bloße Vertheidigung hinlänglich in Anſpruch genommen waren; jene erſteren vier gaben jedoch ſchnell und bereitwillig ihre Zuſtimmung. Holland machte ſich zu Anfang des Jahres 1592 anheiſchig, für ſeinen Antheil monatlich 20,000 Gulden zu den ordentlichen und außerdem 900,000 Gul⸗ den zu den außerordentlichen Kriegskoſten beizutragen. See⸗ land, Utrecht und Friesland folgten bald darauf Hol⸗ lands Beiſpiel. Moritz, welcher für die Nationalangelegenheit Tag und Nacht thätig war, begab ſich im Frühling 1592 nach Over⸗AYſſel, Geldern, Breda und Seeland, um ver⸗ ſchiedene Angelegenheiten zu ordnen und die betreffenden Land⸗ ſchaften zur bereitwilligen Theilnahme an den Kriegskoſten zu bewegen. Während nun ſo die Republik der vereinigten Pro⸗ vinzen, von friſchem Geiſte beſeelt und voll der herrlichſten Hoffnungen, unverdroſſen zu einem neuen Feldzuge rüſtete, wäh⸗ rend ihre Grenzen durch die befreiten Ströme, durch treff⸗ liche Feſtungen geſichert waren, während im Inneren bürgerliche Ruhe und Ordnung herrſchten, der Handel durch die Frei⸗ heit des Verkehrs raſch eine unglaubliche Blüthe entfaltete, und zu gleicher Zeit auf die Vermehrung und Verſtärkung der See⸗ macht, ſowie in Verbindung mit dem lebhaften Aufſchwung des Gewerbfleißes auf die Verbeſſerung der Finanzen den wohl⸗ thätigſten Einfluß ausübte, während ſich endlich durch das Zu⸗ ſammenwirken aller dieſer Umſtände mit dem Waffenglücke die politiſche Bedeutung der Republik ehrenvoll erhob,— während deſſen waren die der Krone Spanien wiederunterwor⸗ fenen ſüdlichen Provinzen, oder(wie wir ſie von nun an nennen wollen) die ſpaniſchen Niederlande, welche ſich 43 von den Nachwehen der früheren Kriege und der Anarchie, der Auswanderung, der Handelsſperre, des Mißwachſes, der Theuerung und der verheerenden Seuchen noch immer nicht erholen konn⸗ ten, außerdem auch durch eine neue verderbliche Landplage heim⸗ geſucht. Wie in jenen Schreckenstagen der Hungersnoth und Verödung die Wölfe durch Dörfer und Flecken ſtreiften, ſo thaten es jetzt die„Picoureurs,“— Strolche, die(oft zu ganzen Haufen) von Diebſtahl und Raub lebten, vor denen kein Haus und Hof, kein Menſchenleben ſicher war. Das nichts⸗ nutzigſte Geſindel jeder Landart und jeder Beſchäftigung, abge⸗ dankte Soldaten und Deſerteurs, Abentheurer, Vagabunden und Bettler, trafen, wie durch eine geheime Loſung herbeigerufen, meiſtens in Brabant und Flandern zuſammen, als ſollte durch ſie auch die letzte Spur des Wohlſtandes, der einſt hier verbreitet geweſen, des friſchen pöetiſchen Lebensmuthes, der dieſe Lande einſt zu einem irdiſchen Paradieſe gemacht, ausgetilgt werden: Es war, ſo zuſagen, der Bodenſatz der verheerenden Kriege, welcher jetzt ausgohr und, während ſich die junge kräf⸗ tige Republik durch innere Ordnung davon rein zu erhalten wußte, mußte der Herzog von Parma, durch Philipps Befehle in Mitten ſeines Wirkens geſtört, ſiechen Körpers, bald hierhin bald dorthin getrieben, kranken aufgeriebenen Gemüthes, müßig zuſehen, wie ſich jener ſcheußliche Verweſungsprozeß entwickelte. Zwar war, um der Anarchie Einhalt zu thun, in Brabant eine eigene Provinzialbewaffnung gegen die„Picoureurs“ organiſirt worden; aber,— zu ſchwach, um dieſe ganz zu zermalmen,— konnte jene die Erbitterung der Strolche nur ſchärfer anſpornen. Wenn beide wider einander trafen, gab es förmliche Schlachten, und wehe dem Strolch, der in die Hände der Gegner fiel; man erſchöpfte das Raffinement der Barbarei an dem Schlacht⸗ opfer. Aber wehe auch Jedem, welchen die„Picoureurs“ mit 44 den Waffen in der Hand gefangen nahmen; die Repreſſalien waren ſchauderhaft. Brabant und Flandern waren damals in eine einzige große Räuberhöhle verwandelt und der alte Graf von Mansfeld wußte endlich kein anderes Mittel mehr, als den Picoureurs Truppen gegenüberzuſtellen, welche in großer Anzahl zum Fang und zur Austilgung derſelben auszogen. So gelang es ihm endlich, die unglücklichen Provinzen wieder zu ſäubern. Zur ſelben Zeit machten ſpaniſche Piraten die Gewäſſer der Nordſee unſicher und fahndeten auf die hollän⸗ diſchen Fahrzeuge. Doch dieſe Plage wurde durch die Wach⸗ ſamkeit der Holländer ziemlich ſchnell erſtickt. Die Hinrichtung von 38 ſolcher Piraten zu Notterdam gab den Uebrigen, einſt⸗ weilen wenigſtens, ein hinlänglich abſchreckendes Beiſpiel. Der Herzog von Parma wurde auch im Laufe des Jah⸗ res 1592 durch die Intereſſen ſeines Monarchen für die fran⸗ zöſiſchen Angelegenheiten verhindert, ſeine Kraft, ſo wie er es wünſchte, ausſchließlich für die niederländiſchen zu ver⸗ wenden. Dieſe Zerſplitterung ſeiner Kraft koſtete ihn zwar nicht den Ruhm des größten Feldherrn ſeiner Zeit, dem er durch die Einnahme Antwerpens die Krone aufgeſetzt, wohl aber ſollte ihm der nagende Mißmuth darüber vor der Zeit ſein Leben verkürzen. Heinrich Iy. hatte, auf beſonderen Antrieb von Seiten der Königin Eliſabeth, die Stadt Rouen belagert. Um dieſelbe zu entſetzen, mußte Parma auf Philipps II. Befehl unverzüglich aus den Niederlanden herbeieilen. Er gehorchte und vereinigte glücklich ſeine Hülfstruppen mit dem Heere der Ligue unter dem Herzog von Mayenne. Es gelang ihm auch, den König Heinrich IV.(im April 1592) zur Aufhe⸗ bung der Belagerung von Rouen zu zwingen, wyrauf er ſich gen Paris begab. Moritz benützte die Zeit, während Parma abweſend war, mit der ganzen friſchen Fülle ſeines Talentes. Immer heller und glänzender ſtieg ſein Sternbild empor, während das ſeines Gegners erbleichend zum Untergang neigte. Moritz ganz Luſt und Kraft; Parma gebrochen und trüb. Moritz von den Schwin⸗ gen der Nationalbegeiſterung gehoben und getragen,— Parma ein von vergifteten Pfeilen getroffener Adler, der langſam nie⸗ derſinkt aus ſeiner hellen und kalten Sonnennähe, aber mit der letzten Kraft ſich noch in der Höhe zu erhalten ſtrebt! In Begleitung der Grafen von Hohenlohe, Naſſau und Solms, des Kriegs⸗ und des Staatsrathes, verließ Moritz am 10. Mai den Haag. Er begab ſich an der Spitze ſeiner trefflich organiſirten Truppen(6000 Mann zu Fuß und 2000 zu Pferd) vor Steenwyk, deſſen Name uns zugleich die eigenthümliche Geſtalt Kornputs und die heldenmüthige Ver⸗ theidigung gegen Rennenberg(v. d. Jahren 1580 und 1581) ſowie zugleich die allzueilige Uebergabe an die Königlichen in's Gedächtniß zurückruft. Am 28. Mai erſchien Moritz vor Steenwyk, welches die Königlichen, ſeit es in ihrem Beſitze war, bedeutend verſtärkt hatten. Anton Coquel war jetzt Kommandant der Stadt und ſuchte ſie, da er nicht für lange Zeit mit Pulver verſehen war, raſch durch Anlegung neuer Werke in dem Graben hinter den Palliſaden beſſer zu ſichern. Doch an Mor itz fand er gerade auf dieſem Felde der Kriegs⸗ kunſt einen Meiſter. Moritz, bei welchem ſich auch Graf Wilhelm Ludwig befand, verſchanzte ſich ganz vortrefflich, obwohl die raſche Vollendung der Laufgräben durch häufige Ausfälle der Belagerten aufgehalten wurde. Um ſowohl dieſe Arbeiten zu decken, als auch zu gleicher Zeit den Belagerten Abbruch zu thun, bediente ſich Moritz eines von Kornput erfundenen, hohen, hölzernen Thurmes, den man, weil er ſtatt der Naͤgel Schrauben hatte,„Schraubenburg“ nannte. Dieſe 46 Thurm wurde nun am 26. Juni des Abends auf Rollen gegen die Stadt geſchafft; in deſſen ſchußfreiem, oberſtem Stockwerk befanden ſich Musketiere, welche die Königlichen auf den Wällen, ja ſogar in den Straßen der Stadt erlegen konnten. Die Be⸗ lagerten, welche ſich aufs Tapferſte vertheidigten, zerſchoſſen end⸗ lich das oberſte Stockwerk dieſes Thurmes. Je größeren Widerſtand Moritz fand, um ſo mehr beeilte er ſich, Steenwyk in ſeine Gewalt zu bringen, bevor es Entſatz bekäme. Schon hatte Verdugo den Belagerten dreihundert Mann zur Verſtärkung geſandt, was den Muth der Erſteren und ihre Hoffnungen nicht wenig erhöhte. Da nun Moritz einſah, daß die Feſtigkeit der Werke ſeinen Geſchützen trotzte, ſo entſchloß er ſich, dieſelben durch Anlegung von Minen zu ſprengen. Er gewann den äußeren Wall, ließ den Graben ausfüllen und eroberte endlich nach einem hartnäckigen Kampf ein Bollwerk an der Oſtſeite, ſowie ein Thor an der Südſeite. Bei dieſem Kampfe wurde der Oberſt Wilhelm van Dorp tödtlich verwundet und Prinz Moritz ſelbſt erhielt einen Schuß in den linken Kinnbacken, welche Wunde ihn zwar am Sprechen, aber nicht in tapfrer Ausdauer hin⸗ derte. Da er nun von zwei Seiten her feſten Fuß wider die Stadt gefaßt hatte, ſo ſchien deren Eroberung unaufhaltſam, und der Kommandant Coquel, welcher keine Hoffnung eines Entſatzes vorausſah, entſchloß ſich endlich zur Kapitulation. Dieſe kam am 5. Juli zu Stande. Die Veſatzung erhielt freien Abzug mit dem Seitengewehr und mußte(mit Ausnahme der durch Verdugo geſandten Verſtärkung von 300 Mann) ſchwören, ſechs Monate lang auf der öſtlichen Seite des Rheines nicht gegen die Staaten zu dienen. Mehre von jenen Verräthern, welche Gertruidenberg an die Königlichen verkauft hatten und ſich in Steenwyk befanden, empfingen jetzt den rechten Preis,— ſchimpflichen Tod. 47 Nun glaubten die Staaten, und zwar insbeſondere die von Holland, man ſolle den Feldzug dieſes Jahres mit einem ſo bedeutenden Reſultat, wie die Eroberung jener wichtigen Grenzfeſtung zwiſchen Over⸗Iſſel, Friesland und Drenthe, be⸗ endigen. Dies ſchrieben ſie dem Prinzen Moritz, zugleich mit ausdrücklicher Berückſichtigung ſeines leidenden Zuſtandes;„er möchte ſich,“ riethen ſie ihm,„einige Ruhe gönnen; die Hitze zur Zeit der Hundstage ſei für die Heilung von Wunden ſehr ungünſtig.“ Moritz beachtete jedoch ſeine Wunde nicht und eilte von Steenwyk ſüdwärts nach der wichtigen Feſtung Koeverden, welche die Grenze von Drenthe nach Deutſch⸗ land hin deckte. Die Eroberung dieſer wohlvertheidigten Feſtung war deßhalb ſehr wichtig, weil er, im Beſitz derſelben, Grö⸗ ningen bedrängen konnte. Der Rath Wilhelm Ludwigs (des Statthalters in Friesland) gab hier den Ausſchlag. Da⸗ mit ihm aber während der Belagerung Koeverdens die Zu⸗ fuhr von Lebensmitteln nicht abgeſchnitten werden könne, war es nöthig, ſich zuvor der Grenzfeſtung Ootmarſum zu bemäch⸗ tigen, was denn auch gelang. In Koeverden befehligte Graf Friedrich van den Berg. Dieſer zog ſich in das Schloß zurück, wo er ſich, mit Proviant und Munition reichlich ver⸗ ſehen, beſſer vertheidigen zu können glaubte, und ließ den dar⸗ umliegenden Flecken niederbrennen. Moritz hatte jedoch erfahren, daß es im Schloſſe nur einen Brunnen gab und verſuchte es deßhalb, wiewohl vergeblich, denſelben verſiegen zu machen, ſo wie den Graben abzuleiten, woraus man— freilich nur mit Lebensgefahr— Waſſer holen konnte. Während Moritz ſo vor Koeverden lag, war der Herzog von Parma von ſei⸗ nem franzöſiſchen Feldzug zurückgekehrt und richtete ſein Haupt⸗ augenmerk darauf, Koeverden zu entſetzen. Da er es jedoch, ſeiner leidenden Geſundheit halber, nicht wagen konnte, 48 in Perſon Truppen nach Koeverden zu führen, ſo beauftragte er den geſchickten und tapfren Verdugo, zum Entſatze hin⸗ zueilen. Eine Stunde von Koeverden, bei Emlich im Gebiete der Grafſchaft Bentheim, lagerte Verdugo mit 4000 erprobten Veteranen(Fußvolks), wozu noch 1800 Reiter aus den benach⸗ barten Beſatzungen ſtießen, und beſchloß über den Vegtfluß zu ſetzen, um hierauf die Truppen der Republik anzugreifen; den Belagerten ließ er Nachricht geben, daß er Koeverden am folgenden Tage entſetzen werde. Prinz Moritz, welcher gleich⸗ falls Verſtärkung erhalten hatte, ließ ſich durch die Nähe der feindlichen Truppen in ſeinen Operationsplänen nicht beirren, und zum Glück fingen ſeine Reiter jenen Boten, welcher Verdu⸗ gos Nachricht nach Koeverden bringen ſollte. Verdugo unter⸗ nahm in der Nacht vom 6. auf den 7. September den beabſichtigten Angriff, und bediente ſich dabei einer Kriegsliſt. Eine Abtheilung ſeiner Truppen hatte weiße Hemden über die Rüſtungen angethan, näherte ſich in dieſem ſeltſamen Aufzug jener Gegend des Lagers, wo ſich die Truppen des Grafen Hohenlohe befanden, und ſuchte ſie unter plötzlichem Sieges⸗ geſchrei zu überraſchen. Vergeblich! der Angriff wurde tapfer abgeſchlagen und die Feinde büßten dabei 300 Mann ein; Graf Wilhelm Ludwig wurde verwundet. Moritz vermied es vorſichtig, den Feind zu verfolgen und benahm ſich überhaupt äußerſt behutſam. Er ſetzte ruhig die Belagerung Koever⸗ dens fort, obwohl Verdugo faſt jeden Tag an der Spitze ſeines in Schlachtordnung ſtehenden Heeres erſchien, und ihn aus der vortheilhaften Stellung in den trefflichen Verſchanzungen zu einem Treffen auf freiem Felde herauszulocken ſuchte. Der Beſonnenheit, worin er beharrte, verdankte Moritz den Er⸗ folg, welchen er davon gehofft hatte. Verdugo ſah endlich 49 die Unmöglichkeit ein, ſeinem Gegner eine Schwäche abzugewin⸗ nen und in Folge deren Koeverden zu entſetzen. So zog er ſich denn wieder in's Bentheimiſche Gebiet zurück und nun fand ſich die Beſatzung, da die Ausſicht auf Entſatz dahin war, genöthigt zu kapituliren(12. September 1592). Moritz bewilligte ihr ehrenvolle Bedingungen; ſie durfte mit allen kriegeriſchen Ehren abziehen.— Die feindlichen Heere blieben hierauf noch einige Zeit im Felde, doch ohne etwas zu unternehmen. Der Feldzug von 1592 war beendigt und Moritz verfügte ſich gegen Ende des Jahres nach dem Haag zur Verſammlung der Generalſtaaten. Er übergab, in Verbindung mit dem Staatsrathe, den General⸗ ſtaaten einen Bericht über die Kriegsmacht und verlangte zur Beſtreitung der Koſten abermals— außer der monatlichen Summe von zweimalhunderttauſend Gulden— einen Zuſchuß von 900,000 für den Lauf eines Jahres. Um die Zuſtimmung raſcher zu bewirken, wendete ſich Moritz in beſonderen Zuſchrif⸗ ten an jene Provinzen, über welche er Statthalter war. Mittlerweile war der Herzog von Parma im Sommer aus Frankreich nach den Niederlanden zurückgekehrt und hatte ſich abermals nach Spaa begeben, um ſeine zerrüttete Ge⸗ ſundheit dort herzuſtellen. Aber nicht lang befand er ſich im Bade, als ihn im September plötzlich wieder ein Befehl ſeines Mo⸗ narchen zu einem dritten Feldzuge nach Frankreich berief. Parma gehorchte und eilte nach Brüſſel, um den Heereszug vorzubereiten. Am 30. Oktober brach er von Brüſſel auf und begab ſich nach Arras, wo er am 14. November die Ankunft des Don Pedro Henriquez d' Azevedo, Grafen von Fuentes, in Brüſſel vernahm, welcher aus Spanien herbeige⸗ kommen war, und zwar mit beſonderer königlicher Inſtruktion, die er dem Herzog von Parma(wie er dieſem ſchrieb) III. 4 50 mittheilen würde, ſo wie er von der Reiſe etwas ausgeraſtet habe.“ Parma erwiederte ihm höflich, wollte jedoch eine per⸗ fönliche Zuſammenkunft mit Fuentes vermeiden und zwar, wie es den Anſchein hat, aus gereizter Empfindlichkeit. Er mochte wohl beſorgen, daß Fuentes etwa zu ſeinem Nach⸗ folger ernannt ſei. Die Antwort Parmas auf Fuentes Zuſchrift ſcheint wenigſtens darauf hinzuweiſen; ver freue ſich“ dieß es darin,„der glücklichen Ankunft des Grafen, und dieſer möge immerhin wohl ausruhen; der Herzog würde denſelben übrigens wohl ſchwerlich mehr in den Niederlanden begrüßen tönnen, da er bereits in wenigen Tagen Frankreich erreichen werde.“*) Die Beſtimmtheit, mit welcher Parma verſicherte, daß er den Grafen von Fuentes nimmer in den Niederlanden ſehen würde, realiſirte ſich auf eine andre Art, als Jener ſelbſt wielleicht geahnt hatte. Parma trug den Keim des Todes be⸗ reits in ſich; doch durch die Hoffnung, welche man ihm in Bezug auf ſeine Geſundheit gab, und durch den eigenen Lebenstrieb verführt, ſuchte er ſeine körperliche Schwäche zu überwinden. Er behielt zu Arras alle ſeine früheren Gewohnheiten bei, er⸗ ſchien täglich zu Pferd, und ertheilte Audienz. Am 2. Dezember wurde er plötzlich von einer Ohnmacht befallen; als er ſich je⸗ doch von derſelben wieder ein wenig erholte, beſorgte er noch am Abend ſeine gewohnten Geſchäfte ja ſogar deren mehre, als in der letzten Zeit. Er begab ſich(wie er pflegte) bei Zeiten zu Bette. Um Mitternacht erkannten die Aerzte und ſeine ſonſtige Umgebung an der Veränderung ſeiner Züge und an ſeinen Ge⸗ berden die Nähe ſeiner Auflöſung. Da eilte der Abt von St. Vaaſt,(Parma wohnte in der Abtei,) zu demſelben und reichte ihm die Sterbeſakramente. Der Held benahm ſich im *) Khevenhüller. Annales Ferdinandei ad. 1592. 3 1. A Vorgefühl des Todes mit derſelben Seelenruhe wie während ſeines thatenreichen Lebens und gab um 8 Uhr des andern Morgens(am 3. Dezember 1592) ſeinen Geiſt auf, im 48. Jahre ſeines Alters. In jenem Augenblicke hatte die Republik der vereinigten Provinzen ihren größten und gefährlichſten Gegner verloren, Philipp II ſeinen treueſten Diener, die römiſche Kirche einen ihrer ruhmvollſten und glücklichſten fürſtlichen Vorfechter. Die Italiener ſchrieben Parmas Tod ſpaniſchem Gift zu,— eine Meinung, welche übrigens durch die Sektion nicht beſtätigt wurde, und welche wir in keinem Fall als begründet annehmen möchten, da die Partheileidenſchaft jener Zeit nicht erröthete, einen natürlichen Zuſammenhang von ver⸗ ſchiedenen Urſachen nur durch ein gewaltſames Eingreifen zu erklären. Mußte denn ein Mann wie Alexander Farneſe, Her⸗ zog von Parma, welcher für Philipp 11. Alles gethan hatte, was dieſer verlangen und erwarten konnte, nicht ſchon durch Verläumdungen ſeiner Gegner bei dem Monarchen, nicht ſchon durch den Mißmuth darüber tödtlich genug verſehrt werden, daß ihn Philipp mitten aus einer Laufbahn herausriß, auf wel⸗ cher ihn der glücklichſte Erfolg krönte, daß er ihn auf eine andre trieb, wo er nur mit halbem Herzen wirken konnte, während er die Früchte aller ſeiner Anſtrengungen verloren gehen ſehen mußte? War es nicht für den Feldherrn tödtlich⸗empfindlich, daß am Ende ſeiner Tage Meuterei jene gewaltigen Krieger⸗ ſchaaren entnervte, welche er als ihr Abgott zu Triumphen ge⸗ führt hatte? Waren ferner alle jene Anſtrengungen und Stra⸗ patzen, denen ſich Parma ſtets, ſo gut wie jeder gemeine Soldat, unterzogen hatte, gar nicht in Anſchlag zu bringen? Sollte ſein Leib ſo wenig ſterben können als ſein Nachruhm? Allerdings galt Vergiftung damals in der verpeſteten Moral der Höfe nicht ſowohl für ein Verbrechen, als für einen äußerſten Noth⸗ 52 behelf der Politik. Indeſſen war ja für Philipp II. keine ſo dringende Aufforderung vorhanden, daß er zu einer ſolchen Maßregel hätte greifen müſſen. Da nun Philipp II. auch nicht den mindeſten Grund hatte, dem Herzog von Parma zu miß⸗ trauen oder ihn gar zu fürchten, ſo wäre es geradezu abſurd, wenn man dieſem Monarchen ein ſolches Verbrechen bloß deß⸗ halb unterlegen wollte, weil er ſich durch Parmas ſpaniſche Gegner wider denſelben hätte einnehmen laſſan! Philipp II. war im Allgemeinen zu klug, er wußte die Verhältniſſe ſeiner ſämmt⸗ lichen Diener zu genau, er hatte zu viel Selbſtſtändigkeit, als daß man ihm eine Ruchloſigkeit aus bloßer Schwäche und Un⸗ ſelbſtſtändigkeit zumuthen dürfte. Parmas Leiche wurde von Arras nach Brüſſel geführt und dort prachtvoll in der Kapelle des Hofes beigeſetzt. Ita⸗ liener und Spanier ſtritten, wie ſchon öfters bei ſeinen Lebzeiten, ſo auch jetzt bei ſeinem Leichenbegängniß um den Vorrang. Später wurden Alexander Farneſes irdiſchen Reſte nach Parma gebracht und dort neben jenen ſeiner ihm ſchon früh vorangegangenen Gemahlin beſtattet. Zu Rom, wie in mehren Städten Ita⸗ liens, wurden dem Helden des römiſch⸗katholiſchen Glaubens Exequien gehalten. In der Engelsburg ward ſein Standbild aufgeſtellt.*) Gleich nach Parmas Hintritt eröffnete der Graf von Fu⸗ entes zu Brüſſel im Beiſein des Staatsrathes und des Sekretairs Stephan von Ibarra ſeine Inſtruktionen, *) Mit folgender Inſchrift(bei Meteren): „Quod Alexander Farnesius, Parmae et Placentiae Dux III. magno in imperio res pro republica christiana praeclare gesserit; mortemque obiicrit Romanique nominis gloriam auxerit. S§. y. O. R. Honoris ergo majorum morem seculis multis intermissum revocan- woraus man denn nun deutlich ſehen konnte, daß die Vermu⸗ thung, als ſei derſelbe insgeheim ſchon zum Nachfolger Par⸗ mas in den Niederlanden beſtellt geweſen, durchaus unbe⸗ gründet war. Allerdings hatte Philipp den Todesfall Parma's befürchtet, da die häufigen Krankheitsrückfälle des Letzteren einen üblen Ausgang nicht unwahrſcheinlich machten. Zum Nachfolger in der Generalſtatthalterſchaft über die ſpaniſchen Niederlande wurde, jedoch bloß proviſoriſch, der treuerprobte alte Graf Peter Ernſt von Mansfeld ernannt, obwohl Fuentes und Ibarra auf deſſen Handlungsweiſe großen Einfluß behielten. Mansfeld, wenn auch dem Könige noch ſo aufrichtig er⸗ geben, war jedoch nicht der geeignete Mann für den ſchwierigen Poſten, welchen er antrat. Er beſaß Parmas Mäßigung und Klugheit nicht; er wollte durch ſchroffe Strenge durchgreifen; er begriff die Zeit und die Verhältniſſe keineswegs. Zum Un⸗ glück für die königliche Sache war in den letzten Jahren Parmas die Kriegszucht in dem ſpaniſchen Heere erſchlafft, und(wie we⸗ nigſtens Parmas Feinde behaupteten,) in der finanziellen Verwaltung derſelben die größte Unordnung eingeriſſen; wobei ſich die Kriegszahlmeiſter auf Koſten des Königs unredlich be⸗ reicherten, die Soldaten aber oft darbten und dadurch zur Meu⸗ terei veranlaßt wurden. Parma, ſo hieß es, habe ſich dabei allzunachläßig benommen, und daraus ſeien zum großen Theil die Rückſchritte des Kriegsglückes der königlichen Waffen in der dum censuit, statuamque civi optimo in capitolio ojus virtutis suaeque in illum voluntatis testimonium. Bx S. C. P. Clomentis VII. P. M. auno II. Gabriele Caesarino J. V. C. Jacobo Ruboo Papirco Albeo 6088. Celso Celso. Cap. Reg. Priors. 54 letzteren Zeit zu erklären. Möglich, daß Parma, mißmuthig und melancholiſch, dieſem Theile des Kriegsweſens in ſeinen letzten Lebensjahren nicht die nöthige Aufmerkſamkeit gewidmet, daß er gegen Mißbräuche vielleicht allzu nachſichtig geweſen! Sein Nachfolger, der ſechs und ſiebenzigjährige„Graf von Mansfeld beging jedoch,— und zwar wie es ſcheint vornäm⸗ lich auf das Andringen der beiden Spanier Fuentes und Ibarra im Kriegsrath,— alſogleich einen bei Weiten größeren Fehler. Es wurde nämlich im Kriegsrathe der Beſchluß durch⸗ geſetzt, die Kriegsgefangenen fortan nicht mehr auszuwechſeln, oder gegen Löſegeld freizugeben, ſondern ohne Gnade hinzu⸗ richten, und ferner keine Brandſchatzungen mehr zu ſtipuliren. Durch dieſe letztere Maßregel wurde nun das platte Land der Plünderung und Verwüſtung vollends preisge⸗ geben, und keine Landſchaften litten ſo furchtbar darunter, als gerade die der ſpaniſchen Niederlande,. Bald erhoben ſich auch die Geiſtlichkeit und der Adel in Brabant gegen das betreffende Plakat, welches im Namen Mansfelds ausge⸗ geben worden war. Die ebenſo unmenſchlichen als für die In⸗ tereſſen des Landes ſelbſt unzweckmäßigen und verderblichen Neuerungen mußten abgeſtellt werden, Neuerungen, welche alle Gräuel von Albas Regierung hätten wieder hervorrufen müſſen. Man ſieht: die Sache Philipps war nach dem Tode Par⸗ ma's in üblen Händen; noch ſchlimmer aber war das arme Volk in Belgien daran, welches bis jetzt noch keine andren Früchte ſeiner Wiederunterwerfung geerntet hatte als allgemei⸗ nes Elend, und welches jetzt auch keine Ausſicht vor ſich ſah, wann daſſelbe ein Ende nehmen würde! Zweites Kapitel. Die franzöſiſchen Angelegenheiten verſlochten ſich auch jetzt noch immer in die niederländiſchen. Die fortgeſetzte Theilnahme Philipps II. für die erſteren erhielt die Re⸗ publik der vereinigten Provinzen fortwäͤhrend im Stande, ſo⸗ wohl die errungenen Vortheile, zu behaupten, als auch neue dazu zu gewinnen. König Heinrich IV. hatte die Republit abermals um Hülfstruppen gebeten, welche ihm dieſelben auch bereitwillig zu⸗ geſtand; während anderſeits der junge Graf Karl von Mans⸗ feld, die königlich ſpaniſchen Truppen, welche Parma bei Arras zuſammengezogen hatte, dem Herzog von Mayenne und den Lig uiſten in Frankreich zuführte. Dieſe Gelegenheit glaubten die Staaten nicht verabſäumen zu dürfen, und ſandten deß⸗ halb den Grafen Philipp von Naſſau mit ungefähr 3000 Mann gegen das Herzogthum Luxemburg, um dort einen Einfall zu unternehmen. Er verſuchte 38 vergeblich St. Vit zu über⸗ raſchen; plünderte und verbrannte einige Dörfer in Luxemburg und Limburg, richtete jedoch übrigens ſehr wenig aus, und mußte ſich zurückziehen, als Graf Barlaimont mit königlichen Trup⸗ pen heranrückte. Während dieſer Zeit rückte Karl von Mans⸗ feld ungehindert in die Pikardie, bemächtigte ſich Noyens, Imbercourts und St. Valerys. Philipp II. trat damals mit ſeinem Plan, Frankreichs 56 Krone an ſein Haus zu bringen, offen hervor. Da durch den Tod des Gegenkönigs Karls X.(des Kardinals von Bourbon) der franzöſiſche Thron wieder erledigt war, nämlich im Sinne der damaligen Legitimiſten, ſo hatte der Herzog von Mayenne die Reichsſtände zur Wahl eines neuen rechtgläu⸗ bigen Königs berufen. Bei der Verſammlung derſelben erſchien nun der Herzog von Feria, als Philipps II. Geſandter, und gab ſich, im Auftrag ſeines Monarchen, alle mögliche Mühe, um die Anſprüche der Infantin Iſabella ins Licht zu ſtellen und zu dieſem Ende die Abolition des ſaliſchen Geſetzes zu bewirken. Der fernere Plan Philipps II. beruhte nun dar⸗ auf, daß einer der Erzherzöge von Oeſterreich, Ernſt oder Maximilian, durch eine Vermählung mit der Kronpräten⸗ dentin Iſabella den franzöſiſchen Thron an ſeine Familie bringe; vorzugsweiſe hatte Philipp dabei den Erſteren von jenen Beiden im Auge. Dieſer Plan wollte jedoch den franzö⸗ ſiſchen Reichsſtänden nicht gefallen. Ungeachtet aller politiſch⸗ religiöſer Partheileidenſchaften, durch welche das unglückliche Frankreich nun ſchon ſeit Jahren den traurigſten Bürgerkrieg zu erdulden hatte, war das Nationalgefühl doch noch nicht erloſchen; es regte ſich jetzt ſo mächtig, daß die Intriguen des fremden Herrſchers keinen Anklang finden konnten. HeinrichlV. benutzte klug alle Schwierigkeiten, welche Philipps Plan bei dem franzöſiſchen Nationalgefühl vorfand, zu ſeinem eigenen Vortheil. Viele ſeiner Gegner hatten nicht umhingekonnt, bei näherer Kenntniß der perſönlichen Liebenswürdigkeit Hein⸗ richs IV. deſſen Vorzüge ſchätzen zu lernen, insbeſondere deſſen hohen ritterlichen Sinn, welcher dem franzöſiſchen Nationalcha⸗ rakter ſo ſehr entſpricht und imponirt. Ueberdieß hatte ſich das hitzige Fieber der Anarchie, welches Philipp II. beſonders in Paris durch ſeine Agenten ſo eifrig zu unterhalten gewußt, 57 doch endlich nach dem äußerſten Toben erſchöpfen müſſen. End⸗ lich neigte ſich auch Heinrich IV. dem Rathe zu, welchen man ihm von Seiten ſeiner katholiſchen Freunde her ertheilt hatte, nämlich: durch Abſchwörung der reformirten und Uebertritt zur katholiſchen Religion auch das wich⸗ tigſte Hinderniß fortzuſchaffen, welches ſeiner allgemeinen Anerkennung im Wege ſtand. Er that dies zu St. De⸗ nys am 25. Juli 1593 und ſchickte hierauf eine Geſandtſchaft nach Rom, um von dem Papſte Klewens VIII. die Beſtäti⸗ gung ſeiner Losſprechung zu erwirken. Niemand war über dieſe plötzliche Wendung mehr erbittert als Philipp II., und er bot alles auf, um die Folgen jenes Schrittes Heinrichs 1V. zu paralyſiren. Seine Agenten mußten die ſtreng katholiſche Parthei in Frankreich bearbeiten, daß ſie in dem Uebertritt bloß eine Heuchelei erblickte.*) Philipp richtete jedoch durch ſeine Bemühungen nicht ſehr viel aus. Heinrich WV. ſetzte die Republik der vereinigten Pro⸗ vinzen von dem Schritte, welchen ihm die Politik geboten hatte, in Kenntniß, und obwohl die Staaten begreiflicherweiſe darüber nicht eben ſehr erfreut waren, ſo ſuchten ſie doch zu verhüten, daß die reformirten Prediger über die ganze Sache von den Kanzeln herab beleidigend oder aufreizend ſprachen. Bald ſah ſich das Haupt das liguiſtiſchen Oppoſition, der Herzog von *) Ein eigenhändiges Poſtſeript Philipps II. in dem von uns früher er⸗ wähnten Briefe an Mendoza(bei Capefigue V. Bd. S. 353) ſpricht ſich bereits in dieſem Sinne aus.„Le bruit court que lo Bear- nois auroit l'intention de se convertir! Mais que les catho- liques se tiennent en garde contro cesto pretenduo sincerité! Qu'ils n' admettent point la conversion, sans se con- aulter entre eux, sans demander au pape surtout s'il ne ponse pas que e'est le loup qui veut revestir de la peau de la brebis, pour faire onsuito un carnage plus grand et plus sůr parmy les catholiquos.“ ſſſſ“ 58 Mayenne, durch Mangel an Geld und Truppen genöthigt, mit Heinrich IV. einen Waffenſtillſtand zu ſchließen. Von nun an nahm die Sache des Letzteren einen raſchen Aufſchwung, und zwar vorzugsweiſe dadurch, daß ſeine Perſönlichkeit ſowohl beim Adel als bei der Nation immer populärer wurde. Dieſe Popularität bewog die ärgſten Fanatiker unter der Parthei ſeiner Feinde zu einem ruchloſen Entſchluß; die Religion, deren Namen man in jenem Zeitalter leider ſo oft mißbraucht ſieht, ſollte auch hier wieder den Vorwand zum Meuchelmord abge⸗ ben, und ein gewiſſer Barrisére ließ ſich durch Schwärmerei zu einem Attentat gegen Heinrich IV. bethören, welches jedoch entdeckt und an jenem Menſchen, der ſich zum Werkzeuge fremder Pläne hergegeben hatte, barbariſch beſtraft wurde. Obwohl nun Heinrich 1V. fortan immer feſteren Fuß in ſeinem König⸗ reiche faßte, welches er ſich erſt Schritt für Schritt hatte erobern müſſen, ſo gab doch Philipp II. ſeine Abſichten nicht ſo leicht völlig auf. Zwar erſchöpften ſich ſeine Geldmittel über den fruchtloſen Unternehmungen; aber er faßte dieſe doch von Zeit zu Zeit wieder auf. Da jedoch ſeine Parthei in Frankreich (Paris war deren Centrum) von ſeiner Seite nicht mehr den alten vollen Eifer wahrnahm, ſo ließ auch der ihrige für ihn allmählig ab, was Heinrich IV. auf das Vortrefflichſte be⸗ nützte, um eine allgemeine Verſöhnung zu erwirken, welche ihm die Krone auf dem Haupte erſt ſichern mußte. So lange in⸗ deſſen Philipp II. noch irgendwie thätig war, um Heinrich IV. Abbruch zu thun, ſo lange ſäumten auch die vereinigten freien Provinzen der Niederlande nicht, dem Letzteren durch Geld und Truppen Unterſtützung angedeihen zu laſſen. Doch wir kehren jetzt zu den Kriegsereigniſſen auf nieder⸗ ländiſchem Boden zurück. Hier ſehen wir denn wieder den jungen Feldherrn Moritz an der Spitze, den ſchönen kräftigen 59 Mann mit der freien offnen Stirne, mit dem Ausdruck ernſten Sinnens und freundlichen Wohlwollens, einen Helden, der ſchon durch ſein ſtattliches Aeußere, durch ſein Benehmen imponirte, und ſeine Popularität nicht bloß durch die Erinnerung an„Va⸗ ter Wilhelm“ ſondern auch durch eigenes Verdienſt begründet wiſſen wollte. Mit Unmuth blickte man in Holland immer auf jene wich⸗ tige Grenzfeſtung Gertruidenberg hin, welche durch einen ſo ſchändlichen Verrath in die Hände der königlichen Parthei gefallen war. Mit Sehnſucht erwartete man deren Wiederer⸗ oberung, und nichts konnte mehr als dieſe Moritzens Popularität befeſtigen. Tüchtig hatte man ſich im Laufe des Winters von 1592 auf 1593 dazu vorbereitet, und jene Expedition erforderte auch allerdings beträchtliche Rüſtungen, da Gertruidenberg, wo Dismas van Berge, Herr von Waterdyk kommandirte, durch die Spanier trefflich verſtärkt worden war. Bevor man übrigens zur Belagerung Gertruidenbergs ſchreiten konnte, erhob ſich noch eine andere Schwierigkeit. Die Frieſen, von uralten Zeiten her, als ein eben ſo tapfrer als freiheitslieben⸗ der und hartnäckiger Volksſtamm bekannt und bewährt, drangen in der Verſammlung ihrer Provinzialſtaaten eifrig darauf, daß die Belagerung Gröningens unternommen würde. Und in der That hatten ſie vollen Grund zu wünſchen, daß dieſe wich⸗ tige Stadt den Königlichen entriſſen würde. Denn ſo lange dies nicht der Fall war, hatte das platte Land von denſelben fortwährend Raub und Brand zu erdulden. Es war ihnen deß⸗ halb ſehr unwillkommen, daß man vor allen Dingen die Bela⸗ gerung Gertruidenbergs mit größter Eile betreiben und alle Kräfte der vereinigten Provinzen dafür in Anſpruch nehmen wollte. Der Grund jener Eile aber lag darin, daß man die Schwäche der königlichen Parthei zu benutzen ſuchte, ſo lange 60 ſich Graf Karl von Mansfeld mit den Truppen noch in Frankreich befand. Von jener Meinungsverſchiedenheit nun, die ſich von Seiten der Frieſen auf wohlverſtandene Partikular⸗ intereſſen begründete, kam es zu heftigen Streitigkeiten. Die mannhaften Frieſen, welche ſich zurückgeſetzt wähnten, wollten ihr Kontingent zur Belagerung Gertruidenbergs nicht ſtellen; es fielen harte Worte zwiſchen ihnen und ihrem Statthalter Wilhelm Ludwig. Es war am 27. März 1593, als die Reiterei der Staaten, die zu Breda und Heusden in Garniſon lag, ſich unerwartet vor Gertruidenberyg zeigte und es berannte. Am folgenden Tage erſchien Prinz Moritz ſelbſt davor mit dem Fußvolk; er hatte nicht über 5000 Mann unter ſich und lagerte ſich mit einem Theile der Truppen an der weſtlichen, Graf Hohen⸗ lohe mit dem andern an der öſtlichen Seite der Stadt. Man mußte, wie bereits erwähnt, alles aufzubieten ſuchen, um ſich Gertruidenbergs ſchnell zu bemeiſtern, bevor Karl von Mansfeld aus Frankeich wiederkehrte, um es zu entſetzen. Demgemäß traf nun Moritz mit dem größten Eifer und der trefflichſten Sachkenntniß alle Anſtalten. Hier bewäͤhrte er die Probehältigkeit der Prinzipien, von welchen ſeine Kri egskunſt ausging, hier die Erfolge ſeiner ernſten Studien in derſel⸗ ben und beſonders in der Belagerungskunſt. Nachdem er(am 5. April) die nicht weit von der Stadt entfernte Schanze Steelhoven eingenommen und ſeinen perſönlichen Muth da⸗ bei vorgethan hatte, verſchanzte er ſein Lager, durch die in dieſer Arbeit eingeübten Soldaten ſelbſt,(welche dafür beſonders bezahlt wurden) und zwar auf eine wahrhaft bewunderungs⸗ würdige Weiſe. Ringsum von Wällen und Gräben umgeben, welche letztere durch Schleußen unter Waſſer geſetzt werden konnten und durch vier Feldſchanzen beſtrichen wurden, glich 61 Moritzens Lager ſelbſt einer Reihe von unantaſtbaren kleinen Feſtungen, welche mit einander verbunden und jenſeits des Gra⸗ bens noch durch eine neue Art von Palliſaden gegen Angriffe von außenher geſchützt waren. Außerdem hatte ſich Moritz auch das ganze Terrain ringsum für ſeine Zwecke dienſtbar gemacht. So waren alle Dämme, welche zugleich als Wego durch's Moor⸗ land nach dem Lager führen konnten, durchſtochen und durch Fall⸗ gruben, Fußangeln und dergleichen Anſtalten unbrauchbar gemacht; von der Waſeerſeite her umgaben holländiſche Kriegsſchiffe, in Halbmondsordnung aufgeſtellt, die Stadt, alle Kommunikation verhindernd, während leichte Wachtſchiffe wie flinke Möven bald hierhin bald dorthin ſtreiften. Weit und breit bewunderte man Moritzens Verſchanzungen als ein Meiſterſtück. Aber gewiß ebenſo wichtig war auch die ſtrenge Mannszucht, welche er aufrechthielt, und durch deren Nachwirkung er ſein Heer fort⸗ während vor Mangel an Lebensmitteln ſchützte. Denn alle Bauern vom platten Lande ringsum begaben ſich in das wohl⸗ verſchanzte Lager, wo ſie mit Weib und Kind, fahrender Habe und Vieh vor Plünderung ſicher waren und ihre Heerden ruhig weiden laſſen konnten; ein eigenthümlicher Anblick— dieſe fried⸗ liche Bevölkerung inmitten der Soldaten, dieſes ruhige Einver⸗ nehmen, dieſer redliche Handel und Wandel zwiſchen Nähr⸗ und Wehrſtand! Nachdem nun Moritz das große Werk zu Stande gebracht, ließ er die Laufgräben eröffnen, Breſchbatterien aufführen, Mi⸗ nen graben, kurz: alle direkten Anſtalten zur Belagerung treffen, bei welchen er jedoch ſo wohl durch häufige Ausfälle der Beſatzung als auch durch die naſſe und ſtürmiſche Witterung ſehr unterbrochen wurde. Der Muth der Belagerten wankte indeſſen nicht; zu⸗ verſichtlich erwarteten ſie Entſatz, wie ihnen der alte Graf Mans⸗ feld verheißen hatte. Und in der That beeilte deſſen Sohn 62 Karl, welcher aus Frankreich zurückkehrte, ſeine Ankunft. Un⸗ erwartet ſchnell erſchien ſeine Reiterei vor Turnhout und ſuchte ſich mit den Belagerten zu Gertruidenberg in Kom⸗ munikation zu ſetzen, was jedoch dadurch verhindert wurde, daß Moritz äußerſt wachſam alle Zugänge ſcharf beſetzt hielt. Auch beſiegten die Truppen der Staaten die königliche Reiterei in mehren Scharmützeln, und die Lager Moritzens waren von allen Seiten unangreifbar. Davon überzeugte ſich gar bald Mans⸗ feld ſelbſt, als er mit einer überlegenen Heeresmacht vor den beiden verbundenen Lagern erſchien. Die republikaniſche Be⸗ ſatzung von Breda ſchnitt ihm die Zufuhr ab, während Moritz Lebensmittel die Hülle und Fülle hatte. Mansfeld ſah ſich nun genöthigt, ſeine Lagerplätze öfters zu wechſeln und griff, ſtets gleich erfolglos, ſowohl das Lager Moritzens als das Hohenlohes an. Dieſe peinliche Stellung: den Feind, gegen welchen er herbeigeeilt war, nicht angreifen, der belagerten Stadt das Wort nicht löſen zu können, erfüllte ihn mit tiefem Verdruß, welchen er eines Tages nicht verbergen konnte. Als nämlich Moritz einſt aus einer gewiſſen Gelegenheit einen Trompeter an ihn ſchickte, fragte Mansfeld dieſen:„Warum verſchanzt ſich Euer Herr ſo behutſam, und will nicht hervor⸗ kommen aufs freie Schlachtfeld, um das Glück zu verſuchen?“ „Weil mein Herr gern ein ſo alter Feldherr werden möchte, wie Ew. Durchlaucht,“ gab ihm der Trompeter flink zum Be⸗ ſcheid. Mittlerweile bekam Moritz auch noch einige Kompagnien Franzoſen zur Verſtärkung, während er die Belagerung un⸗ verdroſſen fortſetzte. Am 24. Juni bemächtigte er ſich eines Navelins vor der Stadt und die Beſatzung wurde dadurch plötz⸗ lich von einem ſolchen Schrecken ergriffen, daß ſie dem Prinzen noch am ſelben Tage Gertruidenberg auf ehrenvolle Be⸗ 3, dingungen, die er ihr zugeſtand, übergab. Mit ausdrücklicher Ausnahme der Verräther, welche die Stadt einſt verkauft hatten und von denen man noch drei fand, welche die Verrätherei mit dem Tode büßen mußten, erhielt die Beſatzung freien Ab⸗ zug mit Seitengewehr und Gepäck. Moritzens Bruder, der noch ſehr junge Prinz Heinrich Friedrich, welchem die Staaten von Holland unlängſt ein Regiment von 20 Fähnlein übergeben hatten, wurde hierauf mit dem Oberbefehl über Gertruidenberg betraut. Als Mansfeld die Uebergabe vernahm(und zwar erſt durch die Freudenſalven des ſiegreichen Heeres) befürchtete er, daß ſich Moritz, ſein Glück benützend, raſch nach Herzogen⸗ buſch wenden würde, und ſuchte dies, ſo ſchnell er konnte zu verhindern. Zu dieſem Ende wollte er die Schanze Greve⸗ coeur überfallen, von wo aus die dort beſindliche Beſatzung der Staaten das nahe Herzogenbuſch bedrängen konnte. Doch Moritz kam ihm zuvor; verlegte ihm durch eine raſche und glückliche Wendung den Weg nach Grevecveur und zwang ihn, ſich zurückzuziehen. Mansfeld wich in die Land⸗ ſchaft Kuik. Moritz unterhielt übrigens durch einige Diverſionen die Gegenparthei in der Meinung, als beabſichtige er einen Angriff auf Herzogenbuſch, während er bereits ganz andre Abſich⸗ ten hegte. Er ſandte eine Abtheilung ſeines Heeres nach Fries⸗ land, wo Graf Wilhelm Ludwig und Verdugo gegen einander ſtanden, von welchen der Letztere Koeverden wieder⸗ erobern, der Erſtere Gröningen einnehmen wollte. Beides mißlang. An demſelben Tage, da Gertruidenberg ſich dem Prinzen Moritz ergab, brach Graf Solms auf einem kühnen Streifzug in die Landſchaft Waas ein, gewann dort mehre feſte Plätze, und brandſchatzte das platte Land ringsum. Da zog 64 der alte ritterliche Mondragon von Antwerpen her gegen ihn aus und nöthigte ihn zum Rückzug. Die Wiedereinnahme Gertr uidenbergs bildete das glän⸗ zendſte Reſultat des Feldzuges von 1593 für die Republik. Mehre andre Unternehmungen, wie z. B. eine des Grafen Phi⸗ lipp von Naſſau auf Limburg, des Prinzen Moritz auf Brügge und Mansfelds auf Südbeveland miß⸗ langen. Ein wichtiger Umſtand kam den kriegeriſchen Operationen der Republik zu ſtatten und erleichterte dem geſchickten Mo⸗ ritz die Erfolge dadurch, daß dieſer nicht gleichzeitige Unter⸗ nehmungen der Feinde an anderen Orten zu fürchten brauchte. Dieſer Umſtand war der Verfall der Mannszucht im feindlichen Heere. Schon in Parmas letzten Lebensjahren ſahen wir die wachſende Eiferſucht der Spanier gegen die Italiener, bemerkten wir die Unterſchleife, welche ſich die Kriegszahlmeiſter erlaubten, die üblen Folgen, welche daraus hervorgingen. Die ſchlimmſte des daraus entſtehenden Mangels (an Geld und Proviant) war die Meuterei. In den rhei⸗ niſchen Feſtungen zeigte ſich dieſe letztere am Auffallendſten. So nahm die Beſatzung zu Rheinberg ihren Oberſten ge⸗ fangen, und erwählte ſich einen aus Bevollmächtigten jeder Kompagnie zuſammengeſetzten Rath, welcher die dem Kur⸗ fürſten zuſtehenden Einnahmen und Zölle erhob und davon die Soldaten bezahlte. Die Hälfte der Beſatzung zu Neuß zog, von Noth gezwungen, auf Beute im Freundeslande aus, was zur Folge hatte, daß die Bürgerſchaft die andere Hälfte der Beſatzung aus der Stadt vertrieb. Ein gleicher Geiſt beſeelte die ſpaniſchen Truppen an den franzöſiſchen Gränzenz die italieniſchen und walloniſchen ahmten dies verderbliche 65 Beiſpiel nach und die Landſchaften Hennegau und Lüttich mußten dafür büßen. Philipp II. hatte ſich mittlerweile durch die Reihe ungün⸗ ſtiger Erfolge hinlänglich überzeugen können, daß das provi⸗ ſoriſche Gouvernement in den ſpaniſchen Nieder⸗ landen, mit dem alten Grafen Mansfeld an der Spitze und mit dem überwiegenden Einfluß des Grafen Fuentes, die Hoffnungen keineswegs erfüllte, welche er auf daſſelbe ge⸗ ſetzt hatte. Dies Gouvernement war aus allzuſehr entgegen⸗ geſetzten Elementen zuſammengeſetzt, als daß eine Verſchmelzung derſelben hätte ſtattfinden können; die Mitglieder deſſelben wa⸗ ren untereinander durch perſönliche Motive allzuuneins, wenn ſie auch in ihren Prinzipien ziemlich übereinſtimmten, ſo daß die Eiferſucht jede Wirkſamkeit lähmte, während die ſchroffe Strenge alle Herzen entfremdete. Philipp mußte, da er jetzt nur noch wenig mehr durch Gewalt ausrichten konnte(auch ſtand Albas Beiſpiel wie ein warnendes Geſpenſt da), auf die Wahl eines neuen Generalſtatthalters ſinnen, deſſen Perſönlichkeit den wieder unterworfenen Provinzen angenehm ſei, und der durch ſeine Stellung auch die übrigen zu einer friedlichen Abkunft mit Spanien veranlaſſen konnte. Einen ſolchen Mann glaubte nun Philipp II. in dem Bruder des deutſchen Kaiſers Rudolf, in jenem Erzherzog Ernſt von Oeſterreich ge⸗ funden zu haben, welchen er bereits vorliebig zum Gemahl ſei⸗ ner Tochter, der Infantin Iſabella, für den Fall beſtimmt hatte, daß es ihm gelänge, ſeine Anſprüche an die Krone Frank⸗ reich geltend zu machen. Die Perſönlichkeit Ernſts war angenehm, deſſen Neigung war für den Frieden, deſſen Charakter ſchwach und unbeſtimmt; man konnte ihn ebenſo leicht zum Böſen wie zum Guten be⸗ wegen. Als nun Philipp ſein Augenmerk auf dieſen ſeinen III. 5 66 7 Verwandten inſofern richtete, daß der Letztere den ſchwierigen Poſten eines königlichen Oberſtatthalters in den Niederlanden übernehme, mußten ſich die beſonderen Wünſche des Kaiſers Ru⸗ dolf mit der Aufforderung Philipps vereinigen, um den Erz⸗ herzog zum Entſchluſſe zu vermögen. Das unabweisliche Ge⸗ fühl ſeiner Untauglichkeit hielt Ernſt lange in ſeiner Bedenk⸗ lichkeit und Unentſchloſſenheit. Nachdem ſeine Zweifel nieder⸗ geſchlagen waren, trat er alſobald ſeine neue Würde an. Am 17. Januar 1594 traf Erzherzog Ernſt als neuer General⸗ gouverneur der Niederlande in Luxemburg ein, wo ihn ſein proviſoriſcher Vorgänger, der Graf von Mansfeld, empfing und ihn nach Namür begleitete. Von dort, wo ihm Graf Barlaimont die höchſten Ehren erwies, begab ſich Ernſt unverzüglich nach Brüſſel. Am 30. Januar hielt er daſelbſt in Begleitung des Kurfürſten von Köln, des Markgrafen von Baden und vieler fremder Herren(man gibt deren Anzahl auf nicht weniger als 1500 an) einen prachtvollen Einzug unter dem lauten Jubel des Volkes, welches in ihm wieder einen deutſchen Sprößling des Hauſes Habsburg begrüßte und von ihm die Verwirklichung ſeiner Hoffnungen, ſeiner höchſten Sehnſucht auf Frieden mit Zuverſicht erwartete. Und wahr⸗ lich, wenn dieſes Volk in Belgien, ſo reich an trefflichen Eigen⸗ ſchaften, ſo hingebungsvoll an die Religion der Väter, ſo ſehr berechtigt zum ſchönen poetiſchen Genuſſe des Lebens, wozu es alle Fähigkeiten beſaß, wenn dieſes Volk jetzt noch fürder über⸗ haupt bloß exiſtiren ſollte, ſo bedurfte es endlich des Frie⸗ dens nach ſo vielen Verblutungen. Es konnte einen Krieg gegen die vereinigten nördlichen Provinzen nicht mehr aushalten, der größtentheils bloß aus ſeinen eigenen Mitteln geführt wurde, während es anderſeits durch die Handelsſperre im Verlaufe der Feindſeligkeiten dahingebracht war, daß es wie ein halb ver⸗ 67 hungerter Bettler vor der Schwelle des tafelnden Reichen zu⸗ ſammenſank, die es nicht überſchreiten durfte. Dieſes Verlan⸗ gen des belgiſchen Volkes ſtimmte mit den perſönlichen Neigun⸗ gen des Erzherzogs Ernſt trefflich zuſammen. Kaum war die⸗ ſer in Brüſſel angekommen, als er auch ſogleich Anſtalten traf, um die Friedensverhandlungen, über welche man ſchon kurz vorher manches gehört hatte, ins Werk zu ſetzen. Uebrigens waren gerade die vereinigten Provinzen, auf welche es hiebei vorzugsweiſe ankam, keineswegs dazu ge⸗ neigt. Selbſt beſchränkte Geiſter mußten ſich überzeugen, daß es jetzt, da Philipps Schwäche kein Geheimniß mehr war, da die vereinigten Provinzen anderſeits, durch des Prinzen Moritz meiſterliche Kriegskunſt und Beharrlichkeit, wie durch Oldenbarnevelds Rath unterſtützt, im ſiegreichen Fort⸗ ſchritt begriffen waren,— daß es jetzt Verrath, daß es Thorheit geweſen ſein würde, den Krieg einzuſtellen und dadurch ihrem Gegner Gelegenheit zu geben, ſich zu erholen! In ſolchem Geiſte riethen Moritz und der Staatsrath den Staaten von Holland, und dieſe, damit völlig einverſtanden, bewilligten alſogleich eine Summe von 120,000 Gulden(üb er die ge⸗ wöhnlichen Kriegskoſten) für einen neuen Feldzug; Holland, Seeland, Utrecht und Friesland ſollten die Summe unter ſich repartiren. Außerdem wendeten ſich die General⸗ ſtaaten an die Königin von England, mit der Bitte, ſie möchte die Zahl ihrer Hülfstruppen durch 4000 Mann für 4 Monate verſtärken; worauf jedoch bloß der Beſcheid kam, daß die Staaten auf ihre eigenen Koſten in England 2000 Mann anwerben dürften. Erzherzog Ernſt ſuchte ſeine Friedensvorſchläge bei den vereinigten Provinzen durch zwei Rechtsgelehrte aus Brüſſel Otto Hartius und Hieronymus Coomans einzuleiten, ſ 1 —— 68 welche ſich unter dem Vorwand, die Angelegenheiten des Prinzen von Chimay mit ſeiner von ihm geſchiedenen Gemahlin aus⸗ zugleichen, im Haag befanden. Beide überreichten den Staa⸗ ten ein Schreiben des Erzherzogs(vom 6. Mai), worin er denſelben ſeine angeborne Neigung für das Wohl der Nie⸗ derlande und ſeine Betrübniß über die Unruhen und das dadurch entſtandene Unheil, verbunden mit der Hoffnung, daß es ihm mit Gottes Gnade gelingen würde, den Bürgerkrieg beizulegen, als das hauptſächlichſte Motiv darſtellte, welches ihn zur Ueber⸗ nahme des Gouvernements bewogen habe. Er rief den ver⸗ einigten Provinzen in ſeinem Schreiben ferner jenen glücklichen Zuſtand ins Gedächtniß zurück, deſſen ſich dieſelben unter der Herrſchaft des burgundiſchen und des öſterreichiſchen Hauſes zu erfreuen gehabt. Blos um jenen alten Zuſtand und die wechſelſeitige Eintracht wieder zu begründen, habe Ernſt(wie er betheuerte,) den Hof ſeines kaiſerlichen Bruders Rudolf II. verlaſſen. Er hoffe, auch bei den Provinzen entſprechende Ge⸗ ſinnungen vorzufinden, und bitte ſie, ſich durch die glücklichen Erfolge, welche ſie in der letzten Zeit im Felde errungen, nicht verblenden, nicht über die Zukunft täuſchen zu laſſen, ſondern die Unbeſtändigkeit des Kriegsglückes in Erwägung zu ziehen. Sie ſelbſt möchten anſtändige und billige Bedingungen vorſchla⸗ gen, und dadurch den Beweis liefern, daß es ihnen nicht um die Fortſetzung des Krieges zu thun ſei. Für ſeine Perſon be⸗ theuerte er, daß bei ſeinen Anträgen nicht die mindeſte Hinter⸗ liſt im Spiele ſei, daß er nicht einen trügeriſchen, ſondern wahren und feſten Frieden zu bewirken ſtrebe.“ Vergeblich hatte der kriegeriſchgeſinnte Fuentes dem Erz⸗ herzog von dieſer Annäherung an die Republik abzurathen ge⸗ ſucht und ihm namentlich vorgeſtellt, daß die Staaten den Zuſtand, in welchem ſich der König jetzt befinde, allzu genau 69 kennten, als daß ſie in ſolchen Anerbietungen etwas Anderes denn einen deutlichen Beweis von Schwäche wahrzunehmen vermöchten. Vergeblich hatte Fuentes dem Erzberzog den ſehr richtigen Erfahrungsſatz vorgehalten, daß man nur mit dem Schwert in der Fauſt, und mit dem Sieg auf den Fahnen Friedensvorſchläge machen ſolle, wenn man von denſelben Erfolg wünſche; man ſolle eine glücklichere Zeit abwarten, wann der König den Frieden ſchenken könne und ihn nicht bloß zu empfangen brauche. Sämmtliche Spanier im Nathe hatten dieſe Vorſtellungen des Grafen Fuentes unter⸗ ſtützt; aber die Belgier waren, aus den bereits erwähnten Gründen, lebhaft auf die Seite des Erzherzogs getreten, und jene beiden Rechtsgelehrten, Hartius und Coonmians, unterſtützten die Propoſitionen deſſelben bei den Generalſtaaten durch ein be⸗ ſondres Memoire, welches in Uebereinſtimmung mit dem Inhalt des bereits erwähnten Schreibens alle Motive noch näher ent⸗ wickelte, welche dem erlauchten Hauſe Oeſterreich und dem Erz⸗ herzog Ernſt perſönlich zu Gunſten kamen. Die Staaten der vereinigten Provinzen ließen ſich jedoch nicht ſo leicht überreden. Den zwei Agenten Ernſts war ſchon zu Ende des verfloſſenen Jahres ein zweideutiger Ruf voran⸗ geeilt, auf welchen hin der wachſame Oldenbarneveld ſeine Maßregeln getroffen hatte. Kurz: man hatte in der Republik wenig Luſt, auf die Friedensvorſchläge zu hören, da man wenig, Cum nicht zu ſagen: kein) Vertxauen in die Aufrichtigkeit Philipps ſetzte. Das Mißtrauen der Staaten wurde überdies durch die Entdeckung eines Attentates gegen das Leben des Prinzen Moritz und ſeines Bruders Heinrich Friedrich befeſtigt und gerechtfertigt. Am 12. März 1594 war nämlich ein gewiſſer Michael Renichon, Prieſter aus Namur,(aus Temploux, zwei Meilen von Namur gebürtig und früher Pfarrer in dem eine Meile von Temploux entfernten Boſſière) als Soldat verkleidet, und unter dem falſchen Namen la Rivisre, mit Briefen des Gra⸗ fen Barlaimont an den früheren Kommandanten des Schloſſes zu Breda, dahin gekommen. Sein für einen Soldaten linki⸗ ſches Benehmen, ſowie ſeine Ausſagen,(worin er ſich verwickelte), machten ihn verdächtig. Er wurde deßhalb verhaftet und am 1. April nach dem Haag gebracht, wo man ihn verhörte. Er verſuchte ſich im Gefängniß zu erdroſſeln, was ihm je⸗ doch nicht gelang und nur dazu diente, den Verdacht gegen ihn noch mehr zu verſtärken. Seine Ausſage vor Gericht lautete, daß er auf den Antrieb des Grafen Barlaimont und mit Wiſſen des Erzherzogs Ernſt den Prinzen Moritz und deſſen Bruder Heinrich Friedrich habe aus dem Wege räu⸗ men ſollen; auch gegen Oldenbarneveld, St. Aldegonde und mehre andre Häupter der patriotiſchen Parthei ſeien ſolche Attentate im Werke. Dieſe Entdeckungen waren kurz vor dem Eintreffen der zwei Agenten Hartius und Coomans an den Tag gekommen; und in Bezug darauf betheuerten die Letzteren, daß der Erzher⸗ zog nie an ein ſo ſchändliches Verbrechen auch nur gedacht, ge⸗ ſchweige denn Jemand mit der Ausführung beauftragt hätte. Ja, die beiden Rechtsgelehrten ſprachen im Namen des Erzher⸗ zogs den Wunſch aus: es möchte den Staaten gefallen, den Gefangenen, zur Ermittlung der Wahrheit und zur Ehrenrettung des erlauchten Fürſten, nach Brüſſel oder Antwerpen trans⸗ portiren zu laſſen, damit man den Grafen Barlaimont mit Jenem konfrontiren könne, oder, falls die Staaten Bedenken trü⸗ gen, nach der in ihrem Beſitz befindlichen Stadt Breda, wo⸗ hin ſich dann auch Barlaimont begeben würde, wenn ihm die Staaten ein freies Geleite zuſicherten. 71 Die Generalſtaaten benahmen ſich in der ganzen Ange⸗ legenheit ebenſo freimüthig,(wie es ihnen nach allen Leiden, Kämpfen und Siegen wohl anſtand,) als klug. Sie unterſchie⸗ den ganz genau zwiſchen dem politiſchen Auftrag, welchen die beiden Agenten für den Erzherzog übernommen hatten, und der Rechtfertigung Barlaimonts. In Bezug auf den Erſteren ſprachen ſich die verſammelten Generalſtaaten der ver⸗ einigten Provinzen in einer Erwiederungsſchrift aus, datirt vom 27. Mai 1594 im Haag,*) worin ſie edelſtolz erklärten, daß ſie die Waffen aus Nothwehr ergriffen hätten, um die alten Privilegien, die Freiheit der Gewiſſen, die Sicherheit ihrer Wei⸗ ber und Kinder, ihres Hab⸗ und Gutes gegen die ſpaniſche Tyrannei zu beſchützen und zu vertheidigen, im feſten Vertrauen auf den Allmächtigen, der ſie auch nicht verlaſſen habe, dem ſie allein die Ehre zuſchrieben, von deſſen treuer Hand ſie auch eine gute und ehrenvolle Löſung aller Beſchwerniſſe erwarteten. In dieſem Vertrauen wollten ſie denn auch jetzt die Waffen nicht aus der Hand legen. Sie dankten dem Erzherzog für den guten Willen, welchen er in ſeinem Schreiben an ſie ausſpreche, und Allen denjenigen, welche für die Ruhe, Einigkeit und Wohlfahrt der Niederlande aufrichtig geſinnt ſeien. Aber ebenſo hätten ſie anderſeits auch die trifftigſten Gründe, ſich vor Gott dem All⸗ mächtigen und vor aller Welt über Diejenigen zu beklagen, welche unter dem Vorwand des Friedens noch länger unſchul⸗ diges Chriſtenblut zu vergießen, und das Verderben der Nieder⸗ lande zu fördern ſtrebten, worauf der ſpaniſche Rath mehr als jemals hinarbeite und wozu er ſich der grauſamſten Proceduren bediene, die man ſich nur denken könne. Nun führten die Ge⸗ neralſtaaten(in der erwähnten Erwiederungsſchrift) in hiſtoriſcher *) Bor XXXI. Buch f. 20 seqd. Folge alle Unbilden an, welche bie Niederlande von Spanien erlitten und zwar„für eine ſo herrliche Sache als die Erhaltung des Vaterlandes gegen ausländiſche Tyrannei.“ Sie führten die Fruchtloſigkeit aller Friedensverhandlungen an, in welche man ſich in früheren Zeiten eingelaſſen hatte; ſie zeigten nach, wie wenig aufrichtig Spanien ſich immer benommen, wie arg⸗ liſtig ſich deſſen Politik immer herausgeſtellt, um das Vertrauen der Niederlande zu täuſchen; alle dieſe Anſchuldigungen waren durch hiſtoriſche Fakten belegt. Hieran reichten ſich nun Gerüchte, welche damals im Schwange waren; die Staaten wüßten, daß dem Doktor Lopez, dem Arzt der Königin von England, unlängſt durch die Spanier Fuentes und Ibarra ein Sün⸗ denlohn von 50,000 Kronen angeboten worden ſei, um jene Monarchin durch Gift aus dem Wege zu räumen, daß ferner auf denſelben Antrieb Emmanuel Andrada den König von Frankreich durch einen Roſenſtrauß habe vergiften ſollen, in welchem die Blumen mit einem Pulverſtaub beſtreut geweſen, deſſen feine Theilchen, beim Riechen eingeſogen, den Tod hätten verurſachen müſſen. Man wolle einſtweilen von den noch zu ermittelnden Reſultaten der wider Renichon eingeleiteten Unterſuchung abſehen. Aus allem Dieſem könnte der Erzherzog abnehmen, durch welche Leute und welche Mittel die braven Be⸗ wohner der Niederlande betrogen würden. Der hierin ausge⸗ drückte Argwohn gegen die ſpaniſchen Mitglieder des Rathes wurde nun noch weitläufiger dargethan, und man folgerte zu⸗ gleich, wie ſehr man gegen den ſpaniſchen Hof und deſſen In⸗ triguen auf der Hut ſein, wie ſehr man ſich deßhalb jeder Kommunikation in Betreff des Friedens enthalten müſſe. Denn, wenn man auch glaube, daß der Erzherzog den Meu⸗ chelmord und alle feindlichen Attentate überhaupt mißbillige, ſo müſſe man doch auch bedenken, daß derſelbe immerhin von 73 dem König, deſſen Perfidie man nun kenne, ſeine Beſtal⸗ lung und Autoriſation erhalten habe. Deßhalb wollten denn die Generalſtaaten fortwährend ihre Sache, ſowie die der übrigen Niederlande lediglich der Vaterhand Gottes an⸗ heimſtellen.*)— So viel über die Einladung des Erzherzogs zu Friedensverhandlungen. Was nun die ſpezielle Beſchuldigung Barlaimonts und alles, was damit zuſammenhing, betraf, ſo gingen die General⸗ ſtaaten nur inſofern auf das Anſuchen des Grafen ein, daß ſie ihm Päſſe ertheilen wollten, wenn er ſich anheiſchig machen würde,„ſich der Gerichtsbarkeit der Staaten zu unterwerfen.“ Da nun die beiden Agenten erklärten, daß ſie über dieſen Punkt keine Inſtruktion hätten, ſo ließ man dieſe Angelegenheit fallen und beeilte ſich, Renichons Prozeß zu Ende zu bringen. Aus den Prozeßakten ging Barlaimonts Mitſchuld ziemlich deutlich hervor und wohl läßt ſich auch kaum die Mitwiſſenſchaft des Erzherzogs läugnen.**) Barlaimont hatte den geweſenen Pfarrer von Boſſière bei deſſen Aufenthalt in Namur zu ſich kommen laſſen, ihm vorgeſtellt, auf welche Weiſe er ſeine üble Lage verbeſſern, und ſeinen Eifer für die Intereſſen des Königs an den Tag legen könne; Barlaimont hatte ihn ferner nach Brüſſel beſchieden, dort eines Tages an den Hof gebracht, und zwar in ein Kabinet, neben welchem ſich der Erzherzog befand, ſo daß Renichon den Letzteren in dem Moment ſehen konnte, als dieſer die Thüre öffnete. Barlaimont begab ſich zu dem Erz⸗ herzog, beide ſprachen lateiniſch, wie Renichon belauſchen konnte, und als Barlaimont ſich vom Erzherzog beurlaubte, ſagte ihm *) Chzegen die Schrift der Staaten erſchien bald eine ausführliche Wider⸗ legung in Brabant.(Bor XXXI. B. f. 32 soqd.) *⁴*) Vergl. Dowez histoire générale de la Belgiquo.(Bruxoelles 1828) t. VI. p. 257 sedq. 74 dieſer beim Abſchied die Worte:„cumulate et largo foenore satisfaciamn!“ Dieſe Scene begründet den Hauptpunkt der Be⸗ ſchuldigung gegen Ernſt. Barlaimont nahm nach derſelben weitere Abſprache mit Renichon, ſagte ihm, daß er den Erzher⸗ zog von der Angelegenheit unterrichtet habe, und daß dieſer dem Pfarrer zweihundert Philippsthaler ausbezahlen laſſen wolle. Noch am Abend deſſelben Tages unterhielt ſich Barlaimont nach dem Nachteſſen ohne Zeugen mit Renichon(alles dies nach deſſen gerichtlicher Ausſage) und eröffnete demſelben, daß ihn der Erz⸗ herzog beauftragt habe, den Prinzen Moritz aus dem Wege zu ſchaffen, daß ſchon mehre Leute damit beauftragt ſeien, daß man jedoch ihm(Renichon) die Vorhand bei dieſem Handel laſſen wolle, welcher gut bezahlt werden ſollte. Renichon betheuerte nun vor Gericht, daß er ſich anfänglich geweigert habe, aus dem Grunde, weil eine ſolche That für ſeinen Stand nicht paſſe, und er im Gebrauch der Waffen ungeübt ſei; endlich aber habe er ſich dazu entſchloſſen, und die nöthigen Verhaltungsmaß⸗ regeln empfangen, wozu die Veränderung ſeines Namens und Standes gehörte. Am 3. Juni erfolgte das Urtheil über Re⸗ nichon durch den von den Generalſtaaten dazu niedergeſetzten Gerichtshof; er ſollte enthauptet und geviertheilt werden. Noch an demſelben Tage wurde das Urtheil vollzogen. Renichon bezeigte(nach ber Verſicherung der niederländiſchen Schriftſteller) lebhafte Reue und erlitt den Tod mit großer Standhaftigkeit. — Am 17. November deſſelben Jahres wurde zu Bergen⸗op⸗ Zoom ein Soldat, Namens Peter Düfour, hingerichtet, welcher, ſeiner Ausſage nach, auf Anſtiften de la Motte's, Aſſonville's, und wie wenigſtens Düfour glaubte, des Erzherzogs, gleichfalls den Prinzen Moritz ermorden wollte. Wie Meteren verſichert, ſo hatten die Richter den Düfour ernſtlich ermahnt, er möchte ſich ja in Acht nehmen, eine ſo hochgeſtellte Perſon wie den Erzherzog nicht auf bloße unbegrün⸗ dete Vermuthungen hin in den Verdacht der Theilnahme an einem Verbrechen zu bringen. Doch Düfour verſicherte: La Motte habe ihn in das Kabinet des Erzherzogs gebracht, und dieſer ihm eine anſehnliche Belohnung verſprochen, wenn er ſeinen Plan ausführe. Später habe ſich der Erzherzog zu Bette be⸗ geben und während der Verhandlungen Düfours mit den Rä⸗ then ſei die ganze Sache ſchriftlich aufgenommen worden; ja ein Rath habe ihn an das Bette des Erzherzogs geführt und dieſer ihm geſagt:„Facette quel che m'avete promesso; amassate quel tyranno,“ worauf Düfour geantwortet: Jo lo faro.“— Wir haben dieſe Fakten ausführlich wiedererzählt, und dürfen wenigſtens das als gewiß annehmen, daß die all⸗ gemeine Vormeinung ſich entſchieden gegen den Erzherzog ausſprach und daß eben dieſe Stimmung der öffentlichen Mei⸗ nung weſentlich dazu beitrug, den von demſelben ausgehenden Friedensvorſchlägen kein Gehör zu geben, ſondern den Offenſiv⸗Krieg mit allem Nachdruck fortzuſetzen. Uebrigens hatte ſich bereits im Winter von 1593 auf 1594 in den Nie⸗ derlanden zugleich mit dem Gerücht, daß der Erzherzog Voll⸗ macht habe, einen Frieden unter den günſtigſten Bedingungen abzuſchließen, auch das andre verbreitet, daß er, wenn ſeine desfallſigen Bemühungen fruchtlos ſeien, Befehl habe, den Krieg um jeden Preis bis zur Entſcheidung durchzuführen. Dies Gerücht allein war bei der damaligen Stimmung der Nation, deren Begeiſterung und Muth durch die jüngſten Erfolge in Athem erhalten wurden, von vorneherein, ſchon bevor noch Ernſt die Niederlande betrat, hinreichend geweſen, um den Entſchluß außer Zweifel zu ſetzen, den man faſſen würde. Das Verhältniß der Generalſtaaten und der Naſ⸗ ſauer insbeſondere zu Friesland mußte dieſen Entſchluß noch befeſtigen und ihm eine beſtimmte Richtung geben. Nach allen Vorfällen, welche vorausgegangen, war man es den wackren Frieſen ſchuldig, ihre längſt gehegten und energiſch genug ausgeſprochenen Wünſche in Bezug auf die Eroberung der Stadt Gröningen endlich zu erfüllen. Alle Entſchuldigungs⸗ gründe zur Hinausſchiebung dieſer Operation, welche man den Frieſen bisher hatte entgegnen können, waren nun weggefallen, und das Intereſſe fämmtlicher Provinzen, welche zur Utrech⸗ ter Union gehörten, verlangte, daß man dieſer letzteren durch Eroberung der wichtigen Stadt Gröningen nunmehr den Schlußſtein einſetze. Erſt dann, wenn auch ſie mit den übrigen Mitgliedern der Utrechter Union vereinigt war, erſt dann konnte man dieſe als vollkommen abgeſchloſſen und befeſtigt betrachten. Denn erſt dann war der königlichen Parthei jede Möglichkeit abgeſchnitten, ſich im Norden zu halten; dann war ihr der Mittelpunkt entriſſen, von welchem aus ſie die Land⸗ ſchaften beunruhigen, die Streitmaſſen der Republik beſchäftigen, und dadurch für Angriffspläne nach Süden hin untauglich machen konnte. Der einſichtsvolle Graf Wilhelm Ludwig hatte dies alles, ſelbſt bei ſeinen Streitigkeiten mit den Frieſen im verfloſſenen Jahre, richtig gefühlt und auch das Seinige redlich verſucht. Doch dem jungen Helden der Republik, dem Prinzen Moritz war es vorbehalten, die ſehnlichſten Wünſche der Frieſen zu erfüllen, welche jene Stelle ihres uralten Land⸗ rechts noch nicht vergeſſen hatten:„Die Frieſen ſollen frei ſein, ſo lange die Winde aus den Wolken wehen und ſo lange die Welt ſteht;“ ihm war es vor⸗ behalten, dem Gebäude der Republik den Kranz aufzuſetzen. Schon im Beginne des neuen Jahres 1594 hatte Moritz die Feindſeligkeiten erneuert. Im Februar hatte er einen Verſuch gemacht, Herzogenbuſch durch einen Ueberfall der könig⸗ lichen Parthei zu entreißen. Es fehlte nicht viel, ſo wäre ihm die Unternehmung geglückt. Schon waren mehre kühne Solda⸗ ten in der Nacht des 28. Februars über das äußerſte Thor ge⸗ ſtiegen, ſchon klimmten ſie auch die innre Mauer hinan; da rollte plötzlich ein Stein aus derſelben herab; das Geräuſch machte die Schildwache aufmerkſam; die Beſatzung griff zu den Waffen und den Angreifenden blieb nichts übrig, als ſich, ſo ſchnell ſie konnten, zurückzuziehen. Im folgenden Monat ſuchte Moritz Maaſtricht auf ähnliche Weiſe zu überwältigen. Er ſtand mit einem Edlen, dem Herrn de Peche, im guten Ein⸗ vernehmen, welcher in der Nähe jener Stadt wohnte und die Spanier tödtlich haßte. Dieſer de Peche ſollte die Unterneh⸗ mung leiten, und, wenn ſie glückte, die Oberbefehlshaberſtelle in Maaſtricht erhalten; Moritz führte ihm zu dieſem Zwecke eine kleine Truppenabtheilung zu, und 300 Pikeniere, ſowie ebenſo⸗ viel Musketiere, wurden zu dem Wagſtück auserſehen. Die erſteren mußten die Schäfte ihrer Piken, um ſie leichter hand⸗ haben zu können, abſchneiden, und warfen die Stummel unvor⸗ ſichtigerweiſe ins Waſſer. Nachdem ſie ſich nun beim Dorfe Petersheim eingeſchifft hatten, um, wie ihre Inſtruktion lautete, bei Wyk zu landen, begegneten mehre Fiſcher, welche die Stummel im Waſſer treiben geſehen und aufgefangen hat⸗ ten, jenen Schiffen, in welchen die Soldaten verborgen waren. Die Matroſen der Letzteren fragten die Erſteren, als ſie ihnen begegneten:„Was Neues?“ Die Fiſcher drauf:„Die Geuſen ſind in der Nähe; da ſeht!“ und wieſen ihnen die Stummel der Schäfte. Da erſchracken die verborgenen Hauptleute, wähnend, der ganze Anſchlag ſei verrathen worden, ließen die Schiffe um⸗ wenden und ſtiegen an's Land. Vergeblich hatte Moritz mit ſeinem Vetter, dem Grafen Philipp auf die verabredeten Sig⸗ nale gewartet, als er plötzlich die Soldaten, welche das Un⸗ ternehmen beginnen ſollten, zurückkommen, und daſſelbe ſomit vereitelt ſah. Inzwiſchen hatten auch die Königlichen Verſuche gemacht, ſich der Inſel Tholen und der Feſtung Bergen⸗op⸗Zoom, welche ſich im Beſitz der Gegenparthei befanden, durch geheimes Einverſtändniß und Ueberfall zu bemächtigen. Doch auch ſie waren nicht glücklicher als Prinz Moritz. Man fing Briefe auf, welche die Verrätherei entdeckten, und die Anſchläge wurden vereitelt.. In Friesland belagerte Verdugo die Feſtung Koe⸗ verden, und Friesland wurde der Hauptſchauplatz des Krieges. Moritz nahm mit ſeinem Heere von Maaſtricht aus ſeinen Zug dahin und vereinigte ſich mit dem Grafen Wilhelm Ludwig. Als Verdugo, der noch vor Koeverden lag, die Ankunft des Prinzen vernahm, ſtellte er ſein Heer raſch in Schlachtordnung, mehr, um dem Feinde dadurch zu imponiren, als um demſelben die Schlacht zu bieten, wozu er ſich viel zu ſchwach fühlte. Dieſe ſeine geheime Abſicht kam bald an den Tag. Denn, während ſich Moritz noch berieth, ob er ſich in die Feſtung werfen oder den Feind in deſſen Verſchanzungen angrei⸗ fen ſollte, nahm Verdugo in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai in aller Stille ſeinen Rückzug von Koeverden nach Oldenzeel. Da er vom Erzherzog Ernſt kein Geld erhielt, um ſeinen Truppen den Sold zu bezahlen, ſo entſchloß er ſich kurz, und erlaubte ihnen, ſich auf deutſchem Boden durch Streifzüge ſchadlos zu halten. Hierauf ſchickte er einen Theil derſelben über die Ems nach Lingen, wo ſich ſpaniſche Be⸗ ſatzung befand, den Reſt nach Gröningen, um die Beſatzung dieſer wichtigen Stadt zu verſtärken, und zu gleicher Zeit auch die dortige Bürgerſchaft beſſer im Zaum halten zu können, was auch in der That nöthig war, da unter derſelben Zwietracht 79 herrſchte, und eine nicht geringe Zahl der Bewohner, welche zur Parthei der Staaten hielt, auf die Ankunft des Prinzen Moritz, wie auf die ihres Erlöſers harrte. Kaum hatte nun Moritz bei Anbruch des Tages geſehen, daß Verdugo die Belagerung Koeverdens aufgegeben hatte; ſo entſchloß ſich der treffliche junge Feldherr, ungeachtet aller entgegengeſetzten Meinungen, welche im Kriegsrathe laut wurden, die günſtige Gelegenheit zu einem Angriff auf Grö⸗ ningen ſo raſch als möglich zu benützen, wobei ihm ſowohl Graf Wilhelm Ludwig als die Mitglieder des Staats⸗ rathes vollkommen zuſtimmten. Er ließ deßhalb das Ge⸗ ſchütz auf der Yſſel einſchiffen, und durch den Zuiderſee, die Wadden und das Reitdiep vor Gröningen ſchaffen. Er ſelbſt brach mit dem Grafen Wilhelm Ludwig und dem ganzen Heere am 19. Mai auf, und erſchien bereits am 3. Tage vor jener Stadt, an deren Südſeite. Eben dort war dieſelbe durch Thürme und Außenwerke aufs Trefflichſte geſchützt. Ue⸗ berhaupt befand ſie ſich durchaus im Stande, ſich gegen den Feind zu halten; ſie beſaß eine gute Zahl von Geſchützen; ſie war mit Kriegsbedarf reichlich verſehen; die Bürgerſchaft, in den Waffen eingeübt, verſtärkte die Beſatzung, und außerdem hatte ſie nicht blos Verdugos ganze Heeresmacht zum Entſatze zu erwarten, ſondern auch bereits fünf Kompagnien derſelben dicht vor den Augen, am Schuitendiep, wo ſich die letzeren ver⸗ ſchanzt hatten. Moritz hatte, dem Nath des Frieſen Veit van Kam⸗ minga entgegen,(welcher der Meinung geweſen war, man könne ſich Gröningens durch einen raſchen Angriff bemäch⸗ tigen) beſchloſſen, eine förmliche Belagerung gegen dieſe Stadt zu eröffnen. Dieſer klare Kopf, an dem ſich wie an wenigen großen Feldherrn zeigte, wie das Glück nicht bloß der 80 Eingebung des Augenblickes dienſtbar iſt, ſondern der wiſſen⸗ ſchaftlichen Berechnung, wollte ebenſowenig den Erfolg eines Unternehmens, von welchem ſo Vieles abhing, als ſeinen Ruhm leichtfertig aufs Spiel ſetzen. Wenn das Glück ihm half, — gut, es war ihm willkommen; doch er wollte wenigſtens alle Anſtalten treffen, daß es ihm nicht entrinnen könne. In dieſem Geiſte handelte er denn auch und zwar raſch. Sein Heer befand ſich denn, wie geſagt, auf der Südſeite der Stadt. Moritz ließ es auf einer trockenen Hochfläche Lager ſchlagen, welche von den zwei Gewäſſern umgeben war, dem Hoornſchen Diep und dem Schuitendiep; beide kommen aus dem Moorgrunde Drenthe's, laufen durch die Stadt, und verbinden ſich durch das Reitdiep mit den Wadden. Trefflich benützte Moritz dies Ter⸗ rain. Durch Aufdämmen ſetzte er die Niederungen unter Waſ⸗ ſer; ſodann ließ er Kanäle nach verſchiedenen Schanzen in der Umgegend der Stadt leiten, um das Geſchütz zur Eroberung derſelben leichter hintransportiren zu können. Einige dieſer Schanzen waren bereits verlaſſen; andere wurden mit leichter Mühe eingenommen; am ſtandhafteſten aber wurde die von Auwerderzyl, welche dadurch beſonders wichtig war, daß von derſelben aus die für die Belagerer beſtimmten Proviant⸗ ſchiffe aus Friesland aufgehalten werden konnten, durch den Hauptmann Wolfhart Pren ger mit nur ungefähr 120 Mann vertheidigt. Als ihn Graf Wilhelm Ludwig zur Uebergabe aufforderte, erwiederte Prenger:„ich würde ſchlechte Ehre davon haben, den Platz zu übergeben, ohne Geſchütz vor demſelben geſehen zu haben.“ Nun ließ Graf Wilhelm Ludwig vor der Schanze 8 Geſchütze aufpflanzen, forderte jedoch(am 30. Mai) den Hauptmann Prenger nochmals zur Uebergabe auf, indem er ihn darauf aufmerkſam machte, daß er keinen Entſatz zu hoffen hätte, indem diejenigen, von denen er einen ſolchen erwarte, 81 ſelbſt in Bedrängniß wären.„Nun gut“ ließ ihm der kühne Prenger zur Antwort ſagen,„ſo will ich's wagen wie ein funf⸗ zehnjähriges Mädchen.“ Da ſtürmte denn Graf Wilhelm Lud⸗ wig am letzten Mai die Schanze und nach einem mörderiſchen Feuer wurde ſie erobert. Der tapfre Prenger ſtarb den Hel⸗ dentod; die Sieger ſchickten ſeine und ſeines Lieutenants Leiche nach Gröningen hinein. Durch die Eroberung der Schanze von Auwerderzyl hatte nun Prinz Moritz die Zufuhr aus Friesland für ſein Heer frei. Uebrigens wurden die Belagerungsanſtalten durch anhalten⸗ des Regenwetter und durch Ausfälle der Beſatzung etwas aufgehalten; doch Moritz ermüdete nicht und brachte es dahin, daß in der Nacht vom 3. Juni die Batterien gegen das Oſter⸗ und das Herrenthor vollendet waren. Da aber Moritz die⸗ ſelben noch für zu ſchwach hielt, ſo ließ er das Feuern noch nicht beginnen; er vernahm indeſſen durch einen aus der Stadt entſprungenen Jungen Nachrichten aus derſelben. Als am 5. Juni der Tag graute, ließ nun Moritz ein heftiges Feuer gegen Gröningen richten, welches ungemeinen Schaden hervorbrachte, aber von den Belagerten ebenſo eifrig erwiedert wurde. Mo⸗ ritz ſetzte die Belagerung mit dem größten Nachdruck fort, ließ aber die Gröninger gegen Ende des Juni zur Uebergabe auf⸗ fordern. Er bekam eine ſtolze Erwiederung; denn man machte ſich neue Hoffnungen, da man zugleich auch Bevollmächtigte nach Brüſſel mit der Bitte ſchickte, die Stadt zu entſetzen, oder ihr zu erlauben, daß ſie ſich dem Herzog von Braunſchweig unter⸗ werfen dürfis, was die Meinung einer Parthei in der Bürger⸗ ſchaft war. Dieſe letztere Auskunft wurde jedoch den Belagerten von Seiten der Regierung rundweg abgeſchlagen; die Hoffnung auf einen Entſatz blieb immerhin möglich aber zweifelhaft. Nach⸗ dem nun die Unterhandlungen zwiſchen Moritz und den Bela⸗ III. 6 82 gerten wieder abgebrochen worden waren, begann das Bombar⸗ dement Gröningens aufs Neue und heftiger als zuvor. Die Feuerkugeln zündeten an verſchiedenen Orten der Stadt und der Brand verſetzte die Einwohner in die äußerſte Beſtürzung. Die augenſcheinliche Gefahr ſteigerte die Zwietracht, welche bei der Bürgerſchaft herrſchte. An der Spitze der ſpaniſchgeſinnten Parthei, zu welcher faſt alle Katholiken gehörten, und welche durch die Jeſuiten fanatiſirt wurde, ſtand der Bürgermeiſter Jarges. Dieſer wußte den Pöbel für die Intereſſen ſeiner Parthei zu enthuſiasmiren und es dahinzubringen, daß man ſchwur, dem König bis in den Tod getren zu bleiben. Geringer an der Zahl war die proteſtantiſch⸗republikaniſche Parthei, un⸗ ter welcher Moritz viele Anhänger hatte, die mit ihm im gehei⸗ men Einvernehmen ſtanden. Die königlich⸗katholiſche Parthei behauptete noch immer die Oberhand und Jarges bewirkte es, daß jene fünf Kompagnien der königlichen Truppen, die bis da⸗ hin am Schuitendiep gelegen, in die Stadt kamen. Darüber brach nun die Zwietracht zum Tumult aus, da die Gegenpar⸗ thei aufs Aeußerſte gereizt war. Moritz betrieb um ſo eifri⸗ ger alle ſeine Anſtalten fort, um die Stadt zu überwältigen. Er ließ unter das Ravelin vor dem Oſterthor(ein Ueberbleibſel der einſt von Alba angelegten Citadelle) eine Mine graben. Als er dies Werk beſichtigte, kam er in Lebensgefahr. Am 15. Juli wurde des Ravelin vermittelſt der Mine in die Luft geſprengt, wobei eine Menge Menſchen das Leben verloren; Graf Philipp von Naſſau nahm hierauf alſogleich das Rave⸗ lin mit einer Anzahl ſchottiſcher Soldaten in Beſitz. Nun hiel⸗ ten die Belagerer Gröningen ſchon für ſo gut als gewonnen und ungeſtüm wünſchten die Truppen der Republik, man ſollte ihnen die feindliche Stadt, deren trotziger Widerſtand ſie erbit⸗ tert hatte, zur Erſtürmung und Plünderung überlaſſen. Doch Moritz und der Staatsrath waren einer entgegengeſetzten Meinung. Gröningen durfte, wenn man es gewann, durch ſo gewaltſame Maßregeln der gemeinſamen Sache nicht ent⸗ fremdet werden, während man durch weiſe Schonung auch die bisherige Gegenparthei in derſelben zu aufrichtiger Verſöhnung zu bewegen hoffen konnte. Als daher am 16. Juli Nachmittags um 5 Uhr Jan ten Boer aus der Stadt ins feindliche La⸗ ger kam und dem Prinzen, ſowie dem Grafen Wilhelm Ludwig, im Beiſein des Rathes, eröffnete, daß ſich Ma⸗ giſtrat, Bürgerſchaft, Geiſtlichkeit und Beſatzung von Gröningen zu Unterhandlungen entſchloſſen hätten, nahm Moritz Rückſicht darauf. Am 20. Juli wurde ein Waffenſtillſtand geſchloſſen und alſobald begannen die Unterhandlungen in Betreff der Ue⸗ bergabe Gröningens. Am 22. Juli kam dieſe endlich zu Stande und zwar unter folgenden Bedingungen. Alle Beleidigungen und dergleichen, die ſowohl vor als während der Belagerung, auf was immer für eine Weiſe vorgefallen, wurden völlig ver⸗ geben und vergeſſen. Die Stadt Gröningen unterwarf ſich der Utrechter Union, und bildete in derſelben fortan ein Glied der Republik; ſee verpflichtete ſich, mit den übrigen vereinigten Provinzen Bündniß und Freundſchaſt zu halten, dieſelben jederzeit und unter allen Umſtänden zu un⸗ terſtützen, um die Spanier ſowie die Spaniſchgeſinnten zu ver⸗ treiben, welche wider alles Recht und alle Billigkeit die Be⸗ wohner der Provinzen zu unterdrücken verſuchten. Die Stadt Gröningen ſollte alle Rechte, Freiheiten und Privilegien, welche ſie bisher beſeſſen, unverſehrt und unverkürzt fort und fort be⸗ halten und ebenſo ſollte ſie auch nicht durch Ankegung einer Ci⸗ tadelle beſchwert werden. Graf Wilhelm Ludwig ven Naſ⸗ ſau ſollte als Statthalter über die Stadt Grön ingen und die Umlande anerkannt und angenommen wer den, und 84 in die erſtere eine Beſatzung von 5 bis 6 Fahnen Fußvolks legen, zu dem Zwecke, daß innere Spaltungen und Unruhen verhütet werden könnten. In Bezug auf das künftige Verhältniß des Antheils der Stadt und der Umlande beim Stimmen in der Generalſtaatenverſammlung, ſollten ſich Beide nach jener Ordnung fügen, welche die Generalſtagten feſtſetzen würden. In Bezug auf den Gottesdienſt ſollte fortan bloß der reformirte Kultus das Recht öffentlicher Uebung genießen, jedoch unbeſchadet der Gewiſſensfreiheit, und zwar ſo, daß keine Glaubensunterſuchung ſtatt finden dürfe. Uebrigens ſollten die Klöſter und die geiſtlichen Güter bis zu näherer Verfügung der Generalſtaaten in ihrem gegenwärtigen Zuſtand belaſſen werden. Was die ſtädtiſche Regierung betraf, ſo ſollten Magiſtrat und geſchworne Gemeinde für jetzt durch den Prinzen Moritz und den Grafen Wilhelm Ludwig mit Advis des Staatsrathes organiſirt werden; für die Folge jedoch ſollte in dieſer Angelegenheit der alte Rechtsbrauch wieder in Kraft treten, wiewohl mit der Veränderung, daß Graf Wilhelm Ludwig als Statthalter aus den vierundzwanzig Geſchworenen fünf auszuwählen hätte, die alsdann zur Erwählung des Magiſtrats nach alter Gewohnheit ſchreiten ſollten. Bürgerſchaft und Magiſtrat von Gröningen haben den Ge⸗ neralſtaaten den Eid der Treue zu leiſten und die königlichen Trup⸗ pen die Stadt zu räumen. Die Stadt und die Umlande ſollten gleichmäßig nach den verhältnißmäßigen Quoten zu den La⸗ ſten der gemeinſamen Sache beitragen. Alle Ausgewichenen aus Stadt und Umlanden oder ihre Rechtsnachfolger ſollten in den Beſitz ihrer Güter reſtituirt werden. Jeder Bürger oder Be⸗ wohner von Gröningen, Geiſtlicher oder Laie, ſollte das Recht haben, nach ſeinem Belieben in der Stadt zu bleiben oder ſie zu verlaſſen, und alle im Verlauf der Belagerung gefangen ge⸗ 85 nommenen Bürger ſollten gegen Nanzion freigegeben werden. Dies war im Weſentlichen der Inhalt der Bedingungen, auf welche ſich die Stadt Gröningen dem Prinzen Moritz für die Republik übergab. Wir haben dieſelben ausführlicher mitgetheilt, weil ſich die wichtigſten auf das Verhältniß zu den durch die Utrechter Union verbundenen Provinzen beziehen, und weil die Stadt Gröningen in Folge dieſer Kapitulation nunmehr mit der Republik der vereinigten Provinzen ein Ganzes aus⸗ machte, wodurch die Union von jetzt an für immer vollkommen hergeſtellt war. Die Geſchichte des Auf⸗ ſtandes hat ſomit durch die Eroberung Gröningens einen be⸗ deutungsvollen Wendepunkt erreicht, die Einwickelung der neuen Staatsform einen wichtigen Abſchluß. Am 24. Juli zog der Oberſt⸗Lieutenant Georg Laukema mit ungefähr 500 Mann aus Gröningen ab und wurde bis nach Oldenzeel geleitet, wo ſich Verdugo befand. Von dort zogen die Truppen über den Rhein. An demſelben Tage zogen Prinz Moritz und Graf Wilhelm Ludwig mit ihrem Heere in die Stadt, wurden von dem Maziſtrat auf dem Marktplatze bewillkommt und begaben ſich, nachdem ſie die Stadt beſehen hatten, in's Lager zurück. Man fand in Gröningen einen an⸗ ſehnlichen Vorrath von Geſchützen, welcher ſowie jener von Kriegsbedürfniſſen und Lebensmitteln zum Geſammteigenthum der Republik erklärt wurde. Am 26. Juli wurde der refor⸗ mirte Kultus eingeführt; am 2. Auguſt die ſtädtiſche Regierung verändert und am 3. die Bürgerſchaft in neuen Eid genommen. Moritz reiſte einige Tage ſpäter nach Friesland, wo er in allen Städten, die er paſſirte, mit Ehrenbezeugungen und Glückwünſchen empfangen wurde, nach Holland, wo die Ein⸗ nahme Gröningens eine eben ſo große Freude erregte, als Be⸗ ſtürzung bei den Feinden, da dieſe beſorgten, daß Moritz ſeinen 86 Sieg raſch verfolgen möchte. Dies unterblieb jedoch, und zwar aus dem Grunde, weil die Generalſtaaten einerſeits die Nothwendigkeit einſahen, die Stadt Gröningen, in welcher die Gegenpartbei noch immer zahlreich war, mit einer ſtarken Beſatzung zu verſehen, und weil ſie anderſeits auch König Hein⸗ rich IV. von Frankreich unterſtützen mußten. Somit war denn der eigentliche Feldzug des Jahres 1594 mit der Eroberung Gröningens beſchloſſen. Obwohl nun die Stadt Gröningen mit den Umlanden zuſammen einen untrennbaren Beſtandtheil der Republik aus⸗ medhin ſollte, währte doch der alte Streit zwiſchen Stadt und Umlanden noch immer fort, und die Generalſtaaten hat⸗ ten die größte Mühe, um die zur Erhaltung der Republik über⸗ haupt nöthige Ruhe und Uebereinſtimmung zu erwirken und zu befeſtigen. Immer gab es noch eine fortwirkende Oppoſition in der Stadt Gröningen, und ſo lange dieſe nicht beſeitigt war, ſo lange konnte man auch keine dauernde Ruße hoffen. Wir ſind nun auf jenem Punkte angelangt, wo wir das Ganze der Staatsverfaſſung in den vereinigten Provinzen als etwas Grewordenes überblicken, wo wir uns Rechenſchaft geben können, in wiefern jenes hiſtoriſche Prinzip, nach welchem die Entwickelung voranſchritt, der Nation auch zum Bewußtſein kam. Wie wir ſchon öfter angedeutet haben, ſo war es dort der ganzen Revolution eben nichts Leichtes, ſich von den altherge⸗ brachten und befeſtigten mo nachriſchen Formen loszuringen. Die Revolution war, möchte man ſagen, überhaupt zu orga⸗ niſch, als daß ſie irgend ein Mittelglied hätte überſpringen können. Während die Republik thatſächlich bereits beſtand, er⸗ regte es noch lange großen Anſtand, ihren Namen auszuſprechen, und ſelbſt, als der wichtigſte Schritt, die förmliche feierliche Losſagung von Spanien einmal geſchehen war, ſahen wir noch 87 immer, wie man ſich bald an dieſe, bald an jene fremde Macht anklammern wollte, um wenigſtens den Namen der Monar⸗ chie, ſei es auch nur wie eine Art von vermeintlichem Talis⸗ man, aufrecht zu erhalten. Kurz, es koſtete langwierige Mühe, bis ſich das Prinzip einer republikaniſchen Verfaßung in allen Köpfen das Uebergewicht errang.„Erſt ſeit Olden⸗ barnevelds Anſtellung zum Advokaten von Holland hatte,“ (wie der ſchätzenswerthe van Kampen ſehr richtig bemerkt) „die Idee der Möglichkeit einer republikaniſchen Konſtitution, die auch dem trefflichen Leoninus, wie es ſcheint, nicht ein⸗ leuchten wollte, immer mehr Feld gewonnen.“ Man begreift den ganzen Umfang der Schwierigkeiten, wenn man die ver⸗ ſchiedenen Individualitäten der einzelnen Provinzen, wenn man das charakteriſtiſche Streben aller erwägt, ihre Pro⸗ vinzial⸗ nnd Lokal⸗Rechte aufrecht zu erhalten. Davon ging die Revolution aus; darauf mußte ſie alſo auch zurück⸗ kommen. Daraus erklären wir uns, weßhalb die ſüdlichen Provinzen ſich Spanien durch Parmas Vermittlung wieder un⸗ terwarfen. Denn da bei ihnen die Religion kein Hinderniß in den Weg legte, ſo war für ſie kein Grund zu einem ferneren Widerſtand vorhanden, ſo wie ihnen durch Parma die Erhal⸗ tung der Provinzialrechte einmal garantirt war. In den nördlichen Provinzen dagegen mußte ebenſo der Wider⸗ ſtand aus dem Grunde fortdauern, weil eben die von Spanien ſo hartnäckig beſtrittene Freiheit des reformirten Got⸗ tesdienſtes in den Kreis der allerweſentlichſten Pro⸗ vinzialrechte übergegangen war. Indem es ſich aber eben von vorneherein nicht um ein naturrechtliches Ideal, ſondern um den Beſtand, um die Garantie der allernächſten Partikularintereſſen handelte, brauchte die Revolution ſo lange, bis ſich aus derſelben die beſtimmte Form einer Republit entwickeln 88 konnte, deren Schwerpunkt darin lag, daß die Privilegien und Intereſſen, kurz die volle Selbſtſtändigkeit jedes einzel⸗ nen Mitgliedes derſelben immerdar durch alle übrigen erhalten wurde. Bis zum Abgang Leiceſters hatte unſtreitig die Vor⸗ ſchule der republikaniſchen Verfaſſung gedauert; ohne Leice⸗ ſters Dazwiſchentreten hätte ſie gewiß noch länger gewährt. Die durch ihn hervorgerufenen Kolliſtonen hatten die Mündi⸗ gung vollbracht, indem dadurch das Bewußtſein der eige⸗ nen Kraft, und ſomit der Autonomie voelends geweckt wurde. Von Leiceſters Abgang datirt alſo der Abſchluß der neuen Staatsverfaſſung, deren Weſen und Beſtand⸗ theile wir nun näher in's Auge faſſen wollen. Immerhin blieb die Utrechter Union das Fundamental⸗ geſetz. Die Prinzipien, auf welchen dieſelbe begründet war, er⸗ hielten bloß immermehr Spielraum, um Reſultate zu erwirken, äußere Formen aufzuſtellen und in dem durch dieſelben ſtreng⸗ gezogenen Kreiſe die verbündeten freien Provinzen als eine einzige Republik einzubegreifen. Selbſtſtändigkeit jeder einzel⸗ nen nach innenzu, befeſtigt durch Aufrechthaltung der Provinzialrechte und Provinzialintereſſen,— Selbſtſtändigkeit aller nach außenzu, als nur eines einzigen Staatskörpers(und zwar durch die wechſelſeitige Ver⸗ bindung aller einzelnen, daß keine einzelne eine das ge⸗ meinſame Schickſal entſcheidende Angelegenheit einſeitig unterneh⸗ men dürfe)— dies waren die Grund⸗ und Lebensbedingungen der Union. Sie ſtand auf der Baſis der Volksſouverainetät, welche zu unterſt durch die Magiſtrate, dann durch die Provin⸗ zial⸗ und endlich durch die Generalſtaaten vertreten wurde. Wenn nun ſo anerkannt wurde, daß die vom Volke früher der Perſon des Monarchen übertragenen Rechte jetzt dem — — 89 er ſteren wieder heimgefallen waren, ſo waren denn auch die Statthalter fortan dem Volke allein verantwortlich. Es mußte aber, da die Stelle eines Generalſtatthalters nicht mehr exiſtirte, nunmehr eine Behörde geben, welcher diejenige Macht aufgetragen ward, durch welche das Geſammtinte⸗ reſſe aller zum einzigen Staatskörper vereinigten Provinzen immerdar gewahrt wurde, welche auch die dazu nöthigen Exekutivmaßregeln anwenden durfte. Dieſe Behörde war denn der Staatsrath, welcher ſomit nach Leiceſters Ab⸗ dikation eine höhere Bedeutung als füher bekam. Die Rechte und Pflichten des Staatsrathes ließen ſich nunmehr darin zuſammenfaſſen, daß es ihm oblag, für die Integrität des ganzen Staatenverbandes als Staatskörpers zu wachen. Somit hatte denn der Staatsrath die Eintracht zwiſchen den Provinzen zu erhalten. Er mußte den Stand der gemeinſamen Finanzen beſorgen und durfte zu dieſem Ende gegen jene Provinzen, welche ſich hiebei im Rückſtand befanden, Zwangsmaßregeln anwenden. Er mußte darüber wachen, daß die Statthalter der Provinzen, ſowie die Offiziere der republikaniſchen Truppen den Generalſtaaten und den ſtädtiſchen Magiſtraten den Eid der Treue leiſteten; in letzterem ſieht man wieder klar das eigenthümliche Lebensprinzip des nationalen Organismus, die ſtrenge Wahrung der lokalen Rechte, der individuellen Selbſtſtändigkeit. Der Staatsrath durfte und mußte Bündniſſe mit fremden Mächten abſchließen und namentlich im Intereſſe des Handels(ein charakteri⸗ ſtiſches Merkmal, wie die Nation ihre Lebensfrage begriff,) die Freundſchaft fremder Mächte zu gewinnen ſuchen, natürlich un⸗ beſchadet der höchſten Nationalangelegenheit in Bezug auf die Verhältniſſe zu Spanien oder ſonſtigen Feinden der Nation. Auch in Bezug auf die Kriegsführung ſtellte 90 der Staatsrath die oberſte, den Verband erhaltende Macht dar. Doch war dieſelbe, Holland und dem Prinzen Moritz gegenüber, etwas modifizirt. Da Moriitz als Statt⸗ halter von Holland und Seeland(wie ſpäterhin auch von Geldern, Over⸗gſſel und Utrecht) zugleich General⸗ kapitain war, ſo erlangten die Befehle des Staatsrathes in Bezug auf Kriegsangelegenheiten in Holland nur dann Gültigkeit, wenn ſie auch von dem Prinzen oder in ſeiner Abweſenheit von den„kommittirten Räthen“ ausgefertigt waren. Ebenſo iſt zu beachten, daß Holland jene Truppen, die es bezahlte, auch für ſich beſonders vereidigte. Uebri⸗ gens wurde die Macht des Prinzen Moritz wieder dadurch beſchränkt, daß ihm bei ſeinen Feldzügen ſtets vier Kommiſ⸗ ſärs der Staaten zur Seite ſtanden, mit welchen er ſich über die Operationen zu berathen hatte. Eine fernere Befugniß des Staatsrathes war, daß er im Fall der dringenden Noth die Generalſtaaten zuſammenberufen durfte. Bei ſei⸗ nen Beſchlüſſen entſchied die Mehrzahl der Stimmen; für ſeine Verſammlungen war er an keinen beſtimmten Ort gebunden. Die ganze Geſtaltung dieſer Verhältniſſe des Staatsrathes ging hauptſächlich von Holland aus, und es iſt intereſſant zu beobachten, wie man auch hier langſam und bedächtig, Schritt für Schritt, zu Werke ging, wie man immer dem Beſtehenden gern ſo lang als möglich ſeine Stelle einräumte; ſo ſehen wir z. B., daß auch nach dem Abgange Leiceſters die Engländer (beſonders Willoughby) noch eine Zeitlang Sitz und Stimme im Staatsrath behielten, ja daß man ſogar deren Einfluß re⸗ ſpektirte, ohne ſich übrigens dadurch in der Behauptung der Selbſtſtändigkeit im Mindeſten beirren oder beengen zu laſſen. Eben ſo wenig abke kann es uns auch entgehen, wie der Staats⸗ rath allmählig(und zwar vornämlich durch Beitrag Olden⸗ 6 91 barnevelds) eben auch von der Höhe ſeiner Bedeutung(als ausübende Gewalt der Republik) herabſank und nur mehr zu einer vorzugsweiſe reſpektirten Verwaltungsbehörde für Krieg und Finanzen wurde. 3 Betrachten wir nun den Wirkungskreis der Provinzial⸗ ſtaaten! Dieſer hatte ſich ſeit der Auflöſung der früheren Verhältniſſe beträchtlich erweitert, und hatte ſich erweitern müſ⸗ ſen, ſowie die Idee der Volksſouverainetät, und ihrer natürlichen Vertretung durch die Staaten wieder immer klarer zum Bewußtſein gekommen war. In dieſer Eigenſchaft beſaßen die Staaten früherhin bereits die geſetzgebende Gewalt und das Recht der Steuerverwilligung; da⸗ gegen war die Verwaltung ſtets dem Provinzialſtatt⸗ halter oder dem Generalgouverneur untergeben geweſen, während die richterliche Gewalt dem beſonderen Hofe un⸗ terlag. Wir bemerken nun ein auffallendes Beſtreben der Pro⸗ vinzialſtaaten, beſonders jener von Holland, ſämmtliche Gewalten, ſoviel wie möglich, in ſich zu vereinigen. So ſehen wir in Bezug auf die geſetzgebende Gewalt, daß die Staaten ſich das Recht zueignen, die geſetzliche Entſcheidung(durch Verordnungen) über ſolche Gegen⸗ ſtände auszuüben, über welche ſie früher dem Statthalter der betreffenden Provinz oder dem Generalſtatthalter zu⸗ geſtanden, wie z. B. Anſtellungen, Privilegien, Gnadenſachen. Am entſchiedenſten tritt dies Streben in dem delikaten Verhältniß der Geiſtlichkeit zum Staate hervor, und zwar als natur⸗ gemäße Reaktion gegen das naturwidrige Streben der refor⸗ mirten Hierarchie nach einem Supremat. Dadurch war die bürgerliche Ordnung, war der hiſtoriſch begründete Orga⸗ nismus des Staatslebens, war ſomit die ganze Eziſtenz gefähr⸗ lich bedroht, und man würde aus dem Regen der Inquiſition 92 in die Traufe des Puritanismus gekommen ſein, hätte man jenem Streben, das in Leiceſter's Politik ſeinen Rückhalt fand, nachgeben wollen. Zum Glück für die Selbſtſtändigkeit des Staates gegen die reſormirte Kirche hatten die Staa⸗ ten die eingezogenen Güter der katholiſchen Geiſtlichkeit zum Nationalgut geſchlagen, und mithin ein Recht zur Ver⸗ waltung des dadurch entſtandenen Fonds erlangt, aus wel⸗ chem ſie den Predigern und Lehrern Beſoldungen zahlten. Durch dieſes Verhältniß waren nun dieſe beiden Staatsdie⸗ ner geworden, und hatten als ſolche die Pflicht, den Staat als Höchſtes über ſich anzuerkennen. Dieſes richtige Verhältniß der geiſtlichen Macht zur weltlichen wurde in der Kirchenord⸗ nung von 1591 unter Oldenbarnevelds Mitwirkung feſt⸗ zuſtellen verſucht, wiewohl nicht ohne heftige Oppoſition.— Was nun die Ausdehnung der richterlichen Gewalt bei den Provinzialſtaaten betrifft, ſo kommt hier zunächſt erſtens das Inſtitut der ſogenannten„kommittirten Räthe“ in Betracht(„het Kollegie van gekommitteerde Raaden*) Dieſes Kollegium beſtand aus neun Bevollmächtigten der Staaten, welche auch dann, wenn die Staaten eben nicht verſammelt waren, in ſteter Wirkſamkeit blieben. Wir finden dieſe„kommittirten Räthe“ ſchon unter Wilhelm von Oranien, wo ſie jedoch hauptſächlich nur die Finanz⸗ angelegenheiten in ihrem Reſſort hatten; im Jahre 1590 erhielten ſie jedoch(laut Inſtruktion vom 22. Januar d. J.) eine neue Einrichtung, in deren Folge ſie ganz und gar die per⸗ manente Gewalt der Staaten aufrecht erhielten. Außer ihnen beſtand noch ein Kollegium„bevollmächtigter Räthe neben dem Prinzen Statthalter,“(„het Kollegie van gekommitteerde Raaden nevens zyne Doorlugtigheid“) welches aus dem Prinzen und vier Mitgliedern beſtand, und in 93 Bezug auf Regierungsangelegenheiten die Macht des Prinzen nur vermehren konnte. Es wurde 1593 mit der erſteren Be⸗ hörde verſchmolzen. Jene„kommittirten Räthe“ waren nun von ihren Kommittenten, den Staaten, ermächtigt, über ſolche Verbrechen, welche das Intereſee der Geſammtheit angingen und deren Beſtrafung deßhalb ſchnell zu Stande kom⸗ men mußte, richterlich zu entſcheiden, ſo z. B. über Landesver⸗ rath, Aufruhr, Münzfälſchung. Fürs zweite zeigte ſich das Uebergreifen der Provinzialſtaaten, die richterliche Gewalt betreffend, im Verhältniß zu den ſtädtiſchen Regie⸗ rungen. Dieſe erneuerten ſich ſelbſt, wodurch nicht im⸗ mer dem demokratiſchen Element, ſondern auch dem patriziſchen ein gefährlicher Spielraum gegeben war. Beide ſtanden in Wechſelwirkung und wurden durch die Vergünſtigungen, welche die Staaten den Magiſtraten zukommen ließen, befeſtiget. Solche Vergünſtigungen waren z. B., daß die Schöffen, ohne höhere Berufung auf den Gerichtshof, in Steuerſachen Ur⸗ theil ſprechen, daß ſie den Pächtern auf ihre Klagen Recht ver⸗ ſchaffen durften. Eine der wichtigſten Beſchränkungen aber, welche die Staaten dem Hofe auferlegten, war die Beſtimmung für Streitſachen zwiſchen einem Bürger oder einer Korporation und dem Stadtmagiſtrate; wenn nämlich der Eine oder Andere von den beiden Erſteren beim Hofe gegen den Letzteren klagte, ſo mußte der Hof, bevor er irgend einen Schritt that, den Ma⸗ giſtrat in Kenntniß ſetzen und denſelben zuerſt hören. Die Staaten ließen durch eine ſolche Begünſtigung der Magiſtrate der Eigenmacht der Letzteren einen allzugroßen Spielraum, aber indem ſie anderſeits für ihren Einfluß einen weiteren zu errin⸗ gen ſuchten, verengerten ſie denſelben für die Folge. Ein drit⸗ ter Beweis für das Streben der Staaten nach größerer Machtfülle war endlich das Recht, welches ſie ſich aneigneten, gewiſſe Männer, von denen ſie glaubten, daß deren Einfluß dem Gemeinwohl ſchädlich ſei, für längere oder kürzere Zeit zu verbannen. Dies war und blieb immerhin ein Uebel aus Vorſicht, wie wir es mehr oder minder in der Geſchichte jeder Republik des Alterthums und der neueren Zeit antreffen; immer wird bei Republiken, ſeien ſie auch noch ſo trefflich geordnet, die Vorſicht zuweilen auch in Mißtrauen ausſchlagen. Nicht unweſentlich iſt bei allen dieſen Entwickelungen, welche ſelten gewaltſam, ſondern meiſtens Stufe für Stufe vor ſich gingen, auch die Richtung nach innen zu, nämlich die Eifer⸗ ſucht zwiſchen den Mitgliedern der Staaten unter ſich, wovon wir vorzugsweiſe in Utrecht und in den Verhältniſſen zwiſchen Gröningen und den Umlanden ein ſchlagendes Beiſpiel vor uns haben. Auch in Holland, wel⸗ ches bei allen ſtaatsrechtlichen Entwickelungen gleichſam den Ton angibt, finden wir dieſe Eiferſucht, welche ſich eben wieder auf das Lebensprinzip des ganzen hiſtoriſchen Organismus, auf den Trieb, die Provinzial⸗ und Lokalrechte zu vertheidigen und aufrecht zu erhalten, begründet. Einen Ausfluß der darauf bezüglichen Strebungen erkennen wir in der Oppoſition der zu dem alten Weſtfriesland gehörigen Städte Hoorn, En khuizen und Medembik, welche unter dem Einfluß des Syndikus von Weſtfriesland, Franz Maalszoon eine Trennung von Holland, eine Provinz ialreſtauration des alten Weſt⸗ frieslands beabſichtigten. Ihr Streben ging dahin, wenigſtens ein beſonderes Deputirtenkollegium zu bilden, wenn ſte ſich auch in der Provinzialſtaatenverſammlung mit Holland vereinigten. Ihre Oppoſition, auf der Be⸗ hauptung des Provinzialismus gründend, ging ſo weit, daß ſie ſich, als man ihre Petition abſchlug, geradezu weigerten, zu den Steuern beizutragen, und bei der Verſammlung zu 95 erſcheinen. Der Zwieſpalt wurde endlich durch den Prinzen Moritz beigelegt, und zwar in der Weiſe, daß die Stimmen der drei alt⸗weſtfrieſiſchen Städte Hvorn, En khuizen und Medemblik eben ſoviel gelten ſollten, als die der vier andern nordholländiſchen Städte Alkmaar, Edam, Monnikendam und Purmerende. Es iſt übrigens inte⸗ reſſant zu bemerken, welches Gewicht in den letzten Jahren auch in Staatsakten ausdrücklich auf die Behauptung der weſtfrie⸗ ſiſchen Provinzialität gelegt zu werden ſcheint; der faſt ver⸗ ſchollene Name Weſtfrieslands tritt plötzlich wieder in den Vorgrund und will ſich nicht vergeſſen laſſen.— Noch bleibt uns übrig, auch den Einfluß der„Rathspenſionäre“ oder Advokaten“ zu erwähnen, welcher übrigens in keiner Provinz größer war als in Holland, wo ein Patriot von ſolchem Geiſt wie Oldenbarneveld dieſe Stelle bekleidete. Zwei Momente der Republik haben wir denn bereits betrach⸗ tet,— den Staatsrath in der Zu⸗ und Abnahme ſeiner Bedeutung, und die Provinzialſtaaten mit ihrem vorra⸗ genden Streben. Die Generalſtaaten, durch die Abgeord⸗ neten der Provinzialſtaaten zuſammengeſetzt, bleiben immerhin in Beziehung auf den ausgedrückten Inbegriff des Ganzen der Republik, die höchſte Potenz ihrer Repräſentation. Nun haben wir aber auch das dritte Moment, nämlich die Stellung der Statthalter vor uns, und die aus dem Allgemeinen ſchärfer hervortretende des Prinzen Moritz. Wie ſtand der einzelne Statthalter der allgemeinen Sache gegenüber, wie Prinz Mo⸗ ritz insbeſondere? Die Machtfülle je eines Statthalters wurde durch die Staaten ziemlich beſchränkt. Die Staaten je einer Provinz ernannten ſich ihren Statthalter; die Generalſtaaten beſtätigten die Ernennung. Der Statt⸗ halter mußte ſowohl den betreffenden Pro vinzial⸗als auch 96 den Generalſtaaten den Eid der Treue ablegen. Er hatte insbeſondere darüber zu wachen, daß der reformirte Kul⸗ tus, welcher in den Provinzen der Utrechter Union nun⸗ mehr als Staatsreligion galt, aufrechterhalten würde. Er übte das Begnadigungsrecht aus; ihm ſtand die Erneu⸗ erung der Magiſtrate zu und zwar aus einer dreifach ſo großen Zahl von Perſonen, welche ihm die ſtädtiſche Re⸗ gierung vorlegte; eben ſo die Beſetzung von Staatsämtern, wobei ihm die Staaten die dreifache Zahl der Kanditaten prä⸗ ſentirten. Außerdem hatte der Provinzialſtatthalter auch die Pflicht, Streitigkeiten zwiſchen den einzelnen Mitgliedern der Staaten zu vermitteln. Prinz Moritz insbeſondere genoß ſchon als Statthalter über 5 Provinzen(Holland, Seeland, Utrecht, Geldern und Over⸗AYſſel) einen ausgedehnten Machteinfluß, welcher noch dadurch vermehrt wurde, daß er zugleich Generalkapi⸗ tain dieſer fünf Provinzen und Admiral war. Schon im Jahre 1585 hatten ihm die Staaten von Holland und Seeland die letztere Würde übertragen; 1588 wurde er darin beſtätigt. Die Einrichtungen, welche Leiceſter im Jahre 1586 in Bezug auf die Seemacht der Republik getroffen,(die Einſetzung der Admiralitätskollegien zu Hoorn, Rotterdam und Veere) äußerten in dem Verhältniß Moritzens zur Seemacht ihre Nachwirkungen. Im April 1589 errichteten nämlich die Generalſtaaten ein „Superintendenten⸗Kollegium der Admiralität“ für die ſämmtlichen vereinigten Provinzen, welches aus dem Prinzen(als Generaladmiral) und aus ſechs Näthen be⸗ ſtand, die aus Holland(und Weſtfriesland) Seeland und Friesland gewählt wurden. Das Kollegium zu Hoorn war nach dem Ende der Leiceſterſchen Regierung nach Amſterdam verſetzt worden. Darüber bezeigten die Nordholländer ein großes Mißvergnügen, und hieraus ergab ſich nun ein Zwieſpalt. 97 Amſterdam wollte nämlich dem Nordquartier von Hol⸗ lan dallerdings ein Admiralitätskollegium zugeſtehen, aber das ſei⸗ nige nicht aufgeben, was die Städte Hoorn, Enkhuizen und Medemblik wieder hartnäckig beſtritten. Moriitz traf nun in die⸗ ſer Sache folgende Auskunft. Er ſetzte für Holland drei Ad⸗ miralitätskollegien ein, eines zu Amſterdam, eines zu Rotterdam und eines zu Hvorn, jedes aus 4 Räthen be⸗ ſtehend, und zwar für die Dauer von acht Monaten, welche Friſt in der Folge verlängert wurde; zu dieſen drei Kollegien wurde noch eines für Seeland(zu Middelburg) und eines für Friesland gefügt. Sämmtliche Admiralitätskollegien hat⸗ ten die Ausrüſtungen der Kriegsſchiffe zu beſorgen und die Auf⸗ ſicht über die Ein⸗ und Ausgangszölle. Ueber allen ſtand das Oberkollegium, und an deſſen Spitze Moritz. Gegen das„Superintendenten⸗Kollegiumder Admiralität“ hatte jedoch Seeland Einſpruch erhoben und hieraus war eine Zwiſtigkeit dieſer Provinz mit Holland entſtanden, welche vor die Generalſtaaten zur Entſcheidung gebracht wurde. Dieſe neigten ſich zur Parthei Hollands, welches wir überhaupt eine Art von Hegemonie einnehmen ſehen. Im Jahre 1593 ging jenes Oberkollegium der Admiralität wieder ein.— Wenn nun auch die einzelnen Provinzialſtatthalter in ihrer Machtfülle durch die Staaten beſchränkt und immer in den Grenzen von bloßen verantwortlichen Beamten erhalten wur⸗ den, ſo repräſentirte doch anderſeits die Statthalterwürde (wie Wagenaar bemerkt) den Glanz und Ruhm der oberſten Macht. Wenn dagegen ferner der Generalkapitain (Statthalter) Prinz Moritz auf ſeinen Feldzügen immerhin auf die bereits von uns erwähnte Kommiſſion der Staa⸗ ten zu achten hatte, was allerdings große Inkonvenienzen zum Nachtheil der gemeinſamen Sache herbeiführen konnte, ſo wurden III. 71. ſolche damals durch das gute Einvernehmen Moritzens mit Oldenbarneveld, welcher ſich faſt meiſtens bei der Kom⸗ miſſion befand, verhütet. Immerhin blieb jedoch eine ſolche Baſis blos prekär und der geringſte Umſtand konnte ſie ver⸗ rücken. In dieſem ganzen wunderbaren Gewebe von wechſel⸗ ſeitiger Kontrole der verſchiedenen ſich ergänzenden Staatsge⸗ walten ſieht man ſtets die republikaniſch ⸗eigenthümliche Vorſicht gegen das größere Umſichgreifen der einen oder der anderen durchſchlagen; der beſonnene Nationalcharakter hält die Wage zwiſchen der Pietät, die man insbeſondere den großen Verdien⸗ ſten der Naſſauer ſchuldig iſt, und der abſtrakten Beſorgniß vor einem Mißbrauch der Gewalt. Was nun die allerinnerſte geſetzliche Entwicklung des politi⸗ ſchen Lebens in den Verhältniſſen der ſtädtiſchen Regierun⸗ gen betrifft, ſo können wir auf die Darſtellungen der einzelnen Phaſen, in denen ſich hier das demokratiſche, dort das ari⸗ ſtokratiſche Element kund gab, zurückverweiſen. Im Allge⸗ meinen läßt ſich bei der Konſolidirung der Ordnung das Streben nicht verkennen, dem letzteren das Uebergewicht zu verſchaffen, und namentlich iſt es wieder Holland, von wo der Impuls dieſer beſtimmten Richtung ausgeht.. In Beziehung auf die Juſtiz finden wir in jeder Provinz einen Gerichtshof. Für Holland und Seeland zuſam⸗ mengenommen beſtand ein einziger, insgemein der Hof von Holland genannt. Die Beſchlüſſe deſſelben wurden im Namen des Statthalters(des Prinzen Moritz) ausgefertigt. Ueber ihm ſtand der noch zu Wilhelms von Oranien Lebzeiten im Jahre 1582 eingerichtete„hohe Rath“(Appellationsrath) aus neun Mitgliedern zuſammengeſetzt, welcher die Funktionen des weiland„großen Rathes“ von Mecheln und des„ge⸗ heimen Rathes“ von Brüſſel übernahm. Die erſten Mit⸗ 99 glieder jenes„hohen Rathes“ waren Meiſter Johann van Treslong (als Präſident), und die Meiſter Arend Nikolai, Gerrit van Wyngaarden, Nanning van Foreeſt, Johann van Banchem, Amelis van Amſtel van Mynden, Dirk van der Nieuwburg, Johann Bets, Adrian Wenſen und Gysbrecht van Hoogendorp (als Räthe) geweſen. Seine Sitzungen hielt er im Haag. Noch bleibt uns jetzt übrig, die religiöſen Verhältniſſe in der Republik der vereinigten Provinzen ins Auge zu faſſen. Staatsreligion war, wie geſagt, die reformirte, und alle jene Städte, welche nachträglich der Utrechter Union beitraten, mußten es ſich, wie wir bereits z. B. in Nymwegen und Gröningen ſahen, gefallen laſſen, den Katholizismus aufzu⸗ opfern, mochte derſelbe auch noch ſoviele Bekenner haben. Die Sicherheit der Republik erforderte dieſe Maßregel und entſchul⸗ digte den Schein von Intoleranz, welcher dieſelbe umgab. Gleichwohl erhielt ſich die Zahl der Katholiken auch unter den für ihre Konfeſſion äußerlich ungünſtigen Verhältniſſen. Sie dach⸗ ten nicht daran, von dem Recht der Auswanderung, das man ihnen überall zugeſtand, Gebrauch zu machen; denn die mate⸗ riellen Vortheile, welche ſie als Bürger der Republik in Bezug auf Induſtrie und Handel in derſelben genoſſen, überwogen bei Weitem die Inkonvenienz, welche ſie ſich durch das Verbot einer öffentlichen Ausübung ihres Kultus gefallen laſſen mußten. Der Hausgottesdienſt blieb den Katholiken immerhin un⸗ verwehrt, und die Grundbedingung der republikaniſchen Verfaſ⸗ ſung, daß gegen Andersgläubige keine Glaubensunterſuchung ſtatt finden dürfe, garantirte den Katholiken eine ungeſtört⸗ruhige bürgerliche Exiſtenz. Aufs Praktiſche gewendet, hatten ſie weder Zeit noch Luſt, einen Fanatismus zu nähren, welcher dem Staate hätte gefährlich werden können. So ſtellt ſich uns denn das Bild der Republik nach innen 100 und außen dar. Immer klarer hat ſich in den Mitgliedern der⸗ ſelben die höchſte Idee einer ſolchen entwickelt; aber dieſe Idee iſt glücklich angewandt auf die nationale Praxis, glücklich vermit⸗ telt mit dem charakteriſtiſchen Streben der Nation alle liberalen Inſtitutionen auf einer hiſtoriſchen Baſis zu erbauen. Immerhin bleiben innerlich die einzelnen Elemente, das ari⸗ ſtokratiſche und das demokratiſche, noch in Konflikten begriffen, deren Ausgleichung ſich noch nicht abſehen läßt; aber gegen außen hin übernimmt ſtets ein bewunderungswürdiges Gemeingefühl die Funktion, die einzelnen Beſtandtheile, nicht als ſolche, ſondern als Glieder eines großen Gan⸗ zen, und dieſes Letztere ſelbſt würdig zu vertreten. Dagegen finden wir in demſelben Zeitpunkte die ſpaniſchen Niederlande fortwährend in einem Zuſtande von Erſchöpfung, Noth und Troſtloſigkeit, welcher unſere Theilnahme umſomehr in Anſpruch nimmt, je mehr wir uns überzeugen, daß jene ſüd⸗ lichen Provinzen redlich alles geleiſtet hatten, was ſich vom na⸗ tionalen und religiöſen Standpunkte aus betrachtet von ihnen irgend erwarten ließ, nachdem ſie, ihr Lebensprinzip bewahrend, die Garantie der Provinzialrechte ſelbſt unterliegend behauptet hatten. Belgien bedurfte, wünſchte und hoffte nichts ſoſehr als den Frieden. Die Hoffnung, den Frieden zu erlangen, wurde jedoch ebenſo ſehr hinausgeſchoben, als die belgiſchen Provinzen garbald jede andere Hoffnung vereitelt ſahen, welche ſie auf die Ankunft des Erzherzogs Ernſt von Oeſterr eich geſetzt hatten. Hätte man irgend einen Mann beſonders auswählen wollen, der einer ſo ſchwierigen Aufgabe, wie die Regierung der ſpaniſchen Nie⸗ derlande unter den damaligen Verhältniſſen war, nicht gewach⸗ ſen war, ſo hätte man wohl nicht leicht irgend einen paſſenderen finden können, als eben jenen Erzherzog Ernſt. Sein Charakter 101 läßt ſich kaum beſſer bezeichnen als durch das Wort:„Mittel⸗ mäßigkeit;“ aber eben dieſe war es, welche ihn dem mißtrauiſchen Philipp empfahl, welcher ihn mehr zur Repräſentation brauchte, während die Spanier alles thun ſollten,— der bloß Ernſts Geburt und Rang in derſelben Weiſe benützen wollte, wie Aerſchot einſt den Erzherzog Matthias. Ernſt beſaß weder die Laſter, welche ſchlechte Fürſten, noch die Tugenden, welche große Männer machen. Er wünſchte allerdings den Frie⸗ den, aber weniger aus Politik, oder aus Mitleid gegen die ihm untergebenen Provinzen, als vielmehr aus perſönlicher Schwäche, welche der Hauptgrund aller ſeiner Fehler war. Und nun bedenke man auch noch die Oppoſition, welche dieſer unſelbſtſtändige Fürſt bei den Regierungsgeſchäften vorfand! Zwiſchen zwei Partheien trat er ein, von denen die eine, die ſpaniſche, durch Fuentes und Ibarra geſtützt, große Prätenſionen machte und auch in der That die Oberhand be⸗ hielt, während die andre, die nationale, begründet auf der Eiferſucht der hohen Landesariſtokratie mit den Grafen Mans⸗ feld und mit Aerſchot an der Spitze, ihren Groll über die Demüthigung durch eine abermalige Fremdherrſchaft kaum zu verbergen vermochte. Die Reibungen zwiſchen dieſen beiden Partheien waren beinahe bis zu thätlichen Ausbrüchen gediehen, während die belgiſche Nation, von allen Seiten bedroht und doch allzu erſchöpft an allen Mitteln, als daß ſie wenigſtens eine imponirende Stellung nach außen zu hätte einnehmen können, durchaus preisgegeben daſtand. Heinrich IV. war nämlich jetzt in Frankreich faſt allgemein anerkannt, und bedrohte die wallo⸗ niſchen Provinzen Artois und Hennegau, welche er bei der allgemeinen Gährung für ſich zu gewinnen wünſchte. Um das Unglück Belgiens zu vollenden, kam noch die Meuterei unter den königlichen Truppen hinzu. Sie 102 ging von den italieniſchen Soldaten des Heeres aus und war auf jener Nationaleiferſucht zwiſchen Italienern und Spa⸗ niern begründet, welche wir bereits noch bei Lebzeiten Parmas bemerkt und ſogar gegen dieſen großen Feldherrn ſelbſt gerichtet geſehen haben. Hatten ſich bei deſſen Lebzeiten vielleicht die Spanier beeinträchtigt glauben können, ſo hatten jetzt, da durch Fuentes und Ibarra der ſpaniſche Einfluß vorherrſchte, die Italiener noch bei Weitem triftigere Gründe, ſich über Zu⸗ rückſetzung und Unbilligkeit zu beklagen. Sie mußten zuſehen, wie man die ſpaniſchen Truppen richtig bezahlte, während ſie, die Italiener, nicht zu ihrem Solde kommen konnten.— Die Italiener ließen es jedoch bei bloßen Klagen eben ſo wenig bewen⸗ den, als es die Spanier bei ähnlichen Anläſſen oft genug gethan hatten. Sie traten vielmehr zuſammen, um ſich mit Gewalt Recht zu verſchaffen. Alle für Einen ſtehend, bemächtigten ſie ſich der Stadt Sichem in Brabant, und von dieſem Mittel⸗ punkte aus ergoſſen ſie ſich über das platte Land ringsum, welches ſie mit Plünderungen und Brandſchatzungen ſchwer heimſuchten. Bald lief ihnen allerlei mißvergnügtes Kriegsvolk zu(bloß die Spanier blieben ſtreng ausgeſchloſſen) und in Kurzem orga⸗ niſirten ſie ihren Aufſtand. Es wurden förmliche Statuten feſtgeſetzt, eine eigene Regierungsform eingeführt mit Befehls⸗ habern, welche der Geſammtheit ſtreng verpflichtet und verant⸗ wortlich waren; der wunderliche Militärſtaat gab ſich den Namen der„italieniſchen Republik,“ ſchrieb Steuern aus und legte eine Abgabe auf die Ausfuhr der Waaren. Bel⸗ gien, und namentlich Br abant, litt unſäglich unter dieſer Landplage, deren Beiſpiel ſich gar bald auch auf ſpaniſche Truppen verpflanzte, welche auf den Grenzen von Flandern und Artois das bequeme Mittel wählten, ſich durch Erpreſſun⸗ gen des Landvolkes zu erhalten. Die militäriſchen Operationen 103 der königlichen Befehlshaber waren dadurch gelähmt und ver⸗ geblich ſuchte der Erzherzog Ernſt ſtrenge Maßregeln gegen die Meuter zu treffen. Dieſe hatten genaue Kenntniß von allem, was am Hofe vorging und trafen ihre Gegenanſtalten. Inzwi⸗ ſchen machte ſich der kluge Moritz die Meuterei der feindlichen Truppen gehörig zu Nutze und ſchloß einen Waffenſtill⸗ ſtand mit denſelben. Als nun ſpaniſche Truppen gegen die italieniſchen Meuter ausgeſendet wurden, und es zwiſchen beiden zu einem Treffen kam, begaben ſich die Meuter, welche 2000 Mann ſtark waren, nach vorhergegangener Unterhandlung mit Moritz, von Sichem, welches ſie hatten verlaſſen müſſen, auf das Gebiet der Staaten, auf die ſogenannte„lange Straße“ bei Breda. Bald begannen ſie Unterhandlungen mit dem Erzherzog Ernſt über die Bedingungen, unter welchen ſie wieder zur Ordnung zurückkehren wollten. Sie ſahen ſich dabei gehörig vor. Ernſt ſandte ihnen den Grafen Belgio⸗ joſo als Geißel zu. Die Unterhandlungen kamen zu Stande End die ſogenannte„italieniſche Republik“ löste ſich dann auf, ſowie man anderſeits Ernſt machte, die rechtlichen Verpflich⸗ tungen gegen die Soldaten zu erfüllen. Vertrauensvoll ver⸗ ließen die Meuter das Gebiet der Staaten und betraten das königliche wieder, ohne daß Moritz Anſtalten getroffen hätte, ſie auf irgend eine Weiſe zu beunruhigen. Sie erhielten hierauf ihre Bezahlung und thaten ſodann ihre Schuldigkeit wieder wie vorher. Wenm nun demnach auch die Nationaleiferſucht zwiſchen Italtenern und Spaniern der Meuterei der Erſteren eine beſtimmte Richtung gegeben, ſo überzeugt man ſich doch leicht aus der ſchnellen Beruhigung derſelben, ſobald ſie ihren Sold erhielten, daß immerhin der Soldmang el die eigentliche Urſache der Empörung geweſen. Eben dieſer Umſtand wirft — ——ää — 104 beträchtlichen Schaden zugefügt hatten. ein beſonderes Licht auf die Verhältniſſe der Krone Spanien. Ganz abgeſehen von der Unregelmäßigkeit der Verwaltung in den ſpaniſchen Niederlanden, lag doch der Hauptgrund in der finanziellen Erſchöpfung Philipps II., welche ſich kaum länger mehr verheimlichen ließ. Beſondere Urſachen der⸗ ſelben waren damals außerdem noch die, daß ſich die Ankunft der Geldflotte aus Weſtindien verzögerte, und daß die Englän⸗ der durch die Eroberung Fernambuco's der Krone Spanien einen 9* Drittes Kapitel. Die belgiſchen Angelegenheiten wurden gegen das Ende des Jahres 1594 durch die veränderte Stellung, welche König Heinrich IVv. von Frankreich gegen Philipp II. einnahm, immer gefahrvoller. Früher war Heinrich IV.(, der Bearner“ wie ihn die Gegenparthei ſchlechtweg nannte) bloß in der De⸗ fenſive geweſen; nachdem er ſich ſein Recht glorreich erkämpft hatte, nachdem die Ligue in Frankreich ſo gut wie überwältigt war, nahm er gegen den gefährlichſten Feind und Unterſtützer derſelben, Philipp II. von Spanien, die Offenſive an. Schon in dem vorhergegangenen Kapitel haben wir angedeutet, daß Heinrich IV. Abſichten auf die walloniſchen Provinzen Artois und Hennegau hegte. Noch zu Ende jenes Jahres gab er dieſelben offen kund. Unter dem 17. Dezember 1594 er⸗ ließ er von Amiens aus an die genannten zwei Provinzen Schreiben des Inhalts:„Er habe zwar genugſame Veranlaſ⸗ ſung, um an dem König von Spanien, als dem vornehmſten Urheber und Beförderer des Krieges, Rache zu nehmen; auch beſitze er hinlänglich Muth und Kraft dazu; doch aus Rückſich⸗ ten, welche die ganze Chriſtenheit beträfen, hätte er ſich ent⸗ ſchloſſen, Alles zu dulden, und bloß einen Defenſivkrieg zu führen. Da er jedoch ſehe, daß König Philipp II., ungeach⸗ tet aller mit den frühern Beherrſchern Frankreichs geſchloſſenen Friedensverträgen, die Rebellen in Frankreich zu unterſtützen 106 ſuche, habe er(Heinrich IV.) ſich genöthigt gefunden, einen Offenſivkrieg anzufangen. Indeſſen habe er, in Betracht, daß die Bevölkerung von Artois und Hennegau am aller⸗ wenigſten an dieſem Kriege Schuld trüge, und dennoch die er⸗ ſten und wichtigſten Wechſelfälle deſſelben ertragen müßte, aus Zuneigung für ſie, die Kriegserklärung noch aufgeſchoben. Er zeige ihnen nun an, daß er dieſelbe ganz unterlaſſen werde, wenn beide Provinzen es dahin bringen könnten, daß die auf Befehl des Königs von Spanien an den Grenzen zuſammenge⸗ zogene Armee(die ihnen ja eben ſo ſehr zur Laſt fiele, als ſie ihm ſelbſt ein Gegenſtand gerechter Beſorgniß ſein müſſe,) ſich zurückzöge und wenn ſie ihm verſprechen und ver⸗ bürgen wollten, daß ſie nichts gegen ſeine Unterthanen unter⸗ nehmen würden. Er ſetzte hierfür den erſten Tag des neuen Jahres als äußerſten Termin. Im entgegengeſetzten Falle ſehe er ſich denn freilich genöthigt, den Krieg zu erklären.“ Nachdem die Städte der genannten beiden walloniſchen Pro⸗ vinzen dies Schreiben Heinrichs IV. erhalten hatten, theilten ſie daſſelbe dem Erzherzog Ernſt mit, und erbaten ſich deſſen Meinung über die Erwiederung, welche ſie geben ſollten. Ernſt überließ dieſe ganz ihrem eigenen Ermeſſen, nur ſollten ſie die Ehre und das Intereſſe des Königs dabei nicht außer Augen laſſen. Hierauf bedeuteten ſie denn dem Parlamentär Hein⸗ richs IV., abzureiſen, indem ſie ihm überhaupt keine Antwort mitzugeben hätten. Der Erzherzog war kränklich, und dieſer Umſtand trug noch dazu bei, ſeine Unentſchloſſenheit zu vermeh⸗ ren, welche für die ſpaniſchen Niederlande damals wohl das größte Uebel war. Die vereinigten Provinzen konnten bei dieſer neuen Verlegenheit ihrer Nachbarn, und zumal bei der Unentſchiedenheit der Regierung über dieſelben nur ge⸗ winnen. * 107 Noch vor dem Ende des Jahres 1594 trug ein den König von Frankreich perſönlich betreffendes Ereigniß weſentlich dazu bei, den allgemeinen Argwohn gegen die Umtriebe der ſpaniſch⸗ hierarchiſchen Parthei weſentlich zu verſtärken. Heinrich IV. wurde nämlich(am 27. Dezember 1594) durch einen Jeſuiten⸗ ſchüler, Namens Johann Chatel, meuchleriſch verwundet, und der Mörder bekannte, daß ihn bloß die Liebe zur katholi⸗ ſchen Religion zu dem Attentat bewogen habe, indem es ihm Pflicht geſchienen, einen ketzeriſchen König aus dem Wege zu ſchaffen; fernere Ausſagen ergaben, daß die jeſuitiſche Moral nicht wenig beigetragen hatte, Chatel in ſeinem Vorſatz zu be⸗ ſtärken. Die nächſte Folge dieſes Attentates war ein Beſchluß des franzöſiſchen Parlaments, kraft deſſen die Jeſuiten, als Verführer der Jugend, als Feinde des Königs und des Reiches und als Störer der öffentlichen Ruhe, aus Frankreich verbannt wurden; die weitere Folge war der ziemlich allgemeine Ver⸗ dacht, daß das ſpaniſche Intereſſe hierbei im Spiele geweſen ſei. Kurz, alle Partheileidenſchaften wurden durch jenes Ereigniß auf das Furchtbarſte aufgerüttelt. Inzwiſchen war die Verlegenheit der ſpaniſchen Nieder⸗ lande auf's Aeußerſte geſtiegen. Am 1. Januar 1595 trafen die erſten Mitglieder der Staaten von Brabant(Geiſtllich⸗ keit und Adel,— die Städte waren nämlich nicht zugelaſſen worden) auf Einberufung in Brüſſel zuſammen. Die allge⸗ meine Stimmung für den Frieden war dem Erzherzog nicht unbekannt, und ſo eröffnete er denn den Verſammelten (und zwar in ſpaniſcher Sprache)„er habe einen eigenhändi⸗ gen Brief des Königs von Spanien erhalten, deſſen Inhalt darauf hinziele, daß die Niederlande den Frieden bekommen ſollten. Dieß ſei denn auch der einzige Grund, weßhalb er (der Erzherzog) ſeine angenehme Stellung am kaiſerlichen 108 Hofe verlaſſen habe, um die gute Abſicht Sr. Majeſtät in Aus⸗ führung bringen zu helfen.“ Eine conventionelle Phraſe, ohne Bedeutung im Munde dieſes ſchwachen Fürſten!— Fuentes war bei dieſer Verſammlung nicht zugegen, und zwar aus dem Grunde, weil er ſeinen Platz nicht unter dem Herzog von Aerſchot einnehmen wollte, der ſich energiſch geweigert hatte, ihm einen höheren Platz einzuräumen; auch in ſolchen Neben⸗ dingen äußerte ſich die wiedererwachte Eiferſucht zwiſchen der eingebornen Ariſtokratie und den Spaniern. Erzher⸗ zog Ernſt wandte die Konverſation nach jener Phraſe auf Ge⸗ genſtände, die nicht zur Sache gehörten. Die Geiſtlichkeit war damit keineswegs zufriedengeſtellt.„Man muß ſich in Geduld faſſen, das iſt deutſche Manier“ meinte der Herzog von Aer⸗ ſchot ironiſch;—„in Deutſchland begnügt man ſich bei feier⸗ lichen Verſammlungen damit, daß man am erſten Tage die eti⸗ kettemäßigen Komplimente abmacht;— das Ceremoniel gilt dort mehr als der Verluſt eines Königreiches!“ Am anderen Tage brachte Aerſchot lebhaft die dringende Gefahr der wal⸗ loniſchen Provinzen Artois und Hennegau zur Sprache. „Schon ziemlich lange“ führte er an,„ ſpreche man von den „guten Abſichten“ Seiner Majeſtät und noch immer erwarte man deren Wirkungen; ſchon ziemlich lange hätte man dem König die gerechten Beſchwerden mitgetheilt, und wenn ſie die⸗ ſer, wegen der allzugroßen Entfernung nicht habe vernehmen, wenn er ſie nicht habe berückſichtigen können, ſo würde man wohl am Ende gezwungen ſein, gegen die Uebel, unter denen man leide, kräftige Mittel anzuwenden, um zu beweiſen, daß man nicht ſchwächer als der Wurm ſei, der ſich kkümme, wenn man ihn tritt. Habe man dies gethan, ſo würde man ſich vor dem König(die ganze Chriſtenheit dürfte dann darüber zu Ge⸗ richt ſitzen) ſo zu rechtfertigen wiſſen, daß alle Völker nicht 109 umhin können würden, zu bezeugen: man habe bloß das ge⸗ than, was Natur und Nothwendigkeit geboten.“ Die Rede Aerſchots erweckte die lebhafte Beiſtimmung der Geiſtlich⸗ keit, welche laut Aerſchots Gefühle für ihre eigenen er⸗ klärte, und der Ariſtokratie, unter welcher ſich der Prinz von Chimay, die Grafen Ahremberg, Boſſü, Barlai⸗ mont und de Ligne befanden. Nun wurde Aerſchot, wel⸗ cher ſich jetzt in jener Stellung befand, die dem alten Verlangen ſeines Ehrgeizes entſprach, immer heftiger und rückte immer näher an's eigentliche Ziel. Er ſprach alle Klagen der Provin⸗ zen über die unerträglichen Beſchwerden durch die ſpaniſchen Truppen aus, die in dem Grafen Fuentes die vornehm⸗ lichſte Stütze für ihren Uebermuth fänden. Hierauf ſagte er geradezu heraus, was ihm ſo ſehr auf dem Herzen lag, nämlich daß dieſer Spanier mit allen übrigen Ausländern durchaus der einheimiſchen Ariſtokratie weichen müßte, welche letztere die wahren Intereſſen des Landes und alle Bedürfniſſe deſ⸗ ſelben beſſer kennte;„ja,“ fuhr er fort,„wenn man nicht aufhört, alles Vertrauen bloß den Ausländern zu ſchenken, dann muß ſich wohl endlich der belgiſche Adel gänzlich vom Dienſte des Königs und des Landes zurückziehen, und ſich bloß mit ſeinen Privatangelegenheiten beſchäftigen.“ Aerſchot ſchloß, als beredter Wortführer ſeiner Parthei, welche unter jenen Verhältniſſen einen nationalen Anſtrich hatte, damit, daß er alle dringenden Beweggründe auseinanderſetzte, weßhalb man die Mittel ſuchen müßte, um einen Frieden mit der Republik der vereinigten Provinzen zu Stande zu bringen. Eben hierin traf Aerſchot wieder das gemeinſame Loſungswort für alle Wünſche in Belgien. Der Erzherzog erwiederte:„er ſelbſt habe bekanntlich die erſten Schritte zu einer Ausgleichung mit den„vereinigten 110 Provinzen“ verſucht; dieſe hätten aber ſeine Vorſchläge zurück⸗ gewieſen. Ohne denn nun der Autorität und Würde des Kö⸗ niges etwas zu vergeben, könne er jetzt wohl keine weiteren Schritte thun.“ Deßhalb verlangte er von den Staaten zuvör⸗ derſt einen Bericht über die Nothwendigkeit und die Möglichkeit, einen ehrenvollen Frieden abzuſchließen. Die Staaten entwarfen hierauf ein Memoire, worin ſie aus⸗ führlich erwieſen, daß der Frieden durchaus nothwendig, daß er ferner ausführbar, endlich, daß er ehrenvoll ſei. Ernſt ſchien damit einverſtanden zu ſein und verſprach den Staaten ihr Memoire, mit einer triftigen Empfehlung verſehen, nach Spanien an den König zu ſchicken, womit ſich denn die belgiſchen Staaten für's Erſte beruhigten. Sie wurden jedoch aus ihren Hoffnungsträumen ſehr bald durch die drohende Sprache aufgerüttelt, welche Heinrich IV. und Philipp II. gegeneinander führten. Der Erſtere erließ von Paris aus, unter'm 17. Januar 1595 eine Kriegserklärung gegen den Letzteren, welchem er vor aller Welt geradezu Schuld gab, einen„von wahrhaft ſpaniſchem Geiſte beſeſſenen“ Franzoſen gegen ſein Leben bewaffnet zu haben. Nicht minder heftig war die im Namen Philipps II. unter'm 17. März von Brüſſel aus erlaſſene Erwiederung des Manifeſtes. In derſel⸗ ben war ausdrücklich zugeſtanden, daß Philipp II. der zur Erhaltung der katholiſchen Religion in Frankreich noch beſtehen⸗ den Ligue ſeinen Schutz und ſeine Bundesgenoſſenſchaft keines⸗ weges zu entziehen gedenke, daß er ſie vielmehr mit Gottes Gnade durch alle Mittel unterſtützen wolle, daß er ferner den Prinzen von Bearn(den Titel eines Königs von Frankreich wollte Philipp Heinrich dem Vierten nicht einräumen, weil deſſen Reconciliation mit dem römiſchen Stuhle noch nicht zu Ende gebracht war,) ſo wie deſſen Anhän⸗ 111 ger als Feinde betrachte und zu Land wie zur See als ſolche behandlen wolle. Schließlich betheuerte Philipp in jener Erwiederung, daß ihn kein anderes Intereſſe bewege, als die Ehre Gottes, die Aufrechthaltung der katholiſchen Religion und der Frieden der heiligen Kirche. Der Kriegserklärung Heinrichs IV. folgte alſobald die Er⸗ öffnung der Feindſeligkeiten. Die franzöſiſchen Truppen brachen in Artois und Hennegau ein. Sie ſteckten die Städte, Schlöſſer und Abteien, ja ſelbſt die Vorſtädte von Valenciennes in Brand. Sie ſtreiften ſogar bis vor die Thore von Mons, während die ſpaniſchen Truppen durch ähnliche Züge über die Grenzen Frankreichs Repreſſalien gebrauchten. Die Republik der vereinigten Pro⸗ vinzen verhielt ſich dabei nicht partheilos, ſondern ſuchte vielmehr von den Operationen Heinrichs IV. Nutzen zu zie⸗ hen. Der Herzog von Bouillon und Graf Philipp von Naſſau waren in das Gebiet von Luxemburg eingefallen, hatten ſich mehrer kleiner Grenzfeſten wie la Ferté, Av o y und Virton bemächtigt und auf Streifzügen das platte Land ringsum verwüſtet. Um nun die Expeditionen gegen Luxemburg fortſetzen und auf Namür ausdehnen zu können, ſchien eine Verbindung mit den Operationen der franzöſiſchen Trup⸗ pen höchſt wichtig und zu dieſem Zwecke mußte der Beſitz der Stadt und Feſtung Huy auf Lüttich'ſchem(alſo neutralem) Boden ſehr förderlich ſein. Gegen die Bedenklichkeit, neutrales Ge⸗ biet zu verletzen, führte man den Scheingrund an, daß ſich der geiſtliche Landesherr von Lüttich, Herzog Ernſt von Baiern, als Kurfürſt und Erzbiſchof von Köln, gegen die Republik feindſelig benommen, indem er den Feinden derſelben, den Spaniern, die Beſatzung in ſeinen Feſtungen überlaſſen habe. 112 Der kühne Heraugisre, deſſen Namen die Eroberung Breda's unvergeßlich gemacht, wurde mit dem Anſchlag gegen Huy beauftragt, wozu es eines Mannes von eben ſo großer Klugheit als Entſchloſſenheit bedurfte, obwohl das Schloß in Huy nnr ſehr ſchwach vertheidigt war. Heraugisre erſah ſich zwei Leute aus ſeinem Regiment, Wits, genannt Molle und Worſen, genannt Greveſſe, welche die Unternehmung vorbereiten und ausführen ſollten. Der Letztere mußte ſich nach Heraugiére's Anleitung nach Huy begeben, um die Oertlichkeit in Augenſchein zu nehmen. Dort miethete Greveſſe ein, einer Wand des Schloſſes gegenüber gelegenes, leer ſtehendes Haus auf der Seite der Kloſtergebäude von Unſerer⸗Lieben⸗Frau und verbarg in demſelben ungefähr 30 beherzte Kameraden. Mit dieſen drang er des Nachts zwiſchen zehn und elf Uhr, auf eigens dazu eingerichteten Strickleitern, durch zwei unvergitterte Fenſter in das Schloß. Gegen Tagesanbruch verſteckten ſich die Wagehälſe in einem alten Gemäuer, durch welches die Bewoh⸗ ner der Stadt paſſiren mußten, wenn ſie ſich zum Gottesdienſte in die Schloßkapelle begeben wollten. Als nun der Morgen graute(es war am 5. Februar, einem Sonntag) ergriffen und knebelten die verſteckten Soldaten die erſten zwei Perſonen, welche ſich durch das alte Gemäuer in die Kapelle begeben wollten, eine Magd und eine Frau; drangen jedoch bald, aus Beſorg⸗ niß entdeckt zu werden, ſelbſt in die Schloßkapelle und bemei⸗ ſterten ſich in derſelben des Prieſters, des Gouverneurs und ſeiner Familie. Am folgenden Tage erſchien dann Herau⸗ gière mit 800 Mann vor der Stadt, forderte ſie zur Ueber⸗ gabe auf und erlangte dieſe auch wirklich nach kurzen Bedenk⸗ lichkeiten. Der Biſchof von Lüttich war über die Ver⸗ letzung ſeines neutralen Gebietes und die gewaltſame Beſitzer⸗ greifung einer ihm gehörenden Stadt mit Recht aufgebracht, 113 wandte ſich mit Beſchwerden an die Staaten und verlangte die Ueberlieferung Huys. Die Republik erwiederte hierauf, dies könne erſt dann ſtattfinden, wenn beide kriegführende Theile die Waffen niedergelegt und auch die Spanier die Feſtungen auf dem Gebiete des Biſchofs geräumt haben würden. In dieſem Zeitpunkte ſtarb der Erzherzog Ernſt, in der Nacht vom 20. auf den 21. Februar, in Folge eines unheilbaren inneren Leidens, wie ſich bei der Section zeigte. Man bedau⸗ erte in den ſpaniſchen Niederlanden ſeinen Tod eben ſo wenig, als man ihn bei ſeinen Lebzeiten nach der kurzen Hoffnung, die man auf ihn geſetzt, beſonders geachtet hatte, wofür mehre Spottlieder auf ihn Beweiſe gaben.*) Vor ſeinem Ableben hatte er dem Grafen Fuentes proviſoriſch die Verwaltung übergeben, vorbehaltlich der von dem König einzuholenden Be⸗ ſtätigung. Zwar beſtand nun noch der Staatsrath, welcher nominell die Regierung führte; aber Fuentes leitete, als Präſident des Staatsrathes alle Angelegenheiten, zum fort⸗ währenden Mißvergnügen der Belgier. Der Biſchof von Lüttich, welcher ſich nach der abſchlä⸗ gigen Antwort der Republik mit ſeiner Beſchwerde an den Erz⸗ herzog gewendet hatte, ließ ſich durch deſſen Tod in ſeinen Bemühungen, Huy wieder zu gewinnen, nicht irre machen. Und bald gelang es ihm auch, ſich durch einen raſchen Ueber⸗ fall wieder in den Beſitz dieſer Stadt zu ſetzen. Heraugieère mußte ſich mit einem Theil ſeiner Truppen in das Schloß, der Reſt derſelben in den St. Johannisthurm zurückziehen. Nach einer achttägigen Belagerung kapitulirte Heraugière(am 21. März) und erhielt ehrenvollen freien Abzug, worauf Ver⸗ *) Grotius. III. III. 8 114 dugo die Stadt beſetzte, welche jedoch nach drei Monaten dem Biſchof von Lüttich zurückgegeben wurde. Durch den ſchnellen Wiederverluſt Huys wurde denn auch der weitere Plan zu einer Verbindung mit den in Luxemburg eingefallenen franzöſiſchen Truppen vereitelt. Fuentes entwickelte überdies raſch eine außerordentliche kriegeriſche Thä⸗ tigkeit, und die richtige Berechnung, welche ſeinen Operations⸗ plänen zu Grunde lag, machte ſeinem Talente große Ehre; leider war jedoch ſein Charakter nicht von der Art, daß er ſich durch allen Ruhm in den Niederlanden auch Freunde er⸗ warb. Er ſandte den tapfren Verdugo ins Luxemburgi⸗ ſche, und bald mußten es die franzöſiſchen Truppen räumen. Der ritterliche Greis Mondragon hatte die Bewegungen des Prinzen Moritz zu beobachten. In Burgund hielt Don Ferdinand Velasco, an den Grenzen von Artois der Mar⸗ quis Varam bon zur Vorhut gegen die Operationen Hein⸗ richs IV. Gegen Cambray zu ſtand eine Truppenabtheilung unter Berlotte. Fuentes ſelbſt, welcher das ganze Heer⸗ weſen mit großer Einſicht aus dem Verfalle wieder hergeſtellt hatte, beabſichtigte, gegen die Picardie vorzudringen und ſich insbeſondere Cambray's zu bemächtigen. Dieſe Stadt befand ſich nun ſeit den Zeiten Anjous(1581) im Beſitz franzöſiſcher Truppen; Anjou hatte die Stadt dem Jean de Montlue, Herrn von Balagni übergeben, einem tapf⸗ ren, aber ehrgeizigen und eigenſüchtigen Manne, welcher nach Anjou's Tode die Stadt für ſich ſelbſt behauptete und ſogar den Titel eines„Fürſten von Cambray“ uſurpirte. Mit ihm wett⸗ eiferte ſeine Gattin, eine geborne Büſſi d'Amboiſe, in Ehrgeiz, Eigenmächtigkeit und Muth, zum großen Mißvergnügen der Einwohner Cambrays, beſonders aber der Geiſtlichkeit. Fuentes, welcher zu Anfang Juni's 1595 von Brüſſel —— 115 aufgebrochen war, beſchloß, zuvörderſt mehre Grenzſtädte zu erobern, welche Cambray deckten. Es gelang ihm auch. Am 25. Juni ergab ſich ihm Catelet, am 31. Juli Dour⸗ lans. Am 13. Auguſt rückte er dann vor Cambray mit nur 1000 Mann zu Fuß und 1500 Reitern, aber im Vertrauen auf das Einvernehmen mit einem Theile der Bevölkerung, und auf den Einfluß der Geiſtlichkeit über dieſelbe. Balagni ver⸗ ſuchte jedes Mittel, um die Bewohner Cambrays zu beruhi⸗ gen, aber er hatte ſich zu ſehr verhaßt gemacht, als daß ihm dies gelingen konnte. Am 2. October ergab ſich die Stadt dem tapfren und klugen Fuentes,(und zwar unter denſelben Ter⸗ ritorialverhältniſſen, wie früherhin, bevor ſie in franzöſiſchen Beſitz gekommen war, nämlich unter Oberhoheit des Erzbi⸗ ſchofs und dem Schutz des Königs von Spanien); am 9. Oktober übergab Baligni dem Grafen Fuentes auch das Schloß, da er die Unmöglichkeit einſah, ſich in demſelben län⸗ ger zu vertheidigen. Uebrigens vermochte die ehrgeizige Frau von Balagni den Gedanken nicht zu überleben, daß die uſur⸗ pirte Fürſtlichkeit über Cambray nun mit einem Male ein Ende haben ſollte. Sie ſtarb noch an demſelben Tage, da ihr Ge⸗ mahl die Kapitulation abſchloß, in einem Anfall von Raſerei. Fuentes übergab hierauf das Kommando über Cambray an Auguſtin de Mexia, und kehrte nach Brüſſel zurück, wo er einen glanzvollen Triumpheinzug hielt. Inzwiſchen waren die Feindſeligkeiten auch in den nörd⸗ lichen Provinzen fortgeſetzt worden. Prinz Moritz hatte beſchloſſen, ſich der Feſtung Grol in Zütphen zu bemächtigen. Sie liegt an dem Fluße Beckel, welcher der Yſſel zuſtrömt, und war eine von den wenigen Feſtungen, welche die Spanier auf dem rechts vom Rheine gelegenen Gebiete noch beſaßen. Moritz hatte ſich mit den Truppen Philipps von Naſſau, 116 die von der franzöſiſchen Grenze zurückgekommen waren, ver⸗ einigt, machte einige Demonſtrationen gegen Herzogenbuſch und Hulſt und rückte dann plötzlich vor Grol. Da trat dem jungen ſiegreichen Feldherrn ein Greis voll jugendlicher Kraft entgegen, der 92jährige Mondragon, deſſen Namen wir in dieſer Geſchichte öfters und ſtets ehrenvoll erwähnten. Als Mo⸗ ritz ſah, daß Mondragon ihm zum Entſatze Grols gegen⸗ überſtand, gab er den Plan einer Belagerung auf, weil er ſeine Macht zu ſchwach fühlte, als daß er ſie einerſeits für einen Angriff, anderſeits für eine Abwehr hätte zerſplittern dürfen. Nach Aufhebung der Belagerung ſuchte nun Moritz(wider ſeine ſonſtige Gewohnheit) ſeinen Gegner zu einer offenen Feld⸗ ſchlacht zu verleiten; doch MNondragon vermied dieſe und zog ſich in ein verſchanztes Lager zwiſchen Dinslake und der Lippe zurück. Moritz folgte ihm, und am 2. September kam es denn wirklich zu einem ſehr hitzigen Treffen, wobei je⸗ doch die Spanier den Sieg davon trugen und die Grafen Phi⸗ lipp und Ernſt von Naſſau, ſowie Graf Ernſt von Solms gefangen wurden. Philipp von Naſſau und Ernſt von Solms ſtarben bald darauf zu Rheinberg, wohin man ſie gebracht hatte, an ihren Wunden. Mit dieſer Niederlage der republikaniſchen Truppen war der Feldzug des Jahres 1595, in welchem ſich der Vortheil auf Seiten der königlichen Parthei befand, eigentlich bereits be⸗ ſchloſſen. Wiewohl ſich nämlich die feindlichen Armeen noch längere Zeit am Rhein gegenüberſtanden, ſo fiel doch nichts Entſcheidendes mehr vor, und zwar aus dem Grunde, weil Mondragon eine Abtheilung ſeiner Truppen dem Grafen Fuentes zu Hülfe ſchickte, wärend von Moritzens Armee zwei Regimenter unter Juſtin von Naſſau zur Unterſtützung Heinrichs IV. nach Frankreich abgingen. Ein Verſuch 117 des Prinzen Moritz, Meurs durch Ueberfall den Spaniern zu entreiſſen, und ein anderer Verſuch Heraugiéres, ſich Lier's in Brabant zu bemeiſtern, mißlangen. Sowohl Moritz, als Mondragon legten nun ihre Truppen in die Winterquartiere. — Bald hierauf beſchloß der Letztere ſein thaten⸗ und ehren⸗ reiches Leben mit der ſtolzen Freude des Gedankens, daß der junge Kriegsgott der Republik vor ihm, dem Greiſe, gewichen, mit dem Bewußtſein, daß er bis zum letzten Athemzuge ſeinem König treu gedient hatte, ohne der Ehre und der Menſchlichkeit untreu geworden zu ſein. Nachdem wir nun die Kriegsereigniſſe betrachtet haben, neh⸗ men die inneren Angelegenheiten unſere Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch. Feſt und ſicher, ungeachtet mehrer Mißverhältniſſe,(wozu namentlich die Verſchiedenheit der Münze und die Un⸗ ſicherheit des Geldkurſes in den einzelnen Provinzen gehörten), ſtand die Republik auf dem Fundament der Ut⸗ rechter Union da. Ihr Anſehen bei den auswärtigen Mäch⸗ ten nahm zu. Mit den Königen von Frankreich und Dä⸗ nemark, mit der Königin von England in gleicher Reihe hatte König Jakob von Schottland(im Mai 1594) die Generalſtaaten zur Pathenſtelle bei der Taufe ſeines erſtgebornen Sohnes gebeten und die Republik durch eben die Zuſammenſtellung mit jenen erlauchten anderen Pathen gleichſam als ſelbſtſtändige Macht anerkannt. Die General⸗ ſtaaten beſchenkten den Täufling mit zwei koſtbaren goldnen Gefäßen, und einer jährlichen Leibrente von 5000 Gulden. Eliſabeth war, aus geheimer Eiferſucht auf ihren königlichen Nachbar in Schottland mit der allzugroßen Annäherung der Nepublik an denſelben nicht ſehr einverſtanden und gab ihr Miß⸗ vergnügen den niederländiſchen Geſandten, welche ihr auf der Rückreiſe die Aufwartung machten, ſehr deutlich zu erkennen. 118 Die Republik war jedoch bereits ſo ſehr zu Kräften gekommen, daß ſie ſich über Eliſabeths üble Stimmung keineswegs ſehr beunruhigte, obwohl ſich die Generalſtaaten alle Mühe gaben, der Königin von England Beweiſe abzulegen, wie ungetrübt ſie das Bun⸗ desverhältniß zu erhalten trachteten. Eine andere Genugthuung erfuhr die Republik in ihrem Verhältniß zu Dänemark. Der Erzherzog Ernſt hatte dieſe Macht durch eine Geſandt⸗ ſchaft erſuchen laſſen, der Republik allen Handel mit den Un⸗ terthanen derſelben zu verbieten, ſo lange dieſelbe nämlich nicht mit dem König von Spanien in Friedensverhandlungen getreten ſei;— dieſes Anſinnen nun war von Dänemark ge⸗ radezu abgeſchlagen worden. Kurz, man ſah, wie die Republik der vereinigten Provinzen bereits anfing, von außen her in der Stellung anerkannt zu werden, welche ſie ſich durch einen ruhm⸗ vollen Kampf und durch eine nicht minder ruhmvolle Beharrlich⸗ keit allmählig errungen hatte, in der Stellung einer ſelbſtſtändi⸗ gen europäiſchen Macht. Zu gleicher Zeit waren die Zuſtände der„ſpaniſchen Niederlande“ fortwährend ſehr tranrig. Nachdem das arme Belgien aus allen Hoffnungen, die es auf den Erzherzog Ernſt geſetzt hatte, ſo ſchnell enttäuſcht worden war, hatte es nach dem Ableben deſſelben, unter der proviſoriſchen General⸗ ſtatthalterſchaft des Spaniers Fuentes faſt alle jene Uebel⸗ ſtände aufs neue zu befahren, unter denen es zu Alba's Zeiten ſo unſäglich gelitten hatte. Abermals drohte der fremde Ein⸗ fluß, alle nationalen Intereſſen zu verdrängen, und wie beim erſten Beginn der Unruhen, ſo war es jetzt wieder die einheimiſche Ariſtokratie, welche ſich der vater⸗ ländiſchen Intereſſen lebhaft annahm, wiewohl freilich aus keinem anderen Grunde, als weil ſie ſich durch die ſpaniſche zurückgeſetzt fühlte. Fuentes, welcher die militä⸗ 119 riſchen Talente Alba's beſaß, hatte auch deſſen Stolz, theilte auch deſſen Verachtung gegen die Edlen eines Landes, das ſeine Heimath nicht war, über die er ſich durchaus blos wie über Diener erhob, er ein Sohn des reingläubigen Spaniens! Wie Fuentes den im Kriege gefangenen Feind mit kaltem Blute hinſchlachten laſſen konnte, ſo hatte er auch keine Ahnung davon, die fremde Nationalität zu reſpekti⸗ ren. Seinen Landsleuten maßte er die höhere Einſicht, die vermeintlich rechtmäßige Obergewalt an. Nun aber denke man ſich dagegen ein Volk, welches durch den Uebermuth der Fremden bereits aufs Tiefſte gekränkt, ja durch denſelben einſt ſchon ſoweit gebracht worden war, daß es ſogar ſeine reli⸗ giöſe Sympathie, die es an Spanien band, dem gerechten Trotz zur Behauptung ſeiner Würde hatte zum Opfer bringen können,— ein Volk, welches ſich nach ſo zahlloſen Leiden dem fremden Herrſcher dennoch wieder unterworfen hatte, und zwar mit einem Vertrauen, welches die höchſte Achtung verdient, mit dem heiligen Vertrauen, daß endlich doch die Nationalität vollkommen gewürdigt werden, daß die provinzialen Privilegien garantirt bleiben würden! Dieſes Volk nun, welches zwar durch alle Leiden tiefgebeugt, aber noch nicht entnervt werden konnte, ſehen wir jetzt, wie es zum Lohn für alle ſeine Geduld, für alle ſeine Hoffnungen, für ſeine ganze Hingebung, und für ſein edles Vertrauen, plötzlich wieder jenen Kreislauf von vorne be⸗ ginnen ſoll, den es bereits durchgemacht hat. Die belgiſche Ariſtokratie fühtle dies am Empfindlichſten. Auf ihren Schul⸗ tern laſtete das ganze Gewicht einer rein ſpaniſchen Regierung, wie ſie durch Fuentes jetzt wieder im Schwange ging. Sie fühlte es umſo ſchwerer, je mehr ſie ſich bewußt war, daß ja hauptſächlich ſie die Veranlaſſung zur Wiederunterwerfung der Niederlande unter die ſpaniſche Herrſchaft geweſen war. Die Ariſtokratie, in welcher die ganze Nationalität beleidigt war, zog ſich nun zurück. Eben jener Herzog von Aerſchot, welcher einſt ſoſehr gegen Wilhelm von Oranien intriguirt hatte, welcher faktiſch die Autorität des ganzen einheimiſchen Adels repräſentirte, gab Allen ein Beiſpiel, welches wohl geeig⸗ net war, um den König aufmerkſam zu machen. Zu ſtolz, ſeinen Nacken unter den verhaßten ſpaniſchen Einfluß zu beugen, ver⸗ ließ Aerſchot die Heimath und begab ſich nach Venedig, wo er, wie er ſich ausdrückte,„als freier Mann wenigſtens ſterben könne.“ Er ſtarb auch eben dort noch im Dezember deſſelben Jahres(1595). Sein Sohn Karl von Croy, Prinz von Chi⸗ may, erbte ſeine Herrlichkeiten. Ein Gegenſtück dazu bot das Schickſal des verdienſtvollen Grafen Karl von Mansfeld. Dieſer hatte ſich nicht enthalten können, ſeine ariſtokratiſch⸗na⸗ tionalen Gefühle gegen den Spanier Fuentes bei mehren An⸗ läſſen öffentlich kundzugeben. Fuentes konnte dies jedoch für die Dauer ebenſowenig ertragen; der talentvolle und unterneh⸗ mende Graf mußte ihm ſtets ein Dorn im Auge bleiben. Plötz⸗ lich erfuhr man nun, daß Graf Karl von Mansfeld den Auf⸗ trag erhalten habe, dem Kaiſer Rudolf II. eine Truppenabtheilung zuzuführen, welche zum Kampfe gegen die Türken beſtimmt war. Karl von Mansfeld entledigte ſich dieſes Auftrages; er verließ die Niederlande, wo er den Spaniern allzuſehr im Wege ſtand, im April 1595, kam nach Prag und genoß dort die Ehre, daß ihn Kaiſer Rudolf II. zum Ritter ſchlug, und ihm die Würde eines Reichsfürſten ertheilte. Doch ſchon im Auguſt deſſelben Jahres raffte ihn der Tod dahin. Während nun ſo die ſchroffe Oppoſition zwiſchen Spaniern und Niederländern durch die Ariſtokratie bei den letzteren auf die Spitze getrieben war, äußerte ſich fortwährend der Na⸗ tionalwille der Belgier, welcher einzig und allein in einem 121 Frieden Rettung und Heil ſuchte. Froſt, Ueberſchwemmung und Theurung hatten die Noth des ohnehin bedrängten Volkes, aufs Höchſte geſteigert. Fuentes war hart, aber immerhin klug genug, um einzuſehen, daß er dem Nationalwillen wenig⸗ ſtens nicht direkt widerſtreben dürfe. Demgemäß handelte er denn auch, obwohl er überzeugt ſein konnte, daß alle Friedens⸗ unterhandlungen doch nicht zum Ziele führen würden. Vielleicht eben darum, weil er dies vorauswußte, ließ er jene zu. Ue⸗ brigens herrſchten, obwohl alle Gemüther in Belgien in dem einzigen Wunſche nach Frieden zuſammentrafen, doch bei den Einzelnen verſchiedenartige Motive vor. Wir wollen hier nur vorzugsweiſe das des berühmten Gelehrten Juſtus Lip⸗ ſius hervorheben, welcher damals Profeſſor an der Univerſität zu Löwen war. Dieſer äußerte ſich auf die Anfrage eines an⸗ geſehenen Edelmannes, was er über Friedenshandlungen denke, in ſeiner ſchriftlichen Erwiederung(vom 3. Januar 1595), daß er gleichfalls zum Frieden rathe, bloß um die Kräfte der Holländer(„wir haben drei Feinde, den Franzoſen, den Engländer und— den Holländer!“) zu entwaffnen und Zwietracht unter denſelben zu verbreiten.. Die Friedensverhandlungen wurden nun dadurch eingeleitet, daß der Marquis von Havré eine Zuſchrift an einen ge⸗ wiſſen Jakob von Malderé,(einen Edelmann aus Tour⸗ nay) richtete, welcher früher Havrés Hausgenoſſe geweſen war und ſich jetzt in den Dienſten des Prinzen Moritz befand. Malderé unterrichtete den Letzteren davon und Moritz berieth ſich über die wichtige Angelegenheit mit den Staaten. Hier⸗ auf autoriſirte nun Moritz jenen Malderé, dem Marquis zu erwiedern, daß allerdings Hoffnung zum Frieden daſei, aber nur in dem Falle, wenn die ſpaniſchen Truppen nicht bloß den niederländiſchen Boden, ſondern auch die Freigrafſchaft Burgund 122 räumen würden, wo Velasco gegen den Herzog von Bouillon in den Waffen ſtand. Da Havré in ſeiner Antwort an Mal⸗ deré dieſer Bedingungen duraus nicht erwähnte, ſo erklärte ihm der Letztere in höherem Auftrag ausdrücklich, daß die Repu⸗ blik der vereinigten Provinzen zwar gerne mit den übrigen niederländiſchen Landſchaften, aber kei⸗ nesfalls mit Spanien in Unterhandlungen treten würde. Im April erſchienen denn nun Dirk Liesveld(welcher frü⸗ herhin Kanzler von Brabant geweſen), Jakob Maas und Otto Hartius in Middelburg vor dem Prinzen Moritz, angeblich als Abgeſandte der belgiſchen Staaten an die Staaten der vereinigten Provinzen. Sie ſtellten den Letzteren und dem Prinzen vor, wie ſich die Regierung Belgiens jetzt in den Händen des Staatsrathes befinde. Sie erinner⸗ ten daran, wie es dem Staatsrath ſchon früherhin unter ähnlichen Verhältniſſen wie jetzt gelungen war, den Bürgerkrieg zu unterdrücken und die Entfernung der fremden Trup⸗ pen zu bewirken. Auf den letzteren Umſtand legten ſie be⸗ ſondres Gewicht, da derſelbe von Seiten der Republik als allererſte Bedingung einer Friedensverhandlung und Widerver⸗ einigung mit Belgien beantragt worden war. Auch jetzt,(be⸗ merkten deßhalb jene Geſandten weiterhin) würde es nicht eben große Mühe koſten, den Abzug der fremden Truppen zu bewirken, ſobald nämlich Belgien nur erſt wieder in Frie⸗ denszuſtand gebracht ſei. Man ſieht: ſie hatten klug die ganze Frage umgeſtürzt; ſie faßten die Bedingung wie eine nothwendige Folge auf, welche ſich im Intereſſe Belgiens ei⸗ gentlich von ſelbſt verſtünde. Die Wiedervereinigung ſämmtlicher Niederlande zu bewirken, war angeblich die Grundaufgabe der Geſandten. Es lag indeſſen für Jeden, der die Verhältniſſe auch nur oberflächlich kannte, am Tage, daß 123 dies ſolang eine Illuſion bleiben mußte, als einerſeits Belgien dem König von Spanien unterthan blieb und als anderſeits die vereinigten Provinzen ihre republikaniſche Verfaſſung nicht aufgaben. So lange das eine oder das andre Verhältniß nicht durchweg aufgehoben wurde, mußte auch ſogar eine bloße Föderation beider Theile unmöglich ſein, geſchweige denn, daß ſich an eine innige Vereinigung derſelben hätte denken laſſen. Es handelte ſich demnach zuvörderſt darum, ob man in Belgien wirklich aufrichtig eine Wiedervereinigung beab⸗ ſichtige. In Bezug auf die Geſandtſchaft, welche mit dem be⸗ treffenden Auftrage erſchien, enthüllte ſich indeſſen gar bald die Unaufrichtigkeit, zu welcher ſie ſich hergab, durch die wei⸗ teren Vorſchläge, welche ſie dem Prinzen Moritz machte. In⸗ dem nämlich die erwähnten Geſandten erklärten, ſie ſeien gekommen, um die vereinigten Provinzen zu jenem Zwecke aufzufordern, ſtellten ſie dann weiter dem Prinzen Moritz vor:„er möchte ſeinen wohlerworbenen Ruhm lieber ſicher ſtellen, als denſelben fernerhin an alle ungewiſſen Erfolge eines Krieges wagen; woran ſie denn keineswegs zu zweifeln verſicherten. Das Haus Naſſau habe ſich nicht bloß durch den Krieg, ſondern auch im Friedenszuſtande die höchſte Bewunderung erworben. Setzte jedoch Prinz Moritz gerade den kriegeriſchen Ruhm über alles, ſo ließe ſich ja wohl auch dafür eine paſſende Auskunft finden; denn bei dem großen Nufe, den er ſich durch ſeinen Heldenmuth erworben habe, ließe ſich wohl nichts anderes ver⸗ muthen, als daß ihm gewiß jede europäiſche Macht mit Vergnügen den Oberbefehl über ihr Heerweſen übertragen würde.“ Aus dieſer Vorausſetzung ließ ſich ziemlich unzweifelhaft die geheime Abſicht erkennen, welche den ſogenannten Friedensverhandlungen zu Grunde lag und 124 welche den ſo dringend ausgeſprochenen allgemeinen Wunſch der Belgier zu benützen ſuchte. Moritzens Entfernung aus den Dienſten der Republik lag der Berechnung zu Grunde, und man folgerte weiter, daß alsdann die vereinigten Provinzen bedeutend geſchwächt würden. Man dachte jedoch nicht mehr daran, daß ſelbſt die Ermordung Wilhelms von Oranien, wel⸗ chen Spanien einſt als das einzige Hinderniß betrachtet hatte, die Fortſchritte der Sache der Freiheit nicht hatte aufhalten können. Selbſt ein weniger ſcharfſichtiger Mann als Moritz hätte bei jenen Erörterungen unſchwer die Quelle erkennen müſſen, aus welcher dieſelben gefloſſen,— die ſpaniſche In⸗ trigue. Noritz hatte überdies in Erfahrung gebracht, daß die Geſandten, welche angeblich bloß im Namen der Staaten der belgiſchen Provinzen ſprachen, nicht ohne Mitwiſ⸗ ſen des Grafen Fuentes abgereiſet waren. Demgemäß richtete er nun ſeine Worte und ſein Benehmen ein. Fein, aber mit unverbrüchlicher Beſtimmtheit, erwiederte er den Geſandten: „er wünſche nichts ſehnlicher als die Beendigung des Krieges, in welchem Niederländer gegen Niederländer die Waffen trügen. Gelänge ihm dieſes Werk, ſo würde er den Ruhm, dazu beigetragen zu haben, höher ſchätzen als alle kriegeriſchen Ehren. Um übri⸗ gens dieſen Zweck zu erreichen, müſſe man einen ganz anderen Weg einſchlagen, als den der Unterhandlungen mit Philipp II. oder mit den Spaniern überhaupt; Spanien habe alles Ver⸗ trauen unwiderbringlich verſcherzt; auch könnte Philipp II. wohl niemals alles Vorangegangene vergeſſen noch vergeben. Eine andere Rückſicht für die vereinigten Provinzen wäre ihr Ver⸗ hältniß zu ihren Bundesgenoſſen, welches ihnen nicht erlaube, mit Spanien friedliche Beziehungen anzuknüpfen. Hier ſei dem⸗ nach nur ein Ausweg für Belgien, nämlich der: das Joch der ſpaniſchen Oberherrſchaft gänzlich abzuſchüt⸗ teln, und wenn man dort wirklich die Spanier ſo ſehr haſſe als hier zu Lande in der Republik, ſo würde man ſich wohl dazu entſchließen können. Wenn nun Belgien dieſen Schritt gethan, dann trete ein ganz anderes, ein ſchöne⸗ res Verhältniß ein; dann ſtünden Freie zu Freien; dann könnten ſich beide leicht innig vereinbaren, dann würde den Vereinigten der Schutz jener mächtigen Bundesgenoſ⸗ ſen zu Gute kommen, deſſen ſich die Republikbereits erfreue.“ Klug erwähnte Moritz auch noch der delikaten religiöſen Verhältniſſe, welche einſtens ſo weſentlich zur Losreißung der belgiſchen Provinzen von der gemeinſamen Sache aller Nieder⸗ lande beigetragen hatten.„Er finde in der Verſchiedenheit der Konfeſſionen keinen Grund, wodurch Uneinigkeit hervorgebracht werden fönnte; man möge in dieſer Beziehung die analogen Verhaͤltniſſe betrachten, welche dermalen in Frankreich ſtatt⸗ fänden, und bei welchen man dort, ungeachtet aller gegenſeitigen religiöſen Freiheit keine Zwiſtigkeiten gewahren könne.“— Hierauf nahm nun Liesveld wieder das Wort und ſuchte ins⸗ beſondere die Meinung herzuſtellen, daß er nebſt ſeinen Kollegen lediglich in Auftrag der Staaten handle, ohne daß die Spa⸗ nier bei der ganzen Angelegenheit beſonders betheiligt wären. Da nun Moritz von dem Sachbeſtande beſſer unterrichtet war, ſo nahm er keinen Anſtand, jene Betheuerung thatſächlich zu widerlegen. Er entriß den Geſandten die Freigeleitsbriefe, welche ihnen Fuentes ausgeſtellt hatte, und woraus ſich das geheime Einvernehmen mit den Spaniern ergab. Ein weiterer Beweis dafür war: daß die Geſandten bloß im Namen des Königs abſchließen wollten. Hiermit war denn mit einem Male jede Ausſicht zu näheren Unterhandlungen geſchloſſen. Die Geſandten erhielten ihren Urlaub und kehrten unverrichteter Dinge zurück; ſie hatten daheim noch obendrein den Spott der 126 Spanier zu erfahren, welche ſich über dieſelben luſtig machten. Gleichwohl gaben die beklagenswerthen Belgier, mit welchen man ein ſo nichtswürdiges Spiel trieb, ihre Hoffnungen auf den Frieden noch keinesweges auf und namentlich gab es Viele⸗ welche die Entfernung der ſpaniſchen Truppen, die von den ver⸗ einigten Provinzen zur erſten Bedingung geſtellt war, für kei⸗ neswegs unbillig, ſondern vielmehr für den allgemeinen Wunſch erklärten. Uebrigens hatte auch Kaiſer Rudolf II. in einer Zuſchrift an die Staaten von Holland den Frieden dringend empfohlen, zu Nutz und Frommen der ganzen Chriſtenheit und zu nach⸗ drücklicherer Unterſtützung gegen den gemeinſamen Erbfeind der⸗ ſelben, den Türken. Die Staaten von Holland theilten das kaiſerliche Schreiben den Generalſtaaten mit, weil die Sache nicht die Erſteren allein, ſondern die ganze Republik be⸗ treffe. Die Generalſtaaten erließen hierauf, in ihrer Ver⸗ ſammlung im Haag, vom 12. Juni 1595 eine Antwort an den Kaiſer, deren Inhalt(in ſehr ehrerbieliger Form, unter Bezeugung des Dankes für die väterliche Fürſorge kaiſerlicher Majeſtät, und der Verſicherung, daß auch den Generalſtaaten nichts erwünſchter ſein könnte als die Beendigung des langen verderblichen Krieges) gleichwohl auf das Beſtimmteſte, das unüberwindliche Mißtrauen gegen Spanien ausdrückte, wozu ſie alle Gründe hätten, mit der ehrerbietigſten Bitte ſchließend,„daß der Kaiſer zur Zügelung des ſpaniſchen Ehr⸗ geizes und zur Befreiung der Lande von ihren wohlbegründeten Beſorgniſſen kräftig beitragen möchte.“ Die Generalſtaaten konnten übrigens dem Kaiſer gar bald einen ausdrücklichen Be⸗ weis zur Hand ſtellen, wie gerecht ihr Mißtrauen gegen die Aufrichtigkeit der Spanier war. Man hatte nämlich ein Schrei⸗ ben des ſpaniſchen Rathes Taſſis in Brüſſel(vom letzten 127 Mai 1595) an König Philipp II. aufgefangen und durch St. Aldegonde entziffern laſſen. Taſſis rieth darin dem Könige:„die beiderſeitigen Staaten zwar immerhin unterhan⸗ deln, aber zugleich die höchſte Gewalt in den Händen des Grafen Fuentes zu laſſen und die ſpaniſchen Truppen ja nicht aus Belgien zu entfernen.“ Die General⸗ ſtaaten ließen dem Kaiſer ſowie dem Herzog von Sachſen und dem Pfalzgrafen, welche unter Anderen den Kaiſer zur Friedensvermittlung aufgefordert hatten, Abſchriften des Taſ⸗ ſisſchen Schreibens zuſtellen, und fügten die Bitte bei:„da man ſich nun überzeugt habe, daß von Seiten der Gegenparthei keine aufrichtige Abſicht vorhanden ſei, ſo möchten Kaiſer und Reich in dieſer Angelegenheit fernere Bemühungen und Koſten ſparen.“ Somit waren denn auch nach dieſer Seite hin die Hoffnun⸗ gen auf Vermittlung und Friedensunterhandlungen abgeſchnitten. Gleichwohl fand man es der Politik angemeſſen, die Belgier noch in dem Wahne zu erhalten, daß die Unterhandlungen nicht gänzlich abgebrochen, ſondern blos für einige Zeit hinausge⸗ ſchoben ſeien. Und es ließ ſich in der That von dem aufs Aeu⸗ ßerſte gebrachten Volke, wenn es auch ſeine letzte Hoffnung mit einemmale zertrümmert ſah, eine That der Verzweiflung befürchten, vielleicht eine gewaltſame Vertreibung der ſpaniſchen Truppen und dann wohl gar neue allgemeine Empörung gegen die ſpaniſche Oberherrſchaft, um durch Hinwegräumung dieſes Hinderniſſes eine Wiedervereinigung mit den freien Provinzen und in deren Folge Erholung von langjährigem Elend, Theil⸗ nahme am Wohlſtand der erſteren zu erwirken. Während man indeſſen in Belgien jenes Gerücht verbreitete, um die Ruhe zu erhalten, und während ſich das Volk dadurch täuſchen ließ, — wehte ein ganz andrer Geiſt über den vereinigten Pro⸗ 128 vinzen. Hier entzündete die Politik der Regierung die Kriegs⸗ luſt, um jedes Streben zur Annäherung an Spanien im Keime zu erſticken. So ſehen wir denn neuerdings, ungeachtet der redlichen und ſehnlichen Wünſche der Belgier, die Kluft zwiſchen den nördlichen und den ſüdlichen Provinzen ſich erweitern, indem das, wovon die Einen ihr Heil erwarteten, den Anderen zum Verderben gereichen mußte. Wunderbar ſind die Schickſale der Völker! Ein Volk bedarf oft einer längeren Prüfungszeit, bis es die Freiheit gewinnt, während nicht ſelten ein anderes die errungene leichter aufgibt, als ſich nach ſeiner Geſchichte ver⸗ muthen ließe. Man darf deſſenungeachtet weder das eine noch das andere geringerſchätzen. In dem Einen wie in dem Anderen wird dennoch ſtets das Bewußtſein der Freiheit, dieſes ewige heilige Prometheusfeuer, durch welches der Menſch erſt vollkom⸗ mener Menſch wird, die Schlacken der Inſtitutionen durchbrechen und rein und hehr emporlodern. Inzwiſchen widmete Philipp II. den niederländiſchen An⸗ gelegenheiten unausgeſetzt die größte Aufmerkſamkeit. Er be⸗ rechnete die Folgen des ſpaniſchen Einflußes in den Nieder⸗ landen unter Fuentes. Wenn er auch aus Politik das nach dem Tode des Erzherzogs Ernſt entſtandene proviſoriſche Ver⸗ hältniß beſtätigte, ſo wollte er doch einer ihm untergeordneten Perſon die Generalſtatthalterſchaft nicht für längere Zeit über⸗ tragen. Hier waren nun auch ſein Herz und ſeine Hauspolitik im Spiele. Er hatte ſich überzeugt, daß in Bezug auf das Verhältniß der Spanien wiederunterworfenen Niederlande un⸗ bedingt ein anderes Syſtem eintreten müſſe, als jenes Centrali⸗ ſationsſyſtem, welches ihn anfänglich geleitet hatte; ebenſo, daß ſein männlicher Erbe, der Kronprinz Philipp, nothwendig in dieſelben Kolliſionen gerathen würde, welche bisher ſtattgefunden hatten. Nun beſchäftigte ihn die Idee, welche er in Bezug auf 129 die Erwerbung der franzöſiſchen gehegt hatte, allmälig in Bezug auf die niederländiſchen Verhältniſſe. Die Grundidee, welche vorwaltete, betraf die Fortpflanzung der Herrſchaft durch ſein Haus, vermittelt durch eine Heirath ſeiner Tochter, der Infan⸗ tin Iſabella, mit einem öſterreichiſchen Prinzen. Einſtweilen ſchien es jedoch, als ob Philipp darauf noch keine unmittelbare Rückſicht genommen hätte; einſtweilen ſchien— nämlich in Bezug auf die Niederlande— nur die Vorausſicht für das Haus Oeſterreich überhaupt bei ihm Platz gegriffen zu haben, welche wir überhaupt bis jetzt zu verfolgen Gelegenheit hatten. So wiſſen wir z. B. daß Philipp bei ſeinen Projekten hinſichtlich Frankreichs zwiſchen den Erzherzogen Ernſt und Maximilian von Oeſterreich ſchwankte, und dem Einen oder Anderen die Hand ſeiner geliebten Tochter Iſabella beſtimmt hatte. Beide waren Söhne des verlebten Kaiſers Maximilians II. und der Prinzeſſin Maria von Spanien, einer Schweſter Phi⸗ lipps II., welcher ſich ſeinerſeits wieder nach dem Tode ſeiner Gemahlin Eliſabeth von Frankreich mit Anna, der Tochter Maxi⸗ milians II., vermählt hatte. Die verwandtſchaftlichen Ver⸗ hältniſſe zwiſchen der ſpaniſchen und der deutſchen Linie des Hauſes Oeſterreich waren ſo eng verwoben, daß ſich kaum etwas anderes erwarten ließ als eine, wenigſtens phyſiſche Verſchlim⸗ merung der Race, welche für die Folge kaum ausbleiben konnte. Philipps Hoffnungen auf den Erzherzog Ernſt waren frühzeitig dahingeſchwunden; er ſetzte neue auf deſſen und Kaiſer Ru⸗ dolfs II. Bruder, den Erzyerzog Albrecht, von welchem er überdieß wußte, daß derſelbe in ſeinem politiſch⸗religiöſen Geiſte gebildet ſei. Erzherzog Albrecht von Oeſterreich, der dritte Sohn des Kaiſers Maximilian II., war mit ſeinem Bruder Ernſt zugleich am Hofe Philipps II. erzogen worden. Man III 9 130 hatte ihn ſchon in früher Jugend für den Dienſt der Kirche beſtimmt. Kaum war Erzherzog Albrecht achtzehn Jahre alt, als ihm Papſt Gregor XIil. den Kardinalshut ertheilte, wiewohl er keine geiſtlichen Weihen empfing und zwar auf den ausdrücklichen Einſpruch Philipps II. Nach der Eroberung Portugals ernannte Philipp II. den Erzherzog Albrecht zum Vizekönig über dieſes Reich und Albrecht erwarb ſich in dieſer ſchwierigen Stellung, in welcher er gegen den Prior Don Antonio die Waffen zu ergreifen hatte, mit der größten Geſchicklichkeit, welche Philipp 11. Zutrauen für ihn nur befe⸗ ſtigen konnte. Einen Beweis ſeiner großen Zuneigung gab ihm der Letztere im Jahre 1594, als er ihn zum Koadjutor des Erzbisthums Toledo und zum Primas von Spa⸗ nien,(mit 20,000 Dukaten jährlicher Einkünfte) ernannte. Im folgenden Jahre ſtarb der Erzbiſchof von Toledo und der Erzherzog behielt die Revenüen, wiewohl er nicht zum Prieſter geweiht wurde; es ſcheint,(nach Van der Vynkt's Anſicht) daß Philipp II. ſchon damals eine Heirath Albrechts mit ſei⸗ ner Tochter Iſa bella beabſichtigte. Bevor Philipp jedoch eine Maßregel ins Werk ſetzen konnte, welche allerdings große Bedenken erregen mußte, wollte er— dies lag in ſeinem ganzen Weſen begründet— zuerſt genau prüfen. Deßhalb ſollte denn Albrecht zuerſt als Gouverneur nach den Niederlanden abgehen, und es ſcheint, daß bei dieſem Entſchluß Philipps II. die Rückſicht auf ſeine nächſten Familienverhältniſſe keine Nebenrolle ſpielte. Erz⸗ herzog Albrecht genoß nämlich das Vertrauen des Königs in einem ſo hohen Grade, daß ſelbſt der Kronprinz Philip p darüber hätte Bedenken ſchöpfen müſſen, wenn er, durchaus zur Unſelbſtſtändigkeit erzogen, überhaupt im Stande geweſen wäre, ſolche Bedenken ſelbſt zu faſſen; aber ſollte nicht deſſen Umge⸗ 131 bung dergleichen aufgreifen? Gleichviel; die Entfernung Al⸗ brechts aus Spanien ſchien nothwendig, und kein Wirkungs⸗ kreis, um ſolche zu beſchönigen, geeigneter, als eben der in den Niederlanden, womit ja eben zugleich Philipps II. ge⸗ heime Pläne zuſammenhingen. Dies war nun um ſo mehr der Fall, da es dem Monarchen nicht entging, daß der ſpaniſche Einfluß dort ſo allgemein mißfiel. Er kannte den Grund gar wohl, er ahnte ebenſo gut, daß wohl nur noch einzig von jenem Plane, den er insgeheim bereits entworfen hatte, eine Erhaltung der Niederlande für Spanien zu erwarten ſei. Indem nun der Drang der Verhältniſſe jetzt mit ſeinem längſtgehegten Lieb⸗ lingsplane zuſammentraf, entſchloß er ſich um ſo raſcher, den Letzteren auszuführen. Kurz: er übertrug dem mit ihm im dreifachen Grade blutverwandten Erzherzog Albrecht von Oeſterreich die Generalſtatthalterſchaft über die ſpaniſchen Niederlande; dort ſollte Dieſer zuerſt nochmals den Verſuch machen, durch militäriſche Kraftentwickelung dem König die verlorenen Provinzen wiederzugewinnen, zu welchem Zwecke ihn Philipp mit einer großen Menge ungemünzten Sil⸗ bers*) und mit Truppen reichlich verſah. Zugleich aber trachtete Philipp auch noch einen andren Plan auszuführen, nämlich: Zwietracht im Hauſe Naſſau⸗ Oranien anzufachen, und daſſelbe, indem er es dadurch ſchwächte, dem Dienſte der Republik zu entziehen. Zu dieſem Ende führte er, auf die Pietät der Niederländer für das An⸗ denken Wilhelms von Oranien rechnend, plötzlich einen Längſtverſchollenen wieder an's Tageslicht, jenen erſtgebornen Sohn des verewigten Prinzen, Philipp Wilhelm Grafen von Büren, welchen der Herzog von Alba im Jahre 1568 von der Univerſität Löwen mit Gewalt hatte entfernen und *) Grotius. Bch. V. 241. Van der Vynkt(ed. Tarte) III. Bd. 139 132 nach Spanien bringen laſſen. Philipp Wilhelm war dort in der katholiſchen Religion erzogen worden; ſpaniſchen Geiſt hatte er eingeathmet; ſpaniſchen Geiſt ſollte der Sohn Wilhelms des Befreiers nunmehr in die befreiten Niederlande bringen. Dürfte der Geſchichtsſchreiber auch irgend auf Vor⸗ bedeutungen achten, dürfte er zuweilen der Phantaſie nachgeben, ſo möchten wir auf die wunderliche Namen zuſammenſtellung des Grafen von Büren aufmerkſam machen, in welcher gleich⸗ ſam deſſen traurige Stellung ausgedrückt iſt. Trug er nicht den Namen Philipp, den des unverſöhnlichen Feindes ſeines Vaters und der Freiheit, ſo wie den Namen Wilhelm, den ſeines Vaters? In der That: ſein Schickſal war ſehr traurig. Der Sohn des Befreiers ſollte der Politik des Unterdrük⸗ kers als Werkzeug dienen, und doch wallte das Blut des Va⸗ ters, wenn auch langſamer und dumpfer, in ſeinen Adern. Ein ſchöner Beweis dafür iſt folgender Zug, den man ſich von ihm erzählte. Einſt ſaß er mit einem ſpaniſchen Hauptmann beim Kartenſpiele, und der Letztere begann über Philipp Wilhelms Vater ſchimpflich zu reden; da ergrimmte der Sohn, ſtürzte auf den Hauptmann los, umſchlang ihn mit beiden Armen und ſtürzte ihn zum Fenſter hinaus. Dieſe That wurde ihm ſehr übel genommen; nur ein junger ſpaniſcher Edelmann, Gabriel Oſorio, vertheidigte den Sohn, welcher des Vaters Ehre nicht gekränkt wiſſen wollte, und wurde von jener Stunde an Phi⸗ lipp Wilhelms vertrauteſter Freund.— Dieſen erſtgebornen Sohn des großen Oranien ſandte nun Philipp II. nach einer ſo langen Reihe von Jahren mit dem Erzherzog Albrecht wieder in die Niederlande, nachdem ſich ſchon um's Jahr 1592 der ſpaniſche Kronprinz Philipp lebhaft für die Freilaſſung Phi⸗ lipp Wilhelms verwendet hatte. Welche Rolle ſollte jetzt in den Niederlanden der unglückliche Mann übernehmen, welcher 133 um die Freuden der Jugend, um das Antlitz des Vaters, um die ſchöne Theilnahme an den höchſten Intereſſen, welchen dieſer ſich hingab, um alle Hoffnungen und um das Vertrauen der Nation, durch ſeine Gefangenhaltung in Spanien ſo unverant⸗ wortlich betrogen worden war? Finſtrer Ernſt lag den ſchönen Zügen des Freudeloſen eingeprägt. Erzherzog Albrecht ſtand damals, als er ſeine wichtige Miſſion übernahm, in der Fülle reifer Manneskraft. Seine Züge verriethen weniger Stolz als den Ausdruck einer etwas ſchwerfälligen Grandezza, wie man ſie am ſpaniſchen Hofe ſo leicht annahm. Die hohe Stirne, der markirte Mund,— ge⸗ ſchloſſen und ernſt—, die ſchön geformten aber ſehr ruhigen Augen, der ganze feierliche Anſtand dieſes Fürſten drückte nicht ſowohl deſſen Charakter als deſſen Bildung aus. Albrecht be⸗ ſaß in der That achtungswerthe Eigenſchaften. Er war mäßig und außerordentlich thätig. Mit perſönlicher Rechtſchaffenheit verband er ein aufrichtiges Streben, gegen Jedermann gerecht zu ſein. Streng hielt er auf Ordnung. Wenn ihm auch ge⸗ nialer Heroismus abging, ſo beſaß er doch perſönlichen Muth und eine anerkennenswerthe Ausdauer, welche dieſen bei weitem überragte. Für Staatsgeſchäfte war er mit Einſicht und Er⸗ fahrungen hinlänglich ausgerüſtet. Sein Herz war menſchenfreund⸗ lich genug, um andre Herzen zu gewinnen, wiewohl ſein ernſtes Aeußeres nnd ſeine abgemeſſenen Manieren an ihn die Annäherung zu erſchweren ſchienen. Sein religiöſer Eifer genügte dem Vertrauen Philipps. So war der Mann beſchaffen, welchem Philipp 11. eine wichtige Rolle in den Niederlanden beſtimmt hatte, wenn derſelbe ſeine Prüfungszeit daſelbſt zur Zufriedenheit beſtanden haben würde. Erzherzog Albrecht ſchiffte ſich mit Philipp Wilbelm im September 1595 in Spanien ein, und landete zu Anfang Oktobers in Genua, von wo er Oraniens Sohn 134 nach Rom ſandte, um dem heiligen Vater ſeine Aufwartung zu machen. Albrecht ſelbſt hielt ſich in Genua einige Zeit auf, und verſuchte es, Marſeille für Spanien zu gewinnen, was ihm jedoch mißlang. Hierauf begab er ſich durch Savoyen und Burgund nach Luxemburg. In Namur empfing ihn der Graf Fuentes und am 11. Februar 1596 hielt er in Beglei⸗ tung zweier ſpaniſcher Regimenter und eines italiäniſchen, ſo⸗ wie der höchſten Ariſtokratie, mit Pbilipp Wilhelm einen prachtvollen Einzug in Brüſſel. Dem Grafen Fuentes er⸗ theilte er die vollkommenſten und gerechteſten Lobſprüche über deſſen kriegeriſche Verdienſte; auch berieth er ſich mit demſelben über den Zuſtand des Landes und beſchloß, den Krieg mit al⸗ lem Nachdruck fortzuſetzen. Im März verließ hierauf Fuen⸗ tes die Niederlande, in welchen ſein Andenken verhaßt war, und begab ſich nach Mailand als ſpaniſcher Generalgouverneur, wo er ſeinem Vaterlande noch bis zu ſeinem Ableben(im Jahre 1610) ausgezeichnete Dienſte leiſtete. Die ſpaniſchen Nieder⸗ lande athmeten nach ſeiner Entfernung frei auf und verſprachen ſich nun glücklichere Tage, in dem Wahne, daß der ſpaniſche Einfluß jetzt ſein Ende erreicht habe, daß die Inländer jetzt wieder vorzugsweiſe bei Staats⸗ und Kriegsämtern betheiligt werden würden. Obwohl nun außer Fuentes auch Ibarra die Niederlande verließ, ſo trafen doch ſtatt deren wieder mehre andere Spanier ein, welche hohe Staatswürden erhielten; dem Admiral von Arragonien, Don Franz de Mendoza wurde die bedeutendſte Stelle im Kriegsweſen übertragen. So⸗ mit ſahen die Belgier ihre Hoffnungen— wenigſtens für den Augenblick— abermals getäuſcht, und nichts blieb ihnen übrig, als der weiteren Entwickelung ihrer Verhältniſſe unter der neuen Regierung mit Geduld entgegenzuharren. Inzwiſchen beachteten die Generalſtaaten der verei⸗ — 135 nigten Provinzen mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit das Benehmen Philipp Wilhelms von Büren. Nicht ohne Grund brachten ſie ſeine Freilaſſung, ſein Wiedererſcheinen in den Niederlanden mit geheimen Abſichten des Königs in Verbindung, gegen welche ſie ſich auf jede Weiſe ſicher zu ſtel⸗ len ſuchten. Der Umſtand, daß Philipp Wilhelm in Spa⸗ nien katholiſch erzogen worden war, mußte ihren Verdacht beſtärken; denn ſie nahmen an, daß er als Katholik gerade in Spanien wohl auch alle jene Vorurtheile gegen den Prote⸗ ſtantismus eingeſogen haben würde, deren Folgen ſie durch des Königs Richtung ſchmerzlich genug hatten kennen lernen; zur Beſtätigung ihres Argwohns traf nun auch die Nachricht von Philipp Wilhelms Reiſe nach Rom und deſſen Devotion vor dem Papſt ein, welche Letztere der Republik von ihrem Stand⸗ punkte aus höchſt anſtößig erſcheinen mußte. Und es war auch in der That gerade Philipp Wilhelms religiöſe Seite, wor⸗ auf man in Spanien am Meiſten baute, als man ſich ſeiner als eines Werkzeuges zur Beruhigung oder Schwächung der Niederlande bedienen wollte. Als nun die Generalſtaaten die Nachricht von Philipp Wilhelms bevorſtehender An⸗ kunft in den Niederlanden erhielten, ſchrieben ſie ihm unter'm 22. Dezember 1595(vom Haag aus) einen ſehr höflich abge⸗ faßten Brief, worin ſie ihm zu ſeiner Freilaſſung und Wieder⸗ kehr Glück wünſchten. Uebrigens wären ſie,(hieß es ferner in ihrem Schreiben) benachrichtigt, daß der Feind ſich vermeſſe, durch die Freilaſſung Sr. Exzellenz große Dinge„zum Nach⸗ theil dieſes Staates“ auszurichten. Es würde den General⸗ ſtaaten ſehr leid ſein, wenn dadurch ihre Geſinnungen von be⸗ ſonderer Zuneigung, welche ſie für Se. Erzellenz hegten, irgend eine Veränderung leiden müßten; obwohl ſie anderſeits über⸗ zeugt ſeien, daß ſich Se. Exzellenz gewiß nicht zu einem Werk⸗ 136 zeuge der Spanier hergeben würde, um das Fundament der Freiheit zu untergraben, welches Wilhelm von Oranien mit ſo vieler Mühe und Weisheit errichtet, und wofür er den Tod erlitten. Schließlich baten die Generalſtaaten den Prinzen Phi⸗ lipp Wilhelm, er möchte, wenn er etwa in die vereinigten Provinzen zu kommen wünſche, dafür eine paſſendere, ru⸗ higere Zeit abwarten, in welcher ſie ihm dann Päſſe zuſtellen würden. Zugleich machten ſie ihn darauf aufmerkſam, daß un⸗ ter den jetzt beſtehenden Verhältniſſen alle Anſtalten an den Grenzen getroffen ſeien, damit Niemand ohne Paß das Gebiet der vereinigten Provinzen betreten könne. So höflich nun auch dies Schreiben der Generalſtaaten abgefaßt war, ſo konnte Phi⸗ lipp Wilhelm doch daraus leicht abnehmen, daß man ſich ſeine Anweſenheit in den vereinigten Provinzen verbat. Er erhielt den Brief noch unter Weges und beantwortete ihn am 1. Fe⸗ bruar 1596 von Luxemburg aus eben ſo höflich.„Meine Her⸗ ren“, ſchrieb er,„ich danke euch ſehr herzlich für euren wohl⸗ wollenden Antheil an meiner Freilaſſung und für das freund⸗ liche Andenken, welches euer Brief mir ausdrückt. Wiewohl es mir nun bis jetzt noch nicht vergönnt iſt, euch meine treue Zu⸗ neigung, die ich ſtets für euch gehegt, zu beweiſen, ſo hoffe ich doch, euch thatſächlich darthun zu können: ſie ſei von der Art, daß ihr keinen Grund haben werdet, euch über mich zu bekla⸗ gen. Wenn es dahin gekommen ſein wird, daß ich euch meinen großen Wunſch, euch zu dienen, beweiſen kann, dann werde ich nichts ohne euren guten Willen, und ohne eure Zuſtimmung unternehmen. Ich hoffe zu Gott, daß ihr es mir nie verwei⸗ gern werdet, euch Dienſte zu leiſten, die keinen andern Zweck haben, als eine gute Auskunft für ſo viel Elend und Noth, als einen Beginn der Ruhe und den gemeinſamen Vortheil aller dieſer Provinzen, wozu Gott ſeinen Segen geben möge.“— —,— 137 Wir haben keinen Grund, an der Aufrichtigkeit dieſer Geſinnun⸗ gen zu zweifeln. Philipp Wilhelms Lage war in der That ſehr beklagenswerth. Nach welcher Seite hin er ſich auchg immer wenden mochte, überall fand er Argwohn gegen ſich; die Spa⸗ nier mißtraueten ihm wegen ſeiner Abkunft, die Niederländer wegen ſeiner Erziehung in Spanien und wegen ſeiner Konfeſſion. Er fühlte dies bitter genug und nahm eine ganz neutrale, ſtreng zurückgezogene Stellung ein. Seine Verhältniſſe zu ſeiner Fa⸗ milie, insbeſondere zu ſeinem Bruder Moritz, welchem man in der Republik den eigentlich nur Philipp Wilhelm zuſtehenden Titel eines Prinzen von Oranien eingeräumt hatte, waren gleichfalls nichts weniger als glücklich. Zwar unterhandelten ſowohl Moritz als ſeine Schweſter(die Gräfin Hohen⸗ lohe) mit ihm; aber nur die Letztere that es perſönlich, Mo⸗ ritz bloß durch Vermittler. Wir ſehen hier ein verlorenes Le⸗ ben vor uns, das wir um ſo mehr bedauern müſſen, da wir wiſſen, daß es durch den Uebergriff fremder Macht ſyſtematiſch zu Grunde gerichtet worden. Es nimmt übrigens unſere Theil⸗ nahme in einen um ſo höheren Grade in Anſpruch, da wir durch Philipp Wilhelms Unglück ſeine urſpünglich⸗edle Geſin⸗ nung durchleuchten ſehen. Einen Beweis davon gab er dadurch, daß er ſich weigerte, dem König von Spanien gegen ſein Va⸗ terland zu dienen, wiewohl ob er bereit war, für den König gegen Frankreich die Waffen zu tragen. Philipp II. offenbarte ſeinerſeits ebenſo deutlich ſeine Geſinnungen gegen das Haus Naſſau⸗Oranien. Welche Bezeichnung ſoll man ſeiner Hand⸗ lungsweiſe beilegen, wenn wir ſehen, wie er dem Sohne des großen Oranien die Erbgüter des Hauſes in Burgund anbie⸗ ten läßt, unter der Bedingung, daß jener jährlich den Erben des Mörders ſeines Vaters eine beſtimmte Summe ausbezahlen ſollte? War dies nicht der empörendſte Hohn gegen die Ma⸗ 138 nen eines großen Feindes? Oder konnte Philipp im Ernſte glauben, daß ein ſolcher Vorſchläg angenommen werden würde? Konnte er vielleicht ſogar annehmen: es ſei billig, daß die Koſten für die Ermordung jenes Mannes, welchen er ſtets als das wichtigſte Hinderniß ſeiner Plane, als einen Rebellen gegen ſich und Gott betrachtet hatte, aus deſſen Beſitzthümern beſtrit⸗ ten werden müßten? Philipp Wilhelm trat 1599 die Herr⸗ ſchaft über ſein Fürſtenthum Orange an und empfing dort die Huldigung als Souverain. Erzherzog Albrecht hatte bei Uebernahme der Regierung in den Niederlanden gewiß die beſten Abſichten, daſelbſt die Ruhe wieder herzuſtellen. In dieſem Geiſte ſchrieb er denn auch an die Generalſtaaten und den Prinzen Moritz, indem er ihnen ſeine Ankunft anzeigte;„die Herſtellung der Eintracht ſei ſein Zweck, und er bitte die Generalſtaaten, ihm die Hand zu bieten, damit es durch vereinte Bemühungen gelingen könne, einen ſo langwierigen Krieg mit allen Leiden, welche in deſſen Gefolge ſeien, zu beendigen.“ Zu gleicher Zeit rüſtete ſich je⸗ doch der Erzherzog gegen Frankreich, vielleicht einerſeits in der Ueberzeugung, daß man Frieden und Verſöhnung mit bewaffneter Hand um ſo leichter erwirken könne, oder, weil er die franzöſiſchen Angelegenheiten ganz abgeſondert von den niederländiſchen betrachtete. Die Generalſtaaten nahmen an, daß ſeine Vorſchläge an ſie bloß dazu dienen ſollten, um ihre Aufmerkſamkeit von ſeinen Unternehmungen gegen Frank⸗ reich abzulenken. Heinrich Iv. blokirte damals die Stadt la Fere in der Pikardie, worin ſich ſehr viele bedeutende Mitglieder der Ligue befanden, und welche Alvar Oſorio tapfer vertheidigte. Erz⸗ herzog Albrecht wünſchte dieſen wichtigen Platz zu entſetzen; da er jedoch alle Schwierigkeiten wohl erwog, welche ihm * 139 hierbei entgegen ſtanden, ſo ließ er einen Kriegsrath darüber halten, ob es nicht vortheilhafter ſei, durch eine Diverſion den König von Frankreich zur Aufhebung der Belagerung zu zwingen, als ſelbſt den Entſatz zu bewirken. Die erſtere An⸗ ſicht drang durch, und Albrecht beauftragte den Baron de Rhone(einen Edelmann aus Lothringen, welcher aus den Dienſten der Ligue in die ſpaniſchen getreten war und dem Erzherzog einen vortrefflichen Kriegsplan vorgelegt hatte,) mit der Ausführung des Unternehmens. Heinrich IV. hatte in⸗ zwiſchen die Gener alſtaaten der vereinigten Provinzen er⸗ ſucht, ihm ihre Hülfstruppen unter Juſtin von Naſſau, (welche eigentlich gegen Ende Januars[15967] bätten heimkeh⸗ ren ſollen) noch für einige Zeit zu überlaſſen; auch umſchloß er La Fore noch enger. Als nun der Erzherzog mit ſeinem Heere nach der franzöſiſchen Gränze zu aufbrach, glaubte man allgemein, ſein Plan ſei, La Före zu entſetzen. Doch ganz unerwartet wendete er ſich(zu Anfang Aprils) mit ſeinem Heere vor Calais, wo ſich 8 Fähnlein(worunter zwei von den Truppen der Republik) befanden. Das Glück war der Kühnheit hold. Schnell wurde die Stadt überwältigt, und die Beſatzung mußte ſich in die Citadelle zurückziehen. Obwohl engliſche und holländiſche Schiffe vor Calais kreuzten, wurde die Citadelle gar bald(noch im April 1596) erſtürmt. Ver⸗ geblich war Heinrich IV. mit einem Theile ſeiner Armee von La Féere aufgebrochen, um Calais zu entſetzen. Der Erzherzog vereinigte nun Calais mit Flandern, und führte, um dieſe Vereinigung unauflöslich zu machen, nicht bloß Flanderns Rechtsbräuche, ſondern auch die flamändiſche Sprache in Calais ein, welche Stadt nebſt der Landſchaft(der Graf⸗ ſchaft von Oye) fortan als fünftes Mitglied den Staa⸗ ten von Flandern angehören ſollte. Der Beſitz von Ca⸗ 140 lais war übrigens für den Beherrſcher der ſpaniſchen Nieder⸗ lande von der höchſten Wichtigkeit. Wenn dieſer Hafenplatz nämlich zu einem großen Arſenal eingerichtet und zugleich ge⸗ hörig befeſtigt wurde(wie es in der That auch geſchah) ſo mußte derſelbe nicht bloß gegen Frankreich, ſondern vor⸗ nämlich auch gegen England eine bedrohliche Stellung ein⸗ nehmen. Albrechts Popularität nahm durch die Eroberung von Calais nicht wenig zu; das Volk hoffte, jetzt beſſer denn bis⸗ her regiert zu werden. Er bemächtigte ſich hierauf der Schlöſ⸗ ſer Guines und Ham, ſowie(im Mai) der tiefer landein⸗ wärts gelegenen Stadt Ardres, während Heinrich IV. La Fére gewann. Albrecht zog ſich hierauf, weil ſein Heer Mangel an Lebensmitteln empfand, aus Frankreich nach Flan⸗ dern zurück. Man rieth ihm, eine Expedition gegen Oſtende zu unter⸗ nehmen, um dieſe wichtige Seeſtadt der Republik zu entreißen. Da jedoch Moritz Oſtende mit Proviant und Munition reichlich verſah, ſo fand ſich der Erzherzog genöthigt, die Pläne auf Oſtende bis auf beſſere Zeit zu vertagen. Mittlerweile machte die in Dienſten der Republik ſtehende Reiterei Streif⸗ züge durch das platte Land von Brabant und bemeiſterte ſich auch des Städtchens Echternach an der Sauer, im Luxemburgiſchen, wo ſie den Abt gefangen nahm und nur gegen ein ſehr bedeutendes Löſegeld wieder in Freiheit ſetzte. Dieſe Streifzüge hatten jedoch keine Reſultate von Belang. Ueberhaupt konnte die Republik damals keine größeren militäriſchen Unter⸗ nehmungen beginnen, und zwar aus dem Grunde, weil ihre Heeresmacht zum Theil in Folge der Abdankung der deutſchen Truppen vermindert, zum Theil aber auch allzuſehr vertheilt war, da ſich eine Anzahl derſelben in franzöſiſchen Dienſten, eine andere auf der engliſchen Flotte befand. Uebrigens erfor⸗ 141 derte auch die Beſatzung verſchiedener Grenz eſtungen, beſonders längs des Rheins, eine ziemliche Zahl, ſo daß Prinz Moritz kaum 2000 Mann zur Verfügung im offnen Felde hatte. In Seeland, wo man der Gefahr eines feindlichen Angriffes zunächſt ausgeſetzt war, drang man in Anbetracht dieſer Ver⸗ hältniſſe ſehr lebhaft auf eine ſo nöthige Verſtärkung der Kriegsmacht, wozu man ſich denn auch durch das Auskunftsmit⸗ tel entſchloß, daß man die Beſatzungen aus den Grenzfeſtungen zuſammenzog, und die Letzteren durch Bürgermannſchaften be⸗ wehrte, während man auch in England zweitauſend Mann Fußvolks anwarb, wozu Eliſabeth, auf beſonderes Anſuchen der Generalſtaaten, noch eine gleiche Anzahl beifügte. Inzwiſchen hatte der Erzherzog Albrecht ſein Au⸗ genmerk auf die Eroberung der Stadt Hulſt im Lande Waas gerichtet, welche Prinz Moritz 1591 eingenommen hatte. Von dem Beſitze dieſer Stadt hing zum Theil die Sicherheit Bra⸗ bants ab. Moritz hatte nach der Erobe rung von Hulſt in jenem Jahre die Verſtärkung dieſer Stadt den Seeländern über⸗ tragen, welche ſich jedoch ihres Auftrages in der Weiſe entle⸗ digten, daß ſie mehr das umliegende platte Land(und zwar durch einige Forts) als die Stadt ſelbſt verſicherten; gleichwohl war Hulſt durch die ſtete Kommu nikation mit See⸗ land wohl verſehen, von wo aus es ſowohl Zufuhr von Trup⸗ pen als von Proviant erwarten und erhalten konnte. Demun⸗ geachtet beſchloß Albrecht den Angriff auf Hulſt, und um ſich eines günſtigen Erfolges zu verſichern, entwarf er folgenden Plan. Er ließ den Herrn von Roͤhne mit einer Truppenab⸗ theilung über die Schelde in Brabant einrücken, um dadurch den Prinzen Moritz glauben zu machen, als beabſichtige er eine Unternehmung gegen Breda oder Bergen⸗op⸗Zoom. Dieſer Plan gelang. Moritz zog mit der Mehrzahl ſeiner 142 Truppen nach Vrabant, während Graf Georg von Solms, welcher in Hulſt kommandirte, nur über eine verhält⸗ nißmäßig ſchwache Beſatzung zu verfügen hatte. Inzwiſchen rückte nun Barlotte zu Anfang Juli's raſch vor Hulſt, ſetzte in einer Nacht glücklich über den Kanal(wobei ihm die Nachläſſigkeit der ſtaatiſchen Matroſen zu ſtatten kam) und be⸗ meiſterte ſich verſchiedener Höhen und Dämme in der Umgebung. der Stadt, wo er ſich ſchnell verſchanzte. Nun eilte Prinz Moritz herbei, welcher erſt jetzt die Abſicht des Erzherzogs errathen hatte, während Dieſer ſelbſt mit einer größeren Trup⸗ penzahl gleichfalls vor Hulſt erſchien, um die von Barlotte errungenen Vortheile geſchwind zu benützen. Moritz, welcher wohl einſah, daß ſeine Macht zu ſchwach war, ſetzte ſich an der äußerſten Spitze Südbevelands, zu Kruiningen feſt, und mußte ſich damit begnügen, die Beſatzung von Hulſt zu verſtärken. Der Erzherzog feſtigte indeſſen das ſumpfige Ter⸗ rain um die Stadt durch Faſchinen, ſchlug eine Schiffbrücke über den Kanal, führte auf derſelben das Geſchütz vor die Stadt und ließ es gegen dieſelbe ſpielen. Rhöne eroberte ein Ra⸗ velin, durch deſſen Beſitz er ſich die Zufuhr zu Waſſer ver⸗ ſicherte; doch bald darauf wurde er durch eine Kanonenkugel getödtet. Während nun die Königlichen die Belagerung Hulſts mit dem größten Nachdruck fortſetzten, unternahm die Beſatzung mehr als einen kühnen Ausfall, wobei es ihr gelang, Gefangene zu machen und feindliches Geſchütz zu vernageln. Mit der größten Tapferkeit ſchlug ſie wiederholte Stürme ab, welche die Feinde nach einer fruchtloſen Aufforderung zur Ueber⸗ gabe(am 16. Auguſt) begonnen hatten. Die mannhafte Ge⸗ genwehr vermochte jedoch den Erzherzog Albrecht in ſeinem einmal beſchloſſenen Plane nicht wankend zu machen; Hulſt mußte um jeden Preis ſein werden. So tapfer ſich nun auch 143 die Beſatzung bis dahin vertheidigt hatte,— eine falſche Be⸗ ſorgniß, daß die Kommunikation der Stadt mit Seeland durch den Feind unterbrochen worden ſei, machte plötzlich den Muth der meiſten Soldaten und ihrer Offiziere wankend, und man ging den Befehlshaber, den Grafen Georg von Solms, dringend an, die Stadt, welche ſich doch nicht länger halten könne, auf anſtändige Bedingungen zu übergeben. Vergebens widerſetzte ſich dieſen Vorſchlägen jener heroiſche Matthias Held, deſſen man ſich aus der romantiſchen Geſchichte des Torfſchiffes von Breda erinnern wird. Helds Oppoſition wurde nicht beachtet, und am 18. Auguſt übergab Graf Georg von Solms die Stadt Hulſt und das Fort Naſſau den König⸗ lichen. Der Erzherzog hatte bei der Expedition nicht weniger als ſechzig höhere Offiziere und 5000 gemeine Soldaten verlo⸗ ren. Die Uebergabe Hulſts erregte bei den vereinigten Provinzen, zumal aber in Seeland, nicht geringes Miß⸗ vergnügen; man klagte den Grafen Solms an, daß er allzu voreilig gehandelt habe, und nahm ihm von Seiten See⸗ lands den Oberbefehl über jene Regimenter ab, welche es ſtellte. Solms wußte ſich jedoch ſo triftig zu vertheidigen, daß ihm die vereinigten Staaten in der Folge ein neues Regi⸗ ment anvertrauten. Späterhin(im Oktober) wollte der Oberſt Piron Hulſt durch einen Ueberfall wiedergewinnen und hatte ſchon einen glücklichen Anfang gemacht, als die neue Beſatzung, davon uuterrichtet, die entſprechenden Vorſichtsmaßregeln traf, und ihn zwang, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Erzherzog Albrecht konnte übrigens die Vortheile, welche ihm die Eroberung Hulſt's gewährte, nicht zu weiteren Unternehmungen gegen die Republik benützen(was man in den vereinigten Provinzen befürchtete) und zwar aus dem dop⸗ pelten Grunde, weil er aus Spanien keine Unterſtützung erhielt 144 und weil ſich die deutſchen Truppen, die in ſeinen Dienſten ſtanden, empörten. So ſah er ſich denn genöthigt, den Feld⸗ zug früher zu beendigen, als ihn die Jahreszeit dazu gezwun⸗ gen hätte. Er begab ſich nach Brüſſel, wo man ihn, als den glücklichen Vertheidiger der königlichen Sache, mit Ju⸗ bel willkommen hieß. Uebrigens nahm das Kriegsglück im Sep⸗ tember in Artois eine andere Wendung. Auf Anſuchen der Republik hatte nämlich der franzöſiſche Marſchall Biron einen Einfall in Artois unternommen, und mehre feſte Plätze in ſeine Gewalt bekommen. Der ſpaniſche Statthalter von Artois, Varambon, welcher ſich ihm entgegenſtellte, wurde geſchla⸗ gen und gefangen genommen; auch der Prinz von Chimay mußte den Kürzeren ziehen, und das Land wurde durch die Sie⸗ ger geplündert, bis endlich die eintretende rauhere Jahreszeit den Verheerungen ein Ziel ſetzte. Während nun der Krieg in den Niederlanden wüthete, hatte Philipp II. durch die Flotte der Engländer und der Republik an anderen Orten die empfindlichſten Verluſte zu erleiden. Zu Anfang des Jahres 1596 hatte er nämlich vier Galeeren unter Don Diego Brochero gegen die Küſte von Cornwall ausgeſendet, welche dort Streifzüge machten, landeten und verſchiedene Küſtenſtädte in Brand ſteck⸗ ten. Dieſe Feindſeligkeit war für Eliſabeth nicht unwillkom⸗ men, um eine Expedition gegen Spanien ins Werk zu ſetzen, da ſie in Erfahrung gebracht hatte, daß Philipp II. aufs Neue zur See gerüſtet habe. Sie erbat ſich von der Republik(im März 1596) zwanzig Schiffe, welche man ihr auch bereitwillig zugeſtand und im April unter dem Kom⸗ mando des Herrn von Warwond nach England abſegeln ließ. Die niederländiſchen Schiffe vereinigten ſich zu Plymouth mit der engliſchen Flotte von 160 Segeln, welche am 13. Juni 145 unter dem Oberkommando des Großadmirals Karl Howard die Anker lichtete; Robert Graf von Eſſex hatte den Befehl über die auf der Flotte eingeſchifften Landſoldaten, deren Zahl nicht weniger als 7000 betrug. Die Flotte hatte ſtrenge Inſtruktion: bloß die Spanier und diejenigen, welche dieſelben durch Proviant und Munition unterſtützten, anzugreifen. Weit in offener See hinſegelnd(um nicht entdeckt zu werden) langte die Flotte der Verbündeten in Cadix an, wo, wie man erfah⸗ ren hatte, eine ſehr bedeutende feindliche Flotte, theils aus Kriegsſchiffen, theils aus reich befrachteten Kauffahrern beſte⸗ hend, vor Anker lag. Am erſten Juli(1596) griff nun die verbündete engliſch⸗holländiſche Flotte die feindliche an, zwang dieſelbe zum Rückzug nach Porto Real und ver⸗ folgte ſie auf der Flucht. Ein großer Theil der ſpaniſchen Schiffe ſtrandete und gerieth in Brand; zwei große Gallionen wurden von den Engländern erbeutet. Nach dieſem Siege zur See ließ der Graf von Eſſex die eingeſchifften Truppen auf der Landſpitze Puntal landen, und raſch eroberten hier⸗ auf die holländiſchen Matroſen das Fort an der Küſte. Wilhelm Ludwigs Bruder, Graf Ludwig Günther von Naſſau ſtellte ſich an die Spitze von vierhundert Mann eng⸗ liſcher Pikeniere und beſiegte mit denſelben ungefähr 600 ſpani⸗ ſche Edelleute, welche zur Vertheidigung von Cadix zu Roſſe geſtiegen waren. Als Dieſe in die Stadt zurückflohen, drangen die Sieger zugleich mit denſelben durch die Thore und bemei⸗ ſterten ſich raſch der Stadt, welche ſich nach einem kurzen, aber lebhaften Kampf in den Straßen ergab und zwei Millionen Gulden bezahlte, um von einer Plünderung verſchont zu bleiben. Zum Unglück für Cadix gab der Gouverneur von Andaluſien, der Herzog von Medina⸗Sidonia, ſeine Zu⸗ ſtimmung zu dieſer Kapitulation nicht, worauf denn die Sieger III. 10 146 die angedrohte Plünderung wirklich vollzogen. Medina Si⸗ donia ließ auch die in Porto Real liegenden Kauf⸗ fahrteiſchiffe in Brand ſtecken; die holländiſchen Kaufleute ver⸗ loren bei dieſer Gelegenheit an 300,000 Gulden. Um ſich die⸗ ſen Schaden erklären zu können, muß man wiſſen, daß die Holländer ungeachtet des Krieges den Handel nach Amerika nicht aufgegeben hatten. Das kaufmänniſche Lebensprinzip der Republik wußte alle Schwierigleiten glücklich zu umgehen; die Holländer waren gewohnt, ihren Handel unter ſpani⸗ ſcher Firma nach der neuen Welt fortzuſetzen. Man kann ſich daher leicht vorſtellen, daß die Nachricht von der Eroberung von Cadix bei dem Handelsſtande in Holland gerade nicht mit großen Freuden aufgenommen wurde. Cadix ſelbſt wurde, ungeachtet es der Graf von Eſſex und der holländi⸗ ſche Admiral Warwond beſetzt halten wollten, auf den Vor⸗ ſchlag Howards in Brand geſteckt und zwar aus dem Grunde, weil man nicht Vorräthe genug zur Unterhaltung der Beſatzung habe. Somit wurde denn auch der weitere kühne Plan aufge⸗ geben:„durch die Behauptung von Cadix Philipp II. in ſeinem eigenen Königreiche zu beſchäftigen und ſeine Kräfte von den Niederlanden abzuziehen.“ Am 16. Juli verließ dann die verbündete ſiegreiche Flotte die ſpaniſchen Küſten und kehrte nach der Nordſee zurück, wo die engliſche am 18. Auguſt im Hafen von Plymouth wieder anlangte. Die Totalſumme des zu Cadix angerichteten Schadens wurde auf zehn Millionen Gulden geſchätzt. Philipp II. hatte dabei nicht bloß 1200 Stück Geſchütz, ſondern auch den größten Theil ſeiner Einkünfte für das folgende Jahr eingebüßt. Er ſtand am Vorabend eines Bankrotts, und um ſich zu retten, mußte er zu einem verzwei⸗ felten Mittel greifen. Er zog nämlich alle Zölle ſeines Reiches, welche größtentheils verpfändet waren und für Rechnung ein⸗ 147 zelner Kaufleute erhoben wurden, wieder an ſich. Durch dieſe extreme Spekulation gab er jedoch ſeinem Kredit einen Todes⸗ ſtoß. Uebrigens richtete er auch nichts aus und ſah ſich genö⸗ thigt, die unſelige Maßregel zu widerrufen. Die finanzielle Verlegenheit Philipps kam übrigens abermals den freien Nie⸗ derlanden zu Gute, indem ſie es dem Monarchen unmöglich machte, den Erzherzog Albrecht bei ſeinem nächſten Feldzuge ſo zu unterſtützen, wie Dieſer es brauchte. Gleichwohl gab Philipp II. ſeine kühnen Pläne noch nicht auf. Kaum hatte er aus Amerika neue Geldmittel erhalten, als er ſchon wieder eine Flotte von 128 Segeln ausrüſtete, welche unter der An⸗ führung Don Martin Pedilla's zu einer Expedition nach Ir⸗ land beſtimmt war, deſſen Ueberwältigung dadurch vorbereitet wurde und geſichert ſchien, daß geheime Sendlinge aus Spa⸗ nien die Bevölkerung bearbeiteten. Die Staaten der Republik hatten ſchon im Oktober von den neuen Rüſtungen ihres Fein⸗ des Nachricht erhalten und ſich im November über die Maßre⸗ geln berathen, welche dagegen getroffen werden ſollten. In dem⸗ ſelben Monat verließ die ſtattliche neue ſpaniſche Armada den Hafen von Liſſabon. Doch dieſelbe Ungunſt der Ele⸗ mente, welche vor einigen Jahren die Vernichtung der ſoge⸗ nannten„unüberwindlichen Flotte“ vollendet hatte, ver⸗ folgte auch dieſe Expedition. Schon als die Flotte das Kap Finisterre erreichte, wurde ſie von einem furchtbaren Sturm überraſcht, durch welchen vierzig Schiffe mit 4000— 5000 Men⸗ ſchen zu Grunde gingen. Uebrigens hatten die Spanier hierbei außer der Ungunſt der Elemente auch ſich ſelbſt keinen gerin⸗ gen Theil der Schuld an dieſem großen Verluſte zuzuſchreiben. Sie hatten nämlich niederländiſche und deutſche Steu⸗ ermänner auf der Flotte, die einen andern Kurs einhalten wollten, als denjenigen, welchen die Spanier für den richti⸗ 148 gen hielten. Aus Mißtrauen zwangen nun die Letzteren die fremden Steuermänner mit dem Degen in der Fauſt zu der Fahrt, welche ihnen zum Verderben ausſchlug. Nur ein gerin⸗ ger Reſt von Schiffen, welche ſich einem in jenen Gewäſſern erfahrenen holländiſchen Schiffer anvertraut hatten, kehrte glück⸗ lich wieder nach Hauſe. 3 Intereſſanter als die Kriegsereigniſſe, welche im Ver⸗ laufe des Jahres 1596 ſowohl innerhalb als außerhalb der Niederlande vorfielen, waren die Friedensverhandlun⸗ gen, welche ſich von verſchiedenen Seiten kreuzten, und wobei die weſentlichſten Intereſſen der Republik betheiligt waren. Zuvörderſt müſſen wir diejenige betrachten, welche die Nieder⸗ lande unmittelbar betraf. Sie ging von Deutſchland aus. Kaiſer Rudolf II. war nicht bloß durch ſeine Ver⸗ wandtſchaft zu Philipp II., ſondern zunächſt auch durch die zu dem Statthalter Erzherzog Albrecht perſönlich ſehr betheiligt, und dieſe perſönliche Betheiligung iſt es wohl vorzugsweiſe, welcher wir ſeine wiederholten Bemühungen zur Befriedung der Nie⸗ derlande zuſchreiben müſſen,— nicht das alte Verhältniß zu dem deutſchen Reiche, welches faſt vergeſſen zu ſein ſchien, und auch bei den immer bedenklicher werdenden inneren Zuſtän⸗ den des Letzteren leider kaum mehr in Acht genommen werden konnte.— Die Aufforderung an den Kaiſer ging diesmal von ſeinem Bruder, dem Erzherzog Albrecht aus; übrigens hatten auch einige Mitglieder des Reiches auf dem letzten Reichstag die Anſicht durchzuſetzen geſucht, daß die ver⸗ einigten Provinzen ihr Mißtrauen gegen den König von Spanien ablegen müßten, wenn Kaiſer und Reich für denſelben Bürg⸗ ſchaft ſtellten. Andere Reichsglieder bemerkten jedoch dagegen: die Generalſtaaten würden in dem Falle, daß der Vertrag von Seiten Spaniens nicht gehalten würde, wohl nicht erſt vor dem 149 deutſchen Reich ihre Klagen vorbringen und einen langwierigen Prozeßgang ruhig abwarten. Abgeſehen von den Meinungsver⸗ ſchiedenheiten ſuchte Rudolf II. die Friedensverhandlungen ſo raſch als möglich einzuleiten, und erbat ſich deßhalb von den vereinigten Provinzen zuvörderſt Päſſe für ſeine Geſandten. Dieſen Wunſch lehnten jedoch die Generalſtaaten in den ver⸗ bindlichſten Ausdrücken ab, und zwar aus keinem anderen Grunde, als„weil ſie dem ſpaniſchen Hofe durchaus kein Zu⸗ trauen ſchenken könnten, da derſelbe ein ſolches nicht rechtfer⸗ tige.“ Dieſes Mißtrauen, welches doch ſowohl begründet war, nahm man den Generalſtaaten in Deutſchland ſehr übel. Bei weitem wichtiger als die Verhandlungen der Republik mit Deutſchland waren die mit Frankreich und Eng⸗ land; ſie hatten ſchon im Frühling begonnen. Die vereinig⸗ ten Provinzen befanden ſich ſeit der jüngſten Zeit in einer ei⸗ genthümlichen Stellung zu beiden Monarchieen. Beide waren jetzt ihre natürlichen Bundesgenoſſen geworden durch die poli⸗ tiſch⸗religiöſen Grundſätze, welchen ſowohl Heinrich lV. als Eliſabeth huldigten. Beide hatten dieſelben Beweggründe zu einem feindſeligen Verhältniß gegen Spanien, und anderer⸗ ſeits herrſchte die alte wechſelſeitige Eiferſucht zwiſchen Beiden, wenn auch nur leiſe bemerkbar, doch ſtets noch fort. Dieſe Eiferſucht fand nun gerade durch die ganz eigenthümliche Stel⸗ lung der Niederlande ihre Nahrung; man betrachtete es weder in Frankreich noch in England mit gleichgültigen Blicken, wie die Republik immer größere Selbſtſtändigkeit errang, und je mehr man ſich von dieſer Thatſache überzeugte, um ſo weniger wollte man ſie geradezu eingeſtehen. Ja man legte ſogar ein Gewicht darauf, die Republik noch immer nach ihren frühe⸗ ren Verhältniſſen, wie in einer Art von Klientel zu betrachten, weßhalb man ihr mit der Möglichkeit drohte, einen Separat⸗ 2 150 frieden mit Spanien abzuſchließen. Anderſeits fühlte aber auch die Republik wieder ihre mittlerweile erſtarkte Selbſt⸗ ſtändigkeit lebhaft genug und zugleich das Bedürfniß, dieſelbe nicht bloß gegen Spanien, ſondern auch gegen die beiden be⸗ nachbarten und als Nachbarn leicht gefährlichen Bundesgenoſſen tüchtig zu wahren, obwohl ſie ſich hütete, es mit einer von beiden Mächten zu verderben. Sie richtete deßhalb ihren Bei⸗ ſtand für Frankreich und England(ſo hatte ſich bereits das Verhältniß umgewendet, daß die Republik, welche früher um Unterſtützung gebeten, eine ſolche jetzt gewähren konnte!) ſo ein, daß ſich in Folge deſſelben Spanien zu einem Sepa⸗ ratfrieden mit Frankreich oder England geradezu unbedingt hätte genöthigt ſehen müſſen. Man ſieht, wie raſch die Politik des jungen Freiſtaates jene der alten Monarchieen eingeholt hatte. Die Verwickelungen, welche der Diplomatie in der Regel folgen, blieben auch damals nicht lange aus. Die alte Ei⸗ ferſucht zwiſchen Frankreich und England äußerte ſich beſonders auffallend bei Eliſabeth, welche es längſt nur mit großer Mißgunſt betrachtete, wie die Republik dem Kö⸗ nig Heinrich IV. Unterſtützungen zukommen ließ. Ja, Eliſa⸗ beth ſuchte die ganze Verwickelung zu einem Extrem hinzutrei⸗ ben, indem ſie mit einer großen Beharrlichkeit darauf drang, daß ihr die Republik die alten Anleihen zurück bezahlen ſollte. Die vereinigten Provinzen gaben ſich alle Mühe, dieſe Angele⸗ genheit hinauszuſchieben. Die Verhandlungen, welche ſie dar⸗ über mit Eliſabeth unterhielten, weiſen aus, daß es ihnen um Zweierlei zu thun war, erſtens um eine Art von beſtimmter Abfindung für die Anleihen, und zweitens um die Wiederer⸗ langung der an Eliſabeth verpfändeten Städte. Die General⸗ ſtaaten ſchützten namentlich ihren Geldmangel vor, wogegen 151 ihnen Eliſabeth den Einwurf machte: man könne dieſen Geld⸗ mangel eben nicht bemerken, wenn man die prachtvollen Neu⸗ bauten in den vereinigten Provinzen betrachte; wohl aber ſeien ihre eigenen Kaſſen durch die koſtſpieligen Rüſtungen gegen Spanien erſchöpft, und ſie habe nicht Gold⸗ und Silberminen, wie Philipp II., um dieſelben zu füllen. Beide Theile ſtellten ſich weniger bemittelt, als ſie waren. In der That aber ließ ſich erkennen, daß ſich bei Eliſabeth immer wieder das Streben regte, die vereinigten Provinzen durch ein ſtrafferes Anſpannen ihrer alten Forderungen in einer gewiſſen Abhängigkeit von England zu erhalten. Die neue Expedition Philipps gegen England(deren erfolgloſen Ausgang wir bereits erzählt ha⸗ ben) glich plötzlich die Spannung für den Augenblick wieder aus und wies die Königin auf eine Anerkennung des neuen Verhältniſſes an, wogegen ſich ihr Stolz ſo ſehr ſträubte, näm⸗ lich auf eine Anerkennung der Republik als einer ſelbſtſtändigen Macht. 4 Dazu trug nun auch die Entwickelung der Verhandlungen zwiſchen Frankreich und England weſentlich bei. Es ge⸗ lang dem Herzog von Bouillon, welcher die franzöſiſchen Intereſſen dabei vertrat, ein Schutz⸗ und Trutzbündniß beider Großmächte zu Stande zu bringen, unter deſſen Bedingungen diejenige,„daß man ſich bemühen ſollte, auch andere Mächte zur Theilnahme an der Allianz zu bringen“, für die Republik von insbeſonderer Wichtigkeit war. Denn der Herzog von Bouillon begab ſich nun un⸗ geſäumt nach Holland, um die Verwirklichung jenes Artikels zunächſt dort zu verſuchen, und nach einer kurzen Berathung mit dem Prinzen Moritz und dem Staatsrath traten die Generalſtaaten der vereinigten Provinzen dem Schutz⸗ und Trutzbündniß Englands und Frankreichs 15² bei. Noch wichtiger für die Stellung der Republik war, daß ſie(am letzten Oktober) außerdem ein Separatbündniß mit Frankreich abſchloß. Die bedeutſamſten Artikel deſſelben waren,(außer den Bedingungen, daß, wenn Heinrich IV. im Frühling des kommenden Jahres eine Heeresmacht an die Grenzen der Pikardie und des Artois führen würde, die Ge⸗ neralſtaaten daſſelbe verſtärken ſollten, daß die Letzteren auch anderſeits Frankreichs Beiſtand im Falle der Noth in An⸗ ſpruch nehmen dürften, und daß ſowohl die Republik als der König, jedes auf ſeinem Gebiet den Oberbefehl über die Hülfstruppen zu übernehmen habe) noch folgende: daß der König den Städten der vereinigten Provinzen und dem Hauſe Naſſan, welches ſich ſo unvergeßliche Verdienſte um dieſelben er⸗ worben, ſeine beſondere Zuneigung bewahren ſolle, und daß die von früherher beſtehenden Verbindungen, namentlich in Be⸗ zug auf Handelsfreiheit(das Lebensprinzip der Republik), in Kraft bleiben ſollten. Ueber den Abſchluß dieſes Separat⸗ vertrages mit Frankreich, welcher endlich die Sympa⸗ thieen des verewigten Wilhelm von Oranien für Frankreich zu rechtfertigen ſchien, herrſchte in allen vereinigten Provinzen die größte Freude, aber insbeſondere aus dem Grunde, weil durch eine ſolche Verbindung mit einem Monarchen der Rang der Republik als einer ſelbſtſtändigen Macht neben den übrigen we⸗ nigſtens indirekt anerkannt worden war, was nun für ſie, ge⸗ rade Spanien gegenüber, von größtem Belange war. Uebri⸗ gens war dieſe, wenn auch nur indirekte, Anerkennung nicht ohne energiſches Eingreifen Heinrichs IV. bei Eliſabeth durchgedrungen. Dieſe Letztere hatte nämlich beantragt, daß man mit den Generalſtaaten bloß in der Weiſe unterhan⸗ deln könne, daß man berückſichtigte, wie dieſelben noch immer⸗ hin in einem abhängigen Verhältniſſe zu England 153 ſtünden. Eliſabeth konnte ihre Empfindlichkeit darüber kaum verbergen, und äußerte ſie insbeſondere bei dem Anlaß, als ſie ſah, daß die Generalſtaaten dem König von Frankreich ſtatt der verheißenen Hülfstruppen eine entſprechende Geldun⸗ terſtützung leiſteten, was ihm nun allerdings auch lieber war. Die erſte Frucht, welche die Generalſtaaten von dem in⸗ timeren Bündniß mit Frankreich genoſſen, war eine um ſo erfreuli⸗ chere, da ſie die geiſtigen Intereſſen betraf. Heinrich IV. beſchloß nämlich, daß die Zeugniſſe der holländiſchen Nationaluniverſität Leyden und die von ihr ertheilten Grade auch in Frank⸗ reich reſpektirt und als Befähigung anerkannt werden ſoll⸗ ten. Eine andere Genugthuung erfuhr die Republik durch die freundliche Aufnahme ihrer Geſandten in Dänemark, welche ſie zur Krönung des volljährig gewordenen Königs Chri⸗ ſtian IV. dahin abgeordnet hatte, und wobei der Letztere die Handelsprivilegien der Amſterdamer beſtätigte. Faſſen wir nun den Faden der Kriegsläufte in den Nieder⸗ landen wieder auf! Gegen Ende des Jahres 1596 rüſtete ſich ſowohl die königliche Parthei, unter dem Erzherzog Albrecht, als auch die republikaniſche der Staaten, unter dem Prinzen Moritz, ſehr eifrig zum Beginnen des Krieges im nächſten Jahre. Die Lage des Erzherzogs war nichts weniger als günſtig, da ihm, in Folge der von uns bereits erwähnten Um⸗ ſtände, eine kräftige Unterſtützung aus Spanien fehlte, deren er ſo ſehr bedurfte. Den Generalſtaaten entging dies nicht, zu⸗ mal, da ſie aus einem aufgefangenen Briefe Albrechts ent⸗ nahmen, wie ſehr er über die Schwäche ſeines Heeres klagte, welches ſeit der Belagerung von Hulſt, wie auch durch andere Gefechte, beträchtlich zuſammengeſchmolzen war. Anderſeits fanden die Generalſtaaten durch ihr Separatbündniß mit Frank⸗ reich ihre Heeresmacht verſtärkt, ihre Zuverſicht erweitert, und 154 zwar um ſo mehr, da ſie an den Grenzen Belgiens eine Di⸗ verſion Heinrichs IV. erwarten durften, welche ihnen nur zu Statten kommen konnte. Kaum hatte nun das neue Jahr 1597 begonnen, als auch ſchon die Feindſeligkeiten eröffnet wurden. Erzherzog Albrecht hatte nämlich die Abſicht, das platte Land von Brabant von den Brandſchatzungen zu befreien, welchen daſſelbe ſeit der Be⸗ lagerung Hulſts durch die Truppen der Republik unterworfen war. Zu dieſem Ende hatte er denn bereits noch gegen Ende Dezembers(1596) eine beträchtliche Anzahl von Truppen zu⸗ ſammengezogen(4000 Mann zu Fuß und 300 Reiter) welche unter dem Grafen Varax bei Turnhout lagen. Man er⸗ wartete von dieſer Maßregel nichts anderes, als daß die Trup⸗ pen eine Diverſion auf die Inſel Tholen und die Feſtungen in Nordbrabant unternehmen würden, und Moritz be⸗ ſchloß, dieſen Anſchlag zu vereiteln. Er hatte über 3000 Mann Fußvolks und 800 Reiter zu verfügen. Nachdem er in Ger⸗ truidenberg ſeine Truppen zuſammengezogen hatte, kam er am 23. Januar 1597 mit denſelben nach Ravels, wo er ſich kaum eine Stunde Weges weit von dem verſchanzten feindli⸗ chen Heere befand. Zwei Pläne lagen vor ihm, entweder das Letztere anzugreifen, oder dem Feinde im offenen Felde eine Schlacht zu bieten. Im königlichen Heere waren bei der Nachricht vom Anzuge Moritzens die Meinungen über die zu er⸗ greifenden Maßregeln getheilt. Mehre höhere Befehlshaber hielten es für beſſer, im wohlverſchanzten Lager die Truppen der Republik zu erwarten. Andere dagegen riethen, mit dem Heere den Rückzug nach Heerenthals anzutreten. Dieſer Meinung pflichtete auch Graf Varax bei, weil er glaubte, der feindlichen Uebermacht in einer offenen Feldſchlacht nicht die Spitze bieten zu können. Da Heerenthals kaum 155 4 Meilen von Turnhout entfernt liegt, ſo hoffte Varax, den Rückzug dahin glücklich bewerkſtelligen zu können. Als nun aber der kluge Moritz die Anſtalten der Feinde bemerkte und daraus auf das geringe Selbſtvertrauen ſchloß, welches dieſel⸗ ben beſeelte, ſo hielt er es für unerläßlich, ſie anzugreifen. Dieſem Plane getreu verfolgte er denn mit ſeinem trefflich dis⸗ ponirten Heere den Rückzug der Königlichen. Der Ritter Franz Vere führte die Vorhut der ſtaatiſchen Truppen und vertrieb eine geringe Truppenzahl des Feindes, welche den Uebergang über ein kleines Gewäſſer deckte. Vere warf ſie zurück und überfiel hierauf die Feinde, die ſchon auf dem Weg nach Heerenthals waren, im Rücken. Hierauf fiel Hohenlohe mit 400 Reitern dem Feinde in die Flanken, zerſprengte ſie und nun wurde auch das feindliche Fußvolk ſo raſch angegriffen, daß es keinen Wi⸗ derſtand leiſten konnte. Varax fand den Tod. Bald entſteht allgemeine Unordnung; die Verwirrung treibt die Königlichen zur wilden Flucht, und mit allzugroßem Ungeſtüm verfolgen die republikaniſchen Truppen die Flüchtenden. Da wendet ſich plötzlich der kühne Italiäner Niccolo Baſta mit ſeinen Rei⸗ tern und ſprengt unwiderſtehlich gegen die Niederländer heran, welche, mit Plünderung beſchäftigt, die eigene Sicherheit ver⸗ ſäumen. Schon gelingt es ihm faſt, den verlorenen Sieg für die Königlichen wieder zu gewinnen, als Moritz, ebenſo raſch beſonnen, die Reſerve heranrücken läßt. Nun beginnt eine neue Schlacht, und jetzt können die Königlichen nicht länger mehr Stand halten. Sie wollen fliehen; doch von allen Seiten her ſehen ſie ſich umringt und finden den Ausweg verſperrt. Bevor noch das Fußvolk anrückt, hat Moritz ſchon einen vollſtändi⸗ gen, glänzenden Sieg errungen, welchen die Königlichen mit dem Verluſte von 1200 Mann(außer dem des Grafen Varax), von 37 Fahnen und ihrem ganzen Gepäck, ſowie von vielen 156 Gefangenen bezahlen. Am andern Tage übergab ſich das Schloß zu Turnhout dem Sieger, der die eroberten Fahnen nach dem Haag ſchickte, wo ſie im großen Saale des Hofes als Trophäen aufgehängt wurden. Die Leiche des gefallenen Grafen Varax ſchickte der ritterliche Prinz Moritz dem Erzher⸗ zog zu, dem er auch das Anerbieten machte, die Kriegsgefan⸗ genen auf ihr Ehrenwort in Freiheit zu ſetzen. Am 28. Januar. ſchrieb ihm Erzherzog Albrecht darauf in einer Weiſe zurück, die ſeinen Charakter bezeichnet.*) Moritz verlegte nach dem Siege bei Turnhout das Fußvolk wieder in Winterquar⸗ tiere und kehrte ſodann nach dem Haag zurück, wo er mit den höchſten Ehrenbezeugungen bewillkommnet wurde. Beſcheiden erklärte er in ſeinem Bericht über die Schlacht, den er vor der Staatenverſammlung ablegte, daß er den Sieg größten⸗ theils einer Nachläſſigkeit des Feindes zu verdanken habe, wel⸗ cher es verſäumt hätte, eine kleine Brücke hinter ſich abzubre⸗ chen, wodurch es dann ſeiner Reiterei möglich geworden, nach⸗ zudringen. *)„Myn Heere de Graave, Ik heb ontfangen uwen Brief, en kan niet anders, als prysen de heusheyd, die gy gebruykt hebt tegen het doode lichaem van wylen den Grave van Varax, en U daer voor te wyten den dank dien gy verdient, daer van ik U van herten bedanke. En aengaende het andere poinct, gy sult niet bevinden, dat ik tot noch toe my geresolveert hebbe, om het quartier te breken, en wilde niet dat men my daer occasie geve, door dien het een sake is seer contrarie myn naturel. By aldien dat gy in dese conjuncture gebruykt die be- leeftheyd die gy my schryft, ik sal besorgen, dat het selve ge- schiede in gelyke occasien, die sich hier namaels sullen presenteren. En hiermede bid ik den Schepper U te nemen in syn Heylige hoede. Uyt Brussel den 28ten January 1597. Uwen goeden vrundt Albert Card. (Bor XXXIV. B. f. 8.) —— — 157 Erzherzog Albrecht war ſchon durch die Niederlage ſeiner Truppen bei Turnhout ſehr niedergeſchlagen; aber noch be⸗ denklicher war es für ihn, daß ſich viele ſeiner beſten Soldaten aus Mangel an Soldbezahlung zerſtreuten. Er ſuchte Alles aufzubieten, um dieſem Uebelſtand abzuhelfen, ja er verpfändete ſogar ſein eigenes Silbergeſchirr, um den Truppen ihren Sold bezahlen zu können. Gleichwohl konnte er doch nicht alle For⸗ derungen decken. Was konnte er unter ſolchen Umſtänden für die Fortſetzung ſeiner Kriegsoperationen hoffen? Er ſah ſich von allen Seiten beengt, außer Stande, irgend etwas Entſchei⸗ dendes zu unternehmen; als ſich ihm plötzlich auf einer ande⸗ ren Seite her eine neue Ausſicht eröffnete. Der ſpaniſche Kom⸗ mandant von Dourlans Ferdinand Tello(genannt Hernan⸗ telloh von Portocarrero hatte nämlich am 11. März die Stadt Amiens in der Pikardie durch Kriegsliſt und Ueberfall ero⸗ bert, wodurch nun die königliche Armee freien Raum vor ſich hatte, durch dieſe Landſchaft in's Innere von Frankreich, ja wie leicht ſogar bis nach Paris vorzudringen. Doch die Freude Albrechts über dieſen wichtigen Gewinn war von nicht ſehr langer Dauer. Der kriegskundige Heinrich IV. nämlich, welcher wohl einſah, wie Viel von dem Beſitze Ami⸗ en's abhing, zog den Kern ſeiner Heeresmacht zuſammen, um, nachdem er die Grenzen Frankreichs verſichert und anderweitige Verſuche gemacht hatte, Amiens durch eine Belagerung wieder in ſeine Gewalt zu bringen. Im Mai eröffnete er die Belage⸗ rung in eigener Perſon und ſetzte ſie um ſo nachdrücklicher fort, je beſſer Portocarrero Amiens, ſeit es im ſpaniſchen Be⸗ ſitze war, in Vertheidigungsſtand geſetzt hatte. Inzwiſchen rü⸗ ſtete ſich nun auch der Erzherzog Albrecht mit ſeiner ganzen Macht, um Amiens zu entſetzen. Doch aus den Gründen, welche wir kurz vorher angegeben haben, verzögerte ſich die 158 Ausrüſtung des königlichen Heeres eine geraume Zeit, ſo zwar, daß Albrecht erſt in der letzten Hälfte des Auguſts ins Feld rücken konnte. Er hatte über 15,000 Mann zu Fuß und über eine Reiterei von 4000 Mann zu gebieten und die ausgezeichnet⸗ ſten Kriegshelden jeder Abkunft und Landart begleiteten ihn. So zog er denn vor Amiens; nur 3000 Mann(neu ange⸗ worbene italiäniſche Truppen) blieben während deſſen in Bra⸗ bant zurück. Eben dieſe Entfernung der konzentrirten königlichen Heeresmacht nach der Pikardie gab den Truppen der Repu⸗ blik freies Feld in den Niederlanden, und raſch beſchloß Moritz, in Uebereinkunft mit dem Staatsrath und dem Grafen Wilhelm Ludwig von Naſſau, die günſtige Gelegenheit zu benutzen, um die noch übrigen ſpaniſchen Beſatzungen aus Over⸗Yſſel und Zütphen zu ver⸗ treiben und die Nordſeite des Rheines ganz vom Feinde zu ſäubern. Da eilte Wilhelms von Oranien jüngſter Sohn Heinrich Friedrich von der hohen Schule Leyden zu ſeinem Bruder Moritz. Erſt dreizehn Jahre zählte Hein⸗ rich Friedrich damals, doch ſein Geiſt war älter, und, von einer edlen Ungeduld nach Thaten erfüllt, bat er dringend um die Gunſt, ſeinen Bruder Moritz auf dem Feldzuge beglei⸗ ten zu dürfen. Sie wurde ihm gewährt. Zu Anfang Auguſts begab ſich nun Moritz nach dem Grafenwerth, wo in der Nähe das Heer verſammelt war, welches den erwähnten Plan ausführen ſollte. Es beſtand aus 7000 Mann zu Fuß und ei⸗ ner Reiterei von 1200 Mann. Moritz ließ dieſe Truppen über Rhein und Waal ſetzen und begann nun ſeinen Feld⸗ zug mit der raſchen Eroberung von Stadt und Schloß Alfen (am 5. Auguſt). Noch am Abend deſſelben Tages erſchien er 159 mit ſeinen Truppen vor der Feſtung Rheinberg, deren Be⸗ ſitz ihm beſonders von großer Wichtigkeit war, damit die könig⸗ lichen Truppen dort keinen Haltpunkt hätten, von welchem aus ſie den von ihm fernerhin zu bedrohenden Städten am an⸗ dern Ufer des Rheins zu Hülfe eilen könnten; überdies mußte die Einnahme Rheinberg's auch Schiffahrt und Han⸗ del auf dem Rhein für die Republik ſichern. Mit ſeiner ge⸗ wohnten Thätigkeit betrieb nun Moritz die kunſtgerechte Bela⸗ gerung Rheinbergs, wobei Wilhelm Ludwig im Schenkel verwundet wurde. Die Arbeiten an den Laufgräben gingen wegen des anhaltenden Regenwetters nur langſam von ſtatten. Doch Moritz ermüdete nicht, und als jene Arbeiten vollendet waren, ließ er die Gräben ausfüllen und die Stadt beſchießen, worauf die Aufforderung zur Uebergabe erfolgte. Zweimal wies die Beſatzung eine ſolche von der Hand; da ſetzte Moritz das Beſchießen mit ſo großem Nachdruck fort, daß ſich die Beſatzung endlich am 19. Auguſt zur Uebergabe entſchloß. Rheinberg durfte, zufolge der Kapitulation, die ſtädtiſchen Privilegien behalten und die Beſatzung frei abziehen. Kaum war es nun im Beſitz der Generalſtaaten, als Graf Hermann van den Berg mit einer Anzahl Truppen in der Umgegend ankam, der jetzt nichts Beſſeres thun zu können glaubte, als in aller Eile die Beſatzung von Meurs zu ver⸗ ſtärken, worauf er über die Maas zurückkehrte. Vergeblich forderte der Kurfürſt von Köln durch eine Geſandtſchaft von Moritz, daß ihm Rheinberg als eine dem Erzſtift zuge⸗ hörige Stadt überliefert werde; ſowohl dieſe Aufforderung, als eine ähnliche im folgenden Jahre an die Generalſtaaten wurde vor der Hand nicht berückſichtigt. Es lag zu ſehr im Intereſſe der Generalſtaaten, weil der Erfolg der Kriegsoperationen von Reinbergs Beſitz abhing, daß ſie dieſen vorerſt nicht aus 160 der Hand gaben, wenn die Expedition ſelbſt glücklich von ſtatten geben ſollte. 1 Moritz zog nun, nachdem er zuvörderſt in Berathung ge⸗ nommen hatte, ob er Grol angreifen ſollte, vor Meurs, wo Andreas de Miranda die königliche Beſatzung kom⸗ mandirte. Kaum ſechs Tage lang belagerte Moritz dieſen erſt kürzlich durch Hermann van den Berg verſtärkten feſten. Platz, als ihm Miranda denſelben am 4. September übergab. Nun beſchloß Prinz Moritz, mit dem Rheinübergang nicht län⸗ ger zu zögern, um ſo mehr, va er kurze Zeit nach der Ueber⸗ gabe von Meurs Nachricht erhalten hatte, daß Graf Frie⸗ drich van den Berge ſich die Abweſenheit der frieſiſchen Truppen(welche im Heere Moritzens ſtanden) zu Nutzen gemacht und mit den Beſatzungen von Lingen und andern feſten Plätzen verheerende Streifzüge in die Landſchaft Se⸗ venwolden unternommen habe. Moritz ließ deßhalb bei Orſoi eine Schiffbrücke ſchlagen und führte auf derſelben ſeine Truppen über den Rhein. Raſch zog er dann auch über die Lippe, welche etwas unterhalb in den Rhein mündet, und rückte hierauf in Eilmärſchen vor Grol in Zütphen, welches Graf Johann von Styrum mit 800 Mann Fußvolks und drei Kornetten Reiterei vertheidigte. Schnell ließ Moritz die Anſtalten zur Belagerung treffen, Verſchanzungen aufwerfen, Laufgräben eröffnen, das Waſſer aus den Gräben ableiten, und endlich Grol mit glühenden Kugeln beſchießen, wodurch an die ſechzig Häuſer in Brand geriethen, während 24 Geſchütze gegen die Feſtungswerke donnerten. Einem ſolchen Ungeſtüm konnte, Grol nicht lange widerſtehen; es ergab ſich(am 27. Sep⸗ tember) gegen freien Abzug der Beſatzung, welche geloben mußte: drei Monate lang auf der linken Maasſeite nicht gegen die Truppen der Republik zu dienen. Von Grol wandte ſich — — 161 der ſiegreiche Moritz nach Breévoort, welches durch ſeine Lage für ſehr ſtark galt; denn rings um die Feſtung war Moorgrund und bloß ein Deich, welcher durch die Stadt lief, gewährte den einzigen Zugang zu derſelben. Doch dieſe Schwie⸗ rigkeiten ſchreckten ein ſo großes militäriſches Talent wie Moritz nicht ab. Sein wiſſenſchaftlich gebildeter Geiſt fand Mittel, den Moorgrund gangbar zu machen, und ſo rückten ſeine Truppen theils durch dieſen, theils auf dem Damme gegen die Feſtung vor. Moritz gewann hierauf eine Höhe, wo er 20 Geſchütze aufſtellen konnte, und ſchnell traf er nun die Anſtalten zur Belage⸗ rung nach allen Prinzipien der Kriegskunſt. Er hatte bei ſeinen Arbeiten mit der Ungunſt der Witterung hart zu kämpfen, überwand ſie jedoch durch ſeine Ausdauer, während ſich ſeine Truppen ungeſtüm nach Sturm und Plünderung ſehnten. Da es ihm bei der regneriſchen Jahreszeit nicht gelang, den Graben trocken zu legen, ſo wurde, wie die Geſchütze kaum Breſche gebrochen, eine Korkbrücke über den Graben geworfen, und nun begannen die Soldaten der Republik ohne Verzug den Sturm. Da verloren die Belagerten den Muth und ſchwenkten die Hüte, zum Zeichen, daß ſie unterhandeln wollten. Gleich⸗ wohl raffte die zügelloſe Leidenſchaft der Belagerer beim erſten Anfall ſiebenzig Leben dahin. Die Beſatzung zog ſich hierauf in ungeſtümer Eile in die Citadelle zurück, welche auch alsbald überging(am 9. Oktober). Der Kommandant Damian Gardot hatte ſich in einem Keller verſteckt, wurde aber her⸗ vorgezogen und mit dem Tode bedroht; auf ſein inſtändiges Flehen jedoch ſchenkte ihm Moritz das Leben. Moritz ließ ſein Heer einige Tage raſten und führte es dann, nicht ohne große Beſchwerden, nach der Provinz O ver⸗Yſſel. Raſch ergaben ſich ihm die feſten Plätze En⸗ ſchede(welches von einem Theil der Beſatzung bereits ver⸗ III. 11 162 laſſen war,) Ootmarſum und(nach einer heftigen Beſchie⸗ ßung) Oldenzeel(am 22. Oktober). Moritz ließ die Fe⸗ ſtungswerke der beiden erſteren Plätze ſchleifen und rückte vor Lingen, welches über dem Emsſtrom gelegen, der Hauptort einer deutſchen Grafſchaft war, die Kaiſer Karl V. 1546 ero⸗ bert und dem Grafen Maximilian von Büren zu Lehen gegeben hatte. Nach dem kinderloſen Ableben deſſelben hatte der Kaiſer das Lehen wieder eingezogen und den Befehl über Lingen dem Statthalter von Friesland übergeben. Nun war aber Moritz der Erbe jenes Grafen von Büren, ſeines Großvaters von mütterlicher Seite, da ſein Vater Wilhelm in erſter Ehe mit der Erbtochter Maximilians von Büren vermählt geweſen war(aus welcher Ehe Prinz Philipp Wilhelm ſtammte). Wilhelm von Oranien hatte den Beſitz Lingens im Jahr 1578 für ſich vindicirt und ſich zugleich ver⸗ pflichtet, es von Over⸗Yſſel zu Lehen zu tragen. Lingen befand ſich nun ſeit geraumer Zeit in Beſitz der königlichen Truppen und Graf Friedrich van den Berg war kürzlich mit auserleſenen ſpaniſchen Soldaten dort eingezogen. Gegen Ende Oktobers erſchien Moritz vor jener Stadt, die er als ein Erbgut ſeines Hauſes betrachtete, beſchoß ſie und forderte ſie dann, nebſt dem Schloß, zur Uebergabe auf. Graf Friedrich van den Berg, welcher vom Erzherzog Al⸗ brecht gemeſſene Verhaltungsbefehle hatte, ſeine Truppen nicht unnütz aufzuopfern, übergab dem Prinzen Moritz Lingen am 12. November. So hatte nun Moritz das naſſau⸗oraniſche Erbe wieder erobert, und mit dieſer Waffenthat beſchloß er ſeinen glorreichen Feldzug vom Jahre 1597, in welchem er jede Hoffnung erfüllt hatte, die an den Kriegsplan geknüpft war. Sahen ſich doch jetzt die Spanier über den Rhein zurück ge⸗ drängt, ſah doch die Republik eine ſchöne Strecke Landes 2— 163 von feindlichen Beſatzungen befreit, und mehre Ströme ver⸗ ſichert! Moritz ließ denn jetzt ſeine Truppen die Winterquartiere beziehen und begab ſich nach dem Haag, wo er mit hohen Ehren, wie ſie ſeinen ausgezeichneten Talenten und ſeiner uner⸗ müdlichen Thätigkeit, wie ſie der Wichtigkeit ſeiner Erfolge für die Republik gebührten, empfangen wurde. Erinnern wir uns nun der Veranlaſſung, wodurch es Moritzen möglich wurde, ſeine Thätigkeit ſo glänzend und er⸗ folgreich zu entwickeln! Der Feldzug des Erzherzogs Albrecht nach der Pikardie, um Amiens gegen König HeinrichlV. zu entſetzen, hatte Moritzen freien Spielraum gegeben. Aber eben vor Amiens erreichte Albrecht ſeinen Zweck nicht, dem er inzwiſchen ſo Viel geopfert hatte. Zwar widerſtand die ſpaniſche Beſatzung von Amiens, ſelbſt nachdem ſie ihren tapferen Befehlshaber Portocarrero bei einem Sturm der Feinde verloren hatte, unter ihrem neuen Kommandanten Montenegro den Belagerern heldenmüthig. Aber die Ver⸗ ſuche des Erzherzogs, der(im September) in der Nähe von Amiens mit ſeinem Heere erſchien, um es zu entſetzen, mißlangen durchaus. Albrecht ſah ſich nach kurzer Zeit zum Rückzug genöthigt, und, nachdem dies geſchehen war, übergab ſich die Stadt dem ritterlichen Heinrich IV., welcher der Beſatzung ehrenvolle Bedingungen zugeſtand. Die Kapitulation geſchah am 26. September 1597. Albrechts Heer wurde auf dem Rückzuge durch franzöſiſche Truppen verfolgt, wußte ſich jedoch durch die Geſchicklichkeit des Ambroſio Landriano, welcher die Nachhut befehligte, ſo vortrefflich zu benehmen, daß es ohne Verluſt Arras erreichte. Im November 1597 unternahmen die Königlichen noch An⸗ ſchläge auf Bergen⸗op⸗Zoom und auf Gertruidenberg, welche jedoch glücklich entdeckt und vereitelt wurden. Ebenſo war 164 ſchon früher ein Attentat auf Tholen mißglückt, wobei zwei Niederländer im Spiele waren, welche dann mit dem Leben dafür büßen mußten. Noch ſchlimmer übrigens als alles Un⸗ glück, welches die königlichen Truppen ſowohl vor Amiens, als bei jenen Anſchlägen traf, war der Geiſt der Meuterei, welche unter denſelben immer weiter um ſich griff. Die Städte in den ſpaniſchen Niederlanden, gewarnt durch die traurigen Beiſpiele aus früherer Zeit, wie entſetzlich ſie ſelbſt durch die Meuterei der Soldaten hatten leiden müſſen, und ohnehin verarmt, ſträubten ſich bang und mit Schrecken davor, Beſatzungen einzunehmen. Der Zuſtand Belgiens er⸗ reichte dadurch den höchſten Grad von Verwirrung. In demſelben verhängnißvollen Jahre 1597, welches für die Sache der Republik ſo günſtige, für die Philipps II. ſo ungünſtige Reſultate lieferte, hatten indeſſen auch auf der See Operationen der verbündeten engliſchen und holländiſchen Flotte ſtattgefunden. Doch diesmal hatte das Glück, welches dieſelben bisher ſo auffallend unterſtützt, ſie verlaſſen, ohne daß Philipp II. von dem Unglück ſeiner Feinde irgend einen wichti⸗ tigen Vortheil hätte ziehen können. Im Frühling 1597 hatte ſich eine engliſche Flotte, auf welcher 6000 Mann Landſoldaten unter dem Grafen Eſſex eingeſchifft waren, mit einer niederlän⸗ diſchen unter Warwond, Kornelis Lenſen und Regimortes ver⸗ ch g einigt, und zu Anfang Julis den Hafen von Plymouth verlaſſen, um die ſpaniſche Flotte zu Ferrol, welche Don Martin de Padilla befehligte, anzugreifen, zu vernichten, hierauf die weſt⸗ indiſche Flotte und das Eiland Tercera(eine der Azo⸗ riſchen Inſeln) zu nehmen. Glücklich erreichten die vereinigten Geſchwader die Gewäſſer bei Gallizien; aber dort wurden ſie von einem heftigen Sturm aus Süden überfallen und zer⸗ ſtreut. Der Graf Eſſex wollte demungeachtet die Expe dition — — fortſetzen, wurde jedoch durch das ungünſtige Wetter und wohl noch mehr durch die Beſorgniſſe der Bemannung gleichfalls zum Rückzug nach England beſtimmt, woſelbſt die Flotte noch vor dem Ende des Juli wieder ankam. Gleichwohl unternahm er noch eine zweite Fahrt nach den Azoren, um die weſtindiſche Flotte aufzufangen; doch auch diesmal wurde er durch Stürme genöthigt, das Projekt aufzugeben. Bloß dem Sir Walter Raleigh gelang es, drei feindliche Schiffe zu nehmen. Die ganze Expedition nahm ein klägliches Ende. Doch hatten Eng⸗ land und die Republik dabei wenigſtens die Genugthuung, daß auch der Plan der feindlichen Flotte unter Don Mar⸗ tin de Padilla erfolglos blieb. Sie beſtand aus 180 Schif⸗ fen mit einer Bemannung von 8000 Landſoldaten und war zu einer Landung in England beſtimmt. Ein furchtbarer Nord⸗ ſturm trieb ſie am 18. Oktober nach Spanien zurück; drei Gal⸗ lionen und ſechs andere Schiffe gingen dabei zu Grunde. Don Martin de Padilla wurde, als er nach Hauſe kam, ſeiner Admiralswürde entſetzt, welche der König dem Don Diego Brocaro übertrug. Der greiſe Philipp I1. aber konnte ſich auch am Schluß dieſes Jahres überzeugen, daß ſeine kühnen Hoffnungen und Pläne wohl nimmermehr in Erfüllung gehen würden; er, der reichſte Monarch ſeiner Zeit, war in Folge aller ſeiner Anſtrengungen ſchon faſt zum Bettler geworden; er hatte ritterlich die Welt dem alleinſeligmachenden römiſch⸗katholiſchen Glauben unterwerfen wollen, und, ſtatt daß er auch nur an einem Punkte den geringſten Erfolg errungen hätte, ſah er jetzt die Hälfte ſeiner niederländiſchen weiland Unterthanen als eine bereits faſt ſelbſtſtändige Macht ſich gegenüber, ſah er das verhaßte England ſtark, ſah er Frankreich, deſſen Krone er ſchon ſeiner geliebten Tochter beſtimmt hatte, unter dem Szepter eines klugen, tapfren und immermehr populär werdenden Königs, 166 obwohl die verderbliche Flamme der Partheiungen unter der Aſche noch fortglimmen mochte, ſich erholen. Ja, was das Schlimmſte war, nicht einmal die alte Politik Philipps II. reichte mehr aus, nicht einmal die alte Eiferſucht Englands und Frank⸗ reichs konnte er jetzt zu ſeinem Vortheil benützen; beide waren jetzt vereinigt, weil ſie in der Einigkeit ihre Stärke erkannten; — und die neue Republik vermehrte dieſe Stärke! Unſeli⸗ es Loos eines greiſen Königes, am Rande des Grabes keinen g 9 9 mehr genügenden Lohn für ein ganzes Leben, für eine ſo innige religiöſe Ueberzeugung gewinnen zu können! Philipp fühlte die Laſt ſeines Alters, die Abnahme ſeiner phyſiſchen Kräfte unter harten Körperleiden. Nur ſein Geiſt blieb ungeſchwächt und ſeine Willenskraft. Er beſchloß, ſein letztes Werk zu thun, in der Hoffnung, durch einen Akt des Vertrauens das zu er⸗ reichen, was er bisher durch alle Kriege, durch die Verſchwen⸗ dung von Millionen nicht erreicht hatte. Kurz: der längſt gehegte Plan, die Niederlande ſeiner Tochter Iſabella und dem für dieſelbe beſtimmten Gatten, und zwar als unabhän⸗ giges, blos unter Spaniens Schutz geſtelltes Reich zu übergeben, ſollte nun raſch zur Ausführung kommen und den Erzherzog Albrecht hatte Philipp II. zum Gemahl der Infan⸗ tin beſtimmt.*) Wohl mochte der Hinblick auf ſeinen Sohn, den Thronerben Spaniens, weſentlich zu dieſem Entſchluſſe bei⸗ tragen. Philipp II. mußte ſich überzeugen, daß der Kronprinz *)„Parevagli, che la maggiore speranza, e di conservar le provincie ubbidienti, e di riunire con loro nell'antica forma le ribellate, sar- rebbe dando loro un principe proprio, che dive- nisse Fiammingo, e da cui ricevessero discen- denza Fiamminga ancora. E temeva, che ciè non ſfacendosi, ne seguirebbe forse un giorno la perdita intiera di tutte.“(Bentivoglio, guerra di Fiandra. P. III. L. IV. p. 105.) —.— —,.,—„ 167 durchaus untüchtig ſei, das ſchwere Werk in den Niederlanden fortzuſetzen, und leider mußte er ſich eingeſtehen, daß er, der Vater, ſelbſt an dieſer Untüchtigkeit des Sohnes Schuld trage! Gewiß war es die Beſorgniß vor einem zweiten Don Carlos geweſen, weßhalb der König ſeinen Sohn Philipp ge⸗ radezu in Unſelbſtſtändigkeit unter Weibern erziehen ließ. Jetzt, am Rande des Grabes, ſah er die traurigen Reſultate jener Beſorgniſſe; jetzt fühlte er es lebhaft,„wie ihm Gott zu der Gnade, ihm ein ſo großes Reich zu geben, die andere nicht habe hinzufügen wollen, ihm einen Nachfolger zu ſchenken, der das⸗ ſelbe ferner zu regieren vermochte.“*) Uebrigens war man in Spanien ſelbſt mit dem Plane des Königes nicht überall ganz einverſtanden; der Nationalſtolz ſträubte ſich gegen die Verrin⸗ gerung einer Macht, welche durch den ſpaniſchen Namen zuſam⸗ mengehalten wurde.**) Bevor wir jedoch die Verwirklichung des letzten Planes Philipps erzählen, wollen wir unſere Auf⸗ merkſamkeit wieder auf die äußere Stellung der Republik wenden. Ihr kräftiges Benehmen bei den drängenden Zumuthungen mehrer europäiſcher Großmächte gab einen intereſſanten Beweis, wie ſich das Bewußtſein von Selbſtſtändigkeit immer klarer bei ihr ausgeprägt hatte, wie ſie immer entſchiedener auf Anerkennung derſelben hinarbeitete. Polen, Deutſch⸗ land und Dänemark hatten im Verlaufe des Jahres 1597 *) Ranke Fürſten und Völker in Süd⸗Europa 1. Bd.(2te Aufl.) S. 130. **½ν)„Opponevasi il Fuentes quanto poteva al matrimonio con la ces- sion de' paesi bassi. Ma dall“ altra parte Christoval di Moura, Conte di Castel Rodrigo, il quale si trovava in grandissima autorità appresso il Rè, sosteneva l'opinione contraria efficacemente.“(Bentivoglio a. a. O. Ebendort die Reden des Fuentes und des Grafen Caſtel Rodrigo.) 168 den Frieden zwiſchen der Republik und Spanien zu vermitteln geſucht, welche erſtere ihrerſeits alle Vorſchläge ſtandhaft zu⸗ rückwies, wohl wiſſend, daß die Fundamentalbedingung jeder Friedensverhandlung wohl ſtets nur mit Unterwerfung un⸗ ter Spanien identiſch ſein würde. Intereſſant iſt es jedoch, zu bemerken, auf welche Weiſe ſich die Republik mit jeder von jenen drei Mächten benahm. Auf die ernſte Aufforderung von Seiten Polens, deſſen Geſandter den vereinigten Provinzen (im Juli 1597) ihr gewiſſes Verderben prophezeihen wollte, wenn ſie ſich nicht bei Zeiten mit Philipp II. verſöhnten, erwie⸗ derten die Generalſtaaten:„der Krieg, den ſie mit Spanien führten, ſei ein gerechter, der Friede dagegen höchſt gefahr⸗ voll, und ſie könnten ſich bis jetzt noch zu keinen Unterhandlun⸗ gen entſchließen.“ Auf die weitere Drohung des polniſchen Geſandten, man würde dann den Handel der Republik mit Po⸗ len beeinträchtigen, bemerkten die Generalſtaaten mit edlem Stolz:„Wenn es Polen belieben ſollte, das Völkerrecht zu ver⸗ letzen, ſo würden ſie ebenſowohl die Früchte dieſes Reiches, als das Letztere ihr Geld entbehren können.“ Hiermit hatte die Vermittlung Polens ein Ende. Von Seiten des Kaiſers und mehrer Mitglieder des deut⸗ ſchen Reichs wollte man Geſandte zu gleichem Zwecke an die Republik abfertigen, erlangte jedoch von dieſer keine Päſſe für die Geſandten. Hieraus nahm man nun von deutſcher Seite Anlaß, ſich über den Mangel an Achtung gegen das Reich zu beklagen, indem die vereinigten Provinzen ihren alten deutſchen Bundesgenoſſen und Freunden ein Recht verweigerten, welches man doch ſogar Feinden einzuräumen pflegte; um ſo mehr müßte wohl dies Benehmen befremden, da die Geſandten nicht bloß über den Frieden, ſondern auch über andre Angelegenheiten zu handeln beauftragt geweſen ſeien, welche ebenſowohl den Vor⸗ 169 theil der vereinigten Provinzen als jenen des Reiches beträfen; übrigens dürfe man die höchſte Autorität des Neiches nicht un⸗ geſtraft beleidigen.—„Eben die Ehrfucht vor derſelben“(ſo lautete die Entgegnung der Generalſtaaten)„ſei der Grund ge⸗ weſen, weßhalb ſie den Geſandten Päſſe verweigert; ſie hätten ihnen die Mühe erſparen wollen, ſich mit einer Miſſion zu be⸗ faſſen, welche doch jedenfalls fruchtlos bliebe; denn niemand wüßte ihre Angelegenheiten richtiger zu beurtheilen als— ſie ſelbſt.“ Hatte ſich die Republik gegen die Friedensvorſchläge von Seiten Polens und Deutſchlands mit ehrenvollem Stolz benom⸗ men, ſo konnte ſie dagegen nicht umhin, die Aufforderungen Dänemarks zur Ausſöhnung mit Philipp II. ganz anders aufzunehmen, da ſie ſah, daß ſie von Dänemark her kein hefti⸗ ges Andringen zu befürchten haben würde. Die Generalſtaaten erwiederten den däniſchen Geſandten: ſie wären durch ihre Ver⸗ bindung mit Frankreich und England außer Stand geſetzt, einen Separatfrieden abzuſchließen; ſodann machten ſie auf den unvertilgbaren Haß Spaniens gegen alles, was„Ketzer“ heiße, aufmerkſam, unter welcher Bezeichnung man dort nicht bloß die Reformirten, ſondern auch die Lutheraner begreife. Endlich be⸗ dienten ſich die Generalſtaaten auch noch einer Liſt gegen die Dänen, welche von republikaniſchen Prinzipien und Inſtitutionen keinen klare Begriffe hatten; ſie deuteten nämlich denſelben an: Prinz Mortitz ſei jetzt Nachfolger ſeines Vaters in der Re⸗ gierung und Landesherr; ſonach mußte eine Unterhandlung mit Spanien, welche eine Aenderung dieſes fingirten Verhältniſſes zur nothwendigen Folge hatte, dem Anſchein nach gegen die Begriffe von Legitimität, wie ſie damals in Dänemark herrſch⸗ ten, verſtoßen. Man ſieht: die Republik ſcheute kein Mittel, 170 um ihre theuer errungene Selbſtſtändigkeit gegen jede Art von Bedrohung zu wahren. Wie ſehr erſchrack ſie daher, als ſie plötzlich triftige Gründe zu der Beſorgniß hatte, daß ſie von ihren wichtigen Bundes⸗ genoſſen, Engl and und Frankreich, Spanien gegenüber im Stiche gelaſſen werden dürfte. Dieſer Fall trat ein, als Phi⸗ lipp II. ernſtlich an den Abſchluß eines Friedens mit Hein⸗ rich IV. dachte. Philipp hatte im Vorgefühl des nahen Endes ſeiner irdiſchen Laufbahn die geheimen Pläne auf den Beſitz Frankreichs aufgegeben, von deren Erfolgloſigkeit er ſich im Laufe ſo vieler Jahre denn doch hatte überzeugen müſſen. Uebrigens nöthigten ihn dazu auch ſeine unüberſehbaren finan⸗ ziellen Verlegenheiten. Anderſeits ſah Heinrich 1V. gleichfalls nur in einem Frieden mit ſeinem langjährigen Gegner ein Mit⸗ tel, um die innere Ruhe Frankreichs herſtellen und ſeine Herr⸗ ſchaft befeſtigen zu können. Der Papſt Klemens VIII. trug nicht wenig dazu bei, die friedlichen Geſinnungen beider Mo⸗ narchen zu unterhalten und zu beſtärken, und ſeine darauf ab⸗ zweckenden Bemühungen blieben keinesweges ohne Erfolg. Es iſt charakteriſtiſch, daß gerade von dem römiſchen Stuhle der Hauptantrieb der Friedensvermittlung ausging. Man möchte hierin leicht eine großartige Ironie der höheren Fügung erkennen, welche darin beſteht, daß das ganze Leben und Streben des Greiſes Philipp eben von jenem Prinzipe des⸗ avouirt wird, für welches er ſo unerſchütterlich treu gekämpft hatte. Genauer betrachtet, dürfte man jedoch hier die tiefere Weisheit Roms wahrnehmen, welches wohl einſah, daß ſeiner Sache nicht mehr mit dem Schwerte gedient ſein könne, daß es ſich der phyſiſchen Uebermacht, welche ihm zum ritterlichen Schutze bereit ſtand, zweckmäßiger entledigte. Die Einzelnheiten der Verhandlungen wegen eines Friedens zwiſchen Spanien und * —e— 171 Frankreich berühren die niederländiſche Geſchichte im Allgemeinen⸗ wenig. Nur das Benehmen der Mächte kommt für dieſelbe in Betracht, weil ſich daraus die Stellung der Republik ergibt. So dient es denn nicht bloß zur Charakteriſirung Heinrichs IV., ſondern iſt es auch wichtig zur Andeutung des Standpunktes, welchen die Republik damals einnahm, daß Heinrich IV. den Generalſtaateen ebenſogut wie der Königin von England von dem Schritte, welchen er zu thun im Begriffe ſtand, Nach⸗ richt, von den Gründen, welche ihn bewogen, gewiſſermaßen Rechenſchaft gab. Die Republik war durch die Nachricht von einem Se⸗ paratfrieden Frankreichs mit Spanien um ſomehr be⸗ ſtürzt, da ſie auch gerechten Grund zu der Beſorgniß hatte, daß Eliſabeth dem Beiſpiel Heinrichs Iv. folgen würde. Wenn dies Letztere wirklich eintrat, ſo ſtand die Republik Spa⸗ niens Macht preisgegeben da. Ihre Beſorgniß wurde noch durch die Nachricht geſteigert, daß Philipp II. die Niederlande ſeiner Tochter, der Infantin Iſabella abtreten wolle und den Erzherzog Albrecht zum Gemahl derſelben beſtimmt habe. Zwar glaubten die vereinigten Niederlande weniger als die Bel⸗ gier an die Wahrheit dieſer Nachricht und unterſtellten die Vermuthung: es ſei mit der Form jener(wie ſie meinten, bloß fingirten) Abtretung nur der Zweck verbunden, ſie unter dem Vorwand einer Wiedervereinigung aller Niederlande unter die ſpaniſche Oberherrſchaft zu⸗ rückzubringen. Sie täuſchten ſich hierüber wenigſtens inſofern nicht, als Philipp 1I. dies allerdings hoffen mochte. Indeſſen: gleichviel, ob und wieviel Wahrheit jener Vermuthung über die Motive Philipps II. zu Grunde liegen mochte, die— Republik beſchloß, alles aufzubieten, um jene Gefahr abzuwenden, welche 172 ihr zunächſt vor der Schwelle ſtand, nämlich die Verſöhnung Frankreichs und Spaniens. 3 Die Republik ſchickte zu dieſem Ende eine Geſandtſchaft(Ju⸗ ſtin von Naſſau und Oldenbarneveld) nach Frankreich, und eine andre nach England, um den Monarchen beider Reiche Vorſtellungen gegen einen Frieden mit Spanien zu machen(1598). Weder in dem einen noch in dem anderen Reiche hatten jedoch die Bemühungen der Republik, die Fortſetzung des Krieges zu bewir⸗ ken, Reſultate; ja, die Geſandten derſelben mußten in England, wo in Folge der früheren Mißverſtändniſſe noch hie und da eine Spannung hervortrat, wo man ſich überhaupt des Gedankens an eine Superiorität über die Republik noch immer nicht ent⸗ wöhnen konnte, manches harte Wort hören. Herzlicher benahm man ſich in Frankreich gegen die Geſandten der Republik. Heinrich IV. bekannte denſelben geradezu, daß ihn der unab⸗ weisliche Drang der Umſtände zu Friedensverhandlung zmit Spa⸗ nien beſtimmt habe, und verſicherte ſie auf das Beſtimmteſte, daß ſeine Freundſchaft für die Republik dadurch nicht im Geringſten beeinträchtigt werden ſollte. Die Aufrichtigkeit dieſer Verſiche⸗ rung ergab ſich, als Heinrichlv. wirklich zu Vervins(am 2. Mai 1598) den Frieden mit Spanien ahbgeſchloſſen hatte, in Folge deſſen ihm Philipp II. Calais und überhaupt alle in Frankreich eroberten Plätze zurückgab, dagegen von Hein⸗ rich Iv. die Grafſchaft Charolois erhielt. Heinrich IV. ließ die Generalſtaaten augenblicklich von dem Abſchluß des Friedens in Kenntniß ſetzen. Sie mochten ſich dabei wohl deß⸗ halb begütigen, weil ihnen Heinrich IV.(durch Oldenbarne⸗ veld) die Zuſage gegeben hatte, ſie binnen 4 Jahren,(unter dem Vorwand der Zurückzahlung früherer Anleihen) durch eine Summe von 2,900,000 Gulden zu unterſtützen, ohne daß er dieſelbe je zurückfordern wolle; ebenſo hatte er der Republik 173 verſprochen, daß ſie ſtets ſeine beſten Soldaten in ihre Dienſte nehmen dürfte. 3 Anders,— zwar immerhin im Geiſte der Verſöhnung, aber doch nicht gerade zum Vortheil der Republik,— entwickelte ſich die Sache in England. Eliſabeth gab Spanien gegenüber deutlich genug ihre Hinneigung zum Frieden zu erkennen und brachte der Republik gegenüber ihre alten Geldforderungen wieder zum Vorſchein. Faſt nahm ſie, darauf geſtützt, eine dro⸗ hende Stellung an, wie ſie dem Mächtigeren gegen den ver⸗ meintlich Schwächeren zumal in jenem Falle wenig ziemt, wenn der Erſtere ſein Uebergewicht gerade durch die Erinnerung an pekuniäre Unterſtützung, die er dem Letzteren geleiſtet, zu behaupten ſucht. Es ſcheint, daß Eliſabeths Politik vorzugsweiſe nur darauf abzweckte, die Republik durch Einſchüchterung in Abhängigkeit zu erhalten, was wir vielleicht klug, aber nimmermehr edel nennen können. Es kam zu verdrießlichen Erörterungen zwiſchen Eliſabeth und den Generalſtaa⸗ ten,— zu unangenehmen Berechnungen der Rückſtände von Seiten der Letzteren an die Erſtere. Endlich wurde am 16. Au⸗ guſt 1598 zu Weſtminſter ein Vertrag zwiſchen England und den vereinigten Provinzen abgeſchloſſen, wodurch ſich die Generalſtaaten verbanden, eine für alle Rückſtände angeſetzte Abkunftsſumme von acht Millionen Gulden an Eliſabeth zu be⸗ zahlen, und zwar die Hälfte(mit 300,000 Gulden während der Dauer des Krieges) zu liquidiren. Bliebe von dieſer Summe nach Beendigung des Krieges noch ein Reſt übrig, ſo ſollten die Staaten denſelben in jährlichen Raten von 20,000 Gul⸗ den tilgen. In Bezug auf die andre Hälfte und die Einlöſung der verpfändeten Städte würden ſich Eliſabeth und die General⸗ ſtaaten nach Abſchluß des Friedens in Güte vortragen. Die Letzteren übernahmen die in den verpfändeten Städten liegenden 174 engliſchen Beſatzungen(1150 Mann) zu beſolden und zwar mo⸗ natlich mit 5100 Gulden. Eliſabeth entſchlug ſich der Verpflich⸗ tung, der Republik fernerhin Hülfstruppen zu ſenden, wogegen die engliſchen Soldaten im Dienſte der Republik bloß den Ge⸗ neralſtaaten Treue zu ſchwören hatten. Zwar ſiel nun da⸗ durch die Macht eines engliſchen Oberbefehlshabers in der Re⸗ publik weg, doch durfte noch ein Engländer dem Staatsrath als Mitglied beiwohnen. Die Republik verband ſich endlich, der Königin bei ihren Kriegen zu Land und See mit 30 bis 40 Schif⸗ fen und 5000 Mann Fußvolks ſowie 500 Mann Reiterei bei⸗ zuſtehen. Wie man ſieht, ſo ſchien durch dieſen Vertrag von Weſtminſter faſt aller Vortheil auf Seiten Englands zu ſein; dagegen darf man nicht vergeſſen, daß die Republik, wenn ſie jetzt auch auf keine neuen Hülfstruppen aus England mehr rechnen konnte, hinwieder doch auch keinen engliſchen Oberbefehlshaber, ſomit keinen engliſchen Einfluß auf ihre inneren Angelegenheiten mehr zu beſorgen hatte. Kurz: ſie hatte ihre Selbſtſtändigkeit England gegenüber gewahrt, und dieſe um den Preis gewiß nicht zu theuer erkauft, daß ſie ſich fortan auf keine fremde Hülfe mehr zu verlaſſen brauchte!. Der Friede von Vervins zwiſchen Frankreich und Spa⸗ nien ſollte nach Philipps II. Meinung das Fundament für die Trennung der Niederlande von der ſpaniſchen Mo⸗ narchie ſein. Am 6. Mai 1598 beſtieg der kranke Greis Philipp I. zu Madrit in feierlicher Ceremonie den Thron. Vor ihm erſchienen der Kronprinz Philipp und die Infantin Iſabella; ringsumher ſtanden als Zeugen der wichtigen Hand⸗ lung, welche der König am Nande ſeines Grabes vornahm, Don Gomez d'Avila, Don Chriſtoph de Moura, Graf von Caſtel⸗Rodrigo, Don Juan Idiaques,— alle drei Mitglieder 175 des Staatsrathes, ſodann der Präſident des höchſten Gerichts⸗ hofes von Caſtilien, Nicolaus Dammant, und der Staatsſe⸗ kretair im Departement der niederländiſchen Angelegenheiten, de la Loo. Vor dieſen Zeugen wurden die Aktenſtücke ausgefertigt, welche die Abtretung der Niederlande an die Infantin Iſabella und den Erzherzog Albrecht betrafen und im burgundiſchen Idiom abgefaßt waren. Eben ſo intereſſant wie die ſtrenge Etikette, welche bei der feierlichen Handlung be⸗ obachtet wurde, war die Abfaſſung der Urkunden. Philipp II. gab darin als vornehmſten Grund ſeines Entſchluſſes die Ueber⸗ zeugung an, daß es das größte Glück für ein Land ſei, wenn es unter der perſönlichen Leitung ſeines natülichen Be⸗ herrſchers regiert werde. Hiermit war auf die öfter wieder⸗ holten Klagen der Niederländer über Philipps gehoffte und nicht erfolgte Gegenwart in den Niederlanden angeſpielt, und das triftigſte Gegenmittel für die Zukunft ausgedrückt. Alle vorher⸗ gegangenen Uebelſtände waren ſeiner Entfernung von den Nie⸗ derlanden zugeſchoben. Wir werden nicht alle einzelnen Artikel der merkwürdigen Akte mittheilen, wohl aber können wir uns nicht enthalten, den weſentlichen Inhalt hervorzuheben. Phi⸗ lipp II. verzichtete auf die Herrſchaft über die Niederlande, über Burgund und die Grafſchaft Charo⸗ lois zu Gunſten ſeiner Tochter, der Infantin Iſabella, und ihres künftigen Gemahls, des Erzherzogs Albrecht von Oeſterreich, welcher zum Zwecke der Vermählung ſeine geiſtlichen Würden als Kardinal u. ſ. w. niederlegte. Sollte die Ehe Iſabellens und Albrechts mit Kindern geſegnet wer⸗ den, ſo hatten dieſe letzteren in die Erbfolge einzutreten, nach dem Rechte der Erſtgeburt und mit dem Vorgang der männlichen Deszendenten vor den weiblichen. Uebrigens war die Souverainetät über die Niederlande in mehrfa⸗ 176 cher Beziehung unter den Schutz der Krone Spaniens geſtellt. So z. B. eben in Hinſicht auf die Erbfolge. Die Prinzen und die Prinzeſſinen der„flandriſchen Linie“ durf⸗ ten ſich nur im Einvernehmen und mit Bewilligung des Königs von Spanien vermählen, und beim Ausſterben der Linie ſollte die Souverainetät über die Nie derlande 4 wieder an Spanien heimfallen. Die„flandriſche Linie“ mußte ſich ſodann für ſich und alle künftigen Deszendenten zur Erhaltung des römiſch⸗katholiſchen Glaubens, (ſowohl was ſie ſelbſt als was die Unterthanen betraf) verpflichten, und zwar ſo, daß ein Sprößling der flandriſchen Linie, wenn er dem Katholizismus abtrünnig würde, alle An⸗ ſprüche an die Herrſchaft verlöre und ſein nächſter Rechtsnach⸗ folger in dieſelben einträte. Man ſieht, wie hellleuchtend ſich Philipps religiöſe Grundüberzeugung auch noch am Ende ſeines Lebens kund gab; als purpurne Abendröthe breitete ſie ſich be⸗ . reits über ſein offenes Grab aus. Zwei Tage ſpäter wurde die Vermählung Iſabellens mit Albrecht durch die Kai⸗ ſerin(Philipps Schweſter und Albrechts Mutter) und den kaiſerlichen Geſandten beſtätigt. Die Publikation des zwiſchen Spanien und Frankreich zu Ver⸗ vins abgeſchloſſenen Friedens, welche in allen Staaten des Kö⸗ nigs am 1. Juli 1598 ſtattfand, wurde beſonders in Belgien, wo man ſich ſo lange nach Frieden ſehnte, mit den lebhafteſten Ausdrücken von Freude begrüßt. In der Republik dagegen glaubte man durch ein(kurzvorher entdecktes) neues Attentat gegen das Leben des Prinzen Moritz einen Grund mehr zur größten Wachſamkeit, zum ſorglichſten Mißtrauen gegen alle Vorſchläge von ſpaniſcher Seite zu haben. Am 27. Mai hatte man nämlich zu Leyden einen Menſchen Namens Peter Panne (gebürtig aus Apern) verhaftet, welcher, wie ſich aus den Un⸗ 177 terſuchungsakten ergab, durch jeſuitiſche Einflüſſe zur Ermor⸗ dung Moritzens bewogen worden war. Der Prozeß über dieſes unglückliche Werkzeug fremder Pläne nahm ſeinen regel⸗ mäßigen Gang, und Peter Panne wurde durch ein Urtheil vom 22. Juni zum Tode verdammt. Er mußte für die Abſicht büßen, da dieſe nicht bis zur wirklichen That gediehen war; man wollte die Faktion, welche ihn zu dem Verbrechen ver⸗ leitet hatte, von ihren hochfahrenden und verbrecheriſchen Plänen abſchrecken.*) Am 16. Auguſt 1598 theilte der Erzherzog Albrecht den zu Brüſſel verſammelten Staaten der ſpaniſchen Nieder⸗ lande die Abtretung der Niederlande an die Infan⸗ tin mit. Die Staaten erwiederten hierauf durch den Mund ihres Greffiers Philipp Maes,„daß die Staaten durch die Eröffnung des königlichen Beſchluſſes im höchſten Grade beſtürzt ſeien, indem ſie nicht glaubten, daß der lange, unſelige Krieg dadurch beendigt werden könnte, wenn ihn der König ſelbſt mit der ganzen Anſtrengung ſeiner ausgedehnten Macht nicht habe erſticken können. Die Staaten ſeien jedoch dadurch getröſtet, daß ſie in jenem Akt immerhin die treue Fürſorgs des Königs für die Niederlande erkännten, indem er denſelben wenigſtens ſeine Tochter zur Regentin beſtimmt habe, welche in der Schule ihres Vaters die Kunſt des Herrſchens erlernt habe. Die Staaten erwarteten ſich von derſelben in Verbindung mit dem erlauchten Erzherzog, daß unter Beiden die alte Form wie das *)„Les juges, envisageant le fait tant par rapport à son objet que par rapport à ses conséquences, pensérent que Panne était coupable seu- lement pour avoir consenti à'exécution d'un projet aussi atroce et ils craignirent d'un autre côté que l'impunité n'enhardit„lasecte sanguinaire et meurtrière des jésuites(ce sont encore les expressions de la sentence) à ourdir de nouvelles trames« ete etc.(Dewez hist. générale de la Belgique. VI. 316.) III. 12 Weſen und die Prinzipien der Regierung nicht bloß nicht ver⸗ ändert, ſondern vielmehr befeſtigt werden würden, daß der erhabene Monarch, ſeinem Verſprechen zufolge, ſie auch fort⸗ während ſeines Wohlwollens würdigen, durch ſeine Protektion unterſtützen würde, auf daß endlich ein dauerhafter Friede zu Stande käme, deſſen das unglückliche Vaterland ſo ſehr bedürfe, damit es ſeinen alten Wohlſtand und Glanz wieder erlangen könne. In ſolcher Hoffnung dankten denn die Staaten dem Könige aufrichtigſt und ſeien bereit, der Infantin und deren Gemahl den Eid der Treue abzulegen, in der Vorausſetzung und Bedingung, daß ſich Beide verpflichteten, den Provinzen die Erhaltung der Privilegien, Rechte, Immuni⸗ täten und Küren zu garantiren. Der Allmächtige möge dazu ſeinen Segen geben.“— Am 22. Auguſt wurde Erzher⸗ zog Albrecht von den Staaten feierlich anerkannt und hier⸗ auf traf er ſeine Anſtalten zur Abreiſe nach Spanien, um dort ſeine eheliche Verbindung mit der Infantin zu vollziehen. Bevor er jedoch die Niederlande verließ, zeigte er auch der Republik der vereinigten Provinzen die Abtretung der Niederlande von Seiten Philipps 11. an und forderte die Er⸗ ſteren auf, die günſtige Gelegenheit zu einer ehrenvollen Ver⸗ ſöhnung mit Spanien nicht verſäumen zu wollen,„indem nach dieſem entſcheidenden Schritte Philipps, welcher ſich ſeiner Rechte auf die Niederlande begeben habe, nun wohl für ſie kein Grund des Mißtrauens mehr vorhanden ſein könne.“ In demſelben Sinne ſchrieb der Erzherzog auch an den Prinzen Moritz, welchen er aufforderte, ſeinen Einfluß zur Befriedung und Verſöhnung anzuwenden. Doch wie wenig kannte der Erzherzog den in der Republik herrſchenden Geiſt, wenn er irgend hoffen konnte: man würde ſeinen Worten Gehör ſchenken! Nicht bloß das neueſte Attentat gegen Moritz, ſondern auch der alte Haß gegen Spanien überhaupt war noch allzufriſch im Andenken der gan⸗ zen Nation. Sich mit Spanien verſöhnen, ſich mit Belgien vereinigen,— dies bedeutete nicht weniger, als: die religiöſe und politiſche Freiheit aufgeben, für welche ſo viele Tauſende das Leben geopfert hatten! Welche Thorheit wäre es geweſen, ſich jetzt leichtgläubig zu unterwerfen, da der neue Staat ſeine Selbſtſtändigkeit immermehr zur Anerkennung der Mächte em⸗ porgerungen hatte, gleichviel, ob er auch bloß auf ſich ſelbſt angewieſen war. Die Vorſchläge Albrechts wurden dem⸗ nach abgewieſen; die Trennung Hollands und Belgiens blieb beſiegelt. Albrecht übertrug nun die Regierung der Niederlande für die Zeit ſeiner Abweſenheit dem Kardinal Andreas von Oeſterreich(einem Sohne des Erzherzogs Ferdinand und der ſchönen Philippine Welſer, Andreas war Biſchof von Kon⸗ ſtanz,) die Leitung des Krieges dem Admiral Franzisco de Mendoza und reiste in der Mitte Septembers ab, um ſeine Verbindung mit der Infantin Iſabella zu vollziehen. Er war noch unter Weges, als er die Nachricht vom Ab⸗ leben Philipps]I. erhielt, worauf er ſich zwar ſeit längerer Zeit gefaßt gemacht hatte, die ihn jedoch aus dem Grunde mit Beſorgniß erfüllte, weil er gar wohl die mächtige Gegenparthei in Spanien kannte, welche ſeiner Perſon, ſowie dem ganzen Plane Philipps 11. keinesweges günſtig war. Einen Blick jetzt, bevor wir in unſerer Erzählung fortfahren, auf das Todtenbette Philipps II.! Schon ſeit dritthalb Jahren hatte eine anhaltende Gicht Philipps Kräfte ſo ſehr erſchöpft, daß er ſich oft nicht auf den Füßen zu erhalten vermochte. Wider den Rath der Aerzte ließ er ſich, ungeachtet der drücken⸗ den Hitze, im Juli 1598 nach ſeiner geliebten Stiftung San Lorenzoel Real im Eskurial bringen.„Ich laſſe mich 180 nach meinem Grabe tragen,“ ſagte er zu dem kaiſerlichen Geſand⸗ ten, dem Grafen Johann Khevenhüller. Seine Schmerzen nah⸗ men dort immer zu; 53 Tage bis zu ſeinem Tode war er nicht im Stande, auch nur ein Glied zu bewegen. So lang der kö⸗ nigliche Greis auf dem Leidensbette ausgeſtreckt, geiſtlichen Be⸗ trachtungen hingegeben und tief durchdrungen von dem Gefühle der Nichtigkeit alles Irdiſchen. Seine Krankheit nahm eine ſchauderhafte Wendung. Es entwickelten ſich an allen Gliedern ekelhafte Geſchwüre, welche geöffnet werden mußten und aus denen ſich Läuſe erzeugten.„So ſterben Könige!“ ſprach er zu ſeinem Sohne, dem Kronprinzen, und zu ſeiner Tochter Iſabella, indem er ihnen ſeinen Körper aufdeckte. Iſabella pflegte ihn mit der aufopferndſten Pietät. Er empfahl ihr, als künftiger Beherrſcherin der Niederlande, noch zwei Tage vor ſeinem Tode dringend die Erhaltung des Katholizis⸗ mus in ihren Staaten. Am 13. September 1598 endlich, um 5 Uhr des Morgens, gab Philipp II. in einem Alter von 71 Jahren, 3 Monaten und 22 Tagen ſeinen Geiſt dem Schö⸗ pfer, ſeinen Staub der Erde zurück, nachdem ihn ſeine religiöſe Standhaftigkeit bis zum letzten Augenblick nicht verlaſſen hatte. „Ich ſterbe als katholiſcher Chriſt im Glauben und Gehorſam der katholiſchen Kirche,“ dies waren ſeine letzten Worte.*) Ein *)„Muero como Catolico en la fé y obediencia de la Iglesia Catolica Romana.“(Vergl. Salazar de Mendoza über die„muerta gloriosa del Rey“, Davila„Felipe 3ro.“, die Khevenhül⸗ lerſchen Annales Ferdinandeos, und die ausführliche Monogra⸗ phie„de felici excessu Philippi II.“ von GCervera Turrianus Clat. Ausg. Freiburg im Breisg. 1609) Als Papſt Klemens VIII. die Nachricht vom Tode Philipps erhielt, äußerte er ſich im Konſi⸗ ſtorium, dem er dieſelbe mittheilte, unter anderm alſo:„Eine Säule der Kirche Gottes ſei verloren, aber ein zwiefacher Troſt erfülle ihn(den Papſt) bei dieſem Verluſt; der eine, daß Philipp II. ſo heilig geſtorben und gewiß die ewige Seligkeit erlangt habe; der 181 Leben ohne Frucht, ein Alter ohne Freuden, ein Tod ohne Völ⸗ kerthränen,— und doch ein Geiſt voll Energie, ein Herz voll innigſter Ueberzeugung,— die letztere irrig, die erſtere falſch angewendet;— wer, der gerecht ſein will, wer, der da fühlt, daß er nicht mehr Menſch iſt als Philipp II., kann dieſem kö⸗ niglichen Todten ſeine Theilnahme verſagen? Wer möchte ſich aber auch nicht unwillkührlich an dieſem Sterbebette der letzten Worte des ermordeten Wilhelms von Oranien erinnern? Jeder von dieſen beiden Gegnern beſiegelte die innere Wahrheit ſeines ganzen Lebens durch die letzten Worte, welche die erblei⸗ chenden Lippen ſtammeln konnten. Die Beſorgniſſe des Erzherzogs Albrecht, daß durch die Gegenparthei in Spanien ſeine Verbindung mit Iſabella rückgängig gemacht werden dürfte, zerſtreuten ſich bald. Der neue König Philipp III. und deſſen Miniſter Lerma(er war damals der eigentliche Beherrſcher Spaniens) beſtätigten den Wil⸗ len des Abgeſchiedenen. Albrecht nahm ſeinen Weg nach Grätz, wo er die Braut des neuen Königs, die Erzherzogin Margarethe, traf. Mit ihr und ihrer Mutter begab er ſich durch Tyrol nach Italien, wo Papſt Klemens VIII. zu Ferrara am 15. September die Vermählung(durch Prokuration) ein⸗ ſegnete. Der Erzherzog repräſentirte dabei den König von Spanien, und der ſpaniſche Geſandte für den Kirchenſtaat ver⸗ trat die Stelle der Infantin. Die erlauchten Perſonen begaben ſich hierauf nach Mailand, wohin ſie gegen Ende November ankamen und die beſſere Jahreszeit abwarteten. Mit dem Be⸗ ginn des Frühlings 1599 ſchifften ſie ſich dann in Genua ein, und am 18. April deſſelben Jahres wurden die Vermählungs⸗ andere, daß er ſeinen Reichen einen Erben gelaſſen, der ihm eben ſo in Werken nachfolgen würde, wie er Philipps Namen trage.“ 182 feierlichkeiten mit aller erdenklichen Pracht zu Valencia voll⸗ zogen. 3 Im Juni verließ der Erzherzog Albrecht mit ſeiner Gemahlin Iſabella Spanien und begab ſich nach den Nie⸗ derlanden, wo beide zu Anfang Septembers 1599 anlang⸗ ſen. Am 5. dieſes Monats hielten ſie zu Brüſſel ihren außerordentlich prachtvollen Einzug. Am 24. November 1599 wurde endlich die erſte feierliche Inauguration der„beiden Erzherzoge“(dieſen Titel führten nämlich Albrecht und Iſabella fortan, als Souveraine der ſpaniſchen Niederlande) zu Löwen vollzogen. Eine zweite fand am 28. deſſelben Monats zu Brüſſel ſtatt. Am 8. Dezember hielten Albrecht und Iſabella ihren Einzug zu Antwerpen und am 10. Januar 1600 leiſteten ſie den verfaſſungsmäßigen Eid auf die Erhaltung der Landesprivilegien. Ue⸗ berall kam ihnen das Vertauen des Volkes entgegen. Iſabella tritt von Philipps Schmerzenslager, wo ſie die Nichtigkeit ir⸗ diſcher Größe kennen gelernt, in die Mitte eines leidenden Volkes, an deſſen Unglück eben ihr Vater ſo viel Schuld gehabt. Sie fühlt eine heilige Pflicht, gutzumachen, was Dieſer verſehen, die Wunden zu heilen, an denen das Volk ſo lange blutete. 8 . 9 & 29 8 0 — Erſtes Kapitel. Inzwiſchen hatte der Kardinal Andreas von Oeſter⸗ reich die Verwaltung der Niederlande für den Erzherzog Al⸗ brecht, und der wohlerfahrene, aber ſtolze und bigotte Admiral Mendoza die Führung des Krieges übernommen. Die er⸗ ſten gegenſeitigen Kriegsoperationen waren von geringer Be⸗ deutung. Uebrigens wuchs die königliche Kriegsmacht in den Niederlanden durch eine Verſtärkung von ſpaniſchen Truppen, welche bei Calais gelandet waren, allmählig bis zu der Zahl von 22,000 Mann zu Fuß und 2000 Reitern(im Ganzen) heran. Dieſe Heeresmacht nützte jedoch vor der Hand wenig, und zwar aus dem Grunde, weil die Regierung nicht die finan⸗ ziellen Mittel beſaß, um den Soldaten die Löhnung bezah⸗ len und demnach auch eine ſtrenge Kriegszucht handhaben zu können. Da nun das Erſtere nicht der Fall war, ſo wieder⸗ holte ſich bald das Beiſpiel der Meuterei, welches wir im Verlaufe dieſer Geſchichten ſchon öfters bemerkt haben. Die königlichen Truppen begingen allenthalben große Exzeſſe, aber nirgends größere als in Antwerpen, wo ſie ihren Befehls⸗ haber Auguſtin de Mexia entſetzten und ſich nach alter Art wieder einen„Eletto“ erkoren. Nur mit großer Mühe konnten die Meuter zur Ordnung zurückgeführt werden. Unterdeſſen bemerken wir in der Republik der verei⸗ nigten Provinzen ein entgegengeſetztes, erfreuliches Schau⸗ 186 ſpiel. Hier ſehen wir den geiſtreichen Prinzen Moritz uner⸗ muͤdlich an der gründlichen Verbeſſernng des Heerwe⸗ ſens fort und fort ſchaffen, konſequent nach denſelben Grund⸗ ſätzen, welche er ſchon frühzeitig als die einzig richtigen kennen gelernt hatte. Er hatte es durchgeſetzt, daß die Truppen einen höheren Sold erhielten; er hatte ein Mittel, die richtige Bezahlung deſſelben zu verbürgen, darin gefunden, daß für jedes Regiment jene Provinz, in der es lag, die Soldzahlung übernahm. Indem nun der Staat in ſolcher Weiſe ſeine Pflichten gegen das Heer pünktlich erfüllte, konnte er auch anderſeits die ſtrengſte Disziplin bei demſelben auf⸗ rechthalten, wie ſie ſowohl zur Sicherheit des Nährſtandes als auch in Bezug auf den Erfolg der militäriſchen Unternehmun⸗ gen ſelbſt unumgänglich nöthig war. Da nun dadurch die Grundlage des ganzen Heerweſens befeſtigt war, ſo konnte Moritz um ſo leichter ſeine übrigen Verbeſſerungen einrich⸗ ten, von denen die neue Equipirung und neue Be⸗ waffnung nicht die unwichtigſten waren. Er gab den Mus⸗ ketieren und Arkebuſieren ſtatt der Hüte, welche ſie bisher ge⸗ tragen, eiſerne Helme zur Hauptbedeckung, und führte ſtatt der bisher ziemlich ſchwerfälligen Musketen eine leichtere und bequemere Art derſelben ein. In Bezug auf die Manveu⸗ vres mit Pike und Musketen wurde ein neues Reglement erlaſſen, wodurch dieſelben an Zweckmäßigkeit gewannen. Nachdem Erzherzog Albrecht im Jahre 1598 die Nie⸗ derlande verlaſſen hatte, war der Admiral Mendoza, auf deſſen Befehl mit einer bedeutenden Kriegsmacht aufgebrochen und hatte die Truppen über die Maas durch das Gebiet von Jülich, Kleve und Kur⸗Köln an den Niederrhein geführt, welchen ſie zwiſchen Bonn und Köln überſchritten. Raſch bemächtigte ſich Mendoza der Stadt Orſoi im Herzogthum 4 187 Kleve. Inzwiſchen hatte jedoch auch Prinz Moritz, wachſam wie immer, Anſtalten getroffen, um die Grenzen gegen mög⸗ liche Angriffe des Feindes zu ſichern, die wichtigſten Plätze an der Aſſel zum Widerſtand eingerichtet, und die Beſatzungen in Zütphen, Breevoort, Grolund Lingen verſtärkt,— Ho⸗ henlohe den Bommeler Waard beſetzt. Moritzſah gar wohl ein, daß er mit ſeinen Truppen, die an Zahl kaum dem Dritt⸗ theil der feindlichen gleich kamen, den Letzteren im offenen Felde nicht begegnen dürfe. Deßhalb ging ſein Plan darauf aus, ſich auf einem günſtigen Terrain feſt zu behaupten. Er nahm ſeine Stellung auf dem Geldriſchen Waard, einer kleinen In⸗ ſel, welche durch die Arme des Rheines gebildet wird, wo dieſer beim Eintritt in die Niederlande ſeine Waſſermaſſe theilt. Hier verſchanzte er ſich trefflich und beobachtete das feindliche Heer, welches die benachbarten deutſchen Länder durch Streif⸗ züge unſicher, ſich ſelbſt durch gränzenloſe Zügelloſigkeit überall verhaßt machte.— Beſonders litt unter den Verwüſtungen das Herzogthum Kleve, welches ſchon ſeit einiger Zeit durch die verderblichſten Par⸗ theiungen zerriſſen wurde. Der Fürſt des Landes, Herzog Johann von Kleve, Berg und Jülich war nämlich in Wahnſinn verfal⸗ len und nun ein heftiger Zwiſt über die Regierung entſtanden zwiſchen der Herzogin einerſeits, ſowie anderſeits dem Mark⸗ grafen Johann Sigismund von Brandenburg und Philipp Ludwig von Pfalz⸗Neuburg, welche Beide auf ihre ſchwägerſchaftlichen Beziehungen zu dem geiſteskranken Herzog Anſprüche auf die Regierung erhoben; während endlich der Kaiſer die Lande Kleve, Jülich und Berg als dem Reiche verfallen heimforderte, da keine männlichen Des⸗ zendenten vorhanden waren. Die kleviſche Streitſache wurde 188 durch Einmiſchung der religiöspolitiſchen Prinzipien noch mehr verwickelt, da die Herzogin die Katholiken und Spanier auf ihrer Seite hatte, während ſich die Proteſtanten an den Markgrafen von Brandenburg und den Pfalzgrafen von Neuburg anſchloſſen. Der Erſtere von Beiden ſuchte (1395) die Generalſtaaten der Republil für ſein In⸗ tereſſe zu gewinnen, welche jedoch mit der größten Vorſicht zu⸗ erſt die ganze Lage der Umſtände genau erforſchten und es damals noch nicht gerathen fanden, ſich bei der Streitſache zu betheiligen. Dieſe nahm bald darauf durch den Tod der Her⸗ zogin unerwartet eine andere Wendung. Die Räthe des wahn⸗ ſinnigen Herzogs gaben nun vor, daß ſich dieſer wieder beſſer befinde, verſchafften ihm eine zweite Gemahlin, und behielten inzwiſchen im Vertrauen auf die ſ pan iſche Unterſtützung die Regierung. Als aber die Schweſter des Herzogs, Sibylla, dieſelbe ergriff und mit Kraft handhabte, trug die Zügelloſig⸗ keit der ſpaniſchen Truppen, welche im neutralen Lande wie auf Feindesgebiet hausten, dazu bei, die frühere Zuneigung der katholiſchen Bevölkerung zu ihnen, als Glaubensgenoſſen, in den bitterſten Haß zu verwandeln. Da die Beſchwerden ge⸗ gen die Spanier von Tag zu Tag zunahmen, ſo traten die Landſtände in Kleve zuſammen und Sibylla forderte ſie mit Thränen in den Augen, mit Angabe der dringendſten Gründe zu energiſchen Unternehmungen auf, um jene Landplage unſchäd⸗ lich zu machen. Prinz Moritz hatte dabei die erfreuliche Genug⸗ thuung, daß man ihm durch Abgeordnete den herzlichſten Dank für die Schonung und die gute Mannszucht, welche ſeine Trup⸗ pen hielten, ausdrücken ließ, nebſt der Bitte, ſo fortzufahren und nicht das ſchuldloſe Volk, ſondern die eigentlichen Urhe⸗ ber der Beleidigungen dieſe Letztern entgelten zu laſſen. Den Generalſtaaten war dies ſehr angenehm, indem ſie 189 darauf neue Hoffnungen zu einer Verbindung mit Deutſchland begründeten. Die Ausſchweifungen der ſpaniſchen Truppen brachten jedoch nicht bloß jenem unglücklichen Lande, ſondern auch den Unter⸗ nehmungen ihres Feldherrn den größten Nachtheil. Die Sol⸗ daten ſelbſt veranlaßten durch ihre muthwillige Verwüſtung der Felder, durch die Einäſcherung der Dörfer u. ſ. w. ſehr bald einen großen Mangel an Lebensmitteln und demnach eine Theuerung derſelben. Bei dieſen Umſtänden riß unter den ohnehin ſchlecht disziplinirten Soldaten die Deſertion ein. Ein Sturm hatte außerdem die Schiffbrücke bei Orſoi zertrümmert und ſo ſahen die Soldaten ihre Verbindung mit dem rechten Rheinufer abgeſchnitten. Um nun dieſe wieder herzuſtellen, be⸗ ſchloß Mendoza, ſich der Stadt Rheinberg zu bemächti⸗ gen, wo damals eine Seuche wüthete, welche man für die Peſt hielt. Mendoza eröffnete die Belagerung Rheinbergs am 9. Oktober, und forderte die Stadt zur Uebergabe auf, wozu der Stadtrath auch geneigt war, doch die Beſatzung wies die Zumuthung ab. Nun wurde Rheinberg mit allem Nachdruck beſchoſſen, wobei ein Pulverthurm in die Luft geſprengt wurde. Durch die ungeheure Exploſion ſchien die verpeſtete Luft gerei⸗ nigt worden zu ſein; wenigſtens bemerkte man, daß die Seuche von da an aufhörte. Da jedoch der Kommandant das Leben eingebüßt hatte und die Feſtungswerke aufs Aeußerſte beſchädigt waren, ſo blieb der tapfren Beſatzung nun nichts mehr übrig, als(unter Bedingung freien Abzugs) die Stadt zu über⸗ geben. Mendoza beſetzte nun raſch die Städte Weſel, wo er den katholiſchen Gottesdienſt wieder herſtellte und ſich Geld und Getreidekontributionen erzwang, Rees und Emmerich, wor⸗ auf er nach der YIſſel marſchirte. Raſch folgte ihm Moritz, 190 welcher inzwiſchen die kleviſchen Städte Sevenaar und Hu⸗ eſſen beſetzt hatte, und deckte Doesdburg, welches Mendoza zunächſt bedrohte. Dieſer eroberte hierauf im November Doe⸗ tichem und Schloß Schuilenburg, ſah ſich jedoch, durch den traurigen Zuſtand ſeines Heeres und einen Befehl des davon un⸗ terrichteten Kardinals Andreas genöthigt, ſeine Trup⸗ pen zurückzuziehen und in die Winterquartiere zu verlegen. Um Flandern und Brabant zu ſchonen, ſcheute er hierbei aber⸗ mals eine Verletzung des neutralen Reichsgebietes nicht. Da das Kleveſche Land bereits völlig ausgeſogen war, ſo führte er ſeine Truppen in das Hochſtift Münſter, in die Grafſchaft Mark und auf Bergiſches Gebiet. Raſch folgte ihm Moritz, vertrieb(am 8. Dezember) die ſpaniſche Be⸗ ſatzung aus Emmerich wieder, und gab hierauf dieſe Stadt den kleve'ſchen Truppen zurück. Sodann ließ er auch ſeine Soldaten bei Doesburg die Winterquartiere beziehen und reiste nach dem Haag. Er hatte ſich in dem Feldzuge von 1598 bloß auf die Defenſive beſchränken müſſen, da ſeine Heeresmacht an Zahl ſo ſehr hinter jener des Feindes zurück⸗ ſtand. Doch auch in dieſer abwehrenden Stellung bewährte er ſeine Meiſterſchaft als Feldherr. Inzwiſchen hatte das Benehmen Mendoza's und der ſpaniſchen Truppen gegen neutrale Länder doch endlich die deutſchen Fürſten aus ihrer Langmuth aufgerüttelt und eine allgemeine Indignation hervorgebracht. Auf die Bitte Sibyllen's an die Stände des weſtphäliſchen Krei⸗ ſes, hatte der Kreisoberſte deſſelben, Graf Simon von der Lippe, eine Verſammlung der Kreisſtände in Dortmund be⸗ rufen. Dort faßte man den Beſchluß, ſich an die benachbarten Reichsmitglieder um Beiſtand zu wenden und die Autorität des Kaiſers ſelbſt anzugehen. Der Letztere gebot auch wirklich zu 191 Ende Dezembers den Spaniern auf das Nachdrücklichſte, ſich von dem verletzten neutralen Gebiet zu entfernen und die feſten Plätze auf deutſchem Boden, welche ſie beſetzt hielten, wieder zu verlaſſen. Gleiches befahl er auch den Truppen der Repu⸗ blik. Mendoza beachtete jedoch dieſe Abmahnung nicht, bis endlich die deutſchen Fürſten, dadurch auf's Aeußerſte gebracht, die übermüthigen Fremden durch vereinte Kraft zu vertreiben beſchloſſen. Nun erſt, da Mendoza Ernſt ſah, fand er es für gerathen, nachzugeben, und er ſowohl, als der Kardi⸗ nal Andreas ſuchten ihr Verfahren zu rechtfertigen, insbe⸗ ſondere durch den Scheingrund, daß ſie ja die Beſchützung des katholiſchen Kultus bezweckten. Bei dieſer Verhand⸗ lung wurde auch die Republik inſofern betheiligt, daß die Spanier ſie beſchuldigten, ſie habe zuerſt das Reichsgebiet durch ihre Truppen beſetzt. Die Republik wußte ſich dagegen öffentlich zu vertheidigen. Uebrigens räumten die Spanier wirk⸗ lich im April des Jahres 1599 Weſtphalen und das Kle⸗ veſche Gebiet bis auf Rees, Kalkar, Goch und Emme⸗ rich, welches ſie ſchon im Februar abermals überwältigt hatten. Beide Gegner, Spanier und Niederländer, hatten inzwiſchen ihre Anſtalten zu einem neuen Feldzug getroffen. Prinz Mo⸗ ritz hatte die im Haag verſammelten Generalſtaaten auf die Gefahr der Republik durch die feindliche Uebermacht auf⸗ merkſam gemacht und dadurch den Beſchluß erwirkt, daß in Frankreich und Deutſchland Truppen geworben werden ſollten; was denn auch geſchah, jedoch nicht ſchnell genug, um dem Prinzen Moritz die Möglichkeit zu eröffnen, den Krieg vor⸗ erſt anders als bloß vertheidigungsweiſe zu führen. Denn immerhin hatte er nur 4000 Mann zu ſeiner Verfügung. Während deſſen hatten auch der Kardinal Andreas und 192 Mendoza beſtimmte Verabredungen über den Kriegsplan für das Jahr 1599 getroffen. Zugleich bereitete ſich auch noch eine dritte Macht, die des deutſchen Reiches, wo die weltli⸗ chen Fürſten den Beſchluß eines Reichskrieges zum Schutz gegen die Fremden durchgeſetzt hatten, allmählig, das heißt: etwas langſam, zum Kampfe vor. Die Reichsarmee war noch ſo ziemlich zahlreich(ſie beſtand aus etwa 16,000 Mann) un⸗ ter dem Oberbefehl des Grafen Simon von Lippe, bei welchem ſich auch Hohenlohe und Solms befanden, welche Letztere zum Schein aus niederländiſchen Dienſten in deutſche übergetreten waren. Doch Geiſt, Eintracht, Proviant und Munition fehlten der Reichsarmee, und bei ſolchem Mangel mußte es ihr wohl unmöglich werden, glückliche Erfolge zu er⸗ ringen. 3 Mendoza eröffnete den Feldzug von 1599, indem er eine Abtheilung ſeiner Truppen an die Maas ſchickte, während er ſelbſt mit ſeiner Hauptmacht an die Waal hin zog. Dort bedrohte er die Schenkenſchanze, und beabſichtigte einen Einfall in den Bommeler Waard. Unübertrefflich bewährte nun Moritz, welcher den 15000 Mann des Feindes nur 4000 ge⸗ genüberſtellen konnte, auch jetzt wieder ſeine Meiſterſchaft in der Kriegskunſt. Abermals wählte er eine feſte ſchwer anzu⸗ greifende Stellung auf demſelben Geldriſchen Werder, welchen er ſchon im vorigen Jahre ſo glücklich behauptet hatte, und ließ von dort die Fäden ſeiner Operationen ausgehen. Das leitende Prinzip bei denſelben war, den Feind überall im Auge, ja ſo zu ſagen in der Schußweite ſeiner Pläne zu haben, um jeder Unternehmung deſſelben raſch zuvorzukommen, oder ſie raſch vereiteln zu können. Er wollte ihn abmüden. Wie ein einzelner Löwe lag er ſprungfertig gegen eine ganze Meute da. Die Geiſteskraft nahm es mit der Ueberzahl auf; beſonnen, —.,—x 193 unerſchütterlich⸗kaltblütig, vermied er Angriffe und errang dadurch die ſchönſten Vortheile. Kaum hatte er Mendozas Plan errathen, als er die Beſatzung der Schenkenſchanze ver⸗ ſtärkte, die Annäherung zu Waſſer durch Pfähle, welche er im Fluſſe einrammen ließ, erſchwerte, mehre feſte Plätze im Kle⸗ ve'ſchen beſetzte und durch eine Anzahl Truppen die Betuwe verſicherte, während ſowohl die Beſatzung der Schenken⸗ ſchanze durch ihr Geſchütz, als jene des nahen Nymwegens durch Diverſionen der Reiterei die Spanier beunruhigen mußte. 3 Inzwiſchen gelang es einer anderen Abtheilung ſpaniſcher Truppen im Mai, auf den Bommeler Waard überzuſetzen. Raſch eilte jetzt Moritz in die Stadt Bommel, ermuthigte die Bewohner und verbeſſerte die Feſtungswerke, während feine Truppen den Geldriſchen Werder wie eine große Feſtung, von wo aus ſie ihre Ausfälle auf die Feinde machen konnten, unerſchütterlich behaupteten. Mittlerweile langte auch eine Ver⸗ ſtärkung franzöſiſcher Hülfstruppen, und eine andre unter dem Grafen Wilhelm Ludwig an, und nun glaubten ſelbſt die Generalſtaaten, daß es an der Zeit ſei, den De⸗ fenſivkrieg durch eine offene Feldſchlacht zu beendigen. Aber Moritz, dieſer vorſichtige, feinberechnende Kopf, ließ ſich durch alle Vorſchläge in dem Plane, welchen er einmal als zweckmäßig erkannt hatte, durchaus nicht irre machen; er ging von dem Grundſatze aus, daß das Schickſal der durch ihre Lage für die Republik ſo wichtigen Stadt Bommel nicht von dem jedenfalls ungewiſſen Ausgang einer entſcheidenden Schlacht abhängig gemacht werden dürfe. Der Erfolg rechtfertigte die trefflich erwogenen Vorausſetzungen Moritzens. Mendoza verließ nämlich ſeine Stellung vor der Schen⸗ kenſchanze, nahm die Schanzen bei Hedel und Greve⸗ III. 13 194 geour ein, betrat den Bommeler Waard und griff die Stadt Bommel am 15. Mai mit allem Nachdruck an. Doch nach Verlauf eines Monats(am 13. Juni) ſah er ſich genöthigt, die Belagerung Bommels wieder aufzugeben, nachdem ihm(zu Ende Mai) auch ein Anſchlag auf den Thieler Waard miß⸗ glückt war. Mendoza überzeugte ſich endlich, daß er von Bommel und dem Bommeler Waard abziehen müſſe. Be⸗ vor er jedoch ſeinen Abzug von dieſer Inſel bewerkſtelligte, ließ er auf derſelben, oberhalb Roſſem ein neues Fort mit fünf Ba⸗ ſiionen anlegen, welches dem Kardinal Andreas zu Ehren,(der ſcch ſelbſt dahin begeben hatte,) den Namen der„Andreas⸗ ſchanze“ erhielt. Vergeblich hatte ſich Moritz bemüht, durch verſchiedene Angriffe den Bau dieſer Schanze zu verhindern. Er mußte ſich damit begnügen, Heverden zu verſchanzen, wodurch er die Umgegend vor den Unternehmungen der in der Andreasſchanze liegenden feindlichen Beſatzung zu ſchützen ſuchte. Nachdem nun Mendoza die Letztere tüchtig verſehen hatte, verließ er endlich den Bommeler Waard gänzlich und zog Cim Juli) ſeine Truppen in das benachbarte Brabant. Mit einem fruchtloſen Anſchlag der Königlichen(unter Bar⸗ lotte) auf Workum und der Eroberung Doetichems durch den Grafen Wilhelm Ludwig von Naſſau(im Auguſt) konnte man den Feldzug des Jahres 1599 als been⸗ digt betrachten. Ungefähr einen Monat vorher hatte ſich denn auch das deutſche Reichsheer in Bewegung geſetzt. Es war eine ſchwerfällige Maſſe, welcher alle Energie abging, ſowie ihr die Einheit fehlte. Es repräſentirte den traurigen Zuſtand des da⸗ maligen deutſchen Reiches, als eines Ganzen, und alle Ge⸗ drechen des Particularismus, woraus ſich damals noch nicht das ſchöne und edle Bewußtſein einer individuellen Selbſtſtändig⸗ — 195 keit entwickeln konnte. Wie in Deutſchland die einzelnen Reichs⸗ ſtände immer noch gewiſſermaßen zwiſchen der Vergangenheit und der Zukunft ſchwankten,— ausgebrochene umhergeſtreute Steine eines weiland herrlichen Palaſtes, Steine, welche noch nicht zu Menſchen geworden waren,— ſo ſpiegelte die Reichsarmee getreulich dieſe Zuſtände wieder, jene Fehler der Deutſchen, die aus ihren Tugenden entſpringen, und die ihnen gerade deßhalb um ſo häßlicher anſtehen, je lächerlicher ſie die Nation machen, das Phlegma, zu welchem die Beſonnenheit entartet, die Vielköpfigkeit, in welche die Vielgeiſtigkeit ausſchlägt, die Schmach, welche ein Mißbrauch der Geduld hervorbringen kann. Am 26. Juli rückte die Reichsarmee, welche den deutſchen Boden von dem Uebermuth der Fremden reinigen wollte, vor die Schanze bei Rheinberg. Sie eroberte dieſelbe, blokirte nun die letztgenannte Stadt und belagerte auch die Stadt Rees, aber ſo kraftlos, daß ſie bei einem kühnen Ausfall der Belagerten einen großen Verluſt als gerechte Strafe hinnehmen mußte. Die Truppen vor Rees verloren dabei Geſchütze und Fahnen, die ganze Reichsarmee den Muth. Die Belagerung von Rees wurde aufgehoben, die Schanze bei Rheinberg geräumt. Vergeblich ſendete Moritz der Reichsarmee auf Bitten der Befehlshaber 5000 Mann Hülfs⸗ truppen unter dem Grafen Wilhelm Ludwig. Die deut⸗ ſchen Soldaten befleckten den alten kriegeriſchen Ruhm ihrer Nation durch erbärmliche Feigheit; unter nichtigen Vorwänden ſtoben ſie auseinander, als ob ſie nie vereinigt geweſen wären. Ja, ſelbſt dieſe Vorwände waren ſo ſchmachvoll, daß man er⸗ röthet, ſie nachzuerzälen; ſie wollten, ſagten Viele, nicht für eine„Republik“ fechten! Eben ſo ſchändeten ſie ihr An⸗ denken durch zügelloſe Ausſchweifungen, in denen ſie mit den Spaniern wetteiferten; Soldmangel gaben ſie dafür als Ent⸗ 196 ſchuldigungsgrund an. Nie und nimmer ſollte der Deutſche, in keinem Verhältniß ſollte er die Menſchlichkeit ver⸗ geſſen, welche höher ſteht als kriegeriſche Ehren, welche die allerhöchſte Ehre iſt. Doch woher mochte der deutſche Soldat damals den reinen Begriff der Ehre faſſen, da die meiſten deutſchen Fürſten ſelbſt mit dem üblen Beiſpiel vorangingen, daß ihnen der Vortheil die Ehre überwog?! Wir bemerkten früher, daß mit Mendoza's Abzug vom Bommeler Waard der Feldzug von 1599 als beendigt be⸗ trachtet werden konnte. Mendoza hatte allerdings noch wei⸗ tere kühnere Pläne zu einem Einbruch in Holland, ſobald ihm beim Eintreten der rauheren Jahreszeit durch das Vereiſen der Gewäſſer eine leichtere Bahn dazu würde. Deßhalb hatte er denn auch im Oktober ſeine Truppen bei Gennep zuſammen⸗ gezogen. Doch Moritzens Wachſamkeit entdeckte Mendoza's Anſtalten und vereitelte deſſen Vorhaben. Der Letztere mußte ſeine Truppen, deren Unzufriedenheit über Soldmangel er noch obendrein zu bekämpfen hatte, zurückführen. Er befürchtete eine allgemeine Meuterei ſeiner Soldaten, und um dieſe zu verhüten, vertheilte er die Regimenter an verſchiedene Plätze. Eben dadurch wurde es ihm jedoch unmöglich, im Laufe des Winters noch irgend eine entſcheidende Unternehmung gegen die Republik auszuführen. Während ſo der Krieg zu Land die Republik in geſpannter Erwartung erhielt, entfaltete ſie zur See eine um ſo größere und kühnere Thätigkeit und erprobte immer mehr die ſtaunens⸗ werthe Entwickelung ihres Lebensprinzipes. Es zeigte ſich, daß der Handel, der vor Allem Muth bedingt, auch die äußerſten Chancen eines Krieges nicht ſcheute, ſo wie er anderſeits eben auch während des Krieges gedieh. Auch hier war es wie⸗ der die verkehrte Politik Spaniens, welche die Republik 197 zwang, zur Erhaltung und Vertheidigung den Angriff zu wählen. Die veränderte Politik Spaniens in Bezug auf den holländiſchen Handel datirte ſeit der Regierung des neuen Königs Philipp III. Deſſen Vater war klug genug geweſen, um einzuſehen, daß er in ſeinem eigenen Intereſſe, d. i. in dem ſeiner übrigen Reiche, den holländiſchen Handel mit Spanien nicht mit einem vernichtenden Anathem belegen dürfe, oder daß er denſelben wenigſtens ſtillſchweigend toleriren müſſe, wenn ihm denn ſeine Stellung, ſei es nun als beleidig⸗ ter Monarch gegen empörte Unterthanen, oder als Feind gegen Feinde, gebiete, jenen Handelsverkehr nicht durch ausdrückliche Fortbeſtätigung zu ſichern. Als nun Philipp II. geſtorben war, drang bei dem neuen König, an welchem ſich die traurigen Folgen ſeiner Erziehung zu gänzlicher Unſelbſtſtändigkeit bald genug of⸗ fenbarten, die Anſicht des ſpaniſchen Staatsrathes durch: man müſſe durch Anwendung der ſtrengſten Zwangsmaßregeln den holländiſchen Handel ruiniren, um dadurch das Lebensprin⸗ zip der Republik zu zerſtören. Der Ruin des holländiſchen Handels aber mußte, wie man in Spanien meinte, unausbleib⸗ lich erfolgen, ſobald man demſelben den Verkehr mit Spanien ab⸗ ſchnitt. Dies Letzterc geſchah denn auch ſowohl in Spanien und Portu⸗ gal(und zwar nicht ohne Barbarei gegen die holländiſchen Kauf⸗ leute und Matroſen*) als auch in den ſpaniſchen Nieder⸗ landen, und zwar dort in Folge eines Befehles, welchen der Kar⸗ dinal Andreas im Februar 1599 erließ, und wodurch er den Belgiern allen Handelsverkehr mit der Republik auf's Strengſte verbot. *) Man konfiscirte die bolländiſchen Schiffsladungen in den ſpaniſchen und portugieſiſchen Häfen, man richtete die holländiſchen Matroſen hin oder machte ſie zu Galeerenſclaven. 198 Die Republik ergriff hierauf die nachdrücklichſten Re⸗ preſſalien. Sie erweiterte den Bruch mit den ſpaniſchen Niederlanden in folgender Weiſe. Durch ein Manifeſt(vom 2. April 1509) verbot ſie nicht bloß den Bewohnern der ver⸗ einigten Provinzen jeden Verkehr mit Spanien und den ſpani⸗ ſchen Niederlanden, ſondern dehnte ihre Sicherheitsmaßregeln auch ſo weit aus, daß ſie alle übrigen handeltreibenden Natio⸗ nen von einer Verbindung mit Spanien und den ſpaniſchen Niederlanden abhalten wollte, indem ſie erklärte: ſie würde alle dahin beſtimmten Waaren und dergleichen als Feindes⸗ gut betrachten und darauf Jagd machen. Doch dieſe Maßregel allein ſchien der Republik nicht hinrei⸗ chend; ſie mußte ihrer Marine durch die That Spaniens Ach⸗ tung ertrotzen, und zugleich Spanien ſelbſt ſchwächen. Zu die⸗ ſem doppelten Zwecke nun traf die Republik die trefflichſten Rü⸗ ſtungen, und nachdem dieſelben vollendet waren, lichtete eine holländiſche Flotte von 73 Segeln, mit 8000 Soldaten bemannt, unter dem Admiral van der Does, als Oberbefehlshaber, ſowie unter Jan Gerbrandt und Kornelis Lenſen die Anker, um die ſpaniſche Flotte vor Coruna zu vernichten, die feindlichen Küſten zu verheeren und die weſtindiſchen Schiffe zu überwältigen. Die Flotte der Republik gelangte glücklich vor Coruüa und griff die ſpaniſche an. Da ſich jedoch die Letztere unter das Geſchütz der Feſtung zurückgezogen hatte, und die Flotte der Republik dadurch litt, ſo unternahm ſie unter van der Does eine glückliche Expedition nach den Kanari⸗ ſchen Inſeln, wo ſie Kanaria und Gomera plünderte. Hierauf ſchickte van der Does einen großen Theil ſeiner Flotte(35 Schiffe) nach Holland zurück und ſegelte mit dem Reſt derſelben nach der Inſel St. Thomas; Braſilien war das Ziel. Zwar wurde jenes Eiland geplündert; aber die hol⸗ — ——,— —.— 199 ländiſche Flotte erlitt durch das ungewohnte Klima große Ver⸗ luſte, vor allen den ihres Admirals van der Does und ſei⸗ nes Vetters Georg. Durch die Seuche, welche die Flotte be⸗ gleitete, wurde die Expedition nach Braſilien vereitelt, und die holländiſche Flotte kam in einem ziemlich traurigen Zuſtand in der Heimath wieder an. Immerhin hatte ſie jedoch den Geiſt, den Muth der Nation bekundet, und zum Glück für ſte war auch die ſpaniſche Flotte, welche die Weſtindienfah⸗ rer hatte beſchützen ſollen, durch Stürme ſo hart mitgenom⸗ men worden, daß ſie ſich glücklich preiſen mußte, Spanien wieder zu erreichen. Inzwiſchen hatten jedoch die Kaper aus Dünkirchen dem Handel und der Fiſcherei Hollands und Seelands durch kecke Streifzüge ungemeinen Schaden zugefügt, und die Ankunft eines genueſiſchen Edelmanns, Federico Spinola, welcher im Alkord mit der ſpaniſchen Regierung, mehre italiäniſche Ga⸗ leeren, die er auf eigene Rechnung unterhielt, glücklich in den Hafen von Sluis gebracht, ermuthigte die Kaper von Dünkirchen auf's Neue. Dieſe Gefahr verdoppelte die Wach⸗ ſamkeit der republikaniſchen Seemacht; aber leider wurden durch die Grauſamkeiten, welche ſich die Dünkirchener Kaper gegen gefangene Schiffer oder Fiſcher Hollands erlaubten, von Seiten der Republik nothwendigerweiſe eben ſo barbariſche Repreſſalien hervorgerufen. Dieſen verwilderten Seeleuten beider Partheien war jeder Begriff von Menſchlichkeit und Völkerrecht verſchwun⸗ den. Die wechſelſeitigen Gefangenen wurden aufgeknüpft oder im Meere erſäuft, was man, mit einem kannibaliſchen Witz⸗ die„Fußwaſchung“ nannte. Dünkirchen war daher begreif⸗ licherweiſe der Republik ein Dorn im Auge und beſonders wünſchte Seeland die Eroberung dieſer Stadt, indem es ſich bitter beſchwerte, wie man ſich von Seiten der gemeinſchaftli⸗ 2⁰0 chen Macht ſo ganz unbekümmert um die Sicherheit einer Pro⸗ vinz benehme, welche den feindlichen Angriffen durch ihre na⸗ türliche Lage zunächſt ausgeſetzt war und welche doch ſchon ſo viel für die Freiheit gethan hatte. Dieſe Vorwürfe waren nur zu ſehr begründet und Prinz Moritz fühlte die Triftigkeit der Gründe auf's Lebhafteſte. Auch die Generalſtaaten der Republik waren nichts weniger als gleichgültig für die neue Sachlage; aber die beengten ſinanziellen Verhältniſſe und die Stellung Eliſabeth's von England, welche zum Frieden mit Spanien hinneigte, hinderten ſie an durchgreifenden groß⸗ artigen Unternehmungen. Gleichwohl widerſetzten ſie ſich ſtand⸗ haft allen Zumuthungen, ſich auf einen Frieden mit Spanien einzulaſſen, und faßten den Beſchluß, lieber für die Freiheit unterzugehen, als Unterhandlungen mit der Fremdherrſchaft anzuknüpfen, welche über Kurz oder Lang zur Knechtſchaft füh⸗ ren mußten. Unter dieſen Umſtänden war es abermals Prinz Moritz, welcher den großartigſten Entſchluß durchtrieb, da ihm wohlbekannt war, mit welchen Schwierigkeiten Albrecht und Iſabella, ungeachtet ihres redlichen Willens, in den ſpaniſchen Niederlanden zu kämpfen hatten. Nicht ſo auf einmal konnten dies fürſtliche Paar alle Uebel⸗ ſtände abſchaffen, unter deren Laſt das unglückliche Belgien faſt erlag, nicht ſo plötzlich konnte es allen Wünſchen genügen, noch weniger die eigenen damals unumgänglich nöthigen Forderun⸗ gen an die Staaten Belgiens fahren laſſen. Durch das Zu⸗ fammentreffen dieſer verſchiedenen Umſtände wurde die Freude bei Albrechts und Iſabellens Ankunft in Belgien hie und da geſtört, umſomehr, da noch ein alter Zwieſpalt zwiſchen den Häuptern der bisherigen Regierung, Andreas und Mendoza, nachwirkte, und da auch die belgiſche Ariſtokratie, voll gerechten und wohlbegründeten Stolzes nicht Luſt hatte, die Elemente des 201 ſpaniſchen Einfluſſes länger zu dulden, und doch hatte man ſelbſt bei dem neuen Hofe ſpaniſche Sitten, ſpaniſche Mode, ſpaniſche Sprache bemerkt. Es war nichts weniger als die Schuld Albrechts und Iſabellens, daß Beide damals für Belgien den Frieden noch immer nicht erlangen konnten, deſ⸗ ſen es ſo ſehr bedurfte und nach dem es ſo ſehr dürſtete. „Beide Erzherzoge“ mußten ſich noch gerüſtet hal⸗ ten; ſie konnten nicht anders. Eben ſo aber ſah ſich auch Prinz Moritz, in Anbetracht aller dieſer für die Republik gün⸗ ſtigen Umſtände, genöthigt, den Krieg wieder aufzugreifen, obgleich der kurz vorher erwähnte Zuſtand der Finanzen in den vereinigten Provinzen eben nichts weniger als glänzend war, und die beſchloſſene Erhöhung der Vermögensſteuer zur Deckung der Geldmittel eine nicht geringe Aufregung im Volke hervor⸗ brachte. Die Nothwendigkeit der Fortſetzung des Krieges war eine innere. Sie beruhte, gerade bei den allſeitigen Zumu⸗ thungen zu einem Frieden, wobei ſich die Republik jedenfalls zu Konzeſſionen hätte entſchließen müſſen, vorzugsweiſe darauf, daß die moraliſche Kraft der Nation friſch in Athem gehalten würde; dadurch mußte die Ungleichheit der phyſiſchen ausgeglichen, mußte ſomit die möglicherweiſe ſchwankende Au⸗ torität des neuen Staatskörpers nach außen hin befeſtigt werden. 4 Moritz ſuchte die Vereiſung aller Flüſſe, Kanäle und Mo⸗ räſte, welche in Folge eines ungewöhnlich harten Froſtes ſtattgefunden hatte, zu der Republik zu benutzen, nachdem es dem Admiral Mendoza(wegen der Meuterei der ſpaniſchen Truppen) nicht gelungen war, ſeinen auf derſelben Voraus⸗ ſetzung begründeten Plan gegen die Republik zu verwirklichen. Moritz beſchloß nämlich einen Anſchlag auf das im Oberquar⸗ tier Gelderns gelegene Städtchen Wachtendonk, welches ſich 202 ſeit 1588(da es Graf Karl von Mansfeld errobert hatte) in Feindeshand befand. Graf Ludwig von Naſſau führte dieſen Plan aus, er zog über die gefrornen Sümpfe und Gräben und bemächtigte ſich mit leichter Mühe der Stadt und des Schloſſes Wachtendonk am 23. Januar des neuen Jah⸗ res 1600. Wenige Tage darnach, am 5. Februar, ſiel auf der Vugter Heide bei Herzogenbuſch ein ſonderbares Duell zwiſchen zwanzig franzöſiſchen Reitern unter Breauté,(einem jungen Edelmann aus der Normandie, der in Dienſten der Ge⸗ neralſtaaten ſtand,) und zwanzig Reitern von den Wallonen Grobbendonks, unter deſſen Lieutenant Gerhard Abrahams⸗ zoon,(genannt Leckerbetje) vor, wobei beide Anführer das Leben verloren und namentlich Breauté anf eine ab⸗ ſcheuliche Art. Er hatte ſich nämlich bereits ergeben und war entwaffnet worden, als einige Grobbendonkiſche Reiter aus Herzogenbuſch heranſprengten, und den Wehrloſen ermordeten, um ihren gefallenen Lieutenant Abrahamszoon zu rächen. Trau⸗ riger Beweis unſeliger Demoraliſation, wie der langjäh⸗ rige Krieg ſie erzeugte!*) Charakteriſtiſch iſt die Stim⸗ *)'t Liedeken van Monsieur Breauté en Leekerbeetje, geschiet in't Jaer 1600(op de Wyse van den 51. Psalm) beginnt: 0 Neroos hert en zyt ghy noch niet doodt? Dat men u moordt noch allesints moet speuren, t Welk men onlanghs by den Bosch sagh gebeuren, Van Grobbendoncks volck seer vileyn en snoot, Aen een vroom Helt, genaemt Mons Breauté, Na dat hy web een ure was gevangen, Die*t Geertruydenbergh als een Vroom Heldt uyt ree, Zyn twintigen, den Kamp doen met verstrangen. hierin die Strophen: Hy(Grobbendonck) sondt ons volck uyt den Bosch Kaes en Broodt, Seggende dat sy een hart souden maken, Couragie en moet, eer haer den Strydt quam naken, Met een Trompetter sulks hy daer ontboot, 203 mung der Zeitgenoſſen über das frühzeitige Ende Breautés, der eine zwanzigjährige Gattin hinterließ. Man bedauerte ſei⸗ nen Tod, hielt es jedoch für ſehr unziemlich, daß Breauté, ein Edelmann von guter Familie, ſich zu einem Kampfe mit Leuten habe hinreißen laſſen, welche größtentheils bei dem Verrathe Gertruidenbergs betheiligt geweſen und da⸗ durch ehrlos geworden waren.— Moritz, deſſen fortwährender Aufmerkſamkeit der Zuſtand der Gegenparthei nicht entging, hatte inzwiſchen in Erfahrung gebracht, daß die Beſatzungen der neuen Andreasſchanze und Greveceours in Meuterei begriffen waren. Raſch be⸗ benützte er dieſen Umſtand, welcher den feindlichen Oberſten Barlotte vor einem projektirten Einbruch in den Thieler Mons Breauté dit schempen wel verstont, U Bier of Kaes-en-Broodt wy niet begeeren, Maer nam drie Lecker-beetjens in den mondt, Wiens Wapen hy wel alder-vest verteerden. Na dat myns Heeren peerdt geschoten was, Is hy flucks op een ander peerdt geschreten, En heeft noch soo een wyle tyds gestreden, Maer't tweede peerdt wierdt oock geschoten ras, Op't derde peerdt hy niet komen en kon, Maer heeft te voet wonder kloekheydt doen blycken, Offer syn Volck af te wycken begon, Soo sagh men hem den moet noch niet bezwycken. Hy streed voorwaer als een vroom Helt toe-staet, Met den zynen, wonder is daer geblecken, Want hy noch Mans en Peerden heeft door-steken, En zyn Cousyn was oock een braef Soldaet; Noch meer met hem streden als Helden koen, Hadden sommige Francoysen trouw gebleven, Men soude daar bedreven hebben doen, Dat weerdigh was in een Chronyck beschreven...„ (Geuse Liedt-Boeck. Dordr. 1687.) Waard(über die vereiſten Gewäſſer) abhielt. Vergeblich blieben alle Gegenanſtalten der belgiſchen Regierung, um den Krebsſchaden der Empörung, welche faſt die ganze Armee der⸗ ſelben ergriffen hatte, zu heilen. Weder ein gelindes Palliativ, noch ein ſcharfes Radikalmittel wollte helfen, da man keine Metall kur anwenden konnte. Die ganze Herrſchaft der neuen Souveraine Belgiens ſtand auf dem Spiele. Moritz zog in der zweiten Hälfte des März ſeine Truppen bei Dordrecht zu⸗ ſammen und brachte ſie von dort über die Maas vor Creve⸗ ceour. Am 24. März war dieſe Feſtung bereits in ſeiner Ge⸗ walt und zwei Tage darauf rückte er vor die Andreas⸗ ſchanze, deren gleichfalls meuteriſche Beſatzung gleichwohl an⸗ fangs von Uebergabe nichts hören wollte. Moritz traf jedoch die nachdrücklichſten Anſtalten, ſie dazu zu zwingen und beſchoß und gewann(am 8. April) Schloß Batenburg, worauf er abermals der Andreasſchanze nahte. Eine feindliche Trup⸗ penabtheilung, welche unter Velasco zum Entſatze herbeieilte, fand Moritzens Armee in einer allzu ſicheren Stellung, ſo daß jene nichts ausrichten konnte. Endlich(am 8. Mai) über⸗ gab denn die empörte Beſatzung, welche kein Geld, keine Muni⸗ tion, ja faſt keine Kleider auf dem Leibe hatte, dem Prinzen Moritz die Andreasſchanze gegen das Verſprechen, ihr einen Theil des Soldes, den ſie zu fordern hatte(125,000 Gul⸗ den) auszubezahlen. Dafür trat ſie(1200 Mann ſtark) in den Dienſt der Republik über und leiſtete derſelben in der Folge treffliche Dienſte. Nun beſchloß der kühne Moritz, überzeugt, daß ihm Al⸗ brecht und Iſabella, bei der Empörung der Truppen und den finanziellen Verlegenheiten, keinen energiſchen Widerſtand würden leiſten können, die Offenſive großartig zu erweitern und einen Zug nach Flandern zu unternehmen. Die drin⸗ 2⁰5 genden Klagen Seelands und der Zweck, den verderblichen Zügen der Dünkirchener Kaper durch Dünkirchens Ueberwaͤltigung mit einem Male ein Ende zu machen, endlich die Sicherung Oſtende's, des einzigen Platzes in Flandern, welchen die Republik beſaß, gegen eine feindliche Be⸗ lagerung, gaben die Motive zu jener Expedition. Oſtende ſelbſt bot für dieſelbe einen wichtigen Rückhalt. Außerdem rech⸗ nete man faſt ſicher darauf, die Feinde der Fremdherrſchaft in Gent und Brügge zu gewinnen. Mit aller Anſtrengung und unter der größten Verſchwiegenheit wurden die Rüſtungen zu der Expedition nach Flandern veranſtaltet. Holland und Seeland beſoldeten eine gehörige Anzahl von Bürgern zur Beſetzung der Grenzplätze; die zum Feldzuge beſtimmte Armee verſammelte ſich bei Rammekens auf Seeland. Moritz hatte 28 Kompagnien Fußvolks und 25 Kornetten Rei⸗ terei zuſammengebracht, welche mit allem Kriegsbedarf und dreißig Geſchützen zu Schiff hingebracht worden waren. Mo⸗ ritz ſelbſt, welcher am 17. Juni den Haag verlaſſen hatte, traf am 19. auf Seeland ein, während Wilhelm Ludwig von Naſſau und Graf Hohenlohe mit kleineren Truppenabthei⸗ lungen, der Erſtere in Friesland, der Letztere auf dem Bommeler Waard, blieben. Ein ungünſtiger Wind zwang Moritzen, mit Zuſtimmung der Deputirten der Generalſtaaten, den im urſprüng⸗ lichen Plane beſchloſſenen Weg zu verändern. Der Plan hatte darin beſtanden, ſich zuerſt nach Oſtende und von dort nach Nieuwpoort zu wenden, dieſe Stadt zu überwältigen und dann Dünkirchen zu erobern. Die Flotte ſteuerte nun die Weſterſchelde hinauf, und legte ſich am 21. und 22. Juni in der Nähe des Forts St. Philipp, eine Meile von Sas, vor Anker. Graf Ernſt von Naſſau, welcher mit 206 einigen Schiffen vorausgeeilt war, hatte jenes Fort am 21. Juni eingenommen. Binnen 5 Stunden war die ganze Armee Mo⸗ ritzens ausgeſchifft. Sie marſchirte hierauf, nachdem Moritz das Fußvolk in drei Diviſionen, die Reiterei in ſieben Schwa⸗ dronen getheilt hatte, ſüdweſtwärts hinab, über Eckelo, Mal⸗ deghem, Male und Brügge vorbei. Auf dieſem Marſche zeigte es ſich, wie falſch man gerechnet, als man auf eine Theilnahme der Bevölkerung für die Sache der Republik Hoff⸗ nung gebaut hatte. Vergeblich blieben die Proklamationen an die Flamänder, dem Heere Wagen und Lebensmittel zuzu⸗ führen; das Landvolk Flanderns betrachtete die Soldaten der Republik als Ketzer, und ermordete die Nachzügler, wofür Eckelo zur Vergeltung in Brand geſteckt wurde. Vergeblich blieben die Manifeſte der Generalſtaaten an Gent und Brügge. Aus der letzteren Stadt ſchoß man auf das vor⸗ überziehende Heer der Republik! Eine Uebereinſtimmung der Intereſſen und Geſinnungen zwiſchen Flandern und den nördli⸗ chen Provinzen war, wie es ſich hierbei zeigte, fortan unmög⸗ lich, da einmal der religiöſe Fanatismus die Andersgläubigen in der Einbildung der Altgläubigen zu Ungeheuern geſtempelt hatte. Moritz ließ ſich indeſſen durch dieſe feindſelige Stim⸗ mung der Flamänder nicht beirren, und zog mit dem Heere über Oudenborg und mehre andere feſte Plätze nach Oſtende weiter, in deſſen Umgegend ſeine Truppen mehre Schanzen mit leichter Mühe einnahmen; Graf Georg von Solms eroberte die St. Albertsſchanze. Nun zog das Heer der Republik vor Nieuwpoort, wo es am 1. Juli eintraf; und ohne Verzug umſchloß Moritz dieſe Stadt von drei Seiten. Er ſelbſt lagerte auf den Dü⸗ nen. Da verbreitete ſich noch in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli unter den Truppen der Republik die Nachricht, daß der Erzherzog Albrecht mit einem ſtattlichen, wohlgerüſteten Heere in der Nähe ſei. Nichts konnte unerwarteter ſein als dieſe Kunde. Man hatte nicht daran gedacht, daß es dem Erzherzog bei den damaligen Verhältniſſen möglich ſei, eine Streitmacht zuſammenzuziehen; und nun ſtand er plötzlich an der Spitze ei⸗ ner ſolchen dem Heere der Republik drohend gegenüber! Seine Gattin, Iſabella war es, welche das Meiſte dazu beigetragen hatte, um das unmöglich Scheinende möglich zu machen,— dieſe Frau, wahrlich ein Mann an Geiſt und Charakter. Sie riß ihren Gatten zur Entfaltung ſeiner Thatkraft, ihre Untergebenen zur höchſten Begeiſterung hin. In der That: wie muſterhaft als Gattin, ſo ausgezeichnet war Iſabella als Regentin. Sie hatte die Geiſtesenergie ihres Vaters und die Liebenswürdigkeit ihrer Mutter geerbt und beide Eigenſchaften fanden ſich in ihrem Weſen auf's Schönſte verſchmolzen. Kaum hatten Albrecht und Iſabella die Nachricht vom Einfall der re⸗ publikaniſchen Truppen in Belgien vernommen, als ſie auch ſogleich ihre Armee zuſammenzuziehen ſuchten. Welche Armee! Zuſammengewürfelt aus aller Herren Ländern, uneins in Sprache, Gedanken und Wünſchen, faſt nur durch Mißvergnü⸗ gen vereinigt— und zwar gegen die Herrſcher! Das Alles ſchreckte dieſe nicht. Sie begaben ſich nach Gent, um durch ihre perſönliche Anweſenheit die Bevölkerung dieſer ausgedehn⸗ ten und wichtigen Stadt zu gewinnen. Mehr als Albrecht ge⸗ wann Iſabella die Herzen der Soldaten. Kraft imponirt ſtets der Kraft, geiſtige der körperlichen. Edel von Geſtalt und Haltung, ein wahres Bild der Fürſtlichkeit, ſchwingt ſich Iſabella zu Roſſe, und ſchon ihr Anblick bezaubert dieſe wilden Krieger, welche der Ueberredungskraft eines Mannes ehernen Trotz gegenüberſtellten. Iſabella bemerkt den erſten günſtigen Eindruck und ruft den Kriegern zu:„Soldaten, ihr kennt die 2⁰8 Gerechtigkeit meiner Sache! Viele von euch ſind ſeit dem Aus⸗ bruch des Krieges in den Niederlanden. Dieſe Veteranen wiſ⸗ ſen, welche Opfer mein königlicher Vater brachte, um die Re⸗ bellen zum Gehorſam zurückzubringen. Nun gab er Belgien ſogar eigene Fürſten, wie es des Volkes langer Wunſch war, und doch verharren die Rebellen jetzt hartnäckiger als je in der Empörung. Doch eigentlich erhoben ſie Trotz und Krieg gegen Gott ſelbſt; die Tyrannei, welche ſie ihren rechtmäßigen Für⸗ ſten vorwerfen, iſt bloß ein Vorwand, um den wahren Glau⸗ ben zu vernichten und die Ketzerei triumphiren zu machen. Soldaten! Ich kenne eure Religiöſität, eure Tapferkeit, eure Treue! Sie ſind mir ſichre Bürgen, daß ihr die Abſichten der Gottloſen vereiteln werdet! Eine gewiſſe Vergeltung beut euch der Himmel für den Glaubenskampf; hier auf Erden wird euch der König reichlich lohnen! Nehmet mein Wort, daß ihr euren Sold pünktlich erhalten werdet! Große Summen erwarte ich von Spanien, erwarte ich von den Staaten der treuen Pro⸗ vinzen. Doch ſollte auch irgend ein unglücklicher Zufall mir das Eine oder Andre vereiteln, dann, Soldaten, dann gebe ich Euren Bedürfniſſen jede Summe hin, welche zur Erhaltung meines Hofſtaates, zum Dienſte meines Hauſes beſtimmt iſt; dann ſollt ihr, Soldaten, mein letztes Geſchmeide haben!“ Die Rede der klugen Fürſtin erreicht den beabſichtigten Zweck; begeiſtert ruft ihr die ganze Armee den Schwur der Treue ent⸗ gegen;„das Leben für dich, bis zum letzten Athemzuge!“ ſo ſchallt es tauſendſtimmig aus allen Reihen und kein Gedanke iſt mehr an Meuterei oder Verrath. Raſch ſetzt nun die Armee ihren Marſch fort; Erzherzog Albrecht erobert die von den Feinden beſetzten Forts wieder, und bald ſtehen die Truppen, an 12,000 Mann ſtark, hinter den republikaniſchen bei Nieuw⸗ poort. 209 Moritz befand ſich in der gefahrvollſten Lage.— Vor ſich hatte er Nieuwpoort, hinter ſich den Feind, neben ſich das Meer und die Dünen; ſein dürſtendes Heer fand in den ſchlammigen Brun⸗ nen und Wäſſern keine Labung, und zwanzig Schiffe, welche demſelben friſches Trinkwaſſer hatten zuführen ſollen, waren von den Spaniern genommen worden; die kaum zum Gehorſam gebrachten Meuter glühten vor unbändiger Kampfluſt. Graf Ernſt Kaſimir von Naſſau hatte die Brücke bei Leffinghem beſetzt, um dem heranziehenden Heere Albrechts den Paß zu verſperren; doch Albrecht trieb ihn, mit Verluſt von 800 Mann zurück, und nun hatte Moritz auch den letzten Aus⸗ weg verloren. Nichts blieb ihm jetzt übrig als Sieg oder Un⸗ tergang. Klar ſah er dieſe Alternative vor ſich und kaltblütig erwartete er ſie; er ließ den Unglücksboten, der ihm die Nachricht der Niederlage überbrachte, erſchießen, damit ſein Heer durch Bekanntwerdung derſelben nicht entmuthigt würde, und führte das Letztere von Nieuwpoort, vor welcher Stadt er nur einige Fähnlein ließ,(um Ausfälle der Beſatzung zu verhindern) nach der Oſtendeſchen Seite zurück, von welcher her er den Feind erwartete. Dort ſtellte er ſeine Truppen in Schlachtordnung. Der Ritter Vere beſetzte die Dünen, welche Moritz zur rechten Seite hatte, während das Meer zur linken, Nieuwpvort im Rücken lag. Seine Schiffe hatte Moritz abſegeln laſſen, um dem Heere die Alternative fühlbar zu machen und deſſen Muth durch Verzweiflung zu erhöhen. Sein Bruder Heinrich Friedrich ſollte auf den Schiffen der Gefahr ent⸗ gehen, doch der junge Held, welcher das Blut ſeines Vaters nicht verläugnen konnte, beſtand darauf, mit ſeinem Bruder Leben und Tod zu theilen. Albrecht hatte ſeinen Sieg über Ernſt Kaſimir raſch allenthalben verkünden laſſen, aber allzulangſam verfolgt. III. 14 210 Hieran waren die getheilten Meinungen im Kriegsrathe Schuld; denn Mendoza und einige andre Offiziere waren der Mei⸗ nung: man müſſe zuerſt die Albertsſchanze bei Oſtende angreifen(um dem feindlichen Heere durchaus den Rückzug zu verſperren), bevor man an eine Schlacht im offenen Felde denken dürfe, durch welche man dem Feind den einzig mög⸗ lichen Rettungsweg anbiete. Doch die Majorität im Kriegs⸗ rath entſchied ſich für die Schlacht und beſonders nngeſtüm drangen die noch aufgeregten Meuter darauf; ſie erhoben den alten ſpaniſchen Schlachtruf aus den Maurenkriegen„Quanto mas moros, tanto mas ganaces!“ Auch Albrecht pflichtete der Majorität bei und führte ſeine Armee in drei Diviſionen gegen die der Republik heran. Beide Heere näherten ſich nun allmählig. Moritz, welcher die Reihen ſeiner Truppen durchritten und den Muth der Krie⸗ ger durch den Aufruf der Ehre entflammt hatte, begann zwi⸗ ſchen zwei und drei Uhr des Nachmittags(am 2. Juli 1600) die Schlacht. Er hatte auf die Dünen einige Geſchütze pflanzen laſſen, welche wider den auf dem Strande poſtirten Feind eine mörderiſche Wirkung ausübten, während dieſer auch von dem Geſchütz der noch am Ufer harrenden Schiffe ſcharf gefaßt wurde. Vergeblich feuerten die feindlichen Geſchütze auf die Republika⸗ ner; ſie wurden durch das Feuer von den Schiffen gezwungen, ſich höher nach den Dünen hinauf zu retiriren. Drei bis vier Stunden lang währte nun der heftigſte Kampf, wobei der Rit⸗ ter Franz Vere und ſein Bruder wie Löwen fochten. Gleich⸗ wohl gelang es den Truppen des Erzherzogs, welche mit furchtbarem Ungeſtüm auf die der Republik eindrangen, eine Abtheilung der Letzteren zum Weichen zu bringen. Da entſtand Verwirrung. Doch raſch und trefflich wurde die Ordnung bald wieder hergeſtellt; denn Moritz hatte,— ein Beweis ſeiner 211 Vorſicht—, friſches Volk als Reſerve bereit, um die Weichen⸗ den zu unterſtützen. Er ließ inzwiſchen(während ſich Graf Ludwig, von ſeiner Kühnheit zum Vordringen hingeriſſen, in großer Gefahr befand) das Hauptkorps unter dem Grafen Solms heranrücken und warf ſich dann mit zwei franzöſi⸗ ſchen Regimentern auf die Pikeniere der ſpaniſchen und italie⸗ niſchen Regimenter, welche aus dem erſten in das zweite Treffen vorgerückt waren,— treffliche Veteranen, welche wie die Mauern ſtanden. Immermehr Truppen, ja faſt alle nahmen jetzt an der Schlacht Theil; immer erbitterter focht man von beiden Seiten. Am Eifrigſten thaten dies die Meuter von Dieſt, und es ge⸗ lang ihnen wirklich, die Holländer zurückzutreiben und in Ver⸗ wirrung zu bringen; auch die Deutſchen im Dienſte der Republik wichen. Doch Moritz ſchickte ihnen raſch eine Abtheilung von Franzoſen zu Hülfe, welche die ſiegesfrohen Feinde wieder zu⸗ rückwarfen. Während dieſes Gefechts operirte von beiden Sei⸗ ten her das Geſchütz, wobei ſich jedoch das des Erzherzogs, das im lockeren Sande einſank, im Nachtheil gegen das Moritzens befand; auch entzündete ſich ein Pulvervorrath des Erzherzogs, wodurch unter deſſen Truppen Verwirrung entſtand. Endlich kam es den Soldaten der republikaniſchen Armee zugut, daß die Feinde Sonne und Wind gegen ſich hatten; der Letztere trieb Denſelben Sand und Pulverdampf ins Geſicht. Albrecht gab indeſſen die Hoffnung, den Sieg zu gewinnen, noch nicht auf. Unbedeckten Hauptes ritt er durch die Reihen ſeiner Soldaten und gegen die republikaniſchen Truppen heran. Er wurde verwun⸗ det und gerieth in Gefahr, gefangen zu werden; ein deutſcher Sol⸗ dat und ein junger Edelmann aus Flandern, Kapitain Kabeljau, retteten ihn. Endlich überwältigt nach ſo furchtbaren Anſtrengungen Gas leichenbedeckte Meeresufer bezeugt ſie) eine plötzliche Ermat⸗ tung beide Heere. Da ſprengt Mo ritz, ſeinen Bruder Heinrich 212 Friedrich zur Seite, durch die Reihen ſeiner Braven und ruft ihnen zu:„Friſch auf! Noch iſt nichts verloren! Ich lebe und ſterbe mit euch!“ Dieſe Worte und der Anblik des Feld⸗ herrn, welcher die Soldaten ſo oft zum Siege geführt, begeiſtern ſie aufs Neue, und die Begeiſterung ſpannt die erſchöpften Kräfte wieder an. Zum letzten Male greifen die Truppen der Republik wieder an, und furchtbar entbrennt(ſchon iſt der Abend da) noch einmal der mörderiſche Kampf.„Greift an! Greift an!“ riefen die Matroſen beim Geſchütz nach gewohnter Weiſe. Die Soldaten der Republik hielten den Ruf für ein Siegesge⸗ ſchrei.„Der Sieg iſt errungen,“ wähnen ſie und der freudige Gedanke an eine ſolche Gewißheit hilft den Sieg wirklich gewin⸗ nen. Nun iſt bei der erzherzoglichen Armee nicht Haltens mehr; — Flucht, wohin man blicken kann; der Erzherzog ſelbſt muß ſie theilen. Der eilige Rückzug geht über die Brücke bei Lef⸗ finghem und vollendet die Entmuthigung, die Verwirrung ſeiner Armee. Moritz hatte den glänzendſten Sieg errungen; dreitauſend erzherzogliche, tauſend Soldaten der Republik blieben todt auf dem Schlachtfelde; die Armee der Republik hatte alles Geſchütz mit Munition, das Gepäck und mehr als 100 Fahnen der Feinde erbeutet, und zahlreiche Gefangene gemacht, worunter viele vor⸗ nehme Perſonen. Unter den letzteren befand ſich auch der Ad⸗ miral Mendoza. Der Erzherzog ſchwang ſich in der Gegend von Oudenborg auf ein Roß, erreichte noch in der Nacht Brügge und eilte über Gent nach Brüſſel, wo er den Reſt ſeiner Armee ſammelte. Seine Gemahlin Iſabella hatte zuerſt die Nachricht von dem Verluſt der Schlacht erhalten, dann die: der Erzherzog ſei gefangen, endlich die: er ſei ver⸗ wundet. Bei jeder Botſchaft benahm ſie ſich würdevoll, ohne 213 die Erſchütterung ihres Herzens durch ein Wort, durch eine Miene zu verrathen.*) *) Liedt van den grooton Slagh voor Nieuwpoort in Vlaenderen. Op de Wyse:„Het nachtegaelken kleyne“ etc.(Geuse Liedt-Boeck. Dordr. 1687. p. 112.) t Gulde Jaer sesthien hondert, July den tweeden dagh, Heeft Godt syn kracht getoont, 't Welck menigh mensch verwondert, Want in desen Veldt-slagh Werdt niemandt niet verschoont, Hoe Edel gepersoont, Yder moest de Kop bieden, Lustigh vallende an, Geen moest aen weer zy vlieden, Elek street als eem. Kryghsman. Graf Maurits van Nassouwen Rydend' als een vroom holt, Gaf de soldaten moet, Seggende dat sy. souwen Haer kloeck quyten in't velt, Want t koste lyf en goet, En sprack op staende voet, Siet hier de plaets om vechten, De Zee hebdy aldaer, Strydt kinderen als Landtsknechten, Ick wil u zyn een vaer. t Volck is moedigh en rustigh, Tot don vyandt getreen, Die hem de deysen wat, Graef Lodewycx Kryghslien lustigh, Hem op d'oude plaetse deen, Wederom keeren radt, Graef Ernst Volck stondt prat, De nieuw Geusen niet weken, Neemt moet, Monsieur Veer riep, Gent quam ter zyd' gestrecken, Wiens Ruyt’ry niot sliep. 2¹4 Während der Schlacht bei Nieuwpoort hatten ſich die Deputirten der Generalſtaaten, welche bekanntlich zum Zweck der Berathung mit dem Feldherrn die Züge der republi⸗ kaniſchen Armee mitmachten, in Oſtende befunden. Olden⸗ Ziyn Excellentie vrome Stelden't Casquet op't hooſt, En sprack, mannen't is tydt,. Dat men geen doodt moet schroomen, Godt almachtigh gelooft, Sal ons helpen met vIyt, Elck Troep viel aen den strydt, En hebben soo geslagen, Den vyandt in de vlucht, Die hem van dees neerlage, Grootelycks vint bedught. Daer en op ander plaetsen, Schier thien duysent man bleef, 4 Wel twee duyst aen ons zyd', 1 Soo ginckter op een kaetsen, Elck voor d'ander aendreef, Om den buyt en't profyt, Spyt Paep Jan die't benyt, Albertus Aerts-Hertoge, Van Oostenryck, doen sagh Syn doodt daer schier voor oogen, „t Was voor hem een hert gelagh. Veel Edelen en Heeren, Meer als men noemen kan, Zynder gebleven doodt, Soo ginckt op een schaepscheeren, „T bleeffer meest aen de pan, Men hieuw, men stack, men schoot, Den Admirant hem boodt Gevangen, die dick smaelden Op den Hollandtschen kaes, Die hy wel dier betaelden, Want“t was van't nieuwe gras. 2¹15 barneveld war bei denſelben. Man hatte dort am Morgen des verhängnißvollen Tages durch den geflüchteten Grafen Ernſt Kaſimiir von Naſſau die Nachricht von der Niederlage bei Leffinghem erhalten und war in größter Angſt über die Entſcheidung des Kampfes. Aber ſtatt dieſelbe den Freunden durch raſche Auszüge gegen den Feind zu erleichtern und zu vergewiſſern, lag man, bei verſchloſſenen Stadtthoren auf den Knieen und betete zu Gott um eine glückliche Wendung. Unge⸗ meſſene Freude belebte alle Herzen in Oſtende, als am Abend die Nachricht des erfochtenen Sieges daſelbſt eintraf. Am folgenden Tage erſchien Moritz ſelbſt mit den Gefangenen und den er⸗ beuteten Fahnen, und wohnte einem feierlichen Gottesdienſte bei. Moritz hatte indeſſen den Plan, Nieuwpoort zu er⸗ Komt eens Jantjen van Spaengien Alst u lust wederom, En deckt den Geus wat op, Hoe smaecken u d' Oraengien? Seigneur weest wellekom, Proeft Nederlandts sopperlop, Papou die kreeg den klop: d' Ontrouw is daer vergolden, Aen die Schotten gedaen, Die gy t' Oldenborgh scholden, En moordelyck hadt verraen. Prince Heer Godt almachtigh, Zyn Excellency geeft, Wysheydt en goet verstant Dat hy wel en eendrachtigh, Regeert soo langh hy leeft, Tot rust van't Vaderlandt, Verknoopt Lis, Pyl en Bandt, Der Edeler Heeren Staten, Met een gemeen spreeck-woort, Op Godt wy ons verlaten, De Eer hem alleen behoort. — —-— 216 obern, keinesweges aufgegeben. Doch, da er die Feinde nicht unmittelbar nach dem Siege verfolgte und da auch die Bera⸗ thungen mit den Deputirten der Generalſtaaten über die nächſten Operationen drei Tage hinwegnahmen, ſo verlor er mit der Zeit auch alle Vortheile, welche er von dem Siege hätte ziehen können. Denn Erzherzog Albrecht hatte, nichts weniger als entmuthigt, inzwiſchen die trefflichſten Mittel ergriffen, um das Waffenglück der republikaniſchen Truppen aufzuhalten. Er hatte raſch die Beſatzungen von Nieuwpoort und Oudenborg verſtärkt, und als Moritz am vierten Tage nach der Schlacht vor der erſtgenannten Stadt erſchien, um ſie zu belagern, waren die Verhältniſſe bereits weſentlich verändert, und zwar ſoſehr zu ſeinen Ungunſten, daß ſich der einſichtsvolle Feldherr ziemlich bald von der Unmöglichkeit überzeugte, ſich Nieuwpoorts be⸗ mächtigen zu können; er brach daher(am 17. Juli) zum zweiten Male die Belagerung dieſes wichtigen Platzes ab. Hierauf griff er die von den Spaniern neu erbaute Iſabellen⸗ ſchanze bei Oſtende an, welche jedoch der Befehlshaber Barlotte ſo heldenmüthig vertheidigte, daß ſich Moritz auch von dort zurückziehen mußte. Er ſah nun, daß ungeachtet des glänzenden Sieges bei Nieuwpoort doch der eigentliche Zweck, welcher dem Feldzug nach Flandern zu Grunde lag, nicht erreicht werden konnte, und zwar deßhalb, weil die Armee auf dem engen Terrain bei Oſtende für die Dauer keinen Unterhalt zu finden vermochte, zumal da Federico Spinola mit Galeeren auf der See kreuzte, um die hollän⸗ diſchen Transportſchiffe aufzufangen. Unterſuchte jedoch Moritz die erſte Veranlaſſung aller Hinderniſſe genauer, ſo fand er dieſelbe in dem Zeitverluſt unmittelbar nach ſeinem Siege begründet, woran die Deputirten der Generalſtaaten Schuld trugen. Es iſt begreiflich, daß der junge Held denſelben 217 darüber grollen mochte. Aber auf der anderen Seite ſcheint auch republikaniſche Eiferſucht gegen ſein immer höher wachſen⸗ des Anſehen im Spiele geweſen zu ſein. Namentlich(meinte man) habe Oldenbarneveld, der unbeſtechliche Patriot, die Möglichkeit beſorgt, daß Moritz ſeine phyſiſche und moraliſche Macht zum Nachtheil der Freiheit mißbrauchen möchte. Jeden⸗ falls dürften ſchon hier die erſten Anfänge einer Spannung zu ſuchen ſein, welche ſpäterhin noch zu einem traurigem Parthei⸗ kampfe ausſchlug.— Zu Ende Julis wurde der größte Theil der republikaniſchen Armee zu Oſtende eingeſchifft; ſie landete auf Seeland. Die Reiterei zog nach Brabant. Der Erzherzog hatte in der öffentlichen Meinung der Belgier durch die verlorene Schlacht bei Nieuwpoort kaum ſo⸗ viel verloren, als er durch ſein treffliches Benehmen nach der⸗ ſelben in jener gewann. Man wußte die geiſtige Kraft von dem flüchtigen Glanze des Erfolges wohl zu unterſcheiden. Aber, wenn auch die Popularität der neuen Souveraine im Zu⸗ nehmen begriffen war, ſo hielten die Belgier fortwährend ſtandhaft darauf, daß ihre dringenden Wünſche nach einem Frieden end⸗ lich erfüllt werden möchten. Wahrlich, man lernt den Kern dieſes Volkes in Belgien achten, wenn man ſieht, wie es, den Verhältniſſen ſich fügend, die ſchätzenswerthen Eigenſchaften ſei⸗ ner neuen Souveraine gerne anerkennend, dennoch auch das Herz warm behalten hat für die alte Freiheit, wie es zwiſchen den feſten Säulen der alten Formen einherwandelt, zwar noch in allen Gliedern erſchüttert durch die früheren Leiden, aber das Haupt mit edlem Stolz erhoben, die Augen friſch, das kühne Wort auf den Lippen Was es ſich nicht gefallen zu laſſen braucht, das will es nicht dulden. Sein gemeinſames Intereſſe will es vertreten wiſſen. Man ſieht: es hat ſich der neuen Souverainetät willig untergeben, um ſeine Selbſtſtändigkeit zu 218 retten. Mag dies parador klingen,— es iſt immer begreiflich. Es iſt doch von Spanien losgetrennt und bildet einen ei⸗ genen Staat für ſich; ſeine Fürſten ſind Niederländer geworden, ſollen Niederländer erzeugen. Die Zuneigung des Volkes für dieſe Fürſten hat mit ſklaviſcher Unterwürfigkeit nichts gemein.*) Dies zeigte ſich denn damals und zwar insbeſon⸗ dere in Bezug auf die allgemeine Sehnſucht nach Frieden, welche wir blos als einen Beweis von phyſiſcher Ermattung annehmen können, aber durchaus nicht als einen Beweis mo⸗ raliſcher Erſchlaffung betrachten dürfen. Die beiden Erz⸗ herzoge fühlten dies lebhaft, wenn ſie auch eine Verwirklichung des Volkswunſches noch für unerreichbar halten mochten. In⸗ deſſen: ſie zeigten ihre Bereitwilligkeit, demſelben nachzukommen. Schon vor der Expedition des Prinzen Moritz nach Flan⸗ dern hatte Erzherzog Albrecht die Generalſtaaten Bel⸗ giens nach Brüſſel zuſammenberufen, um nach den alten Privilegien durch ihre Bewilligung ſolche„Beden“ zu erhalten, wie er ſie bei den damaligen ſehr gedrückten Verhältniſſen im hohen Grade bedurfte. Bei dieſer Gelegenheit nun hatte er den Staa⸗ ten erklärt, daß er ſelbſt den Frieden wünſchte; wenn aber die Gegenparthei ihrerſeits nicht gutwillig zur Erreichung deſſelben beitragen wolle, ſo bliebe nichts übrig, als: ſich in den Stand zu ſetzen, daß man den Krieg mit Nachdruck fortſetzen und durch denſelben den Frieden erzwingen könne. Hierauf bemerkten nun *) Man darf ſich in dieſer Hinſicht durch die Formen, durch das Ce⸗ remoniell nicht beirren laſſen, und aus den übertriebenen, ge⸗ ſchmackloſen Huldigungen, welche den Erzherzogen z. B. bei ihren „Entrées joyeuses“ bargebracht wurden(wie man ſie in der „histoire des fètes civiles et religieuses“ etc. par Mad. Clement, née Hemery Paris 1834, findet) noch keineswegs einen ungünſti⸗ gen Schluß auf ein Verſchwinden des Freiheitsſinnes und Selbſt⸗ gefühls in Belgien ziehen. 219 die Staaten Belgiens, daß die Generalſtaaten der verei⸗ nigten Provinzen allerdings guten Grund zum Mißtrauen gegen alle Friedensverhandlungen hätten, umſomehr, da noch ſo Vieles zu wünſchen übrig geblieben ſei, ſo z. B. wären die Ci⸗ tadellen noch immer nicht geſchleift, ſo befänden ſich die Ausländer noch immer im Beſitze der wichtigſten Aemter. Wollte man jedoch die Uebelſtände heben und den belgiſchen Staaten erlau⸗ ben, mit jenen der vereinigten Provinzen in Unterhandlung zu treten, ſo zweifelten ſie nicht an einer Wiedervereinigung ſämm⸗ licher Niederlande. Der Erzherzog gab hierauf zu ſolchen Verhandlungen ſeine Erlaubniß, und in der That kam eine Zuſammenkunft zwiſchen einigen Deputirten der belgiſchen Staaten(Gerhard von Hoorn, Graf von Baſigny, Philipp Bentink und dem Penſionär von Ypern, Heinrich Kodt,) mit den Deputirten der vereinigten Provinzen in Bergen⸗op⸗Zoom zu Stande, wo ſich Letztere nach der Schlacht bei Nieuwpoort einige Zeit aufhielten. Die Verhandlungen, welche dort gepflogen wurden, zerſchlugen ſich jedoch bald wegen der entſchiedenen For⸗ derung der Republik, welche Oldenbarneveld ausſprach. Sie verlangte nämlich vor allen Dingen, bevor man ſich auf einen Friedensabſchluß einlaſſen könne, die Entfernung alles fremden Kriegsvolkes und ferner, daß man dem Kö⸗ nig von Spanien alles und jedes Anſehen in Bezug auf die Niederlande nehme. Genauer betrachtet war hierunter eine Entwaffnung Belgiens verſtanden, worauf die Belgier unmöglich eingehen konnten, wenn nicht auch die Republik eine gleiche Maßregel ergriff. Hiernach blieb denn den Erſteren nichts übrig, als ſich zu der Ueberzeugung des Erzherzogs zu bequemen, und demſelben die Mittel zu verſchaffen, um den Krieg fortſetzen zu können. Dies thaten ſie denn auch, 220 indem ſie eine monatliche Beiſteuer von 320,000 Gulden für jenen Zweck aufzubringen verſprachen. Uebrigens hatte Belgien damals, obwohl Philipp II. es an Albrecht und Iſabellen ab⸗ getreten hatte, noch immer den Einfluß und die Anmaßungen Spaniens zu ertragen, welches dieſes Land wie einen integri⸗ renden Theil behandeln wollte. Spanien forderte nämlich von den belgiſchen Kaufleuten die Einſtellung und Abſchaffung alles Verkehrs mit Holland. Die friſche Lebenskraft der Nation äußerte ſich bei dieſem Anlaß auf's Unzweideutigſte. Die zu Brüſſel verſammelten Generalſtaaten Belgiens erhielten eine Mittheilung des Königs von Spanien, worin dieſer ſie mit dem Ausgruck:„Unſere Staaten“ bezeichnete. Da erhob ſich ein Mitglied der Verſammlung in Entrüſtung und fragte:„Wer iſt hier zu Lande wohl Herr, der König von Spanien oder der Erzherzog?“ Man wälzte, von ſpaniſcher Seite, die Schuld auf den Kopiſten der königlichen Mittheilung; die Schuld der Ge⸗ ſinnung ließ ſich nicht abwälzen. Die geheime Abſicht, ja die Hoffnung auf Wiedervereinigung Belgiens mit der ſpaniſchen Monarchie läßt ſich wohl umſo weniger bezweifeln, wenn man ſich an die Oppoſition der Spanier gegen die Abtretung der Nie⸗ rerlande erinnert, wenn man bedenkt, daß der Ehe Albrechts und Iſabellens das Prognoſtikon der Kinderloſigkeit geſtellt wurde und daß die Niederlande in einem ſolchen Fall an Spanien wieder heimfallen ſollten, endlich wenn man erwägt, daß die beiden Erzherzoge bei der finanziellen Schwäche Belgiens ſich ſtets an Spanien zu wenden genöthigt ſahen,— genug Wahr⸗ ſcheinlichkeitsgründe! der Beweis aber war faktiſch. Mittlerweile hatte die Republik der vereinigten Pro⸗ vinzen im Laufe jenes Jahres eine Geſandtſchaft aus Deutſch⸗ land abgewieſen, welche im Mai(1600) nach Holland gekom⸗ men war, eigentlich, um abermals Friedensverhandlungen 221 einzuleiten, angeblich jedoch wegen anderer Angelegenheiten. Die deutſchen Geſandten erhielten Audienz bei der Ver⸗ ſammlung der Generalſtaatenz ſie verlangten Räumung der feſten Plätze in Deutſchland und Vergütung des erlittenen Schadens, und zwar traten ſie hierbei ſo imponirend auf, als hätten ſie die vereinigten Provinzen noch für Glieder des deutſchen Reichsverbandes gehalten, wie es in früheren Zeiten der Fall geweſen war. Die Republik benahm ſich da⸗ gegen vorſichtig und würdevoll, und wies jeden Vorſchlag, ſelbſt zu einem bloßen Waffenſtillſtand, ab. Nur die Räumung Em⸗ merichs geſtand ſie zu. Doch, was die Schenkenſchanze betraf, ſo behauptete die Republik, daß dieſes Fort nicht zu deutſchem Gebiet, ſondern zu dem von Geldern gehöre. Die deutſchen Geſandten verfügten ſich von Holland nach Belgien und erhoben dort ähnliche Anſprüche; ſie verlangten die Räumung Rheinbergs; doch auch in Belgien gewan⸗ nen ſie bloß Verſprechen. Uebrigens war es damals im Inneren der Republik keineswegs ganz ruhig. Wohin man blickte, gab es Reibungen, welche zum Theil in den materiellen Beſchwerniſſen, die der langjährige Krieg hervorgerufen, zum Theil aber auch in ſolchen Beſorgniſſen ihren Grund hatten, wie wir ſie bei Oldenbar⸗ neveld wahrgenommen zu haben glauben,— Beſorgniſſen, die in Republiken nicht bloß unvermeidlich und entſchuldbar, ſondern auch nothwendig ſind, wenn ſie ſich auch in der Folge immerhin nicht gerade als begründet ausweiſen ſollten. Vorzugsweiſe fan⸗ den nun ſolche Beſorgniſſe damals in Friesland ſtatt, und zwar durch das Organ des Edelmanns Karl Roorda(eines Mitgliedes der frieſiſchen Staaten), welcher ſchon ſeit einigen Jahren ſowohl den Statthalter Frieslands, den Grafen Wil⸗ helm Ludwig, als auch den Prinzen Moritz, überhaupt die 222 Naſſauer, mit Wort und Schrift im ſcharfen Verdacht hielt, daß durch dieſelben die Freiheit in Gefahr gebracht würde. Schon 1597 hatte Roorda an Enkhuizen geſchrieben,„man müſſe gegen die Pläne des Hauſes Naſſau auf der Hut ſein.“ Die Staaten von Holland hatten ihm jedoch damals nicht beigepflichtet, ſondern ſich im Gegentheil bei jenen von Fries⸗ land ſehr ernſtlich beſchwert, und ſowohl den Prinzen Moritz als den Statthalter Wilhelm Ludwig aufs Beſte gegen die Zumuthung eines Strebens nach abſoluter Herrſchaft vertheidigt. Späterhin(eben 1600) kam jedoch Wilhelm Ludwig, als Statthalter von Friesland, in eine verdrießliche Kolliſion, und zwar in Folge finanzieller Rückſichten, wobei die feinen, empfind⸗ lichen Saiten der Lokalintereſſen in Schwingung gerathen waren. Damals bezahlte nämlich Friesland für ſeinen Antheil zu den gemeinſamen Laſten der Republik 4 Tonnen Goldes. Um dieſe Summe herbeizuſchaffen, mußten natürlicherweiſe die Ab⸗ gaben in Anſpruch genommen werden, und nun wollte das platte Land der drei Gaue eine Abgabe auf Wein, Bier und Torf, die Städte dagegen eine auf das Vieh. Darüber entſtand ein nicht unbedeutender Zwieſpalt in der Verſammlung der frieſiſchen Provinzialſtaaten zu Franeker, wobei Wilhelm Ludwig die Parthei der Städte ergriff. Die Sache entwickelte ſich in der Art, daß auch der Oſtergau zu dieſer Parthei übertrat und der Weſtergau endlich nachgeben mußte; dennoch wurde der Streit nicht eher entſchieden, als bis acht Schiedsrichter die Sache gütlich vermittelten. Sehen wir nun hier die Kraft des Provinzialismus bis zu den feinſten Partikularitäten hinab entſchieden ausgebildet, ſo finden wir in dem neu erwachten(oder eigentlich bis dahin noch nie ganz ausgeglommenen) Zwiſt der Stadt Gröningen mit den Umlanden den Kampf des ariſtokratiſchen Prinzips gegen das— wir möchten nicht ſagen demokratiſche(weil der Ausdruck ſeit neuerer Zeit Mißdeutungen unterliegt)— gegen das republikaniſche Gleichgewicht. Die Streitſache war überhaupt nicht gleichgültig für die Exiſtenz und die leitenden Grundſätze der Republik. Sie wurde aber dadurch noch wich⸗ tiger, daß die Stadt Gröningen ſo lange Zeit hindurch die feindliche Seite gehalten und mit genauer Noth zum Anſchluß an die Utrechter Union genöthigt worden war, während die Umlande(freilich größtentheils aus alter Oppoſition gegen die Stadt) der gemeinſamen Sache der Freiheit die wichtigſten Dienſte geleiſtet hatte. Der ſtädtiſche Trotz mußte entkräftet, die in der Stadt noch vorhandenen widerſtrebenden Elemente mußten entfernt oder unſchädlich gemacht werden. Der Haupt⸗ grund des Widerſtandes der Stadt Gröningen war näm⸗ lich wieder ein finanzieller. Sie hatte ſich geweigert, ihren Theil an den allgemeinen Laſten zu tragen. Sie erhielt nun Beſatzung, welche ſie jedoch nicht beſchweren ſollte, wenn ſie ihrer Verpflichtung entſpräche, und die Bürgerſchaft wurde entwaffnet. Als nun auch dieſe Maßregel nicht fruch⸗ tete, ergriffen die Generalſtaaten eine andere, welche der Stadt im höchſten Grade unangenehm war, nämlich die Erbauung einer Citadelle. Vergeblich wandte die Stadt Gröningen ein: Zwinger ſeien eine Schande für Republiken; vergeblich ſprach man:„Wenn die Staaten eine ſo ſchmähliche Maßregel unter⸗ ließen, ſo erbauten ſie ſich ſtatt eines Schloſſes tauſend Schlöſſer, nämlich in den Herzen der Bürger. Uebrigens widerſtreite eine ſolche Maßregel den bei Uebergabe der Stadt (1594) feſtgeſetzten Bedingungen.“ In ſolcher Weiſe klag⸗ ten die Vertreter der Stadt Gröningen. Aber die Staaten wollten hier einmal(ja, ſie mußten es,) konſequent mit Ge⸗ walt gegen Trotz durchgreifen; der Bau der Citadelle wurde 224 begonnen, und mit beſonderem Eifer legten die Frieſen hiebei Hand ans Werk. Nun herrſchte in Gröningen die größte Be⸗ ſtürzung; die Bürgerſchaft wollte gerne nachgeben und bot alles auf, um nur den Bau der Citadelle zu verhindern; doch keine Vorſtellung nützte bei den Generalſtaaten. Die ſtädtiſche Regierung wurde abgeändert, und zwar in der Weiſe, daß die bisherigen Elemente der Oppoſition ausgeſchieden blieben. So wurde denn die Uebereinſtimmung mit dem Geſammtintereſſe der Republik endlich durchgeſetzt. Erſt ſpäter, nachdem man, den Beſtand der Ruhe vorausſetzen konnte, wurde die Citadelle in Gröningen wieder geſchleift. 4 Leichter wurden die durch die bedrängte Lage des Staates in Bezug auf die Auflagen hervorgebrachten Anſtände zu Ut⸗ recht beſeitigt. Hier wollte die Bürgerſchaft zur Beſtreitung derſelben vorzugsweiſe das Domkapitel belaſten. Doch man wies ihr nach, wie dieſes immerhin ſchon auf eine andere Art ſeinen Antheil an den gemeinſamen Laſten trage. Durch die Vermittlung des Statthalters und der Generalſtaaten wurde endlich der Zwieſpalt zwiſchen Bürgerſchaft und Domka⸗ pitel beigelegt. Alle dieſe Wirren laſſen ſich dadurch erklären, daß ſich die Republik wegen der ungeheuren Koſten des langwierigen Krieges genöthigt fand, nicht blos eine Kopfſteuer von einem halben Prozent auf jede Beſitzung über 3000 Gulden, ſondern auch dritthalb Prozent auf den Verkauf aller liegenden Güter zu le⸗ gen. Hierzu ſollten nun alle Güter von Landes wegen taxirt werden; wer ſich ſelbſt auf 1000 Gulden oder höher(alſo auf ein Kapital von 200,000 Gulden) angab, blieb davon befreit; wer ſich über ſeine Schatzung beklagte, ward zum Eid verbun⸗ den; der Meineidige wurde für ehrlos erklärt. Dennoch überſtiegen — — 225 die Ausgaben im Jahre 1599 die Einnahme um 1,200,000 Gulden.*) 4 Außerdem ſtand die Republik auch in einem verwickelten Ver⸗ hältniſſe zu dem benachtbarten Oſtfriesland, wo Graf Ed⸗ zard, als Lutheraner, mit den reformirten Bürgern der Stadt Emden in Zwieſpalt über die Landeshoheit lag. Die Letzteren hatten ſich an die Generalſtaaten gewendet. Zwar war die Sache beigelegt worden, aber nicht zur Zufriedenheit des Grafen, der ſich an den Erzherzog gewendet hatte, worauf die Staaten der Stadt Emden ganz offen ihre Theilnahme zuſprachen. Nach Edzards Tode(1599) nahm deſſen Sohn Enno des Vaters zweideutige Rolle auf, und die Generalſtaa⸗ ten mußten abermals energiſch durchgreifen. Die endliche Folge war, daß holländiſche Truppen zu wiederholten Malen nach Emden kamen und dort blieben. Emden trat in eine Art von Schutzverhältniß zur Republik der vereinigten Pro⸗ vinzen. Inzwiſchen hatte ſowohl der Erzherzog als auch die Re⸗ publik im Verlaufe des Winters ernſtlich zu einem neuen Feldzug gerüſtet; die Letztere hatte insbeſondere von ihrem treuen Bundesgenoſſen, König Heinrich IV. von Frankreich, fortwährend ſowohl Geld als Truppen erhalten. Ihre Armee, unter dem Prinzen Moritz, belief ſich auf 14,000 Mann Fußvolk und 2000 Reiterei. Der Erzherzog erwartete friſche Truppen aus Spanien und Italien. Jeder von beiden Gegnern hegte einen Angriffsplan. Moritz wollte gegen Rheinberg ziehen, und, um den Erzherzog über die wahre Abſicht zu täuſchen, nahm er den Anſchein, als wolle er ſich mit ſeinen Truppen, die er in der Schenkenſchanze zuſammengezogen hatte, zuerſt gegen Herzogenbuſch wenden. Der Erzherzog dagegen hatte ſich *) Kampen. I. S. 561 u. ff. III. 15 226 verlauten laſſen, er wolle zwei Armeen, die eine in Flan⸗ dern und die andere am Rhein aufſtellen. Sein eigentli⸗ cher Plan war: Oſtende der Republik zu entreißen. Gelang ihm dies, ſo hatte er ſich dann den Beſitz Flanderns end⸗ lich wirklich geſichert; denn dann war der Seemacht der Repu⸗ blik der wichtige Hafenplatz verſperrt, wodurch ſie ſtets ihre Truppen inmitten Flanderns entſenden konnte. Moritz, welcher die Wichtigkeit der Behauptung Oſtendes erkannte, rich⸗ tete deßhalb ſein Hauptaugenmerk darauf, dieſe Stadt ſo viel als möglich zu verſtärken. Gleichwohl verſäumte er deßhalb ſeinen anderweitigen Plan auf Rheinberg nicht. Der Winter von 1600 auf 1601 und der Frühling des letz⸗ teren Jahres verfloſſen unter verſchiedenen Anſchlägen beider Gegner. So hatte Franz de Provence Gertruidenberg durch Verrätherei dem Erzherzog überliefern wollen; der An⸗ ſchlag wurde jedoch entdeckt und der Verräther(am 5. Januar 1601) hingerichtet. Ebenſo wurde ein Anſchlag der Feinde auf Vlieſſingen vereitelt. Dagegen bemächtigten ſich einzelne Truppenabtheilungen der Republik des Schoſſes Krapoel im Limburgiſchen und des Schloſſes Krakou in der Geſellſchaft Meurs. Nun wendete ſich denn Prinz Moritz nach dem Rhein hin, vor Rheinberg, welches er belagerte. Doch er fand dort den entſchloſſenſten Widerſtand. Im Lager vor Rheinberg erhielt er die Nachricht, daß der Erzherzog Oſtende belagert habe. Die Belagerung Rheinbergs wurde nun, in Folge der Anſtalten, welche Moritz zur Sicherung Oſtende's treffen mußte, eine kurze Zeit hindurch etwas läßiger betrieben. Gleich⸗ wohl erhielt er den Beſitz Rheinbergs ſchon am 30. Juli durch Uebergabe. Am 7. Auguſt brachte er auch die Stadt Meurs in ſeine Gewalt. Inzwiſchen hatte der Erzherzog die erwarteten Verſtär⸗ 227 kungen aus Italien und Spanien erhalten und(wie bereits er⸗ wähnt) die Belagernng Oſtendes am 5. Juli begonnen.*) Er ſelbſt hatte ſein Hauptquartier in der bereits wiederher⸗ geſtellten St. Albertsſchanze genommen, Graf Friedrich van den Berge hatte rechts, Hieronymus de Monroi links von der Feſtung Poſto gefaßt. Der Letztere verlor bald darnach bei einem glücklichen Ausfall des damaligen Komman⸗ danten von Oſtende, Karl van der Noot, das Leben. Nicht lange hierauf trat der Ritter Franz Vere, welchen Moritz mit zwanzig Fähnlein engliſcher Truppen aus dem Lager vor Rheinberg fortgeſendet hatte, den Oberbefehl in Oſtende an, und raſch vollendete dieſer neue Kommandant, ein Mann von ebenſo großen Einſichten als von perſönlicher Tapferkeit, die bereits von ſeinem Vorgänger begonnenen Befeſtigungsarbeiten. So ließ er en ſace des Forts Sankta Klara drei neue Redou⸗ ten anlegen, welche die„Poulains“ genannt wurden. Der Erzherzog ließ denſelben gegenüber durch den Grafen Friedrich von den Berg zwei Forts St. Martin und Sankta Maria aufwerfen, worauf die Belagerten ein Drittes errichteten, aber auch Graf Friedrich van den Berg die St. Annenſchanze dagegen aufwarf. So nahmen denn die wechſelſeitigen Anſtal⸗ ten zur Belagerung und Vertheidigung Oſtendes ihren Fort⸗ gang. Man hatte von Seiten der Beſatzung die Dünen geebnet, damit Oſtende nicht von der Höhe derſelben durch die Feinde beſchoſſen werden könnte; ferner hatte man die Südſeite des Terrains,(eben von dorther kam der Feind,) künſtlich unter Waſſer geſetzt. Der Erzherzog ließ nun queer durch das unter Waſſer ſtehende Land einen Deich aufwerfen, mit einer Redoute verſehen und durch eine tüchtige Artillerie vertheidigen, haupt⸗ *) Vergl.„Journal der Belagerung von Oſtende.“ 228 ſächlich um die von den Belagerten ſtark bedrohte St. Al⸗ bertsſchanze decken zu können. Auch hatte er den alten Hafen Oſtendes in unbrauchbaren Stand verſetzen laſſen; doch die Belagerten durchſtachen einen Deich, und ſchufen ſich einen neuen Hafen, durch welchen Oſtende mit friſcher Mann⸗ ſchaft und allem Vorrath reichlich verſehen werden konnte. Die Belagerung Oſtendes nahm, indem beide Gegner alle Schätze ihrer Kenntniſſe entfalteten, immermehr einen ſolchen Charakter an, daß man ſie im Auslande wie eine Schule der Kriegskunſt zu betrachten anfing; ſchon kamen fremde Herren vom Adel welche jene praktiſch lernen wollten, herbei; es war eine Schule in welcher mehr als ein Lehrer das Leben einbüßte! Wie nun in der Stadt der Ritter Vere ſich durch ſeine ausgezeichnete Geſchicklichkeit, durch ſeine unvergleichliche Stand⸗ haftigkeit den höchſten Ruhm erwarb und die Beſatzang enthu⸗ ſiasmirte, ſo wurde das feindliche Heer durch die zeitweiſe Anweſenheit Albrechts und Iſabellens im Lager gleich⸗ falls auf's Höchſte begeiſtert, und beſonders war es wieder die letztgenannte hohe königliche Frau, deren kriegeriſcher Muth Jeden von ihren Soldaten hinriß, deren Blicke und Mienen auf die Stimmung der Armee wahre Wunderkraft ausübten. Inzwiſchen beſchloſſen die Generalſtaaaten der verei⸗ nigten Provinzen, obwohl ſie den Verluſt Oſtendes noch keinesweges beſorgten, eigentlich um Koſten zu ſparen, durch Prinz Moritz die eine oder andere Diverſion auf Plätze zu machen, welche ſich im Beſitze des Feindes befanden, damit der Letztere dadurch von der Belagerung Oſtendes abgezogen würde. So erſchien denn Moritz am 1. November 1601 vor Herzogenbuſch, wo der Herr von Grobbendonk kom⸗ mandirte. Der Erzherzog ließ ſich jedoch durch dieſe Diverſion nicht irre machen, ſondern wußte die Beſatzung von Herzo⸗ 229 genbuſch glücklich zu verſtärken, ſo daß Moritz deſſen Belage⸗ rung am 27. November aufheben mußte, während die Belage⸗ rung Oſtendes fortwährend im Gange blieb. Die Beſatzung dieſer Stadt, welche aus 7000 Mann(größtentheils Englän⸗ dern) beſtand, litt mittlerweile furchtbar durch Krankheiten und ſchmolz dadurch ſehr zuſammen; auch zeigte ſich bereits ein bedrohlicher Mangel an Lebensmitteln, und durch einen heftigen Sturm waren die Feſtungswerke der Stadt ſehr bedeutend be⸗ ſchädigt worden. Da beſorgte der Ritter Vere, daß der Erzherzog alle dieſe Umſtände zu ſeinem Vortheile benützen würde, und knüpfte,(um Zeit zu gewinnen), Unterhandlungen zu einem mehrtägigen Waffenſtillſtand an. Um denſelben noch verlängern zu können, ſtellte er ſchlau mehre Bedingungen, welche verwickelte und langwierige Berathungen veranlaſſen mußten. Während deſſen gelang es ihm,(wie er gehofft hatte) eine bedeutende Verſtärkung an Truppen und ziemlichen Proviant zu Schiff aus Seeland zu erhalten und in die Stadt zu bringen. Kaum war dies gelungen, als Vere plötzlich die Unterhandlungen abbrach, da er nun hinreichende Mittel in der Hand zu haben glaubte, um den Belagerern wieder für längere Zeit gewachſen zu ſein. Erzherzog Albrecht war darüber im höchſten Grad erbittert Lauch die Staaten konnten Veres Benehmen nicht billigen,) und bot ſeine ganze Heeresmacht zur Ueberwältigung Oſtendes auf. Er ließ die Altſtadt auf's Nachdrücklichſte beſchießen, er⸗ öffnete am 9. Januar 1602 eine Breſche und ließ am Abend deſſelben Tages zur Zeit der Ebbe Sturm laufen. Nun ent⸗ ſtand ein gräßlicher Mordkampf, welcher zwei Stunden lang währte. Die Belagerten zogen zwei Schleußen auf und plötz⸗ lich ſahen ſich jetzt die Feinde, ſo heldenhaft ſie auch fochten, von zwiefachem Untergang, durch das feindliche Schwert und durch die Fluthen, umdroht. Nur 40 Mann von der Beſatzung 230 blieben an jenem verhängnißvollen Tage, während der Erzher⸗ zog 800 von den Seinigen verlor. Die meiſten Befehlshaber im Heere des Erzherzogs gaben nun die Hoffnung auf, daß Oſtende erobert werden könnte, und riethen dem Fürſten, die Belagerung abzubrechen. Doch Albrecht war dazu nicht zu bewegen. Je mehr Hinderniſſe, um ſo höher ſtieg ſein Muth, um ſo feſter wurde ſeine Standhaftigkeit. Der Beſitz Oſtendes zur Sicherung ganz Flanderns war ihm allzuwichtig, als daß er nicht jedes Mittel hätte aufbieten ſollen, um den⸗ ſelben zu erringen. Er ließ daher die Anſtalten zur Belagerung mit dem größten Eifer fortſetzen, und durch Johann Rivas leiten, während er ſelbſt ſich nach Gent begab, um dort Maß⸗ regeln zur Vereitlung der feindlichen Anſtalten zu treffen. Aber eben ſo unermüdlich war man auch in Oſtende, die beſchä⸗ digten Feſtungswerke wieder herzuſtellen, und die General⸗ ſtaaten ſorgten dafür, daß die Arbeiter pünktlich ihren Lohn baar ausbezahlt erhielten. Minder günſtig ließen ſich die finanziellen Verhältniſſe des Erzherzogsan, wenigſtens was die Beiträge ſeiner niederländiſchen Provinzen betraf. Die von Seiten der Flamänder, welchen ſehr viel an der Eroberung Oſtendes lag und welche auch zu dieſem Zwecke dem Erzherzog ihre Kräfte angeboten hatten, reichten für die außerordentlichen Koſten der Belagerung keineswegs aus;— die walloniſchen Provin⸗ zen benahmen ſich unter einem nicht ganz grundloſen Vorwand zurückhaltend; Brabant endlich war durch die Ausſchweifun⸗ gen der empörten Truppen allzuſehr ausgeſogen, als daß es zu den Belagerungskoſten erkleklich hätte beitragen können. Unter dieſen Umſtänden war es denn kein Wunder, daß, un⸗ geachtet alles Eifers von Seiten des Erzherzogs, die Belage⸗ rung Oſtendes gleichwohl nur einen geringen Fortgang nahm. 4 231 Schon im vorhergegangenen Jahre hatte der Staats⸗ rath, in Uebereinſtimmung mit Moritz und Wil⸗ helm Ludwig, von ſänmtlichen Provinzen die Summe von 481,000 Pfund(monatlich) zur Beſtreitung der Kriegs⸗ koſten für den diesjährigen Feldzug gefordert, und die Staaten wünſchten, daß man mit einem anſehnlichen Heere durch Brabant nach Flandern dringen und Oſtende entſetzen möchte, wozu auch Heinrich IV. und Eliſabeth rie⸗ then. Moritz war jedoch einer entgegengeſetzten Meinung. Er hielt eine ſolche Expedition für allzugewagt und deßhalb für unrathſam und brach vielmehr mit einem Heere von 23,000 Mann nach Nordbrabant auf. Er ſetzte mit demſelben von Nymwegen aus über die Maas, wandte ſich dann nach dem Stift Lüttich und zog in 15 Tagen bis vor St. Trond, (St. Truyen) woer ſich feſtſetzte, während der Feind bei Tirle⸗ mont(Thienen) ſtand, um ihm den Weg nach Brabant zu verſper⸗ ren. Denn kaum hatte der Erzherzog von den Rüſtungen der Staaten Nachricht bekommen, als er ſeine Kriegsmacht zuſam⸗ menzog, welche durch achttauſend Italiäner und Spanier ver⸗ ſtärkt worden war. Es brachte ſie der Marcheſe Ambroſio Spinola, ein genueſiſcher Edelmann, Bruder jenes Fede⸗ rico Spinola, welcher mit ſeinen Galeeren die Gewäſſer der Republik unſicher machte. Ein herrliches Dioskurenpaar, dieſe Brüder aus Genua! Ein großartiger ritterlicher Sinn trieb ſie heraus aus engeren Lebensverhältniſſen auf den weiten Kampfplatz, wo noch im⸗ mer um nichts Geringeres als die Entſcheidung zwiſchen einer neuen und alten Weltordnung gefochten ward; denn ſo und nicht anders läßt ſich wohl ein mehrmals dreißigjähriger Krieg bezeichnen, wobei es ſich einerſeits um die Weltherrſchaft des römiſchen Katholizismus oder um die Selbſtſtändigkeit des Pro⸗ 232 teſtantismus, anderſeits in innigſter Verbindung mit dieſem erſteren Motiv um den Beſtand des Abſolutismus oder die Behauptung einer republikaniſchen Staatsform mitten unter Monarchieen handelte. In dieſem Kampf der Intereſſen, von denen die Wendung der Weltordnung abhing, traten nun die beiden Spinola's freudigen Herzens, hingeriſſen von der alten royaliſtiſch⸗katholiſchen Romantik, ohne egoiſtiſche Nebenabſich⸗ ten, aber voll Begierde nach Ruhm. Sie brachten der Parthei, für welche ſie auftraten, ihre ganze Thatkraft, ihre ganze Ausdauer, ihre ganze Genialität. Mit gleicher Befähigung ſtanden die ſeltenen Brüder nebeneinander; nur durch das Glück, möchte man ſagen, ließen ſie ſich unterſcheiden. Fede⸗ rico, dem es weniger günſtig war, hatte mehr Gelegenheit, ſich durch romantiſche Abentheuer einen Rang als poetiſcher Held zu erwerben. Auch wurde er allzuraſch aus ſeiner Lauf⸗ bahn durch den Tod abgerufen. Ambroſio konnte ſeine glänzende Genialität länger verwerthen, und darum beſſer. Als Ambroſio in den niederländiſchen Krieg eintrat, dem Prinzen Mo⸗ ritz ein ſo wahrhaft ebenbürtiger Gegner, daß Beide ſich wech⸗ ſelſeits hoch ſchätzen mußten, ſtand er in der Fülle ſeiner Kraft; er zählte erſt dreißig Jahre. Wie Moritz begann er ſeine Lauf⸗ bahn eigentlich unerfahren; wie dieſer machte er jede ſeiner Erfahrungen zur Aufgabe für alte Kriegsmänner, ſeine Feldzüge zur Schule der Kriegskunſt. Doch wir kehren nach dieſer Abſchweifung zu der Stellung Moritzens und des feindlichen Heeres bei St. Trond und Tirlemont zurück. Ueber das letztere Heer führte der in der Schlacht bei Nieuwpoort gefangene, aber ſpäter wieder freige⸗ laſſene Admiral von Arragonien, Don Mendoza den Ober⸗ befehl. Es war ſchwächer als das Moritzens, und vergeblich ſuchte Dieſer ſeinen klugen Gegner zu einer Schlacht zu verlocken⸗ 233 Mendoza wußte zu gut, wieviel dabei auf's Spiel geſetzt würde, und beſchränkte ſich darauf, ſich vor dem gewandten Moritz keine Blöße zu geben. Moritz war darüber nicht wenig ver⸗ droſſen; er ſah die Unmöglichkeit, ſich zwiſchen den feindlichen Städten tiefer nach Brabant zu wagen, zumal, da er keine Ausſicht hatte, für ſein Heer einen hinreichenden Vorrath von Lebensmitteln zu erhalten. Er beſchloß deßhalb den Rück⸗ zug nach der Maas, bemächtigte ſich jedoch des Schloſſes Helmont und belagerte hierauf(am 18. Juli) die Stadt Grave. Nach genommener Berathſchlagung mit dem Erzher⸗ zog folgte ihm Mendoza endlich und verſuchte, die Beſatzung der Stadt zu verſtärken. Als dies Unternehmen mißlang, brach er in aller Stille auf und zog mit ſeinen Truppen nach Venlo. Dieſer vergebliche Zug nach Grave war Mendoza's letzte militäriſche Operation in den Niederlanden, welche er bald darauf verließ, um nach Spanien zurück zu kehren. Nach einer zweimonatlichen Belagerung ergab ſich endlich Grave(am 19. September 1602) dem Prinzen Moritz. Dieſer ließ ſich dort huldigen,(weil die Stadt zu den Herrlichkeiten ſeines Va⸗ ters gehörte), dankte hierauf einen Theil ſeiner Reiterei ab und ließ ſeine übrigen Truppen die Winterquartiere beziehen. Ein ſo geringes Reſultat hatte dieſer Feldzug für die Republik, welche nur den Vortheil dabei erlangt hatte, daß durch die Eroberung Grave's die Vertheidigungslinie zwiſchen Breda und Nym⸗ wegen ergänzt wurde. Bei weitem beſſer ſchien Moritzen eine durchgreifende Empö⸗ rung der feindlichen Truppen zu Statten zu kommen, welche wieder unter den Italiänern ausgebrochen war und bald eine für den Erzherzog im höchſten Grade gefährliche Ausdehnung und Hartnäckigkeit angenommen hatte. Ein Haufe rebelliſcher Reiter hatte ſich(mit Bewilligung der Beſatzung) in das 234 Schloß zu Hoogſtraaten(nicht weit von Breda) geworfen, welches nun der Mittelpunkt des raſch organiſirten revolutionä⸗ ren Militärſtaates wurde. Grund und Veranlaſſung dieſer neuen Meuterei, welche bei weitem umfaſſender, als alle bis⸗ herigen war, lagen abermals in dem Krebsſchaden der Finanz⸗ verlegenheiten. Die Meuter von Hoogſtraaten bildeten eine eigene Republik, welche ſie die„Escadron“ nannten, mit einem durch den freien Geſammtwillen erkorenen Oberhaupte (dem„Eletto“) und ſelbſtgegebenen ſtrengen Geſetzen.*) Ihre Exiſtenz begründeten ſte auf die Gewalt; das platte Land ringsum, welches ſie plündernd auf und ab zogen, mußte ihnen die Subſiſtenzmittel liefern. Es waren ihrer nicht weniger als 10,000 Mann Fußvolks und 2000 Mann Reiter. Der Erzher⸗ zog erklärte ſie durch ein offenes Placat für Rebellen gegen *) Man findet ſie bei Meeteren. XXIV. Buch. Sie nahmen nur ſolche Männer zu ihren Kameraden an, von deren Handel und Wandel ſie guten Bericht hatten; jeder neue Ankömmling mußte einige Prügel aushalten(zur Strafe, daß er ſich nicht ſchon füher der„Escadron“ angeſchloſſen,) und auf das Kruzifix beſchwören, ſich der Ordnung zu unterwerfen, unter folgenden Strafen. Wer zum Schlafen die Kleider ausgezogen, wurde dreimal gewippt; wer zu einem Allarm nicht zugelaufen, wurde mit dicken Prügeln behandelt („Pfälſchlagen“); wer auf dem Poſten ſchlafend gefunden worden, etwas geſchwätzt, worüber ein Allarm entſtanden, wer die Wache verſäumte, oder ohne Meldung Briefe nach dem Schloſſe brachte, erhielt die Strappecorda. Jeder Diebſtahl wurde mit Erſchie⸗ ßen, Fortlaufen mit Erhängen beſtraft; wer ein Duell hatte oder nur die Wehr zuckte, wurde durch die Spieße gejagt. Flucher nnd Schwörer wurden 24 Stunden lang(ohne Eſſen und Trinken) in einem Korb unter dem Galgen aufgehängt, ebenſo Spieler; wer heimlich ein Geſchenk annahm, wurde ſeines Amts entſetzt und be⸗ ſtraft u. ſ. w. Die Frauen der Soldaten durften nicht zu ihren Männern ins Schloß zu Hoogſtraaten kommen, ſondern mit ihnen bloß durchs Gitter ſprechen, wenn ſie ihnen Lebensmittel brachten. Sie befanden ſich in der wohlverſchanzten Ortſchaft bei der Reiterei. den König, für Verräther des Vaterlandes. Seine Aufforderung zur Unterwerfung fruchtete nichts. Sie erwiederten in einem Gegenmanifeſt:„Wie leicht der Fürſt zu reden habe, der einer ſo prachtvollen Hofhaltung pflege, während ſie hungern müßten! Das Land möge es ihnen nicht übel nehmen, daß ſie, in ihrer höchſten Noth, daſſelbe für das in Anſpruch nähmen, was ihnen der Fürſt ſchulde.“ Albrecht ſandte den Grafen Friedrich van den Berg mit 10,000 Mann gegen die Meuter; da entſchloſſen ſie ſich, den Prinzen Moritz um Beiſtand anzu⸗ gehen. Gerne gewährte ihn Dieſer, und die Meuter verſprachen ihm dafür, daß ſie ihn während des Feldzuges vom Jahre 1603 eifrig unterſtützen würden; ſollte jedoch der Fall eintreten, daß ſie ſich mit dem Erzberzog wieded verſöhnen könnten, dann wollten ſie(wozu ſie ſich verpflichteten,) vier Monate lang nicht gegen die Republik kämpfen.*) Nun beſchloß Moritz, im Vertrauen auf die neue ſeltſame Verſtärkung ſeiner Macht, einen Plan auszuführen, welcher ihn ſchon ſeit dem Beginn der Belagerung Oſtendes beſchäftigte, nämlich: Herzogenbuſch anzugreifen und in ſeine Gewalt zu bringen, wodurch dann die durch die Eroberung Grave's bereits ergänzte Vertheidigungslinie zwiſchen Breda und Nym⸗ wegen noch vollends hergeſtellt worden wäre.(Am 19. Au⸗ guſt 1603) begann er, durch die Rebellen von Hoogſtraaten unterſtützt, die Belagerung von Herzogenbuſch. Seine neue Bundesgenoſſen ſtellte er bei Vlymen, auf dem Wege nach Heusden, auf, während er ſelbſt bei Vugt ſtand. Doch ſchon zog auch Graf Friedrich van den Berg in Eilmär⸗ ſchen zum Entſatz berbei, und befand ſich bereits am 22. zu *) Auf die Verbindung mit Moritz ſpielte die Umſchrift ihres Siegels an(ſieben einandergeflochtene Schlangen mit lausgeſtreckten Zun gen):„Tutto in oro, e sua Eccellenza in nostro favore 7. . 236 Dalhem. Es gelang ihm, den Weg von Vugt nach Vly⸗ men einzunehmen und dadurch die Verbindung Moritzens mit den Rebellen von Hoogſtraaten abzuſchneiden. Nun beſchloß man von erzherzoglicher Seite, zunächſt eine ſtarke Beſatzung nach Herzogenbuſch zu bringen, welches bloß von der Bür⸗ gerſchaft vertheidigt wurde. Die Letztere weigerte ſich jedoch hartnäckig, Truppen aufzunehmen. Da begab ſich der Erzher⸗ zog, durch den Grafen Friedrich van den Berg in Kenntniß geſetzt und zu Rath gezogen, im September ſelbſt nach Herzo⸗ genbuſch und erbat ſich von den Bürgern den Durchzug einer Abtheilung Fußvolkes, welches er auf der entgegengeſetzten Seite der Stadt wider den Feind einrücken laſſen wolle. Man bewilligte den Durchzug; aber kaum waren die Soldaten in der Stadt, als der Erzherzog den Magiſtrat zuſammenberief und demſelben durch eine Menge von Gründen die unabweis⸗ liche Nothwendigkeit bewies, daß man eine Beſatzung behalten müſſe. Der Magiſtrat war im Anfang beſtürzt, dann verrieth er ſeinen Mißmuth, endlich gab er nach, und ſo erhielt Her⸗ zogenbuſch eine Beſatzung von 3000 Mann Fußvolkes, worauf der Erzherzog nach Brüſſel zurückkehrte. Moritz ſah nun ein, daß er ſeinen Plan nicht werde erreichen können, und zwar um ſo mehr, da in Folge der ungünſtigen Witterung beim Beginn des Winters faſt alle Wege um Herzogenbuſch unbrauchbar gewor⸗ den waren. So hob er denn die Belagerung auf und zog ſich zu Anfang Novembers mit ſeinen Truppen zurück, um dieſe in Winterquartiere zu verlegen; die Rebellen von Hoogſtraaten verſetzte er nach der Stadt Grave und nahm ihnen einen Eid ab, daß ſie, weder dem deutſchen Boden noch dem Gebiet der Republik zur Laſt fallen ſollten. Inzwiſchen hatte das Verhältniß der Republik zu Eng⸗ land durch den Tod Eliſabeths(am 3. April 1603) und. 237 durch die veränderten Geſinnungen ihres Nachfolgers, des Kö⸗ nigs Jakob von Schottland, welcher nun auch den eng⸗ liſchen Thron beſtieg, eine Wendung genommen, die den Generalſtaaten Beſorgniſſe einflößen mußte. Jakob I. nahm zwar die Geſandtſchaft, durch welche ihm die Republik ihre Glückwünſche zur Thronbeſteigung ausdrücken, ſowie um Fort⸗ ſetzung des Beiſtands gegen Spanien bitten ließ, ſehr freundlich auf, verhehlte jedoch zugleich ſeine Abneiguung gegen den Krieg nicht, und trat wirklich mit Spanien und den beiden Erzherzo⸗ gen in Friedensverhandlungen, welche bis in's folgende Jahr hinein fortgeſetzt wurden. Dagegen kam durch die Vermitt⸗ lung des franzöſiſchen Geſandten, Marquis de Rosny, (am 30. Juli zu Hamptoncourt) eine Allianz zwiſchen Frank⸗ reich und England zu Stande, wobei die Sache der Repu⸗ blik berückſichtigt wurde. Frankreich und England verbanden ſich nämlich, zu verſuchen, daß Spanien und die Erzherzoge dem Krieg in den Niederlanden Einhalt thäten, oder wenigſtens die Generalſtaaten als Angehörige— ſei es Englands und Frankreichs, ſei es des deutſchen Reiches— betrachteten. Sollte dieſer Verſuch nicht glücken, ſo ſollten dann mit franzöſiſchem Gelde Hülfstruppen für die Republik in England geworben werden. Im Mai deſſelben Jahres(1603) wurde die Republik durch den Tod Federico Spinola's von einem kühnen Feinde be⸗ freit, welcher ſich durch keinen Unfall hatte abſchrecken laſſen, mit ſeinen Galeeren die holländiſchen und ſeeländiſchen Gewäſſer unſicher zu machen. Am 26. Mai war der gefürchtete Seeheld mit acht Galeeren aus dem Hafen von Sluis ausgelaufen, um ſich durch einen Ueberfall der Inſel Walcheren zu bemächti⸗ gen. Vor dem Hafen lagen drei Kriegsſchiffe und zwei Galee⸗ ren der Republik unter dem Kommando Joſt de Mvors, 238 bei weitem ſchwächer bemannt als die feindlichen Schiffe. Fede⸗ rico Spinola, durch einen friſchen Oſtwind begünſtigt, griff die zur Blokade des Hafens beſtimmte Flotille an und enterte. Nun aber erprobten die ſeeländiſchen Matroſen den alten Ruf ihrer unwiderſtehlichen Tapferkeit. Ein mörderiſches Treffen entſtand, in welchem die Schiffe der Republik den Sieg erran⸗ gen. Federico Spinola ſank tödtlich verwundet auf's Antlitz und wurde ſchnell in den Hafen geflüchtet. Sterbend antwortete er ſeinem Beichtvater, der ihn fragte, ob er ihm nicht irgend einen geheimen Auftrag zu geben habe:„Ich empfehle meine Sachen dem König, meine Seele Gott, und ſterbe, Beiden getreu.“ Hatte die Republik in Federico einen gefährlichen Feind verloren, ſo ſtand ihr jetzt in der Perſon Ambroſio Spi⸗ nola's ein neuer gegenüber, ihr furchtbar wie keiner ſeit Alexander Farneſe! Im Lager vor Oſtende, wo Ambroſio Spinola als Freiwilliger ſtand, hatte ihn Erzherzog Al⸗ brecht beobachtet. Nicht lange Zeit dedurfte es für Albrechts Scharfblick, um die ausgezeichneten Fähigkeiten des jungen begeiſterten Kriegers zu entdecken. Er beſprach ſich mit Spinola über die Mittel zur Eroberung Oſtendes, erprobte deſſen Genie, und ſandte ihn dann, mit Empfehlungsſchreiben verſehen, nach Spanien. Spinola eilte an den Hof, verſprach,(von küh⸗ nem Selbſtvertrauen erfüllt, daß ihm das große Werk gelingen müſſe), dem König von Spanien die Eroberung Oſtendes, ſchoß ihm Geld vor und erhielt den Oberbefehl über das Bela⸗ gerungsheer. Als man in der Armee vor Oſtende(im Juni 1603) die Nachricht davon erhielt, fühlten ſich faſt ſämmtliche Offiziere, die ſpaniſchen ebenſo wie die belgiſchen, durch die Bevorzugung eines jungen Mannes, der ſeine Geſchicklichkeit, ſeinen Muth noch nicht erprobt habe, beleidigt. Kaum war 239 jedoch Ambroſio Spinola(im Juli) nach ſeiner Zurück⸗ kunft aus Spanien bei dem Belagerungsheere vor Oſtende er⸗ ſchienen, als er auch ſogleich das Vertrauen des Erzherzogs und des ſpaniſchen Hofes rechtfertigte und den Neid der älte⸗ ren Krieger beſchämte. Da man ihm eine ſehr ausgedehnte Machtvollkommenheit ertheilt hatte, welche ſich nicht bloß auf die Leitung der Belagerung, ſondern auch auf die inne⸗ ren Angelegenheiten der Armee und die Verwal⸗ tung der Kriegskaſſen erſtreckte, ſo war er vollkommen im Stande, ſeine beſſeren Einſichten anzuwenden und, energiſch durchgreifend, alle Uebel, welche die Kraft der Armee ſo häufig lähmten, von der Wurzel auszurotten. Genau unterſuchte er den Zuſtand der Kriegskaſſen und unerbittlich beſtrafte er die geringſte Veruntreuung. Er ſchloß neue vortheilhafte Kon⸗ trakte mit den Lieferanten und wachte ſtreng darüber, daß keine Unterſchleife vorfielen. Er verpfändete ſogar uneigennützig (dieſe Eigenſchaft iſt eine der ſchönſten Zierden ſeines Charak⸗ ters) mehre von ſeinen eigenen Gütern, um den Truppen pünktlich ihren Sold ausbezahlen laſſen zu können. Eben da⸗ durch aber erſtickte er die Keime der Unzufriedenheit und der Meuterei. Durch ſeine Redlichkeit wie durch ſein einfaches, leutſeliges Benehmen gegen Jedermann ohne Unterſchied des Ranges und Standes, gewann er ſich die Herzen der Soldaten, begeiſterte er ſie zu gleicher Hingebung wie die war, von wel⸗ cher er ſelbſt für König und Ruhm erfüllt war. Anderſeits beſchäftigte er die kenntnißreichſten Ingenieurs und betrieb die Belagerung Oſtende's nach einem neuen Plane. Nicht mehr ſollten die Belagerer Zeit und Mühe daran ver⸗ ſchwenden, den Hafen zu beſetzen und den Belagerten die Zufuhr abzuſchneiden. Spinola hielt dies Unter⸗ nehmen für unausführbar, und erwartete ſich nur von einer 240 mit verdoppelter Anſtrengung, mit erhöhter Ausdauer unter⸗ nommenen Belagerung von der Landſeite her einen günſtigen Erfolg.— Zu dieſem Ende ſuchte er den Kreis, von welchem der Wi⸗ derſtand ausging, immer mehr zu verengen, und vertrieb allmählig die Belagerten aus allen jenen Außenwerken, welche ſie bisher behauptet hatten, ſo daß ſie ſich in die Stadt zurück⸗ ziehen mußten. Jeder Schritt weiter, welchen die Belagerer nach dem Plane des genialen Spinola gewannen, koſtete der Krone Spaniens Summen, koſtete zahlreiche Menſchenleben. Selbſt durch die Strenge des Winters ließ ſich Spinola in ſei⸗ nem Werke nicht abhalten. Er hatte ſein Wort verpfän⸗ det: Oſtende zu erobern, und er wollte lieber ſterben, als durch ein Aufgeben des Planes dem Spotte anheimfallen, welcher ſich bereits aller Orten regte, da die Belagerung nun ſchon in's vierte Jahr währte und die beiſpielloſe Tapferkeit der Beſatzung noch eine längere Dauer derſelben in Ausſicht ſtellte. Kaum hatten die Belagerer mit unſäglicher Anſtrengung, mit dem größten Verluſt an Braven irgend ein Bollwerk ero⸗ bert, ſo ſahen ſie ein anderes wieder vor ſich, welches wie durch übernatürliche Kräfte glötzlich aus der Erde emporgereift zu ſein ſchien. Das Innere der Stadt hatte dadurch eine ganz veränderte Geſtalt gewonnen. Ja, faſt konnte man Oſtende gar keine Stadt mehr nennen, ſondern nur ein Labyrinth von Bollwerken; jedes Quartier war beſonders befeſtigt; ſtatt der Häuſer und Straßen ſah man immer mehr bloß Wälle und Gräben. Mittlerweile hatten jedoch die Fortſchritte des unermüdlichen Spinola die gerechte Beſorgniß der Generalſtaaten der Republik um das endliche Schickſal Oſtendes erweckt. Man zweifelte kaum mehr, daß Spinola dennoch den Preis ſeiner 241 Kenntniſſe und Ausdauer erringen würde, und es wurde deß⸗ halb im Jahr 1604 beſchloſſen, eine Expedition gegen Sluis in Flandern zu unternehmen. Ein zwiefacher Zweck lag hier zu Grunde. Entweder: es gelang nämlich, dadurch die Kräfte Spinola's noch in einem entſcheidenden Augenblick von Oſtende abzuziehen;— oder, wenn nicht, wenn Oſtende für die Republik wirklich verloren ging, ſo gewährte der Beſitz des zu erobernden Sluis dafür eine Entſchädigung; ja Sluis war durch ſeine Lage näher gegen Seeland hin zur Deckung dieſer Provinz für die Republik beinahe noch wichtiger als Oſtende. 4 Prinz Moritz brach denn zu Anfang Aprils 1604 mit 15,000 Mann zu Fuß und 2500 Reitern zur Belagerung von Sluis auf. Er nahm ſeinen Weg durch das„zwarte Gat“ nach Kadzand, eroberte die Schanzen St. Katha⸗ rina und Philipp, ſo wie das Schloß Nzendyke, be⸗ ſetzte Aardenburg und das Schloß von Middelburg, und hatte ſomit die ganze weſtliche Grenze Flanderns nach Seeland zu in ſeiner Gewalt. Vergeblich wollte Don Luis de Velasco, welchen der Erzherzog mit einer Truppenabthei⸗ lung gen Sluis entſendet hatte, dem Prinzen den Uebergang über den Kanal verſperren, welcher von Sluis nach Damme führte. Moritz griff die durch eine Redoute vertheidigte Brücke an, bemeiſterte ſich derſelben und warf ſeinen Gegner Ve⸗ lasco mit einem bedeutenden Verluſte zurück. Hierauf gewann er alle Schanzen, welche den Kanal deckten, und umgab nun Sluis. Vergeblich verſtärkte der Erzherzog die Be⸗ ſatzung dieſer Stadt, was derſelben jedoch mehr Schaden, als Vortheil brachte, da Sluis für die größere Menſchenzahl nicht hinlänglich mit Lebensmitteln verſehen war. Moritz erfuhr dies und änderte nun ſeinen früheren Plan dahin ab, daß er die III. 16 242 Belagerung in eine Blokade verwandelte, um Sluis durch Aushungerung zur Uebergabe zu zwingen und zugleich ſeine eigene Armee zu ſchonen. Der Erzherzog ſuchte Sluis um jeden Preis zu zciten. Um ſeine Truppen zu verſtärken, trat er mit den Meu⸗ tern von Hoogſtraaten, welche mittlerweile, ihrem Ver⸗ ſprechen zuwider, in Geldern, wie auch in Brabant und auf deutſchem Boden verheerende Streifzüge unternommen hatten, in Unterhandlungen. Dieſe führten zu dem Reſultate, daß ſich die Meuter(wenigſtens zum größten Theil, Einige rraten nämlich in die Dienſte der Republik über,) wieder un⸗ zerwarfen, gegen das Verſprechen eines Generalpardons und der Ausbezahlung ihrer Soldrückſtände, wofür ihnen der Erzherzog die Stadt Roeremonde zum Pfande einräumte. Hierauf gaben ſie gewiſſenhaft die Stadt Grave den Gene⸗ ralſtaaten zurück und traten wieder in die alten Dienſte. Der Erzherzog entbot nun zweitauſend Mann von ihnen nach Flandern, und beauftragte ſodann den Marcheſe Spi⸗ nola, mit einem Korps von 6000 Mann zu Fuß, 2000 Rei⸗ zern und 10 Geſchützen zum Entſatze von Sluts aufzubrechen. Spinola gehorchte ungern, denn ſchon ſtand er vor Oſtende im Begriffe, die letzten Bruſtwehren zu ſtürzen. Doch, er ge⸗ horchte, und hinterließ die gemeſſenſten Befehle, einſtweilen die Belagernng Oſtende's nach ſeinem Plane mit dem größ⸗ ten Nachdruck fortzuſetzen. Er rückte gegen Sluis vor und fuchte den Prinzen Moritz, ſo wie den Grafen Wilhelm Ludwig aus ihren Stellungen zu vertreiben. Dies gelang ihm nicht; er mußte ſich zurückziehen, und beſchloß nun nach der Inſel Kadzand über zu ſetzen, um den Feind von dort aus anzugreifen. Doch auch dieſer Plan ſcheiterte an dem tapferen . 243 Widerſtande der im Dienſte der Republik ſtehenden Truppen, durch welche Moritz das Ufer von Kadzand hatte beſetzen laſſen. Spinola überzeugte ſich endlich, daß Sluis nicht zu retten ſei, und überließ es denn ſeinem Schickſale, um ſei⸗ nen höheren Zweck, die Eroberung Oſtende's, raſch zu erreichen. Bald unterlag Sluis der furchtbarſten Hungers⸗ noth und ergab ſich denn endlich(nach drei Monaten) am 20. Auguſt auf Kapitulation; bei'm Abmarſch ſank mehr als ein Soldat von der Beſatzung, welche freien Abzug erhalten hatte, vor Entkräftung ohnmächtig zuſammen; die Beſatzung war 3000 Mann ſtark. Moritz erbeutete 10 Galeeren und 70 Stücke Geſchütz, befreite die Galeerenſklaven und verſtärkte die Feſtungswerke. Die Generalſtaaten der vereinigten Provinzen übertrugen die Statthalterſchaft über jenen Theil von Flandern, welchen Moritz für die Republik gewonnen hatte, dem Bruder deſſelben, dem jungen Grafen Heinrich Friedrich. Als Spinola von ſeiner erfolgloſen Expedition in's Lager vor Oſtende zurückkehrte, überzeugte er ſich mit Vergnügen, daß die Armee ſeine hinterlaſſenen Verhaltungsbefehle eifrig be⸗ folgt und die Angriffe nach ſeinem Plane auf's Lebhafteſte fort⸗ geſetzt hatte. Er beeilte ſich jetzt, ſein Werk zu Ende zu brin⸗ gen. Schon lag die halbe Stadt in Trümmern; ſchon waren ſich Belagerer und Belagerte ſo nahe, daß ſie ſich wechſelſeitig zurufen, daß ſie ſich mit ihren langen Piken erreichen konnten; ſchon begonnen die Erſteren, die Altſtadt zu untergraben. Da zweifelte der Kommandant von Oſtende, Daniel de Her⸗ taing, Herr von Marquette, die Stadt länger halten zu können, und ließ bei Moritz anfragen, ob er die Sache auf's Aeußerſte ankommen laſſen ſolle. Die Generalſtaaten und Moritz entſchieden ſich für die Uebergabe, da ſie ſich für zu 244 ſchwach hielten, einen Entſatz zu bewerkſtelligen. Deßhalb be⸗ auftragten ſie denn den Herrn von Marquette, Oſtende auf ehrenvolle Bedingungen dem Feinde zu über⸗ geben. Kaum war Marquette davon in Kenntniß geſetzt, als er raſch beſonnen ſeine letzte Pflicht erfüllte, die er der Republik und den Bewohnern Oſtendes ſchuldig zu ſein glaubte. Er ließ nämlich alle Ingenieurs, proteſtantiſchen Prediger und Ueber⸗ läufer, ſo wie die Geſchütze mit Munition, den Proviant und alles bewegliche Gut von irgend einem Werth zu Schiff nach Holland und Seeland bringen; nur einen Trümmerhaufen ſollten die Feinde als Preis ihrer Anſtrengungen und Verluſte finden. Hierauf bot er ihnen die Kapitulation an, welche am 2. September 1604 abgeſchloſſen wurde, nachdem die Belagerung drei Jahre, zehn Monate und ſiebenzehn Tage ge⸗ dauert und beide Theile, Belagerte wie Belagerer, im Ganzen 100,000 Menſchen dabei verloren hatten, die Letzteren insbe⸗ ſondere 72,000 Mann! Die Koſten der Vertheidigung, welche die Generalſtaaten beſtritten, beliefen ſich monatlich auf 100,000 Gulden. Aber auch Spanien, welches noch immer ſo bedeutende Summen auf den niederländiſchen Krieg verwen⸗ dete und dadurch ſeinen Einfluß über die belgiſchen Angelegen⸗ heiten erhalten wollte, hatte ſich dabei ziemlich erſchöpft. Die Bedingungen, unter welchen ſich Oſtende ergab, waren der Tapferkeit der Beſatzung eben ſo würdig, als Spi⸗ nola durch Anerkennung derſelben ſich ſelbſt ehrte. Die Be⸗ ſatzung erhielt freien Abzug mit allen kriegeriſchen Ehren; die beiderſeitigen Gefangenen wurden ausgewechſelt, für die Kran⸗ ken Fuhrwerke zum Transport herbeigeſchafft. Die übrigen Be⸗ wohner Oſtendes erhielten gleichfalls die Erlaubniß zum freien Abzuge, welche ſie auch benutzten, denn, da ſie ſtreng prote⸗ ſtantiſch geſinnt waren, ſo wollen ſie unter katholiſcher 245 Herrſchaft nicht bleiben. Sie überſtedelten nach Sluis. Per⸗ ſöhnlich ehrte Spinola noch den Herrn von Marquette und die vornehmſten Offiziere, indem er ſie zur Tafel zog und glänzend bewirthete. Nachdem nun die Beſatzung und faſt alle Bürger Oſtende verlaſſen hatten, hielten Albrecht und Iſabella, welche von Gent herbei gekommen waren, ihren Einzug über die rauchenden Trümmern, über die verſtümmelten Leichen. Ein ſchauderhafter Anblick— dieß öde Labyrinth von zerſchoſſenen Wällen und zerſtückelten Mauern, von Gräben voll Körpern! Spinola empfing das Fürſtenpaar; Iſabella weinte, als ſie den großen Schutthaufen ſah, welcher einſt— Oſtende hieß. Um dieſen Schutthaufen zu gewinnen, waren Millionen Goldes hingegeben, waren 100,000 Menſchen hingeopfert wor⸗ den! Die frommen Fürſten unternahmen eine Wallfahrt, um Gott für den Sieg zu danken, ließen dann die Feſtungswerke wieder herſtellen und luden männiglich zur Niederlaſſung in Oſtende ein. Große Freiheiten und Vergünſtigungen wurden Jedem, der ſich daſelbſt anbauen wolle, verſprochen. Doch einige Jahre hindurch kamen nur Wenige, welche auf dieſem großen Kirchhofe wohnen wollten. Die tapfre Beſatzung(3000 Mann ſtark) war mitten durch die Feinde nach Sluis gezogen. Den Heldenmuth ehrend hatte ſie Prinz Moritz dort entblößten Hauptes empfangen und ihr für die Dienſte gedankt, welche ſie dem Vaterlande geleiſtet. Es war ein ergreifendes Schauſpiel. So hatte denn nun Spinola ſein Wort gelöſt und ſeinen Namen unvergeßlich gemacht. Das Jahr 1604 ſah nach dem Fall Oſtendes keine kriegeriſche Thä⸗ tigkeit mehr. Dagegen war bereits vor der Kataſtrophe (nämlich zu London am 28. Auguſt) der Friede zwiſchen 246 Jakob I., König von Großbrittanien, der Krone Spanien und den Erzherzogen abgeſchloſſen worden. Die niederlän⸗ diſchen Angelegenheiten waren darin folgenderweiſe betheiligt, daß keine von den drei Mächten die Feinde oder Rebellen der anderen unterſtützen, daß ſie wechſelſeits mit ſolchen kein Bündniß ſchließen, noch derartige bereits geſchloſſene Bündniſſe, durch welche der eine oder andre Theil beeinträchtigt würde, ferner beſtehen laſſen ſolle. Ferner ſollten die engliſchen Be⸗ ſatzungen in den von der Republik verpfändeten Städten der Letz⸗ teren keinen Beiſtand leiſten. Jakob I. wollte der Republik eine Friſt ſetzen, binnen welcher ſie ihre Verſöhnung mit Al⸗ brecht und Iſabellen bewerkſtelligen könne; nach Ablauf dieſer Friſt halte er ſich aller früher eingegangenen Verpflichtungen ledig und werde auch über die Pfandſtädte nach Recht und Bil⸗ ligkeit verfügen.— Somit hatte denn die Republik jetzt einen Bundesgenoſſen ver⸗ loren. Aber ſie fühlte die in ihrer Selbſtſtändigkeit liegende Kraft allzugut, als daß ſie darüber hätte in Be⸗ ſorgniß gerathen können. Dies hatte ſie bereits kundgegeben, als ſie die an ſie ergangene Einladung: jenem Frieden beizu⸗ treten, ablehnte. Sie fühlte die Kraft in ſich, einen ſolchen Frieden zu erringen, welcher ihre Unabhängigkeit garan⸗ tirte. Und nicht eher, unter keiner anderen Bedin⸗ gung wollte ſie zum Frieden überhaupt die Hand bieten, nicht eher das Schwert niederlegen! Zweites Kapitel. Spinola hegte nach der Einnahme Oſtende's die kühnſten Pläne zur unausbleiblichen Unterwerfung der Republik. Doch bevor er an die Ausführung dieſer Pläne denken konnte, legte er dieſelben dem König von Spanien vor, zu welchem Ende er ſich noch im Jahre 1604 nach Madrit begab. Phi⸗ lipp III. empfing den ritterlichen Helden des ſpaniſchen Inte⸗ reſſes und des Katholizismus mit der höchſten Auszeichnung, ertheilte ihm den Orden des goldenen Vlieſſes, ſowie den Rang eines Grande von Spanien, und billigte vollkommen den vor⸗ gelegten Entwurf des neuen Feldzuges. Als Oberfeldherr der ſpaniſch⸗erzherzoglichen Heere in den Niederlanden, mit Geld und Wechſeln reichlich verſehen, kehrte Spinola, nach einem kurzen Aufenthalt am ſpaniſchen Hofe, wieder auf den Schau⸗ platz ſeiner Thätigkeit. Sein Plan beſtand darin: zwei große Armeen aufzu⸗ ſtellen, von denen die eine das Gebiet der Erzherzoge mit allem Nachdruck gegen die Angriffe Moritzens zu be⸗ ſchützen im Stande ſei, während die andere über die Ströme in den Kern der Republik eindringen und die nordöſtlichen Landſchaften und Städte wieder erobern ſollte, welche ſeit den Zeiten Parma's mit jener vereinigt waren. Zu dieſem Ende verſtärkte Spinola die ihm untergebene Heeresmacht durch friſche Werbungen in Italien, Luxemburg, England, Schottland 248 und Irland. Aber auch die Republik hatte ihre Truppen be⸗ deutend verſtärkt, und auf den Rath Heinrichs IV. von Frankreich beſchloſſen die Generalſtaaten, nicht abzuwarten, bis die feindliche Armee vollzählig ſei, ſondern einen raſchen An⸗ griff gegen das feindliche Gebiet zu unternehmen. Antwer⸗ pen wurde dazu auserſehen und Moritz erhielt Befehl, die Expedition zu übernehmen. Doch Spinola bekam noch früh⸗ zeitig genug davon Nachricht, um ungeſäumt alle Anſtalten zur Vereitlung dieſes Unternehmens treffen zu können. Er verſtärkte die Beſatzung Antwerpens und ſchlug die Vorhut des repu⸗ blikaniſchen Heeres unter dem Grafen Ernſt Kaſ imir von Naſſau. Moritz mußte ſich zurückziehen und beantragte nun bei den Generalſtaaten: am Rhein die Defenſive zu be⸗ haupten. Die Generalſtaaten waren einer entgegengeſetzten Meinung; ſie geboten Moritz die Beſchützung der in Flan⸗ dern eroberten Landſtriche und, wenn möglich, auch einen An⸗ griff auf Sas von Gent. Bald bewährte es ſich, daß Moritzens militäriſcher Scharf⸗ blik ganz richtig geſehen. Durch meiſterhafte Heeresbewegungen verhinderte Spinola das republikaniſche Heer in Flandern an jeder entſcheidenden Unternehmung, und als er ſeine Armee endlich vollzählig hatte, ließ er den Grafen Boucquoy mit einer Truppenabtheilung nach dem Rhein zu marſchiren, wäh⸗ rend er mit anderen Breda, Bergen⸗op⸗Zoom und Grave bedrohte, um vom Rhein die Aufmerkſamkeit des Fein⸗ des abzuziehen und deſſen Kräfte zu zerſplittern. Naſch ſandte nun Moritz ein Korps unter ſeinem Bruder Heinrich Frie⸗ drich nnd dem Grafen Ernſt Kaſimir nach Rheinberg. Aber ebenſo raſch folgte Spinola ſelbſt mit ſeiner Haupt⸗ macht dem Grafen Bouqnoy an den Rhein,(nachdem er den Grafen Friedrich van den Berge mit einem ſtarken 249 Korps in Flandern zurückgelaſſen hatte) und bald vereinigte er ſich(bei Ruhrort) mit Boucquoy. Er beſchloß, Rhein⸗ berg für jetzt nicht anzugreifen, ließs Boucquoy mit 6000 Mann bei Kaiſerswerth und zog mit 11,000 Mann in Eilmärſchen durch das Herzogthum Kleve und durch Weſtphalen nach Over⸗Yſſel. Dort eroberte er(am 7. Auguſt 1605) Oldenzeel, und nach einer neuntägigen Belagerung(am 18. deſſelben Monats) Lingen. Spinola's Kühnheit und Glück zwangen nun den Prinzen Moritz, ſeine Stellung in Flandern zu verlaſſen. Er über⸗ gab dem Herrn van der Noot die Behauptung der dortigen Eroberungen, und zog in Eilmärſchen nach Deventer, wo er ſeine Truppen verſtärkte. Es war ein Glück für die Republik, daß Spinola die Vortheile im Gefolge ſeines Sieges nicht raſch benützte, ſondern ſich in Lingen mit Ausbeſſerung der Feſtungswerke aufhielt. Dadurch gewann Moritz Zeit, die nächſten feſten Plätze raſch zu verſtärken. Hätte Spinola den paniſchen Schrecken, welchen die Eroberung Lingens im ganzen Lande hervorbrachte, ſchnell genug benützt, ſo würde er, wie man glaubt, mit leichter Mühe, Koeverden, die Bour⸗ tange, ſelbſt Gröningen haben überwältigen können. Er zog hierauf in der Mitte September von Lingen an den Rhein zurück, nahm ſeine Stellung bei Ruhrort und ſandte den Grafen Boucquoy zur Eroberung des Schloſſes Wach⸗ tendonk ab, welches ſich ihm am 28. Oktober ergab. Bald darauf nahm Boucquoy auch das Schloß Krakou ein. Moritz hatte indeſſen, ſowie ſein Gegner wieder an den Rhein gezogen war, gleichfalls ſeine bisherige Stellung bei Koeverden verlaſſen und war Jenem gefolgt. Er hielt mit ſeinem Heere bei Weſel und, da er glaubte, daß das feind⸗ liche durch die Entfernung der Mannſchaft unter Boucquoy 250 geſchwächt ſei, ſo beſchloß er daſſelbe anzugreifen. Die feind⸗ liche Reiterei lag nebſt einigen Abtheilungen des Fußvolks bei Mühlheim an der Ruhr, in ziemlich weiter Entfernung von der Hauptmacht. Deßhalb wollte denn Moritz jenen Theil zuerſt angreifen, überwältigen und dann auf die Haupt⸗ macht losrücken. Zum Glück für Spinola zögerte die Rei⸗ terei der Republik mit dem Angriff, weil ſie noch das Fußvolk abwarten wollte; indeſſen erfuhr Spinola den Plan, zog raſch ſeine Trnppen zuſammen und ſtellte ſie in Schlachtordnung. Als Heinrich Friedrich mit ſeiner Reiterei nach Mühl⸗ heim hineinſprengte und ſtatt der Freunde, welche er erwartete, die Feinde in Schlachtordnung fand, ergriff ein paniſcher Schrecken die Niederländer, und ſie flohen, bis auf eine kleine Zahl tüchtiger Kriegsleute, welche bei Heinrich Friedrich ausharrten. Dieſer zog mit ihnen dem Oberſten Bax zu Hülfe, der inzwiſchen mit den Feinden zuſammengetroffen war und ſich nach tapferem Kampf eben bereits zurückziehen wollte. Nun begann der Kampf aufs Neue und ſchon ſchien ſich das Glück für die Niederländer zu entſcheiden, als auch die ſpaniſchen Truppen unerwartet Sukkurs erhielten. Da brach zum zwei⸗ tenmal Schrecken den Muth der Niederländer. Sie flohen; doch abermals hielt Heinrich Friedrich ritterlich fortkäm⸗ pfend feſten Stand gegen die Ueberzahl. Schon faßte ihn ein ſpaniſcher Hauptmann an der Feldbinde, um ihn gefangen zu nehmen. Da zielte der Oberſt Bax auf den Feind, ſchoß ihn nieder und befreite ſo den jungen Helden. Während alles Dies vorging, befand ſich Moritz(nach dem Angriffsplan) auf dem entgegengeſetzten Ufer der Ruhr. Als er jetzt ſah, daß der Plan in Folge der erſten Verzögerung mißlungen war, ſuchte er wenigſtens die jenſeits der Ruhr befindlichen Truppen zu ret⸗ ten und ließ deßhalb einige Regimenter Fußvolks über den Fluß 251 ſetzen, welche ſogleich mit eingelegten Lanzen gegen die feindli⸗ chen Reiter heranrückten und ſie zurückdrängten. In dieſem Augenblick bediente ſich Spinola einer Kriegsliſt, um den Muth ſeiner Gegner zum dritten Mal zu betäuben. Plötzlich hörten nämlich die Niederländer von verſchiedenen Seiten her Trommelwirbel und wähnten nun, daß Spinola's ganze Heeres⸗ macht heranzöge; da wichen ſie aufs Neue und Moritz ſah ſich nun genöthigt, ſeine frühere Stellung wieder einzunehmen. Dies hitzige Gefecht bei Mühlheim an der Ruhr fand am 9. Oktober ſtatt. Noch in demſelben Monat unternahm Mo⸗ ritz einen Anſchlag, um ſich der Stadt Gelder zu be⸗ mächtigen, doch gleichfalls ohne Erfolg. Anderſeits mißlang dagegen auch ein Ueberfall der Spanier unter dü Terrail auf Bergen⸗op⸗Zoom(in der Nacht vom 21. auf den 22. November). Der Feldzug vom Jahre 1605 war nun ge⸗ ſchloſſen. Spinola hatte in derſelben manchen Vortheil ge⸗ wonnen, die Republik Verluſte erlitten. Beide Gegner, Spinola und Moritz, ließen ihre Truppen die Winter⸗ quartiere beziehen. Zur See gewann die Republik im Juni deſſelben Jahres einen Sieg, welchen ſie jedoch durch Barbarei ſchändete. Seit dem Frieden Spaniens mit England hatte eine ſpaniſche Flotte vor der Seemacht Englands nichts mehr zu befürchten, und ſo hatte man denn in Spanien Spinola's Rath befolgt, die Hülfstruppen für Flandern fortan auch zur See durch den Kanal zu ſchicken, welcher Weg bei weitem kürzer und we⸗ niger koſtſpielig war, als der bisherige durch Italien. So wurden denn. 1200 ſpaniſche Veteranen unter dem Oberſt Don Pedro de Sarmiento eingeſchifft, um nach Flandern gebracht zu werden. Die Generalſtaaten erfuhren Dies und beſchloſſen, ihrem Erbfeinde den Seeweg durch ein abſchrek⸗ kendes Beiſpiel für immer zu verleiden. Sie ſchickten deßhalb den Lieutenant⸗Admiral von Seeland Hautain mit einer Flotte in den Kanal, wo er die feindlichen Schiffe auffangen und die gefangene Bemannung, auf ausdrücklichen Befehl, ohne Gnade ertränken laſſen ſollte. Hautain ließ einen Theil ſeiner Flotte längs der flamändiſchen Küſte, den Reſt längs der eng⸗ liſchen kreutzen und traf den Feind auf der Höhe von Dover. Als er denſelben erkannte, griff er raſch an und es gelang ihm nach einem tapfren Kampfe der Spanier, die Hälfte der Schiffe zu erobern oder in den Grund zu bohren. Einige Schiffe flüch⸗ teten ſich gegen die engliſche Küſte zu und wurden von den Seeländern bis in die Schußweite des Schloſſes zu Dover ver⸗ folgt, deſſen Beſatzung auf die Seeländer feuerte, ein deutlicher Beweis, wie der Friede Englands mit Spanien bereits wirkte! Diejenigen von den ſpaniſchen Veteranen, welche glück⸗ lich die engliſchen Küſten erreichten, blieben dort bis zum De⸗ zember und erlagen zum Theil dem rauhen Klima, zum Theil wurden ſie heimlich nach Flandern übergeſchifft. An Zweihun⸗ dert von ihnen aber, welche in die Gefangenſchaft der See⸗ länder gefallen waren, wurde der barbariſche Befehl der Generalſtaaten nur allzupünktlich befolgt. Die Seeländer ban⸗ den ſie, je zu zwei, Rücken an Rücken, zuſammen, und warfen kaltblütig die Wehrloſen in die See! Als Spinola von ſeinem Feldzuge nach Brüſſel zurück⸗ gekehrt war, verabredete er dort mit dem Erzherzog den Kriegsplan für das nächſte Jahr, welcher wieder auf der Ab⸗ ſicht gründete: in den Kern der Republik einzudringen; zwei Heere ſollten— das eine über die Yſſel, das andere über die Waal— ſetzen. So wollte er zuerſt nach Fries⸗ land und zu gleicher Zeit über Utrecht nach Holland vor⸗ rücken. Die Republik beſchränkte ſich diesmal blos auf die 253 Defenſive, zum Theil aus Sparſamkeit, zum Theil aus Vorſicht. Spinola begab ſich nun, nachdem er mit dem Erzherzog zu Brüſſel den Plan des Feldzuges für 1606 beſprochen hatte, im Januar dieſes Jahres wieder perſoͤnlich an den ſpaniſchen Hof, um den Plan auch dort zur Genehmigung vorzulegen und zugleich die zur Ausführung nöthige finanzielle Unterſtützung auszuwirken. Gnädig und ehrenvoll empfing der König den kühnen und glücklichen Feldherrn. Aber eben deſſen Kühnheit und Glück hatten auch den Neid wider ihn erweckt. Philipp III. ſtand ſtets noch unter dem ausſchließlichen Einfluſſe des Herzogs von Lerma, welcher Letztere in dem feinen, liebenswürdigen, durch ſeine Tüchtigkeit, ſeine Aufopferung und ſeinen friſchen Ruhm imponirenden Italiener wohl ſchon einen künftigen Ne⸗ benbuhler erblicken mochte; denn wie weit war es wohl noch von der Theilnahme an der königlichen Gunſt bis zur völligen (vielleicht ausſchließlichen) Erwerbung derſelben? Uebrigens war die Freundlichkeit, mit welcher ſich Spinola von Philipp III. empfangen ſah, auch Alles, was er damals von dieſem Mo⸗ narchen zu erwarten hatte. Das Wichtigſte, was Spinola (außer der Genehmigung ſeines Planes) vom ſpaniſchen Hofe zu erlangen wünſchte,— Geld nämlich, konnte er durchaus nicht erhalten. Die Kaſſen waren leer,(Lerma hatte dazu durch ſeinen üblen Staatshaushalt das Meiſte beigetragen,) und, was noch ſchlimmer war, die Krone hatte ihren ganzen Kredit ver⸗ loren(zum Theil eine Nachwirkung der früheren verderblichen Finanzſpekulationen). Kurz: Philipp III. konnte mit dem beſten Willen nichts zur Unterſtützung Spinola's thu'n, und Dieſer⸗ſah ſich denn genöthigt, ſeine eigenen Mittel aufzu⸗ wenden, ſeinen eigenen Kredit zu opfern. Er that es auch. Aber, genöthigt durch die langwierigen Unterhandlungen in Spa⸗ 254 nien, wobei man ihn mit Verſprechungen hingehalten hatte, ſowie durch ein Zuſammentreffen mehrer andrer ungünſtiger Umſtände, welche den Rüſtungen nach ſeiner Wiederkehr in Belgien(im Juni 1606) entgegenſtanden, konnte Spinola erſt ziemlich ſpät ſeine Armee vollſtändig ins Feld ſtellen. Sie belief ſich auf 12,000 Mann zu Fuß und 2000 Mann Reiterei; Boucquoys Korps war 10,000 Mann zu Fuß und 1800 zu Roß ſtark. Bevor der eigentliche Feldzug begann, waren einige kleine Unternehmungen vorgefallen. Dü Texrrail hatte am Faſt⸗ nachtsdienſtag(1606) Breévoort durch Ueberfall gewonnen, während ſich die Bewohner ſorglos dem luſtigen Treiben des Karnevals hingaben; doch ſchon am 22. März gewann es der junge Heinrich Friedrich wieder. Im Juni hatte eben jener verwegene Partheigänger auch einen Anſchlag zur Erobe⸗ rung von Sluis unternommen und faſt wäre es ihm geglückt, dieſe Stadt durch nächtliche Ueberraſchung, während Alles im Schlafe lag, zu gewinnen, hätten nicht die Geiſtesgegenwart und Tapferkeit der erwachten Beſatzung unter dem erprobten Kommandanten van der Noot die Feinde wieder zurückge⸗ trieben.— Die Truppen der Republik unternahmen einige unbe⸗ deutende Streifzüge. Während Spinola rüſtete, hatte auch Moritz nicht ge⸗ feiert. Dieſer umſichtige und thätige Feldherr der Republik hatte insbeſondere die Sicherung der Ströme beſorgt. Am 4. Juli zog er ſeine ſämmtlichen Truppenabtheilungen bei Arn⸗ heim zuſammen, rückte dann nach Doesburg und Deven⸗ ter und verſtärkte die Beſatzungen in dieſen beiden Städten, ſowie in Zütphen. Hierauf ließ er ein Korps unter dem Oberſten dü Bois ausrücken, welches die feſten Plätze zwiſchen Gorkum und der Schenkenſchanze wider Boucquoy zu verſichern beſtimmt war.— Spinoladagegen hatte ſeine geſammte Heeres⸗ 25⁵ macht am Rhein zuſammengezogen, von wo er am 10. Juli nach der Lippe marſchirte. So ſollte nämlich ſein Plan aus⸗ geführt werden, daß er ſelbſt nach Friesland oder über die Yſſel durch die Veluwe nach Utrecht vorrücke, Boucquoy durch die Betuwe; an den Grenzen von Holland ſollten dann Beide einander finden, und vereinigt in das Centrum der Repu⸗ blik einbrechen. Spinolas Offenſiv⸗Plan war trefflich auserſon⸗ nen; nur hatte der kluge Feldherr einen Feind nicht voraus⸗ ſehen können, den anhaltenden Regen, durch welchen alle Ströme ſo hoch anſchwollen, daß der Durchgang durch die Yſſel, um in die Veluwe zu dringen, unmöglich gemacht wurde, durch welchen ferner die Wege überhaupt zum Marſch untauglich wurden und das ganze Terrain für die Geſundheit der Truppen verderblich ward. In Folge dieſer unüberwindlichen Hinderniſſe mußte der ganze Kriegsplan Spinolas eine theilweiſe Wendung zu Gunſten der Republit erleiden. Ohne ſich durch irgend eine Schwierigkeit abſchrecken zu laſ⸗ ſen, drang Spinola bis Lochem in der Grafſchaft Zütphen vor, und eroberte jene kleine Stadt, deren Beſitz ihm nur durch ihre Lage von Wichtigkeit war, nach einem raſchen An⸗ griff am 23. Juli. Boucquoy hatte indeſſen von Mook aus, wo er ſeine Stellung genommen, ſowohl Nymwegen als Grave bedroht und eine Abtheilung von 4500 Maͤnn un⸗ ter Pompeo Giuſtiniani an die Waal geſchickt, um einen Einfall in die Betuwe zu unternehmen, welchen jedoch der niederländiſche Oberſt dü Bois glücklich abzuhalten wußte. Dem beharrlich ausdauernden Spinola mißlang hierauf gleichfalls ein vortrefflich vorbereiteter Verſuch, über die Iſ⸗ ſel zu ſetzen und Zwolle wegzunehmen. Nun zog er ſich von der Yſſel zurück und beſchloß, die Stadt Grol zu belagern, während Boucquoy einen Angriff auf Nymwegen thun 256 ſollte. Am 3. Auguſt begann Spinola die Belagerung Grols und ſchon am 14. deſſelben Monats hatte ſich ihm dieſe Stadt übergeben. Hiermit aber waren auch ſeine Unter⸗ nehmungen in jenen Gegenden geſchloſſen. Durch die fortdau⸗ ernde Ungunſt der Witterung gezwungen, gab er den Gedanken auf, über die Waal und Yſſel in die Republik vorzudringen, und beſchloß, ſich nunmehr nach Rheinberg zu wenden, wo⸗ hin er auch den Grafen Boucquoy berief. Zuerſt kam Die⸗ ſer, bald nach ihm Spinola ſelbſt vor Rheinberg an, welches jedoch, noch bevor die Feinde es von allen Seiten hat⸗ ten umſchließen können, durch Heinri ch Friedrich eine Ver⸗ ſtärkung erhalten hatte. Moritz ſtand indeſſen mit ſeiner Armee bei Doesburg, wo ſein Bruder Heinrich Friedrich wieder zu ihm ſtieß. Die Beſatzung Rheinbergs ſtand unter dem Kommando des Oberſten Uitenhove und unternahm mehre glückliche Ausfälle ſowohl gegen das Korps Boucquoy'’s, welches auf der rech⸗ ten Seite des Rheins, als auf das Spinola's, welches auf der linken lag; die Belagerer erlitten hierbei nicht unbedeu⸗ tende Verluſte. Moritz, welchem die Generalſtaaten auf ſeine Anfrage Unbedingt die Leitung der Operationen überlaſſen hatten, veranlaßte durch ſeine Rüſtungen die Meinung, als wolle er zum Entſatze Rheinbergs herbeieilen. Eigentlich hatte er jedoch beſchloſſen, daß der Feind ſich immer noch vor Rheinberg aufhalten ſolle, denn er befürchtete, daß, wenn er(Moritz) die Yſſel verließe, Spinola ſich dann aber⸗ mals dorthin wenden und den Uebergang über die Ströme(den Hauptzweck) verſuchen würde, eine Berech⸗ nung, welche den Ruhm ſeiner militäriſchen Einſicht eben ſo gut rechtfertigte, wie ein glänzender Sieg. Inzwiſchen ſetzte jedoch Spinola die Belagerung Rheinbergs mit erhöhter An⸗ ——— 257 ſtrengung fort, und drang mit ſeinen Arbeiten bis an den Gra⸗ ben vor, während zu gleicher Zeit in der Stadt ſchon das Pulver zu mangeln anfing. Da nun der Kommandant in dieſer äußerſten Lage auf keinen Entſatz rechnen konnte, ſo entſchloß er ſich zu kapituliren und übergab dem Eroberer Oſtende's Rheinberg am 2. Oktober 1606 auf ehrenvolle Bedingungen. Die Generalſtaaten waren über dieſen Verluſt einer ſo wichtigen Feſtung im höchſten Grade beſtürzt. Doch die Eroberung Rheinbergs bezeichnete den Wende⸗ punkt von Spinola's Waffenruhm in jenem Kriege gegen die Republik. Die Kraft zu allen Unternehmungen war ihm ge⸗ lähmt. Der Grund davon war, wie ſo oft in dem langjährigen Kriege Spaniens gegen die Niederlande, eine Meuterei der Soldaten, die nächſte Veranlaſſung zu dieſer Letzteren— wieder ein drückender Geldmangel. Spinola hatte die Summen, welche er aus Spanien mitgebracht, zur Beſtreitung des Feldzuges ausgegeben, und wartete vergeblich auf weitere, ſo wie Philipp III. ſeinerſeits noch immer auf die Silberflotte aus Amerika. Einige Kaufleute, bei denen Spinola betheiligt war, hatten fallirt. Kurz: er konnte ſeine Truppen nicht mehr bezahlen, und als er nun nach Rheinbergs Eroberung auch keine neue Expedition im Laufe des Jahres mehr unternehmen mochte, brach die Empörung der Soldaten los, von de⸗ nen Viele zu Moritz übertraten, Andere aber wieder ſich zu einer Militärrepublik unter einem Eletto vereinigten. Spi⸗ nola wandte im Anfang Strenge an, welche jedoch nichts fruchtete. Als die Zahl der Meuter wuchs, ſuchte er ſie durch Milde und Verſprechungen zum Gehorſam zurückzubringen, wo⸗ durch er jedoch eben ſo wenig ausrichtete. Eine große Menge derſelben zog nach Breda, und bat Juſtin von Naſſau um Beiſtand, der ihnen auch Lebensmittel zukommen ließ und III. 17 2⁵8 ſie im Fall eines Angriffes zu ſchützen verſprach. Spinola ſah nun ein, daß ihm unter ſolchen Umſtänden nichts zu han⸗ deln übrig blieb. So verlegte er denn ſeine treueſten Regi⸗ menter in die nächſten Städte, und den Reſt in das Erzſtift Köln. Dieſe unerwartete Schwächung des gefürchteten ſiegreichen Gegners erhob den Muth der Generalſtaaten auf's Neue, und zwar um ſo mehr, da ihre Heeresmacht ſich zu gleicher Zeit bedeutend verſtärkte. Sie beſchloſſen daher, raſch wieder die Offenſive zu ergreifen und ertheilten dem Prinzen Mo⸗ ritz für die Leitung des Krieges die ausgedehnteſte Machtvollkommenheit. Moritz ließ hierauf durch den Grafen Ernſt Kaſimir von Naſſau Lochem wieder belagern, welches ſich zu Ende Oktobers ergab. Er ſelbſt rückte vor Grol und umſchloß es. Doch theils die für eine Belagerung ungünſtige Witterung, theils Seuchen im nieder⸗ landiſchen Heere, ſo wie endlich die Nachricht, daß Spinola ſeine Truppen zuſammenziehe, um Grol zu entſetzen, verhin⸗ derten den Erfolg, ungeachtet alles Eifers von Seiten Mo⸗ ritzens. Spinola hatte es übrigens dahin gebracht, daß ihm ungefähr 8200 Mann gen Grol folgten, und mit dieſer gerin⸗ gen Macht beſchloß er die bei weitem ſtärkere ſeines Geg⸗ ners anzugreifen. Und in der That,— wer hätte dies für möglich gehalten?— zog Spinola mit ſeinen Treuen auf moraſtigen Wegen plötzlich in voller Schlachtordnung gegen Moritz heran. Vergeblich erwartete man von Dieſem, daß er ſich zur Schlacht entſchließen würde. Moritz bedachte(wie er ſagte) den mißlichen Zuſtand ſeines durch Krankheiten ge⸗ ſchwächten Heeres und hob die Belagerung von Grol auf. Beide Gegner ließen nun ihre Truppen die Winterquartiere beziehen. 259 Inzwiſchen hatte die Republik in demſelben Jahre auch wieder zur See Feindſeligkeiten gegen Spanien unternommen und den Herrn von Hautain mit einer Flotte von 24 Segeln ausge⸗ ſendet, um die weſtindiſche Flotte aufzufangen und die portugie⸗ ſiſche, welche, nach Oſtindien beſtimmt, ſegelfertig lag, am Auslaufen zu verhindern. Das Letztere gelang, das Erſtere jedoch nicht, wenigſtens nicht vollſtändig, und Hautain ſah ſich im Sommer durch Mangel an Lebensmitteln zur Rückkehr genöthigt, da die Proviantſchiffe aus Holland für ihn durch Gegenwinde aufgehalten worden waren. Im September deſ⸗ ſelben Jahres ging er jedoch abermals unter Segel, um die weſt⸗ und oſtindiſche Flotte zu nehmen. Auch diesmal hatte er wieder 24 Schiffe, doch ſechs davon wurden zerſtreut und die übrigen ergriffen in der Nähe des Kaps St. Vincent vor acht ſpaniſchen Gallionen die Flucht. Der Unteradmiral von See⸗ land, Reinier Klaaszoon, wurde auf ſeinem Schiffe von den ſpaniſchen Gallionen ſcharf gefaßt, und leiſtete den Feinden zwei Tage lang, tapfer kämpfend, den furchtbarſten Widerſtand, bis endlich die Meiſten von ſeinen Lauten hinge⸗ ſtreckt lagen und das Schiff auf allen Seiten zerſchoſſen war. Da ruft Reinier Klaaszvon den Reſt der Seinigen (60 Menſchen im Ganzen) zuſammen, und alle faſſen einmü⸗ thig den Entſchluß, dem Feinde nicht einmal das Wrak zu laſ⸗ ſen, ſondern frei und treu für's Vaterland zu ſterben. Fromm knieen ſie hin und rufen gen Himmel:„Herr vergib uns, was wir jetzt thun!“ Dann werfen ſie Feuer in lhetn Pulverd rath und das Schiff fliegt mit der Mannſchaf d Noch im Laufe des Winters, ſo wie im Frühl ling des neuen Jahres 1607 wurden die Feindſeligkeiten von beiden Seiten er⸗ neuert; doch keine von allen Unternehmungen war von belang⸗ reichem Erfolg. So hatte die Reiterei Grobbendonks 260 eine Schanze auf dem Bommeler Waard geſchleift; ſo war Heinrich Friedrich auszogen, um das Kriegsvolk Spi⸗ nola's im Limburgiſchen zu überfallen, und eroberte bei die⸗ ſer Gelegenheit durch Ueberfall Erkelens, wo er den Grafen Heinrich van den Berge gefangen nahm. Deſſen Bru⸗ der Graf Friedrich unternahm einen vergeblichen Anſchlag auf Aardenburg. Schon mochte man, nach ſolchen kleine⸗ ren kriegeriſchen Unternehmungen nichts Gewiſſeres als die Er⸗ öffnung eines neuen Feldzugs erwarten, als ſich plötzlich end⸗ lich wirklich eine Ausſicht des Friedens aufthat. Faſſen wir, bevor wir die Verhandlungen über dieſen Ge⸗ genſtand darſtellen, die Stellung der dabei betheiligten Mächte und die Anſichten der Hauptperſonen in's Auge. Spaniens Zuſtand, beſonders in finanzieller Beziehung, haben wir bereits erwähnt. Es war eine Lebensfrage für Spanien, einen Krieg zu beendigen, welcher es ruinirt hatte, und bei deſſen Fortſetzung auch der Untergang des eigentlich ſpaniſchen Handels in Amerika auf dem Spiele ſtand, ſo wie die Republik bereits den portugieſiſchen in Oſtindien auf das Empfindlichſte beeinträchtigt hatte. Wir müſſen hier in gedrängter Kürze Einiges nachholen. Bereits ſeit dem Jahre 1595 hatten verſchiedene unternehmende Kaufleute Hollands auf eigene Rechnung Expeditionen nach Oſtindien unter⸗ nommen, zum Theil mit unſäglichen Beſchwerden und Gefahren, welche Letztere jedoch eben ſo wenig wie bedeutende Verluſte den kühn in die Ferne ſtrebenden und mit der ehrenhafteſten Beharr⸗ lichkeit ausgerüſteten Nationalgeiſt der Holländer von neuen Verſuchen abzuſchrecken vermochte. Es bildeten ſich Handels⸗ geſellſchaften(die erſte war die„für die Ferne“,— „Maatschabpy van verre“); und allmählig gelang es 861 den Holländern, mit den Eingebornen in Oſtindien(zuerſt mit den Bewohnern von Amboina und Banda) Handelsbündniſſe abzuſchließen, wodurch ihnen Letztere den ausſchließlichen Han⸗ del mit Landeserzeugniſſen(ſo z. B. die von Amboina jenen mit Ge⸗ würznelken) verſprachen. Gleichwie nun gerade der Krieg gegen Spanien,(aus dem mannhaften Widerſtand ge⸗ gen unerträgliche Zwingherrſchaft entſtanden,) weſentlich beigetragen hatte, daß die Republik ihre Seemacht vergrößerte, und daß ihr Handel jenen neuen Weg zu unermeß⸗ lichem Gewinn— der ſpaniſchen Politik, den ſpaniſchen Ver⸗ boten zum Trotz— verſuchte und behauptete;— ſo ſehen wir, wie der Odem der Freiheit, welcher den Schiffen der Republik die Segel ſchwellt, auch dort in Oſtindien, wo die neuen Flaggen wehen, die Herzen mächtig erfaßt, wie ſich die Eingeborenen freundlich den kühnen Männern nähern, die das Joch abgeſchüttelt haben, und vertrauensvoll von ihnen Hülfe erwarten gegen die Bedrückung durch portugieſiſche Gewalt. Dieſes Zutrauen war es, wodurch der unermüdliche Spe⸗ kulationsgeiſt der Holländer in Öſtindien eine Stütze, wodurch die Handelsverbindungen derſelben in jenen Gegenden raſch eine ungemeine Ausdehnung erhielten. Um nun der ſpaniſch⸗portugieſiſchen Nacht noch zu⸗ verläſſiger begegnen zu können, verband man im Jahre 1602 (auf den Rath Oldenbarnevelds) ſämmtliche Handelsge⸗ ſellſchaften für Oſtindien zu einer einzigen„vereinigten oſtindiſchen Handelsgeſellſchaft“ mit dem für 21 Jahre gültigen, ausſchließlichen Privilegium zu Schifffahrt und Handel oſtwärts vom Kap der guten Hoffnung durch die maghellaniſche Straße. Dieſe große„oſtindiſche Ge⸗ ſellſchaft“, welcher jedes Mitglied der Republik beitreten durfte, beſaß einen Kapitalfond von 6,600,000 Gulden und ſo 262 ausgedehnte Rechte, daß ſie ſich gar bald zu einem Filial⸗ ſtaate der Republik entwickeln konnte. Sie durfte näm⸗ lich mit den Völkern im Oſten Bündniſſe abſchließen,(d. h. im Namen der Regierung), ſie durfte Kriege führen, Truppen halten, Feſtungen anlegen, Statthalter und Beamte einſetzen, alles dies jedoch, wie natürlich, unter der Oberhoheit der Repu⸗ blik, weßhalb denn auch die Truppen der oſtindiſchen Kompag⸗ nie den Generalſtaaten den Eid der Treue ſchwören und die Letzteren ſtets von dem Stand der Dinge in Oſtindien genau unterrichtet werden mußten. Zur Verwaltung der Ge⸗ ſchäfte der Kompagnie beſtanden in der Repüblik ſieben Kammern. Amſterdam, als die bedeutendſte Handels⸗ ſtadt der Republik, war hierbei mit der Hälfte betheiligt; die andere Hälfte ſo unterſchieden, daß auf Seeland ein Vier⸗ tel kam, auf die Maaskammer(d. i. Delft und Rotter⸗ dam zuſammen) ein Achtel, auf die Städte Nordh ol⸗ lands gleichfalls ein Achtel. Weiterhin war die Verwal⸗ tung ſo organiſirt, daß es 60 Vorſteher gab, aus welchen man 17 Direktoren erwählte. Dieſe Letzteren bildeten denn eine beſondere Kammer, das„regierende Kollegium von Indien“. Wenn man nun die Bedeutung erwägt, welche die Repu⸗ blik in Oſtindien erlangt hatte, wenn man ferner bedenkt, wie Portugal, welches in Folge ſeiner Einverleibung mit Spanien (unter Philipp II.) als ein integrirender Theil dieſer Mo⸗ narchie für alle jene Mißgriffe ſolidariſch haften mußte, welche von der ſpaniſchen Regierung begangen wurden,— ſo begreift man leicht, daß Portugal, trotz ſeiner Unterdrückung, nicht län⸗ ger jenen Kriegszuſtand ertragen mochte, in deſſen Folge es alle Beſitzungen verlor, welche ſeine gefeierten Nationalhelden einſt errungen hatten. Aber auch Spanien ſelbſt hatte, bei einer 263 Fortdauer des feindſeligen Verhältniſſes zu der mächtig gewor⸗ denen Republik, den Verluſt ſeiner weſtindiſchen Beſitzungen zu beſorgen. Die Seemacht der Republik hatte Spanien durch die Expedition gegen Gibraltar unter dem Helden Jakob Heemskerk kennen zu lernen(im April 1607), wobei die Flotte der Republik einen glänzenden Sieg, Heemskerk durch den Heldentod unſterblichen Ruhm gewann. Die Abſich⸗ ten der Republik gegen die weſtindiſchen Beſitzungen Spa⸗ niens zeigten ſich noch in demſelben Jahre. Mehre Kaufleute wollten nämlich eine„weſtindiſche Kompagnie“ in der Art wie die oſtindiſche gründen, welches Vorhaben jedoch nicht zu Stande kam. Jedenfalls mußte demnach Spanien, da es die Gewalt nicht beſaß, um die überſeeiſche Macht der Republik zu vernichten, Alles daran liegen, durch einen Frieden mit derſelben ſeine Beſitzungen außerhalb Europa's ſicher zu ſtellen, ſeinen Handel zu erhalten. Als perſönliche Motive kamen hierzu noch der unkriegeriſche Charakter Philipps III. und deſſen Beſorgniß: ohnehin durch die Mißhelligkeiten zwi⸗ ſchen Venedig und dem römiſchen Stuhle in einen Krieg ver⸗ wickelt zu werden, da es ihm ſeine Stellung zu Rom ebenſo wie ſeine innige religiöſe Ueberzeugung gebot, ſich an den hei⸗ ligen Vater anzuſchließen. Endlich waren nun auch, wie wir bereits erwähnten und durch das Faktum der letzten Meuterei erwieſen ſahen, Spinola's Mittel und Kredit allzu erſchöpft, als daß dieſer Feldherr, ſo uneigennützig und hingebend er auch war, bloß ausſchließlich auf eigene Koſten den Krieg gegen die Republik hätte fortſetzen können. Was nun die ſpaniſchen Niederlande betraf, ſo waren ſowohl das Volk als die Fürſten gleichfalls zum Frieden geneigt; das Volk, abgeſehen von ſeinem langjäh⸗ rigen Leiden, jetzt noch insbeſondere deßhalb, weil ſich die Truppen aus den Mitteln des Landes gewaltſam für ihre Soldrückſtände ſchadlos hielten,— die Fürſten theils aus Politik(denn kinderlos, wie ſie waren, mußten ſie ja nach ihrem Tode die Niederlande doch wieder für Spanien hinterlaſſen und wünſchten deßhalb wenigſtens für ihre Lebens⸗ dauer Ruhe,) theils auch aus Herzensneigung, wenn ſie die unſäglichen Leiden ihrer Unterthanen betrachteten, welche ſie(beſonders Iſabella) wahrhaft liebten, ſo wie ſie auch von ihnen geſchätzt und geliebt wurden.— Betrachten wir dagegen die Republik, und zwar zuerſt den Zuſtand derſelben überhaupt, dann die hervorragendſten Perſönlichkeiten. Wir haben früher die Seemacht und den freien Handel nach Oſtindien ins Auge gefaßt. Ungeheuer hatte ſich der Wohlſtand der Republik dadurch geho⸗ ben. Dagegen muß man jedoch einestheils auch die bedeutenden Verluſte für die Republik in Anſchlag bringen, welche die Dünkirchener Kaper hervorbrachten, anderstheils die Kriegskoſten ſelbſt, welche von den Vortheilen, die der Handel abwarf, wieder ſoviel verſchlangen, daß man die be⸗ deutendſten Steuern erheben mußte; ein Beweis für das Ganze iſt, daß bloß die Provinz Holland in den letzten neun Jah⸗ ren einen Rückſtand von 26 Millionen hatte. In Bezug auf ihre Bundesgenoſſen war die Republik auch wieder gewiſ⸗ ſermaßen bloßgeſtellt. Auf England konnte ſie, ſeit Jakob I. den Thron von Großbrittannien beſtiegen hatte, nicht mehr rech⸗ nen; und, was Frankreich betraf, ſo iſt es nicht zu be⸗ zweifeln, daß Heinrich IV., ſo eifrig er ſich auch immerhin der Republik angenommen hatte, doch für die Dauer wohl müde werden mochte, ihr ſtets Opfer zu bringen. Konnte man es ihm auch wohl zumuthen, durch eine Unterſtützung der Re⸗ publik ſich einen Krieg mit Spanien aufzuladen, da er ganz allein ſtand? Was nun die hervorragendſten Perſönlichkeiten in der Republik betrifft, ſo haben wir vorzüglich Oldenbarne⸗ veld und den Prinzen Moritz ins Auge zu faſſen. Der Er⸗ ſtere war durchaus für den Frieden, nämlich für einen ſo ehrenvollen, wie ihn der einſichtsvolle Staatsmann ſchon früher als unausbleiblich vorausgeſehen hatte. Er kannte genau den Finanzzuſtand der Republik, die Bedürfniſſe ihres Handels. Er wünſchte,— ein Republikaner von höchſter Ehrenhaf⸗ tigkeit, ein Republikaner im nationalen Sinne Hollands,— die Erhaltung der republikaniſchen Staatsverfaſſung und ihre Befeſtigung durch einen Frieden um ſo mehr, da er die Stel⸗ lung der Republik zu ihren bisherigen Bundesgenoſſen klaren Blickes durchſchaute. Anders verhielt es ſich mit dem Prinzen Moritz. Es iſt nicht unglaublich, daß deſſen Anſichten über Krieg oder Frieden mit jenem Oldenbarnevelds nicht ganz über⸗ einſtimmte. Wir können uns kaum der Anſicht enthalten, daß bei ihm jenes Motiv wirklich vorhanden war, welches die Ab⸗ neigung zwiſchen ihm und Oldenbarneveld reifen mußte, wenn er ſich auch damals gegen den Letzteren noch mit jener Pietät benahm, welche er ihm allerdings ſchuldig war. Nicht ſowohl ſein Temperament als vielmehr ſeine ganze bisherige Laufbahn, in welcher er ſeine Popularität durch Kriegsruhm errungen, mochten ihn zur Fortſetzung des Krieges beſtimmen, vielleicht wohl auch das tieferliegende Motiv, ſeine Macht durch die Popularität zu erhöhen. Was aber auch immer in ſeiner Seele vorging, ſo viel iſt gewiß, daß Moritz gleichwohl den Frie⸗ dens verhandlungen nicht entgegenwirkte, und dies ehrt ihn jedenfalls. Was nun endlich die Nation ſelbſt betrifft, ſo riefen die verſchiedenen Intereſſen, welche ſich in der Repu⸗ 266 blik kreuzten, auch verſchiedene Anſichten hervor. Der Spe⸗ kulationsgeiſt, der durch den Krieg ſo Vieles gewon⸗ nen ſah, mußte deſſen Fortſetzung wünſchen; das Handelsintereſſe Hollands, welches in Folge eines Friedens durch das wahrſcheinlicherweiſe mit dem Frieden ver⸗ bundene Wiederaufblühen Antwerpens beeinträchtigt wurde, mußte ſich gleichfalls gegen den Frieden auflehnen; die ſtreng reformirte Parthei, mit den Predigern an der Spitze, mußte von einem Frieden eine Tolerirung des Katho⸗ lizismus beſorgen; die patriotiſche Parthei konnte bei einer Verſöhnung mit Spanien und Belgien einen an⸗ fangs leiſen, aber allmählig wachſenden Einfluß fremd⸗ artiger Elemente befürchten. Dies Alles zuſammenge⸗ ſtellt, ſieht man, daß jene Partheien, welche die Fortſetzung des Krieges aus den verſchiedenſten Gründen und Rückſichten wünſchten, jener, welche zum Frieden hinneigte, nicht bloß das Gleichgewicht halten, ſondern auch faſt das Uebergewicht dagegen behaupten konnten. Zieht man nun aus dem Ueberblick aller dieſer Intereſſen und Motive einen Abſchluß, ſo ergibt ſich, daß die größere und aufrichtigere Hinneigung zum Frieden auf Seiten Spa⸗ niens und Albrechts und Iſabellens war, und daß es in der Republil der ganzen Staatsklugheit eines ſo äch⸗ ten Patrioten, wie Oldenbarneveld, bedurfte, damit man dort den eingetretenen günſtigen Zeitpunkt für die Aner⸗ kennung der Republibk nicht verſäumte, und das höhere Intereſſe ihrer völkerrechtlichen Stellung nicht den Anforderungen des Augenblickes oder ungewiſſen, wenn gleich noch ſo lockenden, Ausſichten auf die Zukunft opferte. 1 Die Aufforderung zum Frieden ging von Albrecht 267 und Iſabellen aus. Es ehrt die Herzen dieſes fürſtlichen Paares, daß ſich Beide durch keine Rückſicht auf ihre hohe Stellung zu der Vormeinung verführen ließen, als gezieme es ihnen nicht, dem trotzigen Freiſtaate zuerſt die Hand darzubie⸗ ten,— daß ihnen der langjährige Wunſch Belgiens, daß ihnen deſſen Wohlfahrt als höchſte, als wichtigſte Rückſicht galt. Beide, Albrecht und Iſabella, handelten im Ein⸗ verſtändniß mit Spanien, deſſen Anſprüche auf Belgien durch die Kinderloſigkeit der beiden Gatten begründet waren; auch der Kriegsheld Spinola hatte zum Frieden gerathen. Philipp III. und Erzherzog Albrecht bedienten ſich zu dem ſchwierigen und delikaten Geſchäfte zweier Agenten, des Droſts der Landſchaft Keſſel, Wallrave von Wit⸗ tenhorſt, und des Greffiers von Tournhout, Johann Gevaerts, welche ſich zuerſt mit mehren Deputirten der Generalſtaaten in ein vertrauliches Verſtändniß über die zu treffenden Maßregeln ſetzten und dann durch den Erzher⸗ zog ermächtigt wurden, den Generalſtaaten der Repu⸗ blik den Gegenſtand ihres Geſchäftes vorzutragen. Dies geſchah am 13. Januar 1607. Die Antwort der Generalſtaaten be⸗ ſchränkte ſich auf die Aufſtellung der Bedingung, daß, bevor man ſich in weitere Unterhandlungen einlaſſen könne, vor Allem die vereinigten Provinzen als ein ſelbſtſtändiger, von jeder fremden Macht unabhängiger Freiſtaat anerkannt werden müßten. Man kann ſich denken, welche Schwierigkeiten dieſe Forde⸗ rung bei dem Erzherzog fand! Es gehörte, ungeachtet aller Neigung zumFrieden, dennoch von ſeinem Standpunkt aus eine große Selbſtverläugnung dazu, um ein ſolches Zugeſtändniß zu machen. Indeſſen, ſein Rath wußte die Bedenklichkeiten durch die feine Diſtinktion zu entkräften:„man erkenne die Unabhängigkeit der Staaten bloß de facto, nicht de jure an.“ Albrecht beauftragte nun den Pater Neyen,(einen in Antwerpen geborenen Franziskanermöch, deſſen Vater, ein ge⸗ borner Seeländer, ein eifriger Anhänger des Prinzen Wilhelm von Oranien geweſen war, einen geiſtreichen, gewandten und beredten Mann,) um den Generalſtaaten der vereinigten Provinzen in eben jenem Sinne, welchen ſie bezeichnet hatten, Unterhandlungen anzubieten. Pater Neyen reiſte denn, mit den nöthigen Papieren verſehen, von Brüſſel nach Ryßwyk, wo er die weiteren Aufträge des Prinzen Moritz und Ol⸗ denbarnevelds erwartete, und von wo er ſich— auf deren Einladung— des Nachts im ſtrengſten Inkognito nach dem Haag begab. Moritz empfing ihn höflich und herzlich und erhielt da⸗ gegen von Pater Neyen die Verſicherung, daß der Erzherzog es in Bezug auf die von den Staaten geſtellte Bedingung, wie über⸗ haupt in jeder Hinſicht, durchaus aufrichtig meine. Der Gref⸗ fier der Generalſtaaten, Aertſens, ſtellte ihn hierauf den Letz⸗ teren in ihrer Verſammlung öffentlich vor. Man empfing den geiſtreichen Mönch mit Auszeichnung und nahm ſeine Kreditiv entgegen, obwohl man nicht umhin konnte, einiges Mißtrauen in Bezug auf den Satz:„Unereticis non est servanda fides“ zu äußern, welchen jedoch Neyen als Theolog gewandt in einem am Mindeſten anſtößigen Sinne auszulegen verſtand. Hierauf erklärten Albrecht und Iſabella im März von Brüſſel aus ausdrücklich, daß ſie einverſtanden ſeien, mit den General⸗ ſtaaten der vereinigten Provinzen, welche ſie für freie Land⸗ ſchaften, Provinzen und Staaten hielten, an die ſie(die Erz⸗ herzoge) keine Anſprüche zu erheben hätten, zu unterhandeln, ſei es über einen Definitivfrieden oder über einen Waf⸗ fenſtillſtand, nach Belieben der Staaten, auf den Grund des gegenwärtigen Beſitzſtandes; zu welchem Ende denn für's 269 Erſte ein Waffenſtillſtand für 8 Monate ſtatt finden ſollte. Bei den Verhandlungen über dieſe Vorſchläge, welche zwi⸗ ſchen den Generalſtaaten und dem Pater Neyen ſtatt fanden, zeigte ſich wieder die ganze Vorſicht der Erſteren. In Bezug auf die Anerkennung der Unabhängigkeit ſah ſich Neyen endlich genöthigt, ſie als erſte Hauptbe⸗ dingung feſtzuſetzen und die Ratifikation von Seiten des Königs von Spanien zu verſprechen. In Bezug auf den achtmonatlichen Waffenſtillſtand erhob man weniger Schwierigkeiten; doch wurden der Krieg zur See und Streifzüge der Reiterei davon ausgenommenz Al⸗ brecht und Iſabella ließen ſich dieſe Ausnahme gefallen. Uebrigens konnten ſich die Generalſtaaten noch immer ihres Mißtrauens nicht entäußern; ja, dies wurde durch die aus Spanien angekommene Ratifikation Philipps III. noch beſtärkt, da man die Abfaſſung derſelben viel zu allgemein und unbeſtimmt fand, ohne ausdrückliche Erwähnung der gefor⸗ derten Bedingungen, da man ferner darin die Erzherzoge als „Fürſten und ſouveraine Herren aller Niederlande“ bezeichnet ſah und am Schluß die Formel der Unterſchrift:„Vo el rey“ bemerkte, deren ſich der König von Spanien gegen ſeine Un⸗ terthanen zu bedienen pflegte. Auch entdeckte der Greffier Aertſens den Generalſtaaten einen Beſtechungsverſuch des Pater Neyen im Auftrag der Erzherzoge und des Narcheſe Spinola, ſowie in deſſen eigenem Namen, angeblich als„Be⸗ lohnung des Eifers, womit Aertſens ſich der Verhandlungen über Frieden und Wafefenſtillſtand annehme.“ Auch eine zweite, genauere Ratifikation des Königs(vom 18. Sep⸗ tember) genügte den Staaten in der Form noch immer nicht; obwohl ſie nämlich die verlangte Zuſtimmung Philipps III. enthielt, daß die Erzherzoge mit„den Staaten, alsmit Land, Provinzen und Staaten, auf welche er keinen An⸗ ſpuch habe,“ unterhandeln dürſten, ſo erregte doch eine Klau⸗ fel am Schluße neues Mißtrauen; der König erklärte darin ſeine Ratifikation für den Fall für null und nichtig,„wenn der Traktat über einen Frieden oder Wafefenſtillſtand zur Aus⸗ gleichung der wechſelſeitigen Forderungen über religiöſe und andere Angelegenheiten nicht zu Stande kommen ſollte.“ Dieſe Klauſel nun war jener Parthei in der Republik, welche aus verſchiedenen Partikularintereſſen für die Fortſetzung des Krieges eiferte, und deren Muth und Thätigkeit die Nachricht von jenem, durch uns bereits gemeldeten, Seeſiege bei Gibral⸗ tar erhöht hatte, ein willkommener Anlaß, um ihre Anſichten zur Geltung zu bringen. Oldenbarnevelds Weisheit je⸗ doch, welche über die Vortheile des Augenblicks hinausſah und eine ſichere Bürgſchaft für die Zukunft der Republik erſtrebte, ſeine Gewandtheit in Behandlung der Menſchen und ſeine Geſchicklichkeit in Leitung der Staatsgeſchäfte trugen über die ungeſtümen Forderungen der kriegeriſchgeſinnten Parthei den Sieg davon. So wußte es Oldenbarneveld dahinzubringen, daß der Plan jener projektirten„weſtindiſchen Kompagnie“ bei Seite gelegt und ſogar die Flotte aus dem mittelländiſchen Meere nach Hauſe berufen wurde. Uebrigens hatten auch die bevollmächtigten Agenten der Erzherzoge in Bezug auf jene zweite mißfällige Natifikation erklärt, daß der Inhalt der⸗ ſelben durchaus nicht mehr abgeändert werden könne. Hierauf beriethen ſich nun die einzelnen Provinzialſtaaten über die Frage, ob man die königliche Ratifikation in ih⸗ rer gegenwärtigen Abfaßung und Form annehmen ſolle oder nicht? Dieſe Frage wurde bejahend beantwor⸗ tet, und die Entſcheidung der Provinzialſtaaten durch die 271 Generalſtaaten(am 23. Dezember) ſanktionirt. So⸗ mit war denn nach langen Zweifeln und Intriguen endlich das Fundament gelegt, auf welchem man weitere Verhandlungen bauen konnte. Die Könige von Frankreich und Großbritannien, Heinrich IV. und Jakob I., hatten inzwiſchen ihre Vermitt⸗ lung bei dem ſchwierigen Geſchäfte angeboten und der Erſtere, welchem die Herſtellung des Friedens ſchon wegen ſeiner eige⸗ nen Intereſſen ſehr wünſchenswerth war, hatte deßhalb den ge⸗ wandten Präſidenten Jeannin(dem wir eine wichtige Dar⸗ ſtellung des betreffenden Gegenſtandes verdanken) als Geſandten nach dem Haag abgeordnet. Nachdem nun die Generalſtaaten den Erzherzogen die Annahme der königlichen Ratifikation angezeigt hatten und nachdem der vorläufige Waffenſtillſtand (welcher am 4. Januar 1608 zu Ende ging) verlängert wor⸗ den war, konnte das Friedensgeſchäft ſeinen Anfang nehmen. Die Generalſtaaten verſicherten ſich jedoch noch vorher der Garantie für den abzuſchließenden Frieden durch die Könige von England und Frankreich. Heinrich IV. trat außerdem in ein beſonderes Schutzbündniß mit der Republik(Januar 1608) für den Fall, daß der zu hoffende Friede nicht zu Stande gebracht werden ſollte; und nun erſt ſchien die Republik für jeden Ausgang geſichert zu ſein. Einen beſonderen Anſtand hatte auch noch die Wahl jener Perſonen, welche als Geſandte der Erzherzoge an den Friedensverhandlun⸗ gen mitwirken ſollten. Von vielen Seiten hatte man bloß ge⸗ borne Niederländer dafür zulaſſen wollen; durch Olden⸗ barnevelds Einfluß wurden jedoch auch drei Ausländer zugelaſſen, der IJtaliener Marcheſe Ambroſio Spinola, der Burgunder Johann Richardot, Herr von Barlay, Oberpräſtdent des geheimen Rathes der Erzher rzoge, und der Spanier Don Juan de Mancicidor, Sekretair des Kö⸗ nigs Philipp II.; die übrigen beiden Mitglieder der Geſandt⸗ ſchaft waren Pater Neyen und der erzherzogliche Audienzier Verreyken,— Beide geborne Niederländer. Zu Anfang Februars(1608) kamen dieſe Geſandten nach Holland. In jeder Stadt, durch welche ſie ihre Reiſe führte, wurden ſie von dem Magiſtrat ehrenvoll empfangen. Als ſie ſich dem Haag näherten, eilte Prinz Moritz zu Wagen ſei⸗ nem großen Gegner Spinola bis eine halbe Stunde vor dem Haag entgegen und empfing ihn herzlich wie einen alten Freund. Zahlloſes Volk war herbeigeſtrömt und ſah, wie die beiden Hel⸗ den ſich Beweiſe ihrer wechſelſeitigen Hochachtung gaben. Spi⸗ nola erhielt im Haag eine ausgeſucht ſchöne Wohnung und entfaltete darin einen Haushalt, deſſen großartige Pracht das Erſtaunen der Holländer erregte, welche an ein patriarchaliſch einfaches Leben gewohnt waren. Sein Benehmen war gegen Jeder⸗ mann ſo liebenswürdig, daß die eifrigen Patrioten beſorgten, er möchte ſich durch das Zutrauen, welches er einzuflößen ver⸗ ſtand, leicht allzugenaue Kenntniſſe von der inneren Organiſation des Landes verſchaffen, während die ſtrengen Proteſtanten finſtre Blicke auf den katholiſchen Gottesdienſt hefteten, den er täglich in ſeiner Wohnung halten ließ und wobei Jedermann ohne Un⸗ ſchied Zutritt hatte. Beſonders feierlich war die Einführung der Geſandten in die Verſammlung der Generalſtaa⸗ ten, wobei Prinz Moritz und der Staatsrath mit anweſend waren. Von Seiten der Generalſtaaten hatte man den Grafen Wilhelm Ludwig von Naſſau und Herrn Wall⸗ rave van Brederode, nebſt Deputirten von jeder Provinz der Utrechter Union zu Bevollmächtigten beim Friedensgeſchäfte erwählt,— für Holland den trefflichen Oldenbareveld, für Seeland Jakob van Maldere, für Utrecht Nikolaus 273 Berk, für Friesland Gellius Hillema, für Geldern Kornelius van Gent, für Over⸗Yſſel Johann Sloet, und für Gröningen Abel Koenderts van Helpen. Die Verſammlungen begannen am 6. Februar, und der erſte Gegenſtand derſelben(nach Auswechſelung der beiderſeitigen Vollmachten) war der Beſchuß, daß man nicht bloß einen Waf⸗ fenſtillſtand, ſondern einen dauernden Frieden abſchlie⸗ ßen ſolle. Hierauf wurde abermals die Unabhängigkeit der Republik zur Sprache gebracht und von den Geſandten Spaniens und der Erzherzoge(nach einigen Debatten über die Weglaſſung des Wappens der Republik aus dem erzherzog⸗ lichen Siegel) zugegeben. Sodann wurden der Republik freie Schifffahrt und freier Verkehr mit Spanien zugeſtanden. Dagegen verlangten die Geſandten Spaniens und der Erzherzoge, daß die Republik, ſchon aus Dank⸗ barkeit für die ihr zugeſtandene Unabhängigkeit, den indiſchen Handel aufgeben ſollte. Durch dieſe Forderung war nicht bloß eine Lebensfrage der Republik bedroht, ſondern auch die beſonderen Intereſſen von tauſend Einzelnen. Als daher die Forderung der ſpaniſchen Geſandten kund wurde, erſcholl ein Schrei des Unwillens durch die ganze Republik. Die öf⸗ fentliche Meinung bediente ſich der Preſſe und ſprach ſich auf eine unzweideutige, energiſche Weiſe in Flugſchriften aus, die in jedem Hauſe, auf jeder Straße einen Leſer, in jedem Herzen Billigung fanden. Raſcher und heißer jagte jetzt das Blut dieſes beſonnenen Volkes durch die Pulſe. Eine erhöhte Lebensthätig⸗ keit entfaltete ſich, nur jener zur Zeit des„zehnten Pfennigs“ vergleichbar. Nun ſchien auch dem Friedliebenden der Friede eine Schmach, wenn man ihn um ſolchen Preis erkaufen, wenn man alle Einſätze, Verluſte und Errungenſchaften an Muth, Menſchenleben und Kapitalien durch wenige Federſtriche III. 18 274 aufopfern, wenn man den Nerv der Nation ruhig dem Meſſer bieten ſollte, das ihn durchſchnitte. Die oſtindiſche Kom⸗ pagnie rechnete den Generalſtaaten in einer Bittſchrift den Stand ihrer Kapitalien, die Zahl von Schiffen und Men⸗ ſchen vor.„Nie,“ führte ſie an,—„wurde ein Friede um den Preis geſchloſſen, daß man den Handel aufgab! Frei iſt das Meer, offen ſteht es Jedem, der ſich ihm anvertraut; ſo ſpricht das Völkerrecht. Und hat Spanien die vereinigten Provinzen für frei erklärt, ſo darf es den Freien keinen Zwang auferlegen, keinen ſo unnatürlichen, tödtlichen Zwang, wie dieſer iſt, welcher Tauſende in einem Augenblicke brotlos macht, welcher Fürſten, die ſich Hollands Tapferkeit, Hollands Großmuth anvertrauten, der Rache ihrer Feinde überliefert!“ In ſolcher Weiſe äußerte ſich die öffentliche Meinung; Moritz und Oldenbarneveld unterſtützten ſie kräftig; die Generalſtaaten weigerten ſich beharrlich, jener Forderung der ſpaniſchen und erzherzog⸗ lichen Geſandten ihre Zuſtimmung zu geben. Dagegen machten ſie verſchiedene andere Vorſchläge, welche jedoch von Jenen zurückgewieſen wurden. Die Geſandten Englands und Frankreichs fühlten ſich bei dieſer Streitfrage nicht ver⸗ anlaßt, zu Gunſten der Republik ihren Einfluß anzuwenden; die Intereſſen beider Mächte liefen den Wünſchen der Repu⸗ blik zuwider. England war ohnehin eiferſüchtig auf die zu⸗ nehmende Ausbreitung des holländiſchen Handels in Oſtindien, und Heinrich Vv. hätte das Verbot deſſelben aus dem Grunde nicht ungern geſehen, weil dann er ſelbſt ſich deſſelben zu be⸗ mächtigen oder wenigſtens größere Vortheile für Frankreich zu erringen hoffte. Sein Geſandter Jeannin rieth deßhalb drin⸗ gend, daß die Republik in dieſem Punkte nachgeben möchte; ja er ließ ſich ſogar gegen Oldenbarneveld verlauten, daß Hein⸗ rich IV. im entgegengeſetzten Falle wohl mit ſeinen Subſidien⸗ —— 275 geldern einhalten dürfte. Man beſchloß endlich von beiden Sei⸗ ten, dieſe Frage einſtweilen bei Seite zu legen und zu anderen überzugehen. Die wichtigſte betraf die Religion. Die ſpaniſchen und erzherzoglichen Geſandten beantragten nämlich die Freiheit des katholiſchen Kultus in der Republik, d. h. mit anderen Worten; er ſollte dort dieſelben Rechte genießen, wie jeder andere,— eine Forderung, die man nach den allgemeinen Grundſätzen von Toleranz gewiß nicht anders als billig finden kann. Gleichwohl hatten die Generalſtaaten, obſchon ſie gegen jedes andere Glaubenbekenntniß tolerant waren(ſo z. B. lebten eine Menge portugieſiſcher Juden ungeſtört in Amſterdam) damals gewichtige Gründe, um es gerade gegen den Katho⸗ lizismus nicht zu ſein. Der triftigſte von allen Gründen, welcher ſie beſtimmte, war in jenem Zeitpunkt eben die Rückſicht auf den Frieden; denn ſie mußten mit Beſtimmtheit voraus⸗ ſehen, daß ſie in demſelben Augenblik, als ſie die Religions⸗ freiheit der Katholiken zugaben, die ganze, ſo einfluß⸗ reiche proteſtantiſche Geiſtlichkeit gegen ſich haben würden, daß die letztere dann einen Frieden um einen ſolchen Preis verwerfen, und durch Fanatiſirung des Volkes der krie⸗ geriſch geſinnten Parthei das Uebergewicht verſchaffen würde. Außerdem war noch zu bedenken, daß es ſich nicht bloß um das reine Weſen des Katholizismus handelte, ſondern daß Leidenſchaft und Intrigue damals den ehrwürdigen Namen deſſelben mißbrauchten, um ungeſcheut auch Verbrechen dadurch zu heiligen. Konnte man es der Republik, aus deren Gedächtniß Wilhelms von Oranien Ermordung noch nicht entſchwunden war, wohl verargen, wenn ſie dem Gewebe von Intriguen, welche ſich unter die ehrwürdige Aegide des Katholizismus flüchteten, keinen Raum bei ſich gönnen wollte? 276 Die Verhandlungen über dieſen Gegenſtand zogen ſich da⸗ durch in die Länge, daß die ſpaniſchen Geſandten darüber ſtets an ihren Hof berichten mußten, welcher— bei der man möchte ſagen: kindlich eifrigen Frömmigkeit des Königs Philipp III.— ſich nicht entſchließen konnte, hierin nachzugeben und welcher doch auch den Frieden nicht aufgeben wollte. Auch hatte der Papſt durch den Kardinal Bentivoglio ganz be⸗ fonders darauf gedrungen, daß die Katholiken freie Reli⸗ gionsübung erhalten ſollten; und freilich konnten weder Spa⸗ nien noch der Papſt jene politiſchen Beweggründe begreifen, welche die Weigerung der Republik motivirten. Die Verhand⸗ lungen, welche durch die fortwährenden Berichte der ſpaniſchen Geſandten an ihren Hof, durch Hin⸗ und Wiederreiſen immer mehr in's Stocken geriethen, verwickelten ſich überdies noch im⸗ mermehr und kaum ließ ſich eine beiden Theilen gleich genü⸗ gende Entſcheidung noch erwarten. Somit wurden denn die Friedensverhandlungen durch einen Beſchluß der Generalſtaaten vom 23. Auguſt, welchen man zwei Tage ſpäter den ſpaniſchen und erzherzoglichen Geſandten mittheilte, abgebrochen. Nun trat jedoch das Intereſſe Frankreichs in's Mittel. Heinrich IV. wollte den Krieg durchaus nicht wieder ausbre⸗ chen laſſen und griff deßhalb, da nun einmal von einem De⸗ finitivfrieden die Rede nicht mehr ſein konnte, die gleich⸗ falls vorausgeſehene andere Idee eines mehrjährigen Waf⸗ fenſtillſtandes auf. Sein Geſandter Jeannin gewann auch den engliſchen Geſandten für dieſe Idee, zu welcher ſich auch Oldenbarneveld in unerſchütterlicher Konſequenz neigte; und kaum waren die Unterhandlungen über einen Frieden abgebrochen, als die über einen Waffenſtillſtand in der Verſammlung der Generalſtaaten vorgeſchlagen wurden 277 unter denſelben Bedingungen wie der Friede,(Unabhän⸗ gigkeit der Republik und Beibehaltung des indi⸗ ſchen Handels— für die Dauer des Waffenſtillſtandes), un⸗ ter derſelben Gewährleiſtung der Mächte, wie für den Frieden. Dieſe neuen Verhandlungen begannen denn jetzt wirklich, jedoch nicht ohne bedeutende Zögerungen von Seiten der ſpaniſchen und erzherzoglichen Geſandten, welche darüber erſt an ihre Kommittenten eben ſo berichten mußten, wie die Gene⸗ ralſtaaten die Begutachtung der neuen Vorſchläge den ein⸗ zelnen Provinzialſtaaten überwieſen. Nun erhoben ſich die Stimmen der Partheien lauter als je in der Republik; leb⸗ hafter als je machten ſich Partikularintereſſen, Anſichten, Wün⸗ ſche und Beſorgniſſe der Einzelnen(Perſonen ſowohl als Kom⸗ munitäten) geltend. Oldenbarneveld mit ſeinem klaren Blicke, mit ſeinem reinpatriotiſchen Herzen ſtand groß und ru⸗ hig inmitten aller Partheien; er bezeichnete jetzt den Waffen⸗ ſtillſtand, ebenſo wie früher den Frieden, als das einzige Heil. Ihm gegenüber ſehen wir den Prinzen Moritz an der Spitze der kriegeriſch⸗geſinnten Parthei in heftiger Leidenſchaft. Er erkennt in einem Waffenſtillſtand nur eine prekäre Maßregel, während Oldenbarneveld darin den Anfang und die ſicherſte Einleitung eines dauernden Friedens wahrnimmt. Moritz glaubt, daß der Krieg über Kurz oder Lang doch wieder ausbrechen werde, und daß der Waffenſtillſtand den Geiſt des Heeres, ſo wie den der Nation entnerven müſſe. An ihn ſchließen ſich die Provinz Seeland und die Stadt Amſterdam, Beide von ihren Privatintereſ⸗ ſen beſtimmt. Seeland hatte nämlich von dem Wiederaus⸗ bruch des Krieges am allerwenigſten zu befürchten, weil es durch ſeine phyſiſche Lage(von dem Meer und der Schelde umgeben) vor Angriffen und Verluſten am Beſten geſichert war; übrigens 278 wirkte hier auch wieder gar mächtig der Einfluß des Prinzen Moritz, welcher als„erſter Edler“ von Seeland*) eine wichtige Stimme in der Staatenverſammlung hatte. Was Amſterdam betrifft, ſo wirkte hier, eben ſo wie bei See⸗ land die alte Beſorgniß nach, daß bei einem Frieden oder einer langen Waffenruhe Antwerpen(zum Nachtheil Am⸗ ſterdams) ſeine frühere Bedeutung wiedergewinnen möchte. Dagegen waren nun andere Provinzen, welche von den Streifzügen der feindlichen Truppen mehr zu leiden hatten, wie Friesland, Gröningen, Over⸗Yſſel, dem Waffen⸗ ſtilltand weniger abgeneigt. Kurz: es zuckte eine ungeheuere Aufregung durch die ganze Republik, und die Preſſe entwickelte abermals eine ſo außerordentliche Thätigkeit, vornämlich als Organ der Oppoſiton, daß man ſogar von verſchiedenen Seiten an eine Beſchränkung der Preſſe dachte,— ein Gedanke, welcher einer Republik unwürdig iſt!— Die hauptſächlichſten Gründe, welche die kriegeriſchgeſinnte Oppoſition aufſtellte, waren folgende: Erſtens der des Mißtrauens, ſo⸗ wohl gegen Perſon, Stand und Abkunft der Geſandten, als auch gegen die Aufrichtigkeit ihrer Kommittenten, weil es ja„den Altgläubigen immerhin erlaubt ſei, Ketzern nicht Wort und Treue zu halten“; zweitens die Beſorgniß, daß der kriegeriſche Geiſt der Nation während eines Wafefenſtillſtands erſchlaffen möchte,— drittens die fernere Beſorgniß, daß man nach Ablauf deſſelben, jene Finanzquellen nicht mehr würde be⸗ nützen können, welche zur Führung des Krieges nöthig ſeien; viertens, daß man ſelbſt während eines Waffenſtillſtands doch die Grenzen eben ſo in Acht haben und vertheidigen müſſe, wie *) Ueber Urſprung und Bedeutung des Rechtes des„erſten Edlen“ vergleiche Wagenaar(vaderlandsche Historie XXXII. Boek. XVIII. p. 453— 463). 279 während eines Krieges. In allen Flugſchriften, welche damals erſchienen, wurde immer wieder auf die„ſpaniſche Treu⸗ loſigkeit“ aufmerkſam gemacht und als letzte Folge eines Waffenſtillſtandes aus allen jenen von uns angedeuteten Grün⸗ den ein allgemeines Zerwürfniß zwiſchen den Bundesgenoſſen, hieraus Schwäche und hieraus endlich Unterwerfung prophezeiht. Ja, man ging ſogar ſo weit, den eifrigen, unbeſcholtenen Re⸗ publikaner und Patrioten Oldenbarneveld der Verrätherei zu bezüchtigen! Der Zwieſpalt zwiſchen Dieſem und dem Prinzen Moritz war entſchieden. Doch weder Oldenbar⸗ neveld, noch Jeannin ließen ſich durch alle dieſe Hinderniſſe abſchrecken, auf der Bahn, welche ſich betreten hatten, weiter voran zu ſchreiten. Der Erſtere verlangte, gekränkt durch die Anſchuldigungen, welche man gegen ihn erhob, ſeine Entlaſ⸗ ſung aus dem Staatsdienſt, welche man ihm jedoch nicht be⸗ willigte. Die Staaten von Holland baten ihn dringend, der gemeinſamen Sache ſeine Thätigkeit zu erhalten. Olden⸗ barneveld gab nach, und fuhr ſodann mit neuem Eifer fort, für die Herſtellung eines Waffenſtillſtandes zu arbeiten. Er hatte die Genugthuung, daß ſich endlich die holländiſchen Städte, wo verſchiedene Meinungen herrſchten, ja ſogar Amſterdam, für den Waffenſtillſtand erklärten; bloß Seeland bebarrte ſtandhaft in der Oppoſition. Endlich brachte Jeannin, in Verbindung mit dem eng⸗ liſchen Geſandten, ein gewichtiges und entſcheidendes Motiv vor. Er erklärte nämlich, daß Heinrich IV.(wie auch Ja⸗ kob I.) den Generalſtaaten Schutz und Beiſtand angedeihen laſſen würde, wenn Philipp III. und die Erzherzoge den Waffenſtillſtand nicht annehmen ſollten; er drohte ihnen aber auch zugleich, daß ſie auf dieſen Schutz durchaus nicht rechnen dürften, wenn ſie ſelbſt 280 Schuld trügen, daß der Waffenſtillſtand nicht zu Stande käme und der Krieg fortgeſetzt werden müßte. Dies wirkte endlich auf Seeland; auch Prinz Moritz entſchloß ſich, die Oppoſition aufzugeben, und verſöhnte ſich durch Jean⸗ nins Vermittlung mit ſeinem alten Freunde und jetzigen poli⸗ tiſchen Gegner Oldenbarneveld. Seeland ſtellte die Bedingung auf, daß die Schiffe, welche aus der See kamen, nicht unmittelbar, und nicht ohne Zoll zu entrichten, nach Ant⸗ werpen fahren ſollten. Nachdem nun alle dieſe Schwierigkeiten beſeitigt waren, hielten die Generalſtaaten am 11. Januar 1609 eine Sitzung, worin ſie beſchloſſen, daß ſie in jeder Beziehung(Religion und indiſchen Handel einbegriffen) nicht abgehen wollten von der Anerkennung ihrer Unabhängikeit durch den ſpaniſchen Hof und durch die Erzherzoge,— welchen Beſchluß die Generalſtaaten den Geſandten der ver⸗ mittelnden Mächte mittheilten, damit dieſe die gepflo⸗ genen Verhandlungen weiter fortführen möchten. Endlich er⸗ langten auch die Erzherzoge die Zuſtimmung des Kö⸗ nigs von Spanien zu einem mehrjährigen Waffenſtill⸗ ſtand unter den bereits erwähnten Bedingungen, und nun drängte man zur Abſchließung deſſelben. Die Stadt Antwer⸗ pen wurde als derjenige Ort feſtgeſetzt, wo dies Werk zu Stande kommen ſollte. Zu Anfangs Februar 1609 begaben ſich deßhalb die Geſandten nach Antwerpen, während die Generalſtaaten, ſo wie die Provinzialſtaaten von Holland ſich in der Nähe dieſer Stadt, zu Bergen⸗op⸗ Zoom, aufhielten. Am 9. April jenes Jahres wurde dann endlich zu Antwerpen der Waffenſtillſtand zwiſchen der Republik einerſeits und den Erzherzogen(in ihrem, ſo wie in des Königs von Spanien Namen) anderſeits für 281 die Dauer von zwölf Jahren abgeſchloſſen, und zwar unter Bedingungen(in 38 Artikeln), deren weſentli⸗ chen Inhalt wir hier in Kürze mittheilen:„Die Erzher⸗ zoge erklären ſowohl in ihrem eigenen Namen, als auch im Namen Sr. Majeſtät, des Königs von Spanien, daß ſie zufrieden ſind, mit den Generalſtaaten der vereinigten Provinzen, und zwar in ſolcher Eigen⸗ ſchaft derſelben zu verhandeln, daß ſie dieſelben für freie Lande, Provinzen und Staaten halten, auf welche ſte keine Anſprüche haben, und daß ſie in ſolchem Na⸗ men und ſolcher Eigenſchaft mit Letzteren einen feſten un⸗ verletzlicen Waffenſtillſtand ſchließen, welcher zwölf Jahre dauern ſoll, binnen welcher Friſt alle gegenſeiti⸗ gen Feindſeligkeiten von was immer für einer Art, ſowohl zu Land als zur See, zwiſchen den Unterthanen des Königs, der Erzherzoge und der Staaten, in allen ihren Rei⸗ chen, Provinzen, Landen und Herrſchaften, ohne Ausnahme von Ort und Perſon, aufhören ſollen. Jeder Theil ſoll hierbei in ſeinem gegenwärtigen Beſitz⸗ ſtand vollkommen verbleiben. Alle Unterthanen des Königs und der Erzherzoge, ſo wie alle Bewohner der vereinigten Provinzen ſollen gute Freundſchaft und ſichren offnen Verkehr und Handel, zu Land und zur See, mit einander haben in allen europäiſchen Reichen und Beſitzungen des Königs von Spanien, ſo wie auf jenen übrigen Meeren und in jenen andren Ländern, wo auch die Unterthanen der mit dem Könige befreundeten oder verbündeten Mächte Handel treiben dürfen. Alle vorhergegangenen Spannungen, Wirren und Feindſeligkeiten ſollen vergeſſen ſein. Zu Handel und Verkehr au⸗ ßerhalb jener bezeichneten Grenzen bedürfen 282 jedoch die Bewohner der vereinigten Provin⸗ zen einer ausdrücklichen Erlaubniß des Kö⸗ nigs von Spanien, mit Ausnahme ſolcher Länder und Mächte, welche ihnen dies geſtatten; worauf ſie dann auch von dem König nicht verhindert oder beeinträchtigt werden ſollen. Der Wafefenſtillſtand ſoll in den außerhalb jener Grenzen gele⸗ genen Regionen erſt binnen Jahr und Tag in Kraft treten. Die beiderſeitigen Einwohner dürfen in keinem Lande der ent⸗ gegengeſetzten Theile ſchwerer belaſtet werden als Eingeborne; Bürger der vereinigten Provinzen genießen in den Lan⸗ den des Königs und der Erzherzoge dieſelbe Freiheit und Vergünſtigung wie die engliſchen Unterthanen; nur wegen perſönlicher Schulden und wegen keines anderen Grundes dür⸗ fen Kaufleute oder Schiffer angehalten werden. Alle Senten⸗ zen, welche ſowohl in Civil⸗ als Criminalſachen wider Perſo⸗ nen von der einen oder andern Parthei erlaſſen werden, ohne daß eine Vertheidigung ſtattfand, dürfen während des Waffen⸗ ſtillſtandes weder gegen die betreffenden Perſonen, noch gegen ihre Güter exekutirt werden; alle Diejenigen, deren Güter we⸗ gen des Krieges mit Beſchlag belegt oder eingezogen worden, ihre Erben und Rechtsnachfolger treten während des Waffen⸗ ſtillſtandes wieder in den Beſitz dieſer ihrer Güter ein, unter der Bedingung, daß ſie über dieſelben während der Zeit nicht weiter verfügen und ſie nicht vermindern. Dies findet auch auf die Erben des Prinzen Wilhelm von Oranien An⸗ wendung; alle Glieder des Hauſes Naſſau dürfen wäh⸗ rend des Waffenſtillſtandes, weder für ihre Perſon, noch in Bezug auf ihre Güter wegen jener Schulden angetaſtet wer⸗ den, welche Prinz Wilhelm von Oranien vom Jahre 1567 an bis zu ſeinem Tode gemacht hat. Alle Unterthanen und Bewohner der erzherzoglichen Niederlande ſo wie der ver⸗ 283 einigten Provinzen ſind fähig, nach der geſetzlichen Beſtimmung ſich wechſelſeits zu beerben. Alle beiderſeitigen Kriegsgefangenen werden ohne Löſegeld freigegeben. Was die in den vereinigten Provinzen gelegenen geiſtlichen Güter betrifft, welche vor dem 1. Januar 1567 nicht verkauft worden und Kirchen oder Stiftungen in den erzherzoglichen Niederlanden zugehören, ſo ſollen dieſelben während des Waffenſtillſtands zur Nutznießung zurückgegeben,— von jenen jedoch, welche verkauft worden, ſoll ein Pfennig von ſechzehn als Zinſen bezahlt werden. Alle, welche während des Krieges ihre Heimath verlaſſen und ſich auf neutrales Gebiet begeben haben, dürfen zurückkehren oder ſich verfügen, wohin ſie wollen, mit dem vollen Rechte auf die Fortbehaltung ihres Vermögens.“ Außerdem wurden noch mehre geheime Traktate oder Reverſe ausgefertigt. Ein ſolcher betraf die Ver⸗ ſicherung Spaniens und der Erzherzoge:„den oſtindiſchen Handel der Generalſtaaten wäh⸗ rend des Waffenſtillſtandes weder zu Waſſer noch zu Lande zu ſtören“. Ein andrer enthielt das Verſprechen der Generalſtaaten und des Prin⸗ zen Moritz:„die Ausübung des katholiſchen Gottesdienſtes in den unter ihrer Herrſchaft ſte⸗ henden brabantiſchen Ortſchaften nicht zu beein⸗ trächtigen, mit dem Vorbehalt jedoch, daß weder der Erzbiſchof von Antwerpen eine ſtaatswidrige Gerichtsbarkeit dort ſelbſt ausüben, noch irgend eine Glaubensunterſuchung vorgenommen, oder Jemand durch die katholiſche Geiſtlichkeit zur Annahme des Katholizismus gezwungen werden dürfe.⸗ Am 14. April 1609 langte zu Antwerpen die Beſtätigung des Traktates von Seiten der Erzherzoge und der Generalſtaaten an. Der Waffenſtillſtand wurde 284 feierlich verkündigt. Im Juli deſſelben Jahres kam auch die unter'm 6. Juni 1609 in Segovia ausgefertigte Ratifika⸗ tion des Königs von Spanien an, worin Dieſer die abgeſchloſſenen Bedingungen für die Dauer des Waffenſtillſtan⸗ des zu halten verſprach. Es charakteriſirt den tiefwurzelnden religiöſen Sinn Philipp's III., daß er zugleich den General⸗ ſtaaten Schonung gegen die Katholiken in der Republik em⸗ pfahl. So war denn nun das große Ziel des langjährigen Frei⸗ heitskampfes für die Republik der ſieben verei⸗ nigten Provinzen, Holland, Seeland, Utrecht, Friesland, Geldern, Over⸗Yſſel und Grönin⸗ gen erreicht. Ihr früherer Oberherr ſelbſt hatte, wenigſtens vorläufig, ihre gänzliche Freiheit und Un⸗ abhängigkeit ausgeſprochen und erklärt:„keine Rechte oder Anſprüche auf ſie zu haben.“ Und, was Spanien jetzt bei Abſchluß des 12jährigen Waffenſtillſtandes anerkannte, das blieb ein Fundament für alle Zeiten. Auf dieſem Funda⸗ ment beruhte die ſpätere Erklärung Spaniens im Frieden zu Münſter 1648, daß die Republik der ſieben ver⸗ einigten Provinzen ein freier unabhängiger Staat ſei. Die Geſchichte des großen Kampfes der Niederlande um die Freiheit iſt ſonach mit dem Waffenſtillſtand von Ant⸗ werpen geſchloſſen,— eine Geſchichte voll der gewichtigſten Leh⸗ ren für Fürſten und Völker, eine Geſchichte, in welcher auch für das blödeſte Auge die Wahrbheit deutlich genug ausgeprägt iſt, daß ein Volk das Höchſte auszurichten vermag, wenn es nur immer ſich ſelber treu bleibt. In dem Wahlſpruch „Eendragt maarkt magt“ iſt der Geiſt einer edlen Nation ausgedrückt. Welche andere des neuen Europa's kann eine 285 ähnliche, unter allen Leiden und Kriegen doch ſo Schritt für Schritt naturgemäße Staatsentwickelung aufweiſen? Der große Riß zwiſchen Holland und Belgien iſt voll⸗ endet. Wir ſahen ihn entſtehen und ſich erweitern; wir bedau⸗ ern, daß Belgien, bei allen vortrefflichen Eigenſchaften des Volkes, bei aller höheren Lebensthätigkeit, bei allem geiſtigen Streben, bei allem tiefen Gefühl für die Freiheit, dennoch durch alle Kämpfe ſie damals nicht errungen, daß es ſich glücklich peiſen mußte, nur— den Frieden unter der Herrſchaft gewonnen zu haben! Betrachten wir jedoch die moraliſche Kraft des Volkes genauer, ſo finden wir, daß es die heiße Liebe zur Freiheit dennoch keineswegs verloren, daß es ſeine Provinzialrechte behauptet, dieſe feſten Garantieen der Nationalität. Und wo nur die heilige Schrift der Nationalität nicht verwiſcht wird, da iſt es auch um die Freiheit noch nicht geſchehen; da haftet ein feſter Anker, den alle Stürme fremder Einflüſſe nicht loszureißen vermögen; da iſt eine ſichre Bürgſchaft, daß ſich ein edles Volk, recht wie ein Löwe, erhebt und die Bande zerreißt, in die man es geſchlagen. Auf dem unerſchütterlichen Fundament der eigenen Sprache, der alten Rechte, der ſchönen Sitten, ruht die Nationa⸗ lität, und ihr Bewußtſein heißt Freiheit. Damals bedurfte Belgien vor Allem des Friedens, der Ruhe, der Erholung. Es fand ſie unter der Herrſchaft Al⸗ brechts und Iſabellens. Mit warmem Eifer ſtrebten Beide, das Wohl des Volkes herzuſtellen, und das Volk erkannte dieſe Beſtrebungen mit einer ehrenwerthen Pietät. Eine ausführliche Darſtellung der Regierung Albrechts und Iſabellens(der Erſtere ſtarb 1621, die Letztere 1633,) liegt außerhalb der Gren⸗ zen dieſes Werkes und nimmt vollauf ein eigenes Buch für ſich in Anſpruch, woraus ſich deutlich erkennen ließe, wie Belgien, zu jenem Zuſtande gelangte, in dem es ſich heutzutage befindet. Wir müſſen es uns demnach hier verſagen, alle Einrichtungen Al⸗ brechts und Iſabellens in Belgien,(worunter z. B. auch die der Leihhäuſer gehört) zu einem Bilde zuſammenſtellen, und be⸗ ſchränken uns darauf, hier einige Züge zu entwerfen, welche den religiöſen Zuſtand Belgiens charakteriſiren. Die Reſtauration des Katholizismus hatte durch Albrecht und Iſabella feſten Fuß gefaßt. Er trug indeſſen nicht die heitere Farbe wie in deutſchen Ländern, ſondern die düſtre Spa⸗ niens; ſpaniſche Bigotterie und ſpaniſcher Aberglaube wurzeln von nun an immer tiefer und äußern ihren traurigen Einfluß auf das Volk, deſſen Entwicklung hemmend, deſſen geiſtige Seh⸗ kraft abſtumpfend. Wir ſprechen hier natürlicherweiſe nicht von ſolchen Verordnungen der beiden Erzherzoge, welche zur Erhal⸗ tung des Katholizismus, deſſen Weſenheit wir von Bigotterie und Aberglauben wohl zu unterſcheiden wiſſen, in Belgien über⸗ haupt nöthig waren, wie z. B. von jenem Plakat, wodurch alle Predigten und nächtlichen Verſammlungen der Sektirer, jedes Aergerniß aufs Strengſte verboten wurden. Mit dieſem Plakat ſtand die Verordnung im nächſten Zuſammenhang, daß für Nichtkatholiken, welche ſich in Belgien niederlaſſen wollten, der Uebertritt zum Katholizismus die allererſte unabweisliche Bedin⸗ gung war. Die Mönchsorden, beſonders die Geſellſchaft Jeſu erreichten von Jahr zu Jahr größeren Einfluß, höhere Achtung, umfaſſendere Herrſchaft. Sehr folgenreich wirkte die von Phi⸗ lipp II.(v. Jahre 1597) herrührende Einrichtung in Flan⸗ dern, dergemäß die Geiſtlichkeit neben den Städten Gent, Ypern und Brügge, ſowie neben dem„Freien von Brügge,“ als fünftes Glied der Staaten von Flandern anerkannt worden war. Zur Charakteriſtik Albrechts und Iſabellens in religiöſer Hinſicht können— aus vielen andern ähnlichen her⸗ 287 vorgehoben— folgende Züge dienen.*) Eine Lieblingsbeſchäf⸗ tigung Albrechts war es, der Mutter Gottes von Loretto— ein Kleid zu ſticken, das 34,000 Dukaten koſtete; mit dem gan⸗ zen Ernſt ſeines Weſens hielt er täglich die vollſtändige Marien⸗ andacht und kein Jahr verſäumte er die neuntägige Andacht bei u. L. Frau zu Montaigue*—*) und U. L. Fr. zu Hall, welcher er die koſtbarſten Geſchenke machte. Unter ſeiner Herrſchaft wur⸗ den über 300 neue Kirchen in Belgien erbaut und mehr Klöſter daſelbſt geſtiftet, als in den 3 vorhergehenden Jahrhunderten. Das Bild der Muttergottes ſtand auf ſeinen Fahnen; nur von ihrem Altare zu Hall nahm er den Degen. Sehr bezeichnend ſchreibt ſein Panegyriker(in der histoire de 1* Archiduc Albert): „Apréès avoir convoqué dans ses états des Saintetés vi- vantes(die Mönchsorden) il y üit venir des Saintetés mor- tes, je veux dire des Reliques des Saints. Jl essaioit de copier son cher modéèle Philippe II., et comme il savoit que ce Prince pieux avoit fait venir de la Belgique et de France le Corps de S. Eugene, et qu' il s' étoit censé honoré de soumettre ses épaules royales à son trans- port dans Tolède, il fit venir de Reims en Champagne le corps de S. Albert Evèque de Liège, son aimable Tutelaire et son chèr cousin. Car S. Albert étoit fils de Godefroi IMII. Duc de Brabant et de Loraine, et de Marguerite de Limbourg. Ce saint prelat avoit scrrifié sa vie pour la *) Miracus chron. belg. Vergl. das intereſſante und verdienſtvolle neuere Werk: Essai historique sur les usages, les croyances, les tra- ditions, les cérémonies et pratiques religieuses et civiles des Belges anciens et modernes par A. G. B. Schayes. Louvain 1834. ſowie endlich l'histoire de l'Archidue Albert souverneur- general et puis prince souverain de la Belgique. A Cologne 1693. **) Der Bau der Kirche U. L. Fr. zu Montaigue koſtete ihm über 300,000 Piſtolen. 288 liberté ècclésiastique à Reims, en 1192, comme S. To- mas Bequez l' avoit fait à Canterbori Melchior Demaroui. Evéêque de Brioce, par' ordre de Louis de. Lorraine, Archevèque de Reims, avoit relevé ce corps saint, avec beaucoup de pompe le 2. Novembre 1612. L' Archiduc se fit un honneur de le transporter luiméme au couvent des ses Carmelites de Bruxelles, accompagné de Hovius archevèque de Malines, de Gui Bentivoglio alors Inter- nonce et puis Cardinal; de Jean Richardot archevèque de Cambrai, d' Alfonse Requesens Evèêque de Rosoneri en Dalmacie et de plusieurs prélats etc.“ Iſabella theilte die religiöſe Ueberzeugung, den religiöſen Eifer ihres Vaters und ihres Gemahls vollkommen. Ein einziger Brief von ihr an Wal⸗ lenſtein(von Brüſſel am 26. Dezember 1625*) bezeichnet dies beſſer als ein ganzes Buch. Nach dem Tode Albrechts ließ ſie ſich ihr Haar abſchneiden, entäußerte ſich jedes Schmuckes, und zog das Ordenskleid der heil. Clara an, welches ſie bis zu ihrem Tode trug. Die traurigen Einflüße der Bigotterie und des Aberglaubens auf Geiſt und Gemüth des Volkes zeigten ſich nur zu bald. Um nur einen Beweis dafür anzugeben,— welcher wäre— leider!— genügender als das Vorhandenſein des Hexenwahns und der Hexenprozeſſe in Belgien? Wie über⸗ all, ſo ging der Impuls von der Staatsautorität ſelbſt aus; wie überall ſo erhielt jener unſelige Wahn von der Regierung gleichſam ſeine Sanktion. Als Beleg theilen wir nachſtehend ein das Zauber⸗ und Hexenweſen betreffendes intereſſantes Edikt der beiden Erzherzoge von 1606 mit.*) *) In den Beilagen. **½) B. Cannaert Bydraegen tot de konnis van hel oude strafrecht in Vlaenderen. 3. uitgave. Gend. 1835. 289 „Les Archiducqz. Mon cousin, chiers et feaulx. Comme à nostre grand regret, sommes advertis que le detestable crime de sor- celerie, magie et semblables inventions diabo- licques, s'en vat accroisant entre nos vassaulx, sub- Jjectz, Nous y desirons pourvéeoir et applicquer le remede requis, apres avoyr sur ce meurement deliberé, n'y trou- vons moyen plus propre et convenable, que celluy qu'aul- trefoys a esté advisé et resolu par feu le Roy, nostre très honnoré seigneur et pèêre d'immortelle memoire, et par ses lettres du 20me de juillet de l'an 1592 a esté insinué tant aux evesques diocesains, qu'aux conseils provinciaux de ses Pays-Bas, leur ayant tréès expressement en chargés de joinctement(en me- me temps) et de main commune rendre tout debvoir possible pour extirper crime sy abominable; ce qui nous meult de vous envoyer le double des dictes lettres et joinctement ordonner tres acertes que promptement ayes à mectre en oeuvre le reglement porté par icelles, et le mesme signifier aux sieges, justices et magistratz subal- ternes de votre ressort, affin que du tout ilz se confor- ment aux prescripts d'icelluy, et rendent tous debvoirs convenables servans pour l'extirpation dudict crime, ainsy due l'enormité du delict et J'obligation qu'il⸗ doivent à Phonneur de Dieu à ce les obligent, avecques charge de nous avertir de temps a aultre, du succes de leurs exploictz et besoignez. Et d'autant que la principale difficulté se rencontre en la recherche et descouvrement des suspectz et diffame⸗ dudict crime, nous vous enchargeons de vous servir à III. 19 cet effect, et pour les descouvrir, de tous moyens juridi- ques qu'en aulcun des aultres crimes enormes et privi- legiez, l'est il et pratique judiciaire ont receu, mesme a „'egard des delateurs ou denunciateurs, affin de les rendre tant plus promptz et volontaires pour les deferer, oires qu'il deuist estre, par promesse de grace, endroit des complices et deleyer, au regard des aultres. Comme aussy entendons qu'ayes à proceder en toute rigueur contre ceulx qui seront atteinctz et convaincus du dict crime; executant contre eulx les paines statuez par les lois tant divines qu'humaines, sans aulcun port ou dissimulation, trouvans y estre par ycelles pieces sy exactement pourveu, qu'il n'y chiet qu'adiouster de nostre part, que vous enioindre la prompte ét rigoureuse execu- tion d'ycelles. Et neantmoins nous sommes informés, que du passé l'on n'y a pas toujours procedé sy con- siderement qu'il convenoit, tant au regard de P'examen rigoureux des suspectz, que du- chastoy et punition des convaincuz, pour ce que les juges et officiers tant des petites villes que villaiges promiscuement ont consulté tels que bon leur a samblé; Nous desirans remedier aux plainctes pour ces faictes, ordonnons que d'yci en avant ne leur soit loisible de passer oultre à Pung ou''aultre des diets deboirs de zustice, soit qu'ilz resident aux vil- les ou villaiges, ne soit qu’ilz vous ayent auparavant consulté et prins vostre avis ou bien de ceulx qui par vous, soit de vostre college, ou des avocats de vofre siege ou ressort, seront à ce specialemeént deputéz, aux quels les dicts juges et officiers seront ténuz de recourir pour avis ét le suyvre precisement. Et affin que le tout soit encheminé avecd me ieure cor- 291 respondance et plus grande espoir de fructueux effect, trou- vons estre besoing et vous enchargeons de commettre et de- puter quelqu'ung d'entre vous, qu'ayt le soing et reguard principal sur tous sieges et magistratz de vostre ressort, af- fin que chacun fasse son extreme debvoir en se que sera de sa charge en cet endroit, au quel en toutes difficultez occu- rentes ceulx aussy puissent avoir leur refuge et recours, et qu'en apres vous en donné part pour y estre pourveu et or- donné par vostre collège, comme en droicturiere justice, et pour la repression de crime si detestable sera trouvéè con- venir. Au mesme effect aussy vous ordonnons de tenir toute bonne correspondance avecq les evesques, diocesains et aultres juges et officiers ecclesiastiques de vostre ressort, et de les assister du bras seculier en estant, requis, donnans et recepvans d' une part et d'aultre la communication des enquestes et informations prinses et autres debvoirs de justice pour ce faict⸗z. A tant, mon cousin, chiers et feaulx, Nostre Seigneur Vous ayt en sa saincte garde. DeBruxelles le 10 d'avril 1606. Paraph. Richardot Vi et signé: Albert, et plus bas: D'Enghien.— A mon cousin le comte dEgm ont, chevr. de Por- dre et gouverneur, et nos chiers et feaulx les president et gens de nostre conscil provincial de Namur. Drittes Kapitel. Ueberblicken wir nun zum Schluſſe den Zuſtand der neuen Republik, zur Zeit ihrer Anerkennung als einer freien, von Spa⸗ nien unabhängigen Macht, und beobachten wir dann den Volks⸗ geiſt, wie ſich derſelbe im Verlaufe des langen Kampfes um die Freiheit bis zu jenem entſcheidenden Wendepunkte kundgab! Wir bemerken im Allgemeinen noch immer jene Normen der Verfaſſung auf dem Fundament der Utrechter Union, welche wir bereits früher beobachtet haben. Wir bemerken noch im⸗ mer daſſelbe wechſelſeitige Verhältniß der Staats⸗ gewalten, von welchen eine die andere gewiſſermaßen kon⸗ trolirt, wie es im letzten Dezennium des 16ten Jahrhunderts ſich feſtgeſtellt hatte; nur möchten wir hinzufügen, daß die Generalſtaaten, welche nun ihre bleibende Reſidenz im Haag hielten, als Vertreter(wenn auch nicht gerade als rechtliche Inhaber der Volksſouverainetät) eine noch größere Machtvollkommenheit nach außen zu entwickeln, wäh⸗ rend die Provinzialſtaaten zu gleicher Zeit nach innen zu immer bedeutender einwirken. Wöchentlich trat je nach der Rangordnung der Provinzen ein anderer Präſident der Gene⸗ ralſtaaten ein.*) Die Generalſtaaten vertraten auch übri⸗ gens nach außen zu die Republik als moraliſches Ganze; die *) Dieſe Ordnung war folgende: Geldern, Holland, Seeland, Utrecht, Friesland, Over⸗Yſſel, Gröningen. 293 Republik trug ihren Namen; in ihrem Auftrag gingen Geſandte an auswärtige Höfe ab, ſowie Geſandte der Letzteren wieder bei den Generalſtaaten ihre Beglaubigungsſchreiben überreichten und von ihnen empfangen wurden. Dazwiſchen oder vielmehr darü⸗ ber zeigt ſich nun(insbeſondere auffallend bei der Aufregung über die Frage des Waffenſtillſtandes) ein anderes bedeutſames Phänomen, nämlich der Gegenſatz zwiſchen den Beſtrebungen Mo⸗ ritzens und Oldenbarnevelds. Der Einfluß beider Män⸗ ner hatte aus verſchiedenen Gründen außerordentlich zugenom⸗ men. Moritz beſaß den ſeinigen nicht bloß durch ſeine wich⸗ tige Stellung als Statthalter von fünf der ſieben vereinig⸗ ten Provinzen, ſondern auch als Admiral und Generalkapitän der Union, mithin in den inneren Angelegenheiten, ſowie in Bezug auf den Beſitz der militäriſchen Gewalt; denn, obwohl ihm die Letztere durch die Deputirten der Generalſtaa⸗ ten beſchränkt wurde, ſo ſahen wir doch auch, wie ihm die Gene⸗ ralſtaaten in wichtigen Angelegenheiten die volle Freiheit bei Kriegsoperationen einräumten. Zu dieſer faktiſchen Gewalt kam nun auch noch die moraliſche, welche er durch ſeinen Waffen⸗ ruhm erlangte, und welche er dadurch zu benutzen wußte, daß er in einer ſolchen Kriſis, wie die während der Friedens⸗ und Still⸗ ſtandsverhandlungen, ſich an die Oppoſition enger anſchloß. Bedeutend war überhaupt die Macht des Hauſes Naſſau in den Niederlanden, um ſo bedeutender, da ſie auf der Dank⸗ barkeit und Pietät des Volkes beruhte. Unter ſolchen Umſtän⸗ den war für einen genialen Mann, wie Moritz, den wir mit keinem anderen Helden als Julius Cäſar(in jeder Be⸗ ziehung) zu vergleichen wüßten, die Verführung ſehr groß, nach einer höheren Macht zu ſtreben, als jene, die ſich mit dem Weſen einer Republik verträgt. Wir wollen zwar hiermit nicht ausſprechen, als habe er in jener Zeit wirklich klar ausge⸗ 294 bildete Abſichten verfolgt(wir glauben es deßhalb nicht, weil er allzuklug war, als daß er nicht die zahlloſen Hinderniſſe überblickt hätte, welche ihm— bei der künſtlichen Ausgliederung der republikaniſchen Verfaſſung— im Wege ſtanden); aber wir kön⸗ nen nicht umhin, das Streben nach einer ſolchen größeren Macht wahrzunehmen, und,— wenn wir billig ſein, wenn wir den Menſchen nach ſeiner Individualität beurtheilen wollen, nach dem, was ihm angeboren, und nach dem, was er ſich er⸗ rungen,— ſo dürfen wir dieſen ausgezeichneten Mann wegen des bloßen Strebens noch nicht verdammen.— Anderſeits fin⸗ den wir nun Oldenbarneveld, welcher der Republik durch ſeine Staatsklugheit und Thätigkeit ebenſoviel genützt, ja man kann ſagen, welcher ſie ebenſo gerettet hatte, wie Movritz, welcher ebenſo viel Ehrgeiz beſaß wie Dieſer, aber Demſelben gegenüber die Intereſſen der Republik, nicht bloß als einer ſolchen überhaupt, ſondern auch ganz beſonders in Bezug auf die geheimſten Lebensbedingungen der betreffenden Nationalität, im ſchönſten Geiſte der Alten vertrat. Wenn man von dem rechten Genie überhaupt ſagen kann, daß es für alle Lagen und Verhältniſſe die geheimnißvolle„Springwurzel“ beſitzt, das einzige Wort, die einzige Zauberformel unter tau⸗ ſend andern, wodurch Riegel, Pforten und Herzen geöffnet wer⸗ den, ſo gilt dies von Oldenbarneveld; wenigſtens können wir bis dahin in ſeiner ganzen Laufbahn auch nicht einen Au⸗ genblick entdecken, in welchem man fände, daß er nicht das Rich⸗ tige getroffen. Was dieſer Genialität des Staatsmanns die edelſte Folie gab, war der Charakter. Wie oft ſehen wir, daß ſich Oldenbarneveld, wenn er glaubt, mit ſeiner richtigen Anſicht nicht durchdringen zu können, lieber ganz von den Geſchäften zurückziehen will. Nie bemerken wir, daß er aus Privatrückſichten handelt, ſelbſt wenn er ſie mit den höhe⸗ 295 ren allgemeinen vereinbaren könnte. Kurz, er ſteht rein und ſchön da, wie ein Erzbild, das vollendet aus der Gußform an den Tag kam. Unbeſtritten ſind dieſe beiden Männer, Mo⸗ ritz und Oldenbarneveld,, die zwei Säulen der Republik in ei⸗ ner gefahrvollen Zeit. Und dennoch müſſen wir wahrnehmen, wie beide Perſönlichkeiten nun um ſo mehr feindſelig auseinan⸗ derweichen, je inniger ſie früherhin verbunden waren. Das Gegenſtreben Beider konnte, wenn es weiteren Spielraum be⸗ kam, nicht ohne nachtheiligen Einfluß auf das Wohl der Re⸗ publik ſein, deren Fortbeſtand ebenſo auf Eintracht be⸗ ruhte wie ihre Gründung. a, ein Zwieſpalt der Partheien, durch die Entzweiung Moritzens und Oldenbarnevelds — nicht hervorgerufen, wohl aber verſtärkt, mußte um ſo gefährlicher ſein, wenn die Republik alle ihre Kräfte nicht mehr auf den Krieg zu verwenden brauchte, wenn ſie in dieſem kei⸗ nen natürlichen Atbln ei umnatürliche Strebungen mehr hatte. Hier trat nun wieder die Politik Heinrichs IV. in's Mittel; ſeine Idee eines europäiſchen Gleichgewichtes, in deſſen Folge er einen ewigen Frieden in Ausſicht nahm. Man kennt die Anfänge und Hebel jenes Planes,— die Schwächung und Demüthigung des Hauſes Habsburg, ſowohl von der deut⸗ ſchen als von der ſpaniſchen Linie, die Vergrößerung Frank⸗ reichs. Man begreift demnach ferner, daß Heinrich IV. noth⸗ wendig die Republik der vereinigten Provinzen zu begünſtigen und ihre Macht zu ſtärken ſuchte. Man überzeugt ſich endlich, daß ihm unter ſolchen Vorausſetzungen ſehr daran liegen mußte, jenen Zwieſpalt in der Republik, ahelſßhen wir angedeutet haben, auszugleichen. Läßt ſich nun aus dem Vorhergeſagten erklären, weßhalb Heinrich IV. zuerſt bereit geweſen, nicht bloß die Garantie des Friedens für die Republik zu übernehmen, ſon⸗ 296 dern auch für den Fall, daß dieſer nicht zu Stande käme, in ein Schutzbündniß mit ihr getreten war,— ſo haben wir eben ſo auch den Schlüſſel zu dem ſonderbaren Benehmen des franzöſiſchen Geſandten Jeannin während der Verhandlun⸗ gen, daß nämlich Derſelbe eine„Verbeſſerung in der Staatsform“ der Republik beantragte. Dieſe zielte darauf hin, daß eine oberſte Staatsgewalt eingeſetzt würde, welcher die ausübende Macht im ganzen Um⸗ fange zuſtünde, um alle Uneinigkeiten der Provin⸗ zen auszugleichen, unbeſchadet der höchſten Macht der Generalſtaaten in Bezug auf das Recht, Krieg anzufan⸗ gen, Frieden zu ſchließen, Bündniſſe einzugehen u. ſ. w. Die jüngſte Oppoſition Seelands hatte hierzu den Anlaß gegeben und in der That war die Beſtimmung der Utrechter Union, daß, bei Meinungsverſchiedenheiten zwiſchen den Provinzen, die Statthalter entſcheiden ſollten, unter den damaligen Umſtänden gar nicht anwendbar. Als eine ſolche oberſte Be⸗ hörde nun mit der ausgedehnteſten ausübenden Macht zur Schlichtung der Meinungsverſchiedenheiten zwiſchen den Provin⸗ zen bezeichnete Jeannin einen Staatsrath, deſſen Haupt Moritz für Lebenszeit ſein ſollte, deſſen Mitglieder die Naſſauer(Moritzens Bruder Heinrich Friedrich und deſſen Vetter Wilhelm Ludwig,) ſowie ein engliſcher und— ein franzöſiſcher Geſandter, deſſen Präſident Ol⸗ denbarneveld. Der Letztere durchſchaute jedoch,(abgeſehen von dem perſönlichen Motiv der Ripalität mit Moritz) den Plan Frankreichs. Oldenbarneveld wollte die Republik in ihrer Reinheit hergeſtellt wiſſen, ohne fremden Einfluß und das Uebergewicht einer einheimiſchen Macht. Er wies Beide zurück; denn er zweifelte nicht im Geringſten daran, daß ſich die Republik, nachdem einmal ihre Staatsformen feſtſtanden 297 und ihre Unabhängigkeit anerkannt worden war, ſelbſt helfen würde; ja er befürchtete ſogar nicht mit Unrecht von ſolchen hervorragenden Elementen Gefahr für die innere Selbſtſtändig⸗ keit. Der Vorſchlag Jeannins wurde denn auch durch Ol⸗ denbarnevelds Einfluß bis nach dem Abſchluß des Waffen⸗ ſtillſtandes verſchoben, und dann ganz bei Seite gelegt. Wir haben die Pietät der Nation gegen das Haus Naſſau erwähnt. Es war im Grunde nicht mehr als billig, daß Dieſes für alle jene zahlreichen Opfer, welche es der Na⸗ tion gebracht hatte, von Derſelben auch entſchädigt wurde. Mo⸗ ritz erhielt von der Republik, in ſeiner Würde als Admiral und Generalkapitain jährlich 80,000 Gulden, und außerdem während des Krieges einen Theil der Beute und der Brand⸗ ſchatzungen. Dies letztere Einkommen fiel nun durch den Waf⸗ fenſtillſtand weg, und ebenſo verlor er durch denſelben und für deſſen ganze Dauer die Einkünfte ſeiner Herrſchaften Lingen und Meurs(welche vom Feinde beſetzt waren,) kraft jenes Artikels in dem Traktate, welcher beſtimmte, daß der gegenwärtige Be⸗ ſitzſtand fortdauern ſollte. Auf Antrag Heinrichs IV.(durch Jeannin) wurde nun dem Prinzen Moritz für jenen Ausfall eine Vergütungsſumme von abermals 80,000 Gulden jährlich, ſowie für den Fall, daß er ſich vermählen würde, eine jährliche Zulage von 25,000 Gulden bewilligt, auch die übrigen Mit⸗ glieder des Hauſes Naſſau wurden von der Republik an⸗ ſtändig bedacht, Heinrich Friedrich mit einem Jahrgehalt von 30,000, und Wilhelm Ludwig mit einem von 50,000 Gulden. Die vielgeprüfte, durch Geiſt und Tugenden ausge⸗ zeichnete Wittwe Wilhelms von Oranien erhielt von der Nation eine Penſion von 25,000 Gulden. Wahrhaft erfreulich iſt es, nach der Beruhigung der Fürſten und Völker auch die Ver⸗ ſöhnung der Brüder, des unglücklichen Philipp Wilhelm 298 und Moritzens, zu ſehen. Beide ſchloſſen am 27. Juni 1609 einen Vertrag über die Theilung der naſſau⸗oraniſchen Erbſchaft, wobei Philipp Wilhelm alle außerhalb der Grenzen der Republik gelegenen Güter, ſodann Breda und Steenbergen, und die Nutznießung der luxemburgiſchen Güter erhielt. Philipp Wilhelm ſtarb 1618, nachdem er ſeinen Bruder Moritz zum Erben eingeſetzt hatte. Die Stellung der Republik zu den übrigen Mäch⸗ ten Europas war zur Zeit, als der Waffenſtillſtand abge⸗ ſchloſſen wurde, achtunggebietend; der beſte Beweis dafür iſt die Achtung ſelbſt, welche ihr die Mächte einräumten. Dieſe einfa⸗ chen Edelleute und Kaufleute, welche Alba mit leichter Mühe zu unterjochen gedachte,— ſie hatten jetzt die Genugthuung, daß Jeder von ihnen bis auf den geringſten Mann herab einem Kö⸗ nige gleich da ſtand. Man denke an jene Truppen zurück, wel⸗ chen die ſpaniſchen Veteranen, reich an Ruhm, einſt ſo übermüthig in's Antlitz getrotzt, welche Dieſe bloß wie Rebellen behandelt und als ſolche hingerichtet hatten; und jetzt ſehen wir ein Heer von 30,000 Mann zu Fuß und 3000 Reitern im Dienſte der Republik; aus allen Ländern ſtrömet ihren Fahnen Kriegsvolk zu, wenn ſie ihre Werbtrommel erſchallen läßt. Lange hat ſie ſich heldenhaft gegen die Uebermacht gewehrt; jetzt kann ſie den Feind ruhig erwarten; denn ſie hat die Uebermacht zertrümmert, ſie hat den Feind mehr als bitten, ſie hat ihn das zuge⸗ ſtehen gelehrt, was ſie verlangte. Noch wichtiger als die Landmacht iſt die Seemacht der Republik. Welch ein Un⸗ terſchied von jenen kühnen Meergeuſen, die auf offnem Meere ihr ſchwimmendes Haus erbauten, die, als Piraten, vogelfrei und doch gefürchtet, in tauſend Gefahren umherkreutzten, und doch der Freiheit den Weg bahnten,— welch ein Unterſchied von ihnen zu der jetzigen Seemacht der Republik, deren Flaggen 299 ſo ſtolz im indiſchen Ozean wallen und in allen Meeren die ſpaniſchen ſchrecken! Im innigſten Zuſammenhang mit der Kriegsmarine ſtand der Handel der Republik. Hierin wurzelte ihre Kraft, ihre Macht. Die Zahl ihrer Kauffahrtheiſchiffe belief ſich zuverläßig (jede Uebertreibung in den Angaben abgezogen) wohl auf nicht weniger als zehntauſend; nach England und Frankreich, nach Italien und der Ledante, nach der Oſtſee und bis tief nach Rußland war der holländiſche Handel ausge⸗ breitet. Er verſchaffte ſich den höchſten Kredit, er gewann den Ruf der Unentbehrlichkeit ebenſo wie den der Solidität. Zu jenen Summen nun, welche der Handel mit jenen Reichen einbrachte, rechne man noch insbeſondere den enormen Gewinn, welchen die oſtindiſche Kompagnie erwarb! Fiſcherei Eund Manufakturen verbanden ſich mit dem Handel, um dem Wohlſtand der Republik die höchſte Blüthe zu verſchaffen. Während der für den Fiſchfang günſtigen Jahreszeit wimmelte das Meer von Fahrzeugen, die auf den Fang auszogen oder mit reicher Beute belaſtet wiederkehrten. Die Republik konnte faſt ganz Europa mit Fiſchen verſehen, und der Gewinn, welchen die Staaten davon zogen, belief ſich im Jahr wenigſtens auf 4,942,500 Gulden; auch der Fiſchfang in den ſüßen Gewäſſern beſchäftigte an oder über 600 Fahrzeuge und 3000 Menſchen. In gleichem Grade, wie der Handel zunahm, blühte der Ge⸗ werbfleiß, und beſonders nahm die Tuchmanufaktur ztt Leyden und Haarlem einen bedeutenden Aufſchwung; in Middelburg hatten die„Adventurers,“ engliſche Kaufleute, welche früherhin den Stapel der engliſchen Wolle und Tücher in Deutſchland gehabt hatten und von dort vertrieben worden waren, ein Aſyl gefunden; und der ſeither erhöhte Wohlſtand jener Stadt war der ſchöne Entgelt für die vorurtheilsfreie Politik, 300 mit welcher man jene Engländer gaſtlich aufgenommen. Unter ſolchen günſtigen Umſtänden mußte ſich die Bedeutung der Städte überhaupt, welche ihre alten freien Inſtitutionen behaupteten, immer mehr erhöhen, abermals zum Heil des Ganzen; denn dieſer eigenthümliche Staatsorganismus beruhte ja auf der höchſt möglichen Ausbildung der Selbſtſtändigkeit jedes einzelnen Theiles. Wie aber der Geiſt, der eben das Ganze beſeelte, demungeachtet von Partikularintereſſen unzerſplittert, den kühn⸗ ſten Aufſchwung nahm, dafür geben die Verſuche der Holländer, die nordöſtliche Durchfahrt zu finden,(Verſuche, welche den Unternehmungen nach Oſtindien vorangingen,) die ſchla⸗ gendſten Beweiſe. Immer großartiger entfaltete ſich der Spe⸗ kulationsgeiſt der Nation, die Eigenthümlichkeit des Charakters der Republik und ihrer Stellung zu den übrigen europäiſchen Mächten. Selten hat ein Staat, deſſen Lebensprinzip auf dem Handel beruht, durch alle ſeine Spekulationen zugleich den Wiſſen⸗ ſchaften ſo viel genützt als die Republik der ſieben ver⸗ einigten Provinzen. Von allen Fahrten brachten die hol⸗ ländiſchen Flotten meiſtens neue Schätze zur Bereicherung der Erd⸗ Völker⸗ und Naturkunde heim. Ja, ſelbſt jene mehrjährige Belagerung von Oſtende, bei welcher ſo viele Millionen, und ſo viele Tauſende von Menſchenleben geopfert wurden, war nicht blos eine Schule des Krieges, ſondern auch der Mechanik, der Medizin und der Chirurgie geworden. Dies führt uns zu einer kurzen Betrachtung des geiſtigen Lebens in der Republik überhaupt. Wir erinnern uns hierbei wieder an jene gefahrvollen Zeiten, in welchen die Nation, von den furchtbarſten Stürmen umtobt, dennoch ihre Aufmerkſamkeit auf die geiſtige Bildung richten konnte und die Univerſitäten Ley⸗ 301 den und Franeker gründete. Die Früchte derſelben reiften bereits aufs Allererfreulichſte heran; auf der erſteren Hochſchule finden wir die Namen Juſtus Lipſius(welcher jedoch ſpäter nach Löwen ging) und Volcatius; Scaliger, Meurſius, Daniel Heyns, Hugo Grotius bildeten ſich dort aus, die Zierden der vaterländiſchen Gelehrſamkeit; der freiſinnige re⸗ formirte Theologe Arminius lehrte daſelbſt, wie zu Frane⸗ ker der treffliche Exeget Druſius. Wichtiger aber als aller Glanz berühmter Namen war die Bedeutung jener neuen Univerſitäten der Republik*) für die Gedankenfreiheit, während die belgiſche Univerſität Löwen mitttelalterliche Formen und— Ideen bewahrte. Im Ganzen nahm, wie wir es dem Charakter der Nation gemäß nicht anders erwarten kön⸗ nen, das geiſtige Leben eine vorzugsweiſe praktiſche Richtung. Mathematik, Mechanik, Hydraulik und Phyſik ſtanden oben an. Moritzens Lehrer Stevin, Willebrord Snellius, Zacharias Janſen(der Erfinder des Teles⸗ kops und Mikroſkops) leiſteten hierin Ausgezeichnetes. An dieſe Wiſſenſchaften reihte ſich dann die praktiſche Rechtsgelehr⸗ ſam keit. Hier müſſen wir insbeſondere noch des ehrwürdigen alten Viglius wieder gedenken, welchem(nebſt Hopperus) die Redaktion des Strafgeſetzbuches und der Kriminalprozeßordnung (noch aus Alba's Zeit, doch nicht in Albas Geiſt) zuzuſchreiben iſt. Bezüglich zu dieſem Gebiete verdienen noch vorzugsweiſe Johann Wier(aus Grave) und Tuining(zu Leyden) in⸗ ſofern genannt zu werden, weil ſie durch ihre Schriften weſent⸗ lich zur Bekämpfung und Entkräftung des unſeligen Hexen⸗ *) Der Geiſt der Freiheit, der die erſten zwei Hochſchulen der Republik gegründet, wirkte auch in der Folge fort. 1614 wurde die Univerſität Gröningen, 1636 die Univerſität Utrecht, 1648 die zu Harderwyk für Geldern, 1630 ein Collegium illustre zu Deventer für Over⸗Yſſel, 1632 eines zu. Amſterdam geſtiftet. 302 glaubens, ſomit der furchtbaren Hexenprozeße, dieſer größten Schande der chriſtlichen Neuzeit, beigetragen haben. Es liegt außerhalb der Gänzen, welche wir uns für dieſes Werk gezogen haben, zugleich eine eigentliche Literaturgeſchichte der Niederlande, und wäre es auch nur in flüchtigen Zügen, zu entwerfen. Wir möchten bloß die warmen Pulsſchläge des Volkes nachfühlen, aufs Neue die Stirnader eines edlen Zornes anſchwel⸗ len, das ſanfte Lächeln der Liebe um die Lippen ſchweben ſehen, das Jauchzen der friſchen Luſt hören wie den zermalmenden Donner des Spottes und den warmen Ausdruck des religiöſen Gefühles,— alles Dies während der Zeit des Freiheitskam⸗ pfes. Wir bemerken hier zwei Epochen, und zwar in der er⸗ ſteren das Hereinragen der früheren Einflüſſe und geregelten Verhältniſſe, in der zweiten das Aufblühen eines jungen Ge⸗ ſchlechtes, deſſen volle Reife jedoch erſt jener Zeit angehört, welche außerhalb der Gränzen unſeres Werkes liegt. Ebenſo bemerken wir zweierlei Gattungen, eine Naturpoeſie und eine Kunſtpoeſie. Wie die Republik die raſche Zunahme ihres Handels und Wohlſtandes größtentheils den Ausgewanderten aus den ſüdlichen Provinzen verdankte, welche ſich in den nörd⸗ lichen niederließen, ſo läßt ſich auch, ohne den Letzteren zu nahe treten zu wollen, behaupten, daß die Poeſie urſprünglich vorzugs⸗ weiſe in Flan dern und Brabant heimiſch war und vor Albas Häſchern und Henkern auf den Boden der Freiheit flüchtete. Flandern iſts, wo wir, in die Geſchichte zurückblickend, zu⸗ erſt jene„Kammern der Rhetoriker*)“ finden, welche als Nachahmung der ſchon früher in Frankreich beſtandenen„col- léges de rhétorique“ aus dieſem Lande auf ein Gebiet ver⸗ pflanzt wurden, wo ein wohlhabendes, lebhaftes und mit poeti⸗ *) Vergl. Kops Geſch. der Rederyker. 303 ſchen Anlagen reichbegabtes Volk ſie raſch ausbildete und vonwo⸗ aus ſich die Rhetoriker(„Rederyker“) durch alle Niederlande verbreiteten. Schon im Jahre 1302 beſtand in Dieſt eine ſolche Kammer unter dem Namen„Christus-ooghen.“ Es ſind ei⸗ gene Gilden von Poeten, mit allen Normen, Bräuchen und Rechten abgeſchloſſener Geſellſchaften, welche gleichſam den poe⸗ tiſchen Volksgeiſt repräſentiren, erhalten und wieder vermitteln. Die Mitglieder dieſer Rhetorik⸗(oder Rederyk⸗) Kammern(die „Kameriſten“) finden wir in Obrigkeiten(„„hoofden“) und„Kam⸗ merbrüder“(„Kamerbroeders“) unterſchieden, die erſteren mit den Ehrenbezeichnungen:„Prinz,“„Kaiſer,“„Dekan,“ „Hauptmann,“„Faktor.“ Außerdem haben ſie noch einen beſonderen Fiskal und einen Bannerträger(„vaendeldra- ger“¹c¹), der unter Trommelſchlag den Mitgliedern voranſchreitet, wenn ſie ſich zu einer Zuſammenkunft begeben. Auch der Lu⸗ ſtigmacher(„nar,“„zot¹) fehlt nicht, um das Volk durch ſeine Späße zu ergötzen, und im Blütenmond hat die Kammer einen eigenen„Maiprinzen,“ deſſen poetiſche Herrſchaft nicht länger dauert als die Blüten. Der„Faktor“ iſt der eigent⸗ liche Hauptdichter der Kammer, der für jede feſtl iche Gelegen⸗ heit die benöthigten Reime oder Schauſtücke verfaßt, die Rollen austheilt, die„Jonghers“ in der Kunſt der Rhetorik unterweiſet, aber dem„Prinzen“, als etgentlichem Oberhaupt der Kammer, als ihrer höchſten Autorität, untergeben iſt, ſo daß er keinen „Refrain“ vorleſen darf, ohne ihn dem„Prinzen“ zuzueignen. Jede Kammer der Rhetoriker hat ihr beſonderes Wappen, G bla- zoent) mit Emblem und Deviſe(„zZinspreuk“). Dies in Kürze die Verfaſſung der phantaſtiſchen Gilden, von denen wir noch bemerken müſſen, daß ſie ſich in„freie“ und„unfreie“ un⸗ ſchieden. Die erſteren waren ſolche, welche ſowohl von den übrigen freien Kammern anerkannt und angenommen, als auch 304 von der Regierung beſtätigt und begünſtigt wurden, während die Letzteren ſich ohne eine ſolche Autoriſation konſti⸗ tuirten und erhielten. Die Beſchäftigung der Kammern beſtand in Abfaſſung von Gedichten verſchiedenſter Art, worunter das ſogenannte„Kniegedicht“ deßhalb eigenthümlich war, weil es raſch, eine Art von Improviſation, niedergeſchrieben wurde, wo⸗ bei dann das Knie dem Dichter ſtatt des Tiſches diente. Sodann führten die Kammern Schauſpiele auf,„Sinneſpelen“(Allegorien) bibliſche Stücke, Moralitäten,„Esbatementen“(Luſtſpiele)„Klui⸗ ten“ und„Factien“(Poſſen), auf welche letztere immer ein Lied, das„Factieliedeken“, zu folgen pflegte. Die Rhetoriker ver⸗ anſtalteten ferner auch Wettkämpfe um Preiſe,—„Dichter⸗ feſte,“ wobei irgend ein gegebener Vorwurf in„Refereyen“ oder„Liedekens“ behandelt wurde, und der Rhetoriker, welcher die Aufgabe am Beſten löste, einen ſtattlichen Preis erhielt. Be⸗ ſonders prachtvoll waren ihre Aufzüge(„Intreden“), wenn nähmlich irgend eine Kammer die übrigen aus derſelben Pro⸗ vinz zur Zuſammenkunft für ein Dichterfeſt einlud. Dieſe In⸗ treden“ waren zweifacher Art,„Landjuweelen,“ welche faſt nur in größeren Städten und meiſtens mit vielem Aufwand,— „Haegſpelen,“ welche im Allgemeinen in Dörfern und Flek⸗ ken ſtattfanden, jedoch zuweilen auch in Städten, zum Beſchluß der erſteren. Bei ſolchen Intreden erſchien denn jede Rhetoriker⸗ Kammer in ihrem beſonderen Koſtüm, meiſt zu Pferde und mit Prunkwägen*) So waren denn dieſe ſogenannten„Dichter⸗ *) A. van Haſſelt entwirft folgende pittoreske Schilderung davon: „A des Jours déterminés, elles ouvraient, chaque année, des fètes poétiques auxquelles les autres chambres du pays étaient invitées par une carte, laquelle indiquait les sujets portés au concours et les prix destinés aux vainqueurs. Outre ces prix, il y en avait pour la so- ciété qui faisait son entrée avec le plus de magnificence; pour celle qui venait de la ville la plus éloignée, pour celle qui faisait la plus 3⁰⁵ feſte“ eigentliche Volksfeſte, treue Spiegelbilder des nieder⸗ ländiſchen Volkslebens mit allen ſeinen Eigenthümlichkeiten. Auch die politiſchen Richtungen waren darin ausgedrückt; ja wir fin⸗ den in dieſer Beziehung ſchon von früheren Zeiten her ſogar eine ſehr merkliche Unterſcheidung zwiſchen den ſogenannten „freien“ und den„unfreien“ Kammern; die Erſteren er⸗ griffen die Parthei der Höfe, durch welche ſie begünſtigt wur⸗ den, die Lotzteren behaupteten faſt immer eine ſcharfe Oppo⸗ ſition, wie ſie unmittelbar aus dem geſunden Volksgeiſte hervorging, und insbeſondere war es die katholiſche Geiſt⸗ lichkeit, deren Fehler und Gebrechen der derbe Witz dieſer belle illumination ou le plus beau feu de joie, enfin pour celle qui représentait la meilleure farce, ou le meilleur mystère. Au jour mar- qué, la fète commengçait. Les rhétoriciens mettaient leurs vèetements de velours et de soie bordés de galons d'argent et leurs toques de velours bordées de galons d'or; et ils partaient. C'était quelque chose de comparable aux fètes olympiques de la Grèce. Voyez, par un beau soleil d'été, la ville, où ils sont attendus, ouvrant ses portes toutes larges à la poésie qui entre assise à cheval ou trainée dans des chars antiques, la ville s'émerveillant à la vue de cette riche bigar- rure de figures et de costumes, et tendant toutes ses oreilles aux ac- cords des musiques dont les sons retentissent de toutes parts, la ville s'Epanouissant de rire aux soties qu'on lui récite ou pleurant aux lamentables mystères qu'on lui déclame, la ville pleine de bruit et de joie; puis les églises qui carillonnent, et les cloches qui sonnent à pleines volées, et les canons qui tonnent, et toute une population qui applaudit et bat des mains; puis, quand la nuit est venue, les places publiques qu'on prendrait pour des fournaises ardentes, les ſusées qui jettent dans l'air des gerbes de feu de mille couleurs, les vastes tonneaux de poix qui brulent en dardant des flammes allongées et vibrantes comme des langues de serpents, et tout cela, le jour comme la nuit, accompagné des acclamations de la foule, et des or- chestres qui chantent, wais dont la voix se perd dans la voix de autre immense et formidable orchestre, la foule.“ cet („ les chambres de rhétoridue“ in dem Werke:„les Belges peints par eux mèmes N. 13 und 14.) III. 20 3⁰6 Kammern dem öffentlichen Gelächter preisgab. Dies war denn ein Hauptgrund, weßhalb Alba ſeine ganze Strenge zur Unter⸗ drückung der„Kamers van Rhetorika“ aufbot. Ein Be⸗ weis, daß er ihre gänzliche Aufhebung feſt beſchloſſen hatte, geht daraus hervor, daß, als er nach den Gräueln in Mecheln (1572) dieſer Stadt ihre bürgerlichen Freiheiten zurückgab, doch die dortige Rhetorikkammer auf ſeinen Befehl für immer geſchloſſen blieb. Verloren ſich nun dieſe Kammern in Bel⸗ gien unter der ſpaniſchen Gewaltherrſchaft und während der verheerenden Kriege immermehr, ſo vermehrten ſie ſich dagegen, durch die flüchtigen Rhetoriker, in Holland und Seeland. Ein beſonders glanzvolles„Dichterfeſt“ wurde unter Andern 1606 in Haarlem gehalten. Doch im Allgemeinen war zu Anfang des 17. Jahrhundert die Blütezeit der Kammern ſchon vorüber; die Gebildeteren blickten mit Geringſchätzung auf dieſelben herab, obwohl die Zahl der Kammern auf dem Lande eher zu⸗ als abnahm.*) In Bezug auf die heimiſche Sprache hatten ſie ohnehin ſeit der Zeit des neuburgundiſchen Hauſes nur verderb⸗ lich eingewirkt. Die„freien“(höfiſchen) Kammern ſuchten näm⸗ lich damals die fremde Sprache des Hofes nachzuahmen und miſchten bei dieſem Beſtreben eine Menge franzöſiſcher Worte in den kräftigen germaniſchen Urſtoff. Auch das Beiſpiel der Statthalterin Margaretha von Oeſterreich(der Tochter Maximilians I.) hatte ſehr viel zum Verderbniß der Sprache *) In neueſter Zeit iſt die Wirkſamkeit der Rhetoriker⸗Kammern in Belgien wieder erwacht und äußert einen nicht unbedeutenden Ein⸗ fluß auf die volksthümliche Pflege der flamändiſchen Sprache, als eine der ehrenwerthen Gegenſtrebungen wider die Alleinherrſchaft der franzö⸗ ſiſchen. Noch kann man in jedem Monat die Preisausſchreibungen der zahlreichen Kammern Flandeens leſen; die flamändiſchen Na⸗ tionalſchauſpiele gehen von denſelhen aus; das ganze Inſtitut iſt national. 307 durch Fremdwörter beigetragen, da ihr Hof der Sammelplatz franzöſiſcher Dichter war.*) Die Antwerpener Kammer:„de Violier,“ beſonders aber die Amſterdamer:„in liefde bloeyende“ erwarben ſich um die Reinigung der vater⸗ ländiſchen Sprache von fremden Zuthaten große Verdienſte, — in der erſteren namentlich, als Haupt derſelben, der treffliche Bürgermeiſter Anton van Straalen, welchen Alba ſpäter hinrichten ließ. In der Amſterdamer Kammer„in liefde bloey⸗ ende“ legten gegen Ende des 16. Jahrhunderts mehre tüchtige Männer, wie Dietrich Coornhert, Heinrich Spiegel und Roemer Viſſcher redlich Hand an das unſchätzbare Werk der Sprachreform. Coornhert(geboren zu Amſterdam 1522, geſtorben zu Gouda 1590) wirkte insbeſondere für die Veredlung der Proſa, Heinrich Spiegel(geboren zu Amſterdam 1549, geſtorben zu Alkmaar 1612) als Grammatiker und als Dichter durch ſeinen„Herzſpiegel“, Roemer Viſſcher(geboren zu Amſterdam 1547, geſtorben zu Alkmaar 1620), der Vater geiſt⸗ reicher Töchter, welche gleichfalls Dichterinnen waren, zeichnete ſich durch Epigramme aus, die ihm den Beinamen des hollän⸗ diſchen Martialis erwarben. Kornelis van Kiel(Kili⸗ anus), aus Duffelen in Brabant(† 1607) wirkte unendlich viel für die Landesſprache durch ſein„Etymologicum teutonicae linguae.“ Flandern und Brabant bewieſen in jenem Zeitraum fortwährend vorzugsweiſe ihre alte poetiſche Urbarkeit. So *) Eine intereſſante Darſtellung des Dichterlebens am Hofe Margare⸗ thens gibt van Haſſelt in ſeinem„Essai sur l'histoire de la poësie franeaise en Belgique«(gekrönte Preisſchrift) Brüſ⸗ ſel 1838,— franzöſiſche Gedichte Margarethens der Polygraphe belge 1835. S. 160. 308 finden wir unter Andern in Brabant die Dichter Johann Baptiſt Houwaert aus Brüſſel(1531— 1599) Peter Heyns aus Antwerpen(1537— 1597) Philipp Numan aus Brüſſel(† 1617),— in Flandern Karl van Man⸗ der aus Meulebek bei Courtray(1548— 1606) u. ſ. w. Die Lyrik (in Romanzen, geiſtlichen, weltlichen und hiſtoriſchen Liedern) und das Lehrgedicht behaupteten den Vorrang, und man kann nicht umhin, eben ſo ſehr über die Fruchtbarkeit der Poeten, als über deren reiche Begabung zu erſtaunen.*) In Holland aber reifte zu Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts ein junges Geſchlecht heran, welches bald hierauf der wiedergebo⸗ renen Mutterſprache durch höhere Zwecke und Stoffe, und durch poetiſchen Genius ebenſo die Unabhängigkeit errang, wie die Republik ſie in politiſcher Beziehung erkämpft hatte, wel⸗ ches der holländiſchen Literatur eine ebenſo ehrenvolle Stellung unter jenen der übrigen Völker verſchaffte, als die Stellung war, welche die Republik in der Reihe der Mächte einnahm. Die Ge⸗ ſchichtſchreibung, wie das Schauſpiel und die Lyrik er⸗ hielten jetzt erſt ihren ausgeprägten nationalen Charakter. Wir nennen hier nur die Namen Pieter Corneliszoon Hooft (geboren zu Amſterdam 1581, geſtorben 1679) Joſt van Von⸗ del(geboren zu Köln 1587, geſtorben 1679) und Cats aus Brourershaven(1577— 1660), den ächten Volksdichter. Zu gleicher Zeit mit dieſen reiften die beiden Flamänder Da⸗ niel Heinſius(1580— 1655) und Jakob van Zeve⸗ cote**)(1597— 1642) heran, beide aus Gent gebürtig, aber überſiedelt auf den Boden der Freiheit, nach Holland. *) Vergl. Snellaerts„Verhandeling over de nederlandsche Dicht- kunst in Belgie“(gekrönte Preisſchrift) Brüſſel 1838. **) Die erſte Geſammtausgabe der Dichtungen Zevecotes verdankt man dem trefflichen Ph. Blommaert in Gent(1840). 4 * 309 Groß und erhaben raget die Geſtalt des vielerfahrenen Staatsmannes Philipp Marnix von St. Aldegonde auch unter den niederländiſchen Dichtern bervor, nicht blos als Ver⸗ faſſer des herrlichen Volksliedes:„Wilhelmus van Naſſouwe,“ ſondern auch als Ueberſetzer der Pſalmen. Hier waren ihm Lukas de Heere(1565) Jan van Uytenhoven (1566) und der bekannte Dathenus(uuch wieder ein Fla⸗ mänder, aus Äpern,[1566]) vorausgegangen, welcher Letztere die Pſalmen jedoch nicht aus dem Urtext, ſondern aus der Ver⸗ ſion Clement Marots überſetzt hatte. Obwohl nun die Dathenſche Ueberſetzung allgemein angewendet wurde, ſo ge⸗ bührt doch jedenfalls der herrlichen metriſchen Ueberſetzung St. Aldegonde’s(1580) der Preis.*) Wahrlich: man kann ſeine Sprache kaum treffender bezeichnen, als wenn man folgende Strophe aus ſeiner Ueberſetzung des 104. Pſalms auf ſie ſelbſt anwendet und auf den Geiſt, welchem ſie entſtrömte: „Dyn handt dryft ook der watervloede hoop, In haren tocht, en elk in zynen loop: Van waer sy voorts rasch tusschen bergen vlieten End haren strom sacht ruischende doorschieten.“ Mächtig hatte St. Aldegonde auch durch ſeinen„Bienenkorb der heiligen römiſchen Kirche“(„Byencorf der H. Roomsche Kercke“) mit um ſo ſchärferen Waffen des Spottes, je feiner und geiſtreicher er dieſen im zierlichſten Styl anwandte, für die Reformation gewirkt. Dies Werk erſchien zuerſt 1569. Sehr häufig haben wir im Verlauf der Geſchichte auf den bedeutenden Einfluß aufmerkſam gemacht, welchen die Preſſe bei den wichtigſten Angelegenheiten der Nation ausübte; Flug⸗ blätter vertraten die Stelle unſerer Zeitungen, ſie waren *) Vergl. über die Pſalmenüberſetzungen Snellaerits Verhandoling eic. und Münch Niederl. Muſeum. ites Heft. beſonders in der erſten Zeit der Revolution und in den erſten Kriegsjahren, wie der Donner auf den Blitz, jedem bedeutenden ſchichte an betreffenden Orten bereits Fragmente des einen und friſch und munter. Bei dem erſten Liede ſpringt der Refrain zwi⸗ ſchen den Reimen immer wie ein ſchlagfertiger Kriegsgeſell mit 310 treue Abdrücke des Volksgeiſtes in ſeinen Leiden und Freuden; ſie verkünden in derber, körniger Sprache den Strom und Sturz— der Leidenſchaft, die dem freien Mann in gerechter Sache ziemt. Es iſt von großem Vortheil zur Beurtheilung des Volksgeiſtes in jener Zeit, daß die älteren niederländiſchen Geſchicht⸗ ſchreiber viele dieſer Flugſchriften im ganzen Umfang oder wenigſtens in Auszügen aufgenommen und ſo vor dem Unter⸗ gang gerettet haben. Nirgends aber äußert ſich der Volksgeiſt kühner, gewaltiger, hinreiſſender, als in jenen Liedern, welche Ereigniß nachhallten. Wir finden ſie in dem„Geuſen⸗ Liederbuch“ geſammelt.*) Obwohl wir im Verlauf der Ge⸗ andern Liedes beigefügt haben, ſo können wir uns doch nicht 4 enthalten, hier noch zwei vollſtändige im Original mitzutheilen, welche beſonders charakteriſtiſch ſind. Rythmus wie Worte ſind Schwert und Büchſe hervor, herausfordend und trotzig. Es lautet(nach der Weiſe:„Een Meysken op een Revierken sat*⁴) alſo: De Prins van Orangien is te Velde gekomen, Vive le Geus! Ghy Papen, als Aben, ghy meucht wel schromen, b Bedeckt u Neus, Door den Princen spyt alle Papisten, Wy blyven Geus! *) Uns ſtand die Dordrechter Ausgabe des„Geuse. Liedt- Boeck“(1687) zu Gebote. Wir beabſichtigen demnächſt eine Auswahl der niederl. hiſtor. Volkslieder zu veröffentlichen. 3 311 Alle de Papisten na haer goetdenken,— vive le Geus!— Sy meynden Gods leeringe te Kkrencken, sy Zyn soo beus. Al door den pPrins spyt alle Papen,— Wy blyven Geus! Godes leeringh sal blyven staen,— Vive le Geus!— Muer der Papen Godt die sal vergaen, hoort mynen leus, Al door den Prins spyt Papen en Munnicken,— Wy blyven Geus! Al hebben wy so menige simpelen bedrogen,— Vive le Geus! Sy hebben so menigen leugen gelogen, Met nevrant alteus Door den prins spyt Papen, wout Apen,— Wy bly- ven Geus! Sy bouwen op Pause leeringen vals,— Vive le Geus, De geschooren Zieldieven haer Aflaetsbrieven die zyn al beus, Door den Prince spyt Zielmis, Vigilij,— Wy hlyven Geus. Haer guychel spel en valsche Opstel— Vive le Geus! En mach niet staen, maer moet vergaen, Oek haer 4 Moeder beus, Door den Prince spyt Duc Albens Placcaet,— Wy blyven Geus! 312 Spaens Bullen en zyn niet mer gesien,— Vive le Geus! Duc d'Alba kan scherz weere meer bien, Haer macht is beus, Door den Prince duc d'Alfs aenkleven, Wy blyven Geus. Den Paus heft gebroken Godts gebodt,— Vive le Geus, Sy jagen hem na met den Alf in ˙ kot, dit is doch heus, Door den Prins spyt munniken en kunninken, Wy blyven Geus. Nu hoort men den geestelyken hoop seer klagen,— Vive le Geus! 3 Om dat men de Zielmoorders uyt haer nesten siet jagen, dit is de gleus. Al door den Prins spyt Jacobynen, Bagynen, Wy bly- ven Geus. Hoe werden de Zielmoorders nu dus veracht,— Vive le Geus! Om dat Paus godt en heeft geen macht, Als sy hadden een peus, Al door den Prins spyt Cardinalen te malen,— Wy blyven Geus. Ook Papen, Papynen, ghy zyt het wel waert,—. Vive le Geus! Want ghy u valsche Inquisicy vermaert, Wout brengen, is t heus? Al door den Prins spyt Munnicken, Munnikinnen, Wy blyven Geus. 313 Oorlof Zielmoorders, wy vanden u wel,— Vive le Geus! Dat ghy u wacht voor Lucifers Hel, Men branter beus, Al door den Prins smaakt dit bediet,— Wy blyven Geus! Folgendes iſt das andere Lied(nach der Weiſe:„Gedrückte Herzen“); Slaet op den Tromele van dirre dom deyne, Slaet op den Tromele van dirre dom does, Slaet op den Tromele van dirre dom deyne, Vive le Geus! is nu de Loes. De spaensche pocken, licht als sneeuw flocken, De spaensche pocken, loos ende boos, De spaensche pocken, onder's Paus rocken, De spaensche pocken, groyen altoos. De spaensche Inquisitie, vor Godt malitie, De spaensche Inquisitie, als Draecx bloet fel: De spaensche Inquisitie ghevoelt punitie, De spaensche Inquisitie ontvalt haer spel. Vive le Geus, wilt christenlyk leven, Vive le Geus, houdt fraye moet! Vive le Geus, Godt behoedt u vor sneven! Vive le Geus, edel Christen bloedt. De Paus en Papisten, Gods handt doet beven, De paus en Papisten zyn t'eynden haer raet: De paus en Papisten wreet boven schreven, Ghy paus en Papisten, soet nu aflaet. 314 Oflaet in tyts noch, Godts woort te krenken, Oflaet in tyts noch, u godtlos spel. Oflaet in tyts noch, och wilt u bedenken, Oflaet in tyts noch, en valt Godt niet rebel. T swaert is getrokken, certeyn Godts wraec naect T swaert is getrokken, duer Joannes er schryft, b swaert is getrokken, dat Apocalipsis maet naect, T swuert is getrokken, ghy wart nu outlyft. “T onschuldig bloet, dat ghy heft vergoten *T onschuldig bloet royt over u wraeck, T onschuldig bloet te storten heeft u niet verdroten, , 'T onschuldig bloet, dat dronct ghy met den Draeck. U vleyschen arm, daer ghy op betroude, U vleyschen arm, beswyckt u nu, U vleyschen arm die u huys boude U vleyschen arm wyckt van u schou. ¼½ Prince Princen, der Princelycker Geusen Prince, Princelyk met u gheest haer doch regeert, princelyck dryven se u eer aldus bemintse, Princelyck werdt u Reich alsdann vermeert. Hier tobt der wilde Zorn wie eine immer wiederkehrende Brandung an das unterwaſchene Felsgeſtein des Ufers, und wie die finſtre Wetterwolke am Horizont, die einem gezogenen Schwerte gleicht, ſteigt der Fluch empor. Wir kennen nicht leicht ein ſo heiß aufloderndes und ſo erſchütterndes Volkslied, als dieſes wilde„ga ira“ der Geuſen. Gegen das Ende des Krieges hin nahm das Volkslied einen verhältnißmäßig geringeren Antheil an den öffentlichen Ereigniſ⸗ 315 ſen, wenigſtens in ſofern, daß es ſich größere Kkeiſe bildete und erhielt; der Haß und der Spott gegen Spanien zeigten ſich übrigens auch noch in den Liedern, welche den letzten Kriegser⸗ eigniſſen entſprangen, ungeſchwächt. Uebrigens verdrängte die Kunſt poeſie immer mehr die Naturpoeſie; jene ſtieg von Stufe zu Stufe in demſelben Verhältniß, wie der neue Staat ſich immer beſtimmter entwickelte und konſolidirte. Der National⸗ geiſt gewann damit immer höhere Standpunkte, und die Geſchichte des Abfalls, des Kampfes um die Freiheit ſelbſt ſtand vor den klaren Blicken als ein vollendetes großes Heldengedicht da, ohne allen Apparat von Göttern, Engeln und ſonſtiger Maſchinerie, rein ausgewirkt durch große Charaktere einzelner Männer und — was noch mehr iſt— durch den großen, unerſchütterlichen Charakter eines ganzen Volkes. Was die religiöſen Angelegenheiten betrifft, ſo bemerken wir, daß— abgeſehen von dem durch die Politik gebotenen Widerſtande, welchen die Generalſtaaten der Forderung Spa⸗ niens entgegenſtellten,— die leidenſchaftliche Aufregung der Katholiken und Nichtkatholiken gegen einander abge⸗ nommen hat, daß ſich Beide mit größerem Vertrauen wieder nähern. So tritt mit dem Waffenſtillſtand ein freundliches Wechſelverhältniß zwiſchen den Bewohnern der vereinigten Pro⸗ vinzen und den Belgiern ein. In der Republik fand die Intoleranz der Nichtkatholiken gegen die Katholiken, welche bis dahin vorgeherrſcht hatte, jetzt einen andern Abfluß. Der Proteſtantismus ſelbſt Chier als Inbegriff aller Gegenſätze des Katholizismus genom⸗ men) zerſplitterte ſich in eine Menge von Gegen⸗ ſätzen, von denen jeder das Recht, ſich ſelbſt zu behaupten, in Anſpruch nahm, ohne jedoch die Sanktion dafür, geſchweige gar freie Ausübung zu erhalten. Die reformirte Konfeſſion 316 eignete ſich die Oberhoheit an; doch, während ſie unduldſam alle abweichenden Konfeſſionen, wie die der friedlichen „Taufgeſinnten“ und der Lutheraner verfolgte, ent⸗ ſtand in ihrer Mitte ſelbſt die gefährlichſte Spaltung zwiſchen den gemäßigteren Zwinglianern und den puritaniſch⸗ſtren⸗ gen Kalviniſten. Dieſer religiöſe Zwieſpalt erhielt eine politiſche Farbe und Bedeutung. In Holland war noch die größte Toleranz, und Oldenbarneveld deren Seele. Der Haß der fanatiſchen Prediger gegen dieſen großen Mann, dieſen ächt⸗ nationalen Republikaner, fand in kurzer Zeit durch Moritzens Eiferſucht gegen denſelben einen willkommenen Anlaß, Moritz anderſeits in den ſcheinbar religiöſen Intereſſen eine paſſende Gelegenheit zum Sturz, zur Vernichtung des Mannes, welcher in einem Alter von 72 Jahren, und nachdem er dem Vaterlande vierzig Jahre treu gedient, nachdem er deſ⸗ ſen Unabhängigkeit mit errungen hatte, noch auf dem Schaffot mit gutem Gewiſſen ſagen durfte:„Aufrichtig und fromm habe ich als guter Patriot gehandelt und ſo will ich ſterben.“ Er ſtarb(1619) auf dem Blutgerüſte, ein Opfer der Pläne des Prinzen Moritz, welcher ſeinen Ruhm dadurch befleckte und bis zu ſeinem letzten Augenblicke(23. April 1625) tief und ſchmerzlich ſein großes Unrecht empfand. Die Republik überlebte ihn. Und, als ſie ſelbſt verfiel, blieb doch auf holländiſchem Boden die Toleranz fort und fort beſtehen. In Mitten des Volkes, für welches Wilhelm von Oranien lebte und ſtarb, ſcheidet die Konfeſſion den Menſchen vom Menſchen nicht, bleibt die Glaubensfreiheit die höchſte Errungenſchaft des großen Kampfes, wenn auch ſo manche andere im Laufe der Zeiten verſchwunden ſind. Beilagen. 319 I. Philipp II. an die Staaten von Flandern. Madrit 13. Okt. 1567.*) Le Roy, Chiers et bien amez! Comme passez aucuns mois enca avions escript à nostre trèés-chiere et très- amée soeur la ducesse de Parme, Plaisance, etc., régente et gouvernante de noz Pays- Bas, et allieurs où nous sam- bla convenir de nous trouver par delà, pour tout cest esté passé, et faict à ces fins toutes les diligences possi- bles, pour apprester nostre armée à ce nécessaire que pensions depvoir estre preste au commencement d'aoust dernier, la chose a este tellement retardée tant à cause des victuailles et munitions que des batteaulx qui se debviont amener des de Landelouzie jusques à l'aultre mer(actendu que nostre première intention avait esté d'aller par l'autre coustel d'ltalie) que au primes à l'en- trée du mois de septembre sont arrivez au lieu de sortie, sayson fort périlleuse, et du tout(commest notoire) con- traire à la navigation, et combien que pour une chose tant importante que de nostre saincte religion, et le bien de noz pays de dela et mectre en l'ung et J'autre le re- méde que convient, nous estions résolus et détermine⸗z de non rufuser aulcun péril et pour ce non nous laisser *) Aus dem ſtädtiſchen Archiv v. Gent, mitgetheilt durch van Duyſe im Messager des sciences historiques, 1840, Gand. p. 468. 320 divertir de nostre bonne intention. Toutes fois, voyant et considèrant que avec sy singulière grace et benignité de Dieu et vos bons moyens et offices, et de nos bons et leaulx ministres et vassaux, les mauvais ont esté re- boutez de leurs intentions et desseingz et les choses re- mises en tel estat que apparentement elles se pourront avec Payde de Dieu(esperant qu'il sera servy de conti- nuer par sa grace ce que lay a pleu sy bien en com- mencer) et semblables bons offices, et moyens maintenir et souffrir ung peu de delation, nous a semblé que pour le service de Dieu et bien de nostre estat sera moindre mal de diffèrer nostre dicte partement jusques au prin- tamps prochain, que des nous mectre en apparent dangier desdicts inconvéniens, pour lequel temps estimons nostre venue par de là estre non seullement très-nécessaire, mais la tenons pour chose forcée, et qu'en aulcune ma- niere ne se peult ny doive escuser, bien entendant et pesant que tant il emporte auxdicts tamps que nous l'exécutons que, sans ce, tout ce qu'a esté bien faict et frayé jusques oires, et les paines et travaulx que l'on m'a prins, ne peuvent porter effects, oultre ce(qu'est le plus à considérer) que de ladicte grace et bien qu'il a pleu à Dieu de nous faire à nosdicts pays et estats en la réduction des affaires A tels termes ny se tirerait le fruict que convient ny nous demonstrerions la dheue re- cognoissance et action de grace dne nous et nosdicts pays luy debvons, sy délaissions en differrans plus avant nostre dict partement, et le debvoir d'y assister avec nostre prince, puisque sans icelle les affaires ne s'y peuvent remédier, et à cest effect faisons pour ledict temps préparer tout ce que y peult estre necessaire, tant 321 du coustel de par de la que d'icy, de manière que avec la grace de Dieu ny aura alors nul retardement ou em- peschement, d'aultre part, comme nostre dicte soeur nous a faict grande instance par diverses et reiterées fois pour se retirer en ses propres pays et estatz, tant à- cause de son indisposition que de ses urgens affaires pour avoir esté sy longuement hors de sa maison, la- quelle avons tousjours requis de vouloir continuer en ladicte charge de gouvernante générale, considérant le tamps présent et nostre venue sy prochaine et aussi la grande cognoissance et experience qu'elle a des affaires de par de la, en l'administration desquels elle s'est sy bien et vertueusement acquitée avee une sellicitude, peyne et traveil incroiable; quoy nonobstant nous a faict nouvelle instance, ayant à ceste fin envoyé devers nous ung de ses ministres propre et exprès, de manière que ne luy avons peu(bien à nostre grand regret) plus refuser sa requisition, à ceste cause et qu'il est néces- saire due pendant le temps de nostre dicte venue, nos- licts pays ne demeurent despourveuz de gouverneur et S régent général, considérées les singulières prudence, leaulté et experience et aultres très-grandes qualitez de nostre très-chier et très-amé cousin le ducd d'Alve, pour nous présentement capitainegénéral de noz pays de par dela, Pavons commis par forme de provision audict estat de gouverneur général de nosdicts Pays-Bas, dont vous avons bien voulu advertir et certiorer par cestes, vous mandant et enchargent et néautmoins ordonnant de luy rendre en nostre nom toutte obéissance comme à gou- verneur et capitaine général appartient et ce qu'en dep- pend. A tant, chiers et bien amez, nostre Seigneur III. 21 322 vous ayt en sa saincte garde. De Madrid, le XIIIe d'oc- tobre 1567. (Unterz.) Phle. A nos chiers et bien amez les Estatz du pay et conté de Flandres ou à leurs députez. Am Rande bemerkt: Recepta le premier jour de janvier 1567(1568). —xãx II. Aus einem Briefe Philipps II. an den Landgrafen Wilhelm von Heſſen. Dat. Madrit 28. No⸗ vember 1567*) „„,S ..... Kriegsvolckes, als auch gefencklicher einziehung etlicher anſehen⸗ licher vnd anderer Perſonen, furgenumen vnd gehandlet worden ond ſich verloffen hat, wurdet Euer Lieb aus vnſerm vorlengſt an Sy angeregter Niderlendiſcher empörung halben gethanen Schreiben vnd erclerung, aus was ehafften vnd billichen vr⸗ ſachen, Wir angeregt onſer Kriegsvolck dahin zu verordnen vn⸗ vermeidenlich bewegt worden, freundtlich vnd genugſam vernumen haben, vnd für ſich ſelbſt in bedrachtung aller ſachen vmbſtände vnd gelegenhait zu ermeſſen wiſſen, Daß ſolches nicht vmbgan⸗ gen noch auch ſonſt anders gehandelt werden mögen, Vber daß ſolche verhafftung nicht allain aus gantz billichen, ehafften, rechtmeſ⸗ ſigen und hochbefuegten, ſondern auch hochnottwendigen vnd *) Brüſſler Staatsarchiv. 323 vnvermeidenlichen vrſachen furgenumen werden mueſſen, wie dan Euer Lieb ond andere ſolches mit der Zeit ferrer vnd ai⸗ gentlicher vernemen ſollen. Wiewol wir nichts deſtoweniger entlich gemainet ſind, in ſolchem fall nicht allain alle ſachen vermöge des ordenlichen Rechten vnd aller erbar vnd billigkhait, nach aines jeden Stand vnd weſen abhandlen und austragen, Sonder vns auch ſovil Imer muglich, vnd geſtalt vnd gelegen⸗ hait der ſachen, erdulten mag, mit allen gnaden vnd milt⸗ ſinniger Guete finden zu laſſen, Als wir vns dan hieuor Je vnd alwegen erbotten haben, vnd ſolches die Werck zu. erkhen⸗ nen geben ſollen, Sonſt ob wir wol gehoffet vnd darzu entlich entſchloſſen geweſt, in nechſtvergangenem Somer in angeregte vnſere Ni⸗ derlande zu ſchiffen, vnd den ſachen daſelbſt, ſelbſt perſönlich bey zu wonen, damit Sy umb ſooil deſto ehr vnd mit beſſerm fueg zu behörender vnd beſtendiger richtigkhait gebracht werden möchten, Vnd deßhalben auch alberait mit mercklichem groſſen Coſten, muehe, Arbait vnd Vleiß vnſer ſtatliche Armada auß⸗ zurüſten vnd ſonſt alle notwendige vorberaitung darzu zu thuen bevolhen gehabt, Auch ſolches ſovil muglich geweſt, zu Werck geſtellet worden, So hat doch aus allerhand vnverſehenen fur vnd eingefallenen verzüglichen verhinderungen, in ſolchem die noturfft, wie ſich geburet vnd ain ſolche rayſe erfordert, nicht ſo fürderlich, als wir wol gehoffet, vnd vnſer rechnung ge⸗ machet, in völlige beraitſchafft gebracht werden mögen, ſonder ſich die ſachen ſo lange verzogen, bitz die rechte vnd beſte Zeit vnd gelegenhait zu ſchiffen, furvberkhomen, Inmaſſen khain See ond Schiffverſtendiger vnd erfarner mehr rathen wöllen, Vns zu ſo gar vngelegner vnd widerwertiger Zeitt, vff die See zu begeben, Wie dan auch an Ime ſelbſt clar vnd augenſchein⸗ lich, daß es one gantz gefahrliche vnd nachthailige Wagnus 324 nicht geſchehen mögen, Wiewol Wir ongeachtet vnd vngeſcheucht aller vorſtehender gefahr vnd bedenken nichts deſto weniger für onſer Perſon gemainet geweſt, ſolche vnſere vorhabende Schif⸗ fart Im namen Gottes würcklich fortzuſetzen. Dieweil ſich aber die ſachen in angeregten Vnſern Niderlanden, durch ſondere gnedige verleyhung vnd ſchikung des Almechtigen,(deme billich darumb lob, ehr vnd danck zu ſagen) Auch ſtatlichem zuthuen etlicher vnſerer treuen vnterthanen allenthalben zu zimblicher ond ſolcher beſſerung geſchickt, daß zu hoffen ſolche ſollen vnd werden ſich alſo vermittelt ſeiner götlichen gnaden vnd vnſerer treuen vnterthanen beſtendigkhait vnd ſorgfeltigkhait, lenger alſo erhalten, vnd denſelben ain ſo geringer verzug khainen nach⸗ thail bringen, So haben wir im Rath gefunden, daß beſſer ond fürtreglicher ſeye, ſolche vnſere vorhabende Schiffart für dieſes Jar einzuſtellen vnd bitz vff nechſtkünfftigen früeling be⸗ rhuehen zu laſſen, Als daß Wir Vns in ain augenſcheinliche vnd gewiſſe gefahr die(wie menlich wais) ain ſolch vnzeitlich abſegeln vff ſich hat, vnd daraus allerhand gröſſerer vnd vn⸗ widerbringlicher vnrath ervolgen mögen, zu begeben. Derhal⸗ ben vnd nach dem Wir angeregte vnſere Rayſe, aus obvermel⸗ ten ehafften vrſachen vnd verhinderungen dieſes Jar nicht zu Werk richten khönden, ſondern notwendiglich vnd wider onſern Willen vnd hoffnung zurückſtellen mueſſen, vnd doch vnſere für⸗ derliche ankhunfft in angeregte vnſere Niderlande, ſo hoch von nöten ſein will, daſſ Wir aus vilen bedencken gentzlich darfur halten, ſonder vnſer perſönliche gegenwertigkhait, aller Coſten, muehe und Arbait, ſo bitz jetzo zu ſtillung vnd richtigmachung der daſelbſt entſtandnen empörungen, vff vnd angewendet wor⸗ den, vergebens ſein werde, So ſind wir nochmals entlich be⸗ dacht vnd entſchloſſen, ſolche vermittelt götlicher gnaden, vff nechſtkhünfftigen frueling, gewißlich und ſonder ferrern verzug zu Werck zu ſtellen, der tröſtlichen Hoffnung, der Almechtig ſolle vns darzu gnad vnd glück verleyhen, und ſolche zu ge⸗ wünſchter vollendung gelangen laſſen, und ſonſt ferrer nichts mehr ein vnd fürfallen ſo ſolche verhindern oder vffhalten vnd verlengern möge, Als wir dan auch alberait ordnung ge⸗ ben, mitlerweil alle noturfft darzu in behörende raitſchafft vnd notwendige Rüſtung zu bringen, Welches alles Wir Euer Lieb zu gründlichem bericht aller gelegenhait, freundtlicher gueter mainung nicht wöllen verhalten, Vnd da ſich villeicht ſeither in angeregten vnſern Niderlanden was weiter zugetragen, ſo vns bitz Jetzo noch nicht zu wiſſen khumen, vnd doch von nöten oder ſonſt rathſam ſein würde, Euer Lieb deſſen auch zu be⸗ richten, So haben wir Inſern Stathalter general daſelbſt beuelch geben, Euer Lieb deſſen gleichsfals auch an vnſer ſtat mit dem furderlichſten zu berichten, Vff dene Wir vns hiemit freundtlich referieren Vnd an Euer Lieb begeren thuen, Sy wölle Ime in ſolchen gleich vns glauben geben, Dan wir Euer Lieb mitlerweil Dieſes, wie obſtehet, als das nötigeſt, ſelbſt freundtlich verſtendigen wöllen..... .............. III. Der Herzog von Alba zeigt den Staaten von Flandern den ihm vom König gewordenen Auf⸗ trag an. Brüſſel am letzten Dezbr. 1567.*) Messieurs! Je présuppose que vous aurez entendu par la lettre de Madame la ducesse de Parme, comme *) Städtiſches Archiv von Gent, mitgetheilt durch van Duyſe im Messager des sciences histor. 1840. Gand. p. 471. 3²26 aussi vous entendrez encoires plus amplement par celles du Roy icy jointes,*) que m'a semblé convenable d'accom- paiguer de cestes, que à la grande instance de ladicte dame, Sa Majesté luy avait consenti le déport de sa re- gence et gouvernance générale de ces bays, et due en attendant qu'elle y arrive, elle s'est trouvée servye de m'y commettre par provision. Et oires que je cognoisse la charge de l'importance qu'elle est, et requerant aultre personaige que moy. Toutefois comme est raisonnable que en toutes choses Sa Majesté soit servye, obeye, n'ay peu delaissert de l'accebter een quoy j'ay fait tant moins de diffculté considérant que Sa Majesté nous as- seure si fermement de sa venue pardecà au prinstemps prochain, en attendant laquelle l'on peut tenir pour certain que je travailleray tout ce que me sera possible pour le bien et tranquillité desdicts pays de pardecçà, sans m'y esparguer en riens. A quoy je prie à Dieu me donner sa grace et qu'il vous ait, Messieurs, en sa saincte guarde. De Bruxelles, le dernier de décembre 1567. Loentiérement vostre, (Unterz.) F. A. Duc d'Alve. A Messieurs les Etats du pays et conté de Flandres, ou à leurs députés. Am Rande: Recue le premier janvier, entre neuf et dix heures du matin. *) Beil. I. 327 IV. Ueber die Gefangennehmung Egmonts, Hoorns u. ſ. w.*) Wie der Duca de Alba Erſtlich in den Nidder Burgundi⸗ ſchen Landen ſamptt ſeinem Krigsvolck iſt ankommen, iſt der Graue von Egmont mitt vielen Herrn vndt Eedelleuthen aus Flandern, Arthoys vnd Hennegawe ihme vnder augen getzogen vndt zu Tina ihn antroffen, da er dan gahr woll von Hochbe⸗ meltem von Alba iſt entpfangen worden ond folgents iſt der von Egmont widder auff Brüſſelitezoge 1 8 S0g 3 Dergleichen hat der Graue von dane Ne gehalten vnd deme Hertzogen von Alba ſeinen Droſſart von Horn bis in Lothringen vnder augen geſchickt vndt entpfangen laſſen, wel⸗ chen gleichergeſtaltt der von Alba ſehr woll gehalten vndt dem Grauen geſchrieben, das er wolle zum fürderlichſten zu Ihme kommen, dan er habe ettlicher ſachen halber mitt Ihme zu re⸗ den, daran deme König hoch vndt viell angelegen vnd habe auch beuelch ſeines Raths dorin zu pflegen, auff welches der vonn Horn zu deme Hertzogen von Alba vff Leuen iſt geritten, da er ſich gantz freundlich jegen Ihme ertzeigtt, mitt Vermeldung, er habe ein groſſes vertrawen zu Ihme vnd wolle In allen Sachen ſeinen Rath geprauchen, Begertte derohalben das er ſeine ſachen dahin richte, damitt er deme Hoff ſtetig beywohnen möge, Undt wie eben deme von Horn dißmals zeittungen zukommen, wie das die Greuinne von Newenar loblicher gedechtnus mit todt abgangen, hatt er an den von Alba begertt Ihme erlaubnis zu *) Brüſſler Staatsarchiv.(Correspondance des gouverneurs gèénéraux des Pays-Bas avec Albert III. duc de Bavière. Erſter Band. Fol. 58— 63.) 328 geben zu ſeinem Schwager deme von Newenar zu ziehen vnd Ihnen zu tröſten u. ſ. w. welches dann deßmals der von Alba fug⸗ lich nicht hatt mögen abſchlagen. Dan nach deme er vorhabens geweſen, denen von Egmont, Horn vnd Hochſtratten gefenglich anzunehmen, hatt er beſorgtt, ſo fern er desmals hatte den von Horn arreſtirt, das alsdan die andern des gleichen ſich würden beſorgen, vnnd mochten fluchtig werden, zu deme das er der zeitt noch nicht ſein Hiſpaniſch Krigsvolck in den Stedtenn vnd Be⸗ neſtigungen gehabtt vnd vorſorge gehabtt, ſo fern ſein vorhabens entdeckt, es mögt allerlei erweitterung daraus erfolgen, hat der⸗ halben diſſimulirt, biß ſo lang er ſein Krigsvolck in den ſtedten gehabt, Wie nuhn der von Horn Sontag vergangen acht tage gegen die nachtt tzu Brüſſel einkohmmen, hat ſich der Herzog wie bevor ertzeigt vnd den Montag Inen ſampt deme Egmont vndt andern Herrn vom Orden In Rath gefordertt, damitt er ſie deſtomehr verſichere, Es iſt aber in demſelbigen Rath nichts wichtiges gehandlett, alß nur allein, wie man Diedenhoven vnnd ettliche andere Frontiren beueſtigen ſolle. Deß Dinſtags Morgens hett den von Egmont des von Alba Baſtert El grant prior ton Hernanto des mittags zu gaſt gehabtt, da ſie denn allerlei vertreuliche Redden mitteinander gefhürtt, vnd der von Horn hatt dem von Alba denſelbigen Morgen ein pferdt ſchencken laſſen, deſſen er ſich hoch bedanckt vnndt angenommen; Den nachmittag hett der von Alba die Hern vom Orden widder in Rath gefordert, Da gleicher geſtaltt von gemeinen ſachen iſt gehandlet worden, Vnndt dieweil man im Rath geweſſen hat der von Alba ſich gar vnzierlich vnndt vngeſtümb erzeigtt mit Huſten, auswerffen vnndt ſchweyſſen vnndt hernachmalß, wie er aus dem Rath iſt geritten, haben der von Egmont, Horn, Mansfeldt, Arenbergk vnd Berlemont Inen In ſein Behauſung beleitet vndt der von Egmont iſt ſtracks zue Don 329 Hernanto, des von Alba Baſtart, In ſeine Cammer allein gan⸗ gen vnd mit Ime converſiren wollen vnd ſich alles gutts zu Ime verſehen alß der den mittag mit Ime geſſen, Wie ſie nun ein zeittlang mitt einander geredt, Iſt der Statthalter von Pavia, Hauptman vber des Herzogen von Alba Quartier hinein kommen vnd zu deme von Egmondt geſagt, Es ſey Ime leidt, aber er habe Beuelch von deme von Alba Inen gefenglich an⸗ zunehmen, darauff der von Egmont geantworttet, Er wolle ſich in des Hertzogen namen nicht gefangen geben, darauff der Hauptman geſagtt, er habe beuelch von dem Konig vndt deme von Alba Inen gefenglich anzunehmen vnnd darauff ſein gewehr begertt, Darauff der von Egmont geſagt, Er habe dießelbige die tage ſeines Lebens getragen zu des Konigs dienſt, wie dan auch noch, ond die wehr abzulegen ſich beſchwerdt, Aber endlich hatt er ſie müſſen ablegen ondt iſt gahr allein im gemach geweßen, das niemandts von ſeinen Leuten daruon gewuſt vnnd iſt auch alſo heimlich im Gemach gehalten worden, Mittler weill wie der von Horn mit den andern Herrn beim Hertzogen von Alba geweſen vnnd allerlei guett geſprech mitteinander gehabt, der Hertzog ſich auch gantz wohl erzeigtt vnd widder anheim reitten wollen, Iſt in dem andern Saal, wie ſie Iren abſchied vom Hertzogen ge⸗ nommen, ein Spanier mit dem Hiſpaniſchen Hauptman Salines kommen vnd zu demſelbigen geſagt, Dießer iſt der Graue von Horn, denen er ohne daß wohlkennet, geſagt, Er nehme Inen in des Königs namen gefangen vndt er ſolle ſein gewehr von ſich geben, darauff er geſagt, er verhoffe nicht das man Inen wid⸗ der den Eidt ſo der Kunig denen vom Orden gethan, alſo ge⸗ fenglich einzhien vnndt ſein gewehr abnemen werde, wie den der von Mansfeldt, ſo dabey geweſſen, auch geſagtt, Aber es hat nit helffen wollen, vnndt haben Inen hinweg gefhürt In des Priors don Hernanto behaußung, da der von Egmont auch gefangen 330 lege, doch in vnderſchiedenen gemachen Und dieweil der von Eg⸗ mont vnndt Horn bey dem von Alba geweßen haben ſie bis in die fünfhundert Hackenſchützenn darein bracht, alsbaldt hatt der von Alba ſeinen Secretarien Alborgnes mitt ettlichem hiſpani⸗ ſchen Kriegsuolck in des von Hornn Loſement geſchickt vnnd alle brieff vnndt ſchreiben hinweg genommen, auch ſeinen Secretarien Alonſo ſo ein Hiſpanier iſt gefangen, welchs wohl ein verdeckt eſſen ſein möchte, desgleichen des von Egmondt vertreueſten Rath, den von Backerzeel, haben die Hiſpanier vff der gaſſen grieffen vnnd gefenglich wie einen Mörder hinweg gefhürtt vnnd man weiß nicht, wo er hinkommen iſt, auch des von Egmonts Hoffmeiſter Boeck vnd ſeinen Sekretarien. Weitters haben ſie auch deßmals denen von Moll gefangen, ſo von deme Printzen von Vranien beuelch gehapt vber ſeine Land⸗ ſchafft, vnd gleicher geſtaltt hinweg gefhürtt; auch den Bürger⸗ meiſter zu Antorff, Stralen, welcher hat entpflichten wollen, Er iſt aber von deme von Latron zwiſchen Antwerff vndt Mecheln gefangen worden vnd mit dreien Fenlin Hiſpaniern gen Lyre ge⸗ führt wordenn, vnnd ſoll des Cardinals Granuelle Bruder, Mr. de Champagni Inen dieſer zeitt bey Antorff vff Cante⸗ croy, des Cardinals hauß mit dreien Fenlin Hiſpaniern verwa⸗ ren laſſen vnndt iſt dieſes Burgermeiſters Gutt von den Hiſpa⸗ niſchen ſtuckweiß vfgeſchriben ſo vber 1,000,000 Cronen werth iſt. Es werden der von Egmont vndt Horn allezeitt mit einem Fenlein Hiſpanier verwacht, vnndt haben Anſtundt alle Finſter im Hauß vernagelen vnnd verſchlagen laſſen auch deme von Egmondt vndt Horn einem Iden nicht mehr alß einen Buben zu haben erlaubt vndt der mag nicht außghen, deme von Eg⸗ mondt hett man bewilligt dieweil ſeine Behaußung des nehſt an deme ligt, darin er gefangen iſt, das er ſich auß ſeinem hauß leſt ſpeißen vnndt tragen ſeine Diener die Speiß bis an das 331 hauß, welche alßdan die Hiſpanier volgents Ime zubringen, aber deme von Horn hett man es nicht wollen geſtatten auch nicht das man Ime ein hembtt hette brachtt vndt haben geant⸗ worttet der von Alba habe Koſt vnndt hempter genug vor Inen, der Graue von Hochſtratten hatt ſeine haußfraw des von Horn ſchweſter vor zwei dagen vff Brueſſel geſchieckt vndt an die von Parma vndt den von Alba geſchrieben vnndt gebeten das ſie wie Herrn vom Orden vermöge des Eidts ſo der König gethan, mögen gehalten werden, welches der von Alba alß einer des Ordens billich ſollte guets wiſſens haben vnndt das man ſie in Irer entſchuldigungen vnndt Juſtification nicht wolte übereilen, onndt ſtehet zu beſorgen, man werde ſie etwan zu einem Triumph in Hiſpanien fhueren vnd werden ſchwerlich widder loß werden, vondt wo man ſie nit öffentlich wirdt richten, man werde ſie mit einem hiſpaniſchen Salath abfertigen wie den Andern mehr be⸗ ſchen. Eß hatt auch der von Alba die Päß verlegt, das nie⸗ mands auß dem Lande möge kommen, auch nichts vonn ſich ſchreibenn, wohl mit 900 hiſpaniſchen vnndt italieniſchen Pfer⸗ den, ſo allenthalben ſtreiffen vnndt treiben zue Gendt vnndt Lyra einen vnglaublichen muettwillen vndt vnzuchtt vnd man muß Inen allenthalben die Schlüſſel zue den pforten geben, wollen auch alle gewehre den Burgern nehmen, zue Brueſſel rüſtett man alle alte Törn widder zue Gefengnueſſen, welche der von Alba mit großem vleiß leſt verfertigenn, Eß ſeyndt die Hiſpanier ſo gutt ſo boß nicht 7000 ſterck vnd vnder den Reiſ⸗ ſigen nicht vber 150 gutter pferdt, Eß ghett auch die ſage, wie daß der Commiſſarius Hans Engelbrecht(ſo dißer tzeitt im Landt tzue Braunſchweig leigt, vnnd hinckt am Rechten ſchenckel ſo ime außerwarts krum ſtheet vnnd kurzer als der Ander) denen ſo in des Königs von Hiſpanien wartgeltt ſeindt vndt Inen die Religion vnndt das Römiſch Reich vndt Vat⸗ 332 terlandt vorbehalten haben, abgedanckt haben vnndt anſtundt widder newe beuelchs leutt angenommen ſo andere bewerbenn, ſo ſich verpflicht dem Konig zu dienen, wozu er Irer bedürffen wirdt, wie man den der Ehr vndt gottloßen leichtferttigen Meußköpff deß ortts wohl findett. Graue Peter Ernſt iſt ſehr betrubtt des von Horne gefengk⸗ nuß halben vnndt weiß nicht wie es Endlich mit Ime erghen wirdet, wie den auch ſein ſohn Graue Carle(wiewol eer viell löblicher thaten in der von Parma dienſt mit ſeinem Regiment verricht auch eigener handt bürger zu Antorff, ſo der Religion verwandt erſtochen): ſo iſt er doch entritten vnndt hatt beſorgtt, er ſollte auch gefangen werden darumb das er im Anfang die vbergebene ſupplication vnderzeichnet, wie dan auch der von Tembenige, des von Egmonts Vetter wiewol er mit einem Fha⸗ nen Reutter der Gubernantin gedienet vnndt denen von der Religion einen großen abbruch gethan vnndt gahr Bapiſtſſch iſt, ſo hatt er doch auch müſſen entfliehen, wie alle andere, ſo ett⸗ was gemeinſchafft mit den Remonſtranten,(ſo man Geußen nennt) gehapt, Es gheet auch das Geſchrei das der Marggraue zu Antorff vnnd Caſpar Schetzs, Threſorier ſollen in verdacht vnndt gefahr ſtheen, wie den auch alle Andere ſo zuuerlieren haben, welches die Hiſpanier gern wollen finden vnndt ſagen allbereitt die guitter im Nidderlandt ſeien alle Ir vnndt wie vor Sechs tagen ein Edelman vor des von Alba Haus vor⸗ über ginge mit einer großen guldin Ketten, ſagten die Hiſpa⸗ nier, die Ketten iſt auch vnſer vnd der galgen vor Inen. Der von Alba wie er denen von Egmondt gefangen hatt er den Grauen von Arenberg zu der frawen von Egmondt geſchickt vnndt ſie tröſten laſſen vndt hatt der von Arenberg geſagt, er habe des Vorſchlags kein wiſſen gehaptt, Ob dem Alſo mag Gott vndt Ihme am beſten bekanntt ſein, der wolle Ime ſamptt andern ſeinen mittgeſellen nach Irem verdienſt alß ein gerechter Richter vndt hertzkundiger belohnen, die Hiſpanier heißen den feinen Man den von Norcartmes el Castigator de los fla- mingos, Man mögte Ime aber woll einen anderen Nahmen geben, der Ime beſſer ſoltt eignen vnndt dieweill dann nuhn gott das vnkrautt vber die fruchtt leſt wachſen, ſo mus man dem ſpiel zueſehn, der wirt daſſelbige zue gelegener zeitt woll wiſſen zue wenden, Datum den 18. Septembris anno& 1567. Nullus et nemo fllius Pasquilli. V. Vorſtellung des Churfürſten Auguſt von Sachſen bei dem Kaiſer zu Gunſten des Prinzen Wilhelm von Orante i. 4 Allerdurchlauchtigſter& Allergenedigſter Herr!— Welchergeſtalt mit dem hochgebornen Fürſten vnnſerm freundlichen lieben Oheimen vnnd Schwager, den Prinz zu Vranien, durch Eringrung Seiner L. Lande vnnd Leuthe gehanndlet worden, Solches wirdet zweifels one Ew. M. genedigiſt vnnd genugſamb bewüſt ſein; Daß nun dieſe geſchwindigkait wider S. L. in dero abweeſen *) Brüſſler Staatsarchiv. Correspondance des gouverneurs généraux des Pays-Bas avec Albert III. due de Bavière. Erſter Band. Fol. 139—141. 334 vngehörtt vncitiert vnnd vnbeſchuldigt Sr. L. auch zu⸗ wider des Ordens hergebrachten Statuten vnnd freyhaiten, vnnd vnerkhants rechtens mit eyteler Sr. L. mißgünſtigen gewaltt(dann Ich der Ku. M. zu Hiſpanien ſolches nicht zuemeſſe, noch auch daß es auff dero genuegſamb erkhanndnus vnnd Beuelch ge⸗ ſchehe, noch zur Zeit glauben khann) vorgenommen vnndt vner⸗ hörter weiſe gebraucht ete. vnnd S. L. ſambt dero Gemahell vnnd Kindern in austrückhlichen verdacht, Schimpff vnnd euſſerſt verderben geſetzt, vnnd deß Ihren dermaßen vnverſchuldelt ent⸗ ſetzt werden, Das iſt Mier der nahen pluetsverwandtnus hal⸗ ben, damitt Ich S. L. zuegethann, gleichwoll nicht alleine be⸗ frembdlich, ſondern auch(wie E. Kay⸗ Mt. genedigiſt zuerachten) ganntz bekhumerlich zuuernehmen. Ich khönnte auch bey Mier nicht, ermeſſen warmit doch Sein L. aine ſolche große der Ku. Mt. vngnadt vnnd ſtraff verwirckht oder verſchultt haben ſollte. Sintemal Ich nicht anders waiß, dann das S. L. Je vnnd alle Zeit Inn Irem beuolhenen Gubernament die Vnder⸗ thanen Im Niderlanndt zue Rhue vnnd gehorſamb gegen der Ko. Mt. gewiſen, vermannt vnnd alle weitterung, nach beſtem Seiner L. vermögen, vorkhumen vnndt abwenden haben helffen. Eß were dann das es derhalben geſchen das ſich S. L. mit gebüerender vnderthenigiſter Diemuet der Religion halben gegen der Ko. Mt. erclärt vnndt ſich zu der augſpurgiſchen Confeſſion bekhanndt hat etc. deſſen eigentlicher Bericht Nun S. L. vnnd dero gefreundten vnnd verwanndten zverkhunden ſein will. Ich ſtehe aber vnntertheniglich in khainen zweyffel, E. Kay. Mt. werde hierInnen ſelbſt das genedigiſt nachdenckhen haben, das Sie ſolche ſcherpffe vnndt geſchwindigkhaitt, Sonnderlich gegen fürſtlichen Perſonen dero Vorfahren vnnd Sie ſelbſt, den Küni⸗. gen zu Hiſpanien mit darſetzung Ihres Leibs, lebens vnndt vermögens Je getreulich vnnd ſtattlich gedient haben, vngern erfahren. Vnnd Ich für meine Perſon bin auch der freundt⸗ lichen vnndt dienſtlichen zuuerſicht, weyl das hauß zue Sachſen Je vnnd alle zeit mit den Königen zu Hiſpanien in guetter freundtſchafft geſtanden vnnd Iren Ko. Mt. zu freundtlichen Diennſten gefliſſen geweſen, Die Ko. Mt. ſollte ſich desfalls gegen dem Herrn Prinzen vnnd S. Liebden Gemahell, Meines leiplichen Bruedern ſeligen, Dochter, mit gnaden erweiſen, da allaine der Prinz von Seiner L. widerwertigen, die man wol khennet, Nicht alſo in Ihrer Ko. M. häſſigelich gebildet vnnd getragen wurde, So khann Ich auch Seiner L. diſe wahrhafftige gezeugnus geben, das Sie bey aller ſolcher Verenderung der Niderlande daß wenigiſt bey Mier Nie geſuecht, ſo der Ko. M. zuwider, Sonndern Vilmehr zu allem vnderthenigem ge⸗ horſamb vnnd ſchuldiger dienſtwilligkhait vernemen hat laſſen. Wie dann das werckh ann Ime ſelbſt außweiſet, das Sich S. L. bißhero getruckht vnnd geduldet, vnnd anderer Mitl die et⸗ wan S. L. von Andern angebotten, vnnd etwas ſtattlich vor⸗ geſtannden vnnd noch vorſtehen mögen, gentzlich geeußert vnnd enthaltten hat, deſſen S. L. auch zu genieſſen verhoffet. Vnnd iſt demnach an E. kay. Mt. meine vnderthenigſte Bithe, E. kay. Mt. wölle ſich mehrgemellts Prinzen zum fürderlichſten genedigeſt annemen, vnnd vmb diſe mein vnderthenigiſte Bitte auch der Sachen gelegenheit vnnd vmbſtennde willen, bey der Ko. Mt. oder ſonnſten die fürderliche genedigiſte verwendung thuen, das Ir Ko. Mt. die gefaßte vngnad gegen Seiner L. ſchwinden vnnd fallen, vnnd S. L. bey dero Lannden vnnd vn⸗ derthanen bleiben laſſen wolle, Waß nun E. Kay. Mt. von Ihrer Kon. Mt. mit ehiſten zur Antwortt empfahen werden, Mich deſſen alßpaltt, vnnd gantz vnuerlanngt genedigiſt be⸗ richten. 336 Daß erkhenne vmb E. Kay. Mt. vber ſchuldige gebür Ich vnderthenigiſt zuuerdienen, Mich gantz willig. Dat. Dreßden den 22 Januarij anno& 68. Ewr Röm. Kay. Mat. Vnderthenigiſter Gehorſamer Auguſtus herzogg zu Sachſen, onnd Churfürſt. VI. Der Herzog von Alba an.... 2*) Brüſſel. 22. Juni. 1568. Inſer freundtlich dienſt vnd was wir liebs vnd gutts vermugen zuvorn, Hochwirdiger in Gott furſt beſonder lieber freundt, Nachdem wir dieſer tagen von der Kun. Mt. zu Hiſpanien ꝛc. vnſerm gnedigſten Herrn hiebeyverwartes ſchreiben an E. L. verlautendt, bekhomen, Vnd Inhalt deſſelbigen Copey vernomen, wie das Ir Kun. M. E. L. notturfftiglich vnd außfuerlich be⸗ richten, mit was vngrundt dieſelbig Ir kun. M. neben andern Chriſtlichen Potentaten ainer verdechtlichen verbundtnus vnd daraus beſorgten gewaltſamer handlungen halb, Neben dem was ſich ſich nun ain gutte Zeither in diſen Irer Kun. M. NiderErblanden onſer beuolhen verwaltung von wegen ent⸗ *) Brüſſl. Staatsarchiv. Concept. 337 ſtandner geferlichen vnruhe verloffen, hinvndwider Im hailigen Reich Theutſcher Nation, one Zweiffel durch Ire abgunſtige, vnd gemainer wolfart fridheſſige Leuthe, außgebraitet worden, haben wir gleichwol dieſes vnſer ſchreiben mitfuegen wollen, pedoch von vnnöthen geacht, E. L. angerurten vnverſchuldten verdachts, ond anderer ſachen halb, ainiche fernere außfuerung zuthuen, dan wir machen vns kainen Zweiffel, E. L. die werden Irem beywonenden hochen verſtandt, auch ſonſt aller ſachen vmbſtende vnd gelegenhait nach, aus gedachtem der Kun. M. ſchreiben, vnd derſelben bey meniglich erkanten fridliebenden, vnd bißher erzaigten Kuniglichen werckhen, augenſcheinlich befin⸗ den, das Ir Kun. M. gemueth vnd maynung endtlich dahin ge⸗ richtet iſt, mit meniglich, vnd Inſonderhait mit E. L. vnd an⸗ dern des hailigen Reichs Churfurſten, Furſten, vnd Stenden ſovil immer muglich, in friden, vnd vertrewlicher gutter freundt vnd nachparſchafft zuleben, Ind ſich one hochtringliche vrſachen des widerſpils nicht zugebrauchen, wie wir dan auch fur vnſer perſon Gubernaments halb, von Ir Kun. M. eben gleichmeſſigen beuelch haben, vnd vns vermög deſſelben aller gebur zuverhal⸗ ten gedenckhen, Vnd wiewol nun zu vermuethen, es werde bey diſer ſorg⸗ lichen Welt, an bößhafftigen vffruriſchen Leuthen nicht manglen, die Irer angebornen bößen arth vnd aigenſchafft nach, vorge⸗ dacht Ir. Kun. M. ruhe vnd fridliebendt gemueth, mit gefelſch⸗ ter Warhait anderſt außlegen, Sonderlich in dem, das die Zeit⸗ her vnſer hieſigen Regierung etliche dieſer Landen angehörige furneme Herrn, Auch Adels vnd Burgers Perſonen, von wegen entſtandnen hochbeſchwerlichen Empörungen gefenglich eingezogen. vnd daruff vnlangſt dern etlich mit Confiscierung Irer haad vnd guetter, vnd ewiger außbannung vnd verweiſung, dan auch III. 22 338 ainßthails zum thodt verurthailt worden, So mogen wir doch mit Gott dem Almechtigen bezeugen, vnd mit warhait von vns ſchreiben, vnd E. L. deſſen gewißlich verſichern, Das Jetzernente Executiones, Wie E. L. ſelbſt vernunfftiglich zu bedenckhen, vnd an Ime ſelbſt billich iſt, nicht ohn hochſte bewegliche vrſachen, nach gehabten gnugſamen Informationen vnd ſtatlichen vorbe⸗ denckhen, allein durch den weg ordenlichen vnd geburlichen Rechtens, Vnd vmb ſolcher ſtraffbarn erſchrecklichen furſetzlichen mißhandlungen willen geſchehen, die E. L. vnd ain jede andere fridt vnd rechtliebende Obrigkhait, zu ſchuldiger handthabung Ires von Gott vfferlegten Ambts vnd Auctoritet, in derſelben gebietten khainem Irem vnderthonen, was ſtandts der auch were, gwißlich nicht zuſehen, noch vngſtrafft furbeygehen laſſen wurden, Alſo das wir dem allem nach, der freundlichen vnd vnzweif⸗ fenlichen Zuverſicht ſeindt, Dieweil diß ain werckh der hailſamen Juſticien, die ainer Jeden obrigkhait, negſt der Ehr des Almech⸗ zigen, beuor allen Dingen billich angelegen laſſen ſein, vnd zuſſerſtes vermögens befurdern helffen ſolle, E. L. die werden Ir Kun. M. noch vns, der widerſacher, vnd anderer vnrubiger Leuthe vngegrundet außgeben halb, in dieſem vnvermeidlichen nothfall nicht verdencken, Sondern vilmehr bey Ire ſelbſt vnd andern Chur vnd Furſten fur entſchuldiget, vnd es endtlich dar⸗ fur halten, Das wir fur vnſer Perſon dieſer Landen beſchwer⸗ lichaiten villieber in anderm thuen vnd weſen geſehen, vnd den rrecutirten Herrn, Als vnſern mitordensbruedern, von trewem Hertzen vil ain beſſers gegunnet hetten. Wolten wir E. L. freundtlicher maynung nicht verhalten, Vnd ſeindt derſelben zu freundtlichen Dienſten wol genaigt. Geben zu Bruſſel in Bra⸗ 339 bant am zway vnd zwanzigſten tag des Monats Junij Anno Im 68ten. Ferdinandus Alvares von Toledo Hertzog zu Alba Marggraff zu Coria etc. Kun. Mſtt. zu Hiſpanien etc. Gubernator general vnd obriſter Veldthaubtman der Niderlanden. Ferd. Duc dalva. Scharberger. VII. a. Herzog Albrecht III. von Bayern verwendet ſich bei Alba für die verwittwete Gräfin von Egmont.*) Vnnſer freuntlich diennſt, auch was wir liebs vnnd guets vermögen zuuor, Hochgebornner Fürſt, beſonnder lieber Freundt vnnd Ordens Brueder, Wir haben gleichwol E. L. von wegen weilannd des Grauen von Egmonds ſeeligen etc. zue etlich ma⸗ len fürbitlich angeſuecht vnnd wiewol vnns auf vnnſere für⸗ ſchreiben bis daher weder von der Khun. M. noch E. L. einiche antwort nie ervolght, So khönnen wir doch von Chriſtlichen mitleidens vnnd erbarmens wegen nit vnderlaſſen, E. L. auf den Inhalt der Hochgebornen Fürſtin, vnnſerer freuntlichen lieben Muemen, ſeiner hinderlaßnen hochbetrüebten Wittib, Hierin *⁴) Brüſſler Staatsarchiv.(Correspondance des gouverneurs généraux des Pays-Bas avec Albert III. duc de Bavière fol. 205— 207.) 340 verſchloſenen ſchreibens Copien, E. L. nochmalen freuntlichen zuerſuechen. Mit angehengtem freuntlichem ſynnen, E. L. welle Irem Bitten, ſo weit es Ir zuuerantwortten ſteet, guetwillig ſtat thuen, vnnd alſo Ir vnnd Iren Khindern In Irer obligen⸗ den truebſal wider ein troſt machen. Das würdet E. L. bey menigelich ruemlich ſein, Sy thuen auch hieran ein mildt guett werckh. Des wir vmb E. L. hinwider freuntllich zu beſchulden erbittig ſeind. Datum in vnſer Statt München den 25. Julij Anno& 68. Von Gottes genaden Albrecht Pfaltzgraue bey Rhein, Hertzog In Obern⸗ vnd Nidern Bayern& Albrecht von Bayern m. p. ser. b. Schreiben der verwittweten Gräfin von Eg⸗ mont an Herzog Albrecht III. v. Bayern. Freuntlicher lieber Herr vnnd Vetter& Es zweifelt mir gar nicht E. Gn. werden des ſondern groſſen vnd vnuerſehnen onglückhs genugſamen Bericht haben, welches mir bei etlichen tagen her mit meinem geliebten Herrn vnnd Gemahl dem Gott der Herr gnedig well ſein, erbärmlicher weiß begegnet onnd zuegeſtannden iſt. Derwegen Ich ſeidher deſſelbigen der⸗ maßen ſo hart bekhümert vnnd betrüebt bin, das es mir vn⸗ müglich iſt, weder zuſchreiben noch auszuſprechen, Ja ich befinde — 341 mich ſo gar verIrret onnd troſtloß bis in todt, alls ein frauw auff der gantzen wellt ſein mag, mit ſambt meinen ailff armen Khindern, wie dann E. G. vernünfftlich wol ermeſſen khan. Dieweil ich nicht allein gedachtes meines Herrn ſeeligen Perſon ſondern auch aller ſeiner güeter, die er vnder dem Khünig von Hiſpanien ligen hat beraubt ſein vnd manglen mueß vnnd bin auch diſer zeit an guett Pluetverwandten vnnd freunden der⸗ maßen ſo gar entblößt, welche mir vnd gedachten meinen Khin⸗ dern E. G. vnderthenigen Vettern vnnd Pluetverwandten einen beyſtand thuen mechten, das Ich getrungen würde Hochermelte E. Gn. gantz freuntlich vnnd vleißig zu bitten, das ſy dieſelbi⸗ gen In dieſem fahl welle in gnedigen Beuelch haben vnnd der Khün. Mt. von Irentwegen zueſchreiben das ſy doch welle gne⸗ digiſt verſchaffen damit vns alle vnſere haab vnnd guetter ſo vnder Irer Matt. gebiet ſeynd widerumb reſtituiert vnnd einge⸗ antwortt werden. Deßgleichen welle E. G. auch dem Hertzogen von Alba vnbeſchwert zueſchreiben, welcher dann, wie Ich be⸗ richt bin, ſo uil anſehen vnnd macht von Ir Mt. wol hat, ſol⸗ lichs zethuen. Da nun aber diß Je nit ſtatt haben khündte welle doch E. G. ſouil bemieht ſein vnnd an Hochgedachte Khun. Mtt. ain fürſchrifft geben damit Ich ſambt meinen ailff Khindern auffs wenigiſt zuleben vnd vnſer vndterhalttung haben mögen. In welchem E. G. mich vnnd offtgedachte meine Khinder über die hieuor vnns bewiſnen guetthaten noch vil mer zu Irem diennſt verpinden württ, zue wellchem Ich dann auch in allem ſo E. Gn. mir würdt wellen beuelhen mit göttlicher hilff willig vnnd beraith ſein will. Vnnd bitte gott den Allmechtigen Er welle derſelbigen ſein göttliche genadt ſambt aller wolfart ge⸗ 342 nediglich verleichen. Dero Ich mich hiemit gantz vleißig beuelhe. 4 Dat. im Cloſter de la Cambre zu Brüſſel. den 29. Junii Anno& 68. E. G. Demietige Muem Lieb vnd freuntſchafft zu beweiſen Sabina Pfaltzgräuin. An Albrecht Hertzogen In Bayren ausgangen. VIII. Das Grab, welches die irdiſchen Reſte Egmonts umſchließt, wurde im Jahr 1804 wiedergefunden. Hier folgt der Proces-verbal darüber.*) In den jare dertien der frausche tydrekening, op den 25. Vendemiaire, ten zes uren des avonds. De ondergeteeken- den Jan François Van der Maren, Pastoor; Jan François Pepin Van Damme, meyer; Lodewyk François Ferdinand De Smet, Adjunct-maire van de Gemeente en hoofdplaets Sotteghem; Jan Baptiste Verniers, vrederegter van het Kwartier diens naems, tweede onderdeel van het Departe- ment der Schelde, vernomen hebbende, dat men, by gele- *) Ich verdanke die Mittheilung deſſelben des um niederländiſche Ge⸗ ſchichte und Literatur hochverdienten Jonkh. Ph. Blommaert in Gent. 343 genheid der wederopbouwing van het hooge altaer in de kerk dier gemeente, eenen grafkelder kwam te ontdekken, welke genoegzaem bleeck te zyn eene der oude grafsteden, waervan verscheidene Nederlandsche geschiedschryvers, soo als Van Meteren, Strada, De Jonghe, J. Marchantius, L. G. Kerroux, Van Gestel en anderen gewagen; gedenk- teekenen, welke men meende dat niet meer bestonden, maer in den jare 1645 verwoest achtte, toen de stad door het Fransch-Bataefsch leger in brand gestoken en de kerk in asche gelegd werd; hebben zy zich naer genoemde kerk begeven, vergezeld van de natemeldene en onderscrevene inwoners; gekomen zynde aen den ingang van den gra- kelder welke in het midden van het koor.... voet en on- der den grond en oder het hooge altaer gevonden wordt, is men daer binnen getreden, en heeft men ontdekt twee looden doodkisten op yzeren roosters geplaetst, waer van die aen de linkerzyde een bekkeneel ef doodshoofd en andere nog gave beenderen bevatte. Men kon niet twyfelen, of het was dezelfde plaets, alwaer de overblyfselen van Lamoraal, vorheen graef van Egmond, op den 5 van zomermaend 1568, te Brussel, o last van den wreeden Hertog van Alba onthoofd, rusten. Openbaer toch is het bekend, dat zyn lichaem in die kerk begraven is. De tweede doodkist werd vervolgens onderzoeht. Mea vond daerop van buiten, behalve eene koperen plaet, drie looden doozen in den vorm van harten, waervan de eerste aen het hoofd- einde, de tweede in het midden en de derde aen het voet-einde van gezegde doodkist geplaetst, de volgende opschriften bevatten: 344 Bovenste Doos: „Le coeur de Mess. Phl. comte d'Egmont, prince de Gavre, chlr. de Pordre, tué general por. Sa Maté. Catholiq. à la bataille d'Xvry en France, le 14 mars 1590.“ Middelste Doos: „Cor Lamoral dEgmont 1568.“ Oonderste Doos: „Le coeur de Messire Charlles comte d'Egmont, prince de Gavre, chlr. de Pordre, gouverneur et cap. general de Namur, décedé à la Haye en Hollande, le 18 janvier 1620.“ Plaet met een spyker op de kist vast gemaekt: „Ci gist Sabine, palatine du Rhin, ducesse en Baviere, princesse de Gavre, comtesse d'Egmont, femme et epeuse de feu monseigneur Lamoral d'Egmont en son temps prince dudit Gavre et comté d'Egmont, et la quelle deceda en Euvers Ie 19 juillet 1578. Priez Dieu pour son ame.“ De kist geopend zynde, vond men het bekkeneel, en zelfs het hoofd zoo wel in staet, dat er slechts een en- kele tand aen het boven kakebeen ontbrak; ook waren alle de beenderen van het lichaem nog gaef en ongeschon- den. Alle die overblyfselen zyn openlyk aen de nieuws- gierigheid der menigte ten toon gesteld. De drie doozen insgelyks geopend zynde, heeft men in de bovenstee een gebalsemd en in welriekende kruiden gewikkeld hart gevonden. in de middelste doos vond men niets dan stof en ve- zeltjes van eene bruine kleur. 345 Uit achting voor de nagedachtenis van den ongeluk- kigen Lamorael, onthoofd, om dat hy uit liefde voor het vaderland, de regten der onderdrukte Vlamingen verde- digde, zyn de genoemde voorwerpen op het zorgvuldigste in den grafkelder geplaetst, waer men dezelve gevonden had, om aldaer met de stoffelyke overblyfselen van ge- zegden Lamorael, graef Van Egmont en deszelfs gemalin Sabina van Beyeren te rusten; en ten einde daer van getuigenis te geven aen de nakomelingschap, is er van binnen in dienzelfden grafkelder eene looden plaet ge- steld met dit opschrift: „In het jaer dertien van de Fransche tydrekening, den 25 Vendemiaire,(17 van Wynmaend 1804), Napoleon Bonaparte, eerste Keizer der Franschen, Faipoult, prefect van het Departement der Schelde, Wy Jan Franoçis Van der Maren, pastoor; Jan François Pepin Van Damme, meyer; Lodewyk Ferdinand De Smet, adjunct; Jan Bap- tiste Verniers, Vrederegter van het kwartier, hebben deze grafplaets onderzocht, en hebben van alles proces— verbal opgemackt gedagteekend van heden, welk op het huis der gemeente van Sotteghem nedergelegd is. „Dit alles is geschied ten dage en plaetse voornoemd, tegenwordig de Heeren: Albert De Pessemier, Koster; Karel Van Aelbrouck, geregtschryver; Augustyn Galle, notaris; Karel Verheyleweghe, arts: J. J. Miele, heel- meester; P. Fisco, Kruidmenger; Lengin Van Damme, koopman; Jan F. Schauvlieghe, koopman; Lodewyk Droesbegue, brouwer; Adriaen Van Aelbrouck, koopman; Basile Merchie, deurwaerder; Jan Crombrugge, schryn- — 346 werker; Bernard Van Damme, smit; Albert Van Ael- broeck, klerk; Bernard Van Aelbroeck, organist, en an- deren die geteekend hebben: J. F. Van der Maren, pastoor; J. Van Damme, meyer; L. F. De Smet, adjunct; J. B. Verniers, L. J. Droesbeque, C. Van Aelbrouck, P. Fisco, L. Van Damme-De Rouck, A. Van Aelbrouck, A. F. De Pessemier, Bernardus Van Damme, B. Van Ael- brouck, J. F. Schauvlieghe, J. B. Van Crombrugge, A. Galle, B. Merchie, deurwaerder; J. J. Miele, heel- en vroedmeester, gepatenteerd.“ IX. Herzog Albrechts III. von Bayern Antwort auf einen Brief Alba's(in Bezug auf die Einnahme Haarlems). Burghauſen, 30. Juli 1573.*) Unſer freunndtlich diennſt, auch was wir liebs vnnd guets vermogen, zuuor. Hochgebornner Fürſt, Beſonnder lieber freunndt vnnd Ordensbrueder. Was vnns E. L. den Aylfften vnnd vierzehennden diß yetz beſchloſſnen monats Julii freunndt⸗ lich zuegeſchrieben, das haben wir diſe tag nacheinannder woll empfanngen vnnd nemblich aus dem erſten wie E. L. von Irem freunndtlichen lieben Son Don Friderichen de Toledo ccc. Zeittunng einkhommen, welchermaſſen derſelb gegen der Kön. M. zu Hiſpanien&c. Rebelliſchen vnnderthonen vnnd Irem frid⸗ heſſegen anhanng, als Sy ſich mit Höres crafft vnnderſtannden *) Correspondance des gouverneurs généraux des Pays-Bas avec Al- bert III. due de Bavière. 1572—1579. tome 4e. fol. 95 sedd. 347 Harlem zuendtſetzen verfaren und ein vaſt anſechliche vnndt glückliche victorj erhalten&c. vnnd dann jm anndern, das ge⸗ dachter E. L. Son bald hernach berürter Stadt Harlem anieſt vnnd nach ſo lanng gewerter bſchwerlicher belegerunng mechtig worder iſt, dieſelb widerumb zu der Kon. M. zu Hiſpanien Xc. gehorſam gebracht hat, mit ſonndrer frolockhunng vernommen, der maſſen, das vnns ja nit wol ain angenemer potſchafft als eben diſe auffeinannder geuolgte glückhſelige zeittunngen zu ohren hetten khommen khönnen, vnnd wil E. L. vnnd dero Son, wie Sy anregen gegen diſen aufrueriſchen leutten in Har⸗ lem mer mit genaden alss ſich Irem hoch verurſach⸗ ten verprechen nach, wol geburt gehanndlet vnnd alſo die milte vnnd guete der ſtrennge furgeſetzt, Sein wir mit E. L. der mainung ſo werde der negſte vnnd fueglichiſt weeg ſein, dar durch die vbrigen rebelliſchen vnnd abgefallene Stet auch bewegt werden, eben meſſig zum Creutz zu khriechen vnnd gnad zubegern, Des vnnd was Hochgedachter Kön. M. zu Hiſpanien auch dero Erbliche Königreich vnnd Lannden ſonnſt mer zu beſtendiger wolfart vnnd fridlicher Re⸗ gierunng bediennlich ſein mag, Thun wir vonn Gott treulich wünſchen onnd bitten, ſeinndt es auch nach vnnſerm vermögen nicht weniger zefurdern von hertzen geneigt. Bedannckhen vnns alſo das E. L. vnns diſer dinng ſo vnn⸗ derſchidlich vertreulich vnnd furderlich berichtet ganntz freunndt⸗ lichs hohes vleys mit angehengter bitt was ſich in ainem vnnd anderm weiter ereigen wirdet, das wellen Sy vnns gleicher geſtallt zu berichten vnbeſchwerd ſein, Welches wir ge⸗ gegen E. L. der wir diß zur anntwort angefuegen nit vnder⸗ laſſen ſollen, freunndtlich wider zu beſchulden verbütig vnnd ſeyen E. L. mit freunndtlichen Diennſten vnnd allem guetten 348 zuerſcheinen alltzeit wol geneigt. Datum in onnſer Stadt Burgkhauſen den 30ten Julii 1573. Von Gottes genaden Albrecht Pfaltzgraue bey Rein Hertzog in Obern vnnd Nidern Bayern&c Ec. (S.) Albrecht Herzog zu Bayern. p. m. X. Alba zeigt dem Herzog Albrecht III. v. Bayern ſeine Abberufung aus den Niederlanden an. Utrecht. 30. Okt. 1573.*) An Hertzog Albrechten zu Bayern. Hochgeborner Fürſt, freundtlicher lieber Ohaim vnd ordenßbrueder, E. L. Schreiben vnder dato in derſelben Cloſter Staingaden am erſten Tag diß zu ende lauffenden Monats Octobris haben wir kurtz verſchiner Tagen empfangen vnd deſſelben Inhalts betreffende vnſer vorſtehende Raiß in Hiſpanien freundtlich ver⸗ ſtanden, vnd kunden E. L. daruff vertreulich wolmaynung nicht bergen, wie das die Kun. Mt. zu Hiſpanien cc. vnſer gnedig⸗ ſter Herr vns vff vnſer vilfeltig anhalten des ſchweren laſts muehe vnd arbait des hieſigen Niderlendiſchen Regiments mit gnaden ainmal erlaſſen vnd an vnſer ſtat die verwaltung vnd Gubernament deſſelbigen dem Herrn Groß⸗Commendatoren von *) Correspondance des gouverneurs généraux des Pays-Bas avec Al- bert III. duc de Bavière. 1572—1579. tome 4. ol. 107. seqq. 349 Caſtillia gnedigſt vertraut vnd beuolhen vnd vns darentgegen erlaubt haben, daß wir nach ankunfft gemelts Herrn Groß⸗ Commendators vnd verrichtung nottürftiger ſachen vns mit er⸗ ſter fueglicher gelegenhait widerumben anhaimbe in Hiſpanien begeben mögen, wan oder wie bald aber ſolches geſchehen, das kunden wir bis nach abhandlung vnd verrichtung etlicher diſer Niderlanden obligenden hochwichtigen Kriegs⸗ vnd andern ſachen noch zur zeit nicht aigentlich wiſſen, wir wollen aber vor vnſerm abzug nach Hiſpanien E. L. onſer verrucken zuuor verſtendigen vnd von derſelben wie billich ainen freundtlichen abſchidt vnnd vrlaub nemen auch kainß wegs vnderlaſſen vff jetzige E. L. freundtliche erinnerung,(deren wir vns neben gethoner glückwünſchung vnd getrewherzigen anerbiettens gantz freundtlich thuen bedankhen) obgedachten vnſerm Succeſſor ſouil die bewußte ainigungs⸗handlung ond woruff dieſelbige jetziger zeit beruhet, deßgleichen künfftige vnderhaltung dern mit E. L. hergebrachter nachparlicher Correſpondentz belangendt, ſolche notturftige aigentliche Inſtruktion vnd anweiſung zu ge⸗ ben auch außerhalb deſſelben ihrer Kun. M. Rhäte ſo vmb die Handlung am beſten wiſſenſchafft tragen, gnediglich dahin zu ermanen, das kunfftiglich zu jeder zeit vnd gelegenhait in ainem vnd dem andern dieſerſeits verhoffentlich gar kain mangel ſolle erſcheinen, was zu mueglicher fortſetzung vnd Befürderung ob⸗ angerürts hochnothwendigen gemaintzamen werckes vnd beharli⸗ cher vertrewlicher vnderhaltung nachbarlicher guter verſtendtnuß vnd correſpondenz immer dienſtlich vnd erſprieslich ſein wir⸗ det, jnmaßen dan E. L. vor vnſerm endtlichen verrucken aus diſen Niderlanden das vnd anderes von vns weitter ſollen ver⸗ nemen vnd wir haben E. L. mitlerweil ſolches in jetzigem vn⸗ ſerm vffbruch nach Brabant vff gemeltts Ir ſchreiben vnd freundtlichs erinnern freundtlicher wolmaynung nicht wollen ver⸗ 3⁵⁰ halten. Vns zu derſelben dienſten yederzeitt gantz guetwillig erbiettend. Geben zu Vtrecht den 30. tag Octobris anno&c. 73. &c. Ferdinand Alvarez von Toledo Herzog von Alba. XlI.*⁴) Newer Zeittung iſt in Antorff das fürnembſt daß der Duc de Alba nun ein zeittlang ſein Leutnampt Vitello genannt in Engellant liegen gehabt, ein friden zwiſchen Spanien vnnd En⸗ gellant zu machen, wie man denn ſehr aller ſtreittigen artickul albereitt ſchier verglichen geweſen, Aber vnnder dieſem ſchein hat der Duc de Alb durch den Vitellen mit den fürnembſten haubteren vnndt Landthernn, als nemblich dem Hertzogen von Nortvogtt, der vom Königlichen Blut iſt, vnnd der Königin fürnembſter Rath mehr mit hertzog Mülort Arondell nach fol⸗ gender geſtalt practiziert. Nemblich weil die Königin im October nach alter gewonheit ſelbſt zu Rath ſitzt vnnd alle beſchwert des Reichs anhörtt, dar⸗ zu ſich die Ritterſchafft des König⸗Reichs verfügtt, Demnach haben der Hertzog von Norttvogtt vnnd Arondel, die Ritter⸗ ſchafft mehrthails eingenomen, daß ſie dieſen Reichstag ſterck zu Roß wider zuuor beſchehen beſucht haben ſollten alſo daß er Nortuogtt in London vb(er) Sechtzehenhundert pfertt gehabt *) Correspondance des gouverneurs généraux des Pays- bas avec Al- bert III. duc de Bavière. 1572— 1579. téôme 4me. fol. 71 segd. hette Vnd do neben in Schotlandt es dahin gericht daß vb(er) die 3000 ſchoten auch allbereit vff den füſſenn geweſt, So iſt der Gubernator aus Hiſpanien, ſo den namen gehabtt, er ſolt an Duc de Albs ſtatt Komen in.. mit 3000 Spa⸗ niern gelegen vnd noch. Vnd ſich Duc de Alb fertig macht mit ſein Spaniern vnd Kriegsvolck, Als wolt er die gütter, ſo das vergangen jar in Seelandt arreſtirt gelegen, welche die Kö⸗ nigin jm jetzo volgen laſſenn, vff der ſpaniſchen flott belaiten vnnd den Neuenn gubernator, ſo ahn ſein ſtatt inn Niderlanndt khomen ſoll empfahen, welches ein feiner ſchein geweſt, Aber vnnder der ſachen ſchein wan die Königin zu Rath geſeſ⸗ ſenn ſo ſollten der Herzog Nortvogtt ſampd ſeinem anhang vnnd den ſchotten die ſtatt London an ſechs Orten angeſteckt haben vff daß Jederman mit der Brunſt zu thun gewonne, vnn⸗ der deſſen ſie zur Königin griffen vnd ſie eilent hinrichtenn, So wollte der newe Gubernator vnnd das ſeeländiſch Kriegsvolckh, ſo bei den Güttern wie obgemeltt geweſſen, welche Schief bey dritt⸗ halb hundert geweſt vnnd der Düc de Alba mit ſeinem krigsvolckh alsbaltt in ſolchem brannt einfallen, alſo ſie das Königreich Engelant vnder das ſpaniſche Joch pringen möchttenn. Vnnd ſollt alßdann der Hertzog Norttuogtt die Königin auß Schottenlandt, welche in Engelant gefangen ligt, geelicht haben vnnd König in Schottlant worden ſein. Solcher verreteriſcher Anſchlag iſt durch ein Bettler, der die Brieff hin vnnd wider in einem holen Stecken getragen ankom⸗ men, welcher Bettler vnder andern armen Leutten vor dem Pallatio geſtannden vnd vff den Norttvogtt gewartet, Wie nun die andern armen Leutt nach gewonheit abgefertigtt, iſt der be⸗ melt Bettler vorm Pallatio, weil der Norttuogtt etwas lang außplieben, ſtehen blieben, welch ein Thorwartt ettlichmal, daß er ſich auch hinwegpack, mit leichtenn worten angeſprochen vnnd 35² da er nit weg gewolt, hat im der Thorwart ein ſtreich mit einem Stecken geben wollen vnd indem er nach dem Bettler geſchlagen hatt der Bettler ſein holen Stab furgeworffen, alſo daß der Thorwart des Bettlers ſtecken troffen, welcher ein hall gelaſſen, wie ein Trummel, vff ſolches der Thorwart ſambtt ſeinen ge⸗ ſellen den Bettler gleich angefallen und in mit ſambt ſeinem ſtecken für die Königin gebracht, ehe es der hertzog Nortuogt innen worden. Alſo iſt die Schelmerei an tag khomen, Alſo hat die Königin ob zwölff bis in ſechzehen große heuptter einge⸗ zogen vnnd den Bettler vierthailen laſſen vnd die Landtſchaft off den letzten Nouember das Recht zu beſitzen vnnd vrthel zu ſprechen beſchreiben laſſen, was weitter gehandlet giebtt die zeitt zu erkennen. Man hat auch hinder dem hertzog Norttuogt vnnd Arondell ob Achtmal hundert tauſend Kronen gefunden, welche der Düc de Alba zu ſolchem Spiel verordnet gehabt. Dero wegen mögen die groſſen Potentaten Ir augen wol vff thun vnnd jrer ſachen beſſer war nemen, denn die Spanier trachten mit falſchem hertzen dohin, wie ſie Alles vnder jr Joch pringen möchten. Wo hat Ine dieſe Schelmerey furttgang? Zeit Frankreich oder das Römiſch Reich nit viel fridt mer ge⸗ habtt, dan ſie allbereit drey heffen in Engellant ſchon Innge⸗ habtt. Der Düc de Alba hatt die franzöſiſchen frontier mit Spa⸗ niern beſetzt und nach dem er ein Ambeſſador inn frannckreich beim König gehabtt, wie der engelländiſch geſanndt in franck⸗ reich zum König ankommen, hatt der ſpanniſch ſich von hoff ohn vrlaub gemacht vnnd dauon gezogen vnnd zu Prüſſel kommen aber mit wenig freuden. Die ſag, ehe ich Itzo zu Anttorf abſchied, ging für ge⸗ wiß, daß durch den Admiral Krieg in Niderlannt ſolt gefürt 353 werden, Dann man die Königiſchen vnnd admiraliſchen Befehls⸗ Leuth beſtallung halber beſchrieben vnnd wert über drei Monat nit beſtehen, es wert ſich ſolche Kriegsrüſtung offenbahren, welches die Niderlanden heimlich große freude haben, verhoffen, es ſoll einmal Moiſes kommen, vnnd ſie von dem Pharao er⸗ löſen; Dann des Brennens vnnd Bratens des glaubens halber iſt kein vffhören, wie ich es itz ſelbſt mit meinen Augen geſehen, Wann einer ſtirbt vnd ſich nit vnder die pfaffen vnnd munnüchs Ordnungs mit der Communion bekent hat, ſo grebt man im vnder den Galgen oder hengt im alſo todt am galgen vnd nimpt Düc de Alba ſein Verlaſſenſchafft, leſt keinen Erben nicht einen ſchieß. Der Düc d'Alb hait ettliche ſeine Kriegsleuth vnd das Me⸗ rertail in fünff Jaren nit bezalt. Sonſter iſt es allenthalben theuer vnnd geht der Sterbennt vmb vnd vmb wol ahnn. Gott wendt alle Ding zum Beſten. Amen. XII. Reiſebericht ds Johann von Raiſpelt über die Niederlande.*) Zum Erſten als ich bin von dem Prüel ausgeritten hab ich zwo meil auf diß Seit Maſtricht in ein kleinen fleckhlen den haiſſet Herle, Niderlenndiſche Soldaten antroffen, die alda von den Staaden hergeſanndt ſein, die haben mich gerechtferttiget vnnd beſuecht ob ich auch brieff hette an Don Jan, darnach *) Correspondance des gouverneurs sénéraux des Pays-Bas avec Al- bert III. duc de Bavière. 1572— 1579. tome 4e. fol. 254— 256. III. 23 354 zu Maſtricht hat man mich abermals beſuecht vnnd zu Valckhenburg, Von Maſtricht aus auf Brüſſel den ganntzen weg aus ligt es voller Soldaten, Wallonen vnnd hoch⸗Teutſchen aber ver⸗ ſträet, die hochteutſchen ſein Eberſteiniſche Knecht geweſt vnnd Scharmützlen tückhe mit den Wallonen vnnd die Wallonen die⸗ nen dem von Lumme, Von den Wallonen geſchicht groſſe Schenderey, Raub vnnd Mörden vnnd iſt ſelten ein tag es werden kaufleuth abgelocht vnnd etlich ermördet, Alſo iſt es an die orter geferlich raiſen allein, dorumb hab ich offtermal teutſche Soldaten müeſſen von einem dorff zum anndern mit nemen vmb der wallonen Schel⸗ merey, Die Paurn ſeindt maiſtentail aus den dörffern verloffen. onnd die Ackher ligen vil vngebauet, die aber bliben ſein, wann Sy wollen pawen oder plogen, ſo nemen In die Wallonen die roß aus den Plog vnnd ſchlagen die Pawrn zu Tod, Ich bin durch ein Stettlein geritten das heiſſet Tyne, alda ein viertl Meyl daruon haben die Wallonen einen Kaufman abgeblacht ſambt einem brabantiſchen wagen vnnd haben dem Kauffman Sex Tauſent gulden genomen vnnd in ſer verwundt, ich hab in geſehen vnnd fürcht er habe nit lang darnach gelebt,, Diß alles machet geſchwinde deure zeitt in den Lannden vnnd wann ſchon die armen Paurn vnnd Kauffleut geen Brüſſl khomen vnnd klagen So gibt man zu anntwort, ſy müeſſen Pa⸗ tientie haben es khünde auf dißmal nicht gebeſſert werden, der⸗ halben iſt Rauben vnnd Mörden vnnd ſonſt alle Schelmerey in den Lannden frey, die Paurn ſagen aber laut, es ſey kain mal ſo vbel geſtannden als die Spanier da waren, als es yetz alda zuegeeth. Die Teutſchen ſein überal in allen Brabandiſchen Stetten ſeer verhafftet vnnd wann einer über die Straſſen reitt oder geet, ſo rueffen im Jung vnnd Alt nach: Hanns muff maff, Schelm vnnd ſonſt allerley Scheltwort vnnd ſagen, das die Teutſchen allein die Land in die not und Elend ſollten gebracht haben, Da ich geen Brüſſel khomen hat man mich allenthalben be⸗ ſuecht ob ich Brieff het an Don Jhan, Ich hab alda mein Schreiben den gemainen Stennden den dritten tag durch hilff eines Edelmans der bey dem Prinzen zu Hof war überantwurt vnnd hab begert, den Fugger ſelber an⸗ zureden, das hat man mir in kheinen weg wellen vergonnen, Meines genedigen Fürſten vnnd herrn hertzog Albrechten ſchreiben, welches an den herrn von Campany vnnd an den von Heſſen geſchrieben war, hab ich lanng nit khünen überlie⸗ bern, dan ir keiner wolt es von dem andern annemen, zum letſten hab ich es Inen durch der Staaden Türhueter, als Sy beyeinander im Rat waren, laſſen zuſtellen, Der von Champany vnnd der Herr von Heſſ ſein des Fugger gröſſeſte vheindt vnnd der Hes hat in ſambt dem von Champany gefangen genomen, vnnd da hat in der von Cham⸗ pany wellen durſtechen, hete es der von Hes nicht gehindert, alſo iſt er zu Brueſſel auf das Brodthaus geſetzet vnnd wird allda durch eine Rott verwarlich in einem Zimmer gehalten, iſt aber ungebunden vnnd hat noch ſeinen Leibdiener bey ſich der auf in warttet. Ettliche von den Staaden haben mir geſagt man Procediere criminaliter wider in, noch dans haben ſy geſagt, ſy wellen nichts wider in handlen, das Recht erkhenne es dann, Er der Fugger iſt bei eyn Neden ſeer herhaſſet vnnd alles übel das von den Spaniern angerichtet, des gibt man im die ſchuld, das er ſey Ratgeber geweſt, So ſagt man auch, er ſolt den Egmont als er von den Spaniern gefangen war, alſo angeredet haben: Du yunger Schelm, ſiheſt du yetz, das es dir nicht beſſer wirt geen, weder deinem Vatter. So ſoll der Fugger auch vorhin des von Campany Haus geplündert haben vnnd auf deß von Campany Roß durch Annttorf Spacieren Ritten, derhalben iſt Ime der Champany ſo vheindt, So ſoll er auch zu Bergen in abſein des Herrn Prinzen Haus oder Pallaſt ganns verdeſtruiert vnnd verdorben haben, Dieſes alles vnnd vil meer legen ſy Ime dem Fugger auf vnnd kan dannoch wol nicht alles whar ſein vnnd laſſen ſich die von Brüſſel vnnd ſonnſt die meiſten tail von den ſtaaden dunk⸗ hen, Er werde nit mit dem Leben dauon khomen, vmb abferttigung vnnd anttwort auf meines genedigen Für⸗ ſten vnnd Herrn Schreiben hab ich lang ſollicitiert vnnd be⸗ ſchwerlich bekhomen, habs aber von den gemeinen Staaden be⸗ khomen, der von Champany vnd der von Hes haben geſagt, es ſey nit nötig, daß Sy anntwortten, dieweil die Staaden in gemain antwurten, Der Prinz geet alle tag zwaymal zu Rade mit den anndern Staaden auf das Statthaus, die von Brüſſel thuen dem Prinzen groſſe Eer an vnnd wachen tag vnnd nacht vor ſeinem Pallaſt vnnd gelaiten in, wohin er will, die weiber auf der Gaſſen fallen nider auf Ir Knie, wann der Prinz vorüber geet vnnd volden Ir Hende, Summa, ſy eren In als wer er Gott, Die von Brüſſl haltten hefftig an, das man den Prinzen zum General Gubernator des Landes ſoll machen, die Geiſt⸗ lichen Herrn, welche vnder den Staaden ſeyn, ſein dem zuwi⸗ der vnnd die Brüſſler ſagen, ſo ferne ſy es nicht zuelaſſen, ſo wollen ſy die geiſtlichen Perſonen, die vnnder den Staaden ſein, einmal zum Stadthauß herabwerfen vnnd zu Tot ſchlagen, 357 Da Ich bin wegzogen hat man mich abermals durch etzliche Schützen vor dem Thor beſucht ob ich Brieff an Don Jan hette, die ich wollte ins Teutſchland füren, da ich nichts gehabt hat man mich laſſen paſſieren. 4 Johan von Raiſpelt Bayriſcher vnntertheniger Dienner. XIII. Warhafftiger Bericht, welchermaßen ain gutte anzal der Hiſpaniſchen Soldaten baldt nach Eroberung der Stadt Zirckeſehe welche ſich vff den zweiten tag July Anno 76 ergeben, ſich in den inſeln von Seelandt entſtöret vnd was ſich ſeidher ſolcher Irer angefangener vffrur vnd meutterey vngeferlich mit jnen zugetragen vnd verloffen hat.*) Erſtlich haben ſich ernente hiſpaniſche Soldaten noch in we⸗ render Belegerung der ſtat Zirickſehe ganz öffentlich hören vnd vernemen laſſen, das ſy alsbald nach vbergebung der ſtat Zi⸗ rickſehe von dannen vffbrechen vnd ſich in Brabant vnd ſonder⸗ lich in die ſtat Brüſſel alda man andermal mit inen vbel vmb⸗ gangen, begeben vnd ſich daſelbſt wider erfriſchen wollen mit Gebrauchung vnd ausgieſſung viler anderer trutz vnd troungs⸗ reden.. *) Correspondance des gouverneurs généraux des Pays-Bas avec Al- bert III. duc de Bavière. 1572—1579. tome 4me. fol. 220 sedq. —— — 358 Alß nun die Herren verordenter küniglicher Regierung gene⸗ ral dieſer landen von dieſem der Hiſpanier vnbefugtem fürne⸗ men bericht empfangen vnd bey jnen ſelbſt nicht vnbillig betrach⸗ tet daß dardurch die victory deren man bei yetziger Gelegenheit des vheindts geringen macht vnzweiffentlich zuuerhoffen, beno⸗ men müchte werden, haben Sy die herren Regenten vff alle mittel vnd wege getrachtet vermittelſt derſelbigen ſolich Ir der Hiſpanier fürhaben zuuerhindern vnd nicht allein Sy, ſondern auch die wallonen vnd andere Kriegsleuthe ſo in Belegerung der Stadt Zirickſehe gedient zu befriedigen, Vnd jnen daruff zu vueglicher verguettung beuorſtehender meutterey die Erclerung thuen laſſen daß Sy die herren Regen⸗ ten guetlich zufriden, das die einmal hunderttauſend gulden, ſo die von der ſtat Zierickſehe erlegt genzlich vnd ohn ainichen ab⸗ gang vnder diejenigen Kriegsleuthe, ſo der Belegerung daſelbſt beigewohnet ausgeteilt vnd noch darzu Ir der Kriegsleuthe ab⸗ rechnungen für die hand genomen vnd mit ſolchen fürleihen von gelt alß vil in jrer der herren Regenten jetzigen vermügen, ver⸗ ſehen ſolten werden, daran ſy die Kriegsleuthe ſich der billichait nach zebenuegen vnd verſettigen ſolten haben laſſen, Deſſen alles aber vnangeſehen haben die empörten Hiſpanier ire haubtleuth vnd beuelshaber von inen verjagt die Plätze vnd veſtungen ſo inen zu bewaren beuolhen geweſt aigens wil⸗ lens verlaſſen vnd ſich mit großer vngeſtümigkait in Bra⸗ bant begeben vnd alda zwiſchen wege jr Zuſammenſchwerung oder Mehr vnder der Meſſe des Sacramentes beſtettiget vnd fortan jren Wege vff Herentals genommen. Dahin aus verordnung wolermelter herren Regenten der herr graff zu Manßfeld ſich perſönelich zu Inen verfuegt vnd vermög ſeines gehabten Beuels und Inſtrucktion von Irer der herren wegen Inen alles dasjenig angebotten was Sy die — 359 Hiſpanier mit fueg vnd billichait je ſölten mögen oder künden begeren vnd in jr der herren macht geweſt ſein möchte. Alß nemblich verzeihung jres in dieſem fall begangenen miß⸗ brauchs, Item Ihren Anteil vnd gebeurnuß von den obgerürten einmal hunderttauſend gulden von der ſtat Zirickſehe, Item drei Monats bezalungen von ond aus dem erſten geldt ſo aus Hiſpa⸗ nien komen, oder ſonſt in jr der Herren Regenten Handen vnd gewaltſamb ſein vnd fallen wurde, gegen ainer Muſterung ge⸗ neral. Welche billige erbietten ſy aber nicht eingehen wollen ſonder vilerhandt vnbehörliche vnd vonthuenliche ding vnd newerungen begert, zuwiſſen, vber jr gantze vnd vollige bezalung, ſtaige⸗ rung jrer beſoldungen, darzu auch, das man inen in jrer ge⸗ walt ain gute ſtatt ſo lang bis mit jnen allerdings abgerechnet vnd ſie gentzlich vergenuegt würden, eingeben wolte neben an⸗ deren dergleichen vnbehörlichaiten. Vnd ob ſy gleichwol vff ſolche mit Inen gepflegte vnderhan⸗ delung zugeſagt, da ſy in ainer ſtat weren, das ſy ſich alda ſtill verhalten vnd wolermelter Herren antwort erwarten wol⸗ ten, ſo ſeind ſie doch von ihrem ſtolz vnd hochmut nicht abge⸗ ſtanden vnd ſich jmmerdar des einfals in die ſtatt Brueſſel ver⸗ mercken laſſen vnd zu erzaigung deſſelben an den Magiſtrat zu Mechel geſchrieben vnd den Paß vnd ein nachtlager daſelbſt zu halten begert mit vermeldung das ſolches zu verrichtung jres zuges die notturft erforderte, welches Inen doch durch den Rat zu Mechel(denen ein fendlin Wallonen zu hilff vnd beyſtand zugeſchickt worden) abgeſchlagen, Darauß erfolgt, daß ſy die Hiſpanier an der Stat Mechel fürüber gezogen vnd ſich domals in dem fleckhen Grimbergen, ſo zwo Meilen von Brueſſel nider geſchlagen, dahin inen wolermelts herren Grauen zu Manß⸗ feldt ſchriftliche Antwort vff jre fürgewendte begern durch den 360 Capitan Monteßdora vbergeſchickt, der auch von jnen etwas wi⸗ der anttwortt eingebracht vermög derſelben ſich ettlichermaßen anſehen laſſen, alß ob ſy ſich der billichait weiſen laſſen wolten mit dem verſprechen von dannen nicht zu weichen ſonder alda der herren fernere Reſolution zu erwarten, Aber vber dieſes ir Zuſagen ſeynd ſy alßbalt vffgebrochen vnd jren wege vff das dorff Aſſche vnd andere fleckhen vmb die Stadt Brueſſel gelegen zugenomen vnd ſich ſtettigs mit tro⸗ wortten hören laſſen, Brueſſel mit gewalt einzunemen vnd ſich an der Bürgerſchafft daſelbſt in vil wege zu rechen, dardurch die Gemainde bewegt vnd verurſacht worden zu den waffen zu greiffen vnd ſich wider gewalt zu erwehren vnd zu uerthe⸗ digen, Mitlerweil hat man abermals obernenten Hauptman Mon⸗ teßdora zu inen den vnrubigen Hiſpaniern geſchickt welchen ſy mit großer vngeſtumighait ja mit vff jne ſchießen widerumben von ſich gejagt vnd jme gahr kain gehör geben wollen gleichwol baldt hernacher jme Monteßdora geſchrieben vnd begert daß er widerumbe zu Inen kommen wollte, wie auch den folgenden tag geſchehen das er zu Aſſche bey inen erſchinen die jnen zuge⸗ ſagt daß ſy ſich alda mit einander vnderreden vnd jme anſtundt ir endtliche anttwortt vnd Reſolution zukommen laſſen wolten indem ſie dann gahr groſſe und guette vertröſtung gegeben. Daruff aber das widerſpill bey Inen erſchinen, dan anſtatt daß ſie ſolche jre vertröſte antwort ſchickhen hetten ſollen, ſeyndt ſy noch denſelbigen tag von dannen verruckt vnd gantz vngewar⸗ neter ſachen an etlichen vnderſchidlichen orten die Stadt Aloſt bey nächtlicher weyl mit ainem grewlichem geſchray angeloffen, erſtigen vnd alſo dieſelbig mit gewalt vnd vheindtlicherweiß ein⸗ genommen, daſelbſt etliche ſowohl Bauersleuth alß Bürger vmbgebracht vnd vnder andern auch ainen Iren Kun. Matt 361 Ampiman daſelbſt für die pfortten gehenktt vnd ſonſt deſſelbigen orths jres gefallens gehandelt vnd allen vheindtlichen muethwil⸗ len begangen. Alß nun offtwolermelte herren Regenten ſolche jr der Hiſpa⸗ nier vheindtliche handlungen vnd begangne gwalttaten zu Aloſt vernomen, vnd darbey vermerkt daß ſy in jrer halßſterrigen vn⸗ gehorſambarkait wider Gottes vnd des Kunigs jres herrn dienſte je lenger je mehr verharren vnd ſich noch darzu wider die Stette Brüſſel, Antorff vnd Mechel one vnderlaß allerhandt tro vnd trutzworten vernemen laſſen, ſeyndt ſy die herren Re⸗ genten aus ganz rechtfertigen billichen vrſachen bewegt worden, ſy die vnrubige Hiſpanier für Irer Kun. Matt. vnd des Landts vngehorſambe Rebellen ond vheinde zu ercleren gedencken auch mit ſolcher ſtraff gegen jnen zuuerfahren, wie ſich dasſelbig am ratſambſten wirdet befinden vmb dadurch ſy die Hiſpanier wi⸗ derumben an der Irer Kun. Matt. vnd Irer der Hiſpanier von derſelber Irer Matt. wegen fürgeſetzten Obriſten, Hauptleuthe vnd Beuelhaber ſchuldigen gehorſamb zubringen vnd endtlich ain meres übel vnd vffſtandt der vnderthonen zufürkomen, darzu es dan leichtlich gerathen, da ſy die vnderthonen alſo vnbil⸗ licher vnverſchuldter weiſe von jrer aigen Kriegsvolkh beſchwerdt vnd vergewaltigtt, von denen Sy ſchutz vnd ſchirm gewarttig ſein ſollten. Derhalben vnd dieweil nun obangeregte ergangene erclerung ſich nicht weiter zu ainer andern maynnng weder gegen die em⸗ pörten Hiſpanier, als diejenigen ſo abgehörter maſſen gewalthe⸗ tigliche feindtliche handt an Irer Kun. Mtt Vnderthonen gelegt haben, erſtreckt, haben vfft wolermelte Regenten nicht vmbge⸗ hen wollen ſolches als oberzelt meniglich zuverſtendigen, damit ain jeglicher gründliche Wiſſenſchafft tragen wie größlich die Hi⸗ ſpanier ſich in dieſem fall vergriffen vnd aus was rechtmeſſigen hochwichtigen vrfachen ſy die herren getrungen worden obenge⸗ rürte erclerung ergehen vnd wider ſy die vffruerige durch ſolche mittel vnd wege verfahren zu laſſen, wie ſie zu erhaltung land vnd leuth daneben auch die vffrurer widerumben zu der bil⸗ lichait ſchuldigem gehorſamb vnd pflicht, damit ſie Ir Kun. Matt. zugethon zubringen werden befinden vnd gar nicht der maynung(Inmaſſen die vnrubigen Hiſpanier andern Kriegsleu⸗ then fälſchlich einzubilden ſich vnderſtehen) in dieſen fall dem andern Ir Kun. Mt gehorſamen Kriegsvolckh, es ſeien Hiſpa⸗ nier, Hochteutſchen, Niderlender, Wallonen oder andere was Nationen dieſelbigen auch ſeien, ir billige bezalung zu entziehen, Sonnder man gedenckt dieſelbigen jres nachſtandts mit gnaden zu befriedigen vnd zuergnuegen mit weiterer gewiſſer verſiche⸗ rung vnd vertröſtung, das wolermelte herren Regenten die ver⸗ ordnung thuen wollen, das Sy die gehorſamen Krigsleuth mit⸗ lerzeit mit dem gewonlich lehengelt vnd vnderhalt verſehen, bis vnd ſo lang mit jnen die abrechnungen fürgenommen vnd die herren Regenten vermittelſt der Kun. Mt vertroſten fürſehung von gelt aus Hiſpanien vnd der hieſigen Landt⸗Stendt ſelbſt hilff vnd zuthuen die mittel bekommen einem jeden Irer Kun. Matt. vnd jr der herren ſelbſt willen vnd maynung nach, mit gnaden zu bezalen. Vnd damit dieſes der empörten Hiſpanier verurſachtes gefer⸗ liches feuer nicht ferrer angetzundet ond bei zeitten gedempfft werde, ſo gebitten wolermelte herren Regenten an ſtatt Ir Kun. Mat. mit ſonderm ernſt, das niemands, wer der auch ſey von Kriegsleuthen oder andern ſich rottire oder gegen ainiche Stet⸗ ten, Veſtungen, Dörffern vnd vnderthonen Ichts mit der That fürneme vnder was ſchein vnd vrſachen dasſelbig auch geſchehen —“ möchte, Beuelhende gleichfalls mit ſonderm Ernſt allen Obri⸗ ſten vnd hauptleuthen vber Kriegsvolckh, das ſy ire in Beuelch habende Kriegsleuth in gutter Ordnung und Kriegsdiſciplin er⸗ halten vnd denſelbigen kein vngebür vnd mißbrauch geſtatten, deßgleichen auch aller Irer Kun. Mtt. verordenten Gubernatoren Amtleuthen, Näthen, Gemainden vff dem landt vndt in Stet⸗ ten auch allen andern vnderthonen, mainen vnd wollen das niemandts mit dieſen Kriegsleuthen, ſo hin vnd wider in Be⸗ ſatzungen ligen vnd in ſchuldigen gehorſamb verpleiben, nichts vnguetlichs anfache, ſondern neben vnd miteinander in guttem vertrauen fridt undt ainigkait leben, wie ſolhs getrewen vnder⸗ thonen vnd Kriegsleuthen ſo Irer Kun. Mtt. mit Aidt vnd Dienſten zugethon wohl anſtehet vnd geburt. XIV. 9; über Don Juan von Oeſterreich. Schon von ſeines Lebens erſten Augenblicken an ſchien das Außerordentliche ſich dem Geſchicke des künftigen Türken⸗ bezwingers innig anſchließen zu wollen. Daß er in Regens⸗ burg geboren wurde,*) daß er mit Recht deutſcher *) Nach ſeinem Siege bei Lepanto erſchien in Deutſchland ein Kupfer- ſtich, der einen Lorbeerbaum auf einem mit Blumen(Roſen und Vergißmeinnicht) bepflanzten Berge, und an deſſen Fuß die alte Ratisbona mit den Emblemen Deutſchlands darſtellte, welche ihren Lorbeer mit Stolz hetrachtete und ihn der erſtaunten Hiſpania zeigte. CDr. Coremans im compte-rendu des séances de la commis- 364 Edelmann ſich nannte, iſt wohl gewiß; doch die Frage, wer des Helden Mutter war, läßt ſich kaum mit gleicher Zuverſicht beantworten. Der franzöſiſche Hof, welcher in der deutſchgeſinnten mannhaften Maria, der Ungarn⸗ königin und Statthalterin der Niederlande, eine erklärte Feindin haßte, erſchrak nicht vor dem Frevel, ihm dieſe Fürſtin zur Mutter geben zu laſſen. Brantome,*) der Aergernißlie⸗ bende, und ſelbſt Strada ſcheinen geneigt, mehr oder minder dieſen verläumderiſchen Nachreden eines gewiſſenloſen Feindes Gehör zu ſchenken. Davon aber wie billig vollkommen abge⸗ ſehen— da man nimmer dem Libelle geſchichtliches Recht ein⸗ räumen darf— bleibt es, ich muß es wiederholen, immerhin ſchwer zu beweiſen, daß Barbara, die liederreiche, wirk⸗ lich den Sieger von Lepanto geboren habe. Nur ſo viel iſt ſicher, daß Don Juan ſie ſtets als ſeine Mutter anſah und auf dem Todtenbette deren Sohn Pyramus Conrad als Bruder dem Könige Philipp II. dringend empfahl, wie denn auch ſei⸗ ner Seits der König von der Richtigkeit dieſer Angaben über⸗ zeugt ſchien. Don Juan, obſchon er nie geheiratet, hinterließ zwei Töchter deren Tod wenigſtens außerordentlich war. Im Monate Fe⸗ bruar 1630 verblichen nämlich an einem und demſelben Tage: Anna, die fromme Spanierin, von einer Mendoza ſtammend, Vorſteherin des Benedictinerinnen⸗Kloſters zu Burgos, und Jo⸗ hanna, die Neapolitanerin, welche eine von Sorrento zur Mut⸗ sion royale d'histoire. tome II. séance du 3. nov. 1838. 6. bulletin Brux. 1838.) *) Vie des GCapitaines étrangers. Bayle Dictionnaire cri- tique ete. —.,— 365 ter hatte und als Gemahlin des ſicilianiſchen Fürſten Butero ſtarb. Dr. Coremans: Bericht an S. M. den König Leopold über das Brüſſler deutſche Staats⸗Archiv. XV. Wilhelm von Oranien an Jan van Hembyze. Middelburg. 17. Septbr. 1576.*) Monsieur d'Embyse, Vous voyez l'estat du pays et les belles occasions qui se présentent maintenant pour délivrer Ia patrie de la tyrannie que jusques ores depuis long-temps la oppressée par l'insolence des estrangiers, née et accrue par la trop grand patience des habitans. Vre vertu vous exhorte, Vvre prudence vous monstre ce que debvez faire en ce temps. Parquoy n'est besoing de beaucoup de parolles. L'occasion est toujours accompaignée de repentance, si on la laisse echapper sans la prendre par le poil, elle wa point de tenue par derrière et ne laisse après soy aultre compaignie que d'icelle dte repentance qui la suyt au talon. Parquoy puisque n'y P'aſfection ny la vertu, ny le ju- gement ne vous manquent, je vous prieray d'embrasser *) Mitgetheilt durch A. Voiſin im Messager des sciences et des arts. 1829—1830. Gand. p. 259. 366 7 ceste opportunité, et vous employer en ceste conjecture, ainsi que tous les gens de bien s'attendent à vous. Le moyen est de se joindre, faire joindre les aultres de par de là avec vos voysins et confrères de Brabant, les quels s'ils sont abandonnez de vous aultres, pourroyent tom- ber en grans inconveniens, ou mesmes aussi attirer une ruine generale sur tout le pays, de la quelle tant s'en fault que Flandre sera exemptée qu'elle payera le plus cher escot, tant pour estre la plus riche come pour avoir donné en apparence le comencement à ce feu par ce qui s'est passé mesmes depuis IX ou dix ans en ca, et encoir auparavant, quand la conclusion de la retraite des Espagnolz se print, ce qui demeure encoir imprimé à la mémoire de ceulx qui n'oublieront de faire une vengeance exemplaire du tort quilz pensent avoir receu. Il faut doncques ou se préparer à servir sur ung eschaf- fault à toute la postérité de misérable exemple de désu- nion maladvisée, ou bien couraigeusement et unanimement repousser à ce coup la violence est rangère qui ne se peult supporter sans infamie éternelle et entière ruyne. En cela puisque et pour Vre. bonne prudence et pour le lieu que vous tenez en la Républycque de Flandres, vous mavez la pouvoir moindre que le debvoir qui vous oblige à la patrie, je vous prieray à ceste fois monstrer les fruictz de la vertu dont Vre. bonne renomée a donné ferme espérance et certaine attente au coeur d'ung chacun. Et come je me confie assez que ferez plus que ne vous en seauroy requerir, je ne vous diray aultre chose, sinon que oultre que je seray tousjours prest de vous 367 seconder selon les moiens et occasions que Dieu donera, encoir me trouverez vous teusjours en Vre. particulier prest de recognoistre le bien que ferez à la patrie comune, comme celuy qui s'estyme obligé à tous ceulx qui taschent à la délivrance d'icelle, pour la quelle jay desià tant tra- vaillé et snis encoir prest de le faire, tant que l'ame me demeurera au corps, qui est l'endroict du quel me reco- mandant bien affectueusement en Vre. bonne grace, je supplieray Dieu vous avoir Monsr d'Embyse en sa Ste garde et protection.“ Escrit à Middelburch ce xvii jour de Septembre 1576. Vre. bien bon amy à Vre. comandemens, Guille. de Nassau. A Monsieur Monsieur d'Embyse, mon bien bon amy. XVI. Wilhelm von Oranien an Hembyze. Middelburg 17. Sept. 1576.*) Monsieur d'Embyse, je vous ais escrit une lettre du XVII du présent, laquelle je crains que n'aures receue et toutefois pour cognoitre vre bonne et entiére affection *) Mitgeth. durch Voiſin im Messager des sciences et des arts. 1829— 1830. p. 252. 368 qu'avés au bien et delivrance de nostre commune patrie hors de la tyrannie que desia si longtemps la va oppres- sant, je ne vous useroy de nulle recharge n'estoit que par ceste je vous veux plus tost temoigner l'obligation à vous. Tous gens de bien et amateurs de la patrie vous demeureront obligés, pour les bons offices que faites con- tinuellement à P'effet que dessus, que non pas user d'ex- hortations superflues en vostre endroict. Cependant je ne puis me tenir que je ne vous propose la grande im- portance que pour ce faict gist en l'union des provinces à laquelle je vous prie vouloir par tous moiens possibles travailler, puisque par vostre prudence vous povés asses comprendre combien la désunion serait pernicieuse non seulement à la generalité du pays, mais aussi en parti- culier à la province de Flandres, laquelle comme vous scavéès pour plusieurs divers respects et considerations est autant recommandée en la haine et malveillance de ces ennemis communs et perturbateurs du repos publicq qu'autre province qui soit, puisqu'ilz y osent bien imputer Porigine de tous les maux à icelle. Mais tant plus grande est la haine quilz luy portent, tant plus devés vous aut- res Messers vous evertuer à rompre leurs malheureuses intentions. Et come de vostre part je ne fai doubte qui saurés tres bien mettre en evidence les fruits de la vertu et constance dont vostre bonne renomée a donné ferme esperance à ungchacun, je ne ferai ceste plus longue. Mais le surplns de mon intention entendrez par Monsieur Backere present porteur auquel vous prie adjouster foy comme a moy mesmes. Et sur ce me recommandant bien affectueusement à vostre bonne grace prieray Dieu vous donner Monsieur d'Embyse en parfaite santé vie bonne —— 369 et longue.— Escrit à Middelburch Ie xxvii de Septem- bre 1576. Vre bien bon amy à vous faire plaisir, Guill. de Nassau. A Monsieur d'Embyse, mon bien bon amy. XVII. Don Juan von Oeſterreich an Kaiſer Maxi⸗ milian II. Luxemburg 16. Okt. 1577.*) Allerdurchlauchtigiſter gnedigiſter Herr etc., Euer keyſ. Mt. an mich gethones abermalig newes ſchreiben Geben in derſelben Stat Wien am 12. tag negſtverſchinen Monats Septembris hab Ich den 12 ditz jetzigen Monats zu meiner hieherkunft durch gegenwertigen Ew. k. gn. aigen curier mit geburender reverentz empfangen vnd anfenglich darauß welcher gſtalt dieſer lande Stende mich bey E. key. M.(gleichwol zu vnrecht) verunglim⸗ pfett, alß Ich die zeit meines anweſens vff dem ſchloß zu Na⸗ mur allerhandt ſachen ſo dem gemainen fridsweſen wenig fur⸗ treglich furgenommen haben ſolte, neben E. k. M. angehengten gnedigiſten vermanung vnd erbietten zu wurglicher vergleichung dieſer eingeriſſnen jrrungen vnd mißverſtände Ire K. M. frid⸗ liebende eommiſſarien von newem in dieſe Niederlande abzuord⸗ nen alles fernern Inhalts noturfftiglich verſtanden, Thue mich *) Brüffler Staatsarchiv. Corresp. des empereurs Ferdinand I. et Maxi- milien II. 1557—1577. Cart. I. III. 24 370 erſtlich Gegen E. K. M. dero getrewen vätterlichen ſorgfältig⸗ keit vnd genedigiſten zunaigung ſo ſy zur befürderung diſer Niderlanden meiner beuolenen verwaltung wolfart, rhue vnd friden tragen ganz vnderthenigiſt dedanckhen vnd ſtelle gar in kainen zweiffel Euer k. Mt. die werden auß vorigen meinen vnderſchidlichen ſchreiben vndt handlungen mehr dan genugſamb vernommen haben wie das Ich von anfang meiner ankunfft vnd die zeithero eingetretenen Regierung dieſer Niderlanden mich Je vnd allwege zum hogſten dahin befliſſen vnd bearbaitet da⸗ mit die ainmal wol vffgerichte Pacification in allen jren Punk⸗ ten vnd neben derſelben inſonderhait die alte wahre Catholiſche Römiſche Religion jnmaſſen die von allen zeitten in dieſen lan⸗ den exerciret vnd herkommen darbey auch der Kun. Mt. zu Hiſpanien etc. meines gnedigen lieben Herren geburende authori⸗ tet vnd ſchuldige gehorſam der vnderthonen wie billig ſtandt⸗ hafftiglich vndt vnverbruechlich gehalten vnd verhalten werden mochte, wie jch dan deſſen ſicher vnd gewiß bin da die gemaine landtſtende desjenige wie jetzt erzelt auch jrerſeits mit der that vnd wurglichkeit dermaßen wie Sy bißanhero allein mit wortten vnd ſchreiben gethon ertzeiget vnd volnzogen hetten das die ſachen bederſeits vor lengſt widerumben zu vergleichnus vnd fridtlichem verſtandt komen weren, Daentgegen aber thuet das widerſpiell bey Inen den ſtenden erſcheinen furnemblich in dem das an ſtat da ſy bevor allen Dingen jre gedanckhen vnd ge⸗ trewe ſorgfältigkeit zu ſteter vnterhaltung der heiligen Catholi⸗ ſchen Religion ſolten richten, Sy die ſtend vor guter zeit etliche ſonderbare miniſters vnd agenten vom Prinz von Vra⸗ nien ſo gedachter Catholiſcher Religion ganz offſetzig vnd zu⸗ wider vnder inen geduldet ja auch noch naylich durch jre ſtatliche Potſchafften des Printzen ſelbſt Perſon zu inen gen Bruſſel berueffen welcher dan nunmehr derſelben orthen ſeines ſelbſt ge⸗ — fallens das maiſt ſprechen vnd gebot hat darbey E. k. Mt. leichtlich abzunemen, was gefahr ſolches vff ſich hat vnd was gehorſamkait vnd reſpect Irer K. Mt. alß dem Naturlichen Herrn vnd Landtfurſten von Inen den Stenden wurden getragen, dieweil ſie ſich desjenigen, ſo nicht allein der vergangenen ſon⸗ der auch dieſer gegenwertigen Zerrüttung vffrur vnd jnhaimbi⸗ ſchen Kriegs haubt vrſacher vnd anfanger iſt offentlich gebrauchen, ja das mehr vnd beſchwerlicher gib E. K. M. ich gnedigſt zu bedenckhen ob getrewen vnd gehorſamen vnderthonen wille ge⸗ buren Irer Kun. Mt. zuſtehende veſtungen vnd ſchlöſſer als zu Utrecht, Gent, Antorff darvon die erſte zwey durch weilandt meinen gnedigeſten gliebten Herrn vnd vatter Kaiſer Karln den fünfften etc. hochlöblichſter, chriſtſeliger gedechtnus erbawet vndt dieſelbigen ſtette bisher darvon nicht vbel befunden, einzureißen vnd zuerbrechen desgleichen ob die begern domitten die Landt⸗ ſtende bißher vermeintlich herfür komen dinge vndt ſachen ſeindt die von vnderthonen ſo der Kun. Mt. alß irem natürlichen an⸗ gebornen herrn vndt Landesfurſten ſchuldigen gehorſamb zu leiſten gewillt ſollen oder mogen geſucht vndt begert werden, Ich wille geſchweigen, das ſie ſich zuvor vndt ehe ſich dieſe Jetzige newe unruhe vnd zerruttung des Fridens zugetragen gantz freuntlicher weiſe vnderſtanden der Kun. Mt. vnd meine ſelbſt Packheten von brieffen vff zu halten, zu eroffnen vnd außzuziffern, wie dan noch newlich mit meinen brieffen, ſo ſch an mein gnedigſte frauwe die Kaiſerin geſchrieben dergleichen geſchehen welche vn⸗ gebürliche handlungen, wie E. K. M. eß zuermeſſen ſchwerlich zu gedulden ſein vnd wiewol ich gar in kainen zweiffel ſtelle Euer Kay. m. die wird vor dieſem von denſelben verordneten vnd ſubdelegierten Commiſſarien alß den jenigen ſo der hielen⸗ diſchen fridenshandlung anfenglich vnd biß vff den tag jres ver⸗ ruckhens, dan auch jetziger newer Zwiſpaltung vnd vnruhe per⸗ 372 ſonelich beigewonet vnd von geſchicht aller verlauffner handlun⸗ gen am beſten Kundtſchafft vnd zeugnuß zu geben wiſſen ange⸗ ſehen das Sy das gemainen vnruhigen Poffels vngeſtumigkait muetwillen vnd ſtolz fürnemblich aber jn der Stat Bruſſel zum thail ſelbſt verſuecht vndt gewahr worden mehr dan genugſamen bericht empfangen haben vnd bey Ire ſelbſt ſouil deſto leichter judiciren mögen mit was beſchwerden ich dieſe vnbehörlichkaiten zu vnd anſehen mueß das Ir K. M. wolhergebrachte Autorität vnd Reputation gentzlich verachtet vnd zu boden getretten wirdet da ich doch bißher allen muglichen vleiß vnd mittel gebrauchen ond mich derſelbigen noch heutigen tags befleiſſen thue dieſen widerwertigkaiten one vnd außerhalb ainicher Kriegswaffen vnd weitern Landſchaden wo jmer mueglich vermitelſt dieſer ainigen zwayer wege alß zu wiſſen wurglicher vnd beſtendiger vnder⸗ haltung der alten wahren catholiſchen Religion vnd Irer Kun. mat. zuſtehenden Autoritet endlich abzuhelffen ſo bin ich doch meinem Jungſten an E. K. M. gethonen ſchreiben nach ent⸗ ſchloſſen In Kurz ein ſonderbare vertraute Bottſchafft an E. K. Mt. abzufertigen mit beuelh derſelben von meinetwegen aller verloffner handlungen vnd woruff dieſelbigen jetziger Zeitt vn⸗ geferlich beruhen nach lengs vnd außfuehrlich zu berichten, Ir auch darbey meine rechtmeſſige vrſachen warumben ich mich dern wider meine Perſon angeſtellten conjuration befharen vnd was für Perſonen derſelbigen fürnemen authores vnd beſtunden ge⸗ weſen namhafft machen zu laſſen das Euer Kay. Mt. klerlich erfaren vnd erkennen ſollen, mit was ungrundt Sy die Stende mich gegen E. K. M. thuen verunglimpfen. Vnd iſt dem allem nach an E. Kay. Mt. mein gantz vnder⸗ thenigiſt bitten, die wöllen oberzelte bewegliche vrſachen vnd ombſtende Inen den gemeinen Stenden noturftiglich zu gemueth vnd hertzen fueren vndt darbey gnedigſt zu bedenckhen geben 373 vbel vnd onhail daher erfolgt da ſich die vnderthonen zu jeder gelegenhait wider Iren ordentlichen Herrn vndt Landtfürſten vnbefuegter weiſe vfflainen vnd empören vnd alſo ſie dahin gnedigſt vnd vätterlich weiſen vnd ermanen, damit ſie ſich aines beſſern bedenckhen vndt mebrer gehorſam vndt dankbarkait gegen E. K. Mt. wie billig ertzaigen vnd gebrauchen. Was dan E. K. M. Curier die ſie vnderweilen in dieſe Landt ſchickhen ſicheren Paß belangt, Sollen E. K. M. mir gnedigſt glauben das dieſelbige bisher an denen orthen da mein gebott gilt, meines wiſſens im geringſten nicht vffgehal⸗ ten noch verhindert, aber gleichwol Inen wie ich verſtehe uff. 9 der Stende ſeitten mererlei widerwertigkait widerfahren ſein ſollen, welches ich meines thails noch zur zeitt nicht waiß zu verbeſſern, Vnd wille alſo zu E. K. M. gnedigſten willen vnd wolgefallen geſtelt haben dieſelbige zu ertzeigung des ſonderlich vätterlichen eyffers vnd bruederlicher affection ſo ſy zu K. M. zu Hiſpanien etc. vnd endtlicher befriedigung derſelben Nider Erblanden tragen thuen, Ire K. M. Commiſſarien von newem hieher geruhen zu verordnen welche von mir in jederzeit in geburender Ehrerbietung empfangen vnd dermaſſen Reſpeetiret ſoll werden, wie ſich ſolches der gar nahenden Bluetsverwandt⸗ nuß nach damit E. K. M. dem Kunig von Hiſpanien ete. zuge⸗ thon aignet und geburet Vnd Ich habe E. K. M. ſolches zu warhaftigen gegenbericht vnd Exclerung meines gemueths zu vnderthenigen antwort nit ſollen verhalten mich denſelben hier⸗ mit vnd allezeit zu gnaden bevelhende. ₰ . Datum Luxemburg am 16. tag Octobris a —— 374 XVIII. Don Juan an Herzog Albrecht von Bayern.*) Hochgeborner Fürſt, beſonder lieber Herr vnd Ordensbrue⸗ der. Wir haben zway E. L. ſchreiben vnder dato München den ten vnd 13ten tag Januarij negſtverſchinen nach einander wol empfangen vnd thuen vns der mitgethailten zeittung freundt⸗ lich bedanckhen vnd iſt nicht ohne, das vns auch von mehr an⸗ dern Orthen vaſt dergleichen bericht furlauffender Practickhen vnd Anſchlege, ſo Irer Kun. Mt. vnd vns zuentgegen ſein ſol⸗ len, fürkomen, Wir kunden aber E. L. hinwider freundlich niht bergen, waßmaßen wir vns vnlangſt mit dem bey vnß haben⸗ den Kun. Kriegsvolckh bede zu Roß vnd Fueß aus dem Her⸗ tzogthumb Luxemburg nach der Graffſchafft vnd Statt Namur erhebt vnd daſelbſt vff den 29 tag gemelts Monats Januarij glücklich angelangt vnd alß der Vheindt vnweit von dannen herwerts der Maß in ſtattlicher anzal zu Roß vnd Fueß ſein lager gehabt, haben wir das Kuniglich Kriegsvolckh daſelbſt zu Namur vber die Maß beuelchen vnd vorter durch die ſtatt ziehen laſſen, vnd darmit dem vheindt dermaßen genähert vnd den Kopf gebotten, daß wir ime vff den letzten Januarij vermittelſt göttlicher gnaden vnd onſers vnd des Kuniglichen Kriegsvolckhs manlich zu thun ohn ainichen der vnſrigen Verluſt gantz vnd gahr zertrennt vnd geſchlagen alſo daß der Vheindte fueßvolcks ettlich thauſend vff der Walſtatt thode plieben ain gutte anzal gefenglich angenomen vnd ir Raiſigen Zeug fluchts außgeriſſen jedoch derſelbigen in der nacheil auch vil im lauff geblieben, dazu vil Reuter vnd fueßknecht fanen erobert worden, gleich darauff hat ſich das Stetlin Gemblor ſampt denjenigen ſo in *) Correspondance des gouverneurs généraux des Pays-Bas avec Al- Wert III. duc de Bavière. 1572— 1579. tome 4me. fol. 294. der flucht darein gewichen vff gnad ergeben alda ein ſtatlicher vorrat von Munition, Victualien vnd etlichen ſtückhen geſchütz befunden, Seither haben ſich die Stette Löuen, Thienen vnd etliche andere vmligende fleckhen gleichfals widerumben in Irer Kun. Mt. gehorſamb ergeben vnd ſeind gutter Hoffnung, es ſollen denſelbigen eherlang mehr andre folgen, wie wir E. L. hernacher weittern verlauff, inſonderhait aber desjenigen, was ſich in dieſer der vheindt niderlag allenthalben zugetragen, aus⸗ fuerlich aigentlich bericht zukommen laſſen wollen, welches je⸗ tzunder eyl halber nit wol hat können geſchehen. Der Almächtig (dem wir dafür zum höchſten danckbar ſeind,) wölle vns forter in dieſer ſeiner gerechten ſach, gnediglich beiſtehen vnd dieſelbig zu ſeiner göttlichen ehr und gemainer wolfart zu gutem aus⸗ fueren und wir thuen vns E. L. Dienſten jederzeit freundtlich vnd guetwillig erbiethen. Geben im Kloſter Argenton am 5tag Februarij anno 78. XIX. Die Königin Eliſabeth von England an Hembyze. Schloß Richmond 30. Dezbr. 1578.*) Tres cher et bien aymé, combien les prisonniers de- tenus en la ville de Gand peuvent demander de faveur de vous et des aultres Messieurs qui ont la superinten- dance et maniement des affaires de dela, vous ne pouvez ignorer pour l'amour que portez a justice et le zele qu'avez a bien faire a l'estat de vos affaires. Ce que *) Mitgeth. von Voiſin im Messager des sciences et des arts 1829—1830. Gand. p. 434. 376 nous faict plus instamment interceder envers vous telles faveurs, que nous accorderes facilement, tant pour estre icelles tres justes et Penvie que pouvez avoir a nous faire plaisir en l'endroict de justice es d'équité. Les dictz prisoniers apres si longue et estroite garde ne de- sirent plus grandes faveurs que d'estre mis en droict, et ouys en leur justification et defences par devans leurs uges competenz. Comdien ceste requete soit équitable, temoignent vos privileges, ét que vouldriez y tenir la main et leur advancer ce bien, nous vous prions si affec- zueusement que faire le pouvons. Si vous y employés votre credit, aures en vre. endroict une princesse non pas mescoignoscante du bien que leur ferés a nre. re- aueste; si n'y entendrez, non plus que si ne vous en eussions escript, donnerez a penser a nous le peu d'estat que faites de nos faveurs Dont y adviserez, s'il vous plaist, et pensès y que conformement au faict que ver- rons provenir de nre. requeste assoyerons jugement du eredit que pouvons avoir envers vous, le quel en l'en- droict des dictz prisoniers sera jugé au monde beaucoup ou peu respecté quelz que peuvent avoir esté nos meri- tes envers les pais. Qui sera Pendroict ou prions Dieu vous donner, tres cher et bien aymé santé heureuse et longue vie.— Escrit a nre. hostel de Richmond ce xxxe jour de Decembre 1578. Vostre tres bonne amye Elizabeth B. A nre. tres cher et bien aymé le sieur Jehan van Embyse premier Eschevin en la ville de Gand. 877 XX. 3 Mannuy Daubremont, Kommandant von Ouden⸗ aarde, an Hembyze. Oudenaarde 26. Febr. 1584.*) Messieurs. Le seigneur de Morigem ma faict de bouce vos reco- mandation donct je vous remercye et en outre ma de- claré quayés desir de parler a moy et que vousdryés que voulise desiner lieu pour nous entrevoyr. Je vous puys bien asseurer que pas lontamps jay semblable desir sous espoyr quay que nostre povre patrye tant desolé: parcoy sy amay et que il vous plaise parler a moi, il me samble que le plus commode seroit sur la riviere q. en- tre Gavre et Gant ou aupres de Gavre au quel lieu vous vous porés trouver avecd de vos bateaulx les quels sont bien equipes, ou bien si ne trouves cela comode je me trouveray en tel lieu que desirés soit a ceval ou a ba- teau pourveu que me donniés seuraité de vostre coté, ausey de ma part sy vous plet je vous feray avoyr pase- port de son altesse pour vous et tous ceulx que desirés, quy sera cause que ne feray cest plus longue priray Dieu vous vouloyr donner sont saint Esprit sa sainte grace et a moy la vre., vous priant Monsieur avoir sur cest un mot de reponse. D'Audenarde ce xxvi. Feverier 1584. De par vre. affectionne amy a vous faire service Mannuy d'Aubermont. A Mr Embyse, bourgemestre et superintend. de Ja ville de Gand. — *) Voiſin. a. a. O. p. 435. 378 XXI. Hembyze an ſeine Gattin.*) a. Je vous envoye ces 3 pieches avecd ce livret. Avecq la grace de Dieu, j'espère envoyer demain quelq. chose sur la lettre de Dathenus. Je pensois recepvoir quelq. chose ce disner. S'il fust possible je soushoiterois assez, car par tous moyens je vous saurois volontiers aupres de moy: toutes fois, j'esbere que notre bon Dieu, quant les affaires semblent estres désesperées, qu'il donnera soulagement et faveur. Apres mes maulx, je le prye estre ntre. garde, vre. loyal J. H. b. Je vous envoye les lettres cy enclois, ployez et cassetez. Il fault dire au messagier qu'il se haste de retour, et surtout qu'il se garde de se boire yvre. Le procur. Snouck ma dit que la redte n'a escripte, elle venait trop tard, mais presentera demain a bonne heure mon conseil a demain a son sept hoeure au matin. Je souhaite le cteuu de la reqte et le retour du messagier avec tres de bon encre. Comme je me fye bien que le bon Dieu le prosperera tout, auquel est tout mon espoir, le pryant après mes maux, vous donner cfort. d'esprit, de mectre vre. repos en luy, avec pryeres en larmes. En haste vre. bien loyal mary J. Hembyse. ———— *) Voiſin. a. a. O. p. 437. — — 379 XXII. Todesurtheil Hembyze's. scepenen van der keure der stede van Ghendt. Ghesien t' proces crimineel voor hemlieden in ghebannen vierschaeren beleedt tusschen den bailiu desere stede, ter causen van zyn officie, heesschere ter eender zyde, ende Jan van Hembize fil. Willems ghevanghene, ver- weedere ter andere zyde, so eyst dat scepenen voor- noemt, naer t' visiteren van den scriftueren, acten, let- teren ende munimenten by partien overgheleyt, metga- ders het voluntaire verlyt van den verwerder, ende zonderlynghe d'acte van conclusie in rechte, ende up al ghelet met ryphede van raede, ter maenynghe van huer- lieder wetteliken maenheere, Wysen den bailliu vulco- men van zyne vermeten, dienvolghende den verweerder doen executeren metten zweerde up een schavault, nef- fens de pylaeren van s'graeven-casteel, ende zyn hooft te stellene up eene spille, eene huere gheduerende, ende zo langhe t' doode lichaem laeten ligghen up t Zelve schavault. Ende voorts in handen van den bailliu, de goedynghen van den verweerder, tot restitutie, ende satisfactie van zulc als bevonden werdt den verweerder vans landts ende stede pennynghen ende goedynghen. „eezynen oirbuere ende proffyte ghediverteert, metgaders van particuliere burgheren onduechdelick ontfaen t'heb- bene, metten quadruple van dien. Gheprononchiert den III. augusti 1584. 380 XXIII.*) Au Roy. Remonstre en toute humilité Lievin Donaes, sécré- taire et curateur de la maison mortuaire de feu Jehan Van Hembyze, comme le dict Hembyze par vraye repen- tance de ses actions passées, desirant restablir l'estat de Flandres par luy troublé, et reduire la ville de Gand soubz P'obeissance de Vostre Majesté, il auroiet éste emprisonné par les rebelles et hereticques, et executé par l'espée, le quatriesme d'aoust quatre vingtz et qua- tre, et par dessus ce condempné au quadruple des de- niers par luy profictez, tant de la dicte ville. que des bourgeois dicelle. Suyvant quoy le dict suppliant se trouve journellement pressé par mess. les eschevins de la dicte ville, pour le furnissement du quadruple des quatre cens florins payez au dict Hembyze par Charles Everwyn, pour la deserviteure de certain estat, non ob- stant que la vefvye du dict Hembyze abres sa mort, ayt esté contraincte de furnir par exécution la somme prin- cipalle par luy profyté. Le tout sans cause, et en vertu de la susdite sentence tant inicque, desraisonnable et tortionnaire. Par ou le dict remonstrant se trouvant par tout oppressé et accablé d'une infimité des crediteurs de la dicte maison mortuaire, se retire vers vre. majte, sup- pliant quelle soiet servye de mestre à néant l'effet de la dicte sentence, et ordonner à mess. les eschevins de la ville de Gand, que desormais ilz se deportent de la poursuite du quadruple des deniers profitez par le dict Hembyze. Sy ferez bien. 4 *) Voiſin. a. a. O. 381 „Lettres à ceulx du magistrat de Gand, afin d'adver- tir que c'est du contenu, et des raisons qui les meuvent à s'ayder de la sentence icy mentionnée, tenans en sur- ceance toutes exécutions jusques a ce que leur responce veue, aultement y soit ordonné.“ Fait à Bruxelles. signé S. de Grimaldi. XXIV. Alerxander Farneſe erläßt der Wittwe Hembyze's die Geldbuße.*) Très chers et bien amez. La vefve de feu Jehan van Hembyze nous a faict remonstrer, qu'oultre les en- nuys et facheries, donct elle est chargée par la cruelle mort de son feu mary, l'on la veult presser à payer pour sa tauxation, la somme de cinqç cens foorins, ores quelle n'entend profiter de la maison mortuaire, nous remectant en avant les causes, pour lesquelles son dict marry, a ainsy miserablement esté traicté; et comme nous sommes bien informez, que ca esté pour avoir voullu advencer la reconciliation avecq le roy monseigneur; et que par céste bonne volunté il a effacé la pluspart des faultes passées. Nous desirons, que par tout bon traie- tement, les autres prennent volunté de bien faire. Et à ceste cause et mesmes que ce seroit contre toute rai- son de la travailler davantaige, vous requerons, et au nom de sa majesté, ordonnons de la tenir quitte et exempte de la dicte tauxation, et commander au re- cepveur Van Hayre rien exiger d'elle pour la dicte cause. *) BVoiſin a. a. O. 382 Préês chers et bien amez, Dieu vous ait en sa garde. De Bevere le 19 decembre 1584, soubsigné Alexandre, et plus bas: Levasseur. „Collationné à son original et trouvé concorder avecq 64* icelluxy, par moy, Signé: Havre XXV. 4 Die Königin Eliſabeth von England an den Kardinal Andreas von Oeſterreich. 27. Au⸗ guſt 1599.*) Mon Cousin, Ayans veu par vos dernieres du XIIle de ce mois et par ce que le porteur a de vre. part communicque avecd quelques Vns de nre. Conseil, que vous continues à maintenir que n'aves aultre but en vos procedures que de marcher avecg rondeur et since- rite en nre. endroict, Nous ne pouons que derechief vous en remereier affectueusement Nous auons tousiours pensé de Vre. particulier que ne pouldriez faire ce tort à Vre. qualite et honneur que de Vous addresser à Nous pour user daulcunes memees encoires quen laffaire nous ayons remarque Vne aultre sorte de procedure que ne pro- mettoyent les premieres asseurances, confirmant ce que nous vous en auions librement bredit et declaire. Dont nous aurions maintenant beaucoup plus grande occasion d auoir ferme opinion, si nous uoulions croire les aduis que nous recepuons de toutes parts que lon se ueult se- *) Brüſſler Staatsarchiv. — ⏑ 383 ruir du Vieil ieu pr nous assaillir tandis que lon Nous entretient d Vng pourparler de paix, Ce que nous ne nous sommes pas laissez facilement aller a croire pr la foy qu'auons adioustee à uos asseurances qui ont eu aussi pouuoir(Selon la priere que nous feistes que tou- tes hostilites eussent à surceoir de part et d'aultre, afin de ne rien acgrir) de nous faire changer les desseings qui deslors nous pressoyent et importoyent de beaucoup, mais puisque le temps nous doibt bien tost esclaircir par la uenue de monsr nre. Cousin„'Archiduc Albert du iugèment quen debuons faire nous en remettons la consideration plus ample iusques alors, et à re- spondre plus particulierement à ce qui se presen- tera, Voulans tousiours fermement croire que si ainsi et que lon ait use de tels artifices ca este en abusant de ure. syncerite aussi bien que de la nre. afin de nous circunvenir plus aisement par Vre. circundenue. Et pr ceste opinion que nous auons de Vous, II nous seroit aggreable, que sil y auoit occasion de uenir au traitte, Vous fussiez de ceulx qui sy employassent puis- quil à eu son commencement et origine de Vous, le por- teur uous communicquera d'aultres particularites de nre. part, dont desirons estre esclaircy de Vous, afin de pouoir fonder sur Icelles la resolution que nous aurons à prendre auecq noz confederez, et ainsi nous demeu- Trerons Mon Cousin Vre. bien bonne Cousine Elizabeth. 6 4 384 XXVI. Zur Charakteriſtik des Erzherzogs Albrecht. a. Tycho Brahe an den Erzherzog Albrecht. Prag 26. Juli 1601. Serenissime et potentissime Princeps, Domine clementissime. Cum Serenissmae Celsitudnis Vestrae Heroica virtus et fama, vnà cum nunquam satis laudata erga Artes libe- rales, praesertim eas, quae ob excellentiam Mathemati- cae dicuntur, propensione, etiam tum, cum Lusitaniae adhuc praeerat, jampridem ad me in Intimam usque Daàniam percrebuerit: eamque superiori Anno sermus Co- loniensis Elector&c. et nuper etiam revmus et illmus Sa- lisburgensis Archiepiscopus Kc. vlterius per literas con- et auxerint: Exinde, vt Sermae C. Vae firmaverint sme et studiosis- Inclyto nomini et gloriae me subiectis simé addictum ostenderem, magna equidem cupido me incessit; sed quo minus coram id fieret, non locorum tantummodô Intercepedo: sed et multa, alia obstiterant. Quin et tantum, ac tot prouinciarum Principem bper jiteras audentius compellare, verecundia huc usque prohibuit. *) Brüſſler Staatsarchiv. 385 Nunc verë praeter omnem meam expectationem et meritum, à Sma Ce V clementissiwe me praeueniri et munere trecentorum Coronatorum per Generosum Domi- num Johannem Richardum de Schonnenburg promare- schallum Caesareum&c. heri mihi exhibitorum, liberali- ter donari conspicor, quos, licet nihil tale vnquam 3, Sma Cue Và promeruerim, et ob id acceptare vix au- sus sim; cum tamen à tanto principe profecti sint, quem reuereri et suspicare par est, quod eidem clementissme placuit, mihi reuere indecens videbatur. Quocircà sum- mas Sermae Cni Vae pro hac munificentid gratias suhb- missé ago: sicubi eidem vicissim pro meâ tenuitate in- seruiendj occasio vnquam se obtulerit; operam daturus, vt, sin minus re ipsà gratus esse potero;(quibus n. seruitijs tantum principem demereri queam?) memori ni- hilominús animo sane clementissimam ejus erga me be- nignitatem humillime asnoscam. Quam, ne grauissimis ditionum gubernandarum curis occupatam diutius interpellem, pluribus supersedeo eam- que à Deo Opt. Max. quam diutissime florentem et inco- lumem precor. pragà die 26. Julij Anno 1601. Serenissmae Celsni vestrae Subjectissimé addictus Ty ch Brahe- (manu propria) III. 25 386 b. Nobilsse&c. Mageo viro, Dno. Blasio Huttero Tc. Sermo Principi, Archiduci Alberto à Consilijs et secretis. Amico suo honorando. Nobilisse&c. Magee vir&c. Amice honorande. Ex quo Sae Caesae Matis Dni. nri. Ciementissimi Pro- mareschallus Generosus Dns. Joannes Richardus. de Schonenburgk&c. non ita pridem nomine Dis Vae librum quendam è nostris expetierit, unàque singularem eius erga Studia Mathematica& Astronomica amorem summoperèé depraedicdrit, mecumque familiaritatem contrahendi desi- derio teneri addiderit; Ego sanè, cum praestantium viro- rum amicitiam magni semper aestimäârim, et nihil magis in votis habuerim, quam occasionem cum eis per Iras.(si oretenus non liceat) conferendi mihi suppeditari; com- moditatem Dnem Vam literis meis praeveniendi ab eo tempore avide quaesitam, nunc per éeundem Dnum. Schon- burgium adeptus, haud negligendam existimavi. Etsiqui- dem librum meum primum Epistolarum Astronomicarum Di Vae acceptum fuisse perceperim; dabo operam, ut ea. plura, eaque maioris momenti, quamprimum prorsus ad co- lophonem Typographico labore diducta fuerint, ex meis operibus nanciscatur. Interim ut hanc Mechanicae Astro- nomiae partem, Sae Caesae Mti sub meum Pragam adven- tus tempus humillimé inscriptam Sermae eius Celni subiec- tissimè transmittere visum fuit. Officiosè itaque Dem Vam rogatam volo, quo hunc librum, unà cum adiunctis Iris., —ʒʒ— —— 387 quarum contenta Do Va facilé resciscet, Serwae eius Celni submissè offerre,& me meaque Studia commendare non gravetur. Inveniet me Do Va vicissim ad quaevis pro meo modäulo praestanda quam paratissimum. Valeat diutissimè& felicissiméè. Pragâà die 26. Julij Ao 1601. Magae Dis Vrae Studiosissimus Tycho Brahe. (manu propria.) XXVII. Zur Charakteriſtik Iſabellens. Die Infantin Iſabella an Wallenſtein. Brüſſel 26. Dezbr. 1625.*) Beſunders lieber Oheimb Wir mögen E. L. hiemit freundlichen nicht verhalten, Waß maßen wir nun lange Jahre hero eine ſunderbare Andacht vnndt deuotion zu dem heiligen Norberto geweßenen Ertzbiſchoffen zu Magdenburgk getragen vndt alßo deßelben heyliges Corper zu haben ſunders begirig geweſen. Wan nun E. L. ahn jetzo der öhrter da ſolches verwahrt werdt, begriffen vndt wir alßo dafur halten, Es werde gute Occasion vndt gelegenheit geben ſolches *) Brüſſl. Staatsarchiv. Correſp. Wallenſteins I. fol. 9. 388 zu erlangeen Alß werden wir dahero veranlaſſet E. L. hiemit gantz hochvleißig anzulangen vnndt zu erſuchen, dieſelbe wollen doch vnbeſchwehrt darahn ſein vnndt allen moglichen Vleiß an⸗ wenden damit Sie ſolches heyliges Corper bekommen vnndt vnß daßelb zutheil werden möge. Welches dan gleich wie es Vnß zu ſonderbahren danknehmi⸗ gen gefallen geraichen wurdt, alßo ſollen wir vnß auch daher E. L. gantz hochlichen verobligirt vndt alſo ſolchergeſtalt mit aller behegeglichen freundtgefelligkeit zu erkennen genaigt willigk erfinden werden. Dat. Brußel den 26. Xbris 1625. An Hern Hertzogen von fridtlandt. *— — — Inhalt des dritten Bandes. Sechstes Buch(1589— 1599). Seite⸗ Erſtes Kapitel(1589— 1592).. 3 Zweites Kapitel(1593— 1594)...... 5⁵ Drittes Kapitel(1595— 1599)...... 10⁵ Siebentes Buch(1598— 1609). Erſtes Kapitel(1598— 1604)....... 185 Zweites Kapitel(1604— 1609)...... 247 Drittes Kapitel........... 292 Beilagen. Im erſten Bande: I. Jugement du comte d' Egmont..... 48 II. Lettre du comte d'Egmont à Philippe II. quel- ques heures avant son execution„.. 49 III. Der Vertrag von 1548...... 230 Im dritten Bande: I. Philipp II. an die Staaten von Flandern. Madrit 13. Okt. 1567. II. Aus einem Briefe Philipps II. an den Landgrafen Wilhelm von Heſſen. Madrit 28. Novbr. 1567 III. Alba zeigt den Staaten von Flandern den ihm vom König gewordenen Auftrag an. 31. Dezbr. 1567. IV. Ueber die Gefangennehmung Egm.onts, Hvorns u. ſ. w... 3.. 3 V. Vorſtellung des Cburfürſten Auguſt von Sachſen bei dem Kaiſer zu Gunſten Wilhelms von Oranien. Dresden 22. Jan. 1568.... vI. Der Herzog von Alba Gt.... 2 Brüſſel 22. Juni 1568....... VII. a. Herzog Albrecht III. von Bayern verwendet ſich bei Alba für die verwittwete Gräfin von Sa⸗ mont. München 25. Juli 1568..„.. b. Schreiben der verwittweten Gräfin von Cemont an Herzog Albrecht III. von Bayern. Im Klo⸗ ſter de la Cambre zu Brüſſel 29. Juni 1568.. VIII. Proces-verbal über die Unſemdune von Egmonts Grab 1804... 1..„. IX. Herzog Albrechts III. von Vayern Antwort auf einen Brief Albats über die Einnahme Haarlems. Burghauſen 30. Juli 1573*..... X. Alba zeigt dem Herzog Albrecht III. von Bayern ſeine Abberufung aus den Niederlanden an. Utrecht 30. Oktober 1573...... XI. Neue Zeitung aus Antwerpen. XII. Reiſebericht des Johann von Raiſpelt über die Nie⸗ derlande.......... XIII. Bericht über die Meuterei der Spanier nas der Er⸗ oberung Zirickſee........ XIV. Notiz über Don Juan von Oeſterreich. Seite. 319 336 339 340 342 346 348 35⁰ 35³ 357 363 — —— — — Seite. XV. Wilhelm von Oranien an Jan van Hembyze Middelburg 17. Septbr. 1576...... 365 XVI. Derſelbe an Denſelben vom ſelben Datum.. 367 XVII. Don Juan an Kaiſer Maximilian II. Luxemburg 46. Oktober 1577.......... 369 XVIII. Don Juan an Herzog Albrecht III. von Bayern. Kloſter Argenton 5. Februar 1578..... 375 XIX. Die Königin Eliſabeth von England an Hemdze Schloß Richmond 30. Dezbr. 1578.. 374 XX. Mannuy Daubremont an H embyze. Oudenaarde 26. Jebr. 15814......... 377 XXI. a. b. Hembyze an ſeine Gattin. 1584.... 378 XXII. Todesurtheil Hembyze’s. 1584... 379 XXIII. Vorſtellung von Lievin Dona's an den König. 380 XXIV. Alexander Farneſe erläßt der Wittwe Hembyze's die Geldbuße. Beveren 19. Dezbr. 1584.... 381 XXV. Die Königin Eliſabeth von England an den Kardinal Andreas von Oeſterreich. 27. Aug. 1599w... 382 XXVI. a. Tycho Brahe an den Giserdo Albrecht. Prag 26. Juli 160b.... 4. 384 b. Derſelbe an den Rath Blaſins Hutter. Vom ſelben Datum........ 386 XXVII. Die Infantin Iſabella an Wallenſtein. Brüſſel 26⸗ Dezember 1625........ 387 Berichtigun g. Im erſten Bande, Seite 347, Zeile 16 von oben, leſe man: aufgebahrt ſtatt: aufbewahrt. Gedruckt auf der Schnellpreſſe der L. C. Wittich ſchen Hofbuchdruckerei in Darmſtadt. ————