Schillers ſämmtliche Werke in zwoölf Bänden. Dritter Band. Stuttgart und Tübingen. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 1837. — Inhalt. Metriſche Ueberſetzungen. Iphigenie in Aulis. Ueberſetzt aus dem Euripides Scenen aus den Phönicierinnen des Euripides Don Carlos, Infant von Spanien. Ein dramatiſches Gedicht. ...... Metriſche Ueberſetzungen. Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 1 Iphigenie in Anlis. Ueberſetzt aus dem Euripides. Perſonen. Agamemnon. Menelaus. Achilles. Klytaͤmneſtra, Agamemnons Gemahlin. Iphigenie, Agamemnons Tochter. Ein alter Sklave Agamemnons. Ein Bote. Chor, fremde Frauen aus Chalcis, einer benachbarten Land⸗ ſchaft, die gekommen ſind, die Kriegs⸗ und Flottenruͤſtung der Griechen in Aulis zu ſehen. Die Scene iſt das griechiſche Lager in Aulis vor dem Zelte Agamemnons. Scenarium. 1) Agamemnon. Greis.— 2) Chor.— 3) Menelaus. Greis. Chor.— a) Agamemnon. Menelaus. Chor.— 5) Agamemnon. Menelaus. Bote. Chor.— 6) Agamemnon. Menelaus. Chor.— 7) Chor. — 5) Klytaͤmneſtra. Iphigenie. Oreſt. Begleiter. Chor.— 9) Agamemnon. Klytaͤmneſtra. Iphigenie. Chor.— 10) Agamemnon. Klytaͤmneſira. Chor. 11) Chor.— 12) Achilles. Chor.— 13) Klytaͤmneſtra. Achilles. Chor.— 14) Klytaͤmneſtra. Achilles. Greis. Chor.— 15) Klytaͤmneſtra. Achilles. Chor.— 46) Chor.— 47) Klytaͤmneſtra. Chor.— 18) Agamemnon. Chor. Klytaͤmneſtra.— 49) Agamemnon. Iphigenie. Klytaͤmneſira. Chor.— 20) Klytaͤmneſtra. Iphigenie. Chor. Oreſt.— 21) Klytaͤmneſtra. Iphigenie. Dreſt. Achilles. Chor.— 22) Klytaͤmneſtra. Iphigenie. Dreſt. Chor. Erſter A k t. Erſter Auftritt. Agamemnon. Der alte Sklave. Agamemnon(uft in das Zelt). Hervor aus dieſem Zelte, Greis! Sklave(indem er herauskommt). „Hier bin ich. Was ſinnſt du Neues, König Agamemnon? Agamemnon. Du wirſt es hoͤren, komm. Sklave. Ich bin bereit. Mein Alter flieht der Schlummer, und noch friſch Sind meine Augen. Agamemnon. Das Geſtirn dort oben— Wie heißt's? 6 Sklave. Du meinſt den Sirius, der naͤchſt Dem Siebenſterne der Pleiaden rollt?⸗ Noch ſchwebt er mitten in dem Himmel. Agamemnon. Auch Läßt noch kein Vogel ſich vernehmen, kein— Geräuſch des Meeres und der Winde. Stumm liegt Alles* Um den Euripus her. Sklaye. . Und doch verläſſeſt Du dein Gezelt, da überall noch Ruhe In Aulis herrſcht, und auch die Wachen ſich Nicht rühren? König Agamemnon, komm! Laß uns hineingehn! Agamemnon. Ich beneide dich, Und jeden Sterblichen beneid' ich, der Ein unbekanntes, unberühmtes Leben, Frei von Gefahren, lebt. Weit weniger Beneid' ich Den, den hohe Würden krönen. Sklave. Doch ſind es dieſe, die das Leben zieren. Agamemnon. Zweideut'ge Zier! Verraͤtheriſche Hoheit! Dem Wunſche ſüß, doch ſchmerzhaft dem Beſitzer! Jetzt iſt im Dienſt der Götter was verſehn, Das uns das Leben wüͤſte macht; jetzt iſt's Der Meinungen verhaßtes Mancherlei, 4 Die Menge, die es uns verbittert. 7 Sklaye. Von dir, o Herr, dem Hochgewaltigen, Hor' ich Das ungern. Hat denn Atreus nur Zu thraͤnenloſen Freuden dich gezeugt? O, Agamemnon! Sterblicher, wie wir, Biſt du mit Luſt und Leiden ausgeſtattet. Du magſt es anders wollen— alſo wollen es Die Himmliſchen. Schon dieſe ganze Nacht Seh' ich der Lampe Licht von dir genahrt, Den Brief, den du in Haͤnden haſt, zu ſchreiben. Du löͤſcheſt das Geſchriebne wieder aus, Jetzt ſiegelſt du den Brief, und gleich darauf Eröffneſt du ihn wieder, wirfſt die Lampe Zu Boden, und aus deinen Augen bricht Ein Thraͤnenſtrom. Wie wenig fehlt, daß dich Nicht Herzensangſt der Sinne gar beraubt! Was drückt dich, Herr? O, ſage mir's! Was iſt So Außerordentliches dir begegnet? Komm, ſage mir's. Du ſagſt es einem guten, Getreuen Mann, den Tyndar deiner Gattin Im Heirathsgut mit ubermacht, den er Der Braut zum ſichern Waͤchter mitgegeben. Agamemnon. Drei Jungfraun hat die Tochter Theſtius Dem Tyndarus geboren. Phöbe hieß Die alteſte, die zweite Klytämneſtra, Mein Weib, die jungſte Helena. Es warben Um Helenas Beſitz mit reichen Schaͤtzen Die Fuͤrſten Griechenlands, und blut'ger Zwiſt War von dem Heere der verſchmaͤhten Freier Dem Glücklichen gedroht. Lang zanderte, 8 Dies fürchtend, bang und ungewiß, der König, I Den Ehgemahl der Tochter zu entſcheiden. Dies Mittel ſinnt er endlich aus: Es müſſen Die Freier ſich mit hohen Schwüren binden, Trankopfer gießen auf den flammenden Altar und freundlich ſich die Rechte bieten. Ein fürchterlich Gelübd' entreißt er ihnen, Das Recht des Glücklichen— ſey auch, wer wolle, Der Glückliche— einträchtig zu beſchützen, Krieg und Verheerung in die beſte Stadt Des Griechen oder des Barbaren, der Von Haus und Bette die Gemahlin ihm Gewaltſam rauben würde, zu verbreiten. Als nun gegeben war der Schwur, durch ihn Der Freier Sinn mit ſchlaner Kunſt gebunden, Verſtattet Tyndarus der Jungfrau, ſelbſt Den Gatten ſich zu wahlen, dem der Liebe Gelinder Hauch das Herz entgegen neigte.— Sie wählt— o haäͤtte nie und nimmermehr* So die Verderbliche gewählt!— ſie wäͤhlt Den blonden Menelaus zum Gemahle. Nicht lang, ſo läßt in Lacedämons Mauern, In reichem Kleiderſtaate blühend, blitzend Von Gold, im ganzen Prunke der Barbaren, Der junge Phrygier ſich ſehen, der, Wie das Gerücht verbreitet, zwiſchen drei Göttinnen einſt der Schöne Preis entſchieden, Gibt Liebe und empfängt und flüchtet nach Des Ida fernen Triften die Geraubte. Es ruft der Zorn des Schwerbeleidigten Der Fürſten alte Schwüre jetzt heraus. 9 Zum Streite ſtuͤrzt ganz Griechenland. In Aulis Verſammelt ſich mit Schiffen, Roſſen, Wagen Und Schilden ſchnell ein fürchterlicher Mars. Mich, des Erzuͤrnten Bruder, wäͤhlen ſie Zu ihrem Oberhaupt. Unſel'ges Scepter, Waͤrſt du in andre Hände doch gefallen! Nun liegt das ganze aufgebotne Heer, Weil ihm die Winde widerſtreben, müßig In Aulis Engen. Unter fürchterlichen Beaͤngſtigungen bringt der Seher Kalchas Den Götterſpruch hervor, daß, wenn die Winde Sich drehn, und Trojas Thürme fallen ſollen, Auf Artemis Altar, der Schützerin Von Aulis, meine Iphigenia, mein Kind, Als Opfer bluten müſſe; blutete Sie nicht, dann weder Fahrt, noch Sieg. Sogleich Erhält Thalthybius von mir Befehl, Mit lautem Heroldsruf das ganze Heer Der Griechen abzudanken. Nimmermehr Will ich zur Schlachtbank meine Tochter führen. Durch ſeiner Gründe Kraft, und Erd' und Himmel Bewegend, reißt der Bruder endlich doch Mich hin, das Graͤßliche geſchehn zu laſſen. Nun ſchreib' ich an die Königin, gebiet' Ihr, ungeſäumt, zur Hochzeit mit Achill, Die Tochter mir nach Aulis herzuſenden. Hoch rühm' ich ihr des Bräutigams Verdienſt; Sie raſcher anzutreiben, ſetz' ich noch Hinzu, es weigre ſich Achill, mit uns Nach Ilion zu ziehn, bevor er ſie Als Gattin in ſein Phthia heimgeſendet. 10 In dieſer falſchlich vorgegebnen Hochzeit Hab' ich des Kindes Opferung der Mutter Verhüllet. Außer Menelaus, Kalchas Und mir weiß nur Ulyß um das Geheimniß. Doch, was ich damals ſchlimm gemacht, mach' ich In dieſem Briefe wieder gut, den du Im Dunkel dieſer Nacht mich öffnen und Verſiegeln haſt geſehen— Nimm, und gleich Damit nach Argos!— Halt— der Königin Und meinem Hauſe, weiß ich, warſt du ſtets Mitt Treu' und Redlichkeit ergeben. Was Verborgen iſt in dieſes Briefes Falten, Will ich mit Worten dir zu wiſſen thun. 3(Er liest.) „Geborene der Leda, meinem erſten „Send' ich dies zweite Schreiben nach“— (Er haͤlt inne.) Sklaye. 3 Lies weiter! Verbirg mir ja nichts, Herr, daß meine Worte Mit dem Geſchriebenen gleich lauten. Agamemnon(faͤhrt ſort zu leſen). „Sende „Die Tochter nicht zum wogenſichern Aulis, „Euboͤas Buſen. Die Vermahlung bleibt „Gelegeneren Tagen aufgehoben.“ Sklaue. Und glaubſt du, daß der heftige Achill, Dem du die Gattin wieder nimmſt, nicht gegen Die Koͤnigin und dich in wilder Wuth 11 Ergrimmen werde?— Herr, von daher droht Gefahr— ſag' an, was haſt du hier beſchloſſen? Agamemnon. Unwiſſend leiht Achill mir ſeinen Namen; Verborgen, wie der Götterſpruch, iſt ihm Die vorgegebne Hochzeit. Ihm alſo Raubt dieſes Opfer keine Braut. Sklaye. O König! Ein grauſenvolles Unternehmen iſt's, In das du dich verſtricket haſt. Du lockeſt Die Tochter, als des Göttinſohnes Braut, Ins Lager her, und deine Abſicht war, Den Danagern ein Opfer zuzufuhren. Agamemnon. Ach, meine Sinne haben mich verlaſſen!— Götter! Verſunken bin ich in des Jammers Tiefen. Doch eile, lauf! Nur jetzt vergiß den Greis. Sklave. Herr, fliegen will ich. Agamemnon. Laß nicht Müdigkeit, Nicht Schlaf an eines Baches Ufer, nicht Im Schatten der Gehölze dich verweilen! Sklave. Denk' beſſer von mir, König! Agamemnon. Gib beſonders Wohl Acht, wo ſich die Straßen ſcheiden, ob Nicht etwa ſchon voraus iſt zu den Schiffen 12 Der Wagen, der ſie bringen ſoll. Es iſt Gar etwas Schnelles, wie die Raäder laufen. Sklave. Sey meiner Wachſamkeit gewiß. Agamemnon. Ich halte Dich nun nicht langer. Eil' aus dieſen Graänzen— Und— hoͤrſt du— trifft ſich's, daß dir unterwegs Der Wagen aufſtoͤßt, o, ſo drehe du,“ Du ſelbſt, die Roſſe rückwarts nach Mycene. (Es iſt indeſſen Tag geworden.) Sklave. Wie aber— ſprich— wie find' ich Glauben bei Der Jungfrau und der Königin? Agamemnon. Nimm nur Das Siegel n wohl in Acht auf dieſem Briefe. Hinweg! Schon färbt die lichte Morgenröthe Den Himmel weiß, und flammenwerfend ſteigen Der Sonne Räder ſchon herauf— Geh', nimm Die Laſt von meiner Seele! (Stlave geht ab.) Ach, daß keiner Der Sterblichen ſich ſelig nenne, keiner Sich glücklich bis ans Ende!— Leidenfrei Ward keiner noch geboren! (Er geht ab.) 13 Bwiſchenhandlung. Chor(tritt auf). Aus Chalcis, meiner Heimat, bin ich gezogen, Die mit meerantreibenden Wogen Die ruhmreiche Arethuſa benetzt. Ueber den Euripius hab' ich geſetzt, Der Griechen herrliche Schaaren zu ſehen, Und die Schiffe am lebendigen Strand, Die ſo raſch und gelehrig ſich drehen Unter dieſer Halbgötter Hand. In der Trojer fernes Land Folgen ſie, wie ich daheim erfahren, Aggmemnons fürſtlichem Haupt Und dem Bruder mit den blonden Haaren, Heimzuführen, die der Phrygier geraubt, Helena vom Ufer der Barbaren. Von des Eurotas ſchilfreichem Strand Führte ſie Paris in Priamus Land, Paris, dem am thauenden Bach, Ringend mit der göttlichen Athene Und mit Heren um den Preis der Schöne, Cypria das ſchöne Weib verſprach. Antiſtrophe. Ich bin durch die heiligen Haine gegangen, Wo ſie Dianen mit Opfern erfreun; Junge Glut auf den ſchamhaften Wangen, Miſcht' ich mich in die kriegriſchen Reihn, 14 An des Lagers eiſernen Schätzen, An der Schilde furchtbarer Wehr' Meinen bewundernden Blick zu ergöͤtzen, An der Roſſe ſtreitbarem Heer. 3 Erſt ſah ich die tapfern Zeltgenoſſen, Der Ajaxe Heldenpaar, vereint Mit Proteſilas, dem Freund, Auf den Sitzen friedlich hingegoſſen; Des Oileus Sohn, und dich— die Krone Salamis— furchtbarer Telamone! An des Würfels wechſelndem Glück Labte ſich der Helden Blick. Gleich nach Dieſen ſah ich Diomeden, Ares tapfern Sprößling, Merion, Und Poſeidons Enkel, Palameden, Und Laertes liſtenreichen Sohn, Seiner Felſen⸗Ithaka entſtiegen, Nireus dann, den Schoöͤnſten aus dem Zug, An des Diſkus mannigfachem Flug Luſtig ſich vergnügen. Epode. Auch der Thetis Sohn hab' ich geſehen, Den der weiſe Chiron auferzog, Raſchen Laufes, wie der Winde Wehen, Mit Erſtaunen hab' ich's angeſehen, Wie er flüchtig längs dem Ufer flog, Schwergeharniſcht mit geſchwinden Sohlen Eines Wagens Flug zu überholen, Den die Schnelle von vier Roſſen zog. 15 Uebergoldet waren ihre Zügel, Bunte Schenkel, gelbes Maͤhnenhaar Schmückten das Geſpann auf jedem Flügel; Weißgeflecket war das Deichſelpaar. Mit dem Stachel und mit lautem Rufen Trieb die Renner Pheraͤs König an, Aber immer dicht an ihren Hufen Ging des waffenſchweren Laͤufers Bahn. Zweite Strophe. Jetzt ſah ich— ein Schauſpiel zum Entzücken! Ihrer Wimpel zahlenloſes Wehn; Nein, kein Mund vermag es auszudrücken, Was mein weiblich Auge hier geſehn. Fünfzig Schiffe tapfrer Myrmidonen— Zeus glorreicher Enkel führt ſie an— Zieren rechts der Flotte ſchönen Plan. Auf erhabenem Verdecke thronen, Zeichen des unſterblichen Peliden, Goldne Nereiden. Zweite Antiſtrophe. Fuͤnfzig Schiffe zaͤhlt' ich, die, regieret Von Kapaneus und Meciſtens Sohn, Der Argiver Mars herangeführet. Sechzig führt zum Streit nach Ilion Theſeus Sohn von der Athener Küſte— Pallas mit geflügeltem Geſpann Iſt ihr Zeichen, auf der Waſſerwuſte Eine Helferin dem Steuermann! 16 Dritte Strophe. Der Böoten fünfzig Schiffe kamen, Kenntlich an des Stifters Schlangenbild. König Leitus, aus der Erde Samen, Bringt ſie aus dem phociſchen Gefild. Fünfzig Schiffe fuͤhrte der Oilide,* Ajax, aus der Lokrier Gebiete. 4 Dritte Antiſtrophe. Von Mycene kam mit hundert Maſten* Agamemnon, Atreus Sohn, 6. 3 Seinen Scepter theilend mit Adraſten, Dem Gewaltigen von Sicyon. Treu und dienſtlich ſeines Freundes Harme, Folgt' auch er der Griechen Heldenzug, Heimzuholen, die in Raubers Arme Des geflohnen Hymens Freuden trug. Neſtors Flotte hab' ich jetzt begrüßet; Alpheus ſchönen Stromgott ſieht man hier, Der die Heimat nachbarlich umfließet, Oben Menſch und unten Stier. Dritte Epode. Mit zwoͤlf Schiffen ſchließt an die Achäͤer Guneus, Fürſt der Enier, ſich an. Elis Herrſcher folgen, die Epeer, Des Eurytus Scepter unterthan. Von den Echinaden, wo zu wagen Keine Landung, führt der Taphen Macht, Die das Meer mit weißen Rudern ſchlagen,. Meges, Sohn des Phyleus, in die Schlacht. 8 —— — — 17 Beide Flüͤgel bindend, ſchließt der Telamone, Den die ſtolze Salamis gebar, Mit zwoͤlf Schiffen— dieſes Zuges Krone. So erfragt' ich's, und ſo nahm ich's wahr. Dieſes Volk, im Ruderſchlag erfahren, Mit Verwundrung hab' ich's nun erblickt. Weh dem kühnen Fahrzeug der Barbaren, Das die Parze ihm entgegenſchickt! In die Bucht der väterlichen Laren Hoffe keines freudig einzufahren! Auch das Schlachtgeraäthe und der Schiffe Menge (Pieles wußt' ich ſchon) hab' ich geſehn, Die Erinnerung an dieſe Dinge, Nimmer, nimmer wird ſie mir vergehn. Schillers ſämmtl Werke. III. Zweiter Akt. Erſter Auftritt. Menelaus. Der alte Sklave(kommen in heftigem Wortwechſel. Sklaye. Das iſt Gewalt! Gewalt iſt Das, Du wageſt. Was du nicht wagen ſollſt, Atride! 4ℳ Menelaus. Geh'!. Das heißt zu treu an ſeinem Herrn gehandelt. Sklave. Ein Vorwurf, der mir Ehre bringt. Menelaus. Du ſollſt Mir heulen, Alter, thuſt du deine Pflicht Nicht beſſer. 8 Sklave. Du haſt keine Briefe zu Erbrechen, die ich trage. Menelaus. Du haſt keine Zu tragen, die ganz Griechenland verderben. 19 Shlaye. Das mache du mit Andern aus. Mir gib Den Brief zurücke. — Menelaus. Nimmermehr. Shklaye. Ich laſſe Nicht eher ab— Menelaus. Nicht weiter, wenn dein Kopf Nicht unter meinem Scepter bluten ſoll. Sklave. Mag's! Es iſt ehrenvoll, für ſeinen Herrn Zu ſterben. Menelaus. Her den Brief! Dem Sklaven ziemen So viele Worte nicht. (Er entreißt ihm den Brief.) Sklayve K(rufend). O mein Gebieter! Gewalt, Gewalt geſchieht uns, Agamemnon! Gewaltſam reißt er deinen Brief mir aus Den Häanden. Menelaus will die Stimme Der Billigkeit nicht hören und entreißt Mir deinen Brief! 20 Zweiter Auftritt. gamemnon zu den VPorigen. Agamemnon. Wer lärmt ſo vor den Thoren? Was für ein unanſtaͤndig Schrein? 6 V Sklape. Nicht Dieſen mußt du hören.* Tuie Herr, Agamemnon(zu Menelaus). Nun, was ſchiltſt Du dieſen Mann und zerrſt ihn ſo gewaltſam Herum? Menelaus. Erſt ſieh' mir ins Geſicht; antworten Werd' ich nachher. Agamemnon. V Ich— ein Sohn Atreus— ſoll Etwa die Augen vor dir niederſchlagen? Menelaus. Siehſt du dies Blatt, das ein verdammliches Geheimniß birgt? Agamemnon. Gib es zurück, dann ſprich! Nicht eher, bis das ganze Heer erfahren, Wovon es handelt. * Es muß angenommen werden, daß der Sklave ſich hier zuruͤckzleht oder auch ganz entfernt. Menelaus. 21 Agamemnon. Was? du unterfingſt dich, Das Siegel zu erbrechen? zu erfahren, Was nicht beſtimmt war, dir bekannt zu werden? Menelaus. Und, dich noch ſchmerzlicher zu kraͤnken, ſieh', Da deckt' ich Räͤnke auf, die du im Stillen Verübteſt. Agamemnon. Eine Frechheit ohne Gleichen! Wo— o ihr Götter!— wo kam dieſer Brief In deine Haͤnde? Menelaus. Wo ich deine Tochter Von Argos endlich kommen ſehen wollte. Agamemnon. Wer hat zu meinem Hüter dich beſtellt? Iſt das nicht frech? Menelaus. Ich übernahm es, weil's Mir ſo gefiel, denn deiner Knechte bin Ich keiner. Agamemnon. Unerhörte Dreiſtigkeit! Bin ich nicht Herr mehr meines Hauſes? Menelaus. Höre, Sohn Atreus! Feſten Sinnes biſt du nicht! Heut' willſt du Dieſes, geſtern war es Jenes, Und etwas Andres iſt es morgen. 22 Agamemnon. Scharfklug, Das biſt du! Unter vielen ſchlimmen Dingen iſt Das ſchlimmſte eine ſcharfe Zunge. Menelaus. 3 Ein ſchlimmres iſt ein wankelmüth'ger Sinn: Denn der iſt ungerecht und undurchſchaulich Den Freunden. Den Beweis will ich gleich führen. Laß nicht, weil jetzt der Zorn dich übermeiſtert, Die Wahrheit dir zuwider ſeyn. Groß Lob Erwarte nicht. Iſt jene Zeit dir noch Erinnerlich, da du der Griechen Fuhrer In den Trojanerkrieg zu heißen brannteſt? Sehr ernſtlich wünſchteſt du, was du in ſchlauer Gleichgültigkeit zu bergen dich bemühteſt. Wie demuthsvoll, wie kleinlaut warſt du da! Wie wurden alle Hände da gedruͤcket! Da hatte, wer es nur verlangte, wer's Auch nicht verlangte, freien Zugang, freies Und offnes Ohr bei Atreus Sohn! Da ſtanden Geöffnet allen Griechen deine Thore. So kaufteſt du mit ſchmeichleriſchem Weſen Den hohen Rang, zu dem man dich erhoben. Was war dein Dank? Des Wunſches kaum gewaͤhrt, Sieht man dich plötzlich dein Betragen aͤndern. Der Freunde wird nicht mehr gedacht; ſchwer halt's, Nur vor dein Angeſicht zu kommen; ſelten Erblickt man dich vor deines Hauſes Thoren. Die alte Denkart tauſcht kein Ehrenmann Auf einem höhern Poſten. Mehr als je, 23 Hebt ihn das Glück, denkt ſeiner alten Freunde Der Ehrenmann, denn nun erſt kann er ihnen Vergangne Dienſte kräftiglich vergelten. Sieh', damit fingſt du's an! Das war's, was mich Zuerſt von dir verdroß! Du kommſt nach Aulis, Das Heer der Danger mit dir. Der Zorn Der Himmliſchen verweigert uns die Winde. Gleich biſt du weg. Der Streich ſchlaͤgt dich zu Boden. Es dringt in dich der Griechen Ungeduld, Der Schiffe müß'ge Laſt zuruͤckgeſandt, In Aulis länger unnütz nicht zu raſten. Wie klaͤglich ſtand es da um deine Feldherrnſchaft! Was fuͤr ein Leiden, keine tauſend Schiffe Mehr zu befehligen, auf Trojas Feldern Nicht mehr der Griechen Schaaren auszubreiten! Da kam man zu dem Bruder.„Was zu thun? Wo Mittel finden, daß die ſüße Herrſchaft Und die erworbne Herrlichkeit mir bleibe?“ Es kündigt eine günſt'ge Fahrt den Schiffen Der Seher Kalchas aus dem Opfer au, Wenn du dein Kind Diauen ſchlachteteſt. Wie fiel dir ploͤtzlich da die Laſt vom Herzen! 2 Gleich, gleich biſt du's zufrieden, ſie zu geben. Aus freiem Antrieb, ohne Zwang(daß man Dich zwang, kannſt du nicht ſagen) ſendeſt du Der Koͤnigin Befehl, dir ungeſäumt Zum hochzeitlichen Band mit Peleus Sohn (So gabſt du vor) die Tochter herzuſenden. Nun haſt du plötzlich eines Andern dich Beſonnen, ſendeſt heimlich widerſprechenden Befehl nach Argos: nun und nimmermehr 24 Willſt du zum Mörder werden an dem Kinde. Doch iſt die Luft, die jetzo dich umgibt, Die näamliche, die deinen erſten Schwur Vernommen. Doch ſo treiben es die Menſchen! Zu hohen Würden ſieht man Tauſende Aus freier Wahl ſich draͤngen, in vermeſſ'nen Entwuͤrfen ſchwindelnd ſich verſteigen; doch Bald legt den Wahn des Haufens Flatterſinn, Und ihres Unvermögens ſtiller Wink Bringt ſchimpflich ſie zum Widerruf. Nur um Die Griechen thut mir's leid; voll Hoffnung ſchon, Vor Troja hohen Heldenruhm zu ernten, Jetzt deinetwegen, deiner Tochter wegen, Das Hohngelächter niedriger Barbaren! Nein! eines Heeres Führung, eines Staates Verwaltung ſollte Reichthum nie vergeben; Kopf macht den Herrn. Es ſey der Erſte, Beſte Der Einſichtsvolle! Er ſoll König ſeyn! 3 Chor. Zu was fuͤr ſchrecklichen Gezaͤnken kommt's, Wenn Streit und Zwiſt entbrennet zwiſchen Brüdern! Agamemnon. Die Reih' iſt nun an mir, dich anzuklagen. Mit kürzern Worten will ich's thun— ich will's Mit ſanftern Worten thun, als du dem Bruder Zu hören gabſt. Vergeſſen darf ſich nur Der ſchlechte Menſch, der kein Erröthen kennt. Sag' an, was für ein Dämon ſpricht aus deinem Entflammten Aug'? Was tobeſt du? Wer that Dir wehe? Wornach ſteht dein Sinn? Die Freuden 25 Des Ehebettes wuͤnſcheſt du zurücke? Bin ich's, der dir ſie geben kann? Iſt's recht, Wenn du die Heimgeführte ſchlecht bewahrteſt, Daß ich Unſchuldiger es büßen ſoll? Mein Ehrgeiz bringt dich auf?— Wie aber nennſt Du das, Vernunft und Billigkeit verhöhnen, Um eine ſchöne Frau im Arm zu haben? O wahrlich! eines ſchlechten Mannes Freuden Sind Freuden, die ihm ähnlich ſehn! Weil ich Ein raſches Wort nach beſſ'rer Ueberlegung Zurücknahm, bin ich darum gleich raſend? Iſt's Einer, wer iſt's mehr, als du, der, wieder Zu haben die Abſcheuliche, die ihm Ein gnaͤd'ger Gott genommen, keine Mühe Zu groß und keinen Preis zu theuer achtet? Um deinetwillen, meinſt du, haben Tyndarn Durch tollen Schwur die Fürſten ſich verpflichtet? Der Hoffnung ſüße Göttin riß, wie dich, Die Liebestrunkenen dahin. So führe „Sie denn zum Krieg nach Troja, dieſe Helfer! Es kommt ein Tag, ſchon ſeh' ich ihn, wo euch Des nichtigen, gewaltſam ausgepreßten Geluͤbdes ſchwer gereuen wird. Ich werde Nicht Mörder ſeyn an meinen eignen Kindern. Tritt immerhin, wie deine Leidenſchaft es heiſcht, Gerechtigkeit und Billigkeit mit Füßen, Der Racher einer Elenden zu ſeyn. Doch mit verruchten Mörderhänden gegen Mein theures Kind, mein eigen Blut zu raſen— Abſcheulich! Nein! Das würde Nacht und Tag In heißen Thraͤnenfluthen mich verzehren. — — — 26 Hier meine Meinung, kurz und klar und faßlich: Wenn du Vernunft nicht hören willſt, ſo werd' Ich meine Rechte wiſſen zu bewahren. Chor. Ganz von dem Jetzigen verſchieden klang, Was Agamemnon ehedem verheißen. Doch welcher Billige verargt es ihm, Möcht' er des eignen Blutes gerne ſchonen? Menelaus. So bin ich denn— ich unglückſel'ger Mann!— Um alle meine Freunde! Agamemnon. Fordre nicht Der Freunde Untergang— ſo werden ſie Bereit ſeyn, dir zu dienen. Menelaus. Und woran Erkenn' ich, daß ein Vater uns gezeuget? Agamemuon. In Allem, was du Weiſes mit mir theileſt, In deinen Raſereien nicht. Menelaus. Es macht Der Freund des Freundes Kummer zu dem ſeinen. Agamemnon. Dring' in mich, wenn du Liebes mir erweiſeſt, Nicht, wenn du Jammer auf mich häufſt. Menelaus. Du könnteſt Doch der Achiver wegen etwas leiden! 27 Agamemnon. In den Achivern raſet, wie in dir, Ein ſchwarzer Gott. Menelaus. Auf deinen König ſtolz, Verräthſt du, Untheilnehmender, den Bruder, Wohlan! ſo muß ich andre Mittel ſuchen Und andre Freunde für mich wirken laſſen. Dritter Auftritt. Ein Vote zu den Vorigen. Bote. Ich bringe ſie— o König aller Griechen! Ich bringe, Hochbeglückter, dir die Tochter, Die Tochter Iphigenia. Es folgt Die Mutter mit dem kleinen Sohn; gleich wirſt du Den langentbehrten lieben Anblick haben. Jetzt haben ſie, vom weiten Weg erſchoͤpft, Am klaren Bach ausruhend, ſich gelagert; Auf naher Wieſe grast das losgebundene Geſpann. Ich bin vorausgeſchritten, daß Du zum Empfange dich bereiten moͤchteſt; Denn ſchon im ganzen Lager iſt's bekannt, Sie ſey's!— Kann deine Lochter ſtill erſcheinen? Zu ganzen Schaaren drängt man ſich herbei, Dein Kind zu ſeyn— Es ſind der Menſchen Augen Mit Ehrfurcht auf die Glücklichen gerichtet. 28 Was fuüͤr ein Hymen, fragt man dort und hier, Was fuͤr ein andres Feſt wird hier bereitet? Nief König Agamemnon, nach derlang' Abweſenden Umarmungen verlangend, Die Tochter in das Lager? Ganz gewiß, Verſetzt ein Anderer, geſchieht's, der Goͤttin Von Aulis die Verlobte vorzuſtellen. Wer mag der Braͤutigam wohl ſeyn?— Doch eilt, Zum Opfer die Gefäſſe zu bereiten! Bekränzt mit Blumen euer Haupt! (Zu Menelaus.) Du ordne Des Feſtes Freuden an! Es halle von Der Saiten Klang und von der Füße Schlag Der ganze Palaſt wieder. Siehe da, Für Iphigenien ein Tag der Freude! Agamemnon(zum Boten). Laß es genug ſeyn! Geh'! Das Uebrige Sey in des Gluͤckes gute Hand gegeben. Vierter Auftritt. Agamemnon. Menelaus. Char. Agamemnon. Unglücklichſter, was nun?— Wen— wen bejammer“ ich Zuerſt? Ach, bei mir ſelbſt muß ich beginnen! In welche Schlingen hat das Schickſal mich Verſtrickt— ein Dämon, liſtiger als ich, Vernichtet alle meine Künſte. Auch 29 Nicht einmal weinen darf ich. Sel'ges Los Der Niedrigkeit, die ſich des ſüßen Rechtes Der Thranen freuet und der lauten Klage! Ach, Das wird unſer Einem nie! Uns hat Das Volk zu ſeinen Sklaven groß gemacht. Es iſt unköniglich, zu weinen— ach, Und hier nicht weinen, iſt unväterlich! Wie vor die Mutter treten? Was ihr ſagen? Wie ihr ins Auge ſehen?— Mußte ſie, Mein Elend zu vollenden, ungeladen Die Tochter hergeleiten?— Doch wer nimmt's Der Mutter, das geliebte Kind der ſüßen Vermählung zuzuführen?— Nur zu ſehr, Treuloſer! hat ſie dir gedient, da ſie, Was ſie auf Erden Theures hat, dir liefert! Und ſie, die unglückſel'ge Jungfrau— Jungfrau? Ach nein, nein! bald wird Hades ſie umfangen. Erbarmungswürdige! Da liegt ſie mir Zu Füßen—„Vater! morden willſt du mich? Iſt das die Hochzeit, die du mir bereitet? So gebe Zeus, daß du und Alles, was Du Theures haſt, nie eine beſſ're feire!“, Oreſt, der Knabe, ſteht dabei und jammert Unſchuldig mit, unwiſſend, was er weinet, Ach, von dem Vater nur zu gut verſtanden! O Paris! Paris! Paris! welchen Jammer Hat deine Hochzeit auf mein Haupt geladen! Chor. Es jammert mich der unglücksvolle Fürſt. So ſehr ich Fremdling bin, ſein Leiden geht mir nahe. 30 Menelaus. Mein Bruder! Laß mich deine Hand ergreifen! Agamemnon. Da haſt du ſie. Du biſt der Hochbeglückte, Ich der Geſchlagene. Menelaus. Bei Pelops, deinem Und meinem Ahnherrn, Bruder, und bei deinem Und meinem Vater Atreus ſey's geſchworen! Ich rede wahr und ohne Winkelzug Mit dir, gerad' und offen, wie ich's meine. Wie dir die Augen ſo von Thraͤnen floſſen, Da, Bruder— ſieh', ich will dir's nur geſtehn— Da ward mein innres Mark bewegt, da konnt' ich Mich ſelbſt der Thränen länger nicht erwehren. Ich nehme, was ich vorhin ſprach, zurück. Ich will nicht grauſam an dir handeln. Nein, Ich denke nunmehr ganz wie du. Ermorde Die Tochter nicht, ich ſelber rath' es dir. Mein Glück geh' deinem Glück nicht vor. Waͤr's billig, Daß mir's nach Wunſche ginge, wenn du leideſt? Daß deine Kinder ſtärben, wenn die meinen Des Lichts ſich freun? Um was iſt mir's denn auch Zu thun? Laß ſehn! Um eine Ehgenoſſin? Und find' ich die nicht aller Orten, wie's Mein Herz gelüſtet? Einen Bruder ſoll ich Verlieren, um Heleuen heimzuholen? Das hieße Gutes ja für Boͤſes tauſchen! Ein Thor, ein heißer Junglingskopf war ich Vorhin; jetzt, da ich's reifer uͤberdenke, 31 Jetzt fühl ich, was Das heißt— ſein Kind erwürgen! Die Tochter meines Bruders am Altar Um meiner Heirath willen hingeſchlachtet— Nein, Das erbarmt mich, wenn ich nur dran denke! Was hat dein Kind mit dieſer Helena Zu ſchaffen? Die Armee der Griechen mag Nach Hauſe gehn. Drum, lieber Bruder, höre Doch auf, in Thränen dich zu baden und Auch mir die Thranen in das Aug' zu treiben. Will ein Orakel an dein Kind— das hat Mit mir nichts mehr zu ſchaffen. Meinen Antheil Erlaſſ' ich dir. Es ſiegt die Bruderliebe. Entſag' ich einem grauſamen Begehren, Was hab' ich mehr als meine Pflicht gethan? Ein guter Mann wird ſtets das Beſſ're wählen. Chor. Das nenn' ich brav gedacht und ſchön— und wie Man denken ſoll in Tantalus Geſchlechte! Du zeigſt dich deiner Ahnherrn werth, Atride. Agamemnon. Jetzt redeſt du, wie einem Bruder ziemt. Du überraſcheſt mich. Ich muß dich loben. Menelaus. Lieb' und Gewinnſucht möͤgen oft genug Die Eintracht ſtören zwiſchen Brüdern. Mich Hat's jederzeit empört, wenn Blutsverwandte Das Leben wechſelſeitig ſich verbittern. Agamemnon. Wahr! Doch, ach! dies wendet die entſetzliche 3² Nothwendigkeit nicht ab. Ich muß, ich muß Die Haͤnde tauchen in ihr Blut. Menelaus. Du mußt? Wer kann dich noͤthigen, dein eigen Kind Zu morden? Agamemnon. Die verſammelte Armee Der Griechen kann es. 3 Menelaus. Nimmermehr, wenn du Nach Argos ſie zurücke ſendeſt. Agamemnon. Laß Auch ſeyn, daß mir's von dieſer Seite glückte, Das Heer zu hintergehn— von einer andern— Menelaus. Von welcher andern? Allzuſehr muß man Den großen Haufen auch nicht fürchten. Agamemnon. Bald Wird er von Kalchas das Orakel horen. Menelaus. Laß dein Geheimniß mit dem Prieſter ſterben! Nichts iſt ja leichter. Agamemnon. Eine ehrbegier'ge und ſchlimme Menſchenart ſind dieſe Prieſter. Menelaus. Nichts ſind ſie, und zu nichts ſind ſie vorhanden. 33 Agamemnon. Und— eben faͤllt mir's ein— was wir am meiſten Zu fuͤrchten haben— davon ſchweigſt du ganz. Menelaus. Entdecke mir's, ſo weiß ich's. Agamemnon. „Da iſt ein Gewiſſer Sohn des Siſyphus— der weiß Schon um die Sache. Menelaus. Der kann uns nicht ſchaden! Agamemnon. Du kennſt ſein liſtig überredend Weſen Und ſeinen Einfluß auf das Volk. Menelaus. Und, was Noch mehr iſt, ſeinen Ehrgeiz ohne Graͤnzen. Agamemnon. Nun denke dir Ulyſſen, wie er laut Vor allen Griechen das Orakel offenbart, Das Kalchas uns verkündigt, offenbart, Wie ich der Göttin meine Tochter erſt Verſprach und jetzt mein Wort zurückenehme. Durch maͤcht'ge Rede reißt der Planderer Das ganze Lager wüthend fort, erſt mich, Dann dich und dann die Jungfrau zu erwürgen. Laß auch nach Argos mich entkommen— mit Vereinten Schaaren fallen ſie auf mich, Zerſtören feindlich die Cyklopenſtadt Und machen meinem Reiche dort ein Ende. Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 3 34 Du weißt mein Elend— Götter, wozu bringt Ihr mich in dieſem fürchterlichen Drange! Den einz'gen Dienſt noch, lieber Menelaus, Erweiſe mir— gehſt du durchs Lager, ſuche Ja zu verhüten, daß der Mutter nicht Kund werde, was hier vorgehn ſoll, bevor Der Erebus ſein Opfer hat— ſo bin ich Doch mit der kleinſten Thranenſumme elend. (Zum Chor.) Ihr aber, fremde Fraun— Verſchwiegenheit! (Agamemnon und Menelaus gehen.) Bweite Zwiſchenhandlung. Chor. Strophe. Selig, ſelig ſey mir geprieſen, Dem an Hymens ſchamhafter Bruſt In gemäßigter Luſt Sanft die Tage verfließen! Wilde, wüthende Triebe Weckt der reizende Gott. Zweierlei Pfeile der Liebe Führt der goldlockige Gott. Jener bringt ſelige Freuden, Dieſer mordet das Glück. Reizende Göttin, den zweiten Wehre vom Herzen zurück! 35 Sparſame Reize verleih' mir, Dione, Keuſche Umarmungen, heiligen Kuß, Deiner Freuden beſcheidnen Genuß! Goͤttin, mit deinem Wahnſinn verſchone! Gegenſtrophe. Verſchieden iſt der Sterblichen Beſtreben, Und ihre Sitten mancherlei; Doch eine That wird ewig leben, Genug, daß ſie vortrefflich ſey. Zucht und Belehrung lenkt der Jugend Bildſame Herzen früh zur Tugend. Wenn Scham und Weisheit ſich vereinen, Sieht man die Grazien erſcheinen Und Sittlichkeit, die fein entſcheidet, Was ehrbar iſt und edel kleidet— Das gibt den hohen Ruhm des Weiſen, Der nimmer altert mit den Greiſen. Groß iſt's, der Tugend nachzuſtreben: Das Weib dient ihr im ſtillen Leben Und in der Liebe ſanftem Schoß; Doch in des Mannes Thaten malen Sich prangend ihre tauſend Strahlen, Da macht ſie Städt' und Länder groß. 3 Epode. O Paris! Paris! wäreſt du geblieben, Wo du das Licht zuerſt geſehn, Wo du die Heerde ſtill getrieben, Auf Idas triftenreichen Höhn! 36 Dort ließeſt du auf gruͤnen Raſen Die ſilberweißen Rinder graſen Und buhlteſt auf dem phryg'ſchen Kiele Mit dem Olymp im Flötenſpiele Und ſangeſt dein barbariſch Lied. Dort war's, wo zwiſchen drei Göttinnen Dein richterlicher Spruch entſchied, Ach! der nach Hellas dich geführet Und in den glänzenden Palaſt, Mit prächt'gem Elfenbein gezieret, Den du mit Raub entweihet haſt. Helenens Auge kam dir da entgegen, Und liebewund zog ſie's zurück. Helenen kam dein Blick entgegen, Und liebetrunken zogſt du ihn zurüuͤck. Da erwachte die Zwietracht, die Zwietracht entbrannte Und führte der Griechen verſammeltes Heer, Bewaffnet mit dem tödtenden Speer, In Schiffen heran gegen Priamus Lande. 37 Dritter A kt. Erſter Auftritt. Chor. (Man ſeht von weitem Klytaͤmneſtren und ihre Tochter noch im Wagen, nebſt einem Geſolge von Frauen.) Wie das Glück doch den Maſchtigen lachet! Auf Iphigenien werfet den Blick, Auf Klytämneſtren, die Koͤniglichgroße, Tyndars Tochter!— Wie herrlich geboren! Wie umleuchtet vom lieblichen Glück! Ha, dieſe Reichen— wie göttliche Weſen Stehn ſie vor armer Sterblichen Blick! Stehet ſtill! Sie ſteigen vom Sitze. Kommt, ſie mit Ehrfurcht zu grüßen! Zur Stütze Reichet ihr freundlich die helfende Hand! Empfanget ſie mit erheiterter Wange, Schreckt mit keinem traur'gen Klange Ihren Tritt in dieſes Land. Keine Furcht, kein unglückbringend Zeichen Soll der Fürſtin Antlitz bleichen, Fremd, wie wir, an Aulis Strand. 38 Zweiter Auftritt. Klytämneſtra mit dem kleinen Oreſtes. Iphigenie. Gefolge. Char. Klytämneſtra(noch im Wagen zum Chor). Ein gluüͤcklich Zeichen, ſchoͤne Hoffnnngen und eines frohen Hymens Unterpfand, Dem ich die Tochter bringe, nehm ich mir Aus eurem Gruß und freundlichen Empfange. So hebet denn die hochzeitlichen Gaben, Die ich der Jungfrau mitgebracht, vom Wagen und bringt ſie ſorgſam nach des Königs Zelt. Du, meine Tochter, ſteige aus! Empfanget Sie ſanft in euren jugendlichen Armen! Wer reicht auch mir nun ſeines Armes Hülfe, Daß ich vom Wagenſitz gemachlich ſteige? (Zu ihren Sklavinnen.) Ihr Andern tretet vor das Joch der Pferde, Denn wild und ſchreckhaft iſt der Pferde Blick. Auch dieſen Kleinen nehmet mit! Es iſt Oreſtes, Agamemnons Sohn.— Dein Alter Kann noch nicht von ſich geben, was es meinet.— Wie? ſchläfſt du, ſüßes Kind? Der Knabe ſchläft, Des Wagens Schaukeln hat ihn eingeſchläfert. Wach' auf, mein Sohn, zum Freudentag der Schweſter! So groß du ſchon und edel biſt geboren, So höher wird der neue ſchöne Bund Mit Thetis goͤttergleichem Sohn dich ehren. Du, meine Tochter, gehe ja nicht weg, Daß dieſe fremden Frauen dort, die dich 39 An meiner Seite ſehen, mir's bezeugen, Wie glücklich deine Mutter iſt— Sieh' dal! Dein Vater! Auf, ihn zu begrüßen! Dritter Auftritt. Agamemnon zu den Varigen. Ipyigenie. Wirſt Du zürnen, Mutter, wenn ich, meine Bruſt An ſeine Vaterbruſt zu drücken, ihm Entgegen eile? Klytämneſtra. O, mir über Alles Verehrter Konig und Gemahl!— Hier ſind Wir angelangt, wie du gebotſt. Iphigenie. O laß Mich nach ſo langer Trennung, Bruſt an Bruſt Geſchloſſen, dich umarmen, Vater! laß Mich deines lieben Angeſichts genießen! Doch zürnen mußt du nicht. Agamemnon. Genieß' es, Tochter. Ich weiß, wie zaͤrtlich du mich liebſt— du liebſt Mich zärtlicher, als meine andern Kinder. Iphigenie. Dich nach ſo langer Trennung wieder Zu haben— wie entzückt mich Das, mein Vater! 40 Agamemnon. Auch mich— auch mich entzückt es. Was du ſagſt, Gilt von uns beiden. Iphigenie. Sey mir tauſendmal Gegrüßt! Was für ein glücklicher Gedanke, Mein Vater, mich nach Aulis zu berufen! Agamemnon. Ein gluͤcklicher Gedanke?— Ach! Das weiß Ich doch nicht— Iphigenie. * Wehe mir! Was für Ein kalter, freudenleerer Blick, wenn du Mich gerne ſiehſt! Agamemnon. Mein Kind! für einen König Und Feldherrn gibt's der Sorgen ſo gar viele. Iphigenie. Laß dieſe Sorgen jetzt und ſey bei mir! Agamemnon. Bei dir bin ich und wahrlich nirgends anders! Iphigenie. O ſo entfalte deine Stirn! Laß mich Dein liebes Auge heiter ſehen! Agamemnon. Ich Entfalte meine Stirne. Sieh'! ſo lang Ich dir ins Antlitz ſchaue, bin ich froh. Iphigenie, Doch ſeh' ich Thranen deine Augen waͤſſern. 41 Agamemnon. Weil wir auf lange von einander gehn. Iphigenie. Was ſagſt du?— Liebſter Vater, ich verſtehe Dich nicht— ich ſoll es nicht verſtehn! Agamemnon. So klug Iſt Alles, was ſie ſpricht!— Ach! Das erbarmt Mich deſto mehr! Iphigenie. So will ich Thorheit reden, Wenn Das dich heiter machen kann. Agamemnon(fur ſich). Ich werde Mich noch vergeſſen—— Ja doch, meine Tochter— Ich lobe dich— ich bin mit dir zufrieden. Iphigenie. Bleib' lieber bei uns, Vater! Bleib' und ſchenke Dich deinen Kindern! Agamemnon. Daß ich's könnte! Ach! Ich kann es nicht— ich kann nicht, wie ich wünſche— Das iſt es eben, was mir Kummer macht. Iphigenie. Verwünſcht ſey'n alle Kriege, alle Uebel, Die Menelaus auf uns lud! Agamemnon. Dein Vater Wird nicht der Letzte ſeyn, den ſie verderben. 42 Iphigenie. Wie lang iſt's nicht ſchon, daß du, fern von uns, In Aulis Buſen müßig liegſt! Agamemnon. Und auch Noch jetzt ſetzt ſich der Abfahrt meiner Flotte Ein Hinderniß entgegen. Iphigenie. Wo, ſagt man, Daß dieſe Phryger wohnen, Vater? Agamemnon. Wo— Ach! wo der Sohn des Priamus nie hätte Geboren werden ſollen! Iphigenie. Wie? So weit Schiffſt du von dannen und verlaͤſſeſt mich? Agamemnon. Wie weit es auch ſeyn möge— du, mein Kind, Wirſt immer mit mir gehen!“ Iphigenie. Ware mir's Anſtandig, lieber Vater, dir zu folgen, Wie gluͤcklich würd' ich ſeyn! Agamemnon. Was für ein Wunſch! Auch dich erwartet eine Fahrt, wo du An deinen Vater denken wirſt. Iphigenie. Reiſ' ich 43 Allein, mein Vater, oder von der Mutter Begleitet? Agamemnon. Du allein. Dich wird kein Vater Begleiten, keine Mutter. Iphigenie. Alſo willſt Du in ein fremdes Haus mich bringen laſſen? — Agamemnon. Laß gut ſeyn! Forſche nicht nach Dingen, die Jungfrauen nicht zu wiſſen ziemt. Iphigenie. Komm du Von Troija uns recht bald und ſiegreich wieder! Agamemnon. Erſt muß ich noch ein Opfer hier vollenden. Iphigenie. Das iſt ein heiliges Geſchäft, worüber Du mit den Prieſtern dich berathen mußt. Agamemnon. Du wirſt's mit anſehn, meine Tochter! Gar Nicht weit vom Becken wirſt du ſtehn. Iphigenie. So werden Wir einen Reigen um den Altar führen? Agamemnon. Die Gluͤckliche in ihrer kummerfreien Unwiſſenheit!— Geh jetzt ins Vorgemach, Den Jungfraun dich zu zeigen. (Sie umarmt ihn.) 44 Eine ſchwere Umarmung war Das und ein bittrer Kuß! Es iſt ein langer Abſchied, den wir nehmen. O Lippen— Buſen— blondes Haar! wie theuer Kommt dieſes Troja mir und dieſe Helena Zu ſtehen!— Doch genug der Worte— Geh'! Geh'! Unfreiwillig bricht aus meinen Augen Ein Thränenſtrom, da dich mein Arm umſchließet. Geh' in das Zelt! (Iphigenie entfernt ſich.) Vierter Auftritt. Agamemnon. Klytämneſtra. Chor. Agamemnon. O Tochter Tyndars, wenn Du allzuweich mich fandeſt, ſieh' dem Schmerz Des Vaters nach, der die geliebte Tochter Jetzt zu Achillen ſcheiden ſehen ſoll! Ich weiß es. Ihrem Glück geht ſie entgegen. Doch welchen Vater ſchmerzt es nicht, die er Mit Müuͤh' und Sorgen auferzog, die Lieben, An einen Fremden hinzugeben! Klytämneſtra. Mich Soll man ſo ſchwach nicht finden. Auch der Mutter — Kommt's nun zur Trennung— wird es Thränen koſten, Und ohne dein Erinnern— doch die Ordnung Und deiner Tochter Jahre heiſchen ſie. 45 Laß auf den Braͤutigam uns kommen. Wer Er iſt, weiß ich bereits. Erzäͤhle mir Von ſeinen Ahnherrn jetzt und ſeinem Lande. Agamemnon. Aegina kenneſt du, Aeſopus Tochter? Klytämneſtra. Wer freite ſie, ein Sterblicher, ein Gott? Agamemnon. Zeus ſelbſt, dem ſie den Aeakus, den Herrſcher Oenopiens, gebar. Klytämneſtra. Wer folgte Dieſem Auf ſeinem Königsthrone nach? Agamemnon. Derſelbe, Der Nereus Tochter freite, Peleus. 3 Klytämneſtra. Mit Der Götter Willen freit' er Dieſe, oder Geſchah es wider ihren Rathſchluß? Agamemnon. Zeus Verſprach ſie, und der Vater führte ſie ihm zu. Klytämneſtra. Wo war die Hochzeit? In des Meeres Wellen? Agamemnon. Die Hochzeit war auf dem erhab'nen Sitze Des Pelion, dem Aufenthalte Chirons. Klytümneſtra. Wo man erzaählt, daß die Centauren wohnen? 46 Agamemnon. Dort feierten die Goͤtter Peleus Feſt. Klytämneſtra. Den jungen Sohn— hat ihn der Vater oder Die Göttliche erzogen? Agamemnon. Sein Erzieher War Chiron, daß der Böſen Umgang nicht Des Knaben Herz verderbe. Klytümneſtra. Ihn erzog Ein weiſer Mann. Und weiſer noch war Der, Der einer ſolchen Aufſicht ihn vertraute. Agamemnon. Das iſt der Mann, den ich zu deinem Eidam Beſtimme. Klytümneſtra. An dem Mann iſt nichts zu tadeln. Und welche Gegend Griechenlands bewohnt er? Agamemnon. Die Graͤnze von Phthiotis, die der Strom Apidanus durchfließt, iſt ſeine Heimat. Klytämneſtra. So weit wird er die Tochter von uns führen? Agamemnon. Das überlaſſ' ich ihm. Sie iſt die Seine. Klytämneſtra. Das Gluͤck begleite ſie!— Wann aber ſoll Der Tag ſeyn? 47 Agnmemnon. Wenn der ſegenvolle Kreis Des Mondes wird vollendet ſeyn. Klytämneſtra. Haſt du Das hochzeitliche Opfer für die Jungfrau Der Goͤttin ſchon gebracht? Agamemnon. Ich werd' es bringen. Das Opfer iſt es, was uns jetzt beſchaftigt. Klytümneſtra. Ein Hochzeitmahl gibſt du doch auch? Agamemnon. Wenn erſt Die Himmliſchen ihr Opfer haben werden. Klytämneſtra. Wo aber gibſt du dieſes Mahl den Frauen? Agamemnon. Hier bei den Schiffen. Klytümneſtra. Wohl. Es laͤßt ſich anders Nicht thun. Ich ſeh's. Ich muß mich drein ergeben. Agamemnon. Jetzt aber hoͤre, was von dir dabet Verlangt wird— Doch, daß du mir ja willfahreſt! Klytümneſtra. Sag' an, du weißt, wie gern ich dir gehorche. Agamemnon. Ich freilich kann mich an dem Orte, wo Der Braͤutigam iſt, finden laſſen— 48 Klytümneſtra. Was? Ich will nicht hoffen, daß man ohne mich Vollziehen wird, was nur der Mutter ziemt. Agamemnon. Im Angeſicht des ganzen griech'ſchen Lagers Geb' ich dem Sohn des Peleus deine Tochter. Klytümneſtra. Und wo ſoll dann die Mutter ſeyn? Agamemnon. Nach Argos Zuruckekehren ſoll die Mutter— dort Die Aufſicht führen über ihre Kinder. Klytämneſtra. Nach Argos? und die Tochter hier verlaſſen? Und wer wird dann die Hochzeitfackel tragen? Agamemnon. Der Vater wird ſie tragen. Klytämneſtra. Nein, Das geht nicht! Du weißt, daß dir die Sitten Dies verbieten. Agamemnon. Daß ſie der Frau verbieten, ins Gewühl Von Kriegern ſich zu mengen, Dieſes weiß ich. Klytämneſtra. Es heiſcht die Sitte, daß aus Mutterhanden Die Braut der Braͤutigam empfange. Agamemnon. Sie heiſcht, daß deine andern Töchter in Mycen' der Mutter länger nicht entbehren. 49 Klytämneſtra. Wohl aufgehoben und verwahrt ſind Die In ihrem Frauenſaal. Agamemnon. Ich will Gehorſam. Klytämneſtra. Nein! Bei Argos koͤniglicher Göttin, nein! Du haſt dich weggemacht ins Ausland. Dort Mach' dir zu thun!5 Mich laß im Hauſe walten Und meine Töchter, wie ſich's ziemt, vermäͤhlen. (Sie geht ab.) Agamemnon(allein). Ach! zu entfernen hofft' ich ſie.— Ich habe Umſonſt gehofft. Umſonſt bin ich gekommen. So haäuf' ich Trug auf Trug, beruͤcke Die, Die auf der Welt das Theuerſte mir ſind, Durch ſchnöde Liſt, und Alles ſpottet meiner. Nun will ich gehn und was der Göttin wohl Gefällt und mir ſo wenig Segen bringet Und allen Griechen ſo belaſtend iſt, Vom Seher Kalchas näher auskundſchaften. Wer's aber mit ſich ſelbſt gut meint, der nehme Ja eine Gattin, die gefaͤllig iſt Und ſanften Herzens— oder lieber keine! (Er geht ab.) Schillers ſaͤmmtl. Werke. IIr 4 50 Dritte Zwiſchenhandlung. Chor. Strophe. Sie ſehen des Simois ſilberne Strudel, Der griechiſchen Schiffe verſammelte Macht; Mit dem Geräthe zur blutigen Schlacht Betreten ſie Phöbus heilige Erde, Wo Kaſſandra mit wilder Geberde, Die Schläfe mit grünendem Lorbeer umlaubt, Das goldene Haar, wie die Sagen erzäͤhlen, Wallen läßt um das begeiſterte Haupt, Wenn die Triebe des Gottes ſie wechſelnd beſeelen. Gegenſtrophe. Sie rennen auf die Mauern! Sie ſteigen auf die Burg! Sie erblicken mit Schauern, Hoch herunter von Pergamus Burg, Den unſre ſchnellen Schiffe brachten, Den fürchterlichen Gott der Schlachten, Der, in tönendes Erz eingekleidet, Sich um den Simois zahllos verbreitet, Helenen, die Schweſter des himmliſchen Paars, Unter den Lanzen und kriegriſchen Schilden Heimzuführen nach Spartas Gefilden 3 Epode. Einen Wald von ehrnen Lanzen Seh' ich ſie um deine Felſenthürme pflanzen, Stadt der Phryger, hohe Pergamus! Deiner Manner Häupter, deiner Frauen Unerbittlich von dem Nacken hauen, Leichen über Leichen haͤufen, Deine ſtolze Veſte ſchleifen, Unglücksvolle Pergamus! Da wird's Thraͤnen koſten deinen Brauten Und der Gattin Priamus. Wie wird nach dem geflohenen Gemahl Die Tochter Jovis jetzt zurückeweinen! Ihr Goͤtter! ſolche Angſt und Qual, Entfernet ſie von mir und von den Meinen! Wie wird die reiche Lydierin Den Buſen jammernd ſchlagen Und wird's der ſtolzen Phrygerin Am Webeſtuhle klagen! Ach, wenn nun die S gen ſchallen, Daß die hohe Stadt gefallen, Die die Wehre meiner Heimat war! Wer, wenn es herum erſchollen, Schneidet wohl der Thraͤnenvollen Von dem Haupt das ſchön gekämmte Haar? Helene, die der hochgehalste Schwan Gezeuget— Das haſt du gethan! Sey's nun, daß in einem Vogel Leda, wie die Sage ging, Zeus verwandelte Geſtalt umfing, Sey's, daß eine Fabel aus dem Munde Der Kamenen ſehr zur ſchlimmen Stunde Das Geſchlecht der Menſchen hinterging! Vierter Akt. Erſter Auftritt. Achilles. Der Chor. Achilles. Wo find' ich hier den Feldherrn der Achiver? (Zu einigen Sklaven.) Wer von euch ſagt ihm, daß Achill ihn hier Vor dem Gezelt erwarte?— Müßig liegt An des Euripus Mündung nun das Heer; Ein Jeder freilich nimmt's auf ſeine Weiſe. n Der, noch durch Hymens Bande nicht gebunden, Ließ öde Wäͤnde nur zurück und weilet Geruhig hier an Aulis Strand. Ein Andrer Entwich von Weib und Kindern. So gewaltig Iſt dieſe Kriegesluſt, die zu dem Zug Nach Ilion ganz Hellas aufgeboten, Nicht ohne eines Gottes Hand!— Nun will ich, Was mich angeht, zur Sprache kommen laſſen. Wer ſonſt was vorzubringen hat, verfecht' Es für ſich ſelbſt.— Ich habe Pharſalus 1 8 85 53 Verlaſſen und den Vater— Wie? etwa, Daß des Euripus ſchwache Winde mich An dieſem Strand verweilen? Kaum geſchweig' Ich meine Myrmidonen, die mich fort Und fort beſtürmen—„Worauf warten wir Denn noch, Achill? Wie lang wird noch gezaudert, Bis wir nach Troja unter Segel gehn? Willſt du was thun, ſo thu' es bald! ſonſt fuͤhr' Uns lieber wieder heim, anſtatt noch langer Ein Spiel zu ſeyn des zögernden Atriden.“ Zweiter Auftritt. Klytämneſtra zu den Porigen. Klytämneſtra. Glorwürd'ger Sohn der Thetis! deine Stimme Vernahm ich drinnen im Gezelt; drum komm' ich Heraus und dir entgegen— Achilles(betroffen). Heilige Schamhaftigkeit!— Ein Weib— von dieſem Anſtand— Klytämneſtra. Kein Wunder, daß Achill mich nicht erkennet, Der mich vordem noch nie geſehn— Doch Dank ihm, Daß ihm der Scham Geſetze heilig ſind! 3 Achilles. Wer biſt du aber? Sprich! was führte dich Ins griech'ſche Lager, wo man Maͤnner nur Und Waffen ſieht? 54 Klytämneſtra. Ich bin der Leda Tochter, Und Klytämneſtra heiß' ich. Mein Gemahl Iſt König Agamemnon. Achilles. Viel und gnug Mit wenig Worten! Ich entferne mich. Nicht wohlanſtändig wäre mir's, mit Frauen Geſpräch zu wechſeln. Klytäümneſtra. Bleib'! Was flieheſt du? Laß, deine Hand in meine Hand gelegt, Das neue Bündniß glücklich uns beginnen. Achilles. Ich dir die Hand? Was ſagſt du, Königin? Zu ſehr verehr' ich Agamemnons Haupt, Als daß ich wagen ſollte, zu berühren, Was mir nicht ziemt. Klytümneſtra. Warum dir nicht geziemen, Da du mit meiner Tochter dich vermähleſt? Achilles. Vermaͤhlen— Wahrlich— Ich bin voll Erſtaunen— Doch nein, du redeſt ſo, weil du dich irreſt. Klytämneſtra. Auch dies Erſtaunen find' ich ſehr begreiflich. Uns Alle pflegt— ich weiß nicht welche— Scheu Beim Anblick neuer Freunde anzuwandeln, Wenn ſie von Heirath ſprechen ſonderlich. 5⁵ Achilles. Nie, Koͤnigin, hab' ich um deine Tochter Gefreit— und nie iſt zwiſchen dem Atriden Und mir ein Solches unterhandelt worden. Klytämneſtra. Was für ein Irrthum muß hier ſeyn? Gewiß, Wenn meine Rede dich beſtürzt, ſo ſetzt Die deine mich nicht minder in Erſtaunen. Achilles. Denk' nach, wie Das zuſammenhaͤngt! Dir muß, Wie mir, dran liegen, es herauszubringen. Vielleicht, daß wir nicht Beide uns betrügen! Klytämneſtra. O der unwuͤrdigen Begegnung!— Eine Vermaͤhlung, fürcht' ich, laäßt man mich hier ſtiften, Die nie ſeyn wird und nie hat werden ſollen. O wie beſchaͤmt mich Das! Achilles. Ein Scherz vielleicht, Den Jemand mit uns Beiden treibt. Nimm's nicht Zu Herzen, edle Fraul veracht' es lieber! Klytämneſtra. Leb' wohl! In deine Augen kann ich ferner Nicht ſchau'n, da ich zur Lügnerin geworden, Da ich erniedrigt worden bin. Achilles. Mich laß Vielmehr ſo reden— Doch ich geh' hinein, Den Koͤnig, deinen Gatten, aufzuſuchen. (Wie er auf das Zelt zugeht, wird es geoffnet.) ——ꝛꝛꝛ———ꝛ—— Dritter Auftritt. Der alte Sklave zu den Vorigen. Skluve (in der Thuͤre des Gezeltes). Halt, Aeacide! Göttinſohn, mit dir Und auch mit Dieſer hier hab' ich zu reden. Achilles. Wer reißt die Pforten auf und ruft— Er ruft Wie außer ſich. Sklave. Ein Knecht. Ein armer Name, Der mir den Dunkel wohl vergehen laͤßt, Mich— Achilles. Weſſen Knecht? Er iſt nicht mein, der Menſch. Ich habe nichts gemein mit Agamemnon. . Sklave. Des Hauſes Knecht, vor dem ich ſtehe. Tyndar, (auf Klytaͤmneſtra zeigend) Ihr Vater, hat mich drein geſtiftet. Achilles. Nun! Wir ſtehn und warten. Sprich, was dich bewog, Mich aufzuhalten. 4 Sklave. Iſt kein Zeuge weiter Vor dieſen Thoren? Seyd ihr ganz allein? 57 Klytümneſtra. So gut als ganz allein. Sprich dreiſt!— Erſt aber Verlaß das Königszelt und komm hervor! Sklave(kommt heraus). Jetzt, Glück und meine Vorſicht, helft mir Die Erretten, die ich gern erretten möchte! Achilles. Er ſpricht von etwas, das noch kommen ſoll, Und von Bedeutung ſcheint mir ſeine Rede. Klytümneſtra. Verſchieb's nicht laͤnger, ich beſchwöre dich, Mir, was ich wiſſen ſoll, zu offenbaren. — Sklaye. Iſt dir bekannt, was für ein Mann ich bin, Und wie ergeben ich dir ſtets geweſen, Dir und den Deinigen? Klytümneſtra. Ich weiß, du biſt Ein alter Diener ſchon von meinem Hanſe. Sklave. Daß ich ein Theil des Heirathsgutes war, Das du dem König zugebracht— iſt dir Das noch erinnerlich? Klytümneſtra. Recht gut. Nach Argos Bracht' ich dich mit, wo du mir ſtets gedienet. Sklave. So iſt's. Drum war ich dir auch jederzeit Getreuer zugethan, als ihm. — 58 Alytämneſtra. Zur Sache. Heraus mit Dem, was du zu ſagen haſt! Sklave. Der Vater will— mit eigner Hand will er— — Das Kind ermorden, das du ihm geboren. Klytämneſtra.. Was? wie?— Entſetzlich! Menſch, du biſt von Sinnen! Sklan e. Den weißen Nacken der Bejammernswerthen Will er mit mörderiſchem Eiſen ſchlagen. Klytümneſtra. Ich Unglückſeligſte!— Rast mein Gemahl? Sklaye. Sehr bei ſich ſelbſt iſt er— Nur gegen dich Und gegen deine Tochter mag er raſen. Klytämneſtra. Warum? Welch böſer Dämon gibt's ihm ein? Sklave. Ein Götterſpruch, der nur um dieſen Preis, Wie Kalchas will, den Griechen freie Fahrt Verſichert. Klytümneſtra. Fahrt! Wohin?— Beweinenswerthe Mutter! Beweinenswürdigeres Kind, das in Dem Vater ſeinen Henker finden ſoll! Sklave. Die Fahrt nach Ilion, Helenen heim Zu holen. 59 Klytämneſtra. Daß Helene wiederkehre, Stirbt Iphigenie? 3 Sklaye. Du weißt's. Dianen Will Agamemnon ſie zum Opfer ſchlachten. Klytümneſtra. Und dieſe vorgegebene Vermahlung, Die mich von Argos rief— wozu denn Die? Skluye. Daß du ſo minder ſäumteſt, ſie zu bringen, Im Wahn, ſie ihrer Hochzeit zuzuführen. Klytümneſtra. O Kind, zum Tode kameſt du! Wir kamen Zum Tode! 6 Sklaye. Ja, bejammernswürdig, ſchrecklich Iſt euer Schickſal. Schreckliches begann Der König. Klytämneſtra. Weh' mir, weh'! Ich bin verloren. Ich kann nicht mehr. Ich halte meine Thränen Nicht mehr. Sklave. Ein armer, armer Troſt ſind Thränen Fur eine Mutter, der die Tochter ſtirbt! Klytämneſtra. Sprich aber: woher weißt du Das? durch wen? Sklaye. Ein zweiter Brief ward mir an dich gegeben. 60 Klytämneſtra. Mich abzumahnen oder anzutreiben, Daß ich die Tochter dem Verderben braͤchte? Sklave. Dir abzurathen, daß du ſie nicht brachteſt. Der Herr war Vater wiederum geworden. Klytäümneſtra. Unglücklicher! Warum mir dieſen Brief Nicht uüberliefern? Sklave. Menelaus fing Ihn auf. Ihm dankſt du Alles, was du leideſt. (Er geht ab.) Klytämneſtra(wendet ſich an Achilles). Sohn Peleus! Sohn der Thetis! Hörſt du es? Achilles. Bejammernswerthe Mutter!—— Aber mich Hat man nicht ungeſtraft mißbraucht. Klytämneſtra. Mit dir Vermählen ſie mein Kind, um es zu würgen! Achilles. Ich bin entruͤſtet uͤber Agamemnon, Und nicht ſo leicht werd' ich es hingehn laſſen. Klytümneſtru(faͤllt ihm zu Fuͤten). Und ich erroͤthe nicht, mich vor dir nieder Zu werfen, ich, die Sterbliche, vor dir, Den eine Himmliſche gebar. Weg, eitler Stolz! Kann ſich die Mutter für ihr Kind entehren? O, Sohn der Göttin! hab' Erbarmen mit Der Mutter, mit der Ungluͤckſeligen Erbarmen, Die deiner Gattin Namen ſchon getragen! Mit Unrecht trug ſie ihn. Doch hab' ich ſie Als deine Braut hieher geführt, dir hab' ich Mit Blumen ſie geſchmücket— Ach, ein Opfer Hab' ich geſchmückt, ein Opfer hergeführt! O, Das war' ſchandlich, wenn du ſie verließeſt. War ſie durch Hymens Bande gleich die Deine Noch nicht— du wardſt als der geliebteſte Gemahl der Unglückſel'gen ſchon geprieſen. Bei dieſer Wange, dieſer Rechte, bei Dem Leben deiner Mutter ſey beſchworen: Verlaß uns nicht! Dein Name iſt's, der uns Ins Elend ſtürzt— drum rette du uns wieder! Dein Knie, o Sohn der Göttin! iſt der einz'ge Altar, zu dem ich Aermſte fliehen kann. Hier lachelt mir kein Freund. Du haſt gehoͤrt, Was Agamemnon Gräßliches beſchloſſen. Da ſteh' ich unter rohem Volk— ein Weib, Und unter wilden, meiſterloſen Banden, Zu jedem Bubenſtück bereit— auch brav, Gewiß, recht brav und werth, ſobald ſie mögen!⸗ Verſichre du uns deines Schutzes, und Gerettet ſind wir— ohne dich— verloren! Chor. Gewaltſam iſt der Zwang des Bluts! Mit Qual Gebiert das Weib und qualt ſich fürs Geborne! Achilles. Mein großes Herz kam deinem Wunſch entgegen. Es weiß zu trauern mit dem Gram und ſich Des Glücks zu freuen mit Enthaltſamkeit. 62 * Chor. Die Klugheit ſich zur Führerin zu waͤhlen, Das iſt es, was den Weiſen macht. Achilles. Es kommen Faͤlle vor im Menſchenleben, Wo's Weisheit iſt, nicht allzuweiſe ſeyn; Es kommen andre, wo nichts ſchöner kleidet, Als Mäßigung. Geraden Sinn ſchoͤpft' ich In Chirons Schule, des Vortrefflichen. Wo ſie Gerechtes mir befehlen, finden Gehorſam die Atriden mich; die Stirn Von Erz, wo ſie Unbilliges gebieten. Frei kam ich her, frei will ich Troja ſehn Und den Achiverkrieg, was an mir iſt, Mit meines Armes Heldenthaten zieren. Du jammerſt mich. Zuviel erleideſt du Von dem Gemahl, von Menſchen deines Blutes. Was dieſem jungen Arme müöglich iſt,— Erwart's von mir!— Er ſoll dein Kind nicht ſchlachten. An eine Jungfrau, die man mein genannt, Soll kein Atride Mörderhaͤnde legen. Es ſoll ihm nicht ſo hingehn, meines Namens Zu ſeinem Mord mißbraucht zu haben! Mein Name, der kein Eiſen aufgehoben, Mein Name waͤr' der Mörder deiner Tochter, Und er, der Vater, hätte ſie erſchlagen; Doch theilen würd' ich ſeines Mordes Fluch, Wenn meine Hochzeit auch den Vorwand nur Gegeben hatte, ſo unwürdig, ſo Unmenſchlich, ungeheuer, unerhört, Die unſchuldsvolle Jungfrau zu mißhandeln. 63 Der Griechen Letzter müßt' ich ſeyn, den Menſchen Veraͤchtlichſter, ja haſſenswerther ſelbſt Als Menelaus müßt' ich ſeyn.“ Mir haͤtte Nicht Thetis, der Erinnen eine hatte Das Leben mir gegeben, wenn ich mich Des Königs Mordbegier zum Werkzeug borgte. Nein, bei des Meerbewohners Haupt, beim Vater Der Göttlichen, die mich zur Welt geboren! Er ſoll ſie nicht berühren— nicht ihr Kleid Mit ſeines Fingers Spitze nur berühren. Eh' Dies geſchiehet, decke ewige Vergeſſenheit mein Phthia, mein Geburtsland, Wenn der Atriden Stammplatz, Sipylus, Im Ohr der Nachwelt unvergänglich lebet. Es mag der Seher Kalchas das Geräͤthe Zum Opfer nur zurücketragen— Seher? Was heißt ein Seher?— Der auf gutes Gluck Für eine Wahrheit zehen Lügen ſagt. Geräth es? Gut. Wo nicht, ihm geht es hin. Es gibt der Jungfraun Tauſende, die mich Zum Gatten möchten— davon iſt auch jetzt Die Rede nicht; beſchimpft hat mich der König: In meinen Willen hätt' er's ſtellen ſollen, Ob mir's gefiele, um ſein Kind zu frein. Gern und mit Freuden wuͤrde Klytaͤmneſtra In dieſes Bündniß eingewilligt haben. Und haͤtte Griechenland aus meinen Händen Alsdann zum Opfer ſie verlangt, ich wuͤrde Sie meinen Kriegsgenoſſen, wuͤrde ſie Dem Wohl der Griechen nicht verweigert haben. So aber gelt' ich nichts vor den Atriden, 64 Nichts, wo was Graßes ſoll verhandelt werden. Doch durfte, eh' wir Ilion noch ſehn, Dies Schwert von Blut und Menſchenmorde triefen, Wenn man's verſuchte, mir ſie zu entreißen. Sey du getroſt! Ein Gott erſchien ich dir: Ich bin kein Gott; dir aber will ich's werden. Chor. An dieſer Sprache kennt man dich, Achill, Und die Erhabene, die dich geboren. Klytümneſtra. O Herrlichſter! wie ſtell ich's an, wie muß Ich reden, um zu ſparſam nicht zu ſeyn In deinem Preis und deine Gunſt auch nicht Durch mein ausſchweifend Rühmen zu verſcherzen? Zu vieles Loben, weiß ich wohl, macht Dem, Der edel denkt, den Lober nur zuwider. Doch ſchaͤm' ich mich, mit ew'ger Jammerklage, Mit Leiden, die nur ich empfinde, dich, Den Glücklichen, den Fremdling, zu ermüden. Doch, Fremdling oder nicht, wer Leidenden Beiſpringen kann, wird auch mit ihnen trauern. Drum hab' mit uns Erbarmen! Unſer Schickſal Verdient Erbarmen. Meine Hoffnung war, Dich Sohn zu nennen— Ach, ſie war vergebens! Auch ſchreckt vielleicht dein künftig Ehebette Mein ſterbend Kind mit ſchwarzer Vorbedeutung, Und du wirſt eilen, ſie zu fliehn. 8 Doch, nein, Was du geſagt, war Alles wohl geſprochen, Und willſt du nur, ſo lebt mein Kind. Soll ſie Etwa ſelbſt flehend deine Knie umfaſſen? 65 So wenig Dies der Jungfrau ziemt: gefaͤllt Es dir, ſo mag ſie kommen, zuͤchtiglich, Das Aug' mit edler Freiheit aufgeſchlagen! Wo nicht, ſo laß an ihrer Statt mich der Gewaͤhrung ſüßes Wort von dir vernehmen. Achilles. Die Jungfrau bleibe, wo ſie iſt. Daß ſie Verſchamt iſt, bringt ihr Ehre. Klytümneſtra. Auch verſchämt ſeyn Hat ſein gehorig Maß und ſeine Stunde. Achilles. Ich will es nicht. Ich will nicht, daß du ſie Vor meine Augen bringeſt, und wir Beide Boshaftem Tadel preisgegeben werden. Ein zahlreich Heer, der heimatlichen Sorgen Entſchlagen, tragt ſich gar zu gern— Das kenn' ich— Mit ham'ſchen, ehrenrührigen Gerüchten. Und, magt ihr flehend oder nicht vor mir Erſcheinen, ihr erhaltet weder mehr Noch minder: denn beſchloſſen iſt's bei mir, Koſt's, was es wolle, euer Leid zu enden. Das laß dir gnügen. Glaub', ich rede ernſtlich. Und ſterben mög' ich, habe ich deine Hoffnung Mit eitler Rede nur getauſcht; rett' ich Die Jungfrau— nein, da werd' ich leben. Klytümneſtra. Lebe Und rette immer Leidende! Schillers ſaͤmmtl. Werke. 111. 5 66 Achilles. Nun höre, Wie wir's am beſten einzurichten haben. Klytämneſtra. Laß hören! Dir gehorch' ich gern. Achilles. Zuvor erſt Muß man es mit dem Vater noch verſuchen. Klytümneſtra. Ach, Der iſt feig und zittert vor der Menge! Achilles. Vernünft'ge Gründe können viel. Klytümneſtra. Ich hoffe nichts. Doch ſprich, was muß ich thun? Achilles. Fall' ihm zu Fuͤßen, fleh' ihn an, daß er Sein Kind nicht tödte! Bleibt er unerbittlich, Dann komm' zu mir!— Erweichſt du ihn, noch beſſer! Dann braucht es meines Armes nicht, die Jungfrau Bleibt leben, ich erhalte mir den Freund; Auch bei dem Heer vermeid' ich Tadel, hab⸗ ich Durch Gründe mehr als durch Gewalt geſtritten. Und ſo wird Alles glücklich abgethan, Zu deinem und der Freunde Wohlgefallen, Und meines Armes braucht es nicht. Klytämneſtra. Du rathſt Verſtändig. Es geſchehe, wie du meineſt. Mißlingt mir's aber— wo ſeh' ich dich wieder? 67 Wo find' ich Aermſte dieſen Heldenarm, Die letzte Stütze noch in meinem Leiden? Achilles. Wo's meiner Gegenwart bedarf, werd' ich Dir nahe ſeyn und dir's erſparen, vor Dem Heer der Griechen dich und deine Ahnherrn Durch Jammer zu erniedrigen. So tief Herunter müßte Tyndars Blut nicht ſinken — Ein großer Name in der Griechen Land! Klytämneſtra. Wie dir's gefällt. Ich unterwerfe mich. Und, gibt es Götter, Trefflichſter! dir muß Es wohlergehn. Gibt's keine— warum leid' ich? 9 (Achilles und Klytaͤmneſtra gehen ab.) Vierte Bwiſchenhandlung. Chor. Wie lieblich erklang Der Hochzeitgeſang, Den zu der Cither tanzluſtigen Tönen, Zur Schalmei und zum libyſchen Rohr Sang der Kamenen Verſammelter Chor Auf Peleus Hochzeit und Thetis, der Schoͤnen! Wo die Becher des Nektars erklangen, Auf des Pelion wolkigem Kranz, 68 Kamen die zierlich Gelockten und ſchwangen Goldene Sohlen im flüchtigen Tanz. Mit dem melodiſchen Jubel der Lieder Feierten ſie der Verbundenen Glück,“ Der Berg der Centauren hallte ſie wieder, Pelions Wald gab ſie ſchmetternd zurück. Unter den Freuden Des feſtlichen Mahls Schöpfte des Nektars himmliſche Gabe Jovis Liebling, der phrygiſche Knabe, In die Baͤuche des goldnen Pokals. Fünfzig Schweſtern der Göttlichen hüpften Luſtig daneben im glänzenden Sand, Tanzten den Hochzeitreigen und knüpften Reizende Ring' mit verſchlungener Hand. Gegenſtrophe. Grüne Kronen in dem Haar Und mit fichtenem Geſchoſſe, Menſchen oben, unten Roſſe, Kam auch der Centauren Schaar, Angelockt von Bromius Pokale Kamen ſie zum Göttermahle. Heil dir, hohe Nereide! Sang mit lautem Jubelliede Der Theſſalierinnen Chor; Heil dir! ſang der Madchen Chor. Heil dir! Heil dem ſchönen Sterne, Der aus deinem Schoß erſteht! 69 Und Apoll, der in der Ferne Der verborgnen Zukunft ſpaͤht, Und der auf den unbekannten Stamm der Muſen ſich verſteht, Chiron, der Centaure— nannten Beide ſchon mit Namen ihn, Der zu Priams Königsſitze Kommen würde an der Spitze Seiner Myrmidonenſchaaren, In des Speeres Wurf erfahren, Wuthend dort mit Mord und Brand, In des Raubers Vaterland— Auch die Rüſtung, die er würde tragen, Künſtlich von Hephäſtos Hand Aus gediegnem Gold geſchlagen, Ein Geſchenk der Göttlichen, Die den Göttlichen empfangen. So ward von den Himmliſchen Thetis Hochzeitfeſt begangen. Epode. Dir, Agamemnons thränenwerthem Kinde, Nicht bei der Hirten Feldgeſang Erzogen und de Pfeife Klang, Still aufgeblüht im mütterlichen Schoß, Dem Tapferſten der Inachiden Dereinſt zur füßen Braut beſchieden, Dir, Arme, fallt ein ander Los! Dir flechten einen Kranz von Blüthen Die Griechen in das ſchöngelockte Haar. 70 Gleich einem Ninde, das der wilde Berg gebar, Das, unberührt vom Joch, aus Felſenhöhlen, Unfern dem Meer, geſtiegen war, Wird dich der Opferſtahl entſeelen: Dann rettet dich nicht deine Jugend, Nicht das Erröthen der verſchaͤmten Tugend, Nicht deine reizende Geſtalt! Das Laſter herrſcht mit ſiegender Gewalt. Es ſpricht mit frechem Angeſichte Den heiligen Geſetzen Hohn. Die Tugend iſt aus dieſer Welt geflohn, Und dem Geſchlecht der Menſchen drohn Nicht ferne mehr die göttlichen Gerichte. 71 Fünfter Akt. Erſter Auftritt. Klytämneſtra fommt. Der Chor. Klytämneſtra. Ich komme, meinen Gatten aufzuſuchen. Noch immer bleibt er aus— es iſt ſchon lange, Daß er das Zelt verließ— und drinnen weint Und jammert die Unglückliche, nun ſie Erfuhr, was für ein Schickſal ſie erwartet. Er naͤhert ſich, den ich genannt. Der iſt's, Das iſt der Agamemnon, den man bald Verrucht wird handeln ſehn an ſeinen Kindern. Zweiter Auftritt. Agamemnon. Die Vorigen. Agamemnon. Gut, Klytämneſtra, daß ich außerhalb Des Zelts dich treffe und allein. Ich habe „ 72 Mich uͤber Dinge mit dir zu beſprechen, Die einer Jungfrau, die bald Braut ſeyn wied, Nicht wohl zu hören ziemt.— Klytümneſtra. Und was iſt Das, Wozu die Zeit ſich dir ſo günſtig zeiget? Agamemnon. Laß deine Tochter mit mir gehen!— Alles Iſt in Bereitſchaft, das geweihte Waſſer, Das Opfermahl, das heil'ge Feu'r, die Rinder, Die vor der Hochzeit am Altar Dianens, In ſchwarzem Blute röchelnd, fallen ſollen. Klytämneſtra. Gut redeſt du. Daß ich von deinem Thun Ein Gleiches rühmen könnte!— Aber komm Du ſelbſt heraus, mein Kind! (Sie geht und oͤffnet die Thuͤre des Gezelts.) Was Dieſer da Mit dir beſchloſſen hat, weißt du ausführlich. Nimm unter deinem Mantel auch den Bruder, Oreſtes, mit dir! (Zu Agamemnon, indem Iphigenie heraustritt.) Sieh', da iſt ſie, deine Befehle zu vernehmen. Was noch ſonſt Für ſie und mich zu ſagen übrig bleibt, Werd' ich hinzuzuſetzen wiſſen. 73 Dritter Auftritt. Iphigenie mit dem kleinen Greſtes zu den Varigen. Igamemnon. Was iſt dir, Iphigenie?——— Du weinſt? Du ſiehſt nicht heiter aus— du ſchlägſt die Augen Zu Boden und verbirgſt dich in den Schleier? Iphigenie. Ich Unglückſelige! Wo fang' ich an? Bei welchem unter allen meinen Leiden? Verzweiflung, wo ich nur beginnen mag, Verzweiflung, wo ich enden mag! ¹0 Agamemnon. Was iſt Das? Hat Alles hier zuſammen ſich verſtanden, Mich zu beſtürzen— Kind und Mutter außer ſich Und Unruh' im Geſichte— Klytämneſtra. Mein Gemahl, Antworte mir auf Das, was ich dich frage, Aufrichtig aber! Igamemnan. Braucht's dazu Ermahnung? Zur Sache. Klytämneſtra. Iſt's an Dem— willſt du ſie wirklich Ermorden, deine Tochter und die meine? 74 Agamemnon(ſaͤhrt auf). Ungluͤckliche! was für ein Wort haſt du geſprochen! Was argwöhnſt du?— Du ſollſt es nicht! Klytümneſtra. Antworte Auf meine Frage! Agamemnon. Frage, was ſich ziemt: So kann ich dir antworten, wie ſich's ziemt. Klytümneſtra. So frag' ich. Sage du mir nur nichts Anbers. Agamemnon. Furchtbare Goͤttinnen des Glücks und Schickſals Und du, mein boͤſer Genius! Klytümneſtra. Und meiner— Und Dieſer hier! Ihn theilen drei Elende! Agamemnon. Worüber klagſt du? Klytäümneſtra. Dies fragſt du noch? O dieſer Liſt gebricht es an Verſtande. Agamemnon. Ich bin verloren! Alles iſt verrathen! Klytuͤmneſtra. Ja, Alles iſt verrathen. Alles weiß ich, Und Alles hört' ich, was du uns bereiteſt. Dies Schweigen, dieſes Stöhnen iſt Beweiſes Genug. Das Reden magſt du dir erſparen. 75 Agamemnon. Ich ſchweige. Reden, was nicht wahr iſt, hieße Mein Elend auch durch Frechheit noch erſchweren. Klytümneſtra. Gib mir Gehör! die räthſelhafte Sprache Bei Seit'. Ich will jetzt offen mit dir reden. Erſt drangſt du dich— Das ſey mein erſter Vorwurf— Gewaltſam mir zum Gatten auf, entführteſt Mich raͤuberiſch, nachdem du meinen erſten Gemahl erſchlagen, Tantalus— den Saugling Von ſeiner Mutter Bruſt geriſſen, mit Grauſamem Wurf am Boden ihn zerſchmettert. Als meine Bruder drauf, die Söhne Zeus, Die Herrlichen, mit Krieg dich überzogen, Entriß dich Tyndar, unſer Vater, den Du kniend flehteſt, ihrem Zorn und gab Die Rechte meines Gatten dir zurück. Seit dieſem Tag— kannſt du es anders ſagen? Fandſt du in mir die lenkſamſte der Frauen, Im Hauſe fromm, im Ehebette keuſch, Untadelhaft im Wandel. Sichtbar wuchs Der Segen deines Hauſes— Luſt und Freude, Wenn du hereintratſt! Wenn du öffentlich Erſchienſt, der frohe Zuruf aller Menſchen! Solch eine Ehgenoſſin zu erjagen, Iſt Wenigen beſchert. Deſto gemeiner ſind Die Schlimmen! Ich gebare dir drei Töchter Und dieſen Sohn— und dieſer Töchter eine Willſt du jetzt ſo unmenſchlich mir entreißen! Fragt man, warum ſie ſterben ſoll— was kannſt du Hierauf zur Antwort geben? Sprich! ſoll ich's 76 In deinem Namen thun? Daß Menelaus Helenen wieder habe, ſoll ſie ſterben! O trefflich! Deine Kinder alſo ſind Der Preis für eine Buhlerin! Und mit Dem Theuerſten, das wir beſitzen, wird Das Haſſenswürdigſte erkauft!— Wenn du Nun fort ſeyn wirſt nach Troja, lange, lange Ich im Palaſt indeſſen einſam ſitze, Leer die Gemaͤcher der Geſtorbenen Und alle jungfräuliche Zimmer öde, Wie, glaubſt du, daß mir da zu Muth ſeyn werde? Wenn ungetrocknet, unverſiegend um Die Todte meine Thränen rinnen, wenn Ich ewig, ewig um ſie jammre:„Er, Der dir das Leben gab, gab dir den Tod! Er ſelbſt, kein Andrer, er mit eignen Händen!“ Sieh' zu, daß dir von deinen andern Töchtern, Von ihrer Mutter, wenn du wiederkehrſt, Nicht ein Empfang dereinſt bereitet werde, Der ſolcher Thaten würdig iſt. O um Der Götter willen! zwinge mich nicht, ſchlimm An dir zu handeln! Handle du nicht ſo An uns!— Du willſt ſie ſchlachten! Wie? und welche Gebete willſt du dann zum Himmel richten? Was willſt du, rauchend von der Tochter Blut, Von ihm erflehen? Fürchterliche Heimkehr Von einem ſchimpflich angetretnen Zuge! Werd' ich für dich um Segen flehen dürfen? Um Segen für den Kindermörder flehn, Das hieße Göttern die Vernunft ableugnen! Und ſey's, daß du nach Argos wiederkehrſt, 77 Denkſt du dann deine Kinder zu umarmen? O, dieſes Recht haſt du verſcherzt? Wie könnten Sie Dem ins Auge ſehn, der eins von ihnen Mit kaltem Blut erſchlug?— Daruber ſind Wir einverſtanden— Mußteſt du als König, Als Feldherr dich betragen— kam es dir Nicht zu, bei den Achivern erſt die Sprache Der Weisheit zu verſuchen?„Ihr verlangt Nach Troja, Griechen? Gut. Das Los entſcheide, Weß Tochter ſterben ſoll!“ Das hätte Einem Gegolten wie dem Andern! Aber nicht, Nicht dir von allen Dangern allein Kam's zu, dein Kind zum Opfer anzubieten! Dal! deinem Menelaus, dem zu Lieb' Ihr ſtreitet, Dem hätt' es gebührt, ſein Kind, Hermione, der Mutter aufzuopfern! Und ich, die immer keuſch dein Bett bewahrte, Soll nun der Tochter mich beraubet ſehn, Wenn jene Laſterhafte, glücklicher Als ich, nach Sparta heimzieht mit der ihren! Beſtreit' mich, wenn ich Unrecht habe! Hab⸗ Ich Recht— o, ſo geh' in dich!— bring' ſie nicht Ums Leben, deine Tochter und die meine! Chor. Laß dich erweichen, Agamemnon! Denk', Wie ſchön es iſt, ſich ſeines Bluts erbarmen! Das wird von allen Menſchen eingeſtanden! Iphigenie. Mein Vater, hätt⸗ ich Orpheus Mund, könnt' ich Durch meiner Stimme Zauber Felſen mir 78 Zu folgen zwingen und durch meine Rede Der Menſchen Herzen, wie ich wollte, ſchmelzen: Jetzt würd' ich dieſe Kunſt zu Huülfe rufen. Doch meine ganze Redekunſt ſind Thränen, Die hab' ich, und Die will ich geben! Sieh', Statt eines Zweigs der Flehenden leg' ich Mich ſelbſt zu deinen Füßen— Tödte mich Nicht in der Bluͤthe!— Dieſe Sonne iſt So lieblich! Zwinge mich nicht, vor der Zeit Zu ſehen, was hier unten iſt!— Ich war's, Die dich zum Erſtenmale Vater nannte, Die Erſte, die du Kind genannt, die Erſte, Die auf dem vaͤterlichen Schoße ſpielte Und Küſſe gab und Küſſe dir entlockte. Da ſagteſt du zu mir:„O meine Tochter, Werd' ich dich wohl, wie's deiner Herkunft ziemt, Im Hauſe eines glücklichen Gemahles Einſt glücklich und geſegnet ſehn?“— Und ich, An dieſe Wangen angedrückt, die flehend Jetzt meine Hände nur berühren, ſprach: „Werd ich den alten Vater alsdann auch In meinem Haus mit ſuͤßem Gaſtrecht ehren Und meiner Jugend ſorgenvolle Pflege Dem Greis mit ſchöner Dankbarkeit belohnen?“ So ſprachen wir. Ich hab's recht gut behalten. Du haſt's vergeſſen, du, und willſt mich tödten. O, nein! bei Pelops, deinem Ahnherrn! nein! Bei deinem Vater, Atreus, und bei ihr, Die mich mit Schmerzen dir gebar und nun Aufs Neue dieſe Schmerzen um mich leidet! Was geht mich Paris Hochzeit an? Kam er Nach Griechenland, mich Arme zu erwuͤrgen? O gönne mir dein Auge! Gönne mir Nur einen Kuß, wenn auch nicht mehr Erhoͤrung, Daß ich ein Denkmal deiner Liebe doch Mit zu den Todten nehme! Komm, mein Bruder! Kannſt du auch wenig thun für deine Lieben, Hinknien und weinen kannſt du doch. Er ſoll Die Schweſter nicht ums Leben bringen, ſag' ihm. Gewiß! auch Kinder fühlen Jammer nach. Sieh', Vater! eine ſtumme Bitte richtet er An dich— laß dich erweichen! laß mich leben! Bei deinen Wangen flehen wir dich an. Zwei deiner Lieben, Der, unmündig noch, Ich, eben kaum erwachſen! Soll ich dir's In ein herzrührend Wort zuſammenraffen? Nichts Süßers gibt es, als der Sonne Licht Zu ſchaun! Niemand verlanget nach da unten. Der raſet, der den Tod herbeiwuͤnſcht! Beſſer In Schande leben, als bewundert ſterben! ¹1 Chor. Dein Werk iſt Dies, verderbenbringende Helene! Deine Laſterthat empöret Die Söhne Atreus gegen ihre Kinder. Agamemnon. Ich weiß, wo Mitleid gut iſt, und, wo nicht. Liebt' ich mein eigen Blut nicht, raſen mußt' ich. Entſetzlich iſt mir's, Solches zu beſchließen, Entſetzlich, mich ihm zu entziehen— Seyn muß es. Seht dort die Flotte Griechenlandes! Seht! Wie viele Könige in Erz gewaffnet! 80 Von dieſen Allen ſieht nicht Einer Troja, Und nimmer faͤllt die Burg des Priamus, Du ſterbeſt denn, wie es der Seher fordert. Von wüthendem Verlangen brennt das Heer, Nach Phrygien die Segel auszuſpannen Und der Achiver Gattinnen auf ewig Von dieſen Räubern zu befrein. Umſonſt, Daß ich dem Götterſpruch mich widerſetze, Ich— du— und du— und unſre Töchter in Mycene würden Opfer ihres Grimmes. Nein, Kind! nicht Menelaus Sklave bin ich, Nicht Menelaus iſt's, der aus mir handelt; Dein Varerland will deinen Tod— ihm muß ich, Gern oder ungern, dich zum Opfer geben. Das Vaterland geht vor!— Die Griechen frei Zu machen, Kind, die Frauen Griechenlandes, Was an uns iſt, vor raubriſchen Barbaren Zu ſchuͤtzen— Das iſt deine Pflicht und meine! (Er geht ab.) Vierter Auftritt. Klytämneſtra. Iphigenie. Der Chor, Klytämneſtra. Er geht! Er flieht dich!— Tochter— Fremdlinge— Er flieht!— Ich Unglückſelige! Sie ſtirbt! Er hat ſein Kind dem Orkus hingegeben! 81 Iphigenie. O weh' mir!— Mutter, Mutter! Gleiches Leid Berechtigt mich zu gleicher Jammerklage! ¹2 Kein Licht ſoll ich mehr ſchauen! Keine Sonne Mehr ſcheinen ſehn!— O Waͤlder Phrygiens! Und du, von dem er einſt den Namen trug, Erhabner Ida, wo den zarten Sohn, Der Mutter Bruſt entriſſen, Priamus Zu grauſenvollem Tode hingeworfen! O, hätt' er's nimmermehr gethan! den Hirten Der Rinder, dieſen Paris, nimmermehr Am klaren Waſſer hingeworfen, wo Durch grüne, blüthenvolle Wieſen, reich Beblümt mit Roſen, würdig, von Göttinnen Gepflückt zu werden, und mit Hyacinthen, Der Nymphen Silberquelle rauſcht— wohin Mit Hermes, Zeus geflügeltem Geſandten, Zu ihres Streits unſeliger Entſcheidung, Athene kam, auf ihre Lanze ſtolz, Und, ſtolz auf ihre Reize, Cypria, Die Schlaue, und Saturnia, die Hohe, Auf Jovis koͤnigliches Bette ſtolz! O dieſer Streit führt Griechenland zum Ruhme, Jungfrauen, mich führt er zum Tod! Chor. Du faͤllſt Fuͤr Ilion, Dianens erſtes Opfer. Iphigenie. Und er— o meine Mutter— er, der mir Das jammervolle Leben gab, er flieht! Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. Er meidet ſein verrathnes Kind! Weh' mir, Daß meine Augen ſie geſehen haben, Die traurige Verderberin! Ihr muß 3 Ich ſterben— unnaturlich muß ich ſterben, Durch eines Vaters frevelhaften Stahl! O Aulis, hätteſt du der Griechen Schiffe In deinem Hafen nie empfangen! Hätte Ein guͤnſt'ger Wind nach Troja ſie befluͤgelt, Kein Zeus hier am Euripus ſie verweilt! Ach, er verleiht die Winde nach Gefallen: Dem ſchwellt er mit gelindem Wehn die Segel, Dem ſendet er das Leid, die Angſt dem Andern, Den läͤßt er glücklich aus dem Hafen ſteuern, Den fuhrt er leicht durchs hohe Meer dahin, Den haͤlt er in der Mitte ſeines Laufes. War's nicht ſchon leidenvoll genug, nicht etwa Schon thranenwerth genug des Menſchen Los, Daß er dem Tod noch rief, es zu erſchweren? Chor. Ach, wie viel Unheil, wie viel Elend brachte Die Tochter Tyndars uͤber Griechenland! Du aber, Aermſte, jammerſt mich am meiſten, O, haͤtteſt du ſolch Schickſal nie erfahren! 83 Fünfter Auftritt. Achilles(mit einigen Bewaffneten, erſcheint in der Ferne). Die Vorigen. Iphigenie(erſchrocken). O Mutter, Mutter! Eine Schaar von Mannern Kommt auf uns zu. KAlytämneſtra. Der Göttinſohn iſt drunter, Für den ich dich hieher gebracht. Iphigenie (eilt nach der Thuͤr und ruft ihren Jungfrauen). Macht auf! Macht auf die Pforten, daß ich mich verberge! Klytümneſtra. Was iſt dir? Vor wem flieheſt du? Iphigenie. Vor ihm— Vor dem Peliden— ich erröthe, ihn Zu ſehn— Klytämneſtra. Warum erröthen, Kind? Iphigenie. Beſchaͤmende Entwicklung dieſer— Klytümneſtra. Laß Die Glücklichen erröthen!— Dieſe züchtigen Ach, die 8⁴ Bedenklichkeiten jetzt bei Seite, wenn Wir was vermögen ſollen— Achilles(tritt naͤher). Arme Mutter! Klytümneſtra. Du ſagſt ſehr wahr. Achilles. Ein fürchterliches Schreien Hoͤrt man im Lager. Klytümneſtra. Ueber was? Wem gilt es? Achilles. Hier deiner Tochter. Klytäümneſtra. O, Das weiſſagt mir Nichts Gutes. 8 Achilles. Alles dringt aufs Opfer. Klytümneſtra. Alles? Und Niemand iſt, der ſich dagegen ſetzte? Achilles. Ich ſelbſt kam in Gefahr— Klytämneſtra. Gefahr— Achilles. Geſteinigt Zu werden. Klytümneſtra. Weil du meine Tochter Zu retten ſtrebteſt? Achilles. Eben darum. Klytümneſtra. Was? Wer durft' es wagen, Hand an dich zu legen? . Achilles. Die Griechen alle. Klytämneſtra. Wie? Wo waren denn Die Schaaren deiner Myrmidonen? Achilles. Die Empoͤrten ſich zuerſt. Klytämneſtra. Weh' mir! Wir ſind Verloren, Kind! Achilles. Die Hochzeit habe mich Bethöret, ſchrien ſie. Klytämneſtra. Und was ſagteſt du Darauf? Achilles. Man ſolle Die nicht würgen, Die zur Gemahlin mir beſtimmt geweſen. Klytämneſtra. Da ſagteſt du, was wahr iſt. 86 Achilles. Die der Vater Mir zugedacht. Klytämneſtrn. Und die er von Mycene Ausdrücklich darum hatte kommen laſſen. Achilles. Vergebens! Ich ward überſchrien. Klytümneſtra. Die rohe Barbar'ſche Menge! Achilles. Dennoch rechne du Auf meinen Schutz. Klytimneſtra. So Vielen willſt du's bieten, Ein Einziger? Achilles. Siehſt du die Krieger dort? Alytämneſtra. O, moͤge dir's bei dieſem Sinn gelingen! Achilles. Es wird. Klytümneſtrn. So wird die Tochter mir nicht ſterben? Achilles. Solang ich Athem habe, nicht! Klytämneſtra. Kommt man Erwa, ſie mit Gewalt hinweg zu führen? Achilles. Ein ganzes Heer. Ullyſſes führt es an. Klytämneſtra. Der Sohn des Siſyphus etwa? Achilles. Derſelbe. Alytämneſtra. Führt eigner Antrieb oder Pflicht ihn her? 3 Achilles. Die Wahl des Heers, die ihm willkommen war. Alytämneſtra. Ein traurig Amt, mit Blut ſich zu beſudeln! Achilles. Ich werd' ihn zu entfernen wiſſen. Alytämneſtra. Sollte Er wider Willen ſie von hinnen reißen? Achilles. Er?— Hier, bei dieſem blonden Haar! Klytämneſtra. Was aber Muß ich dann thun? Achilles. Du haltſt die Tochter. Alytümneſtra. Wird Das hindern können, daß man ſie nicht ſchlachtet? Achilles. Das wird dies Schwert alsdann entſcheiden! ¹3 88 Iphigenie. Hoͤre Mich an, geliebte Mutter. Hört mich Beide. Was tobſt du gegen den Gemahl? Kein Menſch Muß das Unmoöͤgliche erzwingen wollen. Das größte Lob gebührt dem wohlgemeinten, Dem ſchoͤnen Eifer dieſes fremden Freundes; Du aber, Mutter, lade nicht vergeblich Der Griechen Zorn auf dich und ſtuͤrze mir Den großmuthsvollen Mann nicht ins Verderben. Vernimm jetzt, was ein ruhig Ueberlegen Mir in die Seele gab. Ich bin entſchloſſen, Zu ſterben— aber, ohne Widerwillen, Aus eigner Wahl und ehrenvoll zu ſterben! Hör' meine Gründe an und richte ſelbſt! Das ganze große Griechenland hat jetzt Die Augen auf mich Einzige gerichtet. Ich mache ſeine Flotte frei— durch mich Wird Phrygien erobert. Wenn fortan Kein griechiſch Weib mehr zittern darf, gewaltſam Aus Hellas ſel'gem Boden weggeſchleppt Zu werden von Barbaren, die nunmehr Für Paris Frevelthat ſo fürchterlich Bezahlen müſſen— aller Ruhm davon Wird mein ſeyn, Mutter! Sterbend ſchütz' ich ſie. Ich werde Griechenland errettet haben, Und ewig ſelig wird mein Name ſtrahlen. Wozu das Leben auch ſo ängſtlich lieben? Nicht dir allein— du haſt mich allen Griechen Gemeinſchaftlich geboren. Sieh' dort, ſieh' Die Tauſende, die ihre Schilde ſchwenken, 89 Dort andre Tauſende, des Ruders kundig! Entbrannt von edelm Eifer kommen ſie, Die Schmach des Vaterlands zu rächen, gegen Den Feind durch tapfre Kriegesthat zu glänzen, Zu ſterben fuür das Vaterland. Dies Alles Macht' ich zu nichte, ich, ein einzigs Leben? Wo, Mutter, waͤre Das gerecht? Was kannſt Du hierauf ſagen?— Und alsdann— (Sich gegen Achilles wendend.) 3 Soll Der's Mit allen Griechen, eines Weibes wegen, Aufnehmen und zu Grunde gehn? Nein doch! Das darf nicht ſeyn! u Der einz'ge Mann verdient Das Leben mehr, als hunderttauſend Weiber. Und will Diana dieſen Leib: werd' ich, Die Sterbliche, der Göttin widerſtreben? Umſonſt! Ich gebe Griechenland mein Blut. Man ſchlachte mich, man ſchleife Trojas Veſte! Das ſoll mein Denkmal ſeyn auf ew'ge Tage, Das ſey mir Hochzeit, Kind, Unſterblichkeit! So will's die Ordnung, und ſo ſey's! Es herrſch Der Grieche, und es diene der Barbare! 5 Denn Der iſt Knecht, und Jener frei geboren! Chor. Dein großes Herz zeigſt du— doch grauſam iſt Dein Schickſal, und ein hartes Urtheil ſprach Diana! Achilles. Wie glücklich machte mich der Gott, der dich Mir geben wollte, Tochter Agamemnons! Gluͤckſel'ges Griechenland, ſo ſchön errettet 90 Glückſelig du, durch ein ſo großes Opfer Geehrt! Wie edel haſt du da geſprochen! Wie deines Vaterlandes werth! Der ſtarken Nothwendigkeit willſt du nicht widerſtreben. Was einmal ſeyn muß, muß vortrefflich ſeyn. Je mehr dies ſchöne Herz ſich mir entfaltet, Ach, deſto feuriger lebt's in mir auf, Dich als Gemahlin in mein Haus zu führen. O ſinn' ihm nach. So gern thät' ich dir Liebes Und führte dich als Braut in meine Wohnung. Kann ich im Kampfe mit den Griechen dich Nicht retten— o, beim Leben meiner Mutter! Es wird mir ſchrecklich ſeyn. Erwäg's genau. Es iſt nichts Kleines um das Sterben! Iphigenie. Meinen Entſchluß bringt kein Beweggrund mehr zum Wanken Mag Tyondars Tochter, herrlich vor uns Allen, Durch ihre Schönheit Manner gegen Maͤnner In blut'gem Kampof bewaffnen— meinetwegen Sollſt du nicht ſterben, Fremdling! Meinetwegen Soll Niemand durch dich ſterben! Ich vermag's, Mein Vaterland zu retten. Laß mich's immer! Achilles. Erhabne Seele— Ja! Iſt Dies dein ernſter Entſchluß, ich kann dir nichts darauf erwidern. Warum, was Wahrheit iſt, nicht eingeſtehn? Du haſt die Wahl des Edelſten getroffen! Doch dürſte die gewaltſame Entſchließung Dich noch gereu'n: drum halt' ich Wort und werde 91 Mit meinen Waffenbrüdern am Altar Dir nahe ſtehn— kein muͤß'ger Zeuge deines Todes, Dein Helfer vielmehr und dein Schutz. Wer weiß, Wenn nun der Stahl an deinem Halſe blinkt, Ob dich des Freundes Naͤhe nicht erfreuet? Denn nimmer werd' ich's dulden, daß dein Leben Ein allzuraſch gefaßter Vorſatz kürze. Jetzt führ' ich Dieſe— 2. (auf ſeine Bewaffneten zeigend) 5 nach der Göttin Tempel; Dort findeſt du mich, wenn du kommſt. (Er geht ab.) Sechster Auftritt. Iphigenie. Alytämneſtra. Der Chor. Iphigenie. Nun, Mutter!— Es netzen ſtille Thränen deine Augen? Klytümneſtra. Und hab' ich etwa keinen Grund, zu weinen? O ich Ungluͤckliche! Iphigenie. Nicht doch! Erweichen Mußt du mich jetzt nicht, Mutter. Eine Bitte Gewähre mir! 92 Klytümneſtra. Entdecke ſie, mein Kind! Die Mutter findeſt du gewiß. Iphigenie. Verſprich mir, Dein Haar nicht abzuſchneiden, auch kein ſchwarzes Gewand um dich zu ſchlagen— Klytämneſtra. Wenn ich dich Verloren habe? Kind, was forderſt du? Iphigenie. Du haſt mich nicht verloren— deine Tochter Wird leben und mit Glorie dich krönen. Klytämneſtra. Ich ſoll mein Kind im Grabe nicht betrauern? Iphigenie. Nein, Mutter! Fuͤr mich gibt's kein Grab. Klytämneſtra. Wie Das? Fuͤhrt nicht der Tod zum Grab? Iphigenie. Der Tochter Zeus Geheiligter Altar dient mir zum Grabe. Klytämneſtra. Du haſt mich überzeugt. Ich will dir folgen. Iphigenie. Beneide mich als eine Selige, Die Segen brachte über Griechenland. KAlytämneſtra. Was aber hinterbring' ich deinen Schweſtern? 93 Iphigenie. Auch ſie laß keinen Trauerſchleier tragen. Klytämneſtra. Darf ich die Schweſtern nicht mit einem Worte Der Liebe noch von dir erfreuen? Iphigenie. Mög' Es ihnen wohl ergehen!— Dieſen da (auf Oreſtes zeigend.) Erziehe mir zum Mann! Klytämneſtra. Kuͤſſ' ihn noch einmal, Zum letzten Male! Iphigenie(ihn umarmend). Liebſtes Herz! Was nur In deinen kleinen Kraͤften hat geſtanden, Das haſt du redlich heut' an mir gethan! Klytümneſtra. Kann ich noch etwas Angenehmes ſonſt In Argos dir erzeigen? Iphigenie. Meinen Vater Und deinen Gatten— haſſ' ihn nicht! Klytämneſtra. O, der Soll ſchwer genug an dich erinnert werden! Iphigenie. Ungern laͤßt er fur Griechenland mich bluten. 94 Klytämneſtra. Sprich: hinterliſtig, niedrig, ehrenlos, Nicht, wie es einem Sohn des Atreus ziemet! Iphigenie(ſich umſchauend). Wer führt mich zum Altar?— Denn an den Locken Moͤcht' ich nicht hingeriſſen ſeyn. Alytämneſtra. Ich ſelbſt. Iphigenie. Nein, nimmermehr! Klytämneſtra. Ich faſſe deinen Mantel. Iphigenie. Sey mir zu Willen, Mutter, bleib'!— Das iſt Anſtandiger für dich und mich!— Hier von Des Vaters Dienern findet ſich ſchon einer, Der zu Dianens Wieſe mich begleitet, Wo ich geopfert werden ſoll. (Sie wendet ſich zum Gefolge.) Klytümneſtra(colgt ihr mit den Augen). Du gehſt, Mein Kind? Iphigenie. Um nie zurück zu kehren! Klytümneſtra. Verläſſeſt deine Mutter? Jphigenie. Und unwürdig Von ihr geriſſen, mie du ſiehſt. 9⁵ Klytümneſtra. O, bleib'! Verlaß mich nicht! (Will auf ſie zueilen.) Iphigenie(tritt zuruͤck). NRein, keine Thraͤne mehr! (Sie redet den Chor an, mit dem ſie gekommen iſt.) Ihr Jungfrau'n, ſtimmt der Tochter Jupiters Ein hohes Loblied an aus meinem Leiden Zum frohen Zeichen fur ganz Griechenland! Das Opfer fange an— Wo ſind die Körbe? Die Flamme lodre um den Opferkuchen! Mein Vater faſſe den Altar! Ich gehe, deil und Triumph zu bringen den Achivern. Kommt, führt mich hin, der Phrygier und Trojer Furchtbare Ueberwinderin! Gebt Kronen, Gebt Blumen, dieſe Locken zu bekränzen! Erhebt den Tanz um den beſprengten Tempel, Um den Altar der Königin Diana, Der Göttlichen, der Seligen! Denn, nun Es einmal ſeyn muß, will ich das Orakel Mit meinem Blut und Opfertode tilgen. Chor (wendet ſich gegen Klytaͤmneſtra, die in ſtumme Traurigkeit verſenkt ſteht). Bald, bald, ehrwürd'ge Mutter, weinen wir mit dir: Die heil'ge Handlung duldet keine Thräanen. Iphigenie. 1 Helft mir Dianen preiſen, Jungfrauen, Die, Chalcis nahe Nachbarin, in Aulis Gebietet, wo die Flotte Griechenlands 96 Im engen Hafen meinetwegen weilet! O Argos, mütterliches Land! und du, Der frühen Kindheit Pflegerin, Mycene! Chor. Die Stadt des Perſeus rufſt du an, von den Cyklopen für die Ewigkeit gegründet! Iphigenie. Ein ſchöner Stern ging den Achivern auf 4 In deinem Schoß— Doch nein!l ich will ja freudig ſterben. Chor. Im Ruhm wirſt du unſterblich bei uns leben. Iphigenie. O Fackel Jovis! Schöner Strahl des Tages! Ein ander Leben thut ſich mir jetzt auf, Zu einem andern Schickſal ſcheid' ich über. Geliebte Sonne, fahre wohl!* (Sie geht ab.) * Hier ſchließt ſich die dramatiſche Handlung. Was noch folgt, iſt die Erzaͤhlung von Iphigeniens Betragen beim Opfer und ihrer wunderbaren Errettung.* Anmerkungen. Dieſe Tragoͤdie iſt vielleicht nicht die tadelfreteſte des Eurkpides, weder im Ganzen noch in ihren Theilen. Agamemnons Eharakter iſt nicht feſt gezeichnet und durch ein zweideutiges Schwanken zwiſchen Unmenſch und Menſch, Ehrenmann und Betruͤger, nicht wohl faͤhig, unſer Mitleiden zu erregen. Auch bei dem Charakter des Achilles bleibt man zweifelhaft, ob man ihn tadeln oder bewundern ſoll. Nicht zwar, weil er neben dem Raci⸗ ne'ſchen Achilles zu ungalant, zu unempfindſam erſcheint: der franzoͤſiſche Achilles iſt der Liehhaber Iphigeniens, was Jener nicht iſt und nicht ſeyn ſoll: dieſe kleine, eigennuͤtzige Leidenſchaft wuͤrde ſich mit dem hohen Ernſt und dem wichtigen Intereſſe des griechiſchen Stuͤcks nicht vertragen. Gaͤtte ſich Achilles wirklich uͤberzeugt, daß Griechenlands Wohl dieſes Opfer erhei⸗ ſche, ſo moͤchte er ſie immer bewundern, beklagen und ſterben laſſen. Er iſt ein Grieche und ſelbſt ein großer Menſch, der dieſes Schickſal eher beneidet, als fuͤrchtet; aber Euripides nimmt ihm ſelbſt dieſe Entſchuldigung, indem er ihm Verachtung des Orakels, wenigſtens Zweifel in den Prieſter, der es verkuͤndigt hat, in den Mund legt— man ſehe die dritte Scene des vierten Akts— und ſelbſt ſein Anerbteten, Iphigenien mit Gewalt zu erretten, be⸗ weist ſeine Geringſchaͤtzung des Orakels: denn wie koͤnnte er ſich gegen Das auflehnen, was ihm heilig iſt? Wenn aber das Heilige wegfaͤllt, ſo kann er in ihr nichts mehr ſehen, als ein Opfer der Gewalt und prieſterlichen Kuͤnſte, und kann ſich dieſer großmuͤthige Goͤtterſohn auch alsdann noch ſo ruhig dabei verhalten? Muß er ſie nicht vielmehr, wenn ſie mit thoͤrichtem Fanatismus gleich ſelbſt in den Tod ſtuͤrzen will, mit Gewalt davon zuruͤckhalten, als daß er ihr erlauben koͤnnte„ein Opfer ihrer Verblendung zu werden? Man nehme es alſo, wie man will, ſo iſt entweder ſein Verſuch zu retten thoͤricht oder ſeine nachfolgende Ergebung unverzeihlich, und inconſequent bleibt in jedem Falle ſein Betragen. Der Chor in dieſem Stuͤcke, wenn ich ſeine erſte Erſchei⸗ nung ausnehme, iſt ein ziemlich uͤberfluͤſüger Theil der Handlung, und, wo er ſich in den Dialog miſcht, geſchieht es nicht immer auf eine geiſtvolle Schillers ſämmtl. Werke. II. 7 98 Weiſe: das ewige monotontſche Verwuͤnſchen des Paris und der Helene muß endlich Jeden ermuͤden. Was gegen die durch ein Wunder bewirkte Ent⸗ wickelung des Stuͤcks zu ſagen waͤre, uͤbergehe ich; uͤberhaupt aber iſt zwiſchen der dramatiſchen Fabel dieſes Dichters und ſeiner Moral oder den Geſinnun⸗ gen ſeiner Perſonen zuweilen ein ſeltſamer Widerſpruch ſichtbar, den man, ſo viel ich weiß, noch nicht geruͤgt hat. Die abenteuerlichſten Wunder⸗ und Goͤttermaͤhrchen verſchmaͤht er nicht; aber ſeine Perſonen glauben nur nicht an ihre Goͤtter, wie man haͤufige Beiſpiele bei ihm findet. Iſt es dem Dichter erlaubt, ſeine eigenen Geſinnungen in Begebenheiten einzuflech⸗ ten, die ihnen ſo ungleichartig ſind, und handelt er nicht gegen ſich ſelbſt, wenn er den Verſtand ſeiner Zuſchauer in eben dem Augenblicke auftlaͤrt oder ſtutzen macht, wo er ihren Augen einen hoͤhern Grad von Glauben zumuthet? Sollte er nicht vielmehr die ſo leicht zu zerſtoͤrende Illuſion durch die genaueſte Uebereinſtimmung von Geſinnungen und Begebenheiten zuſammen zu hatten und dem Zuſchauer den Glauben, der ihm ſehlt, durch die handelnden Perſonen unvermerkt mitzutheilen befliſſen ſeyn? Was Einige hingegen an dem Charakter Iphigeniens tadeln, waͤre ich ſehr verſucht, dem Dichter als einen vorzuͤglich ſchoͤnen Zug anzuſchreiben: dieſe Miſchung von Schwaͤche und Staͤrke, von Zaghaftigkeit und Herois⸗ mus, iſt ein wahres und reizendes Gemaͤlde der Natur. Der Uebergang von Einem zum Andern iſt ſanft und zureichend motivirt. Ihre zarte Jung⸗ fraͤulichkeit, die zuruͤckhaltende Wuͤrde, womilt ſie den Achilles, ſelbſt da, wo er Alles fuͤr ſie gethan hat oder zu thun bereit iſt, in Entfernung haͤlt, die Beſcheidenheit, alle Neugter zu unterdruͤcken, die das raͤthſelhafte Betra⸗ gen ihres Vaters bei ihr rege machen muß, ſelbſt einige hier und da hervor⸗ blickende Strahlen von Muthwillen und Luſtigkeit, ihr heller Verſtand, der ihr ſo gluͤcklich zu Huͤlfe kommt, ihr ſchreckliches Schickſal noch ſelbſt von der lachenden Seite zu ſehen, die ſanft wiederkehrende Anhaͤnglichkeit an Leben und Sonne— der ganze Charakter iſt vortrefflich. Klytaͤmneſtra— mag ſie anderswo eine noch ſo laſterhafte Gattin, eine noch ſo grauſame Mutter ſeyn, darum kuͤmmert ſich der Dichter nicht— hier iſt ſie eine zaͤrt⸗ liche Mutter und nichts als Mutter; mehr wollte und brauchte der Dichter nicht. Die muͤtterliche Zaͤrtlichkeit iſt's, die er in ihren ſanften Bewegungen, wie in ihren heftigen Ausbruͤchen ſchlldert. Aus dieſem Grunde finde ich die Stelle im fuͤnften Akt, wo ſie Iphigenien auf die Bitte, ſie moͤckte ihren Gemahl nicht haſſen, zur Antwort gibt:„O, Der ſoll ſchwer genug an dich erinnert werden;“ eine Stelle, worin ihre kuͤnftige Mordthat 99 vorbereitet zu ſeyn ſcheint, eher zu tadeln, als zu loben— zu tadeln, weil ſie dem Zuſchauer(dem griechiſchen wenigſtens, der in der Geſchichte des Hauſes Atreus ſehr gut bewandert war, und fuͤr den doch der Dichter ſchrieb) plotzlich die andere Klytaͤmneſtra, die Ehebrecherin und Moͤrderin, in den Sinn bringt, an die er jetzt gar nicht denken ſoll, mit der er die Mutter, die zaͤrtliche Mutter, gar nicht vermengen ſoll. So gluͤcklich und ſchoͤn der Gedanke iſt, in demjenigen Stuͤcke, worin Klytaͤmneſira als Moͤr⸗ derin ihres Gemahls erſcheint, das Bild der beleidigten Mutter und die Begebenheit in Aulis dem Zuſchauer wieder ins Gedaͤchtniß zu bringen (wie es z. B. im Agamemnon des Aeſchylus geſchieht), ſo ſchoͤn Dieſes iſt, und aus eben dem Grunde, warum Dieſes ſchoͤn iſt, iſt es fehlerhaft, in dasjenige Stuͤck, das uns die zaͤrtliche, leidende Mutter zeigt, die Ehe⸗ brecherin und Moͤrderin aus dem andern heruͤberzuziehen: Jenes naͤmlich diente dazu, den Abſcheu gegen ſie zu vermindern; Dieſes kann keine andere Wirkung haben, als unſer Mitleiden zu entkraͤften. Ich zweifle auch ſehr, ob Euripides bei der oben angefuͤhrten Stelle dieſen unlautern Zwech gehabt hat, den ihm Viele geneigt ſeyn duͤrften als eine Schoͤnheit unterzuſchieben. Die Geſinnungen in dieſem Stuͤcke ſind groß und edel, die Handlung wichtig und erhaben, die Mittel dazu gluͤcklich gewaͤhlt und geordnet. Kann etwas wichtiger und erhabener ſeyn, als die— zuletzt doch freiwillige— Aufopferung einer jungen und bluͤhenden Fuͤrſtentochter fuͤr das Gluͤck ſo vieler verſammelter Nationen? Konnte die Groͤße dieſes Opfers in ein volleres und ſchoͤneres Licht geſtellt werden, als durch das praͤchtige Gemaͤlde, das der Dichter durch den Chor(in der Zwiſchenhandlung des erſten Aktes) von der glaͤnzenden Ausruͤſtung des griechiſchen Heeres gleichſam im Hinter⸗ grunde entwerſen laͤßt? Wie groß endlich und wie einſach malt er uns Griechenlands Helden, denen dieſes Opfer gebracht werden ſoll, in ihrem herrlichen Repraͤſentanten Achilles? Die gereimte Ueberſetzung der Choͤre gibt dem Stuͤcke vielleicht ein zwitterartiges Anſehen, indem ſie lyriſche und dramatiſche Poeſie mit ein⸗ ander vermengt; vielleicht finden Einige ſie unter der Wuͤrde des Drama. Ich wuͤrde mir dieſe Neuerung auch nicht erlaubt haben, wenn ich nicht geglaubt haͤtte, die in der Ueberſetzung verloren gehende Harmonie der griechiſchen Verſe— ein Verluſt, der hier um ſo mehr gefuͤhlt wird, da in dem Inhalte ſelbſt nicht immer der groͤßte Werth liegt— im Deutſchen durch etwas erſetzen zu muͤſſen, wovon ich gern glaube, daß es jener Har⸗ monie nicht nahe kommt, was aber, waͤre es auch nur der uͤberwundenen 100 Schwierigkeit wegen, vielleicht einen Reiz fuͤr diejenigen Lefer hat, die durch eine ſolche Zugabe fuͤr die Choͤre des griechiſchen Trauerſpiels erſt gewonnen werden muͤſſen. Kann mich Dieſes bei unfern griechiſchen Zeloten nicht ent⸗ ſchuldigen, ſo ſind ſie hinlaͤnglich durch die Schwierigkeiten geraͤcht, die ich bei dieſem Verſuche vorgefunden habe. In einigen wenigen Stellen hab' ich mir erlaubt, von der gewoͤhnlichen Erklaͤrungsart abzugehen, wovon hier meine Gruͤnde. 1 2 3 Weil es mir ſo gefiel— denn deiner Knechte bin ich keiner. Dieſer Sinn ſchien mir den Worten des Textes angemeſſener und uͤberhaupt griechiſcher zu ſeyn, als welchen Brumoy und andere Ueberſetzer dieſer Stelle geben. Ma volonté est mon droit. Est-ce à vous à me donner la loi? Nicht doch! So konnte Menelaus nicht auf den Vorwurf antworten, den ihm Agamemnon macht, was er noͤthig habe, ſeine(Agamemnons) Angelegenheiten zu beobachten, zu bewachen (u⁴⁴ςσασειν)? Ich hab' es nicht noͤthig, antwortete Menelaus, denn ich bin nicht dein Knecht. Ich hab' es gethan, weil es mir ſo gefiel, quia voluntas me vellicabat. Auch mußte Bru moy in der Frage ſchon dem griechiſchen Texte Gewalt anthun, um ſeine Antwort heraus⸗ zubringen. De quel droit, je vous prie, entrez-vous dans mes secrets sans mon aveu? Im Text heißt es bloß: Was haſt du meine Angele⸗ genheiten zu bebbachten? Im Franzoͤſiſchen iſt die Antwort trotzig, im Griechiſchen iſt ſie naiv. Wie fiel dir ploͤtzlich da die Laſt vom Herzen. Im Griechi⸗ ſchen klingt es noch ſtaͤrker: Du freuteſt dich in deinem Herzen. Er⸗ leichtert konnte ſich Agamemnon allenfalls fuͤhlen, daß ihm durch Kalchas ein Weg gezeigt wurde, ſeine Feldherrnwuͤrde zu erhalten und ſeine ehrgeizigen Abſichten durchzuſetzen; freuen konnte er ſich aber doch nicht, daß Dieſes durch die Hinrichtung ſeiner Tochter geſchehen mußte. Dieſe ganze Antiſtrophe, die zwei erſten Abſaͤtze beſonders, ſind mit einer gewiſſen Dunkelheit behaftet: die Moral, die ſie enthalten, iſt zu allgemein, man vermißt den Zuſammenhang mit dem Uebrigen. Prev 3halt den Text fuͤr verdorben. Dieſe allgemeinen Reflexionen des Chols uͤber ſeine Sitten und Anſtaͤndigkeit, duͤnkt mir, koͤnnten eben ſo gut durch das unartige Betragen beider Bruͤder in einer der vorhergehenden Scenen, davon der Chor Zeuge geweſen iſt, ver⸗ aulaßt worden ſeyn, als durch den Frauenraub des Paris. Die 101 Schwierigkeit, den eigentlichen Sinn des Tertes herzuſtellen, wird die Freiheit entſchuldigen, die ich mir bei der Ueberſetzung genommen habe. Du wirſt immer mit mir gehen. Woͤrtlich muͤßte uͤberſetzt werden: Meine Tochter, du kommſt eben dahin, wo dein Vater; oder: Es kommt mit dir eben dahin, wo mit deinem Vater. Wenn dieſer Doppelſinn nicht auf den Gemeinplatz hinauslaufen ſoll, daß Eines ſterben muͤſſe, wie das Andre, welches Euripides doch ſchwer⸗ lich gemeint haben konnte, ſo ſcheint mir der Sinn, den ich in der Ueberſetzung vorgezogen habe, der angemeſſenere zu ſeyn: Dein Bild wird mich immer begleiten. Die Erklaͤrungsart des franzoͤſiſchen Ueberſetzers iſt etwas weit hergeholt und gibt einen froſtigen Sinn: Dich erwartet ein aͤhnliches Schickſal. Auch du wirſt eine weite See⸗ reiſe machen. 4 8 Du haſt dich weggemacht ins Ausland. Dort mach' dir zu thun. 90„ Is Tdει 19⸗6. In dieſem 279„ liegt, duͤnkt mir, ein beſtimmterer und ſchaͤrferer Sinn, als andere Ueberſetzer darein gelegt haben. Klytaͤmneſtra naͤmlich macht ihrem Gemahl den verſteckten Vorwurf, daß er die Seinigen verlaſſen habe, um ſich einer auswaͤrtigen Unternehmung zu widmen. Er habe ſich ſeiner Haus⸗ rechte dadurch begeben, will ſie ſagen. Er ſey ein Fremder. Du haſt dich hinaus gemacht, ſo bekuͤmmere dich um Dinge, die draußen ſind! Gewiß, recht brav, ſobald ſie moͤgen. Dieſe Stelle hat Brumoy zwar recht gut verſtanden, auch den Sinn, durch eine Umſchreibung freilich, ſehr richtig ins Franzoͤſiſche uͤbertragen; aber ihre wirkliche Schoͤnheit ſcheint er doch nicht erkannt zu haben, wenn er ſagen kann: Je crains, de n'avoir été que trop ſidèle à mon original, à ses dépens et aux miens. Die Stelle iſt voll Wahrheit und Natur. Klytaͤmneſtra, ganz erfuͤllt von ihrer gegenwaͤrtigen Bedraͤngniß⸗ ſchildert dem Achilles ihren verlaſſenen Zuſtand im Lager der Griechen, und in der Hitze ihres Affects kommt es ihr nicht darauf an, in ihre Schilderung des griechiſchen Heeres einige harte Worte mit einfließen zu laſſen, die man ihr, als einer Frau, die ſich durch ein außerordent⸗ liches Schickſal aus ihrem Gynaͤceum ploͤtlich in eine ihr ſo fremde Welt verſetzt und der Discretion eines trotzigen Kriegsheeres überlaſſen ſieht, gern zu gute halten wird. Mitten im Strom ihrer Rede aber fällt es ihr ein, daß ſie vor dem Achilles ſteht, der ſelbſt Einer davon 82 9 10²2 iſt: dieſer Gedanke, vielleicht auch ein Stirnrunzeln des Achilles, bringt ſie wieder zu ſich ſelbſt. Sie will einlenken und, je ungeſchickter, deſto wahrer! Im Griechiſchen ſind es vier kurze hineingeworſene Worte: T70*αράιό ϑν οϑτα ϑαμέςμααασν, woraus im Deutſchen freilich noch ein⸗ mal ſo viel geworden ſind. Prevot, deſſen Bemerkungen ſonſt vol⸗ Scharfſinn ſind, verbeſſert ſeine Vorgaͤnger hier auf eine ſehr ungluͤck⸗ liche Art? Clytemnestre, ſagt er, veut dire et dit, à ce qu'il me semble, aussi clairement qu'il étoit nécessaire, qu'Achille peut se servir de son ascendant sur l'armée pour prévenir les desseins d'Agamemnon. Le P. Brumoy n'et point trahi son auteur en exprimant cette pensée. Nein, ein ſo geſuchter Gedanke kann hoͤchſtens einem eiskalten Com⸗ mentator, nie aber dem Euripides oder ſeiner Klytaͤmneſtra einge⸗ kommen ſeyn! 3 Ja, haſſenswerther ſelbſt als Menelaus muͤßt' ich ſeyn. Der griechiſche Achilles druͤckt ſich beleidigender aus. Ich waͤre gar nichts, und Menelaus lieſe in der Reihe der Maͤnner. Haſſen konnte man den Menelaus, als den Urheber dieſes Ungluͤcks, aber Verachtung verdiente er darum nicht. Und du wirſt eilen, ſie zu fliehen! Ich weiß nicht, ob ich in dieſer Stelle den Sinn meines Autors getroffen habe. Woͤrtlich heißt ſie:„Erſtlich betrog mich meine Hoffnung, dich meinen Eidam zu nennen; alsdann iſt dir meine ſterbende Tochter vielleicht eine boͤſe Vorbedeutung bei einer kuͤnftigen Hochzeit, wovor du dich huͤten mußt. Aber du haſt wohlgeſprochen am Anfang wie am Ende.“ Der fran⸗ zoͤſſche Ueberſetzer erlaubt ſich einige Freiheiten, um die Stelle zu⸗ ſammenhaͤngender zu machen. Mais d'un autre côté, quel funeste pré- sage pour votre hymen, que la mort de l'épouse, qui vous fut dos- tinée! le second malheur intéresse l'époux aussi bien que la mere. Effin qu'ajouterais-je à vos paroles etc. Hier, und nach dem Buch⸗ ſtaben des Textes, iſt es nur eine Warnung; ich nahm es als einen Zweifel, eine Beſorgniß der Klytaͤmneſtra. So ſehr Dieſe durch Achilles Verſicherungen beruhigt ſeyn konnte, ſo liegt es doch ganz in dem Charakter der aͤngſtlichen Mutter, immer Gefahr zu ſehen, immer zu ihrer alten Furcht zuruͤckzukehren. Auch Das, was ſolgt, wird dadurch in einen natuͤrlichen Zuſammenhang mit dem Vorhergehenden gebracht: Aber Alles, was du ſagteſt, war ja wohl geſprochen, d. i. ich will deinen Verſicherungen trauen. 1 11 103 9 Gibt's keine Goͤtter— warum leid⸗ ich? Gewoͤhnllch uͤber⸗ ſetzt man dieſe Stelle: ½ 700, ri εε ovety; als eine allgemeine moraliſche Reflexion: Gibt's keine Goͤtter— wozu unſer muͤhſames Streben nach Tugend? Moraliſche Reflexionen ſind zwar ſehr im Ge⸗ ſchmack des Euripides; dieſe aber ſcheint mir im Munde der Klytaͤm⸗ neſtra, die zu ſehr auf ihr gegenwaͤrtiges Leiden geheftet iſt, um ſolchen allgemeinen Betrachtungen Raum geben zu koͤnnen, nicht ganz ſchicklich zu ſeyn. Der Sinn, in dem ich dieſe Worte nahm, wird durch ſeine naͤhere Beziehung auf ihre Lage gerechtfertigt, und der Buch⸗ ſtabe des Textes ſchließt ihn nicht aus. Gibt es keine Goͤtter, warum muß ich leiden? d. h. warum muß meine Iphigenie einer Diana wegen ſterben? = Verzweiflung, wo ich nur beginnen mag! Verzweiflung, wo ich enden mag! Joſua Barnes uͤberſetzt: Quodnam malorem meorum sumam exordium? Omnibus enim licet uti primis et postromis et mediis ubique. Angenommen, daß dieſer Sinn der wahre iſt, ſo liegt ihm vielleicht eine Anſpielung auf irgend eine griechiſche Gewohn⸗ heit zum Grunde, dergleichen man im Euripides mehrere findet. Da der Reiz, den eine ſolche Anſpielung fuͤr ein griechiſches Publikum haben konnte, bei uns wegfaͤllt, ſo wuͤrde man dem Dichter durch eine treue Ueberſetzung einen ſchlechten Dienſt erweiſen. Beſſer in Schande leben, als bewundert ſterben. Der franzoͤſiſche Ueberſetzer mildert dieſe Stelle: Une vie malheureuge est méme plus prisée qu'une glorieuse mort. Wozu aber dieſe Milderung? Iphigenie darf und ſoll in dem Zuſtande, worin ſie iſt, und in dem Affecte, worin ſie redet, den Werth des Lebens uͤbertreiben. 2 Gleiches Leid berechtigt mich zu gleicher Jammerklage. Wehe mir! ruft die Mutter. Wehe mir! ruft die Tochter: denn das naͤmliche Lied ſchickt ſich zu Beider Schickſal. Der P. Brumo y nimmt es in der That etwas zu ſcharf, wenn er dem Euripides Schuld gibt, als habe er mit dem Worte ε⁵s die Versart bezeichnen wollen, und bei dieſer Gelegenheit die weiſe Bemerkung macht, daß ein Acteur nie⸗ mals von ſich ſelbſt ſagen muͤſſe, er rede in Verſen. 43 Das wird dies Schwert alsdann entſcheiden. Woͤrtlich heißt es: Es wird(oder er wird) aber doch dazu kommen!— Nun kann es freilich auch ſo verſtanden werden: Klytaͤmne ſtra. Wird —₰ 104⁴ darum mein Kind nicht geopfert werden? Achilles. Darum wird er wenigſtens kommen; oder es kann heißen: Achilles. Du haͤltſt deine Tochter feſt. Klytaͤmneſtra. Wird Das hindern koͤnnen, daß man ſie nicht opfert? Achilles. Nein; er wird aber doch ſeinen Angriff thun.— Die angenommene Erklaͤrungsart ſcheint die natuͤrlichſte zu ſeyn. Dies iſt eine von den Stellen, die dem Euripides den Namen des Weiberfeindes zugezogen haben. Wenn man ſie aber nur auf den Achilles deutet, ſo verliert ſie das Anſtoͤßige; und dieſe Erklaͤrungsart ſchließt auch der Text nicht aus. Sceneu aus den Phönicierinnen des Euripides. Perſonen. Jokaſta, des Oedipus Gemahlin und Mutter, Koͤnigin zu Theben. Eteokles, Polynices, Antigone, ihre Tochter. Hofmeiſter der Antigone. Chor fremder Frauen aus Phoͤnicien. ihre und des Oedipus Soͤhne. Die Scene iſt vor dem Palaſt des Oedipus zu Theben. Seenen aus den Phöniecierinnen. Jokaſta. O, der du wandelſt zwiſchen den Geſtirnen Des Himmels und, auf goldnem Wagen thronend, Mit flücht'gen Roſſen Flammen von dir ſtroͤmſt, Erhabner Sonnengott— wie feindlich ſtreng Sahſt du auf Thebens Land herab, als Kadmus, Der Tyrer, ſeinen Fuß hieher geſetzt. Dem Köoͤnige gebar der Venus Tochter Harmonia den Polydor; von Dieſem Soll Labdakus, des Lajus Vater, ſtammen. Ich bin Menöceus Tochter; meinen Bruder Nennt Kreon ſich von mütterlicher Seite. Jokaſta heiß' ich— alſo nannte mich Mein Vater— und mein Ehgemahl war Lajus. Der ging, als lang kein Kinderſegen kam, Nach Phöbos Stadt, aus unſerm Ehebette Sich einen Leibeserben zu erflehn. Ihm ward die Antwort von dem Gott:„Beherrſcher Der roſſekundigen Thebaner, werde Nicht Vater wider Jovis Schluß! denn zeugſt Du einen Sohn, ſo wird dich der Erzeugte tödten, Und wandeln muß dein ganzes Haus durch Blut.“ 108 Doch er, von Luſt und Bacchus Wuth beſtegt, Ward Vater— Als ein Knabe nun erſchien, Gab er, der Uebereilung jetzt zu ſpaͤt Gewahr und des Orakels eingedenk, Den Neugebornen, dem er durch die Sohlen Ein ſpitzig Eiſen trieb, den Hirten, ihn Auf Junos Au zu werfen, die den Gipfel Citharons ſchmückt. Hier ward er von den Hirten Des Polybus gefunden, heimgetragen Und vor die Konigin gebracht, die, meines Gebarens Frucht an ihre Bruüſte legend, Beim Gatten ſich des Kindes Mutter ruͤhmte. Als er zum Jüngling nun gereift, und um Das Kinn das zarte Milchhaar angeflogen, Ging er— ſey's aus freiwill'ger Regung, ſey's Auf fremden Wink— die Eltern zu erfragen, Nach Phobos Stadt, wohin zu gleicher Zeit Auch Lajus, mein Gemahl, ſich aufgemacht, Vom weggelegten Sohne Kundſchaft zu erhalten. Auf einem Scheideweg in Phocis ſtießen Sie aufeinander, und der Wagenführer Des Lajus rief: Mach' Platz dem König, Fremdling! Doch er kroch ſchweigend ſeines Weges fort Mit hohem Geiſt, bis ihm der Zelter Huf Die Ferſe blutig trat— da— doch wozu Noch uͤber fremdes Unglück mich verbreiten? Da ſchlug der Sohn den Vater, nahm den Wagen Und bracht' ihn ſeinem Pfleger Polybus. Als bald darauf die raäuberiſche Sphinx Das Land umher verwüſtete, ließ Kreon Der Schweſter Hand, die jetzt verwittwet war, 109 Dem zur Belohnung bieten, der die Frage Der raͤthſelhaften Jungfrau wuͤrde löſen. Das Schickſal fügt's, daß Oedipus, mein Sohn, Das Raͤfthſel löst, worauf er König ward, Und dieſes Landes Scepter ihn belohnte. Unwiſſend freit' der Ungluͤckſelige Die Mutter; auch die Mutter wußte nicht, Daß ſie den eignen Sohn umfing. So gab Ich Kinder meinem eignen Kind, zwei Knaben, Den Eteokles erſt und Polynices, Den Herrlichen— zwei Toͤchter dann, die jüngſte Iſmene von ihm ſelbſt, die älteſte Von mir Antigone genannt. Doch, als Der Unglückſelige ſich endlich nun Als ſeiner Mutter Ehgemahl erkannte, Und aller Jammer ſtürmend auf ihn drang, Stach der Verzweiflungsvolle mörderiſch Mit goldnem Haken ſich die blutenden Augaäpfel aus— Indeſſen braͤunte ſich Der Söhne Wange; dieſes Ungluͤcks Schmach Dem Aug' der Welt zu bergen— ſchwer gelang's— Verſchloſſen ſie den Vater im Palaſte. Hier lebt er noch; doch, der Gewaltthat zürnend, Ergoß er Flüche auf der Soͤhne Haupt, Daß Lajus ganzes königliches Haus Durch ihres Schwertes Scharfe moͤge fallen! Und dieſes ſchweren Fluchs Erfüͤllung nun, Wenn ſie beiſammen wohnen blieben, nicht Herbeizurufen, ſchloſſen unter ſich Die Bruͤder den Vertrag, daß ſich der Jüngre Freiwillig aus dem Reich verbannen ſollte, 110 Indeß der Aeltere des Throns genöſſe, Und Beide ſo von Jahr zu Jahre wechſelnd. Doch Eteokles, mächtig nun des Throns, Verſchmäht herabzuſteigen und verſtoͤßt 3 Den Jüngeren gewaltſam aus dem Lande. Der flieht nach Argos, wo Adraſtus ihn Zum Eidam ſich erwählt und um ihn her Ein mächtig Heer verſammelt. Dieſes führt Er gegen Thebens ſieben Thore nun Heran, des Vaters Reich zurückefordernd Und ſeinen Antheil an dem Koͤnigsthron. Nun hab' ich, beide Brüder zu verſoͤhnen, Polynicen vermocht, auf Treu' und Glauben Sich bei dem Bruder friedlich einzufinden, Eh' ſie im Treffen feindlich ſich vermengen. Er werde kommen, meldet mir der Bote. Sey du nun unſer Retter, Vater Zeus, Der in des Himmels lichten Kreiſen wohnt, Und ſende meinen Kindern die Verſöhnung! Wenn du ein weiſes Weſen biſt, nicht immer Kannſt du denſelben Menſchen elend ſehn! (Sie geht ab.) Der Hofmeiſter. Antigone och nicht gleich ſichtbar). Hofmeiſter (ſpricht ins Haus hinein und erſcheint auf dem Giebel). Weil dir die Mutter auf dein Bitten denn Vergönnen will, Antigone, aus deinem Gemach zu gehn und das Argiverheer Vom Soͤller des Palaſtes zu beſchauen, 111 So warte hier, bis ich den Weg erkundet, Damit der Bürger keiner uns begegne, Und nicht verlaͤumderiſcher Tadel mich, Den Knecht, und dich, die Fürſtentochter, treffe. Hab' ich erſt rings mich umgeſehn, alsdann Erzähl' ich dir, was ich im Lager ſah Und von den Feinden mir erklären laſſen, Als ich den wechſelſeitigen Vertrag Der beiden Brüder hin und wieder trug. — Es nahert weit und breit ſich Niemand. Steig' Die alten Cedernſtufen nur herauf Und ſchau' und ſieh', was für ein Heer von Feinden In den Gefilden, längs der Dirce Quell, Verbreitet liegt und langs dem Laufe des Iſmen! Antigone(noch hinter der Scene). So komm', o Greis, und reiche meiner Jugend Die Manneshand und hilf mir auf die Stufen! Hofmeiſter(ihr den Arm reichend). Da, Jungfrau! Halte dich nur feſt— Sieh', eben Zu rechter Zeit biſt du heraufgeſtiegen: Das Heer kommt in Bewegung, und die Haufen Zertrennen ſich. Antigone. Ha, Tochter der Latona! Ehrwürd'ge Hekate!— Ein Blitz iſt das Gefilde. Hofmeiſter. Ja, nicht verächtlich rückte Polynices Auf Theben her. Mit Roſſen ohne Zahl Braust er heran und vielen tauſend Schilden. 11² Antigone. Es ſind mit Schloͤſſern doch und ehrnen Niegeln Die Pforten und die Werke Amphions, Die Mauern, wohl verwahrt? Hofmeiſter. Sey außer Sorgen! Von innen iſt die Stadt verwahrt— Doch ſieh⸗ 3 Den Fuͤhrer da wenn du ihn kennen willſt. Antigone. Der dort mit blankem Helme vor dem Heer Einherzieht und den ehrnen Schild ſo leicht Im Arme ſchwenkt— wer iſt's? Hofmeiſter. Gebieterin! Das iſt ein Führer, ebieterin! Antigone. Wer iſt er? Woher ſtammt er? Wie nennt er ſich? O, ſage mir Das, Greis! Hofmeiſter. Myceniſchen Geſchlechts iſt er und wohnt An Lernas Teiche, Fürſt Hippomedon. Antigone. Wie trotzig und wie ſchreckhaft anzuſehn! Den erdgeborenen Giganten gleich, Nicht, wie ein Sterblicher, tritt er einher, Gleich einem Stern in ſeiner Rüſtung leuchtend! Hofmeiſter. Siehſt du jetzt Den, der uͤber das Gewäͤſſer Der Dirce ſetzt? 113 Antigone. Ganz andre Waffen ſind Das wieder. Sage mir, wer iſt's? Hofmeiſter. Das iſt Der Führer Tydeus, König Oeneus Sohn. Dem ſchlagt der kalydon'ſche Mars im Buſen. Antigone. Iſt's Der, der von der Gattin meines Bruders Die Schweſter ehlichte? Wie fremd von Rüſtung, Halb Grieche ſcheint er mir und halb Barbar! Hofmeiſter. Mein Kind, ſo ſtarke Schilde fuͤhren alle Aetolier, und auf den Lanzenwurf Verſtehen ſie ſich trefflich. Antigone. Aber wie Kannſt du dies Alles ſo genau mir ſagen? Hofmeiſter. Weil ich der Schilde Zeichen mir gemerkt, Als ich den Stillſtand in das Lager brachte; So kenn' ich Die nun, die die Schilde führen. Antigone. Wer iſt denn jener Langgelockte dort An Zethus Grabmal, ſchreckhaft anzuſchanen, Doch noch ein Jüngling an Geſtalt? Hofmeiſter. Ein Führer. Antigone. Was für ein Haufen von Bewaffneten Sich um ihn drängt! Schillers ſammtl. Werke. III. 8 114 Hofmeiſter. Es iſt Parthenopaäus, Der Atalanta Sohn. Antigone. 3 Daß ihn Dianens Geſchoß, die, jagend durch Gebirg und Wald, Mit ſeiner Mutter ſchweift, verderben möge, Der meine Heimat zu verwuſten kam! Hofmeiſter. Das gebe Zeus und alle Himmliſchen! Doch keine ſchlimme Sache führte Die Herauf— drum fürcht' ich ſehr, es werden Die Götter nach Gerechtigkeit verhängen! Antigone. Wo aber, wo entdeck' ich Den, den das Unſel'ge Schickſal mir zum Bruder gab? O Liebſter, Polynicen zeige mir! Hofmeiſter. Der dort beim Grab der Töchter Niobens, Nächſt an Adraſtus, ſteht— erkennſt du ihn? Antigone. Ja, ja, ich ſehe— doch recht dentlich nicht— So was, das ihm von Ferne gleicht— ſo etwa, Wie er die Bruſt zu tragen pflegt!— o, könnt' ich Der ſchnellen Wolke Flug mit dieſen Füßen Zu meinem Bruder durch die Lüfte fliegen, Die Arme ſchlingen um den liebſten Hals Des armen Fluͤchtlings, ach, des lang entbehrten! O, ſieh' doch, wie die Morgenſonne blitzt Der Herrliche in ſeiner goldnen Rüſtung! 115 Hofmeiſter. Und, freue dich; gleich ſteht er ſelbſt vor dir! Antigone. Wer iſt denn Der, der dort mit eignen Häaͤnden Den weißen Wagen lenkt? Hofmeiſter. Das iſt der Seher Amphiaraus, Königin! Du ſtehſt, Er führt die Opferthiere mit ſich, die Mit ihrem Blut die Erde tränken ſollen. Antigone. O Luna! Licht im goldnen Kreiſe! Tochter Der Sonne, die im Sternengürtel glanzt! Wie ruhig, wie geſchickt er ſeine Zelter Im Zugel halt und herrſchet auf dem Wagen! Wo aber iſt der Trotzige, der gegen Die Stadt ſo kühner Drohung ſich verwogen? Wo iſt Kapaneus? Hofmeiſter. Dort mißt er die Hoͤh⸗ Und Tiefe unſrer Mauern und erſpaͤht Sich einen Zugang zu den ſieben Thürmen. Antigone. O Nemeſis und ihr, hohlbrauſende Gewitter Jovis, und du, loher Strahl Des nachtumgebnen Blitzes, zähmet ihr Den Trotz, der über Menſchheit ſich verſteiget! Das iſt der Mann, der Thebens Töchter mit Dem Schwert gefangen nach Mycene führen Und an dem Quell der Lerna in die Knechtſchaft 116 Herunterſtuͤrzen will— Nein, Tochter Zeus! Goldlockige Diana! Heilige! Knechtſchaft laß nie und nimmer mich erfahren! Hofmeiſter. 4 Was du zu ſehn verlangteſt, haſt du nun Geſehn und deinen Wunſch geſtillt. Komm' jetzt Ins Haus zuruͤck, mein Kind, in deinem Frauen⸗ Gemach dich ſtill und ſittſam einzuſchließen. Der Aufruhr, ſiehſt du, führt dort eine Schaar Von Weibern zu der Königsburg heran— Und Weiber ſchmähen gern! Je ſeltner ſie Zum Plaudern kommen, deſto emſiger Wird die Gelegenheit benutzt. Es muß, Ich weiß nicht welche, Wolluſt für ſie ſeyn, Einander nichts Geſundes vorzuſchwatzen. (Sie gehen ab.) Volynices(kommt). Hier waͤr' ich. Durch die Thore haben mich Die Wächter ohne Schwierigkeit gelaſſen. Dies koͤnnte mir verdaͤchtig ſeyn— Nun ſie In ihrem Netz mich einmal haben, dürfte Wohi ohne Blut kein Rückweg für mich ſeyn. Ob nicht ein Fallſtrick irgendwo hier laure, Mußt ich die Augen aller Orten haben— Doch dieſes Schwert ſey meine Sicherheit! (Er faͤhrt zuſammen.) Horch, wer iſt da?— wahrhaftig, ein Geräuſch Setzt mich in Furcht! Auch dem Beherzteſten Dunkt Alles grauenvoll, wenn er den Fuß In Feindes Land geſetzt.— Der Mutter trau' ich 117 Und trau' ihr wieder nicht, die nach beſchwornem Vertrag hieher zu kommen mich beredet. Doch in der Naͤhe hier iſt Schutz. Altaͤre Der Götter ſtehen da, und auch nicht ganz Verlaſſen ſind die Haͤuſer. Gut! Ich will Das Schwert der finſtern Scheide wiedergeben Und, wer Die ſind, die bei der Königsburg Dort ſtehen, mich erkunden. (Er geht auf den Chor zu.) Fremde Frauen, Sagt an, aus welcher Heimat kommet ihr Hieher zu dieſen Wohnungen der Griechen? Chor. Phönicien hat mich gezeugt. Mich ſandten, Als ihrer Siege Erſtlinge, dem Phöbus Die Enkel Agenors— und eben wollte Des Oedipus glorreicher Sohn zum hehren Orakel und zum Heiligthum des Gottes Mich ſenden, da umzingelte der Feind Die Stadt— Laß du nun auch mich hoͤren, wer Du ſeyſt, und was nach Thebens Veſte dich, Der ſiebenpfortigen, geführt? Volynises. Mein Vater Iſt Oedipus, des Lajus Sohn. Jokaſta Gebar mich, des Menöceus edle Tochter, Und Polynices nennt mich Thebens Volk. Chor. O theurer Zweig von Agenors Geſchlechte, Verwandter meiner Könige, derſelben, Die mich hieher geſendet— o, laß mich, 118 Nach meines Landes Weiſe, kniend dich Begrußen, Fürſt! So biſt du endlich wieder Gekommen, nach ſo langer Trennung wieder Gekommen in dein heimiſch Land! (Ruft hinein.) Hervor, Hervor, Gebieterin! Thu' auf die Thore! Hoͤrſt du ihn nicht, den du gebarſt! Was ſaumſt du, Die hochgewölbten Zimmer zu durcheilen Und in des Sohnes Arme dich zu werfen? Jokaſta(kommt). Jungfrauen, eurer Stimme tyriſchen Laut Hab' ich im Innern des Palaſts vernommen Und wanke nun, mit alterſchwerem Tritt, Zu euch heraus. (Sie erblickt den Polynices.) Mein Sohn, mein Sohn, ſo ſeh Ich endlich, nach ſo vielen tauſend Tagen, Dein liebes Auge wieder! O, umſchlinge Mit deinem Arm die mütterliche Bruſt! Laß die geliebten Wangen mich berühren! Laß, mit der Mutter Silberhaar vermengt, Die braunen Locken dieſen Hals beſchatten! O Freude, Freude! Nimmer glaubt' ich, nimmer Hofft' ich, in dieſe Arme dich zu ſchließen. Was ſoll ich Alles dir doch ſagen? Wie Das mannigfaltige Entzucken mit Geberden, Worten, Handen von mir geben? Jetzt da, jetzt dort die irren Blicke weidend, Die Luſt vergangner Jahre wieder koſten? O, lieber Sohn, wie öde ließeſt du 69. 119 Das vaterliche Haus zurück, als dich Des Bruders Trotz ins Elend ausgeſtoßen! Wie haben deine Freunde ſich nach dir Geſehnt! wie hat ganz Theben ſich nach dir Geſehnt! Mein Sohn, von dieſem Tag an ſchnitt Ich Jammernde die Locken mir vom Haupte, Seit dieſem Tage ſchmuͤckt kein weißes Kleid Die Glieder mehr; nur dieſes nächtliche Gewand, das du hier ſiehſt, hat mich bekleidet. Mit thranenvoller Sehnſucht ſchmachtete Indeß, des ſüßen Augenlichts beraubt, Der Greis hier in der Burg nach ſeinen Söhnen, Die wilder Haß von ſeinem Hauſe riß: Schon zuͤckt' er gegen ſich das Schwert, den Tod Mit eignen Haͤnden ſich bereitend, knüpfte, Sich zu erwuͤrgen, ſchon am hohen Pfoſten Die Seile, gegen dich und deinen Bruder In heulende Verwünſchungen ergoſſen. So halten wir den Ewigjammernden Im Dunkel hier verborgen. Du, mein Sohn, Haſt unterdeß im Ausland, wie ſie ſagen, Des Hochzeitbettes Freuden dir bereitet, Haſt— o welch harter Schlag für deine Mutter, Und welche Schmach für Lajus, deinen Ahnherrn!— Haſt Fremde zu den Deinigen gemacht Und fremden Fluch an unſer Haus gekettet. Ich hatte dir die Hochzeitfackel ja Nicht angezuͤndet, wie es ſittlich iſt Und recht, und wie's begluͤckten Müttern ziemt, Und der Iſmen gab dir die Welle nicht Zum hochzeitlichen Bad, kein Freudenton 120 Begrüßte deine Braut in Thebens Thoren! Verwünſcht ſey'n alle Plagen, die das Haus Des Oedipus, ſey's durch der Söhne Schwert Und Zwietracht, ſey's um ſeiner Sünde willen, Sey's durch des Schickſals blinden Schluß, beſtürmen! Auf meinem Haupte ſchlagen ſie zuſammen! Chor. Hart ſind die Wehen der Gebärerin: Drum lieben alle Mütter ſo die Kinder! Polynices. Hier bin ich mitten unter Feinden, Mutter. Hab' ich mir gut gerathen oder ſchlimm, Ich weiß es nicht— Doch hier iſt keine Wahl: Zum Vaterland fühlt Jeder ſich gezogen. Wer anders redet, Mutter, ſpielt mit Worten, Und nach der Heimat ſtehen die Gedanken. Doch, von geheimer Furcht gewarnt, daß nicht Der Bruder hinterliſtig mich erwürge, Hab' ich die Straßen mit entblößtem Schwert Und ſcharf herumgeworfnem Blick durchzogen. Eins iſt mein Troſt, der Friedenseid und dein Gegebnes Wort. Voll Zuverſicht auf Dies Vertraut' ich mich den vaterländ'ſchen Mauern. Nicht ohne Weinen, Mutter, kam ich her, Als ich die alte Königsburg und die Altaͤre meiner Götter und die Schule, Wo meine Jugend ſich im Waffenſpiel Geübt, und Dircens wohlbekannte Waſſer Nach langer, langer Trennung wieder ſah. Ganz wider Billigkeit und Recht ward ich Aus dieſen Gegenden verbannt, gezwungen, 121 Mein Leben in der Fremde zu verweinen. Nun ſeh' ich auch noch dich, geliebte Mutter, Auch dich voll Kummers, mit beſchornem Haupte, In dieſem Trau'rgewande— Ach, wie elend Bin ich! Wie unglückbringend, liebe Mutter, Iſt Feindſchaft zwiſchen Brüdern, und wie ſchwer Hält die Verſöhnung!— Aber, wie ergeht's Dem alten blinden Vater hier im Hauſe? Wie meinen beiden Schweſtern? Weinen ſie Um ihren Bruder, der im Elend irrt? Jokaſta. Ach, irgend ein Unſterblicher iſt gegen Das Haus des Oedipus entbrannt! Erſt ward Ich Mutter, die nicht Mutter werden ſollte, Drauf ehlichte zur unglückſel'gen Stunde Dein Vater Oedipus mich, dann wardſt du! Doch wozu Dieſes?— Tragen muß der Menſch, Was ihm die Götter ſenden— Sieh'! ich moͤchte Gern ein'ge Fragen an dich thun, wenn ich Nicht fürchtete, dir Schmerzen zu erregen. Polynices. Thu's immer. Halte nichts vor mir zurück. Was du willſt, macht mir allemal Vergnuͤgen. Jokaſta. Was ich zuerſt alſo gern wiſſen möchte— Sag'— iſt's denn wirklich ein ſo großes Uebel, Des Vaterlands beraubet ſeyn? Polynices. Und größer wahrlich, als es Worte malen! Johaſta. Was iſt ſo Hartes denn an der Verweiſung? 122 Volynices. Das Schrecklichſte iſt Das: Der Fluͤchtling darf Nicht offen reden, wie er gerne möͤchte. Jokaſta. Was du mir ſagſt, iſt eines Sklaven Los: Nicht reden dürfen, wie man's meint! Polynices. Er muß Den Aberwitz der Machtigen ertragen. Jokaſta. Ein Thor ſeyn müſſen mit den Thörichten, Auch Das faͤllt hart! Polynices. Und dennoch muß er ihnen, So ſehr ſein Innres ſich dagegen ſträubt, Um ſeines Vortheils willen ſklaviſch dienen. Jokaſta. Doch, Hoffnung, ſagt man, ſtaͤrke den Verbannten. Polynices. Sie lacht ihm freundlich, doch von Weitem nur. Jakaſta. Und lehrt die Zeit nicht, daß ſie eitel war? Polynires. Ach, eine holde Venus ſpielt um ſie! Jokaſta. Doch wovon lebteſt du, eh' deine Heirath Dir Unterhalt verſchaffte? Volynices. Manchmal hatt' ich Auf einen Tag zu leben, manchmal nicht. 123 Jokaſta. Nahm denn kein alter Gaſtfreund deines Vaters, Kein andrer Freund ſich deiner an? Polynices. Sey glücklich! Mit Freunden iſt's vorbei in ſchlimmen Tagen. Jokaſta. Auch deine Herkunft half dir nicht empor? 3 Volynices. Ach, Mutter, Mangel iſt ein hartes Los! Mein Adel machte mich nicht ſatt. Jokaſta. Die Heimat Iſt alſo wohl das Theuerſte, was Menſchen Beſitzen! Polynices. O, und theurer, als die Zunge Ausſprechen kann! Jokaſta. Wie kamſt du denn nach Argos? Was für ein Vorſatz führte dich dahin? Volynices. Adraſten ward von Phöbus das Orakel: Ein Eber und ein Löwe würden ſeine Eidame werden. Jokaſta. Sonderbar! Was heißt Das? Wie konnteſt du mit einem dieſer Namen Bezeichnet ſeyn? 124 Polynices. Das weiß ich ſelbſt nicht, Mutter. Das Schickſal hatte mir dies Glück beſchieden. Jokaſta. Voll Weisheit ſind des Schickſals Fügungen! Wie aber brachteſt du's bis zur Vermahlung? Polynices. Nacht war's. Ich kam zur Halle des Adraſt— Jokaſta. Flüchtlingen gleich, ein Obdach da zu finden? Volynices. Das war mein Vorſatz. Bald nach mir kam noch Ein andrer Fluͤchtling.— Jokaſta. Wer war dieſer Andre? Auch ein Unglücklicher, wie du? Polynices. Er nannte Sich Tydeus, Oeneus Sohn. Jokaſtn. Wie aber konnte Adraſt mit wilden Thieren euch vergleichen? Polynices. Weil wir ums Lager handgemein geworden. Jokaſta. Und darin fand der Sohn des Talaus Den Aufſchluß des Orakels? Polynices. Einem Jeden Gab er der Toͤchter eine zur Gemahlin. 125 Jokaſta. Und dieſe Ehe, ſchlug ſie glücklich aus? Volynices. Bis dieſen Tag hab' ich ſie nicht bereuet. Jokaſta. Wodurch bewogſt du aber die Argiver, Mit dir zu ziehen gegen Thebens Thore? Polynices. Adraſt gelobt' es mir und dieſem Tydeus, Der jetzt mein Bruder iſt, jedweden Eidam Zurückzuführen in ſein heimiſch Reich Und mich zuerſt. Es ſind der argiv'ſchen Und griech'ſchen Fürſten viel im Heer, mir dieſen Nothwendigen, doch traur'gen Dienſt zu leiſten: Denn wider meine Heimat führ' ich ſie Herauf. Doch die Unſterblichen ſind Zeugen, Wie ungern ich die Waffen gegen meine Geliebteſten ergriff! Dir, Mutter, nun Kommt's zu, den thränenvollen Zwiſt zu heben, Zwei gleich geliebte Brüder zu verſoͤhnen Und dir und mir und unſerm Vaterland Viel Drangſal, viele Leiden zu erſparen. Es iſt ein altes Wort, doch bring' ich's wieder: Die Ehre wohnt beim Reichthum. Reichthum übt Die groͤßte Herrſchaft uͤber Menſchenſeelen. Ihn zu erlangen, komm' ich an der Spitze So vieler Tauſende. Der Arme, ſey Er noch ſo groß geboren, gilt für nichts. Chor. Sieh'! Eben naht ſich Eteokles ſelbſt 126 Zur Friedenshandlung. Koͤnigin, nun iſt's an dir, Der Ueberredung kräft'ges Wort zu führen, Das deine Kinder zur Verſöhnung neige. Steokles(kommt). Da bin ich, Mutter. Dir zu Lieb' erſchein' ich. Was ſoll ich hier? Laß hören! Eben hab' ich Mein Volk und meine Wagen vor den Mauern In Schlachtordnung geſtellt— noch hielt ich ſie Zurück, das Wort des Friedens erſt zu hören, Um deſſentwillen Dem vergönnet ward, Mit ſicherem Geleit hier zu erſcheinen. Jokaſta. Gelaſſner! Uebereilung thut nicht gut; Bedachtſamkeit macht alle Dinge beſſer. Nicht dieſen finſtern Blick! nicht dieſes Schnauben Verhaltner Wuth! Es iſt kein abgeriſſ'nes Meduſenhaupt, was du betrachten ſollſt, Dein Bruder iſt's, der zu dir kam— Auch du, Gönn' ihm dein Angeſicht, mein Polynices: Weit beſſer ſpricht ſich's, weit eindringender, Wenn deine Blicke ſeinem Blick begegnen; Weit beſſer wirſt du ihn verſtehn. Hört, Kinder! Ich will euch eine kluge Lehre geben: Wenn Freunde, die einander zürnen, ſich Von Angeſicht zu Angeſicht nun wieder Zuſammen finden, ſeht, ſo müͤſſen ſie, Uneingedenk jedweder vorigen Beleidigung, ſich einzig Deſſen nur, Weßwegen ſie beiſammen ſind, erinnern! (Gu Polynices.) — Du haſt das erſte Wort, mein Sohn! Weil dir 127 Gewalt geſchehen, wie du ſagſt, biſt du Mit dem Argiverheer heraufgezogen. Und möchte Einer der Unſterblichen Nun Schiedsmann ſeyn und eure Zwietracht tilgen! Polynices. Wahrheit liebt Einfalt. Die gerechte Sache Hat künſtlich ſchlauer Wendung nicht vonnöthen. Sie ſelbſt iſt ihre Schutzwehr. Nur die ſchlimme, Siech in ſich ſelbſt, braucht die Arznei des Witzes. Weil ich es gut mit ihm und mir und mit Dem Vaterland gemeint, verbannt' ich mich, Den Flüchen zu entgehen, die der Greis Auf uns gewälzt, freiwillig aus dem Reiche, Ließ ihm den Thron, den er nach Jahresfriſt Abwechſelnd mich beſteigen laſſen ſollte, Noch damals weit entfernt, mit Blut und Mord Zuruͤckzukehren, Böſes zuzufügen Und Boͤſes zu empfangen. Ihm gefiel Die Auskunft, er beſchwor ſie bei den Göttern; Nun haͤlt er nichts von Allem, was er ſchwur, Und fäͤhret fort, den Thron und meinen Theil Am vaterlichen Reich ſich zuzueignen. Doch ſelbſt noch jetzt bin ich bereit— gibt man, Was mein iſt, mir zuruck— der Griechen Heer Aus dieſem Land in Frieden wegzufuhren, Mein Jahr, wie es mir zukommt, zu regieren Und ihm ein Gleiches wieder zu geſtatten. So bleibt mein Vaterland von Drangſal frei, Und keine Leiter naht ſich dieſen Thürmen. Verſchmäht man Das— nun, ſo entſcheide denn Das Schwert! Doch meine Zeugen ſind die Goͤtter, 128 Wie billig ich es meinte, und wie hoͤchſt Unbillig man der Heimat mich beraubet! Das iſt es, Mutter, Wort für Wort, was ich Zu ſagen habe, kurz und ungeſchraubt, Doch klar und überzeugend, wie mir daͤucht, Dem ſchwachen Kopf wie dem verſtändigſten! Chor. Ich finde dieſe Rede voll Verſtand, Wiewohl mich Griechenland nicht auferzogen. Steokles. Ja, wenn, was Einem ſchön und löblich dünkt, Auch jedem Andern ſchön und löblich dünkte, Kein Streit noch Zwiſt entzweite dann die Welt! So aber ſind's die Namen nur, worüber Man ſich verſteht; in Sachen denkt man anders. Sieh', Mutter! Zu den Sternen dort— ich ſag' Es ohne Scheu— dort, wo der Tag anbricht, Stieg' ich hinauf, vermochten's Menſchenkrafte, Und in der Erde Tiefen taucht' ich unter, Die höchſte der Göttinnen, die Gewalt, Mir zu erringen! Mutter, und dies Gut Sollt' ich in andern Häͤnden lieber ſehn Als in den meinigen? Der iſt kein Mann, Der, wo das Größre zu gewinnen iſt, Am Kleinern ſich genügen laßt.— Und wie Erniedrigend fuͤr mich, wenn Dieſer da Mit Feu'r und Schwert, was er nur will, von mir Ertrotzen könnte! Wie beſchimpfend ſelbſt Für Theben, wenn die Speere der Argiver Das Scepter mir abangſtigten! Nein, Mutter! 129 Nein! Nicht, die Waffen in der Hand, häaͤtt' er Von Frieden ſprechen ſollen! Was ein Schwert Ausrichten mag, thut auch ein Wort der Güte. Will er im Lande ſonſt ſich niederlaſſen, Recht gern! Doch König wird er nicht! ſolange Ich es zu hindern habe, nicht!— Ihm dienen, Da ich ſein Herr ſeyn kann? Nur zu! Er ruͤcke Mit Schwert und Feuer auf mich an, er decke Mit Roſſen und mit Wagen das Gefilde; Mein König wird er niemals! nie und nimmer! Muß Unrecht ſeyn, ſo ſey's um eine Krone, In allem Andern ſey man tugendhaft. Chor. Zu ſchlimmer That ſchoͤn reden iſt nicht gut: Das heißt Gerechtigkeit und Tugend höhnen. Jokuſta. Mein Sohn! mein Eteokles! Alles iſt Nicht ſchlimm am Alter. Die Erfahrung kroͤnt's Mit mancher Weisheit, die der Jugend mangelt. Warum von der Göttinnen ſchlimmſter dich, Dich von der Ehrbegier beherrſchen laſſen? O, meide die Abſcheuliche! In manch Glückſelig Haus, in manch glückſelig Land Schlich ſie ſich ein; doch, wo man ſie empfing, Zog ſie nie anders aus, als mit Verderben. Sieh', und nach Dieſer raſeſt du! Wie viel Vortrefflicher iſt Gleichheit! Gleichheit knuͤpft Den Bundsverwandten mit dem Bundsverwandten, Den Freund zuſammen mit dem Freund und Laͤnder Schillers ſaͤmmtl. Werke. 111. 9 130 Mit Ländern! Gleichheit iſt das heilige Geſetz Der Menſchheit. Dem Vermöoögenderen lebt Ein ew'ger Gegner in dem Aermern, ſtets Bereit, ihn zu bekriegen. Gleichheit gab. Den Menſchen Maß, Gewicht und Zahl. Das Licht Der Sonne und die ſtrahlenloſe Nacht Läßt ſie in gleichem Cirkelgange wechſeln— Und, Keines neidiſch auf des Andern Sieg, Wetteifern Beide nur, der Welt zu dienen. Und dich befriedigt nicht der gleiche Theil Am Throne? du mißgönnſt ihm auch den ſeinen? Iſt Das gerecht, mein Sohn? Was iſt ſo Großes Denn an der Macht, der glücklichen Gewaltthat, Daß du ſo übermäßig ſie vergoͤtterſt? Der Menſchen Augen auf ſich ziehn? Iſt Das Das Herrliche? Das iſt ja nichts! bei vielen Beſitzungen viel Müh' und Angſt empfinden! Denn, was iſt Ueberfluß? ſprich ſelbſt. Ein Name! Juſt haben, was er braucht, genügt dem Weiſen. Und Schatze ſind kein Eigenthum des Menſchen: Der Menſch verwaltet nur, was ihm die Götter Verliehn und, wenn ſie wollen, wieder nehmen: Ein Tag macht den Begüterten zum Bettler. Nun laſſ' ich unter Zweien dir die Wahl: Was willſt du lieber? Deine Vaterſtadt Erhalten oder herrſchen?— Du willſt herrſchen! Wie aber, wenn Der Sieger wird und ſeiner Argiver Schaaren deine Heere ſchlagen: Willſt du dann Zeuge ſeyn, wie Kadmus Stadt Zu Grunde ſtürzet, ſeine Jungfrauen, Ein Raub des Siegers, in die Kuechtſchaft wandern? ——n & ⸗ * 131 Ehrgeiziger, Das leg' ich dir ans Herz, So theu'r muß Theben deinen Golddurſt zahlen! (Sich zu Polynices wendend.) Und dir, mein Polynices, hat Adraſt Unklug gedient, und unklug biſt du ſelbſt, Daß du der Heimat nahſt mit Kriegesnoth. Geſetzt,(wovor die Götter uns bewahren!) Du unterwärfeſt dir die Stadt, was für Trophaen willſt du deinem Sieg errichten? Mit welchen Opfern den Unſterblichen Für deines Vaterlandes Umſturz danken? Mit welcher Aufſchrift die gemachte Beute Am Inachus aufſtellen?„Dieſe Schilde Weiht, nach Einaͤſcherung der Vaterſtadt, Den Göttern Polynices?“— Das verhüte Der Himmel, mein geliebter Sohn, daß je Ein ſolcher Ruhm dich bei den Griechen preiſe! Wirſt du beſiegt, und krönet Den das Glück, Sag' an, mit welcher Stirne willſt du dich, Nach ſo viel tauſend hier gelaſſ'nen Todten, In Argos ſehen laſſen, wo man deinem Adraſt entgegen ſchreien wird:„Verfluchtes Ehbuündniß, das du ſtifteteſt! um einer Vermählten willen muß dein Volk verderben!“ So rennſt du in die doppelte Gefahr, Den Preis ſowohl, um den du kämpfen willſt, Als der Argiver Beiſtand zu verlieren. O, zähmet, Kinder, dies unbänd'ge Feuer! Kann wohl was ungereimter ſeyn, als zwei Unſinnige, die um Daſſelbe buhlen! 13²2 3 Chor. O wendet, Götter, dieſes Unheil ab Und ſtiftet Frieden unter Oedips Kindern! Steokles(aufbrechend). Mit Worten wird hier nichts entſchieden, Mutter, Die Zeit geht ungenützt vorbei, und dein Bemühen, ſiehſt du, iſt umſonſt— Ich Herr Von dieſem Land, ſonſt kein Gedank' an Frieden! Verſchone mich mit längerer Ermahnung! (Zu Polynices.) Du, raͤume Theben oder ſtirb! Polynices. Durch wen? Wer iſt der Unverletzliche, der mich Mit mörderiſchem Stahl anfallen darf Und nicht von meinen Händen Gleiches furchtet? Steokles. Er ſteht vor deinen Augen. Siehſt du, hier! (Er ſtreckt ſeinen Arm aus.) nolynices. Ich ſehe— doch der Ueberfluß iſt feig, Und eine böſe Sache liebt das Leben. Steokles. Drum rückteſt du mit ſo viel Tauſenden Herauf? Um eine Memme zu bekriegen? Volynices. Weil kluge Vorſicht mehr, als toller Muth, Dem Feldherrn ziemt. Eteokles.. Wie frech, wie übermuͤthig! Dank's dem Vertrag, der dir das Leben friſtet. 133 Volynices. Noch einmal fordr' ich mein ererbtes Reich Und meinen Thron von dir zurück. Steokles. Es iſt Hier nichts zurückzufordern. Ich bewohne Mein Haus und fahre fort, es zu bewohnen. . Volynices. Wie? Mehr, als deines Antheils iſt?⸗ Steokles. So ſagt' ich. Und nun brich auf! Polynices. O, ihr Altaͤre meiner Heimat! Steokles. Die du zu ſchleifen kamſt. Volynices. O, höret mich! Steokles. Dich hoͤren, der ſein Vaterland bekrieget! Volynices. Ihr Tempel meiner Goͤtter! 3 Steakles. Deine Götter Verwerfen dich. Volynices. Man treibt mich aus der Heimat! Steokles. Weil du gekommen biſt, ſie zu verheeren. 134 Volynices. 1 Höchſt ungerecht verſtößt man mich, ihr Götter! Eteokles. Hier nicht, in deinem Argos ruf' ſie an! Polynices. Nuchloſer Laͤſtrer! Steokles. Doch kein Feind, wie du, Des Vaterlands. Polynices. Gewaltſam treibſt du mich Hinaus, gewaltſam raubſt du mir mein Erbe! Steokles. Und auch das Leben hoff' ich dir zu rauben. Polynices. O höͤrſt du, was ich leiden muß, mein Vater? Eteokles. Er hört auch, wie du handelſt. Polynices. Und du, Mutter? Steokles. Du haſt's verſcherzt, der Mutter heilig Haupt Zu nennen. Polynices. Vaterſtadt! Steokles. Geh' in dein Argos Und bete zu der Lerna Strom! Volynices. Ich gehe, 135 Sey unbeſorgt!— Dir tauſend, tauſend Dank, Geliebte Mutter— Eteokles. Geh' von hinnen, ſag' ich. Polynices. Ich gehe. Meinen Vater nur vergoͤnne Mir noch zu ſehen. Steokles. Nichts! Polynices. Die Schweſtern doch? Die zarten Schweſtern! Eteokles. Nie und nimmermehr! Polynices. O meine Schweſtern! Eteokles. Du erfrecheſt dich, Ihr argſter Feind, beim Namen ſie zu rufen? Polynices. Leb' froh und glücklich, Mutter! Jokaſta. Froh, mein Sohn? Sind's etwa frohe Dinge, die ich leide? Polynices. Dein Sohn? Ich bin es nicht mehr! Jokaſta. O, ihr Götter! Zu ſchwerem Drangſal ſpartet ihr mich auf! 136 Polynices. Du haſt gehoͤrt, wie grauſam er mich kraͤnkte. Eteokles. Du höͤrſt und ſiehſt, wie reichlich er's vergalt. Tolynices. Wo wird dein Poſten ſeyn vor dieſen Thürmen? Eteokles. Was fragſt du Dieſes? Polynices. Weil ich im Gefechte Dir gegenüber ſtehen will. Eteokles. Den Wunſch Nahmſt du aus meiner Seele. Jokaſtu. O ich Arme! O, meine Kinder, was beginnet ihr? Steskles. Die That wird's lehren. . Jokaſta. Wehe! Fürchtet ihr Des Vaterfluches Furien nicht mehr? Polynices. Sey's drum! Des Lajus ganzes Haus verderbe!* * Andere Ausleger geben dieſe Rede dem Eteokles, weil ſie ihnen dem ſanftern Charakter des Polynices zu widerſtreiten ſcheint. Es kann ein Fehler des Abſchreibers ſeyn: aber, warum es einer ſeyn mu ß, ſehe ich nicht ein, und man raubt dem Dichter vielleicht eine Schoͤnheit, um ihn von einem anſcheinenden Widerſpruche zu befreien. Don Carlos, Infant von Spanien. Ein dramatiſches Gedicht. Perſonen. Philipp II., Konig von Spanien. Eliſabeth von Valois, ſeine Gemahlin. Don Carlos, der Kronprinz. Alexander Farneſe, Prinz von Parma, Neffe des Koͤnigs. Infantin Clara Eugenia, ein Kind von drei Jahren. Herzogin von Olivarez, Oberhofmeiſ Maraguiſin von Mondecar, Prinzeſſin Eboli, Damen der Koͤnigin. Graͤfin Fuentes, Marquis von Poſa, ein Maltheſerritter, Herzog von Alba, Graf von Lerma, Oberſter der Leibwache, Granden von Herzog von Feria, Ritter des Vließes, Spanien. Herzog von Medina Sidonia, Admiral, Don Raimond von Taxis, Oberpoſimeiſter, Domingo, Beichtvater des Koͤnigs. Der Großinquiſitor des Koͤnigreichs. Der Prior eines Carthaͤuſerkloſters. Ein Page der Koͤnigin. Don Ludwig Mercado, Leibarzt der Koͤnigin. ſterin. Mehrere Damen und Granden. Pagen. Officiere. Die Leibwache verſchiedene ſtumme Perſonen. und v Erſter Akht. Der koͤnigliche Garten in Aranjuez. Erſter Auftritt. Carlos. Damingo. Domingo. Die ſchönen Tage in Aranjuez Sind nun zu Ende. Eure königliche Hoheit Verlaſſen es nicht heiterer. Wir ſind Vergebens hier geweſen. Brechen Sie Dies rathſelhafte Schweigen; öffnen Sie Ihr Herz dem Vaterherzen, Prinz! Zu theuer Kann der Monarch die Ruhe ſeines Sohnes— Des einz'gen Sohns— zu theuer nie erkaufen. (Carlos ſieht zur Erde und ſchweigt.) Wär' noch ein Wunſch zurücke, den der Himmel Dem liebſten ſciner Söhne weigerte? Ich ſtand dabei, als in Toledos Mauern Der ſtolze Carl die Huldigung empfing, Als Furſten ſich zu ſeinem Handkuß drängten, Und jetzt in einem— einem Niederfall 140 Sechs Königreiche ihm zu Füßen lagen— Ich ſtand und ſah das junge ſtolze Blut In ſeine Wangen ſteigen, ſeinen Buſen Von fürſtlichen Entſchlüſſen wallen, ſah Sein trunknes Aug' durch die Verſammlung fliegen, In Wonne brechen— Prinz, und dieſes Auge Geſtand: Ich bin geſättigt. (Carlos wendet ſich weg.) Dieſer ſtille Und feierliche Kummer, Prinz, den wir Acht Monde ſchon in Ihren Blicken leſen, Das Räthſel dieſes ganzen Hofs, die Angſt Des Königreichs, hat Seiner Majeſtät Schon manche ſorgenvolle Nacht gekoſtet, Schon manche Thräne Ihrer Mutter. Carlos(wendet ſich raſch um). Mutter! — O Himmel, gib, daß ich es Dem vergeſſe, Der ſie zu meiner Mutter machte! Domings. Prinz! Carlos (beünnt ſich und fährt mit der Hand uͤber die Stirn). Hochwürd'ger Herr— ich habe ſehr viel Ungluck Mit meinen Mürtern. Meine erſte Handlung, Als ich das Licht der Welt erblickte, war Ein Muttermord. Domingo. Iſt's möglich, gnaͤd'ger Prinz? Kann dieſer Vorwurf Ihr Gewiſſen drücken? 141 Carlos. Und meine neue Mutter— hat ſie mir Nicht meines Vaters Liebe ſchon gekoſtet? Mein Vater hat mich kaum geliebt. Mein ganzes Verdienſt war noch, ſein Einziger zu ſeyn. Sie gab ihm eine Tochter— O, wer weiß, Was in der Zeiten Hintergrunde ſchlummert? Domingo. Sie ſpotten meiner, Prinz. Ganz Spanien Vergöttert ſeine Königin. Sie ſollten Nur mit des Haſſes Augen ſie betrachten? Bei ihrem Anblick nur die Klugheit hören? Wie, Prinz? Die ſchönſte Frau auf dieſer Welt Und Königin— und ehmals Ihre Braut? Unmoͤglich, Prinz! Unglaublich! Nimmermehr! Wo Alles liebt, kann Carl allein nicht haſſen, So ſeltſam widerſpricht ſich Carlos nicht. Verwahren Sie ſich, Prinz, daß ſie es nie, Wie ſehr ſie ihrem Sohn mißfällt, erfahre: Die Nachricht würde ſchmerzen. Carlos. Glauben Sie? Domingo. Wenn Eure Hoheit ſich des letzteren Turniers zu Saragoſſa noch entſinnen, Wo unſern Herrn ein Lanzenſplitter ſtreifte— Die Königin mit ihren Damen ſaß Auf des Palaſtes mittlerer Tribune Und ſah dem Kampfe zu. Auf einmal rief's: „Der Köͤnig blutet!“— Man rennt durch einander, 142 Ein dumpfes Murmeln dringt bis zu dem Ohr Der Königin.„Der Prinz?“ ruft ſie und will— Und will ſich von dem oberſten Geländer Herunter werfen.—„Nein, der König ſelbſt!“ Gibt man zur Antwort—„So laßt Aerzte holen!“ Erwiedert ſie, indem ſie Athem ſchöpfte. (Nach einigem Stillſchweigen.) Sie ſtehen in Gedanken? Carlos. Ich bewundre Des Königs luſt'gen Beichtiger, der ſo Bewandert iſt in witzigen Geſchichten. (Ernſthaft und finſter.) Doch hab' ich immer ſagen hören, daß Geberdenſpäher und Geſchichtenträger Des Unheils mehr auf dieſer Welt gethan, Als Gift und Dolch in Mörders Hand nicht konnten. Die Mühe, Herr, war zu erſparen. Wenn Sie Dank erwarten, gehen Sie zum Koͤnig! Domingo. Sie thun ſehr wohl, mein Prinz, ſich vorzuſehn Mit Menſchen— nur mit Unterſcheidung. Stoßen Sie mit dem Heuchler nicht den Freund zurück: Ich mein' es gut mit Ihnen. Carlos. Laſſen Sie Das meinen Vater ja nicht merken: ſonſt Sind Sie um Ihren Purpur. Domingo(ſuutzt). Wie? 143 Carlos. Nun ja. Verſprach er Ihnen nicht den erſten Purpur, Den Spanien vergeben würde? Domingo. Prinz, Sie ſpotten meiner. Carlos. Das verhüte Gott, Daß ich des fürchterlichen Mannes ſpotte, Der meinen Vater ſelig ſprechen und Verdammen kann! Domingo. Ich will mich nicht Vermeſſen, Prinz, in das ehrwürdige Geheimniß Ihres Kummers einzudringen. Nur bitt' ich Eure Hoheit, eingedenk Zu ſeyn, daß dem beäͤngſtigten Gewiſſen Die Kirche eine Zuflucht aufgethan, Wozu Monarchen keinen Schlüſſel haben, Wo ſelber Miſſethaten unterm Siegel Des Sacramentes aufgehoben liegen— Sie wiſſen, was ich meine, Prinz! Ich habe Genug geſagt. Carlos. 1 Nein, Das ſoll ferne von mir ſeyn, Daß ich den Siegelführer ſo verſuchte! Domingo. Prinz, dieſes Mißtraun— Sie verkennen Ihren Getreuſten Diener. 144 Curlos(faßt ihn bei der Hand). Alſo geben Sie Mich lieber auf. Sie ſind ein heil'ger Mann, Das weiß die Welt— doch, frei heraus— für mich Sind Sie bereits zu überhäuft. Ihr Weg, Hochwürd'ger Vater, iſt der weiteſte, Bis Sie auf Peters Stuhle niederſitzen. Viel Wiſſen möchte Sie beſchweren. Melden Sie Das dem König, der Sie hergeſandt! Domingo. Mich hergeſandt?— Carlos. So ſagt' ich. O, zu gut, Zu gut weiß ich, daß ich an dieſem Hof Verrathen bin— ich weiß, daß hundert Augen Gedungen ſind, mich zu bewachen, weiß, Daß König Philipp ſeinen einz'gen Sohn An ſeiner Knechte ſchlechteſten verkaufte Und jede von mir aufgefangne Sylbe Dem Hinterbringer fürſtlicher bezahlt, Als er noch keine gute That bezahlte. Ich weiß— O, ſtill! Nichts mehr davon! Mein Herz Will üͤberſtrömen, und ich habe ſchon Zu viel geſagt. Domingo. Deer König iſt geſonnen, Vor Abend in Madrid noch einzutreffen. Bereits verſammelt ſich der Hof. Hab' ich Die Gnade, Prinz— Carlos. Schon gut. Ich werde folgen. (Domingo geht ab. Nach einigem Stillſchweigen.) Beweinenswerther Philipp, wie dein Sohn Beweinenswerth!— Schon ſeh' ich deine Seele Vom gift'gen Schlangenbiß des Argwohns bluten; Dein unglückſel'ger Vorwitz uübereilt Die fürchterlichſte der Entdeckungen, Und raſen wirſt du, wenn du ſie gemacht. Zweiter Auftritt. Earlas. Marquis von Poſa. Carlos. Wer kommt?— Was ſeh' ich?— O, ihr guten Geiſter! Mein Roderich! Marquis. Mein Carlos! Carlos. Iſt es möglich? Iſt's wahr? Iſt's wirklich? Biſt du's?— O, du biſt's! Ich drück' an meine Seele dich, ich fühle Die deinige allmaͤchtig an mir ſchlagen. O, jetzt iſt Alles wieder gut! In dieſer Umarmung heilt mein krankes Herz. Ich liege Am Halſe meines Roderich. Marquis. Ihr krankes, Ihr krankes Herz? Und was iſt wieder gut? Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 10 146 Was iſt's, das wieder gut zu werden brauchte? Sie hören, was mich ſtutzen macht. Carlos. Und was Bringt dich ſo unverhofft aus Bruͤſſel wieder? Wem dank' ich dieſe Ueberraſchung? wem? Ich frage noch? Verzeih' dem Freudetrunknen, Erhabne Vorſicht, dieſe Läſterung! Wem ſonſt als dir, Allgütigſte? Du wußteſt, Daß Carlos ohne Engel war, du ſandteſt Mir dieſen, und ich frage noch? Marquis. Vergebung, Mein theurer Prinz, wenn ich dies ſtürmiſche Entzücken mit Beſtürzung nur erwiedre. So war es nicht, wie ich Don Philipps Sohn. Erwartete. Ein unnatürlich Roth 3 Entzündet ſich auf Ihren blaſſen Wangen, Und Ihre Lippen zittern fieberhaft. Was muß ich glauben, theurer Prinz?— Das iſt Der loͤwenkühne Jüngling nicht, zu dem Ein unterdrücktes Heldenvolk mich ſendet— Denn jetzt ſteh' ich als Roderich nicht hier, Nicht als des Knaben Carlos Spielgeſelle— Ein Abgeordneter der ganzen Menſchheit Umarm' ich Sie— es ſind die flandriſchen Provinzen, die an Ihrem Halſe weinen Und feierlich um Rettung Sie beſtürmen. Gethan iſt's um Ihr theures Land, wenn Alba, Des Fanatismus ranher Henkersknecht, Vor Brüſſel rückt mit ſpaniſchen Geſetzen. 147 Auf Kaiſer Carls glorwürd'gem Enkel ruht Die letzte Hoffnung dieſer edeln Lande. Sie ſtürzt dahin, wenn ſein erhabnes Herz Vergeſſen hat, für Menſchlichkeit zu ſchlagen. Carlos. Sie ſtürzt dahin. Marquis. Weh' mir! Was muß ich hören? Carlos. Du ſprichſt von Zeiten, die vergangen ſind. Auch mir hat einſt von einem Carl geträumt, Dem's feurig durch die Wangen lief, wenn man Von Freiheit ſprach— doch Der iſt lang' begraben. Den du hier ſiehſt, das iſt der Carl nicht mehr, Der in Alcala von dir Abſchied nahm, Der ſich vermaß in ſüßer Trunkenheit, Der Schöpfer eines neuen goldnen Alters In Spanien zu werden— O, der Einfall War kindiſch, aber göttlich ſchön! Vorbei Sind dieſe Traͤume.— 3 Marquis. Traume, Prinz?— So waͤren Es Träume nur geweſen? Carlos. Laß mich weinen, An deinem Herzen heiße Thraͤnen weinen, Du einz'ger Freund. Ich habe Niemand— Niemand— Auf dieſer großen, weiten Erde Niemand. So weit das Scepter meines Vaters reicht, So weit die Schifffahrt unſre Flaggen ſendet, Iſt keine Stelle— keine— keine, wo Ich meiner Thränen mich entlaſten darf, Als dieſe. O, bei Allem, Roderich, 5 Was du und ich dereinſt im Himmel hoffen, Verjage mich von dieſer Stelle nicht! 3 43½ Maraquis (neigt ſich uͤber ihn in ſprachloſer Ruͤhrung). Carlos. 6 Berede dich, ich wär' ein Waiſenkind, Das du am Thron mitleidig aufgeleſen. Ich weiß ja nicht, was Vater heißt— ich bin. Ein Königsſohn— O, wenn es eintrifft, was Mein Herz mir ſagt, wenn du aus Millionen Herausgefunden biſt, mich zu verſtehn;* Wenn's wahr iſt, daß die ſchaffende Natur Den Roderich im Carlos wiederholte„ und unſrer Seelen zartes Saitenſpiel Am Morgen unſers Lebens gleich bezog; Wenn eine Thräne, die mir Lindrung gibt, Dir theurer iſt als meines Vaters Gnade— Marquis. O theurer als die ganze Welt. Carlos. So tief Bin ich gefallen— bin ſo arm geworden, Daß ich an unſre frühen Kinderjahre Dich mahnen muß— daß ich dich bitten muß, Die lang vergeſſ'nen Schulden abzutragen, Die du noch im Matroſenkleide machteſt— Als du und ich, zwei Knaben wilder Art, * 149 So brüderlich zuſammen aufgewachſen, Kein Schmerz mich drückte, als von deinem Geiſte So ſehr verdunkelt mich zu ſehn— ich endlich Mich kühn entſchloß, dich gränzenlos zu lieben, Weil mich der Muth verließ, dir gleich zu ſeyn. Da fing ich an, mit tauſend Zaͤrtlichkeiten Und treuer Bruderliebe dich zu quälen. Du, ſtolzes Herz, gabſt ſie mir kalt zurück: Oft ſtand ich da, und— doch Das ſahſt du nie! Und heiße, ſchwere Thränentropfen hingen In meinem Aug', wenn du, mich überhüpfend Geringre Kinder in die Arme drückteſt. Warum nur Dieſe? rief ich trauernd aus; Bin ich dir nicht auch herzlich gut?— Du aber, Du knieteſt kalt und ernſthaft vor mir nieder: Das, ſagteſt du, gebührt dem Königsſohn. Marquis. O ſtille, Prinz, von dieſen kindiſchen Geſchichten, die mich jetzt noch ſchamroth machen. Carlos. Ich hatt' es nicht um dich verdient. Verſchmähen, Zerreißen konnteſt du mein Herz, doch nie Von dir entfernen. Dreimal wieſeſt du Den Fürſten von dir, dreimal kam er wieder Als Bittender, um Liebe dich zu flehn Und dir gewaltſam Liebe aufzudraͤngen. Ein Zufall that, was Carlos nie gekonnt. 8 Einmal geſchah's bei unſern Spielen, daß Der Königin von Böhmen, meiner Tante, Dein Federball ins Auge flog. Sie glaubte, Daß es mit Vorbedacht geſchehn, und klagt' es 150 Dem Könige mit thränendem Geſicht. Die ganze Jugend des Palaſtes muß Erſcheinen, ihm den Schuldigen zu nennen. Der König ſchwört, die hinterliſt'ge That, Und waͤr' es auch an ſeinem eignen Kinde, Aufs Schrecklichſte zu ahnden.— Damals ſah ich Dich zitternd in der Ferne ſtehn, und jetzt, Jetzt trat ich vor und warf mich zu den Füßen Des Königs. Ich, ich that es! rief ich aus: An deinem Sohn erfülle deine Rache! Marquis. Ach, woran mahnen Sie mich, Prinz! Carlos. Sie ward's! Im Angeſicht des ganzen Hofgeſindes, Das mitleidsvoll im Kreiſe ſtand, ward ſie Auf Sklavenart an deinem Carl vollzogen. Ich ſah auf dich und weinte nicht. Der Schmerz Schlug meine Zahne knirſchend an einander; Ich weinte nicht. Mein königliches Blut Floß ſchaͤndlich unter unbarmherz'gen Streichen; Ich ſah auf dich und weinte nicht— Du kamſt; Laut weinend ſankſt du mir zu Füßen. Ja, Ja, riefſt du aus, mein Stolz iſt überwunden. Ich will bezahlen, wenn du König biſt! Marquis(vceicht ihm die Hand). Ich will es, Carl. Das kindiſche Gelübde Erneur' ich jetzt als Mann. Ich will bezahlen. Auch meine Stunde ſchlagt vielleicht. 151 Carlos. Jetzt, jetzt— O, zögre nicht— jetzt hat ſie ja geſchlagen. Die Zeit iſt da, wo du es löſen kannſt. Ich brauche Liebe.— Ein entſetzliches Geheimniß brennt auf meiner Bruſt. Es ſe ll, Es ſoll heraus. In deinen blaſſen Mienen Will ich das Urtheil meines Todes leſen. Hör' an— erſtarre— doch erwiedre nichts— Ich liebe meine Mutter. Marquis. O mein Gott! Carlos. Nein, dieſe Schonung will ich nicht! Sprich's aus, Sprich, daß auf dieſem großen Rund der Erde Kein Elend an das meine gränze— ſprich— Was du mir ſagen kannſt, errath' ich ſchon.. Der Sohn liebt ſeine Mutter. Weltgebräuche, Die Ordnung der Natur und Roms Geſetze Verdammen dieſe Leidenſchaft. Mein Anſpruch Stößt fürchterlich auf meines Vaters Rechte. Ich fühl's, und dennoch lieb' ich. Dieſer Weg Führt nur zum Wahnſinn oder Blutgerüſte. Ich liebe ohne Hoffnung— laſterhaft— Mit Todesangſt und mit Gefahr des Lebens— Das ſeh' ich ja, und dennoch lieb' ich. Marquis. Weiß Die Königin um dieſe Neigung? Carlos. Konnt' ich 152 Mich ihr entdecken? Sie iſt Philipps Frau Und Königin, und Das iſt ſpan'ſcher Boden. Von meines Vaters Eiferſucht bewacht, Von Etikette ringsum eingeſchloſſen, Wie konnt' ich ohne Zeugen mich ihr nahn? Acht höllenbange Monde ſind es ſchon, Daß von der hohen Schule mich der König Zurückberief, daß ich ſie täglich anzuſchaun Verurtheilt bin und, wie das Grab, zu ſehndeigen— 3 Acht höllenbange Monde, Roderich, Daß dieſes Feu'r in meinem Buſen wüthet, Daß tauſendmal ſich das entſetzliche Geſtändniß ſchon auf meinen Lippen meldet, Doch ſcheu und feig zurück zum Herzen kriecht. O, Roderich— nur wen'ge Augenblicke 5 3 Allein mit ihr— 3 Marquis. Ach! Und Ihr Vater, Prinz— Carlos. Unglücklicher! Warum an Den mich mahnen? Sprich mir von allen Schrecken des Gewiſſens, Von meinem Vater ſprich mir nicht. Marquis. Sie haſſen Ihren Vater? Carlos. Nein! Ach, nein! Ich haſſe meinen Vater nicht— Doch Schauer Und Miſſethäters⸗Bangigkeit ergreifen Bei dieſem fürchterlichen Namen mich. Kann ich dafuͤr, wenn eine knechtiſche Erziehung ſchon in meinem jungen Herzen Der Liebe zarten Keim zertrat? Sechs Jahre Hatt' ich gelebt, als mir zum erſten Mal Der Fürchterliche, der, wie ſie mir ſagten, Mein Vater war, vor Augen kam. Es war An einem Morgen, wo er ſtehnden Fußes Vier Bluturtheile unterſchrieb. Nach Dieſem . Sah ich ihn nur, wenn mir für ein Vergehen 8 Beſtrafung angekündigt ward.— O Gott! Hier fühl' ich, daß ich bitter werde— Weg— Weg, weg von dieſer Stelle! Marquis. Nein, Sie ſollen, Jetzt ſollen Sie ſich öͤffnen, Prinz! In Worten 2 Erleichtert ſich der ſchwer beladne Buſen. Carlos. 3 Oft hab' ich mit mir ſelbſt gerungen, oft Um Mitternacht, wenn meine Wachen ſchliefen, Mit heißen Thränengüſſen vor das Bild Der Hochgebenedeiten mich geworfen, Sie um ein kindlich Herz gefleht.— doch ohne Erhörung ſtand ich auf. Ach, Roderich! Enthülle du dies wunderbare Räthſel Der Vorſicht mir— Warum von tauſend Vätern Juſt eben dieſen Vater mir? Und ihm Juſt dieſen Sohn von tauſend beſſern Söhnen? Zwei unvertraäglichere Gegentheile Fand die Natur in ihrem Umkreis nicht. Wie mochte ſie die beiden letzten Enden Des menſchlichen Geſchlechtes— mich und ihn— Durch ein ſo heilig Band zuſammen zwingen? 154 Furchtbares Los! Warum mußt' es geſchehen? Warum zwei Menſchen, die ſich ewig meiden, In einem Wunſche ſchrecklich ſich begegnen? Hier, Roderich, ſiehſt du zwei feindliche Geſtirne, die im ganzen Lauf der Zeiten Ein einzig Mal in ſcheitelrechter Bahn. Zerſchmetternd ſich berühren, dann auf immer Und ewig auseinander fliehn. Marquis. Mir ahnet Ein unglücksvoller Augenblick. Carlos. Mir ſelbſt. Wie Furien des Abgrunds folgen mir Die ſchauerlichſten Träume; zweifelnd ringt. Mein guter Geiſt mit gräßlichen Entwürfen; Durch labyrinthiſche Sophismen kriecht Mein unglückſel'ger Scharfſinn, bis er endlich Vor eines Abgrunds gähem Rande ſtutzt— O, Roderich, wenn ich den Vater je In ihm verlernte— Roderich— ich ſehe, Dein todtenblaſſer Blick hat mich verſtanden— Wenn ich den Vater je in ihm verlernte, Was würde mir der König ſeyn? Marquis(nach einigem Stillſchweigen). Darf ich An meinen Carlos eine Bitte wagen? Was Sie auch Willens ſind zu thun, verſprechen Sie, Nichts ohne Ihren Freund zu unternehmen. Verſprechen Sie mir Dieſes?— 1 Carlos. Alles, Alles, Was deine Liebe mir gebeut. Ich werfe Mich ganz in deine Arme. Marquis. Wie man ſagt, Will der Monarch zur Stadt zurückekehren. Die Zeit iſt kurz. Wenn Sie die Königin Geheim zu ſprechen wünſchen, kann es nirgends Als in Aranjuez geſchehn. Die Stille Des Orts— des Landes ungezwungne Sitte Begünſtigen— Carlos. Das war auch meine Hoffnung. Doch, ach, ſie war vergebens! Marquis. Nicht ſo ganz. Ich gehe, mich ſogleich ihr vorzuſtellen. Iſt ſie in Spanien dieſelbe noch, Die ſie vordem an Heinrichs Hof geweſen, So find' ich Offenherzigkeit. Kann ich In ihren Blicken Carlos Hoffnung leſen, Find' ich zu dieſer Unterredung ſie Geſtimmt— ſind ihre Damen zu entfernen— Carlos. Die meiſten ſind mir zugethan.— Beſonders Die Mondecar hab' ich durch ihren Sohn, Der mir als Page dient, gewonnen.— Marquis. Deſto beſſer. 156 So ſind Sie in der Nähe, Prinz, ſogleich Auf mein gegebnes Zeichen zu erſcheinen. 4 Carlos. Das will ich— will ich— alſo eile nur! Marquis. Ich will nun keinen Augenblick verlieren. Dort alſo, Prinz, auf Wiederſehn! (Beide gehen ab auf verſchiedenen Seiten.) Die Hofhaltung der Koͤnigin in Aranjuez. Eine einfache laͤndliche Gegend, von einer Allee durchſchnitten, vom Landhauſe der Koͤnigin begraͤnzt. Dritter Auftritt. . Die Königin. Die Herzogin von Olivarez. Die Prin- zeſſin von Eboli und die Marquiſin von Monderar (welche die Allee herauftommen). Königin Gur Marquiſin). Sie will ich um mich haben, Mondecar. Die muntern Augen der Prinzeſſin quälen Mich ſchon den ganzen Morgen. Sehen Sie, Kaum weiß ſie ihre Freude zu verbergen, Weil ſie vom Lande Abſchied nimmt. Eboli. Ich will es Nicht leugnen, meine Königin, daß ich Madrid mit großen Freuden wieder ſehe. 157 Mondecar. Und Ihre Majeſtaͤt nicht auch? Sie ſollten So ungern von Aranjuez ſich trennen? Königin. Von— dieſer ſchönen Gegend wenigſtens: Hier bin ich wie in meiner Welt. Dies Plätzchen Hab' ich mir längſt zum Liebling auserleſen. Hier grüßt mich meine läͤndliche Natur, Die Buſenfreundin meiner jungen Jahre. Hier find' ich meine Kinderſpiele wieder, Und meines Frankreichs Lüfte wehen hier. Verargen Sie mir's nicht. Uns alle zieht Das Herz zum Vaterland. Eboli. Wie einſam aber, Wie todt und traurig iſt es hier! Man glaubt Sich in la Trappe. Königin. Das Gegentheil vielmehr. Todt find' ich es nur in Madrid.— Doch, was Spricht unſre Herzogin dazu? Olivarez. Ich bin Der Meinung, Ihre Majeſtät, daß es So Sitte war, den einen Monat hier, Den andern in dem Pardo auszuhalten, Den Winter in der Reſidenz, ſo lange Es Könige in Spanien gegeben. Königin. Ja, Herzogin, Das wiſſen Sie; mit Ihnen Hab' ich auf immer mich des Streits begeben. Verſprochen— 158 Mondecar. Und wie lebendig es mit Naͤchſtem in 4 Madrid ſeyn wird! Zu einem Stiergefechte Wird ſchon die Plaza Mayor zugerichtet, Und ein Auto da Fe hat man uns auch Königin. Uns verſprochen! Hör' ich Das Von meiner ſanften Mondecar? Mondecar. Warum nicht? Es ſind ja Ketzer, die man brennen ſieht. Königin. Ich hoffe, meine Eboli denkt anders. 3 Eboli. Ich? Ihre Majeſtaͤt, ich bitte ſehr, Für keine ſchlechtre Chriſtin mich zu halten, Als die Marquiſin Mondecar. Königin. Ach! Ich Vergeſſe, wo ich bin.— Zu etwas Anderm.— Vom Lande, glaub' ich, ſprachen wir. Der Monat Iſt, däucht mich, auch erſtaunlich ſchnell voruber. Ich habe mir der Freude viel, ſehr viel Von dieſem Aufenthalt verſprochen, und Ich habe nicht gefunden, was ich hoffte. Geht es mit jeder Hoffnung ſo? Ich kann Den Wunſch nicht finden, der mir fehlgeſchlagen. Olivarez. Prinzeſſin Eboli, Sie hahen uns 159 Noch nicht geſagt, ob Gomez hoffen darf? Ob wir Sie bald als ſeine Braut begrüßen? Königin. Ja! Gut, daß Sie mich mahnen, Herzogin. (Zur Prinzeſün.) Man bittet mich, bei Ihnen fuͤrzuſprechen. Wie aber kann ich Das? Der Mann, den ich Mit meiner Eboli belohne, muß Ein würd'ger Mann ſeyn. Olivarez. Ihre Majeſtät, Das iſt er, ein ſehr würd'ger Mann, ein Mann, Den unſer gnädigſter Monarch bekanntlich Mit ihrer königlichen Gunſt beehren. Königin. Das wird den Mann ſehr glücklich machen— Doch Wir wollen wiſſen, ob er lieben kann Und Liebe kann verdienen?— Eboli, Das frag' ich Sie. Eboli (Rieht ſtumm und verwirrt, die Augen zur Erde niedergeſchlagen, endlich ſaͤllt ſie der Koͤnigin zu Fuͤßen). Großmüth'ge Königin, Erbarmen Sie ſich meiner! Laſſen Sie— Um Gottes willen, laſſen Sie mich nicht— Nicht aufgeopfert werden! Königin. 4 Aufgeopfert? Ich brauche nichts mehr. Stehn Sie auf! Es iſt Ein hartes Schickſal, aufgeopfert werden. 160 Ich glaube Ihnen. Stehn Sie auf!— Iſt es Schon lang', daß Sie den Grafen ausgeſchlagen? Eboli(aufſtehend). O, viele Monate. Prinz Carlos war. Noch auf der hohen Schule. Königin (ſtutzt und ſieht ſie mit forſchenden Augen an). Haben Sie Sich auch geprüft, aus welchen Gründen? Eboli(mit einiger Heftigkeit). Niemals Kann es geſchehen, meine Königin, Aus tauſend Gründen niemals. Königin(ſeyr ernſthaft).— Mehr als einer iſt Zu viel. Sie können ihn nicht ſchätzen— Das Iſt mir genug. Nichts mehr davon. (Zu den andern Damen.) Ich habe Ja die Infantin heut' noch nicht geſehen. Marquiſin, bringen Sie ſie mir. Olivarez(ſeeht auf die Uhr). Es iſt Noch nicht die Stunde, Ihre Majeſtät. Königin. Noch nicht die Stunde, wo ich Mutter ſeyn darf? Das iſt doch ſchlimm. Vergeſſen Sie es ja nicht, Mich zu erinnern, wann ſie kommt. (Ein Page tritt auf und ſpricht leiſe mit der Oberhofmeiſterin, welche darauf ſich zur Koͤnigin wendet.) 161 Olivarez. Der Marquis Von Poſa, Ihre Majeſtät— Königin. Von Poſa? Olivarez. Er kommt aus Frankreich und den Niederlanden Und wünſcht die Gnade zu erhalten, Briefe Von der Regentin Mutter übergeben Zu dürfen. Königin. Und Das iſt erlaubt? Olivarez(bedenklich). In meiner Vorſchrift Iſt des beſondern Falles nicht gedacht, Wenn ein caſtilian'ſcher Grande Briefe Von einem fremden Hof der Königin Von Spanien in ihrem Gartenwäldchen Zu überreichen kommt. Königin. So will ich denn Auf meine eigene Gefahr es wagen. Olivarez. Doch mir vergoͤnne Ihre Majeſtät, Mich ſo lang zu entfernen.— Königin. . 1 Halten Sie Das, wie Sie wollen, Herzogin. (Die Oberhofmeiſterin geht ab, und die Koͤnigin gibt dem Pagen einen Wink, welcher ſogleich hinaus geht.) Schillers ſaͤmmtl. Werke, III. 11 16² Vierter Auftritt. Königin. Prinzeſſin von Eboli. AMlarquiſin von Monderar und Marquis von Poſa. 1 Königin. 3 Ich heiße Sie Willkommen, Chevalier, auf ſpan'ſchem Boden. Marquis. Den ich noch nie mit ſo gerechtem Stolze Mein Vaterland genannt, als jetzt.— Königin(zu den beiden Damen). Der Marquis Von Poſa, der im Ritterſpiel zu Rheims Mit meinem Vater eine Lanze brach 4 3 Und meine Farbe dreimal ſiegen machte— Der Erſte ſeiner Nation, der mich Den Ruhm empfinden lehrte, Königin Der Spanier zu ſeyn. (Zum Marquis ſich wendend.) Als wir im Louvre Zum letzten Mal uns ſahen, Chevalier, Da traͤumt' es Ihnen wohl noch nicht, daß Sie 1 Mein Gaſt ſeyn würden in Caſtilien? 3 . Marquis. Nein, große Königin— denn damals traͤumte Mir nicht, daß Frankreich noch das Einzige An uns verlieren würde, was wir ihm Beneidet hatten. Königin. Stolzer Spanier! 163 Das Einzige?— Und Das zu einer Tochter Vom Hauſe Valois? Marquis. Jetzt darf ich es Ja ſagen, Ihre Majeſtat— denn jetzt Sind Sie ja unſer. Königin. Ihre Reiſe, hör' ich, Hat auch durch Frankreich Sie geführt.— Was bringen Sie mir von meiner hochverehrten Mutter Und meinen vielgeliebten Brüdern? Marquis(uͤberreicht ihr die Briefe). Die Königin Mutter fand ich krank, geſchieden Von jeder andern Freude dieſer Welt, Als, ihre königliche Tochter glücklich Zu wiſſen auf dem ſpan'ſchen Thron. Königin. Muß ſie Es nicht ſeyn bei dem theuren Angebenken So zaͤrtlicher Verwandten? bei der füßen Erinnrung an— Sie haben viele Höfe Beſucht auf Ihren Reiſen, Chevalier, Und viele Länder, vieler Menſchen Sitte Geſehn— und jetzt, ſagt man, ſind Sie geſonnen, In Ihrem Vaterland ſich ſelbſt zu leben? Ein groͤßrer Fürſt in Ihren ſtillen Mauern, Als König Philipp auf dem Thron— ein Freier! Ein Philoſoph!— Ich zweifle ſehr, ob Sie Sich werden können in Madrid gefallen. Man iſt ſehr— ruhig in Madrid. 164 Marquis. Und Das Iſt mehr, als ſich das ganze übrige Europa zu erfreuen hat. Königin. So hör' ich. Ich habe alle Händel dieſer Erde Bis faſt auf die Erinnerung verlernt. (Zur Prinzeſſin von Eboli.) Mir daucht, Prinzeſſin Eboli, ich ſehe Dort eine Hyacinthe blühen— Wollen Sie mir ſie bringen? (Die Prinzeſſin geht nach dem Platze. Die Koͤnigin etwas leiſer zum Marquis.) Chevalier, ich muͤßte Mich ſehr betrügen, oder Ihre Ankunft Hat einen frohen Menſchen mehr gemacht An dieſem Hofe. Marquis. Einen Traurigen Hab' ich gefunden— den auf dieſer Welt Nur etwas fröhlich— (Die Prinzeſſin kommt mit der Blume zuruͤck.) Eboli. Da der Chevalier So viele Länder hat geſehen, wird Er ohne Zweifel viel Merkwürdiges Uns zu erzählen wiſſen. Marquis. Allerdings! und, Abenteuer ſuchen, iſt bekanntlich 165 Der Ritter Pflicht— die heiligſte von allen, Die Damen zu beſchuͤtzen. Mondecar. Gegen Rieſen! Jetzt gibt es keine Rieſen mehr. Marquis. Gewalt 3 Iſt für den Schwachen jederzeit ein Rieſe. Königin. Der Chevalier hat Recht. Es gibt noch Rieſen, Doch keine Ritter gibt es mehr. Marquis. Noch jüngſt, Auf meinem Rückweg von Neapel, war Ich Zeuge einer rührenden Geſchichte, Die mir der Freundſchaft heiliges Legat Zu meiner eigenen gemacht.— Wenn ich Nicht fuͤrchten muͤßte, Ihre Majeſtät Durch die Erzahlung zu ermüden— 4 Königin. Bleibt Mir eine Wahl? Die Neugier der Prinzeſſin Läͤßt ſich nichts unterſchlagen. Nur zur Sache! Auch ich bin eine Freundin von Geſchichten. Marquis. Zwei edle Haäuſer in Mirandola, Der Eiferſucht, der langen Feindſchaft müde, Die von den Ghibellinen und den Guelfen Jahrhunderte ſchon fortgeerbt, beſchloſſen, Durch der Verwandtſchaft zarte Bande ſich 166 In einem ew'gen Frieden zu vereinen. Des mächtigen Pietro Schweſterſohn, Fernando, und die gottliche Mathilde, Colonnas Tochter, waren auserſehn, Dies ſchöne Band der Einigkeit zu knüpfen. Nie hat zwei ſchönre Herzen die Natur Gebildet für einander— nie die Welt, Nie eine Wahl ſo glücklich noch geprieſen. Noch hatte ſeine liebenswürd'ge Braut Fernando nur im Bildniß angebetet— Wie zitterte Fernando, wahr zu finden, Was ſeine feurigſten Erwartungen Dem Bilde nicht zu glauben ſich getrauten! In Padua, wo ſeine Studien Ihn feſſelten, erwartete Fernando Des frohen Augenblickes nur, der ihm Vergönnen ſollte, zu Mathildens Füßen Der Liebe erſte Huldigung zu ſtammeln. (Die Koͤnigin wird aufmerkſamer. Der Marquis faͤhrt nach einem kurzen Stillſchweigen fort, die Erzaͤhlung, ſoweit es die Gegenwart der Koͤnigin erlaubt, mehr an die Prinzeſſin von Eboli zu richten.) Indeſſen macht der Gattin Tod die Hand Pietros frei.— Mit jugendlicher Glut Verſchlingt der Greis die Stimmen des Gerüchtes, Das in dem Ruhm Mathildens ſich ergoß. Er kommt!— Er ſieht!— Er liebt! Die neue Regung Erſtickt die leiſre Stimme der Natur: Der Oheim wirbt um ſeines Neffen Braut Und heiligt ſeinen Raub vor dem Altare. Königin. Und was beſchließt Fernando? 167 Marquis. Auf der Liebe Flügeln, Des fürchterlichen Wechſels unbewußt, Eilt nach Mirandola der Trunkene. Mit Sternenſchein erreicht ſein ſchnelles Roß Die Thore— ein bacchantiſches Getön Von Reigen und von Pauken donnert ihm Aus dem erleuchteten Palaſt entgegen. Er bebt die Stufen ſcheu hinauf und ſieht Sich unerkannt im lauten Hochzeitſaale, Wo in der Gäaſte taumelndem Gelag Pietro ſaß— ein Engel ihm zur Seite, Ein Engel, den Fernando kennt, der ihm In Traäumen ſelbſt ſo glänzend nie erſchienen. Ein einz'ger Blick zeigt ihm, was er beſeſſen, Zeigt ihm, was er auf immerdar verloren. Eboli. Unglücklicher Fernando! Königin. Die Geſchichte Iſt doch zu Ende, Chevalier?— Sie muß Zu Ende ſeyn. Marquis. Noch nicht ganz. Königin. Sagten Sie Uns nicht, Fernando ſey Ihr Freund geweſen? Marquis. Ich habe keinen theurern. 188 Eboli. Fahren Sie Doch fort in der Geſchichte, Chevalier. Marquis.. Die wird ſehr traurig— und das Angedenken Erneuert meinen Schmerz. Erlaſſen Sie Mir den Beſchluß— (Ein allgemeines Stillſchweigen.) Königin(wendet ſich zur Prinzeſſin von Eboli). Nun wird mir endlich doch Vergönnt ſeyn, meine Tochter zu umarmen?— Prinzeſſin, bringen Sie ſie mir. (Dieſe entfernt ſich. Der Marquis winkt einem Pagen, der ſich im Hin⸗ tergrunde zeigt und ſogleich verſchwindet. Die Koͤnigin erbricht die Brieſe, die der Marquis ihr gegeben, und ſcheint uͤberraſcht zu werden. In dieſer Zeit ſpricht der Marquis geheim und angelegentlich mit der Marquiſin von Mondecar.— Die Koͤnigin hat die Briefe geleſen und wendet ſich mit einem ausforſchenden Blicke zum Marquis.) Sie haben Uns von Mathilden nichts geſagt? Vielleicht Weiß ſie es nicht, wie viel Fernando leidet? Marquis. Mathildens Herz hat Niemand noch ergründet— Doch große Seelen dulden ſtill. Königin. Sie ſehn ſich um? Wen ſuchen Ihre Augen? Marquis. Ich denke nach, wie glücklich ein Gewiſſer, Den ich nicht nennen darf, an meinem Platze Seyn muͤßte. —— — — 169 Königin. Weſſen Schuld iſt es, daß er Es nicht iſt? Marquis(lebhaft einfal lend). Wie? Darf ich mich unterſtehen, Dies zu erklären, wie ich will?— Er Vergebung finden, wenn er jetzt erſchier würde ne? Königin(erſchrocken). Jetzt, Marquis, jetzt? Was meinen Si Marquis. Er dürfte hoffen— dürft' er? e damit? Königin(mit wachſender Verwirrung). Sie erſe Marquis— er wird doch nicht— Marquis. Hier hrecken mich, iſt er ſchon. Fünfter Auftritt. Die Königin. Ca (Marquis von Poſa und die Marquiſin von M Hintergrunde zuruͤck.) * rlos. Kondecar treten nach dem Carlos(vor der Koͤnigin niedergeworfen.) So iſt er endlich da, der Augenblick, Und Carl darf dieſe theure Hand berühren! Königin. Was für ein Schritt— welch eine ſtrafbare, 170 Tollkühne Ueberraſchung! Stehn Sie auf! Wir ſind entdeckt. Mein Hof iſt in der Nähe. Carlos. Ich ſteh' nicht auf— hier will ich ewig knien, Auf dieſem Platz will ich verzaubert liegen, In dieſer Stellung angewurzelt— Königin. Raſender! Zu welcher Kühnheit führt Sie meine Gnade? Wie? Wiſſen Sie, daß es die Königin, Daß es die Mutter iſt, an die ſich dieſe Verwegne Sprache richtet? Wiſſen Sie, Daß ich— ich ſelbſt von dieſem Ueberfalle Dem Könige— Carlos. Und, daß ich ſterben muß! Man reiße mich von hier aufs Blutgeruͤſte! Ein Augenblick, gelebt im Paradieſe, Wird nicht zu theuer mit dem Tod gebüßt. Königin. Und Ihre Königin? Carlos(ſieht auf). Gott, Gott! ich gehe— Ich will Sie ja verlaſſen.— Muß ich nicht, Wenn Sie es alſo fordern? Mutter, Mutter, Wie ſchrecklich ſpielen Sie mit mir! Ein Wink, Ein halber Blick, ein Laut aus Ihrem Munde Gebietet mir, zu ſeyn und zu vergehen. Was wollen Sie, das noch geſchehen ſoll? Was unter dieſer Sonne kann es geben, — — — 171 Das ich nicht hinzuopfern eilen will, Wenn Sie es wünſchen? Königin. Fliehen Sie! Carlos. O Gott! Königin. Das Einz'ge, Carl, warum ich Sie mit Thraͤnen Beſchwöre— fliehen Sie!— eh' meine Damen— Eh' meine Kerkermeiſter Sie und mich Beiſammen finden und die große Zeitung Vor Ihres Vaters Ohren bringen— Carlos. Ich erwarte Mein Schickſal— es ſey Leben oder Tod. Wie? Hab' ich darum meine Hoffnungen Auf dieſen einz'gen Augenblick verwieſen, Der Sie mir endlich ohne Zeugen ſchenkt, Daß falſche Schrecken mich am Ziele täuſchten? Nein, Königin! Die Welt kann hundertmal, Kann tauſendmal um ihre Pole treiben, Eh' dieſe Gunſt der Zufall wiederholt. Königin. Auch ſoll er Das in Ewigkeit nicht wieder. Unglücklicher! was wollen Sie von mir? Carlos. O Königin, daß ich gerungen habe, Gerungen, wie kein Sterblicher noch rang, Iſt Gott mein Zeuge— Königin, umſonſt! Hin iſt mein Heldenmuth. Ich unterliege. 172 Königin. Nichts mehr davon— um meiner Ruhe willen— Carlos. 6 Sie waren mein— im Angeſicht der Welt Mir zugeſprochen von zwei großen Thronen, Mir zuerkannt von Himmel und Natur, Und Philipp, Philipp hat mir Sie geraubt— Königin. Er iſt Ihr Vater. Carlos. Ihr Gemahl. Königin. Der Ihnen Das größte Reich der Welt zum Erbe gibt. Carlos. Und Sie zur Mutter. Königin. Großer Gott! Sie raſen— Carlos. Und weiß er auch, wie reich er iſt? Hat er 6 Ein fühlend Herz, das Ihrige zu ſchaͤtzen? Ich will nicht klagen, nein, ich will vergeſſen, Wie unausſprechlich glücklich ich mit ihr Geworden wäre— wenn nur er es iſt. Er iſt es nicht— Das, Das iſt Höllenqual! Er iſt es nicht und wird es niemals werden. 6 Du nahmſt mir meinen Himmel nur, um ihn In König Philipps Armen zu vertilgen. Königin. Abſcheulicher Gedanke! 173 Carlos. O, ich weiß, Wer dieſer Ehe Stifter war— ich weiß, Wie Philipp lieben kann, und wie er freite. Wer ſind Sie denn in dieſem Reich? Laß hören! Regentin etwa? Nimmermehr! Wie könnten, Wo Sie Regentin ſind, die Alba würgen? Wie könnte Flandern für den Glauben bluten? Wie, oder ſind Sie Phillpps Frau? Unmöglich! Ich kann's nicht glauben. Eine Frau beſitzt Des Mannes Herz, und wem gehört das ſeine? Und bittet er nicht jede Zärtlichkeit, Die ihm vielleicht in Fieberglut entwiſchte, Dem Scepter ab und ſeinen grauen Haaren? Königin. Wer ſagte Ihnen, daß an Philipps Seite Mein Los beweinenswüͤrdig ſey? Carlos. 4 Mein Herz, Das feurig füͤhlt, wie es an meiner Seite Beneidenswürdig wäre. Königin. Eitler Mann! Wenn mein Herz nun das Gegentheil mir ſagte? Wenn Philipps ehrerbiet'ge Zartlichkeit Und ſeiner Liebe ſtumme Mienenſprache Weit inniger, als ſeines ſtolzen Sohns Verwegene Beredſamkeit mich rüͤhrten? Wenn eines Greiſes überlegte Achtung— Carlos. Das iſt was Anders— Dann— ja, dann— Vergebung! 174 Ich wußt' es nicht— Das wußt' ich nicht, daß Sie Den Koͤnig lieben. 3 Königin. Ihn ehren iſt mein Wunſch und mein Vergnügen. Carlos. Sie haben nie geliebt?— Königin. Seltſame Frage! Carlos. Sie haben nie geliebt?. Königin. — Ich liebe nicht mehr. Carlos. Weil es Ihr Herz, weil es Ihr Eid verbietet?. Königin. Verlaſſen Sie mich, Prinz, und kommen Sie Zu keiner ſolchen Unterredung wieder! Carlos. Weil es Ihr Eid, weil es Ihr Herz verbietet? Königin. Weil meine Pflicht—— Unglücklicher, wozu Die traurige Zergliederung des Schickſals, Dem Sie und ich gehorchen müſſen? Carlos. Müſſen? Gehorchen müſſen? Königin. Wie? Was wollen Sie Mit dieſem feierlichen Ton? 175 Carlos. So viel, Daß Carlos nicht geſonnen iſt, zu müſſen, Wo er zu wollen hat; daß Carlos nicht Geſonnen iſt, der Ungluͤckſeligſte In dieſem Reich zu bleiben, wenn es ihm Nichts als den Umſturz der Geſetze koſtet, Der Gluͤcklichſte zu ſeyn. Königin. Verſteh' ich Sie? Sie hoffen noch? Sie wagen es, zu hoffen, Wo Alles, Alles ſchon verloren iſt? Carlos. Ich gebe nichts verloren, als die Todten. Königin. Auf mich, auf Ihre Mutter hoffen Sie?— (Sie ſieht ihn lange und durchdringend an— dann mit Wuͤrde und Ernſt:) Warum nicht? O, der neu erwählte König Kann mehr als Das— kann die Verordnungen Des abgeſchiednen durch das Feu'r vertilgen, Kann ſeine Bilder ſtürzen, kann ſogar— Wer hindert ihn?— die Mumie des Todten Aus ihrer Ruhe zu Escurial Hervor ans Licht der Sonne reißen, ſeinen Entweihten Staub in die vier Winde ſtreun Und dann zuletzt, um wuͤrdig zu vollenden— Carlos. Um Gottes willen, reden Sie nicht aus! Königin. Zuletzt noch mit der Mutter ſich vermählen. 1 176 Carlos. Verfluchter Sohn! (Er ſteht einen Augenblick ſtarr und ſprachlos.) 3 Ja, es iſt aus. Jetzt iſt— V Es aus.— Ich fühle klar und helle, was Mir ewig, ewig dunkel bleiben ſollte. Sie ſind für mich dahin— dahin— dahin— Auf immerdar!— Jetzt iſt der Wurf gefallen. Sie ſind fuͤr mich verloren— O, in dieſem Gefühl liegt Hölle— Holle liegt im andern, Sie zu beſitzen.— Weh'! ich faſſ' es nicht, Und meine Nerven fangen an zu reißen. V Königin. Beklagenswerther, theurer Carl! Ich fühle— Ganz fühl' ich ſie, die namenloſe Pein, Die jetzt in Ihrem Buſen tobt. Unendlich, V Wie Ihre Liebe, iſt Ihr Schmerz; unendlich, Wie er, iſt auch der Ruhm, ihn zu beſiegen. Erringen Sie ihn, junger Held! Der Preis Iſt dieſes hohen, ſtarken Kämpfers werth, Des Jünglings werth, durch deſſen Herz die Tugend I So vieler königlichen Ahnen rollt. Ermannen Sie ſich, edler Prinz!— Der Enkel Des großen Carl fängt friſch zu ringen an, Wo andrer Menſchen Kinder muthlos enden. Carlos. Zu ſpät! O Gott, es iſt zu ſpät! W Königin. Ein Mann Zu ſeyn? O Carl! wie groß wird unſre Tugend, 177 Wenn unſer Herz bei ihrer Uebung bricht! Hoch ſtellte Sie die Vorſicht— höher, Prinz, Als Millionen Ihrer andern Brüder. Parteilich gab ſie ihrem Liebling, was Sie Andern nahm, und Millionen fragen: Verdiente Der im Mutterleibe ſchon, Mehr als wir andern Sterblichen zu gelten? Auf, retten Sie des Himmels Billigkeit! Verdienen Sie, der Welt voran zu gehn, Und opfern Sie, was Keiner opferte! Carlos. Das kann ich auch.— Sie zu erkämpfen, hab' Ich Rieſenkraft, Sie zu verlieren, keine. Königin. Geſtehen Sie es, Carlos— Trotz iſt es Und Bitterkeit und Stolz, was Ihre Wunſche So wüthend nach der Mutter zieht. Die Liebe, Das Herz, das Sie verſchwenderiſch mir opfern, Gehoͤrt den Reichen an, die Sie dereinſt Regieren ſollen. Sehen Sie, Sie praſſen Von Ihres Mündels anvertrautem Gut. Die Liebe iſt Ihr großes Amt. Bis jetzt Verirrte ſie zur Mutter.— Bringen Sie, O, bringen Sie ſie Ihren künft'gen Reichen, Und fühlen Sie, ſtatt Dolchen des Gewiſſens, Die Wolluſt, Gott zu ſeyn! Eliſabeth Wgr Ihre erſte Liebe; Ihre zweite Sey Spanien! Wie gerne, guter Carl, Will ich der beſſeren Geliebten weichen! Schillers ſaͤmmtl. Werke. 111. 12 178 Carlos (wirft ſich, von Empfindung uͤberwaͤltigt, zu ihren Fuͤßen). Wie groß ſind Sie, o Himmliſche!— Ja, Alles, Was Sie verlangen, will ich thun.— Es ſey! (Er ſteht auf.) Hier ſteh' ich in der Allmacht Hand und ſchwöre Und ſchwöre Ihnen, ſchwöre ewiges— O Himmel, nein! nur ewiges Verſtummen, Doch ewiges Vergeſſen nicht. Königin. Wie könnt' ich Von Carlos fordern, was ich ſelbſt zu leiſten Nicht Willens bin? Marquis ceilt aus der Allee). Der König! Königin. Gott! Marquis. Hinweg, Hinweg aus dieſer Gegend, Prinz! . Königin. Sein Argwohn Iſt fürchterlich, erblickt er Sie— Carlos. Ich bleibe. Königin. Und wer wird dann das Opfer ſeyn? Carlos(zieht den Marquis am Arme). Fort, fort! Komm, Roderich!(Er geht und kommt noch einmal zuruͤck,) Was darf ich mit mir nehmen? Königin. Die Freundſchaft Ihrer Mutter. Carlos. Freundſchaft! Mutter! Königin. Und dieſe Thränen aus den Niederlanden. (Sie gibt ihm einige Briefe. Carl und der Marquis g Koͤnigin ſieht ſich unruhig nach ihren Damen um, welc erblicken laſſen. Wie ſie n erſcheint der Koͤnig.) ehen ab. Die ſich nirgends ach dem Hintergrunde zuruͤckgehen will, ——C—— Sechster Auftritt. König. Königin. erzag von Alba. Graf Lerma. amingo. 9 9 S Einige Damen und Granden, welche in der Entfernung uruͤck bleiben. 9 König (ſieht mit Befremdung umher und ſchweigt eine Zeitlang). So allein, Madame? e Dame zur Begleitung? — wo blieben Ihre Frauen? Und auch nicht ein Das wundert mich Königin. Mein gnadigſter Gemahl— König. Warum allein? (Zum Gefolge.) Von dieſem unverzeihlichen Verſehn Soll man die ſtrengſte Rechenſchaft mir geben. Wer hat das Hofamt bei der Königin? Wen traf der Rang, ſie heute zu bedienen? 180 Königin. O, zürnen Sie nicht, mein Gemahl— ich ſelbſt, Ich bin die Schuldige—— auf mein Geheiß Entfernte ſich die Fürſtin Eboli. König. Auf Ihr Geheiß? Königin. Die Kammerfrau zu rufen, Weil ich nach der Infantin mich geſehnt. König. Und darum die Begleitung weggeſchickt? Doch Dies entſchuldigt nur die erſte Dame. Wo war die zweite? Mondecar (welche indeſſen zuruͤckgekommen iſt und ſich unter die uͤbrigen Damen gemiſcht hat, tritt hervor). Ihre Majeſtät, Ich fühle, daß ich ſtrafbar bin— König. Deßwegen Vergönn' ich Ihnen zehen Jahre Zeit, Fern von Madrid darüber nachzudenken. (Die Marquiſin tritt mit weinenden Augen zuruͤck. Allgemeines Still⸗ ſchweigen. Alle Umſiehende ſehen beſtuͤrzt auf die Koͤnigin.) Königin. Marquiſin, wen beweinen Sie? (Zum Koͤnig.) Hab' ich Gefehlt, mein gnädigſter Gemahl, ſo ſollte Die Königskrone dieſes Reichs, wornach 181 Ich ſelber nie gegriffen habe, mich Zum Mindeſten vor dem Erröthen ſchützen. Gibt's ein Geſetz in dieſem Königreich, Das vor Gericht Mongrchentoͤchter fordert? Bloß Zwang bewacht die Frauen Spaniens? Schützt ſie ein Zeuge mehr als ihre Tugend? uUnd jetzt, Vergebung, mein Gemahl!— Ich bin Es nicht gewohnt, die mir mit Freude dienten, In Thränen zu entlaſſen.— Mondecar! (Sie nimmt ihren Guͤrtel ab und uͤberreicht ihn der Marquiſin.) Den König haben Sie erzürnt— nicht mich— Drum nehmen Sie dies Denkmal meiner Gnade Und dieſer Stunde.— Meiden Sie das Reich— Sie haben nur in Spanien geſündigt; In meinem Frankreich wiſcht man ſolche Thranen Mit Freuden ab.— O, muß mich's ewig mahnen! (Sie lehnt ſich an die Oberhofmeiſterin und bedeckt das Geſicht.) In meinem Frankreich war's doch anders. König(in einiger Bewegung). Konnte Ein Vorwurf meiner Liebe Sie betrüben? Ein Wort betrüben, das die zärtlichſte Bekümmerniß auf meine Lippen legte? (Er wendet ſich gegen die Grandezza.) Hier ſtehen die Vaſallen meines Throns. Sank je ein Schlaf auf meine Augenlieder, Ich hätte denn am Abend jedes Tags Berechnet, wie die Herzen meiner Völker In meinen fernſten Himmelsſtrichen ſchlagen?— Und ſollt' ich ängſtlicher für meinen Thron Als für die Gattin meines Herzens beben?— Für meine Völker kann mein Schwert mir haften Und— Herzog Alba, dieſes Auge nur Für meines Weibes Liebe. Königin. Wenn ich Sie Beleidigt habe, mein Gemahl— König. Ich heiße Der reichſte Mann in der getauften Welt: Die Sonne geht in meinem Staat nicht unter— Doch Alles das beſaß ein Andrer ſchon, Wird nach mir mancher Andre noch beſitzen. Das iſt mein eigen. Was der König hat, Gehört dem Glück— Eliſabeth dem Philipp. Hier iſt die Stelle, wo ich ſterblich bin. Königin. Sie fürchten, Sire? König. Dies graue Haar doch nicht? Wenn ich einmal zu fürchten angefangen, Hab' ich zu fuͤrchten aufgehört— (Zu den Granden.) Ich zähle Die Großen meines Hofs— der Erſte fehlt. Wo iſt Don Carlos, mein Infant? (Niemand antwortet. J Der Knabe Don Carl fangt an mir fürchterlich zu werden. Er meidet meine Gegenwart, ſeitdem Er von Alcala's hoher Schule kam. Sein Blut iſt heiß, warum ſein Blick ſo kalt? So abgemeſſen feſtlich ſein Betragen? Seyd wachſam! Ich empfehl' es euch. Alba. Ich bin's. Solang' ein Herz an dieſen Panzer ſchlägt, Mag ſich Don Philipp ruhig ſchlafen legen. Wie Gottes Cherub vor dem Paradies, Steht Herzog Alba vor dem Thron. Lerma. Darf ich Dem weiſeſten der Könige in Demuth Zu widerſprechen wagen?— Allzu tief Verehr' ich meines Königs Majeſtät, Als ſeinen Sohn ſo raſch und ſtreng zu richten. Ich fürchte viel von Carlos heißem Blut, Doch nichts von ſeinem Herzen. König.. Graf von Lerma, Ihr redet gut, den Vater zu beſtechen, Des Königs Stütze wird der Herzog ſeyn— Nichts mehr davon— (Er wendet ſich gegen ſein Geſolge.) Jetzt eil' ich nach Madrid. Mich ruft ein königliches Amt. Die Peſt Der Ketzerei ſteckt meine Völker an, Der Aufruhr wächst in meinen Niederlanden. Es iſt die höchſte Zeit. Ein ſchauderndes Exempel ſoll die Irrenden bekehren, Den großen Eid, den alle Könige Der Chriſtenheit geloben, löß ich morgen. 184 Dies Blutgericht ſoll ohne Beiſpiel ſeyn; Mein ganzer Hof iſt feierlich geladen. (Er fuͤhrt die Koͤnigin hinweg, die Uebrigen folgen.) Siebenter Auftritt. Bon Carlos(mit Briefen in der Hand). Marquis von Poſa kommen von der entgegengeſetzten Seite. Carlos. Ich bin entſchloſſen: Flandern ſey gerettet! Sie will es— Das iſt mir genug. Marquis. . uch iſt Kein Augenblick mehr zu verlieren. Herzog Von Alba, ſagt man, iſt im Cabinet Bereits zum Gouverneur ernannt. Carlos. Gleich morgen Verlang' ich Audienz bei meinem Vater. Ich fordre dieſes Amt für mich. Es iſt Die erſte Bitte, die ich an ihn wage. Er kann ſie mir nicht weigern. Lange ſchon Sieht er mich ungern in Madrid. Welch ein Willkommner Vorwand, mich entfernt zu halten! Und— ſoll ich dir's geſtehen, Roderich? Ich hoffe mehr— Vielleicht gelingt es mir, Von Angeſicht zu Angeſicht mit ihm In ſeiner Gunſt mich wieder herzuſtellen. Er hat noch nie die Stimme der Natur Gehört— laß mich verſuchen, Roderich, Was ſie auf meinen Lippen wird vermogen. Marquis. Jetzt endlich hoͤr' ich meinen Carlos wieder. Jetzt ſind Sie wieder ganz Sie ſelbſt. Achter Auftritt. Vorige. Graf von Lerma. Lerma. So eben Hat der Monarch Aranjuez verlaſſen. Ich habe den Befehl— Carlos. Schon gut, Graf Lerma, Ich treffe mit dem König ein. Marquis (macht Miene, ſich zu entſernen. Mit einigem Ceremoniel). Sonſt haben Mir Eure Hoheit nichts mehr aufzutragen? Carlos. Nichts, Chevalier. Ich wünſche Ihnen Glück Zu Ihrer Ankunft in Madrid. Sie werden Noch Mehreres von Flandern mir erzählen. (Zu Lerma, welcher noch wartet.) Ich folge gleich.(Graf Lerma geht ab.) 186 Neunter Auftritt. Von Carlos. Der Marquis. Carlos. Ich habe dich verſtanden. Ich danke dir. Doch dieſen Zwang entſchuldigt Nur eines Dritten Gegenwart. Sind wir Nicht Brüder?— Dieſes Poſſenſpiel des Ranges Sey künftighin aus unſerm Bund verwieſen! Berede dich, wir Beide haͤtten uns Auf einem Ball mit Masken eingefunden, In Sklavenkleider du, und ich, aus Laune, In einen Purpur eingemummt. Solange Der Faſching wahrt, verehren wir die Lüge, Der Rolle treu, mit lächerlichem Ernſt, Den ſüßen Rauſch des Haufens nicht zu ſtoͤren. Doch durch die Larve winkt dein Carl dir zu, Du drückſt mir im Vorübergehn die Hände, Und wir verſtehen uns. 3 Marquis. Der Traum iſt göttlich. Doch wird er nie verfliegen? Iſt mein Carl Auch ſeiner ſo gewiß, den Reizungen Der unumſchränkten Majeſtaͤt zu trotzen? Noch iſt ein großer Tag zuruck— ein Tag— Wo dieſer Heldenſinn— ich will Sie mahnen— In einer ſchweren Probe ſinken wird. Don Philipp ſtirbt. Carl erbt das größte Reich Der Chriſtenheit.— Ein ungeheurer Spalt Reißt vom Geſchlecht der Sterblichen ihn los, 187 Und Gott iſt heut', wer geſtern Menſch noch war. Jetzt hat er keine Schwächen mehr. Die Pflichten Der Ewigkeit verſtummen ihm. Die Menſchheit — Noch heut' ein großes Wort in ſeinem Ohr— Verkauft ſich ſelbſt und kriecht um ihren Götzen. Sein Mitgefühl loͤſcht mit dem Leiden aus, In Wollüſten ermattet ſeine Tugend, Für ſeine Thorheit ſchickt ihm Peru Gold Fuüͤr ſeine Laſter zieht ſein Hof ihm Teufel. Er ſchläft berauſcht in dieſem Himmel ein, Den ſeine Sklaven liſtig um ihn ſchufen. Lang, wie ſein Traum, wahrt ſeine Gottheit.— Wehe Dem Raſenden, der ihn mitleidig weckte! Was aber würde Roderich?— Die Freundſchaft Iſt wahr und kühn— die kranke Majeſtät Halt ihren fürchterlichen Strahl nicht aus. Den Trotz des Burgers würden Sie nicht dulden, Ich nicht den Stolz des Fürſten. Carlos. Wahr und ſchrecklich Iſt dein Gemälde von Monarchen. Ja, Ich glaube dir.— Doch nur die Wolluſt ſchloß Dem Laſter ihre Herzen auf. Ich bin Noch rein, ein dreiundzwanzigjäͤhr'ger Jüngling. Was vor mir Tauſende gewiſſenlos In ſchwelgenden Umarmungen verpraßten, Des Geiſtes beſte Hälfte, Mannerkraft, Hab' ich dem künft'gen Herrſcher aufgehoben. Was könnte dich aus meinem Herzen dräͤngen, Wenn es nicht Weiber thun? — 188 Marquis. Ich ſelbſt. Könnt' ich So innig Sie noch lieben, Carl, wenn ich Sie Archten muͤßte? Carlos.. Das wird nie geſchehen. Bedarfſt du meiner? Haſt du Leidenſchaften, Die von dem Throne betteln? Reizt dich Gold? Du biſt ein reichrer Unterthan, als ich Ein König je ſeyn werde.— Geizeſt du Nach Ehre? Schon als Jüngling hatteſt du Ihr Maß erſchöpft— du haſt ſie ausgeſchlagen. Wer von uns wird der Gläubiger des Andern, Und wer der Schuldner ſeyn?— Du ſchweigſt? Du zitterſt Vor der Verſuchung? Nicht gewiſſer biſt Du deiner ſelbſt? Marquis. Wohlan! Ich weiche. Hier meine Hand! Carlos. Der Meinige? Marquis. Auf ewig Und in des Worts verwegenſter Bedeutung. Carlos. So treu und warm, wie heute dem Infanten, Auch dermaleinſt dem König zugethan? Marquis. Das ſchwör' ich Ihnen. 189 Carlos. Dann auch, wenn der Wurm Der Schmeichelei mein unbewachtes Herz Umklammerte— wenn dieſes Auge Thränen Verlernte, die es ſonſt geweint— dies Ohr Dem Flehen ſich verriegelte, willſt du, Ein ſchreckenloſer Hüter meiner Tugend, Mich kräftig faſſen, meinen Genius Bei ſeinem großen Namen rufen? Margquis. Ja. Carlos. Und jetzt noch eine Bitte! Nenn' mich Du! Ich habe deines Gleichen ſtets beneidet Um dieſes Vorrecht der Vertraulichkeit. Dies brüderliche Du betruüͤgt mein Ohr, * Mein Herz mit ſüßen Ahnungen von Gleichheit. — Keinen Einwurf!— Was du ſagen willſt, errath' ich. Dir iſt es Kleinigkeit, ich weiß— doch mir, Dem Königsſohne, iſt es viel. Willſt du Mein Bruder ſeyn? Marquis. Dein Bruder! Carlos. Jetzt zum Koͤnig! Ich fuͤrchte nichts mehr— Arm in Arm mit dir, So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken. (Sie gehen ab.) 4 190 Zweiter Akt. Im koͤniglichen Palaſt zu Madrid. Erſter Auftritt. Hönig Philipp(unter einem Thronhimmeh. Herzog von Alba (in einiger Entſernung von dem Koͤnige, mit vedecktem Haupte). Carlos. 3 Carlos. Den Veortritt hat das Königreich. Sehr gerne Steht Carkos dem Miniſter nach. Er ſpricht Für Spanien— ich bin der Sohn des Hauſes. (Er tritt mit einer Verbeugung zuruͤck). Philipp.. Der Herzog bleibt, und der Infant mag reden. Carlos(ſich gegen Alba wendend). So muß ich denn von Ihrer Großmuth, Herzog, Den König mir als ein Geſchenk erbitten. Ein Kind— Sie wiſſen ja— kann Mancherlei An ſeinen Vater auf dem Herzen tragen, Das nicht für einen Dritten taugt. Der König Soll Ihnen unbenommen ſeyn— ich will Den Vater nur für dieſe kurze Stunde. 191 Vhilipp. Hier ſteht ſein Freund. Carlos. Hab' ich es auch verdient, Den meinigen im Herzog zu vermuthen? Ihilipp. Auch je verdienen mögen?— Mir gefallen Die Sohne nicht, die beſſ're Wahlen treffen, Als ihre Väaͤter. Carlos. Kann der Ritterſtolz Des Herzogs Alba dieſen Auftritt hören? So wahr ich lebe, den Zudringlichen, Der zwiſchen Sohn und Vater, unberufen, Sich einzudraͤngen nicht erröthet, der In ſeines Nichts durchbohrendem Gefühle So dazuſtehen ſich verdammt, moͤcht' ich,. Bei Gott! und galt's ein Diadem— nicht ſpielen. philipp (verlaͤßt ſeinen Sitz mit einem zornigen Blick auf den Prinzen). Entfernt Euch, Herzog! (Dieſer geht nach der Hauptthuͤre, durch welche Carlos gekommen war; der Koͤnig winkt ihm nach einer andern.) Nein, ins Cabinet, Bis ich Euch rufe. 192 Zweiter Auftritt. König Philipp. Don Carlos. Carlos (geht, ſobald der Herzog das Zimmer verlaſſen hat, auf den Koͤnig zu und faͤllt vor ihm nieder, im Ausdruck der hoͤchſten Empfindung). Jetzt mein Vater wieder, Jetzt wieder mein, und meinen beſten Dank Für dieſe Gnade!— Ihre Hand, mein Vater!— O ſüßer Tag!— Die Wonne dieſes Kuſſes War Ihrem Kinde lange nicht gegönnt. Warum von Ihrem Herzen mich ſo lange Verſtoßen, Vater? Was hab' ich gethan? Philipp. Infant, dein Herz weiß nichts von dieſen Künſten. Erſpare ſie, ich mag ſie nicht. Carlos(aufſiehend). Das war es! Da hör' ich Ihre Höflinge— Mein Vater! Es iſt nicht gut, bei Gott! nicht Alles gut, Nicht Alles, was ein Prieſter ſagt, nicht Alles, Was eines Prieſters Creaturen ſagen. Ich bin nicht ſchlimm, mein Vater— heißes Blut Iſt meine Bosheit, mein Verbrechen Jugend. Schlimm bin ich nicht, ſchlimm wahrlich nicht— wenn auch Oft wilde Wallungen mein Herz verklagen, Mein Herz iſt gut— Philipp. Dein Herz iſt rein, ich weiß es, Wie dein Gebet. ———— ——— 193 Carlos. Jetzt oder nie!— Wir ſind allein. Der Etikette bange Scheidewand Iſt zwiſchen Sohn und Vater eingeſunken. Jetzt oder nie! Ein Sonnenſtrahl der Hoffnung Glänzt in mir auf, und eine ſüße Ahnung Fliegt durch mein Herz— Der ganze Himmel beugt Mit Schaaren froher Engel ſich herunter; Voll Rührung ſieht derDreimalheilige Dem großen ſchönen Auftritt zu.— Mein Vater, Verſöhnung!(Er faͤllt ihm zu Fuͤßen.) Philipp. Laß mich und ſteh' auf! Carlos. Verſoͤhnung! Uhilipp(cill ſich von ihm losreißen). Zu kuͤhn wird mir dies Gaukelſpiel— 3 Carlos. Zu kühn Die Liebe deines Kindes? Philipp. Vollends Thränen? Unwürd'ger Anblick!— Geh' aus meinen Augen! Carlos. Jetzt oder nie!— Verſöhnung, Vater! Uhilipp. Weg Aus meinen Augen! Komm mit Schmach bedeckt Aus meinen Schlachten, meine Arme ſollen Geoͤffnet ſeyn, dich zu empfangen— So Verwerf' ich dich.— Die feige Schuld allein Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 13 194 Wird ſich in ſolchen Quellen ſchimpflich waſchen. Wer zu bereuen nicht erroͤthet, wird Sich Reue nie erſparen. Carlos. Wer iſt Das?— Durch welchen Mißverſtand hat dieſer Fremdling Zu Menſchen ſich verirrt?— Die ewige Beglaubigung der Menſchheit ſind jn Thränen; Sein Aug' iſt trocken, ihn gebar kein Weib— O, zwingen Sie die nie benetzten Augen, Noch zeitig Thränen einzulernen, ſonſt, Sonſt moͤchten Sie's in einer harten Stunde Noch nachzuholen haben. Philipp. Denkſt du den ſchweren Zweifel deines Vaters Mit ſchönen Worten zu erſchüttern? Carlos. gweifel? Ich will ihn tilgen, dieſen Zweifel— will Mich haͤngen an das Vaterherz, will reißen, Will mächtig reißen an dem Vaterherzen, Bis dieſes Zweifels felſenfeſte Rinde Von dieſem Herzen niederfällt.— Wer ſind ſie, Die mich aus meines Königs Gunſt vertrieben? Was bot der Mönch dem Vater für den Sohn? Was wird ihm Alba für ein kinderlos Verſcherztes Leben zur Vergütung geben? Sie wollen Liebe?— Hier in dieſem Buſen Springt eine Quelle, friſcher, feuriger, Als in den trüben, ſumpfigen Behaltern, Die Philipps Gold erſt öffnen muß. —1 — Philipp. Vermeſſ'ner, Halt' ein!— Die Maͤnner, die du wagſt zu ſchmaͤhn, Sind die geprüften Diener meiner Wahl, Und du wirſt ſie verehren. Carlos. Nimmermehr! Ich fühle mich. Was Ihre Alba leiſten, Das kann auch Carl, und Carl kann mehr. Was fragt Ein Miethling nach dem Königreich, das nie Sein eigen ſeyn wird?— Was bekümmert's Den, Wenn Philipps graue Haare weiß ſich färben? Ihr Charlos haͤtte ſie geliebt.— Mir graut Vor dem Gedanken, einſam und allein, Auf einem Thron allein zu ſeyn.— Uhilipp (von dieſen Worten ergriffen, ſteht nachdenkend und in ſich gekehrt. Nach einer Pauſe). Ich bin allein. Carlos (mit Lebhaftigkeit und Waͤrme auf ihn zugehend). Sie ſind's geweſen. Haſſen Sie mich nicht mehr: Ich will Sie kindlich, will Sie feurig lieben, Nur haſſen Sie mich nicht mehr!— Wie entzückend Und ſuß iſt es, in einer ſchönen Seele Verherrlicht uns zu fühlen, es zu wiſſen, Daß unſre Freude fremde Wangen röthet, Daß unſre Angſt in fremden Buſen zittert, Daß unſre Leiden fremde Augen wäſſern!— Wie ſchön iſt es und herrlich, Hand in Hand Mit einem theuren, vielgeliebten Sohne 1 196 Der Jugend Roſenbahn zurück zu eilen, Des Lebens Traum noch einmal durchzutraäumen! Wie groß und ſüß, in ſeines Kindes Tugend Unſterblich, unvergänglich fortzudauern, Wohlthätig für Jahrhunderte!— Wie ſchön, Zu pflanzen, was ein lieber Sohn einſt erntet, Zu ſammeln, was ihm wuchern wird, zu ahnen, Wie hoch ſein Dank einſt flammen wird!— Mein Vater,„ Von dieſem Erdenparadieſe ſchwiegen Sehr weislich Ihre Mönche. Philipp(nicht ohne Ruͤhrung). O, mein Sohn, Mein Sohn! du brichſt dir ſelbſt den Stab. Sehr reizend Malſt du ein Glück, das— du mir nie gewährteſt.. Carlos. Das richte der Allwiſſende!— Sie ſelbſt, Sie ſchloſſen mich, wie aus dem Vaterherzen, Von Ihres Scepters Antheil aus. Bis jetzt, Bis dieſen Tag— o, war Das gut, war's billig? Bis jetzt mußt' ich, der Erbprinz Spaniens, In Spanien ein Fremdling ſeyn, Gefangner Auf dieſem Grund, wo ich einſt Herr ſeyn werde. War Das gerecht, war's gütig?— O, wie oft, Wie oft, mein Vater, ſah ich ſchamroth nieder, Wenn die Geſandten fremder Potentaten, 3 Wenn Zeitungsblätter mir das Neueſte Vom Hofe zu Aranjuez erzäͤhlten! 1 Philipp. V Zu heftig braust das Blut in deinen Adern. 4 Du wuͤrdeſt nur zerſtören. 197 Carlos. Geben Sie Mir zu zerſtoͤren, Vater!— Heftig braust's In meinen Adern— Dreiundzwanzig Jahre, Und nichts für die unſterblichkeit gethan! Ich bin erwacht, ich fühle mich.— Mein Ruf Zum Königsthron pocht, wie ein Gläubiger, Aus meinem Schlummer mich empor, und alle Verlorne Stunden meiner Jugend mahnen Mich laut wie Ehrenſchulden. Er iſt da, Der große, ſchöne Augenblick, der endlich Des hohen Pfundes Zinſen von mir fordert: Mich ruft die Weltgeſchichte, Ahnenruhm Und des Geruͤchtes donnernde Poſaune. Nun iſt die Zeit gekommen, mir des Ruhmes Glorreiche Schranken aufzuthun.— Mein Köͤnig, Darf ich die Bitte auszuſprechen wagen, Die mich hieher gefuhrt? Vhilipp. Noch eine Bitte? Entdecke ſie. Carlos. Der Aufruhr in Brabant Waͤchst drohend an. Der Starrſinn der Rebellen Heiſcht ſtarke, kluge Gegenwehr. Die Wuth Der Schwaͤrmer zu bezaͤhmen, ſoll der Herzog Ein Heer nach Flandern führen, von dem Koͤnig Mit ſouveräner Vollmacht ausgeſtattet. Wie ehrenvoll iſt dieſes Amt, wie ganz Dazu geeignet, Ihren Sohn im Tempel 198 Des Ruhmes einzuführen!— Mir, mein König, Mir übergeben Sie das Heer! Mich lieben Die Niederländer: ich erkühne mich, Mein Blut für ihre Treue zu verbürgen.⸗ Vhilipp. Du redeſt, wie ein Traͤumender. Dies Amt Will einen Mann und keinen Jüngling— Carlog. Will Nur einen Menſchen, Vater, und Das iſt Das Einzige, was Alba nie geweſen. Dhilipp. Und Schrecken bändigt die Empörung nur. Erbarmung hieße Wahnſinn.— Deine Seele Iſt weich, mein Sohn; der Herzog wird gefürchtet— Steh' ab von deiner Bitte! Carlos. Schicken Sie Mich mit dem Heer nach Flandern, wagen Ste“s Auf meine weiche Seele! Schon der Name Des königlichen Sohnes, der voraus Vor meinen Fahnen fliegen wird, erobert, Wo Herzog Albas Henker nur verheeren. Auf meinen Knien bitt' ich drum. Es iſt Die erſte Bitte meines Lebens— Vater, Vertrauen Sie mir Flandern— Nhilipp (den Infanten mit einem durchdringenden Blicke betrachtend). . Und zugleich 199 Mein beſtes Kriegsheer deiner Herrſchbegierde? Das Meſſer meinem Mörder? Carlos. O mein Gott! Bin ich nicht weiter, und iſt Das die Frucht Von dieſer längſt erbetnen großen Stunde? (Nach einigem Nachdenken, mit gemildertem Ernſt). Antworten Sie mir ſanfter! Schicken Sie Mich ſo nicht weg! Mit dieſer übeln Antwort Möcht' ich nicht gern entlaſſen ſeyn, nicht gern Entlaſſen ſeyn mit dieſem ſchweren Herzen. Behandeln Sie mich gnaͤdiger! Es iſt Mein dringendes Bedurfniß, iſt mein letzter, Verzweifelter Verſuch— ich kann's nicht faſſen, Nicht ſtandhaft tragen wie ein Mann, daß Sie Mir Alles, Alles, Alles ſo verweigern. Jetzt laſſen Sie mich von ſich. Unerhört, Von tauſend ſüßen Ahnungen betrogen, Geh' ich aus Ihrem Angeſicht.— Ihr Alba Und Ihr Domingo werden ſiegreich thronen, Wo jetzt Ihr Kind im Staub geweint. Die Schaar Der Höflinge, die bebende Grandezza, Der Möoͤnche ſünderbleiche Zunft war Zeuge, Als Sie mir feierlich Gehör geſchenkt. Beſchaͤmen Sie mich nicht! So tödtlich, Vater, Verwunden Sie mich nicht, dem frechen Hohn Des Hofgeſindes ſchimpflich mich zu opfern, Daß Fremdlinge von Ihrer Gnade ſchwelgen, Ihr Carlos nichts erbitten kann! Zum Pfande, Daß Sie mich ehren wollen, ſchicken Sie Mich mit dem Heer nach Flandern! 200 Philipp. Wiederhole Dies Wort nicht mehr, bei deines Königs Zorn! Carlos. 3 Ich wage meines Königs Zorn und bitte Zum letzten Mal— Vertrauen Sie mir Flandern! Ich ſoll und muß aus Spanien. Mein Hierſeyn Iſt Athemholen unter Henkershand— Schwer liegt der Himmel zu Madrid auf mir, Wie das Bewußtſeyn eines Mords. Nur ſchnelle Veränderung des Himmels kann mich heilen. Wenn ſie mich retten wollen— ſchicken Sie Mich ungeſäumt nach Flandern! Philipp(mit erzwungener Gelaſſenheit). Solche Kranke Wie du, mein Sohn, verlangen gute Pflege Und wohnen unterm Aug' des Arzts. Du bleibſt In Spanien; der Herzog geht nach Flandern. Carlos(außer ſich). O, jetzt umringt mich, gute Geiſter— Philipp(der einen Schritt zuruͤcktritt). Halt! Was wollen dieſe Mienen ſagen? Carlos(mit ſchwankender Stimme). Vater, Unwiderruflich bleibt's bei der Entſcheidung? 3 Philipp. Sie kam vom König. Carlos. Mein Geſchäft iſt aus. (Geht ab in heftiger Bewegung.) 201 Dritter Auftritt. Philipp bleibt eine Zeitlang in duͤſtres Nachdenken verſunken ſtehen— endlich geht er einige Schritte im Saal auf und nieder. Alba naͤhert ſich verlegen. Philipp. Seyd jede Stunde des Befehls gewaͤrtig, Nach Bruüſſel abzugehen! Alba. Alles ſteht Philipp. Eure Vollmacht liegt Verſiegelt ſchon im Cabinet. Indeſſen Nehmt Euren Urlaub von der Königin Und zeiget Euch zum Abſchied dem Infanten! Alba. Mit den Geberden eines Wuthenden Sah ich ihn eben dieſen Saal verlaſſen. Auch Eure königliche Majeſtät Sind außer ſich und ſcheinen tief bewegt— Vielleicht der Inhalt des Geſprachs? Uhilipp (nach einigem Auf⸗ und Niedergehen). Der Inhalt Bereit, mein Koͤnig. War Herzog Alba. (Der Koͤnig bleibt mit dem Aug' auf ihm haften, finſter.) — Gern mag ich hören, Daß Carlos meine Rathe haßt; doch mit Verdruß entdeck' ich, daß er ſie verachtet. Alba(entfaͤrbt ſich und will auffahren). 20²2 Philipp. Jetzt keine Antwort! Ich erlaube Euch, Den Prinzen zu verſöhnen. Alba. Sire! Philipp. Sagt an: Wer war es doch, der mich zum erſten Mal Vor meines Sohnes ſchwarzem Anſchlag warnte? Da hoͤrt' ich Euch und nicht auch ihn. Ich will Die Probe wagen, Herzog. Künftighin Steht Carlos meinem Throne näher. Geht! (Der Koͤnig begibt ſich in das Cabinet. Der Herzog entfernt ſich durch eine andere Thuͤre. Vierter Auftritt. Ein Vorſaal vor dem Zimmer der Koͤnlgin. Don Carlos kommt im Geſpraͤch mit einem Pagen durch die Mittel⸗ thuͤre. Die Hofleute, welche ſich im Vorſaal befinden, zerſtreuen ſich bei ſeiner Ankunft in den angraͤnzenden Zimmern. Carlos. Ein Brief an mich?— Wozu denn dieſer Schlüſſel? Und Beides mir ſo heimlich uͤberliefert? Komm näher!— Wo empfingſt du Das? Vage(geheimnißvoll). Wie mich 203 Die Dame merken laſſen, will ſie lieber Errathen, als beſchrieben ſeyn— Carlos C(uruͤckfahrend). Die Dame? EIndem er den Pagen genauer betrachtet.) Was?— Wie?— Wer biſt du denn? Page. Ein Edelknabe Von Ihrer Majeſtät der Königin— 5 Carlos (erſchrocken auf ihn zugehend und ihm die Hand auf den Mund druͤckend). Du biſt des Todes. Halt! Ich weiß genug. (Er reißt haſtig das Siegel auf und tritt an das aͤußerſte Ende des Saals, den Brief zu leſen. Unterdeſſen kommt der Herzog von Alba und geht, ohne von dem Prinzen bemerkt zu werden, an ihm vorbei in der Koͤnigin Zimmer. Carlos faͤngt an heftig zu zittern und wechſelsweiſe zu erblaſ⸗ ſen und zu erroͤthen. Nachdem er geleſen hat, ſteht er lange ſprachlos, die Augen ſtarr auf den Brief geheftet— Endlich wendet er ſich zu dem Pagen.) Sie gab dir ſelbſt den Brief? Page. Mit eignen Haͤnden. Carlos Sie gab dir ſelbſt den Brief?— O, ſpotte nicht! Noch hab' ich nichts von ihrer Hand geleſen: Ich muß dir glauben, wenn du ſchwören kannſt. Wenn's Lüge war, geſteh' mir's offenherzig Und treibe keinen Spott mit mir! Vage. Mit wem? 204 Carlos (ſieht wieder in den Brief und betrachtet den Pagen mit zweifelyafter, for⸗ ſchender Miene. Nachdem er einen Gang durch den Saal gemacht hat). Du haſt noch Eltern? Ja? Dein Vater dient Dem Könige und iſt ein Kind des Landes? Page. Er fiel bei St. Quentin, ein Oberſter Der Reiterei des Herzogs von Sayoyen, Und hieß Alonzo Graf von Henarez. Carlos (indem er ihn bei der Hand nimmt und die Augen bedeutend auf ihn heftet.) Den Brief gab dir der König? Vage(empfindlich). Gnäaͤd'ger Prinz, Verdien' ich dieſen Argwohn? Carlos(liest den Brieß. „Dieſer Schlüſſel öffnet „Die hintern Zimmer in dem Pavillon „Der Königin. Das äußerſte von allen „Stoͤßt ſeitwärts an ein Cabinet, wohin „Noch keines Horchers Fußtritt ſich verloren. „Hier darf die Liebe frei und laut geſtehn, „Was ſie ſo lange Winken nur vertraute. „Erhörung wartet auf den Furchtſamen, 3 „Und ſchöner Lohn auf den beſcheidnen Dulder.“ (Wie aus einer Betaͤubung erwachend.) Ich träume nicht— ich raſe nicht— Das iſt Mein rechter Arm— Das iſt mein Schwert— Das ſind Geſchriebne Sylben. Es iſt wahr und wirklich, 9 205 Ich bin geliebt— ich bin es— ja, ich bin, Ich bin geliebt! (Außer Faſſung durchs Zimmer ſtuͤrzend und die Arme zum Himmel emporgeworſen.) Vage. So kommen Sie, mein Prinz, ich führe Sie. Carlos. Erſt laß mich zu mir ſelber kommen.— Zittern Nicht alle Schrecken dieſes Glücks noch in mir? Hab' ich ſo ſtolz gehofft? Hab' ich Das je Zu traumen mir getraut? Wo iſt der Menſch, Der ſich ſo ſchnell gewohnte, Gott zu ſeyn?— Wer war ich, und wer bin ich nun? Das iſt Ein andrer Himmel, eine andre Sonne, Als vorhin da geweſen war— Sie liebt mich! Page(cill ihn fortfuͤhren). Prinz, Prinz, hier iſt der Ort nicht— Sie vergeſſen— Carlos(von einer ploͤtzlichen Erſtarrung ergriffen). Den Koͤnig, meinen Vater! (Er laͤßt die Arme ſinken, blickt ſcheu umher und faͤngt an ſich zu ſammeln.) Das iſt ſchrecklich— Ja, ganz recht, Freund. Ich danke dir, ich war So eben nicht ganz bei mir.— Daß ich Das Verſchweigen ſoll, der Seligkeit ſo viel In dieſe Bruſt vermauern ſoll,— iſt ſchrecklich, Iſt ſchrecklich!— (Den Pagen bei der Hand faſſend und bei Seite fuͤhrend.) Was du geſehn— hörſt du? und nicht geſehen, Sey wie ein Sarg in deiner Bruſt verſunken! Jetzt geh'! Ich will mich finden. Geh'! Man darf Uns hier nicht krofen. Geh'— *4 206 Page(will fort). Carlos. Doch halt! doch höre!— (Der Page zormtt zuruͤck. Carlos legt ihm eine Hand auf die Schulter und ſieht ihm ernſt und feierlich ins Geſicht.) Du nimmſt ein ſchreckliches Geheimniß mit, Das, jenen ſtarken Giften gleich, die Schale, Worin es aufgefangen wird, zerſprengt.— Beherrſche deine Mienen gut! Dein Kopf Erfahre niemals, was dein Buſen hütet! Sey, wie das todte Sprachrohr, das den Schall Empfängt und wiedergibt und ſelbſt nicht höret! Du biſt ein Knabe— ſey es immerhin Und fahre fort, den Fröͤhlichen zu ſpielen— Wie gut verſtand's die kluge Schreiberin, Der Liebe einen Boten auszuleſen! Hier ſucht der Koͤnig ſeine Nattern nicht. Vage. Und ich, mein Prinz, ich werde ſtolz drauf ſeyn, Um ein Geheimniß reicher mich zu wiſſen, Als ſelbſt der König— Carlos. Eitler junger Thor, Das iſt's, wovor du zittern mußt.— Geſchieht's, Daß wir uns öffentlich begegnen: ſchuͤchtern, Mit Unterwerfung nahſt du mir. Laß nie Die Eitelkeit zu Winken dich verführen, Wie gnadig der Infant dir ſey! Du kannſt Nicht ſchwerer ſuͤndigen, mein Sohn, als wenn Du mir gefällſt.— Was du mir künftig magſt Zu hinterbringen haben, ſprich es nie 207 Mit Sylben aus, vertrau' es nie den Lippen, Den allgemeinen Fahrweg der Gedanken Betrete deine Zeitung nicht! Du ſprichſt Mit deinen Wimpern, deinem Zeigefinger; Ich höre dir mit Blicken zu. Die Luft, Das Licht um uns iſt Philipps Creatur, Die tauben Waͤnde ſtehn in ſeinem Solde— Man kommt— (Das Zimmer der Koͤnigin oͤffnet ſich, und der Herzog von Alba trktt heraus.) Hinweg! Auf Wiederſehn! Page. Prinz, Daß Sie das rechte Zimmer nur nicht fehlen! (Ab.) Carlos. Es iſt der Herzog.— Nein doch, nein! Schon gut! Ich finde mich. 4 Fünfter Auftritt. Don Carlos. Herzog von Ilba. Alba(ihm in den Weg tretend). Zwei Worte, gnad'ger Prinz. Carlos. Ganz recht— ſchon gut— ein Andermal. (Er will gehen.) Alba. Der Ort 208 Scheint freilich nicht der ſchicklichſte. Vielleicht Gefällt es Eurer königlichen Hoheit, Auf Ihrem Zimmer mir Gehör zu geben? Carlos. Wozu? Das kann hier auch geſchehn.— Nur ſchnell, Nur kurz— Alba. Was eigentlich hieher mich führt, Iſt, Eurer Hoheit unterthän'gen Dank Für das Bewußte abzutragen— Carlos. Dank? Mir Dank? Wofur?— Und Dank von Herzog Alba? Alba. Denn kaum, daß Sie das Zimmer des Monarchen Verlaſſen hatten, ward mir angekündigt, Nach Brüſſel abzugehen. Carlos. Brüſſel! So! Alba. Wem ſonſt, mein Prinz, als Ihrer gnadigen Verwendung bei des Königs Majeſtät, Kann ich es zuzuſchreiben haben?— Carlos. Mir? Mir ganz und gar nicht— mir wahrhaftig nicht! Sie reiſen— reiſen Sie mit Gott! Alba. Sonſt nichts, Das nimmt mich Wunder.— Eure Hoheit hätten Mir weiter nichts nach Flandern aufzutragen? 209 Carlos. Was ſonſt? was dort? Alba. Doch ſchien es noch vor Kurzem, Als forderte das Schickſal dieſer Laͤnder Don Carlos eigne Gegenwart. Carlos. Wie ſo? Doch ja— ja recht— Das war vorhin— Das iſt Auch ſo ganz gut, recht gut, um ſo viel beſſer— 5 Alba. Ich höre mit Verwunderung— — Carlos(nicht mit Jronie). Sie ſind Ein großer General— wer weiß Das nicht? Der Neid muß es beſchwören. Ich— ich bin Ein junger Menſch. So hat es auch der König Gemeint. Der König hat ganz Recht, ganz Recht. Ich ſeh's jetzt ein, ich bin vergnügt, und alſo Genug davon. Glück auf den Weg! Ich kann Jetzt, wie Sie ſehen, ſchlechterdings— ich bin So eben etwas überhauft— das Weitere Auf morgen, oder wann Sie wollen, oder Wann Sie von Bruſſel wiederkommen— Alba. Wie? Carlos (nach einigem Stillſchweigen, wie er ſieht, daß der Herzog noch immer bleibt). Sie nehmen gute Jahrszeit mit.— Die Reiſe Geht über Mailand, Lothringen, Burgund Schillers faͤmmtl. Werke. III. 14 210 Und Deutſchland— Deutſchland?— Recht, in Deutſchland war es! Da kennt man Sie!— Wir haben jetzt April; Mai— Junius— im Iulius, ganz recht, Und ſpateſtens zu Anfang des Auguſts Sind Sie in Brüſſel. O, ich zweifle nicht, Man wird ſehr bald von Ihren Siegen hören. Sie werden unſers gnädigſten Vertrauens Sich werth zu machen wiſſen. Alba(mit Bedeutung). Werd' ich Das In meines Nichts durchbohrendem Gefühle? Carlos (nach einigem Stillſchweigen, mit Wuͤrde und Stolz). Sie ſind empfindlich, Herzog— und mit Recht. Es war, ich muß bekennen, wenig Schonung Von meiner Seite, Waffen gegen Sie Zu fuͤhren, die Sie nicht im Stande ſind Mir zu erwidern. Alba. Nicht im Stande?— Carlos(ihm laͤchelnd die Hand reichend). Schade, Daß mir's gerade jetzt an Zeit gebricht, Den würd'gen Kampf mit Alba auszufechten. Ein Andermal— Alba. Prinz, wir verrechnen uns Auf ganz verſchiedne Weiſe. Sie zum Beiſpiel, Sie ſehen ſich um zwanzig Jahre ſpaͤter, Ich Sie um eben ſo viel früher. 4 4 211 Carlos. Nun? Alba. Und dabei faͤllt mir ein, wie viele Nachte Bei ſeiner ſchönen portugieſiſchen Gemahlin, Ihrer Mutter, der Monarch Wohl drum gegeben hätte, einen Arm, Wie dieſen, ſeiner Krone zu erkaufen? Ihm mocht' es wohl bekannt ſeyn, wie viel leichter Die Sache ſey, Monarchen fortzupflanzen, Als Monarchien— wie viel ſchneller man Die Welt mit einem Könige verſorge, Als Könige mit einer Welt. Carlos. Sehr wahr! Doch, Herzog Alba, doch— Alba. Und wie viel Blut, Blut Shpres Volkes fließen mußte, bis Zwei Tropfen Sie zum König machen konnten. Carlos. Sehr wahr, bei Gott— und in zwei Worte Alles Gepreßt, was des Verdienſtes Stolz dem Stolze Des Gluͤcks entgegenſetzen kann.— Doch nun Die Anwendung? doch, Herzog Alba? Albn. Wehe Dem zarten Wiegenkinde Majeſtaͤt, Das ſeiner Amme ſpotten kann! Wie ſanft Mag's auf dem weichen Kiſſen unfrer Siege Sich ſchlafen laſſen! An der Krone funkeln 212 Die Perlen nur und freilich nicht die Wunden, Mit denen ſie errungen ward.— Dies Schwert Schrieb fremden Völkern ſpaniſche Geſetze, Es blitzte dem Gekreuzigten voran Und zeichnete dem Samenkorn des Glaubens Auf dieſem Welttheil blut'ge Furchen vor: Gott richtete im Himmel, ich auf Erden— Carlos. Gott oder Teufel, gilt gleich viel! Sie waren Sein rechter Arm. Ich weiß Das wohl— und jetzt Nichts mehr davon, ich bitte! Vor gewiſſen Erinnerungen möcht' ich gern mich hüten.— Ich ehre meines Vaters Wahl. Mein Vater Braucht einen Alba; daß er Dieſen braucht, Das iſt es nicht, warum ich ihn beneide. Sie ſind ein großer Mann.— Auch Das mag ſeyn: Ich glaub' es faſt. Nur, fürcht' ich, kamen Sie Um wenige Jahrtauſende zu zeitig. Ein Alba, ſollt' ich meinen, war der Mann, Am Ende aller Tage zu erſcheinen! Dann, wann des Laſters Rieſentrotz die Langmuth Des Himmels aufgezehrt, die reiche Ernte Der Miſſethat in vollen Halmen ſteht Und einen Schnitter ſonder Beiſpiel fordert, Dann ſtehen Sie an Ihrem Platz.— O Gott, Mein Paradies! mein Flandern!— Doch ich ſoll Es jetzt nicht denken. Still davon! Man ſpricht, k. Sie führten einen Vorrath Blutſentenzen, b Im Voraus unterzeichnet, mit? Die Vorſicht 5 Iſt lobenswerth. So braucht man ſich vor keiner. Chicane mehr zu fuͤrchten.— O mein Vater, 213 Wie ſchlecht verſtand ich deine Meinung! Härte Gab ich dir Schuld, weil du mir ein Geſchaft Verweigerteſt, wo deine Alba glänzen?— Es war der Anfang deiner Achtung. Alba. . Prinz, Dies Wort verdienre— Carlos(auffahrend). Was? Alba. Doch davor ſchutzt Sie Der Koͤnigsſohn. Carlos(nach dem Schwert greifend). Das fordert Blut!— Das Schwert Gezogen, Herzog! Alba ckatt). Gegen wen? Carlos(heftig auf ihn eindringend). Das Schwert Gezogen, ich durchſtoße Sie! Alba Gieht). Wenn es Denn ſeyn muß—(Sie fechten.) 214 3 Sechster Auftritt. Bie Königin. Don Carlas. Herzog von Alba. Königin (welche erſchrocken aus ihrem Zimmer tritt). Bloße Schwerter! Gum Prinzen, unwillig und mit gebietender Stimme.) Carlos! Carlos (vom Anblick der Koͤnigin außer ſich geſetzt, laͤßt den Arm ſinken, ſteht ohne Bewegung und ſinnlos, dann eilt er auf den Herzog zu und kuͤßt ihn). Verſöhnung, Herzog! Alles ſey vergeben! (Er wirft ſich ſtumm zu der Koͤnigin Fuͤßen, ſteht dann raſch auf und eil⸗ außer Faſſung fort.) Alba (der voll Erſtaunen daſteht und kein Auge von ihnen verwendet). Bei Gott, Das iſt doch ſeltſam!— Königin (ſteht einige Augenblicke beunruhigt und zweifelhaft, dann geht ſie langſam nach ihrem Zimmer, an der Thuͤre dreht ſie ſich um).„ Herzog Alba! (Der Herzog folgt ihr in das Zimmer.) Ein Cabinet der Prinzeſſin von Eboli. Siebenter Auftritt. Die Prinzeſſin, in einem idealiſchen Geſchmach, ſchoͤn, aber elnfach gekleidet, ſpielt die Laute und ſingt. Darauf der Page der Koͤnigin. Prinzeſſin(ſpringt ſchnell auf). Er kommt! -/-·:;q;— 215 Page(eilfertig). Sind Sie allein? Mich wundert ſehr, Ihn noch nicht hier zu finden; doch er muß Im Augenblick erſcheinen. Prinzeſſin. Muß er? Nun, So will er auch— ſo iſt es ja entſchieden— Page. Er folgt mir auf den Ferſen.— Gnäd'ge Fürſtin, Sie ſind geliebt— geliebt, geliebt! wie Sie, Kann's Niemand ſeyn, und Niemand ſeyn geweſen. Welch eine Scene ſah ich an! Nrinzeſſin Gieht ihn voll Ungeduld an ſich). Geſchwind! Du ſprachſt mit ihm? Heraus damit! Was ſprach er? Wie nahm er ſich? Wie waren ſeine Worte? Er ſchien verlegen, ſchien beſtürzt? Errieth Er die Perſon, die ihm den Schlüſſel ſchickte? Geſchwinde— Oder rieth er nicht? Er rieth Wohl gar nicht? rieth auf eine falſche?— Nun? Antworteſt du mir denn kein Wort? O pfui, Pfui, ſchame dich: ſo hölzern biſt du nie, So unerträͤglich langſam nie geweſen. Page. Kann ich zu Worte kommen, Gnadigſte? Ich uͤbergab ihm Schlüſſel und Billet Im Vorſaal bei der Königin. Er ſtutzte Und ſah mich an, da mir das Wort entwiſchte, Ein Frauenzimmer ſende mich. 216 Vrinzeſſin. Er ſtutzte? Sehr gut! ſehr brav! Nur fort, erzahle weiter! Page. Ich wollte mehr noch ſagen, da erblaßt' er Und riß den Brief mir aus der Hand und ſah Mich drohend an und ſagt', er wiſſe Alles. Den Brief durchlas er mit Beſtürzung, fing Auf einmal an zu zittern. Vrinzeſſin. Wiſſe Alles? Er wiſſe Alles? Sagt' er Das? Page. Und fragte Mich dreimal, viermal, ob Sie ſelber, wirklich Sie ſelber mir den Brief gegeben? Vrinzeſſin. Ob Ich ſelbſt? Und alſo nannt' er meinen Namen? Page. Den Namen— nein, den nannt' er nicht.— Es möchten Kundſchafter, ſagt' er, in der Gegend horchen Und es dem König plaudern. Prinzeſſin(befremdet). Sagt' er Das? . Dage.— Dem König, ſagt' er, liege ganz erſtaunlich, Gar mächtig viel daran, beſonders viel, Von dieſem Briefe Kundſchaft zu erhalten. 217 Prinzeſſin. Dem König? Haſt du recht gehört? Dem König? War Das der Ausdruck, den er brauchte? Vage. Ja! Er nannt' es ein gefährliches Geheimniß und warnte mich, mit Worten und mit Winken Gar ſehr auf meiner Hut zu ſeyn, daß ja Der König keinen Argwohn ſchöpfe. 3 Prinzeſſin (nach einigem Nachſinnen, voll Verwunderung). Alles Trifft zu.— Es kann nicht anders ſeyn— er muß Um die Geſchichte wiſſen.— Unbegreiflich! Wer mag ihm wohl verrathen haben?— Wer? Ich frage noch— Wer ſieht ſo ſcharf, ſo tief, Wer Anders, als der Falkenblick der Liebe? Doch weiter, fahre weiter fort: er las Das Billet— Page. Das Billet enthalte Ein Gluͤck, ſagt' er, vor dem er zittern muͤſſe: Das hab' er nie zu träumen ſich getraut. Zum Unglück trat der Herzog in den Saal, Dies zwang uns— Prinzeſſin(aͤrgerlich). Aber was in aller Welt Hat jetzt oer Herzog dort zu thun? Wo aber, Wo bleibt er denn? Was zögert er? Warum Erſcheint er nicht?— Siehſt du, wie falſch man dich Berichtet hat? Wie glücklich waͤr' er ſchon . 218 In ſo viel Zeit geweſen, als du brauchteſt, Mir zu erzaͤhlen, daß er's werden wollte! Page. Der Herzog, fuͤrcht' ich— Prinzeſſin. Wiederum der Herzog? Was will Der hier? Was hat der tapfre Mann Mit meiner ſtillen Seligkeit zu ſchaffen? Den konnt' er ſtehen laſſen, weiter ſchicken. Wen auf der Welt kann man Das nicht?— O, wahrlich! Dein Prinz verſteht ſich auf die Liebe ſelbſt So ſchlecht, als wie es ſchien, auf Damenherzen. Er weiß nicht, was Minuten ſind— Still, ſtill! Ich höre kommen. Fort! Es iſt der Prinz. (Page eilt hinaus.) Hinweg, hinweg!— Wo hab' ich meine Laute? Er ſoll mich überraſchen.— Mein Geſang Soll ihm das Zeichen geben.— Achter Auftritt. Die Prinzeſſin und bald nachher Don Carlos. Prinzeſſin (hat ſich in eine Dttomane geworfen und ſpielt). Carlos (ſtuͤrzt herein. Er erkennt die Prinzeſün und ſteht da, wie vom Donner geruͤhrt). Gott! Wo bin ich? 219 Prinzeſſin (loͤßt die Laute fallen, ihm entgegen). Ah, Prinz Carlos? Ja, wahrhaftig! Carlos. Wo bin ich? Raſender Betrug— ich habe Das rechte Cabinet verfehlt. Prinzeſſin. Wie gut Verſteht es Carl, die Zimmer ſich zu merken, Wo Damen ohne Zeugen ſind. Carlos. Prinzeſſin— Verzeihen Sie, Prinzeſſin— ich— ich fand Den Vorſaal offen. . Prinzeſſin. Kann Das moglich ſeyn? Mich daͤucht ja doch, daß ich ihn ſelbſt verſchloß. Carlas. Das daͤucht Sie nur, das däucht Sie— doch, verſichert? Sie irren ſich. Verſchließen wollen, ja, Das geb' ich zu, Das glaub' ich— doch verſchloſſen? Verſchloſſen nicht, wahrhaftig nicht! Ich höre Auf einer— Laute Jemand ſpielen— war's Nicht eine Laute? (Indem er ſich zweiſelhaft umſieht.) Recht! dort liegt ſie noch— Und Laute— Das weiß Gott im Himmel!— Laute, Die lieb' ich bis zur Raſerei. Ich bin Ganz Ohr, ich weiß nichts von mir ſelber, ſtürze Ins Cabinet, der ſuͤßen Künſtlerin, 220 Die mich ſo himmliſch ruͤhrte, mich ſo maͤchtig Bezauberte, ins ſchöne Aug' zu ſehen. Prinzeſſin. Ein liebenswürd'ger Vorwitz, den Sie doch Sehr bald geſtillt, wie ich beweiſen könnte. (Nach einigem Stillſchweigen, mit Bedeutung.) O, ſchätzen muß ich den beſcheidnen Mann, Der, einem Weib Beſchaͤmung zu erſparen, In ſolchen Lügen ſich verſtrickt. Carlos(treuherzig). Prinzeſſin, Ich fühle ſelber, daß ich nur verſchlimmre, Was ich verbeſſern will. Erlaſſen Sie Mir eine Rolle, die ich durchzuführen So ganz und gar verdorben bin. Sie ſuchten Auf dieſem Zimmer Zuflucht vor der Welt. Hier wollten Sie, von Menſchen unbehorcht, Den ſtillen Wünſchen Ihres Herzens leben. Ich, Sohn des Unglücks, zeige mich: ſogleich Iſt dieſer ſchöne Traum geſtört.— Dafuͤr Soll mich die ſchleunigſte Entfernung— (Er will gehen.) Drinzeſſin (überraſcht und betroffen, doch gleich wieder gefaßt). — Prinz— O, Das war boshaft. Carlos. Fuͤrſtin— ich verſtehe, Was dieſer Blick in dieſem Cabinet Bedeuten ſoll, und dieſe tugendhafte Verlegenheit verehr' ich. Weh' dem Manne, 221 Den weibliches Erroͤthen muthig macht! Ich bin verzagt, wenn Weiber vor mir zittern. Prinzeſſin. Iſts möglich?— Ein Gewiſſen ohne Beiſpiel Für einen jungen Mann und Königsſohn! Ja, Prinz— jetzt vollends müſſen Sie mir bleiben, Jetzt bitt' ich ſelbſt darum: bei ſo viel Tugend Erholt ſich jedes Madchens Angſt. Doch wiſſen Sie, Daß Ihre plöͤtzliche Erſcheinung mich Bei meiner liebſten Arie erſchreckte? (Sie fuͤhrt ihn zum Sopha und nimmt ihre Laute wieder.) Die Arie, Prinz Carlos, werd' ich wohl Noch einmal ſpielen müſſen; Ihre Strafe Soll ſeyn, mir zuzuhoͤren. Carlos (ſetzt ſich, nicht ganz ohne Zwang, neben die Fuͤrſtin). Eine Strafe, So wuͤnſchenswerth, als mein Vergehn— und, wahrlich! Der Inhalt war mir ſo willkommen, war So göttlich ſchön, daß ich zum Drittenmal Sie hoͤren könnte. Prinzeſſin. Was? Sie haben Alles Gehört? Das iſt abſcheulich, Prinz.— Es war, Ich glaube gar, die Rede von der Liebe? Carlos. Und, irr' ich nicht, von einer glücklichen— Der ſchoͤnſte Text in dieſem ſchönen Munde; Doch freilich nicht ſo wahr geſagt, als ſchön. Prinzeſſin. Nicht? nicht ſo wahr?— Und alſo zweifeln Sie?— 222 Carlos(ernſthaft). Ich zweifle faſt, ob Carlos und die Fürſtin Von Eboli ſich je verſtehen können, Wenn Liebe abgehandelt wird. (Die Prinzeſſin ſtutzt; er bemerkt es und faͤhrt mit einer leichten Galan⸗ terie fort.) Denn wer, Wer wird es dieſen Roſenwangen glauben, Daß Leidenſchaft in dieſer Bruſt gewühlt? Läuft eine Fürſtin Eboli Gefahr, Umſonſt und unerhört zu ſeufzen? Liebe Kennt Der allein, der ohne Hoffnung liebt. Prinzeſſin (mit ihrer ganzen vorigen Munterkeit). O, ſtill! Das klingt ja fürchterlich.— Und freilich Scheint dieſes Schickſal Sie vor allen Andern. Und vollends heute— heute zu verfolgen. (Ihn bei der Hand faſſend, mit einſchmeichelndem Intereſſe.) Sie ſind nicht fröhlich, guter Prinz.— Sie leiden— Bei Gott, Sie leiden ja wohl gar! Iſts moͤglich? Und warum leiden, Prinz? bei dieſem lauten Berufe zum Genuß der Welt, bei allen Geſchenken der verſchwendriſchen Natur Und allem Anſpruch auf des Lebens Freuden? Sie— eines großen Königs Sohn und mehr, Weit mehr, als Das, ſchon in der Fürſtenwiege Mit Gaben ausgeſtattet, die ſogar Noch Ihres Ranges Sonnenglanz verdunkeln? Sie— der im ganzen ſtrengen Rath der Weiber Beſtochne Richter ſitzen hat, der Weiber, Die über Mannerwerth und Maͤnnerruhm 223 Ausſchließend ohne Widerſpruch entſcheiden? Der, wo er nur bemerkte, ſchon erobert, Entzündet, wo er kalt geblieben, wo Er glühen will, mit Paradieſen ſpielen Und Götterglück verſchenken muß— der Mann, Den die Natur zum Glück von Tauſenden Und Wenigen mit gleichen Gaben ſchmückte, Er ſelber ſollte elend ſeyn?— O Himmel, Der du ihm Alles, Alles gabſt, warum, Warum denn nur die Augen ihm verſagen, Womit er ſeine Siege ſieht? Carlos (der die ganze Zeit uͤber in die tiefſte Zerſtreuung verſunken war, wird durch das Stillſchweigen der Prinzeſſin ploͤtzlich zu ſich ſelbſt gebracht und ſaͤhrt in die Höhe.) Vortrefflich! Ganz unvergleichlich, Fürſtin! Singen Sie Mir dieſe Stelle doch noch einmal! Prinzeſſin(ſeeht ihn erſtaunt an). 5 Carlos, Wo waren Sie indeſſen? Carlos(ſpringt auf). Ja, bei Gott! Sie mahnen mich zur rechten Zeit.— Ich muß, Muß fort— muß eilends fort. Prinzeſſin(haͤlt ihn zuruͤch). Wohin? Carlos(in ſchrecklicher Beaͤngſtigung). Hinunter Ins Freie.— Laſſen Sie mich los— Prinzeſſin! 224 Mir wird, als rauchte hinter mir die Welt In Flammen auf— Vrinzeſſin(haͤlt ihn mit Gewalt zuruͤck). Was haben Sie? Woher Dies fremde, unnatürliche Betragen? (Carlos bleibt ſtehen und wird nachdenkend. Sie ergreift dieſen Augen⸗ blick, ihn zu ſich auf den Sopha zu ziehen). Sie brauchen Ruhe, lieber Carl— Ihr Blut Iſt jetzt in Aufruhr— ſetzen Sie ſich zu mir— Weg mit den ſchwarzen Fieberfantaſien! Wenn Sie ſich ſelber offenherzig fragen, Weiß dieſer Kopf, was dieſes Herz beſchwert? Und wenn er's nun auch wüßte— ſollte denn Von allen Rittern dieſes Hofs nicht einer, Von allen Damen keine— Sie zu heilen, Sie zu verſtehen, wollt' ich ſagen— keine Von allen würdig ſeyn? Carlos cfluͤchtig, gedankenlos). Vielleicht die Fürſtin Von Eboli—— Prinzeſſin(freudig, raſch). Wahrhaftig? Carlos. Geben Sie Mir eine Bittſchrift— ein Empfehlungsſchreiben An meinen Vater. Geben Sie! Man ſpricht, Sie gelten viel. 3 Prinzeſſin. Wer ſpricht Das?(Ha, ſo war es Der Argwohn, der dich ſtumm gemacht!) Carlos. Wahrſcheinlich Iſt die Geſchichte ſchon herum. Ich hatte Den ſchnellen Einfall, nach Brabant zu gehn, Um— bloß, um meine Sporen zu verdienen. Das will mein Vater nicht.— Der gute Vater Beſorgt, wenn ich Armeen commandirte— Mein Singen könnte drunter leiden. Prinzeſſin. Carlos, Sie ſpielen falſch. Geſtehen Sie, Sie wollen In dieſer Schlangenwindung mir entgehn. Hieher geſehen, Heuchler! Aug' in Auge! Wer nur von Ritterthaten träumt— wird Der, Geſtehen Sie— wird Der auch wohl ſo tief Herab ſich laſſen, Baͤnder, die den Damen Entfallen ſind, begierig wegzuſtehlen Und— Sie verzeihn— (Indem ſie mit einer leichten Fingerbewegung ſeine Hemdkrauſe weg⸗ ſchnellt und eine Bandſchleife, die da verborgen war, wegnimmt.) ſo koſtbar zu verwahren? Carlos(mit Beſremdung zuruͤcktretend). Prinzeſſin— Nein, Das geht zu weit.— Ich bin Verrathen. Sie betrügt man nicht.— Sie ſind Mit Geiſtern, mit Dämonen einverſtanden. Prinzeſſin. Darüber ſcheinen Sie erſtaunt? Darüber? Was ſoll die Wette gelten, Prinz, ich rufe Geſchichten in Ihr Herz zurück, Geſchichten— Verſuchen Sie es, fragen Sie mich aus. Wenn ſelbſt der Laune Gaukelein, ein Laut, Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 1⁵ 226 Verſtümmelt in die Luft gehaucht, ein Lächeln, Von ſchnellem Ernſte wieder ausgelöſcht, Wenn ſelber ſchon Erſcheinungen, Geberden, Wo Ihre Seele ferne war, mir nicht Entgangen ſind, urtheilen Sie, ob ich Verſtand, wo Sie verſtanden werden wollten? Carlos. Nun, Das iſt wahrlich viel gewagt.— Die Wette Soll gelten, Fürſtin! Sie verſprechen mir Entdeckungen in meinem eignen Herzen, Um die ich ſelber nie gewußt. Prinzeſſin(etwas empfindlich und ernſthaft). Nie, Prinz? Beſinnen Sie ſich beſſer! Sehn Sie um ſich! Dies Cabinet iſt keines von den Zimmern Der Königin, wo man das Bischen Maske Noch allenfalls zu loben fand.— Sie ſtutzen? Sie werden plötzlich lauter Glut?— O freilich, Wer ſollte wohl ſo ſcharfklug, ſo vermeſſen, So müßig ſeyn, den Carlos zu belauſchen, Wenn Carlos unbelauſcht ſich glaubt?— Wer ſah's, Wie er beim letzten Hofball ſeine Dame, Die Königin, im Tanze ſtehen ließ Und mit Gewalt ins naͤchſte Paar ſich drängte, Statt ſeiner königlichen Taͤnzerin Der Fürſtin Eboli die Hand zu reichen? Ein Irrthum, Prinz, den der Monarch ſogar, Der eben jetzt erſchienen war, bemerkte! Carlos(mit ironiſchem Laͤcheln). Auch ſogar Der? Ja freilich, gute Fürſtin, Fuͤr Den beſonders war Das nicht. 227 Prinzeſſin. So wenig, Als jener Auftritt in der Schloßcapelle, Worauf ſich wohl Prinz Carlos ſelbſt nicht mehr Beſinnen wird. Sie lagen zu den Füßen Der heil'gen Jungfrau, in Gebet ergoſſen, Als plotzlich— konnten Sie dafür?— die Kleider Gewiſſer Damen hinter Ihnen rauſchten. Da fing Don Philipps heldenmüth'ger Sohn, Gleich einem Ketzer vor dem heil'gen Amte, Zu zittern an; auf ſeinen bleichen Lippen Starb das vergiftete Gebet— im Taumel Der Leidenſchaft— es war ein Poſſenſpiel Zum Rühren, Prinz— ergreifen Sie die Hand, Der Mutter Gottes heil'ge kalte Hand, Und Feuerküſſe regnen auf den Marmor. Carlos. Sie thun mir Unrecht, Fürſtin! Das war Andacht. Prinzeſſin. Ja, dann iſt's etwas Anders, Prinz— dann freilich War's damals auch nur Furcht vor dem Verluſte, Als Carlos mit der Königin und mir Beim Spielen ſaß und mit bewundernswerther Geſchicklichkeit mir dieſen Handſchuh ſtahl— (Carlos ſpringt beſtuͤrzt auf.) Den er zwar gleich nachher ſo artig war Statt einer Karte wieder auszuſpielen. Carlos. O Gott— Gott— Gott! Was hab' ich da gemacht? Prinzeſſin. Nichts, was Sie widerrufen werden, hoff' ich. 228. Wie froh erſchrack ich, als mir unvermuthet Ein Brieſchen in die Finger kam, das Sie In dieſen Handſchuh zu verſtecken wußten. Es war die rührendſte Romanze, Prinz, Die— Carlos(ihr raſch ins Wort fallend). Poeſie!— Nichts weiter.— Mein Gehirn Treibt öfters wunderbare Blaſen auf, Die ſchnell, wie ſie entſtanden ſind, zerſpringen. Das war es Alles. Schweigen wir davon! Prinzeſſin (vor Erſtaunen von ihm weggehend und ihn eine Zeitlang aus der Entfernung beobachtend). Ich bin erſchoͤpft— all' meine Proben gleiten Von dieſem ſchlangenglatten Sonderling. (Sie ſchweigt einige Augenblicke.) Doch wie?— Wäaͤr's ungeheurer Mäannerſtolz, Der nur, ſich deſto füßer zu ergötzen, Die Blödigkeit als Larve brauchte?— Ja! (Sie naͤhert ſich dem Prinzen wieder und betrachtet ihn zweifelhaft). Belehren Sie mich endlich, Prinz— Ich ſtehe Vor einem zauberiſch verſchloſſ'nen Schrank, Wo alle meine Schlüſſel mich betrügen. Carlos. Wie ich vor Ihnen. Prinzeſſin (verlaͤßt ihn ſchnell, geht einigemal ſtillſchweigend im Cabinet auf und nieder und ſcheint uͤber etwas Wichtiges nachzudenken. Endlich nach einer großen Pauſe ernſthaft und feierlich). Endlich ſey es denn— Ich muß einmal zu reden mich entſchließen. 229 Zu meinem Richter wähl' ich Sie. Sie ſind Ein edler Menſch— ein Mann, ſind Fürſt und Ritter. An Ihren Buſen werf' ich mich. Sie werden Mich retten, Prinz, und, wo ich ohne Rettung Verloren bin, theilnehmend um mich weinen. (Der Prinz ruͤckt naͤher, mit erwartungsvollem, theilnehmendem Er⸗ ſtaunen.) Ein frecher Guͤnſtling des Monarchen buhlt Um meine Hand— Rui Gomez, Graf von Silva— Der König will, ſchon iſt man Handels einig, Ich bin der Creatur verkauft. Carlos(heftig ergriffen). Verkauft? Und wiederum verkauft? und wiederum Von dem berühmten Handelsmann in Süden? Prinzeſſin. Nein, hören Sie erſt Alles. Nicht genug, Daß man der Politik mich hingeopfert, Auch meiner Unſchuld ſtellt man nach— Da, hier! Diss Blatt kann dieſen Heiligen entlarven. (Carlos nimmt das Papier und haͤngt voll Ungeduld an ihrer Erzoͤhlung, ohne ſich Zeit zu nehmen, es zu leſen.) Wo ſoll ich Rettung finden, Prinz? Bis jetzt War es mein Stolz, der meine Tugend ſchützte; Doch endlich— Carlos. Endlich fielen Sie? Sie fielen? Nein, nein! um Gotteswillen, nein! Prinzeſſin(ſoolz und edelh. Durch wen? Armſelige Vernunftelei! Wie ſchwach 230 Von dieſen ſtarken Geiſtern! Weibergunſt, Der Liebe Glück der Waare gleich zu achten, Worauf geboten werden kann! Sie iſt Das Einzige auf dieſem Rund der Erde, Was keinen Käufer leidet, als ſich ſelbſt. Die Liebe iſt der Liebe Preis. Sie iſt Der unſchäͤtzbare Diamant, den ich Verſchenken oder, ewig ungenoſſen, Verſcharren muß— dem großen Kaufmann gleich, Der, ungerührt von des Rialto Gold, Und Königen zum Schimpfe, ſeine Perle Dem reichen Meere wiedergab, zu ſtolz, Sie unter ihrem Werthe loszuſchlagen. Carlos. (Beim wunderbaren Gott— das Weib iſt ſchoͤn!) Prinzeſſin. Man nenn' es Grille— Citelkeit, gleichviel. Ich theile meine Freuden nicht. Dem Mann, Dem Einzigen, den ich mir auserleſen, Geb' ich für Alles Alles hin. Ich ſchenke Nur einmal, aber ewig. Einen nur Wird meine Liebe glücklich machen— Einen— Doch dieſen Einzigen zum Gott. Der Seelen Entzückender Zuſammenklang— ein Kuß— Der Schaͤferſtunde ſchwelgeriſche Freuden— Der Schoͤnheit hohe, himmliſche Magie Sind eines Strahles ſchweſterliche Farben, Sind einer Blume Blätter nur. Ich ſollte, Ich Raſende! ein abgeriſſ'nes Blatt Aus dieſer Blume ſchönem Kelch verſchenken? Ich ſelbſt des Weibes hohe Majeſtät, 231 Der Gottheit großes Meiſterſtück, verſtümmeln, Den Abend eines Praſſers zu verſüßen? Carlos. (Unglaublich! Wie? ein ſolches Mädchen hatte Madrid, und ich— und ich erfahr' es heute Zum erſten Mal?) Prinzeſſin. Längſt hätt' ich dieſen Hof Verlaſſen, dieſe Welt verlaſſen, haͤtte In heil'gen Mauern mich begraben; doch Ein einzig Band iſt noch zurück, ein Band, Das mich an dieſe Welt allmaͤchtig bindet. Ach, ein Phantom vielleicht! doch mir ſo werth! Ich liebe und bin— nicht geliebt. Carloas(voll Feuer auf ſie zugehend). Sie ſind's! So wahr ein Gott im Himmel wohnt, ich ſchwör' es: Sie ſind's, und unausſprechlich! Drinzeſſin. Sie? Sie ſchwören's? O, Das war meines Engels Stimme! Ja, Wenn freilich Sie es ſchwören, Carl, dann glaub' ich's, Dann bin ich's.„ Carlos (der ſie voll Zaͤrtlichkeit in ſeine Arme ſchließt). Süßes, ſeelenvolles Mädchen! Anbetungswürdiges Geſchopf!— Ich ſtehe Ganz Ohr— ganz Auge— ganz Entzücken— ganz Bewunderung.— Wer hiätte dich geſehn, Wer unter dieſem Himmel dich geſehn Und rühmte ſich— er habe nie geliebt?— — 232 Doch hier an König Philipps Hof? Was hier? Was, ſchöner Engel, willſt du hier? bei Pfaffen Und Pfaffenzucht? Das iſt kein Himmelsſtrich Für ſolche Blumen.— Möchten ſie ſie brechen? Sie möchten— o, ich glaub' es gern.— Doch nein! So wahr ich Leben athme, nein!— Ich ſchlinge Den Arm um dich, auf meinen Armen trag' ich Durch eine teufelvolle Hölle dich! Ja— laß mich deinen Engel ſeyn.— Prinzeſſin(mit dem vollen Blick der Liebe). O Carlos! Wie wenig hab' ich Sie gekannt! Wie reich Und granzenlos belohnt Ihr ſchönes Herz Die ſchwere Muh', es zu begreifen! (Sie nimmt ſeine Hand und will ſie kuͤſſen.) Carlos(der ſie zuruͤckzieht). Fürſtin, Vrinzeſſin (mit Feinheit und Grazie, indem ſie ſtarr in ſeine Hand ſieht). Wie ſchoͤn iſt dieſe Hand! Wie reich iſt ſie!— Prinz, dieſe Hand hat noch Zwei koſtbare Geſchenke zu vergeben— Ein Diadem und Kurles Herz— und Beides Vielleicht an eine Sterbliche?— An eine? Ein großes, göͤttliches Geſchenk!— Beinahe Für eine Sterbliche zu groß!— Wie? Prinz, Wenn Sie zu einer Theilung ſich entſchlöſſen? Die Königinnen lieben ſchlecht— ein Weib, Das lieben kann, verſteht ſich ſchlecht auf Kronen: Drum beſſer, Prinz, Sie theilen, und gleich jetzt, Wo ſind Sie jetzt? 233 Gleich jetzt— Wie? Oder haͤtten Sie wohl ſchon? Sie hatten wirklich? O, dann um ſo beſſer! Und keny' ich dieſe Glückliche? Carlos. Du ſollſt. Dir, Maͤdchen, dir entdeck' ich mich— der Unſchuld, Der lautern, unentheiligten Natur Entdeck' ich mich. An dieſem Hof biſt du Die Würdigſte, die Einzige, die Erſte, Die meine Seele ganz verſteht.— Ja denn! Ich läugn' es nicht— ich liebe! Prinzeſſin. Boͤſer Menſch! So ſchwer iſt das Geſtändniß dir geworden? Beweinenswürdig mußt' ich ſeyn, wenn du Mich liebenswürdig finden ſollteſt? Carlos(ſiutzt). — Was? Was iſt Das? Prinzeſſin. Solches Spiel mit mir zu treiben! O, wahrlich, Prinz, es war nicht ſchön. Sogar Den Schlüſſel zu verlaugnen! Carlos. Schlüſſel! Schlüſſel! (Nach einem dumpfen Beſinnen). Ja ſo— ſo war's.— Nun merk' ich—— O mein Gott! (Seine Knie wanken, er hoͤlt ſich an einen Stuhl und verhuͤllt das Geſicht.) (Eine lange Stille von beiden Seiten. Die Fuͤrſtin ſchreit laut und fallt.) 234 Prinzeſſin. Abſcheulich! Was hab' ich gethan? Carlos (ſich aufrichtend, im Ausbruch des heftigſten Schmerzes). So tief Herabgeſtürzt von allen meinen Himmeln!— O, Das iſt ſchrecklich! Prinzeſſin (das Geſicht in das Kiſſen verbergend). Was entdeck' ich? Gott! Carlos(vor ihr niedergeworfen). Ich bin nicht ſchuldig, Fürſtin— Leidenſchaft— Ein unglückſel'ger Mißverſtand— Bei Gott! Ich bin nicht ſchuldig. Prinzeſſin(ſoͤßt ihn von ſich). Weg aus meinen Augen, Um Gotteswillen— Carlos. Nimmermehr! In dieſer Entſetzlichen Erſchütt'rung Sie verlaſſen? Prinzeſſin(ihn mit Gewalt wegdraͤngend). Aus Großmuth, aus Barmherzigkeit, hinaus Von meinen Augen!— Wollen Sie mich morden? Ich haſſe Ihren Anblick! (Carlos will gehen). Meinen Brief Und meinen Schlüſſel geben Sie mir wieder. Wo haben Sie den andern Brief? Carlos. Den andern? Was denn für einen andern? Prinzeſſin. Den vom König. Carlos(zuſammenſchreckend). Von wem? Prinzeſſin. Den Sie vorhin von mir bekamen. Carlos. Vom König? und an wen? an Sie? Prinzeſſin. O Himmel! Wie ſchrecklich hab' ich mich verſtrickt! Den Brief! Heraus damit! ich muß ihn wieder haben. Carlos. Vom König Briefe, und an Sie? Prinzeſſin. 3 Den Brief! Im Namen aller Heiligen! Carlos. Der einen Gewiſſen mir entlarven ſollte— dieſen? Prinzeſſin. Ich bin des Todes!— Geben Sie! Carlos. Der Brief— Prinzeſſin (in Verzweiflung die Haͤnde ringend). Was hab' ich Unbeſonnene gewagt! Carlos. Der Brief— Der kam vom König?— Ja, Prinzeſſin, Das ändert freilich Alles ſchnell.— Das iſt (Den Brief frohlockend emporhaltend.) 236 Ein unſchätzbarer— ſchwerer— theurer Brief, Den alle Kronen Philipps einzulöſen Zu leicht, zu nichtsbedeutend ſind.— Den Brief Behalt' ich. Prinzeſſin(wirft ſich ihm in den Weg). Großer Gott, ich bin verloren! Neunter Auftritt. Die Prinzeſſin allein. (Sie ſieht noch betaͤubt, außer Faſſung; nachdem er hinaus iſt, eilt ſie ihm nach und will ihn zuruͤckrufen.) Prinz, noch ein Wort! Prinz, hören Sie— Er geht! Auch Das noch! Er verachtet mich— Da ſteh' ich In fürchterlicher Einſamkeit— verſtoßen, Verworfen— (Sie ſinkt auf einen Seſſel. Nach einer Pauſe.) Nein! Verdrungen nur, verdrungen Von einer Nebenbuhlerin. Er liebt. Kein Zweifel mehr. Er hat es ſelbſt bekannt. Doch wer iſt dieſe Glückliche?— So viel Iſt offenbar— er liebt, was er nicht ſollte. Er fürchtet die Entdeckung. Vor dem König Verkriecht ſich ſeine Leidenſchaft— Warum Vor Dieſem, der ſie wünſchte?— Oder iſt's Der Vater nicht, was er im Vater fürchtet? Als ihm des Königs buhleriſche Abſicht Verrathen war— da jauchzten ſeine Mienen, Frohlockt' er, wie ein Gluͤcklicher... Wie kam es Daß ſeine ſtrenge Tugend hier verſtummte? 237 Hier? eben hier?— Was kann denn er dabei, Er zu gewinnen haben, wenn der König Der Königin die— (Sie haͤlt ploͤtzlich ein, von einem Gedanken uͤberraſcht.— Zu gleicher Zeit reißt ſie die Schleife, die ihr Carlos gegeben hat, von dem Vuſen, betrachtet ſie ſchnell und erkennt ſie.) O, ich Raſende! Jetzt endlich, jetzt— Wo waren meine Sinne? Jetzt gehen mir die Augen auf— Sie hatten Sich lang geliebt, eh' der Monarch ſie waͤhlte. Nie ohne ſie ſah mich der Prinz.— Sie alſo, Sie war gemeint, wo ich ſo gränzenlos, So warm, ſo wahr mich angebetet glaubte? O, ein Betrug, der ohne Beiſpiel iſt! Und meine Schwäche hab' ich ihr verrathen— (Stillſchweigen.) Daß er ganz ohne Hoffnung lieben ſollte! Ich kann's nicht glauben— Hoffnungsloſe Liebe Beſteht in dieſem Kampfe nicht. Zu ſchwelgen, Wo unerhöͤrt der glänzendſte Monarch Der Erde ſchmachtet— Wahrlich! ſolche Opfer Bringt hoffnungsloſe Liebe nicht. Wie feurig War nicht ſein Kuß! Wie zaͤrtlich drückt' er mich, Wie zartlich an ſein ſchlagend Herz!— Die Probe War faſt zu kühn für die romant'ſche Treue, Die nicht erwiedert werden ſoll— Er nimmt Den Schlüſſel an, den, wie er ſich beredet, Die Königin ihm zugeſchickt— er glaubt An dieſen Rieſenſchritt der Liebe— kommt, Kommt wahrlich, kommt!— So traut er Philipps Frau Die raſende Entſchließung zu.— Wie kann er, 238 Wenn hier nicht große Proben ihn ermuntern? Es iſt am Tag. Er wird erhört. Sie liebt! Beim Himmel, dieſe Heilige empfindet! Wie fein iſt ſie!... Ich zitterte, ich ſelbſt, Vor dem erhabnen Schreckbild dieſer Tugend. Ein höhres Weſen ragt ſie neben mir. In ihrem Glanz erlöͤſch' ich. Ihrer Schoͤnheit Mißgoͤnnt' ich dieſe hohe Ruhe, frei Von jeder Wallung ſterblicher Naturen. Und dieſe Ruhe war nur Schein? Sie haͤtte An beiden Tafeln ſchwelgen wollen? Hätte Den Götterſchein der Tugend ſchaugetragen V Und doch zugleich des Laſters heimliche Entzückungen zu naſchen ſich erdreiſtet? Das durfte ſie? Das ſollte ungerochen Der Gauklerin gelungen ſeyn? Gelungen, Weil ſich kein Rächer meldet?— Nein, bei Gott! Ich betete ſie an— Das fordert Rache! Der König wiſſe den Betrug— Der König? 1 (Nach einigem Beſinnen.) Ja, recht— das iſt ein Weg zu ſeinem Ohre. (Sie geht ab.) Ein Zimmer im koͤniglichen Palaſte. Zehnter Auftritt. Herzog von Alba. Pater Domingo. Domingo. V Was wollen Sie mir ſagen? 239 Alba. Eine wicht'ge Entdeckung, die ich heut' gemacht, worüber Ich einen Aufſchluß haben möͤchte. Domingo. Welche Entdeckung? Wovon reden Sie? Alba. Prinz Carlos Und ich begegnen dieſen Mittag uns Im Vorgemach der Königin. Ich werde Beleidigt. Wir erhitzen uns. Der Streit Wird etwas laut. Wir greifen zu den Schwertern. Die Königin auf das Getöſe öffnet Das Zimmer, wirft ſich zwiſchen uns und ſieht Mit einem Blick deſpotiſcher Vertrautheit Den Prinzen an.— Es war ein einz'ger Blick.— Sein Arm erſtarrt— er fliegt an meinen Hals— Ich fühle einen heißen Kuß— er iſt Verſchwunden.. Damingo(nach einigem Stillſchweigen). Das iſt ſehr verdaͤchtig.— Herzog, Sie mahnen mich an Etwas.—— Aehnliche Gedanken, ich geſteh' es, keimten längſt In meiner Bruſt.— Ich flohe dieſe Träume— Noch hab' ich Niemand ſie vertraut. Es gibt Zweiſchneid'ge Klingen, ungewiſſe Freunde— Ich fürchte Dieſe. Schwer zu unterſcheiden, Noch ſchwerer zu ergründen ſind die Menſchen. Entwiſchte Worte ſind beleidigte Vertraute— drum begrub ich mein Geheimniß, 240 Bis es die Zeir ans Licht hervorgewälzt. Gewiſſe Dienſte Königen zu leiſten, Iſt mißlich, Herzog— ein gewagter Wurf, Der, fehlt er ſeine Beute, auf den Schützen Zurücke prallt.— Ich wollte, was ich ſage, Auf eine Hoſtie beſchwören— doch Ein Augenzeugniß, ein erhaſchtes Wort, Ein Blatt Papier fällt ſchwerer in die Wage, Als mein lebendigſtes Gefuͤhl.— Verwünſcht, Daß wir auf ſpan'ſchem Boden ſtehn! Alba. Warum Auf Dieſem nicht? G Dom in go. An jedem andern Hofe Kann ſich die Leidenſchaft vergeſſen. Hier Wird ſie gewarnt von aͤngſtlichen Geſetzen. Die ſpan'ſchen Königinnen haben Mühe Zu ſündigen— ich glaub' es— doch zum Unglück Nur da— gerade da nur, wo es uns Am beſten glückte, ſie zu überraſchen. Alba. Hören Sie weiter— Carlos hatte heut' Gehör beim König. Eine Stunde währte Die Audienz. Er bat um die Verwaltung Der Niederlande. Laut und heftig bat er: Ich hört' es in dem Cabinet. Sein Auge War roth geweint, als ich ihm an der Thür Begegnete. Den Mittag drauf erſcheint er Mit einer Miene des Triumphs. Er iſt Entzückt, daß mich der Köͤnig vorgezogen. 241 Er dankt es ihm. Die Sachen ſtehen anders, Sagt er, und beſſer. Heucheln konnt' er nie: Wie ſoll ich dieſe Widerſpruche reimen? Der Prinz frohlockt, hintangeſetzt zu ſeyn, Und mir ertheilt der König eine Gnade Mit allen Zeichen ſeines Zorns!— Was muß Ich glauben? Wahrlich, dieſe neue Würde Sieht einer Landsverweiſung ahnlicher Als einer Gnade. Domingo. Dahin alſo wäͤr' es Gekommen? Dahin? Und ein Augenblick Zertruͤmmerte, was wir in Jahren bauten?— Und Sie ſo ruhig? ſo gelaſſen?— Kennen Sie dieſen Jüngling? Ahnen Sie, was uns Erwartet, wenn er mächtig wird?— Der Prinz— — Ich bin ſein Feind nicht. Andre Sorgen nagen An meiner Ruhe, Sorgen für den Thron, Für Gott und ſeine Kirche. Der Infant (Ich kenn' ihn— ich durchdringe ſeine Seele) Hegt einen ſchrecklichen Entwurf— Toledo— Den raſenden Entwurf, Regent zu ſeyn Und unſern heil'gen Glauben zu entbehren.— Sein Herz entglüht für eine neue Tugend, Die, ſtolz und ſicher und ſich ſelbſt genug, Von keinem Glauben betteln will.— Er denkt! Sein Kopf entbrennt von einer ſeltſamen Chimaͤre— er verehrt den Menſchen— Herzog, Ob er zu unſerm König taugt? Alba. Phantome! Schillers ſaͤmmtl. Werke. 111. 16 — 242 Was ſonſt? Vielleicht auch jugendlicher Stolz, Der eine Rolle ſpielen möchte.— Bleibt Ihm eine andre Wahl? Das geht vorbei, Trifft ihn einmal die Reihe, zu befehlen. Domingo. Ich zweifle.— Er iſt ſtolz auf ſeine Freiheit, Des Zwanges ungewohnt, womit man Zwang Zu kaufen ſich bequemen muß.— Taugt er Auf unſern Thron? Der kühne Rieſengeiſt Wird unſrer Staatskunſt Linien durchreißen. Umſonſt verſucht' ich's, dieſen trotz'gen Muth In dieſer Zeiten Wolluſt abzumatten: Er überſtand die Probe— Schrecklich iſt In dieſem Körper dieſer Geiſt— und Philipp Wird ſechzig Jahr' alt. Alba. Ihre Blicke reichen Sehr weit. Domingo. Er und die Königin ſind Eins. Schon ſchleicht, verborgen zwar, in Beider Bruſt Das Gift der Neuerer; doch bald genug, Gewinnt es Raum, wird es den Thron ergreifen. Ich kenne dieſe Valois.— Fürchten wir Die ganze Rache dieſer ſtillen Feindin, Wenn Philipp Schwächen ſich erlaubt. Noch iſt Das Glück uns günſtig. Kommen wir zuvor. In eine Schlinge ſtürzen Beide.— Jetzt Ein ſolcher Wink dem Könige gegeben, Bewieſen oder nicht bewieſen— viel Iſt ſchon gewonnen, wenn er wankt. Wir ſelbſt, Wir zweifeln Beide nicht. Zu überzeugen 243 Fällt keinem Ueberzeugten ſchwer. Es kann 4 Nicht fehlen, wir entdecken mehr, ſind wir Vorher gewiß, daß wir entdecken muſſen. Alba. Doch nun die wichtigſte von allen Fragen: Wer nimmt's auf ſich, den König zu belehren? Domingo. Noch Sie, noch ich. Erfahren Sie alſo, Was lange ſchon, des großen Planes voll, Mein ſtiller Fleiß dem Ziele zugetrieben. b Noch mangelt, unſer Bundniß zu vollenden, Die dritte, wichtigſte Perſon.— Der König Liebt die Prinzeſſin Eboli. Ich nähre Die Leidenſchaft, die meinen Wünſchen wuchert. Ich bin ſein Abgeſandter— unſerm Plane Erzieh' ich ſie.— In dieſer jungen Dame, Gelingt mein Werk, ſoll eine Bundsverwandtin, Soll eine Königin uns blühn. Sie ſelbſt 8 Hat jetzt in dieſes Zimmer mich berufen. Ich hoffe Alles.— Jene Lilien Von Valois zerknickt ein ſpan'ſches Mädchen Vielleicht in einer Mitternacht. Alba. Was hör' ich? 4 Iſt's Wahrheit, was ich jetzt gehört?— Beim Himmel! Das uͤberraſcht mich! Ja, der Streich vollendet! Dominicaner, ich bewundre dich, Jetzt haben wir gewonnen— Domingo. Still! Wer kommt?— Sie iſt's— ſie ſelbſt. 244 Alba. Ich bin im näͤchſten Zimmer, Domingo. Schon recht. Ich rufe Sie. (Der Herzog von Alba geht ab.) Wenn man— Eilfter Auftritt. Die Prinzeſſin. Domingo. Domingo. 3 Zu Ihren Befehlen, gnäd'ge Fürſtin. Vrinzeſſin (dem Herzog neugierig nachſehend). Sind wir etwa Nicht ganz allein? Sie haben, wie ich ſehe, Noch einen Zeugen bei ſich? Domingo. Wie? Vrinzeſſin. 4 Wer war es, Der eben jetzt von Ihnen ging? Domingo. Der Herzog Von Alba, gnad'ge Fürſtin, der nach mir Um die Erlaubniß bittet, vorgelaſſen Zu werden. 245 Prinzeſſin. Herzog Alba? Was will Der? Was kann er wollen? Wiſſen Sie vielleicht Es mir zu ſagen? 3 Domingo. Ich? und eh' ich weiß, Was für ein Vorfall von Bedeutung mir Das lang' entbehrte Glück verſchafft, der Fürſtin Von Eboli mich wiederum zu naͤhern? (Pauſe, worin er ihre Antwort erwartet.) Ob ſich ein Umſtand endlich vorgefunden, Der für des Koͤnigs Wünſche ſpricht? ob ich Mit Grund gehofft, daß beſſ're Ueberlegung Mit einem Anerbieten Sie verſöhnt, Das Eigenſinn, das Laune bloß verworfen? Ich komme voll Erwartung— Prinzeſſin. Brachten Sie Dem König meine letzte Antwort? Domingo. Noch Verſchob ich's, ihn ſo toͤdtlich zu verwunden. Noch, gnäd'ge Fürſtin, iſt es Zeit. Es ſteht Bei Ihnen, ſie zu mildern. Prinzeſſin. Melden Sie Dem König, daß ich ihn erwarte. Domingo. Darf Ich Das fuͤr Wahrheit nehmen, ſchöne Fürſtin? 246 Prinzeſſin. Für Scherz doch nicht? Bei Gott, Sie machen mir Ganz bange.— Wie? Was hab' ich denn gethan, Wenn ſogar Sie— Sie ſelber ſich entfärben? Domingo. Prinzeſſin, dieſe Ueberraſchung— kaum Kann ich es faſſen— Prinzeſſin. Ja, hochwürd'ger Herr, Das ſollen Sie auch nicht. Um alle Güter Der Welt möcht' ich nicht haben, daß Sie's faßten. Genug füͤr Sie, daß es ſo iſt. Erſparen Sie ſich die Mühe, zu ergrübeln, weſſen Beredſamkeit Sie dieſe Wendung danken. Zu Ihrem Troſt ſetz' ich hinzu: Sie haben Nicht Theil an dieſer Sünde. Auch wahrhaftig Die Kirche nicht! obſchon Sie mir bewieſen, Daß Fälle möglich wären, wo die Kirche Sogar die Körper ihrer jungen Töchter Für höhre Zwecke zu gebrauchen wüßte. Auch Dieſe nicht.— Dergleichen fromme Gründe, Ehrwürd'ger Herr, ſind mir zu hoch— Domingo. Sehr gern, Prinzeſſin, nehm' ich ſie zurück, ſobald Sie uͤberfluſſig waren. Prinzeſſin. Bitten Sie Von meinetwegen den Monarchen, ja In dieſer Handlung mich nicht zu verkennen. Was ich geweſen, bin ich noch. Die Lage 247 Der Dinge nur hat ſeitdem ſich verwandelt. Als ich ſein Anerbieten mit Entrüſtung Zuruͤcke ſtieß, da glaubt' ich im Beſitze Der ſchönſten Koͤnigin ihn glücklich— glaubte Die treue Gattin meines Opfers werth. Das glaubt' ich damals— damals. Freilich jetzt, Jetzt weiß ich's beſſer. Domingo. Fürſtin, weiter, weiter! Ich hoͤr' es, wir verſtehen uns. Prinzeſſin. . Genug, Sie iſt erhaſcht. Ich ſchone ſie nicht langer. Die ſchlaue Diebin iſt erhaſcht. Den König, Ganz Spanien und mich hat ſie betrogen. Sie liebt. Ich weiß es, daß ſie liebt. Ich bringe Beweiſe, die ſie zittern machen ſollen. Der König iſt betrogen— doch, bei Gott, Er ſey es ungerochen nicht! Die Larve Erhabner, übermenſchlicher Entſagung Reiß' ich ihr ab, daß alle Welt die Stirn Der Suünderin erkennen ſoll. Es koſtet Mir einen ungeheuren Preis, doch— Das Entzückt mich, das iſt mein Triumph— doch ihr Noch einen größern. Domingo. Nun iſt Alles reif. Erlauben Sie, daß ich den Herzog rufe. (Er geht hinaus.) Prinzeſſin(erſtaunt). Was wird Das? 248 Zwölfter Auftritt. Die Prinzeſſin. Herzog Alba. Domingo. Domingo (der den Herzog herein fuͤhrt). Unſre Nachricht, Herzog Alba, Kommt hier zu ſpät. Die Fürſtin Eboli Entdeckt uns ein Geheimniß, das ſie eben Von uns erfahren ſollte. Alba. Mein Beſuch Wird dann um ſo viel minder ſie befremden. Ich traue meinen Augen nicht. Dergleichen Entdeckungen verlangen Weiberblicke. Prinzeſſin. Sie ſprechen von Entdeckungen?— Domingo. Wir wünſchten Zu wiſſen, gnäd'ge Fürſtin, welchen Ort Und welche beſſ're Stunde Sie— Prinzeſſin. Auch Das! So will ich morgen Mittag Sie erwarten. Ich habe Gründe, dieſes ſtrafbare Geheimniß länger nicht zu bergen— es Nicht länger mehr dem König zu entziehn. Alba. Das war es, was mich hergeführt. Sogleich Muß der Monarch es wiſſen. Und durch Sie, Durch Sie, Prinzeſſin, muß er Das. Wem ſonſt, 249 „Wem ſollt' er lieber glauben, als der ſtrengen, Der wachſamen Geſpielin ſeines Weibes? Domingo. Wem mehr, als Ihnen, die, ſobald ſie will, Ihn unumſchraͤnkt beherrſchen kann? Alba. Ich bin Erklärter Feind des Prinzen. Domingo. Eben Das Iſt man gewohnt von mir vorauszuſetzen. Die Fürſtin Eboli iſt frei. Wo wir Verſtummen müſſen, zwingen Pflichten Sie, Zu reden, Pflichten Ihres Amts. Der Koͤnig Entflieht uns nicht, wenn Ihre Winke wirken, Und dann vollenden wir das Werk. Alba. Doch bald, Gleich jetzt muß es geſchehn. Die Augenblicke Sind koſtbar. Jede nächſte Stunde kann Mir den Befehl zum Abmarſch bringen.— 1 Domingo (ſich nach einigem Ueberlegen zur Fuͤrſtin kehrend). Ob Sich Briefe finden ließen? Briefe freilich, Non dem Infanten aufgefangen, müßten Hier Wirkung thun.— Laß ſehen.— Nicht wahr?— Ja. Sie ſchlafen doch— ſo daͤucht mir— in demſelben Gemache mit der Königin. 250 Prinzeſſin. Zunaͤchſt An dieſem.— Doch was ſoll mir Das? Domingo. Wer ſich Auf Schlöſſer gut verſtände!— Haben Sie Bemerkt, wo ſie den Schluͤſſel zur Schatulle Gewöhnlich zu bewahren pflegt? Prinzeſſin(nachdenkend). Das könnte Zu etwas führen.— Ja— der Schlüſſel wäre Zu finden, denk' ich.— Domingo. Briefe wollen Boten—— Der Königin Gefolg' iſt groß.—— Wer hier Auf eine Spur gerathen könnte!—— Gold Vermag zwar viel— Alba. Hat Niemand wahrgenommen, Ob der Infant Vertraute hat? Domingo. Nicht einen, In ganz Madrid nicht einen. Alba. Das iſt ſeltſam. Domingo. Das dürfen Sie mir glauben. Er verachtet Den ganzen Hof: ich habe meine Proben. Alba. Doch wie? Hier eben fallt mir ein, als ich Von dem Gemach der Königin heraus kam, 251 Stand der Infant bei einem ihrer Pagen; Sie ſprachen heimlich— Prinzeſſin(raſch einfallend). Nicht doch, nein! Das war— Das war von etwas Anderm. Domingo. Können wir Das wiſſen?— Nein, der Umſtand iſt verdächtig.— (Zum Herzog.) Und kannten Sie den Pagen? Prinzeſſin. Kinderpoſſen! Was wird's auch ſonſt geweſen ſeyn? Genug, 8 Ich kenne Das.— Wir ſehn uns alſo wieder, Eh' ich den Koͤnig ſpreche.— Unterdeſſen Entdeckt ſich viel. Domingo (ſie auf die Seite fuͤhrend). Und der Monarch darf hoffen? Ich darf es ihm verkündigen? Gewiß? Und welche ſchöne Stunde ſeinen Wünſchen Erfüllung endlich bringen wird? Auch Dies? Prinzeſſin. In ein'gen Tagen werd' ich krank; man trennt mich Von der Perſon der Königin— Das iſt An unſerm Hofe Sitte, wie Sie wiſſen. V Ich bleibe dann auf meinem Zimmer. Domingo. Glücklich! I Gewonnen iſt das große Spiel. Trotz ſey Geboten allen Königinnen— 2⁵² Prinzeſſin. Horch! Man fragt nach mir— die Koͤnigin verlangt mich. Auf Wiederſehen!(Sie eilt ab.) Dreizehnter Auftritt. Alba. Domingo. Domingo (nach einer Pauſe, worin er die Prinzeſſin mit den Augen begleitet hat). Herzog, dieſe Roſen Und Ihre Schlachten— Alba. Und dein Gott— ſo will ich Den Blitz erwarten, der uns ſtürzen ſoll! (Sie gehen ab.) In einem Carthaͤuſerkloſter. Vierzehnter Auftritt. Don Carlos. Der Prior. Carlos (zum Prior, indem er hereintritt). Schon da geweſen alſo?— Das beklag' ich. Prior. Seit heute Morgen ſchon das dritte Mal. Vor einer Stunde ging er weg— 2⁵³ Carlos. Er will Doch wiederkommen? Hinterließ er's nicht? Prior. Vor Mittag noch, verſprach er. 4 Carlos (an ein Fenſter tretend und ſich in der Gegend umſehend). Euer Kloſter Liegt weit ab von der Straße.— Dorthin zu Sieht man noch Thürme von Madrid.— Ganz recht Und hier fließt der Manſanares— Die Landſchaft Iſt, wie ich ſie mir wünſche.— Alles iſt Hier ſtill, wie ein Geheimniß. Prior. Wie der Eintritt Ins andre Leben. Carlos. Eurer Redlichkeit, Hochwurd'ger Herr, hab' ich mein Koſtbarſtes, Mein Heiligſtes vertraut. Kein Sterblicher Darf wiſſen oder nur vermuthen, wen Ich hier geſprochen und geheim. Ich habe Sehr wicht'ge Gründe, vor der ganzen Welt Den Mann, den ich erwarte, zu verleugnen: Drum waͤhlt' ich dieſes Kloſter. Vor Verräͤthern, Vor Ueberfall ſind wir doch ſicher? Ihr Beſinnt Euch doch, was Ihr mir zugeſchworen? Prior. Vertrauen Sie uns, gnäd'ger Herr. Der Argwyhn Der Könige wirb Graͤber nicht durchſuchen. Das Ohr der Neugier liegt nur an den Thüren 254 Des Glückes und der Leidenſchaft. Die Welt Hört auf in dieſen Mauern. Carlos. Denkt Ihr etwa, Daß hinter dieſe Vorſicht, dieſe Furcht Ein ſchuldiges Gewiſſen ſich verkrieche? Prior.* Ich denke nichts. t. Carlos. Ihr irrt Euch, frommer Vater, Ihr irrt Euch wahrlich. Mein Geheimniß zittert Vor Menſchen, aber nicht vor Gott. Prior. Mein Sohn, Das kümmert uns ſehr wenig. Dieſe Freiſtatt Steht dem Verbrechen offen, wie der Unſchuld. Ob, was du vorhaſt, gut iſt oder uüͤbel, Rechtſchaffen oder laſterhaft— Das mache Mit deinem eignen Herzen aus. Carlos(mit Waͤrme). Was wir Verheimlichen, kann Euren Gott nicht ſchänden. Es iſt ſein eignes, ſchönſtes Werk.— Zwar Euch, Euch kann ich's wohl entdecken. Prior.. Zu was Ende? Erlaſſen Sie mir's lieber, Prinz. Die Welt Und ihr Geräthe liegt ſchon lange Zeit Verſiegelt da auf jene große Reiſe. Wozu die kurze Friſt vor meinem Abſchied Noch einmal es erbrechen?- Es iſt wenig, 255 Was man zur Seligkeit bedarf.— Die Glocke Zur Hora lautet. Ich muß beten gehen. (Der Prior geht ab.) Fünfzehnter Auftritt. Dan Carloas. Der Marquis von Poſa tritt herein. Carlos. Ach, endlich einmal, endlich— Marquis. Welche Prüfung Für eines Freundes Ungeduld! Die Sonne Ging zweimal auf und zweimal unter, ſeit Das Schickſal meines Carlos ſich entſchieden, Und jetzt, erſt jetzt werd' ich es hören.— Sprich, Ihr ſeyd verſöhnt? Carlos. Wer? Marjquis. Du und Köoͤnig Philipp; Und auch mit Flandern iſt's entſchieden? Carlos. 1 Daß Der Herzog morgen dahin reist?— Das iſt Entſchieden, ja. Marquis. Das kann nicht ſeyn. Das iſt nicht. 2⁵6 Soll ganz Madrid belogen ſeyn? Du hatteſt Geheime Audienz, ſagt man. Der König— Carlos. Blieb unbewegt. Wir ſind getrennt auf immer Und mehr, als wir's ſchon waren— Marquis. Du gehſt nicht Nach Flandern? Carlos. Nein! Nein! Nein! Marquis. O meine Hoffnung! Carlos. Das nebenbei. O Roderich, ſeitdem Wir uns verließen, was hab' ich erlebt! Doch jetzt vor Allem deinen Rath! Ich muß Sie ſprechen— Marquis. Deine Mutter?— Nein!— Wozu? Carlss. Ich habe Hoffnung.— Du wirſt blaß? Sey ruhig. Ich ſoll und werde glücklich ſeyn.— Doch davon Ein Andermal. Jetzt ſchaffe Rath, wie ich Sie ſprechen kann.— Marquis. Was ſoll Das? Worauf gründet Sich dieſer neue Fiebertraum? 3 Carlos. Nicht Traum! Beim wundervollen Gott nicht!— Wahrheit, Wahrheit! (Den Brief des Koͤnigs an die Fuͤrſtin von Eboli hervorziehend.) 257 In dieſem wichtigen Papier enthalten! Die Koͤnigin iſt frei, vor Menſchenaugen, Wie vor des Himmels Augen, frei. Da lies Und höre auf, dich zu verwundern. Marquis(den Brieſf eroͤffnend). Was? Was ſeh' ich? Eigenhändig vom Monarchen? (Nachdem er geleſen.) An wen iſt dieſer Brief? Carlos. 4 An die Prinzeſſin Von Eboli.— Vorgeſtern bringt ein Page Der Königin von unbekannten Händen Mir einen Brief und einen Schlüſſel. Man Bezeichnet mir im linken Flügel des Palaſtes, den die Königin bewohnt, Ein Cabinet, wo eine Dame mich Erwarte, die ich längſt geliebt. Ich folge Sogleich dem Winke— Marquis. Raſender, du folgteſt? Carlos. † Ich kenne ja die Handſchrift nicht— ich kenne Nur eine ſolche Dame. Wer, als ſie, Wird ſich von Carlos angebetet wähnen? Voll füßen Schwindels flieg' ich nach dem Platze: Ein goͤttlicher Geſang, der aus dem Innern* Des Zimmers mir entgegen ſchallt, dient mir Zum Füͤhrer— ich eröffne das Gemach— Und wen entdeck' ich?— Fuͤhle mein Entſetzen! Schillers ſaͤmmtl. Werte. 111. 17 258 Marquis,. O, ich errathe Alles! Carlos. Ohne Rettung War ich verloren, Roderich, wäͤr' ich In eines Engels Haͤnde nicht gefallen. Welch unglückſel'ger Zufall! Hintergangen Von meiner Blicke unvorſicht'ger Sprache, Gab ſie der ſüßen Tauſchung ſich dahin, Sie ſelber ſey der Abgott dieſer Blicke. Gerührt von meiner Seele ſtillen Leiden, Beredet ſich großmuͤthig- unbeſonnen Ihr weiches Herz, mir Liebe zu erwidern. Die Ehrfurcht ſchien mir Schweigen zu gebieten; Sie hat die Kühnheit, es zu brechen— offen Liegt ihre ſchöne Seele mir— Marquis. So ruhig Erzählſt du Das?— Die Fürſtin Eboli Durchſchaute dich. Kein Zweifel mehr, ſie drang In deiner Liebe innerſtes Geheimniß. Du haſt ſie ſchwer beleidigt. Sie beherrſcht Den König. Carlos(zuverſcchtlich). Sie iſt tugendhaft. Marquis. Sie iſt's Aus Eigennutz der Liebe.— Dieſe Tugend, Ich fuͤrchte ſehr, ich kenne ſie— wie wenig Reicht ſie empor zu jenem Ideale, Das aus der Seele mütterlichem Boden, 259 In ſtolzer, ſchoͤner Grazie empfangen, Freiwillig ſproßt und ohne Gartners Hülfe Verſchwenderiſche Blüthen treibt! Es iſt Ein fremder Zweig, mit nachgeahmtem Sud In einem rauhen Himmelsſtrich getrieben, Erziehung, Grundſatz, nenn' es, wie du willſt, Erworbne Unſchuld, dem erhitzten Blut Durch Liſt und ſchwere Kaͤmpfe abgerungen, Dem Himmel, der ſie fordert und bezahlt, Gewiſſenhaft, ſorgfältig angeſchrieben. Erwage ſelbſt! Wird ſie der Königin Es je vergeben können, daß ein Mann An ihrer eignen, ſchwer erkampften Tugend Vorüberging, ſich für Don Philipps Frau In hoffnungsloſen Flammen zu verzehren? Carlos. Kennſt du die Fuͤrſtin ſo genau? Marjquis. Gewiß nicht. Kaum daß ich zweimal ſie geſehn. Doch nur Ein Wort laß mich noch ſagen: Mir kam vor, Daß ſie geſchickt des Laſters Blößen mied, Daß ſie ſehr gut um ihre Tugend wußte. Dann ſah ich auch die Königin. O Carl, Wie anders Alles, was ich hier bemerkte! In angeborner ſtiller Glorie, Mit ſorgenloſem Leichtſinn, mit des Anſtands Schulmäßiger Berechnung unbekannt, Gleich ferne von Verwegenheit und Furcht, Mit feſtem Heldenſchritte wandelt ſie Die ſchmale Mittelbahn des Schicklichen, 260 Unwiſſend, daß ſie Anbetung erzwungen, Wo ſie von eignem Beifall nie geträumt. Erkennt mein Carl auch hier in dieſem Spiegel, Auch jetzt noch ſeine Eboli?— Die Fürſtin Blieb ſtandhaft, weil ſie liebte: Liebe war In ihrer Tugend wörtlich einbedungen. Du haſt ſie nicht belohnt— ſie fällt. Carlos(mit einiger Heftigkeit). Nein! Nein! (Nachdem er heftig auf und nieder gegangen.) Nein, ſag' ich dir.— O, wüßte Roderich, Wie trefflich es ihn kleidet, ſeinem Carl Der Seligkeiten goͤttlichſte, den Glauben An menſchliche Vortrefflichkeit, zu ſtehlen! Marquis. Verdien' ich Das?— Nein, Liebling meiner Seele, Das wollt' ich nicht, bei Gott im Himmel nicht!— O, dieſe Eboli— ſie waͤr' ein Engel, Und ehrerbietig, wie du ſelbſt, ſtürzt' ich Vor ihrer Glorie mich nieder, hätte Sie— dein Geheimniß nicht erfahren. Carlos. Sieh', Wie eitel deine Furcht iſt! Hat ſie andre Beweiſe wohl, als die ſie ſelbſt beſchämen? Wird ſie der Rache trauriges Vergnugen Mit ihrer Ehre kaufen? Margquin Ein Erröthen Zurückzunehmen, haben Manche ſchon Der Schande ſich geopfert. 261 Carlos(mit Heftigkeit auffahrend). Nein, Das iſt Zu hart, zu grauſam! Sie iſt ſtolz und edel: Ich kenne ſie und fuͤrchte nichts. Umſonſt Verſuchſt du, meine Hoffnungen zu ſchrecken. Ich ſpreche meine Mutter. Marquis. Jetzt? Wozu? Carlos. Ich habe nun nichts mehr zu ſchonen— muß Mein Schickſal wiſſen. Sorge nur, wie ich Sie ſprechen kann. Marquis. Und dieſen Brief willſt du Ihr zeigen? Wirklich, willſt du Das? Carlos. Befrage Mich darum nicht. Das Mittel jetzt, das Mittel, Daß ich ſie ſpreche! Marquis(mit Bedeutung). Sagteſt du mir nicht, Du liebteſt deine Mutter?— Du biſt Willens, Ihr dieſen Brief zu zeigen? (Carlos ſieht zur Erde und ſchweigt.) Carl, ich leſe In deinen Mienen etwas— mir ganz neu— Ganz fremd bis dieſen Augenblick.— Du wendeſt Die Augen von mir? So iſt's wahr?— Ob ich Denn wirklich recht geleſen? Laß doch fehn— (Carlos gibt ihm den Brief. Der Marquis zerreißt ihn.) 26² Carlos. Was? Biſt du raſend? (Mit gemoͤßigter Empfindlichkeit.) Wirklich— ich geſteh' es— An dieſem Briefe lag mir viel. Marquis. So ſchien es. Darum zerriß ich ihn. (Der Marquis ruht mit einem durchdringenden Blick auf dem Prinzen, der ihn zweifelhaft anſteht. Langes Stillſchweigen.) Sprich doch— was haben Entweihungen des koͤniglichen Bettes Mit deiner— deiner Liebe denn zu ſchaffen? War Philipp dir gefährlich? Welches Band Kann die verletzten Pflichten des Gemahls Mit deinen kühnern Hoffnungen verknuüpfen? Hat er geſundigt, wo du liebſt? Nun freilich Lery' ich dich faſſen. O, wie ſchlecht hab' ich Bis jetzt auf deine Liebe mich verſtanden! Carlos. Wie, Roderich? Was glaubſt du? Marquis. O, ich fuͤhle, Wovon ich mich entwöhnen muß. Ja, einſt, Einſt war's ganz anders. Da warſt du ſo reich, So warm, ſo reich! ein ganzer Weltkreis hatte In deinem weiten Buſen Raum. Das Alles Iſt nun dahin, von einer Leidenſchaft, Von einem kleinen Eigennutz verſchlungen. Dein Herz iſt ausgeſtorben. Keine Thräne Dem ungeheuren Schickſal der Provinzen, —-- 263 Nicht einmal eine Thraͤne mehr!— O Carl, Wie arm biſt du, wie bettelarm geworden, Seitdem du Niemand liebſt, als dich. Carlos (wirft ſich in einen Seſſel.— Nach einer Pauſe mit kaum unterdruͤcktem Weinen). Ich weiß, Daß du mich nicht mehr achteſt. Marquis. Nicht ſo, Carl! Ich kenne dieſe Aufwallung. Sie war Verirrung lobenswürdiger Gefühle. Die Köͤntgin gehoͤrte dir, war dir Geraubt von dem Monarchen— doch bis jetzt Mißtrauteſt du beſcheiden deinen Rechten. Vielleicht war Philipp ihrer werth. Du wagteſt Nur leiſe noch, das Urtheil ganz zu ſprechen. Der Brief entſchied. Der Würdigſte warſt du. Mit ſtolzer Freude ſahſt du nun das Schickſal Der Tyrannei, des Raubes uͤberwieſen. Du jauchzteſt, der Beleidigte zu ſeyn:— Denn unrecht leiden ſchmeichelt großen Seelen. Doch hier verirrte deine Phantaſie, Dein Stolz empfand Genugthuung— dein Herz Verſprach ſich Hoffnung. Sieh', ich wußt' es wohl, Du hatteſt diesmal ſelbſt dich mißverſtanden. Carlos(geruͤhrt). Nein, Roderich, du irreſt ſehr. Ich dachte So edel nicht, bei Weitem nicht, als du Mich gerne glauben machen moͤchteſt. 264 Marquis. Bin Ich denn ſo wenig hier bekannt? Sieh', Carl, Wenn du verirreſt, ſuch' ich allemal Die Tugend unter hunderten zu rathen, Die ich des Fehlers zeihen kann. Doch, nun Wir beſſer uns verſtehen, ſey's! Du ſollſt Die Königin jetzt ſprechen, mußt ſie ſprechen.— Carlos(ihm um den Hals fallend). O, wie erroͤth' ich neben dir! 3 Marquis. Du haſt Mein Wort. Nun überlaß mir alles Andre. Ein wilder, kühner, glücklicher Gedanke Steigt auf in meiner Fantaſie.— Du ſollſt Ihn hoͤren, Carl, aus einem ſchönern Munde. Ich draͤnge mich zur Königin. Vielleicht, Daß morgen ſchon der Ausgang ſich erwieſen. Bis dahin, Carl, vergiß nicht, daß„ein Anſchlag, Den höhere Vernunft gebar, das Leiden Der Menſchheit drängt, zehntauſendmal vereitelt, Nie aufgegeben werden darf.“— Höͤrſt du? Erinnre dich an Flandern! Carlos. Alles, Alles, Was du und hohe Tugend mir gebieten. Marquis(Ceht an ein Fenſter). Die Zeit iſt um. Ich höre dein Gefolge. (Sie umarmen ſich.) Jetzt wieder Kronprinz und Vaſall. 8 26⁵ Carlos. Du faͤhrſt Sogleich zur Stadt? Maraguis. Sogleich. Carlos. Halt! noch ein Wort! Wie leicht war Das vergeſſen!— Eine Nachricht, Die äußerſt wichtig:—„Briefe nach Brabant Erbricht der König.“ Sey auf deiner Hut! Die Poſt des Reichs, ich weiß es, hat geheime Befehle— Marquis. Wie erfuhrſt du Das? Carlos. Don Raimond Von Taris iſt mein guter Freund. Marquis(nach einigem Stillſchweigen). Auch Das! So nehmen ſie den Umweg uüber Deutſchland. (Sie gehen ab zu verſchiedenen Thuͤren.) 266 Dritter Akt. Das Schlaſzimmer des Koͤnigs. Erſter Auftritt. Auf dem Nachttiſche zwei brennende Lichter. Im Hintergrunde des Zim⸗ mers einige Pagen auf den Knien eingeſchlafen. Der Koͤnig, von oben herab halb ausgekleidet, ſteht vor dem Tiſche, einen Arm uͤber den Seſſel gebeugt, in einer nachdenkenden Stellung. Vor ihm liegt ein Medaillon und Papiere. König. Daß ſie ſonſt Schwaͤrmerin geweſen— wer Kann's laugnen? Nie konnt' ich ihr Liebe geben, Und dennoch— ſchien ſie Mangel je zu fühlen? So iſt's erwieſen, ſie iſt falſch. (Hier macht er eine Bewegung, die ihn zu ſich ſelbſt bringt. Er ſieht mit Befremdung auf.) Wo war ich? Wacht denn hier Niemand, a's der König?— Was? Die Lichter ſchon herabgebrannt? doch nicht Schon Tag?— Ich bin um meinen Schlummer. Nimm Ihn fuͤr empfangen an, Natur. Ein König hat Nicht Zeit, verlorne Nächte nachzuholen: Fetzt bin ich wach, und Tag ſoll ſeyn. (Er loͤſcht die Lichter aus und oͤffnet eine Fenſtergardine.— Indem er auf und nieder geht, bemerkt er die ſchlafenden Knaben und bleibt eine Zeitlang ſchweigend vor ihnen ſtehen; darauf zieht er die Glocke.) 267 Schläft's irgend Vielleicht in meinem Vorſaal auch? Zweiter Auftritt. Der König. Graf Lerma. Lerma (mit Beſtuͤrzung, da er den Koͤnig gewahr wird). Befinden Sich Ihre Majeſtät nicht wohl? König. Im linken Schloßpavillon war Feuer. Hoͤrtet Ihr Den Lärmen nicht? Lerma. Nein, Ihre Magjeſtaͤt. König. Nein? Wie? Und alſo hätt' ich nur geträumt? Das kann von Ungefähr nicht kommen. Schlaft Auf jenem Flügel nicht die Königin? Lerma. Ja, Ihre Majeſtät. König. Der Traum erſchreckt mich. Man ſoll die Wachen kuͤnftig dort verdoppeln, Hoͤrt Ihr? ſobald es Abend wird— doch ganz, Ganz insgeheim.— Ich will nicht haben, daß— Ihr prüft mich mit den Augen? 268 Lerma. Ich entdecke Ein brennend Auge, das um Schlummer bittet. Darf ich es wagen, Ihre Majeſtät An ein koſtbares Leben zu erinnern, An Völker zu erinnern, die die Spur Durchwachter Nacht mit fürchtender Befremdung In ſolchen Mienen leſen würden— Nur Zwei kurze Morgenſtunden Schlaf—. König(mit verſtoͤrten Blicken). Schlaf, Schlaf find' ich in Escurial.— Solange Der König ſchläft, iſt er um ſeine Krone, Der Mann um ſeines Weibes Herz— Nein, nein! Es iſt Verleumdung.— War es nicht ein Weib, Ein Weib, das mir es flüſterte? Der Name Des Weibes heißt Verleumdung. Das Verbrechen Iſt nicht gewiß, bis mir's ein Mann bekräftigt. (Zu den Pagen, welche ſich unterdeſſen ermuntert haben.) Ruft Herzog Alba! (Pagen gehen.) Tretet näher, Graf! Iſt's wahr? (Er bleibt forſchend vor dem Grafen ſtehen.) O, eines Pulſes Dauer nur Allwiſſenheit!— Schwört mir, iſt's wahr? Ich bin Betrogen? Bin ich's? Iſt es wahr? Lermn. .— Mein großer, Mein beſter König— 269 König(zuruͤckſahrend). König! König nur Und wieder König!— Keine beſſ're Antwort, Als leeren hohlen Wiederhall? Ich ſchlage An dieſen Felſen und will Waſſer, Waſſer Für meinen heißen Fieberdurſt— er gibt Mir glühend Gold. Lerma. Was waͤre wahr, mein König? König. Nichts. Nichts. Verlaßt mich! Geht! (Der Graf will ſich entfernen, er ruft ihn noch einmal zuruͤck.) Ihr ſeyd vermahlt? Seyd Vater? Ja? Lerma. Ja, Ihre Majeſtat. König. Vermaͤhlt und könnt es wagen, eine Nacht Bei Eurem Herrn zu wachen? Euer Haar Iſt ſilbergrau, und Ihr erröthet nicht, An Eures Weibes Redlichkeit zu glauben? O, geht nach Hauſe! Eben trefft Ihr ſie In Eures Sohns blutſchaͤndriſcher Umarmung. Glaubt Eurem König, geht— Ihr ſteht beſtuͤrzt? Ihr ſeht mich mit Bedeutung an?— weil ich, Ich ſelber etwa graue Haare trage? Unglücklicher, beſinnt Euch. Koͤniginnen Beflecken ihre Tugend nicht. Ihr ſeyd Des Todes, wenn Ihr zweifelt— Lerma(mit Hitze). Wer kann Das? 270 In allen Staaten meines Koͤnigs wer Iſt frech genug, mit giftigem Verdacht Die engelreine Tugend anzuhauchen? Die beſte Königin ſo tief— König. Die Beſte? Und Eure Beſte alſo auch? Sie hat Sehr warme Freunde um mich her, find' ich. Das muß ihr viel gekoſtet haben— mehr, Als mir bekannt iſt, daß ſie geben kann. Ihr ſeyd entlaſſen. Laßt den Herzog kommen. Lerma. Schon hör' ich ihn im Vorſaal— (Im Begriff zu gehen.) König(mlt gemildertem Tone). Graf! Was Ihr Vorhin bemerkt, iſt doch wohl wahr geweſen: Mein Kopf glüht von durchwachter Nacht.— Vergeßt, Was ich im wachen Traum geſprochen. Hort Ihr? Vergeßt es! Ich bin Euer gnäd'ger König. (Er reicht ihm die Hand zum Kuſſe. Lerma geht und oͤffnet dem Herzog von Alba die Thuͤre.) Dritter Auftritt. Der Köünig und Herzog von Alba. Alba (naͤhert ſich dem Koͤnige mit ungewiſſer Miene). Ein mir ſo uͤberraſchender Befehl— — — 271 Zu dieſer außerordentlichen Stunde? (Er ſtutzt, wie er den Koͤnig genauer betrachtet.) Und dieſer Anblick— König (hat ſich niedergeſetzt und das Medaillon auf dem Tiſch ergriffen. Er ſieht den Herzog eine lange Zeit ſtillſchweigend an). Alſo wirklich wahr? Ich habe keinen treuen Diener? Albu(ſteht betreten ſtill). Wie? König. Ich bin ufs Tödtlichſte gekränkt— man weiß es, Und Niemand, der mich warnte! Alba(mit einem Blick des Erſtaunens). Eine Kraͤnkung, Die meinem Koͤnig gilt und meinem Aug' Entging? König(eigt ihm die Briefe). Erkennt Ihr dieſe Hand? Alba. Co iſt Don Carlos Hand.— König GPauſe, worin er den Herzog ſcharf beobachtet). Vermuthet Ihr noch nichts? Ihr habt vor ſeinem Ehrgeiz mich gewarnt? War's nur ſein Ehrgeiz, Dieſer nur, wovor Ich zittern ſollte? Alba. Ehrgeiz iſt ein großes— 272 Ein weites Wort, worin unendlich viel Noch liegen kann. König. und wißt Ihr nichts Beſondres Mir zu entdecken? Alba (nach einigem Stillſchweigen, mit verſchloſſener Miene). Ihre Majeſtät 4—* Vertrauten meiner Wachſamkeit das Reich. Dem Neiche bin ich mein geheimſtes Wiſſen Und meine Einſicht ſchuldig. Was ich ſonſt Vermuthe, denke oder weiß, gehört Mir eigen zu. Es ſind geheiligte Beſitzungen, die der verkaufte Sklave, Wie der Vaſall, den Königen der Erde Zurückzuhalten Vorrecht hat— Nicht Alles, Was klar vor meiner Seele ſteht, iſt reif Genug fuͤr meinen König. Will er doch Befriedigt ſeyn, ſo muß ich bitten, nicht Als Herr zu fragen. König(glbt ihm die Briefe). Lest. Alba Clies: und wendet ſich erſchrocken gegen den Koͤnig). Wer war Der Raſende, dies unglückſel'ge Blatt In meines Königs Hand zu geben? König. Was? So wißt Ihr, wen der Inhalt meint?— Der Name Iſt, wie ich weiß, auf dem Papier vermieden 273 Alba(betroffen zuruͤcktretend). Ich war zu ſchnell. König. Ihr wißt? Alba(nach einigem Bedenken). Es iſt heraus. Mein Herr befiehlt— ich darf nicht mehr zuruͤck— Ich leugn' es nicht— ich kenne die Perſon. König (aufſtehend in einer ſchrecklichen Bewegung). O, einen neuen Tod hilf mir erdenken, Der Rache fürchterlicher Gott!— So klar, So weltbekannt, ſo laut iſt das Verſtändniß, Daß man, des Forſchens Mühe überhoben, Schon auf den erſten Blick es raͤth— Das iſt Zu viel! Das hab' ich nicht gewußt! Das nicht! Ich alſo bin der Letzte, der es findet! Der Letzte durch mein ganzes Reich— Alba (wirft ſich dem Koͤnige zu Fuͤßen). Ja, ich bekenne Mich ſchuldig, gnaͤdigſter Monarch. Ich ſchäme Mich einer feigen Klugheit, die mir da Zu ſchweigen rieth, wo meines Koͤnigs Ehre, Gerechtigkeit und Wahrheit laut genug Zu reden mich beſtürmten— Weil doch Alles Verſtummen will— weil die Bezauberung Der Schönheit aller Maͤnner Zungen bindet: So ſey's gewagt, ich rede, weiß ich gleich, Daß eines Sohns einſchmeichelnde Betheurung, Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 18 274 Daß die verführeriſchen Reizungen, Die Thränen der Gemahlin— König(caſch und heftig). Stehet auf! Ihr habt mein königliches Wort— Steht auf! Sprecht unerſchrocken! Alba(aufſtehend). Ihre Majeſtäͤt Beſinnen ſich vielleicht noch jenes Vorfalls Im Garten zu Aranjuez. Sie fanden Die Königin von allen ihren Damen Verlaſſen— mit verſtörtem Blick— allein In einer abgelegnen Laube. König. Ha! Was werd' ich hören? Weiter! Alba. Die Marquiſin Von Mondecar ward aus dem Reich verbannt, Weil ſie Großmuth genug beſaß, ſich ſchn A. Für ihre Königin zu opfern— Jetzt Sind wir berichtet— die Marquiſin hatte* 4ℳ Nicht mehr gethan, als ihr befohlen worden. Der Prinz war dort geweſen.— König(ſchrecklich auffahrend). Dort geweſen? Alba. Eines Mannes Spur im Sande, Die von dem linken Eingang dieſer Laube Nach einer Grotte ſich verlor, wo noch Doch alſo— 275 Ein Schnupftuch lag, das der Infant vermißte, Erweckte gleich Verdacht. Ein Gaͤrtner hatte Den Prinzen dort begegnet, und Das war, Beinah' auf die Minute ausgerechnet, Dieſelbe Zeit, wo Eure Majeſtät Sich in der Laube zeigten. König (aus einem finſtern Nachſinnen zuruͤckkommend). Und ſie weinte, Als ich Befremdung blicken ließ! Sie machte Vor meinem ganzen Hofe mich erröthen! Erröthen vor mir ſelbſt— Bei Gott! ich ſtand Wie ein Gerichteter vor ihrer Tugend— (Eine lange und tiefe Stille. Er ſetzt ſich nieder und verhuͤllt das Geſicht.) Ja, Herzog Alba— Ihr habt Recht— Das koͤnnte Zu etwas Schrecklichem mich führen— Laßt Mich einen Augenblick allein. Alba. Mein König, Selbſt Das entſcheidet noch nicht ganz— Köni g(nach den Papieren greifend). Auch Das nicht? Und Das? und wieder Das? und dieſer laute Zuſammenklang verdammender Beweiſe? O, es iſt klarer, als das Licht— Was ich Schon lange Zeit voraus gewußt— Der Frevel Begann da ſchon, als ich von Euren Händen Sie in Madrid zuerſt empfing— Noch ſeh' ich Mit dieſem Blick des Schreckens, geiſterbleich, Auf meinen grauen Haaren ſie verweilen. Da fing es an, das falſche Spiel! 276 Alba. Dem Prinzen Starb eine Braut in ſeiner jungen Mutter. Schon hatten ſie mit Wuͤnſchen ſich gewiegt, In feurigen Empfindungen verſtanden, Die ihr der neue Stand verbot. Die Furcht War ſchon beſiegt, die Furcht, die ſonſt das erſte Geſtändniß zu begleiten pflegt, und kühner Sprach die Verführung in vertrauten Bildern Erlaubter Rückerinnerung. Verſchwiſtert Durch Harmonie der Meinung und der Jahre, Durch gleichen Zwang erzurnt, gehorchten ſie Den Wallungen der Leidenſchaft ſo dreiſter. Die Politik griff ihrer Neigung vor: Iſt es zu glauben, mein Monarch, daß ſie Dem Staatsrath dieſe Vollmacht zuerkannte? Daß ſie die Lüſternheit bezwang, die Wahl Des Cabinets aufmerkſamer zu prüfen? Sie war gefaßt auf Liebe und empfing— Ein Diadem— König(beleidigt und mit Vitterkeit). Ihr unterſcheidet ſehr— Sehr weiſe, Herzog— Ich bewundre Eure Beredſamkeit. Ich dank' Euch. (Aufſtehend, kalt und ſtolz.) Ihr habt Recht: Die Königin hat ſehr gefehlt, mir Briefe V 1 Von dieſem Inhalt zu verbergen— mir Die ſtrafbare Erſcheinung des Infanten Im Garten zu verheimlichen. Sie hat b 277 Aus falſcher Großmuth ſehr gefehlt. Ich werde Sie zu beſtrafen wiſſen. (Er zieht die Glocke.) Wer iſt ſonſt Im Vorſaal?— Eurer, Herzog Alba, Bedarf ich nicht mehr. Tretet ab! Alba. Sollt' ich Durch meinen Eifer Eurer Majeſtät Zum zweiten Mal mißfallen haben? König Gu einem Pagen, der hereintritt). Laßt (Der Page geht ab.) Ich vergeb' es Euch, Daß Ihr beinahe zwei Minuten lang Mich ein Verbrechen hattet fürchten laſſen, Das gegen Euch begangen werden kann. (Alba entſernt ſich.) Domingo kommen. Vierter Auftritt. Der König. Domingo. Der König (geht einige Male auf und ab, ſich zu ſammeln). Domingo (tritt einige Minuten nach dem Herzog herein, naͤhert ſich dem Koͤnige, den er eine Zeitlang mit feierlicher Stille betrachtet). Wie froh erſtaun' ich, Eure Majeſtät So ruhig, ſo gefaßt zu ſehn. 278 König. Erſtaunt Ihr? Domingo. Der Vorſicht ſey's gedankt, daß meine Furcht Doch alſo nicht gegruͤndet war! Nun darf Ich um ſo eher hoffen. König. Eure Furcht? Was war zu fürchten? 3 Domingso. Ihre Majeſtät, Ich darf nicht bergen, daß ich allbereits Um ein Geheimniß weiß— König(finſter). Hab' ich denn ſchon Den Wunſch geaͤußert, es mit Euch zu theilen? Wer kam ſo unberufen mir zuvor? Sehr kühn, bei meiner Ehre! Domingo. Mein Monarch! Der Ort, der Anlaß, wo ich es erfahren, Das Siegel, unter dem ich es erfahren, Spricht wenigſtens von dieſer Schuld mich frei. Im Beichtſtuhl ward es mir vertraut— vertraut Als Miſſethat, die das empfindliche Gewiſſen der Entdeckerin belaſtet Und Gnade bei dem Himmel ſucht. Zu ſpät Beweint die Fürſtin eine That, von der Sie Urſach' hat, die fürchterlichſten Folgen Für ihre Koͤnigin zu ahnen. 279 König. Wirklich? Das gute Herz!— Ihr habt ganz recht vermuthet, Weßwegen ich Euch rufen ließ. Ihr ſollt Aus dieſem dunkeln Labyrinth mich führen, Worein ein blinder Eifer mich geworfen. Von Euch erwart' ich Wahrheit. Redet offen Mit mir. Was ſoll ich glauben, was beſchließen? Von Eurem Amte fordr' ich Wahrheit. Domingo. Sire, Wenn meines Standes Mildigkeit mir auch Der Schonung ſüße Pflicht nicht auferlegte, Doch würd' ich Eure Majeſtät beſchwören, Um Ihrer Ruhe willen Sie beſchwören, Bei dem Entdecken ſtill zu ſtehn— das Forſchen In ein Geheimniß ewig aufzugeben, Das niemals freudig ſich entwickeln kann. Was jetzt bekannt iſt, kann vergeben werden. Ein Wort des Königs— und die Königin Hat nie gefehlt. Der Wille des Monarchen Verleiht die Tugend wie das Glück— und nur Die immer gleiche Ruhe meines Königs Kann die Gerüchte mäachtig niederſchlagen, Die ſich die Läſterung erlaubt. König. Gerüchte? Von mir? und unter meinem Volke? Domingo. Lügen! Verdammenswerthe Lügen! Ich beſchwör' es. 280 Doch freilich gibt es Fälle, wo der Glaube Des Volks, und wär' er noch ſo unerwieſen, Bedeutend, wie die Wahrheit, wird. König. Bei Gort! Und hier gerade wär' es— Domingo. Guter Name Iſt das koſtbare, einz'ge Gut, um welches Die Königin mit einem Bürgerweibe Wetteifern muß— König. Für den doch, will ich hoffen, Hier nicht gezittert werden ſoll? (Er ruht mit ungewiſſem Blick auf Domingo. Nach einlgem Stillſchweigen.) Caplan, Ich ſoll noch etwas Schlimmes von Euch hören. Verſchiebt es nicht. Schon lange leſ' ich es In dieſem unglückbringenden Geſichte. Heraus damit! Sey's, was es wolle! Laßt Nicht laͤnger mich auf dieſer Folter beben. Was glaubt das Volk? Domingo. Noch einmal, Sire, das Volk Kann irren— und es irrt gewiß. Was es Behauptet, darf den König nicht erſchüttern— Nur— daß es ſo weit ſchon ſich wagen durfte, Dergleichen zu behaupten— König. Was? Muß ich So lang' um einen Tropfen Gift Euch bitten? ———;— 281 Domingo. Das Volk denkt an den Monat noch zuruͤck, Der Eure königliche Majeſtät Dem Tode nahe brachte— dreißig Wochen Nach dieſem liest es von der glücklichen Entbindung— (Der Koͤnig ſieht auf und zieht die Glocke. Herzog von Alba teitt herein. Domingo betroffen.) Ich erſtaune, Sire! König(dem Herzog Alba entgegen gehend). Toledo! Ihr ſeyd ein Mann. Schuützt mich vor dieſem Prieſter! . Domingo. 4 (Er und Herzog Alba geben ſich verlegene Blicke. Nach einer Pauſe.) Wenn wir voraus es hätten wiſſen konnen, Daß dieſe Nachricht an dem Ueberbringer Geahndet werden ſollte— König. Baſtard, ſagt Ihr? Ich war, ſagt Ihr, vom Tode kaum erſtanden, Als ſie ſich Mutter fühlte?— Wie? Das war Ja damals, wenn ich anders mich nicht irre, Als Ihr den heiligen Dominicus In allen Kirchen fuͤr das hohe Wunder lobtet, Das er an mir gewirkt?— Was damals Wunder Geweſen, iſt es jetzt nicht mehr? So habt Ihr damals oder heute mir gelogen. An was verlangt Ihr, daß ich glauben ſoll? O, ich durchſchau' Euch. Ware das Complot Schon damals reif geweſen— ja, dann war Der Heilige um ſeinen Ruhm. 28²2 Alba. Complot! König. Ihr ſolltet Mit dieſer beiſpielloſen Harmonie Jetzt in derſelben Meinung euch begegnen Und doch nicht einverſtanden ſeyn? Mich wollt Ihr Das bereden? Mich? Ich ſoll vielleicht Nicht wahrgenommen haben, wie erpicht Und gierig ihr auf euren Raub euch ſtürztet? Mit welcher Wolluſt ihr an meinem Schmerz, An meines Zornes Wallung euch geweidet? Nicht merken ſoll ich, wie voll Eifer dort Der Herzog brennt, der Gunſt zuvorzueilen, Die meinem Sohn beſchieden war? Wie gern Der fromme Mann hier ſeinen kleinen Groll Mit meines Zornes Rieſenarm bewehrte? Ich bin der Bogen, bildet ihr euch ein, Den man nur ſpannen dürfe nach Gefallen?— Noch hab' ich meinen Willen auch— und, wenn Ich zweifeln ſoll, ſo laßt mich wenigſtens Bei euch den Anfang machen. Alba. Dieſe Deutung Hat unſre Treue nicht erwartet. König. Treue! Die Treue warnt vor drohenden Verbrechen, Die Rachgier ſpricht von den begangenen. Laßt hoͤren! Was gewann ich denn durch eure Dienſtfertigkeit?— Iſt, was ihr vorgebt, wahr: 283 Was bleibt mir uͤbrig als der Trennung Wunde? Der Rache trauriger Triumph?— Doch nein, Ihr fürchtet nur, ihr gebt mir ſchwankende Vermuthungen— am Abſturz einer Hölle Laßt ihr mich ſtehen und entflieht. Domingo. Sind andre Beweiſe möglich, wo das Auge ſelbſt Nicht überwieſen werden kann? König (nach einer großen Pauſe, ernſt und feierlich zu Domingo ſich wendend). 4 Ich will Die Großen meines Koͤnigreichs verſammeln Und ſelber zu Gerichte ſitzen. Tretet Heraus vor Allen— habt Ihr Muth— und klaget Als eine Buhlerin ſie an!— Sie ſoll Des Todes ſterben— ohne Rettung— ſie Und der Infant ſoll ſterben— aber— merkt Euch! Kann ſie ſich reinigen— Ihr ſelbſt! Wollt Ihr Die Wahrheit durch ein ſolches Opfer ehren? Entſchließet Euch. Ihr wollt nicht? Ihr verſtummt? Ihr wollt nicht?— Das iſt eines Lügners Eifer. Alba (der ſtillſchweigend in der Ferne geſtanden, kalt und ruhig). Ich will es. König (dreht ſich erſtaunt um und ſieht den Herzog eine Zeit lang ſtarr an). Das iſt kühn! Doch mir fällt ein, Daß Ihr in ſcharfen Schlachten Euer Leben An etwas weit Geringeres gewagt— Mit eines Würfelſpielers Leichtſtnn für 284 Des Ruhmes Unding es gewagt— Und was Iſt Euch das Leben?— Königliches Blut Geb' ich dem Raſenden nicht preis, der nichts Zu hoffen hat, als ein geringes Daſeyn Erhaben aufzugeben— Euer Opfer Verwerf' ich. Geht— geht, und im Audienzſaal Erwartet meine weiteren Befehle! (Beide gehen ab.) Fünfter Auftritt. Der König allein. Jetzt gib mir einen Menſchen, gute Vorſicht— Du haſt mir viel gegeben. Schenke mir Jetzt einen Menſchen! Du— du biſt's allein: Denn deine Augen prüfen das Verborgne. Ich bitte dich um einen Freund: denn ich Bin nicht, wie du, allwiſſend. Die Gehülfen, Die du mir zugeordnet haſt, was ſie Mir ſind, weißt du. Was ſie verdienen, haben Sie mir gegolten. Ihre zaͤhmen Laſter, Beherrſcht vom Zaume, dienen meinen Zwecken, Wie deine Wetter reinigen die Welt. Ich brauche Wahrheit— Ihre ſtille Quelle Im dunkeln Schutt des Irrthums aufzugraben, Iſt nicht das Los der Könige. Gib mir Den ſeltnen Mann mit reinem, offnem Herzen, Mit hellem Geiſt und unbefangnen Augen, Der mir ſie finden helfen kann— ich ſchütte Die Loſe auf: laß unter Tauſenden, Die um der Hoheit Sonnenſcheibe flattern, Den Einzigen mich finden. (Er oͤffnet eine Schatulle und nimmt eine Schreibtafel heraus. Nach⸗ dem er eine Zeit lang darin geblaͤttert.) Bloße Namen— Nur Namen ſtehen hier, und nicht einmal Erwahnung des Verdienſts, dem ſie den Platz Auf dieſer Tafel danken— und was iſt Vergeßlicher, als Dankbarkeit? Doch hier Auf dieſer andern Tafel leſ' ich jede Vergehung pünktlich beigeſchrieben. Wie? Das iſt nicht gut. Braucht etwa das Gedachtniß Der Rache dieſer Hülfe noch? (Liest weiter.) 3 Graf Egmont? Was will Der hier?— Der Sieg bei Saint Quentin War längſt verwirkt. Ich werf' ihn zu den Todten. (Er loͤſcht dieſen Namen aus und ſchreibt ihn auf die andre Taſel. Nach⸗ dem er weiter geleſen.) Marquis von Poſa?— Poſa?— Poſa? Kann Ich dieſes Menſchen mich doch kaum beſinnen! Und zweifach angeſtrichen— ein Beweis, Daß ich zu großen Zwecken ihn beſtimmte! Und, war es möglich? dieſer Menſch entzog Sich meiner Gegenwart bis jetzt? vermied Die Augen ſeines königlichen Schuldnerse Bei Gott, im ganzen Umkreis meiner Staaten Der einz'ge Menſch, der meiner nicht bedarf! Beſäͤß' er Habſucht oder Ehrbegierde, Er waͤre längſt vor meinem Thron erſchienen. 286 Wag' ich's mit dieſem Sonderling? Wer mich Entbehren kann, wird Wahrheit für mich haben. (Er geht ab.) Der Audienzſaal. Sechster Auftritt. Don Carlos im Geſpraͤch mit dem Prinzen von Parma. Jie Herzoge von Alba, Feria und Medina Sidonia. Graf von Lerma und noch andere Granden mit Schriften in der Hand. Alle den Koͤnig erwartend. Meding Sidonia (von allen Umſtehenden ſichtbar vermieden, wendet ſich zum Herzog von Alba, der allein und in ſich gekehrt auf und ab geht). Sie haben ja den Herrn geſprochen, Herzog— Wie fanden Sie ihn aufgelegt? Alba. Sehr üͤbel Für Sie und Ihre Zeitungen. Medina Sidonia. Im Feuer Des engliſchen Geſchützes war mir's leichter, Als hier auf dieſem Pflaſter. (Carlos, der mit ſtiller Theilnahme auf ihn geblickt hat, naͤhert ſich ihm jetzt und druͤckt ihm die Hand.) Warmen Dank Für dieſe großmuthsvolle Thrane, Prinz! Sie ſehen, wie mich Alles flieht. Nun iſt Mein Untergang beſchloſſen. 287 Carlos. Hoffen Sie Das Beſte, Freund, von meines Vaters Gnade Und Ihrer unſchuld. Medina Sidania. Ich verlor ihm eine Flotte, Wie keine noch im Meer erſchien— Was iſt Ein Kopf wie dieſer gegen ſiebenzig Verſunkne Gallionen?— Aber, Prinz— Fünf Söͤhne, hoffnungsvoll, wie Sie— Das bricht Mein Herz— Siebenter Auftritt. Der König kommt angekleidet beraus. Die Vorigen. (Alle nehmen die Suͤte ab und weichen zu beiden Seiten aus, indem ſie einen halben Kreis um ihn bilden. Stillſchweigen.) König (den ganzen Kreis fluͤchtig durchſchauend). Bedeckt euch! (Don Carlos und der Prinz von Parma nähern ſich zuerſt und kuͤſſen dem Koͤnige dle Hand. Er wendet ſich mit einiger Freundlichkelt zu dem Letztern, ohne ſeinen Sohn bemerken zu wollen.) Eure Mutter, Neffe, Will wiſſen, wie man in Madrid mit Euch Zufrieden ſey. Varma. Das frage ſie nicht eher, Als nach dem Ausgang meiner erſten Schlacht. 288 König. Gebt Euch zufrieden. Auch an Euch wird einſt Die Reihe ſeyn, wenn dieſe Stämme brechen. (Zum Herzog von Feria.) Was bringt Ihr mir? Feria(ein Knie vor dem Koͤnige beugend). Der Großcomthur des Ordens Von Calatrava ſtarb an dieſem Morgen. Hier folgt ſein Ritterkreuz zurüuͤck. König (nimmt den Orden und ſieht im ganzen Kreiſe herum). Wer wird Nach ihm am wuͤrdigſten ihn tragen? (Er winkt Alba zu ſich, welcher ſich vor ihm auf ein Knie niederlaͤßt, und haͤngt ihm den Orden um.) Herzog, Ihr ſeyd mein erſter Feldherr— ſeyd nie mehr, So wird Euch meine Gnade niemals fehlen. (Er wird den Herzog von Medina Sidonia gewahr.) Sieh' da, mein Admiral! Medina Sivonia (naͤhert ſich wankend und kniet vor dem Koͤnige nieder, mit geſenktem Haupt). Das, großer König, Iſt Alles, was ich von der ſpan'ſchen Jugend Und der Armada wiederbringe. König(nach einem langen Stillſchweigen). Gott Iſt üͤber mir— ich habe gegen Menſchen, Nicht gegen Sturm und Kllppen Sie geſendet— Seyd mir willkommen in Madrid. (Er reicht ihm die Hand zum Kuſſe.) 289 Und Dank, Daß Ihr in Euch mir einen würd'gen Diener Erhalten habt! Für Dieſen, meine Granden, Erkenn' ich ihn, will ich erkannt ihn wiſſen. (Er gibt ihm einen Wink, aufzuſtehen und ſich zu bedecken— dann wendet er ſich gegen die Andern.) Was gibt es noch? 3 (Zu Don Carlos und dem Prinzen von Parma.) Ich dank' euch, meine Prinzen. (Dieſe treten ab. Die noch uͤbrigen Granden naͤhern ſich und uͤberreichen dem Koͤnige kniend ihre Papiere. Er durchſieht ſie fluͤchtig und reicht ſie dem Herzog von Alba.) Legt Das im Cabinet mir vor— Bin ich zu Ende? (Niemand antwortet.) Wie kommt es denn, daß unter meinen Granden Sich nie ein Marquis Poſa zeigt? Ich weiß Recht gut, daß dieſer Marquis Poſa mir Mit Ruhm gedient. Er lebt vielleicht nicht mehr? Warum erſcheint er nicht? Lerma. Der Chevalier Iſt kürzlich erſt von Reiſen angeiangt, Die er durch ganz Europa unternommen. So eben iſt er in Madrid und wartet Nur auf den öffentlichen Tag, ſich zu Den Füßen ſeines Oberherrn zu werfen. Alba. Marquis von Poſa?— Recht! Das iſt der kühne Maltheſer, Ihre Majeſtaͤt, von dem Der Ruf die ſchwärmeriſche That erzählte. Als auf des Ordensmeiſters Aufgebot Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 290 Die Ritter ſich auf ihrer Inſel ſtellten, Die Soliman belagern ließ, verſchwand Auf Einmal von Alcalas hoher Schule Der achtzehnjahr'ge Jüngling. Ungerufen Stand er vor la Valette.„Man kaufte mir Das Kreuz,“ ſagt' er:„ich will es jetzt verdienen.“ Von jenen vierzig Rittern war er einer, Die gegen Piali, Ulucciali und Muſtapha und Haſſem das Caſtell Sanct Elmo in drei wiederholten Stürmen Am hohen Mittag hielten. Als es endlich Erſtiegen ward, und um ihn alle Ritter Gefallen, wirft er ſich ins Meer und kommt Allein erhalten an bei la Valette. Zwei Monate darauf verlaßt der Feind Die Inſel, und der Ritter kommt zurück, Die angefangnen Studien zu enden. . Ferin. Und dieſer Marquis Poſa war es auch, Der nachher die berüchtigte Verſchwörung In Catalonien entdeckt und bloß Durch ſeine Feſtigkeit allein der Krone Die wichtigſte Provinz erhielt. König. Ich bin Erſtaunt— Was iſt Das für ein Menſch, der Das Gethan und unter Dreien, die ich frage, Nicht einen einz'gen Neider hat?— Gewiß! Der Menſch beſitzt den ungewöhnlichſten Charakter oder keinen— Wunders wegen Muß ich ihn ſprechen. 2 291 (Zum Herzog von Alba.) Nach gehoͤrter Meſſe Bringt ihn ins Cabinet zu mir. (Der Herzog geht ab. Der Koͤnig ruft Feria.) Und Ihr Nehmt meine Stelle im geheimen Rathe. (Er geht ab.) Ferin. Der Herr iſt heut' ſehr gnädig. Medina Sidonia. Sagen Sie: Er iſt ein Gott!— Er iſt es mir geweſen. Feriag. Wie ſehr verdienen Sie Ihr Glück! Ich nehme Den waͤrmſten Antheil, Admiral. Einer von den Granden. Auch ich. Ein Zweiter. —— Ich wahrlich auch. Ein Dritter. . Das Herz hat mir geſchlagen. Ein ſo verdienter General! Der Erſte. Der König War gegen Sie nicht gnädig— nur gerecht. Lerma(im Abgehen zu Medina Sidonia). Wie reich ſind Sie auf Einmal durch zwei Worte! 2(Aue gehen ab.) 29²2 Das Cabinet des Koͤnigs. Achter Auftritt. Marquis van Poſa und Herzog von Alba. Marquis(im Hereintreten). Mich will er haben? Mich?— Das kann nicht ſeyn. Sie irren ſich im Namen— Und was will Er denn von mir? Alba. Er will Sie kennen lernen. Marquis. Der bloßen Neugier wegen— O, dann Schade Um den veriornen Augenblick— das Leben Iſt ſo erſtaunlich ſchnell dahin. Alba. Ich übergebe Sie Ihrem guten Stern. Der König iſt In Ihren Händen. Nützen Sie, ſo gut Sie können, dieſen Augenblick, und ſich, Sich ſelber ſchreiben Sie es zu, geht er Verloren.(Er entfernt ſich.) Neunter Auftritt. Der llarquis auin. Wohl geſprochen, Herzog. Nützen Muß man den Augenblick, der einmal nur Sich bietet. Wahrlich, dieſer Höfling gibt 293 Mir eine gute Lehre— wenn auch nicht In ſeinem Sinne gut, doch in dem meinen. (Nach einigem Auf-⸗ und Niedergehen.) Wie komm' ich aber hieher?— Eigenſinn Des launenhaften Zufalls wär' es nur, Was mir mein Bild in dieſen Spiegeln zeigt? Aus einer Million gerade mich, Den Unwahrſcheinlichſten, ergriff und im Gedächtniſſe des Königs auferweckte? Ein Zufall nur? Vielleicht auch mehr— Und was Iſt Zufall anders, als der rohe Stein, Dor Leben annimmt unter Bildners Hand? Den Zufall gibt die Vorſehung— zum Zwecke Muß ihn der Menſch geſtalten— Was der König Mit mir auch wollen mag, gleichviel!— Ich weiß, Was ich— ich mit dem König ſoll— und wär's Auch eine Feuerflocke Wahrheit nur, In des Deſpoten Seele kühn geworfen— Wie fruchtbar in der Vorſicht Hand! So könnte, Was erſt ſo grillenhaft mir ſchien, ſehr zweckvoll Und ſehr beſonnen ſeyn. Seyn oder nicht— Gleichviel! In dieſem Glauben will ich handeln. (Er macht einige Gaͤnge durch das Zimmer und bleibt endlich in ruhiger Betrachtung vor einem Gemaͤlde ſtehen. Der Koͤnig erſcheint in dem angroͤnzenden Zimmer, wo er einige Beſehle gibt. Alsdann tritt er herein, ſteht an der Thuͤre ſtill und ſieht dem Marquis eine Zeitlang zu, ohne von ihm bemerkt zu werden.) 294 Zehnter Auftritt. Der König und Marquis von Poſa. (Dieſer geht dem Koͤnig, ſobald er ihn gewahr wird, entgegen und laͤßt ſich vor ihm auf ein Knie nieder, ſteht auf und bleibt ohne Zeichen der Verwirrung vor ihm ſiehen.) König (betrachtet ihn mit einem Blick der Verwunderung). Mich ſchon geſprochen alſo? Marquis. Nein. König. Ihr machtet Um meine Krone Euch verdient. Warum Entziehet Ihr Euch meinem Dank? In meinem Gedächtniß drängen ſich der Menſchen viel. Allwiſſend iſt nur Einer. Euch kam's zu, Das Auge Eures Königes zu ſuchen. Weßwegen thatet Ihr Das nicht? Marquis. Es ſind Zwei Tage, Sire, daß ich ins Koͤnigreich Zuruͤck gekommen. König. Ich bin nicht geſonnen, In meiner Diener Schuld zu ſtehn— Erbittet Euch eine Gnade! Marquis. Ich genieße die Geſetze. König. Dies Recht hat auch der Mörder. 295 Marquis. Wie viel mehr Der gute Bürger!— Sire, ich bin zufrieden. König C(fuͤr ſich). Viel Selbſtgefühl und kühner Muth, bei Gott! Doch Das war zu erwarten— Stolz will ich Den Spanier. Ich mag es gerne leiden, Wenn auch der Becher überſchaumt— Ihr tratet Aus meinen Tienſten, hör' ich? Marquis. Einem Beſſern Den Platz zu räumen, zog ich mich zurück. König. Das thut mir leid. Wenn ſolche Köpfe feiern, Wie viel Verluſt für meinen Staat— Vielleicht Befürchtet Ihr, die Sphäre zu verfehlen, Die Eures Geiſtes würdig iſt. Marquis. O nein! Ich bin gewiß, daß der erfahrne Kenner, In Menſchenſeelen, ſeinem Stoff, geübt, Beim erſten Blicke wird geleſen haben, Was ich ihm taugen kann, was nicht. Ich fühle Mit demuthsvoller Dankbarkeit die Gnade, Die Eure königliche Majeſtät Durch dieſe ſtolze Meinung auf mich häufen; Doch—(Er haͤlt inne.) König. Ihr bedenket Euch? Maraquis. Ich bin— ich muß 296 Geſtehen, Sire— ſogleich nicht vorbereitet, Was ich als Bürger dieſer Welt gedacht, In Worte Ihres Unterthans zu kleiden.— Denn damals, Sire, als ich auf immer mit Der Krone aufgehoben, glaubt' ich mich Auch der Nothwendigkeit entbunden, ihr Von dieſem Schritte Gründe anzugeben. König. So ſchwach ſind dieſe Gruͤnde? Fürchtet Ihr Dabei zu wagen? 4 Marquis. Wenn ich Zeit gewinne, Sie zu erſchöpfen, Sire— mein Leben höchſtens. Die Wahrheit aber ſetz' ich aus, wenn Sie Mir dieſe Gunſt verweigern. Zwiſchen Ihrer Ungnade und Geringſchatzung iſt mir Die Wahl gelaſſen— Muß ich mich entſcheiden, So will ich ein Verbrecher lieber als Ein Thor von Ihren Augen gehen. König(mit erwartender Miene). Nun? Marquis. — Ich kann nicht Fürſtendiener ſeyn. (Der Koͤnig ſieht ihn mit Erſtaunen an.) Ich will Den Käufer nicht betrügen, Sire.— Wenn Sie Mich anzuſtellen würdigen, ſo wollen Sie nur die vorgewogne That. Sie wollen Nur meinen Arm und meinen Muth im Felde, Nur meinen Kopf im Rath. Nicht meine Thaten, Der Beiſall, den ſie finden an dem Thron, 297 Soll meiner Thaten Endzweck ſeyn. Mir aber, Mir hat die Tugend eignen Werth. Das Glück, Das der Monarch mit meinen Händen pflanzte, Erſchuf' ich ſelbſt, und Freude wäre mir Und eigne Wahl, was mir nur Pflicht ſeyn ſollte. Und iſt Das Ihre Meinung? Können Sie In Ihrer Schoͤpfung fremde Schöpfer dulden? Ich aber ſoll zum Meißel mich erniedern, Wo ich der Künſtler könnte ſeyn?— Ich liebe ☛ Die Menſchheit, und in Monarchien darf Ich Niemand lieben als mich ſelbſt. König. Dies Feuer Iſt lobenswerth. Ihr mochtet Gutes ſtiften. Wie Ihr es ſtiftet, kann dem Patrioten, Dem Weiſen gleich viel heißen. Suchet Euch Den Poſten aus in meinen Königreichen, Der Euch berechtigt, dieſem edeln Triebe Genug zu thun. Marqurs. Ich finde keinen. König. Wie? Marquis. Was Eure Majeſtät durch meine Hand Verbreiten— iſt das Menſchenglück? Iſt Das Dasſelbe Glück, das meine reine Liebe Den Menſchen goͤnnt?— Vor dieſem Glücke würde Die Majeſtät erzittern— Nein! Ein neues Erſchuf der Krone Politik— ein Glück, Das ſie noch reich genug iſt, auszutheilen, 298 Und in dem Menſchenherzen neue Triebe, Die ſich von dieſem Glücke ſtillen laſſen. In ihren Münzen läßt ſie Wahrheit ſchlagen, Die Wahrheit, die ſie dulden kann. Verworfen Sind alle Stempel, die nicht dieſem gleichen. Doch, was der Krone frommen kann— iſt Das Auch mir genug? Darf meine Bruderliebe Sich zur Verkürzung meines Bruders borgen? Weiſßmich ihn glücklich— eh' er denken darf? Mich waͤhlen Sie nicht, Sire, Glückſeligkeit, Die Sie uns prägen, auszuſtreun! Ich muß Mich weigern, dieſe Stempel auszugeben— Ich kann nicht Fuͤrſtendiener ſeyn. König(etwas raſch). Ihr ſeyd Ein Proteſtant. Margquis(nach einigem Bedenken). Ihr Glaube, Sire, iſt auch Der meinige. (Nach einer Pauſe.) Ich werde mißverſtanden. Das war es, was ich fürchtete. Sie ſehen Von den Geheimniſſen der Majeſtät Durch meine Hand den Schleier weggezogen. Wer ſichert Sie, daß mir noch heilig heiße, Was mich zu ſchrecken aufgehört? Ich bin Gefahrlich, weil ich über mich gedacht.— Ich bin es nicht, mein König. Meine Wünſche Verweſen hier. (Die Hand auf die Bruſt gelegt.) — 299 Die lächerliche Wuth Der Neuerung, die nur der Ketten Laſt, Die ſie nicht ganz zerbrechen kann, vergrößert, 1 Wird mein Blut nie erhitzen. Das Jahrhundert Iſt meinem Ideal nicht reif. Ich lebe, Ein Bürger Derer, welche kommen werden. Kann ein Gemalde Ihre Ruhe trüben?— Ihr Athem löͤſcht es aus. König. Bin ich der Erſte, Der Euch von dieſer Seite kennt? Marquis. Von dieſer— Ja! König (ſteht auf, macht einige Schritte und bleibt dem Marquis gegenuͤber ſtehen. Fuͤr ſich). Neu zum Wenigſten iſt dieſer Ton! Die Schmeichelei erſchopft ſich. Nachzuahmen Erniedrigt einen Mann von Kopf.— Auch einmal Die Probe von dem Gegentheil.— Warum nicht? Das Ueberraſchende macht Glück.— Wenn Ihr Es ſo verſtehet, gut, ſo will ich mich Auf eine nene Kronbedienung richten— Den ſtarken Geiſt— Marquis. Ich hoͤre, Sire, wie klein, Wie niedrig Sie von Menſchenwuͤrde denken, Selbſt in des freien Mannes Sprache nur Den Kunſtgriff eines Schmeichlers ſehen, und Mir daucht, ich weiß, wer Sie dazu berechtigt. 300 Die Menſchen zwangen Sie dazu: Die haben Freiwillig ihres Adels ſich begeben, Freiwillig ſich auf dieſe niedre Stufe Herab geſtellt. Erſchrocken fliehen ſie Vor dem Geſpenſte ihrer innern Groͤße, Gefallen ſich in ihrer Armuth, ſchmuͤcken Mit feiger Weisheit ihre Ketten aus, Und Tugend nennt man, ſie mit Anſtand tragen. So überkamen Sie die Welt. So ward Sie Ihrem großen Vater überliefert. Wie könnten Sie in dieſer traurigen Verſtümmlung— Menſchen ehren? König. Etwas Wahres Find' ich in dieſen Worten. Marquis. Aber, Schade! Da Sie den Menſchen aus des Schöpfers Hand In Ihrer Hände Werk verwandelten, Und dieſer neugegoſſ'nen Creatur Zum Gott ſich gaben— da verſahen Sie's In Etwas nur: Sie blieben ſelbſt noch Menſch— Menſch aus des Schöpfers Hand. Sie fuhren fort, Als Sterblicher zu leiden, zu begehren; Sie brauchen Mitgefühl— und einem Gott Kann man nur opfern— zittern— zu ihm beten! Bereuenswerther Tauſch! Unſelige Verdrehung der Natur!— Da Sie den Menſchen Zu Ihrem Saitenſpiel herunterſtürzten: Wer theilt mit Ihnen Harmonie? 301 König. 3(Bei Gott, Er greift in meine Seele!) Marquis. Aber Ihnen Bedeutet dieſes Opfer nichts. Dafür Sind Sie auch einzig— Ihre eigne Gattung— Um dieſen Preis ſind Sie ein Gott.— Und ſchrecklich, Wenn Das nicht waͤre— wenn für dieſen Preis, Für das zertretne Glück von Millionen, Sie nichts gewonnen hätten! wenn die Freiheit, Die Sie vernichteten, das Einz'ge wäre, Das Ihre Wünſche reifen kann? Ich bitte, Mich zu entlaſſen, Sire. Mein Gegenſtand Reißt mich dahin. Mein Herz iſt voll— der Reiz Zu machtig, vor dem Einzigen zu ſtehen, Dem ich es öffnen moͤchte. (Der Graf von Lerma tritt herein und ſpricht einige Worte leiſe mit dem Koͤnige. Dieſer gibt ihm elnen Wink, ſich zu entfernen, und bleibt in ſeiner vorigen Stellung ſitzen.) König (zum Marquis, nachdem Lerma weggegangen). Redet aus! Marquis(nach einigem Stillſchweigen). Ich fühle, Sire,— den ganzen Werth— König. Vollendet! Ihr hattet mir noch mehr zu ſagen. Marquis. Sire! Jüngſt kam ich on von Flandern und Brabant.— 30²2 So viele reiche, blühende Provinzen! Ein kraftiges, ein großes Volk— und auch Ein gutes Volk— und, Vater dieſes Volkes, Das, dacht' ich, Das muß goͤttlich ſeyn!— Da ſtieß Ich auf verbrannte menſchliche Gebeine— (Hier ſehweigt er ſtill; ſeine Augen ruben auf dem Koͤnige, der es ver⸗ ſucht, dieſen Blick zu erwidern, aber betroffen und verwirrt zur Erde ſieht.) Sie haben Recht. Sie müſſen. Daß Sie können, Was Sie zu müſſen eingeſehn, hat mich Mit ſchaudernder Bewunderung durchdrungen. O, Schade, daß, in ſeinem Blut gewalzt, Das Opfer wenig dazu tangt, dem Geiſt Des Opferers ein Loblied anzuſtimmen! Daß Menſchen nur— nicht Weſen höhrer Art— Die Weltgeſchichte ſchreiben!— Sanftere Jahrhunderte verdrängen Philipps Zeiten; Die bringen mildre Weisheit: Bürgerglück Wird dann verſöhnt mit Fürſtengröße wandeln, Der karge Staat mit ſeinen Kindern geizen, Und die Nothwendigkeit wird menſchlich ſeyn. König. Wann, denkt Ihr, würden dieſe menſchlichen Jahrhunderte erſcheinen, hätt' ich vor Dem Fluch des jetzigen gezittert? Sehet In meinem Spanien Euch um. Hier blüht Des Burgers Glück in nie bewölktem Frieden; Und dieſe Ruhe gönn' ich den Flamandern. Marquis(ſchnell). Die Ruhe eines Kirchhofs! Und Sie hoffen, Zu endigen, was Sie begannen? hoffen, —— — 4 ¹ 1 — 30³ Der Chriſtenheit gezeitigte Verwandlung, Den allgemeinen Frühling aufzuhalten, Der die Geſtalt der Welt verjüngt? Sie wollen Allein in ganz Europa— ſich dem Rade Des Weltverhangniſſes, das unaufhaltſam In vollem Laufe rollt, entgegenwerfen? Mit Menſchenarm in ſeine Speichen fallen? Sie werden nicht! Schon flohen Tauſende Aus Ihren Laͤndern froh und arm. Der Bürger, Den Sie verloren für den Glauben, war Ihr edelſter. Mit offnen Mutterarmen Empſängt die Fliehenden Eliſabeth, Und fruchtbar blüht durch Künſte unſers Landes Britannien. Verlaſſen von dem Fleiß Der neuen Chriſten, liegt Grenada öde, Und jauchzend ſieht Europa ſeinen Feind An ſelöoſtgeſchlagnen Wunden ſich verbluten. (Der Koͤnig iſt bewegt; der Marquis bemerkt es und tritt einige Schritte näher.) Sie wollen pflanzen für die Ewigkeit Und ſaen Tod? Ein ſo erzwungnes Werk Wird ſeines Schöpfers Geiſt nicht überdauern. Dem Undank haben Sie gebaut— umſonſt Den harten Kampf mit der Natur gerungen, Umſonſt ein großes königliches Leben Zerſtörenden Entwürfen hingeopfert. Der Menſch iſt mehr, als Sie von ihm gehalten. Des langen Schlummers Bande wird er brechen Und wiederfordern ſein geheiligt Recht. Zu einem Nero und Buſiris wirft Er Ihren Namen, und— Das ſchmerzt mich: denn Sie waren gut. 304 König. Wer hat Euch Deſſen ſo Gewiß gemacht? 5 5 Marquis(mit Feuer). Ja, beim Allmaͤchtigen! Ja— ja— ich wiederhol' es. Geben Sie, Was Sie uns nahmen, wieder! Laſſen Sie, Großmüthig, wie der Starke, Menſchenglück Aus Ihrem Füllhorn ſtrömen— Geiſter reifen In Ihrem Weltgebäude! Geben Sie, Was Sie uns nahmen, wieder! Werden Sie Von Millionen Königen ein König! (Er naͤhert ſich ihm kuͤhn und indem er feſte und feurige Blicke auf ihn richtet.). O, koͤnnte die Beredſamkeit von allen Den Tauſenden, die dieſer großen Stunde Theilhaftig ſind, auf meinen Lippen ſchweben, Den Strahl, den ich in dieſen Augen merke, Zur Flamme zu erheben!— Geben Sie Die unnatürliche Vergött'rung auf, Die uns vernichtet! Werden Sie uns Muſter Des Ewigen und Wahren! Niemals— niemals Beſaß ein Sterblicher ſo viel, ſo goͤttlich Es zu gebrauchen. Alle Könige Europens huldigen dem ſpan'ſchen Namen. Gehn Sie Europens Königen voran! Ein Federzug von dieſer Hand, und neu V Erſchaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit!— (Sich ihm zu Fuͤßen werfend.) König (uͤberraſcht, das Geſicht weggewandt und dann wieder auf den Marquis geheftet). Sonderbarer Schwärmer! Doch— ſtehet auf— ich— Marquis. Sehen Sie ſich um In ſeiner herrlichen Natur! Auf Freiheit Iſt ſie gegründet— und wie reich iſt ſie Durch Freiheit! Er, der große Schöpfer, wirft In einen Tropfen Thau den Wurm und laßt Noch in den todten Raͤumen der Verweſung Die Willkuͤr ſich ergötzen— Ihre Schöpfung, Wie eng und arm! Das Rauſchen eines Blattes Erſchreckt den Herrn der Chriſtenheit— Sie müſſen Vor jeder Tugend zittern. Er— der Freiheit Entzückende Erſcheinung nicht zu ſtören— Er läßt des Uebels grauenvolles Heer In ſeinem Weltall lieber toben— ihn, Den Künſtler, wird man nicht gewahr, beſcheiden Verhullt er ſich in ewige Geſetze! Die ſieht der Freigeiſt, doch nicht ihn. Wozu Ein Gott? ſagt er: die Welt iſt ſich genug! Und keines Chriſten Andacht hat ihn mehr, Als dieſes Freigeiſts Läſterung, geprieſen. König. Und wollet Ihr es unternehmen, dies Erhabne Muſter in der Sterblichkeit, In meinen Staaten nachzubilden? Marquis. Sie,. Sie können es. Wer anders? Weihen Sie Schillers ſämmtl. Werke. I11. 306 Dem Glück der Völker die Regentenkraft, Die— ach ſo lang'— des Thrones Größe nur Gewuchert hatte— ſtellen Sie der Menſchheit Verlornen Adel wieder her! Der Bürger Sey wiederum, was er zuvor geweſen, Der Krone Zweck— ihn binde keine Pflicht, Als ſeiner Bruͤder gleich ehrwürd'ge Rechte.* Wenn nun der Menſch, ſich ſelbſt zurückgegeben, Zu ſeines Werths Gefühl erwacht— der Freiheit Erhabne, ſtolze Tugenden gedeihen— Dann, Sire, wenn Sie zum glücklichſten der Welt Ihr eignes Koͤnigreich gemacht— dann iſt Es Ihre Pflicht, die Welt zu unterwerfen. König(nach einem großen Stillſchweigen). Ich ließ Euch bis zu Ende reden— Anders, Begreif' ich wohl, als ſonſt in Menſchenköpfen, Malt ſich in dieſem Kopf die Welt— auch will Ich fremdem Maßſtab Euch nicht unterwerfen. Ich bin der Erſte, dem Ihr Euer Innerſtes * Die erſte Ausgabe enthaͤlt hier noch ſolgende Stelle: Der Landmann ruͤhme ſich des Pflugs und goͤnne Dem Koͤnig, der nicht Landmann iſt, die Krone. In ſeiner Werrſtatt traͤume ſich der Kuͤnſtler Zum BVildner einer ſchoͤnern Welt. Den Flug Des Denkens yemme ferner keine Schranke, Als die Bedingung endlicher Naturen.— Nicht in der Vaterſorge ſtillem Kreis Erſcyeine der gekroͤnte Fremdling. Nie Erlaub' er ſich, der Liebe heilige Myſterien unedel zu beſchleichen. Die Menſchheit zweifle, ob er iſt. Belohnt Durch eignen Beifall, berge ſich der Kuͤnſiler Der angenehm betrogenen Maſchine. 307 Enthüllt. Ich glaub' es, weil ich's weiß. Um dieſer Enthaltung willen, ſolche Meinungen, Mit ſolchem Feuer doch umfaßt, verſchwiegen Zu haben bis auf dieſen Tag— um dieſer Beſcheidnen Klugheit willen, junger Mann, Will ich vergeſſen, daß ich ſie erfahren, Und, wie ich ſie erfahren. Stehet auf! Ich will den Jüͤngling, der ſich übereilte, Als Greis und nicht als König widerlegen. Ich will es, weil ich's will— Gift alſo ſelbſt, Find' ich, kann in gutartigen Naturen Zu etwas Beſſerm ſich veredeln— Aber Flieht meine Inquiſition!— Es ſollte Mir leid thun— Marquis. Wirklich? Sollt' es Das? König(in ſeinen Anblick verloren). Ich habe Solch einen Menſchen nie geſehen.— Nein, Nein, Marquis! Ihr thut mir zu viel. Ich will Nicht Nero ſeyn. Ich will es nicht ſeyn— will Es gegen Euch nicht ſeyn. Nicht alle Glückſeligkeit ſoll unter mir verdorren. Ihr ſelbſt, ihr ſollet unter meinen Augen Fortfahren duͤrfen, Menſch zu ſeyn. Marquis(raſch). Und meine Mitbürger, Sire?— O! nicht um mich war mir's Zu thun, nicht meine Sache wollt' ich führen. Und Ihre Unterthanen, Sire?— 308 König. Und wenn Ihr ſo gut wiſſet, wie die Folgezeit Mich richten wird, ſo lerne ſie an Euch, Wie ich mit Menſchen es gehalten, als Ich einen fand. Marquis. Ol der gerechteſte Der Könige ſey nicht mit einem Male Der ungerechteſte— in Ihrem Flandern Sind tauſend Beſſere als ich. Nur Sie— Darf ich es frei geſtehen, großer König?— Sie ſehn jetzt unter dieſem ſanftern Bilde Vielleicht zum erſten Mal die Freiheit. König(mit gemildertem Ernſt). Nichts mehr Von dieſem Inhalt, junger Mann!— Ich weiß, Ihr werdet anders denken, kennet Ihr Den Menſchen erſt, wie ich— Doch hätt' ich Euch Nicht gern zum letzten Mal geſehn. Wie fang' ich Es an, Euch zu verbinden? Marquis. 4 Laſſen Sie Mich, wie ich bin. Was wäͤr' ich Ihnen, Sire, Wenn Sie auch mich beſtaͤchen? König. Dieſen Stolz Ertrag' ich nicht. Ihr ſeyd von heute an In meinen Dienſten— Keine Einwendung! Ich will es haben. (Nach einer Pauſe.) 309 Aber wie? Was wollte Ich denn? War es nicht Wahrheit, was ich wollte? Und hier find' ich noch etwas mehr— Ihr habt Auf meinem Thron mich ausgefunden, Marquis. Nicht auch in meinem Hauſe? (Da ſich der Marquis zu bedenken ſcheint.) Ich verſteh' Euch. Doch— waͤr' ich auch von allen Väͤtern der Unglücklichſte, kann ich nicht glücklich ſeyn Als Gatte? Marquis. Wenn ein hoffnungsvoller Sohn, Wenn der Beſitz der liebenswürdigſten Gemahlin einem Sterblichen ein Recht Zu dieſem Namen geben, Sire, ſo ſind Sie Der Glücklichſte durch Beides. König(mit finſtrer Miene). Nein, ich bin's nicht! Und, daß ich's nicht bin, hab' ich tiefer nie Gefühlt, als eben jetzt— (Mit einem Blicke der Wehmuth auf dem Marquis verweilend.) Marquis. . Der Prinz denkt edel Und gut. Ich hab' ihn anders nie gefunden. König. Ich aber hab' es— Was er mir genommen, Kann keine Krone mir erſetzen— eine So tugendhafte Koͤnigin! Marquis. Wer kann Es wagen, Sire?. 310 König. Die Welt! Die Laſterung! Ich ſelbſt!— Hier liegen Zeugniſſe, die ganz Unwiderſprechlich ſie verdammen; andre Sind noch vorhanden, die das Schrecklichſte 1 Mich fürchten laſſen— Aber, Marquis— ſchwer, Schwer fällt es mir, an eines nur zu glauben. Wer klagt ſie an?— Wenn ſie— ſie fähig ſollte Geweſen ſeyn, ſo tief ſich zu entehren, O, wie viel mehr iſt mir zu glauben dann Erlaubt, daß eine Eboli verleumdet? Haßt nicht der Prieſter meinen Sohn und ſie? Und weiß ich nicht, daß Alba Rache brüutet? Mein Weib iſt mehr werth, als ſie Alle. Und etwas lebt noch in des Weibes Seele, Das über allen Schein erhaben iſt Und über alle Laſterung— es heißt Weibliche Tugend. 3 Ja! Das ſag' ich auch. So tief, als man die Königin bezichtigt, Marjquis. Sire, König. Herab zu ſinken, koſtet viel. So leicht, Als man mich überreden möchte, reißen Der Ehre heil'ge Bande nicht. Ihr kennt Den Menſchen, Marquis. Solch ein Mann hat mir Schon laͤngſt gemangelt, Ihr ſeyd gut und fröhlich Und kennet doch den Menſchen auch— drum hab' Ich Euch gewahlt— 311 Marquis(uͤberraſcht und erſchrocken). Mich, Sire? König. Ihr ſtandet Vor Eurem Herrn und habt nichts für Euch ſelbſt Erbeten— nichts. Das iſt mir neu— Ihr werdet Gerecht ſeyn. Leidenſchaft wird Euren Blick Nicht irren— dränget Euch zu meinem Sohn, Erforſcht das Herz der Königin. Ich will Euch Vollmacht ſenden, ſie geheim zu ſprechen. Und jetzt verlaßt mich!(Er zieht eine Glocke.) Marquis. Kann ich es mit einer Erfüllten Hoffnung— dann iſt dieſer Tag Der ſchönſte meines Lebens. König(reicht ihm die Hand zum Kuſſe). Er iſt kein Verlorner in dem meinigen. (Der Marquis ſteht auf und geht. Graf Lerma tritt herein.) Der Ritter Wird künftig ungemeldet vorgelaſſen. Nierter Akt. Saal bei der Koͤnigin. Erſter Auftritt. Die Königin. Die Herzogin Glivarez. Die Prinzeſſin von Eboli. Die Gräſin Fuentes und noch andere Damen. Königin (zur Oberhofmeiſterin indem ſie auſſteht). Der Schlüſſel fand ſich alſo nicht?— So wird Man die Schatulle mir erbrechen müſſen, Und zwar ſogleich—. (Da ſie die Prinzeſün von Eboli gewahr wird, welche ſich lhr naͤhert und ihr die Hand kuͤßt.) Willkommen, liebe Fuͤrſtin! Mich freut, Sie wieder hergeſtellt zu finden— Zwar noch ſehr blaß—. Fuentes(etwas tuͤckiſch). Die Schuld des böſen Fiebers, Das ganz erſtaunlich an die Nerven greift. Nicht wahr, Prinzeſſtn? Königin. Sehr hab' ich gewünſcht, 313 Sie zu beſuchen, meine Liebe.— Doch Ich darf ja nicht. Olivarez. Die Fürſtin Eboli Litt wenigſtens nicht Mangel an Geſellſchaft.— Königin. Das glaub' ich gern. Was haben Sie? Sie zittern. Eboli. Nichts— gar nichts, meine Königin. Ich bitte Um die Erlaubniß, wegzugehen. Königin. Sie Verhehlen uns, ſind kränker gar, als Sie Uns glauben machen wollen? Auch das Stehn Wird Ihnen ſauer. Helfen Sie ihr, Grafin, Auf dieſes Tabouret ſich niederſetzen— Eboli. Im Freien wird mir beſſer.(Sie geht av.) Königin. Folgen Sie Ihr, Gräfin— Welche Anwandlung! (Ein Page tritt herein und ſpricht mit der Herzogin, welche ſich aloͤdann zur Koͤnigin wendet.) Olivarez. Der Marquis Von Poſa, Ihre Majeſtat— Er kommt Von Seiner Majeſtät dem König. Königin. Ich Erwart' ihn.“ (Der Page geht ab und oͤffnet dem Marquis die Thuͤre.) 314 Zweiter Auftritt. Marquis von Poſa. Die Vorigen. (Der Marquis laͤßt ſich auf ein Knie vor der Koͤnigin nieder, welche ihm einen Wink gibt, aufzuſtehen.) Königin. Was iſt meines Herrn Befehl? Darf ich ihn öffentlich— Marquis. Mein Auftrag lautet An Ihre königliche Majeſtät allein. (Die Damen entfernen ſich auf einen Wink der Koͤnigin.) Dritter Auftritt. Die Königin. Marquis von Poſa. Königin(voll Verwunderung). Wie? Darf ich meinen Augen trauen, Marquis? Sie an mich abgeſchickt vom König? Marquis. Dünkt Das Ihre Majeſtät ſo ſonderbar? Mir ganz und gar nicht. Königin. Nun, ſo iſt die Welt Aus ihrer Bahn gewichen. Sie und er— Ich muß geſtehen— Marquis. Daß es ſeltſam klingt? An groͤßern kaum. 315 Das mag wohl ſeyn.— Die gegenwaͤrt'ge Zeit Iſt noch an mehrern Wunderdingen fruchtbar. Königin. Marquis. Geſetzt, ich hätte mich Bekehren laſſen endlich— waͤr' es müde, An Philipps Hof den Sonderling zu ſpielen? Den Sonderling! Was heißt auch Das? Wer ſich Den Menſchen nützlich machen will, muß doch Zuerſt ſich ihnen gleich zu ſtellen ſuchen. Wozu der Setcte prahleriſche Tracht? Geſetzt— wer iſt von Eitelkeit ſo frei, Um nicht für ſeinen Glauben gern zu werben?— Geſetzt, ich ginge damit um, den meinen Auf einen Thron zu ſetzen? Königin. Nein!— Nein, Marquis, Auch nicht einmal im Scherze moͤcht' ich dieſer Unreifen Einbildung Sie zeihn. Sie ſind Der Träumer nicht, der etwas unternähme, Was nicht geendigt werden kann. Marquis. Das eben Waͤr' noch die Frage, denk' ich. 3 Königin. Was ich höchſtens Sie zeihen könnte, Marquis— was von Ihnen Mich faſt befremden könnte, wäre— waͤre— Marquis. Zweideutelei. Kann ſeyn. 316 Königin. Unredlichkeit Zum Wenigſten. Der Koͤnig wollte mir Wahrſcheinlich nicht durch Sie entbieten laſſen, Was Sie mir ſagen werden. Marquis. Nein. Königin. Und kann Die gute Sache ſchlimme Mittel adeln? Kann ſich— verzeihen Sie mir dieſen Zweifel— Ihr edler Stolz zu dieſem Amte borgen? Kaum glaub' ich es. Marquis. Auch ich nicht, wenn es hier Nur gelten ſoll, den König zu betrügen. Doch Das iſt meine Meinung nicht. Ihm ſelbſt Gedenk' ich diesmal redlicher zu dienen, Als er mir aufgetragen hat. Königin. Daran Erkenn' ich Sie, und nun genug! Was macht er? Marquis. Der König?— Wie es ſcheint, bin ich ſehr bald An meiner ſtrengen Richterin geraͤcht. Was ich ſo ſehr nicht zu erzählen eile, Eilt Ihre Majeſtat, wie mir geſchienen, Noch weit, weit weniger zu hoͤren.— Doch Gehört muß es doch werden! Der Monarch Laßt Ihre Majeſtät erſuchen, dem Ambaſſadeur von Frankreich kein Gehör 317 Für heute zu bewilligen. Das war Mein Auftrag. Er iſt abgethan. Königin. Und Das Iſt Alles, Marquis, was Sie mir von ihm Zu ſagen haben? Marguis. Alles ungefähr, Was mich berechtigt, hier zu ſeyn. Königin. Ich will Mich gern beſcheiden, Marquis, nicht zu wiſſen, Was mir vielleicht Geheimniß bleiben muß— Marquis. Das muß es, meine Königin— Zwar, waͤren Sie nicht Sie ſelbſt, ich wurde eilen, Sie Von ein'gen Dingen zu belehren, vor Gewiſſen Menſchen Sie zu warnen— doch Das braucht es nicht bei Ihnen. Die Gefahr Mag auf⸗ und untergehen um Sie her, Sie ſollen's nie erfahren. Alles dies Iſt ja nicht ſo viel werth, den goldnen Schlaf Von eines Engels Stirne zu verjagen. Auch war es Das nicht, was mich hergeführt. Prinz Carlos— Königin. Wie verließen Sie ihn? Marquis. Wie Den einz'gen Weiſen ſeiner Zeit, dem es Verbrechen iſt, die Wahrheit anzuheten— 318 Und eben ſo beherzt, für ſeine Liebe, Wie Jener für die ſeinige zu ſterben. Ich bringe wenig Worte— aber hier, Hier iſt er ſelbſt. (Er gibt der Koͤnigin einen Brief.) Königin(nachdem ſie ihn geleſen). Er muß mich ſprechen, ſagt er. Maraquis. Das ſag' ich auch. Königin. Wird es ihn glücklich machen, Wenn er mit ſeinen Augen ſieht, daß ich Es auch nicht bin? Marquis. 5 Nein— aber thaͤtiger Soll es ihn machen und entſchloſſ'ner. Königin. . Wie? Margquis. Der Herzog Alba iſt ernannt nach Flandern. Königin.* Ernannt— ſo hör' ich. Marquis. Widerrufen kann Der König nie. Wir kennen ja den König. Doch wahr iſt's auch: Hier darf der Prinz nicht bleiben— Hier nicht, jetzt vollends nicht— und Flandern darf Nicht aufgeopfert werden. Königin. 1 Wiſſen Sie 4 Es zu verhindern? Wird er in Brüſſel ihm bewilligen. 319 Marquis. Ja— vielleicht. Das Mittel Iſt faſt ſo ſchlimm, als die Gefahr. Es iſt Verwegen, wie Verzweiflung.— Doch ich weiß Von keinem andern. Königin. Nennen Sie mir's. Marquis. Ihnen, Nur Ihnen, meine Königin, wag' ich Es zu entdecken. Nur von Ihnen kann Es Carlos hören, ohne Abſcheu hoͤren. Der Name freilich, den es fuͤhren wird, Klingt etwas rauh— Königin. Rebellion— Marquis. Er ſoll Dem König ungehorſam werden, ſoll Nach Bruͤſſel heimlich ſich begeben, wo Mit offnen Armen die Flamander ihn Erwarten. Alle Niederlande ſtehen Auf ſeine Loſung auf. Die gute Sache Wird ſtark durch einen Königsſohn. Er mache Den ſpan'ſchen Thron durch ſeine Waffen zittern, Was in Madrid der Vater ihm verweigert, Königin. Sie ſprachen Ihn heute und behaupten Das? 320 Marquis. Weil ich Ihn heute ſprach. Königin(nach einer Pauſe). Der Plan, den Sie mir zeigen, Erſchreckt und— reizt mich auch zugleich. Ich glaube, Daß Sie nicht Unrecht haben.— Die Idee Iſt kühn, und eben darum, glaub' ich, Gefällt ſie mir. Ich will ſie reifen laſſen. Weiß ſie der Prinz? 3 Marquis. Er ſollte, war mein Plan, Aus Ihrem Mund zum erſten Mal ſie hoͤren. Königin. Unſtreitig! Die Idee iſt groß.— Wenn anders Des Prinzen Jugend— Marquis. Schadet nichts. Er findet Dort einen Egmont und Oranien, Die braven Krieger Kaiſer Carls, ſo klug Im Cabinet, als fürchterlich im Felde. Königin(mit Lebhaſtigkeit). Nein! die Idee iſt groß und ſchön— Der Prinz Muß handeln. Lebhaft fühl' ich Das. Die Rolle, Die man hier in Madrid ihn ſpielen ſieht, Drückt mich an ſeiner Statt zu Boden— Frankreich Verſprech' ich ihm: Savoyen auch. Ich bin Gaaz Ihrer Meinung, Marquis, er muß handeln.— Doch dieſer Anſchlag fordert Geld. Marquis. Auch Das liegt ſchon Bereit— — 321 Königin. Und dazu weiß ich Rath. Marquis. So darf ich Zu der Zuſammenkunft ihm Hoffnung geben? Königin. Ich will mir's überlegen. Marquis. Carlos dringt Auf Antwort, Ihre Majeſtät.— Ich hab' Ihm zugeſagt, nicht leer zurück zu kehren. (Seine Schreibtafel der Koͤnigin reichend.) Zwei Zeilen ſind für jetzt genug— Königin(nachdem ſie geſchrieben). Werd' ich Marquis. So oft Sie es befehlen. Königin. So oft— ſo oft ich es befehle?— Marquis! Wie muß ich dieſe Freiheit mir erklaren? Marquis. So arglos, als Sie immer können. Wir Genießen ſie— Das iſt genug— Das iſt Für meine Königin genug. Königin(abbrechend). Wie ſollt' es Mich freuen, Marquis, wenn der Freiheit endlich ie wiederſehn? Noch dieſe Zuflucht in Europa bliebe! 4 Wenn ſie durch ihn es bliebe— Rechnen Sie 1 Auf meinen ſtillen Antheil— Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 21 322 Marquis(mit Feuer). O, ich wußt' es, Ich mußte hier verſtanden werden— Herzogin Olivparez(erſcheint an der Thuͤre). Königin(fremd zum Marquis). Was Von meinem Herrn, dem König, kommt, werd' ich Als ein Geſetz verehren. Gehen Sie, Ihm meine Unterwerfung zu verſichern! (Sie gibt ihm einen Wink. Der Marquis geht ab.) Galerie. Vierter Auftritt. Don Carlos und Graf Lerma. Carlos. Hier ſind wir ungeſtoͤrt. Was haben Sie Mir zu entdecken? Lerma. Eure Hoheit hatten An dieſem Hofe einen Freund. Carlos(ſtutzt). Den ich Nicht wüßte!— Wie? Was wollen Sie damit? Lerma. So muß ich um Vergebung bitten, daß Ich mehr erfuhr, als ich erfahren durfte. Doch, Eurer Hoheit zur Beruhigung, 323 Ich hab' es wenigſtens von treuer Hand, Denn, kurz, ich hab' es von mir ſelbſt. Carlos. Von wem Iſt denn die Rede? Lerma. Marquis Poſa— Carlos. Nun? Lerma. Wenn etwa mehr, als Jemand wiſſen darf, Von Eurer Hoheit ihm bewußt ſeyn ſollte, Wie ich beinahe fürchte— Carlos. Wie Sie fürchten? Lerma. — Er war beim König. Carlos. So? Lerma. Zwei volle Stunden Und in ſehr heimlichem Geſprach. Carlos. Wahrhaftig? Lerma. Es war von keiner Kleinigkeit die Rede. Carlos. Das will ich glauben. Lerma. Ihren Namen, Prinz, Hort' ich zu öftern Malen. 324 Carlos. Hoffentlich Lerma. Auch ward heute Morgen Im Schlafgemache Seiner Majeſtät Der Königin ſehr räthſelhaft erwaͤhnt. Car los(tritt beſtuͤrzt zuruͤch). Kein ſchlimmes Zeichen. Graf Lerma? Lerma. Als der Marquis weggegangen, Empfing ich den Befehl, ihn künftighin Unangemeldet vorzulaſſen. Carlos. Das Iſt wirklich viel. Lerma. Ganz ohne Beiſpiel, Prinz, Solang mir denkt, daß ich dem König diene. Carlos. Viel! Wahrlich viel!— Und wie? wie, ſagten Sie, Wie ward der Königin erwaͤhnt? Lerma(tritt zuruͤck). Nein, Prinz, Nein! Das iſt wider meine Pflicht. Carlos. Wie ſeltſam! Sie ſagen mir das Eine und verhehlen Das Andre mir. Lerma. Das Erſte war ich Ihnen, Das Zweite bin ich dem Monarchen ſchuldig. 325 Carlos. — Sie haben Recht. Lerma. Den Marquis hab' ich zwar Als Mann von Ehre ſtets gekannt. Carlos. Dann haben Sie ihn ſehr gut gekannt. Lerma. Jedwede Tugend Iſt fleckenfrei bis auf den Augenblick Der Probe. Carlos. Auch wohl hier und da noch drüber. Lerma. Und eines großen Königs Gunſt dünkt mir Der Frage werth. An dieſem goldnen Angel Hat manche ſtarke Tugend ſich verblutet. Carlos. O ja. Lerma. Oft ſogar iſt es weiſe, zu entdecken, Was nicht verſchwiegen bleiben kann. Carlos. Ja, weiſe! Doch, wie Sie ſagen, haben Sie den Marquis Als Mann von Ehre nur gekannt? Lerma. Iſt er Es noch, ſo macht mein Zweifel ihn nicht ſchlechter, Und Sie, mein Prinz, gewinnen doppelt.(Er will gehen.) 326 Carlos (folgt ihm geruͤhrt und druͤckt ihm die Hand). Dreifach Gewinn' ich, edler, würd'ger Mann— ich ſehe Um einen Freund mich reicher, und es koſtet Mir den nicht, den ich ſchon beſaß. (Lerma geht ab.) Fünfter Auftritt. Mlarquis von Poſa kommt durch die Galerie. Carlos. Marquis. Carl! Carl! Carlos. Wer ruft? Ah, du biſt's! Eben recht. Ich eile Voraus ins Kloſter. Komm bald nach. (Er will gehen.) Marquis. Nur zwei Minnten— bleib. Carlos. Wenn man uns überfiele— Marquis. Man wird doch nicht. Es iſt ſogleich geſchehen. Die Königin— Carlos. Du warſt bei meinem Vater? Marquis. Er ließ mich rufen; ja. 327 Carlos(voll Erwarrung). Nun? Marquis. 3 Es iſt richtig. Du wirſt ſie ſprechen. Carlos. Und der König? Was Will denn der König? Maraguis. Der? Nicht viel.— Neugierde, Zu wiſſen, wer ich bin.— Dienſtfertigkeit Von unbeſtellten guten Freunden. Was Weiß ich? Er bot mir Dienſte an. Carlos. V Die du —— Doch abgelehnt? Marquis. Verſteht ſich. Carlos. Und wie kamt Ihr auseinander? ¹ Marquis. Ziemlich gut. V Carlos. Von mir War alſo wohl die Rede nicht? Marquis. 3 Von dir? Doch. Ja. Im Allgemeinen. (Er zieht ein Souvenir heraus und gibt es dem Prinzen.) 328 Hier vorläufig Zwei Worte von der Königin, und morgen Werd' ich erfahren, wo und wie— Carlos (liest ſehr zerſtreut, ſteckt die Schreibtaſel ein und will gehen). Beim Prior Triffſt du mich alſo. Marquis. Warte doch. Was eilſt du? Es kommt ja Niemand. 3 Carlos(mit erkuͤnſteltem Laͤcheln). Haben wir denn wirklich Die Rollen umgetauſcht? Du biſt jag heute Erſtaunlich ſicher. Marquis. Heute? Warum heute? Carlos. Und was ſchreibt mir die Königin? Marquis. Haſt du Denn nicht im Augenblick geleſen? Carlos. Ich 2 Ja ſo. 34 Marquis. Was haſt du denn? Was iſt dir? Carlos (liest das Geſchriebene noch einmal. Entzuͤckt und feurig). Engel Des Himmels! Ja, ich will es ſeyn— ich will— Will deiner werth ſeyn— Große Seelen macht 329 Die Liebe größer. Sey's auch, was es ſey. Wenn du es mir gebieteſt, ich gehorche.— Sie ſchreibt, daß ich auf eine wichtige Entſchließung mich bereiten ſoll. Was kann Sie damit meinen? Weißt du nicht? Marquis. Wenn ich's Auch wuͤßte, Carl, biſt du auch jetzt geſtimmt, Es anzuhören? Carlos. Hab' ich dich beleidigt? Ich war zerſtreut. Vergib mir, Roderich! Marquis. Zerſtreut? Wodurch? Carlos. Durch— ich weiß ſelber nicht. Dies Souvenir iſt alſo mein? Rarquis. Nicht ganz! Vielmehr bin ich gekommen, mir ſogar Deins auszubitten. Carlos. Meins? Wozu? Marquis. Und was Du etwa ſonſt an Kleinigkeiten, die In keines Dritten Hande fallen dürfen, An Briefen oder abgeriſſenen Concepten bei dir führſt— kurz, deine Brieftaſche— 330 Carlos. Wozu aber? Marquis. Nur auf alle Fälle. Wer kann für Ueberraſchung ſtehn? Bei mir Sucht ſie doch Niemand. Gib! Carlos(ſehr unruhig). Das iſt doch ſeltſam! Woher auf einmal dieſe— Marguis. Sey ganz ruhig. Ich will nichts damit angedeutet haben. Gewißlich nicht! Es iſt Behutſamkeit Vor der Gefahr. So hab' ich's nicht gemeint, So wahrlich nicht, daß du erſchrecken ſollteſt. Carlos(gibt ihm die Brieftaſche). Verwahr' ſie gut. Marquis. Das werd' ich. Carlos(ſeeht ihn bedeutend an) Roderich! Ich gab dir viel. Marquis. Noch immer nicht ſo viel, Als ich von dir ſchon habe— Dort alſo Das Uebrige, und jetzt leb' wohl— leb' wohl! 4(Er will gehen.) Carlos. (kaͤmpft zweifelhaft mit ſich ſelbſt— endlich ruft er ihn zuruͤck). Gib mir die Briefe doch noch einmal. Einer Von ihr iſt auch darunter, den ſie damals, 331 Als ich ſo toͤdtlich krank gelegen, nach Alcala mir geſchrieben. Stets hab' ich Auf meinem Herzen ihn getragen. Mich Von dieſem Brief zu trennen, fällt mir ſchwer. Laß mir den Brief— nur den— das Uebrige Nimm alles. 4(Er nimmt ihn heraus und gibt die Brieftaſche zuruͤck.) . Marquis. Carl, ich thu' es ungern. Juſt Um dieſen Brief war mir's zu thun. Carlos. Leb' wohl! (Er geht langſam und ſtill weg, an der Thuͤre bleibt er einen Augenblick ſtehen, kehrt wieder um und bringt ihm den Brief.) Da haſt du ihn. (Seine Hand zittert. Thraͤnen ſtuͤrzen aus ſeinen Augen, er faͤllt dem Marquis um den Bals und druͤckt ſein Geſicht wider deſſen Bruſt.) Das kann mein Vater nicht! Nicht wahr, mein Roderich? Das kann er doch nicht. (Er geht ſchnell fort.) Sechster Auftritt. Marquis(ſeht ihm erſtaunt nach). Waͤr's möglich? War' es? Alſo hätt' ich ihn Doch nicht gekannt? Nicht ganz? In ſeinem Herzen Wär' dieſe Falte wirklich mir entgangen? Mißtrauen gegen ſeinen Freund! Nein, es iſt Läſterung!— Was that er mir, Daß ich der Schwaͤchen ſchwächſter ihn verklage? 33²2 Was ich ihn zeihe, werd' ich ſelbſt— Befremden— Das mag es ihn, Das glaub' ich gern. Wann hätte Er dieſer ſeltſamen Verſchloſſenheit Zu ſeinem Freunde ſich verſehn?— Auch ſchmerzen! Ich kann dir's nicht erſparen, Carl, und langer Muß ich noch deine gute Seele quälen. Der Koͤnig glaubte dem Gefäß, dem er Sein heiliges Geheimniß übergeben, Und Glauben fordert Dankbarkeit. Was waͤre Geſchwatzigkeit, wenn mein Verſtummen dir Nicht Leiden bringt? vielleicht erſpart? Warum Dem Schlafenden die Wetterwolke zeigen, Die über ſeinem Scheitel hängt?— Genug, Daß ich ſie ſtill an dir vorüber führe, Und, wenn du aufwachſt, heller Himmel iſt. (Er geht ab.) Eabinet dez Köni g s. Siebenter Auftritt. Der König in einem Seſſel— neben ihm die Jufantin Clara Eugenia. König(nach einem tiefen Stillſchweigen). Nein! Es iſt dennoch meine Tochter— Wie Kann die Natur mit ſolcher Wahrheit lügen? Dies blaue Auge iſt ja mein! Find' ich In jedem dieſer Züge mich nicht wieder? Kind meiner Liebe, ja, du biſt's. Ich drücke Dich an mein Herz— du biſt mein Blut! 333 (Er ſtutzt und haͤlt inne.) Mein Blut! Was kann ich. Schlimmres fuͤrchten? Meine Zuͤge, Sind ſie die ſeinigen nicht auch? (Er hat das Medaillon in die Hand genommen und ſieht wechſelsweiſe auf das Bild und in einen gegenuͤber ſtehenden Spiegel— endlich wirft er es zur Erde, ſteht ſchnell auf und druͤckt die Infantin von ſich.) Weg, weg! In dieſem Abgrund geh' ich unter. Achter Auftritt. Graf Lerma. Der Känig. Lerma. Eben Sind Ihre Majeſtät, die Königin, Im Vorgemach erſchienen. König. Jetzt? Lerma. Und bitten Um gnädigſtes Gehör— König. Jetzt aber? Jetzt? In dieſer ungewohnten Stunde?— Nein! Jetzt kann ich ſie nicht ſprechen— jetzt nicht— Lerma. . Hier Sind Ihre Majeſtaͤt ſchon ſelbſt—(Ex geht ab.) 334 Neunter Auftritt. Der König. Die Königin tritt herein. Die Infantin. (Die Leßtere fliegt ihr entgegen und ſchmiegt ſich an ſie an. Die Koͤnigin faͤllt vor dem Koͤnige nieder, welcher ſtumm und verwirrr ſteht.) Königin. Mein Herr Und mein Gemahl— ich muß— ich bin gezwungen, Vor Ihrem Thron Gerechtigkeit zu ſuchen. König. Gerechtigkeit?— Königin. Unwürdig ſeh' ich mir An dieſem Hof begegnet. Meine Schatulle iſt erbrochen— König. Was? Königin. Und Sachen Von großem Werth für mich daraus verſchwunden— König. Von großem Werth fuͤr Sie?— Königin. Durch die Bedeutung, Die eines Unbelehrten Dreiſtigkeit Vermögend wäre— König. Dreiſtigkeit— Bedeutung— Doch— ſtehn Sie auf! Königin. Nicht eher, mein Gemahl, 335 Bis Sie durch ein Verſprechen ſich gebunden, Kraft Ihres königlichen Arms zu meiner Genugthuung den Thaͤter mir zu ſtellen, Wo nicht, von einem Hofſtaat mich zu trennen, Der meinen Dieb verbirgt— König. 3 Stehn Sie doch auf— In dieſer Stellung— Stehn Sie auf! Königin(ſteht auf). Daß er Von Range ſeyn muß, weiß ich— denn in der Schatulle lag an Perlen und Demanten Weit über eine Million, und er Begnügte ſich mit Briefen— König. Die ich doch— Königin. Recht gerne, mein Gemahl. Es waren Briefe Und dann ein Medaillon von dem Infanten. König. Von Königin. Dem Infanten, Ihrem Sohn. König. 6 An Sie? Königzin. An mich. König. Von dem Infanten? Und Das ſagen Sie mir? 336 Königin. Warum nicht Ihnen, mein Gemahl? König. Mit dieſer Stirne? Königin. Was fällt Ihnen auf? Ich denke, Sie erinnern ſich der Briefe, Die mit Bewilligung von beiden Kronen Don Carlos mir nach Saint⸗Germain geſchrieben. Ob auch das Bild, womit er ſie begleitet, In dieſe Freiheit einbedungen worden, Ob ſeine raſche Hoffnung eigenmaͤchtig Sich dieſen kühnen Schritt erlaubt— Das will Ich zu entſcheiden mich nicht unterfangen. Wenn's Uebereilung war, ſo war es die Verzeihlichſte— da bin ich für ihn Bürge. Denn damals fiel ihm wohl nicht bei, daß es Für ſeine Mutter wäre— (Sieht die Bewegung des Koͤnigs). Was iſt Das? Was haben Sie? Infantin (welche unterdeſſen das Medaillon auf dem Boden gefunden und damit geſpielt hat, bringt es der Koͤnigin.) Ach! Sieh' da, meine Mutter! Das ſchoͤne Bild— Königin. . Was denn, mein— (Sie erkennt das Medaillon und bleibt in ſprachloſer Erſtarrung ſtehen. Beide ſehen einander mit unverwandten Augen an. Nach einem langen Stillſchweigen.) 337 Wahrlich, Sire! Dies Mittel, ſeiner Gattin Herz zu prüfen, Dünkt mir ſehr königlich und edel— Doch Noch eine Frage möcht' ich mir erlauben. König. Das Fragen iſt an mir. Königin. Durch meinen Argwohn Soll doch die Unſchuld wenigſtens nicht leiden.— Wenn alſo dieſer Diebſtahl Ihr Befehl Geweſen— König. Ja. Königin. Dann hab' ich Niemand anzuklagen Und Niemand weiter zu bedauern— Niemand, Als Sie, dem die Gemahlin nicht geworden, Bei welcher ſolche Mittel ſich verlohnen. König. Die Sprache kenn' ich.— Doch, Madame, Zum zweiten Male ſoll ſie mich nicht taͤuſchen, Wie in Aranjuez ſie mich getäuſcht. — Die engelreine Königin, die damals Mit ſo viel Würde ſich vertheidigt— jetzt Kenn' ich ſie beſſer. b Königin. Was iſt Das? König. Kurz alſo Und ohne Hinterhalt, Madame!— Iſt's wahr, Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 22 338 Noch wahr, daß Sie mit Niemand dort geſprochen? Mit Niemand? Iſt Das wirklich wahr? Königin. Mit dem Infanten Hab' ich geſprochen. Ja. König. Ja?— Nun, ſo iſt's Am Tage. Es iſt offenbar. So frech! So wenig Schonung meiner Ehre! Königin. Ehre, Sire? Wenn Ehre zu verletzen war, ſo, fürcht' ich, Stand eine größre auf dem Spiel, als mir Caſtilien zur Morgengabe brachte. König. Warum verleugneten Sie mir? Königin. Weil ich Es nicht gewohnt bin, Sire, in Gegenwart Der Höflinge, auf Delinquentenweiſe Verhören mich zu laſſen. Wahrheit werde Ich nicht verleugnen, wenn mit Ehrerbietung Und Güte ſie gefordert wird.— Und war Das wohl der Ton, den Eure Majeſtät Mir in Aranjuez zu hören gaben? Iſt etwa die verſammelte Grandezza Der Richterſtuhl, vor welchen Königinnen Zu ihrer ſtillen Thaten Rechenſchaft Gezogen werden? Ich geſtattete Dem Prinzen die Zuſammenkunft, um die Er dringend bat. Ich that es, mein Gemahl, 339 Weil ich es wollte— weil ich den Gebrauch Nicht über Dinge will zum Richter ſetzen, Die ich für tadellos erkannt— und Ihnen Verbarg ich es, weil ich nicht lüſtern war, Mit Eurer Majeſtät um dieſe Freiheit Vor meinem Hofgeſinde mich zu ſtreiten. König. Sie ſprechen kühn, Madame, ſehr— Königin. Und auch darum, Setz' ich hinzu, weil der Infant doch ſchwerlich Der Billigkeit, die er verdient, ſich zu Erfreuen hat in ſeines Vaters Herzen— König. Die er verdient? Königin. Denn warum ſoll ich es Verbergen, Sire?— Ich ſchäͤtz' ihn ſehr und lieb' ihn Als meinen theuerſten Verwandten, der Einſt werth befunden worden, einen Namen Zu fuhren, der mich mehr anging— Ich habe Noch nicht recht einſehn lernen, daß er mir Gerade darum fremder ſollte ſeyn, Als jeder Andre, weil er ehedem Vor jedem Andern theuer mir geweſen.. Wenn Ihre Staatsmarime Bande knüpft, Wie ſie für gut es findet, ſoll es ihr Doch etwas ſchwerer werden, ſie zu löſen. Ich will nicht haſſen, wen ich ſoll— und, weil Man endlich doch zu reden mich gezwungen— ³ 340 Ich will es nicht— will meine Wahl nicht langer Gebunden ſehn— König. Eliſabeth! Sie haben In ſchwachen Stunden mich geſehen. Dieſe Erinnerung macht Sie ſo kühn. Sie trauen Auf eine Allmacht, die Sie oft genug An meiner Feſtigkeit geprüft.— Doch fürchten Sie deſto mehr. Was bis zu Schwächen mich Gebracht, kann auch zu Raſerei mich führen. . Königin. Was hab' ich denn begangen? 8 König(nimmt ihre Hand). Wenn es iſt, Doch iſt— und iſt es denn nicht ſchon?— wenn Ihrer Verſchuldung volles, aufgehaͤuftes Maß Auch nur um eines Athems Schwere ſteigt— Wenn ich der Hintergangne bin— (Er laͤßt ihre Hand los.) Ich kann Auch über dieſe letzte Schwäche ſiegen. Ich kann's und will's— Dann wehe mir und Ihnen, Eliſabeth! Königin. Was hab' ich denn begangen? König. Dann meinetwegen fließe Blut— Königin. So weit Iſt es gekommen— Gott! 341 König. Ich kenne Mich ſelbſt nicht mehr— ich ehre keine Sitte Und keine Stimme der Natur und keinen Vertrag der Nationen mehr— Königin. Wie ſehr Beklag' ich Eure Majeſtät— König(außer Faſſung). Beklagen! Das Mitleid einer Buhlerin— Infantin (haͤngt ſich erſchrocken an ihre Mutter). Der König zürnt, Und meine ſchoͤne Mutter weint. König (ſtoͤßt das Kind unſanft von der Koͤnigin). Königin (mit Sanftmuth und Wuͤrde, aber mit zitternder Stimme). Dies Kind Muß ich doch ſicher ſtellen vor Mißhandlung. Komm mit mir, meine Tochter! (Sie nimmt ſie auf den Arm.) Wenn der König Dich nicht mehr kennen will, ſo muß ich jenſeits Der Pyrenaen Bürgen kommen laſſen, Die unſre Sache führen. (Sie will gehen.) König(betreten). Königin? 342 Königin. Ich kann nicht mehr— Das iſt zu viel— (Sie will die Thuͤr erreichen und fällt mit dem Kinde an der Schwelle zu Boden.) König(hinzueilend, voll Beſtürzung). Gott! Was iſt Das?— Infantin(ruft voll Schrecken). Ach, meine Mutter blutet! (Sie eilt hinaus.) König(ängſtlich um ſie beſchäftigt). Welch fürchterlicher Zufall! Blut! Verdien' ich, Daß Sie ſo hart mich ſtrafen? Stehn Sie auf! Erholen Sie ſich! Stehn Sie auf! Man kommt! Man überraſcht uns— Stehn Sie auf!— Soll ſich Mein ganzer Hof an dieſem Schauſpiel weiden? Muß ich Sie bitten, aufzuſtehn?„ (Sie richtet ſich auf, von dem Könige unterſtüßt.) Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Alba, Dominga treten erſchrocken herein. Damen folgen. König. Man bringe Die Königin zu Hauſe! Ihr iſt übel. (Die Königin geht ab, begleitet von den Damen. Alba und Domingo treten naͤher.) Alba. Die Königin in Thränen, und auf ihrem Geſichte Blut— 4 343 König. Das nimmt die Teufel Wunder, Die mich verleitet haben? Alba. Domingo. Wir? König. Die mir Genug geſagt, zum Raſen mich zu bringen, Zu meiner Ueberzeugung nichts. Alba. Wir gaben, Was wir gehabt— Bönig. Die Hölle dank' es euch. Ich habe, was mich reut, gethan. War Das Die Sprache eines ſchuldigen Gewiſſens? Marquis von Poſa(noch außerhalb der Scene). Iſt der Monarch zu ſprechen? T Eilfter Auftritt. Marquis von Poſa. NYie Porigen. König (bei dieſer Stimme lebhaft auffahrend und dem Marquis einige Schritte entgegen gehend). Ach, Das iſt er! Seyd mir willkommen, Marquis— Eurer, Herzog, Bedarf ich jetzt nicht mehr. Verlaßt uns! (Alba und Domingo ſehen einander mit ſtummer Verwunderung an und gehen.) 7 344 Zwölfter Auftritt. Der König und Marquis von Poſa. Marquis. Sire! Dem alten Manne, der in zwanzig Schlachten Dem Tod für Sie entgegen ging, fällt es Doch hart, ſich ſo entfernt zu ſehn! König. 3 Euch ziemt Es, ſo zu denken, ſo zu handeln mir. Was Ihr in wenig Stunden mir geweſen, War er in einem Menſchenalter nicht. Ich will nicht heimlich thun mit meinem Wohlgefallen; Das Siegel meiner königlichen Gunſt Soll hell und weit auf Eurer Stirne leuchten. Ich will den Mann, den ich zum Freund gewählt, Beneidet ſehn. Merguee Und dann auch, wenn die Hülle Der Dunkelheit allein ihn faͤhig machte, Des Namens werth zu ſeyn? König. Was bringt Ihr mir? Marquis. Als ich das Vorgemach durchgehe, Hör' ich von einem ſchrecklichen Gerüchte, Das mir unglaublich daͤucht— Ein heftiger Wortwechſel— Blut— die Königin— 345 König. Ihr kommt von dort? Marquis. Entſetzen ſollt' es mich, Wenn das Gerücht nicht Unrecht hätte, wenn Von Eurer Majeſtät indeß vielleicht Etwas geſchehen waͤre— Wichtige Entdeckungen, die ich gemacht, verändern Der Sache ganze Lage. König. Nun? Marquis. Ich fand Gelegenheit, des Prinzen Portefeuille Mit einigen Papieren wegzunehmen, Die, wie ich hoffe, ein'ges Licht— (Er gibt Carlos Brieftaſche dem Könige.) König(durchſieht ſie begierig). . Ein Schreiben Vom Kaiſer, meinem Vater—— Wie? Von dem Ich nie gehört zu haben mich entſinne? (Er liest es durch, legt es bei Seite und eilt zu den andern Papieren.) Der Plan zu einer Feſtung— Abgeriſſ'ne Gedanken aus dem Tacitus— Und was Denn hier?— Die Hand ſollt' ich doch kennen! Es iſt von einer Dame. (Er liest aufmerkſam, bald laut, bald leiſe.) „Dieſer Schlüſſel—— „Die hintern Zimmer in dem Pavillon „Der Königin“— Ha! Was wird Das?—„Hier darf „Die Liebe frei— Erhörung— ſchöner Lohn“— 346 Sataniſche Verraͤtherei! Jetzt kenn' ich's, Sie iſt es. Es iſt ihre Hand! Marquis. Die Hand 4 Der Königin? Unmöglich— 7 König. Der Prinzeſſin Von Eboli— ii a 4 Marquis. So wär' es wahr, was mir Unlängſt der Page Henarez geſtanden, Der Brief und Schlüſſel überbrachte. 3 König (des Marquis Hand faſſend, in heftiger Bewegung). Marquis, Ich ſehe mich in fuͤrchterlichen Haͤnden! Dies Weib— ich will es nur geſtehen— Marquis, Dies Weib erbrach der Königin Schatulle, Die erſte Warnung kam von ihr— Wer weiß, Wie viel der Mönch drum wiſſen mag— Ich bin Durch ein verruchtes Bubenſtück betrogen. Marquis. Dann war' es ja noch glücklich— König. Marquis! Marquis! Ich fange an zu fuͤrchten, daß ich meiner Gemahlin doch zu viel gethan— Marquis. Wenn zwiſchen Dem Prinzen und der Königin geheime Verſtändniſſe geweſen ſind, ſo waren 347 Sie ſicherlich von weit— weit anderm Inhalt, Als deſſen man ſie angeklagt. Ich habe Gewiſſe Nachricht, daß des Prinzen Wunſch, Nach Flandern abzureiſen, in dem Kopfe Der Königin entſprang. König. Ich glaubt' es immer. Marquis. Die Königin hat Ehrgeiz— Darf ich mehr Noch ſagen?— Mit Empfindlichkeit ſieht ſie In ihrer ſtolzen Hoffnung ſich getaͤuſcht Und von des Thrones Antheil ausgeſchloſſen. Des Prinzen raſche Jugend bot ſich ihren Weit blickenden Entwürfen dar— ihr Herz— Ich zweifle, ob ſie lieben kann. König. Vor ihren Staatsklugen Planen zittr' ich nicht. Maraguis. Ob ſie geliebt wird?— Ob von dem Infanten Nichts Schlimmeres zu fürchten? Dieſe Frage Scheint mir der Unterſuchung werth. Hier, glaub' ich, Iſt eine ſtrenge Wachſamkeit vonnöthen— König. Ihr haftet mir für ihn.— Marquis(nach einigem Bedenken). Wenn Eure Majeſtaͤt Mich fähig halten, dieſes Amt zu führen, So muß ich bitten, es uneingeſchränkt Und ganz in meine Hand zu übergeben. 348 König. Das ſoll geſchehen. Marquis. Wenigſtens durch keinen Gehülfen, welchen Namen er auch habe, In Unternehmungen, die ich etwa Fuͤr nothig finden koͤnnte, mich zu ſtören— König. Durch keinen. Ich verſprech' es Euch. Ihr wart Mein guter Engel. Wie viel Dank bin ich Für dieſen Wink Euch ſchuldig! (Zu Lerma, der bei den letzten Worten hereintritt.) Wie verließt Ihr Die Königin? Lerma. Noch ſehr erſchöpft von ihrer Ohnmacht. (Er ſieht den Marquis mit zweideutigen Blicken an und geht.) Marquis(nach einer Pauſe zum Koͤnig). Noch eine Vorſicht ſcheint mir nöthig. Der Prinz, fürcht' ich, kann Warnungen erhalten. Er hat der guten Freunde viel— vielleicht Verbindungen in Gent mit den Rebellen. Die Furcht kann zu verzweifelten Entſchlüſſen Ihn führen— Darum rieth' ich an, gleich jetzt Vorkehrungen zu treffen, dieſem Fall Durch ein geſchwindes Mittel zu begegnen. König. Ihr habt ganz Recht. Wie aber— Marguis. . Ein geheimer Verhaftsbefehl, den Eure Majeſtät 349 In meine Haͤnde niederlegen, mich Im Augenblicke der Gefahr ſogleich Desſelben zu bedienen— und— (Wie ſich der Koͤnig zu bedenken ſcheint.) Es bleibe Fürs Erſte Staatsgeheimniß, bis— König Gum Schreibepult gehend und den Verhaftsbefehl niederſchreibend). Das Reich Iſt auf dem Spiele— Außerordentliche Mittel Erlaubt die dringende Gefahr— Hier, Marquis— Euch brauch' ich keine Schonung zu empfehlen— Marquis(empfaͤngt den Verhaftsbefehl). Es iſt aufs Aeußerſte, mein König. König(legt die Hand auf ſeine Schulter). Geht, Geht, lieber Marquis— Ruhe meinem Herzen Und meinen Nachten Schlaf zurück zu bringen. (Beide gehen ab zu verſchiedenen Seiten.) Galerie. *. Dreizehnter Auftritt. Carlas kommt in der größten Beängſtigung. Graf Lerma 4 ihm entgegen. Carlos. Sie ſuch' ich eben. Lerma. Und ich Sie. 350 Carlos. Iſt's wahr? Um Gottes willen, iſt es wahr? Lerma. Was denn? Carlos. Daß er den Dolch nach ihr gezückt? daß man Aus ſeinem Zimmer blutig ſie getragen? Bei allen Heiligen, antworten Sie! Was muß ich glauben? was iſt wahr? Lerma. Sie fiel Ohnmächtig hin und ritzte ſich im Fallen. Sonſt war es nichts. Carlos. Sonſt hat es nicht Gefahr? Sonſt nicht? Bei Ihrer Ehre, Graf? Lerma. Nicht für Die Königin— doch deſto mehr für Sie. Carlos. Für meine Mutter nicht! Nun, Gott ſey Dank! Mir kam ein ſchreckliches Gerucht zu Ohren, Der Koͤnig raſe gegen Kind und Mutter, Und ein Geheimniß ſey entdeckt. Lerma. Das Letzte Kann auch wohl wahr ſeyn— Carlos. Wahr ſeyn! Wie? 351 Lerma. Prinz, eine Warnung gab ich Ihnen heute, Die Sie verachtet haben. Nützen Sie Die zweite beſſer. Carlos. Wie? Lerma. Wenn ich mich anders Nicht irre, Prinz, ſah ich vor wen'gen Tagen Ein Portefenille von himmelblauem Sammt, Mit Gold durchwirkt, in Ihrer Hand— Carlos(etwas beſtürzt). So eines Beſitz' ich. Ja— Nun?— Lerma. Auf der Decke, glaub' ich, Ein Schattenriß, mit Perlen eingefaßt— Carlos. Ganz recht. Lerma. Als ich vorhin ganz unvermuthet Ins Cabinet des Königs trat, glaubt' ich Das naͤmliche in ſeiner Hand zu ſehen, Und Marquis Poſa ſtand bei ihm— Carlos (nach einem kurzen erſtarrenden Stillſchweigen, heftig). Das iſt Nicht wahr. Lerma(empfindlich). Dann freilich bin ich ein Betrüger. Carlos(ſieht ihn lange an). „Der ſind Sie. Ja. 35²2 Lerma. Ach! ich verzeih' es Ihnen. Carlos (geht in ſchrecklicher Bewegung auf und nieder und bleibt endlich vor ihm ſtehen). Was hat er dir zu Leid gethan? Was haben Die unſchuldsvollen Bande dir gethan, Die du mit hölliſcher Geſchaftigkeit Zu reißen dich beeiferſt? LTerma. Prinz, ich ehre Den Schmerz, der Sie unbillig macht. Carlos. O Gott! Gott!— Gott! Bewahre mich vor Argwohn! Lerma. Auch Erinnr' ich mich des Königs eigner Worte. Wie vielen Dank, ſagt' er, als ich herein trat, Bin ich fuͤr dieſe Neuigkeit euch ſchuldig! . Carlos. O, ſtille! ſtille! Lerma. Herzog Alba ſoll Gefallen ſeyn— dem Prinzen Ruy Gomez Das große Siegel abgenommen und Dem Marquis üͤbergeben ſeyn— Carlos an tiefes Grübeln verloren). und mir verſchwieg er! Warum verſchwieg er mir? 1 353 Lerma. Der ganze Hof Staunt ihn ſchon als allmächtigen Miniſter, Als unumſchränkten Günſtling an— Carlos. Er hat Mich lieh gehabt, ſehr lieb. Ich war ihm theuer, Wie ſeine eigne Seele. O, Das weiß ich— Das haben tauſend Proben mir erwieſen. Ddch ſollen Millionen ihm, ſoll ihm Das Vaterland nicht theurer ſeyn als Einer? Sein Buſen war fuͤr einen Freund zu groß, Und Carlos Glück zu klein für ſeine Liebe. Er opferte mich ſeiner Tugend. Kann Ich ihn drum ſchelten?— Ja, es iſt gewiß! Jetzt iſt's gewiß. Jetzt hab' ich ihn verloren. (Er geht ſeitwärts und verhüllt das Geſicht.) Kerma(nach einigem Stillſchweigen). M dein beſter Prinz, was kann ich für Sie thun? Carlos(ohne ihn anzuſehen). Zum Köoͤnig gehen und mich auch verrathen. Ich habe nichts 2u ſchenken. Lerma. Wollen Sie Erwarten, was erfolgen mag? Carlos (ſtutzt ſich auf das Geländer und ſieht ſtarr vor ſich hinaus), Ich hab' ihn Verloren. O, jetzt bin ich ganz verlaſſen! Lerma(naͤhert ſich ihm mit theilnehmender Rührung). Sie wollen nicht auf Ihre Rettung denken? Schillers ſaͤmmtl. Werke. 111I. 354 Carlos. Auf meine Rettung?— Guter Menſch! Lerma. Und ſonſt, Sonſt haben Sie für Niemand mehr zu zittern? Carlos(fährt auf). Gott! Woran mahnen Sie mich!— Meine Mutter! Der Brief, den ich ihm wieder gabl ihm erſt Nicht laſſen wollte und doch ließ! 3 (Er geht heftig und die Hände ringend auf und nieder.) Womit Hat ſie es denn verdient um ihn? Sie haͤtt' er Doch ſchonen ſollen. Lerma, haͤtt' er nicht? (Raſch, entſchloſſen.) Ich muß zu ihr— ich muß ſie warnen, muß Sie vorbereiten— Lerma, lieber Lerma— Wen ſchick' ich denn? Hab' ich denn Niemand mehr? Gott ſey gelobt! Noch einen Freund— und hier Iſt nichts mehr zu verſchlimmern. (Schnell ab.) Lerma(folgt ihm und ruft ihm nach). Prinz! Wohin? (Geht ab.) Vierzehnter Auftritt. Die Königin. Alba. Domingo. Alba. Wenn uns vergönnt iſt, große Königin— 35⁵ Königin. Was ſteht zu Ihren Dienſten? Domingo. Redliche Beſorgniß Für Ihrer koͤniglichen Majeſtaͤt Erhabene Perſon erlaubt uns nicht Bei einem Vorfall müßig ſtill zu ſchweigen, Der Ihre Sicherheit bedroht. Alba. Wir eilen, Durch unſre zeit'ge Warnung ein Complot, Das wider Sie geſpielt wird, zu entkräften— Domingo. Und unſern Eifer— unſre Dienſte zu Den Füͤßen Ihrer Majeſtät zu legen. Königin(ſeht ſie verwundernd an). Hochwürd'ger Herr, und Sie, mein edler Herzog, Sie überraſchen mich wahrhaftig. Solcher Ergebenheit war ich mir von Domingo Und Herzog Alba wirklich nicht vermuthend. Ich weiß, wie ich ſie ſchätzen muß— Sie nennen Mir ein Complot, das mich bedrohen ſoll. Darf ich erfahren, wer—— Alba. Wir bitten Sie, Vor einem Marquis Poſa ſich zu hüten, Der für des Königs Majeſtat geheime Geſchafte führt. Königin. Ich höre mit Vergnuͤgen, Daß der Monarch ſo gut gewählt. Den Marzuls 356 Hat man mir laͤngſt als einen guten Menſchen, Als einen großen Mann geruͤhmt. Nie ward Die höchſte Gunſt gerechter ausgetheilt— Domingo. Gerechter ausgetheilt? Wir wiſſen's beſſer. Alba. Es iſt laͤngſt kein Geheimniß mehr, wozu Sich dieſer Menſch gebrauchen laſſen. Königin. Wie? Was wär' denn Das? Sie ſpannen meine ganze Erwartung. Domingg. — Iſt es ſchon von Lange, Daß Ihre Majeſtät zum letzten Mal in Ihrer Schatulle nachgeſehen? Königin. 3 Wie? Domingo. Und haben Sie nichts darin vermißt von Koſtbarkeiten? Königin. Wie ſo? warum? Was ich vermiſſe, weiß Mein ganzer Hof— Doch Marquis Poſa? Wie Kommt Marzuis Poſa damit in Verbindung? Alba. Sehr nahe, Ihre Majeſtät— denn auch Dem Prinzen fehlen ridtins Papiere, Die in des Königs Handen dieſen Morgen Geſehen worden— als der Chevalier Geheime Audienz gehabt. — ᷣ— — Vir Ihnen im Verborgnen— 357 Königin(nach einigem Nachdenken). Sehr ſeltſam, Bei Gott! und aͤußerſt ſonderbar!— Ich finde Hier einen Feind, von dem mir nie getraumt, Und wiederum zwei Freunde, die ich nie beſeſſen Zu haben mich entſinnen kann— Denn wirklich (Indem ſie einen durchdringenden Blick auf Beide geheſtet.) Muß ich geſtehn, ich war ſchon in Gefahr, Den ſchlimmen Dienſt, der mir bei meinem Herrn Geleiſtet worden— Ihnen zu vergeben. Alba. Uns? Königin. Ihnen. Dominga. Herzog Alba! Uns! Königin (noch immer die Augen feſt auf ſie gerichtet). Wie lieb Iſt es mir alſo, meiner Uebereilung So bald gewahr zu werden— Ohnehin Hatt' ich beſchloſſen, Seine Majeſtät Noch heut' zu bitten, meinen Kläger mir Zu ſtellen. Um ſo beſſer nun! So kann ich Auf Herzog Albas Zeugniß mich berufen. Alba. Auf mich? Das wollen Sie im Ernſt? Königin. Warum nicht? Damingo. Um alle Dienſte zu entkraften, die 358 Königin. Im Verborgnen? (Mit Stolz und Ernſt.) Ich wünſchte doch zu wiſſen, Herzog Alba, Was Ihres Königs Frau mit Ihnen oder Mit Ihnen, Prieſter, abzureden hätte, Das ihr Gemahl nicht wiſſen darf—— Bin ich Unſchuldig oder ſchuldig? Domingo. 3 Welche Frage! Alba. Doch, wenn der Koͤnig ſo gerecht nicht waͤre? Es jetzt zum Mindeſten nicht waͤre? Königin. Dann Muß ich erwarten, bis er's wird— Wohl Dem, Der zu gewinnen hat, wenn er's geworden! (Sie macht ihnen eine Verbeugung und geht ab; Fene entfernen ſich nach einer andern Seite.) Zimmer der Prinzeſſin von Eboli. Fünfzehnter Auftritt. Prinzeſſin von Eboli. Gleich darauf Carlas. Eboli. So iſt ſie wahr, die außerordentliche Zeitung, Die ſchon den ganzen Hof erfüllt? Carlos(trltt herein). 3 Erſchrecken Sie Nicht, Fuͤrſtin! Ich will ſanft ſeyn, wie ein Kind. — 359 Eboli. Prinz— dieſe Ueberraſchung. Carlos. Sind Sie noch Beleidigt? noch? Eboli. Prinz! Carlos(dringender). Sind Sie noch beleidigt? Ich bitte, ſagen Sie es mir. Eboli. Was ſoll Das? Sie ſcheinen zu vergeſſen, Prinz— Was ſuchen Sie bei mir.. Carlos(ihre Hand mit Heftigkeit faſſend). Mädchen, kannſt du ewig haſſen? Verzeiht gekraͤnkte Liebe nie? Eboli(will ſich losmachen). Woran Erinnern Sie mich, Prinz! Carlos. An deine Güte Und meinen Undank Ach!l ich weiß es wohl! Schwer hab' ich dich beleidigt, Maͤdchen, habe Dein fanftes Herz zerriſſen, habe Thräͤnen Gepreßt aus dieſen Engelsblicken— ach! Und bin auch jetzt nicht hier, es zu bereuen. Eboli. Prinz, laſſen Sie mich— ich— Carlos. Ich bin gekommen, 1 360 Weil du ein ſanftes Maͤdchen biſt, weil ich Auf deine gute, ſchoͤne Seele baue. Sieh', Maͤdchen, ſieh', ich habe keinen Freund mehr Auf dieſer Welt, als dich allein. Einſt warſt Du mir ſo gut— du virſt nicht ewig haſſen Und wirſt nicht unverſöhnlich feyn. Eboli(wendet das Geſicht ab). O, ſtille! Nichts mehr, um Gottes willen, Prinz!— Carlos. Laß mich An jene goldnen Zeiten dich erinnern— An deine Liebe laß mich dich erinnern, An deine Liebe, Maͤdchen, gegen die Ich ſo unwürdig mich verging. Laß mich Jetzt geltend machen, was ich dir geweſen, Was deines Herzens Traͤume mir gegeben— Noch einmal— nur noch einmal ſtelle mich So, wie ich damals war, vor deine Seele, Und dieſem Schatten opfre, was du mir, Mir ewig nie mehr opfern kannſt. Eboli. O, Carl! Wie grauſam ſpielen Sie mit mir! Carlos. Sey groͤßer, Als dein Geſchlecht. Vergiß Beleidigungen! Thu', was vor dir kein Weib gethan— nach dir Kein Weib mehr thun wird. Etwas Unerhoͤrtes Fordr' ich von dir— Laß mich— auf meinen Knien 361 Beſchwör' ich dich— laß mich, zwei Worte laß mich Mit meiner Mutter ſprechen! (Er wirft ſich vor ihr nieder.) Sechzehnter Auftritt. Die Vorigen. Marquis von Poſa füürzt herein, binter ihme zwei Officiere der koͤniglichen Leibwache. Marquis(athemlos, außer ſich dazwiſchentretend). Was hat er Geſtanden? Glauben Sie ihm nicht! Carlos (noch auf den Knien, mit erhobener Stimme). Bei Allem Was heilig— Marauis(unterbricht ihn mit Heftigkeit). Er iſt raſend. Hoͤren Sie Den Raſenden nicht an! Carlos Clauter, dringender). Es gilt um Tod Und Leben. Führen Sie mich zu ihr! 3 Marquis Gieht die Prinzeſſin mit Gewalt von ihm). Ich Ermorde Sie, wenn Sie ihn horen. (Iu einem von den Officieren.) —. Graf Von Cordua! Im Namen des Monarchen. (Er zeigt den Verhaftbefehl.) 362 Der Prinz iſt Ihr Gefangener. (Carlos ſteht erſtarrt, wie vom Donner gerührt. Die Prinzeſſin ſtößt einen Laut des Schreckens aus und will fliehen, die Officiere erſtaunen. Eine lange und tieſe Pauſe. Man ſieht den Marquis ſehr heftig zittern und mit Mühe ſeine Faſſung behalten.) (Zum Prinzen.) Ich bitte Um Ihren Degen.— Fürſtin Eboli, Sie bleiben! und (Zu dem Officier.) Sie haften mir dafür, Daß Seine Hoheit Niemand ſpreche— Niemand— Sie ſelbſt nicht, bei Gefahr des Kopfs! (Er ſpricht noch Einiges leiſe mit dem Officier, darauf wendet er ſich zum andern.) Ich werfe Sogleich mich ſelbſt zu des Monarchen Füßen, Ihm Rechenſchafr zu geben— .(Ju Carlos.) Und auch Ihnen— Erwarten Sie mich, Prinz— in einer Stunde. (Carlos lißt ſich ohne Zeichen des Bewußtſeyns hinwegfuͤhren.— Nur im Voräübergehen laͤßt er einen matten, ſterbenden Blick auf den Marquis fallen, der ſein Geſicht verhüllt. Die Prinzeſſin verſucht es noch einmal, zu entfliehen; der Marquis fuͤhrt ſie am Arme zurück.) Siebenzehnter Auftritt. Prinzeſſin von Eboli. Marquis von Poſa. Eboli. Um aller Himmel willen, laſſen Sie Mich dieſen Ort— 363 Marquis (kührt ſie ganz vor, mit fürchterlichem Ernſt). Was hat er dir geſagt, Ungluͤckliche? Eboli. Nichts— Laſſen Sie mich— Nichts— Marquis(hält ſie mit Gewalt zurück. Ernſter). Wie viel haſt du erfahren? Hier iſt kein Entrinnen mehr. Du wirſt auf dieſer Welt Es Niemand mehr erzählen. Eboli(ſieht ihm erſchrocken ins Geſicht). Großer Gott! Was meinen Sie damit? Sie wollen mich Doch nicht ermorden? Marquis(zieht einen Dolch). In der That, Das bin Ich ſehr geſonnen. Mach' es kurz! Eboli.. Mich? mich? O ewige Barmherzigkeit! Was hab' Ich denn begangen? Marquis Gum Himmel ſehend, den Dolch auf ihre Bruſt geſetzt). Noch iſt's Zeit. Noch trat Das Gift nicht uͤber dieſe Lippen. Ich Zerſchmettre das Gefäß, und Alles bleibt, Wie es geweſen— Spaniens Verhängniß Und eines Weibes Leben!— (Er bleibt in dieſer Stellung zweifelhaft ruhen.) Eboli (iſt an ihm niedergeſunken und ſieht ihm feſt ins Geſicht). Nun? Was zaudern Sie? 364 Ich bitte nicht um Schonung— Nein! Ich habe Verdient zu ſterben, und ich will's. Margquis (läßt die Hand langſam ſinken. Nach einem kurzen Beſinnen). Das waͤre So feig, als es barbariſch iſt— Nein, nein! Gott ſey gelobt! Noch gibt's ein andres Mittel! (Er läßt den Dolch fallen und eilt hinaus. Die Prinzeſſin ſtuͤrzt ſort durch eine andere Thuͤre.) 4 Ein Zimmer der Königin.— Achtzehnter Auftritt. Die Känigin zur Gräſin Fuentes. Was fuͤr ein Auflauf im Palaſte? Jedes Getöͤſe, Gräfin, macht mir heute Schrecken. O, ſehen Sie doch nach und ſagen mir, Was es bedeutet. (Die Graͤfi Fuentes geht ab, und herein ſtürzt die Prinzeſſin von Eboli.) Neunzehnter Auftritt. Die Königin. Die Prinzeſſin von Eboli. Eboli (athemlos, bleich und entſtellt vor der Königin niedergeſunken). Königin! Zu Hülfe! Er iſt gefangen. 365 Abnigin. Wer? Eboli. Der Marquis Poſa Nahm auf Befehl des Königs ihn gefangen. Königin. Wen aber? wen? Eboli. Den Prinzen. Königin. Raſeſt du? Eboli. So eben führen ſie ihn fort. Königin. Und wer Nahm ihn gefangen? 3 Eboli. Marquis Poſa. Königin. Nun, Gott ſey gelobt, daß es der Marquis war, Der ihn gefangen nahm! Eboli. Das ſagen Sie So ruhig, Königin? ſo kalt?— O Gott! Sie ahnen nicht— Sie wiſſen nicht— Königin. Warum er Gefangen worden?— Eines Fehltritts wegen, Vermuth' ich, der dem heftigen Charakter Des Jünglings ſehr natuͤrlich war. 366 Eboli. Nein, nein! Ich weiß es beſſer— Nein— O Königin! Verruchte, teufeliſche That!— Für ihn Iſt keine Rettung mehr! Er ſtirbt! Königin. Er ſtirbt? Eboli. Und ſeine Moͤrderin bin ich! Königin. Er ſtirbt? Wahnſinnige, bedenkſt du? Eboli. Und warum— Warum er ſtirbt!— O, hätt' ich wiſſen koͤnnen, Daß es bis dahin kommen würde! Königin(nimmt ſie gütig bei der Hand). Fürſtin! Noch ſind Sie außer Faſſung. Sammeln Sie Erſt Ihre Geiſter, daß Sie ruhiger, Nicht in ſo grauenvollen Bildern, die Mein Innerſtes durchſchauern, mir erzählen. Was wiſſen Sie? Was iſt geſchehen? Eboli. O! Nicht dieſe himmliſche Herablaſſung, Nicht dieſe Gute, Königin! Wie Flammen Der Hölle ſchlägt ſie brennend mein Gewiſfen. Ich bin nicht wuͤrdig, den entweihten Blick Zu Ihrer Glorie empor zu richten. Zertreten Sie die Elende, die ſich, 367 Zerknirſcht von Reue, Scham und Selbſtverachtung, Zu Ihren Füßen krummt. Königin. Unglückliche! Was haben Sie mir zu geſtehen? Eboli. Engel Des Lichtes! Große Heilige! Noch kennen, Noch ahnen Sie den Teufel nicht, dem Sie So liebevoll gelaͤchelt— Lernen Sie Ihn heute kennen. Ich— ich war der Dieb, Der Sie beſtohlen.— Königin. Sie? Eboli. . 3 Und jene Briefe Dem Koͤnig ausgeliefert— Königin. Sie? Eboli. Der ſich Erdreiſtet hat, Sie anzuklagen— Königin. Sie, Sie konnten— Eboli. Rache— Liebe— Raſerei— Ich haßte Sie und liebte den Infanten— Königin. Weil Sie ihn liebten— 2 368 Eboli. Weil ich's ihm geſtanden Und keine Gegenliebe fand. Königin(nach einem Stillſchweigen). O, jetzt Enträthſelt ſich mir Alles!— Stehn Sie auf! Sie liebten ihn— ich habe ſchon vergeben. Es iſt nun ſchon vergeſſen— Stehn Sie auf! (Sie reicht ihr den Arm.) Eboli. Nein! nein! Ein ſchreckliches Geſtändniß iſt noch übrig. Nicht eher, große Königin— Königin(aufmerkſam). Was werd' ich Noch hören muͤſſen? Reden Sie— Eboli. Der König— Verführung— O, Sie blicken weg— Ich leſe In Ihrem Angeſicht Verwerfung— Das Verbrechen, deſſen ich Sie zeihte— ich Beging es ſelbſt. (Sie druͤckt ihr glühendes Geſicht auf den Boden. Die Koͤnigin geht ab. Große Pauſe. Die Herzogin von Olivarez kommt nach einigen Mi⸗ nuten aus dem Cabinet, in welches die Königin gegangen war und findet die Fürſtin noch in der vorigen Stellung liegen. Sie nähert ſich ihr ſtillſchweigend; auf das Geräuſch richtet ſich die Letztere auf und fährt wie eine Raſende in die Hoͤhe, da ſie die Königin nicht mehr gewahr wird.) 369 Zwanzigſter Auftritt. Prinzeſſin von Ebali. Herzogin von Olivarez. Eboli. Gott, ſie hat mich verlaſſen! Jetzt iſt es aus. Olivarez ttritt ihr naͤher). Prinzeſſin Eboli— Eboli. Ich weiß, warum Sie kommen, Herzogin. Die Koͤnigin ſchickt Sie heraus, mein Urtheil Mir anzukündigen— Geſchwind! Olivarez. — Ich habe Befehl von Ihrer Majeſtat, Ihr Kreuz Und Ihre Schlüſſel in Empfang zu nehmen— Eboli. (nimmt ein goldenes Ordenskreuz vom Buſen und gibt es in die Haͤnde der Herzogin). Doch einmal noch iſt mir vergönnt, die Hand Der beſten Königin zu küſſen? Olivarez. Im Marienkloſter wird man Ihnen ſagen, Was über Sie beſchloſſen iſt. Eboli(unter hervorſtuͤrzenden Thränen). Ich ſehe Die Königin nicht wieder? Olivarez(umarmt ſie mit abgewandtem Geſicht). Leben Sie glücklich! Schillers ſaͤmmtl. Werke. I11. 370 (Sie geht ſchnell fort. Die Prinzeſſin folgt ihr bis an die Thuͤre des Cabi⸗ nets, welche ſogleich hinter der Herzogin verſchloſſen wird. Einige Mi⸗ nuten bleibt ſie ſtumm und unbeweglich auf den Knien davor liegen, dann rafft ſie ſich auf und eilt hinweg mit verhuͤlltem Geſicht.) Ein und zwanzigſter Auftritt. Königin. Marquis von Poſa. Königin. Ach, endlich, Marquis! Glücklich, daß Sie kommen! Marquis (bleich, mit zerſtoͤrtem Geſicht, bebender Stimme und durch dieſen ganzen Auftritt in feierlicher, tiefer Bewegung). Sind Ihre Majeſtät allein? Kann Niemand In dieſen nächſten Zimmern uns behorchen? Königin. Kein Menſch— Warum? Was bringen Sie? (Indem ſie ihn genauer anſieht und erſchrocken zuruͤck tritt.) Und wie So ganz veraͤndert! Was iſt Das? Sie machen Mich zittern, Marquis— alle Ihre Züge Wie eines Sterbenden entſtellt— Marquis. Sie wiſſen Vermuthlich ſchon— Königin. Daß Carl gefangen worden, Und zwar durch Sie, ſetzt man hinzu— So iſt Es dennoch wahr? Ich wollt' es keinem Menſchen Als Ihnen glauben. Marquis. Es iſt wahr. 371 Königin. Durch Sie? 3 Marquis. Durch mich. Königin (ſieht ihn einige Augenblicke zweifelhaft an). Ich ehre Ihre Handlungen, Auch wenn ich ſie nicht faſſe— Diesmal aber, Verzeihen Sie dem bangen Weib— Ich fürchte, Sie ſpielen ein gewagtes Spiel. 4 Marquis. 3 Ich hab' es Verloren. Königin. Gott im Himmel! Marquis. Sey'n Sie Ganz ruhig, meine Königin. Für ihn Iſt ſchon geſorgt. Ich hab' es mir verloren. Königin. Was werd' ich horen! Gott! 1 4 Marquis. Denn wer, Wer hieß auf einen zweifelhaften Wurf Mich Alles ſetzen? Alles? ſo verwegen, So zuverſichtlich mit dem Himmel ſpielen? Wer iſt der Menſch, der ſich vermeſſen will, Des Zufalls ſchweres Steuer zu regieren Und doch nicht der Allwiſſende zu ſeyn? O, es iſt billig!— Doch warum denn jetzt Von mir? Der Augenblick iſt koſtbar, wie 372 Das Leben eines Menſchen! Und wer weiß, Ob aus des Richters karger Hand nicht ſchon Die letzten Tropfen für mich fallen? Königin. Aus Des Richters Hand?— Welch feierlicher Ton! Ich faſſe nicht, was dieſe Reden meinen, Doch ſie entſetzen mich— Marquis. . Er iſt gerettet! Um welchen Preis er's iſt, gleichviel! Doch nur Fuͤr Heute. Wenig Augenblicke ſind Noch ſein. Er ſpare ſie. Noch dieſe Nacht Muß er Madrid verlaſſen. Königin. Dieſe Nacht noch? Marquis. Anſtalten ſind getroffen. In demſelben Carthaäuſerkloſter, das ſchon lange Zeit Die Zuflucht unſrer Freundſchaft war geweſen, Erwartet ihn die Poſt. Hier iſt in Wechſeln, Was mir das Glück auf dieſer Welt gegeben. Was mangelt, legen Sie noch bei. Zwar hätt' ich An meinen Carl noch Manches auf dem Herzen, Noch Manches, das er wiſſen muß; doch leicht Könnt' es an Muße mir gebrechen, Alles Perſönlich mit ihm abzuthun— Sie ſprechen Ihn dieſen Abend, darum wend' ich mich An Sie— Königin. Um meiner Ruhe willen, Marquis, 373 Erklären Sie ſich deutlicher— nicht in So fürchterlichen Räthſeln reden Sie Mit mir— Was iſt geſchehn? Marquis. G Ich habe noch Ein wichtiges Bekenntniß abzulegen: In Ihre Haͤnde leg' ich's ab. Mir ward Ein Gluͤck, wie es nur Wenigen geworden: Ich liebte einen Fürſtenſohn— Mein Herz, Nur einem Einzigen geweiht, umſchloß Die ganze Welt!— In meines Carlos Seele Schuf ich ein Paradies für Millionen. O, meine Traͤume waren ſchͤn— Doch es Geſiel der Vorſehung, mich vor der Zeit Von meiner ſchönen Pflanzung abzurufen. Bald hat er ſeinen Noderich nicht mehr, Der Freund hört auf in der Geliebten. Hier, Hier— hier— auf dieſem heiligen Altare, Im Herzen ſeiner Koͤnigin leg' ich Mein letztes koſtbares Vermächtniß nieder, Hier find' er's, wenn ich nicht mehr bin— (Er wendet ſich ab, Thränen erſticken ſeine Stimme.) Königin. Das iſt Die Sprache eines Sterbenden. Noch hoff' ich, Es iſt nur Wirkung Ihres Blutes— oder Liegt Sinn in dieſen Reden? Marquis (hat ſich zu ſammeln geſucht und fährt mit feſterm Tone fort.) Sagen Sie Dem Prinzen, daß er denken ſoll des Eides, 374 Den wir in jenen ſchwärmeriſchen Tagen Auf die getheilte Hoſtie geſchworen. Den meinigen hab' ich gehalten, bin Ihm treu geblieben bis zum Tod— jetzt iſt's An ihm, den ſeinigen— Königin. Zum Tod? Marquis. Er mache— O, ſagen Sie es ihm! das Traumbild wahr, Das kühne Traumbild eines neuen Staates, Der Freundſchaft göttliche Geburt. Er lege Die erſte Hand an dieſen rohen Stein. Ob er vollende oder unterliege— Ihm einerlei! Er lege Hand an. Wenn Jahrhunderte dahin geflohen, wird Die Vorſicht einen Fürſtenſohn, wie er, Auf einem Thron, wie ſeiner, wiederholen Und ihren neuen Liebling mit derſelben Begeiſterung entzünden. Sagen Sie 3 Ihm, daß er für die Traume ſeiner Jugend Soll Achtung tragen, wenn er Mann ſeyn wird, Nicht oͤffnen ſoll dem toͤdtenden Inſecte Gerühmter beſſerer Vernunft das Herz Der zarten Goͤtterblume— daß er nicht Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit Begeiſterung, die Himmelstochter, laͤſtert. Ich hab' es ihm zuvor geſagt— Königin. Wie, Marquis? Und wozu führt— 375 Marquis. Und ſagen Sie ihm, daß Ich Menſchenglück auf ſeine Seele lege, Daß ich es ſterbend von ihm fordre— fordre! Und ſehr dazu berechtigt war. Es hätte Bei mir geſtanden, einen neuen Morgen Heraufzuführen über dieſe Reiche. Der König ſchenkte mir ſein Herz. Er nannte Mich ſeinen Sohn— Ich führe ſeine Siegel, Und ſeine Alba ſind nicht mehr. (Er hält inne und ſieht einige Augenblicke ſtillſchweigend„auf die Koͤnigin.). Sie weinen— O, dieſe Thränen kenn' ich, ſchöne Seele! Die Freude macht ſie fließen. Doch— vorbei, Es iſt vorbei. Carl oder ich! Die Wahl War ſchnell und ſchrecklich. Einer war verloren, Und ich will dieſer Eine ſeyn— ich lieber— Verlangen Sie nicht mehr zu wiſſen. Königin. Jetzt, Jetzt endlich fang' ich an, Sie zu begreifen— Unglücklicher, was haben Sie gethan? Marquis. Zwei kurze Abendſtunden hingegeben, Um einen hellen Sommertag zu retten. Den König geb' ich auf. Was kann ich auch Dem König ſeyn?— In dieſem ſtarren Boden Blüht keine meiner Roſen mehr— Europas Verhaͤngniß reift in meinem großen Freunde! Auf ihn verweiſ' ich Spanien— Es blute 4 8 376 Bis dahin unter Philipps Hand!— Doch, weh'! Weh' mir und ihm, wenn ich bereuen ſollte, Vielleicht das Schlimmere gewahlt!— Nein, nein! Ich kenne meinen Carlos— Das wird nie Geſchehn— und meine Bürgin, Koͤnigin, Sind Siel (Nach einigem Stillſchweigen.) Ich ſah ſie keimen, dieſe Liebe, ſah Der Leidenſchaften unglückſeligſte In ſeinem Herzen Wurzel faſſen— Damals Stand es in meiner Macht, ſie zu bekäͤmpfen. Ich that es nicht. Ich nahrte dieſe Liebe, Die mir nicht unglückſelig war. Die Welt Kann anders richten. Ich bereue nicht. Mein Herz klagt mich nicht an. Ich ſahe Leben, Wo ſie nur Tod— in dieſer hoffnungsloſen Flamme Erkannt' ich früh' der Hoffnung goldnen Strahl. Ich wollt' ihn führen zum Vortrefflichen, Zur höchſten Schönheit wollt' ich ihn erheben; Die Sterblichkeit verſagte mir ein Bild, Die Sprache Worte— da verwies ich ihn Auf dieſes— meine ganze Leitung war, Ihm ſeine Liebe zu erklaren. Königin. Marquis, Ihr Freund erfüllte Sie ſo ganz, daß Sie Mich über ihm vergaßen. Glaubten Sie Im Ernſt mich aller Weiblichkeit entbunden, Da Sie zu ſeinem Engel mich gemacht, Zu ſeinen Waffen Tugend ihm gegeben? Das überlegten Sie wohl nicht, wie viel 377 Für unſer Herz zu wagen iſt, wenn wir Mit ſolchen Namen Leidenſchaft veredeln? Marquis. Für alle Weiber, nur für eines nicht. Auf eines ſchwör' ich— oder ſollten Sie, Sie der Begierden edelſter ſich ſchämen, Der Heldentugend Schöpferin zu ſeyn? Was geht es König Philipp an, wenn ſeine Verklarung in Escurial den Maler, Der vor ihr ſteht, mit Ewigkeit entzündet? Gehoͤrt die ſüße Harmonie, die in Dem Saitenſpiele ſchlummert, ſeinem Kaͤufer, Der es mit taubem Ohr bewacht? Er hat Das Recht erkauft, in Trümmer es zu ſchlagen, Doch nicht die Kunſt, dem Silberton zu rufen Und in des Liedes Wonne zu zerſchmelzen. Die Wahrheit iſt vorhanden für den Weiſen, Die Schönheit für ein fühlend Herz. Sie Beide Gehören für einander. Dieſen Glauben Soll mir kein feiges Vorurtheil zerſtören. Verſprechen Sie mir, ewig ihn zu lieben, Von Menſchenfurcht, von falſchem Heldenmuth Zu nichtiger Verleugnung nie verſucht, Unwandelbar und ewig ihn zu lieben, Verſprechen Sie mir Dieſes?— Königin— Verſprechen Sie's in meine Hand? Königin. Mein Herz, Verſprech' ich Ihnen, ſoll allein und ewig Der Richter meiner Liebe ſeyn. 378 Marquis Gieht ſeine Hand zuruͤch). 6 Jetzt ſterb' ich Beruhigt— meine Arbeit iſt gethan. (Er neigt ſich gegen die Koͤnigin und will gehen.) Königin (begleitet ihn ſchweigend mit den Augen). Sie gehen, Marquis— ohne mir zu ſagen, Wann wir— wie bald— uns wiederſehn? Marquis. (kommt noch einmal zuruͤck, das Geſicht abgewendet). Gewiß! Wir ſehn uns wieder. Königin. Ich verſtand Sie, Poſa— Verſtand Sie recht gut— Warum haben Sie Mir Das gethan? 3 Marquis. Er oder ich. Königin. Nein, nein! Sie ſtürzten ſich in dieſe That, die Sie Erhaben nennen. Leugnen Sie nur nicht. Ich kenne Sie, Sie haben längſt darnach Geduürſtet— Mögen tauſend Herzen brechen, Was kümmert Sie's, wenn ſich Ihr Stolz nur weidet. O, jetzt— jetzt lern' ich Sie verſtehn! Sie haben Nur um Bewunderung gebuhlt. Marquis(betroffen, fuͤr ſich). 3 Nein! Darauf War ich nicht vorbereitet— 379 Königin(nuach einem Stillſchweigen). Marquis! Iſt keine Rettung möglich? Marquis. Keine. Königin. 1 Keine? Beſinnen Sie ſich wohl. Iſt keine möglich? Auch nicht durch mich? 8 Marquis. Auch nicht durch Sie. Königin. Sie kennen mich Zur Hälfte nur— ich habe Muth. Marganis. Ich weiß es. Königin. Und keine Rettung? Marquis. Keine. AKönigin (verläßt ihn und verhüllt das Geſicht). Gehen Sie! Ich ſchätze keinen Mann mehr. Marquis (in der heftigſten Bewegung vor ihr niedergeworfen). Königin! — O GSott, das Leben iſt doch ſchön! 3 (Er ſpringt auf und geht ſchnell ſort. Die Koͤnigin in ihr Eabinet.) Vorzimmer des Königs. Zwei und zwanzigſter Auftritt. Herzog von Alba und Domingo gehen ſtillſchweigend und abge⸗ ſondert auf und nieder. Graf Lerma kommt aus dem Cabinet des Königs, alsdann Don Raimond von Taris, der Oberpoſtmeiſter. Lerma. Ob ſich der Marquis noch nicht blicken laſſen? Alba. Noch nicht. (Lerma will wieder hineingehen.) Taris(tritt auf). Graf Lerma, melden Sie mich an. Lerma. Der König iſt für Niemand— Taris. 3 Sagen Sie, Ich muß ihn ſprechen— Seiner Majeſtät Iſt außerſt dran gelegen. Eilen Sie. Es leidet keinen Aufſchub. (Lerma geht ins Cabinet.) Alba ctritt zum Oberpoſtmeiſter). 3 Lieber Taris, 3 Gewoͤhnen Sie ſich zur Geduld. Sie ſprechen Den König nicht— . Caris. Nicht? Und warum? Alba. Sie haͤtten Die Vorſicht denn gebraucht, ſich die Erlaubniß 381 Beim Chevalier von Poſa auszuwirken, Der Sohn und Vater zu Gefangnen macht. Taris. Von Poſa? Wie? Ganz recht! Das iſt Derſelbe, V Aus deſſen Hand ich dieſen Brief empfangen— Alba. Brief? welchen Brief? Taris. Den ich nach Bruͤſſel habe Befoͤrdern ſollen— Alba(aufmerkſam). Brüſſel? Taris. Den ich eben Dem Koͤnig bringe— Alba. Brüſſel! Haben Sie Gehört, Caplan? Nach Brüſſel! * Domingo(tritt dazu). Das iſt ſehr Verdaͤchtig. Taris. Und wie ängſtlich, wie verlegen Er mir empfohlen worden! 4 Domingo. 4* Aengſtlich? So! Alba. An wen iſt denn die Aufſchrift? 4 4 3. Caris. An den Prinzen Von Naſſau und Oranien. Alba. An Wilhelm?— Caplan, Das iſt Verraͤtherei! Domingo. ¹ Was könnt' Es Anders ſeyn?— Ja, freilich, dieſen Brief Muß man ſogleich dem König überliefern. Welch ein Verdienſt von Ihnen, würd'ger Mann, So ſtreng zu ſeyn in Ihres Königs Dienſt! Taris. Hochwuͤrd'ger Herr, ich that nur meine Pflicht. Alba. Sie thaten wohl.— Lerma (kommt aus dem Cabinet. Zum Oberpoſtmeiſter). Der Koͤnig will Sie ſprechen. (Tarxis geht hinein.) Der Marquis immer noch nicht da? Domingo. Man ſucht Ihn aller Orten. Alba. Sonderbar und ſeltſam. Der Prinz ein Staatsgefangner, und der König Noch ſelber ungewiß, warum? Dominga. Er war Nicht einmal hier, ihm Rechenſchaft zu geben. Alba. Wie nahm es denn der König auf? I 383 Lerma. Der Koͤnig Sprach noch kein Wort.(Geraͤuſch im Eabinet.) Alba. Was war Das? Still! Taris(aus dem Cabinet). Graf Lerma! (Beide hinein.) Alba(zu Domingo). Was geht hier vor? Domingo. Mit dieſem Ton des Schreckens? Wenn dieſer aufgefangne Brief?— Mir ahnet Nichts Gutes, Herzog. Alba. Lerma läßt er rufen! Und wiſſen muß er doch, daß Sie und ich Im Vorſaal— Domingo. Unſre Zeiten ſind vorbei. Alba. Bin ich Derſelbe denn nicht mehr, dem hier Sonſt alle Thuͤren ſprangen? Wie iſt Alles Verwandelt um mich her— wie fremd— Domingo (hat ſich leiſe der Cabinetsthuͤre genähert und bleibt lauſchend davor ſiehen). Horch! Alba(ach einer Pauſe). Alles Iſt todtenſtill. Man hört ſie Athem holen. Domingo. Die doppelte Tapete dämpft den Schall. Alba. Hinweg! Man kommt. Domingo(verläßt die Thuͤre). Nirr iſt ſo feierlich, So bang, als ſollte dieſer Augenblick Ein großes Los entſcheiden. Drei und zwanzigſter Auftritt. Der Prinz von Parma, die Herzoge von Feria und Medina Sidonia mit noch einigen andern Granden treten auf. Nie Vorigen. Parma. Iſt der König Zu fprechen? Alba. Nein. Varma. Nein? Wer iſt bei ihm? 3 Feria. Marquis Von Poſa ohne Zweifel? Alba. Den erwartet man So eben. Varma. Dieſen Augenblick Sind wir von Saragoſſa eingetroffen. 385 Der Schrecken geht durch ganz Madrid— Iſt es Denn wahr? Domingo. Ja, leider! Feria. Es iſt wahr? er iſt Durch den Maltheſer in Verhaft genommen? Alba.. So iſt's. Varma. Warum? Was iſt geſchehn? Alba. Warum? Das weiß kein Menſch, als Seine Majeſtät Und Marquis Poſa. Varma. Ohne Zuziehung Der Cortes ſeines Königreichs? Feria. Weh' Dem, Der Theil gehabt an dieſer Staatsverletzung! Alba. Weh' ihm! ſo ruf' ich auch. KMedina Sidonia. Ich auch. Die übrigen Granden. Wir Alle. Alba. Wer folgt mir in das Cabinet?— Ich werſe Mich zu des Königs Füßen. Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 386 Lerma(ſtürzt aus dem Cabinet). Herzog Alba! Domingo. Endlich! Gelobt ſey Gott! (Alba eilt hinein.) Kerma(athemlos, in großer Bewegung). Wenn der Maltheſer kommt, Der Herr iſt jetzo nicht allein, er wird Ihn rufen laſſen— 4 Domingo (zu Lerma, indem ſich alle Uebrige voll neugieriger Erwartung um ihn 4 verſammeln). Graf, was iſt geſchehen? Sie ſind ja blaß wie eine Leiche. Lerma(ARil forteilen). Das Iſt teufeliſch! Varma und Feria. Was denn? Was denn? Medina Sidonia. 3 Was macht Der König? Domingo(zugleich). Teufeliſch? Was denn? Lerma.. Der König hat Geweint. Domingo. Geweint? 387 Alle Gugleich, mit betretnem Erſtaunen). Der König hat geweint? (Man hört eine Glocke im Cabinet. Graf Lerma eilt hinein.) Domingo (ihm nach, will ihn zuruͤck halten). Graf, noch ein Wort— Verzeihen Sie— Weg iſt er! Da ſtehn wir angefeſſelt von Entſetzen. Vier und zwanzigſter Auftritt. Prinzeſſin von Eboli. Feria. Medina Sidonia. Parma. Domingo und übrige Granden. Eboli(eilig, außer ſich). Wo iſt der König? wo? Ich muß ihn ſprechen. (Zu Feria.) Sie, Herzog, führen mich zu ihm. Feria. Der Koͤnig Hat wichtige Verhinderung. Kein Menſch Wird vorgelaſſen. Eboli. Unterzeichnet er Das fürchterliche Urtheil ſchon? Er iſt Belogen. Ich beweiſ' es ihm, daß er Belogen iſt. Domingo (gibt ihr von Ferne einen bedeutenden Wink). Prinzeſſin Eboli! 388 Ebo li(geht auf ihn zu). Sie auch da, Prieſter? Recht! Sie brauch' ich eben. Sie ſollen mir's bekräftigen. (Sie ergreift ſeine Hand und will ihn ins Cabinet mit fortreißen.) Domingo. Ich?— Sind Feria. Bleiben Sie zuruck! Der König hört Sie jetzt nicht an. . Eboli. Sie bei ſich, Furſtin? Er muß Mich hören. Wahrheit muß er hören— Wahrheit! Und wär' er zehenmal ein Gott! Domingo. Weg, weg! Sie wagen Alles. Bleiben Sie zurück. Eboli. Menſch, zittre du vor deines Götzen Zorn. V Ich habe nichts zu wagen. (Wie ſie ins Cabinet will, ſtürzt heraus) Herzog Alba. (Seine Augen ſunkeln, Triumph iſt in ſeinem Gang. Er eilt auf Domingo zu und umarmt ihn.) Laſſen Sie In allen Kirchen ein Te Deum tönen. Der Sieg iſt unſer!. Domingo. Unſer? Alba Gzu Domingo und den übrigen Granden). Jetzt hinein Zum Herrn! Sie ſollen weiter von mir hören. Fünfter Akt. Ein Zimmer im kͤniglichen Palaſt, durch eine eiſerne Gitterthuͤre von einem großen Vorhof abgeſondert, in welchem Wachen auf und niedergehen. Erſter Auftritt. Carlos, an einem Tiſche ſitzend, den Kopf vorwärts auf die Arme gelegt, als wenn er ſchlummerte. Im Hintergrunde des Zimmers einige Officiere, die mit ihm eingeſchloſſen ſud. IMarquis von Poſa tritt herein, ohne von ihm bemerkt zu werden, und ſpricht leiſe mit den Officieren, welche ſich ſogleich entfernen. Er ſelbſt tritt ganz nahe vor Carlos und betrachtet ihn einige Augenblicke ſchweigend und traurig. Endlich macht er eine Bewegung, welche Dieſen aus ſeiner Betaͤubung erweckt. Carlos (ſteht auf, wird den Marquis gewahr und faͤhrt erſchrocken zuſammen. Dann ſieht er ihn eine Weile mit großen, ſtarren Augen an und ſtreicht mit der Hand uͤber die Stirne, als ob er ſich auf etwas beſinnen wollte). Marquis. Ich bin es, Carl. Carlos(gibt ihm die Hand). Du kommſt ſogar noch zu mir? Das iſt doch ſchön von dir. Marquis. Ich bildete Mir ein, du könnteſt deinen Freund hier brauchen. 390 Carlos. Wahrhaftig? Meinteſt du Das wirklich? Sieh'! Das freut mich— freut mich unbeſchreiblich. Ach! Ich wußt' es wohl, daß du mir gut geblieben. Marquis. Ich hab' es auch um dich verdient. Carlos. Nicht wahr? O, wir verſtehen uns noch ganz. So hab' Ich's gerne. Dieſe Schonung, dieſe Milde Steht großen Seelen an, wie du und ich. Laß ſeyn, daß meiner Forderungen eine Unbillig und vermeſſen war, mußt du Mir darum auch die billigen verſagen? Hart kann die Tugend ſeyn, doch grauſam nie, Unmenſchlich nie— Es hat dir viel gekoſtet! O ja, mir daͤucht, ich weiß recht gut, wie ſehr Geblutet hat dein fanftes Herz, als du Dein Opfer ſchmuͤckteſt zum Altare. Marquis. Carlos! Wie meinſt du Das? Carlos. Du ſelbſt wirſt jetzt vollenden, Was ich geſollt und nicht gekonnt— Du wirſt Den Spaniern die goldnen Tage ſchenken, Die ſie von mir umſonſt gehofft. Mit mir Iſt es ja aus— auf immer aus. Das haſt Du eingeſeyn— O, dieſe fürchterliche Liebe Hat alle fruͤhe Bluͤthen meines Geiſtes Unwiederbringlich hingerafft. Ich bin 391 Für deine großen Hoffnungen geſtorben. Vorſehung oder Zufall führen dir Den König zu— es koſtet mein Geheimniß, Und er iſt dein— du kannſt ſein Engel werden. Für mich iſt keine Rettung mehr— vielleicht Für Spanien— Ach, hier iſt nichts verdammlich, Nichts, nichts, als meine raſende Verblendung, Bis dieſen Tag nicht eingeſehn zu haben, Daß du— ſo groß als zaͤrtlich biſt. Marquis. Nein! Das, Das hab' ich nicht vorhergeſehen— nicht Vorhergeſehn, daß eines Freundes Großmuth Erfinderiſcher könnte ſeyn, als meine Weltkluge Sorgfalt. Mein Gebände ſtürzt Zuſammen— ich vergaß dein Herz. . Carlos. Zwar, wenn dir's möglich wär' geweſen, ihr Dies Schickſal zu erſparen— ſieh', Das haͤtte Ich unausſprechlich dir gedankt. Konnt' ich Denn nicht allein es tragen? Mußte ſie Das zweite Opfer ſeyn?— Doch ſtill davon! Ich will mit keinem Vorwurf dich beladen. Was geht die Königin dich an? Liebſt du Die Köonigin? Soll deine ſtrenge Tugend Die kleinen Sorgen meiner Liebe fragen? Verzeih' mir— ich war ungerecht. Marquis. Du biſt's. Doch— dieſes Vorwurfs wegen nicht. Verdient' Ich einen, dann verdient' ich alle— und 392 Dann wuͤrd' ich ſo nicht vor dir ſtehen. (Er nimmt ſein Portefeuille heraus.) Hier Sind von den Briefen ein'ge wieder, die Du in Verwahrung mir gegeben. Nimm Sie zu dir! 4 Carlos (ſieht mit Verwunderung bald die Briefe, bald den Marquis an). Wie? Marquis. Ich gebe ſie dir wieder, Weil ſie in deinen Handen ſichrer jetzt Seyn dürften, als in meinen. Carlos. Was iſt Das? Der Koͤnig las ſie alſo nicht? bekam Sie gar nicht zu Geſichte? Marquis. Dieſe Briefe? Carlos. Du zeigteſt ihm nicht alle? Marquis. Wer ſagt' dir, Daß ich ihm einen zeigte? Carlos(ëäußerſt erſtaunt). Iſt es möglich? Marquis. Der hat dir geſagt?— Ja, nun Wird Alles, Alles offenbar! Wer konnte Das auch vorausſehn?— Lerma alſo?— Nein, Graf Lerma. 393 Der Mann hat luͤgen nie gelernt. Ganz recht: Die andern Briefe liegen bei dem König. Carlos (ſieht ihn lange mit ſprachloſem Erſtaunen an). Weßwegen bin ich aber hier? Marquis. Zur Vorſicht, Wenn du vielleicht zum zweiten Mal verſucht Seyn moͤchteſt, eine Eboli zu deiner Vertrauten zu erwählen. Carlos(wie aus einem Traum erwacht). Ha! Nun endlich! Jetzt ſeh' ich— jetzt wird Alles Licht— Marquis(Geht nach der Thüre). Wer kommt? 1 Zweiter Auftritt. Herzog Alba. Die Porigen. Alba 5 (nähert ſich ehrerbietig dem Prinzen, dem Marzuis durch dieſen ganzen Auftritt den Rücken zuwendend). Prinz, Sie ſind frei. Der König ſchickt mich ab, Es Ihnen anzukündigen. (Carlos ſieht den Marquis verwundernd an. Alle ſchweigen ſtill.) 1 Zugleich Schätz' ich mich glücklich, Prinz, der Erſte ſeyn Zu duͤrfen, der die Gnade hat— 394 Carlos (betrachtet Beide mit aͤußerſter Verwunderung. Nach einer Pauſe zum Herzog). Ich werde Gefangen eingeſetzt und frei erklart, Und ohne mir bewußt zu ſeyn, warum Ich Beides werde? Alba. Aus Verſehen, Prinz, So viel ich weiß, zu welchem irgend ein — Betrüger den Monarchen hingeriſſen. Carlos. Doch aber iſt es auf Befehl des Königs, Daß ich mich hier befinde? Alba. Ja, durch ein Verſehen Seiner Majeſtät. Carlos. Das thut Mir wirklich leid— Doch, wenn der König ſich Verſieht, kommt es dem König zu, in eigner Perſon den Fehler wieder zu verbeſſern. (Er ſucht die Augen des Marquis und beobachtet eine ſtolze Herabſetzuna gegen den Herzog.) Man nennt mich hier Don Philipps Sohn. Die Augen Der Laͤſterung und Neugier ruhn auf mir. Was Seine Majeſtät aus Pflicht gethan, Will ich nicht ſcheinen ihrer Huld zu danken. Sonſt bin ich auch bereit, vor dem Gerichte Der Cortes mich zu ſtellen— meinen Degen Nehm' ich aus ſolcher Hand nicht an. 395 Alba. 5 Der König Wird keinen Anſtand nehmen, Eurer Hoheit Dies billige Verlangen zu gewaͤhren, Wenn Sie vergoͤnnen wollen, daß ich Sie Zu ihm begleiten darf— Carlos. Ich bleibe hier, Bis mich der Koͤnig oder ſein Madrid Aus dieſem Kerker führen. Bringen Sie Ihm dieſe Antwort. (Alba entfernt ſich. Man ſieht ihn noch eine Zeitlang im Vorhofe ver⸗ weilen und Befehle austheilen.) Dritter Auftritt. Carlos und Marquis von Poſa. Carlos (nachdem der Herzog hinaus iſt, voll Erwartung und Erſtaunen zum Marquis). Was iſt aber Das? Erkläre mir's. Biſt du denn nicht Miniſter? Marquis. Ich bin's geweſen, wie du ſiehſt. (Auf ihn zugehend, mit großer Bewegung.) O Carl, Es hat gewirkt. Es hat. Es iſt gelungen. Jetzt iſt's gethan. Geprieſen ſey die Allmacht, Die es gelingen ließ! 396 Carlos. Gelingen? Was? Ich faſſe deine Worte nicht. Marquis(ergreiſt ſeine Hand). Du biſt Gerettet, Carl— biſt frei— und ich— (Er hält inne.) Carlos. Und du? Marquis. Und ich— ich drücke dich an meine Bruſt Zum erſten Mal mit vollem, ganzem Rechte: Ich hab' es ja mit Allem, Allem, was Mir theuer iſt, erkauft— O Carl, wie ſüß, Wie groß iſt dieſer Augenblick! Ich bin Mit mir zufrieden. Carlos. Welche plötzliche Veränderung in deinen Zügen? So Hab' ich dich nie geſehen. Stolzer hebt Sich deine Bruſt, und deine Blicke leuchten. Marquis. Wir müſſen Abſchied nehmen, Carl. Erſchrick nicht. O, ſey ein Mann! Was du auch hoͤren wirſt, Verſprich mir, Carl, nicht durch unbänd'gen Schmerz, Unwürdig großer Seelen, dieſe Trennung Mir zu erſchweren— du verlierſt mich, Carl— Auf viele Jahre— Thoren nennen es Auf ewig. (Carlos zieht ſeine Hand zurück, ſieht ihn ſtarr an und antwortet nichts.) Sey ein Mann! Ich habe ſehr 397 Auf dich gerechnet, hab' es nicht vermieden, Die bange Stunde mit dir auszuhalten, Die man die letzte ſchrecklich nennt— Ja, ſoll Ich dir's geſtehen, Carl?— ich habe mich Darauf gefreut— Komm, laß uns niederſitzen— Ich fühle mich erſchöpft und matt. (Er rückt nahe an Carlos, der noch immer in einer todten Erſtarrung iſt und ſich unwillkuͤrlich von ihm niederziehen laͤßt.) Wo biſt du? Du gibſt mir keine Antwort?— Ich will kurz ſeyn. Den Tag nachher, als wir zum letzten Mal Bei den Carthauſern uns geſehn, ließ mich Der König zu ſich fordern. Den Erfolg Weißt du, weiß ganz Madrid. Das weißt du nicht, Daß dein Geheimniß ihm verrathen worden, Daß Briefe, in der Königin Schatulle Gefunden, wider dich gezeugt, daß ich Aus ſeinem eignen Munde Dies erfahren, Und daß— ich ſein Vertrauter war. (Er hält inne. Carlos Antwort zu erfahren: Dieſer verharrt in ſeinem Stillſchweigen.) Ja, Carl! Mit meinen Lippen brach ich meine Treue. Ich ſelbſt regierte das Complot, das dir Den Untergang bereitete. Zu laut Sprach ſchon die That. Dich frei zu ſprechen, war Zu ſpaͤt. Mich ſeiner Rache zu verſichern, War Alles, was mir übrig blieb— und ſo Ward ich dein Feind, dir kraͤftiger zu dienen. — Du höoͤrſt mich nicht? Carlos. Ich höre. Weiter, weiter! Schillers ſämmtl. Werke. III. 26 398 Murquis. Bis hieher bin ich ohne Schuld. Doch bald Verrathen mich die ungewohnten Strahlen Der neuen königlichen Gunſt. Der Ruf Dringt bis zu dir, wie ich vorhergeſehn. Doch ich, von falſcher Zartlichkeit beſtochen, Von ſtolzem Wahn geblendet, ohne dich Das Wageſtück zu enden, unterſchlage Der Freundſchaft mein gefährliches Geheimniß. Das war die große Uebereilung! Schwer Hab' ich gefehlt. Ich weiß es. Raſerei War meine Zuverſicht. Verzeih'— ſie war Auf deiner Freundſchaft Ewigkeit gegründet. (Hier ſchweigt er. Carlos geht aus ſeiner Verſteinerung in lebhaſte Bewegung über.) Was ich befürchtete, geſchieht. Man laͤßt Dich zittern vor erdichteten Gefahren. Die Königin in ihrem Blut— das Schrecken Des wiederhallenden Palaſtes— Lermas Unglückliche Dienſtfertigkeit— zuletzt Mein unbegreifliches Verſtummen, Alles Beſtürmt dein überraſchtes Herz— Du wankſt— Eibſt mich verloren— Doch, zu edel ſelbſt, An deines Freundes Redlichkeit zu zweifeln, Schmückſt du mit Größe ſeinen Abfall aus: Nun erſt wagſt du, ihn treulos zu behaupten, Weil du noch treulos ihn verehren darfſt. Verlaſſen von dem Einzigen, wirfſt du Der Fürſtin Eboli dich in die Arme— Unglücklicher! in eines Teufels Arme: Denn Dieſe war's, die dich verrieth. (Carlos ſteht auf.) 399 Ich ſehe Dich dahin eilen. Eine ſchlimme Ahnung Fliegt durch mein Herz. Ich folge dir. Zu ſpat! Du liegſt zu ihren Füßen. Das Geſtändniß Floh über deine Lippen ſchon. Für dich Iſt keine Rettung mehr— Carlos. Nein, nein! Sie war Gerührt. Du irreſt dich. Gewiß war ſie Gerührt. 5 Marquis. Da wird es Nacht vor meinen Sinnen. Nichts— nichts— kein Ausweg— keine Hülfe— keine Im ganzen Umkreis der Natur! Verzweiflung Macht mich zur Furie, zum Thier— ich ſetze Den Dolch auf eines Weibes Bruſt— Doch jetzt— Jetzt fallt ein Sonnenſtrahl in meine Seele. „Wenn ich den König irrte? Wenn es mir Gelaͤnge, ſelbſt der Schuldige zu ſcheinen? Wahrſcheinlich oder nicht!— Für ihn genug, Scheinbar genug für König Philipp, weil Es übel iſt. Es ſey! Ich will es wagen. Vielleicht ein Donner, der ſo unverhofft Ihn trifft, macht den Tyrannen ſtutzen— und Was will ich mehr? Er überlegt, und Carl Hat Zeit gewonnen, nach Brabant zu flüchten.“ Carlos. Und Das— Das hätteſt du gethan? Marquis. Ich ſchreibe An Wilhelm von Oranien, daß ich 400 Die Koͤnigin geliebt, daß mir's gelungen, In dem Verdacht, der fälſchlich dich gedrückt, Des Koͤnigs Argwohn zu entgehn, daß ich Durch den Monarchen ſelbſt den Weg gefunden, Der Königin mich frei zu nahn. Ich ſetze Hinzu, daß ich entdeckt zu ſeyn beſorge, Daß du, von meiner Leidenſchaft belehrt, Zur Fürſtin Eboli geeilt, vielleicht Durch ihre Hand die Königin zu warnen— Daß ich dich hier gefangen nahm und nun, Weil Alles doch verloren, Willens ſey, Nach Brüſſel mich zu werfen— Dieſen Brief— Carlos(faͤllt ihm erſchrocken ins Wort). Haſt du der Poſt doch nicht vertraut? Du weißt Daß alle Briefe nach Brabant und Flandern— Marquis. Dem Koͤnig ausgeliefert werden— Wie Die Sachen ſtehn, hat Taxis ſeine Pflicht Bereits gethan. 7 Carlos. Gott, ſo bin ich verloren! Marquis. Du? Warum du? Carlos. Unglücklicher, und du Biſt mit verloren. Dieſen ungeheuren Betrug kann dir mein Vater nicht vergeben. Nein, den vergibt er nimmermehr! Marquis. Betrug? 401 Du biſt zerſtreut. Beſinne dich. Wer ſagt ihm, Daß es Betrug geweſen? Carlos(ſieht ihm ſtarr ins Geſicht). Wer, fragſt du? Ich ſelbſt.(Er will fort.) Marquis. Du raſeſt. Bleib zurück! Carlos. Weg, weg! Um Gottes willen! Halte mich nicht auf! Indem ich hier verweile, dingt er ſchon Die Mörder. Marquis. Deſto edler iſt die Zeit. Wir haben uns noch viel zu ſagen. Carlos. Was? Eh' er noch Alles— (Er will wieder fort. Der Marquls nimmt. bn beim Arme und ſieht ihn bedeutend an.) Marquis. Höre, Carlos— War Ich auch ſo eilig, ſo gewiſſenhaft, Da du für mich geblutet haſt— ein Knabe? Curlos (bleibt geruͤhrt und voll Verwunderung vor ihm ſtehen). O gute Vorſicht! Marquis. Rette dich für Flandern! Das Königreich iſt dein Beruf. Fuͤr dich Zu ſterben, war der meinige. 402 Carlos (geht auf ihn zu und nimmt ihn bei der Hand, voll der innigſten Empfindung). Nein, nein! Er wird— er kann nicht widerſtehn! So vieler Erhabenheit nicht widerſtehn!— Ich will Dich zu ihm führen. Arm in Arme wollen Wir zu ihm gehen. Vater, will ich ſagen, Das hat ein Freund für ſeinen Freund gethan. Es wird ihn rühren. Glaube mir, er iſt Nicht ohne Menſchlichkeit, mein Vater. Ja! Gewiß, es wird ihn rühren. Seine Augen werden Von warmen Thraͤnen übergehn, und dir Und mir wird er verzeihn— (Es geſchieht ein Schuß durch die Gitterthüre. Carlos ſpringt auf.) Ha! Wem galt Das? Marquis. Ich glaube, mir. 8(Er ſinkt nieder.) Carlos (fällt mit einem Schrei des Schmerzes neben ihm zu Boden). O himmliſche Barmherzigkeit! Marquis(mit brechender Stimme). Er iſt geſchwind— der König— Ich hoffte— länger— Denk' auf deine Rettung— Hoͤrſt du?— auf deine Rettung— deine Mutter Weiß Alles— ich kann nicht mehr— (Carlos bleibt wie todt bei dem Leichnam liegen. Nach einiger Zeit tritt der König herein, von vielen Granden begleitet, und fährt bei dieſem Anblick betreten zuruͤck. Eine allgemeine und tiefe Pauſe. Die Granden ſtellen ſich in einen halben Kreis um dieſe Beiden und ſehen 403 wechſelsweiſe auf den König und ſeinen Sohn. Dieſer liegt noch ohne alle Zeichen des Lebens.— Der Koͤnig betrachtet ihn mit nachden⸗ kender Stille.) 5 Vierter Auftritt. Der König. Carlos. Die Herzoge von Alba, Feria und Medina Sidonia. Der Prinz von Parma. Graf Lerma. Domingso und viele Granden. König(mit gütigem Tone). Deine Bitte Hat Statt gefunden, mein Infant. Hier bin ich, Ich ſelbſt mit allen Großen meines Reichs, Dir Freiheit anzukündigen. (Carlos blickt auf und fieht um ſich her, wie Einer, der aus dem Traum erwacht. Seine Augen heften ſich bald auf den Koͤnig, bald auf den Todten. Er antwortet nicht.) Empfange Dein Schwert zurück. Man hat zu raſch verfahren. (Er naͤhert ſich ihm, reicht ihm die Hand und hilft ihm ſich aufrichten.) Mein Sohn iſt nicht an ſeinem Platz. Steh' auf! Komm in die Arme deines Vaters! Carlos (empfaͤngt ohne Bewußt eyn die Arme des Koͤnigs— beſinnt ſich aber plötzlich, hält inne und ſieht ihn genauer an). Dein Geruch iſt Mord. Ich kann dich nicht umarmen. (Er ſtößt ihn zurück, alle Granden kommen in Bewegung.) Nein! Steht nicht ſo betroffen da! Was hab' Ich Ungeheures denn gethan? Des Himmels 404 Geſalbten angetaſtet? Fürchtet nichts. Ich lege keine Hand an ihn. Seht ihr Das Brandmal nicht an ſeiner Stirne? Gott Hat ihn gezeichnet. König(bricht ſchnell auf). Folat mir, meine Granden! Carlos. Wohin? Nicht von der Stelle, Sire— (Er hält ihn gewaltiam mit beiden Händen und bekommt mit der einen das Schwert zu faſſen, das der Koͤnig mitgebracht hat. Es fährt aus der Scheide.) König. Das Schwert Gezückt auf deinen Vater? Alle anweſenden Granden Giehen die ihrigen). Königsmord! Carlos (den Koͤnig feſt an der einen Hand, das bloße Schwert in der andern). Steckt eure Schwerter ein! Was wollt ihr? Glaubt Ihr, ich ſey raſend? Nein, ich bin nicht raſend. Waͤr' ich's, ſo thatet ihr nicht gut, mich zu Erinnern, daß auf meines Schwertes Spitze Sein Leben ſchwebt. Ich bitte, haltet euch Entfernt. Verfaſſungen, wie meine, wollen Geſchmeichelt ſeyn— drum bleibt zurück! Was ich Mit dieſem König abzumachen habe, Geht enren Leheneid nichts an. Seht nur, Wie ſeine Finger bluten! Seht ihn recht an! Seht ihr? O, ſeht auch hieher— Das hat er Gethan, der große Kunſtler! 405 König Gu den Granden, welche ſich beſorgt um ihn herumdraͤngen wollen). Tretet Alle Zurück. Wovor erzittert ihr?— Sind wir Nicht Sohn und Vater? Ich will doch erwarten, Zu welcher Schandthat die Natur— Carlos. Natur? Ich weiß von keiner. Mord iſt jetzt die Loſung. Der Menſchheit Bande ſind entzwei. Du ſelbſt Haſt ſie zerriſſen, Sire, in deinen Reichen. Soll ich verehren, was du höhnſt?— O, ſeht! Seht hieher! Es iſt noch kein Mord geſchehen, Als heute— Gibt es keinen Gott? Was? Duürfen In ſeiner Schöpfung Könige ſo hauſen? Ich frage, gibt es keinen Gott? Solange Muͤtter Geboren haben, iſt nur Einer— Einer So unverdient geſtorben— Weißt Du auch, Was du gethan haſt?— Nein, er weiß es nicht, Weiß nicht, daß er ein Leben hat geſtohlen Aus dieſer Welt, das wichtiger und edler Und theurer war, als er mit ſeinem ganzen Jahrhundert. König(mit gelindem Tone). Wenn ich allzu raſch geweſen, Geziemt es dir, für den ich es geweſen, Mich zur Verantwortung zu ziehen? Carlos. Wie? Iſt's moͤglich? Sie errathen nicht, wer mir Der Todte war— O, ſagt es ihm— helft ſeiner 406 Allwiſſenheit das ſchwere Rathſel löſen. Der Todte war mein Freund— Und, wollt ihr wiſſen, Warum er ſtarb? Für mich iſt er geſtorben. König. Ha, meine Ahnung! Carlos. Blutender, vergib, Daß ich vor ſolchen Ohren es entweihe! Doch dieſer große Menſchenkenner ſinke Vor Scham dahin, daß ſeine graue Weisheit Der Scharfſinn eines Jünglings überliſtet. Ja, Sire, wir waren Brüder! Brüder durch Ein edler Band, als die Natur es ſchmiedet. Sein ſchöner Lebenslauf war Liebe. Liebe Für mich ſein großer, ſchöner Tod. Mein war er, Als Sie mit ſeiner Achtung groß gethan, Als ſeine ſcherzende Beredſamkeit Mit Ihrem ſtolzen Rieſengeiſte ſpielte. Ihn zu beherrſchen, waͤhnten Sie— und waren Ein folgſam Werkzeug ſeiner höhern Plane. Daß ich gefangen bin, war ſeiner Freundſchaft Durchdachtes Werk. Mich zu erretten, ſchrieb Er an Oranien den Brief— O Gott, Es war die erſte Lüge ſeines Lebens! Mich zu erretten, warf er ſich dem Tod, Den er erlitt, entgegen. Sie beſchenkten ihn Mit Ihrer Gunſt— er ſtarb für mich. Ihr Herz Und Ihre Freundſchaft drangen Sie ihm auf; Ihr Scepter war das Spielwerk ſeiner Haͤnde: Er warf es hin und ſtarb für mich! (Der König ſteht ohne Bewegung, den Blick ſtarr auf den Boden gehefter. Alle Granden ſehen betreten und furchtſam auf ihn.) 407 Und war Es moglich? Dieſer groben Lüge konnten Sie Glauben ſchenken? Wie gering mußt' er Sie ſchätzen, da er's unternahm, bei Ihnen Mit dieſem plumpen Gaukelſpiel zu reichen! Um ſeine Freundſchaft wagten Sie zu buhlen Und unterlagen dieſer leichten Probe! O, nein— nein, Das war nichts für Sie! Das war Kein Menſch für Sie! Das wußt' er ſelbſt recht gur, Als er mit allen Kronen Sie verſtoßen. Dies feine Saitenſpiel zerbrach in Ihrer Metallnen Hand. Sie konnten nichts, als ihn ermorden. Alba (hat den König bis Jetzt nicht aus den Augen gelaſſen und mit ſichtbarer Unruhe die Bewegungen beobachtet, welche in ſeinem Geſichte arbeiten. Jetzt nähert er ſich ihm furchtſamd. Sire— nicht dieſe Todtenſtille! Sehen Sie um ſich! Reden Sie mit uns! Carlos. Sie waren Ihm nicht gleichguͤltig. Seinen Antheil hatten Sie längſt. Vielleicht! Er haͤtte Sie noch glücklich Gemacht. Sein Herz war reich genug, Sie ſelbſt Von ſeinem Ueberfluſſe zu vergnügen. Die Splitter ſeines Geiſtes hatten Sie Zum Gott gemacht. Sich ſelber haben Sie Beſtohlen, ſich und mich— Was werden Sie bieten, eine Seele zu erſtatten, Wie dieſe war? (Ein tiefes Schweigen. Viele von den Granden ſehen weg oder perhuͤllen das Geſicht in ihren Mänteln.) 408 O, die ihr hier verſammelt ſteht und vor Entſetzen Und vor Bewunderung verſtummt— verdammet Den Jüngling nicht, der dieſe Sprache gegen Den Vater und den König führt— Seht hieher! Für mich iſt er geſtorben! Habt ihr Thränen? Fließt Blut, nicht glühend Erz, in euren Adern? Seht hieher und verdammt mich nicht! (Er wendet ſich zum Könige mit mehr Faſſung und Gelaſſenheit.) Vielleicht Erwarten Sie, wie dieſe unnatürliche Geſchichte Sich enden wird?— Hier iſt mein Schwert. Sie ſind Mein König wieder. Denken Sie, daß ich Vor Ihrer Rache zittre? Morden Sie Mich auch, wie Sie den Cdelſten gemordet. Mein Leben iſt verwirkt. Ich weiß. Was iſt Mir jetzt das Leben? Hier entſag' ich Allem, Was mich auf dieſer Welt erwartet. Suchen Sie unter Fremdlingen ſich einen Sohn— Da liegen meine Reiche— (Er ſinkt an dem Leichnam nieder und nimmt an dem Folgenden keinen Antheil mehr. Man hört unterdeſſen von Ferne ein verworrenes Getöſe von Stimmen und ein Gedränge vieler Menſchen. Um den Koͤnig herum iſt eine tiefe Stille. Seine Augen durchlaufen den ganzen Kreis, aber Niemand begegnet ſeinen Blicken.) König. Nun? Will Niemand Antworten?— Jeder Blick am Boden— jedes Geſicht verhüllt!— Mein Urtheil iſt geſprochen. In dieſen ſtummen Mienen leſ' ich es Verkündigt. Meine Unterthanen haben mich Gerichtet. 409 (Das vorige Stillſchweigen.— Der Tumult kommt näher und wird lauter. Durch die umſtehenden Granden läuft ein Gemurmel, ſie geben ſich untereinander verlegene Winke; Graf Lerma ſtoͤßt endlich leiſe den Her⸗ zog von Alba an.) Lerma. Wahrlich, Das iſt Sturm! Alba(ceiſe). So fuͤrcht' ich. 4 Lerma. Man dringt herauf. Man kommt. Fünfter Auftritt. Ein Efſirier von der Feibwache. Die Vorigen. Officier(ringend). Rebellion! Wo iſt der Koͤnig? (Er arbeitet ſich durch die Menge und dringt bis zum König.) Ganz Madrid in Waffen! Zu Tauſenden umringt der wüthende Soldat, der Pöbel den Palaſt. Prinz Carlos, Verbreitet man, ſey in Verhaft genommen, Sein Leben in Gefahr. Das Volk will ihn Lebendig ſehen oder ganz Madrid In Flammen aufgehn laſſen. Alle Granden(in Bewegung). Rettet! rettet Den König! . Alba (zum König, der ruhig und unbeweglich ſteht). Flüchten Sie ſich, Sire— Es hat 410 Gefahr— Noch wiſſen wir nicht, wer Den Pöbel waffnet— König (erwacht aus ſeiner Betäubung, richtet ſich auf und tritt mit Majeſtät unter ſie). Steht mein Thron noch? Bin ich noch König dieſes Landes?— Nein, Ich bin es nicht mehr. Dieſe Memmen weinen, Von einem Knaben weich gemacht. Man wartet Nur auf die Loſung, von mir abzufallen. Ich bin verrathen von Rebellen. Alba. Sire, Welch fürchterliche Fantaſie! König. Dorthin! Dort werft euch nieder! vor dem blühenden, Dem jungen Koͤnig werft euch nieder!— Ich Bin nichts mehr— ein unmacht'ger Greis! Alba. Dahin Iſt es gekommen?— Spanier! (Alle drängen ſich um den König herum und knien mit gezogenen Schwer⸗ tern vor ihm nieder. Carlos bleibt allein und von Allen verlaſſen bei dem Leichnam.) König (reißt ſeinen Mantel ab und wirft ihn von ſich). Bekleidet Ihn mit dem königlichen Schmuck— Auf meiner Zertretnen Leiche tragt ihn— (Er bleibt ohnmächtig in Albas und Lermas Armen.) 411 Lerma. Huͤlfe! Gott! Feria. Gott, welcher Zufall! Lerma. Er iſt von ſich— Alba (laͤßt den König in Lermas und Ferias Händen). Bringen Sie ihn zu Bette! Unterdeſſen geb' ich Madrid den Frieden. (Er geht ab. Der König wird weggetragen und alle Granden begleiten ihn.) Sechster Auftritt. Carlos bleibt allein bei dem Leichnam zurück. Nach einigen Augenblicken erſcheint Ludmig Mercado, ſieht ſich ſchüchtern um und ſteht eine Zeitlang ſtillſchweigend hinter dem Prinzen, der ihn nicht bemerkt. Mercado. Ich komme Von Ihrer Majeſtat der Königin. (Carlos ſieht wieder weg und gibt ihm keine Antwort.) Mein Name iſt Mercado— Ich bin Leibarzt Bei Ihrer Majeſtat— und hier iſt meine Beglaubigung. 3 (Er zeigt dem Prinzen einen Siegelring.— Dieſer verharrt in ſeinem Stillſchweigen.) Die Koͤnigin wuͤnſcht ſehr, Sie heute noch zu ſprechen— wichtige Geſchafte— 412 Carlos. Wichtig iſt mir nichts mehr Auf dieſer Welt. Mercado. Ein Auftrag, ſagte ſie, Den Marquis Poſa hinterlaſſen— Carlos(ſteht ſchnell auf). Was? Sogleich. (Er will mit ihm gehen.) Mercads. Nein, jetzt nicht, gnäd'ger Prinz. Sie müſſen Die Nacht erwarten. Jeder Zugang iſt Beſetzt, und alle Wachen dort verdoppelt. Unmöglich iſt es, dieſen Flügel des Palaſtes ungeſehen zu betreten. Sie würden Alles wagen— Carlos. Aber— Mercavo. Nur Ein Mittel, Prinz, iſt höchſtens noch vorhanden— Die Königin hat es erdacht. Sie legt Es Ihnen vor— Doch es iſt kühn und ſeltſam Und abenteuerlich. Carlos. Das iſt? Mercads. Schon längſt Geht eine Sage, wie Sie wiſſen, daß Um Mitternacht in den gewölbten Gängen 413 Der königlichen Burg, in Moͤnchsgeſtalt, Der abgeſchiedne Geiſt des Kaiſers wandle. Der Pöbel glaubt an dies Gerücht, die Wachen Beziehen nur mit Schauer dieſen Poſten. Wenn Sie entſchloſſen ſind, ſich dieſer Verkleidung zu bedienen, können Sie Durch alle Wachen frei und unverſehrt Bis zum Gemach der Königin gelangen, Das dieſer Schluüſſel öffnen wird. Vor jedem Angriff Schützt Sie die heilige Geſtalt. Doch auf Der Stelle, Prinz, muß Ihr Entſchluß gefaßt ſeyn. Das nöth'ge Kleid, die Maske finden Sie In Ihrem Zimmer. Ich muß eilen, Ihrer Majeſtaͤt Antwort zu bringen. 4 Carlos. Und die Zeit? Mercado. Die Zeit Iſt zwoͤlf Uhr. Carlos. Sagen Sie ihr, daß ſie mich Erwarten koͤnne. (Mercado geht ab.) Siebenter Auftritt. Carlos. Graf Lerma. Lerma. Retten Sie ſich, Prinz. Der Koͤnig wüthet gegen Sie. Ein Anſchlag Schillers ſaͤmmtl. Werke. III. 27 414 Sie ohne Aufſchub! Carlos. Der Allmacht. Lerma. Carlos. Graf Lerma! Lerma. Carlos. Sie einen edeln Mann. Auf Ihre Freiheit— wo nicht auf Ihr Leben. Befragen Sie mich weiter nicht. Ich habe Mich weggeſtohlen, Sie zu warnen. Fliehen Ich bin in den Haͤnden Wie die Königin mich eben Hat merken laſſen, ſollen Sie noch heute Madrid verlaſſen, und nach Brüſſel flüchten. Verſchieben Sie es nicht, ja nicht! Der Aufruhr Begünſtigt Ihre Flucht. In dieſer Abſicht Hat ihn die Königin veranlaßt. Jetzt Wird man ſich nicht erkühnen, gegen Sie Gewalt zu brauchen. Im Carthaͤuſerkloſter Erwartet Sie die Poſt, und hier ſind Waffen, Wenn Sie gezwungen ſollten ſeyn— (Er gibt ihm einen Dolch und Terzerolen.) Dank, Dank, Ihre heutige Geſchichte Hat mich im Innerſten gerührt. So liebt Kein Freund mehr! Alle Patrioten weinen Um Sie. Mehr darf ich jetzt nicht ſagen. Graf Lerma! Dieſer Abgeſchiedne nannte Lerma. Noch einmal, Prinz! Reiſen Sie gluͤcklich! Schönre Zeiten werden kommen; Dann aber werd' ich nicht mehr ſeyn. Empfangen Sie meine Huldigung ſchon hier. (Er läßt ſich auf ein Knie nieder.) Carlos(will ihn zuruͤckhalten. Sehr bewegt). — 4 Nicht alſo— Nicht alſo, Graf— Sie rühren mich— Ich möͤchte Nicht gerne weich ſeyn— Lerma(kußt ſeine Hand mit Empfindung). G König meiner Kinder! O, meine Kinder werden ſterben dürfen Für Sie. Ich darf es nicht. Erinnern Sie ſich meiner In meinen Kindern— Kehren Sie in Frieden Nach Spanien zurüucke. Seyen Sie Ein Menſch auf König Philipys Thron. Sie haben Auch Leiden kennen lernen. Unternehmen Sie Nichts Blut'ges gegen Ihren Vater! Ja Nichts Blutiges, mein Prinz! Philipp der Zweite Zwang Ihren Aeltervater, von dem Thron Zu ſteigen— Dieſer Philipp zittert heute Vor ſeinem eignen Sohn! Daran gedenken Sie, Prinz— und ſo geleite Sie der Himmel! (Er geht ſchnell weg. Carlos iſt im Begriff, auf einem andern Wege fortzueilen, kehrt aber plötzlich um und wirft ſich vor dem Leichnam des Marquis nieder, den er nochmal in ſeine Arme ſchließt. Dann verläßt er ſchnell das Zimmer.) 416 Vorzimmer des Koͤnigs. Achter Auftritt. Herzog von Illba und Herzog von Feria kommen im Geſpraͤch. Alba. Die Stadt iſt ruhig. Wie verließen Sie Den Koͤnig? Feria. In der fürchterlichſten Laune. Er hat ſich eingeſchloſſen. Was ſich auch Ereignen würde, keinen Menſchen will Er vor ſich laſſen. Die Verraͤtherei Des Marquis hat auf Einmal ſeine ganze Natur veraͤndert. Wir erkennen ihn Nicht mehr. Alba. Ich muß zu ihm. Ich kann ihn diesmal Nicht ſchonen. Eine wichtige Entdeckung, Die eben jetzt gemacht wird— Feria. Eine neue Alba. Ein Carthäuſermönch, der in Des Prinzen Zimmer heimlich ſich geſtohlen Und mit verdächt'ger Wißbegier den Tod Des Marquis Poſa ſich erzaͤhlen laſſen, Fällt meinen Wachen auf. Man hält ihn an. Man unterſucht. Die Angſt des Todes preßt Ihm ein Geſtändniß aus, daß er Papiere Entdeckung? 417 Von großem Werthe bei ſich trage, die Ihm der Verſtorbne anbefohlen in Des Prinzen Hand zu übergeben— wenn Er ſich vor Sonnenuntergang nicht mehr Ihm zeigen würde. Feria. Nun? Alba. Die Briefe lauten, Daß Carlos binnen Mitternacht und Morgen Madrid verlaſſen ſoll. Feria. Was? Alba. Daß ein Schiff In Cadir ſegelfertig liege, ihn Nach Vließingen zu bringen— daß die Staaten Der Niederlande ſeiner nur erwarten, Die ſpan'ſchen Ketten abzuwerfen. Feria. a! Was iſt Das? 4 Alba. Andre Briefe melden, Daß eine Flotte Solimans bereits Von Rhodus ausgelaufen— den Monarchen Von Spanien, laut des geſchloſſ'nen Bundes, Im mittelländ'ſchen Meere anzugreifen. Feria. Iſt's möglich? 418 Alba. Eben dieſe Briefe lehren Die Reiſen mich verſtehn, die der Maltheſer Durch ganz Europa jüngſt gethan. Es galt Nichts Kleineres, als alle nord'ſche Maͤchte Für der Flamänder Freiheit zu bewaffnen. „ Feria. Das war er! Alba. 4 Dieſen Briefen endlich folgt Ein ausgeführter Plan des ganzen Krieges, Der von der ſpan'ſchen Monarchie auf immer Die Niederlande trennen ſoll. Nichts, nichts Iſt überſehen, Kraft und Widerſtand Berechnet, alle Quellen, alle Kräfte Des Landes pünktlich angegeben, alle Marximen, welche zu befolgen, alle Bündniſſe, die zu ſchließen. Der Entwurf Iſt teufliſch, aber wahrlich— gottlich. Feria. Welch undurchdringlicher Verräͤther! Alba. Noch Beruft man ſich in dieſem Brief auf eine Geheime Unterredung, die der Prinz Am Abend ſeiner Flucht mit ſeiner Mutter Zu Stande bringen ſollte. Feria. Wie? Das wäare Ja heute. 419 Alba. Dieſe Mitternacht. Auch hab' ich Für dieſen Fall Befehle ſchon gegeben. Sie ſehen, daß es dringt. Kein Augenblick Iſt zu verlieren— Oeffnen Sie das Zimmer Des Königs!. Feria. Nein! Der Eintritt iſt verboten. Alba. So öffn' ich ſelbſt— die wachſende Gefahr Rechtfertigt dieſe Kühnheit— (Wie er gegen die Thüre geht, wird ſie geoͤffnet, und der Koͤnig tritt heraus.) Feria. Ha, er ſelbſt! Neunter Auftritt. Der König zu den Vorigen. (Alle erſchrecken uͤber ſeinen Anblick, weichen zurück und laſſen ihn ehrerbietig mitten durch. Er kommt in einem wachen Traume, wie eines Nachtwandlers. — Sein Anzug und ſeine Geſtalt zeigen noch die Unordnung, worein ihn die gehabte Ohnmacht verſetzt hat. Mit langſamen Schritten geht er an den anweſenden Granden vorbei, ſieht jeden ſtarr an, ohne einen einzigen wahr⸗ zunehmen. Endlich bleibt er gedankenvoll ſtehen, die Augen zur Erde geſenkt, bis ſeine Gemuͤthsbewegung nach und nach laut wird.) König. Gib dieſen Todten mir heraus! Ich muß Ihn wieder haben. 420 Domingo(leiſe zum Herzog von Alba). Reden Sie ihn an. König(wie oben). Er dachte klein von mir und ſtarb. Ich muß Ihn wieder haben. Er muß anders von Mir denken. Alba(nähert ſich mit Furcht). Sire— König. Wer redet hier? (Er ſieht lange im ganzen Kreis herum.) Hat man Vergeſſen, wer ich bin? Warum nicht auf Den Knien vor mir, Creatur? Noch bin Ich König. Unterwerfung will ich ſehen. Setzt Alles mich hintan, weil Einer mich Verachtet hat? 4 Alba. Nichts mehr von ihm, mein König! Ein neuer Feind, bedeutender als dieſer, Steht auf im Herzen Ihres Reichs.— Feria. Prinz Carlos— . König. Er hatte einen Freund, der in den Tod Gegangen iſt für ihn— für ihn! Mit mir Hätt' er ein Königreich getheilt!— Wie er Auf mich herunter ſah! So ſtolz ſieht man Von Thronen nicht herunter. War's nicht ſichtbar, Wie viel er ſich mit der Erobrung wußte? 421 Was er verlor, geſtand ſein Schmerz. So wird Um nichts Vergangliches geweint— Daß er noch lebte! Ich gäb' ein Indien dafür. Troſtloſe Allmacht, Die nicht einmal in Gräber ihren Arm Verlängern, eine kleine Uebereilung Mit Menſchenleben nicht verbeſſern kann! Die Todten ſtehen nicht mehr auf. Wer darf Mir ſagen, daß ich glücklich bin? Im Grabe Wohnt Einer, der mir Achtung vorenthalten. Was gehn die Lebenden mich an? Ein Geiſt, Ein freier Mann ſtand auf in dieſem ganzen Jahrhundert— Einer— Er verachtet mich Und ſtirbt. Alba. So lebten wir umſonſt!— Laßt uns Zu Grabe gehen, Spanier! Auch noch Im Tode raubt uns dieſer Menſch das Herz Des Königs! König. (Er ſetzt ſich nieder, den Kopf auf den Arm geſtützt.) Wär' er mir alſo geſtorben! Ich hab' ihn lieb gehabt, ſehr lieb. Er war Mir theuer, wie ein Sohn. In dieſem Jüngling Ging mir ein neuer, ſchönrer Morgen auf. Wer weiß, was ich ihm aufbehalten! Er War meine erſte Liebe. Ganz Europa Verfluche mich! Europa mag mir fluchen; Von Dieſem hab' ich Dank verdient. Domingo. Durch welche Bezauberung—) 422 König. Und wem bracht' er dies Opfer? Dem Knaben, meinem Sohne? Nimmermehr! Ich glaub' es nicht. Für einen Knaben ſtirbt Ein Poſa nicht. Der Freundſchaft arme Flamme Füllt eines Poſa Herz nicht aus. Das ſchlug Der ganzen Menſchheit. Seine Neigung war Die Welt mit allen kommenden Geſchlechtern. Sie zu vergnügen, fand er einen Thron— Und geht vorüber? Dieſen Hochverrath An ſeiner Menſchheit ſollte Poſa ſich Vergeben? Nein. Ich kenn' ihn beſſer. Nicht Den Philipp opfert er dem Carlos, nur Den alten Mann dem Jüngling, ſeinem Schüler. Des Vaters untergehnde Sonne lohnt Das neue Tagwerk nicht mehr. Das verſpart man Dem nahen Aufgang ſeines Sohns— O, es iſt klar! Auf meinen Hintritt wird gewartet. Alba. Leſen Sie In dieſen Briefen die Bekraͤftigung. König(ſeht auf. Er könnte ſich verrechnet haben. Noch, Noch bin ich. Habe Dank, Naturi Ich fühle In meinen Sehnen Jünglingskraft. Ich will Ihn zum Gelaͤchter machen. Seine Tugend Sey eines Träumers Hirngeſpinnſt geweſen. Er ſey geſtorben als ein Thor. Sein Sturz Erdrücke ſeinen Freund und ſein Jahrhundert! Laß ſehen, wie man mich entbehrt. Die Welt Iſt noch auf einen Abend mein. Ich will 423 Ihn nützen, dieſen Abend, daß nach mir Kein Pflanzer mehr in zehen Menſchenaltern Auf dieſer Brandſtatt ernten ſoll. Er brachte Der Menſchheit, ſeinem Götzen, mich zum Opfer: Die Menſchheit büße mir für ihn!— Und jetzt— Mit ſeiner Puppe fang' ich an. (Zum Herzog von Alba.) Was war's Mit dem Infanten? Wiederholt es mir. Was lehren Mich dieſe Briefe? Alba.. Dieſe Briefe, Sire, Enthalten die Verlaſſenſchaft des Marquis Von Poſa an Prinz Carl. König (durchläuft die Papiere, wobei er von allen Umſtehenden ſcharf beobachtet wird. Nachdem er eine Zeitlang geleſen, legt er ſie weg und geht ſtillſchweigend durch das Zimmer). Man rufe mir Den Inquiſitor Cardinal. Ich laſſ' Ihn bitten, eine Stunde mir zu ſchenken. (Einer von den Granden geht hinaus. Der König nimmt die Papiere wieder, liest fort und legt ſie abermals weg.) In dieſer Nacht alſo? Taris. Schlag zwei Uhr ſoll Die Poſt vor dem Carthaäuſerkloſter halten. Alba. Und Leute, die ich ausgeſendet, ſahen Verſchiednes Reiſ'gerathe, an dem Wappen Der Krone kenntlich, nach dem Kloſter tragen. 424 Feria. Auch ſollen große Summen auf den Namen Der Königin bei mauriſchen Agenten Betrieben worden ſeyn, in Brüſſel zu Erheben. König. Wo verließ man den Infanten? Alba. Beim Leichnam des Maltheſers. König. Iſt noch Licht im Zimmer Der Königin? Alba. Dort iſt Alles ſtill. Auch hat Sie ihre Kammerfrauen zeitiger, Als ſonſten zu geſchehen pflegt, entlaſſen. Die Herzogin von Arcos, die zuletzt Aus ihrem Zimmer ging, verließ ſie ſchon In tiefem Schlafe. (Ein Officier von der Leibwache tritt herein, zieht den Herzog von Feria auf die Seite und ſpricht leiſe mit ihm. Dieſer wendet ſich betreten zum Herzog von Alba, Andre drängen ſich hinzu, und es entſteht ein Gemurmel.) Feria, Taris, Domingo(uugleich). Sonderbar! König. Was gibt es? Feria. Eine Nachricht, Sire, die kaum Zu glauben iſt— Domingo. Zwei Schweizer, die ſo eben 425 Von ihrem Poſten kommen, melden— es Iſt lächerlich, es nachzuſagen. König. Nun? Alba. Daß in dem linken Flügel des Palaſts Der Geiſt des Kaiſers ſich erblicken laſſen Und mit beherztem, feierlichem Schritt an ihnen Vorbei gegangen. Eben dieſe Nachricht Bekräft'gen alle Wachen, die durch dieſen Pavillon hin verbreitet ſtehn, und ſetzen Hinzu, daß die Erſcheinung in den Zimmern Der Köoͤnigin verſchwunden. König. Und in welcher Geſtalt erſchien er? Officier. In dem naͤmlichen Gewand, das er zum letzten Mal in Juſti Als Hieronymitermönch getragen. König. Als Moͤnch? Und alſo haben ihn die Wachen Im Leben noch gekannt? Denn woher wußten Sie ſonſt, daß es der Kaiſer war? Offieier. Daß es Der Kaiſer müuſſe ſeyn, bewies das Scepter, Das er in Haͤnden trug. Domingo. Auch will man ihn 426 Schon öfters, wie die Sage geht, in dieſer Geſtalt geſehen haben. König. Angeredet hat Ihn Niemand? Officier. Niemand unterſtand ſich. Die Wachen ſprachen ihr Gebet und ließen Ihn ehrerbietig mitten durch. König. Und in den Zimmern Der Königin verlor ſich die Erſcheinung? Officier. Im Vorgemach der Königin. (Allgemeines Stillſchweigen.) König(wendet ſich ſchnell um). Wie ſagt ihr? Alba. Sire, wir ſind ſtumm. König (nach einigem Beſinnen zu dem Offcier). Laßt meine Garden unter Die Waffen treten und jedweden Zugang Zu dieſem Flügel ſperren. Ich bin lüſtern, Ein Wort mit dieſem Geiſt zu reden. (Der Officier geht ab. Gleich darauf ein Page.) Page. — Sire! Der Inquiſitor Cardinal. König(zu den Anweſenden). Verlaßt uns. (Der Cardinal Großinquiſttor, ein Greis auf einen Stab geſtützt und durch ihre Reihen geht, werfen ſich al beruͤhren den Saum ſeines Kleides. E entſernen ſich.) Zehnter Auftritt. Der König und der Großinquiſttor. Ein langes Stillſchweigen. Großinguiſitor. Steh' Ich vor dem Köͤnig? . König. Ja. Großinquiſitor. Ich war mir's nicht mehr Vermuthend. König. Ich erneure einen Auftritt Vergangner Jahre. Philipp, der Infant, Holt Rath bei ſeinem Lehrer. Großinquiſitor. Rath bedurfte Mein Zögling Carl, Ihr großer Vater, niemals. König. Um ſo viel glücklicher war er. Ich habe Gemordet, Cardinal, und keine Ruhe— von neunzig Jahren und blind, von zwei Dominicanern gefuͤhrt. Wie er le Granden vor ihm nieder ertheilt ihnen den Segen. Alle und 428 Großinquiſitor. Weßwegen haben Sie gemordet? König. Ein Betrug, der ohne Beiſpiel iſt— Großinquiſitor. Ich weiß ihn. König. Was wiſſet Ihr? Durch wen? Seit wann? Großinquiſitor. Seit Jahren, Was Sie ſeit Sonnenuntergang. König(mit Befremdung). Ihr habt Von dieſem Menſchen ſchon gewußt? Großinquiſitor. Sein Leben Liegt angefangen und beſchloſſen in Der Santa Caſa heiligen Regiſtern. König. Und er ging frei herum? Großinquiſitor. Das Seil, an dem Er flatterte, war lang, doch unzerreißbar. König. Er war ſchon außer meines Reiches Graͤnzen. Großingquiſitor. Wo er ſeyn mochte, war ich auch. König(geht unwillig auf und nieder). Man wußte, 429 In weſſen Hand ich war— Warum verſäumte man, Mich zu erinnern? 1 Großinquiſitor. Dieſe Frage geb' ich Zuruͤcke— Warum fragten Sie nicht an, Da Sie in dieſes Menſchen Arm ſich warfen? Sie kannten ihn! Ein Blick entlarvte Ihnen Den Ketzer.— Was vermochte Sie, dies Opfer Dem heil'gen Amt zu unterſchlagen? Spielt Man ſo mit uns? Wenn ſich die Majeſtäͤt Zur Hehlerin erniedrigt— hinter unſerm Rücken Mit unſern ſchlimmſten Feinden ſich verſteht, Was wird mit uns? Darf Einer Gnade finden, Mit welchem Rechte wurden Hunderttauſend Geopfert? König. Er iſt auch geopfert. Großinquiſitor. Nein, Er iſt ermordet— ruhmlos! freventlich!— Das Blut Das unſrer Ehre glorreich fließen ſollte, Hat eines Meuchelmörders Hand verſpritzt. Der Menſch war unſer— Was befugte Sie, Des Ordens heil'ge Guter anzutaſten? Durch uns zu ſterben, war er da. Ihn ſchenkte Der Nothdurft dieſes Zeitenlaufes Gott, In ſeines Geiſtes feierlicher Schaͤndung Die prahlende Vernunft zur Schau zu führen. Das war mein überlegter Plan. Nun liegt Sie hingeſtreckt, die Arbeit vieler Jahre! Schillers ſämmtl. Werke. III. 28 7 430 Wir ſind beſtohlen, und Sie haben nichts Als blut'ge Haͤnde. 3 König. Leidenſchaft riß mich Dahin. Vergib mir! Großinquiſitor. 4 Leidenſchaft? Antwortet Mir Philipp, der Infant? Bin ich allein Zum alten Mann geworden?— Leidenſchaft! (Mit unwilligem Kopfſchuͤtteln.) Gib die Gewiſſen frei in deinen Reichen, Wenn du in Deinen Ketten gehſt. König. Ich bin In dieſen Dingen noch ein Neuling. Habe Geduld mit mir! Großinquiſitor. Nein! Ich bin nicht mit Ihnen Zufrieden.— Ihren ganzen vorigen Regentenlauf zu laͤſtern! Wo war damals Der Philipp, deſſen feſte Seele, wie Der Angelſtern am Himmel, unveraͤndert Und ewig um ſich ſelber treibt? War eine ganze Vergangenheit verſunken hinter Ihnen? War in dem Augenblick die Welt nicht mehr Die naͤmliche, da Sie die Hand ihm boten? Gift nicht mehr Gift? War zwiſchen Gut und Uebel Und Wahr und Falſch die Scheidewand gefallen? Was iſt ein Vorſatz, was Beſtaͤndigkeit, Was Mannertreue, wenn in einer lauen 431 Minute eine ſechzigjaähr'ge Regel Wie eines Weibes Laune ſchmilzt? König. Ich ſah in ſeine Augen.— Halte mir Den Rückfall in die Sterblichkeit zu gut, Die Welt hat einen Zugang weniger Zu deinem Herzen. Deine Augen ſind erloſchen. Großinguiſitor. Was ſollte Ihnen dieſer Menſch? Was konnte Er Neues Ihnen vorzuzeigen haben, Worauf Sie nicht bereitet waren? Kennen Sie Schwärmerſinn und Neuerung ſo wenig? Der Weltverbeſſ'rer prahleriſche Sprache Klang Ihrem Ohr ſo ungewohnt? Wenn das Gebaͤude Ihrer Ueberzeugung ſchon Von Worten faͤllt- mit welcher Stirne, muß Ich fragen, ſchrieben Sie das Bluturtheil Der hunderttauſend ſchwachen Seelen die Den Holzſtoß für nichts Schlimmeres beſtiegen? König. Mich lüſtete nach einem Menſchen. Dieſe Domingo— Großinquiſitor. Wozu Menſchen? Menſchen ſind Fur Sie nur Zahlen, weiter nichts. Muß ich Die Elemente der Monarchenkunſt Mit meinem grauen Schuͤler überhören? Der Erde Gott verlerne zu bedürfen, Was ihm verweigert werden kann. Wenn Sie Um Mitgefühle wimmern, haben Sie Der Welt nicht Ihresgleichen zugeſtanden? 432 Und welche Rechte, moͤcht' ich wiſſen, haben Sie aufzuweiſen uͤber Ihresgleichen? König(wirft ſich in den Seſſel). Ich bin ein kleiner Menſch, ich fuͤhl's— Du forderſt Von dem Geſchöpf, was nur der Schöpfer leiſtet. Großinquiſitor. Nein, Sire, mich hintergeht man nicht. Sie ſind Durchſchaut— uns wollten Sie entfliehen. Des Ordens ſchwere Ketten drucken Sie: Sie wollten frei und einzig ſeyn. 3 (Er hält inne. Der Koͤn ig ſchweigt.) Wir ſind gerochen— Danken Sie der Kirche, Die ſich begnügt, als Mutter Sie zu ſtrafen. Die Wahl, die man Sie blindlings treffen laſſen, War Ihre Züchtigung. Sie ſind belehrt. Jetzt kehren Sie zu uns zuruͤck— Staͤnd' ich Nicht jetzt vor Ihnen— beim lebend'gen Gott! Sie waͤren morgen ſo vor mir geſtanden. König. Nicht dieſe Sprache! Maͤßige dich, Prieſter! Ich duld' es nicht. Ich kann in dieſem Ton Nicht mit mir ſprechen hören. Großinqui ſitar. Warum rufen Sie Den Schatten Samuels herauf?— Ich gab Zwei Könige dem ſpan'ſchen Thron und hoffte, Ein feſt gegründet Werk zu hinterlaſſen. Verloren ſeh' ich meines Lebens Frucht: Don Philipp ſelbſt erſchuttert mein Gebaͤnde. Und jetzo, Sire— Wozu bin ich gerufen? Was ſoll ich hier?— Ich bin nicht Willens, dieſen Beſuch zu wiederholen. König. Eine Arbeit noch, Die letzte— dann magſt du in Frieden ſcheiden. Vorbei ſey das Vergangne, Friede ſey Geſchloſſen zwiſchen uns— Wir ſind verſöhnt? Großinquiſitor. Wenn Philipp ſich in Demuth beugt. König(nach einer Pauſe). Mein Sohn Sinnt auf Empörung. Großinquiſitor. Was beſchließen Sie? König. Nichts— oder Alles. Großinquiſitor. Und was heißt hier Alles? König. Ich laſſ' ihn fliehen, wenn ich ihn Nicht ſterben laſſen kann. Großinguiſitor. Nun, Sire? König. Kannſt du mir einen neuen Glauben gründen, Der eines Kindes blut'gen Mord vertheidigt? Großinguiſitor. Die ewige Gerechtigkeit zu fühnen, Starb an dem Holze Gottes Sohn. 43⁴4 König. Du willſt Durch ganz Europa dieſe Meinung pflanzen? Großinquiſitor. So weit, als man das Kreuz verehrt. König. Ich frevle An der Natur— auch dieſe maͤcht'ge Stimme Willſt du zum Schweigen bringen?— Großinquiſitsr. Vor dem Glauben Gilt keine Stimme der Natur. König. Ich lege Mein Richteramt in deine Hände.— Kann Ich ganz zurücke treten? Großinquiſitor. Geben Sie König. Es iſt mein einz'ger Sohn— Wem hab' ich Geſammelt? Ihn mir. Großinguiſitor. Der Verweſung lieber, als Der Freiheit. König(ſeht auß. Wir ſind einig. Kommt! Großinquiſitor. Wohin? —xy —— 435 König. Aus meiner Hand das Opfer zu empfangen! (Er fuͤhrt ihn hinweg.) Simmer der Köntgin. Letzter Auftritt. Carlas. Die Känigin. Zuletzt der König mit Gefolge. Carlos (in einem Mönchsgewand, eine Maske vor dem Geſichte, die er eben jet: abnimmt, unter dem Arm ein bloßes Schwert. Es iſt ganz finſter. Ec nähert ſich einer Thuͤre, welche geoͤffnet wird. Die Königin tritt heraus, im Nachtkleide, mit einem brennenden Lichte. Carlos läßt ſich vor ihr auf ein Knie nieder). Eliſabeth! Königin (mit ſtiller Wehmuth auf ſeinem Anblick verweilend). So ſehen wir uns wieder? Carlos. So ſehen wir uns wieder! (Stillſchweigen.) Königin(ſucht ſich zu faſſen). Stehn Sie auf! Wir wollen Einander nicht erweichen, Carl. Nicht durch Unmaͤcht'ge Thraͤnen will der große Todte Gefeiert werden. Thränen mögen fließen Für kleinre Leiden!— Er hat ſich geopfert Für Siel! Mit ſeinem theuren Leben 436 Hat er das Ihrige erkauft— Und dieſes Blut Wär' einem Hirngeſpinnſt gefloſſen?— Carlos! Ich ſelber habe gutgeſagt für Sie. Auf meine Bürgſchaft ſchied er freudiger Von hinnen. Werden Sie zur Lügnerin Mich machen? Carlos(mit Begeiſterung). Einen Leichenſtein will ich Ihm ſetzen, wie noch keinem Könige Geworden— Ueber ſeiner Aſche bluͤhe Ein Paradies! Königin. So hab' ich Sie gewollt! Das war die große Meinung ſeines Todes! Mich wählte er zu ſeines letzten Willens Vollſtreckerin. Ich mahne Sie. Ich werde Auf die Erfullung dieſes Eides halten. — Und noch ein anderes Vermachtniß legte Der Sterbende in meine Hand— Ich gab ihm Mein Wort— und— warum ſoll ich es verſchweigen? Er übergab mir ſeinen Carl— Ich trotze Dem Schein— ich will vor Menſchen nicht mehr zittern, Will einmal kühn ſeyn, wie ein Freund. Mein Herz Soll reden. Tugend nannt' er unſre Liebe? Ich glaub' es ihm und will mein Herz nicht mehr— Carlos. Vollenden Sie nicht, Königin!— Ich habe In einem langen, ſchweren Traum gelegen. Ich liebte— Jetzt bin ich erwacht. Vergeſſen Sey das Vergangne! Hier ſind Ihre Briefe 437 Zuruͤck. Vernichten Sie die meinen. Fürchten Sie keine Wallung mehr von mir. Es iſt Vorbei. Ein reiner Feuer hat mein Weſen Geläutert. Meine Leidenſchaft wohnt in den Graͤbern Der Todten. Keine ſterbliche Begierde Theilt dieſen Buſen mehr. (Nach einem Stillſchweigen ihre Hand faſſend.) Ich kam, um Abſchied Zu nehmen— Mutter, endlich ſeh' ich ein, Es gibt ein höher, wünſchenswerther Gut, Als dich beſitzen— Eine kurze Nacht Hat meiner Jahre trägen Lauf beflügelt, Frühzeitig mich zum Mann gereift. Ich habe Für dieſes Leben keine Arbeit mehr, Als die Erinnerung an ihn! Vorbei Sind alle meine Ernten— (Er nähert ſich der Königin, welche das Geſicht verhüllt.) Sagen Sie Mir gar nichts, Mutter? Königin. Kehren Sie ſich nicht An meine Thranen, Carl— Ich kann nicht anders— Doch, glauben Sie mir, ich bewundre Sie. Carlos. Sie waren unſers Bundes einzige Vertraute— unter dieſem Namen werden Sie auf der ganzen Welt das Theuerſte Mir bleiben. Meine Freundſchaft kann ich Ihnen So wenig, als noch geſtern meine Liebe Verſchenken an ein andres Weib— Doch heilig Schillers ſaͤmmtl. Werke, III. 3 29 438 Sey mir die koͤnigliche Wittwe, führt Die Vorſicht mich auf dieſen Thron. (Der König, begleitet vom Großinquiſitor und ſeinen Granden, erſcheint im Hintergrunde,„ohne bemerkt zu werden.) Jetzt geh' ich Aus Spanien und ſehe meinen Vater Nicht wieder— nie in dieſem Leben wieder. Ich ſchätz' ihn nicht mehr. Ausgeſtorben iſt In meinem Buſen die Natur— Sey'n Sie Ihm wieder Gattin. Er hat einen Sohn Verloren. Treten Sie in Ihre Pflichten Zurück.— Ich eile, mein bedrangtes Volk Zu retten von Tyrannenhand. Madrid Sieht nur als König oder nie mich wieder. Und jetzt zum letzten Lebewohl! (Er kuͤßt ſie.) Königin. O Carl! Was machen Sie aus mir?— Ich darf mich nicht Empor zu dieſer Maͤnnergroͤße wagen; Doch faſſen und bewundern kann ich Sie. Carlos. Bin ich nicht ſtark, Eliſabeth? Ich halte In meinen Armen Sie und wanke nicht. Von dieſer Stelle hätten mich noch geſtern Des nahen Todes Schrecken nicht geriſſen. (Er verlaͤßt ſie.) Das iſt vorbei. Jetzt trotz' ich jedem Schickſal Der Sterblichkeit. Ich hielt Sie in den Armen Und wankte nicht.— Still! Hörten Sie nicht etwas? (Eine Uhr ſchlaͤgt.) 439 Königin. Nichts hoͤr' ich, als die fürchterliche Glocke, Die uns zur Trennung laäutet. Carlos. Gute Nacht denn, Mutter. Aus Gent empfangen Sie den erſten Brief Von mir, der das Geheimniß unſers Umgangs Laut machen ſoll. Ich gehe, mit Don Philipp Jetzt einen öffentlichen Gang zu thun. Von nun an, will ich, ſey nichts Heimliches Mehr unter uns. Sie brauchen nicht das Auge Der Welt zu ſcheuen— Dies hier ſey mein letzter Betrug. (Er will nach der Maske greifen. Der Koͤnig ſteht zwiſchen ihnen.) König. Es iſt dein letzter! (Die Koͤnigin faͤllt ohnmaͤchtig nieder.) Carlos (eilt auf ſie zu und empfängt ſie mit den Armen). Iſt ſie todt? O Himmel und Erde! König(kalt und ſtill zum Großinquiſitor). Cardinal, ich habe Das Meinige gethan. Thun Sie das Ihre! (Er geht ab.) 4 — 4 mſnfſnſinſnfnſnſſfffffff Oem 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 4