Leihbibliothetr ruiſcer, engliſcher und franzs öſiſcher Literatur 1 3 Cduard Ottmann in Gießen, Scoloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Jeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und iidab der B Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr off 1. 2. Lesepreis. Bei Ruck gabe eines geliehenen Buches wird von edene. Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stt ſen angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perjonan muffen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe eſaece entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für ööcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 un Wenat: 1 15 u S9 8 2 Mi 7 3 8 deiseteneäen erſetzt werden.— 31 das eroren din arh Rnh lorene und eſehte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ie 8 14 Tage feſtge eſetzt und beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverle der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die lelben von mir i zeliehen, auch dafür zu ſtrpen haben. — — — Friedrich von Schiller's Abfall der Niederlande. Fortgeſetzt von Dr. Eduard Duller. In drei Vänden. — 4. —* Gedruckt auf der Schnellpreſſe der L. C. Wittich'’ſchen 5 Hofbuchdruckerei in Darmſtadt. 6 1 1 Friedrich von Schiller's. hiſtoriſche Schriften. Erſter Supplementband: Geſchichte des Abfalls der vereinigten Niederlande, fortgeſetzt von Eduard Duller. I. —4 Köln, 1841. Verlag von M. Du Mont⸗Schauberg. Aachen und Köln, bei Ludwig Kohnen. ———— Friedrich von Schiller's Geſchichte des Abfalls der vereinigten Niederlande. ð& Fortgeſetzt von Eduard Duller. Erſter Band. (Von der Ankunft Alba's in den Niederlanden bis zum Tode Don Juan's von Oeſterreich, 1567— 1578.) Köln, 1841. Verlag von M. DuMont⸗Schauberg. Aachen und Köln, bei Ludwig Kohnen. 4 r e Vorbemerkung. Der Verfaſſer hat es vermieden, bei ſeiner Darſtellung des „Freiheitskampfes in den Niederlanden von der Statthalterſchaft Alba's(1567) bis zur Aner⸗ kennung der Republik durch den Waffenſtillſtand von Antwerpen(1609)“ viele Citate anzufügen. Dafür folgt hier eine Angabe der hauptſächlichſten Quellen und Hülfsmittel, aus denen er ſchöpfte und welche er größtentheils in der reichhaltigen Großherzoglichen Hofbibliothek zu Darmſtadt vorfand, deren Liberalität er hiermit eben ſo dankbar öffentlich anerkennt wie die Gefälligkeit ſeiner Freunde in den Nieder⸗ landen, welche ihm intereſſante Mittheilungen zukommen ließen. Benützt wurden(unter Anderm): P. Bor, oorsprongk, begin en vervolgh der nederlandschen orlogen(Amster- dam. 1679. I— IV); Strada de bello belgico, Mete- ren(in mehreren Ausgaben); Reyd(Ausg. v. 1644, die lat. Leydener Ausgabe v. 1633); Grotius(Amsterdam 1657); Hooft nederland'sche historien(Amsterdam. 1820— 1824. 1— VIII); de Thou; Brandt, tori der Reforma- tie(Amsterd. 1671); Haer, de initio tumultuum belgi- corum; Miraeus; die reichhaltigen analecta belgica von Papendrecht; Conestaggio, historia delle guerre della Germania inferiore; Benti voglio, della guerra di Fiandra(Venedig 1702); 0 esare Campana, vita del catholico e invittissimo Re Don Wilippo II.(Vicenza 1605) und della guerra di Fiandra Cibid. 1602); Ca- brera, historia de Felipe segundo 6 Madrid 1619); die obras y relaciones des Antonio Perer(Relaciones, Pariſ. Ausg. von 1598, Obras y relac. Ginevra 1654); Porreßo's dichos y hechos del seüor rey Don Felipe segundo(Madrid 1639); 3 Cervera le lici excessu Philippi II.(Frib. Br isg. 1609); en doza's und Davila's monarquia de Espana(Madrid 1770 und 1771); Juan Yaßez memorias para la historia de Don Fe- lipe III.(Madrid 1733); Khevenhüller, annales Ferdi- nandei; Alfonso d'UIloa, gründl. Beſchrbg. des niederl. Krieges(Frkft. 1570); Aitsinger, de leoune belgico(Cöln 1583 et usque ad 1596), u. ſ. w.;— die verſchiedenen Par⸗ theiſchriften, wie z. B. über Don Juan: Summari⸗Verclae⸗ rung(Antw. 1577) nebſt der vera et simplex narratio etc. (Luxemb. 1578), und Detail⸗Beiträge zur Kriegs⸗ und politi⸗ ſchen Geſchichte, wie der libellus supplex imperatoris maje- stati exhibitus(1570); die„Oration Philippi de Marnix“ (v. 1578); die Oratio legatorum Matthiae(in Worms 1578); „die Belägerung der Stadt Oſtende“(1604);— Spie- gel, bundel van onuitgegeeven Stukken etc.(Goes 1780); Kluit historie der hollandsche Staatsregering(1802); die Levensbyzonderheden van P. A. v. d. Werff von te Water; deſſelben historie van het verbond en de smeek- schriften der nederlandsche Edelen etc.(Middelb. 1779. IV); die bydragen tot de geschiedenis der Nederlanden von Cappelle(Haarl. 1827), u. ſ. w.;— ferner die Werke von Van der Vynkt(ed. Tarte 1822); Dewez(hi- stoire gener. de la Belgique 1823); Wagenaer(mit den Byvoegscls von van Wyn u. ſ. w.); van Kampen; Cannaert; Collot dEscury; Goethals; Sie- genbeek; de Jonge; Würth; Leti(mit aller erfor⸗ derlichen Vorſicht); Watson; Capefigue(histoire de la reforme etc.); unſeres klaſſiſchen Ranke Fürſten u. Völker Süd⸗Europa's; die Socistätsſchriften und Memoires(hievon beſonders Snellaert's verhandeling over de nederl. Dicht- kunst in Belgie(1838); Hasselt's histoire de la poésie française en Belgique etc.(1837) u. ſ. w.;— ſodann die neue⸗ ren(meiſt belgiſchen) Zeitſchriften, wie das„belgisch Mu- seum“, die„freie(jetzt„germaniſche“) Preſſe“ des ver⸗ dienſtvollen Dr. Coremans, den„messager des sciences historiques“, den„Flamingt u. ſ. w. Alle Monographien aufzuzählen, dürfte zu weitläuftig ſein. Ednard Juller. * 8 ‿ ₰ 89 8 Erſtes Kapitel. Unter allen Thronen katholiſcher Fürſten hatte der römiſche Katholicismus, welcher ſich im Kampfe gegen die Fortſchritte der Reformation auf eine wahrhaft Staunen erregende Weiſe verjüngte, keinen zweiten zu einem ſo ſicheren, unerſchütterlichen Bollwerk, wie den ſpaniſchen. Auf dieſem Throne ſaß Phi⸗ lipp II., ein Mann, deſſen Charakter und deſſen Stellung in der Weltgeſchichte ebenſo eigenthümlich ſind, wie ſein Ausgang erſchütternd, ein Mann, der ſein ganzes Leben, mit allen Freuden, Hoffnungen und Schätzen, einem ihm als heilig gel⸗ tenden höchſten Zwecke aufopferte, der dieſem Zwecke, in der Ueberzeugung: recht zu handeln, Tauſende von fremden Leben hinſchlachtete,— und an deſſen Sarge die Nachwelt ſpricht: „Beide Opfer, das unblutige wie die blutigen, waren ver⸗ geblich!“ Um Philipps II. Charakter und Politik richtig zu beurtheilen, muß man ſeine religiöſe Ueberzeugung und ſeine Nationalität aufmerklſam betrachten; beide waren in ihm unlös⸗ bar verwachſen. Als ſtrenger Katholik konnte Philipp II. in jedem Andersgläubigen nur ein Weſen erkennen, welches ſich ſelbſt von der Gemeinſchaft aller Gnaden dieſſeits und jenſeits ausgeſchloſſen, für welches es nur eine einzige Rettung gab, nämlich die einer reuigen Wiederkehr in den Schooß der römiſch⸗ katholiſchen, alleinſeligmachenden Kirche. Als Spanier durch und durch beſaß er ſo viel von jener alten Ritterlichkeit der 4 Nation, welche meiſtens in Glaubenskämpfen geſtählt worden war, daß ihn ſchon ein tiefeingewurzelter Drang übelverſtandener Nitterpflicht dazu trieb, Andersgläubige durch Kampf zu ſeiner eigenen religiöſen Ueberzeugung zu bringen, oder ſie— im Falle des Widerſtrebens— derſelben zu opfern. Als König fühlte Philipp 1I. dieſe Verpflichtung in einem noch höheren Grade; dazu glaubte er Weihe und Salbung erhalten zu haben; die Sache des Katholicismus wähnte er einſt vor Gott verantworten zu müſſen; und ſo trat er, ein gekrönter Ritter, für denſelben in die Schranken. Uebrigens war ſein Ritterdienſt eigener Art. Er ſelbſt war kein Feldherr; aber er beſaß ſolche, und die tapferſten Heere dazu. Von ſeinem einſamen Kabinet aus leitete er, mit der Feder in der Hand, mit der unerſchüt⸗ terlichen Konſequenz im Herzen, jene großen Feldzüge zur Aufrechterhaltung und Ausbreitung ſeiner Religion, welche er nicht bloß durch Waffen, ſondern auch durch Richterſprüche und Henkerbeile führte. Das Weſentliche, die Gewalt nämlich, blieb freilich hierbei daſſelbe. Die neue Welt lieferte ihm dafür ihre Schätze, und überdieß ſollten ihm die ſogenannten Ketzer ſelbſt die Ausrottung der Ketzerei bezahlen helfen,— ein Sy⸗ ſtem, welches wir in den Niederlanden in ſeinem ganzen furchtbaren Umfang entfaltet ſehen. Eben darin erkennen wir aber zugleich bereits das erſte leiſe Anzeichen der Vergeltung, welche Philipps II. kühnen Wahn dadurch ſtraft, daß er von ſeinen Maßregeln keine Früchte erleben ſoll. Genauer betrach⸗ tet, iſt es die Willkühr der Vollſtrecker, welche den Spuren der Willkühr des despotiſchen Gebieters folgt. Immer untergräbt der Egoismus der Diener unwiſſentlich das Gebäude der Ty⸗ rannei, welches ſie aufführen helfen ſollen. So ſcharfblickend Philipp II. alle ſeine Diener prüfend überwachte, ſo ſorgſam und klug er ſtets den Einen von ihnen durch den Andern in Schach 5' zu halten ſuchte, ſo ſehr er jeden Einzelnen zu lenken wähnte,— ſo beweiſt doch gerade der Aufſtand in den Niederlanden, wie wenig unabhängig er, wenigſtens im Anfang, gerade von jenem Diener ſein konnte, welcher gewiß am Meiſten in ſeinem Geiſte handelte. Mit Philipps II. Ueberzeugung von ſeiner Pflicht gegen den Katholicismus traf übrigens zugleich das Intereſſe ſeiner Politik zuſammen. In dieſer zeigte ſich deutlich das Cen⸗ traliſations⸗Streben eines abſolut⸗monarchiſchen Prinzips, wie nach außen zu vergrößernd, ſo nach innen zu, im Umfange der ihm untergebenen Länder, die Provin⸗ zialrechte ausgleichend, oder vielmehr: verwiſchend. Seine Politik war nur national für Spanien, das Land ſei⸗ ner Liebe, den Kern ſeiner Macht, für Spanien, wo ſcch ſelbſt der Stolz der Majeſtät vor den heiligen Schrecken der Inquiſi⸗ tion beugte. Durchaus antinational war ſie für die Niederlande. Der größte Mißgriff Philipps war der, daß er die freien Pulsſchläge des niederländiſchen Lebens nach jenen des ſpaniſchen bemaß und in gleichen Takt mit dieſem bringen wollte. Er dachte wohl nicht mehr an ſeinen Vater Karl V., wie dieſer in St. Juſt tiefſinnig und verzweifelnd vor den bei⸗ den Uhren ſtand. In jener geheimen Inſtruction, welche Philipp II. dem Herzoge von Alba mitgegeben hatte, und welche der Letztere Margarethen von Parma, auf ihre Anfrage, zu paſſender Zeit und Gelegenheit mitzutheilen verſprach, drückte gleich der erſte Punkt ziemlich deutlich und entſchieden die Abſicht aus, ſämmt⸗ liche niederländiſche Provinzen in ein Königreich zu verſchmelzen, deſſen Hauptſtadt Brüſſel ſein ſollte, etwa in der Art, wie Paris das Centrum Frankreichs bilde. Wenn man nun bedenkt, ſeit wie verhältnißmäßig kurzer Zeit 6 jene Provinzen einem und demſelben Fürſtenhauſe huldigten und wie wenig dieſes Verhältniß eine innige Vereinigung derſelben unter ſich begründen konnte, wie jede einzelne Provinz auf ihre ſelbſtſtändige Geſchichte zurückblicken konnte, wie jede in ihrer Selbſtſtändigkeit das Fundament ihres Wohlſtandes erkannte, wie nicht bloß die beſonderen Intereſſen der verſchiedenen Land⸗ ſchaften gegeneinander liefen, ſondern wie auch Sprache, Tem⸗ perament, Sitten und Religion ebenſo viele Scheidewände bildeten,— wenn man alle dieſe Umſtände zuſammenfaßt, ſo erſcheint jener Plan Philipps II. faſt wie eine Chimäre, und man möchte dieſen Monarchen beinahe durch die Unterſtellung gänzlicher Unkenntniß der niederländiſchen Verhältniſſe entſchul⸗ digen, wenn anders Unkenntniß des Landes und Volkes einem Fürſten überhaupt je zur Entſchuldigung gereichen dürfte. Die Letztere muß aber ganz wegfallen, wenn man ſich aus den in der geheimen Inſtruction für Alba enthaltenen Maßregeln zur Erreichung jenes Planes überzeugt, daß Philipp das Lebens⸗ Princip der niederländiſchen Provinzen wirklich gar wohl kannte, daß er es aber eben auszurotten ſuchte. Sein Centra⸗ liſationsſyſtem, von dem Zwecke ausgehend, die Niederlande in gleiche Unterthänigkeit zu bringen wie alle übrigen ihm gehor⸗ chenden Länder, war folgendermaßen ausgegliedert. Obenan: die Gleichheit der Religion, d. i. die Alleinherr⸗ ſchaft der römiſch⸗katholiſchen, eingeführt und erhalten durch ein glaubensrichterliches höchſtes Geſetz, aber mit Vermeidung des verhaßtgewordenen Namens der„Inquiſi⸗ tion“,— anderſeits moraliſch geſtützt durch die Auswahl muſterhaft frommer Prieſter für ſechs biſchöfliche Stühle. Sodann eine Amneſtie für das Volk; dagegen die Aus⸗ rottung der Häupter des Widerſtandes. Durch ſtrenge Beſchränkung der„breede Raade“(oder„Vroctschapben“) 7 wie wir ſie in den meiſten Städten der Niederlande finden, ſollte die Entnationaliſirung mächtig gefördert, dagegen der materielle Wohlſtand, durch Begünſtigung des Handels, zur lockenden Verſöhnung, möglichſt gehoben werden. Den Schlußring der Kette ſollte die Kriegsgewalt bilden. Zu dieſem Zwecke dienten Entwaffnung der Eingebornen, Anlegung von Citadellen, Abführung des Geſchützes und Kriegsbedarfes aus den Städten in königliche Magazine, und Verſicherung des Kanals durch eine Flotte von 30 Kriegsſchiffen ſowohl in Kriegs⸗ als auch in Friedenszeiten. Man ſieht: Philipp dachte weniger an die Beruhigung der Niederlande, weniger an die Wiederher⸗ ſtellung jenes Zuſtandes, in welchem ſie ſich vor den Unru⸗ hen befunden hatten, als vielmehr an die gänzliche Vernich⸗ tung dieſes Zuſtandes und an die Einführung eines neuen. Er wollte jene Unruhen bloß als einen Vorwand benutzen, unter welchem er ſein Attentat gegen die Selbſtſtändigkeit und Nationalität jeder einzelnen Provinz ausüben konnte. So provozirte er denn jetzt erſt den Abfall, und die Folge davon war, daß die gemeinſame Gefahr nun wirklich eine engere Annäherung der Provinzen zu einander erzeugte, wiewohl freilich von einer ganz andern Art, als er beabſichtigt hatte. Wir können uns, bevor wir die weitere Entwickelung dieſer Verhältniſſe beginnen, nicht enthalten, hier die Wendung, welche die Revolution nehmen wird, in wenigen Strichen anzudeuten. In jenen geſegneten füdlichen Landſtrichen, welche man unter dem Kollektivnamen:„Flandern“ begriff, zeigt ſich der erſte Widerſtand der Freiheit und Nationalität gegen die ſpaniſche Politik. So wie das Attentat Philipps ſich in ſeinem ganzen Umfange deutlicher zu erkennen gibt, wird der Widerſtand plötzlich zur Bewegung, und dieſe letztere pflanzt 8 ſich dann in die nördlichen Provinzen fort. Bald haben dieſe letzteren das ganze Gewicht der Uebermacht faſt allein zu ertragen, aber dabei entwickelt ſich in ihnen das Bewußtſein der Autonomie immer klarer, und begründet die Anfänge eines neuen ſelbſtſtändigen Staatslebens, während in der Folge die Revolution, nachdem ſie ihre Miſſion für den Norden vollendet hat, in eben jenen ſüdlichen Provinzen, wo ſie als Negation ausbrach und eine ſolche blieb, erliſcht, ſowie ſich hier die Autonomie der garantirten Er⸗ haltung der Provinzialrechte aufopfert. Die ſüdlichen Provinzen geben den Impuls; die nördlichen ernten das poſitive Re⸗ ſultat. Wie PhilipplI. eine eigenthümliche Stellung in der Reihe der Fürſten einnimmt, ſo behauptet der Herzog von Alba eine nicht minder originelle in der Reihe der Fürſtendiener. Nicht für den Platz eines ſolchen, ſondern für den eines Feldherrn hatte ihn die Natur ausgerüſtet. Sie verſagte ihm jene Gaben, deren der Fürſtendiener bedarf, als etwa: ſich in die Launen des Gebieters zu ſchmiegen, ſeine ganze Perſönlichkeit dieſem aufzuopfern, ſeine eigenen Gedanken und Pläne dieſem zu unterſtellen, um ſie von demſelben als deſſen Gebote zurückzuempfangen, und ſich außerdem mit wohlbehaup⸗ teter Freundlichkeit gegen jeden Nebenbuhler der fürſtlichen Gunſt zu benehmen, um ſowohl dieſe als jenen zu belauſchen und von jeder Miene wie von jeder Minute Vortheil ziehen zu können. Statt dieſer Talente verlieh die Natur dem Herzog von Alba ein energiſches Selbſtgefühl, welches ſich, nicht bloß Höflingen, ſondern ſogar dem mächtigen Monarchen gegenüber, nie verleugnen konnte,— ein Selbſtgefühl, welches in ariſto⸗ kratiſchem Stolz gründete, aber durch zahlreiche militäriſche Verdienſte eine glorreiche Folie erhielt. Wenn dieſer kühne 9 Trotz der Perſönlichkeit gegen die Autorität den Monarchen unangenehm berühren mußte, ſo lange die erſtere, bei Alba's Aufenthalt am Hofe, mit ihm in der Nähe zuſammentraf, ſo vertraute Philipp dagegen um ſo mehr, daß ſich Alba eben durch ſeine Perſönlichkeit am Beſten für die Ausführung des neuen Syſtemes in den Niederlanden eignen würde; und um ſo mehr glaubte ſich Philipp II. auf Alba, wie auf ſich ſelbſt, verlaſſen zu können, da dieſer Letztere die religiöſe Grund⸗ Anſicht des Monarchen vollkommen theilte. Für den mili⸗ täriſchen Theil des Centraliſationsſyſtems war zugleich wohl ſchwerlich jemand zu finden, der ſich durch Erfahrungen und Kriegskunſt ſo ſehr dafür eignete, wie Alba, und ſelbſt deſſen ariſtokratiſcher Stolz konnte dem König, nach ſeinem Da⸗ fürhalten, in den Niederlanden inſofern nur von Vortheil ſein, da, bei der alten Spannung zwiſchen den niederländiſchen und ſpaniſchen Großen, Alba ſeinem Stolz ungeſtört durch Demüthi⸗ gung und Vernichtung der niederländiſchen Ariſtokratie genügen konnte, welches Letztere ja in Philipps Plane lag. Mit der ausgedehnteſten, ja mit einer faſt unbegränzten Vollmacht des Monarchen befand ſich Alba in den Niederlanden. Ein Beweis, wie feſt Philipp II. überzeugt war, daß ſein neuer Statthalter ganz in ſeinem Geiſte handeln würde, ſind die Blankets, die er demſelben zu beliebiger Verfügung mit⸗ gab,— eine Pandorabüchſe, deren verderbenreicher Inhalt vorzugsweiſe für den niederländiſchen Adel beſtimmt war. Aber, indem Alba ſowohl mit den religiöſen als mit den poli⸗ tiſchen Anſichten ſeines Gebieters vollkommen einverſtanden war, ging er noch einen Schritt weiter als dieſer; oder vielmehr: die gewaltigen Verhältniſſe und ſein eigener Stolz riſſen ihn dazu fort. Er wollte nicht bloß als Philipps II. Werkzeug erſcheinen, ſondern, ſelbſt im Nimbus eines Souverains, den Niederlanden gegenüber auftreten; und die Folge davon war, daß die ganze Gehäſſigkeit der ſpaniſchen Politik anfangs auf ihn allein zurückfallen mußte. Wie übrigens Albas Benehmen den König bei den Nieder⸗ ländern immer verhaßter machte, ſo trugen auch wieder die Kreaturen Albas, deren Willkühr dieſer, eben auch wie ein abſoluter Fürſt, einen großen Spielraum gönnte, zum Theil aus raſendem Egoismus, zum Theil aus dem Grunde der alten Erbitterung zwiſchen Spaniern und Niederländern, unend⸗ lich viel dazu bei, daß alle Einzelnen für den jedesmal beſon⸗ ders motivirten Grimm gegen die Fremdherrſchaft in dem Namen Albas gar bald den Brennpunkt des allgemeinen Fluches fanden. Das größte Verbrechen, welches Alba gegen die Niederlande, gegen die Menſchheit beging, indem er die Politik ſeines Monarchen ſtreng befolgte, war das, daß er grauſam war aus Politik. Er beſtrafte das Geſchehene nicht bloß, weil es geſchehen, ſondern, um zugleich die kräftig⸗ ſten Nerven der Nation zu durchſchneiden; er glaubte die Letztere ruiniren zu müſſen, um für das Syſtem des Königs den alten Boden urbar zu machen; er mordete,(abgeſehen davon, daß ſeine Kreaturen ſich von den eingezogenen Gütern der Hingerichteten bereicherten), um durch den Schrecken die Menge zu überraſchen und niederzubeugen, um ſeinen mili⸗ täriſchen Operationen Nachdruck zu geben, um ſich während derſelben den Rücken ſicher zu halten. Vollkommen rechtfertigte Alba ſeinen Feldherrnruf, indem er den militäriſchen Theil der geheimen Inſtruktion ausführte. So begann er ungeſäumt, in den wichtigſten Städten der Pro⸗ vinzen Citadellen zu erbauen. Sein nächſter Zweck dabei war: zuvörderſt jene Städte, in welchen er die freien Regungen der durch Wohlſtand mächtigen oder durch Zerrüttung deſſelben 11 zur Erbitterung getriebenen Bürgerſchaften zu befürchten hatte, und ſodann auch das platte Land beſſer im Zaume halten zu können. Seine Beſorgniß war übrigens im Allgemeinen auch keineswegs unbegründet. In manchen Städten(beſonders in den flandriſchen) lag nämlich eine Menge demokratiſchen Zünd⸗ ſtoffes aufgehäuft, welchen die Berührung irgend eines neueren Ereigniſſes zu einer furchtbaren Exploſion bringen konnte. In anderen Städten, wo dies weniger zu beſorgen war, herrſchte dafür, begründet auf den aus freiem germaniſchem Geiſte gebo⸗ renen Verfaſſungen, ein um ſo kräftigeres Gemeingefühl der lokalen Selbſtſtändigkeit, welches den Abſichten der ſpaniſchen Regierung noch größere Schwierigkeiten in den Weg legte, als die drohende Gährung des demokratiſchen Prinzips. Antwerpen, dieſer von verſchiedenen Nationen beſuchte Mittelpunkt des lebhafteſten Handels, damals durch Gewerbe, Kunſt, Wohlſtand und Bedeutung für alle Niederlande herrlich blühend wie dort kaum eine zweite Stadt, Antwerpen ſchien dem Herzog von Alba vor den übrigen niederländiſchen Städten zunächſt die wichtigſte, um dort eine Citadelle anzulegen, von welcher aus er nicht bloß die Schelde und das Umland beherrſchen, ſondern auch die Stadt ſelbſt in Schrecken und Abhängigkeit erhalten könne. Er beauftragte 1567 den geſchick⸗ ten Kriegsbaumeiſter Paciotto mit dem Entwurf und der Ausführung des Werkes; und bot ſelbſt Alles auf, um die Letztere zu beſchleunigen. Die Stadtmauern und ein alter Thorthurm Antwerpens wurden zu dieſem Behufe abgetragen; Tag für Tag waren über 2000 Arbeiter beim Feſtungsbau beſchäftigt, und die Bürgerſchaft Antwerpens ſelbſt mußte zu den Koſten, welche die Erbauung ihres Zwingers erforderte, vier Tonnen Goldes beiſteuern,— eine Maßregel, welche der militäriſchen Anſicht Alba's von ſeiner Stellung zur Nation 12 entſprach,(denn er betrachtete in der That die Niederlande wie ein zu eroberndes Land) welche aber durch die Demüthi⸗ gung, die er allerdings dabei beabſichtigte, nur Erbitterung gegen ihn und Spanien nähren konnte. Die Citadelle wurde aus gevierten Werkſteinen erbaut und erhielt die Form eines regelmäßigen Fünfecks; vier von ihren Bollwerken taufte der Stolz des Feldherrn mit den Namen:„Duct,„Toledo“, „Ferdinando“,„Albat; dem fünften überließ Alba Paciotto's Namen. Auch in Amſterdam, Vlieſſingen und Gröningen beab⸗ ſichtigte Alba Citadellen zu erbauen; doch kam dieſer Plan in den beiden letzteren Städten in Folge der nächſten Ereigniſſe nicht zur Vollendung, und in Amſterdam erkaufte ſich die Bürgerſchaft von Alba das Aufgeben des Plans, ſowie die Vergünſtigung, von einer ſpaniſchen Beſatzung verſchont zu bleiben, für die Summe von 200,000 Gulden. Alba konnte dies der Stadt Amſterdam um ſo unbedenklicher gewähren, da der ſpaniſch⸗hierachiſche Einfluß in derſelben vorherrſchend war. Mittlerweile fuhr der durch Alba zuſammengeſetzte eonscjo de las nltercaciones“, oder der„Blutrathu, wie ihn das Volk richtiger bezeichnete, mit entſetzlichem Eifer in ſeinen Amtsverrichtungen fort, und von Tag zu Tag wuchs das Grauſen im Lande. Dieſe blühenden Provinzen, von denen bis dahin jeder Fremde, der ſie ſah, wie von einem Paradies auf Erden ſprach, in welchen alle Nationen fröhlich zuſammen⸗ trafen und zu welchen glückliche Winde einen Regen von Gold aus allen Ländern hintrieben, wo(beſonders in Flandern) der weltausgleichende Handel das poetiſche Volksthum kräftigte, ſtatt es zu verwiſchen, wo ein leichtempfänglicher Sinn alles Schöne ſich raſch anzueignen gewohnt war, dieſe Provinzen fingen jetzt an zu veröden, vor dem monotonen Ernſt der To⸗ desurtheile verſtummten die freien, muthwilligen Volkslieder; 13 vor den ſpaniſchen Spionen ſcheute der offne Sinn. Die Ge⸗ walt drängte ſich an die Stelle des Rechts und der ſchnödeſte Eigennutz ſtreckte, das Geſetz als Maske vornehmend, ſeine Hände raubgierig nach dem Eigenthum aus. Wer mochte es, im Beſitz wohlerworbener Reichthümer, wagen, länger auf einem Boden zu wohnen, wo der Reichthum auf das Haupt ſeines Beſitzers das Auge der Willkühr und das Schwert des Henkers lenkte, wo man im Namen des Geſetzes mordete, um die Hinterlaſſenſchaft der Gemordeten einzuziehen? Der Ver⸗ bannte pries ſich glücklich und trug ſeine Armuth gerne, wenn er das entſetzliche Loos der Zurückgebliebenen erfuhr. Aber der Ausgewanderte leitete die Quellen des Wohlſtandes, den Ge⸗ werbfleiß und die kaufmänniſche Spekulation, zu ſeinem neuen Wohnſitz hin, und mit aller ſeiner Macht konnte Alba dieſe Quellen nicht zurückhalten. Sehr viel kam dabei den nördlichen Provinzen, Seeland und Holland, zu gute, welche der Induſtrie und dem Handel das freie Meer offen hielten, und der Stand⸗ haftigkeit für den Glauben den feſten Boden verſicherten. So verſchaffte Alba, verblendet, indem er die ſüdlichen Provinzen entvölkerte und verarmen machte, den nördlichen einen bedeu⸗ tenden Zufluß von Verſtärkung durch Kapitalien und Geiſt. Unter einem ſo blutrothen Schein am Horizont ſchwand das Jahr 1567 dahin. Mit einer Gewaltthat bezeichnete der Herzog von Alba den Beginn des neuen. Am 24. Januar 1568 lud er den Prinzen von Oranien, deſſen Bruder, den Grafen Ludwig von Naſſau, den Grafen von Hoog⸗ ſtraten, Wilhelm Grafen van den Berge, den Grafen von Kuilenburg, Herrn Heinrich von Brederode und mehre andere Edelleute, binnen dreimal vierzehn Tagen vor ihm zu erſcheinen und ſich über die ihnen zur Laſt gelegten Verbrechen zu verantworten. Der Prinz von Oranien wurde in dieſem Edikt als der„Urheber und eifrigſte Beför⸗ derer der Rebellion“ bezeichnet und insbeſondere beſchul⸗ digt, daß er„die Edlen zu allen von ihnen unternommenen Maßregeln verleitet, daß er ihnen zu ihren Zuſammenkünften ſeine Häuſer in Breda und Brüſſel hergegeben, daß er Brede⸗ rode mit Geſchütz verſehen, daß er mehren Orten verboten, ſpaniſche Truppen als Beſatzungen aufzunehmen, daß er zu Antwerpen, wohin er zur Stillung der Unruhen geſchickt worden ſei, die Erbauung proteſtantiſcher Kirchen zugelaſſen habe u. ſ. w.“ So tief war auf ſpaniſcher Seite die Meinung begründet, wel⸗ cher Granvella bei der Nachricht von der Gefangennehmung der Grafen von Egmont und Hoorn durch die bedeutungsvollen Worte:„Wenn ihr nicht auch den Schweigſamen gefangen habt, ſo habt ihr nichts“, das Siegel auf⸗ zudrücken ſchien,— die Meinung nämlich, daß der Prinz von Oranien der Urheber, ſowie das Haupt und die Seele des Aufſtandes ſei und daß der Letztere mit leichter Mühe unter⸗ drückt werden könne, wenn dies Haupt gefallen ſei, wenn man den Körper der Seele beraubt habe. Dieſe Meinung befeſtigte ſich in Spanien von Jahr zu Jahr mehr, und es bedurfte ſpä⸗ ter ſogar eines— für den König freilich erfolgloſen— Verbrechens, um dieſelbe zu widerlegen. Wie feſt ſie aber ſchon damals eingewurzelt war, beweiſt der Umſtand, daß man unter den Anklagepunkten der übrigen vorgeladenen Edlen als einen beſonderen den hervorhob,„daß ſie dem Prinzen von Oranien und ſeinen verwegenen Entwürfen mit aller Macht angehangen, und deſſelben Rathſchläge gebilligt hätten, um die Unruhen in den Niederlanden zu fördern.“ Alba war nicht der Mann, etwas halb zu thun. Er konnte voraus ſehen, daß der Prinz, deſſen Klugheit bekannt war, ſich auf die Vorladung nicht ſtellen würde; deßhalb ſuchte er durch deſſen Herz deſſen Klugheit zu betäuben, und raſch führte er das Mittel aus, das er ſich dazu erſonnen hatte. Auf der hohen Schule zu Löwen ſtudirte Oraniens Sohn, Philipp Wilhelm, Graf von Büren, ein Jüngling von 13 Jahren, welchen der Vater, bei ſeiner Entfernung aus den Niederlanden, dort gelaſſen hatte, im Vertrauen, daß auch der Feind die Privilegien der hohen Schule achten würde. Doch Alba achtete in den Niederlanden kein beſtehendes Recht. Er ſchickte am 24. Januar Vargas, den Präſidenten des Blutrathes, nach Löwen und ließ durch dieſen dort den Sohn Oraniens gefangen nehmen. Vergeblich führten der Rektor und die Profeſſoren gegen einen ſo unerhörten Eingriff die Rechte der Univerſctät an.„Non curamus vestros privilegios“, entgegnete ihnen Vargas in ſeinem ſpaniſchen Latein kaltblütig und ließ Oraniens Sohn nach Antwerpen bringen, wo er ihn der ſtrengen Obhut Lodronas übergab. Von dort wurde der Jüngling nach Spanien gebracht, angeblich, um ſeine Studien auf der hohen Schule zu Alkala fortzuſetzen. Man erzog ihn dort im Katholicismus auf; Graf Barlaimont wurde beauf⸗ tragt, des Jünglings Güter als Vormund zu verwalten. Man glaubte, in Oraniens Sohn mehr als eine Geißel,— man glaubte, ein taugliches Werkzeug zu künftigen Plänen in ihm zu verwahren. Gefaßt und würdevoll benahm ſich Oranien, wel⸗ cher ſich in Deutſchland befand, bei dem harten Schlag, den Alba gegen ſeine Ehre, bei dem noch härteren, den dieſer gegen ſein Vaterherz geführt. Er beantwortete die Vorladung von Dillenburg aus in einer Schrift an den Generalprokurator Jo⸗ hann du Bois und an Alba ſelbſt. In ſeiner Erwiederung wies er die Nichtigkeit der Vorladung nach, und proteſtirte, als Glied des Reiches ſowohl, wie auch als Ritter des goldenen Vließes, gegen das unkompetente Gericht, vor welches man ihn berufen hatte. Er zeigte, daß nicht er den Aufſtand verurſacht habe, ſondern daß man dieſen vielmehr Granvellas antinationalen und zweckwidrigen Maßregeln zuzuſchreiben habe. Ferner ſprach er in ſeiner Gegenſchrift den Wunſch aus:„ Gott möge den König von Spanien die Schuldloſigkeit ſeiner verfolgten Diener erkennen laſſen“, und außerdem beklagte er ſich endlich über die gewaltſame Wegführung ſeines Sohnes. Die übrigen vor⸗ geladenen Edlen verantworteten ſich gleichfalls. Alba nahm jedoch auf die Proteſtationen keine Rückſicht, verurtheilte die Ab⸗ weſenden in contumnciam und zog ihre Güter ein. Mit raſtloſer Thätigkeit entwickelte er ſein Syſtem der Un⸗ terdrückung nach allen Seiten hin. Er ließ zu Ende Januars 1568 den Advokaten von Holland, Meiſter Jakob van den Ende, durch den Grafen von Boſſü,(ſpaniſchen Statthalter von Holland) im Haag verhaften. Der Graf von Boſſü hatte den Advokaten mit verſtellter Freundlichkeit zu einer Abendmahl⸗ zeit eingeladen und nach dem Eſſen feſtgenommen, worauf Jakob van den Ende zuerſt nach Vilvoorden, und dann nach Brüſſel in ſchweren Gewahrſam abgeführt wurde. Nicht etwa der Proteſtantismus war deſſen Verbrechen; denn ſelbſt bei den Spaniſchgeſinnten galt van den Ende für einen guten Katholi⸗ ken; aber er ſollte(nach Einigen) auf den Abzug des ſpani⸗ ſchen Kriegsvolks angetragen haben; nach der Meinung Anderer ward es ihm übel gedeutet, daß er verſucht hätte, bei Marga⸗ rethen von Parma dahin zu wirken, daß ſie den König zur Berufung der General⸗Staaten vermöchte; Beides allerdings Schritte, welche den Abſichten Philipps ſchnurſtraks zuwider⸗ liefen. Vergeblich ſandten die Staaten von Holland Abgeord⸗ nete an Alba und den Blutrath, um van den Ende’s Befreiung zu erwirken; vergeblich ſprach deſſen Vertheidiger, Johann van Treslong. Van den Ende erlebte den Ausgang ſeines 17 Prozeſſes nicht; er ſtarb 1569 im Gefängniß. Zwei Jahre nach ſeinem Tode wurde er allerdings für unſchuldig erklärt und man gab ſeine Güter wieder frei.— Zu Gent wurden im Laufe des Januars und Februars 143 Bürger, ſowohl durch öffentlichen Aufruf als auch durch Anſchlag von Proſcriptionsliſten an dem Rathhauſe, vorgeladen. Man nahm ein Inventar ihrer Güter auf; man verhörte Kin⸗ der, Verwandte und Nachbarn. Achtzehn von jenen Angeklagten vertheidigten ſich in Brüſſel; aber, obwohl man ihre Verthei⸗ digung gehört, wurden ſie eines Abends plötzlich ergriffen, paarweiſe aneinandergefeſſelt, ins Gefängniß geworfen und bald darnach hingerichtet. Die Einziehung ihrer Güter vollen⸗ dete das Schauſpiel der Willkühr, und— wie zum Hohn— überließ man die Hälfte der Güter den Wittwen, vorausgeſetzt, daß dieſe katholiſch ſeien. Immer deutlicher enthüllte ſich bei der Willkühr, welche im Namen des Königs geübt wurde, zugleich die Habſucht ſeiner egoiſtiſchen Diener. Immer qual⸗ voller empfand das unglückliche Volk die doppelte Zuchtruthe, nämlich die entſchiedene Abſicht ſeines Monarchen, welcher deſſen Nationalität und Freiheit vernichten wollte, und der Diener deſſelben, welche, ſtatt ſeiner den Herrn ſpielend, dieſem vor⸗ ſpiegelten, daß ſie ihm durch die Gütereinziehungen der Ketzer und Rebellen die Koſten zur Unterwerfung derſelben beſtritten,— während ſie ſich ſelbſt davon am meiſten bereicherten, ſo daß Philipp kaum den Abhub erhielt. Es iſt kaum glaublich, daß Alba hierbei die gemeine Habſucht der unter ihm ſtehenden ſpaniſchen Beamten theilte, obwohl auch er von dem Vorwurf nicht ganz frei zu ſprechen iſt, daß er für ſeinen eigenen Vor⸗ theil ſorgte. Eben ſo ſchwer trifft ihn gewiß der, daß er die Nichtswürdigen, welche das Land ausſaugten, frei nach ihrer Willkühr ſchalten ließ. Alba folgte indeſſen bei ſeinen Maßregeln I. 2 18 dem Grundſatze:„der Zweck heiligt das Mittel“, und dieſer Grundſatz erklärt Alles. Das Vertrauen in den Familien zu untergraben, Verwandte zu Angebern von Verwandten zu machen, ſchien ihm nichts Unmoraliſches. Die harmloſe Freude der Faſtnacht ſogar mußte der Verfolgung als Spürhund die⸗ nen. Er beſchloß, den Niederländern eine blutige Aſchermitt⸗ woche zu bereiten; an vielen Orten zu gleicher Zeit ſollten nämlich Alle, welche proteſtantiſchen Predigten beigewohnt hat⸗ ten, während der fröhlichen Sorgloſigkeit, der ſich das Volk im Karneval hingab, feſtgenommen werden. Dieſer Anſchlag gelang aber nur theilweiſe; die Menſchlichkeit einzelner Ge⸗ richtsperſonen, welche er mit der Ausführung des Unternehmens beauftragt hatte, worunter beſonders die des Schultheißen von Leyden, Johann van Beerendrecht, und des von Monnikendam, legte ſich in's Mittel; heimliche Warnungen ergingen, und ſo entrannen Manche der bezeichneten Schlachtopfer ihrem Ver⸗ derben. Während dieſer Ereigniſſe in den Niederlanden fiel ein ſchwerer Schlag in Spanien. Es war der Ausſpruch der Inquiſition,(vom 16. Februar 1568)„daß alle Nie⸗ derländer(mit Ausnahme weniger Perſonen) entweder Ketzer oder Ketzerfreunde und alſo Be⸗ günſtiger der Ketzerei, ſofort Alle des Verbre⸗ chens der Majeſtätsbeleidigung ſchuldig ſeien.“ Am 256. deſſelben Monats bekräftigte Philipp 11. dies Urtheil. So war denn nun ein ganzes Volk von ſeinem Beherrſcher für eine Rotte von Verbrechern, für der Rache verfallen, fortan für rechtlos erklärt durch einen feierlichen Ausſpruch im Namen der Religion und Majeſtät;— ein unerhörter Akt, wenn auch nicht geiſtlicher Anmaßung, doch königlicher Bethö⸗ rung, und zugleich ein deutliches Anzeichen jener weitausſehenden 19 Pläne Spaniens gegen die Niederlande, deren Spuren ſich in dem ganzen bisherigen Verfahren erkennen ließen. Da nun faſt nirgends mehr Recht zu hoffen war, griff das Elend zur Gewalt. Zahlreiche Menſchen in Wefiflandern wa⸗ ren, ihres Hab' und Guts, ja ihres Obdachs beraubt, in die Wälder geflüchtet und erkannten ſich, wo ſie ſich, vogelfrei umherſchweifend, begegneten, als Brüder an den gemeinſamen Merkzeichen, welche Noth und Hunger, Grimm und Rachluſt auf ihre Stirnen tief eingegraben hatten.„Wilde Geuſen“ Coder„Buſch⸗Geuſen“) wurden ſie genannt, und ihre Handlungen rechtfertigten den Beinamen der Wildheit. Ausge⸗ ſtoßen aus der bürgerlichen Geſellſchaft, ausgeſchloſſen von allen Rechten derſelben, ſahen ſie auch keine Pflicht mehr vor ſich, die ſie zu erfüllen hätten, und genoſſen die Augenblicke, in welchen ſie nicht die ganze Meute der Verfolger hinter ihren Ferſen ſahen, dadurch, daß ſie ihrem Grimme, den das Elend aufgeſäugt hatte, zur Wiedervergeltung gleichfalls Opfer ſchlachteten. Alle jene Gräuel, welche der Blutrath im Namen des Geſetzes verübte, wiederholten dieſe„wilden Geuſen“, und zwar zuweilen in einem noch höheren Grade, an ſolchen Perſonen, deren Stand oder deren Beziehung zu der Urſache ihres Elends ihre Erinnerung und ihre Gefühle aufſtachelten. Beſonders an der katholiſchen Geiſtlichkeit kühlten ſie ihre Wuth. Sie überfielen in großen Haufen bei Nacht die Prieſter in den Dörfern, plünderten ſie aus, und verſtümmelten ihnen Naſen und Ohren. Vergeblich erging unter'm 28. März 1568 von Brüſſel aus ein Edikt gegen die wilden Geuſen, worin die Gemeinden in den Umgegenden für alle Gewaltthaten derſelben verantwortlich gemacht, und zum Schadenerſatz angehalten wurden; die zum Schutz der Prieſter und Mönche ausgeſtellten Wachen vermochten den Gräueln der wilden Geuſen nicht Einhalt zu thun, und es bedurfte geradezu einer förmlichen Menſchenjagd, um dieſe Unglücklichen auszu⸗ rotten, welche die Verhöhnung der Menſchenrechte zur abſcheu⸗ lichſten Unmenſchlichkeit getrieben hatte.*) *) Die zu Gent erſcheinende Zeitſchrift„den Vlaming“ enthält in ihrer Nummer vom 4. November 1840 einzelne intereſſante Details über die„Bo ſchig euſen“:„DHen laetsten dag van het jaer 1567 hadden de Geuzen, aen hun hoofd hebbende Jacob Huclé en Jan Michael, den pastor van Houtkerke, parochie gelegen in Fransch-Ylaenderen, deerlyk omgebragt. Eenige dagen later waren zy ten getalle van 40 verzameld by Poperinghe, en begaven zich's nachts naer Re- ninghelst. Gekomen aen de herberg„het Nachtegaelken“, droog- den zy er hunne kleederen die nat waren door eenen stortregen. Omtrent den dagraed, verzekerd door hunne bespieders dat den pastor van Reninghelst't hays was Chy had immers deags te voren naer Vormezeele gewest) zenden zy zes van hunne mannen naer de kerk, en het overig begeeftezich naer het huys van den pastor en van den onderpastor. Eenen derden priester met naem Jacob Panneel, die er het ambt van koster bediende wird met deze twee heeren — aengevat. Het was den verkoren maendag van het jaer 1568. De beelden der heyligen die men vond in de kerk, wierden met de kerksieraden in stukken gehauwen en alsdan verbrand, en zy ley- den met hun de dry gevangene langs Loker, Dranoutre, Kemmel, Nieukerke en Nipkerke, alwaer ch begaven om de kerken te plunderen. Den pastor van Dranoutre, die zich stelde tegen hunne buytenspoorigheden, wierd doodelyk gekwetst aen het hoofd. Het was omtrent den avond als zy gedaen hadden met de kerk van Nip- kerke te plunderen, dat zy zich met hunne dry gevangene begaven naer het bosch tusschen Belle, Nieukerke en Nipkerke by den „zwarten molen“. Aldaer wierden de geloofsi elyders openbarlyk beschuldigd en ter dood verwezen door de volgende sententie, die gelezen wierd door Jacob Vanheule:„ Om dat gy de lleeraers der gegronde waerheyd hebt tegengesproken en om dat er verscheyde van uw slach de onze hebben voor de Rechters gebragt om er ter dood verwezen te worden; daer en boven ſom dat gy plichtig zyt van de papische afgodery, verwyzen wy u ter dood.“ Men vraegde den pastor van Reninghelst, Judocus Hughesone, man van cene buy- tengewoone ligchaems gestalte, of hy de Misse wilde afzweeren en belooven nooyt meer de misse te celebreren. Hy andwoorde, dat hy 21 Zu allen dieſen Leiden, mit welchen die Niederlande heim⸗ geſucht waren, zu Willkühr und Rechtloſigkeit, zu Verbannungen und Hinrichtungen, zu Unſicherheit und Schrecken, zu dem zügelloſen Durcheinanderwüthen aller entfeſſelten Leidenſchaften, geſellte ſich noch eine Plage des Himmels, ein grimmiger Froſt, welcher bis in den April hinein anhielt und eine große Theu⸗ rung veranlaßte. So ſchien ſich die allgemeine Troſtloſigkeit zu vollenden und die niederländiſche Nation der letzten Stunde ihrer Exiſtenz entgegenzuſehen. Aber noch ſchlug in Deutſchland ein Herz warm und kühn für die Rettung der Niederlande, das Herz Wilhelms von Oranien. Der Charakter dieſes Mannes, dem das Unglück die Feſtigkeit zulegte, welche es gewöhnlichen Seelen zu nehmen pflegt, durchdrungen von jener höheren, unerſchütterlichen Un⸗ verzagtheit, mit welcher eine erhabene Idee ihren Kämpfer liever had te sterven dan dis te doen. Anstonds leyde men hun in het midden van het bosch, om er het vonnis uyt te voeren; maer in plaets van hun te onthoofden, gelyk het vonnis het bedroeg, men deed hun cene harder dood ondergaen. Den pastor na vele wonden ontvangen te hebben, wierd doodlyk gewond door eenen slag in den hals en stierf uytroepende:„heer, wees my zondaer genadig.“ Den onderpastor gaf den geest na dat men hem de keel doorsteken had, zynen naem was Robert Ryspoost. Den derden martelaer wierd de onderste lip afgesneden en het lyf doorsteken.——— De mor- denaers verbergden zich den volgenden dag, en Jan Michael stelde voor cene predicatie des nachts te houden op den Monteberg, tot welke predicatie geroepen waren die van Nieukerke, van Steenwerk, Messen en andere placetsen, maer hoorende dat Simon Uutenhove uyt Yper getrokken was met wat krygsvolk om hun vast te grypen,- heeft ieder een het hazen pad gekozen. Cies Huclé trok naer Frank- ryk en Jan Camerlink, een der geusche kopstukken, ging naer Ber- gen ambacht. 2.y ontsnapten in tyden aen Uutenhove, die denzelven nacht den berg met zyn volk omringde, vast grypen. etc. zonder iemand te konnen 22 ausrüſtet, war die Hoffnung aller geflüchteten Niederländer. Von allen Seiten ſchaarten ſie ſich um ihn,— ſie erwarteten von ihm Nath und That, Recht und Ruhm, ja ihre ganze Zu⸗ kunft und die des Vaterlandes. Sie täuſchten ſich auch nicht. Lange lagen ſie ihm an, ſich an ihre Spitze zu ſtellen, und lange zögerte Oranien mit ſeinem Entſchluß; es lag in ſeinem Weſen, einen entſcheidenden Schritt nicht eher zu thun, als bevor er alle Fälle der Möglichkeit reiflich erwogen und ſich aller Mittel verſichert hatte, welche zum Ziele führen konnten; dieſe Vorſicht war die wichtigſte Verbündete ſeiner Beharrlich⸗ keit. Für die erhabene Idee, der er ſich hingegeben hatte, wollte er nicht bloß Alles wagen, ſondern auch Alles dulden, und er beſaß für Beides die moraliſche Kraft. Im Dienſte jener Idee begnügte ſich Oranien nicht mit glänzenden Erfolgen des Augenblickes, wodurch ſich geringere Seelen ſo leicht berau⸗ ſchen laſſen; er überblickte ſtets den Zuſammenhang des Ganzen und verfolgte mit geſpannter Aufmerkſamkeit auch jene feinen Fäden, welche oft weit in die Zukunft hinausreichten. Meiſtens ſchien er weniger zu thun, als er wirklich that. Während man ihn an einem Orte ſelbſtſchaffend eingreifen ſah, war ſein Geiſt zugleich an zwanzig anderen Orten in voller Thätigkeit, beſeelte Geichgeſinnte, trieb Andere dahin, daß ſie unwillkührlich ſeinen Bahnen folgen mußten, entflammte die Herzen des Volkes, beſchränkte aber auch weiſe und wohlthätig die Aufregung, wenn ſie zu Ausſchweifungen entarten wollte. Sein Geiſt war der ſchöpferiſche und erhaltende Geiſt der Ordnung, von der größ⸗ ten Wichtigkeit in einer Zeit, da aus der Saat der Tyrannei nur die Anarchie entkeimen mußte. Die Idee, welche ihn lei⸗ tete, war die Freiheit, rein von der irdiſchen Zuthat der Selbſtſucht; ſie trat, leuchtenden Auges, geſund und kräftig, feſt auf dem heimiſchen Boden einher. Oranien kannte deſſen 23 Bedürfniſſe; er wies auf die Toleranz hin, und verfolgte Schritt für Schritt die ſicheren Gleiſe der Local⸗ und Provin⸗ zialrechte, welche die Geſchichte gezogen hatte. Als er ſich aus den Niederlanden nach Deutſchland begab, hatte er erklärt, er würde nichts gegen den König von Spanien unternehmen, außer wenn dieſer ſeine Ehre und Güter antaſte. Philipp II. hatte dies ſeither gethan; ja noch mehr, er hatte ihm ſogar den Sohn genommen. Somit war Oranien jetzt ſeines Verſpre⸗ chens entbunden, und zwar durch den König ſelbſt. Mit Um⸗ ſicht traf er nun die geeigneten Maßregeln, um mit bewaffneter Macht in die Niederlande einzudringen. Er war, wie es ſcheint, erſt während ſeines letzten Aufenthaltes in Deutſchland vom Katholicismus förmlich zur reformirten Konfeſſion überge⸗ treten, und ſuchte nun bei proteſtantiſchen Fürſten Beiſtand für ſich ſelbſt, ſowie für ſeine unterdrückten Glaubensgenoſſen in den Niederlanden. Mit großer Aufopferung ſtand ihm ſein Bruder, Graf Johann von Naſſau zur Seite. Auch von den Niederlanden kam ihm manche Beiſteuer, jedoch im Ganzen weniger, als er von den dortigen Proteſtanten gehofft hatte. Endlich brachte er eine Zuſammenkunft mehrer deutſcher Fürſten zu Stande, worunter ſich der Kurfürſt von der Pfalz, der Herzog von Würtemberg, der Landgraf von Heſſen, die Markgrafen von Baden und Durlach, die Mitglieder des Hauſes Naſſau, und viele Edle befanden; auch Geſandte von Sachſen und Dänemark erſchienen in dieſer Verſammlung. Oranien ſprach zu den Anweſenden feurige Worte, erinnerte ſie an das ihnen allen gemeinſame Intereſſe, und brachte es dahin, daß ſie ihm ihren Beiſtand zuſagten. Der Antheil eines Jeden ward feſtgeſetzt und Oranien ſelbſt verpfändete ſeinen koſtbaren Hausrath, um Kriegsvolk zu werben. Alba hatte von dieſen Rüſtungen des Prinzen erfahren und nahm gleichfalls Truppen 24 in Sold, um ſeine Macht zu verſtärken und namentlich die Gränzen der Niederlande zu decken.’ Oraniens Kriegsplan aber war weit ausgedehnt. Vier Heere ſollten den Feind von vier verſchiedenen Seiten her angreifen; nur auf dieſe Weiſe, indem er den Herzog von Alba überall zugleich beſchäftigte, glaubte Oranien auf Erfolg hoffen zu können, wobei er allerdings auch auf die Theilnahme der Niederländer ſelbſt, und auf ihren Haß gegen die Fremd⸗ herrſchaft rechnete. Eine Heeresabtheilung ſollte unter dem Befehl des Grafen von Hoogſtraten, längs des Rheins und der Maas in Geldern eindringen, die zweite, aus franzöſiſchen Kalviniſten gebildet, unter dem Befehl des Herrn von Cocqueville,(eines Edelmanns aus der Normandie) in Artois; die dritte ſollte Oraniens Bruder, Graf Lud⸗ wig von Naſſau gegen Friesland führen, und mit der vierten wollte er ſelbſt, in der Richtung von Aachen und Lüttich, geradeaus gegen Brabant vorrücken, wobei er hoffte, daß einige Landſchaften oder doch wenigſtens einige größere Städte ſeine Parthei ergreifen würden. Der Plan zu dieſem Feldzug war trefflich angelegt; die Kriegskunſt Oraniens recht⸗ fertigte deſſen Kühnheit, einem ſo vielfach erprobten Feldherrn wie Alba den Fehdehandſchuh der Entſcheidung hinzuwerfen. Der Anfang entſprach jedoch Oraniens Hoffnungen nicht; Der König von Frankreich ſchickte, auf Alba's Vorſtellungen, den Marſchall Coſſez gegen Cocqueville. Dieſer wurde in Saint Valery bei Abbeville gefangen genommen, nach Paris gebracht, und, weil er keine königliche Beſtallung zum Kriege aufweiſen konnte, enthauptet. Die Niederländer unter ihm theilten ſein Schickſal; nur die Franzoſen blieben verſchont. Keinen beſſeren Erfolg errangen die Herrn von Villers und Lü mey, welche Oranien mit Heeresmacht gegen Geldern vorausgeſchickt hatte, um ſich einiger feſter Plätze zu bemächtigen und ſo der Hauptarmee den Weg zu bahnen und zu decken. Sie beabſichtigten Ruremonde in ihre Gewalt zu bringen; doch Alba hatte, davon unterrichtet, ihnen 4000 Mann zu Fuß unter Lodron und 300 Reiter un⸗ ter d'Avila entgegengeſchickt, welche den Anſchlag vereitelten. Villers und Lümey zogen ſich ins Lütticher Land zurück, wo ſie von den Feinden bei Dalheim angegriffen und beſiegt wurden. Villers wurde dabei gefangen. Glücklicher geſtaltete ſich die Unternehmung des kühnen Gra⸗ fen Ludwig von Naſſau gegen Friesland. Mit ſeinem jüngſten Bruder, dem Grafen Adolf, dem Grafen von Schauen⸗ burg und einem Heere von 7000 Mann, brach Ludwig im Mai 1568 von Emden her in Weſtfriesland ein; der Wahl⸗ ſpruch:„Jetzt oder nie!“ ſtand auf ſeinen Fahnen. Er be⸗ mächtigte ſich des Schloſſes Wedde, welches dem Grafen von Aremberg gehörte und deſſen Beſitz ihm den Weg nach Grönin⸗ gen öffnete. Kaum hatte Alba von Ludwigs Feldzug Nachricht erhalten, als er ihm den Grafen von Aremberg mit ungefähr 1000 Mann ſpaniſchen und 400 Mann deutſchen Kriegsvolks und einem Reitergeſchwader unter Curtio Martinengo, entgegen⸗ ſchickte; der Graf von Megen, Statthalter von Geldern und Zütphen, ſollte mit 1500 Mann zu Fuß und 400 zu Roß zu ihm ſtoßen. Noch bevor ſich Megen mit Aremberg vereinigte, griff Ludwig von Naſſau den Letzteren beim Kloſter Wittewerum an. Ein heftiger Kampf entbrannte, und die Spanier ſchmeichel⸗ ten ſich, den Sieg davon getragen zu haben; denn Ludwig zog ſich hierauf nach Slogteren und weiter nach dem Schloß Wedde zurück. Nun beſchloß Aremberg, die Ankunft Megens abzuwarten, um ſich mit dieſem zu vereinigen. Aber die ſpaniſchen Solda⸗ ten, durch das Zurückweichen des Feindes erhitzt, drängten ihren Feldherrn, mit trotzigem Ungeſtüm zur Verfolgung des Grafen 26 Ludwig, zur Schlacht gegen ihn. Vergeblich ſuchte Aremberg, des ungünſtigen ſumpfigen Terrains kundig, ſie zu beruhigen; jeder vernünftige Grund, welchen er ihnen entgegenhielt, ſteigerte nur ihren Ungeſtüm; ſie mißtrauten ihm, als einem gebornen Niederländer, und vergaßen ſich ſoweit, daß ſie laut ſeine Maß⸗ regeln einem heimlichen Einverſtändniß mit dem Feinde beimaßen, ja ihn eines Verraths an Glauben und König bezüchtigten. Dadurch gereitzt, fügte ſich Aremberg dem Wunſche des Heeres, wider ſeinen Willen und ſeine beſſere Ueberzeugung. Graf Lud⸗ wig von Naſſau, davon benachrichtigt, ſtellte ſeine Schaaren beim Kloſter Heiligerlee in Schlachtordnung, und griff mit einem geringen Theil ſeiner Reiterei raſch die ſpaniſche Vorhut an, bevor ſie Zeit hatte, ſich zu ſammeln. Ein zu rechter Zeit beginnendes Feuer von Hackenſchützen, welche Ludwig in einen Hinterhalt gelegt hatte, führte die Entſcheidung herbei. Die feindlichen Reiter eilten gegen das Fußvolk ihres eigenen Heeres zurück und brachten Verwirrung in deſſen Reihen. Jetzt gebot Ludwig allgemeinen Angriff, und bald war die Flucht der Spanier entſchieden. Eine Abtheilung derſelben eilte nach dem Kloſter Heiligerlee, worin ſie ſich vertheidigen wollten; doch die Sieger erſtürmten es. Furchtbar ließen dieſe ihre Rache an den gefangenen Spaniern aus; nur die Niederländer und die Deutſchen im feindlichen Heere wurden verſchont. Graf Arem⸗ berg und Graf Adolf von Naſſau blieben. Es war am 23. Mai 1568, als der niederländiſchen Freiheit dieſer erſte Sieg errungen wurde. Die Beute, welche in die Hände der Sieger fiel, war bedeutend; ſie gewannen die Kriegskaſſe, das Gepäck und ſechs Geſchütze aus Gröningen, welche die Namen der 6 Tonzeichen Ut, Re, Mi, Fa, Sol, La trugen. Dieſer günſtige Erfolg des erſten Wagekampfes gegen die ſpaniſche Tyrannei er⸗ füllte die Herzen der Unterdrückten allerorten mit Hoffnungen, und der kühne Sieger eilte, ſein Glück zu benützen. Raſch wen⸗ dete er ſich gegen Gröningen, um dieſe Stadt in ſeine Ge⸗ walt zu bringen. Aber ſchon war ihm der Graf von Megen zuvorgekommen, hatte Gröningen beſetzt und die Reſte der ſpa⸗ niſchen Truppen an ſich gezogen. Ludwig lagerte ſich in der Nähe der Stadt. Mittlerweile hatte auch der Admiral Franz van Boshuizen, auf Alba's Befehl, die Ems geſperrt, um dem Grafen Ludwig die Zufuhr abzuſchneiden; und auf Alba's An⸗ ſuchen hatte der deutſche Kaiſer dem Grafen geboten, zur Stelle Gröningen und die Umlande zu verlaſſen, bei Strafe, in die Reichsacht zu verfallen. Ludwig kehrte ſich zwar nicht daran; aber viele Deutſche in ſeinem Heere ließen ſich dadurch einſchüch⸗ tern und zerſtreuten ſich. Ludwigs Sieg bei Heiligerlee entflammte Alba's Zorn. Er beſchloß, in Perſon gen Friesland in's Feld zu ziehen und den Krieg raſch im Keim zu erſticken. Zu gleicher Zeit aber wollte er ſein Anſehen durch Schrecken ſicherſtellen, und dem Volke, deſſen Gährung er bei der Siegesbotſchaft nicht blos befürchtete ſondern ſich wirklich zeigen ſah, durch erſchütternde Strenge beweiſen, daß er noch Herr im Lande ſei. Vielleicht lag den blutigen Maßregeln, welche er deßhalb ergriff, noch ein anderes bloß perſönliches Motiv zu Grunde. Mehre Edelleute, die Herren von Ryſoire und Carlo, aus dem Hauſe van der Noot, hatten nähmlich in der Faſtenzeit, als Alba von Brüſſel nach dem Kloſter Groenendal im Sonjerwalde wallfahren wollte, einen Anſchlag auf ſein Leben gemacht, welcher zwar antdeckt und vereitelt wurde, deſſen Urheber aber durch die Standhaftigkeit eines feſtgenommenen Hauptmanns, welcher auch unter der pein⸗ lichen Frage die Mitſchuldigen nicht verrieth, dem Herzog unbe⸗ kannt blieben. Es war ihm deßhalb willkommen, unter jenem Zwecke, welchen er dem König auseinanderſetzte, nähmlich: ndas 28 Volk, durch Vollziehung der Urtheile an den Häuptern, von dem Verſuch neuer Unruhen abzuſchrecken,“ auch ſein perſönliches Motiv:„Sicherheit“ begreifen zu können. Am 28. Mai erließ der Blutrath zu Brüſſel, im Namen des Herzogs von Alba, ein Urtheil gegen den Prinzen von Oranien, deſſen Bru⸗ der den Grafen Ludwig, die Grafen van den Berg, Hoog⸗ ſtraten und Kuilenburg. Der Prinz wurde darin beſchul⸗ digt, daß er, vorgeladen und die Vorladung verachtend, die Waffen gegen des Königs Land und Unterthanen ergriffen habe und noch fortwährend in ſolcher Rebellion verharre. Das Ur⸗ theil lautete auf ewige Verbannung aus den Staaten des Königs und Einziehung aller Güter. Gleiche Urtheile ergingen auch über die Grafen Ludwig, van den Berg, Kuilenburg und Hoog⸗ ſtraten; ſelbſt auf Brederode, welcher doch bereits verſtorben war, wurde das Urtheil ausgedehnt. Es eröffnete eine Reihe von blutigen Schauſpielen, welche Alba den Niederländern gab. Am 1. Juni ſah das Volk in Brüſſel ein Schaffot auf dem Pferdemarkt; Trommelwirbel ſcholl durch die Straßen, und von neun Fähnlein ſpaniſchen Kriegsvolks umgeben, wurden acht⸗ zehn gefangene Edle, worunter die beiden Battenburg, die das Kompromiß mit unterzeichnet hatten, auf das Blutgerüſte ge⸗ bracht. Finſter blickend aus den narbenvollen Geſichtern, wie zur Schlacht gerüſtet, ſtanden die Spanier, gleich einer eiſernen Mauer, zwiſchen den Schlachtopfern und dem Volke; der Trom⸗ melſchlag ſollte die letzten Worte der Unglücklichen übertönen. Bald fielen die tödtlichen Streiche und auf hohen Stangen er⸗ blickte das Volk die bleichen Häupter als Warnungszeichen. Am folgenden Tage wiederholte Alba das Schauſpiel. Der in der Schlacht bei Dalheim gefangen genommene Villers, ein anderer Edelmann Duy, Baljuw Benot von Enghien, und ein Prädikant beſtiegen das Schaffot. Villers rief noch in ſeinem letzten Au⸗ 29 genblicke:„Nicht wegen Verraths, nein, für ächte Treue gegen den König, für des Landes Freiheit geh' ich in den Tod. Das Urtheil der Nachkommen wird mich rechtfertigen.“ Doch hiermit war Alba's Werk noch nicht vollendet. Am 3. Juni ließ er die gefangenen Grafen von Egmont und Hoorn unter einer Bedeckung von zweitauſend ſpaniſchen Sol⸗ daten von Gent, wo ſie nun ſeit 9 Monaten gefangen gehalten worden waren, nach Brüſſel bringen. Längſt lag ihr Schickſal in Alba's Bruſt beſchloſſen; jetzt wollte er von jenen offnen Blankets mit der königlichen Unterſchrift Gebrauch machen, die ihm Philipp II. mitgegeben hatte. Der gegen beide Grafen er⸗ öffnete Prozeß war eine wahre Jronie gegen die Gerechtigkeit.*) Beide leugneten den größten Theil der ihnen zur Laſt gelegten Verbrechen,— rechtfertigten ſich über die andern Anklagepunkte, und beriefen ſich auf die Privilegien des Ordens vom goldenen Vließ, deſſen Ritter ſie waren. Es war umſonſt. Vergeblich blieb auch jede Bitte der Gattin Egmonts, der Mutter Hoorns, ſelbſt der Staaten von Brabant. Nicht das Geſetz,— Alba's *) Und doch hatte Alba(am 14. Septbr. 1567) an Albrecht den Groß⸗ müthigen, Herzog von Bayern, in Bezug auf die Angelegenheit der beiden Grafen geſchrieben:„Unſers Theils wollen wir mit mögli⸗ chem Fleiß darob halten, damit hierinnen in aller Rechtfertigkeit, wie ſich von Billigkeit wegen eignet, procedirt, und daß ſie ſonſt in allem Andern mit ſolchem Reſpekt tractirt werden, wie ſich ihrer Qualität und Herkommen nach gebührt, inmaßen wir uns dann deſ⸗ ſen in Gegenwärtigkeit der andern Ritter des Ordens von dieſen Landen, unſern Mitbrüdern, die uns derhalb Gezeugen ſein mögen, mündlich weitläuftiger erklärt haben“. Gleichwohl bat Alba, den„Ih⸗ rer Königl. Majeſtät und gemeinen Friedens wiederwärtigen Leuten, die ihrer Art und Eigenſchaft nach dieſe Dinge der Königl. Majeſtät zu höchſtem Nachtheil und Verkleinerung ausbreiten und Ihre Kö⸗ nigl. Majeſtät dadurch verunglimpfen, keinen Beifall noch Glauben zu geben.“ Die Stimme des Gewiſſens!(Vergl. dieſen Brief in der „freien Preſſe“ 1840 Nr. 4.) Politik verlangte die Häupter der beiden Edlen zum Sühnopfer; die Habſucht lauerte auf ihre Güter. Am 4. Juni wurde das Urtheil gefällt; es lautete auf Tod zur Strafe der Majeſtäts⸗ beleidigung, des Hochverraths und der Rebellion. Doch worauf begründete man dieſe Verbrechen? Der Blutrath konnte den beiden Grafen keine That des Frevels nachweiſen; deßhalb er⸗ klärte er— ihre Anhänglichkeit an Oranien,(„an deſſen fluch⸗ würdige Verſchwörung,“ wie er ſich wörtlich ausdrückte,) ihre Theilnahme an der Verbindung der Edlen, ja daß ſie die Er⸗ haltung des katholiſchen Kultus verwahrloſt— für Maje⸗ ſtätsbeleidigung. Am 5. Juni, dem Tag vor dem Pfingſtfeſte, hielt das ſpaniſche Regiment Romero's den großen Markt in Brüſſel beſetzt, in deſſen Mitte ſich ein mit ſchwarzem Tuch behangenes Schaffot erhob; Kompagnien ſpaniſcher Soldaten machten in Wehr und Waffen die Runde durch die Stadt. Gegen elf Uhr ſchritt Egmont,— er hatte ſich den Vortritt erbeten, um Hoorn nicht todt ſehen zu müſſen,— ſtattlich und ungefeſſelt aus dem Brodhauſe, begleitet von dem Biſchof von JYpern, dem er gebeichtet hatte, gefolgt von Julian Romero und Jeronimo de Salinas, und ſtieg die Stufen des Blutgerüſtes hinan. An demſelben ſah man ſtatt Alba's Johann Gronelt Speel, den rothen Stab in der Hand, zu Roſſe. Noch einmal durchblitzte ein Strahl von Hoffnung Egmont's Herz; aber ſtumm verneinend ſenkte Julian Romero, den er fragte, ob noch Gnade zu erwarten ſei, das Haupt. Da biß Egmont zürnend die Zähne aneinander, warf den Mantel von ſich, knieete betend auf das ſchwarze Kiſſen, und winkte dem Biſchof mit der Hand, zurückzutreten.„Herr, in deine Hände empfehle ich meinen Geiſt!“ waren ſeine letzten Worte. Dann ſiel das Beil. In dieſem Augenblick zuckte jedes Herz im Volke vor unſäglichem Jammer, und man ſah, wie ſelbſt ſpaniſchen Soldaten Thränen 31 aus den Augen drangen. Ein ſchwarzes Tuch wurde ſchnell über die Leiche geworfen, und gleich darauf trat der Graf von Hoorn ſtolz und frei auf das Blutgerüſte. Er richtete einige Worte an die Umgebenden und theilte Egmont's Loos. Die Häupter wurden an Stangen aufgeſtellt, doch nach zwei Stunden wieder abgenommen und mit den Leichen in den Familienbe⸗ gräbniſſen beſtattet.— Dem dumpfen Tone des Falles beider Häupter folgte ſpäter als grauſenhaftes Echo die Kunde, daß die niederländiſchen Geſandten in Spanien, Berg und Montigny, dort hingerichtet worden ſeien. Alba hatte, wenigſtens für den Augenblick und für die nächſte Zukunft, ſeine Abſicht erreicht. Faſt kein Herz, das jetzt nicht vor ihm zitterte, da er es gewagt hatte, den Stolz der Nation, ihre Lieblinge anzutaſten, auf deren hohe Stellung, Macht und Geſinnung ſie ihre ſchönſten Hoffnungen ſetzte; dieſe ſchienen mit Egmonts und Hoorns edlen Häuptern zugleich gefallen zu ſein. Und nun, da ſich Alba vor dem Ausbruch einer in⸗ neren Gährung ſicher hielt, brach er ohne Verzug nach Fries⸗ land auf, um den Krieg raſch zu beendigen. Schon hatte er Chiappin Vitelli mit zehn Fähnlein deutſchen Fußvolks, mit dem walloniſchen Regiment des Herrn von Hierges, und fünf Fähn⸗ lein des Herrn von Billy dorthin vorausgeſandt, und dem Herzog Erich von Brauſchweig geboten, mit 1500 Reitern ſich an Vitelli zu ſchließen. Dieſer Letztere hatte ſtrengen Befehl von Alba, ſich, vor deſſen Ankunft, in keine Schlacht einzulaſſen. Inzwiſchen hatte Graf Ludwig von Naſſau ſeine Stellung vor Gröningen verlaſſen, und ſich über Slogteren nach Jemmingen an der Ems zurückgezogen. Dort beſchloß er ſich zu vertheidigen; denn er hoffte, daß ſein Bruder Wilhelm von Oranien durch den be⸗ abſichtigten Einbruch in Brabant den Herzog von Alba be⸗ ſtimmen würde, ſeine Streitkräfte dorthin zu wenden. Doch 32 Alba, welcher ſich in der Mitte des Juli mit Vitelli vereinigt hatte, beſchloß, raſch einen entſcheidenden⸗Schlag zu führen. Er folgte mit ſeinem an Zahl und Kriegserfahrung überle⸗ genen Heere dem des Grafen, welches größtentheils aus Neu⸗ lingen beſtand und ſich noch überdieß weigerte, eine Schlacht zu liefern, bevor man ihm den rückſtändigen Sold auszahle. Unter ſolchen Umſtänden trieb der Herzog von Alba am 21. Juli ſeinen Gegner bei Jemmingen zur Schlacht. Er hatte die Stellung des feindlichen Heeres erforſcht und trefflich benützt; ein glänzender Sieg lohnte ſeine Kriegskunſt. Alles Gepäck und Geſchütz Ludwigs ſo wie deſſen Kriegsvorrath wurden eine Beute der Spanier; ein großer Theil ſeines Heeres fand den Tod durch des Feindes Schwert oder in den Fluthen der Ems. Lud⸗ wig ſelbſt rettete ſich über den Strom, ſammelte den Reſt ſeines Heeres und zog damit ſeinem Bruder zu, welcher ſeine Heeresmacht im Gebiet des Erzſtiftes Trier verſammelte. Als Pabſt Pius V. von Alba die Nachricht des Sieges bei Jemmingen erhielt, gebot er, drei Tage hindurch in allen Kirchen Roms feierliche Dankgebete zu halten; die Kanonen der Welt⸗ ſtadt donnerten Freudenſalven, und Freudenfeuer flammten. Einige ſchrieben das für das Papſtthum wichtige Ereigniß einem Ge⸗ lübde des Papſtes, Andere ſchrieben es dem Einfluß der heiligen Mama zu, welche als Schutzpatronin Spaniens die Gebete der ſpaniſchen Soldaten erhört habe. Indeſſen bewies ſich Alba nach ſeinem Siege nichts weniger als chriſtlich⸗verſöhnlich. Er mochte dafürhalten, es ſei ſeine Pflicht, ſich der höheren Gnade, welcher er den Sieg zu verdanken wähnte, durch fortgeſetzten Eifer in Aus⸗ rottung der Irrgläubigen würdig zu machen. So ließ er im Auguſt den Bürgermeiſter von Antwerpen, Antonvan Straa⸗ len, einen in vielfachen Beziehungen um die niederländiſchen Intereſſen hoch verdienten Mann, zu Vilvoorden hinrichten. Der 33 Rath der Unruhen erkannte im Urtheil über Straalen die großen Dienſte an, welche dieſer Mann dem König und dem Lande früher erwieſen hatte; aber die Erinnerung dieſer Dienſte vermochte das ſchwere Verbrechen nicht zu tilgen, welches man ihm zur Laſt legte, nämlich,— daß er ein vertrauter Freund des Prinzen von Oranien und aller jener Männer war, welche es mit dem Lande wohl meinten. Auch Egmonts Geheimſchrei⸗ ber, den Herrn Kaſenbroodt van Bakkerzeel, ließ Alba zur ſelben Zeit und an demſelben Orte enthaupten. Dieſen Mann ſchützte ſogar ſeine Abtrünnigkeit von der Sache der Freiheit nicht; vergeblich hatte er ſich bemüht, die Unruhen zu ſtillen und die Proteſtanten zu richten. Auch Hoorns Ge⸗ heimſchreiber, Alfons de la Loo, wurde hingerichtet. Die Glut der Scheiterhaufen röthete den Himmel über den Nieder⸗ landen; das Blut der Proteſtanten, der Patrioten, ja der Reichen überhaupt, gleichviel von welcher Konfeſſion, röthete die niederländiſche Erde; die unglücklichen Provinzen wurden zu einer hohen Schule für Henker, deren Phantaſie Alba und der Blutrath zu Erfindung neuer Qualen reizten. Nur verſtoh⸗ len, ſcheu vor den Blicken des Häſchers, konnte das Mitleid den Opfern einer ruchloſen Politik und eines ſcheußlichen Egois⸗ mus Seufzer und Thränen weihen. Alba wollte nicht bloß die Freunde der Freiheit ausrotten, ſondern auch ſogar jedes Merk⸗ mal verwiſchen, welches das Volk an die Freiheit erinnern konnte. Er ließ den Palaſt Kuilenburgs, in welchem ſich einſt die Geuſen verſammelt hatten, bis auf den Grund nieder⸗ reißen, und auf der Stätte eine Säule errichten, auf welcher in vier Sprachen folgende Inſchrift zu leſen war:„Zur Zeit, als Philipp II., katholiſcher König von Spanien, über dieſe ſeine Niederlande herrſchte, und Ferdinand Alvarez von Toledo, Herzog von Alba, daſelbſt Statthalter war, wurde das weiland I. 3 34 Haus Florenz Pallants, Grafen von Kuilenburg, dem Erdbo⸗ den gleichgemacht, zum fluchwürdigen Gedächtniß der in dem⸗ ſelben wiederholten Verſchwörung gegen die römiſch⸗katholiſche Kirche, gegen die Majeſtät des Königs und gegen die Nieder⸗ lande ſelbſt.“ Noch hatte jedoch Alba nicht alle Mitglieder des Adels, welche zur Verbindung gehörten, in ſeine Gewalt ge⸗ bracht. Gar manche lebten noch im Lande, welche durch die Treue ihrer Freunde und der der Freiheit überhaupt vor ſeinen Nachſtellungen verborgen blieben. Um ihren Aufenthalt zu entdecken und ſie in ſein Netz zu locken, verkündigte Alba im Auguſt 1568 eine trügeriſche Amneſtie für Alle, welche ſich binnen eines Monats vor ihm oder dem Rath der Unruhen ſtellen würden. Doch wer wagte es, einer Amneſtie Alba's zu vertrauen? Man durchſchaute eine Gnadenverheißung, welche auf dem Schaffot ihre Beſtätigung fand, und niemand ließ ſich durch das holde, göttliche Wort: Vergebung, welches mit einer verabſcheuungswürdigen Zweideutigkeit(um nicht zu ſagen: Perfidie) ausgelegt wurde, aus der Sicherheit hervorlocken. Während nun Alba ſein Anſehen durch Schrecken zu befeſti⸗ gen ſuchte, hatte Oranien ſeinen Kriegsplan keineswegs auf⸗ gegeben. Schon im Juli hatte er die Beweggründe, weßhalb er ſich zum Kampfe gegen Alba rüſte, in Druckſchriften ver⸗ öffentlicht.„Die Spanier“ dies war ungefähr der Inhalt eines ſolchen Aufrufs,„haben die Niederländer bei dem König in den Verdacht der Ketzerei gebracht. Man ſuchte die Inqui⸗ ſition im Lande einzuführen und auf dieſer Grundfeſte das Gebäude der Willkühr aufzurichten. Dagegen zielte die Bitt⸗ ſchrift der verbündeten Edlen; es folgte der Bilderſturm darauf⸗ und der König fand ſich, in Folge deſſen, bewogen, den Her⸗ zog von Alba nach den Niederlanden zu ſenden. Den König ſelbſt hielt man in Spanien zurück, damit er ſich nicht perſönlich vom Stand der Dinge überzeugen könne. Und wie hat Alba ſeither in den Niederlanden gewüthet! Schuld oder Unſchuld galt ihm gleich; frech trat er die Rechte des Landes, welche der König ſelbſt beſchworen hatte, mit Füßen, und die Gewalt der Fremden laſtet ſchwer, unerträglich auf dem Nacken des Volkes. Ich habe dies Unheil vorausgeſehen; längſt habe ich den König getreulich von Allem in Kenntniß geſetzt;— doch es blieb fruchtlos. Nun bewegt mir zweierlei das Herz, das Mitleid für die unterdrückte Nation und die Pflicht gegen den König; zu beiden Antrieben kam auch noch die unmittelbare Aufforderung von allen Seiten her, durch Menſchen beider Konfeſſionen, durch Katholiken wie durch Proteſtanten. Da entſchloß ich mich, zur Ehre Gottes, zum ritterlichen Schutz ſeines Evangeliums und ſeiner Diener, zum Schirm der Frei⸗ heit des Landes und im Dienſte des Königs, die Waffen zu ergreifen. Mit Gut und Blut will ich für dieſe Sache einſtehen. Auf meine eigenen Koſten habe ich ein Heer dafür ausgerüſtet; ſchlagfertig ſteht es da. Nun wohlan, Niederländer, helft mir in der gerechten Sache, helft mir den Herzog von Alba bezwingen, helft mir die Freiheit des Gottesdienſtes herſtellen, helft mir Frieden und Wohlſtand in den Landen wieder begründen, worin ſie unter des Königs Regierung blühen und gedeihen mögen!“ Dieſe und ähnliche andre Druckſchriften in deutſcher und franzöſiſcher Sprache, ſo z. B. eine„ Erklärung und Aus⸗ ſchreiben des Prinzen von Oranien über ſeine nothwendige Ver⸗ theidigung gegen Alba's Tyrannei“,„eine Bekanntmachung des Prinzen an die Bewohner der Niederlande“,„eine getreue Vermahnung an die Niederländer gegen die eitle und falſche Hoffnung, durch welche ſie von ihren Unterdrückern getäuſcht werden“, wurden an allen Orten verbreitet, um das Volk zur Theilnahme am Befreiungskriege zu begeiſtern. In gleichem 36 Sinne ſprach ſich Oranien auch in Privatſchreiben an die deut⸗ ſchen Fürſten über den Zweck ſeiner Rüſtung aus, nämlich die Perſon des Königs von Spanien von Alba's Gewaltherrſchaft noch immer wohl unterſcheidend, ſeine Treue für den Erſteren betheuernd, deſſen Intereſſe mit dem der unterdrückten Nieder⸗ lande verbindend,*) und wir haben keinen Grund, zu bezwei⸗ feln, daß er es auch wirklich ſo meinte. Es iſt das Charakte⸗ riſtiſche dieſer Revolution, daß ſie keine kühnen Ueberſprünge machte, ſondern, ſo lang als möglich, die hiſtoriſchen Formen feſt beibehielt. Uebrigens ſtand Oranien fortwährend in gehei⸗ men Verbindungen mit ſeinen Freunden in den Niederlanden, und wirklich unternahmen einige beherzte Männer in Friesland und Nordholland im Sommer Anſchläge, um ſich der Städte Alkmaar und Hvorn zu bemächtigen und ſie dem Prinzen, wenn er nach Holland käme, zu übergeben. Dieſe Unternehmungen hatten jedoch kein Reſultat, und Viele, welche ſich dabei bethei⸗ ligt hatten, wurden in der Folge verbannt. 8- Mit dem größten Eifer hatte Oranien indeſſen fortwährend ſeine Heeresrüſtung betrieben. Gleichwohl ſah er ſich noch immer außer Stande, den Feldzug zu eröffnen, und zwar vornämlich deßwegen, weil die ihm verſprochenen Geldunterſtützungen weder ſo pünktlich noch in dem Umfange eingingen, wie er gehofft hatte. Dieſer Geldmangel lähmte, bei allen Anſtrengungen Oraniens, von vorneherein den Erfolg ſeiner Kriegsunterneh⸗ mungen, ſowie ihn derſelbe auch bereits verhindert hatte, ſeinen Feldzug gegen Brabant zugleich mit dem ſeines Bruders Ludwig in Friesland, zu beginnen, wodurch der ganze *) Ein intereſſantes Dokument hierfür iſt ein Brief Oraniens,(bat. „Wiſſenheim in Unſerm Feldlager, den 4. Septbr. Anno 1568) an Friedrich von der Pfalz, worin Jener Dieſen um Geſtattung des Durchzugs für ſeine Truppen und Zuführung des nöthigen Proviants bittet.(Siehe die Zeitſchrift„die freie Preſſe“, 1840 Nr. 22.— 24.) 37 Kriegsplan aus den Fugen gerückt wurde. So war denn bereits der Herbſt herangekommen und nun beſchloß Oranien, nicht länger mehr zu warten. Er muſterte ſein Heer im September bei Romersdorf im Erzſtifte Trier. Es war 20,000 Mann ſtark und mit 4 ſchweren und é leichten Geſchützen verſehen. Es beſtand zum größten Theil aus Deutſchen, zum Theil aber auch Niederländern und Franzoſen. Unter den Befehlshabern befan⸗ den ſich viele Männer, welche ebenſo durch den Rang ihrer Ge⸗ ſchlechter, wie durch Kriegsruhm oder durch Liebe zur Freiheit bekannt und berühmt waren,— unter den Deutſchen der tapfere Heſſe, Herr Friedrich von Rolzhauſen, Graf Juſtus von Schauenburg, die Grafen Ludwig und Albert von Naſſau, Otto von Malsburg, Adam Welſer,— unter den Niederlän⸗ dern der Graf von Hoogſtraten, die Herren von Ryſoire und Sonoy, und der grimmige Feind der Spanier, Wilhelm von Lü⸗ mey, Graf von der Mark, welcher geſchworen hatte, ſich Haupt⸗ und Barthaar nicht eher zu ſcheeren, als bis er den Tod Egmonts und Hoorns an ihren Mördern gerächt habe. Zu Anfang Septembers brach nun Oraniens Heer auf; auf einigen ſeiner Fahnen war der Spruch zu leſen:„Pro lege, grege et rege“, auf anderen das Bild eines Pelikans zu ſehen, welcher die Jungen mit ſeinem Herzblut nährt; viele Krieger trugen Roſen auf den Sturmhauben, Symbole des Vertrauens auf engliſchen Schutz; denn die Königin Eliſa⸗ beth von England, an welche ſich Oranien, als an eine prote⸗ ſtantiſche Fürſtin, gewendet, hatte aus Haß gegen Spanien ihren Beiſtand zugeſagt, wiewohl ſie ſich, in Folge einer Poli⸗ tik, die wir ſpäter noch näher kennen lernen werden, ſcheute, ſich öffentlich für die Feinde Spaniens zu erklären. Die üble Spätjahrswitterung legte der Beſchleunigung des Heereszuges große Hinderniſſe in den Weg; anhaltender Regen hatte die 38 Straßen in ſchlechten Stand geſetzt, auch beſorgte man einen hohen Waſſerſtand der Maas, über welche das Heer ſetzen mußte, um in Brabant eindringen zu können. Doch Ora⸗ nien bewährte, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, ſeinen klaren Blick, ſeinen beſonnenen und beharrlichen Muth. Glück⸗ lich kam er bei St. Vit in's Herzogthum Luxemburg, und eroberte Arenberg, Kerpen, ſo wie einige andere Plätze von geringer Bedeutung. Inzwiſchen hatte auch Alba durch eine Summe von 400,000 Kronen und durch 2500 ſpaniſche Solda⸗ ten, die man ihm aus Spanien geſendet, ſeine Macht verſtärkt, und ſchickte ſich an, dem Prinzen die Stirne zu bieten. Beide Gegner bewegten ſich nach der Maas,— Oranien, um dieſen Strom zu überſchreiten,— Alba, um Jenen daran zu verhin⸗ dern. Oranien war jedoch, bei weitem gefährlicher als durch Alba's Rüſtung und Nähe, durch den ſchlimmen Geiſt ſeines eigenen Heeres bedroht, welches wegen Mangels an Bezahlung meuteriſche Bewegungen zeigte, und mußte deßhalb Alles auf⸗ zubieten ſuchen, um in Folge einer entſcheidenden Schlacht ſich raſcher der einen oder anderen bedeutenden Stadt in Brabant bemächtigen zu können, wo er dann,(bei der Nähe des Win⸗ ters) ſeine Truppen unterbringen und mit Lebensmitteln ver⸗ ſorgen konnte. Gerade dieſer Plan Oraniens beſtimmte Alba, welcher denſelben durchſchaute, ein ganz entgegengeſetztes Ver⸗ fahren einzuſchlagen, nämlich: den Gegner bis in den Winter hinein auf das flache Land zu beſchränken, wo ſich das feindliche Heer aufreiben mußte, und deßbalb jede offene Feldſchlacht zu vermeiden. Ueberdieß beſorgte Alba, ſo viel er auch bereits gethan hatte, um die Nation zu entnerven, vennoch einen Auf⸗ ſchwung derſelben in dem Falle, wenn es dem Prinzen gelänge, im Lande feſten Fuß zu faſſen oder einen Vortheil im Felde zu erringen; dieſe Rückſicht gab dem Plane Alba's den Ausſchlag. — 39 Deßhalb verſchanzte er denn ſein Heer bei Maaſtricht, am linken Ufer der Maas. Er hielt es für unmöglich, daß Oranien unter den vorhandenen Umſtänden einen Uebergang über dieſen Strom bewerkſtelligen könne; hatte doch die Stadt Lüttich dem⸗ ſelben den Uebergang über ihre Brücke verwehrt und beſaß Ora⸗ nien doch, um eine Schiffbrücke ſchlagen zu können, weder Fahr⸗ zeuge, noch ſonſtige dazu nöthige Geräthſchaften, hatte doch endlich Alba zur äußerſten Vorſorge in die ſeichteren Stellen der Maas Fußangeln legen laſſen, um den Durchgang zu verhindern. Doch alles dieſes ſchreckte den Prinzen von Oranien nicht ab. Man hatte bei Stochem, zwiſchen Maaſtricht und Ruremonde, eine Fuhrt gefunden. Da ſtellte Oranien am 7. October des Abends, einige Rotten ſeiner Reiterei mitten im Fluße auf, um deſſen Strömung zu dämmen, und führte hierauf, Angeſichts des feindlichen Heeres, kühn ſeine ganze Truppenmacht mit Gepäck und Geſchütz durch den Strom. Jetzt ein raſcher Angriff auf die Feinde, und ein entſcheidender Sieg war ſein! Oranien verſäumte jedoch den günſtigen Augenblick aus Vorſicht und Menſchlichkeit; denn er wollte ſeinen Soldaten nach jener An⸗ ſtrengung eine kurze Ruhe während der Nacht gönnen. Am an⸗ dern Morgen bot er dem Herzog von Alba die Schlacht an. Die⸗ ſer hatte die Nachricht von dem Maasübergange anfangs nicht für wahr gehalten, und den Grafen Barlaimont, welcher ſie ihm brachte, erwiedert:„Glaubt Ihr denn, die Feinde ſind Vögel, daß ſie über die Maas fliegen konnten?“ Als nun die Feld⸗ muſik Oraniens dem ſpaniſchen Heere näher und näher ſcholl, rieth Chiappin Vitelli, heftig drängend, die Schlacht anzuneh⸗ men; n„noch ſeien“, führte er als Beweggrund an,„die Feinde müde und durchnäßt; mit leichter Mühe könne man ſie jetzt bezwingen.“ Alba beharrte jedoch unerſchütterlich auf dem wohlüberlegten Plane, welchen er einmal gefaßt hatte. 40 Es zeigte ſich, daß er alle Umſtände durchaus richtig berech⸗ net hatte. Oranien ſah ſich nämlich genöthigt, ſein Heer bald hierhin bald dorthin zu führen„ und überall folgte ihm Alba auf den Ferſen; dieſer Feldzug glich einem Schachſpiel, bei welchem ſich zwei erfahrene Meiſter gegenüber ſtehen und zu⸗ weilen auch einige Bauern aufopfern, nicht als ob ſie dadurch irgend einen entſcheidenden Zug zu machen hofften, ſondern in der Vorausſetzung, den Gegenpart dadurch zu einer Unvorſich⸗ tigkeit zu verleiten. So fielen mehre kleine Gefechte vor, von denen jedoch nur eines etwas wichtiger war. Oranien zog nämlich von St. Trond nach Tirlemont(Thienen), um ſich mit der franzöſiſchen Heeresabtheilung zu vereinigen, welche Genlis bereits bis Joudoigne geführt hatte. Nur noch der Fluß trennte beide Verbündete, Oraniens Heer und die Franzo⸗ ſen. Um nun ihre Vereinigung zu verhindern, beorderte Alba ſeinen Sohn Don Friedrich, mit einer Truppenabtheilung den Feinden zu folgen, den Uebergang ihrer Hauptmacht über den Fluß abzuwarten, und dann den Reſt aufzureiben. Fried⸗ rich entledigte ſich dieſes Auftrages mit Glück, indem er die feindliche Bedeckung des Stromes ſchlug. Vergeblich beſtürmte Chiappin Vitelli voll Ungeduld den Herzog mit Bitten, einen allgemeinen Angriff zu erlauben; erzürnt ließ ihm Alba die Antwort ſagen:„Beim Haupte des Königs, keiner von euch unge⸗ ſtümen Mahnern wird lebendig zurückkommen.“ Bei dieſem Ge⸗ fecht wurde Hoogſtraten ſo ſchwer verwundet, daß er bald darnach ſtarb; die Hauptmacht Oraniens aber vereinigte ſich glücklich mit den Franzoſen. Alba führte gleichwohl ſeinen Plan konſe⸗ quent durch und wiederholte ſeine früheren Operationen. Er ſchnitt ſeinem Gegner die Zufuhr ab und zwang ihn, wohl zwanzigmal das Lager zu wechſeln, ohne einen entſcheidenden Schlag ausführen zu können; die Städte hielt er durch Furcht —— 41 ab, dem Prinzen ihre Thore zu öffnen. Oraniens Truppen ermüdeten durch dies zweckloſe Hin⸗ und Herziehen, der Sold⸗ mangel wurde immer drückender(Oranien hatte ſtatt 300,000 Reichsthalern, die er aus den Niederlanden erwartete, nur 10 bis 12000 erhalten), die Stimmung ſeiner Truppen da⸗ durch immer bedenklicher, und die Ausſicht: einen rauhen Winter im freien Felde, wahrſcheinlich ohne Zufuhr von Lebens⸗ mitteln, zubringen zu müſſen, entmuthigte ſie vollends und lieh ihrem Mißbehagen harte Worte. Kurz Alles traf ein, was Alba ſo richtig berechnet und Oranien befürchtet hatte. Oranien überzeugte ſich endlich im November, daß er ſich unter ſolchen Umſtänden nicht länger halten könne, und daß ihm für den Augenblick nichts andres übrig blieb, als ſein Heer nach Frankreich zu führen, wo er ſich mit dem der Huge⸗ notten unter Condé vereinigen wollte. So ſchlug er denn den Weg nach Frankreich durch Hennegau ein; bis gegen Cambray folgte ihm Alba auf dem Fuße nach. Zwiſchen dieſer Stadt und Quesnoy fand noch ein Gefecht zwiſchen der Nachhut Ora⸗ niens und der Vorhut der Spanier ſtatt, worin die Letzteren beſiegt wurden. Alba ließ nun den Prinzen ruhig gegen Soiſ⸗ ſons weiter ziehen; er hatte ja ſeine Abſicht vollſtändig erreicht, und durfte ſich geſtehen, daß dieſer Feldzug, in welchem er keinen Sieg auf dem Schlachtfeld errungen, gleichwohl der glänzendſte Triumph ſeiner Kriegskunſt ſei. Den Muth und die Beharrlichkeit Oraniens aber vermochte die traurige Ueberzeugung, daß alle ſeine Anſtrengungen ver⸗ geblich geblieben, noch keinesweges zu beugen. Er hatte wenig⸗ ſtens hinter allen meiſterhaften Operationen ſeines Gegners, hinter allem neuen Glanz, welcher deſſen Feldherrnruhm jetzt umſtrahlte, doch deſſen Beſorgniß deutlich genug erkannt, und dieſe Beſorgniß Alba's beſtätigte vor Oraniens Adlerblicken jene — 42 Anſicht von dem Zuſtand und den Geſinnungen der Niederlaͤn⸗ der, welche er ſich aus den heimlichen Berichten ſeiner dortigen Freunde gebildet hatte. Wenn Oranien, dieſer große Menſchen⸗ kenner, noch außerdem Alba's Charakter ermaß, und die Ueber⸗ zeugung gewann, daß ſich der ſtolze Spanier, im Wahne: jetzt ſeine Herrſchaft geſichert zu haben, ohne Zweifel bald neue Maßregeln der Gewalt und des Uebermuthes gegen die Unter⸗ drückten erlauben würde, ſei es nun aus Antrieb der eigenen Herrſchſucht, ſei es, um dem Könige zu gefallen, oder ſei es endlich, weil ihn die Leidenſchaften ſeiner ſpaniſchen Umgebung dazu mit fortriſſen,— ſo konnte Oranien aus dieſer Berechnung kei⸗ nen anderen Schluß ziehen, als den, daß Alba die Nation bald durch Verzweiflung reif machen würde, um Alles zu wa⸗ gen, und daß mithin noch keinesweges jede Hoffnung verloren ſei. Dieſe Anſicht ſprach ſich in einem, wahrſcheinlich von Ora⸗ niens Freunde, Philipp Marnix von St. Aldegonde*) verfaßten Liede aus, welches um dieſe Zeit überall geſungen wurde und ſich als ächtes Volkslied erhielt. Es iſt das Lied, das(in hochdeutſcher Uebertragung) mit den Reimen beginnt: „Wilhelmus von Naſſaue Bin ich von deutſchem Blut, Dem Vaterland getreue Bleib ich bis in den Tod; Ein Prinze von Oranien Bleib ich frei unverwehrt, Den König von Hiſpanien Hab ich allzeit geehrt.“ *) Brandt(historie der Reform.) hielt den Amſterdamer Dirk Vol- kertszoon Coornhert für den Autor.. 43 Auf die Zeit der Entſtehung dieſes höchſt charakteriſtiſchen Liedes weiſen die Stellen darin hin: „Graf Adolf iſt geblieben In Friesland in der Schlacht,“ und: „Als ein Prinz aufgeſeſſen Mit meiner Heereskraft, Von dem Tyrannen vermeſſen Hab ich die Schlacht erhofft; Der bei Maaſtricht begraben, Befürchtet mein Gewält, Meine Reiter ſah man traben Sehr muthig durch das Feld.“ „Euer Hirt, der ſoll nicht ſchlafen“ heißt es weiter in dieſem Volksliede, und an einer früheren Stelle: „Wer fromm begehrt zu leben, Der bitt Gott Nacht und Tag, Daß er mir Kraft woll' geben, Daß ich euch helfen mag.“*) *) Wie ſchön iſt die ſchlichte Frömmigkeit des Mannes, der die Hände nicht in den Schooß zu legen gewohnt iſt, in der 6. Strophe ausge⸗ drückt: „Myn schilt ende betrouwen Z.vt ghy, o Godt, myn heer! 0 p U soo wil ick bouwen, Verlaet my nimmermeer; Dat ick doch vroom magh blyven U dienaer t' aller stondt, De tyranny verdryven Die myn herte doorwondt. 44 Für jene Zeit der Reife nun ſparte ſich Oranien auf. Deßhalb wollte er ſein Heer auch ſo lange in Frankreich erhalten, weil er den Augenblick der Entſcheidung für nicht mehr ſehr ferne hielt. Aber plötzlich erklärte ihm das Heer:„er habe es bloß gegen Alba und nicht gegen Frankreich geworben“¹, es for⸗ derte ſeinen Sold und verlangte energiſch, nach Deutſchland zurückgebracht zu werden. Unwilligen Herzens mußte ſich Ora⸗ nien darein fügen. Er führte die Truppen durch Lothringen nach Straßburg, verkaufte ſein Geſchütz und Kriegsgeräth, bezahlte davon den Soldaten ihren rückſtändigen Sold, und behielt bloß 1200 Neiter in ſeinen Dienſten. Mit dieſen begab er ſich im April des folgenden Jahres zum Pfalzgrafen von Zweibrücken, welcher Condé und den Hugenotten zu Hülfe zog. Oranien und ſeine Brüder, die Grafen Ludwig und Heinrich von Naſſau folgten ihm. Bis in die Mitte des Jahres 1569 blieb er in Frankreich, und bei mancher kühnen Waffenthat ward der Name Oraniens und der Naſſauer in hohen Ehren genannt. Nach dem Tode des Pfalzgrafen(11. Juni 1569) aber verließ der Prinz das Heer und Frankreich. Um vor den Nachſtellungen ſeiner Feinde ſicher zu ſein, reiſte er bloß mit 5 Perſonen, und zwar als Bauer verkleidet. So kam er glücklich nach Deutſchland zurück, wo er ſich einzig mit Plänen zur Befreiung der Niederlande beſchäftigte. und in der letzten Strophe: „Voor Godt wil ick belyden En zyne groote macht, Dat ik tot geenen tyden Den Koningh héeb veracht; Dan dat ick Godt den heere Der hoogster majesteyt Heb moeten obedieren In der gerichtigheyt. c Voll ſtolzer Freude hatte Alba den Niederlanden ſeine glück⸗ liche Beendigung des Feldzuges angezeigt. Ebenſo meldete er ihn dem König von Spanien und anderen Monarchen. Aber ſein Stolz verlangte noch eine andere, mehr genügende Befrie⸗ digung. Er hielt einen feierlichen Triumpheinzug in Brüſſel; allenthalben wurden auf ſeinen Befehl prachtvolle Umgänge ge⸗ halten; das Volk mußte ſeine Freude an den Tag legen, ob auch die Herzen bluteten. Papſt Pius v. ſandte ihm, dem glorreichen Vorfechter der römiſch⸗katholiſchen Kirche, dem Ver⸗ tilger der Ketzer, einen geweihten koſtbaren Degen und einen geweihten, mit Edelſteinen beſetzten Hut. Die Uebergabe dieſes Geſchenkes, welches ein Legat dem Herzog von Alba brachte, wurde durch religiöſen Pomp und ſtattliche Ritterſpiele gefeiert; auch das Volk, deſſen Unterdrückung durch alle dieſe Feſte pra⸗ leriſch zur Schau geſtellt wurde, miſchte ſeine Stimme in den Jubel der Spanier, aber auf ſeine eigene Weiſe,— ein derbes Pasquill, in welchem der Papſt und Alba verhöhnt wurden,*) verkündigten an allen Straßenecken Brüſſels den Grimm des Volkes. Aus dem bei Jemmingen eroberten Geſchütze ließ der übermüthige Sieger durch Meiſter Jakob Jonkelink ſein Standbild gießen, und, zu ewigem Gedächtniß wurde es in der *)„Den Paus send Duc d'Alf een gulden swaert Om de geusen te maken vervaert, Ja om de bloedgierigen tyran Daermede sou ombrengen wyf en man, Die God vresen en dienen van herten fyn, En om de religie dolen en in smerten syn, Dees benedictie is tot Brussel gekomen Van den helschen Vader, den Paus van Romen. So send den Beul tot den Beul fenynig Den rover tot den rover grynig, En den dief totten dief syn schone gaven, Om dat hy d'aerde met bloed soude laven(Bor V. B. F. 195.) 46 Citadelle von Antwerpen aufgeſtellt. Man ſah hier den Herzog von Alba, in voller Rüſtung, entblößten Hauptes, in der einen Hand den Kommandoſtab, die andere wie gegen Antwerpen hin ausgeſtreckt, auf einer am Boden liegenden zweiköpfigen und vierhändigen menſchlichen Geſtalt ſtehen, welche einen Bettelſack, woraus Schlangen hervorkrochen, am Halſe, und in den Händen eine Brandfakel, einen zerbrochenen Hammer, ein Beil, und einen Beutel trug, und zu deren Füßen ſich eine Maske befand. Dieſe geſchmackloſe allegoriſche Darſtellung ſollte die Unterdrückung der Ketzerei und des Aufſtandes der Geuſen und Bilderſtürmer verſinnlichen. Manche deuteten jedoch die beiden Köpfe anders, nämlich als die Häupter Egmonts und Hoorns, wieder Andere als die des Prinzen von Oranien und ſeines Bruders, des Grafen Ludwig, noch Andere legten ſie als den Adel und das Volk der Niederlande aus. Der Herzog von Aerſchot äußerte ſich, als er mit Alba das Bild beſah, gegen dieſen,„die Häupter unter ſeinen Füßen würden ſich wohl rächen, wenn ſie ſich einſt wieder erheben ſollten.“ Die praleriſche Inſchrift des Piedeſta⸗ les lautete:„Dem Ferdinand Alvarez von Toledo, Herzog von Alba, Statthalter des Königs Philipp II. von Spanien in den Niederlanden, zu Ehren aufgerichtet, weil er den Aufſtand unter⸗ drückt, die Rebellen vertrieben, die Religion geſichert, die Ge⸗ rechtigkeit gepflegt und den Provinzen dauernden Frieden errungen, — des beſten Königs treueſtem Diener.“ Unter der Statue ſtand der Name des Künſtlers und die Bemerkung:„aus er⸗ obertem Erz.“ Die Basreliefs des Piedeſtales zeigten einen von Trophäen umgebenen Altar mit der Inſchrift:„dem Gott unſerer Väter,“ und die Morgenröthe, wie ſie die Geſchöpfe der Nacht vertreibt,(ein Wortſpiel auf die Bedeutung des Namens Alba im Spaniſchen). Spanier und Niederländer waren über dieſen Beweis eines grenzenlos eitlen Uebermuthes in gleichem 47 Grade erbittert,— die Erſteren aus Neid, die Letzteren aus Grimm über ihre Verhöhnung. Alba's geheimen Feinden am königlichen Hofe, beſonders dem gewandten Ruy Gomez de Sylva, welcher einen großen Einfluß auf den Monarchen aus⸗ übte, und von jeher, als Freund friedlicher Maßregeln, mit Alba im Widerſpruche geweſen, war das Standbild ein willkommener Anlaß, den Argwohn und die Eiferſucht Philipps des Zweiten auf ſeinen„treueſten Diener“ rege zu erhalten. Es iſt eine kümmerliche, troſtloſe Entſchädigung für das menſchliche Gefühl, wenn es ſich von dem Schauplatze, wo der Diener eines Ge⸗ waltherrſchers ſeine Willkühr übt, zu demjenigen Orte hin wendet, wo dieſer vor einem Höheren(d. h. einem Höheren auf Erden) verantwortlich daſteht, und wenn es dort ſtatt der ewigen Ge⸗ rechtigkeit bloß ein Labyrinth von höfiſchen Intriguen vor ſich ſieht. Doch das Vertrauen auf eine heilige Weltordnung, auf ein allwaltendes Sittengeſetz laſſe ſich dadurch nicht beirren! Wenn wir unbeſchränkte Machthaber, welche kaltblütig über das Schickſal von Tauſenden gebieten, und ihre Diener, welche ruhig das Blut von Tauſenden vergießen, in einem Wechſelverhältniß von ewigem Mißtrauen und ewiger Beſorgniß zu einander er⸗ blicken, Beides gleich armſelig,— ſo vergeſſen wir nicht, welche tiefe Entwürdigung in dieſer Armſeligkeit, und welche Vergeltung in dieſer Entwürdigung liegt. Wir ſehen, möchte man ſagen, die ſogenannten Herrn der Erde ſchon von der Verweſung über⸗ ſchlichen werden, ehe Dieſe ſelbſt es noch ahnen. 48 Beilagen. I. Jugement du comte d' Egmont. (Nach einem Manuſc. aus dem Antwerpner Archive.) Veu par monseigneur le duc d'Alve, marquis de Co- ria, lieutenant gouverneur et capitaine général par le Roy et pays de pardecha, le procès criminel entre le procureur général de Sa Majesté demandant, allencontre Padmiral D'Egmont, prince de Gavre, conte D'Egmondt prisonnier deffendant, Veu aussy les enquestes faicttes par ledit procureur général, tiltres et lettriaiges par icelluy exhibez, les confessions dudit, prisonnier avecq et differents tiltres et lettraiges servies à sa descharge, veu pareillement les charges resultés dudit procès, D'avoir ledit Conte commis crime de lese Majesté et rebellion favorisant et estant complise de la ligue et conjuration abominable du prinche d'Orainge et quelques auttres seigueurs dudit pays de pardecha, ayant aussy ledit deffendeur favorisé et soustenu Jes genstilshommes conféderez du conpromis et les mau- vays offices qu'il a eu en son gouvernement y estant envoyé par madame la duchesse de Palma lors regente et gouvernante desdits pays, pour remedier aux desordres et tumultes advenues audits lieux de son gouvernement allendroit de la conservation de notre sainte foy catho- lique, et de faire d'icelle avecq les sectaires seditieux et rebelles de la sainte Eglise apostolique Romayne de Sa Majesté, consideré en aultre tout ce que resulte dudit proces, Son Excellence le tout meurement déliberé avecq le conseil chez elle adjuge audit procureur général es 49 conclusions et declaire suyvant ce, ledit Conte avoir commis crime de lese Majesté et rebellion, Et comme telle debvoir exécuté par l'espée et la teste mise en lieu publique et hault, affin qu'el soit veue d'un chacun et demorera si longuement et jusques a tant que par sa dite Excellence autrement sera ordonné, exemplaire chastoy des delictes et commis par ledit conte d'Egmont berpetrez, commandant que personne ne soye osée de la oster soubz painne de dernier supplice et declairé tous et quelcon- dues ses biens, meubles et immeubles, droitz et actions, ſiefs et heritaiges, de quelque nature et qualité et la- part oùð ils sont scituez et pouront estre trouvez, confis- quiez au prouffyt de Sa Majesé; Ainsy aresté et prononchié à Bruxelles le IIIIme de Juing MDLXVIII. II. Lettre du Comfe d'Egmont a Philippe II. quelques heures avant son execution. 2 (Antwerpner Archiv.) Sire. JPay entendu ce matin la sentence du'il a pleu a Votre Majesté fere decreter contre moy et combien que jamais mon intention n'a esté de riens traicter ny fere contre la persone ny le service de votre Majesté ny contre notre vraye anchienne et catholicque Religion, Si est ce que je prens en patience ce qu'il plaict à mon bon *) Schiller theilte dieſen Brief in Ueberſetzung mit. J. 4 50 Dieu de m'envoyer, Et si j'ai durant ces troubles con- seillé ou permis de fere quelque chose qui semble aultre, ce ha esté toujours avecque une vraye et bonne inten- tion au service de Dieu et de Votre Majesté et pour la necessité du temps. Parquoi je prie Votre Majesté me le pardonner et avoir pitié de ma paouvre femme et enffans et serviteurs, Vous souvenant de mes services passez, Et sur cest espoir m'en vois recommander à la misericorde de Dieu— De Bruxelles prest à morir ce V de Juing l'an 1568. De Votre Majesté très humble et leal vassal et serviteur Lamoral Degmonl. Alba wähnte denn jetzt, ſeine Autorität gehörig befeſtigt und geſichert zu haben. Der erſte Gebrauch, welchen er davon machte, waren neue Verfolgungen aller Derjenigen, welche bei den vorigen Unruhen betheiligt zu ſein ſchienen und welche man bis⸗ her vielleicht noch vergeſſen hatte. Nachdem nun vornämlich ſo viele Häupter von Edlen gefallen waren, kam jetzt die Reihe mehr an die reichen Kaufherrn und Handwerker, kurz an den dritten Stand, und immer deutlicher zeigte es ſich, welchen großen Antheil die elende Abſicht, Schätze zu erpreſſen, an den Urtheilen des Blutrathes hatte. Wie war es möglich, fragt man ſich, daß der Statthalter eines Königs, welcher über die Goldgruben der neuen Welt zu gebieten hatte, und welcher wenn es galt, einen höchſten Zweck zu erreichen, mit denſelben keineswegs geizte, daß der Statthalter eines ſolchen Königs ſich genöthigt ſehen konnte, den Scharfrichter zu ſeinem Münzmeiſter zu machen? Man würde Unrecht thun, der Habſucht Alba's allein alle Schuld beizumeſſen; die größere Hälfte derſelben fällt auf die elenden Kreaturen zurück, welche unter der Ägide ſeiner Politik ihren niedrigſten Leidenſchaften fröhnten. Aber das iſt eben der Fluch jeder willkührlichen Herrſchaft, daß eine ſolche ſtets mehr oder minder in eine Anarchie ausarten muß, wobei die Schlechteſten, welche die Stärkſten geworden ſind, durch ihren Egoismus das kunſtreiche Gebäude von Berechnungen ihres Gebietigers plump zerſtören; und Dieſer— das iſt aber⸗ mals der Fluch der Willkührherrſchaft— Dieſer, welcher ihnen ſein Vertrauen ſchenkt, welcher ſie in den Purpur ſeiner Macht einhüllt, welcher in allzugroßer Vorliebe für ſie faſt jeden Odem⸗ zug der Wahrheit, der ſie etwa anklagen könnte, geradezu für ein Verbrechen erklärt, Dieſer ahnet den Umſturz aller Dinge nicht, welcher ſich ſchon leiſe unmerklich vorbereitet. Erkennt er ihn endlich, dann greift er plötzlich rathlos nach Mitteln der Verzweiflung und beſchleunigt nur dadurch die Kataſtrophe, welche er aufhalten will. Soll man ihm dieſe moraliſche Blind⸗ heit nicht zurechnen dürfen? Wird er auf ſeinen eigenen Schul⸗ tern nicht das ganze Gewicht jener Frevel tragen müſſen, welche ſeine Kreaturen ſich in ſeinem Namen erlauben durften? Alba fühlte etwas dergleichen, leiſe ſchauernd; er fühlte das Wehen eines fremdartigen Odems über ſein ganzes Weſen hinziehen; eine Mahnung an ſeine eigene Verantwortlichkeit trieb ihn, hie und da eine ſeiner Kreaturen über die Willkühr, welche ſie ſich erlaubten, zur Rede zu ſtellen und durch ihre Beſtrafung ſeiner eigenen und ſeines Gebieters Willkühr die Autorität der Ge⸗ rechtigkeit wieder zu verſchaffen. Es iſt wahr: die durchgreifenden militäriſchen Maßregeln, welche Alba zur ſogenannten„Beruhigung“ der Niederlande ergreifen zu müſſen glaubte und— zum Theil in Folge der ge⸗ heimen königlichen Inſtruktion— ergriff, die Erbauung der Cita⸗ dellen, die Beſoldung des verſtärkten Heeres und der Spione und dergleichen hatten ſchwere Summen gekoſtet. Aber die bo⸗ denloſe Habſucht jener Spanier, welche ſich aus dem Blute der Niederländer bereicherten, hatte noch mehr verſchlungen. Davon abgeſehen, bedurfte Philipp II. ſelbſt dringend Geld. Er be⸗ fand ſich in der größten Verlegenheit und man darf die Gründe derſelben nicht in ſeiner Regierung allein ſuchen. Sein Vater Karl V. hatte ihm dieſe Geldverlegenheit vererbt. Indeſſen hatte Karl V. gerade in den Niederlanden eine der wich⸗ tigſten Reſſourcen für die Finanzen gehabt, und Philipp ver⸗ ſtopfte ſich durch ſeine ungeduldige Haſt, durch ſein zweckwidriges Drauflosſtürmen, die Niederlande zu nivelliren, die wichtigſte Fi⸗ nanzquelle. Man darf alſo nicht auf Alba's Schultern die Verblendung Philipps laden. Schwerlich würde Alba auf eigene Verantwortung das zu unternehmen gewagt haben, was er jetzt wirklich wagte. Sicher mußte er auch für ſeine neuen Finanz⸗ operationen ſeine beſtimmten Inſtruktionen haben, ſonſt wäre ſein Haupt vor Philipp verfallen geweſen. Allerdings war je⸗ doch Alba dabei ſelbſtthätig. Er hatte ſich überzeugt, daß die Mittel, die er früher ergriffen hatte, durch ihre Folgen das Land verarmt hatten. Die nächſte Wirkung ſeiner Regierungsmaxime, des Schreckens, war die freiwillige Auswanderung der Wohl⸗ habenden geweſen, welche die üblen Folgen der Verbannungen für das Land nur vermehrte. 3 Als Alba Anfangs faſt ausſchließlich gegen die Edlen ge⸗ wüthet hatte, ging dadurch jedesmal nur ein beſtimmtes, abge⸗ ſchloſſenes Vermögen auf einmal dem Lande verloren. Indem er aber jetzt anfing, ſein Syſtem auch auf die Gewerbtreibenden auszudehnen, indem dieſe, flüchtend, ihren ganzen Gewerbfleiß mit ſich nahmen und in fremde Länder brachten, gingen ihrer Heimath auch die lebendigen Zinſen des Kapitals verloren, welche für ſich ſelbſt das fruchtbarſte Kapital und die Lebensbedingung des heimiſchen Wohlſtandes ausmachten. Alba würde ſich viel⸗ leicht wenig darum gekümmert haben, hätten die Reſultate, welche ihn überraſchten, nicht zugleich jene reizbaren geheimſten Fühlfäden ſeiner Weſenheit, nämlich die Luſt am Despotismus, verletzt. Konnte er es ertragen, daß das Volk die Steuern— nach uralten Rechten— bloß als Bitten ſeines Monarchen 54 betrachtete, über deren Gewährung oder Nichtgewährung es mit Dieſem unterhandelte? Und dünkte er ſich ſelbſt in den Nieder⸗ landen nicht ſo gut wie ein Monarch, konnte er dies nicht auch wirklich, nach der unbegränzten Vollmacht, welche ihm Philipp II. ertheilt hatte? Das bisherige Verhältniß mußte einem anderen weichen. So lange die Nation noch ein ſo wich⸗ tiges Fundamentalrecht beſaß wie das der Steuerbe⸗ willigung durch ihre Repräſentanten, die Staaten, ſo lang blieb auch der Nerv ihrer Selbſtſtändigkeit unangetaſtet; ſo lang war ſie noch nicht ganz bezwungen, noch nicht ganz zum Spiel⸗ ball der ſpaniſchen Herrſchaft geworden; ſo lang blieb alles be⸗ reits vergoſſene Blut fruchtlos. Alba beſchloß deßhalb eine neue durchgreifende Maßregel, für welche er— konnte es anders ſein?— das Muſter und den Maßſtab aus Spanien entlehnte. Dieſe neue Maßregel, welche er ergriff, verbarg hinter der ma⸗ teriellen Außenſeite, welche ſie zeigte, auch eine tiefer berechnete Abſicht gegen den ganzen lebendigen Organismus der Nation; ſie bezweckte ihre moraliſche Entkräftung. Aber gerade jene materielle Außenſeite war es, welche das Volk zum Aeu⸗ ßerſten trieb. Hierin liegt zum Glück für die Völker der Miß⸗ griff der meiſten Despoten. Indem Dieſe die Völker bloß wie eine Maſſe von beſchränkten Köpfen verachten, glauben ſie keinen Anſtand nehmen zu dürfen, dieſe Maſſe an der nächſten beſten Seite, welche ihnen gerade am gelegenſten zur Hand, zu packen, und da greifen ſie dann, noch plumper, als ſie das Volk plump wähnen, ſtatt nach der abſtrakten Idee der Freiheit, nach den alten Gewohnheiten der Nation, nach den erſten Bedürfniſſen des Lebens; da greifen ſie in jenen Kreis, welchen jeder Einzelne in der Maſſe bisher als ſeine Welt betrachtete; ſie reißen aus einer ſolchen kleinen Welt unbedacht das nächſte Stück heraus, ſo daß dieſe ganz und gar zuſammenfällt. Indem ſie aber dies thuen, eröffnen ſie den Zuſtand der Nothwehr, und der gemeine Mann, der bisher den Edelſten ſeines Volkes blos mit ſtillver⸗ borgnem Schmerz, mit Thränen, vor denen er ſich ſelbſt fürchtet, dicht neben ſich vor der Uebermacht ſchnöd erliegen ſah,— dieſer gemeine Mann erhebt ſich plötzlich wie ein gereizter Löwe, und wendet ſich gegen den ſtolzen Jäger. Die Verzweiflung gibt alsdann dem Unterdrückten übermenſchliche Kräfte; wie ein Sturm⸗ wind zerreißt ſie alle niederlaſtenden Wolken vor ſeinen Blicken. Er athmet plötzlich reinere Luft als bisher; kühn erblickt er die Gegenſtände rings um ſich in einem neuen Lichte, in einem ungeahnten Zuſammenhange. Er ſelbſt dünkt ſich plötzlich ein ganz Andrer, ein Beſſrer geworden zu ſein; indem der fremde Egoismus tödtlich an ſeinen eigenen ſtieß, hat der Erſtere dieſen Letzteren abgeſtreift, und frei fliegt nun die entbundene, geadelte Seele dem Gemeingefühl, dem großen, heiligen Ganzen, dem Vaterlande zu. Das Jahr 1569, in welchem Alba eine neue allgemeine Beſteuerung für ſämmtliche Provinzen der Niederlande er⸗ ſann, bleibt ewig denkwürdig in ihrer Geſchichte. Von dem Augenblicke an, als er dieſe Feſſel ſchmiedete, rechnet ihre Frei⸗ heit, welche kühn auch die früheren Bande zerbrach. Von dem Augenblicke an, da er ſeine Hand an den Herd jedes Hauſes legte, loderten die Flammen aller Herde auf dem gemeinſamen Altare des Vaterlandes zuſammen. Das neue Beſteuerungs⸗ ſyſtem, welches Alba in den Niederlanden einrichten wollte, beruhte auf folgenden Grundſätzen. Fürs Erſte ſollte von allen beweglichen und unbeweglichen Kapitalien ohne Unter⸗ ſchied ein Prozent, der ſogenannte mundertſte Pfennig,“ ein für allemal dem Fiskus des Statthalters zufallen; ſodann fünf Prozent beim Verkauf von allen unbeweglichen Gütern, der„20. Pfennig“, und endlich zehn Prozent beim jedes⸗ — 56 maligen Verkauf aller beweglichen Güter, der ſogenannte „zehnte Pfennig;“ unter dieſer letzteren Benennung be⸗ griff man insgemein das ganze neue Beſteuerungsſyſtem Alba's überhaupt. Bevor er aber daſſelbe zur Geſetzeskraft erhob und in ſolcher den Staaten verkündigte, theilte er es einigen Mit⸗ gliedern der drei Räthe, worunter auch dem Präſidenten Vig⸗ lius, mit. Dieſer früherhin nur allzunachſichtig geweſene Greis erhob ſich, als er das Verderbliche der neuen Pläne durch⸗ ſchaute, in friſcher Jugendkraft, und wies dem Gewalthaber furchtlos und treulich alle jene gränzenloſen Nachtheile nach, welche die Einführung des„zehnten Pfennigs“ für Land und Volk nothwendig nach ſich ziehen würde. Man führte dem Herzog den Umſtand vors Gedächtniß, daß ſelbſt Kaiſer Karl V., bei einer ähnlichen Abſicht, es für gerathen gehalten habe, den Staaten nachzugeben, welche ihm ihre Zuſtimmung zu einer für das Land ſo verderblichen Auflage ſtandhaft verweigerten. Man ſtellte ihm noch insbeſondere die Gehäßigkeit der Erh ebung von zehn Prozent beim jedesmaligen Verkauf beweglicher Güter vor, und wie dadurch die Preiſe der Waaren bis ins Uner⸗ ſchwingliche ſteigen müßten. Alba hielt allen Vernunftgründen den Scheingrund entgegen, daß durch den„zehnten Pfennig“ alle Ungleichheit in der Beſteuerung der verſchiedenen Provinzen aufgehoben würde, worüber Dieſe ja bisher Klage geführt hätten. Auch ließ er ſich über ſeine anderweitigen Motive zur Einfüh⸗ rung des zehnten Pfennigs alſo vernehmen:„Durch beſtändiges Verlangen von Geldbeiträgen leide das königliche Anſehen, umſomehr, da die Staaten oft ſich weigerten, ſolche Bitten“ (Beden) zu genehmigen oder ſie nur gegen Zugeſtändniſſe ungemein wichtiger Privilegien bewilligten; deßhalb müſſe man den König von der Laſt ſolcher wiederholter„Bitten“ durch die Einführung einer ſtändigen Auflage entheben. Sodann 57 koſte die Erbauung und Unterhaltung der neuen Feſtungen viel Geld; ferner beſchwere der zehnte Pfennig vornämlich bloß die Kaufleute und Gewerbtreibenden, wogegen Landvolk, Adel und Geiſtlichkeit wenig dadurch gedrückt würden. Würde man den zehnten Pfennig bewilligen, ſo wolle er die Abgaben auf Lebensmittel aufheben. Eine ähnliche Beſteuerung des inneren Handels beſtehe auch in Spanien, nämlich die Alca⸗ vala. Dieſe Letztere betraf nicht blos den Verkauf(von zehn Ma⸗ ravedis des Kaufpreiſes erhielt der König einen), ſondern auch den Tauſch. Sie war keineswegs beliebt, ſondern bloß eine reiche Quelle von Immoralität. Uebrigens paßte nicht Alles, was ſich vielleicht für Spanien eignen konnte, für die Nieder⸗ lande; die Lebensprinzipe beider Nationen waren allzuverſchieden. Und mußte dann ein Syſtem, welches ſchon eine Nation, bei der der Handel bloß Nebenſache war, wie bei den Spaniern, erbitterte, eine andere, die niederländiſche, die auf dieſen haupt⸗ ſächlich angewieſen war, nicht in Grund und Boden hinein ruini⸗ ren? Selbſt der beſchränkteſte Kopf in den Niederlanden war darüber im Klaren. Die Mitglieder der drei Räthe entkräfteten alle Scheingründe Alba's durch treffende Bemerkungen; doch Alba achtete nicht darauf; er hatte beſchloſſen, ſein Syſtem um jeden Preis durchzuführen. Am 20. März 1569 berief er die Staaten der ſogenannten „alten“(angeerbten) Provinzen nach Brüſſel und eröffnete ihnen ſeine Forderung des hundertſten, des zwanzigſten und des zehnten Pfennigs, wovon die beiden Letzteren die bisherigen jähr⸗ lichen„Bitten“ erſetzen ſollten; er fügte jedoch die mildernde Ausnahme hinzu, daß fremde Kaufleute, welche ihre Waaren auf niederländiſche Märkte brächten, für den erſten Verkauf vom zehnten Pfennig frei ſein ſollten. Die Staaten waren durch dieſe Mittheilung im höchſten Grade beſtürzt und bemerkten„ daß ſie 4 58 es für unmöglich hielten, die Eintreibung des 10. und des 20. Pfennigs zu bewerkſtelligen; ſie bewilligten ihm jedoch den hundertſten Pfennig, für welchen ſich übrigens mehre Pro⸗ vinzen lieber durch Auszahlung einer runden Summe abfinden wollten. Um ſo energiſcher weigerten ſie ſich dagegen, den zehnten Pfennig zu bewilligen. In Holland verſtanden ſich der Adel und die einzige Stadt Dordrecht, wiewohl nach einiger Zögerung, dazu; die übrigen fünf Städte Hollands wollten ſtatt des zehnten Pfennigs lieber noch zwei Jahre lang den hundertſten beiſteuern. Durch ernſte Drohungen erzwang Alba endlich ihre Zuſtimmung; doch Amſterdam ließ in der Urkunde ausdrücklich bemerken:„es bewillige, weil es überſtimmt worden ſei.“ Ut⸗ recht beharrte fortwährend ſtandhaft auf ſeiner Weigerung und bot Alba zuerſt 72,000, dann 100,000 Gulden als runde Ab⸗ findungsſumme an. Alba war damit nicht zufrieden, als aber die Staaten von Utrecht von ihrer Präſentation nicht abgingen, beſchloß er, über den Widerſpruch erzürnt, mit Gewalt durch⸗ zugreifen. Bald zeigten ſich jedoch auch in jenen Provinzen, deren Staaten den zehnten Pfennig bewilligt hatten, die unüberſteig⸗ lichen Schwierigkeiten, welche deſſen Erhebung entgegenſtanden, ſo daß ſich Alba endlich zu dem Auskunftsmittel entſchloß, ſich für den zehnten Pfennig durch eine runde Summe abfinden zu laſſen. Er verlangte jährlich zwei Millionen Gulden, und zwar für eine Friſt von ſieben Jahren, von den ſämmtlichen Niederlanden, und außerdem die Entrichtung des hundertſten Pfennigs für unvor⸗ herzuſehende Nothdurft: So ſchwankt er zwiſchen Nachgiebigkeit, um durch augenblickliches Drängen nicht Alles aufs Spiel zu ſetzen, und zwiſchen ſeinem angeborenen Trotz, welchen der Miß⸗ muth noch mehr ſtachelt. Seine Bedenklichkeit entſpringt vielleicht weniger aus Beſorgniß als aus Politik, die ihn beſtimmt, die 59 beigefügte Forderung des hundertſten Pfennigs zurückzunehmen. Gleichwohl verräth dieſe Politik des Mannes, deſſen Schritte Tauſende von Menſchenleben auf dem Wege zu einem beſtimmten Ziele nicht aufzuhalten vermochten, einer Nation, die ihn aufs Tiefſte haßt und verabſcheut, daß Geheimniß ſeiner erſten Schwäche. Sie durchſchaut ſeinen ohnmächtigen Grimm, den er ſo gerne mit finſterem Trotz verhüllen möchte,— den Grimm darüber, daß ſein despotiſcher Wille vor einer Gränze ſteht, welche er ſchwerlich überſchreiten kann. Dieſe erſte Schwäche des Macht⸗ habers beim erſten Widerſtand eines Geſammtwillens muß der moraliſchen Stärke der Nation zu gute kommen; das Bei⸗ ſpiel einer Provinz muß das Bewußtſein der anderen vom Schlummer erwecken. Alba hatte außer jener Geſammt⸗ ſumme von zwei Millionen für alle Niederlande, von den Staaten Hollands noch insbeſondere 270,000 Gulden jährlich und zwar für die Friſt von ſechs Jahren, ſowie einen zweiten hundertſten Pfennig gefordert. Die Staaten von Hol⸗ land hatten keine Luſt zu dieſer letzten Bedingung und befürch⸗ teten außerdem, daß Alba nach Ablauf jener ſechsjährigen Friſt dennoch mit der Forderung des zehnten Pfennigs wieder hervor⸗ treten möchte; ſie lehnten daher vorerſt jenen Antrag ab; Alba ſeinerſeits ließ die ganze Sache, die ihm ſo ſehr am Herzen lag, vor der Hand für einige Zeit auf ſich beruhen, um ſie im geeigneten Augenblicke mit um ſo größerem Nachdruck wieder betreiben zu können. Die Stimmung des Volkes war damals allerdings im hohen Grade bedenklich. Der Haß deſſelben brach aus der verborgenen Stille der Herzen hervor; denn Gewohnheit hatte die Macht des Schreckens verwiſcht, und Verzweiflung konnte ſie verſpotten; wozu ſollte der Unſchuldige wohl auch ferner die Zunge hüten, wenn ſchon die freie Geſinnung beſtraft wurde, ſo wie man ſie 60 bei irgend jemand vorausſetzte? Vergeblich beſoldete Alba ſeine ſogenannten„Sieben⸗Stüber⸗Leute,“— arme Schelme von Spionen, die, für einen Taglohn von ſieben Stübern, ihm alles berichten mußten, was man im Volke über ihn ſprach. Alba war bei dieſer geheimen Polizei jedenfalls ſchlechter bedient, als der Prinz von Oranien, welcher ihn von Deutſchland aus beobachtete, durch ſeine geheime Korrespondenz mit den Freunden der Freiheit in den Niederlanden; und alle jene„Sieben⸗ Stüber⸗Leute“ vermochten den Unwillen des Volkes ebenſowenig zum Schweigen zu bringen als die ſpaniſchen Soldaten. 4⁴) Jezt *) Ein charakteriſtiſches Volkslie d aus jener Zeit hat uns Bor 1(V. Buch. Fol. 208) aufbewahrt. „Nach der Weiſe: Ryk God hoe is myn Boel dus wilt“. 1) Helpt nu u selfs soo helpt u Godt 6 Cit der tyrannen bandt en slot, Benaude Nederlanden; Ghy draegt den bast al om u strot, f Rept flucx u vroome handen. d 2) Die Spaensche hoogmoet vals en boos Sant u een Beudel Goddeloos, Om u Godloos te maecken: Gods woort rooft hy deur menschen sloos En wilt u't gelt ontschaeken. 3) So neemt hy elk syn hoogste goed Die't woord der zielen voedsel soet Om draf niet willen sterven: Bekopent met haer rode bloede Of moeten naekt gaen swerven. Moct ook entberen't lieve geld, . 4) Maer die syn hert op Mammon stelt, Syn God sijn vleesch betrouwen, HHy eischt den tienden met geweld, Die't geeft sal niet behouwen. 61 holte das Volk nach, was es bei den Hinrichtungen, Verbannun⸗ gen und Gütereinziehungen vernachläßigt hatte; alle ſeine Ver⸗ wünſchungen, ſo wie jedes Aufflackern ſeines Bewußtſeins und ſeiner Thatkraft fanden in dem„zehnten Pfennig“ ihren gemein⸗ ſamen Brennpunkt. Nicht ohne großen Einfluß auf die Steigerung des Volks⸗ haßes gegen Alba und den lauten Ausbruch der Stimmung war die feindſelige Stellung, welche Alba und die Königin Eliſabeth von England jetzt gegeneinander eingenommen hatten. Dieſe Letztere ſah ſich durch die Vergrößerungspläne Philipps II., welche im 5) Want geeft men Duc van tienen een, Daer blyft ten laetsten een of geen, Wol mag den Herder stillen: Dees Wolfs is met Wol noch Melk tevrecn,, Hy wil de Schaepkens villen. 6) Syn Buik is onversadelyk Bloed en gelddorstig stadelyk, Als die met wreden moede 't slands geld verquist verradelyk Ken Coninklyken bloede, 7) Verdient dan sulk u huirlink fel Den tienden penning niet seer wel Om't Neerland te schinden? Geeft gy hem die so mackt gy snel Den band, om u te binden. 8) 0 Neerland gy syt belaen Dood en leven voor u staen, Dient den tyran van Spangien, Of volgt, om hem te wederstaen, Den Prince van Orangien, 9) Helpt desen Prins, die voor u stryt: Of helpt den Wolf, die u verbyt, Weest niet meer Neutralisten; Verbyt den tyran,'t is nu den- tyd, Met al syn tyrannisten. innigſten Zuſammenhange mit ſeiner Devotion gegen den römi⸗ ſchen Stuhl ſtanden, darauf hingewieſen, Spanien mit wachſamen Augen zu beobachten, und, wenn ſie auch einen offenen Ausbruch des Krieges gegen dieſe Macht zu vermeiden ſuchte, ſo wies ſie doch keine Gelegenheit von der Hand, die ſich ihr darbot, um dem König von Spanien zu ſchaden. Eine ſolche Gelegenheit war es, als Philipp bei genueſiſchen Kaufleuten ein bedeutendes Anlehen gemacht hatte, und die Schiffe, welche dem Herzog von Alba das Geld nach Antwerpen bringen ſollten, durch franzö⸗ ſiſche Kaper verfolgt, genöthigt geweſen waren, in engliſche Häfen einzulaufen. Da legte nun Eliſabeth Beſchlag auf jenes Geld, indem ſie erklärte, es ſei ja nicht das Eigenthum des Königs von Spanien, ſondern italieniſcher Kaufleute, die es ausleihen wollten, und da ſie eben Kapitalien bedürfe, ſo wolle ſie die Gelder aus Genua als Darlehen in Empfang nehmen und den Eigenthümern größere Zinſen geben als Philipp. Alba faßte jedoch die Sache von einem anderen Geſichtspunkte auf. Er betrachtete das Verfahren der Königin von England als eine Feindſeligkeit gegen die Krone Spanien, legte Beſchlag auf alle engliſchen Güter in den Niederlanden und verbot die Ein⸗ fuhr der engliſchen Wollenſtoffe. Dieſe ſeine Maßregel hatte ein Embargo auf die niederländiſchen Güter in England zur nächſten Folge und zur weiteren nicht bloß das Stocken des Handels zwiſchen England und den Niederlanden, ſondern auch eine Verlegung des engliſchen Handels aus den Letzteren nach Hamburg. Erſt im Jahre 1573 wurde dieſe Irrung geſchlichtet. Inzwiſchen hatte Oranien in Deutſchland die Rettung der Niederlande von der ſpaniſchen Tyrannei in keinem Augenblick außer Betracht gelaſſen und alle geflüchteten Niederländer er⸗ warteten von ſeinem Herzen die Rettung, von ſeinem Geiſte den Plan dazu und von ſeinem Munde die Loſung. Eine Rettung 63 war nicht möglich ohne Angriff; aber wo zeigte ſich ein Punkt, von welchem aus Alba, deſſen militäriſche Macht über alle Nie⸗ derlande feſt und ſicher ausgebreitet lag, mit auch nur einiger Hoffnung glücklichen Erfolges anzugreifen war? Wenn abermals ein Unternehmen gegen ihn mißglückte, ſo konnte, nach aller Wahrſcheinlichkeit, der Muth der Niederländer nur ſinken, ſtatt ſich aufzurichten, und mit dem Muth ging ſo leicht auch die Hoff⸗ nung verloren.. Die See, dieſe natürliche Verbündete der Niederlande, welche dem Volke den Handel, die Bedingung ſeines Wohlſtandes, zu⸗ führte,— ſollte ſie ihm nicht auch die Bedingung ſeines Lebens, die Freiheit, erhalten können? Schon hatte die See vielen flüch⸗ tigen Edlen und Kaufleuten ein Aſyl vor Alba's Verfolgungen gegönnt. Vogelfrei auf dem feſten Lande, hatten dieſe Flücht⸗ linge jetzt das raſtlos bewegte Element zur Heimath; ſchlechte Fahrzeuge waren ihre Häuſer und Paläſte; die Rache ſaß am Steuer und die Verzweiflung ſchwellte die Segel. Stürme und Gefahren hatten ihre Sehnen und Herzen abgehärtet, ihre Sehkraft und Liſt geſchärft; trotzig blickten ſie von den Maſt⸗ körben ihrer Vliebote weit hinaus auf das unermeßliche Reich der Wogen, deſſen Könige ſie ſich dünkten, und jedes Fahrzeug das ihnen begegnete, gleichviel welche Flagge es trug, betrach⸗ teten ſie als ihre Beute. Sie mußten Piraten ſein, um das nackte Leben zu friſten. Man nannte ſie die Meergeuſen, und immer ſtärker wurde ihre Zahl, je eifriger Alba ſeine Ver⸗ folgungen fortſetzte. Bald wimmelte das Meer von ihren raſchen Fahrzeugen. Auf dieſe weit und breit gefürchteten Meer⸗ geuſen warf nun der Prinz von Oranien ſein Augenmerk, und zwar, wie man ſagt, nach dem Rathe ſeines Freundes, des Admirals Coligny in Frankreich. Er beſchloß, die Freibeuter zu vereinigen, ihr wildes Gewerbe unter eine geſetzliche Ordnung 64 zu ſtellen, und die rohen Kräfte für einen höheren Zweck, zur Befreiung des Vaterlandes, zu benutzen. Zu dieſem Ende ließ er verſchiedene Kriegsſchiffe ausrüſten und ſtellte den Meergeuſen Beſtallungsbriefe aus, mit ausdrücklicher Verwahrung jedoch, „daß ſie die Städte und Bewohner des deutſchen Reiches, Eng⸗ lands, Dänemarks, Schwedens und Frankreichs, ſowie alle An⸗ deren, welche dem Worte Gottes und ihm(dem Prinzen) zuge⸗ than ſeien, auf keinerlei Weiſe angreifen und beſchädigen ſollten.“ Man hat die Frage aufgeworfen: kraft welcher Berechtigung durfte Oranien ſolche Kaperbriefe ausſtellen? Man hat ver⸗ ſchiedene Gründe dafür und dagegen vorgebracht. Aber in ſolchen Epochen, wo Leben und Tod einer Nation auf dem Spiele ſteht und kein geſchriebenes Recht von ihrem Unterdrücker mehr be⸗ achtet wird, in ſolchen Epochen darf der Edle, der ihr ſein Herz bis zu deſſen letztem Schlage geweiht hat, das ungeſchriebene Recht fragen, das friſch und warm in ſeinem Herzen lebt. Oranien ſuchte die neue Seemacht raſch zu organiſiren. Er be⸗ ſtellte den Junker Adrian van Bergen, Herrn von Dolhain, zu ſeinem Unteradmiral und Generallieutenant, und viele verwegene Männer ſowohl von adelicher als von bürgerlicher Abkunft zu Kapitänen; ſo den Junker Lanzelot von Brederode,(einen Halb⸗ bruder Heinrichs von Brederode) den Junker Albrecht von Eg⸗ mont, den Junker Ludwig van Bergen,(Adrians Bruder) ſo⸗ dann Adrian Menning, Jan Brock, Barthel Entes von Men⸗ theda, Wilhelm von Imbyze, Nikolaus Ruikhaver, Dirk von Bre⸗ men, Dirk Duivel, Jan van Troye und mehre andere. Im September 1569 ging die Flotte dieſer Meergeuſen von England aus zur See. Ihre Unterkunft fand ſie theils in engliſchen Häfen, theils zu Rochelle, welches die Hugenotten inne hatten, theils in der Elbe und Ems. Sie wagten ſich ſelbſt in's Vlie und in die Zuiderſee, und machten das Meer 65⁵ bald noch unſicherer als vorher. Die Küſten Frieslands und Amelands büßten ihre Beuteluſt, und manche Ausſchweifungen wurden begangen, welche der Prinz mit großem Mißfallen ver⸗ nahm. Die rohe Gewalt, die er zu einem reinen und höheren Zwecke zu verwenden und zu läutern gehofft hatte, ſpottete noch der ſtrengen Zügel des Geſetzes. Die kühnſte Waffenthat der Meergeuſen war das Wegnehmen zweier Flotten von 46 Se⸗ geln, welche längs des Vlie nach Amſterdam ſteuerten. Hierauf belagerte Dolhain die Schanze Delfzyl, aber vergeblich, denn der ſpaniſche Statthalter von Gröningen, Kaspar Robles, Herr von Billy, zwang ihn zum Abzug. Man betrachtete die Meergeuſen im Allgemeinen noch immer als Piraten, ungeachtet der Beſtallungsbriefe des Prinzen, und ihr wildes Treiben gegen Freunde wie gegen Feinde rechtfertigte dieſe Annahme; der tapfere Jan Broek, welchen die Hamburger gefangen genommen hatten, wurde in Hamburg als Seeräuber hingerichtet. Bald überzeugte ſich auch Oranien, daß er energiſche Maß⸗ regeln gegen die Meergeuſen ergreifen müſſe, wenn er nicht zu⸗ ſehen wollte, daß ſie ſeinen Plan vereitelten, ſtatt denſelben zu fördern. Der Admiral Dolhain hatte ſich geweigert, ihm Rech⸗ nung von der gemachten Beute abzulegen; da ließ ihn Oranien verhaften und nahm ihm, als er ihn nach einiger Zeit wieder frei gab, die Würde eines Unteradmirals ab. Statt Dolhain's ſtellte Oranien ſpäter Gilain von Fiennes, Herrn von Lumbres, zum Oberbefehlshaber der ganzen Flotte an. Zu gleicher Zeit unterbielt er ſeine geheimen Verbindungen mit den Niederlanden eifriger und behutſamer als je, ſowohl um dort Geldunter⸗ ſtützung zu künftigen größeren Unternehmungen zu gewinnen, als auch um die eine oder andre Stadt in ſeine Gewalt zu bringen; aber verſchiedene Anſchläge,— ſo auf Vließingen, Enk⸗ huizen, Dordrecht, Briel, Delft, Rotterdam und Deventer— 1. 5 66 mißglückten. Ebenſo vergeblich waren leider die Bemühungen mehrer geflüchteter niederländiſcher Edlen und der proteſtanti⸗ ſchen deutſchen Fürſten auf dem Reichstag zu Speier(1570), um die Vermittlung des Kaiſers bei Philipp II. für die Nieder⸗ lande zu erlangen;— Alba's Geſandte wußten es dahin zu bringen, daß es auch bei jenem Reichstag zu keinem Beſchluße kam; wozu der Umſtand weſentlich beitrug, daß ſich Philipp, nach dem Tode ſeiner Gemahlin Iſabella von Frankreich, damals gerade mit Maximilians II. Tochter Anna zu vermälen beab⸗ ſichtigte. Inzwiſchen verlor Oranien, dieſer klare Geiſt, mitten unter allen Stürmen der Leidenſchaften, welche rings um ihn tobten, ſeinen großen Plan nicht aus dem Auge. Ruhig hielt er alle Fäden in den Händen und mit ſtiller Freude ſah er zu, wie Alba die ſeinigen durch Ungeſtüm immer mehr verwirrte. Alba hatte mittlerweile die Beſteuerungsangelegenheit wieder aufgegriffen, und verſuchte es mit Gewalt, ſie raſch zum er⸗ wünſchten Ende zu bringen. Zwar hatten ſich die Staaten von Holland endlich eentſchloſſen, zur Abfindung ſtatt des zehnten und des zwanzigſten Pfennigs ſechs Jahre lang die jährliche Summe von 270,000 Gulden aufzubringen. Aber Utrecht be⸗ harrte noch immer mit der größten Standhaftigkeit auf der Weige⸗ rung. Einen beſonderen Antheil daran hatte die hier reichbegüterte Geiſtlichkeit, welche ſich auf die päpſtlichen Privilegien für geiſtliche Güter und vornämlich auf die berühmte Bulle:„in coena domini“ berief, in welcher die Exkommunikation über alle Diejenigen verhängt wurde, die ohne päpſtliche Erlaubniß zur Beſteuerung geiſtlicher Güter ihre Zuſtimmung ertheilen oder ſolche Steuern in Empfang nehmen. Von dieſer Bulle hatte man kürzlich einen Abdruck veranſtaltet, was den Herzog von Alba, der den Inhalt derſelben nur auf die Feinde der katho⸗ liſchen Kirche, nicht aber auf ihre Vertheidiger, wofür er 67 ſich hielt, ausgedehnt wiſſen wollte, nicht wenig verdroß. Da er nun erfuhr, daß der Druck mit Erlaubniß des geheimen Rathes geſchehen war, ſo ergoß ſich ſein Zorn über dieſen und insbeſondere über den Geheimſchreiber de la Torre, welcher die Druckerlaubniß unterzeichnet hatte. Er ſuspendirte den Letzteren für Jahresfriſt von ſeinem Amte. Am 21. Auguſt 1569 legte er eine ſpaniſche Beſatzung von 10 Fähnlein nach Utrecht, welche der Stadt wöchentlich ungefähr 2400 Gulden abpreßte und nicht bloß die Bürgerſchaft ſondern auch gerade die Geiſtlichkeit durch ihren Uebermuth den Zorn des Gewalthabers fühlen ließ. So zerſtörte Alba ſelbſt, auch vor den Blicken der Römiſch⸗ Katholiſchen, den religiöſen Nimbus, in welchen ſich die Ty⸗ rannei bis jetzt gehüllt hatte. Dieſe machte ſich überdem auch auf andere Weiſe unerträglich. Alba ließ die Staaten von Utrecht, deren Standhaftigkeit ſeinen Zorn um ſo ärger reizte, je mehr er den Einfluß dieſes Beiſpiels auf die übrigen Provinzen be⸗ fürchtete, im Dezember 1569 vor den Rath der Unruhen la⸗ den, wo ſie ſich über frühere Vergehen vom Jahre 1566 und na⸗ mentlich darüber verantworten ſollten, daß„ſie ſich damals der Ketzerei und den umſichgreifenden Unruhen nicht kräftig genug widerſetzt hätten!“ Sie erwiederten auf dieſe wunderliche Beſchul⸗ digung:„Die Beſchwichtigung der Unruhen ſei ja nicht ihre Sache, ſondern die des Königs oder ſeines Statthalters“; übrigens erklärten ſie rund heraus:„ Nach Brauch und Herkom⸗ men bedürfe es zu ihrer Verſammlung einer beſonderen Beru⸗ fung, und auch dann bloß für Finanzangelegenheiten.“ Kurz, die Staaten von Utrecht im Allgemeinen und die Geiſtlichkeit insbeſondere vertheidigten ſich ſo ſchlagend und beſtimmt, daß dem Herzog von Alba nach einem weitläuftigen Schriftenwech⸗ ſel bloß noch ein Gewaltſchritt übrig blieb. Er that ihn im Juli 1570, indem er jenen Staaten das Recht, ſich zu verſam⸗ 68 meln, entzog, und indem er der Provinz ihre⸗Privilegien nahm. Wiewohl er endlich den ſogenannten„neuen Niederlanden“ (d. i. jenen Provinzen, welche erſt unter Karl V. mit den übrigen vereinigt worden waren,) erlaubte, ſich von dem läſtigen zehn⸗ ten Pfennig durch runde Summen loszukaufen, ſo ſchlug er dies Recht der Provinz Utrecht, welche gleichfalls zu jenen gehörte, zürnend ab, obſchon ſie ihr letztes Angebot bis auf 180,000 Gulden erhöhte, um nur von der ſpaniſchen Beſatzung erlöſet zu werden. Schon im Mai 1570 hatte er ein ſcharfes Cenſurmandat erlaſſen, deſſen zahlreiche Artikel, mit der größten Sorgfalt unterſchieden und hervor gehoben, dem Leſer dieſes Aktenſtückes den vollſtändigen Eindruck einer in Reih und Glied geſtellten Häſcherbande machen. In demſelben Monat ſuchte Alba durch einen nach ſeiner Weiſe wohlberechneten Akt des Schreckens auf die Volksſtim⸗ mung zu wirken.— Schon am 16. November 1569 hatte der König in Madrit eine allgemeine Amneſtie für die Niederlande erlaſſen. Sie lautete freilich wie Hohn, wenn man alle in der Begnadigung vorgeſehenen Ausnahmen überblickte. Der erſte Entwurf, welchen Viglius ausgearbeitet hatte, war bei weitem umfaſſender geweſen; erſt in der Reviſion wurden die vielen Beſchränkungen beigefügt und mit Recht befürchtete nun Vig⸗ lius, daß, nachdem man ſich von der Gnade des Königs groß Erwartungen gemacht hätte, jetzt die Enttäuſchung nur einen ſehr üblen Eindruck hervorbringen könnte. Streng aus⸗ geſchloſſen von der Verzeihung des Königs waren nämlich unter andern alle proteſtantiſchen Prieſter, Lehrer und Kirchenbeam⸗ ten, ausgeſchloſſen alle Laien, welche ſolche beherbergt hatten,— ausgeſchloſſen ferner Alle, welche die Waffen ergrif⸗ fen oder ſich Geldſammlungen zu vaterländiſchen Zwecken unter⸗ 69 zogen, ſo wie Alle, welche zu den Sammlungen beigeſteuert hatten; ausgeſchloſſen waren ſodann Alle, welche ſich an katho⸗ liſchen Geiſtlichen oder an Kirchengütern vergangen hatten, aus⸗ geſchloſſen endlich Alle, welche das verhängnißvolle Kompromiß unterzeichnet hatten, und alle Magiſtratsperſonen, Feſtungs⸗ kommandanten und Offiziere, welche beim Aufſtand betheiligt geweſen waren. Kurz, zog man ſämmtliche Ausnahmen ab, ſo blieb nur ein ſehr geringer Reſt von Gnade; und überdieß mußten die Ausgewanderten noch bedenken, daß ſie ſich, wenn ſie in ihre Heimath zurückkehrten, noch immer unter der Herr⸗ ſchaft eines Alba befinden würden! Es war eine Gnade nach ſpaniſchem Maßſtab, eine Gnade, die aus der dumpfen Kerker⸗ luft der Inquiſition herüberwehte. Aber, daß Philipp II. über⸗ haupt daran denken konnte, eine, wenn auch nur ſ olche Gnade einer Nation zukommen zu laſſen, in welcher, wie man ſich erinnern wird, nach der früheren Anſicht auch die friedliche Hälfte doch deßhalb ſchuldig war, weil ſie die andere nicht unterdrückt hatte,— das war allerdings eine beachtens⸗ werthe Erſcheinung, aus welcher ſich der nicht unrichtige Schluß ziehen ließ, daß ſich Philipp II. von der erfolgloſen Zweckwi⸗ drigkeit der Verwaltung Alba's zu überzeugen anfing. Alba zögerte gefliſſentlich lange mit der Veröffentlichung jener Am⸗ neſtie. Er wollte noch vorher einerſeits durch ſeine Konſequenz in der Utrechter Angelegenheit ſeine Autorität an den Tag legen und andererſeits die Wirkung des ſogenannten Generalpardons durch eine demſelben unmittelbar vorhergehende ſtrenge Maßre⸗ gel erhöhen, wie man ſie von ihm gewohnt war, und wozu ihm in der vornehmlichſten von jenen Ausnahmen auch aller⸗ dings die Ermächtigung zuſtand. Er ließ am 10. Mai 1570 vier reformirten Predigern, welche man im Jahre 1567 im Haag gefangen genommen hatte, und unter welchen ſich ein 70 Greis von 70 Jahren befand, den Prozeß machen. Da ſie ſtandhaft bei ihrer Konfeſſion beharrten, ſo würden ſie verur⸗ theilt und, nachdem man ſie feierlich entweiht hatte, zum Tode geführt. Starkmuthig ermahnten ſie auf dem letzten Gange das Volk; einem von ihnen, dem Paſtor Adrian Janſſon, nah⸗ ten Vater und Schweſter und riefen ihm zu:„Ringe muthig, um die Krone des ewigen Lebens zu erlangen.“ Alle vier wur⸗ den erdroſſelt und dann verbrannt.— Es lag in der Natur der erwähnten Amneſtie, daß ſowohl dieſe ſelbſt,(welche Alba zu Antwerpen mit großem Pomp unter freiem Himmel vor dem Rathhauſe,— von einem prachtvollen Throne herab,— verkündigte, den geweihten Hut auf dem Haupte, den geweih⸗ ten Degen an der Seite,) als auch Alba's Abſicht, nämlich: die Wirkung der Amneſtie durch den ihr vorhergegangenen Schrecken zu erhöhen, gänzlich erfolglos bleiben mußten. Ueber⸗ haupt mochte auch Alba ſelbſt immer mehr einſehen, daß ſein ganzes Wirken ein fruchtloſes ſei, obgleich um ſo viel tauſend Herzen in den Niederlanden weniger ſchlugen. Eine verdiente tiefe Demüthigung für ſeinen Stolz! Dieſe vollſtändig zu machen, mußte er, der vielerprobte Feldherr, der ſeine ganze Kraft in der Gewalt und dieſe wie⸗ der in der Kraft ſeines Heeres fand, inne werden, daß der ſchlimme Geiſt der Meuterei in dem Letzteren einzugreifen begann. Die deutſche Beſatzung zu Valenciennes, welche einige Monate keinen Sold erhalten hatte, bemächtigte ſich ihres Be⸗ fehlshabers, des Grafen von Lodogna, ſo wie einiger Haupt⸗ leute und warf ſie ins Gefängniß. Alba ſandte den Meutern einiges Geld, und verſprach ihnen Verzeihung. Hierauf entbot er ſie nach Antwerpen, ließ ſie dort umringen, und als er ſie in ſei⸗ ner Gewalt hatte, die Anſtifter theils enthaupten, theils hängen. Alba empfand das Unangenehme ſeiner Stellung in den Niederlanden und es ſcheint keine Verſtellung geweſen zu ſein, wenn der alte Kriegsmann eine ſchickliche Gelegenheit ergriff, um den König zu bitten, ihn aus dem bisherigen Wirkungskreiſe in einen geeigneteren zu verſetzen. Eine ſolche ſchickliche Gelegenheit bot ſich ihm dar, als im Sommer 1570 die Prinzeſſin Anna, Kaiſer Maximilians II. Tochter und Phi⸗ lipps II. Braut, durch die Niederlande nach Spanien reiſte. Sie dahin zu begleiten, ſchien Alba die ehrenvollſte Art ſeines Abganges aus den Niederlanden, und er bat auch wirklich den König darum. Philipp war nicht abgeneigt, ihm die Bitte zu gewähren; er mochte wohl anfangen einzuſehen, daß ſein Cen⸗ traliſationsſyſtem in den Niederlanden unausführbar ſei und daß er, wie die Sachen jetzt gediehen waren, mehr darauf ſehen müſſe, das königliche Anſehen unter den früheren Bedin⸗ gungen zu erhalten, als die königliche Gewalt unbedingt zu erweitern. Indeſſen ſcheint in Alba's Gemüth die flüchtige Aufwallung ſeines Unmuths, die ihn beſtimmte, um ſeine Di⸗ miſſion zu bitten, bald wieder durch einen ſtarren Trotz oder durch die ſtolze Zuverſicht, dennoch durchzugreifen, verdrängt worden zu ſein; wenigſtens blieb er noch vor der Hand in den Niederlanden. Die Feſtlichkeiten, welche während des Aufenthalts der Prin⸗ zeſſin Anna in den Niederlanden(vom Auguſt bis zum 25. Sep⸗ tember 1570) ſtattfanden, erhielten gar bald ein trauriges Nachſpiel. Am Allerheiligentage treibt ein Sturm aus Nord⸗ weſten, wie man ſeit vielen Menſchenaltern von keinem gleichen gehört hatte, das Meer über die nördlichen Küſten, beſonders Frieslands herein. Kein Damm oder Deich, keine Schleuße vermag die hochgeſchwollenen Wogen zurückzuhalten. In den Straßen der Städte wälzen ſie ſich brauſend und ſchäumend mit mächtigen Schlägen dahin, ſie ſteigen in den Kirchen. Wie leichte Fiſcherkähne treiben die Hütten der Strandbewohner umher. Weithin iſt kein Land zu erblicken. Todtenbleiche Men⸗ ſchen klammern ſich, halb erſtarrt, mit dem letzten Hauch noch Gottes Erbarmen anrufend, an die Gipfel der Bäume, und der wüthende Sturm zerzauſt ihr Haar; Tauſende hat die Fluth ſchon verſchlungen, und mit Grauſen ſehen Diejenigen, welche auf Dächern oder Wipfeln kauern, während die Wellen ſchon zu ihren Sohlen heranrauſchen, die herbeigetriebenen Lei⸗ chen; kaum ſehen ſie die rettenden Kähne. Zwanzigtauſend Menſchenleben wurden allein in Friesland und Gröningen ge⸗ rechnet, welche das Meer verſchlang. Und der Fanatismus konnte in dem Umſtand, daß das Unglück ſich gerade am Al⸗ lerheiligentage ereignet hatte, dem Himmel eine Rache für den Bilderſturm nachrechnen, für die Verhöhnung der Heiligen in ihren Bildniſſen! In dieſer entſetzlichen Noth zeichnete ſich der ſpaniſche Statthalter zu Gröningen, Ro⸗ bles von Billy, ein geborner Portugieſe, als thätiger und beſonnener Menſchenfreund auf das Rühmlichſte aus. „Rettet!“ rief er ſeinen Soldaten zu, welche in den Nieder⸗ ländern eigentlich blos Feinde zu betrachten gewohnt waren; er ſelbſt war in dieſem ſchönen Kampfe für die Menſchen gegen die Elemente ebenſo der Erſte, wie in der Schlacht mit dem Degen in der Fauſt. Auch brachte er es dahin, daß ſeine Pro⸗ vinz für ein ganzes Jahr von jeder Beſteuerung frei blieb, und treff⸗ lich ſorgte er für die Sicherung des Landes durch Aufwerfen von Deichen. Lange wurde dafür ſein Andenken in jener Pro⸗ vinz geſegnet. 3 Noch bebten alle Herzen dem furchtbaren Ereigniß nach, als plötzlich das Beiſpiel eines einzelnen kühnen Mannes aus gerin⸗ gem Stande eine große moraliſche Wirkung auf alle Diejenigen hervorbrachte, welche ſchon troſtlos an der Rettung des Vater⸗ landes von der ſpaniſchen Tyrannei verzweifeln wollten. Her⸗ mann de Ruiter, ein Ochſenhändler aus Herzogenbuſch, hatte von dem Grafen Wilhelm van den Berg, dem Schwager Oraniens, in deſſen Namen, Beſtallung erhalten und es un⸗ ternommen, ſich des Schloſſes Loeveſtein zu bemächtigen, welches ſich auf der weſtlichen Spitze des Bommeler Waards, da wo ſich die Maas mit der Waal vereinigt, gegenüber den Städten Workum und Gorkum erhebt und jene beiden Gewäſ⸗ ſer beherrſcht. Als Mönch verkleidet begab ſich de Ruiter im Dezember 1570 mit drei Genoſſen in das Schloß, überfiel den Kommandanten und brachte Loeveſtein in ſeine Gewalt. Der Graf van den Berg hatte ihm Hülfsvolk verſprochen, aber Froſt und Hochwaſſer hielten dieſes zurück; deſſenungeachtet behauptete ſich de Ruiter mit nur 24 Mann, welche zu ihm ſtie⸗ ßen, unverzagt in dem Schloſſe. Kaum war die Nachricht von dieſem Wagniſſe bei den Spaniern bekannt geworden, als Alba den Hauptmann Lorenz Perea aus Herzogenbuſch mit 300 Mann vor Loeveſtein ſandte, welcher das Schloß alſobald zur Ueber⸗ gabe aufforderte. De Ruiter verweigerte ſie und entflammte ſeine Genoſſen zu dem Entſchluſſe: lieber ehrenvoll mit den Waffen in der Hand zu ſterben, als nach einer Uebergabe durch ſchmachvolle Hinrichtung; ſo wenig galten damals ſpaniſche Verſprechen! Nun ließ Perea das grobe Geſchütz gegen das Schloß ſpielen, und bahnte ſich raſch einen Weg dahin. Loeve⸗ ſtein wurde eingenommen, aber de Ruiter wollie ſein Leben theuer verkaufen. Mit zwei Gefährten, die ihm von den übrigen noch geblieben waren, zog er ſich in das Wohnhaus zurück, und vertheidigte ſich, ſein Schwert ſchwingend, auf der Schwelle eines Gemaches gegen die ganze Uebermacht der Feinde. Als er endlich ſah, daß Alles verloren ſei bis auf die Ehre, zün⸗ dete er das auf dem Fußboden umher geſtreute Pulver an, und ſprengte ſich mit Freunden und Feinden in die Luft. Die Spa⸗ nier ſuchten ſein Haupt aus dem Leichenhaufen hervor und hef⸗ teten es zu Herzogenbuſch an den Galgen. Die allgemeine Noth, in welche die verheerende Ueber⸗ ſchwemmung die meiſten Provinzen verſetzt hatte, und die unge⸗ meinen Anſtrengungen, welche nöthig waren, um ſowohl den entſtandenen Schaden einigermaßen zu erſetzen, als auch das Land vor neuen ähnlichen Unglücksfällen ſicher zu ſtellen, konn⸗ ten Alba's Politik nicht durch Mitleid wankend machen. Viel⸗ leicht um ſo eigenſinniger und mürriſcher, je läſtiger ihm denn doch in der That ſeine Stellung war, ſuchte er, ſeinen Willen in Betreff des„zehnten Pfennigs“ durchzuſetzen. Aber, je heftiger er drängte, um ſo klüger, zurückhaltender und feſter verhielten ſich die Staaten. Dies erbitterte Alba nur noch mehr und er ließ ſich von ſeiner Mißſtimmung eines Tages ſo weit hinreißen, daß er dem alten Präſidenten Viglius, wel⸗ cher redlich die Sache des Landes führte, drohte, er wolle deſſen Benehmen vor's Ohr des Königs bringen. Würdevoll und muthig antwortete ihm der Greis:„Dann hoffe ich, daß der König— wenn Euch das eine— doch mir das andere Ohr gönnen wird; ich bebe nicht für dies graue Haupt!“ Worauf Alba kurz und ſtolz mit den Worten abbrach:„Das Beſchließen iſt meine Sache, der Rath hat weiter nichts zu thun, als in das Beſchloſſene einzuſtimmen.“ Als das Benehmen des greiſen Viglius den Staaten bekannt wurde, verfehlte es ſeine vor⸗ theilhafte Wirkung auf ſie keineswegs; und ſelbſt als Alba ſeine Forderung durch die Erklärung zu mildern ſchien, daß der zehnte Pfennig bloß vom Verkauf bereits zum Gebrauch ferti⸗ ger Waaren erhoben werden ſollte, ſelbſt jetzt wollten ſich die Staaten zu der verhaßten Abgabe überhaupt nicht verſtehen. Alba war nun aufs Aeußerſte gebracht und ließ ſich verlauten: „er werde den zehnten Pfennig durch ſein Kriegsvolk zu erzwin⸗ gen wiſſen.“ Man hatte ihm zu verſtehen gegeben:„er ſelbſt möge denn in Brüſſel mit Erhebung des zehnten Pfennigs den Anfang machen; vielleicht würden dann die Statthalter in den andern Provinzen ſeinem Beiſpiel nachkommen.“ Alba faßte dies raſch auf und gebot wirklich im März 1572 die Erhebung des zehnten Pfennigs zu Brüſſel. Doch er hatte den alten Schrecken ſeines Namens zu hoch angeſchlagen; die Spitze dieſes Pfeils war bereits abgeſtumpft. Als das Gebot verkündigt wurde, ſchloſſen die Fleiſcher, die Bäcker, die Brauer ihre Läden und erklärten, keine Lebensmittel feil zu halten. Das Volk gerieth in die furchtbarſte Aufregung. Dieſe zu dämpfen, glaubte Alba untrügliche Mittel zu wiſſen.„Wenn man einige Krämer vor ihren Läden aufknüpfe,“ meinte er,„dann würde die Menge ſchon friedlich auseinandergehen.“ Es ſollte übrigens nicht bei der leeren Drohung bleiben. Schon waren alle mili⸗ täriſchen Sicherheitsmaßregeln gegen die Stadt getroffen, ſchon hielten die Henker ihre Stricke bereit, und ſchon war Don Frie⸗ drich, Alba's Sohn, im Begriffe, die Todesurtheile abzufaſſen, — da traf plötzlich eine Nachricht in Brüſſel ein, welche Alba dermaßen überraſchte, daß er, vielleicht zum erſtenmale, in Ausfüh⸗ rung ſeines Beſchluſſes innehielt; es war die Nachricht, daß die Meergeuſen die Stadt Brieleingenommen haben. Vor Freude zitterte jedes Herz in Brüſſel, als dies bekannt ward; das Volk hatte geſehen, daß auch ein Alba für Schrecken empfänglich ſein könne; in lautem Spott ergoß es ſeine Freude über den glück⸗ lichen Erfolg, welcher das Unternehmen der wilden Wagehälſe krönte, und von Mund zu Mund kreiste das Wortſpiel:„Am erſten Tag im April verlor der Herzog von Alba ſeine Brill'.“ Dieſer ſelbſt wußte jedoch, wortkarg und finſter wie immer, ſeine innere Bewegung mit vornehmer Gleichgültigkeit zu um⸗ ℳ * 4 22 8 hüllen, und ſeine Worte bei der Nachricht„no es nada,“ (es iſt nichts) ſollten ſeiner Umgebung die Ueberzeugung ſchaffen, daß er das ganze Ereigniß für ſehr unbedeutend halte. Es iſt intereſſant, zu bemerken, wie der Krieger Alba mit ſeinem Mo⸗ narchen Philipp dieſelbe Eingenheit theilt, die ſtarre Beherrſchung des Gemüthszuſtandes durch irgend eine lakoniſche Aeußerung. Als Philipp ein Jahr vorher die Nachricht vom Siege ſeines Halbbruders Don Juan bei Lepanto erhielt, ſprach er bloß: „Don Juan hat ſich ſehr gewagt!“ Doch es iſt jetzt nöthig, den Gang jener Ereigniſſe nachzu⸗ holen, welche der Eroberung Briels vorangingen und dieſe Be⸗ gebenheit herbeiführten.— Wir haben ſchon früher die Stellung Oraniens zu den Niederlanden ins Auge gefaßt; wir haben ge⸗ ſehen, wie ſein Charakter und ſein Eifer mit der zahlreichen Parthei aller niederländiſchen Patrioten(ſowohl innerhalb als außerhalb ihres Vaterlandes) zuſammenſtimmte. Um alles zu erſchöpfen, dürfen wir hierbei nicht vergeſſen, daß ihn auch ſein Intereſſe mit zur Thätigkeit aufforderte, das Intereſſe ſeiner Ehre und ſeines Eigenthums in den Niederlanden; ſollte er Alba's ungerechten Eingriffen ohne fortgeſetzten Widerſtand nach⸗ geben? Wer konnte ihm dies zumuthen? So wenig er jedoch ſein eigenes Intereſſe aufzuopfern Luſt hatte, ebenſowenig opferte er demſelben das gemeinſame der Freiheit auf; hinreichende Beweiſe, die er ſowohl bis dahin, als auch im folgenden Ver⸗ lauf ſeines Lebens gab, bezeugen dies. Wir heben jedoch dieſen Punkt hier gefliſſentlich hervor, weil wir bald einem Umſtande begegnen werden, der, bloß an und für ſich betrachtet, Oraniens Uneigennützigkeit in ein falſches Licht ſtellen könnte. So wie er ſich nun jetzt an die Spitze aller nationalen Unternehmungen berufen ſah, kamen ſeinen trefflichen Eigenſchaften, die ihn dazu befähigten, auch noch die eifrige Unterſtützung ſeiner Freunde und ſeine politiſchen Verbindungen ſehr gut zu ſtatten. Unter ſeinen Freunden in den Niederlanden ragte beſonders Philipp Marnix, Herr von St. Aldegonde, hervor, einer der ausgezeichnetſten Theologen, Gelehrten und Staatsmänner ſeiner Zeit, deſſen ſich Oranien zu den wichtigſten Aufträgen bedienen konnte und der es zugleich verſtand, mit ebenſoviel feiner Klug⸗ heit als unbeſtechlicher Rechtſchaffenheit auf die öffentliche Mei⸗ unng einzuwirken. Indeſſen ſah Oranien ein, daß ſich ohne den Beiſtand einer fremden Macht kaum etwas Nachhaltiges gegen Alba unternehmen ließe, und er richtete deßhalb ſeine Blicke hoffnungsvoll nach Frankreich, für welches er unſtreitig eine große Vorliebe hatte. Frankreich konnte nie in einer aufrichtigen Freundſchaft zu Spanien ſtehen, weil es deſſen Pläne ſtets zu fürchten Grund hatte; Spanien hingegen betrachtete Frankreich immer mit geheimem Verdruß als die Wand vor den Niederlanden. Im Jahre 1570 ſchienen die religiöſen Partheiungen in Frank⸗ reich ausgeglichen zu ſein und der hugenottiſche Coligny im beſten Einvernehmen mit dem katholiſchen Hofe zu ſtehen; wenigſtens glaubte dies der wakre Coligny ſelbſt und legte dem König einen Entwurf zu einem Kriege in den Niederlanden vor, als das beſte Mittel, alle unruhigen Kräfte Frankreichs auf einen andern Boden hinzuleiten. Graf Ludwig von Naſſau brachte auch wirklich ein Bündniß zu Stande, deſſen Kern die Vergrößerung Frankreichs im Süden daſelbſt und am Rhein bildete und wobei Oranien Holland, Seeland, Friesland und Utrecht erhalten ſollte; doch man denke nicht, daß Oranien hiebei von Herrſchſucht geleitet wurde; bloß als königlicher Statthalter, wie vor und ehe, wollte er dieſe Provinzen übernehmen. Als Vorwand zum Kriege mit Spanien führte man in Frankreich an, daß Philipp ſeine Gemahlin Iſabella (eine franzöſiſche Prinzeſſin) vergiftet habe, ein Gerücht, welches 78 auf Unwahrheit beruhte. Zur Verwirklichung des Planes ſollte der Prinz in Deutſchland Kriegsvolk anwerben, und des Königs jüngſter Bruder, der Herzog von Alençon, mit Coligny in die Niederlande einfallen. Oranien erhielt Hülfsgelder aus Frank⸗ reich; Rochelle war ein Freiplatz der Meergeuſen, wo ſie ihre Beute zu Markte brachten. Oranien verſäumte es jedoch auch nicht, ſein Augenmerk auf eine Verbindung mit England zu richten, deſſen Königin, die kluge Eliſ abeth, ſchon als proteſtan⸗ tiſche Fürſtin, aus dem gemeinſamen Intereſſe gegen Spanien, die Niederlande als ihre Bundesgenoſſen betrachten mußte. Still⸗ ſchweigend hatte Eliſabeth dies zugeſtanden, indem ſie den Meer⸗ geuſen die Hafenplätze Englands offen hielt; dennoch war ſie zu vorſichtig, um ſich offen für Oranien zu erklären. Die Flotte Oraniens hatte damals jenen wilden Feind der katholiſchen Prieſter und der Spanier, Wilhelm von Lümey, Grafen von der Mark, zum Admiral. Zu dieſer Flotte hatte ſich nun auch kürzlich der kühne Wilhelm von Blois, genannt von Treslong, begeben, einer von den Edlen, welche das Kompromiß unterzeichnet hatten und deßhalb aus den Nieder⸗ landen geflüchtet waren. Er hatte in der Schlacht bei Jemmingen unter den Fahnen des Grafen Ludwig von Naſſau gefochten und war verwundet nach Embden zurückgekehrt, wo ihn der Graf von Oſtfriesland in Haft gelegt hatte. Aus dieſer war er auf einem Schiffe entflohen, das er zum Dienſte des Prinzen ge⸗ kauft hatte. Nach einem harten Angriff der Spanier, den er muthig abgeſchlagen, war er hierauf nach England geſegelt, wo er ſich zu der Flotte des Prinzen geſellte. Eben dahin hatte ſich auch Jakob Simonszoon de Ryk begeben, früher Korn⸗ händler aus Amſterdam, welcher auf eigene Koſten ein Kriegs⸗ ſchiff ausgerüſtet hatte und ſein Glück zur See verſuchte. Dieſer bochherzige Mann lag dem Grafen von der Mark beſtändig an, 79 wie viel edler es ſei, eine kühne That fürs Vaterland zu wagen, als bloß eigennützig Freibeuterei zu treiben. Seine Vor⸗ ſtellungen fruchteten; man beſchloß, ſich der einen oder andern wichtigen Stadt in Nordholland zu bemächtigen, und ein unerwarteter Befehl der Königin Eliſabeth, welche damals aus politiſchen Rückſichten den ernſten Forderungen Alba's nachgeben zu müſſen glaubte, beſchleunigte jenen Entſchluß. Eliſabeth ge⸗ bot nämlich der Flotte des Prinzen, die Häfen Englands zu verlaſſen; ſie wollte ſich in dem Augenblicke, da ſie durch ihre Streitſache mit Schottland beſchäftigt war, Spanien nicht zum offenen Feinde machen. 3 Der Graf von der Mark verließ nun mit ſeiner Flotte England und ſteuerte nach Texel zu. Bald ſchlug der anfangs günſtige Wind um und trieb die Schiffe gegen die Mündung der Maas, wo ſie einlaufen mußten. Dort liegt das Städtchen Briel, welches damals ohne Beſatzung war, weil Alba die darin geweſenen Truppen nach Utrecht verlegt hatte. Als die Bürger jener Stadt am 1. April 1572 die gefürchteten Meer⸗ geuſen dicht vor ihren Mauern ſahen, ergriff ſie ungemeine Beſtürzung. Ein Mann aus Briel, Namens Koppelſtok, ru⸗ derte jedoch unerſchrocken an Bord der feindlichen Flotte, und fragte nach Treslong, deſſen Vater früherhin Schultheiß in Briel geweſen war. Treslong gab ihm ſeinen Siegelring zur Be⸗ glaubigung und ſchickte ihn damit in die Stadt, um dieſe im Namen des Prinzen zur Uebergabe aufzufordern, wobei ihr die Befreiung vom zehnten Pfennig und von Alba's Tyrannei verheißen ward. Indeſſen wuchs der Schrecken aller Begüterten, welche von der berüchtigten Beuteluſt der Meergeuſen das Schlimmſte befürchteten; in wilder Haſt durcheinander rennend, eilten die reichen Bewohner, ihr Leben und ihre Koſtbarkeiten aus der Stadt zu retten. Während dieſer Verwirrung landeten 80 die Meergeuſen; der Graf von der Mark zog mit eiger Ab⸗ theilung ſeines Volkes vor das Norderthor, Treslong mit einer andern vor das Süderthor; der Graf ließ vor jenem Brand⸗ material aufhäufen und endlich ward das Thor mit dem Ende eines Maſtbaums eingeſtoßen; des Abends zwiſchen acht und neun Uhr zogen die Sieger zu den zwei entgegengeſetzten Thoren in die Stadt ein.*) Am andern Tage(es war Palmſonntag) ließ der Graf von der Mark ſeinem fanatiſchen Haß gegen die Geiſtlichkeit freien Lauf; die Kirchen und Klöſter wurden ge⸗ plündert; hierauf wollte er die Stadt wieder verlaſſen. Aber de Ryk, Entes, Treslong und Duivel widerſetzten ſich dieſem Vorſchlag und der Graf von der Mark fügte ſich ihnen. Die Sieger verſtärkten nun die Stadt, benachrichtigten Oranien von ihrer Eroberung und erbaten ſich deſſen Hülfe. Oranien *)„Wir Geuſen ſollen nun ſingen In dieſer Maienzeit, Und vor Freuden ſpringen, Daß uns Gott gebenedeit, Nun hat er gegeben rein Sein Siegel mächtig; Drum laßt uns ſtimmen einträchtig Zum Lobe Gottes ein.: * Der Briel iſt uns erlegen Am April am erſten Tag, Als Männer ſah man uns pflegen; Die Sudpfort ohne Vertrag In Brand wir ſteckten an; Die Bürger ſind gewichen, Ein Jeder, um ſich zu verſtecken Ganz außerhalb des Walls“ u. ſ. w. (Geuſen Liederbuch.) *. 8¹ war, als er die Nachricht erhielt, nicht ganz freudig überraſcht; er hatte nämlich tiefereingreifende Pläne gehegt, welche ihm noch nicht reif genug dünkten, und wobei er vorzugsweiſe darauf rechnete, daß Alba durch ſeine geſteigerte Strenge bei Einführung des zehnten Pfennigs den Haß des Volkes bis zur allgemeinen Ver⸗ zweiflung entflammen würde; auch beſorgte er, daß Alba, durch die Einnahme des von ihm vernachläßigten Briels aus ſeiner Sicherheit aufgeſchreckt, nunmehr ein noch ſchärferes Augenmerk auf die militäriſche Vertheidigung aller irgend wichtigen Plätze im Lande richten würde. Da indeſſen das Wageſtück einmal geglückt war, ſo hieß Oranien es gut und verſprach dem Grafen von der Mark ſeine Unterſtützung. Alba ſchickte auf die Nachricht von der Eroberung Briels dem Grafen Boſſü, königlichem Statthalter in Holland, ſo⸗ gleich Befehl zu, mit dem lombardiſchen Regiment, welches in Utrecht lag, gen Briel zu ziehen, um dieſe Stadt den Meergeuſen wieder abzugewinnen und zu verſtärken. Boſſü war ihm von freien Stücken bereits zuvorgekommen und hatte jenes Regiment aus Utrecht nach Maaslandsſluis, wohin er ſich begeben hatte, berufen, zur Freude der Utrechter, welche ihrer Geiſſel dadurch entledigt wurden; noch in derſelben Woche hatte jenes Regiment, um ſich für einen 15monatlichen Soldrückſtand ſchad⸗ los zu halten, einen Anſchlag zur Plünderung der Stadt ge⸗ macht, welcher jedoch glücklicherweiſe entdeckt und vereitelt worden war. Unverzüglich rückte nun Boſſü vor Briel. Doch die Meergeuſen lagen in den Baumgärten vor der Stadt und ſchoſſen auf die Spanier. Inzwiſchen zog der Stadtzimmermann eine Schleuße auf und augenblicklich ſtürzten nun die Fluthen über alle Wege hin. Zu gleicher Zeit, während die Spanier auf einem Damme gegen das Süderthor rückten, ſteckten Treslong und Robool einen Theil der ſpaniſchen Schiffe in Brand und J. 6 — 82 bohrten die übrigen in Grund. Jetzt ergriffen die Feinde in wilder Haſt die Flucht, und nur die Beſorgniß des Grafen von der Mark, welcher den Bewohnern Briels nicht recht traute und die geſchlagenen Feinde deßhalb nicht verfolgen wollte, rettete dieſe vom völligen Verderben. Zwei Tage darnach ließ der Graf von der Mark die Bürger von Briel und die Bewohner des Landes von Voorne ſchwören:„die Stadt für den Prinzen von Oranien, als königlichen Statthalter von Holland, zu bewahren.“ Ein inhaltsſchweres Wort und eine ſonderbare Kombination— dieſe Sanktion des Prin⸗ zen als königlichen Statthalters, ohne den Willen des Königs, ja kaum mit Willen des Volkes, vielleicht noch ohne den eigenen Oraniens! Und dennoch war bereits der erſte Grund⸗ ſtein der Freiheit gelegt; der Prinz hatte früher, als es in ſeiner Erwartung lag, einen wichtigen Punkt, den Schlüſſel Hollands in ſeiner Gewalt; alle Ausgewanderten ſahen wieder ein Aſyl, einen Verſammlungsort auf der heimiſchen Erde, wo ſie ihre Kräfte, ihr Vermögen, ihren Muth und ihren in der Fremde geſteigerten Haß gegen die Tyrannei zu einem gemeinſamen Ka⸗ pital zuſammenſchießen konnten. Sahen doch jetzt alle Unter⸗ drückten, daß das Glück dem Kühnen gehorcht! So erhob ſich die Hoffnung, wie nach einem langen Todesſchlummer, lächelnd und roſig von Wangen, und entrollte ihr rauſchendes Banner. Wildfreudig aber ließ der Graf von der Mark auf ſeine Fahnen Embleme ſetzen, welche den verhaßten Alba dem Spotte des Volkes preisgaben,— eine Brille, den zehnten Pfennig und die bekannten Worte Alba's:„no es nada.“ Drittes Kapitel. Wenn ſich Alba's Stolz gekränkt fühlte, daß ihn eine geringe Rotte von Freibeutern mitten in ſeinen Plänen einen Augenblick aufzuhalten vermochte, ſo entſprach es doch der militäriſchen Richtung ſeines ganzen Lebens, daß es ihn freute, endlich mit Feinden im offenen Felde kämpfen zu können, an deren baldiger Bezwingung er nicht zweifelte; war ja doch der Krieg das eigentliche Feld für ſeine Talente und ſeine Thätigkeit! Er brachte die geringen Kräfte ſeiner Gegner und die Geldverlegenheiten ihres Hauptes, Oraniens, in Anſchlag; er berechnete die Un⸗ erfahrenheit neuangeworbener Truppen im Vergleich zu ſeinen alten, erprobten und abgehärteten Soldaten; er erwog den friedlichen Geiſt der Bürgerſchaften, welche ſich bisher ſo Vieles und Schweres von ihm hatten gefallen laſſen;— das muthmaß⸗ liche Reſultat, welches er hieraus zog, konnte ihm nur günſtig ſcheinen. Nur Eins hatte er bei dieſer Berechnung vergeſſen oder vielmehr vom falſchen Geſichtspunkte aus betrachtet, näm⸗ lich die fortdauernde Nachwirkung ſeiner bisherigen Maßregeln auf den Geiſt der ganzen Nation. Er wähnte, dieſe bereits entnervt zu haben, und doch hatten alle Mittel, welche darauf hinwirken ſollten, ſie nur um ſo mehr erkräftigt; er hatte nichts gewonnen als den Haß, er hatte nichts zu erwarten als die Nache. Und zwar nicht bloß er allein, ſondern alle Spanier 84 überhaupt, welche ſolidariſch für ihn und den König haften mußten. In der Kriſis, welche er ſelbſt herbeigeführt hatte, ſtieß der unverwüſtlich geſunde Organismus der Nationalität alle eingedrängten fremden Beſtandtheile mit Heftigkeit aus. Dies war die kurz vorher erwähnte Rache,— eine Nemeſis für ſeine egoiſtiſche und zweckwidrige Behandlung. Bei der er⸗ höhten Lebensthätigkeit der Nation drängen ſich jetzt die Ereig⸗ niſſe raſcher aufeinander und ſelbſt die an und für ſich unwich⸗ tigeren erhalten durch den Geiſt, der ſich dabei kund gibt, eine höhere Bedeutung, ſie wirken durch das Beiſpiel von Bür⸗ gertugenden und von der herrlichſten vor allen, der Aufopferung, mächtig hinreißend auf die ganze Maſſe ein. Wie in jenen Kämpfen der Griechen vor Troja die Götter ſich unter die Streitenden ſtellten, ſo ziehen jetzt hier den Niederländern die heiligen und ewigen Ideen der Menſchheit voran und machen ſchlichte Bürger zu Helden, die für Freiheit und Vaterland begeiſtert dem Tode entgegenſtürzen. Leider hat das reiche und ausdruckvolle Gemälde auch ſeine Schattenſeiten, und neben der erhabenſten Begeiſterung ſteht ein blutdürſtiger Fanatismus, der jedes Band der Menſchlichkeit zerreißt. Dieſe traurige That⸗ ſache hat darin ihren Grund, daß die Spanier gewohnt waren, in den gefangenen Feinden nur todeswürdige Rebellen zu ſehen, deren Austilgung ihnen durch das vermeintliche Intereſſe des Glaubens und des Königs geboten ward, und daß demnach die Niederländer leider Repreſſalien gebrauchen mußten; ſie hatten in den Spaniern nicht bloß bewaffnete Feinde, ſondern auch ihre Henker auszurotten. 3 Der Widerſtand gegen die Fremdherrſchaft hatte als An⸗ griff ſeinen erſten Erfolg in einer nördlichen Provinz errungen; auf die nördlichen Provinzen überhaupt, wo die neue Glaubenslehre in dem ruhigeren Volkscharakter tiefere Wurzel geſchlagen, wo die See für den Zutritt friſcher Streit⸗ kräfte, welche die Ausgewanderten brachten, für die Mitthei⸗ lung von Geld⸗ und Lebensmitteln offen ſtand, mußte nun Alba ſein Hauptaugenmerk richten. Er mußte den Aufſtand im Norden mit aller Macht erſticken, um den Süden vor dem umſichgreifenden Einfluß der Ideen und des Aufſtandes ſicher zu ſtellen. Boſſü war mit dem Reſt ſeiner Truppen bis gegen Dordrecht gerückt, und zog, als ſich dieſe Stadt weigerte, ihm ihre Thore zu öffnen, vor Rotterdam, wo die Bürger gleich⸗ falls Bedenken trugen, die Spanier zum Durchmarſch, wie er verlangte, einzulaſſen. Endlich brachte er es jedoch zu folgen⸗ der Uebereinkunft, daß jedesmal nur eine, höchſtens zwei Kom⸗ pagnien Soldaten durch die Stadt ziehen durften, und wenn dieſe ſie wieder verlaſſen hätten, ſofort andre. Kaum aber befand ſich Boſſü mit der erſten Kompagnie in der Stadt, als er ſelbſt einen Mann von der Bürgerwache niederſtieß, ſich des Thores bemeiſterte, und ſeine ganze Truppenmacht in die Stadt brachte. Ergrimmt über dieſe Treuloſigkeit, griffen die Bürger zu den Waffen; doch dies war den Soldaten ein willkommener Anlaß, und ein fürchterliches Blutbad begann. Hierauf ſandte Boſſü mehre Abtheilungen aus, um die Geuſen aus Schie⸗ dam, Delftshaven und Maaslandſluis zu vertreiben, wo ſich Dieſe bereits feſtgeſetzt hatten. Um ſich des wichtigen Hafenplatzes Vlieſſingen zu ver⸗ ſichern, hatte Alba acht Fähnlein Spanier unter dem Befehl des Oſorio Angelo dahin geſandt und ſeinem geſchickten Kriegs⸗ baumeiſter Paciotto den Befehl ertheilt, den Bau der dort bereits begonnenen Citadelle ſchleunig zu vollenden. Schon wa⸗ ren die Quartiermacher in Vlieſſingen, als Jan van Kuik die frohe Botſchaft von der Eroberung Briels dahin 86 brachte. Er trat unter das Volk,(welches die Spanier haßte,) und rieth, den günſtigen Augenblick zur Zertrümmerung der Fremdherrſchaft nicht zu verſäumen. Sein guter Rath wurde raſch zur That. Am Oſterſonntag(den 6. April) verjagten die muthigen Bürger die walloniſche Beſatzung aus der Stadt, während ſich ihr ſchon die Schiffe näherten, die ihr die Ver⸗ ſtärkung der Beſatzung bringen ſollten. Da eilte Jan van Kuik wieder rüſtig im Volk von einem Mann zum andern, vertheilte Geld und ſprach zu Jedem:„Bleibt nicht auf halbem Wege ſtehen, ſonſt ſeid ihr verloren. Die Vertreibung der Wallonen müßt ihr ganz gewiß als Hochverrath büßen, wenn ihr nicht auch die Spanier tüchtig abwehrt. Muth, Freunde! Oranien iſt mit einem Heere im Anzug. Auf die Wälle, und empfangen wir von dort aus die ſpaniſchen Schiffe mit Schüſſen.“ Es geſchah; da wichen die Schiffe nach Middelburg, wo ſie Anton von Bourgoigne, den königlichen Statthalter von See⸗ land, trafen. Auf die Nachricht von den Vorfällen in Vlieſſin⸗ gen eilte Dieſer dahin, ließ die Bürger vor dem Rathhauſe verſammeln und ſprach zu ihnen mit freundlichen Worten, wie thörigt es ſei, gegen einen ſo mächtigen Monarchen wie Phi⸗ lipp II. Krieg anzufangen. Doch mit Spott und Grimm erwie⸗ derten ihm die Bürger und er mußte froh ſein, Vlieſſingen ungefährdet wieder verlaſſen zu können. Nun legte das Volk eifrig Hand an's Werk, um den begonnenen Bau der Citadelle zu zerſtören, und ſchnell wurde dies vollbracht. Inzwiſchen war Paciotto, in der Meinung, daß ſich die Spanier bereits in Vlieſſingen befänden, dahin gekommen und ſah ſich dort augen⸗ blicklich gefangen genommen. Er war als Erbauer der Zwin⸗ ger des Landes tief verhaßt; auch hatte ſich das Gerücht ver⸗ breitet, daß er eine Mordliſte Alba's bei ſich führe; Grund und Vorwand genug, ihm das Urtheil zu ſprechen. Er wurde 87 zum ſchimpflichen Tode am Galgen verdammt; mit beſonderer Heftigkeit drang darauf Treslong, der kürzlich mit drei Schiffen nach Vlieſſingen gekommen war, und zwar aus perſön⸗ licher Rache gegen Alba, denn es hieß: Paciotto ſei ein natür⸗ licher Sohn oder doch naher Verwandter des Herzogs, und Dieſer hatte im Jahre 1568 Treslongs Bruder hinrichten laſſen. Der Nachrichter von Walcheren wohnte damals in Middelburg, und man übertrug deßhalb die Hinrichtung Paciottos einem gefangenen Mörder; zur Belohnung ſollte dieſer ſelbſt Gnade erhalten. Er ſprach:„Ich will lieber ſterben, als daß meine Mutter einen Henker geboren haben ſoll.“ Erſt, als man ihm ſagte, es ſei ein Spanier, an dem er das Urtheil zu voll⸗ ſtrecken habe, nahm er freudig die ihm angebotene Gnade an. Vlieſſingen hatte ſich denn zuerſt vor allen anderen Städten von der Fremdherrſchaft ſelbſt befreit, und bald wirkte dies Beiſpiel mächtig auch auf andere; die Ankunft des Junker Tſeraets, welchen Oranien als Statthalter nach Walcheren geſandt hatte, und franzöſiſcher ſowie engliſcher Sol⸗ daten ermuthigte die Eingebornen. Wie in Vlieſſingen ſo erweckte Jan van Kuik auch in der kleinen Stadt Veere das Volk; de Ryk vereidigte dort die Bürger für den Prinzen von Oranien. Vergeblich kamen ſpaniſche Trup⸗ pen von Middelburg und Arnemuiden herbei; ſie wurden geſchlagen; beide Partheien tödteten ihre Gefangenen, und die Erbitterung war ſo groß, daß ein Bruder am andern den Henker machte. Noch wichtiger aber war der Abfall der als Hafenplatz bedeutenden Stadt Enkhuizen in Nordholland von der Fremdherrſchaft. Hier waren die Bürgermeiſter ſpaniſch geſinnt, die Bürgerſchaft dagegen glühte von Haß gegen Alba und von Liebe zur Freiheit. Alba hatte, um ſich Enkhuizens zu verſichern 5 den Admiral Boshuizen mit einer Flotte dahin geſchickt, und Dieſer, welcher ſich in der Stadt befand, ſuchte nun die bewaff⸗ nete Schiffsmannſchaft heimlich herein zu bringen. Doch die unbedachte Drohung eines Schiffskapitäns gegen einen Bäcker, bei dem er kaufen wollte, ohne zu bezahlen, erregte den Arg⸗ wohn der Bürger; ſie vertrieben einen feindlichen Hauptmann, der ſich bereits in die Stadt geſchlichen hatte, und legten den Admiral Boshuizen auf dem Stadthauſe in Haft. Am anderen Tage erſchien die Bürgerſchaft bewaffnet vor dem Rathhauſe, und erklärte, ſie wolle ſich zur Parthei des Prinzen von Ora⸗ nien ſchlagen, der des Landes Wohlfahrt und Freiheit zu errin⸗ gen ſuche. Mittlerweile waren Tag für Tag verſchiedene Ver⸗ bannte in die Stadt zurück gekommen, unter andern auch Peter Buiskes mit einem Beſtallungsbrief des Prinzen zur Befreiung der Stadt und zu einem Angriff auf die ſpaniſche Flotte; jene Männer verhinderten es, daß ein mit Kriegsvolk bemanntes Schiff in die Stadt gelaſſen wurde. Man erwählte auch vier neue Bürgerhauptleute, von denen einer die Bürgerſchaft ver⸗ geblich zu einer Ausſöhnung mit Alba bewegen wollte. Das Volk verlangte beharrlich, daß die Geſchütze auf die Wälle gebracht würden. Der Admiral Boshuizen wurde zwar aus ſei⸗ ner Haft erledigt, aber aus der Stadt geſchafft. Von Tag zu Tag nahm die Spannung zwiſchen den Bürgern und dem Magiſtrat, welcher ſich auf nahe Hülfe von Boſſü verließ, ein ernſteres Anſehen. Da hörte man plötzlich in allen Straßen Trommel⸗ ſchlag und den Aufruf:„Alle, die dem König und dem Prin⸗ zen von Oranien zugethan ſind, ſollen ſich in Wehr und Waffen verſammeln.“ Der Magiſtrat zog ſich hierauf in's Rathhaus zurück und ließ dieſes verſchließen. Aber ein Schuß zerſchmet⸗ terte das Thor; das Volk ſtürmte hinein und nahm die Bür⸗ germeiſter gefangen. Und nun wallten(es war am 21. Mai) —— — —— — 89 plötzlich auf allen Zinnen und Thoren die Fahnen mit Oraniens Farbe, den Sieg der Patrioten verkündigend. Buiskes und andre Männer von der Parthei des Prinzen wurden zu Bür⸗ germeiſtern erwählt und ſchwuren Treue dem König, als Grafen von Holland, dem Prinzen von Oranien, als deſſen rechtmäßigem Statthalter, und der Stadt ſelbſt,— dem Herzog von Alba und ſeiner Parthei aber, ſowie der Einführung des zehnten Pfennigs und der Inquiſition kräftigen Widerſtand. So vertrat hier das Volk zum erſten⸗ mal ſeine Sache mit eben ſo glücklichem Erfolg als mit Muth und Ausdauer.. Indeſſen hatte Oranien bereits im April den Edelmann Dietrich von Sonoy zu ſeinem Stellvertreter in der Statt⸗ halterwürde über Nordholland beſtellt. Sonoy, ein tüchtiger Kriegsmann, aber allzugewaltthätig, unternahm es raſch, auch die anderen dortigen Städte für die Sache der Freiheit zu ge⸗ winnen. Zuerſt ſchloß ſich Medenblick an, dann Hoorn, Alkmaar, Edam, Monnickendam und Purmerende. In Seeland trat Zierikzee,(durch de Ryk überwältigt) auf die Seite Oraniens; in Südholland nahm Adrian van Swieten, einer von den Meergeuſen, Oudewater und gleich darauf Gouda ein; beide Städte ſchworen dem Prinzen von Oranien als rechtmäßigem Statthalter des Königs. Dann erklärte ſich Leyden für Oranien, hauptſächlich durch Betrieb des Rathspenſionairs Paul Buis, ferner Dordrecht, vor welcher Stadt der kühne, wilde Meergeuſe Barthel Entes lag, Gorkum, und ſpäter Haarlem. Inzwiſchen hatte ſich des Prinzen Schwager, der Graf van den Berg, der bedeu⸗ tendſten Städte in Geldern und Overyſſel verſichert und auch Amersfoort und Naarden erhielten oraniſche Beſatzung. Auch in Friesland fand die Sache der Freiheit offne Herzen —— —— . 24 90 und die edlen Geſchlechter wetteiferten rühmlich, ihr den Sieg zu verſchaffen. In den Städten Franeker, Sloten, Bols⸗ waard, Staveren und Dokkum wehte die oraniſche Farbe, in Franeker wurde ein neuer Gerichtshof für Friesland be⸗ ſtellt. So wunderbar ſchnell griff die große nationale Bewegung in den nördlichen Provinzen um ſich, daß man ſah: die Stimmung war längſt reif geweſen und nur der rechte Zauber⸗ ſpruch hatt. bis jetzt gefehlt, um die Knospe zu ſprengen, die rechte Loſung, welche alle Gemüther verſtanden. Die verheißene Abſchaffung des„zehnten Pfennigs“ öffnete der Sache Oraniens die Thore der holländiſchen und ſeeländiſchen Städte. Zwar geſchah jede Vereidigung für den König; aber dieſer Name deckte gleichſam nur wie ein Schild die Verpflichtung für den Retter, Befreier und Vertheidiger des Landes, für den Prinzen von Oranien. Indeſſen bezeichnet die Vereidigung„für den König und für Oranien als deſſen rechtmäßen Statt⸗ halter“ ein Stadium in der Entwickelung der Revolution. Feſter als in den proteſtantiſchen nördlichen Provinzen ſtand das Vertrauen auf die Perſönlichkeit des Königs noch immer in den katholiſchen ſüdlichen; hier unterſchied man zwiſchen den Abſichten des Monarchen und dem eigenwilligen Benehmen ſeines Statthalters Alba, und hoffte, wie ſchon in früheren Jahren, von einer mündlichen Darlegung der beſtehenden Verhältniſſe vor Philipp II. eine gütliche Beilegung. Brabant, Flandern, Artois und Hennegau hatten deßhalb Bevollmächtigte an den König nach Spanien geſandt, um die Aufhebung des zehnten Pfennigs zu erwirken. Die Art, wie Philipp II. die Deputa⸗ tion aufnahm, entſprach vollſtändig den guten Erwartungen, welche man von einem ſolchen Schritte gehegt hatte. Die nie⸗ derländiſchen Geſandten ſahen ſich mit einer Freundlichkeit em⸗ pfangen, welche diesmal wirklich keine verſtellte war. Dieſes 91¹ aufrichtige Wohlwollen hatte zum Theil in der eifrigen Verwen⸗ dung des Niederländers Hopperus, welcher als Siegelbt⸗ wahrer des Nathes für die Niederlande das Vertrauen des Königs genoß, ſeinen Grund, zum größeren Theil aber in der veränderten Anſicht des Monarchen ſelbſt, welcher ſich überzeugt hatte, daß ihn Albas Verfahren, bei längerer Dauer, den Beſitz der Niederlande koſten würde, und welcher ihm deßhalb auch bereits den Herzog von Medina⸗Celi, einen wohlmeinenden aber ſchwachen Mann, zum Nachfolger beſtimmt hatte. Wun⸗ derlich, aber nicht ſelten! Alba hatte im Weſentlichen doch eigentlich nur nach der geheimen Inſtruktion ſeines Monarchen gehandelt und nun desavouirte ihn Dieſer, weil das Experiment mißglückte, nun ſollte das Werkzeug für die Hand büßen, die ſich zurückzog.— Die niederländiſchen Bevollmächtigten ſprachen ſich am ſpaniſchen Hofe mit edlem Freimuth und praktiſch über⸗ zeugend aus.„Nirgends“ ſo ließen ſie ſich vernehmen,„bietet unſre vaterländiſche Geſchichte das Beiſpiel einer ähnlichen Auf⸗ lage wie der zehnte Pfennig dar; und überdies iſt es der Nation auch ſchlechterdings unmöglich, eine ſolche auszuhalten. In vielen Fällen würde die Auflage allmählig ja dem Realwerth der Waaren gleichkommen, da die Letzteren erſt durch die Hände von fünf bis ſechs Zwiſchenkäufern wandern müſſen, bevor ſie zum Verbrauch vollſtändig geeignet ſind. Am ſchlagendſten zeigt ſich dies bei der Verarbeitung der Wolle; zuerſt wird die rohe Wolle angekauft, dann durch andre Hände verarbeitet, hierauf kauft ſie der Tuchmacher, das Tuch kommt aus deſſen Händen in die des Färbers, ſodann in die des Kaufmanns; und nun erſt wird das Fabrikat ein Kaufgegenſtand für das Publikum; zähle man nun die beim jedesmaligen Zwiſchenverkauf aus einer Hand in die andre abfallenden zehn Prozente zuſammen, ſo wird dieſe Summe vom Realwerth des Tuches ſechs oder ſieben Zehntheile abziehen. Noch nachtheiliger ſind die weiteren Folgen des zehnten Pfennigs. Wie ſollen ſich die Ausländer fernerhin an unſere Manufakturen wenden, da dieſe ihre Er⸗ zeugniſſe nicht mehr zu den bisherigen Preiſen liefern können? Arbeiter und Kaufleute werden das Land verlaſſen, um— bei allem Fleiß— dennoch nicht darin verhungern zu müſſen, und die Flamänder werden jene Artikel vom Ausland kaufen, welche ſie bis jetzt dahin abſetzten. Kurz, die Quellen des Na⸗ tionalwohlſtandes müſſen verſiegen.“ Ebenſo offen ſprachen ſich die Bevollmächtigten auch über die Schwierigkeiten der Er⸗ hebung, über die ungemeinen Koſten, welche die Anſtellung des dazu nöthigen Perſonals erfordern würde, über die zahl⸗ reichen Auswege, das Geſetz zu umgehen, und über die immerwäh⸗ rende Aufregung aus, welche durch die dadurch erzeugten Streit⸗ ſachen entſtehen müßte. Hopperus beruhigte hierauf ſeine Lands⸗ leute im Auftrag des Königs durch die beſtimmte Verſicherung, daß der Monarch die Abſchaffung des hundertſten, zwan⸗ zigſten und zehnten Pfennigs unwiederruflich beſchloſſen habe; jedoch könne er ſeinen Statthalter unmöglich ſo kompro⸗ mittiren, daß er deſſen Anordnungen förmlich widerrufe, deß⸗ halb beſchränke er ſich einſtweilen darauf, die Maßregeln zu ſuspendiren. Mit dieſer tröſtlichen Ausſicht kehrten die Be⸗ vollmächtigten in ihre Heimath zurück und Alba ſah ſich nun wirklich genöthigt, zum Scheine nachzugeben. Auf dieſen Ent⸗ ſchluß war vielleicht auch die mittlerweile in Flandern erfolgte Ankunft ſeines beſtimmten Nachfolgers des Herzogs von Me⸗ dina⸗Celi nicht ohne Einfluß, wiewohl Philipp bei deſſen Sen⸗ dung immerhin eine zarte Rückſicht auf Alba genommen hatte, durch die Beſtimmung nämlich, daß Medina⸗Celi die Statthal⸗ terſchaft erſt dann antreten dürfe, wenn ihm Alba dieſelbe ab⸗ geben werde. Gleichwohl hatte der Gedanke, daß der Nach⸗ folger bereits im Lande ſei, für Alba's Selbſtgefühl etwas Verletzendes und es iſt begreiflich, daß er ſich mit der Ueber⸗ gabe ſeiner Würde keineswegs ſehr beeilte, bevor er ſelbſt nicht noch irgend einen entſcheidenden oder glänzenden Erfolg errun⸗ gen habe. Uebrigens forderte auch die wachſende Kühnheit der Meergeuſen, die ſogar auf die Flotte, mit welcher Medina⸗Celi ankam, einen glücklichen Angriff gewagt hatten, Alba gleichſam auf, durch eine ausgezeichnete Waffenthat wenigſtens ſeinen Feldherrnruhm zu befeſtigen, nachdem er Philipps Vertrauen auf ſeine Tauglichkeit zum Staatsmann bereits eingebüßt hatte. Indeſſen hatte der Aufſtand kurz darauf, nachdem Ora⸗ nien in Enkhuizen als königlicher Statthalter anerkannt worden war, eine wichtige Wendung genommen; die Flamme ſchlug plötzlich auch in den ſüdlichen Provinzen empor. Das Bündniß der Naſſauer mit Frankreich trug die erſte Frucht. Graf Ludwig von Naſſau war nämlich aus Frankreich mit einem kleinen Heere in Hennegau eingefallen und hatte ſich plötzlich vor der wohlbefeſtigten Stadt Nons(Bergen) gezeigt. Graf Ludwig hatte ſeinen Anſchlag auf Mons mit Genlis, einem Anführer der Hugenotten, verabredet, die in Ver⸗ bindung mit den niederländiſchen Inſurgenten ſtanden, und Anton Olivier, genannt le Peintre, wußte am 23. Mai 1572 mehre Vertraute glücklich in die Stadt Mons zu bringen. Graf Ludwig hielt ſich draußen in der Nähe mit Kriegsvolk verborgen. Am andern Tage begaben ſich Jene zum Thore hin⸗ aus, um den Grafen in Kenntniß zu ſetzen. Aber der Thor⸗ wärter, dem ihr unruhiges Weſen aufgefallen war, hatte ſie, aus Vorſicht, gezwungen, ihre Waffen abzugeben, und dem erſten Schöffen der Stadt Anzeige gemacht, der die Waffen ins Rath⸗ haus bringen ließ. Plötzlich erſchien jetzt Graf Ludwig von Naſſau mit ungefähr 40 bis 50 Reitern und bemächtigte ſich 94 zweier Thore; ſeine Reiter durchſpengten mit dem Ruf:„Frei⸗ heit, Freiheit!“ alle Straßen. Ueberraſcht ſtürzten die Bürger aus ihren Häuſern hervor; der Magiſtrat eilte aufs Rathhaus. Schon wollten die Soldaten Ludwigs dies erſtürmen, als der Graf ſie noch abhielt, ſich zu den Schöffen begab, und Dieſe bat, die Bürgerſchaft zuſammenzuberufen, da er ihr die Beweggründe ſeiner Ankunft in Mons auseinanderſetzen wolle. Der Magi⸗ ſtrat erwiederte hierauf, man würde ſich darüber berathen, und nun eilte Graf Ludwig aus der Stadt, um die Ankunft der Verſtärkung, die ihm Genlis bringen ſollte, zu beſchleunigen. Während er ſich draußen befand, ließ der Magiſtrat ſchnell die Zugänge zum Rathhauſe verbarrikadiren, der Regierung in Brüſſel die Vorfälle melden und forderte die Bürger auf, die Fremden aus der Stadt zu treiben.„Wie,“ riefen die Bürger, die Be⸗ freier vom zehnten Pfennig vertreiben? das wäre Tollheit.“ Vergeblich ließ der Magiſtrat die Sturmglocke ziehen und die Bürgerbewaffnung aufbieten. Schon kam Graf Ludwig mit der Verſtärkung, und fragte den Magiſtrat, was dieſer beſchloſſen habe. Man zögerte; aber ungeduldig drangen jetzt die Soldaten in das Rathhaus ein und Graf Ludwig erhielt nun die Schlüſſel zu den Stadtthoren ſowie zu den Zeughäuſern und Magazinen. Am anderen Tage ließ Ludwig den Magiſtrat und die Geiſt⸗ lichkeit zuſammenberufen und erklärte feierlich:„er ſei weit davon entfernt, gegen den König etwas zu unternehmen oder den Bür⸗ gern einen neuen Eid vorzuſchreiben. Ebenſowenig ſei es ſeine Abſicht, die Privilegien oder die katholiſche Religion anzutaſten; bloß gegen Alba's Tyrannei, die dem König alle Herzen entfremden und eine Rebellion zum Ausbruch bringen müſſe, wolle er auf⸗ treten, und deßhalb ſtelle er bloß die einzige Forderung an die Obrigkeiten von Mons, daß ſie den Herzog von Alba für einen Verräther am König, für einen Henker des Volkes, für einen Feind des Vaterlandes, für unwürdig und verluſtig der Regie⸗ rung in den Niederlanden erkläre.“ Dieſe Forderung wurde von Seiten der Obrigkeit abgeſchlagen; wiewohl die Bürger⸗ ſchaft von Haß gegen Alba glühte. Indeſſen behauptete Graf Ludwig die Stadt für den König und gegen Alba.*) Alba konnte die Nachricht vom Falle Mons' kaum glauben, und gerieth, da er ſie dennoch als wahr befand, in einen ſo heftigen Zorn,(beſonders über den franzöſiſchen Hof,) daß er ſeinen Hut zur Erde warf und mit Füßen trat. Schon hatte er auf die Kunde von den Ereigniſſen in den nördlichen Provinzen ſeine Heeresmacht bei Bergen⸗op⸗Zoom verſammelt, um den Aufſtand mit einem Hauptſchlage zu zermalmen;— und nun ſah er durch die Einnahme von Mons plötzlich ſogar Brüſſel bedroht. Die Wie⸗ dereroberung von Mons ſchien ihm zunächſt das Dringendſte und Wichtigſte. Er rüſtete deßhalb mit aller Anſtrengung und ſchickte ſeinen Sohn Friedrich gegen Ende Juni's mit einer Heeres⸗ abtheilung von 4500 Mann vor Mons, um es einſtweilen zu um⸗ ſchließen; er ſelbſt wollte mit der Hauptmacht bald nachkommen, um die Belagerung mit allem Ernſt zu beginnen. Dieſer ver⸗ änderte Kriegsplan hatte die natürliche Folge, daß Alba, indem er zur Verſtärkung ſeiner Hauptmacht, die er gegen Süden kehrte, allenthalben Truppen zuſammenzog, den Aufſtand in den nördlichen Provinzen vernachläßigte; dadurch aber konnte ſich Dieſer immer raſcher und kräftiger entfalten. Mitten unter Kriegsplänen vergaß jedoch Alba noch immer den verhängnißvollen zehnten Pfennig nicht. Er hatte ſich(wie bereits erwähnt) entſchloſſen, von der der Nation verhaßten *) Dewez histoire générale de la Belgique. T. V. Vergl.„Van Ber- gen Henegouwen, hoe Graef Lodewyk dat met listigheyt ingenamen heeft.⸗(Geuſen⸗Liederbuch). 96 Auflage abzuſtehen, und ſtatt derſelben zwei Millionen Gulden Cnämlich für den Verlauf des Jahres) anzunehmen, eine Summe, die er zu ſeinen kriegeriſchen Unternehmungen jetzt in der That mehr als je vonnöthen hatte. Zu dieſem Zwecke ließ er denn die Staaten der Provinzen durch deren Statthalter zur Verſammlung und Beſchlußnahme über dieſe Angelegenheit berufen, und zwar die von Holland durch den königlichen Statthalter Boſſü, im Juni(1572) nach dem Haag. Aber wie weſentlich hatte ſich gerade in Holland der Stand der Dinge ſeither verändert! Wie wenige Mitglieder der dortigen Staaten erkannten jetzt Alba's Autorität noch an!—*) Alba ſchien in⸗ deſſen von der neuen Sachlage keine Kenntniß zu nehmen, und ſeiner Stellung nach durfte er es auch nicht. Und nun entwickelt ſich ein intereſſantes Schauſpiel. Während einige Deputirte der holländiſchen Städte, berufen von Boſſü,. eiſtes iſt folgender Anfang des Herzog von Alba in den Mund *) Ein kräftiger Ausdruck des Volk „Psalm van Penitentie“,(dem gelegt): „Waerom rasen de Geusen met Hooghmoet, Waerom komen zy in den Briel te samen ² Wat is, dat men te Vlissingen nu doet, En t' Enkhuysen, om my te gaen beschamen Met Koningen se hun konnen verbinden En Vorsten, die oock daer toe zyn hedacht, My te bestryden en gantsch te verslinden, En mynen Godt, den Paus, met gantscher macht. Sy spreken: Laet ons werpen van den hals 8 Den thienden Penningh met al haer bezwaren, Due d'Alba's Commissy, want sy is valsch, En willen my vor Vyandt gaen verklaren; My met al myn Spangiaerden hoogh gepresen, Willen sy gantschelyk te land uyt slaen, Den Paus willen sy niet gehoorsaam wesen Noch dienen Melis in de halbe Maen. dem als Statthalter das Recht dazu zuſteht, wegen einer Bede im Haag ſich verſammeln, treten zur ſelben Zeit einige Edle, und die Deputirten von 4 ſogenannten größeren und 8 ſoge⸗ nannten kleineren holländiſchen Städten, als Volksrepräſen⸗ tanten, zu Dordrecht auf und konſtituiren ſich als recht⸗ mäßige Staatenverſammlung für Holland. Beachtenswerth iſt hier die Vertretung der ſogenannten kleineren Städte nach vieljähriger Antheilloſigkeit an der Staatenverſammlung; die Idee der Volksrepräſentation tritt klarer und beſtimmter als je in den Vordergrund. Von Seiten Oraniens erſcheint als deſſen Bevollmächtigter der treffliche Philipp Marnix von St. Aldegonde in der erſten freien Staatenverſammlung zu Dordrecht. St. Aldegonde, der Redegabe kundig wie wenig Andre, ſeiner Unbeſcholtenheit wegen hochgeachtet, durch ſeinen Glaubenseifer für die Reformation rühmlich bekannt, wünſcht den Staaten Glück, daß ſie Alba's Joch zertrümmerten, bringt die frohe ermuthigende Nachricht, daß Oranien, ihr Retter und Beſchützer gegen Alba's Tyrannei, ein Kriegsheer gerüſtet habe, und bittet die Staaten in des Prinzen Namen um pa⸗ triotiſche Unterſtützung zur Erhaltung des Heeres; denn leider droht abermals Geldmangel, ſeine Unternehmung im Keim zu erſticken. Augenblicklich bewilligen die Staaten, in ſchöner Be⸗ geiſterung fürs Gemeinwohl, eine Steuer von 100,000 Kronen; „Maer ick sal noch dapper komen te Veldt, Om haer te dwingen, dat sy myn bildt eeren, Dat t' Antwerpen op't Casteel is gestelt, Daraen sullen sy myn Commissy leeren. Maer sy komen t'samen met groote hoopen, Daervoor ick my niet eenmal hadt ontset; Den thienden Penningh sal ich dier bekoopen En dat ick den Adel hab gantsch verplet.“ u. ſ. w. (Geuſen⸗Liederbuch.) 7 98 und Alles wollen ſie aufbieten, um dieſe Summe voll zu machen. Oranien wird als rechtmäßiger Statthalter des Kö⸗ nigs über Holland, Seeland, Friesland und Utrecht anerkannt und zwar auf den Rechtsgrund ſeiner Beſtallung durch den König vom Jahre 1559, kraft deren er zum Statthalter und Generallieutenant über Holland, Seeland, Utrecht, Voorne und Briel erhoben worden war. An dieſem hiſto⸗ riſchen Recht hält man nun und noch lange feſt; daraus leitet man die große Machtvollkommenheit für Oranien geſetzlich her. Doch ausdrücklich erkennt man noch immer den König von Spanien, in ſeiner Eigenſchaft als Grafen von Holland, als rechtmäßigen Landesherren an; nur gegen Alba's Tyrannei erklärt man ſich, ja man verſichert beſtimmt, daß man durch den Widerſtand gegen Alba eben nur das Anſehen des Königs kräftig erhalten wolle. Uebrigens zeigten ſich bereits in dieſen erſten Anfängen, mitten in der gewohnten Staatsan⸗ ſchauung die Keime wichtigerer Folgen. So beſchloſſen die Staaten von Holland: auch andere Provinzen dahin zu bringen, daß Oranien zum„Beſchirmer der Niederlande während der Abweſenheit des Königs“ erwählt werde. Oranien wurde ferner ermächtigt, einen Admiral anzuſtellen, dem alle Gewalt über die Seemacht übertragen wird. Die Staaten erkannten den Grafen von der Mark, der ſich ihnen mit einem Beſtallungsbrief des Prinzen als deſſen Oberſter in Holland vorſtellte, als ſolchen an; die Staaten und der Prinz verbanden ſich wechſelſeits(Letz⸗ terer durch Aldegonde), ohne ihre beiderſeitige Einwilligung keine Verhandlungen mit dem König onknüpfen und abſchließen zu wollen. Endlich— und hier leuchtet Oraniens edler Geiſt in ſeinem vollen Glanze durch— ſollte Freiheit des Got⸗ tesdienſtes beſtehen, und zwar nicht bloß für die Nefor⸗ mirten(die Mehrzahl in Holland) ſondern auch für die 99 Lutheraner und Katholiken; und kein Geiſtlicher irgend einer von den drei Konfeſſionen ſollte angetaſtet oder gekränkt werden. So ſchwebte die Toleranz, der leitende Gedanke Oraniens, dem Dieſer ſein ganzes Leben hindurch treu blieb, als eine viel verheißende Morgenröthe über der erſten freien Staatenverſammlung. Noch während ſie in Dordrecht jene Beſchlüſſe faßte, traten NRotterdam, Schiedam und Delftshaven, aus welchen Orten Alba ſeine Beſatzungen gezogen hatte, auf die Seite Oraniens, ebenſo Delft, wel⸗ ches bis dahin nur die Furcht vor der Nähe der ſpaniſchen Truppen in Rotterdam von einer Erklärung abgehalten hatte, desgleichen Woerden und Schoonhoven. Durch die Unterſtützung der holländiſchen Staaten ſah ſich nun auch Oranien endlich in den Stand geſetzt, ſein Heer in die Niederlande zu führen und dem Kampfe gegen Alba ſomit einem mächtigen Rückhalt zu ſichern. Sein erſter Zweck war, das wichtige Mons zu entſetzen. Vergeblich hatten die Bela⸗ gerten verſchiedene Ausfälle gethan; vergeblich war Genlis mit 7000 Mann dahin gezogen; Alba's Sohn Don Friedrich hatte ſie bei St. Guilain aufgerieben und Genlis zum Gefangenen gemacht. Man brachte ihn in die Citadelle von Antwerpen, wo er nach wenigen Tagen in ſeinem Bette todt gefunden wurde. Schon ſtand Alba ſelbſt mit ſeiner ganzen Macht vor Mons. Nun zog Oranien mit einem Heere von 11,000 Mann zu Fuß und 6000 zu Roß ins Oberquartier von Geldern, und Proklamationen, die Urſachen ſeiner Rüſtung gegen Alba ver⸗ kündigend, flogen ihm überall voran.*) Roeremonde, *) Dieſem Zeitpunkt gehört wohl auch das herrliche Volkslied(nach der Weiſe des„Wilhelmus von Naſſoume“) an: „Ihr ſtebenzehn Provinzen Stellt euch nun auf den Fuß, 100 welches ſich weigerte, ſein Heer zu verpflegen, wurde erſtürmt und ſeine wilden zügelloſen Soldaten befleckten bei dieſer Gele⸗ genheit ihre Hände mit dem Blut der Mönche und Prieſter. Dieſe Ausſchweifungen mißfielen dem Prinzen im höchſten Grade; denn ſie widerſprachen nicht bloß ſeinen Grundſätzen von Toleranz, ſondern ſie mußten auch die Herzen des Volkes, als Führt die Wiederkehr des Prinzen Euch freundlich zu Gemuth! Stellt Euch unter ſeinen Pannieren, Recht wie ein treuer Mann, Und helfet auslogiren Duc d'Alba den Tyrann! Er(der Prinz) kömmt nicht, euch zu verderben, Treulich ſei dies geglaubt, Nein, nur um wieder zu erben, Deſſen man ihn beraubt. Zu gut dem König von Spanien Reicht frei nur ihm die Hand, Dem Prinzen von Oranien Als ſeinem Lieutenant. Sein Trommeln und Trompeten Bringen euch keine Gefahr, Er will nur bringen in Nöthen Due d'Alba, den Barbar. Speiſ't Reiter und Soldaten Des Prinzen in eurem Haus, Euer Schaden foll euch batten, Er muß zum Land heraus. Blieſſingen hat begonnen Zu ſpielen ſolchen Tanz, Damit hat es gewonnen Sich reichen Lorbeerkranz. Holland will auch eins wagen, Ihr all ſein' Prinzipal', Laßt euch das Werk behagen Ihr Landes General'“! 101 deſſen Befreier er erſchien, von ihm abwendig machen. Deß⸗ halb und auf die Vorſtellungen der Staaten von Holland, daß gleiche Ausſchweifungen der Soldaten auch in Holland vor⸗ fielen, erließ er unter'm 24. Auguſt ein Plakat, worin er die Aufrechthaltung der Neligionsfreiheit ebenſo ſtreng anbefahl als Nicht handelt ſichs um Pillagie Von Freunden, Land und Städt', Nur um die große Couragie Des Graſen von Lumé. Der Grafe von Naſſouwe, Das rein, fromm, edel Blut, Will nicht, daß man Jemand beraube An Ehre, Leib und Gut. Schickt Euch, ihr böſen Rebellen, Die's Landes Wohlfahrt beneid't, Des Antichriſts Geſellen, Die die Wahrheit beſtreit't, An Gottes Wort Uebelthäter Und ſeinem heiligen Thron, Ihr ſollt als Landesverräther Noch kriegen euern Lohn. Kriegsvolk will ich euch rüſten, In Gott beſteht eure Kraft, Kämpft ritterlich mit Lüſten. In Sturm, in Schlacht und Wacht, Für Gottes Wort, Landes⸗Rechte Mit einem verbundenen Schild; Der Lohn der frommen Knechte Wird euch, wenn alles erfüllt. Wollt Schwert und Speer nicht ſparen! Was Babel hat gethan Denn treuen Gottesdienern(Dienaeren), Den Lohn dafür ſoll es empſah'n. Den Vögeln thut Mahlzeit kochen Jetzt von der Huren Fleiſch, Das Blut ſoll werden gerochen Ganz nach der Schrift Geheiß. 102 er dem Kriegsvolk jede Kränkung und Mißhandlung der Geiſt⸗ lichkeit verbot. Gleichwohl vermochte er den wilden Geiſt ſeiner Truppen nicht zu bändigen und nicht bloß gemeine Soldaten, ſondern auch Hauptleute ließen ihrem Fanatismus freien Lauf. Die Folge davon war, daß man ihn auf ſeinem ganzen Marſch durch die katholiſchen ſüdlichen Provinzen nicht als Retter, ſondern als Feind betrachtete. Zum zweitenmale zog er denn jetzt über die Maas. Er bemächtigte ſich Mechelns, Löwens, welches die angedrohte Plünderung abkaufte, Termondes(Den⸗ dermondes) und Oudenaardens, wo ſich ſein Kriegsvolk aber⸗ mals die ſchändlichſten Grauſamkeiten gegen die Geiſtlichen zu Schulden kommen ließ; ſo wurden ſechszehn Prieſter, an Händen und Füßen gefeſſelt, ertränkt. Am 8. September kam er end⸗ lich vor Mons an. Kurz vorher erhielt er eine Nachricht, welche ihn mit dem tiefſten Entſetzen erfüllte,— nicht bloß ihn, ſondern alle Proteſtan⸗ ten,— nicht bloß Dieſe, ſondern auch jedes Menſchenherz über⸗ haupt, welches an Menſchlichkeit glaubte. In der Bartholo⸗ mäusnacht(vom 23. auf den 24. Auguſt 1572) waren die Hugenotten in Paris dem Haße der Königin Mutter, Katharina von Medici, und dem Fanatismus der Guiſeſchen Parthei zum Opfer gefallen; Oraniens edler Freund, der in Ehren ergraute rinzliche, Gott ſei geprieſen, Euer Volt den Sieg erlebt, Es werde Jenen bewieſen, Daß ihr regiert und lebt, Wenn eurem Wort ſie folgen Mit Herzen treugeſinnt, Auf daß ihr in allen Sachen Das Lob, den Preis gewinnt. (Geuſen⸗Liederbuch. N. XXII. bei Münch niederl. Muſeum.) 103 Admiral Coligny lag, die Bruſt durchſtoßen, das Antlitz voller Wunden, mit viehiſcher Wuth verſtümmelt, als Leiche vor ſeinem Hauſe. Durch die Straßen ſcholl der teufliſche Spott des raſenden Tavannes:„Laßt zur Ader!“ und König Karl IX. rief zum Fenſter des Louvre hinaus:„Tue! Pue!“ und ſchoß auf die Unglücklichen, die ſich, die Seine durchſchwimmend, retten woll⸗ ten. Der Hof hatte Jagd gehalten auf das Volk; das Blut von wenigſtens 50,000 Proteſtanten hatte die Furcht vor ihnen zum Schweigen bringen müſſen. Der römiſche Katholicismus ſchien jetzt in Frankreich befeſtigt zu ſein; Papſt Gregor XIII. hielt eine feierliche Dankprozeſſion.— Oranien ſah nun plötzlich völlig klar; deßhalb alſo jene Verſöhnung des Hofes mit den Hugenotten, deßhalb alle jene Beweiſe von Freundlichkeit und Vertrauen! Sie waren bloß ſchlau berechnet geweſen, um die Verhaßten nach Paris in's ſichere Verderben zu locken. Mit dieſem einen Schlage waren alle Hoffnungen Oraniens auf Beiſtand aus Frankreich vernichtet, und nichts blieb ihm, bei dem unruhigen, unzuverläßigem Geiſt ſeines Hee⸗ res, bei der feindlichen Stimmung in den ſüdlichen Provinzen gegen daſſelbe, bei Alba's Uebermacht,— nichts blieb ihm jetzt übrig, als— den Entſatz von Mons ſo raſch als möglich und um jeden Preis zu bewirken. Seine Lage war ganz dieſelbe wie bei ſeinem erſten Feldzug. Auch Alba ſah dies ein und befolgte denſelben Kriegsplan wie damals. Vergeblich ſuchte ihn Oranien zu einer offenen Feldſchlacht zu bewegen; zwar fielen einzelne kleine Gefechte vor, aber im Ganzen ließ ſich Alba nicht aus ſeinem wohlverſchanzten, ſichren Lager vor Mons herauslocken. Vergeblich griff ihn Oranien darin an; er mußte — und zwar nicht ohne ſchweren Verluſt— zurückweichen. Umſo beſſer gelang dem kühnen Julian Romero ein nächtlicher Angriff mit 200 Mann auserleſenen Fußvolks und 800 Reitern auf 104 das Lager Oraniens. Die Schildwachen wurden niedergeſtoßen; bevor noch der Ruf„zu den Waffen“ erſcholl, waren die Spa⸗ nier ſchon mitten ihm Lager, hatten vierhundert von des Prinzen Soldaten erſchlagen und das Lager ſelbſt in Brand geſteckt. Oranien entrann dem gewiſſen Tode nur dadurch, daß ihn ſein treues Hündchen, welches in ſeinem Bette ſchlief, noch zu rechter Zeit weckte. Oranien überzeugte ſich nun, daß jeder Verſuch, Mons zu entſetzen, fruchtlos ſei, und da er zugleich eine Meuterei ſeiner deutſchen Truppen wegen Soldmangels befürch⸗ tete, ſo beſchloß er, von Mons abzuziehen, ſo ſehr ihn auch der Gedanke mit Kummer erfüllte, ſeinen Bruder Ludwig und die Niederlande ihrem Schickſal überlaſſen und zum zweiten male alle ſeine Anſtrengungen vergeblich ſehn zu müſſen,— es blieb ihm doch nichts Anderes übrig, als der eiſernen Nothwendigkeit zu gehorchen. Nur die Hoffnung gab er nicht verloren. Er führte ſein Heer an den Rhein, dankte es ab und zog ſich nach Holland zurück. Bald ergab ſich Mons dem Herzog von Alba(am 19. September 1572) auf die Bedingung freien Abzuges. Wider ſeine Gewohnheit hielt Alba diesmal ſein Wort; die wilden Geuſen, die an den gefangenen Spaniern alle Gräuel rächten, welche Jene an Dieſen zu verüben pflegten, hatten ihn dadurch gezwungen, das Völkerrecht zu achten. Mit wallenden Fahnen und brennenden Lunten zogen die franzöſi⸗ ſchen Truppen der Beſatzung, mit Dolch und Degen die nieder⸗ ländiſchen aus Mons. Graf Ludwig begab ſich nach Dillenburg in Deutſchland. In Mons aber wurde nun ein Filialrath der Unruhen errichtet, deſſen Mitglieder ein Niederländer 3 der Herr von Noircarmes ernannte und der bald mit dem Blutrath zu Brüſſel weiteiferte. Die Henker bekamen Arbeit. Bürger, die bei der Befeſtigung der Stadt gearbeitet hatten, büßten dies auf dem Schaffot. Arme, die den proteſtantiſchen — — 105 Predigten beigewohnt hatten, um an der— Almoſenſpende Theil zu nehmen, wurden hingerichtet; ein gleiches Loos fand ein Greis von 62 Jahren, der es— geduldet hatte, daß ſein Sohn die Waffen gegen Alba trug, ja ein Mann, der an einem Frei⸗ tag Fleiſch gegeſſen! Wer ſich weigerte zu beichten, wurde ſtatt durchs Schwert durch die Flammen hingerichtet und kein Tag verging, an welchem man nicht 10 bis 20 Schlacht⸗ opfer fand, die durch den Strang und das Schwert, oder auf dem Scheiterhaufen endeten. So ſchauderhaft mußte die Bür⸗ ſchaft für ihre Oppoſition gegen Alba und den ſervilen Ma⸗ giſtrat büßen.*) Bald zeigten ſich die wichtigen Folgen des Verluſtes von Mons. Alle jene Städte in Brabant, deren ſich Oranien kürzlich bemeiſtert hatte, ergaben ſich jetzt dem H erzoge von Alba, welcher übrigens den alten Haß gegen ſich dadurch auf⸗ friſchte, daß er ihnen größere oder geringere Geldbußen aufer⸗ legte, weil ſie naſſauiſche Beſatzungen eingenommen hatten; das reiche Mecheln wurde von den ſpaniſchen Truppen ſogar wie *) Ein anderes Beiſpiel barbariſcher Grauſamkeit war Folgendes. Jun⸗ ber Anton van Üutenhove, ein Genter Edelmann, der unter dem Admiral van der Mark den Briel hatte einnehmen helſen, und im October 1572 in Alba's Hände fiel, wurde in Brüſſel folgenderma⸗ dben„geexecuteerd“. „Hy werd met eenen keten aen eenen staek(Stange) gehegt en met een vier omringt en besloten, om de Spaigniaerden te dienen tot een tydverdryf, hem keerende rondomme den stake, als een arm heeste, en die zoo lange in sulken verdriet ende pyne moeste blyven, tot dat de hallebardiers zelve, medelyden met hem hebbende, hem deden doorsteken tegen den dank van den hertog.— Alba ließ übrigens auch Mehren, welche zum Scheiterhaufen verdammt waren, große, platte Paquete Schießpulver auf die Bruſt binden, um das Volk durch den Knall und die folgende Schwärzung der Opfer glauben zu machen, der Teufel habe den Armen die Seele aus dem Leibe geriſſen. Cannaert„Bydragen tot de kennis van het oude Strafrecht in Vlaenderen. Derde vermeerderde Uitgave. Gend 1835.⸗⸗ Ein koſtbares Werk für beſonders das 16. Jhdt. in Hinſicht auf Rechtsgeſchichte. 106 eine eroberte Stadt behandelt, geplündert und mit allen Gräueln erfüllt, für welche die Sprache Namen hat. Alba befahl ſie zwar nicht, aber er beſtrafte ſie auch nicht und hieß alſo ſtillſchweigend die von den Soldaten begangenen Verbrechen gut. Während er ſo ſein Andenken ſchändete, benützte er jedoch an⸗ derſeits klug und raſch den glücklichen Erfolg. Im Oktober entſetzte der heldenmüthige Spanier Mon dragon die Stadt Tergoes auf der Nordküſte Süd⸗Bevelands, welche von den Holländern belagert wurde. Neue Hoffnung erfüllte nun Alba's Herz, den ganzen Aufſtand unterdrücken zu können, und verſchie⸗ dene Umſtände ſchienen ſich hierbei zu ſeinen Gunſten zu verei⸗ nigen, beſonders aber die Unzufriedenheit in den abgefallenen Provinzen ſelbſt. Der wilde Dietrich von Sonoy und der unverſöhnliche Prieſterfeind Graf Wilhelm von der Mark hauſten nämlich im rohen Trotz auf die Gewalt lediglich nach ihrer Willkühr; keck und übermüthig trat ihr Kriegsvolk das Recht mit Füßen, das es doch gegen die fremden Zwingherrn beſchützen ſollte, und jene beiden Befehlshaber bezeigten nicht die mindeſte Luſt, die Zügelloſigkeit ihrer Soldaten zu beſchrän⸗ ken; ſchon erhoben ſich laute Stimmen des Unwillens im Volke: „ſelbſt unter der ſpaniſchen Herrſchaft wäre das Land kaum ärger bedrückt worden als jetzt.“— Alba zog über Maaſtricht nach Nymwegen und hatte es ſeinem Sohne Don Friedrich übertragen, die empörten nörd⸗ lichen Provinzen zu unterwerfen. Friedrich handelte— in jeder Beziehung, ſowohl was die Kriegskunſt als was die Grauſam⸗ keit betraf,— im Geiſte ſeines Vaters; es ſchien, als wollte er durch ſeine Handlungen den Fluch verdienen, der auf ſeinem Geburtsnamen haftete. Am 22. November 1572 lagerte er ſich vor der feſten Stadt Zütphen an der Iſſel und forderte ſie zur Uebergabe auf. Hier herrſchte Uneinigkeit zwiſchen der Beſatzung und der Bürgerſchaft, und in der Nacht verließ die Erſtere die Stadt. Da brachen die Spanier, über die ver⸗ zögerte Antwort ergrimmt, hinein. Naſch ſteckten ſie die Stadt an acht Enden in Brand; wer ihnen in den Weg kam, fiel durch Dolch, Pike und Kugel, ganze Haufen wehrloſer Bürger ſtürzten ſie in die Fluthen der Yſſel. In allen Häuſern wühlte die un⸗ erſättliche Beuteluſt, und thieriſche Rohheit trieb grauſamen Hohn mit allem Elend und aller Scham. Wer am Leben blieb, mußte es den zügelloſen Banden durch ſchwere Schatzung ab⸗ kaufen und ſelbſt die Geiſtlichkeit wurde durch ihre Würde nicht geſchützt. Mit großem Schmerz vernahm Oranien dieſe Gräuel, und zugleich mit noch größerer Beſorgniß, daß ganz Holland dadurch entmuthigt werden möchte. Deßhalb beſchloß er raſch mit 40 Fähnlein nach Over⸗Yſſel zu ziehen, um die Feinde dort zu beſchäftigen und von Holland abzuhalten. Da vernahm er plötzlich, daß ſein Schwager, der Graf Wilhelm van den Berg, rath⸗ und muthlos jene Provinz verlaſſen habe und nach Deutſchland geflohen ſei. Es war nicht der erſte Beweis von van den Bergs niedriger Geſinnung. Schon damals, als die drohende Gefahr über den Häuptern der ver⸗ bündeten Edlen ſchwebte, hatte er durch Schmeichelei das ſeinige zu retten geſucht, und vielleicht nur, weil ihn Alba demunge⸗ achtet verbannte, befand er ſich ſeit jener Zeit auf der Seite Oraniens und der Freiheitsfreunde. Wilhelm van den Berg beſaß für die thätige Rolle, die ihm der Prinz dabei zugedacht hatte, weder Beſonnenheit, noch Energie; der Mangel an Beiden erzeugte die Feigheit, die er jetzt in einem ſo wichtigen Augen⸗ blicke bewies. Dieſe Feigheit fügte der guten Sache einen un⸗ berechenbaren Schaden zu. Denn nun zerſtreuten ſich die Be⸗ ſatzungen faſt aller Städte in Geldern und dieſe ergaben ſich — bis auf Bommel— dem Sohne Alba's. 108 Auch in Friesland entſchied ſich das Glück für die Spa⸗ nier; dort ſtand der tapfre Herr von Billy an ihrer Spitze, aber ihm gegenüber der Adel des Landes in alter frieſiſcher Kraft. Zwar ſchlug Billy bei Staveren 6000 Mann naſſauiſchen Kriegvolks; zwar folgte Graf Juſtus von Schauenburg dem Beiſpiel des feigen Grafen van den Berg und entfloh aus Friesland; zwar unterwarfen ſich nun die Städte und mußten auf Alba's Befehl ihre Mauern und Wälle ſchleifen. Aber der Adel übte mit vereinzelter und doch noch gewaltiger Kraft Thaten, ewigen Nachruhms ebenſowerth wie die jener gefeierten Helden des Alterthums. Don Friedrich hatte ſich der Städte Hattem, Elburg und Harderwyck bemächtigt; Amersfort, von ſeiner Be⸗ ſatzung verlaſſen, war in der Gewalt Boſſü's. In allen nördlichen Provinzen, bis auf Holland und See⸗ land, war der Aufſtand unterdrückt, waren die Spanier wieder Meiſter. Nach Holland ſelbſt ſtand dem kühnen Sohne Alba's der Weg durch die Veluwe jetzt offen und die Amſterda⸗ mer, deren Magiſtrat an Fanatismus mit Alba wetteiferte, drangen darauf, das Feuer des Aufſtandes in ihrer Nähe raſch zu dämpfen. Gerne hörte Alba ſolche Wünſche und deßhalb ertheilte er ſeinem Sohne Befehl, ſich vor allem der Städte Naarden an der Zuiderſee und Haarlem zu bemächtigen. In Naarden lag eine Beſatzung von ungefähr 120 deut⸗ ſchen Soldaten und erſt kürzlich war in dieſem Städtchen ſtatt des alten Raths ein neuer gewählt worden, welcher zum Theil aus Proteſtanten beſtand und ſich überzeugt hielt, daß die Spanier nicht eher vor Naarden kommen würden, als bis ſie ſich Buurens bemächtigt hätten. Aber dieſe Sorgloſigkeit verſchwand und mit ihr aller Muth der Bürger, als ſie er⸗ fuhren:„Don Friedrich ziehe mit ſeinem ganzen Heere gegen 109 Naarden heran.“ Nun ſandten ſie dem Feldherrn zwei Bevoll⸗ mächtigte entgegen; aber dieſer würdigte ſie keines Gehörs, zog weiter und umringte die Stadt. Endlich erlangte ein Schöffe bei Don Friedrich Gehör und als Dieſer ihn fragte, ob ſich die Stadt ihrer Beſatzung entledigt habe, verſicherte es der Schöffe eidlich. Auch hatten wirklich einige Reiter die Stadt verlaſſen; der größere Theil der Beſatzung befand ſich jedoch in der Stadt, wo Magiſtrat und Vürgerſchaft ſie zu bleiben nö⸗ thigten. Don Friedrich kannte die Unwahrheit der Ausſage und ſein Entſchluß war gefaßt. Am erſten Dezember begaben ſich ſechs Bevollmächtigte der Stadt, worunter Hortenſius, der Rektor der gelehrten Schule, ins feindliche Lager zu Laagbußem und begegneten unterwegs dem Oberſten Julian Romero. Als ih⸗ nen Dieſer ankündigte:„Don Friedrich habe das Schickſal Naar⸗ dens in ſeine Hand gelegt,“ fielen ſie dem Krieger zu Füßen und wollten ihm die Schlüſſel der Stadt überreichen. Doch finſter weigerte ſich Romero, dieſe anzunehmen; endlich gelobte er ihnen auf ihre anhaltenden Bitten mit ſeinem Handſchlag, ihr Gut und Blut ſollten nicht angetaſtet werden. Vor dieſem feierlichen Verſprechen öffneten ſich die Thore Naardens und arglos ſahen die Bürger in ihren Straßen die trotzigen Schaa⸗ ren einziehen; geſchäftig rüſtete Jeder das Mal und bewirthete die gefürchteten Gäſte. Indeſſen hatte Romero ſich und ſeinen Soldaten einen entſetzlichen Nachtiſch bereitet. Nach aufgeho⸗ bener Tafel ließ er unter Trommelſchlag den Bürgern und der Beſatzung gebieten, ſich unbewaffnet in der Spitalkirche einzu⸗ finden, um dem König den Eid der Treue zu erneuern. Es geſchah; nur Wenige, von geheimer Ahndung gewarnt, verbargen ſich. Mit Verwunderung ſah man einige Zeit lang einen ka⸗ tholiſchen Prieſter vor der Kirche auf und niederwandeln,— als Dieſer jetzt plötzlich in dieſelbe tritt und ihnen zuruft:„Bereitet 11⁰ euch zum Tode; eure Stunde hat geſchlagen!“ Jammer der verrathenen, wehrloſen Menſchen übertäubt die letzten Worte des Prieſters; Todesſchrecken entfärbt jedes Angeſicht. Da ſtürzen die Spanier herein, die Waffen in der Hand, teufliſchen Hohn auf den Stirnen, jede Fieber von Mordluſt ſtraff. Ent⸗ ſetzlicher Augenblick! Von vierhundert wehrloſen Menſchen, die dem gegebenen Worte, die dem Frieden des Gotteshauſes vertrauten, bleiben nur vier am Leben; und dieſe vier rettet bloß die Habſucht der Mörder, welche für einen Moment deren Blutdurſt beſchwichtigt. Selbſt ſeinen eigenen Gaſtfreund ver⸗ ſchont Romero nicht; aber es iſt derſelbe Mann, der im Lager den falſchen Eid geſchworen; ſo viele Hunderte hauchen jetzt dafür den letzten Odem aus. Ein Teppich von Blut decket den Fußboden der Kirche; Leichen liegen in gräßlichen Gruppen ringsumher; da wirft man die Brandfakel in das geſchändete Haus des Herrn, gleich als ſollten die Mauern die Menſchen nicht überleben. Aber noch ſind die Gränuel nicht erſchöpft. Der Anblick des Todeskampfes ſo Vieler, der heiße Dampf des Blutes hat die Mörder berauſcht. Das Werk in der Kirche gethan, ſtürmen ſie hinaus auf die Straßen und dringen in die Häuſer, wo ſie kurz vorher getafelt haben. Wer ihnen auf der Straße begegnet, fällt, von ihren Schüſſen, von ihren Hieben und Stichen mehr als einmal durchbohrt. Das Tödten ſelbſt genügt den Raſenden nicht mehr, ſie müſſen ihre Schlachtopfer verſtümmeln, zerſtücken. Sie trinken das warme Blut, ſie er⸗ morden Kranke in den Betten, ſie treiben Ballſpiel mit Men⸗ ſchenleben. Frauen und Mädchen jedes Alters werden viehiſch mißbraucht, ſelbſt das Kindesalter iſt den raſenden Siegern nicht heilig. Nur den gelehrten Rektor Hortenſius erhält ein Spanier am Leben, der einſt ſein Schüler geweſen. Vergebens fleht der Bürgermeiſter um Schonung und bietet ein großes 111 Löſegeld; Alba's Sohn, der während der Gräuelſcenen in die Stadt eingezogen, läßt ihn vor deſſen eigener Hausthüre aufknü⸗ pfen. Alba's Sohn thut noch mehr; er will nicht der Einzige ſein, deſſen Hände von Blut rein bleiben; mit eigner Hand durchbohrt er einige Herzen. Wer denkt bei dieſem Blutbad an Widerſtand? Man läßt ſich morden, wie eine Heerde Lämmer vom Metzger,— betäubt von Vertrauen, von Gaſtfreundſchaft, von Schrecken. Nur ein Schmied, Hubert Willemszoon van der Eiken, vertheidigt, ein Schwert in der einen, einen Fußſchemel in der anderen Hand, die Schwelle feines Hauſes einige Zeit lang. Endlich ſinkt er ſchwer verwundet zu Boden, doch ſinkend faßt er noch mit beiden Händen nach den Degen zweier Spanier. Sie ziehen die Waffen zurück und durchſchneiden ihm ſo die Finger. Seine Tochter wirft ſich den Mördern zu Füßen und ſchreit um Gnade. Da durchbohren jene Barbaren den Vater und ſpritzen ſein Blut der Tochter ins Geſicht. Gleichen Schritt mit dem Mord hält die Plünderung, hält die Zerſtörung; kein Stein von den Stadtmauern und Thoren bleibt auf dem an⸗ deren. So bezeichnet Alba's Sohn ſeine Laufbahn den Hollän⸗ dern, denen nun ſein Angriff zunächſt gilt. Im folgenden Jahre wurde Naarden noch überdieß durch einen Beſchluß Alba's aller ſtädtiſchen Freiheiten verluſtig erklärt. Don Friedrich hatte, dem Schreckensſyſtem ſeines Vaters getreu, Holland und Seeland durch die Gräuel in Naarden zu entmuthigen gehofft. Er erreichte(wie auch ſonſt ſein Va⸗ ter) gerade das Gegentheil. Der Schrecken über die Gräuel erhöhte nur den Grimm über die Treuloſigkeit und den Abſcheu, ſich der ſpaniſchen Herrſchaft wieder zu unterwerfen; und be⸗ geiſtert gelobten ſich die holländiſchen Städte von Oraniens Parthei, keine Unterhandlungen mit dem Feinde einzugehen, ſondern ſich gegen denſelben bis aufs Aeußercte zu vertheidigen. 112 Zu dieſem hochherzigen Entſchluße trug die perſönliche An⸗ weſenheit Oraniens in Holland nicht wenig bei. Es iſt ebenſo wohlthuend für das menſchliche Gefühl, ſich nach jenen Grauſamkeiten der Spanier an dem Anblick eines ſtillen, beſon⸗ nenen und kräftigen Wirkens, eines wechſelſeitigen Vertrauens zwiſchen dem Volke und deſſen Beſchützer zu erholen, als es intereſſant iſt, den Charakter des Prinzen und die Entwicklung einer freien, ſelbſtſtändigen Verfaſſung zu belauſchen, wobei der natürliche Trieb des Volkes zur Autonomie mit den Einflüßen der Gewohnheit, von einem Monarchen beherrſcht zu werden, weniger ſtreitet als ſich zu vermitteln ſtrebt und wobei gerade der Mann, dem das Vertrauen des Volkes die höchſte Macht in die Hand gibt, unbewegt von den verführeriſchen Reizen der Herrſchſucht, die Garantieen der Freiheit befeſtigt. Schon damals, als Oranien bei'm Beginn ſeines erfolgloſen Feldzuges von den Staaten Hollands eine wichtige Geldunter⸗ ſtützung erhielt, hatte er feierlich erklärt,„die alten Vor⸗ rechte des Landes zu bewahren,“ weßhalb er den Staa⸗ ten auftrug, von denſelben Abſchriften zu nehmen und eine Liſte derſelben aufzuſetzen;— ein Schritt, welcher nicht ſowohl der Stellung eines befreundeten Feldherrn als der gräflichen (d. i. landesherrlichen) Machtvollkommenheit über Holland ent⸗ ſprach. Ebenſo hatte Oranien ferner die Staaten von Holland vermocht, im Haag eine Rechnungskammer zu errichten, deren Beamte ſeiner beſonderen Anerkennung unterworfen waren. Zur Anſtellung der Räthe des Hofes von Holland be⸗ zeichneten ihm die Staaten eine Zahl verſchiedener tauglicher Männer, unter welchen er die Auswahl hatte. Die Soldaten wurden für ihn, als Statthalter und für die Staaten zu⸗ gleich— vereidigt. Alle dieſe Anſtalten bezeichneten deutlich die Rechte des Landesherrn, welche Oranien als deſſen — — Statthalter ausübte, aber noch bei weitem einflußreicher als durch dieſen Rechtstitel wurde Oraniens Wirkſamkeit durch das perſönliche Verhältniß, in welchem er zu Holland ſtand; es war das eines hochverehrten Freundes, eines geliebten Vaters. Es iſt eine wahre Freude, die ſegensreichen Wirkungen dieſes ſchönen Verhältniſſes zu belauſchen. Die Staaten von Holland hatten Oranien dringend erſucht, in die Provinz zu kommen. Als er, am 20. Oktober 1572 in Enkhuizen ankam, drängte ſich Alles wie bei einem Feſt nach ſeinem Anblik. Einige Tage hielt er ſich dort auf, wo er zur Ausrüſtung einiger Kriegs⸗ ſchiffe und zur beſſeren Befeſtigung der Stadt Anſtalten traf. Die Bürgerſchaft betrieb Letzteres mit ſo großem Eifer, daß in 17 Tagen ein Bollwerk vor dem Süderthore fertig ſtand, welches zu immerwährendem Gedächtniß der patriotiſchen Bereitwillig⸗ keit den Namen„Willigenburg“ erhielt. Nachdem Oranien noch andre holländiſche Städte beſucht hatte, begab er ſich nach Haarlem, wo ſich die Staaten zur Verſammlung einfanden, und zwar auf ſeine Berufung, welche ihm als ſtatthalter⸗ liches Recht zuſtand. Auf dieſer Verſammlung richtete er den Hof von Holland und die Rechnungskammer im Haag wieder auf, welche beide aber bald darnach, in Folge der Kriegsereigniſſe, nach Delft verlegt wurden, wohin ſich auch Oranien kurz darauf begab. Von Delft aus wurden nun, zu Ende des Jahres 1572 und zu Anfang des folgenden— nicht im Namen des Königs, wie bisher, ſondern bloß im Namen Oraniens als Statthalters, und der Staaten— verſchiedene Plakate und Verordnungen über Kriegs⸗, Regierungs⸗, Handels⸗ und Finanzangelegenheiten erlaſſen. Oranien gebst allen Lehnsleuten, ihm, als Statthalter, den Staaten und dem Gemein⸗ wohl den Eid der Treue zu leiſten, wobei durch die verſchärfende Klauſel:„bei Verluſt der Lehen,“ die Rechte des Grafen von I. 8 — 114 Holland, als Oberlehnsherrn, dem Prinzen⸗Statthalter zufielen. Dieſer erließ ferner eine Münzordnung und er⸗ nannte die Befehlshaber für den Land⸗ und Seekrieg. Er regelte das Beſteuerungsweſen mit großer Umſicht und milder Rückſicht auf die wichtigſten Lebensbedürfniſſe des Volkes. Zur Verſtärkung der Finanzen, deren das Land in ſeinem bedrängten Zuſtande ſo ſehr bedurſte, öffnete er neue Quellen, nämlich die ſogenannten„Urlaubs⸗ und Geleits⸗ gelder.“ Die Urlaubsgelder, welche zuerſt in Seeland und bald darauf auch in Holland eingeführt wurden, floſſen aus Freibriefen für fremde Kaufleute, wodurch dieſe bei Verfüh⸗ rung ihrer Waaren, ſelbſt nach feindlichen Hafenplätzen, vor den holländiſchen Kapern geſichert blieben. Sie brachten anfangs bedeutende Summen ein, wurden aber von den Kapern, die ſich dadurch um ihren größeren Vortheil gebracht ſahen, gar bald ſo wenig reſpektirt, daß die Kaufleute es für überflüßig hielten, länger ſolche Freibriefe zu bezahlen. Die Geleitsgelder floſſen aus Ein⸗ und Ausfuhrzöllen, um davon die Koſten der Kriegsſchiffe zu beſtreiten, welche die Kauffahrer begleiteten; auch ſie brachten anfangs bedeutende Summen ein. Da nun Oranien ſolchermaßen eigentlich in der That landesherrliche Rechte ausübte, ſo unterlag er natürlich anderſeits auch der alten vertragsmäßigen Beſchränkung der landesherrlichen Macht durch die Staaten, ohne deren Rath und Zuſtimmung er keine Beſchlüſſe über die wichtigſten Angelegenheiten des Landes er⸗ gehen laſſen durfte. Uebrigens legte er ſich auch noch eine neue Beſchränkung auf, durch welche das heilſame Gleichgewicht der Regierungsgewalten erhalten und befeſtigt werden ſollte. Er richtete nämlich im Frühling 1573 einen eigenen Regierungsrath ein, welcher„neben ihm“ und mit ihm in Vereinigung Staats⸗ und Kriegsangelegenheiten zu 115 verwalten hatte. Ebenſo beſtand neben ihm der Finanz⸗ und ein Admiralitätsrath. Des Königs Name wurde nun wieder an die Spitze der Verordnungen geſtellt. Man ſage nicht, daß dies etwas Unweſentliches ſei. Im Gegentheil: dieſe Form war ſehr weſentlich für die ſtaatsrechtliche Entwicklung. Eman⸗ zipationen wie die nachfolgende Hollands würden uns bloß wie ideale Größen daſtehen, wie Abſtraktionen, wenn wir dieſe Mit⸗ telglieder nicht beachten. Das pſychologiſche Moment erklärt hier die überraſchenden Reſultate, und wir erkennen in dieſem beſonnenen, vorſichtigen, ſtufenweiſen Forſchreiten den ganzen Charakter der Holländer, wie wir ihn, ehrenwerth und tüchtig, noch heute vor Augen haben. Uebrigens gehörte bei einer ſo ganz eigenthümlichen Zuſammenſetzung der Staatsgewalten, bei einer ſo merkwürdigen Entwicklung der Verhältniſſe auch der Charakter Oraniens dazu, um die innigverbindende Ein⸗ heit hervorzubringen und zu erhalten, welche zur Sicherheit des Landes in einer Zeit nöthig war, da nicht bloß die glück⸗ lichen Fortſchritte der ſpaniſchen Uebermacht von Tag zu Tag von außen her größere Gefahren drohten, ſondern auch im Lande ſelbſt die rohen Kriegsbanden und deren trotzige Hauptleute die Ruhe ſtörten. Die Redlichkeit Orani⸗ ens, nebſt ſeiner Weisheit und Beharrlichkeit, einerſeits, und das Vertrauen der Staaten zu ihm anderſeits waren die Grundpfeiler der Ordnung in Holland. Nur durch dieſe innere, moraliſche Kraft war es möglich, daß Holland die Freiheit behaupten konnte. Doch verfolgen wir den Gang der Kriegsbegebenheiten weiter. Ein merkwürdiges Ereigniß, worin Viele damals ein wunder⸗ bares Zeichen der göttlichen Vorſehung erkannten, trug weſent⸗ lich dazu bei, den Muth der Holländer nach der Kunde von den Gräueln in Zütphen und Naarden zu erhöhen und mit jener ächten religiöſen Kraft zu erfüllen, welche die Vaterlands⸗ liebe unüberwindlich macht. Die Bewohner Enkhuizens und mehrer andrer Orte in Nordholland hatten im J vor Amſterdam einige mit Ballaſt beſchwerte Schiffwraks verſenkt, um das Aus⸗ laufen von Kriegsſchiffen aus dieſer Stadt, welche der Sache der Freiheit ſo feindſelig entgegenſtand, zu verhindern. Wäh⸗ rend ſich die kühnen Enkhuizer deßhalb noch auf der Zuiderſee befanden, war plötzlich ein ſo ſtrenger Froſt eingetreten, daß ihre Schiffe, ungefähr eine Viertelſtunde vom Diemerdyk, ein⸗ froren. Von den Elementen gefangen gehalten, ſahen nun die Enkhuizer jeden Tag die Spanier längs des Deiches heran⸗ ziehen und hatten ihr nahes Verderben vor Augen. Das Volk im Waterland hatte die Gefahr der Landsleute kaum erfahren, als es auch ſchon rüſtig herbeieilte, um einen Fahrkanal im Eiſe auszuhauen, und durch denſelben die Schiffe in ſichre Häfen zu retten. Nach unſäglicher Mühe gelang dies auch mit den Galeeren; aber die größeren Schiffe waren, wie es ſchien, durch keines Menſchen Kraft aus dem Eiſe zu befreien, und ſchon hatte Sonoy für den äußerſten Fall Befehl ertheilt, ſie lieber in Brand zu ſtecken. Da zerriß, als alle Hoffnung auf⸗ gegeben war, plötzlich ein Sturm aus Nordweſten den Eiskerker und trieb das Waſſer ſo hoch auf, daß die Schiffe getroſt über die Untiefen hinwegſegeln konnten und noch am ſelben Tage nach Hoorn und Enkhuizen heimkehrten. Als ein Wunder galt dieſe Befreiung den frommen Gemüthern. Indeſſen hatte Don Friedrich ſein Hauptaugenmerk auf den Beſitz Haarlems geworfen, das durch ſeine Lage auf jener ſchmalen Landſtrecke zwiſchen der offenen Nordſee und dem Y, welche Nord⸗ und Südholland verbindet, den Freunden der Freiheit im Norden eben ſo wichtig, wie es den Spaniern, als Pforte des Nordens und Südens, wünſchenswerth war. Zu dieſem 117 Ende hatten ſowohl Boſſü als auch die ſtädtiſche Regierung Amſterdams Haarlem ermahnt, ſich dem Herzog von Alba frei⸗ willig zu ergeben. Und wirklich verfügten ſich Junker Chriſtoph van Schagen, der Altbürgermeiſter Dirk de Fries, und der Pen⸗ ſionär der Stadt, Adrian van Aſſendelft, in Auftrag eines Theils der Schöffen nach Amſterdam, um mit Don Friedrich, welcher ſich dort befand, in Unterhandlungen zu treten. Aber ihre Ge⸗ ſinnung und die ihrer Kommittenten war keineswegs die der ganzen Bürgerſchaft. Kaum hatte der oberſte Hauptmann der Stadt Wybout van Ripperda, ein Frieſe, von jener Sen⸗ dung erfahren, als er die muthige Schützengilde und viele andre Bürger auf dem neuen Schießplatz zuſammenberief und alſo ſprach:„Ihr Alle wißt, wie der Magiſtrat dieſer Stadt ge⸗ ſchworen hat, ohne mein und der ſieben erſten Hauptleute Vor⸗ wiſſen ſich in keine Unterhandlung mit den Spaniern einzulaſſen. Dennoch hat es der Magiſtrat gewagt, in einer Sache, wo es Pflicht war, die Meinung der ganzen Gemeinde anzuhören, jenem Eide zuwider, Geſandte nach Amſterdam abzufertigen, die dort vor dem ſpaniſchen Uebermuth auf die Kniee ſinken ſollen; denkt Niemand des Blutes mehr, das in Mecheln, in Zütphen, in Naarden vergoſſen ward? Kann Jemand ſo ſin⸗ nenbethört ſein, auf gleißende Verſprechungen zu achten, wenn Menſchen ſie geben, die mit Eiden ein ruchloſes Spiel treiben? Mir wenigſtens ſoll's nun und nimmer in den Sinn kommen, mich auf das Wort eines Romero oder jener Sklaven des Ty⸗ rannen in Amſterdam zu verlaſſen. Beſſer und ehrenvoller, ſeinem Eid und der Freiheit bis zum letzten Blutstropfen treu zu bleiben, als ſich freiwillig in Knechtſchaft hinzuſtürzen, um dann doch nur ſpaniſcher Büberei unter tauſend Qualen zu er⸗ liegen! Das iſt eines Frieſen Entſchluß; aber Holland gebiert auch Männer, und mich verlangt's zu hören, ob die Herzen in — 118 Haarlem mich verſtehn.“ Seine Rede riß alle zur Begeiſterung hin; und wie aus einem Munde erſcholl der Schwur:„Gut und Blut fürs Vaterland!“ Raſch und eifrig ward nun zur Gegenwehr gerüſtet, ward Oranien von der Lage der Stadt in Kenntniß geſetzt und eine Verſtärkung von Kriegsvolk nach Haarlem berufen. Oranien und die Staaten ermuthigten die edlen Bürger und verſprachen, alle Koſten zur Unterhaltung der Beſatzung aus dem Gemeinſchatz zu vergüten. Bald erſchien in Oraniens Auftrag Philipp Marnix von St. Aldegonde in Haarlem, veränderte die Regierung, indem er neue Bürger⸗ meiſter und ſtatt der verzagten Schöffen eine Anzahl neuer ein⸗ ſetzte, und übergab mehre Kirchen, nach Ausräumung der Bilder, dem reformirten Gottesdienſt. Zwei von jenen drei Bevoll⸗ mächtigten, welche von Amſterdam zurückgekehrt waren, wurden gefangen genommen, der Eine enthauptet, der Andre ſtarb in der Haft. Nun brach Don Friedricham 8. Dezember mit ſeinem Heere aus der Umgegend von Amſterdam auf, um Haarlem mit dem größten Nachdruck zu belagern, wiewohl es ihm lieber geweſen wäre, die Stadt durch Vertrag in ſeine Gewalt zu bringen, denn er erwog reiflich alle Mühſeligkeiten eines Winterfeldzuges. Schon der Weg bis nach Haarlem koſtete ihm einen harten Kampf. Er fand ihn nämlich durch zwei Bollwerke verſperrt und mußte ſein Heer auf einem Umweg über das Eis führen, worauf er die Verſchanzung auf der Weſtſeite, wo ſie am ſchwächſten war, angriff und nach einem heftigen Widerſtand eroberte. Am 11. Dezember erſchienen die erſten Spanier vor der Stadt und beſetzten ſogleich das nach alter Sitte außerhalb derſelben ange⸗ legte Leproſenhaus. Bald kam auch Don Friedrich mit der Hauptmacht, die endlich bis auf 30,000 Mann, worunter 1500 Reiter waren, anwuchs. Er nahm ſein Hauptquartier im Haus 119 te Kleef. Die ſo furchtbar bedrohte Stadt war nur ſchlecht befeſtigt und mit Lebensmitteln für die Dauer einer langen Belagerung wenig verſehen. Aber das Meer ſtand ihr durch den Fluß Spaarne zur Zufuhr offen, und in der Stadt beſeelte Männer und Frauen, Greiſe wie Jünglinge ein gleicher Hel⸗ denmuth, eine gleiche Hingebung für Freiheit und Vaterland. So ſtellte ſich eine Wittwe von 46 Jahren, Kenau Haſſe⸗ laer, mit Degen, Spieß und Flinte an die Spitze einer Schaar von dreihundert Frauen, welche in der gemeinſamen Noth mit den Männern um den Preis der Tapferkeit wetteiferten. Ue⸗ berdieß hatte die Stadt 1000 Schanzgräber in Dienſt genommen und mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit wurde die Be⸗ feſtigung Haarlems vollendet, wurden längs des Meeres einige Schanzen aufgeworfen. Indeſſen verhielt ſich auch Oranien nicht müßig; er ſandte den Grafen von der Mark zum Ent⸗ ſatz der Stadt. Aber Dieſer wurde bei Hilligom, einem Dorfe zwiſchen Haarlem und Leyden, wo er ſich fefſtgeſetzt hatte, von den Spaniern unter Boſſü, Noircarmes und Ro⸗ mero mit einem Verluſt von 1000 Mann, vielen Fahnen und 4 Geſchützen geſchlagen und mußte froh ſein, ſein Leben durch die Flucht zu retten. Nun erſt begann Don Friedrich eigentlich die Belagerung Haarlems, und zwar in der Ueberzeugung, daß es ſich kaum eine Woche würde halten können; die Laufgräben ließ er, eine neue Angabe in der Belagerungskunſt benützend, in einer gera⸗ den Linie eröffnen. Vom 18. an wurde nun die Stadt auf das Heftigſte beſchoſſen und am 20. beſtürmt. Angriff wie Vertheidigung waren gleich grimmig. Vergeblich trugen die Deutſchen im ſpaniſchen Heere Brücken auf den Schultern heran, um die Gräben überſchreiten zu können. Das Geſchütz auf den Wällen ſchmetterte die Stürmenden zu Boden, und wenn es 120 den Feinden dennoch glückte, in die Nähe zu kommen, ſo ſtrömte geſchmolzenes Blei und ſiedendes Oel, ſo flammte bren⸗ nendes Pech auf ihre Scheitel herab. Der Sturm ward abgeſchlagen und Don Friedrich mußte auf eine regelmäßige Belagerung denken, da die Kühnheit der Vertheidiger ſeinen ſtolzen Traum, in Friſt einer Woche Meiſter der Stadt zu ſein, vernichtete. Er begann den Minenkrieg. Aber auch hierin begegneten ihm die Haarlemer mit Klugheit, Kraft und Aus⸗ dauer. Sie wagten Ausfälle, bauten unverdroſſen neue Werke und gruben Gegenminen. An jenem grauſamen Hohn, der ſich in ſolchen Zeiten der furchtbarſten Aufregung Luft zu machen pflegt, fehlte es auf beiden Seiten nicht. So warfen die Spa⸗ nier das blutige Haupt eines Befehlshabers, der friſche Trup⸗ pen nach Haarlem führen ſollte und in ihre Gewalt gefallen war, mit der Schrift:„Dieſen Kopf hat ein Mann verloren, der Haarlem entſetzen wollte“, über die Mauer in die Stadt. Zur Antwort ſchleuderten die Belagerten die Häupter von elf gefangenen Spaniern mit der Schrift in's feindliche Lager: „Hier, Alba, haſt du für den zehnten Pfennig, um deſſen wil⸗ len du Haarlem belagerſt, zehn Köpfe; den elften nimm ſtatt der Zinſen, damit du dich nicht über ſchlechte Bezahlung bekla⸗ gen kannſt.“ So wuchs von Tag zu Tag, durch Glück und Unfälle, auf beiden Seiten die Erbitterung; aber Don Friedrich verlor dabei allmälig die Hoffnung, die Stadt anders als etwa durch Aushungerung nehmen zu können. Schon riethen ihm viele Befehlshaber, die Belagerung aufzuheben und er ſelbſt war nicht abgeneigt, dieſem Entſchluſſe beizupflichten. Da ſchrieb ihm ſein Vater Alba, als er davon Kenntniß erhalten hatte: „Will Don Friedrich die Belagerung aufgeben, gut, ſo komme ich ſelbſt, ſie fortzuſetzen, oder ich rufe ſeine Mutter aus Spa⸗ —— —-— 121 nien herbei, um die Stelle des Sohnes zu übernehmen.“ Die Beſchämung über ſolchen Spott von Seiten des Vaters ſtachelte Friedrich's Grimm, und mit verdoppelter Kraft bot er Alles auf, um ſich von der Zumuthung von Feigheit zu reini⸗ gen. Er beſchloß, der Stadt die Zufuhr abzuſchneiden, wozu ihm die Vereiſung der Gewäſſer günſtig ſchien. Im Februar 1573 trat jedoch Thauwetter ein und vier große Galeeren ſowie eine kleine, welche die Haarlemer im Winter erbaut hatten, wurden nun glücklich vom Stapel gelaſſen, um die freie Zufuhr vom Haarlemer Meere her zu ſichern. Dagegen ließen auch die Amſterdamer eine kleine Flotte unter Boſſü auslaufen, um jenes Vorhaben zu vereiteln, und es kam zu verſchiedenen Schiffs⸗ treffen, wobei die Uebermacht des Feindes manche Vortheile gewann. Immer bedenklicher wurde die Lage der Haarlemer; immer mehr ſchwand die Möglichkeit eines Entſatzes. Nur abgerichtete Tauben unterhielten noch den brieflichen Verkehr der Stadt mit ihren Freunden außerhalb; jeder andre wurde unmöglich; und auch dieſes Mittel wurde endlich durch Zufall entdeckt und vereitelt, indem die Spanier alle Tauben ſchoſſen, welche über ihrem Lager hinflogen. Schon meldete ſich nun in Haarlem der Mangel an Lebensmitteln mit allen ſeinen Schrecken an. Man mußte Noth⸗ münzen ſchlagen, geſtempelte Stücke Silbers, die Jedermann, auch der Soldat, ohne Widerſpruch annahm. Je größer die Noth, je höher wuchs der Muth; im Elend entfaltete ſich die Blüte der Bürgertugenden, reifte die Frucht der Aufopferung, deren Kern den Ueberlebenden unverloren bleibt. Da gab es mehr als einen Mann, der mit Lebensgefahr den Freunden Nachricht brachte, mehr als einen, der zwei Säcke am Halſe, (den einen mit Mehl, den andern mit Schießpulver gefüllt,) zwei Piſtolen im Gürtel, an ſeinem Springſtock über die Grä⸗ ben ſetzte, und, dem lauernden Feinde zum Txrotz, in die Stadt kam; mehr als einen von dieſen knüpften die Spanier, Angeſichts der Velagerten, auf. Solche Barbarei erbitterte die Haarlemer zu gleichen Grauſamkeiten. Sie ließen mehre ſpaniſch geſinnte Katholiken auf dem Walle hinrichten; und um die Religion der Feinde zu verſpotten, ſtopfte man die Breſchen mit Heiligenbildern. So währte die Belagerung Haarlems nun ſchon bis zum Früh⸗ ling 1573, als die Spanier unter Boſſü im Mai einen ent⸗ ſcheidenden Sieg über eine Flotte Oraniens auf dem Haarle⸗ mer Meer davontrugen, in deſſen Folge Jene dieſes fortan behaupteten. Nun, da der Stadt die Zufuhr abgeſchnitten war, zweifelten die Spanier nicht mehr an der baldigen Ein⸗ nahme. Aber ſchon hatte Oranien unermüdlich einen trefflichen Rettungsplan auserſonnen. Wie die Spanier der belagerten Stadt, ſo ſuchte er jetzt hinwieder Dieſen alle Zufuhr abzuſchnei⸗ den. Die Spanier bezogen ſie aus Amſterdam, und deßhalb ließ Oranien durch Sonoy den Diemerdyk beſetzen, den einzigen Weg auf der Landſeite, auf welchem die Spanier ihre Vor⸗ räthe von Amſterdam erhalten konnten. Zu dieſem Zwecke wurde auf demſelben eine Schanze aufgeworfen, aber die Am⸗ ſterdamer vertrieben ihn daraus. Nun verſuchte es Sonoy, den Diemerdyk zu durchgraben. Aber auch dadurch wurde der beabſichtigte Zweck nicht erreicht. Indeſſen nahm die Hungersnoth in der Stadt immer zu, und mit ihr zugleich nagten endlich auch Beſorgniſſe an dem unvergleichlichen Muth der Belagerten. Was Menſchen erſinnen, thun und ertragen können für einen erhabenen Zweck, das hat⸗ ten die Haarlemer erſonnen, gethan und ertragen; um das faſt übermenſchlich Scheinende auszuhalten, war nicht Jedes ſtark genug. So erhoben ſich denn murrende Stimmen gegen die ſtädtiſche Regierung und dieſe beſchloß, Oranien nochmals die äußerſte Gefahr der Stadt anzuzeigen, ihn um dringende Hülfe anzuflehn. Unterm Schalle von Trommeln und Trompe⸗ ten entwich die Jacht, welche dieſe Botſchaft bringen ſollte, in einer rabendunklen Nacht glücklich mitten durch die feindlichen Schiffe. Mit tiefem Kummer vernahm Oranien, welcher die Rettung Haarlems ſeit dem Verluſt des Meeres bereits aufgab, die Nachricht; gleichwohl beſchloß er noch das Aeußerſte, um die unglückliche Stadt zu retten oder wenigſtens für den Au⸗ genblick mit Lebensmitteln zu verſehen; viele Bürger aus den Nachbarſtädten hatten ſich, von Patriotismus und Mitleid hin⸗ geriſſen, dem Unternehmen freiwillig angeſchloſſen. Schon wehten ſchwarze Fahnen auf den Thürmen Haarlems, als Zei⸗ chen der äußerſten Noth uud Verzweiflung für die Freunde. „Nur noch zwei Tage Geduld!“ war Oraniens Antwort darauf. Indeſſen rupfte man in Haarlem ſchon das Gras aus, das zwiſchen den Steinen auf der Straße wuchs; ſchon kochte man Ochſen⸗ und Pferdehäute, ja Schuhleder weich, um nur den wüthenden Hunger zu ſtillen; Dieſer zerriß die Mannszucht der Beſatzung und trieb die Soldaten zur Plünderung in die Kaufläden. Das Befreiungsheer, ungefähr 6400 Mann ſtark, hatte ſich, unter dem Oberbefehl des Herrn von Batenburg, bei Saſſem verſammelt und brach von dort am 8. Juli 1573 auf, mit 7 Ge⸗ ſchützen und 400 Wagen voll Mundvorrath und Kriegsbedürf⸗ ſen, um den Angriff auf das feindliche Lager auszuführen; während deſſen ſollten, ſo hatte man verabredet, die Haarlemer einen Ausfall auf die Spanier thun, damit dieſe zwiſchen zwei Feuern um ſo gewiſſer aufgerieben würden. Aber Don Friedrich hatte dieſen Plan erfahren und traf ſchnell die geeigneten Ge⸗ genmaßregeln. Er ließ vor einer Breſche, durch welche der ——.— 124 Ausfall geſchehen ſollte, große Haufen feuchten Strohes anzün⸗ den, damit die Belagerten durch den Rauch verhindert würden, das Zeichen ihrer Freunde zum Ausfall zu erkennen. Hinter dem Feuer ſtellte er 5000 auserleſene Soldaten ſeines Fußvolks auf. Eben ſo viele ſandte er, durch 500 Reiter verſtärkt, gegen die Dünen hin, um den linken Flügel des Entſatzheeres anzu⸗ greifen; den rechten ſollten ſechs Regimenter unter Romero durchbrechen. Batenburg's Unvorſichtigkeit erleichterte dem Don Friedrich die Ausführung dieſes Planes. Seine Vorhut fand das ſpaniſche Lager verlaſſen und drang ſorglos in daſſelbe ein. Dies hatte Don Friedrich erwartet und nun begann plötzlich ein mörderiſches Feuer gegen beide Flügel des Befreiungsheeres. Bald vollendete die Verwirrung in demſelben die Wirkung des Angriffs und die Niederlage. Batenburg ſelbſt ertrank, das Geſchütz, ſowie aller Mund⸗ und Kriegsvorrath blieben den ſiegreichen Spaniern als Beute. Die Haarlemer hatten das verabredete Zeichen zum Ausfall nicht gehört und das Getüm⸗ mel des Kampfes im feindlichen Lager bloß für eine Kriegsliſt gehalten, dazu beſtimmt, um ſie in's Verderben zu locken. Durch einen barbariſch verſtümmelten Gefangenen, den ihnen der Feind höhnend zuſchickte, erfuhren ſie erſt den unglücklichen Ausgang des Befreiungsverſuches, und nun war auch die letzte Hoffnung verloren. Da faßten die Muthigſten in der Stadt den Entſchluß, mit den Waffen in der Hand auszuziehen und ſich durchs feindliche Lager durchzuſchlagen. Doch die Frauen jammerten darüber und die Sorge um ihr Loos brachte es dahin, daß man den Entſchluß abänderte. Nämlich in folgender Weiſe: Sieben Fähnlein(größtentheils aus Schützen beſtehend) ſollten den Zug eröffnen und durch die Feinde Bahn brechen, hierauf ſollten der Magiſtrat und die Schützengilde, mit Weibern und Kindern 125 folgen und neun Fähnlein die Hinterhut bilden. Oranien wurde davon in Kenntniß geſetzt, um ihnen raſch mit Hülfe nahe ſein zu können; und vorſichtig hatte man alle Brücken in der Stadt über den Spaarnefluß abgebrochen oder aufgezogen, alle Schiffe und Nachen verſenkt, um den Feind am Nachſetzen zu verhindern. Dieſen Entſchluß, würdig der heldenmüthigen Standhaftigkeit, mit welcher ſich Haarlem ſieben Monate lang gegen eine überlegene Feindesmacht vertheidigt hatte, wußte Don Friedrich durch Liſt zu vereiteln. Unter dem Namen des Grafen von Eberſtein ſpielte er einen Brief in die Stadt, worin den Belagerten noch gewiſſe Hoffnung auf Gnade gemacht wurde, wofern ſie ſich augenblicklich ergeben würden. Dieſer Brief erreichte vollkommen den damit beabſichtigten Zweck; er ſtiftete nämlich Uneinigkeit, indem ſich jetzt verſchiedene Mei⸗ nungen geltend machten. Die Deutſchen von der Beſatzung verweigerten daraufhin den Auszug; die Wallonen beſtanden zwar Anfangs darauf, zögerten aber, als es Ernſt wurde. Bald zerrüttete der Zwieſpalt jede Familie und beſchleunigte den entgegengeſetzten Entſchluß, nämlich: die Stadt dem Feinde zu übergeben.*) Am 12. Juli des Morgens um 9 Uhr kam man mit demſelben überein und die Stadt ergab ſich ihm auf Gnade und Ungnade; doch bekam ſie die Erlaubniß, die Plün⸗ derung mit 240,000 Gulden abzukaufen. Die Beſatzung erhielt die Wahl, ob ſie, nach Niederlegung ihrer Waffen ausziehen, oder in der Stadt bleiben und ihr Schickſal erwarten wolle. Sie entſchied ſich für das Letztere. Da hielt Bordet, ein franzöſiſcher Edelmann, der ſich während der Belagerung durch ſeine Tapferkeit rühmlichſt ausgezeichnet und ſich ſchon vorher *)„Des Coninks macht en heeft min niet bedwongen, Dan door den Honger ben ik verslonne. (Inſchrift auf den Nothmünzen.) 126 die Hand über einer Kerze verbrannt hatte, um ſich zur Ertra⸗ gung der ihm von den Spaniern bevorſtehenden Martern abzu⸗ härten, ſeinem Diener eine geladene Büchſe hin und gebot demſelben, ihn niederzuſchießen. Der Diener that's nach langem Widerſtreben und Bordet's Wunſch war erfüllt, nicht durch ſpaniſche Henker zu fallen. Bald nachdem die Spanier ſich Haarlem's bemächtigt hatten, bekamen die Nachrichter auch wirklich vollauf zu thun. Ihrer fünf mit ihren Knechten voll⸗ ſtreckten Tag für Tag Don Friedrich's Rache an Bürgern und Soldaten. Mit 300 walloniſchen Soldaten wurden die Blut⸗ gerüſte eingeweiht, 500 Bürger und Soldaten, Obrigkeiten, Prediger und Hauptleute theilten dies Schickſal; der kühne Frieſe Ripperda, der vor ſieben Monden die Bürgerſchaft zum Widerſtand hingeriſſen hatte, fiel gleichfalls als edles Opfer. 300 Soldaten wurden, an Händen und Füßen gebunden, in's Haarlemer Meer geſtürzt. Wie während der ganzen Belage⸗ rung, ſo leuchtete auch jetzt durch die Nacht des Elends und Todes erhabene Seelengröße. Peter Haſſelaer ſaß eben am Tiſch, als die Mörder Hand an ſeinen Bruder Niklas leg⸗ ten; da ſprach er, um deſſen Leben zu retten:„Sucht ihr den Fähndrich, ſo laßt dieſen los; ich bin's.“ Ein natürlicher Sohn des Kardinals Granvella, der im Oraniſchen Kriegsdienſt ſtand, wollte lieber ſterben als ſein Leben durch die Entdeckung ſei⸗ ner Abkunft von einem Vaier vetten, deſſen Namen die Freunde der Freiheit verabſcheuten. er vormalige Bürgermeiſter Kies lag in Haft, woraus ihn die Spanier auf ſein Ehrenwort erledigten, um ſich ſeiner zu einer wichtigen Angelegenheit zu bedienen. Er ſollte ſich nämlich nach Amſterdam begeben und dort die Auswechſelung der Gefangenen betreiben. Seine hoch⸗ herzige Hausfrau begleitete ihn dahin. Als ſie in das offene Fahrzeug ſtieg, in welchem ſich ihr Mann bereits befand, wurde ſie zufällig durch einen Schuß verwundet; aber, ihres Mannes heftigen Haß gegen die Feinde kennend und beſorgend, daß ſein losbrechender Zorn über ihre Verwundung ihn ſelbſt in's Verderben ſtürzen möchte, verbarg ſie die Wunde und ihren Schmerz, und entdeckte Beides dem Gatten erſt dann, als ſich das Schiff weit genug von den Feinden und ihr Mann außer Gefahr befand.— Der ſchottiſche Hauptmann Balfour erhielt von Don Friedrich Leben und Freiheit, doch mußte er ihm ſchwören, Oranien zu ermorden. Da reiſte Balfour unverzüglich zu dem Prinzen, aber nur, um dieſem den Anſchlag zu entdecken und ihn zu warnen. Wohl die Hälfte des Reſtes von der Be⸗ ſatzung, die von 3000— 4000 Mann bis auf ungefähr 1800 zuſammengeſchmolzen war, hatte nach der Uebergabe der Stadt durch Henkers Hand den Tod gefunden. Sechshundert deutſche Soldaten mußten den Dienſt Oraniens abſchwören und ſollten hierauf, unter einer Bedeckung von 160 ſpaniſchen Reitern nach Geldern gebracht werden. Aber Sonoy, welcher davon Nach⸗ richt erhalten hatte und noch den Diemerdyk beſetzt hielt, ſandte ihnen raſch drei wohlbemannte Galeeren nach, welche ſie bei Nieuwkerk einholten und befreiten. Gerne wären nun die Deutſchen wieder in des Prinzen Dienſt getreten; aber Don Friedrich drohte, ſich für dieſen Fall an ihren Hauptleuten, die er noch in Haft hatte, zu rächen; dies bewog Sonoy, ſie mit des Prinzen Erlaubniß, zu entlaſſen. Groß war der Verluſt an Menſchenleben in Haarlem während und nach der Belag⸗ rung, aber der Verluſt der Feinde überſtieg ihn noch; man ſchätzte ihn auf ungefähr 10,000, wovon 7000 durch Krankheit und Strapatzen aufgerieben wurden. Der Schaden, den die Stadt erlitt, belief ſich auf 128,300 Gulden; ſie war nicht im Stande, die zur Abkaufung der Plünderung feſtgeſetzte Summe aufzubringen; die Sieger begnügten ſich jedoch mit dem, was 128 ſie erhielten, und was noch keine 100,000 Gulden betrug; dafür aber mußte Haarlem ſechs Wochen lang 3⸗ bis 4000 Mann Spanier verpflegen. Im Auguſt zog Den Friedrich mit Triumphgepränge in die eroberte Stadt ein; da weihete Gott⸗ fried von Mierlo, zweiter Biſchof von Haarlem, die Kathedrale wieder ein. Bald hierauf wurde eine allgemeine Amneſtie ver⸗ kündigt, eine von jenen ſpaniſchen Amneſtieen, bei welchen die vielen Ausnahmen von der Gnade die Gnade ſelbſt parodirten. Als ſich die Nachricht vmm Falle Haarlems in den Provinzen verbreitete, frohlockten die Spanier und Spaniſch⸗ geſinnten, denn ſie hielten ihn für ein untrügliches Vorzeichen vom Untergang der Freiheit. Der alte Haß Spaniens gegen Oranien gab ſich dabei in einem armſeligen Poſſenſpiel kund. Zu Utrecht wurde nämlich ſtatt ſeiner eine ausgeſtopfte Puppe, der man ſeinen Namen beilegte, öffentlich auf's Rad geflochten und verbrannt. So lächerlich dieſe ganz ernſthaft und feierlich vorgenommene Hinrichtung des Bildes war, ſo ließ ſich doch daraus mit Gewißheit das Schickſal entnehmen, welches dem Prinzen drohte, wenn die Spanier ſeiner habhaft würden. Und wirklich geſchah ein Verſuch dazu. Boſſü ſuchte den katholiſchen Bürgermeiſter von Delft, wo ſich Oranien aufhielt, zu deſſen Verhaftung und Auslieferung zu verführen. Doch der Anſchlag wurde entdeckt; aber der Bürgermeiſter wußte ſich vor dem Prinzen genügend zu rechtfertigen, daß er daran keinen Theil gehabt habe. Wie nun auch das Unglück Haarlems allerdings geeignet war, den Muth der oraniſchen Parthei zu erſchüttern,— die Freiheit erhob und erkräftigte ihn vielmehr zu neuen unſterblichen Thaten. Ueberdies hatte Oranien auch energiſch dafür geſorgt, daß die gute Sache durch den Uebermuth des Kriegsvolks, welches ihr dienen ſollte, und der Häuptlinge, welche dies 129 befehligten, nicht fürder Schaden leide. Der wilde Lümey, Graf von der Mark, ließ ſich durch ſeinen fanatiſchen Prieſterhaß zu ruchloſen Freveln fortreißen. Der ſchändlichſte davon war die Ermordung des edlen Paters Kornelius Muis vom St. Agathenkloſter zu Delft, eines Greiſes von 72 Jahren, welcher ſich auch als Dichter ehrenvoll ausgezeichnet hatte. Dieſen hatte der Graf von der Mark auf die bloße Vermu⸗ thung, daß ſich der Greis mit ſeiner beſten Habe beim Einzug Oraniens aus Delft flüchten wollte, verhaften, foltern, gegen den Willen des Prinzen nach Leyden bringen und dort— ohne Rechtsſpruch und Vertheidigung— ſchmählich hinrichten laſſen. Barthel Entes, einer der ſchlimmſten von den Meergeuſen, wetteiferte in ſolchen Freveln mit dem Grafen von der Mark. Dies bewog den Prinzen und die Staaten, im Januar 1573 Beide ergreifen und verhaften zu laſſen. Beide wurden zwar in Betracht der Dienſte, welche ſie dem Lande früher geleiſtet, bald wieder auf freien Fuß geſtellt; aber der Graf von der Mark vermochte den böſen Feind, den er in ſich trug, nicht zu bändigen, und nun, da er— zwar in Freiheit, aber ohne Gewalt— keine wehrloſen Prieſter mehr morden konnte, brütete er, wie es ſcheint, über Verrath. Man legte ihn abermals in Haft; doch er entkam daraus und flüchtete nach Deutſchland, wo er im Jahre 1577 ſtarb,— Einige ſagen: durch Gift, An⸗ dere: an der Hundswuth. Entes wurde ſpäter wieder in Dienſte der Staaten genommen. Eben ſo grauſam wie Beide, aber ungeſtraft, waltete Sonoy in Nordholland. Vergeblich ermahnte ihn Oranien durch viele briefliche Zuſchriften; indeſ⸗ ſen war Sonoy klug genug, ſein eigenes Treiben wenig⸗ ſtens an ſeinen Untergebenen zu beſtrafen, welche es nachahmten. So ließ er einen Hauptmann, Michael Krok, der in der Trunkenheit einen Prieſter zu Langendyk furchtbar verſtümmelt, I. 9 130 mißhandelt und getödtet hatte, hinrichten, und gab dadurch der öffentlichen Meinung, welche ihn ſelbſt ähnlicher Gewaltthätig⸗ keiten anklagte, wenigſtens eine Art von Genugthuung. Inzwiſchen hatten— noch während der Belagerung Haarlem's— die Meergeuſen in Seeland manche kühne That vollbracht. In dieſer Provinz war die Stadt Middelburg, auf der Inſel Walcheren gelegen, noch im ſpaniſchen Beſitz und wurde von den freien Niederländern mit aller Anſtrengung belagert. Alba ſuchte den Verluſt dieſes für ihn höchſt wichtigen Platzes, von deſſen Behauptung es abhing, ob die Spanier Seeland erhalten konnten oder nicht, um jeden Preis zu verhindern und Middelburg mit Mundvorrath und Kriegsbedürfniſſen zu verſe⸗ hen. Zu dieſem Zwecke ſchickte er Don Sanzio d'Avila mit einer Flotte von Antwerpen dahin ab. Die Meergeuſen erwarteten ihn an der Mündung der Weſterſchelde mit einer ſtattlichen Seemacht und brachten ihm eine furchtbare Niederlage bei. Gleichwohl gelangte ein Theil der ſpaniſchen Flotte nach Mannekens; von dort aus verſah d'Avila Middelburg mit Lebensmitteln, worauf er nach Antwerpen zurückkehrte. Doch auch jetzt hatte er einen harten Kampf mit der feindlichen Flotte zu beſtehen und verlor zwei Schiffe. Bald darauf unternahmen die Meergeuſen einen kecken Anſchlag auf die Stadt Tholen, welcher jedoch durch die raſche Dazwiſchenkunft des umſichtigen ſpaniſchen Oberſten Mondragon vereitelt wurde. Bei dieſer Gelegenheit wurde der wackere Meergeuſe de Ryk von den Spaniern gefangen. Sie verſchonten ſein Leben,— aber nicht aus Menſchlichkeit, ſondern bloß, weil ſie hofften, ſich durch ihn von den geheimen Plänen der Feinde Kenntniß zu ver⸗ ſchaffen; man brachte ihn nach Antwerpen und von dort nach Vilvoorden. Die Meergeuſen ließen ſich jedoch durch jenen un⸗ glücklichen Erfolg nicht abſchrecken und unternahmen einen 131 Anſchlag auf das noch in ſpaniſcher Gewalt befindliche Ramme⸗ kens, deſſen Beſitz ihnen wichtig war, um Middelburg mit beſſerem Erfolg angreifen zu können. Karl von Boiſot, Oberſter in Seeland, und ſein Bruder Ludwig(Admiral) gewannen jene nur ſchlecht vertheidigte Stadt am 5. Auguſt 1573. Dagegen führte Philipp von Lannoy, Herr von Beau⸗ vais, dem belagerten Middelburg glücklich einige Vorrathſchiffe zu, wodurch ſich daſſelbe gegen die Angriffe der freien Nieder⸗ länder noch längere Zeit halten konnte. 5 Nach dem Falle Haarlem's hatte ſich Don Friedrich im Au⸗ guſt vor die Stadt Alkmaar gewendet, um ſich durch ihre Eroberung den Weg zum Beſitz Nordh ollands zu bahnen. Oranien, welcher dieſen Entſchluß vorausgeſehen, hatte den muthigen Junker Jakob Kabbeljauw mit Kriegsvolk dahin geſandt; doch lange hatten ſich die Bewohner Alkmaars, deren Anſichten verſchieden waren, geweigert, die Verſtärkung der Beſatzung aufzunehmen, bis endlich Ruikhaver, ein anderer Held der Meergeuſen, welcher bei Kabbeljauw war, zürnend ausrief:„Kurzab: Ja oder nein?“ Da erklärte der Bürger⸗ meiſter von Alkmaar, Floris van Theilingen,„mit dem Prinzen und dem Volk leben und ſterben zu wollen“, und die Beſatzung zog nun in Alkmaar ein. Es war die höchſte Zeit; denn ſchon ſtanden ſpaniſche Truppen ganz nahe vor der Stadt; aber die neuen Beſchützer jagten ſie nach einem heftigen Kampfe raſch von hinnen. Nun benützte man die Zeit, während welcher Don Friedrich durch eine Meuterei ſeiner unbezahlten Truppen noch zu Haarlem zurückgehalten wurde, in Alkmaar mit dem größten Eifer, um die Feſtungswerke in guten Zuſtand zu ſetzen und die Stadt mit Lebensmitteln und Kriegsbedürfniſſen reichlich zu verſehen. Am 21. Auguſt erſchien endlich Don Friedrich mit einem Heere von 16,000 Mann unter vortrefflichen 132 Offizieren vor Alkmaar, forderte es zur Uebergabe auf und umſchloß es, als es ſich weigerte, von allen Seiten. Die Beſatzung zählte nur über 800 Soldaten und etwa 1300 bewaff⸗ nete Bürger; aber in Allen lebte ein hoher Muth für Freiheit und Vaterland. Die Stadt ließ Sonoy, als oraniſchen Statthalter über Nordholland, bitten, zu ihrem Entſatze herbei zu eilen und die Dämme durchſtechen zu laſſen, damit die Be⸗ lagerer in den hereinſtürzenden Fluthen ihr Grab fänden. Dagegen widerſetzten ſich jedoch die übrigen Städte Nordhol⸗ lands, weil ſie dadurch ihren Vorrath von Futter für den Winter einbüßen müßten; Sonoy ließ indeſſen zur beſſeren Beſchützung der Belagerten vier Schanzen aufwerfen. Aber auch die Spanier blieben nicht müßig. Sie eröffneten die Lauf⸗ gräben und zwangen 300 Haarlemer zu dieſer Arbeit, welche das Verderben ihrer Landsleute herbeiführen ſollte. Am 18. September 1573 beſchoß Don Friedrich die Stadt von zwei Seiten und des Nachmittags befahl er Sturm. Vielfach und trefflich ſind die Anſtalten der Feinde, furchtbar iſt ihr Muth, aber heldenhaft iſt auch die Gegenwehr. Zwiſchen den Männern ſtehen Frauen und Knaben auf den Wällen, und während ſich die Männer mit Büchſen und Schwertern gegen die Stürmen⸗ den wehren, gießen die Frauen und Knaben ſiedendes Waſſer und geſchmolzenes Blei auf ſie herab, ſchleudern brennende Pechkugeln und ungelöſchten Kalk auf die Feinde. Schon haben die Spanier eine Bruſtwehr erklommen, ſchon pflanzen ſie ihre Fahnen darauf, ſchon rufen ſie:„Sieg! Sieg! unſer iſt die Stadt!“ Da ſpringt ein Bürger, ein Schlachtſchwert ſchwingend, auf den erſten feindlichen Fahnenträger zu, haut ihm die Beine ab und treibt die anderen Feinde auf die Kante, daß ſie zu den Genoſſen hinabſpringen. Einem ſo begeiſterten Widerſtand müſſen die Spanier endlich weichen. Mit einem ſchweren Ver⸗ 133 luſt an Todten und Verwundeten ziehen ſie ſich zurück. Den⸗ noch geben ſie die Hoffnung, Alkmaar zu erobern, nicht auf, und kaum ſind ein paar Tage verfloſſen, ſo beſiehlt Don Friedrich ſchon wieder einen neuen Sturm. Die Sturmbrücken werden herangebracht; da donnern plötzlich die Kanonen von den Wällen und die Sturmbrücken ſind zerſchmettert. Nun iſt auch der Muth der Feinde unwiederbringlich dahin. Vergebens treibt ſie das Kommandowort an; ſie weigern ſich, dem gewiſſen Tode entgegen zu gehen. Vergebens ſind alle Bitten und Dro⸗ hungen der Hauptleute, vergebens ſtößt hie und da ein ergrimmter Offizier dem entmuthigten Soldaten den Degen durch den Leib; vergeblich hören ſich die Truppen ſelbſt von den Wällen herab verhöhnt und zum Angriff gereizt; der Schrecken hat ſie Alle wie verſteinert. Da läßt Sonoy auch noch den Oſterdyk durchſtechen; mit dem Nordwind und der Springfluth ſchießt nun das Waſſer hoch über das Land dahin; weit und breit nichts als Wogen! Der Schrecken der Spanier wächſt mit der Fluth. Da fangen ſie einen Brief Oraniens an die Belagerten auf, worin dieſe benachrichtigt werden, daß Ora⸗ nien auch die übrigen Dämme durchſtechen werde. Dies Schreiben, beſtimmt die von Alkmaar zu ermuthigen, vollendet die Entmuthigung der Feinde. Don Friedrich bricht ſein Lager ab und hebt am 8. Oktober 1573 die Belagerung auf. Kaum gerettet, ſetzen die Alkmaarer den Spaniern nach und erſchlagen deren nicht Wenige, wo ſie ſolche finden. Don Friedrich begibt ſich zu ſeinem Vater nach Amſterdam; ſein Heer vertheilt ſich in die Winterquartiere um Haarlem und Leyden. Dieſe Be⸗ freiung Alkmaars erhob die Hoffnung aller Freiheits⸗ freunde auf's neue;*) ſie gab ihnen aber auch ein lehrreiches *) Hier wieder der Volksgeiſt im Volkslied:„Fen cort verhael van de strengho belegheringe ende aftreck der Spangiaerden van de stadt 134 Beiſpiel, was Eintracht vermag, und mit welchem Er⸗ folge die Natur des Landes zur Rettung des Volkes gegen die Feinde benützt werden könne. Kaum drei Tage darnach erfochten die freien Niederländer auf ihrem eigentlichen Element, dem Waſſer, einen wichtigen Sieg über die Feinde. Schon im Laufe des Sommers hatte Boſſü zu Amſterdam eine Flotte von achtzehn Schiffen ausge⸗ rüſtet, zu welcher auch Billy einige Schiffe aus Friesland ſenden ſollte, um Nordholland während der Belagerung Alkmaar's auch von der Seeſeite anzugreifen. Glücklich war jene Flotte über die Wraks hinweggeſegelt, welche Sonoy in's Y hatte verſenken laſſen, um ſie am Auslaufen zu verhindern, und glücklich erreichte ſie, bis zu 30 Schiffen verſtärkt, am 5. Okto⸗ ber die Zuiderſee. Da trifft ſie die oraniſche Flotte unter dem Admiral Kornelius Dirkszoon und augenblicklich gibt dieſer das Zeichen zur Schlacht. Die Kanonen donnern, aber die ſpaniſchen Schiffe laviren bis zum 11. October, den Kampf vermeidend. Nun bricht dieſer los. Dirkszoon hat ſich das feindliche Hauptſchiff auserſehen, deſſen Namen ſchon(es heißt die„Inquiſition“) jedes niederländiſche Herz mit Wuth erfüllt. Mit drei anderen Schiffen drängt ſich Dirkszoon an die„Inquiſition“; er entert ſie und ein grimmiges Ge⸗ fecht bricht los. Schon tobt auch ringsum auf der See der Alkmaar etc. Delft 1573 4. Darin: een niecuw liedeken van t beleg der stede van Alkmaar: „als men schref duysent vyfhondert en drie ent seventich jaer, mocht elk wel zyn verwondert al van de spaensche schaer, zy quamen wt getreken, hondert twintich vaendel sterk, voor Alkmaer, soo't is gebleken, als tyrannen sy gingen te werk“ u. ſ. w. 135 Kampf; ſchon haben ſich die Meergeuſen eines großen und 5 kleinerer Feindesſchiffe bemächtigt; ſchon fliehen die übrigen zurück. Im erſten Dämmerſchein des Morgens klettert ein nie⸗ derländiſcher Matroſe, Jan Haring, den Hauptmaſt der „Inquiſttion“ hinan und reißt die Flagge ab; bei'm Nieder⸗ klettern trifft ihn ein Schuß durch die Bruſt und er ſtürzt herab. Er hatte auf's Lebenbleiben nicht gerechnet; hatte er doch die kühne That vollbracht!*) Des Nachmittags ergibt ſich endlich Boſſü, keinen Ausweg mehr vorſehend, auf gräfliche Haft. w*) Man bewahrte ihn in dem Waiſenhaus zu Voorne. Groß war die Freude aller Freiheitsfreunde über dies Er⸗ eigniß; doch ein andres trübte ſie. Die Spanier hatten näm⸗ lich auf ihrem Rückzug von Alkmaar den Haag und die Schanze von Maaslandſluis erobert und dabei Oraniens vertrauten Freund, den trefflichen Philipp Marnix von St. Alde⸗ gonde, welcher damals Befehlshaber über Delft, Rotterdam und Schiedam war, gefangen. Zum Glück hatten die Nieder⸗ länder in der Perſon Boſſü's ein wichtiges Unterpfand für das Leben St. Aldegondes, welcher den Spaniern nicht bloß als Haupturheber des Kompromißes, und als eifriger Freund und Beförderer des Proteſtantismus, ſondern auch über⸗ dies als der tiefſtdenkende, thätigſte, unermüdlichſte Mitarbeiter in allen Angelegenheiten der Regierung und der ſich neu entwik⸗ kelnden freien Verfaſſung, ein verhaßter Stein im Wege war, durch deſſen Hinwegräumung ſie faſt eben ſoviel zu gewinnen *)„Inquisitio inquirendo nimis sedulo se ipsam perdidit,“ Inſchrift der auf den Seeſieg geprägten Medaille. **) Chronoſtichon: Door LoVter gheWeLt, Van MenlCh heLt, Der VrIIe WestVrlesChe natle, Werd BossoV geVeLt: dlt hler gesteLt, Tot Lofteken Van gods gratle. 136 hofften als durch die Oraniens. Dieſer Letztere ließ ihnen jedoch ernſt bedeuten:„Was ihr an Aldegonde thut, wird Boſſü empfinden!“ Daß dieſe Worte keine leere Drohung wa⸗ ren, mochten die Spanier daraus entnehmen, daß er Boſſü dem wilden Sonoy zur Bewahrung übergab. St. Aldegonde wurde auf das Schloß Friedenburg zu Utrecht gebracht und dort anſtändig behandelt. Bald darauf trat ein Ereigniß ein, welches für die junge Freiheit der Niederländer von großer Wichtigkeit war. Philipp II. hatte den Eniſchluß gefaßt, zu verſuchen, ob er das durch mildere Behandlung erwirken könne, was die äußerſte Strenge bisher nicht hatte zu Stande bringen können oder vielmehr: er hatte ſich überzeugt, daß er ſein Centraliſations⸗, d. i. ſein Unterjochungs⸗Syſtem aufgeben müſſe, um nur den Beſitz der Niederlande unter den bisherigen konſtitutionellen Bedingun⸗ gen für ſich zu erhalten. Dieſe Erhaltung war durch Alba's Regierung im höchſten Grade gefährdet worden, aber, wie wir ſchon bemerkten, Alba ſelbſt war dafür nur in Bezug auf die gehäßige Ausführung, nicht in Bezug auf das vorgeſchrie⸗ bene Syſtem gegen Philipp verantwortlich. Um ſo trauriger war ſeine jetzige Stellung. Alba, der allmächtige Alba, der mit faſt unbeſchränkter Vollmacht, der, als wäre er der König, nach den Niederlanden gekommen war, mußte ſich nun vom königlichen Kabinet als ein unnützes Werkzeug bei Seite geſtellt ſehen. Das war hart für den alten Feldherrn, deſſen offenem Trotze man eine aufrichtige Theilnahme nicht verſagen kann, wenn man denſelben mit den Intriguen ſeiner Gegenparthei am Hofe vergleicht; es war der Trotz eines Greiſes, der ſeine Mühen und Thaten im Dienſte des Königs für ſich ſprechen laſſen durfte, der in ſeiner Ueberzeugung ergraut war, und ſich nicht entſchließen konnte, ſie am Abend ſeines Lebens für eine irrige zu erklären, bloß weil es der König für gerathen fand, ver⸗ ſuchsweiſe plötzlich einen anderen Weg einzuſchlagen. Der Her⸗ zog von Medina⸗Celi, welchen Philipp ſchon vor einiger Zeit als Alba's beſtimmten Nachfolger in die Niederlande ge⸗ ſchickt hatte, war durch den Anblick des traurigen Zuſtandes, den er dort vorfand und für unentwirrbar hielt, ebenſo wie durch die Eiferſucht und den Starrſinn Alba's, der ihm ſeinen Platz nicht ſo raſch abtreten wollte, hinlänglich abgeſchreckt worden, die ihm angewieſene Stellung einzunehmen, und nach einem ziemlich langen Aufenthalt in Brüſſel, wo er jedoch nur als Privatmann lebte, nach Spanien zurückgekehrt. Seit jener Zeit hatte ſich der Zuſtand in den Niederlanden durch Alba's zweckloſe Konſequenz und durch die Anwendung des Grundſatzes: „Für Ketzer gibt es keine Treue!“, eines Grundſatzes, den die Bewohner Zütphens, Naardens, Haarlems hatten empfinden müſſen, noch mehr verwirrt, und, da die Freunde der Freiheit die Mißſtimmung des Königs wußten, ſo ſuchten ſie dieſelbe durch ein Sendſchreiben in Form einer Bittſchrift um Erlöſung von Alba's Tyrannei zu beſtärken. Alba ſah, daß ſeine Zurückberu⸗ fung unvermeidlich war, und hielt es deßhalb für ehrenvoller, eher ſelbſt um dieſelbe anzuhalten, bevor ſie ihn überraſchte. Wie zu erwarten ſtand, nahm Philipp Alba's Bitte an. Er hatte den Kommenthur des Maltheſer Ordens und des Ordens von San Jago(oder wie man ihn gemeinhin nannte: „Großkommenthur von Kaſtilien“), Don Louis de Zuniga y Requeſens, welcher damals ſpaniſcher Statt⸗ halter in Mailand war, zum Nachfolger Alba's in den Nieder⸗ landen auserſehen. 8 In das Unvermeidliche ſich fügend, ſuchte nun Alba wenig⸗ ſtens mit dem Anſtand eines Heldenſpielers von der Bühne ab⸗ zutreten, die er zum Blutgerüſte gemacht hatte. Aber dieſes 138 Anſtandsgefühl erſtreckte ſich nicht ſo weit, daß er in Amſterdam ſeine Schulden bezahlt hätte. Zwar ließ er dort unter Trompetenſchall öffentlich ausrufen: ſeine Gläubiger möchten ſich melden; doch, als ſie ſich wirklich meldeten, war Alba bereits in der Nacht zuvor aus Amſterdam nach Utrecht abgereiſt, von wo aus er ſich nach Brüſſel begab; und manche ſeiner Gläubiger, früher wohlhabende Leute, die Alles für ihn zuge⸗ ſetzt hatten, mußten, um mit Weibern und Kindern nicht zu verhungern, im Tagelohn arbeiten. Eine ſolche Spur ließ ein Mann zurück, welcher während ſeiner Herrſchaft in den Nieder⸗ landen für 20 Millionen Werth Güter eingezogen hatte. Requeſens kam am 17. November 1573 in Brüſſel an und der ſtolze Alba empfing ihn mit allen gebührenden Ehrenbezeu⸗ gungen, und zwar aus Klugheit, um ſich ſelbſt nichts zu ver⸗ geben. Denn ein ſolcher Empfang ſollte die öffentliche Meinung irreführen und die Anſicht verbreiten, daß die Ankunft des neuen Statthalters dem bisherigen nur längſt erwünſcht geweſen ſei. In geheimen Zuſammenkünften machte Alba ſeinen Nachfolger mit dem ganzen gegenwärtigen Zuſtand des Landes bekannt, welchen er demſelben in den grellſten Farben ſchilderte. Auch ſetzte ihm Alba alle bisherigen Maßregeln auseinander, und es war wohl keine Heuchelei, daß er dabei alle Schuld von ſich ab auf die Niederländer, beſonders auf den Widerſtand des einhei⸗ miſchen Adels wälzte. Wenn ihm auch früher in mancher Stunde das Bewußtſein:„er habe den Zweck ſeiner Sendung verfehlt,“ klar geworden ſein mochte,— rechtfertigte nicht ſein Glück in den beiden Feldzügen gegen Oranien ſeine Feldherrn⸗ talente, und die Eroberung Haarlems durch ſeinen Sohn ſeine auf dem Fundament einer furchtbar ſtrengen Glaubensanſicht fußende Politik? Alba hätte ſich ſelbſt müſſen untreu werden, wenn er das Syſtem, welches ihm als das alleinrichtige erſchien, ——— nicht auch ſeinem Nachfolger dringend empfohlen haben würde, wie er es in jenen Zuſammenkünften denn auch wirklich that. Es war bei einem Alba nicht Furcht für ſeine eigene Perſon, ſondern Beſorgniß für ein Werk, das er im Intereſſe Spaniens und der römiſchen Kirche nach ſeinem Abgange nicht untergraben wiſſen wollte,— wenn er Requeſens blos mit ſeinem Sohne Fried⸗ rich, mit Vargas und anderen ſolchen Perſonen umgab, die in ſeinem Geiſte zu handeln gewohnt waren, und wenn er Reque⸗ ſens von der Unterhaltung mit gebornen Niederländern ſo viel als möglich abzuhalten ſuchte. So behauptete denn Alba ſeine furchtbare Konſequenz bis zum letzten Augenblicke ſeiner Anwe⸗ ſenheit in den Niederlanden. Am 28. November übergab er ſeinem Nachfolger Requeſens in der Verſammlung des Staats⸗ rathes zu Brüſſel die Regierung der niederländiſchen Provinzen. Hierauf bereitete er ſeine Abreiſe und zugleich die ſichere Weg⸗ ſchaffung ſeiner Schätze vor. Am 18. Dezember 1573 verließ er endlich Brüſſel. Sein Sohn Friedrich begleitete ihn; Vargas und mehre andre ſeiner allgemein verhaßten Gleichgeſinnten folgten ihm bald darauf nach. Er begab ſich durch Lothringen, Bur⸗ gund und Savoyen nach Italien und ſchiffte ſich in Genua nach Spanien ein. Nebſt ſeinen Schätzen nahm er den Fluch der Niederländer mit,*) wo er, wie er ſich ſelbſt rühmte, in den *) Ihren Spott bezeugte folgendes „Abſchiedslied Duc d'Alba's.“ „Ich will zum Land' raus reiten, Sprach da der alte Mann, Fänd' ich ihn nur, der bei Zeiten Mir zeigte die Pfade an. Die Wege fallen mir ſchwere, Die ich betreten muß, Wohl ſind's beinah' ſechs Jahre, Da ſie betrat mein Fuß⸗ 140 ſechs Jahren ſeiner Statthalterſchaft 18,000„Ketzer“(er be⸗ trachtete ſie nicht als Menſchen) hatte hinrichten laſſen, jene zahlloſen Schlachtopfer ungerechnet, welche in eroberten Städten der Rache und dem Fanatismus ſeiner Krieger anheim⸗ gefallen waren. Philipp II. empfing ſeinen Diener günſtiger, als man allge⸗ mein erwartet hatte,— ſei es nun aus Verſtellung, oder ſei es,(was wahrſcheinlicher iſt) weil er es dem geweſenen Statt⸗ halter nicht zum Verbrechen anrechnen konnte, ſtreng in ſeinem Geiſte gehandelt zu haben. Und dieſer Geiſt beſeelte ja Philipp Ei wollt ihr wieder nach Spanien, Sprach da der Kardinal, So kömmt der Prinz von Oranien Und macht uns pfaffenkabl. Iſt jetzt ſchon die Krone geſchoren, So ſcheert man uns ganz das Haupt,* Laßt ihr uns jetzt verloren? Das hätt' ich nie geglaubt.“ u. ſ. f. Eben ſo folgendes andre Lied: „Der alte Mann iſt gar zu bös, Sie wollen ſich nicht vor ihm neigen, Sie rufen viel lieber: Vive le Geus! Als daß ſie den Zehnten ihm reichen. Er wollte wohl machen eine Sühn'’, Allein wir wollen nicht folgen; Wir merken wohl an dem falſchen Pardon, Er beſteht in Rad und Galgen. Sein Conterfeitſel von Metall, Das kann er wieder zerbrechen; Die Herzen entlaufen ihm allzumal, Wenn der Geuſen Prediger ſprechen. Der Prinz richt't auf das edle Blut, 2 Das Jener ſo gerne verrathen, Doch Gott ſtraft durch den Prinzen gut, Den Tyrann für ſeine Thaten.“ (Geuſen⸗Liederbuch, bei Münch.) ——ʒ—:—,— 141 noch fort und fort, wenn er auch verſuchsweiſe ſein Syſtem gegen die Niederlande für jetzt geändert hatte. Er konnte den Mann nicht verdammen, der— wenn auch rauh, ſtolz, ungefügig— doch denſelben Eifer zur Ausrottung der Ketzerei bewieſen hatte, welcher Philipps eigenes Herz bis zum letzten Schlage erfüllte; Philipp und Alba zogen ſich wechſelſeits an, auch wenn ſie ſich abzuſtoßen ſchienen. Gleichwohl gerieth Alba ſpäter in Ungnade und wurde nach Uzeda verbannt, aber blos in Folge einer Hofintrigue, und an⸗ geblich aus der Veranlaſſung, weil ſich ſein Sohn gegen den Willen des Königs verheirathet hatte. Alba erlangte jedoch bald eine glänzende Rechtfertigung. Im Jahre 1580 berief ihn Philipp aus dem Exil von Uzeda, um ihm die Eroberung Por⸗ tugals aufzutragen, und der greiſe Feldherr entledigte ſich dieſes Auftrages mit einem vollſtändigen Erfolge. Bald darauf ſtarb Alba, im königlichen Palaſt zu Liſſabon, am 12. Januar 1582, vier und ſiebenzig Jahre alt. 8 2 5 A. S &e —,— Erſtes Kapitel. Don Luis Zunigay Requeſens brachte einen vor⸗ theilhaften Ruf in die Niederlande mit. Der Präſident Hop⸗ perus bezeichnete von Madrit aus ſeinen Landsleuten den neuen Statthalter als einen rechtſchaffenen, klugen, eifrigen, wohlwol⸗ lenden und ſanftmüthigen Mann, der die feſte Abſicht habe, die beſtehenden Rechte des Landes zu achten, die Verwirrung auf friedlichem Wege zu löſen und die Wohlfahrt des Volkes zu be⸗ fördern. Die günſtige Meinung über den Charakter des Don Requeſens war auch keineswegs unbegründet, die Aufrichtigkeit ſeiner Abſichten nicht zu bezweifeln. Und dennoch that Philipp II. einen Mißgriff, als er Requeſens mit der Statthalterſchaft über die Niederlande beauftragte. Vor ſechs Jahren würde Dieſer vielleicht im Stande geweſen ſein, wenigſtens das ſchwankende Gebäude zuſammenzuhalten und einen offnen Bruch der Niederlande mit Spanien zu verhüten; nach einem Alba kommend, vermochte Requeſens den entſtandenen Bruch nicht mehr zu heilen; nach dem Walten eines Alba, auf deſſen Namen die Niederländer ihren ganzen Haß gegen die Spanier überhaupt häuften, mußte ihnen die Milde des Requeſens blos als Schwäche erſcheinen, der ſie ihr indeſſen erſtarktes Nationalge⸗ I. 10 146 fühl entgegenſetzten;— ſie hatten es einſtweilen verlernt, Ver⸗ ſprechungen und Eiden aus ſpaniſchem Munde zu vertrauen. Ueberdies war auch in dem ſonſt milden und rechtſchaffenen Re⸗ queſens jener religiöſe Fanatismus tief eingewurzelt, welcher den Spanier charakteriſirte und die Menſchen nur dann als Menſchen achtete, wenn ſie gleicher religiöſer Konfeſſion waren. Dieſe einzige Eigenſchaft des Charakters, eine Eigenſchaft, für welche Requeſens noch dazu am wenigſten zurechnungsfähig war, mußte die möglichen Wirkungen aller ſeiner übrigen auf⸗ heben und nichtig machen,— nämlich in Provinzen wie die nördlichen, wo der Fanatismus der aufgedrängten Konfeſſion den der unterdrückten entzündet hatte, wo die reformirten Pre⸗ diger dem Volke jeden Katholiken als einen Götzendiener bezeich⸗ neten und ihm die Freiheit des Gottesdienſtes mißgönnten, welche ſie ſelbſt doch in Anſpruch nahmen, wo nur wenige Männer, wie ein Oranien, ſich über dieſen proteſtantiſchen Fanatismus erhoben und wo ſelbſt ein Oranien mit allem ſeinem Anſehen, ein rechter Mann des Volkes, doch gegen das religiöſe Vorurtheil der Menge nicht durchdringen konnte. Es ſchien uns nöthig, gerade dieſen Punkt feſt im Auge zu halten, wenn wir überhaupt mehr in das Innere der Zuſtände blicken wollen, ſtatt uns bloß durch das Intereſſe der Ereigniſſe hinreißen zu laſſen. Gerade dies religiöſe Moment iſt es, von welchem alle übrigen ausgehen, um welches ſie ſich reihen. Das allernächſte, das politiſche, trägt deſſen beſtimmte Farbe. Die beiden Pole heißen Katholizismus und Nichtkatholizismus; aber durch wie mannigfache Mittelglieder iſt die Kluft zwiſchen die⸗ ſen beiden Gegenſätzen ausgefüllt! Während der Katholizismus ſich ſtolz und ſchroff wie ein Obelisk erhebt, ein feſter Sonnenzeiger des Heils, gleicht der Proteſtantismus einer breiten, vielfach abgeſtuften Pyramide, deren Spitze der Kalvinismus bildet. D Aber ebenſo feindſelig, ebenſo unverſöhnlich wie die beiden großen Potenzen, Katholizismus und Nichtkatholizismus überhaupt, ſtehen ſich wieder die einzelnen ſtufenweiſen Aeußerungen des letzteren, vorzüglich Lutherthum, Zwinglianismus, Kalvinismus gegenüber. Man ſieht: ſie haben ſich von dem Weſen der Inquiſition, den ſie doch gleichſehr fürchten und verabſcheuen, etwas an⸗ geeignet. Bei ihnen, wie beim römiſchen Katholizismus, iſt es die Form, welche die allgemeine gültige Weſenheit zu unter⸗ jochen ſtrebt in jenem großen Gährungs⸗ und Entwickelungs⸗ prozeſſe, der beim Katholizismus durch deſſen gewaltigen Re⸗ produktionstrieb erzeugt wird, beim Proteſtantismus hingegen durch die Nothwendigkeit, ſeine Organiſation zu vollenden und abzuſchließen. Die Folge wird das Ineinanderwirken beider Potenzen deutlicher zeigen. Kehren wir jetzt, nachdem wir ihr Vorhandenſein bemerkt haben, zu dem Zuſtand der Niederlande zurück, welchen Requeſens vorfand und in welchen er ſich ſchik⸗ ken ſollte. Was für ein Volk hatte er vor ſich? Wir dürfen, indem wir von einem Volk der Niederlande im Allgemeinen ſprechen, jenen feinen Riß nicht aus den Augen laſſen, den die Verſchie⸗ denheit der Religion und des Temperaments bezeichnet, der bei dem zweiten Feldzug Oraniens ſchon ſehr bemerkbar ward, der ſich aber in der Folge noch deutlicher zeigen, der ſich endlich zu einer unausfüllbaren Kluft erweitern wird. Noch lag, als Requeſens die Generalſtatthalterſchaft übernahm, über jenem Riß der große Teppich, welchen die Katholiken und Proteſtanten, Süd⸗ und Nord⸗ ländern, oder Batavern und Belgiern,(wenn wir die Hälftung ſo kurzweg bezeichnen dürfen) gemeinſamen Intereſſen drüber hingebreitet hatten. Beide, gleichmäßig unterdrückt, hat⸗ ten ſich die Hände gereicht; Beide thaten es noch, als Requeſens kam; Beide haßten die fremden Zwingherrn, welche ja Beiden das Theuerſte genommen hatten, und noch feſter als der bis⸗ herige Haß verband Beide noch immer das gemeinſame Miß⸗. trauen gegen Spanien; denn ſelbſt den katholiſchen Südländern hatte Alba unvorſichtig den Moloch enthüllt, für welchen er den Katholizismus verantwortlich machte. Noch bildete alſo das Volk in beiden Hälften der Niederlande gewiſſermaßen ein ge⸗ ſchloſſenes Ganze, und wenn auch die eine Hälfte, die belgiſche, ſich ungeachtet der angeborenen Lebhaftigkeit mehr bloß leidend und erwartend verhielt, ſo bekam ſie doch, für ihre Geſinnung gegen Spanien von der anderen thätigen, der nördlichen, immer friſchen Zufluß. Man darf dabei nicht vergeſſen in Anſchlag zu bringen, daß, ſowie die nördlichen Provinzen bei aller durchgrei⸗ fenden Freiheitsliebe doch vorſichtig Schritt für Schritt weiter gingen und das Gewonnene ſich zu ſichern ſuchten, die ſüd⸗ lichen mehr zu gewaltſamen Ausbrüchen des demokratiſchen Prinzips* hinneigten, namentlich in den großen Gewerbeſtädten wie Brügge und Gent, wo ſich dieſes Prinzip ſchon in früheren Zeiten mächtig, ja furchtbar geregt hatte. Auch finden wir gerade in den füdlichen Provinzen, wie z. B. Flandern und Brabant eine höhere Intenſität der religiöſen Neuerung; das feurige Tem⸗ perament verſchärft die Gegenſätze, ſowie ſich einmal ſolche ge⸗ bildet haben. Dieſe Niederlande nun, der Natur der Bevölkerung nach in zwei entgegengeſetzte Hälften geſchieden, losgeriſſen von ihrem Beherrſcher, und eben durch jene Hälftung noch nicht dahin ge⸗ langt und nie dahingelangend, eine Einheit der Verfaſſung, ja nur der Geſinnungen zu erwirken, betritt jetzt ein Statthalter, welcher durch ſeine Abſtammung beiden Hälften fremd iſt. Er„ betritt ſie mit dem Auftrag, die Nation mit dem Herrſcher zu verſöhnen, aber er hat nicht die Macht, jene Umſtände aufzuhe⸗ ben, welche der Verſöhnung noch immer im Wege ſtehen. Er 149 will den Frieden herſtellen; aber weder Bataver noch Belgier vertrauen ihm. Er will die einheimiſchen Geſetze beachten; aber er kennt ſie ja nicht. Selbſt zu einem energiſchen Durchgreifen, zu dieſem andern Extrem, welches ſein Vorgänger bereits verſucht hatte, fehlen ihm die Mittel, und zwar durch die Schuld eben dieſes Vorgängers, der in den Niederlanden ſo gewaltet hat, als wollte er ewig dort walten, oder als würde das Volk nicht länger leben als er. Blickt Requeſens in die Kaſſen, ſo findet er darin kein Geld, um ſeine Truppen, um die Beamten zu be⸗ zahlen; Alba's Kreaturen haben alle Schätze welche ſie erpreßten, mit ſich geführt oder verſchleudert.— Blickt er nach Spanien hin, um von ſeinem Monarchen, deſſen Macht ganz Europa fürchtet, deſſen Schätze, es beneidet, die nöthigen Summen zu erhalten, ſo bekommt er ſtatt deren bloß Vertröſtungen; die Unterwerfung der Niederlande, ſodann die Türkenkriege, end⸗ lich der Bau des Eskurials machten Philipps ungeheure Schätze verſiegen. Bittet Requeſens die Niederländer um Be⸗ willigung neuer Steuern, ſo weigern ſich Dieſe und führen ihm zur Entſchuldigung der Weigerung an, daß Alba alle ihre Quel⸗ len bereits gänzlich erſchöpft habe;— und dennoch findet man im Norden noch immer genug Mittel, um für die Freiheit Truppen zu bezahlen. Blickt der neue Statthalter auf die Verwaltung der Geſchäfte, ſo entdeckt er nur eine gränzenloſe Verwirrung rings um ſich her, eine völlige Anarchie in der Rechtspflege, welche die natürliche Folge von Alba's unnatürlichem Despotis⸗ mus war; gerade dort, wo die Verwaltung geregelt und unge⸗ ſtört ſich zu entwickeln beginnt, nämlich unter dem wärmenden Sonnenſchein der Freiheit im Norden, gerade dort iſt Requeſens nicht mehr Herr. Blickt er endlich auf das Heer ſelbſt, durch deſſen Kraft Alba alles zu bewirken ſich vermeſſen und ſo Vieles auch bewirkt hat, zu welchem Requeſens ſelbſt im äußerſten Falle 150 ſeine Zuflucht nehmen muß,— wo iſt jetzt die Kraft dieſes gefürch⸗ teten Heeres? Leidiger Geldmangel hat die moraliſche Stärke deſſelben untergraben und ohne dieſe gibt es keine phyſiſche von Beſtand. Da Nequeſens jene QOuelle nicht verſtopfen kann, ſo muß er ſich darauf gefaßt machen, daß ſolche Meutereien, wie wir ſie bereits ſelbſt unter einem Alba!— dem Mann des Krieges und der Soldaten— ausbrechen ſahen, ſich wiederholen werden, daß der bösartige Krebs, die beſten Säfte verderbend, den ganzen militäriſchen Organismus allmählig zerſtören wird. Und mit einer ſo ſchwachen, von Stunde zu Stunde ſchwächeren, ſo unzu⸗ verläßigen Kraft will er der wahrhaft moraliſchen Kraft der Freiheit gegenübertreten, die aus dem Blute jedes Märtyrers, der für ſie in den Tod geht, zehn neue Leben erzeugt? Seine Aufgabe, eine ganze Nation ihrem Beherrſcher wieder zu gewin⸗ nen, wird darauf zuſammenſchrumpfen, daß er blos weiteren Abfall verhindere; wie wird er, auf eine mühſelige und undank⸗ bare Flickarbeit hingewieſen, das große Gewebe der Freiheit und Selbſtſtändigkeit zerſtören können, welches die Eintracht in den nördlichen Provinzen begonnen hat? Von einer Einigung beider Hälften des Landes für Spanien aber kann keine Rede ſein. Denn wenn Requeſens in den ſüdlichen Provinzen, ſeiner eigenen Individualität nach, den Katholizismus begünſtigt, ſo verletzt er die nördlichen, welche in der Garantie des reformirten Kultus auch die ihrer bürgerlichen Freiheit erkennen; und wenn er den nördlichen Provinzen politiſche Zugeſtändniſſe machen will, ſo werden die ſüdlichen ſolche von dem Geſichtspunkte auffaſſen, als hätte er in der politiſchen Freiheit auch der religiöſen(d. h. in dieſem Falle dem Pro⸗ teſtantismus) Zugeſtändniſſe gemacht. Alles bisher Geſagte wurde angedeutet, um die Anfangspunkte von Fäden bemerkbar zu machen, welche ſpäterhin durcheinanderlaufen. 151 Durch eine Anordnung berührte Requeſens jedenfalls die Sympathieen beider Hälften der Niederlande gleich ange⸗ nehm; nämlich, indem er die vornehmlichſten Maßregeln abſchaffte, welche Alba allgemein verhaßt gemacht hatten,— den zehnten Pfennig und den Blutrath. Dieſen Anordnungen, durch welche er ſein demjenigen Alba's ganz entgegengeſetztes Syſtem von vorneherein deutlich genug darzuthun ſuchte, ſetzte er dadurch die Krone auf, daß er Alba's Bildſäule in der Ci⸗ tadelle von Antwerpen niederreißen und in ein Gewölbe ſchaffen ließ. Indeſſen vermochte die allgemeine Freude über jene Schritte des neuen Statthalters doch das Mißvergnügen, namentlich in den nördlichen Provinzen, über ſeine allzuſtrenge religiöſe Politik nicht aufzuhalten, welche man in den blutigen Spuren ſeines verhaßten Vorgängers auftreten ſah. Die Proteſtanten wußten nach wie vor, daß das Schwert(und zwar das des Henkers) an einem Haare über ihren Häuptern hing. Sollte wohl die Furcht die Arme der Nation bewegen, daß ſie ſie zur Verſöhnung ausſtreckte? Mußte nicht vielmehr die Furcht vor der wahren Geſinnung des Hofes, deſſen bloßes Werkzeug Re⸗ queſens war, jeden Keim des Vertrauens erſticken, als Philipp II. im Sommer des Jahres 1574 eine neue, bei weitem mehr um⸗ faſſende Amneſtie erließ, als jene geweſen war, welche Alba in Antwerpen verkündigt hatte? Blieb ſie nicht immer eine— ſpani⸗ ſche Amneſtie, und gab es nicht noch Jeſuiten, welche für jedes feierliche Verſprechen durch die Zauberkraft ihrer Mentalre⸗ ſervationen eine Klauſel im Hintergrund bereit hatten? Uebrigens empfahl ſich die ebenerwähnte neue Amneſtie vom Juli 1574 allen ſtandhaften Männern in den Niederlanden ſchon durch die einzige Beſtimmung nicht ſehr, daß jedem verziehen ſei, der reuig in den Schooß der alleinſeligmachenden 152 römiſch⸗katholiſchen Kirche zurückkehre. Man muß den proteſtantiſchen Fanatismus jener Zeit in Anſchlag bringen(der ſich, wie erwähnt, am katholiſchen groß und ſtark geſäugt haste,) um die geringe Wirkung in Anſchlag bringen zu können, welche eine Amneſtie unter einer ſolchen Bedingung erzeugen konnte; aber man braucht jenen auch kaum in Anſchlag zu bringen, wenn man überhaupt annimmt, daß es unter allen Verhältniſſen Menſchen gibt, denen nicht etwa bloß ihre Ehre, ſondern, was das Beſte iſt, ihr eigenes Bewußtſein höher als Alles in der Welt gilt. Und wie in religiöſer Beziehung, ſo dachte man damals in den nördlichen Provinzen auch in poli⸗ litiſcher. Kurz: man traute der neuen Amneſtie durchaus nicht und zwar mit um ſo mehr Grund, da man von Tag zu Tag von neuen Flottenrüſtungen in Spanien hörte, die der Unter⸗ werfung Hollands und Seelands gelten ſollten. Die Preße, deren Einfluß auf die ganze Entwicklung des Aufſtandes über⸗ haupt nicht zu überſehen iſt, war auch damals nicht müßig; es erſchien eine„wahrhafte Warnung gegen die Amneſtie des Großkommenthurs,“ welche ihre Wirkung auf die öffentliche Meinung nicht verfehlte.*) Vergeblich war die Bitte des neuen Statthalters an die Staaten, ihm eine jährliche Abgabe von zwei Millionen zu bewilligen; vergeblich war ſeine Bemühung, die Staaten von Holland und Seeland zu einer Unterhandlung über den Frieden zu bringen. Die erſte Gegenforderung von ihrer Seite war die alte: Entfe rnung der fremden Trup⸗ pen aus den Niederlanden, ihre zweite: die verfaſ⸗ ſungsmäßige Regierung mit Beiziehung der ein⸗ *) Spaniſche Amneſtie war und blieb ein Gegenſtand des Volksſpottes, wofür das„Geuſen⸗Liederbuch“ Zeugniß gibt. 153 heimiſchen Volsvertretung. Der Geiſt war in dieſen Provinzen erwacht, und die bloße phyſiſche Macht, auch wenn ſie Requeſens im vollſten Umfang beſeßen hätte, würde wenig dagegen haben ausrichten können. Unter ſolchen Umſtänden blieb gleichwohl dem neuen Statthalter nichts übrig, als— eben die phyſiſche Macht zu verſuchen, da die moraliſche, welche ſeiner Parthei zu Gebote ſtand, zu ſchwach war, um die der Gegen⸗ parthei zu vernichten. Uebrigens mangelte ihm der feine Scharf⸗ blick, jenen geheimen Riß zum Vortheil Spaniens zu erweitern, welcher die Bevölkerungen der nördlichen und ſüdlichen Provinzen gegen einander bewaffnen konnte. Und doch fehlte es ihm an⸗ derſeits, da er das zweifelhafte Gewicht der phyſiſchen Macht zur Entſcheidung in die Wagſchale warf, wieder an höheren Feldherrntalenten und an der eiſernen Konſequenz ſeines Vor⸗ gängers. Unter ſolchen Umſtänden konnte denn das Intereſſe Spa⸗ niens beinahe in keinen Händen übler berathen ſein als in jenen des Requeſens.* Noch immer belagerte Oranien, mit der eifrigſten Unter⸗ ſtützung der wackren Seeländer, die Stadt Middelburg auf der Inſel Walcheren, welche der tapfere Spanier Mondragon ſtandhaft vertheidigte und in welcher ſich bereits ein drückender Mangel an Lebensmitteln zeigte; ſchon ſahen ſich nämlich die Belagerten genöthigt, Leinſamen unter das Brod zu mengen. Requeſens erkannte gleich ſeinem Vorgänger Alba, wie wichtig es für die königlichen Intereſſen ſei, Middelburg zu behaupten, und ſuchte es deßhalb zu entſetzen. Zu dieſem Zwecke ſollte eine bedeutende Flotte auslaufen, welche bereits Alba gerüſtet hatte. Dagegen hatte auch Ora⸗ nien, welcher ſich zu Vlieſſingen befand, die ſeeländiſche Flotte, vierundſechzig Segel ſtark, unter dem Admiral Ludwig von Boiſot verſammelt, um alle Bewegungen der feindlichen zu verfolgen und zu vereiteln. Requeſens hatte ſeine Flotte in zwei Hälften getheilt; die eine ſollte unter dem Kommando Sanzio's d'Avila durch die Gewäſſer des ſogenannten Hont nach Walcheren ſteuern, die andre unter dem Admiral Herrn von Glimes und Julian Romero, welcher Letztere wenn auch nicht dem Namen nach, doch in der That den Ober⸗ befehl führte, von Bergen op Zoom aus durch die Oſterſchelde. Ein kühner Mann, Namens Hans Koch, machte ſich anhei⸗ ſchig, die belagerten Middelburger von allen dieſen Maßregeln in Kenntniß zu ſetzen; er entledigte ſich dieſes Auftrages, indem er von Antwerpen aus mit dem größten Glück mitten durch die ſeeländiſchen Wachtſchiffe nach Middelburg ſteuerte, und die Middelburger ſchöpften aus ſeiner Botſchaft friſchen Muth. Doch Oran ien kannte den Operationsplan der Feinde und theilte die ſeeländiſche Schiffsmacht gleichfalls in zwei Hälften. Die eine ließ er vor Middelburg; die andere, unter Ludwig von Boiſot, nahm ihre Richtung gegen Tholen; ſie hatte den Auf⸗ trag, die Geſchwader Romero's aufzufangen. Es war gegen Ende Januars 1574, als die Letzteren den ſeeländiſchen Schiffen bei Reimerswaal begegneten. Der ſpaniſche Admiral Gli⸗ mes beſchloß den Kampf zu vermeiden, aber mit Ungeſtüm drang Romero darauf, und ſchnell wurden zehn ſpaniſche Schiffe von den Seeländern geentert. An ſechzig Spa⸗ nier ſprangen, von Kampfluſt hingeriſſen, auf das ſeelän⸗ ländiſche Admiralſchiff, wurden aber in die Luft geſprengt. Auf das ſpaniſche klomm Kaſpar Lenſen, ein Seeländer, kletterte den Maſt empor, nahm die Flagge, ſchlang ſie um ſeinen Leib und brachte ſie ſeinen Landsleuten. Immer wüthender wurde der Kampf auf beiden Seiten. Als Romero die Admiralsflagge nicht mehr ſah, ließ er eine ſolche auf ſeinem eigenen Schiffe aufziehen, um die Seinigen zu ermuthigen. Es nützte nichts; — ,—— 4 —— 155 die Kampfwuth der Seeländer war unüberwindlich. Schon ſah er ſich von allen Seiten durch die Feinde umſchloſſen und konnte nur noch an ſeine Rettung denken. Er warf ſich über Bord und erreichte ſchwimmend die Küſte von Tholen, wo Requeſens von einem Damme aus das Gefecht beobachtet hatte.„Ich bin nur ein Kriegsmann, kein Matroſe“, rief Romero dem Statt⸗ halter entgegen, indem er triefend und in furchtbarſter Auf⸗ regung auf ihn zueilte, während ſein Schiff, durch die Fluth flott geworden, in die Tiefe trieb. Der Admiral Glimes wurde erſchoſſen; ſein Schiff lief auf den Grund und ging in Brand auf. Die Seeländer hatten acht feindliche Schiffe erobert und die Mannſchaft über Bord geworfen; die Schiffe mit dem Ge⸗ ſchütz wurden nach Veere und Vlieſſingen gebracht. Der Reſt der ſpaniſchen Flotte zog ſich, als es zu dunkeln begann, nach Bergen⸗op⸗Zoom zurück. Indeſſen hatte Oranien von Vlieſſin⸗ gen aus die zweite Hälfte der feindlichen Flotte unter Sanzio d⸗Avila mit großer Unruhe beobachtet, da er nur eine geringe Macht gegen ſie aufbieten konnte und über das Schickſal der anderen Hälfte keine Nachricht hatte. Als Sanzio d'Avila von dem verunglückten Erfolge Kunde erhielt, lichtete er die Anker und kehrte, ohne Etwas unternommen zu haben, eilig nach Antwerpen zurück. Der Sieg der Seeländer zu Waſſer entſchied nun auch ſchleunig das Schickſal des durch Hungersnoth hart bedrängten Middelburgs. Mondragon, welcher die Unmöglichkeit ein⸗ ſah, ſich länger in dieſer Stadt zu halten, entſchloß ſich, ſie dem Prinzen von Oranien zu übergeben, aber nicht anders, als auf ehrenvollen Abzug mit Waffen und Gepäck. Da Ora⸗ nien zögerte, darauf einzugehen, ſo ließ ihm Mondragon er⸗ klären, er wolle die Stadt lieber an zwanzig Enden in Brand ſtecken. Oranien achtete den Heldenmuth des Feindes und traf am 18. Februar die Uebereinkunft mit ihm.*) Mondragon erhielt mit ſeiner Beſatzung den bedungenen ehrenvollen Abzug von der Inſel Walcheren mit Waffen und Gepäck, und gab dem Prinzen ſein Ehrenwort, bei Requeſens die Freilaſſung St. Aldegonde's, de Ryk's und noch drei anderer ge⸗ fangener Befehlshaber zu bewirken, widrigenfalls er ſich bin⸗ nen zwei Monaten wieder in Oraniens Haft ſtellen würde. Jene Bürger Middelburgs, welche dem Prinzen für den König Treue ſchwören würden, ſollten ihr Leben, Gut und Privilegien behalten; von den übrigen ſollten zehn, nach Oraniens Wahl, in deſſen Haft bleiben, um dadurch die Freilaſſung von eben ſo vielen gefangenen Haarlemern zu bewirken; die anderen erhiel⸗ ten die Erlaubniß, mit ihrem Hab und Gut auszuwandern. Bürger von Zierickzee, Vlieſſingen und Veere ſollten die neue Beſatzung Middelburgs bilden. Ueberdieß mußte die letztere Stadt dem Prinzen drei Tonnen Goldes bezahlen, wovon er ihr jedoch zwei Drittel erließ. Am 3. April leiſtete die Bürgerſchaft Middelburgs dem Prinzen den Eid der Treue. So groß⸗ müthig ſich nun Oranien gegen die eroberte Stadt bewies,— er verſcherzte gleichwohl ihre Zuneigung, indem er durch eine andere Maßregel ihren Stolz verletzte. Er erklärte nämlich Vlieſſingen und Veere für freie gräfliche Städte, welche dadurch bei der Staatenverſammlung von See⸗ *) Lied:„Wilhelmus von Naſſouwe Das edel deutſche Blut; Mit Freuden ſondere Reue Laßt uns Gott loben gut, Der uns hat gegeben In unſre Hände rein Middelburg, die Stadt erhaben, Durch ihre Noth nicht klein“ ꝛc. ꝛc.(Geuſen⸗Liederbuch.) —— land Zutritt erhielten, und begabte auch das bisher unter Middelburg ſtehende Dorf Arnemuiden mit ſtädtiſchen Gerechtſamen, wodurch es von Middelburg unabhängig wurde. Mondragon rechtfertigte ritterlich das auf ſein Ehrenwort geſetzte Vertrauen. Er bewirkte bei Requeſens mit allem Eifer die Freilaſſung der benannten Gefangenen, vor Allem die des wackren de Ryks. Dieſer hatte indeſſen im ſpaniſchen Gewahr⸗ ſam Schweres ausgeſtanden. Von Vilvoorden war er nach Gent gebracht worden, wo man ihn in einen ſcheußlichen unter⸗ irdiſchen Kerker geworfen hatte; da lag er, mit ſechzig Pfund ſchweren Ketten belaſtet. Nach ſieben Monaten drang man in ihn, des Königs Dienſte anzunehmen; da er ſich jedoch wei⸗ gerte, die des Prinzen abzuſchwören, ſo führte man ihn aus ſeinem dumpfen Kerker auf ein Blutgerüſte, wo bereits zwei Hingerichtete lagen. Doch jetzt bangte der dortigen Beſatzung vor einem gleichen Schickſale Mondragons(welcher ſich damals noch zu Middelburg befand) wenn de Ryk's Leben geopfert würde; Mondragons beſorgte Gattin hatte die Soldaten bewegt und die ernſten Vorſtellungen derſelben brachten es dahin, daß man de Ryk verſchonte. Mondragon ſelbſt bewirkte endlich de Ryk's Freilaſſung; aber zu der St. Aldegondes wollte ſich Requeſens ſchlechterdings nicht verſtehen. Mit dieſer Nachricht kam nun de Ryk, ſeiner langen und ſchweren Haft entlaſſen, zu Oranien nach Holland. Tief beſtürzt über Alde⸗ gondes Schickſal, aber raſch entſchloſſen, fragte ihn der Prinz: „Haſt du den Muth, de Ryk, dich nochmals zu dem Feinde zu begeben und Mondragon an die Erfüllung ſeines Verſprechens zu mahnen?“„Gern, zum Heil des Vaterlandes“ erwiederte der brave de Ryk. Er hielt ſich für überzeugt, ſeinem ſicheren Tode entgegen zu gehen, und bedingte ſich deßhalb aus, daß ſeiner Wittwe und ſeinen Kindern, damit ſie nach ſeinem Tode nicht darben müßten, durch Oranien eine Summe von 6000 Gulden verſichert würde. Hierauf begab ſich de Ryk zu Mondragon und erinnerte ihn im Namen des Prinzen an ſein Verſprechen. Mondragon aber eröffnete dem Don Requeſens ſeinen feſten Willen:„Wenn St. Aldegonde nicht die Freiheit erhält, ſo ſtelle ich mich augenblicklich wieder in Oraniens Haft, um mein Wort ehrlich zu löſen.“ Dieſe ritterliche Treue Mondragons be⸗ ſtimmte endlich Requeſens zu dem Entſchluſſe, St. Aldegonde freizugeben, nachdem ſich derſelbe acht Monate lang in ſpani⸗ ſchem Gewahrſam befunden hatte. Eine ſolche Treue des Feindes war einer ſolchen patriotiſchen Aufopferung werth; beide Beiſpiele von Tugend verſöhnen das menſchliche Gefühl nach ſo manchen zahlreichen Beweiſen von Barbarei, zu welcher Fanatismus und Verzweiflung bis jetzt zwei urſprünglich gleich edle Nationen hingeriſſen hatten. Nachdem nun Oranien durch den Beſitz Middelburgs ſich der Uebermacht auf dem Meere vergewiſſert hatte, beſchloß er im Vertrauen auf die Kühnheit der Seeländer, ſich auch der anderen wichtigen Hafenplätze, und zwar vor Allen Antwerpens zu bemächtigen, um der jungen Freiheit immer mehr ſichere Zufluchtsorte offen halten zu können. Er unterhielt geheime Einverſtändniſſe ſowohl mit der Stadt, als auch ſogar mit Sol⸗ daten in der Citadelle von Antwerpen, und etwa 500„wilde Geuſen“ hatten ſich bereits durch Liſt in die Stadt eingeſchli⸗ chen. Doch der Anſchlag wurde bei Zeiten entdeckt und vereitelt, ebenſo auch ähnliche auf andere Städte, welche ſich im Beſitz der Spanier befanden. Dagegen machten auch die Feinde einen ähnlichen Anſchlag auf Gouda, und zwar im heimlichen Ein⸗ verſtändniß mit mehren dortigen Katholiken, welcher jedoch eben⸗ falls keinen günſtigen Erfolg hatte.. 159 Inzwiſchen hatte übrigens Oraniens Politik bereits weiter ausgeblickt; kühn und beharrlich, wie er war, ſcheute er den Krieg nicht, aber er beſorgte, daß das Volk, bloß allein auf die eigne Kraft hingewieſen, in einem langen und ſo ungleichen Kampfe gegen die Uebermacht ſich verbluten möchte. Deßhalb war es ſein angelegentlichſtes Beſtreben, fremde Mächte in's Intereſſe zu ziehen, durch deren Unterſtützung die Nieder⸗ lande einen langwierigen Krieg mit Spanien aushalten oder wenigſtens einen ehrenvollen Frieden mit Philipp II. erlangen könnten, wobei die Früchte der bisherigen Anſtrengungen und das Ziel aller Wohlgeſinnten, die Freiheit und Selbſtſtändigkeit ſowohl in politiſcher als in religiöſer Hinſicht, aufrecht erhalten und ſicher verbürgt würden. Wenn Oranien in ſolchen Abſich⸗ ten die nächſten Nachbarn der Niederlande prüfend überblickte, ſo mußte er von der Seeſeite auf England, ſo konnte er von der Landſeite, zwiſchen Frankreich und Deutſchland wäh⸗ lend, nur auf Frankreich Hoffnungen ſtellen. So unwahrſchein⸗ lich es uns auf den erſten Blick vielleicht vorkommt, daß Ora⸗ nien gerade auf Frankreichs Unterſtützung noch immer das meiſte Vertrauen ſetzte, nachdem dort eine einzige Nacht, die Bartholomäusnacht, die ganze Treuloſigkeit des Hofes entſetz⸗ lich aufgedeckt hatte,— das ſcheinbare Räthſel löſt ſich doch völlig, wenn man die Stellung Frankreichs zu Spanien und ander⸗ ſeits die des deutſchen Reiches nicht aus dem Auge verliert. Wie verrucht auch in Frankreich immerhin die Politik des Hofes nach innen zu gegen die Hugenotten ſein mochte, ſo konnte doch nimmerhin die Gleichheit des Glaubens die aufrichtige Freund⸗ ſchaft des Hofes mit Spanien erwecken. Der religiöſe Fanatis⸗ mus des franzöſiſchen Hofes war, himmelweit von dem des ſpaniſchen verſchieden, bloß ein Raffinement des Verſtands, ein Naffinement, deſſen Nuchloſigkeit deßhalb einer weit ſchärferen 160 Zurechnung unterliegt als alle Autodafés, welche Philipp II. zur vermeintlichen Ehre Gottes feierte; der franzöſiſche Hoffa⸗ natismus war bloß eine Maske der verlegenen Tyrannei, welche in den Religionspartheien mit Recht gefährliche politiſche Faktionen erkannte, die ſie mit dem empörendſten Unrecht auf einen Schlag vernichtete, weil ſie von weiteren rechtlichen Zu⸗ geſtändniſſen ihren eigenen Sturz befürchtete. Wenn nun der religiöſe Fanatismus des franzöſiſchen Hofes im Gegenſatze zu dem des ſpaniſchen bloß ein künſtlicher war, ſo blieb dagegen um ſo mehr die tiefeingewurzelte Antipathie deſſelben gegen Spanien eine Wahrheit. Frankreich hatte die Zeiten Kaiſer Karls des Fünften noch nicht vergeſſen und es konnte ſie auch nicht ver⸗ geſſen. Es mußte ſtets auf der Hut vor Spaniens gefährlicher Nachbarſchaft ſein, deſſen prunkhaftes Anſehen zwar bereits eine gefährliche innere Schwäche verhüllte, welches jedoch faſt in dem⸗ ſelben Verhältniſſe, als deſſen innere Schwäche zunahm, durch Philipps II. Geiſt immer kühnere Pläne gegen das Ausland ent⸗ wickelte. Frankreich mußte wenigſtens die Gelegenheit, welche ihm durch ſeine geographiſche Lage als Scheidewand der Nieder⸗ lande geboten war, benützen, um Spanien in ſteten Beſorgniſſen zu halten, um deſſen Uebergewicht nicht aufkommen zu laſſen. Dieſes tieferliegende Motiv war es nun, worauf der tiefer⸗ blickende Oranien Rückſicht nahm. Sowohl die geographiſche Lage, als die politiſche Stellung Frankreichs konnte den Nieder⸗ landen weſentlich nützen. Was aber konnte ihnen das deutſche Reich nützen? Ein Wahlreich, beſtehend aus ein paar hundert Reichsſtänden, von denen der kleinſte mit dem größten in ſteter Eifer⸗ ſucht lag, von denen jeder ſeine Selbſtſtändigkeit mit ſo großer Aengſtlichkeit zu bewahren ſuchte, daß der ganze Verband keine Kraft zu großen gemeinſamen Unternenehmungen behielt? 161 Ein Reich unter einem Oberhaupte, das von der al⸗ ten ehrwürdigen Kaiſermacht wenig Anderes mehr als den Schatten noch übrig hatte, und das zur Vertheidigung des Reiches gegen einen gemeinſamen Feind deſſelben ſich die Hülfe der Mitglieder faſt erbetteln mußte! Ein Reich, deſſen Oberhaupt, damals ein edler, gerechtigkeitsliebender und toleranter Mann, Maximilian II., trotz aller ſeiner eifrigen Bemühungen doch den Religionsfrieden nicht aufrecht halten konnte! Und davon abge⸗ ſehen, war es dem Kaiſer Maximilian II. wohl zuzumuthen, gegen ſeinen eigenen Schwiegerſohn Philipp II. die Waffen zu ergreifen für abgefallene Provinzen? An redlichen ernſten Verſuchen, um Philipp II. zur milderen Behandlung der Niederlande zu bewegen, hatte es der Kaiſer ſchon von Anfang der Unruhen an nicht fehlen laſſen,*⁴) und unab⸗ *) Man vergleiche die intereſſante Korreſpondenz Maximilians II. und Philipps II.(Briefe des Erſteren vom 9. Juli, 30. Septbr. u. 20. October 1567, und Philipps vom 12. Dezember 1567) in Nrn. 39, 40, 41, 42, 44, 48 u. 49 der„freien Preſſe“ von 1840), ferner den Brief Kaiſer Maximilians II. an Alba vom 7. Auguſt 1568(in Nr. 59 derſelben Zeitſchrift), worin die Stelle:„daß in denen und dergleichen Sachen nichts Räthlicheres und Beſſeres, als der Zeit und Gelegenheit der Läufte wohl wahrzunehmen und ſich zu befleißigen, damit die ohne das merklich große Schwierigkeit und Verbit⸗ terung nicht noch mehr geſtärkt und derwege bereitet werde, zu derje⸗ nigen Weiterung und Unrath, ſo ohne das in den Gemüthern der Leute begierig ſteckt, und vieler Orten nichts anderes geſucht noch gewünſcht wird, als ein allgemeiner Aufſtand und Kriegserweckung wider Eu. Liebden und dero bei ſich habenden Kriegsvolk..... Welches dann auch die einige Urſach, darum wir, auf vorbemeldten Sr. des Kö⸗ nigs Rath und Orators, des von Chantoney, ſo fleißig geſuchte und ganz emſiglich ſolicitirte geſtrackte Achterklä⸗ rung, nicht allein des Grafen von Embden, ſondern auch des Prinzen von Orangien, deſſelben Bruders, Grafen Lud⸗ wigen von Naſſau, und Grafen Jobſten von Schaum⸗ burg, Uns jetzo nicht reſolviren konnten“, u. ſ. w. T. 11 162 läſſig wirkte er, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, zu dieſem Zwecke hin, mit größerer Umſicht als Philipp und⸗Alba die Verhältniſſe überblickend und die Zukunft ahnend, auf die er ſie wohlmeinend und freimüthig aufmerkſam machte. Aber er konnte das Unmögliche nicht möglich machen. Kurz: von dem deutſchen, vielfach zerſplitterten, in hundert Partikularintereſſen befangenen Reiche war ein gemeinſamer Aufſchwung zur Rettung der Frei⸗ heit in den Niederlanden nicht zu erwarten; das Einzige, was man von dorther erwarten konnte, war die Hülfe einzelner Männer, fuürſtlicher oder adeliger Condottieri, welche ihr Leben und Gut in die Schanze ſchlugen,— eine vorübergehende Theilnahme an irgend einem Feldzug, alſo für das Geſammt⸗ intereſſe der niederländiſchen Nation eine nutzloſe. Aber England,— kam dies England, an deſſen Spitze eine Frau wie die Königin Eliſabeth ſtand, deren Intereſſe Vergl. ſodann den altfranzöſiſchen Auszug eines Briefes des Kaiſers an Alba(afr. Pr.“ Nr. 56. II.). Zu wiederholten Malen gab Maxi⸗ milian II. ſeine äußerſte Mißbilligung über das Verfahren gegen Egmont und Hoorn zu erkennen. Ausdrücklich ſchrieb er an Alba(vergl.„fr. Pr.“ Nr. 60).„Es will Uns auch von Vielen zum Höchſten imputirt werden, daß wir uns der Sachen gegen C. L. nicht mehrers angenommen und noch annehmen, zu Fürkommung des augenſcheinlichen großen Verderbens und Untergangs der Niederlande, als die dem Reich gutentheils eigenthümlich ange⸗ hörig, und des Königs Liebden von Uns und dem Reich zu Lehen rühre, im Landfrieden begriffen und nicht unbillig ſich deſſelben zu erfreuen haben ſollen.“ In demſelben Briefe äußert er ſich(etwas früher) gegen Alba:„Aus welchem Allem E. L. leicht zu erachten, da es einmal zu einer verurſachten Reichszuſam⸗ menſetzung wider E. L. Gouvernement kommen, und(da Gott vor ſei) faſt die völlige Macht deutſcher Nation dahin gewendet werden ſollte, was am Ende daher für ein Ausgang zu gewarten.“ „ 163 ſtündlich von Spanien ſo tödtlich bedroht war, kam England ſo wenig in Betracht, wenn ſich Oranien nach aufrichtigen Bundesgenoſſen für die Niederlande umſah? Man würde eine unbedingte Apologie der Politik Oraniens ſchreiben, wenn man in Abrede ſtellen wollte, daß er auf ein Bündniß mit England vielleicht zu wenig Gewicht legte. Es iſt allerdings wahr, daß ſich die kluge Eliſabeth in Bezug auf die Niederlande fortwäh⸗ rend ſchwankend und ſcheinbar unentſchloſſen benahm, daß ſie ihre Sympathie für dieſelben verrieth und doch oft zögerte, die⸗ ſelbe durch die That zu bewähren, daß ſie zuweilen der Krone Spaniens, deren feindſelige Abſichten ſie durchſchaute, Zuge⸗ ſtändniſſe machte, und zwar in Augenblicken, da ihr energiſches Auftreten den Niederlanden entſchieden genützt haben würde. Aber ſah ſie ſich zu einer ſolchen Politik nicht gewiſſermaßen veran⸗ laßt, wenn man ihr von Seiten Oraniens ſtets nur die zweite Rolle, gleichſam eine Aushülfsrolle, zudachte? Anderſeits fand ſich Eliſabeth durch die Macht der Umſtände wirklich genöthigt, die Initiative zu einem offenem Bruche mit Spanien zu vermei⸗ den, welche ſie durch eine erklärte Verbindung mit den Nieder⸗ ländern hervor gerufen haben würde, da Spanien dieſelben bloß als Rebellen betrachtete. Oranien mußte ſich, von England zurückgewieſen, eben wieder in die Arme Frank⸗ reichs werfen, und ſein unternehmender Bruder, Graf Lud⸗ wig von Naſſau, betrieb abermals die betreffenden Unter⸗ handlungen mit eben ſo viel Geſchick als Erfolg. Er erlangte von dem franzöſiſchen Hofe eine bedeutende Geldunterſtützung und die eben ſo wichtige Erlaubniß, ein paar tauſend franzöſiſche Soldaten zum Krieg in den Niederlanden gebrauchen zu dürfen; Frankreich dachte dabei freilich nicht an die Freiheit der Nie⸗ derlande, ſondern nur an etwaige Nachtheile Spaniens. Durch die franzöſiſchen Hülfsgelder und das Verſprechen des franzöſiſchen Hofes unterſtützt, begab ſich nun Graf Ludwig nach Deutſchland und brachte dort ein Heer zuſammen, welchem ſich ſein Bruder, Graf Heinrich, und Prinz Chriſtoph, der Sohn des Churfürſten Friedrich III. von der Pfalz anſchloſſen. Mit dieſem Heere, welches 6000 Mann zu Fuß und 3000 zu Roß zählte, drang Graf Ludwig in die Niederlande ein und la⸗ gerte ſich zu Gulpen, zwiſchen Aachen und Maaſtricht; aber auch Requeſens hatte, auf die Nachricht von dieſer Rüſtung, ſeine Macht mit aller möglichen Anſtrengung verſtärkt und zu dieſem Zwecke auch ſeine Truppen aus Holland an ſich gezogen. Dadurch wurde die Stadt Leyden, welche die Spanier bis dahin vom November des vorigen Jahres(1573) an belagert hatten, für den Augenblick von den Feinden wieder befreit. Auch die Schanzen im Waterland, welche der Herr von Chevreaux be⸗ ſetzt hatte, wurden jetzt von Spaniern entblößt. Der Plan des Grafen Ludwig war nun folgender. Er wollte tiefer nach Geldern ziehen, dort zu ſeinem Bruder, dem Prinzen von Oranien ſtoßen, wenn er ſich mit dieſem vereinigt habe, das wichtige Nymwegen überwältigen, und dann nach Brabant eilen, um dort den Feind im Kern ſeiner Macht anzugreifen, während zu gleicher Zeit die nördlichen Provinzen dadurch der Feinde ledig waren. Am rechten Ufer der hochan⸗ geſchwollenen Maas zog er deßhalb weiter, um durch das Gebiet zwiſchen dieſem Fluß und der Waal in den Bommeler Waard einzudringen, welcher von beiden umſchloſſen wird; denn er hatte Nachricht bekommen, daß ſein Bruder Oranien mit 6000 Mann im April(1574) in denſelben eingefallen ſei und dort das Schloß Wardenburg, welches einer natürlichen Tochter des letzten Herzogs von Geldern gehörte und 300 Spanier zur Beſatzung eingenommen hatte, überwältigt habe. Aber Don Sanzio d⸗Avila, welchem Requeſens den Ober⸗ 165 befehl des ſpaniſchen Heeres gegen den Grafen Ludwig anver⸗ traut hatte, folgte dieſem aufmerkſam am linken Ufer der Maas. Bei Grave ſchlug er eine Schiffbrücke über den Strom, führte ſeine Truppen glücklich aufs rechte Ufer hinüber und lagerte ſich bei Over⸗Aſſelt. Graf Ludwig hatte ſich, kaum eine Meile von den Spaniern entfernt, bei dem Dorfe Mook gelagert; von dort aus breitet ſich eine große Ebene bis gegen Nym⸗ wegen hin. Ludwig ſah jetzt ſeinen Plan, in den Bommeler Waard vorzudringen, durch den Feind geſtört; Sanzio d'Avila aber beſchloß, ſeinen Gegner auf der Mooker Haide zur Schlacht zu zwingen. Graf Ludwig hatte ein Gefecht nicht er⸗ wartet, aber da es ſich bot, ſo nahm er es mit Freu⸗ den an. Es war am 14. April 1574, als die beiden Heere aneinander geriethen. Im Anfang ſchien ſich das Glück für den Grafen Ludwig von Naſſau zu entſcheiden; ſeine Be⸗ geiſterung riß ſeine Schaaren mit ſich fort und die ſchwergehar⸗ niſchte Reiterei des kühnen Partheigängers Martin Schenk, welcher den Spaniern diente, ergriff die Flucht. Aber ein keckes Manöver der übrigen ſpaniſchen Reiterei, welche, in viele kleine Haufen zertheilt, die Truppen Ludwigs angriff, und das ſchänd⸗ liche Benehmen von deſſen Fußvolk, welches ſeinen Sold ver⸗ langte, bevor es ſich in den Kampf miſchte, entſchied das Schickſal der Schlacht, nämlich einen glänzenden Sieg der Spanier. Dieſe verfolgten denſelben raſch und mit Glück. Dreitauſend Mann Fußvolks und fünfhundert Reiter Ludwigs blieben auf dem Platze. Er ſelbſt, Graf Heinrich von Naſſau,(der jüngſte Bruder Oraniens) und Prinz Chriſtoph von der Pfalz ſtarben für die Freiheit und den Proteſtantismus. So waren denn jetzt ſchon drei Söhne des Hauſes Naſſau für die Niederlande als Helden kämpfend gefallen; den vierten Bruder, den größten, bewahrte ihnen die Vorſehung noch, bis 166 er ſie zu jenem Zuſtande gebracht haben würde, in welchem ſein Blut, nicht in der Schlacht, ſondern durch eines fanatiſchen Meuchlers Hand vergoßen, den befeſtigten Grundſtein der Frei⸗ heit einweihen und für kommende Zeiten zum Siegel der Ver⸗ heißung würde, daß die Freiheit unſterblich bleibt, wenn auch ihre Helden ſterben müſſen, und daß jedes Märtyrthum für ſie unvergängliche Zinſen trägt. Oranien hatte das unglückliche Ende, welches der Feldzug ſeines kühnen Bruders nehmen würde, vorausgeahnt. Jetzt, da es entſchieden war, kehrte er, vorſichtig wie immer, mit ſeinen Truppen von dem Bommelerwaard nach Seeland zurück, um die ſe Provinz und Holland, ſoviel in ſeinen Kräften ſtünde, vor einem Anfall der Feinde, welchen er als gewiß vorausſetzte, zu bewahren. Zum Glück für Holland und Seeland brach jedoch gleich nach dem Sieg der Spanier auf der Mookerhaide eine furchtbare Meuterei unter dieſen Truppen aus. Schon einige Zeit vorher hatten die ſpaniſchen Soldaten von Don Sanzio. d'Avila ungeſtüm ihren längſt rückſtändigen Sold verlangt; der Feldherr hatte ihnen verſprochen, daß ſie denſelben nach der erſten gewonnenen Schlacht richtig erhalten ſollten. Auf dieſe Verſicherung hin hatte ſich das Kriegsvolk vollkommen beruhigt und ſeine Schuldigkeit gethan. Es war eines der eigenthüm⸗ lichſten, die man ſich denken kann, bigott und grauſam, Beides bis zur blinden Wuth, aufs Kommando bereit, dem gewiſſen Tode entgegenzuſtürzen, und doch gleich darauf eben ſo unbändig gegen jeden Zügel, eben ſo taub gegen jeden Befehl, wenn es ſich in ſeinen Rechten gekränkt glaubte. Darf man ſich über das Letztere verwundern? Der Soldat fühlte, daß auf ihn allein alles ankam, daß er hier in den Niederlanden ebenſo gut oder mehr König war, als Philipp II. in ſeinem Kabinet. Der Soldat hatte jede Anſtrengung zu ertragen, er mußte hungern 167 und dürſten; ja er mußte ſogar, wenn der Feind ihn höhnte und der Befehlshaber es verbot, ſich an jenem dafür zu rächen, ſtumm und geduldig die Zähne aneinander preſſen und Se⸗ kunde für Sekunde zählen, bis er endlich ſeine mittlerweile zur Beſtialität geſteigerte Wuth auslaſſen dürfe. Er war ſeinem Befehlshaber leib⸗ und ſeeleneigen. Und was hatte er dafür? Die Ehre! Welche Ehre? Die Befehlshaber ſtrichen ſie für ihn ein; alles Blut, das der Soldat vergoß, trug nur den Offi⸗ zieren Lob, Ruhm, Beförderung ein. Der Soldat duldete in⸗ deſſen dies Verhältniß gerne. Er befand ſich dabei ungefähr in demſelben Verhältniß wie ein Volk, das für alle ſeine An⸗ ſtrengungen den Fürſten erhöht ſieht, es gerne ſieht, und ſich in ihm, mit ihm, ſelbſt verherrlicht glaubt. Aber der Soldat war auch wieder in anderer Beziehung gewiſſermaßen wie ein Volk. Er erkannte nichts Höheres an, als ein einfaches Ver⸗ tragsverhältniß zwiſchen ſich und dem Beherrſcher, d. h. in ſeinem Fall: dem Feldherrn. Er verkaufte demſelben den narbenvollen Leib zu neuen Wunden und wollte dafür, daß auch der Feldherr als anderer Kontrahent ſeine Vertragspflicht red⸗ lich erfülle. Was hatte der Soldat zu empfangen? Statt der Freiheit(mit Ausnahme der Erlaubniß: zu plündern und zu morden)— bloß Geld. Der Soldat hatte ſich verkauft und alſo hatte er das Recht, den ſtipulirten Preis für ſein Leben zu verlangen. War es ſeine Schuld, daß der Feldherr dieſen Preis nicht immer pünktlich aufbringen konnte? Gewiß nicht. Es war Sache des Feldherrn, dafür zu ſorgen. Der Soldat hatte ſogar lange gewartet, er wollte nun mit der Gewalt, die er einmal in den Händen hatte, das fordern, was ihm von Rechtswegen gebührte.— Die ſpaniſchen Truppen hatten in der Schlacht auf der Mooker⸗Haide ihre Pflicht gethan und for⸗ derten nun auch von ihrem Feldherrn die Erfüllung der ſeinigen. 168 Sanzio d'Avila konnte ſie nicht erfüllen, als ſie ihn nach dem Siege daran erinnerten, und nun achteten ſie auch auf alle ſeine Vertröſtungen nicht. Wenn der Vertrag nichts galt, ſahen ſie ſich in den Zuſtand der Nothwehr verſetzt, und demgemäß zerriſſen ſie kühn die Bande der Subordination. Sie erkannten den Feldherrn nicht mehr an, erwählten ſich aus ihrer eigenen Mitte einen Anführer(„Eletto“) zogen auf eigene Fauſt nach Antwerpen, wo der Herr von Champagny ſpaniſcher Kommandant war und wohin ſich auch Requeſens in Perſon begeben hatte. Aber ſelbſt die Gegenwart des Letzteren ver⸗ mochte den Grimm der Soldaten nicht zu bändigen. In voller Schlachtordnung rückten ſie in die Stadt ein, plünderten Cham⸗ pagny's Wohnung und befahlen dieſem, mit den Wallonen die Stadt binnen zweimal 24 Stunden zu verlaſſen. Cham⸗ pagny ſah in der That keinen andren Ausweg vor ſich, als den, ſich den Forderungen der Meuter zu fügen; der Eletto der⸗ ſelben nahm ſeine Wohnung im Stadthauſe und die„Herrn Soldaten“(„los Sennores soldates,“ wie ſie ſich nannten) richteten ſich nun in einer eigenthümlichen republikaniſchen Ver⸗ faſſung zu Antwerpen ein. Sie bildeten hier die Macht, unter⸗ warfen ſich gewiſſenhaft den Befehlen ihrer ſelbſterwählten Obrigkeit, verhandelten förmlich mit Chiappin Vitelli ſo wie mit der Bürgerſchaft, gelobten, augenblicklich, zur Pflicht zurück⸗ zukehren, ſowie ſie den ihnen von Rechtswegen zukommenden Sold empfangen würden, und hielten ſtreng darauf, daß die öffentliche Ordnung, ſo wie die Sicherheit und das Eigenthum der Bürger nicht im Geringſten geſtört wurden;z zwei ihrer Ka⸗ meraden, welche ſich des Diebſtahls ſchuldig gemacht hatten, büßten dies Verbrechen— nach em Urtheilsſpruche der ganzen empörten Armee— durch den Strang. Als ſie aber Requeſens blos mit neuen Vertröſtungen, daß ſie einen Theil des Soldes —— 169 gleich erhalten würden und ſich für den Reſt mit Verſchreibungen begnügen möchten, beſchwichtigen wollte, und als ſogar ihr Eletto ſie zur Annahme dieſes Vorſchlags zu ſtimmen verſuchte, kamen ſie außer ſich vor Zorn und riefen:„Was Verſchreibungen? Geld wollen wir, Geld!“ Und alſogleich ſetzten ſie hierauf ihren Eletto ab und gelobten ſich feierlich nach Anhörung einer Meſſe, ſich nicht eher wieder in Gehorſam zu fügen, als bis ihre For⸗ derungen ſammt und ſonders baar berichtigt ſeien.„Todo, todo, dineros, non palabras!“(„all, all! Geld, keine Worte!“) war ihre Loſung. Die Meuterei ergriff nun auch die Soldaten in der Citadelle; dieſe erkoren ſich gleichfalls einen„Eletto“ und verlangten ungeſtüm die Schlüſſel der Fe⸗ ſtung. Ihr Aufſtand wurde jedoch durch Chiappin Vitelli's kluges und unerſchrockenes Benehmen geſtillt, und bald darauf beruhigten ſich auch die in der Stadt befindlichen Soldaten, als ſie ſich nämlich überzeugten, daß man in der That ernſtliche Anſtalten machte, ihre Forderungen zu erfüllen. Die Bürger Antwerpens brachten zu dieſem Ende eine Summe von 400,000 Gulden auf, Requeſens vergrößerte dieſelbe, zum Theil aus ſeinen eigegen Mitteln,(er verpfändete dafür ſein Silbergeräth) und den Reſt erhielten die Soldaten in Tüchern und in Seiden⸗ ſtoffen an Geldeswerth, womit ſie ſich denn zufrieden gaben. In koſtbaren neuen Gewändern ſtolz einhergehend, feierten ſie in der Kirche die Verſöhnung, welche durch einen Generalpardon des königlichen Statthalters vollendet worden war. Auf eine intereſſante Weiſe zeigte ſich nun die ächt nationale Religiöſität dieſes ſpaniſchen Kriegsvolks. Kaum ſah es ſich im Beſitze ſeines langaufgehäuften Soldes, als es von demſelben die Klöſter reich beſchenkte; beſonders die Bettelmönche, wie z. B. die Franziskaner wurden dabei gut bedacht; auch die Jeſuiten erhielten große Summen, verweigerten aber die Annahme und 170 vermochten die Soldaten, das dem Orden zugedachte Geſchenk auf eine andre Weiſe zu verwenden, nämlich es unter die Bür⸗ gerſchaft zu vertheilen und den ſo manchen Bewohnern Ant⸗ werpens zugefügten Schaden dadurch zu erſetzen.*) Die Meuterei der ſpaniſchen Soldaten war für die Holländer in mancher Beziehung von großem Vortheil geweſen, indem dadurch mehre Pläne der Feinde gelähmt und vereitelt wurden, welche ſie in Folge des wichtigen Sieges auf der Mooker⸗Haide gefaßt hatten. Ein Anſchlag des ſpaniſchen Oberſten Valdez auf Delft mißglückte; desgleichen ein Verſuch des Herrn von Billy, Schloß und Stadt Me⸗ demblick zur Uebergabe zu bewegen. Herzog Erich von Braunſchweig forderte Hoorn und Enkhuizen gleichfalls vergeblich dazu auf, und der Herr von Chevreaux, der einen Zug in's Waterland unternommen hatte, büßte dabei an 2000 Mann ein. Während der Meuterei in Antwerpen war endlich die f pa⸗ niſche Flotte auf der Schelde aus Vorſicht gegen Lillo hinabgeſegelt. Kaum hatten die kühnen Seeländer dies er⸗ fahren, als ſie einen raſchen Angriff auf die Feindesſchiffe un⸗ ternahmen, den ſpaniſchen Unteradmiral Adrian van Haam⸗ ſtede gefangen nahmen, ſich dreier Schiffe bemächtigten, und drei andre, welche auf den Grund gelaufen waren, in Brand ſteckten. Vergeblich zogen die ſpaniſchen Soldaten in Antwerpen, welche dort eben ihr Verſöhnungsfeſt feierten, auf die Dämme und ſchoßen eifrig auf die kühnen Sieger hin. Ihr Feuern nahm ſich wie unfreiwillige Ehrenſalven aus, die ſie den Seeländern nachſandten, während dieſe ſtolz und froh mit ihrer Beute nach der Inſel Walcheren ſteuerten.— Eine andere größere Flotte, *⁴) Strada. 171 welche man in Spanien zur Bezwingung der Niederländer aus⸗ rüſtet und beſtimmt hatte, ſich mit der auf der Schelde vor Anker liegenden zu vereinigen, büßte durch eine Seuche ihren Admiral, Pedro Nelenda, und den größten Theil der Mannſchaft ein. Die Meuterei der ſpaniſchen Soldaten hatte vom April bis in den Mai 1574 gewährt. Kaum war ſie geſtillt, als Re⸗ queſens beſchloß, die Belagerung Leydens, welche am 31. März in Folge des Unternehmens des Grafen Ludwig von Naſſau aufgehoben worden war, mit allem Nachdruck wieder zu beginnen. Da die Freunde der Freiheit das Ueberge⸗ wicht auf der See hatten, ſo mußten es die Spanier um ſomehr auf dem platten Lande zu behaupten ſuchen. Der Obriſt Francisco Valdez, welcher ſchon die erſte Belage⸗ rung Leydens geleitet hatte, erhielt den Auftrag, dieſe Stadt nun zum zweiten Male zu umſchließen und zur Uebergabe zu zwingen. Er befand ſich damals zu Utrecht. Dieſe Stadt ſowie das Stift waren erſt kürzlich der von Alba aufgelegten Buße erledigt und in ihren alten Vorrechten wiederhergeſtellt worden, wozu auch Sitz und Stimme in der Staatenverſamm⸗ lung gehörte. Valdez hatte es verſucht, ſein Heer in die Stadt Utrecht zu bringen, aber die Bürgerſchaft hatte ſich dieſem Vor⸗ haben widerſetzt und ſchon traf er ernſte Anſtalten, um dieſen Widerſtand zu züchtigen, als er den Befehl erhielt, nach Ley⸗ den aufzubrechen. Mit einem Heere von 7000 Mann, welches aus deutſchen, walloniſchen und ſpaniſchen Soldaten zuſammen⸗ geſetzt war, brach er jetzt auf, zog an Amſterdam vorüber, ſchiffte die Truppen und Kriegsvorräthe über das Haarlemer Meer und ſetzte ſich in der Nacht auf den 26. Mai in Ley⸗ derdorf, vor der Stadt, feſt. Die Bewohner Leyden's hatten es nach der Aufhebung der erſten Belagerung,— zum Theil 172 vielleicht im Vertrauen auf die Milde des neuen ſpaniſchen Statthalters Requeſens,— verſäumt, ihre Beſatzung zu verſtärken, ſich mit Lebensmitteln vorzuſehen, ja ſelbſt die feind⸗ lichen Schanzen zu zerſtören, welche Valdez bei ſeinem Abzug verlaſſen hatte. Jetzt erkannten ſie mit Beſtürzung zu ſpät, daß ſie falſch gerechnet hatten. Aber zu ihrem Glücke beſaßen ſie zwei Männer in ihrer Mitte, deren Geiſt und Herz ſtark genug waren, um den Muth ihrer Mitbürger auch im äußerſten Elend aufrecht zu halten. Es waren Johann van der Does, Herr von Nortwyk und Kattendyke, ein eben ſo geſchickter Staatsmann als ausgezeichneter Gelehrter, hochverdient um die vaterländiſche Sprache, Dichtkunſt und Geſchichte, und ein Held, deſſen Scharfblick kein Unfall beirren, deſſen Muth und Stand⸗ haftigkeit kein Mißgeſchick zu erſchüttern vermochte,— und dann Peter Adrianszoon van de Werff), ein tugendhafter Vaterlandsfreund, welcher ſchon einmal ſein Leben freudig aufs Spiel geſetzt hatte, um für ſeinen edlen Freund, den Prinzen von Oranien, in Holland Geldbeiſteuern zu einem Feldzug gegen Alba zu ſammeln. Johann van der Does war Oberbe⸗ fehlshaber über jene Bürger, welche bei der Nachricht von der Ankunft der Spanier die Waffen ergriffen hatten, um die Stadt, welche ohne Beſatzung war, zu vertheidigen. Peter van de Werff war(ſeit dem November 1573) vorſitzender Bür⸗ germeiſter in Leyden; ihm ſtand der eifrige Stadtſchreiber van Hout unermüdlich zur Seite; Dietrich van Bronkhorſt war Oberſter der Stadt für den Prinzen von Oranien. Als Valdez vor Leyden angekommen war, beſetzte er ſogleich alle Zugänge, um der Stadt die Zufuhr abzuſchneiden. *) Vergl. Levensbijzonderheden van Pieter Adriaans- zoon van de Werff, door Jona Willem te Water. Ley- den 1814. 173 Sein Plan war, ſie nicht durch Sturm, ſondern durch Hun⸗ gersnoth in ſeine Gewalt zu bringen. Oranien, um das Schickſal Leydens beſorgt, deſſen Beſitz die Spanier zu Mei⸗ ſtern des fruchtbaren Rheinlandes machen mußte, hatte den Bürgern geſchrieben, ſie möchten engliſches Kriegsvolk, welches noch mehre Schanzen innehatte, in die Stadt aufnehmen und die ſtrengſte Ordnung in der Eintheilung und im Verbrauch der Lebensmittel treffen, überhaupt Sorge tragen, ſich drei Monate lang gegen den Feind zu halten, binnen welcher Zeit er ſie zu entſetzen hoffe. Als aber fünf Fähnlein Engländer, welche in der Schanze zu Valkenburg gelegen waren, vor die Mauern Leydens kamen, zögerten die Bürger, aus mancherlei Beſorgniſſen, ſie aufzunehmen; da ging der größte Theil der⸗ ſelben, bis auf ungefähr 30 Mann, die ſich zur Stelle in die Stadt begaben, zu dem Feinde über. Fünf andre Fähnlein des engliſchen Kriegsvolkes hingegen vertheidigten die Schanze an der Gouda'ſchen Schleuße und das Dorf Alfen aufs Tapferſte gegen den ſpaniſchen Befehlshaber Don Martin d'Ayala, bis ſie dieſer endlich daraus vertrieb. Bald bemächtigten ſich die Spanier immer mehrer wichtiger Punkte; ſie eroberten die Schanze zu Maaslandſluis, und Vlaardingen ging an ſie über. Indem ſich Valdez ſo zum Meiſter des Umlandes machte, verſtärkte er zugleich ſein Heer und ſchlang dicht um Leyden eine enge Kette von Schanzen, deren Zahl allmählig bis zu zwei und ſechszig anwuchs. Indeſſen hatte man, den Rath Oraniens befolgend, in Leyden Ordnungsmaßregeln in Bezug auf die Vertheilung der Lebensmittel getroffen, aber früher, als man gedacht hatte, ſah man ſich auch ſchon genö⸗ thigt, dieſelben ſehr zu verſchärfen. Bald erhielt Jedermann (mit Ausnahme der Wachen) täglich nur ein halbes Pfund Brot; doch ſelbſt dieſe Maßregel konnte für die Dauer nicht 174 ausreichen, da man für 14000 Menſchen nur 110 Laſten Korns in der Stadt vorräthig hatte. Schon während der erſten Belagerung hatte man aus Noth Papiergeld, Scheine im Werth von 14 und von 28 Stübern, in Gang gebracht; dies wurde auch jetzt wieder in Kurs geſetzt; der Stempel der Scheine zeigte einen Löwen, welcher das Shmbol der Freiheit, den Hut, auf einer Lanze trug, mit den Schriften:„Dies um der Freiheit willen,“(haec libertatis ergo) auf der einen, und„Gott be⸗ hüte die Stadt Leyden“(Godt behoede Leyden) auf der an⸗ dren Seite; andre ſolche Einlöſungsſcheine, die ſpäterhin für Silber eingewechſelt wurden, trugen das Wappen der Stadt (zwei verkreuzte Schlüſſel) und die Schrift:„Münze der be⸗ lagerten Stadt Leyden, geprägt unter der Regierung des er⸗ lauchten Prinzen von Oranien,“ ſowie die Deviſe:„Ich kämpfe fürs Vaterland!“(pugno pro patria). Die edlen Bürger von Leyden zeigten durch die That, daß jene Deviſen keine leeren Redensarten waren. Vergeblich forderte der neue könig⸗ liche Statthalter von Holland, Herr von Lannoy, vergeblich forderte Valdez die Bürger brieflich auf, ſich gutwillig zu unterwerfen; vollſtändige Gnade und Sicherheit ſollten ihnen dafür zu Theil werden, ja nicht einmal eine ſpaniſche Beſatzung würden ſie dann einzunehmen haben. Vergeblich ermahnten ſo⸗ gar die aus Leyden entflohenen Bürger ihre in der Stadt zu⸗ rückgebliebenen Mitbürger zur gütlichen Uebereinkunft mit den Spaniern. Verächtlich nannten die Leydner jene Flüchtlinge bloß die„Glippers“(Ausreißer) und ihre ganze Antwort be⸗ ſtand in dem Vers: „Kistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps.“ Dieſe Bürger, welche bisher bloß ſtill und ruhig ihre Ge⸗ werke getrieben, hatten ſich raſch zu Soldaten gebildet; ſie eroberten zwei feindliche Schanzen, eine vor dem Rheinsburger⸗ Thor und eine zu Boshuizen. Für jedes Haupt eines Spaniers das in die Stadt gebracht würde, war ein Preis ausgeſetzt; und die Kampfluſt der Bürger ſteigerte ſich bald zu einem ſol⸗ chen Grade, daß man es ihnen unter Glockenſchlag verbieten mußte, zu Gefechten hinauszueilen. Indeſſen ſann Oranien unermüdlich über verſchiedenen Plänen, um Leyden zu entſetzen; die Sorge um das Schickſal dieſer Stadt ſpornte ſeine ganze Thatkraft mit jenem Eifer, welcher ungewöhnliche Menſchen auch zu ungewöhnlichen Mitteln hintreibt. Er faßte zur Rettung Leydens einen Plan, der, nach gewöhnlichem Maaßſtab beurtheilt, kaum die geringſte Wahrſcheinlichkeit eines glücklichen Erfolges für ſich hatte. Ora⸗ nien konnte Leyden zu Lande nicht retten; es fehlte ihm faſt Alles dazu. Dagegen war er Meiſter zur See; er hatte eine große Anzahl trefflicher Schiffe und verwegener Seeleute, welche von unverſöhnlichem Haß gegen die Spanier glühten, nämlich die Seeländer, ihm treu ergeben, erprobt in jeder Gefahr, abgehärtet gegen alle Noth, verwildert gegen jedes feinere Gefühl der Menſchlichkeit. Aber wie dieſe ächten Männer des Meeres und jene Schiffe, welche ſchnellen Raubvögeln gleich dahinſausten, wenn es galt, einen Spanier zu erhaſchen,— wie beide nach der Stadt Leyden bringen? Dieſe erhebt ſich näm⸗ lich in Mitten des Rheinlandes, welches zwar durch zahl⸗ reiche Kanäle mit der Maas und der Yſſel ſowie durch den kleineren, ſchwächeren Arm des Rheines, der dieſen Namen noch fortbehält, mit dem Meere verbunden iſt, aber gleichwohl höher liegt als Delftland und Schieland, von wo aus Oranien ſeinen Plan verwirklichen wollte und von wo aus allein er es konnte. Sein Rettungsplan beſtand nämlich darin, die ſtarken Ddämme zu durchſtechen, welche das Land vor dem Ocean ſchützten, und ſo dieſem freie Gewalt zum Einbruch über alle Wieſen und Fruchtfelder zu laſſen; kurz: das geſegnete Land in ein Meer zu verwandeln, deſſen Wogen die rettenden Schiffe nach Leyden tragen ſollten. Doch welche Hinderniſſe ſtanden dieſem kühnen Plane entgegen! Zuerſt das Intereſſe des Landes ſelbſt und Aller, deren Hab und Gut auf demſelben haftete und mit deſſen Verwüſtung durch eine ſolche Ueberſchwemmung verloren ging,— dann der Wille des Himmels, der erſt noch ſeine Winde ausſenden mußte, um die Wellen landeinwärts zu jagen, damit die Schiffe die nöthige Tiefe des Fahrwaſſers bekamen. Das erſte Hinderniß über⸗ wanden der kräftige Gemeinſinn, die hingebungsvolle Vater⸗ landsliebe, die reinſte und heiligſte Begeiſterung der Holländer, und Oranien trug durch die Kraft ſeiner Ueberredung nicht wenig dazu bei, dieſe Gefühle von etwa hie und da noch vorhandenen Partikularintereſſen vollends zu reinigen. Die Durchſtechung der ſchützenden Dämme mußte dem Lande einen Schaden von ſieben Tonnen Goldes zufügen; aber der Hoch⸗ ſinn der Holländer hielt dieſen Verluſt für keinen zu hohen Preis, da es galt, die Rettung ihrer Landsleute in Leyden da⸗ mit zu erkaufen und der Freiheit einen wichtigen Zufluchtsort mehr gegen die ſpaniſche Tyrannei zu erhalten. Von größerem Werth als alles Gut und Gold war der Zuwachs an mora⸗ liſcher Kraft für die ganze Nation. Die Holländer ſprachen: „beſſer ein verdorbenes Land als ein verlorenes!“ und nahmen den Vorſchlag Oraniens an. Und nun wurde ſo⸗ gleich mit bewunderungswürdigem Eifer das Durchſtechen der Dämme begonnen. Junker Daniel van Wyngaarden und Wilhelm van Paleſtein leiteten dies Werk, und mit dem Iſſel⸗ deich wurde der Anfang gemacht. Mit Luſt und Liebe brachte das edle Volk auch freiwillige Schatzungen auf den Altar des Vaterlandes, und treffliche Frauen gaben ihr Geſchmeide zum Beſten hin. In allen Klaſſen offenbarte ſich der erhabene Auf⸗ ſchwung des Nationalgeiſtes; alle durchglühte die Opferflamme der ſittlichen Kraft. Während das Durchſtechen der Dämme überall mit der größten Beharrlichkeit vollbracht wurde, betrieb Oranien, welcher von der Höhe ſeines geiſtigen Standpunktes alle Verhältniſſe klar überblickte, alle Bedürfniſſe bis zum klein⸗ ſten herab erforſchte, ſeine Wachſamkeit überall hin erſtreckte und auf allen Punkten ſo durchgreifend waltete, betrieb er eifrig alle Maßregeln, damit kein Augenblick zur Rettung verloren ginge, ſobald nur alle Dämme vollends durchſtochen wären. Er rüſtete die Fahrzeuge aus, die auf dem neuen Waſſerreiche, welches er zu erſchaffen im Begriffe ſtand, hinſteuern ſollten, und unterrich⸗ tete vermittelſt einer Taubenpoſt die Belagerten in Leyden von allen Anſtalten, damit ſie den Muth nicht ſinken ließen, ſondern, im Vertrauen auf die rettenden Freunde, ſtandhaft fortführen der Uebermacht zu trotzen. Und eine ſolche Ermunterung that wahrlich bereits Noth. Denn ſchon war der größte Theil des Vorraths in Leyden auf⸗ gezehrt; ſchon ſtieg der Mangel, ſchon wuchs die Theuerung, und mit Beiden auch die Unzufriedenheit ſo mancher ſchwacher, oder heimlich ſpaniſchgeſinnter Bewohner; ſchon murrten viele Freiſchützen, die ſich in der Stadt befanden, über die ſpärliche Verpflegung und entwichen aus Leyden. So war der Stand der Dinge im Auguſt beſtellt, als plötzlich ein unerwartetes Ereigniß alle Hoffnungen zu vereiteln ſchien. Oranien er⸗ krankte nämlich ſchwer in Rotterdam; man hielt ſein Siechthum für die Peſt, und aus Furcht vor dieſer wich jeder⸗ mann von ihm; ſogar ſein eigenes Hofgeſinde wagte es nicht, ihn zu pflegen und mied das Haus, worin er ſich befand. So lag er nun allein, ein aufgegebener Mann; aber noch mehr als die Schmerzen der Krankpeit peinigte ihn der Gedanke, daß 1. 12 178 Leyden aus Verzweiflung den Entſat nicht abwarten würde. Schon triumphirten die Spanier auf das Gerücht hin:„er ſei bereits geſtorben.“ Aber die Staaten von Seeland, welche es gleichfalls vernommen hatten, ermahnten die von Holland, ſich für den Fall, daß Oranien nicht mehr aufkom⸗ men ſollte, bei Zeiten für das Beſte des Landes vorzuſehen und an nein geſchicktes Oberhaupt, an einen chriſtlichen Fürſten“ zu denken. Als Oranien einſam und hülflos in ſeinem Schlafzim⸗ mer lag, trat eines Tages Kornelius von Mierop zu ihm; Oraniens erſte Frage, als er ihn kommen ſah, war:„Hat ſich Leyden ſchon ergeben?“„Nein!“ erwiederte Mierop, und dies„Nein“ erweckte die Lebensgeiſter des Kranken wieder, richtete ihn auf und wurde ſein beſter Arzt. Seine Geneſung erfüllte ſchnell auch alle Kleinmüthigen mit neuen Hoffnungen und befeſtigte die der Muthigen. Inzwiſchen hatte man in Seeland einige wohl bemannte und mit Kriegs⸗ wie Mundvorrath reichlich verſehene Schiffe zuſammengebracht, welche die Admirale Ludwig von Boi⸗ ſot und Adrian Willemszoon zu Anfang Septembers nach Rotterdam brachten, um ſie dort mit der holländiſchen Flotte zu vereinigen, die zum Entſatze Leydens beſtimmt war. Furchtbar ſahen die Seeländer aus; kein Glied an ihren Kör⸗ pern, das nicht durch Narben von früheren Kämpfen zeugte, kein Zug in ihren Geſichtern, der ihren Grimm gegen Spanien nicht verkündigte! Mancher hatte nur eine Hand,(die andere lag im Meere), mancher nur ein Bein, aber das andere, höl⸗ zerne hinderte ihn nicht, auf's Neue dem Feind entgegen zu treten. Dieſe zerſchoſſenen und zerhackten Krüppel trugen, wie die friſchen Männer, ſilberne Halbmonde auf den Hüten mit der Aufſchrift:„Lieber türkiſch als päpſt⸗ 179 lich;*) der Fanatismus machte ihre wilden Herzen noch ungeſtümer an die Rippen pochen, jagte ihr heißes Blut noch heftiger durch die Adern, reizte ihre Sinne, an Barbarei gewöhnt, dieſe vollgül⸗ tig an dem verhaßten Feinde wettzumachen. Raſch ward jetzt Hand an's Werk gelegt, um die binnenländiſchen Dämme zu durchſtechen; zu Anfang Septembers ſtand das Waſſer erſt anderthalb Fuß hoch am Gipfel der Landſcheidung zwiſchen Delftland und Rheinland. Zwiſchen dem 10. u. 11. Sep⸗ tember wurde der Damm, der Beide trennte, durchſtochen. Vergeblich ſuchten die Spanier dies zu verhindern; ſie wurden an drei Punkten angegriffen und vertrieben. Die wilden See⸗ länder gaben hiebei keinem Feinde Pardon. Ja, ein ſeeländi⸗ ſcher Matroſe riß einem noch halblebenden Spanier das Herz aus dem Leibe, biß in das zuckende, rief dann:„Es iſt bitter“ und warf es den Hunden zu. Nun meinte der niederländiſche Admiral, die mit Mundvorrath reichlich verſehene Flotte alſo⸗ gleich in den See Soetermeer einlaufen laſſen zu können. Doch er hatte ſich getäuſcht. Der ſogenannte„grüne Weg“ lag, noch etwa einen Fuß hoch über die Waſſerfläche hervorra⸗ gend, vor ihm. Er nahm denſelben glücklich ein und durehſtach ihn. Aber auch jetzt konnte der Admiral noch nicht weiter vor⸗ dringen, weil der Abzugskanal jenſeits des„grünen Weges“ durch eine Brücke geſperrt war, welche die Spanier auf der anderen Seite tapfer vertheidigten. Vergeblich ſchoß das Haupt⸗ kriegsſchiff der Flotte, eine Art von ſchwimmender Batterie, nebſt zwei mit Geſchütz verſehenen Kornſchiffen auf die Brücke und auf die Feinde; die Niederländer mußten den Kampf, trotz *) Ein Spruch, der auch im Volksliede als Refrain von Mund zu Munde ging(vergl. Geuſen⸗Liederbuch):„liever turex dan pausch;“ auf der Rückſeite der ſilbernen Halbmonde:„en despit de la messe. 180 ihrer Tapferkeit endlich aufgeben, und eines von jenen Korn⸗ ſchiffen lief auf den Grund, wobei die Mannſchaft, ertrank. Der Wind blieb dem ganzen Unternehmen noch ungünſtig und das Durchſtechen der Dämme ſo lang nutzlos, bis ein ſcharfer Sturm die Wellen landeinwärts jagte und den Waſſerſtand erhöhte. Als ſich nun am 18. September ein Nordweſtwind erhob, beſchloß man, von dem Angriff auf jene Brücke abzu⸗ ſtehen und ſich dafür über den Zegwaardſchen Weg zwiſchen Zoetermeer und Benthuizen dem Meere zu nähern. Glücklich nahmen die Befreier jenen Zegwaardſchen Weg ein, ohne daß es die Spanier gewahr wurden, und nun verfolgte der kühne und kluge Admiral Boiſot die Feinde zu Schiff bis in den Nord⸗ Aa⸗See, wo ſich dieſe verſchanzt hatten, aber ihre Verſchan⸗ zungen verließen. Jetzt hatte die Befreiungsflotte offnen Weg vor ſich, hielt auf einem breiten Gewäſſer, das ſeine Richtung nach Zwieten hin hat, und gab den Belagerten in Leyden durch Kanonenſalven das Zeichen:„die Retter ſind nahe!“ In dieſer unglücklichen Stadt hatte indeſſen der furchtbar zunehmende Mangel bereits Murren und Uneinigkeit erzeugt, beſonders ſeitdem der oraniſche Befehlshaber Bronckhorſt ver⸗ ſtorben war, welcher mit weiſer Strenge die Disziplin noch aufrecht erhalten hatte. Nun wuchs Manchen, welche die unge⸗ wohnte Entbehrung nicht länger ertragen mochten, plötzlich der Trotz; ſie erklärten es für Wahnſinn, die Stadt unter ſolchen Umſtänden länger gegen den Feind halten zu wollen; ja ſie errötheten ſogar nicht, die ſtädtiſche Regierung mit der boshaf⸗ ten Bemerkung zu verhöhnen:„Dieſelbe müßte wohl viel ge⸗ ſtohlen haben, weil ſie ſich ſcheue, einer Gnadenverheißung zu trauen.“ Fünfzehn Bürger drangen, angeblich im Namen und Auftrag von Dreihundert ihrer Leidensgefährten, auf das Rath⸗ haus und forderten dort ungeſtüm Lebensmittel. Sogar von 181 der ſtädtiſchen Obrigkeit hatten Manche ſchon den Muth verloren, und die Religionsverſchiedenheit ſchürte, wie es ſcheint, noch die Zwietracht; man beſchuldigte die Katholiken in der Stadt einer geheimen Sympathie für die Spanier. Eines Tages trat eine Rotte von Mißvergnügten keck vor den Bürgermeiſter Peter van de Werff, klagte ihm ihre Noth und verſtärkte die Klagen noch durch Drohungen.„Brot oder Vertrag mit den Spaniern!“ war der Inhalt ihrer ungeſtümen Forderung. Ruhig erwiederte der edle van de Werff:„Liebe Mitbür⸗ ger, ich habe einen Eid gethan und vertraue zu dem Geber aller guten Gaben, daß er mir die Standhaftigkeit ſchenke, meinen Schwur ehrlich zu halten. Ich weiß, daß Sterben mein Loos iſt, und es gilt mir gleich, ob ich durch eure, ob durch des Feindes Hand falle. Nützt euch mein Tod,— wohlan, hier bin ich; nehmt meinen Körper, haut ihn in Stücke und vertheilt ſie unter euch!“*) Da errötheten die Trotzigen, wag⸗ ten es nicht, ſeinem Anblick zu ſtehen, und entfernten ſich ſchwei⸗ gend. Als aber van de Werffs Benehmen allgemein bekannt ward, brachte es eine große moraliſche Wirkung auf die Bür⸗ gerſchaft hervor. Man ſchämte ſich, ihm an Seelenadel und Ausdauer nachzuſtehen; feſtes Gottvertrauen durchdrang die Herzen und großartige Todesverachtung nahm die Stelle aller kleinlichen Klagen und Zweifel ein. Die Frauen dachten nicht mehr an den Hungertod, ſondern bloß an ihre Ehre und an deren Gefahr durch die rohen Lüſte der Spanier, welchen Un⸗ *)„Dit’'s van de Werff, die Leidse held, Diens tai geduld het spaans geweld Manmoedig keerde van de vesten. Als pest en honger't hert bestreed, En’t muitend volk geen uitstel leed, Bood hij syn vlees en bloed ten besten.“ (Mehallleninſchrift.) 182 ſchuld und Keuſchheit nicht heilig waren; ſie begeiſterten ihre Söhne, ihre Gatten, treu auszuhalten in der Noth., Da rie⸗ fen die Bürger von den Wällen herab dem Feinde zu:„Lieber verzehren wir den linken Arm und wehren uns noch mit dem rechten, als wir, vom Hunger bezwungen, euch die Stadt über⸗ geben; ja lieber ſtecken wir Haus und Hof in Brand und ſchreiten über die Aſchenhaufen dahin!“ Und in der That: es ſchien, als wolle die Vorſehung den Bewohnern Leydens noch härtere Prüfungen auferlegen, als ſie bisher ſchon beſtanden hatten. Nur von einer Veränderung des Windes konnten ſie Rettung hoffen. Und der Wind ſchlug um, aber— in einen ſcharfen Nordoſt; und dieſer trieb die Wellen, ſtatt höher landein wärts, wieder ſeewärts. Das Waſſer ſank und mit jeder zurückweichenden Welle ſchien ein Menſchenleben dahin zu ſchwinden. Kaum neun Zoll tief ſtand das Waſſer noch über dem Lande, und noch dazu über den niedrigſten Stellen deſſelben; während die Galeeren zum Flottwerden eine Tiefe von wenigſtens 17 bis 18 Zoll bedurften. So mußte denn die Flotte unthätig in den Gewäſſern des Nord⸗Aa's harren. Man konnte ſie von Leyden aus ſehen; ihr bloßer Anblick richtete erſterbende Hoffnungen wieder auf; und doch, je länger man auf ſie hinſtarrte, und ſie immer noch unbeweglich ſah, um ſo gräßlicher wurde die Todespein der Unglücklichen. Dieß Ringen der Hoffnung mit der Verzweiflung, von Stunde zu Stunde, ja von Minute zu Minute, rieb den letzten Reſt von Kraft auf, welche ſelbſt die Qualen des Hungers überwunden hatte. Auch in den Niederländern, die mit ſo vielen Aufopferungen zur Rettung ihrer bedrängten Brüder herbeigeeilt waren, erzeugten dieſer Zuſtand und der Gedanke, ſo nahe am Ziele, dennoch nicht helfen zu können, ja, die Unglücklichen vielleicht in der nächſten Stunde vor ihrem Angeſicht untergehen ſehen zu müſſen, 183 ein peinliches Gefühl. Verzweiflungsvoll ſchrieb der ſonſt un⸗ verzagte Admiral Boiſot in jener Lage an Oranien:„Wenn Gott im Himmel nicht ſeine Hand zur Rettung ausſtreckt und bei der Springfluth das Meer ins Land jagt, ſo hab' ich keine Hoffnung mehr, und Leydens Schickſal iſt entſchieden.“ Und ſchon hatte das Elend in der Stadt gegen Ende Sep⸗ tembers den höchſten Gipfel erreicht. Da ſah man Menſchen durch die Straßen ſchleichen, blaß, hohläugig und zitternd, Menſchen wie Gerippe, denn ſeit ſieben Wochen hatten ſie keinen Biſſen Brot gekoſtet und ſuchten in den Kehrichthaufen nach weg⸗ geworfenen Knochen. Wie Kleinodien fing man Katzen und Ratten und bereitete deren Fleiſch; der Hunger ſcheuchte den Ekel vor der unſaubern Koſt. Zerſchnittene Häute kochte man mürb und aß ſie ſtatt Fleiſches; nur Wohlhabende konnten ſich glücklich preiſen, wenn ſie noch Pferdefleiſch erhielten. Vornehme Damen ſchlachteten ihre Schooßhündchen; der gemeine Mann bereitete ſich aus gekochten Wurzeln, Kohlſtrünken, Weinlaub und Baumblättern Gemüſe, welche für koſtbar galten. Mehr als eine Mutter hielt das Kind an der treuen Bruſt, die den Säugling nicht mehr nähren konnte; den Arm noch um ihn ge⸗ ſchlungen, das brechende Auge auf ihn geheftet, ſtarb ſo manche dahin, und an der kalten Bruſt verſchmachtete das Kind. Eine Seuche vollendete dies Elend. In kurzer Zeit waren ſechs⸗ tauſend Menſchen hingerafft, und die Ueberlebenden hatten oft kaum ſo viel Kraft mehr, um ſie zur letzten Ruhe zu bringen; den Leichenträgern brachen die Kniee unter der traurigen Laſt zuſammen. Bei dieſem furchtbaren Sterben ſchmolzen auch die Sicherheitswachen von Tag zu Tag immer mehr zuſammen; und ſo mancher bewaffnete Bürger fand, wenn er von ſeinem Poſten nach Hauſe kam, Weib und Kind als Leichen.*) Da *) Ergreifend ſchön hat der treffliche(ſpätere) Dichter Jakob van 184 trugen mehre Bürger in einer Nacht eine Leiche vor das Haus des Bürgermeiſters und ſtellten ſie ihm vor der Thüre aufrecht hin, damit er erwachend mit Schauder die Folgen ſeiner ——— Zevecote(ein geborner Genter, geb. um 1596, geſt. 1642) in einem Chor von Leyden'ſchen Frauen ſeines Trauerſpiels„het belegh van Leyden“(gedruckt 1626 bei den Elzeviers) jenes Elend alſo geſchildert: „Men kan hier dag voor dag gesien, Dat dragers van, de lijcken, Begeven van haer swacke knièn, Daer onder doot beswijcken, En met de geen Daer sy mè treèn, Het zelfde graf verrijcken. „„.—* De borgers dickwils op de wacht Haer vrome siel uytgieten, Of vinden t'huys haer vrou versmacht, Die sy gesont daer lieten, Of in den wint Haer teere kint Den lesten adem schieten. *₰ 2*⁵ Hoe menig moeder, die op straet Haer't leven voelt ontvlieden, De kleyne schaepkens niet en laet, Maer schijnt se noch te bieden De drooge borst Tot haeren dorst, Of haer mocht troost geschieden. **„ Hoe menig abgestorven wicht (Soo yeder kan getuygen) Noch aen zijn moeders borsten lig: En schijnt die noch te suygen; Zy, doot of stijf, Schijnt noch haer lijf Naoer't kint te willen buygen.- 185 Beharrlichkeit erkennen möchte, welche ſie jetzt für fruchtloſen Starrſinn erklärten. Oranien hatte indeſſen auch für den Fall, daß die nächſte Springfluth, wie er jedoch immer noch hoffte, nicht genug Waſſer brächte, bereits auf neue Rettungsanſtalten gedacht. In dieſem Fall ſollte nämlich der„Kirchwegsdamm“ durch⸗ ſtochen werden, und dann ſollten wenigſtens leichtere Schiffe den Verſuch wagen, Leyden mit Lebensmitteln zu verſehen. So hoffte er einſtweilen für den Augenblick zu helfen; denn er war noch immer feſt überzeugt, daß ſein großer Rettungsplan gelingen müſſe, zumal da der Herbſt immer weiter vorrückte, wobei eine größere Anſammlung des Waſſers mit Beſtimmtheit zu erwarten war. Eine Taube brachte die troſtreiche Nachricht von jenem Plane Oraniens nach Leyden; zugleich hatte ſie die Bewohner ermahnt, ſie möchten vor der Liſt der Feinde ja wohl auf der Hut ſein; denn wie leicht könnten die Letzteren ſich das Anſehen geben, als wären ſie die Retter, welche der Stadt Mundvorrath zuführen wollten. Keine unnütze Warnung; denn die Spanier hatten bei L eyderdorf fünf große Galeeren auf dem Rhein und rüſteten täglich noch mehre Fahrzeuge aus. Leyden ringt nun endlich bereits im Todeskampfe, und ſchon vermeſſen ſich die Spanier:„Eher könne man die Sterne mit der Hand erreichen, als die Stadt aus ihrer Hand befreien.“ Da ſtreckt endlich der Herr, der es lang genug geprüft hat, ſeine Hand darüber aus. ⸗Und wahrlich: nach allen jenen Wun⸗ dern menſchlicher Ausdauer ſcheint auch die plötzliche Rettung der bedrängten Stadt Leyden ein göttliches Wunder. Mit der Springfluth ſchlägt der Wind um und bläst jetzt heftig von Nordweſten her. Nun wälzen ſich die Wogen mit Macht ins Land herein. Jetzt wird der Wind zum Südweſt, und raſch wächſt die Fluth zu einer Höhe von dritthalb Fuß. Vom 186 erſten zum zweiten Oktober ſteuert eine Abtheilung der Befrei⸗ ungsflotte gegen den Kirchweg, nimmt ihn nach einem heftigen Kampfe gegen die dort aufgeſtellten Spanier ein, und durchſticht dieſen Damm an drei Orten, während eine andere Abtheilung der Seeländer die Spanier in Zoeterwonde angreift. Jene erſte Abtheilung dringt jetzt durch die Oeffnungen des Kirchweges in den Polder von Meerburg voran, wendet ſich aber von dort aus nicht gegen die Stadt, ſondern gegen die Frauenbrücke und den Pfaffenſee zu. Da glauben die Spanier in Zoeterwoude, dieſe Wendung der Feinde ſei berechnet, um ihnen die Flucht zu verſperren, und in paniſcher Verwirrung, welche durch das Steigen der Gewäſſer noch ver⸗ mehrt wird, ſuchen ſie ſich, Valdez voran, nach Vorſchoo⸗ ten, dann auf dem Stompwyker Weg, nach dem Leydner Damm und Voorburg zu retten; eifrig folgen ihnen die erbitterten Seeländer auf den Ferſen und erſchlagen die verhaßten Feinde, wo ſie deren habhaft werden. Raſch, wie eine Seuche, pflanzt ſich jener Schrecken auch in den ſpaniſchen Verſchanzungen zu Leyderdorf und zu Lammen fort. Dort liegt die Gegend ziemlich höher, und überdieß iſt die Vliet, ein Kanal, der zu der Stadt führt, durch Pfahlwerk vertheidigt; bevor endlich die große feſte Schanze bei Lammen nicht erobert iſt, welche den Eingang der Vliet verſperrt, läßt ſich der Entſatz Leydens nicht hoffen. Wohlan denn, zum Sturm gegen Lammenl! In der dortigen Schanze befehligt der ſpaniſche Obriſt Borgia, feſt entſchloſſen, ſich bis auf's Aeußerſte zu vertheidigen. Die Befreier haben den Belagerten von dem Plane durch eine Taube Nachricht gegeben und ſie aufgefordert, einen Ausfall auf die Feinde zu thun, während ſie ſelbſt die Schanze ſtürmen. Dies Schreiben fällt den Spaniern in die Hände, aber, wie die Folge zeigt, zum Glück für die Leydner. Dieſe ſtehn auf den Wällen, mit neuer Lebenshoffnung auf die reiten⸗ den Schiffe hinblickend; da weiſen die Bürgermeiſter gen Lammen und rufen den Bürgern zu:„Seht, dort hinter jenen Schanzen iſt Brot. Soll man's dort laſſen und hier verhungern?“ „Nimmermehr!“ erwiedern die Bürger;„lieber die Schanze mit Nägeln und Zähnen durchgewühlt!“ Und mit neuer Kraft rüſten ſich Alle eilig zum Aufbruch dahin. Indeſſen hat der ſpaniſche Oberſt Borgia von Valdez Befehl erhalten, die Schanze zu Lammen zu verlaſſen und ſich zu retten, da kein Beiſtand mehr möglich ſei. Da ſtürzt plötzlich in der Nacht vom 2ten auf den 3ten Oktober durch Zufall ein Stück der Stadtmauer Leydens, wohl 26 Ruthen in der Länge, zuſammen; mit Entſetzen hören die Spanier in Lammen das donnergleiche Geroll; ſie glauben: die Leydener ſelbſt hätten ihre Mauern geſprengt, um am nächſten Morgen freie Bahn zu einem Aus⸗ fall vor ſich zu haben. Von Entſetzen befangen ſehen ſie ihr gewiſſes Verderben auf der einen Seite vor ſich durch die Bela⸗ gerer, hinter ſich auf der andern durch die ſeeländiſche Flotte. „Rette ſich, wer kann!“ iſt die Loſung; das Geſchütz in die Vliet verſenkt, Waffen feſt im Arm, und nun im Schutz der Nacht, ohne Trommelſchlag, ohne Laut, ſchnell von dannen! Wie der Morgen graut, ahnt noch Niemand in der Stadt, daß die Feinde entflohen ſind. Ein Knabe weckt die erſte Ver⸗ muthung. Er hat in der Nacht auf dem Walle geſtanden und bemerkt, wie wandelnde Lichter zur Schanze hinaus im langen Zuge flackerten und nicht wiederkehrten. Es waren die glimmen⸗ den Lunten der abziehenden Spanier geweſen. Man verſpricht dem Knaben ein Geſchenk, wenn er ſich gen Lammen hinaus⸗ begeben und genauer forſchen wolle. Er unternimmt es, kommt hinaus, ſpäht umher, findet die Schanze verlaſſen und ſchwingt freudig ſeinen Hut. Ein Mann aus der Stadt folgte ihm; er 188 überzeugt ſich von der Wahrheit und ruft:„Es iſt gewiß; die Feinde ſind fort!“ Naſch eilt dieſer Mann jetzt der Flotte ent⸗ gegen, ihr die frohe Botſchaft zu melden. Da ſendet Boiſot vorſichtig zwei Galeeren voraus; ſie finden die Schanze ver⸗ laſſen, das Geſchütz verſenkt; und nun ſteuert die Flotte voran und entfernt das Pfahlwerk. Zu Lammen empfängt ſie ein ſtädtiſcher Hauptmann, und unter Frohlocken der Ein⸗ wohner nähert ſich die Flotte auf dem Vlietkanal der Stadt. Welch ein Anblick für die Retter! Wohin ſie ſchauen auf der Vlietbrücke, am Saum der Ufer, Menſchen Kopf an Kopf, Mähnner und Frauen, Greiſe und Kinder,— ſterbende Menſchen, die vor Noth und Hunger kaum mehr athmen können, aber aus dem tiefſten Grunde der Seele heiſer ausrufen:„Gelobt ſei Gott in Ewigkeit! Leyden iſt befreit!“ Und tauſend entfleiſchte Arme ringen jetzt wie im entſetzlichſten Kampfe um Brot, um Fiſche, um Käſe; keine Ordnung hält, Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. Man wirft den Unglücklichen von den Schiffen Speiſen zu; mit wüthender Gier fangen und greifen ſie. Hier ſpringen ganze Haufen ins Waſſer, ſchwimmen zu den Schiffen, klettern an Bord und holen ſich die Lebensmittel; dort faſſen andre da⸗ von, was ſie vermögen, brechen ſich damit durch die dichte Menge Bahn und eilen heim, um ihre verſchmachtenden Weiber und Kinder, Aeltern oder Brüder zu erquicken. Zum Schluß dieſes ergreifenden Schauſpiels endlich das innige Dankgebet, das in der Kirche aus tauſend Herzen zu dem ewigen Vater emporſteigt; da kniet der Gerettete, noch todtenbleich, neben dem braunen narbenvollen Seeländer, der die harten Hände zum Gebete gefaltet, ſich der erſten Thräne in ſeinem Auge nicht ſchämt, das hundertmal ſtarr und kalt das Blut der Schlachtopfer hinrieſeln ſah. Ein Herz und ein Sinn jetzt in Allen, ein einziger Gedanke der großen Brüderlichkeit, ein ein⸗ 189 ziges Gefühl, die freiwillige, fromme Demüthigung des menſch⸗ lichen Trotzes, welcher den Odem Gottes über ſich ſpürt! Das Wunderbare der Rettung wird noch durch den Umſtand erhöht, daß der Wind ſchon am anderen Tage wieder umſchlägt, er bläst plötzlich aus Südoſten, und bald darauf wieder etwas mehr gegen Norden, wodurch die Waſſer wieder ſeewärts ablaufen. Oranien vernimmt die Freudenbotſchaft vom Entſatze Ley⸗ dens zu Delft in der Kirche, während er der Nachmittags⸗ predigt beiwohnt. Als dieſe beendigt iſt, läßt er die Nachricht von der Kanzel herab der verſammelten Gemeinde verkündigen, und eilt hierauf nach Leyden, wo er am Abend des 4. Oktobers ankommt. Tiefergriffen dankt er den Bürgern und der Obrig⸗ keit Leydens im Namen des ganzen Vaterlandes für ihre edle Beharrlichkeit. Einige Tage ſpäter beſetzte er mehre Magiſtrats⸗ ſtellen neu, um den Einfluß einiger ſpaniſchgeſennten bisherigen Mitglieder zu entkräften. Naſch flog die Kunde durchs ganze Land, und vor Freude ſchlug jedes Herz höher, in welchem Heimathsliebe und Haß gegen die Spanier gepaart waren. Dieſe Freude machte ſich in zahlreichen Liedern Luft, die— durch den religiöſen Geiſt, den ſte ſammt und ſonders athmen, als Zeugen der zeitgenöſſiſchen Geſinnungen intereſſant ſind.*) Ein Akroſtichon, welches der *) Als Probe(aus dem Geuſen⸗Liederbuch XXXVI. bei Münch): ¹)„Erhebt Euch nun von Furcht und ſpringt, Ein dankbar Lieb von Herzen ſingt, Ihr, die ihr der Wahrheit anhanget! Denn bei uns wird nun recht ſofort Eine Stimm' der Freuden ringsgehört, Nach der ihr längſt verlanget. Die rechte Hand des Herrn ſtark— Sie hat vollbracht ein Wunderwerk, Gleich wie in alten Zeiten, 199 Stadtſchreiber Jan van Hout verfaßte, und welches auf einer Tafel über der Eingangsthüre des Rathhauſes zu ewigem Ge⸗ dächtniß veröffentlicht wurde, iſt in anderer Beziehung charak⸗ teriſtiſch. Es drückt nicht bloß die Jahreszahl in Buchſtaben aus, ſondern enthält auch ebenſo viele Buchſtaben, als die Be⸗ Letzte Str.: Ein anderes Als er ſein Volk in harter Noth Befreite von Hunger, Schwert und Tod Und nach Druck gab hohe Freuden. Der Prinz, der unſre Hülf’ iſt gewest, Stärkt euch und uns durch ſeinen Geiſt, Daß wir nach ſeinem(Gottes) Wort leben; Dank ſei der höchſten Majeſtät, Von nun an bis in Ewigkeit Dafür, daß er hat gegeben Dem Prinzen theures Sohnesblut Von ihm zu aller Zeit behuttt; Er ſtärk' auch des Landes Staaten Mit einem vollſtändig feſten Muth Gegen des Feindes große Wuth, Die ihn und ſein Wort haſſen.“ „In unſern Zeiten könnt ihr merken, Wie Gott für Holland kämpf und fecht, In Seeland thut er Wunderwerke, Er begabet reichlich ſeinen Knecht, Den edeln Prinzen von Oranien Mit Weisheit gegen des Papſt's Gewalt; Gegen das hoffärtig Volk von Spanien Hat er ihn als ein Haupt beſtallt. Er widerſtand mit wenig Mannen So manchen tauſend Helden klug, Sie meinten ihn aus dem Land zu bannen, Oder ihm zu helfen um den Hoeck. Doch Gott hat ſie meiſt all' erſchlagen, Die auf ihre Macht hier trugen Muth, Und offen darf man es ſagen: Gott's Hülf' einem Volk' genügen thut.⸗ u. ſ. w. 191 lagerung Tage währte.*) Eine ſolche Mühe, bis in's Kleinſte, um nicht zu ſagen: bis zum Kleinlichen, bezeichnet den Hollän⸗ der ſo ganz, der auch fürs Größte Geiſt und Kühnheit genug beſitzt und mit eiſerner Ausdauer das durchführt, was er einmal nach reiflicher Ueberlegung begonnen hat. Deutlich zeigte ſich die durchgreifende Tüchtigkeit des holländiſchen Volksgeiſtes in jener Art der Belohnung, womit die Staaten von Holland und der Prinz von Oranien die Standhaftigkeit der Leyde⸗ ner ehrten. Sie beſtand in der Errichtung einer Univerſität, zu deren Sitz Leyden auserwählt wurde. Dieſelbe wurde ſchon am 4. Januar 1575 in der Verſammlung der Staaten von Holland beſchloſſen und der Beſchluß eben ſo raſch in's Werk geſetzt. Der tapfre Johann van der Does, Herr von Nortwyk, wurde der Hochſchule Kurator.**⸗) Die Hoch⸗ ſchule rechtfertigte von Descartes und Scaliger an bis zur neueſten Zeit durch ihr Wirken die glorreiche Veranlaſſung ihrer Stiftung; bedarf es mehr, als den Namen Boerhave zu nennen, um an die ganze Reihe glänzender Namen zu erinnern, welche die Jahrbücher der Hochſchule Leydens ſchmücken? Welche fruchtbare Kernkraft muß ein Volk beſitzen, das, mitten im Kampfe auf Leben und Tod mit der Uebermacht, an den Geiſtes⸗ *) Es heißt: NA SWaARTE HVNGERSNOOD, GERACHT HArrE Trn pOOp, BINAESrT sus DVISEND MzxsCnrv. ALsr Gon DEN HMVYR Vrnpnoor, GAr aI VSs VVEDER nnOO7 so V=rI. VVI CVNSTEN VVrNSCurx. Die Belagerung währte 129 Tage(vom 26. Mai bis zum 3. Ok⸗ tober 1574); eben ſo viele Buchſtaben enthält das Akroſtichon. **) Johann van der Does, geb. 1545, geſt. 1604. Auf einer zu ſeinem Gedächtniß geſchlagenen Medaille finden wir unter„Anderem die bekannte Deviſe:„Dulces ante omnia Musae ¹*. 192 fortſchritt der Nachkommen denken und ruhig inmitten aller Stürme den Grundſtein eines Tempels legen kann, in welchem die Geiſtesfreiheit wohnen ſoll! Valdez hatte nach ſeinem Abzug von Leyden Requeſens in Brüſſel von der Aufhebung der Belagerung Anzeige gemacht und die Entſchuldigung beigefügt:„nicht vor Menſchen, ſondern vor den erzürnten Elementen hätte er die Flucht ergriffen.“ Requeſens nahm dieſe Entſchuldigung gnädig auf, denn er wußte, daß Valdez vor Leyden ſeine Pflichten treulich erfüllt habe. Gleichwohl fehlte es dem Letzteren nicht an Verläumdern, die ihn namentlich beſchuldigten, er habe den Belagerten Päſſe verweigert, als ſie Bevollmächtigte an den Grafen La Roche nach Utrecht hätten ſenden wollen, um mit dieſem wegen der Uebergabe zu unterhandeln; Andre gingen ſogar ſoweit, ihn geradezu der Beſtechung anzuklagen. Immerhin blieb es ſchwer zu begreifen, warum Valdez, da er die Erſchöpfung der Bela⸗ gerten kennen mochte, keinen allgemeinen Sturm wagte. Man behauptet, daß ihn eine reizende holländiſche Jungfrau im Haag, welche er liebte, durch ihre Bitten und Thränen davon abgehalten habe. Was auch an dieſer Erzählung ſei,— jedenfalls mußte Valdez die feſte Ueberzeugung haben, daß ſich Leyden ihm ergeben würde, ohne daß er einen Mann ſeines Heeres aufzuopfern brauchte, und ließ ſich, nach menſchlicher Berechnung, auch wohl ein anderer Aus⸗ gang vorherſehen? Uebrigens waren ſeine Truppen über ihn aufge⸗ bracht, weil ſie— nach langen Soldrückſtänden— nun auch die Entſchädigung eingebüßt hatten, die ſie von einer Plünderung Ley⸗ dens gehofft. Bald brach die Meuterei aus. Die Soldaten verjagten ihre Offfziere, und nahmen ſogar Valdez gefangen. Hierauf erkoren ſie ſich einen Eletto und zwangen dieſen, an Requeſens zu ſchreiben:„Er ſolle ihre Forderungen binnen zehn Tagen befriedigen; ſonſt würden ſie ſich den Sold ſelbſt 193 zu ſuchen wiſſen.“ Als nach Verlauf dieſer Friſt ihre Forde⸗ rungen noch immer unbefriedigt blieben, zogen ſie trotzig gen Haarlem und Anſterdam, fanden aber die Thore ver⸗ ſchloſſen, und hierauf vor Utrecht, wo ſie ſich durch Plünderung entſchädigen wollten. Als ſie auch hier nicht eingelaſſen wurden, verſuchten, ſie die Thore in Brand zu ſtecken und die Stadt zu erſtürmen; aber die Bürger thaten Ausfälle, wobei Viele von den Meutern und unter andern auch ihr Eletto auf dem Platze blieben. Nach dieſen Ausſchweifungen und Verluſten fandte ihnen Requeſens endlich wenigſtens einen Theil des Soldes. Sie unterwarfen ſich nun wieder und begaben ſich nach Maaſt⸗ richt, wo ſie ihre Winterquartiere bezogen. Oranien hatte inzwiſchen(während man noch allgemein glaubte, daß er ſich einzig und allein mit dem Entſatze Leydens beſchäftige,) einen Anſchlag auf Antwerpen unternommen, im Einverſtändniß mit einer Menge dortiger Bürger und Einwohner. Dieſer Anſchlag wurde zwar vereitelt, aber alle Betheiligten (mit Ausnahme eines Einzigen) entrannen glücklich der Be⸗ ſtrafung, was ſie größtentheils der Geiſtesgegenwart einer Frau, Margaretha von Kalslagen, zu verdanken hatten.*) *) Vergl. über ſie Hooft, Bor, wie auch van Lvon(bei Letzterem die Medaille). I. 13 Zweites Kapitel. Gleichwie ſich in jenem Zeitpunkte der Krieg faſt nur auf die nördlichen Provinzen zuſammengedrängt hatte, gleich⸗ wie vornämlich in Holland und Seeland der Mittelpunkt des energiſchen Widerſtandes gegen die unerträgliche Fremd⸗ herrſchaft zu ſuchen war, während die katholiſchen ſüdli⸗ chen Provinzen dem großen Schauſpiel, wenn auch keineswegs gleichgültig, doch wenigſtens ohne thätige Theilnahme zuſahen; — ſo gaben ſich damals in eben jenen nördlichen Provinzen auch bereits merkwürdige Zeichen einer raſcheren Entwickelung zur Selbſtſtändigkeit kund,— Beweiſe, daß dieſe letztere dem ureigenſten Lebenstriebe des Volksgeiſtes entſprach, daß ſie unabhängig war von den wechſelnden Einflüſſen des Kriegsglü⸗ ckes. Eines der deutlichſten Zeichen waͤr die Losringung in religiöſer Hinſicht. Es offenbarte ſich in der erſten freien Synode der reformirten Kirchen von Holland und Seeland, welche im Juli 1574, alſo bereits während der Belagerung Leydens, zu Dordrecht verſammelt war. In dieſer Synode wurde eine neue Kirchenordnung feſtgeſetzt, worin, außer anderen Punkten, die Ehe für einen bürger⸗ lichen Akt erklärt wurde. Der ſcharfe Sturmesodem des Kalvinismus durchrauſchte dieſe neue Satzung und zerriß den letzten dünnen Faden, durch welchen jene zwei nördlichen Pro⸗ vinzen noch mit dem Länderkranze der ſpaniſchen Monarchie zu⸗ ſammenhingen. Der Kalvinismus, ausgehend auf die Zerſtö⸗ rung der ſchönen Sinnlichkeit, und dagegen ſtarre Formen für überſinnliche Begriffe aufſtellend, eine zum ſtrengſten Konſerva⸗ tivismus ſich verſteinernde Oppoſition, hatte hier nicht bloß zer⸗ ſtört, ſondern auch auferbaut, nämlich eine bleibende Scheide⸗ wand zwiſchen Spanien und Holland. Hinter dieſer Scheide⸗ wand und an ſie gelehnt, konnte ſich das Gebäude der politi⸗ ſchen Selbſtſtändigkeit feſt und ſicher, ja mußte es ſich erheben; wenn man bedenkt, daß Spanien in keinem Punkte ſo durchaus unzugänglich und unverſöhnlich war, wie in dem der religiöſen Einheit. Philipp II. that der römiſchen Kirche einen Ritterdienſt im Großen, deſſen Weſen nur ein zweiter Cervantes zu ſchildern vermöchte. Der römiſche Katholicismus bedurfte keines Ritter⸗ dienſtes, keiner Abentheuer, keiner Paladine und Anachore⸗ ten mehr, ſeitdem er die Jeſuiten hatte; er bedurfte keiner Könige mehr, die ihm dienten, da er gewandte, feingebildete Männer zu ſeiner Verfügung hatte, welche die Kunſt verſtanden, die Herzen zu gewinnen und das alte päpſtliche Anſehen wieder herzuſtellen. Ermißt man dieſe neue Weltſtellung des römiſch⸗ hierarchiſchen Katholicismus, ſo kann man nicht umhin einzu⸗ geſtehen, daß die ganze ſchroffe Unantaſtbarkeit des Kalvinismus dazu gehörte, um den Erſteren in ſeinem großartigen Umſichgrei⸗ fen aufzuhalten. Es bedurfte der ſtrengabgeſchloſſenen Form, die dem Feinde keine Lücke beut, um die Idee vor den ſchmeich⸗ leriſchen Verſuchungen einer anderen Form zu bewahren, welche jedem Sinne, jedem Gefühle, jeder Ahnung einen Reiz, eine Befriedigung, einen Anhaltspunkt entgegenreichte. Nun vergleiche man, ins Beſondere eingehend, auf der anderen Seite das Weſen der reformirten Konfeſſion und das der Holländer! Streng auf ſich ſelbſt ſind dieſe Letzteren angewieſen; die Natur hat ihnen nichts gegeben, als den Boden, auf dem ſie ihre 196 8 Häuſer bauen, und das Meer, auf dem ſie die Früchte ihres Fleißes oder die Gegenſtände ihrer Spekulationen, verführen. Was ſie ſind, ſind ſie— ein großes, aber wahres Wort!— durch ſich. Der ſchöne Reiz der bloßen Sinnlichkeit hat keine Gewalt über ſie; tüchtig faſſen ſie das Sinnliche an und machen es ſich praktiſchn utzbar. Um ſo reiner, um ſo uneigennütziger muß ihre Sympathie für das Ueberſinnliche ſein. In dem Bewußtſein ihrer Kraft wurzelt ihr Freiheitsſinn, und ſo wie er über die Zinnen ihrer Häuſer, über die Schlöte ihrer Herde hinausragt, ſo muß, welche Local⸗ oder Provinzial⸗ farbe immerhin die Rinde des mächtigen Baumes trage, ſein Wipfel die Färbung einer ſtrengen Religiöſttät haben. Der Kalvinismus eignete ſich nicht bloß der holländiſchen Natio⸗ nalität, nein er ergänzte gleichſam ihre Elemente vollkom⸗ men. Und nun ziehe man die Summe und frage ſich: ob, wenn die Nation eine beſtimmte Form für den religiöſen Beſtandtheil ihres Weſens gefunden, wenn ſie dieſelbe ausge⸗ ſprochen und unumſtößlich feſtgeſetzt hatte, wenn dieſe Form den ganzen politiſchen Verband einmal zuſammenhielt, indem ſie jedem Einzelnen zur Loſung ward,— ob dann wohl noch Hoffnung zur Verſöhnung mit einem Monarchen übrig war, welcher gewiß ſeine Krone hingeopfert haben würde, wenn die Ausrottung des Proteſtantismus um keinen niedrigeren Preis zu erkaufen war! Doch faſſen wir jetzt auch die politiſchen Verhältniſſe ins Auge. Es iſt nöthig, zuvörderſt die Stellung des Generalſtatt⸗ halters Requeſens und die Oraniens zu vergleichen, weil wir ſpäter auf die des Erſteren zurückkommen werden. Requeſens experimentirt und verräth dies unſichere Umherſuchen nach einem Erfolge durch den Wechſel von Milde und Strenge. Oranien handelt nach einem beſtimmten Plane, auch wenn er nicht zu handeln ſcheint. Requeſens befindet ſich im Beſitz der Autorität, aber nicht in dem der Macht. Oranien hat wenigſtens die moraliſche und dadurch theilweiſe endlich auch die phyſiſche Macht für ſich, aber ohne die Autori⸗ ſation. Hier zeigt ſich nun bereits ein intereſſanter Fortſchritt der Staatsumwälzung, nämlich das bald leiſer, bald bemerkli⸗ cher bervortretende Streben der Nation, ihre urſprünglichen Rechte, deren ſie ſich immer klarer bewußt wird, zu übertra⸗ gen; der Schritt zu jenem Punkt hin, wo ſich eine unausfüllbare Kluft zwiſchen dem Volke und ſeinem bisherigen Beherrſcher aufreißen muß. Die allmähliche Vorbereitung zu dieſer Ent⸗ ſcheidung geſchah nicht ohne manche Reibungen und Kämpfe zwi⸗ ſchen den einzelnen Ständen u uter ſich ſelbſt, ſo wie zwi⸗ ſchen Dieſen und dem Prinzen von Oranien. Das ariſto⸗ kratiſche Prinzip der Städte ſtrebte ſowohl dem Adel als dem platten Lande gegenüber das Uebergewicht zu er⸗ ringen; nur die Weisheit und Feſtigkeit Oraniens vermochten dies aufzuhalten und jene Einheit herzuſtellen, welche in einem Augenblicke doppelt nothwendig war, da die zu erringende Selbſtſtändigkeit Hollands und Seelands, da ihre völlige Los⸗ reißung von Spanien mehr, als bisher durch Gewalt und Krieg, jetzt durch Friedensverhandlungen bedroht war. Requeſens ſah nämlich kaum ein anderes Mittel, um ſich zu halten, als dieſe letzteren, weil er ſich faſt fortwährend in großer Geldverlegenheit befand. Vergeblich hatte er von den Generalſtaaten zwei Millionen ljährlich(für die Friſt von ſechs Jahren) und einen hundertſten Pfennig gefordert; ver⸗ geblich hatte er ihn in Brabant, ohne Erlaubniß der Staa⸗ ten dieſer Provinz, zu erheben geſucht; die laute Stimme der allgemeinen Erbitterung nöthigte ihn, von dieſem Vorhaben abzulaſſen, welches zu ſehr an die verhaßten Gewaltſchritte 198 Alba's erinnerte. Auch aus Spanien kamen ihm nur ſpärliche Geldunterſtützungen. Man berechnete, daß der niederländiſche Krieg den König und die Lande ſelbſt ſchon über 20 Millionen gekoſtet habe. Das Bedürfniß eines Friedens mit Holland und Seeland, welches Requeſens ſo dringend empfand, theil⸗ ten auch die Generalſtaaten. Und ſo hatte denn Reque⸗ ſens durch Noircarmes dem damals noch zu Utrecht gefangen gehaltenen St. Aldegonde Mittheilungen darüber gemacht, welcher ſchnell den Prinzen von Oranien davon unterrichtete. Nach dem Ableben des Herrn von Noircarmes hatte Reque⸗ ſens durch deſſen Nachfolger in der Statthalterſchaft über Holland und Seeland, den Grafen de la Roche und durch Champagny die Unterhandlungen fortgeſetzt, und ſich zu die⸗ ſem Zwecke auch des Herrn von Niviére und Johann's von Treslong bedient, um die Staaten von Holland, welche während der Belagerung Leydens zu Notterdam ver⸗ ſammelt waren, zu einer friedlichen Uebereinkunft zu ſtimmen. Die Antwort der Staaten beruhte noch immer auf der alten Norm; ſie lautete:„ſie würden ſich dem König als treue Unterthanen erweiſen, wenn er das fremde Kriegsvolk entferne und wenn die Regierung unter Zuziehung der geſetzlich berufenen Generalſtaaten gehandhabt würde.“ Dagegen wurde nun der gefangene St. Ald egonde zu Ora⸗ nien geſchickt, um dieſen zu bewegen, daß beim Abſchluß der Friedensverhandlungen im Punkte der Religion das ſpani⸗ ſche Syſtem aufrecht bliebe. Eben daran ſcheiterte für den Augenblick die ganze Verhandlung, wie nicht anders zu erwar⸗ ten ſtand; aber Requeſens gab Abſicht und Hoffnung, den Frieden zu Stande zu bringen, noch keineswegs auf. Inzwiſchen griffen nun im Innern Hollands und See⸗ lands die früher erwähnten Reibungen immer weiter um ſich. 199 Je größer in der erſten Zeit des Aufſtandes die Machtvollkom⸗ menheit Oraniens geweſen war, weil die Regierungen vieler Städte, die ſich damals noch in ſpaniſcher Gewalt befan⸗ den, an der Landesregierung nicht Theil nehmen konnten, um ſo eifriger zeigte ſich nach der Befreiung in den meiſten derſelben das Streben, das Verſäumte nachzuholen, um ihre Rechte durch Nichtausübung derſelben nicht allmälig ganz zu verlieren; und, da ſie dem Prinzen bereitwillig alle„Bitten“ oder Steuern zugeſtanden, ſo machten ſie darauf Anſpruch, die Verwaltung der Finanzen zu überwachen. Mächtiger als je regte ſich das Bedürfniß, eine beſtimmte Regierungs⸗ form feſt zu ſetzen. Die Staaten von Holland verfügten 1573, daß ihre Verſammlung aus den Edlen und aus den Städten Dordrecht, Delft, Leyden, Gouda, Rot⸗ terdam, Schiedam, Gorkum, Schoonhoven, Oude⸗ water und Woerden beſtehen ſollte, und daß auch die kleineren Städte Abgeordnete dazu ſenden dürften, jedoch bloß zur Berathung, ohne entſcheidende Stimme. Die Städte des Nordquartiers(d. i. Nordhollands) bildeten eine eigene Staatenverſammlung, welche ſich mit dem im Na⸗ men Oraniens dort waltenden Statthalter, Dietrich von Sonoy, in ſo großer Spannung befand, daß Oranien den Staaten von Nordholland anzeigte, er wolle ihnen ſtatt So⸗ noy's ſeinen Schwager, den Grafen van den Berg, zum Statthalter geben; da ihnen aber dieſer wegen ſeiner ſchmäli⸗ chen Flucht aus Geldern noch verhaßter war, ſo baten ſie Ora⸗ nien, ihnen lieber Sonoy zu laſſen. Oranien hatte, wie es ſcheint, dieſen Entſchluß im Voraus erwartet und genehmigte ihn. Bedeutender als dieſe Mißhelligkeiten war das bereits erwähnte drohende Uebergreifen des ſtädtiſchen Prinzips gegenüber dem Adel und platten Lande. Der Adel brachte 200 deßhalb ſeine Klagen vor Oranien; er ſtellte dieſem vor, daß die Städte dahin trachteten, den Adel, als alten Vertreter des platten Landes, wie auch dieſes Letztere ſelbſt, um alle Freiheiten und Privilegien zu bringen. Oranien konnte jedoch gerade den wichtigen Beiſtand der Städte wäh⸗ rend der bedenklichen Zeit in keiner Weiſe entbehren, und deßhalb dem Adel bloß gute Worte und Hoffnungen geben. Vergeblich verſuchte er auch, weil das platte Land bei der Staatenver⸗ ſammlung faſt gar nicht vertreten war, wenigſtens drei Ver⸗ treter deſſelben in dieſe zu bringen. Die Städte leiſteten ihm hierin hartnäckigen Widerſtand, ſie wollten durchaus keinen Anſpruch aufgeben, um in der Landesregierung die höchſe Be⸗ deutung zu erhalten. Aber eben dieſer hartnäckige Widerſtand führte raſch zu einer wichtigen und entſcheidenden Wendung. Klug die Lage aller Verhältniſſe überblickend und feſt überzeugt, daß bei der⸗ ſelben das Gemeinwohl jetzt nur durch eine ſtrengere Ein⸗ heit in der Regierung als bisher bedingt ſei, faßte Oranien einen Entſchluß, deſſen Folgen ihm, nach ſeiner Berechnung un⸗ zweifelhaft ſchienen, und es zeigte ſich auch, daß er ſich in ſeinen Vorausſetzungen nicht getäuſcht hatte. Er ſtellte den Staaten von Holland am 20. Oktober 1574 Calſo kurz nach dem Entſatze Leydens) vor, welche Unordnung, welche Verwirrung aus der bisherigen Regierungsform entſtehen müßte. Er erwähnte ſodann, daß man ihn beim Volk im Verdacht habe, als ver⸗ wende er die bewilligten Steuern, ſtatt zum Nutzen des Landes, bloß zu ſeinem eigenen; dieſer Argwohn habe denn bereits die ſchädliche Folge fürs gemeine Beſte erzeugt, daß bei der Erfüllung beſchwerlicher Laſten immer mehr Gleichgültigkeit und Fahrläßigkeit einreiſſe; ſchon erhöben die Städte Schwierig⸗ keiten über die Aufnahme von Beſatzungen. Ueberdies würden 201 die Finanzen unordentlich verwaltet; ſo beſtreite man z. B. aus der Kriegskaſſe andere Bedürfniſſe oder bezahle Schulden daraus. Nach allem Dieſem erklärte nun Oranien, es ſchiene ſich ihm kein andres Mittel zur Löſung des verwirr⸗ ten und in ſeinen nächſten Folgen verderblichen Zuſtandes dar⸗ zubieten, als wenn er ſich von der Regierung ganz zurückzöge und dieſe ausſchließlich den Staaten überließe; deßhalb ermahne er denn die Letzteren zur Ein⸗ tracht, von welcher allein das Heil des Landes zu erwarten ſei.“ Dieſer mit Ruhe und Nachdruck ausgeſprochene Entſchluß Oraniens, von ſeiner Stellung abzutreten, verſetzte die Staaten in große Beſtürzung. Sie konnten Oraniens Scharfblick, Staatskunſt, Erfahrungen und Verbindungen, ſo wie ſeine un⸗ ermüdliche Thätigkeit durchaus nicht entbehren; ſein Zurücktre⸗ ten von den Geſchäften mußte der gemeinſamen Sache einen ſchwereren Verluſt zufügen, als irgend ein glänzender Sieg der ſpaniſchen Waffen. Die Staaten erkannten ferner in ſeinem Entſchluße, ſo wie in den Gründen, auf welche er denſelben ſtützte, neue Beweiſe ſeiner Aufrichtigkeit und Uneigennützigkeit, und erwiederten ihm, in einer Verſammlung zu Delft am 1 2. November 1574,„So lange die Irrung mit dem Könige und die Willkühr der Spanier in den Niederlanden währe, ſei es, ſowohl zur Erhaltung der Ordnung und Wohl⸗ fahrt, als auch der Privilegien und Freiheit, ſo wie der Religion hochnöthig, ein Oberhaupt zu haben, und als ſolches bäten ſie denn den Prinzen von Oranien in ſeiner bisherigen Stellung als Regent in Vereinigung mit dem„neben ihm beſtehenden Ratha zu verharren und zwar unter dem Namen eines„Gou⸗ verneurs“ oder„Regenten.“ Zu dieſem Ende übertrugen ſie ihm die„abſolute Macht, Autoritätund Souveraine⸗ tät zur Leitung aller Landesangelegenheiten ohne 202 Ausnahmen. Dieſe höchſte Macht umfaßte insbeſondere den un⸗ beſchränkten Oberbefehl im Kriege, ſowohl zu Land als zur See; alle Kriegsſchiffe, welche bisher unter den einzelnen Städten geſtanden, ſollten nun zu ſeinen Händen geſtellt werden; nur durfte er dieſelben nicht ohne Bewilligung der Staaten außer⸗ halb des Landes führen. Er erhielt die Verwaltung der„Ur⸗ laubsgelder, der Priſen, überhaupt aller Einkünfte, welche zur Unterhaltung der Seemacht beſtimmt waren; ebenſo unbegränzte Macht über die Domainen; alle ſtädtiſchen Re⸗ gierungen und Gemeinden ſollten gehalten ſein, die angeordneten Laſten und Beſatzungen zu übernehmen, ſobald Oranien und der Rath dies für nöthig erklärten. Nur bei neuen Beſteuerun⸗ gen und bei Veränderung der Regierungsformen ſollte er nichts ohne Berufung und Genehmigung der Edlen und Städte, welche die Staaten von Holland repräſentiren, beſchließen dürfen. Eben ſo behielten ſich die Staaten die Anſtellung der Oberoffiziere, der Mitglieder des Hofes von Holland und der Rechnungskammer vor. In Zeiten der Noth ſollte Oranien auf den Credit der Staaten bis zur Summe von 15000 Gulden aufnehmen dürfen, wovon Holland zwei Drittel und Seeland ein Drittel übernahm. Uebrigens ſetzten ſie ihm ein feſtes jährliches Einkommen aus und eine monatliche Summe zum Behufe der Landesvertheidigung. Auch verſtärkten ſie ſeine Leib⸗ wache, welche auf Koſten des Landes erhalten wurde. Das gegen⸗ ſeitige Rechtsverhältniß ſollte dadurch vollkommen verbindlich abgeſchloſſen werden, daß die Magiſtrate, Gilden, Schutteryen und Gemeinden dem Prinzen als„Gouverneur“ oder„Regenten“ den Eid der Treue ſchwüren und dieſer dagegen feierlich gelobe, ihre Privilegien und die chriſtliche Creformirte) Religion getreu zu bewahren. So hatten denn die Staaten von Holland einen folgenreichen Akt ausgeübt. Sie hatten als Vertreter 203 des Volkes dem Prinzen von Oranien die Souverainetät übertragen.— Jedenfalls war dieſer neue Rechtstitel für ſeine höchſte Macht ein bei Weitem ſicherer, als derjenige, auf welchen er ſich früher ſtützte und der noch immer nicht direkt aufgehoben war, nämlich die weiland königliche Beſtallung, an deren rechtliches Fortgelten man ſich bis dahin gehalten hatte. Wie jene Dordrechter Synode in religiös⸗kirchlicher Be⸗ ziehung, ſo ſtellte dieſe Souverainetätsübertragung in politiſcher, einer Wiedervereinigung Hollands mit Spanien unüberwindliche Hinderniſſe entgegen. Oranien, vorſichtig wie immer, beſchloß, ſich gleich von Anfang ſicher zu ſtellen. Eigennutz und Herrſchſucht waren da⸗ bei nicht im Spiele; Oraniens ganzes ferneres Leben beweiſt das Gegentheil, beweiſt, daß er die Ehre, der erſte beamtete Bürger einer freien Nation zu ſein, höher anſchlug als den Schimmer einer Krone. Indeſſen: ſein Scharfblick überzeugte ihn, daß er gleich jetzt die nöthige Einheitlichkeit der Regierung von allen Eingriffen der mannigfachen, ſich untereinander widerſtre⸗ benden Elemente unabhängig erhalten müſſe. Schon auf jenen Antrag der Souverainetät entgegnete er den Staaten:„die zum Behuf der Landesvertheidigung ausgeſetzte monatliche Summe ſei unzureichend,“ und verlangte monatlich 45000 Gulden zur Beſoldung des Kriegsvolks und dergleichen, für die Friſt eines halben Jahres. Als ſich die Staaten dazu nicht verſtehen wollten, erklärte Oranien mit Beſtimmtheit, lieber ehrenvoll das Land verlaſſen, als deſſen Regierung unter Bedingungen antreten zu wollen, welche jede nothwendige Maßregel ſchon im Voraus lähmen würden;— und die Staaten, welche ſeine Thätigkeit um keinen Preis miſſen konnten, fügten ſich bald ſeiner Einſicht und ſeiner Forderung. Hierauf begab ſich Oranien zu Anfang Dezembers nach 204 Seeland, um die neue Organiſation raſch zu einer höheren Entwickelungsſtufe zu fördern. Die Einigung Hollands ſollte ſich auch auf Seeland erſtrecken; beide Provinzen ſollten durch ein unauflösliches Bündniß zuſam⸗ mengehalten werden. Dies Werk koſtete allerdings große Mühe; man wird dies begreifen, wenn man bedenkt, wie ſich die Provinzial⸗ und Lokalintereſſen kreuzten. Aber der Erfolg, den Oranien von der innigen Vereinigung beider Provinzen vorausſah, war der Mühe wohl werth und ein Mann wie er, ließ ſich durch Schwierigkeiten nicht ſo leicht abſchrecken, eine, einmal als probehältig erfaßte Idee durchzuſetzen. So brachte er es wirklich im April des folgenden Jahres 1575 dahin, daß eine Vereinigung Hollands und Seelands,„unter dem Gehorſam des Prinzen von Oranien“ entworfen ward. Nachdem er dieſe wichtige Einleitung getroffen hatte, wurde die neue Regierungsform in folgender Weiſe feſtgeſetzt. Ora⸗ nien erhielt die ſouveraine Gewalt in beiden Provinzen zur Beſchützung und Erhaltung des Landes und zwar für die Dauer des Krieges. Außer den bereits früher erwähnten Ausflüſſen der höchſten Macht wurden ihm auch andre Rechte der Grafen von Holland verliehen,— zuvörderſt das Be⸗ gnadigungsrecht, ſodann das Recht, in außerordentlichen Fällen Magiſtratsperſonen anzuſtellen oder abzu⸗ ſetzen, jedoch ohne Beeinträchtigung der ſtädtiſchen Privilegien, wie er überhaupt geloben mußte, alle beſonderen Privilegien, Freiheiten und löblichen Herkommen aufrecht zu erhalten. Eben ſo mußte er jetzt beſtimmt verſprechen, den evangeliſch⸗re⸗ formirten Gottesdienſt zu beſchützen und den römiſch⸗katho⸗ liſchen abzuſchaffen, jedoch es nicht zu dulden, daß Glaubens⸗ unterſuchungen ſtatt fänden. Ungern brachte Oranien ſeine eigenen toleranteren Geſinnungen der gebieteriſchen Forderung der Nationalgeſinnung in Holland und Seeland zum Opfer; doch änderte er wenigſtens den Ausdruck; ſtatt„römiſcher“ Religion ſetzte er nämlich„die mit dem Evangelium ſtreitende.“ Den„Rath“ durfte er aus Männern ſeiner eignen Wahl zu⸗ ſammenſetzen, doch mußten es Niederländer, und zwar meiſtens Holländer oder Seeländer ſein. Die Staaten, ſtädtiſchen Magiſtrate ſo wie die„Schutteryen“(bewaffneten Bürgerſchaften) und Gemeinden hatten ihm den Eid der Treue und des Gehorſams zu leiſten. Am 4. Juni wurde jene vor⸗ läufige Union Hollands und Seelands zu Dord⸗ recht abgeſchloſſen; am 11. Juli trat Oranien die Regierung nach jenem Grundgeſetze an. Dieſes enthielt übrigens noch eine Beſtimmung, welche trotz des Einſpruches der Stadt Leyden durch Stimmenmehrheit beſchloſſen wurde aber dem Prinzen mißfiel, nämlich die Errichtung eines„Landrathes“(ſo viel wie Staatsrath), als einer Mittelmacht zwiſchen dem Prin⸗ zen und den Staaten. Die Letzteren beabſichtigten dadurch, auch dann, wenn ſie nicht verſammelt ſeien, Einſicht in die Regierungsangelegenheiten zu behalten; bei der Staatenver⸗ ſammlung aber ſollten die Mitglieder dieſes Landraths als Deputirte der Städte oder Kollegien, woraus ſie jedesmal er⸗ wählt waren, Zutritt haben. Drei Mitglieder des Landrathes ſollten dieſe letztgenannten Angelegenheiten überhaupt, ſechs die Finanzen, drei das Seeweſen, drei das Feſtungsweſen nebſt dem Kriegsbedarf, und drei den Proviant in ihrem Reſſort haben. Eine ſolche Einmiſchung konnte, wie es ſcheint, nach Oraniens Anſicht die nöthige Einheit abermals nicht fördern, ſondern nur ſeine Autorität ſchwächen und ſeinen Plänen im Wege ſtehen; obwohl mehre treffliche holländiſche Gelehrte keineswegs der Meinung ſind, daß Oraniens Macht durch den Landrath be⸗ ſchränkt, vielmehr daß ihm ſeine Pflicht durch denſelben erleichtert 206 werden ſollte. Jedenfalls ſteht die Thatſache feſt, daß der Land⸗ rath dem Prinzen mißfiel und, ungeachtet vieler Gegenvorſtel⸗ lungen der Staaten, in kurzer Zeit wieder einging. Ueberblicken wir dieſe ſämmtlichen Verhandlungen, ſo ſehen wir, daß Holland und Seeland einen bedeutenden Schritt näher zur Erreichung ihrer Unabhängigkeit gemacht hatten; wir ſehen, wie ſich das Bewußtwerden der Autonomie immer entſchiedener den Ban⸗ den der Gewohnheit entwindet, wie der Trieb nach feſter Neugeſtaltung ſich aus der Negation losringt. Inzwiſchen hatte Requeſens die im Sommer 1574 abge⸗ brochenen Friedensverhandlungen mit Holland und Seeland im Dezember deſſelben Jahres wieder angeknüpft und zu dieſem Zwecke den gelehrten und würdigen Elbert Leoninus(ſein eigentlicher Name war Albert de Leeu w), Lehrer der Rechtswiſſenſchaften an der Univerſität zu Löwen, einen Mann, welchen Freunde wie Feinde gleich hoch achteten, ſo wie Meiſter Hugo Bont, früheren Rathspenſtonär von Middelburg, nach Delft geſchickt. Eine eigenthümliche Lage;— während Holland eben eifrig ſeine Selbſtſtändigkeit feſtzuſtellen im Begriffe war, ſollte es mit ſeinem bisherigen Beherrſcher wieder unterhandeln! Jene beiden Geſandten gaben bei ihrer Ankunft in Delft zu erkennen, daß die Vermittlung des deutſchen Kaiſers Maximilian II. und andrer Mächte den König zu einer Friedensverhandlung mit Holland und Seeland, ſo wie mit Oranien bewogen habe. Augenblicklich wurde der Letztere, welcher ſich damals in Seeland befand, davon benach⸗ richtigt und berief die Staaten Hollands, Seelands und Weſtfrieslands zur Verſammlung nach Dordrecht. Dort erſchienen, als Vermittler von Seiten des deutſchen Reiches, die Grafen Günther von Schwarzburg und Wolf von Hohenlohe, beide Schwäger Oraniens. Vorſichtig 4 207 warnte Dieſer die Staaten,„wie leicht ein Friede, ſo wünſchens⸗ werth er im Allgemeinen auch immerhin ſein möge, doch größere Gefahren bringen könne, als ſelbſt ein Krieg;— daß man einen Frieden, der mit der Ehre Gottes und mit des Landes Freiheit im Widerſpruch ſtünde und überdies unſicher, vielleicht trü⸗ geriſch ſein möchte, nicht ſo haſtig ſuchen dürfe;“ endlich mahnte er:„auch während der Friedensverhandlungen die Mittel zur Fort⸗ ſetzung des Krieges nicht aus den Augen zu verlieren!“ Er beſorgte, daß Requeſens bei der ganzen Verhandlung eigent⸗ lich nichts weiter bezwecke als— Zeit zu gewinnen und die Staaten ſicher zu machen. Da jedoch unter den Staaten Manche zum Frieden geneigt waren, und da ſich überhaupt kein genügender Vorwand fand, um weitere Verhandlungen geradezu abzulehnen, ſo war der umſichtige Oranien bedacht, auf einem anderen Wege um ſo ſichrer allem Verderben entgegenzuarbeiten. Er brachte es nämlich dahin, daß die Staaten den Beſchluß faßten, ſich in vier entſcheidende Stimmen zu ver⸗ theilen, eine für die Edlen und größeren Städte Hollands, die zweite für die Staaten von Seeland, die dritte für die kleineren Städte Hollands, die vierte für die Städte Bommel und Büren, welche gleichfalls bei der Staatenverſammlung ver⸗ treten waren, und von denen die erſtere ſeit dem Jahre 1572 die oraniſche Parthei hielt, während der Prinz über die letztere (Büren) für ſeinen in Spanien gefangen gehaltenen Sohn gräfliche Rechte und Gewalt übte. Eine Stimme ſtand ihm ſelbſt zu. Zweier Stimmen war er alſo gewiß, und ebenſo konnte er auf die der ſogenannten kleineren Städte Hollands rechnen, weil dieſe ſeit 1573 durch ſeine Veranlaſſung zur Staatenverſammlung Zutritt hatten. Dadurch erreichte nun Oranien, was er bezweckte, nämlich, daß die Bevoll⸗ mächtigten, welche von der Mehrheit der Staaten zur 208 Friedensverhandlung abgeſchickt wurden, ſeine Anſichten theilten; St. Aldegonde, Karl von Boiſot, Jakob van der Does, Paul Buis(Advokat von Holland) waren die be⸗ deutendſten unter ihnen. Am 3. März 1575 wurden die Friedensverhandlungen in der noch in ſpaniſchem Beſitz befindlichen ſüdholländiſchen Stadt Breda eröffnet; Oranien und die Staaten blieben indeſſen in dem nahen(freien) Gertruidenberg. Die Hauptpunkte, um welche ſich im Anfange alle Verhandlungen bewegten, waren abermals folgende zwei, welche die Staaten aufſtellten;„die Entfernung des fremden Kriegs⸗ volkes“(d. i. der Spanier, wie die Staaten auf beſondere Frage ausdrücklich erklärten) und ſodann:„die Zuſammen⸗ berufung der Generalſtaaten, in der Weiſe wie im Jahre 1555, zur freien Berathung über des Landes Bedürfniſſe und Regierung. Im Laufe der Verhandlungen kam noch ein andrer wichtiger Punkt, nämlich die Feſtſetzung des herrſchen⸗ den Kultus zur Sprache. In Bezug auf die erſterwähnte Forderung wurde von ſpaniſcher Seite das zweideutige Zuge⸗ ſtändniß gemacht, daß die königlichen Truppen„nicht länger, als es nöthig ſei, im Lande bleiben würden.“ In Bezug auf die zweite Forderung enthüllte ſich der Stolz des ſpaniſchen Alleinherrſchers noch deutlicher, welcher den Frieden beabſichtigte, ohne dabei ſeinem Anſehen das Geringſte nachgeben zu wollen; die ſpaniſchen Bevollmächtigten erklärten nämlich, „der König ſei nicht ab geneigt, die Generalſtaaten zu Rathe zu ziehen, aber erſt dann, wenn— der Auf⸗ ſtand geſtillt ſeiz übrigens ſtehe ihm allein das Recht der Entſcheidung zu.“ Was endlich den Punkt der Religion betraf, ſo ſtreifte hier mit einem Male die Konſequenz Philipps II. jede Hülle ab. Die Herſtellung des Katholicismus, 209 die Zurückgabe der geiſtlichen Güter waren die erſten unabweislichen Bedingungen Spaniens. Was blieb den Pro⸗ teſtanten? Die kahle Gnade, Auswandern zu dürfen, verbrämt mit dem ſchimmernden Zuſatz:„daß ihnen bis dahin Zeit ver⸗ gönnt werde, um ihre Güter verkaufen zu können.“ Bis auf einige wenige, ganz außerweſentliche Modifikationen ſtand dem⸗ nach die Anſicht Philipps noch ganz ſo gewappnet da wie je, wenn er auch vielleicht, von ſeinem Standpunkt aus, große Zugeſtändniſſe bewilligt zu haben glaubte; die Hauptſache blieb immer die Religion; in dieſem Punkte verſtand ſich Philipp II. auch nicht zu der geringſten Uebereinkunft, und zwar kaum ohne richtigen Grund; denn die Losbröckelung des kleinſten Steins mußte den Sturz des ganzen ſtolzen Gebäudes zur langſamen, aber unaus⸗ bleiblichen Folge haben. Eben dieſer Konſequenz gegenüber ergibt ſich aber auch zugleich, wie wichtig von Seiten der Staaten das unnachgiebige Feſthalten am Kalvinismus war, welches ſich dem Katholicismus gegenüber allerdings gleichfalls als Intoleranz darſtellte. Das geringſte Zugeſtändniß, welches die Proteſtanten der Gegenparthei in religiöſer Beziehung da⸗ mals machten, konnte ihnen zum ſicheren Verderben werden; es war ein Kampf, in welchem ſie der geſchloſſenen Schlachtord⸗ nung der Gegner eine gleiche entgegenſtellen mußten. An dieſer Klippe der Religion ſcheiterte demnach die Politik Spaniens, ſcheiterte— zum Glück für Holland— die Friedensneigung einiger Staatenmitglieder, welche, wie Oranien ſehr richtig vorausſah, zur Unterwerfung hätte führen müſſen und mithin zum Verluſt der Nationalität. Somit war denn das eigentliche Verſöhnungswerk bereits ohne Erfolg zu Ende gekommen, und man trachtete nun dahin, wenigſtens einen Waffenſtillſtand auszumachen. Aber auch hier erhoben ſich Schwierigkeiten, welche die Aufrichtigkeit von I. 14 210 ſpaniſcher Seite ſehr verdächtigen mußten. Die Staaten verlangten einen Waffenſtillſtand auf ſechs Jahre, und wirk⸗ lich konnte auch nur eine ſo lange Friſt hinreichen, um während derſelben gründliche Vorbereitungen zu einer dauernden Ver⸗ ſöhnung treffen zu können. Requeſens hingegen beſtand darauf, daß der Stillſtand nur zwei Jahre dauern ſollte, und jeder klar denkende Kopf konnte daraus abnehmen, daß es dem Spanier dabei nur darum zu thun ſein mochte, ſich während dieſer Zeit für neue kriegeriſche Unternehmungen zu erholen. Uebrigens ſchimmerte bei dem allen noch immer ein Strahl von Hoffnung der Verſöhnung. Der redliche Elbert Leoninus that nämlich den Vorſchlag, folgenden Mittelweg(zugleich mit Berückſichtigung des religiöſen Streitpunktes) einzuſchlagen, welcher beiden Partheien gleich gerecht und genehm ſein konnte: „Gewiſſensfreiheit ſollte ſowohl für Katholiken als für Proteſtanten beſtehen; dagegen ſollten nur die Katho⸗ liken ihren Kultus öffentlich ausüben dürfen; dies Ver⸗ hältniß ſollte jedoch bloß ein proviſoriſches ſein. Deßhalb ſollte man einen mehr als zweijährigen Wafeenſtillſtand ſchließen, etwa auf 4— 5 Jahre, und während dieſer Zeit die Generalſtaaten zuſammenberufen, deren Ent⸗ ſcheidung auch über die Angelegenheiten der Reli⸗ gion einen glücklichen Ausſchlag geben würde.“ Dieſer Vorſchlag ſchien den Staaten und ſogar dem ſtets wachſambeſorgten Prinzen von Oranien ſo billig, daß beide demſelben ihre Zuſtimmung nicht verſagen konnten; ja ſelbſt im Rathe des Requeſens entſchieden ſich der Herzog von Aerſchot, der Graf von Barlaimont und der Herr von Aſſonville dafür; Requeſens aber erklärte ſich mit Raſſinghem und dem Spanier Rueda dagegen, und da. ſeine Stimme in die Wagſchale ſiel, ſo wurde jener Vorſchlag des Leoninus 211 gleichfalls verworfen. Da veröffentlichten die Staaten eine vom 13. Juli datirte Schrift, worin ſie ihr Benehmen während der Verhandlungen rechtfertigten und die verborgenen Abſichten Spaniens aufdeckten; hierauf entſernten ſie ſich und das ganze Friedensgeſchäft war nun in der Mitte des Juli, nach mehr als viermonatlichen fruchtloſen Bemühungen, abgebrochen. Inzwiſchen hatten zugleich die ganze Zeit über auch die Kriegsoperationen fortgedauert. Die Truppen der freien Provinzen hatten bereits im April 1575 einen Anſchlag unter⸗ nommen, um Haarlem den Spaniern wieder zu entreiſſen, zu welchem Ende Sonoy mit den Nordholländern das Barn⸗ degat, eine Bucht des Y, in ſeine Gewalt brachte; er mußte es aber bald wieder verlaſſen und das ganze Unternehmen miß⸗ glückte. Um ſo günſtigere Erfolge gelangen dagegen den Spa⸗ niern. Der kühne Herr von Hierges,(einer von Barlaimonts Söhnen) zog mit Kriegsvolk nach Nordholland und Weſtfries⸗ land, ließ ſeine Soldaten dort ſengen und brennen, plündern und morden und wandte ſich dann nach Geldern hin. Während ſeine Truppen ſo ſchrecklich in Nordholland hausten, ver⸗ breitete ſich dort das Gerücht, daß er einige Landſtreicher zur Brandſtiftung in mehren dortigen Ortſchaften gedungen habe. Schnell wurde auf alles verdächtige Volk gefahndet, und bald brachte man mehr als zwanzig Vagabunden in Haft. Der wilde Sonoy ordnete, als oraniſcher Statthalter in Nord⸗ holland, eine ſtrenge Unterſuchung an und beſtellte dazu ein eigenes Gericht, welches durch ſeine Grauſamkeit an Alba's be⸗ rüchtigten Blutrath erinnerte und bald auch mit Recht den gleichen Namen erhielt. Dies Gericht ließ die Verdächtigen auf die Folter ſpannen, und zwang ihnen dadurch die Namen mehrer katholiſcher Landleute ab, welche Sonoy im Verdacht hatte, als ob ſie die Urheber der Mordbrennerei geweſen 242 ſeien. Auf dies Bekenntniß hin ließ nun Sonoy die bezeichneten Katholiken gefänglich einziehen, und wiewohl die Angeber noch vor ihrer⸗Hinrichtung, die abgefolterte Anklage widerrufend, die Unſchuld jener Kathyoliken betheuerten, wiewohl dieſe ſelbſt ſich rechtfertigten, ſo wurden ſie dennoch, da Sonoy ihr Verderben einmal beſchloſſen hatte, aufs grauſamſte gefoltert. Einer ſtarb unter den Qualen; die übrigen wurden nach vorhergegangenen barbariſchen Mißhandlungen hingerichtet. Doch Sonoy's inquiſi⸗ toriſcher Argwohn war dadurch noch keineswegs zufriedengeſtellt; eine neue Verhaftung drängte die andre. So ſteigerte er die ohne⸗ hin ungünſtige Stimmung der Nordholländer gegen ihn, bis endlich die Stadt Hoorn, der unerträglichen Willkür Sonoy's müde, ſich an Oranien wendete. Dieſer legte ſich nun ins Mittel; gleichwohl blieben die Gefangenen noch lange in Haft; erſt nach einem Jahre erhielten ſie ihre Freiheit wieder, aber eben ſowenig irgend eine Genugthuung als Sonoy Strafe. Selbſt ein Oranien hatte keine Waffe, um die Hydra des Fanatismus zu vernichten. Der Herr von Hierges war mittlerweile vor die Stadt Büren in Geldern gerückt und hatte ſie ſo heftig beſchoſſen, daß ſie ſich ihm bald ergab, während der tapfre Mondragon die drei Polder von Klundert, Fynaard und Ruigenhil, landeinwärts vom Hollands⸗Diep, überfiel, ſich dort verſchanzte und dadurch die Fahrt nach Seeland ſperrte. Hierges ver⸗ ſtärkte hierauf ſeine Truppen, bedrohte Bo mmel, Workum und Schoonhoven und eilte plötzlich vor Oudewater, während man in Holland wähnte, daß er einen Anſchlag auf das benachbarte Gouda beabſichtige. Oranien hatte den Be⸗ wohnern Oudewaters gerathen, bei Zeiten die Schleußen zu öffnen und das Gebiet zu überſchwemmen; aber, aus Furcht, die Heuärnte zu verlieren, hatten Jene den guten Rath nicht be⸗ 2¹3³ folgt. Jetzt mußten ſie dieſe kleinliche Rückſicht ſchwer büßen. Hierges erſtürmte die Stadt und nun begannen die Sieger ein entſetzliches Blutbad unter den Beſiegten anzurichten; Frauen und Mädchen wurden öffentlich verkauft, je für 3—4 Thaler; ein Brand vollendete das Unglück. Raſch bemächtigte ſich Hier⸗ ges hierauf auch Schoonhovens, dann nahm er die Schan⸗ zen ein, welche Leek, Iſſel und Merwe deckten, und ſo war er Meiſter dieſer Ströme. Während dieſer Kriegsbegebenheiten feierte Oranien am 12. Juni 1575 im Briel ſeine dritte Hochzeit. Sieine erſte Gemahlin Anna, die einzige Tochter des Grafen von Büren, welche ihm den in Spanien gefangen gehaltenen Sohn Philipp Wilhelm und eine Tochter geboren hatte, war acht Jahre nach ſeiner Vermählung mit ihr geſtorben. Seine zweite Gemah⸗ lin war Anna, die Tochter des großen proteſtantiſchen Glaubens⸗ helden, jenes Kurfürſten Moritz von Sachfen, welcher Karl dem Fünften den Paſſauer Vertrag abgedrungen hatte. Sie ſchenkte Oranien einen Sohn Moritz, welcher ſpäter dem Na⸗ men ſeines Großvaters(mütterlicher Seite) ebenſo viel Ehre machte als dem Andenken ſeines Vaters. Dieſe Anna von Sachſen lebte noch, als ſich Oranien zu einer dritten Vermählung entſchloß. Nur allzu lebhaften Temperamenis beſaß Anna die Seelengröße nicht, um die erhabene Idee zu erfaſſen, welcher ihr Gatte Oranien Alles zum Opfer brachte, und ſich in jene Entbehrungen zu ſchicken, welche ſie an ſeiner Seite ſtatt eines glänzenden Wohllebens erwarteten. Die Verbin⸗ dung beider Gatten war demnach ebenſowenig glücklich als von langer Dauer. Die öftere Trennung Oraniens von ſeiner Gemahlin vollendete ihre Entfremdung von dieſem. Die gereizte, oft ſogar mit Mangel kämpfende Fürſtentochter wanderte oft wie eine Flüchtige von einem Orte zum andern, und hatte außer⸗ 214 dem noch die ſchwere Laſt eines zweideutigen Rufes zu ertragen. Dieſer Laſt erlag ſie völlig und, ſo wie Oranien es ſeiner Ehre ſchuldig zu ſein glaubte, jede Gemeinſchaft mit ſeiner Gat⸗ tin zu vermeiden, ſank die Unglückliche von Stufe zu Stufe tiefer. Gleichwohl war Annas Schuld, nämlich die Verletzung der ehelichen Pflicht, damals durchaus nicht eigentlich erwie⸗ ſen, und eben ſo wenig iſt es bis jetzt ermittelt worden, ob Oranien von ihr wirklich geſchieden war,*) als er ſich zum dritten Male vermählte. Dieſer Umſtand, noch mehr aber die Perſönlichkeit ſeiner dritten Gattin, Charlotte von Bour⸗ bon,(einer Tochter des Herzogs von Montpenſeer, welche frü⸗ her(wiewohl gegen ihren Willen) Nonne und Abtiſſin von Jouarre geweſen, aber 1572 nach Deutſchland geflüchtet war und zu Heidelberg den reformirten Glauben angenommen hatte), gaben allen Feinden Oraniens, insbeſondere den Spa⸗ niern, Waffen in die Hand, um deſſen moraliſchen Ruf zu ver⸗ Sachſen(Annens Oheim) über ihn ergrimmt, und ſelbſt Char⸗ lottens Vater, gegen deſſen Willen die Vermählung geſchehen war, zürnte dem Prinzen noch bis ins Jahr 1580. Die Prin⸗ zeſſin wurde gleichwohl in Holland, Namens der Staaten, mit hohen Ehren empfangen und reichlich beſchenkt. Oranien aber horchte durch all den lauten Hochzeitsjubel wachſam auf die Anzeichen der Gefahr, welche dem Vaterlande drohte. Requeſens hatte nämlich einen neuen, auf richtigen Vorausſetzungen beruhenden Kriegsplan zur Bezwingung der abgefallenen Provinzen entworfen. Er wollte nicht bloß die *) Der„Ehe Wilhelms von Oranten mit Anna von Sachſen“ hat Prof Dr. K. W. Böttiger in Erlangen eine, zum Theil aus ungedruck⸗ ten Quellen geſchöpfte, ſehr intereſſante Darſtellung(in Raumers hiſtor. Taſchenbuch 1338) gewigmet, worauf wir verweiſen. dächtigen. Heftig war auch der Kurfürſt Auguſt von 215 Flamme der Revolution in Holland erſticken, ſondern ſich des Herdes ſelbſt bemeiſtern, auf welchem ſie entbrannt war. Die⸗ ſer Herd war Seeland. Gelang es den Spaniern, See⸗ land wieder in ihre Gewalt zu bringen, ſo ſchien es unmög⸗ lich, daß Holland den Krieg noch länger mit Kraft fort⸗ führen könne; denn Seeland bot den Schiffen der Freiheits⸗ kämpfer ſichere Häfen, den Kämpfern ſelbſt eine Zuflucht, der ganzen Sache den unverſiegbaren Haß ſeiner Bevölkerung als immer friſchen Antrieb. Wie Oranien ohne Raſt eine un⸗ auflösbare definitive Verbindung Hollands und See⸗ lands zu erwirken ſtrebte, ſo ſuchte Req ueſens im Gegentheil, beide Provinzen zu trennen. Deßhalb berief er auch den Herrn von Hierges mit einer Abtheilung ſeiner Truppen zu ſich nach Brabant, wo er ſein Unternehmen gegen See⸗ land vorbereitete. Oranien vermuthete nicht ſo bald den Zweck der Rüſtungen, welche Requeſens eifrig betrieb, als er ſich ſchnell nach Seeland begab, um bei Zeiten Gegenan⸗ ſtalten zu treffen, die Beſatzungen der dortigen feſten Plätze zu verſtärken und eine Anzahl von Schiffen in Bereitſchaft zu ſtellen, welche für den Fall eines feindlichen Ueberfalles jene vielen Meeresarme, von denen die ſeeländiſchen Inſeln umſchloſſen werden, unſicher machen ſollten. Großartig kühn war der Kriegsplan, welchen Requeſens verfolgte; einige flüchtige und zu ihm übergetretene Seeländer hatten ihm vie Anregung dazu gegeben und ihn mit der Be⸗ ſchaffenheit der Gewäſſer vertrauter gemacht.„Vom Lande Tholen,“(ſo ſagten ſie ihm)„kann man gar leicht nach Philippsland überſchiffen, das ſeit dem Jahre 1522, als die große Fluth die Deiche zertrümmerte, ganz ſumpfig und wüſt iſt. Von dort ſtreckt ſich eine Sandbank, die bei niedrem Waſſer trocken liegt, nach Duiveland hin; durch die Zype 216 kann man darüber; und zwiſchen Duiveland und der Inſel Schouwen iſt bloß ein Kanal, den man leicht durchwaten kann.“ Mit Vergnügen erſah Requeſens aus dieſer Darlegung die Möglichkeit, ſich der Inſel Schouwen zu bemächtigen, welche zwiſchen der Inſel Walcheren und Holland in der Nitte liegt. Gelang es nun den Spaniern, ſich Schouwens zu bemächtigen, ſo war für Holland die Ver⸗ bindung mit Seeland abgeſchnitten. Requeſens beſchloß nun, daß ein auserleſener Kern ſeiner Heeresmacht, mit den Waffen im Arm, auf dem bezeichneten Ufer durch die Kanäle des Meeres ſchreiten und Zierikzee, die befeſtigte Hauptſtadt der Inſel Schouwen, angreifen ſollte. Dreißig Galeeren und andere kleinere Fahrzeuge wurden zu Antwerpen ausgerüſtet; dreitau⸗ ſend Mann zu Fuß, vierhundert Reiter und zweihundert Schanz⸗ gräber nach dem Lande Tholen gebracht; einige mußten ſich zu Schiffe nach Philippsland voraus begeben, um die Tie⸗ fen zu meſſen. Hierauf ſchaarten ſich die kühnſten Soldaten aus den Truppen zuſammen, welche ſich anboten, das Durch⸗ ſchreiten der Gewäſſer zu unternehmen. Es waren ihrer 1500, nebſt den 200 Schanzgräbern; jeder erhielt ein Paar Schuhe und ein Säckchen mit Pulver und Mundvorrath für drei Tage: „Gedenkt!“ rief Requeſens den Kühnen beim Abſchied zu, „gedenkt der Ehre Gottes, des Königs und des Ruhms!“ Die andren Truppen, welche unter Mondra gons Befehlen ſtan⸗ den, wurden eingeſchifft; Sanzio d'Avila war Admiral, Requeſens ermahnte ihn zur Vorſicht gegen die feindliche Flotte. Es war am Abend des Michaelstages; der Mond, der im letz⸗ ten Viertel ſtand, ging zwiſchen elf und zwölf Uhr auf, und ſchien die ganze Nacht; der Waſſerſtand mußte, der Berechnung zu Folge, zwiſchen 4 und 5 Uhr Morgens am niedrigſten ſein. Um Nitternacht treten die verwegenen Kriegsmänner ihren gefährlichen Gang an; Wetterleuchten am Himmel über ihnen,- Flammen der Ruhmbegierde in jeder Bruſt! Wie das Reich des Todes breiten ſich die Waſſer vor ihnen aus; das Rauſchen durch die Nacht iſt die Stimme des Grabes. Aber dieſe Sol⸗ daten verachten den Tod; und, verſchlingt ſie das Grab, ſo überlebt ſie der Ruhm. Johann Oſorio d'Ulloa führt den Vortrab, welcher aus Spaniern beſteht; Mondragon folgt ihm mit den Deutſchen, Wallonen und Schanzgräbern; Ga⸗ briel Peralta führt die Nachhut. Je zu zwei wandern die Kühnen durch die Fluthen dahin, ihre Waffen hoch über den Waſſern empor haltend; tief ergriffen blickt ihnen Requeſens vom Ufer aus nach. Zu beiden Seiten der Sandbank erwartet ſie bereits die Flotte der Seeländer, welche durch das Meſſen der Tiefen bei Zeiten aufmerkſam geworden war, 40 Segel⸗ ſchiffe und 200 Ruderboote ſtark; einige davon liefen abſicht⸗ lich auf den Grund, um den durchſchreitenden Feinden näher zu kommen. Wie der Jäger auf das Wild harrt, ſo zählen die Seeländer ungeduldig Sekunde nach Sekunde, bis die Feinde nahen. Jetzt rauſchen die Wellen ſtärker. Die Feinde ſinds! Im Wetterleuchten glänzen die Spitzen ihrer Lanzen, ſind die wallenden Fähnlein zu erkennen.„Ein günſtig Zeichen des Himmels— dies Wetterleuchten!“ ſo rufen die Spanier; da rollt der Donner von der ſeeländiſchen Flotte, und von bei⸗ den Seiten her ſauſen Kugeln, fliegen geſchleuderte Enterhaken auf die Spanier zu. Pacheco, einer ihrer Hauptleute, ſinkt von einer Kugel getroffen; ſeine braven Soldaten eilen herbei, faſ⸗ ſen ihn auf, und wollen ihn weitertragen.„Laßt mich“, ruft ihnen Pacheco zu;„ich ſterbe; geht ihr zu eurem Ziele!“ Und wohl iſt es den Spaniern günſtig, jenes Wetterleuchten; denn, durch den flüchtigen Schein geblendet, vermögen die Seeländer nicht richtig zu zielen und verfehlen ihre Opfer. Unterm Regen 218 der Kugeln und ſcharfen Eiſen ſchreitet der Vortrab unter Ulloa durch die Fluthen vorwärts, die ihnen bis an die Kniee reichen; und wie der Tag graut, betreten ſie wohlbehalten den Strand Oſt⸗Duivelands; da ſinken Ulloa und ſeine Soldaten auf die Kniee und beten aus der Inbrunſt des Herzens zur heiligen Himmelskönigin Maria und zu St. Jakob; Sieg oder Tod, ſonſt keine Wahl! Indeſſen wächſt die Fluth; die ſeeländi⸗ ſchen Schiffe gewinnen dadurch engere Nähe; die Schanzgräber und die Nachhut ſchreiten noch durch die Waſſer. Schon ſchla⸗ gen ihnen die Wogen rauſchend bis zur Bruſt heran. Vor ſich und hinter ſich den Tod durch die Wellen, neben ſich den Tod durch die Feinde, drängt jetzt Einer den Andern in wilder Haſt vorwärts, keine Ordnung hält mehr, und Verzweiflung zertrüm⸗ mert den kecken Muth. Sie ſtraucheln, ſie fallen und brauſend bäumt ſich jede Welle über ihre Opfer. Höher wälzen ſich die Wogen zu den Häuptern der Krieger heran, der Athem ſtockt dieſen, ſie ringen mit der letzten Kraft gegen das zürnende Element; da nähern ſich Schiffe, aber nicht zur Rettung der Unglücklichen. Lauernd ſtehn die ſeeländiſchen Matroſen am Bord, werfen die Enterhaken aus, und ziehen die Feinde heran, um ſie gemordet wieder in die Wellen hinabzuſchleudern. Doch die Noth der Feinde, mehr noch ihre Wehrloſigkeit, verſöhnt auch den grimmigen Haß der Seeländer. Nur 10 Schanzgrä⸗ ber bleiben von den 200 am Leben. Peralta wendet mit der Nachhut ſchleunig gen Philippsland um; die Haſt, die Todes⸗ angſt, die neerin koſten Manchem das Leben; der Reſt kommt gerade noch zur rechten Zeit, um ſich auf d'Avilas Flotte einzuſchiffen, die nun die Anker lichtet. Indeſſen erklimmt d'Ulloa mit ſeinen Tapfren den Damm, wo ihn der helden⸗ müthige Karl von Boiſot(vraniſcher Gouverneur von Mid⸗ delburg) heiß empfängt. Ein heftiger Kampf entbrennt; da 219 ſtreckt ein Schuß(und zwar, wie man glaubt, aus den Reihen ſeiner eigenen Mannſchaft) Karl'n von Boiſot zu Boden; Verwirrung ergreift das niederländiſche Kriegsvolk; es flüchtet vor den Spaniern auf die befreundete Flotte zu oder landein⸗ wärts in die Schanzen. Ulloa bleibt Sieger und gewinnt raſch auch die übrigen Bollwerke. Inzwiſchen ſteuert die ſeeländi⸗ ſche Flotte nach Schouwen und gibt dadurh der ſpani⸗ ſchen bei Philippsland freien Raum, um nach Duiveland zur Unterſtützung der glücklichen Wagehälſe zu ſegeln. Nun brechen ſich die Spanier durch den verwachſenen Moorgrund Bahn, welcher Duiveland von Schouwen trennt, erreichen es glücklich und ſehen dort plötzlich 500 Niederländer in Schlacht⸗ reih vor ſich. Der unerwartete Anblick der Spanier erfüllt dieſe Letzteren mit Schrecken, ſie fliehen gen Zierikzeez die Spanier aber nehmen raſch Brouwershaven und eine Schanze zwiſchen Zierikzee und Borndam ein. Nun erſcheint auch Requeſens auf der Inſel. Das wohlverſchanzte Dorf Bommenende wird von den Spaniern nach tapfrer Gegenwehr eingenommen, Zierikzee belagert. Man will es aushungern; Requeſens ſelbſt kommt mit dem kriegserfahrnen Chiappin Vitelli ins Lager, um die beſten Anſtalten zu treffen.— Auf der Rückreiſe nach Antwerpen wurde Vitelli, ein ſehr beleib⸗ ter Mann, durch einen Sturz im Wagen von einem hohen Deich herab ſo beſchädigt, daß er auf dem Schiffe, das ihn von Schouwen nach Antwerpen bringen ſollte, ſtarb. Dieſer Ita⸗ liener war eine merkwürdige Erſcheinung inmitten der bigotten Spanier; entſchieden materialiſtiſch geſinnt, nahm er nie An⸗ ſtand, ſich ſo zu geben, wie er dachte, und ſo meinten denn die bigotten Soldaten bei ſeinem Tode geradezu, den dicken Vitelli habe der Teufel geholt. Dieſen Erfolg hatte der kühne Zug der Spanier durch die Fluthen, für wel⸗ 220 chen man in der Kriegsgeſchichte wenige Seitenſtücke finden mag. Zierikzee wurde nun mit allem Nachdruck belagert, aber es vertheidigte ſich mit der größten Standhaftigkeit, und die Patrioten boten Alles auf, um es zu retten; ſie wußten wohl, wie viel von dem Beſttz oder Verluſte dieſer wichtigen Stadt für das Schickſal Seelands, und mithin auch Hollands abhing. Inzwiſchen wurden ſie durch die Spanier zu gleicher Zeit auch an verſchiedenen andern Punkten beſchäftigt und ſahen ſich gezwungen, ihre Kräfte zu zerſplittern. Das war es eben, was Requeſens beabſichtigte. Die Verlegenheit der Nieder⸗ länder wurde immer größer, beſonders aber dadurch, daß die⸗ ſer Krieg die Finanzen erſchöpfte, und zwar um ſo mehr, da die fruchtbarſten Landſtrecken unter Waſſer ſtanden. Man mußte die äußerſten Mittel aufbieten, um zu helfen. Anderſeits war aber auch Requeſens in finanzieller Beziehung nicht beſſer daran; vergeblich wendete er ſich an die Staaten, vergeblich bewarb er ſich um ein Anlehen von 200,000 Gulden; erſt als er mit Gewalt eine Auflage erheben wollte, verſtanden ſich Bra⸗ bant und die übrigen Provinzen zu dem Letzteren. Auch die ſüdlichen Provinzen waren ja ausgeſogen; der lange Krieg zehrte an ihrem beſten Mark; Handel und Wandel lagen darnieder. Bei weitem bedenklicher war jedoch jetzt die Lage Hollands und Seelands. Welches Loos hatten ſie zu erwarten, wenn ſie der Uebermacht erlagen, die ſie umringte,— ſie, welche kühnen Muthes der ſpaniſchen Herrſchaft den Fehdehandſchuh hingewor⸗ fen hatten? In ſolcher äußerſter Bedrängheit, ſchien ſowohl den Staaten, als auch dem Prinzen von Oranien kaum mehr ein andres Rettungsmittel übrig zu ſein, als die innigſte ———— 221 Verbindung der b eiden Provinzenmit einer aus⸗ ländiſchen Macht. Schon unmittelbar nach dem Abbruch der Friedensverhand⸗ lungen zu Breda hatte Oranien bei den Staaten darauf angetragen und hatten dieſe ihre Geneigtheit hiezu zu erkennen gegeben. Nur war jetzt wieder die große Frage, an welche fremde Macht man ſich wenden ſollte, ob an das deutſche Reich,(das man freilich hier mit Unrecht zu den Fremden rechnete) oder an England, oder an Frankreiche In Bezug auf das deutſche Reich hatte Oranien ſchon im Juni 1575 einen ſehr beachtenswerthen Vorſchlag ge⸗ than, wodurch er ſeiner deutſchen Abkunft Ehre machte, nämlich, daß ſich die Provinzen in den Verband des Reiches begeben ſollten(natürlich mit Verwahrung ihrer provinziellen Privilegien), um als Glieder des Reiches deſſen Schutz in Anſpruch nehmen zu können;— man konnte ſich da⸗ bei auf das ältere ſtaatsrechtliche Verhältniß jener Provinzen zum deutſchen Reiche und auf den merkwürdigen Bundesver⸗ trag vom Jahre 1548 berufen.*) Gewiß war dies der ſicherſte ſtreng⸗rechtliche Weg für die Niederlande, um ſich für immer von der ſpaniſchen Willkürherrſchaft loszutrennen und mit der Freiheit auch die Nationalität zu retten, wenn ſie, größtentheils rein germaniſch von Urſprung und durch Inſtitutionen, wieder in die engere Verbrüderung(dies Wort allein iſt hier an⸗ gewandt) mit allen übrigen deutſchen Volksſtämmen traten. Geſchah dies, dann hatte Spanien, wenigſtens bei den germaniſchen Niederlanden, unwiederbringlich verlornes Spiel. Requeſens ſchien dies zu fühlen; denn er verweigerte den hol⸗ ländiſchen Geſandten freies Geleit zur Reiſe nach Deutſchland. Bei den Berathungen über die Verbindung mit einer fremden *) Man hat bisher dies wichtige Moment allzuwenig der Aufmerkſam⸗ 222 Macht, kam noch eine andere Bedenklichkeit zur Sprache. Eine ſolche Verbindung ſchien, wenn man ſich an Frankreich oder England wendete, kaum möglich, ohne dadurch zugleich die Selbſtſtändigkeit der Provinzen dem fremden Herrn auf⸗ zuopfern, und überdies war dabei auch der letzte Schritt un⸗ vermeidlich, nämlich: dem Könige von Spanien förmlich abzu⸗ ſagen, während man doch bis jetzt wenigſtens den S chein noch bewahrt hatte, als unterliege, bei Zugeſtändniſſen von ſeiner Seite, auch die Unterwerfung der Provinzen keiner Schwierigkeit. Dieſen Schein zu zerſtören, erregte größeren Anſtand, als alle bisher geſchehenen Schritte, durch welche man ſich bereits fak⸗ tiſch von Spanien losgeſagt hatte. Indeſſen: die dringende Gefahr verſcheuchte bei den meiſten Mitgliedern der Staaten ſolche Bedenklichkeiten und man beſchloß, ſich zunächſt an Eng⸗ land zu wenden, für welches ſowohl die Staaten, als auch das durch ſie vertretene Volk die meiſte Sympathie hatten, und zwar vornähmlich in Betracht der Glaubensgemeinſchaft, ſodann aber auch, weil ſie von England die beſte Unterſtützung zur See erwarten konnten. Obwohl nun Oranien noch immer und überdieß ſeit ſeiner Vermählung mit einer Tochter des Hauſes Bourbon ſtärker als je zu Frankreich hinneigte, ſo beſchloß man doch, zuerſt eine Geſandtſchaft nach England abgehen zu laſſen, ungeachtet einiger vorher ſtattgefundener Ir⸗ rungen mit dieſem Reiche. Inzwiſchen ließ er ſich, da er die Eiferſucht zwiſchen Frankreich und England kannte, und dieſe als Sporn benützen wollte, um die eine oder die andre von beiden Mächten zum feſteren Anſchluß an Holland und See⸗ land zu treiben, durch Junius und den ſtaatsklugen St. Alde⸗ gonde auch in Frankreich unter der Hand erkundigen, ob keit gewürdigt. Wir können es uns nicht verſagen, in einer Betlage gel Nt. 3 8 g zu dieſem Kapitel den Vertrag von 1548 mitzutheilen. 223 wohl von dort Unterſtützung zu erwarten ſei. Dies verfehlte die von Oranien beabſichtigte Wirkung auf die Königin Eliſa⸗ beth nicht. Beſorgt, daß ſich die Provinzen mit Frankreich einlaſſen möchten, ſendete ſie Daniel Rogers dahin, um ſolches zu hintertreiben. Hierauf begaben ſich nun im Novem⸗ ber 1575 St. Aldegonde, der Advokat von Holland Paul Buis, und Doktor Franz Maalzon nach England und boten der Königin, wenn ſie die Provinzen kräftig unterſtützen wolle, die oberſte Macht über dieſelben an. Eliſabeth empfing ſie mit unverkennbarem Wohlwollen und gab ihnen Ausſichten von Hoffnung, wenigſtens inſofern, daß ſie eine eigene Kommiſſion zur Unterhandlung ernannte. Aber Reque⸗ ſens hatte kaum Kenntniß davon erhalten, als er bei Eliſa⸗ beth ſo ernſtliche Gegenvorſtellungen erhob, daß ſich dieſe jetzt zurückhaltender benahm und erklärte, ſie könne ohne Berathung mit dem Parlament in einer ſo wichtigen Sache keinen ent⸗ ſcheidenden Entſchluß faſſen. Aber ſelbſt als das Parlament verſammelt war, erkannten endlich die holländiſchen Geſandten, daß ſich Eliſabeth, aus geheimer Beſorgniß vor einem Kriege mit Spanien, eben ſo wenig zu einer unumwundenen Erklä⸗ rung zu Gunſten der beiden Provinzen entſchließen, als ſie die⸗ ſelben anderſeits(aus Eiferſucht gegen Frankreich) geradezu abweiſen mochte. Nun baten die Geſandten um ihren Abſchied, wobei übrigens Eliſabeth die Sache Hollands noch keines⸗ wegs unbedingt von der Hand wies; ſie verſprach nämlich, vorerſt beſorgt zu ſein, daß irgend ein Weg friedlicher Vermitt⸗ lung mit Spanien ausfindig gemacht werde; ſollte eine ſolche nicht zu erlangen ſein, dann würde ſie ſich Hollands annehmen; jedenfalls möchte dies Letztere keine Verbindung mit Frankreich, zum Nachtheil Englands ſchließen. Mit dieſem zweifelhaften Beſcheid konnte den beiden bedrängten Provinzen, welche au⸗ A 224 genblickliche Hülfe brauchten, natürlicherweiſe nicht gedient ſein. Indeſſen hatte König Heinrich III. von Frankreich, dem Prinzen von Oranien bereits zu verſtehen gegeben, daß ſein Bruder, der Herzog von Alencon, auf eine ähnliche An⸗ frage wie die am engliſchen Hofe hoffentlich eine günſtige Ant⸗ wort ertheilen würde. Auf dieſe Hoffnung hin, und ermuthigt durch den Umſtand, daß auch die Königin Mutter der ganzen Sache nicht abgeneigt ſchien, wandten ſich die Staaten von Holland und Seeland an Frankreich; nur die wackere Stadt Gouda, welche ſich ſchon früher gegen jede Einmiſchung fremder Mächte in die Nationalangelegenheit erklärt hatte, proteſtirte auch diesmal. Indeſſen gewann jedoch die Hoffnung der beiden Provinzen auch am franzöſiſchen Hofe keinen Erfolg; Heinrich III. befand ſich ſelbſt in einer allzu mißlichen Stel⸗ lung zwiſchen den verſchiedenen Partheien im eigenen Lande, als daß er, ohnehin ſchwach und für große Ideen unempfäng⸗ lich, den bedrängten zwei Provinzen ſeine thätige Unterſtützung hätte widmen können. Mittlerweile hatte Requeſens alle dieſe Schritte der Staaten beobachtet und aus dem haſtigen Bewerben um fremde Hülfe, die ſie um jeden Preis erkaufen wollten, nur zu deut⸗ lich die ganze Verlegenheit erſehen, in welcher ſie ſich befanden. Dies gab ihm in ſeiner eignen Verlegenheit neue Hoffnung, durch raſches kriegeriſches Vorſchreiten ihre Unterwerfung zu beſchleunigen. Oranien ſah fortwährend keinen andern Weg zur Rettung vor ſich, als die Verbindung mit einer fremden Macht, und um die Staaten zu neuen darauf abzweckenden Verſuchen zu bewegen, nahm er den Schein an, als verzweifle auch er an der Rettung durch eigene Kraft;„laßt uns“ ſprach er einſt,„die Mühlen verbrennen und die Dämme durch⸗ ſtechen, damit der Feind unſer Vaterland wenigſtens als Wüſte * 225 finde; wir aber wollen mit Weibern und Kindern zu Schiffe gehen, und uns eine neue Heimath ſuchen!“ Daß es übrigens Oranien mit dieſem Vorſchlag nicht ſehr Ernſt war, geht aus einem vertraulichen Briefe hervor, den er am 18. Dezember 1575 von Rotterdam aus an den Grafen von Hohenlohe ſchrieb.*)„Ob wir wohl“(heißt es darin unter Anderm wörtlich)„von unſern widerwärtigen Feinden, den Spaniern, zu Waſſer und Land allenthalben angefochten und beleidigt, ge⸗ ben wir doch den Muth darum nicht verloren, und widerſetzen uns nach äußerſtem Vermögen, alle unbillige Gewalt von uns abzuwenden, zweifeln auch nicht, Gott werde dieſen ganzen Handel allergnädigſt regieren, es ſeie gleich, lieb oder leid. Und wiewohl wir ſchier von Jedermann verlaſſen und hintan⸗ geſetzt und von Niemand einige Hülfe zu erwarten, verhoffen wir doch Beiſtand und Troſt von dem, in welches Namen wir in Gefahr ſtehen, demnach die Sach' alſo chriſtlich und ehrlich, daß man keine Gefahr darum ſolle ſcheuen noch abſchlagen..... Lebt doch der unſterbliche Gott noch, welcher die Gewalt ſeines Armsoft erzeigt und noch beweiſen kann!“ Und in der That ſchützte die Vorſehung die Pro⸗ vinzen vor einer ſolchen Zukunft, wie Oranien ihr Bild in grellen Farben malte. Am 5. März 1576 ſtarb Don Requeſens nach einer Krankheit von nur wenigen Tagen. Wichtiger als ſein Tod war für die Niederlande die Plötzlichkeit deſſelben, indem Requeſens verhindert wurde, einen Nachfolger in der Generalſtatthalterſchaft zu ernennen, wozu ihn Philipp II. ermächtigt hatte. Zwar hatte Requeſens von dieſer Ermäch⸗ tigung Gebrauch machen wollen, indem er dem Grafen von ²) Brüſſler Archiv. I. — α 226 Mansfeld die oberſte Leitung des Kriegsweſens, dem Gra⸗ fen von Barlaimont die der Regierung zudachte; aber der Tod überraſchte ihn allzufrüh, als daß dieſe Abſicht hätte urkundlich niedergelegt werden können. Was war nun in die⸗ ſem kritiſchen Augenblicke zu beginnen? Der Staatsrath in Brüſſel hielt es, um einer Anarchie vorzubeugen, für's Beſte, daß er ſelbſt im Namen des Königs einſtweilen die Regie⸗ rung übernahm, bis der König einen neuen Generalſtatt⸗ balter in die Niederlande ſenden würde. Doch beeilte ſich der Staatsrath, Philipp II. von dieſem durch die Noth vorge⸗ ſchriebenen Schritte durch Kouriere in Kenntniß zu ſetzen. Der Staatsrath beſtand damals aus folgenden Mitgliedern. Präſi⸗ dent war der Herzog von Aerſchot, deſſen Character ſich in untergeordneten Stellungen nicht gefiel und in der Folge auf die Entwickelung der Staatsverhältniſſe in den Niederlanden einen wichtigen Einfluß ausübte. Nach ihm kamen der Graf Peter Ernſt von Mansfeld, ein dem König eifrig erge⸗ bener Mann, der Graf von Barlaimont und Maximi⸗ lian Villain von Gent, Herr von Raſſighem, Beide bei der Finanzverwaltung betheiligt, der Greis Viglius von Aytta, welcher unter verſchiedenen Regierungen ſchon ſo vieles Unglück über die Niederlande hatte hereinbrechen ſehen, Arnold Sasbout,(Präſident des geheimen Rathes ſeit 1572), der Herr von Aſſonville, endlich Ludwig del Rio und Hieronymus Rueda, welche beide Letztere früher Mitglie⸗ der des berüchtigten Blutrathes geweſen und nach deſſen Auflöſung durch Requeſens in den Staatsrath gekommen wa⸗ ren. Das Volk haßte Beide, vorzüglich Rueda. Philipp II. war über die Nachricht vom Tode ſeines Gene⸗ ralſtatthalters und von der Maßregel des Staatsrathes im hohen Grade beſtürzt, und im erſten Augenblick unentſchloſſen, 227 was er thun ſollte. Er zog ſeine Miniſter und den päpſtlichen Nuntius zu Rathe und vernahm auch insbeſondere die Mei⸗ nung des Hopperus als eines gebornen Niederländers, auf welchen er großes Vertrauen ſetzte und welcher Präſident des höchſten Rathes für die Niederlande war. Hopperus rieth ihm nun dringend, den geſchehenen Schritt des Staats⸗ rathes gutzuheißen, für's Erſte, weil die Mitglieder deſſelben, größtentheils dem höchſten Adel der Niederlande an⸗ gehörend, dem Monarchen treu ergeben ſeien und zugleich die Bedürfniſſe des Landes genau kännten, ſodann aus dem Grunde, weil die Nation einen Beweis des könig⸗ lichen Vertrauens darin ehren würde, daß Philipp dem größtentheils aus Niederländern beſtehenden Staatsrath in Brüſſel die Regierung überließ; aus beiden Gründen, (ſchloß Hopperus) ſei zu hoffen, daß es auf dieſem Wege gelingen würde, den Frieden und eine aufrichtige Verſöhnung herbeizuführen. Philipp Hl. fand dieſe Gründe triftig und ertheilte denn dem Staatsrath in Brüſſel, als provi⸗ ſoriſcher oberſter Regierungsbehörde in den Niederlanden, am 24. März 1576 ſeine Zuſtimmung und Ermächtigung. Die Hoffnung Hollands und Seelands wie auch des Prinzen von Oranien ſtand nun darauf, daß der Staats⸗ rath einestheils den Krieg nicht mit dem Nachdruck wie bisher fortſetzen, und anderntheils nicht mit jener Hartnäckigkeit wie der verſtorbene ſpaniſche Generalſtatthalter auf der Ausſchließung des reformirten Kultus beſtehen würde, dieſem Hauptpunkte, durch welchen die Friedensverhandlungen geſcheitert waren. Auch Eliſabeth von England ſchien ſich jetzt, in Folge des unerwarteten Todes des Requeſens, wärmer jener beiden Provinzen annehmen zu wollen. Dagegen beſchloſſen auch dieſe hinwieder, vorerſt das Benehmen des Staatsrathes abzuwarten, bevor ſie ſich einer fremden Macht ganz in die Arme würfen; beim erſten Schimmer der Hoffnung war auch der Gedanke an den hohen Werth der Selbſtſtändigkeit wieder erwacht, welchen nur die Verzweiflung in den Hintergrund hatte drängen können. Holland und Seeland ſahen jedoch bald, daß ihre Hoff⸗ nungen auf den Staatsrath zu voreilig waren, indem dieſer dem Syſteme des verſtorbenen Generalſtatthalters folgte. So ließ der Staatsrath die Belagerung Zierikzee's und auch die unter Requeſens begonnene der Stadt Woerden fortſetzen, ſo verbot er allen Handelsverkehr mit Holland und Seeland. Auf's Neue überzeugte ſich jetzt Oranien, daß nur von jener innigen Vereinigung Hollands und Seelands, wozu bereits im Juni des vorigen Jahres die Einleitung getrof⸗ fen worden war, Rettung zu hoffen ſei. Aber wenn man einen Erfolg haben wollte, ſo mußte dies wichtige Werk raſch betrie⸗ ben werden, bevor ein neuer ſpaniſcher Statthalter die provi⸗ ſoriſche Regierung ablöſte. Am 5. März war Requeſens geſtorben, und ſchon am 11. deſſelben Monats berief Oranien die Staaten wegen jener Angelegenheit nach Delft. Mit über⸗ zeugender und hinreißender Beredſamkeit trug er den Staaten alle Gründe vor, welche die Vereinigung beider Pro⸗ vinzen dringend geboten, und dieſe Gründe ſowie die Be⸗ ſorgniß:„Oranien möchte ſich im Falle eines Widerſpruches, von den Geſchäften ganz zurückziehen,“ bewirkten glücklich die Entſcheidung. Am 25. April 1576 wurde denn die Vereini⸗ gung Hollands und Seelands durch einſtimmigen Beſchluß der Edlen und aller nicht in Feindeshand befindlicher Städte dieſer Provinzen abgeſchloſſen. Ein folgenreicher Schritt, ein Fundament des neuen Staatslebens, deſſen Bau, unter den dringendſten Gefahren begonnen, unter den heftigſten 229 Stürmen fortgeführt, dennoch ſtark und feſt vollendet werden und einſt auf ſeinen hochragenden Zinnen den Kranz der Freiheit dem ſtolzen Spanien in's Angeſicht zeigen ſollte! Wie es bereits in jenem vorläufigen Abſchluß feſtgeſetzt worden war, ſo übertrugen nun beide Provinzen dem Prinzen von Oranien„als ihrem Haupt und ihrer höchſten Obrig⸗ keit“ die ſouveraine Macht in demſelben Umfang, wie er ſie für Holland allein erhalten hatte, für die ganze Dauer des Krieges, unter ſeiner Gewährleiſtung für die Provinzial⸗ Privilegien, und mit der Beſtimmung, welche das Band der Einheit unauflöslich knüpfte, daß bei jeder der drei Staaten⸗ verſammlungen von Nord⸗, von Süd⸗Holland und von Seeland ſtets drei Bevollmächtigte der beiden andern erſcheinen ſollten. Abermals ein Stadium in der Entwickelung des neuen Staats⸗ lebens! Wieder ein Schritt weiter zur Feſtſtellung des ſtaats⸗ rechtlichen Begriffes von der Autonomie des Volkes und deſſen Repräſentirung durch die Staaten! Oranien hatte die Regierung jetzt nicht mehr bloß als königlicher Statthalter, ſondern als proviſoriſcher Souverain. Uebrigens war auch der König noch immer nicht ganz aufge⸗ geben; die Juſtiz wurde fortwährend wenigſtens in ſeinem Namen ausgeübt. Die militäriſchen Operationen ſchienen indeſſen nach dieſem wichtigen Akt noch immer nicht zu Hoffnungen zu berechtigen. Mehre Anſchläge Oraniens auf Friesland(durch Barthel Entes) ſo wie auf eine plötzliche Ueberwältigung Haarlin⸗ gens und Amſterdams mißglückten. Eben ſo wenig gelang ihm der Verſuch, Zierikzee zu entſetzen. Der treffliche Ad⸗ miral Ludwig von Boiſot, der Befreier Leydens, büßte dabei am 25. Mai ſein Leben ein; ſtatt ſeiner erhielt Wilhelm von Treslong die Admiralswürde über die ſeeländiſche 230 Flotte. Zierikzee ergab ſich den Spaniern am 29. Juni 1576, nachdem es denſelben neun Monate lang Widerſtand geleiſtet hatte. Die Beſatzung durfte frei abziehen und die Bürgerſchaſt kaufte die Plünderung für 100,000 Gulden ab. Der Beſitz dieſer Stadt gewährte übrigens den Spaniern nicht ſo erfolgreiche Vortheile, wie ſie erwartet hatten. Holland und Seeland, ſo wie die Sache der Freiheit erhielten dafür plötzlich von einer Seite her Beiſtand, worauf ſie nicht hatten rechnen können, nämlich von der Seite des Feindes ſelbſt. So wunderbar ordnen ſich die ſcheinbar verwirrt durcheinander laufenden Fäden der Geſchicke. Beilage(zu Seite 221.) Der Vertrag van 15 48*). Wir Carll der Fünfft von gottes gnaden, Römiſcher Kayſer, zue allen Zeiten mehrer deſſ Reichs, Khunig in Germanien, zue Caſtilien, Arragon, Leon, baider Sicilien, Hieruſalem, Hungern, Dalmatien, Croatien, Nauarren, Granaten, Toleten, Valentz, Gallicien, Maiorica, Hispalis, Sardinien, Corduba, Corſica, Murcien, Giennis, Algarben, Algezieren, Gibraltar, Der Cana⸗ riſchen, vnndt Indianiſchen Inſulen, vnndt deſſ Feſtlandts, Deſſ Oceaniſchen Mörs ꝛc., Ertzhertzog zue Oeſterreich, Hertzog zu Burgundy, zue Lottrigh, zue Brabant, zue Steyr, zue Cärnten, zue Crain, zue Limburg, zue Lutzemburg, zue Geldern, zue Ca⸗ labrien, zue Athen, zue Neopatrien, vnndt Wurtemberg, Graue zue Habspurg, zue Flandern, zue Tyroll, zue Görtz, zue Barcinon, **) Freie Preſſe(1840 Nr. 16, 15, 19 u. 20.) 231 zue Arthoys, zue Burgund, Pfaltzgraue zue Henegaw, zue Hol⸗ land, Seeland, zue Pfirdt, zue Kiburg, zue Namur, zue Roſſi⸗ lien, zue Ceritonia, vnndt zue Zutphen, Landgraue zue Elſaſſ, Marggrawe zue Burgaw, zue Ariſtain, zue Gociani, vnndt deſſ Kay. Röm. Reichs Furſt zue Schwaben, Caſtalonia, Aſturia ꝛc., Herr in Frieſſlandt, auf der Windiſchen Marck, zue Portenaw, zue Piscaia, zue Molin, zue Salins, zue Tripoli, vnndt zu Mechelenn ꝛc. Bekhennen vnnd thuen Khundt allermenniglich, Alſſ auff dieſem allhie zue Augspurg gehaltenenn Reichstage, neben andern deſſ hayligen Reichs obligenden ſachen, Vns von Churfurſten, Furſten, vnndt gemainen Stenden, Auch der abweſſenden Bott⸗ ſchafften, bericht, vnndt relation, waſſ auffs nechſt zue Wormbs gehaltenen Reichstage, durch die verordnete Kraiſſ⸗Räthe, der Ringerungs halben bedacht, vnndt gehandelt, in ſchrifften vnter⸗ thenigklich furbracht vnd vbergeben vnd in denſelben vnter andern vermeldet, wie daſſ weylandt Vnſer lieber Anherr Kayſer Maximilian, milder vnndt ſeeliger gedechtnuſſ, den Burgundi⸗ ſchen Kraiſſ auffgericht, vnndt denſelben vnter andere deſſ hay. Reichs Kraiff gezogenn, vnndt mit ſeinem Anſchlag(ſo dazumall geſetzt, vnndt noch in deſſ hay. Reichs Matricul verleibt) hab khommen laſſenn, Auch von wegen Vnſerer Niederburgundiſchen Erblanden, ſouiell der zum Reich gehören ſolten, einen anſchlag vber ſich genomen, mit weiter erzehlung, daſf auch, bey Zeiten Kayſer Friederichs milter vnndt ſeeliger gedechtnuſſ, Hertzog Philips von Burgundi, Als ain Furſt deſſ Reichs zue etlichen Reichstagen beſchrieben, dern ainer er durch ſein Cantzler beſucht, Auff dem andern aber aigner Perſon erſchienen ſeye, zue dem daſſ von wegen deſſ Haufſ Burgundi, je zue Zeiten Ahn Vnſer Kayſerliche Regiment vnndt Camergericht Perſonen verordnet, vnndt preſentirt, vnndt von denſelben, wegen die hulff vnndt 232 anſchläge, nebenſt andern Stenden durch Vnſſ, vnndt ermelten Vnſern Anhern zue laiſten etlichmall bewilliget worden. Wie dan in vielen deſſ hay. Reichs abſcheiden, vnndt anſchlagen be⸗ funden, vnderthenigiſt bittendt, wir wolten ſolchen Burgundiſchen Kraiſſ, in deſſ hay. Reichs(Alſſ ein mitglied deſſelbigen) hulff, vnndt anſchläge allergnedigiſt bleiben laſſen. Ferner, Nachdem daſſ Hertzogthumb Geldern, mit der anhangenden Graffſchafft Zutphen zue dem Reich gehörig, auch in etlichen des hayligen Reichs anſchlägsregiſtern verzaichnet gefunden, daſſ wir die Stendt gemeltes Hertzogthumbs allergenedigiſt dahin weiſen wollten, ſolche Anſchlege an vnndt auff ſich zue nemen, onndt zue laiſten. Gleicher geſtalt auch bey der landtſchafft deſſ ſtiffts Utrecht, die⸗ weil derſelbig ſtifft zue dem Reich ohne Zweifell gehörig, vnndt darbey herkhommen zunerfuegen die jungſt bewilligt Turckenſtewr auch den gemainen Pfenning zuerlegen, vnndt andere Anſchläge deſſ Reichs zue tragen, in anſehung, daſſ dieſſe baide Furſten⸗ thumb Geldern, vnndt Vtrecht in dem Weſtphaliſchen Kraiſſ begriffen, wie dan ſolches alles Vnſſ durch gemaine ſtendt deſſ hay. Reichs, mit aufffhuerung allerhandt vrſachen noch weiter angebracht worden iſt. Dagegen aber wir gemaine ſtendt fur⸗ bringen, inmaſſen daſſ geſchehen nit geſtanden, noch geſtehen khonnen ſondern innen lauter bericht, wie es vmb vnſer Bur⸗ gundiſchen Niedren Erblanden geſchaffen, anzaigen laſſen, vnter andern, daſſ nit dargethan, noch bewieſen werden möge, daſſ von wegen gedachter vnſer Niederburgundiſchen Erblanden je ainiche Contribution, oder anſchläge zue dem Reich entricht wor⸗ den, ſonder daſſ es dern darzue deſſ Reichs ſatzungen vndt ordnungen, Jurisdiction, vnndt Proceſſen, je vnndt allweg frey geweſſen, in dem der Burgundiſch Kraiſſ nie in khaine wurckhung khommen, vnndt obgleich Hertzog Philips von Burgundi löb⸗ licher gedechtnuſſ, bei Zeiten gemelts Kayſer Friedrichs, die 233 ſeinen zue ainem Reichstage abgefertiget, Auch auff ainem andern Reichstage erſchienen. So wehre doch ſolches auſſ freyem willen, vnndt nicht aufſ Pflichten, der ſchulden, ſondern darumb daſſ er ſeinem gethanen zierlichen voto gnugthuen, vnndt zue errettung der Chriſtlichen landen wieder den Feindt vnſers glau⸗ bens, nach verlierung der alten Orientaliſchen Reichsſtatt, vnndt ſitz Conſtantinopel, die haubter der Teutſchen nation zue ainer ſtattlichen hulff, vnndt recuverierung derſelben Statt, Auch erledigung der frommen Chriſtlichen hertzen der Griechen, bewegen khönte ge⸗ ſchehen, und deſſhalben allen muglichen fleiſſ furwenden wollen, wie dan ſolches, vnndt anders mit vielen monumenten darge⸗ than werden mochte. Waſſ aber daſſ Hertzogthumb Geldern belangt, hatten wir gemainen ſtenden zue mehrmalen angezaigt, daſſ wir daſſelbig von dem Reich erkhenten, vnndt je, vnndt zuuor wir daſſ jetz zue Vnſern handen wiederbracht, von Vn⸗ ſerm anhern Kayſer Maximilian milder vnndt ſeeliger gedecht⸗ nuſſ zue lehen empfangen, Aber der Contribution halben hetten die Stende deſſ landts zu Geldern, auff gemainer ſtendt der⸗ wegen an ſie auſſgangen ſchreiben Vnſſ, zuerkhennen geben, daſſ dergleichen anſchläge von innen hieuor nie beghert, vielweniger bezalt worden, Sonder wehren derſelben Jederzeit frey, vnndt vnangefochten blieben, mit vnterthenigiſt bitt, dieweil ſie ſich an Vnſſ mit Condition vnd beding, ſie bey Iren freihaiten zu handt⸗ haben, ergeben, Sie darbey rhuiglichen bleiben zue laſſen. Der⸗ gleichen anzaig wehre Vns auch von der Landſchafft des Stiffts Utrecht beſchehen, vnd ſonderlich daſſ von Innen der Zeit, alſſ die Biſchoff die weltliche Regierung noch gehabt, ainiche Reichs⸗ hulff nie gefordert, oder zum wenigiſten nie aingebracht, daſſ ſie auch dem Reich, vermog Ihrer freyhaiten, vnndt alten herkhom⸗ men Ichts zuerlegen nit ſchuldig. Vnndt ob woll Geldern onndt Utrecht in den Weſtphaliſchen Kraiſſ gezogen, vnndt die⸗ 234 ſelbige ſambt andern obangezaigten Burgundiſchen Landen in deſſ Reichs regiſtern, vnndt anſchlägen befunden, ſo folgt doch darauſſ nit, daſſ ſie darumb des Reichs anſchläge zuentrichten pflichtig, dieweil ſolche Kraiſſ anfenglichs al⸗ lain von wegen der nomination onndt preſentation an Vnſer Kayſerlich Camergericht wehren auffgericht worden, vnndt daſſ Reich von Innen derwegen Ichts zuemphahen nie in Beſitz oder gebrauch geweſſen, zue dem daſſ ſolche landt von deſſ Reichs Jurisdiction von alter eximirt, vnndt gefreyet, vnndt von dem hay. Reich gleich andern Vnſern niedren Erblanden biſſ anher in zuegeſtandenen beſchwehrungen, ſchutz, ſchirm, oder beiſtandt nie gehabt, wie doch ſonſt andere ſtendt deß Reichs, ſo die Anſchläge haben, billich tragen. Daraufſ dan leichtlich geſchloſſen werden khönne, daſſ ſolche Vnſere landt ainiche deſſ Reichs anſchläge zuetragen oder zuelaiſten nit ſchuldig ſein, vnndt billich bey den alten freyhaiten, vnndt exemption gelaſſen werden ſolten. Aber nichts deſto weniger, dieweil Wir auff ſonderlicher naigung, So Wir zue dem hay. Reich Teutſcher nation, nit genaigt, denſelben ainige wegs Ichts zuentziehen, ſonder vielmehr ſolches zue mehren, vnndt zue erweitern willig. So haben Wir Vnſſ gene⸗ diglich vernemen laſſen, daſſ Vnſſ zue erhaltung guetes, fried⸗ liches, vnd nachbarliches willens, Auch zue nutz, vnndt auffnemen beiderſeits landtſchafft nit zuewider ſein ſolte, daſſ alle Vnſere niedre Erbland ſambtlich mit dem hertzogthumb Geldern, vnndt Graffſchafft Zutphen, vnndt der temporalitet zue Utrecht, vnndt andern zuegehorigen Vaſſallen, vnndt herſchafften der Nieder Erblandt, wie Wir die jetzunder beſitzen, alle zueſamen vnter ainen Kraiſſ gezogen, vnndt aine benante ſumma gelts, Alſſ nemblich ſouiel zwayer Churfurſtlicher anſchläg ertragen mochten, contribuirten, Dabey ſie gelaſſen, vnndt dagegen in deſſ hay. Reichs ſchutz, ſchirm, verthedigung, vnd hulff begriffen ſein 235 ſolten, Doch daſſ dieſelbe ſonſt bey allen andern Iren freyhaiten, rechten, gerechtigkaiten, exemption, oder appellation, vnd Juris⸗ diction gelaſſen wurden. Auff ſolchen Vnſern beſtendigen gegen⸗ bericht vnd gnedigs erbieten, haben Churfurſten, furſten, vnndt gemaine Stende, Auch der Abweſſenden Räthe, vnndt Bottſchaff⸗ ten, ſich mit Vuſſ in weitere handlung eingelaſſen, vnndt nach vielfaltigen hin, vnndt wieder ergangen ſchrifften, berichten, vnndt gepflegten handlung, Wir mit Innen, vnndt ſie ſich mit Vnſſ auff nachfolgende mittell entlich verglichen, veraint, vnd vertra⸗ gen, vergleichen, verainigen, vnndt vertragen Vnſſ auch hiemit, vnndt mit crafft diſſ brieffs, in beſter, vnndt beſtendigſter form, vnndt maſſ, daſſ immer von rechts, oder gewonhait wegen ge⸗ ſchehen ſoll, khan, oder mag, dergeſtalt, Daſſ Wir alſſ rechter Erb, vnndt oberherr gemelter Inſerer Niedren Erblandt, fur Vnſſ, Vnſere erben, vnndt nachkhommen, ſambt denſelbigen nach⸗ benanten Vnſern Niedren erblanden, Nemblich die Hertzogthumb Lottrich, Brabant, Limburg, Lutzemburg, Geldern, die Graffſchafft Flandern, Arthoys, Burgund, Henegaw, Holland, Seeland, Namur, Zutphen, die Marggraueſchafft deſſ hay. Reichs, die herſchafft Frieſſlandt, Vtrecht, Oberyſſell, Gröningen, Falckenburg, Dalheim, Salins, Mechelen, vnndt Maſtricht, mit allen dern mediat vel immediat zuegehörigen, vnndt aingeleibten gaiſtlichen, vnndt weltlichen Furſtenthumben, Prelaturen, Digniteten, Graff⸗ ſchafften, frey, vundt herrſchafften, vnndt derſelbig zuegehorigen Vaſſallen, Vnterthanen, vnndt verwandten hinfuhro zue ewigen Zeiten in der Römiſchen Kayſer, Khönig, vnndt des hayligen Reichs ſchutz, ſchirm, verthedigung, vnndt hilff ſein, Auch ſich deſſelben freyhaiten, rechten vnndt gerechtigkaiten frewen, vnndt gebrauchen, vnndt von gemelten Römiſchen Kayſern, Khunigen, vnndt deſſ hay. Reichs ſtenden Jederzeit wie andere Furſten, Stende, vnndt glieder deſſelbigen hay. Reichs geſchutzt, geſchirmbt, 236 verthedingt, vnndt getrewlich geholffen, vnnd dan auch zue allen Reichstagen, vnndt verſamblungen beſchrieben vnndt erfordert werden ſollen, Ob ſie wollen dieſelben neben andern Stenden zuebeſuchen, oder zuebeſchickhen haben, auch Innen, Vnſern erben, oder nachkhommen, Vnſern, vnd derſelben geſandten ſeſſion, vnd ſtim, von wegen obberuerter Vnſerer landt, Alſſ ainem Ertz⸗ hertzogen zue Oeſterreich zuegelaſſen werden ſollen. Dargegen Wir Vnſſ von oberzelter Vnſer landt, vnndt leuthe, vnndt dero nachkhommen wegen bewilligt, Daſſ alle ſolche Vnſere landt in vorſtehender noth zue handthabung, vnndt wollfhartt deſſ hay. Reichs, Auch vnterhaltung friedens, vnndt rechtens, vnndt allen andern gemainen deſſ hay. Reichs Anſchlägen, So durch gemaine Stendt Jederzeit bewilliget, vnndt beſchloſſen werden; Souiell alſſ zwen Chur⸗ furſten anſchläge ſich erſtrecken, laiſten, vnndt con⸗ tribuirn: Alſo wie offt ain Churfurſt hundert gulden zue anlag geben, oder hundert zue Roſſ, vnndt hundert zue fueſſ ſchicken wurdet, Sollen, vnndt wollen Wir, Vnſere erben vnndt nachkhommen, Alweg Zwaphundert gulden erlegen, oder Zway⸗ hundert zue Roſſ, vnndt zwayhundert zue fueſſ ſchicken, vnndt alſo in mindern onndt mehrern Anſchlägen auff⸗vnndt ab zue⸗ rechnen, Doch wo Wir oder angezaigte Vnſere Erblande, der leuthe nit entrathen kbonten, oder ſonſt bequemer ſein wurde fur die leuthe gelt zuegeben vnndt zuenemen, Daſſ alſo dan fur daſſ Volck, nach groſſe vnndt klaine der bewilligten hulff, mo⸗ natlich bezalt, vnndt erlegt werde, Inmaſſen wie Churfurſten Ir Kriegsvolckh, haubt, vnndt befehlsleuthe mit doppel⸗ vnndt vberſolden, vnndt andern Zuegehörungen Jederzeit vnterhalten werden, Mit dieſſer furnemblichen beſchaidenheit, wo gemaine Stend deſſ hay. Reichs ſich kunfftiglich vber kurtz oder lang, ains gemainen oder genanten Pfennings, der wehre groſſ, oder klain, 237 zue ainer hulff verglaichen wurden, Daſſ doch Wir auch obge⸗ melte Vnſere Erblande oder Vnterthanen, denſelben gemainen. oder benanten Pfenning, zueſamblen, vnndt zuerlegen nit ſchuldig ſein, noch getrungen, ſonder daſſ Wir von derſelben Vnſerer Niedren Erblande wegen, ſouiel alſſ zwen Churfurſten ahm Rhein, mit allen Iren landen, leuthen vnndt verwanten in ſamblen, wie Vnſſ die Jederzeit durch gemaine Stendt benent werden, erlegen ſollen, vnndt weiter deſſ gemeinen Pfennings halben vnverbunden ſein, undt Vnſſ, oder Vnſere Erblande kain ordnung noch abſchide mit waſſ worten, Clauſulen, oder dero⸗ gation in gemain, oder in ſundhait, wie daſſ geſchehen, oder namen haben mochte, ohne IVnſer, vnndt derſelben landt bewil⸗ ligung, der gemainen Pfennings halben nit binnen ſoll, noch mag. Doch im fhall dass man ſich ainer gemainen Expedition wieder den Turckhen vergleichen wurde, Alss dan ſollen wir, vnndt Inſere landt, Inſere bulff nit weniger dan drey Chur⸗ furſten die Vnss jederzeit durch gemeine Stendt benent, oder angezaigt werden, wie vor(lauth zue laiſten ſchuldig ſein. Daneben ſollen aber auch wir, Inſer erben, vnndt nachkhom⸗ men, onndt obgedachte Vnſere landt, ſambt allen derſelbigen zuegehörigen Furſten, Prelaten, Grauen, vndt Vaſſallen, ſo biss hero vnter denſelbigen begriffen geweſſen, vnndt in dem Reich nichts bezalt, ainen ſondern Kraiss, genant der Burgundiſchen Erblandt Kraiss haben, vnndt vnter demſelbigen ſolche alle be⸗ griffen ſein, vnangeſehen dass etliche derſelben hieuor etlichen andern Krayſſen ſint zuegerechnet worden, vnndt im fhall die⸗ ſelben Vnſere Nieder Erblandt mit beſtimbter Irer contribu⸗ tion ſeumig, vnndt die zue gebuerender Zeit nit erlegen, oder laiſten wurden, ſolches nit erlegens, oder laiſtens halb, ſollen ſie Vnſerm Kapſerlichem Camergericht vnterworffen ſein, vnndt daſelbſt wieder ſie durch Vnſern Kayſerlichem fiscall gleich wie 233 wieder andere, des Reichs Stende, ſie zue gebuerender bezah⸗ lung anzuehalten, procedirt, vnndt gehandlet werden, vnndt ſonſt auſſerhalb ſolcher contribution, ſollen erzelte Vnſere landt, vnndt derſelben Vnderthanen bey allen Iren frey⸗ haiten, rechten, gerechtigkaiten, exemption, der appellation, vnndt Jurisdiction gentzlich vnndt rhuiglich gelaſſen, darwieder nit be⸗ trangt, ſonder dern landt, vnderthane, vnndt zuegehorige mit Vnſers Kapſerlichen Camergerichtsmandaten, Citationen, anne⸗ mung der appellation, vnndt andere proceſſen in allen andern ſachen wie die namen haben, khaine aussgenomen, auſſerhalb der Contribution, vnbeſchwerdt, vnndt unangefochten bleiben, vnndt Vnſer, vnndt des hay. Reichs Jurisdiction in erſter, vnndt andern Inſtantz geubrigt, vnndt gefreyet ſein. Es ſollen auch Vnſere Niederburgundiſche erblande, mit Irer Zugehoer ſonſt gantz frey ohne ingezogen lande, vnnd Furſtenthumb ſein, vnndt ewiglich bleiben, vnndt von Vnss, Alss Römiſchen Kayſſer, vnndt allen andern kunfftigen Römiſchen Kayſern, vnndt Khöni⸗ gen, Auch Churfurſten, Furſten, vnnd ſtenden dess hay. Reichs frey, vnndt ohne ingezogen lande Furſtenthumb, ſuperioritet, vnndt principat erkhant werden, vnd nit weiter, dan zue ainziehung der Anſchläge, wie oben, vnndt hernach beſchrieben ſtehet, zue Vnſer vnndt dess hay. Reichs Jurisdiction gezogen, noch erfordert werden, noch dess hav. Reichs ordnungen, ſatzungen, vnndt ab⸗ ſchiede verner dan oben, vnndt hernach gemelt mit⸗Ichten ver⸗ bunden ſein. Doch ſollen gleichwoll obgemelte Furſtenthumb, vnndt lande, ſouiel dern vom Reich zue lehen rueren, hinfuhro, wie bissher vom Reich zue lehen empfangen, vnndt getragen werden, Dessgleichen auch die Stende, vnndt vnterthanen aller obgemelter Vnſer Erblande Vnſern Kayſerlichen landtfrieden zuehalten, vnnd zuehandthaben ſchuldig, vnnd dess hap. Reichs Verwandten, ſo in bemelte Vnſere Erblande khommen, wandern, 239 oder Ire gueter darin haben, in derſelben ſchutz, ſchirm, vnndt freyhaiten begriffen ſein, vnndt gleich andern, dern landen vn⸗ derthanen gehandthabt, vnndt gehalten, auch Innen zue recht, vnndt billigkait verholffen werden, wie dan herwiederumb Vnſer Niedern Erblanden Verwandten, wie andere Vnſere, vnnd dess hay. Reichs Verwandte im hay. Reich ſchutz, ſchirm, vnnd ver⸗ thedigung haben. Alſo wo ainem dess Reichs, oder bemelter Furſtenthumb, vnndt lande Verwandten, oder Vnterthanen Ichts wieder den landtfrieden begegnen wurde, oder ſonſten anderer ſachen halben, warumb dass wehre, gegen den andern forde⸗ rung zuehaben vermainte, Dass er alssdan ſolches vor dess verbrechers, oder beclagten ordenliche Obrigkait, oder gericht ſuchen, vnndt wie ſich gebuert aussfhueren, Der ende Ime auch furderlichs rechtens geſtattet, vnndt verholffen, vnndt alſo bay⸗ derſeits aine gleichhait gehalten werden ſoll. Solcher geſtalt haben Wir Vnss von obgemelter, vnndt anderer Vnſerer Erb⸗ lande wegen, mit Churfurſten, Furſten, vnnd gemainen ſtenden dess hay. Reichs allergenedigiſt, vnndt ſie hergegen mit Vnss von wegen dess hay. Reichs mit guetem vorgehabtem zeittigem rathe, vnterthäniglich verainigt, verglichen vnndt vertragen. Welchen Vertrag Wir auch vor Vnss, vnndt benante Vnſere Erblande, Vnſere, vnndt Ire Erben, vnnd nachkhommen, Der⸗ gleichen Churfurſten, Furſten, vnnd gemaine Stendte dess hay. Reichs wegen bewilligt, angenomen, vnndt zuehalten verſprochen, geredet vnndt verſprochen, gereden vnndt verſprechen Wir dem⸗ nach bey Vnſern kayſerlichen wahren worten, fur Vnss, Vnſere erben, vnndt nachkhommen, onndt von aller obgenanter Vnſer Burgundiſchen Erblande wegen, dass Wir ſolcher tranſaction, Vergleichung vnndt vertrag, in allen vnndt jeden ſtucken, punc⸗ ten Inhaltungen, vnndt mainungen, Vnss, vnndt die Vnſern be⸗ treffendt, wahr, veſt, ſtedt, vnndt vnuerbruchlichen halten, vol⸗ 240 lenziehen, darwieder khainswegs thuen, noch den Vnſern, oder andern zuethuen geſtatten ſollen, vnndt wollen, Dass auch alles dass, ſo dieſem Vertrag entgegen, oder zuewieder furgenom⸗ men, geordnet, geſetzt, erlangt, vnndt aussbracht werden möchte, hiewieder nit gebraucht werden, ſonder crafftlos, nichtig, vnndt vnbnndig, Auch alle forderungen, ſo wie die Stende von wegen der vergangnen Contribution zuehaben vermaint, fallen, thott, vnndt ab, auch crafftlos, nichtig, vnndt vnbundig ſein, vnndt bleiben ſollen. Die wir dan auch mit rhatt, vnndt bewilligung, vorgedachter Vnſerer Churfurſten, Furſten vnndt ſtende ſolches hiemit crafftloss, nichtig, vnndt vnbundig, auss Kapſerlicher macht, vollkhommenhait, vnndt rechter wiſſenhait erkhennen, vnndt hinwiedrumb zue mehrer ſicherhait dess hay. Reichs, vnndt derſelben Stenden, wollen Wir dieſer Vergleichung gnugſame ratification, vnndt bewilligung von ghemelten Vnſern Nieder Burgundiſchen Erblanden, den Stenden, oder in dern nahmen dem Ehrwurdigen, Vnſerm, vnndt dess hay. Reichs Churfurſten, dem Ertzbiſchoff zue Maintz, alss Ertz Cantzler, vnter vierer gemelter Vnſerer Erblande furnembſten Prelaten, vier Landts⸗ herrn, onndt vierer der furnembſten Stett, Innamen aller landt vnndt derſelben Verwandten, auffs lengſt in Jahrs friſt nach dato diess brieffs vbergeben Vnndt wir Churfurſten, Furſten, vnndt gemaine Stende dess hay. Reichs, Auch der abweſſender Räthe, onndt Bottſchaffter, wie wir alle auff dieſem jetzo alhie zue Augspurg gehaltenen Reichstage erſchienen, vnndt im abſcheid deſſelben beſtimbt, vnndt benent ſein. Bekhennen auch fur Vnss, Vnſer nachkhommen, vnndt Erben, So dan auch von wegen Inſerer Obern, vnndt derſelben Erben, vnndt nachkhommen, Dass ſolche vergleichung, vertrag, tranſaction mit Vnſerm gueten wiſſen, vnndt willen zuegangen, vnndt geſchehen, Verſprechen auch für Vnss, Vnſere — — —— 241 Erben, vnndt nachkhommen, bey Vnſern Furſtlichen ehren, Auch in rechten wahren trewen, vnndt glauben, Alle vnndt jede Ar⸗ ticul, puncten, vnndt Inhaltungen, deſſelbigen Vnss, vnndt das hay. Reich betreffendt, getrewlich, vnndt veſtiglich zuehalten, demſelben vngewaigert nachzuekhommen, vnndt zue geleben, dar⸗ wieder nit zuethuen, oder furzuenemen, noch andern zuethuen geſtatten, in khainen weg. Doch ſoll dieſer Vertrag vnndt be⸗ willigung dem hay. Röm. Reich an den landen, So demſelbigen hieuor verwanth geweſt, darzue deſſelben gemainen, vnndt ſon⸗ dern Stenden, dergleichen oberzelten, Vnſer Kayſer Carlls Nie⸗ der Erblanden, vnndt deſſelben Vnterthanen ſonſt auſſerhalb. diss Vertrags in alle vnndt andere wege an Iren obrigkaiten, herligkaiten, freyhaiten, recht, vnndt gerechtigkaiten, alten her⸗ khommen, vnndt gebreuchen vnuergrifflich, vnndt hiemit nichts benommen ſein. Dess zue Vrkhundt, haben wir Kayſer Carll, alss Römi⸗ ſcher Kayſer, Auch rechter Oberherr offtgemelter Vnſerer Niedren Erbland, Vnſer Inſiegell an dieſen brieff, dern Zwen gleich⸗ lautend auffgericht, thuen hencken. Vnndt wir von Gottes genaden Sebaſtian Ertz⸗Biſchoff zue Maintz, dess hay. Röm. Reichs Ertzcantzler, vnndt Friederich Pfaltzgraue bey Rhein, Hertzog in Bayern, dess hay. Römiſchen Reichs Ertz⸗Truchſäss, bayde Churfurſten, fur Vnss, vnndt andere Vnſere mit⸗Chur⸗ furſten, Wir Erneſt beſtettigter dess Ertzſtiffts zue Saltzburg, vnndt Wilhelm, Pfaltzgraue bey Rhein, Hertzog in Obern, vnndt Nieder Bayern, fur Vnss, vnnd andere Geiſtliche, vnndt weltliche Furſten, Herwig Abt zue Weingarten, fur Vnss, vnndt andere Prelaten, Friederich Graue zue Furſtemberg, fur Vnss vnndt der grauen vnndt herrn, vnndt wir Burgermaiſter, vnndt Rath der Statt Augspurg, für Vnss vnndt andere frey, vnndt Reichs Stätte wegen, auff Churfurſten, Furſten, vnndt Stende I. 4 16 242 dess hay. Reichs beſchehen erſuchen, vnndt bitt, Vnſere Inſiegell ahn dieſen brieff thuen henckhen. Der geben iſt in Vnſer, vnndt dess hay. Reichs Statt Augspurg, auff Dinſtag, den ſechs vnndt zwaintzigſten tag dess Monats Juny, nach Chriſti Vnſers lie⸗ ben herrn gebuert, Funffzehenhundert, vnndt im acht vnndt viertzigſten, Vnſer Kayſerthumbs im Acht vnndt zwaintzigſten, vnndt Vnſerer Reich im drey vnndt dreiſſigſten Jahren. Vnder⸗ ſchrieben Carolus, vnndt vff dem Vberſchlage: Ad mandatum Cæsareæ et Catholice Majestatis proprium: verzaichnet Johan Obernburger, verſiegelt mit achten, ſieben in roten, vnndt ainen in gruenen wachs, ingetruckten, vnndt den erſten in gul⸗ den, vnndt ſchwartzen ſeyden, vnndt die andere in ſchwartzer vnndt gelber ſeyden preſulen angehengten ſiegeln. Drittes Kapitel. Zwei und zwanzig Monate hatten die ſpaniſchen Truppen, welche vor Zierikzee lagen, keinen Sold erhalten, und nur das Verſprechen, daß ihnen nach Eroberung dieſer Stadt ihre Rückſtände pünktlich erſtattet werden ſollten, vermochte ihren Grimm zu beſchwichtigen. Als ſich nun Zierikzee endlich er⸗ geben hatte, drangen die Truppen ungeſtüm auf die Erfüllung des ihnen gemachten Verſprechens und ſahen ſich in ihrer Hoff⸗ nung getäuſcht. Die finanziellen Verlegenheiten, deren lähmende Einwirkung ſchon Requeſens ſchmerzlich empfunden hatte, waren unter der Regierung des Staatsrathes noch bedeutend geſtiegen. Fruchtlos gab ſich der Staatsrath alle mögliche Mühe, um neue Quellen der Einnahmen zu eröffnen; die Meinungen darüber waren getheilt, und dieſer Zwieſpalt untergrub das Vertrauen des Volkes zu jener höchſten Behörde, ſo wie er auch das Anſehen derſelben erſchütterte. Man unter⸗ ſchied ſtreng zwiſchen den ſpaniſch geſinnten und den pa⸗ triotiſchen Mitgliedern des Staatsrathes. Die ſpaniſchen Truppen betrachteten denſelben mit Geringſchätzung;— das Volk mißtraute ihm, weil nicht bloß Spaniſch⸗Geſinnte, ſondern ein Spanier ſelbſt Mitglieder deſſelben waren; während die Truppen um ſomehr erbittert waren, weil ſich eben nur ein Spanier, Rueda, unter ſo vielen Niederländern befand, denen die Truppen keine aufrichtigen Geſinnungen für ihre In⸗ 244 tereſſen zutrauten. Die Brandſchatzung, welche die Bürgerſchaft Zierikzee's aufbringen mußte, reichte noch lange nicht hin, um die Rückſtände der ſpaniſchen Truppen zu decken, und die Wallonen im Heere empfingen jene Summe. Nun brach denn der Grimm der Spanier, welche auf der Inſel Schouwen lagen, aus. Sie verwüſteten Schouwen, zerriſſen die Bande des Gehorſams, verjagten ihre Befehlshaber und zogen noch Bra⸗ bant. Dort, wie in Flandern hoftten ſie reiche Beute zu gewinnen. Während einer feierlichen Meſſe ſchwuren ſie, treu Einer für den Andern zu ſtehen und die Waffen nicht aus der Hand zu legen, bevor ſie ihr Vorhaben durchgeſetzt hätten. Und alſobald gaben ſie abermals das intereſſante Schauſpiel einer ſtreng organiſirten Meuterei, einer militäriſchen Republik. Zu Herrenthal, nicht mehr weit von Brüſeel, erkoren ſie aus ihrer Mitte wieder einen Eletto, und empfingen den Grafen von Mansfeld, der ihm Namen des Staatsrathes zu ihnen gekommen war, um ſie durch einen Generalpardon und das Verſprechen zu beſchwichtigen, daß ſie von der erſten Geldſendung aus Spanien einen Theil der Soldrückſtände erhalten würden, mit folgender trotzigen Antwort:„Vollſtändig verlangen wir das, was uns von Rechtswegen gebührt; bis zur Abrechnung räume man uns eine Stadt zur Beſetzung als Bürgſchaft ein, und für die Zukunft fordern wir höheren Sold.“ Hierauf woll⸗ ten ſie in Brüſſel und Mecheln einziehen; da man ihnen aber in beiden Städten die Thore verſchloß, ſo wendeten ſie ſich aus Brabant nach Flandern, überfielen am 25. Juli die Stadt Aelſt, welche in der Mitte Weges zwiſchen Brüſſel und Gent liegt, und brandſchatzten von dort aus alles umlie⸗ gende Land, das wohl 170 Dörfer umfaßte. Die Ausſchwei⸗ fungen der Soldaten mſamutenädis Rache des mißhandelten Landvolkes. Da dieſes den Räubern und Mordbrennern nicht in 245 Maſſe Widerſtand halten konnte, ſo lauerte es den Einzelnen auf, wo es ſie fand, und ließ ſie für die Verbrechen Aller büßen. Dieſer Zuſtand entrüſtete die Bürgerſchaft Brüſſels und die feindſeligen Geſinnungen derſelben gegen den Staatsrath kamen dadurch zum Ausbruch. Von ihm erwartete, von ihm verlangte man in Brüſſel, in ganz Brabant ſchleunige Abhülfe. Laut erhoben ſich in Brüſſel drohende Stimmen:„der Staats⸗ rath beſteht aus Verräthern des Vaterlandes. Ungeſtraft läßt er die ſpaniſchen Kriegsbanden rauben und morden; alſo beißt er ſtillſchweigend ihr Treiben gut!“ Stündlich wuchs die Auf⸗ regung; der Graf von Mansfeld war faſt den ganzen Tag zu Roß und bewaffnet auf den Straßen, um ſeine Autorität aufrecht zu halten. Er vermochte es aber nicht; die ergrimmte Bürgerſchaft zwang ihn, ihr die Schlüſſel der Stadtthore aus⸗ zuliefern. Da entſchloß ſich endlich der Staatsrath, von den tumultuariſchen Bewegungen der Bürgerſchaft Brüſſels in Schrek⸗ ken geſetzt, zu einer Maßregel, welche für die nächſte Zukunft noch verderblichere Folgen nach ſich zog. Er ächtete nämlich, der öffentlichen Meinung nachgebend, am 26. Juli 1576 die aufrühreriſchen Spanier, nachdem er denſelben nochmals, aber vergeblich, Vergleichsvorſchläge gemacht hatte,„als Re⸗ bellen gegen den König und als Feinde des Landes.“ In Folge dieſer Aechtung wurden die Staaten ermächtigt, die Waffen gegen jene Truppen zu ergreifen,(was zuerſt Brabant, dann auch Hennegau und Flandern mit Freuden thaten,) und das Landvolk, ſie als Geächtete zu ergreifen, zu ver⸗ folgen und zu vernichten, wo es ſie fände. Nun ſcholl die Trommel durch die Provinzen, der Bürger verließ ſeine Werk⸗ ſtätte, der Bauer ſeine belibt⸗ Hütte, Jeder machte ſich wehr⸗ haft und:„Tod den Spaniern“ war die Loſung Aller. Dieſer 246 kriegeriſche Nationalaufſchwung in den ſüdlichen Provinzen, welche bisher ſo viele Ungebühr mit tiefem aber ſtillem Grimm hatten ertragen müſſen, erfüllte auch die übrigen königlichen Truppen in den Niederlanden, welche bisher in den Schranken der Kriegszucht geblieben waren, mit dem Argwohn, daß die Volksbewaffnung gegen ſie alle gerichtet ſei. Da ver⸗ ließen viele Truppen ihre Befehlshaber und ſchloſſen ſich den Meutern in Aelſt an. Aber auch manche Befehlshaber ſelbſt erklärten die Sache des Heeres für ihre eigene; denn die oberſte Behörde im Namen des Königs, der ſie gehorchen ſollten, ſchien ſie verrathen und dem Grimme des Volkes preisgegeben zu haben; der Zuſtand der Nothwehr war eingetreten, und das eiſerne Recht der Gewalt ſollte allein entſcheiden. Die ſpaniſche und italieniſche Reiterei rückte aus Holland in die ſüdlichen Provinzen; der Graf von Megen brach die Belagerung Woer⸗ dens ab und zog nach Brabant. Das bedrohte Holland ath⸗ mete dadurch wieder freier auf; aber alle Schrecken der Anarchie und des Bürgerkrieges wälzten ſich dafür gegen Brabant beran. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hatte Oranien von Mid⸗ delburg aus, wo er ſich damals befand, dieſe unerwartete Wen⸗ dung beobachtet; er ſah, wie die Volksſtimmung in den ſüdli chen Provinzen jetzt nur einer kräftigen Anregung zur Abwerfung des lange mit Geduld ertragenen Joches bedurfte. Jetzt oder nie war der günſtige Augenblick erſchienen, den er raſch benützen mußte, um eine große Entſcheidung gegen Spanien vorzubereiten und durchzuführen, um der Freiheit, nachdem ſie bisher trotz aller Anſtrengung nur auf eine mühſame Vertheidigung, Scholle an Scholle, Schritt für Schritt, beſchränkt geweſen war, plötzlich ein weites Feld zu öffnen. Die Vereinigung Hollands und Seelands zum gemeinſamen Zwecke hatte ein Beiſpiel 247 gegeben, wie Eintracht auch Schwache mächtig macht; jetzt dachte Oranien an nichts Geringeres, als an eine Verbindung der ſüdlichen Provinzen mit den nördlichen. Gelang eine ſolche, waren beide eines Herzens und Sinns, ſo mußte die Fremdherrſchaft in den Niederlanden ein Ende nehmen. In dieſer Abſicht unterhielt Oranien jetzt eifriger als je ſeine Ver⸗ bindungen mit dem Adel in den ſüdlichen Provinzen, beſonders in Brüſſel, wußte die ſchwache Seite eines jeden Ein⸗ zelnen zu benützen, und bot Allen ſeine Hülfe zur Befreiung des Vaterlandes an. In gleichem Sinne ſchrieb Oranien auch an die Staaten von Brabant, Flandern, Geldern, Utrecht und anderen Provinzen, rief ihnen alle von den Spaniern erlittenen Unbilden lebhaft ins Gedächtniß, riß alle geſchlagenen Wunden auf, weckte die Hoffnung der Freiheit und dadurch die Luſt, ſie zu erringen, beruhigte die Katholiken durch die Verſicherung, daß er keine Veränderung des Gottesdienſtes beabſichtige, und ſtellte endlich den Unterdrückten ſein Gut und Blut, wie all' ſeine Macht zur vollen Verfügung. Dieſe Vor⸗ ſtellungen Oraniens erreichten die beabſichtigte Wirkung. Immer zahlreicher wurde die oraniſche Parthei in Belgien; immer tiefer ſchlug dort der Gedanke einer Verbindung mit Holland und Seeland Wurzel. Zu den eifrigſten Anhängern Oraniens in Belgien gehörten unter andern Adeligen die Herrn von La⸗ laing, von Glimes und von Heze. Der Letztere war Gou⸗ verneur von Brüſſel, der Herr von Glimes ſein Lieutenant und Groß⸗Bailli des walloniſchen Theils von Brabant. Beide be⸗ ſchloſſen, der langen Verwirrung durch einen verwegenen Hand⸗ ſtreich plötzlich ein Ende zu machen, und Glimes führte den Plan aus. Es war am 4. September 1576, als Glimes mit 400 walloniſchen Soldaten vor dem Hof zu Brüſſel erſchien, wo 248 der Staasrath und der geheime Rath verſammelt und eben beſchäftigt waren. Glimes umſtellte das Gebäude mit ſeinem Kriegsvolk, und eilte, von Bewaffneten begleitet, vor die Sitzungsſäle. Da er die Thüre des Staatsraths verſchloſſen fand, ließ er ſie mit Eiſenſtangen einbrechen, drang hierauf in den Saal und nahm Alle, welche dort verſammelt waren, ge⸗ fangen. Der Herzog von Aerſchot war nicht zugegen, ebenſo nicht der alte Viglius, welcher ſchon ſeit längerer Zeit den Sitzungen nicht mehr beiwohnte, ſondern ſich die Akten nach Hauſe ſchicken ließ; dagegen befand ſich der Marquis von Havré, Aerſchots Oheim, welcher erſt kürzlich aus Spanien zurückge⸗ kommen war, in der Verſammlung des Staatsrathes, Glimes ließ jedoch weder an ihn noch an Sasbout und einige andre Mitglieder, welche man zur Parthei der„Patrioten“ zählte, Hand anlegen; nur die Spaniſch⸗Geſinnten ſollten un⸗ ſchädlich gemacht werden. Einer der Verhaßteſten von dieſer letzteren Parthei, der Spanier Rueda, befand ſich jedoch ſeit Kurzem zu Antwerpen in Sicherheit. Die Grafen von Mansfeld und Barlaimont, ſowie die Räthe d'Aſſon⸗ ville und del Rio, wurden von Hellebardieren bewacht, fort⸗ geführt, und die beiden Erſteren in das Brothaus auf dem Hauptmarkt, die beiden Letzteren in eine Schenke zur Haft ge⸗ bracht; del Rio wurde einige Tage ſpäter auf Treurenberg in engeren Gewahrſam geſetzt. Auch Viglius wurde bis zum folgenden Monat als Gefangener bewacht. Das Volk in Brüſ⸗ ſel benahm ſich bei dieſem ungewöhnlichen Ereigniß durchaus ruhig. Der kühne Glimes berief ſich bei ſeinem Unternehmen auf die Autorität der Staaten von Brabant, wiewohl es dieſe ſpäter in Abrede ſtellten, daß ſie ihm dazu Auftrag gegeben. Als Rueda in Antwerpen die Brüſſler Vorfälle erfuhr, 249 dachte er an nichts Geringeres, als, während der entſtandenen Anarchie eine bedeutende Rolle zu ſpielen. Er warf ſich zum königlichen Statthalter auf, da ſeine gefangenen Amts⸗ genoſſen in ihrer jetzigen Lage nicht im Stande ſeien, die In⸗ tereſſen des Königs zu wahren; die Uebrigen, welche ihre Frei⸗ heit behalten hatten, beſonders den Herzog von Aerſchot, er⸗ klärte Rueda geradezu für Verräther. Um ſeine Rolle be⸗ haupten zu können, und als Spanier zugleich von ſeinem Na⸗ tionalhaſſe gegen die Niederländer getrieben, machte Rueda mit ſeinen Landsleuten, den Meutern gemeinſame Sache. Als königlicher Statthalter unterzeichnete und ſiegelte er nun im Namen Philipps II. und gebot dem Magiſtrat zu Antwerpen, ſeinen Anordnungen nachzukommen. Der hohe Ton, in welchem er ſeine Würde zu behaupten ſuchte, wurde jedoch dadurch lächer⸗ lich, daß die Umwälzung in Brüſſel keinesweges, wie er an⸗ nahm, eine Anarchie begründet hatte. Denn mit kräftiger Hand hatten die Generalſtaaten die Zügel der Regierung im Namen des Königs ergriffen, ein Akt, welchen ſie dadurch zu rechtfertigen ſuchten,„daß der König, indem er unter'm 4. März direkt den Staaten ſeine Beſtätigung des vom Staatsrathe gethanen Schrittes mit⸗ theilte, auch die Oberhoheit der Staaten über den Staatsrath dargethan habe.“ Dieſe Deutung war allerdings ſophiſtiſch,(wie Dewez, in ſeiner histoire générale de la Belgique, die Sache richtig bezeichnet); aber das zu Grunde liegende Gefühl, daß die Staaten die Autonomie zu vertreten hatten, war jedenfalls geſund und lauter. Sie ſtellten den Herzog von Aerſchot an die Spitze der Geſchäfte; als Stellvertreter gaben ſie ihm den Herrn von Lalaing, als Feldmarſchall den Herrn von Goignies zur Seite. Auch in Flandern und in Hennegau traten die Staaten jetzt 250 kühn hervor. Als Vertreter des Volkes hatten ſie die Verpflich⸗ tung, ſich deſſelben anzunehmen und mit der höchſten Gewalt zur Rettung des Landes einzugreifen. Die Staaten von Flan⸗ dern ließen das Schloß zu Gent, welches von ſpaniſchen Truppen beſetzt war, belagern; denn ſie beſorgten mit Recht, daß ſich dieſe ſonſt mit den Meutern in Aelſt vereinigen möch⸗ ten. Um zu dieſem Ende die bewaffnete Bürgerſchaft von Gent zu verſtärken, ließen ſie durch den Herrn von Auchy, den Bruder des noch gefangenen Grafen von Boſſü, Ora⸗ nien bitten, ihnen einige Truppen zu ſenden. Nichts konnte dem Prinzen willkommener ſein als dieſe Veranlaſſung, in Flandern feſten Fuß zu faſſen, und augenblicklich ſandte er den Gentern die verlangten Truppen, wobei er ſich verpflich⸗ tete, daß ſie den katholiſchen Gottesdienſt zu Gent in keiner Weiſe kränken ſollten; nur müſſe man ihnen verſtatten, im In⸗ neren der Häuſer ihre Pſalmen zu ſingen. Vergeblich war der Widerſpruch der Gegenparthei, welche Oraniens Einfluß fürchtete; ſeine Soldaten wurden bei ihrem Einzug in Gent mit Jubel aufgenommen und Oranien erhielt Nieu wpoort und Sas van Gent zur Pfandſchaft. Inzwiſchen hatten die Staaten von Brabant nicht lange vorher zwei Abgeordnete und die von Hennegau einen Bevollmächtigten nach Gent geſchickt, zu gemeinſamer Berathung über das Wohl des Vater⸗ landes. Die Verſammlung, welche am 14. September 1576 eröffnet worden, war ſtürmiſch; jeder Einzelne machte ſeine Meinung mit leidenſchaftlicher Heftigkeit geltend. Man brachte in Vorſchlag, die Spanier von allen Seiten anzugreifen und aus dem ganzen Umfang der Provinzen zu vertreiben; zu die⸗ ſem Zwecke ſollte ſich Flandern mit Brabant und Henne⸗ gau verbinden, überhaupt jeder Provinz, welche den gleichen Zweck im Augenmerk habe, den Beitritt zu einer ſolchen Verei⸗ 251 nigung offen halten und raſch Bevollmächtigte nach Brüſſel ſchicken. Vergeblich riethen die Prälaten in der Verſammlung dagegen,„nur die Meuter zu Aelſt ſolle man vertreiben, nicht aber über Alle, welche Spanier heißen, ein Verdam⸗ mungsurtheil ausſprechen.“„Wie?“ erwiederten der Adel und die Vertreter der Städte den Prälaten,—„haben denn die Spanier überhaupt nicht durch ſo viele weltkundige Ruchlo⸗ ſigkeit, nicht durch ihre Tempelſchändung in der Abtei zu Afflig⸗ hem ein allgemeines Verdammungsurtheil wohl verdient? Blu⸗ tet nicht das ganze Land unter ſpaniſcher Willkür? Nahte ſie nicht verwegen bis vor die Thore von Gent?“ Mit ſolchen und anderen Gründen wurde die mildere Anſicht der Geiſtlichkeit überſtimmt und der Name„Spanier“ profkribirt. Brabant, Flandern, Artois und Hennegau traten in ein enges Bündniß unter einander zum wechſelſeitigen Schutz. Uebrigens ſetzten die Staaten Philipp II. von allen ihren Schritten in Kenntniß und ſuchten ſie in den Schriften, worin ſie den übrigen Mächten davon Anzeige machten, zu rechtferti⸗ gen. Der deutſche Kaiſer Maximilian II. erwiederte den Staa⸗ ten wohlwollend, aber er konnte ihnen weiter nichts als ſeine Vermittlung anbieten, wenn er nicht zugleich Spanien er⸗ bittern wollte. Der König von Frankreich war, wie er ſich erklärte, durch die Ligue allzuſehr in Anſpruch genommen, als daß er den Staaten hätte beiſtehen können. Die Staaten hatten den Staatsrath zu Brüſſel in Kraft belaſſen, wiewohl ſeine Autorität nunmehr bedeutend be⸗ ſchränkt war; ſie hatten nicht bloß die noch in Haft befindlichen Mitglieder derſelben durch andere erſetzt, ſondern die Zahl der Mitglieder überhaupt vermehrt. Wie eigenthümlich iſt jetzt die Stellung des Staatsrathes den Staaten gegenüber! 252 Noch kurz vorher war der Erſtere die oberſte Regierungsbe⸗ hörde; jetzt hat er nur eine berathende Stimme bei den Ver⸗ handlungen der Staaten und das Amt, ihre Beſchlüſſe zur Vollziehung zu bringen. Deutlich zeigt ſich hier der Fortſchritt der Revolution zum Weſen einer Republik; die Volksvertreter verhandeln die Lebensfragen der Nation, ja ſie herrſchen in eigentlicher Bedeutung; der mehrhäuptige Vertreter des Königs, in Ermanglung eines Statthalters, der Staatsrath, iſt bloß ihr Beamter. Und doch, das iſt die intereſſante Eigenthümlich⸗ keit, übt das Volk jetzt auch in Belgien ſeine Autonomie durch ſeine Vertreter noch immer„im Namen des Königs“; ſo ſchwer kann es ſich entſchließen, die alte Form abzuſtreifen. Warum hält es noch immer dieſe letzte Faſer des Bandes feſt, das es an Spanien knüpfte? Warum ſcheint es ſo ängſtlich zu zögern, zugleich eine Hoffnung damit aus der Hand zu laſſen? Und welche Hoffnung! Die einer Verſöhnung! Einer Verſöh⸗ nung— nach allen jenen entſcheidenden Schritten, die von beiden Seiten gethan worden ſend! Erforſcht man die Gründe, welche dies unglaublich Scheinende glaublich machen können, ſo ſtößt man auf ein geheimes Mißtrauen, welches in Belgien gegen Oranien vorhanden war; ein Mißtrauen, welches durch den allgemeinen Sehnſuchtsruf nach Freiheit, durch den lauten Jubel, mit welchem die Nähe derſelben endlich begrüßt wird, als ein wenn auch leiſer, doch bereits entſchiedener Mißton klingt. Er klingt tief herauf aus jenem Riß der National⸗ verſchiedenheit, welchen wir nie aus dem Auge verlieren, wenn jener Riß auch in einzelnen Momenten durch ein gemeinſames Intereſſe Belgiens und Hollands völlig vernarbt zu ſein ſcheint. Eine mächtige Kraft, welche unter der dünnen vernarbten Kruſte fortwirkt, iſt und bleibt die Religion. Das Miß⸗ trauen gegen eine Hülfe von dem proteſtantiſchen Holland her mußte in dem katholiſchen Belgien haften bleiben, für's Erſte freilich nur in der Minderzahl. Doch wir wollen auf den Gang der Ereigniſſe zurückkom⸗ men. Die Staaten der ſüdlichen Provinzen unterſtellten in einer ſo entſcheidenden Epoche ihren Abſichten bloß Friedens ver⸗ handlungen und nahmen die in Breda abgebrochenen wieder auf. Unter dieſem Vorwande näherten ſie ſich den nördlichen Provinzen; Gent wurde dabei als Ort des neuen Kongreſſes und der 10. October 1576 zur Eröffnung deſſelben beſtimmt. Am 18. deſſelben Monats erſchienen in Gent die Bevollmäch⸗ tigten Oraniens und der Staaten von Holland und Seeland; St. Aldegonde ſtand an der Spitze derſelben, die Anderen waren van Dorp, Nyveld, Paul Buis, van der Myle, Kornelius de Koning, Anton van Zikkele und Andreas de Jonge. Mit ihnen kamen zu Waſſer und zu Land zahlreiche Flüchtlinge wieder nach Gent, welche ſeit Alba's Bluturtheilen die Heimath nicht geſehen hatten. Da grüßten ſich an den Ufern, auf allen Straßen Verwandte und alte Freunde; unter Freudenjubel zog die Hoffnung ein. Am Tage nach der Ankunft der Abgeordneten in Gent wur⸗ den die Verhandlungen im Rathhauſe eröffnet, die Fortſetzung derſelben verzögerte ſich durch eine Menge von Förmlichkeiten und Rückſichten, welche man beobachten zu müſſen glaubte, bis in den November hinein, ohne daß endlich eine Entſcheidung nah in Ausſicht ſtand; und während aller dieſer Friedensver⸗ handlungen donnerten die ganze Zeit über die Geſchütze unabläſ⸗ ſig gegen das von den Spaniern beſetzte Schloß zu Gent. Es war den Spaniern ſelbſt vorbehalten, wenn auch wider ihren Willen, den Abſchluß der Verhandlungen zu beſchleunigen und ein Reſultat herbei zu führen, welches, wenn auch unter dem Namen eines Friedens werkes den⸗ 254 noch die Selbſtſtändigkeit beider Theile, Hollands und Belgiens, in einer Art begründete, daß dieſe im Stande waren, Spanien Vorſchriften zu machen, ſtatt ſolche von dort fürder zu empfangen. Die Spanier mußten durch ihre barba⸗ riſchen Ausſchweifungen den Haß gegen ſich in den Herzen aller Niederländer ſo weit treiben, daß wenigſtens die Gemeinſchaft dieſes Haſſes, daß die gleich große Stärke deſſelben, für den Augenblick den Mangel des vollen Vertrauens zwiſchen Holland und Belgien erſetzte. Der Verlauf der Ereigniſſe, welche die⸗ ſes Reſultat herbeiführten, war folgender. Als die ſpaniſchen Truppen geächtet und vogelfrei waren, und nur noch das eiſerne Recht der Gewalt Geltung hatte, konnte ſich die niederländiſche Volksbewaffnung gegen die kriegsgewohn⸗ ten, trefflich eingeübten, abgehärteten und gegen den Tod gleichgültigen feindlichen Schaaren im offnen Felde nicht halten. Der Herr von Glimes erlitt mit den von den Staaten ausgerüſteten Truppen am 15. September bei Visnac zwiſchen Tirlemont und Löwen eine bedeutende Niederlage durch die Spanier. Bald darauf trieben Rachluſt und Beutegier die ſpaniſchen Truppen zu entſetzlichen Srne. Maaſtricht und Antwerpen mußten ſie empfinden. In Maaſtricht beſtand die Beſatzung theils aus Spaniern, tgeils aus Deutſchen, und der Magiſtrat hatte, in Verbindung mit den deutſchen Soldaten, die ſpaniſchen aus der Stadt vertrieben. Sie waren nach d Städtchen Wyk am anderen Ufer der Maas zuriilgemen⸗ wo ſich eine ſpaniſche Beſatzung unter Martin d'Ayala befand. Mit dieſer hatten ſie ſich vereinigt und auch von anderen Orten her waren, auf die Nachricht ihrer Vertreibung aus Maaſtricht, Rotten der Meuter zu ihnen geſtoßen, um ſie an dieſer Stadt rächen zu helfen. Gänzlich aufgegeben mitten im feindlichen Lande, hielten die fremden Truppen um ſo feſter zuſannen; 255 die Beleidigung, welche einem Einzelnen widerfuhr, betrachteten die Uebrigen, als wäre ſie ihnen Allen geſchehen, und auch den Geringſten aus ihrer Mitte beſeelte ein ſeltenes Gefühl für die gemeinſame Ehre ihrer Waffen, welche ſie auch während der Meuterei aufrecht erhalten wollten. Nachdem ſich nun die aus Maaſtricht vertriebene ſpaniſche Beſatzung zu Wyk ſolchermaßen verſtärkt hatte, unternahm ſie einen Angriff auf die verhaßte Stadt. Sie eilte über die Brücke und trieb dabei gefangene Frauen vor ſich her, um die Bürger durch deren Anblick vom Schießen, ſowie vom Vertheidigen überhaupt abzuhalten. So kamen die Spanier an das Brüſſeler Thor, wo ein wüthen⸗ der Kampf entbrannte. Endlich erzwangen ſie ſich den Eingang in die Stadt, mordeten wie raſend Jeden, den ſie auf den Straßen trafen, warfen Brand in die Häuſer, plünderten, und entehrten die Frauen, während die deutſchen Landsknechte in der Stadt müſſig dem Blutbade zuſahen. Es war am 20. Oe⸗ tober, als Maaſtricht der Rache der Spanier verſiel. Zwei Wochen nachher bereiteten die Meuter Antw erpen ein noch fürchterlicheres Loos. Der blühende Handel hatte die⸗ ſer Stadt ungeheure Reichthümer zugeführt; unter den fremden Kaufleuten befanden ſich in beſonders großer Zahl die engli⸗ ſchen und hanſeatiſchen(die„Oſterlinge“), deren Häuſer in Antwerpen ſo groß waren, daß man ſie, wimmelnd von ge⸗ ſchäftigen Menſchen, eher für Paläſte von Kolonien als für Lagerhäuſer hätte halten können, und noch heute erinnert uns die„domus Hansae“, ein ſtattlicher Palaſt, an jene Zeit der Blüthe und des Stolzes. Von der königlichen Pracht, mit welcher ſich die reichen Kaufleute umgaben, entwirft uns der Kardinal Bentivoglio in wenigen aber kräftigen Zügen ein ſprechendes Bild; Alles, was der Luxus und die Habſucht an Koſtbarkeiten verlangen mögen, ſchimmerte in den Magazi⸗ 25³ nen Antwerpens.— In dieſer reichen blühenden Stadt hielt ſich nun, wie man ſich erinnern wird, Hieronymus Rueda auf und wollte den Staaten zeigen, daß ſeiner uſurpirten Statthalterſchaft, welche ſie nicht anerkannten, Gewaltmittel zu Gebote ſtanden. Er rechnete auf die ſpaniſche Beſatzung in der Citadelle, über welche Don Sanzio d'Avila den Oberbefehl führte. Befehlshaber in der Stadt war der Herr von Champagny, und die Beſatzung derſelben beſtand theils aus der bewaffneten Bürgerſchaft, theils aus deut⸗ ſchen Soldaten unter Fugger, Frundsberg und dem Grafen Otto vonOberſtein. Die beiden erſteren ließen ſich aus unedler Habſucht von den Spaniern zu einem Einverſtändniß bethören, Oberſtein und die deutſchen Kriegsknechte aber waren dazu nicht zu bewegen. Um nun mit Erfolg einen entſcheiden⸗ den Schlag ausführen zu können, riefen Rueda und Sanzio d'Avila ihre Landsleute aus Maaſtricht, Lier, Breda und Aelſt herbei, und die Offiziere, wie Julian Romero, An⸗ ton Olivers, Franzisco Valdez, trugen kein Bedenken, dieſem Rufe zu folgen, um ein Unternehmen ausführen zu hel⸗ fen, welches unter dem Namen der„ſpaniſchen Furie“ mit einem Brandmal in der Geſchichte eingezeichnet ſteht. Der Plan der Spanier war, die deutſchen Soldaten aus Antwerpen zu vertreiben, dieſe Stadt in ihre Gewalt zu brin⸗ gen, und ſich durch eine Plünderung derſelben für alle bisheri⸗ gen Entbehrungen ſchadlos zu halten, für die Proſkription zu rächen. Kaum hatten die Staaten von Brabant durch den Herrn von Champagny von den drohenden Bewegungen der Spanier Nachricht erhalten, als ſie ihm dem Marquis von Havré und den Sohn des Grafen Egmont, Philipp, mit 21 Fähnlein Fußvolks zu Hülfe ſchickten. Champagny wollte dieſe Truppen Anfangs nicht in die Stadt laſſen, indem er es für zweckmäßiger hielt, daß ſie außerhalb derſelben die Zugänge zur Citadelle beſetzten, denn er wollte dadurch die heranzie⸗ henden Spanier verhindern, ſich mit ihren Landsleuten in der Citadelle zu vereinigen. Gegen ſeinen Willen mußte jedoch Champagny endlich die Hülfstruppen der Staaten in Antwerpen aufnehmen. Dies geſchah am 3. November, und am folgenden Tage zogen auch die Spanier in die Citadelle ein. Nun konnte ſich die Beſatzung derſelben mit jener der Stadt meſſen. Ha⸗ vré hatte in der größten Eile einen Wall gegen die Citadelle aufwerfen laſſen und auf dem Schermershof eine Batterie hin⸗ gepflanzt. Nun ließ er die Citadelle heftig beſchießen. Da ſtürzten auf ein Zeichen d'Avila's die Spanier, von Kampf⸗ luſt glühend, aus dem Thore der Citadelle, eilten gegen die Verſchanzungen und erſtürmten ſie. Die Wallonen auf den Wällen leiſteten nach dem erſten Schuß keinen ferneren Wider⸗ ſtand. Hierauf brachen die Spanier wie Raſende in die Stadt, warfen die bewaffneten Bürger und die deutſchen Soldaten, drängten den Grafen Philipp Egmont in das Michaelskloſter zurück und zwangen ihn dort, nach tapferer Gegenwehr, ſich zu ergeben. In dieſem entſcheidenden Augenblick kam ihnen auch noch Verrätherei zu Hülfe. Der Hauptmann von der ſtädtiſchen Beſatzung, Kornelius van den Enden, war mit den Feinden im Einverſtändniß; ſeine Soldaten, vier Fähnlein ſtark, hatten grüne Feldbinden umgethan, um ſich den Spa⸗ niern zu erkennen zu geben. Jetzt traten die Verräther zu die⸗ ſen über. Mit um ſo größerer Tapferkeit warfen ſich nun die Bürger den Feinden entgegen; Verzweiflung gab ihnen zehnfache Kraft. Auf dem Platze vor dem Rathhauſe drängte ſich das Gewühl des Kampfes zuſammen; aus jedem Fenſter der hohen ſtattlichen Häuſer, welche dieſen Platz umſchloſſen, zielten Bür⸗ ger auf die Häupter der Spanier. Schon ſchienen dieſe verlo⸗ I. 17 258 ren; da ſprengte Vargas Reiterei im ſauſenden Galopp aus der Georgenſtraße herbei, rechts und links hieben die Reiter mit ihren Pallaſchen um ſich, und trieben die kämpfenden Bür⸗ ger in das Rathhaus. Bald nachher ſchlugen Flammen aus demſelben hervor,— Troßbuben hatten das Gebäude in Brand geſteckt; raſch ergriff die Feuersbrunſt auch die nächſten Häuſer und verzehrte endlich deren nicht weniger als fünfhundert. In⸗ deſſen leiſteten die Bürger noch bis in die Nacht den Feinden Widerſtand und reizten dadurch deren Grimm und Blutdurſt noch mehr, ſo daß ſie auch Wehrloſe mit teufliſcher Wolluſt hinſchlachteten; keine Würde, kein Stand ſchützte vor ihrer blinden Wuth; Magiſtratsperſonen, katholiſche Prieſter, Spa⸗ niſchgeſinnte wurden mit denſelben Degen durchbohrt, die noch friſch vom Blute der Soldaten, der Freiheitsfreunde rauchten. Champagny und Havré retteten ſich flüchtend auf oraniſche Schiffe. Oberſtein verunglückte bei einem gleichen Verſuch; von der Brücke herab nach einem Schiffe ſpringend und es ver⸗ fehlend, wurde er durch ſeine ſchwere Rüſtung auf den Grund hinab gezogen und ertrank. Egmont und zwei andere gefan⸗ gene Befehlshaber, die Herrn von Goignies und Capres, wurden auf die Citadelle gebracht und dort von Rueda, der, wie ein Fürſt auf einem Stuhle ſitzend, ſie vor ſich führen ließ, mit ſchnödem Uebermuth behandelt; doch blieb ihr Leben ver⸗ ſchont. Die Spanier zählten bei dieſem Blutbade nur 200 Todte, worunter den tapferen Navareſe, den Eletto der Meuter von Aelſt; die Bürger und die ſtädtiſche Beſatzung da⸗ gegen hatten über 6000 Menſchenleben eingebüßt, Als nun die Spanier um ſolchen Preis Antwerpen über⸗ wältigt hatten, vollführten ſie die zweite Hälfte ihres Planes, nämlich die Plünderung. Die Raubluſt veranlaßte jetzt noch größere Gräuel als vorher die Wuth. Mit kaltem Blute mißhandelten die Sieger, mit der ausgeſuchteſten Barbarei fol⸗ terten ſie die unglücklichen Bewohner Antwerpens, um deren Schätze zu erpreſſen; ſie ſchonten das kindliche Alter, ſie ſcheu⸗ ten das Silberhaar des Greiſes nicht; Kranke mißhandelten ſie in den Siechbetten; Frauen in guter Hoffnung folterten dieſe Wütheriche. Furchtbar war die Brautnacht einer ausge⸗ zeichnet ſchönen Jungfrau. Zu ihren Füßen liegt ihr Bräutigam im Feierſtaate durchbohrt, liegen die Gäſte erſchlagen. Die unſelige Braut flüchtet ſich in den Schooß ihrer vor Schrecken halb todten Mutter; kaltblütig gebeut ein ſpaniſcher Haupt⸗ mann ſeinen Soldaten, die Unglückſelige aus den Mutterarmen zu reißen. Der Vater ſpringt in Verzweiflung herbei und erſticht einen der Mörder mit dem Meſſer; dies kaum gethan, durch⸗ bohren ihn die Uebrigen und entſtellen noch ſeine Leiche durch mehr als zwanzig Wunden. Die Braut wird von den Mördern nach der Citadelle geſchleppt und dort gefangen gehalten. Sie will ſich mit ihrer goldnen Halskette erdroſſeln; aber ein ſpa⸗ niſcher Hauptmann, der dies bemerkt, entreißt ihr die Kette, läßt die Jungfrau entkleiden, geißeln und treibt ſie dann aus der Citadelle. Bluttrie fend und wie von Sinnen rennt ſie in die Stadt zurück, die in lichten Flammen ſteht, und wird end⸗ lich auf der Straße ermordet.— Die Läden der reichen Kauf⸗ leute und der Gordſah hmiede lockten die Habſucht der Soldaten am meiſten; jedes Magazin ward durchwühlt und geplündert. Ebenſo das Gut der Geiſt ichkeit in Kirchen und Klöſtern; die Raſerei hatte jeden Gedanken an Religio on in dieſen ſonſt ſo bigotten Spaniern erſtickt. Nur wenigen Bewohnern Antwer⸗ pens gelang es, ſich für ein mäßiges Löſegeld freizukaufen; aber Manchen von ihnen nützte dies nichts; denn, hatten ſie ſich mit einem Soldaten abgefunden, ſo kam ein anderer gleich hinterher, und erpreßte neues Löſegeld oder peinigte und 260 erſchlug die Getäuſchten. Zwei Tage lang währte dieſe grau⸗ ſenhafte Plünderung, welcher Rueda mit Wohlbehagen zuſah, welcher jedoch mehre von den ſpaniſchen Befehlshabern— wie⸗ wohl vergeblich— Einhalt zu thun ſuchten. Die Beute der Spanier an Geld wurde baar über 40 Tonnen Goldes ange⸗ ſchlagen, den Werth der geraubten Koſtbarkeiten ungerechnet; ebenſo hoch ſchätzte man den Verluſt, welchen Antwerpen durch die Feuersbrunſt erlitten. Unberechenbar aber und unerſetzlich war der Schade, welcher den Handel traf. Die bedeutendſten Kaufleute verſchiedener Nationen waren durch einen einzigen Schlag zu Bettlern geworden; der Kredit war vernichtet, und der Handel Antwerpens vermochte ſich nach jenen Schreckenstagen im November 1576 nie mehr zu ſeinem vorigen Aufſchwung zu erheben; das ganze Land litt durch Antwerpens Unglück mit. Raſend und brutal, wie die Spanier die ungeheure Beute gewonnen hatten, verſchleuderten ſie dieſelbe auch wieder. Da ſie ſich endlich im Beſitze des Geldes befanden, um deſſenwillen ſie das Land mit Bürgerkrieg erfüllt hatten, hatte das Geld keinen Werth für ſie. Neich wie Könige gingen ſie in die Börſe, wo vor Kurzem noch die königlichen Kaufleute umhergewandelt waren, und als Bettler ſchlich ſo mancher Soldat wieder heraus, eben jenen Kaufleuten gleich, die er zu Bettlern gemacht hatte. Die Börſe war nämlich zum Spielhauſege worden; da rollte auf den Tiſchen, an welchen die übermüthigen Sieger umherlagen, das blanke Gold von Hand zu Hand; da ſaß mancher gemeine Soldat, die ſchmutzige zerhakte Blechhaube auf dem Kopf, den Degengriff in der einen Fauſt, und ſtrich mit der anderen Hand zehntauſend Kronen ein, als ob es Spielmarken wären, oder verlor ſie eben ſo kaltblütig wieder. Im tollen Leben voll Saus und Braus rann das Gold zwiſchen ihren Fingern durch; Keiner achtete, wohin es kam; und in kurzer Zeit ſahen ſich 261 die Meuter wieder ebenſo arm wie zuvor. Die Klügſten trugen ihr Gold zu den Goldſchmieden und ließen ſich Harniſche daraus verfertigen, welche ſodann ſchwarz lakirt wurden, damit der eigentliche Werth derſelben unbeachtet bliebe. Dies war eine gute Gelegenheit für die Goldſchmiede, um wenigſtens einen Theil ihres Verluſtes wiederzuerlangen; ſie behielten das reine Gold und miſchten Kupfer in das zu Harniſchen verarbeitete. Rueda berichtete am 6. November dem König von Spanien die begangenen Gräuel, rühmte ſich derſelben und— wünſchte dem Monarchen zu dieſem„Siege“ Glück.*) Die Nachricht von dem Unglück Antwerpens erfüllte das Herz jedes Patrioten mit Schrecken und tiefem Mitleid; aber ſie ſpornte zugleich die in Gent verſammelten Abgeord⸗ neten, das Friedenswerk raſch abzuſchließen. Vergeſſen waren in dieſem Augenblicke alle Spannungen zwiſchen den Pro⸗ vinzen; erloſchen ſchien jeder Funke von Mißtrauen, der religiöſe *) Ueber die ſpaniſche Furie in Antwerpen:„een nieeuw liedeken op de wyze: Antwerpen rijk, o Keyserlyke etc.(mitgetheilt durch J. F. Willems im„belgisch Museum-«. Darin die auf Antwerpens Herr⸗ lichkeit bezügliche Strophe: „Antwerpen rijck Ghy waert een Stadt ij doone; Nogt ws ghelijk Was onder tshemels throone; Nol goet en scat Waert ghij tot allen stonden; Noyt rijeker Stadt En was ter weerelt vonden; Vol weelden abondant, Lieflijck en playsant, Schoone van timmerage; Maer duer de spaengiers quaet Leeft ghy nu desolaet, Jammerlijck, vol quellage.- 262 Fanatismus ſeinen verderblichen Zauber über die Anhänger der verſchiedenen Glaubensbekenntniſſe verloren zu haben. Belgier und Bataver reichten ſich in einer hehren Aufwallung die Hände zum Bunde; der Gedanke an den gemeinſamen Feind, an die gemeinſame Gefahr, an die gemeinſame Freiheit hatte ſie raſch zu Brüdern umgewandelt. Vier Tage nach den Gräuelſcenen in Antwerpen, nämlich am 8. November 1576, traten die Abgeordneten zu Gent des Morgens im Rathhauſe zuſammen und unterzeichneten die Urkunde der Vereinigung zwiſchen den nördlichen und ſüdlichen Provinzen, welche man unter dem Namen der„Pacifikation von Gent“ begriff. Gegen Mittag er⸗ tönten die Glocken auf allen Thürmen, donnerten die Geſchütze auf den Wällen; zahlloſes Volk bedeckte, Kopf an Kopf gedrängt, den Platz vor dem Rathhauſe und harrte ungeduldig einer wichtigen Stunde entgegen. Da wurden plötzlich alle Thüren des Rathhauſes aufgethan, und auf den Balkon deſſelben traten die Abgeordneten heraus, welche die Urkunde unterzeichnet hatten. In ehrerbietiger Stille horchte das Volk, ſelbſt jeden Ausbruch der Freude zurückdrängend, um nur kein Wort zu überhören, als die Urkunde bei Fackelſchein vom Balkon herab verleſen ward. Folgendes war im Weſentlichen der Inhalt dieſer Verei⸗ nigungsurkunde, welche Jan van der Linden, Abt zu St. Gertrudis, Geleyn, Abt zu St. Peter, Mathieu, Abt zu St. Gillain, Jan de Mol, Franz von Halewyn, Charles de Ganre, Elbertus Leoninus, G. dü Pret, P. Beuere, Philipp von Mar⸗ nix Herr zu St. Aldegonde, A. van Dorp, W. van Zuylen van Nievelt, A. van Myle, Peter de Rycke, C. Conink, Paul Buys und Andr. de Jonge van den Zichelen, als Abgeordnete im Namen der Staaten von Brabant, Flandern, Artois, Henne⸗ gau, Valenciennes, Ryſſel,(d. i. Lille) Douay, Orchies, Namür 7 263 Tournay, Utrecht, Holland und Seeland, ſo wie des Prinzen von Oranien unterzeichnet hatten. Erſtens: Alle bisher während der Unruhen entſtandenen wechſelſeitigen Beſchädigungen und Beleidigungen zwiſchen den Bewohnern der genannten Provinzen ſollen vergeben und ver⸗ geſſen ſein. Zweitens: dieſe Provinzen ſowie der Prinz von Oranien halten fortan eine feſte, unzerbrechliche Freundſchaft und verpflichten ſich, einander getreu mit Rath und That, mit Gut und Blut gegen alle Feinde der Bundesgenoſſenſchaft beizuſtehen, ins⸗ beſondere aber, die Spanier und andres fremde Kriegsvolk aus dem Lande zu treiben und von dem⸗ ſelben fernzuhalten. Drittens: Unmittelbar nach dem Abzug der Spanier ſoll eine Verſammlung der Generalſtaaten, und zwar in der Weiſe wie zur Zeit der Uebertragung der Niederlande von Karl v. an Philipp II. zu Stande kommen, ſowohl zum Behuf der Regierung überhaupt und der beſonderen Landes⸗ angelegenheiten, als auch zum Behufe der Entſcheidung über die Religionsangelegenheiten in Holland und Seeland endlich zur Berathung über das im Kriege eingenommene Ei⸗ genthum des Königs an Feſtungen, Schiffen, Geſchütz u. ſ. w. Viertens: Die Bewohner der einzelnen Provinzen erhalten vas Uurzugsrecht, jedoch unbeſchadet der Aufrechthal⸗ tung des Katholizismus,(mit Ausnahme von Holland und Seeland). Fünftens: Alle Plakate Alba's gegen die Nichtka⸗ tholiken ſind bis zur Verſammlung und Entſchei⸗ dung der Generalſtaaten aufgehoben. Sechſtens: Der Prinz von Oranien bleibt Ober⸗ 264 admiral und Statthalter über Holland und See⸗ land, in ſeiner ganzen bisherigen Machtvollkom⸗ menheit. Jedoch darf er(ſiebentens) dieſe nicht auch über ſolche Städte und Ortſchaften ausdehnen, die bisher noch nicht unter ſeinem Gehorſam ſtehen. Ferner ſollten(achtens) in den ſeiner Regierung unterge⸗ benen Landen und Städten keine fremden Plakate oder Edikte gelten, ohne daß jedoch durch ſolches Vorrecht für die Zu⸗ kunft die Autorität des großen Rathes des Königs Schaden nehme. Neuntens: Alle, während der bisherigen Kriegsereigniſſe in Gefangenſchaft Gerathenen, namentlich der Graf von Boſſü, erhalten ihre Freiheit ohne Löſegeld. Zehntens: der Prinz von Oranien ſo wie alle übrigen Herrn, Ritter, Edelleute und ſonſtigen Perſonen werden(mit ihren Wittwen, Kindern und Erben) in den Beſitz ihrer Güter nach dem Normalſtand von 1566 reſtituirt, zu welchem Ende alle von da ab wegen Religionsſachen oder gewaffneten Wider⸗ ſtandes erhobenen Prozeſſe null und nichtig ſind, und auch der gute Leumund erwähnter Perſonen in Ehren wiedererhalten ſein ſoll. Darunter ſind,(elftens und zwölftens,) nament lich die Pfalzgräfin bei Rhein(Herrn von Brederodes nachgelaſſene Wittwe) in Bezug auf Vyanen und andre Güter, ſowie der Graf von Büren, in Orzug auf das Eigenthumsrecht der gleich⸗ numigen Herrſchaft, inbegriffen. 3 Dreizehntens: ſollen alle Siegeszeichen Alba's, wie jedes Erinnerungsmal an dieſen vertilgt werden. Die Artikel 44 bis 19 enthalten die Entſcheidung über die Nutznießn. verſchiedenen Güter, über die verlorene fah⸗ „ rende Habe, welche der Eigenthümer nicht weiter zu reklamiren hat, und die Beſtellung eigener Kommiſſarien zur Entſchädigung der Eigenthümer von confſiscirten Liegenſchaften ſo wie zur Ver⸗ gütung Derjenigen, welche mittlerweile ſolche rechtlich an ſich gebracht. Zwanzigſtens: Alle Prälaten und ſonſtige geiſtliche Perſonen, deren Abteien oder Stifte außerhalb Hollands und Seelands liegen, welche jedoch dort Güter beſitzen, ſollen in dem Beſitz der letzteren wiederhergeſtellt werden. Dagegen ſollen(einundzwanzigſtens) die in Holland und Seeland eingepfründeten, aber daraus entflohenen Geiſtlichen ebenſo wie die im Lande gebliebenen ihren anſtändigen Unter⸗ halt bekommen oder ſonſt die Benutzung ihrer Güter frei haben, alles dies jedoch proviſoriſch bis zur Entſcheidung der Ge⸗ neralſtaaten. Zwei und zwanzigſtens: Alle Enterbungen und Vermögens⸗ Verfügungen von Privatperſonen unter Lebenden wie auf den Todesfall werden für null und nichtig erklärt, wiefern die recht⸗ mäßigen Erben dadurch(ſei es wegen des Religionsbekenntniſſes oder in Folge der Unruhen) beeinträchtigt worden. Drei und zwanzigſtens: Da die von Holland und Seeland während des Krieges nothgedrungen den wirklichen Werth ihrer Gold⸗ und Silbermünzen erhöht haben, und dieſe demnach in anderen Provinzen jetzt nur mit großem Verluſt umſetzen kön⸗ nen, ſo ſollen die Deputirten der Generalſtaaten ſobald als möglich einen allgemeinen Münzfuß, zugleich zur Erhal⸗ tung der Einigkeit und zu Gunſten des Handels, aufſtellen. Vier und zwanzigſtens: Der Antrag der Deputirten von Holland und Seeland, daß alle Provinzen aus gemeinſamen Mitteln den Prinzen von Oranien für die Koſten ſeiner beiden 266 Feldzüge entſchädigen möchten, wird den zu verſammelnden Ge⸗ neralſtaaten zur Entſcheidung überlaſſen. Endlich fünf und zwanzigſtens: In dieſer Vereinigung oder Paeifikation ſollen alle jene Provinzen, Herr⸗ lichkeiten und Städte, welche zur Stunde noch die Ge⸗ genparthei halten, nicht begriffen ſein, noch deren Rechtswohlthaten genießen,— jedoch dieſe letzteren ebenfalls erlangen können, ſowie ſie dem Vertrage beitreten, wozu ihnen die Ausſicht offengehalten wird.“ Der Geiſt dieſer merkwürdigen Akte bedarf keine Erläu⸗ terung; ſie ſelbſt ſpricht deutlich genug den Enthuſiasmus aus, welcher die Verbündeten damals beſeelte, die kühnen Hoffnungen und Vorſätze, denen ſie ſich hingaben, das Selbſtbewußtſein ſämmtlicher Niederlande, welche ſich dem Könige offen und ent⸗ ſchieden gegenüber ſtellten und ihm zuriefen:„Bis hieher und nicht weiter!“ Und dennoch beobachtete man jetzt wieder noch das alte Herkommen, und ſtellte den Namen des Königs an die Spitze der Beſchlüße! Die Freude, welche der Abſchluß der Pacifikation von Gent erregte, war allgemein und unbeſchreiblich. Niemand dachte während dieſes Freudentaumels, daß dieſer eine Vertrag ſo nothwendig er in dieſem Augenblicke war, um die ſüdlichen Provinzen ſo gut wie die nördlichen vor Anarchie zu retten, dennoch die alten Gegenſätze der Konfeſſtoncn nicht gunz entwurzeln, daß er zwei verſchiedene Nationalitäten nicht in einen und denſelben Guß bringen konnte; daß ſelbſt die den zurückgekehrten Flüchtlingen zu Theil gewordene Gerech⸗ tigkeit durch die Anſprüche, welche dieſelbe jetzt erhoben, gefährliche Reibungen veranlaſſen würde, daß endlich der Adel in Belgien das Uebergewicht des Prinzen von Ora⸗ 267 nien nicht lange ohne Eiferſucht und mit Geduld ertragen würde. 4 Die nächſten Folgen jedoch ließen ſich günſtig an. Die erſte derſelben war die Uebergabe des Schloſſes zu Gent, welches Mondragons Gattin während deſſen Abweſenheit heldenmüthig vertheidigt hatte. Noch am ſelben Tage, als die Akte zu Gent unterzeichnet und veröffentlicht ward, wurde ein Sturm auf das Schloß angeordnet, aber die Beſatzung deſſelben verlangte zu kapituliren und übergab es am 11. November. Es wurde ſogleich mit zwei Fähnlein von dem Kriegsvolk der Staaten beſetzt. Mondragon ſelbſt verließ bald darauf Zierikzee, das er bisher ſtandhaft gehalten hatte. Ebenſo wichen die Spanier aus Oudewater, Beverwyk, dem Schloß Aſſumberg und mehren anderen feſten Plätzen in Holland, und dieſe Provinz, welche in der letzten Zeit die Laſten des Krieges ſo ſchwer hatte tragen müſſen, konnte nun anfangen, ſich von ihren Bedrängniſſen zu erholen. Boſſü wurde in Folge der Pacifikation freigelaſſen und trat nicht lange nach⸗ her aus den Dienſten des Königs in die der Staaten. —--⸗—--- Drittes Buch. Erſtes Kapitel. Inzwiſchen war bereits der neue Generalſtatthalter, welchen Philipp II. den Niederlanden beſtimmt hatte, nänllich deſſen natürlicher Bruder, Don Juan von Oeſterr eich, in Luxemburg angekommen, in dieſer einzigen Provinz, in wel⸗ cher weder die religiöſe Neuerung noch die politiſche Be⸗ wegung Eingang gefunden. Die Beweggründe, welche Phi⸗ lipp II. beſtimmt hatten, ſeinem Halbbruder Don Juan die Regierung der Niederlande zu übertragen, waren verſchiedener Art. Einige derſelben hingen mit dem Charakter Don Juans ſelbſt, mit deſſen Stellung überhaupt und der zum ſpaniſchen Hofe insbeſondere, endlich mit deſſen anderwärtigen Plänen zu⸗ ſammen. Zwar hatte Philipp II. jenem raſchen Entſchluſſe des Staatsraths in Brüſſel ſeine Zuſtimmung gegeben, aber wohl nur darum, weil er für den Augenblick— keinen anderen Ausweg vor ſich ſab. Wenn auch der Nath des Hop⸗ perus bei ihm Eingang fand, daß ein ſolcher Beweis des kö⸗ niglichen Vertrauens, wie er ihn durch ſeine Zuſtimmung zu dem Schritte des Staatsrathes gab, die Niederländer unfehlbar ge⸗ winnen müſſe, ſo ſchien es dem König doch bedenklich, für län⸗ gere Zeit die Regierung der Niederlande in den Händen eines größtentheils aus Eingebornen beſtehenden Kollegiums zu wiſſen. Deßhalb hatte Philipp durch den Marquis von Havré die Niederlande ſchon im Auguſt 1576 benachrichtigt, daß er 7 ihnen in Kürze ſeinen Bruder ſenden werde, welcher die Ord⸗ nung und den Frieden wieder herſtellen würde. Die Lebensgeſchichte Don Juans von Oeſterreich hat von deſſen Wiege an bis zu ſeinem Grabe ein hoch romanti⸗ ſches Intereſſe. Nicht leicht möchte ſich in der neueren Geſchichte ein Charakter finden laſſen, welchen die eigenthümliche Kombi⸗ nation der Schickſale ſo ſehr zum Helden eines Epos macht, wie dieſen Don Juan von Oeſterreich. Aber je romantiſcher ſeine Geſtalt durch den Kontraſt ſeiner Anlagen zu den Ver⸗ hältniſſen, in denen er ſich bewegen muß,— um ſo mehr muß der Ge⸗ ſchichtſchreiber auf der Hut ſein, um ſich durch das poetiſche Intereſſe welches Don Juan einflößt, nicht beſtechen zu laſſen.*) Don Juan von Oeſterreich war der natürliche Sohn Kaiſer Karls V. und der ſchönen Barbara Blumberg aus Re⸗ gensburg und wurde(nach Strada) am 24. Februar 1545 zu Regensburg geboren. Nach anderen Angaben wäre eine Dame aus der Familie Blomberg in Flandern Don Juans Mutter geweſen, was jedoch, nach Rankes Verſicherung, die Familie Blomberg in Abrede ſtellt. Wer aber auch ſeine Mut⸗ ter geweſen ſei(Don Juan ſelbſt hielt Barbara Blumberg dafür)— Karls V. hochſtrebender Geiſt lebte in dem Sohne,— nur ſchöner und liebenswürdiger. Schon im zarte⸗ ſten Alter ließ ihn ſein Vater nach Spanien bringen, wo Juan, unbekannt mit dem Adel ſeiner Abkunft, durch Luis Quyada, Herrn von Villagarcia, angeblich als deſſen Sohn erzogen ward. *) Ein Zwittergeſchöpf von Roman und Geſchichte hat Dumesnil in ſeiner„Histoire de Don Juan d'Autriche⸗(Paris. 2. Auflage 1827) geliefert. Die Nichtigkeit dieſes Produktes erkennt man erſt recht, wenn man Rankes„Digreſſion über Don Johann von Oeſterreich“ lieſt und mit Cabrera, Perez vergleicht. 273 Frühzeitig verrieth Juan in allen kindlichen Spielen einen ritter⸗ lich kriegeriſchen Geiſt. Karl V. hatte ihn zum geiſtlichen Stande beſtimmt und ihn dringend der brüderlichen Sorgfalt ſeines ehelichen Sohnes, des Königs Philipp II., empfohlen. Zwei Jahre waren nach Karls V. Tode verfloſſen, als Philipp eines Tages den fünfzehnjährigen Juan mit deſſen Erzieher auf einer Jagd vor ſich berief. Erſtaunt ſtand der Jüngling in dem wei⸗ ten glänzenden Kreiſe des Adels, welcher den Monarchen zweier Welten umgab, und warf ſich ihm zu Füßen. Da hob ihn Philipp auf und fragte ihn liebreich, ob er wiſſe, wer ſein Va⸗ ter ſei. Ueberraſcht zögerte Juan mit der Antwort, und nun ſtieg Philipp vom Pferde und ſprach:„Willkommen, o Jüng⸗ ling, du biſt der Sohn des glorreichſten Vaters; denn wiſſe, Kaiſer Karl V. iſt's, dem wir beide das Leben verdanken.“ Mit dieſen Worten umarmte er Juan und ließ ihn fortan ſei⸗ nem Stande gemäß ehren. Noch oft pflegte Philipp ſpäter, dieſer Scene gedenkend, zu ſagen:„Nie habe ich von der Jagd eine edlere Beute heimgebracht!“ Juan wurde hierauf mit Phi⸗ lipps Sohne, dem Kronprinzen Don Carlos und mit Alexander Farneſe, dem Sohne Margarethens von Parma, am königlichen Hofe erzogen, und blühte herrlich heran. Wohlgeformt war ſeine Geſtalt; das blonde von den Schläfen rückwärts geſtrichene Haar erinnerte an die deutſche Abkunft; einnehmend war ſein Blick; ſein offenes lebensfreudi⸗ ges Benehmen im Umgang, ſeine feine Bildung, ſein ritterlicher Muth, der Adel ſeiner Geſinnungen entzückten Jeden, der ihn ſah. Was ihm dabei insbeſondere das Herz ſeines ſonſt ſo miß⸗ trauiſchen Bruders Philipp gewann, war die unerſchütterliche Ergebenheit gegen dieſen, welche er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, während Don Carlos durch ungeſtüme, leiden⸗ ſchaftliche Heftigkeit, durch trotzigen Widerſpruchsgeiſt die Liebe I. 18 274 des Vaters verſcherzte. Doch auch Don Juan ſehnte ſich von jenem Müßiggang, der am Hofe auf ihm laſtete, ungeduldig nach Thaten hinaus. Er entfloh nach Barcellona, um ſich dort nach Malta einzuſchiffen und dieſe Feſtung von den Osmanen befreien zu helſen; es bedurfte eines ſtrengen Befehls ſeines königlichen Bruders, um ihn zur Rückkehr nach Madrid zu be⸗ wegen. Inzwiſchen hatte ſich Philipp II. bereits entſchloſſen, ſeinen Halbbruder, deſſen ausgezeichnete Fähigkeiten er im Stil⸗ len mit Wohlgefallen geprüft hatte, für Kriegs⸗ und Staatsge⸗ ſchäfte zu verwenden. Er ſchickte ihn im Jahr 1569 gegen die empörten Mauren von Granada, und nachdem Don Juan das auf ſeine militäriſchen Talente geſetzte Vertrauen in dieſem Feld⸗ zuge glänzend gerechtfertigt hatte, ſtellte ihn Philipp II. an die Spitze der großen chriſtlichen Flotte, welche Spanien, der Papſt, Venedig, Florenz und der Maltheſer Orden ausgerüſtet hatten, um die drohenden Fortſchritte der Osmanen aufzuhalten. Don Juan gewann gegen ſie den Sieg zur See bei Lepanto(am 7. Oktober 1571) und jubelnd begrüßte ihn die ganze Chriſten⸗ heit als ihren Vorfechter und erſten Helden. Das Glück riß nun ſein jugendlich feuriges Gemüth zu neuen Ehren hin.„Wer nicht vorwärts ſtrebt, geht zurück,“ war Don Juans Wahlſpruch und abentheuerliche Pläne, ſich im Kriege gegen die Ungläubigen eine ſelbſtſtändige Fürſtenmacht zu gründen, erfüllten ſeinen hochſtrebenden Geiſt. Eine Ausſicht dazu bot ſich ihm, als ihm Philipp II. auftrug, Tunis zu erobern. Don Juan nahm Tunis ein, bemächtigte ſich Biſerta's und ließ nun, ſeinen königlichen Bruder durch den Papſt bitten, ihn— zum Kö nig von Tunis zu machen. Heftig erſchrack Philipp, als er plötzlich ſo kühne Pläne in Don Juans tiefſter Seele las; er beſchloß, der Thatluſt ſeines feurigen Bruders einen anderen weiten Spielraum zu geben, auf welchem der junge Held ſeine Kräfte zugleich zum Nutzen der ſpaniſchen Monarchie verwenden könne. Deßhalb dachte er ihm die Generalſtatt⸗ halterſchaft über die Niederlande zu, wobei er hoffte, daß dieſe letzteren unfehlbar die alte Zuneigung, welche ſie dem Andenken Karls V. bewahrten, auf deſſen Sohn Juan über⸗ tragen würden, welcher in ſo vielen Eigenſchaften des Charak⸗ ters und Benehmens dem dort geliebten Vater am meiſten glich; ſo dünkte ihm kein Zweiter für die Rolle eines Vermittlers, welche unter den damaligen Verhältniſſen ſchwieriger als je war, ſo paſſend wie Don Juan! Mit lebhafter Freude ergriff Juan dieſen Vorſchlag; aber er verband damit noch einen anderen, tieferen Plan, welcher ſeinem romantiſchen Ehrgeitz entſprach, nämlich— die Befreiung der von Eliſabeth gefangen gehaltenen Königin Maria Stuart, mit deren Hand er auch die Throne von England und Schottland zu erwerben hoffte. Dieſen Plan, ſo geheim ihn Don Juan auch zu halten wähnte, erfuhr Philipp, und ſein Mißtrauen gegen den kühnen Bruder war von nun an unauslöſchlich. Aber eben ſo groß war zugleich ſeine Verlegen⸗ heit. Was ſollte er beginnen? Denn, verſagte er ſeine Einwil⸗ ligung zu jenem Unternehmen, ſo mußte er beſorgen, daß Don Juan ſeine für Spanien ſo wichtige Aufgabe in den Niederlan⸗ den nur mit geringem Eifer erfüllen würde. Er willigte denn endlich ein; und eben mit den ſpaniſchen Truppen in den Niederlanden ſollte das Wageſtück, welches Don Juans ge⸗ heimſte Wünſche beſchäftigte, unternommen werden. Von frohen Hoffnungen erfüllt, verließ nun Don Ju an in Begleitung Otavio Gonzaga's Spanien, reiſte als Gonzagas Bedienter verkleidet durch Frankreich, und befeſtigte dort ſein Einvernehmen mit der Gui ſe'ſchen Parthei, welche das gemeinſame Intereſſe für Maria Stuart mit ihm verband. Glücklich erreichte er endlich Luxemburg und zwar gerade an eben jenem ver⸗ 276 hängnißvollen 4. November 1576, da die ſpaniſchen Trup⸗ pen durch die Plünderung Antwerpens einer Verſöhnung der Niederlande mit Spanien ein neues Hinderniß in den Weg legten. Don Juans Erſcheinen in den Niederlanden konnte den Abſchluß der Pacifikation von Gent nicht mehr verhindern, es erregte jedoch Beſorgniſſe, welche er durch ein Schreiben an den Staatsrath, worin er demſelben ſeine Ankunft anzeigte, zu zerſtreuen bemüht war. Er betheuerte darin mit den allerfreund⸗ lichſten Worten:„Der König wünſche nichts ſehnlicher als: die Provinzen in Ruhe und Frieden zu ſehen; zu dieſem Ende habe ihn Philipp mit den ausgedehnteſten Vollmachten verſehen, und er(Don Juan) ſeinerſeits werde ſich mit allem Eifer dem Auftrage unterziehen. Die Exzeſſe der Truppen hätten ſein Miß⸗ fallen im höchſten Grade erregt, und er werde den Spaniern augenblicklich befehlen, alle Feindſeligkeiten einzuſtellen, ſo wie er auch den Provinzen ſicher Genugthuung verſchaffen wolle. Dagegen ermahne er auch zum Gehorſam gegen den König und zur Erhaltung der römiſch katholiſchen Religion.“ Sodann ver⸗ langte er,„daß ihm die Staaten Geiſſeln ſtellen ſollten, bevor er ſich tiefer in die Niederlande begebe.“ Don Juans Verſiche⸗ rungen überraſchten die Staaten, ſo daß ſie Deputirte an ihn ſchickten, welche er mit der größten Aufmerkſamkeit und Höf⸗ lichkeit empfing. Gleichwohl ſtellte ſich gar bald das Mißtrauen wieder ein, und ſie wandten ſich an Oranien um guten Rath. Dieſer ſchrieb ihnen von Middelburg aus(unterm 30. Novem⸗ ber 1576).„Beſteht vor allen Dingen beharrlich darauf, daß das fremde Kriegsvolk aus dem Lande ziehe; früher laſſet euch in keine Unterhandlung mit Don Juan ein! Sodann bedinget euch das Recht, euch zwei oder drei Mal im Jahre, überhaupt, ſo oft es euch nöthig ſcheint, verſammeln zu dürfen. Auch dringet darauf, daß ohne 277 eure Bewilligung keine Werbung geſchehe, daß keine Beſatzung eingelegt werde, daß alle Citadellen geſchleift werden!“ Ueber⸗ haupt rieth Oranien, die Kriegsmacht zu verſtärken. Demgemäß handelten denn auch die Staaten und legten Don Juan folgende Bedingungen vor, unter welchen ſie ihn als Generalſtatthalter anerkennen würden,— den Abzug der Spanier, Juans Beitritt zur Pacifikation von Gent, die Berufung der Generalſtaaten und die Er⸗ haltung der Privilegien. Geſchmeidig erwiederte Don Juan hierauf:„er würde das fremde Kriegsvolk des Königs aus dem Lande ſenden, wenn die Staaten auch ihre Truppen abdankten; auch einem allgemeinen Frieden würde er gerne beitreten, wenn ein ſolcher das An⸗ ſehen des Königs und den römiſch⸗katholiſchen Glauben nicht beeinträchtige; würde man ihm über dieſe beiden Punkte genügende Sicherheit geben, ſo wolle er auch die Generalſtaaten berufen.“— Oranien ließ ſich durch dieſen Anſchein von Verſöhnlichkeit nicht täuſchen und warnte noch dringender als vorher. Energiſch erklärten Holland und Seeland, ſie würden auf keinen Fall einem Vertrage beitreten, welcher den Frieden und die Freiheit bedrohe. Uebrigens nahmen die Unterhandlungen der Staa⸗ ten mit Don Juan ihren Fortgang; man ſpielte von Anfang auf beiden Seiten Komödie,— am feinſten Don Juan, der dieſe Kunſt am ſpaniſchen Hofe oft genug belauſcht hatte, um ſie abzulernen. Es iſt traurig, einen Helden von ſo trefflichen An⸗ lagen wie Don Juan in der Maske einer hinterliſtigen Di⸗ plomatie auftreten zu ſehen. Aber es iſt eben ſo erfreulich, zu bemerken, wie ſich in der ihm gegenüberſtehenden Nation unge⸗ achtet aller Chancen, die bei der bunten Zuſammenſetzung der Staaten und dem Zuſammentreffen verſchiedener individueller 278 Partheianſichten nicht fehlen konnten, doch immer wieder das Bedürfniß der Eintracht zur Erhaltung der Selbſtſtändigkeit geltend macht, wie alle Gewandtheit des Feindes an der Konſe⸗ quenz der Nation ſcheitert. Ermüdet durch den Widerſtand der Staaten, welche auf ihren Forderungen beharrten, griff der lebhafte, kriegeriſche Kaiſerſohn einſtweilen auch ſeinen anderen geheimen Plan auf, nämlich das Unternehmen gegen England. Zu dieſem Zwecke ſollte ihm nun eben die ſo hartnäckig verlangte Entfer⸗ nung des fremden Kriegsvolkes trefflich dienen. Er ſandte demnach ſeinen Geheimſchreiber Escovedo und Ottapio Gonzaga nach Antwerpen, um die Befehlsha⸗ ber der dortigen Beſatzung zum Abzug aufzufordern; und ſie willigten auch darein, jedoch(nach heimlicher Verabredung mit Don Juan) nur unter der Bedingung, daß man den Truppen vorher ihren rückſtändigen Sold bezahle und daß die Abreiſe nicht zu Land ſondern zur See geſchehe. Durch das Erſtere ſuchte Don Juan Zeit zu gewinnen, um die Truppen noch einige Zeit im Lande zu behalten, während die Staaten dagegen auf deren augenblickliche Entfernung drangen. Für das Letztere wurde der Grund angegeben, daß die Neiſe zu Land während des Winters mit allzugroßen Beſchwerden verbunden ſei, und daß überdieß wegen der ausgebrochenen Peſt die Wege in Savoyen dem Durchmarſch verſchloſſen ſeien. Juan's eigentlicher Zweck, weßhalb er ſo ſehr auf den Weg zur See drang, war kein anderer als der: die Flotte, welche dadurch mit trefflichen Kerntruppen bemannt würde, gegen Eng⸗ land zu führen. Oranien durchſchaute dieſen Plan und warnte die Königin Eliſabeth. Die Staaten, welche mit ihr gleichfalls unterhandel⸗ ten, beſtritten ihrerſeits beharrlich Don Juans Antrag.„Die Rüſtung der Schiffe erfordere Zeit und Geld,“ ſagten ſie,„und wo dies letztere finden? Wie außerdem die Summen zur Be⸗ zahlung der Soldrückſtände aufbringen? Woher endlich Matro⸗ ſen nehmen, welche Luſt hätten, ſich auf Gnade und Ungnade in den Dienſt der— ſpaniſchen Truppen zu begeben? Und wür⸗ den wohl dieſe letzteren,“ ſo folgerte man weiter,„die Flotte, die man ihnen zur Fahrt überließe, jemals wieder herausgeben? Kurz,“ ſo ſchloſſen ſie,„die Reiſe zu Waſſer ſei ſchlech⸗ terdings unmöglich.“ Dagegen bemerkte nun Don Juan den Staaten zu wiederholten Malen:„Die Truppen ſeien durch aus nicht dahin zu bringen, den Landweg ein⸗ zuſchlagen.“„Und wir,“ verſetzten die Staaten hierauf, „werden Don Juan nicht eher als Generalſtatthalter anerken⸗ nen, als bis die Truppen das Land verlaſſen haben.“ Mehre günſtige Umſtände hatten dazu beigetragen, die Ent⸗ ſchloſſenheit der Staaten zu verſtärken. Friesland und Grö⸗ ningen, wo Kaſpar de Robles, Herr von Billy, königlicher und der Graf von Renneberg Statthalter im Namen der Generalſtaaten war, hatten nämlich mittlerweile die Paci⸗ fikation von Gent angenommen und die dort liegenden Beſatzungen hatten ſich, durch das Verſprechen vollſtändiger Be⸗ zahlung gewonnen, größtentheils auf die Seite der Staaten gewendet. Sodann ſtellten die theologiſche und die juridiſche Fakultät der Univerſität Löwen, nachdem ſie die Urkunde der Pacifikation von Gent eingeſehen und geprüft hatten, das Zeugniß aus,„daß dieſe nichts enthielte, was dem römiſch⸗ katholiſchen Glauben zum Nachtheil gereichen könne, ſondern daß ſie vielmehr der Wiederherſtellung deſſelben nur von Nutzen ſei,“— eine Erklärung, welche bald darauf von vielen katholi⸗ ſchen Geiſtlichen noch bekräftigt wurde. Dieſes Zeugniß mußte nicht blos etwa noch vorhandene Gewiſſensſkrupel beſchwichtigen 280 und dem Friedenswerke überhaupt ein höheres Anſehen ver⸗ ſchaffen; ſondern auch Don Juan ſollte dadurch beſtimmt wer⸗ den, daſſelbe anzunehmen. Außerdem erhielten die Staaten da⸗ mals von England eine bedeutende Geldunterſtützung, deren ſie bei dem mißlichen Zuſtand ihrer Finanzen ſehr bedurften; Eliſabeth ſandte ihnen, aus Dankbarkeit für Oraniens Warnung, eine Unterſtützung im Werth von 160,000 Karlsgulden, theils in barem Geld, theils in ungemünztem Gold und Silber, und verſprach ihnen noch eine weitere Unterſtützung von 100,000 Engelthalern als Darlehn ohne Zinſen für 6 Monate. Endlich ga⸗ ben ſich Oranien und die Staaten von Holland und Seeland alle mögliche Mühe, um jene Städte und Plätze, welche bis dahin noch nicht zur gemeinſamen Sache des Vaterlandes hiel⸗ ten, durch energiſche Maßregeln für dieſe zu gewinnen. Mit großem Mißmuth ſah Don Juan ein, wie ſein Plan gegen England an der Beharrlichkeit der Staaten ſcheiterte. Aber, auch davon abgeſehen, war ſein Ehrgeitz durch dieſelbe tief gekränkt. Mußte er, der Sohn eines Kaiſers, der Bruder des Königs von Spanien, zu deſſen Monarchie dieſe niederlän⸗ diſchen Provinzen gehörten und deſſen Statthalter er war, mußte er nicht noch immer wie ein Bettler vor der Schwelle der Niederlande harren? Er, der Sieger von Lepanto, der Eroberer von Tunis, ſollte ſich Bedingungen vorſchreiben laſſen,⸗ um den niederländiſchen Boden nur betreten zu dürfen? Aber, wie ſehr ſich auch der Stolz des jungen Helden dagegen ſträubte, — bei dem Ernſte der Nation blieb ihm doch keine andere Wahl. Von dieſem Ernſte konnte er ſich am Deutlichſten durch einen neuen Schritt überzeugen, welcher die vornehenſten Präla⸗ ten, Geiſtlichen, Barone, Edelleute und Magiſtrate,„die Staaten der Niederlande repräſentirend,“ unternahmen, um das Band der Vereinigung gegen Spanien noch enger zuſammenzuziehen. 281 Sie ſchloſſen nämlich am 9. Januar 1577 zu Brüſſel eine neue Vereinigung, worin ſee ſich wechſelſeits verpflichteten, die Spanier und ihre Anhänger, als erklärte Rebellen gegen den König und als Feinde des Landes, zu vertreiben, unbeſchadet der Treue gegen den König, zu dieſem Zwecke die Pacifikation von Gent aufrecht zu erhalten, aber auch die römiſch⸗katholiſche Religion zu beſchützen,— Alles zur Herſtellung des Friedens, der Ord⸗ nung und der Wohlfahrt, zur Erhaltung der alten Vorrechte und löblichen Gewohnheiten. Der religiöſe Punkt, durch welchen die etwa bisher vorhandenen Gewiſſensſkrupel ſtrenggläubiger Katholiken über die Genter Pacifikation vollkommen beſchwichtigt werden ſollten, mußte allerdings den vorſchwebenden Zweck einer engeren Verbindung aller Provinzen bei den Proteſtanten in demſelben Grade vereiteln, als er ihn bei den Katholiken be⸗ fördern konnte; da es die Proteſtanten nur für eine Hinterliſt und Unbilligkeit halten konnten, daß ſie nach allen Anſtrengungen ihr Theuerſtes aufgeben ſollten. Und ſo entſchloſſen ſich denn die Staaten von Holland und Seeland, die Akte dieſer „Brüſſeler Union“ nur bedingungsweiſe zu unterzeich⸗ nen. Anderſeits mußte freilich das feſtere Zuſammenhalten der Katholiken Don Juan um ſo mehr daran erinnern, daß er nicht länger zögern dürfe, da ihm eben die Gleichheit der Reli⸗ gion nur noch den einzigen Anknüpfungspunkt darbot, um Sym⸗ pathieen für Spanien daranzuſpinnen. Er hatte ſich inzwiſchen nach Marche en Famine(im Luxem⸗ durgiſchen) begeben, wohin Kaiſer Rudolf II., der ſeinem am 12. Oktober 1576 verſtorbenen Vater Maximilian 1I. auf dem deutſchen Throne gefolgt war, Geſandte ſchickte, um einen Frieden zwiſchen Philipp und den Niederlanden zu vermitteln. Die Staaten ließen gleichfalls Bevollmächtigte dahin abgehen, 282 welche von den alten Forderungen, vor Allem aber von der Annahme der Pacifikation von Gent eben ſo wenig auch nur haaresbreit nachgeben wollten, als Don Juan von der ſeinigen, nämlich, daß der Abzug der ſpaniſchen Truppen zur See geſchehen ſollte. Don Juan vergaß ſich vor Zorn über den Starrſinn der Niederländer ſo weit, daß er ſchon die ſilber⸗ ne Tiſchglocke erhob, um ſie einem der Geſandten an den Kopf zu werfen; doch bezwang er ſich noch. Die Verhandlungen aber waren aufgehoben, die Geſandten ſchieden. Nun bereute Don Juan plötzlich noch um Mitternacht, daß er nicht nachgegeben habe, und ließ die Bevollmächtigten der Staaten benachrichtigen, er wolle die Paecification von Gent annehmen, wenn ſie die katholiſche Religion und das Anſehen des Königs nicht beeinträchtige. Man glaubt, daß ihn die Vorſtellungen ſeines Geheimſchreibers und Vertrauten Esco⸗ vedo dazu vermochten. Am folgenden Tage erklärte er bereits beſtimmt, der Pacification beitreten zu wollen, aus dem Grunde weil er ſich von dem Ungrund ſeiner Beſorgniß überzeugt habe. Nur beſtand er noch auf der Seereiſe; aber auch davon brachten ihn, nachdem ihn die Bevollmächtigten der Staaten verlaſſen hatten, die Geſandten des Kaiſers ab. Nach Beſeiti⸗ gung dieſer Schwierigkeiten wurde nun ein Vertrag zwiſchen den Staaten und Don Juan entworfen und am 12. Februar von Don Juan zu Marche en Famine, am 17. deſſelben Monats 1577 zu Brüſſel von dem Staatsrath und den Staaten unterzeichnet. Dieſe Urkunde wurde unter dem Na⸗ men des„ewigen Edikts“ bekannt. Es war, mit Bei⸗ behaltung des bisher üblichen Styles, im Namen Philipps II. ausgefertigt und traf im Weſentlichen mit dem Inhalt der „Brüſſeler Union“ zuſammen; von Seiten Don Juans enthielt es das Verſprechen: die Jacifikation 283 von Gent anzunehmen, die Generalſtaaten einzu⸗ berufen und die fremden Truppen in beſtimmter Friſt aus dem Lande zu ſchaffen, ſowie dieſelben nie mehr, außer mit Bewilligung der Generalſtaa⸗ ten, in's Land zurück zubringen, ſodanndie Freihei⸗ ten des Landes— ſowohl für ſeine eigene Perſon als auch durch ſeine Beamten— zu bewahren;— von Sei⸗ ten der Staaten dagegen das Verſprechen, auch ihr fremdes Kriegsvolk abzudanken, dem Könige treu und ge⸗ horſam zu ſein, den katholiſchen Glauben als herr⸗ ſchenden in allen Provinzen ohne Ausnahme aufrecht zu er⸗ halten, Don Juan ſogleich nach Abzug der fremden Truppen als Generalſtatthalter anzuerkennen und die Soldbezahlung für die deutſchen Soldaten in Philipps Heere zu übernehmen. Die beiderſeitigen Ge⸗ fangenen ſollten frei gelaſſen werden, mit Ausnahme des Grafen von Büren; dieſer Sohn Oraniens ſollte nämlich ſo lange in ſpaniſcher Haft bleiben, bis deſſen Vater allen in der zu erwartenden Verſammlung der Generalſtaaten gefaßten Beſchlüſſen nachgekommen ſein würde. König Philipp II. ratifi⸗ cirte dies„ewige Edikt“ am 7. April. Weder Oranien noch Holland und Seeland wollten jedoch daſſelbe unter⸗ zeichnen, welches ihnen nicht bloß zweideutig erſchien, ſondern ſie auch im Punkte der Religion offenbar in Nachtheil ſtellte; Oranien insbeſondere weigerte ſich, vor der Berufung der Ge⸗ neralſtaaten Don Juan als Statthalter über ſich anzuerkennen. Uebrigens wollten ſie den Frieden nicht brechen; aber vergeblich blieben die Vorſtellungen der übrigen Staaten, ſie zur Annahme des ewigen Edikts zu bewegen. Don Juan begab ſich nach Unterzeichnung des mewigen Edikts“ nach Löwen und blieb dort, bis die ſpaniſchen Truppen das Land verlaſſen hatten. Durch ein leutſeliges Be⸗ nehmen ſuchte er ſich dort die Herzen des Volkes zu gewinnen, während in ſeinem Inneren ein verzehrender Mißmuth nagte; denn, wenn er ſeine Lage klar überblickte, ſo mußte er ſich ge⸗ ſtehen, daß er durch alle Zugeſtändniſſe doch nur den bloßen Namen einer Macht errungen habe. Um jeden Preis beſchloß er, dieſe ſelbſt zu gewinnen, ſobald er nur einmal als Statthalter anerkannt ſei. Vor Allem betrieb er nun ſelbſt den ſchleunigen Abzug der königlichen Truppen. Er er⸗ nannte den Herzog von Aerſchot zum Burgvogt von Ant⸗ werpen; und dieſer begab ſich am 26. März, in Begleitung des kaiſerlichen Geſandten und walloniſcher Soldaten, vor die aufgezogene Brücke der Citadelle, um ſie von dem ſpaniſchen Befehlshaber Don Sanzio dAvila zu übernehmen. Dieſer konnte es vor gekränktem Stolz nicht über ſich gewinnen, dem Herzog von Aerſchot die Schlüſſel zu überreichen, und beauf⸗ tragte ſeinen Lieutenant Martin del Oyo damit. Nun ſchwur Aerſchot, entblößten Hauptes, ſeine Hand in die Escove⸗ do's gelegt, die Citadelle für den König zu bewahren, und Escovedo erwiederte:„Gott helfe Euch, wenn Ihr Euren Schwur haltet; brechet Ihr ihn, ſo ſeid der Hölle verfallen!“ Andächtig riefen einige Umſtehende dazu:„Amen!“ Hierauf übergab Martin del Opo dem Herzog von Aerſchot die Schlüſ⸗ ſel; die Brücke wurde niedergelaſſen, das Thor der Citadelle geöffnet und die Spanier zogen mit ſechs Geſchützen ab, die Gefangenen mit ſich führend,(weil ſie ihren Sold noch nicht empfangen hatten); eine große Menge von Frauen und leichtferti⸗ gen Dirnen ſolgte ihnen. Hierauf beſetzten nun die Wallonen Aer⸗ ſchots die Citadelle; die Spanier rückten nach Maaſtricht, wel⸗ ches zum Sammelplatz der übrigen ſpaniſchen, italieniſchen und burgundiſchen Truppen beſtimmt worden war. Bittrer Groll — erfüllte ihre Herzen;„das alſo iſt unſer Lohn“, murrten ſie, „für ſo viele glorreiche Thaten, die wir hier vollbracht, für ſo viele Mühſale, die wir hier ertragen haben!“ Don Juan, der es kaum erwarten konnte, die Statthalterwürde anzutreten, gab ſich alle Mühe, ſie zu beruhigen; eben ſo betrieb Esco⸗ vedo im Intereſſe ſeines Herrn mit größtem Eifer den end⸗ lichen Abzug der Soldaten. Da die Staaten die zu deren Be⸗ zahlung erforderlichen Summen nicht ſo ſchnell herbei ſchaffen konnten, ſo ſchoß ihnen Don Juan 27,000 Gulden aus ſeinem eigenen Vermögen dazu vor. Nun hatte die Auswechſelung der Gefangenen keine Schwierigkeit mehr. Der Graf von Mans⸗ feld, Gouverneur von Luxemburg, führte hierauf im April die ſpaniſchen, italieniſchen und burgundiſchen Truppen aus dem Lande; die deutſchen blieben größtentheils noch; die Spanier zogen nach Oberitalien. Die Freude in den Niederlanden über die Entfernung der verhaßten Bedränger war unbeſchreiblich und gab ſich in zahlreichen Spottgedichten kund; folgendes lateiniſches Diſtichon charakteriſirt am Schärf⸗ ſten die Erbitterung der Niederländer gegen die Spanier: „Boetica gens abiit; cur ploras, Belgica? Dicam. A quod in 0 non est littera versa, queror.“ Nun ſtand denn der Anerkennung Don Juans als Ge⸗ neralſtattbalter kein Hinderniß mehr im Wege und er beeilte ſich, ſeine Würde anzutreten. Im Auftrag der Staaten begab ſich der Herzog von Aerſchot mit vielen andern ed⸗ len Herren zu ihm, um ihn nach Brüſſel zu begleiten. Am 1. Mai 1577 hielt Don Juan dort ſeinen feierlichen Einzug. Der päpſtliche Legat und der Biſchof von Lüttich ritten zu ſeinen beiden Seiten; der Herzog von Aerſchot, der kaiſerliche Geſandte, die Häup⸗ ter des niederländiſchen Adels, alle im koſtbarſten Schmuck, und ſein eigner prachtvoller Hofſtaat bildeten das glänzende Gefolge 286 des Kaiſerſohnes. In allen Straßen, durch welche ſich der Zug bewegte, erhoben ſich kunſtreich geſchmückte Triumphbogen, deren Ornamente ſich auf Don Juans Kriegsthaten und beſonders auf ſeinen glorreichen Sieg bei Lepanto bezogen. Zu allen Fenſtern neigten ſich ſchöne Frauen heraus, welche Blumen und Kränze auf die Einziehenden ſtreuten. Zahlloſes Volk bedeckte die Stra⸗ ßen und Plätze; Jubelruf, feſtliche Muſik, Fanfaren und Trom⸗ melwirbel, Donner der Ehrenſalven erfüllten die Luft. Die leichtbewegliche Menge ſchien alles Leiden, alle Tyrannei, ja ſie ſchien das Blut der Edelſten vergeſſen zu haben, das in Brüſſel gefloſſen war. Und doch gab es mitten im Freudentau⸗ mel einzelne Männer, deren Herzen von finſteren Ahnungen erfüllt waren. Der ſiebenzigjährige Viglius fragte, als er den Einzug betrachtete, ungläubig:„Das alſo iſt der Fürſt, der uns den Frieden bringen ſoll?“ Er erlebte die Antwort der Nation auf ſeine bange Frage nicht; am 8. Mai ſtarb er, einen wohlverdienten Ruf der Gelehrſamkeit und Rechtſchaffen⸗ heit hinterlaſſend. Drei Tage nach ſeinem Einzug in Brüſſel, am 4. Mai, leiſtete Don Juan ſeinen Eid als Generalſtatthalter, das ewige Edikt und die Genter Pacifikation ſowie alle Freiheiten und Rechte der Provinzen, Städte und Gemeinden erhalten zu wol⸗ len, in die Hände des Biſchofs von Herzogenbuſch, des päpſt⸗ lichen Legaten und des kaiſerlichen Geſandten, worauf ihm die Deputirten der Staaten gleichfalls ſchwuren. So ſchien nun die Verſöhnung der Niederländer mit Philipp II. geſichert zu ſein und Don Juan ſuchte ſie durch ſein perſönliches Benehmen noch mehr zu befeſtigen. Seine Liebenswürdigkeit nahm alle Herzen ein und verſchwenderiſch ſtreute er Geſchenke und Gunſtbezeu⸗ gungen rings um ſich her. Blendend, wie ein Meteor ſteht dieſe Verſöhnung vor den überraſchten Blicken. Auf den tieſſten Arg⸗ 287 wohn folgt plötzlich ein allzugroßes Vertrauen, auf den Auf⸗ ſchwung des Nationalhaſſes ein Taumel des Entzückens, auf den heftigen Widerſtand eine gefällige Fügſamkeit;— Gegen⸗ ſätze, die ſich nur dadurch begreifen laſſen, wenn man das leiſe Fortwirken der religiöſen Gegenſätze zwiſchen den ſüdlichen und nördlichen Provinzen nicht aus dem Auge verloren hat.— Oranien war, wie er Don Juan'’s geheime Pläne einmal durchſchaut hatte und wie er die ſpaniſche Politik überhaupt genau kannte, feſt überzeugt, daß die prunk⸗ volle Verſöhnung der Nation mit Spanien, weil ſie von Seite der letztern Macht auf Täuſchung beruhte, unmöglich von langer Dauer ſein könne. Die plötzliche allzugroße Wärme, von wel⸗ cher man allgemein eine ſegenbringende Wirkung erwartete, beurtheilte er ruhiger; es war die Schwüle, die dem Ausbruch eines Gewitters vorangeht. Mit unnachgiebiger Feſtigkeit ſtand er jetzt an der Spitze der Holländer und Seeländer, der für den Augenblick zurückgeſetzte, aber doch verehrte Mann des allgemeinen Vertrauens, ſcharfſichtig in die Zukunft ſchau⸗ end und zugleich bereits geiſtig gerüſtet für den Kampf, welchen er in derſelben las. Wie ein Marmorpfeiler ſtand er da, der von der liebkoſenden Hand der Verführung nicht erwarmt, an deſſen Glätte jeder Verſuch, an ihm hinanzuklimmen, um das Gebälk, das er trägt und ſtützt, herabzureißen, abgleitet. Unzugänglich allen Bitten, allen Vorſtellungen, allen Anträgen zu ſeinem Privatvortheil, wünſchte er den Staaten, als ſie ihm die Anzeige machten, daß ſie nun am erſehnten Ziele ſtünden, dazu Glück, verhehlte ihnen jedoch nicht, daß ſie ſich in manchen Punkten übereilt hätten, verlangte, allen ſchmeichleriſchen Zu⸗ muthungen gegenüber, für die ihm am nächſten verbundenen Provinzen Holland und Seeland beſtimmtere Sicherheit, und drang endlich ſtets auf die pünktliche Vollziehung 288 der Pacifikation von Gent, und auf den Abzug der in Dienſten Spaniens ſtehenden deutſchen Landsknechte, welche ſich noch immer im Lande befanden. Und wie er, ſo dachten und handelten auch die Staaten von Holland und Seeland. Sie verſtärkten ihre feſten Plätze und ſorgten da⸗ für, daß die in den Kriegszeiten erlittenen Schäden wieder geheilt wurden. Faſt alle jene Städte, welche früher zur ſpa⸗ niſchen Parthei gehört hatten, huldigten jetzt(mit Aus⸗ nahme Amſterdams) der Freiheit. Oranien ſuchte das ſchöne Wechſelverhältniß des Vertrauens, welches zwiſchen ihm und Holland beſtand, noch feſter zu knüpfen. Zu dieſem Zwecke bereiſte er die meiſten Städte Hollands und Weſtfrieslands. Mit welcher Begeiſterung hieß man ihn überall willkommen! „Vater Wilhelm iſt da!“ jauchzte dort das Volk, wo es ihn ſah. Mittlerweile war in den übrigen Staaten endlich doch eine Beſorgniß über jenes längere Verweilen der deut⸗ ſchen Soldaten rege geworden, und zugleich verbreitete ſich das Gerücht:„in den Wäldern Luxemburgs und Lothringens hielten ſich noch bedeutende Rotten von ſpaniſchen Soldaten auf; die burgun⸗ diſchen aber ſtünden in Frankreich und warteten bloß auf eine günſtige Gelegenheit zu einem Ein⸗ fall in die Niederlande.“ Man kannte die Quelle die⸗ ſes Gerüchts nicht; gleichviel, es ſprach die Stimmung der Bevölkerung aus. Nachdem der leichte Rauſch des erſten Enthu⸗ ſiasmus verflogen war, ſtellte ſich das peinigende Gefühl ein, daß man etwas zu raſch, daß man doch allzu vertrauensvoll, oder— allzu leichtgläubig gehandelt habe. Die Staaten wach⸗ ten nun mit größerer Aengſtlichkeit über die Schritte Don Juans und über die Gränzen ſeiner Macht, und es überraſchte 289 ſie daher nicht wenig, als er ſelbſt plötzlich darauf drang, daß die deutſchen Soldaten das Land räumen follten. So ſehr die Staaten dies wünſchten, ſo we⸗ nig vermochten ſie doch, es möglich zu machen. Der Abzug der Truppen hing nämlich davon ab, daß dieſelben ihre Sold⸗ rückſtände ausbezahlt erhielten, wozu ſich eben die Staaten im„ewigen Edikt“ verpflichtet hatten. Da nun dieſe Letzteren noch außer Stande waren, den deutſchen Truppen die ganze Forderung zu bezahlen, ſo boten ſie denſelben vor der Hand eine bedeutende Abſchlagsſumme an, und Don Juan machte ſich anheiſchig, die Befehlshaber zu dieſem Vergleich zu über⸗ reden. In dieſer Abſicht begab er ſich(wie man glaubte) wirklich nach Mecheln und ließ dort die Hauptleute vor ſich berufen; aber ſtatt mit denſelben ſo zu verhandeln, wie er den Staaten verſprochen hatte, that Don Juan gerade das Gegen⸗ theil. Er überredete nämlich die Truppen, ſeine Dienſte zu nehmen und im Lande zu bleiben. Ein häßlicher Flecken in Don Juans Charakter! Es entſchuldigt ihn kei⸗ neswegs, daß er die Treuloſigkeit in der Luft des ſpaniſchen Hofes eingeſogen! Es entſchuldigt ihn eben ſo wenig, daß er von ſeinem Thatendurſt fortgeriſſen und nirgends als in einer jeſuitiſchen Moral einen Ausweg findend, ſich durch ſeine Lage genöthigt geſehen habe, einen Betrug(um die Sache deutſch heraus zu nennen,) zur Grundlage ſeiner Politik zu machen. Aber, wenn Don Juans damaliges Benehmen auch immerhin keine Entſchuldigung finden kann, ſo erregt doch ſein Schickſal, welches ſich eben an ſeine Schuld knüpft, eine lebhafte Theilnahme. Wir ſehen einen liebenswürdigen Helden, voll der edelſten Eigenſchaften und voll der großartigſten Pläne, von demſelben Augenblick an, da er den erſten Schritt ſeitwärts von der Bahn der Wahrheit und des Rechts thut, unaufhaltbar J. 19 290 immer tiefer ſinken; wir ſehen einen Charakter, welcher feſt genug gefügt zu ſein ſchien, um in die Weltſtellung entſcheidend einzugreifen, in ſich ſelbſt zerfallen, ſich ſelbſt langſam auf⸗ reiben. Es iſt ein erſchütternder Anblick; aber um ſo höher erhebt uns der Gedanke an den Triumph des Sittengeſetzes! Eine nicht unbedeutende Rolle ſpielte bei den Verwickelungen der Intriguen, die ſich jetzt entfalten, Don Juans bereits er⸗ wähnter Geheimſchreiber, der Spanier Escovedo. Philipp hatte ihm dieſen Mann in jener Zeit zur Seite gegeben, als er zum erſtenmal mit Schrecken Don Juans hochſtrebenden Ehr⸗ geiz erkannte. Er hatte nämlich damals gewähnt, Don Juans früherer Vertrauter, de Soto, feuere jenen Ehrgeiz an. Es⸗ covedo rechtfertigte Philipp's Hoffnung ſchlecht. Sei es, daß Escovedo ſelbſt von ungemeſſenem Ehrgeiz und von kühnen Plä⸗ nen erfüllt war, zu denen er auch Don Juan mit fortriß,— ſei es, daß ſich Escovedo ſeinem Herrn und Freunde blos ganz hingab, daß er ihn in allen ſtolzen Hoffnungen beſtärkte und noch ſtolzere in ihm nährte, um ihm gefällig zu ſein;— genug, Escovedo wirkte ſtets unbedingt im Intereſſe Don Juans, er unterhandelte für ihn unermüdlich am Hofe Philipps, ohne zu ahnen, daß dort der ſchlaue Staatsſekretär Antonio Perez ihn und Don Juan verrieth. Escovedo opferte dem Gebie⸗ ter jetzt ſein Gewiſſen und unterſtützte deſſen Betrug, den Staa⸗ ten gegenüber, meiſterhaft. Während Don Juan die Letzteren verſicherte, er wolle ſich wegen der Bezahlung der deutſchen Truppen(zum Behuf ihrer Entfernung) an den König wenden und deßhalb Escovedo nach Spanien ſenden, führte auch dieſer ſeine Rolle ſo vortrefflich durch, daß die Staaten ihm einen Brief an den König mitgaben und beſchloſſen, ihm bei ſeiner Rückkehr aus Spanien, für ſeine ihnen geleiſteten Dienſte, ein Jahrgeld von 2000 Kronen auszuſetzen. Escovedo reiſte denn 291 wirklich ab; aber der Zweck ſeiner Bewerbungen am ſpaniſchen Hofe war ein ganz anderer, als die Staaten wähnten. Im Intereſſe Don Juans betrieb nämlich Escovedo am ſpaniſchen Hofe den Krieg gegen die Niederlande und dazu verlangte er, wie Don Juan ſtets heftig mahnte, von dem Monarchen Geld. Escovedo ahnte in Spanien nicht, daß er auf jedem Schritt von Verräthern umgeben ſei. Unbedacht hatte er ſich Worte entſchlüpfen laſſen, die, dem argwöhniſchen Philipp hinterbracht, wie Feuerfunken in deſſen Seele fielen. Von Verräthern umgeben, und ein Verräther gegen die Nieder⸗ länder,— ward erte wider Wiſſen und Willen zum Verräther an ſeinem eigenen Herrn, welcher von ſeinem Schickſale ſortge⸗ riſſen, einen kühnen Plan nur aufgab, um irgend einem noch verwegneren nachzutrachten. Was war denn auch die kriegeri⸗ ſche Laufbahn in den Niederlanden, wo Don Juan jeden Schritt weiter durch Verſprechungen erkaufen mußte, die ihn feſſelten und lähmten,— gegen einen Thron, wie den engliſchen, viel⸗ leicht gar den ſpaniſchen! Vielleicht iſt dieſer Gedanke nur ein flüchtiges Phantom, vom heißen Blute erzeugt. Für Phi⸗ lipp II. iſt's jedoch ein Geſpenſt, das nur durch Blut exoreiſirt werden kann. 3 Doch kehren wir, nach dieſer Abſchweifung, jetzt in die Niederlande zurück! Das Spiel, welches Don Juan trieb, konnte unmöglich lange täuſchen. Juans eigene Ungeduld ver⸗ rieth es, und überdleß hatte er den niederländiſchen National⸗ ſtolz dadurch beleidigt, daß er ſeinen Hoſſtaat nicht ausſchließ⸗ lich aus Niederländern zuſammenſetzte, wie es deren Wunſch war, ſondern größtentheils aus Fremden. Schon bevor er ſich nach Mecheln begab, hatte er die Staaten in Brüſſel aufgefordert, dem Prinzen von Oranien den Krieg zu erklären, weil dieſer durch Bedrängung der Amſterdamer, 292 damit ſie ſich gleich den übrigen holländiſchen Städten an ſeine Parthei anſchließen ſollten, die Paciftkation von Gent gebrochen habe. Die Staaten lehnten jedoch jenes Anſinnen Juans durch⸗ aus ab. Im Juli 1577 warf Don Juan endlich die Maske ab. Die reizende und kluge Königin Margarethe von Navarra, (Gemahlin Heinrichs von Bearn) reiſte damals durch Henne⸗ gau nach Spaa, angeblich, um die dortigen Bäder zu ge⸗ brauchen,— eigentlich aber in der Abſicht, um durch den Herrn von Lalaing ihrem Bruder, dem Herzog von Alençon(ſeit 1576 Herzog von Anjou), eine Parthan in den Niederlanden zu gewinnen, welche demſelben die Herrſchaft übertrüge. Unter dem Vorwand, die Königin ſtattlich zu empfangen, begab ſich nun Don Juan, im geheimen Einverſtändniß mit Barlai⸗ mont,(dem Statthalter Namurs,) umgeben von einem zahl⸗ reichen und glänzenden Gefolge aus dem hohen Adel, nach Namur; und bewirthete Margarethen daſelbſt königlich. Am anderen Tage(es war der 24. Juli) begleitete er die Königin zum Abſchied eine Strecke Weges. Als er hierauf nach Namur zurückkehrte, ſtellte er ſich, als wolle er auf die Jagd reiten, und ließ ſich in der Citadelle erkundigen, ob es wohl irgend einem Anſtand unterliege, daß er dieſelbe beſichtige. Der Gou⸗ verneur, Herr von Froymont, glaubte keinen Grund zu haben, dieſen Wunſch abzuſchlagen, und ließ dem erlauchten Gaſte ein Frühſtück bereiten. Don Juan hielt ſich indeſſen mit ſeinen Be⸗ gleitern unter dem Thore der Citadelle auf. Da ſprengte auf einmal ein Trupp ſeiner Reiter heran, die er in einem nahen Gehölz in Hinterhalt gelegt hatte. Kaum langten dieſe an, als Don Juan und ſeine fünf Begleiter Piſtolen hervorzogen und die Wache übermannten. Raſch wurde hierauf die Beſatzung aus der Citadelle getrieben und Don Juan bemächtigte ſich der⸗ 293 ſelben. Freudeſtrahlenden Blickes rief er, als ihm dirſer Ge⸗ waltſtreich gelungen war, aus:„Erſt heute, erſt jetzt bin ich wirklich Statthalter im Lande.“ Sodann ſandte er den Herrn von Raſſinghem nach Brüſſel, um den Staaten das Ge⸗ ſchehene zu berichten und es dadurch zu rechtfertigen, daß ſeine eigene Sicherheit ihm dringend geboten habe, ſich der Citadelle von Namur zu bemächtigen. Der Herr von Hierges bemeiſterte ſich, in Auftrag Don Juans, des Schloſſes Charlemont bei Givet. Nun ſahen die Staaten die Abſicht des Statthalters plötz⸗ lich klar, nämlich: nach Bemächtigung mehrerer in militäriſcher Hinſicht wichtiger feſter Plätze, ſie völlig zu bekriegen und zu unterwerfen. Hätte es überhaupt noch eines Beweiſes dafür bedurft,— Oranien lieferte ihnen einen ſolchen ſchwarz auf weiß, woraus die kriegeriſchen Abſichten deutlich erhellten. Es war eine vertraute Korreſpondenz Don Juans und Escovedv's mit König Philipp, welche Heinrich von Navarra(ſpäter als König von Frankreich Heinrich IV. genannt,) aufgefangen und dem Prinzen mitgetheilt hatte. Don Juan läugnete ſie ab und verrieth dadurch, wie wenig er in ſeiner Verlegenheit Rath fand. Ueberhaupt war er aus ſeinen Gleiſen gekommen und haſchte unſicher nach allen möglichen Mitteln umher. Dies ermuthigte die Staaten um ſo mehr zu einem entſchiedeneren Auftreten; ſo ließen ſie die entdeckte Korreſpondenz in verſchie⸗ dene Sprachen überſetzen und bekannt machen. Don Juan verſuchte hingegen einen Anſchlag auf Antwer⸗ pen, um ſich der dortigen Citadelle zu bemächtigen; der Ver⸗ räther Kornelius van den Enden war auch hier wieder im Spiele. Zum Glück wurde der ganze Plan noch bei Zeiten ent⸗ deckt und die Staaten gewannen die Beſatzung der Citadelle für ihre Parthei, indem ſis derſelben die Rückzahlung des aus⸗ 294 ſtehenden Soldes verſprachen. Inzwiſchen wurde jedoch die deutſche Beſatzung in der Stadt ſchwierig(Don Juan hatte ſie nämlich gewonnen), als ſich plötzlich ſeeländiſche Schiffe auf der Schelde zeigten und das Geſchrei erſcholl:„die Geuſen, die Geuſen! Da kommen ſie ſchon!“ Jetzt ergreifen die Deutſchen in paniſchem Schrecken die Flucht, ließen ſelbſt ihre Waffen und ihr Gepäck in der Stadt, und dieſe war von ihnen befreit. Alle dieſe Vorfälle hatten denn endlich das Vertrauen der Staaten mürbe gemacht und der Ruf des erbitterten Volkes: „Verrätherei!“ zwang ſie nach aller bisherigen Langmuth, mit Ernſt eizuſihroiten. Unermüdlich hatte inzwiſchen Oranien gewirkt. Auf ſeinen Befehl war jene Flotte, welche Antwer⸗ pen rettete, in die Schelde eingelaufen; und mit der ganzen Lauterkeit ſeines Wollens hatte er den Staaten zugerufen:„Seht die Treuloſigkeit, vor welcher ich euch längſt warnte! Waffen zur Hand überall, und Eintracht! Jetzt iſt der rechte Augenblick, um das Vaterland für immer von den Fremden zu retten!“ Er trug es nicht in Groll nach, daß man ſeine früheren Warnungen außer Acht gelaſſen; mit Rath und That war er bald die Seele aller Handlungen. Seine Klugheit fand die beſten Mittel und Wege und riß, weil ſie überzeugte, die Unentſchloſſenen mit hin. Die Staaten gewannen die deutſchen Beſatzungen in Bergen⸗ op⸗Zoom, in Steenbergen, Tholen und Herzogen⸗ buſch durch Verſprechen ſicherer Bezahlung, daß ſie dieſe feſten Plätze räumten. Später(im Oktober) kam auch Breda durch Liſt in Oraniens Gewalt. Die gebieteriſche Stimme der Nation wurde immer lauter. Die Antwerpener verlangten von der allgemeinen Staaten⸗ verſammlung zu Brüſſel die Erlaubniß, die Citadelle, das Werk des verhaßten Alba, niederzureißen, und bekamen auch Ermächtigung dazu, vorzüglich durch Betrieb der Holländer 295 und Seeländer, welche gerade in jenem Zeitpunkte eine Stimme bei der Staatenverſammlung erlangt hatten. Ebenſo erbaten ſich und erhielten die Genter von derſelben die Er⸗ laubniß, das Schloß in ihrer Stadt zu ſchleifen. Die in der Citadelle vor Antwerpen befindlichen Befehlshaber zogen, von den Bürgern mit reichen Geſchenken belohnt, ab, und jubelnd legten Edle und Bürger, Männer und Frauen, Greiſe und Kna⸗ ben Hand an's Werk der Zerſtörung; in großen Schaaren eilten auch die Genter unter Trommelſchlag und mit wallenden Fah⸗ nen wie zu einem allgemeinen Volksfeſte herbei, um den Ant⸗ werpenern zu helfen. Die Gräben wurden mit Erde ausgefüllt, die Mauern bis auf's Fundament niedergeriſſen; nur eines von den fünf Bollwerken ließ man ſtehen, indem man den Umfang der Stadt erweiterte und jenes zum Schutze derſelben verband. In einem abgelegenen Gewölbe der Citadelle fand das Volk jene eherne Statue Alba's, welche Requeſens dahin hatte bringen laſſen; jauchzend kühlte es an dem Ebenbilde den im⸗ mer noch glühenden Haß gegen das Original. Mit Haken und Beilen wurde das Erzbild zerſtückelt, als müſſe Alba ſelbſt jeden Hieb empfinden; man ſtritt ſich um kleine Stücke davon, man trug dieſe nach Hauſe und bewahrte ſie als Siegeszeichen für Kinder und Kindeskinder. Das Erz, woraus Albas Bild⸗ ſäule gegoſſen worden war, wurde ſpäter ſeinem frühern Zwecke wieder gegeben; man verarbeitete es zu Kanonen. So diente denn das Ebenbild der Gewalt, wie das Original ſie geübt hatte. Die Zerſtörung der Citadelle zu Antwerpen geſchah in den letzten Tagen des Auguſts. Am 1. September begannen die Genter die Zerſtörung ihres Schloſſes mit gleichem Eifer, und, wie ſie den Antwerpenern, ſo halfen ihnen jetzt dieſe. Das Beiſpiel beider Städte reizte auch mehre andere zur Nachahmung; in Ryſſel(Lille), Valenciennes, Gouda, Ut⸗ 296 recht wurden die Zwingburgen von der Bürgerſchaft nieder⸗ geriſſen. Mittlerweile dauerten die Unterhandlungen der Staa⸗ ten mit Don Juan, deſſen Lage immer bedenklicher wurde, fort. Namur und Luxemburg waren noch die einzigen Provinzen, wo er feſten Fuß hatte. Er ſchrieb den Staaten ſchon im Auguſt:„ſie möchten ſich, wenn ihnen ſeine Regierung oder ſeine Perſon nicht anſtünde, vom König einen andern Statthalter erbitten; aber bis zu einer Entſcheidung deſſelben ſollten die Waffen auf beiden Seiten ruhen.“ Die Staaten, deren Wachſamkeit jetzt durch Oraniens Einfluß immer mehr geſchärft wurde, ließen ſich jedoch durch dieſen Vorſchlag nicht täuſchen. Sie durchſchauten Don Juans Abſicht, nämlich: bloß Zeit zu gewinnen, damit er ſich zum Kriege rüſten und die Truppen aus Frankreich, Italien und Deutſchland wieder herbei⸗ ziehen könne. Deßhalb ſuchten ſich die Staaten durch die Ge⸗ genforderung ſicher zu ſtellen.„Don Juan ſolle,“(ſo ver⸗ langten ſie),„die Städte und Schlöſſer, die er beſitze, namentlich Namur und Charlemont verlaſſen; halte er es aber für nützlich, die Regierung niederzule⸗ gen, ſo ſolle er ſie dem Staatsrath in Brüſſel übergeben, welcher dieſelbe proviſoriſch führen würde.“ Indem ſie Don Juan ſolcherweiſe beim Wort nah⸗ men, wandten ſie ſich zugleich an den König ſelbſt und erbaten ſich von demſelben einen neuen Statthalter. Dieß hatte Don Juan freilich nicht erwartet. Aber die Staaten gingen noch einige Schritte weiter. Sie hatten ein Heer zuſammengebracht, welches bei Wavere in Brabant lagerte. Philipp Graf von Lalaing befehligte das Fußvolk, Robert von Melün (Burggraf von Gent) die Reiterei, Valentin von Pardieu (Herr von la Motte), das Geſchütz; Anton von Goignies war Feldmarſchall. Auch ſuchten ſie in Deutſchland Hülfstrup⸗ pen zu werben. Der Pfalzgraf Johann Kaſimir verſicherte ſie ſeiner aufrichtigen Theilnahme und gab ihnen zugleich den Rath, Oranien an die Spitze der Regierung zu ſtellen. Für dieſe Maßregel wurden die Generalſtaaten auch noch durch andere Gründe beſtimmt. Der gewichtigſte war der, daß Oranien, wie wohl kein Zweiter neben ihm durch Geiſteskräfte, Eifer, Uneigennützigkeit und endlich durch den Einfluß einer zahlreichen, von Tag zu Tag ſtärkeren Parthei dazu befähigt und im Stande war, das wahre Intereſſe der Provinzen zu verfechten. Außerdem erinnerte man ſich ſeiner Warnung; die Rettung Antwerpens durch ſeine Vorſorge war noch im friſchen Andenken, und endlich berückſichtigte man auch das Motiv, daß Holland und Seeland— bei dem innigen Verhältniß, in welchem ſie zu Oranien ſtanden, bei dem Stolz, womit ſie auf ihren„Vater Wilhelme blickten,— ſich dann wohl mit um ſo größerer Bereitwilligkeit der ge⸗ meinſamen Intereſſen annehmen, daß ſie bedeutendere Theile der gemeinſamen Laſten tragen würden, wenn ſie Ora⸗ nien mit ausgedehnterer Macht, mit höherem Anſehen bekleidet ſähen. Seine Parthei in der Staatsverſammlung wirkte inzwi⸗ ſchen mit Feuereifer in derſelben auf jenen Zweck hin; die ſchwächere Gegenparthei unterlag und es wurde der Beſchluß gefaßt, den Abt von St. Gertrudis, den Herrn von Champagny, den Doktor Elbert Leoninus und den Advokaten Liesveld als Bevollmächtigte an Oranien zu ſenden, welcher ſich damals zu Gertruidenberg befand, und ihn einzuladen, er möge nach Bra⸗ bant kommen. Oranien erwiederte ſchriftlich:„ſo ſehr er ſelbſt dies wünſche, ſo müſſe er ſich doch vorher noch mit den Staaten von Holland und Seelland öüber jene einzelnen Punkte in ihrem Vorſchlag, welche die religiöſen Angelegen⸗ 298 heiten beträfen, berathen, wiewohl er bereits im Voraus, ſo⸗ wohl im Namen Hollands als auch Seelands, verbürgen möchte, daß dieſe, ſo wie auch er ſelbſt, ſich ſtreng an den Inhalt der Pacifikation von Gent halten würden.“ Die Staaten von Holland und Seeland bewilligten ihm die Reiſe nach Brabant, und ſchon am 18. September befand er ſich mit ſei⸗ nem Bruder, dem Grafen Johann von Naſſau, welcher kürz⸗ lich aus Deutſchland gekommen war, und mit ſeinem Hofſtaat in Antwerpen. Mit ungeheuchelter Herzlichkeit wurde Oranien, als lang er⸗ warteter Erlöſer des Vaterlandes von aller Noth, dort empfan⸗ gen; die bewaffnete Bürgerſchaft war ihm entgegengeeilt und hatte ihn wie im Triumph in die Stadt gebracht. Nach einem fünftägigen Aufenthalt ſetzte er ſeine Reiſe nach Brüſſel fort; die bewaffnete Bürgerſchaft gab ihm bis eine Meile vor letzterer Stadt das Ehrengeleite. Da kamen ihm die Bürgerſchaft Brüſ⸗ ſels mit fliegenden Fahnen und Viele vom Adel entgegen; auf dem Kanale lagen drei Schiffe bereit, das eine zu einem Ban⸗ kett für ihn gerüſtet, das andere mit den Wappenſchildern der ſiebenzehn Provinzen geſchmückt, um zu verſinnlichen, daß ihn dieſe willkommen hießen; auf dem dritten befanden ſich die Rhetoriker von Brüſſel und ſtellten in einem Schauſpiel die Er⸗ löſung der Unterdrückten und Gefangenen dar. Am 23. Sep⸗ tember zog Oranien in Brüſſel ein. Kein rauſchendes Feſt⸗ gepränge umgibt ihn, wie den Sieger von Lepanto an jenem erſten Mai; aber alle Herzen ſchlagen ihm hoffnungsreich ent⸗ gen, und wie hoch ſchlägt ſein eigenes! Zehn Jahre ſind vor⸗ übergeſchwunden, ſeit er Brüſſel nicht mehr ſah; jeder Stein erinnert ihn an jene Zeit, als er noch im Glanze fürſtlichen Anſehens durch dieſe Straßen ging, in welchen ein glückliches Volk wohnte.— Welche Stürme hatten während jener zehn — ,— 299 Jahre durch dieſe Straßen getobt, welches edle Blut war ge⸗ floſſen, welche Urtheile hatte der Herzog von Alba von hier aus auf Oraniens Namen, welche Sorgen auf deſſen Herz gewälzt! Zehn Jahre lang war ihm, dem Verbannten, dies ſchöne, herr⸗ liche, bewundernswerthe Brüſſel nur ein Kerker geweſen, deſſen Thore ſich auf immer hinter ihm geſchloſſen haben würden, hätte er's gewagt, durch dieſelben einzugehen,— ein Kerker mit einem Schaffot und mit einem ſeiner harrenden ſpaniſchen Henker! Und jetzt konnte Oranien dieſe Straßen wieder frei, vollkommen ſicher betreten; eine ganze Nation, welche von ihm ihr Heil erwartete, hatte ihn zu ſich berufen, und mit edlerem Stolz als ein Sieger, mit dem Stolz eines reinen Bewußtſeins, durfte er als ächter Mann des Volkes um ſich ſchauen; in allen Blicken, die nicht aus bloßer Neugier, die aus Sehnſucht und Vertrauen auf ihn gerichtet waren, fand er den reichſten Lohn für Alles, was er bisher fürs Vaterland gethan und gelitten.— In Holland wurde indeſſen, auf Anordnung der dortigen Staaten, in allen Kirchen gebetet, daß der Allmächtige Oraniens theures Haupt vor böſen Anſchlägen der Feinde bewahren möge. Oranien nahm nun ſogleich an den Berathungen der Staaten in Brüſſel Theil. Unter ſeiner Zuſtimmung wurden die Verhandlungen mit Don Juan aufs Neue aufge⸗ nommen. Die Staaten verſprachen Don Juan, die Waffen niederzulegen, wenn auch er es thäte, und wenn er ferner das Schloß zu Namur räumte; ſodann ſtellten ſie ihm die Bedin⸗ gung, ver ſolle ſich ungeſäumt nach Luxemburg begeben, um dort die Ankunft ſeines noch zu beſtimmenden Nachfolgers zu erwarten.“ Dieſe energiſchen Forderungen, beſonders aber die Nachricht von Oraniens Ankunft und herzlicher Aufnahme in Brüſſel reizten den durch ſeine Lage und durch die läſtige That⸗ loſigkeit ohnehin tief mißſtimmten kriegeriſchen Kaiſerſohn auf's 300 Aeußerſte, und noch mehr erbitterte ihn die allzu geringe Friſt von höchſtens zwei bis drei Tagen, welche die Staaten zur Erledigung der Verhandlung anberaumt wiſſen wollten. Gleichwohl beſorgte er, bei längerer Starrſinnigkeit von ſeiner Seite, in Namur belagert zu werden! und begab ſich deshalb nach Luxemburg. Von dort aus ſchrieb er den Staaten:„er habe von Spanien her Auftrag erhalten, ſie die ſtrengſten Beweiſe der königlichen Ungnade empfinden zu laſſen, wenn ſie von ihren übermüthigen Forderungen nicht abſtünden und den Prinzen von Oranien nicht vertrieben.“ Dieſer Wechſel ſeines Benehmens, indem er bald nachzugeben ſchien, bald wieder trotzte, verrieth ſeine Unentſchloſſenheit und Verlegenheit. Weit entfernt, daß die Staaten eingeſchüchtert worden wären, verringerte er ſelbſt dadurch die Zahl ſeiner Anhänger. Die Staaten dagegen recht⸗ fertigten ihre Handlungsweiſe in einer Schrift, welche ſie in ſieben Sprachen durch den Druck veröffentlichen ließen und an alle Höfe ſchickten. Sodann ernannten ſie, Don Juans drohen⸗ dem Gebot in Betreff Oraniens zum Trotz, und wohl auch aus dem Grunde, weil ſie gegenwärtig keinen Statthalter hatten, am 22. Oktober den Prinzen von Oranien, welcher täglich in der allgemeinen Gunſt ſtieg, zum„Ruwaard“(d. i. Ruhe⸗ bewahrer) von Brabant. Zwar äußerte ſich dabei von einer Seite her ein heftiger Widerſpruch, aber der Beſchluß wurde doch durchgeſetzt, und durch lauten Jubel billigte das Volk Oraniens Ernennung zu dieſer hohen Würde, von deren Ver⸗ leihung(ſie glich ungefähr der Diktatur bei den Römern) die frühere Geſchichte Brabants mehre Beiſpiele aufzuweiſen hatte. Meiſtens bahnte dieſe Würde dem jedesmaligen Träger derſel⸗ ben den Weg zur herzoglichen. Mit Schrecken dachten jetzt die Häupter des brabantiſchen Adels, welche Oraniens wachſenden Einfluß bereits nicht ohne Eiferſucht und Neid beo⸗ —— 301 bachtet hatten, an die Möglichkeit eines ähnlichen Falles. Aber wie vermochten ſie jenen Einfluß zu entkräften, ohne daß ſie ſelbſt, durch das Bekanntwerden ihrer darauf abzweckenden Ver⸗ ſuche, die Volksgunſt verlören? Es blieb ihnen in dieſer Kriſis kein anderes Mittel übrig, als— dem Prinzen eine neue be⸗ deutende Autorität gegenüberzuſtellen, und durch ein ſchweres Gegengewicht ſeine Schale in der Wage der öffentlichen Meinung emporzuſchnellen. An der Spitze dieſer auf Oranien eiferſüchtigen Adelsparthei Belgiens ſtand der kurz vorher zum Statthalter von Flandern erhobene Herzog von Aerſchot, aus dem Hauſe Croy, welches ſeit langer Zeit in Spannung mit dem Hauſe Naſſau war. An ihn ſchloſſen ſich Havré, Philipp von Egmont, Lalaing, Raſſing⸗ hem und mehre Andere. Ihre Wahl, als ſie nach einer Auto⸗ rität ſuchten, die ſie dem Prinzen von Oranien gegenüberſtellen könnten, fiel auf den Erzherzog Matthias von Oeſter⸗ reich, einen jüngeren Bruder des regierenden deutſchen Kaiſers Nudolf II. Matthias vereinigte alle Eigenſchaften, die den Verbündeten zu ihrem Vorhaben und noch insbeſondere zu ihrem geheimen Zwecke nöthig ſchienen, welcher darin beſtand, im Na⸗ men des neuen Statthalters ſelbſt die Zügel der Herrſchaft in die Hand zu bekommen. Matthias war jung l(erſt neun⸗ zehn Jahre alt), unerfahren und ſchwach. Sodann glaubten die Verbündeten, daß ſelbſt König Philipp II. gegen dieſe Wahl nichts einwenden würde, weil Matthias ſein leiblicher Neffe und ein katholiſcher Prinz war; der letztere Umſtand endlich, nämlich die katholiſche Religion des Erzherzogs, ſchien auch eine triftige Garantie für die katholiſche Bevölkerung Bel⸗ giens zu bieten. Die Verbündeten beſchleunigten die Voll⸗ ziehung ihres Beſchluſſes, um zugleich zwei anderen Nebenbu⸗ 302 lern, dem Herzog von Anjou und dem Pfalzgrafen Johann Kaſimir zuvorzukommen. Sie beauftragten deß⸗ halb den Herrn van Malſteede, den Erzherzog in Wien für den Plan zu gewinnen und zur augenblicklichen Abreiſe in die Niederlande zu bewegen. Matthias war dazu bereit. Er ver⸗ ließ am 2. Oktober Wien ohne Vorwiſſen ſeines kaiſerlichen Bruders(wie dieſer wenigſtens öffentlich verſicherte, obgleich niemand daran glaubte,) und reiſte eilig nach Brabant. Die Adelsparthei, welche ihn berufen hatte, beabſichtigte, ihn mit Hülfe des Heeres der Staaten zu Termonde in ihre Gewalt zu bringen, um dann in ſeinem Namen regieren zu können. Aber dieſer Plan mißglückte dadurch, daß die meiſten Befehlshaber aus Treue gegen Oranien ihre Mitwirkung zu einem Unter⸗ nehmen verweigerten, deſſen Anſtifter dem Prinzen mißgünſtig waren. Die nächſte Folge jenes wichtigen Schrittes war die, daß die Partheiungen jetzt bei weitem ſchärfer hervortraten. Einige waren nämlich überhaupt dadurch verletzt, daß man einen fremden Herrn iw's Land berufen hatte; Andere glaubten, we⸗ gen der Nachbarſchaft Frankreichs würde ſich der gleichfalls ka⸗ tholiſche Herzog von Anjou beſſer für die dem Erzherzog über⸗ tragene Würde eignen. Der Einfluß des auf Frankreich fort⸗ während eiferſüchtigen Englands machte ſich für den proteſtantiſchen Pfalzgrafen Johann Kaſimir geltend; und endlich gab es auch noch eine Naithei, welche die Wiederanknüpfung von Ver⸗ handlungen mit Don Juan wünſchte. So wurde die Eintracht unverantwortlich zerriſſen, von welcher ſämmtliche Niederlande (nördliche wie ſüdliche) unter den dam naligen Umſtänden allein Heil zu erwarten hatten. Die Staaten überlegten iedoch, wie höchſt unſchicklich es ſein würde, den Erzherzog unverrichteter Dinge zurüͤck zu ſchicken. Mußten ſie ſich dadurch nicht vor allen Mächten kompromittiren? — 303 Durften ſie dem Feinde dadurch wohl das Geheimniß ihrer Un⸗ einigkeit verrathen? Auch Oranien war durchaus gegen die Zurückſchickung des Erzherzogs; dagegen drang er vorſichtig dar⸗ auf, daß man dieſen, bevor man ihn als Generalſtatthalter anerkenne, Bedingungen unterzeichnen laſſe, durch welche die Freiheit der Niederlande garantirt werde. Nachdem die Staaten dieſes beſchloſſen hatten, begab ſich Mat⸗ thias auf ihre Einladung von Lier, wo er ſich bis jetzt auf⸗ gehalten hatte, nach Antwerpen, wurde dort am 21. Novem⸗ ber 1577 von Oranien bewillkommnet und erwartete ebendaſelbſt die Reſolution der Staaten. Inzwiſchen ereigneten ſich in Gent Vorfälle, welche die Verwickelung der Verhältniſſe plötzlich zu zerreißen ſchienen, aber eigentlich den Knoten noch feſter zuſammenzogen. Während nämlich der belgiſche Adel die Regierung ausſchließlich für ſich zu erringen trachtete, trug in Gent plötzlich das demokra⸗ tiſche Prinzip den Sieg davon. Die Revolution, deren es dazu bedurft hatte, lähmte alle Unternehmungen des Herzogs von Aerſchot, dieſes Hauptes der belgiſchen Adelsparthei, und ließ dadurch dem Prinzen von Oranien gerade ſo lang freien Spielraum, als er nöthig hatte, um durch dieſelbe Ma⸗ ſchine, deren ſich ſeine Feinde zu bedienen gehofft hatten, nämlich durch den Erzherzog Matthias, für das gemeine Beſte des Landes zu wirken und eine Verſöhnung mit Spanien, dieſe Hoffnung mancher ſchwächeren Gemüther, ſchwieriger zu machen als bisher. Der Herzog von Aerſchot hatte nämlich ſeine Statthalterſchaft über Flandern angetreten, und am 23. Ok⸗ tober 1577 mit großem Pomp ſeinen Einzug in Gent gehalten. Nicht blos die Generalſtaaten, ſondern auch die Biſchöfe von Brügge, Jpern, der Statthalter des walloniſchen Theils von Flandern, faſt alle Gouverneurs der Städte und die Häupter 304 des Adels fanden ſich damals in Gent zuſammen. Bei Ge⸗ legenheit des Antritts ſeiner Statthalterſchaft hatte Aerſchot den Bürgern Gents, um ſich bei ihnen beliebt zu machen, die Wiederherſtellung ihrer alten wichtigen Vorrechte verſprochen. Aber es ſchien nicht, als ob er Luſt habe, dieſes Verſprechen zu halten. Um ſo heftiger ſah er ſich von Tag zu Tag von dem Volke daran gemahnt. Schon in früheren Zeiten hatte ſich in Gent die überwiegende Kraft des demokratiſchen Prinzips gel⸗ tend gemacht; jetzt waren noch mehre Urſachen hinzugekommen, um demſelben eine höhere Intenſität zu verleihen; zuvörderſt der Einfluß des Kalvinismus, den Manche nicht aus reli⸗ giöſer Ueberzeugung, ſondern rein aus Nationalhaß angenom⸗ men hatten, weil ſie mit den Spaniern auch nicht einmal die Religion gemeinſam haben wollten,— ſodann der Einfluß der zurückge kehrten Auswanderer, welche ihre in der Fremde geſchärfte Erbitterung mitgebracht hatten, und endlich der Einfluß zweier Männer, welche befähigt waren, an die Spitze einer Volksbewpegung zu treten und eine ſolche zu leiten. Dieſe beiden Männer waren Johann von Hembyze und Franz von Kethulle, Herr von Ryhove. Jan van Hembyze, der Sohn eines Hauſes von gutem altem Adel, war um's Jahr 1513 zu Gent geboren; er hatte eine tüchtige Erziehung genoſſen und beſaß umfaſſende Kenntniſſe in der fremden Literatur; das Studium älterer politiſcher Conſtitutio⸗ nen hatte ſein Urtheil geſchärft, ſo wie er anderſeits mit den Reſſourcen und verſchiedenen Adminiſtrationen Flanderns, wo er ſchon häufig Magiſtratsſtellen beſeſſen, genau bekannt war. Lebhaften Geiſtes, beſaß Hembyze ferner eine raſtloſe Thätig⸗ keit, einen unbezwinglichen Ehrgeiz, keinen Höheren über ſich zu dulden, eine durchdringende Beredtſamkeit fürs Volk, und eine Gewiſſenloſigkeit in der Wahl der Nittel, welche ihm zur I 305 Erreichung ſeiner Zwecke tauglich ſchienen. Ryhove, gleich⸗ falls aus einer guten Familie entſtammt, hatte mit Hembyze manche Eigenſchaften gemein; nur war er bei weitem ungeſtü⸗ mer und leidenſchaftlicher, während jener ſchlau berechnete; Ryhove verließ ſich mehr auf die Gewalt des Schwertes, Hembyze gab der Macht der Ueberredung und der Intrigue den Vorzug, ohne jedoch deßwegen die Gewalt zu ſcheuen, denn auf das kleinſte Zeichen gehorchten ihm 30,000 Mann. Beiden Männern kamen für die Erreichung ihrer Zwecke ihre zahlreichen Verbindungen mit dem Adel zu ſtatten und Hembyze insbe⸗ ſondere ſuchte ſeine hauptſächlichſte Stütze im Schoße ſeiner Familie; ſeine drei Brüder Franz, Anton und Roland, wie ſein Neffe Buſſaert van Hembyze, Herr von Gits, waren ihm erge⸗ bene und leicht zu lenkende Werkzeuge. Hembyze wie Ry⸗ hove waren mit Oranien bekannt und ſuchten deſſen Kredit für ſich ſelbſt zu benützen; beiden war die Ankunft des Herzogs von Aerſchot als Statthalter im höchſten Grade ungelegen, wenn ſie ſich vor demſelben über manche ihrer bisherigen Hand⸗ lungen rechtfertigen ſollten. Nur Aerſchots Sturz konnte Beide retten; aber ſie bauten darauf zugleich verwegene Hoff⸗ nungen ihrer eigenen Erhöhung. Deßhalb bearbeiteten ſie das Volk; deßhalb entflammten ſie beſonders den proteſtanti⸗ ſchen Theil deſſelben zum Haß gegen den katholiſchen Her⸗ zog von Aerſchot; und, da Ryhove von deſſen Freunden, den Herrn von Champagny und Swevighem, ungünſtige Aeuße⸗ rungen über Oranien vernommen hatte, ſo ſuchte er, im Ein⸗ verſtändniß mit Hembyze, auch den Prinzen in's Mittel zu ziehen. Unter dem Vorwand einer Reiſe nach Tournay begab ſich Ryhove heimlich nach Antwerpen zu Oranien, ſchilderte dieſem die Verhältniſſe und die Volksſtimmung in Gent, und ſchlug ihm vor, das Uebergewicht des ariſtokratiſchen Ele⸗ I. 20 306 ments, welches ja auch Oraniens Stellung bedrohte, durch eine Exploſion des demokratiſchen mit einem Schlage zu vernichten. Oranien war ſehr überraſcht, als er die Abſicht des De⸗ magogen errieth. Ein Volksaufſtand, nicht gegen einen fremden Feind, ſondern in Partheiſachen! Konnte ſich Oranien wohl zutrauen, daß es ihm gelingen würde, die entfeſſelten Leidenſchaften einer heißblütigen, zur Wuth gereizten Menge wieder unter das Ge⸗ ſetz der bürgerlichen Ordnung zu beugen, wenn jener Zweck glücklich erreicht worden? Und war derſelbe denn für's Wohl der ganzen Nation ebenſo wichtig wie bloß für Oraniens Stel⸗ lung, ſo wichtig, daß man den Nachtheil dabei nicht in Anſchlag bringen durfte, welchen ein verderbliches Beiſpiel auf den Ge⸗ ſetzlichkeitsſinn der Niederländer überhaupt hervorbringen mußte? Oranien wies den Vorſchlag entſchieden zurück und forderte den Demagogen auf, andre geſetzliche Mittel zu ergreifen.„Ich weiß keines“ erwiederte Ryhove.„Und auf welche Hülfe zählt Ihr dabei?“ fragte Oranien.„Da Ihr mir die Eurige ent⸗ zieht“, verſetzte Ryhove,„ſo will ich denn von Gottes Hand den Ausgang erwarten, aber wenigſtens das Volk zur Mahnung um ſeine Rechte erwecken!“— Oranien widerrieth dies und entließ hiemit den Demagogen. Am anderen Tage entbot er denſelben nochmals zu ſich und fragte ihn ernſt:„Habt Ihr die Gefährlichkeit Eures Vorſatzes reiflich erwogen? Könnt Ihr wohl noch Muth genug haben, um ihn auszuführen?“—„Ich will's vollbringen oder zu Grunde gehen!“ rief der leidenſchaft⸗ liche Ryhove. Da zuckte Oranien die Achſeln und wandte ſich ſchweigend von ihm ab. St. Aldegonde, dieſer ſonſt ſo umſichtige und ſtaatskluge Mann, theilte die Bedenklichkeiten ſeines Freundes Oranien nicht; vielleicht riß ihn die Beſorgniß für dieſen, vielleicht riß ihn ſein religiöſer Eifer für den in Gent bedrohten Proteſtantismus hin; kurz: er rieth Ry⸗ ₰ ₰ hove'n, das Wageſtück immerhin zu unternehmen; dieſer aber mochte, weil er St. Aldegondes vertraute Freundſchaft mit Oranien kannte, wohl vermuthen, daß ihm der Letztere ſtill⸗ ſchweigend dadurch ſeine Einwilligung zu erkennen gebe. Eilig, und eben ſo heimlich, als er abgereiſt war, kehrte nun Ryhove nach Gent zurück. Es war am 28. Oktober gegen Abend. An demſelben Tage hatte Hembyze in Gent den Herzog von Aerſchot auf der Straße angehalten und ihn mit drohender Miene daran erinnert, ſeinem gegebenen Verſprechen gemäß, die alten Freiheiten Gents herzuſtellen; denn Hembyze's Idol war die Republik, frei⸗ lich mit dem Nebenzwecke: ſich ſelbſt als Diktator an der Spitze einer ſolchen zu ſehen. Zürnend brach Aerſchot hierauf in die Worte aus:„Dieſe Meuter, dieſe Freiheitsſchreier wird man wohl noch durch einen Strick um den Hals zum Schweigen bringen. Sie alle reitzt noch immer der Prinz von Oranien!“ Dieſe Worte, welche das Gerücht raſch von Straße zu Straße verbreitet, entflammen Hembyze's Wuth; die Bürger greifen zu den Waffen, eine Parthei für Aerſchot, die andre für Hembyze, und nur mit Mühe gelingt es der Obrigkeit, einen förmlichen Kampf zu verhindern und die Aufgeregten zu beſchwichtigen.— So ſtand es in Gent, als Ryhove dort ankam. Sowie er die Vorfälle erfährt, rüſtet er ſich, ruft Soldaten, Diener und Freunde, und eilt mit ihnen in Hembyze's Wohnung. Dieſer war noch nicht zu Hauſe; und, als er mit dem Hauptmann Mieghem und mehren Andern eintritt, ruft ihm Ryhove wild entgegen:„Wie, Ihr ließet die Bürger die Waffen nieder⸗ legen? Ihr konntet es verſäumen, den günſtigen Augenblick zu benützen? Alle dieſe Biſchöfe und großen Herrn, die hier in Gent verſammelt ſind, betreiben bloß den Untergang unſerer Parthei. Zuvorkommen müſſen wir ihnen, oder man holt uns 308 noch in dieſer Nacht aus den Betten. Auf, ſo lange das Volk noch warm iſt! Hinaus, Jeder von uns mit ſeinen Freunden, und jagen wir die ſpaniſche Inquiſition mit allen ihren neuen Biſchöfen zur Hölle.“„Da hör' ich einen Mann reden!“ ſpricht der Hauptmann Mieghem,„ich verlaſſe Euch nicht, ſo lange die Füße mich tragen.“ Die That folgt dem Wort; alle Verſammelten, bis auf Hembyze, eilen hinaus, um ihren Plan augenblicklich auszuführen. Die Haupttheilnehmer der Verſchwörung waffnen ſich; die Bürgerſchaft wird aufgerufen. „Heraus für Freiheit und Ehre!“ ſchallt es durch die Gaſſen; aber nur wenige Bürger folgen. Die augenſcheinliche Gefahr treibt Ryhove raſch zum Schluß. Schon hat er ſich des alten Grafenſchloſſes bemächtigt, wo das Geſchütz liegt; jetzt eilt er mit einem Theil der Seinigen vor Aerſchots Wohnung, den Hof zu St. Bavo. Den Lärmen gehört, will man ſich drinnen vertheidigen; da ruft Mieghem:„Brand angelegt! Laßt uns die Vögel im Neſte verbrennen!“ Jetzt läßt Aerſchot das Thor öffnen; die wilde Rotte dringt in das Gebäude, und will den Herzog durchbohren, Ryhove ſelbſt ſchützt deſſen Leben, legt ihn aber in Haft. Auch viele andre Edelleute und Ma⸗ giſtratsperſonen, die den Demagogen verhaßt ſind, werden ge⸗ fangen, darunter die Herrn von Raſſinghem und Swe⸗ vighem, Jakob Heſſels und Jan de la Porte(Räthe von Flandern), der Groß⸗Bailli von Gent, Jan Viſcher (Baljuw von Ingelmünſter) u. ſ. f. ebenſo die Biſchöfe von Ypern und Brügge. Alle Gefangenen werden in Ryhoves Haus gebracht und in verſchiedenen Gemächern bewacht. Ryhove iſt Meiſter der Stadt, läßt die Thore beſetzen, nimmt die Truppen— bis auf weitere Befehle von Oranien und den Staaten— für ſich in Eid und verſtärkt ſie. Die Bürger bleiben in den Waffen, die Straßen werden durch Ketten ge⸗ —— ——— — ———;—;⸗:⸗::-:—;— 309 ſperrt; unbeſchreibliche Beſtürzung herrſcht in ganz Gent. Die beiden Demagogen verſichern ſich hierauf der öffentlichen Kaſſen und theilen die oberſte Gewalt; Ryhove übernimmt das Kriegsweſen, Hembyze die politiſche Organiſation. Er läßt ſich an die Spitze der Schöffen ſtellen, ſtürzt die bisherige Verfaſſung um und richtet mit wahrer Genialität eine republi⸗ kaniſche ein. Achtzehn Männer, von ſeiner und Ryhoves Parthei werden zu Repräſentanten der Republik, zu Volks⸗ tribunen, erwählt und erhalten die ausübende Gewalt. Die zwei und fünfzig Zünfte und außerdem die der Weber erhalten ihre Fahnen und alten Privilegien wieder und erwählen nach altem Brauch aufs Neue ihre Dechanten(„Doyens,“ „Dekens“), dieſe den Großdechant; die bewaffnete Bürger⸗ ſchaft einen Kriegsrath. Aus dieſen Elementen wird die geſetzgebende Gewalt zuſammengeſetzt. Die Nachricht von der Revolution in Gent erfüllte ſowohl die allgemeinen Staaten als den Prinzen von Oranien mit Schrecken. Inzwiſchen ſuchten die Demagogen in Gent durch verſchiedene Mittel auf die öffentliche Meinung zu wirken. So ließen ſie, unter dem angeblichen Namen der Edlen, Notablen und Gemeinde zu Gent, eine Schrift in Druck verbreiten, worin die Gefangenen beſchuldigt wurden, daß ſie Oranien von ſeiner Stelle als Ruwaard hätten verdrängen, einen neuen Staats⸗ rath aus ihrer Parthei zuſammenſetzen, Kriegsvolk nach Gent bringen wollen, und dergleichen mehr. Auch ließen die Dema⸗ gogen einen untergeſchobenen Brief des Rathes Heſſels an den Grafen Roeux verbreiten, worin jener angeblich ſchrieb:„man müſſe die Verhandlungen mit Don Juan fortſetzen, um den „ſchändlichen Ketzer“(Oranien)„mit ſeinem ganzen Anhang zu verderben,“ eine Sprache, die allerdings eines Mitglieds des weiland Blutrathes, wie Heſſels, würdig geweſen wäre. So 310 würde,(hofften die Demagogen), Oranien, um deſſenwillen man hauptſächlich die Genter Revolution begonnen hätte, ſich derſelben annehmen(obwohl Hembyze für ſeine Perſon zu nichts weniger Luſt hatte, als ſich unter Oraniens Superiori⸗ tät zu beugen). Oranien ſelbſt war weit davon entfernt, die Genter Revolution zu billigen, und zwar um ſo weniger, da ſich bald Hembyzes Streben zeigte, Gent und Flandern von der gemeinſamen Sache der Niederlande, als eine eigene Republik, loszutrennen. Nachdem die Staaten durch den Ad⸗ vokaten Liesveld von den Genter Demagogen die Befreiung der Gefangenen vergeblich verlangt hatten, ſandte Oranien den Junker Arend van Dorp nach Gent und bewirkte wenigſtens die Befreiung des Herzogs von Aerſchot. Auch kam Ora⸗ nien ſelbſt(am 29. Dezember) nach Gent, um dort die Ruhe herzuſtellen. Man empfing ihn daſelbſt aufs Prächtigſte und verehrte ihm ein Herz von gediegenem Golde, mit der Inſchrift: „Sinceritas.“ Er trat mit würdevollem Ernſt mitten in die große Bewegung und ſagte dem Demagogen Hembyze in einer Unterhaltung unter vier Augen, wie er ihn völlig durchſchaue, wie er den Egoismus ganz nakt vor ſich ſehe, welchen Hembyze mit dem Flittermantel des Patriotismus be⸗ kleide; er prophezeite ihm, daß er ſeinem Verderben entgegen⸗ eile. Uebrigens vermochte Oranien, obwohl er viele Herzen in Gent für ſich einnahm, doch die Befreiung der übrigen Gefan⸗ genen und die Abſchaffung der neuen Regierungsform nicht zu bewirken. Gleichwohl hatte eben dieſe Revolution in Gent Oraniens Intereſſen einſtweilen großen Vorſchub geleiſtet. Während näm⸗ lich Aerſchot und deſſen Parthei durch ihre Gefangenſchaft außer Stand geſetzt blieben, irgend eine Maßregel zu ihren Gunſten in der Angelegenheit des Erzherzogs Matthias zu ——— 311 treffen, benützte Oranien klug und raſch dieſe Zeit, um mit den verſammelten Staaten in Brüſſel die Bedingungen zu entwerfen, welche Matthias beſchwören mußte, um die Aner⸗ kennung als Generalſtatthalter zu erlangen. Der wohler⸗ ſonnene und feſtgegliederte Plan war in ſeinem ganzen Umfang ein Meiſterwerk von weiſer Politik. Man kann in demſelben drei Abſtufungen unterſcheiden, deren eine die andere vorbereitete. Das erſte Moment bildet der unter Oraniens Einfluß erlaſſene Beſchluß der Staaten vom 7. Dezember 1577, worin Don Juan der Statthalterſchaft für verluſtig und für einen Feind der Niederlande erklärt wurde. Die Na⸗ tion erklärte ſich dadurch für kompetent in ihrer höchſten Ange⸗ legenheit und übte einen Akt aus, der bisher nur dem Könige zuſtand; dieſe Abſetzung erſcheint noch wichtiger als jene Ver⸗ leihung der Würde an Oranien durch die Nation. Auch alle Anhänger Don Juans wurden noch am ſelben Tage durch ein Plakat, welches den Namen des Königs an der Stirne trug, für Feinde des Vaterlandes und an Leben und Gütern ver⸗ fallen erklärt; jede Unterſtützung Don Juans durch Rath und That, jede Gemeinſchaft mit ihm wurde unter ſtrengen Strafen verboten. Der König hatte einſt die ganze Nation geächtet; jetzt ächtete dieſe den Mann, der deſſen Perſon vorſtellte;— Don Juan hatte die Nation hintergangen; dafür ſtieß ihn dieſe aus. Als nächſte Folge reihte ſich an dieſe wichtige Vorſichts⸗ maßregel am 18. Dezember das zweite Moment, das edelſte in dem ganzen Werke jener Politik und gleichſam der belebende Mittelpunkt derſelben; alle Niederländer ſchloſſen nämlich durch die Generalſtaaten zu Brüſſel eine„neue“ oder„nähere Union,“ deren Grundlage die religiöſe Toleranz war. Wer erkennt hierin nicht Oraniens Geiſt! Stetis hatte Oranien ja in der moraliſchen Kraft der Toleranz die einzige 312 Bürgſchaft dauernder Eintracht erkannt; und wie lange hatte er vergeblich dahingeſtrebt, um dieſe ſeine eigene Ueberzeugung zur allgemeinen zu machen! Erſt jetzt drang er durch, wenn auch freilich nur für den Augenblick. Katholiken und Prote⸗ ſtanten gelobten ſich wechſelſeits, ſich des Glaubens wegen nicht zu beleidigen, ſondern wechſelſeits die Freiheit der Glaubensbekenntniſſe zu beſchützen. Hielten beide Religionspartheien dies Gelöbniß wirklich, dann mußte auch die bürgerliche Freiheit der geſammten Nie⸗ derlande unantaſtbar ſein. Aber ließ es ſich wohl erwarten, daß dieſer Entſchluß auch bei den Geiſtlichen beider Religionspar⸗ theien unbedingt Billigung finden würde? Die Folge wird leider bald das Gegentheil ausweiſen.— Das dritte Moment endlich in jenem politiſchen Werke, der Abſchluß deſſelben war die Anerkennung des Erzherzogs Matthias unter jenen Bedingungen, welche die Generalſtaaten und Ora⸗ nien, unabhängig vom Einfluß der Adelsparthei, entworfen hatten. Sie betrafen im Weſentlichen folgende Punkte. Der Erzher⸗ zog ſollte dem König und den Generalſtaaten Treue ſchwören; eben⸗ ſo ſollten die Statthalter der einzelnen Provinzen, die Kriegs⸗ oberſten und Truppen für jene beide vereidigt werden,— alle, den Erzherzog mit eingeſchloſſen, zu dem höchſten Zwecke, daß die Niederlande in ihren ſämmtlichen Freiheiten, Rechten und Herkommen beſchützt und erhalten würden. Was die Re⸗ gierung betrifft, ſo ſollten die Generalſtaaten einen Staats⸗ rath zuſammenſetzen, und dem Erzherzog zur Seite geben, welcher letztere ſich nach den Beſchlüſſen deſſelben zu richten habe. In den wichtigſten Nationalangelegenheiten ſollte der Erzherzog auch nichts ohne Bewilligung der Gene⸗ ralſtaaten verfügen, welche ihrerſeits wieder ſolche Angelegen⸗ heiten zuvor den Notablen(d. i. den abgetretenen Magiſtrats⸗ 313 perſonen) und Gemeinden zur Berathung vorlegen ſollten.— Sowohl die Generalſtaaten als die Provinzialſtaaten ſollten das Recht haben, ſich ſo oft zu verſammeln, als es ihnen nöthig ſchiene.— Die Pacifikation von Gent ſollte fortwährend in Kraft bleiben und die rechtliche Auslegung undeutlicher Punkte in derſelben den Generxal⸗ ſtaaten zu ſtehen.— Der Erzherzog ſollte keine größere Leib⸗ wache verlangen, als ihm die Staaten nach den Zeitumſtänden bewilligen würden.— Die Verleihung der Kriegsämter ſollte ihm und dem Staasrath, mit Zuſtimmung der General⸗ ſtaaten zuſtehen; in Kriegszeiten würden ihm die Letzteren einen Kriegsrath zur Seite ſtellen, mit welchem er die Kriegsſachen zu leiten habe.— Die Finanzen ſollten aus⸗ ſchließlich den Generalſtaaten vorbehalten bleiben.— Die Anhänger Don Juans ſollten mit aller Strenge verfolgt, alle Citadellen, deren Zerſtörung bereits beſchloſſen, geſchleift werden; alle ſeit der Einnahme Namürs von den Staaten gefaßten Beſchlüſſe ſollte der Erzherzog bekräftigen. Sodann ſollte er keine Ausländer in ſeine Dienſte nehmen, jene, die er bereits habe oder durch Genehmigung der Staaten erhalte, weder in Aemter bringen, noch bei Regierungsangelegenheiten betheiligen dürfen. Alle Briefe an ihn, die den Zuſtand des Landes beträfen, ſollte er dem Staatsrath vorzulegen gehalten ſein. Würde der Erzherzog einen dieſer Punkte übertreten, ſo ſollte der Vertrag zwiſchen ihm und den Generalſtaaten als gebrochen zu betrachten ſein, wodurch dieſe Letzteren aller ihrer Verbindlichkeiten gegen ihn ledig würden. Für dieſen Fall bedingten ſie ſich ausdrücklich das Recht, die Waffen gegen ihn er⸗ greifen zu dürfen. Mit dieſer Kapitulation begaben ſich die Aebte von St. 314 Gertrudis und von Marolles, der Herzog von Aerſchot und der Herr von Freſin, als Bevollmächtigte der Generalſtaaten, zu Matthias nach Antwerpen. Nach kurzer Ueberlegung nahm der Erzherzog alle jene Bedingungen, durch welche er bloß einen Titel ohne Macht erhielt, mit Dank an. Er begab ſich hierauf am 18. Januar, von Oranien und deſſen Bruder, dem Grafen Johann von Naſſau, ſowie von dem Grafen von Schwarzburg(dem kaiſerlichen Geſandten) und anderen hohen Herren begleitet, von Antwerpen nach Brüſſel, wo er mit der größten Pracht empfangen wurde. Zwei Tage nach ſeiner An⸗ kunft, am 20. Januar 1578, beſchwor er vor den verſammelten Staaten die neue Verfaßung. Mit ihm zugleich legte Oranien in die Hand des Kanz⸗ lers von Brabant den Eid als Statthalter über dieſes Herzogthum ab. Man hatte nämlich einige Tage vorher ſich in der Staatenverſammlung darüber berathen, ob der neue Generalſtatthalter auch zugleich Provinzialſtatthalter über Brabant ſein ſolle(wie es bisher Brauch geweſen); doch die Ueberzeugung, daß man den Prinzen von Oranien nicht ent⸗ behren könne, hatte am 8. Januar den Beſchluß hervorgerufen, ihm ſtatt der Würde eines Ruwaards von Brabant die darunter begriffene Gewalt mit dem Statthaltertitel auch ferner anzu⸗ vertrauen. Ja, man ging ſogar noch weiter. Der Erzherzog wurde erſucht, den Prinzen von Oranien zu ſeinem Stellver⸗ treter in der Generalſtatthalterſchaft zu ernennen, und Matthias willigte darein. So ſtand denn Oranien eigentlich an der Spitze der Geſchäfte. So mußte denn jetzt derſelbe Matthias, den die eiferſüchtige Adelsparthei Belgiens herbei⸗ gerufen hatte, um das Anſehen Oraniens zu untergraben, bloß ſeinen Namen und Titel herleihen, hinter deſſen Prunk Ora⸗ nien das Schickſal der Nation mit Weisheit und Patriotismus —j— —————— — — —— — 315 lenkte. Man nannte den Erzherzog nur den„Greffier des Prinzen von Oranien,“ weil er faſt nichts anderes zu thun hatte, als alles das zu unterſchreiben, was ihm dieſer vor⸗ legte. Zweites Kapitel. Noch dauerten die Feſtlichkeiten, welche man zu Ehren des Erzherzogs Matthias und des Prinzen von Oranien ver⸗ anſtaltete, in Brüſſel fort, als Don Juan von Marche en Famine aus unterm 25. Januar 1578 eine Kriegserklä⸗ rung in Druck ausgehen ließ, worin er ſagte:„ſeine Pflicht, die katholiſche Religion und das Anſehen des Königs von Spa⸗ nien, ſeines Bruders, aufrecht zu erhalten, nöthige ihn, gegen die Empörer und Rebellen die Waffen zu ergreifen; dagegen biete er allen Provinzen, Städten, Gemeinden, Feſtungen und Truppen, die ſich ihm freiwillig unterwerfen würden, vollkom⸗ mene Gnade, Verzeihung alles Geſchehenen und den ſicheren Fortgenuß ihrer Güter.“ Nach den letzten Beſchlüſſen der Staaten war nun keine Verhand⸗ lung, keine Verſöhnung mehr möglich; die läſtigen Bande des Ver⸗ trages, welche ihn bis dahin gefeſſelt gehalten hatten, ſah Juan nun durch die Staaten ſelbſt zerriſſen, und ohne Anſtand durfte er jetzt die verbannten Krieger wieder zu ſich berufen. An ihrer Spitze den Feinden entgegenzueilen, auf dem Schlachtfeld neue Lor⸗ beeren für den Kranz ſeines Feldherrnruhmes zu holen, dann im Beſitze der Macht und des Anſehens neuen Thaten entgegenzu⸗ fliegen, ja— den Lorbeerkranz vielleicht um eine Krone zu winden! Von ſolchen Hoffnungen und Träumen umgaukelt, richtete ſich Don Juan mit friſcher Kraft aus dem Hinbrüten ——— 317 empor, in welchem ihn der verzehrende Mißmuth niedergedrückt gehalten hatte. Wie er endlich die unwürdige Rolle, die er bis⸗ her geſpielt, aufgeben, die offene Heldenſtirne wieder zeigen konnte, die er den Osmanen bei Lepanto gewieſen, flammte ſeine Lebenskraft wieder hell empor. Schon zu Ende des vor⸗ hergegangenen Jahres waren die alten ſpaniſchen Truppen, durch friſche verſtärkt, aus Italien zurückgekommen; Papſt Gregor XiII. ertheilte den Bekämpfern der Ketzer einen voll⸗ kommenen Ablaß. An der Spitze dieſer Truppen ſtand Don Juans Neffe und Jugendgefährte, Alexander Farneſe, Prinz von Parma,(der Sohn der früheren Generalſtatthalterin Margaretha und Ottavio Farneſes) ein Mann in der Blüthe der Jahre(er zählte damals 31**) und der Kraft, muthig und tapfer wie ſein Oheim Don Juan, aber noch klüger bei größerer Beharrlichkeit und gewandter bei größerer Tüchtigkeit, gewiß einer der bedeutendſten Männer jener Zeit. In der Reihe der edlen Herren, welche ſich bei der erſten Kunde von einem Krieg um Don Juan ſchaarten, ſtanden nebſt mehren andern Nieder⸗ ländern auch der alte Graf von Barlaimont mit ſeinen vier tapferen Söhnen kampfbereit, ſo wie Graf Peter Ernſt und Graf Karl von Mansfeld(der Letztere an der Spitze fran⸗ zöſiſchen Kriegsvolks); deutſche und burgundiſche Soldaten ver⸗ ſtärkten Don Juans Heeresmacht. Sie wuchs binnen drei Monaten zu einer Stärke von 20,000 Mann heran. Auch die Staaten hatten inzwiſchen, vornämlich auf Ora⸗ niens raſtloſes Drängen, ihre Kriegsmacht verſtärktz die Werbung geſchah jedoch ſehr langſam, bis die Truppen der Staaten endlich jenen Don Juans an Zahl gleichkamen; dabei hatten indeſſen die Letzteren den großen Vortheil der Kriegser⸗ *) Geb. 1546. 318 fahrenheit gegen das meiſtens aus ungeübten Neugeworbenen beſtehende niederländiſche Heer, welches Anton von Goignies befehligte. Beide Feinde lagen in der Grafſchaft Namür. Die Staaten hatten ihrem Feldherrn Goignies Befehl ge⸗ geben, ſich in keine Schlacht einzulaſſen(ſie wollten dies ſo lang vermeiden, bis ſie ihr Heer noch mehr verſtärkt hätten) und ſich, ſowie die Feinde näherrückten, nach Brabant zurückzuziehen. Dieſem Befehle gemäß brach Goignies mit dem nieder⸗ ländiſchen Heere am 31. Januar 1578 von ſeinem bisherigen Standpunkte auf, und ſchlug den Weg nach Gemblours(drei Meilen von Namür, an der Gränze Brabants) ein. Kaum hatte Don Juan durch zwei Gefangene davon Nachricht er⸗ halten, als er mit ſeinem Heere den Feinden folgte. Alexan⸗ der Farneſe befand ſich an der Spitze der Reiterei, welche den Vortrab bildete. In einem engen Wege griff er an jenem Tage die Nachhut der Niederländer an und trieb ſie ſo unwider⸗ ſtehlich gegen ihr eigenes Fußvolk, daß dies zerſprengt wurde. Raſch warf ſich jetzt Don Juan ſelbſt auf dieſes und zerſtreute es mit leichter Mühe. Nur kurze Zeit hatte der Kampf ge⸗ währt; der Sieg gehörte den Spaniern; Goignies wurde nebſt den vornehmſten Offizieren ihr Gefangener, 30 Fahnen, 4 Stand⸗ ardee nebſt allem Geſchütz und Gepäck fielen ihnen als Beute zu. Die nächſte Folge des Sieges war, daß ſich die Stadt 3. bionre⸗ in deren Nähe ihn die Spanier errungen hatten, denſelben übergab. Die Nachricht davon erfüllte Brüſſel mit paniſchem Schrek⸗ ken; man beſorgte, daß die Spanier, den Sieg benützend, vor die Hauptſtadt rücken würden. Der Erzherzog, Oranien und die Staaten fuüchteirn nach Antwerpen; Boſſü ſollte Brüſſel vertheidigen. Don Juan unterließ es jedoch, vor Brüſſel zu rücken; er hielt ſeine Heeresmacht für zu ſchwach, um dieſe —.— 319 Stadt mit Erfolg belagern zu können, und wandte ſich deßhalb vor andere Plätze in Brabant und Hennegau. Die Stadt Löwen vertrieb ihre aus Schotten beſtehende Beſatzung und öffnete den Spaniern unter Ottavio Gonzaga freiwillig die Thore, unter der Bedingung, keine neue Beſatzung, zu er⸗ halten; desgleichen thaten Jodoigne und Tirlemont. In kurzer Zeit war Don Juan Meiſter von Aerſchot, Bouvi⸗ nes, Sichem, Dieſt, Nivelles, Le Roeux, Soignies, Binch, Beaumont, Walcourt, Maubeuge und Chi⸗ may. Seine Anſchläge auf S. Guilain und Maaſtricht wo er eine Meuterei unter den walloniſchen Soldaten anzetteln wollte, mißglückten, ebenſo der auf Brügge, welches Ryhove durch 1000 Mann zu Fuß und 40 Reiter aus Gent verſtärkt hatte. Bei weitem in höherem Grade als die unbedeutenden Wech⸗ ſelfälle im Laufe des Krieges und als die vergeblichen Friedens⸗ verhandlungen nimmt jetzt ein in ſeinen Folgen außerordentlich wichtiges Ereigniß unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Es iſt der Uebertritt Amſterdams von der ſpaniſchen Parthei, der es bisher durch die Sympathieen der ſtädtiſchen Regierung ſo feſt angehangen hatte, zur Parthei der Staaten, und zwar unter der Statthalterſchaft Oraniens. Schon ſeit längerer Zeit hatte Holland alles Mögliche verſucht, um das reiche und durch ſeine Lage ſo wichtige Amſterdam zu einer Vereinigung zu bewegen. Obwohl Oranien die Staa⸗ ten von Holland erinnerte, eingedenk der Genter Pacifika⸗ tion die Rechte Amſterdams nicht zu kränken, ſo hatte man doch von Seiten Hollands die Zufuhr nach Amſterdam durch Zollerhebung erſchwert und theilweiſe ſogar verſperrt. Ein Gerücht, daß Don Juan mit Amſterdam in geheimer Verbindung ſtünde, trug viel dazu bei, daß ſich die Staa⸗ 320 ten von Holland, ohne Vorwiſſen Oraniens, im No⸗ vember 1577 Amſterdams durch einen kühnen Handſtreich zu bemeiſtern beſchloſſen; doch ſollte die Bürgerſchaft Amſterdams dabei weder geplündert noch ſonſt ſchwer belaſtet werden. Der Kriegsobriſt Hermann Helling und der kühne Hauptmann Niklas Ruikhaver, ein geborner Amſterdamer und einſt einer von den Meergeuſen, übernahmen den Anſchlag. Sie hat⸗ ten zehn Fähnlein Fußvolks, welche am 23. November früh am Morgen vor das Haarlemer Thor kommen ſollten. Aber nur vier Fähnlein trafen, in Schiffen verborgen, wirklich an der bezeichneten Stelle ein; die übrigen ſechs hatten ſich— in Folge eines Mißverſtändniſſes— vor ein Thor der Stadt Haarlem begeben. Da man, ſeit der Pacifikation von Gent, in Amſterdam gewohnt war, oraniſches Kriegsvolk ohne Anſtand einzulaſſen, wenn es nämlich die Waffen am Thore ablegte und ſie bei'm Zurückgehen dort wieder in Empfang nahm, ſo hatte ſich Hellings Lieutenant am Abend zuvor mit ſieben bis acht Soldaten in die Stadt begeben und darin die ganze Nacht fröh⸗ lich zugebracht. Zwiſchen acht und neun Uhr gehen ſie aus ihrer Herberge wieder an's Thor, erhalten ihre Waffen zurück und begeben ſich vor die Stadt. Wie durch Zufall treffen ſie hart vor dem Thore einige Kameraden und ſetzen ſich mit dieſen zum Spiel um Geld. Sie gerathen ſcheinbar in Zwiſt, werden immer erhitzter, und ziehen endlich die Degen. Die Wache am Thore miſcht ſich darein, um ſie auseinander zu bringen; da wenden ſich die Spieler plötzlich gegen dieſe, überwältigen die Thorwache, durchbohren den Pförtner und beſetzen das Thor. Jetzt eilen ihre Kameraden aus den Schiffen und dringen mit wallenden Fahnen in die Stadt, gerade nach dem Damm zu, wo ſie die erſte Gegenwehr finden. Indeſſen blickt der Oberſt Helling überall aus nach den ſechs andern Fähnlein, deren Aus⸗ 321 bleiben er ſich nicht erklären kann, und ſchickt nach Zaandam hin⸗ über um Beiſtand. So verſtreicht die koſtbarſte Zeit ganz nutz⸗ los; die bewaffnete Bürgerſchaft rückt heran und treibt die Soldaten bis an's Thor zurück. Dort verſchanzen ſie ſich und Helling fordert die Bürger unter Drohungen auf, ſich ruhig zu verhalten. Dieſe antworten durch Flintenſchüſſe. Helling wird tödtlich getroffen, ſein Fall bringt die Soldaten in Ver⸗ wirrung; ſie weichen. Ruikhaver hatte ſich in das Haus ſeines 3 Todfeindes geflüchtet und dieſer durchſtach ihn mit kaltem Blute. So wurde damals der Anſchlag der Staaten von Hol⸗ land auf Amſterdam vereitelt. Oranien war im höchſten Grade darüber erzürnt und gab ſich erſt dann zufrieden, als die Staaten von Holland öffentlich erklärten:„ſie hätten das Wageſtück deßhalb vor ihm verheimlicht, damit ihn kein Vor⸗ wurf treffen könne.“ Gleichwohl gaben ſie ihre Pläne auf Am⸗ ſterdam damit noch keineswegs auf. Zwar unterhandelte die ſtädtiſche Regierung mit Oranien bereits über die Bedingungen, unter welchen ſich Amſterdam mit Holland vereinigen wolle. Da aber die Staaten von Holland einige dieſer Be⸗ dingungen ſchlechterdings nicht eingehen wollten, ſo beauftragten ſie Sonoy, Amſterdam eng einzuſchließen. Indeſſen dauerten die Unterhandlungen bis zum Anfang des Februars 1578 fort. Da ſchritten die Staaten von Utrecht nachdrücklich ein, um durch Vermittlung die endliche Vereinigung A mſterdams mit Holland zu bewirken. Sie ſtellten den Staaten von Holland den unermeßlichen Schaden vor, welchen das ganze Land bei einer Belagerung Amſterdams, in Folge des dabei unausbleiblichen Aufziehens der Schleußen, durch eine Ueber⸗ ſchwemmung erleiden würde;— die Stadt Amſterdam hin⸗ gegen ermahnten ſie, ſich nicht auf einen etwaigen Entſatz durch Don Juan zu verlaſſen; denn in dieſem Falle würde ſie zu⸗ I. 21 322 verläſſig eine ſpaniſche Beſatzung erhalten und alle jene Plagen auszuſtehen haben, welche die meiſten übrigen holländiſchen Städte von den Spaniern ſchon erduldet hätten. So gelang es denn endlich den Staaten von Utrecht, daß ſich Amſter⸗ dam am 8. Februar 1578 unter vertragsmäßigen Bedingungen an Holland anſchloß und unter die Statthalterſchaft Oraniens begab. Das Weſentliche dieſer Bedingungen betraf,(gleich wie bei den meiſten übrigen Städten, denen Oranien„Renverſale“ oder„Genugthuungen“ hatte ausſtellen müſſen, ſo z. B. in Haarlem, Goes u. ſ. w., ſo auch in der ganzen Provinz Utrecht) das Freibleiben von Beſatzung, die Aufrechthaltung und Verbürgung der ſtädti⸗ ſchen Privilegien, der perſönlichen Rechte der Ma⸗ giſtrate und Geiſtlichen, endlich der katholiſchen Reli⸗ gion. In Bezug auf die Letztere wurde für Amſterdam ins⸗ beſondere Folgendes feſtgeſetzt:„Sie ſollte daſelbſt die herr⸗ ſchende bleiben; die Proteſtanten durften ihren Gottesdienſt nur außerhalb der Stadt halten, und zwar innerhalb der⸗ ſelben einen ehrlichen Begräbnißplatz haben, jedoch ohne irgend eine Feierlichkeit bei Beerdigungen“. Nun kehrten viele reiche proteſtantiſche Kaufleute, welche zur Zeit der Ketzerverfolgungen Amſterdam verlaſſen hatten, dahin zurück und in kurzer Zeit erhob ſich dadurch der Wohlſtand der Stadt immer mehr, wäh⸗ rend er in Nordholland, wo ſich Jene bisher aufgehalten hat⸗ ten, merklich ſank. Aber außer ihren Kapitalien hatten jene Proteſtanten auch einen gefährlichen Zündſtoff nach Amſterdam mitgebracht, nämlich den Glaubenshaß gegen die Katholiken, welcher während der Verbannung immer zugenommen hatte. Noch im Februar erſchien plötzlich ein Plakat PhilippsII., welches den Befehl an die Staaten enthielt, ihre ſämmtlichen Truppen abzudanken, da ihr Benehmen durchaus geſetzwi⸗ drig ſei. Die Staaten, wiewohl bis dahin dem Frieden nicht ganz abgeneigt, ſahen ſich nun genöthigt, vielmehr ihre Heeres⸗ macht mit aller Anſtrengung zu verſtärken. Zu dieſem Ende wurden bedeutende Schatzungen erhoben, und Holland und Seeland, welche bisher— ſeit dem Beginn des Krieges mit Don Juan— mit Bewilligung Oraniens von den gemeinſamen Laſten befreit geweſen waren, öffneten jetzt ihre Finanzen ſo reichlich, als ob der ganze Krieg ſie allein beträfe. Obwohl man ſich nun mit aller Macht rüſtete, ſo ſchien es doch zugleich wichtig, auch fremde Hülfe in Anſpruch zu nehmen, beſonders da Don Juan im Mai wieder einige Fortſchritte machte. Die Feſtung Philippeville ging nämlich an ihn über, und Alexander Farneſe bemeiſterte ſich Lim⸗ burgs, des Schloſſes Valkenburg und des Städtchens Dalheim. In Bezug auf eine ausländiſche Hülfe dauerte indeſſen die alte Rivalität zwiſchen England und Frankreich noch fort; denn Eliſabeth behauptete ihre frühere Politik, in⸗ dem ſie zwar bereit war, die Niederlande zu unterſtützen,(und wohl auch geneigt, einige Plätze in Holland und Seeland für ſich zu gewinnen,) allein dabei einen offenen Bruch mit Spanien vermeiden wollte. So hatte ſie den Staaten ſchon im Januar eine Hülfe von 1000 Reitern und 4000 Mann zu Fuß verſpro⸗ chen und ihnen ein Anleihen von 100,000 Pfund Sterling bei der Londoner Bürgerſchaft auf ein Jahr bewilligt, wogegen ſich die Staaten verbanden, der Königin im Fall eines feindlichen Angriffes durch Don Juan mit 40 Kriegsſchiffen beizuſtehen. Spanien gegenüber nahm jedoch Eliſabeth für ihre Unter⸗ ſtützung der Niederlande den Vorwand: ſie bezwecke bloß, eine Verbindung derſelben mit Frankreich zu verhindern. Wiewohl nun weder Philipp noch Don Juan dieſer Verſicherung Glauben ſchenkten, ſo trieb Eliſabeth ihre Vorſicht doch ſo weit, daß ſie die verſprochenen Hülfstruppen zurückhielt und die Staaten dage⸗ gen mit Geld unterſtützte, wofür der Pfalzgraf Johann Ka⸗ ſimir Soldaten auwerben ſollte. Was nun anderſeits eine Verbindung mit Frankreich betraf, ſo hatte der Herzog von Anjou bereits kurz nach Don Juans und Farneſes Sieg bei Gemblours den Generalſtaaten ſeine Hülfe angeboten. In ſeinem Manifeſt kam unter andern wohlklingenden Redensarten auch die folgende vor, welche auch in ſpäterer Zeit noch nachhallte: „Frankreich ſei durch ſeine Nachbarſchaft mit den belgiſchen Provinzen allzuinnig verbunden, als daß es denſelben ſeine Protektion vorenthalten könne.“ Eigentlich aber beabſichtigte Frankreich, das Unglück und die Verwirrung der Niederlande zur eigenen Vergrößerung zu benützen. Bei der damaligen allgemeinen Beſtürzung verfehlte Anjous Anerbieten einen gün⸗ ſtigen Eindruck nicht. Zwei Herrn vom Adel waren deßhalb nach Frankreich geſandt worden, um ſich mit Anjou näher zu verſtändigen. Auc, in dieſer Angelegenheit trat das religiöſe Moment bedeutſam hervor, wie wir ſchon früher angedeutet haben. Die katholiſchen Mitglieder der Staatenverſammlung beſorgten von dem Einfluß des proteſtantiſchen Pfalzgrafen ein Uebergewicht des Proteſtantismus; deßhalb ſchloſſen ſie ſich mit lebhafterer Sympathie an den Herzog von Anjou, als an einen Katholiken, und ſandten drei Bevollmächtigte, worunter den Grafen von Lalaing, zu einer Zuſammenkunft mit Anjous Abgeordneten in St. Guilain. Von Bedingungen war dabei faſt nicht die Rede; die Niederländer ſprachen bloß im Allgemeinen die Zuverſicht aus, daß man Anjou mit off⸗ nen Armen in den Niederlanden empfangen würde; worauf Dieſer Truppen an den Gränzen von Hennegau zuſammenzog, und ſich zu einem Einfall vorbereitete. Eine dritte Ausſicht rich⸗ tete ſich im Mai 1578 auf den deutſchen Reichstag zu 325 Worms. Die Generalſtaaten ſandten den gewandten Staats⸗ mann St. Aldegonde nebſt mehren andern Bevollmächtigten dahin, um die Reichsfürſten zu thätiger Unterſtützung zu bewe⸗ gen. St. Aldegonde entwickelte denſelben am 7. Mai in einer meiſterhaften Rede die Gründe dafür, ſchilderte die Noth der Niederlande, wies auf die alte Verbindung der Niederlande mit dem deutſchen Reiche und auf die Ge⸗ fahren hin, welche dieſem ſelbſt durch die Spanier drohten, ſprach ſein volles Vertrauen auf die Theilnahme der deutſchen Nation aus und ließ die Bitte verlauten:„Don Juan möge mit der Reichsacht belegt und den deutſchen Oberſten und Haupt⸗ leuten möchten fernere Kriegsdienſte unter deſſen Fahnen verboten werden.“ Don Juans Geſandte, welche ſich gleichfalls auf dem Reichstag befanden, wußten jedoch den Eindruck der Rede St. Aldegondes durch Gegengründe zu entkräften, ſo daß ſich das ganze Reſultat bloß auf einen Verſuch zur Friedensvermitt⸗ lung beſchränkte. Bald ſahen ſich die Staaten auch von engli⸗ ſcher Seite her dahin gedrängt. Der kaiſerliche Geſandte, Graf Otto von Schwarzburg, erſchien deßhalb abermals in den Niederlanden, und ſuchte ſpäterhin, wie auch die engliſchen Geſandten, wenigſtens einen Waffenſtillſtand oder eine Vermin⸗ derung der Truppen(ſowohl bei den Staaten als bei Don Juan) zu erwirken. Doch es war vergeblich. Immer gewaltiger hatte ſich inzwiſchen die Kraft des reli⸗ giöſen Moments zeregt, immer gefährlicher an dem jungen Werke der Eintracht gerüttelt. Der Fanatismus entblätterte die zarte Blüte des Vertrauens und es ſchien, als wolle er nicht eher ruhen, als bis er dieſe wunderbare Heilpflanze völlig ent⸗ wurzelt habe. Die Reaktion ging diesmal von dem Kalvi⸗ nismus aus, in welchem die Leidenſchaften der in ihre Hei⸗ math zurückgekehrten Religionsflüchtlinge jetzt ihren Mittelpunkt 326 fanden. Bereits früher haben wir auf dieſe wunde Stelle auf⸗ merkſam gemacht. Der Mißmuth der wiedergekommenen Prote⸗ ſtanten machte ſich bald Luft; der Anblick des herrſchenden katholi⸗ ſchen Kultus mit allen ſeinen prunkreichen öffentlichen Feierlichkeiten erinnerte ſie zu lebhaft an jene blutigen Schauſpiele, welche die ſpaniſchen Henker leider damit verbunden hatten, und das Ge⸗ fühl, daß ſie, die Proteſtanten, nach allen überſtandenen Ver⸗ folgungen und Leiden, nach Verbannung und Verluſten, noch ſo gut wie gar keine Genugthuung erhalten hatten, daß ihr Kultus nur geduldet wurde, nicht wenigſtens gleiche Rechte wie der feindliche genoß, war für Viele ſchon quälend genug, während wieder Andere, ſelbſt mit einer Gleichſtellung beider Kulte noch nicht zufrieden, nur die Alleinherrſchaft des proteſtantiſchen der Gerechtigkeit gemäß achteten. Die Ge⸗ neralſtaaten bemerkten dieſe Gährung mit Unruhe und ſuchten das weitere Umſichgreifen derſelben durch energiſche Verordnun⸗ gen zu verhindern. Nicht mit Unrecht erkannten ſie in der Geiſtlichkeit(beider Konfeſſionen) die geheimen Triebfedern des Fanatismus und verboten deßhalb im April (1578), als ſtreng zu beſtrafende Ruheſtörung, jede Aufreizung ſowie jedes Attentat gegen die katholiſche Religion und gegen das Anſehen des Erzherzogs und des Prinzen von Oranien; auf's Neue wurde eingeſchärft, daß nur in Holland und Seeland der proteſtantiſche Kultus herrſchen dürfe, und endlich wurde, zu beſſerer Vorſicht, befohlen, daß alle Obrigkeiten und Geiſtlichen einen Eid leiſten ſollten, ſich ſtreng nach der Pacifikation von Gent zu halten und Feind⸗ ſchaft gegen Don Juan zu geloben. War nun jenes Verbot, den katholiſchen Kultus zu ſtören, gegen die Proteſtanten und ihre Prediger gerichtet, ſo ſollte dagegen der vorgeſchrie⸗ bene Eid hauptſächlich die katholiſche Geiſtlichkeit, beſonders die Mönche, in Schranken halten und geheime Umtricbe derſel⸗ ben verhindern. Der Religionshaß war jedoch bei beiden Par⸗ theien zu heftig, als daß die Verordnung der Staaten ihn hätte unſchädlich machen können. In Antwerpen weigerten ſich die Jeſuiten, den vor⸗ geſchriebenen Eid zu leiſten, und zwar aus dem Grunde, weil derſelbe ihren feierlichen Gelübden gegen den römiſchen Stuhl zuwider laufe. Die Beſtrafung folgte der Weigerung auf dem Fuße; die widerſpenſtigen Jeſuiten wurden am 18. Mai unter ſtarker Bedeckung aus Antwerpen nach Mecheln gebracht; die Franziskaner theilten, wenigſtens größtentheils, die Geſin⸗ nung und auch das Schickſal der Jeſuiten. Auch aus Utrecht zogen jene Bettelmönche aus derſelben Urſache; zu Brügge und Gent entdeckte man, daß in ihren Klöſtern unnatürliche Laſter getrieben worden; zur Strafe wurden mehre Konventua⸗ len nach gehörigem Rechtsgang verbrannt, andere öffentlich ge⸗ geißelt, die Bettelorden überhaupt ausgewieſen. Indem nun die Regierung ſolcherweiſe einen ſchärferen Eifer an den Tag legte, wovon auch das Verbot, die Annaten nach Rom zu ſen⸗ den, einen neuen Beweis gab, wuchs aber eben auch der Muth der Proteſtanten. Sie beſchloſſen, ſich die Freiheit des Got⸗ tesdienſtes zu erzwingen. In Amſterdam war ihr Haß beſonders tief eingewurzelt und die Erbitterung wurde durch das Gerücht, daß Don Juan einen Anſchlag gegen die Stadt im Schilde führe, noch geſtei⸗ gert. Noch im Februar, als Amſterdam ſich mit Holland ver⸗ einigte, hatten drei Bevollmächtigte von Holland, dort die alte„Schuttery“ wieder hergeſtellt und vollzählig gemacht, welche größtentheils aus Proteſtanten beſtand und gar bald mit der ſtreng katholiſchen ſtädtiſchen Regierung in heftige Mißhelligkeiten gerieth. Die Proteſtanten verlangten von 228 derſelben, dem Vertrag zufolge, einen anſtändigeren Begräbniß⸗ platz, als man ihnen eingeräumt hatte; aber die ſtädtiſche Re⸗ gierung war ungeachtet aller Beſchwerden durchaus nicht zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Da ſtellte ſich Meiſter Wilhelm Bardes, einer der eifrigſten Reformirten, an die Spitze ſei⸗ ner bedrückten und verhöhnten Glaubensgenoſſen, und nach einer Predigt, welche außerhalb der Stadt gehalten wurde, verſchwo⸗ ren ſich dieſe zum Umſturz der bisherigen Regierung und zur gewaltſamen Einführung des Kalvinismus. Der 26. Mai war zur Ausführung ihres Planes beſtimmt. In allen Straßen wogte das Volk voll Erwartung ab und zu, während ſich vier Proteſtanten auf das Rathhaus begaben, um noch einen letzten Verſuch zu machen, ob die Regierung in Güte Zugeſtändniſſe machen wolle. Kurz nach Mittag erſcheint endlich einer von jenen vier Männern auf dem Markt, lüftet den Hut und ſetzt ihn wieder auf;— das verabredete Zeichen, daß der Verſuch fruchtlos geweſen ſei! Bald darauf gibt ein Hauptmann von der ſeit ein paar Stunden in Waffen harrenden Bürgermann⸗ ſchaft ein gleichfalls verabredetes Zeichen; ein Soldat feuert eine Muskete los, und plötzlich erſchallt der Ruf:„Wer Ora⸗ nien liebt, zeig' es jetzt!“ In demſelben Augenblick bricht die Revolution aus. Das Geſchütz wird aus dem Zeughauſe auf den Damm gebracht; die Zugänge verbarrikadirt man mit Wollenballen, die vor dem Waghauſe liegen. Kaum ſind blitzes⸗ ſchnell alle Vorſichtsmaßregeln getroffen, ſo eilen die Proteſtan⸗ ten nach dem Rathhauſe, bemeiſtern ſich deſſelben, nehmen die Mitglieder der Regierung, welche ſich eben dort befinden, gefangen, holen die übrigen aus ihren Wohnungen und bringen ſie in das engumſtellte Waghaus. Auch viele Geiſtliche und alle Franziskaner werden feſtgenommen. Soldaten bilden ſjetzt eine Gaſſe vom Rathhauſe bis an den breiten Kanal(den Damrak), an deſſen Ufer Schiffe bereitſtehen; zwiſchen den Soldaten werden die Magiſtratsperſonen, die Geiſtlichen und Mönche durchgeführt und in die Schiffe gebracht, während der Pöbel wüthend ſchreit:„Zum Galgen mit ihnen, an den ſie ſo manchen ehrlichen Mann gebracht haben!“ Der erſte Schultheiß Heinrich Dirkszoon, einer der grimmigſten Ketzerverfolger, erwartete auch ſelbſt kein gelinderes Loos; doch man ſchonte ſeines Lebens, ſo wie deſſen der Uebrigen, und begnügte ſich mit ihrer Verbannung. Die ganze Revolution hatte keinen Tropfen Bluts gekoſtet; auch fiel kein Exzeß vor, als daß der Pöbel in das Franziskanerkloſter einbrach und die Altäre und Bilder zertrümmerte. Die Proteſtanten bezogen die Wachen und die drei„Schutteryen“ erklärten am folgenden Tage die bisherige Regierung ihres Eides und Dienſtes für ledig. Erſt am dritten Tage wurde die Wahl einer neuen ſtädtiſchen Obrigkeit vorge⸗ nommen. Durch Stimmenmehrheit wurden ſechsunddreißig Mitglieder der Schutteryen zu Wahlmännern erkoren; dieſe verſammelten ſich auf dem Rathhauſe und erwählten vier neue Bürgermeiſter,(worunter Wilhelm Bardes und Dirk Janszoon Graaf), neue Schöffen und Vroedſchappen. Einige Wochen ſpäter wurden dann auf obrigkeitlichen Befehl die Bilder aus den Kirchen geſchafft, und zuerſt die ſogenannte„alte“, dann auch die ſogenannte„neue“ Kirche dem reformirten Gottesdienſt übergeben. Die Lutheraner und Mennoniten durften gleichfalls ihren Gottesdienſt ohne Störung in der Stadt abhalten. Die Katholiken hingegen durften es nur heimlich, und ſelbſt dieſe Erlaubniß ſchien einigen unerbittlich ſtrengen Kalviniſten ſchon allzugroße Nachſicht zu ſein. Nicht ſo unblutig, wie zu Amſterdam, bemeiſterten ſich die Proteſtanten zu Haarlem drei Tage ſpäter der dortigen Kirche. Die dortige Beſatzung, welche aus Reformirten beſtand, voll⸗ 330 brachte dies Werk. Es war der Tag des Frohnleichnamsfeſtes, eines der höchſten in dem katholiſchen Kirchenjahre, eines der heiterſten und ſchönſten im katholiſchen Kultus; denn bei dieſem Feſte ſcheint auch die Natur mit den Menſchen zugleich dem An⸗ denken des Erlöſers zu huldigen, und der Frühling beut der Kirche ſeine ganze Blumenfülle, daß ſie wie ein Garten Gottes erſcheint. Die Kathedrale Haarlems prangte an dieſem Tage im reichſten Schmucke; mit duftenden Blumen waren die Al⸗ täre geſchmückt; im Schimmer der zahlloſen Kerzen ſtrahlten die koſtbaren Gefäße und Zierrathen von Gold und Silber. Die Kirche war gedrückt voll Menſchen, welche einer Meſſe bei⸗ wohnten. Eben ſpricht der Prieſter am Altare das„Ite, missa est“, da dringen plötzlich die kalviniſtiſchen Soldaten mit ge⸗ fälltem Gewehr zu den Pforten herein und brechen ſich durch die Volksmenge Bahn; ein Soldat ſtürmt mit blankem Degen bis zu dem Prieſter, der die Meſſe beendigt, und durchbohrt denſelben von hinten. Blind vor Schrecken rennen die Geiſtli⸗ chen und die Gemeine durcheinander, und mehr als Einer wird im Gewühl verwundet, während die Soldaten mit wildem Eifer den Schmuck von den Altären reißen und die Bilder zer⸗ trümmern. Erſt als die Zerſtörung ſchon vollbracht war, erſchien der Bürgermeiſter Kies in der Kirche. Den Biſchof von Haarlem nahmen die Soldaten gefangen, ließen ihn aber für ein Löſegeld wieder frei. Auch die Klöſter und Kirchen der Franziskaner und Dominikaner erbrachen und plünderten ſte. Scharf rügten die Staaten von Holland dieſen Frevel; der Prieſtermörder wurde mit dem Tode beſtraft, die Beſatzung aus Haarlem entfernt und ihr bafohlen, das geraubte Gut wiederzuerſtatten. Die Kirchen aber wurden, ungeachtet aller Gegenvorſtellungen der Katholiken, welche ſich ſowohl auf den Genugthuungsvertrag, als auch auf die Pacifikation von Gent 331 beriefen, den Reformirten eingeräumt und verblieben die⸗ ſen auch. In einem noch bei weitem höheren Grade als in den nörd⸗ lichen Provinzen äußerte ſich in den katholiſchen ſüd⸗ lichen das Verlangen der Reformirten nach Freiheit ihres Kultus, und das augenſcheinliche Mißtrauen der Staa⸗ ten gegen die Katholiken erhöhte ihren Muth. Indem ſich die Reformirten auch in mehren Städten der ſüdlichen Provinzen der Kirchen bemächtigten, verminderte ſich zuſehends die Zahl der katholiſchen Seelſorger auf eine für den feſten Be⸗ ſtand des Katholizismus ſehr bedenkliche Weiſe; wogegen der Kalvinismus immer weiter um ſich griff. Am 2. Juni 1578 trat zu Dordrecht eine Synode der reformirten Kir⸗ chen(ſowohl der holländiſchen und deutſchen als auch der walloniſchen) zuſammen, unter dem Vorſitz des Zeloten Da⸗ thenus, eines weiland Mönchs von Poperingen, der ganz Gent durch ſeine Predigten in Feuer und Flammen ſetzte. In dieſer Synode wurde unter anderm der Beſchluß gutgeheißen, daß die Refomirten ſchriftlich die freie öffentliche Uebung ihres Kultus verlangen ſollten, ohne je⸗ doch die Katholiken irgendwie beeinträchtigen zu wollen. Am 22. Juni 1578 übergaben ſie dem Erzherzog und dem Staats⸗ rath eine darauf bezügliche Bittſchrift und am 7. Juli eine zweite. Was ſollten dieſe Beiden nun beginnen? Beharrten ſie feſt auf der Pacifikation von Gent, von der die Reformirten in ihrer Bittſchrift annahmen, daß die Staaten an dieſelbe nicht fürder gebunden ſeien, weil die Spanier ſie ſchon gebrochen hätten,— ſo ſchien bei der unglaublich geſteigerten Aufregung ein Bürgerkrieg unvermeidlich zu ſein; denn der glückliche Er⸗ folg gewaltſamer Maßregeln lockte verführeriſch zur Nachahmung, und überdieß ſchienen ja die Staaten ſelbſt die Reformirten(aus übelverſtandener Vorſicht) in der letzten Zeit zu begünſtigen; ſo Manchem dieſer Konfeſſion hatten ſie Aemter und Würden ver⸗ liehen. Thaten die Staaten aber das Gegentheil, gaben ſie den Bitten der Reformirten nach, dann reizten ſie nothwendig wieder die Erbitterung der Katholiken, dann zogen ſie ſich den gerechten Vorwurf der Wortbrüchigkeit zu und hatten zu gewärtigen, daß ſich die Katholiken, beſonders in den wal⸗ loniſchen Landſchaften Artois, Hennegau u. ſ. w., welche eigentlch weiter nichts verlangten als die Erhaltung ihrer alten Provinzial⸗ und Lokal⸗Privilegien und Inſtitutionen, aus Glaubenseifer lieber mit ihren ſpaniſchen Glaubensgenoſſen ver⸗ ſöhnten, welche, gerüſtet mit Waffen und Liſt, in der Nähe ſtanden. Unter dieſen Verhätniſſen rieth Oranien, jene Bitte zu genehmigen. Es wurde demnach im Juli zu Antwerpen ein „allgemeiner Religionsfriede“ für die Niederlande vorgeſchlagen und ein Entwurf dazu in dreißig Artikeln gemacht. Der weſentliche Inhalt derſelben war in Kürze folgender:„Alle Kränkungen und Beleidigungen, welche der Konfeſſion wegen von beiden Seiten ſeit dem Abſchluß der Pacifikation von Gent vorgefallen, ſollen als nicht geſchehen zu betrachten ſein und der Vergeſſenheit überliefert werden. Beide Konfeſſionen be⸗ ſtehen fortan ebenbürtig, frei und unangefochten nebeneinander; Jeder möge Gott nach ſeiner Ue⸗ berzeugung verehren, wenigſtens ſo lang, bis ein allge⸗ meines Concilium gehalten wird und, nach Anhörung beider Partheien, etwas Anderes beſchließt. Zum feſten Schutz und Schirm ſolcher Glaubensfreiheit ſoll die öffentliche Aus⸗ übung der römiſch⸗katholiſchen Religionin Holland und Seeland wiederhergeſtellt und ohne Kränkung von 333 Seiten der Andersgläubigen erhalten werden, und zwar in der Weiſe, daß die Katholiken in dem Fall eine eigene Gemeinde bilden, wenn ſie in den Städten und größeren Dörfern mehr als hundert Familien ſtark ſind, oder wenn ſie in kleineren Ort⸗ ſchaften die Mehrzahl der Bevölkerung bilden. Daſſelbe Ver⸗ hältniß gilt für den Proteſtanten im ganzen Umfang der Niederlande. Wo jedoch entweder Katholiken oder Proteſtanten in einem beſtimmten Ort wegen zu geringer Anzahl keine beſon⸗ dere Gemeinde mit öffentlichem Kultus bilden können, ſo daß dortſelbſt nur eine Konfeſſion herrſcht, ſoll dieſer Minderzahl An⸗ dersgläubiger von der übrigen Bevölkerung der Religion halber keine Kränkung zugefügt werden, noch viel weniger aber über⸗ haupt eine Glaubensunterſuchung ſtattfinden. Zur Ausübung des Gottesdienſtes ſollen die Obrigkeiten den Gemeinden paſſende Plätze anweiſen. Jede Störung des beiderſeitigen Gottesdienſtes ſoll vermieden werden; wer die Kirche einer entgegengeſetzten Konfeſſion beſucht, ſoll ſich in die üblichen Gebräuche derſelben ſchicken. In allen Provinzen, mit Ausnahme von Holland und Seeland, ſollen die Proteſtanten an katholiſchen Feſttagen weder arbeiten, noch Handelsgeſchäfte treiben, noch die Läden offenhalten. Bei Beſetzung von Aemtern, bei Verleihung von Würden ſoll durchaus nicht auf die Konfeſſion geſehen werden; nur die Tauglichkeit begründe die Anſprüche. Endlich ſollen in jeder Stadt, neben der Obrigkeit, noch angeſehene und unbeſcholtene Männer beſtellt werden, um darauf zu achten, daß der Religions⸗ friede aufrecht erhalten werde, weßhalb ſie jede Uebertretung der darin enthaltenen Artikel unterſuchen und berichten ſollen.“ Welche Fülle von Hoffnungen für die Nation lag in dieſer Verordnung, deren ächt humaner Geiſt uns ſo warm und er⸗ quicklich wie Frühlingsodem anhaucht! Gleich einer grünen Oaſe hebt ſich dieſer Religionsfriede aus den öden Steppen, in welche 334 der Fanatismus jener Zeiten die blühenden Niederlande verwandelt hatte. Das damals lebende Geſchlecht, ſo kühn und gewaltig es oft auftritt, ſo ſehr es uns durch ſeine Großthaten und durch die ungeſchwächte Kraft von ganzer Seele zu lieben und zu haſſen imponirt,— es war doch im Allgemeinen noch nicht fähig, das hehre Evangelium der Toleranz zu faſſen. Katholiken wie Proteſtanten hatten an jenem Religionsfrieden Vieles aus⸗ zuſetzen; jede von beiden Konfeſſionen las, aufgeregt durch die furchtbaren Stürme, die ſie umtosten, darin eine Beſchränkung für ſich ſelbſt, einen Triumph der verhaßten Gegnerin. Ant⸗ werpen, die Gröninger Umlande, die Stadt Leeuwaar⸗ den nahmen den Religionsfrieden an; dagegen weigerten ſich Hennegau, Utrecht,(wo die katholiſche Geiſtlichkeit dagegen eiferte) und Geldern, welches kürzlich den Grafen Johann von Naſſau, einen ſtrengen Reformirten, zum Statthalter erbeten und erhalten hatte. Da die Kalviniſten in der letzteren Pro⸗ vinz ſahen, daß ſie durch Bitten nichts erreichten, ſo griffen ſie zur Gewalt und bemeiſterten ſich, mit Hülfe der Soldaten, der Kirchen zu Wachtendonk, Venlo u. ſ. w. Zu Antwer⸗ pen hatten es die Proteſtanten durch ernſtliches Andringen im Auguſt dahingebracht, daß ihnen einige Kirchen eingeräumt wurden, Zu Goes in Seeland erreichten die Proteſtanten im Oktober ihren Zweck durch Gewalt. Selbſt in Brüſſel durch⸗ zuckte eine bedenkliche Aufregung die Gemüther des Volkes. Dort verſuchte es Champagny, aus Beſorgniß für den ka⸗ tholiſchen Kultus, im Auguſt das holländiſche Kriegsvolk aus der Stadt zu ſchaffen, was aber Oranien zu verhindern wußte. Nun brachte es Champagny dahin, daß eine Schrift im Namen der Geiſtlichkeit, des Adels, der ſtädtiſchen Obrigkeit und des Gemeinweſens ausgefertigt ward, deren Inhalt die Bitte aus⸗ ſprach, in Brüſſel keinen proteſtantiſchen Gottesdienſt zu dulden. 335 Unter großem Zulauf des Volkes wurde dieſe Bittſchrift auf das Rathhaus gebracht; aber durch ein Mißverſtändniß glaubte das Volk, man beabſichtige dadurch in Brüſſel eine zweite Pa⸗ riſer Bluthochzeit, und rief:„Wie? ſoll auch hier der Bürger den Bürger ermorden? Nein! wir wollen uns dem fügen, was der Staatsrath und die Generalſtaaten beſchließen.“ So wurde Champagnys Plan vereitelt. Am gefährlichſten war die durch den Religionsfrieden her⸗ vorgerufene Spaltung in Flandern. In Gent traf der religiöſe Fanatismus der Reformirten mit dem politi⸗ ſchen der demokratiſchen Parthei ſo zuſammen, daß beide einander in die Hände arbeiteten, und insbeſondere war es wieder Hembyze, welcher durch den Zeloten Dathenus un⸗ terſtützt, gegen den Religionsfrieden(und gegen Oraniens Superiorität!) eiferte. Die Demagogen hatten den Plan ent⸗ worfen, Gent in eine Feſtung zu verwandeln,— ein wahrhaft chimäriſches Projekt,— und von dieſem Mittelpunkte aus ganz Flandern zu republikaniſiren; ihre eigene Sicherheit ſchien ihnen von der Ausführung dieſes Planes abzuhängen. Ein merkwür⸗ diges Treiben war die Folge davon. Man ſah Hunderte von Menſchen beſchäftigt, niederzureißen und aufzubauen; die Mauern von Kirchen und Klöſtern mußten ihre Steine dazu hergeben. Um die nöthigen Koſten zu erſchwingen, wurden nicht blos die öffentlichen Kaſſen in Anſpruch genommen, wurden nicht blos Privatperſonen(beſonders Katholiken) bedeutend beſteuert und endlich Lebensmittel und Waaren mit Auflagen belegt, ſondern auch die Kirchengüter eingezogen. So vertrieb man die Mönche aus der Abtei zu St. Peter, und die herrlichen Gebäude derſelben dienten nun zu Ställen für die Pferde der Soldaten; in den öden Zellen fanden geflüchtete Bauern eine Zufluchtsſtätte. Die achtzehn Volkstribunen erklärten, daß die neuen Bisthü⸗ 336 mer, als den alten Privilegien zuwider, aufgehört hätten und daß Gent und Flandern unter die Diöceſe Tournay gehörten; demzufolge ſollte die Jurisdiktion des Genter Bisthums auf⸗ hören und deſſen geiſtliche Güter ſollten eingezogen werden. Die Bettelmönche erhielten in ihren Klöſtern Soldaten zur Einquartierung, und dieſe wieder gemeſſenen Befehl, die Subſiſtenz⸗ mittel der Mönche aufzuzehren, damit ſich die Letzteren genöthigt ſähen, ihre Zellen zu verlaſſen. Sodann wurde allen fremden Mön⸗ chen geboten, ſich binnen drei Tagen zu entfernen; aber nicht bloß die fremden, ſondern auch die einheimiſchen Kloſtergeiſtlichen entſchloſſen ſich dazu, und ihre Klöſter wurden alſobald in Ka⸗ ſernen und Magazine verwandelt. Alle dieſe Maßregeln gegen die Geiſtlichkeit vollzog der niedrigſte Pöbel, der ſich dabei zügellos den abſcheulichſten Ausſchweifungen überließ; die Tempel wurden geplündert und geſchändet; freche Gottesläſterungen ſchollen durch die der Andacht geweihten Räume. Die Zeit der Bilderſtürmerci ſchien mit allen ihren Gräueln wiedergekehrt zu ſein; und nur dadurch unterſchied ſich der neue Bilderſturm zu Gent von jenem älteren, daß damals Alles das Werk der augenblicklichen Exaltation war, während jetzt der Pöbel in Gent maſchinenmäßig die Pläne der Demagogen vollſtreckte. Hembyze hatte die Städte in Gents Umgebung, Courtray, Hulſt, Oudenaarde und Brügge eingenommen, und kam wie im Triumphe nach Gent zurück. Der Prediger Peter Dat henus ſchürte inzwiſchen daſelbſt die Flammen des Haßes und der In⸗ toleranz in den Gemüthern des Pöbels. Wüthend eiferte er von der Kanzel herab gegen die„heilloſe“ Genter Pacifikation, er bezeichnete ſie als einen Verrath am Kalvinismus, als ein Aſyl und Bollwerk des Papismus; auch über den Prinzen von Oranien ergoß ſich ſein Geifer, ja er erklärte dieſen Mann, deſſen ſchönſte Tugend unter ſo vielen anderen die Toleranz E —— 3 war, eben wegen dieſer für einen Atheiſten. Kurz: die Anarchie herrſchte in Gent, und zwar unter der despotiſchen Obergewalt der beiden Demagogen. Die Anarchie mußte noch zunehmen, wenn dieſe aufeinander eiferſüchtig wurden, und ein ſolcher Fall konnte nicht lange ausbleiben; die Keime der Eifer⸗ ſucht waren bereits vorhanden, da Hembyze nach der Allein⸗ herrſchaft ſtrebte, Ryhove ſich der oraniſchen Faktion näherte. Schauderhaft war der Anblick des herrlichen Flanderns. Die ſtattlichſten Abteien in der ganzen Umgegend lagen verwüſtet und öde; das Volk litt, ohne ſeufzen zu dürfen, der Pöbel allein freute ſich guter Tage. Auch Ipern wurde in den Kreis des Verderbens hineingezogen; der biſchöfliche Palaſt, die Wohnungen mehrer Kanoniker wurden geplündert. Während nun die Genter die Sache ſo auf die Spitze trieben, ſchloß ſich die germaniſche Hälfte von Flan⸗ dern an ſie, und unheilbar wurde die Spaltung zwiſchen ihr und der katholiſchen walloniſchen. Ja aus dieſer Spaltung erwuchs raſch ein grimmiger Haß, erwuchs der Bürgerkrieg. Unmöglich konnten die walloniſchen Land⸗ ſchaften Artois, Hennegau, Lille, Douay, Orchies, Tournay, u. ſ. w. länger müßig zuſehen. Sie hatten durch die Genter Pa⸗ cifikation ſieben Stimmen bei der Verſammlung der General⸗ ſtaaten erhalten; ſollten ſie die Vernichtung dieſer Pacifikation durch die Genter und deren Freunde erwarten? Sie waren katholiſch; konnten ſie die freche Verhöhnung ihres Glaubens länger dulden? Auch bei ihnen drohte dem Katholizismus durch den Fanatismus der Gegner die äußerſte Gefahr; es wäre Feigheit geweſen, das Höchſte und Heiligſte ohne Gegenwehr aufzuopfern. Sie thaten den erſten Schritt dagegen, indem ſie mit der Entrichtung ihrer Steuern einhielten. Der nächſte Schritt der Wallonen eröffnete den Bürgerkrieg. Die walloniſchen I. 22 338 Regimenter im Dienſte der Staaten, Egmont, Capres, Bours, Heze und Montigny, ergriffen die Waffen, fielen in das platte Land von Gent ein und plünderten es, zur Wiedervergeltung der Kirchenräubereien von Seiten der Genter. Mit Macht nahmen ſie ſich der geflüchteten Geiſtlichen an, welche ihren Haß gegen die Genter noch ſchärfer anreizten, und lieferten dieſen mehre Treffen, in denen ſie größtentheils den Sieg davon trugen. Man nannte die Edlen, welche für den Katholizismus ritterlich zu fechten be⸗ gannen,(Emmanuel von Lalaing, Herr von Montigny ſtand an deren Spitze) in Gent ſpottweiſe bloß„Paternoſterknechte,“ ins⸗ gemein aber die„Mißvergnügten“ oder„Malkonten⸗ ten.“ Vergeblich ſuchten die Generalſtaaten und der Erzherzog Matthias den Bürgerkrieg zu erſticken; keine Parthei wollte von ihren Forderungen auch nur das Geringſte nachgeben. Die Wallonen verlangten nämlich unbedingte Herſtellung des katholiſchen Kultus, Wiedererbauung der zerſtörten Kirchen und Klöſter, und Freilaſſung der Edlen, die— mit Ausnahme Aerſchots— noch immer in den Gefängniſſen Gents ſchmachteten. Die Genter dagegen beſtanden trotzig darauf, Emmanuel von Lalaing, Herr von Montigny, den ſie als das vornehmſte Haupt der„Malkontenten“ beſonders haßten, müßte ihnen ausgeliefert werden, und ferner: der reformirte Kultus müſſe im ganzen Umfang der Niederlande frei und öffentlich gehalten werden dürfen; dann wollten ſie auch gleiche Begünſtigung dem katholiſchen Gottes⸗ dienſt zukommen laſſen; die Gefangenen hingegen wollten ſie um keinen Preis frei geben; dieſe ſollten ihnen für jeden Fall haften. Dieſe Bedingungen konnte man bis auf die erſte, nicht anders als billig und klug nennen; aber furchtbar bekundete Ryhove den Uebermuth der Gewalt durch die ungeſetzliche Hinrichtung des Rathes Heſſels, eines von den Genter Gefangenen. Das frühere Leben dieſes Heſſels rechtfertigte Ryhoves Gewaltthätig⸗ 14 339 keit und Grauſamkeit keinesweges. Jakob Heſſels, in der letzten Zeit ſeines Lebens Rath von Flandern, war einſt Mitglied des berüchtigten„Blutrathes“ unter Alba geweſen und die öffentliche Meinung ſchrieb ihm damals einen beſonderen Antheil bei der Verdammung der edelſten Männer der Nation, Egmont und Hoorn zu,— Grund genug, daß der allgemeine Haß gegen ihn aufs Aeußerſte ſtieg. Heſſels war's, von dem man ſich zu erzählen pflegte, er ſei des Verdammens ſo gewohnt geweſen, daß er, wenn er während der Sitzungen des Blutrathes einſchlief, im Schlafe:„an den Galgen!“ rief. Nach der Auflöſung des Blutrathes war Heſſels nach Gent zurückgekehrt(er war dort früher Advokat und Mitglied des Rathes von Flandern geweſen) und hatte daſelbſt ſeines Dienſtalters wegen die Stelle eines Vi⸗ cepräſidenten im Rath von Flandern erhalten. Beim Ausbruch der Revolution gefangen genommen, hatte er jetzt faſt ein Jahr lang im Kerker gelegen, deſſen Mauern die Verwünſchungen des Volkes umtobten. Er war ein Greis von 72 Jahren, aber das Silberhaar, das ſonſt auch dem roheſten Menſchen Ehrfurcht einflößt, erinnerte nur an ſo viele Juſtizmorde, deren Mitſchul⸗ diger er geweſen war;— wunderbar iſt das Gewebe der Ver⸗ geltung; er ſelbſt ſollte jetzt durch einen Juſtizmord fallen. Hembyze und Ryhove hatten ſeinen Untergang beſchloſſen und der Letztere übernahm die Vollziehung; er konnte es nicht vergeſſen, daß Heſſels bei ſeinem grauen Barte geſchworen, ihn und Hembyze än den Galgen zu bringen. Es war am 4. Oktober 1578 als Ryhove vor dem Gefängniß, in welchem ſich Heſſels und Jan Viſcher, Baljuw von Ingelmünſter, der ſtets ein Eiferer gegen die Reformirten geweſen, befanden, einen Wagen vorüberfahren ſah, der mehre Perſonen nach Courtray bringen ſollte. Ryhove läßt denſelben halten, öffnet das Gefängniß und heißt Heſſels und Viſcher den Wagen 340 beſteigen. Der Kriegsrath, für beide Gefangene ein unzuſtändiges Gericht, hatte ſie kurzab zum Tode durch den Strang verur⸗ theilt. Sie werden unter Bedeckung nicht ſehr weit vor die Stadt hinausgeführt, wo bereits Ryhoves Genoſſen ihrer harren. Man heißt beide abſteigen und der Wagen fährt weiter nach Courtray. Ein Befehl Ryhove's; man ergreift ſie und legt Jedem den Strick um den Hals. Da ſpricht Heſſels ſtolz zu Ryhove:„Solches graues Haar wirſt Du nie tragen!“— „Das lügſt Du, Schelm!“ erwiedert Ryhove wild, ſchneidet ihm eine Locke vom Bart und ſteckt ſie ſich an den Hut; Ryhoves Begleiter thun deßgleichen. Hierauf werden Heſſels und Viſcher an Bäume gehenkt; Ryhove aber eilt mit ſeinen Soldaten gen Courtray.— Wir haben über der Schilderung der inneren Zuſtände der Niederlande der ſtrengen Zeitfolge etwas vorgegriffen und len⸗ ken nun wieder in den Gang der Kriegsereigniſſe ein. Nach allen unnützen Vermittlungen und Verhandlungen um den Frie⸗ den, war man nänlich endlich doch darauf zurückgekommen, daß die Waffen entſcheiden ſollten. Don Juan dürſtete darnach; ſeine bisherige Stellung war ihm unerträglich geworden, die Niederlande ſelbſt wurden ihm dadurch verhaßt; der verzehrende Drang nach Thaten wühlte in ſeinem Herzen; der Gedanke: „ein Kaiſerſohn zu ſein ohne Reich“ zerſplitterte ſeine Kraft; er fühlte ſich in unſeligen Verhältniſſen, wie in einem Netze ver⸗ fangen, tobte, dies Netz zu zerreißen, und das Gefühl der Ohn⸗ macht drohte ihn aufzureiben. An der Spitze des Heeres der Staaten ſtand als Feldmar⸗ ſchall ein hugenottiſcher Edelmann aus Frankreich, Franz de la Noue, genannt:„Eiſenarm,“ und unter ihm der Graf Boſſü, jetzt eben ſo eifrig für ihren Dienſt bemüht, wie frü⸗ her für den ihres Feindes Philipp II.— Das Heer der Staa⸗ — 341 ten zählte kaum achttauſend Mann zu Fuß und zweitauſend zu Roß und hielt ſich zwiſchen Rimenant und der Demer in der Gegend von Mecheln auf; es erwartete deutſche Hülfs⸗ truppen, welche der Pfalzgraf Johann Kaſimir herbeiführen ſollte. Don Juan wußte dieß und beſchloß das Heer der Staaten anzugreifen, bevor es ſich mit den Deutſchen vereinigen könne. Sein Herz brannte nach Kampf und vergeblich rieth ihm der beſonnenere Alexander Farneſe davon ab. Sah doch Don Juan das Zeichen des Kreuzes auf ſeinem wallenden Banner, las er doch darauf die Schrift:„Durch dies Zeichen überwand ich die Osmanen und werd' ich die Ketzer überwin⸗ den!“ Hatte er doch auch die Uebermacht,— zwölftauſend Mann zu Fuß und viertauſend zu Roß. Heftig waren Angriff und Widerſtand an jenem Tage(dem 1. Auguſt); doch keiner von beiden Gegnern konnte ſich des Sieges rühmen. Dies war für Don Juan in ſeiner aufgeregten Stimmung ſo viel wie ein Verluſt, und auch das Heer der Staaten betrachtete es als einen ſolchen, da ſich Don Juan gegen Namur zurückzog. Wir müſſen jetzt unſre Aufmerkſamkeit auf jene zwei Präten⸗ denten wenden, deren wir bereits öfter erwähnten. Es ſind Franz von Valois, Herzog von Alengon und Anjou, auf der einen Seite, und der Pfalzgraf Johann Kaſimir auf der anderen; ſie vertreten das katholiſche und das proteſtan⸗ tiſche Intereſſe; jeder findet im Sturme religiöſer Zwietracht Sympathieen für ſich, aber keiner von beiden ſcheint uneigennützig genug, um blos den Bedrängten helfen zu wollen; jeder ſcheint vielmehr an eine Herrſchaft zu denken, die er ſich erſt erobern ſoll. Angeblich für einen und denſelben Zweck, für die Rettung der Niederlande, betreten beide den niederländiſchen Boden, und ſtehen ſich einander dennoch als Feinde gegenüber. Oraniens klarer und wachſamer Charakter verliert ſich bei dieſen Wirren 342 unbemerkbar im Hintergrunde; dennoch läßt ſich— unter allen Stürmen der Partheileidenſchaften— der Odem ſeines Geiſtes fühlen. Anjou hatte, nach den vorhergepflogenen Verhandlungen dreitauſend Soldaten an die Grenzen von Hennegau ge⸗ ſandt, welche durch die Spanier unter Ottavio Gonzaga zerſprengt wurden. Bald darauf, nämlich ſchon im Juni 1578, war er ſelbſt nach Mons gekommen und hatte Bevollmächtigte nach Antwerpen geſchickt, um die Bedingungen ins Reine zu bringen, unter welchen er als Beſchützer der Niederlande auftreten könne. Die Königin von Eng land war darüber auf's Neue in hohem Grade mißvergnügt und verhehlte ihre Geſinnungen weder Anjous Bruder, dem König von Frankreich, noch den Niederlanden. Trotz aller Gegenintriguen gelang es jedoch dem Herzog von Anjou,— vornämlich durch die thä⸗ tige Theilnahme der Wallonen, welche in ihm ein Gegenge⸗ wicht wider den proteſtantiſchen Pfalzgrafen erhalten wollten,— am 13. Auguſt einen Vertrag abzuſchließen, welchen er am 20. zu Mons unterzeichnete. Er wurde darin als„Be⸗ ſchützer der niederländiſchen Freiheit“ anerkannt;— ein ſtolzer Titel für dieſen Prinzen, welcher weniger Stolz als Eitelkeit und, gelind geſprochen, jedenfalls zu wenig Charakter beſaß, um einen ſolchen Titel zu verdienen. Er verpflichtete ſich, den Staaten auf ſeine Koſten mit 10,000 Mann zu Fuß und 2000 zu Roß, drei Monate lang zu dienen, und ſpäterhin, für die ganze Dauer des Krieges, mit 3000 Mann zu Fuß und 500 zu Roß. Er mußte ſich dabei gefallen laſſen, daß man ſich auch mit dem König Heinrich von Navarra, der Königin Eli⸗ ſabeth und dem Pfalzgrafen Johann Kaſimir in Verbindung zu ſetzen trachten würde. Zu ſeiner Verſicherung ſollten ihm Ques⸗ noi, Landrecis und Bapaume eingeräumt werden, die er jedoch —— — — — — —+ — —— — 343 zu beſtimmter Zeit zurück geben ſolle, und, falls er Philippeville, Binch oder Marienburg in ſeine Gewalt brächte, einer von die⸗ ſen drei Punkten ſtatt Bapaumes; alle Eroberungen, welche er dieſſeits der Maas auf der flandriſchen Seite machen würde, ſollten den Staaten zufallen, alle jenſeits der Maas eine be⸗ ſondre Herrſchaft bilden, mit Ausnahme ſolcher Ortſchaften, die ſeit der Genter Pacifikation mit den Staaten vereinigt wa⸗ ren. Plätze, die freiwillig an ihn übergingen, ſollten zwiſchen ihm und den Staaten gleich getheilt werden. Anjou erhielt während des Feldzuges den Oberbefehl in Genjeinſchaft mit dem Feldherrn der Staaten, welcher denſelben in Anjous Ab⸗ weſenheit allein führen ſollte. Die Verwaltung der Landes⸗ angelegenheiten blieb ausſchließlich den Staaten, dem Erz⸗ berzog und dem Staatsrath. Ohne Wiſſen und Bewilli⸗ gung der Staaten durfte Anjou keine Bündniſſe abſchließen; jene ſollten ſich dagegen eben ſo wenig in Bündniſſe, welche Anjou benachtheiligen könnten, einlaſſen und keinen Vergleich mit Don Juan eingehen. Ferner durfte Anjou keinen Krieg wegen Glaubensſachen, noch gegen England beginnen. Die Staaten ſollten ihm dafür gegen ſeine Feinde, wenn ihn nämlich dieſe angriffen, beiſtehen, wobei jedoch das deutſche Reich, Eng⸗ land und ſonſtige Freunde der Staaten ausgenommen waren. Endlich mußte Anjou erklären, daß er Don Juan und deſſen Parthei als Feinde betrachte, und ſich verpflichten, als Truppen bloß geborene Franzoſen und— mit Ausnahme ſeiner aus Schwei⸗ zern beſtehenden Leibwache— von keiner anderen Nation ins Land zu bringen, dafür zu ſorgen, daß die franzöſiſchen Truppen den Feinden der Niederlande nicht beiſtünden, und daß ſtrenge Manns⸗ zucht gehalten werde. Man ſieht: die Staaten hatten ſich durch dieſe Bedingungen ihrem neuen Bundesgenoſſen gegenüber ſo ſicher als möglich zu ſtellen geſucht. 344 Faſt zur ſelben Zeit, als dieſe Uebereinkunft mit Anjon abgeſchloſſen wurde, betrat der zweite Bundesgenoſſe, der Pfalzgraf Johann Kaſimir den niederländiſchen Boden. Er war mit ſeinen Truppen über Köln und Meurs in die Graf⸗ ſchaft Zütphen gekommen und harrte dort, bis ihm die Staa⸗ ten für jenes Kriegsvolk, das er, noch über ſeine Beſtallung, für ſie angeworben hatte, den Sold ſchicken würden. Dieſe For⸗ derung verſetzte die Staaten in die größte Verlegenheit, da ihre Finanzen erſchöpft waren; ein ſchlimmes Omen! Dringend ba⸗ ten ſie ihn denn um Aufſchub der Zahlung und um Beſchleu⸗ nigung ſeines Weiterzuges. Johann Kaſimir gab nach und vereinigte ſich am 26. Auguſt mit dem Heere Boſſüs, welches noch in der Umgegend von Mecheln lag. Die Heeresmacht der Staaten belief ſich nun auf 35,000 Mann zu Fuß und 14,000 zu Roß; weit geringer war die Don Juans. Gleichwohl brachte den Staaten ihre Uebermacht an Truppen nicht bloß keinen Vortheil, ſondern ſie vergrößerte ſo⸗ gar ihre Verlegenheit. Bloß das Heer im offenen Felde,— alſo die Beſatzungen der Feſtungen nicht gerechnet,— erforderte monatlich neun Tonnen Goldes zur Erhaltung und die Einnah⸗ men der Staaten erreichten mit genauer Noth etwas über vier Tonnen. Brabant war bereits ausgeſogen; Flandern und die walloniſchen Landſchaften, welche fortwährend in gegenſei⸗ tiger Erbitterung lagen und einander ruinirten, bezahlten keine Steuern; Holland und Seeland fingen kaum an, ſich von ihren ſchweren Wunden etwas zu erholen; Geldern, Fries⸗ land und Overyſſel hatten für ſich ſelbſt ſchon genug zu ſorgen; die übrigen Len,n. Ken dannten theils nur wenig Geld⸗ mittel aufbringen, theils befanden ſie ſich in Feindeshand. Die unbezahlten Truppen ſingen an zu murren und nur mit Mühe brachte Boſſü ſie dahin, daß ſie ſich einſtweilen mit dem Em⸗ * pfang des rückſtändigen Soldes für einen Monat begnügten. Hierauf führte er ſie vor Löwen. Doch die Beſatzung dieſer Stadt that einen Ausfall und bald überzeugte ſich Boſſü, daß eine Belagerung derſelben unmöglich ſei, weil in der ganzen Umgegend keine Lebensmittel aufzutreiben waren. Deßhalb wandte ſich Boſſü mit ſeinem Heere nach dem walloniſchen Theile Brabants, um ſich dort mit Anjou zu vereinigen. Die⸗ ſer hatte am 9. September den Spaniern unter Don Juan den Krieg erklärt und belagerte Binch; doch erſt am 7. Oktober ging dieſe Stadt an ihn über. Maubeuge ergab ſich ihm durch Vergleich. Landrecis und Quesnoy weigerten ſich dagegen, franzöſiſche Beſatzung einzunehmen. Boſſü hatte ſich Nivelles, und einiger kleiner Schlöſſer bemächtigt und ſich dann gegen Gemblours gewandt, um Don Juan zu einer Feldſchlacht zu verlocken. Doch dies gelang ihm nicht. Don Juans Unternehmungen wurden durch dieſelbe Urſache gelähmt, wie jene der Staaten, nämlich durch Geldmangel. Faſt in jedem Briefe nach Spanien ſchrieb er ungeduldig: „Geld und Escovedo und mehr Geld!“ Mit Ungeſtüm betrieb Escovedo perſönlich am ſpaniſchen Hofe dieſe Forderung ſeines Gebieters. Aber je eifriger er drängte, gerade um ſo größer wurde Philipps Mißtrauen gegen Don Juan. Wozu dieſe athemloſe Haſt, dieſe Ungeduld im Geldfordern, wozu anders,(dachte der König), als weil Don Juan ſeine geheimen gefährlichen Pläne auszuführen glüht? Grund genug für Phi⸗ lipp, um ſeinen Bruder durch Nichtunterſtützung hinzuhalten; Grund genug, um deſſen Vertrauten, den er für den Anſtifter und Beförderer jener gefährlichen. vielt, unſchädlich zu machen! Die Antwort Philipps auf jenes„Geld und Escovedo und mehr Geld!“ war— Escovedos Tod. Es bedurfte nur einer leiſen Andeutung deſſen, was in der Seele des Königs 346 vorging, und ſein fein auffaſſender Staatsſekretär Antonio Perez wußte hinlänglich, was er, ohne ausdrücklichen Befehl, zu thun hatte. Escovedo fiel, durch gedungene Mörder, in Spanien.*) Die Nachricht von der Ermordung dieſes Vertrau⸗ ten brach den letzten morſchen Reſt von Don Juans Kraſt. Eben ſo klar, wie er jetzt den unverſöhnlichen Haß ſeines könig⸗ lichen Bruders durchſchaute, lag plötzlich ſein ganzes Leben als ein— verlornes vor ſeinen troſtloſen Blicken. Die Blüthe ſeines herrlichen Geiſtes war zerſtört; jene brütende Schwer⸗ muth, die, wie ein Erbtheil ſeiner unglücklichen Großmutter Jo⸗ hanna, ſeines Vaters Karls V. letzte Lebenszeit umnachtet hatte, ſchlug die ſchwarzen Fittiche auch um Don Juans Seele. Seine Gedanken flohen die Welt, deren reichſte Hoffnungen für ihn zerknickt waren, deren Freuden ihn anekelten; er ſehnte ſich nach der Einſamkeit einer Kloſterzelle, wo er Frieden zu finden hoffte. Eine Einſiedelei in den öden Felſenklüften des Montſerrate ſchien ihm groß genug, um ſich ganz dem Dienſte Gottes hin⸗ gegeben zu können, und ſein letzter Wunſch, ſeine einzige Bitte an Philipp beſtand darin— daß ſeine Leiche neben der ſeines Vaters Karls V. beſtattet würde; er forderte dies von ſeinem Bruder gleichſam als Lohn für alle Dienſte, die er ihm geleiſtet. Deutlich verriethen zwei von den Niederländern aufgefangene Briefe aus ſeiner letzten Lebenszeit, an Johann Andreas Doria und Pedro de Mendoza, ſpaniſchen Statthalter zu Genua, ge⸗ richtet, Juans Ueberzeugung von den Geſinnungen ſeines Bru⸗ *) Vergl. das Memorial de Antonio Perez in deſſen Relacio- nes(Paris 1598). Ueber die innerſten Verhältniſſe ſind„las obras y relaciones de Ant. Perez“(die mir bekannte vollſtändigſte Ausgabe „ Ginevra 1654°%) höchſt wichtig, über welche Gundlin g das Urtheil ſällte:„Ich habe mein Lebtage von politiſchen Dingen und nachdenklichen Experimentis nichts geleſen, das dieſen Relationibus gleich käme.“ —. — —— —] 347 ders gegen ihn, ſeine ſchlimme Lage durch die Geldverlegenheit („kaum drei Monate könne er ſich in den Niederlanden halten“) und ſeine Stimmung, die faſt an Verzweiflung gränzte. Dazu kam noch ein Siechthum, welches ſeine körperlichen Kräfte verzehrte. Eine Epidemie, welche im ſpaniſchen Heere wüthete, ergriff auch ihn und raffte ihn im 33ſten Jahre ſeines Alters am 1. Oktober 1578 in einer Hütte des Dorfes Bouges da⸗ hin. Allgemein glaubte man, ſowohl auf ſpaniſcher, als auf niederländiſcher Seite,— er ſei vergiftet worden;*) die Spanier wälzten den Verdacht eines ſolchen Verbrechens auf die Niederländer, dieſe ihn umgekehrt auf die Spanier; Viele hielten es für wahrſcheinlich, daß ſich ſein Bruder Philipp von dem gefährlichen Nebenbuhler durch ein ſo ruchloſes Mittel be⸗ freit habe. Juans Leiche wurde von den Truppen nach Namur gebracht und dort, angethan mit einer reichen Rüſtung, pracht⸗ voll aufbewahrt. Philipp erfüllte den letzten Wunſch des Ver⸗ ſtorbenen, deſſen ſtolzere und kühnere unerfüllt geblieben waren, und ließ Juans Leiche neben der ſeines Vaters Karls V. im Eskurial beſtatten. *)„In defuncti corpore extitisse non obseura veneni vestigia, affirmant, qui viderunt“, ſagt Strada(Dec, I. L. 10.) Erſtes Buch(1567— 1573). Erſtes Kapitel(1567— 1569). Zweites Kapitel(1569— 1572) Drittes Kapitel(1572— 1573). Zweites Buch(1573— 1576). Erſtes Kapitel(1573— 1574). Zweites Kapitel(1574— 1576) Drittes Kapitel(1576). Drittes Buch(1576— 1579). Erſtes Kapitel(1576— 1578). Zweites Kapitel(1578). Inhalt des erſten Bandes. . A— *„ . 1 4 * 3 ———— 1 ſninenmfffffffſſſiffffffffſfdif 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18