deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme — „ 4 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 4 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ke wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſe eträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. ¹ u¹. 1 1— 1 1—„ 1—„ 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 1 6. Sochadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ll Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jurn Erſatz des Ganzen verpflichtet. „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſte eſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Wecterdenlekhird der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4. Die alten Bekannten, von Guſtav Schilling. Dresden und Leipzig, in der Arnoldiſchen Buchhandlung, . 1827. — „* Guſtav Schilling. Zweite Sammlung. Vier und vierzigſter Band. Inhaltt: Die alten Bekannten. n — 7 Eymbeln und Geigen, die alle, wie Gott Vater am ſiebenten Tage die Schoͤpfung plaiſirlich und regelrecht, nur den leidlichen Zins unerhoͤrt, die billigen Bedingungen unertraͤglich fanden und die ich ſaͤmmtlich zum Teufel gehn hieß. Der Fremde wendete ſich jetzt, derſel⸗ ben Weiſung gewaͤrtig, nach der Thuͤr, Rath Grauer faßte ihn jedoch am Rock⸗ ſchooße und ſprach: Miethleute, mein Herr! Sie werden das zugeben, ſind immerdar mehr oder minder zerſtoͤrende Holzwuͤrmer, Todten⸗ uhren, Steinbohrer und Ameiſen, deren Stachel und Freßzangen allgemach den ge⸗ diegenſten Bau wackelig machen und die im Wirthe gewoͤhnlich einen kargen, widerhaa⸗ rigen Hausvogt erblicken. Vor allem alſo frage ich: haben Sie Kinder? Kleine, die in Flegelſchuͤhchen, große, die in Holz⸗ 8 ſchuhen des Zeitgeiſtes auftreten? Hegen Sie Katzen, Hunde, Seidenhaſen und auf⸗ geblaſene Dienerſchaft?— Frauen und Maͤgde, Wachteln und Roſſignole, die am Tage und des Nachts ſchlagen? Sind Sie vielleicht ſelbſt muſikaliſch? Ein eifriger Mundpfeifer, Saͤnger, Horn⸗ oder Floͤten⸗ blaͤſer? Gaſtfrei, beruͤhmt, von Einfluß und alſo fortwaͤhrend heimgeſucht? Ein gluͤcklicher Arzt, der Nacht fuͤr Nacht her⸗ aus getrommelt wird? Ein Advokat und Gerichthalter, von muͤffigen Bauern und kraͤhenden Streithaͤhnen uͤberlaufen et cae- tera, ſo rufe ich, vale, Theuerſter! und frage außerdem— wen habe ich vor mir? Ich heiße Weislich, erwiederte der laͤ⸗ chelnde Zuhoͤrer und war ein Landwirth, der nach zwanzigjaͤhriger Entfernung ſo eben in ſeine Vaterſtadt heimkehrte, um endlich hier die Frucht der Muͤhe ſtill wie — 1. Der Hauspatron. Der Rath, Herr Marcus Grauer haſchte Fliegen, welche vom Garten aus zuſpra⸗ chen und die neuen Tapeten beſchmitzt ha⸗ ben wuͤrden; er druͤckte jeder ertappten ge⸗ maͤchlich den Kopf ein und warf, ein Freund der Ordnung, die Todten in ein Glas, um ſelbige nach der Jagd in Summa zu beſeitigen. Da trat ein Mann von ſeinem Alter, ſchlicht doch ſauber gekleidet, in die offene Thuͤr und ſprach: Sie ſind unſtreitig der Beſitzer dieſes neuen anziehenden Hauſes? gedenken hof⸗ fentlich, Quartiere zu vermiethen und ich wuͤrde hier, dem Anſcheine nach, ſo recht nach meinem Sinne wohnen. Wohl Jedem, der ein ſolches Werk vollfuͤhren und ſein nennen kann! Der Herr ſieht allerdings den Erbauer und Beſitzer in mir, entgegnete jener: nicht aber den Blocksberg von Widerwaͤr⸗ tigkeit, welchen der leidige Bau dieſes Scheingutes uͤber mein⸗Haupt bracht— die Sorge und den Aerger nicht, die mich vom Grundſteine aus bis zu dem Tage, wo es gehoben ward und ich die Heber unter jenen hinab wuͤnſchte, faſt aus der Haut trieben. Endlich ſtand das Werk taliter qualiter da, ein Denkmal meiner Gallen⸗Uebel; die Meiſter und Geſelleyt zogen ab und neue Plagegeiſter kamen und 4 wollten einziehn. Wuͤthende Heere mit Roſſen und Wagen, ſolide Familien mit 84 „ 11 Ddie fuͤhre ich ebenfalls! bemerkte Weislich. S. In der Halbſchied des zweiten Geſchoſſes wohnt ein truͤbſinniges Muͤhm⸗ chen, das nur die Fruͤhpredigt und des Abends den Garten beſucht und deren Nachbar Sie werden wuͤrden. Den drit⸗ ten Stock erfuͤllen Frau Ziegel, unſere Haushaͤlterin, ein alter, faſt unſichtbarer Schriftſteller und des ſeligen Großvaters Erfindungen; ſein großes, koſtbares Per- petuum mobile, das aber nicht vom Flecke geht, eine tragbare Windmuͤhle, Spritzen⸗Modelle und anderes Gerille. E. Iſt jene Truͤbſinnige Frau oder Witwe? S. Noch Naͤdchen und etwa um ein's ſo alt als ich; ſie ſteht im drei und dreißigſten Jahre. E. In dieſer Verſtimmung kann ihr 19 ein aͤhnlicher Nachbar wohl nicht zum Aergerniſſe gereichen? O, doch vielleicht! entgegnete Renate, oͤffnete jetzt die belobte Wohnung und hieß ihn eintreten. Sie werden als ein einzel⸗ ner Herr das Quartier viel zu weitſchich⸗ tig, den Zins viel zu hoch— es uͤberdieß im Sommer zu ſonnig, im Winter faſt unheizbar finden und der gute Vater hat, unter uns geſtanden, gewiſſe Eigenheiten, die den Wenigſten zuſagen. Ich bin Ihnen fatal, entgegnete Weis⸗ lich: Sie wollen mich abſchrecken und das ſchmerzt, denn die holden Toͤchter meiner fruͤheren Hauswirthe waren viel guͤtiger; auch haͤlt noch jede— wie ich glauben darf— die kleinen Andenken meiner Dank⸗ barkeit werth. Renate horchte auf, ſie faßte ſeinen blinkenden Fingerring in's Auge und ſagte: 8 d —— — 1 ein Heimchen zu genießen. Kinder hatte ich— Friede ſei mit ihnen! ſie ſchlafen weit von hier unter dem Mooſe, ihre Mut⸗ ter ſchlaͤft zwiſchen dem Paͤrchen— ich ſtehe nun allein und als ein Mann fuͤr dieſe Nuheſtaͤtte hier. Der Nath nickte beifaͤllig und jener neigte ſich vor der bluͤhenden Jungfrau, welche eben kaum hoͤrbar herein ſchlich. Auch ein neues, leibliches Grundſtuͤck, ver⸗ ſetzte Grauer, auf ſie hindeutend: ein Luſt⸗ haͤuschen, sans comparaison, das mir vor ſiebzehn Jahren zufiel und gleich dem Hauptgebaͤude mehr Sorge und Koſten als Vergnuͤgen macht. Renate, zeige dem Herrn die Quartiere! Sie griff zu den Schluͤſſeln, er bot ihr den Arm. 10 2. Sie weiß es nicht. Sind denn noch alle unbeſetzt? frag⸗ te Weislich unter Weges die Demoiſelle Grauer, welche des Papa's herbe Bemerk⸗ ung ſichtlich verletzt hatte. Ein einziges iſt noch zu haben, erwie⸗ derte ſie: das ich wegen ſeiner beſondern Lieblichkeit und Ausſicht, jungen, ſchoͤnſin⸗ nigen Eheleuten oder Dichtern und Poetin⸗ nen goͤnnen wollte, die aber ſind dem Va⸗ ter zu hitzig. Er uͤberließ als Freund des Stilllebens, den erſten Stock unſerem Vet⸗ ter, einem Taubſtummen⸗Lehrer, der mit ſeinen Zoͤglingen naͤchſtens eintrifft, ver⸗ rechnete ſich jedoch, wie ich fürchte, ob jene gleich, der Uebereinkunft zu Folge, da⸗ heim nur in Filzſchuhen einher gehen duͤrfen. 15 jede harte Bedingung durch die Muſik ih⸗ rer Stimme und durch verſtohlene Blicke, die dem andaͤchtigen Zuhoͤrer verſicherten, es ſey auch dieß Geſetzbuch nur eine wäͤch⸗ ferne, in praxi ſpielend zu verdrehende Naſe. 3. Der Großhändler, Nun ſind die Kaͤmmerchen vermiethet! ſagte der Rath zu Bartholomaͤo, ſeinem ſteinalten Hausmanne: Dieſer Weislich er⸗ ſcheint mir als ein Miethmann, wie ſie insgeſammt ſeyn ſollten; doch will ich ihn kurz halten. Gott's Sonnabend! fiel Barthel ein: wie doch die Zeit verlaͤuft! ich kenne den lieben, kreuzbraven Herrn von eheher. r 16 Sein Vater ſeliger, ein tuͤchtiger Landwirth, hatte zwei Soͤhne und das gruͤne Vorwerk draußen am Fuͤrſtenteiche. Der unſere ging ihm zur Hand, Jacob, der juͤngere, ar⸗ beitete bei Boſton und Compagnie, wo ich Markthelfer war, auf der Schreibſtube. Ploͤtzlich verliebt ſich die einzige Tochter des Prinzipal's in den bildſchoͤnen Jungen, und er ſich vermuthlich auch in ſie, oder in's Erbtheil, oder in Beide, aber Herr Boſton kamen dahinter und wollten das ein⸗ zige Kind mauſetodt ſchlagen. Wohlgethan! unterbrach ihn der Rath, zu Renaten hin ſehend, die eben den Miethcontract auf's Reine ſchreiben mußte. Der Herr Prinzipal ſagten nur ſo! fuhr jener fort: und die Mamſell ward un ganz meißeldraͤhtig und miſerabel. War kerngeſund! rief Grauer wieder⸗ um: man kennt die Schlangen! Auch ſolcher Argwohn ſchmerzt, denn ich bin hoffentlich um nichts liebloſer als jene, nur vielleicht treuherziger. O, ziehn Sie ein, mein Herr! ich bitte darum! ich wuͤnſche es, um dieſen kraͤnkenden Vor⸗ begriff zu berichtigen. Iſt auch das neue Haus ſchoͤn und bequem, ſo fehlt uns doch der Hausfreund, die beßte Zierde. Sie machen dann als ſolcher dem Vater be⸗ greiflich, wie noͤthig und ſchicklich es ſey, mich vor der Welt ſehen und mit der Welt leben zu laſſen und in die naͤchſte, beßte Erziehung⸗Anſtalt zu verſetzen. Die jungen Maͤnner verlangen ja bekanntlich von uns um ein's ſo viel, als wir von ih⸗ nen, und namentlich faſt alles was mir noch mangelt. Noch hatte ihn keine der geruͤhmten, holden Wirthstoͤchter, am wenigſten bei der erſten Begegnung, eines ſo unumwundenen 4 14 „Vertrauens gewuͤrdigt, auch fuͤhlte er ſich vom Lachreize angefochten, dankte, ver⸗ ſprach als ein eifriger Mittler ſich bewaͤh⸗ ren zu wollen und Natchen ſagte ferner⸗ weit: Wiſſen Sie, mein Herr! wie es auf Baͤllen, in Kraͤnzchen, im Theater und irgend wo hergeht? Ich weiß es nicht! ich lache und weine vor Verdruß, wenn Frau Ziegel, die bleierne Bachſtelze, zur Schadloshaltung mit mir laͤndert, oder wir hinter dem Opernhauſe weg, an allen oͤf⸗ fentlichen Orten voruͤber, zu unſerer But⸗ terfrau in die Milch gehen und doch kann mich Papa ein Luſthaͤuschen nennen! Ploͤtzlich erſchien dieſer zwiſchen ihnen und brachte ein anſehnliches, die Beding⸗ ungen enthaltendes Actenſtuͤck mit; Renate unterzog ſich, da es an der nothwendigen Brille fehlte, dem Vortrage; ſie milderte — . 1 3 17 B. War guter Hoffnung, Gott's Sonnabend! und nun bekam ſie den Herz⸗ liebſten. Renate ſah abwaͤrts in den Spiegel, um unbemerkt den Papa zu beobachten, welcher eben mit funkelnden Aden die Fauſt ballte. Bald darauf verſtarben Herr Boſton und in derſelben Woche trugen ſie auch den alten Weislich zu Grabe. Der war durch mancherlei Mißfaͤlle um das Vor⸗ werk gekommen und zum armen Manne ge⸗ worden, jener hinterließ dagegen dem gluͤck⸗ lichen Schwiegerſohne das ganze, ſchmaͤh⸗ liche Vermoͤgen und nun ging's hoch her. Der junge Herr liebte die junge Frau wie ſich ſelbſt, doch Pferde und Mamſellen uͤber alles. Wenn ſie nicht fuhren, ſo ritt oder reiſ'te er mit guten Tiſchfreunden nach allen Winden hin; daheim aber ward des 2 18 Abends ein Spielchen gemacht— um's Leben gleichſam, denn Gold iſt doch die eigentliche Aquavit und wir Uebrige in der Geſinde⸗Stube litten auch keine Noth. Ich wollte Ihnen den Kaviar goͤnnen, den ich und der dicke Chriſtoph und ſeine Fieke damaliger Zeit zu der Mundſemmel aßen, der Auſtern und der Weinchen nicht zu denken, die von der offenen Tafel fielen, denn chriſtlich dachten Herr und Frau. Kinder, ſprach der Spashafte, oder ſo und dergleichen, wenn er uns etwa bei dem Fruͤhſtuͤcke fand: ich habe Euch an die Krippe gebunden; erkennt es! Die Ma⸗ dam aber waren einem mannbaren Lamme zu vergleichen. In's Spinnhaus mit ſolchen Krippen⸗ kaͤkern! rief Grauer ſtampfend: und mit der Herrſchaft gleichermaßen! Nach Advenant! verſetzte Barthel: wer 4 19 konnte fuͤr Ungluͤck. Der ſelige Herr nahm gleichſam den Segen mit in's Grab, dazu fiel was wir hatten, ſtieg was wir brauch⸗ ten und wer nicht mahnte, wollte borgen — das wollten wir auch, aber der Glaube fehlte. Ploͤtzlich fuhren eines Samſtages Herr und Madam zu meiner Verwunder⸗ ung im greulichſten Wetter ſpazieren und kamen nicht wieder. Gotts Sonnabend! dachte ich, als Statt derſelben der Herr Actuarius und Compagnie mit Siegellack und Petſchaft zuſprachen:„So wird die Woche nun beſchloſſen!“ und fuhr dann ebenfalls ab und wie vor Zeiten mit dem Schubkarren. — 20 4. Der Kleinkrämer. Weislich durchſtrich am andern Morgen die Vaterſtadt; er konnte ſich zu Folge des Brandes, der ſie vor Jahren groͤßtentheils einaͤſcherte und verjuͤngen half, kaum zu⸗ recht finden. Auch auf den Straßen wan⸗ delte ein anderes, fremdartiges, mit den neuen Haͤuſern entſtandenes Geſchlecht; an⸗ ſprechende Zuͤge einiger Matronen weckten die Erinnerung an bluͤhende, laͤngſt ver⸗ geſſene Geſpielinnen, die ihn, zu Folge des ſchaͤrferen Perſonenſinnes der Frauen, haſtig und befremdet oder laͤchelnd in's Auge faßten und der Anrede des Erkannten gewaͤrtig ſchienen. In der Eckbude aber, auf die er jetzt traf, ſaß ein gewaltiger, ſpeckfetter Commerziant zwiſchen ausgeſtopf⸗ 21 ten Hamſtern und Sangvoͤgeln, Taſchen⸗ ſpiegeln, Kaͤſekeulchen, Pfennigbildern und aͤhnlichem Allerlei. Das war ja Simeon, weiland ſein Nebenmann in der Stadtſchule, der traͤge, hoffaͤrtige Erbprinz des reichen Mannes, welcher damals als ſolcher, trotz der Faulheit und Verſaͤumung, Gunſt und Schonung fand— dem er im Examen oft genug aus dem Drangſale geholfen, dem er oͤfter noch aus zureichenden Gruͤnden das Fell gegerbt hatte. Aber des Vaters Nachlaß reichte endlich kaum zur Deckung der Glaͤubiger hin und Simeon ſtand nun verleugnet und verlaſſen, hatte nichts ge⸗ erbt noch gelernt, und bevor er hier an der Marktecke Ruhe fand, ſein Heil als Feld⸗ und Stadtſoldat, als Kuͤper und Unter⸗ Collecteur, als Fiedler und Vagant ver⸗ ſucht und erkannte jetzt ebenfalls den ein⸗ 22 ſtigen Mitſchuͤler, welcher vergebens zu ent⸗ ſchluͤpfen ſuchte. Bruͤderchen! rief er aus hellem Halſe, um den Nachbarn das trau⸗ liche Verhaͤltniß zu einem ſo ſtattlichen Herrn bemerkbar zu machen: iſt's moͤg⸗ lich?— Du wieder in patria und ſuchſt mich auf?— So ſey doch tauſendmal willkommen! Guten Tag! ſagte Weislich kleinlaut und mit bitterſuͤßem Laͤcheln. Er ſchaͤmte ſich. Auch jener ließ ſofort die Stimme ſinken. Die guten Tage fehlen mir, Du aber traͤgſt ja ſuperfeines Tuch und einen Ring am Finger, der wie die Venus ſtrahlt. Biſt augenſcheinlich in der Wolle und der arme Teufel und Schulkumpan geht Dir zu Herzen. Recht im prophetiſchen Geiſte ſchriebſt Du mir damals in's Stammbuch: „fortuna vitrea est; tum quum splen- 23 det, frangitur!**) denn ich ſtand rich⸗ tig bald darauf und noch heutigen Tages zwiſchen den Scherben. Sieh' unſer ver⸗ ſteigertes Prachthaus dort; vordem vom Keller bis zum Boden, mit Glanz und Herrlichkeit erfuͤllt und dagegen mein Sor⸗ timent hier in dem wackelnden Breterneſte. Weislich entgegnete mit kritiſchem Blicke: Auch das ernaͤhrt, glaube ich, ſeinen Mann, der außerdem wohl eine wuͤrdigere Erwerb⸗ quelle finden koͤnnte? Gefunden hat! fiel Simeon, ſich bruͤ⸗ ſtend, ein: doch naͤhrt die nur den halben Mann. Wenn ſie zu Abend laͤuten, ſchließt ſich damit gleichſam der Stand meiner Er⸗ niedrigung, mache ich die Bude zu und gehe dann mit Koͤnigen und auf die Hoͤhen *) Das Glück ähnelt dem Glaſe, das, indem es glänzt, zerbricht. 24 ⸗ des Lebens. Ich bin Statiſt bei der hie⸗ ſigen Buͤhne und ein geſchaͤtzter, das mußt du mir anfehn; auch gurgelt unſer einer im Chore mit. Am Sonntage habe ich ſogar den Comthur gemacht, weil unſer Harpeter ſeine Pamine begraben ließ und unter uns, Bruͤderchen! ich reuſſirte. Simeon nieſ'te und jetzt tauchte ploͤtzlich ein geſpenſtiſches Weſen auf, das bis da⸗ hin auf den Dielen der Bude handirt ha⸗ ben mußte. Ein weibliches, mit rabendun⸗ kelm Pudelkopfe, ſtarren, pechſchwarzen Augen und einem glaͤnzenden Larven⸗Ge⸗ ſichte. Meine Fides! ſprach Simeon: ein goldiges Frauchen; eines polniſchen Juden Kind, das ich taufen ließ und dem dieſer ganze Kram eigentlich angehoͤrt. Sie hat Genie, Sapperment! und iſt doch verſtaͤn⸗ dig. Erſinnt und malt mir die Bilder da und macht ſogar auch die Verſe darunter, baͤckt Lebkuchen und Zuckernüſſe, ſtopft große und kleine Thiere aus, ſelbſt Maͤuschen und Zaunkoͤnige, wie Figura beweiſ't. Zu⸗ dem iſt Fidchen keuſch wie Bathſeba, ver⸗ ſteckt ſich deßhalb, ſobald ein Mannsbild der Bude naht und wird nicht eher ſicht⸗ bar, bis ſie mich nieſen hoͤrt. Es iſt die Loſung, Bruͤderchen!— Reſpekt vor den Frauen, ſage ich: aber das werden ihr ge⸗ wiß die wenigſten nachthun.— Ach, haͤtte ich noch des Vaters Haus! Wer die Nothdurft erwirbt, entgegnete Weislich: wer ſich als Mime genug thut, ein ſo gluͤcklicher Gatte und Herr in der Bude iſt, zudem an Kraft und Saft ei⸗ nem Eichbaume aͤhnelt, der hat das Haus der Zufriedenheit. Aber der Schuh druͤckt uns dennoch! klagte Simeon: die Nothdurft gleicht der Hundekoſt, mein Ausgeſtopftes verzehren 26 die Motten, und unſere Kunden, Gott er⸗ barm's! faſt durchaus armer Leute Kinder, fuͤhren nur Bettelpfennige oder bemauſen die Eltern und dann heißt es wohl gar: ich prelle die Wuͤrmer oder mache ſie freß⸗ haft und liederlich. Faͤnde ſich dagegen ein Freund— ein bemittelter! ein ſtiller Com⸗ pagnon, will ich ſagen, der hoͤchſtens zehn bis zwoͤlfhundert Thaler nicht anſaͤhe, ſo koͤnnten wir dem Geſchaͤftchen bald genug einen Schwung geben, der mich und ihn auf's Trockene ſetzt. Wirf die herein, Du Geſegneter! in das Haus der Zufriedenheit; es ſoll Dich noch im Tode freuen. Jener beſah ſich, waͤhrend dem, den In⸗ halt des naͤchſten Behaͤlters, welcher mit allerlei in Zinn oder Meſſing gefaßten Uhr⸗ ſchluͤſſeln, Ringen und aͤhnlichem Geſchmeide von Glasſtein gefuͤllt war; er waͤhlte eine Bruſtnadel aus, legte zwei blanke Duka⸗ 27 ten auf die Tafel, vergaß zu antworten und eilte nach Hauſe. 5. Alte Liebe. Der Anfang iſt widerlich! dachte Weis⸗ lich, ſchlich, um dem Wirthe kein Aerger⸗ niß zu geben, wie ein Dieb treppenan, beſah ſich wiederum das neue, trefflich aus⸗ geſtattete Quartier, fand alles gefaͤllig, nett und ſinnig geordnet, oͤffnete jetzt die letzte Thuͤr und die Gegenwart eines Frauenzim⸗ mers, welches ploͤtzlich vom Sopha auf⸗ fuhr, zeigte, daß er in das anſtoßende Re⸗ vier der Truͤbſinnigen gekommen ſey. Sie ſagte, ihm entgegen ſchreitend: Herr Reinhard Weislich, wie ich glaube? 28 Ein werther, unvergeßlicher Freund und ich erſchrecke daher nicht vor dem Ueberfalls. Mamſell Grauer verkuͤndigte mir vorhin, daß dieſe Thuͤr noch heute verſperrt werden ſolle, weil ein Miethmann hier einziehe. Sie ſchilderte ihn, nannte den Namen und Ihr Erſcheinen beſtaͤtigt nun die frohe Hoffnung, daß Sie, mein todt geſagter Ju⸗ gendfreund, noch am Leben und der Be⸗ zeichnete ſeyn koͤnnten. . Weislichs Vater war bekanntlich ein Oekonom, dem ehedem das ſogenannte gruͤne Vorwerk in der Naͤhe des Ortes ge⸗ hoͤrte— er war auch dieſes Maͤdchens Pathe, der Freund ihrer Eltern und ſeine Gattin nahm das kraͤnkelnde, damals hoͤch⸗ ſtens dreizehnjaͤhrige Maͤdchen, welchem Aerzte den Genuß der Landluft und den Gebrauch einer Milchkur empfohlen hatten, fuͤr dieſen Zweck bei ſich auf. Der junge 29 Weislich widmete der lieblichen Gefaͤhrtin ſeine Feierabende und Freiſtunden, befrie⸗ digte die Wißbegierde des gelehrigen, von der Landwirthſchaft angezogenen Maͤdchens und es entſpann ſich da ein zartes, doch inniges Verhaͤltniß, das vielleicht zum kuͤnf⸗ tigen Vereine gefuͤhrt haben wuͤrde, haͤtte ihn nicht des Vaters ploͤtzliches Verarmen der Mittel beraubt, nicht der ſchmaͤhliche Fall ſeines Bruders, der mehre achtbare Familien der Vaterſtadt um Gut und Habe und in den Nothſtand brachte, ſeinen Na⸗ men mit Schmach bedeckt und ihn zum Verlaſſen der Heimat, zu dem Entſchluſſe getrieben, das verlorene Heil in der Ferne zu ſuchen. Nur erſt muͤndig geworden, durfte er doch, als ein bereits erfahrener und wiſſenſchaftlich gebildeter Landwirth, an ſeiner Zukunft nicht verzweifeln. Jetzt lagen zwanzig Jahre zwiſchen dem 1 1 41 4 1 4 30 kindlichen, ſuͤßen Verhaͤltniſſe und dem heu⸗ tigen Wiederſehen, und ihr zwanzigſter Theil reicht oft genug zur voͤlligen Entfremdung hin; doch lebte das Bild der reinen, auf⸗ bluͤhenden Lilie und die Erinnerung an jene Lichter der Unſchuldwelt in ſeinem Innern fort und Theodorens Reden und Geberden, ihr Blick und ihr Erroͤthen zeigten, daß derſelbe Eindruck in ihrem Buſen ausge⸗ dauert habe. Stand er auch bereits im drei und vierzigſten Jahre und war auch des Maͤdchens Nachſommer bereits im Be⸗ ginnen, ſo konnten doch Beide, Kraft ih⸗ res Wohlſeyns und Ausſehens, unbedenk⸗ lich ein Jahrzehend verleugnen und ſomit, ſelbſt ohne das Zuthun der empfundenen Wahlverwandtſchaft ſich gegenſeitig noch ge⸗ fallen. Dieſe Ziehkraft aber machte ploͤtziich wieder ihr magiſches Recht geltend: Beide 31 ſtanden eben einſamer als je auf der Welt — ſich gegenuͤber— ſie mit dem uͤber⸗ vollen, tiefverletzten Herzen, das nach Er⸗ gießung ſchmachtete und deſſen Wunden jetzt gleicſam ein milder, wohlthuender Engelhauch anwehte— ihr Freund in wun⸗ derbarer Wallung, lebendiger als je von dem Beduͤrfniſſe des erſten Erſchaffenen er⸗ griffen, um ſie her die Friedenſtille des lieblichſten Abends, der das bewegte Paar mit heller Roſengluth bedeckte. Er faßte Theodorens Hand, er ſprach im Geiſte dieſer Stunde, geruͤhrt, gewinnend, Herz eroͤffnend und ward jetzt ihr andaͤchtiger Zuhoͤrer. 6. N¹Rag p o l on. Wir verloren faſt gleichzeitig unſere Muͤtter, ſprach Theodore: ein aͤltliches, gutartiges, verſtaͤndiges Muͤhmchen uͤber⸗ nahm es, mich zu behuͤten und das Haus⸗ weſen zu verſehen. Die Jahre verſtrichen in bedeutungloſer Einfoͤrmigkeit und der Tageslauf fuͤhrte vom Bette zum Naͤhtiſche, zur Kuͤche, zur Kirche— am Feierabende um die Stadt. Ich kannte des Vaters regen Sinn fuͤr das haͤusliche Leben, ich errieth ſein ſtilles Verlangen nach einer zweiten, paſſenden Lebens⸗Gefaͤhrtin; ich wollte viel lieber meine Freiheit beſchraͤnkt, ſelbſt die Zukunft gefaͤhrdet, als mich auf Koſten ſeines Behagens geſichert ſehn— ich hatte bereits fuͤr ihn gewaͤhlt; ich lobte Die, ich ruͤhmte Jene und ſprach im Laufe traulicher Unterredungen den Wunſch aus, mich von der Einen oder Andern bemuttert zu ſehn. Doch ſelbſt die Schaͤtzbarſte, meinte er: gefalle ſich ja oft genug in der Umwandlung alles Vorgefundenen, ſie wand⸗ le wohl auch den Gatten um und mache ihn zum Stiefvater der leiblichen Kinder. Ich ſah den vorherrſchenden Geiſt der war⸗ men Vaterliebe in dieſem Verzichten, ich that das meine, ſolche Opfer durch Sorg⸗ falt und Dankbarkeit zu vergelten, ich webte und lebte nur fuͤr ihn und verſagte mich ſelbſt einem liebenswerthen Manne, der ſchon ſeit Jahren um mich freite, aber dem Vater zu meinem Gram und Erſtau⸗ nen ſo entſchieden mißfiel, als er mich an⸗ ſprach. Am Abende meines Geburttages, den ich einſam, in ſtiller, beaͤngſtender, nicht 2 6◻ zu verſcheuchender Wehmuth gefeiert hatte, kam der Vater von einer Geſchaͤftreiſe zu⸗ ruͤck und ich eilte an den Wagen hinab, ihn zu empfangen— zu umfangen. Er ſtand bereits im dunkeln Hausraume, er hielt ein Frauenzimmer an der Hand, draͤngte es in meine geoͤffneten Arme und ſagte be⸗ wegt, mit halber Stimme— Meine Frau! Deine Mutter! ein Angebinde, das Dich jetzt uͤberraſchen, bald erfreuen und nim⸗ merdar betruͤben wird. Ich fuͤhlte mich mit Innigkeit umſtrickt, mit Thraͤnen der Weinenden bedeckt und ſah, als die vor⸗ leuchtende Magd jetzt herbei trat, eine gute Bekannte, die Witwe des Forſtbeamteten, bei dem wir vor zwei Jahren aus dem Bade zuruͤckkommend, aͤbernachteten. Bald darauf ſtarb dieſer, auf der Jagd von ei⸗ nem Eber geſchlagen, jene kehrte in die„ nahe Heimath zuruͤck, wohin den Vater 1 35 oft genug ſein Beruf als Gerichthalter fuͤhrte, wo er ſie ſah, beſuchte, lieb ge⸗ wann. Frau Muthchen war allerdings ein Sinnbild der Freundſeligkeit. Schon uͤber dreißig Jahre, doch friſch und bluͤhend, herzig, heiter, gut und eine treffliche Wir⸗ thin, fehlte es derſelben nur an zeitgemaͤ⸗ ßer aͤußerer Bildung, wie an der Faͤhigkeit, ſich dieſe in etwas anzueignen. Ein Man⸗ gel, der ihr allerdings viel weniger als der Umgebung einleuchtete und mich und alle, die ihr wohlwollten, im Geſellſchaftkreiſe aͤngſtete; wie ſtark und verblendend aber mußte die Liebe meines Vaters, eines Welt⸗ mann's ſeyn, da ihn dieß ſeltſame Thun und Treiben kaum zu beruͤhren ſchien. Der Fehler iſt aͤrgerlich, bemerkte Weis⸗ lich: aber arglos. S. Ein zweiter, gewaltiger Dorn die⸗ ſer Roſe erſchien gleich bei der Ankunft in 2 3* 36 Erdmuthens funfzehnjaͤhrigem Sohne, mei⸗ nem kuͤnftigen Bruͤderchen. Bildſchoͤn und wohlgeformt, war er dem Geiſte nach ein Kind; als Leſer und Schreiber kaum uͤber das Alphabet hinaus, im Katechismus noch dieſſeit der Hauptſtuͤcke, doch, gleich der Mutter, voll Liebe, ohne Falſch, zuthuig, dienſtfertig und frohen Sinnes. Zum Un⸗ gluͤcke hatte, bei ſeiner Geburt, der da⸗ mals eben aufgehende Sonnenſtern die Ael⸗ tern begeiſtert und ſie veranlaßt, das Knaͤb⸗ lein Napoleon zu nennen, der Schul⸗ meiſter aber, welchem es ſpaͤterhin als ein Gegenſatz des leuchtenden Namenvetters er⸗ ſchien, rieth dringend zur Umtaufe, weß⸗ halb ihm denn ſein Vater, der Spoͤtter wegen und in der Anerkennung des Schick⸗ lichen, ſeinen eigenen, optativen Vornamen zutheilte. Er hieß nun Gotthelf und wer 37 ihn kannte und nennen hoͤrte, ſagte wohl unwillkuͤhrlich: Amen! Gott helf uns von Jenem; rief Weis⸗ lich aus: denn er war ein Anti⸗Franzoſe und Bonaparte da noch Herr der Herren. Amen! wiederholte Theodore: unſer Haus aber glich in der naͤchſten Folgezeit einem Engel⸗Vereine. Den Vater ver⸗ juͤngte, Erdmuthen verklaͤrte der Geiſt des neuen Ehebandes; mich uͤberhaͤuften ſie mit Guͤte, um der Verheißung zu genuͤgen, ich aber erſchoͤpfte dagegen, was Pflichtgefuͤhl und kindliche Ruͤckſicht nur vermochten, um meine Zufriedenheit mit dieſer Wahl und dem Verhaͤltniſſe der Gegenwart zu beglau⸗ bigen. Ja, ich beeiferte mich ſelbſt, dem Herzblatte der Stiefmutter, dem guten Napoleon nuͤtzlich zu werden, ihm die zehn Gebote, den Glauben, das kleine Einmal⸗ eins einzupraͤgen, Puff und Schneider ſpie⸗ len zu helfen und den nimmerſatten Wolf zu ſtopfen.— Die Schwermuth, die das Herz, ſelbſt unter dieſem mildernden Ver⸗ haͤltniſſe, bedruͤckte, verleugnete mein laͤcheln⸗ des Geſicht, der vorgeſpiegelte Frohſinn und die Dankbarkeit, zu welcher mich der Ael⸗ tern Guͤte und namentlich des Vaters zaͤrt⸗ liche Sorgfalt, der in meinem Innern las, verpflichteten. Unvermerkt ſchlichen ſich zwei unſaubere Geiſter bei uns ein, um jenen Engel⸗Ver⸗ ein zu zerſtoͤren. Der eine bethoͤrte der Mutter Sinn und Augen, der andere fuhr in den wirren, aber uͤberkraͤftigen Gotthelf. In jener entbrannte die Flamme der Eifer⸗ ſucht, in dieſem die Gluth des Sinnen⸗ dranges und beider Gegenſtand war ich. Muthchen erblickte in der Waͤrme der Va⸗ terliebe die Beeintraͤchtigung ihres Anſpru⸗ ches, ſie glaubte des Gatten Herz erkaltet 39 und abgewandt, und ſah in der Stieftochter die Schlange, die es ihr entziehe. Gott⸗ helf nahm dagegen die Stiefſchweſter bald fuͤr eine maͤchtige Fee oder Heilige, bald fuͤr eine Willenloſe, die, wenn Mama den Machtſpruch thue, Frau Gotthelf werden werde und muͤſſe; heute war er der zagende, ſich in Ehrfurcht und Wehmuth verzehrende Anbeter, morgen der gewaltſame, rohe Na⸗ turmenſch; mein Vater aber ſtand wie ein Leidtragender zwiſchen uns, vergebens be⸗⸗ muͤht, dieſen unſeligen Zauber zu loͤſen. Der Mutter gehoͤrte nach wie vor ſein Herz, mir nur ſein Mitleid und jenes litt um ſo mehr, da ihm einleuchtete, daß ich wohl wiſſe, was mir ward, und daß die zaͤrtliche Guͤte gegen die Tochter dieſer nur ſchmeicheln, ſie ſelig taͤuſchen, der gefuͤrch⸗ teten Mißgunſt und dem haͤuslichen Unfrie⸗ den wehren ſolle. 40 7. Die Gefälligen. Tante Bertha, eine Schweſter der ſe⸗ ligen Mutter, meine einzige Vertraute, kam jetzt, nach monatlanger Entfernung zu⸗ ruͤck, fand mich in dieſem Bedraͤngniſſe, vernahm den Grund und ſagte freudig: Dem kann man abhelfen! Ich fand in der Hauptſtadt eine Jugendfreundin, die Frau von Fernal, als Vorſteherin einer ausgezeichneten Erziehung⸗Anſtalt wieder; ſie wuͤnſcht ſich eine taugliche, gebildete Gehuͤlfin fuͤr das Wirthſchaftweſen und iſt bei ihrer Vorſicht und Waͤhligkeit noch un⸗ verſorgt. Weit entfernt, in ein dienſtbares, unangemeſſenes Verhaͤltniß zu treten, wuͤr⸗ deſt Du ihr vielmehr zur Seite ſtehn, ſie vertreten helfen, an allen geſelligen Freuden 41 Theil nehmen, die liebenswerthen, mir be⸗ kannt gewordenen Zoͤglinge berathen, beglei⸗ ten und der Ehrenſold fuͤr dieſe Leiſtungen weit uͤber Dein Erwarten ausfallen. Die Fernal war, dem Gemaͤlde der Tante zu Folge, ſtreng und gemeſſen, aber ein Muſter der Wuͤrndigkeit, der Beruf mei⸗ nen Neigungen und Kraͤften entſprechend⸗ der Aufenthalt in der Hauptſtadt, der Ver⸗ kehr mit Gebildeten hoͤchſt erwuͤnſcht und dieſer Vorſchlag unzweifelhaft eine Hand⸗ reichung des Himmels, mich jenem druͤk⸗ kenden und unabaͤnderlichen Mißverhaͤltniſſe zu entziehn. Zwar ſchien der Vater be⸗ ſtuͤrzt, beſchaͤmt und unerbittlich, und die Stiefmutter weinte ſogar:„denn wird die boͤſe Welt nicht ſagen, ich vertreibe Dich?“ doch jener ſtellte mir endlich die Entſchei⸗ dung anheim, mein Tantchen ſchrieb und ihre Buͤrgſchaft veranlaßte alsbald die Auf⸗ 42 nahme der Empfohlenen. Schnell ward gepackt, das Haus beſtellt und als ſich eben keine beſſere Gelegenheit zur Reiſe nach der Hauptſtadt fand, der Poſtwagen be⸗ nutzt. Ich war ja muͤndig, muthig, kein Magnet fuͤr die Tolldreiſten und fand auch uͤberdieß erwuͤnſchte Gefaͤhrten in zwei wort⸗ armen Kaufleuten, einem Geiſtlichen mit ſeinem Weibchen und ihrem Sohne, dem ſcheinbaren Ebenbilde unſeres Napoleons. Dieſe Familie trat am folgenden Morgen ab; eine Matrone mit zwei bluͤhenden, ſin⸗ nig gekleideten Maͤdchen beſetzte die erledig⸗ ten Plaͤtze. Jene ſprach viel und gut, ſchien mich beſonderer Nuͤckſicht werth zu finden, war, ihrer Mittheilung zu Folge, eines Kuͤnſtlers Witwe, die dieſe Nichten groß zog, jetzt Verwandte beſucht hatte und eben nach der Hauptſtadt heimkehrte. Ich wuͤnſchte ihr zu den gelungenen Zoͤglingen Gluͤck, deren Herzigkeit und Frohſinn mir den Kreis meiner zukuͤnftigen vergegenwaͤr⸗ tigte; wir kamen mit der ſinkenden Sonne an’s Ziel und die Gefaͤhrtinnen erboten ſich, ihre neue, dort ganz fremde Bekannte zum Hauſe der Frau von Fernal zu gelei⸗ ten. Der Weg fuͤhrte durch mehre Haupt⸗ ſtraßen und den lieblichen, mit ſchoͤner Welt erfuͤllten Schloßgarten; ſie nannten oder bezeichneten mir jedes Pracht⸗Gebaͤude, hervorleuchtende Damen und Herren, be⸗ ruͤhmte Putz⸗Handlungen, alles, was die Landſtaͤdterin anſprechen mußte. Auch wir wurden dagegen in's Auge gefaßt, bald beaͤugelt, bald gegruͤßt— mir war wie auf dem Maskenballe. Die Herrſchaft iſt ausgegangen! erwie⸗ derte ein Maͤdchen, welches ſtrickend an der Hausthuͤr ſaß, auf meine Frage, ob Frau von Fernal wohl zugegen ſey und muſterte 44 mich mit unholden Blicken.— Ob ſie bald wiederkehre?— Das wiſſe Gott! erſcholl es in Antwort und damit ſprang die Unartige auf und verſchwand. Ich ſtand beſchaͤmt, beleidigt, verlaſſen, ſelbſt von dem Anerbieten der Fuͤhrerinnen geaͤng⸗ ſtet, welche mich fuͤr dieſe Nacht aufneh- men wollten, da trat eine ſtattliche Dame unter Jungfrauen um die Ecke der Straße, Das iſt Sie! ſprachen jene und zogen ſich zuruͤck; ich ſchluͤpfte, aufathmend, in den Hausraum; ihre Muͤdchen flogen, voran eilend, ohne aufzublicken, neben mir weg, ich aber ſtellte mich nun zwiſchen Bangigkeit und Freude, der Eintretenden dar und uͤbergab ihr ein Briefchen der Tante. Frau von Fernal ſchien ſich bei meinem Anblicke und mehr noch bei der Nennung meines Namens zu entſetzen; ſie riß den Umſchlag auf, uͤberlief die Zuſchrift und ſagte nun in ſichtlicher Verſtoͤrung: Ungluͤckliche, welcher boͤſe Geiſt fuͤhrte Sie zu jenen Verworfenen? zu einer ge⸗ kannten, verrufenen Kupplerin und vorhin Arm in Arm mit ihren Nymphen an uns und andern mir befreundeten Damen vor⸗ uͤber, welche dieſe aͤrgerliche Erſcheinung ins Auge faßten. Ich zweifelte vom Anbeginn' an der Rechtlichkeit Ihrer Gefährtinnen, fiel Weis⸗ lich bekuͤmmert ein; und jene fuhr mit wankender Stimme fort: Die Kniee bebten unter mir, mein Herz zitterte, es ward mir eben noch die Kraft zur Rechtfertigung und ein Thraͤnenſtrom rettete mich vor der nahenden Ohnmacht. Sie ſind zu beklagen, erwiederte ſie, dem aufflammenden Mitleide widerſtrebend: denn meine Verhaͤltniſſe zwingen mich, lieb⸗ 46 los und ungerecht zu erſcheinen. Gelaͤnge es auch, die Stadt von Ihrer Unſchuld und Wuͤrdigkeit zu uͤberzeugen, ſo bliebe doch meine zukuͤnftige Gehuͤlfin der Gegen⸗ ſtand einer hoͤchſt widrigen Geſchichte und dieſe ein willkommener Stoff fuͤr Feinde und Verleumderinnen. Ihre Tante ver⸗ zeihe mir die ſcheinbare Haͤrte, aber ich darf Ihnen, in Hinſicht auf den fleckenlo⸗ ſen Ruf der Anſtalt und die vornehmen, ſtreng ſittlichen Muͤtter meiner Fraͤulein, ſelbſt nicht den kuͤrzeſten Aufenthalt unter dieſem Dache geſtatten und leide gewiß ſchmerzlich dabei, Sie entbehren, entfer⸗ nen und eine vieljaͤhrige Freundin betruͤben zu muͤſſen. Ihre Augen, Geberden und Seufzer beſtaͤtigten dieſe Verſicherung, doch ſchien ſie zu erwarten, daß das Gewicht der Gruͤnde und mein empoͤrtes Zartgefuͤhl mich —õ———⸗—:—— 47 ohne weiteres fortſcheuchen wuͤrden; ich aber kannte hier als Fremdling nirgend ein ſchick⸗ liches Obdach und ſank jetzt, von dem Un— gluͤck uͤbermannt, an das Herz einer ver⸗ ſchleierten Dame, die mit jener gekommen und die Zeugin des unſeligen Vorganges geworden war Jetzt trat Renate, des Wirthes Toͤch⸗ terlein, in's Zimmer. Sie ſchien erſtaunt, den neuen, fremden Hausgenoſſen bereits im traulichen Verkehre mit Theodoren zu finden, ſtarrte die Aufſchauenden an und ſagte, geaͤrgert, aber laͤchelnd— Ich ſtoͤre da zu meinem Bedauern, doch nicht unbefugt, getreue Nachbar'n. Der Vater ſchickt einen entbehrlichen Schrank herauf, welcher des Anſtandes wegen vor die Verbindungthuͤr geſetzt werden ſoll. Theodorchen, meint er, wuͤrden ſie ohnehin wohl verriegeln und ihm dieſe beilaͤufige, 48 nur der argen Welt wegen, rathſame Vor⸗ mauer, Dank wiſſen. Den herzlichſten Dank! verſicherte Dor⸗ chen und ſtellte ihr in Herrn Weislich ei⸗ nen hoͤchſt achtbaren Jugendfreund dar— Um ſo entbehrlicher erſcheine ich mir! entgegnete Renate, laͤchelte wie vorhin und oͤffnete den Traͤgern die Thuͤr. Jener aber beurlaubte ſich jetzt ebenfalls bei Theodo⸗ ren, folgte. der fliehenden Stoͤrerin und ſagte derſelben in wenigen Worten ſo viel Angenehmes, daß ſie ihn, entwaffnet und freundſelig, uͤber den Gang bis zum Vor⸗ hauſe der eigenen Wohnung geleitete und ſich auf's neue ſeiner kuͤnftigen Vermittlung empfahl. 8. Der Leitſtern. Weislich hatte am folgenden Morgen kaum das Bett verlaſſen, als Simeons Gegenſtuͤck, der Paſtor Seling, auch ein ehemaliger Mitſchuͤler, eintrat und ihn tief bewegt umfing; denn es ward durch Re⸗ natens Zuthun ſchon geſtern im Orte kund, daß Weislich der aͤltere noch am Leben, als ein ſteinreicher Mann zuruͤckgekehrt und in das Grauer'ſche Haus gezogen ſey. Die Freunde bedraͤngten ſich nach dem Verlaufe der erſten Wallung mit Fragen. Mir geht es wohl, ſprach der Prediger: mein inne⸗ res Gleichgewicht, ein ruhiges, von der Natur gezuͤgeltes Herz, der angeborene Sinn fuͤr das Sittliche, Vorliebe fuͤr mein Amt und einiges Talent, um dem Berufe 4 4 50 freudig und wirkſam zu genuͤgen— Eigen⸗ ſchaften, die ſich außerdem nur muͤhſelig erwerben und feſthalten laſſen— Gaben des Himmels, mit einem Worte, ebneten mir den Lebensweg, fuͤllten meinen Beicht⸗ ſtuhl und die Kirche, gewannen Deinem Freunde die Achtung und Liebe der Ge⸗ meine. Eine verſtaͤndige, liebenswerthe Frau macht mir es zu allen dem leicht, auch als Gatte und Vater mit gutem Beiſpiele vor⸗ an zu gehn. Weislich erwiederte: Du Beſcheidener willſt Dich jetzt der Verdienſtlichkeit ent⸗ aͤußern, warſt aber ſchon in Prima unſer Biſchof, ein wahrhaftes Muſterbild und wirſt mir auch jetzt wieder den Weg zeigen, den ich wandeln ſoll, und meinen guten Willen mit weiſem Nath zum Zwecke lei⸗ ten. Des Vaters Mißgeſchick und Tod, des Bruders Frevel und ſein ſchmaͤhliger 51 Fall trieben mich foͤrt, um den Leuten aus den Augen zu kommen— beſtimmten mich, auf den Antrag eines ruſſiſchen Großen einzugehen, dem ich als Landwirth empfoh⸗ len war, der fuͤr ſeine Guͤter, die an Werth und Flaͤchenraum manches Fuͤrſten⸗ thum aufwogen, um ſo mehr eines zuver⸗ laͤſſigen, thaͤtigen Leiters bedurfte, da eine vieljaͤhrige, heilloſe Verwaltung— Ver⸗ 4 ſäͤumung und Untreue, ſie auf's Aeußerſte herab gebracht hatten. Der Himmel foͤr⸗ 1 mein Wirken, er machte mir durch eines braven, ſehr bemittelten Weibchens Hand und durch ein holdſeliges Kinderpaar, die Oka zur Lethe und zum Segenquelle, das wildfremde Land zur werthen Heimath. Doch was mich anzog, nahm der Herr zu⸗ ruͤck und als ich nun wieder einſam unter Unverwandten ſtand— als zudem ein feind⸗ ſeliger, undankbarer Sohn an die Stelle 4* meines edeln, erkenntlichen Herrn trat, wachte die Sehnſucht nach dem eigentlichen Vaterlande ploͤtlich wieder auf. Ich hatte ja geleiſtet, genuͤtzt, die Pflicht erſchoͤpft und kehrte drum mit freudigem Bewußtſeyn und uͤberdieß als ein geborgener Mann zuruͤck, entſchloſſen, einigen Ungluͤcklichen, die des Bruders ſchaͤndlicher Bankerott in den Nothſtand gebracht hatte, nach meinen Kraͤften aufzuhelfen oder ihren Nachgelaſſe⸗ nen beizuſtehn. O, Du weiſer Weislich! ſprach Prediger, erfreut und geruͤhrt: der ſein Capital unverlierbar anlegen und den Ver⸗ geltung⸗Engel zum Schuldner machen will; Dein Freund kann Dir als Maͤkler dienen. Ich war damals eben noch ein ſchmachten⸗ der Candidat und Hofmeiſter in Herrn So⸗ wall's Hauſe, das dieſer Fall vorzuͤglich traf und verſtoͤrte. Der wackere Hausherr .— mußte mich ſofort entlaſſen; ſein Sohn hat ſpaͤterhin als Schreiber des vaͤterlichen Sach⸗ walters geendet, der Braͤutigam der aͤltern Tochter trat zuruͤclk; Emma, die juͤngere, noch in der Wiege, fiel einer milden Ver⸗ wandten zu, welche ſie groß zog und vor kurzem dem jungen Hermo zur Ehe gab— einem braven, thaͤtigen Material⸗Haͤndler⸗ chen, das aber bei dem Ueberſchwange an ſolchen, kaum das Nothduͤrftige erwirbt. 4 Auch lebt noch Jungfer Lorchen hier, die Deinem Bruder ihr Habſal anvertraute und um Alles kam, um die Geſundheit ſelbſt und um den Lebensmuth, zu Folge des Schreckes und des Harmes. Sie iſt mein Beichtkind, iſt ſiech und verlaſſen, doch fromm, geduldig und arbeitſam. Weislich ſchrieb ſofort die Namen Emma und Lorchen in ſein Taſchenbuch und ſagte mit naſſen Augen: Weiter! Fuͤhre ich fort, entgegnete Seling: ſo wuͤrdeſt Du am Ende, wie Jacob, falli⸗ ren und zudem den Anſpruch ſeiner ge⸗ ſammten Glaͤubiger aufregen. Goͤnne mir Zeit zu der Foͤrderung des lhoͤblichen Thuns, und ſelbſt Deine Linke erfahre aus jenem Grunde nicht, was die Rechte vollziehen wird. Verkenne mich nicht, fiel jener ein; ich finde es ſchwaͤchlich, mit guten Werken in's Feld leuchten zu wollen und ſein eige⸗ ner Ehren⸗Trompeter zu werden. Geſchah es unterweilen doch, ſo rief mein Satyr: Lacht ihn aus! und die Hoffart zerrann dann in Sühagräther ◻☛ ⁴◻ 9. Er und Sie. Die Freunde ſchritten bald nachher ſelb⸗ ander uͤber den Markt; der Paſtor ſollte ihm Hermo's Laden zeigen, denn bei der Kuͤrze und Unzuverlaͤſſigkeit des Lebens, ſagte Weislich: iſt es lieblos, Bedraͤngte, die man heute ſchon erquicken oder troͤſten kann, aus Bequemlichkeit noch eine Nacht uͤber, den boͤſen Traͤumen und dem trauri⸗ gen Erwachen preis zu geben.— Er ſah mit ahnungvoller Luſt die be⸗ ſcheidene Firma:„Ernſt Hermo“ uͤber der Glasthuͤr des engen, aber netten Gewoͤlbes, trat hinein und fand nur einen Kaͤufer vor— ein zitterndes, duͤrftig gekleidetes Muͤtterchen, welches der Madam ein Flaͤſch⸗ chen darbot und Oehl begehrte. Das Gold⸗ 56 kind liegt noch hart und feſt, erwiederte ſie, in Antwort auf die theilnehmende Frage nach ihrer kleinen Enkelin: und die Lampe darf jetzt nicht ausgehn; Sie werden's ſchon huͤbſch machen!— Frau Hermo, die Mildſelige, nickte der Alten, verſorgte ſie reichlich„und mit dem Maße, mit dem Du miſſeſt“ dachte der lauſchende Weis⸗ lich:„wird man Dir eben wieder meſſen“! Er fand das Frauchen weit anmuthiger, als der Prediger es ihm geſchildert, aber im ſichtlichen Stande guter Hoffnung und deßhalb bleich und kraͤnklich ausſehend; ihr Gatte, minder huͤbſch, doch ein kraͤftiger Menſch mit hellen, ſprechenden Augen, legte die Schreibfeder von ſich und fragte nach des Herrn Begehren. Jener entgegnete: Ein Gutsbeſitzer bit⸗ tet mich, ihn mit dem Inhalte dieſes Zet⸗ tels zu verſehen; die Waare wird bei Ih⸗ —., ⸗ 8 —-— 57 nen abgeholt werden und, wie ich hoffe, preiswuͤrdig ausfallen. Zuverlaͤſſig! ſprach Hermo, durchlief ſchnell erheitert das lange, gewichtige Ver⸗ zeichniß und Emma blickte wißbegierig uͤber des Gatten Schulter auf das Blatt, das wie ein Talisman wirkte und ihr lilienwei⸗ ßes Geſichtchen mit dem Roſenlicht der Freude faͤrbte. Ich decke ſogleich den Betrag, fuhr Weislich, die Boͤrſe ziehend, fort. Da griff Frau Hermo nach der Kreide und rech⸗ nete mit zitternder Hand und ploͤtllich fiel ein Thraͤnchen zwiſchen die Ziffern der Summe, denn ſie war zu Folge des er⸗ waͤhnten Hoffnungſtandes ungemein reizbar und dieſer unerwartete, maͤchtige Abſatz gleichſam eine ſichtbare Engelhand, da das Quartal mit ſeinen unerſchwinglichen Zah⸗ lungen und Abgaben, morgen eintrat. Ihr 58 Gatte oͤffnete indeß bereits die Waaren⸗ kaͤſten, um das willkommene Werk zu voll⸗ ziehen; er warf, an ihr voruͤberſtreifend, 3 einen Blick auf Emma's Exempel, ſah das unſtete Weben der Hand, ſah mit baͤngli⸗ chem Laͤcheln in ihr ſeltſam bewegtes Ge⸗ ſicht und druͤckte ſie haſtig an die Bruſt. Ein Uebergang! lispelte Emma: ſey ruhig, guter Ernſt! ſey froh! Und ſchnell ermannt, wendete ſie ſich zu dem lauſchen⸗ den Kaͤufer und ſprach: Das Conto macht* 90 Thaler 14 Groſchen. Die Groſchen fallen weg,— mein Mann wird gleich die Note ſchreiben. Weislich zahlte ſofort in Dukaten; Hermo uͤberſchauete die Reihen und griff nach der Goldwage. O, nicht doch! rief Emma, dem Gatten wehrend, doch jener ſagte mit Nachdruck: Laſſen Sie ihn; ſo —— 59 gefaͤllt mir der Kaufmann— der ſich nicht vorſieht, hat das Nachſehen! Im Verkehre mit Ihnen, mein Herr, erwiederte ſie: ſind Treue und Glauben an ihrem Platze. E. Ei, kennen Sie mich denn? S. Die Ehre wird uns eben erſt; doch traue ich dem Naͤchſten am liebſten Gutes zu, auch leitet mich in ſolchen Faͤl⸗ len ein ſicheres, ſelten taͤuſchendes Gefuͤhl. E. Wohl dann dem Manne, dem eine ſo begabte Frau zur Seite ſteht. Wechsler, Polizeimeiſter, Miniſter ſelbſt und Koͤnige, wuͤrden dieſe Seherin mit Goldſtangen aufwiegen und ich gehoͤre alſo, Ihrer Eingebung nach, zu den Wackern? Ja, zu den Beßten! ſagte ſie treuher⸗ zig: und ich goͤnne jetzt beinahe meinem Manne die gewiſſe Beſchaͤmung. Wen hdieſe trifft, liegt hier zu Tage! 60 ſprach Ernſt verbittert und ereifert: denn das ſchwerſte dieſer Goldſtuͤcke iſt um neun As zu leicht, dieß letzte falſch und bei dem Spottgelde, das jetzt an der Waare ver⸗ dient wird, muthen Sie mir hoffentlich nicht zu, dergleichen Schwimmer als voll⸗ wichtige Dukaten gelten zu laſſen. Weislich horchte auf und ergluͤhete; Frau Hermo ebenfalls. Dieſe aus Scham und Gram, das ſichere Gefuͤhl zu Spotte werden und ihr kindliches Vertrauen ge⸗ taͤuſcht zu ſehen; Jener der Demuͤthigung wegen, die ihn eben im Momente der in⸗ nerlich empfundenen Erhoͤhung traf.— Weislich oͤffnete vorhin ſein Schatzkaͤſtlein, theils um den Prediger mit Gelde fuͤr das arme Lorchen zu verſehen, welches ihr die⸗ ſer als die Gabe eines Unbekannten zuſtel⸗ len ſollte, theils um ſich ſelbſt zu Gunſten des vorhabenden Einkaufes mit ſolchem zu —, „ee- 61 verſorgen. Der Zufall aber fuͤgte es, daß Jer, ſtatt der geſuchten Goldboͤrſe, eine aͤhn⸗ liche mit jenem Ausſchuſſe gefuͤllte ergriff, der ſich vordem durch Zahlungen polniſcher Juden und boͤſer Schuldner gehaͤuft hatte. — Immer feuriger ward das Geſicht des Beſchaͤmten; er murmelte, er fluchte leiſe, zog dann haſtig die Brieftaſche hervor und ſprach erheitert: Kinder, wenn ich auch jett, der heili⸗ gen Wahrheit gemaͤß, betheuerte, daß ein ehrlicher Mann vor Euch ſtehe, daß mich die Folge der Eile, das Ergreifen des un⸗ rechten Beutels, des Teufels Spiel mit einem Worte, zum ſcheinbaren Schwindler herabſetze, ſo wuͤrdet Ihr zwar laͤcheln und nicken, bedauern und troͤſten, mich aber dennoch wohl fuͤr einen Halb⸗ oder Haupt⸗ filou halten und des Weibchens ſchoͤner Glaube an die ſittliche Guͤte des Naͤchſten, 62 vielleicht fuͤr immer zum Senfkorne werden. Laßt mich demnach die nothwendige Ehren⸗ rettung auf einem andern Wege erreichen. Ernſt Hermo, ſagen Hinz und Kunz: iſt ein achtbarer Menſch, ein rechtſchaffener, ruͤhriger Kauf⸗ und Geſchaͤftsmann, ein löblicher Haushalter, der nur fuͤr ſein Weib,⸗ fuͤr ſein Gewerbe und vor Gott lebt. Die beifaͤlligen Cenſuren beſtimmten mich, an den Thoren der Großhaͤndler voruͤber und durch dieß ſchmale Pfoͤrtchen einzugehen, um ihm einen billigen Gewinn zuzuwenden. Hinz und Kunz ſagen zudem: Es fehlt ihm am Beßten! und ſoll der Wackere nicht Dornen leſen ſtatt der Feigen, ſich nicht vergebens abarbeiten, mehr als das Brot zur Suppe vor ſich bringen, ſo muß er a priori ein Haͤufchen Geld in der Hand haben und das iſt allerdings der Pol des Commerziums. Ich bin nicht arm, Kin⸗ 63 derchen! ich brauche wenig, ich kann fuͤr Jahr und Tage zwei⸗ bis dreitauſend Tha⸗ ler leicht entbehren und erwarte, außer Euerem Gedeihen, keine Zinſen. Emma laͤchelte, dem Kinde aͤhnlich, das ein Blumentraum entzuͤckt, ihr Gatte faßte den Fremden ſcharf in's Auge und ſagte, in halber Verneigung: 1 Meine Frau lieſ't mir bisweilen am Feierabende Geſchichten vor, in denen Freunde und Helfer wie vom Himmel fal⸗ len und die Gepruͤften gluͤcklich machen; ſie wuͤnſcht dann nichts inniger, als daß uns auch ein ſolcher die Hand reichen moͤchte und der Wunſch ſcheint heute aus⸗ zugehen. Doch, nichts fuͤr ungut— Mein Glaube an ſolche gleicht, leider! dem Senfkorne— mir haben weder Hinz noch Kunz die Reinheit Ihrer uͤberraſchenden, in der Wirklichkeit kaum noch gedenkbaren 64 Großmuth verbuͤrgt und ſo finden Sie ge⸗ wiß, bei meiner Unbekanntſchaft mit dem Helfer, die dankbare Ablehnung des Erbie⸗ tens natuͤrlich und nothwendig. Emma warf jetzt lautſeufzend ihren ſuͤ⸗ ßeſten und wehmuͤthigſten Blick auf den Bekraͤnkten— er ſollte den Eindruck der herben Antwort mildern und ihn vermoͤgen, die Reinheit ſeines Zweckes darzuthun. Weislich laͤchelte ſie in demſelben Geiſte ſchmerzlich an und ſprach zu Hermo: Sie haben recht, junger Mann! Des Menſchen Herz iſt gleichſam die Frau vom Hauſe; ſie ſtellt nicht ſelten, im Drange der Weiblichkeit, den Kopf, ihren Haus⸗ herrn bloß, wenn er ſie ſchalten laͤßt und das war jetzt mein Fall. Ich fuͤhlte nur, wo ich bedenken ſollte, blamirte mich aber⸗ mals und bitte jetzt um eine kurze Friſt, 65 um uns ohne weitern Tort und Dampf in’s Klare zu bringen. Damit ging er. 10. Sie weiß es auch nicht. Am Abende ſagte der Rath Grauer zu ſeinem Renatchen: Den Herrn Weislich hat mein Contract doch gehoͤrig in's Bock⸗ horn gejagt; er ſchleicht durch's Haus, als ware es eine Krankenſtube und gruͤßt mich bei jeder Begegnung zuerſt, was in der jetzigen verkehrten Welt einem Manne von Stande wohlthut und auffaͤllt. Dagegen ſchoß bereits zwei Male und in der Daͤm⸗ merung ein junger Grobian an mir vor⸗ uͤber, der rieſenlange Beine hat, drei Stu⸗ fen fuͤr eine nimmt und daher nie zu er⸗ 5 4 A 4 1 1 66 reichen iſt. Wer iſt dieſer Irrwiſch? Wie heißt er? Was will er? S. Ich ſoll das wiſſen? Vater? ich? E. Du, die ihn ein⸗ und wieder hin⸗ aus gelaſſen und in geheim geſprochen hat. Frau Ziegel ſah es! Haͤꝛ Renate legte ploͤtzlich die Hand an ihre Stirn, verbarg dadurch, mittels des Ar⸗ mes, die aufflammende Roͤthe der Wan⸗ gen und erwiederte nach kurzem Beſinnen: Sie meint wohl den alten Vogelſteller? Den ſogenannten Finkenkarl, dem ich die Lachtaube abkaufte, oder das Laufbuͤrſchchen aus der Druckerei, das unſerem Schrift⸗ ſteller oben die Correctur⸗Bogen zutraͤgt; denn er ſchrieb ja, wie Sie ſagten, ein Buch uͤber die chriſtlichen Confuſionen, das eben gedruckt werden mag.. Confeſſionen! rief der Papa: der Be⸗ wußte aber iſt mindeſtens um ſo ein's ſo — 867 lang als zwei ſolche Stifte und Dir gnade Gott! Und auch der Verleumderin! fiel Re⸗ nate aufbrauſend ein; ſie eilte der Thuͤr zu. Rath Grauer erhaſchte ſie. Warum nicht gar! ſprach er kleinlaut: die gute Seele weiß von nichts— die wuͤſche Dich wohl eher ſchneeweiß⸗ wenn Du auch ſchwarz wie der Finkenkarl waͤr'ſt. Ich ſagte nur ſo und will doch hoffen, daß Du unſchul⸗ dig biſt? Wie meine Lachtaube! entgegnete Nat⸗ chen weinerlich: wie die Frau Ziegel, wenn ſie mich anders nicht verklatſcht hat. Das Taubenherz! verſetzte Grauer: faſſe Dich! Sie wird uns jetzt die Krebſe brin⸗ gen, verbittere mir das Eſſen nicht! —— 11. Selig ſind die da Leid tragen. Weislich eilte aus Hermo's Laden zu dem Paſtor, ihm den gehabten Unfall mit⸗ zutheilen und die Vollziehung des loͤblichen Werkes zu uͤbertragen. Heute Abend zeigte ihm der Vollmond ſeine werthe, im Gar⸗ ten wandelnde Nachbarin. Der Wirth war mit den Seinigen uͤber Land gefahren, er ſchlich hinab; Dorchens Erſchrecken wich, als ſie den Nahenden gewahrte, der zarten Bedenklichkeit und dieſe, bei der Kenntniß von Renatens Entfernung, dem glaͤubigen Vertrauen auf des angenehmen Freundes ſittliche Guͤte. Er mahnte Theodoren, nach dem Verlaufe der erſten Wechſelreden, um die fernere Mittheilung ihres erſten Miß⸗ geſchickes; ſie nahm daher, um dem Arg⸗ 8 8 —— 69 wohne moͤglicher Lauſcher zu begegnen, auf der geſehenſten Bank im vollen Mondlichte Platz und ſprach: „Sie verließen mich, als uns Renate neulich unterbrach, im Hausraume bei der Frau von Fernal, in tiefer Angſt und Rath⸗ loſigkeit, die mich an das Herz einer Dame trieb, welche mit jener gekommen war— einer aͤltlichen, unvermaͤlten Graͤfin, die von dem Schleier bedeckt, ſtill und regung⸗ los der Scene beiwohnte. Sie hatte heute ihre kranke, derſelben vor kurzem anver⸗ traute Nichte beſucht, hatte vernommen, daß eine noͤthige Gehuͤlfin erwartet werde, auch den Empfehlungbrief meiner Tante und andere uͤber mich eingeholte Gutachten und Zeugniſſe geleſen, wußte demnach we⸗ nigſtens, daß ich ſchonender Beachtung werth ſey und ſagte nun— Frau von Fernal iſt zu entſchuldigen, 1 — aber unfehlbar weit entfernt, an unſerem Geſchlechte. zu verbrechen, eine Schuld⸗ und Schutzloſe in dieſer Abendſtunde aus dem Hauſe zu weiſen und jedem Zufalle preis zu geben. Mein Wagen faͤhrt eben vor, er bringt mich auf das Gut zuruͤck, und da es Ihnen fuͤr den Augenblick an einem ſchicklichen Zufluchtorte fehlt, ſo bitte ich um Ihre Begleitung.— Ich konnte nur mit halben Worten und heißen Thraͤnen danken; die Fernal pries mich gluͤcklich, ſuchte mit dem Eifer des Unrechtes ihre liebloſe Haͤrte zu beſchoͤnigen, folgte uns bis an den Wagen und ſtrebte jetzt ſelbſt, der Verſtoßenen bei dem Einſteigen huͤlf⸗ reiche Hand zu leiſten. Als die Unheil bringende Hauptſtadt im Ruͤcken lag, warf Adelaide den Schleier zuruͤck und ſagte mit ihrer ſuͤßen, eindring⸗ lichen Stimme, die mir vorhin wie ein — — 71 Engelruf bas Herz erquickte: Sie werden jetzt vor meinem Ausſehn erſchrecken; mich wohl noch herzlicher bedauern als von Noͤ⸗ then iſt und leicht begreifen, warum ich bei meinem Vermoͤgen, bei mehren em⸗ pfehlenden Eigenſchaften und als Verwandte unſerer vornehmſten Haͤuſer, doch unver⸗ maͤlt blieb. Ich galt ſogar einſt und nicht zur Ungebuhr fuͤr reizend und liebenswerth und bin noch im Beſitze des Bildes, das mich wie die ſchmerzlich ſuͤße Erinnerung anlaͤchelt und einem geprieſenen, herrlich geſtalteten Manne, meinem Verlobten zu⸗ gedacht war. Da kam der Krieg, es war⸗ fen ſich fliehende Truppen in den Ort, ben der Feind beſchoß und ſtuͤrmte. Granaten ſchlagen durch das Dach in unſern Ver⸗ ſteck; das Stuͤck einer zerſprungenen ſtreift mein Geſicht, zerſchmettert das zierliche Naͤschen, derſtoͤrt dieß Auge und der Braͤu⸗ 72 tigam fliegt jetzt herbei, ſieht und entſetzt ſich, beweint und pflegt die Hoffnungloſe, verlaͤßt die Geneſende— ſchuͤtzt eine Be⸗ rufreiſe vor— ſchloß Adelaide mit ſinken⸗ der Stimme: und ſchreibt mir nicht und kehrt nicht wieder. Wohl Ihr! bemerkte Weislich: er ret⸗ tete damit das Heil ihrer Zukunft. Von der heutigen Demuͤthigung, fuhr Theodore fort: und von dieſem herzergrei⸗ fenden Anblicke und Verhaͤngniſſe in Weh⸗ muth aufgeloͤſ't, zerfloß ich jetzt in Thraͤ⸗ nen, und die Graͤfin meinte, dieß rieſen⸗ große Ungluͤck ſey geeignet, mich mein ei⸗ genes, kleines Mißgeſchick ſchnell vergeſſen zu machen. Entſtellt und verſtoͤrt, fuhr ſie fort: gemahnte ich mich wie eine jener verzauberten Prinzeſſinnen, fuͤr die ich als Kind litt und mich aͤngſtete; aber es gab, außer dem Todes⸗ und dem Erweckung⸗ 73 Engel, keinen rettenden Paladin und Ta⸗ lisman. Ein volles, uͤberzaͤrtliches Herz, das ohne Hoffnung des Erſatzes vergehen will, das unter dieſer Ruine, ſelbſt bei dem igenen Geſchlechte nur etwa frommes Mit⸗ leid findet, muß ſeinen Ueberſchwang auf irgend einen anſprechenden Gegenſtand uͤber⸗ tragen, und ſo findeſt Du mich denn da⸗ heim von argloſen, freundſeligen Lieblingen umgeben, in deren Augen ich noch ſchoͤn und liebenswerth erſcheine und entſchuldigſt hoffentlich dieſe Schwaͤche. O, des unbe⸗ greiflichen Schickſals! So manche Ge⸗ ſunkene, die der Schmach verfiel, wird endlich noch, des Laſters muͤde, zur gluͤck⸗ lichen Gattin, zur geſegneten Mutter und tauſend Reinen, Pflichtgetreuen muß da⸗ gegen an der Treue eines Huͤndleins, an der Liebkoſung eines Thieres genuͤgen. Die Graͤfin, unterbrach ſich Dorchen: 74 ſagte da eine betruͤbende, von zahlloſen Bei⸗ ſpielen beſtaͤtigte Wahrheit; aber das Schick⸗ ſal iſt hier bei dem Unwerthe und der Ver⸗ blendung der Maͤnner nicht unbegreiflich, nur ungerecht. Das Schickſal koͤmmt von Oben! er⸗ wiederte ihr Freund: und ich denke mit Gellert: „Die Vorſicht iſt gerecht in allen ihren Schlüſſen, Doch wollteſt Du den Grund von jeder Schickung wiſſen, So müßteſt Du, was Gott iſt, ſeyn.“ 12. Die Günſtlinge. Ich fuͤhre Sie nach Ilſow, auf der Graͤfin Gut, ſprach Theodore: die alte Burg ſpiegelte ſich, wie Schloͤſſer der Ro⸗ V —— 7⁵ mane, zwiſchen gruͤnenden Hügeln und Waldgruppen im blinkenden Landſee; der Mond ſchien wie jetzt, als wir ankamen, eine Nachtigall ſchlug und der Stoff der Mittheilung hatte mich, wie ſie, mit Weh⸗ muth durchdrungen.— Das Thor ward geoͤffnet— ein Hafen fuͤr mich; ich faßte tief bewegt der Graͤfin Haͤnde, bedeckte ſie mit Kuͤſſen, druͤckte ſie weinend an die Bruſt und Adelaide zog mich, uͤberraſcht von der wohlthuenden Wallung, an's Herz. — Der Herr ſegne Deinen Eingang, ſagte die Fromme: wir fanden uns vielleicht durch ſeine Guͤte.— Bediente mit Windlich⸗ tern eilten zum Wagen, begruͤßten die Her⸗ rin mit Herzigkeit; im Wohnzimmer raffte ſich ein erwachendes, gluͤhendes, ſchwarz⸗ lockiges Maͤdchen vom Sopha auf, ſtarrte mich mit den dunkeln, leuchtenden Augen 76 an, erblickte jetzt die Graͤfin und umfing mit einem hellen Freudenlaute ihre Kniee. Dieſe unterhielt mich bereits auf dem Wege von der verwaiſ'ten Tochter ihres ehemaligen Sachwalters, die von ihr auf⸗ genommen und erzogen ward; eine Wohl⸗ that, welche das fruͤher hoͤchſt unbildſame Maͤdchen jetzt durch froͤhliches Gedeihen und kindliche Dankbarkeit vergelte. Clotilde umfing in dieſem Geiſte und unter feurigen Schmeichelworten die Kniee ihrer Schutzfrau, doch Reden und Gegen⸗ reden uͤbertaͤubte das betaͤubende Bellen und Gewinſel einer Hundeſchaar. Sie ſtuͤrzten bei unſerem Eintritte von allen Stuͤhlen, aus allen Winkeln herbei; ein Aeffchen ſtrebte uͤͤber den Nuͤcken des knieenden Maͤdchens zu Adelaiden auf, die es ſammt jenen wie erſehnte Kinder mit Liebes⸗Lauten und zaͤrtlichen Geberden begruͤßte und gern 77 jeden Finger zum Arme gemacht haͤtte, um alle gleichzeitig an's Herz zu druͤcken. Selbſt ihre Clotilde erſchien gleichſam nur als Aſch⸗ brödel unter den Guͤnſtlingen, das, an Zu⸗ ruͤckſetzung gewoͤhnt, neidlos und gleichmuͤ⸗ thig weicht und den Platz raͤumt. Auch ein Kaninchen huͤpfte jetzt, von drei jun⸗ gen begleitet, aus der Ofenhoͤhle hervor und ſetzte ſich neben Clotilden zu den Fuͤ⸗ ßen der Goͤnnerin. Ich fand dieſe am folgenden Morgen in derſelben Umgebung bei dem Fruͤhſtuͤcke und uͤberdieß von kirren Sangvoͤgeln umſchwirrt, die auf ihrer Bruſt und Schulter ruhten, aus Hand und Mund das Futter pickten und deren Geſchnatter, im Vereine mit dem Affengeſchrei und dem bellenden Chore, auch den lauteſten Wort⸗ wechſel uͤbertoͤnte. Clotilde beeiferte ſich eben, die Gaͤſte zu fuͤttern, den ſtaarblin⸗ den Alcanzor mit Augenſalbe zu verſorgen, 78 den Hader der Aſta mit der Jo zu ſchlich⸗ ten und dem graͤmlichen Leibmopſe hinter Adelaidens Ruͤcken einen Hieb zu verſetzen. Widriger noch als die ſchlechte Geſellſchaft war der Dunſtkreis und der Schmutz, die, im Gegenſatze zu den uͤbrigen prunkhaften Gemaͤchern, dieſen ſteten Aufenthalt der Graͤfin erfuͤllten, welche bei dem reizbar⸗ ſten Zartgefuͤhle, bei der Vorliebe fuͤr An⸗ ſtand, Sauberkeit und Ordnung, nur hier des Sinnes und der Sinne zu ermangeln ſchien. Mildreich wie geſtern und im Bewußt⸗ ſeyn, fuͤr dieſe krankhafte Paſſion der Nach⸗ ſicht zu beduͤrfen, befahl die Graͤfin ihrem Ziehkinde, mir das Schloß, den Garten und vor allem meine kuͤnftige Wohnung zu zeigen. — 13. Wo hängt der Schlüſſel? Wir ſtiegen ſchweigend treppenan und traten durch den Vorſaal in ein liebliches Cabinet, welches die herrlichſte Ueberſicht der Naͤhe und der Ferne gewaͤhrte. Es war das meine.— Gluͤckliche! ſagte Clo⸗ tilde mit Thraͤnen in den Augen und in ſchmerzlicher Bewegung: waͤre ich des Nei⸗ des faͤhig, er wuͤrde mich anfechten, doch erkennt mein Herz den Werth und das Uebergewicht der zukuͤnftigen Fuͤhrerin wil⸗ lig an; die Graͤfin denkt Ihnen ja beiher dieſe Beſtimmung zu und empfiehlt Sie mir als ein ruͤhmliches Vorbild. Man zweifelt nicht und bittet nur um Guͤte und Billigkeit. Auch werden Sie von nun an die Aufſicht uͤber das Hausweſen fuͤhren 80 und unſere Vorleſerin ſeyn; ich aber fuͤt⸗ tere und bediene nach wie vor, die Voͤ⸗ gel, Affen und Hunde und ſo wird jeder was ihr gebuͤhrt. Clotildens Thraͤnen wur⸗ den ploͤtzlich zum Strome; die ſichtlich Ver⸗ bitterte ſtraͤubte ſich, als ich ſie betroffen umfing und ihr den herzlichſten Antheil, Sorgfalt und eifrige Vermittelung gelobte; ſchien dann— ſchnell geruͤhrt— in die⸗ ſer Zuſage Troſt zu finden und beglaubigte nun das erweckte Vertrauen durch feurige Kuͤſſe und Liebkoſungen. Jetzt trat die Kammerfrau der Graͤfin ein. Sie hatte, meiner Bitte gemaͤß, den Boten beauftragt, das Gepaͤcke, welches ich geſtern im Poſthauſe der Hauptſtadt zuruͤck ließ, in Empfang zu nehmen, wuͤnſchte mir ebenfalls zu der herrlichen Wohnung Gluͤck, wisperte in Clotildens 81 Ohr: Wenn nur der Spaͤhlig Ruhe haͤlt! und ging ihres Weges. Ich hatte die Bemerkung vernommen, ich fuͤrchtete in dem Genannten irgend ei⸗ nen zudringlichen Nachbar oder tobenden Kettenhund, ſah das Maͤdchen uͤber meine Anfrage beſtuͤrzt, drang zwiſchen Neugierde und Beſorgniß auf den Grund, mußte nun vor allem Verſchwiegenheit geloben und Clo⸗ tilde erzaͤhlte darauf, ſchuͤchtern ringsum blickend:. Dieſer Spaͤhlig iſt ein Bedienter, aber gleichſam die rechte Hand des kargen, ſtein⸗ reichen Großvaters unſerer Graͤfin geweſen, der ihm waͤhrend des ſiebenjaͤhrigen Krieges, in einem geheimen Behaͤlter des anſtoßen⸗ den Eckthurmes viel baares Geld zuſammt dem Silbergeſchirre verbergen half. Eines Abends, als die Familie eben, der nahenden Kriegsgefahr wegen, in die Hauptſtadt ge⸗ 6 82² fluͤchtet iſt, erkrankt der Graf, ſtirbt noch im Laufe derſelben Nacht und Spaͤhlig wird am Morgen vermißt. Der Feind zieht ab, die Gemchkut des Todten kommt mit den Ihrigen zuruͤck, ſie findet den Grafen beerdigt, doch untaxrichtet ſie ein verſiegelter Brief, den drederſelben vor ih⸗ rer Flucht mit der Bedeutung einhaͤndigte, ihn nur in dem jetzt eingetretenen Falle zu erbrechen, von dem Verſtecke des geborge⸗ nen Gutes, bezeichnet auch den Baum des Gartens, in deſſen Hoͤhlung der Schluͤſſel verwahrt ſey. Spaͤhligs Verſchwinden er⸗ regt ihre Beſorgniß und dringenden Ver⸗ dacht— ſie hat dem Schleicher nie ge⸗ traut, ſieht nun in ihm den wahrſcheinli⸗ chen Giftmiſcher und Naͤuber und der Baum wird deshalb durchſucht, ſogar ge⸗ faͤllt, doch kein Schluͤſſel gefunden,— Kommen Sie mit! unterbrach ſich Clotilde, fuͤhrte mich uͤber den Vorſaal zur Pforte des gedachten Eckthurmes, oͤffnete ſie, zeigte in das Dunkel hinein und ſagte, das Ge⸗ woͤlbe ſey mit einer kuͤnſtlich verſteckten Fallthuͤr bedeckt geweſen, und dieſe, als der treuloſe Diener in des Grafen Todes⸗ nacht es berauben wollen, uͤber ihm zuge⸗ fallen und er unfehlbar den Hungertod ge⸗ ſtorben. Man habe den Leichnam hier ge⸗ funden, auch oben jenſeit der Thuͤr die Liverey, deren er ſich wahrſcheinlich wegen der Enge des Einganges entledigte und die noch jetzt neben andern alterthuͤmlichen Denkzeichen in der ſogenannten Ruͤſtkam⸗ mer haͤnge. Und dieſer Unſelige ſpukt wohl im Schloſſe? Zu unſerer Qual, entgegnete Clotilde: erſchreckt Sie das nicht? Die Ausgeberin, ein wahrer Freigeiſt im Uebrigen— das 6* fromme Kammermaͤdchen und der tollkuͤhne Jaͤger— ſelbſt eine Philoſophin, die Tante der Graͤfin, welche ſonſt oft genug zu⸗ ſprach, ſahen ihn und ſchwoͤren darauf. Zwar erklaͤrt uns jene insgeſammt fuͤr Aberglaͤubige und Phantaſten, ſie verwirft die Moͤglichkeit einer ſolchen Erſcheinung, zittert aber trotz ihrem Unglauben vor dem Geraͤuſche eines Maͤuschens und jedem Schatten, der ihr des Abends ploͤtzlich in's Auge faͤllt. Wir mußten um ſo mehr geloben, die Thatſache zu verheimlichen, da ſich der Unhold, nach vieljaͤhriger Ruhe, erſt in der neueſten Zeit wieder ſehen ließ. Sie aber locken mir das Herz auf die Zunge. So ſind wir nun! Mir ward die Schwaͤche, Ihnen die Staͤrke und meine kuͤnftige Bildnerin, ſetzte Clotilde ſchmei⸗ chelnd und umfangend hinzu: wird mich hoffentlich zu ſich emporziehen. 85 Das Grauen vor dieſem Geſpenſte, fuhr ich fort: haͤlt alſo die Tante der Graͤfin von der Wiederkehr ab? Augenſcheinlich! entgegnete ſie; und es hat uns wenigſtens in dieſer Hinſicht einen weſentlichen Dienſt erwieſen. Die Tante iſt nehmlich eine fatale, ſuperkluge, herri⸗ ſche Perſon, die alles beſſer wiſſen, alles geaͤndert ſehen, Geſetze geben und die Graͤ⸗ fin mit ihren redlichſten Dienſtboten ent⸗ zweien wollte. Vor allem war ich Aermſte ihr zuwider und der ſtete Gegenſtand ihrer Gloſſen. Ich ſah jetzt deutlich auf den Grund, ſah die gute, taͤuſchbare Adelaide von die⸗ ſen dienſtbaren, boͤsartigen Geiſtern gemiß⸗ braucht, deren Vortheil und Beſtehen die Entfernung jedes rechtlichen Weſens be⸗ dingte, das ihre Herrin zur Erkenntniß fuͤhren konnte und Clotilde, die ſich ihr 86 geſtern mit Inbrunſt zu Fuͤßen warf und die Schwaͤchen der Gefeierten heute zur Sprache brachte, war vielleicht bereits das Haupt dieſer argen Gemeine. Ich ſollte nun— zum Schrecken der Ausgeberin, die Wirthſchaft uͤbernehmen, zum Schrek⸗ ken der Kammerfrau die Geſellſchafterin Adelaidens werden, am wenigſten aber konn⸗ te ſich das verwoͤhnte Ziehkind einer Auf⸗ ſeherin freuen, die ſein bisheriges Vorrecht verkuͤrzte, die warme Kuͤſſe und ſuͤße Worte kalt ließen, die dem Berufe gewachſen ſchien. Weh Ihrem Burggeiſte! ſagte ich mit Nachdrucke: wenn er mir jemals zu nahe traͤte. Ein großer Naturkundiger, unſer naher Verwandter, hat meinem Vater einen Talisman verehrt, der mir zufiel und ſolche Trugbilder, durch die Gewalt der Magie, im Augenblicke entlarvt; wirkliche Geiſter 87 aber werden mir bei ſeiner Anwendung dienſtbar. Clotilde horchte auf, erröthete, wußte nicht, ob ſie zweifeln und lachen, oder glau⸗ ben und fuͤrchten ſolle, umarmte mich dann ploͤtzlich und ſagte: ich gemahne ſie aller⸗ dings wie eine Fee, habe auch bereits jene magiſche Kraft an der Graͤfin erprobt und ſie bezaubert; es werde ihr wahrhaft wohl⸗ thun, ſich dem zugedachten Gaͤngelbande blindlings uͤberlaſſen zu koͤnnen und ihre Liebe zu mir zwar eine zagende, zitternde, aber dennoch herzinnige ſeyn. Darauf fuͤhrte mich Tildchen zu allen Merkwuͤrdig⸗ keiten der Burg, ſelbſt durch die Ruͤſtkam⸗ mer und an der altvaͤteriſchen, im Winkel haͤngenden Liverey des beruͤchtigten, jetzt unerwaͤhnt bleibenden Spaͤhligs voruͤber und in den Garten hinab, zu dem anziehenden, aus Thraͤnenweiden beſtehenden Waͤldchen, 88 welches die Grabmaͤler von Adelaidens fruͤ⸗ heren Lieblingen umgab. Nun aber horchte das Maͤdchen ploͤtzlich auf, ſchlich auf den Zehen, oͤffnete die Zweige und winkte mir, hindurch zu ſchauen. Ich ſah Adelaiden in der nahen, von dem uͤppigen Weiden⸗ Behaͤnge gebildeten Laube, an ihrer Seite einen jungen, herrlich geſtalteten Mann, beſſen edles Geſicht meine Blicke feſthielt. Das iſt Herr Weilhof, fliſterte Clotilde: und Spaͤhligs Gegenſtuͤck; ein hoͤchſt ſau⸗ berer Geiſt, den alſo Ihr Talisman, ſo⸗ bald Sie wollen, dienſtbar macht. Er iſt der Bruder unſeres Geiſtlichen, fuhr ſie fort: der auf mehr als einer Hochſchule ſtudirte und ſich bei ſeinem Hoͤhenſinne am wenigſten zu einem Aemtchen eignet, das man ihm etwa geben moͤchte. Die Graͤ⸗ fin ernannte den Feiernden fuͤr jetzt zu ih⸗ ren Secretaͤr, wollte ihn auch dem Mini⸗ — 89 ſter, bei deſſen Hierſeyn, empfehlen, was ſie aber zufaͤllig vergeſſen hat. Wir duͤr⸗ fen nicht ſtoͤren, ſetzte das Maͤdchen, ſicht lich verbittert, hinzu und zog mich fort: doch jetzt hatten ihre Hunde, welche um die Laube her im Graſe ſpielten, die Lau⸗ ſcherinnen gewittert und ſchlugen ploͤtzlich ſo lebhaft an, daß Adelaide betroffen auf⸗ ſtand, vorwaͤrts ſchritt, uns traf und Weil⸗ hof dieſe Unterbrechung, wie es ſchien, zum Mittel ſeines Abganges benutzte. Ich mußte jetzt nothgedrungen, falſch wie Clotilde, eine Unbefangene darſtellen, pries demnach ſofort das beſichtigte Schloß, den Garten und meine liebliche Wohnung, waͤhrend dem ſich das Maͤdchen zu den Hunden in's Gras warf, einige an's Herz nahm, andere auf ihren Schooß verſetzte und die beißigen Neidhammel koſend be⸗ ſchwichtigte. 90 Adelaiden hatte, trotz dem Bewußtſeyn des Ungluͤckes, das ſie ſelbſt vor der Moͤg⸗ lichkeit boͤſer Nachrede ſchuͤtzte, dieſer Ueber⸗ fall ſichtlich verwirrt, doch gab ihr meine argloſe und weitſchweifige Rede Troſt und Zeit, ſich zu ermannen. Die Wolke des Verdruſſes wich dem Laͤcheln der Beruhig⸗ ung, ſie gedachte jetzt ſelbſt des ſchoͤnen Geheimſchreibers, ſcherzte uͤber das ſchaͤfer⸗ liche Beiſammenſeyn unter dieſen deutſamen Thraͤnenweiden, wohin ſie waͤhrend eines Verkehres uͤber Geſchaͤftſachen gerathen ſey und ſprach nun lange noch von ihm und nur von ihm, waͤhrend dem ihr Verhaͤng⸗ niß mein Herz bedruͤckte, und ich im Stil⸗ len die dunkeln, doch ſchnell genug erkann⸗ ten Geiſter dieſer unheimlichen Friedenſtatt muſterte. In welchen Haͤnden war die Aermſte, wie herbe ihr Loos! Clotilde lag als -9— * — —,— 91 Schlange an dieſer Taubenbruſt, in der ganz ſichtbarlich die hoffnungloſe Leidenſchaft fuͤr den beſprochenen Weilhof gluͤhte. Dieſe Dienſtboten alle trugen den Undank, die Anmaßung, den Mißbrauch edler Milde zur Schau; nur ihre Thiere vergalten der Liebenden, und mich ſelbſt brachte ja der widrige Eindruck dieſer Schwaͤchen und der zerſtoͤrten, erſchreckenden Form um die Herz⸗ lichkeit des Gefuͤhles, um die Freudigkeit des erkenntlichen Willens. Theodore kam jetzt auf den angenehmen Weilhof zuruͤck und ſprach von ihm wie Adelaide, und noch von ihm, als des Waͤch⸗ ters Horn und Ruf den Ablauf der elften Stunde verkuͤndigte. Da ſprang ſie auf und ſchalt den Zuhoͤrer, welcher dießmal der Wahrheit untreu, verſicherte, daß die Darſtellung von dem Werth und Walten des graͤflichen Guͤnſtlings ihn ſelbſt um 92 das Zeitmaß und um allen Antheil an die⸗ ſem dunkeln Planeten gebracht habe. Es war allerdings eben ſtockfinſter und der Mond von ſo dichten Wolken bedeckt wor⸗ den, daß ſich die Gartenthuͤr kaum ertap⸗ pen ließ; ſie fand ſich endlich, doch zu Dorchens Entſetzen verſchloſſen.— Das iſt Renatens Werk! wisperte ſie, leiſ' und angſthaft: die Schadenfrohe hat uns be⸗ ſchlichen, hat wie gewoͤhnlich ihr Muͤthchen gekuͤhlt und ich bin wie immer zu beklagen. Was thun wir nun? Wir klopfen, erwiederte jener: wir ru⸗ fen, pochen, laͤrmen, dem Contracte zu Trotze, wir ſprengen ſelbſt dieß Gitter, wenn niemand hoͤren will, und begegnen damit der Nachrede und dem Argwohne. Ich hoͤre ſchon! ſprach Barthel, der alte Hausmann, welcher das Paͤrchen im Garten wußte, es nicht ſtoͤren wollte, die 93 Thuͤr deßhalb, der Vorſchrift gemaͤß, um zehn Uhr geſperrt hatte, aber jenen zu Liebe auf der nahen Bank Platz nahm. Er oͤff⸗ nete, ward bedankt, erzaͤhlte, daß indeß Herr Doctor Riſus, der Taubſtummen⸗ Lehrer, mit acht bis zehn Pazienten ein⸗ getroffen, der Rath und die Mamſell jedoch zu ſeiner Verwunderung noch nicht heim⸗ gekehrt waͤren und er dieſelben erwarten muͤſſe. Die Nachricht troͤſtete Weislich's bekuͤmmerte Beichttochter und erfreuete gleich⸗ maͤßig den Vertrauten; Barthel leuchtete ihnen jetzt mit der Hauslampe vor; es glitt oben, als ſich das Paar am Scheide⸗ wege trennte, ein Thalerſtuͤck in ſeine Hand: und wenn Sie das Gartenplaiſir lieben, ſprach der Erkenntliche, ſo haͤngt der Schluͤſ⸗ ſel gleich am Eingange, zwiſchen dem Fei⸗ genbaume und der Hundehuͤtte. 2 94 14. Die Tauben hören, die Stummen reden, die Todten ſtehen auf. Rath Grauer wandelte, trotz dem Be⸗ ſitze des praͤchtigen Grundſtuͤckes, keines Weges auf Roſen. Brand und Pluͤnder⸗ ung hatten ſein voriges Haus zerſtoͤrt, der Krieg ihm ſchweres Geld gekoſtet, der Auf⸗ bau und die Ausſtaffirung ihn in Schulden geſtuͤrzt; Vetter Riſus aber und Theodore gehoͤrten zu ſeinen Glaͤubigern, denen ſtatt der Zinſen freies Quartier ward, und Frau Ziegel zu den untreuen Haushaͤlterinnen. Er war erſt mit dem grauenden Mor⸗ gen von jener Landparthie heimgekehrt und wollte, ploͤtzlich erwachend, ſeinen Ohren nicht trauen, denn aus den ſtillen vier Pfaͤhlen der Taubſtummen ſcholl jetzt das Morgenlied:„Mein erſt Gefuͤhl ſey Preis und Dank“ ꝛc., im Chor geſungen, zu ihm heruͤber. Da haben Sie ſich wieder verrechnet! ſprach die eintretende Frau Ziegel: und hoͤ⸗ ren es wohl? Herr Doktor Riſus muß allerdings dem Fache gewachſen und ein tuͤchtiger Mann ſeyn, denn ſeine Taubſtum⸗ men ſingen bereits um eins ſo gut als un⸗ ſere bloͤkende Currende, aber er haͤtte wohl beſſer gethan, ſie fuͤrerſt bei dem Gehoͤr anzufaſſen. Das wird nun eine Juden⸗ ſchule geben, zehn bis zwoͤlf Rangen ſtark; lauter herrliche Jungen, wie ich bekennen muß, doch ausgelaſſene Brut. Einer ſprang uͤber den andern weg, als ſie aufſtanden, man ſah es durch's Schluͤſſelloch, und ihr Jubilo drang bis zum Hahnebalken hin, wo meine Waͤſche haͤngt. Jener fuhr ſofort, alle Fluͤche brum⸗ 96 mend, die ihm beifielen, in alle Kleider, die zunaͤchſt lagen, ſtuͤrzte hinauf und traf im Vorſaale den Wunder⸗Doktor, welcher eben die Morgenandacht beſchloſſen hatte und des Beiſpieles wegen, ſeinen Ueberrock eigenhaͤndig auspochte. Er ließ das Stoͤck⸗ chen ſinken, umarmte den Herrn Vetter und ſagte: Gluͤck in's Haus, theurer Grauer! Da ſind wir nun und wollten uns Dir eben vorſtellen. Vor allem aber dient zu wiſſen, daß ich meine Anſtalt vertauſchte, daß ich dem Bruder, der fruͤher von mir zugebil⸗ det ward, die Taubſtummen abtrat und dagegen ſein juͤngſt errichtetes Inſtitut uͤber⸗ nahm, auch, dem Contracte gemaͤß, zwei Dutzend Filzſchuhe mitbringe— einen fuͤr jedes Bein; mein Pudel und die Maͤgde gehen barfuß. Riſus brach hierauf, ſeiner Gewoͤhnung zufolge, in ein meckerndes Ge⸗ laͤhhter aus, das ihn, ſo oft er ſich lebhaft aͤußerte, auch bei der ernſteſten Verhandlung gewaͤltigte, auch trotz ſeiner ungemeinen Tauglichkeit, von Kanzeln und Lehrſtuͤhlen zuruͤck hielt, und hieb nun von neuem auf das Roͤckchen los. Der Vetter verſchluckte den Staub und den Aerger, denn er war ein geſchlagener Mann, wenn jener eben jetzt mit ihm zer⸗ fiel und das Capital aufkuͤndigte, bat da⸗ her nur in milden Worten um ſtrenge Dis⸗ ciplin und Schonung fuͤr die verletzbaren wand⸗, niet⸗ und nagelfeſten Gegenſtaͤnde; fuͤr den Garten und die Waſſerkunſt und um das Abwenden jeder Anfechtung, wel⸗ cher er fortan die einzige Tochter in der Naͤhe dieſer Quaſi⸗Koſaken fort und fort ausgeſetzt ſah. Das Engelkind! fiel Riſus ein: ich freue mich, es wieder zu ſehn; aber ne — 7 98 timeas! meine Scholaren veeſchmaͤhen jetzt noch eine Jede, die den Syntax nicht inne hat.. Frau Ziegel hatte endlich die ſchlafſuͤch⸗ tige Renate vom Scheintod erweckt und dieſe war geſpannt, die neue, ſeltſame, kei⸗ nes Wortes maͤchtige Hausgenoſſenſchaft zu erblicken, ſie warf den Mantel um, ſchlich neugierig in das Zimmer, von dem aus ſich der Saal uͤberſehen ließ, in welchem die Ankommlinge walteten und freuete ſich der bluͤhenden, ihre Erwartung weit uͤber⸗ treffenden Jugend, die eben laͤngs der Ta⸗ fel hingereiht, ſtudirte. Taubſtummen ge⸗ genuͤber war, nach ihrer Meinung, manche uͤberzarte Ruͤckſicht vom Ueberfluß; Natchen erlaubte ſich daher als Wirthin des Hau⸗ ſes einige Aufſchauende mittels des Geber⸗ den⸗Spieles willkommen zu heißen und fuͤgte demſelben, als ſie es ſchnell auf's — 44 . 99 freundlichſte erwiedert ſah, noch einige lebe hafte, den Beifall uͤber dieſe Danknehmung ausdruͤckende Zeichen bei. Das muthige, ſteinfremde, ſie mit dieſem Treiben ſchein⸗ bar hohnneckende Frauenzimmer zog ſofort die Augen der geſammten leichtfertigen Studenten auf ſich, und ſie lachten es jetzt, wie draußen der Doktor den Papa, doch weit gewaltſamer an, ſprangen blitzſchnell zu den Fenſtern hin und ſetzten Renaten durch loſe Bemerkungen und Gegenreden, in Scham und Erſtaunen. Bald darauf trat ihr Meiſter mit dem Gehuͤlfen ein, er fand den Chor noch im vollen Aufruhre und ſchmaͤlte.— Die Schuld iſt nicht unſer! entgegnete Theobald, der gewoͤhnliche Verfechter ihrer Rechte und ihres Unrechts: wir memorirten eben, als ein muthwilliges, verliebtes Femininum dort gegenuͤber das Fenſter aufriß, Grimaſſen und Geſichter 7* 100 ſchnitt, uns augenſcheinlich herausfoderte oder foppte, doch hoffentlich fuͤr immer weggeſchmettert ward. 3 Wohlgethan! fiel Riſus betroffen ein: noch ſagte mir Freund Grauer kein Wort vom Daſeyn dieſer aͤrgerlichen Hausgenoſ⸗ ſin, doch wißt Ihr ja, daß durch eine Solche die Suͤnde in die Welt und durch tauſend aͤhnliche das bittere Unheil und die herbe Schmach uͤber den Mann kam. Ihr kennt die Eva, Delila, kennt die Sirenen und des Danaus neun und vierzig greu⸗ liche Toͤchter und duͤrft in jeder, Fenſter und Augen vor Euch aufſperrenden Gri⸗ maſſen⸗Schneiderin, eine der gedachten vorausſetzen.— Des Hauspatrones ein⸗ ziges Kind, die Demoiſell Grauer, der wir jetzt eben am naͤchſten ſtehn, iſt weder unhold noch unſittſam; iſt, wie der Vater ruͤhmt, in moribus erfreulich vorgeſchrit⸗ 101 ten, in literis dagegen penultima. Ats Staͤrkere werdet Ihr die Schwache ſchonen, werdet derſelben, als meinem Muͤhmchen, die ſchuldige Beachtung zeigen, doch uͤbri⸗ gens jedes naͤhere Verhaͤltniß zu der ver⸗ ſaͤumten Ignorantin tief unter Eurer Wuͤrde finden.. 3 Jetzt ward der Meiſter abgerufen und ſein Gehuͤlfe, ein gerechter Verehrer des Geſchlechtes, erhob nun das Haupt; er ſagte mildſelig: Jedem das Seine! Leicht entbehren die Frauen und Jungfrauen, was wir ler⸗ nen, erforſchen, uns aneignen muͤſſen, doch was ſie ſind, koͤmmt ihnen durch eine un⸗ erwerbbare Mitgift zu Gute und der Herr Doktor werden nicht leugnen, daß die Ge⸗ ſchichte neben einem entarteten Weibe wohl hundert maͤnnliche Verbrecher und Verder⸗ ber nennt. 15. O Wunder! Auch Weislich war heute ſpaͤter als gewoͤhnlich aufgeſtanden, hatte waͤhrend der Nacht von Theodoren und jenem augen⸗ ſcheinlich von ihr beguͤnſtigten Privat⸗Se⸗ kretair getraͤumt. Der alte Barthel, der ihm jetzt aufwartete, trat mit dem Kaffee ein und ſagte:. Es will ein ſchönes Kind zu Ihnen; Blumau's Nina, Gott's Sonnabend! die jetzt bei unſerm Theater und eine honette Perſon iſt. Der Vater war Kunſtgaͤrtner und ihn und die Mutter raffte das Ner⸗ venfieber hin. Ich arbeitete dort und kenne die Leutchen wie mich ſelbſt. Ich kaum dem Namen nach, und wie iſt denn die Tochter aus dem Garten zur Buͤhne gekommen? .— Wie ich zur Frau! erwiederte jener: denn Barthel denkt und Gott lenkt! ſag' ich mir immer, bin aber Mann dafuͤr, daß die nicht borgen, noch irgend etwas Unebenes will. Laß ſie eintreten, ſagte Weislich, nach⸗ dem er ſich auf's ſchnellſte herausgeputzt hatte, und jetzt erſchien eine kindliche, ſchuͤchterne, edel geformte, fuͤr ihren Stand faſt zu einfach gekleidete Jungfrau. Schaͤtzbare Nina, ſprach er, vom Geiſte der Vergangenheit angewandelt: der Gang ward Ihnen augenſcheinlich ſchwer; die Wangen gluͤh'n, das Herzchen arbeitet; Sie ſtiegen gleichſam bergan und muͤſſen vor allem Odem ſchoͤpfen. Ich werde deß⸗ halb zufoͤrderſt das Wort fuͤhren, mir ei⸗ nige Fragen erlauben und es Ihnen leicht machen, der Schrift gemaͤß, mit einem Ja, ja! und Nein, nein! auszureichen. 104 Wir ſehen uns, wie ich glaube, zum erſten Male? 5 Ja! ſagte Nina laͤchelnd und von dem Empfange ermuthigt. E. Sie wurden beauftragt? S. Nein! E. und waren gewiß, einen Grau⸗ bart zu finden? S. Ich finde einen Blaubart, doch hoffentlich ein Gegenſtuͤck des bekannten, erſchrecklichen. E. Allerliebſt! wer aber buͤrgt dafuͤr? S. Der alte ehrliche Barthel und noch Jemand: ich wuͤrde außerdem wohl ſchwerlich die Schwelle eines Herrn betreten. E. Die kommen zu Ihnen. S. Werden nicht angenommen. E. Die Kunſtgenoſſen doch? Die Opern⸗ und Theater⸗Dichter. Sie ſind Schauſpielerin? 105 Ja 1 ſprach ſie ſeufzend. E. Und bei dieſer guͤnſtigen Meinung von mir darf ich wohl fragen, ob Ihre Vorliebe oder Verhaͤltniſſe— der aͤußere oder innere Drang Sie dazu machten? S. Luſt— Ueberredung— Verlaſ⸗ ſenheit— das taͤuſchende Selbſtvertrauen. E. Befriedigte die Wahl? S. Mich fuͤr den Augenblick, ſelten das Publikum. Mir fehlte, wie ſich bald ergab, was weder Fleiß noch Eifer erwer⸗ ben und erſetzen koͤnnen: der innere Beruf, die Weihe! Weßhalb ich mich denn auch, ſetzte ſie kleinlaut und truͤbſelig hinzu: taͤg⸗ lich untauglicher und bedruͤckter fuͤhle. 9 Wunderl rief Weislich, die Haͤnde faltend: welche nie erhoͤrte Beſcheidenheit oder Selbſterkenntniß! Kann ich etwas zu der Naͤherung des vermißten Gluͤckes 106 beitragen, ſo befehlen Sie uͤber Ihren er⸗ ſtaunten Verehrer. Nina neigte ſich erroͤthend und ſagte: Nur eine Anfrage fuͤhrt mich her, die je⸗ doch zarter Natur iſt, leicht verletzen kann und dieſe freundliche Geſinnung wird dem⸗ nach zu meinem Troſte der Empfindlichkeit wehren. Ein gewiſſer Kleinkraͤmer, Si⸗ meon, hat, wie er ruͤhmt, die Ehre, mit Ihnen in dem traulichſten Vernehmen zu ſtehn und kennt mich ebenfalls als Statiſt unſerer Buͤhne. Vor kurzem verlor ich auf dieſer waͤhrend des Spieles, eine faſt werth⸗ loſe, doch mir ſehr theuere Buſennadel, die er fand, den Fund bekannt machte und ſie bis auf weiteres den verkaͤuflichen ſei⸗ nigen beilegte. Sie ſprechen waͤhrend dem bei ihm zu, wollen den Beduͤrftigen in Nahrung ſetzen, waͤhlen aus jenem Vor⸗ rathe eine Nadel, bezahlen ſie mit Gold ——:— —— 107 und eilen fort. Simeon verſichert in der zerſtreuenden Freude, die ihm das Wieder⸗ ſehn gemacht, die verkaufte nicht beachtet zu haben, ſucht aber nun vergebens ſeinen Fund unter jenen und vermuthet, daß der Zufall und das empfehlende Ausſehn der Nadel Sie die meinige waͤhlen ließ. Im Glauben an das Gute, das er Ihnen nach⸗ ſagt und beſchwoͤrt, darf ich wohl ohne Furcht mißfaͤllig oder mißgedeutet zu wer⸗ den, beſcheiden anfragen? Weislich hatte, ſeitdem er dem Simeon entlief, dieſes Einkaufs nicht wieder ge⸗ dacht und Ninchen aͤußerte, waͤhrend dem derſelbe alle Taſchen durchwuͤhlte, die Na⸗ del ſtelle ein Vergißmeinnicht in blauen Steinchen dar. Da hab' ich ſie! rief er hoch erfreut. Hab' ich ſie! jubelte das Maͤdchen in demſelben Geiſte; ſie neigten ſich gleichzei⸗ 108 tig, die Nadel zu beſchauen, ſeine Wange traf an die ihre, er ſagte ſchnell entbren⸗ nend, mit halber Stimme: Aber Sie loͤſen das werthe, theuere Pfand hoffentlich preiswuͤrdig aus? Nein! ſprach die Jungfrau mit Ent⸗ ſchloſſenheit und entzog ſich dem ſtrebenden Munde.— Meine Schuld! klagte Weislich, um die empfundene Demuͤthigung zu bemaͤn⸗ teln: warum malte ich mich vorhin ſelbſt grau in grau. Der einfaͤltigſte Thor im großen Irrenhauſe iſt der Bloͤde! So geſtehen Sie wenigſtens, daß dieſe Nadel Ihnen den Roſenmund zuſteckt, daß ſie einen Liebesriegel und abwehrenden Sturm⸗ pfahl darſtellt, das Vorrecht eines Andern bezeichnet. Sie ſind Braut! Ja! lispelte Nina, ergluͤhend wie vor⸗ hin. Da bot ihr Weislich mit Ehrerbietung 1v 7 109 das Kleinod dar, er ſagte: Waͤre ich Ihr Braͤutigam, ſo muͤßten wir noch heute ge⸗ traut werden! Und ſie erwiederte darauf mit Silbertoͤnen und einem ſchmerzlichen, tief in's Herz dringenden Blicke: Wohl jedem Manne, der den frommen Willen nach Gefallen bethaͤtigen kann; den unſern bindet das widrige Schickſal! dankte ihm ſodann ſuͤß und beweglich, und ver⸗ ſchwand gleich einem Buͤhnengeiſte. 16. Der Kunſtdrang. Ewald, der ſtille Verlobte dieſer Schau⸗ ſpielerin, war derſelben, ihrem Verlangen gemaͤß, bis zu Weislichs Wohnung gefolgt und harrte im Schatten des Treppenpfei⸗ 110 lers auf Nina's Ruͤckkehr. Nun hab' ich Dich! dachte Grauer, welcher eben aus dem Keller hervortrat und den ſcheinbar Verſteckten fuͤr jenen langbeinigen, ihm bis⸗ her ſtets entronnenen Unbekannten und ſo⸗ mit fuͤr Renatens geheimen Liebhaber an⸗ ſah. Er fragte haſtig: Was beliebt? Ewald ſtand betroffen, denn der Mann und die Frage uͤberfielen ihn gleichſam.— Jener ſprach fernerweit: Sie dienen alſo in der hieſigen Offizin? Haben dem Magiſter oben Correktur⸗Bo⸗ gen gebracht? E. Correktur⸗Bogen? G. Zum Confeſſion⸗Werke gehoͤrig. — Wie? Jetzt eben ſchwebte Ninchen, vergnuͤgt und fluͤchtig wie die Freuden⸗Hora herab und Ewald ſagte nun: Hier kommt mein Bogen, deſſen Con⸗ 111 feſſion mir eben bevorſteht; ein Abzug auf Velin, der wenigſtens keinen ſtoͤrenden, oder ſchmaͤhligen Druckfehler hat. Vielleicht aber iſt der Schleicher gemeint, welcher vor wenigen Minuten neben mir weg und dort durch die Thuͤr ſchluͤpfte. Damit folgte Ewald dem enteilenden Maͤdchen, Rach Grauer aber ſtuͤrzte durch das bezeichnete Pfoͤrtchen des Waſchhauſes und ſah, o Wunder! unter vielen ruhen⸗ den ein Faß, das ſich, wie einſt das Per- petuum mobile des ſeligen Vaters, von ſelbſt zu bewegen ſchien. Der Ertappte kauerte hinter ihm, er mußte jetzt nothge⸗ drungen in's Leben treten, und Grauer fragte, blaß vor Zorn und mit zitternden Lippen wie vorhin: Was beliebt? Langſcheid, ein muthiger, vom Geiſte der Athene geſtaͤrkter Kunſtjuͤnger, warf ſich ſofort in eine edlere, zwiſchen dem Ge⸗ 112 faͤlligen und Wehrhaften ſchwebende Stel⸗ lung, und er ſprach dann mit Haltung und Wohllaut: 3 Der verehrliche Herr fragen guͤtig ge⸗ nug nach meinem Belieben, das leider! ungemeſſen iſt, waͤhrend dem Ihr Ausſe⸗ hen den Glauben an die troͤſtliche Gewaͤhr⸗ ung niederſchlaͤgt. Ich bedarf zum Bei⸗ ſpiel ein Quartier, da die Schmeiß⸗ und Stechfliegen meines Wirthes, des Leimma⸗ chers, alles was an und neben mir iſt, vorzuͤglich meine Riſſe, Buͤcher und Hand⸗ ſchriften beſudeln, und finde keins.— Ich bedarf, als ein angehender Baukuͤnſtler, den Anblick Heſperiens,„der Siegesbogen, Baſilisken, des ſtill erhab'nen Pantheon, der Obelisken, einſt Antiken, am Nil der Vorwelt Pilgern ſchon.“ Doch fehlen mir ſelbſt die wenigen Moneten zur Reiſe nach Linſewitz, wo ich dem bauluſtigen Gutsbe⸗ — 113 ſitzer mit Rath und That bei der Geſtalt⸗ ung eines Spritzenhaͤuschens dienen ſoll. Schlich ich mich hier endlich am hellen Tage, wie der Dieb in der Nacht ein, ſo werden Sie— ein Mann, der offenbar vom Geiſte uͤberſchattet, einen ſolchen Mu⸗ ſterbau vollfuͤhrte, die Studien des Lehr⸗ lings entſchuldigen. Ich maß, ich ſchritt, verglich, berechnete hier im Stillen die edeln Verhaͤltniſſe, wohl uͤberzeugt, daß mir bei meiner Unbedeutenheit und Ihrer Abneigung vor neuen, abſonderlich jugend⸗ lichen Bekanntſchaften, der geſuchte Zutritt verſagt werden duͤrfte. Grauer hatte waͤhrend dem Beginnen dieſer Schutzrede verſchiedentlich die Lippen zuſammengepreßt, um aus hellem Halſe Barthel! zu rufen und dieſen ungebetenen Architekten aus dem Waſchhauſe in das Polizeiamt verſetzen zu laſſen; der junge 8 114 Langſcheid aber that der ſchwachen Seite des Bauherrn jetzt zu wohl, um nicht Gleiches mit Gleichem vergolten oder we⸗ nigſtens Gnade fuͤr Recht walten zu ſehen. Jener konnte, laut dem Bilde, das Frau Ziegel von Renatens geheimem Braͤutigam entwarf, nicht zweifeln, daß der Frevler hinter jenen Faͤſſern Wohnung mache; er oͤffnete daher das Pfoͤrtchen angelweit und ſagte, zwiſchen Groll und Großmuth: Gehn Siie zum Teufel!— worauf ſich dieſer unter geſchmeidigen Verbeugungen an dem Papa voruͤber wand und kurz und buͤndig fuͤr die unverdiente Nachſicht mit ſeinem allzukecken Kunſtdrange Dank ſagte. 115 17. Die Kochſucht. Der junge Langſcheid war allerdings ein genialer, bereits in mehr als einem Fache des Wiſſens uͤber das Mittelmaß hinausragender Wildfang und hatte die Be⸗ kanntſchaft der Demoiſelle Grauer im Gar⸗ ten ihrer alten und Beiden guͤnſtigen Frau Pathe, ſeiner Nachbarin, gemacht. Rena⸗ tens Mutterwitz, Wohlgeſtalt und Natuͤr⸗ lichkeit ergriffen den Gemuͤthlichen; ihre willige Handreichung erſchien ihm als der Geiſt heißer Gegenliebe, er pries die Fuͤ⸗ gung, welche ihm, dem Mittelloſen, des Haͤuſer bauenden Rathes einziges Kind zu⸗ fuͤhrte und hielt deßhalb, trotz der innigen Beziehungen und heimlichen Zuſammen⸗ künfte, die Sinnliche zu Gunſten des kuͤnf⸗ tigen Eheſtandes in Ehren. 8* 116 Renate ſah vorhin mit Erſtaunen die wohlgekannte Nina Blumau in Herrn Weislichs Vorſaal ſchleichen und ſann in ihrer Neugierde alsbald wieder auf einen Behelf, welcher einen zweiten Ueberfall rechtfertigen koͤnne, begegnete jedoch dem Doktor Riſus, der ſofort ganz zur Unzeit das herrliche Quartier, den verehrlichen Papa und naͤchſtdem die roſigen Wangen, die goldenen Locken und ſchalkhaften Augen ſeines Toͤchterchens pries, aber von dem erwaͤhnten, ihr noch unbekannten Lach⸗ krampf unterbrochen, dieß alles zu Nat⸗ chens bitterem Aerger nur ſpottweiſe zu ruͤhmen ſchien. Dieſelbe ſtand demnach um ſo mehr auf Kohlen, da ihr, waͤhrend dem die Blumau entging, auch einer fruͤher erhaltenen Looſung zu Folge, der Vielge⸗ liebte bereits im Waſchhauſe ſeyn mußte. Sie flog hinab, ſie ſuchte ihn wie Pſyche 117 den Amor, wisperte vergebens ſeinen Na⸗ men in die dunkeln Hoͤhlungen der Faͤſſer und Wannen, kehrte ſinnend und truͤbſelig nach der Kuͤche zuruͤck, wo Frau Ziegel, die wirthliche, einen abgeſtandenen Aal marinirte und derſelben nun ploͤtzlich Rath von Oben kam. Muͤtterchen, ſagte Renate, denn ihr Buſenfreund, eines fuͤrſtlichen Bratenmei⸗ ſters Vetter, hatte fruͤher, ehe ihn der Geiſt ergriff, bei dieſem als puer coqui- narius oder Kuͤchenjunge in der Lehre geſtanden: auf's Kochen bin ich ganz er⸗ picht; bei der Frau Pathe aber wohnt ein Mundkoch, der ſeines Gleichen ſucht, und wenn der Papa wollte, aͤglich her⸗ kommen und mir Unterricht geben wuͤrde, was ohnehin zeitgemaͤß iſt. Die vornehm⸗ ſten Fraͤulein ſtehen jetzt am Heerde; ſie machen Paſteten, ſie fricaſſiren und far⸗ 118 eiren um die Wette und bei meiner Luſt und Liebe koͤnnte ich es weit bringen. Der gute Menſch ſieht freilich zum Un⸗ gluͤcke noch faſt jugendlich aus, iſt aber tiefſinnig, bloͤde und frauenſcheu; die Frau Pathe ſagt, das Herz ſey ihm ange⸗ wachſen. 3 Frau Ziegel hatte ſtill gelauſcht, ſie warf jetzt hell auflachend den Aalkopf in die Bruͤhe und rief: Die Krankheit kennen wir! ſie trieb Ihren bloͤden Mundkoch ſogar unter die Faͤſſer im Waſchhauſe, der Papa aber hat ihn jetzt eben in's Teufels Kuͤche gehen heißen; dort kann, wer Luſt hat, es am weiteſten bringen. 119 18. Pax tibi, Marcel! Der Paſtor Seling hatte den wackern Hermo, das arme Lorchen und noch einige Huͤlfwerthe zum heiligen Danke gegen den ewigen Helfer und ſein ſtilles Werkzeug entflammt, hatte den Freund mit der Voll⸗ ziehung dieſer unvergaͤnglichen Ausſaat be⸗ kannt gemacht und fuͤhrte ihn nun zu dem gruͤnen Vorwerke hinaus, welches Selings Schwager jetzt beſaß; denn es verlangte den Gemuͤthlichen nach der heimathlichen Staͤtte, nach dem Wiederſcheine laͤngſt ver⸗ klungener Freuden und Tage, nach dem Wehmuthſchauer des ſuͤßen Gedenkens. Ihm ward auch bei den gedachten Be⸗ ziehungen eine ſo herzige Aufnahme und ſeiner Sehnſucht ein ſo reiches Maß von 120 Nahrung, daß er ſich erſt nach dem Ver⸗ laufe mehrer Tage von dem einſtigen Hausaltare losreißen konnte. In ſeinem Herzen gluͤhten die kindlichen, begeiſtern⸗ den Gefuͤhle der erſten Liebe wieder auf, und Theodore erſchien ihm hier, wo er ſich als Juͤngling zu der aufbluͤhenden Lilie ge⸗ neigt hatte, in den Formen, in den Far⸗ ben, in dem Geiſte jener harmloſen Stun⸗ den.— Als derſelbe endlich zuruͤckkehrte, glich der ſtille Friedentempel des Herrn Marcus Grauer theils der Kaferne, theils der Judenſchule und jede Bedingung des Mieth⸗Contraktes war, dieſem nach, ihr eigener Spott geworden. Im erſten Stocke ſchrie, ſang und turnte bekanntlich die ſo⸗ genannte Taubſtummen⸗Anſtalt, eiferten die Lehrer, lachte der Doctor, heulte Zeno, ſein Pudelhund; im zweiten bewirthete der General durchziehender, hier den Raſttag 121 feiernder Truppen, zu Ehren des vorjaͤhri⸗ gen Schlachttages, die Seinen, ſie ließen auch die Todten leben und zehn Trommeln wirbelten bei jedem Toaſte. Mitten hin⸗ durch aber vernahm man in den ſeltenen, augenblicklichen Pauſen des Wirthes ſchau⸗ erlichen Baß; er ſaß hoch oben am Giebel⸗ fenſter, zwiſchen dem Perpetuum-Mobile und der feſtgehaltenen Renate und ver⸗ dammte laut tobend den Stadtvogt, der ihn zur Ungebuͤhr mit dem Haupte dieſer Sturmgoͤtter und einer Unzahl eßgieriger Calefactoren und Roſſe vergnuͤgt hatte. 19. Briefſchaften. Treu dem Verſprechen, das unſer Weis⸗ lich auch waͤhrend dieſer Vorherrſchaft der 122. Willkuͤhr ehrte, ſchlich er ſtill, doch betrof⸗ fen nach ſeinem Zimmer, fand einen Brief von Theodoren vor, erroͤthete und las: 38, Zureichende, am Ende dieſes Blattes bezeichnete Gruͤnde veranlaſſen mich, mei⸗ nem wuͤrdigen und einzigen Freunde den Schluß der verheißenen Eroͤffnungen hier⸗ durch ſchriftlich mitzutheilen.“ Ich hatte die Graͤfin unter den Trauerweiden, gleich⸗ ſam in ihrem Hauſe ausgefunden; ſie las in meinen Augen, daß ich das tiefe, quaͤ⸗ lende Geheimniß ihres Herzens ahne, ſie neigte ſich aͤllich hingebender zu der mit⸗ fuͤhlenden Vertrauten und das ſchrecklich entſtellte Geſicht vermenſchlichte ſich gleich⸗ ſam, wenn jeder Stoff erſchoͤpft war, der das Geſpraͤch um jenen Weilhof drehen konnte und es mir doch gelang, ihn ſchein⸗ bar und unabſichtlich von neuem auf die Bahn zu bringen. Derſelbe ſtille Dank / 9 ——— — 123 vergalt mir auch, ſo oft ich waͤhrend dem morgendlichen Luſtwandel, Behelfe zur Ent⸗ fernung fand und dann oft genug ihr Herz⸗ leid mitfuͤhlte, wenn ſie einſam an der Lieblingſtaͤtte weilte und zwiſchen dem Wei⸗ denlaube hindurch zu ſeinen Fenſtern in der Pfarrwohnung aufblickte, die ſich weder oͤffnen, noch von dem Daſeyn des Erſehn⸗ ten Kunde geben wollten. Auch Clotilde, in welcher ich ſchon waͤhrend der erſten Begegnung die Schlange dieſes kleinen Edens geahnt hatte, war all⸗ maͤhlig in Beziehung auf mich, ihr eigenes Gegentheil geworden, vertrauend, herzig⸗ aanhaͤnglich, und dieß Geberden ſchien, ſelbſt bei der ſchaͤrfſten Pruͤfung, unerkuͤnſtelt, dem wirklichen Gefuͤhle zu entſpringen. Weilhof war, Kraft ſeines Amtes, ver⸗ pflichtet, Tag fuͤr Tag nach den Befehlen der Graͤfin zu fragen, uͤber die vollzogenen 4 124 zu berichten, und die Pappiere und Rech⸗ nungen der Paͤchter, die eingehenden, zahl⸗ 3 reichen Briefe hoher Verwandten und ihres Sachwalters in der Hauptſtadt beſchaͤftigten denſelben vollauf. Dieſer Verkehr fand regelmaͤßig des Nachmittags im Cabinette der Graͤfin Statt, deſſen offen bleibende Thuͤr mich und Clotilden jedes Wort ver⸗ nehmen ließ. Sie kamen dann ſelbander zu uns zuruͤck, und es fehlte der gebildeten Graͤfin nie an Stoffen, welche ihn feſſeln und die Unterhaltung oft bis zum ſinken⸗ den Abende verlaͤngern mußten. Ein hoͤchſt druͤckendes Loos fuͤr den jungen Mann, der ſeine Herrin laͤngſt durchſchaut hatte, der ſie zu Dankbarkeit und Ehrerbietung ver⸗ pflichtet, ſchonen, feiern, ihre Gefaͤhrtin⸗ nen abſichtlich vernachlaͤſſigen und verlaͤug⸗ nen mußte, wenn er die Krankhafte nicht —,— —⁴j—— 125 in Wehmuth verſenken, uns nicht ein uͤbles Spiel bereiten wollte. Sie ſehen, mein Freund! wie ſchnell auch hier die Roſen der Gegenwart ver⸗ bluͤhten, bemerken das raſche Wachsthum ihrer Dornen und fuͤrchten vielleicht ein aͤhnliches Hinſtreben meines Herzens zu dem Idole der Ungluͤcklichen, das mir zu⸗ dem verſtohlen ſein liebenswerthes Antlitz neigte. Doch Mitleid, Ruͤckſicht und das Pflichtgefuͤhl waffneten und ſtarkten dieß Herz, ſelbſt in dem Laufe kritiſcher Mo⸗ mente, deren eben gedacht werden ſoll. Weilhof ging mit dringenden Auftraͤgen Adelaidens, die ihn wohl eine Woche lang entfernt halten konnten, nach einem ihrer Guͤter ab; ſie benutzte, der Zerſtreuung beduͤrftig, dieſe Pauſe, von Clotilden be⸗ gleitet, ſchuldige Beſuche in der Nachbar⸗ ſchaft abzuſtatten. Mich Einſame bittet 126 Antonie, des Predigers liebenswerthe Gat⸗ tin, ihr endlich einen Nachmittag zu wid⸗ men; ich ſage zu und finde mit Erſchrecken den Verſendeten eben zuruͤckgekehrt, im ge⸗ meinſamen Wohnzimmer. Sein Bruder iſt nach dem Filiale gegangen und Antonie glaubt ihm, oder mir, oder Beiden, durch ihre oͤftere Entfernung wohl zu thun. Nie war er anziehender und ich dagegen nie unfaͤhiger, des Mannes Geiſt und Reiz zu wuͤrdigen und ſein gefaͤlliges Bemuͤhen zu vergelten— das Werk einer augen⸗ blicklichen, ſeltenen und ſeltſamen Seelen⸗ ſtimmung und dunkler, aͤngſtender Gefuͤhle. Bald darauf erkrankt Adelaide. Unſer Freund wirft ſich auf's Pferd, den Haus⸗ arzt aus der Stadt zu holen; eine Sorg⸗ falt, die ſo erquickend auf die Leidende ein⸗ wirkt, daß Schmerz und Fieber dem Schlafe weichen. Jene kamen erſt ſpaͤt am Abend —;e— — 127 an und Weilhof tritt alsbald in mein Zim⸗ mer, das ich eben, ſchon im Nachtkleide, verlaſſen wollte, um am Bette der Graͤfin zu wachen. Er hatte auf dem Poſtamte zugefragt, brachte die eingelaufenen Briefe, auch einen an mich mit und dieſer gab ihm, ſeiner Meinung nach, das Recht zu dem uͤberfallenden verwegenen Beſuche. Mein Ausſehn und Geberden befangen ihn, den⸗ noch zoͤgert, ermuthigt er ſich und die ſtra⸗ fenden, fortweiſenden Worte veranlaſſen eine Gegenrede, in der ſich die innigſte Liebe, mir Hand und Herz weihend, aus⸗ ſpricht. Ich werde umſchlungen, ich reiße mich gewaltſam los und entrinne. Es wird Ihnen einleuchten, daß der Naachklang dieſer Scene der Graͤfin eine ſchlafloſe, zaͤrtliche Waͤchterin verſchaffte, die in ihrer Zerſtreuung den erhaltenen Brief uͤberflog und las und wieder las, ohne nur 128 ein Wort von dem Inhalte zu wiſſen. Die Aeltern verſicherten mich naͤmlich in ihm der herzinnigen Theilnahme an dem gegen⸗ waͤrtigen Gluͤckſtande, erhoben die edle Goͤn⸗ nerin, ſahen in der wunderſamen Fuͤgung, die mich ihr zufuͤhrte, die Buͤrgin kuͤnftiger Wohlfahrt und in dem gefundenen Aſyle ein Haus, das mir der Segen der ver⸗ ewigten Mutter gebau't habe. Ich ſah da⸗ gegen mit Leid und Bangen eine Winds⸗ braut uͤber der Friedenſtatt, ſah mich im Voraus verkannt, gehaßt, vertrieben, jetzt aber rathlos und uneins mit mir ſelbſt. Nach dem Verluſte des edeln Lieblings, den mein Herz vor Jahren aus Kindes⸗ liebe aufgab, war dieſer Weilhof allerdings der erſte Mann, der es lebhaft ergriff und beſchaͤftigte— ein Gefuͤhl, das ich mir erſt jetzt geſtehen mochte, es aber noch im⸗ mer niederhielt und bekaͤmpfte; denn mußte 129 nicht dieſe Hand, in die ſeine gelegt, Ade⸗ laidens Herz zerbrechen, der ich des Gu⸗ ten Fuͤlle, die Rettung aus der Nacht des Verzagens dankte, in die mich Frau von Fernal hinaus trieb. Zudem fehlte ja uns Beiden, von ihr verlaſſen, das taͤgliche Brot, Weilhof aber ſchien keinesweges ge⸗ eignet, ſich am einfachen Hausaltare, in rangloſer Stellung, in enge beſchraͤnkten, nur an Entbehrung reichen Verhaͤltniſſen gefallen zu koͤnnen, da ſeine Kenntniſſe und Talente ihn wohl ſicherer zu ehren als zu naͤhren vermochten. Mit angſthafter Sorgfalt hatte ich ſeit jenem Abende der Moͤglichkeit vorgebaut, den Bewußten ohne Zeugen zu ſehen. Heute endlich, zur ungewoͤhnlichen Zeit gemeldet und vorgelaſſen, fand er mich am Arbeit⸗ tiſche der Graͤfin, die eine koͤſtliche, ihm vielleicht zugedachte Brieftaſche ſtickte, waͤh⸗ 9 130 rend dem ich fuͤr dieſen Zweck die Perlen aufreihte. Sie fragte befremdet, doch von der Erſcheinung des Lieblings erquickt, ob dieſen Zuſpruch ein Geſchaͤft oder die Ahn⸗ ung veranlaſſe, bemerkte, daß er ihr eben von Noͤthen ſey und bot ihm eingegangene Briefe dar. Weilhof laͤchelte, wie ich im Spiegel wahrnahm, ſeufzend und bitterſuͤß, doch die Begeiſterung ſtrahlte durch dieß Woͤlk⸗ chen aus ſeinem Apollo's⸗Geſichte; er trat uns naͤher und ſprach mit ſteigender Bewegung: Es iſt ebenfalls ein Brief, gnaͤdige Graͤfin, deſſen Inhalt mein zudringliches Erſcheinen veranlaßt und es entſchuldigen moͤge. Graf Herrmann von Nordau, wel⸗ cher mich auf der Hochſchule ſeiner beſon⸗ dern Zuneigung werth fand, iſt zur ſelte⸗ nen Ausnahme des armen, titelloſen Ver⸗ 131 trauten eingedenk geblieben. Des Vaters Tod macht ihn ſo eben zum Beſitzer gro⸗ ßer Guͤter und einer halben Million und er laͤßt es edelmuͤthig ſein Erſtes ſeyn, mir einen hoͤchſt eintraͤglichen und willkom⸗ menen Wirkungkreis anzubieten, ich aber ſehe in Ihnen den Spiegel ſeiner Guͤte. Sie klaͤrten— großmuͤthig meine Ver⸗ gangenheit aus— Sie werden in demſel⸗ ben Geiſte mein zukuͤnftiges Gluͤck grun⸗ den helfen und mich dem gleichartigen Ge⸗ nius uͤberlaſſeen— ein Geſuch, das ich, von dem Grafen gedraͤngt, uͤbereilen muß und deſſen Gewaͤhrung Ihnen zum Gluͤcke nur ein Wort und nicht das kleinſte Opfer koſtet., Die Farben des Todes uͤberſchatteten waͤhrend dieſer Rede Adelaidens Geſicht; ſie entſtellten es zum vollendeten Schreck⸗ bilde. Endlich unterbrach ſie die tiefe, je⸗ 9*½ 132 nem Wortgetoͤne folgende Stille, erhob wie aus dem Grabe hervorſtrebend, das geſunkene Haupt und ſagte kaum ver⸗ nehmlich: Seht nur, wie nervenſchwach und reiz⸗ bar ich noch bin. Selbſt dieſe angenehme, die Wohlfahrt unſers Freundes verbuͤrgende, Nachricht regt mich erſchuͤtternd an, und Weilhof wird daher mit dem kuͤrzeſten Gluͤckwunſche zufrieden ſeyn muͤſſen. Da⸗ mit raffte ſich die Graͤfin auf, ſie ſchlich, von mir geſtuͤtzt, von ſeinen innigen Dank⸗ und Beileid⸗Bezeigungen begleitet, zu dem anſtoßenden Schlafzimmer, druͤckte die Thuͤr hinter uns zu und ſank jetzt, mich um⸗ klammernd, durchſchauert und gewaͤltigt von dem Seelenweh', an die Bruſt des Maͤd⸗ chens, das der Verſtoͤrer ihres Lebens zu ſeiner Braut erkoren hatte. Ich durfte nicht troͤſten, vielmehr nur 133 mein Erſtaunen uͤber dieſen ploͤtzlichen, un⸗ veranlaßten Zufall aͤußern; ich weinte, von Wehmuth durchdrungen, ich fuͤhrte ſie zu dem nahen Lehnſtuhle am Bette und bat um die Erlaubniß, nach dem Arzte ſchicken zu duͤrfen.— Nur keinen Arzt! lispelte Adelaide kaum vernehmlich: gieb mir die Hand dar⸗ auf! Sein Geſchick oder Gluͤck koͤnnte leicht das einzige Mittel entfernen, das mir helfen mag. Ich bin erſchoͤpft— ich werde ſchlafen— laß mich ruh'n!— Ihre Geberde wies mich fort; ich weilte noch in der geoͤffneten Thuͤr; ich lauſchte dann jenſeit derſelben, ſah, wie ſie das verſtoͤrte Geſicht mit den Haͤnden bedeckte, dieſe endlich gefaltet erhob und ihr Leid dem Troͤſter der Ungeliebten zu klagen ſchien. 20. Kurze Wonne, langes Weh. Meine ſchmerzliche Theilnahme an Ade⸗ laidens beweinenswerthem Looſe wich jetzt dem eigenen Wehegefuͤhle. Weilhofs Ent⸗ laſſung und ſein Abgang enthoben mich der ſtrengen Behutſamkeit und mancher Ruͤck⸗ ſicht, die ich bis dahin mit aufopfernder Treue beachtet hatte; das Herz durfte ſein Recht wieder geltend machen und es em⸗ pfand jetzt vielleicht eben ſo tief als jene Hoffnungloſe die Qual der Trennung und des innigen Verlangens, das ich bisher verleugnen mußte. Der Verluſt der Guͤter ſteigert ihren Preis und nun ich Ihn ent⸗ behren ſollte, ward er das Ziel der dank⸗ baren Zaͤrtlichkeit, der bangenden Sehnſucht. Jetzt trat die Kammerfrau ein, ſie hoͤrte mit Erſtaunen von dem NRuͤckfalle, der die Graͤfin betroffen und ward veran⸗- laßt, bis zu meiner Ruͤckkehr im Zimmer zu bleiben, denn mich verlangte nach dem meinigen, um, wie Adelaide, dem Himmel mein Herzleid zu klagen, zu beten und mich auszuweinen.— Ich eile nach dem ſtillen Aſyle und oͤffne eben die Thuͤr, als Weilhof hinter einem nahen Pfeiler hervor⸗ tritt, mich raſch nach innen draͤngt, mit ſtarker Hand mein Straͤuben unnuͤtz macht und die Bebende in milden, feiernden Wor⸗ ten zu beruhigen ſtrebt. Ich mußte Sie ſprechen, ſagte er: und wuͤrde hier bis zum Morgen geharrt haben, wenn mir der gute Geiſt nicht augenſchein⸗ lich die Hand boͤte. Er fuͤhrt Sie her und umſchwebt uns, alſo waͤre die bange Scheu vor mir und jedem ſtoͤrenden Un⸗ ſalle vom Uebel. Uns ſchuͤtzt derſelbe Ge⸗ 1 136 nius, der den bisherigen, taͤglichen Zeugen Ihrer(hier folgte ein durchſtrichenes, un⸗ lesbares Wort, das wir durch„Tugen⸗ den,, oder„Trefflichkeit“ ergaͤnzen,) und Ihrer Opferungen von einem Paatze ent⸗ fernt, an dem er ſich muͤſſig und ziellos und als ein Werkzeug des Unheils, elend fuͤhlen mußte. Bin ich Ihnen werth, Theodore? Ihre Freundin Antonie betheu⸗ ert es und mancher ſtill entflohene Seufzer und dieſer reichperlende Thraͤnenſtrom und dieſes gluͤhende Erroͤthen verriethen und ge⸗ ſtehen nun das ſuͤße Geheimniß.— Du liebſt mich 1 und Du fragſt zugleich: Wie koͤnnen wir Eins werden, ohne das edle Herz einer Ungluͤckſeligen zu bre⸗ chen, die unſer guter Engel war? Ver⸗ nimm das Mittel, Theodore! Mein Weg zu dem Goͤnner, der mich bereits fuͤr die ganze Lebenszeit ſicher geſtellt hat, fuͤhrt 137 an Deinem Vaterhauſe voruͤber. Da ſpre⸗ che ich denn, beglaubigt von einem Zeug⸗ niſſe der Tochter, ein, gewinne hoffentlich das Wort der Gewaͤhrung und Dein Vaͤ⸗ terchen erſucht nun die Graͤfin, ihm ſein Kind fuͤr Tage oder Wochen uͤberlaſſen zu wollen. Es finden ſich dann Urſachen vor, die ein laͤngeres Ausbleiben rechtfertigen, Adelaide entwoͤhnt ſich allmaͤhlig der Ge⸗ faͤhriin, auch mein Bild entzaubern und verflaͤchen Zeit und Entfernung und die endliche Anzeige der getroffenen Wahl und unſere kindlich fromme Bitte um ihren heil⸗ bringenden Segen findet eine ergebene, be⸗ friedigte, durch Thraͤnen laͤchelnde Freun⸗ din, deren edles Herz das Bewußtſeyn er⸗ hebt, uns mittelbar verknuͤpft und fuͤr im⸗ mer verpflichtet zu haben. Jenes angedeutete Mittel erſchien ſo angemeſſen, das Bild der Geneſenen ſo 138 ruͤhrend und troͤſtlich und unſer Zweck ſo heilig und freudenreich, daß ich ihn ſtill erquickt umſchlang und braͤutlich, innig lie⸗ bend, voll Luſt und Wehmuth an das be⸗ bende Herz druͤckte— Du ſchoͤnſtes Licht auf meiner dunkeln Wandelbahn, ſchon tauſendmal von meinen Thraͤnen ausge⸗ loͤſcht, gehſt eben wieder auf, mich an mein Gluͤck und an mein Leid zu mahnen, das keine Thraͤne tilgt. Ich kehrte— eine ſelige Verlobte— aus des Braͤutigams Armen zu der Leid⸗ tragenden zuruͤck und eben ließ Weilhof um Erlaubniß bitten, ihr ſein Lebewohl ſagen zu duͤrfen.— Er ziehe in Frieden und beeile ſich! ſprach Adelaide mit einer Faſ⸗ ſung, die mich troͤſtlich uͤberraſchte: die Briefe, Gelder und Rechnungen moͤge fuͤr den Augenblick ſein Bruder, der Prediger uͤbernehmen.— Es gehe ihm wohl! fuhr — 139 ſie fort: er beſtimme die Stunde des Ab⸗ ganges; mein Poſtzug ſoll ihn in dem neuen Wagen zur Stadt bringen. Beſorge das— ich will es ſo! Aus meinen Augen ſtuͤrzten Thraͤnen, die Adelaide wahrnahm— Thraͤnen, die ihrem Schmerze und ihrer Selbſtverleug⸗ nung galten; ich bat um die Verguͤnſtig⸗ ung, der Kranken waͤhrend der Nacht zur Seite bleiben zu duͤrfen. Mit nichten, erwiederte Adelaide, im Tone des verſchmaͤhenden Unmuthes: das Kammermaͤdchen mag im Nebenzimmer ſchla⸗ fen und ein Bote Clotilden zuruͤckrufen, der es ohnehin an Beſchaͤftigung mangelt. Clotilde befand ſich eben wieder auf dem Gute der Frau von Fannau, einer Freundin des Hauſes, welche truͤbſinnig und von der Gicht gelaͤhmt, erheiternder Geſellſchaft bedurfte und der die ſchmieg⸗ 140 ſame, mutterwitzige, ſich leicht in jede Rolle findende Gauklerin ungemein zuſagte. Die Graͤfin wies uns fort; ſie wollte ruhen— allein bleiben. Gern vergab ich Gluͤckliche der Grambedeckten dieſe unver⸗ wirkte Haͤrte, ſchlich in mein Stuͤbchen,. ſchrieb ſtill begeiſtert den Brief, welcher meinem Braͤutigam das Vaterhaus oͤffnen ſollte, ſchrieb einen zweiten herzinnigen an ihn ſelbſt, ſandte ſie Antonien zu und warf mich nun auf's Bett, zum erſten Male vor Freude ſchlaflos. Es daͤmmerte, als der geaͤfliche Wagen uͤber den Schloßhof nach dem Pfarrhauſe rollte; ein Trennungzeichen, daß mein In⸗ neres mit ſuͤßer Wehmuth, der Graͤfin Herz unfehlbar mit der bitterſten erfuͤllte. Ich betete fuͤr Sie und Ihn! 4 Adelaide hatte, wie das Kammermaͤd⸗ chen im Widerſpruche mit ihrer Aeußerung * 141 verſicherte, eine hoͤchſt ruheloſe Nacht ge⸗ habt; ihr Ausſehn und der Groll, den ich auch jetzt wieder fuͤhlen mußte— denn ihr ahnete vielleicht mein Verhaͤltniß— beaͤngſteten mich jetzt. Gegen den Mittag kam der Bote, welcher Clotilden herbeifuͤh⸗ ren ſollte, zuruͤck und brachte mir ein Brief⸗ chen der Frau von Fannau. Ich las: „Liebes Dorchen! Mit bebender Hand und todkrank vor Schreck melde ich Ih⸗ nen, daß Clotilde heut' am Morgen ver⸗ gebens geſucht, ihr Bett noch unberuͤhrt gefunden ward und daß auch Serny, mein Verwalter fehlt. Nach allem, was ich jetzt mit Entſetzen vernehme, ſtanden Beide wahrſcheinlich ſeit geraumer Zeit in gehei⸗ mem Vernehmen und die Graͤfin ward dem⸗ nach, gleich mir, von einer Heuchlerin be⸗ krogen, die nun unzweifelhaft mit dieſem ihrem Ebenbilde entlaufen iſt.“ 142 Das Unheil kommt in der Regel zu Paaren und ich uͤbergehe den Eindruck und die Wirkungen dieſer gegruͤndeten Hiobs⸗ poſt, da Ihre Freundin noch im Laufe der⸗ ſelben Stunde aus dem neuen, kaum er⸗ blickten Himmel in die Tiefen des Grames, auf den Dornenpfad der ungluͤcklichen Ade⸗ laide hinab ſank. Sie finden mich nach dem Verlaufe martervoller Wochen, geneſen von einer toͤttlichen Krankheit, aber mit blutendem Herzen und mit trauernder Seele im Divan der Graͤfin und zwiſchen dieſer und mir den Gegenſtand unſers Liebens und Leidens. Adelaide haͤlt ſeine rechte Hand in der ih⸗ ren, ich bedecke ſeine linke mit Kuͤſſen und Thraͤnen, er aber ſtarrt mit laͤchelndem Gleichmuthe das Fenſter an, vor dem der Sturm die Linde ruͤttelt und Schneeflocken und duͤrre Blaͤtter im Wirbel dreht. Das Sinnbild meiner Gegenwart! Jener lammfromme Poſtzug der Graͤ⸗ fin, welcher den Geliebten zur naͤchſten Station fuͤhren ſollte, wird im Walde ploͤtlich vom Sturze eines Baumes er⸗ ſchreckt; die Pferde rennen unaufhaltſam fort und mit dem Abend bringt man uns den ſchwer Verwundeten zuruͤck, betaͤubt durch einen Fall, der ihn, trotz allem Be⸗ muͤhen der Aerzte, fuͤr die ganze Folgezeit in den Frieden des Bloͤdſinnes verſenkte. So blieb er mir, ſo ward er Adelaiden wiedergegeben und neidlos, ſtill verſoͤhnt, theilten wir uns in den Beſitz ſeines Schat⸗ tens. Taͤglich erſchien er um die fruͤher gewoͤhnliche Stunde. So lange es Blu⸗ men gab, brachte er uns deren— mir im⸗ mer die ſchoͤneren. Was er ſprach, war nur der Anklang verworrener, dunkler Ge⸗ 144 fuͤhle, ſein Thun und Weſen friedlich und ruͤhrend, wie das Walten eines freundſeli⸗ gen Kindes— mein Leben glich fortan dem ſtillen Freitage der heiligen Woche. Jahre verſtrichen ſo, da trat Freund Hain zu Adelaiden: er hob den Dornen⸗ kranz von ihren Schlaͤfen und das lang⸗ wierige Leiden der Hinſterbenden machte mich nuͤtzlich; es ward zum Mittel, die Zinſen einer unbezahlbaren Schuld abzu⸗ tragen. Selbſt des verſtoͤrten Weilhofs Naͤhe hatte immerfort troͤſtlich und wohl⸗ thuend auf ihr Herz gewirkt; ſie erblickte in ihm den Spiegel des eigenen Geſchickes; ihr Liebling war um ſie in ihrer Scheide⸗ ſtunde und faltete erregt die Haͤnde, da er am Bette der Dulderin mich knieend beten ſah— er weinte wie ein Traͤumender, als unſere Schutzheilige nun vollendet hatte und ich ihn, im Gefuͤhle unſers Verluſtes 145 und meiner Verlaſſenheit lautjammernd an's Herz preßte. Mein Vater war dieſer unvergeßlichen Freundin vorangegangen; die Stiefmutter hatte ſich ſammt dem Sohne nach ihrer Heimath gewandt, die Guͤter der Graͤfin, deren letzter edler Wille meine Zukunft ſicher ſtellte, ſielen einem verwilderten Nef⸗ fen zu, mit dem ich daſſelbe Dach nicht theilen mochte und deßhalb bald bei Anto⸗ nien, bald in der Vaterſtadt, bei dieſem Oheime Wohnung machte. Dem ungluͤck⸗ lichen Geliebten aber verhieß ich in jener goldenen Stunde der Verlobung die hei⸗ ligſte Treue. Noch waltet er unter den Lebenden, noch hat er mein Herz, noch iſt die Herſtellung mindeſtens denkbar, Weil⸗ hof's Braut demnach, ſo lange er athmen wird, die Seine und Ihres Beifalls hof⸗ fentlich gewiß, wenn ſie eben jetzt in ſeine 10 Naͤhe zuruͤckkehrt. Ich darf nach dieſen uns auf's neue verknuͤpfenden Mittheilun⸗ gen, die ſo nahe Nachbarin ſelbſt. des edel⸗ ſten und bewaͤhrteſten Freundes nicht blei⸗ ben, wohl aber und zu meiner Ehre bis an die Grenze des Lebens Ihre wahre Freundin Theodore. Auch eine Nachſchrift, die nicht fehlen darf. Ich ließ das fernere Thun und Walten der entarteten und enterbten Clotilde, die ihr Entfuͤhrer bald genug verließ, nur um mir ein Erroͤthen zu erſparen, unerwaͤhnt; die Spruͤche Salomo's bezeichnen es im zwoͤlſten Verſe des ſiebenten Kapitels, zu mei⸗ nem Gram' und ihrer Schmach. 21. Der ſeltenſte Nachbar. Herr Weislich litt waͤhrend der Leſung jener Geſtaͤndniſſe mit der Bedraͤngten, er⸗ ſchrack uͤber den gefaßten Entſchluß, kehrte jetzt truͤbſelig von ihrer verſperrten Thuͤr zurüͤck und dachte: Freund Seling irrte ſich nicht, als er neulich das Glück einer köͤſt lichen Leibſpeiſe verglich, der aber ſtets die edelſte und nothwendigſte Zuthat oder Wuͤrze mangle.— Der Himmel hatte Jenen al⸗ G lerdings reichlich geſegnet, hatte ihm zu dem Golde Geſundheit des Koͤrpers und des Geiſtes beſchert, ihn ſomit vor Millio⸗ nen beguͤnſtigt und mittels dieſes Goldes an den Quell der reinſten, heiligſten Ge⸗ nuͤſſe gefuͤhrt; um ſo ſchmerzlicher ver⸗ mißte er bei ſeinem warmen, menſchlichen 10* 148 Herzen, die Eva des verliehenen Para⸗ dieſes. Der Heimkehrende war damals nach dem Eintritte in die Vaterſtadt fuͤrerſt im Gaſthofe abgetreten„ hatte bei der bejahr⸗ ten Wirthin nach den alten Bekannten ge⸗ fragt, hatte mit ſtillem Vergnuͤgen gehoͤrt, daß auch die unvergeſſene Jugendfreundin Theodore im Orte walte, im neuen Hauſe ihres Vetters wohne und die willkommene Nachricht fuͤhrte ihn zu dieſem, machte ihn zum Miethmanne des ſelbſtſuͤchtigen Sonderlings. Er fand nun ſtatt der blei⸗ chen Lilie jener Tage einen kraͤftigen, bluͤ⸗ henden Fruchtbaum, eine verſtaͤndige, ſitt⸗ liche Jungfrau im anziehenden Schleier der Wehmuth, aus deren Dunkel doch zuwei⸗ len der Komus und die Charittin laͤchel⸗ ten. Auf dem vaͤterlichen Landgute endlich mahnte ihn manch heiliges Plaͤtzchen an 149 die Zauber der erſten, ſchuldloſen, idylli⸗ ſchen Liebe und ſie verjungte ſich und ihn⸗ und das Verlangen nach dem Beſitze der Begehrenswerthen durchgluͤhte jetzt den kraͤf⸗ tigen Buſen. Ach, und nun trat das Scheinbild eines Mannes— trat Weil⸗ hof's ſeelenloſer Schatten zwiſchen ihn und die Wiedergefundene, die, laut dieſes Blat⸗ tes, mit frommer Entſchloſſenheit an der Erfuͤllung eines unſeligen, ihr Gluͤck ver⸗ kümmernden Geluͤbdes hing. Das iſt Sie! dachte Weislich, als er bald darauf von einer Reiſe heimkehrend⸗ uͤber den Markt fuhr; er verließ den Wa⸗ gen und folgte der Dame, deren Form, Gang und Anzug die leibhafte Theodore darſtellte. Sie wallte, gleich vielen Andern, dem Theater zu und verſchwand zu ſei⸗ nem Kummer in der Maſſe, welche die 150 dunkle Vorhalle fuͤllte; er konnte des ge⸗ waltigen Zuſpruches wegen, nur eben noch in’s Innere dringen, ſtand dort wie einge⸗ mauert, erblickte jetzt die Verſchwundene in einer nachbarlichen Loge und ſah, als ſie den Schleier zuruͤckwarf, ein Antlitz, das, fruͤher enthuͤllt, ihn wohl eher zur Flucht als zur Nachfolge vermocht haben wuͤrde. Was giebt man uns heute? fuhr der Geaͤrgerte ſeinen Nachbar, einen bildſchoͤ⸗ nen Mann an, denn das Gedraͤnge ver⸗ hinderte die Heimkehr; dieſer hielt ihm da⸗ gegen gefaͤllig den Zettel vor. Schiller's Jungfrau! verſetzte Weis⸗ lich, ſchnell beſchaͤmt: die laſſe ich gelten. Ich nicht! rief Burſchikoſus, ſein Hin⸗ termann: weibliche Kriegsgurgeln mit Spieß und Degen gemahnen mich, trotz ſolchem Verklaͤrung⸗Scheine, wie Mutter Baubo, . 151 die Hexen„Majorin mit gezogenem Beſen. Da murmelte, knurrte und eiferte ploͤtzlich ſeine dichte, Kopf an Kopf gepreßte um⸗ gebung, doch das beginnende Tonſtuͤck uͤber⸗ toͤnte die Streiter. Als nun im Laufe des erſten Aktes Agnes Sorel auftrat und das Urbild durch ihre Geſtalt und Schoͤne verſinnlichte, ſagte Weislich zu jenem hold⸗ ſeligen Nachbar: Ei, wohl die junge Blumau? und er erwiederte ſtold⸗ aber laͤchelnd: Sie iſt's und gefaͤllt Ihnen hoffentlich? W. Als Nina uͤber die Maßen. Ob als Agnes, wird ſich zeigen. Zweifeln Sie nicht!. W. Die Gute zweifelt vielleicht ſelbſt am Erfolge. Jener verzog errothend den Mund und Beide lauſchten jetzt dem Spiele und der Rede; als nun der Akt zu Ende war, 152 lispelte Weislich: Sie thut das Aeußerſte und fuͤhlt mit uns ihr Unvermoͤgen— ich bedauere ſie! und der Verehrer entgegnete, ſichtlich bekraͤnkt: Die ſeltſame, unbillige, abſprechende Aeußerung, mein Herr! laͤßt mich vermuthen, daß Ihnen die Bekannt⸗ ſchaft der Blumau oder mindeſtens ihrer Denkart und ihres Mangels an Zuverſicht ward. Er erwiederte gleichmuͤthig: Ich hoͤrte allerdings was ich jetzt ſehe, daß die Ver⸗ ſtaͤndige ſich mit gerechtem Maße mißt. Haſtig wendete ſich Jener, vor Groll er⸗ blaſſend, von ihm ab. Als Agnes fernerweit auf die Jung⸗ frau traf und zu ihr ſagte: „Mich laß erröthen, mich, die neben Dir So klein ſich fühlt, zu Deiner Heldenſtärke ſich, Zu Deiner Hoheit nicht erheben kann—“ 153 ſprach ſein verwogener Hintermann: D'rum geh' ſie zu Bette! und Weislich fuͤhlte bei dem Gedraͤnge das Zittern, welches den Nachbar, als er dieſen herben Rath ver⸗ nahm, uͤberlief. Endlich, gegen das Ende hin, rief Ag⸗ nes der unerregbaren Johanna zu:„Er⸗ klaͤre, Du ſeyſt unſchuldig und wir glau⸗ ben Dir!“ Und wiederum verſetzte der Arge: Ich glaube daſſelbe von der Blumau: unſchul⸗ dig iſt ſie, aber ungeſchickt! Da ſtuͤrzte Jener, die Naͤchſten ſtuͤr⸗ miſch zur Seite ſchiebend, gleich einem waidwunden Edelhirſche, hinaus und Weis⸗ lich folgte dem Ergrimmten, wie er der ſcheinbaren Theodore gefolgt war, aber viel herzhafter; er faßte ihn jenſeit des Hauſes am Arme und ſagte begütigend: Sind Sie, wie ich mit Zuverſicht vor⸗ 154 ausſetzen darf, der runn Carl dieſer Ag⸗ nes, ſo bitte ich um gnaͤdiges Gehoͤr. Herr Weislich hatte naͤmlich nach jenem Zuſpruche der Nina Blumau, welcher er Gutes zudachte, uͤber ihren Wandel und ihre Verhaͤltniſſe Erkundigung eingezogen, war da zugleich mit dem Namen, den preislichen Eigenſchaften und dem Ausſehn ihres Freiers bekannt gemacht worden und hoͤrte ihn jetzt uͤberdieß im Theater von Einigen genannt und begruͤßt. Ewald aͤußerte ſich in ſeiner Mißlaune und von der Zudringlichkeit dieſes Fremden empoͤrt, wie Rath Grauer neulich gegen den Architekt Langſcheid, doch Weislich ſprach: Gemach, Herr Abvokat! denn Juris practici ohne Haltung verderben ſelbſt die beßte Sache und gewannen noch ſelten ei⸗ nen Prozeß. Vernehmen Sie doch erſt, 155 wer Ihnen nachlaͤuft. Ich bin der ſoge⸗ nannte, in tauſend und einem Roman und Buͤhnenſtuͤcke erſcheinende Helf Gott! Ich wage mich, von meiner Huͤlfſucht ge⸗ trieben, jetzt auch einmal in die wirkliche Welt heraus und bitte, falls Sie nicht vom Duͤnkel, der fuͤr Stolz und Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit gelten moͤchte, beſeſſen ſind, nach mir zu fragen und wenn das Urtheil guͤn⸗ ſtig ausfaͤllt, uͤber die noͤthige Summe zu Gruͤndung Ihres Hausſtandes und zur Aus⸗ ſtattung der Braut zu verfuͤgen— doch wie das Grab zu ſchweigen! ſetzte Weis⸗ lich, ſein Ehrenwort anſprechend, hinzu: denn man wuͤrde außerdem leicht in den Fall kommen, die gande, mitgiftloſe Maͤd⸗ chenſchar der Vaterſtadt vergnuͤgen und ihre Sponſen auf den gruͤnen Zweig ſetzen zu ſollen. Der grollende Loͤwe war, waͤhrend die⸗ —— ſer Heilverkuͤndenden Rede, zum kirren Lamme worden, das beide Vorderlaͤufe auf Weislich's Schultern legte und ſich folgen⸗ der Geſtalt aͤußerte: O, ſeltenſter aller gedenkbaren Nach⸗ barn. Geſegneter des Herrn, erquickender Himmelsbothe! wir fragten bereits nach Ihrem Rufe und Werthmaße, ehe meine Nina ſich zu jenem Beſuche entſchloß und das Urtheil fiel ſo ruͤhmlich aus, als die Edelthat, welche Sie vorhaben. Wie gluͤck⸗ lich wuͤrde ſich das engelgute Maͤdchen ſchaͤtzen, wenn ich es von der Buͤhne weg, der eigentlichen Rolle zufuͤhren koͤnnte— wie gluͤcklich wuͤrden mich die Segnungen des Eheſtandes machen, den ich fuͤr die Goldfrucht des Lebens halte. Auch duͤrfte bei angeborenem Arbeiteifer und dem er⸗ worbenen Geſchicke, mein Erwerb allenfalls hinreichen, wenn nicht die huͤlfloſe Lage 157 der gebrechlichen Stiefmutter und ihrer Tochter Unterſtüͤtzung verlangte und Nin⸗ chen, außer dem zierlichen, muͤhſam er⸗ worbenen Theaterſtaate, etwas Nennens⸗ werthes beſaͤße. Doch gehe ich unter Got⸗ tes Beiſtande einer beſſern, ſichernden Zu⸗ kunft entgegen und wuͤrde dann mit heißem Danke und treuer Puͤnktlichkeit die heilige Ehrenſchuld allmaͤlig decken. Gut gedacht! Ihr Ninchen ſtatte ich aus et caetera! entgegnete Weislich und aͤchzte ploͤtzlich wie ein Verſcheidender, denn die ſtuͤrmiſche Umarmung des uͤbergluͤcklichen und hyperſtheniſchen Juriſten haͤtte ihn bei⸗ nahe erſtickt. Agnes Sorel ſah eben, heimgekehrt und entkleidet, mit naſſen Augen in ihr Waſſer⸗ ſuͤppchen, denn ſie hatte ſich und die Zu⸗ 158 ſchauer heute weniger als je befriedigt und ſich neben der meiſterhaften Jungfrau wie die Zwergin vor dem Obeliske gemahnt. Da ſtuͤrzte die Aufwaͤrterin, mit Nina's Mantel auf dem Arme, herein, bot ihr ihn dar und ſagte: Herr Ewald iſt da und noch ein Herr! er laͤßt ſich nicht abweiſen; jede Regel habe ihre Ausnahme, meint er, und bittet Sie kniefaͤllig, dieſe gelten zu laſſen. Nimmermehr! rief das Maͤdchen und ſprang empor: Um dieſe Stunde? iſt er von Sinnen? Treibe ſie fort!— Aber da ſtanden ſie ſchon. Ewald erfaßte, er umſchlang die Braut; er draͤngte den Be⸗ gleiter, als ihre Arme nach dem Mantel ſtrebten, zwiſchen dieſe und ihr Zuͤrnen und ihr Mißgefuͤhl zerrannen nach dem erſten haſtigen Wortwechſel, in Ruͤhrung, Her⸗ zensdank und Freudenſchauer. 22. Blinde Liebe. Rath Grauer ſchritt eines Abends, von dem leichten, ſchwimmenden Schlafrocke um⸗ flattert, im Sturmſchritte auf und ab, ver⸗ weilte jetzt vor der Ausgeberin, deren eben beendigter Rapport den Hausherrn in dieſe Wallung ſetzte und rief: Renate Braut? iſt's moͤglich, Ziegel⸗ chen, Du Zuckerrathe! Den naͤrriſchen grundklugen, gelehrten, philoſophiſchen, von aller Sinnenluſt verlaſſen ſcheinenden Riſus Riſiſſimus, der die Kartoffeln der Ana⸗ nas, das Plumpenwaſſer altem Hochhei⸗ mer, verdammten Staͤnker dem beßten Havannah⸗Blatte vorzieht, hat, dem zu Folge, meine Trolle geblendet? Was man erlebt! Hat ihn behext, ſag' ich Ihnen! ent⸗ gegnete jene: er iſt verliebt wie Ziegel, mein Seliger, den ich zwei Jahre lang zappemn ließ, weil er mich anwiderte.— Mam⸗ ſell Renate aber zeigt ſich ganz anders ge⸗ ſinnt und dem hoͤlzernen Peter bereits ſo gewogen, daß ſie es ihrem bildſchoͤnen Lang⸗ ſcheide abſchrieb und auch geſchworen hat, keinem der zwoͤlf Zoͤglinge fernerhin einen Blick zu vergoͤnnen. E. Nun, Barthel denkt, ſage ich mit dem alten Hausmanne: und Gott lenkt! Zu lenken wird er haben, was meinſt Du, Ziegelchen? und waͤre es nicht rathſam, dem Freier die Ausſtattung erſt nach dem Verlaufe von Jahr und Tagen auszuhaͤn⸗ digen? Denn Tauſend gegen Eins iſt doch zu wetten, daß er die Frau Doctorin in deren Laufe wieder heimſchickt. — 161 S. Wenn Gott lenkt, wie Sie ſa⸗ gen, ſo iſt er in den Schwachen am maͤch⸗ tigſten und hat's ja ſchon im Paradieſe ſo gefuͤgt, daß wir gebrechliche Gefaͤße den Maͤnnern als Engelchen und Heilige er⸗ ſcheinen. Wie ſollte man auch außerdem, bei den jetzigen Marktpreiſen und allem, was der Eheſtand begehrt, unter die Hau⸗ be kommen? Mir laͤuft die Gaͤnſehaut äber, wenn ich des Morgens einzukaufen gehe und die Ausgabe des Abends zu Buche trage. Was wird der Herr zu der Rech⸗ nung ſagen, denke ich, denn zwoͤlf Pfen⸗ nige machen blitzſchnell den Groſchen voll. Mir lief ſie laͤngſt auf! rief Grauer aus: und iſt der Riſus dermaßen in mein Kind vernarrt, daß er— Du wunderba⸗ rer Gott! ein Englein in Renaten ſieht, ſo muß er gleichſam ihr Ebenbild in dem Vater lieben, das Fleiſch von ihrem Ilei⸗ 11 162 ſche; muß Zeitliches, was ihr noch von mir werden moͤchte, fuͤr Koth achten und mir aus Dankbarkeit die Schuldverſchreib⸗ ung wieder geben. Nein, mit Reſpekt zu ſagen! fiel die Vertraute ein: das wird er nicht. So ein Naturforſcher weiß denn wohl, daß Bor⸗ ſtorfer keine Holzaͤpfel ſind, auch hat ihm die Mamſell bereits das Perpetuum- mobile zugeſagt, weil er es wieder in Gang bringen will und meint, Sie wuͤrden ihr, als dem einzigen Kinde, mit Vorbe⸗ halt des Gartenfluͤgels, hoͤchſt wahrſchein⸗ lich das Haus uͤberlaſſen. Das Narrenhaus! rief der Papa, aus der Vaterwonne in den Jaͤhzorn uͤberſchnap⸗ pend, da trat der Doktor im Sonntag⸗ kleide ein, ſetzte die Worte, hielt nach dem feierlichen Eingange um des wuͤrdigen Ra⸗ thes eheleibliche und liebliche Tochter an 163 und brach zwiſchendurch nothgedrungen in ſein meckerndes Gelaͤchter aus. 23. Die Heimſuchung. Adelaidens verſchwenderiſcher Haupterbe, deſſen Theodore in ihrer Erzaͤhlung gedachte, hatte nun daheim und auf Reiſen faſt al⸗ les vergeudet, verſpielt, in's Geld geſetzt — auch Ilſow ward jetzt ausgeboten und Grauer ſagte zu ſeinem juͤngſten Glaͤubi⸗ ger und geehrteſten Miethmanne, dem Herrn Weislich: Der Wechsler Silber⸗ mann gedenke dieſes Gut zu kaufen und ſuche einen verſtaͤndigen Landwirth, der ihn dahin begleiten, es beſichtigen und ſchaͤtzen ſolle. Er ſey ja der rechte Mann zu Rath 11* 164 und That, treffe uͤberdieß die ehemalige⸗ angenehme Nachbarin dort und bitte um Erlaubniß, ihn dem Herrn von Silbermann empfehlen zu duͤrfen. Weislich ſtand mit Theodoren zwar in dem angenehmſten, ihr trauliches Verhaͤlt⸗ niß unterhaltenden Briefwechſel, doch hatte ihn oft genug das Verlangen bedraͤngt, die Entflohene perſoͤnlich heimzuſuchen, ſich den lebendig todten Braͤutigam zu beſehen, nach deſſen Zuſtande den Maßſtab ſeiner Hoff⸗ nung zu berichtigen, und nur die Furcht, der Geliebten und ihren dortigen Freunden durch ſcheinbare Zudringlichkeit zu mißfal⸗ len, hielt ihn bis jetzt zuruͤck. Der Wunſch des Wechslers gemahnte ihn jetzt als ein Werk der Fuͤgung und ſein Geſchaͤft recht⸗ fertigte unſtreitig das Erſcheinen. Er bot die Hand— ſie fuhren ab, kamen mit dem daͤmmernden Morgen nach Ilſow, tra⸗ 165 ten im Gaſthofe ab und der kraͤnkelnde Silbermann warf ſich erſchoͤpft auf's Bett, waͤhrend dem ſein Begleiter von der be⸗ fragten, ſprachſeligen Wirthin mit innigem Vergnuͤgen erfuhr, daß Jungfer Dorchen friſch und geſund ſey, mit ſtiller Betruͤb⸗ niß dagegen, daß des Predigers ungluͤckli⸗ cher Bruder wie ein Roſenſtock bluͤhe; daß er eſſe, trinke, ſchlafe und uͤbrigens von Gott und ſich ſelbſt noch eben ſo wenig als ſeit dem Falle auf die Scheitel zu wiſ⸗ ſen ſcheine— daß man im Pfarrhauſe waͤhrend der Abendſtunden am willkommen⸗ ſten ſey, Dorchen aber gewoͤhnlich des Morgens die ſteinalte Aſta, den letzten Reſt von Adelaidens Zoͤglingen im Schloßgarten ſpazieren fuͤhre. Dort war er in der folgenden Minute; — eine Mauerluͤcke des verwilderten Parks ließ ihn ein und mit der Andacht ſtill ver⸗ 166 zuͤckter, auf Hella's Truͤmmern wallender Antiquare durchſtrich er, ihrer harrend, die Gaͤnge. Er ſuchte und betrat das Waͤld⸗ chen der Trauerweiden, fand Adelaidens einſtige Ruhebank und rings um ſie die Hundegraͤber, geſunken und veroͤdet, gleich den meiſten, viel heiligeren Huͤgeln werther Todten, die gefeiert, mit Thraͤnen begoſ⸗ ſen, mit Blumen bedeckt, ein Jahr lang oder einige beſucht, gepflegt, geſchmuͤckt und dann fuͤr immer vergeſſen werden. Aber noch immer kam die Erſehnte nicht, und ein Fußſteig, auf dem ihr Getreuer truͤb⸗ ſelig fortſchritt, fuͤhrte ihn uͤber das Bruͤckchen des Grabens, der hier die feh⸗ lende Mauer vertrat, ganz unverhofft in den Grasgarten des Pfarrhauſes. Ein nettes Maͤdchen huͤpfte, wie im Schaͤfer⸗ ſpiele, von dem Zicklein, das hier fruͤh⸗ ſtuͤcken ſollte, begleitet, aus der Hinterthuͤr 167 hervor; es faßte den Fremden in's Auge, der nun freundlich und zoͤgernd, gleich ei⸗ nem verſchaͤmten Bettler, heranſchlich, er⸗ wiederte den holdſeligen Morgengruß, dankte der guͤtigen Nachfrage und ſprach: Der Herr Paſtor befinden ſich jederzeit wohl, die Frau Magiſterin buttert eben und Mamſell Dorchen ſind ein bischen üͤbernaͤchtig, denn wir haben ſeit dem ge⸗ ſtrigen Abende einen Kranken, der ſchon ſeit manchem Jahre nur wie im Traume lebt. Ja, er iſt ſchwach am Geiſte, der arme Mann, und geſtern hat ihn unver⸗ hofft ein Schlagfluß getroffen. Chriſtoph eilt nach dem Doktor zur Stadt, der beßte Arzt aber iſt ſchon zugegen; er ſitzt ihm ſichtlich auf den Lippen und macht ſie kalt und bleich.. Weislich wendete ſich ſofort von ihr ab und eilte auf demſelben Fußſteige zu⸗ ruͤck; Leid und Wonne, Rührung und An⸗ dacht durchdrangen ſein Herz, erhoben es zu dem Vater der Liebe, deſſen heilbrin⸗ gendſter Engel dort einſprach, um die ge⸗ blendete Seele des Ungluͤcklichen zu entfeſ⸗ ſeln, ſie— Adelaiden zuzufuͤhren. Dann aber ging er zu ſeinem Gefaͤhrten, ging froͤhlich in Hoffnung, an das Geſchaͤft und vermied waͤhrend dem dortigen kurzen Auf⸗ enthalte, aus Achtung fuͤr das Trauerhaus und die braͤutliche Witwe jede Naͤherung; als ſie aber nun heimwaͤrts am Gottes⸗ acker voruͤberfuhren, erſcholl der Klang der Sterbeglocken, wallten Leidtragende durch das Thor und aus dem Hintergrunde tauchte der Sarg auf, mit Kraͤnzen bedeckt, ver⸗ goldet von der Morgenſonne, geheiligt von dem Weihwaſſer treuer Liebe. A. Folgen des Aufgebotes⸗ Gott Hymen erleuchtete und belebte bald nach Weislichs Ruͤckkehr das Grauer'⸗ ſche Haus, denn Doktor Riſus feierte un⸗ ter hellem Zwanggelaͤchter ſein Vermaͤhlung- feſt. Auch jener gehoͤrte zu den Gelade⸗ nen, und die Wuͤnſche, welche er dem Paare darbrachte, gingen wider alles Er⸗ warten in der Folgezeit aus. Eine Erb⸗ ſchaft ſetzte den Meiſter in den Stand, die Gefahr drohenden Juͤnger entlaſſen zu koͤnnen. Renate zog als Gattin, gleich mancher an⸗ dern ihres Gepraͤges vom Geiſte der Frauenwurde ergriffen, den neuen Adam an; ihr Leichtſinn klaͤrte ſich zum leichten Sinne, der Frevelmuth zur heilſamen Kraft aus, die Schatten nahmen ab, die Lichter 170 wurden reiner und des Mannes beſpoͤttel⸗ ter Mißgriff erſchien nach Jahren, zur Ehre der bildſamen Weiblichkeit, als das Werk einer verſtaͤndigen Wahl. Der junge Langſcheid wollte zwar nach dem Empfange jenes Abſage⸗Briefes der Ungetreuen, das Leben quittiren und wie der junge Werther enden, er ſprach im Wirbel der Verſtoͤrung ſeinen Hauswirth, den Leimmacher, um Schießgewehr an, es fand ſich jedoch zum Gluͤcke in der Ruͤſt⸗ kammer des friedlichen Philiſters nur ein beſchaͤdigter Fliegenſchnepper vor. Ein vaͤ⸗ terlicher Freund fuͤhrte den Hitzkopf allmaͤ⸗ lig zur Erkenntniß und auf die ebene Bahn zuruͤck, empfahl ihn auch ſpaͤterhin unſerm Weislich, welcher eben eines Architekten bedurfte. Er hatte naͤmlich das ſogenannte gruͤne Vorwerk wieder an ſich gebracht, das Eden der goldenen Jugendzeit, unter deſſen — 171 noch immer prangenden Lebensbaͤumen die aufbluͤhende Theodore ſeine Heva ward und ließ jetzt das Wohnhaus erneuen und ver⸗ ſchoͤnen. Weilhof war verſchieden, die Trauer⸗ monde verrannen, Freund Seling weihete dort endlich das fruͤhverknuͤpfte Paar. So manchem Darbenden ward an dem Won⸗ netage Gutes, ſo manchem Siechen er⸗ quickender Freudenwein gereicht. Vor Si⸗ meons Bude traten Unbekannte, ſie beſahen das Ausgeſtopfte ſammt den Prachtſtuͤcken der Schmuckkaſten, ſie kauften faſt den ganzen Kram, bezahlten was gefodert ward und der Geſegnete ſtampfte ſo gewaltſam mit den Fuͤßen und Faͤuſten, daß das Haus der Zufriedenheit wackelte, daß die verkro⸗ chene Herzliebſte wunderſchnell auftauchte und ſich lachend wie Riſus an der Suͤßig⸗ keit des Geſchickes ergoͤtzte. 172 Auf dem Vorwerke ſprachen indeß die willkommenen Gaͤſte, Hermo und ſein Weibchen, Ewald und Nina zuz ſie brach⸗ ten unvergaͤngliche Hochzeitgeſchenke, Thraͤ⸗ nen der Dankbarkeit, innige Segnungen dar und der beliebte Langſcheid ſang uͤber Tafel als Troubadour ſein gelungenes, ruͤh⸗ rendes Feierlied zur Guitarre. Die Opfer⸗ ung entquoll dem Herzen, da er des naͤch⸗ ſten, durch dieſes Goͤnners Gunſt, der Kuͤnſtler Ziel, die Wunder der alten Roma ſehen ſollte, Einladung, zur Unterzeichnung auf: F. E. Petri, Handbuch der Fremdwörter ꝛc. 5te Aufl. zu 2 Thlr. 12 gr. oder 4 Fl. 30 Kr. Rheinl. Ladenpreis 3 Thlr. 12 gr. oder 6 Fl. 18 Kr. Rheinl. J. G. Lehmann, Lehre der Situationzeichnung. 4te Aufl. zu 9 Thlr. oder 16 Fl. 12 Kr. Rheinl. Ladenpreis 12 Thlr. oder 21 Fl. 36 Kr. Rheinl. K. A. Becker, das Aufnehmen mit dem Meß⸗ tiſche, zu 6 Thlr. oder 10 Fl. 30 Kr. Rheinl. Ladenpreis 7 Thlr. 12 gr. oder 13 Fl. 30 Kr. Rheinl. H. Cotta, Anweiſung zum Waldbau. 4te Aufl. zu 1 Thlr. 16 gr. oder 3 Fl. Rheinl. Laden⸗ preis 2 Thlr. 8 gr. oder 4 Fl. 12 Kr. Rheinl. Bei der Arnoldiſchen Buchhandlung in Dresden und Leipzig und in allen andern Buchhandlungen wird Unterzeichnung auf folgende wichtige Werke angenommen: An alle Gebildete, Maͤnner und Frauen, Juͤnglinge und Jungfrauen, denen die Ver⸗ edlung und Vereinfachung ihrer Mutter⸗ ſprache am Herzen liegt. Zu Michael d. J. wird die fünfte, rechtmä⸗ ßige und auf's neue mit mehren tauſend Wör⸗ tern bereicherte und verbeſſerte Auflage von dem gedrängten Handbuch der Fremdwörter in deutſcher Schrift⸗ und Umgangſprache, zum 3 Verſtehen und Vermeiden jener, mehr oder we⸗ niger, enthehrlichen Einmiſchungen; herausgegeben von Dr. Fr. Erdmann Petri, Kirchenrath und Profeſſor in Fulda. in zwei Theilen auf Velinpapier bei uns heraus⸗ kommen. Bis zum Erſcheinen wird darauf Unterzeich⸗ nung dergeſtalt angenommen, daß 1 Thlr. 16 gr. oder 3 Fl. Rheinl: bei Ablieferung des erſten Bandes und 20 gr. oder 1 Fl 30 Kr. Rheinl. beim zweiten Bande, mithin 2 Thlr. 12 gr. oder 4 Fl. 30 Kr. Rheinl. für 1 Exemplar bezahlt werden. Auf 6 Exemplare wird das 7te, ohne weitern Nachſchuß an Porto ꝛc. frei gegeben. Der nachherige Ladenpreis beträgt 3 Thlr. 12 gr. oder 6 Fl. 18 Kr. Rheinl., ein noch immer ſehr billiger Preis für mehr als 50 Bogen eines en⸗ gen und ſchwierigen Drucks auf feinem Papier. Die vorhergegangenen vier Auflagen werden hoffentlich die beßte Empfehlung für ein Werk ſeyn, das in allen Lebensverhältniſſen nützlich und ſehr oft ganz unentbehrlich iſt. Dresden und Leipzig, den 15. Mai 1827. Arnoldiſche Buchhandlung. — ————— — — 2