w8§Æ— 2 ——y Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für scheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koöſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Zweiter Vand. (Von dem Abſchluß der Utrechter Union bis zur Vernichtung der ſpaniſchen Armada, 1579— 1588.) Köln, 1841. Verlag von M. DuMont⸗Schauberg. Aachen und Köln, bei Ludwig Kohnen. Drittes Buch. (Fortſetzung.) II. 1 Drittes Kapitel. Das Schickſal der Niederlande nimmt nach dem Tode Don Juans eine neue, höchſt intereſſante Wendung. Jetzt endlich tritt nämlich ein Mann gegen ſie auf, der alle Eigenſchaften in ſich vereinigt, um dem König von Spanien die abgefallenen Pro⸗ vinzen, ſich ſelbſt aber die Bewunderung ſeiner Zeitgenoſſen, ſo wie der Nachwelt zu gewinnen. In den Niederlanden reifen zur ſelben Zeit alle Früchte des Fanatismus, der Partheiungen, der Zwietracht. Mit Gewalt zerſprengen die bisher aneinander⸗ geketteten feindſeligen Elemente ihre Bande; der bis zur blinden Wuth geſteigerte Religionshaß reißt den ſüdlichen Theil der Niederlande für immer von dem nördlichen ab und treibt jenen wie ein angeſchwemmtes Land wieder zu Spanien,— während dieſer, ſtark wie ein Felſeneiland, allen Stürmen Trotz bietet, geheiligt durch die Freiheit, die darauf thronet und die dem bisherigen Beherrſcher der Meere den Dreizack aus der Hand winden wird. In dem Zeitraum vom 1. Oktober 1578 bis zum 13. September 1579 liegen die Anfänge der Selbſtſtändig⸗ keit des holländiſchen Freiſtaats begründet, wurde der Tren⸗ nung Hollands und Belgiens für alle folgenden Zeiten das Siegel aufgedrückt. Betrachten wir zuerſt den Mann, der in einer ſo wichtigen Zeit die Bühne betrat, auf welcher das er⸗ habenſte Schauſpiel, der Kampf um die Freiheit, in voller Ent⸗ 4 wickelung war. Dann wollen wir dieſe Entwickelung ſelbſt verfolgen. Jener Mann war Alexander Farneſe, damals noch Prinz, ſpäter Herzog von Parma. Mit zwei flüchtigen Strichen wurde ſein Charakter bereits angedeutet, als wir ihn an der Spitze der aus Italien zurückgekehrten ſpaniſchen Kriegs⸗ ſchaaren zu ſeinem Oheim Don Juan treten ſahen. Schon ſeit einiger Zeit hatte ihn Philipp II. zum Nachfolger Don Juans in der Generalſtatthalterſchaft der Niederlande beſtimmt. Nach dem Tode des letzteren übernahm er dieſelbe vorläufig und bald erhielt er aus Spanien die Beſtätigung dieſer Würde. — Einſt, da Farneſe noch ein Kind war, hatte ſein Urgroß⸗ vater, Papſt Paulus III, die Hand auf deſſen Haupt gelegt und prophetiſchen Geiſtes geſprochen:„In dieſem Kinde wird ein großer Feldherr heranwachſen!“ Alexander Farneſe wurde g in der That ein ſolcher; er wurde ein größerer als Alba. Be⸗ ſaß Farneſe Albas ariſtokratiſchen Stolz nicht, welcher dieſen Mann gegen Geringere um ſo härter machte, als er ſelbſt es nur mit Unmuth ertrug, unter einem höheren Herrn zu ſtehen, — ſo fühlte ſich Alexander Farneſe dem Monarchen eben⸗ bürtig; Fürſt war er ſo gut wie dieſer, eine königliche Prin⸗ zeſſin, Maria von Portugal, nannte er ſeine Gemahlin. Freilich war auch Don Juan aus fürſtlichem Geblüt entſtammt. Aber, während Don Juan ſich durch den Stolz auf die erlauchte Abkunft zu abenteuerlich⸗romantiſchen Entwürfen hinreißen ließ, weil er zu den angebornen, durch ſeine ſpätere Anerken⸗ nung neu erkräftigten Anſprüchen gleichſam keinen feſten Boden finden ſollte, auf dem er als Fürſt herrſchend wandle— konnte Alexander Farneſe auf ein Land hinblicken, das ſein eigen war, und um ſo freier war ſeine Stellung im Dienſte des Kö⸗ nigs, um ſo leichter konnte er auch die Stellung von Unter⸗ 5 thanen beurtheilen. Wie Farneſe alle Eigenſchaften beſaß, deren ein vollkommener Feldherr bedarf,— Scharfſinn und ſchnellen Ueberblick, Kühnheit und Ausdauer, das Talent, den Soldaten zu imponiren und doch ihre Liebe zu gewinnen und zu erhalten, — Strenge und Nachſicht am rechten Ort zu üben,— das Ta⸗ lent, die Verhältniſſe, auch wenn ſie drohend überraſchen, zu beherrſchen, endlich die genaueſten Kenntniſſe im Kriegsweſen,— ſo fehlten ihm auch wieder jene Gaben nicht, die der Fürſt in ſchwierigen Zeiten einem Volke gegenüber nöthig hat, um es unmerklich nach ſeinem Willen zu lenken,— die Würde, mit Leutſeligkeit gepaart, welche den gemeinen Mann bezaubert, die. ſcheinbare Vertraulichkeit, welche dem Adel und den höheren Klaſſen ſchmeichelt, die fromme Demuth gegen geiſtliche Perſo⸗ nen, welche den Klerus gewinnt, kurz eine tiefe Menſchenkennt⸗ niß und das Talent, die Menſchen nach ihren Individualitäten paſſend zu behandeln. Dazu beſaß er nun noch italieniſche Leb⸗ haftigkeit und italieniſche Schlauheit. So vermochte er es, be⸗ ſtehende Riſſe unmerklich bloß dadurch zu erweitern, indem er Perſonen, die ihm wichtig ſchienen, an ſich zog; wer mochte dabei denken, daß er andere, die er nicht zu gewinnen hoffen konnte, verdächtigte? Man ſieht, daß eine ſolche Schlauheit oft haarſcharf an Hinterliſt gränzen mußte; aber ſelten überſchritt ſie bei ihm dieſe Gränze. Farneſe wußte zu gut, daß es nicht genug iſt, bloß ehrlich zu ſein, daß es für hochgeſtellte Perſonen oft noch wichtiger iſt, den Kredit der Ehrlichkeit zu behaupten. So war es ihm gegeben, da, wo die Schärfe des Schwertes nicht ausreichte, durch die feinen Künſte der Politik zu ſiegen. Ueberdieß kam es ihm noch zu ſtatten, daß er damals, als er die Generalſtatthalterwürde antrat, in der Blüthe ſeiner männ⸗ lichen Kraft ſtand. Was ſeine religiöſen Anſichten betraf, ſo war er ſtreng katholiſch; aber ſein Eifer für die Religion war 6 zum Theil mehr romantiſcher, zum Theil mehr politiſcher Art, als inquiſctoriſcher. Er war der rechte Mann dafür, um die Sympathieen der belgiſchen Katholiken an ſeine Perſönlich⸗ keit zu feſſeln und dadurch auch mit Spanien wieder zu vermit⸗ teln. Ueberdieß hatte er bereits früher am Hofe ſeiner Mutter, der Herzogin Margarethe, und als er zu Brüſſel ſeine Hochzeit mit Maria von Portugal feierte, Gelegenheit gehabt, die Nie⸗ derlande kennen zu lernen und mit manchen bedeutenden Män⸗ nern in Verbindung zu treten; ſein letzter Aufenthalt unter Don Juans Statthalterſchaft diente ihm als treffliche Vorſchule für ſeinen neuen Wirkungskreis. Alle verwickelten Verhältniſſe der Niederlande lagen vor ſeinen ſcharfſichtigen Augen entwirrt und klar da; er durchſchaute die Partheien; er erkannte die geeigneten Anknüpfungspunkte. Unmöglich konnte der damalige Zuſtand der Dinge von langer Dauer ſein; es bedurfte nur der geſchickten Hand eines Meiſters, wie Farneſe, um eine Entſchei⸗ dung herbeizuführen, nach welcher ſich Viele dringend ſehnten. Die Konflikte, welche aus den einander entgegengeſetzten Prinzipien der beiden Protektoren oder(eigentlich) Prä⸗ tendenten, des katholiſchen und des reformirten, entſpringen mußten, waren nämlich bereits wirklich eingetreten; aber es waren,(was Beide entlarvte,) gerade nicht Konflikte wegen der Religion, ſondern bloß wegen der Herrſchaft, nach deren Alleinbeſitz in den Niederlanden Jeder von Beiden trachtete; ja, es ſcheint, als ob erſt die Nebenbuhlerſchaft Jeden von Beiden zum offenen Anſchluß an das betreffende religiöſe Prinzip getrie⸗ ben habe. Johann Kaſimir zeigte ſein Mißvergnügen über das Bündniß mit Anjou ganz deutlich und wollte ebenſo wenig unter dem Feldherrn der Truppen der Staaten, dem Grafen Boſſü ſtehen. Sei es, daß er die Parthei der exaltirten Re⸗ formirten ergreifen zu müſſen glaubte, um die Anjou anhängen⸗ 7 den Katholiken in Verlegenheit zu bringen, ſei es, daß er da⸗ durch feſteren Fuß für ſeine eigenen tieferen Pläne zu faſſen hoffte,— gleichviel, Johann Kaſimir eilte mit ungefähr 500 Reitern den Gentern zu Hülfe. Sogleich verbreitete ſich, ob mit Grund oder nicht, das Gerücht, man gehe damit um, ihn zum Grafen von Flandern zu machen. Auch zu An⸗ jo u's Ohren drang dies Gerücht, und es verbitterte ſein Herz. Der Mißmuth, einen Nebenbuhler ſehen zu müſſen, welcher ſtö⸗ rend in Anjous eigene Herrſchaftspläne eingriff, enthüllte mit einem Male den ganzen Egoismus des Letzteren und deſſen kleinlichen Charakter; er benahm ſich wie ein gekränktes Kind, das mit ſeinen Kameraden, die ihm hinter'm Rücken einen loſen Streich geſpielt haben, plötzlich nichts mehr zu thun haben will und ſich einbildet, das Heil der Welt hänge daran, wenn es ſich von ihnen zurückziehe. Er dankte anfangs zweitauſend Mann ſeines Fußvolks und einige Reitergeſchwader ab, welche ſich zur Stelle in den Dienſt der„Nalkontenten“ begaben, und zwar, wie man glaubte, nicht ohne Anjous Vorwiſſen. Dies war auch inſofern nicht unwahrſcheinlich, da ja die„Nalkonten⸗ ten“ die heftigſten Feinde der Genter waren, welchen ſich Johann Kaſimir angeſchloſſen hatte. Bald darauf entließ Anjou ſein ganzes Heer und kehrte grollend nach Frankreich zurück, unter dem Vorwand, ſein Bruder, der König, habe ihn zurückberufen. So entſchuldigte er ſich wenigſtens bei den Staa⸗ ten, die ihm zwar Lobeserhebungen und Dankſagungen nachrie⸗ fen, aber im Grunde doch froh waren, ſeine Hülfe, ſo wie die Sachen damals ſtanden, auf gute Art losgeworden zu ſein. Seine Truppen hatten auch in der That gar zu übel im Lande gehaust. 4 Johann Kaſimir folgte bald Anjous Beiſpiele. Er reiſte nach England, um dort ſein Benehmen in Bezug auf die Gen⸗ 8 ter vor der Königin Eliſabeth zu rechtfertigen. Indeſſen gefiel es ſein en Reitern nicht länger in den Niederlanden; ſie ver⸗ langten von Alexander Farneſe freien Durchzug nach Deutſch⸗ land, erhielten dieſen und verließen das Land. Als nun Johann Kaſim ir ſpäter aus England zurückkehrte und ſeine Krieger nicht mehr in den Niederlanden fand, hielt er es für's Klügſte, ihnen zu folgen und begab ſich nach Deutſchland zurück, ohne ſich we⸗ der bei dem Erzherzog, noch bei Oranien und den Staaten be⸗ urlaubt zu haben. Die Staaten waren auch über den Abzug der deutſchen Hülfsvölker nicht ſehr betrübt; denn dieſe hatten ziemlich eben ſo ſchlimm wie die franzöſiſchen gehaust, und überdieß hatten ſich die Deutſchen und die Franzoſen, wo ſie ſich immer trafen, nie gut vertragen. Wie die Herren, ſo die Diener. Die ſogenannten Helfer in der Noth waren dem ge⸗ meinſamen Feinde der Niederlande nicht halb ſo gram, als ſich ſelbſt untereinander. Uebrigens hatten die Staaten auch ihr eigenes Heer beim Beginn des Winters größtentheils entlaſſen und den Reſt deſſel⸗ ben in Winterquartiere gelegt. Ihr Feldherr, Graf Boſſü, ſtarb noch im Dezember 1578 und man erzählte ſich, er ſei eben im Begriffe geweſen, die Sache der Staaten zu verlaſſen und ſich wieder an die königliche Parthei anzuſchließen. So ſtanden die Dinge in den Niederlanden, als ſich die walloniſchen Landſchaften Artois und Hennegau und die Städte Lille, Douay und Orchies am 6. Januar des neuen Jahres 1579 zu Arras verbanden, die Genter Pacifikation und die Brüſſler Union vom 9. Januar 1577, zum Schirm des Katholizismus und unter'm Gehorſam gegen den König von Spanien durch gemeinſame Kraft aufrecht zu erhalten, dagegen den Religionsfrieden nicht aufkom⸗ men zu laſſen. Das Motiv zu dieſem Schritte der Wallonen 9 war ihr Mißvergnügen über die letzten, gegen die katholiſche Religion gerichteten Exzeſſe zu Gent und über den jüngſten Vergleich, welchen Oranien dort geſchloſſen hatte. Indeſſen hatte Oranien fruchtlos die dringendſten Briefe nach Gent geſchrieben und St. Aldegonde dahin geſchickt, um die Bevölkerung zur Annahme des Religionsfriedens zu beſtimmen; fruchtlos hatte die Königin Eliſabeth durch ihren Geſandten Davidſon die Genter ermahnt, die Vorſchläge Oraniens anzunehmen, wozu ſelbſt Ryhove hinneigte. Hem⸗ byze mit der mächtigen Weberzunft bildete die Oppoſition, welche den Religionsfrieden ſo lange nicht annehmen wollte, bis die Glaubensfreiheit auch den 17 Provinzen zugeſtanden ſei. Da entſchloß ſich Oranien, ſelbſt nach Gent zu reiſen, der Verdacht, welcher ſich regte, als ob er bei dieſen Exzeſſen ſogar heimlich die Hand im Spiele hätte, beflügelte ſeine Schritte; nicht bloß ſeine Grundſätze, ſondern auch ſeine Ehre forderten ihn jetzt auf, einen ſo ſchmählichen Verdacht durch die That zu widerlegen. Am 2. Dezember traf er, in Begleitung ſeines Bruders, des Grafen Johann, zu Gent ein, und am 4. ver⸗ ſammelte er den Magiſtrat auf dem Rathhauſe. Die Stimme der Vernunft drang endlich gegen die tumultuariſche demokratiſch⸗ proteſtantiſche Oppoſition durch, und am 16. Dezember 1578 brachte Oranien einen Vergleich zu Stande, welcher am 27. publicirt wurde. Dem zufolge erlangten die katholiſchen Geiſtlichen,(mit Ausſchluß der vier Bettelorden) den Be⸗ ſitz ihrer Güter wieder und beide Konfeſſionen theilten ſich in die Kirchen, wiewohl ſich die Katholiken aller öffentlichen Prozeſſionen enthalten mußten.*) Dieſer Ver⸗ *) Einige Tage zuvor hatte der Abt von St. Peter von dem Erzherzog Matthias den Befehl erlangt, der Zerſtörung ſeiner Abtei, womit Jan van der Laer beſchäftigt war, ein Ziel zu ſetzen; Jan Lan der 10 5 gleich, das Beſte, was Oranien einer ſo furchtbar aufgeregten Zeit noch abgewinnen konnte, war jedoch beiden Konfeſſionen wenig zu Dank geweſen. Die Reformirten beklagten ſich, daß er den Katholiken noch immer allzuviele Rechte eingeräumt Laer war Commissaire de la ville und begleitet von vielen Handwer⸗ kern. Dieſer Befehl, welchem ſich der Magiſtrat nur ungern unter⸗ warf, vermehrte das natürliche Mißtrauen Hembyzes in Bezie⸗ hung auf die Katholiken noch mehr. Auch ließ er ſie, obgleich der „Religionsfriede“ ihnen viel feindſeliger als den Reformirten erſchei⸗ nen mußte, folgende Erklärung zeichnen, worunter er ſeinen Namen mit dem des zweiten Schöffen ſchrieb: Vorme ende concept van Eede in de plaetse van Eede ghepuebli- ceert binnen Ghendt by de religioens-vrede den 27. Decembris LXXVIII. Wy etc. ete. sweeren ende beloven by God almachtich vast ende onverbrekelik“t honderhoudene d'ordonnantie van den religioens- vrede up d'exercitie van beede de religien, by den magistraet der stede van Ghendt den 27. December 78 ghepubliceert, dienvolghende de previlegien der voorseyder stede, ooc alle de jnsetenen der zelver zo van d'eene als d'andere religie, ghetrouwelyk te beschermen in Iyfve ende goede ende te helpen houdene in paise, ruste ende vrede up peijne van bij’t voornoemde magistraet, zo in lyfve als goede, ghepuniert te werdene, alwaer wylieden zo gheestelyke als weerlicke ons te rechte stellen ende advoueren ende omme by ons van room- sche religie alle diffidentien ende misvertrouwen te weerene, renun- chieren, ende gaen of by desen van alle previlegien, vryheden ende exemptien, die ons wt keyserlicke, pauselicke, cannonicke rechten, concilien, ende anderssins soude moghen te baten commen, zo by absolutien, gratien, indulten, dispensatien, vercreghem oſte te ver- eryghens by gheestelicke ofte weerlicke overheyt, ofte met eenighe pretexten of eede ghedaen, oſte te doene ter contrarien, ende name- Ilyk der opinie van eenighe, dat men in styck van religie ende gheloove der wederpartije niet verbonden en zoude zyn belofte ende trouwe te houdene, de welcke wy met aldies voorseydes nſeweeren ten fijne ende effocte voorscreven. Oorconden zo es ditter onderteekend ter begheerte van beede par- tyen zo gheestelic als weerlic by de voornoemde heeren in Gode de Prelaeten van Sinte Pieters ende Dronghene, avten name van der 11 habe; die Katholiken aber beſchwerten ſich über das Gegentheil und noch außerdem darüber, daß er die Befreiung der Gefan⸗ genen in Gent nicht bewirkt. Den walloniſchen Landſchaften, die wir früher erwähnten, war nun dieſer Vergleich ganz be⸗ ſonders anſtößig, und veranlaßte ſie wohl zunächſt zu jener Ver⸗ einigung, welche Alexander Farneſe nur mit geheimem Wohlgefallen betrachten konnte und weiter benützte, welche aber die Generalſtaaten in demſelben Grade beunruhigen mußte, als ſie ihre Macht und ihr Anſehen beeinträchtigte. Dagegen wurde dieſes Bündniß der drei walloniſchen Landſchaften ander⸗ ſeits zu einer mächtigen Triebfeder, um einen längſt gehegten und wohl vorbereiteten Plan Oraniens raſcher in Wirklich⸗ keit zu ſetzen, als dies vielleicht unter anderen Umſtänden mög⸗ lich geweſen wäre. Oranien, welcher die Menſchen überhaupt tund die ver⸗ ſchiedenartigen Charaktere der niederländiſchen Bevölkerung ins⸗ beſondere ſehr gut kannte, hatte nach genauer Beobachtung aller jener Entwickelungen, die in der letzten Zeit ſo überraſchend ſchnell gereift waren, von den Katholiken der ſüdlichen Provinzen, zumal von den Wallonen, einen ſolchen Schritt wie das Bünd⸗ niß der drei Landſchaften als kaum zweifelhaft vorausgeſetzt. Er hatte ſich überzeugt, daß bei den durchgreifenden Gegenſätzen der Konfeſſionen und der Nationaltemperamente eine dauernde Vereinigung der ſüdlichen und der nördlichen Provinzen un⸗ möglich ſein müſſe, um ſo mehr, da in den erſteren die Eifer⸗ ſucht des Adels gegen ſeine Perſon und das zwar unſchein⸗ clergie ende wten name van der werelicke by beede de voorschepene der stede van Gheudt, desen 14. January 1579. (S.) Gheleyn abt van St. Pieters. Lieven oitmoedich abt van clooster van Dronghen. J. Hembyze en Gillis Borlunt. 42 bare, aber um ſo ſichrere Hinwirken der Jeſuiten, welche in den Beichtſtühlen die Gewiſſen der ſtrenggläubigen Katholiken gegen eine„Gemeinſchaft mit Ketzern und Bilderſtürmern“(als Verbrechen galt ja die Toleranz) einnahmen, alle ächte Eintracht vereitelten. Sollte aber darüber die Freiheit ſelbſt Schaden nehmen? Sollten alle Opfer, die ihr gebracht worden waren, fruchtlos ſein? Nimmermehr! Es mußte ſich doch ein Punkt finden laſſen, welchen die Freiheit feſt beſäße! Aber wo? Für's Erſte nicht in den ſüdlichen Provinzen, wo man damals die ächte Weſenheit der Freiheit nicht überall, oder an vielen Orten leider nur falſch verſtand, wo(wie in Gent) eine augen⸗ blickliche Zügelloſigkeit, gefolgt von dem Despotismus eines Demagogen, dafür gelten konnte. Man würde übrigens ein großes Unrecht begehen, wollte man glauben, daß die Bewohner der ſüdlichen Provinzen der Freiheit nicht fähig waren, oder daß der Katholizismus Freiſinn und Freiheitsluſt abſtumpfen könnte. Der Katholizismus an und für ſich war in jenem Falle außer aller Schuld. Im Gegentheil kann man die letztere vor⸗ zugsweiſe nur den Ausſchweifungen der Exaltirten von der refor⸗ mirten Parthei zurechnen, welche alle Freunde der Ruhe und Ordnung erbitterten, welche durch ihre ungerechten Angriffe gegen die katholiſche Religion und deren Prieſter alle Bekenner derſel⸗ ben gleichſam dazu zwangen, ſich von der ſogenannten Sache der Freiheit abzuwenden, die eigentlich eine Sache der Ge⸗ walt, der Anarchie geworden war. Ganz abgeſehen von allen religiöſen Kontroverſen war die Sache des Katholizismus in den ſüdlichen Niederlanden damals die Sache der meiſten Ver⸗ ſtändigen und Geſetzlichen. Anders verhielt es ſich in den nördlichen Provinzen. Wie in den ſüdlichen der Katholizismus den Angelpunkt der bürger⸗ lichen Ordnung, ſo bildete in den nördlichen die reformirte Kon⸗ 13 feſſion die Grundfeſte der Freiheit, nämlich der ruhigen, natur⸗ gemäß ſich entwickelnden, zur feſten Staatsform hinſtrebenden Freiheit, von welcher bereits nichts Geringeres als die Exiſtenz der Nationalität abhing. Jahre lang hatten die nördlichen Provinzen ehrenhaft dafür gekämpft; ſie hatten die bürgerliche und religiöſe Freiheit endlich errungen; ſie erholten ſich bereits von den meiſten Wunden, welche ſie im Kampfe erhalten hatten. Dieſe Freiheit mußte ihnen nun auch bleiben, geſichert vor allen Wechſelfällen, die ein Krieg herbeiführen konnte. Aber wie war dies Ziel zu erreichen? Um ein taugliches Mittel dafür zu finden, mußte man in die Erforſchung der Vergangenheit zurückgehen. Ein feſtes Zuſammenhalten der gleich⸗ geſinnten Provinzen(das große Wort:„eendragt maakt magt!“*) wehrt jede Uebermacht abz dies ſagte die geſunde Ver⸗ nunft. Wie kam es denn nun aber, daß bis jetzt noch kei Bündniß im Stande geweſen war, eine ſolche Wirkung hervor⸗ zubringen? Vielleicht weil die beſonderen Provinzialintereſ⸗ ſen ſich jedesmal zum Nachtheil des Geſammtintereſſes der Na⸗ tion allzu ſehr geltend machten? Ja, darin lag es; damit war der richtige Punkt bezeichnet. Die einzelnen Provinzen waren der geſchichtlichen Form bis jetzt noch zu wenig ent⸗ wöhnt und hatten ſich noch immer daran gehalten. Jetzt aber galt es auf einmal: Leben oder Tod. Es galt, eine neue geſchichtliche Form zu begründen; und, um dies zu können, blieb kein anderes Mittel, als— ſich der alten zu entſchlagen. Der Form nämlich,— nicht der Indivi⸗ dualität, nicht der Selbſtſtändigkeit! Hätte eine Pro⸗ vinz dieſe aufgeopfert, ſo war es gewiß um die gemeinſame Freiheit geſchehen. Aber wie nun Beide in Einklang bringen? Wie die provinzielle Selbſtſtändigkeit erhalten und die gemeinſame(nationale) Freiheit erringen, ohne von 14 der erſteren auch nur das Geringſte aufzuopfern? Und doch ſchien die letztere beinahe ein ſolches Opfer zu fordern! Auch hier mußte man auf die Betrachtung der Vergangenheit zurück⸗ gehen, nämlich aus dem, was nicht hätte ſein ſollen, das ler⸗ nen, was jetzt geſchehen mußte. Für die Eintracht, die man bei allen Bündniſſen bisher beabſichtigte, hatte ſtets die centripetale Kraft der ächten Einheit gefehlt. Man hatte bis⸗ her bloß gemeinſam berathen, aber es hatten die Mittel und Wege gefehlt, um auch übereinſtimmend handeln zu können. Es mußte demnach eine Centralbehörde geſchaffen werden, in welcher der gemeinſame Wille repräſentirt wurde und welcher auch die gemeinſame Thatkraft zu Gebote ſtand. Aber ſehr ſchwierig war es, eine ſolche Central⸗ behörde zu erſchaffen; beſonders ſchwierig war dieſe Aufgabe gerade für Oranien, von welchem der Plan ausging, und welcher denſelben mit der ganzen Konſequenz, die ihm eigen— war, durchzuſetzen trachtete,— doppelt ſchwierig in ſeiner eigen⸗ thümlichen Stellung zu Holland und Seeland. Wie leicht konnte er ſich, wenn ſeine Feinde dieſe Stellung in Betracht zogen, Mißdeutungen ausſetzen, welche Mißtrauen er⸗ wecken mußten! Kaum war der Schein zu vermeiden, als wolle Oranien unter dem Vorwand des Gemeinwohls durch eine Vereinigung mehrer Provinzen nur eine Herrſchaft für ſich begründen, für welche er in Holland und Seeland bei der Anhänglichkeit beider an ſeine Perſon, bei den oberhoheit⸗ lichen Rechten, die er über beide bereits beſaß, einen feſten Mittelpunkt zu haben ſchien. Gefährlicher als je war es jetzt, das Mißtrauen zu wecken, da auf der anderen Seite ein Mann wie Alexander Farneſe bereit ſtand, dies eben ſo meiſter⸗ haft zu benützen, wie er die Separation der Wallonen insge⸗ heim zu befeſtigen wußte. Endlich mußte Oranien beſorgen, 15 daß man ihm, wenn er einen beſonderen engen Verband einiger Provinzen veranlaſſe, vorwerfen würde, er habe die Genter Pacifikation gebrochen, an welche allein ſich halten zu wollen, er doch ſtets und mit ſo auffallender Beharrlichkeit er⸗ klärte! Deßhalb trat Oranien lieber in den Hintergrund, wo er, unbeachtet, nicht weniger eifrig, aber um ſo ſichrer wirken konnte. Oeffentlich übernahm ſein Bruder, Graf 3 ohann von Naſſau, das Geſchäft, einen neuen Staatskörper zu organiſiren. Schon unmittelbar nach Don Juans Ankunft in den Nie⸗ derlanden hatte ſich Oranien in weiſer Vorſicht bemüht, eine engere Vereinigung jener Städte Hollands und See⸗ lands, die ſich noch abgeſondert hielten, und des Stifts Utrecht unter ſeiner Statthalterſchaft zu Stande zu bringen. Zu Anfang des Jahres 1577 rieth(wie es heißt,) auch die Kö⸗ nigin von England den Staaten von Holland, Seeland, Geldern, Friesland und Utrecht zu einer ſolchen Ver⸗ einigung und verſicherte ſie dazu ihres Beiſtandes. Gewiß iſt es, daß Oranien zur ſelben Zeit eifrig dafür arbeitete; in Geldern wirkten in dieſem Sinne Meiſter Jakob Muis, in Utrecht der Advokat Floris Thin und Meiſter Floris van Heermaale, in Friesland Popke Ufkens, Karl Roorda und Duko Martena. Doch die wichtigen Ereigniſſe, in deren Folge ſich Oranien nach Brabant begab, brachten jenes Werk einſtweilen in's Stocken. Inzwiſchen traten mehre Umſtände ein, welche für die Wiederaufnahme der Verhandlungen äußerſt gün⸗ ſtig waren. Graf Johann von Naſſau wurde zu Anfang des Jahres 1578 zum Statthalter von Geldern ernannt, und der reformirte Kultus faßte in dieſer Provinz feſten Fuß. In Friesland, wo ſich der Provinzialhof geweigert hatte, Don Juan für einen Feind zu erklären, hatte der 16 tapfre Herr von Rennenberg die ſtädtiſchen Regierungen größtentheils mit neuen, Oranien und der Freiheit anhäng⸗ lichen Männern beſetzt; er war Statthalter von Over⸗Yſſel geworden und hatte die ſpaniſchen Beſatzungen aus Kampen und Deventer vertrieben. Nun ſchien es Oranien an der Zeit, das Vereinigungswerk raſch durchzuſetzen, und ſein Bruder, Graf Johann, der ſchon im Juni 1578 die Vereinigung ſeiner Provinz Geldern mit den beiden ſeines Bruders,(Holland und Seeland) ſo wie mit der Rennenbergs(Over⸗ Yſſel) entworfen hatte, veranſtaltete noch in demſelben Jahre eine Zu⸗ ſammenkunft der Staaten von Holland und Seeland zu Gorkum, wo er ſie dringend zu einer Vereinigung mit Gel⸗ dern, Utrecht und Friesland ermahnte. Viele und große Schwierigkeiten ſtanden dieſem Werke entgegen, bis man ſich endlich von Seiten aller betheiligten Provinzen deutlich über den eigentlichen Zweck verſtändigt hatte. Verſchiedene Verſamm⸗ lungen wurden deßhalb noch 1578 gehalten(die wichtigſte am 6. Dezember zu Utrecht). Erſt am 23. Januar 1579 wurde zu Utrecht die neue Union von den Bevollmächtigten Hollands, Seelands, Utrechts, Gelderns und der Gröninger Umlande unterſchrieben, und am 29. deſſel⸗ ben Monats mit großer Feierlichkeit vom Rathhauſe zu Utrecht bekannt gemacht.) Dieſe Union von Utrecht war in 26 Artikeln abge⸗ faßt, deren Inhalt wir hier ausführlicher mittheilen, weil die Errichtung eines neuen republikaniſchen Staatskörpers, deſſen Beſtand und, faſt möchte man ſagen: die Erhaltung der *) Hierüber die„Byvoegsels“ dc. zu Wagenaer, von van Wyn u. ſ. w.(zu VII. Thl. p. 67— 90). .% 17 bataviſchen Nationalität, auf dieſem wichtigen Fundamentalgeiehe beruhen.*) In der Einleitung der Urkunde hieß es:„Die Bewohner der Fürſtenthümer, Grafſchaften und Lande von Geldern, Zütphen, Holland, Seeland, Utrecht und den frie⸗ ſiſchen Umlanden zwiſchen Ems und Lauwers haben ſich überzeugt, daß die Spanier ſeit der Pacifikation von Gent alle Mittel aufboten und es noch thun, um die niederlän⸗ diſchen Provinzen, ſowohl im Ganzen als theilweiſe, einer tyran⸗ niſchen Regierung wieder zu unterwerfen, daß ſie insbeſondere die Provinzen— zu deren äußerſtem Verderben— durch Waf⸗ fengewalt wie durch Liſt zu trennen ſuchen. Deßhalb haben es die zu Anfang Genannten für rathſam gefunden, ſich noch näher und enger unter einander zu verbinden, jedoch nicht um dadurch jene allgemeine Verbindung etwa aufzuheben, welche durch die Genter Pacifikation zu Stande gebracht wurde, ſondern vielmehr um dieſe noch zu verſtärken, um ſich gegen alle Anſchläge der Feinde, geſchehen ſolche nun durch Liſt oder durch Gewalt, vorzuſehen und zu vertheidigen, und um fernere Trennungen zu verhüten. Zu dieſem Zwecke haben ihre Bevollmächtigten folgende Punkte feſtgeſetzt und beſchloſſen, ohne ſich dadurch jedenfalls dem heiligen römiſchen Reiche ent⸗ ziehen zu wollen.“ „1) Die genannten Provinzen konföderiren ſich hiemit unter einander für ewige Zeiten ſo, als ob alle dieſelben nur eine Provinz ausmach⸗ *) Auf einem zum Gedächtniß der Union geprägten Jetton ſieht man den belgiſchen Löwen, den Bündel von 7 Pfeilen haltend, mit der Umſchrift:„Vicit leo de tribu Juda;«— auf dem Revers den Bün⸗ del von 7 Pfeilen mit der äußeren Umſchriſt:„Victoriae praemium libertas 1578%, und der inneren: calculus ordinum Belgii“. II. 2 ——— 18 ten. Kein anderer Verband oder Akt, welcher Art er auch ſei, ſoll ſie fürder ſcheiden. Jedoch ſoll dieſe Konföderation die Privilegien, Freiheiten, löblichen und wohl⸗ hergebrachten Gewohnheiten und alle anderen Ge⸗ rechtigkeiten der einzelnen Provinzen und einzel⸗ nen Städte, ſo wie der Mitglieder oder Inſaßen derſelben in keiner Weiſe aufheben oder ſchmä⸗ lern; vielmehr ſollen ſich letztere mit Leib und Gut wechſelſeits beſchirmen. Streitſachen, welche die in dieſer neuen Union einbegriffenen Provinzen, Städte und ſonſtigen Mitglieder über die erwähnten Privilegien und Gerechtigkeiten mit einander von früher her haben oder neu bekommen, ſollen durch die gewöhnlichen Richter,„gute Männer,“ oder auf dem Wege des Vergleichs geſchlichtet werden, ohne daß ſich die an⸗ deren Provinzen, Städte und Mitglieder unberufen darein zu miſchen haben.“ „2) Die genannten Mitglieder dieſer Union ſollen einander in jeder Noth und Gefahr mit Gut und Blut mit Leib und Leben wider jede Ge⸗ walt beiſtehen, habe eine ſolche auch was immer für einen Namen oder Vorwand, ſei es im Namen des Königs, oder geſchehe ſie unter dem Vorwand, die katholiſche Reli⸗ gion mit bewaffneter Hand einzuführen, oder endlich um dieſer Union ſelbſt willen.“ „3) Die genannten Provinzen haben einander auch gegen alle fremden und einheimiſchen Herrn und Fürſten, Provinzen und Städte getreulich beizuſtehen, welche ihnen Gewalt anthun oder ſie mit Krieg überziehen; vorbehalt⸗ lich, daß die Geſammtheit der Union nach der Lage der Sache eine Hülfe beſchlöße.“ „4) Zur beſſeren Verſicherung der Provinzen ſollen die 19 Städte an den Gränzen, wie auch andere, bei denen es nöthig ſcheint, auf Koſten der Städte und der Landſchaften, in denen dieſe liegen, verſtärkt werden, zu welchen Koſten der Geſammtverband die Hälfte beizutragen hat. Wird es für räthlich befunden, neue Feſtungen anzulegen, oder die alten zu verändern, ſo tragen die Provinzen insgemein die erfor⸗ derlichen Koſten.“ „5) Dieſe Koſten ſollen in allen Provinzen nach gleicher Proportion auf einen Fuß geſtellt und zur Aufbringung derſelben die Impoſten auf Wein, Bier, Korn, Salz, Stoffe verſchie⸗ dener Art, Zug⸗ und Schlachtvieh und dergleichen von drei zu drei Monaten an den Meiſtbietenden verſteigert werden. Auch ſollen die Einkünfte der königlichen Domänen— nach Abzug der darauf haftenden Laſten— dazu verwendet wer⸗ den.“ „ 6) Dieſe Mittel ſollen durch gemeinſame Beſchluß⸗ nahme je nach den Umſtänden erhöht oder vermindert werden können, aber bloß zum Zwecke der gemeinſamen Beſchirmung verwendet werden dürfen.“ „7) Die Gränzſtädte, wie auch andere Plätze ſind, wenn die Noth es gebeut, gehalten, auf Verordnung der ver⸗ einigten Provinzen Beſatzungen au fzunehmen. Die Initiative des Rathes geht hierbei von dem Statthalter der betreffenden Provinz aus, die Beſoldung der Beſatzungen bezahlen die v ereinigten Provinzen. Die Hauptleute und die gemeinen Soldaten der Beſatzungen haben außer dem allgemeinen Eid auch noch einen beſonderen an die Stadt oder Ortſchaft und die Provinz, in welche ſie verſetzt werden, zu leiſten. Zum Schutz der geiſtlichen und welt⸗ lichen Einwohner ſoll eine ſtrenge Kriegszucht gehandhabt werden und die Soldaten genießen keine andere Befreiung von Impoſten 20 als die Bürger. Letztere erhalten aus dem Geſammtſchatz der unirten Provinzen„Logisgelder.“ „8) Alle männlichen Bewohner einer jeden von den vereinigten Provinzen, vom 18. bis zum 60. Jahre ſollen binnen eines Monatsaufgezeichnet werden, damit man bei der nächſten Verſammlung über die der Vertheidigung der Provinzen zu Gebote ſtehenden Mittel berathſchlagen könne.“ „9) Ohne gemeinſame Berathung und Bewilli⸗ gung ſämmtlicher vereinigter Provinzen darf kein Waffenſtillſtand oder Friede abgeſchloſſen, kein Krieg begonnen, keine den ganzen Verband betref⸗ fende Steuer auferlegt werden. In allen übrigen, die Verbindung betreffenden Angelegenheiten wird durch Stim⸗ menmehrheit der Provinzen beſchloſſen und ein ſolcher Beſchluß hat dann verbindende Kraft. Die Stimmen werden in der bei den Generalſtaaten gebräuchlichen Weiſe geſammelt. Dies gilt jedoch nur proviſoriſch bis zu einer ſtrikteren Ver⸗ ordnung der geſammten Bundesgenoſſen. Können ſich die Pro⸗ vinzen in Fragen über die oben genannten Fälle nicht vereinbaren, ſo wird(ſedoch gleichfalls nur proviſoriſch) die Streitfrage den betreffenden Statthaltern derſelben anheim⸗ geſtellt; und vermögen auch die ſe nicht zu ſchlichten, ſo haben ſie unpartheiiſche Beiſitzer zu ernennen.“ „10) Ohne Bewilligung aller vereinigten Pro⸗ vinzen u. ſ. w. darf keine einzelne irgend ein Bünd⸗ niß oder einen Vertrag mit benachbarten Herrn oder Ländern eingehen.“ „11) Wollen einige benachbarte Fürſten, Herren, Länder oder Städte ſich mit den zu Anfang genann⸗ ten Provinzen vereinigen und in deren Konföde⸗ 24 ration treten, ſo kann dies, nach gemeinſamer Berathung und Einwilligung derſelben, allerdings geſchehen.“ „12) In Bezug auf die Münze und die Geldwährung ſollen ſich die Mitglieder der Union auf gleichen Fuß ſetzen, und zwar nach den Ordonnanzen, welche darüber mit Nächſtem zu erlaſſen ſind. „13) In Beziehung auf den Gottesdienſt ſollen ſich Holland und Seeland nach ihrem eigenen Gut⸗ achten halten. Die übrigen NMitglieder der Union ſollen ſich nach dem im vorigen Jahre aufgeſtellten Religionsfrieden richten oder ſolche Ordnungen feſtſetzen, wie die Erhaltung der Ruhe und Wohlfahrt in jeder Provinz oder Stadt es verlangt. Frei und ungehindert darf Jedermann ſeinen Glauben bekennen, ſeinen Gottesdienſt üben; keine Glaubensunterſuchung ſtöre die Ge⸗ wiſſensfreiheit!“ Dieſer hochwichtige dreizehnte Artikel der Unionsakte wurde gleich nach der Veröffentlichung zum Theil mißverſtanden, und zwar inſofern, als man glaubte, daß nur ſolche Provinzen und Orte, welche den„Religionsfrieden“ angenommen, oder in welchen mindeſtens zwei verſchiedene Konfeſſionen neben⸗ einander beſtünden, in die Union aufgenommen werden könnten. Zur größeren Deutlichkeit wurde daher ſchon am 1. Februar 1579 ein Supplementar⸗Artikel publicirt folgen⸗ den Inhalts:„Es war keineswegs die Abſicht der Bundes⸗ genoſſen, bloß diejenigen Provinzen und Orte, die den Religionsfrieden angenommen oder mindeſtens zwei Konfeſſionen dulden, in die Union aufzunehmen und dem⸗ nach ſolche davon auszuſchließen, in welchen entweder die katholiſche Neligion allein herrſcht oder die Zahl der Re⸗ 22 formirten ſo gering iſt, daß dieſe, dem Religionsfrieden gemäß, keinen eigenen Gottesdienſt halten können. Im Ge⸗ gentheil: auch die ausſchließlich katholiſchen Provin⸗ zen und Städte werden bereitwillig in die Union aufgenommen, wenn ſie ſich nur den anderen Ar⸗ tikeln derſelben fügen wollen und wenn ſie gut patriotiſch ſind. Denn kein Mitglied der Union hat ſich irgend einen Einfluß auf die religiöſen Angelegenheiten eines andern anzumaßen.“ „ 14) Alle Geiſtlichen und Konventualen ſollen den Beſitz ihrer Güter wiedererlangen. Solche Konventualen aus den vereinigten Provinzen, die ſich während des Krieges von Holland und Seeland mit Spanien aus ihren damals unter ſpaniſcher Herrſchaft ſtehenden Klöſtern nach Holland und Seeland geflüchtet hatten, ſollen aus ihren Klöſtern ihr Leben lang erhalten werden; ebenſo an⸗ derſeits jene Konventualen, welche ſich aus ihren in Holland und Seeland gelegenen Klöſtern in eine oder die andre jetzt zur Union gehörige Provinz begeben hatten.“ „15) Jene Konventualen der im Umfang der Union gele⸗ genen Klöſter, welche dieſelben bis jetzt aus irgend einem triftigen Grunde verlaſſen haben oder zu verlaſſen wünſchen, ſollen ihr Leben lang aus den Einkünften ihrer Klöſter erhalten werden.“— E(Eine nachträgliche Beſtimmung vom 1. Februar 1579 fügte noch hinzu: daß, wenn ſolche ausgetretene Konventualen über ihnen zuſtändige Erb⸗ ſchaften Prozeſſe anfingen, dieſe Letzteren vor der Hand bis auf weitere Verfügung vertagt werden ſollten)„Wer ſich übrigens erſt nach dem Datum der Unionsakte in ein Kloſter begibt und es dann wieder verläßt, hat auf die obige Vergünſtigung keinen Anſpruch, ſondern bloß das Recht, 23 beim Austritt das Eigenthum zurückzunehmen, welches er ins Kloſter mitbrachte. Außerdem ſollen die Konventualen Freiheit des Gottesdienſtes und der Tracht genießen, in allen übrigen Stücken ihren Kloſteroberen gehorſam ſein.“ „16) Sollten(was Gott verhüten möge!) zwiſchen ein⸗ zelnen Provinzen der Union Mißverſtändniſſe und Zwie⸗ tracht eintreten, ſo haben die übrigen Provinzen oder ihre Bevollmächtigten den Zwiſt beizulegen. Betrifft Letzterer alle Provinzen der Union insgeſammt, ſo ſollen die Statthalter nach der im 9. Artikel angegebenen Weiſe binnen Monatsfriſt ſchlichten. Eine weitere Appellation kann hierauf nicht ſtattfinden.“ „17) Die Mitglieder der Union ſollen ſich wohl in Acht nehmen, fremden Fürſten oder Ländern Anlaß zum Kriege zu geben. Zu dieſem Ende ſollen ſie ſich befleißigen, Fremden, welche ſich in den unirten Provinzen auf⸗ halten, ebenſo zu ihrem Recht zu verhelfen, wie Ein⸗ heimiſchen. Sollte ein Mitglied der Union hierin fehlen, ſo haben die andern daſſelbe ernſtlich zur Handhabung der Gerechtigkeit anzuhalten.“ „18) Keine Provinz oder Stadt ſoll die übrigen Ver⸗ bündeten ohne gemeinſame Bewilligung aller mit Impoſten, Convoigeldern und ähnlichen Laſten, noch überhaupt Bundesgenoſſen mehr beſchweren als die eige⸗ nen Einwohner.“ „19) Die Bundesgenoſſen verpflichten ſich, auf Ausſchreiben von Männern, welche eigens dazu ermächtigt werden zu beſtimmten Zeiten ſich in Ut⸗ recht zu verſammeln, um über wichtige Angelegen⸗ heiten zu berathen und zu beſchließen. Das Letztere geſchieht durch Einmüthigkeit oder nach Stimmenmehr⸗ heit,— auch in dem Falle, wenn einzelne Mitglieder der Union fehlen ſollten. Wer auf der Tagſatzung nicht erſcheint, iſt gleichwohl gehalten, dem Beſchluße nachzu⸗ kommen. Wer auch ein zweites Mal, ungeachtet vorherge⸗ gangenen neuen Einberufungsſchreibens, nicht erſcheint, verliert die ihm zuſtehende Stimme. Wer durch trif⸗ tige Gründe abgehalten wird, ſich bei der Tagſatzung einzufinden, hat gleichwohl ſeine Meinung über die auf derſelben zu verhandelnde Angelegenheit ſchriftlich anzuzeigen; zu welchem Ende die Gegenſtände der Berathung,(wenn ſie nicht geheim bleiben müſſen) gleich in den Einberufungs⸗ ſchreiben angezeigt werden.“ „20) Jeder Bundesgenoſſe iſt verpflichtet, ſolche vorfallende Angelegenheiten, von denen er glaubt, daß ſie das Wohl oder Weh Aller betreffen, jenen Männern anzuzeigen, die zur obenerwähnten Einberufung ermächtigt ſind, da⸗ mit dieſe auch die übrigen Provinzen zur Berathung über ſolche Angelegenheiten ſchriftlich einladen können.“ „21) Sollten ſich in der Unionsakte dunkle oder Zweifel begründende Stellen vorfinden, ſo ſteht deren Interpretirung dem gemeinſamen Ausſpruch der Bundesgenoſſen zu. Können ſie ſich über den richtigen Sinn nicht vereinigen, ſo haben ſie ihren Rekurs an die Statthalter der Provinzen zu nehmen.“ „22) Sollte eine Vermehrung oder Veränderung der Artikel in der Unionsakte nöthig befunden werden, ſo darf eine ſolche nur durch vollſtändige Uebereinkunft aller Bundesgenoſſen und auf keine andere Weiſe vor⸗ genommen werden.“ 1 „23) Die Anfangs genannten Provinzen geloben, allen vorſtehenden Artikeln getreulich nachzukommen, wie für die Auf⸗ 25 rechthaltung derſelben beſtens zu ſorgen. Sie erklären Alles, was im Widerſtreit gegen dieſelben gethan werden möge, für null und nichtig.“ „2⁴) Die gegenwärtigen und zukünftigen Statthalter der Provinzen, Magiſtrate und Befehlshaber der Städte und Ortſchaften im Umfang der Union müſſen dieſe Akte, und zwar jeden einzelnen Artikel derſelben, beſchwö⸗ ren und ſich ferner eidlich verpflichten, auch Andere zur Auf⸗ rechthaltung derſelben anzuhalten.“ „25) Denſelben Eid müſſen auch alle Schutteryen, Gilden und Kollegien in den Städten und Flecken der Union leiſten.“ „26) Ueber dieſe Vereinigung ſollen Urkunden in gehöriger Form ausgeſtellt, durch die Statthalter, ſowie durch die Mit⸗ glieder und Städte der Provinzen beſiegelt und von deren Se⸗ kretären unterzeichnet werden.“ Welcher Freund der Freiheit und der Humanität vermöchte dem Geiſte, der dieſem merkwürdigen Aktenſtücke entſprach, die höchſte Achtung zu verſagen? Wie rein iſt das Weſen einer Republik hier aufgefaßt, wie weiſe das Föderativſyſtem organiſirt, wie einfach Stein auf Stein gelegt, und wie feſt ſind alle ver⸗ kittet! Das hiſtoriſche Recht bleibt als unterſte Grundlage; die Selbſtſtändigkeit einer Provinz muß die der andern ſtützen. So bleibt der Provinzialismus, dies Lebensprincip der niederländi⸗ ſchen Nationalität, unangetaſtet; doch, indem er die Exkluſive aufgibt, bleibt er vor der Gefahr geſichert, zu verſteinern. Ent⸗ ſchiedener als bisher iſt die Autonomie der Nation ge⸗ feſtigt durch die Gemeinſamkeit der Auflagen, des Geldkurſes und der Volksmuſterung(als Vorbereitung zur Volksbewaff⸗ nung); ſie gibt ſich kund durch die Beſtimmung, daß auch die bewaffneten Bürger(die Schutteryen) die Union beſchwö⸗ 26 ren. Am Intereſſanteſten zeigt ſich der Uebergang von der Ver⸗ ſammlung der Generalſtaaten zu einer Tagſatzung der konföderirten Freiſtaaten. Einen bedeutenden Fortſchritt in der Erkenntniß der wahren Freiheit bekunden die die Religion betreffenden Artikel. Der Kalvinismus, einſt ein Damm gegen Spanien, muß jetzt ſeine frühere Stellung aufgeben und ſich der Toleranz unterordnen; die Union macht keinen Unterſchied zwiſchen Katholiken und Re⸗ formirten, ſie verlangt nur brave Patrioten. Vergeſſen wir hierbei die Bedeutung des Religionsfriedens von 1578 nicht, welcher wie eine Brücke zwiſchen den beiden Extre⸗ men daſteht! Am Allerwichtigſten war für die vereinigten Provinzen die neue Stellung, welche ſie jetzt Spanien gegenüber einnahmen. Man kann ſagen: die eigentliche Staatsumwälzung war mit dem Abſchluß der Unionsakte vollbracht. Nicht mehr abgefallene Provinzen trotzten jetzt der ſpaniſchen Monarchie, ſondern bereits ein neuer Körper von organiſirten Freiſtaaten. Allerdings mußte ſich dieſer auf einen Krieg gefaßt machen, welcher ſich blos auf die Defenſive beſchränken konnte. Aber dieſe Defenſive ſchloß indirekt auch wieder eine Offenſive in ſich. Der elfte und der dreizehnte Artikel der Bundesakte enthielten den ganzen politiſchen Operationsplan der vereinigten Provinzen gegen Spanien, obwohl deſſen Spuren auch in an⸗ deren Artikeln deutlich durchleuchten. Indem der neue Freiſtaat durch jene beiden Artikel(den 11. und 13.) auch ſolchen Provin⸗ zen, welche ſich bis jetzt noch nicht zur Theilnahme an der Union entſchloſſen hatten, dieſe offen hielt, bedrohte er Spanien ſehr gefährlich.— Manche Artikel, wie z. B. der die allgemeinen Auflagen, ſowie der die allgemeine Konſkription betreffende, tra⸗ ten nie ins Leben; manche andre wurden im Laufe der Zeiten geändert; ja ſelbſt der Grundgedanke:„alle Provinzen ſollen nur wie eine ſein,“ wurde ſpäterhin durch mannigfache Gegen⸗ ſätze der frei ſich bewegenden Elemente des Staatslebens in den Hintergrund gedrängt. Aber die Union ſelbſt blieb, was ſie anfangs war, das Fundament des neuen Staats⸗ körpers und zugleich der ſcharfe Eckſtein der nördlichen Na⸗ tionalität wider die ſüdliche. Nicht alle Bevollmächtigten der genannten Provinzen waren an jenem Tage, da die Unionsakte unterzeichnet wurde, zuge⸗ gen.*) Graf Johann von Naſſau unterſchrieb ſie zuerſt, dann thaten es vier Bevollmächtigte der Ritterſchaft von Geldern und Zütphen, hierauf die von Holland, Seeland, Utrecht und den Gröninger Umlanden. Die Stadt Gröningen hatte keinen Bevollmächtigten geſchickt; die alte Spannung zwiſchen ihr und den Umlanden wirkte noch immer fort und hielt ſie zurück. Auch einzelne Städte der betreffenden Provinzen machten noch lange manche Klauſeln und Schwierigkeiten, bis ſie vollſtändig beitraten, ſo Briel und das Land Voorne, die, wiewohl mit Holland und Seeland vereinigt, doch als eigene Landſchaft für ſich angezeichnet ſein wollten, ſo Rotterdam, das ſich anfangs gegen eine Verei⸗ nigung mit dem Adel von Geldern und Zütphen ſträubte, ſo die Ritterſchaft des Nymwegenſchen Quartiers und der Stadt Nymwegen, ſo die Bevollmächtigten der Ritterſchaft und der Städte des Arnheim'ſchen Quartiers, ſo Venloo in Geldern, ſo endlich auch mehre frieſiſche Städte nebſt dem Statthalter Rennenberg. Over⸗Yſſel weigerte ſich ganz und gar, der Union beizutreten, aus dem Grunde, weil man das Land erſt des Kriegsvolks entlaſten müſſe. Doch alle *) Vergl.„Byvoegsels en aanmerkingen voor het 7de deel der vader- landsche Historie van Wagenaer. 28 jene Schwierigkeiten wurden, wenn auch nur langſam und all⸗ mählig, gehoben; bloß Over⸗Yſſel trat erſt im März des folgenden Jahres vollſtändig der Union bei. Dagegen ſchloſſen ſich Gent,(am 4. Februar) YMpern, Antwerpen, Breda, Brügge und das Freie von Brügge an, wiewohl ſie wenig oder gar nicht an der gemeinſamen Regierung Theil nahmen. Oranien ſelbſt zögerte bis zum Mai, die Union anzuneh⸗ men. Die Motive, welche ihn ſo lange abhielten, waren die⸗ ſelben, aus welchen er von Anfang her in den Hintergrund getreten war,— das hauptſächlichſte derſelben lag wohl in der Beſorgniß: man dürfte ihn verſteckter Herrſchſucht beſchuldigen, als wolle er nämlich ſtatt des Erzherzogs Matthias— Ge⸗ neralſtatthalter werden! Erſt am 3. Mai, nachdem in⸗ zwiſchen mehre andere Umſtände von nicht geringer Bedeutung zuſammengetroffen waren, welche ihn zu der Ueberzeugung be⸗ ſtimmten, daß es nöthig ſei, öffentlich der Utrechter Union bei⸗ zutreten, that er dies wirklich und zwar ſchriftlich.„Ich habe bisher noch immer gehofft“ Cerklärte er in ſeiner von Antwerpen aus erlaſſenen Schrift) alle niederländiſchen Pro⸗ vinzen in enge Vereinigung zu bringen; deßhalb ſäumte ich ſo lange, der Utrechter Union beizutreten. Ich thue dies jetzt, da ich weiß, daß der Erzherzog und ein großer Theil der Niederlande ſie gutheißen, und da ich mich überzeugt habe, daß das Anſehen des Erzherzogs durch dieſelbe nicht im Geringſten beeinträchtigt wird.“ Mochte dies Motiv auch kein bloß ſchein⸗ bares ſein(Oraniens Politik durfte den erlauchten„Greffier“ nicht fallen laſſen) ſo barg ſich doch noch ein wichtigerer Grund dahinter. Oranien beobachtete ſeinen großen Gegner Alexan⸗ der Farneſe und ſah, in welchem Fortſchritte durch deſſen kluges Benehmen die Annäherung der ſüdlichen Pro⸗ vinzen zu Spanien begriffen war; er überlegte die Folgen davon in Bezug auf die nördlichen Provinzen, und er war überzeugt, daß der neue Staatskörper zur Erhaltung der Exi⸗ ſtenz gegen die bald durch feindſelige Nachbarn vergrößerte Uebermacht ſeines Namens ebenſo bedurfte, als er ſelbſt fortan freie Hand haben mußte, um helfend eingreifen zu können. Alexander Farneſe begnügte ſich indeſſen damit nicht, durch heimliche Sendboten eine für Spanien günſtige Stimmung in den ſüdlichen Provinzen zu nähren, dieſelben von der Ge⸗ wißheit einer vortheilhaften Ausſöhnung mit der Krone zu überzeugen und die Häupter der Malkontenten zu gewinnen. Er wollte ſeinen Verſöhnungsverſuchen anderſeits auch größeren Nachdruck geben und ſetzte deßhalb den Krieg gegen die Wi⸗ derſpänſtigen mit Ernſt fort. So ſehen wir die Begebenheiten in raſcher Folge wie an zwei nebeneinander laufenden Fäden ſich abrollen; bald entdecken wir auch noch einen dritten zwiſchen beiden, nämlich den Verlauf von Friedensverhandlungen, welche Kaiſer Rudolf II. durch einen Kongreß zu Köln einleitete. Fürs Erſte nimmt die Entwickelung der Verhältniſſe in Belgien unſre Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Die Häupter der Malkontenten hatten den Beſchluß ge⸗ faßt, ſich in Verbindung mit den vereinigten walloniſchen Landſchaften Artois, Hennegau und Douay zu ſetzen, um ihre gemeinſame Macht gegen alle Widerſacher der Pacifikation von Gent wenden zu können. Die Letztere diente hier wohl bloß als Vorwand. Dies zeigte ſich ziemlich deutlich durch die Verhand⸗ lungen zwiſchen den walloniſchen Landſchaften und den Generalſtaaten, welche Letztere,— in nicht geringer Be⸗ ſorgniß über den Schritt, den die Erſteren gethan hatten, und über die weiteren Folgen deſſelben,— ſich mit Vorſtellungen an jene walloniſchen Landſchaften wendeten. Artois verrieth dabei die meiſte Geneigtheit zu einer Unterhandlung mit Farneſe, und ſtimmte zugleich für die zwei anderen Landſchaften den Ton an. Die Verhandlungen zwiſchen den Generalſtaaten und den wal⸗ loniſchen Landſchaften drehten ſich nun beſtimmter um die Aus⸗ ſöhnung mit Spanien. Aber in Bezug auf die Grund⸗ lagen waren die Anſichten Beider weſentlich verſchieden. Die Wallonen drangen bloß auf die Genter Pacifikation, die Brüſſler Union und das ewige Edikt; die General⸗ ſtaaten beharrten außerdem auch auf dem Religionsfrie⸗ den. Hier war keine Ausſicht zu einem Verſtändniſſe. Die Malkontenten warfen plötzlich die Entſcheidung dazwiſchen. Schon waren zwei Häupter derſelben, nämlich der Burg⸗ graf von Gent und der Herr von Kapres, auf Far⸗ neſes Seite getreten. Am 5. April ergab ſich St. Omer dem Herrn von La Motte, der ſich ſchon früher mit dem König ver⸗ ſöhnt hatte und ſeit der Zeit im Stillen für das ſpaniſche In⸗ tereſſe wirkte. Die Generalſtaaten erklärten ihn deßhalb, durch ein Plakat vom 9. März, für einen Verräther; das betreffende Plakat trug, wunderlich genug, noch immer den Namen des Königs an der Stirne. Nun traten plötzlich Montigny, Selles, Heze und noch mehre andre Häupter der Malkon⸗ tenten mit ihrem ganzen Heere zur königlichen Parthei über, auf die Grundlage der Genter Pacifikation, der Brüſſler Union und des ewigen Edikts; es konnte nicht fehlen, daß unmittelbar darauf offene Kriegsbewegungen zwiſchen den Generalſtaaten und den mit den Wallonen vereinigten Malkontenten ihren Anfang nahmen. Während deſſen blieben die Verhandlungen der Wal⸗ lonen mit Farneſe unausgeſetzt im Gange; und am 17. Mai 1579 unterzeichnete der Graf von Lalaing, Statthalter von Hennegau,(ſein Bruder Montigny, Mansfeld und Arem⸗ berg hatten ſeinen Beitritt zum Verband der Wallonen bewirkt) 31 einen Seperatvertrag der Letzteren mit Farneſe. Dieſer Vertrag ſollte jedoch erſt in dem Falle in Kraft treten, wenn die Generalſtaaten ſich auf ein nochmaliges Anerbieten weigerten, den Frieden anzunehmen. Mittlerweile hatte Farneſe mit Glück ſeine Kriegspläne verfolgt. Zu Anfang des März war er mit ſeinem Heere plötz⸗ lich vor Antwerpen erſchienen, wo ſich der Erzherzog und Oranien befanden. Sein Vortrab unter Ottavio Gonzaga und Johann Baptiſt del Monte überraſchte dreitauſend Mann von den Truppen der Staaten, welche in den nahen Flecken Burgerhout verſchanzt lagen, und trieb ſie— unter einem hitzigen Gefecht— bis an die Wälle der Stadt, auf denen der Erzherzog und Oranien ſtanden und Befehle ertheilten. Bis zum Abend tobte der mörderiſche Kampf vor den Wällen. Am anderen Morgen zog Farneſe ab. Er hatte ſeinen Zweck vollkommen erreicht. Nicht Antwerpen war nämlich für dies⸗ mal ſein eigentliches Ziel, ſondern Maaſtricht, und ſeine Bewegung vor Antwerpen war bloß darauf berechnet geweſen, die Aufmerkſamkeit ſeiner Gegner zu täuſchen, damit ſie die ſchwache Beſatzung Maaſtrichts nicht bei Zeiten verſtärken konnten. Gelang es ihm, Maaſtricht, den Schlüſſel zur Beherrſchung der ganzen Mittelmaas, in ſeine Gewalt zu bringen, ſo war Holland ſeinen Operationen blosgeſtellt. Schon am 12. März erſchien Farneſe vor Maaſtricht, wo ſich nur etwa über viertauſend Menſchen in Wehr und Waffen befanden(Bürger und geflüchtete Bauern aus der Um⸗ gegend mit eingerechnet). Befehlshaber war Mel chior Schwar⸗ zenburg, ein tapfrer Kriegsmann; der Feldmarſchall des Heeres der Staaten, de la Noue, wurde zum Theil durch die Schuld der Staaten(nämlich durch deren Uneinigkeit) ab⸗ gehalten, ſich noch zu rechter Zeit in die Stadt zu werfen. Als 32 er endlich ankam, fand er bereits alle Zugänge durch Farneſe beſetzt. Raſch wollte dieſer die Stadt erobern; eine langwierige Belagerung lag außer ſeinem Plan; aber die Tapferkeit der Vertheidiger zwang ihn, länger, als er im Anfang gedacht hatte, vor den Mauern zu liegen. Den erſten Angriff richtete er, nach dem Rathe des Herrn von Hierges, gegen das Brüſſler Thor, welches man für das ſchwächſte hielt. Aber als die Mauern, vom dichten Hagel der Kugeln getroffen, an ein⸗ zelnen Stellen zuſammenſtürzten, entdeckten die Belagerer hinter denſelben einen Erdwall mit Streichwehren und Graben. Nun ließ Farneſe die Stadt an der Seite des Hoogterthores heftig beſchießen, und, als ſich zwei Breſchen boten, befahl er am 9. April, zu ſtürmen. Mit wildem Eifer rannten die Spanier gegen das Herzogenbuſcher und gegen das Brüſſler Thor. Die Söhne der edelſten Geſchlechter Italiens ſtanden an der Spitze der narbenvollen Veteranen, um unter Farneſes Fahnen Ruhm oder Tod zu gewinnen. Aber größere Kraft gab der Trieb, Herd und Heimath zu beſchützen, den Belagerten. Wäh⸗ rend die Krieger auf den Wällen mit Büchſen, Lanzen und Schwertern die anſtürmenden Feinde empfingen, und die Ge⸗ ſchütze Kugeln, Ketten, Nägel in deren Reihen ſchleuderten, goſſen die Frauen Flammen auf ſie hinab und im Schweiß des Angeſichts droſchen die rüſtigen Bauern mit geſchwungenen Flegeln ſtatt des Korns Köpfe und Arme der nahen Feinde. Da ſank die Blüthe des welſchen Adels dahin; aber unbeirrt, unermattet, ja noch mehr erhitzt durch den Widerſtand, dringen die Belagerer, vom Tode umſaust, fechtend voran und plötzlich erſcholl der begeiſternde Ruf:„Sieg und San Jago! das Re⸗ giment Lombardei iſt ſchon in der Stadt! Das Regiment Liga und die Wallonen haben das Brüſſler Thor!“ Das Siegesge⸗ ſchrei war eine Liſt, um die Stürmenden zur Erringung des 33 Sieges zu begeiſtern. Sie half nichts; zum Unglück für die Feinde flog eine Mine auf, welche ſie gegen den Thurm am Brüſſlerthor gegraben hatten, und richtete eine gräßliche Ver⸗ heerung unter ihnen an. Trotzdem wollte Farneſe den Sturm fortſetzen, bis ihn endlich Serbelloni's Vorſtellungen und Bitten von dieſem Entſchluß abbrachten. Er befahl den Rückzug und erkannte ſeinen großen Verluſt, ſah erſchüttert die vielen Leichen, die zahlreichen Verſtümmelten und wandelte ſorglich von Einem zum Andern, erkundigte ſich nach jedem Einzelnen, gab jedem Troſt und Theilnahme. Sah nun Farneſe jetzt auch ein, daß er ſeine Hoffnung, Maaſtricht raſch zu überwältigen, aufgeben mußte, ſo ver⸗ mochte ihn doch der erſte ungünſtige Erfolg keineswegs dazu, ſeinen Plan überhaupt aufzugeben. Die Belagerungskunſt, in welcher er die gründlichſten Kenntniſſe beſaß, wollte er jetzt anwenden, um ſeinen Zweck zu erreichen, durch Minen die Werke Maaſtrichts ſprengen, und die ganze Stadt mit einer Cirkumvallationslinie einſchließen. Vor dem Brüſſler Thore ließ er eine ebene Schanze aufwerfen, hoch genug, um von derſelben, über das Ravelin hinweg, mitten in die„große Straße“ der Stadt ſchießen zu können. Es gelang, nachdem 22 Minen geſprengt waren; das Ravelin wurde erobert; aber hinter demſelben ſahen die Spanier neue Werke der Belagerer. Auch dieſe mußten erſtürmt werden. Ein breiter und tiefer Graben lag jedoch vor ihnen, und, um das Geſchütz hinüber zu bringen, mußte eine Brücke geſchlagen werden. Auch die Kühnſten im ſpaniſchen Heere verzweifelten an dem Gelingen eines ſolchen Wageſtückes; denn unabläſſig donnerten die feind⸗ lichen Geſchütze wider ſie. Da ergriff Farneſe ſelbſt Schaufel und Hacke und eilte den Soldaten voran; begeiſtert folgten dieſe nun ſeinem Beiſpiel. Das Leben hatte in dieſem Moment für II. 3 34 den Soldaten keinen Werth, der Blick, das Beifallslächeln des Feldherrn den höchſten, einzigen. Eine Musketenkugel tödtete den tapfren Hierges; rechts und links fielen die Krieger. Aber die Brücke wurde vollendet, das Geſchütz über dieſelbe geſchafft, das Ravelin der Belagerten erſtürmt. Nun hatten dieſe nur noch ein Werk, hinter welchem ſie ſich vertheidigten. Die Stadt war in äußerſter Gefahr; Pulver und Brot gingen zur Neige, zwei Drittel der Beſatzung waren gefallen,— die Uebrigen, es für unmöglich achtend, Maaſtricht noch länger zu halten, zu einer Kapitulation geneigt. Farneſe wußte dies Alles(durch einen Ueberläufer) und ſchrieb den Bewohnern am 5. Juni,„es ſei für ſie nunmehr hoch an der Zeit, an einen Vergleich zu denken, welchen er ihnen jetzt noch bewilligen würde.“ Aber Bürger und Bauern, Frauen und Knaben hatten geſchwo⸗ ren, bis zum letzten Augenblick ehrenhaft und treu bei einander auszuharren; auch die Soldaten gewannen neuen Muth, und Farneſes Aufforderung fand eine ſtolze Antwort. Inzwiſchen hatten die Maaſtrichter dem Erzherzog und dem Prinzen von Oranien ihre bedrängte Lage kund gege⸗ ben und um Hülfe gebeten. Mit großem Eifer ſuchten auch Beide die Staaten zu einem Entſatz zu bewegen und Hol⸗ land lieferte bereitwillig Geld, Truppen, Proviant und Mu⸗ nition. Aber die Staaten im Allgemeinen waren(ſelbſt von verſchiedenen Seiten bedrängt und beſonders durch die Wallonen bedroht,) uneins und unſchlüſſig; ſie ſetzten ihre beſte, ja, faſt ihre einzige Hoffnung auf die Vermittlung des Friedens⸗ kongreſſes zu Köln. Thörichter Wahn! Von dort, wo Phi⸗ lipps II. Geſandter ſtolz das Wort führte, war keine Rettung für Maaſtricht zu hoffen; dort hieß es kurzab:„der Krieg iſt Far⸗ neſes Sache; er allein kann entſcheiden.“ Einen beſſeren Troſt als durch die Staaten erhielten die Maaſtrichter von 2K 252 dem Erzherzog und von Oranien.„Binnen 14 Tagen“ (ſchrieben ihnen Beide)„dürften ſie Entſatz erwarten“; auch zog der Graf Hohenlohe bereits Truppen zuſammen. Als Far⸗ neſe dies erfuhr, beſchloß er, wiewohl von einer todesgefähr⸗ lichen Krankheit noch nicht völlig hergeſtellt, die Stadt raſch durch Sturm zu gewinnen. Neun Mal ward am 28. Juni Sturm gelaufen; neun Mal trieben die Maaſtrichter die Feinde zurück; der Kampf dauerte den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein. Da ermatteten endlich die tapfren Vertheidiger; die Natur verlangte ihren Tribut nach ſo vielen ungewöhnlichen Anſtrengungen. Der Schlaf überſchlich ſie wie ein Verräther, um ſie ſeinem Zwillingsbruder, dem Tode, zu überantworten. Vom Schlaf befangen lagen die Bürger in den Häuſern, die meiſten Wachen auf der letzten Bruſtwehr, welche die Belagerten noch von den Feinden trennte; mühſam rangen einige Poſten mit dem gefährlichſten Feinde, dem Schlummer. Gegen Mor⸗ gen entdeckte dies eine ſpaniſche Rundwacht, und ſchnell erfuhr es Farneſe. Ungeſäumt gab er Befehl, ſich ſo ſtill als möglich den Wällen zu nähern und ſich deren eben ſo ſtill zu bemeiſtern. Pünktlich ward dies ausgeführt. Die Spanier erklimmten den Wall, tödteten die ſchlafenden oder ſchlaftrunkenen Poſten, und drangen nun in die Stadt. Ein gräßlicher Morgen ging ihr auf; es war am 29. Juni 1579. Kaum ſahen die überraſchten Bürger die Feinde in den Straßen, als ſie— weitentfernt, daß Schrecken ihren Muth lähmte,— ihrem Schwure getreu, jede Hand breit Erde ver⸗ theidigten. Aus den Fenſtern, von den Dächern ſchleuderten Frauen und Knaben Steine, Balken, kurz was ihnen gerade zur Hand lag, auf die Feinde; die Männer vertheidigten ſich heldenhaft mit Büchſen, Schwertern, Kolben, Dreſchflegeln. Doch nun nützte kein Widerſtand mehr; dieſer entflammte nur 36 die Mordluſt der Spanier bis zur Raſerei. Glücklich, wer den Tod im Kampfe fand, er entging wenigſtens Mißhandlun⸗ gen und Foltern! So ſtarb der tapfre Schwarzenburg. Wer ſich über die Brücke retten wollte, wurde im Gewühl erdrückt, oder in die Fluthen der Maas hinabgedrängt. Verzweiflungs⸗ voll ſchleuderte da ſo manche Mutter ihr Kind in den Strom und ſtürzte ſich nach. Der ergrimmte Soldat hielt ſich jetzt durch Morden und Plündern für alle Gefahren und Strapatzen ſchadlos, und rächte die gefallenen Kameraden durch brutale Grauſamkeit. Als Alexander Farneſe, noch leidend, von ſpaniſchen Offizieren in einem reich geſchmückten Stuhle zum Triumph in die Stadt getragen wurde, ſah er ſchaudernd den Preis ſeines Sieges,— Trümmerhaufen und Leichenhügel! In der vorher ſo gewerbfleißigen, reichen, blühenden Stadt, welche unter ihren Einwohnern bloß 10,000 Tuchweber gezählt hatte, waren jetzt kaum 300 Bettler noch übrig; an zehntauſend Men⸗ ſchenleben hatte theils die Belagerung, theils der Mord bei der Erſtürmung weggerafft; die Anderen waren bis auf jenen klei⸗ nen Reſt entflohen; faſt nur die Sieger allein machten jetzt die Bevölkerung aus. Aber auch Farneſe hatte während der lan⸗ gen Belagerung ſo viele Soldaten eingebüßt, daß er— zum Glück für die Niederlande— für die nächſte Zeit keine bedeu⸗ tende Kriegsunternehmung wagen konnte. Ueberdies erholte er ſich auch ſehr langſam von ſeiner ſchweren Krankheit; ſeine Truppen, die ſich meiſtens in der Gegend von Roeremonde aufhielten, beunruhigten die Beſatzungen der Staaten in den benachharten Orten. Indeſſen übten die Malkontenten und die Wallonen Feindſeligkeiten, und ſo währte der kleine Krieg fort, verderblicher als ein großer, denn es war— ein Bürgerkrieg! Die walloniſchen Landſchaften hatten während der Belagerung Maaſtrichts und nach derſelben ihre Unterhandlun⸗ gen mit Alexander Farneſe,— die Ausſöhnung mit dem König, d. h. ihre Unterwerfung betreffend,— fortgeſetzt. Der Fall Maaſtrichts verfehlte ſeine Wirkung auf ſie nicht; das Syſtem Farneſes: zu gewinnen und zu imponiren, trug ſeine erſte Frucht. Am 13. September 1579 wurde näm⸗ lich ihre Unterwerfung, begründet auf den Vertrag vom 17. Mai, vom König beſtätigt, zu Mons in Hennegau prokla⸗ mirt. Die Urkunde war in 28 Artikeln abgefaßt, welche die Bedingungen enthielten. Sie beſchränkten ſich im Weſentlichen auf Folgendes: Erſtens auf die Wiederherſtellung und ausſchließliche Herrſchaft der katholiſchen Reli⸗ gion, ſodann auf die Wiederkehr unter den dem König ſchuldigen Geyhorſam, ferner auf die Auf⸗ rechthaltung der Genter Pacifikation, der Brüſſ⸗ ler Union und des ewigen Edikts, endlich auf den Abzug der fremden Truppen binnen ſechs Wochen, ſtatt deren die Staaten eine aus Landeskindern ge⸗ worbene Heeresmacht zu ſtellen hatten; die Erhal⸗ tung der Letzteren ſollte von den Einkünften des Königs, jedoch mit Beiſteuer der unterworfenen Landſchaften, beſtritten werden. Die Anſtellung eines Gouverneurs blieb dem König überlaſſen; einſtweilen ſollte Alexander Farneſe die höchſte Macht behalten. Unter dieſen Bedingungen ſollte auch den übrigen Niederlanden eine Ausſöhung mit dem König von jetzt an binnen drei Monaten offen gehalten bleiben;— gewiß die äußerſte Mäßigung, welche man von Philipps 11. veränderter Politik erwarten konnte, und vielleicht nur deßhalb, weil bei jener Bedingung der religiöſe Punkt, in welchem ſein Lebens⸗ prinzip wurzelte, gewahrt war, weil die erſte Bedingung die Herrſchaft des Katholicismus blieb. 38 Die Beſtimmung über den Abzug der fremden Trup⸗ pen hatte bei Farneſe große Bedenklichkeiten erregt, große Schwierigkeiten gefunden. Bewilligte er ſie, dann mußte er die Hälfte ſeines Syſtems, von dem er ſich den glücklichſten Erfolg verſprach, und alſo auch dieſen ſelbſt aufopfern; dann konnte er voraus ſehen, daß auch ſeine Statthalterſchaft dem Intereſſe des Königs nicht in der Weiſe nützen würde, wie er es wünſchte. Von ſeinen Truppen entblößt, auf welche er ſich verlaſſen konnte, ſah er dann für ſich das traurige Schickſal ſeines Vorgängers Don Juan voraus. Deßhalb hatte er ſich raſtlos bemüht, die Bevollmächtigten der walloniſchen Land⸗ ſchaften von jener Bedingung abzubringen; er hatte ihnen we⸗ nigſtens Modifikationen vorgeſchlagen; aber feſt hatten ſie auf ihrer Forderung beſtanden. Ein direkter Befehl aus Spanien hatte ihn endlich dazu vermocht, nachzugeben, und mit den Wallonen abzuſchließen. Da Philipp II. über den Hauptpunkt, den der Religion, beruhigt war, ſo mußte die Unterwerfung um jeden Preis erkauft werden. Und, war nur dieſe erſt einmal geſichert, ſo konnte man wohl die paſſende Gelegenheit, oder wenigſtens den geeigneten Vorwand abwarten, um— auch die Truppen wieder einzuführen! Die Staaten der übrigen niederländiſchen Provinzen ver⸗ mochten ihren Mißmuth über die allzuraſche Verſöhnung der Wallonen nicht zu verhehlen und warfen den Letzteren mit Bitterkeit ihr)en Wankelmuth vor, der ſich im ganzen Verlauf der Unruhen durch viele Beiſpiele dargethan habe. Dagegen waren auch die übrigen Staaten— mit Ausnahme der Utrech⸗ ter Union,(und, zwar ſtrenger genommen, Hollands und Seelands)— von dem Vorwurf nicht freizuſprechen, daß ſie durch allzugroße Bedächtigkeit und Uneinigkeit, insbeſondere durch allzuängſtliche Rückſichten auf die Form, und— in der 39 letzteren Zeit— durch allzugläubige Hoffnungen auf den Köl⸗ ner Friedenskongreß unendlich viel verſäumt hatten, um ſich nach außen und innenzu ſicher zu ſtellen. So war denn nun, im Gegenſatze zu den nördlichen Pro⸗ vinzen, auch in den ſüdlichen ein entſcheidender Schritt geſchehen. Dort im Norden die offene Losſagung von Spanien, hier im Süden die Wiederunterwerfung! Dort ein neuer Staatskörper mit Beibehaltung der Provin⸗ zialſelbſtſtändigkeit,— hier ein freiwilliges Aufgeben der Na⸗ tionalität, um den Provinzialismus zu retten! Wichtiger als der Abbruch, welcher durch die Trennung der Sache der Frei⸗ heit geſchieht, iſt der Bruch der Nationalität, der nun für immer entſchieden iſt und der ſich noch erweitern wird, ſo wie der katholiſche Süden auch alle übrigen katholiſchen Provin⸗ zen an ſich zieht und ſowie die Begriffe von Hierarchie und Freiheit in den Vorſtellungen der Menge verwachſen. Indem nun der Bruch der Nationalität einmal vorhanden iſt, bleibt es nicht bloß dabei, ſondern es reift auch immer furchtbarer die geheimnißvolle Abneigung zwiſchen beiden feind⸗ lichen Hälften heran, welche endlich bis zur Spitze eines glü⸗ henden Nationalhaſſes hinanſchlägt. Wir finden dies Phänomen auf manchen andern Blättern der Völkergeſchichte. So wie das Volksthum ſich ſpaltet und die Religion die ätzenden Tropfen in die Ritze träufelt, iſt die ewige Todfeindſchaft, man möchte ſagen: der Bruderkrieg unvermeidlich. Das ſlaviſche Volks⸗ thum bietet hierfür einen ſchlagenden Beweis. Die Geſchichte der Niederlande zeigt ſeit der Utrechter Union und der Unter⸗ werfung der Wallonen bis auf den heutigen Tag dieſelbe Er⸗ ſcheinung. Es war ſomit in jenem denkwürdigen Jahre ein erfolg⸗ reicher Wendepunkt eingetreten. Wohl nur wenige von den 40 Zeitgenoſſen ahnten denſelben in dem wilden Chaos der Lokalintereſſen, in der betrübenden Diſſonanz der Stürme, welche ſich aus dem großen Gährungsprozeſſe entwickelt hatten, entwickeln hatten müſſen, und noch länger fortdauerten,— ſo lange, bis endlich die reinen Kriſtallformen frei und ſchön an den Tag kommen konnten. Noch raſete das entfeſſelte demo⸗ kratiſche Element im Süden; noch bäumte ſich das religiöſe, nach langem Drucke elaſtiſch aufſtrebend, gegen den Norden hin, während ſich die Männer zu Köln fruchtloſe Mühe gaben, den Frieden zuſammenzukitten. Wir werden dies Schauſpiel im nächſten Buche aufmerkſamer betrachten. Jetzt wollen wir die mannigfaltigen Scenen der Leidenſchaften in einem Bilde zu⸗ ſammenzuſtellen verſuchen. Den Vordergrund nimmt Gent ein. Da ſteht die wilde trotzige Geſtalt Hembyzes gewaltthätig herausfordernd gegen Jedermann. Noch immer hält er den mächtigen blendenden Schild der Religion vor ſich, aber hinter demſelben hervor zielt er tödtlich gegen Jeden, der ſich ſeiner Alleinherrſchaft entgegenſtemmen will, gleichviel ob Geiſtlicher oder Laie, ob Katholik oder Kalviniſt. Der tüchtige Feldmarſchall der Staa⸗ ten, de la Noue(ein Reformirter) muß vor Hembyzes Eiferſucht aus Gent entfliehen. Anjous Geſandter, der Herr von Bonnivet, entrinnet ihm kaum, indem er in einen Ka⸗ nal ſpringt und ſich ſchwimmend in das Haus des Herrn von Kouwenhoven zwiſchen Gent und Termonde rettet. Hembyzes Argwohn ſieht aus hundert Augen, und hundert Arme für einen ſtehen ihm bei'm Pöbel zu Gebot. Auch Ryhove hat von ſei⸗ ner Eiferſucht zu leiden, aber mit Recht. Der Zwieſpalt zwi⸗ ſchen Beiden wurzelt tief; Ryhove hat dieſelben Anſprüche, wie Hembyze;z ſoll Ryhove, der Kühnere, dem Schlaueren weichen? Schauderhaft iſt der ſittliche Zuſtand in Gent. Nicht 41 genug, daß die Despotie, welche im Heiligenſcheine der Freiheit auftrat, Bürger und Edle verbannt, daß ſie die Stadt halb entvölkert, den Gemeinſchatz ſich angeeignet hat,— ſie hat auch das Vertrauen vergiftet; Freunde und Blutsverwandte ver⸗ rathen ſich wechſelſeits, die Wände haben Ohren und der Schlaf wird zum Verräther im Dienſte des Despoten. Die Flüchtlinge aus Gent eilen zu Oranien hin, ſprechen an ſein Herz, beſchwören ihn, dem gränzenloſen Elend durch ſeine Dazwiſchen⸗ kunft ein Ende zu machen. Dies iſt jedoch nicht möglich, wenn man ſich nicht Hembyzes bemächtigen kann. Der Plan dazu wird entworfen und Ryhove(wie natürlich) betheiligt ſich dabei. Dieſer verſammelt den Magiſtrat und die angeſehenſten Bürger in ſeinem Hauſe, um über die Angelegenheiten der Stadt zu berathſchlagen. Auch Hembyze iſt eingeladen; man will ſich bei dieſer Gelegenheit ſeiner Perſon bemächtigen und ihm die Würde eines Vorſchöffen abnehmen. Schon iſt der ganze Plan auf dem Punkte zu glücken, als einer von den Anhän⸗ gern Hembyzes dieſen ſelbſt davon unterrichtet und den Pöbel aufbietet, welcher den Demagogen aus Ryhoves Wohnung, wo er ſchon ſo gut als gefangen war, wie im Triumphe abholt. Ryhove weiß die Schuld glücklich von ſich abzuwälzen. Aber Hembyze iſt kaum frei, als er ſich auch ſicher zu ſtellen ſucht. Er bringt am 28. Juli Truppen in die Stadt, verän⸗ dert den Magiſtrat und läßt ſich auf's Neue als Vorſchöffe be⸗ ſtätigen: Dennoch wankt bereits ſeine ſtolze Zuverſicht, wenn er an eine Ankunft Oraniens in Gent denkt,— umſomehr, da dieſer an den Magiſtrat von Gent geſchrieben und ſeinen Rath kundgegeben hat, die dortigen Unruhen zu ſtillen. Hem⸗ byze ſucht durch eine weitläufige Druckſchrift die öffentliche Meinung gegen Oranien einzunehmen und dieſen beim Volke zu verdächtigen.„Was ſoll der Prinz hier in Gent?“ 42 Ciſt der Inhalt jener Schrift),„man weiß, daß er es heimlich mit Frankreich hält. Wahr iſt's: er hat das ſpaniſche Joch zerbrochen. Doch warum? Um euch das franzöſiſche auf den Nacken zu legen.“ Der Prädikant Dathenus unter⸗ ſtützt ihn auf der Kanzel, auf der Straße, in den Häuſern, wo und wie er kann. Hem byze fühlt gleichwohl von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde, daß er verloren iſt, ſobald Oranien Gent betritt. Um ſo haſtiger greift er nach den verſchiedenſten Mitteln, um ſich zu behaupten. Er ruft dem Volke alle ſeine Thaten für es in's Gedächtniß; er entwickelt chimäriſche Pläne für Gents Zukunft; eine große, gefürchtete, unantaſtbare Republik, blühend durch Handel und Wohlſtand, ſoll es alle übrigen Städte überſtralen! Alles vergeblich! Hembyzes Glücksſtern erbleicht. Ryhove, an der Spitze der Gegenparthei, ſetzt es durch, daß Oranien eingeladen wird, ſich nach Gent zu bege⸗ ben und dort die Ordnung herzuſtellen. Schon iſt der Tag für Oraniens Eintreffen beſtimmt; ſchon ſind die Anſtalten zu ſeinem Empfang getroffen. Nun verliert der ſtolze Hembyze plötzlich Muth und Beſinnung. Sein zelotiſcher Helfer Da⸗ thenus flüchtet aus Gent. Hembyze verſucht ein Gleiches; ſchon hat er ein Fahrzeug beſtiegen, als ihn ein Schenkwirth findet, ihn feſthält, ihm zuruft:„Nichts da von Flucht! Du haſt uns in den Sumpf geführt, du mußt uns auch heraus helfen oder mit uns zu Grunde gehen,“ und ihn zu tödten droht, wenn er ihm nicht nach Gent zurückfolge. Und mit Gewalt wird der feige Despot hierauf in die Stadt zurück ge⸗ bracht. Am 18. Auguſt 1579 trifft endlich Oranien in Gent ein und legt raſch Hand an's Werk. Er ſchafft den neuen Ma⸗ giſtrat ab, erſetzt ihn durch verfaſſungsgemäße Wahlen und nimmt dem Demagogen die Leibwache ab. Indeſſen verbirgt ſich Hembyze in ſeinem Hauſe vor Oraniens Blicken, aber von ſeinem Verſteck aus haranguirt er den Pöbel und tumul⸗ tuariſch verlangt dieſer von Oranien die Ernennung Hem⸗ byzes zum Oberſten der 25 bewaffneten Kompagnien. Uner⸗ ſchrocken tritt Oranien mitten unter die Haufen der Tobenden und zaubergleich wirkt ſeine hehre Ruhe auf ſie.„Vertritt dieſe Zuſammenrottung die Gemeinde Gents?“ fragt er, ernſt um ſich blickend; da zerſtreuen ſich die Haufen beſchämt, Oranien aber weist das Verlangen des Pöbels entſchieden von der Hand, läßt Hembyze vor ſich bringen und ſtellt ihn zur Rede. Hier⸗ auf verſucht der geſtürzte Demagog zum zweiten Mal die Flucht und diesmal glückt ſie ihm auch. Er entrinnt aus den Nieder⸗ landen in die Pfalz zu Johann Kaſimir, der ihm und dem Prediger Dathenus eine Freiſtätte und einen Gnadenge⸗ halt gewährt. Nun ſucht Oranien das Werk der Ordnung zu vollenden. Die Gefangenen vom Adel waren ſchon im Juni 1579 größtentheils entflohen, einige aber(worunter Cham⸗ pagny) wieder eingebracht worden. Dieſe bleiben denn auch im Gefängniß; die Biſchöfe von Ypern und Brügge bis 1581. Später, aber noch im ſelben Jahre, wird, auf Oraniens Betrieb, der Religionsfriede in Gent angenommen, werden die achtzehn Volkstribunen abgeſchafft und die ein⸗ gezogenen oder ſequeſtrirten Güter den Kirchen ſowie den Laien zurückgegeben. Die Bürger, welche durch Hembyze verbannt worden oder aus Furcht vor ihm geflo⸗ hen, kehrten hierauf zurück. Zu Antwerpen, zu Utrecht, zu Amersfort ſehen wir in dieſem verhängnißvollen Jahre 1579 die Nachſtürme der proteſtantiſchen Reaktion,— tumultuariſche Gruppen auf jenem großen Bilde der Partheiung und Zerrüttung, deſſen Boden die Niederlande ſind, und in deſſen Vorgrund wir Gent erblickten! In Antwerpen vertreibt das Volk die ka⸗ 44 tholiſche Geiſtlichkeit. In Utrecht neue Bilderſtürme! Dort wie zu Amersfort erringen die Proteſtanten das Ueber⸗ gewicht. Auf der anderen Seite bemerken wir die Oppoſition der Katholiken, welche eben ſo kühn, doch nicht überall mit gleichem Erfolge das Haupt erhebt. So bewirkt ſie in Brügge nur den Sieg des proteſtantiſchen Prinzips. Hier erklärt ſich die katholiſche Geiſtlichkeit eifrig gegen die Veröffentlichung der Utrechter Union; die Notablen und die bedeutendſten Gilden treten auf ihre Seite, und die Geiſtlichkeit ſucht nun, durch dieſen Rückhalt noch mehr ermuthigt, das Volk zur Ver⸗ einigung mit den Wallonen, ſomit zur Ausſöhnung mit dem König von Spanien zu ſtimmen. Auch die Regierung des„Freien von Brügge“ ſchließt ſich der katholiſchen Parthei an. Raſch führt dieſer Zwieſpalt zu offener Gewalt; der reformirte Gottesdienſt wird geſtört; ganz Brügge geräth in Aufruhr. Schon nehmen die Katholiken die Regierungsmit⸗ glieder gefangen. Da eilt proteſtantiſches Kriegsvolk aus der Nähe den Glaubensgenoſſen in Brügge zu Hülfe und erringt den Sieg über die katholiſche Parthei. Die Geiſtlichen fliehen, die katholiſchen Kirchen werden geſchloſſen; Oranien, von Gent herüberkommend, ſtellt endlich die Ordnung wieder her. Zur Vergeltung für den Beiſtand, welchen das„Freie von Brügge“ der katholiſchen Parthei geleiſtet, will ſich die Stadt Brügge der Jenem zuſtehenden vierten Stimme für Flandern in der Staatenverſammlung bemächtigen;(die übrigen drei hatten bekanntlich Gent, Brügge und Ypern). Ein neuer Verſuch, die alte Verfaſſung zu biegen oder zu brechen! Karon von Schoonewal weiß dies noch glücklich zu verhindern.— In Brüſſel verſucht Egmonts Sohn, Philipp, aus Eifer für den katholiſchen Glauben, den er bekennt, die Stadt 45 der königlichen Parthei zu überliefern. Am Morgen des 4. Juni bringt er ſeine Reiter nach Brüſſel hinein und führt ſie glücklich bis auf den großen Markt. Inzwiſchen aber ruft der Stadtoberſte Olivier von Tempel die Beſatzung zu den Waffen, bemeiſtert ſich des Hofes und trifft alle Anſtalten ſo gut, daß ſich Egmont plötzlich von ſeinen Freunden in der Stadt abgeſchnitten und den ganzen Tag, ſowie die darauf folgende Nacht von dichten Haufen der Bürger umſſchloſſen ſieht. Bittere Spottreden treffen ihn von allen Seiten.„Kommt Ihr wohl, das Grab Eures enthaupteten Vaters zu beſuchen?“ ruft man ihm zu;„O, wühlt nur ein paar Steine auf und Ihr findet gewiß noch die Spuren ſeines Blutes!“ So von Hohn gefoltert, weint der Sohn des berühmten Egmont bittre Thränen der Scham. Am anderen Tage jedoch läßt man ihn mit den Seinigen und mit allen Bürgern, welche ihn begleiten wollen, frei aus der Stadt abziehen. Beſſere Erfolge dagegen ſehen wir die katholiſche Par⸗ thei in Mecheln und Herzogenbuſch erringen. In Mecheln war am 1. Juni(1579) ein Zwiſt zwiſchen der Bürgerſchaft und der Beſatzung entſtanden, und der Erzherzog ſo wie Oranien hatten die Letztere aus der Stadt gezogen, unter der Bedingung, daß die Bürger eine andere, welche ihnen ſelbſt und den Staaten gleich anſtünde, aufnehmen ſollten. Aber kaum hat die Beſatzung Mecheln verlaſſen, kaum hat die katholiſche Parthei freie Hand, als ſie ihre eigentliche Abſicht an den Tag legt. Der Karmeli⸗ ter⸗Provinzial, Bruder Peter Wolf, tritt an die Spitze ſeiner Glaubensgenoſſen. Der Religionsfriede wird abgeſchafft, der Schultheiß verhaftet, den Flüchtlingen die Wiederkehr in die Stadt verboten. Vergeblich ſenden der Erzherzog, Ora⸗ nien und die Stadt Antwerpen Bevollmächtigte nach Me⸗ cheln, um die Ordnung herzuſtellen. Man nimmt dieſe dori 46 gefangen. Der kühne Mönch, Bruder Wolf, waltet jetzt wie ein Kriegsfürſt in der Stadt, und bringt es in Kürze dahin, daß ſie ſich mit Alexander Farneſe vergleicht und ſich wie⸗ der zur ſpaniſchen Parthei hält.— Herzogenbuſch, welches nur eine ſchwache Beſatzung(von Truppen der Staa⸗ ten) hatte, wurde durch Alex ander Farneſe brieflich einge⸗ laden, ſich mit den Wallonen zu vereinigen; Farneſe baute darauf, daß die Katholiken die Mehrzahl der dorti⸗ gen Bevölkerung ausmachten. Voll Beſorgniß erbitten ſich die Proteſtanten von den Staaten eine Verſtärkung der Be⸗ ſatzung; aber vergeblich. Hierauf verlangen ſie von dem Ma⸗ giſtrat die öffentliche Verkündigung der Utrechter Union. Die⸗ ſer läßt„durch einen Stadtknecht“ ausrufen, daß die drei Mitglieder der Stadt jene angenommen hätten. Die Proteſtan⸗ ten, durch dieſe offenbare Verhöhnung beleidigt, bewirken es endlich durch ernſtes Andringen, daß die ganze Unionsakte, Artikel für Artikel, verkündigt wird. Inzwiſchen entſteht plötz⸗ lich ein Streit zwiſchen den auf dem Markte verſammelten Katholiken und Proteſtanten; es fallen Schüſſe von beiden Seiten, und vierzig Bürger büßen dabei das Leben ein. Auf's Neue verlangen jetzt die Proteſtanten Verſtärkung der Beſatzung und zwei Fähnlein holländiſcher Truppen rücken vor's Thor. Die katholiſche Parthei weigert ſich, ſie ein⸗ zulaſſen;„es ſind“(heißt es)„Freibeuter und Kirchenſchän⸗ der, aus dem verworfenſten Geſindel zuſammengerafft; läßt man ſie ein, ſo fordert man die Spanier gleichſam dazu heraus, die Stadt zu belagern.“ Kurz, jene Truppen müſſen wieder umkehren, nnd nun verlieren die Proteſtanten die letzte Hoff⸗ nung, daß ſie der Gegenparthei das Gleichgewicht halten kön⸗ nen. Sie verlaſſen die Stadt. Herzogenbuſch erklärt ſich hierauf für die Annahme der Friedenspunkte des Kölner Kongreſſes und tritt ſpäter öffentlich zu Alexander Farneſe über. Solch ein Bild der Zwietracht und Verwirrung bietet der Zuſtand der Niederlande in jenem Jahre 1579. Ueberall die heftigen Nachzuckungen der durch den Bruch hervorgebrachten furchtbaren Bewegung; der Gährungsprozeß noch in voller Entwickelung; die Staaten ſchwach, unentſchloſſen, wie in ſchweren Träumen befangen;— während Farneſe alle Waffen der Liſt und Gewalt aufbietet, um in der allgemeinen Verwirrung für das Intereſſe Spaniens neue Eroberungen zu machen! Mit tiefem Schmerz betrachtet Oranien dieſen unglückſeligen Zuſtand und entrüſtet erklärt er endlich den Staa⸗ ten:„er wolle ſich aller ſeiner Aemter begeben, wenn er die Staaten länger ſo rath⸗ und thatlos ſchlummern ſehen müſſe. Die Gefahr ſtehe ſchon vor der Pforte, raſch müſſe und durch⸗ greifend gehandelt werden, um das Vaterland vor dem gewiſſen Untergange zu retten.“ Dieſe Sprache ſchreckt die Staaten endlich aus ihrer Apathie auf; dringend bitten ſie ihn, die ge⸗ meinſame Sache nicht zu verlaſſen, und mit ſeiner gewohnten Umſicht und Thätigkeit entwirft er ihnen raſch einen Plan zur Herſtellung der Kriegsmacht, um mit ziemlicher Wahrſcheinlich⸗ keit günſtigen Erfolges einen Vertheidigungskrieg führen zu kön⸗ nen. Die Staaten erklären ſich damit einverſtanden, obwohl es ſchwierig iſt, die zur Kriegsrüſtung erforderlichen Summen aufzutreiben. Indem nun Oranien inſoweit wenigſtens das Dringendſt⸗Nothwendige beſtellt, überlegt er zugleich reiflich noch fernere weitausſehende Pläne zur Rettung. * 85 ☛ 3 & 80 3 24 2☛ 5 II. Erſtes Kapitel. Als Kaiſer Rudolf II. zu Anfang des Jahres 1579 Frie⸗ densverhandlungen in Betreff der Niederlande in Vorſchlag brachte, berief der Erzherzog Matthias die Generalſtaaten zur Berathung über dieſen wichtigen Gegenſtand, im März nach Antwerpen. Die Generalſtaaten erklärten ſich bereitwillig, Bevollmächtigte nach Köln zu ſchicken, wo der Kongreß ſtatt finden ſollte, und fertigten die Vollmacht am 9. April aus. Als kaiſerliche Kommiſſäre erſchienen auf dieſem Friedens⸗ kongreße die Kurfürſten von Trier und von Köln, der Biſchof von Würzburg und Graf Otto Heinrich von Schwarzenberg; der Herzog von Jülich und Kleve, ſowie der Biſchof von Lüttich hatten gleichfalls Geſandte dahin beordert; der Papſt hatte ſei⸗ nen Nuntius, den Erzbiſchof von Roſſano, Giovanni Battista Caſtagna, als Friedensvermittler geſchickt. Als ſpaniſcher Geſandter kam der Herzog von Terranova, begleitet von dem Grafen Boucquoi und den Räthen d'Aſſonville und Funk. Von Seiten des Erzherzogs und der General⸗ ſtaaten erſchienen der Herzog von Aerſchot, die Aebte von St. Gertrudis und von Marolles, der Propſt von St. Bavo zu Gent, die Ritter und Herren Schets, Meetkerke, van der Myle, Merode, van Goor, und der Rechtsge⸗ lehrte, Doktor Aggeus van Albada; der Wallone Franz von Oignies, welcher gleichfalls zum Bevollmächtigten er⸗ 52 ernannt worden war, aber es mit ſeinen Lanvsleuten Hielt, blieb aus.—*. 5 8 Die erſte Zeit der Verhandlungen verfloß unter weitläufigen Schwierigkeiten, welche man über die Vollmachten der nieder⸗ ländiſchen Deputirten und über das neue Siegel,(einen Löwen, der in der einen Branke ein erhobenes Schwert, in der andern einen Bündel von Pfeilen hielt,) erhoben hatte. Inzwiſchen lag Farneſe vor Maaſtricht und auf dieſem Friedenskongreße ließ ſich nicht einmal— ein Waffenſtillſtand erwirken! Die Deputirten der Staaten ſtellten die erſte Forderung; ſie beſtand darin, daß alle Provinzen jenes berühmte Vorrecht Brabants erhalten ſollten:„dem Monarchen abzuſagen, ſo wie er die Freiheiten des Landes verletze,“ ſodann verlangten ſie, daß in Bezug auf den Gottesdienſt Alles auf dem gegenwärtigen Fuße bliebe; endlich, daß der Erzher⸗ zog ſeine höchſte Würde behalte, welche, nach deſſen Ableben, nur einer ſolchen Perſon verliehen werden ſolle, für die ſich auch die Staaten entſcheiden würden.“ Es ließ ſich voraus⸗ ſehen, daß man von ſpaniſcher Seite auf dieſe Bedingungen nicht eingehen würde, und die Vermittler warfen dabei die Frage auf:„wer ſoll denn, in dem Falle, wenn der Monarch die Landesprivilegien verletzt, zwiſchen ihm und den Untertha⸗ nen Schiedsrichter ſein?“ Die Deputirten der Staaten brachten hierauf andere Bedingungen zum Vorſchein, doch der Herzog von Terranova theilte ihnen die ſpaniſchen mit, welche ſie durchaus nicht annehmbar fanden. Dieſer Staatsmann hatte eine ſchwierige Stellung, da er an ſtrenge Inſtruktionen gebunden war und außerdem noch ge⸗ heime Verhaltungsbefehle zu beobachten hatte. Bei ſeiner An⸗ kunft zu Köln fand er dort Briefe von Alexander Farneſe, welcher ihm anzeigte, daß von Seiten der Staaten wenig Auf⸗ richtigkeit zur Verſöhnung mit dem König vorhanden ſei; Oranien habe ſie bearbeitet und bezwecke, die Separatverſöh⸗ nung der Wallonen zu vernichten, ſowie einen Waffenſtillſtand zu erhalten, zu welchem Ende die Verhandlungen in die Länge gezogen werden ſollten; ſo wolle man Zeit gewinnen, um ſich gegen Spanien gehörig zu rüſten. Farneſe unterhielt mit Terranova einen lebhaften Kourierwechſel, um über den Fort⸗ gang der Verhandlungen mit den Wallonen ſtets im Klaren zu ſein; denn, waren die Letzteren für Spanien dauernd wiedergewonnen, ſo konnte dieſe Macht den Staaten gegenüber im Verlauf des Kongreſſes bei weitem ſicherer auf⸗ treten und ihre Forderungen höher ſteigern. Außerdem achtete der Herzog von Terranova ſowohl auf die weiteren kriege⸗ riſchen Erfolge Farneſes, als auch darauf, ob deſſen geheime Verbindungen in den gegen Spanien feindſeligen Provinzen nicht plötzlich irgend einen Vortheil brächten, den dann Terra⸗ nova auf dem Kongreß raſch und geſchickt benützen könne. Die Staaten beſchwerten ſich bitter über jene geheimen Ma⸗ chinationen, welche den Zweck des Kongreſſes, nämlich die Beendigung der Unruhen, durch den ausgeſtreuten Samen der Zwietracht nur vereiteln mußten. Kurz: die Staaten fingen bereits an, einzuſehen, wie übereilt ſie gehandelt hatten, als ſie, voll Hoffnung und Vertrauens, den Friedenskongreß beſchickten. Es kam noch dazu, daß,(wie Meteren verſichert) Mehrere von ihren Deputirten, nämlich die zwei Aebte von St. Gertrudis und von Marolles, der Propſt zu St. Bavo, Schets und der Herzog von Aerſchot, bereits heimlich zur Vereinigung mit den Wallonen hinneigten, und durch Vermittlung des Herzogs von Terranova dem Könige noch beſondere Vor⸗ ſchläge machten; zwar wies Philipp dieſelben von der Hand, weil— lediglich in ſeinem Intereſſe,(und wohl auch, um Ora⸗ nien Abbruch zu thun)— darin auch auf eine proviſoriſche Religionsfreiheit hingewieſen wurde. Aber immerhin war dadurch eine gefährliche Spaltung der Geſinnungen zwiſchen den niederländiſchen Deputirten vorhanden. Dieſe ließen die Aeuſ⸗ ſerung fallen,„leicht möchten ſich die Staaten mit Anjou vereinigen, wenn man von ſpaniſcher Seite allzuhartnäckig auf den gemachten Bedingungen beſtünde!“ Endlich entwarfen die kaiſerlichen Geſandten neue Frie⸗ densartikel, welche ſie am 18. Juli beiden Partheien vorlegten. Sie enthielten als Bedingungen die Erhaltung der Gen⸗ ter Pacifikation, der Brüſſler Union und des ewi⸗ gen Edikts, ſo wie der Provinzialprivilegien, eine allgemeine Amneſtie, die Entfern ung der fremden Trup⸗ pen, die Wiedereinſetzung aller zur Zeit des ewigen Edikts aktiv geweſenen und ſpäter entſetzten Be⸗ amten, ſodann die Befreiung aller beiderſeitigen Gefangenen, auch des Grafen von Büren, dieſes jedoch unter der zweideutigen Bedingung:„binnen drei Monaten, nach⸗ dem ſein Vater Oranien alle an ihn beſonders geſtellten Be⸗ dingungen erfüllt haben würde,“ ferner die Wiederherſtellung des königlichen Anſehens wie zur Zeit Karls v., die Beſetzung der Generalſtatthalterwürde mit einem Fürſten oder einer Fürſtin von Philipps 11. Hauſe, die Verpflichtung für den königlichen Statthalter: die Lan⸗ desprivilegien zu beſchwören, und die Verpflichtung für's Land; dem Statthalter alle Feſtungen zu überantworten, die Beſetzung der Würden undStel⸗ len mit gebornen Niederländern,— weiterhin das Einbegreifen Anjou's und Eliſabeth's von England in dieſen Vertrag,— endlich in Bezug auf die Religion die Beſtimmung, daß Holland, Seeland und Bommel ſich nach der Genter Pacifikation zu richten, aber den Ka⸗ tholiken alle zur Zeit der Errichtung derſelben von ihnen beſeſſenen Plätze einräumen ſollten, daß in den übrigen Provinzen bloß die katholiſche Reli⸗ gion herrſchen dürfte, aber die Proteſtanten in denſelben,— wiewohl nur proviſoriſch bis auf weiteren Beſchluß des Königs,— ungeſtört leben könnten, ohne freilich ihren Kultus öffentlich ausüben zu dürfen.“ Alles, Vor⸗ ſchläge, die zwar unmittelbar bei dem erſten Ausbruch der Re⸗ volution vielleicht mit Erfolg hätten wirken können, aber, ſo wie die Sachen mittlerweile zu Extremen vorgerückt waren, ganz unzulänglich erſcheinen mußten. Die Deputirten hat⸗ ten den ihnen vorgelegten Entwurf an die Generalſtaaten geſchickt, und ſowohl die kaiſerlichen Geſandten als auch Terranova ſelbſt empfahlen denſelben in beſonderen Zuſchriften den einzelnen Provinzialſtaaten und verſchiedenen Städten. Die Meinungen der beiden Letzteren waren verſchieden. Einige, wie Friesland und die Umlande, verwarfen den ganzen Entwurf. Andere trugen Bedenken über die zweideutige Erledigung des religiöſen Punktes. Alle aber erwiederten: ſie würden ſich nach dem Beſchluſſe der Ge⸗ neralſtaaten richten. Dieſe Letzteren erließen im Auguſt ihre Antwort; ſie war entſchiedener, als man vielleicht erwartet hatte. In Bezug auf die Erhaltung des ewigen Edikts be⸗ merkten ſie, daß Holland und Seeland daſſelbe ja von Anfang an gar nicht angenommen hätten; und, träte es in Kraft, ſo hebe es die eigentliche Bedeutung der Genter Pa⸗ cifikation auf! Was die Ueberantwortung derFeſtun⸗ gen beträfe, ſo würden ſich Holland und Seeland damit wohl nicht einverſtanden erklären. Die beſondere Bedingung, auf welche die Freilaſſung des Grafen von Büren geſtellt worden, ſei ſehr bedenklich; denn ſte beziehe ſich auf einen Vertrag, der— noch gar nicht abſchloſſen ſei. Die Königin von Eng⸗ land und der Herzog von Anjou ſeien zwax in dem Vergleich veinbegriffen,“ aber man vermiſſe für beide, ſo wie für den Erzherzog Matthias beſtimmte Garantieen. In Bezug auf die Religion ergebe ſich aus dem Entwurfe, daß die Proteſtanten außerhalb Hollands und Seelands dadurch noch bei weitem mehr beeinträchtigt würden als durch die Genter Pacifikation, die man doch angeblich— in Kraft erhalten wolle! Schließlich erſuchten die Be⸗ neralſtaaten die Friedensvermittler kaiſerlicher Seits, den Herzog von Terranova zu neuen Bedingungen zu beſtimmen, zu ſolchen nämlich, welche den Namen von Friedensartikeln auch in der That verdienten. Die kaiſerlichen Kommiſſäre hatten bei der ganzen Sache eine ziemlich offenbare Partheilichkeit für Spanien dargethan, deſſen Hauptforderungen die Alleinherrſchaft der katholi⸗ ſchen Religion in den Niederlanden, die unbe⸗ gränzte Unterwerfung unter den König, die Ent⸗ ſetzung des Herzogs Matthias von der Statthalterwürde und die Entfernung Oraniiens aus den Niederlan⸗ den betrafen. Noch immer betrachtete man am ſpaniſchen Hofe Oranien als die Seele der Freiheitsparthei, noch immer haßte man ihn unverſöhnlich, und noch immer ging man zugleich von der Vorausſetzung aus, die ſämmtlichen Niederlande würde man mit leichter Mühe wieder unterwerfen können, wenn man ihn unſchädlich mache. Dieſe Vorausſetzung verieth die Un⸗ kenntniß des ſpaniſchen Hofes über die Entwickelung Her Revo⸗ lution und des Nationalgeiſtes in den nördlichen Provinzen. Dort, wo Oraniens Anſehen wurzelte, hatte es nur in dem Freiheitsdrange des Volkes Wurzel faſſen können, und 71 dieſer Drang hatte jetzt bereits zu einer klaren, unumſtößlichen Erkenntniß geführt, hatte einen neuen Staatskörper begründet, welcher zu ſeinem Fortbeſtand der Exiſtenz einer einzelnen Perſön⸗ lichkeit nicht mehr ſo unumgänglich bedurfte, wenn ihm auch eine ſolche allerdings noch immer höchſt wichtig war. Dies begriff Philipp 11. nicht,— dieſen raſchen Fortſchritt einer Idee zur Begründung einer unbezwinglichen Macht! Konnte er es denn auch begreifen, er, der freilich ſelbſt einer Idee hul⸗ digte, aber einer ſtreng konſervativen, außer welcher es für ihn überhalpt keine gültige gab? Es iſt leichter, dieſen Monarchen nach dem Reſultat ſeines Lebens zu verdammen, als ihm durch das Labyrinth zu folgen, zu deſſen Ausgängen der Schlüſ⸗ ſel in der Tiefe ſeines Herzens lag. Immer ſchroffer treten jetzt die perſönlichen Gegenſätze zwiſchen Philipp II. und Oranien hervor. Philipp hatte in der That jetzt das Aeußerſte gethan, was er nach ſeiner Ueber⸗ zeugung als König dem Prinzen bieten durfte und konnte. Er bot ihm, den er als ſeinen unverſöhnlichen Feind kannte, eine Summe von 100,000 Piaſtern an und die Freiheit ſeines Sohnes; alle Güter und Würden ſollte dieſer(der Graf von Büren) erben; und nur das Einzige forderte Philipp dagegen, — daß Oranien die Niederlande verlaſſen möge! Gerade an dieſer letzteren Bedingung aber mußte jede Hoffnung Philipps ſcheitern; gerade ſie zu erfüllen, konnte ſich nämlich Oranien nicht entſchließen, auch wenn ihn die Staaten nicht ſo dringend um ſeinen ferneren Beiſtand gebeten hätten. Der edlere Menſch bedarf zum Leben nicht bloß der Luft, die er athmet, ſondern auch des benimmten, abgeſchloſſenen Kreiſes, welcher ihm das Ziel ſeines Lebens umfaßt. Dies Ziel, dieſe Bedingung des Lebens war für Oranien die Freiheit der Niederlande. Es iſt begreiflich, daß in Philipps Herzen, ſo wie es die letzte Hoffnung gütlicher Uebereinſtimmung mit Oranien für immer ſchwinden ſah, bei der einmal feſtgewurzelten Ueberzeu⸗ gung, daß dieſer Mann, wie ein Atlas, den ganzen Himmel der Freiheit mit allen ſeinen Sternen allein auf den Schultern trage,— daß jetzt in Philipps Herzen kein andrer Plan mehr Platz finden konnte als der:„Oranien muß unſchädlich ge⸗ macht werden. Er ſelbſt ſtößt die Gnade weg, alſo fordert er mich auf, mich des letzten Mittels zu bedienen. Dies Mittel iſt der Tod! Er iſt mir verfallen, aber er ſteht außerhalb der Gränzen meiner Gewalt. Alſo muß der Mord eine Weihung durch das Geſetz erhalten, und ich als König kann das Verbrechen adeln, wenn es ein taugliches Mittel iſt, um einen guten Zweck zu erreichen.“ Dieſe ganze Folgerung riecht nach dem Moder⸗ duft der jeſuitiſchen Moral; aber für Philipp II. war dieſe ja eine heilige, und wir werden uns bald überzeugen, wie treu ſeine Politik, auf einem religiöſen Wahne fußend, dieſer Moral in Bezug auf Oranien folgte.— Wir kehren nach dieſer Abſchweifung wieder zu dem Kölner Friedenskongreß zurück, der weniger durch ſeine Verhand⸗ lungen als durch die Folgen wichtig wurde, welche ſich an die Fruchtloſigkeit derſelben knüpften. Die Hartnäckigkeit von beiden Seiten mußte endlich auch die Vermittler des fruchtloſen Geſchäftes überdrüßig machen. Sie verließen im November 1579 den Kongreß, nur Schwarzenberg blieb noch in Köln; ebenſo thaten die ſpaniſchen und die niederländiſchen Geſandten. Die Letzteren gaben am 30. November ihr Ultimatum ein. Hierin war— mit beſonderen Ausnahmen— die Aufrecht⸗ haltung der Genter Pacifikation, der Brüſſler Union und des ewigen Edikts zugeſtanden. Die Staa⸗ ten beharrten auf der Entfernung der fremden Trup⸗ pen und zwar für immer. Die in Artois eingenommenen 59 feſten Plätze ſollten zurückgegeben werden, alle Perſonen, aus⸗ drücklich aber Oranien, ſollten in ihre Ehren und Würden, ſowie im Beſitz ihrer liegenden Güter reſtituirt werden. Alle Anſtellungen ſollten bloß mit Bewilligung der Staaten verliehen werden. Alle beiderſeitigen Gefangenen, worunter ausdrücklich auch der Graf von Büren, ſollten freigelaſ⸗ ſen werden, und zwar binnen 3 Monaten vom Datum dieſes Vertrages an. Der Status quo aus der Zeit des Erzherzogs ſollte bleiben. In Bezug auf die Wahl der ſtädtiſchen Obrigkeiten ſollte nach den alten Privilegien verfahren werden. Man wolle dem König gehorſam ſein, nach göttlichem und irdiſchem Recht, in Folge der Genter Pacifikation und dieſes neuen Vertrages. Der königliche Generalſtatthalter müſſe auch den Staaten anſtehen; doch wünſche man, den Erzherzog Matthias zu behalten. Die Feſtungen in Hol⸗ land und Seeland ſollten zufolge der Genter Pacifi⸗ kation bewahrt bleiben, jene in den übrigen Landſchaften unter dem Oberbefehl ſolcher Männer, welche der Erzher⸗ zog und die Staaten dazu beſtellen; jene Feſtungen, welche die Spanier zu räumen hätten, ſeien durch Inländer zu beſetzen, mit Genehmigung des Königs. Die Königin von England und der Herzog von Anjou ſeien in den Ver⸗ trag einzuſchließen. Die Reformirten und Luthe⸗ raner ſollten Freiheit des Kultus genießen in allen Orten, wo ſie ſolche bisher genoſſen,— aber auch der katholiſche ſollte in ſolchen auf gute Bedingungen wieder eingeführt werden. In Beziehung auf dieſe Angelegenheit würden ſich die Generalſtaaten im Beiſein der Bevollmächtigten des Königs alle Mühe geben, um den reformirten Kultus (außer in Holland und Seeland) nach der Genter Pacifi⸗ kation in beſtimmten Schranken zu halten und den katholi⸗ 50 ſchen wenigſtens in einigen Orten Hollands und Seelands wieder einzuführen. Endlich ſollte der König die Privilegien aufrechthalten und ohne Bewilli⸗ gung der General⸗ und Provinzialſtaaten weder neue Feſtungen bauen, noch alte wieder in Stand ſetzen. Außer dieſem Ultimatum hatten die Deputir⸗ ten der Staaten noch geheime Verhaltungsbefehle, in einzelnen Punkten nachzugeben, jedoch in Beziehung auf die Religion durchaus nicht. Aber gerade dies war ja der Punkt, in welchem auch Philipp 1I1. nichts von Nachgiebigkeit wiſſen wollte. Zudem weigerte ſich der ſpaniſche Geſandte, die Verhandlungen fortzuſetzen, da die kaiſerlichen Kommiſſäre bereits abgereiſt waren, und begab ſich bald darauf von Köln nach Bonn. So wurden denn die fruchtloſen Friedensverhand⸗ lungen endlich abgebrochen und zu Anfang des neuen Jahres 1580 beriefen die Staaten ihre Bevollmächtigten von Köln zurück. Aerſchot, Schets, und die drei Geiſtlichen blieben jedoch noch dort, um ihre Ausſöhnung mit dem König zu betreiben. 320,000 Pfund hatte der Kongreß die Staaten gekoſtet. Die nächſte Folge war nun die vollkommene Ausſöhnung Aerſchots und ſeiner Freunde(mehrer bedeutender Perſonen vom Adel,) mit Spanien. Das Beiſpiel des Abfalls von der Sache der Freiheit, welches die belgiſche Ariſtokratie gab, wirkte reißend ſchnell fort, und immer mehr verringerte ſich die Zahl der Katholiken, welche noch für die Freiheit ſtanden. Bis jetzt war es noch das walloniſche Element geweſen, in welchem ſich die Sympathieen für Spanien, vermittelt durch den Katho⸗ lizismus, concentrirt hatten. So wie aber dieſe Vermittlung auch das germaniſche Element in den Niederlanden inficirte, wurde die Sache der Freiheit auf ein immer engeres Terrain 61 zurückgedrängt und befand ſich in größerer Gefahr als jemals gegen die von allen Seiten hereinbrechende Uebermacht. Eine ſolche Gefahr ſchien allerdings zu Anfang des Jahres 1580 durch den Abzug der fremden Truppen beſeitigt zu werden, welcher, gemäß dem Vertrage Farneſe's mit den Wallonen, ſtatt fand. In die Feſtungen, welche bisher ſpaniſche, deutſche und italieniſche Truppen im Dienſte Farneſes beſetzt gehalten hatten, rückten jetzt walloniſche ein; Farneſe behielt bloß eine kleine Anzahl von ausländiſcher Reiterei, aber — die erfahrenen Oberbefehlshaber bei ſich. Aufmerk⸗ ſame Beobachter hätte der letztere Umſtand befremden müſſen; die Wallonen überließen ſich jedoch allzuſehr dem Freudentaumel über die Entfernung der fremden Soldaten, als daß ſie in ſol⸗ cher Aufregung für Mißtrauen hätten empfänglich ſein können. Vielmehr nahm ihr Vertrauen zu Farneſe immer mehr zu, und bald konnte dieſer über ein walloniſches Heer von 35,000 Mann gebieten. Zwar vermochte ihm dieſes die erprobten alten Truppen nicht zu erſetzen; aber für die Niederlande entſprang aus dieſer Umwandlung der Verhältniſſe gleichwohl ein bedeu⸗ tender Nachtheil. Die Wallonen eröffneten die Feindſeligkeiten, MNontigny bemächtigte ſich der Plätze Mortagne und St. Amand; der Herr von Alleines überraſchte Courtray. Die Trup⸗ pen der Staaten dagegen gewannen Nivelles, wo ſie den Herrn von Glimes, und Avennes, wo ſie den Herrn von Noyelles gefangen nahmen; der Feldmarſchall de la Noue eroberte zu Ende März Ninove, wo die beiden Grafen Phi⸗ lipp und Karl von Egmont in ſeine Gewalt fielen. Der letztere erhielt, auf Oraniens Verwendung, bald ſeine Freiheit wieder, der erſtere aber wurde nach Gent und von dort nach 62 dem Schloſſe Rammekens gebracht, wo er fünf Jahre lang in Haft lag. Im April überfiel der Oberſt Olivier von Tem⸗ pel mit engliſchen Hülfstruppen die von den Staaten abgefal⸗ lene Stadt Mecheln. Ein wüthender Kampf tobte in den Straßen; vor allen Kämpfenden ſah man jenen kühnen Kar⸗ melitermönch, Bruder Peter Wolf, dem Feinde die Spitze bieten. Die Hellbarde in der Hand, focht er heldenmüthig bis zum letzten Athemzug. Die ſiegreichen Engländer hausten mit Mord und Plünderung ſo übel in der eroberten Stadt, daß ihre Gräuel an die einſt von den Spaniern zu Antwerpen verübten erinnerten, und wie von der„ſpaniſchen Furie“ ſo ſprach man jetzt von der nengliſchen.“ Raſch wechſelte das Kriegsglück in jenem Feld⸗ zuge und Farneſe vermißte bereits ſchmerzlich ſeine alten Kern⸗ truppen, wiewohl die Eroberungen, welche die Truppen der Staaten machten, nicht bedeutend waren. Dazu kam nun noch ein alle ſeinen Unternehmungen lähmender Geldmangel. Philipp II. hHatte damals ſein Hauptaugenmerk auf die Eroberung Portu⸗ gals gerichtet und dieſe verſchlang ungeheure Summen. Im Mai traf die Staaten ein harter Schlag. Der tapfre La Noue wurde bei Ingelmünſter durch den Burggrafen von Gent beſiegt und gefangen genommen. Zwar bemeiſterten ſich ihre Truppen bald darnach Cim Juni) der Städte Dieſt, Sichem und Aerſchot; auch mißglückte ein Anſchlag des Burggrafen von Gent auf Brüſſel und des Herrn von Selles auf Bouchain. Die letztere Stadt ging jedoch im September, nach einer Belagerung durch Vertrag an die Wallonen über. Im ſelben Monat mißglückte ein Anſchlag Oraniens auf Maaſtricht. Inzwiſchen tönte durch allen Waffenlärm auch die Stimme der Verſuchung; Farneſe war jetzt, da er ſich auf das Waf⸗ fenglück weniger verlaſſen konnte, unermüdlicher als je, die Ge⸗ 63 genparthei durch Stiftung von Zwietracht, durch Anregung zum Abfall zu ſchwächen. So ſuchte er im Oktober Brüſſel zu gewinnen, indem er unter großen Verſprechungen zur Verſöh⸗ nung mit dem Könige rieth und als einzige, leicht zu erfüllende Bedingung das,Verlaſſen Oraniens,„dieſes Urhebers und Haup⸗ tes aller Unruhen,“ bezeichnete. Er erreichte jedoch ſeinen Zweck nicht. Dafür hatte die königliche Parthei im Norden durch den Verrath des Statthalters Rennenberg einen Stützpunkt er⸗ halten, und um dieſen ſich ſogleich ein Krieg entſponnen, durch welchen die Freiheit und der neue Staatskörper ſehr gefährlich bedroht wurden. Rennenberg hatte, wiewohl Katholik, bisher mit Eifer und Tapferkeit für die Sache der Freiheit gefochten. Gleichwohl war er zu ſchwach, um dieſer alle Privatintereſſen zu opfern; auch machte ſich der Einfluß der Religion bei ihm geltend und vielleicht vollendeten der Hinblick auf die Uneinigkeit unter den Staaten in der letzteren Zeit und die Vorausſetzung, daß ſie zu ſchwach ſeien, ſich für die Dauer gegen die Uebermacht zu be⸗ haupten, in ihm den Entſchluß, ſich lieber bei Zeiten mit dem König auszuſöhnen. In dieſer Abſicht hatte er im verfloſſenen Jahre geheime Verhandlungen mit dem Herzog von Terra⸗ nova angeknüpft und unterhalten, welche jedoch ins Stocken geriethen, worauf ſich Rennenberg wieder zur Staaten⸗ parthei hinneigte und im Juni 1579 die Stadt Gröningen durch eine Belagerung gezwungen hatte, ſich für den Erzher⸗ zog, für Oranien und die Generalſtaaten zu entſcheiden und ſich mit den feindlichen Umlanden zu verſöhnen. Dieſer neue Eifer für die Staatenparthei war jedoch von keiner langen Dauer und wurde im Januar 1580 wieder völlig entkräftet. Damals kam nämlich Rennenbergs Schweſter mit ihrem Ge⸗ mahl, dem Baron von Monceaux, nach Koeverden zum Beſuch 64 und wußte ihren Bruder zum Abfall zu überreden; das Heil ſeiner Kirche ſchien dieß als Pflicht von ihm zu fordern. Ob⸗ wohl man nun in Friesland Verdacht zu ſchöpfen begann, ſo kam doch der Verrath nicht ſogleich an den Tag. Rennen⸗ berg wollte ſeiner Verſöhnung mit dem König durch einen wich⸗ tigen Dienſt, den er dieſem erwies, Nachdruck geben und ſuchte, ſo lang, bis alles zur Ausführung ſeines Vorhabens gehörig vorbereitet war, ſogar den ſcharfſichtigen Oranien, der ſich damals zu Kampen befand, zu täuſchen. Sein Plan war, die Stadt Gröningen für den König zu überwältigen. Am 2. März veranſtaltete er dort in ſeinem Hauſe ein fröhliches Mahl, das bis ſpät in die Nacht hinein dauerte. Auch der Bürgermei⸗ ſter von Gröningen, Jakob Hildebrands, ein Reformirter und die Hauptſtütze ſeiner Glaubensgenoſſen, war eingeladen und konnte ſich nicht enthalten, den freundlichen Wirth auf die Gerüchte aufmerkſam zu machen, welche einen Flecken auf deſſen Ehre warfen;„doch,“ fügte er hinzu,„es iſt wohl nicht zu be⸗ ſorgen, daß Seine Gnaden Schlimmes im Schilde führen.“ Da drückte Rennenberg dem Bürgermeiſter die Hand und ſprach, wie gekränkt:„Ihr, den ich wie meinen leiblichen Vater ehre, Ihr könntet Dergleichen von mir argwohnen? Nein! Laßt uns der frohen Stunde ungetrübt genießen, meine werthen Gäſte!“ Nachdem Hildebrands das Mahl verlaſſen hatte, eilte er zu ſei⸗ nen Glaubensgenoſſen und erzählte ihnen, wie herzlich ſich Ren⸗ nenberg gegen ihn benommen habez gleichwohl rieth er allen zur Vorſicht. Kaum aber war Rennenberg allein, als er die letzten Anſtalten zur Ausführung des lang vorbereiteten Anſchla⸗ ges traf. Er rief ſeine Dienerſchaft zu den Waffen und ver⸗ ſtärkte ſie durch Soldaten, die er unbemerkt in die Stadt her⸗ eingebracht und bei ſpaniſch geſinnten Bürgern verſteckt gehalten hatte. Um 5 Uhr wurde die proteſtantiſche Wache abgelöſt und von einem katholiſchen Hauptmann bezogen; ſchnell ließ jetzt Rennenberg Truppen auf dem Markte aufſtellen und die Zu⸗ gänge beſetzen. Dann erſchien er ſelbſt zu Pferde in voller Rü⸗ ſtung, den Degen in der Hand und rief:„Herbei, ihr frommen Bürger! Jetzt erſt bin ich des Königs wahrer Statthalter!“ Um jeden Widerſtand durch Schrecken im Keim zu erſticken, wurden zwei Geſchütze vor dem Rathhauſe aufgepflanzt und ge⸗ laden, die Trompeten geblaſen, die Trommeln gerührt und einige Reiter durchſprengten die Straßen. Siill blieben die angeſehenſten Bürger in ihren Häuſern; doch der Bürgermei⸗ ſter Hildebrands eilte nebſt einigen Proteſtanten unerſchrocken herbei. Er ward erſchoſſen und ſo wie er ſterbend niederſank, ſchwand jede Hoffnung ſeiner Parthei dahin. Ueber 200 Bürger wurden gefangen; die reformirten Prediger flohen verkleidet aus der Stadt. Nun berief Rennenberg die Zünfte, beſetzte den Magiſtrat neu, und ließ die Bürgerſchaft dem König von Spa⸗ nien den Eid der Treue ſchwören. Nicht zufrieden mit dieſem glücklichen Erfolge, verſuchte er unmittelbar darauf, auch die Gröninger Um lande durch freundliche und vielverheißende Worte auf die Seite der könig⸗ lichen Parthei zu bringen. Doch dieſe, von Freiheitsliebe er⸗ füllt, waren taub für alle Ueberredungskünſte. Viel lieber machten ſie mit dem tapfren Hauptmann Johann Kornput, und mit dem wilden Meergeuſen Barthel Entes, die gegen Gröningen heranzogen, raſch gemeinſchaftliche Sache wider die den Umlanden längſt verhaßte Stadt, und Rennenberg ſah ſich in derſelben belagert. Bei dieſer Belagerung, welche bis zum 18. Juni 1580 dauerte, fand Entes vurch einen Schuß den Tod. Rennen⸗ berg vertheidigte ſich mit ſeinem alten Muth und im Juni ſchickte ihm Alex ander Farneſe den Partheigänger Mar⸗ II. 5 66 tin Schenk mit 3600 Mann zum Erſatz. Schenk hatte früher den Staaten gedient und diente jetzt mit gleichem Eifer der königlichen Parthei. Ihn kümmerte weder das Intereſſe der erſteren, noch das der letzteren, ſondern bloß ſein eigenes; er trieb den Krieg als Handwerk, und war Soldat mit Leib und Seele. Sein höchſter Genuß war, die Gefahr aufzuſuchen; taumelnd ſtürzte er ihr oft, vom ſchwelgeriſchen Gelage auf⸗ ſpringend, wie einer wilden, feurigen Geliebten entgegen. Die⸗ ſer Schenk nun zog mit ſeinen gefürchteten Schaaren Gröningen zu Hülfe, ſchlug unterwegs die Truppen der Staaten unter dem Gra⸗ fen von Hohenlohe bei Hard enberg, nicht weit von Zwolle, und nahm am anderen Tage Koeverden ein. Da brachen die Belagerer vor Gröningen auf, und triumphirend zog Mar⸗ tin Schenk in die Stadt, welche der Schrecken der Feinde vor ſeiner Nähe ſo raſch befreit hatte. Zwei Tage darnach, am 20. Juni, rückten Rennenberg und Schenk vor Delfzyl und eroberten es, wie auch zwei Schanzen. Bald darauf wurde Hohenlohe durch Rennenberg auf der Bourtange beſiegt. Das Glück begünſtigte hier im Norden auffallend die Waffen der königlichen Parthei. Nur eine kleine, ſchlecht befeſtigte, mit einer Beſatzung von kaum 600 Soldaten verſehene, zum größtentheil ſogar von ſpaniſch⸗ geſinnten Bürgern bewohnte Gränzſtadt in Over⸗Yſſel, Steen⸗ wyk leiſtete dem tapfren Rennenberg vom Oktober 1580 bis zum 23. Februar 1581 Widerſtand, und zwar unter Leitung des bereits genannten Hauptmanns Kornput. Ein ſeltener Menſch, einer von jenen Charakteren, die durch das Ueberwäl⸗ tigende ihrer Thaten, Worte, Mienen und Blicke eine Zauber⸗ kraft über ihre untergeordneten Umgebungen ausüben. Dabei iſt Kornput eine ächt niederländiſche Natur, derb und tüchtig, kaltblütigentſchloſſen, unverwüſtlich in Ausdauer, während ihm 67 das Schlagwort immer zu rechter Zeit, immer national, zün⸗ dend, hervorblitzt. Hier nur einige charakteriſtiſche Züge zu ſeinem Bilde! Sein erſtes Geſchäft in Steenwyk iſt, daß er die Soldaten um ſich verſammelt und ſie ſchwören läßt:„nie von Uebergabe zu reden.“ Und jeder gelobet, den nächſten be⸗ ſten Kameraden, der dies Wort über die Lippen bringen würde, niederzuſtoßen.— Die Bürger Steenwyks ſchreiben an die Staaten und erbitten ſich von dieſen Hülfe, weil ſie ſich gegen Rennenbergs Uebermacht nicht halten zu können glauben. Als Kornput dies erfährt, erklärt er dagegen:„Es iſt nicht wahr! Wir bedürfen der Hülfe nicht!“ Hiezu noch ein Beweis, wie ſein Geiſt auch die unter ihm ſtehenden Soldaten beſeelte! Ren⸗ nenberg läßt eine mit Brennmaterialien angefüllte Tonne vor ein Thor Steenwyks wälzen, um die Fallbrücke in Brand zu ſtecken. Da läßt ſich ein Soldat mit einem Waſſereimer am Walle herab, ſchwimmt durch den Graben, löſcht während die feindlichen Kugeln um ihn ſauſen, den Brand, ruft dann den Feinden zu: Ich bin der Brauersſohn Aart von Gröningen,“ ſchwimmt ruhig zurück und erreicht glücklich wieder den Wall.— Rennenberg fordert die Stadt auf, ſich ihm für den König zu ergeben; Leib und Leben, Hab und Gut ſollen ihnen geſichert ſein, und die Beſatzung frei abziehen. Die Antwort darauf heißt: „Wir bewahren Steenwyk für den König, aber unter der Ver⸗ waltung der Staaten und des Prinzen von Oranien.“— Als die Gefahr dringender wird und die Bürgerſchaft abermals die Staaten um Erſatz angeht, ſchreibt Kornput dieſen:„Noch iſt's nicht ſo weit. Uebereilt euch nur nicht.“— Rennenberg läßt die Stadt mit glühenden Kugeln beſchießen und die kleinmüthige Bürgerſchaft will die neuen Vergleichsvorſchläge des Feindes we⸗ nigſtens anhören.„Nichts da,“ entgegnet Kornput,—„eine Jungfrau, die auf den Buhler hört,— iſt ſchon keine mehr.“ 68 — Da rotten ſich die Bürger erbittert zuſammen und ver⸗ langen trotzig die Uebergabe. Plötzlich tritt Kornput unter ſie, und erwiedert einem Fleiſcher, der ihn fragt:„Was ſoll denn aber aus uns werden, wenn Hungersnoth einreißt?“ ganz kalt⸗ blütig:„Dann ſpeiſen wir dich, du Schuft, und deines Glei⸗ chen,“ und die Menge zerſtiebt.— So gelang es dem ſeltenen Manne, der Uebermacht des Feindes zu trotzen, bis die Staaten endlich doch nicht länger ſäumten, Anſtalten zum Entſatze Steen⸗ wyks zu treffen; die Oberſten Norrits und Sonoy eilten herbei, um es vor Allem mit Mundvorrath zu verſehen; denn ſchon meldete ſich in Steenwyk die Hungersnoth mit ihrem gan⸗ zen Gefolge von Schrecken. Auch jetzt erprobte Kornput wieder die Zauberkraft des rechten Schlagworts. Drei Wachteln flogen eines Tages über den Markt und zwar ſo niedrig, daß man ſie mit den Händen greifen konnte.„Seht, ihr Kleingläu⸗ bigen!“ rief Kornput;„drei— eine heilige Zahl! In drei Wochen, wird der dreieinige Gott euch ſpeiſen, wie einſt die verzagenden Juden in der Wüſte!“ Dieſe Deutung wirkte; die Muthloſen ſchöpften friſche Hoffnung, und wirklich brachte Nor⸗ rits, der ſich auf einer Anhöhe vor der Stadt gelagert hatte, am 22. Februar 1581 den Belagerten Proviant. Am andern Tage zog Rennenberg, welcher die Hoffnung, Steenwyk zu erobern, aufgegeben hatte, mit ſeinem Heere ab, und nun lächelte das Glück den Truppen der Staaten wieder; Kuinder, Lem⸗ mer, Slooten und Staveren fſielen in ihre Gewalt; Rennenberg verlor eine gemachte Eroberung nach der an⸗ dern und ſah ſich endlich genöthigt, ſich nach Gröningen zu⸗ rückzuziehen, wo er im Juli 1581 ſtarb, nachdem er, wie es heißt, in den letzten Augenblicken ſeines Lebens ſeinen Abfall von der Sache der Freiheit ſchmerzlich bereut hatte. Die von ihm be⸗ klidete Statthalterſchaft verlieh Farneſe dem Spanier Verdugo. 69 Wir haben hier, in gedrängter Ueberſicht, den Verlauf der Kriegsereigniſſe im Norden zuſammengefaßt. Ungeſtört kön⸗ nen wir jetzt die innere Entwickelung der im Kampf gegen Spanien verharrenden Niederlande verfolgen. Ihre Lage war, ſeit den fruchtloſen Verhandlungen zu Köln, eine ſehr bedenk⸗ liche geworden. Im Süden die von der gemeinſamen Sache abgefallenen Wallonen, inmer ſchlagfertig, und faſt noch er⸗ bitterter als die Spanier ſelbſt gegen die übrigen Niederländer; — im Norden der neue Kampf;— überall vielleicht neuer Verrath zu befürchten;— wer konnte das Umſichgreifen des Abfalls, wer die fortzeugende Kraft des katholiſchen Prinzips ermeſſen?— im Schooße der Städte religiöſe Gährungenz — bei den Generalſtaaten Zwiſt;— der Erzherzog ohne Macht und Anſehen;— die Finanzen in Verlegenheit! Was blieb unter ſolchen Umſtänden zu thun? Sollte man ab⸗ warten, bis Spanien eine Provinz um die andre wieder an ſich geriſſen? Oranien war's, der im Stillen ſolche Fragen an⸗ ſtellte, und er verkannte dabei, ungeachtet aller ſeiner Thatkraft und Thatluſt, doch die ſchwierige Stellung nicht, welche er ſelbſt einnahm. Faſt nur auf Holland und Seeland konnte er feſt rechnen, daß ſie ihm u ubedingtes Vertrauen ſchenkten; und ſelbſt in dieſen Provinzen bemerkte er in einigen Orten, wie z. B. Middelburg, verdrießliche Spannungen aus Lokal⸗ rückſichten. Betrachtete er die übrigen, beſonders die ſüdlichen, katholiſchen Provinzen, ſo konnte er ſich nicht verhehlen, daß bei der Verſchiedenheit der Religion die Eiferſucht der Ariſtokra⸗ tie ſeinen redlichen Abſichten ſtets Hinderniſſe in den Weg legen würde; hatte er ja doch deren Intriguen ſchon erprobt! Und nun noch dazu ein Alexander Farneſe im Hintergrunde, ausgerüſtet mit ſo viel Menſchenkenntniß und Politik, mit ſo vielen gewinnenden Gaben! Oranien erkannte nur einen ein⸗ zigen Ausweg, nämlich: die Herrſchaft über die Nieder⸗ lande einem fremden Fürſten anzutragen. Auch die Staaten hatten ſich mit dieſer Idee wieder befreundet und beriethen ſich darüber zu Anfang des Jahres 1580 in Antwer⸗ pen. Nur drängte ſich jetzt die alte Frage wieder auf, an wen man ſich wenden ſollte, ob an Frankreich, oder an Eng⸗ land? Die Gründe für wie gegen das Eine und das Andre machten ſich auf's neue geltend; dringender als je ſchien für Frankreich die Rückſicht zu ſprechen, daß die größte Gefahr von den walloniſchen Provinzen im Süden kam. Vergeblich widerriethen die katholiſchen Deputirten den Vorſchlag des gänz⸗ lichen Abfalls von Spanien und regten, für den äußerſten Fall, lieber die Konſtituirung einer gänzlich unabhängigen Republik an. Die Proteſtanten hatten die Majorität und Oranien wies alle Blicke auf den Herzog von Anjon hin, der ja bereits früher den Titel eines„Beſchützers der Niederlande“ angenom⸗ men habe, und welcher ſogar die Verbindung mit der Königin von England, wovon ſchon im Jahr 1579 die Rede geweſen war, hoffen könne. Jedenfalls aber mußten durch die Ueber⸗ tragung der Herrſchaft an eine fremde Macht wenigſtens die Anſprüche Spaniens für immer vernichtet werden; und dies ſchien für den Augenblick ſchon der größte Gewinn. Für die Erhaltung der inneren Selbſtſtändigkeit ſuchte man ſich dann durch möglichſt ſcharf abgegränzte Bedingungen für immer ſicher zu ſtellen. Die betreffenden Verhandlungen wurden denn mit Anjou angeknüpft und unterhalten. Ein neuer Beweggrund für Philipp II., ſeinen Entſchluß gegen Oranien, den er für die Seele jener Verhandlungen hielt, auszuführen. Intereſſant ſind die Verhandlungen, welche Philipp II. darüber mit Alexander Farneſe pflog; unverkennbar zeigt ſich darin die geheime Abſicht des Erſteren, den Letzterer bei der Ausfüh⸗ rung des unwiderruflichen Beſchluſſes zu Oraniens Verderben näher zu betheiligen. Schon am 30. November 1579 ſchrieb Philipp 11. von Madrid aus an Farneſe und entwickelte dem⸗ ſelben alle Gründe ſeines Haſſes gegen Oranien.„Man müſſe mit allen erdenklichen Mitteln gegen dieſen Mann Krieg führen, und Jedermann bemerkbar machen, daß der Krieg ganz allein Oranien gilt und durch ihn verſchuldet iſt; dieß müſſe man, um ihn verhaßt zu machen als einzige Urſache aller Lei⸗ den, die das arme Volk zu erdulden hat.“ Im Verlauf dieſes Schreibens weihte der König ſeinen Neffen Farneſe in den Plan gegen Oranien ein.„Es dünke ihm gut,“ fuhr er fort,„daß, abgeſehen von dem unter Alba gegen Oranien erlaſſenen Straf⸗ urtheile, jetzt noch eine beſondere Aechtung gegen Letzteren ergehe. Endlich halte er es, im äußerſten Falle, für nöthig, um das Land von einem ſo höchſt gefährlichen Menſchen zu be⸗ freien, einen Preis auf deſſen Kopf zu ſetzen. Farneſe möge die königlichen Vorſchläge dem Rath an ſeiner Seite zur Ausführung von deſſen Seite übergeben. Alles würde wohl um ſo weniger einem Anſtand unterliegen,„da man ja wiſſe, daß Oranien meuchelmörderiſche Anſchläge auf Alba, Don Juan und⸗Andere unternommen habe.“— Und„An dere!“ Es ſcheint in der That: Philipp wollte, daß Farneſe— ſich ſelbſt unter dieſen„Anderen“ verſtehen und ſich veran⸗ laßt fühlen müſſe, zur eigenen Sicherheit den Abſichten des Königs die Hand zu leihen, während der letztere dann die Ge⸗ häßigkeit einer blutigen That von ſich abwälzen könnte! Farneſe theilte dem Rathe das königliche Schreiben mit, und da daſſelbe nicht gebilligt wurde, ſo meldete er dies dem Monarchen am 28. Januar 1580. Indeſſen war es Philipp IiI. nicht um ein Gutachten oder eine Billigung deſſen zu thun, was er längſt feſt beſchloſſen hatte. Er verlangte, in einem Brief an Farneſe 72 (vom 3. März) eine beſtimmte Erklärung. Bevor er dieſe er⸗ hielt, nämlich ſchon am 15. März unterzeichnete er das Edikt gegen Oranien und am 1. Mai befahl er ſeinem Neffen,„ſo ſchnell als möglich“ die Achtserklärung zu publiciren. Farneſe ſah nun, daß hier nichts übrig blieb als zu gehorchen und pu⸗ blicirte denn das Manifeſt Philipps, von Mons aus, am 15. Juni 1580, in einem Circular an die Statthalter und Provin⸗ zialräthe, mit ausdrücklicher Berufung auf den beſtimmten Wil⸗ len des Monarchen, dem er gehorchen müſſe. So erſchien denn die mit allen ſtolzen Titeln Philipps II. prunkende und mit dem großen Siegel bekräftigte Achtserklärung gegen den Prin⸗ zen von Oranien. Philipp, von Gottes Gnaden König von Kaſtilien, Leon, Arragon, Navarra, Neapel, Sieilien, Ma⸗ jorka, Sardinien, der Inſeln Indiens und des Feſtlandes im Ocean, Erzherzog von Oeſterreich, Herzog von Burgund, Loth⸗ ringen, Brabant, Limburg, Luxemburg, Geldern und Melanen, Graf von Habsburg, Flandern, Artois, Burgund, Hennegau, Holland, Seeland, Namur und Zütphen, Fürſt von Schwaben, Markgraf des heiligen römiſchen Reiches, Herr von Friesland, Salins, Mecheln, Stadt und Landen Utrecht, Over⸗Yſſel und Gröningen, Gebieter in Aſien und Afrika. Philipp II. verrieth durch die Achtserklärung„Allen, welche dieſelbe ſehen würden,“ daß er vor einem Manne auf Erden zittre, nämlich vor Oranien. Konnte er dieſem einen größeren Triumph berei⸗ ten? Er verrieth ſeine Furcht nicht durch den Schritt ſelbſt, den er that; ſondern vornämlich durch die Art, wie er dieſen ein⸗ leitete, durch die Gifttropfen der Proſtitution, die er bedächtig in die Einſchnitte der Proſkription zählte; er verrieth ſeine Furcht, indem er das Verbrechen adelte, wenn ihn dieſes von ſeiner Furcht befreien würde. Wir müſſen uns darauf beſchrän⸗ ken, aus dem ſehr weitläufigen Inhalt der Achtserklärung bloß 73 die charakteriſtiſchen Punkte hervorzuheben. Das Centrum der Beſchuldigungen bildete begreiflicherweiſe die feſtgewurzelte Idee, daß Oranien der allein ige Urheber des Ab⸗ falls der Niederlande ſei. Dieß Verbrechen wurde nun zunächſt durch eine Reihe von Vorwürfen und Nebenumſtänden in ein grelleres Licht geſtellt, welches Oraniens ſittlichen Charakter in voller Gehäßigkeit beleuchten ſollte. Der Un⸗ dank ſtand an der Spitze jener Neihe; wie viele Gnaden, Auszeichnungen und Wohlthaten hätten ihm,(hieß es in dem Manifeſt) Kaiſer Karl V. und Philipp II. ſelbſt erwieſen,— und wie ſchnöde habe Oranien dieß vergolten! An den Vor⸗ wurf des Undanks ſchloß ſich der ſchwerere der Felonie gegen den Lehensherrn, und der lächerliche, daß Oranien, als ein Fremdling in den Niederlanden, ſich ſo verbrecheriſcher Ein⸗ griffe habe ſchuldig machen können. Die Vorwürfe der Heu⸗ chelei und des Meineids, des Intriguirens gegen alle Friedens⸗ und Verſöhnungsverſuche, der Ketzerei und der Angriffe gegen den Katholizismus hingen damit zuſammen. Dazwiſchen wanden ſich ſchlangengleich die giftigſten Angriffe auf Oraniens Sittlichkeit; und vor allen ſprang die Beſchuldigung des Ehebruches hervor; noch bei Lebzeiten ſeiner Gemahlin Anna von Sachſen habe ſich Oranien mit einer anderen Frau verbunden,— was ſchon an und für ſich ein Frevel, dadurch noch beſonders ruchlos ſei, daß die Per⸗ ſon, welche er ſeine dritte Gattin nenne, eine geweihte Äb⸗ tiſſin geweſen ſei. Alle dieſe Vorwürfe erhielten durch Schimpf⸗ worte, die wunderlich klangen aus dem Munde des„Gebieters in Europa, Aſien, Afrika und Amerika,“ noch ein eigenthümli⸗ ches Relief. Philipp II. bezeichnete Oranien— als einen argen Tyrannen, als die Peſt der Chriſtenheit, als den Feind des Menſchengeſchlechtes, als einen Kain 74 und Judas Iscarioth! Der Haß leerte ſeine ganze Rüſt⸗ kammer von Worten, die gleich zündenden Pfeilen den Abſcheu der Tugendhaften und den Fanatismus der Gläubigen entflam⸗ men ſollten; dieſe impertinente Rhetorik, die ſich ſelbſt zu über⸗ taumeln ſchien, rannte gleichwohl auf einer klug vorgezeichneten Bahn, und ſtellte ſich an, als höbe ſie erſt im Lauf unterwegs die Steine auf, die ſie wider den Feind ſchleuderte. Am Ziele der Bahn ſtand das Urtheil des Königs über Oranien, und ein weithinſchimmernder Blutpreis ſollte die verworfenſten Schurken anlocken, den mächtigen König von ſeiner Furcht zu erlöfen. Kann ein Monarch ſich tiefer erniedrigen? Oranien iſt als ein Verräther(ſo hieß es am Schluſſe des Manifeſtes) in die Acht erklärtz alle ſeine liegenden Güter verfallen. Nie⸗ mand ſoll mit dem Geächteten handeln, verkehren und ſprechen; niemand ihn aufnehmen und beherbergen, ihm Speiſe und Trank reichen, ihm beiſtehen in der höchſten Noth,— alles bei höchſter Ungnade und ſcharfer Ahndung. Binnen Monatsfriſt ſoll, bei Verluſt von Adel und Ehre, Gut und Leben, jeder Freund und Anhänger ihn verlaſſen, auf daß Oranien, geächtet und vogel⸗ frei, jedermanns Hand preisgegeben ſei. Wer ihn lebendig oder todt überliefert, ſei es ein Fremder oder ein Unter⸗ than des Königs, ja wer ihn tödtet, ſoll ſogleich nach ge⸗ lungener That für ſich oder ſeine Leibeserben eine Summe von 25,000 Goldkronen erhalten, ſei es baar oder den Werth in Ländereien, nach des Mörders Belieben; ſoll, hätte er frü⸗ her auch die ſchwerſten Verbrechen begangen, da⸗ für völlige Verzeihung erhalten, und, wenn er nicht von adeliger Abkunft iſt, mit allen denjenigen, die ihm zum Werke die Hand geboten haben, in den Adelſtand erhoben werden. Oranien hatte durch ſeine geheime Verbindungen in Spa⸗ nien von dem über ihn verhängten Schlag bereits früher Nach⸗ 75 richt erhalten, als derſelbe wirklich gefallen war. Jetzt, da das Letztere geſchehen war, theilte er die Achtserklärung in Abſchriften den Staaten von Holland und Seeland mit, in der doppelten Abſicht, daß eine Antwort darauf im Namen der Staaten ausgehen möchte und daß dieſe ſeine Leibwache verſtärkten. Wenn er auch der Liebe des Volkes in Holland und Seeland verſichert war, ſo mußte er den⸗ noch größere Sorgfalt anwenden, da der Preis auf ſein Leben für Schurken aus der Ferne zu lockend, da das Verdienſtliche des Ketzermordes für blinde Fanatiker zu hinreißend war. Gerne bewilligten ihm Holland und Seeland eine Verſtär⸗ kung ſeiner Leibwache auf Koſten der engeren Union. Was aber Oraniens Wunſch betraf, daß die Staaten darauf ant⸗ worten möchten, ſo gingen ſie nicht darauf ein; dies ſtünde ihm ſelbſt zu, meinten ſie; die den Staat betreffenden Punkte könne man ja eigens widerlegen. Oranien beauf⸗ tragte nun ſeinen franzöſiſchen Hofprediger Peter de Villers, eine Rechtfertigung(„Apologie“) aufzuſetzen, und ließ die⸗ ſelbe, als ſie vollendet war, am 13. Dezbr. den Staaten zu Delft vorleſen. Am 17. erfolgte der Ausſpruch der Letzteren: „Mit Unrecht ſei Oranien in die Acht erklärt worden und ſeine Berufung auf ſie erkännten ſie als wahr an.“ Schlüßlich erſuchten ſie ihn,„ſeine bisherige Stellung auch ferner einzu⸗ nehmen.“ Oranien ſchickte die„Apologie“, in verſchiedenen Ueberſetzungen an die bedeutendſten Fürſtenhöfe der Chriſtenheit. Scharf und treffend war dieſe Widerlegung. Spanien blieb die Antwort darauf ſchuldig; ſei es, weil es den Prinzen von Oranien nicht der Lüge zeihen konnte, ohne ſelbſt die eigene Lügen⸗ haftigkeit zu verrathen,— ſei es, um durch das Stillſchweigen Ora⸗ nien ſicher zu machen und dann mitten in der Sicherheit um ſo gewiſſer zu vernichten. Unzweifelhaft mußte gerade dieſe„Apo⸗ logie“ Philipps Grimm auf's neue ſtacheln, und, hätte in einer Sekunde ein menſchliches Gefühl in ſeiner Bruſt den Ge⸗ danken an Gnade aufkeimen laſſen, dieſen unwiderbringlich ver⸗ ſcheuchen. Lebhaft fühlte dies Oraniens Freund, St. Alde⸗ gonde, als er in Frankreich, wo er ſich wegen der Unter⸗ handlungen mit Anjou befand, die Apologie las.„ZJetzt iſt der Prinz ein todter Mann“, rief er ahnungsvoll aus. Da die Apologie Oraniens unſtreitig für dieſen ſpäterhin ſehr verhängnißvoll nachwirkte, ſo gebührt ihrem weſentlichen Inhalt hier ein Platz. Dies merkwürdige Dokument in ſeinem ganzen Umfang mitzutheilen, verbietet uns die allzugroße Aus⸗ dehnung deſſelben; es umfaßt in den Beilagen authentiſcher Aktenſtücke zu Bor's Geſchichtswerk nicht weniger als 32 Folio⸗ ſpalten. Der Ideengang der Apologie war folgender:„Wohl hat Oranien von Kaiſer Karl V. Gnaden und Ehren empfan⸗ gen; doch werden dieſe wohl durch die wichtigen Dienſte auf⸗ gewogen, welche Oraniens Vorfahren, welche er ſelbſt dem Hauſe Oeſterreich erwieſen? Dem Könige Philipp aber war Oranien zu keinem Dank verpflichtet; Macht, Ehren und Titel, mit großen Koſten verbunden, das goldne Vließ, deſſen Privilegien bei ihm, wie bei Egmond, Hoorn und Anderen ſo ſchändlich verletzt wurden, könne ſich Oranien dies Alles als „Wohlthaten“ anrechnen laſſen? Alle jene Herrſchertitel, mit denen der Name Philipps II. an der Spitze des Manifeſtes prunkt,— Philipp beſäße ſie ja gar nicht, hätten nicht Oraniens Ahnen ſie erringen helfen, bevor dieſer Philipp, der den Prinzen jetzt einen Verräther ſchilt, noch geboren war! Philipp wagt es, Oraniens geſetzmäßig eingegangene dritte Ehe zu brandmarken, Philipp, der mit der Tochter ſeiner Schweſter vermählt, ſeine Gattin Iſabella von Frankreich und ſeinen Sohn Karlos ermordet, Philipp der ſeine Bulerin 77 Donna Eufraſia dem Prinzen von Ascoli zur Frau aufgedrängt, ſeinen Baſtard dieſem als Sohn untergeſchoben?“(Ueber dieſe Punkte konnte ſich die Apologie allerdings nur auf Gerüchte ſtützen, deren Ungrund ſich heutzutage größtentheils ausge⸗ wieſen hat; damals aber waren dieſe Gerüchte bei der öffent⸗ lichen Meinung beglaubigt).„Uebrigens fand die Eheſcheidung Oraniens“(ſo heißt es in der Apologie weiter)„mit Be⸗ willigung der Verwandten Anna's von Sachſen ſtatt, und ſeine jetzige Gemahlin hatte nie ein Kloſtergelübde abgelegt, oder höchſtens vielleicht in zarteſter Kindheit, alſo jedenfalls bloß ein ſolches, das ſie nicht binden konnte. Einen Fremdling in den Niederlanden nennt man Oranien! Warum? Weil er dort nicht geboren wurde? Dies iſt wahr; aber wenn Oranien deßhalb als Fremdling betrachtet wird, ſo muß daſſelbe wohl auch für Philipp gelten, der gleichfalls kein geborner Nieder⸗ länder iſt. Geboren iſt Oranien in Deutſchland, mit welchem Reiche die Riederlande natürliche Freundſchaft und Einigkeit erhalten; das Haus Naſſau beſaß von alten Zeiten her in Brabant, Flandern, Luxemburg und Holland bedeutende Be⸗ ſitzungen, und man rechnet in den Niederlanden Beſitzer von dortigen Grafſchaften und Herrlichkeiten, wenn ſie die Seite des Landes halten, zu den Einheimiſchen. Als Philipps Ahnen bloß noch Grafen von Habsburg waren und im Schweizerlande ſaßen, waren die Naſſauer ſchon Grafen von Geldern.— Will Philipp nochmals erfahren, wer die Unruhen in den Niederlanden angeſtiftet? Nicht Oranien war's, ſondern Phi⸗ lipps eigenes Herz, dieſen Landen feindſelig von jeher, die Verkehrtheit der ſpaniſchen Politik war's, die freche und blutige Verhöhnung der niederländiſchen Nationalitäat. Wahr iſt's: Oranien hat ſich des unterdrückten evangeliſchen Glaubens und der Proteſtanten warm angenommen; wahr iſt's: er und die mit 78 ihm gleich Geſinnten haben es dahin gebracht, daß die Staaten auf die Entfernung der Spanier drängten; wahr iſt's: er wußte um das Kompromiß und billigte es. Aber alles dieſes rechnet ſich Oranien nicht als Verbrechen, ſondern zur Ehre an; denn er that's fürs Wohl des Vaterlandes. Man nenne ihn immer⸗ hin einen Ketzer; ward Chriſtus doch ein Samariter geſcholten! Zu den Tempelſchändereien und Bilderſtürmen hat Oranien nie gerathen, nie hat er ſie gebilligt; wer wüßte das in den Nie⸗ derlanden nicht? Wer erinnerte ſich der Schmähungen nicht, die er, eben wegen ſeiner Mißbilligung jener Exceſſe, von der exaltirten Gegenparthei erdulden mußte? Philipp wirft dem Prinzen von Oranien vor, daß er die Waffen gegen ihn ergrif⸗ fen! Zwang ihn Philipp nicht dazu, da er ihm ſeinen Sohn und ſeine Güter raubte, da er ſeine Ehre antaſtete? Uebrigens durfte es Oranien nicht bloß, er mußte es auch als Mit⸗ glied der Staaten von Brabant, da man von ihm verlangte, Land und Volk zu beſchützen. Was die Aufhebung des katholi⸗ ſchen Gottesdienſtes in Holland und Seeland betrifft,— die Staaten beider Provinzen würden denſelben geduldet haben, hätte nicht die Verrätherei einiger geiſtlicher und anderer Perſo⸗ nen ſie zum Gegentheil gezwungen. Ganz Niederland weiß, welcher fremde Tropfen in Oraniens Blute die Intoleranz iſt; wie käme er nun dazu, katholiſche Prieſter zu mißhandeln, zu ermorden, was ihm Philipp zur Laſt legen will? Was den Vorwurf des Intriguirens gegen Friedens⸗ und Verſöhnungs⸗ Verſuche betrifft,— wer hat denn eigentlich die Genter Paci⸗ fication gebrochen, Oranien oder Don Juan? Und verdienten wohl die Verhandlungen zu Köln den ſchönen Namen des Friedens, dieſe Verhandlungen, welche von ſpaniſcher Seite nur die Zerrüttung, nur das ſichere Verderben der Niederlande bezweckten? Falſchheit und Verſtellung legt man Oranien zur Laſt! Aber war das vielleicht Verſtellung, daß er bei Zeiten vor künftigen Mißhelligkeiten warnte? Eben ſo wenig darf man es ihm dann zum Vorwurf machen, daß er, nachdem keine Warnung genützt hatte und als das Gemeinwohl ſeinen Arm verlangte, dieſen ehrlich zum Kampfe hergab. Eines ewigen Argwohns und Mißtrauens zeiht man Oranien, und„ ein bö⸗ ſes Gewiſſen, wie Kain Judas es hatten, ſei der Grund da⸗ von“, ſagt man. Doch, es iſt etwas ganz anders, an Gott verzweifeln, als— ſchlechten Menſchen mißtrauen, die an den Mauren in Granada, die hier zu Lande an Egmonts und Hoorns blutigen Häuptern Beweiſe gegeben, wie ſie das Ver⸗ trauen zu lohnen verſtehen, und die in dieſer Achtserklärung ſelbſt vor aller Welt ihr Gewiſſen brandmarkten wie Iscarioth, die wie Kain verzweifeln und die wie Saul von Gott verwor⸗ fen ſind. Zum Vorwurf macht man es Oranien, daß er ſich kürzlich durch kein noch ſo glänzendes Anerbieten, wie man es ihm von Spanien machte, bewegen ließ, die Niederlande zu verlaſſen! Iſt dies eine Schande, oder iſt es nicht vielmehr der edelſte Ruhm, ein ſolches Anerbieten abzulehnen, und das Wohl des Vaterlandes höher anzuſchlagen als jeden zeitlichen Vortheil? Auf ſo morſche unhaltbare Fundamente nun, wie jene Anſchuldigungen waren, bauen Oraniens Feinde das Ver⸗ dammungsurtheil, und ſtellen dabei alle ihre Redekünſte zur Schau; ja, wie die Erinnyen auf der Bühne treten ſie auf, unter Donner und Blitz, gräßlich anzuſchauen. Oranien küm⸗ mert ſich wenig um dieſe Aechtung. In Gottes Hand liegt ſein Schickſal; ſo lang es Gott gefällt, will er mit ſeinen Freun⸗ den leben. Erſt jetzt hat Philipp öffentlich einen Preis auf Oraniens Haupt geſetzt; heimlich geſchah es längſt ſchon, wie Oranien ſelbſt aus guter Quelle weiß. Geadelt ſoll der Mörder werden! O gränzenloſe Schamloſigkeit, die einen 80 ächten Edelmann, der das Weſen des Adels in ſich fühlt, zwingen will, einen feilen Schurken als Standesgenoſſen anzu⸗ erkennen! Einem Miſſethäter zu vergeben, um einen Beſchützer der Freiheit und eines unterdrückten Vol⸗ kes aus dem Wege geräumt zu wiſſen! Das Manifeſt betrifft in dieſem Punkt auch die Staaten. Mögen ſie ſich nicht beirren laſſen. Solches Wortgekläffe iſt das letzte Mittel der Weiber. Mögen ſie nur treueinig zuſammenhalten und dem Spanier die Stirne bieten; dann wird ſein Trotz ſchon zuſam⸗ menſchrumpfen. Doch, gilts Oraniens Leben allein und kann ſeine Entfernung die Ruhe wieder herſtellen, kann ſein Blut den Frieden, das Glück der Niederlande be⸗ ſiegeln, dann giebt er ihnen freudig ſein Haupt, über das kein Fürſt der Erde, über das bloß ſie allein zu gebieten haben, zum Sühn⸗ opfer hin. Doch, kann ſein Leben dem Vaterlande noch nützlich ſein, dann hofft er es mit Gottes Gnade noch treulich zu verwerthen.“ Die Unterhandlungen mit dem Herzog von Anjon hatte man ſchon im Mai 1580 neuerdings angeknüpft und im Auguſt deſſelben Jahres war St. Aldegonde mit noch ſechs anderen Bevollmächtigten(ſür Brabant, Flandern, Holland, Seeland, Mecheln, Friesland und die Grönninger Umlande) nach Frank⸗ reich gereist, um dort die Bedingungen feſtzuſtellen, unter wel⸗ chen Anjou die Herrſchaft über die Niederlande erhalten ſollte. Geldern, Tournay, Utrecht und Over⸗Jſſel hatten in Betreff dieſer Sache noch zu keinem Beſchluße kommen können. Ueber⸗ haupt benahmen ſich die Staaten bei dem wichtigen Schritte, den ſie zu thun im Begriffe ſtanden, mit der äußerſten Vorſicht. Die traurigſte Rolle ſpielte der Erzherzog Matthias dabei. Durch eine Intrigue herbeigerufen, durch Oraniens kräftiges Dagegenwirken feſtgehalten, ſtets nur dem Titel nach den General⸗ ſtatthalter, mußte er jetzt, wenn Anjou die Bedingungen der 81 Staaten annahm, auch noch jenen ſchalen Titel verlieren. Was ſollte er unter ſolchen Umſtänden noch länger in den Niederlan⸗ den? Er ſah ein, daß er wohl nichts Beſſeres thun könne, als ſie zu verlaſſen. Die Staaten befanden ſich übrigens, ihm gegenüber, ebenfalls in Verlegenheit und ſuchten die Verhandlungen mit An⸗ jou durch den äußerſten Drang der Nothwendigkeit zu entſchuldigen. Im September 1580 wurden die Verhandlungen mit Anjou zu Pleſſis⸗les⸗Tours gepflogen. Mit der größten Genauig⸗ keit unterſchied und erwog man von beiden Seiten Punkt für Punkt der Bedingungen, ja beinahe Wort für Wort. So nahm man von franzöſiſcher Seite gleich an dem Wort„empfangen“ Anſtoß, bei Einleitung der Bedingungen nämlich, unter welchen die Niederlande den Herzog von Anjou als ihren Fürſten und Herrn„empfangen“ würden; man ſchloß daraus, als gebe dies den Anſchein, daß Anjou bei den Staaten vorher darum „nachgeſucht.“ Noch größeren Anſtoß erregte bei den Nieder⸗ ländern der Antrag der Franzoſen: dem Worte„Herr“ die doppelſinnige Bezeichnung„Souverain“ beizufügen; die nie⸗ derländiſchen Deputirten wollten dies Wort durchaus nicht aufnehmen und,— Anjou ließ ſich gefallen, daß es wegblieb. Aber manche andere, noch bei weitem mehr weſentliche Punkte, welche die Niederländer nicht aufopfern wollten, um nicht aus einer Tyrannei in die andre zu gerathen, mußten den Spröß⸗ ling eines Königshauſes, wie das franzöſiſche, das die Unter⸗ thanen nur als angeerbte Sachen, nicht als naturrechtlich freie Perſonen betrachtete, noch mehr befremden. Noch mehr befrem⸗ det es den unpartheiiſchen Beobachter, zu bemerken, daß Anjvu auf alle Bedingungen einging, ſo auf die Ausſchließung der weiblichen Descendenz von der Erbfolge, auf das Recht, welches ſich die Staaten vorbehielten, nach ihrem Gutdünken einen der Söhne Anjous zum Nachfolger deſſelben zu erwählen, ſodann II. 6 82 auf die Regentſchaft durch die Staaten während der Minder⸗ jährigkeit des Erbfolgers, ferner auf die Beſetzung der Haus⸗ dienerſchaft Anjous mit Niederländern(im Staatsrath bewilligte man ihm einen oder zwei Franzoſen zu den übrigen Nieder⸗ ländern) endlich beſonders auf den Punkt, daß die Staaten ihres Eides und Gehorſams entledigt ſein ſollten, ſowie Anjou den mit den Niederlanden abgeſchloſſenen Vertrag irgendwie verletzte. Dieſer Punkt wurde nicht ohne heftige Diskuſſionen bewilligt, da die Deputirten den verſchiedenen Anmuthungen von franzöſiſcher Seite auch nicht im Geringſten nachgaben. Sie waren gehörig gewitzigt, um ſich bei einem neuen Vertrage über die Herrſchaft völlig ſicher zu ſtellen; die Deputirten drangen auch darauf, daß der König von Frankreich den Nieder⸗ landen in beſtimmten Worten ſeinen Beiſtand zuſagen ſollte. Am 19. September 1580 wurde der Vertrag, aus 27 Artikeln beſtehend, zu blessis les wours unterzeichnet. Anjou erhielt darin die Oberherrſchaft über die Niederlande, mit allen Titeln und Hoheitsrechten wie die früheren Landes⸗ herren, für ſich und ſeine männliche Nachkommenſchaft, unter den bereits erwähnten und noch mehren anderen Bedingungen, worunter begreiflicherweiſe das Gelöbniß von ſeiner Seite, die Provinzial⸗ und Lokalprivilegien zu achten und a ufrecht zu erhalten, ſowie die Bewahrung der Utrech⸗ ter Union— in wiefern ſie den gegenwärtigen Vertrag nicht beeinträchtigen— obenanſtanden. Er verpflichtete ſich ferner, die Generalſtaaten wenigſtens einmal im Jahre zuſammenzurufen; ſie ſelbſt aber ſollten ſich, ſo oft es ihnen nöthig ſchiene, verſammeln dürfen. Eine andere Hauptbedingung betraf die Selbſtſtändigkeit der Nieder⸗ lande; nie ſollten ſie Frankreich einverleibt wer⸗ den. Anſou mußte ferner geloben, nie einen Vertrag mit 83 dem König von Spanien einzugehen, es ſei denn mit Bewilligung der ihm freiwillig untergebenen Provinzen,— keine Bündniſſe mit fremden Mächten zum Nachtheil des Landes zu ſchließen, und nur mit Bewilligung der be⸗ treffenden Provinzialſtaaten die Feſtungen mit Franzoſen zu beſetzen. Wenn die Staaten es ver⸗ langten, müßten alle fremden Truppen,(auch franzö⸗ ſiſche) das Land verlaſſen. Anjou habe den Krieg auf ſeine und ſeines Bruders Koſten zu führen, wozu jedoch die Staaten jährlich 24 Tonnen Goldes beizutragen ſich anheiſchig machten. Noch ein wichtiger Punkt— bei dem Vertrag mit einem katholiſchen Prinzen— war die Religion. Hier ward nun feſtgeſetzt, daß Holland und Seeland auf dem bis⸗ herigen Fuße bleiben ſollten.„Ebenſo auch in anderen Dingen,“ nur in Bezug auf Münze, Krieg, Beſteuerung und Vorrechten zwiſchen Landen und Städten ſollten ſich dieſe beiden Provinzen den Beſchlüſſen Anjous und der Generalſtaaten fügen. Dieſen Vertrag theilte Anjſou bald ſeinem Bruder, dem Könige, mit, welcher(am 26. Dezember 1580) ihm und den Niederlanden ſeine Hülfe verſprach, ſobald die Unruhen in Frankreich geſtillt ſeien. Dieſe Verſicherung war allerdings ſehr unbeſtimmt und genügte den Niederlanden nicht, aber der König war zu keiner genaueren zu bewegen. Die Generalſtaaten genehmigten den mit Anjou abgeſchloſſenen Vertrag am 30. De⸗ zember 1580 zu Delft, und zu Bordeaux wurde derfelbe im Januar 1581 eidlich bekräftigt. Zum Gedächtniß wurden Medaillen geſchlagen, auf denen man einen gefeſſelten Löwen ſah, deſſen Bande eine Maus zernagt, mit der Ueberſchrift: Rosis leonem vinculis mus liberat. Der Revers zeigte den König von Spanien und den Papſt, welche den Löwen wieder feſſeln wollen, mit der Ueberſchrift: Liber revinciri leo per- negat. Der die ſpeziellen Verhältniſſe Hollands und See⸗ lands betreffende Artikel des Vertrages gründete tiefer, als es den Anſchein hatte. Man wird ſich erinnern, daß dieſe beiden Provinzen im Jahre 1576 dem Prinzen von Oranien die Souverainetät für die Dauer des Krieges übertragen hatten, obſchon er den Titel eines Grafen von Hol⸗ land und Seeland nicht geführt. Gleichwohl hatte er die Rechte deßwegen nicht aufgegeben und nun trat eine nicht bloß für ihn, ſondern auch für die Nationalität jener beiden Provinzen bedenkliche Kolliſion ein; denn was den Herzog von Anjou in den katholiſchen ſüdlichen Provinzen beliebt machen, was ihm dort das Vertrauen gewinnen konnte, ſtand ihm in Holland und Seeland entgegen, Sprache, Sitten, Religion. Wie war nun dieſe Kolliſion auf friedlichem Wege auszugleichen? Am einfachſten dadurch, daß Oranien die Statthalterſchaft über Holland und Seeland in der ganzen früheren Machtvoll⸗ kommenheit, wenn auch unter dem fremden Schutze behielt, und daß ihm Anjou dieß feierlich verbürgte. Es geſchah, und Anjou ſtellte dem Prinzen von Oranien darüber zwei „Reverſale“ aus, durch welche der Erſtere die Rechte des Letz⸗ teren anerkannte. Daran knüpfte ſich nun aber auch ein neuer Konſtitutionsentwurf für Holland, welchen man im Oktober 1580 beſchloß, und deſſen Ausführung im März des folgenden Jahres auf einer Tagfahrt zu Amſterdam betrieben wurde. Die Uebertragung der Souverainetät vom Jahre 1576 wurde dabei zu Grunde gelegt, aber mit folgenden zwei Abän⸗ derungen, nämlich erſtens, daß ihm die Souverainetät nicht bloß für die Dauer des Krieges ſondern über⸗ haupt und für immer übertragen werde, und zweitens, daß er die reformirte Konfeffion allein(wiewohl ohne Glaubensunterſuchung) zu beſchirmen habe. Dagegen erhoben ſich jedoch bedeutende Schwierigkeiten von Seiten Goudas, Schiedams, Amſterdams, Middelburgs, und das Endergebniß war, daß man die alte Form von 1576, nur mit der hinzuge⸗ kommenen Veränderung in Betreff der Religion beſchwor. Alle dieſe weitläufigen Verwickelungen hatten die Folge, daß Holland und Seeland ſpäter Anjou nicht huldigen wollten. Wir werden in kurzer Zeit die wichtige Wendung ſehen, zu welcher die Entwickelung aus den hier bezeichneten Motiven führt. Außer den bereits erwähnten Klauſeln hatten die vorſichtigen Generalſtaaten noch an ein anderes Mittel gedacht, um die Macht Anjous zu beſchränken, nämlich an die Zuſammen⸗ ſetzung eines Landrathes(gleichbedeutend mit Staatsrath), welches Kollegium, aus 31 gebornen Niederländern(und zwar aus allen Provinzen) beſtehend, die ausübende Gewalt mit dem Herzog von Anjon theilen ſollte. Nachdem der Vertrag mit dieſem abgeſchloſſen war, beeilte man ſich mit der Vollen⸗ dung des den Landrath betreffenden Entwurfes; man wollte nämlich dies Inſtitut noch bevor Anjou die Niederlande be⸗ trete, ins Leben rufen. Am 13. Januar 1581 wurde der Ent⸗ wurf feſtgeſtellt. Von jenen 31 Mitgliedern des Landraths ſollten 4 durch Brabant, 4 durch Geldern und Zütphen, 5 durch Flandern, 4 durch Holland, 3 durch Seeland, 2 durch Tournay (Stadt und Gebiet), 3 durch Utrecht, 2 durch Mecheln und Over⸗Yſſel, 2 durch Friesland und 2 durch die Gröninger Um⸗ lande erwählt werden. Die Verrichtungen des Landraths waren die Erhebung der bewilligten Steuern und deren richtige Ver⸗ wendung, die Vergebung der Aemter(wie es ſonſt dem König von Spanien und deſſen Generalſtatthalter zuſtand) in Ueberein⸗ 86 ſtimmung mit der hohen Obrigkeit(in Holland und See⸗ land blieb dies jedoch dem Prinzen von Oranien reſervirt), die Anſtellung der Kriegsoberſten und ſeiner eigenen Beamten. In Bezug auf die Münze mußte der Landrath das Gutdünken jeder Provinz einholen. Ueber Steuern, Landesabtretungen, Ge⸗ ſetzgebung, Krieg und Frieden durfte er nichts verfügen ohne Einwilligung der Staaten. Wichtige Angelegenheiten mußten in einer Verſammlung von wenigſtens 10 Mitgliedern berathen werden, wovon ſieben aus verſchiedenen Landſchaften, Sachen von geringerem Belang wenigſtens im Beiſein von 7 Mitglie⸗ dern, wovon 5 aus verſchiedenen Landſchaften. Der Landrath ſollte ſeine Sitzungen in ſolchen Orten halten, welche die hohe Obrigkeit zur beſſeren Aufſicht in Bezug auf den Krieg als ge⸗ eignet bezeichne, ſo zwar, daß an welcher Seite der Maas ſich die hohe Obrigkeit und der Landrath befinden möchten, der Letz⸗ tere ſtets acht bis zehn bevollmächtigte Mitglieder auf die ent⸗ gegengeſetzte Seite der Maas zu beordern habe, um auch dort die Angelegenheiten beaufſichtigen zu können. Uebrigens ſollten ſich die Generalſtaaten zweimal im Jahre an dem Orte ver⸗ ſammeln, wo der Landrath ſeine Sitzungen hielte, unbeſchadet jedoch des den General⸗, ſowie den Provinzialſtaaten zuſtehenden Rechtes, ſich außerdem ſo oft, als es ihnen gutdünke zu ver⸗ ſammeln. Mit der Uebertragung der Oberherrſchaft an Anjou hing nothwendig noch eine andere Maßregel der Niederlande zu⸗ ſammen. Sie mußten ihr Verhältniß zu Spanien, welches ſie bereits faktiſch aufgelöst hatten, auch öffentlich als aufgelöst erklären, bevor Anjou das Terrain ſeiner neuer Herrſchaft betrat. Schon früher hatte man darüber berathen, ſich der Form zu entſchlagen, und den Namen des Königs an der Spitze der Verordnungen wegzulaſſen. Im 87 Januar 1580 war dieſer Vorſchlag aufs Neue aufgegriffen worden, und im März deſſelben Jahres hatte man beſchloſſen, künftighin die Plakate im Namen„der Gräflichkeit und hohen Obrigkeit von Holland“ auszufertigen. Im Mai 1581 beriethen ſich die verſammelten Generalſtaaten über die Frage, ob man den König von Spanien nicht für einen Feind erklären ſolle. Damals meinten jedoch Brabant und ſogar Holland, man dürfe nicht zu dieſem Aeußerſten ſchreiten, bevor ſich Anjou in den Niederlanden befände. Bald darnach aber änderte Holland ſeine Meinung, und im Jult vereinigten ſich die Staaten der Utrechter Union zu dem Beſchluß, ihren Abfall von Spanien durch ein Plakat zu ver⸗ öffentlichen. Dieſes wurde im Haag am 26. Juli 1581 von den Deputirten Brabants, Gelderns, Zütphens, Flanderns, Hol⸗ lands, Seelands, Frieslands, Over⸗Yſſels und Mechelns unter⸗ zeichnet. 3 „Ein Volk“(hieß es darin)„iſt nicht wegen des Fürſten, ſondern ein Fürſt um des Volkes willen geſchaffen; denn ohne das Volk wäre er ja kein Fürſt. Er iſt dazu vorhanden, daß er ſeine Unterthanen nach Recht und Billigkeit regiere und ſie liebe, wie ein Vater ſeine Kinder, daß er treu walte, wie ein Hirt über ſeine Herde. Be⸗ handelt er ſie aber nicht ſo, ſondern bloß wie Sklaven, dann hört er auf, ein Fürſt zu ſein, und iſt ein Tyrann. Die Unter⸗ thanen aber haben das Necht, nach geſetzlichem Beſchluß ihrer Vertreter, der Stände, wenn kein anderes Mittel mehr übrig iſt, wenn ſie durch keine Vorſtellung ihrer Noth irgend einige Verſicherung der Freiheit für Leib und Gut, für Weib und Kind von dem Tyrannen erwerben können, Dieſen zu verlaſſen. Dies iſt der Fall in den Niederlanden. Seit uralten Zeiten wirden ſie nach beſchworenen Bedingungen regiert, 88 deren Bruch den Fürſten der Herrſchaft verluſtig macht. Unter'm Vorwand der Religion hat der König von Spanien hier eine Tyrannei einzurichten verſucht und, ohne auf irgend eine Vor⸗ ſtellung des Landes zu achten, deſſen Privilegien verletzt, den Eid gebrochen, den er auf deren Erhaltung geſchworen. Und ſo erklären denn die Generalſtaaten jetzt den Kö⸗ nig von Spanien verluſtig jedes Anſpruches auf die Herrſchaft in den Niederlanden, ſie erkennen ihn von nun an nicht mehr als Landesherren an; ſie entbinden hiemit alle Amtleute, Obrigkei⸗ ten, Herren, Vaſallen und Einwohner von dem einſt Philipp H. von Spanien geleiſteten Eide des Gehorſams und der Treue. Da nun die meiſten der vereinigten Landſchaften ſich nach gemeinſamer Verſtändigung, unter gewiſſen Bedingungen, der Herrſchaft des Herzogs von Anjou unterworfen, da ferner der Erzherzog Matthias kürzlich den Generalſtaaten die ihm übertragene Regierung zurückgege⸗ ben, ſo ſollen fortan alle Obrigkeiten und Beamte den Titel und die Siegel des Königs von Spanien nicht mehr gebrauchen, ſondern in Holland und Seeland den Namen des Prinzen von Oranien und der Staaten dieſer beiden Provinzen, in den Landſchaften, welche mit dem Herzoge von Anjou in Uebereinkunft getreten, den Namen dieſes Fürſten und des Landrathes, oder ſo lange der Letztere noch nicht in ausübende Kraft getreten, den Namen der Generalſtaaten gebrauchen. In allgemeinen Regierungsangelegenheiten ſoll das Siegel der Generalſtaaten, in Sachen der Polizei, Juſtiz und dergleichen, welche die ein⸗ zelnen Provinzen betreffen, das der beſonderen Landſchaft ange⸗ wendet werden. Alle Siegel des Königs ſind den Provinzial⸗ ſtaaten einzuliefern. Philipps Bild und Wappen müſſen arf 89 den Münzen verſchwinden. Alle Beamte haben den Pro⸗ vinzialſtaaten, unter welchen ſie ſtehen einen Eid abzulegen, des Inhalts, daß ſie den Generalſtaa⸗ ten gegen den König von Spanien und deſſen An⸗ hang, getreu ſein wollen.“ Die Ausführung dieſer Maßregel wurde eifrig betrieben, fand aber an einzelnen Orten eben ſo große Schwierigkeiten, als die Bekanntmachung einzelnen Perſonen tödlichen Schrecken erregte. Fokko Ralda, Mitglied des Hofes von Friesland, ein verſtändiger und den Staaten zugethaner Mann, ſiel in Ohn⸗ macht, als man ihm den neuen Eid vorlegte, und gab mitten in der Verſammlung des Landrathes den Geiſt auf. Manche Beamte weigerten ſich hartnäckig, den neuen Eid zu leiſten, ſo daß man ſich genöthigt ſah, Jeden, der dies that, ſeines Amts zu entſetzen; dieſe Maßregel drang denn endlich durch. Mid⸗ delburg, deſſen alter Groll noch immer nicht verſöhnt war, wollte das Plakat durchaus nicht öffentlich anſchlagen laſſen und ebenſowenig den neuen Eid leiſten, bevor die ſtädtiſchen Be⸗ ſchwerden genügend erledigt ſeien. Auch außerhalb des Landes erregte der kühne Schritt, der doch einmal hatte geſchehen müſſen, das größte Aufſehen. Mancher Fürſt zitterte auf ſeinem Throne, wenn er des gefährlichen Beiſpiels dachte, das die Staaten der Utrechter Union unterdrückten Unterthanen gegeben hatten, be⸗ ſonders wenn man den Grundſatz erwog, welcher in der Ein⸗ leitung des Manifeſtes ausgeſprochen war. Die Preſſe verbreitete in hoch⸗ und niederdeutſcher wie in franzöſiſcher Sprache die Ideen von angebornen Menſchenrechten, von der Souverainetät des Volkes, die Theorie des Vertrages zwiſchen Fürſten und Unterthanen; es erſchienen„ Beweisgründe, daß man einen Fürſten, der zum Tyrannen geworden, abſetzen darf,“„brüder⸗ liche Warnungen an alle chriſtlichen Brüder, die von Gott zur Wahl der Obrigkeiten und Magiſtrate in den evangeliſch⸗refor⸗ mirten Städten der unirten Provinzen verordnet ſind“ und dergleichen. Die Generalſtaaten ſahen ſich, um den üblen Eindruck ihres Schrittes auf fremde Mächte zu verwiſchen, in der Folge genöthigt, eine Geſandtſchaft an den Reichstag zu Augsburg zu ſchicken, welche ihr Benehmen gründlich rechtfertigen mußte. Nachdem nun die Verhandlungen mit Anjou endlich abge⸗ ſchloſſen, bekräftigt und beſchworen worden waren, gab der Erzherzog Matthias am 21. Juli 1581 zu Antwerpen ſeine bisherige Würde den Generalſtaaten zurück, blieb aber noch bis zum Oktober in den Niederlanden; dann begab er ſich durchs Kleve'ſche nach Köln und von dort nach Wien zurück. Er hatte ſich wenige Freunde in den Niederlanden erworben, und mußte ſich noch die üble Nachrede ſeiner Feinde gefallen laſſen, als habe er, im Einverſtändniß mit König Philipp II., einen Anſchlag gegen Oranien im Schilde geführt. Uebrigens dankten ihm die Staaten in ehrenvollen Ausdrücken für die Dienſte, welche er dem Lande geleiſtet, was freilich wie Ironie klang, da man we⸗ niger ſeiner Perſon als ſeinem Range, weniger ſeiner Thä⸗ tigkeit als ſeiner Geduld verpflichtet war, die ihn bewegen konnte, ſich, ſo lang man ihn brauchte, zur bloßen Repräſenta⸗ tion herzugeben. Man überlegte, ob ihm ein jährliches Einkom⸗ men von 50,000 Pfund zu bewilligen ſei; man ſchlug in Hol⸗ land vor, ihm 7000 Gulden zuzulegen; endlich wollte man ihm das erledigte Bisthum Lüttich verſchaffen. Die Wahrheit iſt, daß Matthias jenes Einkommen eben ſo wenig erhielt, als dieſe geiſtliche Würde, in welche Herzog Ernſt von Baiern ein⸗ geſetzt wurde. Zweites Kapitel. Am 16. Auguſt 1581 betrat der Herzog von Anjo, be⸗ gleitet von einem ſtattlichen Heere, die Niederlande,— als Herr⸗ ſcher, ohne den Titel eines Souverains zu beſitzen, ge⸗ h ſchweige deſſen Macht, und, wohl kann man hinzufügen: ohne Liebe und Treue im Herzen für das Volk; denn ſelbſt um eine politiſche Heuchelei konſequent durchzuführen, ſelbſt dazu gebrach es ihm an Kraft. Sehr richtig bemerkt der verdienſtvolle van Kampen über ihn:„Er gab“(bei den Unterhandlungen mit den Staaten)„Alles zu, vielleicht, weil er ſchon damals das Vorhaben hatte, nichts davon zu halten.“ Wir fügen noch hin⸗ zu, das Temperament war dabei mit im Spiele und beſtimmte den Charakter. Es war wohl für Anjou ſelbſt ein eben ſo gro⸗ ßes Unglück wie für die Niederlande, daß ihn die Wellen der Verhältniſſe erfaßten und in eine Stellung ſchleuderten, für die er nicht paßte, und in welcher er nur einerſeits zu hochfahren⸗ den Plänen, anderſeits zur Treuloſigkeit verleitet wurde. Er büßte dabei ſeine Ehre, die Niederlande büßten dabei Eintracht und Stärke ein. Einer von jenen Menſchen, die Alles unter⸗ nehmen zu können glauben, weil ſie Vieles anf angen, täuſchte Anjou ſich ſelbſt nicht weniger als die Niederlande. Genau be⸗ trachtet, war er bloß beſtimmt, die Repräſentationsrolle des Matthias fortzuſpielen und der Politik als Hebel zu dienen. Er ſollte Frankreich und England für das Intereſſe der Niederlande 92 anſpannen; er ſollte ihnen ſeine Fürſtlichkeit bloß hingeben, da⸗ mit dieſe als Schild, zur Abwehr, gegen Spanien vorge⸗ ſtreckt werden konnte. Kurz: die junge Freiheit brauchte ihn als Werkzeug; aber ſie mußte es büßen, daß ſie ihre Verthei⸗ diger in der Fremde ſuchte. Anjou wollte den Antritt ſeiner neuen Herrſchaft mit einer kriegeriſchen Unternehmung bezeichnen. Er rückte mit ſeinem Heere(es beſtand aus 14,000 Mann) gegen die Stadt Cam⸗ brayn welche Alexander Farneſe ſchon ſeit ungefähr Jahres⸗ friſt belagerte, weil ſie, wiewohl den Wallonenbunde ange⸗ hörend, ſich doch mit Farneſe noch nicht verſöhnt und den Provinzen Artois und Hennegau Abbruch gethan hatte. Anjou's Ankunft bewog den feindlichen Feldherrn zur Aufhebung der Be⸗ lagerung und zum Abzuge. Wenige Tage nach dem Entſatze Cambrays brachte Anjou Chateau Cambreſis, durch Ver⸗ gleich, in ſeine Gewalt. Eifrig drangen nun Oranien und die Generalſtaaten in Anjou, die erſte Gunſt des Glückes zu be⸗ nützen, in Artois einzurücken und ſich dann mit dem nieder⸗ ländiſchen Heere und den engliſchen Hülfstruppen zu vereinigen. Geſchah dies, ſo war Farneſe außer Stande geſetzt, der Uebermacht die Spitze zu bieten. Doch ver⸗ ſchiedene Umſtände vereinigten ſich, um einen ſolchen für die Niederlande vortheilhaften Plan zu vereiteln. Die franzöſiſchen Edelleute in Anjous Heere glaubten nun genug gethan zu haben, da Cambray entſetzt war; der Herzog konnte die Soldaten nicht bezahlen, und ſo zerſtreuten ſie ſich. Ueberdieß hing Anjou auch bereits ganz anderen Plänen nach, als den kriegeriſchen Operationen in den Niederlanden. Seine Gedanken waren auf die Hand Eliſabeths von Eng⸗ land gerichtet. Unter dem Vorwand, den Niederlanden den Beiſtand dieſer Königin zu erwirken, begab er ſich unmittelbar 93 darauf, nachdem ſich ſein Herr zerſtreut hatte, in Begleitung mehrer Niederländer(worunter St. Aldegonde und Juſtin von Naſſau, ein natürlicher Sohn Oraniens waren) nach England. Und in der That hatte es den Anſchein, als ob Eli⸗ ſabeth Anjou's Bewerbungen nicht gleichgültig aufnehme. St. Aldegonde beobachtete eines Abends, als er ſich in dem Zim⸗ mer der Königin befand, wie ſich Eliſabeth mit Anjou, in ziemlicher Entfernung von den Herrn und Damen des Hofes, vertraulich beſprach und wie ſie während dieſer Unterredung einen koſtbaren Ring vom Finger zog, den ſie dem Herzog von Anjou überreichte und den dieſer mit dem Ausdruck der lebhaf⸗ teſten Freude annahm. St. Aldegonde zweifelte nicht, daß Anjou von Eliſabeth den Trauring erhalten habe und daß ſonach die Verbindung zwiſchen beiden endlich entſchieden ſei. Noch in derſelben Nacht berichtete er den Staaten darüber und dieſe beeilten ſich, die Freude der Niederlande über das wichtige Ereigniß an den Tag zu legen. In allen Städten er⸗ ſcholl Feſtgeläute, donnerten die Geſchütze, flammten Freuden⸗ feuer. Welche Verlegenheit für die Staaten, als man plötzlich erfuhr, daß die Nachricht St. Aldegondes unbegründet ge⸗ weſen ſei! Man führt verſchiedene Motive an, welche Eliſabeth veranlaßt haben ſollen, die Verbindung rückgängig zu machen. Die wahrſcheinlichſten ſind, einmal die wohlbegründete Abnei⸗ gung der Engländer gegen eine Vermählung ihrer Königin mit dem Bruder Karls IX. und Heinrichs III. von Frankreich, dieſer beiden katholiſchen Fürſten, welche an dem Proteſtantenmord in der Bartholomäusnacht Theil genommen, und ſodann die Be⸗ ſorgniß Eliſabeths, daß ſie durch ihre Vermählung mit Anjou (bei deſſen offenem und ihrem bisher heimlichen Verhältniß zu den Niederlanden) einen Bruch mit Spanien zu erwarten hatte, ohne jedoch dabei zu gleicher Zeit auf energiſche Hülfe von 94 3 Seiten Frankreichs rechnen zu können.*) Gleichwohl blieb An⸗ jon noch längere Zeit am Hofe Eliſabeths, welche ihn nach wie vor mit großer Auszeichnung behandelte. Wenig kümmerte ihn dabei der Zuſtand der Niederlande, zu deren Bekämpfung Farneſe inzwiſchen alle Mittel aufbot. Schon vor Anjous Ankunft in den Niederlanden(nämlich zu Ende Junis 1581) hatte Farneſe ſich der Stadt Breda in Brabant, welche nebſt der gleichnamigen Herrſchaft dem Hauſe Naſſau gehörte, in ſeine Gewalt gebracht; der im Schloſſe zu Breda auf Befehl der Staaten verhaftete, ſpaniſch⸗geſinnte Herr von Fre ſin ſtand(aus Rache gegen dieſelben) mit Far⸗ neſe im Einvernehmen und hatte die Beſatzung des Schloſſes theils beſtochen, theils trunken gemacht, worauf dann Herr von Hautepenne(einer von Barlaimonts Söhnen) das Schloß, wie auch nach einem kurzen aber heftigen Kampfe die Stadt Breda für die königliche Parthei eingenommen hatte. Zu⸗ nächſt erlitt Oranien, welcher um dieſelbe Zeit die Städte und Herrlichkeiten Veere und Vlieſſingen käuflich an ſich gebracht hatte, durch die Eroberung jener ſeiner Herrrſchaft Breda einen empfindlichen Verluſt. Nach dem Entſatze Cambrays durch Anjou rückte Farneſe am 1. Oktober vor Tournay, deſſen Kommandant, der Prinz von Espinoy, damals mit einem Theile der Beſatzung von Tournay ausgezogen war, um ſich des Städtchens St. Guilain zu bemeiſtern. Statt des Prinzen übernahm nun deſſen Gattin, Maria von Lalaing, männlichen Muthes die Vertheidigung Tournays. Sie ſcheute keine Gefahr, ſelbſt eine Schußwunde *) Vergl. den Inhalt des Briefes Eliſabeth, worin ſämmtl Gründe gegen die Heirath zuſam⸗ mengeſtellt ſind, bei Hume„history of England chap. XLI (negotiations of marriage with the duke of Anjou.) von Sir Philipp Sidney an 95 am Arme beirrte ſie nicht; mehr als mancher Mann, machte ſie durch ihren Geiſt und ihre Kühnheit dem feindlichen Feldherrn zu ſchaffen, bis ſie ihm endlich am 29. November die Stadt Tournay, nach zweimonatlicher Belagerung auf ehrenvolle Be⸗ dingungen(freien Abzug der Beſatzung und der Reformirten) übergab. Während ſich Alexander Farneſe durch den Beſitz dieſes wichtigen Platzes an der oberen Schelde feſt⸗ ſetzte, machten die Truppen der Staaten verſchiedene vergeb⸗ liche Anſchlüge auf Bourbourg, Grevelingen und Oudenaarde. Oranien war damals über das Benehmen der Staaten im hohen Grade ungehalten. Laut klagte er(im November 1581) in der Verſammlung der Deputirten der Staaten zu Antwerpen über die Saumſeligkeit in Herbeiſchaffung der zur Fortſetzung des Krieges nöthigen Geldmittel, über die allzu große Beſchränkung der Macht des Landrathes und dgl. Da erhoben ſich manche Stimmen dafür, daß man die Kriegsan⸗ gelegenheiten gänzlich Oranien und dem Land⸗ rathe überlaſſen ſolle; andere dagegen beſtanden darauf, zuerſt die Rückkunft Anjou's aus England abzuwarten, und der letzteren Anſicht pflichtete auch Oranien bei. Zu dieſem Ende wurden denn Geſandte nach England abgeordnet, um Anjou zur Beſchleunigung ſeiner Rückkunft zu bewegen. Anjou konnte nicht ausweichen, und mochte ſich wohl auch endlich überzeugt haben, daß er ſelbſt bei einem längeren Aufenthalt in England ſeine Abſichten auf eine Verbindung mit Eliſabeth nicht würde durchſetzen können. Am 1. Februar 1582 trat er ſeine Rückreiſe nach den Niederlanden an; Eliſabeth begleitete ihn bis Canter⸗ bury und mehre Große Englands leiſteten ihm auf 15 Kriegs ſchiffen Geſellſchaft bis in die Niederlande. Zu Vlieſſingen trat Anjouam 10. Februar ans Land, wo 96 ihn Oranien nebſt vielen niederländiſchen Edelleuten empfing. Am folgenden Tage hielt er ſeinen Einzug in Middelburg, dann beſuchte er die übrigen Städte auf Walch ern, und am 17. Februar fuhr er in einer zahlreichen und glänzenden Begleitung nach Ant⸗ werpen. Am 19. traf er dort ein, und wurde von der be⸗ waffneten Bürgerſchaft und von dem Magiſtrat zu Pferde empfangen. Auf einer prachtvoll geſchmückten Schaubühne be⸗ ſchwor er die„joyeuse entrée“ und leiſtete den Baronen, Ed⸗ len, Städten und allen Unterthanen Brabants einen beſonde⸗ ren Eid. Hierauf brachte man den purpurnen, mit Hermelin ausgeſchlagenen Herzogsmantel; Oranien hing ihm denſelben um und ſprach beim Zuknöpfen:„Sire, dieſer Knopf muß wohl feſt halten, damit Niemand Ew. Hoheit den Mantel abreißen könne!“ Dann ſetzte ihm Oranien den Herzogshut auf und be⸗ glückwünſchte ihn als Herzog von Brabant. Nun ſchwuren und huldigten dem Herzog die Barone, Edlen und Deputirten der Städte, worauf jener der Stadt noch einen beſondern Eid ablegte. Da riefen die Herolde Brabants:„Es lebe der Her⸗ zog von Brabant und Lothringen;“ die Trompeten ſchmetterten, Gold⸗ und Silbermünzen(mit den Wappen Anjous und Bra⸗ bants, dem Emblem einer aus Wolken hervorſtrahlenden Sonne und der Deviſe: Fovet et discutit) wurden unter das Volk ausgeworfen. Dann beſtieg Anjou ein koſtbar geſchirrtes neapo⸗ litaniſches Roß und hielt durch das Kaiſerthor ſeinen Einzug. Im Verlauf der nächſten Monate empfing Anjou auch die Huldigung der übrigen Provinzen, ſo im April die Gelderns und Zütphens, ſpäter die der Gröninger Umlande, im Auguſt die Flanderns. Nur Holland, Seeland und Utrecht leiſteten noch keine Huldigung. Die beiden erſteren thaten es aus dem Grunde nicht, weil die bereits früher er⸗ wähnten Reverſale, welche Anjou dem Prinzen von Ora⸗ 5 97 nien, deſſen Rechte auf Holland und Seeland betreffend, zu⸗ geſtellt hatte, dem Prinzen nicht genügten; und ſo erhielten denn die Deputirten dieſer beiden Provinzen keinen Auftrag, Anjou zu huldigen. In Utrecht ſcheint ein anderer Grund der Hul⸗ digung im Wege geſtanden zu haben. Die katholiſche Geiſtlich⸗ keit, welche noch immer Sitz und Stimme in der Verſamm⸗ lung der dortigen Provinzialſtaaten hatte, war nämlich gegen die Uebertragung der höchſten Macht an den proteſtantiſchen Oranienz deßhalb weigerte ſich aber der dritte Stand, welcher ſchon längſt darauf gedrungen hatte, daß die Geiſtlich⸗ keit Sitz und Stimme in der Staatenverfammlung verlieren ſolle(wie dies z. B. in Brabant der Fall war) dem katholi⸗ ſchen Herzog von Anjou zu huldigen. Noch dauerten die Feſtlichkeiten zu Antwerpen fort, als ein Meuchelmord ſie gräßlich unterbrach. Philipps Manifeſt trug die erſte Frucht. In Antwerpen wohnte Caſpar d'Anaſtro, ein Kaufmann aus Biskaya, welcher in ſeinen Geſchäften ſo zu⸗ rückgekommen war, daß er im Begriffe ſtand, Bankrutt zu machen. Während er nun— rathlos und verzweiflungsvoll über ſeine üble Lage, brütete, erhielt er(von Liſſabon aus) einen Brief von ſeinem Landsmann Juan d'Jſoncha, welcher ihm plötz⸗ lich einen Ausweg der Rettung öffnete. Wenn Anaſtro Ora⸗ nien ermorde, ſo werde ihn der König durch eine Summe von 8000 Dukaten und eine Kommende von San Jago belohnen. Der gewiſſenloſe Menſch ging darauf ein, hatte aber den Muth nicht, das Verbrechen ſelbſt zu begehen. Er ſuchte zuerſt ſeinen Buchhalter Antonio de Venero, und, als dieſer ſich weigerte, ſeinen Handlungsdiener, Johann Jauregui, einen Franzo⸗ ſen, dazu zu überreden. Jauregui war ein Jüngling von 22 bis 23 Jahren, für ſeine Jahre zu ſchwermüthig und im II. 7 98 höchſten Grade bigott. Er entſchloß ſich zu der That, und Anaſtro gab ihm eine Schreibtafel mit mehreren Gebeten, deren Inhalt Blasphemie war; der Mörder empfahl darin ſich und ſein Vorhaben dem Heiland, der Himmelskönigin Maria, allen Heiligen und Engeln, und gelobte, wenn ihm die That gelänge, den wunderthätigen Marienbildern zu Regova, Aran⸗ canzu, Guadelupe, Montſerrate, dem Kruzifix zu Burgos, u. ſ. w. koſtbare Weihgeſchenke. Nachdem Anaſtro den Fanatismus Jaureguis hinreichend entflammt hatte und des Erfolges ge⸗ wiß zu ſein glaubte, entfernte er ſich aus Antwerpen und begab ſich zuerſt nach Dünkirchen, dann zu Alexander Farneſe nach Tournay. Am 16. März(einem Freitag) beichtete Jaure⸗ gui dem Dominikanermönch Anton Timmermann, welcher in Anaſtros Hauſe heimlich die Meſſe zu leſen pflegte, und ent⸗ deckte ihm ſein Vorhaben. Der Mönch billigte daſſelbe, wenn es nicht wegen zeitlichen Vortheils, ſondern bloß aus der Abſicht zur größeren Ehre Gottes und zum Nutzen des Königs hervor⸗ gegangen ſei; er ertheilte dem Jüngling die Abſolution und reichte ihm das Abendmahl. So innerlich ruhig betrat Jaure⸗ gui am Sonntag darnach(dem 18. März 1582) das Schloß zu Antwerpen, wo Oranien wohnte. Eben war dieſer von der Mittagstafel aufgeſtanden und mit ſeinen Gäſten in das Vorzimmer getreten, als Jauregui ſich an ihn drängte, ihm eine Bittſchrift überreichte, und in demſelben Augenblick eine Piſtole auf ihn losdrückte. Die Kugel traf Oraniens Haupt; ſie drang unterm rechten Ohre ein, durch den Gaumen, und zum linken Kinnbacken heraus. Oranien taumelte und glaubte im erſten Augenblicke, ein Theil des Hauſes ſei über ihm zu⸗ ſammengeſtürzt. Schnell brachte man ihn zu Bette und gab die Hoffnung nicht auf, ihn zu retten, weil der Pulverbrand die Verblutung gehindert. Indeſſen hatte Jauregui den Degen gezogen; aber, raſend vor Grimm, ſtürzien die Umſtehenden auf ihn und durchbohrten ihn. Schnell flog das Gerücht durch ganz Antwerpen:„Oranien iſt ermordet!“ und der erſten Beſtürzung des Volkes folgte ſo⸗ gleich ein furchibarer Argwohn. Der Gedanke an eine zw eite Pariſer Bluthochzeit zuckte plötzlich durch alle Köpfe; man hielt Anjon für den Anſtifter der That, alle Franzoſen für Mitwiſſer und Verſchworene. Eilig wurden die Thore Antwer⸗ pens geſchloſſen, die Straßen durch Ketten geſperrt; die Bürger erſchienen in Waffen, und bezogen die Poſten. Anjou, deſſen Geburtstag gerade war, erfuhr mit Entſetzen das Gerücht, das ihn als Anſtifter des Mordes anklagte und erwartete zitternd den Ausbruch der Volkswuth. Zu ſeinem Glücke fand indeſſen Oraniens Sohn, der junge Graf Moritz von Naſſau, in den Kleidern des todten Mörders mehre Briefe, jene Schreib⸗ tafel mit den Gebsten, und einen jeſuitiſchen Katechismus. Nun war es klar, daß der Antrieb des Mordes von Spanien aus⸗ gegangen; raſch ließ Graf Myritz dies und die Erklärung, daß die Franzoſen keinen Theil an dem Frevel hät⸗ ten, durch St. Aldegonde dem Volke bekannt machen; Jaure⸗ guis Leiche wurde auf dem Markte öffentlich ausgeſtellt und bald als die eines Dieners Anaſtros erkannt. Venero d wurden eingezogen und bekannten und der Dom auf der Folter ihre Mitwiſſenſchaft; aufgefangene Briefe Anaſt⸗ ros an Venero, verſcheuch Jaure⸗ guis Leiche wurde geviertheilt; gleiches Urtheil erging über Venero und den Mönch; doch erdroſſelte man ſie früher, auf die ausdrück Bitte Oraniens; ſie einen ſanfteren Tod ſter⸗ ben zu laſſen. Anaſtro hatte indeſſen, auf das erſte Gerücht hin nichts anderes gedacht, als daß Oranien todt ſei, und Alexander Farneſe, welcher daſſelbe glaubte, ſchrieb am 25. März in endlich jeden Zweif 1 100 an verſchiedene Städte Brabants, Flanderns und Hollands, ſo wie an Privatperſonen:„Gott habe ihnen durch Oraniens Tod die Augen geöffnet, um alle Ränke und den ganzen Ehrgeitz deſſelben nun endlich klar zu durchſchauen. Jetzt ſei ein günſti⸗ ger Augenblick für ſie da, um ſich mit dem König auszuſöhnen, der es aufrichtig gut mit ihnen meine und ihnen ſeine volle Gnade ſchenken werde.“ Mit Abſcheu wies man dieſen Vorſchlag von der Hand. Die Staaten von Holland verordneten einen allgemeinen Bettag, um Oraniens Erhaltung vom Himmel zu erflehen; zugleich aber ermahnten ſie die Städte, jetzt um ſo ſorglicher auf der Hut zu ſein. Die Edlen und der dritte Stand wurden zu einer außerordentlichen Verſammlung einberufen, um für den ſchlimmſten Fall des Landes Heil zu bewahren.— Der elende Anaſtro begab ſich nach Spanien, wo es ihm jedoch ſchlecht genug ging. Nur langſam wurde Oranien wieder hergeſtellt; erſt am . Mai war er ſo weit geneſen, daß er ſeinen erſten Kirchgang zru konnte. Drei Tage darnach ſtarb ſeine geliebte Gattin Charlotte von Bourbon. Der Schrecken über die Todes⸗ gefahr ihres Gemahls, die lange Beſorgniß an ſeinem Kranken⸗ lager, der erneuerte Schrecken, als ſpäter die faſt geheilte Ader wieder ſprang und Oranien ſich beinahe verblutete, unabläſſiges Wachen und Pflegen hatten ihr ein hitziges Fieber zugezogen, welches ſie ſchnell hinwegraffte. Kurz nach dem Attentat auf Oranien und ſo lange für deſ⸗ ſen Erhaltung noch wenig Hoffnung da war, hatte Anjou die Deputirten von Holland, und wohl auch die von Seeland und Utrecht dringend aufgefordert, ihm jetzt ohne weiteres zu huldigen. Aber trefflich wußten die Deputirten jenem Anſinnen auszuweichen. Als Oranien wieder hergeſtellt war, veränderte Anjou plötzlich ſein Benehmen. Er hatte ſich von der innigen 101 Theilnahme des Volkes in Holland für Oranien, und dadurch auch von dem unerſchütterlichen Anſehen deſſelben hinlänglich überzeugt und fand es daher für ſein eigenes Intereſſe gerathen, die Anſprüche Oraniens durch ein völlig genügendes Rever⸗ ſal anzuerkennen, worin er die Staaten von Holland, See⸗ land und Utrecht, wenn ſie ihm(Anjou) huldigen würden, zu weiter nichts verpflichtete, als zur Eintracht in Betreff der Landesvertheidigung, zur Theilnahme an den gemeinſamen Kriegskoſten, zur Uebereinſtimmung im Münzfuß und zur gegenſeitigen Beſchützung der Rechte, Freiheiten und Küren. Zu noch größerer Beruhigung ſchrieb Anjou ferner den Staaten von Holland unterm 6. Mai, er wolle ſich keineswegs die Regierung der Landſchaften aneignen, die bisher unmittelbar unter Oraniens Oberhoheit geſtanden. Nun leiſteten ihm denn auch Holland und Seeland den Huldigungseid. Utrecht weigerte ſich je⸗ doch immer noch, aus dem bereits früher angegebenen Grunde. Oranien hatte die Streitſache zwiſchen der Geiſtlichkeit und dem dritten Stande an den auf der rechten Maasſeite verſam⸗ melten Landrath gewieſen, welcher folgende Entſcheidung gab: „Die fünf Kapitel ſollten ſich fortan mit Regierungsſachen nicht befaſſen, dagegen ſollten ſechs bis acht reformirte oder dem Pro⸗ teſtantismus doch nicht abgeneigte Kanoniker, deren Wahl der Ritterſchaft und den Städten zuſtünde, unter dem Namen der „Erwählten,“ und für Laien geltend, das erſte Mitglied der Staaten repräſentiren.“ Oranien beſtätigte dieſen Beſchluß, durch welchen der Zwiſt beigelegt wurde. 3 Anjou ſuchte ſich nun der Regierung mit Berückſichtigung der Landesbedürfniſſe thätig anzunehmen und erbat ſich zu die⸗ ſem Zwecke von Oranien und mehren Mitgliedern des Staats⸗ rathes eine genaue Darlegung des Zuſtandes der Lande. Er 102 erhielt einen gewiſſenhaften Bericht, welcher zugleich nöthige Verbeſſerungen inbegriff, und legte denſelben den General⸗ ſtaaten zur Berathung vor. Sie beſchloſſen(unter Anderem) die vier und zwanzig Tonnen Goldes, welche ſie zu Bordeaux verwilligt hatten, auf dreißig(jährlich) zu erhöhen und außer⸗ dem noch für die Dauer eines halben Jahres monatlich 50,000 Gulden herbeizuſchaffen. Die Kriegsgefahr, welche durch Far⸗ neſe's Kühnheit und Glück immer dringender wurde, nöthigte dazu. In Bezug auf die Rechtspflege wurde ein Vorſchlag in Anregung gebracht, welcher den Staaten von Holland gänz⸗ lich mißfiel und ſie veranlaßte, ein bereits früher berathenes und bis jetzt zurückgelegtes Projekt wieder aufzugreifen, nämlich die Errichtung des Gerichtshofes oder ſchlechtweg„Hofes“ von Holland, welcher denn am 21. Mai 1582 ins Leben gerufen wurde und vor welchen alle ſolche Sachen kamen, die vor dem ſogenannten„großen Rathe“ zu Mecheln und vor dem „geheimen Rath“ zu Brüſſel unerledigt geblieben waren. In Beziehung auf die Religionsfreiheit geſchahen weniger Fortſchritte, als die ſehr in Nachtheil geſtellten Katholiken*) von der Herrſchaft eines Glaubensgenoſſen erwartet hatten. Nur in Antwerpen erlangten ſie(am 15. März 1582) von Anjou das verlorene Recht der freien Ausübung ihres Gottes⸗ dienſtes wieder. So ſchien denn nun der Zuſtand der von Spanien abge⸗ *) Am 20. Dezbr. 1581 war in Holland ein, im Namen Oraniens, als der höchſten Obrigkeit erlaſſenes, Plakat erſchienen gegen die öffent⸗ liche Ausübung des katholiſchen Gottesdienſtes daſelbſt, das Tragen geiſtlicher Gewänder u. ſ. w.; auch in Brüſſel und Antwerpen erſchienen ahnliche Plakate, durch die Beſorgniß veranlaßt, daß die ſpaniſche Parthei unter dem Vorwand und durch Vermittlung des Katbolizismus das Uebergewicht erlangen möchte. — —— 103 fallenen Provinzen endlich gefeſtet zu ſein; doch noch allzuviele innerliche Gegenſätze regten ſich unter der glatten Oberfläche; die Nationalitäten der nördlichen und der ſüdlichen Provinzen waren durch die Einigung unter einem neuen Oberhaupte noch immer nicht verſchmolzen; der religiöſe Fanatismus beider Par⸗ theien war noch nicht beſchwichtigt. Ueberdies war, ſeit dem Mordanfall auf Oranien und dem dadurch entſtaͤndenen Gerücht in Antwerpen, der Keim des Mißtrauens gegen die Franzoſen einmal vorhanden und er ließ ſich nicht mehr ganz ausrotten. Anjou ſelbſt mußte ſich durch alle jene Bedingun⸗ gen, die er ſo leichthin eingegangen hatte, bald ſehr gedrückt fühlen und ſuchte eine paſſende Gelegenheit, um ſich jener Feſſeln zu entledigen, um das wirklich zu werden, was er zu werden gehofft hatte,— nämlich ein Herrſcher. Uebrigens war der da⸗ malige Zuſtand,— abgeſehen davon, daß er in ſich ſelbſt keine Bürgſchaft der Exiſtenz trug,— auch noch von außen durch Farneſes Waffenglück gefährlich bedroht. Doch bevor wir den Verlauf der Kriegsereigniſſe im Jahre 1582 verfolgen, müſſen wir Farneſes Stellung und geheime Beſtrebungen ins Auge faſſen. Schon kurze Zeit, nachdem die Aechtung Oraniens veröffent⸗ licht worden war, hatte Alexander Farneſe plötzlich eine Nebenbuhlerin in den Niederlanden auftreten ſehen; es war ſeine eigene Mutter, Margaretha von Parma. Philipp Il. hatte nämlich den Wallonen verſprochen, ihnen einen Fürſten oder eine Fürſtin aus ſeiner nächſten Verwandtſchaft zum Statt⸗ halter zu geben, und indem er dies Verſprechen jetzt erfüllte (Margaretha von Parma war ja Philipps Schweſter), hatte er zugleich einen trefflichen Vorwand, ſein Mißtrauen gegen ihren Sohn Alexander zu verdecken. Mag vielleicht auch des 104 einflußreichen Granvella Rath*) auf Philipps Entſchluß mit eingewirkt haben,— das Hauptmotiv blieb gewiß die Beſorgniß, ob Farneſe ſich durch das Vertrauen der Wallonen, durch die Zuverſicht auf die glücklichen Erfolge nicht verleiten laſſen könne, die Rolle eines Vermittlers in die des Herr⸗ ſchers zu verwandeln? Philipp fühlte gar wohl, welchen wich⸗ tigen Antheil an der Unterwerfung der Wallonen Farneſes Per⸗ ſönlichkeit hatte. Margaretha von Parma kam denn, auf Befehl des Königs, im Jahre 1580 aus Italien wieder nach den Niederlanden, und traf im Auguſt zu Namur ein. Sie ſollte die Regierung übernehmen, was ihren Erinnerungen, ihrem Ehrgeitze entſprach. Sie hoffte, wie Philipp, man würde in den Niederlanden ihre Wiederkunft ebenſo freudig begrüßen, als man ihr Scheiden ſchmerzlich empfunden hatte; das alte Vertrauen der Nation zu Margarethen würde die Herzen der Nation für Spanien wiedergewinnen. Sowohl Philipp als Margarethe tüäuſchten ſich jedoch; die Zwiſchenzeit hatte jenen Nimbus verwiſcht, welcher ihr Bild zur Zeit eines Alba um⸗ gab. Alexander Farneſe ſollte übrigens die oberſte Leitung des Krieges behalten; auf dieſe Weiſe dachte man auch ihn zu⸗ frieden zu ſtellen. Aber auch hierin täuſchte man ſich. Je un⸗ eigennütziger Alexander Farneſe für das Intereſſe des Königs wirkte, um ſo tiefer mußte ihn deſſen Mißtrauen kränken. Ueber⸗ dieß bedachte er auch ſeinen Ruhm. Ohnehin ſehr beengt durch die Entfernung ſeiner Kerntruppen, hatte er, wenn er nun auch einen weſentlichen Theil der Gewalt in andre Hände legen mußte, faſt gar keine Ausſicht, das Werk, welches er klug und energiſch begonnen hatte, glücklich und ehrenvoll zu beendigen, *) Vergleiche Ranke über Philipps II. zweites Miniſterium(„Fürſten und Völker von Süd⸗Europa“, 1. Band, 2. Auflage.) — 105 und lieber wollte er noch bei Zeiten ſich gänzlich zurückziehen, als einen ſolchen Ausgang abwarten. Somit konnte denn das Zuſammentreffen von Mutter und Sohn nicht anders als kalt und förmlich ſein; Alexander vermochte es nicht, ſeine Stim⸗ mung vor der Mutter zu verbergen, und Margarethe, welche dies lebhaft fühlte, wünſchte wenigſtens einen offenen Zwiſt zu vermeiden. Sie ſchrieb deßhalb im September an den König: „ſie hätte die Angelegenheiten in den Niederlanden viel bedenk⸗ licher gefunden, als man ihr in Italien dieſelben geſchildert habe. Nur die Waffen könnten hier das Beſte ausrichten, und ſie hielte ihren Sohn unter ſolchen Umſtänden für viel tauglicher, die Statthalterſchaft zu führen, als ſich ſelbſt. Aus dieſem Grunde bitte ſie denn den König, ihr die übertragene Würde abzunehmen und dieſelbe ihrem Sohne ferner zu laſſen.“ In einem ähnlichen Sinne ſchrieb der Letztere an Granvella; aber vielleicht beſtärkte dies den König nur noch mehr in ſeinem Mißtrauen und bewog ihn, auf ſeinem Entſchluſſe zu beharren. Alexander Farneſe aber hielt es im Intereſſe Philipps für's Beſte, ſich darum nicht zu kümmern; er entzog ſeiner Mutter alle Macht in Regierungsangelegenheiten. Ein kühner Schritt, dem er dadurch Nachdruck zu geben wußte, daß er beim König um ſeine Entlaſſung von der oberſten Gewalt im Kriege nachſuchte. Philipp konnte dies unmöglich zugeben und beſtätigte endlich am 29. Dezember 1581 Alexander Far⸗ neſe in ſeiner ganzen Würde; doch ſollte deſſen Mutter gleich⸗ falls in den Niederlanden bleiben. Sie weilte dort bis zum September 1583, aber ohne Macht und Anſehen, ja ſogar, wie es ſcheint, in Mangel. Farneſe ſah übrigens ein, daß er, um den üblen Eindruck ſeines eigenmächtigen Schrittes bei dem König zu verwiſchen, oder vielmehr um jenen zu rechtfertigen, glänzende Er⸗ folge für Spanien erringen mußte, was ihm ſo lange ſehr er⸗ ſchwert blieb, als ihm ſeine alten Kerntruppen nicht wie⸗ der zur Verfügung ſtanden. Sie jedoch unter irgend einem nichtigen Vorwand herbeizurufen, würde, als Treubruch von ſeiner Seite, das Vertrauen, welches ihm die Wallonen ſchenk⸗ ten, vernichtet haben; Don Juans Beiſpiel diente ihm zur War⸗ nung. Seine Politik arbeitete nun dahin, daß die Wallonen ſelbſt ſich von der Nothwendigkeit der Zurückberufung jener ihnen einſt ſo verhaßten Truppen überzeugten, ja, daß ſie dahin⸗ gebracht würden, dieſelbe zu erbitten. Trefflich benützte er zur Verwirklichung dieſes Wunſches die Lage der Provinzen Artois und Hennegau, welche, in Folge der Einführung Anjous, jetzt ſowohl durch die franzöſiſchen Truppen, als auch durch die der Staaten doppelt bedrängt und ausgeſetzt waren. Es fiel Farneſe'n nicht ſchwer, durch ſeine zahlreichen Anhänger auf die beſorgten Provinzen dahin zu wirken, daß ſie endlich eben nur in der Zurückberufung der fremden Truppen Schutz und Rettung ſahen. Und wirklich gelang es ſei⸗ nem Anhang, bei den Wallonen, trotz des Widerſpruchs einiger Edel⸗ leute, den Vorſchlag durchzuſetzen, daß man einen Geſandten nach Spanien abgehen laſſen ſolle, um ſich von dem König die Zurückberufung der abgezogenen Truppen zu erbitten. Inzwiſchen hatte Farneſe ſchon im April 1582 die Stadt Lens in Artois, welche die franzöſiſchen Truppen durch einen Ueberfall bewältigt hatten, wiedergewonnen, und die Stadt Oudenaarde belagert. Zwar eroberten die Truppen der Staaten Aalſt; dagegen nahmen die Königlichen die Schlöſſer Gavre und Kaſtelet. Oudenaarde ergab ſich nach einem ruhmvollen Widerſtande am 5. Juni an Farneſe, und Haute⸗ penne bemächtigte ſich im Auguſt der Stadt Lier in Brabant, durch Verrath des ſchottiſchen Oberſten David Simple. —,— —ÿy —4,— 107 Die Truppen der Staaten hatten ſich in einem Lager bei Gent ſo trefflich verſchanzt, daß Farneſe es nicht für gerathen fand, ſie dort anzugreifen; deßhalb zog er raſch nach Seeflandern, um eine neue Verſtärkung von 1500 Mann deutſcher Reiterei, die über Calais bei Dünkirchen angekommen war, und ſich mit einer franzöſiſchen Heeresabtheilung vereinigen wollte, ab⸗ zuſchneiden. Er kam jedoch zu ſpät, um die Vereinigung zu hindern, und griff am 2. Auguſt beide Truppen bei St. Wy⸗ noksbergen an. Der Kampf war von beiden Seiten gleich heftig, blieb jedoch unent cbieden Mittlerweile hatte ſich der Geſandte der walloniſchen Landſchaften, der Abt von St. Waast, des Auftrags am ſpaniſchen Hofe glücklich entledigt. Der König hatte ihn huldvoll aufgenommen, die Bitte der Wallonen, wie ſich vor⸗ ausſehen ließ, gern bewilligt und Farneſe'n zugleich eine Sum⸗ me von 700,000 Dukaten zur Beſtreitung der Kriegskoſten über⸗ ſchickt. Bald nach dem Gefecht bei St. Wynoksbergen trafen die ſpaniſchen und italieniſchen Truppen bei dem Heere Farneſes ein, und raſch beſchloß nun dieſer das bedeutend geſchwächte franzöſiſche Heer, welches zu St. Lievenshout (zwei Meilen von Gent) lag, zu überfallen. Die Franzoſen waren jedoch gewarnt worden und, um den ungleichen Kampf gegen die Uebermacht zu vermeiden, zogen ſie ſich bis dicht vor Gent zurück, wo ſie durch die Geſchütze auf den Wällen ge⸗ deckt waren. Dies gelang ihnen glücklich, trotz der wohlgeord⸗ neten Gegenanſtalten Farneſes; aber kühn griff ſie dieſer in der günſtigen Stellung an, welche ſie eingenommen hatten. Es war am 29. Auguſt, als der Kampf vor den Mauern Gents losbrach. Oranien und Anjou, welche ſich eben in Gent befanden, ſahen auf den Wällen der Schlacht zu, welche bis zum Abend währte. Da zog Farneſe ab, nicht ohne großen 108 Verluſt, wiewohl auch ſeine Gegner keinen geringen erlitten hatten. Hierauf begaben ſich Anjon und Oranien mit dem Heere nach Termonde und von dort(zu Anfang Septembers) nach Antwerpen. Farneſe muſterte ſeine Heeresmacht am 14. deſſelben Monats; ſie belief ſich über 60,000 Mann und koſtete den König monatlich 642,356 Gulden. Gleichwohl konnte Farneſe kaum die Hälfte jener Krieger ins Feld ſtellen, da ein großer Theil derſelben die Beſatzungen bildete; die Zahl der Uebrigen wurde durch Seuchen ſehr verringert. Die vereinigten Truppen der Staaten und Anjous hatten ſich zwar in der letzteren Zeit durch bedeutenden Zuwachs vermehrt, wur⸗ den jedoch ebenſo durch anſteckende Krankheiten heimgeſucht. Beide Streitkräfte endlich litten Mangel an Subſiſtenz⸗ mitteln. Indeſſen war der Nachtheil doch hauptſächlich auf Farneſes Seite. Obwohl er ſich gegen Ende des Feld⸗ zuges von 1582 einiger feſter Plätze bemächtigt hatte, ſo befand er ſich doch in großer Verlegenheit, da ihm Anjou den Weg nach der Landſchaft Waas abgeſchnitten hatte. Herzogenbuſch war von Feinden umſchloſſen und ſchon nahe daran, ſich Anjou zu ergeben; das Durchſtechen einiger Dämme bedrohte ihn und ſein Heer mit der äußerſten Gefahr; und ſchon hatte er einen Vertrauten nach Spanien geſchickt, um ſich vom König Hülfe zu erbitten. Bang ſah er der Zukunft entgegen, als er ſeine Truppen die Winterquartiere beziehen ließ. Gleiches that auch Anjou. 3 Wie in den ſüdlichen Provinzen, ſo ſchwankte das Waffen⸗ glück während des Feldzuges von 1582 auch in den nördli⸗ chen zwiſchen den Staaten und der königlichen Parthei. Zwar kam es den Truppen der Staaten ſehr zu Gunſten, daß ihnen im April ein Zufall den gefürchteten Partheigänger Martin Schenk in die Hände lieferte; zwei Jahre lange blieb er ge⸗ 109 fangen; um ſo mehr machte ihnen jedoch der nach Rennenbergs Tode zum Statthalter von Gröningen ernannte Spanier Ver⸗ dugo zu ſchaffen, ein tüchtiger Kriegsmann voll Umſicht und Kühnheit, welcher ſich in der Ausführung ſeiner Pläne nicht ſo leicht beirren ließ. Im Juni war er vor Lochem in der Graf⸗ ſchaft Zütphen gerückt und hielt dieſe Stadt eng umſchloſſen. Vergeblich ſuchten ihn einige weſtfrieſiſche Truppen durch ver⸗ ſchiedene Diverſionen von Lochem fortzulocken, und verwüſteten zu dieſem Ende wohl zwanzig Kirchſpiele in Twente und Drenthe. Verdugo blieb unbeweglich vor Lochem und umſchloß es nur noch genauer, nachdem Graf Wilhelm Ludwig von Naſſau,(Oraniens Neffe, ein Sohn des Gra⸗ fen Johann) Mundvorrath in die belagerte Stadt zu bringen gewußt hatte. Erſt im September gelang es dem Grafen von Hohenlohe, nachdem er ſchon früher einen fruchtloſen Ver⸗ ſuch dazu gemacht hatte, Lochem zu entſetzen. Dagegen war Steenwyk in der Nacht vom 16. auf den 17. September durch Verrätherei eines katholiſchen Bauers, welcher dem könig⸗ lichen Oberſten Taſſis eine Fuhrt durch den Graben vor dem Oſterthor gezeigt hatte, in die Gewalt der Feinde gerathen. Die Einnahme von ein paar Schlöſſern und der Stadt Haſ⸗ ſelt,(im Oktober) wo der reformirte Gottesdienſt eingeführt wurde, war den Truppen der Staaten ein geringer Erſatz für Steenwyks Verluſt. So war das Jahr 1582 abgelaufen. Das neue Jahr ſollte dem Schickſal der vereinigten Provinzen eine gefahrdrohende Wendung geben, zu welcher der erſte Anſtoß von dem Herzog von Anjou ausging. Dieſer Prinz befand ſich, ſeit dem At⸗ tentat Jaureguis gegen Oranien, in einer ſehr unruhigen Stim⸗ mung. Er hatte bei jener unſeligen Gelegenheit das Anſehen Oraniens im Volke im ganzen Umfang kennen gelernt, und mußte ſich geſtehen, daß er ſelbſt, dem das Volk doch als ſei⸗ nem Beherrſcher gehuldigt hatte, ſtets bloß der Zweite nach Oranien blieb, dem er noch dazu die volle Hoheit in Hol⸗ land, Seeland und Utrecht laſſen mußte,— ein unerträg⸗ licher Gedanke für einen Mann von ſo viel Eitelkeit wie er! Fort und fort nagte die Erinnerung in ihm, daß man ihn— wenn auch nur kurze Zeit— für den Anſtifter des Meuchelmor⸗ des hatte halten, daß man, um Oraniens willen, ihm und allen Franzoſen hatte den Tod drohen können! Er mußte ſich(ſo trieb ihn eine mächtige Stimme in der Bruſt) losreißen von den Feſſeln jenes Vertrages, in welche er ſich ja doch frei⸗ willig geſchmiegt hatte; unwürdig dünkte ihm ſein ganzes Da⸗ ſein, ſo lang er bloß den Titel des Herrſchers zur Schau trage und nicht einen einzigen Ort habe, in welchem er, ohne läſtige Vormünder und Aufpaſſer, ſich erlauben konnte, das Wort auszuſprechen und zu bethätigen:„Mein Wille iſt das Geſetz.“ Seine Seele war fortwährend in peinlicher Aufregung, und er mußte ſich dabei ſtets in Acht nehmen, dies nicht zu ver⸗ rathen; er war krank, zerriſſen, und mußte geſund ſcheinen. Die Ankunft vieler ſtolzer und thatkräftiger Edelleute, welche unter ſeinen Fahnen kämpfen wollten, trug dazu bei, ſeinen Gram, ſeinen Mißmuth zu vermehren. Sahen ſie nicht täglich, welche klägliche Rolle er als Herrſcher ohne Macht ſpielte? Sie waren gewohnt, ihn als Bruder ihres Königs zu ehren, ſie hofften, ihn in der Fülle der Macht zu finden, und von der letzteren für ſich ſelbſt Vortheile zu ziehen; und ſie entdeckten auf den erſten Blick, daß der dritte Stand hier gleich⸗ berechtigt mit dem Adel war, daß Ketzer den Königsſohn, den Katholiken beſchränkten, daß der Name eines geborenen Franzoſen bei den Niederländern nur Mißtrauen er⸗ 111 weckte! Ihr Stolz, dadurch gekränkt, wurde ein neuer gefähr⸗ licher Stachel für Anjous gereiztes Gemüth. Er erkannte in ihnen Freunde, denen er ſein Inneres aufſchließen, denen er ſei⸗ nen Kummer nittheilen konnte; ſie hinwieder geſtalteten ſeine geheime Wünſche zu beſtimmten Plänen. So wie er dieſen nachhing, mußte die Hoffnung ihn aufrichten und ſeine Seelen⸗ krankheit, wenn nicht heilen, doch für den Augenblick wenigſtens aufhalten. Wenn ihn nun einerſeits die Hoffnung anregte, ſo drängte ihn anderſeits die Beſorgniß raſcher zum Entſchluß. Seine mißliche Stellung zu dem König von Frankreich, ſeinem Bruder, trug weſentlich dazu bei. König Heinrich III. hatte ihn ſtets mit argwöhniſchen Blicken beobachtet und ihn nach An⸗ nahme der Herrſchaft über die Niederlande faſt gar nicht unter⸗ ſtützt; aus welchem Grunde ſollte er ſich wohl auch für dieſe intereſſiren, da ſich die Staaten ſowohl die Wahl des Erbfol⸗ gers als auch ausdrücklich das bedungen hatten, daß die Nieder⸗ lande nie mit Frankreich vereinigt werden ſollten? Ueberdieß konnte der Gedanke, ſeinem Bruder für Ketzer beizuſtehen, dem katholiſchen Heinrich 111. wohl die Luſt verleiden. Wohl aber blickte vielleicht ein andrer thatkräftiger proteſtanti⸗ ſcher Fürſt, Heinrich von Navarra, bereits auf die Nie⸗ derlande hin. Weßhalb hätte dieſer ſonſt den berühmten Pro⸗ teſtanten Philipp du Pleſſis⸗Mornai zu Oranien geſchickt? Weßhalb verhandelte der Letztere ſo geheim mit du Pleſſis, daß Anjou bei ihren Unterredungen nicht zugegen ſein durfte? Wie ſollte Anjou, ohne alle Hülfe von ſeinem königlichen Bruder, dem wachſamen und unermüdlich thätigen Farneſe, dem offenen Feinde,— ſo wie den geheimen Machina⸗ tionen Oraniens, an welchen er nicht zweifelte, die Spitze bie⸗ ten? Je länger er in alle dieſe Verwickelungen hineinſtarrte, um ſo feſter wurde ihm die Ueberzeugung, daß es eines Gewalt⸗ 112 ſtreiches bedurfte, um ſie zu löſen und dem gewiſſen Unter⸗ gang zuvorzukommen. So entſchloß er ſich denn, den unſeligen Weg Don Juans zu betreten, in der Hoffnung, das Glück werde ihm günſtiger ſein. Er ahnte nicht, daß er, indem er ſeinen Eid brach, nicht* 4 bloß ſein eigenes Verderben beſchleunigen, ſondern auch die Nie⸗ derlande in gränzenloſe Verwirrung bringen würde. Er rechnete auf die Gewalt, ohne doch die Ungewißheit des Erfolges mit in Anſchlag zu bringen. Sein Plan war folgender: Zu gleicher Zeit ſollten verſchie⸗ dene wichtige Plätze, deren Beſatzungen entweder ausſchließlich oder doch theilweiſe aus Franzoſen beſtanden, Dünkirchen, Oſtende, Nieuwpoortz Dirmuiden, Termonde, Vil⸗ voorden, Aalſt, Meenen, Wynoksbergen, Brügge und Antwerpen in ſeine Gewalt gebracht werden. Hatte er ſo auf verſchiedenen Punkten feſten Fuß gefaßt, ſo hoffte er den Niederlanden ganz andere Bedingungen vorſchreiben zu können, als jene, welche er ihnen beſchworen hatte. Die franzöſiſchen Befehlshaber der Beſatzungen jener feſten Plätze hatten ihre be⸗ ſtimmten Befehle; alle Anordnungen waren getroffen, am 17. Januar 1583 ſollte überall der entſcheidende Schlag fallen; die Ueberwältigung Antwerpens behielt Anjou ſich ſelbſt vor. Aber ungleich fiel in den verſchiedenen Orten der Erfolg dieſes Attentates gegen die Freiheit und gegen die Heiligkeit des Vertrages aus. In Dünkirchen gelang es der franzöſi⸗ ſchen Beſatzung, bei Gelegenheit eines Streites über Priſen, die niederländiſchen Truppen aus der Stadt zu vertreiben. Ebenſo bemeiſterten ſich die Franzoſen Dixm uidens und Termondes; in Aalſt, Vilvoorden, Meenen und Wynoksbergen waren ſie ohnehin die ſtärkſten. Dagegen mißglückte der An⸗ ſchlag in Oſtende, Nieuwpoort und Brügge. In dieſe 113 letztere Stadt waren bereits franzöſiſche Truppen aus Meenen unnd Dirmuiden eingedrungen; aber der beherzte Hochbaljuw Jakob de Gryze rief die Bürger zu den Waffen, bemeiſterte ich des Prevots la Valette, des Oberſten l'Espier ſo wie mmehrer anderer Hauptleute und brachte ſie in ſicheren Gewahr⸗ ſam. Hierauf wurden die Franzoſen gezwungen, Brügge zu verlaſſen. Der Hofmeiſter Anjous, la Fougére, welcher als Gefe fangener nach Brügge gebracht worden war, verrieth unter der peinlichen Frage das ganze Projekt ſeines Herrn, nämlich: ſich der wichtigſten Plätze, ſo wie Oraniens und der Deputirten der Generalſtaaten zu bemächtigen, ſich die Auslieferung der Holland, Seeland und Utrecht betreffenden Reverſale zu erzwingen, eine unumſchränkte Herrſchaft aufzurichten und den römiſch⸗katholiſchen Gottesdienſt wieder herzu⸗ ſtellen;“ doch ſuchte la Fougere ſeinen Herrn dadurch zu entſchuldigen,„daß derſelbe, der bis jetzt zu wenig Anſehen und Macht gehabt, um des Landes Regierung aufs beſte zu hand⸗ haben, vorhabe, alſobald die Generalſtaaten zuſammen zu berufen, um den Vertrag von Bordeaux zu verbeſ⸗ ſern; hierauf beabſichtigte er eine allgemeine Amneſtie zu er⸗ laſſen, und, unterſtützt durch ſeinen königlichen Bruder, den Spaniern die Spitze zu bieten. Anjou ſelbſt hatte kurz vorher der Verſammlung der Ge⸗ neralſtaaten zu Antwerpen durch St. Aldegonde Klagen über die Beſchränkung ſeines Anſehens und ſeiner Macht vortragen laſſen, wodurch er ſich überall gehindert ſehe, für das gemeine Beſte der Niederlande ſo thätig zu ſein, als er es wünſche; doch die Generalſtaaten bezeugten keine Luſt, jene Beſchränkungen aufzuheben. So bereitete denn Anjou die Ausführung ſeines Planes vor. Franzöſiſche Truppen hatten ſich in der Nacht vom II. 8 114 8. auf den 9. Januar(1583) der Stadt Eindhoven bemäch⸗ tigt.— Angeblich, um dieſen Vortheil ſeiner Waffen zu ver⸗ folgen, ließ nun Anjou gegen den 14. Januar einen großen Theil ſeines Heeres in die Nähe von Antwerpen rücken; in dieſer Stadt ſelbſt befanden ſich bereits viele vornehme Fran⸗ zoſen, welche zum Theil zu ſeinem Hofſtaat gehörten. Schon am anderen Tage verbreitete ſich unter der Bürgerſchaft das Gerücht: die franzöſiſchen Soldaten wollten ſich, um ſich ſo für den Empfang ihrer rückſtändigen Löhnung zu verſichern, der Stadt bemeiſtern und zu dieſem Ende in der nächſten Nacht das Kronenburger Thor beſetzen(was auch wirklich Anjous Abſicht war). Schnell begab ſich nun der Bürgermeiſter zu Anjou, theilte ihm das Gerücht mit, und bat ihn, die Straßen früher als gewöhn⸗ lich durch Ketten ſperren zu dürfen. Anjou erlaubte dies. Am anderen Tage aber verbreitete ſich das Gerücht, die Franzoſen wollten ſich noch vor dem Abend eines Thores bemächtigen. Nochmals beruhigte Anjou den Magiſtrat; aber aus Vorſicht ließ man die Ketten in den Straßen fortwährend geſpannt und wachte die ganze Nacht. Am folgenden Tage(dem 17. Ja⸗ nuar) gab Anjou vor, er wolle zur Heerſchau hinausreiten und ließ Oranien erſuchen, ihn zu begleiten. Vorſichtig lehnte dieſer es ab und warnte zugleich den Herzog,„er möge nicht hinausreiten; denn leicht könne er den Argwohn erwecken, als wolle er mit dem ganzen Heere in die Stadt wie⸗ kehren.“ Doch Anjou vermochte, von heißer Ungeduld ge⸗ trieben, die Ausführung ſeines Planes nicht länger aufzuſchieben und ritt, gleich nach aufgehobener Tafel, in zahlreicher Geſell⸗ ſchaft franzöſiſcher und niederländiſcher Edelleute, und ſeiner Leibwache, links und rechts mit fürſtlich freundlicher Herablaſſung grüßend und winkend, durch die Straßen, aus denen nun die Ketten weggenommen worden waren, gegen das Kipdorfer Thor zu, welches ihm geöffnet wurde. Seine Leibwache machte ſowohl vor der Brücke, als auf derſelben Spalier; vor dem Thore er⸗ warteten ihn einige Rotten Reiterei, um ihn zu begrüßen. Plötzlich ruft der Graf von Rochepot auf der zweiten Fallbrücke: „Jambe rompue.“ Man glaubt, daß ihn ein Pferd beſchädigt habe und will ihm zu Hülfe eilen. Da ertönt jener Ruf(er war verabredet geweſen) plötzlich hundertfach; ein Flintenſchuß kracht, dem Heere draußen zum Signal. Das Gefolge Anjous kehrt auf der Brücke um, die Reiterbanden ſprengen herbei, die ſchwache Bürgerwache wird überwältigt, und die zahlreiche Be⸗ gleitung Anjous drängt ſich, durch die Reiter von außen ver⸗ ſtärkt, in die Stadt, während auch ſechshundert Reiter und dreihundert zu Fuß vom Heere mit wallenden Fahnen heran⸗ rückten.„Marchez, mes enfants, marchez et ne pillez pas!“ ruft ihnen Anjou zu. Schon ſind die Franzoſen in der Stadt und plötzlich erſchallt in den Straßen der grauſenhafte Ruf:„Vive la messe! Tue! Tue!“ Ein Haus am Thore wird in Brand geſteckt, das Thor iſt von Franzoſen beſetzt, und jetzt erſt, da Anjou ſein Spiel gewonnen zu haben glaubt, er⸗ klärt er vielen Herrn in ſeinem Gefolge, die keine Ahnung von dem Attentat hatten: Antwerpen muß mein ſein; denn werden will ich endlich das, was ich bisher nur ſchien, der Herr dieſer Lande.“ Bis jetzt waren die Bürger beſtürzt; ſie wußten nicht, was den Tumult veranlaßt habe. Aber die Loſung:„Vive la messe! Tue, tue!“ hat ihnen blitzesſchnell Gewißheit gegeben; ſie denken an die Bartholomäusnacht und an die„ſpaniſche Furie.“ Da beſeelt plötzlich Alle, Proteſtanten wie Katholiken, ein Geiſt; eine Loſung nur gibts für Alle: Haus und Hof, Weib und Kind, Freiheit und Ehre zu retten! In dumpfen Schlägen rufen die Sturmglocken, in hellen Wirbeln die Trom⸗ meln Jeden an ſeinen Poſten. Raſch werden die Thore ge⸗ 3 116 ſchloſſen, die Straßen wieder durch Ketten geſperrt, und wo ſich Franzoſen zeigen, ſchießt man aus den Häuſern auf ſie; wer keine Kugel hat, ladet Knöpfe oder Geld; wer keine Büchſe hat, ſchleudert Steine und Hausgeräth auf ſie herab. Inzwiſchen ordnen ſich die bewaffneten Bürger in Reih und Glied, rücken dem Feinde ſchlachtfertig entgegen und beſetzen die Schützen⸗ höfe, während ſich Frauen vor die Kanonen ſpannen und ſie dorthin ziehen, wo man ſie braucht. Schon dürfen die Fran⸗ zoſen, in der Stadt gefangen,— überall den Tod vor, ja über ſich,— nicht mehr an Angriff, nur noch an Rettung müſſen ſie denken. Aber je mehr ſie eilen und drängen, nur um ſo ge⸗ wiſſer iſt, bei ihrer Verwirrung, bei dem Grimm der Bürger, ihr Verderben. Am Thore, durch welches ſie entrinnen wollen, liegen Leichen auf Leichen zum hohen Wall geſchichtet; ſo ver⸗ ſperren ihnen Todte den Ausweg. Sie ſpringen von den Wällen und ſchwimmen, von den Kugeln der Bürger verfolgt, durch das Waſſer. So gehn wohl 2000 zu Grunde, 1500 ſind in der Stadt gefangen. Anjou befand ſich indeſſen draußen vor der Stadt und wußte nichts von der Entſcheidung in derſelben; einige Zeit lang hielt er ſogar ſeine eigenen Leute, welche von den Wällen ſprangen, für Bürger. Als er die Wahrheit endlich entdeckte, ſprengte er verzweifelnd zu ſeinem Heere hin. So errang an jenem verhängnißvollen 17. Januar 1583 Bürger⸗ eintracht den Sieg, und Anſjous Frevel gegen die Nation wurde vereitelt. Man bezeichnete ſein Attentat gegen Antwerpen fortan mit dem Namen der„franzöſiſchen Furie,“*) als Gegenſtück zur ſpaniſchen von 1576. Wie ſchlecht Anjous Abſicht, ebenſo war, nachdem der Erfolg ſie vereitelt hatte, ſein Benehmen. Noch an demſelben Tage ſchrieb er von Berchem aus an Oranien, an die General⸗ *) Im 4. deel. III. aflevering des belgisch Museum ſſt eine gleich⸗ 117 ſtaaten, und an den Magiſtrat von Antwerpen, um ſich zu entſchuldigen; als Hauptgrund gab er die Gering⸗ ſchätzung an, mit welcher man ihn in der letzteren Zeit behan⸗ delt habe; zugleich bat er um die Auslieferung ſeiner Papiere und Effekten. Man ſandte ihm dieſelben, ſo wie das Gepäck ſeiner Offiziere; Oranien und der Rath von Antwerpen antworteten ihm damals gar nicht. Er befand ſich in einer traurigen Lage. Seinem Heere und ihm ſelbſt, nebſt ſeinem Hofſtaat, mangelte es an Lebensmitteln und vergeblich ſchrieb er überall hin, um gegen gute Bezahlung ſolche zu erhalten. Dem äußerſten Mangel preisgegeben, ſah er ſich genöthigt, nach Duffel und von dort nach Rimenant zu ziehen, von wo er ſich über die Dyle nach Termonde begeben wollte. Mit Lebensge⸗ fahr durchſchritt er mit ſeinen Truppen die hochgeſchwollenen Fluthen der Dyle, wobei er an 1000 Mann einbüßte, und er⸗ reichte Vilvoorden, wo die Deputirten der Generalſtaaten zu ihm kamen und ihm einige Propoſitionen vorlegten. Er hingegen erneuerte die alten Klagen und wollte in dem Ver⸗ trag von Bordeaux einige Punkte geändert wiſſen; da jedoch dieſe Aenderungen geradezu im Widerſpruch mit dem Geiſte des Vertrages waren, ſo konnten die Deputirten darauf nicht eingehen. Kaum hatte Farneſe von dem Bruch Anjous mit den Staaten vernommen, als er ſogleich mit der ganzen Thätig⸗ zeitige ziemlich lange Ballade über das Attentat gegen Antwer⸗ pen mitgetheilt, ſie heginnt: „„Auno drie en tachtentich is dit sheschiet, Januarius zeventhiene ie Antwerpen in de sté; Waer Godt heeft ons gheholpen uit verdriet, 4 Doen zy riepen:„tuez, tuez, ville gaignié. Die Loſung:„ville gaignié, vive la messe!- bildet den Refrain jeder Strofe und eine Ermahnung des„Prince“ macht den Schluß. 118 keit ſeines Geiſtes dies Ereigniß zu benützen ſuchte. Er ſowohl als die Malkontenten ſchrieben augenblicklich an die zu Antwerpen verſammelten Deputirten der Staaten, ſowie an die Städte Antwerpen, Brüſſel, Gent und mehre andere, und ſchilderten denſelben das Attentat Anjous wie einen Fingerzeig der göttlichen Vorſehung, um ſie über ihr bisheriges Mißverſtändniß aufzuklären, in welchem ſie verblendet von Den⸗ jenigen Beſchützung der Freiheit erwartet hätten, die insgeheim nur das Verderben des Landes und Volkes bezweckten. Sie möchten deßhalb jetzt,(ſo hieß es in jenen Briefen weiter) ſich des alten Mißtrauens und Vorurtheils endlich entäußern, und ebenſo aufrichtig für das wahre Beſte des Vaterlandes beſorgt ſein, als man von Seite Farneſens und Spaniens dies redlich beabſichtige; der König ſei nichts weniger als kriegeriſch geſinnt, ſondern gern bereit, alles, was billig, anzuhören und zu geneh⸗ migen. Kurz, keine Kunſt der Ueberredung wurde dabei ge⸗ ſpart, um die Erbitterung der abgefallenen Provinzen gegen Anjou und die Franzoſen zu nähren, ſo daß eine Verſöhnung mit Spanien noch wünſchenswerther erſcheinen mußte als eine Ausgleichung mit Anjou. Aber auch mit dieſem Letzteren trat der kluge Farneſe in Unterhandlungen, und Anjou erklärte ſich ſchon zur Rückkehr nach Frankreich geneigt, wenn man ihm Bouchain, Guesnoy, Bapaume und Landrecis laſſe. Dieſe Bedingungen konnte Farneſe nicht eingehen, er bot ihm dagegen an, im Fall Anjou die Niederlande verlaſſen würde, deſſen Truppen alle Soldrückſtände zu bezahlen. Uebrigens war es vielleicht auch nicht Anjous Ernſt, nach Frank⸗ reich zurückzukehren; wahrſcheinlich wollte er durch die Unter⸗ handlung mit Farneſe nur auf die Staaten wirken, um von dieſen beſſere Bedingungen für ſich zu gewinnen. Farneſe griff die Sache praktiſcher an er ſuchte die franzöſiſchen Beſatzungen 119 zu beſtimmen, ihm die Plätze, welche ſie inne hatten, auszu⸗ liefern. Anderſeits hatte er zugleich beſchloſſen, ſeinem von Anfang an befolgten Syſtem, Friedensverſuchen durch kriege⸗ riſche Unternehmungen Nachdruck zu geben, auch jetzt treu zu bleiben.— Die Verhältniſſe wurden noch mehr verwickelt, als ſich auch Anjous Bruder, der König von Frankreich, als Vermittler in dieſelben miſchte. Er ſchickte im Februar 1583 den Herzog von Mirambeau an die Verſammlung der Generalſtaaten zu Antwerpen, ſuchte Anjous Attentat durch Uebereilung zu ent⸗ ſchuldigen und ermahnte ſie aufs Eindringlichſte zu einer billigen Vereinigung mit demſelben, unter Verſicherung ſeines beſonderen Schutzes gegen alle ihre Feinde, wenn ein ſolcher Vergleich, wie er hoffe, zu Stande käme. Auch Eliſabeth von England gab ſich viele Mühe, um dies Werk zu fördern. Sie ermahnte An⸗ jon, alle Urſachen des gegen ihn obwaltenden Mißtrauens abzu⸗ ſtellen und ſich lieber auf die Treue des Volkes als auf ſeine eigene Macht zu verlaſſen; ebenſo erinnerte ſie andererſeits die Staaten an alle Dienſte, welche ihnen Anjou geleiſtet, und ſuchte die Staaten, ſo wie Oranien zur Ausſöhnung mit dem⸗ ſelben zu überreden. Oranien war dazu geneigt, und zwar aus demſelben Beweggrunde wie Eliſabeth. Wie dieſe beſorgte er das Aeußerſte von Farneſes Ueberredungskunſt, nämlich die Unterwerfung der abgefallenen Provinzen, die wach⸗ ſende Macht Spaniens; er entſchied ſich für Anjou,— als für das kleinere Uebel von zweien! Aber indem er ſich nun eifrig für einen Vergleich der Staaten mit Anjou verwandte, beförderte er, ohne es zu ahnen, nur eben jenen Zweck, welchen er vereiteln wollte. Die Erbitterung gegen die Franzoſen war in den ſüdlichen Niederlanden noch ſo heftig, daß ſich Oranien durch ſeinen Eifer für Anjou dort verdächtig machte⸗ 120 daß ſein eigenes Anſehen daſelbſt unaufhaltſam wankte und daß man ſich an den Gedanken einer Ausſöhnung mit Spanien zu gewöhnen anfing. Inzwiſchen drängte der König von Frank⸗ reich die Staaten durch einen neuen Geſandten, den Herrn von Belliévre, zum Vergleich mit Anjou, und die augen⸗ blickliche Verlegenheit beider Partheien trug, bei aller üblen Stimmung gegen die Franzoſen, dazu bei, daß man den Ent⸗ wurf eines Vergleiches aufſetzte. Von Seiten der Staaten wirkte beſonders der Umſtand, daß ſich noch viele franzöſiſche Beſatzungen in den Städten Flanderns befanden. Da aber jede einzelne Landſchaft den Entwurf zur Begutachtung be⸗ kam, ſo zog ſich die Verhandlung ſehr in die Länge, während welcher Zeit Farneſe alles aufbot, um den Uebertritt Flan⸗ ders zu beſchleunigen. Anjoun, der ſich indeſſen zu Dünkirchen aufgehalten hatte, wurde endlich des langen Harrens überdrüßig und ſchiffte ſich am 28. Juni 1583 nach Calais ein, nachdem er in Dünkirchen eine franzöſiſche Beſatzung zurückgelaſſen hatte. Mittlerweile war Farneſe unausgeſetzt kriegeriſch thätig geweſen. Er hatte ſchon zu Anfang Februars Ein dhoven durch den Grafen von Mansfeld und Hautepenne belagern laſſen, welche es im April eroberten. Mansfeld nahm Tourn⸗ hout, Vierſele und Dieſt in Brabant ein. Farneſe ſelbſt zwang den franzöſiſchen Marſchall Biron am 17. Juni bei Steenbergen zur Schlacht, und zog dann nach Weſtflan dern, wo er ſich zuerſt(am 6. Juli) Dü nkirchens bemäch⸗ tigte; die Genter vereitelten den Entſatz, indem ſie Biron den Zug durch die Landſchaft Waas verweigerten, aus Be⸗ ſorgniß, Oranien möchte ihn nach Gent ſelbſt ſchicken. Acht Tage nach Dünkirchens Fall ergab ſich Nieu wpoort den Spa⸗ niern. Veurne trat freiwillig zur königlichen Parthei über. 4 — — 121 Oſtende, worin ſich eine ſtarke Beſatzung der Staaten befand, wurde nur kurze Zeit belagert; Farneſe zog gegen Ende Juli's von dort ab, nach Dixmuiden und eroberte dies raſch. St. Wynoksbergen ergab ſich ihm durch den Ver⸗ rath des franzöſiſchen Kommandanten; Ypern dagegen ver⸗ theidigte ſich bis ins folgende Jahr. Im Oktober bemeiſterten ſich die königlichen Truppen des Sas von Gent, und ſchnitten dadurch dieſer Stadt die Verbindung mit der See ab. Ver⸗ rätheriſch lieferte ihm der Baljuw von Waas die Städte Axel, Hulſt und das Schloß Rupelmonde aus; Aalſt übergab ihm die dortige engliſche Beſatzung für Geld. Schon bedrohte Farneſe Antwerpen. Indeſſen hatte der königliche Oberſt Taſſis im Norden mit nicht geringerem Glück ge⸗ fochten. Schon im Januar 1583 war er in die Veluwe ein⸗ gedrungen, hatte ſich dort zweier feſter Plätze bemächtigt, und war hierauf nach Friesland zurückgekehrt, wo er das platte Land bis faſt dicht vor Leeuwaarden verwüſtete. Im Sep⸗ tember überrumpelte er Zütphen und war nun im Stande, die Yſſel zu beherrſchen; Geldern und Over⸗Yſſel wur⸗ den von den Spaniern gebrandſchatzt. Während ſo die Gefahr von außen immer mehr drängte, herrſchten innen entkräftende Zerwürfniße mancher Art. In Friesland und Utrecht zeugte ſich deutlich das Streben und Ringen des Volkes nach einem größeren Antheil an der Regierung, und eigenthümlich war dabei die Stellung Ora⸗ niens, in deſſen ganzem Wirken ſich eine lebhafte Sympathie für das Volk, im Gegenſatz zur Ariſtokratie nachweiſen läßt. Oranien war nach Rennenbergs Abfall, im Juni 1580 durch den Erzherzog Matthias zum Statthalter von Friesland ernannt worden und hatte Bernhard von Me⸗ rode als ſeinen Stellvertreter in dieſer Würde eingeſetzt, und 122 da Merode ſie zu Ende des Jahres 1583 als allzu beſchwer⸗ liche Laſt bei ſeinem vorgerückten Alter niederlegte, ſo ernannten die Staaten an ſeiner Stelle Oraniens Neffen, den Grafen Wilhelm Ludwig von Naſſau. Seit dem Beginn des Krieges mit Spanien und ſeit der Abſchaffung der Stimme der Geiſtlichkeit bei der Staatenverſammlung beſtand nun in Friesland(ebenſo wie in Holland und Seeland) jene von uns bereits früher erwähnte Spannung zwiſchen den Städten und dem platten Lande, indem die erſteren die früher der Geiſtlichkeit zuſtändige Stimme, mithin um eine mehr, als ſie bisher gehabt hatten, für ſich in Anſpruch nahmen, während die drei Quartiere des platten Landes, Ooſtergo, Weſtergo und die Sevenwolden, ſich nur mit zwei Stimmen begnügen ſollten, wiewohl man 1578 übereingekom⸗ men war, daß die Städte bei den Landtagen nur eine Stimme, jene 3 Quartiere dagegen drei haben ſollten. Oranien hatte endlich zu Gunſten des platten Landes entſchieden, indem er verordnete, daß man ſich auf dem nächſten Landtage nach dem Vertrag von 1578 zu richten habe. Ein anderer Streit⸗ punkt, der mit dem eben erwähnten zuſammenhing betraf den ſogenannten Gerichtshof und die deputirten Staaten. Der erſtere ſtand als Rathskollegium von früher dem Statt⸗ halter zur Seite; die Letzteren waren ein Kollegium von neun Mitgliedern, welche bei dem Landtagsabſchied der Staaten einige Theilnahme an der Regierung behielten; und worin das platte Land die Mehrzahl der Stimmen hatte. Als nun die deputirten Staaten die Macht des Gerichtshofes bloß auf Gerichtsſachen beſchränken und dagegen alle politiſchen Angelegenheiten ſich ausſchließlich vorbehalten wollten, ergriff das platte Land ihre Parthei; die Städte dagegen traten auf die Seite des Gerichts⸗ hofes, und zwar aus dem Grunde, weil dieſer ihre Magiſtrate 123 aus einer Doppelzahl erwählte. Der Streit zwiſchen dem Ge⸗ richtshofe und den deputirten Staaten brach unter dem neuen Statthalter Wilhelm Ludwig von Naſſau im Frühling des nächſtfolgenden Jahres(1584) mit großer Heftigkeit aus und wurde nur mit Mühe friedlich ausgeglichen. In Utrecht verlangten die Oberſten der acht Fähnlein be⸗ waffneter Bürger im Juni 1583 von dem dortigen Rath eine bedeutende Vergrößerung ihrer Macht, im Namen des Volkes, deſſen Tribune ſie ſich nannten. Man ſolle ſie(ſo begehrten ſie), der treuen Dienſte nicht vergeſſend, die ſie in Zeiten der Noth gethan, fortan über die Angelegenheiten des Krieges wie im Allgemeinen über Alles hören, was die Bewahrung des Landes und der Städte betreffe; auch wollten ſie die von den Staaten angeordnete Polizeimannſchaft, welche die Sicherheit auf dem platten Lande und in den kleineren Städten erhalten ſollte, abgeſchafft wiſſen; jene Mannſchaft diene nur,(ſo gaben ſie an,) um Argwohn zu ſtiften. Der Rath ſchickte das Geſuch an die Staaten; aber bevor dieſe darüber entſchieden, rottete ſich der Pöbel zuſammen und erzwang die Abſchaffung der Polizeimann⸗ ſchaft. Nun weigerte ſich die Ritterſchaft, zur Tagfahrt zu kommen, ſolang ſie durch den Volksaufſtand in der Meinungs⸗ freiheit gehindert ſei. Aber der Muth des Volkes wuchs hierauf nur noch höher; die bewaffnete Bürgerſchaft verlangte jetzt nicht blos Einſicht in die Rechnungen der Landſchaft, ſondern auch die Bekanntmachung der Bedingungen, unter welchen Oranien die Souverainetät über die Provinz Utrecht erhalten ſolle;„ſie ſend viel ſtrenger gezogen“ rief man entrüſtet,„als man ſie einem Oranien gegenüber aufſtellen darf; der dritte Stand“ (hieß es weiter)„ſoll dieſelben Vortheile genießen wie Adel und Geiſtlichkeit; ſchlecht genug hat man für das Intereſſe der Gemeinden geſorgt.“ Am 30. Auguſt trat die Bürgerſchaft 124 plötzlich unter Trommelſchall wieder in Waffen auf und blieb es bis zum Abend des folgenden Tages, während man nochmals verlangte, die Volkstribune, die Oberſten der acht Fähnlein, zu hören. Der Rath verwies die Sache an Oranien und ver⸗ langte, daß ſich die Bürger ruhig nach Hauſe begeben ſollten. Statt deſſen brachte man von Seiten des Volkes eine neue Forderung zum Vorſchein, nämlich die Abſchaffung der Steuern. Vergeblich betheuerte der Magiſtrat, daß es außer ſeiner Macht ſtünde, dieſem Begehren zu willfahren. Das auf⸗ geregte Volk umringte den Magiſtrat mit dem Ruf:„Fort mit den Steuern, fort! fort! Ihr aber nicht von der Stelle, bevor ihr ſie nicht öffentlich, wie ihr ſie eingeführt habt, abge⸗ ſchafft habt!“ Die Bürgermeiſter wußten ſich nicht anders zu retten, als indem ſie nachgaben und wirklich unter Glockenſchlag alle Steuern abſchafften. Kaum war aber der verwegene Schritt gethan, als ſich bei dem Volke auch Beſorgniſſe und Reue einſtellten, zumal da die ſtädtiſche Regierung über den ganzen Vorfall an Oranien berichtet hatte, und ſo kam es da⸗ hin, daß die Hauptleute der bewaffneten Bürgerſchaft ſelbſt die Abſchaffung widerriefen; bis auf eine Kornſteuer, welche abge⸗ ſchafft blieb. Oranien und die Generalſtaaten ſchickten hierauf Deputirte nach Utrecht, ebenſo ſchickte die Bürgerſchaft ſolche an Oranien, und die ganze Streitſache wurde friedlich ausge⸗ glichen. Die mittlerweile eingetroffene Antwort der Staaten, daß die Bedingungen, unter welchen man Oranien die Souve⸗ rainetät übertragen wolle, keineswegs ſo eng beſchränkt ſeien, als die Bürgerſchaft geglaubt hatte, beruhigte die Letztere völlig. Die Liebe des Volkes zu Oranien hatte ſich bei die⸗ ſer Gelegenheit deutlich gezeigt. Aber jemehr ihn dieſe in den nördlichen Provinzen ſtützte, um ſo raſcher griff das einmal entzündete Mißtrauen gegen ihn in den ſüdlichen um ſich. 125 Sogar ſeine vierte Verheirathung(im April 1583) hatte we⸗ ſentlich dazu beigetragen; denn ſeine Gattin Louiſe war eine Franzöſin, die Tochter Colignys, die Wittwe des Herrn von Teligny, welcher, wie der Erſtere in der Bartholomäus⸗ nacht ermordet worden war. Die erbitterten Franzoſenfeinde in Belgien ſahen darin einen neuen Beweis für Oraniens Hinneigung zu Frankreich; und wiewohl Oranien die Staaten verſicherte, er habe ſeine Verbindung mit Louiſe von Coligny ſchon vor Anjous Attentat auf Antwerpen be⸗ trieben, ſo hieß es doch, er habe die Abſicht,„das Land wieder unter franzöſiſche Oberherrſchaft zu bringen, um dann die Regierung mit Anjou zu theilen“. Von dieſer un⸗ günſtigen Stimmung mußte ſich Oranien ſelbſt zu ſeiner tiefen Kränkung in Antwerpen überzeugen. Als er ſich dort befand, hatte der Magiſtrat den Platz vor dem Schloſſe, wo er wohnte, zu Bauplätzen beſtimmt und deßhalb aufräumen laſſen. Kaum ſah das Volk die Anſtalten dazu, als es den Argwohn faßte, Oranien habe die Franzoſen in die Stadt gebracht und dieſe wollten ſich vor ſeiner Wohnung verſchanzen. Augenblicklich griff es zu den Waffen und durchſuchte tobend die ganze Stadt, während wilde Haufen ſich vor dem Schloſſe zuſammenrotteten und dem Prinzen zuriefen:„Oranien, du biſt ein Verräther!“ Zwar legte ſich die tumultuariſche Bewegung ſchnell, als das Volk ſich von der Grundloſigkeit des Argwohns überzeugte, aber der Magiſtrat wagte es nicht, die Beleidiger Oraniens zur Rechenſchaft zu ziehen. Gekränkt verließ Oranien am 22. Juli mit ſeinem ganzen Hofſtaat Antwerpen, wo St. Al⸗ degonde fürs nächſte Jahr zum Bürgermeiſter erwählt wurde, und begab ſich zur Staatenverſammlung nach Middelburg. Farneſe verfolgte die wachſende Antipathie gegen Oranien mit Wohlgefallen und bemühte ſich ebenſo eifrig, dieſelbe zu 126 Gunſten Spaniens zu benützen, als er ſich anderſeits zum Kriege rüſtete. Mit ſcharfen Blicken hatte er in der Geſchichte des Abfalls geleſen und richtig erkannt, das der Mangel einer geeigneten Seemacht der königlichen Parthei in ebendemſelben Grade Abbruch gethan, wie ſich Holland und Seeland durch den Beſitz einer ſolchen befreit und konſolidirt hatter. Er beſchloß daher eine Seemacht zu ſchaffen, und der Beſitz Dünkirchens war ihm dafür jetzt doppelt wichtig. Aber er dachte zugleich noch weiter, nämlich daran, das Lebensprinzip Hollands und Seelands, den Seehandel, anzugreifen. Er eröffnete deßhalb ſämmtliche niederländiſche Häfen, welche er inne hatte, allen Flaggen ohne Ausnahme; ſelbſt den hollän⸗ diſchen, wenn dieſe auch die königlichen Flaggen reſpektirten. Zugleich ſchickte er, das Beiſpiel der Meergeuſen nachahmend, Kaper aus. Oranien überblickte den ganzen Umfang der Ge⸗ fahr, welche der große Gegner bereitete; um ſo eifriger ſuchte er demſelben in der Staatenverſammlung zu Middelburg ent⸗ gegenzuarbeiten. Den Kapern Farneſes ſtellte er Vliebote ent⸗ gegen, und dem ganzen Plane deſſelben eine feſtere Ordnung des Seeweſens. 1 Unterdeſſen wurden auch die Unterhandlungen der Staaten mit Anjou mit wechſelndem Erfolge fortgeſetzt, wozu Anjou ſeinerſeits den Herrn von Prüneaux an ſie abge⸗ ſchickt hatte. Brabant zeigte ſich auch bereit, ihn wieder als Herr⸗ ſcher anzunehmen; um ſo heftiger weigerte ſich dagegen Flan⸗ dern; andere Landſchaften bedingten, daß Holland und See⸗ land ſich zuerſt entſcheiden ſollte; Holland aber ließ den Prinzen von Oranien bitten, alle ferneren Verhandlungen mit Anjou abzubrechen. Anjous Tod machte dies plötzlich über⸗ flüſſig. Er ſtarb nämlich, wie Einige ſagen, in Folgen frühe⸗ rer Ausſchweifungen, wie Andere meinen, in Folge der Stra⸗ 127 patzen, welche er beim Durchſchreiten der Dyle ausgeſtanden, vielleicht in Folge Beider, verbunden mit dem nagenden Kummer getäuſchter Hoffnungen und aufgerieben von dem Gedanken, daß er ihren traurigen Ausgang ſelbſt verſchuldet habe, in der Blüthe ſeiner Jahre zu Chateau⸗Thierry am 10. Juni 1584; nach⸗ dem er ſein vermeintliches Recht auf die Niederlande(ver⸗ meintlich, weil er den Vertrag gebrochen und weil ihm, auch Kraft des Vertrages, die Beſtimmung der Erbfolge nicht zu⸗ ſtand, noch weniger die Einverleibung der Niederlande mit Frankreich) dem König, ſeinem Bruder, abgetreten hatte. So war nun plötzlich ein bedeutendes Hinderniß verſchwun⸗ den, welches den Abſichten Farneſes in Bezug auf die Wie⸗ dervereinigung der abgefallenen Provinzen mit Spanien im Wege geſtanden. Bei weitem wichtiger jedoch als Anjous Tod war für dieſen Zweck die Abtrünnigkeit zweier Männer, der Statt⸗ halter von Geldern und von Flandern, von der Sache der Freiheit. Oraniens Bruder, Graf Johann von Naſſau hatte ſchon im Jahre 1581 die Statthalterſchaft von Geldern niedergelegt, und ſich nach Deutſchland zurück bege⸗ ben; an Johanns Stelle hatte man, durch Oraniens Einfluß bewogen, deſſen Schwager, dem Grafen Wilhelm van den Berg, die Statthalterſchaft übertragen, wiewohl ihn ſeine Feigheit dazu ſchlecht empfahl. Und in der That rechtfer⸗ tigte derſelbe auch bald das ſchwache Vertrauen der Staaten eben ſo wie den früheren Ruf ſeiner Charakterloſigkeit. Er ſah die augenſcheinlich wachſenden Vortheile der königlichen Par⸗ thei, er beſorgte, daß ſie bald durchaus den Sieg davon tra⸗ gen würde, und er war bedacht, ſich für dieſen Fall ſicher zu ſtellen; deßhalb ließ er ſich denn in geheime Unterhandlungen mit Farneſe ein. Aber der Argwohn ſchlief nicht. Bevor er noch einen entſcheidenden Schritt zu thun im Stande war, 128 hatte ſich bereits das Gerücht ſeiner neuen Verrätherei verbrei⸗ tet und er ſah ſich plötzlich am 15. November 1583 zu Arnheim verhaftet. Man brachte ihn nach dem Haag und von dort nach Delftshaven, wo er bis zum März gefangen gehalten wurde. Aus Rückſicht auf ſeine Verſchwägerung mit Oranien ließ man ihn endlich wieder frei; jedoch mußte er den Staaten einen Eid der Treue ſchwören. Da warf er jedoch die Maske völlig ab und erklärte ſich öffentlich für die königliche Parthei; auch ſeine drei tapfren Söhne traten zu derſelben über. Die Staaten ernannten hierauf den Grafen Adolf von Nieu⸗ wenaar und Meurs zum Statthalter von Gel⸗ dern.— Der andre Verräther war Aerſchots Sohn, der Prinz von Chimay, Statthalter von Flandern, welcher ſchon früher auf der Seite der Staaten, dann— mit ſeinem Vater zugleich— auf der des Königs von Spanien geſtanden, ſpäter aber die reformirte Konfeſſion angenommen hatte und wieder auf die Seite der Staaten übergetreten war. Bevor wir jedoch ſeinen Verrath erzählen, müſſen wir zuerſt den Stand der Dinge in Gent betrachten, wo man einen Waffenſtillſtand mit Farneſe geſchloſſen hatte. In Gent hatten die Faktionen auch nach Hembyzes Ent⸗ weichen keineswegs geruht. Noch immer blitzte dort bei der Gährung der Partheien, der Geuſen und der Katholiſchen, das unbändige demokratiſche Element auf. Im Auguſt 1583 hatte die Erwählung eines neuen Magiſtrats tumultuariſche Auftritte veranlaßt. Die Folge derſelben war der Sieg der revo⸗ lutionären Parthei, welche nun den ehrgeizigen Hembyze noch während ſeiner Abweſenheit als erſten Schöffen von Gent aus⸗ rief und ihn gleich darauf dringend einlud, ſich wieder nach Gent zu begeben. Er ließ nicht lange auf ſich warten; aber die wenigen Jahre, welche er in der Fremde zugebracht, hatten 129 ſeinen Ehrgeiz nur noch unbändiger gemacht. Wie Vieles fand er indeſſen verändert, als er in Gent eintraf! So Manche ſeiner Anhänger, ſo Viele von ſeinen Schützlingen ſuchte er vergebens; die franzöſiſche Herrſchaft hat zahlreiche Bezie⸗ hungen von früherher verwiſcht. Hembyze überzeugte ſich, daß ſeine Politik nicht mehr auf demſelben Fundament fußen konnte, wie einſt, als ihn das Volk in Gent vergötterte; daß er ſich neue Hebel für ſeine Größe ſuchen oder ſchaffen mußte. Immerhin traute er ſich noch ſo viel zu, daß er meinte, das Volk würde, ja es müſſe ihm blind folgen, wenn er es auch zu jenem Ziele hin führe, gegen welches er ſelbſt früher doch wie ein Raſender geeifert hatte, nämlich zur Unterwerfung unter Spanien. Denn nur in einer Ausſöhnung mit Far⸗ neſe erblickte Hembyze für ſich noch Heil, weil er Oranien eben ſo ſehr ſcheute als haßte. Er hoffte unter ſpaniſcher Herr⸗ ſchaft ſeinen Einfluß zu behalten und zu dieſem Beweggrunde trat nun noch die Eiferſucht gegen Ryhove. Letzterer war Kommandant zu Termonde, wood ſich die unter ihm ſtehende Beſatzung wegen Soldrückſtänden empört hatte. Nun dachten Hembyze und ſein Anhang, Ryhove zu ſtürzen. Kaum war Hempbyze in Gent, als er, zum Vorſchöffen erhoben, die öf⸗ fentliche Meinung durch Druckſchriften zu verwirren und für ſeinen Plan zu ſtimmen ſuchte. In einer derſelben ſuchte man die Meinung zu verbreiten, daß man weder mit Spanien noch mit Anjou unterhandeln dürfe,— in der andern, daß es immer gerathener ſei, ſich Spanien wieder anzuſchließen, wenn man ſich nur zuvor durch beſtimmte Bedingungen gehörig gewahrt habe. Die Intrigue Hembyzes verfehlte ihre Wirkung nicht; er hatte den Gentern den Gedanken an eine Ausſöhnung mit Spanien geläufig gemacht und in der That wurde es in Gent durchgeſetzt, daß man mit Alexander Farneſe II. 9 130 einen Waffenſtillſtand für drei Wochen beſchloß. Aber ſchlimm ſollte für Hembyze das böſe Spiel enden. Indeſſen hatte man zu Brügge die Hinneigung des Prinzen von Chimay für Spanien entdeckt und beſchloſſen, ſich ſeiner zu verſichern. Aber auch er hatte davon heimlich Nachricht be⸗ kommen und beſchleunigte deßhalb ſeinen Entſchluß. Glücklich brachte er es dahin, daß die Stadt Brügge und das Freie von Brügge, mithin zwei Mitglieder der Staaten von Flan⸗ dern,(die zwei andern waren bekanntlich Gent und Ypern) am 10. März mit Farneſe in Unterhandlung traten. Ora⸗ nien erfuhr dies und ſuchte es dadurch zu hintertreiben, indem er ſich Brügges bemächtigen wollte, umſomehr da Ypern end⸗ lich an Farneſe überging(am 16. April) und zwar unter ſo günſtigen Bedingungen,(Farneſe verſprach die Erhaltung der Privilegien) daß zu befürchten ſtand, ſowohl Yperns Beiſpiel, als beſonders Farneſes Milde würde auf die übrigen flandriſchen Städte, namentlich Brügge und Gent, entſcheidenden Einfluß haben. Indeſſen kam Chimay Oraniens Plänen zuvor, nahm die Bürgermeiſter von Brügge gefangen, veränderte den Ma⸗ giſtrat und beſetzte denſelben mit Spaniſchgeſinnten. Am 22. Mai unterwarfen ſich denn die Städte Brügge und Damm, ſowie das Freie von Brügge dem Alexander Far⸗ neſe, ſomit dem König von Spanien, unter der Bedingung, daß ſie ihre Privilegien behielten, daß ſie ferner von aller Beſatzung frei bleiben ſollten(es ſei denn mit aus⸗ drücklicher Bewilligung des Magiſtrats) und daß die Refor⸗ mirten Gewiſſensfreiheit(jedoch ohne öffentlichen Kultus) erhielten; die Geiſtlichkeit wurde in alle ihre Güter (ſelbſt in diejenigen, welche mittlerweile verkauft worden wa⸗ ren) reſtituirt. Sluis und Oſtende blieben jedoch auf der Seite der Generalſtaaten. Chimay trat einige Zeit dar⸗ nach zum Katholizismus über und beſiegelte dadurch ſeine Aus⸗ ſöhnung mit Spanien. Voll Verachtung wandte ſich ſeine Ge⸗ mahlin von ihm ab, ließ ſich ſcheiden, und zog nach Holland, wo ſie im Haag wohnte. Die Staaten erklärten Brügge und das Freie für Feinde. In Gent beabſichtigte Hembyze ein Gleiches wie Chi⸗ may. Aber dieſer Demagoge war verloren, ſeit er mit ſich uneins war; denn ſeit dieſer Zeit verrieth er nur all zu deut⸗ lich ſeine peinigende Unruhe. Er hatte beabſichtigt, Gent und Termonde den Spaniern in die Hände zu ſpielen, und alle nöthigen Anſtalten dazu bereits getroffen; als plötzlich am 23. März 1584 in den Straßen Gents der Ruf erſcholl:„Ver⸗ rätherei!“ Bald wußte man allgemein, wem dies galt. Alles ſtrömte zum Rathhauſe, wo ſich Hembyze befand. Er ſuchte ſich vor der erbitterten Menge zu rechtfertigen, und hoffte noch immer mit Gewalt durchzudringen. Schon umgab das Re⸗ giment, deſſen Oberſter er war, das Rathhaus, als plötzlich die Bürgerſchaft, durch einen aus dem Fenſter des Rathhauſes entſprungenen Schöffen zu den Waffen gerufen, in Reih und Glied heranrückte, ſein Regiment angriff und entwaffnete. In dieſem entſcheidenden Augenblick zeigte Hembyze eine ſchmähliche Feigheit und der laute Hohn des ganzen Volkes, Beleidigungen von allen Seiten, ja ſelbſt Mißhandlungen waren gerechte Strafe dafür. Man hatte Briefe von ihm an die Spanier auf⸗ gefangen, welche ſeine Verrätherei entlarvten. Verſtört bekannte er ſich als Verfaſſer derſelben. Vergeblich ſuchte er ſich wieder aufzuraffen, und ſein Benehmen durch den nichtigen Vorwand zu entſchuldigen, er habe ſich der Hülfe der Spanier nur dazu bedienen wollen, um Termonde für Gent zu bewältigen, und dadurch die freie Zufuhr von Lebensmitteln zu erzwingen. Das erbitterte Volk ſchenkte ſeinen Vorſpiegelungen keinen Glau⸗ 132 ben mehr; man entſetzte ihn noch an demſelben Tage ſeiner Würde, nahm ihn gefangen und durchſuchte ſein Haus, wo man bedeutende Waffenvorräthe fand. Dieſe Entdeckung ent⸗ ſchied ſein Schickſal. Man machte ihm den Prozeß, und faßte alle Anklagepunkte gegen ihn, deren gewichtigſter ein beabſichtig⸗ ter Verrath bildete, in 24 Artikeln zuſammen. Seine Verthei⸗ digung beſchränkte ſich in Ermangelung beſſerer Gründe darauf, daß er ſeine Verdienſte für's Vaterland den Nichtern in's Ge⸗ dächtniß zurückrief. Doch der Verrath entkräftete dieſelben. Nachdem er vier Monate lang gefangen gehalten worden war, wurde er durch Stimmeneinheit zum Tode verurtheilt und am 4. Auguſt 1584 auf dem St. Pharaildenplatze(dem heutigen Fiſch⸗ markt) enthauptet. Solch ein Ende nahm dieſer merkwürdige Mann, der bis in's Greiſenalter(er zählte 70 Jahre) dem Idol der Herrſchſucht mit Kraft und Ausdauer nachgetrachtet hatte.*)— Ryhove blieb in Holland und ſtarb dort einige *) Dem Urtheile zu Folge wurde das Haupt Hembyzes eine Stunde auf einer Pike ausgeſtellt. Es fiel durch Zufall auf einen der Zu⸗ ſchauer. Ein Genter Poet, Maximilian de Vriendt machte darauf folgendes Epigramm: „O quantum patriae caput hoc nocuisse putemus, Quando etiam vivis post sua fata nocet! Als einen Monat nach Hembyzes Enthauptung Farneſe nach Gent kam, rehabilitirte er deſſen Andenken und erließ ſeiner Wittwe die Geldſtrafe, zu der ihr Gatte verurtheilt worden.(Messager des sciences histor. 1835. I. Sammlg. tom III p. 41 etc.) Während ſeines Prozeſſes hatte Hembyze folgenden Brief an die Pfalzgräfin geſchrieben: Madame, J'ecrips très humblement ces lettres à Monseigneur pour avoir re- laxement de mes prisons criminels en faveur de son Exce. pour les travaulx et services faictes par icelle au pays, touttes fois mal re- compensées, comme aussi on me veult a put.(present) pour recom- pense mettre a mort honteust il me souvent asseuré souventfois d'aul- 133 Jahre nachher in Anfällen von Naſerei. Hembyzes Tod konnte das Schickſal Gents, welches, ringsum abgeſchnitten, bereits mit Mangel zu kämpfen hatte und wo die ſpaniſchge⸗ ſinnte Parthei keineswegs erſtickt war, nicht lange mehr auf⸗ halten. Raſch eilte Alexander Farneſe auf ſeiner Sieges⸗ bahn weiter dem Ziele zu.— Doch wir müſſen ihn jetzt aus den Augen laſſen, um unſre Aufmerkſamkeit den wichtigen Ver⸗ handlungen zwiſchen Holland und Seeland auf der einen und Oranien auf der andern Seite zuzuwenden, Verhand⸗ lungen, durch welche ſich, wenn ſie abgeſchloſſen waren, Ora⸗ niens Stellung zu den Niederlanden weſentlich verändern mußte. Auch davon abgeſehen, ſind dieſe Verhandlungen ſchon an und für ſich merkwürdig, weil ſich daraus, bei allem Ver⸗ trauen, das Oranien in Holland und Seeland genoß, dennoch die charakteriſtiſche Vorſicht der Nation, und die Intenſität ihrer Liebe zur Freiheit, ermeſſen laſſen. cungs propos que S. E. a aultrefois tenu touchant les querelles pour la religion et aulcungs d'iceulx. Madame je prye de tout mon coeur très humblement, qu'il plaire pryer à Monseigneur de voulloir escrire très en ma faveur selon sa Srace et son plaisir—, j'ecrips à son Exc., car y touche ma vie. J'ai vouloir expedier ce messagier expres lequel comptera comment le tout est advenu. Priant le bon Dieu, Madame, que vous ayes mes tres humbles recommandations. Donnez à Theodore accomplissemens des vertueulxz desirs de son Exce. En grande haste hors des prisons, 15 de Juillet 1548(84). De vre Exce. très humble obeyssant serviteur J. Hembyze. A Madame Madame Duchesse très illustre epouse du ducq Jehan Casimir Palatin due de Bavière electeur. 134 Die erwähnten Verhandlungen betrafen die Uebertragung der Souverainetät über Holland und Seeland an Oranien, und zwar unter dem alten gräflichen Titel, den die Fürſten dieſer Provinzen geführt hatten. Man wird ſich der in dieſer Beziehung bereits früher gemachten Verſuche, der geheimen Eiferſucht Anjous und der Reverſale von 1582 erinnern. Noch im Laufe eben jenes Jahres waren bedeutende Schritte zum Ziele geſchehen. Im Auguſt nämlich hatte Ora⸗ nien die ihm von den Staaten Hollands angetragene Gra⸗ fenwürde wirklich angenommen, am 20. September hatte man ihm durch eine ſorgfältig geheim gehaltene Akte Seeland als Eigenthum für ihn und ſeine Erben übergeben, unter Bedingungen, welche noch entworfen werden ſollten; mit Her⸗ vorhebung des Beweggrundes, daß bei Veränderung des Lan⸗ desherrn niemand den Provinzen tauglicher, nützlicher und angenehmer ſei, als Oranien, deſſen Erfahrungen, treue An⸗ häͤnglichkeit und ausgezeichnete Dienſte einer ſolchen Vergeltung wohl würdig ſeien; weßhalb denn die Staaten von Seeland einſtimmig beſchloſſen hätten, ihm die Grafſchaft anzubieten und ihn zu erſuchen, ſie anzunehmen. Im November deſſelben Jahres endlich erkannten die Staaten von Holland ihn als ihren rechtmäßigen Fürſten an, und verpflichteten ſich zu dem einem Solchen gebührenden Gehorſam. Wiewohl Oranien bei Erklärung der Annahme verſprochen hatte, den Staaten alle Rechte einzuräumen, die ihnen nach dem Vertrage von Bordeaux oder nach dem Muſter der joyeuse entrée zuſtehen möchten, ſo waren doch noch immer viele rechtliche Formen, welche in den nationalen Inſtitutionen wurzelten, ſtreng zu wahren, bevor die Sache zum völligen Abſchluß gedeihen konnte. Störend traten nun plötzlich im Jahre 1583 die Folgen des franzöſiſchen Attentates auf Antwerpen dazwiſchen; das Vorurtheil der ſüd⸗ lichen Provinzen gegen Oranien, welches er durch Beförderung der Vergleichsverſuche mit Anjou allerdings nährte, drang inſo⸗ fern auch in die nördlichen ein, daß man dort zwar das Vertrauen auf Oranien nicht verlor, aber ihn durch eine eigene Kommiſſion dringend erſuchte, die öffentliche Meinung zu beachten und die Unterhandlungen mit dem allgemein ver⸗ haßten Anjou aufzugeben. Eine andere Schwierigkeit lag, bei den fortwährenden Verhandlungen Hollands allein mit Oranien, in der Beſorgniß der übrigen Provinzen: Holland möchte ſich dadurch von der Utrechter Union los⸗ trennen. Die Staaten von Holland widerlegten dies aus⸗ führlich, und man machte ſogar den Vorſchlag, Oranien als allgemeinen Statthalter über die vereinigten Provinzen anzuerkennen, wobei man demnach unterſtellte, daß die erloſchenen Rechte des Königs— der Nation heim⸗ gefallen ſeien, welche durch ihre Repräſentanten, die Staa⸗ ten, den Prinzen von Oranien zu ihrem erſten Beamten ernenne. Es ſcheint, daß man zu dieſem Ende in der Ver⸗ ſammlung der Generalſtaaten zu Middelburg(1583) jenen 1 3ten Artikel der Utrechter Unions⸗Akte, welcher die allgemeine Religionsfreiheit ſtipulirte, abänderte und in allen zur Utrechter Union gehörigen Landſchaften ausſchließ⸗ lich den reformirten Kultus einführte, bloß mit dem Vor⸗ behalt, daß die ſpäter in die Union tretenden Orte ihren bisherigen Gottesdienſt ausüben dürften. Uebrigens ſcheiterte jener Vorſchlag,„Oranien zum Statthalter der vereinigten Provinzen zu machen,“ an dem Widerſpruch einzelner Provinzen und Städte. Ueberhaupt ſieht man in den ganzen Verhand⸗ lungen, wie die Lokalintereſſen mit Macht hervortreten, wie jedes einzelne Glied des idealen Staatskörpers die Autorität ſeiner Selbſtſtändigkeit noch ebenſo entſchieden zu behaupten ſucht, 136 als früher gegen das Centraliſationsſyſtem Spaniens. In Seeland ging die Oppoſition beſonders von Middelburg aus, welches die Uebertragung der Souverainetät von Seiten Seelands hartnäckig aufhielt und dadurch auch wieder den Abſchluß der Sache in Holland hinderte. Denn, wiewohl dort die Ritterſchaft und 25 Städte ſchon am 26. März 1583 die Uebertragungsakte für Holland ſ iegelten, ſo verurſachte doch die Auslieferung derſelben ein neues Hinderniß; man wollte ſie Oranien bloß auf holländiſchem Grund und Boden über⸗ geben, und nun weigerten ſich Amſterdam und Gouda, eher beizutreten, bevor Seeland beigetreten ſei. Dieſer Wei⸗ gerung lag, beſonders von Seiten Amſterdams, die Beſorgniß zu Grunde, das in dem Falle wenn Seeland die Souveraine⸗ tät an Oranien nicht übertrage und Holland dies für ſich allein thue, der umſichtige Farneſe Seelands Han⸗ del begünſtigen, den holländiſchen dagegen benachtheiligen möchte. Oranien erwiederte hierauf:„Holland dürfe ſich über⸗ zeugt halten, daß Seeland deſſen Beiſpiel ſchnell nachahmen werde, um ſo mehr, da es ihm bereits im vorigen Jahre die Sonverainetät angeboten habe.“ Nun entſchieden ſich die meiſten holländiſchen Städte für die Auslieferung der Uebertragungsakte, und als ſich Amſterdam und Gouda noch immer weigerten, wurde die Auslieferung endlich durch Stimmenmehrheit be⸗ ſchloſſen, und am 7. Dezember 1583 überreichten fünf Herren vom Adel, der Advokat und die Deputirten aller holländiſchen Städte(mit Ausnahme Amſterdams und Goudas) dem Prinzen von Oranien im Haag die Urkunde. Nun handelte es ſich nur noch darum, die Bedingungen feſſtzuſetzen, welche Oranien bei der Huldigung beſchwören mußte. Mit dieſem Geſchäft waren der Präſident des Hofes von Holland, Arnold Nikolai, Johann von Mathenes, Herr von Riviére, der Advokat 137 Paul Buis, und die Rathspenſionäre von Delft und Rotter⸗ dam, Peter van der Meer und Johann van Oldenbarneveld, beauftragt. Die Hauptpunkte dieſer Kapitulation, welche am letzten Dezember 1583 durch Paul Buis im Namen der Staaten und durch Nikolaus Bruinings im Namen Oraniens unterzeichnet wurde, waren im Weſentlichen fol⸗ gende:„der Prinz ſoll die Lande von Holland, Seeland und Friesland mit Hoheit und Herrlichkeiten als eine freie Grafſchaft, als höchſter Oberherr, beſitzen und gegen jeden Feind beſchützen. Er ſoll alle von den genannten Provinzen geſchloſſenen Verbindungen, namentlich aber die Utrechter Union befeſtigen und ſie, ſo wie alle herge⸗ brachten Rechte, Freiheiten und Gewohnheiten, aufrechterhalten. Er darf ferner die Gränzen der Provinzen nicht ſchmälern. Sodann verpflichtet er ſich, den reformirten Gottesdienſt zu beſchützen und dafür zu ſorgen, daß zu dieſem Zweck eine Ordnung feſtgeſetzt wird, woran ohne Bewilligung der Staaten nichts verändert werden darf; jedoch ſoll keine Glaubensunterſuchung ſtattfinden. Er muß dafür Sorge tragen, daß die Gerechtigkeitspflege gewiſ⸗ ſenhaft gehandhabt werde, wovon noch insbeſondere hervorzu⸗ heben, daß keine außerordentlichen Gerichte beſtellt, daß Niemand gefangen außer Landes geführt werden dürfe und daß der Gerichtshof ſowie die Rechnungs⸗ kammer für die Domänen im Haag bleiben müſſen; auch hat der Prinz in Bälde den Lehenhof herzuſtellen mit ſolcher Autorität, wie dies früher bräuchlich geweſen. In Bezug auf die Ernennung der hohen Beamten ſteht den Pro⸗ vinzialſtaaten das Recht zu, eine dreifach größere Zahl von tauglichen Männern vorzuſchlagen, aus denen Oranien, als Landesherr, die Wahl frei hat; die Beſetzung geringerer Aem⸗ 138 ter und Stellen bleibt, nach Zuratheziehung der betreffenden Kollegien, ihm überlaſſen. Ohne der Staaten Bewilligung darf Oranien im Münzweſen nichts verändern. In Be⸗ zug auf die zu verwilligenden Steuern(Beden) muß er ſich perſönlich an die geſetzlich verſammelten Staaten jeder Provinz wenden. Den Staaten verbleibt das Recht, ſich nach ihrem Gutbefinden zu jeder Zeit zu verſammelnz; Oranien darf ſie in keinem außerhalb der betreffen⸗ den Landſchaften gelegenen Ortezuſammenberufen. Er bleibt Oberadmiral, und muß, außer in Kriegszeiten, die Flußſchifffahrt In⸗ und Ausländern(gegen die herkömmlichen Zölle) offen halten, welche Zölle ohne Einwilligung der Staaten nicht erhöht werden dür⸗ fen. Bei allen(mündlichen wie ſchriftlichen) Vorträgen muß die nieder deutſche Sprache gebraucht werden. Neben Oranien, als dem Landesherren, ſoll noch ein Staatsrath eingerichtet werden, beſtehend aus zwölf Mitgliedern, welche die Staaten ernennen; Oranien darf jedoch noch zwei andere, einen Deutſchen und einen Niederländer, hinzufügen. Ohne Wiſſen und Zuſtimmung der Staaten darf Oranien weder einen Krieg beginnen, noch Frieden oder Waffenſtillſtand abſchließen, noch Bündniſſe mit fremden Mächten eingehen. Er muß in einer der Provinzen, welche ihn als Landes⸗ herren erkennen, ſeinen feſten Wohnſitz nehmen, und darf ſich aus jenen nur mit Bewilligung der Staaten ent⸗ fernen. Er verpflichtet ſich ausdrücklich, auf Anſuchen der Staaten ſtets in alle Punkte einzuwilligen, die ſie aus dem Vertrage von Bordeaur oder aus der joyeuse entrée der Herzoge von Brabant zu entlehnen und feſtzuſtellen für gut finden würden. Oranien tritt in den Genuß aller gräflichen 139 Domainen, welche zu veräußern er jedoch kein Recht hat. Für den Fall, daß Oranien einige Punkte dieſer Kapitulation übertreten ſollte, ſind die Staaten aller ihrer Verpflichtungen gegen ihn entbunden und können über die Regierung nach ihrem Gut⸗ dünken verfügen. Nach ſeinem Tode erwählen die Staaten denjenigen von ſeinen Söhnen, der ihnen am taug⸗ lichſten ſcheint, zu ſeinem Nachfolger in der gräf⸗ lichen Würde. Wenn der Prinz von Oranien dieſe Kapitu⸗ lation beſchwört, ſo haben ihm die Staaten und die von den Gemeindekörpern dazu bevollmächtigten Bürgermeiſter der Städte den Eid der Treue und des Gehorſams zu leiſten.“ Man ſieht aus dieſem Inhalt der dem Prinzen von Oranien vorgelegten Kapitulation, daß die Staaten von Holland und See⸗ land der Freiheit nicht untreu wurden, indem ſie ihrem Beſchützer mit der Grafenwürde die Souverainetät übertrugen, aber daß auch Oranien, indem er die letztere annahm, ſein ganzes bisheriges Streben jetzt nicht plötzlich einem Traume der Herrſchſucht aufopferte. Er nahm die Würde an, weil er überzeugt war, dadurch kräftiger als ſonſt fürs Beſte des Va⸗ terlandes wirken zu können. Obwohl nun der Huldigung kein Hinderniß mehr im Wege zu ſtehen ſchien, ſo machten doch See⸗ land, Amſterdam und Gouda neue Schwierigkeiten. Die beiden Letzteren beſtanden noch immer darauf, daß ſie nicht eher beitreten würden, als bis die Sache in Seeland ebenſo zum Abſchluß reif geworden ſei wie in Holland; Amſterdam ver⸗ langte noch insbeſondere, daß man auch das Gutachten der Schutteryen und der angeſehenſten Bürger über die Kapitulation vernehmen ſolle, was übrigens einem Beſchluß der Staaten von 1582 zuwiderlief, demzufolge ſich die bewaffneten Bürger(Schutteryen) und Zünfte in keine Berathung über 140 politiſche Angelegenheiten einlaſſen durften. Man zog nun in Erwägung, ob man nicht, ohne erſt die Beiſtimmung Seelands, Amſterdams und Goudas abzuwarten, zur Huldigung ſchreiten ſolle. Am ſiebenten Juli 1584 begannen zu Delft, wo ſich Oranien damals befand, die Berathungen über jene Frage. Die ganze Angelegenheit war bereits ſo gut als abgemacht und ſchon prägte man eine Schaumünze, auf welcher Oranien als erwälter Graf von Holland, Oſtfriesland und Utrecht be⸗ zeichnet war.*) Da zerriß die verruchte Hand eines Mörders plötzlich alle Verhandlungen und Hoffnungen. Schon wenige Monate nach dem Attentat Jaureguis gegen Oranien, nämlich im Juni 1582, hatte ein Spanier, Namens Salſeda, in Verbindung mit einem Wallonen, Hugot und einem Italiener Baſa beſchloſſen, Oranien und Anjou um's Leben zu bringen, und Baſa hatte, freilich auf der Folter, geſtanden: „Alexander Farneſe habe allen Dreien Befehl dazu gegeben.“ Im März 1583 wurde zu Antwerpen ein Spanier, Namens Dordogno eingezogen, welcher gleichfalls geſtand, er habe Oranien ermorden wollen. Zu Anfang des Jahres 1584 ſollte ein von den Königlichen gefangener franzöſiſcher Hauptmann ſich durch dies Verbrechen die Freiheit verdienen, entdeckte aber, als er wieder frei war, die Zumuthung der Feinde. Bald darauf (im März) kam ein Anſchlag eines Kaufmanns in Vlieſſingen, Hanns Hannszoon, an den Tag, Oranien durch eine Pul⸗ verexploſion bei der Mahlzeit oder in der Kirche zu tödten. Zu Delft, wo ſich Oranien in der letzten Zeit aufhielt, befanden *) Sie zeigte Oraniens Bild mit der Legende: Guilielmus, dei gratia, princeps Auraicae, comes Nassaviae, electus comes Hollandiae, Fri- siae, et Utrecht, aetatis 52. anno 1584, auf der Kehrſeite ſah man die Freiheit, mit dem Hut auf dem erhobenen Schwerte, der Bibel im Schooß, von zwei Löwen umgeben, welche mit erhobenen Schwer⸗ tern Holland beſchützten. 141 ſich fünf Menſchen, die ſeine Ermordung beſchloſſen hatten, ein Franzoſe, ein Lothringer, ein Schotte, ein Engländer und einer aus der Freigrafſchaft Burgund; keiner wußte von dem anderen. Ein entſetzlicher Wetteifer, zu welchem Plilipp's 1I. Blutpreis die Ge⸗ wiſſenloſen verſchiedener Nationen anregte! Mit der Habſucht mußte ſich noch der religiöſe Fanatismus verbinden, daß Oranien, deſ⸗ ſen Leitſtern die Toleranz war, ſeinem Vaterlande entriſſen wurde. Es war zu Anfang Aprils 1584, als ſich in Delft ein Mann von 26— 27 Jahren, kurz von Geſtalt und finſter von Ausſehen, zeigte, welcher ſich Franz Guion nannte und vor⸗ gab, ſein Vater, aus Lyon gebürtig und in Beſancon verehlicht, habe in der letzteren Stadt für den Kalvinismus das Leben eingebüßt. Guion ſelbſt legte zu Delft einen auffallenden Eifer für den reformirten Glauben an den Tag, verſäumte die Predigten weder des Morgens noch des Nachmittags und trug ſtets die Bibel oder ein Pſalmenbuch bei ſich. Nachdem es ihm dadurch gelungen war, ſich bei dem Hofſtaat des Prinzen von Oranien bekannt zu machen, wußte er ſich endlich bei dem Letzteren ſelbſt Zutritt zu verſchaffen. Er erzählte demſelben, daß er Beſançon verlaſſen hätte, um bei dem Prinzen Dienſte zu ſuchen; in Luxemburg hätte ihn jedoch ſein Verwandter du Pré, Sekretair des Grafen Mansfeld längere Zeit aufgehalten und als Schreiber beſchäftigt, bei welcher Gelegenheit er(Guion) öfter Mansfelds Siegel in die Hände bekommen und ſich davon Ab⸗ drücke verſchafft habe. Dieſe Siegelabdrücke bot er nun dem Prinzen von Oranien an, damit Letzterer ſie zu irgend einem Anſchlag auf die eine oder andre Stadt im Luxemburgiſchen gebrauchen könne. Oranien war Anfangs unſchlüßig, was er mit dieſen Siegeln machen ſollte; endlich fiel es ihm bei, ſie dem Marſchall Biron zu ſchicken, damit ſie dieſer bei Päſſen für Boten zwiſchen Cambray, wo er das Kommando erhalten ſollte 4 142 und Brüſſel verwenden könne. Er behielt hierauf einige Ab⸗ drücke zurück und ſchickte Guion mit den übrigen nach Frankreich, in Begleitung des Herrn von Karon, welcher ſich damals zu Anjou begeben und dieſem den jüngſten Beſchluß der Staaten mittheilen ſollte. Karon ſchickte Guion mit Briefen, worin er Anjous Tod meldete, nach Holland zurück. Als Guion nach Delft kam, war Oranien bettlägerig, und ließ ihn zu ſich rufen, um mündlich Näheres über Anjous Tod zu erfahren. Hierauf bedeutete Oranien den zudringlich⸗dienſtfertigen Menſchen, er möge Delft verlaſſen. Guion zeigte auf ſeine zerriſſenen Schuhe und Strümpfe und bat um einen Zehrpfennig. Ora⸗ nien ſchenkte ihm etwas Geld und der angebliche Guion kaufte ſich davon am andern Tage(dem 9. Juli) zwei Piſtolen. Am 10. Juli wartete er den Augenblick ab, als ſich Oranien mit ſeiner Gemahlin in ſeiner Wohnung(dem Agathenkloſter) zum Mittagstiſche begab, und bat ihn um einen Reiſepaß. Er ſah fürchterlich verſtört aus, und ſeine Stimme bebte. Der Prinzeſſin von Oranien fiel das unheimliche Weſen des fremden Mannes auf und ängſtlich fragte ſie ihren Gemahl, wer dieſer Menſch ſei.„Er bat um ſeinen Paß, der ſchon ausgefertigt wird,“ verſetzte Oranien und begab ſich hierauf arglos zu Tiſche. Als er gegen zwei Uhr von der Tafel aufgeſtanden war und aus dem Speiſeſaale auf die erſte neue Treppe trat, ſtand jener Guion wieder da, den Mantel umgeſchlagen, und näherte ſich dem Prinzen, als wolle er den Reiſepaß in Empfang nehmen. Aber in demſelben Augenblick zog er eine mit drei Kugeln geladene Piſtole hervor und drückte ſie auf Oranien ab. Dieſer wankte und ſprach, zuſammenſinkend, noch mit bre⸗ chender Stimme:„Mein Gott, mein Gott! Erbarme dich meiner und deines armen Volkes.“ Als man den Knall hörte, ſprangen Oraniens Stallmeiſter, 143 ſo wie die Prinzeſſin und die Gräfin von Schwarzburg, Ora⸗ niens Schwägerin, herbei; der Stallmeiſter fing den Sterbenden auf und ließ ihn auf eine Stufe nieder. Man brachte ihn in das nächſte Gemach und nach wenigen Augenblicken hauchte der Retter und Held der niederländiſchen Freiheit, der„Vater Wil⸗ helm im 52. Jahre ſeines Alters den letzten Athemzug aus, ſchloſſen ſich jene ausdrucksvollen braunen Augen, die ſo lang, ſo treu in allen Stürmen und Nöthen fürs Vaterland gewacht hatten. Jammernd knieete ſeine edle Gemahlin, die ihm erſt am 29. Januar dieſes Jahres einen Sohn, Friedrich Heinrich geſchenkt, die ſchon ihren edlen Vater, und ihren erſten Gatten durch Mord verloren hatte, an der Leiche und rief zu Gott empor:„Gib mir Kraft du Unerforſchlicher, gib mir Demuth, um dies zu ertragen!“— Der Mörder wollte ſich durch die Flucht retten; er hatte die zweite Piſtol, womit er verſehen war, fallen laſſen, den Hut verloren und rannte durch die Stallungen gegen den Wall. Ein Lakai und ein Hellbardierer Oraniens ergriffen ihn, da er eben in den Graben hinabſpringen wollte.„Verräther!“ rief ihm der eine jener beiden Diener zu.„Ich bin kein Verräther,“ erwiederte der Mörder;„ich that nur, was mir der König be⸗ fahl.“„Welcher König?“ fragte man ihn;„Mein Herr und Gebieter, der König von Spanien“ verſetzte der Mörder kalt⸗ blütig. Erſt als er aus der Gegenrede zu entnehmen glaubte, daß Oranien nicht todt ſei, rief er ingrimmig:„Verflucht ſei mein Entſchluß!“ Während man ihn in ſtrenge Haft brachte, hatte die Schreckenskunde ſchon ganz Delft durchflogen und jedes Herz war furchtbar erſchüttert; jedes hatte den Vater verloren! Im Verhör endeckte der Mörder bereitwillig ſeinen wahren Namen und den ganzen Zuſammenhang des ruchloſen Unternehmens.„Ich heiße nicht Franz Guion, ſondern Bal⸗ 144 thaſar Gerards,“ gab er an, und bin zu Villefranche in Beaujolais(Franche⸗Comté) geboren. Schon ſeit ſechs Jahren hatte ich die Abſicht den Prinzen zu ermorden.“ Der weitere Verlauf war folgender: Als der König in ſeinem Manifeſt ge⸗ bot, jenen zu tödten, verließ Gerards zu dieſem Zwecke im Februar 1582 die Freigrafſchaft Burgund und kam nach Luxem⸗ burg, wo er hörte, daß ihm Jauregui zuvorgekommen ſei, und nun verweilte er bei jenem du Pré. Die Nachricht, daß Oranien wieder geneſen ſei, erfüllte ihn mit neuer Freude, dar⸗ über nämlich: daß es ihm vorbehalten ſei, durch die Er⸗ mordung des Ketzers ſich ewigen Lohn zu verdienen. Er beichtete(im März) ſein Vorhaben einem Jeſuiten in Trier, der ihm rieth, ſich an Alexander Farneſe zu wenden und der ihm übrigens die Märtyrerkrone verhieß. Zu Tour nay theilte er dem Guardian der Franziskaner, Pater Gery, ſeinen Plan mit und erhielt von demſelben nicht bloß Ermun⸗ terung zur Ausführung, ſondern auch den Segen. Alexander Farneſe, wies ihn(wie Gerards ſelbſt, und zwar vor der Folter, bekannte) an den Rath Aſſonville. Dieſer ſtellte ihm alle Schwierigkeiten vor, die der Ausführung des Attentats im Wege ſtünden, fügte jedoch bei, daß er dadurch dem König einen wichtigen Dienſt erweiſen würde und ermahnte ihn drin⸗ gend, Farneſes Namen in keinem Falle zu verrathen. Und leider beſitzen wir für die Mitwiſſenſchaft Farneſes um den Mordplan ein noch gewiſſeres Zeugniß, als das Bekenntniß des Mörders, nämlich einen Brief Farneſes ſelbſt(vom 12. Au⸗ guſt 1584) an Philipp II., worin er ausdrücklich ſagt:„der genannte junge Mann(Balthaſar Gerard) hat mir vor 3 bis 4 Monaten ſeinen Entſchluß mitgetheilt, worauf ich jedoch, um die Wahrheit zu geſtehen, wenig rechnete.... Indeſſen, ich ließ ihn gehen, nachdem ich ihn durch Einige, die hier in Dien⸗ 145 ſten ſtehen, hatte ermahnen laſſen....“ Nachdem er nun das Loos des Mörders bedauert, fährt Farneſe fort:„Die That iſt von der Art, daß ſie großes Lob verdient; und da ich höre, daß die Aeltern des Thäters noch am Leben ſind, ſo bitte ich Ew. Majeſtät, dieſelben ſo zu belohnen, wie eine ſo hochſinnige Entſchließung es verdient.“*) Der Mörder zeigte auch während der Unterſuchung eine merkwürdige Charakter⸗ ſtärke. Weit entfernt, ſeine That zu bereuen, verſicherte er, er würde ſie gern noch einmal verüben und tauſend Leben dran ſetzen. Er war von dem unſeligen Wahne verblendet, daß er durch die Ermordung Oraniens, den er blos als Ketzer und wichtigſten Beförderer der Ketzerei betrachtete, durch deſſen Tod er die Erſtickung der letzteren zu bewirken glaubte, dem rö⸗ miſch⸗katholiſchen Glauben einen hochwichtigen Dienſt erwieſen und ſich ſelbſt die ewige Seligkeit verdient habe. Als er mit Ruthen geſtrichen wurde, wandte er, von ſeiner ungeheuren Ver⸗ blendung zur Blasphemie hingeriſſen, die Worte des Heilands: „Ecce homo“, auf ſich an. Das Urtheil, welches über den Mörder erging, war ſchau⸗ derhaft. Es wurde ihm(am 14. Juli) die rechte Hand, womit er die That vollbracht, mit einem glühenden Waffeleiſen, dann das Fleiſch an ſechs Stellen des Körpers mit glühenden Zangen abgeriſſen; der Körper lebendig geviertheilt, das Herz aus der Bruſt geriſſen, und ins Geſicht geworfen; das abgehauene Haupt auf dem Schulthurm hinter Oraniens Wohnung aufge⸗ ſteckt, die vier Stücke des Rumpfes auf vier Stadtthoren. Mit *) Dewez theilt dieſen Brief Farneſes mit, deſſen Original ſich in den Brüſſler Archiven befand. Daſſelbe iſt gegenwärtig nicht mehr daſelbſt vorhanden, ſondern wahrſcheinlich in Wien, wohin es nach der Evacuation Belgiens durch die Oeſterreicher(Zu Ende des vori⸗ gen Jahrhunderts) nebſt vielen andern Documenten gekommen ſein mag. II. 10 146 außerordentlicher Standhaftigkeit hatte Gerards alle Qualen bis zum letzten Athemzuge ausgehalten. Viele Geiſtliche ſpra⸗ chen von ihm als von einem Märtyrer, und zu Herzogenbuſch ſang man bei der Nachricht von der Ermordung Oraniens ein „Tedeum⸗laudamus.“ Alexander Farneſe hingegen ſchien, we⸗ nigſtens den öffentlichen Ausdruck der Freude über Oraniens Ermordung mit deſſen Feinden nicht theilen zu wollen. König Philipp 1I. konnte den Mörder ſelbſt nicht belohnen, aber er vergalt deſſen gräßliches Verdienſt, ihn von der Furcht befreit zu haben dadurch, daß er deſſen Verwandte ſpäter in den Adelſtand erhob. So zart war Philipps Gewiſſen! Prachtvoll war Oraniens Leichenbegängniß*) am 4. Auguſt. *) Zuerſt gingen die Bürger von Delft, gerüſtet und in Trauerkleidern, dann folgten Trompeter, hierauf wurden acht mit ſchwarzen Tüchern pehangene Pferde geführt und zwiſchen jedem ein Feldpanner getra⸗ 5 gen, Philipp de Gruter trug das Banner der Herrſchaft Breda, Jo⸗ hann von Egmont das von Veere und Vlieſſingen, Junker Rosne das von Chalons, Junker Kaspar von Polgeeſt das der Herrſchaft Dieſt, Junker Gerhard von der Aa das der Grafſchaft Vianden, Jun⸗ ker Lanzelot das der Grafſchaft Katzenellenbogen, Junker Kornelius 4 von Sweten das der Grafſchaft Naſſau, der Herr von Marquette, das des Fürſtenthums Oranien. Dann folgten der Herr von Man⸗ ſart, Oraniens Kornette, Herr v. Ryhoven, ſein Guydon, und Herr v. Naelwyk, ſein Banner tragend, jedes mit einer Deviſe des Prin⸗ zen geziert. Hierauf ſah man die vier Schilde mit den vier Quartie⸗ ren Oraniens, als Naſſau, Stolberg, Heſſen und Königſtein, getra⸗ gen von den Bannerherren von Petersheim, Denre, Junker Wenzel von Bozelar und Johann van Aſſendelft. Dann kam Herr Jakob von Egmont mit dem ganzen Wappen, als Schild und Helm nebſt allem Zubehör. Junker Daniel von Bozelar trug den Helm, Junker Duyts das Schwert, Herr Wolfhart von Brederode den Wappenrock. Brecht und von Malderode leiteten das mit einer ſchwarzen Sammt⸗ decke behangene Trauerpferd. Der Graf von Oberſtein trug das Schwert und der Freiherr von Kriechingen die goldene Krone. Nun kamen drei Hofmeiſter mit weißen Stäben. Hierauf trugen 12 Män⸗ ner die mit Schildern und Wappen geſchmückte Bahre, neben welcher Wilhelm von Oranien ließ ſeine Söhne Moritz und Friedrich Heinrich der Nation als Vollender des großen Werkes, für das er lebte und ſtarb. Im Chor der neuen Kirche zu Delft wurden Oraniens irdiſche Reſte beſtattet. Sein ächtes Mauſoläum aber iſt die Exiſtenz der holländiſchen Nationalität bis auf den heuti⸗ gen Tag, und ſo lange als dieſe wird ſein Andenken leben. Herr Johann v. Burgund, Herr v. Fromont, Herr Walrave von Brederode, Herr v. Merode und Herr von Soeterwoude gingen. Der Leiche und dem Herolde folgte Oraniens Sohn Moritz, dem der Kur⸗ fürſt Gebhard Truchſeß von Köln und der Graf von Hohenlohe zur Seite gingen. Nun kamen die Grafen Wilhelm und Philipp von Naſſau und der Graf v. Solms. Hinter ihnen ſchritten die Gene⸗ ralſtaaten, als Vertreter des ſouverainen Volkes, der Staatsrath und der hohe Provinzialrath, der Präſident in Holland, die anderen Räthe und Sekretäre, Bürgermeiſter und Räthe von Delſt, die Prediger, der Kapitän der Leibwache und die übrigen Hauptleute und Beſehlshaber; zahlloſes Volk machte den Schluß. Drittes Kapitel. Noch an demſelben Tage, da Wilhelm von Oranien gefallen war, hatten ſich die Staaten von Holland im Rathhauſe zu Delft verſammelt, dem Grafen von Hohen⸗ lohe, dem Grafen Wilhelm Ludwig von Naſſau, und den Be⸗ fehlshabern zu Oſtende, Sluis, Ter⸗Neuze, Bergen⸗op⸗Zoom und anderen Gränzfeſtungen den Tod des Vaters des Vaterlan⸗ des gemeldet und ſie ermahnt, die Beſatzungen für die Staa⸗ ten in Eid und Pflicht zu erhalten. Desgleichen ſchrieben die Staaten von Holland auch an die von Brabant und an die Stadt Antwerpen, welche Alexander Farneſe bereits bedrohte, und äußerten ſich(nach Erzählung von Oraniens Er⸗ mordung):„Wiewohl nun dies ohne Zweifel ein großes Unglück und ein ſchwerer Verluſt für die Lande iſt und wir alle da⸗ durch tief betrübt ſind, ſo wollen wir doch für die gemeinſame Sache muthig einſtehen, und das mit Seiner Durchlaucht Un⸗ terſtützung begonnene Werk zu unſer Aller Beſchirmung, zur Bürgſchaft unſerer Privilegien und Freiheiten, mit Gottes Hülfe ausführen, nicht zweifelnd, daß uns der Allmächtige dazu alle dienlichen Mittel verleihen werde. Feſt vertrauen wir: ihr werdet uns getreulich die Hand reichen zur Vertheidigung des Landes gegen die ſpaniſche Tyrannei, wozu wir uns verbunden haben, uns gegenſeitig mit Leib und Blut beizuſtehen.“ 149 In ſolchem Sinne handelte man denn auch ohne Verzug. Der bisher beſtandene„Rath neben Sr. Durchlaucht,“ wurde in ſeinen Funktionen weiter beſtätigt. Am 13. Juli ver⸗ ſammelten ſich die Edelen, ſo wie die Deputirten der Städte Dordrecht, Haarlem, Delft, Leyden, Amſterdam, Gouda, Rotterdam, Gorkum, Schiedam, Schoon⸗ hoven, Briel, Alkmaar, Hoorn, Enkhuizen, Edam, Monnikendam, Medenblick, Purmerende, Naar⸗ den, Weesp, Muiden, Heusden, Oudewater, Woer⸗ den und Gertruidenberg, und beſchloſſen, eine proviſori⸗ ſche gemeinſchaftliche Regierung zwiſchen Holland, Seeland und Utrecht zu entwerfen, ſo wie auch zu dieſem Ende mit den übrigen ſeit der Genter Paeifikation verbundenen und der Utrechter Union beigetretenen Provinzen in Unterhandlungen zu treten. Und ſo kamen denn die Generalſtaaten der nähe⸗ ren Union in einer Verſammlung zu Delft am 18. Auguſt überein, und errichteten einen gemeinſchaftlichen Staatsrath zur Regierung von Brabant und Flandern(ſoweit dieſe Provinzen noch bei der Vereinigung geblieben waren) von Me⸗ cheln, Holland, Seeland, Utrecht und Friesland. An die Spitze des Staatsrathes beriefen ſie Oraniens zweitgebornen Sohn, den Grafen Moritz von Naſſau (deſſen älterer Bruder Philipp Wilhelm war noch immer in ſpaniſchem Gewahrſam). Moritz(geboren zu Dillenburg, am 3. November 1567) ſtand damals in ſeinem 17ten Jahre und ſtudirte auf der hohen Schule zu Leyden, wo er auf Koſten des Vaterlandes erzogen worden war, ein reichbegabter und kühner Jüngling, der nach ſeines großen Vaters Ermordung einen abgehauenen Baum, aus deſſen Strunk neue Keime trei⸗ ben, mit dem Spruch:„Tandem fit surculus arbor“ zur Deviſe genommen hatte. Die Einrichtung des Staatsraths und deſſen ſo wie Moritzens Funktionen waren folgende. Der Staatsrath ſollte aus achtzehn Perſonen beſtehen (drei Mitglieder aus Brabant, zwei aus Flandern, eines aus Mecheln, vier aus Holland, drei aus Seeland, zwei aus Utrecht und drei aus Friesland). Aus dieſen achtzehn Mitgliedern ſollte nun ein Schatzmeiſter und ein Prä⸗ ſident gewählt werden. Die Würde des Letzteren war von der Stellung Moritzens getrennt; die Präſidentſchaft ſollte nämlich von Monat zu Monat wechſeln, Moritz dagegen beſtändig an der Spitze des Staatsrathes ſtehen. Es ſchien dies die paſſendſte Auskunft, welche man bei dem damaligen gefahrvollen Zuſtand des Vaterlandes treffen zu können glaubte, — eine Art von Erſatz für die Souverainetät, welche man Mo⸗ ritzens Vater übertragen hatte, welche man jedoch dem Jüng⸗ ling einzuräumen mit Necht Bedenken trug, während ander⸗ ſeits der Nation nichts Anderes übrig blieb, als: ſich durch ihre Repräſentanten ſelbſt zu regieren. Eintracht mußte jetzt mehr als jemals der Brennpunkt aller Beſtrebungen der Regierung und Verwaltung ſein; nur von Eintracht zwiſchen den Provinzen unter ſich, zwiſchen den einzelnen Ständen derſelben, ſo wie zwiſchen den Städten, endlich zwiſchen dem Staatsrath und Moritz, war Rettung vor der feindlichen Uebermacht, waren innerliche Kraft und Heil zu erwarten. So wurde es denn Moritzen und dem Staatsrath als erſte Pflicht auferlegt, die Eintracht zwiſchen den verſchiedenen Provin⸗ zen zu erhalten, womit natürlich auch das Gelöbniß: die Privilegien zu achten, verbunden war. Moritz und der Staatsrath übten gemeinſchaftlich die la ndes herr⸗ lichen Rechte, waren jedoch in Bezug auf die Lebensfragen der Nation, ſo z. B. Friedensverhandlungen mit Spanien oder Krieg gegen daſſelbe, an die Staaten gebunden, die ſich, nach Einberufung durch den Staatsrath, zweimal im Jahre verſammlen ſollten. Ueberdieß hatten ſowohl Moritz als die Mitglieder des Staatsraths einen Eid zu leiſten, daß ſie lediglich dss Geſammtwohl aller Bundesge⸗ noſſen, nie aber bloß ihr eigenes Intereſſe oder bloß das je⸗ ner Provinzen berückſichtigen ſollten, in welchen ſie geboren oder von denen ſie abgeſendet ſeien. Zur Beſtreitung der Kriegskoſten verwilligten die Staaten für die Dauer der neuen Regierungs⸗ form eine monatliche Summe von 300,000 Pfund. Die Provinz Holland beſtellte für ſich außerdem noch einen beſonderen Staatsrath, unter dem Namen des Kollegiums der kom⸗ mittirten Räthe der Staaten von Holland, in der Weiſe, wie man im Nordquartier ſchon ſeit einiger Zeit kommittirte Räthe für jene Intervalle hatte, in welchen die Staaten nicht verſammelt waren. Inzwiſchen dauerte es doch lange, bis dieß„Kollegium der kommittirten Räthe“ für ganz Holland feſten Fuß faßte. Durch die Einführung des„Staats⸗ rathes“ wurde der„Landrath“ an der Oſtſeite der Maas, welcher ungeachtet aller ſeiner Thätigkeit doch nur geringe Wirk⸗ ſamkeit gehabt hatte, überflüſſig, und mit ehrenvollem Abſchied aufgehoben. Man ſieht, wie eifrig und umſichtig die Staaten bedacht waren, die Unabhängigkeit der Provinzen von Spa⸗ nien durch Befeſtigung einer zweckmäßigen Verfaſſung und Regierungsform zu ſichern; die wichtigſten Impulſe gingen dabei von Holland aus. Dort finden wir denn auch die größte Bereitwilligkeit, ſo wie eben dort und in Seel and und Ut⸗ recht zur Zeit noch am meiſten Ruhe herrſcht; dort hat die Freiheit ihren Schwerpunkt. Indeſſen wird die Gefahr, welche der Unabhängigkeit der abgefallenen Provinzen droht, immer größer. Over⸗Yſſel wird durch die Feinde von zwei Seiten 15²2 her in Schrecken erhalten, von Steenwyk und von Zütphen ber. In den Gröninger Umlanden und in Drenthe hat der Spanier Verdugo das Glück für ſich. Von Flan⸗ dern und Brabant, wo Farneſe von Tag zu Tag feſter fußt und die wenigen großen Städte, welche ſich bis jetzt noch nicht zu einer Ausſöhnung mit Spanien entſchloſſen haben, durch Waffengewalt und durch Anerbietungen, denen man mit Grund vertrauen darf, auf ſeine Seite zu bringen ſucht, iſt für die gemeinſame Sache faſt nichts mehr zu hoffen. Außerdem litten die Bundesgenoſſen, welche treu zuſammenhalten wollten, durch den ſchlimmen Zuſtand ihrer Finanzen und ihrer Heere, welche faſt keine Kriegszucht mehr kannten. Wie war nun zu hoffen, daß ſie ſich wider Farneſe länger würden halten können? Kurz: die Be⸗ drängniß war allgemein und ſchwer; es bedurfte des höchſten Aufſchwungs der Vaterlandsliebe, der angeſtrengteſten Bemühun⸗ gen, der größten Aufopferung und der ſtrengſten Wachſamkeit, damit die Provinzen der Utrechter Union, Holland und See⸗ land an der Spitze, nicht wankten noch erlagen. Und dennoch werden wir uns bald überzeugen, daß die Staaten endlich kaum ein andres Rettungsmittel mehr vor ſich ſahen als abermals jenes frühere, das gefährlichſte, nämlich die Verbindung mit einer fremden Macht. Doch, um zu begreifen, wie ſie ſich dazu bewogen finden konnten, müſſen wir vorerſt Farneſes Fortſchritte in Flandern und Brabant und den Sieg der königlichen Sache dortſelbſt mit aufmerkſamen Blicken verfolgen. Man erinnert ſich der im vorigen Kapitel erwähnten Ver⸗ ſuche Hembyzes, den Spaniern Termonde und Gent zu überliefern. Die Entdeckung dieſer Verrätherei hatte den wei⸗ land Demagogen den Kopf gekoſtet und die patriotiſch⸗prote⸗ ſtantiſche Parthei in Gent hatte dadurch für den Augenblick wieder das Uebergewicht erlangt, ohne jedoch die ſpaniſch geſinnte 153 und die Faktion derjenigen, welche wenigſtens den Frieden wünſchten, auflöſen zu können. Farneſe erſah indeſſen aus dieſen Vorfällen immerhin die innere Schwäche der ihm noch widerſtrebenden Stadt, und bemühte ſich eifrig, die Unterwer⸗ fung Flanderns, die er ſo glücklich begonnen und fortge⸗ führt hatte, gänzlich zu vollenden, ſo wie zu gleicher Zeit die von Brabant. Ganz richtig hatte er deßhalb ſein Hauptau⸗ genmerk auf den Beſitz Gents, Brüſſels und Antwer⸗ pens gewendet und, um dieſe drei Städte bemeiſtern zu können, ſeinen Plan ſo beſtellt, daß er zuerſt die Zwiſchenorte, wo⸗ durch bisher die Verbindung der Feinde erhalten wurde, in ſeine Gewalt brächte. So war ihm Termonde durch die Lage an der Schelde zwiſchen Gent und Antwerpen beſonders wichtig. Er bela⸗ gerte es; muthig ſchlugen die Bewohner einen Sturm ab, doch endlich entſchloß man ſich, lieber auf die vorgeſchlagenen Be⸗ dingungen ſich zu unterwerfen als durch Verwerfung derſelben das ſchreckliche Loos der Plünderung zu finden; viel trug zu dieſem Entſchluſſe, ſo wie überhaupt zu den glücklichen Erfolgen Farneſes Redlichkeit bei, mit welcher man ihn den Unterworfe⸗ nen Wort halten ſah. So ergab ſich denn Termonde am 17. Auguſt dem tapfren und geſchickten Feldherrn nach einer Belagerung von nur einer Woche. Farneſe lagerte hierauf zu Wetteren und ſchloß, Meiſter von Rupelmonde und allen feſten Plätzen ringsum, Gent immer enger ein. Schon wüthete, in Folge dieſer Maßregeln daſelbſt der Mangel, und, ſo von außen und innen zugleich be⸗ drängt, entſchloß man ſich endlich, mit Farneſe zu unter⸗ handeln. Der Abſchluß kam in deſſen Lager zu Beveren am 17. September zu Stande und wurde zwei Tage ſpäter publicirt. Die Bedingungen, unter welchen ſich Gent ergab, 154 waren in der That die mildeſten, die eine Stadt, von welcher die größten Gewaltthätigkeiten gegen den Katholizismus aus⸗ gegangen, von dem Statthalter des Königs von Spanien ir⸗ gend erwarten konnte; aber eben deßhalb war das Benehmen Farneſes auch von um ſo größerem Einfluß auf die Stimmung der übrigen Städte Flanderns und Brabants. Die erſte Bedingung, von welcher Farneſe natürlicherweiſe durch⸗ aus nicht abgehen konnte, war die Wiederherſtellu ng und ausſchließliche Herrſchaft des römiſch⸗katholiſchen Kultus, mit der nothwendig daran geknüpften Konſequenz, daß die katholiſche Geiſtlichkeit alle ihre Rechte und Güter wieder erlangte. Soviel denn zur Genugthuung der Kirche. In Beziehung auf die dem beleidigten kö nig⸗ lichen Anſehen zu leiſtende Genugthuung machte Farneſe zur Bedingung die Wiedererbauung der Citadelle, und die Ueberantwortung von zwölf Bürgern Gents, welche für die von der Bevölkerung im Ganzen begangenen Exzeſſe durch den Tod büßen ſollten. Endlich ſollte Gent eine Brandſchatzung von 300,000 Thalern erlegen. Mit weiſer Milde ermäßigte Farneſe alle jene Bedingungen(den Punkt der Religion allein ausgenommen); die Brandſchatzung wurde auf 200,000 Thaler reducirt; bei dem Wiederaufbau der Cita⸗ delle wurden jene Feſtungswerke, welche gegen die Stadttheile gerichtet waren, ausgenommen; die Zahl jener zwölf Sühn⸗ opfer beſchränkte Farneſe auf ſechs, ſpäter ſogar auf drei, und auch dieſen dreien ſchenkte er gegen ſtarkes Löſegeld das Leben. Für die ganze übrige Bevölkerung hatte er ſchon von Anfang eine allgemeine Amneſtie erlaſſen; jene ſtädtiſchen Rechte, Gewohnheiten und Privilegien, wie ſie Gent unmittelbar vor der Revolution beſeſſen hatte, ließ er unangetaſtet, und die Proteſtanten, welche nicht zur katholiſchen Religion übertreten wollten, durften noch zwei Jahre in der Stadt verweilen, um während dieſer Zeit über ihre Beſitzthü⸗ mer ungeſtört verfügen zu können; nach Verlauf derſelben ſtand ihnen dann allerdings nur die Wahl frei: entweder, wenn ſte bleiben wollten, zum Katholizismus überzutreten, oder aus⸗ zuwandern. Die Mehrzahl der Genter Proteſtanten entſchloß ſich zu dem Letzteren und begab ſich nach Holland und See⸗ land, wodurch Gent bedeutend verlor; kaum die Hälfte der Bevölkerung blieb daſelbſt. Wie die Uebergabe Termondes jene Gents zur raſchen Folge gehabt, ſo ſuchte Farneſe inzwiſchen auch durch Bemäch⸗ tigung Vilvoordens die Hauptſtadt Brabants, Brüſ⸗ ſel, zur Unterwerfung zu bringen. Schon am 7. September hatte ſich ihm Vilvoorden nach einer kurzen Belagerung er⸗ geben; doch Brüſſel leiſtete, wiewohl von allen Seiten ohne Zufuhr, und weit und breit' von den ſiegreichen Feinden, den Meiſtern des flachen Landes, umgeben, noch lange Zeit hart⸗ näckigen Widerſtand. Ebenſo Mecheln. Farneſe ſah der Stunde ruhig entgegen, in welcher ſich ihm beide Städte, durch unab⸗ weisliche Nothwendigkeit gedrängt, dennoch unterwerfen wür⸗ den. Er wollte auch ihnen keine härteren Bedingungen vor⸗ ſchreiben als den übrigen; denn nur durch eine ſolche Mäßigung im Glücke konnte er das Vertrauen der Unterworfenen zu Spa⸗ nien herſtellen und ſomit die Unterwerfung auch für die Dauer ſichern: nur in Achtung der Privilegien, in zarter Schonung der Perſonen und des Eigenthums, von ſeiner Seite, konnte er an⸗ derſeits eine Bürgſchaft für die Wiederherſtellung des Katholizis⸗ mus finden. Während Farneſe ſolcherweiſe durch eine wohl⸗ berechnete und ehrenhafte Politik Erfolge errang, denen Alba, Requeſens und Don Juan vergeblich nachgeſtrebt hatten, 156 fuhr er zugleich ruhig, aber mit der ganzen Ueberlegenheit ſei⸗ nes genialen Geiſtes, in ſeinen militäriſchen Operationen gegen Antwerpen fort, deſſen Ueberwältigung der Unterwerfung der ſüdlichen Provinzen die Krone aufſetzen mußte. Aber im hohen Grade ſchwierig war dieß Werk; es nahm Farneſes ganze Kriegskunſt in Anſpruch. Sein Hauptaugenmerk mußte darauf gerichtet ſein, ſich zum Meiſter der Schelde zu machen, um den Bewohnern Antwerpens alle Hülfe und Zufuhr von Hol⸗ land und Seeland her abzuſchneiden, worauf ſie allein noch angewieſen waren, je mehr Farneſe ſelbſt ganz Flandern und Brabant in ſeine Gewalt bekam. Das Schickſal Antwerpens war für den verewigten Prin⸗ zen Wilhelm von Oranien ein Gegenſtand der äußerſten Beſorgniß geweſen, und kurze Zeit vor ſeinem Tode, bei Ge⸗ legenheit der Taufe ſeines jüngſten Sohnes Heinrich Friedrich, hatte er durch ſeinen Freund St. Aldegonde(welcher, wie wir wiſſen, damals Bürgermeiſter in Antwerpen war) der ſtädtiſchen Regierung den Rath ertheilt:„man möchte doch ja den Blaauwgarendyk von da, wo ſich die Schelde in drei Arme theilt, bis gegen Bergen⸗op⸗Zoom hin, durchſtechen; denn, wenn dadurch eine Ueberſchwemmung bewirkt worden ſei, dann könne eine Entſatzflotte das Waſſer tief genug finden, um über den Kouwenſteiniſchen Deich bis vor das Thor Antwer⸗ pens zu dringen; holländiſche und ſeeländiſche Kriegsſchiffe aber müßten den Feind vom Deiche abhalten, und ihn am Aufwerfen von Schanzen verhindern.“ St. Aldegonde trug gleich nach ſeiner Zurückkunft von Delft, Oraniens Rath dem Rathe und den Bürgerhauptleuten vor, und ſowohl der Erſtere als die Letzteren gaben, von der Zweckmäßigkeit vollkommen überzeugt, ihre Zuſtimmung. Nun aber machte ſich bei der eigenthümlich 157 zuſammengeſetzten Verfaſſung der Stadt,*) welche außer den Geſammtintereſſen auch den Partikularintereſſen vollkommen Spielraum ließ, ein ſolches letzteres geltend, und zwar, wie ſich nicht anders erwarten ließ, zum Nachtheil der erſteren. Die Fleiſcherzunft widerſetzte ſich dem Durchſtechen des Blaauwgarendyks aus dem Grunde, weil ihr dadurch ein Weideland verloren ginge, worauf ſie jährlich 12,000 Ochſen mäſtete;„unmöglich“(ſo ließ ſich dieſe Zunft vernehmen) „iſt es ja für den Prinzen von Parma, einen ſo gewaltigen Strom wie die Schelde, zu ſperren, und mithin iſt es ja auch unnöthig, eine ſolche außerordentliche Maßregel zu treffen!“ *)„Antwerpen hatte ſo viele beſondere Vorrechte, daß Guiecciardini keine Schwierigkeit macht, es eine Republik zu nennen, und das Ideal des Polybius, das Gleichgewicht der drei Mächte, darin verwirklicht zu ſehen. Die höchſte Macht ſtand zwar beim Fürſten, doch war ſie größtentheils in den Händen zweier Kollegien, die man den ariſtokra⸗ tiſchen Theil der Konſtitution nennen kann, des regierenden Raths, des aus 2 Bürgermeiſtern, 18 Schöffen und Schatzmeiſtern beſtebenden Altraths oder der abgetretenen Regierungsmitglieder und Räthe. Der Einfluß des Volkes ward vermittelt durch die 26 Hauptleute der Bürgerſchaft(2 in jedem Stadtviertel) und 4 adelige Hauptleute endlich durch die 54 Dekane der Gilden oder Zünfte, zwei aus jeder Zunft.(Einige wollen die Hauptleute als zum Altrath gehörig betrachten). Hier, wie in Holland, geſchah die Wahl durch den Für⸗ ſten, aus einer von der Behörde eingeſandten Doppelzahl. Außer dem Bürgermeiſter für die Stadt war auch noch einer für ihre äuße⸗ ren Verhältniſſe, der ſich meiſtens am Hofe der Fürſten aufhielt und die Stadt ſowohl da als bei den Staaten des Landes vertrat. Für die Kriminalſachen war der ſogenannte Markgraf, für die Civilange⸗ legenheiten ein Amtmann angeſtellt, den Guicciardini mit dem ita⸗ liäniſchen Podeſta vergleicht. Die Stadt hatte zwei Penſionairs, zwei Schatzmeiſter und einen ihnen untergebenen Steuerrath.“ So ſchildert van Kampen(Geſchichte der Niederlande. Hamburg. 1831. I. Bd. S. 309— 310) in gedrängter Kürze meiſterhaft die Grund⸗ linien der Verfaſſung Antwerpens, wie ſich dieſelbe bis zur Zeit Karls V. ausgebildet hatte. 158 Vergeblich erſchöpfte ſich St. Aldegonde in Gegengründen; „der Feind kann“(ſo ſprach er)„eine Brücke über den Strom ſchlagen, die ſich bei gewöhnlichem Wetter ſchließen läßt und denſelben ſperrt. Haben wir denn die Elemente in unſerer Ge⸗ walt, welche die Brücke möglicherweiſe zerſtören können? Wiſſen wir denn, ob Alexander Farneſe den Strom nicht durch Schiffe zu ſperren bedacht iſt, die, an Ankertauen feſt liegend, dem Steigen und Fallen der Fluth, den Winden und ſelbſt dem Eisgang zu trotzen vermöchte?“ Die Fleiſcherzunft drang durch und wußte ſelbſt die Bürgerhauptleute von deren früherem Beſchluſſe abwendig zu machen. So unterblieb denn das Durchſtechen des Deiches. Am 3. Juli 1584 lagerte ſich nun Farneſe, welcher ſowohl das flandriſche als das brabantiſche Schelde⸗Ufer mit verſchiedenen Truppen⸗Abtheilungen beſetzt hatte, um Antwerpen alle Zufuhr abzuſchneiden, zu Kalbeek, gegenüber von St. Bernhard auf dem flandriſchen Ufer, während Mondra⸗ gon mit vielen Truppen über den Strom auf das entgegenge⸗ ſetzte brabantiſche zog. Drei Meilen unterhalb Antwerpen lagen zwei wichtige Feſtungswerke, Fort Lillo auf der bra⸗ bantiſchen Seite und Fort Liefkenshoek auf der flandriſchen. Das Letztere eroberte der Marquis von Roubaix am 10. Juli, während Mondragon das Fort Lillo angriff. Doch tapfer wurde dies ungefähr drei Wochen lang vertheidigt, ſo daß ſich Mondragon endlich genöthigt ſah, von Lillo abzuziehen, nachdem er 2000 Mann davor eingebüßt hatte. Dagegen beſetzte er nun außer Kouwenſtein und einigen andern Plätzen auch den wichtigen Blaauwgarendeich, nachdem man endlich in Antwerpen, jetzt allzuſpät, übereinge⸗ kommen war, denſelben zu durchſtechen. Hatte Alexander Farneſe dadurch ſchon einen großen Vorſprung erreicht, ſo kam 159 ihm jetzt der Beſitz Termondes, Vilvoordens und Gents, wovon wir bereits Erwähnung thaten, für ſeinen Kriegsplan gegen Antwerpen noch mehr zu ſtatten. Nun richteten die Staaten von Holland und Seeland ihr Augenmerk mit wachſender Beſorgniß auf Antwerpen. Ihr General⸗ Lieutenannt der Graf von Hohenlohe, begab ſich nach See⸗ land und von dort nach Bergen⸗op⸗Zoom, das er für die Staaten verſtärkte, nachdem der dortige Oberſt Beerwond, der es an Farneſe hatte verrathen wollen, zum Feinde überge⸗ gangen war. Bedenklich ſah es auch in Oſtende aus, wo die Beſatzung der Staaten, über Soldrückſtände murrend, ſich ſchon trotzig äußerte, ſie wolle mit Farneſe unterhandeln. Glücklicherweiſe gelang es dem Admiral Wilhelm von Tres⸗ long, durch Bezahlung eines monatlichen Soldes die Meuterei noch im Keime zu erſticken. Farneſe aber beſchloß nun, die Belagerung Antwerpens mit größerem Nachdruck als bisher fortzuſetzen, was er in Folge der immer günſtigeren Stellung, die er ſeither errungen hatte, auch allerdings konnte. Inzwiſchen hatte in A ntwerpen ſelbſt bei den reicherern Bewohnern Beſtürzung über Hand genommen und Viele derſel⸗ ben hatten die Stadt verlaſſen, worüber die Zurückgebliebenen in heftige Aufregung geriethen, weil nunmehr die ganze Laſt der Vertheidigungskoſten auf ſie allein fiel. Leider trat bald noch ein andrer übler Umſtand für Antwerpen ein. Noch im⸗ mer war nämlich die Zufuhr von Korn zu Schiff aus Holland und Seeland, ungeachtet der Gefahren durch die Spanier ziem⸗ lich ungehindert und ſomit ſchien die Verproviantirung der Stadt geſichert. Da ſetzte denn der Nath beſtimmte Getreide⸗ preiſe feſt und verbot das Aufſchütten des Korns. Die Folge davon war nun, daß die Kornhändler ihr allzugroßes Wagniß in Anſchlag bringend, ſich nicht t entſchließen konnten, ihre Vor⸗ 160 räthe zu geringeren Preiſen loszuſchlagen, und die Sendungen unterließen, wodurch denn die nöthige Verproviantirung Ant⸗ werpens auf einmal merklich litt. Ja es gab ſogar einige treu⸗ loſe Schiffer, welche ſich willig vom Feinde nehmen ließen, um demſelben ihre Ladungen zu verkaufen; die bei dieſer Gelegen⸗ heit genommenen Schiffe kamen den Spaniern natürlicherweiſe trefflich zu ſtatten. Da machte ein Italiäner, welcher ſchon mehrere Jahre lang in Antwerpen lebte und für die Sache der niederländiſchen Freiheit begeiſtert war, Friedrich Giani⸗ belli, ein erfinderiſcher Kopf, der Stadt einen trefflichen Vor⸗ ſchlag, um ſie für lange Zeit mit Proviant zu verſehen.„Man ſollen, ſchlug Gianibelli vor,„eine Geſellſchaft unbeſcholte⸗ ner Männer errichten, und ihr ſo viel Geld zur Verfügung ſtellen, als bei einem hundertſten Pfennig zuſammenkäme. Dieſe Geſellſchaft hätte nun in Holland und ſonſtwo für 36 Tonnen Goldes Lebensmittel anzukaufen, ein Viertel gleich, drei Viertel in zwei bis drei Monaten zu bezahlen. Die Lieferungen müß⸗ ten wöchentlich gemacht und der Vorrath den reichſten Einwoh⸗ nern in die Häuſer abgegeben werden, als Pfand für das Kaufgeld, welches ſie vorzuſchießen hätten; dieſen blieben dann auch die zu hoffenden Prozente des Gewinns, wenn die Geſellſchaft den Verkauf der Vorräthe beföhle; dabei hätten die Mitglie⸗ der der Geſellſchaft denn auch zugleich den Vortheil, für ihre eigenen Perſonen und Familien ſtets mit hinreichendem Mund⸗ vorrath verſehen zu ſein.“ Dieſer Vorſchlag Gianibelli's konnte jedoch nicht durchgeſetzt werden. Dagegen betrieb man die Anſtalten zur Vertheidigung mit dem größten Eifer. Aber auch Alexander Farneſe blieb mittlerweile nicht müßig. Er überzeugte ſich, daß er Antwerpen nur dann mit Erfolg blokiren könne, wenn er die Schelde durch eine Schiffbrücke ſperre. Bei der großen Breite des Stromes — 161 und deſſen mächtigem Zug, ſo wie bei der Einwirkung von Ebbe und Fluth ſchien dies kaum möglich zu ſein. Aber Farneſe ließ ſich durch keine Schwierigkeit abſchrecken. Er berieth ſich mit ſeinen beiden geſchickten Kriegsbaumeiſtern Properz Ba⸗ rochio und Johann Baptiſt Plato über die Ausführung ſeines kühnen Planes, und beſtimmte nach vorangegangenen Unterſuchungen, die Stelle zwiſchen Kallo auf der flandriſchen und Ordam auf der brabantiſchen Seite die Brücke zu ſchla⸗ gen. Die Schelde iſt dort am wenigſten breit und macht eine Krümmung, ſo daß Schiffe, welche ſtromaufwärts kamen, nicht geradeswegs gegen die Brücke ankommen konnten. Um nun die zu ſchlagende Brücke auf beiden Seiten gehörig zu decken, ließ Farneſe zwei Forts erbauen, auf der brabantiſchen Seite bei Ordam das Fort St. Philipp, auf der flandriſchen bei Kallo das Fort Sankta Maria. Hierauf ließ er von beiden Ufern aus mächtige Pfahlwerke(„estacades,“„Staketſels“) in den Fluß hineinbauen. Die größten und ſtärkſten Maſtbäume wur⸗ den dazu verwendet. Es befanden ſich drei Reihen von Pfählen nebeneinander, welche durch Balken verbunden waren. Die Eſta⸗ cade von Kallo war 200, die von Ordam 900 Fuß lang, und ſo breit, daß die Truppen acht Mann hoch darüber ſchreiten konnten. Die Breite des offenen Stromes zwiſchen beiden Pfahl⸗ werken betrug 1250 Fuß und dieſer Raum ſollte nun durch eine Schiffbrücke vollends geſchloſſen, das Ganze durch 97 Kanonen vertheidigt werden. Um von Gent aus, in deſſen Beſitz ſich Farneſe mittlerweile geſetzt hatte, das nöthige Holz und Mate⸗ rial zum Bau dieſes rieſenhaften Werkes zu erhalten, ließ er, da die Schifffahrt zwiſchen jener Stadt und ſeinem Lager durch eine feindliche Schanze geſperrt war, einen Kanal durch das Land von Waas graben, welcher ſich in einer Länge von 14,000 Fuß von dem Fluße Moer beim Dorfe Stecken bis nach II. 11 162 Kallo hinzog, wo die Mündung durch ein Fort gedeckt wurde. Durch dieſen Kanal verſchaffte Farneſe nicht bloß damals ſich ſelbſt (für den Bedarf ſeines Brückenbaus, ſeines Heeres und Lagers), ſondern auch dem Lande von Waas für künftige Zeiten bis heute einen wichtigen Vortheil; ſein Kanal trug nämlich in der Folge weſentlich dazu bei, daß jener früherhin ziemlich dürre Landſtrich, kultivirt, bevölkert und im hohen Grade wohlhabend wurde. Damals war jedoch die raſche Vollendung des Kanals, zu deſſen Förderung der fürſtliche Feldherr, ſeine Soldaten an⸗ eifernd, ſelbſt Hand anlegte, ein Schrecken für die freien Pro⸗ vinzen; da ſich Farneſe dadurch in unmittelbarer Kommuni⸗ kation mit den reichen Städten Flanderns befand, ſo beſorgte man mit Recht nunmehr die äußerſte Gefahr für Antwerpen. Dort ſelbſt entſtand neben der verderblichen Verwirrung, welche in der Eiferſucht der verſchiedenen Gewalten ihren Grund hatte, auch eine Meinungsverſchiedenheit, wobei wieder das re⸗ ligiöſe Moment ins Spiel kam. Als nämlich Farneſe ſeinen Kanal glücklich vollendet hatte und ſich dadurch in Stand geſetzt ſah, die Blokade mit dem größten Nachdruck fortzuſetzen, glaub⸗ ten die Katholiken in Antwerpen, es ſei das Zweckmäßigſte, ſich dem ſpaniſchen Generalſtatthalter bei Zeiten wieder zu unter⸗ werfen. Welchen Grund hätten ſie auch gehabt, demſelben län⸗ ger zu widerſtehen? Achtete Farneſe nicht überall die ſtädtiſchen Privilegien, und ſchützte er denn nicht ihr Theuerſtes, die katho⸗ liſche Religion? Würde es demnach(ſo ſchloſſen ſie) nicht im höchſten Grade thörigt ſein, ſeinen Zorn zu reitzen, ja ihn ge⸗ wiſſermaſſen zur Härte zu zwingen, da doch nach aller Be⸗ rechnung nichts anderes vorauszuſehen war, als daß er Ant⸗ werpen einnehmen würde? So ließen denn die reichſten Katho⸗ liken dieſer Stadt eine Bittſchrift an den Rath aufſetzen, worin ſie darauf antrugen: man moͤchte ſich bald mit Alexander Far⸗ 163 neſe unter glimpflichen Bedingungen vergleichen. Es konnte nicht fehlen, daß die Proteſtanten in dieſem Wunſche nur eine Verrätherei ſahen. So brach denn die heftigſte Erbitterung aus, und es kam zu tumultuariſchen Auftritten. Das fand in der Mitte des Oktobers(1584) ſtatt; die Obrigkeit ſah ſich genö⸗ thigt, jene Bürger, welche Verhandlungen beantragt hatten, ge⸗ fangen zu nehmen und mit bedeutenden Geldbußen(von 6000 bis 4000 Gulden) zu belegen. Sodann erſchien eine Verordnung, daß, bei Verluſt von Leib und Gut, Niemand fürder vom Frieden mit Farneſe reden, und daß Jeder auf's Neue ſchwören ſolle, den König von Spanien und ſeinen ganzen Anhang als Feinde des Vaterlandes zu betrachten, endlich daß, bei Strafe der Kon⸗ fiskation, Niemand, ohne beſondere Erlaubniß der Obrigkeit, die Stadt verlaſſen dürfe. Farneſe erhielt jedoch geheime Kundſchaft von den Vor⸗ fällen in Antwerpen und beſchloß, die friedliche Geſinnung der katholiſchen Parthei ungeſäumt zu benützen. Er ließ unterm 13. November, von Stabroek aus, wohin er ſein Hauptquar⸗ tier von Beveren verlegt hatte, einen Brief an den Magiſtrat Antwerpens ergehen. In demſelben erinnerte er die„ſehr theuren und geliebten“ Bürgermeiſter, Schöffen und Rath der Stadt Antwerpen(ſo hieß es in der Anrede), wie es auch der be⸗ ſchränkteſte Kopf einſehen müſſe, daß das„Vorhaben derjenigen, die den langwierigen Krieg angefacht hätten, keineswegs aus wahrem Eifer für das gemeine Beſte, ſondern bloß aus deren Eigennutz entſprungen ſei. Man könne nach reiflicher Ueberle⸗ gung wohl keine andere Ueberzeugung gewinnen, als daß wei⸗ land Wilhelm von Oranien bloß Verwirrung in allen Dingen beabſichtigt habe, ohne daß er je eine belagerte Stadt entſetzt habe. Ein gleiches gelte von den Franzoſen, über deren verrä⸗ theriſche Abſichten ja die Antwerpener ſelbſt das beſte Zeugniß 164 ausſtellen könnten. Da es nun Gott gefallen habe, ſowohl Oranien als Anjou von dieſer Welt abzurufen, und anderſeits die Macht des Königs zu befeſtigen, ſo möchten die Bürger bei Zeiten auf ihre eigene Wohlfahrt wohl bedacht ſein; Farneſe ſelbſt könne nicht umhin, aus beſonderer Vorliebe für die Lande, wo er in ſeiner Jugend glückliche Tage verlebt habe, ſowohl Antwerpen, als auch die übrigen Stähte und Provinzen insge⸗ mein, dringend zur Verſöhnung mit dum Könige aufzufordern, ſte möchten ihre Fraug und Kinder und ihr verlaſſenes Vater⸗ land ernſtlich bedenken, ſie möchten ſich an die Ruhe und das Glück erinnern, das ſie früher unter der königlichen Herrſchaft genoſſen, und dagegen das äußerſte Verderben erwägen, dem das Land jetzt preisgegeben ſei, und wie die Noth von Tag zu Tag noch mehr zunehmen werde. Wiewohl der König, ihr an⸗ geborner Herr, ſchwer beleidigt worden, ſo überwiege doch ſeine Mildherzigkeit, und er biete ihnen ein völliges Vergeſſen und Vergeben alles Vorgefallenen an. Er(Farneſe) ſei mit Freu⸗ den bereit, die Rolle des Vermittlers zu übernehmen, und als ſolcher ſeine Pflichten gegen ſie treulich zu erfüllen. Würden jedoch die Bürger ſich hartnäckig zu weigern fortfahren, ſo verwahre er ſich hiemit im Voraus, daß man alles Blut der Schuldloſen, das vergoſſen werden, alles Unglück, das hierauf folgen möchte, nicht ihm zuzurechnen habe. Schließlich bitte er Gott, die Herzen derjenigen, welche in der Stadt den größten Einfluß ausüben, zu bewegen, und Alle in ſeinen heiligen Schutz zu nehmen.“ Am 23. November erhielt Farneſe aus Antwerpen darauf Antwort. Bürgermeiſter, Schöffen, Schatzmeiſter, Rent⸗ meiſter und Rath von Antwerpen gaben hierauf, nach Ueberein⸗ kunft mit den anderen im„breden Rad“ verſammelten Mitglie⸗ dern und den Zünften, dem Prinzen von Parma„in aller Ehr⸗ erbietung“ zu erkennen, daß ſie in ſeiner Ermahnung einen Be⸗ 165 weis ſeiner redlichen Abſichten wahrnähmen, um die Lande in einen beſſeren Zuſtand zu bringen. Sie bäten Se. Hoheit: glau⸗ ben zu wollen, daß ſie den Krieg nicht freiwillig, oder etwa durch weiland den Prinzen von Oranien verleitet, begonnen hätten, ſondern lediglich durch die Tyrannei dazu gezwungen worden ſeien, welche man im Namen des Königs und unter dem Vorwande der Religion in den Landen ausgeübt habe. Sie könnten die Großmuth Sr. Hohe nicht genug preiſen und dankten ihm ehrfurchtsvoll für ſeine angebotene Vermitt⸗ lung, welche ſie gerne annehmen würden, wenn er ihnen die freie Uebung des proteſtantiſchen Gottesdienſtes zugeſtehen könnte, welche der vornähmlichſte Gegenſtand ſei, um welchen ſich Krieg oder Friede drehe. Sie wüßten jedoch, daß Se. Hoheit ihnen die Religionsfreiheit nicht gewähren könne, ja daß nicht einmal der König ſelbſt, der dem Papſt zu Rom und der ſpaniſchen Inquiſition unterworfen ſei, Macht dazu habe, ſeinen chriſtlichen Unterthanen das zu vergönnen, was ſogar der Papſt, ſo wie viele Fürſten Italiens, den Juden und Türken erlaubten. Von jeder Hoffnung abgeſchnitten, je eine ſolche dauernde Garantie des Friedens zu erlangen, ſähen ſie ſich denn jetzt durch dieſelbe Nothwendigkeit, welche ihnen die Waffen in die Hand gegeben, zur Fortſetzung des Krieges gezwungen. Nach zahlloſen ver⸗ geblichen und demüthigen Vorſtellungen, Proteſtationen und Bitten am ſpaniſchen Hofe, nach vielen eben ſo fruchtloſen In⸗ terceſſionen chriſtlicher Könige und Fürſten, hätten ſie denn end⸗ lich zum letzten Mittel ihre Zuflucht nehmen und ſich an einen auswärtigen Fürſten wenden müſſen, dieſer ſei, wie ſie Sr. Hoheit nicht verhehlen könnten, der König von Frankreich, der in ſeinem Lande alle Konfeſſionen in Friede und Ruhe neben⸗ einander dulde. Er habe ihnen ſo wie allen unirten Provinzen, auf ihre Vorſtellung, ſie unter ſeinen Schutz zu nehmen, denſel⸗ 166 ben zugeſagt, und es ſtünde demnach, ohne den gerechten Tadel der Leichtfertigkeit und des Undanks auf ſich zu laden, nicht mehr in ihrer Macht, ſich in Unterhandlungen einzulaſſen, durch welche ihre Verbindlichkeiten gegen den König von Frankreich irgendwie beeinträchtigt würden. Außerdem hätten ſie ſich, als ein Mitglied der Union, eidlich verpflichtet, ſich ohne allge⸗ meine Zuſtimmung ſämmtlicher unirter Provinzen in keine Ver⸗ handlung über einen Separatfrieden einzulaſſen. Aus dieſem Grunde hätten ſie denn auch das Schreiben Sr. Hoheit den unirten Provinzen, und mit deren Gutheißung, auch dem König von Frankreich mitzutheilen.“ 5 Wir wollen die genauere Auseinanderſetzung der eben er⸗ wähnten Verhältniſſe zu Frankreich einſtweilen noch verſchie⸗ ben, und unſre Aufmerkſamkeit für jetzt fortwährend den Anſtal⸗ ten zur Blokade Antwerpens widmen. Da die Vermitt⸗ lungsverſuche Farneſe's unmöglich zu einem Reſultate führen konnten,(und zwar aus jenen Gründen, welche wir in der Antwort der Antwerpener kennen lernten), ſo fuhr Farneſe eben ſo eifrig fort, die Blokade Antwerpens zu vollenden, als ſich die Bewohner dieſer Stadt bei den Bundesgenoſſen, beſon⸗ ders aber bei Holland und Seeland, um ſchleunige Hülfe be⸗ warben; der wackere St. Aldegonde war unermüdlich für die Rettung der Stadt beſorgt. Er ſandte, noch im Dezember 1584 den tapfren Herrn von Teligny, welcher den Spaniern vor Antwerpen ſchon ſo manchen Abbruch gethan hatte, nach Seeland, um die Staaten dieſer Provinz zu einem Angriff gegen die ſpaniſchen Verſchanzungen auf dem Kouwenſteini⸗ ſchen Damme zu vereinigen. Leider aber gerieth Teligny in Farneſes Gefangenſchaft. Statt ſeiner kam ein anderer Ab⸗ geſandter Antwerpens, der Hauptmann Prop, nach Middel⸗ burg, wo die Staaten von Seeland verſammelt waren. 167 Sie beſchloſſen, auf den Rath des Grafen von Hohenlohe, den Entſatz Antwerpens. Mittlerweile ließ ſich Farneſe durch den Herbſt nicht ab⸗ halten, ſeinen Brückenbau fortzuſetzen, und als der Winter eintrat, und die Schelde mit Eis ging, bemerkte er zu ſeiner nicht geringen Freude, wie ſein gewaltiges Pfahlwerk den Schol⸗ len Trotz bot. Als die Witterung wieder gelinder wurde, ließ Farneſe die Arbeiten wieder beginnen. Es galt nun nur noch, den freien Raum des Stromes zwiſchen den beiden Eſtacaden durch Schiffe auszufüllen und ſo war dann die Kommunikation zwiſchen beiden Scheldeufern für ihn vollends hergeſtellt. Zu dieſem Ende ließ Farneſe breite platte Fahrzeuge herbeibringen, welche man durch Ketten und Taue aneinander befeſtigte und von denen jedes durch zwei Anker gehalten wurde. So war nun die Brücke hergeſtellt, und zwar in der Weiſe, daß die bei⸗ den Enden derſelben dem Andrange der Wellen durch das kunſt⸗ reiche Pfahlwerk Widerſtand leiſten konnten, während die Mitte der Ebbe und Fluth nachgab. Das ganze Werk, ein Meiſter⸗ ſtück der Waſſerbaukunſt, war zugleich trefflich vertheidigt und mit Recht einer Feſtung vergleichbar. So befanden ſich auf je⸗ dem Schiffe(es waren deren 32) zwei Geſchütze nebſt 30 Sol⸗ daten und 4 Schiffleuten, auf den beiden Brückenköpfen und der Brücke ſelbſt im Ganzen 92 Geſchütze, ringsum drohte eine Menge von Kriegsſchiffen jeder Flotte, welche einen Angriff zu Waſſer wagen würde, während auf beiden Ufern des Stromes und auf den Deichen, die aus den Fluthen hervorragten, Fort an Fort, Schanze an Schanze, Batterie an Batterie ſtand, die die Schifffahrt auf dem Fahrwaſſer der Schelde beherrſchte und die Brücke vertheidigte. Zu dieſem letzteren Zwecke ſperrte der Kriegsbaumeiſter Barochio den Strom unterhalb der Brücke 168 noch durch eine ſchwimmende Verſchanzung, welche aus einer Menge mit einander verbundener kleiner Fahrzeuge beſtand, die an ſchlaffen Ankertauen hingen, und vorne mit mächtigen eiſen⸗ geſpitzten Pfählen verſehen waren. Am 28. Februar 1585 ſah Farneſe ſein Werk vollendet und ſein ganzes Heer feierte dieß Ereigniß mit Jubel. In Antwerpen hatte man die Vollen⸗ dung immer für unmöglich gehalten, und glaubte ſie auch jetzi kaum. Man ſandte deßhalb einen Kundſchafter aus, der ſich von der Wirklichkeit überzeugen ſollte. Dieſer wurde von den Spaniern ergriffen, auf Farneſes Geheiß überall umhergeführt und mit dem Auftrag nach Antwerpen zurückgeſchickt:„Gehe heim und melde denen, die dich hieher ſchickten, was du ſaheſt. Sage ihnen überdieß, daß Alexander Farneſe entweder über dieſe Brücke nach Antwerpen ziehen oder ſich unter ihren Trümmern begraben laſſen wird.“ Der Kundſchafter richtete dieſen Auf⸗ trag in Antwerpen aus und nun, da Farneſe denn wirklich die Zufuhr von Seeland aus unmöglich gemacht hatte, ergriff der Gedanke, wie unwahrſcheinlich jetzt die Rettung überhaupt ſei, jedes Herz in Antwerpen mit furchtbarer Gewalt. Farneſe hatte indeſſen, ſo ſehr ihn die Belagerung Ant⸗ werpens vorzugsweiſe in Anſpruch nahm, doch auch die übri⸗ gen Plätze fortwährend keinesweges aus den Augen gelaſſen, und ſo namentlich die Einnahme Brüſſels, als der Haupt⸗ ſtadt von Brabant, deren Fall die Unterwerfung dieſer Pro⸗ vinz vollenden und ihm bei ſeinen Unternehmungen gegen Antwerpen ein neues Gewicht in die Wagſchale werfen mußte. Während nun alle Blicke vornähmlich auf Antwerpen gerichtet waren, unter⸗ hielt Farneſe die Blokade Brüſſels unausgeſetzt ſeit dem Juli 1584 bis zum März 1585. Seit dem Falle Vilvvordens war die Zufuhr für Brüſſel abgeſchnitten und dieſe volk⸗ 169 reiche Stadt war immer mehr einem drückenden Mangel preis⸗ gegeben. Man hatte vergeblich verſchiedene Anſtalten dagegen zu treffen verſucht, und unter Andern die ärmeren Bewohner aus der Stadt entfernt. So wie dieſe Unglücklichen vor die Thore kamen, trafen ſie auf feindliche Truppen, welche mit ihnen grauſamen Muthwillen trieben. Nicht genug, daß ſie die Män⸗ ner hinrichteten, ſchnitten ſie den Frauen die Röcke ab, mißhan⸗ delten die Greiſe, verhöhnten beide und trieben ſie ſo wieder gegen die Stadt zurück, wo die Wohlhabenderen unter der Be⸗ völkerung ſie wieder aufnehmen mußten. Als nun in Brüfſel der Hunger zu wüthen begann, blieben auch alle jene Gräuel, welche derſelbe zu erzeugen pflegt, nicht lange aus. So erzählt man ſich, daß eine Mutter ſich ſelbſt und ihre Kinder vergiftei habe, um dieſe nicht Hungers ſterben ſehen zu müſſen, und einem gleichen Looſe zu erliegen. Als nun dieſe gräßliche Plage im⸗ mer noch zunahm und von keiner Seite her mehr Rettung zu erwarten war(denn die holländiſchen Truppen wurden im Nor⸗ den durch die Fortſchritte der Spanier hinlänglich beſchäftigt) ſah ſich Brüſſel endlich in die Nothwendigkeit verſetzt, mit Farneſe in Unterhandlungen zu treten. Am 10. März 1585 kam der Abſchluß zu Stande. Farneſe blieb ſeinem Syſtem, das er bisher beobachtet hatte, auch hier getreu. Die Beſatzung erhielt freien Abzug; die Proteſtanten durften(wie zu Gent) noch zwei Jahre lang in der Stadt bleiben, um ihre Angelegen⸗ heiten gehörig zu beſchicken, vorausgeſetzt, daß ſie ſich ruhig verhielten und den Katholiken kein Aergerniß gaben. Zugleich erklärte Farneſe, daß er bereit ſei, ſich unter gleichen Bedingun⸗ gen auch mit den Städten Antwerpen, Bergen⸗op⸗ Zoom, Mecheln, und mehreren anderen zu vergleichen. Die Uebergabe Brüſſels bezeichnet indeſſen einen wichtigen Wende⸗ punkt in den politiſchen Verbandlungen der unirten Staaten. 170 Wir halten jenen Wendepunkt feſt, indem wir die Verhandlun⸗ gen ſelbſt hier nachholen. Der Verluſt des größten Theils von Flandern und die äußerſte Gefahr, in welcher Brabant ſtand, hatten nämlich die unirten Staaten zu einem Entſchluſſe gebracht, auf welchen wir bereits früher hindeuteten, und deſſen Ausführung in jener Erwiederung Antwerpens an Farneſe deutlich ausgeſprochen war. Schon kurze Zeit nach Anjous Tode hatten nämlich die Generalſtaaten die Herrn von la Mouillerie und Aſſeliers nach Frankreich geſchickt und dem Könige Heinrich III. die Herrſchaft über die Niederlande unter denſelben Bedingungen, welche ſein Bruder Anjou eingegangen, antragen laſſen. Nach Oraniens Tode wurde das Anſuchen erneuert und der König insbeſondere gebeten, den Niederlanden einen Oberſten zu ſenden, welcher die Stelle Oraniens einneh⸗ men könne. Zudem ſchien jetzt der Anſtand weggefallen zu ſein, welcher früher obgewaltet hatte, nämlich das Souverainetäts⸗ recht Oraniens auf Holland und Seeland; man ſetzte voraus, daß ſich dieſe beiden Provinzen dem König nunmehr wohl unter⸗ werfen würden. Die niederländiſchen Geſandten hatten ſich bei ihrer Audienz bei der Königin Mutter Katharina einer ehren⸗ vollen und beſonders freundlichen Aufnahme zu erfreuen. Man bedeutete ihnen, daß ihnen der König durch ſeinen Geſandten Pruneaux ſeine Meinung mittheilen würde.*) Nun ſuchten *) Capefigue theilt in ſeiner histoire de la réforme, de ligue et du regne de Henri IV.(t. IV. p. 186 et 187) folgendes intereſſante Ak⸗ tenſtück mit, woraus die Abſichten Heinrichs III. hervorgehen.„Instruc- tion au sieur Des Primeaux pour traiter au nom du roy avec les Etats-Généraux des Provinces-Unies(v. 31. Juli 1584).— „„D'abord ledict sieur dira auxdicts Estats l'infini regret que Sa Ma- jesté ressent de l'accident pitoyable arrivé à M. le prince d' Orange, d'autent qu'il avoit tousjours esté un bon et sage di- 171 die dadurch ermuthigten niederländiſchen Geſandten eine ſchleu⸗ nige Truppenhülfe zum Entſatz Antwerpens(und des da⸗ mals noch belagerten Gent) zu erlangen; doch dieſe Hoffnung trog ſie, und ſie kehrten im Auguſt 1584 unverrichteter Dinge zurück. Der genannte Prüneaux war jedoch mit ihnen nach Holland gereiſt und erklärte(am 22. Auguſt 1584) in der Ver⸗ ſammlung der Staaten, er ſei gekommen, um die Bedingun⸗ gen zu erfahren, unter welchen ſich die Niederlande dem Schutz und der Oberherrſchaft ſeines Herrn, des Königs, unterwerfen wollten. Als man ſich nun in der Verſammlung über die Sache überhaupt berieth, waren die Meinungen der verſchiedenen Pro⸗ vinzen ſehr ungleich. Brabant erklärte ſich bereit, dem König von Frankreich die herzogliche Würde und Landesherrlichkeit zu über⸗ recteur de leurs affaires et qu'ils ne peuvent que ressentir beaucoup de dommages de la perte d'un tel chef; il les louera aussi grande- ment de ce qu'ils desmontrent n'avoir pour cet accident perdu le courage, mais vouloir aussi courageusement soutenir leur cause que auparavant. Et pour ce que la proposition qui est faicte de plusieurs choses par lesdicts des Estats, n'est pas de petite importance, Sa Majesté avant de se résouldre donne en charge à M. Des Primeaux de sçavoir à quelles conditions ils desirent de se remettre entre ses bras et luy rendre obéissance en estant par elle embrassés et secou- rus selon qu'ils l'en requièrent. Et quand il aura esté de ce bien in- formé par asseurance qu'il en retirera d'eux par escrit en forme pro- bante, M. Des Primeaux s'informera si les Provinces-Unies et les principales villes d'icelles auront mesme volonté et intention, et en tirera aussi un escrit en forme probante. S'enquerra soigneusement lediet sieur si par la mort de M. le prince d'Orange il n'est point survenu de refroidissement en plusieurs qui se voyent despourvus d'un si prudent chef, perdant courage de continuer la guerre et ont volonté et intention de se réconcilier avec le roy catholique. Et M. Des Primeaux dira et asseurera auxdicts Estats-Généraux que, après que Sa Majesté sera esclaircie de ce qu'elle desire sçavoir de cette affaire, elle les résoudra au plus tost que faire se pourra de sa volonté et in- tention sur leurs offres, et le fera avec toute la sincerité, candeur et franchise avec laquelle elle use en tous ses desportemens. 172 tragen, wenn er ſich zur Erhaltung der Religionsfrei⸗ heit und der alten Landesprivilegien verpflichtete, Flandern und Mecheln traten Brabant bei. Holland und Seeland wollten dagegen erſt jene beſonderen Auf⸗ träge hören, welche der franzöſiſche Geſandte(wie er ſich ge⸗ äußert) an ſie hatte. Andere Anſichten, und zwar meiſtens vor⸗ ſorgliche oder zurückziehende auf die Entſchließung der übrigen Bundesgenoſſen, hatten die übrigen Bundesgenoſſen. In Bezug auf Holland und Seeland betraf nun der Hauptpunkt der beſonderen Inſtruktion des franzöſiſchen Geſandten die Forderung des Königs, daß er von beiden Provinzen nicht als bloßer Schirmherr, ſondern als Oberherr anerkannt werde. Dieſe Forderung war zu wichtig, als daß man ſich alſogleich darüber hätte entſcheiden können; es wurden deßhalb alle Mit⸗ glieder des Adels, ſelbſt die jüngeren Söhne, zu einer Berathung. im Oktober berufen, zu welcher denn auch die Gemächtigten aller Städte die Beſchlüſſe ihrer„Vroedſchappen“ einzubringen hatten, und außerdem heiſchte man die Gutachten des Hohen Raths, des Hofes von Holland und der Rechnungskammer. Während dieſer Zeit bereiſte der franzöſiſche Geſandte Prü⸗ neaux die verſchiedenen Städte Hollands, betheuerte den Regie⸗ rungen derſelben die Neigung Heinrichs III. zu den Niederlan⸗ den und ſuchte jene zu dem Beſchluß zu überreden, daß man dem König die Herrſchaft anbiete. Gleichwohl zweifelte man hie und da, ob es dem König von Frankreich wirklich ſo ſehr um die Herrſchaft über die Niederlande zu thun ſei, oder ob er nicht etwa bloß eine Verbindung derſelben mit der Krone Eng⸗ land zu verhindern ſuche. Man hatte auch in der That Unterhandlungen mit Eng⸗ land angeknüpft, zuerſt von Seiten Brabants, dann unmit⸗ telbar nach der Ankunft des franzöſiſchen Geſandten, auch von 173 Seiten der Generalſtaaten, ſo wie von Seiten Hollands insbeſondere, wo der Advokat Paul Buis ein entſchiedener Gegner der franzöſiſchen Parthei war, auch Prinz Moritz und die Stadt Gouda gehörten zur Oppoſition gegen dieſelbe. Brabant hatte zu jenem Ende den früheren Hochbaljuw von Brügge, Jakob de Gryze, die Generalſtaaten hatten Joa⸗ chim Ortel, dem Holland noch beſondere Aufträge an die Königin Eliſabeth mitgab, nach England geſchickt. Man bat Eliſabeth um eine ſchleunige Hülfe von 6000 Mann Fußvolks und 300 Reiter ſo wie um 3000 Centner Pulver, wo⸗ für man ihr Schuldbriefe ausſtellen wollte. Dies galt jedoch der Königin nicht als genügende Sicherheit, und ſie erklärte dagegen, eine ſo bedeutende Truppenzahl nicht in der Nähe des Winters abſenden zu können. Zum Beweiſe ihres Wohlwollens aber wolle ſie Geſandte nach Boulogne ſchicken, wohin auch die Staaten Abgeordnete ſchicken möchten, um ſich mit ihr zu einigen, wenn die Unterhandlung mit Frankreich nicht zum Abſchluß kommen ſollte. In Bezug auf den beſonderen Antrag Hollands erklärte Eliſabeth in einer geheimen Unter⸗ redung mit Joachim Ortel:„Sie wolle eine beträchtliche Heeresmacht unter einem trefflichen Feldherrn ſenden, wenn man ihr, zur Verſicherung, die Beſetzung einiger feſter Plätze einräume.“ In Folge dieſer Erklärungen ließ man von Seiten der Staaten die Unterhandlung mit England vor der Hand fallen, und nahm die mit Frankreich eifriger auf. Um ſo ſtärker erhob ſich dawider die Oppoſition in Holland. Die Motive, welche Prinz Moritz dabei hatte, als er rieth, man möchte die Unterhandlung mit Frankreich nicht allzuſehr beſchleu⸗ nigen, waren unſchwer zu erkennen. Moritz erinnerte nämlich die Staaten von Holland,„wie weit man mit ſeinem Vater in Betreff der Uebertragung der Grafen⸗ 174 würde bereits gekommen ſei,“ und bat:„bei der Unter⸗ handlung mit Frankreich ihn und ſein Haus nicht vergeſſen zu wollen.“ Am ſchönſten und kräftigſten ſprach ſich, außer Amſterdam und Monnikendam, die Stadt Gouda gegen die Verbindung mit Frankreich in einem Aufſatze aus, der bei der Verſammlung eingereicht wurde. Wir können nicht umhin, hier einige weſentliche Punkte dieſer„Reſolution Goudas“ (vom 23. September 1584)*) mitzutheilen, einer der intereſ⸗ ſanteſten Urkunden jener Zeit, worin ſich politiſcher Scharfblick mit ächt nationaler Geſinnung auf's Schönſte verbindet.„Nur drei Wege gibt es“(ſo hieß es zu Anfang jener Reſolution) „um zu einem Ende des unheilvollen Krieges zu kommen; ent⸗ weder 1) einen Vertrag mit dem König von Spanien(den Weg der Knechtſchaft) oder 2) mit eigener Waffenmacht die Sache durchzuführen, oder 3) von einer fremden Macht Beiſtand zu erlangen. Das zweite Mittel iſt ſchwierig, und doch bleibt wohl kein andres übrig, wenn das dritte unſtatthaft iſt. Was nun eine Vereinigung mit Frankreich betrifft, ſo beſitzt König Hein⸗ rich III. allerdings eine Macht, welche groß genug wäre, um die Niederlande zu beſchützen: aber iſt es nicht wichtiger, lieber die Lauterkeit des Willens als die Größe der Macht in Anſchlag zu bringen? An wen ſoliten wir uns wohl wenden, wenn der König, nachdem wir uns mit ihm geeinigt, jene Macht benützen würde, um uns die Freiheit zu rauben?“ Der Verlauf der Gouda'ſchen Reſolution enthielt eine treffliche Charakteriſtik Heinrichs III., mit Beziehung aller ſeiner Grundſätze auf ſein ganzes Geſchlecht, eine ſcharfe Kritik der franzöſiſchen Politik*) *) Vollſtändig bei Bor XIX. Buch ff. 28—32. **) Kürzer und treffend hatte ſie Philipp II. bezeichnet:„La foi est désormais incompatible avec cette maison de Valois.“«(Vergl. Ca- Pefigue histoire de la reforme, de la ligue etc. chap. 58. 175 eine hiſtoriſch begründete Darlegung, wie wenig man in Bezug auf religiöſe und bürgerliche Freiheit von derſelben zu erwarten habe. Die Reſolution entkräftete ferner die Berufung der Fran⸗ zoſenfreunde auf Oraniens Sympathie für Frankreich auf's Ein⸗ fachſte durch die Hinweiſung auf die traurigen Folgen derſelben für die Niederlande wie für deſſen eigenes Anſehen,— wolle man ſich jedoch durchaus auf Oraniens Beiſpiel berufen, nun gut, ſo möge man auch nicht vergeſſen, daß dieſer weiſe Staats⸗ mann, nicht aus Herrſchſucht, ſondern aus gerechtem Bedenken, Holland und Seeland der Herrſchaft Anjous nicht habe unter⸗ werfen wollen. Ganz richtig war ſodann der faule Fleck der damaligen franzöſiſchen Politik aus Licht gehoben,„daß Hein⸗ rich 11I., zu der Alternative gedrängt, entweder die Niederländer oder Spanier zu hintergehen,“(er war freilich immer ſelbſt der Hintergangene, wenn auch nicht von den Erſteren) lieber die Niederländer als Spanien betrügen werde; und„wenn er ſich“ hieß es,„auch wirklich mit uns verbindet, ſo enthebt ihn der für heilig geltende Grundſatz, daß man Ketzern keine Treue zu halten brauche, jeder Verpflichtung gegen uns.“ Schlagend war nun dargethan, wie die franzöſiſche Politik, ungeachtet aller mo⸗ mentanen Reibungen mit Spanien, dennoch im Weſentlichen deſſen despotiſche Grundſätze gegen Religions⸗ und bürgerliche Freiheit praktiſch ausgeübt habe.„Es gewähre keine genügende Garantie, die Bedingungen ſo ſcharf als möglich abzugränzen; denn wenn der König ſich auch ſolchen unterwürfe, ſo ſtehe es dann noch immer in Frage, ob er ſie auch redlich halt en würde; man möge nur an Anjous Vorbild denken!“„Außer⸗ dem ließe ſich, ſelbſt im günſtigſten Falle, noch eine andre ſchlim⸗ me Möglichkeit denken, nämlich die, daß uns Heinrich III., wenn er unſre Geldmittel gehörig ausgeſchöpft habe, verlaſſe und Spanien preisgebe.“„Sind“(ſo hieß es ferner)„Bra⸗ 176 bant und Flandern ſo aufs Aeußerſte gebracht, daß ſie aus Ver⸗ zweiflung zu einem ſolchen letzten Mittel greifen zu müſſen glauben,— ſollen dann auch wir uns ins Verderben mitfort⸗ reißen laſſen? Und bedenken dieſe bedrängten Städte, wie Brüſſel und Mecheln, denn nicht, daß, auch im Fall einer Verbindung mit Frankreich, die franzöſiſche Hülfe für ihre Rettung leicht zu ſpät kommen möchte? Der franzöſiſche Geſandte ſelbſt erwähnte etwas dergleichen! Hier in Holland haben wir uns mit eigener Macht, war ſie auch noch ſo klein, gegen Spaniens Andrang vertheidigt und ſtandhaft ausgehalten. Dieſe moraliſche Kraft iſt noch immer vorhanden, und daher bleibt von jenen zu An⸗ fang erwähnten drei Wegen der zweite für den Augenblick und ſo lange der heilſamſte, bis man Hoffnung auf eine beſ⸗ ſere Hülfe von außen bekommt.„Wir ſelbſt“(die von Gouda) „werden die Erſten ſein, uns einem Fürſten anzuſchließen, von deſſen Geſinnungen eine Bürgſchaft für Erhaltung der Nationa⸗ lität und Freiheit zu erwarten ſteht“(es ſcheint unzweifelhaft, daß man von Seiten Goudas hiebei die proteſtantiſche Eliſa⸗ beth von England im Auge hatte, aber nicht als Landes⸗ herrin, ſondern nur als Beſchützerin, wie wir ſpäter ſehen werden);„ja wir würden uns auch an Frankreich gerne an⸗ ſchließen, wenn wir nicht ſo durch und durch von der Triftigkeit der Gegengründe überzeugt wären.“ Ungeachtet dieſer kraftigen patriotiſchen Oppoſition faßten jedoch die Mitglieder der Staaten von Holland in der Mehrzahl(im Oktober 1584) den Beſchluß:„Frankreich und England um eine gemeinſchaftliche Beſchützung der Niederlande zu bitten, und, wenn Heinrich III. auf dieſen Vorſchlag nicht eingehen wolle, ihm dann unter Bedingungen, welche die vereinigten Provinzen entwerfen würden, die Herr⸗ ſchaft zu übertragen, jedoch mit Wiſſen und Willen der Königin 177 von England.“ Nun gaben auch Amſterdam und Monnikendam die Oppoſition auf und traten der Stimmenmehrheit bei. Gouda blieb ſtandhaft; Paul Buis legte aus Verdruß ſeine Stelle als Advokat von Holland nieder. Auch bei der Ver⸗ ſammlung der Generalſtaaten ging der Beſchluß, Hein⸗ rich III. die Oberherxſchaft über die Niederlande zu übertragen (mit Oppoſition Over⸗Yſſels) durch; und man berieth ſich nun eifrig über die jenem Könige vorzulegenden und von ihm anzunehmenden Bedingungen, ſowie über die Wahl der Ge⸗ ſandten, welche ſich zu jenem Zwecke nach Frankreich begeben ſollten. Fein und gewandt wie immer benahm ſich dabei die Königin Eliſabeth. Sie ſchickte noch im Dezember 1584 Robert Davidſon nach Holland, und ließ den Staaten erklären, wie gerne ſie, in Gemeinſchaft mit Frankreich, die Beſchützung der Niederlande über ſich genommen haben würde. Indeſſen habe ſich Heinrich I1I. dazu nicht bewegen laſſen. Gleichwohl ſei ſie auch ſo noch immer bereit, dem Lande beizu⸗ ſtehen, zu welchem Ende Davidſon perſönlich deſſen gegen⸗ wärtigen Zuſtand kennen lernen ſolle. Uebrigens ſei ſie weit entfernt, daran zu denken, ſich in die Souverainetätsverhältniſſe zu miſchen.“ Eliſabeth wollte die Fäden nicht ganz aus der Hand laſſen; denn, wenn ſie vielleicht berechnen mochte, daß die Unterhandlungen der Staaten mit Frankreich über kurz oder lang doch an den vorhandenen tieferliegenden Gegenſätzen ſcheitern würden, ſo lag es um ſo mehr in ihrem Intereſſe, den Niederlanden eine Ausſicht offen zu halten. Im Januar 1585 begab ſich die niederländiſche Geſandtſchaft zu Schiff(über Boulogne) nach Frankreich. Sie beſtand aus dem berühmten Kanzler Elbert Leoninus, Johann van Gent, Herr von Ove, und Gerhard Voet aus Geldern,— Richard van Merode, Johann Hinkaart, und dem Pen⸗ II. 12 178 ſionair von Brüſſel Kornelius Aarſens, aus Brabant,— Noel van Karon aus Flandern(für Oſtende und Sluis), — Arend van Dorp und Jakob Valke aus Holland und Seeland,— Johann Rengers und Amelis van Amſtel von Mynden aus Utrecht,— Jelger Feitsma und Heſſel Aisma aus Friesland,— für Mecheln kamen(außer den Ge⸗ ſandten für Brabant) Anton von Lalaing(Herr de la Mouil⸗ lerie) und Quintin Taffyn, Herr de la Pré; Geheimſchreiber war Levyn Kalvart. Wenn man bedenkt, welchen großen Ein⸗ fluß Spanien damals, auf diplomatiſchem Wege ſowie auf dem der Spionerie und Beſtechung, auf die inneren Angelegenheiten Frankreichs ausübte, ſo kann man ſich leicht vorſtellen, daß es der ſpaniſche Geſandte, Don Bernhardin de Mendoza, an Gegenminen nicht fehlen ließ. Indeſſen: PhilippllI. ſelbſt hatte durch ſeine jüngſten Schritte, namentlich durch ſeine förmliche Verbindung mit der Ligue(am 31. Dezember 1584) worin er den Kardinal von Bourbon als rechtmäßigen Thronerben Frankreichs anerkannte,*) den ſchwachen Heinrich III. zu einer Art Demonſtration gleichſam herausgefordert, ſo daß dieſer, auf Mendozas Antrag:„den Niederländern, welche als Rebellen die Ehre einer Audienz nicht verdienten, eine ſolche zu verweigern,“ entgegnete:„er betrachte ſie als Bedrängte, welche in Frankreich Hülfe ſuchten, und ſeit alten Zeiten habe es hier für ehrenvoll gegolten, Unterdrückten, ſeien es Fürſten oder Unterthanen, mitleidig zu begegnen.“ Am 13. Februar 1585 gab Heinrich III. den Geſandten Audienz, vernahm den Vortrag des Kanzlers Leoninus und befahl, die Bedingungen ſchriftlich einzugeben. Dieſe Bedingungen nun waren bei weitem nicht ſo ſtreng ge⸗ *) Er korreſpondirte eifrig mit dem Herzog von Guiſe, dem Haupt der Ligue, der unter dem Namen„Mucius“⸗ gemeint war. Vergl. Capeſigue. zogen als jene, welche man 1580 dem Herzog von Anjou vor⸗ gelegt hatte. Da man ſich einmal, durch die augenblickliche Verlegenheit gedrängt, von übertriebenen Vorſtellungen einer hoffnungsloſen Zukunft zu dem bedenklichen Schritte hatte hin⸗ reiſſen laſſen, die Herrſchaft der Niederlande dem König von Frankreich zu übertragen, da man einmal eine Hauptbedin⸗ gung in jenem Vertrage mit Anjou aufgegeben hatte(nämlich die Integrität der Niederlande), ſo führte dies zu weiteren Konſequenzen, welche im Gegenſatz zu jenem Vertrage demüthigend erſcheinen. Heinrich's III. Stolz nahm hiebei in demſelben Verhältniß zu, wie die Staaten ihm nachgaben. Ohne Zweifel würden ſie noch mehr nachgegeben haben, wäre nicht glücklicherweiſe Heinreich III. noch bei Zeiten— zurück⸗ getreten. Die anfänglichen Bedingungen lauteten:—„der reformirte Gottesdienſt ſollte in Kraft bleiben und kein anderer eingeführt werden; der König von Frankreich ſollte den Nieder⸗ landen einen proteſtantiſchen Generalgonverneur ſenden, welchem er einen Rath zur Seite ſtellen ſolle, der aus proteſtantiſchen Niederländern beſtehen, und den Staaten genehm ſein müſſe; Ausländer und Katholiken ſollten weder als ſtädtiſche Obrig⸗ keiten noch als Richter angeſtellt werden, und endlich ſollten die Provinzialſtaaten das Recht haben, ſich ohne Einberufung und ſo oft ſie wollten, zu verſammeln.“ Alle dieſe Bedingungen waren dem König ſo anſtößig, daß man ſie endlich ſo modifi⸗ eiren mußte:„der König nimmt die vereinigten Niederlande, Brabant, Geldern, Flandern, Holland, Seeland, Friesland, Zütphen, Utrecht und Mecheln in der Weiſe an, wie ſie Kaiſer Karl V. beſaß; und verpflichtet ſich, ihre Privilegien zu erhalten, ſowie dazu, ſie gegen jeden Feind, beſonders aber gegen Spa⸗ nien zu beſchützen, die Niederlande ſollen Frankreich ein⸗ verleibt werden.(Wie ſehr hatte man ſich Anjou gegenüber 180 dawider geſträubt!) Der reformirte Gottesdienſt ſoll für die Landſaßen auf dem bisherigen Fuß bleiben, ohne Glaubensun⸗ terſuchung. Der König gibt den vereinigten Niederlanden einen Prinzen von Geblüt zum Statthalter benebſt einem Staatsrath, welcher zu zwei Dritttheilen aus ge⸗ bornen Niederländern, zum Reſt aus Franzoſen und andern Ausländern beſtehe,„wobei man Se. Majeſtät unterthänigſt bitte, hiezu ſolche Perſonen zu erwählen, welche den Staaten angenehm ſeien.“ Es möge dem König gefallen, die bisherigen Provinzialſtatthalter in ihren Würden zu belaſſen und erledigte Statthalterſchaf⸗ ten mit Männern zu beſetzen, die den Provinzen anſtehen. Mit Ausnahme des Falles der dringenden Noth habe der König ohne Gutheißen der Provinzialſtaaten keine Beſatzungen (jedenfalls keine fremden) in die Städte zu legen, keine neuen Citadellen zu erbauen, noch alte herzuſtellen. Die Provinzial⸗ ſtaaten ſollten denn nicht bloß nach ihrem Belieben zuſammen⸗ kommen dürfen.“ Außerdem wollte ſich der König nicht recht zu den von den Staaten beantragten Vergütungen für das Haus Naſſau⸗Oranien verſtehen. Kurz: Heinrich III. ließ es die Niederlande ziemlich fühlen, das ſie als Bittende zu ihm gekommen ſeien; es ſchien, als ob er Anjous Manen eine glän⸗ zende Genugthuung habe bereiten wollen, und man kann nur mit Mißvergnügen die allzugroße Geſchmeidigkeit beobachten, mit welcher ſich die Geſandten in alle jene Forderungen fügten. Ja, man iſt kaum im Stande zu begreifen, wie eine Nation, welche durch Kampf und Leiden zum Bewußtſein ge⸗ kommen, nun im Begriffe iſt, alle ihre theuren Errungenſchaften, bloß aus Erbitterung gegen den früheren Herrſcher, in die Schanze zu ſchlagen und einen Despotismus für den andern einzutauſchen. --—. 181 Die Charakterloſigkeit Heinrichs III. mußte zu Gunſten der Niederländer ins Mittel treten! Zwei Umſtände vereinigten ſich, um dieſen König aus der Faſſung zu bringen und zu be⸗ ſtimmen, daß er plötzlich alle Verhandlungen mit den Nieder⸗ landen abſchnitt. Die gegen den König gerichtete Macht der Ligne nahm unter ſpaniſchem Schutz und Einfluß immer bedrohlicher zu: Heinrich III. gab es auf, ihr und Spanien zu trotzen; er wollte ihr lieber die proteſtantiſche Parthei, damals noch ſeine einzige Stütze, opfern, um ſich zu retten. Er hatte eigentlich gar keinen eigenen Willen; die Verhältniſſe, trieben ihn hin und wieder, und er überließ ſich den Menſchen, welche die Verhältniſſe geſchickt und kräftig leiteten. Der ſpaniſche Geſandte ſpielte hiebei keine unbedeutende Rolle, und das ſpaniſche Intereſſe trug über Heinrich 1II. deßhalb den Sieg davon, weil er ſich vor Spaniens Macht hinlänglich fürchtete. Dieſe Furcht wurde durch die Uebergabe Brüſſels an Alex ander Farneſe(10. März 1585) noch mehr beſtätigt. Es liegt außerhalb der Gränzen unſerer Auf⸗ gabe, uns mit den intereſſanten Details zu beſchäftigen, welche den Charakter Heinrichs 111. während der Ebbe und Fluth von diplomatiſchen Intriguen im rechten Lichte erkennen laſſen. Wir wollen hier bloß das Reſultat geben, welches die Nieder⸗ lande damals mit nicht geringer Beſtürzung erfüllte, obwohl es ihnen, wie ſie erſt ſpäter erkannten, zum Heile gereichte. Hein⸗ rich III. ließ denn plötzlich den niederländiſchen Geſandten an⸗ zeigen:„er ſehe ſich jetzt außer Stande geſetzt, den Provinzen nachdrücklich beizuſtehen.“ Die niederländiſchen Geſandten hatten hierauf noch mehre Verſuche gemacht, wenigſtens irgend einige Hülfe, ſei es an Geld oder Truppen, zu erlangen; und als bei dem König jeder ſolcher Verſuch vergeblich geweſen, hatten ſie ſich an die entgegengeſetzte hugenottiſche Parthei(den König 182 von Navarra und Condé) gewandt, aber ebenſo fruchtlos. Da verabſchiedeten ſie ſich denn(am 17. März) bei Heinrich 1Ik. und der Königin Mutter. Die große Tragikomödie wurde mit demſelben Anſtrich von Ernſthaftigkeit beſchloſſen, als man ſie begonnen und durchgeſpielt hatte. Nun trat jener Fall ein, welchen Eliſabeth von Eng⸗ land wohl vorhergeſehen haben mochte; daß ſich nämlich die Staaten aufs Neue an ſie wendeten. Die nächſte Veranlaſſung dazu fanden die Letzteren in Eliſabeths Benehmen ſelbſt. Faſt unmittelbar darauf, nachdem die zurückgekehrten Geſandten ihren Kommittenten über die Erfolgloſigkeit der Unterhandlungen mit Frankreich Bericht erſtattet hatten, legte Jakob de Gryze den Generalſtaaten ein Schreiben der Königin Eliſabeth vor, worin dieſe ſich äußerte, daß ihre Fürſorge für die Provinzen eher zu⸗ als abgenommen habe; ihr Geſandter Da vidſon beſtärkte ausdrücklich die Hoffnungen, welche man darauf bauen konnte. Man war jedoch noch unentſchloſſen, ob man der Königin die Oberherrſchaft über die Niederlande anbieten oder ſie bloß um ihren immerwährenden Schutz erſuchen ſollte. In Holland entſchied man ſich für das Erſtere; Gou⸗ da willigte jedoch bloß darein, daß man Eliſabeth um ihren Beiſtand erſuche, keineswegs aber ihr die Oberherrſchaft übertrage. Die ganze Sache verzog ſich bis zum Juni 1585, bis Seeland und die übrigen Provinzen den Beſchlüſſen Hollands beitraten, und ihre Geſandten nach London ſchickten. Letztere waren Jakob de Gryze für Brabant, Rutgert van Haarholte— für Geldern, Noel van Karon für Flandern 3 Johann van der Does und die Penſionäre von D ordrecht, Rotterdam und Enkhuizen, Jooſt van Menyn, Johann van Oldenbarneveld und Franz Maalzon— für Holland, Jakob Valke für Seeland, Paul Buis für Utrecht, Jelger — — 183 Feitsma, Heſſel Aisma und Laas Jongema für Friesland. Sie kamen am 6. Juli(1585) in London an und erhielten am 9. eine Audienz bei Eliſabeth. Menyn, welcher das Wort führte, trug ihr die Oberherrſchaft über die Niederlande an, aber die kluge Fürſtin lehnte dieſelbe nach kurzer Berathung ab. Auch das Bündniß zu immerwährendem Schutz, wozu die Geſandten, ihrem ferneren Auftrage gemäß, die Königin hierauf einluden, wies ſie von der Hand. Nun traten denn die Ge⸗ ſandten in Unterhandlung über einen Beiſtand für die Dauer des Krieges. Darauf ging Eüliſabeth ein, doch bewilligte ſie den Niederlanden nicht die volle Zahl der ge⸗ wünſchten Truppen(10,000 Mann zu Fuß und 2000 zu Pferde) ſondern bloß 4000 Mann zu Fuß und 400 Reiter. Dafür räumte man ihr die feſten Plätze Vlieſſingen und Ram⸗ mekens in Seeland und den Briel in Holland ein, zum Pfande für die Zuruͤckbezahlung der Koſten. Dieſe Plätze ſollten von engliſchen Truppen beſetzt werden, ohne daß jedoch Eng⸗ land irgend einen Einfluß auf die Regierung derſelben habe; Offiziere und Soldaten der Hülfstruppen hatten der Königin und den Generalſtaaten den Eid der Treue zu ſchwören. Die Königin ſollte zum Befehlshaber über die Hülfstruppen einen Statthalter in die Niederlande ſchicken, neben welchem der dortige Staatsrath in voller Unabhängigkeit be⸗ ſtünde; jener Statthalter, die Kommandanten der verpfändeten Städte und noch zwei andre Engländer ſollten Mitglieder des Staatsrathes ſein. Der dieſe und mehre andere Punkte feſt⸗ ſtellende Vertrag wurde erſt am 2. Oktober 1585 durch die Ge⸗ neralſtaaten bekräftigt. Wir werden im erſten Kapitel des nächſten Buches die Folgen dieſes engliſchen Bündniſſes auf die innere Entwickelung in den nördlichen Provinzen kennen lernen. Bevor wir jetzt unſere Aufmerkſamkeit der Belagerung 184 Antwerpens wieder zuwenden, welche dieſelbe am meiſten in Anſpruch nimmt, wollen wir in gedrängter Kürze den Verlauf der Kriegsereigniſſe im Jahre 1585 darſtellen; die Reſultate waren im Ganzen zum Nachtheil der freien Provinzen. Im Januar 1585 hatten die Truppen der Staaten, unter dem Hauptmann Julian van Kleerhage, einen Anſchlag auf Herzogen buſch gemacht, welcher jedoch durch einen Zufall mißglückte, und wobei Jene 400 Mann einbüßten. Fries⸗ land war durch die königlichen Truppen in große Verlegenheit gebracht; der tapfre Verdugo fiel dort im Februar in Schooterbuurum ein, wogegen die kühnen und gewaltigen Frieſen in die Marne brachen. Gleichwohl blickte man in Fries⸗ land, trotz aller Noth und Gefahr, friſchen Auges in die Zu⸗ kunft; und, wie einſt zu Leyden inmitten aller Bedrängniſſe der Nation, ſo erhob ſich jetzt zu Franeker plötzlich eine hohe Schule, geſtiftet durch die Staaten von Friesland und den trefflichen Statthalter, den Grafen Wilhelm Ludwig von Naſſau.— In der Veluwe bemeiſterten ſich die Truppen der königlichen Parthei mehrer Forts und der Oberſt Johann Baptiſt Taſſis machte in der Folge dort immer größere Fort⸗ ſchritte. Wichtiger aber als dies war die Ausſöhnung Zütphens mit dem König von Spanien(im Februar). — Im März traten Nymwegen(am 16.) und Doesburg (am 30.) zur königlichen Parthei über, und zwar in beiden Städten durch die Operationen des katholiſchen Theils der Be⸗ wohner. Gegen ſolche Erfolge der königlichen Parthei kamen die Vortheile der Staaten nur wenig in Betracht;— am ge⸗ ringſten war der des Statthalters Grafen von Nieuwenaar, welcher die Stadt Neuß überraſchte. Hier ſehen wir nun plötzlich, wie der Krieg auf ein anderes Terrain verpflanzt wird. Es war die Streitſache des proteſtantiſch gewordenen Erzbiſchofs —— — —-— 185 von Köln, Gebhard Truchſeß, welcher die Verwickelung herbeiführte. Die Liebe zur ſchönen Grafin Agnes von Mans⸗ feld hatte den Erzbiſchof zu jenem Schritte bewogen; und, den reichsgeſetzlichen Beſtimmungen zuwider, hatte er ſein Erzbis⸗ thum als proteſtantiſcher Reichsfürſt zu behaupten geſucht. Das Kapitel konnte ſich damit unmöglich einverſtanden erklären, wenn anders durch eine ſolche offenbare Uebertretung des Rechts⸗ zuſtanden nicht aller Anarchie Thür und Thor geöffnet werden ſollte. So war denn Herzog Ernſt von Baiern zum Erz⸗ biſchof und Churfürſten von Köln erwählt worden, und da ſich Gebhard Truchſeß nicht fügen wollte, kam es zur Entſchei⸗ dung durch Waffengewalt, welche für den Letzteren übel aus⸗ ſchlug. Er flüchtete ſich nach Holland, wo man natürlich die Parthei des Glaubensgenoſſen ergriff. Der Anſchlag Nieu⸗ wenaars auf Neuß geſchah im Mai 1585. Wichtiger war für die Staaten der Uebertritt des kühnen Partheigängers Martin Schenk aus den königlichen Dienſten in die ihrigen; er erhielt den Titel eines Generallieutenants des Grafen von Nieu⸗ wenaar,(Statthalters von Geldern) und ein monatliches Gehalt von 1000 Herrengulden. Kurz darnach fiel zwiſchen den könig⸗ lichen Truppen und jenen der Staaten ein Gefecht bei Ame⸗ rongen vor, in welchem die letzteren den Kürzeren zogen; der Graf Nieuwenaar zog ſich nach Amersfort, Martin Schenk nach Wyk te Duurſtede zurück. Ungefähr um dieſelbe Zeit mißglückte ein Anſchlag der ſtaatiſchen Truppen unter dem Grafen Wilhelm Ludwig auf die Stadt Grö⸗ ningen. Die wichtigſte Folge des unglücklichen Feldzuges in Holland und im Norden überhaupt war die, daß man dort durch gebieteriſche Rückſichten auf die eigene Sicherheit abgehal⸗ ten wurde, für die Rettung Antwerpens gehörig Sorge zu tragen. 0 186 Von dem Schickſal dieſer Stadt hing die Entſcheidung ab, ob Spanien wieder völlig in den unbeſchränkten Beſitz Flanderns und Brabants treten könne. Antwerpens Bürgerſchaft fühlte die hohe Bedeutung, welche dieſe Frage an ihre Mauern knüpfte, und ſie war unter ſich darüber einver⸗ ſtanden, daß man ſich dem Feinde durchaus nicht unterwerfen dürfe. Die Möglichkeit, ſich gegen ihn zu behaupten, hing jedoch jetzt vorzugsweiſe nur davon ab, daß man die Brüche über die Schelde zerſtörte, welche Farneſe, zur Bewunderung von Freunden und Feinden, glücklich vollendet hatte. Jeder⸗ manns Sinnen und Trachten war darauf gerichtet; aber vor Allen tritt jetzt jener wackre Italiener Friedrich Gianibelli in den Vordergrund, deſſen Eifer für die niederländiſche Sache wir ſchon früher bemerkt haben. Zur Motivirung deſſelben wird uns der Umſtand angeführt, daß Gianibelli früherhin Spanien ſeine Dienſte angeboten hätte, aber in Spanien ſo lange hingehalten worden ſei, daß er dies Land endlich mit der Bemerkung verlaſſen habe:„Spanien würde einſt den Namen des Mannes, welchen es von ſich geſtoßen, wohl noch mit Thränen hören.“ Gianibellis Plan zur Rettung Antwerpens war darauf begründet, daß er Minenſchiffe und Brander aus⸗ rüſten wollte, um die Scheldebrücke zu zerſtören. Er verlangte deßhalb, man ſolle ihm drei große Schiffe, die vor Antwerpen lagen, nämlich„den goldenen Löwen,“ die„ Poſt“ und den „Oranien,“ nebſt 60 kleineren platten Fahrzeugen übergeben, von welchen er die erſteren zu Höllenmaſchinen, die letzteren als Brander gegen die Brücke herrichten wollte. Dies ſchien jedoch der Regierung Antwerpens zu koſtſpielig und man bewilligte dem Ingenieur bloß zwei größere Schiffe,„die Hoffn ung“ und„das Glück“ von 80 und 70 Tonnen, ſowie 32 flache Kähne. Raſch begann nun Gianibelli ſein Werk. Er rich⸗ 187 tete die platten Fahrzeuge zu Brandern ein und konſtruirte auf den zwei größeren Schiffen die Höllenmaſchinen in folgender Art. Auf jedem erbaute er eine maſſive ſteinerne Kammer, von 3 Fuß in der Breite und Höhe, und von 60 in der Länge, mit 7500 und 6000 Pfund Pulver gefüllt, von allen Seiten ge⸗ ſchloſſen, und mit einem ſteinernen Dache bedeckt, unter welchem ſich Kugeln, Ketten, Nägel, Klammern und dergleichen befanden; durch einige Oeffnungen, in welche er Lunten legte, wurde der Zündſtoff in den geheimnißvollen Herd der Zerſtörung geleitet, und ein Uhrwerk, welches ſo eingerichtet war, daß es zur vor⸗ herberechneten Zeit ablief, mußte dann ein Musketenſchloß ab⸗ drücken, wodurch die Exploſion hervorgebracht wurde. Am 4. April 1585 ſollten die beiden Höllenmaſchinen gegen die Brücke Farneſes operiren und das erreichen, was die Namen derſelben ausdrückten,—„Hoffnung und Glück“ für die Rache der Freiheit! Inzwiſchen hatten die Staaten von Holland und Seeland die wachſende Gefahr Antwerpens mit größerer Be⸗ ſorgniß erwogen und zu Middelburg, wo ſie verſammelt waren, beſchloſſen, mit ihrem Beiſtand nicht länger zu ſäumen. Der Graf von Hohenlohe und der Admiral Juſtin von Naſſau erhielten Befehl, Liefkenshoek anzugreifen. Ge⸗ lang es ihnen, dieſes Fort einzunehmen, ſo war die Möglichkeit vorhanden, auch eine Operation zur Zerſtörung der Brücke zu beginnen, welche zwiſchen Liefkenshoek, Lillo, Ordam, Kallo und der neuen Bauernſchanze lag. Glücklich entledigten ſich jene beiden Feldherrn der Bundesgenoſſen ihres Auftrags, ſie erſtürmten Liefkenshoek am 3. April und gewannen auch noch einige andere Schanzen. Wären nun die Bundesgenoſſen un⸗ mittelbar darnach bis an's äußerſte Ende des Dammes von Kallo vorgedrungen(wie ihnen St. Aldegonde gerathen), und hätten ſie ſich dort verſchanzt, ſo wären ſie der Brücke Farneſes ſo nahe geweſen, daß ſie dieſelbe mit dem groben Ge⸗ ſchütze hätten beſtreichen und dadurch einer Unternehmung von Antwerpen aus in die Hände arbeiten können. Doch leider thaten ſie dies nicht, ſondern trafen bloß mit den Belagerten die Verabredung, daß in demſelben Augenblick, wenn die Explo⸗ ſion der Gianibelliſchen Maſchinen vor ſich ginge, die ſeeländi⸗ ſche Flotte auf der einen, die antwerpener auf der anderen Seite herbeieilen, das Werk der Zerſtörung vollenden, und Proviantſchiffe nach der blokirten Stadt bringen ſolbten. Zu dieſem Ende hatte man verabredet, daß einige Galeeren in kleiner Entfernung der Brandflotte von Antwerpen nachfolgen und, ſowie ſie die Exploſion bemerkten, der ſoeländiſchen Flotte, die vor Lillo vor Anker lag, durch Raketen Signale geben ſoll⸗ ten. In dieſem Augenblicke ſollte denn auch die antwerpener Flotte gegen die Brücke ſteuern. Am Abend des 4. Aprils fuhr die Branderflotte von Ant⸗ werpen ab, während St. Aldegonde mit Gianibelli auf dem Damm bei der Bauernſchanze die Wirkung derſelben erwarteten. Die Feinde waren unterrichtet, daß man in Ant⸗ werpen eine Unternehmung zur Zerſtörung der Brücke vorberei⸗ tet habe, und demgemäß wurden alle ſpaniſchen Wachtpoſten verſtärkt. Als nun dieſe die erſten brennenden Schiffe auf dem Strome dahertreiben ſahen,— ein majeſtätiſches Schauſpiel in der ſtillen Nacht—, riefen ſie Alles zu den Waffen, und au⸗ genblicklich wurde die Brücke, nebſt den Dämmen und Batterien von Soldaten beſetzt, Alexander Farneſe ſelbſt eilte mit der Blüthe des Adels auf die Brücke. Schon ſind die Brander, welche Gianibelli den beiden Minenſchiffen voranſteuern ließ, um die Feinde über die Beſtimmung dieſer letzteren ſelbſt zu täuſchen, der Brücke bis auf 2000 Schritte nahe. Da zünden 189 die Matroſen die Lunten der Höllenmaſchinen an, und rudern hierauf eilig zurück; das Gleiche thun die Galeeren, welche die Signale geben ſollen. Die Brander, dem Zug der Strömung preisgegeben, gerathen nun bald in Unordnung, einige auf Untiefen, andere wider die Pfähle der ſchwimmenden Batterie. Auch das eine Minenſchiff„das Glück“ treibt an's Ufer, erhält einen Leck und ſinkt auf den Grund. Schon ſehen die Feinde, wie ein Brander nach dem andern erliſcht, und verſpotten die vergeblichen Anſtalten der Belagerten. Da treibt das zweite Minenſchiff,„die Hoffnung“, wider die ſchwimmende Batte⸗ rie, zerſprengt ſie und nahet jetzt der Brücke gegen das Sta⸗ ketſel auf der flandriſchen Seite. In dieſem Augenblick bitten ein ſpaniſcher Fähnrich, Namens Vega, der Marquis von Guaſto und der Graf Ceſis den Feldherrn inſtändig, ſich der Gefahr zu entziehen und die Brücke zu verlaſſen. Lang weigert ſich Farneſe, endlich überträgt er dem Marquis von Rysburg (Burggrafen von Gent) und dem Herrn Robles de Billy den Befehl und begibt ſich nach der Marien⸗Schanze am flan⸗ driſchen Ufer. Kaum hat er die Brücke verlaſſen und die Schanze erreicht, als das Minenſchiff an die Brücke ſtößt, und unter einem fürchterlichen Knall in die Luft fliegt. Tageshelle weit umher; dann plötzlich wieder dichter Dampf, Grabesnacht! Die Decke des Himmels ſcheint eingeſtürzt und die Grundfeſte der Erde erſchüttert. In Lüften, Gluthen und Fluthen haust der Tod. Ein Kampf der Elemente, der ſeines Gleichen nicht hat, durch Menſchenkunſt erregt! Die Exploſion hat den Strom aus ſei⸗ nem Bette getrieben, und die Fluthen weit hin geſchleudert über die Marienſchanze, über alle Felder in der Nähe. Im Fort Kallo ſtehen die Soldaten plötzlich bis ans Knie im Waſ⸗ ſer. Während die Erde bebt, während das Strombette gähnt und die empörten Wogen weit ab vom gewohnten Wege empor⸗ ſchlagen, iſt die Luft von Balken und Steinen, von Kugeln, Ketten und Klammern, von Menſchenkörpern erfüllt; eine Viertelmeile weit ſchleudert die Exploſcon den Inhalt der Höllen⸗ maſchine, ihre Trümmer und ihre Opfer. Hier hängen Sol⸗ daten und Matroſen zwiſchen den Pfählen und Balken, dort ſtürzen ſie aus der Luft in den Strom; hier erſtickt ſie der Dampf, dort begräbt ſie Stein über Stein; ja ein Menſch tödtet den andern, ohne Wiſſen und Willen, durch die Wucht der aneinander geſchmetterten Leiber. Glücklich die Todten! Un⸗ ſelig die Verſtümmelten! Kaum noch Menſchen ähnlich, ſtöh⸗ nen und winſeln ſie, und wer kann ſie retten? Farneſe ſelbſt iſt beim erſten Donner der Exploſion zu Boden geſtürzt und ſchon hält man ihn für todt. Aber plötzlich rafft er ſich aus ſeiner Betäubung auf, zieht den Degen und eilt nach der Brücke zu. Wo iſt ſie? Das Werk ſeiner unermüdlichen Ausdauer, es iſt vernichtet,— verloren die Frucht ſo vieler Tage und Nächte; frei rauſcht der mächtige Strom und noch zürnend durch das Thor, das ihm die furchtbare„Hoffnung“ Antwerpens gebrochen. Wo iſt Rysburg, wo Billy? Vergeblich for⸗ ſchet Farneſe nach ſeinen trefflichen Feldherrn; ſie und wohl noch in die zwanzig tapfre Offiziere ſind dahin. Und wenn jetzt die Schelde herab die Antwerpener, die Schelde herauf deren Bundesgenoſſen, die Holländer und Seeländer her⸗ beieilen,— kann Farneſe wohl etwas Anderes erwarten?— wenn ſie ſich vereinigen, und zwiſchen den Trümmern der be⸗ lagerten Stadt zuſegeln,— dann war jede Mühe vergebens, verloren für immer iſt dann jede Siegeshoffnung, zerſtört viel⸗ leicht iſt dann durch die Befreiung dieſer einzigen Stadt Far⸗ neſes ganzes Werk in Flandern und Brabant, dieſe einzige Minute hebt ſeine Klugheit, ſeine Energie, ſeine Milde auf, die Verſöhnung und Unterwerfung der ermuthigten Provinzen, 191 jede Möglichkeit, die noch widerſtrebenden auch zu bezwingen. Entmannende Gedanken für Jeden in Farneſes Lage,— nur für Farneſe ſelbſt nicht! Er denkt ſie bloß einen Augen⸗ blick und dann denkt er der That, welche der Augenblick fordert. Er läßt die Ordnung wiederherſtellen, er läßt Erkundigungen einziehen, ob ſich die Feinde bereits nähern. Unbegreiflicher⸗ weiſe thun ſie dies nicht; Farneſe ſelbſt kann es Anfangs kaum glauben. Raſch werden nun auf ſeinen Befehl die Verwundeten zur Verpflegung in Sicherheit gebracht; er tritt zu den übri⸗ gen Soldaten feſt und ſicher, ſowie nur ein Geiſt von ſeiner Stärke es vermag, und mehr als ſeine Worte erfüllen ſein Blick, ſeine Mienen, ſein Beiſpiel alle ſeine Braven mit neuer Hoffnung, mit neuem Muth. Während die Trommeln wirbeln und die Trompeten ſchmettern, legt Farneſe ſelbſt Hand an's Werk, damit die Trümmer entfernt werden und die durch die Exploſton entſtandene Oeffnung ſchnell wieder geſchloſſen werden kann. Noch immer beſorgt er zwar, daß die Feinde heranei⸗ len und ihr Glück benützen werden, und ſo geht denn im An⸗ fang ſeine ganze Thätigkeit eigentlich bloß von dem Zwecke aus, den Muth ſeiner Truppen zu heben und drohende Bewegungen der Feinde wo möglich eben durch die Kunde von ſeiner Thätig⸗ keit und dem guten Geiſt ſeiner Truppen abzuhalten. Aber, nachdem er ſich einmal überzeugt, daß die Feinde wirklich keine Gegenanſtalten machen, verdoppelt er den Eifer und binnen zwei Tagen iſt das bewunderungswürdiße Werk wieder her⸗ geſtellt, und ſomit ſcheint auf's neue für Antwerpen die Hoff⸗ nung der Rettung verloren. Man kann es kaum für möglich halten, daß die Holländer und Seeländer einerſeits, und die Antwerpener anderſeits den für ſie ſo günſtigen Erfolg der Exploſion nicht ungeſäumt be⸗ nützten. Der Schlüſſel zu dieſem Räthſel liegt einzig und allein 192 in der Aengſtlichkeit der Matroſen auf jenen antwerpiſchen Spähſchiffen, deren wir bereits erwähnten. Da dieſe, welche das verabredete Zeichen geben ſollten, aus Furcht vor der Explo⸗ ſion ſelbſt und vor dem Feinde allzueilig zurückkehrten und die falſche Nachricht heimbrachten, daß die Minenſchiffe keine Wir⸗ kung gethan hätten und die Brücke noch unverſehrt ſei, ſo ſäumten auch die holländiſchen und ſeeländiſchen Schiffe vor Lillo, welche durch kein Signal benachrichtigt waren, den Angriff auf die Brücke zu unternehmen. Farneſe aber gewann denn Zeit zur ungeſtörten Herſtellung derſelben. Indeſſen mußte Gianibelli zu Antwerpen den Spott und Zorn des Volkes über ſich ergehen laſſen, welches, von dem Wahne befangen, daß ſeine Maſchine keine Wirkung gethan, den patriotiſchgeſinnten Künſtler für einen bloßen Abenteurer hielt. Erſt am dritten Tage nach dem denkwürdigen Ereigniß kam ein Bote des Gra⸗ fen Hohenlohe, welcher während der Nacht keck unter Farneſes Brücke weggeſchwommen war, nach Antwerpen und zerſtreute den unſeligen Irrthum, jedoch leider allzuſpät. Jetzt überhäufte man denſelben Mann, den man kaum noch verachtet, beleidigt, ja faſt mißhandelt hatte, plötzlich mit Beweiſen des allgemeinen Vertrauens; jetzt ſollte Gianibelli durch ſein Genie, als könne es Wunder wirken, auf einmal Alles wieder gut machen, was man aus Zaghaftigkeit verdorben hatte; jetzt ſetzte man denn auf die Höllenmaſchine, bei deren erſter Ausrüſtung man aus unverzeihlichen kleinlichen Rückſichten ſo ſehr geknickert hatte, die größten Hoffnungen zur Rettung Antwerpens. Thörichter Wahn, als ob der eine glückliche Augenblick, den man verabſäumt, ſich nachträglich wieder herbeiſchmeicheln, herbeizwingen ließe! Es war der bei den ſich kreuzenden Partikularintereſſen kraß hervortretende Egoismus, welcher die Schuld trug und auch diesmal wieder gab die Konfeſſionsverſchiedenheit An⸗ —,—— 193 laß zu mehrfachen ärgerlichen Konflikten. Wie ſehr ſich die Partikularintereſſen geltend machen durften, hatten unter andern die für Antwerpen in den Folgen ſehr nachtheiligen Vorfälle mit dem wackren Admiral Wilhelm von Blois, genannt von Treslong bewieſen. Dieſer tüchtige Mann, einſt einer der Trefflichſten unter den Meergeuſen und ein Freund des gro⸗ ßen Oranien, war als Admiral mit einigen Mitgliedern des Admiralitätskollegiums von Seeland in Mißhel⸗ ligkeiten gerathen. Stolz auf ſeine Verdienſte, wollte Treslong Beleidigungen nicht dulden und ſprach:„Stellt mich, wohin ihr wollt, und ich werde meine Pflicht erfüllen, ſollt' ich auch dafür mit meinen Leuten den Tod haben; aber dazu bin ich nicht gemacht, mich von Menſchen meiſtern zu laſſen, denen ich überlegen bin“. Dieſe Worte und die Erklärung:„er wolle fortan dem Lande nicht dienen, wenn man nicht den Raths⸗ herrn Heins und den Fiskal Valerius(ſeine Gegner) abſetze,“ kamen ihm theuer genug zu ſtehen. Moritz und der Staats⸗ rath ergriffen Parthei gegen ihn; man entſetzte ihn ſeiner Ad⸗ miralswürde, welche Juſtin von Naſſau erhielt, nahm ihn ge⸗ fangen und hielt ihn(vom 27. Februar 1585 an) zu Middelburg auf dem Gravenſtein in Haft. Für jetzt, in einer ſo entſcheidenden Kriſis, war Treslong demnach außer Stand geſetzt ſeine Talente und Erfahrungen der gemeinſamen Sache zu widmen. Solche Vorfälle ſind ſehr traurig; aber der Ge⸗ ſchichtſchreiber darf ſie nicht verſchweigen, wenn er nicht bloß den flachen Lobredner eines allerdings hochherzigen Volkes ma⸗ chen will. Irrthümer verringern den Werth eines ſolchen nicht. Ja, es iſt lehrreich für daſſelbe, ſich derſelben zu erinnern. Bald konnte man ſich in Antwerpen überzeugen, wie thöricht es ſei, das Glück, wenn man es einmal außer Acht gelaſſen, wieder an demſelben Ringe feſſeln zu wollen, den es uns da⸗ II. 13 194 mals zugeworfen und den wir leichtſinnig fahren gelaſſen. Alle Hoffnungen waren, wie geſagt auf Gianibelli gerichtet. Dieſe Aufregung legte ſich zwar bald; die bedächtige Berech⸗ nung trat an deren Stelle und man überließ dem Ingenieur endlich doch blos das Schiff„Oranien“, damit er es zur Höl⸗ lenmaſchine einrichte, ſowie mehre kleinere Fahrzeuge zu Bran⸗ dern. Als jedoch Gianibelli mit ſeinen Anſtalten fertig war, wollte ſich Niemand finden, den„Oranien“ zu beſteigen; durch dieſe Feigheit wurde man um Geld und Hoffnungen betrogen; denn das Minenſchiff, welches Gianibelli ausgerüſtet hatte, blieb unbenützt liegen. Indeſſen hatte Alexander Farneſe ſeine Wachſamkeit verdoppelt. Er ließ nicht blos jede Nacht hindurch mehre leichte Fahrzeuge vor der Brücke(nach der antwerpener Seite hin) kreuzen, um alle etwaigen Verſuche der Belagerten, die Brücke durch Brander zu zerſtören, zu vereiteln, ſondern er ließ auch in Mitten ſeiner Brücke einige Schiffe, welche zu derſelben dienten, ſo einrichten, daß ſie beim erſten Anſtoß feindlicher Brander nachgaben und dieſen den Durchzug freiließen, wodurch deren Wirkſamkeit fruchtlos wurde. Inzwiſchen blieben jedoch die Bewohner Antwerpens mit ihren Bundesgenoſſen, welche ihnen ſo nahe waren und doch noch immer nicht helfen konnten, fortwährend im Einvernehmen. Beide dachten jetzt auf ein anderes Mittel zur Befreiung, und das Beiſpiel Leydens ſchien ihnen ein ſolches anzuweiſen, näm⸗ lich eine Ueberſchwemmung vermittelſt des Durchſtechens eines Deiches, ſo daß die holländiſche und ſeeländiſche Flotte auf einer neuen Waſſerbahn die Schelde umfahren und der blokir⸗ ten Stadt zu Hülfe eilen könne. Es waren nun zwar bereits beide ufer der Schelde überſchwemmt, aber am leichteſten ſchien der neue Befreiungsplan auf der brabantiſchen Seite ausführbar zu ſein, wo man jedoch den kouwenſteiniſchen Damm noch —y —éyꝛxéy;— 195 durchſtechen mußte, welcher von den Spaniern beſetzt und durch eine Menge von Werken wohl vertheidigt war. Als Alexander Farneſe dieſen Plan erfuhr, übergab er dem Grafen Karl von Mansfeld die Aufſicht über die Brücke und eilte ſelbſt nach dem kouwenſteiniſchen Damm, um denſelben unter ſeiner eigenen Aufſicht noch beſſer befeſtigen zu laſſen. Zwei Angriffe geſchahen auf denſelben; der erſte in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai durch die Bundesgenoſſen unter dem Grafen Hohenlohe. Schon hatten dieſe den Damm glück⸗ lich erſtiegen, und warteten, um ihn behaupten zu können, blos auf die Ankunft der Antwerpener, wozu für dieſe ein Feuer⸗ zeichen verabredet worden war. Dieſes erfolgte jedoch zu früh, bevor noch die Flotte zum Auslaufen aus Antwerpen bereit war. Da ſie nun ausblieb, ſo mußten die Bundesgenoſſen vor den Spaniern, welche ſich gar bald von der erſten Beſtürzung wieder erholten, weichen und den kouwenſteiniſchen Damm nicht ohne großen Verluſt wieder verlaſſen. Dieſer unglückliche Erfolg ſchreckte jedoch weder die Antwer⸗ pener noch ihre Bundesgenoſſen, die Holländer und Seeländer, von neuen Verſuchen ab. Die Erſteren unternahmen abermals einen Anſchlag vermittelſt Brander und Minenſchiffe gegen die Brücke, die Letzteren einen gegen den konwenſteiniſchen Damm, um denſelben zugleich zu durchſtechen und zu erobern; der An⸗ griff ſollte die mit dem Damm⸗Durchſtich beauftragten Schanz⸗ gräber ſchützen, da man den Hauptangriff der Feinde abzulenken dachte. Der Anſchlag gegen die Brücke(am 20. Mai) hatte in Folge der von Farneſe getroffenen Vorſichtsmaßregeln nur eine geringe Wirkſamkeit. Furchtbar war jedoch der zweite An⸗ griff auf den kouwenſteiniſchen Damm(am 26. Mai). Während ſich die antwerpener Flotte, faſt hundert Schiffe ſtark, unter dem Admiral Jacob mit St. Aldegonde dem Damme von der einen Seite bei Oſterwel näherte, griff die Seemacht der Hol⸗ länder und Seeländer, unter Hohenlohe, Juſtin von Naſſau und Philipp de Zoete, Herrn von Hautain, vom Fort Lillo her, denſelben von der andern Seite an; es lag zugleich in der Abſicht der Bundesgenoſſen, die befreundete Stadt mit Lebens⸗ mitteln zu verſehen. Ein furchtbarer Kampf entſtand von bei⸗ den Seiten und mit der heldenmüthigſten Tapferkeit leiſteten die Spanier, welche den Damm behaupteten, den Feinden Wider⸗ ſtand. Unermüdet arbeiteten die Schanzgräber, von den nieder⸗ ländiſchen Soldaten rings vertheidigt, an der Durchſtechung. Im Anfang ſchien das Glück den wackren Niederländern günſtig zu ſein und es gelang ihnen, einen großen Theil des Dammes zu beſetzen. Da aber die Durchſtechung deſſelben allzulange währte, lud man ein ſeeländiſches Proviantſchiff aus, ſchaffte die Ladung über den Damm und brachte ſie dort auf ein ant⸗ werpener Schiff, welches Hohenlohe und St. Aldegonde nach der Stadt brachten. Mit ungemeinem Jubel wurde es dort empfangen, und ſchon überließen ſich die Bewohner der Hoff⸗ nung, daß die ganze Proviantflotte unverzüglich nachfolgen würde. Doch Alexander Farneſe war mittlerweile ſelbſt zum Damm herbeigeeilt, und hatte wie immer durch das Beiſpiel ſeines perſönlichen Heldenmuths die Seinigen begeiſtert. Mit ſtaunenswürdiger Beharrlichkeit ermattete er nicht in Mitten aller Gefahren; einen Spieß in der Hand, ſprang er ins Waſ⸗ ſer, das ihm bis an die Bruſt reichte. Mit den Leichen der gefallenen Feinde wurden die bereits vollbrachten Oeffnungen im Deiche wieder verſtopft. Endlich verließ auch das Element die Niederländer, und die Ebbe trat ein, ſo daß die holländi⸗ ſchen Schiffe ſich zum Rückzug anſchicken mußten. Nun ſah ſich endlich Farneſe durch die beiſpielloſe Unerſchrockenheit ſeiner Truppen wieder Meiſter des Dammes. Fünfmal waren die 197 Feinde angefallen, fünfmal wieder zurückgeworfen worden! Jener Kampf auf dem kouwenſteiniſchen Damm, der kaum 15 Fuß in der Breite maß, an den Abhängen deſſelben, ja halb im Waſſer, bleibt, ſowohl von ſpaniſcher, als von nie⸗ derländiſcher Seite, ein ewig denkwürdiges Muſter in der Kriegsgeſchichte. Es war ein raſtloſer Wechſel von Stürmen und Vertheidigen. Hier der Begriff kriegeriſcher Ehre, dort die heilige Idee des Vaterlandes. Hier ſah man Spanier den alten kriegeriſchen Ruhm ihrer Nation auf das glänzendſte erneuern, wie ſich ein Mann auf die Schultern des Andern ſchwang, Einer ungeduldiger als der Andre, Jeder ſeinen Kameraden um die Ehre beneidend, bei der Wiedererobe⸗ rung der von den Niederländern gewonnenen Schanzen der Erſte zu ſein. Dort ſah man die Niederländer, Mann an Mann zur lebendigen Mauer zuſammen gedrängt,— keinen Einzelnen beſtürzt, wenn der Nebenmann fiel, die Lücke ausfüllend, die Waffe vor ſich geſtreckt, dem Geſchütze der Feinde trotzend, das immer neue Lücken in ihre Reihe brach. Erſt als die Ebbe eintrat, als die Schiffe eilig zur Abfahrt drängten, erſt da ergriff Verwirrung die niederländiſchen Helden. Welche Noth! Mehr als ein Schiff konnte vom Rande des Dammes nicht abſtoßen, und ringsher um denſelben ſtanden jetzt die Nieder⸗ länder unten; die erbitterten Feinde nahmen ſie aufs Korn und erlegten ſie wie Wild, das man bei der Treibjagd eingefangen. Andre Niederländer ſprangen in's Waſſer, um den Schiffen nachzuſchwimmen, die bereits abgeſtoßen waren; denen ſpran⸗ gen die Spanier nach, ergriffen ſie, durchbohrten ſie mitten im Waſſer, oder ſchleiften ſie zurück an den Damm, um ſie auf feſtem Boden niederzuſtoßen. Viele wurden im Schwimmen durch die ſchweren Rüſtungen in den Grund hinabgezogen und erſtickten im Schlamme. Kurz der Sieg der Spanier war nach 198 einem Kampfe von ſieben Stunden vollkommen; die Niederlän⸗ der hatten den kouwenſteiniſchen Damm verlaſſen, und den An⸗ griff auf denſelben mit 3000 Mann bezahlt. Die Sieger er⸗ beuteten 28 mit Geſchütz, Munition und Mundvorrath reich befrachtete Schiffe, worunter auch eins von wunderbarer Arbeit, welches man in Antwerpen ſieben Monate lang ausgerüſtet und „Kriegsende“ getauft hatte, eine Art von ſchwimmender Batte⸗ rie. So endigte die zweite Unternehmung auf den kouwenſtei⸗ niſchen Damm, die letzte, woran man die gründlichſten Hoff⸗ nungen zur Befreiung Antwerpens geknüpft hatte. Immer mehr nahm nun in dieſer Stadt der Mangel, nahm die Uneinigkeit überhand. Das Volk murrte immer lauter und ſchon begann man, ſowohl im Magiſtrat als auch unter den Zünften, von Unterhandlung zu ſprechen, wiewohl ſich St. Al⸗ degonde einem ſolchen Vorſchlage aufs Eifrigſte widerſetzte. Endlich gab er der allgemeinen Forderung nach, doch nur in der Weiſe ſollte man, nach ſeinem Dafürhalten, mit Alexander Farneſe unterhandeln, daß die freie Ausübung des reformirten Kultus zu bedingen ſei. Unter dieſer Bedingung erging denn auch ein Schreiben an Alexander Farneſe, welches dieſer jedoch unbeantwortet ließ. Indeſſen nahmen nun die Anſprüche des katholiſchen Theils der Bevölkerung zu; denn welchen Grund ſahen die Katholiken vor ſich, um ſich einer Verſöhnung mit Spanien durch Farneſe, welcher ja die bür gerlichen Frei⸗ heiten achtete, länger zu widerſetzen? Die Aufregung in der Bürgerſchaft wurde endlich ſo bedenklich, daß ſich St. Aldegonde mit dem Tode bedroht ſah, wenn er ſich noch länger weigerte, eine gütliche Abkunft mit Farneſe zu treffen. Da begab er ſich denn ſelbſt mit vielen Anderen in das feindliche Lager und machte Farneſen den Vorſchlag zu einer allgemeinen Verſöhnung der vereinigten Provinzen mit Spanien unter angemeſſenen Be⸗ 499 dingungen. Doch eben daran nahm Farneſe, klug wie er war, großen Anſtand; er befürchtete dabei eine Hinterliſt; da Ant⸗ werpens insbeſondere nicht gedacht ſei, ſo möchte man von deſſen Seite unter dem Vorwand einer allgemeinen Friedensverhandlung wohl nur Zeit zu gewinnen ſuchen. Und ſo wies er denn die Vorſchläge einſtweilen ab. Inzwiſchen ermunterten die Generalſtaaten, ſowie die Staaten von Holland insbeſondere die Stadt Antwerpen fortwährend, muthig auszuharren, und verſprachen ihr Entſatz. Aber es ſchien auch bloß beim Verſprechen zu bleiben. Ein feſter Platz nach dem Andern in der Nähe der Stadt fiel in die Gewalt der Feinde und am 19. Juli 1585 bemächtigten ſich dieſe endlich auch der Stadt Mecheln nach einer langen Belagerung. Dies Ereigniß gab, bei der immer ſteigenden Noth in Antwerpen, den Ausſchlag. Bei dem Magiſtrat ging nämlich der Beſchluß durch, mit Alexander Farneſe abermals in Unterhandlungen zu treten und dieſe jedenfalls abzuſchließen. Somit begab ſich denn St. Aldegonde nebſt noch zwanzig Herren, theils vom Rathe, theils aus den Zünften und Schut⸗ teryen, zu Farneſe in's Lager, um jenen Zweck zu erreichen. Noch am 12. Auguſt ließen Prinz Moritz und der Staats⸗ rath den Bewohnern Antwerpens anzeigen, daß ſie binnen 12 Tagen auf Entſatz rechnen dürften. Doch ſchon am 16. und 17. Auguſt ſchloß man mit Farneſe den Uebergabevertrag, dem⸗ zufolge ſich Antwerpen dem König von Spanien wieder unterwarf, ihm aufs Neue Treue und Gehorſam gelobte, und von allen mit Andern geſchloſſenen Bündniſſen zurücktrat. Farneſe bewilligte der Stadt eine vollkommene Amneſtie für alles unter dem Erzherzog Matthias und dem Herzog von Anjou Vorgefallene, ſowie die Erlaubniß, daß die Ausgewan⸗ derten frei und ungehindert nach Antwerpen zurückkehren dürften. Die Stadt behielt ihre vorigen Privilegien und Frei⸗ heiten, und für die Begünſtigung der Gewerke wie des Handelsſtandes war gebührend Sorge getragen. In re⸗ ligiöſer Beziehung wurde, wie ſich von ſelbſt verſtand, der römiſch⸗katholiſche Gottesdienſt fortan allein als herr⸗ ſchender erklärt; demgemäß mußten alle zerſtörten Kirchen wieder aufgebaut, alle katholiſchen Geiſtlichen in den Beſitz ihrer Güter ebenſo reſtituirt werden wie der König. Dagegen ſtand es den Proteſtanten frei, entweder zur katholiſchen Kirche überzutreten, um welchen Preis ſie in Antwerpen bleiben durften, oder binnen vier Jahren ihre Güter zu verkaufen und auszuwandern, und ebenſolang ſollte denn auch keine Glaubensunterſuchung ſtattfinden dürfen. Alles grobe Geſchütz, Munition, Waffen und Rüſtung ſowie Kriegsſchiffe ſollten Alexander Farneſen ausgeliefert werden und dieſer eine Beſatzung von 2000 Mann zu Fuß und zwei Schwadronen Reiterei in die Stadt legen. Für den Fall aber, daß ſich Holland und Seeland mit dem König gleichfalls ausſöhnten, ſollte Antwerpen dann von aller Beſatzung frei bleiben, und eben ſo auch durch keine Citadelle beläſtigt werden. Die Stadt mußte an Alexan⸗ der Farneſe eine Summe von 400,000 Gulden erlegen und St. Aldegonde verpflichtete ſich für ſeine Perſon, ein Jahr lang nicht gegen den König die Waffen zu ergreifen. Am 20. Auguſt wurde dieſe Kapitulation promulgirt. Eine Woche ſpäter hielt Alexander Farneſe mit 20 Fähnlein walloniſcher und deutſcher Soldaten und 3 Schwadronen Rei⸗ terei ſeinen Triumpheinzug in Antwerpen, geſchmückt mit dem Orden des goldenen Vließes, welchen ihm Philipp 11. verliehen und kurze Zeit vorher der Graf von Mansfeld im Namen des Monarchen überreicht hatte. An dem Kaiſerthore begrüßte den 201 Sieger eine holde Jungfrau, welche die Stadt Antwerpen vor⸗ ſtellte; auf einem Triumphwagen war ſie zu ſchauen, von dem ſie niederſtieg, ſowie ſich der Sieger zeigte; freundlich bewill⸗ kommnete ſie den Helden und überreichte ihm einen goldenen Schlüſſel. Auf der Mairebrücke erhob ſich eine Spitzſäule, welche die Genueſer hatten errichten laſſen, mit dem Bilde Farneſes in römiſcher Tracht. Vor dem portugieſiſchen Hauſe in der Hochſtättergaſſe befand ſich, auf Koſten der Portugieſen errichtet, ein koloſſaler Phönix, deſſen ausgeſpannte Fittiche die Straße faſt in deren ganzer Breite überwölbten. Außerdem waren die öffentlichen Plätze durch Bildwerke feſtlich geſchmückt; ſo prangten vor dem Rathhauſe die ehernen Bilder der Planeten, in Mitten des Marktes eine Statue des Bacchus. In der hohen Gaſſe, durch welche Farneſe ſeinen Zug nach der Cita⸗ delle nahm, ſah er einen Elephanten, einen Wallfiſch und ein überaus künſtliches Schiff, und an zwei Obelisken vorüber kam er endlich zu einem prächtigen Triumpfbogen, durch welchen ihn ſein Weg nach der Citadelle führte, wo er mit Ehrenſalven und lautem Jubel empfangen wurde. Die Truppen aber, welche ſich noch außerhalb Antwerpens befanden, bekränzten die Brücke, dies Wunderwerk der Kriegsbaukunſt jener Zeit, feuerten,— ſelbſt feſtlich geſchmückt, grüne Reiſer an den Hüten—, Ehren⸗ ſalven ab, und ſangen in der Marienſchanze das Te deum Jaudamus. Am folgenden Tage gab der Feldherr ſeinen Braven ein Gaſtmahl auf der Brücke, und die vornehmſten Offiziere trugen hiebei den Soldaten, als ihren Ehrengäſten, die Spei⸗ ſen auf. Einen traurigen Kontraſt zu dieſen Feſten bildete die Zu⸗ kunft des einſt ſo reichen und blühenden Antwerpens, eine Zukunft, deren Anzeichen ſich jetzt bereits erkennen ließen. So ehrenhaft auch immerhin die Bedingungen waren, unter welchen 202 Farneſe die Uebergabe unterzeichnet hatte, und ſo redlich er ſie auch hielt,— er hatte doch(am 8. September) den bisherigen Magiſtrat auflöſen und einen neuen an deſſen Stelle ſetzen müſ⸗ ſen; er konnte es ferner nicht verhindern, daß nicht bloß die mei⸗ ſten Proteſtanten die Auswanderung dem Uebertritt zum Katholizismus vorzogen, ſondern auch ſehr viele Katholiken*) die Stadt verließen und da ſich unter denſelben reiche Kauf⸗ leute befanden, ſo mußte die Stadt, deren Umfang man nur um etwas geringer ſchätzte als den Kölns, und in welcher ſich während der Belagerung noch 90,000 Menſchen befunden hatten, einen nicht geringen Verluſt an Menſchen und Kapitalien erleiden. Wie die Proteſtanten Gents, Brüſſels und der übrigen Städte in Flandern und Brabant, die ſich Spanien wieder un⸗ terworfen hatten, ſo zogen auch die Antwerpens nach den freien nördlichen Provinzen, beſonders nach Holland⸗ dem Alles zu Gute kam, was Belgien entzogen ward. Unwie⸗ *) Als Beleg hiefur folgendes Jeugniß des Biſchofs von Antwerpen: „Subscriptus testor me recognovisse catalogum civilu m Amtverpiemsium, qui paucis ab hinc annis Antverpiia migraverunt, etsicut exaccurata informatione mihi facta per cathe- dralis ecclesine decanum, archidiaconum, archipresbyterum etscholasti- cum(quibus id inquirendi munus demandaveram) cognoscere potui, Ga- pita familiarum plus minus ducenta transmigrarunt, ex quihus licet non pauci fuerint haeretici, major tamen pars ortho doxi passim habebantur et catholici, et solius quaestus causa multi ad partes unitarum provinciaruam abieruut. Testor etiam mihi aliunde constare deſectu commereii, non sine animaruam suarum et suorum periculo, aliquos catholicos Antverpia ad Batavos, etiam post confectum dictum catalogum, adeoque sub initium decurrentis quadragesimae migrasse, ut vere timendum esse, plures migraturos suoque recessdâ non solum detrimentum aliquod Reip. et religioni, sed nccessionem et incrementum rebus Batavorum esse allaturos. Datum Bruxellis, die Vta martii 1616. Joannes episcopus Antverpiensis. (Belgisch Museum. 3. deel. 1. Aflev.) 203 verbringlich ging Antwerpens alter Glanz, ging ſeine bisherige Bedeutung als erſte Handelsſtadt der Niederlande verloren. Die unirten Provinzen ahnten damals, als ſie mit Recht den Verluſt Antwerpens betrauerten, den unberechenbaren Gewinn noch nicht, welchen ſie in Folge des Verluſtes gar bald ernten würden. Die allernächſte unmittelbare Folge der Ausſöhnung Ant⸗ werpens mit Spanien war, daß dadurch die Unterwerfung Belgiens vollendet war. Nun konnte der kühne Farneſe ſein Augenmerk ausſchließlich auf die Bezwingung der unirten nörd⸗ lichen Provinzen wenden, ſeine ganze Macht gegen dieſe kehren. Aber eben, wie dieſe nun den ganzen Andrang jetzt allein aus⸗ zuhalten hatten, waren ſie auch gezwungen, noch inniger als bisher zuſammenzuhalten. Je mehr Farneſes Milde die Belgier hatte gewinnen können, um ſo wachſamer mußten die Bataver dagegen ſein, weil dieſe Milde doch immer ein Moment enthielt, daß ihrer ganzen, man möchte ſagen, erſt im Laufe der Revo⸗ lution zum vollen Bewußtſein erſtarkten Nationalität durchaus widerſtrebte und im höchſten Grade gefährlich war,— ein Moment, das Farneſe nicht aufgeben konnte,— nämlich das katholiſche. Wir haben ſchon früher auf dieſen innigen Zu⸗ ſammenhang des religiöſen Moments mit dem politiſchen auf⸗ merkſam gemacht. Jetzt gab das erſtere dem letzteren die ganze Stärke. Jetzt zeigte ſich auch die volle Kraft der Utrechter Union; dies Band war der Zaubergürtel, welcher den keuſchen Buſen der Freiheit umſchloß. Es war die ſtrenggezogene Gränze, hinter welcher ſich die Nationalitäten ſchieden und über welcher ſie ſich nunmehr drohend herausforderten. An die Stelle des Miß⸗ trauens mußte ein entſchiedener kräftiger Haß treten, was man in Entwickelungsepochen junger Staatenverfaſſungen immer als nothwendig betrachten muß; ſind ſolche einmal konſolidirt, dann mag das alte weltbürgerliche Freundſchaftsverhältniß ſich wieder anknüpfen, und wird es auch. Wahrlich, wenn man irgend in der Völkergeſchichte die providenzielle Macht erkennt, die auch in der tiefſten, troſtloſeſten Nacht doch unermüdlich an dem rechten Gewebe fortwirkt, die auch gerade dann den Weg des Heiles vorzeichnet, wenn Völker nur noch einen engen Pfad zu gewah⸗ ren glauben, der zwiſchen ihnen und dem Untergang liegt,— dann iſt es vorzugsweiſe in dieſer verhängnißvollen Epoche der niederländiſchen Geſchichte der Fall. Während die belgiſchen Provinzen unter das Scepter Spaniens wiederkehren, weil ſie von demſelben nebſt ihren alten bürgerlichen Freiheiten auch eine Garantie für ihr Theuerſtes, für den Glauben(den ka⸗ tholiſchen) er halten, gibt es für die, von ihnen auf ewig losge⸗ riſſenen enger unirten nördlichen, aus demſelben religiöſen Grunde(nur daß ihnen die reformirte Lehre als die allein richtige und wahre gilt) keinen anderen Ausweg mehr, als die Behauptung und den Sieg ihrer politiſchen Selbſtſtändigkeit, oder den Untergang. Aber auch für die jetzt beruhigten katho⸗ liſchen Provinzen war der Kampf um die bürgerlichen Rechte nicht fruchtlos geweſen; ohne denſelben hätten ſie dem Centraliſationsſyſteme Philipps II. gegenüber, die Garantie für ihre Provinzialprivilegien wohl nimmermehr erreicht. Somit ſehen wir uns denn jetzt an einem entſcheidenden Wendepunkte angelangt. Zwar währet der Kampf zwiſchen Spanien und den Niederlanden auch vom Jahre 1585 an noch eine geraume Weile fort; aber die Stellungen ſind weſentlich verändert. Belgien tritt von ſeiner aktiven Rolle zurück, und überläßt dieſe nunmehr ausſchließend den unirten nördlichen Provinzen. Dort ſehen wir nun das intereſſante Schauſpiel, wie ſich, während ſteter Kämpfe, die freie Staatsverfaſſung immer kräftiger abrundet, und ihre eigenthümlichen Formen feſt⸗ 205 ſtellt, wie die Republik nicht bloß durch die Offenſive, die ſie ſtatt der bisherigen Defenſive ergreift, ſondern auch gleichzeitig und vornämlich durch die Entwicklung ihres Lebensprinzipes, des Handels immermehr erſtarkt; wie ſich gleichmäßig mit der Selbſtſtändigkeit und der Autorität ihr Charakter entfaltet, ſo daß endlich Spanien ſelbſt nicht länger umhin kann, die Provinzen, welche die Republik bilden, nicht als abgefallene und rebelliſche zu betrachten, ſondern die Republik ſelbſt als eine europäiſche Macht. Bevor wir zur Darſtellung aller Ereigniſſe ſchreiten, durch welche ein ſolches Reſultat allmählig hervorgebracht wurde, haben wir am Schluſſe dieſes vierten Buches noch durch eine gedrängte Ueberſicht des Schickſals, welches zwei hochverdiente Männer betraf, die jetzt vom Schauplatz der öffentlichen Wirk⸗ ſamkeit abtreten, unſren Leſern einige Blicke in den inneren Zuſtand der um ihre Uuabhängigkeit fortkämpfenden Provinzen zu verſchaffen;— dieſe beiden Männer ſind Treslong und St. Aldegonde. Wir haben bereits erwähnt, wie der Admiral Wilhelm von Blvis, genannt von Treslong*²) ſeiner Stellen enthoben und im Februar 1585 zu Middelburg gefangen geſetzt worden war. Als die Staaten von Holland dieſe allzuraſche Pro⸗ zedur erfuhren, wandten ſie ſich augenblicklich an den Prinzen Moritz und den Staatsrath, mit der Bitte, man möchte Treslong als einen Edelmann behandeln und der wichtigen *) Trefflich ſchildert Hooft in ſeiner meiſterhaften Kürze Treslongs Cha⸗ rakter und Stellung: persoon, luister van le „cen man uitsteekende in aanzienlykheit van even, grootheit van moedt, enischattende syne selyk achtbaar waaren, niet beneden hunne diensten, die gew waarde; kon(gelyk doorgands de geenen, die zich in bewindt van waapenen vinden) quaalyk eenigh weederstreven von luiden op ˙t kissen zittende, met geduld verzwelghen.“(Boek XXII. f. 992.) Dienſte nicht vergeſſen, die er dem Vaterlande bisher geleiſtei habe. Auch ſeine Gemahlin,*) ſowie mehre einflußreiche Perſonen, worunter der Graf von Hohenlohe, legten für ihn bei Moritz und dem Staatsrath die Bitte ein, ihn vor das ihm zuſtändige Gericht zu ſtellen. Es war vergeblich. Im April 1585 ſtellte man den wackren Krieger vor das Gericht von Middelburg und dort mußte er es ſich gefallen laſſen, daß ihm der Baljuw David Zomer Hochverrath zur Laſt legte, nebſt anderen ſchweren Verbrechen, wofür Treslong an Leib und Gut verfallen ſei. In ganz Seeland ſſo zeigte ſich die Eiferſucht der Provinzen bis ins Kleinſte) fand ſich Niemand, der es wagte, den Angeklagten zu vertheidigen, und es mußte ein holländiſcher Advokat aus dem Haag herbeikommen, um für ihn das Wort zu ergreifen; dieſer beantragte denn, man ſollte Treslong einſtweilen, gegen Bürgſchaft freigeben. Doch die Sache zog 13 ſehr in die Länge. Mittlerweile legte man ihm eine Falle. Ein gewiſſer de Cipier rieth ihm zur Flucht, und machte ih auch anheiſchig, ihm dazu behülflich zu ſein, wenn ihm Treslong auf der Stelle 1000 Gulden und nach der gelungenen Flucht das Doppelte bezahle. Treslong ließ ſich dadurch verlocken und de Cipier bekräftigte dieſen Handel mit einem Eide. Alles dies war mit Wiſſen des Bal⸗ juws geſchehen, welcher denn nicht ermangelte, auf den Fiucht⸗ verſuch Treslongs ein großes Gewicht zu legen; ja er wollte den Angeklagten ſogar der Tortur unterwerfen, was jedoch— auf den nachdrücklichen Einwand der Advokaten Treslongs— un⸗ *) Treslongs Brief an ſeine Gattin(vom 5. Juli 1585) e andern ki ihrer Einfachheit um ſon für ihn zeuge „So lange meine Seele im Körper iſt, hoſſe ich zu be ein treuer Diener des Vaterlandes bin, und wills b ſterben.“(Bor. XX. B. f. 17.) 207 terblieb. Die ganze Sache kam nun ins Stocken, Treslong proteſtirte fortwährend gegen die Kompetenz des meiſtens aus Kaufleuten zuſammengeſetzten Gerichts, vor welchem er ſich verantworten ſollte, und verlangte ſtandhaft, vor einen Kriegs⸗ rath gebracht zu werden, bei welchem ſich auch Bevollmächtigte der Generalſtaaten befänden, oder vor den Hof von Holland. Doch ſeine Proteſtationen und Forderungen hatten keinen Erfolg, und ebenſowenig richtete ſogar die Verwendung der Königin Eliſabeth für ihn aus. Er blieb fortwährend in Haft und durfte dieſelbe erſt im November 1586 verlaſſen, wobei er ſich mit ſeinem Ehrenwort verbürgen mußte, ſich vor dem Hof von Holland zu ſtellen. Später reiste er dann nach England, kehrte mit neuen Empfehlungsſchreiben Eli⸗ ſabeths zurück und citirte hierauf den Baljuw Zomer vor den Hof von Holland, welcher jedoch dieſen vom Erſcheinen dispenſirte. Erſt im Jahre 1591 gelang es Treslong, voll⸗ kommene Genugthuung zu erlangen; er lud nänlich jeden, der irgend etwas gegen ihn vorzubringen habe, vor den Hof von Holland; welcher ihn, da Niemand erſchien, am 19. Juni jenes Jahres für ſchuldlos erklärte. Nebrigens war Treslongs öffentliche Laufbahn zu Ende. Prinz Moritz ſtellte ihn 1592 als Jägermeiſter und 1593 als Oberjägermeiſter von Holland an, in welcher Stelle er 1594 ſtarb.*) Ein ähnliches Schickſal traf den hochachtbaren St. Alde⸗ gonde, der vom Beginn der Oppoſition gegen Philipp II. an, während aller Wechſelfälle des Glückes ſich ſtets gleich unterneh⸗ mend und geſchickt für das gemeine Beße erprobt, den Wil⸗ helm von Oranien nicht umſonſt ſeiner vertrauten Freund⸗ ſchaft gewürdigt hatte. Man erinnert ſich, wie St. Aldegonde, *) Vergl. Te Water. Histoire van het Verbond en de Swrekschriften ete. II. 214— 239 208 als Bürgermeiſter von Antwerpen ſich noch in der letzten Zeit ſo energiſch gegen eine Uebereinkunft mit Farneſe ausgeſprochen hatte, wie er endlich nur dem gebieteriſchen Ausdruck des Volks⸗ willens gewichen war. Gleichwohl nahm man ihm von Seiten der eifrigen Patrioten bei den Staaten den Antheil ſehr übel, den er an dem Abſchluß der Kapitulation mit Farneſe gehabt hatte. Als er ſich nach Seeland begeben wollte, rieth man ihm von dort aus, ſich dort nicht zu zeigen. Nochmehr machte er ſich jedoch verhaßt, als er, in ſeiner Antwort darauf, Far⸗ neſes außerordentlichen Eigenſchaften Gerechtigkeit widerfahren ließ und, mit Hinweiſung auf Spaniens Macht, ernſtlich zum Frieden mit Philipp II. rieth. Auch gaben die Staaten von Holland ihrem Admiral Warwond Befehl, weder St. Al⸗ degonde'n noch ſeinen nächſten Angehörigen Päße nach Hol⸗ land und Seeland auszuſtellen, und, ſollte er beide Provinzen demungeachtet betreten, ihn feſtzunehmen. Und wirklich ver⸗ ſicherte man ſich ſeiner Perſon, als er nach Seeland kam. Er wußte ſich jedoch vor den Generalſtaaten genügend zu rechtfertigen und wurde denn ſeiner Haft wieder erledigt. Gleichwohl dauerte das Mißtrauen gegen ihn fort; und aller⸗ dings hatte er ſelbſt dazu durch eine unläugbare Thatſache Anlaß gegeben, nämlich dadurch, daß er ſich von Farneſe aus⸗ bedungen hatte, ſeine Güter für Lebenszeit zu behalten, und nicht bloß für den Zeitraum von vier Jahren, wie alle übrigen Proteſtanten; hieraus ſchloß man denn, daß er vertrautere Beziehungen zur ſpaniſchen Parthei unterhalte, was, wenn man ſein voriges und ſein ſpäteres Leben, insbeſondere aber den her⸗ vorſtechenden Zug ſeines Charakters, die unerſchütterliche Ver⸗ echtung des Proteſtantismus vergleicht, ſehr unwahrſcheinlich iſt,— wenn es ſich auch, eben bei ſeinem ſo entſchiedenen Charakter, nur ſchwer rechtfertigen läßt, daß er ſich jene per⸗ 209 ſönliche Vergünſtigung bedungen hatte. Man bediente ſich St. Aldegondes von nun an nur ſelten mehr(ſo im Jahre 1594) in Staatsgeſchäften. Der vielerfahrene Mann zog ſich aus dem Kreiſe des öffentlichen Lebens immer mehr in die trauliche Einſamkeit ſeiner Studirſtube zurück und widmete ſich vorzugs⸗ weiſe theologiſchen Arbeiten. So überſetzte er am Abend ſeines Lebens das alte Teſtament aus dem Urtert in's Niederländiſche, von welchem Werke ihn der Tod abrief. Er ſtarb zu Leyden am 15. Dezember 1598.*) Ein ähnliches Mißtrauen wie dieſen längjährigen Freund Wilhelms von Oranien, traf auch den Statthalter von Ant⸗ werpen, Wilhelm Martini. Man ſetzte ihn, als er nach dem Haag kam, dort in Haft, ließ jhn zwar nach kurzer Zeit wieder frei, gebot ihm jedoch, das Land zu räumen. Muß uns auch dieſes Mißtrauen gegen vielfach verdiente Männer verletzen, ſo weist dagegen die Wachſamkeit, wor⸗ aus es entſprang, gerade auf die raſchere und mächtige Entwick⸗ lung des Weſens einer Republik hin. †*) Vergl. Te Water. III. p. 29 sedd. Bayle dict. historique et cri- uwn. tique. Art. St. Aldegonde. E. v. Münch(niederländiſches Muſeum 3ter Heft.); II. 14 Fünftes Buch. Erſtes Kapitel. Es iſt eine auffallende und eigenthümliche Erſcheinung in der Entwicklungsgeſchichte der niederländiſchen Freiſtaaten, wie dieſe bei ihren Verſuchen, die Landeshoheit einer fremden Macht zu übertragen,(Verſuche, zu welchen nur die äußerſte Ver⸗ legenheit den Beweggrund geben konnte) immer wieder gerade durch die Politik ihrer Feinde oder vermeintlichen Freunde von jenen Gefahren errettet werden, welche durch das Anſchließen an eine fremde Macht für den Fortbeſtand ihrer Freiheit unver⸗ meidlich erfolgt wären. So haben wir geſehen, welchen großen Einfluß die von ſpaniſch⸗hierarchiſchen Triebfedern bewegte Ligue auf die Abbrechung der Unterhandlungen mit Heinrich III. von Frankreich ausgeübt hatte, deren Abſchluß die unirten Provin⸗ zen unfehlbar in eine bei weitem üblere Lage verſetzt haben würde, als jene, worin ſie ſich je unter ſpaniſcher Oberherrſchaft befunden hatten. Wir ſahen ferner, welche Mühe ſie ſich gegeben hatten, um die Königin Eliſabeth zur Uebernahme der Souve⸗ rainetät zu bewegen. Die vorſichtige, ausweichende Politik die⸗ ſer Monarchin, welche das Anerbieten ausſchlug,*) gereichte den Provinzen abermals zum Heile, wovon ſie ſich bald überzeugen *) Eliſabeth ließ ſogar eine Rechtfertigung ihres Bündniſſes mit den Niederlanden(in deutſcher, franzöſiſcher und engliſcher Sprache) durch den Druck(bei Chriſtoph Barker in London) veröffentlichen, 214 lernten. Auf allen Umwegen mußten ſie endlich zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen, daß die Freiheit nicht mit dem Verluſt der Nationalität erkauft werden darf, und daß jede ſogenannte Beſchützung der Freiheit oder der Nationalität durch Fremde ſtets mehr oder minder bloß den Egoismus dieſer Letzteren im Hintergrunde birgt, weil die Verſuchung der Herrſchſucht für ſie zu groß iſt, und ihre Herzen nicht treu und warm, nicht hinge⸗ bend und aufopfernd für das Land ſchlagen können, in welchem ihre Väter nicht ruhen, in welchem ihre Ströme nicht rauſchen, in welchem ihre Dichter nicht ſingen. Während aller jener an⸗ gedeuteten Irrthümer jedoch läßt ſich bei den Niederländern immer der geſunde Sinn, läßt ſich der richtige Takt herausfüh⸗ len, gründend im Freiheitsdrang und ihre Würdigkeit, frei zu ſein, bekundend. Beides, Drang und Würdigkeit, iſt dadurch auf's Innigſte verbunden, daß der erſtere nicht bloß ein Lebensbe⸗ dürfniß iſt, ſondern ſich auch auf die hiſtoriſch gefeſtigten Bedingun⸗ gen(Rechte) beruft, welche zum Nationalcharakter gehören, wie der Leib zur Seele. Eliſabeth(hatte noch im Jahre 1585 Hülfstruppen nach worin ſie als Beweggründe angab, daß die Niederlande ihre alten Freiheiten, Privilegien und Gerechtſame behielten, daß die Gewerbe unter ihren Unterthanen und den Niederlanden glücklich und ſicher getrieben werden könnten, und daß ſie ſelbſt vor den Angriffen feind⸗ ſeliger Nachbarn geſichert ſei; auch berief ſie ſich auf die alten Ver⸗ bindungen zwiſchen England und den Beherrſchern der Niederlande (Vergl. d. Schrift bei Bor XX. B. f. 87). Einen Beweis, wie ſehr die Fürſten jener Zeit auf die öffentliche Meinung Rückſicht nahmen (bie Geſchichte des Abfalls liefert dafür mehr als ein Dokument), wie wenig man ſich damals auch nur den Anſchein gab, als ignorire man die Preſſe, als laſſe ſich dieſe ignoriren, gab Eli⸗ ſabeth auch durch eine Apologie, welche ſie gegen Pasquille veröffentlichen ließ, die man von Italien aus geßen ſie geſchmiedet hatte. — 215 den Niederlanden geſchickt, welche jedoch bereits zu ſpät kamen, um Antwerpen zu entſetzen. Im Oktober nahmen ſie die der Köni⸗ gin zur Pfandſchaft überlaſſenen Plätze ein, nachdem die ſtädti⸗ ſchen Regierungen von Briel und Vliſſingen und Prinz Moritz durch die Provinzialſtaaten von Holland und Seeland, ſowie durch die Generalſtaaten(welche die Markgrafſchaft von Veere und Vliſſingen dem Prinzen Moritz übertragen) Sicherheitsurkunden über Schadloshaltung für während der Verpfändung vielleicht zu erleidende Verluſte erhalten hatten. Die Engländer Thomas Cecil, und Phi⸗ lipp Sidney,(der Letztere als Menſch und Dichter gleich herrlich und liebenswürdig), erhielten das Gouvernement, der Erſtere in Briel, der Letztere in Vliſſingen und Ramme⸗ kens. Den Oberbefehl über alle engliſchen Truppen hatte Eli⸗ ſabeth ihrem Günſtling Robert Dudley, Grafen von Leiceſter,(Sidneys Oheim) übertragen, einem Manne, über deſſen Charakter ſich die meiſten niederländiſchen Geſchichtſchrei⸗ ber nur im ſcharfen Tadel vereinigen, und wohl kaum mit Un⸗ recht. Edel von Abkunft und hoch geſtellt durch das auffallende Wohlwollen ſeiner Monarchin, einnehmend durch ſein äußeres Weſen, wie je ein gewandter Hofmann, entbehrte Graf Lei⸗ ceſter doch etwas, das kein Geburtsadel, keine Fürſtengunſt, keine glatten Manieren erſetzen können; es fehlte ihm der Adel der Sittlichkeit. Von einem ungemeinen Egoismus durch⸗ drungen, war er vielleicht gegen Niemand aufrichtig, am wenig⸗ ſten gegen ſeine königliche Freundin und gegen die Niederlande, gegen welche übrigens auch Eliſabeth, wie wir bald ſehen werden, nicht ſehr aufrichtig war. Und doch waren gerade Aufrichtigkeit und Treue diejenigen Tugenden, deren der Befehlshaber einer frem⸗ den Macht in den unirten Provinzen am nothwendigſten be⸗ durfte, um ſeine Autorität dort aufrecht zu erhalten, nicht bloß 216 den damit übereinſtimmenden Grundſtoffen des Volkscharakters, ſondern auch den traurigen Erfahrungen gegenüber, welche man in Bezug auf Spanien und Frankreich ſchon gemacht hatte. Im alt⸗ehrlichen Niederland waren eitle Höflingskünſte nicht an ih⸗ rem Platz. Hier liebte man's, in die kniſternde Gluth auf dem unentweihten heimiſchen Herde zu blicken, nicht in den Schim⸗ mer des Geſchmeides, wie es beim Licht von hundert Kerzel fun⸗ kelte; hier zog man den derben geſunden Geruch des Theers, den Kaufmann und Schiffsherr gewohnt waren, den Parfüms des galanten Weichlings, und eine offene Stirne, worauf die Redlichkeit zu leſen war, der künſtlichen Ordnung gekräuſelter Locken vor. Wie wird der feine, gewandte, duftende und— perfide Graf Leiceſter zu den ſoliden, ehrlichen Niederländern paſſen? Eliſabeth ſelbſt hegte noch weitere Abſichten, als ihr öffentliches Benehmen(durch die Ablehnung der Souve⸗ rainetät und eines immerwährenden Schutzbündniſſes mit den Niederlanden) anzudeuten ſchien. Leiceſter hatte von ſeiner Königin eine beſondere Inſtruktion erhalten,„die Finanzquellen der Provinzen genau zu erforſchen, um über die letzteren, wenn man ſie durch ihre eigenen Mittel beſchirmen könne, die Oberherrſchaft zu gewinnen.“ Man ſieht hieraus, daß es nicht bloß die Beſorgniß vor einem offnen Bruch mit Spanien, ſondern wohl auch die andere Beſorgniß vor der üblen Stimmung der Engländer in Bezug auf finanzielle Unge⸗ legenheiten war, was Eliſabeths Politik leitete und ſo zweideu⸗ tig machte. Von jener Inſtruktion für Leiceſter hatten die nie⸗ derländiſchen Geſandten in London glücklicherweiſe noch frühzeitig genug Nachricht bekommen. Das Mißtrauen war dadurch geweckt und man dachte denn von Seiten Hollands ſchnell auf größere Sicherheit. Der Penſionär von Rotterdam, — 217 Johann van Oldenbarneveld griff hier insbeſondere thätig ein. Vornämlich auf ſeinen Betrieb geſchah es, daß die Staaten von Holland und Seeland dem Prinzen Moritz die wichtige Statthalterſchaft über dieſe bei⸗ den Provinzen,(den Kern der ganzen Union), übertrugen; mit jener Würde war auch die eines Generalkapitains und Admirals für beide Provinzen verbunden. Zur ſelben Zeit erhielt Moritz auch den Titel eines„gebornen Prinzen von Oranien“ mit dem Prädikat„Excellenz“ ausdrück⸗ lich und förmlich zuertheilt, obwohl jener Titel eigentlich Mo⸗ ritzens älterem Bruder, dem Grafen Philipp Wilhelm von Büren, gebührte. Es iſt intereſſant, zu bemerken, wie die Verleihung der Statthalterwürde über Holland und Seeland an Mo⸗ ritz zum erſtenmal förmlich von den Staaten dieſer beiden Provinzen ausging, als Repräſentanten derſelben. Man merke übrigens hier auf den Unterſchied zwiſchen jener Zeit, da man Wilhelm von Oranien die Landeshoheit mit der Grafenwürde übertragen wollte, und dieſer jetzigen, da man dem Sohne deſſelben bloß die Statthalterwürde anvertraute. So ſieht man auch hier wieder den Fortſchritt von der angenehmen Gewohnheit der konſtitutionellen Mo⸗ narchie zur Ausbildung der Republik. Dazu hat Oraniens Tod weſentlich beigetragen und wir dürfen uns durch die Unter⸗ handlungen über Souverainetätsübertragung mit Frankreich und England nicht irre machen laſſen. Was wir jetzt in Holland beobachten, finden wir ſchon in Geldern und Utrecht nach Wilhelms von Oranien Tode.— Um übrigens auf den Grafen Leiceſter zurückzukommen, ſo läßt ſich leicht begreifen, wie unangenehm ihm jener Schritt der Staaten von Holland und Seeland war.„Was habe denn ich,“(ſo fragte er, als er Moritzens Erhebung erfuhr)„in den Niederlanden zu 218 thun, wenn ein Andrer die Statthalterſchaft Hollands und See⸗ lands bekleidet?“ Während nun einzelne ſchärfer blickende Patrioten Hol⸗ lands Leiceſters geheime Abſichten wachſam verfolgten und ein heilſames Gegengewicht zu begründen bemüht waren, betrachtete das Volk im Ganzen den Grafen wie einen Meſſias und hoffte wahre Wunder von ſeinem Walten in den Niederlanden; nicht geringen Einfluß darauf hatte Lei ceſters klugberechneter und— zur Schau geſtellter Eifer für den ſtrengen Kalvinis⸗ mus; die bigotten Reformirten in den Niederlanden wurden für Leiceſter hingeriſſen, als ſie vernahmen, wie ſehr er ſich in England der Puritaner annahm, ohne daß jene ahnten, wie ſein Eifer bloß ein künſtlichgemachter, ein feingeſponnener Deck⸗ mantel für ſeinen weitausblickenden Ehrgeitz war. Als er nun in die Niederlande kam, äußerte ſich der Enthuſtasmus des ge⸗ täuſchten Volkes für ihn überall auf die unzweideutigſte Weiſe. Am 20. Dezember 1585 ſtieg er, von einer Menge engliſcher Edelleute begleitet, zu Vliſſingen ans Land; von dort begab er ſich nach Dordrecht und den anderen Städten und überall wurde er wie ein Fürſt bewillkommnet. Wenn die eifrigen Reformirten den Grafen, über deſſen Ueppigkeit man andere Zeugen vernehmen muß, demüthig zur Kirche gehen und dort das Abendmahl nach reformirtem Ritus empfangen ſahen, riefen ſie ſich aufs lebhafteſte ins Gedächtniß zurück, wie Anjou, zu ihrem Aergerniß, dem katholiſchen Gottesdienſte beigewohnt hatte; ja ſelbſt der edle Wilhelm von Oranien ſchien, wegen ſei⸗ ner allzugroßen Toleranz, die man ihm jetzt als Religions⸗ Gleichgültigkeit auslegte, hinter dem Grafen von Leiceſter zurückzuſtehen; wer von der ganzen leichtgläubigen Menge ahnte wohl den Antheil, welchen Leiceſters Herrſchſucht an deſſen Heu⸗ chelei hatte, wer überhaupt dieſe letztere ſelbſt? Man faßte am 219 10. Januar 1586 den Beſchluß: dem Grafen die Oberſtatt⸗ halterſchaft ganz in der Weiſe, wie ſie zu Zeiten Kaiſer Karls V. bekleidet worden war, im Namen der General⸗ ſtaaten(wogegen jedoch Friesland proteſtirte und wobei ſich Holland noch insbeſondere verwahrte) anzubieten. Doch ſchon jetzt konnte Leiceſter ſeine geheimen Abſichten nicht ganz verhehlen; er verrieth ſie, indem er Anſtand nahm, die Oberſtatthalterſchaft anzutreten. Der Grund der von ihm erhobenen Schwierigkeiten war kein anderer als ſein Mißver⸗ gnügen über die Beſchränkungen durch den Staatsrath, denen er ſich dabei unterziehen ſollte. Endlich kam am 1. Fe⸗ bruar im Haag die Verhandlung, betreffend die Uebertragung der Oberſtatthalterſchaft an Leiceſter, zum Abſchluß, und zwar unter folgenden Bedingungen*). Die Generalſtaaten ernannten ihn zum„Gouverneur und Generalkapitain“ der ver⸗ einigten Provinzen, zu wiſſen: des Herzogthums Geldern und der Grafſchaft Zütphen, der Grafſchaften und Lande Flandern, Hol⸗ land mit Weſtfriesland, Seeland, der Herrlichkeiten Utrecht und Friesland und ihrer Bundesgenoſſen. Er ſollte in allen Kriegs⸗ ſachen(zu Land und zur See) abſolute Macht⸗) haben über die genannten vereinigten Provinzen, Städte und Mitglieder der Bundesgenoſſen, über alle beſonderen Statthalter derſelben Provinzen, desgleichen über alle Oberbefehlshaber, Offiziere und Soldaten, welche denn auch für den Grafen Leiceſter zu vereidi⸗ gen ſeien,— deßgleichen in Sachen der Polizei und Juſtiz, in der Weiſe, wie die Oberſtatthalter der Niederlande eine ſolche oberſte Gewalt zu allen Zeiten, und insbeſondere zu Zeiten Karls V. geſetzlich gehabt hätten.*u) Renten und Gehalte der *) Vergl. Bor. XXI. Buch. f. 6. **)„Volle macht en absoluyt gebied.“ etc.(Ebend.) **ε*)„Item sal zyn Excel. volle macht en absoluyt geweld hebben Beamten und Offiziere ſollten aus den Domainen jeder Provinz’ (ſo weit dieſe reichten) bezahlt werden, und die Staaten den Reſt übernehmen; für die wichtigſten Beamtenſtellen bei der Re⸗ gierung und dem Juſtizfach, die der Oberſtatthalter zu vergeben habe, ſolle dieſer aus einer Doppel⸗ oder Dreizahl von taugli⸗ chen und patriotiſchen Männern, welche die betreffenden Provin⸗ zialſtaaten vorſchlagen, die Geeignetſten erwählen. Was nun den Staatsrath betraf, ſo ſollte Leiceſter denſelben aus ſol⸗ chen gebornen Niederländern zuſammenſetzen, welche ihm die Provinzen als tauglich bezeichnen; zwei Mitglieder des Staatsrathes ſollen von ihrer Majeſtät, der Königin, zu er⸗ mächtigen ſein, und dieſer Staatsrath ſollte„dem Grafen bei⸗ ſtehen zu beſter Leitung der Landesſachen, gemäß des mit Ihrer Majeſtät abgeſchloſſenen Traktates.“ Graf Leiceſter ſollte die Generalſtaaten ſtets und überall, wann und wo es ihm gut⸗ dünke, zuſammenberufen, ſowie anderſeits dieſe und die Provin⸗ zialſtaaten das Recht haben, ſich nach ihrem Gutdünken und nach des Landes Bedürfniß zu verſammeln. Alles dies, unbe⸗ ſchadet der Rechte, Freiheiten, Präeminentien, Privilegien, Trak⸗ tate, Kontrakte, Statuten, Ordonnanzen, Dekrete und Gewohn⸗ heiten“ der Provinzen im Allgemeinen und aller ihrer Mitglie⸗ der insbeſondere, deren Erhaltung Leiceſter beſchwören mußte, ſowie auch die Staaten ihm den Eid der Treue im Namen der Provinzen leiſten. Dadurch ſchienen denn nun die bisherigen Anſtände beſeitigt zu ſein. Aber Leiceſter erhob neue, nachdem er von den Ge⸗ neralſtaaten ſeine Beſtallung und die Ermächtigung zur Ein⸗ in de voorhz. Provintien en van haer geassocieerde, in't stuk van de Politie en Justitie, gelyk de Gouverneurs Generaels der Nederlanden't allen tyden wettelyk gehad hebben; etc. etc. (Ebend.) 221 forderung aller bewilligten und noch zu bewilligenden Geldmit⸗ tel(in Betreff des Krieges) erhalten hatte; er verlangte nämlich mehr, als man ihm hiezu angewieſen hatte, und außerdem eine genauere Einſicht in den Zuſtand der Finanzen jeder Provinz. Ferner veränderte er den Entwurf der Inſtruktion für den Staatsrath, dann erwählte er deſſen Mitglieder und bot dem Grafen Hohenlohe die Würde eines General⸗Lieutenants in der Armee der Staaten an, was jedoch dieſer ablehnte, indem derſelbe lieber in den beſonderen Dienſten der Staa⸗ ten von Holland und Seeland blieb. Leiceſter beſaß nun in den vereinigten Provinzen eine ausgedehnte Macht, und arbeitete dahin, dieſelbe noch zu ver⸗ größern und zu erweitern. Da erfuhr er plötzlich einen Ein⸗ ſpruch dagegen und zwar von einer Seite her, von woher er einen ſolchen wohl nicht erwartet hatte,— von ſeiner Monar⸗ chin Eliſabeth ſelbſt. Ihr Geſandter Davidſon, welcher am 14. Februar nach England zurückgekehrt war, hatte ihr über alle Vorfälle in den Niederlanden Bericht erſtattet. Unter'm 23. Februar ſchrieb ſie nun ſowohl an Leiceſter als an die Ge⸗ neralſtaaten(Sir Thomas Heaneadge überbrachte die Schrei⸗ ben)„wie ſehr es ſie befremden müſſe, daß, nachdem ſie ſelbſt die angebotene Souverainetät abgelehnt habe, die Generalſtaa⸗ ten dieſelbe dem Grafen Leiceſter(ihrem Diener und Vaſal⸗ len) übertragen und der Letztere ſie angenommen habe; was auch jener Erklärung widerſpreche, welche ſie in Druck habe ausgehen laſſen. Deßhalb verlange ſie denn, daß man die Uebertragung der höchſten Autorität an Leiceſter widerrufe und ſich lediglich an diejenige halte, welche dem Traktat zwiſchen ihr und den vereinigten Provinzen entſpreche.“ Es ſcheint, daß hier bei Eli⸗ ſabeth weniger die Beſorgniß vorwattete, daß Leiceſter die ihm übertragene Gewalt egoiſtiſch mißbrauchen würde, als vielleicht 222 das nnangenehme Gefühl, daß man unbehutſam ihren eigenen geheimen Plänen unzeitig vorgegriffen und letztere vor Spanien aufgedeckt habe. Beſonderen Anſtoß gab der Ausdruck:„abſo⸗ lute Gewalt,“ welches man als gleichbedeutend mit Souve⸗ rainetät auslegen konnte. Die Generalſtaaten wußten ſich hierüber geſchickt und zugleich zu ihrem eigenen Vortheil zu vertheidigen. Sie erklärten,(und zwar wie es ſcheint, durch des patriotiſchen Oldenbarneveld's Einfluß) am 25. März, daß das Wort„abſolut“ in ſeiner verfänglichen Verbindung mit „Gewalt“ bloß bezeichnen ſolle, wie der Graf Leiceſter über den einzelnen Provinzialſtatthaltern ſtehe, daß das Wort „abſolut“ bloß den Gegenſatz von„proviſoriſch“ an⸗ deute, und zur völligen Beruhigung fügten ſie endlich ausdrück⸗ lich hinzu:„die ganze Souverainetät der Lande bleibe den Staaten ſelbſt, und nur das Gouvernement, oder die Verwaltung derſelben ſtehe dem Grafen Leiceſter zu.“ Der Letztere ſchrieb gleichfalls an ſeine Monarchin, um ſich über die Annahme zu rechtfertigen, und Eliſabeth ſchien nunmehr zufriedengeſtellt zu ſein. Ob ſie es aber auch wohl in der That war? Ob ſie es nicht vielleicht ſehr bereute, durch ihre allzugroße Vorſicht auch die der Staaten geweckt zu haben? Jedenfalls ſehen wir auch bei dieſem Vorfall wieder das eigenthümliche Phänomen, auf welches wir zu Anfang dieſes Kapitels aufmerkſam machten, das providenzielle Ele⸗ ment der Geſchichte, oder(damit man dieſen Ausdruck und unſre Grundanſicht nicht etwa mißverſtehe): wir bemerken die Kernkraft einer Nationalität, welche ſich zwar durch Gefühle und Hoffnungen zu Irrthümern hinreißen laſſen kann, welche jedoch durch die leiſeſten Bewegungen des Abſolutismus plötzlich geweckt, ſich wieder auf den richtigen Weg zu beſinnen weiß und ihrer natürlichen Beſtimmung wieder folgt; ein einfaches Wun⸗ der, wenn man auf den Charakter, als Grund der Erſchei⸗ nung, zurückgeht.— Wir haben oben des trefflichen Oldenbar⸗ nevelds erwähnt, von dem es mehr als bloß wahrſcheinlich iſt, daß er die Erklä rung der Staaten an Eliſabeth über die Bedeutung des Wortes„abſolut,“ ein ſchönes Dokument edlen vaterländiſchen Freiheitsſtolzes, abgefaßt habe. Wir müſ⸗ ſen hier noch dazu bemerken, daß die Staaten von Hol⸗ land unterm 7. März 1586, den braven Oldenbarneveld, welcher bisher Penſionär der Stadt Rotterdam geweſen, an die Stelle des Meiſters Paul Buis zum Landesadvokaten (von Hollan d) machten. Es iſt bezeichnend für Oldenbar⸗ nevelds Charakter, daß er ſich, bei Annahme dieſer ehrenvol⸗ len und einflußreichen Stelle, ausbedingte, dieſelbe allſogleich niederlegen zu dürfen, ſo wie man ſich etwa in Unterhandlun⸗ gen einließe, welche darauf abzweckten, Holland wieder der ſpa⸗ niſchen Herrſchaft zu unterwerfen! Am 8. März leiſtete Olden⸗ barneveld ſeinen, Eid. Ebenſo treffend bezeichnet den Geiſt, welcher damals die Staaten von Holland beſeelte, der Beſchluß, den ſie an demſelben Tage(8. März) faßten, daß alle Ge⸗ ſchäftsaufſätze, die an Leiceſter und den Staatsrath ergingen, in niederdeutſcher Sprache abgefaßt werden müßten, ſo wie man auch den Erſteren erſuchte, ſich bei ſeinen ſchriftlichen Verhandlungen mit den Staaten derſelben Sprache zu bedienen. Dies war dem Grafen, der das Niederdeutſche nicht verſtand, ziemlich ungelegen und er wünſchte deßhalb, daß die Staaten ihre Beſchlüſſe ins Franzöſiſche überſetzen ließen. Als Dollmet⸗ ſcher diente ihm Daniel de Burggraaf aus Flandern, welcher früher Generalprokurator und Staatsrath geweſen war, ein großes Egoiſt, welcher ſich übrigens das Vertrauen Leice⸗ ſters zu erwerben, und bei dem erwähnten Verhältniß zu dem⸗ ſelben, auch zu befeſtigen wußte. 224 Grade mißgeſtimmt, und weder die Erinnerung an ſeinen wahr⸗ haft fürſtlichen Empfang noch die Delikateſſe, mit welcher die Oppoſition zur Sicherung der heimiſchen Freiheit, der provin⸗ ziellen Rechte ihm entgegentrat, vermochte ſeine Mißſtimmung zu tilgen. Wohl das Empfindlichſte war und blieb für ihn die Stellung des Prinzen Moritz als Statthalter von Holland; und es ſcheint, daß ihm der Aufenthalt in Holland dadurch ver⸗ leidet wurde. Sei es aber auch, daß es ihm zur Erreichung ſeiner Zwecke gerathener ſchien, ſeine Reſidenz anderswo zu neh⸗ men,— genug: er begab ſich nach Utrecht. Bald zeigte es ſich, wie egoiſtiſch ſeine Politik, auf wie ſchlechten, antinationalen Prinzipien ſie begründet war. Er wollte ſich eine Parthei im Lande erſchaffen, um durch eine ſolche ſich zu behaupten, und ſeine Macht zu vergrößern; reizte ihn wohl nicht noch immer das unvergeſſene, von den Staaten ſo ſchroff gegen ihn gedeutete Wörtchen„abſolut?“ Bei Gründung einer ihm eifrig ergebenen Parthei ſpekulirte der ſchlaue Leiceſter, wie wir ſchon früher er⸗ wähnt haben, auf die Religion. Gewiß iſt ſchon jede Politik, welche ſich auf irgend eine andere Baſis ſtützt, als Treue, eine verderbliche;— eine noch ſchlimmere iſt jene, die durch Theilung der Intereſſen zur Schwächung der Geſammt⸗ kraft, und in Folge deſſen zur Alleinherrſchaft hinſtrebt; die allerverwerflichſte aber iſt gewiß diejenige, welche die religiö⸗ ſen Angelegenheiten hinterliſtig zum Deckmantel nimmt, und die Beweggründe wie die Reſultate der beiden erſteren Arten dar⸗ unter begreift. Denn eine ſolche Politik entzündet durch die Fackel des Fanatismus den Bürgerkrieg. Und ſich über alle Schrecken, die mit einer ſolchen Folge verbunden ſind, leichtfertig hinauszuſetzen, um nur ſeinen eigenen Gelüſten nachgeben zu Der ſtolze Leiceſter war durch alle Hinderniſſe, welche ihm der Freiheitsſinn der Holländer in den Weg legte, im hohen — 225 können, dies iſt wohl der höchſte Grad von Gewiſſenloſigkeit von Perſonen, denen eine wichtige Miſſion über Völker anver⸗ traut iſt. Auf eine merkwürdige Weiſe hingen übrigens die religiö⸗ ſen Spaltungen, welche Leiceſter in ſeinem Intereſſe benützte, mit politiſch⸗nationalen zuſammen. Man erinnert ſich der Exzeſſe, welcher ſich die Kalviniſten gerade in den katholi⸗ ſchen ſüdlichen Provinzen ſchuldig gemacht hatten; wir ſagen ausdrücklich: ſchuldig gemacht, wir denken hiebei vorzugsweiſe an das ſich übertaumelnde demokratiſche Treiben in Gent zu⸗ rück, wobei unterm Scheine der Religion auch wohlbegrün⸗ dete Rechte zertreten worden und deſſen nächſte Folgen die Auf⸗ lockerung der Genter Pacifikation, die Feindſeligkeiten der Mal⸗ kontenten, der Abfall der Wallonen von der gemeinſamen Sache geweſen waren. Nun waren, nach der Unterwerfung der ſüd⸗ lichen Provinzen unter Spanien gerade die exaltirteſten Kalviniſten, von der durch Farneſe ihnen freigeſtellten Alter⸗ native Gebrauch machend, ausgewandert und nach den nörd⸗ lichen Provinzen überſiedelt, wo ſie denn jetzt ihre Grundſätze geltend zu machen ſuchten. Insbeſondere aber war es die kal⸗ viniſtiſche Geiſtlichkeit, welche eine proteſtantiſche Hierar⸗ chie einzuführen trachtete. Anderſeits ſahen ſich die Laien unter den in Holland aus dem Süden eingewanderten Kalviniſten dort von den ſtädtiſchen Regierungen ausgeſchloſſen; nur die alt⸗holländiſchen Familien hatten Rechtsanſprüche auf die Theilnahme daran. Man ſieht, wie die Gegenſätze emporſproßen; wie läßt ſich wohl eine Ver⸗ ſöhnung derſelben hoffen? Das Temperament ſelbſt verhin⸗ dert eine ſolche zuvörderſt und auf's Mächtigſte. Die Einge⸗ bornen, die Holländer, ruhiger ſchon von Sinnesart, behag⸗ lich im Beſitz des Eigenthums der Provinzialrechte, ſind auch in II.„ 15 226 religiöſen Angelegenheiten allmählig zur Toleranz gelangt, weil ſie die politiſche Freiheit errungen haben und glücklich behaupten, — deßhalb ſind ſie denn auch feſt überzeugt, daß(unbeſchadet der Gewiſſensmeinungen über dieſen Punkt) der Staat über der Kirche ſtehe, daß er ſie ebenſo zu beſchützen, wie zu beaufſichtigen habe, daß die Pflicht des Staatsbürgers alle übrig en Pflichten in ſich faſſe! Dieſen Einheimiſchen gegen⸗ über ſtehen nun die eingewanderten Seeländer, von vorn⸗ her feurigen Blutes, dazu noch in allen Fibern von der leiden⸗ ſchaftlichen Aufregung des doppelten Kampfes gegen fremde und andersgläubige Landsleute nachbebend,— den beim Scheiden vom Vaterland halberſtickten, mühſam in die Bruſt hinabgedrückten Ruf nach Rache jetzt auf den Lippen, un⸗ gemeſſen ſchwelgend in der Hoffnung, die Rache zu ſättigen,— ſich Märtyrer dünkend, und deßhalb nun auch einen Preis des Märtyrthums, wenigſtens eine Entſchädigung in Anſpruch nehmend,— in ihrer Aufregung unter dem Begriffe der religiö⸗ ſen Freiheit auch die Herrſchaft ihrer religiöſen Anſicht ver⸗ einigend, eine Herrſchaft, welche, wie geſagt, proteſtantiſche Hierarchie ſein ſollte! Verfolgen wir nun dieſe Gegenſätze wei⸗ ter in den Ausläufen der Gegenſtrebungen, ſo ſehen wir, wie die ſtrenggläubig⸗kalviniſtiſchen Einwandrer aus dem Süden, die deſtruktiven Grundſätze noch immer im Herzen tragend, die⸗ ſelben auch in ihrem jetzigen Aſyle anzuwenden ſtrebten, da ſie ſich, der Natur der Verhältniſſe nach, in der Theilnahme an der Regierung den Eingebornen nicht gleichgeſtellt fanden, ſo ſehen wir, wie ihre Prediger dieſe deſtruktiven Grundſätze nährten. Vergleichen wir nun damit die ſubjektive Antipathie Leiceſters gegen die Holländer, vergleichen wir deſſen frühere Politik im Verhältniß zu den Puritanern und den Kredit, den er da⸗ durch bei allen ſtrengen Kalviniſten genoß, ſo werden wir es —ᷓ begreiflich finden, daß die Letzteren, insbeſondere nämlich die aus dem Süden Eingewanderten in dem Anſchluß an die Perſon des Oberſtatthalters, in dem Einfluß, welchen ſie dadurch erhielten, ein Gegengewicht wider die Pro vinzial⸗ und Lokalintereſſen, eine höhere Bedeutung, vielleicht die Herrſchaft zu erlangen hofften. Scharf betrachtet, lief dieſe Strebung auf die Ausgleichung oder V ernichtung der Provinzial⸗ und Lokal⸗Rechte hinaus, und das mar es eben, was auch Leiceſter, wenn auch nicht klar und beſtimmt denkend, doch tief fühlend, bea ab ſichtigte. Man denke dabei an Spandens alte Pläne; und nun iſt ein ſogenannter Beſchützer der Provinzen im Begriffe, ſie unter ganz veränderten Verhält⸗ niſſen auszuführen, ein Mann, der auch in der Energie des Irr⸗ thums ſo ſehr hinter einem Philipp 11. zurückſteht, da Philipp für ine 3der focht, Leiceſter bloß für den armſeligen Fötzen ſei⸗ nes Ich's intriguirt. Was an Philipp II.(man denke über die Idee, welche ihn leitete, wie man wolle,) noch immer achtungs⸗ werth iſt,— bei Leiceſter erſcheint es verächtlich; denn, wenn Philipp aufrichtig und ſtolz ſeine Idee bekennt, wenn ſeine Re⸗ ligiöſität doch aufrichtig, tie efempfunden iſt, ſo iſt ſie bei Leiceſter eine Berechnung, eine Lüge. Abermals ſtand denn jetzt für Kolland, N — aus Veranlaſſung, oder weni bäſ is unter dem Scheine der Religion(und zwar handelte es ſich h jetzt nur um die Spaltung aktionen) nichts Geringeres zwiſchen zwei proteſtantiſchen Fa als die Nation audi ſelbſt auf dem Spiele! Es war ein großes Glück für dieſe, daß Oldenbarueyeld damals in der Blüthe ſeiner Wirkſamkeit für Holland ſtand, und dadurch auch im Stande war, im wahren Intereſſe der vereinigten Pro⸗ vinzen überhaupt den antinationalen Strebungen möglichſt e gegenzuarbeiten. Leiceſter gab ſich denſelben offen hin und pflegte die vor⸗ 228 handenen Keime der Mißverhältniſſe, wie z. B. zwiſchen der Stadt Amſterdam und der Bürgerſchaft von Utrecht, wo er reſidirte. Noch mehr mußten dieſe zunehmen, als er ſich einen geheimen Rath aus drei eingewanderten Südlän⸗ dern bildete, von denen wir den Einen, Daniel de Burggraaf, bereits als ſeinen Dolmetſcher und Vertrauten kennen lernten. Die beiden anderen hießen Jakob Rein⸗ goud und Gerhard van Prounink, genannt Deventer. Reingoud, ebenſo egoiſtiſch wie Daniel de Burggraaf, war einſt Geheimſchreiber des berühmten, durch Albas Politik und das Urtheil des Blutraths hingerichteten Grafen Egmont geweſen, hatte in Finanzſachen unter Granvella, Alba und Reqgueſens gedient, hatte nach der Pacifikation von Gent, wegen Untreue, ſein Amt verloren, war jedoch ſpäter bei den Geſandtſchaften der Staaten nach Frankreich verwendet worden, und war bei ſeiner Rückkunft(in Utrecht) von der katholi⸗ ſchen zur reformirten Konfeſſion übergetreten; dieſer letzteren ſchien Reingoud, namentlich ſeit Leiceſter im Lande war, ſo eifrig anzuhängen, daß er ſogar nur reformirte Diener in ſeinem Hauſe duldete. Prounink, genannt Deventer, war aus Herzogenbuſch gebürtig, vonwo er, der Religion wegen entflohen war. Jedenfalls war er noch der Rechtlichſte von allen Dreien; aber ſein böſer Dämon war ein ungezügelter Ehrgeiz, der ihn alle Rückſichten vergeſſen machte. Von dieſen drei Männern war denn Leiceſter umgeben; ein Triumvirat, welches den Staaten bald im höchſten Grade verhaßt werden mußte. Weſentlich trug zu dieſem Haße Leiceſters unkluges Benehmen indem er ſich durch ſeine Mißſtimmung gegen Holland ver⸗ en deſſen Lebensprinzip, die Handelsfreiheit anzu⸗ ten. Am 24. April(1586) ließ er ein Plakat ergehen, worin bei, leit taſt 229 ſowohl In⸗ als Ausländern die Ausfuhr aller Mund⸗ und Kriegsbedürfniſſe nach den unter ſpaniſcher Oberherrſchaft ſte⸗ henden Provinzen aufs Schärfſte verboten war. Sein Zweck dabei war, die ohnehin durch Mangel gedrückten ſpaniſchen Niederlande plötzlich aufs Aeußerſte zu bedrängen. Die Ut⸗ rechter, ſchon ſeit früher über jenen Punkt in Mißverhältniſſen mit den Amſterdamern, fanden ſich durch jenes Plakat allerdings geſchmeichelt; um ſo unzufriedener waren damit alle jene Landſchaften, deren Hauptnahrungszweige in Schifffahrt und Handel beſtanden.„Hat denn Leiceſter die ganze See in ſeiner Gewalt?“ ſprach man dort.„ſo ſcheint es faſt aus jenem Plakat hervorzugehen!“ Vergeblich machte man Leiceſtern auf alle nachtheiligen Folgen ſeiner Verordnung aufmerkſam, und kräftig opponirten ſich die„kommittirten R äthe von Hol⸗ land“ wider das Plakat. Unbegreiflicherweiſe ſchien er nicht einzuſehen, daß er dadurch den Handel von Holland und See⸗ lang zu Grunde richte, während er den Feinden doch eigentlich keinen Abbruch zu thun vermöge. Reingoud und ſeine An⸗ hänger, die man ſchlechtweg die„Reingoudiſten“ nannte, übten hierbei ihren ganzen Einfluß auf Leiceſter aus, und wußten die ſchwache Seite dieſes ſtolzen Edelmannes, der die Kaufleute verachtete, zu treffen, indem ſie ihm die Staa⸗ ten von Holland, die ihm ohnehin(aus den bereits er⸗ wähnten Gründen) verhaßt waren, bloß als eine Verſammlung von Kaufleuten darſtellten. Ueberhaupt ſchürten ſie unver⸗ antwortlich alle geheimſten Wünſche des Gebieters, durch deſſen vergrößertes Anſehen ſie ſelbſt zu gewinnen hofften. Sie ſtellten ihm vor,„er ſei an den Staatsrath eigentlich gar nicht gebun⸗ den; an die Generalſtaaten brauche er ſich noch bei Weitem weniger zu kehren, denn unter dieſen befänden ſich Menſchen, die es heimlich mit dem Papſtthum und den Spaniern 230 hielten, und viele andere Mitglieder der Generalſtaaten verſtün⸗ den ſo viel wie gar nichts von Regierungsſachen.“ Während die Günſtlinge Leiceſter'n ſo berückten, ſtreuten ſie zu gleicher Zeit den Samen des Mißtrauens und der Zwictracht im Volke n und untergruben das Anſehen der Staaten. Das re⸗ giöſe Moment that, wie gewöhnlich, das Uebrige zur Vol⸗ ain der verderblichen Zerwürfniſſe, welche bereits eine Provinz von der anderen trennten; ſolche Früchte trug denn ſchon in ſo kurzer Zeit die Einmiſchung eines Fremden! Der ſtrengere Kalvinismus(mit dem hierarchiſchen Ueberge⸗ wicht der adieanen welcher in Oppoſition zu der in Holland nationalen milder aktion der reformirten Konfeſſion(nach Zwinglis Grundſä tzen) ſtand, wurde, wie geſagt, von Leiceſter aus Politik begünſtigt. Er ſchmeichelte den Prädikanten der ſtrengeren Lehre, welche ſich ihrerſeits dadurch gegen ihn rendeli berired⸗ daß ſie allen ihren Einfluß auf die Gemein n, um dieſe für Lehadſhe zu ſtim⸗ men. Heu 4 zade hier, wie ſo oft, die Bigotterie und Bornirtheit. beis, wie ſehr Leiceſter durch das Bünd⸗ niß mit den Priditan uten ſein Anſehen gefeſtigt hielt, iſt, daß er im Auguſt 1586 die auf der Haager Synode beſtellte Kir⸗ chenordnung, beſtaigte⸗ ohne die Staaten darum zu fragen, welche dieſelbe in verſchiedenen Punkten unſtatthaft und ſogar anſtößig fanden, und zwar mit Recht, d a ſich die refor⸗ mirte Hierarchie durch jene Ordnung von be r weltlichen Macht, und zwar namentlich von dem Einfluß der ſtädtiſchen Magiſtrate loszureiſſen trachtete. Es kam Leiceſter'n bei ſeinem Zwiſt mit Holland ſehr zu ſtatten, daß die bewaffnete Bürgerſchaft in Utrecht nebſt ihren Hauptleuten entſchieden ſeine Parthei ergriff. Der Einfluß derſelben zeigte ſich vornämlich, als er eine Finanz⸗ 231 kammer errichtete und zwar vorzugsweiſe auf die Vorſtellungen und das eifrige Drängen Reingouds, welcher ſich dabei der Stelle eines„Theſauriers“ zu vergewiſſern ſuchte, und Leiceſter ging gerne auf das ganze Projekt ein, um dieſen ſeinen Günſt⸗ ling befördern zu können. Am 27. Juni 1586 übergab Leiceſter dem Staatsrath eine die neue Finanzkammer betreffende Schrift, worin er den Grafen N ieuenaar zum Präſidenten derſelben, Heinrich Killegrei und Reinhard van Azewyn zu Räthen, Reingoud zum Theſaurier, Sebaſtian Looſen, Joſt Teeling und Paul Buis,(den früheren Advokaten von Holland, der jetzt in Utrecht wohnte) zu Unterbeamten und Daniel de Burggraaf zum Aunditeur ernannte; die ganze Handlungs⸗ weiſe Leiceſters ſtand mit der Inſtruktion für den Staatsrath im direkten Widerſpruche. Es kam denn auch darüber zu heftigen Debatten mit Leiceſter, deſſen Eigenmächtig⸗ keit von Seiten Hollands ſcharfen Tadel fand. Beſonderen Anſtoß erregte die Ernennung Reingouds, den man, als Fremden, für durchaus ungeeignet hielt, das Amt eines„The⸗ ſauriers“ zu bekleiden; auch bemerkte man Leiceſter'n, daß in digſer Angelegenheit die Staaten durchaus ins Mittel ge⸗ zogen werden müßten. Stolz entgegnete Leiceſter:„er getraue ſich die Sache bei den Staaten ſchon zu verantworten, welche übrigens auch nicht gerade aufrichtig mit ihm gehandelt hätten;“ kurz, er ſetzte, trotz der Oppoſition, die Errichtung der Finanz⸗ kammer und die Ernennung Reingouds zum Theſaurier durch. Nun trat Paul Buis gegen Leiceſter und Reingoud auf, und ſagte dem Erſteren, gekränkt, geradezu in's Geſicht: „Wenn ich ſelbſt Theſaurier wäre, ſo möchte ich Reingoud nicht unter mir haben; noch viel weniger aber bin ich im Stande, unter ihm zu ſtehen!“ Paul Buis mußte dieſe Worte, die ihm Reingoud und Leiceſter nicht vergeſſen konnten, gar bald ſchwer büßen. Am 19. Juli(1586), da Leiceſter eben Utrecht verlaſſen hatte, um ſich nach dem Haag zu begeben, wurde nämlich Paul Buis plötzlich, auf Anſtehen des Schöffen Jacques de Potters, eines Flamänders und des Thomas Web⸗ bes, durch die Hauptleute der bewaffneten Bürgerſchaft, und zwar ohne ſchriftlichen Befehl, wiewohl mit Berufung auf ein Gebot Leiceſters, verhaftet. Man konnte ihm nichts aufbürden, was ſeinen Patriotismus im Geringſten kompromit⸗ tirte, und das Einzige, was man ihm endlich zur Laſt legte, waren einige Worte, welche er, als er ſich bereits in Haft be⸗ fand, geſprochen hatte, und welche ſeinen Patriotismus gerade in's ſchönſte Licht ſtellten. Doch um die volle Beziehung dieſer Worte zu faſſen, müſſen wir vorerſt bemerken, daß Leiceſter ſeine Parthei unter der bewaffneten Bürgerſchaft Ut⸗ rechts bedeutend verſtärkt hatte, ſo zwar, daß die Hauptleute derſelben am letzten Juni eine Bittſchrift eingaben, worin man den Stadtrath erſuchte, den Grafen dahin zu vermögen, daß Stadt und Provinz Utrecht die volle Souverainetät ohne weitere Bedingungen als die, welche ſich von ſelbſt verſtünden, nämlich Erhaltung des evangeliſchen Gottesdienſtes und der Provinzialprivilegien, der Königin von England übertragen möchte, eine Maßregel, zu welcher man auch Gouda, Friesland und Over⸗Yſſel zu verleiten ſuchte. Nun hatte ſich denn Paul Buis während ſeiner Haft im Geſpräch ge⸗ äußert,„Utrecht dürfe für ſich allein einen ſolchen Antrag, wie der erwähnte, nicht ſtellen, weil dies der Utrechter Union, dem Staatsgrundgeſetz der vereinigten Provinzen, durchaus zuwider ſei.“ Dieſe Anſicht war denn das ſogenannte Verbrechen des Gefangenen! Als man in Holland von dem Verfahren gegen ihn Nachricht erhielt, nahm man daſelbe ſehr ſchwer auf und von vielen Seiten ergingen Vorſtellungen an — 233 Leiceſter, den wackren Meiſter Buis wieder in Freiheit zu ſetzen. Leiceſter ſelbſt fühlte, daß er ſich allzuweit habe hinreißen laſſen und wußte ſich in der Verlegenheit nicht anders zu hel⸗ fen, als indem er geradezu abläugnete, daß die Verhaftung auf ſeinen Befehl geſchehen ſei. Gleichwohl that er nichts, um deſſen Freilaſſung zu bewirken, und Paul Buis blieb bis zu Anfang des Jahres 1587 gefangen; dann erſt wurde er, gegen eine Kaution von 25,000 Gulden, auf freien Fuß geſtellt, und zwar auf Andringen der Generalſtaaten, bei welchen ſeine Verwandten jene Kaution geleiſtet hatten.— Hiemit war jedoch die revolutionäre Bewegung in Utrecht, deren ſich Leiceſter zur Erreichung ſeiner eigenſüchtigen Zwecke bedienen wollte, noch keineswegs zu Ende. Im Gegentheil: ſie ging noch weiter. Durch engliſchen Einfluß(auf Anſtehen eines Sir North) wurden auf Beſchluß der„Vroedſchap“ einige angeſehene Bürger, unter welchen ſich der Schultheiß Nikolaus van Zuilen van Draakenburg, der Landesadvokat Flo⸗ ris Thein, und mehre andere befanden, aus der Stadt ver⸗ trieben. Ihre Aemter erhielten Leute von Leiceſters Parthei, und zwar meiſtens Eingewanderte aus den ſüdlichen Provin⸗ zen; ſo wurde z. B. Jacques Bellechère, aus dem walloniſchen Flandern, Präſident des Hofes von Utrecht; Junker Peter Ruiſch wurde zum erſten, Prounink zum zweiten Bürgermeiſter der Stadt erwählt. Die Vertriebenen zogen nach Holland. Alle Vorſtellungen an Leiceſter in dieſer Angelegenheit waren fruchtlos geblieben. Dieſer Ausländer ſchien, ſicher gemacht durch das Wachsthum ſeiner Parthei, es darauf abzuſehen, die Patrioten nicht bloß zu unterdrücken, ſondern ſie, ſowie beſon⸗ ders Holland, auch empfindlich zu demüthigen. Er verkannte, indem er ſich ſo an die Spitze einer Parthei ſtellte und durch Theilung zu herrſchen ſuchte, ganz nnd gar den guten Genius 234 der holländiſchen Sache; er bedachte nicht, antwortliche und unredliche Leichtfertigkeit nach ſic ziehen mußten. Er wollte die Sache auf die Spitze treiben. So entbot er den Meiſter Johann van Oldenbarneveld im Auguſt (1586) zu ſich nach Utrecht. Aber die Staaten von Holland gaben dies nicht zu, indem ſie zum Vorwand nah⸗ men, ſie könnten ihren Advokaten bei ihrer Verſammlung durch⸗ aus nicht entbehren. Nicht lange darnach erlitt das Triumvirat der Günſtlinge Leiceſters und ſomit auch deſſen Anſehen einen argen Stoß. Man hatte nämlich in Auftrag der Staaten einen gewiſſen Stephan Paret eingezogen, welcher im Verdachte ſtand, mehre Pasquille gegen jene verfaßt zu haben. Reingoud verlangte nun, man ſolle den Verhafteten nebſt deſſen Papieren, auf die man Beſchlag gelegt hatte, augenblicklich nach Utrecht zur Unterſuchung ſenden. Dieſe Forderung Reingouds hatte ſchon an und für ſich Verdacht erwecken müſſen. Doch der Letztere war auch noch tiefer begründet; man hatte nämlich aus Parets Papieren entdeckt, daß Reingoud mit dieſem im Einverſtändniß war. Auch aus den Papieren einer gewiſſen Barbara Boots, welche man zu Middelburg verhaftete, und welche gleichfalls mit Rein⸗ goud im Einvernehmen ſtand, entdeckte man deſſen Schuld, näm⸗ lich Unterſchleife, die er als Theſaurier verſucht hatte, und die deutliche Abſicht, das Mißverhältniß zwiſchen Leiceſter und den Staaten zu erwecken und zu befördern. Leiceſter wurde davon auf amtlichem Wege benachrichtigt, ſuchte jedoch, unge⸗ achtet des ernſtlichſten Andringens von Seiten Hollands um ſtrenge Unterſuchung, ſeinen Günſtling derſelben zu entziehen. Und wirklich gelang es Reingoud, durch Leiceſters Hülfe, zu entfliehen. Er kam glücklich nach Belgien, und trat— in wie er ſelbſt ſeinen Kredit muthwillig untergrub, und welche Folgen dieſe unver⸗ 235 üſſel witder dun Kath olicis mus über. Leic eüer hatte 1 während das Weißtraen gegen ihn allenthalben immer mehr zunahm und zwar in dem Grade, daß die Staaten, welche es ihm auch ſehr übel nahmen, daß er engliſches Geld in Amſterdam zu münzen verſucht, es endlich für nöthig fanden, entſchieden gegen ihn aufzutreten. Bevor wir jedoch dieſen Wendepunkt in Leiceſters Verhältniß zu den Nie⸗ derlanden darſtellen, müſſen wir auch deſſen militäriſche Wirkſamkeit betrachten. Wie in der Regierung eeicceſters übler Wille, ſo trug in der Landesvertheidigung der geringe Erfolg, welcher deſſen Waffen begleitete, nicht wenig zur Erſchütterung ſeines Anſehens bei. Sehr bald, nachdem die engliſchen Hülfstruppen in die ver⸗ einigten Provinzen gekommen waren, hatte Graf Nieuenaar einen Zug nach der Betuwe unternommen, nicht weit von Arnheim das Fort Iſſeloord gewonnen und ſich mit dem küh⸗ nen Martin Schant zu einem Anſchlag auf Nymwegen vereinigt, um dieſen durch ſeine geographiſche L Lage hochwichtigen Punkt den Spaniern wieder unes wenen Zu dieſem Ende hatte man mit einigen patriotiſchgeſinnten Bürgern jener Stadt Verabredungen getroffen. Das Projekt zur Ueberrumpelung Nymwegens wurde jedoch entdeckt und mehre dabei betheiligte Bürger mußten ihre Mitwiſſenſchaft mit dem Leben bezahlen. Graf Rieuenaar warf nun eine Schanze zu Lent auf und bedrängte von da aus die Stadt, doch ohne bedeutenden Erfolg, und bald rückte auch der tapfre Herr von Hautepenne in die Betuwe ein und zwang die Truppen der Staaten, die Ge⸗ gend von Nymwegen zu verlaſſen. Ein Einfall der Spanier in den Bommeler Waard Czu Ende des Jahrs 1585) war gleichfalls ohne Erſolg. Denn ſo wie ſie ſich auf dieſer zwiſchen der Maas und Waal gelegenen Inſel befanden, ſchwollen die Wäſſer, und nun kam der Graf von Hohenlohe herbei und ließ die Dämme durchſtechen, um die Feinde durch eine Ueber⸗ ſchwemmung zu Grunde zu richten. Die Spanier befanden ſich in einer gräßlichen Lage. Wie man auf alten Bildern, welche die Sündfluth darſtellen, verzweiflungsvolle Gruppen auf Ber⸗ gesgipfel klimmen oder an die Kronen der höchſten Bäume ſich klammern ſieht, ſo retteten ſich die Spanier, die zwiſchen dem Tod in den Fluthen, durch Hunger oder durch das Fein⸗ desſchwert zu wählen hatten, auf die höchſten Punkte der Dämme, oder auf Thürme, halb erſtarrt von Froſt, von wüthendem Hunger gepeinigt, und dennoch flochten ſie die Hände in einander und ſchwuren ſich's zu, lieber bis zum letzten Au⸗ genblick ehrlich auszuharren, als ſich den Feinden zu ergeben, welche ſie dazu aufgefordert hatten. Ein plötzlich eintretender heftiger Froſt, welcher den Grafen von Hohenlohe zum ſchnellen Rückzug zwang, wenn er ſeine Schiffe nicht eingeeist, ſich ſelbſt und die Seinigen ſomit nicht feſtgehalten ſehen wollte, wurde den Spaniern zum Heil in der höchſten Noth, und glück⸗ lich erreichten ſie Herzogenbuſch, wo ſie von den braven Bürgern menſchenfreundlich aufgenommen und nach ſo vielen aus⸗ geſtandenen Mühſalen liebreich verpflegt wurden. So endete der Feldzug des Jahres 1585. Den des folgenden eröffnete der ſpaniſche Oberſt Taſſis im Januar mit einem glücklichen, aber kurzen Einfall in Fries⸗ land. Taſſis gewann bei Buxum einen entſcheidenden Sieg über die Truppen der Staaten, wurde jedoch durch das drohende Thauwetter genöthigt, das Land zu verlaſſen, ohne ſeinen Sieg gehörig benützen zu können; ja er mußte ſagar alles eroberte Geſchütz zurücklaſſen. Uebrigens hatte jedoch ſein kurzer Feldzug . in ganz Friesland ſo großen Schrecken verbreitet, daß ſich viele Ortſchaften von Verdugo Schutzbriefe erkauften und ſich ſogar zu einer Art von Ausgleichung mit der königlichen Parthei hinneigten. Nicht wenig trugen dazu die religiöſen Par⸗ theiungen bei; die dortigen Katholiken ſtanden natürlicherweiſe ohnehin den Spaniern als ihren Glaubensgenoſſen näher, denn den reformirten Staaten. Die ſogenannten Taufgeſinnten (oder Mennoniten), welche man mit den alten Wieder⸗ täufern durchaus nicht verwechſeln darf, und deren Zahl(nach Hoofts und Reyds Verſicherung) faſt den vierten Theil der Be⸗ völkerung in Friesland austrug, waren gegen die Kalviniſten aufs Heftigſte eingenommen, ſo zwar, daß ſie, obwohl ſie von den Staaten geduldet wurden, doch lieber noch zur katholi⸗ ſchen Parthei hinneigten, ganz und gar vergeſſend, daß ihre religiöſe Anſicht durch die königlichen Edikte mit dem Flammen⸗ tode bedroht wurde. Sodann gab es in Friesland auch noch eine Menge von Menſchen, welche Hooft naiv als„geloove⸗ loozen“ bezeichnet, nämlich Solche, die ſich zu gar keiner be⸗ ſtimmten Kirchengenoſſenſchaft bekannten, wie man dies auch noch heutzutage in Holland finden kann. Dieſe„Gelooveloozen“(um ſie nicht blos Deiſten zu nennen, Atheiſten waren ſie jedesfalls nicht) wechſelten die Partheien, je nach dem glücklichen Erfolge. Die Reformirten endlich, deren auf dem platten Lande nur ziem⸗ lich wenige waren, hatten durchweg einen ganz geringen Eifer für die Staatenparthei; ſie hegten die Meinung, daß ihrem un⸗ geſtört⸗friedlichen Leben nichts fehlte als die Entfernung der ſtaatiſchen Truppen. Alle dieſe Umſtände ſuchte Verdugo, eben ſo klug als tapfer, zum Vortheil der königlichen Par⸗ thei zu benützen, indem er der öffentlichen Meinung durch eine Druckſchrift einen Brennpunkt gebe. Zu dieſem Zwecke bediente er ſich eines gewiſſen Franz Bodimont, welcher einſt Geheim⸗ ſchreiber bei Wilhelm von Oranien geweſen, dann, auf deſſen Empfehlung Greffier beim Hofe von Friesland geworden, aber, im letzten Jahre ſeines Dienſtes entſetzt, zur ſpaniſchen Parthei übergegangen war. Dieſer Bodimont verfaßte nun die erwähnte Schrift, welche in vielen hundert Exemplaren verbreitet wurde, und deren Inhalt im Weſentlichen ſich über Folgendes aus⸗ ließ:„Die Staaten nährten den Krieg, unter dem Vor⸗ wande der Freiheit und Religion, blos aus eigennützi⸗ gem Intereſſe, um die Gewalt ferner in Händen zu behalten. Zu dieſem Zwecke bediene man ſich der Sprößlinge des Hau⸗ ſes Naſſau⸗Oranien, eines Geſchlechtes, das nichts für das gemeine Beſte, alles aus partikularem Ehrgeiz unternehme; ſeit dem Tode des Kaiſers Adolf(1298, am Haſenbühel bei Gell⸗ heim) ſeien alle Naſſauer, deſſen Enkel, von unverſöhnlichem Haſſe gegen die Habsburger erfüllt, und dächten bloß an Rache gegen dieſe. Es ſei übrigens gar nicht ſo ſchwer, ſich mit dem Könige auszuſöhnen; man brauche zu dieſem Zwecke nur einige Schelme“(damit waren die Wniia ieder der Staaten gemeint) „aus dem Wege zu ſchaffen. Beſonders aber und vor aü Dingen müßte man ſich us Bündniſſes mit England en ſchlagen; denn davon ſei nur zweierlei zu erwarten, entweder immerwährender Krieg oder ewige Knechtſchaft.— Während dieſer für die Republik gefährlichen Zuſtände in Friesland, wobei ſich Graf Philipp Wilhelm die mög⸗ lichſte Mühe gab, daß die Provinz für die Union erhalten bliebe, wurde auch Geldern durch die königlichen Truppen bedrängt. Sie hatten ſich zweier Schlöſſer bei Venlo bemeiſtert, und waren in dar wer zitte des Januar nach Lottum gezogen. Zweihundert tüchtige che und nahmen das Kloſ V aniſche Veteranen rückten über die Maas r Beeterswaard ein. Dort überfiel ſie jedoch der kühne ſdari in Schenk, der kurz vorher ein —y— Reitergeſchwader unter Appio Conti geſchlagen hatte; da ſich die Beſatzung im Kloſter auf das tapferſte vertheidigte, ſteckte er das letztere in Brand. Hierauf zog Martin Schenk an den Rhein, um, in Vereinigung mit dem Kommandanten von Neuß, Hermann Friedrich Kloet, auf Beſtallung des Kurfürſten Gebhard Truch⸗ ſeß, die Stadt Werle in Weſtphalen zu überfallen. Dies ge⸗ ſchah denn auch wirklich im März(1586). Da aber der Herr von Hautepenne dem legitimen Kurfürſten Ernſt von Köln einige Hülfstruppen zuſandte, ſo zog Schenk, nachdem er Werle geplündert hatte, am 18. März von dort ab. Leiceſter beſchenkte ihn mit einer goldnen Kette und ſchlug ihn zum Ritter. Mittlerweile war die an der Maas gelegene Stadt Grave worin Lubbrecht Turk, Herr van Hemert, komman⸗ dirte, ſchon ſeit dem Dezember des vorigen Jahres 1585 durch den Grafen Karl von Mansfeld belagert worden. Der Beſitz Grave's war als Schlüſſel der Maas ſowohl für die Staaten, als auch für Alexander Farneſe von großer Wichtigkeit, für den Letzteren hauptſächlich in Bezug auf Kriegsoperationen gegen Holland hin. Leiceſter mußte deß⸗ halb darauf bedacht ſein, Grave zu entſetzen. Zu dieſem Zwecke ſchickte er denn bei 1400 Reiter in die Veluwe bis gen Nieuw⸗ kerk hin und beauftragte(im April 1586) den Grafen von Hohenlohe ſowie den Oberſt N orrits, die Stadt zu ver⸗ proviantiren. Es gelang ihnen, ſich nach einem heftigen Ge⸗ fecht, einer feindlichen Schanze zu Lithoven zu bemächtigen; Hohenlohe eroberte hierauf die Schlöſſer Batenburg und Empeln und verſah dann Grave mit Proviant und Kriegs⸗ vorrath. Da erſchien Farneſe ſelbſ Eim Mai) vor der belagerten Stadt, warf Batterien auf, beſchoß Grave mit 24 Geſchützen und ließ dann ſeine Truppen Sturm laufen. Die Belagerten ſchlugen den Angriff tapfer zurück; aber als Farneſe am folgen⸗ den Tage ſein ganzes Heer in Schlachtordnung aufſtellte, ver⸗ breitete ſich in der Stadt die größte Beſtürzung durch das Wehklagen der Frauen, ſo daß Magiſtrat und Beſatzung den Muth ſinken ließen, und der Kommandant Hemert beſchloß, Grave dem feindlichen Feldherrn auf billige Bedingungen zu übergeben; noch am Tage vorher hatte er an Leiceſter ge⸗ ſchrieben:„er wolle dem Feinde getroſt widerſtehen und die Stadt behaupten.“ Am 7. Juni kam die Kapitulation zu Stande, und die Beſatzung zog ungefährdet ab. Durch dieſe voreilige Uebergabe Graves wurde der ganze Operationsplan Leice⸗ ſter's, der ſchon im Anzuge war, um Grave zu entſetzen, zerſtört. Er kehrte nach dem Bommeler Waard zurück und ließ zu Bommel den Herrn van Hemert, ſowie mehre andere Befehlshaber aus Grave, die ſich dorthin begeben hatten, um ſich vor ihm zn rechtfertigen, gefangen neyhmen. Man ſtellte ſie in Utrecht vor ein Kriegsgericht. Hemert und zwei Haupt⸗ leute wurden zum Tode verurtheilt und die Staaten von Holland drangen ernſtlich darauf, daß man nach der vollen Strenge des Rechts mit ihnen verfahre. Es ſchien bei der ge⸗ fahrvollen Lage des Vaterlandes durchaus nöthig, durch ein abſchreckendes Beiſpiel die Verzagtheit zu erſticken. Leiceſter ließ keine Begnadigung eintreten, und die Schuldigen wurden enthauptet. In den letzten Angenblicken vor ſeinem Tode be⸗ zeugte Hemert, daß er dem Vaterlande immer treu geblieben ſei; nur das Mitleid über den Jammer der Frauen und Kinder habe ſeinen Muth erſchüttert und ihn bewogen, die Stadt zu übergeben. So ſehr ſich nun Leiceſter durch ſeine Strenge gegen Hemert den Beifall der Patrioten erworben hatte, 241 ebenſoſehr zog er ſich bald darauf ihre Unzufriedenheit und ihr Mißtrauen zu, als er einem engliſchen Ueberläufer, dem Hauptmann Weltz, welcher Aalſt den Spaniern verkauft hatte und durch Hohenlohe in einem Gefechte bei Breda gefangen worden war, wider die allgemeine Erwartung, Leben und Frei⸗ heit ſchenkte und dieſen Verräther ſogar bei ſeiner Leibwache anſtellte. Leiceſter vermehrte die Unzufriedenheit noch dadurch, daß er das Regiment des Herrn von Hautain ſeinem Neffen Philipp Sidney übergab. Zwei und zwanzig Offiziere be⸗ klagten ſich darüber ſchriftlich bei dem Grafen Hohenlohe, und dieſer übergab die Beſchwerde Leiceſter'n, welcher ſie jedoch abwies und den Inhalt derſelben ſogar für einen Ausdruck meuteriſcher Geſinnungen erklärte. Die Uebergabe Grave's an Farneſe hatte auch den Verluſt Megens und des kaum gewonnenen Schloſſes Batenburg zur Folge. Hierauf gewann der Graf Karl von Mansfeld die Schanze zu Wel. Nun rückte Farneſe mit ſeinem Heere vor Venlo in Geldern an der Maas, welches Martin Schenk kurz vorher verlaſſen hatte, um auf der Ecke, wo ſich der Rhein in Waal und Leek ſcheidet;(einem militäriſch wich⸗ tigen Punkte,) eine Schanze anzulegen, die nach ihm den Namen „Schenkenſchanze“ erhielt. Farneſe betrieb die Belagerung Venlos, wo ſich Schenks Gemahlin und Schwägerin befanden, mit dem größten Nachdruck. Der kühne Schenk ſuchte mit dem engliſchen Hauptmann Roger Williams in die Stadt einzudringen; ſein abentheuerlicher Zug bildet eine wahrhaft homeriſche Epiſode in dem Epos dieſes Feldzuges. Da alle Wege und Stege rings um Venlo beſetzt ſind, ſo überfällt er mit Roger Williams des Nachts das feindliche Lager, macht Jeden ſtumm, der ihm in den Weg kommt und bricht durch bis zu Farneſes Quartier. Da graut der Tag; die Feinde regen ſich II. 16 242 in Maſſe, nirgends iſt ein offner Weg nach Venlo zu gewinnen; mit verbiſſenem Grimm muß ſich Martin Schenk zurückziehen, rechts und links mit geſchwungenem Schwerte die andringenden Feinde abwehrend. So, wie ein Löwe kämpfend, zieht er ſich glücklich nach Wachtendonk zurück, nachdem er vierzig ſeiner ver⸗ wegenen Reiter auf dem Zuge eingebüßt.— Noch blieb Venlo durch eine Schanze auf der Maasinſel gedeckt, vonwo aus der Feind bedrängt und geſchädigt wurde. Da ließ Farneſe auf drei Fähren eine ſchwimmende Schanze errichten, und eroberte damit(am 26. Juni) die Maasinſel ſowie die feindliche Baſtei. Nun wankte auch der Muth der Bürger von Venlo; man hielt es für unmöglich und thöricht, die Stadt länger zu halten, und als die Beſatzung dennoch darauf beſtand, ſo traten die Bürger mit den Waffen in der Hand wider dieſe heran und zwangen ſie, mit dem Feinde zu unterhandeln; und doch hatten eben dieſe Bürger bis dahin immerdar den Ruf unerſchrockener und tüch⸗ tiger Männer mit Recht behauptet. Am 28. Juni 1586 wurde die Kapitulation abgeſchloſſen. Die Beſatzung ſowie Schenks Gattin und Schwägerin erhielten freien Abzug. Zur Strafe dafür, daß die Bürgerſchaft Venlo's die Kapitulation erzwungen hatte, gebot Leiceſter, daß man die Bürger, ſowie ſich einer davon in den vereinigten Provinzen blicken ließe, feſt⸗ nehmen und daß man auf ihre Güter, wo man deren habhaft werden könne, Beſchlag legen ſolle. Nachdem nun Venlo in der Spanier Gewalt war, forderte Hautepenne auch das Schloß zu Wel zur Uebergabe auf, welches dieſelbe ſchon früher(nach Einnahme der Schanze) abgewieſen hatte. Der Kommandant Helmich, welcher das Schloß noch länger halten wollte, wurde endlich durch ſeine eigenen Soldaten zum Vergleich mit dem Feinde gezwungen. Hautepenne hatte dabei billige Bedin⸗ gungen zugeſtanden, hielt dieſelben aber ſehr ſchlecht; Helmich, 243 dem freier Abzug zu Roß zugeſtanden war, wurde nach Ueber⸗ gebung des Schloſſes von den Feinden rein ausgeplündert. Er begab ſich mit vielen Soldaten von der Beſatzung nach Ut⸗ recht, und klagte dort die letzteren der Meuterei an; drei von ihnen wurden zum Tode am Galgen verurtheilt. Nach der Einnahme Venlos begab ſich Alexander Far⸗ neſe, welcher nun die ganze Maas bis nahe an die Gränze Hollands beherrſchte, auf die Bitten des Kurfürſten Ernſt von Köln mit einer Heeresmacht von 16,000 Mann zu Fuß und ungefähr 2500 zu Roß im Juli vor die Stadt Neuß, welche,(wie wir im letzten Kapitel des vorhergehenden Buches erzählt haben,) durch die Truppen der Staaten für den ab⸗ geſetzten Kurfürſten und Erzbiſchof Gebhard Truchſes be⸗ ſetzt worden war. Während nun Farneſe Neuß belagerte, ertheilte Leiceſter, in der Abſicht, ſeine Aufmerkſamkeit von dieſer Stadt abzuziehen, dem Prinzen Moritz von Oranien und dem trefflichen Philipp Sidney Befehl zu einem Ein⸗ fall in Flandern. Beide bemächtigten ſich dort(am 17. Juli) der Stadt Axel. Kaum vernahm dies Farneſe, als er den Herrn de la Motte beauftragte, Axel von allen Seiten ein⸗ zuſchließen. Aber Prinz Moritz hielt ihn auf, indem er die Dämme durchſtechen ließ; und Philipp Sidney unternahm von Vlieſſingen aus einen Anſchlag auf Gravelingen, wo er geheime Einverſtändniſſe mit Einigen aus der Beſatzung un⸗ terhielt. Dieſer Anſchlag mißglückte jedoch und Sidney ſah ſich genöthigt, ſich mit einem Verluſt von ungefähr 40 Mann zurückzuziehen. Leiceſter erreichte ſeinen Hauptzweck nicht, den klugen Farneſe von Neuß abzulenken. Dieſer hatte mehre Gründe, um die Einnahme von Neuß zu beſchleunigen. Einer von den wichtigſten war wohl der, daß dieſe Stadt der Mittelpunkt war, von welchem aus die verwe⸗ 244 genen Partheigänger der Niederländer das ganze Erzſtift Köln unſicher machten. Selbſt Haufen von Hunderten, ja eines Tages (am 3. Juli) waren ſogar 3000 Menſchen unter militäriſcher Bedeckung, nicht im Stande, den räuberiſchen Streifbanden zu widerſtehen; dem Kurfürſten Ernſt blieb nichts übrig, als Far⸗ neſes bewaffnete Hülfe in Anſpruch zu nehmen. Am 10. Juli war Farneſe mit jener bedeutenden Heeresmacht vor Neuß er⸗ ſchienen; die Beſatzung zählte nur 1600 Mann unter dem tapfren Hermann Friedrich Kloet, welcher alſogleich die geeignetſten Maßregeln ergriff, um die Befeſtigungswerke von Neuß auszubeſſern; auch ließ er die Inſel vor der Stadt, welche ein Arm des Rheines bildet, verſchanzen. Farneſe ent⸗ faltete ſeinerſeits den ganzen Reichthum ſeiner Kenntniſſe in der Belagerungskunſt. Er umſchloß Neuß mit einer Kette von Poſten, und bereitete ſich zu einem Angriff auf die Rheininſel, um auch von dieſer Seite her den Zugang zur Stadt abzuſchnei⸗ den. Die Belagerten räumten die Inſel, überzeugt, ſie nicht halten zu können; unternahmen jedoch in der Nacht einen Aus⸗ fall, wobei ſie viele Feinde tödteten oder gefangen nahmen. Unbeirrt ließ Farneſe die Belagerungsarbeiten fortſetzen und, als er ſie vollendet ſah, die Belagerten zur Uebergabe auffor⸗ dern. Sie erklärten ſich zu Unterhandlungen bereit, und ſchloſſen, wiewohl blos in der Abſicht, Zeit zu gewinnen, einen Waffen⸗ ſtilltand. Von beiden Seiten wurden nun Bevollmächtigte ernannt, welche ſich über die Kapitulation berathen ſollten. Far⸗ neſe ſelbſt begab ſich eines Tages von Gnadenthal, wo er ſein Hauptquartier hatte, ſich für unerkannt haltend, als ſei er ein Bevollmächtigter des Kurfürſten Ernſt, bis dicht vor die Mauern von Neuß und ermahnte die Belagerten, ſie möchten nicht länger zögern, ſich ihrem rechtmäßigen Herrn, dem Kurfürſten Ernſt, zu unterwerfen. Da ſausten plötzlich Kugeln um ihn; von beiden Seiten, aus der Stadt und vom feindlichen Lager her hielten, während Farneſe zur Unterwerfung redete, die Geſchütze ihre donnernde Zwieſprach; wahrſcheinlich hatten die Belagerten den Feldherrn erkannt und es auf ſein Leben abgeſehen; doch ward verſichert, daß man das Schießen ohne Wiſſen und Wollen des Kommandanten Kloet begonnen habe, gleichviel: der Waf⸗ fenſtilltand war dadurch gebrochen. Farneſe zog ſich indeſſen unverſehrt zurück und ließ am anderen Tage Neuß aufs Heftigſte beſchießen. Bald waren zwei große Breſchen in der Mauer ge⸗ lichtet und die Feinde begehrten ungeduldig die Erlaubniß, zu ſtürmen. Der erfahrne, kluge Farneſe wußte den Eifer der Sol⸗ daten in Schranken zu halten; er wollte ſich zuerſt, noch vor Einbruch der Nacht des Rheinthores bemächtigen. Bei der Ver⸗ theidigung deſſelben wurde der tapfre Kloet gefährlich in der Hüfte verwundet. Am anderen Tage trafen denn die Belagerer Anſtalten zum Sturm. Das Rheinthor wurde abermals heftig beſchoſſen. Vergeblich ſuchten jetzt Bürger und Soldaten in Neuß zu kapituliren.„Es iſt zu ſpät“ rief Parma. Zum Un⸗ glück für die Belagerten ergriff ein Feuer, das ſie zur Beſchützung zweier Thürme gerüſtet hatten, das Pulver, die Strohdächer einiger Häuſer, und alles Holz, welches zur Verſchließung der Breſchen bereit lag. Während der Wind die Flammen durch die Straßen der Stadt jagte, ließen ſich die ſpaniſchen Soldaten nicht länger zurückhalten, begannen mit lautem Geſchrei Sturm zu laufen, und drangen in die Stadt, während die deutſchen, niederländiſchen und burgundiſchen Soldaten von einer andern Seite her in Neuß einbrachen. So ward das Schickſal dieſer Stadt raſch entſchieden. Nur ungefähr zweihundert Mann von der Beſatzung leiſteten Widerſtand; unaufhaltſam wie die wehen⸗ den Flammen jagten die ſiegreichen Feinde durch die Straßen. „Kein Mann ſoll am Leben blriben,“ ſchwuren ſie in ihrem 246 Grimm. Der Frauen und Kinder nahm ſich Farneſe an; er ließ ſie in die Kirchen bringen, um ſie vor den entfeſſelten Lei⸗ denſchaften der Soldaten zu bergen. Um ſo raſender erfüllten dieſe ihren Schwur an jedem männlichen Weſen; vor allen Häuſern ſah man in kurzer Friſt Haufen von Ermordeten. Auch in das Haus, wo der verwundete Kommandant Kloet lag, drangen ſie ein und kündeten ihm an: er ſolle ſich zum Tode bereiten. Vergeblich bat er, man möchte ihn nach Kriegsge⸗ brauch behandeln. Im Beiſein ſeiner Gattin warfen ihm die rohen Sieger einen Strick um den Hals, zerrten ihn aus dem Bette, erwürgten ihn und hängten die Leiche zum Fenſter hinaus. Ein gleiches Loos fanden auch zwei Hauptleute und der refor⸗ mirte Prediger Chriſtoph Froſſer. Inzwiſchen wüthete die Feuersbrunſt ungehindert fort und verzehrte mit dem größten Theil der Gebäude, aber auch die von den Siegern gehoffte Beute, ſo daß der Kurfürſt faſt nur einen öden Aſchenhaufen ſtatt ſeines Neuß zurückerhielt. Kloets Gattin und Schweſtern ſowie die meiſten Frauen wurden verſchont und aus der Stadt gebracht. Es war am 26. Juli(am Tage nach dem Feſte St. Jakobs, des Schutzpatrons der Spanier) als Neuß ſeinem Schickſal erlag. Alexander Farneſe erwarb durch die Er⸗ ſtürmung dieſer Stadt hohen Ruhm, da ſie einſt dem gewaltigen Karl dem Kühnen von Burgund ein Jahr lang glücklich widerſtanden hatte.*) Am 1. Auguſt ließ ſich Farneſe im La⸗ ger vor Neuß(nicht in Köln, wie der Kurfürſt Ernſt gewünſcht hatte,) vor den Augen des ganzen Heeres und in einer glän⸗ zenden Verſammlung edler Herren das Geſchenk überreichen, *) Das„Jaer-dicht“ bei Bor(XXI. B. f. 43): NVys, heeft Hertoge Caerls Beleg Vera Cht, dan Is by Par Ma door VIer, sVVeert en bloet VerCraCht. 247 welches ihm Papſt Sixtus V.(unterm 25. Mai) geſchickt hatte, den geweihten Hut und den geweihten Degen; der Abt Grimani bekleidete ihn damit, nach einem feierlichen Hochamt, unter'm Donner der Geſchütze; und das ganze Heer beging den Tag, an welchem der Feldherr dieſe hohe Auszeichnung als Beſchützer der römiſch⸗katholiſchen Kirche erhielt, mit Triumph⸗ gepränge, Feſtlichkeiten unb Waffenſpielen. Von Neuß wendete ſich Farneſe mit ſeinem Heere(am 13. Auguſt 1586) vor die feſte Stadt Rheinberg, in welcher ſich Schenk und Morgan mit etwa 800 Mann Beſatzung (größtentheils aus Engländern beſtehend) befanden. Farneſe traf die geeigneten Anſtalten, um Rheinberg zu belagern. Nun nahm Leiceſter den Kern der niederländiſchen Kriegs⸗ macht— an 10,000 Mann, wobei ſich Prinz Moritz von Ora⸗ nien, der entſetzte Kurfürſt von Köln, Gebhard Truchſes, die Grafen von Naſſau, Oberſtein, Solms und viele andre Perſonen vom hohen Adel befanden— und zog gegen Elten im Kleve'⸗ ſchen, in der Abſicht, Farneſen zum Rückzug von Rheinberg zu zwingen. Am 6. September lagerte er bei Elten. Um ſeinen Zweck zu erreichen, wandte ſich Leiceſter zuerſt vor Dusburg, beſchoß dieſe Stadt(am 13. September) und zog, nachdem ſie ſich ihm ergeben und engliſche Beſatzung eingenommen hatte, vor Zütphen. Auf ſeinem Marſch dahin nahm er noch mehre feſte Plätze, wie die Schlöſſer zu Haakvoort, Boksbergen Nieuwbeek. Auch warf er eine ſtärkere Beſatzung nach De⸗ venter, welche Stadt, wie er vernommen hatte, ſich zur könig⸗ lichen Parthei hinneigte. Als Farneſe von Leiceſters Zug vernahm und deſſen Kriegsplan durchſchaute, hielt er es für gerathen, die Belage⸗ rung Rheinbergs in eine Blokade zu verwandeln, um mit der Mehrzahl ſeiner Truppen dem Feinde folgen und Fütphen 248 entſetzen oder verproviantiren zu können, weil er wohl wußte, wie kümmerlich dieſes verſehen war. Es gelang ihm auch, einen kleinen Vorrath in die Stadt zu ſchaffen, und er beſchloß, demſelben ſchleunig einen größeren folgen zu laſſen. Zu dieſem Zwecke traf Farneſe die geeigneten militäriſchen Maßregeln und ließ Verdugo davon benachrichtigen, damit ihm dieſer am 22. September bei Tagesanbruch mit 1000 Mann bei Warns⸗ feld entgegen käme. Der Brief an Verdugo wurde jedoch auf⸗ gefangen und Leiceſter ſchickte raſch eine Truppenabtheilung, wobei ſich auch ſein Neffe Philipp Sidney befand, zur be⸗ zeichneten Zeit gen Warnsfeld, um den Transport zu neh⸗ men. Hier kam es denn zwiſchen den Königlichen und den eng⸗ liſchen Truppen zu einem hitzigen Gefecht, wobei Philipp Sidney gefährlich verwundet wurde. Wir können uns nicht enthalten, einen ſchönen Zug dieſes liebenswürdigen Helden und Dichters anzumerken. Schwer verwundet lechzte er nach einem Trunk Waſſer; man brachte ihm welches und eben wollte er den Labetrunk genießen, als er plötzlich neben ſich das Aechzen eines andern auf den Tod verwundeten Menſchen hörte. Schnell reichte er, ohne zu trinken, die Flaſche dem Sterbenden und ſprach:„Er bedarf der Erquickung dringender als ich!“ Wenige Wochen darnach ſtarb Sidney an den Folgen ſeiner Verwun⸗ dung. Uebrigens erreichte Farneſe, ungeachtet der engliſchen Dazwiſchenkunft, ſeinen Zweck und brachte den Proviant glücklich nach Zütphen. Er hatte dies der rühmlichen Geſchicklichkeit und Ausdauer ſeiner Truppen zu verdanken, welche, als die Fuhrleute der Proviantwagen entflohen waren und die Pferde die Stränge zerriſſen hatten, ſich ſelbſt vor die Wagen ſpannten und dieſelben ſo weit zogen, bis ihnen Verdugo und Taſſis ent⸗ gegen kamen. Am 29. September ſuchten die Spanier die Engländer durch ein Gefecht in einen Hinterhalt zu locken. Es 249 mißlang Jenen zwar; dagegen verproviantirte Farneſe Züt⸗ phen abermals ſehr bedeutend(am 12. Oktober) und Leice⸗ ſter ſah ſich denn endlich genöthigt, die Belagerung dieſer Stadt aufzuheben; doch nahm er drei Schanzen gegenüber von Zütphen ein. Er übertrug Roland Nork die Vertheidigung der großen Schanze und machte Wilhelm Stan ley zum Kommandanten von Deventer. Da beide Engländer Katho⸗ liken waren und York früher unter den Spaniern gedient hatte, ſo erregte dieſe Maßregel Leiceſters bei allen niederländiſchen Patrioten großes Mißtrauen und Mißvergnügen. Ein Anſchlag Schenks, um Nymwegen durch Ueberraſchung zu gewinnen, mißglückte. Farneſe legte, nachdem er Zütphen verpro⸗ viantirt hatte, ſeine Truppen in Winterquartiere, und Leice⸗ ſter that desgleichen. Ueberblickt man die Reſultate dieſes Feld⸗ zuges, ſo überzeugt man ſich, daß nur der Erſtere Vortheile von Belang errungen hatte. Alexander Farneſe begab ſich nach Brüſſel, wo er ſeinem am 18. September zu Parma verſtorbenen Vater Otta⸗ vio Farneſe am 17. November ſtattliche Obſequien halten ließ. Seine Mutter Margaretha war bereits im Januar deſſelben Jahres zu Ortona im Königreich Neapel verſchieden. Alexander Farneſe erhielt nun durch jenen Todesfall die herzogliche Würde von Parma und Piacenza. Am 21. September deſſelben Jahres war auch der Kardinal von Granvella geſtorben, welcher einſt durch ſeine Verwaltung in den Niederlanden ſo weſentlich zum Ausbruch der Revolution beigetragen und nach dem Sturze des Antonio Perez, von 1579 an, eine höchſt einflußreiche Stellung am ſpaniſchen Hofe eingenommen hatte. Leiceſter verfügte ſich nach Utrecht und von dort nach dem Haag, wo er am 6. November eintraf. Man empfing 50 ihn mit allem äußerem Anſtande, welchen man ſeiner Stellung ſchuldig zu ſein glaubte und verehrte ihm ein vergoldetes ſilber⸗ nes Gefäß im Werthe von 9000 Gulden. Indem man nun ſolchermaßen die Formen wahrte, ſorgte man jedoch zugleich mit großem Freimuth für die Erhaltung des theuren Rechts. Schon ſeit einiger Zeit hatten ſich die verſammelten Staaten von Hol⸗ land über eine Darlegung verſchiedener Beſchwerden be⸗ rathen, welche man mit gutem Fug gegen Leiceſters Ver⸗ waltung einzulegen hatte. Nun, da dieſer wieder in Hol⸗ land erſchien, überreichten ihm die Staaten von Holland, Seeland und Weſtfriesland ihre Klagen und Forderun⸗ gen. Sie verlangten, daß die Gelder und Kontributionen, welche Reingond bisher allein verwaltet hatte, durch einen von ihnen(den Staaten) eigens dazu erwählten Mann ein⸗ geſammelt und verausgabt würden, unter ſicherer Kontrole durch Leiceſter ſelbſt und drei von ihnen bezeichnete Perſonen. Sie verlangten ferner, daß die engliſchen Hülfstruppen vollzählig erhalten würden, nämlich 5000 Mann zu Fuß und 1000 Reiter und daß dieſelben mit Wiſſen und im Beiſein der ſtaatiſchen Kommiſſarien(dem Vertrage zu Folge) ihre Beſoldung empfin⸗ gen,— daß Leiceſter das ausländiſche Kriegsvolk nur mit Zu⸗ ſtimmung der Provinzen annehmen, daß er ohne Bewilligung der Staaten keine Kommandanten von feſten Plätzen ernennen, daß er die Disziplin in aller Strenge aufrecht erhalten, daß er niemand(den Privilegien zuwider), außerhalb der betreffenden Provinz vor Gericht ziehen(wovon man leider Beiſpiele geſe⸗ hen); daß er die gekränkte Autorität des Magiſtrats zu Utrecht wieder herſtellen; daß er die Statthalterſchaft über Utrecht dem Prinzen Moritz übertragen und die Marineangelegenheiten eben dieſem und dem Admiralitätsrath anvertrauen möchte; ferner, daß er ſeine zum Nachtheil, ja zum Verderben des Handels er⸗ laſſenen Edikte widerrufe und den Handel nach bundgenöſſiſchen oder neutralen Provinzen freigebe. Außerdem klagte man, Ab⸗ ſtellung fordernd, auch über die neue Weiſe in Bezug auf die Schatzungen und die Adminiſtration der geiſtlichen Güter, wobei ſich„gewiſſe Leute“ zu bereichern verſucht hätten, und bat Leice⸗ ſtern endlich nachdrücklich, in Regierungsangelegenheiten, welche Holland, Seeland und Weſtfriesland beträfen, ſich nicht der eingewanderten Brabanter, Flamänder und dergl., ſondern des Raths der Staaten zu bedienen; indem jene ſich der Gunſt des Statthalters nur zu bemächtigen ſuch⸗ ten, um über Holland, Seeland und Weſtfriesland nach ihrer leidigen Willkühr herrſchen zu können. Leiceſter wußte das Mißbehagen trefflich zu verbergen, das er über dieſe offenen Vorſtellungen der Staaten empfand, welche wenig Luſt hatten, die theuer errungene Selbſtſtändigkeit einem ſtolzen Fremden ſo leichten Kaufes zu überlaſſen. Leice⸗ ſter wollte vor der Hand nur Zeit gewinnen und gab ſich den Anſchein, als läge es ihm ſelbſt ſehr am Herzen, alle Miß⸗ verhältniſſe abzuſtellen. Er ging ſcheinbar mit Vergnügen in die näheren Details derſelben ein, und, als man ihm z. B. vor⸗ warf, daß er dem bekannten Dietrich von Sonoy eine ſehr ausgedehnte Beſtallung verliehen habe, welche auch die bürgerliche Regierung in Nordholland iun ſich begreife, ſo gab er gerne zu, daß die Staaten, wenn ſie den Prinzen Moritz und die Provinzialprivilegien dadurch benachthei⸗ ligt glaubten, genauer in dieſer Sache verfügen möchten.(Wir werden auf das beſondere Verhältniß Sonoys zu Leiceſter, ſowie gegen Moritz und die Staaten in Kürze ausführlicher zurückkommen). In den näheren Verhandlungen der Staaten mit Leiceſter ſpielte der patriotiſche Oldenbarneveld, den man immer höher ſchätzen muß, je genauer man ſein Wir⸗ 252 ken kennen lernt, als Advokat von Holland und als einer von den Bevollmächtigten der Staaten, eine bedeutende Rolle. Namentlich in Beziehung auf die Utrechter Angele⸗ genheit ſprach er ſich mit einer rückſichtsloſen Freimüthigkeit aus, welche ihn mit den edelſten Staatsmännern des klaſſiſchen Alterthums auf eine gleiche Stufe ſtellt. Oldenbarneveld erwähnte bei jener Angelegenheit des Treibens der Bürgerhaupt⸗ leute und auch des zelotiſchen Predigers Modet, welcher aus den von uns erwähnten religiöſen Gründen zu den Ultra's der engliſchen Parthei gehörte. Leiceſter ſuchte ſich über dieſen ganzen delikaten Punkt, welcher die geheimen Ab⸗ ſichten Englands und wohl auch ſeine eigenen berührte, ſo ge⸗ ſchickt er konnte, zu rechtfertigen; er verſicherte wiederholt, daß die berüchtigte Verhaftung des Paul Buis ohne ſein Vorwiſ⸗ ſen geſchehen ſei,„obwohl ſich dieſer allerdings ſowohl gegen Ihre Majeſtät, die Königin, als auch gegen ihn,(Ceiceſter) ſelbſt vergangen habe.“ Dagegen führte nun Oldenbarneveld an,„man dächte ja auch nicht daran, den Grafen Leiceſter ir⸗ gend eines böslichen Anſchlages zu bezüchtigen. Aber es müſſe ſehr befremden, daß die Bürgerhauptleute zu Utrecht den Paul Buis ungeſtraft hätten verhaften können, da es ihnen doch durchaus nicht zuſtünde, irgend jemand gefangen zu nehmen.“— In Bezug auf die Vereinigung Utrechts mit Holland und Seeland unter Moritzens Statthalterſchaft erklärte ſich Leiceſter dem ausgeſprochenen Wunſche nicht abgeneigt; nur „habe er jetzt keine Zeit, um die näheren Verfügungen darüber zu treffen.“ Kräftig und trefflich ſprach ſich Oldenbarne⸗ veld in den Verhandlungen über die gegen die Handels⸗ freiheit erlaſſenen Plakate Leiceſters aus, und nöthigte dieſem das Bekenntniß ab, daß„Holland und Seeland ohne Freiheit des Handels und der Schifffahrt nicht gedeihen könnten.“ In Bezug auf den Einfluß der Einge⸗ wanderten erklärte Leiceſter,— nach einigen Verſuchen, ſeine Günſtlinge zu rechtfertigen,—„er laſſe ſich von ihnen nicht beherrſchen“; ſeine Vorliebe für ſie entſchuldigte er durch Chriſtenpflicht. Aus ſeinem ganzen gefügigen Benehmen ging jedoch die Abſicht hervor, ſich die Sache einſtweilen vom Halſe zu ſchaffen, um, durch dieſelbe unbeirrt, nach England reiſen zu können, was er im Sinne hatte, weil durch den Prozeß gegen Maria Stuart ſeine Anweſenheit dort nöthig wurde. Er mochte hiebei wohl auch eigentlich ſeiner Monarchin gerne ge⸗ nauere Berichte über den Zuſtand der Niederlande ablegen, und perſönlich mit ihr berathen, wie ihre Abſichten auf die Pro⸗ vinzen am Paſſendſten zu erreichen ſeien. Die Utrechter Angelegenheit wirkte indeſſen noch nach. Man hatte von Seiten Utrechts den neuen Bürgermeiſter Prou⸗ nink zur allgemeinen Staatenverſammlung abge⸗ ſchickt, und eine beſondere Abſicht dabei war die, Holland und Seeland zu dem bereits von Utrecht genommenen Beſchluſſe zu überreden, daß man der Königin von Eng⸗ land die Souverainetät übertrage. Dieſer Plan wurde jedoch dadurch vereitelt, daß man, zu Leiceſters nicht geringem Verdruße, ſich weigerte, Prounink bei der Staatenver⸗ ſammlung Zutritt, Sitz und Stimme einzuräumen, da er, als ein Fremder, gegen die Provinzialprivilegien die Bürgermeiſterſtelle in Utrecht erlangt habe. Man entließ ihn von Seiten der Staaten mit dem Auftrag, er möge in Utrecht dafür ſorgen, daß ein Andrer ſtatt ſeiner zu der Staatenver⸗ ſammlung abgefertigt werde. Während ſich Prounink noch in Holland befand, verlangten die Bürgerhauptleute in Utrecht, denen dann die Vroedſchap beiſtimmte, die Abſchaffung der 254 „Erwählten,“ welche in der Staatenverſammlung(wie man ſich erinnern wird,) die Stelle des früheren Domkapitels ein⸗ nahmen. Hierüber wurden nun die Edlen, in ihrer Eigenſchaft als Mitglieder der Staaten, ſchwierig und nahmen Parthei für die„Erwählten.“ Die ganze Sache blieb einſtweilen unerledigt; doch die Gährung mußte bald zum Ausbruch kommen. Leiceſter beſchleunigte indeſſen gefliſſentlich ſeine bereits an⸗ gekündigte Abreiſe nach England und hoffte wohl, eben in der Eile noch einen entſcheidenden Beſchluß der Staaten in Bezug auf die Souverainetätsübertragung an Eliſabeth zu erwirken. Er ſtellte ihnen vor, daß Geldern, Over⸗ſſel, Utrecht und Friesland der Königin die Souverainetät bereits angeboten hätten; bloß die allgemeinen Staaten und Holland mit Seeland hütten es nicht gethan. Hierauf erhielt er die Antwort:„Holland und Seeland, welche der Königin ſchon zu wiederholten Malen ihre Geneigtheit zu jenem Schritte bewieſen hätten, würden gewiß auch jetzt nicht die letzten ſein, denſelben zu thun, ſobald ſie nur wüßten, daß die Königin die Oberherr⸗ ſchaft unter billigen Bedingungen übernehmen wolle.“ Aber eben an dieſem Punkte der Bedingungen ſchien die ganze Verhandlung zu ſcheitern; Utrecht hatte ſich ja, durch den Leice⸗ ſterſchen Einfluß, ohne Bedingungen ihr unterwerfen wollen, und dies war es eben, wonach Leiceſter und Eliſabeth trachte⸗ ten. Leiceſter ſtellte ſich auf jene Auskunft ſehr verwundert, daß man ihn von einer Beſendung nach England nicht in Kennt⸗ niß geſetzt habe; man übergab ihm die darauf bezügliche In⸗ ſtruktion. Nun muthete er an, daß Prinz Moritz, als Haupt der Geſandtſchaft, ihn nach England begleiten ſollte. Man lehnte dies von Seiten der Edlen und der Städte Hollands ab (die Letzteren hatte wieder Oldenbarneveld dazu beſtimmt). —— 25⁵ Leiceſter konnte ſeinen zunehmenden Aerger über die Oppoſi⸗ tion von Seiten der Staaten kaum mehr verbergen; dieſe blie⸗ ben jedoch in ihrem Benehmen fortwährend konſequent. Immer den äußeren Anſtand beobachtend, kleideten ſie ihre Beharrlich⸗ keit in die größte Höflichkeit, und Leiceſter ſah, daß er auf dem⸗ ſelben Punkte feſtgehalten wurde. In ähnlicher Weiſe benahmen ſich die Generalſtaaten, welchen er verſchiedene Punkte übergab, die er in England der Königin vorzulegen wünſchte, und worüber er ſich die Erklärung der Generalſtaaten erbat. Die vornähmlichſten jener Punkte betrafen die Bewilligung mehr⸗ jähriger Beden, und die Entſcheidung, was in dem Falle, daß Spanien den Niederlanden oder der Königin den Frieden an⸗ böte,(eine, wie ſich nicht lange nachher zeigte, verfängliche und wohlvorbereitende Frage!) geſchehen ſollte. Leiceſter erhielt auf die erſte Frage eine zwar anſcheinend ausweichende, aber immer⸗ hin entſchiedene, auf die zweite eine ganz kategoriſche Antwort; man wollte von keiner Unterhandlung mit Spanien wiſſen, und gab Leiceſtern den triftigen Grund an, daß die Gemeinden in einem ſolchen Falle nicht bloß gegen die Obrigkeit großen Ver⸗ dacht hegen, ſondern auch die gemeinſamen Laſten zu tragen, nicht bereit ſein würden. Nun traf denn Leiceſter die ernſtlichſten Anſtalten zur Ab⸗ reiſe. Er übertrug am 24. November 1586 bis zu ſeiner Zu⸗ rückkunft die Verwaltung der bürgerlichen Angelegenheiten und die Führung des Landkrieges dem Staatsrath, die Führung des Seekrieges dem Prinzen Moritz und den Admiralitäts⸗ kollegien. An demſelben Tage unterzeichnete er jedoch einen geheimen Befehl an den Staatsrath, worin er deſ⸗ ſen Macht, die er öffentlich ſanktionirt hatte, weſentlich be⸗ ſchränkte. So verbot er demſelben lalle entſcheidenden Maßre⸗ 256 geln in Betreff der Anſtellungen(namentlich von Feſtungskom⸗ mandanten), in Betreff der Kirchengüter und der Gütereinziehun⸗ gen, in Betreff der Losgebung von Gefangenen und der Ver⸗ wieſenen u. ſ. w. Erſt nach Leiceſters Abreiſe erfuhr man dieſe arge Zweideutigkeit, womit er den erſten Akt ſeiner Intriguen⸗ komödie in den Niederlanden beſchloß. Noch durch drei andere Maßregeln verrieth er übrigens ſeine geheimen Abſichten. Die eine betraf die Vertheilung der engliſchen und irlän⸗ diſchen Truppen in verſchiedene Feſtungen, um ſich derſelben zu verſichern; die andre die Anſtellung einer beſon⸗ deren Admiralität für Flandern, zu Oſtende, unter Johann Kouwai, welche Leiceſter unterwegs zu Dortrecht anord⸗ nete; die dritte endlich war der Verſuch, die Beſatzung von Veere gegen den Prinzen Moritz, den er als Stein im Wege betrachtete, aufzureizen, ſowie Dietrich von Sonoy und die Feſtungskommandanten feſt an die engliſchen Inte⸗ reſſen zu binden. Alle ſeine Anſtalten, ſeine Parthei in den Nie⸗ derlanden, während ſeiner Abweſenheit zu verſtärken und im guten Eifer zu erhalten, trugen Früchte. Wie konnte es auch wohl anders zu erwarten ſein, da er die militäriſche Macht für ſich hatte und zu gleicher Zeit ſowohl das demokratiſch⸗revolu⸗ tionäre Prinzip(wie in Utrecht) als auch den mächtigen Ein⸗ fluß der nach Erringung einer Hierarchie ſtrebenden ſtreng⸗kal⸗ viniſtiſchen Geiſtlichkeit für ſich zu benützen verſtand? So hielt er denn dem offenen Mißtrauen der Staatenparthei das Gleichgewicht, obgleich für dieſe damals alle Patrioten ſtanden, welche Freiheit und Selbſtſtändigkeit, alſo die Obergewalt des Staates über die Kirche, welche Toleranz als Lebensbedingung der kaufmänniſchen Republik wollten. Die Staaten hatten einen ſchwierigen Kampf; aber um ſo höher muß man ihr Umſicht — ——— 257 und Beharrlichkeit ſchätzen; um ſo ruhmvoller war der Sieg, welchen ſie in jenem Kampfe endlich errangen. Die nun fol⸗ gende Epoche iſt eine der intereſſanteſten in der holländiſchen Geſchichte. Bweites Kapitel. Die gewaltſamen Angriffe der Bürgerhauptleute zu Utrecht gegen die Grundformen der Staatsverfaſſung erreg⸗ ten die gerechten Beſorgniſſe der Generalſtaaten vor den gefährlichen Folgen, welche das demokratiſche Prinzip nach ſich ziehen würde, indem es über ſeine natürlichen Gränzen hinaus⸗ wachſe und die übrigen Gewalten verrücke, durch deren Gleich⸗ gewicht allein die Exiſtenz eines Staates erhalten wird. Die Generalſtaaten der vereinigten Provinzen hatten gemäß der Utrechter Unionsakte allerdings(ohne die Selbſtſtändigkeit jeder einzelnen Provinz zu beeinträchtigen,) alle Erſcheinungen zu überwachen, welche eine Gefahr für alle Pro⸗ vinzen durch eine einzelne vermuthen ließen, und dieſer Fall war jetzt in Utrecht eingetreten; dieſelben Urſachen, welche hier vorlagen, hatten ja in Gent z. B. bereits Wirkungen hervor⸗ gebracht, die den Ruin dieſer Stadt und endlich deren Verluſt für die Union nach ſich zogen. Die Generalſtaaten wende⸗ ten ſich nun, um in Utrecht bei Zeiten entgegenzuwirken, an den Statthalter der Provinz, den Grafen von Nieuenaar, welcher als redlicher Anhänger Leiceſters bekannt war, und ſuchten durch deſſen Vermittlung die Vroedſchap von Utrecht dahin zu ſtimmen, daß die Streitſache zwiſchen den Mitglie⸗ dern der Provinzialſtaaten von Utrecht ausgeglichen würde. Es gelang denn auch wirklich, noch zu Ende des Jahres 1586(am — 14. Dezember), daß die„Erwählten“ wenigſtens proviſoriſch in ihre alte Stellung bei der Verſammlung der Staaten, näm⸗ lich als erſter Stand, wieder eingeſetzt wurden und derſelben beiwohnten. Kaum war nun dieſe Reſtauration glücklich voll⸗ bracht, als ſich neue Schwierigkeiten erhoben. Die„Erwähl⸗ ten“ nämlich machten von ihren wiedererlangten Rechten Ge⸗ brauch und ſchloſſen ſich innig an den Adel als zweiten Stand. Beide beriefen nun die Staatenverſammlung von Ut⸗ recht, vorzüglich zu dem Ende, daß Alles, was in der Pro⸗ vinz ſeit einiger Zeit gegen die verfaſſungsmäßigen Rechte, ſo wie Alles, was gegen den Traktat mit Eliſabeth und Leieeſter, endlich Alles, was gegen die Beſtimmungen der Utrechter Union vorgefallen war, reparirt würde. Da nun die Einberufung der Verſammlung nach der alten Weiſe(als noch die Geiſtlichkeit den erſten Stand bildete) geſchehen war, ſo proteſtirte der dritte Stand(der Stadtrath von Utrecht). Demungeachtet faßten die beiden erſten Stände einen Beſchluß, nämlich ein die obenerwähnten Beſchwerdepunkte betreffendes Geſuch an die Generalſtaaten, und verboten zugleich ihrem Geheim⸗ ſchreiber, dem dritten Stand eine Abſchrift jenes Beſchluſſes auszufertigen. Da griff denn der dritte Stand zur Ge⸗ walt. Der Bürgermeiſter Prounink begab ſich mit mehren Bürgerhauptleuten vor das Archiv der Staaten, ließ durch den Stadtſchloſſer die Thüre erbrechen, und nahm die Urkunde, wel⸗ che die Reſolution der beiden erſten Stände enthielt, mit ſich. Nun verſammelten ſich dieſe beiden abermals(am 9. Januar 1587) und verbanden ſich wechſelſeits aufs Innigſte, worauf ſie ſich nach dem benachbarten Wyk te Duurſtede begaben, und dort ihre Verſammlungen fortſetzten. Der Magiſtrat aber ver⸗ bot allen Bewohnern der Stadt, welche Nitglieder des erſten oder zweiten Standes waren, Uirecht zu verlaſſen, um jenen 260 Verſammlungen beizuwohnen; in welchem Falle ſie die Stadt nicht wieder betreten dürften. So wurde die Kluft zwiſchen den beiden erſten Ständen und dem dritten immer erweitert, und wenn ſich auch der letztere, durch die Vermittlung des Statthalters, des Grafen von Nieuenaar, noch mehr aber durch die Mißbilligung von Seiten des Staatsrathes, be⸗ wogen fand, ſich vor der Hand mit den beiden erſten wieder zu vereinbaren, ſo gab er doch das kühne Streben nach der Oberhand noch keineswegs auf, ſondern richtete die Blicke er⸗ wartungsvoll nach England, wo die hierarchiſch⸗demokratiſche Parthei ihre Angelegenheiten wie vor einer höchſten Inſtanz an⸗ hängig gemacht hatte. Ungeachtet der Oppoſition Hollands und Seelands war nämlich bei den übrigen Provinzen der Beſchluß durchgedrungen, eine Geſandtſchaft nach England zu beordern und der Königin Eliſabeth abermals die von ihr bereits ausgeſchlagene und doch heimlich erſtrebte Oberherr⸗ ſchaft anzubieten. Dieſe Angelegenheit ſchien denn jetzt, da Holland und Seeland der Majorität nachgaben, ihren Kreis⸗ lauf vollendet zu haben und auf dem alten Punkte zu ſtehen. Genauer betrachtet hatten ſich jedoch mittlerweile bedeutende in⸗ nerliche Veränderungen ergeben, und die wichtigſte war die des Benehmens der Königin ſelbſt; Leiceſter hatte unzweifelhaft das Seinige gethan, um die durch den Prozeß der Maria Stuart ohnehin gereizte Stimmung ſeiner Monarchin noch mehr gegen die Niederländer einzunehmen, und die Staaten trugen durch ihr Andringen dazu bei, daß Eliſabeth in dem Wahne beſtärkt wurde: jetzt ſei der günſtige Augenblick erſchienen, um die Verlegenheit der Niederländer zu benützen. Als ihr die Ge⸗ ſandten der Staaten nochmals den Antrag der Oberherrſchaft „unter billigen Bedingungen“ machten und bei dieſer Gelegen⸗ —— 261 heit ſich weitläuftiger in die Details der Zuſtände, ſo wie der Geldopfer einließen, welche der Krieg erforderte, verrieth Eli⸗ ſabeth durch ihre Mienen deutlich, was in ihrem Innern vor⸗ ging. Und als der Wortführer, Joſt van Menyn, geendigt hatte, konnte ſich Eliſabeth nicht enthalten, ihren Empfindungen durch Worte Luft zu machen. Sie warf den Staaten Undank⸗ barkeit vor und beklagte ſich über die ſchlechte Behandlung, welche man den engliſchen Truppen, aber ganz beſonders dem Grafen Leiceſter habe widerfahren laſſen. Man habe, ſagte ſie, den Letzteren als Oberſtatthalter begrüßt, ohne ihm jedoch mehr als einen bloßen Schatten von Anſehen und Machtvoll⸗ kommenheit einzuräumen.„Beim lebendigen Gott“ fuhr ſie leidenſchaftlich fort,„es gibt auf dem Erdboden kein Volk, das ſchlechter berathen wäre, als das in den Niederlanden.“ Bit⸗ ter beklagte ſie ſich auch über das verbreitete Gerücht, als habe ſie ſich, ohne Vorwiſſen der Staaten in Friedensunterhandlun⸗ gen mit Spanien eingelaſſen. Ihre Widerlegung dieſes Vor⸗ wurfes war indeſſen ſo ſtolz von oben herab gemeſſen, daß man für die Fürſtin ſelbſt erröthen muß, welche Freiſtaaten gleichſam nur mit Fußtritten behandelte.„Was verſtünden denn die Staaten“, meinte Eliſabeth,„von dem Benehmen der Monarchen untereinander? Man könne doch wohl den einen wie den andern Gegner anhören, ohne irgend jemand zu benachtheiligen!“ Schließlich verlangte ſie, wenn ſie überhaupt mehr für die Niederlande thun ſolle, zuvörderſt ein ehrerbie⸗ tigeres Benehmen von Seiten derſelben und dann auch genauere Einſicht in deren innere Angelegen⸗ heiten. Ein offenbarer Verrath mußte die vereinigten Provinzen endlich von der Probehältigkeit der Oppoſition überzeugen, welche Holland und Seeland, man möchte ſagen als Wäch⸗ 262 ter der Nationalität, behaupteten. Jene beiden engliſchen Be⸗ fehlshaber Wilhelm Stanley und Roland York verriethen nämlich(im Januar 1587) die ihnen anvertrauten wichtigen Plätze, Deventer und die Schanze gegenüber von Zütphen, an die königliche Parthei. Da brach denn auf niederländiſchem Grund und Boden ſelbſt das gerechte Mißtrauen gegen die Treue der engliſchen Bundesgenoſſen aus. Allenthalben klagte man dieſe laut an, überall verlor die Leiceſterſche Parthei ſolche Anhänger, die bis dahin gutmüthig genug geweſen waren, den eitlen Vorſpiegelungen Glauben zu ſchenken und die gleichwohl redlich genug waren, die Nationalität allen Partikularintereſ⸗ ſen voranzuſetzen. Die Aufregung, welche durch jenes Buben⸗ ſtück in den vereinigten Provinzen entſtand, war unbeſchreiblich. Trefflich benahm ſich dabei der Staatsrath. Er fetzte Preiſe aus auf die Köpfe der beiden Verräther, aber er ſuchte es zu gleicher Zeit auch weislich zu verhindern, daß man den gerechten Zorn gegen dieſelben auf alle Engländer überhaupt ausdehnte. Der Leieeſterſch⸗geſinnte Prounink ahmte dieſes Ver⸗ fahren in ſeiner Weiſe ſchlau genug nach; er ſuchte nämlich durch ein Pamphlet, das er drucken und verbreiten ließ, der öffentlichen gegen die Engländer gerichteten Meinung durch ein Sündenregiſter angeblich von Niederländern bewieſener Verrä⸗ thereien wieder zu bemeiſtern;„nach ein paar ausgearteten Söhnen dürfe man“, wie er meinte,„nicht eine ganze Nation beurtheilen, wenn man nicht ein großes Unrecht gegen dieſe begehen wolle“. Uebrigens wurden die Gründe des Mißtrauens, die Prounink zu entkräften ſuchte, durch den Umſtand noch gewichtiger, daß einige Geſchwader engliſcher Reiter in Hol⸗ land einfielen, angeblich, um ſich den Sold, den ihnen die Kö⸗ nigin noch ſchuldete, dort ſelbſt zu holen. Die Sache wurde zwar ausgeglichen; aber das Mißtrauen gegen die gefährlichen 263 Bundesgenoſſen blieb, und bald zeigten ſich die vortheilhaften Folgen deſſelben für die Nationalangelegenheit. Man widerrief nämlich(gegen Ende Januars) Leice⸗ ſters Plakate gegen die Handelsfreiheit und gab die Ausfuhr, mit Ausnahme von Waffen, Pulver und Salpeter nach neutralen Plätzen(außer Calais und Embden) frei; die betreffende Verordnung war im Namen Leiceſters und des Staatsraths ausgefertigt. In Bezug auf die Verrätherei Stanleys und Yorks erließen die Generalſtaaten ein Schreiben an Leiceſter und ließen der Königin eine Ab⸗ ſchrift davon zuſtellen. Damit allein begnügte man ſich jedoch nicht; wie billig! Die augenſcheinlich dringende Gefahr erfor⸗ derte raſche Sicherheitsmaßregeln. Da die Friſt, welche für den Dienſt der Mitglieder des Staatsraths angeſetzt war, damals eben zu Ende ging, ſo erneuerten die General⸗ ſtaaten denſelben, indem ſie die Männer der Leiceſterſchen Parthei aus demſelben entfernten und die Lücken durch Patrio⸗ ten, wie Paul Buis, Leoninus, und ähnliche ausfüllten. Noch entſchiedenere Schritte thaten Holland und Seeland gegen die engliſche(Leiceſterſche) Parthei, zur Emanzipation der Nationalität. Sie übertrugen nämlich dem Prinzen Mo⸗ ritz, als Statthalter und Generalkapitain, die Machtvollkommenheit in allen Kriegsangelegen⸗ heiten und ſchrieben den Truppen einen neuen Eid vor, worin dieſe bloß den Staaten Treue und Gehorſam zu ſchwören hatten; Leiceſters war dabei nicht gedacht. Auch beſchloſſen ſie, achtzig Fähnlein Soldaten zu werben und dem Oberbefehl des Prinzen Moritz zu untergeben. In mehren holländiſchen Städten wurde zur beſſeren Verſicherung derſelben Polizeimann⸗ ſchaft eingerichtet. Graf Philipp von Naſſau(Wilhelm Ludwigs Bruder) erhielt die Kommandantſchaft von Gorkum 264 und ebenſo wurden mehre andre wichtige Plätze zuverläſſigen Männern anvertraut. Wie guten Grund man zu allen Sicherheitsmaßregeln hatte, ergab ſich durch eine wichtige Entdeckung aus den Papieren des däniſchen Geſandten Rantzau, welcher in Auftrag ſeines Mo⸗ narchen Vorſchläge zu Unterhandlungen zwiſchen Philipp II. und Eliſabeth in Spanien gemacht und ſich über denſelben Gegenſtand auch mit dem Herzog von Parma benommen hatte. Zwiſchen Brüſſel und Namur war Rantz au von Truppen der Staaten aufgefangen worden, welche ihn angeblich nicht kannten. Unter ſeinen Papieren hatte man eine Korreſpondenz zwiſchen Philipp II. und dem Herzog von Parma gefunden, welche ſich auf das Friedensgeſchäft bezog. Die Generalſtaaten entſchuldigten ſich bei dem König von Dänemark über das Ver⸗ fahren ihrer Truppen gegen Rantzau dadurch, daß die Sol⸗ daten den Rang des Letzteren nicht gewußt hätten. Doch der König war damit nicht zufrieden geſtellt, ſondern legte auf 700 holländiſche Schiffe im Sund Beſchlag und gab dieſelben erſt dann wieder frei, als man ihm eine Summe von 30,000 Reichsthalern bezahlte. Uebrigens beſtimmte die aufgefangene Korreſpondenz zu einer neuen, ganz beſtimmten ſchriftlichen Erklärung an Eliſabeth wider alle Friedensverhandlungen mit Spanien. Man beſorgte namentlich die ſchlimme Möglichkeit, daß, wenn Philipp II. und Eliſabeth ſich vereinbarten, demnächſt eine Theilung der Provinzen zwiſchen Spanien und England die Folge davon ſein möchte! Die beſtehende Spannung zwiſchen England und den Niederlanden nahm denn immer mehr zu, und immer ſind es wieder die Staaten, beſonders die von Holland, bei welchen wir die meiſte Vorſicht und Ener⸗ gie für das Nationalintereſſe finden. Auch ſcheinbar geringfü⸗ 265 gige Umſtände ließen ſie dabei nicht außer Acht. So widerſetz⸗ ten ſie ſich ſtandhaft einer von Eliſabeth und Leiceſter erbetenen Getreideausfuhr nach England, wozu auch der Staatsrath, insbeſondere wohl auf das Andringen des engliſchen Mitgliedes Wilkes, ſeine Zuſtimmung gab. Die Generalſtaaten und die Staaten von Holland bemerkten als Grund ihrer Op⸗ poſition, daß der Vorrath an Getreide im Vaterlande ohnehin ſehr gering ſei. Es konnte nicht fehlen, daß dieſes beharrliche Entgegenſtreben am engliſchen Hofe eine ſehr üble Stimmung gegen die Provinzen hervorbrachte. Andererſeits zeigte ſich bei dieſer Gelegenheit ganz deutlich das Verhältniß, in welchem die engliſche Parthei zu der Entwickelung des demokratiſchen Prin⸗ zips, welche wir beleuchtet haben, ſtand. Wilkes ſprach daſ⸗ ſelbe durch die Aufſtellung des Grundſatzes aus, daß die Souverainetät nicht den Staaten, ſondern dem ganzen Volke gebühre, deſſen Diener und Abge⸗ ordnete die Erſteren ſeien.*) Sehr merkwürdig war die Antwort der Staaten von Holland dagegen.**) Zu allen dieſen Wirren kam nun noch die Widerſetzlichkeit *)„Want de Souveraineteit of opperste hoogheid, by gebreke vanswettelyk Prince, behoort de gemeinte toe, en niet u lieden myne Heeren“(den Generalſtaaten und den Staaten von Holland)„dewelkeniet zyt dan dienaers, Ministers en Gedeputeerde van deselve gemeinte, en alle uwe com- missien en instructien met palen beset of gelimiteert hebt, niet al- leenlyk in den tyd, maer ook in de handelinge van saken, in d'een maniere of d'ander.'t welk conditien syn so wytver- scheiden van de macht van oen Souveraineteit of hoogheid als is de macht van de ondersact in aensien vansyn Prince, of van de dienaer jegens synen meester, of, om beter te seggen, so wyt als den hemel verscheiden is van der aer- doen« etc. otc.(Remonstrantie by den Heere Wilkes gedaen etc. etc. bei Bor XXII. Buch f. 48.) **) Man findet ſie bei Bor(XX. B. fol. 49 ꝛc. ff.) 266 Sonoys, welcher ſich in ſeiner Eigenſchaft als Befehlshaber in Nordholland, geweigert hatte, dem Prinzen Moritz den neuen Eid zu leiſten, weil er ſich durch jenen gebunden hielt, den er Leiceſtern geſchworen hatte. Auch hier waren wieder religiöſe Beweggründe mit im Spiele; Sonoy, der ſtrengkalviniſtiſchen Lehre zugethan, welche Ketzerverfolgun⸗ gen inbegriff,(wir ſahen bereits, wie Sonoy dieſe Lehre in der That übte) erkannte in dem ſcheinheiligen Puritaner Leice⸗ ſter den Beſchützer dieſer religiöſen Grundſätze. Da man ihn Cin Folge der Verrätherei Stanleys und Yorks) aus Nord⸗ holland nach Geldern und Over⸗AYſſel geſchickt batte, um die Gränzen zu bewachen, ſo ließ man damals das Verlangen der neuen Vereidigung mehr in den Hintergrund treten; während ſeiner Abweſenheit ſuchte man ſich jedoch der Stadt Medem⸗ blik, die er inne hatte, zu verſichern. Sein Lieutenant wei⸗ gerte ſich, dieſe ohne Befehl Sonoys zu räumen, und als So⸗ noy zurückkam, erneuerte man das Verlangen, daß er den neuen Eid an Moritz leiſten möge. Er weigerte ſich abermals, und nun begaben ſich Moritz und Graf Hohenlohe nach Me⸗ demblik, um die Sache nachdrücklich durchzuſetzen. Nichts war weniger geeignet, den trotzigen Mann zur Uebereinſtim⸗ mung zu bewegen, als dieſe Maßregel, welche er als einen Beweis von Gewalt betrachtete. Er verſchloß ihnen die Thore Medembliks, und die zelotiſchen Prädikanten beſtärkten ihn in ſeinem Trotz, indem ſie geradezu erklärten, daß Sonoy durch die Eidesverweigerung die Ehre Gottes und das Wohl von Kirche und Staat zu befördern ſuche. Die Sache geſtaltete ſich immer bedenklicher, als Hohenlohe, ohnehin ein abgeſagter Feind Leiceſters, gereizt durch die Weigerung Sonoys, worin er Leiceſters Einfluß erkannte, geradezu erklärte, er wolle, wenn ihm die Staaten nicht erlaubten, die Widerſpänſtigkeit durch 267 Gewalt zu unterdrücken, lieber von ſeiner bisherigen Stellung abtreten. Klüger benahmen ſich Moritz und die Staaten, welche auf dem Wege der Gewalt nur eine Menge neuer Ver⸗ wickelungen und am Ende wohl gar die äußerſte Gefahr vor ſich ſahen; ſie ſchoben die Entſcheidung über den Incidenzpunkt einſtweilen hinaus. Damit war jedoch, was ſie allerdings nicht hatten vorherſehen können, wenig gewonnen; denn Leiceſter, ja die Königin Eliſabeth ſelbſt beſtärkten Sonoy in ſeiner Widerſetzlichkeit. Inzwiſchen hatte der religiöſe Einfluß auch in Friesland mächtig zu Gunſten der engliſchen Parthei gewirkt und man ſchickte, Cnamentlich auf den Betrieb des Präſidenten des Ge⸗ richtshofes, Heſſol Aisma, eines eifrigen Kalviniſten und Anhängers Leiceſter's,) Geſandte nach England, um Namens der erwähnten Provinz, der Königin Eliſabeth die Souve⸗ rainetät anzubieten, ein Schritt, der durchaus eigenmächtig und verfaſſungswidrig war, da er nicht von der Geſammtre⸗ präſentation Frieslands, ſondern bloß von der reformirt⸗hierar⸗ chiſchen Parthei ausging; der vorſichtige Graf Wilhelm Lud⸗ wig von Naſſau hatte ſich mit kluger Schonung, durch eine beſchränkende Klauſel, vergeblich dawider zu wahren ge⸗ ſucht. Die frieſiſchen Geſandten fanden am Hofe Eliſa⸗ beths eine ſehr freundliche Aufnahme. Ebendaſelbſt befanden ſich jedoch auch noch zwei Geſandte aus Utrecht, worunter der Prediger Modet, welche über den traurigen Zuſtand der Kirche in den Niederlanden klagten. Außer dieſen beiden Partikulargeſandtſchaften waren nun noch, wie man ſich er⸗ innern wird, die der Staaten in England. Es iſt intereſſant, zu bemerken, wie ſich Eliſabeth gegen dieſe verſchiedenen Abge⸗ ordneten benahm. Gegen die Geſandten der Staaten, welche Bedingungen und Forderungen brachten, zeigte ſich Eliſabeth vornehm zurückhaltend, während Leiceſter mit denſelben in einem 268 Tone ſprach, wie derſelbe kaum einem von ſeinen Unterthanen beleidigten Herrſcher gegen dieſe anſtehen kann; das Endreſultat war, daß Eliſabeth den Geſandten der Staaten eröffnete:„ſie habe keine Luſt, die Oberherrſchaft anzunehmen; auch ſei es ihr, in ihrer gegenwärtigen Lage, da ſie von Spanien und an⸗ deren Seiten mit Krieg bedroht werde, ſchlechterdings unmög⸗ lich, eine größere Hülfe zu leiſten als bisher. Uebrigens wolle ſie den Baron von Bukhorſt in die Niederlande ſchicken, um den Zuſtand der dortigen Angelegenheiten genau kennen zu ler⸗ nen. Wann dies geſchehen ſei, dann werde ſie auch über Leiceſters Sendung und die Verwilligung größerer Hülfe verfügen.“ Ganz anders, ja widerſprechend lauteten die Berichte, welche die Partikulargeſandten aus Utrecht ihrer Parthei heimbrachten; nämlich:„Leiceſter würde bald, und zwar mit größerer Machtvollkommenheit als bisher zurückkehren.“ Mit dieſer Hoffnung, welche die engliſche Par⸗ thei in Utrecht(und in den Provinzen überhaupt) erhielt, waren auch ſchmeichelhafte Zuſchriften Eliſabeths an die Bürgermeiſter und Schöffen verbunden, und Leiceſter insbe⸗ ſondere unterhielt durch alle Künſte das gute Vernehmen mit den Bürgerhauptleuten. Aus dem Ganzen ſieht man deutlich das Prinzip der engliſchen Politik in ſeiner Konſequenz, nämlich: die Zwietracht zu erhalten und dadurch die moraliſche Kraft der Niederländer zu entnerven, um dann ſo leichter die volle, unbegränzte Herrſchaft zu gewinnen. Die Staaten ſuchten redlich dagegen zu arbeiten, und immer wieder ſehen wir Holland an der Spitze,— aber leider erlebte Englands Politik von Anfang her hierin die für das niederländiſche In⸗ tereſſe traurige Freude, daß eben Hollands hervorragender Eifer auch die Eiferſucht der übrigen Provinzen rege hielt. Es war in der That ganz gut, daß Leiceſter in ſei⸗ 6 269 nem Intereſſe nicht zu viel thun zu können glaubte, und unab⸗ läſſeg Magiſtrate, Geiſtlichkeit und Beamte brieflich bearbeitete, um ihren Haß gegen die Staaten zu ſchüren. Dies war gut, ſagen wir, weil er dadurch zugleich die Wachſamkeit der Patrioten auf die Umtriebe ſchärfte. Hier benahm ſich nun wieder Oldenbarneveld mit ſeiner ganzen Entſchiedenheit. Er hatte Nachricht bekommen, daß Leiceſter an die Bürger⸗ hauptleute zu Utrecht in dem von uns angedeuteten Sinne Briefe geſchrieben, durch welche die demokratiſchen Stre⸗ bungen auf Leiceſters Zurückkunft mit größerer Machtfülle vertröſtet und ermuntert wurden. Deſſen Sekre⸗ tair Junius hatte gleichfalls ein Schreiben(vom 10. Juni 1587) erhalten und den Inhalt deſſelben mehren Perſonen im Vertrauen mitgetheilt. Da trug nun Oldenbarneveld bei den Staaten von Holland darauf an, daß man den ge⸗ nannten Junius zwinge, den Brief auszuliefern. Es geſchah, man nahm eine Abſchrift deſſelben und gab ihn dann dem Ei⸗ genthümer zurück. War irgend etwas geeignet, allen Patrioten die Augen zu öffnen, ſo war es dieſer Brief, welcher ſelbſt Eliſabeths Geſandten Bukhorſt kompromittirte, und geradezu die Anweiſung an Junius enthielt, alle über die Gemeinden geſetzten Obrigkeiten von Leiceſters Wiederkehr in Kenntniß zu ſetzen,„wobei dieſer darauf baue, daß man ihm(Ceiceſtern) alle zur Handhabung der Souverainetät nöthige Autorität leiſten würde, ohne daß er die Oppoſition der Staa⸗ ten fürderhin zu gewärtigen habe“.*) Man kann ſich denken, *)„Sult ook te kennen geven an die last over de gemeinto hebben, dat ik(Leicester)„derwaers wederkeere, met betrouwen, dat sy sullen voorts aen doen cesseren alle vorleeden swarigheden en my geven een hehoorlyke autoriteit, nodig omiite gebruiken de souveraineteit der selver landen, son- 270 daß Bukhorft, bei aller Mäßigung und Klugheit im Intereſſe ſeiner Monarchin unter ſolchen Umſtänden die heftige Aufregung nicht zu ſtillen, eine Verſöhnung nicht herbeizuführen vermochte, da einmal das Vertrauen unheilbar verletzt war. Inzwiſchen litten die unter Spaniens Szepter wiedergekehrten ſüdlichen Provinzen unſäglich durch Mißwachs, Theuerung, Hungersnoth und Seuchen. Die Nachwehen des Krieges währ⸗ ten ſchauderhaft fort. So viele Reiche und Wohlhabende hatten das Land verlaſſen; Gewerbe und Handel ſtockten, und wie die Straßen der einſt ſo blühenden Städte, ſo verödeten auch die Felder; die Menſchen mangelten, um ſie zu bauen. Hier hat man den einfachen Schlüſſel zur Löſung des ſcheinba⸗ ren Räthſels, warum der kluge und ſiegreiche Herzog von Parma es verabſäumte, durch raſche und kühne Waffenthaten die entnervenden Wirren in den vereinigten Provinzen zum Vortheil Spaniens zu benutzen. Er konnte ſo lange nicht in's Feld ziehen, als er nicht durch eine neue Ernte Hoffnung hatte, ſeine Truppen zu erhalten. So wie nun die Zeit der Ernte allmäh⸗ lig herannahte, trat er auch alſogleich aus ſeiner unfreiwilligen Muße hervor. Er zog im Mai(1587) ſein Heer bei Brügge zuſammen, um Oſtende zu belagern und dieſen wichtigen Hafenplatz, welchen die vereinigten Provinzen in Flandern be⸗ ſaßen, denſelben zu entreißen. Doch da die engliſche Beſatzung Oſtendes Verſtärkung erhielt, ſo gab der Herzog von Parma ſeinen Plan auf und beſchloß, ſich ſtatt Oſtendes eines anderen wichtigen Platzes, Sluis, zu bemeiſtern, wel⸗ ches einſt als Hafen für Brügge gedient hatte, und von wo aus die Küſten Flanderns durch die Beſatzung in Unruhe und Schrecken gehalten wurden. Um die Aufmerkſamkeit der Feinde er ie hebhen alle de oppositien en tegen-mincren der B. f. 100.) Staaten“ etc. etc. 271 über ſeinen Plan zu täuſchen, nahm er den Anſchein, als wolle er Holland angreifen und ließ deßhalb im Mai den Herrn von Hautepenne mit 5000 Mann gegen die Veluwe aufbrechen. Am 11. Juni eröffnete er die Belagerung von Sluis, wo der Junker Arend van Gro eneveld Kommandant war, und die Beſatzung den Feinden den tapferſten Widerſtand leiſtete. Die Belagerung von Sluis ſchien nun auf einmal die Partheien in den vereinigten Provinzen zu verſöhnen. Leice⸗. ſter verſprach von England aus, ſchnell zum Entſatz herbeizu⸗ kommen; Prinz Moritz und Graf Hohenlohe verſuchten es (im Juli), durch einen Einfall in Brabant den Herzog von Parma von Sluis abziehen zu machen. Der Verluſt Gel⸗ der's, welches durch Verrätherei an Hautepenne überging, nöthigte jedoch Moritzen zum Rückzug nach Seeland, wäh⸗ rend Hohenlohe das Fort zu Engelen belagerte, wobei der tapfere Hautepenne tödtlich verwundet wurde. Wenige Tage darnach ſtarb er zu Herzogenbuſch. Hohenlohe eroberte nun das Fort, welches er ſtärker befeſtigen ließ und welches von nun an den Namen Grevecoeur erhielt. Leider wurde Hohenlohe nicht gehörig durch Truppen unterſtützt, ſonſt wäre es ihm ein Leichtes geweſen, auch Herzogenbuſch in ſeine Gewalt zu bringen. Am 6. Juli traf endlich Leiceſter, aus England wiederge⸗ kehrt, auf Seeland ein, ermunterte die Belagerten in Sluis durch Troſtbriefe und begab ſich über Oſtende bis vor die Mündung des Hafens von Sluis, welchen Parma geſperrt hielt. Hier überzeugte er ſich, namentlich durch die Vorſtellungen der Seeländer, daß er nichts ausrichten könne, weil die Schiffe nicht die gehörige Tiefe fanden, und ſo begab er ſich denn nach Oſtende zurück, wo er ſeine Truppen aus⸗ ſchiffte. Denn nun beſchloß er den Entſatz von Sluis zu Lande 272 zu verſuchen und rückte deßhalb mit einer bedeutenden Truppen⸗ zahl vor Blankenberg, wo er das dortige Fort beſchoß. Parma eilte ihm nach, um dieſes zu entſetzen, und nun zog ſich Leiceſter eilig nach Seeland zurück, indem er die Schuld ſeiner fruchtloſen Unternehmung auf die Staaten und deren Beamte ſchob, welche ihn weder durch Geld noch durch Trup⸗ pen gehörig unterſtützt hatten. Sluis war dadurch dem Her⸗ zog von Parma voöllig preisgegeben und da die Beſatzung keine Hoffnung auf Entſatz mehr faſſen konnte, anderſeits aber auch kein Pulver und nur noch vier Stück Geſchütz beſaß, ſo ſah ſie ſich gezwungen, mit Parma zu kapituliren. Dieſer ehrte den Muth der Vertheidiger, die ihm zwei Monate hel⸗ denmüthig widerſtanden hatten, und gewährte ihnen freien Ab⸗ zug mit brennenden Lunten und fliegenden Fahnen. Dies geſchah am 5. Auguſt 1587. Leiceſter zog ſpäter die Befehlshaber zur Verantwortung; aber ſie wußten ſich genügend zu rechtfertigen und klagten dabei vielmehr die Flotte an, welche den Entſatz unverantwortlicherweiſe verſäumt hatte. Verfolgen wir nun wieder die intereſſanten Verhandlungen zwiſchen Leiceſter und den Staaten. Das Nationalinter⸗ eſſe hat noch immer den ſchwierigſten Kampf nach allen Sei⸗ ten hin zu beſtehen; denn Leiceſter erhält die Faktionen, und wendet auch für ſeine Perſon alle Künſte an, um die Patrioten zu täuſchen. Zuweilen ſcheint er ſogar, ſeiner ſtolzen Natur zuwider, nachzugeben, und wenn er dann ſieht, daß er auch durch Geſchmeidigkeit nichts Erkleckliches erringt, ſo ſpielt er entweder den Gekränkten oder den Meiſter. Die ganze, wenn auch nur kurze Epoche des diplomatiſchen Kampfes gegen Eng⸗ lands Pläne iſt die Feuerprobe, in welcher die junge Republik die letzte Läuterung, die Weihe ihrer Selbſtſtändigkeit, die feſt⸗ ſtehende Bedeutung ihres hiſtoriſchen Charakters erringt. 273 Kaum war Leiceſter im Juli 1587 von England zurück⸗ gekehrt, als man ſich auch ſogleich beeilte, ihn auf jene Miß⸗ verſtändniſſe aufmerkſam zu machen, welche während ſeiner Ab⸗ weſenheit um ſich gegriffen hatten, und wovon ſein Brief an Junius gerade nicht der unbedeutendſte Grund war. Vornäm⸗ lich waren es auch jetzt wieder die Staaten von Holland, welche die Sache anregten und in's Klare gebracht wiſſen woll⸗ ten. Leiceſter empfand dies gar lebhaft und konnte ſich auch nicht enthalten, ſeine Stimmung auszuſprechen.„Ich weiß wohl“, äußerte er ſich,„daß mir einige Mitglieder der Staa⸗ tenverſammlung von Holland übel wollen“. Ja, er bezeichnete geradezu die Naſſauer,(den Prinzen Moritz und den Gra⸗ fen Wilhelm), ſowie Hohenlohe und ſogar Nieuenaar als ſeine Gegner und verhehlte den Verdacht nicht, daß ſie ſich gegen ihn verbündet hätten. Uebrigens war er auch auf jene Engländer, welche es mit der Nationalangelegenheit der ver⸗ einigten Provinzen redlich meinten, nicht gut zu ſprechen, ins⸗ beſondere auf den Geſandten Bukhorſt, den tapfren Oberſten Norrits und den Staatsrath Wilkes. Sluis war damals noch nicht an Parma übergegangen, und Leiceſter drohte die Niederlande verlaſſen zu wollen, wenn Sluis in Parma's Ge⸗ walt geriethe. Dieſe Drohung verfehlte die Wirkung nicht, welche Leiceſter dabei beabſichtigt hatte. Jene Prädikanten nämlich, welche in ihm die wichtigſte Stütze für die hierarchi⸗ ſchen Strebungen ſahen, ſuchten ihn begreiflicherweiſe um jeden Preis in den Niederlanden zu behalten; ſie ſchickten deßhalb eine Deputation an ihn und ließen ihn durch dieſelbe bitten, die ehriſtliche Kirche nicht jedem Unfall preisgeben zu wollen, wo⸗ für ſie ihm denn ihrerſeits allen Beiſtand anboten, den ſie ir⸗ gend zu leiſten im Stande ſeien. Nachdem Sluis mit dem Herzog von Parma kapitulirt hatte, II. 18 274 wurden die Generalſtaaten denn doch bedenklich und ſuchten bei Leiceſter wieder verſöhnlich einzulenken. Sie entſchuldigten ſich bei ihm über ihre Freimüthigkeit, mit der Verſicherung, daß ſie durchaus nicht daran gedacht hätten, ſeine Autorität zu be⸗ einträchtigen. Uebrigens lag doch auch in dieſer Entſchuldigung zugleich eine ſehr beſtimmte Erklärung. Sie waren nämlich be⸗ reit, ihm allen Gehorſam, alle Ehre zu beweiſen; erwarteten jedoch, daß er auche alle Privilegien reſpektiren und ſich mit den Staaten in gutem Einvernehmen halten würde. Hiebei war auch gefliſſentlich eine Definition des Begriffs:„Staaten“ aus⸗ gedrückt, nämlich, daß dieſe nicht etwa blos aus zehn bis zwölf Perſonen, ſondern„aus der Ritterſchaft, den Edelen und den Vroedſchappen der Städte aller Provinzen“ beſtünde, und daß ſie bei der Verſammlung der Generalſtaaten durch ihre Depu⸗ tirten vertreten würden. Es ſchien, als ob Leiceſter durch jene Schrift zufriedengeſtellt ſei, und man ſuchte nun auch eine Aus⸗ ſöhnung zwiſchen ihm und Hohenlohe zu Stande zu bringen. Hohenlohe benahm ſich dabei ſehr ehrenwerth. Er nahm weniger auf ſeine perſönlichen Zerwürfniſſe mit Leiceſter, als vielmehr auf diejenigen Rückſicht, welche zwiſchen dieſem und dem Prinzen Moritz ſowie den Staaten von Holland und Seeland obwalteten und hob den gewichtigen Umſtand hervor, daß er(Hohenlohe) dieſen verpflichtet ſei. Sobald nun, ſo äußerte er ſich, dieſe Zerwürfniſſe gehoben ſeien und die Regierung ſich wieder in jenem Zuſtand befinde, wie zur Zeit des verewigten Prinzen Wilhelm von Oranien, würde er, Hohenlohe, mit Vergnügen alle Plätze, welche er bis jetzt be⸗ ſetzt halte, räumen und ſodann auch aus den niederländiſchen Dienſten treten. Ganz abgeſehen von dieſer ſchroffen Stellung Hohenlo⸗ hes gegen Leiceſter trieben die unaustilgbaren Keime des Mißtrauens zwiſchen dem Letzteren und den Staaten gar bald neue Sproſſen. Noch von Seeland aus beſchrieb Leiceſter die Generalſtaaten zur Verſammlung nach Dordrecht für die zweite Hälfte des Auguſts und inzwiſchen ſollte Junius in Arnemuiden die Stimmung für Eng⸗ land erforſchen. War dies ſchon geeignet, neuen Verdacht ge⸗ gen Leiceſters Aufrichtigkeit zu erwecken, ſo mußte das Gerücht, daß Eliſabeth mit Spanien in Friedensunter⸗ handlungen ſtehe, das Mißtrauen gegen England über⸗ ſammlung der Generalſtaaten noch nicht vollzählig fand, ſo ließ er ſich vorläufig durch den Staatsrath Bardes bei den Staaten von Holland erkundigen, in welcher Weiſe man ihm wohl die Mittel zum Kriege vermehren wolle. Man legte ihm hierauf am 30. Auguſt eine längſt vor⸗ bereitete Schrift in neun Artikeln vor, deren Inhalt haupt⸗ ſächlich die ſtriktere Definition der Souverainetät und die Gränzen der Machtfülle Leiceſters umfaßte. ²) „In Ermangelung eines Fürſten fällt“, ſo hieß es darin, „die Souverainetät von Holland und Weſtfries⸗ land der Ritterſchaft, den Edlen und Städten dieſer Landſchaften wieder anheim. Nach Aufgebung der ſpani⸗ ſchen Oberherrſchaft haben ſie alle Akte der Souverainetät ge⸗ ſetzlich ausgeübt, und in dieſer Eigenſchaft war es denn auch, daß ſie mit Ihrer Majeſtät der Königin von England, und dem Grafen von Leiceſter alß Gouverneur und Generalka⸗ pitain der vereinigten Provinzen konferirten. Durch die An⸗ nahme Leiceſters zum Oberſtatthalter haben ſich die Staaten haupt nur vergrößern. Da nun Leiceſter zu Dordrecht die Ver .*) Vergl. die ausführliche„Remonstrantie by de Staaten van Holland aen den Grave van Lycester, gepresenteert den 30. Augusti“- 1587 (bei Bor xXXIII. B. fol. 22). der Souverainetät keinesweges begeben. Anderſeits hat jedoch Graf Leiceſter als Oberſtatthalter nebſt dem Staatsrath jene ganze Gewalt, die durch Kaiſer Karl V. den Oberſtatthaltern eingeräumt worden, gemäß der betreffenden Inſtruktion. Die beſonderen Provinzialſtatthalter, Kriegsoberſten und Offiziere ſollen für die unirten Provinzen insgeſammt, für den Oberſtatt⸗ halter, und für die Peovenden und Städte insbeſondere verei⸗ digt werden, die Soldaten für Leiceſter und die beſonderen Statthalter und Befehlshaber. Leiceſter hat die oberſte Macht in allen Kriegsſachen, doch dar i er nicht mehr Truppen aushe⸗ ben, als durch die Hülfsgelder der Königin und durch die Kon⸗ tributionen der Provinzen beza blt werden können. Zur Erhal⸗ tung beſſerer Einigkeit endlich und größeren Vertrauens zwiſchen Leiceſter und den Staaten möge es dem Erſteren belieben, al⸗ les dasjenige zu repariren, was im vorigen Jahre durch un⸗ ruhige Menſchen im Namen Leiceſters, Anſtellungen von Offi⸗ zieren und Beamten betreffend, eingerichtet worden.“ Leieeſter machte(am 1. Septbr.) zu dieſer Nemonſtration der Staaten von Holland mehre Bemerkungen, welche die drei letzten Artikel betrafen. So fand er die im Iten Artikel verlangte beſondere Eidesleiſtung an„die einzelnen Provinzen, Städte und Mitglieder“ ungehörig; in Bezug auf den S8ten Artikel(welcher die Bedingungen zur Aushebung neuer Trup⸗ pen und mehres den Krieg Belangende enthielt) verſprach er, den Wünſchen nachzukommen; in Bezug auf den gten und letz⸗ ten Artikel verlangte er noch genauere Nachweiſung. In Bezug auf die übrigen Artikel erklärte er, daß er nie nach größerer Machtfülle getrachtet, als man vin. au zeträgen habe. Kurz: er benahm ſich in der ganzen Sache weit geſchmeidiger, als man wohl hätte denken können. ‿ Am anderen Tage(2. September) erſchienen Meiſter Jacob Valke und Jooſt van Menyn in der Verſanm Vur ng der Staaten und übergaben derſelben, in Auftrag des Oberſtatthal⸗ ters Grafen von Leiceſter, eine Propoſition befrenſige Art, des Inhalts, daß es nicht thunlich ſcheine, den Krieg durch die eigenen Finanzmittel der Provinzen und die gewöhn⸗ liche Beihülfe der Königin von England fortzuführen, weßhalb denn Leiceſter die Staaten ermahne,„ernſtlich zu überlegen, ob es nicht beſſer ſei, auf billige Bedingungen Frieden zu ſchließen, als, bei dem Mangel zureichender Mittel, eine Stadt und Provinz um die andere der Feindesgewalt verfallen ſehen zu müſſen. Zu dem Ende ſtelle es Ihre Majeſtät den General⸗ ſugaten anheim, ob ſie ihnen dazu die Hand bieten ſolle, oder Letztere, in der Hoffnung, beſſere Bedingungen zu erhalten, en mit dem Herzog von Parma unterhandeln wollten. Hier⸗ über erbäte ſich denn Leiceſter ſchleunige Entſchließung, um der Königin raſch berichten zu können. Schließlich ließ Leiceſter den Staaten die Verſicherung wiederholen, daß die Königin wohl geneigt ſei, den Provinzen fortwährend beizuſtehen, und daß ſie mit dem Herzog von Parma ſich in keine Unterhandlungen einlaſſen würde, ſofern die Provinzen hinreichende Mittel hät⸗ ten, um ſich, außer dem Beiſtand der Königin, ſelbſt verthei⸗ digen zu können, worüber ſie ſich gegen die Königin erklären möchten. Dieſer Vorſchlag hing mit der Politik Eliſabeths gegen Spa⸗ nien innig zuſammen. Obgleich Eliſabeth ſowie Philipp II. mehr als je geſpannt waren(der Letztere beabſichtigte bereits eine entſcheidende Unternehmung zur vollkommenen Unterwerfung Englands); ſo führten ſie doch vor den Augen der Welt eine Komödie auf, wobei jeder Gegner den anderen durch Friedens⸗ verhandlungen zu täuſchen ſechi. Hatte Philipp II. ſchon früherhin(noch bei Alba's Lebzeiten) unbezweifelt ſehr ernſt⸗ 228 liche Abſichten zu einer großartigen Expedition gegen England gehegt, ſo mußten nun die ſeither vorgefallenen Angriffe Drake's gegen Spanien, die freundſchaftliche Stellung Eliſabeths zu den Niederlanden, Leiceſters Statthalterſchaft und die Hinrich⸗ tung der katholiſchen Königin Maria Stuart durch jene prote⸗ ſtantiſche Fürſtin, Philipps tief im Grund ſeines ganzen Weſens wurzelnden Haß nur noch mehr beſtärken, ja, bis zu einer ſolchen Höhe emportreiben, daß der Untergang der Feindin ihm unbedingt als eine Lebensfrage erſchien. Wie nun Philipp II., dieſer wahrhaft eigenthümliche Charakter die heftigſten Bewe⸗ gungen ſeiner Seele mit dem Anſchein einer ſtolzen Ruhe be⸗ decken konnte, welche man klaſſiſch nennen möchte, ſo benahm er ſich auch auf dem Felde der Politik mit eben ſo großer Klug⸗ heit als Konſequenz, königlich vornehm, daß er ſeiner Würde nicht das Geringſte vergab, eingehüllt in ſeine Geheimniſſe wie in ſeinen Purpur, und die Verſtellung, dieſe diplomatiſche Tugend, war das Vehikel ſeiner Staatsweisheit. Wir können, wenn wir ſeinen individuellen Standpunkt betrachten, um ſo weniger mit ihm hadern, da er, aufrichtig für den ihm heilig geltenden Zweck eingenommen, an die Moral gewohnt war, daß dieſer die Mittel heiligt. Umſoweniger aber läßt ſich derſelbe Grundſatz aus pſychologiſchen Gründen bei Eliſabeth entſchuldigen, weil ſie, ihrem Glaubensbekenntniß zu Folge, und ihrer Stellung als Schutzherrin des Proteſtantismus ge⸗ mäß, jenen Grundſatz ihrer erbittertſten Feinde durchaus hätte verabſcheuen, nicht aber gleichfalls befolgen ſollen. Wir haben ihre Politik gegen die Niederlande von Anfang her als eine zweideutige bezeichnet; jetzt, da ſie nicht bloß in näheren Rechts⸗ verhältniſſen zu dieſen ſtand, ſondern auch tiefer eingreifende Abſichten auf dieſelben hegte, können wir kaum anſtehen, dieſe Politik gewiſſenlos zu nennen, und wir glauben, daß uns hier⸗ 279 über wohl jeder beiſtimmen wird, der ein mit den edelſten Eigenſchaften begabtes, durch ſeine Freiheitsliebe ehrenwerthes, in ſeinen unermüdlichen Kämpfen für das Theuerſte wahrhaft be⸗ wundernswürdiges Volk nicht als Spielball der Herrſchſucht, der Intriguen betrachtet und behandelt wiſſen will. Iſt es nicht empörend, zu bemerken, wie Eliſabeth und Leiceſter die verei⸗ nigten niederländiſchen Provinzen nicht bloß durch Anregung innerlicher Partheiungen zu ſchwächen ſuchen, ſondern auch ge⸗ radezu bemüht ſind, dieſelben zum Beſten zu halten? Dies dünkt uns noch verwerflicher als das Centraliſationsſyſtem Phi⸗ lipps II., als die Grauſamkeiten der Inquiſition, wobei doch wenigſtens der entſchiedene Wille ſich offen und rückſichtslos aus⸗ geſprochen hatte. Dagegen beachte man nun, wie Eliſabeth durch den berühmten Seehelden Drake die Niederlande, welche ſich ihrem Schutze anvertrauten, welche ihr ſogar die Souve⸗ rainetät zu wiederholten Malen anboten, als ihre Bundesge⸗ noſſen auffordern läßt, ihr einen Beiſtand zur See mit 20 Schif⸗ fen gegen Spanien als gemeinſamen Feind zu leiſten, und wie ſie es wagen kann, denſelben Provinzen unter ſehr nichtigen Vorwänden zum Frieden mit Spanien zu rathen, wäh⸗ rend ſie doch gar wohl weiß, daß der eigentliche Name eines ſolchen Friedens für die Niederlande— Unterwerfung heißt! Und wäre es ihr wenigſtens mit ſolchen Vorſchlägen noch Ernſt gewe⸗ ſen! Wir können aber in denſelben kaum etwas anderes erkennen, als eine Berechnung, um durch den Schrecken der Nation vor einer Wiedervereinigung mit Spanien einen engeren Anſchluß derſelben(um jeden Preis) an England zu erwirken; und Leiceſter hoffte dabei für ſeine Perſon jene größere Machtfülle zu gewinnen, welche er ſo ſehr erſtrebte. Der unerwartete Vor⸗ ſchlag brachte jedoch eine ganz andre Wirkung hervor, als Eli⸗ ſabeth und Leiceſter beabſichtigten, nämlich eine unbeſchreibliche 280 Gährung und in NMitten des allgemeinen Zerwürfniſſes die Be⸗ ſorgniß, daß der Verrath der Niederlande der Preis ſei, um welchen ſich England mit Spanien verſöhnen wolle. Dieſe Un⸗ terſtellung war freilich unbegründet, gewann aber für die An⸗ ſchauungskreiſe des Volkes im Ganzen große Wahrſcheinlichkeit, da die Verrätherei der beiden Engländer Stanley und York noch in zu friſchem Andenken war; und, wie gewöhnlich, ſo machte die Menge auch damals eine ganze Nation für die Handlungs⸗ weiſe Einzelner verantwortlich, hielt dieſelbe gleicher Geſinnun⸗ gen fähig. Leiceſter erſchrack, als ihn plötzlich eine ſeiner Abſicht ſo ganz und gar entgegengeſetzte Wirkung überraſchte. Er ſah ein, daß er nichts Eiligeres zu thun habe, als vor der öffentlichen Meinung ſo viel gut zu machen, als er könne. Aber er be⸗ diente ſich hiezu einer ſchlechten Auskunft. Er ſuchte ſich näm⸗ lich dadurch zu rechtfertigen, daß er vorgab, Meiſter Jacob Valke und Jooſt van Menyn hätten ſeinen Vorſchlag übel verſtanden. Dieſe Ausrede iſt nur ein Beweis für die Halt⸗ loſigkeit und Kleinlichkeit ſeines Charakters. Uebrigens blieb ihm auch die gebührende Strafe, nämlich gerechte Beſchä⸗ mung, nicht aus. Denn Menyn bewies das Gegentheil von Leiceſters Ausrede, indem er bei einer zu Leiceſters Behufe vorſichtigerweiſe veranſtalteten italieniſchen Ueberſetzung des be⸗ rüchtigten Vorſchlages deſſen Korrekturen anzeigen konnte. Leiceſter, welcher durch dieſe Wendung immer mehr in's Gedränge kam, ſuchte ſich nun durch eine weitläuftige Schrift zu rechtfertigen, welche er ſowohl in deutſcher als auch in franzöſiſcher Sprache drucken und ſowohl den zu Dordrecht ver⸗ ſammelten Generalſtaaten, als auch den Provinzen, ſtädtiſchen Magiſtraten und Gerichtshöfen zuſtellen ließ. Dieſer Handel führte ihn jedoch immer weiter und bewirkte zum wahren Glück 281 für die Provinzen, daß man immer deutlicher mit der Sprache herausrückte. So gab ihm z. B. der Provinzialhof von Hol⸗ land eine ſehr höfliche aber ehrenhafte Erwiederung(vom 18. September 1587), deren weitläuftiger Inhalt ſich darum drehte, daß man ſich doch ja aller Unterhandlungen mit Spa⸗ nien enthalten ſolle. Je mehr ſich Leieeſter hiebei verwickelte, auf je mehr Hinderniſſe er ſtieß, um ſo unkluger benahm er ſich. So ließ er ſich z. B. jetzt unverhohlen über diejenigen Perſonen aus, welche er(und zwar nicht mit Unrecht) als die Hauptſtützen der patriotiſchen Oppoſition gegen ihn und Eng⸗ lands Pläne betrachtete,— über Old enbarneveld vor Allen. Indem er ſo einerſeits ſeine wahren Gefühle des Haßes verrieth, verhieß und verſchwur er ſich anderſeits mit großer Emphaſe, daß er durchaus keine Befehle zur Unterhandlung mit Spanien habe, was denn auch Eliſabeth beſtätigte, indem ſie dem Agenten der Staaten, Joachim Ortel, verſicherte, daß ſie ohne Wiſſen und Zuſtimmung der Staaten ſich in keine Friedensunterhandlung einlaſſen würde. Dieſe Betheuerungen ſchienen nun allerdings ihren Zweck in ſofern zu erreichen, als ſich Geldern und Utrecht, im Gegenſatz zu Holland und Seeland, welche ſtandhaft blieben, Leiceſters annahmen. Aber alle jene Betheuerungen waren falſch, wie man ſich aus einigen Punkten der geheimen Inſtruktion für Leiceſter überzeugen konnte, welche ſich Oldenbarnev eld durch Jo⸗ achim Ortel aus London verſchafft hatte. In dieſer gehei⸗ men Inſtruktion war der ganze Zuſammenhang der Politik, die wir bisher verfolgten, in klaren Worten ausgeſprochen; überdem fand ſich darin noch der Rath für Leiceſtern, den Prinzen Moritz und den Grafen von Hohenlohe, wenn ſie ſich der Abſchließung des Friedens widerſetzen ſollten, vermit⸗ telſt geſchickter Unterhändler durch die Verſicherung zu gewinnen, 282 daß bei den Verhandlungen gebührende Rückſicht auf die In⸗ tereſſen jener beiden Männer genommen werden ſollte! Als Lei⸗ ceſter erfuhr, daß Oldenbarneveld, unermüdlich, um die Intriguen des Oberſtatthalters zu vernichten, die betreffenden Punkte der geheimen Inſtruktion mehren Perſonen mitgetheilt habe, beſchloß er, ſich der Perſon Oldenbarnevelds zu be⸗ mächtigen, und ihn unſchädlich zu machen. Zu dieſem Ende ließ Leiceſter einige Kompagnien engliſcher Truppen nach Maas⸗ landsſluis und Delfshaven rücken und begab ſich ſelbſt nach dem Haag, wo ſich Oldenbarneveld befand. Glück⸗ licherweiſe wurde dieſer noch in der Nacht durch zwei Raths⸗ herrn, Gerhard van Wyngaarden und Leonhard Kazenbroot, gewarnt, daß ihn Leiceſter aufheben und nach England bringen laſſen wolle. Oldenbarneveld verließ noch in derſelben Nacht den Haag und begab ſich eilig nach Delft, wo er vernahm, daß ſich auf Seeland das Gerücht verbreitet habe: Leiceſter hege auch gegen den Prinzen Moritz und den Grafen von Hohenlohe ähnliche Abſichten. Was Hohenlohe betrifft, ſo behauptete dieſer ſelbſt, daß Leiceſter ſogar ſein Leben be⸗ droht habe; man darf jedoch dabei nicht vergeſſen, daß Hohen⸗ lohe, von ſeinem Haß gegen Leiceſter hingeriſſen, gar leicht den Handlungen deſſelben die ſchlimmſten Abſichten unterſtellte. Uebrigens ſoll auch Eliſabeth Befehl ertheilt haben, ſich der Perſon Hohenlohes zu bemächtigen, was ihr jedoch die Engländer Buckhorſt, Wilkes und Norrits nachdrücklich widerrathen und die Feſtnehmung Hohenlohes bis auf nähere Befehle Eliſabeths verſchoben hätten, die übrigens nicht er⸗ folgten. In Bezug auf Moritz beſchloß man zu Delft in der Berathung, ihn zu ungeſäumter Entfernung aus dem Haag auf⸗ zufordern, unter dem Vorwande, daß man von einem Anſchlage der Feinde gegen Seekand Nachricht erhalten habe, und daß ———————C—CCQCQ—Q—QCQC—Q—— A 283 Moritz als Admiral die Provinz dagegen ſchleunig in Sicher⸗ heit ſtellen müſſe. Moritz befolgte den Rath, worüber Lei⸗ ceſter nicht wenig ungehalten war, und böſen Argwohn faßte. Da er vernahm, daß Moritz und Hohenlohe Truppen zu⸗ ſammenzögen, deutete er dieſe Maßregel ſo, als ob ſie mit jenen nur die Engländer aus Maaslandsſluis und Delfshaven vertreiben wollten.*) Wir wollen nicht entſcheiden, wie weit die erwähnten An⸗ ſchläge Leiceſters gegen Hohenlohe begründet waren, obwohl allerdings die perſönliche Stellung beider Männer gegen einan⸗ der die Wahrſcheinlichkeit zuläßt. Das aber iſt jedenfalls gewiß, daß die durch die Partheiungen veranlaßte Gährung damals einen für das Geſammtintereſſe der vereinigten Provinzen höchſt gefährlichen Ausbruch drohte. Die ächten Patrioten waren tief beſtürzt; die Leiceſter'ſche hierarchiſch⸗demokratiſche Parthei hob ihr Haupt um ſo kühner und ſtolzer. Ueber den großen Städten, wo der Anſtoß der Faktionen zu unberechenbaren Folgen führen mußte, lag eine faſt unerträgliche Gewitterſchwüle. Man verſah ſich des Aeußerſten und pflanzte z. B. in Amſterdam vor dem Rathhauſe Geſchütze auf; der Geſchichtsſchreiber Hoo ft führt*) folgende charakteriſtiſche Verſe an, die er ſelbſt, als damals kaum ſiebenjähriger Knabe, auf einer öffentlich ausgeſtellten Tafel geleſen zu haben ſich erinnerte: *) Wir haben uns bei Darſtelkung der Oldenb arneveldſchen An⸗ gelegenheit an Bor(XXIII. B. f. 34), bei jener der angeblichen Verſuche gegen Hohenlohe an die Gewährleiſtung Wagena ars (vaderlandsche Historie XXX. B. p. 240— 241) gehalten, da wir die von Letzterem citirte„Cabbala, or mysteries of State“ leider nicht zur Benützung hatten. Wagenaar erwähnt eines„noch vorhandenen“ Briefes Bukhorſts(in Chiffern), worin dieſer die Schwierigkeiten, welche einem Anſchlage gegen Hohenlohe im Wege ſtanden, nachweiſt. **) XXVI. B. f. 1196. „ Oft'er verraadt, oft oproer qunadt, wierde ver- noomen; Men ziul, tot baat, geschut op straat, hier uit doen koomen.“ Leieeſter verließ ſich bei dieſer Gährung feſt auf den Einfluß ſeiner Parthei und verſäumte nichts, um dieſe in gutem Eifer zu erhalten. Er hoffte der Intrigue durch die Gewalt einen größeren Nachdruck zu geben und den Sieg zu verſchaffen. In dieſer Abſicht hatte er ſich vom Haag über Utrecht, wo er die üble Stimmung einiger Edlen gegen den Statthalter, den Grafen von Nieuenaar zu benützen ſuchte, nach Amſter⸗ dam begeben, wo er am 3. Oktober ganz unerwartet eintraf. Der Argwohn gegen ihn war in dieſer Stadt, welche ſeit Ant⸗ werpens Unterwerfung unter Spanien von Jahr zu Jahr an Lebhaftigkeit des Handels, Wohlſtand und Bedeutung zunahm, durch den Umſtand geſteigert worden, daß kurz vor ſeinem Eintreffen der berühmte Gianibelli dort angekommen war, welcher als Ingenieur in Dienſten der Königin von England ſtand. Bei der allgemeinen Aufregung lag allerdings die Ver⸗ muthung nicht ganz fern, daß die Anweſenheit Gianibelli's mit Leiceſters Ankunft in einem gewiſſen Zuſammenhang ſtehen dürfte und man beſorgte, daß jener berühmte Ingenieur in engliſchem Auftrag ähnliche Höllenmaſchinen fertigen möchte, wie einſt gegen Farneſes Brücke. Leiceſter beabſichtigte nichts geringeres, als: die ſtädtiſche Regierung zu verändern, und die Patrioten, welche ihm ſtandhaft Widerpart hielten, vermittelſt ſeiner Anhänger aus dem Wege zu räumen. Zu dieſem Ende ſuchte er die Looſung zu erhalten. Doch während man im Kriegsrath überlegte, ob man ihm, als Oberſtatthalter die Ehre verſagen dürfe, daß man ihm jeden Abend die Looſung anvertraue, und während Leiceſters Anhänger Roodenburg,(wie⸗ 28⁵ wohl kein Mitglied des Kriegsrathes) die Anweſenden dafür zu ſtimmen ſuchte, trat plötzlich der regierende Bürgermeiſter Peter Korneliszoon Boom in die Verſammlung, und fragte den Roodenburg:„was habt Ihr hier zu ſchaffen, da Ihr nicht zum Kriegsrath gehört?“„Ich kam,“ verſetzte dieſer verwirrt, „als ein treuer Freund des Vaterlandes.“ Der wackere Boom gebot ihm, augenblicklich die Verſammlung zu verlaſſen, was dieſer denn auch ſofort that. Hierauf erklärte Boom, in Be⸗ zug auf eine Mittheilung der Looſung an Leiceſter:„Ihr Männer, wie? Aenderung machen? Dies kann und darf bloß die Vroedſchap. Seht wohl zu, was Ihr beginnet.“ Booms Entſchloſſenheit that ihre Wirkung. Man verwarf die gefährliche Idee, Leiceſtern die Looſung anzuvertrauen, wodurch er ſich unfehlbar der Bürgerſchaft hätte bemeiſtern und die beſte⸗ henden Magiſtrate gewaltſam hätte verdrängen kömmen. Und doch hatte man nicht einmal den vollen Umfang ſeines Planes geahnt, welcher auch, wie man ſpäter vernahm, die Ermordung von vierzehn Hauptanhängern der Landesfreiheit und des Hauſes Naſſau inbegriff; die Proskriptionsliſte ſollte ſogar ſchon ent⸗ worfen geweſen ſein. Da nun Leiceſter ſeine Anſchläge auf Amſterdam durch Boom’s energiſches Dazwiſchentreten und auch außerdem durch die Wachſamkeit der dortigen Patrioten vereitelt ſah, ſo begab er ſich raſch nach Utrecht. Dort kam es zwiſchen mehren Edelleuten über die Verthei⸗ digung der Privilegien, zu ſtürmiſchen Auftritten, in welche auch Leiceſter verflochten wurde, da der Bürgermeiſter Prou⸗ nink, auf deſſen Befehl, wie es hieß,(was Leiceſter jedoch läugnete) ſechs von jenen Edelleuten ve rhaften ließ. Im ganzen Lande war man über einen ſolchen Schritt in heftiger Aufre⸗ gung. Leiceſter vermehrte dieſe noch dadurch, daß er, gegen den Willen ſeines bisherigen Anhängers, des Grafen Nieu⸗ N —. — 286 enaar, in Utrecht die Regierung veränderte, was dieſem, als Statthalter der Provinz, zuſtand. Durch dieſe Eigen⸗ mächtigkeit verſcherzte Leiceſter mit einem Male Nieuenaars treuerprobte Zuneigung. Uebrigens waren Leiceſters Abſichten nicht auf Utrecht allein gerichtet geweſen. Auch in den übrigen Provinzen wollte er, wo möglich, durch Gewalt endlich die größere Herrſchaft gewinnen, welche er durch Intriguen vergeblich zu erringen getrachtet hatte. So hoffte er vornämlich in Nord⸗ holland und in Friesland durchzugreifen, da er ſich in dem Erſteren auf Sonoys Anhänglichkeit, in dem Letzteren auf ſeine Parthei, an deren Spitze der Präſident des Gerichtshofes, Heſſel Aisma, ſtand, hinlänglich verlaſſen zu können glaubte. Er reiſte deshalb von Utrecht nach dem Nordquartier von Holland. Doch dort mißlang ihm ein Anſchlag auf die Stadt Enkhuizen, deren Bewohner, bei Zeiten gewarnt, ihm ein ſehr höfliches Schreiben(vom 14. Oktober 1587) ent⸗ gegenſandten, worin ſie ihn„mit aller Ehrerbietung ernſtlich“ baten, ſeinen Beſuch bei ihnen für eine paſſendere Zeit zu verſchieben,„indem ſie eben jetzt nicht für mögliche Mißverhält⸗ niſſe oder Unfälle einſtehen könnten.“ Leiceſter empfand tief genug, wie ſein Anſehen Tag für Tag abnahm, verbarg jedoch ſeinen Groll über die Demüthigung, welche er ſich gefallen laſſen mußte, und begab ſich über Hoorn nach Medemblik, wo ihn Sonoy mit hohen Ehrenbezeugungen empfing. Von dort aus ſchrieb er denn auch nach Friesland an die„Griete⸗ neien“ und Städte(mit Uebergehung des Statthalters und der„Deputirten der Staaten,), daß ſich der Landtag jener Pro⸗ vinz verſammeln ſolle, wobei er ſelbſt erſcheinen würde. Ueberall ungeſetzliche, verfaſſungswidrige Schritte! Man kann nicht um⸗ hin anzunehmen, daß Leiceſter von den eigenthümlich zu⸗ — 2 287 ſammengeſetzten Staatsverhältniſſen keine Kenntniß hatte, da er in das merkwürdige Gebäude bald an dieſer bald an jener Stelle Oeffnungen zu Thüren ausbrechen wollte, wodurch ſtets der Beſtand des Ganzen gefährdet wurde. Uebrigens kamen ihm bei ſeinem Verſuch in Friesland die„Deputirten der Staa⸗ ten“ zuvor. Sie entſetzten Aisma ſeines Amtes und an Lei⸗ ceſter ſchrieben ſie:„es ſtünde nicht ihm, ſondern ihnen allein zu, einen Landtag auszuſchreiben, was ſie jedoch für jetzt für unzweckmäßig hielten.“ Dazu fügten ſie noch die„ſehr de⸗ müthige“ Bitte, Leiceſter möge,„ſo angenehm ihnen auch ſeine Ankunft zu allen Zeiten ſein würde,“ dieſelbe„ſowohl in Anbe⸗ tracht ſeiner eigenen Ehre und Reputation, als auch wegen der Ruhe der Provinz“ für jetzt noch aufſchieben. Endlich weigerten ſie ſich, mit Geldern, Utrecht und Over⸗Bſſel in eine beſondere Verſammlung zum Behufe der Friedensverhandlungen zu treten. Je tollkühner Leiceſter in ſeinem Unmuth zu den äußerſten Mitteln griff, und je mehr er dadurch unverantwortlich die Zwie⸗ tracht zwiſchen mehren Provinzen der Union, zwiſchen Ständen und einzelnen Perſonen vergrößerte, um ſo feſter ſchloſſen ſich die Patrioten an einander und Holland wars, welches den Kern der patriotiſchen Macht bildete. Die Staaten von Holland verſammelten ſich(im Oktober) zu Haarlem; Oldenbarnevelds überwiegende Geiſteskraft leitete trefflich alle Bewegungen derſelben. An ſeiner felſenfeſten Konſequenz brachen ſich die Wellen des hierarchiſchen Stolzes. Auf eine Ermahnung der reformirten Prediger, welche „im Namen aller Kirchen von Holland“ die Staaten dieſer Provinz(unterm 2. Oktober 1587) zur Eintracht und zur Ver⸗ hütung weiterer Zerwürfniſſe mit dem Oberſtatthalter L Leiceſter aufforderten, erwiederte ihnen Oldenbarneveld, der als Advokat von Holland die Stelle eines Volkstribuns (im edelſten Sinne dieſes Wortes) einnahm:„die Staaten wiſſen bereits alles, was die Prediger vorgebracht, ja noch mehr dazu; das Wohl des Landes liegt jenen gewiß eben ſo am Her⸗ zen.“ Deßhalb rieth er den Remanſtranten, nach Hauſe zu kehren, ihrem Berufe zu leben und die Staaten immerhin ſorgen zu laſſen. Dieſe kurze Zurechtweiſung war durchaus nothwen⸗ dig, um die Selbſtſtändigkeit und die Würde des Staates vor allen Eingriffen einer neuen, noch bei Weitem gefährlicheren Hie⸗ rarchie, als die katholiſche je geweſen, ſicher zu ſtellen. Doch weiſe bedachte man gar bald auch den großen Einfluß der Geiſt⸗ lichkeit auf das Volk, und ſchlug ohne übrigens der Würde et⸗ was zu vergeben, einen anderen Weg, den eines vertraulichen Verſtändniſſes, ein, um die Geiſtlichkeit lieber für die gute Sache zu gewinnen, ſeatt ſie durch rückſichtsloſe Strenge zu erbittern. Man entwickelte nämlich(in einer Reſolution vom 16. 23. Oktober 1587) den Predigern ausführlich alle Ur⸗ ſachen, aus welchen die Zerwürfniſſe zwiſchen Leiceſter und den Staaten hervorgegangen waren und erinnerte ſie an die un⸗ ſeligen Folgen, welche das Heraustreten geiſtlicher Anſprüche aus dem Gleichgewicht der Staatsgewalten in Flandern her⸗ vorgebracht hatte; der Verluſt der Freiheit faßte ja in einem Worte alles daraus entſtandene Unheil zuſammen! Die zu Haarlem verſammelten Staaten von Holland entwickelten nach allen Seiten hin ihre achtungswerthe Energie und beſchloſſen am 16. Oktober, drei ausführliche Darlegungen durch den Druck zu veröffentlichen, von denen die erſte eine nähere Erläuterung der im Auguſt deſſelben Jahres an Leiceſter übergebenen Artikel war, die zweite eine Erwiederung auf deſſen zu Anfang Sep⸗ tembers zu Dordrecht erlaſſene Darlegung, die dritte eine Beweisfüh⸗ rung über die Rechte der Edlen und Städte von Holland in Bezug auf Regierungsangelegenheiten. Die Gränzen für Leiceſters Machtfülle ₰— 289 kamen dadurch abermals, und zwar aufs Allergenauſte beſtimmt, zur Sprache; ausdrücklich hieß es, daß Leiceſter keine ausgedehn⸗ tere Macht beſitzen dürfe als jene, ſo die Oberſtatthalter zur Zeit Karls V. geſetzlich beſeſſen hätten, und daß den Staaten alle Hoheitsrechte verblieben, welche im Namen des Kaiſers ausgeübt zu werden pflegten, das Recht Kriege zu eröffnen und Frieden zu ſchließen, das Recht zu Bündniſſen mit auswärtigen Mächten, das Recht, über Veränderungen im Münz⸗ und Han⸗ delsweſen Verordnungen zu erlaſſen u. ſ. w. In der dritten Darlegung wurde die Bedeutung der Staaten hiſtoriſch nach gewieſen und zwar in Beziehung zur Frage, bei wem denn die Souverainetät eigentlich ſtünde. Wichtig war hier ganz beſonders die hervorgehobene Unterſcheidung, daß man, wenn man ſage:„die Souverainetät über die Lande ſtünde bei den Staaten,“ unter dieſen Letzteren nicht einzelne beſon⸗ dere Perſonen verſtehe, welche zur Verſammlung abge⸗ ordnet ſeien, ſondern die Komittenten derſelben, nämlich die Edlen und Städte des Landes, welche durch ihre Ab⸗ geordneten vertreten werden(ſowie es anderſeits die Bürger⸗ ſchaften durch die Städteregierungen würden).*) Indeſſen offenbarten ſich fortwährend die Umtriebe der Lei⸗ ceſterſchen Parthei durch eine im Namen der Bürgerſchaft von Dordrecht abgefaßte Bittſchrift an Leiceſter, welche die Deputirten von Dordrecht bei der Staatenverſammlung zu Haarlem am 17. Oktober vorlegten, und deren Inhalt gegen „einige Mitglieder“ der holländiſchen Staaten gerichtet war; den Kern bildete eine Klage über die Verdächtigung der Eng⸗ länder, als beabſichtigten dieſe die Lande an Spanien zu ver⸗ *) Das ganze intereſſante Aktenſtück(gleichen Sinnes wie jene Antwort, die man früherhin Wilkes von Seiten der Staaten gegeben) bei Bor XXIII. B. f. 56. II. 19 290 rathen. Eben dieſer Kern verrieth auf den erſten Anblick den Einfluß, unter welchem die ganze Frucht gereift war; noch deut⸗ licher wieſen darauf die ſtärker aufgetragenen Punkte der erwähnten Schrift hin, nämlich die angebliche Verſicherung der Dordrechter Bürgerſchaft,„ſie wolle Leben, Gut und Blut einſetzen, um Leiceſters Anſehen und Macht über die Lande zu beſchützen und aufrecht zu erhalten, ſowie die Erklärung, auch andere Städte theilten dieſe Geſinnung, wobei ſcharfe Ausdrücke von„Un⸗ dankbarkeit und Eidbruch u nicht geſpart waren. Die Staaten von Holland hielten Prounink für den Verfaſſer dieſer Schrift, welche übrigens keinen anderen Eindruck machte als das letzte Aufzucken einer dem Erlöſchen nahen Flamme. Gefährlicher hätte ein anderer Verſuch der Leiceſterſchen Par⸗ thei, nämlich ein gewaltſamer, enden können. In Leyden, wo ſich nicht weniger als ein paar tauſend eingewanderte Braban⸗ ter und Flamänder befanden, welche aus den bekannten re⸗ ligiös⸗ politiſchen Gründen eifrige Anhänger Leiceſters waren, hatte ſich ſeit einiger Zeit eine Verſchwörung gegen die ſtädtiſche Regierung gebildet, wobei Adolf van Meetkerke, (welchen die Staaten aus dem Staatsrath entfernt hatten), der Profeſſor der Theologie Adrian Saravia, der Prediger van den Wouwere und mehre andere angeſehene Perſonen bethei⸗ ligt waren. Ein Hauptmann, Namens Nikolaus de Moulde, ſollte, wie man entdeckte, die Stadt Leyden mit engliſchen Truppen übermeiſtern und für Leiceſter in Beſitz nehmen. Drei von den Verſchworenen, Moulde, Kosmo Pesca⸗ rengi und J akob Vollmar, wurden(am 25. Oktober) zum Tode verurtheilt und hingerichtet; Saravia entfloh nach Eng⸗ land und ſuchte ſich ſpäter, wiewohl erfolglos vor dem Hofe von Holland zu rechtfertigen.— In Gouda wurde ein Engländer, Namens Jakob Williams, welchen man eines ähnlichen At⸗ 291 tentates ſchuldig glaubte, verhaftet und hingerichtet. Die Ver⸗ ſchwörung zu Leyden gab übrigens dem längſt ſchon erſchütterten Anſehen Leiceſters den letzten Stoß. Die Verſchworenen nämlich, welche ihr Leben durch die Flucht gerettet hatten, gaben eine in Utrecht gedruckte Vertheidigung ihres Unternehmens heraus, worin ſie offen geſtanden, daß Leiceſter um daſſelbe gewußt habe.*) Nun verließen auch in Utrecht und Fries⸗ land viele Beſſergeſinnte, welche ihm bisher noch angehangen, ſeine Parthei.„ZJetzt iſt es Zeit, für meinen Kopf zu ſorgen!“ ſoll Leiceſter ausgerufen haben, als er die Nachricht von der Vereitlung der Verſchwörung zu Leyden erhielt. Er begab ſich denn ungeſäumt aus Nordholland nach Utrecht und von dort über Dordrecht(im November) nach *) Die Apologie, welche zugleich bittre Vorwürſe gegen die Staate 2 9 U ugie 89 7 von Holland und den Magiſtrat von Leyden enthielt, wurde in 9 85 Stadt auf's Schärſſte verboten. Ue theien auf. Bor(XXIII. B. f. 72) erwähnt, zum Beweiſe dafur mehre Pa quille, in deren Anfängen ſich der derbe Volksgeiſt kund gibt. So begann eines davon mit den Reimen: „„door de inquisitie opgeresen binnen Leyden siet men den Prins van Parma den weg bereyden,“ Die Schlußregel hieß: „Wand als den Wolf het schaepken eens heft geknagen, Hly blyft bloed-gierig zyn levendagen. Ein anderes Pasquill begann: „ O Pasquillus, die elk een zyn gebrek plag te verkalen, hoe siet gy nu dus donker, of zyt gy verblint.“ Ein drittes begann: „„Laet u wanhaft'ge herten o Holi ers in vromigheyt vermaert, langer in geen pelslap bewoelt werden na der vrouwen aert““. Ein viertes ſpottete: man habe, nachdem man in den Niederlanden römiſch, ſpaniſch, hochdeutſch und franzöſiſch geſprochen, nun auch / 5 engliſch gelernt; müö hen Gruß ſingen:„Ehre ſei u!“ p 8 hte man doch endlich auch den engli Gott in der Höhe und Friede auf Erd 292 Vlieſſingen, entſchloſſen den Schauplatz ſeiner Intriguen zu verlaſſen. Den Oberbefehl über die engliſchen Truppen übergab er dem Baron von Willougby. Am 6. Dezember nahm er von den Generalſtaaten ſchriftlich Abſchied, und bald darnach ſe⸗ gelte er von Vlieſſingen nach England ab.*) Während ſeiner Abweſenheit übertrugen die Generalſtaaten die Regierung der Republik dem Staatsrath. Leiceſter legte ſodann, auf den Befehl ſeiner Monarchin, die Oberſtatthalterſchaft über die vereinigten Provinzen(am 17. Dezember 1587) nieder; die be⸗ treffende Akte erhielten jedoch die Generalſtaaten erſt am 1. April des nächſten Jahres. Eliſabeth war übrigens, obwohl ſie mit Leiceſters Verwal⸗ tung unzufrieden ſchien(und die Reſultate derſelben waren für ihre geheimen Pläne allerdings unerwünſcht) auch gegen die Niederlande ſehr verſtimmt und zeigte ſich insbeſondere mit den ſtrengen Urtheilen gegen die Verſchworenen von Leyden ſehr mißvergnügt. Sie ließ den vereinigten Provinzen durch ihren Geſandten Herbert, welchen ſie an dieſelben abordnete, aufs Neue Vorſchläge zu Friedensverhandlungen mit Spanien ma⸗ chen.— Die Staaten, welche die ſtarken Rüſtungen Spa⸗ niens in Betracht zogen, veränderten jetzt ihre Politik inſoweit, als ſie ſich den Verhandlungen nicht abgeneigt zeigten; ja ſie beſchloſſen ſogar, wegen jener Angelegenheit Geſandte nach Eng⸗ land zu ſchicken. Früherhin hatten ſie auf ähnliche Vorſchläge ſich energiſch ausgeſprochen:„ſchon die bloße Erwähnung des Friedens bringe der gemeinſamen Sache Gefahr und die Unter⸗ *) Vor ſeiner Abreiſe nach England ließ Leiceſter eine charakteriſtiſche goldene Medaille prägen. Auf der einen Seite ſah man ſein wohl⸗ getroffenes Portrait mit der Umſchrift:„Robertus. Com. Lycester et in Belg. Gubern. 1587%, auf der andexen eine Heerde Schafe mit einem engliſchen Hunde, mit der Umſchrift:„Non gregem, sed in- gratos invitus desero.“ — handlungen ſelbſt würden größere Verluſte erzeugen als das Feindesſchwert; ſtandhaft wollten ſie ausharren.“ Ihre jetzige Gefügigkeit ſchien jene frühere Sprache der Lüge zu zeihen. In der That aber dachten ſie auch jetzt noch an nichts weniger als an Frieden mit Spanien. Wir werden ſpäter darauf zurück⸗ kommen. Auch nach dem Abgang Leiceſters, welcher der Republik der vereinigten Provinzen ſo zahlreiche Zerwürfniſſe zugezogen hatte, war die Lage derſelben im hohen Grade gefährdet; ja, vielleicht mehr als je. Fürs Erſte waren die Staaten dadurch in Verlegenheit geſetzt, daß ſie die Abdankungsakte Leiceſters ſo ungebührlich lange nicht zu Händen bekamen; denn ſie ſahen ſich dadurch verhindert, zur Landesregierung geeignete Maßregeln zu treffen; der Zuſtand des Landes blieb daher ebenſolange ein bloß proviſoriſcher und umfaßte reichlich alle Mißverhältniſſe eines ſolchen. Für's Zweite aber war auch nach Leiceſters Abgang deſſen Parthei und zwar vorzugsweiſe die hierar⸗ chiſche, fortwährend in Thätigkeit, und pflegte unermüdlich alle Keime der Abneigung und des Mißtrauens gegen die Staaten, welche ſie unverholen für das Mißvergnügen der Königin Eli⸗ ſabeth über die unerwartete Abreiſe Leiceſters verantwortlich machte. Die Nachwirkung der Leiceſterſchen Intriguen zeigten ſich vornämlich, und zwar auf die gefährlichſte Weiſe, in dem Benehmen ſeines fanatiſirten Anhängers Sonoy. Die⸗ ſer verharrte zu Medenblick in ſeiner Widerſetzlichkeit und das böſe Beiſpiel derſelben äußerte gar bald auch den nachthei⸗ ligſten Einfluß auf die Beſatzungen mehrer holländiſcher Städte. Dieſe erhielten ſchon ſeit einiger Zeit zwei Drittel ihres Soldes baar, und das letzte Drittel in Verſchreibungen. Plötz⸗ lich verlangten ſie nun unter der Androhung: den Staaten und 294 dem Prinzen Moritz den Gehorſam aufzukündigen, die volle Baarzahlung auch dieſes letzten Drittels. Dieſe meuteriſche Bewegung erging durch Heusden, Workum, Schoonho⸗ ven, Gertruidenberg, Naarden, Beere, Arnemui⸗ den, Bergen⸗op⸗Zoom und noch andere feſte Plätze, und die Verlegenheit der Staaten, welche den Forderungen der Em⸗ pörer im Augenblick nicht Genäge leiſten konnten, war unbe⸗ ſchreiblich. In ſolcher Verwirrung und Gefahr brach das Jahr 1588 an, und nur von den energiſchſten Maßregeln der Staa⸗ ten war Rettung zu erwarten. Zu Medemblik erreichte die Meuterei den höchſten Grad. Die empörten Soldaten hatten die Bürgerſchaft entwaffnet, das Rathhaus eingenommen und ſich neue Hauptleute erwählt. Vergeblich hatten die Staaten De⸗ putirte dahin geſchickt, um Sonoy und ſeine Truppen zu beſänftigen; vergeblich hatte Prinz Moritz es verſucht, Unter⸗ handlungen anzuknüpfen. Sonoy hatte ſich aus Amſterdam 6 Tonnen Schießpulver nach Medemblik kommen laſſen und ſchien völlig entſchloſſen, ſich dafelbſt zu vertheidigen. Nun blieb denn auch den Staaten nichts anderes mehr übrig, als der Gewalt die Gewalt entgegenzuſetzen, und Prinz Moritz be⸗ gab ſich(im Februar 1587) mit Oldenbarneveld über Hoorn vor Medemblik, gegen die Vorſchläge des noch in Leiceſters Eid ſtehenden Staatsrathes, welcher vergeblich die dortige Beſatzung zur Unterwerfung zu bewegen ſuchte. Moritz belagerte nun den trotzigen Sonoy in Medemblik;— eine traurige Erſcheinung, wie einer jener Männer, die von Anfang her ſo tapfer für die Befreiung der Niederlande gefochten hatten, nun, von einem unſeligen Wahne verblendet und darin beſtärkt, die Waffen gegen die Republik trug. Während er ſich in Medemblik vertheidigte, nahmen inzwi⸗ ſchen die Verhandlungen der in den Niederlanden beſtehenden — — 295 engliſchen Parthei mit England ihren Fortgang, und die Königin wünſchte lebhaft einen Vertrag, worauf Willougby hinarbeitete. Eifrig beſchäftigte ſich die Preſſe mit Sonoys Angelegenheit. Sonoy, unbeugſamen Sinnes wie immer, wollte mittlerweile den Damm bei Medemblik durchſtechen laſſen und die ganze Um⸗ gegend überſchwemmen, um die Truppen der Staaten dadurch zu vertreiben. Er gewann ungefähr 60 Männer von der Bür⸗ gerſchaft, daß ſie die Beſatzung verſtärkten, deren Muth er fort⸗ während durch Hoffnungen auf Hülfe aus England aufrecht hielt; einen gewiſſen Koſter, der dies freimüthig bezweifelte, ließ er verhaften. So behauptete ſich Sonoy unerſchrocken und freiſam während der ganzen Zeit, als die Abdankungsurkunde Leiceſters den vereinigten Provinzen noch nicht zugeſtellt war. Erſt als er die Abdankung Leiceſters erfuhr und dem⸗ gemäß ſich nebſt den Seinigen des Eides für Leiceſter ledig wußte, ging er auf die Unterhandlungen ein, welche Moritz abermals mit ihm begann. Er hatte ſich ſehr anſtändige Bedingungen er⸗ trotzt,— vor allen die, daß er in ſeiner bisherigen Stellung verbleiben durfte und eine vertragsmäßige Truppenzahl behielt. Am 29. April 1588 zog hierauf Prinz Moritz in Medemblik ein und erließ eine Amneſtie. So ſchien denn die Ruhe wieder hergeſtellt. Aber ſowohl Sonoy als auch die Bürger zu Me⸗ demblik waren wecſſelſeits ſoſehr erbittert, daß für die Dauer gar keine Verſöhnung vorauszuſehen war. Man kann dies aus dem Umſtand am deutlichſten erſehen, daß Moritz ſelbſt So⸗ noy'n gegen die Bürger Schutz gewähren mußte. So fand ſich denn endlich dieſer einſt ſo gewaltige Mann genöthigt, bei den Generalſtaaten ſeinen Abſchied zu verlangen, welchen er auch bald erhielt. Doch auch jetzt hatte er noch immer keine Ruh noch Raſt. Er grollte um ſeine Abrechnung und um volle Ge⸗ nugthuung, die man ihm ſchulde. Die Sache zog ſich bis in's 296 Jahr 1593 hinaus, da ihm denn die Staaten von Holland 2000 Pfund bei der Abrechnung zuerkannten und ihm noch außer⸗ dem ein Jahrgehalt von 1000 Pfund beilegten. Er ſtarb 1567 im Gröningerland. Die Gewißheit der Nachricht, daß der Graf Leiceſter ſeine Würde niedergelegt habe, wirkte vom April 1588 wohlthätig beſchwichtigend auch auf die Stillung der Meutereien im Allgemeinen, auf die Beruhigung des Vaterlandes nach den drei erſten in ſchwerer Bangniß durchlebten Monaten des Jah⸗ res 1588. Nur die meuteriſche Beſatzung zu Gertruiden⸗ berg ließ ſich weder durch die Mittheilung jener Nachricht, noch ſonſt durch Gründe zur Vernunft bringen. Sie verlangte durch⸗ aus nur mit dem Engländer Willougby zu unterhandeln, und man ſah ſich endlich genöthigt, dieſem Manne den Oberbefehl in Gertruidenberg zu übertragen, welche Stadt dem Hauſe Oranien gehörte. Im Juli wurde endlich die Abkunft ge⸗ troffen, daß die Beſatzung, welche den Sold von 31 Monaten her(mehr als drei Tonnen Goldes) verlangte, durch eine Baar⸗ zahlung auf einmal für 20 Monate zufriedengeſtellt werden und ſowohl den Generalſtaaten als dem Prinzen Moritz Treue ſchwören ſollte. Aber die Beſatzung brach gar bald dieſe Bedingungen und entwaffnete die Bürgerſchaft, ſo daß ſich end⸗ lich im März 1589 Moritz und die Staaten genöthigt ſahen, Gertruidenberg förmlich zu belagern. Willougbys Schwager, John Wingfield, welcher an des Erſteren Stelle jetzt Kommandant war, verweigerte es geradezu, dem Prinzen Moritz die Stadt zu überliefern und zwar unter dem Vorgeben, daß er dieſelbe für ſeine Monarchin, die Königin von England, bewahren müſſe. Nun beſchoß ſie Moritz und wollte ſie erſtürmen. Aber der Herzog von Parma, mit welchem die Beſatzung im heimlichen Einverſtändniſſe war, ſchickte — 297 derſelben Hülfstruppen und Moritz hob die Belagerung auf. Da übergab die Beſatzung am 10. April 1589 Ger⸗ truidenberg an Parma, welcher der Beſatzung einen fünfzehnmonatlichen Sold zugeſtand und der Bürgerſchaft die Erhaltung ihrer Privilegien, ſofern dieſe nicht mit der Oberho⸗ heit des Königs von Spanien unverträglich ſeien, verbürgte. Die Generalſtaaten ächteten hierauf die Ver⸗ räther und dehnten die Proſkription auch über Alle diejenigen aus, welche mit denſelben in irgend einem Verkehr ſtünden. Wir haben hier, um die Folgen von Leiceſters verderb⸗ licher Verwaltung und die Nachwirkungen ſeiner Parthei aus⸗ führlich ſchildern zu können, der Zeit etwas vorgegriffen.— Wir haben dazu noch nachzutragen, daß einige Zeit lang auch der hierarchiſche Einfluß noch fortwährte. So hatte z. B. der Prediger zu Vlieſſingen, Daniel de Dien, einen Briefwechſel mit Sonoy unterhalten; ſo hatten ſich die refor⸗ mirten Geiſtlichen im Namen und in Angelegenheit der nieder⸗ ländiſchen Kirchen(mit Ausnahme der holländiſchen) an Eliſa⸗ beth gewandt. Weniger bedeutend waren die Kr iegsereigniſſe wäh⸗ rend dieſer ganzen Epoche, welche hauptſächlich durch die ſich entwickelnde innere Feſtigkeit, unter den Intriguen und Reibun⸗ gen der Faktionen, merkwürdig iſt. Unter den kriegeriſchen Vorfällen in der letzten Hälfte der Leiceſter'ſchen Regie⸗ rung über die vereinigten Provinzen(1587) erregen nur die Unternehmungen Martin Schenks Aufmerkſamkeit. Die⸗ ſer unermüdliche Condottiere hatte ſich im Januar 1587 Ruhrorts bemächtigt, es aber im April wieder verlaſſen, und im November hatte er Bonn für den abgeſetzten Kurfür⸗ ſten Gebhard Truchſeß von Köln eingenommen. Doch warum, fragt man ſich, benützte der Herzog von Parma, dieſer kühne, kriegserfahrne und kluge Held, dieſes Muſter eines wahrhaft treuen Dieners, wie mächtige Könige nur ſelten einen ſolchen finden,— warum benutzte Parma nicht die Zerrüttung der vereinigten Provinzen, die Schwäche, welche das wechſelſeitige Mißtrauen der Partheien erzeugte, die Spannungen zwiſchen Holland und Utrecht, um die Grän⸗ zen mit gewaffneter Hand zu beunruhigen, die Feſtungen der⸗ ſelben anzugreifen, und einzubrechen in das Innere der ſchutz⸗ loſen Landſchaften? Welche Verhältniſſe banden ihm die Hände, drückten ihm das ſiegreiche Schwert in die Scheide zurück?— Schon früher haben wir der traurigen Lage gedacht, in welcher ſich die wiederunterworfenen ſüdlichen Provinzen befanden und wir werden dieſelbe in Kürze noch ausführlicher ſchildern. Aber dies war nicht der einzige Grund von Alexander Farneſes Unthätigkeit wider die vereinigten nördlichen Provinzen. Philipp HI. ſelbſt verhinderte ſeinen trefflichen Statthalter an allen Kriegsoperationen durch einen längſtvorbereiteten, weitausſehenden, großartig⸗kühnen Plan, durch welchen die nie⸗ derländiſche Schutzmacht, England, vernichtet und ſomit auch die vereinigten Provinzen ſelbſt dann um ſo gewiſſer zur Unterwerfung gebracht werden ſollten. So rechnete Philipp II., aber die Vorſehung machte einen Strich durch den Plan dieſes großen Rechenmeiſters. Abermals zeigte ſich jetzt das Walten der höheren Macht; aber wir glauben bei dem Wunder, welches Parmas Arm gegen die vereinigten Provinzen lähmte, welches dieſe in demſelben Moment rettete, da ſie mit einem Schlage vernichtet werden ſollten, wir glauben dabei nicht bloß die Kraft des Himmels, ſondern auch die der Menſchen zu erkennen, und wir halten dies einfache und leicht erklär⸗ liche Wunder für das ſchönſte(weil es das reinmenſch⸗ lichſte iſt), wenn die Begeiſterung plötzlich wie eine Morgen⸗ ſonne, die alle Nebelhüllen zerreißt, langwährende Mißver⸗ ſtändniſſe durchbricht und kleinliche Rückſichten zertrümmert, wenn eine Nation jede Nachweh von Beleidigungen vergißt und ſich einer Andern treusſchweſterlich anſchließt, um höhere Intereſſen zu vertheidigen. Und wenn dann der Himmel auch noch ſeine Stürme ſendet, ſo iſt dieſer Beiſtand, mit menſchlichen Augen betrachtet, nicht bloß ein Beiſtand, ſondern ein Ausdruck der Zuſtimmung des Himmels, ein Ausdruck ſeiner Freude über das, was Menſchen vollbringen können, wenn ſie nur wollen! Bevor wir jedoch zur Erzählung der merkwürdigen Kata⸗ ſtrophe übergehen, welche wir hier bereits angedeutet haben, wollen wir auch den Zuſtand der ſüdlichen Provinzen wäh⸗ rend jener Epoche ſchildern, die nun abgeſchloſſen hinter uns liegt. Dieſe ſüdlichen Provinzen, auf denen einſt Gottes reicher Segen lag wie Sonnenſchein im Mai,— welche alles beſeſſen hatten, was das Menſchenherz erfreuen kann, Frieden und Wohlſtand, die goldne Sorgloſigkeit, den reichſten Schatz, den auch der Bettler hat, das frohe Lied, das uns das trockene Brot würzt,— wie jammervoll und entſetzlich waren ſie jetzt anzuſchauen! Fortgezogen in bequemen Wagen waren die reichen Kaufleute mit ihren Ballen und Schätzen; fortgewan⸗ dert waren die fleißigen Handwerker, in deren harten Händen die Spindel des Nationalwohlſtandes kreiſete; fortgeeilt waren die kühnen Denker, die eifrigen Verkündiger der Gewiſſensfrei⸗ heit, ſort waren Alle, welche ſelbſt die freundliche Vorſtellung: einſt an der Seite ihrer vorangegangenen Lieben in einer Erde zu ſchlummern, hintanſetzten, weil ſie, ſo lange ſie noch auf der Erde wachten, nur für ihre Ueberzeugung athmen mochten. Niemand erſetzte die Reichthümer, den Gewerbfleiß, die Geſin⸗ nungen dieſer Ausgewanderten, die im Ganzen ſtets ehren⸗ 300 werth blieben, wenn ſie auch im Einzelnen, durch ihre allzugroße Aufregung, in ihrer neuen Heimath manche Ver⸗ wirrungen hervorbrachten. Wie aber ließen ſich außerdem alle jene Verluſte ſo ſchnell gutmachen, die der langwierige Krieg in Flandern und Brabant erzeugt hatte? Dieſe Wun⸗ den hatten noch nicht ausgeblutet. Die übriggebliebene Bevöl⸗ kerung mußte auf ihren Schultern allein allen Jammer tra⸗ gen, der ſchon ſchwer genug geweſen wäre, um auch die ganze frühere(inbegriffen der Ausgewanderten) zu Boden zu drücken. Die Folgen des Krieges waren Mangel, Theurung, Hunger und Seuchen. In dieſen Städten Flanderns und Bra⸗ dants, wo das freie Bürgerthum ſich ſo derb und entſchieden und doch und ebendarum ſo eigenthümlichreizend ent⸗ faltet hatte, ſtanden nun auf einmal ganze Straßen öde, welche früher von geſchäftigen Menſchen gewimmelt; die ſtattlichen Häuſer mit ihren geſchloſſenen Thüren, mit ihren Schlöten, die nicht mehr dampften, mit ihren Schwellen vor denen Gras wuchs, mit ihren verroſtenden Thürklinken waren wie große Grabmäler anzuſchauen, an denen nur Wenige ſcheu und bang aufathmend vorübergingen,— ſie ſtanden da wie ein Spott gegen die Häuſer und Hütten der Aermeren, in denen man kaum Brot genug hatte, um den Hunger wimmernder Kinder zu ſtillen. Schaurige Stille, nur von Wenigen unterbrochen, auf jenen Plätzen, wo man ſich einſt durch eine luſtige Menge kaum durchzudrängen vermocht hatte! In den Straßen überall bleiche Geſichter; in den Kirchen, denen das gläubige Volk zu⸗ zilte, um von Gott Erbarmen zu erbitten,— die wiedergekehr⸗ ten Mönche, welche Alles thaten, um die katholiſche Bevölke⸗ rung in dumpfer Demuth zu erhalten und die geringere Zahl gedemüthigter Proteſtanten durch alle Künſte zum Uebertritt zu dewegen! So ſah man in Antwerpen die Jeſuiten un⸗ 301 ermüdlich geſchäftig, den freien Geiſt des Volkes zu erſticken, und man muß dieſen Ordensmännern nachſagen, daß ſie ihr Ziel für ihre Zeit trefflich erreichten. Während nun ſo Ver⸗ ödung, Mangel und Kummer in den Städten Flanderns und Brabants herrſchten, während Todesſtille herrſchte, wo ſonſt die herrlichen Lieder dieſes wahrhaft poetiſchen Volkes er⸗ klangen,— ſchweifte die Verzweiflung durch die verbrannten, ausgeſtorbenen Dörfer, über die wüſten Felder dahin. Unkraut ſchoß üppig auf, wo einſt die goldne Saat ſo reizend gewogt hatte, und wenn man Bettler ſah, ſo waren es gewiß Bauern, obwohl auch in den Städten Bettler dahinſchlichen, die einſt über Tauſende zu verfügen gehabt, und die jetzt von Thüre zu Thüre ihr tägliches Brot erbaten, um nicht verhungern zu müſ⸗ ſen. Ja: verhungern und zwar, im ſtrengſten Sinne! So weit war es gekommen. Nicht bloß die abgehagerten blaſſen Menſchengeſichter gaben davon Zeugniß; auch die Wölfe ga⸗ ben es, die zu den Behauſungen der Menſchen heranſtrichen, vor denen die Kinder in den Wiegen nicht ſicher waren. Die Hunde gaben es, die herrenlos hungernd umherſchweiften und die der Hunger zu Raubthieren gemacht hatte. In großen Hau⸗ fen rannten ſie aus und griffen Thiere und Menſchen an. Aus⸗ getilgt ſchienen alle Spuren der menſchlichen Kultur in dieſen unglückſeligen Provinzen, verwiſcht die Furchen der Felder, die Gleiſe der Frachtwagen, die Rabatten der Gärten, die Grän⸗ zen des Eigenthumswerthes. Man bot Juwelen für Brot. Man kannte die Heerſtraßen nicht mehr; man verzweifelte, ob 8 die Erde noch Früchte trage. Es iſt klar, daß nicht der Krieg allein all dies grenzenloſe Unheil veranlaßt, daß Mißwachs das Elend vollendet hatte. Trauriger aber iſt es, daß der Herzog von Parma für die unglücklichen Provinzen, welche denn jetzt der ſpaniſchen Herrſchaft wieder unterwor⸗ fen waren, faſt ſo gut wie gar nichts thun konnte, um deren Lage zu erleichtern! Es ſchien, als hätte ihnen der Himmel durch dieſe Plagen recht fühlbar machen wollen, was ſie verlo⸗ ren hatten, als ſie die Freiheit aufgaben! Denn zur ſel⸗ ben Zeit, und unter wahrlich ſehr mißlichen politiſchen Ver⸗ hältniſſen blühten die freien Provinzen der Union durch Schifffahrt und Handel immer mehr auf. Ihr Wohl⸗ ſtand hob ſich durch die Freiheit, und dieſe ſollte ihn in kur⸗ zer Zeit zu einer noch ungeahnten viel reicheren Blüthe ent⸗ falten. Drittes Kapitel. Philipps II. großartiger Plan, England anzugreifen und zu unterwerfen, war langſam gereift, und hatte erſt nach und nach jene ganze politiſch⸗religiöſe Bedeutung erlangt, durch welche uns derſelbe jetzt plötzlich überraſcht. Mag die Partheileidenſchaft über Philipp II. den Stab brechen, mögen beſchränkte Geiſter deſſen Charakter nur nach dem Maßſtabe der Erfolge meſſen,— der partheiloſe Beobachter wird ſich ſtets angeregt fühlen, in Philipps Weſen tiefer einzugehen; er wird dann begreifen, wie bei weitem höher die Beweggründe waren, die jenen König zur Erſtrebung einer Univerſalmonarchie hintrie⸗ ben.— Wir ſcheuen keinen Scheelblick von Seiten irgend einer Parthei, wenn wir offen bekennen, daß wir, ohne Philipps Grund⸗ ſätze billigen zu können, doch die Energie und die Kon⸗ ſequenz beſtaunen, womit er einem Zwecke, der ihm als der höchſte und heiligſte galt, unbedingt folgte; daß uns die Klugheit in Verwunderung ſetzt, die im Geleite jener Charaktereigenſchaften war und die er in ſeinem Benehmen ge⸗ gen die europäiſchen Großmächte meiſterhaft an den Tag legte. Die große Berechnung, welche Philipp II. anlegte, verdient, von ſeinem Standpunkte aus, eine beſſere Bezeichnung als die bloßer Intriguen; wenn wir ſie auch von unſerm Standpunkte aus betrachtet, nicht redlich heißen können. Kühn und fein war ſie gewiß, und—„der Zweck heiligte das Mittell“ So 304 nur läßt ſich Philipps II. Stellung zur Ligue in Frank⸗ reich, ſo ſein fortgeſetztes diplomatiſches Benehmen gegen England erklären. In Beiden war es die höchſte religiöſe Pflicht, welche ihn leitete und welche ſeine politiſchen Abſichten ſtützte, die Idee der religiöſen Einheit, des Triumphes der alleinſeligmachenden Kirche! Sowohl den franzöſi⸗ ſchen Hof als die proteſtantiſche Eliſabeth konnte Philipp nur als Feinde des wahren Glaubens betrachten. Ihm, als dem Vertheidiger des letzteren, war es Pflicht, ſie zu bekriegen, und im Kriege hielt er jede Liſt für erlaubt. Reinperſönliche Motive mußten allerdings noch dazu kommen, um die religiöſe Ueberzeugung durch den Stachel der Leidenſchaft zu ſchärfen. Staunenswerth bleibt es immer, wie Philipp ſein geiſtiges Ue⸗ ergewicht zu behaupten wußte, wie in ſeinem ganzen Weſen, in allen ſeinen Aeßerungen und Handlungen nichts Kleinliches aufzufinden iſt. Für den ausgedehnten Wirkungskreis, in welchen er eintrat, hätte er ein wahrhaft großer Herrſcher werden müſſen, wenn die Feſtigkeit ſeiner religiöſen Ueberzeugung von frühe an durch andere Einflüſſe hätte beſtimmt werden können. Sein Talent, die Majeſtät zu repräſentiren, war, ſo groß es war, doch nicht größer als ſein Talent zu herrſchen, und ſein Unglück wie ſein Mißgriff beſtand vornämlich darin, daß er ſeine Perſon als Brennpunkt der Majeſtät, und die Majeſtät als Inbegriff der Herrſchaft nahm; daß er zwiſchen Gott und ſich ſelbſt keine andre Mittelsperſon als die Kirche wußte; daß er ſeine Pflichten gegen ſeine Un⸗ terthanen bloß in ſeiner höchſten Pflicht gegen Gott inbe⸗ griff; ja daß er dieſe Pflicht auch auf ſein Verhältniß zu allen Nationen überhaupt ausdehnte. Die übermäßige Vorſtel⸗ lung von ſeiner perſönlichen Sendung(um nicht zu ſagen Verpflichtung) gründete tiefer, als man gewöhnlich annimmt; 4 — — 3⁰⁵ aber eben dieſe eigenthümliche Verbindung von gränzenloſer Hingebung an das Höchſte und von überſchwellender Zuverſicht auf ſeine Sendung provozirte die Nemeſis, deren Weſen wir nicht umhin können mit Schellings treffenden Worten zu bezeichnen:„Nemeſis iſt ja doch nichts anderes, als jene un⸗ ſichtbare Gewalt, die das, was geſchehen ſoll, zum wirklichen Geſchehen bringt, und die dem Beſtehenden Feind iſt, in wiefern es verhindert, daß das einmal Sein⸗ſollende ſich vollende.“ Die erſte faktiſche Veranlaſſung, durch welche Philipps II. Plan gegen England erweckt wurde, war die Vergrößerung ſeiner Seemacht in Folge der Eroberung Portugals im Jahre 1580. Zwei Jahre ſpäter verrieth eine Denkſchrift über die Kriegsmacht Spaniens deutlicher, wie ſich jene Abſichten allmälig aus den Keimen entwickelten. Man fand in der er⸗ wähnten Schrift die Frage aufgeſtellt, ob Spanien ſeine bedeutende Macht nicht zur Demüthigung Englands an⸗ wenden ſolle? Und es ſchien denn auch allerdings leichter, England zu überwältigen als Holland und Seeland; es ſchien nützlicher, durch Englands Bezwingung zu gleicher Zeit auch den Niederlanden ihren wichtigſten Rückhalt zu rau⸗ ben—, als die Schifffahrt, zumal die nach der neuen Welt, ſtets durch eine große und koſtſpielige Kriegsflotte ſchützen zu müſſen. Noch im Jahre 1582 erſchien ein, wie man ſagt, von dem Herzog van Alba aufgeſetzter Entwurf über die Seemacht, welche eine Expedition gegen England erfordern würde, und über die Mittel, um eine ſolche Macht auszurüſten. Auch bot ſich Alba zur Leitung der Expedition an, als ihn noch in dem⸗ ſelben Jahre der Tod überraſchte. Feſt haftete jedoch die Idee in Philipps II. Geiſte und der Monarch korreſpondirte über dieſelbe im nächſten Jahre mit dem erfahrenen Alexander Farneſe, welchem er auftrug, ſich genaue Beſchreibungen II. 20 306 ſämmtlicher engliſcher Häfen und feſter Plätze zu verſchaffen. Gleichwie das religiöſe Moment überhaupt den vornämlich⸗ ſten Antheil an dem Beſchluſſe Philipps gehabt hatte, da es gelten ſollte, das Bollwerk des Proteſtantismus zu zerſtö⸗ ren, ſo trat jenes Moment auch bei den Vorbereitungen zur Ausführung des Planes lebhaft ins Spiel, und eifrig wurden die Intereſſen des katholiſchen Theiles der engliſchen Bevöl⸗ kerung insgeheim durch geſchickte Sendlinge aus Spanien auf⸗ geboten. Als reinperſönliche Motive folgten nun noch mehre andre Umſtände, welche Philipp II. in ſeinem Plane beſtärkten. Er ſah, wie Eliſabeth die vereinigten niederländiſchen Provinzen thätig unterſtützte, welche von ihm, ihrem ange⸗ ſtammten rechtmäßigen Herrſcher, abgefallen waren. Ihn ver⸗ mochte Eliſabeth durch die Maskerade ihrer Politik nicht irre zu führen; an ihm fand die kluge Fürſtin einen Meiſter im Spiele. Die Hinrichtung der katholiſchen Maria Stuart durch Eliſabeth mußte Philipps Erbitterung gegen dieſe proteſtan⸗ tiſche Königin aufs Aeußerſte reizen, und zwar um ſomehr, da durch die raſche und blutige Kataſtrophe jene große, von Frank⸗ reich nach England hinüber verzweigte Konſpiration, welche man nicht mit Unrecht die„katholiſche“ nennen kann und bei deren Leitung eben Philipp ſelbſt die klügſten Häupter der Ligue über⸗ blickte, eines wichtigen Hebels beraubt wurde. Sehen wir auch davon ganz ab, daß Philipp II. in der Hinrichtung Maria Stuarts, zu welcher ſich Eliſabeth durch Politik und Religion (durch die letztere wegen der erſteren) aufgefordert fand, ein un⸗ geheures Verbrechen erblicken mußte, daß er in Maria Stuart, wie ſo viele ſeiner Zeitgenoſſen, die Märtyrin für den Katholi⸗ zismus verehrte, deren Blut um Rache rief, ſehen wir denn auch davon völlig ab,— ſo finden wir außerdem ein wichtiges Mo⸗ 3—— 4—— +2—————— 307 tiv darin, daß ſich Philipp II. in dem Falle befand, zur Erhal⸗ tung der finanziellen Grundlagen ſeiner Macht gegen England Alles zu wagen. Der kühne engliſche Seeheld Franz Drake hatte, nicht ohne Wiſſen und Beifall Eliſabeths, die Beſitzungen Spaniens in der neuen Welt mit glücklichem Er⸗ folge angegriffen.— Gleich wie nun zur Zeit der Entdeckung Amerikas jeder verwegene Abentheurer Europas an jenen andern Küſten des atlantiſchen Ozeans Quellen von Gold und Felſen von Diamant,— das gelobte Land aller Wünſche und Hoff⸗ nungen ſuchte, ſo mochte jetzt der erſte glückliche Angriff jenes engliſchen Weltumſeglers auf die ſpaniſchen Kolonien auch immer mehre andre unternehmende Männer dahinlocken; ſo mochte Eliſabeth fortwährend dieſen neuen Weg benützen, um Spaniens Macht Abbruch zu thun. Keine Frage: Philipp war durch jene Angriffe zur Abwehr herausgefordert und die ſicherſte Ab⸗ wehr ſchien ihm, nicht mit Unrecht, wieder ein Angriff ſelbſt, wenn dieſer großartig⸗ umfaſſend angelegt war. Wenn Philipp die Mittel überblickte, welche ihm zur Verfügung ſtanden, ſo konnte er an einem günſtigen Erfolge kaum zweifeln. Seine Seemacht in Spanien und Portugal war von dem erſten Augenblicke an, da er an Rüſtungen gegen England dachte, Jah⸗ relang eifrig vergrößert worden. Durch Alexander Far⸗ neſes Tapferkeit und Klugheit war Flandern wieder in ſeinem Beſitze; die Häfen dieſes Landes boten für eine Expedition gegen das Inſelreich Angriffsſchiffe und dieſen letzteren ſelbſt einen ſicheren Rückhalt. Endlich glaubte er ſich durch die Unterſtützung von Seiten der Ligue in Frankreich in den Stand geſetzt, auch von dorther England im Schach zu halten. Um ſeine Streit⸗ kräfte ungetheilt erhalten zu können, hatte er mit den Tür⸗ ken Frieden geſchloſſen. Was aber ſeiner Unternehmung die höchſte Weihe aufdrückte, war der geiſtliche Rechtstitel 308 auf England, welchen ihm der große Papſt Sixtus V. ganz im alten weltherrſchenden Geiſte der römiſchen Kirche, nach denſelben Begriffen von Weltordnung verlieh, wie einſt Gregor VII., wie Innocentius III. und Innocentius 1v. ſie entwickelt, aus⸗ geſprochen und bethätigt hatten. Jener Obelisk, den Sixtus V. in Rom aus dem Schutte ſo vieler Jahrhunderte wieder empor⸗ richten ließ, war in der That ein bedeutungsvolles Symbol, wie ſich auch die Macht der römiſchen Kirche ſiegreich wieder zu erheben ſtrebte. Ein größerer Werkmeiſter als jener geniale Fontana, ein tauſendarmiger, arbeitete dafür,— der Jeſuiten⸗ orden. Das Beiſpiel nachahmend, welches die erhabenen Cha⸗ raktere gegeben, die vor ihm auf dem Stuhle des Apoſtelfürſten geſeſſen,— erklärte Sixtus V., als Stellvertreter Jeſu Chriſti, im Beſitz der Macht zu binden und zu löſen,— die Kö⸗ nigin Eliſabeth,„als Ketzerin und Verfolgerin des wahren chriſtlichen Glaubens,“ verluſtig aller ihrer fürſtlichen Ehrentitel, Rechte und Anſprüche in Bezug auf England und Irland, und entband ſämmtliche Unterthanen von dem Eide der Treue und des Gehorſams gegen ſie. Kraft jener alten hierarchiſchen Rechtsbegriffe von der höchſten Gewalt der römiſchen Kirche über alle irdiſche Herrſchaft übertrug er ferner Philipp dem Zwei⸗ ten,(welcher den Titel„rey catholico“ vorzugsweiſe verdiente,) als einem„Beſchützer des chriſtlichen Glaubens,“ die Herr⸗ ſchaft über England und IJreland als ein von der rö⸗ miſchen Kirche vergebenes Lehen. Zu der Expedition bewilligte er dem getreuen Sohne der römiſchen Kirche eine Million Dukaten in Gold. Durch jenen geiſtlichen Rechtstitel nun erhielt die Unternehmung Philipps II. gegen England in ſeinen Augen ihre höchſte Sanktion. Er betrachtete ſie, als ſei in ihr der Inbegriff ſeines ganzen Lebens zuſammengefaßt. Sie war ihm die erhabenſte Aufgabe jenes geiſtlichen Ritterthums, 3⁰9 für welches wir ihn zu allen Zeiten, und mit allen Waffen des Geiſtes wie der Gewalt, gegen die Fortſchritte des Menſchenge⸗ ſchlechtes kühn in die Schranken treten ſahen. Er bot Alles auf, um dieſe Sendung zu vollbringen, und ſie ward auch in der That der entſcheidende Wendepunkt ſeines Lebens und Wirkens.. Lange genug hatten die Rüſtungen zu der Expedition ge⸗ dauert, und als ſie(im Frühling 1588) vollendet waren, ſchien die Streitmacht wirklich jenes Prädikat zu verdienen, mit welchem man ſie in Spanien ſelbſt bezeichnete, das der„unüberwind⸗ lichen Armada.“ Sie umfaßte nicht weniger als 90 große und 40 kleinere Kriegsſchiffe mit 2600 Geſchützen, mit Lebens⸗ mitteln für ſechs Monate und mit einer Bemannung von 20,000 Soldaten und 10,000 Seeleuten. Die Gallionen, hoch und ſtark gebaut, glichen ſchwimmenden Feſtungen; die Bruſtwehren waren ſtark genug gegen alle Musketenkugeln; die Balken maßen 4— 5 Schuh in der Dicke, die Maſte, mit Kalk und Pech bekleidet, ſtanden wohlverſehen gegen die Macht der Geſchütze. Die Galeaſſen glichen wahren Paläſten mit präch⸗ tigen Gemächern und Kapellen zum Gottesdienſte; Muſik ſcholl an den Borden, während die ſtolzen Flaggen Spaniens von den Winden geſchwellt wurden, als ſei es nicht ein Kampf, als ſei es ein Triumpf, zu dem ſie zögen, als wolle der Monarch, der ſich rühmen konnte, daß in ſeinem Reiche die Sonne nicht unter⸗ ginge, auf dem Ocean, der ihm zwei Erdtheile verband, ein großes Feſt bereiten, zu welchem alle Könige der Welt als Gäſte geladen ſeien. In der That: die„unüberwindliche Armada“ repräſentirte Spanien, ganz ſo, wie es war, in ſeiner Macht und in ſeinem Prunk, mit ſeinen Sitten, Bräuchen und Grundſätzen, mit ſeiner Zierde, der Ritterlichkeit, und mit ſeinem Schrecken, der Inquiſition; nichts war vergeſſen als die Wolluſt: Dieſe 310 war ausdrücklich von dem neuen Kreuzzuge ausgeſchloſſen; aber die leichtfertigen Dirnen ließen es ſich nicht ne nen, den Krie⸗ gern auf einem eigenen Geſchwader nachzuſegeln. Wir ſagten: „von dem neuen Kreuzzuge.“ Ein ſolcher war es in der That! Die Blüthe des Adels in Philipps weitem Reiche, von Begier nach unſterblichem Ruhme im Kampfe gegen die Ketzer glühend, drängte ſich ungeduldig an Bord der Flotte; zahlreiche Prieſter und Mönche befanden ſich auf derſelben, welche den Ka⸗ tholiken Englands und Jrelands die Segnungen der„alleinſe⸗ ligmachenden“ Religion ausſpenden, welche die Proteſtanten bekehren ſollten, und, damit die Bekehrung nach ſpaniſcher An⸗ ſicht um ſo gewiſſer erreicht, damit die vollkommene Säuberung des zu erobernden Reiches von der eingeroſteten Ketzerei bewirkt werde, trug die Armada auch einen Inquiſitor, und— nebſt Geſchützen, Musketen, Hellebarden, Schanzkörben, Räderſchanzen und Mauerbrechern— auch einen vollſtändigen Apparat von Folterwerkzeugen. Man ſieht, ganz Spanien war zur See gegangen, um ſich in England dauernd niederzulaſſen. Zum Oberadmiral der Armada hatte Blilipp anfangs den trefflichen Marquis von Santa Croce, und nach deſſen Tode den Herzog von Medina⸗Sidonia ernannt, einen Mann aus einer der edelſten ſpaniſchen Familien, jedoch wenig befähigt für einen ſo wichtigen Auftrag. Der Antheil, welchen der Herzog von Parma an der Expedition nehmen ſollte, und der dieſen Feldherrn(wie wir zu Ende des vorigen Kapitels erwähnten) verhinderte, die Verwir⸗ rungen in den vereinigten Provinzen zum Vortheil Spaniens zu benutzen, war folgender. Parma ſollte den tüchtigſten Kern ſeiner kampferprobten Krieger ausleſen, dieſe Truppen in den Häfen von Dünkirchen und Nieuwpoort einſchiffen, und ſeine Flotte mit der ſpaniſchen Armada vereinigen. Parma ſuchte 311 ſich ſeines Auftrages mit um ſo größerem Eifer zu entledigen, je mehr Schwierigkeiten ihm(durch die Sperrung der Schelde) im Wege Kanden, um die Schiffe, welche er zuſammenbrachte, in die Häfen zu ſchaffen. Er mußte zu dieſem Behufe erſt neue Kanäle anlegen. Auch ließ er eine Menge von Schiffen mit platten Böden zimmern, auf manchen Fahrzeugen Backöfen bauen, und treffliche Kriegsgeräthe ſchaffen. Nach unſäglichen Anſtrengungen vollendete er ſeine Rüſtungen. Aus Spanien, Italien, Deutſchland und Burgund hatte er Soldaten geworben, deren Zahl ſich im Ganzen auf 43,000 Mann belief, und zu Alexander Farneſes Fahnen waren kampffreudig die Söhne der edelſten Geſchlechter Spaniens und Italiens herbeigeeilt. Groß war die Beſorgniß der vereinigten Provinzen über Parmas außerordentliche Rüſtungen; auch war dieſe Be⸗ ſorgniß nicht grundlos, denn der königliche Oberſtatthalter ging von dem richtigen Grundſatz aus, welchen er auch dem Könige empfahl:„zuerſt ſolle der Krieg in den Niederlanden ge⸗ endigt werden, wofür damals die größere Wahrſcheinlichkeit vorhanden war; dann ließe ſich die Expedition gegen England mit um ſo gewiſſerem Erfolge unternehmen. Wenigſtens ſollte man zuerſt den wichtigen Hafen von Vlieſſingen erobern, damit die Flotte im ungünſtigen Falle ein ſicheres Aſyl finden könnte.“ Philipp II. war jedoch einerſeits durch die Hin⸗ richtung Maria Stuarts noch allzuſehr erbittert, und anderſeits glaubte er, ermuthigt durch die glücklichen Fortſchritte, welche die Ligue eben in Frankreich machte, daß keine Zeit zu verlieren ſei. So wurden denn Parmas trifftige Vorſchläge abgewie⸗ ſen. Ebenſo wenig berückſichtigte man einen anderen, nicht min⸗ der beherzigenswerthen Vorſchlag jenes engliſchen Ueberläufers Stanley, daß man auf der ireländiſchen Küſte landen und ſich dort eines Hafens bemächtigen ſollte. 312 Inzwiſchen hatte Philipp II., um ſeine Feindin ſicher zu machen, und vielmehr die Meinung zu verbreiten, daß ſeine Rüſtungen eigentlich den vereinigten Provinzen gälten, mit Eliſabeth Friedensverhandlungen angeknüpft. Ernſtlich hatten ſich die Staaten allen darauf bezüglichen Vor⸗ ſchlägen Eliſabeths widerſetzt; Prinz Moritz und Oldenbar⸗ neveld verwendeten ihren ganzen Einfluß, um die Gedanken von Unterhandlungen der Provinzen mit Spanien abzulenken. Moritz fragte die reformirten Prediger, ob man„vor Gott wohl einen Frieden ſchließen dürfe, bei welchem die öffentliche freie Ausübung der reformirten Religion ausgeſchloſſen würde?“ die Prediger erklärten ſich hierüber, wie ſich wohl vorausſehen ließ, nämlich verneinend; ja ſie ſchickten ſogar Deputirte an Eli⸗ ſabeth ab, um ihr von den Unterhandlungen mit Spanien dringend abzurathen. Die Republik befand ſich in einer gefähr⸗ lichen Kriſis, denn neben der allgemeinen Beſorgniß vor den ungeheuren Rüſtungen Philipps, deren eigentlicher Zweck in ein Geheimniß verhüllt war, herrſchte auch U neinigkeit zwi⸗ ſchen den einzelnen Landſchaften und Städten über die wichtig⸗ ſten Nationalangelegenheiten. Die Preſſe bewährte damals einen ſehr großen und vortheilhaften Einfluß; ſie feſtigte die patriotiſchen Geſinnungen, deren Organ ſie war.*) Auch gab ſich König Heinrich von Navarra alle Mühe, um die *) Die gleichzeitigen Geſchichtſchreiber theilen uns Auszüge aus einer Druckſchrift mit, welche unter dem Titel:„notolyke consideratien, die allo goede liefhebbers des vaderlands rypelyk behoren te over- wegen op den vorgeslagen tractaet van peys met den Spangiaerden“ damals erſchien. Hierin war vornämlich darauf hingewieſen, daß der König nach allen Schritten, welche die Provinzen gegen ihn gethan, unmöglich je verzeihen könne. Dem Auszuge nach zu ſchließen, war dies Büchlein ein Meiſterſtuck von ächter Volks⸗ ſchrift. — 313 Staaten zu einem Bunde gegen die franzöſiſchen Ka⸗ tholiken und die Ligue zu bewegen; weßhalb er denn gleich⸗ falls von einer Friedensverhandlung mit Spanien dringend abrieth. Doch blieb ſein Vorſchlag ohne Erfolg, da man ſich ohne Eliſabeth nicht auf denſelben einlaſſen und ander⸗ ſeits unter den damaligen Umſtänden deren Zuſtimmung nicht: erwarten konnte. Eliſabeth ließ ſich, wenigſtens für ihre Perſon mit Philipp in Unterhandlungen ein; ſei es nun, daß ſie wirklich hoffte, den Ausbruch eines Krieges abzuwenden, oder ſei es, daß ſie bloß Zeit zu gewinnen ſuchte. Die Unter⸗ handlungen wurden zu Bourburg(einer Stadt in Flandern) am 6. Juni 1588 eröffnet. Während ſich dort die Geſandten Englands mit den Abgeordneten Parmas über die Bedin⸗ gungen beriethen, war die Armada bereits unterweges. Am 29. Mai hatte ſie vor Liſſabon, ihrem Sammelplatz, die Anker gelichtet. Mittlerweile erkannte Eliſabeth die dringende Nähe der Gefahr, und in England wie in den vereinigten Pro⸗ vinzen wurde nun mit dem größten Eifer zu Land und zur See gerüſtet, um dem Angriffe des Feindes Widerſtand leiſten zu können. Jetzt, da Alles auf dem Spiele ſtand, zerriß die gemeinſame Noth plötzlich das ganze Gewebe wechſelſeitiger Beſchwerden, Vorwürfe, Intriguen und Mißtrauens. Indem Eliſabeth raſch die geeigneten Anſtalten zur Vertheidigung der engliſchen Küſten und Hafenplätze traf und ihrer Flotte die nöthigen Befehle ertheilte, wendete ſie ſich auch an die vereinig⸗ ten Provinzen, und erbat ſich von denſelben Kriegsſchiffe zur Verſtärkung. Gerne wurde dieſe der Königin gewährt, unter der Bedingung, daß ihre Flotte auch den Niederlanden beiſtehen ſolle. Herrlich war der Nationalaufſchwung, welcher ſich jetzt mit einem Male kundgab; vergeſſen waren Mißtrauen und 314 Uneinigkeit; ein einziger großer Gedanke belebte Jedermann. Jeder, vom Höchſten bis zum Geringſten, entfaltete eine erſtaun⸗ liche Thätigkeit, Jeder eilte freudig auf das angewieſene Feld ſeiner Thätigkeit. Man nahm ein Verzeichniß ſämmtlicher Kauf⸗ fahrtheiſchiffe auf und ließ aus den zweitauſend, worauf deren Zahl ſich belief, fünfzig zum Seekriege ausrüſten. Außer jenen zwanzig Kriegsſchiffen, welche zur engliſchen Flotte ſtießen, be⸗ ſaſſen ſie noch ein Geſchwader von neunzig Schiffen; der Vize⸗ admiral von Seeland Joſt de Moor war beauftragt, mit einem Geſchwader vor Dünkirchen zu ſegeln, um dem Herzog von Parma die Ausfahrt zu ſperren und ſo deſſen Vereinigung mit der Armada zu verhindern. Holland und Seeland verwahrten ihre Küſten durch eine Kette von Wachen; die Be⸗ ſatzungen in den Seeſtädten erhielten Verſtärkung; die Leucht⸗ thürme wurden abgebrochen, die Backen aus den Gewäſſern genommen, die Wahrpfähle abgehauen, damit die feindlichen Schiffe keine richtige Waſſerſtraße finden und die gefahrvollen Plätze nicht vermeiden könnten. So rüſtete ſich die edle Na⸗ tion, um dem freien Meere kein Joch aufzwingen zu laſſen, um durch das freie Meer auch den heimiſchen Boden mit allem Heiligen, was er trug, mit den Kirchen, in denen die Glaubens⸗ freiheit ſaß, mit den theuren Gräbern der Helden, die für die Freiheit geſtritten und geſtorben, mit den Trophäen der Siege, für Kinder und Kindeskinder rein zu erhalten von fremder Zwingherrſchaft. In jenen Tempeln, an jenen Gräbern kniete jetzt ein biedres, ſchlichtes, tüchtiges Volk und betete(es war ein allgemeiner Bußtag ausgeſchrieben) aus der Inbrunſt des Her⸗ zens zum allmächtigen Gott; ſtark war das Vertrauen des Volkes auf den großen Helfer in der Noth, daß Er Sein hei⸗ liges Wort und die freien Niederlande nicht dem drohenden Feinde zum Raube preisgeben werde, und es gelobte Ihm be⸗ 4☛ geiſtert„getreu dafür auszuharren bis zum Alleräußerſten, was Sein heiliger Wille verhängen würde. Selten ſind ſolche Au⸗ genblicke in der Weltgeſchichte, wenn ein Volk, im vollen Gefühl ſeiner gerüſteten Kraft, in der höchſten Aufregung ſeiner Begei⸗ ſterung, die Hand am Schwert, den wachſamen Zlick in die Ferne gerichtet, um den Feind zu erſpähen, wenn es kampffreu⸗ dig und voll des edelſten Stolzes, doch demüthig in den Staub hinknieet, und ſein Recht, ſeine Freiheit, ſeine Kraft und ſeine Exiſtenz der allwaltenden Vorſicht anempfiehlt. In ſolchen großen Momenten, die ſich nur empfinden, nicht beſchreiben laſſen, in ſolchen Momenten erhält ein Volk ſeine Weihe für alle Zeiten; dann erhebt es ſich, mit einer neuen, unſichtbaren Rüſtung angethan, von welcher die Geſchoße der Uebermacht abprallen, und jenes weſenloſe Geſpenſt, das gemeine Seelen als ihren Abgott ver⸗ ehren, weil ſie davor zittern, jene Lüge, welche nur die Blöd⸗ ſinnigkeit in den Kreis der moraliſchen Weltordnung einſchmuggeln möchte, der Z ufall, zerrinnt in ſein Nichts vor der National⸗ Begeiſterung, welche zugleich eine wahrhaft religiöſe iſt. Inzwiſchen war Philipps Armada aus dem Hafen von Liſſabon nach Corunna in Gallicien geſegelt, um dort noch Mannſchaft und Munition einzunehmen. Doch ihr Auslaufen bezeichnete ſchon eine unglückliche Vorbedeutung. Ein furchtbarer Sturm überfiel die Flotte und zerſtreute ſie. Mit genauer Noth fanden ſich die verſchlagenen Schiffe im Hafen von Co⸗ runna wieder zuſammen, bis auf vier. Schon verbreitete ſich das Gerücht, die ganze Armada ſei ſo übel zugerichter wor⸗ den, daß ſie zu der vorgehabten Expedition untauglich ſei, und ſelbſt die Engländer ließen ſich dadurch täuſchen, ſo daß das engliſche Geſchwader ſich ruhig im Hafen von Plymouth ver⸗ hielt. Philipp II. brannte jedoch vor Ungeduld, ſeinen Plan verwirklicht zu wiſſen. Auf ſeinen nachdrücklichen Befehl lichtete 31¹6 die Armada am 21. Juli vor Corunna wieder die Anker, und nach acht Tagen befand ſie ſich bereits im Kanal. Die Engländer hatten ſie nicht erwartet und ein ungünſtiger Südwind verhinderte ihre Flotte aus dem Hafen von Ply⸗ mouth auszulaufen, was jedoch der Herzog von Medina⸗ Sidonia— zum Glück für die Feinde— nicht benutzte. Statt ſie anzugreifen, hielt er ſich ſtreng an die Vorſchriften ſeines Monarchen, welcher ihm geboten hatte, geradeswegs nach dem Pas de Calais zu ſteuern, den Küſten Frankreichs ſo nah als möglich zu bleiben und ſich, vorerſt noch mit Vermeidung eines Angriffes gegen die engliſche Flotte, gen Dünkirchen hinzuwenden, um ſich mit dem Herzog von Parma zu verei⸗ nigen. Sobald dies geſchehen, ſollte dann Parma mit dem Geſchwader aus Flandern der Armada nach England voran⸗ ſegeln und ſich geradesweges vor London wenden. Mittlerweile gelang es der engliſchen Flotte, der ſpaniſchen, welche ihrer Inſtruktion gemäß, weiter ſegelte, nachzueilen, und am letzten Juli erblickten ſich beide zum erſtenmal. Kaum hatte ſich der engliſche Admiral von der Schwerfälligkeit der ſpani⸗ ſchen Kriegsſchiffe überzeugt, welche zwar durch ihre ungemeine Größe imponirten aber bei ihrem unvollkommenen Bau eben durch dieſelbe an ſchnellen Wendungen(wie ein Seetreffen ſolche bedingte) verhindert wurden, ſo begann die engliſche Flotte auf die feindliche zu feuern. Nun wurden die Feindſeligkeiten faſt ohne Unterlaß fortgeſetzt, wobei den Engländern die raſche Bedienung ihrer Geſchütze ſehr zu Statten kam. Die ſpaniſche Flotte zog ſich hierauf in Schlachtordnung, und zwar in der Form eines Halbmondes, enger zuſammen und be⸗ diente ſich nur der kleineren Segel, damit alle Schiffe gleichen Lauf hielten. Eben dadurch aber kam es, daß die Hauptgallione von Sevilla, worauf ſich doch Don Pedro de Valdez be⸗ — — 317 fand, im Gedränge mit ihrem Maſthaum wider ein andres Schiff ſtieß; der Maſt zerbrach, und die Armada ließ, um ſich nicht aufzuhalten, jene Gallione zurück. Am folgenden Tage bemächtigte ſich derſelben der kühne Franz Drake, welcher Val⸗ de'z Anſuchen um Kapitulation mit den lakoniſchen Worten ab⸗ wies:„Ich habe keine Zeit zu verlieren. Will ſich Valdez ergeben, ſo ſoll er mich gnädig,— will er bis in den Tod fechten, einen Krieger in mir finden.“ Valdez ergab ſich ohne Bedingung, in ritterlichem Vertrauen, und der tapfre Drake rechtfertigte dies. Beide Feinde achteten die gegenſeitige Tapfer⸗ keit. Drake umarmte ſeinen Gefangenen und theilte Tiſch und Schlafkammer mit ihm.— Indeſſen dauerten die Treffen der beiden Flotten fort. Am 3. Auguſt brachte eine eingetretene Windſtille der ſpaniſchen, deren Ruder trefflich bedient waren, einen augenblicklichen Vortheil. Am 4. geriethen beide Flotten hart an einander und ein hitziger Kampf entbrannte, wobei die Engländer den Sieg gewannen und noch dazu die tröſtliche Nachricht aus Havre de Grace erhielten, daß man von Frank⸗ reich keine Unterſtützung der Spanier zu beſorgen habe. Am 6. erreichte die ſpaniſche Flotte endlich die Höhe von Calais und legte ſich dort vor Anker; auf Schußweite davon that die engliſche desgleichen, wo ein Geſchwader von 20 Se⸗ geln unter Seymour, das bisher in der Themſemündung gelegen, zu ihr ſtieß. Medina Sidonia ſchickte alſogleich zu dem Herzog von Parma urd ließ dieſem ſagen:„er würde am folgenden Tage im Grevelingen eintreffen und Parma ſolle deßhalb ſo ſchnell als möglich ſeine Truppen einſchiffen, um ſich mit der Armada zu vereinigen.“ Wenn dies gelang, dann mußte die ſpaniſche Uebermacht unzweifelhaft den Sieg erringen, dann war jeder bisher errungene Vortheil der Engländer frucht⸗ los, und ſowohl dieſe als die Niederländer waren verloren. 318 Aber die Niederländer waren es, welche dies große Un⸗ heil verhinderten. Schon hatte nämlich der Herzog von Parma von der Ankunft der ſpaniſchen Armada vernommen, ſchon dem alten Grafen von Mansfeld das Gouvernement für die Zeit ſeiner Abweſenheit übertragen, um perſönlich an der Expedition Theil zu nehmen, ſchon war er zur heiligen Jungfrau Maria in Hal gewallfahrtet, um den Segen des Himmels zum Kreuz⸗ zuge zu gewinnen; ſchon war Alles bereit und er ritt nach Dünkirchen; aber verzweiflungsvoll ſah er dort durch die niederländiſche Flotte den Hafen geſperrt, an den Küſten von Flandern und Seeland hin trotzten ihm andre Schiffe der Niederländer, welche überall das Meer gegen die ſeinigen vertheidigten. Von nagendem Mißmuth erfüllt ließ er dem Herzog von Medina Sidonia melden, daß er, wie die Sachen ſtünden, ſich dazu genöthigt ſehe, zu warten, bis die Armada die niederländiſchen Geſchwader zum Rückzug von Nieuwpoort und Dünkirchen Zezwungen. Nun ſteuerte denn die Armada näher gen Dünkirchen zu; da hatte ſie auf der einen Seite die niederländiſchen, auf der anderen die engliſchen Schiffe vor ſich; aber eine Windſtille verhin⸗ derte alle Operationen. In der Nacht vom 7. auf den 8. Auguſt erhob ſich der Wind und nun ſetzte der engliſche Admiral raſch einen kühnen Plan ins Werkv; er ließ nämlich acht durch Gianibelli ausgerüſtete Brander gegen die feindlichen Schiffe treiben, da wo ſie am gedrängteſten ſtanden. Ihr Anblick und der Name Gianibelli erweckten bei den Spaniern die Erinnerung an die Höllenmaſchine vor Antwerpen.„Antwerpener Feuer!“ rief man, plötzlich von paniſchem Schrecken erfaßt; denn man beſorgte abermals eine gräßliche Exploſion; im Nu dachte jeder nur an die eigene Rettung und mehrte dadurch die allgemeine 319 Verwirrung. Thaue gekappt, Anker gelichtet, hierhin, dorthin geſteuert, wie Wind und Wellen trieben, dazu noch des Himmels Zorn, in Sturm und Wetter kundgegeben! der bloße Schrek⸗ ken hatte die Flotte zerſtreut, und in der Verwirrung war ein Schiff wider das andere geſtoßen, hatte eines das andere be⸗ ſchädigt. Als der engliſche Admiral am Morgen die namenloſe Ver⸗ wirrung der Feinde gewahr wurde, benützte er ſie raſch mit Geſchick und Nachdruck. Allmählig erholten ſich die Spanier von den Schrecken der Nacht und ſetzten dem kühnen Angriff der verbündeten Engländer und Niederländer einen heldenmüthigen Widerſtand entgegen. Von beiden Seiten geſchahen Großthaten, die einer ewigen Bewunderung werth ſind. Mehre ſpaniſche Schiffe trieben durch Gedrängtheit, ſowie durch Unkunde der Schiffer über das Fahrwaſſer auf den Strand. Eine Haupt⸗ galeaſſe verwickelte ſich in die Ankertaue eines anderen Schiffes, verlor dadurch ihre Ruder und lief, Calais gegenüber, auf eine Sandbank. Raſch verfolgten ſie engliſche Pinaſſen, beſchoſſen ſie heftig und überwältigten ſie; man fand auf jenem Schiffskoloſſe an 5000 Dukaten königlichen Schatzes. Der heldenkühne hol⸗ ländiſche Unteradmiral van der Does nahm bei Dünkirchen eine ſpaniſche Gallione, auf welcher ſich Don Diego de Pi⸗ mentel befand, der ſich dem van der Does ergab. Dieſer ſchenkte ſpäter die Flagge des eroberten Schiffes der Petrikirche zu Leyden. Die Seeſchlacht war entſcheidend geweſen, und der Sieg für die Verbündeten ſo vollſtändig, daß der Herzog von Me⸗ dina Sidonia, für das Schickſal der ganzen Armada ban⸗ gend, einen Kriegsrath hielt, worin der Rückzug beſchloſſen wurde. Da jedoch der Wind ihm entgegen war, und er überdies mit der Flotte der Bundesgenoſſen nicht zuſammen⸗ treffen wollte, ſo faßte er den verwegenen, abentheuerlichen 320 Plan, ſeinen Rückzug auf einem bedeutenden Umwege zu nehmen Statt durch den Kanal heimzueilen; ſteuerte er gen Norden, um Schottland und Irland zu umſegeln und ſo den off⸗ nen Ocean zu gewinnen. Der Wind, der die Armada immer weiter nach Norden hinauftrieb, wurde bald zum Sturm, und rüſtig folgten die ſiegesfrohen Engländer hinterher. Parma war indeſſen vor Mißmuth faſt außer ſich; und in der That war es auch für einen Mann von ſeinem Rufe, von ſeinen Verdienſten, von ſeinem Geiſt,— unerträglich, durch Wind und Wellen in der Ausführung ſeiner beſten Pläne auf⸗ gehalten zu ſein! Nie vermochte er ſeine Aufregung weniger zu verbergen; nie bewies er ſeine tiefinnerſte Treue für die katho⸗ liſchen Intereſſen überhaupt und für die des Königs insbeſondere deutlicher als damals, da er vor Zorn und Ungeduld gegen die Schranken der Unmöglichkeit tobte, da er von Stunde zu Stunde einen Plan für einen geeigneter ſcheinenden vertauſchte, da er jetzt ſeinen Ruhm, ſein Leben, ja tauſende von fremden Leben aufs Spiel ſetzen wollte und doch, was ſein Herz ehrt, bald darauf wieder dieſe fremden Leben erwog, die er mit ſich ins Verderben reißen würde. In der That: in wenigen Lagen ſeines glorreichen Lebens erſcheint dieſer große Mann nicht bloß intereſſanter, ſondern auch liebenswürdiger, als in dieſer, da er eine bloß paſſive Rolle zu ſpielen hatte. Nach dem härteſten Kampfe, den er je beſtand, nämlich dem mit ſich ſelbſt, beſchloß er endlich, ſeine Truppen, welche er ſchon eingeſchifft hatte, wie⸗ der an's Land ſetzen zu laſſen und vor der Hand die nächſten Reſultate abzuwarten, welche die„Armada“ unter Medina⸗ Sidonia erringen würde. Dieſe Reſultate waren traurig genug: Medina⸗Sidonia befand ſich bald in einer ſchrecklichen Lage. Unbekannte Gewäſſer vor ſich, als ſei er ausgezogen, um eine neue Welt zu entdecken,— —* T 321 hinter ſich die ſiegreichen Feinde, um ſich die Wetter des Him⸗ mels! Die erſte unverantwortliche Verzagtheit dieſes unfähigen Mannes, deſſen größtes Verdienſt in ſeinem hohen Adel beſtand, rief bald eine noch größere, noch ſchmählichere hervor. Er wollte mit dem Feinde in Unterhandlungen treten; bloß die zahlreichen Geiſtlichen und Mönche auf der Flotte verhinderten ihn daran; die Religioſität mußte ihm die Ehre retten! Aber ebenſo groß als Medina⸗Sidonias Verzagtheit, und noch größer war das Unglück der Armada. Zahlloſe Verluſte an Schiffen, Men⸗ ſchen, Geräthſchaft und Mundvorrath hatte ſie ſchon erlitten. Verſchloſſen waren ihr die Häfen Norwegens und Schottlands, wo ſie wenigſtens hätte Waſſer einnehmen können; man mußte Pferde und Maulthiere über Bord werfen; viele Schiffe waren halb zerſchoſſen und ſo manches ſank während der langen Fahrt in den Grund. Bei den Orkaden wendete ſich die Flotte end⸗ lich wieder ſüdwärts. Ein furchtbarer Sturm vollendete das Gericht des Himmels. Medina⸗Sidonia ſegelte mit einer kleinen Anzahl von Schiffen auf dem kürzeſten Wege nach Biskaya zurück; die, welche ſich aus jenem furchtbaren Sturme retteten, wurden an die unwirthbare Küſte von Connaught verſchlagen, wo ein wilder irländiſcher Stamm die unglücklichen Ankömmlinge bar⸗ bariſch ermordete. Zweihundert Geſtrandete wurden Anfangs gaſtlich aufgenommen und dann umgebracht; achthundert Andre beſtiegen lieber ihre halbzerſchellten Schiffe wieder, als daß ſie ein gleiches Loos befahren wollten, ſteuerten in die See hinaus und wurden von ihr verſchlungen. Das unſelige Geſchick, wel⸗ ches die Armada verfolgte, erreichte faſt jede Abtheilung der⸗ ſelben; hier Menſchen, dort Elemente, welche den kühnen Trotz Spaniens zerſplitterten; Stürme des Himmels und des Feindes⸗ zornes! Beſſre Aufnahme als an den irländiſchen Küſten fanden II. 21 322 die Unglücklichen jedoch in Schottland und vor Eliſabeth ſelbſt, welche, Gottes ſichtbares Walten erkennend, Großmuth übte, wenn man Menſchlichkeit überhaupt— Großmuth nennen darf! Die Freude öffnete ihr Herz für dies Gefühl. War doch ſie, war doch England, war doch der Proteſtantismus aus der furchtbarſten Gefahr gerettet. Medina⸗Sidonia erreichte für ſeine Perſon glücklich Spanien wieder. Doch in welchem Zuſtande brachte er ſeinem Monarchen die Armada zurück, die er wie eine ſtolze Königin als Brautführer zur Hochzeit mit dem Siege hinausgeleitet! Gedemüthigt, das Haupt von dem ſchimmernden Ehrenkranze der„Unüberwindlichkeit“ entblößt, von der Hand Gottes ge⸗ zeichnet und von der Hand der Menſchen geſchlagen, wie eine Bettlerin brachte er ſie heim, ohne Sang und Klang, ohne Freu⸗ denſalven. 32 Schiffe und 10,000 Menſchen waren(nach ſpa⸗ niſchen Berichten) durch Sturm, Feuersbrunſt, feindliche Geſchütze verloren gegangen, nach niederländiſchen Verichten noch ums Doppelte mehr.*) Faſt in allen adeligen Familien Spaniens herrſchte Entſetzen, faſt jede zog Trauerkleider an, weil ſie einen Sohn, einen Bruder, einen Vater, einen Verwandten bei der Expedition verloren. Doch Niemand in ganz Spanien büßte *) Vergleiche das„ganz gedenkwürdige und eygentliche Verzeichnuß, wie die mächtig und prächtig von vielen Jahren her zugerüſte ſpaniſche Armada zu end nechſt verſchienenen Sommers dieſes 1588 Jahrs umb Bezwingung der Niderlande und einnehmung des Königreichs Engelland abgefahren“ ꝛc. in C. v. Münchs„niederländiſchem Mu⸗ ſeum“(2. Bd. 3. Lieferung). Jenes„Verzeichniß“ gibt den Verluſt im Detail und die Summe des Verluſtes an S iffen auf 32, jenes an Menſchen auf 10,185 an,„von welchen gefänglich in Engelland und Seeland zum wenigſten 1000 gehalten werden, außerhalb einer großen Anzahl in der Schlacht oder durch den Hunger bingericht, und mehr ſchiff, die man vermeynt zu grund gangen ſeim. aber noch nichts gewiß darvon haben kann.“ dabei ſoviel ein, als der Monarch, in deſſen Haupte der Plan gereift war, der ſechzig Millionen auf die Ausrüſtung verwendet, dem die Unterhaltung der Flotte täglich dreißigtauſend Dukaten gekoſtet hatte! Nicht blos dieſe ungeheuren Summen, die er wie ein verwegener Spieler auf den letzten Wurf geſetzt, waren ihm verloren,(und man be⸗ denke noch dazu, daß er, um ſie aufzubringen, ſeine Finanzquel⸗ len mit der größten Anſtrengung erſchöpft hatte) ſondern auch der Schrecken aller Fürſten und Völker vor ſeiner Macht war dahin. Man hatte vor Philipp bisher wie vor einem Halbgott gezittert, und nun erkannte man in ihm den Menſchen, welchen Gott aufs Tiefſte gedemüthigt. Als Menſch, als Katholik benahm ſich Philipp II. je⸗ doch wahrhaft groß, als er die Nachricht von der Zertrümme⸗ rung ſeiner kühnſten Hoffnungen vernahm. Man zitterte am Hofe, ſie ihm mitzutheilen; ſchonend wollte ihn der Graf von Caſtel⸗Rodrigo, welcher damit beauftragt war, erſt allmäh⸗ lig vorbereiten, das Ungeheure anhören und ertragen zu können. Philipp II. verlangte alle Details zu wiſſen und vernahm das Ganze mit jener ſtolzen Selbſtbeherrſchung, die hm ſo eigen war.„Ich habe die Armada gegen Menſchen aus⸗ geſendet, nicht gegen Stürme und Meereslaunen,“*) waren ſeine erhabenen Worte, welche in Spanien bald von Mund zu Mund gingen. In dieſem oder in keinem andern Zuge erkennt man die Kraft ſeiner religiöſen Ueberzeugung. Aber auch in den vereinigten Niederlanden fühlte man tief ergriffen in der außerordentlichen Kataſtrophe das Walten einer hö⸗ heren Macht. Dies religiöſe Gefühl ſprach ſich in zahlreichen *)„No embiè yo la armada contra los vientos y fortuna de la mar, sino contra los hombres.“ Porrenno(dichos y hechos del sennor rey Don Felipe segundo) f. 25. Liedern, die von Mund zu Mund gingen,*) eben ſo in den Medaillen aus, welche man zum ewigen Gedächtniß prägte. „Soli dco gloria!“ las man auf einer von dieſen Medaillen, deren Rückſeite die Armada zeigte mit den Worten:„Classis hispanica venit, ivit, fuit.“ Auf einer andern las man den frommen Spruch:„Homo proponit, Deus disponit.“ Auf einer dritten:„Flavit Jehovah, et dissipati sunt.“ Wichtig waren die Folgen jener Kataſtrophe für die Welt⸗ ſtellung des Katholizismus und des Proteſtantismus. Der verjüngte Katholizismus hatte bis dahin einen unge⸗ heuren Höhepunkt erreicht, und gegen den Proteſtantismus nicht bloß das Gleichgewicht behauptet, ſondern war auch eben im Begriffe, das Uebergewicht zu erringen. Nun war dieſes Verhältniß mit einem Schlage aufgelöst, und wenn auch der Ka⸗ tholizismus ſelbſt in ſeiner höheren Weſenheit durch die Kata⸗ ſtrophe nichts einbüßen konnte, ſo war doch deſſen Bündniß mit den Intereſſen des Abſolutismus erſchüttert. Es iſt klar, daß dieſe Wendung für die reine Würde des Katholizismus, mithin für die Grundlagen ſeiner moraliſchen Exiſtenz nur von Vortheil ſein konnte; ja wir ſind überzeugt, daß der Triumph des ſpaniſchen Abſolutismus jenen zeitweiſen Verbün⸗ deten allgemach ebenſo entkräftet haben würde, wie dies ſchon in früheren Jahrhunderten unter ähnlichen Verhältniſſen der Fall geweſen war. Aber anderſeits wurde auch der Proteſtantis⸗ *) Einem ſtolzen Diſtichon aus ſpaniſcher Feder „Ad Anglam et ejus assecla „Tu quae Romanas voluisti spernere leges, Hispano disces subdere colla jugo“, ſetzte St. Aldegonde folgendes „ad Hispanum et ejus asseclas“ entgegen: „Tu, qui christigenam voluisti perdere gentem, 8 7 Supremo disces subdere colla Deo 1 „ mus, weniger durch jene Kataſtrophe, als durch die derſelben vorhergehende Spannung über ſein Schickſal geläutert; die Kataſtrophe ermunterte dann zur raſchen Benützung der glück⸗ lichen Konjunkturen; und unter der klaren Himmelsbläue nach jenem furchtbaren Gewitter richtete ſich das Gefühl der Selbſt⸗ ſtändigkeit höher und reiner empor. Alles eben Geſagte findet ſeine natürliche Beziehung und Anwendung auf lßſoliisuhs und geſetzliche Freiheit. Die nächſte vortheilhafte Folge, welche der Verluſt Phi⸗ lipps II. für die Republik der vereinigten Niederlande hatte, war eine moraliſche. Mit der Abwendung der unge⸗ heueren Gefahr war der Nationalaufſchwung nicht zugleich erloſchen; die Begeiſterung dauerte noch mächtig fort. Nach dem unſeligen Zuſtand innerer Wirren und Zerwürfniſſe, welche Leiceſters Verwaltung herbeigeführt hatte, blieb das Gefühl deſſen, was gemeinſame Kraft vermag. Nach der Hoff⸗ nungsloſigkeit erhob ſich das Bewußtſein, daß man dem Herzog von Parma, ſo tapfer und gewandt er auch ſei, dennoch mit Glück widerſtehen könne; und überdem ließ es ſich leicht berech⸗ nen, daß Philipps Erſchöpfung Parmas Unternehmungen lähmen müſſe. Endlich war das bisher ſo fatale Wechſelverhältniß der vereinigten Provinzen zu England auf einmal weſentlich ver⸗ ändert worden. Die niederländiſche Republik, welche von Eng⸗ land noch vor wenigen Monaten als hilfbedürftiger Schützling betrachtet und behandelt worden war, hatte zur Errettung eben dieſes Reiches weſentlich beigetragen. Eliſabeth hatte die phyſiſche und moraliſche Kraft der Provinzen kennen und achten gelernt; dieſe Achtung,— zuerſt begründet durch jene Bereit⸗ willigkeit, mit welcher die Provinzen, aller Zerwürfniſſe ver⸗ geſſend, die Bitte der Königin um Beiſtand erfüllt hatten,— dieſe Achtung erſchuf ein, neues, ſchöneres Verhältniß, das 326 des wechſelſeitigen Vertrauens zwiſchen England und der Republik; Beide hatten ja gemeinſame höhere Inte⸗ reſſen, welche ſie von ſelbſt zu einer aufrichtigen und treuen Bundesgenoſſenſchaft aufforderten. Beide mußten ſich überzeu⸗ gen, daß weder die Gewaltſchritte noch die Intriguen Spaniens dem einen oder anderen Lande Schaden zufügen könnten, wenn ſie ſich wechſelſeits treu und ehrlich unterſtützten. Dies war denn für die vereinigten Provinzen keinesweges unwichtig. Denn, ungeachtet des bedeutenden Verluſtes, welchen Philipp II. durch das Verunglücken ſeiner großen Expedition erlitten hatte, war der Herzog von Parma damals noch immer mächtig genug, nicht blos durch den Beſitz von Brabant und Flandern mit den wichtigen Hafenplätzen, ſondern auch, da er fortwährend ſeine Eroberungen in Geldern und Over⸗ Aſſel, ſo wie Drenthe und Gröningen behauptete. Auch war weder ſein Muth, noch ſeine Hoffnung: die nördlichen Pro⸗ vinzen der Krone Spanien wieder zu erobern, im Geringſten geſunken, und mit aller Umſicht, welche ihm eigen war, behielt er auch den Kriegsſchauplatz am Rhein feſt im Auge, um die Fortſchritte der republikaniſchen Waffen aufzuhalten, und der katholiſch⸗königlichen Parthei dort das Uebergewicht zu er⸗ ringen. So ließ er Bonn, welches Martin Schenk einge⸗ nommen hatte, ſchon vom März(1588) an durch den Prinzen von Chimay belagern. Der tapfre ſpaniſche Oberſt Johann Baptiſt Taſſis verlor dabei das Leben. Die Belagerten lei⸗ ſteten ſechs Monate lang unter dem Kommando des Herrn von Podeliz trefflichen Widerſtand, obwohl ihnen die Staaten, welche ihre ganze Aufmerkſamkeit ſowie alle ihre Mittel damals auf die Vertheidigung des eigenen Landes zur See verwenden mußten, ungeachtet aller Vorſtellungen Schenks und des vertrie⸗ benen Kurfürſten Gebhard Truchſeß keine Hülfe zum Entſatz 327 ſchicken konnten. Als der Herzog von Parma nach der Ent⸗ fernung der Armada wieder freiere Hand hatte, verſtärkte er alſobald die Belagerungstruppen und ſo mußte ſich endlich die tapfre Beſatzung Bonns— auf ehrenvolle Bedingungen— am 19. September 1588 ergeben. Sie erhielt freien Abzug mit Waffen und Fahnen und begab ſich theils nach Rheinberg, theils nach Wachtendonk, als den nächſtgelegenen Feſtungen, ſich nach einer Belagerung am 20. Dezember desſelben Jahres dem Grafen Peter Ernſt von Mansfeld, welcher ſie für den Kurfürſten Ernſt in Beſitz nahm.— Inzwiſchen hatte ſich der Herzog von Parma veranlaßt gefunden, eine Unternehmung gegen das feſte Bergen⸗op⸗ Zoom auszuführen, die einzige Stadt in Brabant, welche der Krone Spanien nicht wieder unterworfen war, und noch zur Utrechter Union gehörte. Ein Arm der Schelde, die Voſſemaar genannt, trennt Bergen⸗op⸗Zoom von der ſeeländiſchen In⸗ ſel Tholen, deren Beſitz dem Herzog von Parma nothwendig ſchien, um jene Stadt mit Erfolg angreifen zu können. Er be⸗ orderte deshalb Montigny und den Grafen Ottavio von Mansfeld mit 800 Mann, um ſich Tholens zu bemächtigen, welches Graf Georg Eberhard von Solms für die Staaten behauptete. Die Feinde hatten zu ihrem Angriff auf Tholen die Zeit abgewartet, da der Waſſerſtand der Voſſemaar am niedrigſten war. Verwegen rückten jene achthundert Mann, bis an die Schultern im Waſſer ſtehend, und durch 2000 Schützen am anderen Ufer gedeckt, gegen die Uferdämme heran, von wo aus die Beſatzung der Inſel ſie mit einem ſo heftigen Feuer empfing, daß ſie ſich endlich, trotz aller Tapferkeit, mit großem Verluſt zurückziehen mußten. Demungeachtet unternahm Parma die Belagerung von Bergen⸗op⸗Zoom. Sie 328 wurde am 23. September eröffnet. Indeſſen hatte jedoch dieſe Stadt von Seeland und Holland aus friſche Truppen zur Verſtärkung ſowie allen nöthigen Bedarf erhalten; in der Feſtung befand ſich der engliſche Befehlshaber Willougby und Prinz Moritz hatte ſich mit den Deputirten der Staaten dahinbege⸗ ben. Zwiſchen Bergen⸗op⸗Zoom und der Schelde lagen zwei Schanzen, auf deren eine, die Nordſchanze, Parma einen vergeblichen Angriff machte. Ebenſo ſchlug ein Verſuch fehl, dieſelbe durch Verrätherei(ſo wähnte Parm a) zu über⸗ wältigen. Zwei Engländer(Grimſton und Readhead) hatten ſich ihm nämlich angeboten, dazu behülflich zu ſein, und ob⸗ wohl Parma die äußerſte Vorſicht anwendete, ſo wurde er doch überliſtet; jene beiden angeblichen Verräther waren näm⸗ lich im geheimen Einverſtändniß mit dem Oberſten Morgan. Parma ließ die Beiden in Feſſeln von zwei Soldaten umge⸗ ben; ſo ſollten ſie einem Haufen von dreitauſend Mann den Weg zur Schanze weiſen. Sie ließen es ſich gefallen; man fand, als man vor die Schanze kam, das Thor offen und die zwei Engländer traten mit 50 Mann durch daſſelbe ein. Da ließen die, welche drinnen waren, plötzlich das Fallgitter nieder und die fünfzig Mann wurden mit leichter Mühe überwältiget. Ergrimmt beſchloſſen ihre Kameraden draußen raſch den Wall zu ſtürmen; ſie durchwateten den Graben und klimmten die Bruſtwehr hinan. Doch ihr Sturm wurde von der tapfren Beſatzung glücklich abgeſchlagen, und mit einem Verluſt von 800 Mann mußten ſich die Feinde endlich zurückziehen. Nach dieſer mißglückten Unternehmung überzeugte ſich Parma, daß er gegen Bergen⸗op⸗Zoom, deſſen Beſatzung häufige Aus⸗ fälle wagte, in der vorgerückten Jahreszeit nichts auszurichten im Stande ſein werde; das anhaltende Regenwetter hatte faſt alles Land unter Waſſer geſetzt und die Dämme ſchlüpfrig ge⸗ 329 macht, wodurch die Zufuhr der Lebensmittel erſchwert wurde und dieſe ſehr hoch im Preiſe ſtiegen. Er entſchloß ſich denn, die Belagerung abzubrechen, und führte dieſen Entſchluß vom 12. auf den 13. November(1588) aus. Er begab ſich nach Brüſſel, von tiefer Schwermuth über den üblen Ausgang dieſer Unternehmung erfüllt; ſeine Mißſtimmung datirte ſchon von jener Zeit her, da er ſich verhindert geſehen hatte, der Ar⸗ mada gegen England zu Hülfe zu eilen; bald ſollten noch mehre Umſtände, welche man daran knüpfte, dazu beitragen, ſeine Melancholie zu vermehren. Seine Truppen legten in der Umge⸗ gend von Bergen mehre Schanzen an, um die Ausfälle und Streif⸗ züge der Beſatzung dieſer Stadt zu verhindern, und begaben ſich dann nach Brabant, welcher Provinz ſee ſehr zur Laſt fielen. Bald nach ſeinem Abzuge empfing Prinz Moritz(am 20. November) zu Veere auf Walcheren die Huldigung als Markgraf; die Huldigung zu Vlieſſingen(auf gleichen Rechtsanſpruch) mußte noch bis 1590 unterbleiben. Bei der Feierlichkeit wurden verſchiedene Schaumünzen ausgeworfen, deren Unterſchriften charakteriſtiſch waren, wie denn überhaupt die lange Reihe der niederländiſchen Geſchichtsmünzen eine höchſt intereſſante Gallerie bildet, in welcher der Geiſt der Zeiten und der Nation ſeine ganze Eigenthümlichkeit in treffender Kürze entfaltet.*) So ſah man damals auf einigen bei jener Gele⸗ genheit geſchlagenen Münzen die verbundenen Wappen von Veere und Naſſau mit der Schrift:„Nodus indissolubilis,“ und auf dem Revers die Hand mit dem nakten Schwerte und berühmte:„Je maintiendray,“— auf anderen: zwei in einan⸗ der geſchlungene Hände, den Merkursſtab haltend, mit der Schrift:„Auxilia humilia firma consensus facit.“ *) Vergleiche das Werk von van Loon„Nederlandscho Historiepen- ningen.“ 330 Mit der Aufhebung der Belagerung von Bergen⸗op⸗ Zoom und der Einnahme Wachtendonks durch den Grafen von Mansfeld war der Feldzug des Jahres 1588 beendigt; ſeine Reſultate waren ziemlich gering geweſen; die Armada hatte alle Anſtrengungen von Freunden und Feinden abgeleitet. Dagegen nimmt die Löſung einer langwierigen Verwickelung in den inneren Landesangelegenheiten, welche noch in dieſem ver⸗ hängnißvollen Jahre 1588 zu Stande gebracht wurde, unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Dies iſt die Unterdrückung des demokratiſchen Prinzips in Utrecht und demzu⸗ folge die endliche Ausgleichung dieſer Provinz mit Holland nach ſo langen Zerwürfniſſen. Wir wiſſen, wie die Patrizier Utrechts, durch die Umwäl⸗ zung unter Leiceſterſchem Einfluß ausgedrängt, geflüchtet waren, — nämlich nach Woerden in Holland; wir kennen die Oppoſition Utrechts im Geiſte der engliſchen Parthei; wir haben endlich geſehen, wie Leiceſter ſelbſt ſeinen ſtanvhaften Anhänger, den Statthalter Utrechts, den Grafen von Nieuenaar, ſich völlig entfremdet und zum Anſchluß an die ſtreng patriotiſche Parthei getrieben hatte. Die nach Woerden ausgewichenen Edlen hatten von dort aus am letzten Dezember 1587 eine Prote⸗ ſtation, in welcher die noch beſtehende Leiceſterſch geſinnte Ma⸗ giſtratur ſcharf mitgenommen wurde, an den Grafen Nieu⸗ enaar geſendet, und bei dieſem um Abſtellung der gewaltſam eingeriſſenen Mißbräuche(oder vielmehr: der Verletzungen der Provinzialverfaſſung) nachgeſucht. Indeſſen hatte Nieuenaar, wiewohl ſelbſt gegen die Leiceſterſche Parthei eingenommen, die ſein Anſehen als Statthalter ſoſehr beeinträchtigte, doch damals nichts ſo Entſcheidendes thun können, wie eine neue Beſetzung der Magiſtratur; er hatte jedoch den Provinzialſtaaten von den 331 Beſchwerden und der Proteſtation der Edlen Anzeige gemacht, während dieſe ſich auch mit einer Bittſchrift an die General⸗ ſtaaten wendeten. Im Februar 1588 waren hierauf Kom⸗ miſſäre der letzteren mit anderen des Staatsraths und der Staaten von Utrecht zuſammengetreten, um die Sache zu entſcheiden, was, ungeachtet aller Mühe, vergeblich blieb, da die Edlen eine durchgreifende Veränderung in der Beſetzung der Magiſtratur von Utrecht forderten, wozu man ſich diesſeits nicht verſtehen wollte. Im Juli hatten die Edlen von Utrecht eine neue Bittſchrift an die Generalſtaaten eingegeben; Elbert Leoninus und Meiſter Valke hatten dieſelbe nach Utrecht geſandt, damit durch Nieuenaars Vermittlung die Zwiſtigkeiten zwiſchen den ein⸗ zelnen Mitgliedern der Staaten endlich beigelegt würden. Dar⸗ über war jedoch in Utrecht nur eine neue Aufregung entſtanden. Mittlerweile hatten die Staaten dieſer Provinz, namentlich die von der Stadt ſich überzeugt, daß ſie ſich ohne engliſche Hülfe in ihrer zunehmenden Verlegenheit wohl ſchwerlich würden behaupten können, und hatten abermals einen Geſandten an Eliſabeth nach England geſchickt, um nochmals die Souverai⸗ netätsübertragung an dieſelbe in Vorſchlag zu bringen. Die Intriguen nahmen dabei immermehr zu, Prounink gab ſich den Anſchein, als wolle er die Bürgermeiſterſtelle niederle⸗ gen, und die Bürgerhauptleute, in denen das demokra⸗ tiſche Prinzip vorzugsweiſe repräſentirt war, fertigten auch von ihrer Seite einen Geſandten nach England ab, mit dem Auf⸗ trage, durch Eliſabeth und Leiceſter auf Prounink dahin zu wirken, daß er ſeine Stelle fortbehalten möchte. Die ganze Sache war abgekartet, und zwar vornämlich darauf abgeſehen, daß ſich der Statthalter Nieuenaar dann der Empfehlung von Seiten Eliſabeths für Prounink nicht widerſetzen 332 könne. Der Abgeordnete der Bürgerhauptleute brachte auch in der That gar bald die gewünſchte Empfehlung Eliſabeths und Leiceſters zurück; aber Nieuenaar ſetzte indeſſen der Intrigue eifrige Bemühungen entgegen. Schon ſeit einiger Zeit unterhielt er einen genaueren Zuſammenhang mit allen Feinden Prou⸗ ninks und der Leiceſterſchen Parthei; den Staaten theilte er die Briefe aus England mit, und freimüthig erklärte er der Königin ſelbſt, daß er in dem betreffenden Falle ihren Wünſchen in Bezug auf Prounink nicht willfahren werde. Während dieſe Angelegenheit im Gange war, verlor jedoch Prounink ſeine wichtigſte Stütze in England, den Grafen Leiceſter, welcher am 14. September 1588 ſtarb. Dieſen Ver⸗ luſt empfand Prounink gar bald ſchwer; denn die Königin erklärte ihm, daß ſie in ihrem vorigen Schreiben keineswegs die Abſicht gehabt hätte, dem Statthalter, Grafen Nieu⸗ enaar, in der Ausübung ſeiner Rechte das mindeſte Hinderniß in den Weg zu legen. Als nun der Zeitpunkt herannahte, wann in Utrecht die übliche Veränderung der ſtädtiſchen Regierung vor ſich gehen ſollte,(der elfte Oktober) wurden von beiden Partheien aufs Allereifrigſte Anſtalten zum Kampfe getroffen. Beide verdoppelten die Sicherheitsmaßregeln; die Aufregung nahm von Tag zu Tag zu und man traf in der Stadt ſogar kriegeriſche Maßregeln. Jedermann befand ſich in der höchſten Spannung; als plötzlich Prounink, der Schult⸗ heiß Karl von Trillo und mehre Andere, durch Nieuenaars Uebergewicht in Verhaft genommen wurden. Durch ſeine treff⸗ lichen Maßregeln war der Statthalter in Kurzem Meiſter der Stadt und ließ, während die Bürger noch in Waffen blieben, ſchnell die Staaten verſammeln. Auf ſein Anſuchen ermäch⸗ tigten ihn nun Dieſe, zur Verhütung größeren Unheils, die ſtäd⸗ tiſche Regierung zu verändern. Dies geſchah denn auch, und 333 zwar fünf Tage vor der üblichen Zeit, nämlich ſchon am 6. Ok⸗ tober. Statt Ruiſch's und Prouninks wurden Dirk Kanter und Dirk de Goyer zu Bürgermeiſtern erwählt; Schöffenkollegium und Nath wurden gleichfalls großen⸗ theils neu beſetzt, ebenſo die Stellen der Bürgerhauptleute. Nun kehrten auch die Ausgewanderten zurück. Hierauf verordneten die Staaten von Holland, daß ſich mehre ihrer Deputirten mit dem Prinzen Moritz nach Schoonhoven begeben und ſich dort zur Wiederherſtellung der Eintracht zwi⸗ ſchen Holland und Utrecht thätig bemühen ſollten. Auch verſetzten ſee Prounink in Anklageſtand über 31 wichtige Punkte. Trillo und mehre Andre wußten ſich genügend zu rechtfertigen und wurden denn auch bald wieder auf freien Fuß geſtellt. Auch Prounink verſtand es trefflich, ſich zu verthei⸗ digen. Indeſſen war jedoch die Erbitterung gegen ihn von Seiten der Patrioten zu groß, als daß er ſein Leben hätte ret⸗ ten können, wäre nicht Eliſabeth ſelbſt für ihn ins Mittel getreten. Durch ihre Interceſſion, ſowie durch die ihres Sekre⸗ tairs Walſingham und mehrer andrer Engländer wurde Prou⸗ ninks Sache inſoweit verbeſſert, daß er endlich(Juli 1589) bloß aus Utrecht verbannt und zur Bekleidung aller Aemter und Würden im Staate fortan für unfähig erklärt wurde. Seiner neunmonatlichen Haft entledigt, begab ſich dann Prounink eiligſt nach England, wo er ſpäter mehre fruchtloſe Verſuche zu ſeiner Reſtituirung machte. Im Jahre 1590 kehrte er aus England nach Holland zurück, und zwar mit Briefen Eliſabeths verſehen, welche er den Staa⸗ ten gerne perſönlich übergeben hätte, was man ihm jedoch rund abſchlug. Er brachte den Reſt ſeiner Tage als Privatmann in Holland zu. Noch im Jahre 1601 findet man ſeiner Erwäh⸗ nung gethan; er widmete nämlich damals den Staaten eine in franzöſiſcher Sprache abgefaßte Schrift über das Vaterunſer, wofür man ihm zweihundert Gulden verehrte, und welche im Jahre 1605 erſchien. So war denn nun in Utrecht durch Nieuenaars Entſchiedenheit das demokratiſche Prinzip unterdrückt, mit demſelben zugleich die Quelle des fremden Einflußes erſtickt, und die Vereinigung die⸗ ſer Provinz mit den übrigen von der Atrechter Union im rein patriotiſchen Geiſt glücklich zu Stande ge⸗ bracht. Inhalt des zweiten Bandes. Drittes Buch(1576— 1579). Drittes Kapitel(1579)... Viertes Buch(1579— 1585). Erſtes Kapitel(1579— 1581). Zweites Kapitel(1581— 1584). Drittes Kapitel(1584— 1585). Fünftes Buch(1585— 1589). Erſtes Kapitel(1585— 1586). Zweites Kapitel(1586— 1587). Drittes Kapitel(1588). Seite. 21³ Wittich'ſchen C. = — 6 2 — 5 5 . 5 5 5 F — S C6 „₰ 8 N — ê 2 — — S 2 G 2 2 — 8 — *₰ 5 5 —— —— AAe 2 4* „ 24 5 * —————ꝛ