— Erzaͤhlungen Guſtav Schitling. Zweiter Theil. Dresden, 1811. In der Arnoldiſchen Buchhandlung. 4 4 Erzahlungen von Guſtav Schilling. Zweiter Theil. gnhalt. Was ich ward, 2 Theil. Der Stoͤrenfried. Der Gallapfel. Was ich ward. 1. Jo bin verloren, klagte Florentine: Gott, welche Tollkuͤhnheit! hat man Sie nicht ent⸗ fernt und abgefunden? Das ſagte man Ihnen? rief ich erſtaunt. Und das geſtarteten Sie und warfen mich weg? Mit Heftigkeit entgegnete die Braut— Florentine Steil war die Ihrige: die Graͤfin Mollin hat wuͤrdigere Pflichten, bedeutendere Anſpruͤche, eine hoͤhere Anſicht des Lebens und Zartgefuͤhl genug, um jedem unziemenden Ver⸗ haͤltniß zu entſagen. Ich wuͤnſche uns Beiden Gluͤck zu dieſer Tugend, ob ſie gleich Ihren Gemahl kaum er⸗ 8 freuen duͤrfte. Ohnfehlbar beſtimmte ihn daſ⸗ ſelbe Gefuhl zu der grundloſen Vorgabe meiner Entfernung, er uͤberließ es mir, Sie in dieſer gewichtigen Stunde uͤber den eigentlichen Zweck ſeiner Wahl und Verbindung aufzuklaͤren: er ſetzte in Ihrem Herzen die Fortdauer der Nei⸗ gung zum Voraus, welche die Erkenntniß Ih⸗ rer Abkunft erſtickt hat und rechnete auf die dankbare Genehmigung eines Verhaͤltniſſes, das ſein Plan, ſein Zuſtand und ſein Wille helſht Mich ſchuͤtzt mein Recht! Mich rettet Ihre Hoffart— Mein Stolz— Ihr Wankelmuth— Wir ſind geſchieden! Ich gehe. Um mich nie wieder zu ſehn. ſNit Willen nie! Um zu vergeſſen— Und zu vergeben. Dieſer Ring— ſagte ſie und zog einen bli⸗ tzenden Diamant vom Finger. 5 4 r 9 Er entſchaͤdige meinen Nachfolger! ſprach ich abweiſend. Gemeiner Menſch! rief ſie mir nach. Ich fand den Ausgang und verließ mit dem grauen⸗ den Morgen des Grafen Pallaſt. 2. Noch war die Wohnung meiner Mutter ver⸗ ſchloſſen: ſchauernd vor Aerger warf ich mich auf die ſteinerne Bank vor dem Hauſe und dankte meinem Genius der mir den Sieg uͤber ein unwuͤrdiges Verhaͤltniß ſo leicht machte und die lauernde Nemeſis verſoͤhnte. Schnell ge⸗ nug, ſagte ich zu mir ſelbſt: wuͤrde irgend ein Antinous des Hofs oder des Heeres, das Naͤ⸗ herrecht des Subalternen beeintraͤchtigt haben und das Zauberbett an dem ich die boͤſe, eigen⸗ ſuͤchtige Fee verließ, zur Kanzel fuͤr vergebliche Gardinen⸗Predigten, zum Tummielplatz der Zwietracht und der Vorwuͤrfe geworden ſeyn. 20 Nur eine Neſſel⸗Ruthe warfſt Du weg, der friſche, ſuͤße Kranz erlaubter und geweihter Lie⸗ be bleibt geborgen. On ne possède point une femme adorahle, ſagte ich mit Demouſtier: ce domaine appartient àä la société— Und jede Zauberin iſt doch, bei'm Licht beſehn, nur eine Hexe. 3. Jezt ward die Hausthuͤr gesffnet; ich ſchlich mich hinauf und um meine ſchlafende Mutter nicht zu ſtören, in das Putzſtuͤbchen. Da ſtand ein Bett und in dem Bette ſchlief eine junge Heilige, nur halb bedeckt, in ſich geſchmiegt, voll Anmuth, Ruh und Ebenmaß, wie ein Gebilde Angelo's. Die goldenen Locken ihrer Schlaͤfe vertraten den Cyklus der Glorie. Mich fror nicht mehr. Der Traumgott hatte ihre Wangen roth gekuͤßt und die Knospe des bluͦ⸗ henden Mundes geſpalten: die kleine Hand lag, v v 11 auf und abgewiegt, an ihvem Herzen. Ich er⸗ ſchien mir jetzt, wie einer der Schußgeiſter, die berufen ſind das Kaͤmmerlein der Jungfraun zu beſuchen, zu warnen wo ſie Unrath merken, zu fliehn wo keine Warnung helfen will oder je⸗ de zu ſpaͤt iſt. Ich kam von einer ſolchen Flucht, zwar nicht als Engel— leider, nein! doch ſchnell kam mir, im Abglanz dieſer Schlaͤ⸗ ferin, die Heiligung. Da ſtoͤrte die eintreten⸗ de, Steinalte, graͤmliche Rahel den Andaͤchti⸗ gen. Sie ſchlich herein, das Maͤdchen aus dem Himmel eines Traums herabzuziehn, der ſich auf ihrem Antlitz ſpiegelte; ſie ſtand, er⸗ ſtaunt mich hier, hart an der Schwelle eines verzauberten Schatzes zu ſehn den ſie als Dra⸗ che huͤtete und wahrte; alle Runzeln ihrer Teu⸗ fels⸗Larve wurden zu Wellen. Ey, du gekreu⸗ zigter Heiland! die Mama wird Sie fuͤhren! Wollen Sie gleich da heraus kommen, Herr Sekretarius? Ich faltete bittend meine Haͤnde, ich wink⸗ te, blinzelte, deutete auf die Geldtaſche, warf 1²2 ihr ſogar ein Kuͤßchen zu. Aber die rauhe Aya verwarf den Suͤndenſold, ward immer rauher und uͤbte mit Erfolg das alte Recht an mir; ich ſchlich erroͤthend, auf den Zehen, in das anſtoßende Wohnzimmer. Hier ſtand ein ſchmucker Naͤhtiſch im Fenſter, hier ſchmuͤckte ein Unterroͤckchen wie es ſeyn ſoll, den Seſſel, zwey himmelblaue Strumpfbaͤnder lagen, kreuz⸗ weis, uͤber ihm; vielleicht um es vor Hexerei zu ſchuͤtzen; die ſeidenen Struͤmpflein ſtellten noch den Umriß zarter, ſanft gewoͤlbter Formen dar. 4. Da trat die Mutter ein: Rahele hatte ihr be⸗ reits den Ueberfall verkuͤndigt. Ich flog an ih⸗ ren Hals und ſagte— Mein Pflichtgefuͤhl ver⸗ bietet mir, dem Grafen fernerweit zu dienen, mein Zartgefuͤhl gebietet mir, den zureichenden Grund zu verſchweigen; Sie wuͤrden außerdem dieſen raſchen Schritt gewiß beloben.— Die “ 13 Mutter ſah mich mit großen Augen an und er⸗ wiederte, ſchnell verduͤſtert— Kind, dieſe Nach⸗ richt iſt betruͤbend. Die Zeiten werden taͤglich ſchlechter und eine ſolche Stelle findeſt Du ſo leicht nicht wieder, auch uͤberdem bei mir kein Unterkommen. Der Paſtor Wahl hat eine junge, reiche Erbin, die im Laufe von ſechs Wochen beide Eltern verlor, meiner Fuͤhrung anvertraut. Die Mamſel Hellern aus Walke⸗ witz, das ihr, zuſammt dem Kloſter⸗Vorwerk, angehoͤrt. Eine goͤttliche Fuͤgung die ich mit Dankbarkeit erkenne— ae Denken Sie nur! rief die alte Rachel, wel⸗ che im Hintergrund lauſchte: der Herr Sekre⸗ tair iſt ſchon bei ihr geweſen: am Bette drau⸗ ßen, groß und breit: ich hatte Noth ihn fort zu fenſtern. Die Mutter erroͤthete jetzt, wie vorhin ich an der heiligen Staͤtte, nannte mich einen ungerathenen Sohn, einen Wuͤſtling und rief, die Haͤnde faltend— Wenn Lorchen das dem Paſtor ſagt!— Zum Ueberfluß ſchlich oder ſchwebte Lorchen jetzt, um nichts bedeckter 24 als ich ſie verlieſ, herein, und bot der Mutter einen freundlichen, guten Morgen: die aber ſchrie laut auf und braͤngte ſie zuruͤck; das lie⸗ be Kind hielt dieſes Treiben fuͤr einen Scherz und ſtraͤubte ſich; nahm dann den Gaſt wahr, ſchrie noch lauter als meine Mama auf und verſchwand; die Rahel aber ſtieß in ihrem Aer⸗ ger die Thee⸗Kanne um und ward darob zum Echo dieſer Schreckens⸗Töne: ich endlich lehn⸗ te waͤhrend dem, von Luſt und Sehnſucht an⸗ geweht, am ſchoͤnen Naͤhtiſche und holalte mit den blauen Baͤndern. Packe Dich! rief jetzt die Mutter und wies, hoͤchſt aufgebracht, nach der Thuͤr.— Es iſt nicht liebreich: aͤußerte ich, um ihr Chriſten⸗ thum in Anſpruch zu nehmen— den einzigen, leiblichen, ehrbaren Sohn um eines Zufalls willen aus dem Herzen, und einer Fremden wegen, aus dem Hauſe zu ſtoßen: den Schmer⸗ zenſohn welcher ſo eben nicht hat, wo er ſein Haupt hinlege und welcher uͤberdem, zu Folge eines unſaͤglichen Opfers das er dem Pflichtge⸗ — ——— 3 15 dot darbrachte, bedeutende Fieber: Schauer ſpuͤrt. Mir iſt nicht wohl, und den Thee der in dieſem Zuſtand oͤfters Wunder thut, hat die alte, verlaͤumderiſche Hexe verſchuͤttet. Da ſehn Sie ſelbſt die große Pfuͤtze. Kleine Unfaͤlle wirkten in der Regel viel heftiger als bedeutende auf die Mama, ich ſah in dieſem Baͤchlein den Ableiter des Zorns der ihr Herzblatt verbannte und taͤuſchte mich nicht. Sie eilte ſcheltend nach der Kuͤche um ihren Unmuth an der Alten auszulaſſen, ich aber er⸗ griff das ſchneeweiße Roͤckchen und die rieſeln⸗ den Struͤmpflein und das hellblaue Kruzifix, oͤffnere die Thuͤr des Heiligthums nur eben weit genug um dieſen Kleinodien den Eingang zu ver⸗ ſchaffen und lispelte mit milder, muͤtterlicher Stimme— Hier, lieber Engel! Und dann kommen Sie, der Thee wird kalt. Da kam und nahm die Taͤuſchbare das Gebotene, ſah durch die Spalte, ſah den fremden, jungen Mann und ſchrie wie vorhin, doch nicht ſo laut: ſie kraͤhete vielmehr; etwa wie der Hahn V 26 Petri und andere, riß aber mit Heftigkeit dir Thuͤr aus meiner Hand und der Riegel iyrana ins Schloß. 1 „ Mama kam jetzt zuruͤck, ich ſah's, ſie hatte ſich entladen. Wenn Ihnen etwa mit dieſen gedient waͤre? hob ich an und ließ ſie ein Haͤuf⸗ lein neuer Dukaten erblicken— Wie? rief ſie mit erhobener Hand: Du „wagſt es, Deine Mutter zu beſtechen? Ich wag es, wie bisher, die Zinſen der unbezahlbaren Schuld abzutragen. Der Jahr⸗ markt iſt vor der Thuͤr und Sie brauchen viel⸗ leicht das und jenes. Nichts brauch ich! Nichts! Dich ſelbſt am wenigſten. Biſt Du ſo reich, ſo wird ſich auch bald finden, worauf Dein Haupt ruhen koͤnne; hier hoffſt Du ganz vergebens auf ein Kopf⸗ kiſſen. 17 Theuerſte Mutter! entgegnete ich: das Gartenhaus ſteht leer; die Frau Pathe wird mir es, fuͤr Geld und gute Worte, mit Freu⸗ den einraͤumen. Ich finde indeß eine andre, anſtaͤndige Verſorgung, gewinne Zeit mich Ih⸗ rem Lorchen angenehm zu machen und wir thei⸗ len dann, als chriſtliche Eheleute, daſſelbe Kiſ⸗ ſen. Das ſieht Dir aͤhnlich! ſagte ſie, ein Laͤ⸗ cheln verbergend. Alles was gut und lͤblich iſt! fuhr ich fort: denn, fuͤrwahr! beſte Mama! Sie aͤußern ſich ſo hart und lieblos daß die Pflicht gegen mich ſelbſt, ihr Recht verlangt. Oder wuͤnſchen Sie, daß ich in des Grafen Haus zuruͤck kehre? in die Fallen und Fangeiſen welche der boͤſe Feind dort fuͤr mich aufſtellte? O, duͤrfte Mutter wiſſen, was ich aufgab, ſie naͤhme den frommen Sohn an ihr Herz und ſegnete ihn. Glauben Sie mir, Theuerſte! es iſt der guten Fee Werk, die mich, um den Sieger zu kroͤnen, die Pal⸗ me, hart am Ziel des Sieges finden laͤßt: die II. 9 18 mich an Lorchens Bett gedraͤngt, die den Ge⸗ pruͤften und Bewaͤhrten dieſer wohlhabenden und angenehmen Unſchuld in den Weg geſtellt hat. Du biſt nicht klug! rief die Mama und fragte, gleich darauf, ob ich wirklich noch Froſt habe und was mir denn eigentlich in des Gra⸗ fen Hauſe begegnet ſey? Ich aͤußerte mich weitlaͤuftig aber dunkel: die Mutter erſchoͤpfte ſich in Fragen, der Sohn in Ausfluͤchten und Rahel ſagte jetzt, mit fri⸗ ſchem Thee und ihrem grimmigſten Geſicht in's Zimmer tretend— Das arme Maͤdchen ſchwimmt in Thränen. Es iſt ein Kind! ſchalt die Mutter, in der mein geaͤußerter Plan auf Lorchens Kopfkiſſen den Gedanken an eine willkommene Moͤglich⸗ keit erregt zu haben ſchien. Sie will nicht fruͤhſtuͤcken! fuhr jene ſört: nicht aus dem Zimmer gehen ſo lange der frem⸗ de Herr noch im Hauſe iſt. So ſag ihr, daß dieſer Fremde mein Sohn = 19 Das ſagte ich, und daß er ſie ja ſchon im Bett geſehn, aber da ward der Jammer noch groͤßer. Jetzt gebot ihr die Mutter den Riegel zu oͤffnen; ſie fuͤhrte mich bei der Verſhämen ein. 6. Lorchen ſaß, wohl angezogen, am Fenſter. Von Thraͤnen ſah ich keine Spur, mein An⸗ blick uͤbergoß jedoch das zarte, liebliche Geſicht mit Roſenduft. Guten Morgen, mein Toͤchterchen! hob die Mama an: ich komme ſelbſt, den Zufall zu entſchuldigen der meinen Sohn in Ihre Stube fuͤhrte, und bitte, ihn forthin als Ihren Bru⸗ der anzuſehn. Er iſt eines ſolchen Verhaͤltniſ⸗ ſes nicht unwerth. LCorrchens Angeſicht ward zu lauter Carmin; ſie ſchlug die großen Augen nieder⸗ ſie ſchloß 20 ſie faſt, ſtammelte einige Worte von der ange⸗ nehmen Bekanntſchaft, von Wuͤnſchen die ſie fuͤr Befehle nehme, und von der Willigkeit ih⸗ res Glaubens an des Herren Bruders Verdien⸗ ſte. Mein Treiben hatte waͤhrend dem, aus einer Reihe halber und ganzer Verbeugungen beſtanden, meine Aeuſſerung aus einigen Haupt⸗ woͤrtern und Infinitiven, meine Verlegenheit mit der ihren gewetteifert. Jetzt faßte ich die ſchoͤne Hand, wir zogen in das Wohnzimmer ein, der Theetiſch ſtand bereit aber neben ihm der franzoͤſiſche Sprachmeiſter. Herr Gott, wie iſt die Zeit vergangen! rief meine Mutter aus: geſchwind ein Taͤßchen! Lorchen trank und beeilte ſich. Das Paar nahm an dem andern Tiſche Platz, und meine Schweſter conjugirte jetzt, leis und verſchaͤmt — Donnez le moi, donnez le lui etc. Der Leh⸗ rer, den ich viel zu jung fuͤr dieſe Stelle fand, ſtand ihr getreulich bei, ich lauſchte und die Mutter ſagte mir ins Ohr— Wenn Dir und Deines Gleichen zu trauen waͤre, ſo koͤnnteſt Du ſie auch in dem und jenem unterrichten und Dir mit leichter Muͤh ein Taſchengeld ver⸗ dienen. Beſte Mutter! entgegnete ich: wodurch veranlaßte Ihr unbeſcholtener Sohn dieſen be⸗ ſchaͤmenden Vorderſatz? Ich fuͤhle mich, ohne Pralerei, der Schuͤlerin gewachſen und faͤhig, ſie in dem und jenem, binnen Monatsfriſt wei⸗⸗ ter zu bringen als mancher andre Helfers⸗Hel⸗ fer in Jahr und Tag. Im Styl, zum Bei⸗ ſpiel; in dem deutſchen nehmlich, in der Laͤn⸗ der⸗ und Voͤlker⸗Kunde, in der Natur⸗Ge⸗ ſchichte; in der Religion ſelbſt, wenn mir an⸗ ders der Herr Paſtor dieſes Fach abtreten moͤch⸗ te? Den Ehrenſold nehmen Sie als Koſtgeld von mir an und wohnen uͤbrigens dem Unter⸗ richte bei, damit ſie, fort und fort, huͤbſch aufpaſſe. So gehe denn, zu hoͤren ob Dir die Frau Pathe das Quartier in dem Gartenhaus ein⸗ raͤumen kann? Ich kuͤßte ihre Hand und flog hinab. 77. Die Frau Pathe war erfreut mich zu ſehn, ge⸗ neigt mich zu beherbergen und die niedliche, nur durch den Garten von dem Vorderhauſe getrenn⸗ te Wohnung, kaum in Augenſchein genommen, als ein Ruͤſtwagen vorfuhr, den der Thuͤrhuͤ⸗ ter des Grafen begleitete. Er brachte eine Ant⸗ wort auf das Brieflein mit, welches ich bei meinem Abgange fuͤr jenen zuruͤck ließ. Ich entbehre Sie ungern, ſchrieb der Graf: doch ohne Verdruß, da der Hauptzweck mei⸗ ner Abſicht— wie man mir eben eingeſtand — bereits im Voraus erfuͤllt ward und Ihr gegebenes Ehrenwort mich ſicher ſtelltl. Der Hauptzweck erfuͤllt? fragte ich mich: und im Voraus? Sollte Florentine bereits hof⸗ fen duͤrfen— Die Ablaͤder unterbrachen mein Vermuthen, ich mußte uͤber den Hausrath ver⸗ fuͤgen; dann rief mich die Mutter ab und ver⸗ ſicherte daß ſie mit Lenoren Ruͤckſprache genom⸗ men und dieſe den vorgeſchlagenen Lehrherrn 23 willig anerkenne. Dann aßen wir und bei dem Nachtiſch pruͤfte ich die Schuͤlerin ein wenig. Lorchen aber ward, ſo oft ſie ihren Weisheits⸗ Zahn beruͤhrt fuͤhlte, bis an die Ohren roth und erwiederte auf jede Frage— Das weiß ich doch wahrhaftig nicht! oder: das iſt mir ent⸗ fallen— oder: ich will mich beſinnen. Die Fiſche hielt ſie, in ihrer Unſchuld ſuͤr Saͤug⸗ thiere und als ich der Zugvoͤgel gedachte und von dem Storche ſprach, ſchien es, als denke ſie— Der hat mich gebracht! 8. Nach der geſegneten Mahlzeit ergriff ich ihre warme Hand und fuͤhrte ſie quer vor die Stu⸗ benthuͤr, denn an dieſer war ſeit den Tagen meiner Knabenzeit eine General⸗Karte von Eu⸗ ropa befeſtigt; die Fliegen hatten ſie allgemach zur ſpezialen gemacht. Ich bat Lenoren, der Nama das Katzenloch oder Cattegat zu zeigen, in welchem, wie ſie mir erzaͤhlt hatte, ihr ſeli⸗ ger Vater ſein Grab fand: den Helleſpont, das Delta und die Dardanellen— Dann ſollte ſie das Citronenland aufſuchen und den Kartoffel⸗ Gau aus dem ſie ſtammte. Vergebliche Fode⸗ rung! Sie ſehn hier: hob ich laͤchelnd an, um den Groll der bekraͤnkten Unwiſſenheit zu ver⸗ ſcheuchen: Sie ſehn hier, meine Beſte! ein ſprechendes Bild von dem Wechſel alles Irdi⸗ ſchen, dem ſelbſt die Oberflaͤche unſers Globens unterliegt. Zwar, Grund und Boden iſt, mit Ausnahme des Parthenopiſchen Stiefels, ge⸗ blieben, doch alle dieſe Grenzen wurden, waͤh⸗ rend dem mich die allmaͤchtige Zeit und das ewige Schickſal zum Manne wiegte, Theils von den Fliegen beſchmitzt, Theils von Heroen verſchoben und dafuͤr andere, mit Stroͤmen un⸗ ſchuldigen Blutes verzeichnet. Sehn Sie, zum Beiſpiel, dieſe gewaltige, hellgruͤne Schildkroͤ⸗ te— Sie iſt zum Laubfroſch eingeſchrumpft: dieſe nordiſche Schlange— man ſchnitt ihr den Kopf ab— Sehn Sie Ihr Vaterland— Le⸗ —— 2 nore gaͤhnte es verſtohlen an und fragte:— Wo liegt denn Walkewitz? Ich zeigte auf den Nachlaß einer Bremſe, ſie aber ſagte mit ſtei⸗ gendem Antheil: Herr Je! Mama, mein Gut iſt recht im Mittelpunkte. Der Aerger machte mich poetiſch. Sie koͤnnen, fuhr ich fort: mit ein wenig Phantaſie, die bei Ihrem Geſchlech⸗ ter ohnehin am liebſten Wohnung macht, in die⸗ ſem Erdtheil die Geſchichte unſers Wandels auf Erden erblicken. Wir ſteigen aus dem Schooß der Nacht empor, der Ozean bezeichnet ihn; das kleine, Blumenreiche Portugal wird unſere Wiege. Nun geht es oſtwaͤrts, dem Lichte der Erkenntniß zu, durch Extremadura, durch die oͤde, rußige Schulſtube, durch ſpaniſche Doͤr⸗ fer: der Schulmonarch als Groß Inquiſitor legt den Jubelnden Zaum und Gebiß an. Wir klettern und klimmen durch die Pyrenaͤen der Grammatiken und Grammairen, werden im Schweiß unſeres Angeſichts groͤßer und kluͤger und ziehen allgemach in Frankreich ein— in's Reich der Freude! Alles lebt und lacht und ſingt V 26 und huͤpft: wir lachen, ſingen, ſpringen mit den Frohen und kommen, Kraft des tollen Dran⸗ ges und Treibens, bald genug und mit unter drehend und ſchwindlig, dieſſeit des Rheins an. Der freie Juͤngling iſt zum Roß am Pfluge, das Maͤdchen zur Gram⸗ und Kreuztraͤgerin ge⸗ worden, die Lieder verhallen, der Jubel ver⸗ ſtummt, die Nahrungs⸗Sorge haͤngt ſich, zu⸗ ſammt ihrer weitlaͤuftigen, widrigen Sippſchaft an den Zug oder als Alp auf die Schultern, der Weg wird ſchlecht und holperig. Der eine will ſich Gangbarere ſuchen, er weicht zur Linken ab und geraͤth in die Norddeutſchen Heiden, oder in den Flugſand der Marken: der andere hoͤrte von dem Paradies Hesperiens, er bricht zur Rechten aus und verliert ſich in der Wildniß dee Alpen, oder ein malkontenter Waſtel ſchlaͤgt ihm den Kopf ein, oder er walzt ſich im Tem⸗ pel des Wiener Apollo's zu Tode. Wir, gutes Lorchen, kennen den Werth der Mittelſtraße und ziehen mit den Weiſern gerade aus, dem großen Orient entgegen. Es geht durch Dick 27 und Duͤnn, mit unter leidlich, ſelten gut und immer langſamer. Die Kraͤfte nehmen ab, die Sonne ſinkt, die Oder fließt bereits in unſerm Ruͤcken. 3 Wo ſind wir? Ach! wo blieben die Ge⸗ faͤhrten? die Freunde? die Geliebten? Alles iſt jenſeits. Nur Sumpf und Wald, nur Wolf und Baͤr umgeben uns. Selten erſcheint noch ein Menſch der uns zuſagte. Alles iſt fremdartig; wir verſtehen nicht mehr und wer⸗ den nicht mehr verſtanden, wir ſchleppen uns, verzagend, an der Kruͤcke fort, durch Sand und Wuͤſten, bis zum Ob, bis zuͤr Lena, bis zum Eismeer vielleicht— erſtarren und ver⸗ ſinken. O, das ſey fern! rief meine Schuͤlerin und lachte laut: ich bleibe in Walkewitz und warte es dort ab bis mein Gott koͤmmt.— Statt deſſen trat der Muſik⸗Meiſter ein, ich ging; die Mutter folgte mir. Ich thue Verzicht auf Walkewitz, beſte Mutter; auf das Lehramt und auf den Beſitz 28. der Mamſell Heller, die den Nahmen, fuͤr⸗ wahr! in der That fuͤhrt. Dieſe Bloͤdigkeit, lieber Sohn! darf dich nicht abſchrecken. Bedenke doch das ſchoͤne Gut! zehn Hufen und die Mitteljagd, den Fiſchfang und den Viehſtand ungerechnet. Auch iſt ſie ja von Anſehn reitzend wie ein Engel und eben erſt im ſiebzehnten Jahre. Die Maͤd⸗ chen haben Bildſamkeit und bei geringem Ver⸗ ſtande gewoͤhnlich ein deſto beſſeres Herz. Du machſt aus ihr was dir gefaͤllt und unſere Zu⸗ kunft wird geſichert. Mit Schmerzen bemerkte ich, wie hoch die Mama, gleich allen Frauen ihres Alters, die Schaͤtze dieſer Erden anſchlug und erwiederte, zu ihrer Beruhigung— Wir werden ja ſehn! Sie kuͤßte mich und ſprach— Ja, Lieber, ſiehe zu. Sieh in die ſchoͤnen Augen und auf das friedliche Gemuͤth; auf ihre Zucht und Ehrbarkeit die doch viel heilſamer als viel Witz iſt: auf ihre Kenntniß der Land⸗ und Haus⸗ Wirthſchaft, in der ſie ihres Gleichen ſuchen ſoll. 29 9. Mein Schickſal ſagte ich zu mir ſelbſt: fuͤhrt mich ſchadenfroh aus dem Schlangenneſt in das Taubenhaus, wenn Lorchen anders nicht fuͤr ein Taͤubchen zu ſchwimmfuͤßig und zu breit ge⸗ ſchnaͤbelt waͤre. Sollte denn zwiſchen beiden Extremen kein ſeliges Mittelglied zu finden ſeyn?. Es war Abend, als ich mich in der neuen, freundlichen Wohnung eingerichtet hatte; der Mondſchein lockte mich in den Garten, zu der heimlichen Laube: die lang entbehrte Guitarre ward verſucht, ich ſpielte und brummte dazu um der Mutter Willen das Liedlein„Du Maͤd⸗ chen vom Lande wie biſt du ſo ſchoͤn ꝛc. und dachte: ſo platt! und ploͤtzlich hielten mir zwei warme Haͤnde die Augen zu. Gleiches mit Gleichem! lispelte es in mein Ohr: ein Ueber⸗ fall iſt des andern werth. Jel liebes Lorchen? wie ich erſchrocken bin! Zur Strafe ſollen Sie den Text dieſer Weiſe — 1 4 4 1 vernehmen laſſen und mein Spiel mit Ihrem Gefange begleiten: ich denke mir bei dem Maͤd⸗ chen vom Lande die Charis von Walkewitz. Ihr Spott iſt gerecht! erwiederte ſie und nahm an meiner Seite Platz: aber ich hoffe, mit der Zeit, oder vielleicht auf der Stelle, eine beſſere Meinung von mir zu begruͤnden wenn Sie anders klug und beſcheiden ſind. Zwar verlaͤugnet Ihr Schweſterchen ſo eben die genannten Bedingungen doch der Himmel weiß, woher mir das Vertrauen koͤmmt. J. Sie erheben den Schleyer, um mich ſehr angenehm zu uͤberraſchen. S. Prometheus hat mich angehaucht. J. Ja, mit Erſtaunen ſpuͤre ich dieſen Hauch. Das iſt ein andres Lorchen als das heutige, oder die Seele des heutigen vielmehr. Das vorige entgegnete ſie: iſt zu eitel um ſich noch einen Augenblick laͤnger von einem Mann Ihres Gepraͤges verkannt wiſſen zu moͤ⸗ gen, drum ſey es, in dem Glauben an Ihre 31 Redlichkeit gewagt, Ihnen das wirkliche hier im Mondſchatten darzuſtellen. Es wird zum Beimond. Waͤr' ich Endy⸗ mion! Zu welchen Zweck verbargen Sie die helle Fackel?— Das Fuͤnkchen nur! Die Frauen, guter Freund, ſehn ein ſolches Licht nicht mit Ver⸗ gnuͤgen auf dem Scheffel und dazu wird der Einfalt von ihren Huͤterinnen ſo manches Vor⸗ recht zugeſtanden das man der Sinnigern ver⸗ kuͤmmert. Der Staar darf frei durch's Zim⸗ mer huͤpfen, den Zeiſig ſperrt man in den Kaͤ⸗ fich. Das Gaͤnschen darf ſich frei im Freien ergehn und Papchen ſchwatzen, was ihm ein⸗ faͤllt. Genug, die Maske iſt mir noͤthig und bequem. Die Mama halte mich deshalb nach wie vor fuͤr das was ich ſcheine, doch der Herr Sohn uͤberzeuge ſich daß ich das Kattegatt und die klaſſiſche Fluth, in der einſt Helle unter⸗ ging, zu finden weiß: daß mir bereits von manchem Texte traͤumte, uͤber den Sie zu pre⸗ digen denken und daß ich geſpannt bin zu ſehn, 32 in wiefern Sie dem uͤbernommenen Lehramte gewachſen ſeyn duͤrften? Das geb' ich auf, Mamſel! Von Ihnen will ich lernen was mir abgeht: die Kunſt zu taͤuſchen! Lernen Sie vor allem ſchweigen! ſagte Lor⸗ chen, denn die Mama kam herbei und fragte wißbegierig, wovon die Rede ſey? Vom Monde! ſiel das Maͤdchen ein: ich fragte, ob er auf der andern Seite auch ſo ſcheine. Ja, freilich! entgegnete die Mutter: vorn und hinten, liebes Kind. Ueber alles das kann Ihnen Clemens Auskunft geben, er war als Knabe ſchon ein ganzer Aſtrognoſt. O, zeig ihr doch den Sirius, dein Leibgeſtirn. Deer ſteckt noch dort, hinter dem Zuchthau⸗ ſe: ſagte ich kleinlaut. Je nun, fiel die Mutter ein: hier ſtehen an⸗ dere, die auch der Rede werth ſind; nenne ſie ihr, ich beſehe mir indeß deine Wohnung. 33 10. So ſagen Sie denn an! wisperte Lorchen und lachte in's Faͤuſtchen: nur keine Wanderung am Firmament, wie die heutige auf der Landkarte. Ich mußte bis an's Eismeer mit Ihnen fort⸗ ziehn und Sie fragten nicht ein Mahl, ob mir die Reiſe und der Fuͤhrer genehm ſey. Iſt das die Venus, Herr Profeſſor? Sie werden, hoff' ich, Ihre Mutter ken⸗ nen? Die hatte, wenn mir recht iſt, nur drei Soͤhne. Den loſen Amor, den frommen Ae⸗ neas und den Ex⸗Sekretair, Herrn Clemens Thaddaͤus allhier. Seht Ihr den Mann im Monde? fragte die Mutter, aus meinem Fenſter herab. Ach Gott, ja! entgegnete Lorchen und ſetz⸗ te leiſer hinzu— Ich wollte die Maͤnner waͤren alle dort. Ihre Spottſucht ſchuͤtzt Sie vor dieſen— ſprach ich aufſtehend. Sie druͤckte mich auf II. 3 34 den Sitz zuruͤck, meine Hand an ihr Herz und ſagte— Bleiben Sie noch, es iſt huͤbſch hier⸗ Wir laſſen der Venus ihre Familie und ſprechen von etwas anderm. Sollte Ihnen etwa der Hauptmann Angelſtern bekannt ſeyn? ich ver⸗ neinte. Er war mein erſter Lehrer in der Him⸗ mels⸗Kunde. J. Die Nacht begäͤnſtigt dieſen Unter⸗ richt: Sie werden ſchnelle Fortſchritte gemacht haben? 4 S. Das war boshaft. Eine Sternſchneutze! rief die Mama. Ein Lebenslauf! entgegnete Lorchen: aber mich froͤſtelt. Schlafen Sie wohl, Herr Thad⸗ daͤus! Damit ſchlang ſie den Shawl um Hals und Bruſt und ging ihres Weges.— Die Mutter kam zuruͤck und ſagte— Du mußt nur Geduld haben. Nimm erſt den Mond vor; nenn ihn das Bild der ſtillen Liebe. Die Son⸗ ne dann; vergleiche ſie dem Feuer der Leiden⸗ ſchaft. Sprich von den Anzugs⸗Kraͤften, die ergeben ja den Uebergang zu der ihren und ſey 33 nicht bloͤde. Ich weiß, es iſt Dein erſter Ver⸗ ſuch und der wird Euch ſchwer, aber das Selbſt⸗ vertrauen koͤmmt mit dem Erfolge. Es reiten und gehen ſchon Tag taͤglich junge Herren unter dem Fenſter vorbei und gruͤſſen herauf, darum liegt mir daran, Dein Gluͤck zu beſchleunigen, denn einem Gute wie Dein kuͤnftiges Walkewitz kann es nicht an Liebhabern fehlen. Schlaf wohl, mein Sohn, und ſtelle Dich morgen Punkt acht Uhr zum Fruͤhſtuͤck und zum Un⸗ terricht ein. Nur nicht etwa wieder im Putz⸗ ſtuͤbchen!. Vergeben Sie, Mama! ſprach ich ſeuf⸗ zend: ich habe eine Reiſe vor, eine Geſchaͤfts⸗ Reiſe fuͤr den Grafen: es iſt der letzte Dienſt den ich ihm leiſten muß.. Das ſey verdrießlich! meinte ſie; ich mein⸗ te es auch und verſprach ihr, bald wieder da zu ſeyn. 11. Mittternacht war voruͤber, noch lauſchte ich, vom Schlaf geflohen, ſinnend im Fenſter. Dein Lebenslauf! dachte ich, eine Sternſchneuze wahrnehmend: Lenore hat Recht. Ein Amt! Ein Weib! Ihr noͤthigen, ihr angenehmen Ziele wenn und wo werd' ich Euch finden? Um beide brachte mich des Grafen abenteuerlicher Einfall und dieſe Huldin iſt nur eine ſchlaue Heuchlerin und bereits durch die. Militair⸗Schule gelaufen. Gott bewahre mei⸗ nen aͤrgſten Feind vor ſolcher Mitgift. Angel⸗ ſtern heißt der ſaubere Patron: es ſpringt in's Auge, daß er ſie geangelt hat.— Ich woll⸗ te, ich ſaͤße dort, zwiſchen dem Becher und dem Raben auf der Waſſerſchlange, oder auf Beteigeuzens rothgiltiger Kiſte oder laͤge in der molkigen Praͤſepe, zwiſchen dem noͤrdlichen und ſuͤdlichen Eſelein mitten inne. Hier unten iſt der Teufel los, des Menſchen Wandel fort und fort ein Tanz auf Hexen⸗Eiern, das Leben eine 37 verſtimmte Geige voll Diſſonanzen und dazwi⸗ ſchen denn mit unter ein Himmelston, der den Katzen⸗Jammer nur um ſo widriger macht. Auch meine Braͤute ſind nichts beſſeres. Die eine opfert mich dem Duͤnkel auf, die andere fuͤhrt ihren Beichtvater, ihre Pflegemutter und mich ſelbſt an der Naſe herum, und ihre Schweſtern groß und klein thun zuverlaͤſſig nichts kluͤgeres, und mit unter wohl auch, was die beiden Huͤhner, meine ſcheinheiligen Muh⸗ emen, an dem Lamm und dem Luchſe gethan ha⸗ ben moͤgen.— Aber was ſchreit denn da vorn, in der Mutter Wohnung, ſo heillos wie ein verſchmaͤhter Kater, oder ſo klaͤglich vielmehr, wie eine Sabinerin bei der roͤmiſchen Univer⸗ ſal⸗Hochzeit? Ich lief hinab und hinzu und fand die alte, heulende Rahel im Hofe, der die Mama aus dem Fenſter ein Dutzend Auftraͤge nachrief. Was giebt es denn? Ach, Lorchen will verſcheiden! Komm nur herauf! 38 12 — ⸗ 7 Das Maͤdchen lag in Ohnmacht. Ich ergriff ihren Arm, aber der Puls ſtand Maͤuschen⸗ ſtill: ich neigte mich zu ihrem Munde, aber kein Hauch ließ ſich ſpuͤren; ſie war Eiskalt. Namachen rang die Haͤnde, brachte Tuͤcher, Buͤrſten, Weingeiſt, ſah mich an, beſann ſich auf mein Geſchlecht und hieß mich gehen. Im Nebenzimmer lag alles was Lenoren zugehoͤrte, auf der geſtrigen Stelle und auch das Himmel⸗ blaue Kreuz, als offenbar gewordenes Symbo⸗ lum des geahnten, nahen Todes. Sie hat ſich im Garten erkaͤltet! ſagte ich: ein Schlagfluß iſt die Folge und es duͤrfte bald noch mehrern ſo gehn. Schade, ewig Schade um Lorchens Witz, um ihre mimiſchen Anlagen, um die liebliche Form, um eine Bluͤthe die man vor⸗ ausſetzen, beſingen, ſelbſt als ein ſeltnes Exem⸗ plar, fuͤr die akademiſche Praͤparaten⸗Samm⸗ lung retten koͤnnte, wenn ſie anders nicht des verdammten Sternguckers gedacht haͤtte. 39 Ach, Gottlob! rief jetzt der Mutter Stim⸗ me. Ich flog hinein, die Todte ſah, zu Folge jener Anſtrengungen, wie ein geſottener Krebs aus und ſaß aufrecht und lebendig im Sopha. Wo bin ich denn? fragte ſie und druͤckte ihre Pflegerin an's Herz: was iſt mit mir geſche⸗ hen? Die Mama erzaͤhlte nun ganz ausfuͤhr⸗ lich, wie Lorchen, im Begriffe ſich niederzule⸗ gen, der alten Rahel in den Arm geſunken und bis dieſen Augenblick ohne Beſinnung geblieben ſey. Das gute Kind ward ſehr nachdenklich und verſicherte dann: der Tod waͤre ihr bereits in der Laube uͤber das Grab gelaufen und ſie deshalb ſo ſchnell zuruͤck geelt. Mama redete jetzt heimlich mit ihr und ging dann hinaus um nach dem Thee⸗Waſſer zu ſehn, ich aber nahm an ihrer Seite Platz.— Was fuͤhrt denn Sie her? fragte die Kranke kaum ver⸗ nehmbar. 3 Herzliche, wohlgemeinte Theilnahme, lieb⸗ ſte Schweſter. Der Wunſch zu helfen und zu V . 4 dienen.— Sie druͤckte mir die Hand und ſagte — Mein Herz weiß das zu wuͤrdigen! Jetzt kam der Doktor zuſammt dem Wund⸗ arzt. Dieſer beſah ſich die Kupferſtiche, jener ordnete den Haarſtrauß im Spiegel; beide fan⸗ den das Uebel nicht von Bedeutung. Der Dok⸗ tor ſagte zu allem, was ich uͤber den Grund und Quell des Zufalls aͤußerte: Ey, Ey! und verſchrieb der Kranken drei Pulver und zwei Traͤnkchen: der Wundarzt aber erwiederte auf alle Mittheilungen meiner Mutter— So, ſo! und zog endlich, unter Anwuͤnſchung guter Beſo ſerung, als Trabant mit ſeiner Sonne fort. 13. Mama brachte Thee, die Rahel das Verord⸗ nete, ich uͤbernahm die Abſpeiſung. Jene nick⸗ te, bald darauf, im Sopha des Neben⸗Zim⸗ mers ein, Rahel ward von der Lorchen zu Bette geſchickt, ich ſaß, wie vorhin, neben 4¹ dieſer. Sie lauſchte ſtill, im Anſchaun ihrer innern Welt verloren, ich fragte endlich, zu dem lieblichen Antlitz hinab geneigt, nach dem Befinden. Wohl, guter Mann! fliſterte es, da ward mir der Kopf ſo ſchwer und ploͤtzlich ſank mein Mund auf die Lippe, welche dieſe holdſeligen Worte ſprach. Die ſchoͤne Lolo ge⸗ hoͤrte augenſcheinlich zu den duldſamen Kran⸗ ken, denn ſie duldete die Gewalt des Zufalls und ſtellte dieſem begehrlichen Munde bloß ihre ſchwellenden, ſtrebenden Lippen entgegen.— Jetzt regte ſich ploͤtzlich die Mama, ich fuhr empor und ſah hinzu: aber die Ermuͤdete hatte ſich nur bequemer gelegt, und Lorchen behaup⸗ tete, es ſey Zeit wieder einzunehmen. Da ge⸗ ſchah ihr dann, wie ſie verlangt hatte, und ich ſetzte mich nun auch bequemer und wir ſpra⸗ chen oder lispelten vielmehr allerlei, uͤber den ſchoͤnſten Text unter dem Monde. Das Stre⸗ ben, mich praͤgnant und gefaͤllig auszudruͤcken, machte mir den Kopf immer ſchwerer und Lor⸗ chen faßte ihn endlich mit ihren warmen, zar⸗ 4 ⁸ wen Haͤnden und hielt ihn ſo, verſtummt und unverdroſſen, die laͤngſte Zeit.— Als endlich der erſte Morgenſtrahl, ganz unverhoft und überraſchend, durch die Gardinen brach, war das ſuͤße Maͤdchen und das eintraͤgliche Walke⸗ witz, zuſammt der Mitteljagd, dem Fiſchfang und dem Kloſter⸗Vorwerke, ſo gut als mein und Clemens Thaddaͤus, zum zweiten Mahl im Lauf von vier und zwanzig Stunden ein Braͤutigam. 14. Das machte ſich ſchnell! dachte ich, auf dem Ruͤckweg in das Gartenhaus— faſt ohne mei⸗ nen Willen. Ich bin wie berauſcht; minde⸗ ſtens war ich es. Aber der guten Mutter Wunſch und Ziel iſt erreicht, die Foderung des vierten Gebots erfuͤllt, in ihrem Gluͤcke bluͤht das meine und alle Welt wird mich beneiden. Auch bin ich wirklich beneidenswerth. Lolo iſt 4 ſchoͤn, iſt jung, iſt witzig, dem Mißbrauch dieſer Himmels⸗Gaben wehrt Theils die Nei⸗ gung welche ſie mir eingeſtand, Theils das Ge⸗ folge der ehelichen Liebe mit ſeinen Dornen und Stechpalmen. Lenore wuͤnſcht, recht bald ge⸗ traut zu ſeyn— das ſoll geſchehn, der ſchnoͤ⸗ den Florentine zum Trotz und Aerger. Mich hat ganz offenbar ein guter Genius, ſo ſruͤh am Morgen, in's muͤtterliche Haus, an Lor⸗ chens Bett gefuͤhrt: ein Umſtand der mir au⸗ genſcheinlich den Weg bahnte und dieſe vertrau⸗ liche Naͤherung zeitigte. Kann ſich die Phan⸗ taſie ein zuſagenderes Ideal erſinnen? 15. Zwei Roſen⸗Wochen ſchwanden wie Minuten hin, der Paſtor Wahl trauete uns am Sonn⸗ tage der dritten, das Beilager ward, mit eini⸗ gem Aufſehn, unter Zuziehung geſammter Herrn und Frauen Pathen gefeiert. Ein treſſ⸗ 1 — 44 licher Scholar des Hof⸗ Trompeters begleitete des Brautpaars Geſundheit mit einem Tuſch, der Mark und Bein erſchuͤtterte und meiner kraͤnkelnden Lenore eine Ohnmacht zuzog. Der Lermblaͤſer ſtand nehmlich, von ſeinem Meiſter hinter der Fenſter⸗Gardine verſteckt, im Ruͤcken des Ehren⸗Sitzes und die Gewalt des Luft⸗ und Tonſtoßes mußte ſich, Kraft dieſer Richtung, auf Lorchens Nacken brechen, der um ſo nackter und reitzbarer war, da die Frauenzimmer in jenen Tagen der maͤnnlichen Augenluſt alles Er⸗ denkliche zu Gefallen thaten und mit dem Schoͤ⸗ pfer wie mit dem Schneider haderten, wenn der eine oder der andere dieſen Zweck zu wenig beguͤnſtigt hatte. Genug, mein Lorchen lag in Ohnmacht. Der Trompeter verſtummte, die Pathinnen ſprangen auf und hinzu, ich goß ein Flaͤſchchen voll Eſſig uͤber dem Honig⸗ ſtocke meiner Zukunft aus. Cornelius draͤngte jetzt die Frauen abſeits und kitzelte Lenoren in der Seite, der Tanzmeiſter Saͤuberlich raufte ein Haar aus der Stirnlocke der Frau Berei⸗ 45 terin und krabbelte die Braut damit an der Na⸗ ſe, der Mechanikus Kammſetzer verlangte den Boden⸗Schluͤſſel, um mein altes Elektrophor aus der Rumpel⸗Kammer zu hohlen und die Mama ergriff in ihrer Angſt das Vorlege⸗Meſ⸗ ſer um, zu Gunſten des Odem⸗Hohlens, das ſchwache, ungemein noͤthige Binde⸗Mittel ih⸗ rer Fuͤlle zu zerſchneiden. Da fiel ich ihr eiferſuͤchtig in den Arm, ſchlug den krabbelnden Tanzmeiſter zuſammt dem kitzelnden Hof⸗Trompeter aus dem Felde und trug die Braut in unſere Kammer. Bald gelang mir, was den Herren Pathen, Trotz aller Anſtrengung mißgluͤckte, mein Taͤubchen ſchlug die Augen auf und beſchwerte ſich, leh⸗ haft genug, uͤber die verwuͤnſchte Trompete. 16. Am folgenden Morgen ſtellten ſich die ſaͤmmtli⸗ chen Gaͤſte zum Genuſſe der Brautſuppe wieder 46 ein und wuͤnſchten meinem Lorchen, zu dem Uebergange des Schwindels wie zu dem Stan⸗ des⸗Wechſel, Gluͤck. Die junge Frau war ſehr verlegen, beklagte die Stoͤrung, lud den Cho⸗ rus nach Walkewitz ein und betrieb dann die Abreiſe. Wir fuhren, gleich nach Tafel, auf meine Guͤter, die Mutter ſollte ihr Haus be⸗ ſtellen, und uns dann gelegentlich nachfolgen. Lenore weinte unter Wegs zuweilen bitterlich und ſchob, ſo oft ich nach der Urſache dieſer Thraͤnen fragte, die Schuld auf ihre Nerven, dann ſchlummerte ſie ein und ſchlief noch, als bereits ein Stern erſter Groͤße uͤber dem Sau⸗ me der oͤſtlichen Bergkette ſichtbar ward. Die Kornaͤhre war es. Mirr fiel der Angelſtern auf's Herz. Zweiſle nicht! dachte ich: dem Hauptmann gelten dieſe Thraͤnen, der iſt ihr Aſtronom geweſen, der hat ihr das Siſtem der Anzugskraft verſinnlicht. O leuchtende Spika! O, Sternen⸗Jungfrau, Himmelreine! o Du, die Trotz dem Baͤrenhuͤter, dem Schlangen⸗ Traͤger, dem Herkules ſelbſt, welche Dir ſeit 2 47 Jahrtauſenden nachlaufen, noch immer ohne Mackel iſt— wie mancher ſterbliche Schlan⸗ gen⸗Traͤger, wie mancher Quaſi⸗Herkules mag die Meinige vielleicht bereits eingehohlt haben?2 Gott kennt den Baͤrenhuͤter, dem dieſer Eridan⸗ Fluß ihrer Thraͤnen nachſtroͤmt.— Pfuy, welch ein Argwohn! ſchalt mein gutes Herz: die Maͤdchen haben insgeſammt ſo dringende Ver⸗ anlaſſungen und ſo entſchiedene Anlagen zu Be⸗ wahrung des Engels in ihrer Bruſt, daß es, in zweifelhaften Faͤllen, wohlgethan iſt, dieſe Zweifel unter dem Gehorſam des Glaubens ge⸗ fangen zu nehmen. Wirf Dein unſeliges Vielleicht in die Hoͤlle, ſchrecke die Dulderin nicht durch Mißtraun zuruͤck, am wenigſten quaͤle ſie durch Deutungen und Verhoͤre, denn die Schuldige wird unbedenklich Leib und Seele verſchwoͤren und ſich williger zu einer Brand⸗ ſtiftung als zu dem Fall von dem Dir tränmt. bekennen. Jetzt wachte Lorchen auf, erſtaunte, die finſtre Nacht herein gebrochen zu ſehn und kuͤßte mir mit Zaͤrtlichkeit die Hand. Ich konnte nicht umhin, ihr die befreundeten Sphaͤren be⸗ merkbar zu machen. Wir fuhren gen Norden — Siehſt Du den großen Drachenkopf? frag⸗ te ich: den Reiter dort am Baͤren⸗Schwanze? den roͤthlichen Kochab in den Waͤchtern und da den alten Angelſtern?— Schade auf den! fli⸗ ſterte ſie und umfing mich. Ich that ein Glei⸗ ches, der Argwohn verging mir— Wir kamen endlich, ſchlummernd in Eintracht, vor dem Walkewitzer Hofthore an; der Verwalter weckte die Schlaftrunkene Herrſchaft, drei Maͤdchen und zwei Jungen beſtreuten, vor uns herlau⸗ fend, die Baufaͤllige Schnecken⸗Treppe mit Schafgarbe und anderm wohlriechenden Wie⸗ ſenwachs und ſangen nebenbei aus hellem Halſe irgend ein Kirchenlied. 17. Die Wohnung war von Fachwerk, das Wirth⸗ ſchafts⸗Gebaͤude von Leimen: im Garten hing . 49 ein abgeſtorbener Aepfelbaum uͤber dem wuchern⸗ den Unkraute, weiterhin ſtand eine Kiefer und laͤngſt der verfallenen Mauer viel Hollunder. Zu Platzbuͤchſen! meinte der Verwalter: fuͤr die zukuͤnftige, junge Herrſchaft. Von Teichen ſah man nichts, wohl aber eine ſtinkende Pfuͤ⸗ tze hinter dem Hauſe und unzaͤhlige Froſchkoͤpfe uͤber der gruͤnlichen Decke. Die ehrſame Quaͤ⸗ eker⸗Gemeine betrachtete, wie anderwaͤrts, ver⸗ ſtummend und verbluͤfft, den neuen Herrn. Im Schafſtall wuͤthete die Drehe und unſere Kuͤhe ſahen aus, als ob ſie bei dem letzten Durchzuge der Huͤlfs⸗Truppen, zur Vorſpann gedient haͤtten. Der blonde Phoͤbus aber ſtieg ſo glaͤnzend als moͤglich uͤber den ausgehauenen Buſch, um mich die koͤſtliche Mitgift gleich im vollen Licht erblicken zu laſſen. O, Spoika! ſeufzte ich geſtern Abends— O, Walkewitz! brummte ich heut am Morgen. Lorchen bedankte ſich waͤhrend dem, bei der Frau Hegereiterin, bei der Verwalter⸗Cordchen und bei Schulmeiſters Dorchen fuͤr die ruͤhren⸗ II. 4 80. de Heuſtreu, welche dieſe zu Gunſten unſeres Eintritts veranſtaltet hatten, ich aber bat das Kleeblatt zur Tafel. Das plaͤrrte, kicherte, afterredete und zierte und fuͤhlte ſich, und woll te gefallen. Ich ſah verzweifelnd zu meinen Schwieger⸗Eltern auf, die gleich der alten, fruͤher gedachten General⸗Charte, von den Vieh⸗ fliegen beſchmitzt, an der Wand hingen und dem Ausſehn des Grundſtuͤcks entſprachen. Das Doͤschen welches die graͤmliche Mama dem Va⸗ ter darbot, war offenbar viel zu niedlich fuͤr den Bedarf ſeiner Rieſen⸗Naſe, er aber glich dem Widerſacher und ſchien bereits im Geiſt das Katzenloch zu ſehn, in dem er neulich unter⸗ ging. Unſere Zutritts⸗Damen packten jetzt ihre gewaltigen Arbeits⸗Beutel aus und ſetzten ſich feſt. Lenore ſah mich leiden und fragte, um mir eine Beſchaͤftigung zu geben, den eintre⸗ tenden Verwalter, wie es um die Gewehr⸗ Kammer ſtehe? Mit Achſelzucken erwiederte er: die hat das Kriegsvolk ausgeraͤumt— Es hing 61 noch eine Flinte ohne Hahn darinn und ein Schnepperchen: ein aufgeplatztes Blaſerohr und auch des Bettelwaͤchters Spieß. Dieſe Aus⸗ ruͤſtung meinte jener: reiche fuͤr unſern Wild⸗ ſtand eben hin, wolle ich mir indeß mit dem Blaſerohr ein Vergnuͤgen machen, ſo werde ſein Chriſtlieb ſelbiges, allſofort, mit gutem und tuͤchtigen Papier uͤberziehn. Ich erließ ihm das und nahm, den Schwieger⸗Eltern ge⸗ genuͤber, in einem ſchaͤbigen Großvater⸗Stuh⸗ le Platz. Lenore erzaͤhlte den ſtaunenden, lau⸗ ſchenden Hoͤrerinnen von den Erſcheinungen in der Hauptſtadt, von der neuen Theater⸗Geſell⸗ ſchaft, von den neueſten Moden; vom Backen⸗ bart des Koͤnigs und von den Zahnluͤcken der Koͤnigin. Sie gingen endlich, als der Hirt die Heerde eintrieb, hoͤchſt erbaut und wuͤnſch⸗ ten uns zu wiederhohlten Mahlen eine wohl⸗ ſchlafende und geruhſame Nacht. V — 18.. Meine Frau hatte ihnen das Geleite gegeben, ſie kam nicht wieder. Ich fand, zufaͤllig, die Rechnungen welche mir ihr Vormund bei der Abreiſe einhaͤndigte, in der Taſche, blaͤtterte und las und fah daß Walkewitz allerdings nur die gemeinſte Perl unſerer Krone und Lorchen im Beſitz einer Leibrente ſey, die ihr jaͤhrlich drei tauſend Thaler eintrug. Mir wuchs der Muth, doch ſchnell verſank er wieder, als ſis endlich, ſpaͤt am Abend und mit roth gewein⸗ ten Augen in das Stuͤbchen zuruͤck kam und ans Fenſter trat. Ich neigte mich zu ihr. Du wirſt Dich getaͤuſcht ſehn! ſprach ſie ſeufzend. J. Ich bin zufrieden. S. Und der Großmuth beduͤrfen. J. O, Deiner Liebe nur; nur Deines Vertrauens. S. Fuͤrchte das, Beſter! . * 43 J. Ich fuͤrchte nur den ſchwarzen Geiſt des Argwohns und der Ungewißheit. S. Ach, die Gewißheit iſt oft peinlicher. Darauf wag' es! ſagte ich kleinlaut. Ja, ich wag' es! rief ſie beherzt— ich wag' es, weil ich's wagen muß und Du ein Herz von ſeltner Guͤte haſt. Nimm hier den Schluͤſſel zu meinem Pulte, Du findeſt dort viel Stoff um jene Großmuth zu bewaͤhren; den goͤttlichen Beruf, ein edler Mann zu ſeyn. Sie eilte fort, der Schluͤſſel blieb in meiner Hand. 19. Jch ſtuͤrzte zu dem Pulte hin, fand einen Brief an mich und las— Vernimm, Du guter, frommer Mann, die Gruͤnde meines Grams und fuͤr den Fall der Verſagung meinen Entſchluß der, ohne Wanken, wie der Achſenſtern des Himmels ſteht. Ich liebte einen Offizier. Die Pffichk rief ihn in's Feld, die Scheideſtunde ſchlug, mit ihr die Stunde meines Falls. Du krateſt in Dein muͤtterliches Haus, worinn ich, wenige Monate nach jenem Ungluͤcks⸗ Tage aufgehoben ward— ich ſpreche Dich, ich finde Dich am Abend in der Laube, finde bei der Ruͤckkehr auf mein Stuͤbchen die Zei⸗ tung und meinen Verlobten als ein Todess Opfer der letzten Schlacht in ihr aufgefuͤhrt.„ Daher die Ohnmacht!— Mit der Beſin⸗ nung tritt das Bewußtſeyn der Folgen jenes Lebewohls, wie ein Geſpenſt vor meine See⸗ le. Ein raſcher Entſchluß muß gefaßt wer⸗ den. Da neigſt Du Dich zu mir, ſprichſt wie ein Liebender, wirſt kuͤhn wie ein Braͤu⸗ tigam und mir koͤmmt, wie ein Rath von oben, der Entwurf zu Rettung meiner Ehre.* Er iſt vollfuͤhrt. Jetzt ſprech ich Dein Er⸗ Parmen an und will vergelten, will entſchaͤ⸗ digen. Beſchimpfſt Du mich, ſo geh ich in den Tod— ſo wahr ich lebe, ſterb' ich dann, — 38 und ſterb' als Moͤrderin! Das, das bedenk' und waͤge; waͤhle und entſcheide uͤber Deine ungluͤckliche Freundin Leonore. 20. So ſage denn, geneigter Leſer dieſer unum⸗ wundenen Geſtaͤndniſſe, was Du an meiner Statt gewaͤhlt, gethan, oder gelaſſen haͤtteſt? Zum Ueberfluß lag noch ein Blatt von bekann⸗ ter Hand in dem Schreckens⸗Briefe und auf dem Blatte ſtand— Sie ſind die Braut des jungen Thaddaͤus. Sollte es dieſen Undankbaren je geluͤſten, die Rechte des Weibes in Ihnen zu bekraͤnken, oder die Gattin je in den menſchlichen Fall kommen, eines Gegengewichts zu beduͤrfen, ſo nennen Sie ihm nur den Nahmen Ihrer wohlmeinenden Florentine Steil. — 56 Ich trat am Morgen der verwachten Nacht an ihr Bett. Wie viel anders erſchien ſie mir jetzt als an jenem, wo mich der Zufall zu der Schlaͤferin fuͤhrte. Ich verſchmerze den un⸗ wuͤrdigen Betrug: hob ich an: wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, unſrer zukuͤnftigen Scheidung kein Hinderniß in den Weg legen zu wollen? Lenore wendete ſich Schaamroth ab und weinte laut. 1 Sie haͤndigen mir dies Verſprechen ſchrift⸗ lich ein, fuhr ich fort: und ſehn ſich, bis zu dieſem Zeitpunkt, in dem Verhaͤltniß einer Schweſter zu dem Manne, der Sie mit ſeiner Gegenwart, ſo viel nur an ihm iſt, verſchonen wird. Ein Engel, glaub' ich, kann nicht Schonungsvoller ſeyn! Grauſamer! ſtammelte ſie: dieſe Gegen⸗ wart iſt mein einziger Troſt. Ich will es glauben, entgegnete ich: aber nebenbei eben ſo aufrichtig geſtehen, daß ich den meinen unter Ihren Augen ſchwerlich ſinden 67 buͤrfte und als ein ſchwer Verbrannter das Feuer fuͤrchte. Das hoͤlliſche des Heuchelſcheins! Dies war mein erſtes, ſey mein letztes hartes Wort. Der Wagen iſt beſpannt, ich fahre nach der Reſidenz zuruͤck und erwarte dort die bedungene, ſchriftliche Einwilligung. 3 Lenore ſchrie laut auf: die Schmerzens⸗ Toͤne drangen in mein Innerſtes, doch lauter noch gebot das Selbſtgefuͤhl, ſie zu verlaſſen. — Lebe wohl! ſagte ich Wehmuthsvoll und fuhr im Abgehn alſo fort— Der Wahn iſt kurz, die Reu iſt lang! Das muͤßte ein ungeſchickter Redner ſeyn, der nicht einen ganzen, langen Sommertag, uͤber den kurzen Text predigen koͤnnte: ein zweiter De⸗ moſthenes, wenn er ihn im Lauf eines langen Sommers erſchoͤpfte. Und das iſt der Fluch des Mannes, daß er die heiligſten und innig⸗ ſten Gefuͤhle ſeiner Bruſt wie boͤſe Geiſter huͤ⸗ ten, daß er an den lieblichſten Gebilden ſeiner Phantaſie zum Stiefvater werden, daß er im Geiſt eines Lug und Trug ſchnuͤffelnden Guͤter⸗ 68 Beſchauers leben und weben muß, wenn er dem zeitlichen, ſchmerzlichen Tode ſeines Heils und ſeiner Ehre entgehn will. Es iſt ſein Fluch, gemeine Schminke, glaͤubig und treuherzig, fuͤr das Inkarnat der Verklaͤrung zu nehmen und oft genug die fluͤchtige Minute der Verzuͤckung mit endloſem Herzweh zu bezahlen. Jetzt ſprengte ein Courier voruͤber. Frie⸗ de! Friede! rief er in den Wagen. Wollte Gott! brummte ich, mit der Hand auf der Bruſt: hier tobt das Gegentheil: ein ewiger Krieg!— Naͤher der Hauptſtadt don⸗ nerten mir bereits die Kanonen entgegen; ſie ſchwamm, als ich einfuhr, im Feuermeere der Beleuchtung. Auch die Mama hatte, in Hin⸗ ſicht auf den Ertrag meiner Waͤlder und Seen, ein Uebriges gethan und die Fenſter viel reichli⸗ cher als bei den zahlreichen, fruͤher befohlenen Erleuchtungen, und mit viel ſtaͤrkern Kerzen ausſtaffirt. — 59 21. Jch trat, ſchwer athmend in das Zimmer und mir trat, ganz im Widerſpruche mit dem Geiſt des Jubels, aber dem Daͤmon meiner Bruſt entſprechend, eine ſchwarz verſchleierte Geſtale entgegen. Sie ging, ich kam, das Zuſammen⸗ treffen unter der Thuͤr war ſo haſtig, daß wir Beide erſchrocken zuruͤck prellten. Du hier? rief die Mama, der die plöͤtzlis che Ruͤckkehr des Sohnes nichts Freudiges ver⸗ hieß.. Du hier? rief auch die Schwarze jetzt, warf den Schleier zuruͤck und ſich mit Zaͤrtlich⸗ keit an meinen Hals— O theurer Vetter„ ſey gegruͤßt!— Ich ſah ihr in das blaue Auge, ich warf einen Blick auf das blonde Haar, auf das ergluͤhende, holdſelige Geſicht und ſtotterte — Iſt's moͤglich? Fraͤulein Magdala? Der Leſer wird ſich noch des Fraͤuleins He⸗ lene Magdalene Huhn erinnern, der ich die Zupfſeide aus den Haaren nahm, der ich den — 60 zweiten Predigt⸗Theil vom Leutnant hohlte; die ſich, fuͤr dieſen Liebesdienſt, mit einem Haͤ⸗ rings⸗Kopfe bei mir abfand, mir dann die Kammerthuͤr vor der Naſe zuwarf und gleich nach ihres Vaters, bald darauf erfolgtem To⸗ de, den Herrn von Lamm geehlicht hatte. Die Friedens⸗Bothſchaft fuͤhrt mich her: ſagte ich zu der Mutter, um ihr den frohen Abend nicht zu verbittern. Sie nickte beifaͤl⸗ lig und ſprach— Denke nur, der Herr Major von Lamm ſind auch geblieben. Ach! lispelte Lenette, im Geiſte des Stifts⸗Rathes, ihres Vaters: der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Die ungluͤckliche Wittwe bittet jetzt, als ſolche und als Bluts⸗Verwandtin, um Deinen Bei⸗ ſtand, edler Vetter! Ich verneigte mich.— Wie groß Du geworden biſt, und wie ſchoͤn! wie mein ſeliger Lamm, eh ihm der Majors⸗ Bauch zuwuchs. Gott ehre mir die ſchlanken Maͤnner. Glauben Sie mir, Tantchen! das Fleiſch toͤdtet den Geiſt und alles Aeſthetiſche; 61 abſonderlich an Eheleuten. Es iſt gewißlich wahr!— Schlank iſt er! ſagte die Mama mit Wohl⸗ gefallen und dann, zu mir gekehrt— Die Frau Majorin hat das Gartenhaus bezogen, Dein voriges Quartier. Ich aͤußerte die Be⸗ ſorgniß, daß dieſe Wohnung einer Dame von ihrem Rang und Vermoͤgen, ſchwerlich ent⸗ ſprechen werde. Ach, lieber Vetter unterbrach ſie mich mit Klagetoͤnen: wer ſo, wie wir, vom Leutnant zum Major aufdienen, die Faͤhndrichs⸗Schul⸗ den bezahlen, ſich dreimal zum Feldzug aus⸗ ruͤſten, ſich gute Freunde und geneigte Goͤnner machen mußte— Wer ſo ungluͤcklich als mein ſeliger Mann im Spiele war und ſo heillos wie ich von jenen Freunden und Goͤnnern be⸗ trogen und vergeſſen ward, der kroͤche in ein Schneckenhaus. Doch, unſer Herr Gott ſchlaͤft und ſchlummert nicht. Er hat Dich, ſichtlich mit um meinetwillen, gar weich gebettet und 8²³ Dir eine reiche Erbin beigelege, wozu ich denn ven Herzen Gluͤck wuͤnſche. Der Teufel war mein Bettmeiſterl wollt⸗ ich ausrufen, faßte mich aber und laͤchelte, dankbarlich fuͤr den chriſtlichen Wunſch und das ehrende Zutraun. 3 Und wie mir Dein Gemuͤth bekannt iſt, fuhr die Frau Majorin fort: wird es der armen, verlaſſenen Wittwe nimmerdar an Broſamlein gebrechen, die von dem Walkewitzer Tiſche fals len. Das iſt der Glaube den unſer Herr Gott in mir ſtaͤrkt und der mich aufrecht haͤlt. Eben entſtand ein gewaltiger Laͤrm in dem Vorſaal. Die Frau Bereiterin Hempel, der Tanzmeiſter Saͤuberlich und eine Schaar von guten Freunden und Freundinnen traten auf, um meine Mutter zum Beſuch der erleuchteten Hauptſtraßen einzuladen und ſie mit nach dem Schloſſe zu nehmen. Es war dort Ball und offene Tafel und der Herr Hof⸗Trompeter, Kraft ſeines Einfluſſes auf die Leib⸗Trabanten zrbotig ihnen, ohne Gefaͤhrte des Leibes und 63 Lebens, hinter die Schranken zu helfen, wo die Beguͤnſtigten den Backenbart des Monar⸗ chen und die Zahnluͤcken der Landes⸗Mutter, mit einiger Bequemlichkeit in Augenſchein neha men konnten. 4 Meine Mutter ließ ſich erbitten, da aber die Frau Majorin, Kraft ihres Mummelhaften Anzugs, nicht von der Geſellſchaft ſeyn durfte⸗ ſo veranlaßte mich die Geſellſchaft, ihe indeß die Zeit zu vertreiben und wir ſaßen, in der folgenden Minute, auf derſelben Stelle welche, noch vorgeſtern, mit dem Himmelblauen, im meinen Augen nun kohlſchwarz wordenen Kreu⸗ ze bezeichnet war, ganz ſtill und traurig beß einander. 22. Seit langen Jahren, hob ich endlich an: ward mir keine Nachricht von ihrem Fraͤulein Schwe⸗ ſter, der Coufine Maria, welche ſich einſt ploͤtz⸗ 5 lich von hier wegwandte. Wie befindet ſie ſich?— Ach, lieber Mann! genau ſo wie ich oft zum Voraus ſagte, aber die Schwachen ſind fuͤr jede Warnung taub und der Schade ſelbſt macht ſie nicht kluͤger. Der Luchs hat ſie be⸗ luchſt und ſich dann fortgeſchlichen. Ich fuͤhle was das ſagen will! Nicht wahr? Trau’ Eine nur den gleißen⸗ den und glaͤnzenden Aller⸗Welt⸗Maͤnnern! den Alzibiadeſſen und dergleichen. Nun hat ſie es. Ich aber hielt mein Laͤmmchen feſt und trieb es ein und hab es auch dafuͤr, Trotz ſei⸗ ner Lamms⸗Natur, bis zum Major empor gebracht. Mariechen, lieber Freund! der Sie den Vorzug vor mir gaben, war eine ſchwere Suͤnderin und ruhet nun in Gott. Sie ſtarb? rief ich betroffen. Ja wohl! entgegnete Lenette: wir aber leben noch und voll Unruhe. Hab' ich gealtert, Beſter? Wie? 1 J. Ey, allerdings! 65 S. Sie ſcherzen, Clemens! Der Schat⸗ ten des ſchwarzen Trauerzeuges taͤuſchte Sie— J. Schwarz hilft ſonſt den Blond inen auf. S. Der Knabe war gerechter gegen mich, als jetzt der Mann. J. Der Mann iſt wahr! S. Ich faſſe Sie gar nicht. J. Die Faſſung erwart' ich von der Zeit. S. Der Glaube an Sie war mein Troſt⸗ Engel. J. Verlaſſet Euch nicht auf Menſchen! ſagt die Schrift. S. Welche verletzende Kaͤlte. J. Der Guß iſt verkuͤhlt. Aber man klopft, gnaͤdige Frau; erlauben Sie„ zu u ſehen wer uns ſtoͤrt. 23. EVs trat ein langer, ſchoͤner Mann in's Zim⸗ mer. Der linke Arm in der Binde und ſein II. 5 66 verbundener Kopf bezeichneten den Offizier; an den geſunden ſchmiegte ſich ein Engel, die rei⸗ tzendſte Madonne die ich je geſehn. Vergebung! ſagte er: ich ſuche eine Frau Lamm, die hier wohnen ſoll.„ Lenette raffte ſich auf, trat naͤher, ſchnell zuruͤck, hielt ihre Haͤnde vor die Augen und fliſterte, gleich einer Theater⸗Prinzeſſin— Sind Sie es oder iſt's Ihr Geiſt? Beide ſind Eins, gnaͤdige Frau! entgegne⸗ te er— Ich bin vom Tod erſtanden und auf mein Ehrenwort entlaſſen, um mich im Vater⸗ land mit einem neuen Adam zu verſehen; Figu⸗ ra zeigt, wie ſchlecht es um den alten ſteht. Herzliches Beileid zuvor! Ihr Gemahl fiel an meiner Seite und trug mir tauſend Gruͤſſe und das letzte Lebewohl fuͤr Sie auf.— Lenette ſuchte ihren Strickſack, zog das Tuch hervor und ſchluchzte. Das iſt die Halbſchied der Ver⸗ anlaſſung, die mich ſo ſpaͤt noch, hierher fuͤhrt — ſprach der Offizier und wendete ſich nun zu mir. Als Wirth des Hauſes, fuhr er fort. — werden Sie mir ſagen koͤnnen, ob ich bei Ma⸗ dam Thaddaus bin, bei der ſich, wie man mir verſichert, eine junge Waiſe, Eleonore Heller aufhalten ſoll. Die iſt verheirathet! ſiel ich ſeufzend ein und lebt fuͤr jetzt in Walkewitz. Verheirathet? rief er und verſtummte. Sagt' ich Dir es nicht? ſprach die Dame, welche an ſeinem Arme hing und ihn vor dem Hinſinken ſchuͤtzte— Gott, lieber Angelſtern! fiel Lenchen ein: was begegnet Ihnen? Ich faßte den Erblichenen, ich zog ihn, ſelbſt erblichen, in das Nebenzimmer und ſagte, Odemlos, nach manchem Ausruf— So und So verhaͤlt ſich die Sache, der Teufel iſt los, ich kann nicht dafuͤr, ich laſſe mich ſcheiden und was geſchehn iſt, das geſchah. Lenore weine um Sie, Sie ſind geliebter als zuvor und die ſchoͤne Leibrente von dreitauſend Thalern ver⸗ ſchafft Ihnen ein Stuͤckfaß voll Lethe, wenn an⸗ 2 ders der philoſophiſche Veteran eines ſolchen Trunkes beduͤrfte. Angelſtern fluchte wie Mephiſtopheles, als Gretchens Mutter den ſchoͤnen Schmuck ihrem Beichtvater auslieferte, mich aber ſchreckte die⸗ ſe Teufelswuth nicht ab, ihn uͤber die ruͤhmli⸗ che und noͤthige Tendenz der beaͤngſtigten Braut aufzuklaͤren und unermuͤdlich ſo viel Waſſer zu⸗ zugießen als noͤthig war, die Fluͤche ſeiner Ei⸗ ferſucht in Klagen uͤber das eiſerne, heilloſe Schickſal, den gemeinſamen Suͤndenbock oder Packeſel aller ungluͤcklichen aber entwaffneten Ehemaͤnner, aufzuloͤſen. Mit Pathos ſprach ich von den heißen, ſeinem Andenken gezollten Thraͤnen⸗Stroͤmen welche mich aus dem Braut⸗ bett vertrieben haͤtten, von der nahmenloſen, unſaͤglichen Wehmuth, die Lorchens Herz in einen weichen, nur fuͤr ihn empfaͤnglichen Brei aufgeweicht habe und bot ihm endlich Wagen und Pferde an, um die Troſtloſe morgendes Tages zu uͤberraſchen. Ich entſagte dem Mit⸗ genuſſe der Leibrente, wie ihrer Hand, jeder 69 Entſchaͤdigung die man mir darbieten moͤchte, allen Anſpruͤchen auf Walkewitz und das Klo⸗ ſter-Vorwerk; ich ſchob meinen Trauring an ſeinen Finger und ſchloß mit einer Nothluͤge die ihn beruhigen und entzuͤcken mußte, und der die ausgemalten Thraͤnen⸗Stroͤme und der Luſttoͤdtende, hinreichend dargeſtellte Jammer unſerer gemeinſamen Gattin, die noͤthige Glaubwuͤrdigkeit verſchaffte. Der Hauptmann druͤckte mir die Hand, verſicherte die Großmuth meiner Seele zu er⸗ kennen, fragte an, ob ſeine Schweſter, zu Er⸗ ſchoͤpfung dieſer ſeltnen Guͤte, bis zu ſeiner Ruͤckkehr unter der Mutter Schutz verweilen duͤrfe, und beſchwor mich, als ich das bejahte, auf der Stelle anſpannen zu laſſen. 24. Der Wagen flog mit meinem Retter fork⸗ gen Walkewitz; ich aber ſaß jetzt zwiſchen der 70 widrigen denette und der himmliſchen Mathilde, ſo hieß das Fraulein von Angelſtern, in dem Sopha und dankte dem guten Geiſt, der ihren Bruder von den Todten erweckt hatte. Die dunkeln, Wunderherrlichen Augen ſeiner Schwe⸗ ſter ruhten dankbar auf dem gefaͤlligen Wirthe, der die Armſeligkeit des Putzſtuͤbchens, in dem ſie, gleich Lenoren, walten ſollte, bei ihr ent⸗ ſchuldigte; weilten auf dem zaͤrtlichen Sohne, der mit Begeiſterung von der Mama ſprach, die noch immer bei Hofe war und welcher dieſe Engels⸗Augen nur verließ, um ſich an dem Ebenmaß ihrer Form, an dem Lilien⸗Schnee ihres Halſes, an dem Kußwuͤrdigen Oval ihres Mundes, an dem Gewebe des uͤppigen, glaͤn⸗ zenden Haares zu weiden das ihre koͤnigliche Stirn umfloß. Nur wenig ſprach Mathilde, aber dies Wenige war gewaͤhlt ohne es zu ſchei⸗ nen, beſonnen und empfunden: der Wohllaut ihrer Stimme gewann das Ohr fuͤr die verſtaͤn⸗ dige Rede und machte das platte Gewaͤſch der Frau Majorin nur um ſo beſchwerlicher. 25. Jetzt kam die Mama zuruͤck; ſie ſchien ganz verjuͤngt und verwandelt, erwiederte kaum den Gruß der beiden Damen und winkte mir in's Neben⸗Zimmer. Lautweinend ſank ſie hier an mein Herz und ſagte mit gebrochener Stim⸗ me— Wir ſind nun gluͤcklich, ich und Du! Ich ſoll es noch werden, beſte Mutter! ent⸗ gegnete ich: Wohl Ihnen! was begab ſich denn?— Sie ſammelte Odem, ſank auf ihre Knie und betete; ich aber dachte— Die Ma⸗ ma war bei Hofe und der Miniſter mag, zu Folge des Friedens⸗Schluſſes, bei guter Lau⸗ ne ſeyn. Vielleicht gelang es dem wohlgelitte⸗ nen, dienſtwilligen Hof⸗Trompeter, ſie ihm als die vergeſſene, Huͤlfsbeduͤrftige Tochter ei⸗ nes der aͤlteſten Haͤuſer vorzuſtellen, oder ein brotloſes Sekretariat fuͤr mich auszuwirken— Es iſt gewiß nicht der Rede werth. Da ſtand die Mutter auf und ſprach— Du weißt, wir gingen nach dem Schloſſe. Cor⸗ 7² nelius wartete unſer im erſten Vorſaal, uͤber⸗ gab meine Begleiter einem andern Fuͤhrer und ſagte— Sie kommen, wie von Gott gerufen. Hier ſtehet der Hofmarſchall, Herr von Stern⸗ feld, der von dem Grafen Bark erfahren hat, daß ich die Ehre Ihrer Bekanntſchaft genieße und ſich ſchon oͤfter nach Ihnen erkundigte. So eben trug er mir auf, ihn fuͤr Morgen bei der Madam Thaddaͤus anzumelden und ſprach von willkommenen Nachrichten, die Sie nun auf der Stelle vernehmen koͤnnen. Damit er⸗ griff der Herr Gevatter meine Hand und fuͤhr⸗ te mich dem unverhoften Goͤnner zu. Ich kannte den Hofmarſchall, als einen Freund meiner Eltern, doch nur dem Nahmen nach; ich erſchrack und zoͤgerte, aber Cornelius ließ nicht ab und ſtellte mich dem Marſchall vor. Schnell erheiterte ſich Sternfelds Geſicht, er ſagte mit gewinnender Milde und großer Freund⸗ lichkeit— Dieſe Geſtalt und dieſe Zuͤge friſchen das Bild Ihrer edeln verewigten Mutter in mei⸗ 3 3 — —,—— 73 nem dankbaren Andenken auf. Sie kommen ei⸗ nem Freund zuvor, den Ihre Beſcheidenheit bisher vermied, und der Sie dafuͤr, als der Ueberbringer bedeutender Neuigkeiten, in dieſen Tagen zu uͤberraſchen gedachte. Fuͤr jetzt zwei Worte nur; das Hoffeſt und mein Amt verbie⸗ ten mir die Vorbereitung. Ihr Herr Bruder, Rudolf, ward von der fremden Einquartierung, als ein zu karger Wirth am Leibe gemißhandelt und ſtarb im Laufe der vorletzten Nacht. Da Leopold und ſeine Gattin bereits vor Jahren Todes verblichen ſind, da Rudolfs Gemahlin, von ihm geſchieden, in anderweitiger Ehe lebt und Beide Kinderlos hinſtarben, ſo wuͤnſch ich Ihnen zu dem reichen Erbe Gluͤck. Zwar faͤllt die Herrſchaft Mauerberg, als erledigtes Maͤn⸗ nerlehn dem Staat anheim, aber auch dieſe iſt fuͤr Ihren Herrn Sohn zu retten. Sein Goͤn⸗ ner, der Graf von Bark, hat ihn bereits, ver⸗ eint mit mir, dem Monarchen nach Verdienſt empfohlen. Mit Bedauern ſieht der Herr, ein ſo altes und beruͤhmtes Geſchlecht erloͤſchen, und es wuͤrde uns ohnfehlbar gelingen, dieſem jungen Manne zu dem Nahmen und dem Rit⸗ terſitze ſeiner Voreltern zu helfen, wenn er durch die Wahl einer Gattin von alt adeliger Abkunft den neuen Stammbaum gruͤnden woll⸗ te. Schon hab' ich, zu Befoͤrderung dieſer zweckdienlichen Maßregel, einige Schritte ge⸗ than und einer Bekannten meiner Tochter, die vor kurzem ihre Mutter verlor, die zwar blut⸗ arm aber eine Zierde ihres Geſchlechtes iſt, das Haus der Madam Thaddaͤus empfohlen, wel⸗ che wie ich hoͤre, junge, Elternloſe Maͤdchen in Koſt und Aufſicht nimmt. Des Fraͤuleins Bruder, ein verdienter Offizier, wird das Naͤ⸗ yere mit Ihnen verabreden, doch bleibt die ei⸗ gentliche Abſicht ein Geheimniß und ich verbuͤr⸗ ge mich, zu Ihrer Beruhigung, mit meinem Ehrenwort, fuͤr den Werth und die ungemei⸗ 3 nen Vorzuͤge dieſer Perſon. Nun denke Dir meine Betroffenheit! un⸗ kerbrach ſich die Mutter: und wie ſchnell ich, von der kaum betretenen Himmels⸗Leiter zu⸗ 75 ruͤck fiel. Jetzt ward, zum Ungluͤck, der Hof⸗ Marſchall abgerufen und vergebens harrte ich, bis Mitternacht, ſeiner Ruͤckkehr. Aber der Koͤnig iſt die Gnade ſelbſt; es koͤmmt auf einen Fußfall Deines Lorchens an; er adelt ſie wie Dich, wenn die Engelſchoͤne Frau ſeine Knie umfaͤngt und ſich vor ihm vernehmen laͤßt. Ihm koſtet es ein Wort, ſo wird Dein Heller zum Dukaten. Er wird ſich huͤten! fiel ich ein: das Knie der Koͤnige iſt nicht ſo kitzlich, als Sie glauben und der flehende Engel in ihren Augen nur ein Bettelprinz. Laſſen wir das, gute Mutter! Ich danke jetzt dem weiſen Lenker aller Lebens⸗ Laͤufe fuͤr mein verliebtes Naturell, fuͤr die be⸗ lehrenden Abenteuer, welche ſich, Schlag auf Schlag, durchkreuzten, fuͤr Lorchens bedenkliche Mitgift und fuͤr die Auferſtehung Angelſterns, meines Vorlaͤufers. Lob ſey dem Andenken des Hofmarſchalls an die Formen meiner ſeli⸗ gen Großmutter; Lob meinen beiden großmuͤ⸗ thigen Schwaͤgern, welche theils willkommene 76 Geweihe, theils die gluͤhenden Kohlen edler Rache auf meinem Haupte ſammelten, und als ächte Freimaurer an dem Wieder⸗Aufbau der Nauer unſers Wappens gearbeitet haben, die der ſelige Vater allerdings ein wenig verwahrloſte. Du phantaſirſt! rief meine Mutter und eil⸗ te nach der Klingelſchnur, ich aber hielt ſie auf und entdeckte ihr die Quelle von Lorchens Thraͤ⸗ nen und Ohnmachten, und die Natur des Kum⸗ mers, den die Erbin von Walkewitz unter dem Herzen trug. Die Mutter rang die Hande, wollte den Ohren nicht trauen, brach den Stab Wehe uͤber der Heuchlerin, verdammte die Schlange, welche ſie am Buſen genaͤhrt hatte, und pries, am Ziel des Sturms, vereint mit mir, des Schickſals Wege. Jetzt fragte Rahel zu, ob wir uns nicht zur Ruhe begeben wollten? Die fremde Dame ſey mit der Majorin nach dem Gartenhauſe gegan⸗ gen und der Tag bereits im Anbrechen. Wir aber wortwechſelten noch, als das Fraͤulein und Lenette zum Fruͤhſtuͤcke bei uns eintrat. Erſchien 27 mir Mathilde geſtern wie die Hesperide, ſo war ſie jetzt, in meinen Augen zur Aurora worden, und die Frau Majorin gemahnte mich neben ihr, wie ein Irrwiſch bei Sonnen⸗Aufgange. 26. Aber ſieh Dich doch vor! ſprach jetzt der Daͤmon des Argwohns: damit der letzte Betrug nicht aͤrger, als einer der vorigen werde. Miß⸗ traue dieſen Menſchenfreunden! Die feurige Empfehlung Deines Grafen iſt verdaͤchtig und ein Hofmarſchall als Heiraths⸗Stifter kein Gegenſtand fuͤr das Vertraun. Mathilde gleicht zwar dem kindlichſten der Engel, aber auch der Geiſt des Abgrunds traͤgt dieſe Larve. Bedenk es wohl! Der Goͤnner faͤllt vom Him⸗ mel, wendet ſich an die taͤuſchbare Mutter⸗ ſchickt Dir indeß die Zauberin in's Haus und hat vielleicht das ganze Spiel mit ſeinem 78 Freund, dem Angelſtern, gekartet, um jenem zu der reichen Leonore und ſeiner Freundin un⸗ ter die Haube zu helfen. Trau allen Menſchen und dem Teufel ſelbſt, doch keinem Frauenzimmer je, das in Verhaͤltniſſen zu irgend einem Manne ſtand. Ein ſolches aber ſpringt ja hier in's Auge. Mathilde hatte auf dem Lande gelebt. Ich reiſte nach dem Doͤrfchen; ich zog, wie dort, ſo in der Gegend ihres Wohnortes, Erkundi⸗ gungen ein— ſie galt, rundum, fuͤr eine Hei⸗ lige. Auch des Hof⸗Marſchalls Ruf war un⸗ beſcholten und ſeine Ehe eine der gluͤcklichſten. Ich trat jetzt, ſtill entzuͤckt, Mathilden naͤ⸗ her, ich umſchwebte ſie, ich ſtrebte, dies ver⸗ ſchloſſene Herz zu oͤffnen, zu erwaͤrmen; ich fuͤhrte das Geſpraͤch auf die Anſichten der Ju⸗ gend, auf die Gewalt der Leidenſchaften, auf den Zauber des ſchoͤnſten Gefuͤhls, auf der Lie⸗ be Macht und unſre Schwaͤche: ich ließ, mit einem Wort, nichts unverſucht, ihr irgend ei⸗ ne Bloͤße abzuſehn, doch rein bewaͤhrte ſich die Unſchuld ihrer Seele, der Glaube an die Tu⸗ 79 gend, der heilige Gleichmuth des guten Be⸗ wußtſeyns, der Engel der, ſo ſchön gebettet, in dieſem frommen Buſen ruhte. Meine Mut⸗ ter ſprach mit Andacht und Begeiſtrung von dem Himmels⸗Kinde und immer heißer ſchlug mein Herz. Der Adelsbrief, die Herrſchaft und Mathilde!— Welch Kleeblatt angeneh⸗ mer Guͤter! Aut Caesar mußt ich werden, oder Nihil! 27. Monate verſtrichen; noch immer lebte ſie, der Nonne gleich, aber auf Roſen gebettet, auf den Haͤnden getragen, in unſerem Hauſe: noch immen ſtrebte ich vergebens nach Erwiederung, erſchoͤpf⸗ te meine Mutter ſich vergebens in eindringlichen Worten und Deutungen. Nur ein alter, graͤm⸗ licher Murrkopf von Arzt hatte ihr Zutraun. Lieber Clemens! ſagte die Mama eines Abends, mit Beſtuͤrzung hereintretend: nun hab' ich endlich den Stein alles Anſtoßes ge⸗ 6⁰ funden; nun leuchtet mir es klaͤrlich ein, war⸗ um der Hof⸗Marſchall ein Kleinod, das den Vornehmſten ehren wuͤrde, ſo wohlfeilen Prei⸗ 7 ſes veraͤußern will. Mathilde iſt Dir herzlich gut, ſie moͤchte, wie mir ſcheint, recht gern die Deine werden, aber es ſteht Euch, leider! ein trauriger Natur⸗Fehler im Wege. Doch meinerſeits nicht, gute Mutter? Was fehlt denn ihr? Und die Natur wird, in der Regel, von der Kunſt uͤberwunden: ich. biete alle Kuͤnſtler auf— Vergebens, lieber Sohn! laͤngſt iſt das Aeußerſte verſucht, doch die beruͤhmteſten Aerz⸗ te erklaͤren das Uebel fuͤr unheilbar, auch nahm es, in dem Laufe der letzten Wochen, betruͤ⸗ bend zu. Die großen, dunkeln, Wunderſchoͤ⸗ nen Augen des Fraͤuleins erkennen jetzt noch kaum den naͤchſten Gegenſtand. Mathilde er⸗ blindet! Ach, das greift mir tief in's Herz! Dir bleibt nichts uͤbrig, als ihr zu entſagen. Mutter! ſprach ich, nach kurzem Bedenken: gelobt ſey dieſer Fehler, er erſchreckt mich nicht. —z Wie viel beſſer wuͤrde es um Lenoren ſtehn, wenn ſie weder die Sterne noch den Sterndenter zu er⸗ kennen vermocht haͤtte; wie viel beſſer um die Ehre, um die Ruhe, um das Leben von Millionen Maͤnnern, deren Ungluͤck die Chriſtall⸗Linſen ihrer Weiber verklagt. Des Menſchen Augen ſind geborne Kupplerinnen; der ſchwarze Staar dagegen iſt ein ſchwarzer Eunuch, der uns im⸗ mer noͤthiger wird und am Ende doch der ein⸗ zige zuverlaͤſſige Hausfreund. Die fehlten noch! rief meine Mutter. Ein Andrer, fuhr ich ſort: mag die ver⸗ mißte Frau am Spiegel ſuchen, vor dem ſie ſich fuͤr fremde Maͤnner putzt, und ihre Blicke auf dem Schleichweg belauern— Ein Anderer mag die Neugierige uͤber der Muſterung ſeines geheimen Archives ertappen, mag vor dem Baſilisken Blicke der Eiferſuͤchtigen erſchrecken; mag, mit Entſetzen, den Chorus des luftigen Geſindels bemerken, das durch die offenen Seelen⸗Fenſter in ihr gaſtfreies Herz nieder ſteigt— ich greife, fruͤh gewitzigt, nach dem II. 6 3¹ 8² frommen Sinnbilde des blinden, allein ſelig machenden Glaubens und erblicke in Mathil⸗ den einen Engel, den das Anſchaun Gottes blendete. Auch ich, entgegnete meine Mutter und zerdruͤckte ihre Thraͤnen im Auge: doch Du be⸗ denkſt nicht— Ich bedachte! Die Sehende laͤßt ſich, gern oder ungern, zum Altar, und von dem Trau⸗ pult in die Hochzeit⸗Kammer fuͤhren: dann aber will ſie ihr eigner Wegweiſer ſeyn und das noͤthige Laufband zerreißt, dem ſchoͤnen Wahne gleich, mit dem Guͤrtel. Die Blinde haͤlt dagegen des Gatten Hand bis an den Ab⸗ hang ihres Grabes feſt und ſegnet ein Geleite, das jene oft genug verwuͤnſcht.— Willkommen, ſchwarzer Staar! Verkannter Friedensfuͤrſt! Heilbringende Mitgift! Willkommener, als ei⸗ ne Sternwarte voll Kometen⸗Sucherinnen. Du Laäͤſtermund! ſchalt die Mama: was unterſtehſt Du Dich? Iſt es erlaubt, mein ganzes, ehrſames Geſchlecht zu ſchimpfiren, Le 33 das groͤßtentheils, wie es hier iſt, in den Him⸗ mel eingehen wuͤrde, wenn es der Boͤſe nicht in Mannsgeſtalt verſchlaͤnge? Koͤnnte ich doch jetzt den ſeligen Papa aus ſeinem Freuden⸗ Reiche herabrufen, und ihn ein Zeugniß fuͤr Deine Mutter ablegen laſſen, deren Augen Gott und den Menſchen wohlgeſielen, und die doch nie nach freinden Go3ͤtzen ſah. Jetzt trat Mathilde ein: ich blieb der Zuͤr⸗ nenden die Antwort ſchuldig; ich warf mich zu den Fuͤſſen des geblendeten Engels nieder, und wiederholte meinen Spruch und die Gruͤnde meiner Vorliebe zu dem heilſamen Unheil. Das Fraͤulein hob mich auf und entwickelte eine Reihe von Gegen⸗Gruͤnden, die allerdings noch gewichtiger ſchienen. Sie bewies mir, wie ſchnell eine Huͤlfloſe ihres Gepraͤges dem Gatten zur Laſt fallen muͤſſe, wie viel er an dieſen beredtſamen Mittlern der Gemuͤther und Herzen entbehre, welch Uebermaß von Groß⸗ muth, von Anhaͤnglichkeit und Treue, und an⸗ dern, dem Manne meiſt ſo fremden Tugenden, 2. 2 84 die Sicherſtellung ihres ehelichen Gluͤckes heiſche. Neine Mutter vergaß ihren Unmuth, um dem Sohne ſeinen Willen zu thun: ſie legte mir die ganze Summe dieſer Vorzuͤge bei; ſie unterhielt Mathilden mit der vollzogenen Scheidung von Lenoren, mit der Abreiſe des Hauptmanns, ihres Bruders, welcher ſeine Frau nach der Schweiz fuͤhren und ſie bei die⸗ ſem Zuſtand nur ungern mit ſich nehmen werder ſie zeugte feurig zu des Sohnes Ehre, und die Dauer ſeiner Liebe verbuͤrgte ſie. Als endlich die Mama ſich erſchoͤpft hatte, that auch ich wiederum meinen Mund auf und fand, durch die endlichen Erfolge heißer Liebes⸗Bitten und Geluͤbde, Shakespeares Behauptung: daß ein Mann, der eine Zunge habe, kein Mann ſey, wenn er nicht mit dieſer Zunge ein Weib zu ge⸗ winnen vermoͤge, beſtaͤtigt.— Mathilde ſank, gewonnen, an des Freyers Herz, und haͤndig⸗ te ihm, bald darauf, den Dank des vergeltenden Marſchalls, den Adels⸗ und den Lehnbrief ein. —„vv V Womit ich nur dies Alles um ihn verdiene? rief ich aus. Er war der Freund Ihrer Großmutter! entgegnete die Braut: und alte Liebe roſtet nicht.— 23. Der Einzug in das Stammhaus und der Ein⸗ tritt in die lang entbehrten Rechte und Genuͤſſe ihres Standes, war fuͤr meine Mutter hoͤchſt Genußreich. Die Mauerberger kamen uns ent⸗ gegen, ſie umringten den Wagen, erkannten zum Theil noch, die lang Entbehrte und be⸗ deckten ihre Haͤnde und Gewaͤnder mit Kuͤſſen. Vor des Schulmeiſters Thuͤr ſtand die Ingend und uͤber jener ein Rieſengroßes Salvete! in weißer Kreide. Der Ludi⸗Magiſter hielt eine pathetiſche Anrede, die Kinder ſangen„Heil unſerm Freiherrn, Heil!“ ich gedachte der Heuſtreu in Walkewitz. Was hinten nach lief, 36 vermaledeyete die Gebruͤder Pold und Rudel und verſicherte, mir zum Angehoͤr, der neue Herr ſey gar ſchmuck und gar freigebig und ſehe gar nicht aus, wie ein Leute⸗Placker. Ma⸗ thilden verglichen ſie der Jungfrau Maria, die Kammerjungfer ſah ſich ſuͤr ein Haus⸗Fraͤulein gehalten, den Waſtel endlich, meinen Pudel, welcher neugierig aus dem Wagen gaffte, krab⸗ belten die Freimuͤthigſten hinter den Ohren. Er ſchien, gleich unſerem Zoͤſchen, von der oͤffent⸗ lichen Meinung geruͤhrt und ſtimmte heulend in das„Heil“ der Chorfaͤnger ein. Die Mutter fuͤhrte mich, nach der Ankunft im Schloſſe, zu allen Staͤtten der Erinnerung; wiederhohlte dort die Worte der Andacht und der Huldigung, welche der beſcheidene Thad⸗ daͤus, waͤhrend der ſchoͤnen Zeit der jungen Liebe, zu ihr ſprach, entwickelte redſelig, was ihm ihr Herz gewann und den ruͤhrenden Pro⸗ zeß, der mein Entſtehn zur Folge hatte. Si⸗ fuͤhrte mich dann nach der Kirche, brach bei dem Anblicke der Kanzel, auf welcher er das — — — 1 — 87 Wort des Herrn verkuͤndigt und die Hoͤrerin des Worts begeiſtert hatte, in helle Thraͤnen aus und lispelte, an meine Bruſt geneigt: Ach, waͤr' er mitten unter uns! Und ich verwies ſie an den Thron, geſtuͤtzt auf Billionen Siriuſſe, vor dem er jetzt, laut unſers Glaubens, unter Engeln wallte und gelobte ihr von neuem, Lie⸗ be und Treue. Dann traten wir in die ſchauer⸗ liche Halle welche den Sarkophag meines Ahn⸗ herrn barg und unter deren Boden die Gebruͤ⸗ der Menzel, Pold und Rudel, zu Gunſten unſers Friedens ruhten. Meine andaͤchtige Mutter lehnte ſich erſchoͤpft an das Grabmahl und verſinnlichte mir ſo, ganz unwillkuͤhrlich, jene poetiſche Zuthat in der Biographie meines Paters. 29. Die Hochzeit iſt vor der Thuͤr, die Darſtel⸗ lung neigt ſich zum Ende. Der Paſtor Wahl, 88 mein Taͤufer, trauete mich jetzt, iin Kreiſe der geſammten Herren Pathen und Frauen Pa⸗ thinnen, mit dem geblendeten Engel. Die Blinde leitete fortan den Sehenden auf ebener Bahne. Bald nach der Hochzeit meldete mir der Graf von Bark die Niederkunft und den ploͤtz⸗ lichen Hintritt ſeiner Gemahlin und hielt ſich von dem Antheil, den mir die Erſcheinung dieſer muntern Zwillings⸗Knaben abgewinnen werde, uͤberzeugt. Mich aber ſetzte die liebende Ma⸗ thilde, nach Jahr und Tagen, in den Stand, dieſen großmuͤthigen Goͤnner von der Ankunft eines ruͤſtigen Clemens Thaddaͤus unterrichten zu koͤnnen, den jetzt mein lahm gewordener Herr Pathe, der Tanzmeiſter Saͤuberlich lau⸗ fen lehrt. 2 —i f Der Doktor Friedland war geſund alſo froͤh⸗ lich, genuͤgſam alſo zufrieden, gutmuͤthig alſo arglos; ein wenig rauh daneben, aber als Arzt weit und breit der geſuchteſte. Er nahm die Menſchen wie ſie ihrem Prometheus geriethen, fah in dem Schlimmen nur den Kranken, in dem Leben nur ein Waͤhnen und ſtand zum Gluͤck in dem Wahne, daß es ihm wohl gehe. Er kannte das Kreuz und die Marter⸗Werkzeuge der Vornehmen und geſiel ſich deshalb im Mit⸗ telſtande; er hing ſein Herz lieber an die Blu⸗ men und an die Sterne als an das Gold und die Ehren⸗Zeichen, denn des Menſchen Engel kehr⸗ te, ſeiner Erfahrung gemaͤß, viel oͤftrer im be⸗ ſchraͤnkten Gaͤrtchen als in den Feen⸗Hainen der Großen und der Reichen ein. Er ſtellte die erkrankte Tochter eines Wechslers, welche zwei Aerzte bereits aufgaben, wieder her, und die erkenntliche, liebenswuͤrdige Auguſte vergalt ihm dieſen Dienſt mit ihrem Herzen, ihrer Mitgift und ihrer Hand. Da aber der Tod auf einem Opfer beſtand und Statt des holden Maͤdchens nun den unholden Vater wegraffte, ſo nahm der Doktor Auguſtens verwaiſte Halb⸗ ſchweſtern, die verwachſene Barbara und die beſcholtene Chriſtine, in ſein Haus auf, welche denn ſofort zu Dornen an ſeinem Roſenſtocke wurden. Kinder! ſagte Friedland am Schluſſe des Lenz⸗Mondes zu dem Kleeblatt der Schweſtern: ſo eben ſchreibt mir die Prinzeſſin Amalie, daß ſich ihr Kammerjunker, der Baron Hohenſtoll, zu Folge einer ungluͤcklichen Liebes⸗Geſchichte uͤberſonnen habe, daß ihr das Schickſal des jungen Mannes am Herzen liege, daß ich ihn behandeln, unter den Augen behalten und des⸗ — 93 halb dem Kranken einige Zimmer meines Hau⸗ ſes einraͤumen muͤſſe. Er ſey hier fremd, die Prinzeſſin ſeiner Mutter dieſe Fuͤrſorge ſchuldig und ich duͤrfe, fuͤr jeden Fall, auf eine ſattſa⸗ me und genugthuende Entſchaͤdigung rechnen. Auguſte ſagte, befremdet aber gleichmuͤthig — Du haſt zu befehlen, lieber Mann. Bar⸗ bara dagegen ſah Chriſtinen an, und ſprach er⸗ ſeufzend— In's Haus? Ach Gott! Wie? fiel Chriſtine ein: Einen Werrücktan O, lieber Schwager. In's Haus! wiederhohlte jene mit Heftig⸗ keit: Ach Gott! Einen Verruͤckten? O, lieber Schwager! Was Gott, was Schwager! rief der Dok⸗ tor aus: das bin ich dem Ungluͤcklichen Kraft meines Amtes und der Prinzeſſin, meiner Wohl⸗ thaͤterin, Kraft der Dankbarkeit ſchuldig und wenn ich Euch lieb behalten ſoll, ſo ſeyd mir nicht immerdar in der noͤthigen Uebung jedes arztlichen Liebes⸗Werkes zuwider. Hohenſtoll wird auf unſerem Landhaus einquartiert, dort haben wir den Garten der ihm zuſagen, die Mauer darum, die ihn feſthalten ſoll, den Gaͤrtner und ſeine Gehuͤlfen fuͤr den Nothfall, zudem ein Badehaus und friſche Luft. Und auch die junge, ausſchweifende Gaͤrt⸗ nerin! bemerkte Baͤrbchen. Er. Fuͤr einen Schwermuͤthigen giebt es keine Eva. Er kann uns beißen! ſprach Chriſtine. Er kann ſich ein Leid thun! fuhr Barbara fort und uns zuvor, in der beſten Meinung, die Kehlen abſchneiden. Setzen wir den Fall, ſagte jene: daß er ſich draußen in der Einſiedelei oder am Altare der Entſagung aufhinge, oder im Badeſtuͤbchen er⸗ ſaͤufte, oder auf der Raſenbank todtſchoͤſſe— wer koͤnnte dann noch kuͤnftighin in jener Whiſt ſpielen, oder ſich in die Wanne ſetzen, oder auf der Raſenbank ausdauern? Von einem naͤrriſchen Hofjunker iſt ja das Aergſte zu be⸗ fuͤrchten. —— 95 Warum nicht gar! ſprach der Doktor. Er muͤßte toller als toll ſeyn, wenn ihn nicht die freundliche Naͤherung einer artigen Frau und ihrer angenehmen Schweſtern, ohne Zuthat des Arztes, mit dem unabwendbaren Schickſal ver⸗ ſoͤhnte. Ich hab' Euch malen laſſen, Kinder! Haͤngt dieſe Bilder in ſeinem Wohnzimmer auf, ſo vergeht ihm die Luſt, ſeine eigene Per⸗ ſoͤnlichkeit an den Nagel zu knuͤpfen. Laßt Euern Singſang, wenn er badet, in der Naͤhe vernehmen, ſo haͤlt ihm die Harmonie den Kopf uͤber dem Waſſer, und das Piſtol entſinkt dem Liebekranken, wenn er den Amor mit Pfeil und Bogen im Anſchlag erblickt. Zwar iſt der Junker finſter, wie die Nacht, und, wie es ſcheint, fuͤr immer verſtummt; aber uͤbrigens fromm und gelehrig. Ein ſolcher Zuſtand reicht wohl hin, dieſen liebloſen Abſcheu in weibliche, thaͤtige Theilnahme zu verwandeln. Wenn dem ſo iſt— ſagte Barbara. Mein Herz iſt waͤrmer, als ich es wuͤnſche! geſtand Chriſtine. — Gegen die Hofjunker nehmlich! ſiel Baͤrb⸗ chen ein. Die Schweſter ergluͤhete. Laſſen wir den unzeitigen Scherz! verſetzte Friedland: Ihr Geſchlecht, das milde, Heil⸗ bringende wuͤrde im Irrenhauſe Wunder thun — Wenn es vielleicht nebenbei, in dem gegen⸗ waͤrtigen Falle, einer Aufmunterung bedarf, ſo verſpreche ich der Geſchickten, die Ihn zur Sprache bringt, meinen beſten Brillant⸗ Ning.— 4 Der iſt mit funfzig Thalern bezahlt! be⸗ merkte Baͤrbchen. F. Und eine Ehren⸗ Erwaͤhnung in dem Rapport an die Prinzeſſin Amalia. Der Preis iſt der Rede werth! ſagte Au⸗ guſte: Schade, daß es der Gattin nicht gezie⸗ men will, als Mitbewerberin außzutreten. Der Rede werth? entgegnete jene: mein Zartgefuͤhl iſt ſo verletzbar, als das Deine. Die Gaͤrtnerin und das Kammer⸗ Maͤdchen verdienen gern etwas! ſpottete Chriſtine und —— 97 lachte bitterlich. Der Doktor ging, voll Un⸗ muth, ſeines Weges. Unter uns, ſprach Auguſte zu den Ochwe⸗ ſtern: ich bin neugierig, dieſen Kranken zu ſehn. Ich bin es nicht minder! verſicherte Baͤrb⸗ chen: und im Voraus uͤberzeugt, daß Ihr ihn herſtellt. Aber ſagte man gleich zu Allem, Jal ver⸗ ſetzte Chriſtine: ſo wuͤrde Dein Mann das Haus bereits zu einem Spitale, den Fiſchteich zu einem zweiten Bethesda und uns insgeſammt zu barmherzigen Schweſtern gemacht haben. A. Mich dauert der Ungluͤckliche! B. Mich auch. C. Mich ganz unſaͤglich! B. Sein Zuſtand giebt ihm eine anziehen⸗ de Bedeutung. Ein Opfer ungluͤcklicher Liebe! Wie ſelten wird der Mann dazu! Ich dank⸗ II. 9 98 Gott, daß noch kein ſolches auf meine Rach nung fiel. C. Neben dem Grame muß es, bei allen dem, wohlthun, einen ſo gewaltigen Eindruck veranlaßt zu haben. Die Aeuſſerung iſt gottlos! rief Auguſte. C. Wenn man nichts beitrug, meine ich; wenn man in aller Unſchuld ihn bewirkte. Soll ich denn jeden wieder lieben, der mich erzwin⸗ gen oder rappelkoͤpfig werden will? B. Da haſt Du Recht! Wer kann dafuͤr? A. Sehr Unrecht haſt Du! Allerdings kann man dafuͤr! Man verſchmaͤht den Sieg und freut ſich dennoch ſeiner Fruͤchte; man fuͤhlt ſich von der Gluth der fremden Leiden⸗ ſchaft geſchmeichelt; man wehrt ihr mit ge⸗ theiltem Willen. Und weiſt man ſie mit Ernſt zuruͤck, ſo lockt die Trauer des Verwieſenen das Mitleid in unſere Augen, ſo ſorgt das gute Herz fuͤr gemuͤthliche Worte, fuͤr ein troͤſtli⸗ ches Laͤcheln und aͤhnliche Scheinmittel; ſo zweidenteln wir den Getaͤuſchten in den Ab⸗ ——— — 99 srund hinab, oder dringen ihm eine Verbitte⸗ rung auf, die ſich, oft genug, zum Verdruſſe der Einzelnen, an dem ganzen Geſchlechte raͤcht. C. Sagt was ihr wollt, der Ring iſt des Verſuches werth. A. Vielmehr die Pflicht der Menſchen⸗Liebe. B. Die ehre ich auch, doch ſoll mich Gott bewahren— A. Baͤrbchen, vermiß Dich nicht! B. Kennſt Du mich ſo genau? A. Du biſt ein Maͤdchen, und er iſt ein Mann! E. Ja wohl, ein Mann! Wer ſo liebt, der bewaͤhrt den tiefen Sinn des Worts. B. Am Ende wird uns dieſer Stoͤrenfried verwirrter machen, als er ſelbſt iſt. Nein, laßt Euch rathen und ihn gehn. Er beſchaͤftigt Dich ungemein! ſagte Augu⸗ ſte: iſt es denn der erſte Mann, der uns nahe koͤmmt? B. Der erſte, den ich reden lehren ſoll. Gott weiß, was uns Dein Mann, zum Be⸗ 4. 7 100 ſten ſeines Kranken noch außerdem zumußen wird? A. Sie will uns afvfegeln und auechren ken: das iſt luſti,„ C. Man kennt Deine Miſtgunſt, liebe Barbara. B. Ich goͤnne Dir ein ganzes Nartenhaus 4 voln Hofjunker! Verwuͤnſcht ſey die Prinzeſſin! ſchalt jetzt Auguſte: ſie wirft einen Zankapfel in das fried⸗ liche Haus und ihr gebehrdet Euch, wie die ha⸗ dernden Goͤttinnen dort, in dem Thuͤrſtuͤkk. B. Zum Gluͤck iſt unſer Paris nicht bei Troſte. G. C. um ſo Iewiſſe ſpricht er Dir den Apfel zu. Schweſtern! Schweſtern! rief Auguſe, denn es trat Beſuch in's Zimmer. Schnell wich der finſtere Genius von ihrer Stirn, die Freun⸗ dinnen wurden umarmt und die Entzweiten nannten ſich wie ſonſt, Herzliebſte Chriſtel! Goldnes Baͤrberchen; Auguſte nur blieb ernſt 1021 und einſylbig und vernachlaͤſſigte dies Mal bei⸗ nah ihre Theegaͤſte. e n Am folgenden Morgen fuhr der Doktor mit den drei Schweſtern auf ſein Landhaus; ſie ſtiegen, um die goldene Fruͤhe zu genießen, am Fuße des Huͤgels ab, der den Garten begraͤnzte. Da trat ein junger, ſchwarz gekleideter Mann aus der Einſiedelei, neigte ſich betroffen vor dem Kleeblatte und ging, ohne aufzuſehn, vor⸗ uͤber, dem Hauſe zu. Das iſt Er! ſagte Fried⸗ land zu Auguſten. Das iſt Er? fragten alle drei; die beiden Maͤdchen erroͤtheten. So ohngefaͤhr hatte ſich Baͤrbchen den jungen Wer⸗ ther, Chriſtine den Prinz Carlos, laguſg den Abaͤllard gedacht. Schon hier alſo? hob dieſe a ann. Um Dir ein unangenehmes Geſchaͤft zu er⸗ ſparen, erwiederte Friedland: trug ich der Gaͤrtnerin die Sorge fuͤr ſeinen Empfang und ——jj— 102 fuͤr die noͤthige Einrichtung auf, und empfehle ihn nun der Guͤte der Hausfrau und der ſchwe⸗ ſterlichen Nachſicht dieſer Schoͤnen. Er empfiehlt ſich ſelbſt! ſagte Chriſtine. Fuͤr einen Gemuͤths⸗Kranken, bemerkte Baͤrbchen: war er zierlich genug angethan. Er. Ein Beweis von Selbſtachtung, die mir Hoffnung giebt und ihn, in dieſem Zu⸗ ſtand, doppelt ehrt. C. Aber warum ließen Sie ihn gehn? E. Um Ihrer zarten Kehle willen, die Si⸗ ausgeſetzt glaubten. B. Vor dem ſind unſere Kehlen ſicher. E. Sicherer, als die Herden Er iſt ſo fanft, als ſchoͤn— 1734 C. Schoͤn eben nicht— B. Und viel zu gelb, C. Das iſt die Farbe ſeiner Qeimmung: ſie kleidet ihn. E. Was meint denn meine ſehſdatzende Auguſte? A. Noch beſcheide) mein urrthei und —e 103 fehne mich nach der Bank auf dem Huͤgel; die Ausſicht iſt des Morgens dort ſo ſchoͤn. Die Bank war vom Reife naß. Das haͤt⸗ ten wir wiſſen koͤnnen! ſagte Friedland. Ich hol' ein Tuch! verſetzte Baͤrbehen und eilte hinab. Bleib! Bleib rief ihr Chriſtine nach: hier iſt das meine. Baͤrbchen aber wollte nicht hoͤren und jene ſprach erzuͤrnt: das iſt ſehr un⸗ ſchicklich von der Schweſter, ich muß ſie zuruͤck⸗ holen; am Ende daͤchte wohl der Fremde, ſie liefe ihm nach. Damit verſchwand auch ſie; das Ehepaar ſtand allein. Der harmloſe Dok⸗ tor lobte die Dienſtfertigkeit der einen, das Zartgefuͤhl der andern, Auguſte aber ſah ih⸗ nen unmuthig nach, und als ſie wieder auf⸗ blickte, ſtand der Baron Hohenſtoll vor ihr⸗ Sie erſchrak, ihr ſchauerte, es ſchien, als ob der Todes⸗Engel ſie begruͤſſe. Sein großes, dunkles, vielſagendes Auge ruhte mit erdruͤk⸗ kendem Gewicht auf Auguſten. Meine Frau, ſagte Friedland: die Sis willkommen heißt. 10½ Von Herzen! ſtammelte die Doktorin und reichte ihm ihre Wunderſchoͤne Hand. Er fuͤhrte ſie mit Ausdruck an die Lippen, der An⸗ blick der holdſeligen, vom Morgenſtrahl be⸗ glaͤnzten Frau, ſchien ihm wohlzuthun. Fried⸗ land zeigte jetzt nach der Gegend hinaus, be⸗ lobte ihren Reiz, die Beleuchtung der Fruͤh⸗ ſonne, den Zauber des Mais und des Mor⸗ gens. Des Kranken Auge rollte fluͤchtig uͤber den Halbkreis und kehrte auf Auguſten zuruͤck, deren Blicke, von den ſeinen uͤberraſcht, Blitz⸗ ſchnell zu Boden ſielen. Der Doktor ſprach, in ſeinen Gegenſtand vertieft, mit Waͤrme ſort und lud ihn dann ein, die Anlage des Gartens und ſeine botaniſche Pflanzung zu be⸗ ſehn. Hohenſtoll bot Auguſten den Arm und deutete auf den ſteilen, ſchluͤpfrigen Weg, der dieſen Ritterdienſt zur Pflicht machte. Ihr Mann verwickelte ſie in's Geſpraͤch, ſie faßte Muth und erzaͤhlte mit ſteigender Lebhaftigkeit, baß dieſer Garten das Paradies ihrer Kinder⸗ Jahre geweſen ſey und den Werth eines Exine nerungs⸗Buches fuͤr ſie habe. Die Wahl der Bilder und der Ausdruͤcke, die kindliche Nuͤh⸗ rung, welche im Laufe dieſer Mittheilungen ihre Lilien⸗Wangen faͤrbte, der Wohllaut ihe rer reinen Stimme und die ſpielende Fertigkeit, mit der ſie das werthe Gefuͤhl ſo edel als un⸗ geſucht ausſprach, erfreute ihren Mann um ſo mehr, da dieſelbe Theilnahme aus den Au⸗ gen ſeines Kranken wiederſtrahlte und Augu⸗ ſtens Odem wie ein Hauch des Lebens auf ihn wirkte. 4 So waren ſie allgemach aus dem Garten, tief in den angrenzenden Wald gerathen und der Doktor bemerkte zuerſt die weite Entfernung als ſeine Frau uͤber brennenden Durſt klagte und rund umher nach einer Quelle blickte. Der Kranke eilte ſeitwaͤrts, in's Gebuͤſch, und kehrte bald mit einem Eichblatt voll Erdbeeren zuruüͤck. Auguſte ruhte waͤhrend dem, in Gedanken verſunken, auf einem Granit⸗ Blocke von dem ermuͤdenden Spaziergang aus, ihr Gatte ſah ſich nach dem naͤchſten Weg zur Heimkehr um, ſ 1 1 1⁰6 da ſchreckte ſie die vorige Erſcheinung wieder auf, da druͤckte die magiſche Gewalt dieſer Augen die ihrigen wie vorhin zu Boden; kaum Fand ſich jetzt ein dankendes Wort fuͤr die ſuͤße Gabe, die der Beſcheidene ihr, ergluͤhend von der Muͤhe des Pfluͤckens, mit dem Anſtande des Weltmannes darbot. Gefunden! rief der Doktor jetzt und winkte dem ſtummen Paare; Auguſte eilte mit Fluͤgel⸗Schnelle zu dem Gat⸗ zen hin; der Kranke folgte. Chriſtine hatte waͤhrend dem ihre Schwe⸗ ſter in allen Zimmern des Hauſes, bei der Gaͤrtnerin und im Garten, in der Einſiedelei und auf der Raſenbank, im Labyrint und an dem Altare der Entſagung geſucht. Baͤrbchen aber ſtack noch immer, winſelnd und wehkla⸗ gend, in dem Sumpfe des abgelaſſenen Wei⸗ hers, den ſie, bei ihrer Eile, fuͤr ein Wieſen⸗ ftuͤck nahm und deſſen boͤsartige Nixe ſie nun —— 207 feſt hielt. Zwar waͤre die Geſellſchaft auf dem Huͤgel zu errufen geweſen, aber der Fremde, welchen ſie jetzt ploͤtzlich, gleich dem Verſucher in der Wuͤſte, neben Auguſten gewahrte, durf⸗ te ſie um keinen Preis in dieſem Zuſtand er⸗ blicken. Als endlich ihr Streben, das Trockne zu gewinnen, den Uebelſtand nur aͤrger machte und der Boden immer ſchneller unter den ent⸗ ſchuheten Fuͤſſen wich, da ſchrie die Arme zwar aus Leibes⸗Kraͤften, doch jene waren nun ent⸗ fernt, und Chriſtine ſuchte eben das Haus durch, um der fuuͤchtigen Schweſter oder dem entflohenen Gaſte zu begegnen. Endlich ge⸗ wahrte ſie dieſe und lachte bei dem Anblick laut auf. Baͤrbchen war zu erſchoͤpft, um den Wortwechſel, welchen die geſtrige Theegeſell⸗ ſchaft unterbrach, von neuem anzuſpinnen und hat ſie flehendlich, den Gaͤrtner und feine Leute in aller Stille herbei zu holen. Chriſtine ſchaͤmte ſich dagegen des Gelaͤchters, welches ihr der Schweſter beſtrafter Vorwitz und ihr Ausſehn abdrang und legte ſelbſt, auf Koſten 108 ihrer Fuß⸗Bedeckung Hand an: dann aber be⸗ nutzten beide Maͤdchen das Bad, welches die Gaͤrtnerin fuͤr den Kranken bereitet hatte, ver⸗ ſoͤhnten ſich in ihm und ſprachen faſt kein Wort, das nicht auf ihren Badezaſt Bezug Aunomlnon haͤtte. 3 4 Jetzt hoͤrten ſie die Stimme des aDoftors, der mit Auguſten an dem Fenſter voruͤber ging. Er ſagte: die Sonne ſchien zu warm, Du haͤt⸗ teſt mich an die Ruͤckkehr erinnern ſollen; es kann ihm ſchaͤdlich ſeyn. Ich war in Gedan⸗ ken erwiederte Auguſte. Das ſpuͤrte ich wohl, entgegnete er: die Schwermuth iſt unſteckens wie der Schnupfen. Hoͤre Baͤrbchen! lispelte Chriſtine: ich fuͤrchte faſt, der Schwager ſagt jetzt wahr. Hohenſtoll iſt Wunderſchoͤn, die Krankheit giebs ihm einen idealen Anſtrich. Du kennſt Augu⸗ ſtens Reizbarkeit, Du weißt, daß ſie den Dok⸗ tor nur zur Vergeltung, doch ſchwerlich wohl aus Liebe ihre Hand gab— daß ſie Schwaͤr⸗ werin iſt. Mir ſchauert bei der Ahndung eines — 109 Unglaͤcks, von dem der gute, unbefangene Man keinen Begrif hat und das ſich doch, ſo lang es ſolche Maͤnner giebt, tagtäglich wieder⸗ holen wird. Gott verhuͤte den Suͤndenfall entgegnete Barbara mit einem Seufzer: es waͤre mein Tod. Aber Auguſte iſt gut! O, beſſer als wir Beide! 5 C. Die Beſten ſind nur unſeres Zeichens. Du weißt denn wohl, wie ſich das fuͤgt und findet, bis man gefangen iſt. B. Wir ſind ja da. Sind ihre Engel! C. Und haben Augen und Erfahrung. B. Man muß die Moͤglichkeit im Keim 1 erſticken. C. Der Schwager darf nicht ahden,„ was wir fuͤrchten.. B. Er wuͤrde uns auslachen. Ach, Ti⸗ na! ſo ein glaͤubiges Vertrauen wuͤnſche ich meinem Zukuͤnftigen— C. Ich auch. Ahar bis Glinbigen machen ſich rar. 110 B. Der Stumme wenigſtens, iſt nicht von dieſen. Sein Auge dringt in's Innerſte, er ſieht wie die Freigeiſterei der Leidenſchaft aus. C. Auf Dein Gewiſſen, Baͤrbchen! ge⸗ faͤllt er Dir? B. Niccht mehr als zehn andre. C. Mir mehr als Tauſende— B. Immerhin— wir ſind reich! C. Und laſſen uns, im Nothfall, adeln. B. Wenn Friedlanden die Herſtellung ge⸗ laͤnge— C. Und wenn er auch ſtumm blicbe! Seine Augen erſetzen die Zunge. B. Man wuͤrde gnaͤdige Frau! C. Man lebte mit den Vornehmen— Mein Thee und mein Kaffeh verſoͤhnte die Hof⸗ faͤrtigen. Man waͤre gluͤcklich! Mehr bedarf es nicht. B. Aber der Doktor iſt ein geſchwolenne Feind aller Mißbuͤndniſſe. C. Man bleibt ſich die Naͤchſte. B. Auch wuͤrde Auguſte ſcheel ſehn, wenn 1 12 11½ ſte der juͤngern Schweſter die rechte Hand ge⸗ ben muͤßte— C. Und den ſchoͤnen Mann dazu. Wer kann ihr helfen? Ein ſchallendes Gelaͤchter unterbrach ſie jetzt. Nicht ſo laut, meine gnaͤdigen Frauen! rief der Doktor, welcher unter dem Luftloche des Badeſtuͤbchens ausruhte: man vernimme jedes Wort.— Die Schweſtern ergluͤhten jetze um die Wette, doch Barbara rief, ſchnell ge⸗ faßt— Wir ſahn Sie wohl!— Wir wußten uns behorcht! ſetzte Chriſtine hinzu: Ziſch aus und angefuͤhrt! Im Stillen aber verwuͤnſchten ſie die gegebene Bloͤße und beeilten ſich— denn es war Eſſenszeit— die leibliche zur Nothdurfe zu bedecken.— Des Freiherrn Platz blieb uͤber Tiſch unbe⸗ ſetzt, denn der weite Spaziergang war ihm nicht zum beſten bekommen. Friedland ſprach indeß von tauſend poſſierlichen Dingen, welche 11¹⁸ beide Schwaͤgerinnen, Ehren halber, belachten aber kaum aufzuſehn wagten und innerlich vor dem Satyr des Schwagers erzitterten, dem dann und wann eine Hindeutung auf das Bade⸗ Geſpraͤch entfallen zu wollen ſchien. Sie ver⸗ ſuchten deshalb, ſo oft der Strom ſeiner Tiſch⸗ reden durch den Genuß der Gottes⸗Gaben un⸗ terbrochen ward, einen andern Stoff auf die Bahn zu bringen und Auguſten in das Geſpraͤch zu verwickeln, dieſe aber ſah ſtumm und ſin⸗ nend auf ihren Teller nieder, athmete tief und antwortete ſo mangelhaft und zerſtreut, daß die Beſorgniß der Schweſtern in beiden zur Ge⸗ wißheit ſtieg und ſie das Ende der Mahlzeit kaum erwarten konnten, um ſich dieſe Ueber⸗ zeugung mitzutheilen. Selbſt der harmloſe SFriedland ward, zu Folge dieſes wunderſamen und verdaͤchtigen Benehmens ſeiner Frau, all⸗ gemach ernſter, faßte ſie in's Auge und ſah, welche offenbare Gewalt Auguſte ſich jetzt an⸗ that, um die Farbe ihres Gemuͤths vor dem betroffenen Gatten zu verbergen. 215 Er ſchob den Stuhl. Die Verſtimmten eilten aus dem Saal in den Garten. Fried⸗ land faßte Auguſtens Hand und ging mit ihr die Allee entlang. Er wollte ſich aͤußern und waͤhlte noch, unſchluͤſſig, unter den Mitteln zur Einleitung, als Auguſte uͤber Muͤdigkeit klagte und ſich nach der Einſiedelei hinwandte. Dort iſt's ſo heimlich, ſagte ſie: ſo duͤſter, recht nach meinem Herzen. Das iſt was Schoͤnes! dachte Friedland, folgte ihr mißmuthig und nahm in der hell⸗ dunkeln Klauſe an ihrer Seite Platz. Du leideſt? ſprach er, ſie an ſein Herz ziehend: und ich bin Dein Freund! Auguſto verbarg ihr Geſicht an des Gatten Bruſt und lispelte— Sey billig! ſchonend!— Sey ge⸗ recht! Gern, wenn Du mir vertrauſt! Ja, ich will ehrlich ſeyn, wie ein Kind und Dir alles geſtehn. So will es die Pflicht unnd mein Gewiſſen— 5 414 E. Und meine Nuhe! Ich erſtaune ganz. Er ſetzte ſich feſt. In Gottes Nahmen denn! S. Du weißt es, lieber Mann, oder weißt es vielleicht auch nicht, daß ich dem jun⸗ gen Weller, dem Sohn des reichen Wechslers verſprochen war. Befremdet entgegnete er— Du?— So? nie hab ich je von dem gehoͤrt. S. Daß wir uns liebten— E. Euch liebtet? Hm! Du machſt mich warm! S. Daß Weller dann auf Reiſen ging— E. Gott Lob! S. Mir untreu ward, ſich in Lyon nieder⸗ ließ; ſich dort verheirathete— E. Ah ſo! und nun geſtorben iſt? Nicht wahr? Und dieſe Nachricht greift Dir an daas gute Herz? Du edle, fromme Seele dunu 115 S. Mit nichten, lieber Friedland! dieſer Kranke— O, haͤtte ich ihn nie erblickt— ſo kann ein Zwillings⸗Bruder kaum dem andern gleichen, wie der wahnſinnige Baron meinem Weller.. Iſt's moͤglich? rief der Doktor aufſpringend: und Deinem Weller ſagſt Du, Pflichtver⸗ geſſene? Wie? ſoll ich weinen oder lachen? Um Gottes Willen, liebe Guſtel! ſey geſcheidt! Der Kranke, der Baron, der vorgebliche Schuͤtzling der Prinzeſſin Amalia iſt, unter uns geſagt— S. Iſt Weller und kein anderer! Der Teufel iſts! fiel Friedland ein und ſtampfte mit dem Fuße: der boͤſe Feind, den ich Hanns Narr in meiner Albernheit zitirte und der mir nun den Spaß verſalzt. S. Den Spaß? ich verſtehe Dich nicht, lieber Albert! Ja, Alhert heiß ich leider! wie Lottens . 216 Mann in den Leiden des jungen Werthers; es wird mir wohl auch wie dem ergehn! S. Iſt das mein Dank, Du Ungerechter. Zwar bin ich nur ein ſchwaches Weib— E. Schon gut! ſo faͤngt ſich Euer Bußlied an und das, denkt Ihr, reicht hin, den Him⸗ mel und die Maͤnner zu entwaffnen. Dies Mahl halte ich denn, Gottlob! die Gewißheit noch an allen vier Zipfeln. Der Baron Ho⸗ henſtoll— 1 S. Iſt Weller— E. So hoͤre doch— S. Den ſein Bewußtſeyn zerruͤttet hat— Wie koͤnnte ich ihn verkennen? E. Ich kenne ihn beſſer, Guſtel; ganz ge⸗ nau! Er iſt ein Popanz, ſag' ich Dir! Weißt Du denn nicht, daß wir heute den erſten April haben? Daß ich Dir und den Schweſtern mein Wort gab, die heilloſe Neckerei am vor⸗ jaͤhrigen mit Wucher zu vergelten? Kurz, die⸗ ſer Hohenſtoll iſt weder Dein Treuloſer noch — 117 Amaliens Hofjunker, ſondern ein ehrſamer Schneider⸗Geſell, Namens Steinbock, de rin Paris gearbeitet hat, der vor kurzem hier ein⸗ wanderte, dem ich vom Ausſchlage half und wegen ſeiner ſeltenen Wohlgeſtalt und ſeiner feinen Lebensart zum Werkzeuge meiner Rache waͤhlte. Zwar iſt ſie unzart aber ange⸗ meſſen. Wie gern ſich doch ein Mann betruͤgt; ſagte Auguſte: kann hier von dem die Rede ſeyn, was er Dir ſcheinen mag und glauben machte? 1 Wie? ſie beſteht darauf? rief der Doktor erbittert. So warſt Du alſo eines Schneiders Braut, denn in der Werkſtatt meines Kleider⸗ Machers hab ich ihn gefunden. Auch ihn traf ja die Revolution! entgegne⸗ te Auguſte: auch ſeinen Wohlſtand hat ſie, wie ſich denken laͤßt, vernichtet. Warum ſollte ſich der Ungluͤckliche eines Erwerbs ſchaͤmen, den Ritter und Markiſen nicht verſchmaͤhten? 118 Friedlanden leuchtete fuͤr einen Augenblick die Moͤglichkeit ein. Er ward immer heftiger. Vermaledeiter Zufall! rief er aus: verdammter Steinbock! Ziegenbock! Staͤnkerbock! ich werf ihn ruͤcklings aus dem Hauſe. Iſt das die Nachſicht, die Du mir verhieſ⸗ ſeſt? ſprach ſeine Frau, die Haͤnde faltend: der Lohn des kindlichen Vertrauens? Soll ich Dich lehren, was ein Biedermann dem Ungluͤck, was der Beguͤnſtigte dem Verſchmaͤhten ſchuldig iſt? Was die Vernunft in ſolchen Faͤllen raͤth und der Kenner der Welt und des Weibes ge⸗ rathen findet? 1 Der Doktor hatte eben, in ſeinem Eifer, beide Arme in die Taſchen verſenkt. Er warf ſie jetzt, zuſammt den Rockſchoͤßen, ſo weit dieſe folgen wollten, empor und rief, aufs Aeu⸗ ßerſte gebracht— Ich bin nicht beguͤnſtigt! ich bin nicht vernuͤnftig und Euch kennt nur der boͤſe Feind! Damit rannte er, Trotz Augu⸗ ſtens flehendem Nachruf, von dannen— Sie folgte ihm auf dem naͤheren Fußſteige. 119 Eben ſchritt der Stumme jetzt, zwiſchen Baͤrbchen und Chriſtinen, die ſich wechſelſeitig in wohlklingenden Redens⸗Arten erſchoͤpften, die Allee herab. Er wendete ſich, aufmerkſam, von der einen zur andern und ſchien die Honig⸗ Worte mit unſaͤglichem Heißhunger zu verſchlin⸗ gen. Das Thun und Treiben der Gefoppten preßte dem Doktor, als er jetzt an ihnen vor⸗ uͤber ſtrich, Trotz ſeines Jaͤhzorns, ein ſchal⸗ lendes Gelaͤchter ab. Die Maͤdchen hielten es fuͤr einen Nachklang der Wirkung ihres Bade⸗ Geſpraͤches und erroͤtheten vor Schaam und Aerger, Hohenſtoll aber, den Friedlands Flammenblick verwundete, ward ſchnell ernſt, ſah erſt die Schweſtern an, dann ſeinem Arzte nach, beurlaubte ſich ſchnell bei den Damen und folgte ihm. Was heißt das? fragte Chriſtine ihre Schweſter: was faͤllt ihm ein? Ich fuͤrchte, ſein Parorismus koͤmmt— ent⸗ gegnete Baͤrbchen und trat in die nahe, offene 4 30 Einſiedelei. Hier hing, noch vom Morgen her, des Freiherrn Ueberrock an der Wand und aus der Rocktaſche hing ein ſchmaler Papier⸗ ſtreif. Kn Hm! murmelte Tina: gar ein Schneider⸗ maß! wie koͤmmt er zu dieſem? Der arme Mann! klagte Baͤrbchen und griff in die Tiefe der Taſche: er mag wohl kraͤnker ſeyn, als Friedland ahnt. Andere halten ſich in dieſem Zuſtande fuͤr Kaiſer und Marſchaͤlle; er, der Beſcheidene, gefaͤllt ſich mmit dem Maß in der Hand: auch iſt das ja, nach Herder, des Menſchen einzige und hoͤchſte Kunſt. 14 Chriſtine gab ihr Recht und gewahrte kaum die Brieftaſche, welche Baͤrbchen jetzt aus der Taſche des Ueberrocks hervorzog, als ſie die Thuͤr in's Schloß warf und ihr den Fund mit einem haſtigen J, laß doch ſehn, aus der Hand riß. Sie war nur laͤſſig zugebunden, der Guͤrtel loͤſte ſich von ſelbſt, und ein anſehn⸗ liches, beſiegeltes Papier fiel heraus. V V V 121 Gewiß ſein Beſtallungs⸗Brief! aͤußerte Barbara, und haſchte das Blatt. Es ward entfaltet, geleſen, verſchlungen. Hieronymus Steinbock? wiederholte Chri⸗ ſtine. Eines Schneiders Lundſchaſe? brummte Baͤrbchen. Daneben lag ein gesſſnekar Brief mit der Aufſchrift ilan à Monsieur M. Jerome Steinbock Compagnon tailleur 1 à Rue de P Enfer Paris. N. 1000. Außerdem fanden ſich noch einige Schwefel Pulver, ein Straͤußchen welker Vergißmein⸗ nicht mit Pferdehaar umwunden, und ein End⸗ chen Wachslicht, welches die Spur gewichſter Faͤden trug, am Boden der Taſche. Die Schweſtern ſahen ſich an. Barbara 122 wurde blaß, Chriſtine feuerroth und die Blei⸗ che ſagte jetzt zu der Gluͤhenden— Am Ende hat uns Friedland wohl genarrt? Der Doktor hatte ſich indeß, nach ſeines verſtorbenen Vaters Rath, welcher ihm ſo man⸗ ches Hausmittel gegen Zorn und Uebereilung nachließ, der kuͤhlenden, abſpannenden Keller⸗ luft anvertraut und ſaß hier, graͤmlich und bruͤ⸗ tend, auf einem leeren Rheinwein⸗Faſſe, als ein Gelaͤchter uͤber ihm, ſo hell und gellend, an⸗ ſchlug, daß er vor Aerger uͤber dieſen Frevel um eins ſo baͤrbeißig ward. Jetzt blinkte ein Licht auf der Keller⸗Treppe, Auguſte kam herab, ſuch⸗ te, fand, beleuchtete den grollenden Ehe⸗ herrn und ſank, vom Lachreiz uͤbermannt, an den hohlen, ertoͤnenden Bauch ſeines Sitzmit⸗ tels. Friedland brummte vernehmlich und aͤu⸗ Berte ſich daneben in abweiſenden Geberden, Auguſte aber neigte ſich herzhaft zu dem Sauer⸗ 3 123 topf und ſagte— Gleiches mit Gleichem, lie⸗ ber Mann! Und willſt Du mich kuͤnftig in den April ſchicken, ſo ſteh ein Stuͤndchen fruͤher auf. Dein Steinbock meckerte, der Ring iſt mein. Des Herrn Doktors Drachenblicke ha⸗ ben den armen Stummen dermaßen ein⸗ geſchreckt, daß er Dir nachlief, an der Ecke des gruͤnen Zaunes gegen mich anrannte, in ſei⸗ ner Beſtuͤrzung aus der Rolle ſiel und oflichſt um Verzeihung bat. Friedland erroͤthete jetzt, wie ſeine Schwa⸗ gerinnen bei der Unterſuchung der Steinbocki⸗ ſchen Papiere. Ich merkte geſtern ſchon, was Du vorhat⸗ teſt, fuhr Auguſte fort: denn Du traͤgſt be⸗ kanntlich Dein Gemuͤth in den Augen; ich ſah zum Ueberfluß unſern Freiherrn, auf der Stra⸗ ße, in tiefer Demuth vor Dir ſtehn und mich dann vergebens im Staats⸗Kalender nach ei⸗ nem Hofjunker Hohenſtoll um. Meinem Plan gemaͤß ſollten Dir ſchon auf dem Huͤgel einige Schwansfedern zuwachſen, doch Deiner Harm⸗ loſigkeit koͤmmt, fuͤrwahr! nichts gleich, als meine Treue. Ich mußte weiter gehen als mir lieb war; ſo weit, daß mir es wehe that. BHeuchlerin! rief der Doktor: Und Weller waͤre wirklich in Lyon? Oder ein ruinirter Nann und hier in Arbeit? Auguſte lachte wieder ein Geſetzchen und ſagte dann: ich kenne nur Einen dieſes Na⸗ mens, den alten Thuͤrhuͤter meines ſeligen Va⸗ ters: der ſiel mir, als ich heute auf einen Ne⸗ benbuhler dachte, plotzlich bei. Damit ſchlang ſie den Lilien⸗Arm um ſeinen Nacken und ſprach, im Geiſt des tragiſchen Affekts— Ich geb' ihn auf, um Deinetwillen! Laß die Poſſen! brummte der Doktor, wand ſich los und ſchmollte, nach wie vor. Da kicherte Auguſte wieder, ſpoͤttelte dazwiſchen uͤber die Wahl ſeines Schmollwinkels und ſeines Ruhepunktes und verglich ihn einem Kuͤper am Bußtage: dann ſprach ſie von der Wuth ——— der Schweſtern, die mit dem Maß und der Kundſchaft in ihr Zimmer geſtuͤrzt waͤren und bald vor Groll und Schaam geweint, bald, wider Willen, von ihr angeſteckt, aus vollem Halſe mit gelacht haͤtten.— Den Doktor focht jetzt auch der Lachreiz an. Auguſte warf ſich jubelnd an ſein Herz, das Licht verloſch, zu Folge der raſchen Bewe⸗ gung, der Leuchter entfiel der Umfangenen. Pfui, ſchaͤmen Sie ſich, Schwager, ſcholl es jetzt, durch das Kellerloch, in die Finſterniß herab— Sie Boshafter! ſchimpfte Barbara: iſt es erlaubt, uns ſo vorſaͤtzlich, ſo ſchadenfroh, ſo ſchonungslos Preis zu geben? Und Ihre eigene, leibliche Frau obendrein? rief Chriſtine. Auch ſchaͤmte ſich der Schwager, wie es ſchien, und ſeine liebe, leibliche Frau oben 126 drein, denn das verſoͤhnte Paar blieb Maͤus⸗ chenſtill und kam endlich, noch ganz Roſen⸗ roth, aus dem Keller zuruͤck. Friedland hatte nehmlich ſich und Auguſten, zur Verſiegelung des neuen Bundes, mit einem Flaͤſchchen ſei⸗ nes edelſten Ausbruchs vergnuͤgt. — — —— Der Freiherr Adolar von Druſen war jung und ſchoͤn, voll Anmuth und Wuͤrde; war reich an Geiſt und Gold und im Beſitze bluͤhender Guͤter. Es konnte ihm daher weder an Freun⸗ den noch an Freierinnen gebrechen. Der weiße Kalkfelſen der hochgethuͤrmten Druſenburg leuch⸗ tete fernhin, und die Unvermaͤlten, in deren Geſichts⸗Kreiſe das Schloß lag, blickten faſt oͤfter und ſehnſuͤchtiger nach ihm als gen Him⸗ mel und erinnerten ihre Muͤtter viel oͤfter als noͤthig ſchien, der alten Baronin ihre ſchuldige Hochachtung zu bezeigen; Frau von Druſen aber, eine hoffaͤrtige, gichtbruͤchige Matrone, ſah in dieſen fortwaͤhrenden Beſuchen nur das Werk der Theilnahme und der Ehrfurcht, wel⸗ II. 9 130 che ſie den Vornehmen des Hofes wie des Lan⸗ des eingefloͤßt zu haben waͤhnte.— Adolar ſtand daher nicht ſelten, wie der Großherr, im Krei⸗ ſe des Schoͤnen und des Lockenden, begegnete in blauen, braunen und ſchwarzen Augen⸗Paa⸗ ren der Sehnſucht nach des Sultans Tuche und dem Verlangen nach der Rolle der Sultanin, blieb aber— mit dem Zweck bekannt— ſo fuͤhllos wie der Kislar Aga. Mein Sohn! ſprach ſeine Mutter eines Ta⸗ ges: verſaͤume nichts, die Graͤfin Sidonie nach Wuͤrden zu empfangen und ihr den Aufent⸗ halt bei uns, recht angenehm zu machen. Man ſchreibt mir, daß ſie laͤngſtens nach drei Tagen hier zuſprechen und ſich perſoͤnlich von meinem Zuſtand unterrichten wolle. Sidonie war des Herzogs Guͤnſtling, die heilloſe Regentin des Landes, die erſte Hofda⸗ me und der boͤſe Engel ſeiner Gemahlin; aber der Herzog huſtete, graͤmelte, kraͤnkelte ſeit dem Herbſte, und die Heerſchaar ihrer Feinde erhob das Haupt: es ward Zeit, ſich den Ruͤckzug zu ⸗ —— — 131 ſichern und mit Vortheil von der Buͤhne zu treten. * 1 Die Graͤfin kam, verhießener Maßen, nur von einer Steinalten Aya begleitet; der Freiherr empfing ſie nach der Mutter Willen; er gab ſich als Weltmann, kuͤhl und artig. Das Ritter⸗ ſchloß ſchien ihre Phantaſie in Anſpruch zu neh⸗ men und Adolar ward zum Caſtellan. Er zeig⸗ te ihr die Sehenswuͤrdigkeiten ſeines Stamm⸗ hauſes, die bezaubernden Ausſichten, die Denkmaͤler vergangener Zeit, den Ritterſaal, die Waffen und die Spindeln ſeiner Ur⸗Eltern und Ahnfrauen; zuletzt auch den Familien⸗ Schatz. Kaum vermochte das zart geformte Fraͤulein dieſe ſchweren Gefaͤße, dieſe gewichti⸗ gen Pokale, dieſe Schuͤſſeln von getriebenem Silber zu bewegen. Aber ſagen Sie mir, fragte Sidonie und wies auf den Inhalt einer kleinen, hoͤlzernen Kapſel: wie koͤmmt dies un⸗ ſcheinbare, graue Nuͤßchen an dieſen Platz? * 132 Dies Nuͤßchen, gnaͤdige Graͤfin! iſt mir, als ein ſeltſames Erbſtuͤck unſeres uralten Hau⸗ ſes, faſt werther, als der ganze Reſt. Sie laͤcheite und ſah ihn mit den forſchenden, tief in's Herz ſchauenden Augen an, er aber ver⸗ ſchloß den Schrank, um ſie weiter zu fuͤhren und redete von andern Dingen; am Abend aber lenkte die Neugierige das Geſpraͤch, ſo bald es ſich thun ließ, von neuem auf die aſch⸗ graue Nuß in der hoͤlzernen Kapſel. Sie iſt der Kern einer Sage der Vorzeit: verſicherte Adolar. Mein Vater, dem ſein Hofamt Zeit genug uͤbrig ließ, das weitſchich⸗ tige und bedeutende Archiv unſeres Hauſes zu ſichten, hat ein ganzes Buch uͤber den kleinen Gallapfel geſchrieben, deſſen ſeltſamer Inhalt mich oft genug in fruͤhern Jahren unterhielt. Geheime Nachrichten? fiel ſie lauſchend ein— Keinesweges! Sie duͤrfen es ſehn. Ich nehme Sie beim Wort. Es giebt fuͤr mich nichts Anziehenderes, als das Mittel⸗ —— ——— 133 Alter mit ſeinem Weben und Leben, ſeinen Thaten und Sagen. Der Stoff war reichhaltig, der Boden klaſ⸗ ſiſch genug, um bis ſpaͤt in die Nacht als Un⸗ terhaltungs⸗Mittel zu dienen. Sidonie fand, beim Schlafengehen, die verſprochene Hand⸗ ſchrift auf ihrem Zimmer und las mit geſpann⸗ ter Erwartung das Folgende. Die Druſenburg hatte ſechzig Fenſter, doch nur in ſechſen gab es Scheiben. Auch dieſe waren, hie und da, mit Blei geflickt oder mit dem Abfall alter Ausgabe⸗Buͤcher ergaͤnzt. Das Dach lag, Theils in Schutt und Graus zerfallen, auf dem Eſtrich des Ober⸗Bodens, Theils hatte es dieſen zerſchlagen und ſich in die Zimmer des untern Stockwerks gebettet. Die Mauern des Schloſſes glichen den Wellen der hohlen See, der Soͤller dem vielbuſigen Bruſtſtuͤcke der Diane von Epheſus; ein Buk⸗ kel uͤberbot den andern: die Thuͤren und Thore 134 aber waren faſt durchſichtig und der Reſt ihrer Angeln wimmerte, ſo oft ein Luͤftlein ſie be⸗ wegte, wie die Geiſter der Schauer⸗Romane. Wunderſam ſtach das hellglaͤnzende Wappen uͤber dem Eingange, gegen die Trauer⸗Farben der gemeinſamen Zerſtoͤrung ab. Der gruͤne Gallapfel im goldenen Felde, mit den rothen und ſilbernen Helmdecken, ſchien erſt ſeit ge⸗ ſtern hier aufgeſtellt und die edeln Metalle der Zierathen ſchimmerten, obgleich ſeit Jahrhun⸗ derten ungefegt, noch immer ſo hell und leb⸗ haft, wie der erloſchene Glanz dieſes edeln Geſchlechtes. Der dermalige Burgherr, Hanns Juͤrge von Druſen, hatte ſich, im Lauf von ſiebzig Jahren, aus einem Stockwerke nach dem an⸗ dern gefluͤchtet und hauſte jetzt in einem uner⸗ ſchuͤtterlichen, duͤſtern Kreuz⸗Gewoͤlbe zu ebener Erde. Ploͤtzliich fuͤhlte der Greis eines Abends die Naͤhe des Todes, rief ſeinen einzi⸗ gen Sproͤßling, den bluͤhenden, feurigen Detlev an das uralte Himmelbett und ſprach— —— 135 Mein Sohn, das letzte Stuͤndlein ruͤckt heran. Bald werde ich zu unſern Vaͤtern gehen und dies ehrwuͤrdige, aber allerdings baufaͤllige Stammhaus mit einem herrlichen und ewig dauernden vertauſchen. Leider, kann ich Dir nichts hinterlaſſen, als unſre gute Burg, wie ſie hier ſteht und liegt und einen unbefleckten Adelsbrief, ſammt dem bedeutenden Geſchlechts⸗ Archive. Du findeſt in dieſem, neben andern, unſchaͤtzbaren Nachrichten, die Geſchichte des vielberuͤhmten Kanzlers und ſeines Sohns, des Weltbekannten Feldhauptmanns, Deiner in Gott ruhenden Vorfahren, in welchen beiden ich die Kleinodien unſers Stammbaums ver⸗ ehre. Du wirſt in denſelben Papieren dem ge⸗ heimen und gewichtigen Sinne des Gallapfels, unſeres Wappen⸗Bildes, auf die Spur kom⸗ men, welches Kaiſerliche Majeſtaͤt dem Kanz⸗ ler, auf ſein Anſuchen, Statt des bisher ge⸗ fuͤhrten, ſchwarzen Enterichs verliehen hat. Der Sohn ſtand andaͤchtig und geruͤhrt, mit gefalteten Haͤnden, zu des Bettes Haͤup⸗ 136 ten und ſah den Vater jetzt erbleichen und ver⸗ ſtummen— Noch ein Mal ermannte ſich der Greis und ſtammelte, mit dem Tode auf der Zunge— Wenn ſich der Gallapfel findet, biſt Du geborgen. Mir wollt' es nicht gluͤcken! Ge⸗ meine fand ich zu Tauſenden, doch nie den rechten— Die alte Grimſel beſcheer' ihn Dir! Da koͤmmt ſie! Nun iſt's aus!— Damit ver⸗ ſchied er. Seinem Derlev ſchauerte die Haut, denn er kannte das Burg⸗Geſpenſt aus den Erzaͤhlungen ſeiner Mutter und Großmutter, der fromme Siegfried aber bekreuzigte ſich und druͤckte dem ſeligen Herrn die Augen zu. * Die alte Grimſel war der ehemalige Haus⸗ geiſt der Druſenburg. Sie erſchien, unter an⸗ dern, vor nun zweihundert zwanzig Jahren ei⸗ nem Ahnherrn Detlevs, welcher eben im Be⸗ griff ſtand, ſich aus Melancholei und andern, zureichenden Gruͤnden, von der Zinne des — 137 Wartthurms hinab zu ſtuͤrzen, ſchalt den Ver⸗ zweifelnden wacker aus, brach dann ein ſtrah⸗ lendes Kleinod aus ihrem Hals⸗Geſchmeide und druͤckte es dem Ritter in die Hand. Hier iſt Gutes und Boͤſes, ſagte ſie: ſolls taugen, lerns brauchen, mein Werk iſt gethan!— Da⸗ mit verſchwand die Helferin. Der Ritter ſtand erſtarrt, er wagte es kaum, die verklommenen Finger zu oͤffnen, und als er ſie endlich auf⸗ that, lag Statt der blitzenden Juwele, ein al⸗ ter, gemeiner Gallapfel in ſeiner Hand. Die Urkunde ſchweigt von dem Zufalle, der ihn die Kraͤfte dieſes unſcheinbaren Talismans kennen und benutzen lehrte, wohl aber beſagt ſie, daß der Ritter bald darauf, von ſeiner Schwermuth verlaſſen, an den Hof zog, der 1 Guͤnſtling der Edelfrauen, der Kanzler des Her⸗ zogs und von dem Kaiſer und Papſte mit Eh⸗ ren⸗Bezeigungen uͤberhaͤuft ward. Leo, ſein Sohn, brachte es, laut dieſer Nachrichten, und der aufbewahrten Amts⸗Berichte, noch um ein Erkleckliches weiter. Seine Thaten ge⸗ 138 gen die Tuͤrken grenzen beinah an das Unglaub⸗ liche und kommen augenſcheinlich auf Rechnung des Gallapfels. Als Juͤngling ſchon Feld⸗ hauptmann, hieb er eines Tages, mit nicht mehr als drei und dreiſſig Reitern, drei tau⸗ ſend drei hundert Spahis in die Pfanne und zaͤhlte nur zwei leicht Verwundete. Er ſchwamm bald darauf, mit derſelben Hand voll Leute, durch die Donau, uͤberfiel den Groß⸗ Weſſir in ſeinem Lager und ſprengte den rech⸗ ten Fluͤgel der uͤberrumpelten Armee in den ge⸗ dachten Strom. Die Maſſe der Ertrunkenen fuͤllte den Thalweg, die Donau trat aus ihren Ufern und verlief ſich ſo weit in die Ebene, daß er, faſt trockenen Fußes, durch das Rinnſal zuruͤck traben konnte und mit dem unbedeuten⸗ den Verluſte eines ausgeriſſenen Trompeters und des Faͤhndrichs, welchen ſein ſchwaches Augenlicht dem Feinde in die Haͤnde ſpielte, auf den chriſtlichen Vorpoſten ankam. Er haͤufte noch groͤßere Schaͤtze, als der Vorfahr, er ſtarb unter dem Schatten ſeiner Lorbeeren und 139 die Maſſe der Gnaden⸗Ketten, welche die Eu⸗ ropaͤiſchen Potentaten auf ihn haͤuften, wog, zu Folge eines noch vorhandenen Wage⸗Zettels, uͤber neun Zentner loͤthigen Goldes. Detlev bemerkte mit innigſter Betruͤbniß, daß dieſer große Mann und augenſcheinliche Nutz⸗Anwender des geheimen Gallapfels, nur ein Stammvater ſchlechter Wirthe, alberner Sonderlinge und armer Ritter ward— daß ſich der Talisman mit ihm verloren haben oder, als uͤberfluͤſſig, von ihm beſeitigt worden ſeyn mußte, und daß der gegenwaͤrtige, heilloſe Zu⸗ ſtand der Druſenburg und das Verarmen des Geſchlechtes, eine Folge jenes Verluſtes oder der Ungunſt der alten Grimſel war, die ſich ſeitdem nur in den Todes⸗Stunden ſeiner Vor⸗ eltern blicken ließ. Er erinnerte ſich der Be⸗ muͤhungen des Vaters, der Stollen und der Schaͤchte, welche, bald aus dieſem, bald aus jenem angeblichen Grunde, gegraben wurden, der Spalten und Baͤuche, die ſich hierauf in den Burgmauern zeigten und der ſparlichen 140 Biſſen, die ihm Schmalhans ſeitdem, inner⸗ halb dieſer Mauern gereicht hatte. * Des Vaters irdiſche Huͤlle mußte beerdigt werden. Detlev ging in die Kirche, um das Erb⸗Begraͤbniß oͤffnen zu laſſen und einen ſchicklichen Platz fuͤr den Stand des Sarges auszuwaͤhlen. Da ſtanden die beiden, mit vermodertem Sammt uͤberkleideten Todten⸗ Kiſten des Kanzlers und des Feldhauptmanns unter ehernen Tafeln, welche das Verzeichniß ihrer Thaten enthielten. Den Juͤngling wan⸗ delte die Sehnſucht an, jenen belobten und ge⸗ prieſenen Tuͤrken⸗Bezwinger zu erblicken: er hob, nicht ohne Anſtrengung, den eichenen Deckel ab und ſah die Form, zu Folge der Er⸗ ſchuͤtterung, unter ſeinen Augen in Staub zer⸗ rinnen, doch aus dem Haͤuflein Aſche, in das die rechte Hand zerfiel, ragte ein hellgruͤnes Kuͤchelchen, ſo friſch, wie das des Wappen⸗ bildes uͤber der Burgpforte, hervor. Es ſprang in's Auge, daß der Feldhauptmann die Gabe 141 der alten Grimſel mit in das Grab genommen hatte. Ob aus guter oder boͤſer Meinung, ſtand dahin, genug, der gruͤne Gallapfel war gefunden und noch weilte Detlev, ſinnend und unſchluͤſſig, vor dem Kleinode, als eine Schreck⸗ geſtalt an der andern Seite des Sarges aus dem Moder des Bodens hervor ſtieg. Die al⸗ te Grimſel erſchien ihm. Sie war, bis an den Hals, in ſcheckige Froſchbaͤlge gekleidet; ihre aſchfarbenen Haͤnge⸗Backen, der ſchwarze Enten⸗Schnabel ſtatt der Naſe und die blut⸗ rothen Augen⸗Hoͤhlen, deren Aepfel die Eitle, ſtatt der Ringe, in den unfoͤrmlichen Ohrlap⸗ pen trug, ergaben ein Ganzes, das den Teu⸗ fel ſelbſt geſchreckt haben wuͤrde. Die Schei⸗ tel glaͤnzte, Haut⸗ und Haarlos, wie gebleicht, und ihre Faltenreiche, dreifach gekroͤpfte Unter⸗ Kehle ward von einem Halsband Feuergelber Blindſchleichen im Zuͤgel gehalten. Man ſah, daß Grimſelchen unmittelbar aus dem Grabe kam. Jetzt aber that ſie den unfeinen Schnabel auf und aͤußerte mit Unken⸗Toͤnen— 142 Biſt unten? Haſts funden? Ich ſah's! Soll's taugen, Lern's brauchen, Mit Maß! Der Reſt der Rede ward von dem gellenden Coax der Froſchbaͤlge unterbrochen, welche jetzt insgeſammt, wie einſt bei lebendigem Leibe auf⸗ ſchrien. Die alte Grimſel ſtimmte bei und uͤberſchrie ſie noch und ſank dann allmaͤhlig wie⸗ der zu den Todten hinab. Mutter und Kinder verſtummten endlich, tief in der Erde. Dceetlev lehnte, bleich und bebend, mit ge⸗ ſtraͤubtem Haar am nahen Pfeiler, griff end⸗ lich, ermuthigt, in den Heldenſtaub, faßte den Gallapfel, verſchloß das Haupt⸗ Quartier des Feldhauptmanns und eilte unter Schauern nach der Burg zuruͤck. Es verſteht ſich, daß der junge Mann in der folgenden Nacht kein Auge zuthat, daß er 243 den Gallapfel mit ins Bett nahm, daß ihm der erſchuͤtternde Anblick bis zum Morgen vor⸗ ſchwebte und das gellend betonte: Soll's tau⸗ gen, lerns brauchen! fort und fort in den Oh⸗ ren klang.— Vier Wochen verſtrichen unter unnuͤtzen Proben und Verſuchen. In der Walpurgis⸗ nacht ſtuͤrzte der Soͤller herab und verſchuͤttete das Hauptthor. Soll's taugen, lern's brau⸗ chen! ſeufzte Detlev und ſuchte das Tintenfaß, um ſeinem kargen, nie geſehenen, ſteinreichen Oheim, dem Miniſter, ein Darlehn abzulok⸗ ken, denn es war kein Kreuzer mehr in der Kaſſe, welche das Begraͤbniß erſchoͤpfte und Siegfried bereits ſein Glaͤubiger. Auf Sieg⸗ frieds Tiſche aber, wo er das Tintenfaß end⸗ lich fand, lag die eben gefertigte Verlags⸗Rech⸗ nung und ein ſchwarz geſiegelter Brief, in dem ihm der ploͤtzlich erfolgte Hintritt ſeines Oheims angezeigt ward. So bleibt mir denn doch der Gallapfel! dachte Detlev nach der erſten Be⸗ ſtuͤrzung: aber wo hab' ich ihn denn? Er ſuch⸗ 144 te vergebens.— Siegfried! Siegfried! Doch dieſer war nach dem Dorfe geeilt, um die Bauern zu Wegraͤumung des Soͤllers aufzubie⸗ ten.— Der arme Junker lief wie ein Wahn⸗ ſinniger umher und ſchien geneigt, ſich jetzt, gleich ſeinem Ahnherrn, von der Zinne hinab zu ſtuͤrzen, doch war ihm die alte Warte laͤngſt zuvorgekommen und lag, ohnweit des Soͤllers, tief im Graben.— Es iſt verloren! iſt dahin, das theure, werthe Kleinod! rief der Verzwei⸗ felnde: mein Siegfried, der Spitzbube, lief davon; er hat es entdeckt! er hat es geſtohlen! Mit dieſem Wahne kam ihm der Entſchluß zu ſterben. Raſch ergriff der Junker die Feder und ſchrieb auf Siegfrieds Verlags⸗Rechnung — Die alte Grimſel bezahle ſie Dir! doch un⸗ willkuͤhrlich ward der letzte Buchſtabe des vier⸗ ten Wortes zum t. Es ſchien, als fuͤhre eine unſichtbare Hand die ſeine. Ich ſterbe: ſchrieb er fernerweit, doch das ſt verſchwand, ſo oft es auch der Schreiber auffriſchte und immer ſtand— Ich erbe! Da trat der Poſtbothe ein 245 und brachte einen zweiten Brief mit der uͤber⸗ raſchenden Nachricht, daß ihn der Kinderloſe, juͤngſt verſchiedene Oheim, zum Erben ſeines geſammten Vermoͤgens und eines herrlich aus⸗ geſchmuͤckten Pallaſtes in der Hauptſtadt er⸗ nannt habe. Schreibt meine Tinte? fragte Siegfried, der jetzt in's Zimmer trat. Gar wunderſam! entgegnete ſein Herr, welcher ihm im Herzen eine Abbitte that und ſich vor Entzuͤcken nicht zu laſſen wußte. „Jener erwiederte— Ich habe den alten Gallapfel hinein geworfen, mit dem ſich Ew. Gnaden immer herum trugen. Iſt's moͤglich? rief der Junker: es ging ihm ein Licht auf. Du haſt wohl gethan, fuhr er fort, den Alten umfangend. Siegfried fuͤhlte ſich geehrt und verklagte jetzt die ſtoͤrri⸗ gen Bauern um eins ſo laut, welche den Frohn⸗ dienſt verweigert und geaͤußert hatten, das alte Teufelsneſt moͤge immerhin vollends zu⸗ II. 10 1 146 ſammen ſtuͤrzen. Die Bauern haben Recht! ſagte Detlev und hieß ihn gehn. * Nun bin ich gluͤcklich! rief der Juͤngling aus und ſprang, im raſchen Uebergange von der Hofnungsloſigkeit zur hoͤchſten Befriedi⸗ gung, wie ein Kind umher. Nun lernt' ich's brauchen, nun wird es taugen! Nur einiges Geld vor allen Dingen, damit ich dem Alten die beſtrittenen Auslagen verguͤten koͤnne. Es gilt den Verſuch. Er ſchrieb— Ich moͤchte gern zehn Thaler haben— Und las— Sie liegen auf dem Sims. Dort lagen ſie. Erkenntlich ſetzte er hinzu— Ich danke ſehr! Da hieß es— Du brauchſt mehr! Ja, allerdings! fiel er ein: ich war zu be⸗ ſcheiden. Die Druſenburg muß ja, vom Grund aus, neu erbaut werden und des Be⸗ ſitzers Hofſtaat in einem ſchicklichen Verhaͤltniſſe zu ſeinen Guͤtern ſtehn. Aber was bin ich dann? Ein reicher Krautjunker hoͤchſtens, der 147 Statt der Tuͤrken die liederlichen Knechte ſchlaͤgt und von den lockern Groß⸗ und Mittel⸗ Maͤgden in Verſuchung gefuͤhrt wird. Man ſoll ja wirken, eh es Abend wird, wie meine Ahnherrn, unſterblichen Andenkens. Zog nicht der eine, gleich nach Empfang des Gallapfels an den Hof? war nicht ſein Leo ſchon im zwanzigſten Jahr ein vornehmer General? Wer etwas lei⸗ ſten will, der draͤnge ſich bald moͤglichſt auf den erſten Platz. Bei der Jugend wohnt die Kraft und der Muth, das Selbſt⸗Vertrauen und der gute Wille. Mit dieſem Zauber⸗Apfel in der Buͤchſe wollt' ich die ganze Welt regieren und es duͤrfte dann wohl beſſer um ſie ſtehn als jetzt. — Flugs tauchte Detlev ſeine Feder bis auf den Grund des Faͤßleins ein und ſchrieb— Ich will, an meines Oheims Platz, Miniſter ſeyn! Da ſtand geſchrieben— Du biſt es ſchon! Exzellenz! ſprach der hereintretende Sieg⸗ fried: es iſt ein Herzoglicher Feldjaͤger draußen, er bringt Depeſchen. 45— Weißt Du auch ſchon darum? fragte Det⸗ lev, von der erhaltenen Exzellenz gekitzelt. So etwas weniges: entgegnete dieſer— Der Feldjaͤger ſagte mir, man munkle am Ho⸗ fe, daß Se. Durchlaucht feſt beſchloſſen haͤtten, ihr Steinaltes Miniſterium, dem Geiſt der Zeit gemaͤß, zu verjuͤngen und Land und Leute der lieben Jugend anzuvertrauen— Daß ſeine Wahl auf Ew. Exzellenz gefallen und der ge⸗ ſammte Hof der Meinung ſey, ein bluͤhender, kraftvoller, unbefangener Abkoͤmmling des viel⸗ beruͤhmten Kanzlers und des Weltbekannten Feldhauptmanns werde Salz und Schmalz ge⸗ nug mit ſich fuͤhren, um das magere, ausge⸗ preßte Kraut wieder fett zu machen. Du druͤckſt Dich wie ein Garkoch aus, gu⸗ ter Alter! entgegnete Detley, aber auch Dir ſoll der Mund fortan von Fette glaͤnzen und ilch und Honig Dir zur Seite ſtehn. Schik⸗ ke nur fuͤr jetzt den Feldjaͤger herein und iſt er hungrig, ſo ſchmier' ihm ein ganzes Viertel⸗ brot. 1 —,— 149 —* Das allergnaͤdigſte Hand⸗Billet beſtaͤtigte die Ausſage des Eilboten. Detlev hieß ihn warten und verſchloß ſich, um es nach Wuͤrden und Gebuͤhr zu beantworten. Aber der Fluͤgel ſeines Geiſtes ſchien gelaͤhmt oder es war ihm nie ein ſolcher zugewachſen, denn die zehn Conzepte, welche der neue Miniſter in Gedan⸗ ken entwarf, eigneten ſich insgeſammt fuͤr den Eſelskopf, welchen der Schulmeiſter Detlevs mißlungenen Arbeiten weiland anzuhaͤngen pfleg⸗ te. Er ſetzte endlich, in ſeiner Verzweiflung, die Feder an und ſiehe da! ſie ſchrieb von ſelbſt, ſo trefflich, ſo gemeſſen, ſo geiſtreich und Weltmaͤnniſch, daß er das Meiſterwerk vor Thraͤnen der Bewunderung kaum zu leſen ver⸗ mochte. Jetzt unterbrach ihn der klopfende Sieg⸗ fried mit der Nachricht, daß ein ſechsſpaͤnniger Reiſe⸗Wagen des ſeligen Oheims zu ſeiner Ab⸗ holung vor dem Burghofe halte, wegen des herab geſtuͤrzten Soͤllers jedoch, nicht in den 150 Hof fahren koͤnne. Exzellenz werde befehlen, was er einpacken oder zuruͤck laſſen und in wie⸗ fern er das Haus beſtellen ſolle? Was da iſt, gieb den Armen: entgegnete der Großmuͤthige und die Burg bleibe vor der Hand des Kaͤuzleins Zuflucht und des Marders. Du aber biſt von nun an mein Haushofmei⸗ ſter und als ſolcher das Haupt der Dienerſchaft meines Onkels, die ich in Lohn und Brot be⸗ halte. Vergieb Dir nichts und mach Dich breit wie ich, denn viele ſind berufen und we⸗ nige nur auserwaͤhlt; wir aber gehoͤren offen⸗ bar zu den letztern. Ja, Exzellenz! das liegt am Tage! ent⸗ gegnete Siegfried: kuͤßte geruͤhrt des Miniſters Hand und that wie ihm befohlen war. Nach Verlauf weniger Stunden fuhren Se. Exzellenz aus dem Dorfe, der Himmel des geſchmeichel⸗ ten Hochſinns laͤchelte aus ſeinem holdſeligen Antlitz und der verzuͤckte Siegfried nannte ſich, zum oͤftern, halb laut— Mein lieber Haus⸗ hofmeiſter! Der praͤchtige Wagen aber flog, 151 von ſechs iſabellfarbenen Hengſten gezogen, wie im Sturme fort. * Alle Wetter! ſchrie jetzt Detlev mit einem Male und gebehrdete ſich, als ob der leibhafte Satanas in ihn gefahren ſey. Kreuz Mohren Element! wo iſt mein Tintenfaß? Das Tintenfaß? fiel Siegfried ein: ich hab es, ſammt dem uͤbrigen alten Plunder, auf Hochdero menſchenfreundliches Geheiß ver⸗ ſchenkt. Den Miniſter wandelte eine Ohnmacht an. Verſchenkt? Menſch! biſt Du zeſends Und an wen? An ſeine HochEhrwürden, den Hexen Paſtor— An meinen beſtverdienten Herren Beichtvater. Halt, Kutſcher! rief der Freiherr aus: Lauf, Siegfried! renne, fliege! bringe es zu⸗ ruͤck! Nicht ohne den Gallapfel, wenn Dir Dein Leben lieb iſt! Und wollte der alte Geiz⸗ 159 hals ſich der Herausgabe weigern, ſo ſchlag ihn tod! Mauſetod, ſag ich Dir! ich, der Mini⸗ ſter, vertrete Dich. Siegfried, der den Grund des Werthes, welchen Se. Exzellenz auf die alte, in ſchlechtes Holz verkapſelte Buͤchſe legte, nicht begriff, machte eben eine geziemende Vorſtellung, als ihn Detlev beim Schopfe faßte und vom Wa⸗ gen herab ſchleuderte. Der Haushofmeiſter brummte vernehmlich, hinkte fort und kam, nach Verlauf zweier Stunden, mit der zer⸗ ſchmetternden Nachricht zuruͤck, daß der Herr Magiſter den alten Scherben, wegen eines, zuvor unbemerkt gebliebenen Sprunges, auf den Duͤnger geworfen, wo ihn Siegfried die laͤngſte Weile unter Beiſtand der ſcharfſichtigen Anne⸗Liefe und ihres Herrn Paſtors, und ſei⸗ ner Augen Glaͤſer, ganz vergebens geſucht ha⸗ be. Exzellenz ſolle es doch dies Mal gut ſeyn laſſen! ſetzte der Haushofmeiſter ganz verdrieß⸗ lich hinzu: er werde ihm dafuͤr, morgenden Ta⸗ 153 ges, nus ſeinen eigenen, geringen Mitteln ein anderes kaufen. Exzellenz aber goß einen Strom von Schimpfworten uͤber den fahrlaͤſſigen Sucher aus, verwarf das annehmliche Erbieten, be⸗ fahl, augenblicklich umzulenken und im geſtreck⸗ ten Galopp nach dem Druſenburger Pſaurh us zu fahren. * Kaum hatte vorhin der Prediger, durch ſei⸗ nen dankbaren Beichtſohn, die Bothſchaft von der ploͤtzlichen Erhoͤhung Detlevs vernommen, als er den Freudentag zu ſeinem Vortheil zu be⸗ nutzen und den Herrn Miniſter um die Verſe⸗ tzung in eine eintraͤglichere Stelle anzugehen beſchloß. Die Sache hatte Eile, da der Er⸗ hobene auf dem Sprunge ſtand und Siegfried die Bittſchrift unter Wegs an den Mann brin⸗ gen ſollte. Er ſuchte ſchnell das feine Poſtpa⸗ pier, die gute, von ſeiner Ehe⸗Gattin ver⸗ ſchleppte Feder, tauchte ſie, zufaͤllig, in das 154 geſchenkte Tintenfaß und ſchrieb, nach kurzem Beſinnen— Wenn der vieljaͤhrige, gute und getreue Hirte, hieſiger, Ew. Exzellenz zuſtaͤndiger Heerde, es endlich wagt— Es endlich wagt— wiederholte der Paſtor, auf den Nachſatz denkend, und las jetzt mit Entſetzen— Wenn der vieljaͤhrige, nimmer ſott⸗ und Pflicht vergeſſene Saalbader, als das raͤudigſte Schaf hieſiger, Ew. Exzellenz zuſtaͤndiger Heer⸗ de, es dennoch wagt— Hat mich der Boͤſe beſeſſen? rief er ver⸗ blaſſend: ergriff, wie Doktor Luther einſt in aͤhnlicher Anfechtung gethan, des alten Sieg⸗ frieds Tintenfaß und warf es aus dem offenen Fenſter. Anſehnlich, wie das Pfarrfeld, war der Duͤngerhaufe, in dem es ſich vergrub und endlich, kurz vor des Miniſters Ankunft, von der dienſteifrigen Groß⸗Magd gefunden ward. Detlevs furchtbares Antlitz verklaͤrte ſich, als jetzt der halb entſeelte Seelenhirt an die 185 Wagenthuͤr trat und jener an dem Boden der alten Buͤchſe, den kleinen Omnipotens gewahr⸗ te, ohne den der neue Miniſter ohnfehlbar mit Schimpf und Schande auf ſeinen Schutthau⸗ fen zuruͤck geſchickt worden waͤre. Er dankte ſehr, foderte Siegfrieden, auf der Stelle, die Halbſchied der erſtatteten Auslage wieder ab, ſchenkte ſie Anne⸗Lieſen, die, nach des kargen Haushofmeiſters Meinung, hoͤchſtens einen Sechſer verdient habe und fuhr ſeines Weges; den Herrn Magiſter aber ſchreckte ſein Gewiſ⸗ ſen, ſammt der Furcht vor einer nochmaligen Einmiſchung boͤſer Geiſter, von jedem fernern Verſuche ab. * Detlev ward von dem Herzog aͤußerſt huld⸗ reich aufgenommen. Ew. Exzellenz, ſagte die⸗ ſer: werden viel zu thun und nachzuholen fin⸗ den und eine neue Schoͤpfung gruͤnden muͤſſen, da das Alte nirgend mehr taugen noch gefallen will und der Staatszuͤgel zudem nicht in den beſten Haͤnden war. Zwar thue ich, ſo viel nur an mir iſt, aber man bleibt ein Menſch, kann nicht uͤberall ſeyn, nicht Alles uͤberſchaun und leiten und ſieht nur mit Verdruß verdrieß⸗ liche Geſichter. Auf mir liegt viel, mein Be⸗ ſter! und die Pflicht der Selbſt⸗Erhaltung will doch auch beachtet ſeyn. Fruͤh muß ich, um des Leibarztes Willen, die gewoͤhnliche Aus⸗ duͤnſtung abwarten. Dann kommt das Fruͤh⸗ ſtuͤck und der Kammerdiener. Man kleidet ſich, des Beiſpiels wegen, mit einiger Sorgfalt, der Adjutant tritt ein, ſie trommeln zu der Wacht⸗ Parade, kann ich da fehlen? Die jungen Of⸗ fiziere aber haben, wie bekannt, nur die Maͤd⸗ chen im Kopfe und ſehen an alle Fenſter, Statt das Glied im Auge zu behalten. Da ſteht denn alles krumm und ſchief oder laͤuft, beim Ab⸗ und Aufmarſch, durch einander. Der Major hoͤrt mich eifern, verliert den Kopf oder die Buͤgel, vergißt in der Beklemmung die noͤ⸗ thigen Huͤlfen, und macht das Uebel nur noch uͤbler. Ich winke, ſchelte, kommandire ſelbſt 157 und uͤberſchreie oder aͤrgre mich und kann dann, bis zur Tafel, nichts mehr leiſten. Nach die⸗ ſer wirft mich die Verdauungs⸗Kriſe hin, dann muß ich— denn res sacra miser— die ein⸗ gelaufenen Bettel⸗Briefe leſen, worauf man ſich, nach hergebrachter Weiſe, in dem Schau⸗ ſpiel zeigt, oder von der Herzogin und ihren Damen in Anſpruch genommen wird. Wer koͤnnte dann wohl noch des Abends zu einer Kopf⸗Arbeit taugen? Dazwiſchen fallen Jag⸗ den, uͤbliche Luſtreiſen, Galla⸗Taͤge, Muſte⸗ rungen, und ſo verfliegt ein Tag nach dem an⸗ dern, ohne daß ich mir an irgend einem genug zu thun vermoͤchte. Drum ſollen Sie mich nun ein bischen unterſtuͤtzen. Detlev, welcher eben, aus uͤberfluͤſſiger Beſcheidenheit, einige Zweifel uͤber ſeine Faͤhig⸗ keit zu dem erhabenen Beruf aͤußern wollte, ward nach den erſten Worten von Sr. Durch⸗ laucht ſchmeichelhaft genug unterbrochen. Ich kenne meine Leute, ſagte dieſer: und griff noch ſelten fehl. Sie haben mir einen 158 Brief à quatre épiugles geſchrieben. Er allein reicht hin, um die getroffene Wahl vor der Mit⸗ und Nachwelt zu rechtfertigen und ihre glaͤnzenden Talente zu verbuͤrgen. Auch finden Sie ein Haͤufchen eingefahrner Sekretaire. Freund, unter uns: was waͤre man ohne dieſe treufleißigen Ameiſen? Der Subaltern erhaͤlt die Welt, der kennt nur Pflichten, keine Rechte. Wer dieſe fuͤhlt, ſpricht jenen Hohn. Der arbeitet wie der Stier am Pfluge und denkt, es muß ſo ſeyn. Der laͤßt ſich, mitten in der Ernte, das Maul verbinden, erfreut ſich, wenn ſie uns nur wuchert, und nimmt, bis an ſein Ende, mit den Broſamen fuͤrlieb, die von dem Rentkammer⸗Tiſche fallen. Bei dieſen reicht man, Statt der goldenen Doſen und der koſtſpieligen Ordens⸗Kreuze, mit ei⸗ nem Titelchen und einem Belobungs⸗Bogen aus. Glauben Sie einem Manne, lieber Mi⸗ niſter, der ſein Chriſtenthum lieb und werth haͤlt: Gott hat, auf meine Ehre! alles ſehr weislich geordnet.* 159 Zwei Damen unterbrachen jetzt den guten Chriſten. Die Herzogin! ſagte Er, auf eine lange, hagere Geſtalt zeigend, welche ihre un⸗ gemein große Naſe ſehr hoch trug— Und hier ihre Hofdame, die ſchoͤne Graͤfin par ex- éellence! Die Graͤfin Roſalte dankte faſt eben ſo fluͤchtig als ihre Fuͤrſtin, aber ihre dunkeln, feuervollen Augen hafteten voll Theilnahme an dem bluͤhenden, kraͤftigen Manne. Umarmen ſie den Staats⸗Miniſter! fuhr der Herzog fort: es liegt mir viel daran, meine Freunde durch das zarte Band der Harmonie verknuͤpft zu ſehn. Detlev nahete ſich ehrerbietig, Roſalie bot ihm die Wange dar und fragte, waͤhrend dem die Spitze ſeiner Lippen ſie beruͤhrte, den Fuͤrſten nach dem Stande des Wetterglaſes. Die Herzogin war indeß an das Fenſter getre⸗ ten und lobte den Wunderſchoͤnen Tag: der Herzog prophezeihete ſtarken Wind, der Mini⸗ ſter pflichtete beiden bei, Roſalie aber huͤpfte, der Hore gleich, durch das Zimmer, muſterte 160 mit ihren blitzenden Augen die Schriften auf dem Arbeitstiſche, griff gleich darauf in die Klaven des Fluͤgels und ließ im folgenden Aus genblicke das Ordensband des Fuͤrſten durch ihre zarten Finger laufen.— Vorfahren! rief dieſer jetzt, entließ den Miniſter und ſagte: Wir ſpeiſen zu Abend in Louiſon— Morgen ein Mehreres! Detlev verbeugte ſich tief vor dem hochmoͤ⸗ genden Paare und unter Seufzern vor Roſa⸗ lien. Auf Wiederſehn! fluͤſterte ſie mit einem vertraulichen, vielſagenden Blicke, der in das Herz ſeines Herzens drang. Er fuhr nach ſei⸗ nem praͤchtigen Pallaſte. Eine Reihe von Hunger⸗ und Kummer⸗ Geſtalten neigte ſich im Vorſaal vor dem Ge⸗ waltigen. Es waren die geruͤhmten Subalter⸗ nen, meiſt Vaͤter und Großvaͤter, im Zuſchnitt des vorigen Jahrfunfzigs. Exzellenz fragten einen jeden insbeſondere nach ſeinem Namen, ſeinem Fach und Gehalte und wollte ſchließlich jedem ein ſchoͤnes Wort ſagen. Da ihm jedoch — 261 der Gallapfel nicht unter der Zunge, ſondern am Boden des Tintenfaſſes lag, ſo erſtarb das Pathos zuſammt dem Ethos auf ſeiner Lippe und er verſprach kurz und gut, ſich ihrer be⸗ ſtens anzunehmen. Sie kehrten, des Empfan⸗ ges froh, mit neuen Hoffnungen geſpeiſt, nach ihrem Golgatha zuruͤck; ihn aber fuͤhrte jetzt der Haushofmeiſter durch alle Hallen und Winkel des ererbten Freudenreichs, ſtellte die Diener⸗ ſchaft vor und ruͤhmte die Schaͤtze des Kellers und des Silber⸗Schrankes. * Ein goͤttliches Geſchoͤpf, dieſe Roſalie! rief der Miniſter nach dem Eintritt in ſein Cabinet, denn nie hatte er, in und um Druſenburg, ein aͤhnliches erblickt und das Weib war uͤberhaupt noch eine neue, unbekannte Welt fuͤr ihn. Kein Wunder, daß der Zauber dieſer boͤſen Fee den ſchlummernden Rieſen in ſeiner Bruſt erweckte, daß ihre lockende Form, ihr Seelen⸗ voller Blick, ihr offner Buſen und ihr Glieder⸗ II. 11 162 ſpiel, die Sinnlichkeit des kraͤftigen Naturſohns entzuͤndete. 1 Wie iſt mir? ſprach er zu ſich ſelbſt: welche Sehnſucht durchgluͤht mein Herz? Traͤum ich? Wach ich? Leb ich? Und kann man ſeyn und leben ohne ſie? Er eilte raſch zum Arbeitstiſch und ſchrieb— Liebt Roſalie ſchon? Da ſtand denn— Nur ſich ſelbſt!— Das iſt natuͤrlich: bemerkte Detley, und ſetzte abermals die Feder an. Gefall ich Ihr? Die Form gefiell gas er jetzt. Be⸗ darf es mehr? Mein Inneres ſoll, hoffentlich, der Form entſprechen. Ich will von Ihr geliebt ſeyn, wie ich liebel ſchrieb er nun und unverwan⸗ delt ſtand auf dem Pappiere die Forderung— Ich will von Ihr geliebt ſeyn, wie ich liebe. Wie? rief er, ſehr beſtuͤrzt: keine Ant⸗ wort? Sind deine Kraͤfte ſchon erſchoͤpft, alte Hexe? oder regt ſich etwa gar die Eiferſucht in 163 dem Ungetuͤm? Wohl zehen Mahle ſchrieb er jetzt daſſelbe Begehren mit andern Worten nie⸗ der, dennoch blieben ſie, nach jeglüchem Verſu⸗ che, die ſeinigen. Der neue, ihm vom Herzog zugetheilte Sekretair unterbrach das zweckloſe Streben. Mit Erſchrecken vernahm Detlev von dieſem, daß er morgen in den Staatsrath werde einge⸗ fuͤhrt werden, daß er dort die geheimen Raͤthe und ſaͤmmtliche Praͤſidenten, mit einer Anrede zu begruͤſſen habe, daß dieſe dann in der Hof⸗ zeitung erſcheine. Der Herzog wuͤnſche, aus beſagtem Grunde, ſie im Geiſte ſeiner letzten Zuſchrift abgefaßt und die miniſteriellen Grund⸗ ſaͤtze Seiner Exzellenz in ſelbiger, wo nicht ent⸗ wickelt, doch beruͤhrt zu finden. Geſtatte Naum und Zeit ein Mehreres, ſo werde Sere⸗ niſſimus ihm Dank wiſſen, wenn er ſich naͤchſt⸗ dem uͤber den moͤglichſt beſten Verein des Com⸗ merzial⸗ und Agrikultur⸗Siſtems, nach ſeiner An⸗ und Einſicht ausſprechen wolle. Detlev hatte zwar von beiden Siſteme nie e ein Wort vernommen, rechnete indeß auf den Mutterwitz der alten Grimſel, entfernte den Sekretair und ſetzte ſich vor das bewaͤhrte Noth⸗ und Huͤlfs⸗Tintenfaß. Die Feder, welche er dies Mahl, nicht ohne Zagen, ergriff, that indeß ihre Pflicht. Sie entwarf, waͤh⸗ rend dem die Phantaſie des Aufgeregten un⸗ ter Roſaliens Bluͤthen ſpielte und ihm Goͤt⸗ ter⸗Traͤume wob, das Ideal einer Staasform und aͤußerte ſich, kurz aber erſchoͤpfend, uͤber die Verhaͤltniſſe des Handels und des Acker⸗ baus. Der Miniſter las jetzt das Gefertigte, fand Alles gut und ſchoͤn, verſtand jedoch nur hie und da einen Ausdruck der neuen Kunſtſprache und mußte mehr als ein ihm raͤthſelhaftes Woͤrtlein buchſtabiren. Zudem ward es unbe⸗ dingt nothwendig, den ſtockfremden Innhalt dieſer drei Bogen im Laufe der Nacht auswen⸗ dig zu lernen und als ſich Se. Exzellenz die Sa⸗ che, nach der Großen Weiſe, bequem machen wollte und von der alten Grimſel die unmittel⸗ 165 bare Eingebung verlangte, blieb ihm dieſe, wie vorhin, Rath und That ſchuldig. Es war ihr offenbar der Einfluß auf das Innere ihres Schuͤtzlings verſagt. X Ein ſauerer Apfel! klagte Detlev, deſſen Gedaͤchtniß, ſeit der Erlernung des großen Ein Mal Eins und des kleinen Katechismus, ganz ungeuͤbt geblieben war. Er lernte jetzt, gleich einem Schulknaben, bis tief in die Nacht hinein, uͤberſchlug, was ihm entbehr⸗ lich ſchien, verließ ſich, im Nothfall, auf das Conzept, nickte endlich, von der Anſtrengung erſchoͤpft, allmaͤhlig ein und ward bald darauf von einem ſtechenden Schmerz aufgeweckt, der Se. Exzellenz zu einem kreiſchenden Zeter⸗ Schreier machte. Kraft der ſchwankenden Bewe⸗ gung des Schlafenden war nehmlich das Pa⸗ pier von dem Lichte der herab gebrannten Kerze ergriffen worden. Die Flamme loderte, Theils hell und luſtig auf, Theils kroch ſie allgemach 266 zu ſeinen Finger⸗Spitzen nieder und zog den Traͤumer aus Roſaliens Armen weg. Der Schreck war groß, noch groͤßer die Verlegen⸗ heit. Siegfried erwachte von dem Geſchrei und ſchickte den Laͤufer nach Brandſalbe, den Mohren nach dem Wundarzt, den Huſaren nach Leinſamen, er ſelbſt aber naͤhete mit geuͤb⸗ ter Hand ein Saͤckchen zu Umſchlaͤgen. Exzel⸗ lenz wurden verbunden, und hatten nun nichts wichtigeres, als ſich noch ein Mahl der ſelbſt den⸗ kenden, ſchnell fertigen Feder zu uͤberlaſſen. Aber auch dieſe blieb gebunden und ließ, Statt des Anfangs, nur die gewoͤhnliche Titulatur, ſammt einem dreimahligen et caetera fließen. Jetzt war der Morgen da und die Bedien⸗ ten kamen. Der eine ſeifte den Miniſter ein, der andere kraͤuſelte ſein Haar, der dritte ſagte gegen zwanzig Perſonen zur Audienz an. Der Laͤufer brachte eingelaufene Akten⸗Stoͤße, der Mohr den Polizei⸗Rapport, der Leib⸗Huſar ———F—ꝛ—x—xx:-— 167 meldete, daß die Porzellan⸗Schecke das Futter verſage. Se. Exzellenz hoͤrten und ſahen nicht; ſie fuͤhlten kaum die Pein in der verbrannten Hand, viel weniger die Schnitte des Barbiers, den der hohe Rang dieſes Bartes verbluͤffte— Sie waren, mit einem Wort ein Schmerzensmann geworden und Grimſel ſchmollte. Sie klagten uͤber Herzweh und Uebelkeiten, da pries der Haushofmeiſter den Tokayer⸗Wein an, wel⸗ chen er geſtern in dem Keller entdeckte. Mit ihm kam dem Bedruͤckten Troſt und Rath. Wuͤrde hat Buͤrde! ſprach er jetzt zu ſich ſelbſt. Keine Roſe ohne Dornen. Wo viel Licht iſt, da iſt auch viel Schatten und nach zwei Stun⸗ den biſt Du uͤber den Berg. Verlaͤßt Dich das Gedaͤchtniß, ſo kannſt Du ſagen— Es wird Zeit, abzubrechen— Oder beſſer: Es waͤre ſtraͤflich, Ihnen noch eine Minute der koͤſtli⸗ chen Zeit rauben zu wollen, fuͤr deren Anwen⸗ dung wir dem Staate verantwortlich bleiben. 168 Jetzt fiel ihm Roſalie wieder bei, das Zauber⸗ bild verdraͤngte vollends alle Skrupel. * Bluͤhend wie Apoll und geſchmuͤckt wie ein fuͤrſtlicher Braͤutigam trat der Miniſter jetzt in das Vorgemach. Da warf ſich zu ſeiner Rech⸗ ten eine runzliche, der alten Grimſel nicht un⸗ aͤhnliche Hexe— zur Linken ein ſtelzfuͤßiger In⸗ valid auf die Knie: da zog eine niedliche Blon⸗ dine ihre große Bittſchrift aus dem kleinen Bu⸗ ſen; da draͤngte ſie ein Vierter weg, der den Miniſter als den Abgott der Nation begruͤßte und um Zulage bat. Der gegenwaͤrtige Sekre⸗ tair rieth ihm mit leiſer Stimme, dem fuͤnften, Trotz ſeiner ungerechten Sache und ſeiner fre⸗ chen Zudringlichkeit, zu willfahren, weil dieſer Grobian der Vormund einer Putzmacherin ſey, welche fuͤr die Graͤfin Roſalie arbeite und dieſer ſteinreichen Wittwe die Penſion zuzuſagen, weil ihr der Herzog nicht uͤbel wolle. Dagegen drang er, faſt mit Ungeſtuͤm, in den betroffe⸗ 169 nen Staatsmann, dieſelbe einem alten, brav ge⸗ dienten Offiziere zu verweigern, deſſen unge⸗ bundene Zunge dem ganzen Hofe zum Aerger⸗ niß gereiche, und erbot ſich, die kleine Blon⸗ dine durch den Seitengang in des Miniſters Cabinet zu fuͤhren, weil ihr Anliegen der Eroͤr⸗ terung beduͤrfe und die Blödigkeit dieſem guten Kinde vor ſo vielen Zeugen augenſcheinlich Ein⸗ trag thue. Dem Miniſter aber waren, fuͤr den Au⸗ genblick, alle Bruͤnetten und Blondinen des Erdbodens ſo gleichguͤltig, als die alte Hexe zu ſeinen Fuͤſſen, welcher der kniende Stelzfuß be⸗ reits vor mehr als vierzig Jahren die Ehe ver⸗ ſprach und ſie dann hinter ſich ließ, um Theils den Oeſterreichern, Theils den Preußen, dem Biſchof von Fulda und der Republik Nuͤrnberg, den Daͤnen und den Schwarzburgern als Feld⸗ oder Stadt⸗ Soldat zu dienen. Jetzt endlich hatte ihn die verlaſſene Dido, welche bis dahin mit dem ungerathenen Zwillings⸗Pfande ſeiner Liebe mancherlei ausſtand, auf dem Fiſchmarkt 170 begegnet, ihn erkannt, umfangen und die ver⸗ jaͤhrten Anſpruͤche geltend gemacht. Aeneas aber, der Undankbare, nannte ſie ein altes luͤ⸗ genhaftes Beeſt und uͤberſchrie die Heiſere. Da mengte ſich eine Frau Gevatter, neben deren Schmerlen⸗Troge die Erkennungs⸗Szene vor⸗ fiel, in den Hader und rieth der Braut, dem eben eingetroffenen, neuen Miniſter einen Fuß⸗ fall zu thun und ſich nur, keck und kuͤhn, auf ſie zu berufen. Dem Invaliden aber gab der Kraͤmer an der Fiſch⸗Gaſſen⸗Ecke, ein Wei⸗ berfeind, denſelben Rath und ſo ſuchten ſich jetzt Beide den Rang abzulaufen. Gott weiß, fuͤr wen der Koͤnig Salomo in ſeiner Weisheit entſchieden haben wuͤrde. Det⸗ lev zeigte den gewandten Machthaber und zer⸗ hieb den Knoten, als einen zweifelhaften, mit dem Schwerdt. Geht zum Teufel! rief er, und beſchloß mit dieſem uͤblichen und wirkſamen Kraftſpruche die erſte Audienz, um nun vor ein Gericht zu treten, in dem er, nach der Ein⸗ aͤſcherung ſeines Huͤlfsbuͤchleins, nur durch ein 171 Bei⸗ und Neben⸗ Wunder der alten Grimſel beſtehen konnte, die indeß, wie wir bereits er⸗ ſahen, von dem Gefaͤlligkeits⸗Triebe ihres Ge⸗ ſchlechtes ganz verlaſſen ſchien und nie zwei Mahl daſſelbe fuͤr3ihn that.— e Der Herzog fuͤhrte ſeinen Cabinets⸗Direk⸗ tor eigenhaͤndig in den Staatsrath ein und ſchil⸗ derte den Beiſitzern, in einer ausfuͤhrlichen Rede, die Lage des Landes, die Nothwendig⸗ keit der endlichen Entfernung des alten Sauer⸗ teigs, die Gruͤnde der getroffenen Wahl und die vielſeitigen Kenntniſſe und Vorzuͤge des neuen Miniſters. Herr Detlev ſah, nicht ohne Grauſen, wie der Satyr aus den Augen und in den Mund⸗ winkeln der geheimen Raͤthe lachte, und dazu war es nun an ihm, ſeinen Spruch zu begin⸗ nen. Er faßte ſich ein Herz und ſchoͤpfte Odem. — Der Eingang floß, wie Aganippens Quell, von ſeinen Lippen, die Neider wurden ernſt, 172 die Spoͤtter ſtill, die Gerechten freundlich, des Herzogs Geſichts⸗Zuͤge verherrlichten ſich und der Gefallende erhob das Haupt wie Goliath. Als er jedoch, bald darauf, an die Boͤhmiſchen Doͤrfer gelangte, ſich in dem Silben⸗Garne der Sprachlaͤhmenden Kunſtwoͤrter verſtrickte; die Agrikultur in ein Archicultur oder Erzmeſ⸗ ſer, das Poſtulat in ein Paſtorat, den Mark Aurel in eine Makrele verkehrte und die Phi⸗ dellologie fuͤr den Schluͤſſel zu Minervens Tem⸗ pel erklaͤrte, da ward das Laͤcheln epidemiſch. Detlev ſah mit Beſtuͤrzung den Wandel der Dinge, verlor den Kopf zuſammt dem Fa⸗ den, aͤußerte ſich fortan wie ein Tollhaͤusler, warf die Bruchſtuͤcke, welche das Gedaͤchtniß etwa noch feſthielt, bunt durch einander und ſtotterte endlich, von dem ſchallenden Gelaͤchter der Herrn Kollegen uͤbertaͤubt— Es waͤre ſtraͤflich, Ihnen noch eine Minute dieſer koſ⸗ chen Zeit zu rauben ꝛc. Ja, mehr als ſtraͤflich! rief der Herzog. blau vor Aerger, verließ den Saal und dachte 173 ganz vergebens dem zureichenden Grunde nach, der ihn zu dieſer Wahl beſtimmt hatte. Ich mußte behext ſeyn! fuhr er fort und befahl dem Hof⸗Marſchall, auf eine Zerſtreuung zu den⸗ ken, ſeinem Staats⸗Sekretair aber, die Ent⸗ laſſung fuͤr den Gemuͤths⸗ kranken geheimen Cabinets⸗Miniſter unverweilt auszufertigen. * Detlev ſtuͤrzte, wie von den Furien getrie⸗ ben, in ſein Zimmer, zum Arbeitstiſche hin und ſchrieb, zerfallen mit ſich ſelbſt, im Grim⸗ me der Beſchaͤmung— Auf eine wuͤſte Inſel— Raſch! Statt aller Antwort rollte der Pallaſt zu⸗ ſammen. Die ſammtenen Tapeten wurden zu roͤthlichen Felſen, der Fußboden zu Muſchel⸗ ſande; die Kreaturen der Thuͤrſtuͤcke und der Schildereien bloͤckten und brummten oder gafften und ſangen ihn an: er ſtand, wie Adam, mitten unter dem Viehe. Der Alkofen verwandelte ſich in eine Hoͤhle, das Spiegel⸗ 174 Zimmer in einen Weiher, der gruͤne Taft der Vorhaͤnge in rieſelnde Meeres⸗Wellen, die Saͤulen⸗Reihe des anſtoßenden Saales in Kokus⸗Palmen und Brot⸗ Fruchtbaͤume, der herrliche Buͤcherſchrank aber ward zur Berg⸗ ſpalte, aus der ſich ein Chriſtallheller Quell ergoß. Se. Erzellenz ſaßen jetzt, im Scharlach⸗ rothen, Goldgeſtickten Kleide, mit Degen und Haarbeutel, mit dem Federhut unter dem Arme, dem Tintenfaß in der Hand und einem Ham⸗ burger Gaͤnſekiele hinter dem Ohre, wie vom Himmel gefallen, auf einem Eiland der Suͤd⸗ ſee und die Schaamroͤthe ihrer Wangen wich allgemach dem gelben Aerger uͤher die Aeuße⸗ rungen des Zuchtochſen, welcher noch vor zwei Minuten, als Kretenſiſcher Stier in der Super⸗ Porte, Feuer und Flammen ſpie. Da ſich Detlev indeß, Kraft ſeiner laͤndlichen Erzie⸗ hung, den Bullen gewachſener als den Staats⸗ raͤthen fuͤhlte, ſo gelang es bald, den bruͤllen⸗ den Gefaͤhrten mit Huͤlfe der ſchneeweißen Kuh 275 zu beſchwichtigen, welche bisher, als eine ver⸗ wandelte Ino, im Deckenſtuͤcke ſeines Audieng Zimmers graſte. X* Der Galapfel mußte jetzt, vor allem, den Haushofmeiſter herbei ſchaffen. Siegfried ſaß eben, geehrt und beſtochen, ein wenig drehend und ſehr ſprachſelig, in ei⸗ nem Weinhauſe der Herzoglichen Reſidenz, als die alte Grimſel ihn in den Schlaf wiegte und auf Windes Fluͤgeln nach der Suͤdſee verſetzte. Der arme Narr glaubte getraͤumt zu haben und wußte nichts anders, als daß er mit ſeinem Herrn, nach des Vaters Tod, auf Reiſen und zur See gegangen und hier geſcheitert ſey. Da Detlevs Talisman alles Noͤthige zur Stelle zauberte, ſo ward dem neuen Robinſon die Zeit allmaͤhlig immer laͤnger. Ploͤtzlich ge⸗ dachte er, eines Abends, gaͤhnend wie der erſte Junggeſell und wie dieſer, voll zielloſer Sehn⸗ ſucht, an die ſchoͤne Roſalie und rief im folgen⸗ 276 den Momente ſchon— He, Siegfried! ſchaff das Tintenfaß!— Siegfrieden traͤumte eben von dem Weinhauſe, deſſen Gegenfuͤßler er gewor⸗ den war, verdroſſen ſtieg er auf und vermale⸗ deite des Herrn Schreib⸗ und Reiſeluſt. Kaum aber hatte dieſer ſein Verlangen nach der Graͤ⸗ fin aufgezeichnet, als ſich der Himmel umwoͤlk⸗ te und ein furchtbares Ungewitter die Wogen des Meeres zu Huͤgeln thuͤrmte. Es donnerte und blitzte, es hagelte, das Eiland bebte und fern am Horizont kaͤmpfte ein Schiff mit Wind und Wellen und verſchwand endlich in dem Ne⸗ bel des Abenddufts.— Detlev konnte vor Erwartung kein Auge ſchließen und eilte mit Sonnen⸗Aufgang an den Strand. Da lag die Huldin, leblos, mit geſchloſſenen Augen unter Truͤmmern. Zwar hatten die luͤſternen Aeoliden ſie entſchleiert, doch ſcheltend huͤllte Boreas die Beute der luftigen Geſellen in den Flugſand ein. Zwei Haͤnde voll Seewaſſer reinigten jetzt das beſtaͤubte Antlitz. Sie iſt's! rief Deiley Wonnetrunken, umfing die Heiß⸗ erſehnte und machte die Sorgfalt des mißguͤn ſtigen Sandſtreuers unnuͤtz. * Der Sturm und Drang ſeiner Entzuͤckung. ſprach ſich ſo heftig aus, daß Roſalie bei ihrem Erwachen unter die Menſchen⸗Freſſer gefallen zu ſeyn glaubte und den erhitzten Ex⸗ Miniſter um Gottes Willen bat, an ihrer Statt die wohl beleibte Kammer⸗Jungfer zu verzehren, welche ohnehin zu nichts beſſerem tauglich ſey. Detlev benahm ihr mit wenigen Worten den Argwohn, warf dann die weinende Hofdame auf ſeine Schulter und wollte ſie eben in der Hoͤhle bergen, als ihm Herr Siegfried, mit einer aͤhnlichen Beute belaſtet, in den Weg kam, welche Statt des Flugſands mit See⸗ ſchlamm bedeckt war und aus hellem Halſe um Beiſtand und Erbarmen ſchrie. Nun ſind wir gluͤcklich! rief der Haus⸗ Hofmeiſter ſeinem Herrn zu: nun iſt das Pa⸗ radies wieder hergeſtellt und der Teufel ſoll der II. 13- 1278 Schlange den Kopf zertreten, die uns von neuem darum bringen wollte! Mit Ew. Exzel⸗ lenz gnaͤdiger Erlaubniß heirathe ich noch vor Sonnen⸗Untergang und laſſe meinen Erſtge⸗ bohrnen geiſtlich ſtudieren, damit er ſeine El⸗ tern trauen kann. Der Ex⸗Miniſter warf einen pruͤfenden Blick auf Siegfrieds Eva und ſchloß aus der uͤppigen Form, welche der Seeſchlamm durch⸗ blicken ließ, daß er die Kammerjungfer vor ſich habe, welche ihm Roſalie vorhin zum Imbiß empfahl. Mit nichten! rief der Begehrliche: das Strandrecht iſt ein Regal und die Inſel mein Eigenthum; in jedem Falle mußt Du da⸗ heim erſt drei Mahl aufgeboten werden. Siegfried murrte laut und verſchwand mit ſeiner Laſt unter den Palmen; Detlev bettete die ſchoͤne Graͤfin auf duftende Dunen, warf ſeinen Schlafrock uͤber ſie und ging, um ihr ein anſtaͤndiges Hauskleid zu verſchreiben, Ro⸗ ſalie aber ſagte, als er zuruͤck kam: Mein Herr, ich rechne auf Ihr Zartgefuͤhl und auf 179 Ihr Mitleid; auf Ihre Achtung gegen mein Geſchlecht und mein Ungluͤck! Vom Ungluͤck traͤumen Sie! ſiel Detlev ein: Ihr Gluͤck iſt ja gemacht. Sie werden meine Frau und die Koͤnigin dieſes Reichs. Es fehlte mir bisher an Menſchen, aber die finden ſich nun; ich bin geſonnen, die Vielweiberei einzufuͤhren und nebenbei auch Ihre dicke Kam⸗ merjungfer, die Sie vielleicht zur Ungebuͤhr verkleinerten, in ein nuͤtzliches Mitglied meines Staates umzuſchaffen. Jetzt aber bitte ich, es ſich bequem zu machen und uͤber mich und mein Haus zu befehlen. Iſt Kaffeh gefaͤllig oder Punſch? Kokus⸗Saft oder ein Brotfruͤcht⸗ chen? Kottbußer Bier oder Danziger Gold⸗ waſſer? Was nur auf Erden waͤchſt oder ge⸗ braut wird, ſteht zu Dienſten. Sie ſind mir nicht unbekannt, ſchoͤne Graͤfin; ich weiß wo⸗ her Sie kommen, und welchen Antheil mir ihr Zauber einfloͤſt, muß Ihnen ſchon am Stran⸗ de klar worden ſeyn— O Himmel! rief die Graͤfin, das Geſicht 2 180 verhuͤllend: ſind denn die Maͤnner uͤberall dies ſelben? Schon eine Liebes⸗Erklaͤrung? Am Strande, ſagen Sie? Was konnte dort die Ohnmaͤchtige bemerken? Wer ſind Sie denn, mein Herr? Wenn ward mir fruͤher je die Eh⸗ re, von Ihnen gekannt zu ſeyn? Jetzt ſtuͤrzte Emerenzia, der Graͤfin Kam⸗ mer⸗Kaͤtzchen, in die Hoͤhle. Ach! gnaͤdiger Herr, ſchrie ſie angſthaft: Ihr Bedienter— ſeine Frechheit— ich hoͤrte wohl, wie Sie ſich vorhin aͤußerten und entſprang deshalb dem al⸗ ten Gecken, um mich unter dem Fittich Ihrer Großmuth zu fluͤchten. Gnaͤdige Gräfin wiſ⸗ ſen ſelbſt, daß ich den Kammerdiener des Spa⸗ niſchen Geſandten, den Tafeldecker des Ober⸗ Stallmeiſters und noch ein Dutzend huͤbſche Maͤnner haͤtte bekommen koͤnnen, und daß mir, noch bis heute, keiner von allen dieſen zuſagte, denn unſer Eine iſt verwoͤhnt und viel lieber wuͤrde die arme Emerence in der See ertrunken ſeyn, als dieſem Steinalten, graͤmlichen Schneeſieber zufallen. 181 Beruhige Dich, liebes Renzchen! entgeg⸗ nete der Ex⸗Miniſter, der im Stillen uͤber die wohlthaͤtigen Wirkungen des Waſchfeſtes er⸗ ſtaunte, in dem ſie Siegfried unterbrach— Du biſt, von nun an, meine zweite Frau und eine dritte verſchreibe ich vor dem Abend noch. Roſalie iſt braun, Dein Haar iſt golden; fuͤgt ſich, zur Erfuͤllung der Spielarten, noch eine Schwarzlockige hinzu, ſo bleibt mir nichts zu wuͤnſchen uͤbrig, als die gute Harmonie, wel⸗ che ich hiermit, im Voraus, beſtens empfehlen will. 4 Roſalie fuhr waͤhrend dieſer Aeußerungen von ihrem Lager auf und rief verſchiedentlich— Iſts moͤglich?— Wie?— Mein Herr!— Sind ſie bei Sinnen? Mehr als zu ſehr: entgegnete Detlev. Wer ſoll Dich bedienen, meinſt Du, wenn Renz⸗ chen Deines Gleichen wird? Auch dafuͤr iſt ge⸗ ſorgt. Es koſtet Deinen Freund nur einen Fe⸗ derſtrich, ſo wimmelt dieſe Hoͤhle von Pariſer Kammerjungfern und deutſchen Jungemaͤgden. 182 Zur Sicherſtellung Euerer Rechte will ich die haͤßlichſten und ſproͤdeſten verſchreiben, aus de⸗ nen ſich mein Siegfried mit einer oder einigen Gattinnen verſehen kann Roſalie ſank ſchluch⸗ zend auf das Ruhebert zuruͤck, Emerenzia aber that ihren Mund noch um ein's ſo weit, als ſelbſt bei dem fruͤheren Angſtgeſchrei auf, und ſagte— Ew. Hoheit ſind ſehr gnaͤdig gegen uns und wir erkennen dieſe Sorgfalt mit gebuͤh⸗ rendem Danke, denn ein ſo ſchöner, dienſtfer⸗ tiger und unterſetzter Landesherr iſt mir noch niemals vorgekommen. Auch werden gnaͤdige Graͤfin die getroffene Wahl um ſo weniger miß⸗ billigen, da eine Hoͤflichkeit die andere erfordert und Sie ſchon Wittwe ſind— Schon Wittwe? fiel er ganz verdrießlich ein. Sie waren an des Herzogs linke Hand ge⸗ traut— Verlaͤumderin! ſchrie Roſalie— Wie jedes Kind auf der Gaſſe weiß! fuhr jene fort: was aber die Schwarzlockige anbe⸗ 6 82 1283 langt, ſo daͤcht' ich, Ew. Hoheit ließen dieſe gaͤnzlich aus dem Spiele, denn„Schwarze Haare, ſchwarze Herzen!“ pflegte meine ſelige Muhme zu ſagen. Die dritte waͤre offenbar das fuͤnfte Rad am Wagen und uͤberdem, wie jede ungerade Zahl, dem heiligen Eheſtande nachtheilig, in welchem alles, Null fuͤr Null aufgehn oder im Gleichgewicht ſtehen muß. Haͤtte Dich die ſelige Muhme zum Leſen der Bibel angehalten, entgegnete Detlev: ſo wuͤrde Dir der Mann wie er ſeyn ſoll, der wei⸗ ſe Salomo und mancher andere ſelig geſproche⸗ ne Potentat beifallen, die den Geier nach Par und Impar fragten und ganze Bataillons von Ehehaͤlften auf den Beinen hielten. Genug, meine Schwarzhaarige ſoll und muß vor dem Abend noch eintreffen, denn es verlangt mich, ſie zu ſehn.— Damit uͤberließ er Roſalien und Emeren⸗ zien ihrem Aerger und hatte kaum die Feder walten laſſen, als Siegfried, wie vorhin, aber mit einem viel niedlichern Puͤppchen in den Ar⸗ 47 184 men, vom Ufer zuruͤck kehrte und ſeinem Herrn ſchon aus der Ferne zurief— Ein neuer Fund, den aber ſchmauſe ich ſelbſt! Das wage nicht! entgegnete Detlev mit drohenden Gebehrden, da warf ſie jener brummend in den Sand und lief davon. Der Ex⸗Miniſter ſprang herbei; die Schoͤne traͤufte noch und beſchwor ihn bei den eilf tauſend Jungfrauen, ihr vor allem den Roſenkranz ſuchen zu helfen, den ſie am Strande verloren haben muͤſſe. Er hob ſie auf, verſprach der Frommen einen beſſern, vom Papſte ſelbſt geweihten zum Erſatz, ſtrich ihr das uͤppige, Rabenſchwarze Locken⸗Behaͤnge aus der edeln Stirn, verlor ſich in der Be⸗ ſchauung der niedlichen, lieblichen Hesperide, vergaß uͤber der Gluth ihrer Augen, uͤber den anſprechenden Zuͤgen ihres Madonnen⸗Geſichtes den Mangel an Faͤrbung und Fuͤlle, und trug das federleichte Maͤdchen nach der Hoͤhle. * Roͤschen und Renzchen hatten den ganzen Auftritt, von ihrem Verſteck aus, mit ange⸗ v — ſehn und das Kleinod Italiens, Trotz ihrer Braͤutigam: Sie haben die Wahl, als Gleich 185 Zwietracht, einſtimmig für ein Seekalb erklaͤrt. Da habt Ihr ſie! rief Detlev jetzt und pflanzte ſeine kleine Roͤmerin zwiſchen die bei⸗ den, rauſchenden Erkenntniß⸗Baͤume hin. Roſalie biß in die Ober⸗Lippe und Renzchen in die untere; jene laͤchelte, dieſe ſchlug ein gel⸗ lendes Gelaͤchter auf. Ich verbitte mir alle Unbilden! rief der und Gleich mit ihr zu leben oder ſie als Skla⸗ vinnen zu bedienen. Jetzt geh ich nach den Kammer⸗Jungfern. Da ſchlug die Graͤfin ihm ein Schnippchen und Renzchen ließ der Zunge freies Spiel; die Kleine konnte ſich der Haͤnde kaum erwehren, welche waͤhrend dem Laufe dieſes Streites an ihrem aͤcht roͤmiſchen Naͤschen voruͤber flogen. Endlich gelang es dem ſtaͤrkern Organ des Inſel⸗Koͤniges, die beiden tobenden Parteien zu uͤberbieten. Die erſte, rief er: welche kuͤnftighin den Hader und 186 den Zwiſt vom Zaune bricht, Neid, Mißgunſt, Eiferſucht oder irgend einen Giftpilz der weib⸗ lichen Natur hervorſchießen laͤßt, wird ſofort zur Madam Siegfried gemacht oder den Hay⸗ fiſchen uͤbergeben! Das ſchwoͤr ich bei der alten Grimſel, die Schwarz in Weiß, die Frauen in Meerkatzen und Alles in ſein Gegentheil verwandeln kann! Roͤschen und Renzcehen verſtummten jetzt. Sie horchten hoch auf; es leuchtete ihnen all⸗ gemach ein, daß dieſer unzarte Braͤutigam mehr als Brot eſſen koͤnne und bald beeiferten ſich beide um die Wette, ihre Neben⸗Buhlerin mit Liebkoſungen zu bedecken, ihr das ſchwarze Haar auszuwinden, nebenbei nach dem gegen⸗ waͤrtigen Huthſchnitt der italieniſchen Prinzeſ⸗ ſinnen zu fragen und ſich Laurettens gilbliche Hautfarbe anzuwuͤnſchen.. Der Hexenmeiſter ſchien verſoͤhnt, er kuͤßte eine nach der andern; waͤhrend dem indeß ſei⸗ ne Lippen an dem Munde der einen hingen, zi⸗ ſchelten ſich die andern beiden irgend eine bittre 187 Gloſſe uͤber die eben Umfangene in das Ohr. Da aber ſelbſt die regſte Zaͤrtlichkeit ihr eignes Grab am ſchnellſten graͤbt, ſo ging er endlich, kalt und ſchweigend ab, um ſeine Koͤniginnen mit Jungfern zu verſorgen. 3* 83 O! Himmel, welch Getoͤs' erhob ſich jetzt. Die drei Pariſer Putzmacherinnen coaxten bei ihrer Ankunft drei Mahl lauter als die Geſammt⸗ Baͤlge des Grimſelſchen Nacht⸗Corſettes; die ſechs deutſchen Maͤgde aber, ſchnatterten gleich den Haupt⸗ und Mutter⸗Gaͤnſen des noͤrdli⸗ chen Germaniens und liebaͤugelten dazwiſchen, Theils mit dem neuen Brotherrn, Theils mit dem alten Siegfried, der auf Rache an ſeinem undankbaren Junker ſann. Dieſer trat jetzt hervor, um die noͤthige Heerſchau zu halten und ſchauerte vor den Fratzen⸗Bildern ſeiner Con⸗ ſkribirten zuruͤck. Die drei Franzoͤſinnen ſchie⸗ nen aus dem Bicétre entſprungen, die ſechs Jungemaͤgde dagegen aus den Aſchprudeln der d er 183 armſeligſten deutſchen Gutäöa erleſen zu ſeyn. Freund! ſagte Detlev zu Siegfrieden: Du ſiehſt hier ein Haͤuflein geſetzter und geſelliger Frauenzimmer, die zudem fuͤr Deine Jahre paſſen und wenn ſie gewaſchen ſeyn werden, mit unter ſogar die nichtige, fluͤchtige Augenluſt be⸗ friedigen duͤrften. Juͤngere, huͤbſchere ſetzen Dir den Stuhl vor die Kammerthuͤr oder ein Geweih auf Deine Stirn, das Dir kein Horn⸗ drechsler abnehmen wuͤrde. Waͤhle denn nach Gutduͤnken Dein zukuͤnftiges Geſponns unter dieſen und rechne auf ein angemeſſenes Hoch⸗ zeit⸗Geſchenk. Ich bitte mich, im Voraus, zum Gevatter. Herr Detlev meinte es in Geunde, Trotz ſeiner Liebloſigkeit, nicht uͤbel mit dem Alten, doch er verkannte Siegfrieds Beduͤrfniß und ſeinen Schoͤnheits⸗ Sinn. Dieſer knirſchte deshalb, Statt der erwarteten, dankbaren An⸗ nahme des Erbietens, mit dem Reſte ſeiner Zaͤhne und ging fluchend abſeits; dagegen ſtuͤr 5* — —— 189 te das Kleeblatt der Sultaninnen, welches die verwandten Toͤne gehoͤrt hatte, aus dem Schmollwinkel hervor und ſchrie bei dem An⸗ blicke dieſer Maͤnner⸗Scheuchen erſt vor Schreck und dann vor Freude und Spottſucht laut auf. Das iſt vernuͤnftig! ſagte Roſalie, als ſie ausgelacht hatte: die Wahl dieſer muͤndigen Perſonen lobt Ihre Menſchen⸗Kenntniß und beruhigt uns. Emerenzia war derſelben Mei⸗ nung: ſie ſagte den Pariſerinnen viel Schoͤnes uͤber ihre Haͤßlichkeit und ſtreichelte das rauhe Fleiſch einer deutſchen Roſine; Laurette aber⸗ welche ſich bereits, nach Detlevs Willen, in ſeiner Mutter⸗Sprache auszudruͤcken vermoch⸗ te, taufte in ihrer Verſtimmung beide Parten nach Maßgabe ihres Ausſehens. Da brach ein Ungewitter los. Die treffenden Beinah⸗ men wirkten wie Feuer⸗Braͤnde die in ein Pulver⸗Magazin fallen, die bekraͤnkten Toͤch⸗ ter der großen Nazion ſtuͤrzten mit gekruͤmmten Fingern auf Lauretten zu, die Teutoniſchen Aſchprudel ſchwangen ihre Krapprothen Arme, 190 alle neun Zungen aͤußerten ſich, in neun ver⸗ ſchiedenen Idiomen auf eine Ohr⸗ und Hirn⸗ erſchuͤtternde Weiſe. Roͤschen und Renzchen ſanken, von dem Kitzel des Komus und der Schaden⸗Freude verſoͤhnt, einander in die Arme, die Roͤmerin dagegen zog einen Dolch aus ihrem kleinen Bu⸗ ſen und wehrte ſich, wie Schillers Jungfrau, doch mit zweiſelhaftem Erfolg, ihrer Haut, Detlev aber rannte in der Angſt an den Schreibtiſch, um dieſe ganze, rebelliſche Zofen⸗ ſchaar in des Meeres Grund zu verſetzen. Er rief dem Diener, er ſuchte das Tintenfaß, doch Siegfried war, zuſammt dem Talisman, verſchwunden. Die Folge des Undanks welcher den Alten zu dieſer Frevelthat vermochte, fiel dem Des⸗ poten wie ein Fels auf's Herz; die Frucht der Rache ſprang ihm in das Auge, er ſank Be⸗ ſinnungslos zu Boden. Wurſt wieder Wurſt! rief jetzt die Neme⸗ — 191 ſis aus Siegfrieds Munde, der ihm das Kunſt⸗ ſtuͤck abgeſehen und weil er jetzt gerechte Sache hatte, von der alten Grimſel nach Verlangen bedient ward. Herr Detlev ſchlug die Augen wieder auf und blickte wild und ſtier in's Freie. Da ſaß der Gallapfel⸗Dieb, von dem Kuſſe der drei bezaubert ſcheinenden Sultaninen geroͤthet, im Schatten einer koͤniglichen Palme. Auf ſeinem rechten Knie wiegte ſich Roſalie und lock⸗ te, wohlgemuth, die ſtruppigen Borſten des Brummbaͤren: ſein linkes hatte Laura in Be⸗ ſchlag genommen, ſie ſang jetzt eine Sehnſucht athmende Kanzone; das Spiel ihrer Feuer⸗ Augen machte ihm den Inhalt begreiflich— Emerenzia aber weinte, verſtoßen und verſaͤumt, uͤber die heilloſe Verwandlung welcher ſie der Rachſuͤchtige, zu Folge des empfangenen Kor⸗ bes unterwarf und bedeckte Inſtinktmaͤßig, mit beiden Haͤnden, die Bloͤßen des Hundertjaͤhri⸗ gen Muͤtterchens zu dem er ſie, im Laufe weni⸗ ger Minuten, einſchrumpfen ließ. Nur ihr 192 Geſicht war unentſtellt geblieben und machte den krellen Eindruck um ſo verletzender. * Detlev raffte ſich Mordſuͤchtig auf, allein der Zauber zog ihn ſchnell auf ſeinen Sitz zu⸗ ruͤck und immer ſuͤßer ſchmeichelte Roſalie dem alten Spitzbuben, immer vernehmlicher ſprach Laurette den Drang des innigen Verlangens aus— oder beide hingen vielmehr, da der Talisman keine Macht uͤber ihr Inneres aͤußer⸗ te, den Mantel nach dem Winde. Siegfried hatte nehmlich, als man ihm veraͤchtlich den Ruͤcken kehrte, mit Emerenziens Schickſal ge⸗ droht, mit der Macht die ihm geworden ſey, mit Allem was ſein Talisman vermoͤge, groß gethan und die ſproͤden Prinzeſſinnen, zu Fol⸗ ge dieſer Mittheilungen und des ſchrecklichen Beiſpiels, welches Renzchens Ausſehen ergab, ſchnell genug gekirrt. Beide rechneten im Stil⸗ len bereits auf den Mitbeſitz des unſchaͤtzbaren Tintenfaſſes, beide ſchmeichelten ſich, den Ver⸗ 193 ſteck der es barg, zu erforſchen und jede bauete bereits im Geiſt, ein Luftſchloß nach dem an⸗ dern. Detlev zitirte waͤhrend dem, von Ingrimm uͤbermannt, und unter herben Fluͤchen den boͤ⸗ ſen Feind. Statt deſſen huͤpften die drei Pa⸗ riſerinnen in ſeine Hoͤhle und gebehrdeten ſich wie Roͤschen und Renzchen. Die Schielende aͤugelte, die Zahnloſe ſang ihm ein Minnelied, die Nerven⸗Kranke glitt uͤberreizt in ſeinen Schooß. Jetzt aber warf ſich Emerenzia, von Neid und Mißgunſt, von Scheel⸗ und Eifer⸗ ſucht gepeitſcht, auf die Gruppe, entriß den drei Harpien ihre Beute und druͤckte den Ge⸗ liebten an das Hundertjaͤhrige Herz. Detlev ſchrie, umſpielt von dieſen Wechſel⸗Flammen, Feuer! doch Renzehens Kuͤſſe verſiegelten ihm den Mund. Nimm fuͤrlieb, theurer Gatte! ſagte die Troͤſterin, und laß uns ſtill auf beſ⸗ ſere Zeiten hoffen; dieſer alte Hexen⸗Meiſtet kann ja nicht ewig leben, und ſein Hintritt loͤſt hoffentlich den heilloſen Zauber auf, der mich II. 23 194 entſtellte; die beiden andern aber ſind der Thraͤ⸗ nen unwerth, welche Dir ihr Wankelmuth aus⸗ preßt. Laurette hat mir vorhin ruhmredig ge⸗ ſtanden, daß ſie in Rom den deutſchen Malern, ſo oft ſie eine Iris oder Hebe brauchten, zum Modelle diente, daß ſie auf der Ueberfahrt nach Palermo von den Afrikaniſchen See⸗Raͤubern gekapert ward und daß der Dey von Algier, dem ſie zufiel, ein ausgelaſſener Schwelger iſt⸗ Roſalie vollends, das ſaubere Fruͤchtchen, wuchs unter meinen Augen auf und ich als ihre Kammerjungfer weiß am beſten, wie viel Hof⸗ junker und Garde⸗Offiziere ſich den Rang bei ihr abliefen. Iſt's moͤglich? klagte Detley und Emeren⸗ zia ſchwor bei ihrer Unſchuld und Tugend, daß die Graͤfin dieſe Schaͤtze laͤngſt verwahrloſte und eine falſche Schlange ſey. Ich aber, fuhr ſie fort: ich ging und blieb, ganz ohne Ruhm zu melden, bis dieſen Augenblick auf ebener Bahn und wer mich nimmt, der hat mich ganz und hat nicht wenig. 8— -———— — 195 Das ſteht zu hoffen, beſtes Renzchen! ent⸗ gegnete Detlev: aber dieſe unbezahlbaren Kleinodien liegen gegenwaͤrtig unter dem Schloß und Riegel einer Form, die wohl der Boͤſe ſelbſt unangefochten ließe. Dein Heil, wie das mei⸗ ne, Deine Herſtellung und mein Gluͤck beruhen auf einem Tintenfaß, das mir der alte Schalk entwendete. Verſchaffſt Du mir es wieder, ſo will ich, ohne Saͤumen, nach den Guͤtern trachten, die Du belobteſt und mir goͤnnſt. Erheitert ſagte Renzchen— Meinen Sie etwa eine alte, hoͤlzerne Buͤchſe? O, eben die. Sahſt Du denn eine ſolche? Ei wohl! dort ſteckt ſie in dem hohlen Baum, an dem ich, eben jetzt, mein Thraͤnen naſſes Schnupftuch aufhing, um es an der Sonne zu trocknen. So ſtiehl ſie weg! Den Augenblick! O, eile Theuerſte! o, fliege, Engelskind! und Alles was Du dann verlangen magſt, ſoll Dir im folgenden Momente werden. 296 Das gebe Gott! entgegnete ſie: aber wirſt Du auch Wort halten? Detlev vermaß ſich. Mich heirathen? Recht ordentlich, mit Brief und Siegel? Gleich auf der Stelle! Die andern fortjagen? Kein Frauenzimmer auf der Inſel dulden, das um ein Haar ge⸗ ſchonter ausſaͤhe, als eben ich oder die franzoͤ⸗ ſiſchen Putzmacherinnen? Du haſt mein Wort! Und dazu ſoll Dir ein Kleiderſchrank von Mahagoni werden, er⸗ fuͤllt mit Allem, was Du wuͤnſcheſt; der Nachttiſch einer Kaiſerin und mindeſtens ein Dutzend goldner Wiegen fuͤr die Heerſchaar un⸗ ſerer Liebes⸗Pfaͤnder. Die Buͤchſe iſt ſo gut als Dein! entgegnete Emerenzia und ſchlich ſich fort, denn Siegfried nickte eben in Laurettens Arm und an Roſet⸗ tens Buſen ein. * Theuerſter Freund: ſagte ſie, zuruͤck kom⸗ —— 197 mend: es bedarf, wohl uͤberlegt, bei Deines Gleichen, eines noch ſicherern Unterpfandes. Geſtehe mir unverhohlen, wie man das Tin⸗ tenfaß brauchen muß, um ſolche Wunder zu verrichten? Du forderſt das Ohnmoͤgliche! erwiederte Detlev nach kurzem Beſinnen: denn dieſer T lisman dient nur den Maͤnnern. Ach Beſter! flehte Renzchen: ſo macht mich doch lieber zum Manne, dem ja ohnehin Alles dient, als zur Frau, die Dir allein nur dienen muͤßte. Geſchwind! hier iſt das Buͤchs⸗ chen, ſaͤume nicht! der Alte naht ſich ſchon dem Baume. Detlev ergriff, neu belebt, ein Spaͤnlein, das am Boden lag und ſchrieb.— Ploͤtzlich wurzelte Siegfried vor dem Baume feſt, Ro⸗ ſalie ſtreckte ſich in den Schatten der Kokos⸗ Palme hin, Laurette ſank in ihren Schooß und Emerenzia vermochte jetzt ſo wenig als jene, einen Finger zu ruͤhren oder den Fuß von der Stelle zu ſetzen. Nur ihre Zungen blieben un⸗ 198 gebunden, denn die geſammte Zauberkraft der alten Grimſel reichte nicht hin, das Sprach⸗ Organ ihrer Schweſtern zu feſſeln; wohl aber zwang ſie dieſe jetzt zur Offenherzigkeit. * Iſt das Deine Treue? rief Detlev dem er⸗ ſtarrten Haus⸗Hofmeiſter zu: das Dein Chri⸗ ſtenthum, Du alter, zuͤgelloſer Bock? Siegfried konnte vor Schluchzen nicht ant⸗ worten. Sein Herr trat zu der zweiten Grup⸗ pe. Roſalie! ſoll ich die Offiziers der Garde fragen? Die werden dankbar und verſchwiegen ſeyn! entgegnete die Graͤfin, ſeufzend und kleinlaut. Die Hofjunker?. Mein Einfluß macht ſie taubſtumm. Und wen noch weiter? fuhr er fort. Hier iſt mein Tagebuch! entgegnete ſie und zog eine niedliche Brieftaſche aus ihrem Buſen: wer kann verdammen? Man iſt jung, voll Phantaſie, voll Sehnſucht und Neugierde⸗ iſt ——— 199 muͤſſig und im Lenz des Lebens, der alle Keime treibt. Man will gefallen und gefaͤllt, man wird vergoͤttert und gekirrt, beſchwatzt, ver⸗ pflichtet und betaͤubt— Mit einem Wort, mein Herr! man iſt ein Weib! Auch meine Mutter war ein ſolches! ent⸗ gegnete Detlev: doch fromm und rein, wie ei⸗ ne Heilige. R. Was traͤgt das Goldſtuͤck bei, zu ſeinem Werthe? Die Eine ward fuͤr ihre Kuͤche und ihre Kinderſtube, die Andere zum Ideal des Sitten⸗Predigers, die Dritte zum Model des Plaſtikers geboren, die vierte zu des Schwel⸗ gers Freude und jede thut und laͤßt, was ihr der Geiſt gebietet, der ſie treibt. Die Beſten ſelbſt ſind nur aus Mangel und Ueberſchwang gewebt, und ihre Flecken dienen ihnen nicht ſel⸗ ten zur Folie. Verlangt von Keiner, was ihr die Natur verſagte; von Adoniden nicht die fromme Treue, nicht von der ſtaͤhlernen Athene der Minne Gluͤck. 200 Die Reihe iſt an Dir! ſagte a Detlev jetzt zu Lauretten. Ich bekenne nmich zu derfelben Meinung, verſicherte dieſe: der Kranz der Altklugen iſt, auf mein Wort! nur ein Beſenreis und die Myrte verdorrt unter der Glcrie der Himmels⸗ braut. Ew. Hoheit werden uͤbrigens nicht in's Gericht mit einer verlaſfenen Waiſe gehen wol⸗ len, die am Fuße des Veſuvs empfangen, un⸗ ter einem Schwibbogen der Scala santa gebo⸗ ren und auf der Villa eines Cardinals erzogen ward; die ſpaͤterhin dem verliebteſten aller See⸗ raͤuber in die Haͤnde ſiel und zu Folge der Laͤſ⸗ ſigkeit ihres Schutzpatrons, nicht um ein Haar beſſer iſt, als die Maͤnner ſie werden ließen. Dich, rief er nun der Kammerjungfer zu: Dich, Renzchen! mag ich gar nicht fragen— IZch glaube, Sie thun wohl daran! ſprach Emerenzia: die kleinen Geheimniſſe der Braͤute find ohnehin nicht durchaus geeignet, dem Freier, der ſie ihnen abdringt, zu gefallen: ſie gleichen mitunter dem Knallgolde, das meinen 201 Schwager, den Chemiker, ums Leben brachte. Wir Drei erkennen das und lieben uns zu ſehr um Ihre Großmuth zu verſuchen ſelbſt die Geſchwaͤtzigſte, ſelbſt die Verraͤtherin der Freundſchaft und der Liebe, ehrt dies Siegel, der Braͤutigam aber glaubt ſo gern was er wuͤnſcht, daß es ſuͤndlich waͤre, ihm den ſelig machenden Wahn zu entruͤcken. Der Ex⸗Miniſter wendete ſich von neuem zu Roſalien, deren Liebreiz ihn, Trotz ihrer gefaͤhrlichen Sophismen und ſeiner ſtillen Ge⸗ genwehr, erquickte— Wuͤrdeſt Du mir treu bleiben, liebliche Suͤnderin, ſprach er mit wei⸗ cher, halber Stimme: wenn ich Dich, als Gattin, unter die Menſchen zuruͤck fuͤhrte? Das Zucken ihrer ſammtnen, blendend wei⸗ ßen Achſeln ſchlug ihn nieder. Die Liebe koͤmmt und flieht! klagte Roſalie: wer kann ſie binden? Des Menſchen Herz bleibt raͤthſelhaft und wandelbar, das Spiel der guten bald, bald der gefallenen Geiſter und Evens Lebens lauf ein Bild des unſern. Was menſchlich iſt, kann auch geſchehen! D. Und Sie, Laurette? Wenn Du mich auf den Haͤnden traͤgſt⸗ verſetzte dieſe: wenn Du zudem ein Guͤnſtling Deines Prometheus und duldſam wie ein Deutſcher biſt— wenn mir, nach meines Lan⸗ des Sitte, ein angemeſſener Beimann zuge⸗ ſtanden und der Kaſſen⸗ ſammt dem Hausſchluͤſ⸗ ſel anvertraut wird, ſo rechne auf die Halb⸗ ſchied meines Ich's, die den Allein⸗Beſitz die⸗ ſer froſtigen, Transalpiniſchen Zierpuppen aufwiegt. Da hoͤrſt Du ſie! rief Emerenzia: fort mit dem Triebſand in des Meeres Tiefe. Hier, mein Verlobter! hier in dieſer deutſchen Bruſt wohnt Treu und Liebe und traͤte ich dennoch fehl, ſo will's das ſtaͤrkere Schickſal und meine Sorgfalt fuͤr Dein Wohl verhehlt dem Zaͤrtli⸗ lichen das kleine Mißgeſchick. Ein Philoſoph wie Du, iſt uͤberzeugt, daß die ſelige Taͤu⸗ —r 203 ſchung eine unſelige Erkenntniß aufwiegt und jeder irdiſchen Seligkeit die Wage haͤlt. Dank ſey der Grimſel! rief Detlev jetzt er⸗ bittert aus: die Euere Herzen auf die Zunge hob und den Abgrund des verſchleierten Ge⸗ muͤths vor mir aufthat. Doch, weil ihr Evens Toͤchter ſeyd, ſo moͤge die milde Nach⸗ ſicht das ſtrenge Recht entwaffnen und meine Alte jede nach der Stelle zuruͤck bringen, von der ſie entfuͤhrt ward. Ich aber verſchreibe mir ein tugendſames Weib— Biſt Du nicht ſelbſt ein Tugendhafter, fiel Roſalie ein: ſo wird es zum Opferlamm und ihre Palmen⸗Krone fuͤr Dich zum Dornen⸗ kranz. Und naͤhmſt Du Ein's aus Schnee gewoben, betheuerte die Roͤmerin: ſo ſchmilzt es doch, wenn der Sirokko blaͤſt, oder es vergilbt wie jener und Dich entmannt der Froſt’, und Dich verzehrt die Sehnſucht nach dem waͤrmern Lande. Dies Mahl bin ich ganz derſelben Mei⸗ nung! ſagte Renzcheg. 204 Vergiß nicht, fuhr die Graͤfin fort, daß unſre Schwaͤche unſer Zauber⸗Guͤrtel iſt. Er mangelt jener und ihr Kuß iſt lau. Nur Freundſchaft heißt die Blume, die ſie bie⸗ ten kann, das Scherflein fuͤr den Seh waczling und den Greis. Nimm meine Großmutter! ſpoͤttelte Laura. Oder eine von den drei alten Franzoͤſinnen! ſiel Renzchen ein, und beide verſchwanden, denn er ſchrieb bereits. Es zoͤgerte die Feder bei Roſaliens Namen, ein Seufzer begleitete jeden entſtehenden Buchſtaben. Das Wort ſtand da und ſie entfloh; er aber ſuchte jetzt, erſchoͤpft von dieſem Tagewerk, ſein Lager auf. Noch trug das Bett die Spur der holden Form Ro⸗ ſaliens; noch hegte es die ſanfte Lebens⸗Waͤrme ihrer Glieder; doch Detlev zwang ſich zur Ver⸗ geſſenheit und dachte auf eine beſcheidene Ruhe⸗ ſtatt fuͤr die verſchriebene Tugendſame. Siegfried ward vor Tages⸗Anbruch ge⸗ weckt. Paſſe gut auf! ſagte ſein Herr: es — 205 duͤrfte, ſo Gott will, ein Engel aus dem Mor⸗ genrothe herab fallen, der mich an ſanfter Hand durchs Leben fuͤhren ſoll und Dir vielleicht auch etwas mitbringt. Eine Braut? fragte dieſer: und aus der Hoͤhe! Aber die wird auf der Trauung beſtehn und der Himmel weiß, wie weit wir bis zum naͤchſten Kirchſpiel haben? Ew. Gnaden koͤnn⸗ ten ſich den Druſenburger Paſtor verſchreiben, der ohnehin nach einer beſſern Stelle trachtet und ſo leicht keine bequemere finden moͤchte, als die Superintendur auf dieſer Inſel. Bringt er die Großmagd mit, ſo will ich gern auf die Norgengabe des Engels Verzicht thun, denn Anne⸗ Lieschen ſucht an Gottesfurcht und Ar⸗ beitſamkeit ihres Gleichen. Jetzt faͤrbte ſich der Orient, die grauen Nacht⸗Geſpenſter flohen vor dem gluͤhenden Genius des Tages, der Saum der ſtillen Suͤd⸗ ſee ſchien zu glimmen und eine Roſenrothe Woge riß ſich von dem Flammen⸗Meere los und ſchwebte, wallte, flog dem Ufer zu. 206 Derlev ſprang empor, ihr entgegen; er watete, bis an den Guͤrtel, in die Brandung und brei⸗ tete die Arme nach ihr aus— Und immer naͤher kam die Roſen⸗Welle, ſie klomm an dem Um⸗ fangenden empor und ward an ſeiner Bruſt zu der erſehnten— Anne⸗Lieſe. x*** Die Anne⸗Lieſe war mit Bleiſtift hin⸗ zu geſchrieben. Der letzte Bogen ſchloß ſich nehmlich mit der Erſehnten. Vergebens ſuchte Sidonie den folgenden Heft der Hand⸗ ſchrift, und fuͤgte dann, in ihrem Groll, den Nahmen der Großmagd an die Erſehnte. Adolar fand am Morgen die Graͤfin bei dem Fruͤckſtuͤck in der Mutter Zimmer, er ſah ſie in ihrer ganzen Liebenswuͤrdigkeit, und faſt gereuete ihn jetzt die Wahl ſeines draſtiſchen Mittels, denn dieſer anmuthige, argloſe Sinn, dieſe kindliche Hinneigung, dieſes herzliche, ſprechende Wohlgefallen an ſeiner Perſoͤnlichkeit, verdiente doch, fuͤrwahr! eine zaͤrtere Beach⸗ 209 tung des Gaſtrechts— doch galt ihm eben dieſe holde Freundlichkeit als ein troͤſtender Beweis, daß Sidonie die Durchſicht ſeines Maͤhrchens noch verſchoben habe und der Mutter Zofe er⸗ hielt ſofort die Weiſung, es im Schlafzimmer der Graͤſin aufzuſuchen und ihm unverweilt ein⸗ zuhaͤndigen; aber Liſette ſuchte vergebens. Die Mutter lag indeß der jungen Freundin dringend an, ihr noch einige Tage zu ſchenken, auch ward Sidoniens Kammerdiener deshalb von ſeiner Gebieterin nach der Hauptſtadt ge⸗ ſandt. Er kehrte, noch vor Sonnen⸗Unter⸗ gang, mit einem Briefe zuruͤck, der die ſchoͤne Graͤfin zu der unverzuͤglichſten Nuͤckkehr be⸗ ſtimmte.— Schade! dachte Adolar, der ſie zum Wagen fuͤhrte und ſah der Entfliehenden nach: o, Schade um das verlorne Paradies! Die Mutter ſprach mit Begeiſterung zu Sidoniens Lobe und von den ſeltſamen, augen⸗ ſcheinlichen Handreichungen des Schickſals, von glaͤnzenden Vortheilen und kleinbuͤrgerli⸗ chen Wahnbegriffen; der Sohn dagegen von 208 ſeinen Grundſaͤtzen und von den Flecken der Bezuͤchtigten. Dann ging er nach Sidoniens Schlafzimmer, um ſein Gelegenheits⸗Gedicht zu ſuchen, und nach dem Silberſchrank, um den alten Gallapfel aus dem Fenſter zu werfen, doch dieſer war verſchwunden und von dem Rand der Handſchrift ſprang ihm die Anne⸗ Lieſe jetzt ins Auge. Zwei ankommende, aus drei Muͤttern, vier Toͤchtern und einer Jungfer beſtehende Geſellſchaften, unterbrach die Beſtuͤrzung des Gaſtfreien. * Wenige Wochen nach Sidoniens ploͤtzlicher Nuͤckkehr an den Hof, ließ eine reiſende Da⸗ me, deren Wagen hart vor dem Schloſſe zer⸗ brach, die Baronin um Dach und Fach fuͤr einige Stunden erſuchen. Ihr Jaͤger, welcher dieſen Auftrag uͤberbrachte, meldete eine Graͤ⸗ fin Blion und erzaͤhlte, auf Befragen, daß ſeine Gebieterin die Wittwe eines franzoͤſiſchen Oberſten ſey, der kaum zwei Monate nach der 8 209 Verbindung mit ihr, im Zweikmapf blieb: daß dieſer Unfall ihr den Aufenthalt in Paris ver⸗ leidete und ſie im Begriff ſtehe, ihren Bruder, wegen eines Erbſchafts⸗Prozeſſes, in Padua heimzuſuchen. Adolar eilte ſelbſt an den Wa⸗ gen, um die Wittwe im Namen ſeiner Mut⸗ ter zu begruͤſſen und ſtand geblendet von dem Glanz ihrer Schoͤnheit, als Viktorie jetzt den Schleier zuruͤck warf und ihm mit fuͤſſen Silber⸗ Toͤnen und in den gewaͤhlteſten Ausdruͤcken fuͤr die freundliche Gewaͤhrung dankte. Er hob die Engelſchoͤne Graͤfin aus dem Wagen, ſeine Blicke hingen an der edeln, erhabnen Geſtalt und an dem reizenden Einklange ihrer Bewe⸗ gungen. Das Antlitz der Mutter erhellte ſich bei dem Eintritt dieſer ſeltnen Erſcheinung und ihre Theilnahme an dem reizenden Gaſte wuchs nach jedem Worte, das die Wittwe ſprach. Viktorie ſchien mit den Welthaͤndeln und der Tages⸗Geſchichte von Paris ſo vertraut, als mit dem Geiſte der dortigen, beſten Geſellſchaft und des neueſten Geſchmacks. Sie wußt II. 14 1 2¹0 hundert Anekdoͤtchen und wuͤrzte dieſe durch die Anmuth des Vortrags und die Wahl der An⸗ wendung. Voll kindlicher Beſcheidenheit ſchien ſie, nicht ſelten, vor den Funken ihres treffenden und feinen Witzes zu erſchrecken, der leicht und freudig, wie Cupido von der Mutter Schooß, ins Leben ſprang. Adolar ſtand lau⸗ ſchend und verſtummt, mit Ohr und Auge ſchwelgend, vor der neuen, ſchoͤnern Welt, die ihm jetzt aufging und verließ der Mutter Zim⸗ mer nur, um mit der ſchnell erdachten Nach⸗ richt zuruͤck zu kommen, daß ihr Wagen unter vier und zwanzig Stunden nicht wieder herzu⸗ ſtellen ſey. Viktorie war betroffen. In die⸗ ſem Falle, ſagte ſie nach kurzem Bedenken: muß ich Ihre willfaͤhrige Guͤte einer neuen Pruͤfung unterwerfen. Man hat mich da mit einem Briefe an Ihren Herzog verſehn, den ich ihm ſchleunigſt einzuhaͤndigen wuͤnſchte. Der Kammerdiener wirft ſich auf mein be⸗ ſies Pferd; entgegnete Adolar: fuͤr ſeine Treue ſteh' ich ein. 2311 Ihr ſchoͤnſter Blick vergalt ihm dieſen Dienſteifer. Die Graͤfin oͤffnete jetzt eine nied⸗ liche Schatulle, die mit Wechſeln und Gold⸗ Rollen erfuͤllt war und das geheime Fach, aus welchem große Edelſteine blitzten, und uͤbergab ihm die Depeſche. Sie trug das Landesfuͤrſt⸗ liche Siegel und war von dem Bruder des Herzogs, der ſich eben in Paris aufhielt.— Prinz Eduard, ſagte Viktorie: verſicherte, mir in dieſem Briefe ein Heiligthum anzuver⸗ trauen, daher die ſorgfaͤltige Bewahrung im Schatzkaͤſtlein: eine neue, triftige Veranlaſſung fuͤr Sie, ihn ſchnell und ſicher an die Behoͤrde gelangen zu laſſen. Adolar kuͤßte ihre zarte Hand, fuͤhlte die ſeinige dafuͤr gedruͤckt und flog hinab, um dem reitenden Bothen die benoͤthigte Weiſung zu geben. Viktorie aber ward indeß von ihrer Kammerfrau zur Hebe umgeſchaffen und entzuͤckte in dem idealen Abendkleide, den regen Schoͤnheits⸗Sinn des jungen Mannes. 36 Adolar ſchloß im Laufe der folgenden Nacht kein Auge; gegen den Morgen hin ward es ploͤtzlich lebhaft im Vorſaal. Er eilte zur Thuͤr, eben ging Viktoriens Kammerfrau an ihr vor⸗ uͤber. Meine gnaͤdige Frau ſind ganz unpaß, ſagte dieſe: es thut mir weh, um Ihretwillen. Koͤnnt ich nur helfen! Was fehlt ihr denn? Sie leidet an Kraͤmpfen. Kraͤmpfe! nichts als Kraͤmpfe! fiel Adolar ſeufzend ein— Der Geiſt der Zeit iſt durchaus ein ſpasmodiſcher. Sie ſoll doch Agtſtein brau⸗ chen, Moſchus, die Hallerſche Saͤure— Ihre Frau Mutter haben bereits einen Bo⸗ then nach dem Arzte geſchickt und indeß mit einigen Hausmitteln ausgeholfen. Vergeſſen Sie nicht, rief ihr der Freiherr nach: die Graͤſin meiner innigſten Theilnahme zu verſichern. 215 Dieſe Arznei iſt ſehr angenehm! entgegne⸗ te jene und eilte nach dem Krankenzimmer. Gegen Mittag kam der Doktor. Es war ein Leibarzt, der ſich zufoͤrderſt des Auftrags entledigte, Viktorien im Nahmen des Herzogs fuͤr die uͤberſandten Briefſchaften zu danken und ſie dann umſtaͤndlich vernahm. Er fand das Uebel nicht Gefahr drohend, gab der Ba⸗ ronin guten Troſt, ſprach von den Nachwehen des Schmerzes uͤber den Verluſt eines geliebten Gatten und von der Nothwendigkeit einer ſorg⸗ faͤltigen Pflege. Die Kranke, meinte er, be⸗ duͤrfe vor Allem einer zweckmaͤßigen Zerſtreuung, eines Gegenſtandes, zum Beiſpiel, der ſich zu Beſeitigung des Verlornen eigne; er glaube dieſen um ſo gewiſſer in dem Herrn Sohne zu erblicken, da ſie des edeln, angenehmen Wir⸗ thes mit Waͤrme gedacht und den guten Genius, welcher die Pforte dieſes freundlichen Aſyls vor ihr aufgethan, zu wiederholten Malen belobt habe. Schluͤßlich entſchuldigte der Leibarzt die Eile, die ihn treibe, mit der Kuͤrze des Ur⸗ 214 laubs, den ihm der Herzog zugeſtand, ver⸗ ſprach, einige Arzeneien heraus zu ſenden und reiſte ab. Die Mutter theilte jetzt dem Sohne des Doktors Aeußerung als einen Scherz des Spoͤt⸗ ters mit; Adolar pries dagegen den richtigen Blick des Pſychologen, erbot ſich zum Mittler zwiſchen der Lebendigen und dem Todten und vermochte die gefaͤllige Mutter, ihm den Weg zu bereiten. Ihr Vorwort und Viktoriens Wohlwollen erwarb ihm den Lemüuſchten, Zu⸗ tritt. 1* Der Zauber⸗Guͤrtel begleitet die Charis auch ins Krankenbett. Schon die Verguͤnſti⸗ gung, ſich dem Altare ihres weſentlichſten Be⸗ rufes naͤhern zu duͤrfen, wirkte erregend und magnetiſch auf den kernichten, vollherzigen Juͤngling, den die Gaͤhrung und der Ueber⸗ ſchwang geſparter und bewahrter neakt bis das hin verſchuͤchterte. 21⁸ Viktorie ruhete, ſittlich verhuͤllt, auf dem Ruhebett und las in Rouſſeau's Heloiſe: der holdſelige Blick, welcher von dem Buche zu dem Eintretenden aufflog, ſchien wohl eher den Geiſt der Sehnſucht nach dem bluͤhenden, als nach dem verblichenen Manne zu bezeichnen. Dienſt⸗ fertig trug die Kammerfrau einen Stuhl zu des Bettes Haͤupten und verſchwand.„Herr Baron, ſagte die Kranke: der Arzt beſiehlt Ihnen, mich zu erheitern. Er dichtet mir die Faͤhigkeit des Weltmanns an und ahnt mein Ungeſchick nicht. Ich muß, im Voraus, um Ihr Mitleid bitten— Der Fall iſt ſelten, denn die Herren ver⸗ achten das in der Regel. Sie ſehen ſich, wenn ihnen nur die bittre Wahl gelaſſen iſt, faſt lie⸗ ter verlacht als bedauert. Soll das Charak⸗ ter⸗Staͤrke ſeyn? 3 Vielleicht! Mir geht ſie ab. Mir thut es wohl, der Gegenſtand der edeln Wallung eines fuͤhlenden Gemuͤths zu werden. Ihr Spott, verehrte Graͤfin! wuͤrde mich vernichten, doch Ihr Bedauern den Vernichteten erheben. Sie ſchuͤtzt Ihr Werth vor beiden Lagen.— Adolar erroͤthete: weniger uͤber das troͤſtliche Schmeichelwort, als uͤber den argloſen Geiſt der Anerkennung, in dem ſie es ausſprach. Viktoriens Augen begegneten dieſer Gluth, ſie ſtralte jetzt von ihren Wangen wieder, die ge⸗ meinſame Betroffenheit veranlaßte eine kleine Pauſe. Da nahm ſie mit Gewandtheit das Wort, aͤußerte zufoͤrderſt ihren Kummer, als Fremdling hier zur Laſt fallen zu muͤſſen, ſprach von der Buͤrde der Verlaſſenheit, und von den Folgen jener Schreckens⸗Tage, die ihr, dem Kinde ſchon, ein theueres Elternpaar und den geſammten Kreis der Verwandten, bis auf den einzigen, feindſeligen Bruder geraubt hatten. Sie pries, unter hervorbrechendei Thraͤnen, das Mutterherz einer edeln, deit⸗ ſchen Frau, welche die Verwaiſte damals in Schutz nahm, das gefaͤhrdete Erbtheil aus dem Strudel der alles verſchlingenden Revoluzion 2¹⁷ fuͤr ſie rettete und den Geiſt wie das Herz ihres Schuͤtzlings zu bilden verſtand. Ihr, ſagte ſie, am Schluſſe dieſer kurzen aber an ziehen⸗ den Darſtellung: ihr dank ich, neben and ern, auch die Fertigkeit, mich in der deutſchen Spra⸗ che verſtaͤndlich ausdruͤcken zu koͤnnen— Verſtaͤndlich nur? rief Adolar: o, wie ein Engel!. Die Artigkeit iſt erwiedert, verſetzte Vikto⸗ rie: wenn ich dieſe Deutſchheit der himmliſchen Heerſcharen ſo loͤblich als natuͤrlich finde. Der kleine Krieg der ſchoͤnen Redens⸗Ar⸗ ten, der Wort⸗ und Witzſpiele erhob ſich jetzt von neuem und faͤrbte allgemach die Lilien der Kranken Roſenroth. Man verkehrte nach des Welttons Weiſe, uͤber das Baarthaar der Muͤk⸗ ke und den Durchmeſſer des Sonnenſtaͤubchens, man laͤchelte ohne Urſache, man ſtritt, ohne zu wiſſen, warum noch woruͤber, ereiferte ſich ganz willkuͤhrlich und verſtand ſich im Stillen, gegenſeitig, um ſo beſſer, je ſchwieriger die Verſtaͤndigung uͤber das Nichts und wieder 218 Nichts der verhandelten Streitfragen zu wer⸗ den ſchien. Mit jedem neuen Morgen begann die ſuͤße Fehde wieder; dazwiſchen ward das Schachſpiel zur Gelegenheit⸗Macherin unab⸗ ſichtlicher Begegnungen der Augen und der Fin⸗ ger, und Stunden, Tage, Wochen flogen raſch wie Amors Pfeil dahin. * Ob nur Ihr Stammbaum auch in Ordnung ſeyn mag? ſprach die Baronin eines Tages zu dem Liebetrunknen Sohne. Sie kennen des Prinzen Stolz, entgegnete dieſer: kennen ſeine Verachtung alles Lebendi⸗ gen, in ſo fern es nicht ſechzehn Ahnen zaͤhlt. Wuͤrde er die Graͤfin ſeines Umgangs gewuͤr⸗ digt, wuͤrde er ihr dieſe bedeutende Briefſchaften fuͤr den Herzog anvertraut— wuͤrde dieſer ſeinem Leibarzt den Urlaub zugeſtanden und ſie durch dieſen ſo freundlich begruͤßt haben, wenn hieruͤber nur ein Zweifel obwaltete? Die Graͤfin iſt ei⸗ ne geborne Lemonal. Ihr Vater, der Markis, 219 war Ehren⸗Stallmeiſter des Prinzen von L., der Bruder ihrer Mutter Maltheſer Ritter, ihr eigener, zwar ein boͤſer Menſch, aber Sardini⸗ ſcher Kammerherr, alſo von Seiten der Abkunft ohne Tadel. Die Graͤfin fuͤhrt uͤberdies gegen hundert tauſend Livres an Schuldſcheinen, viel gerolltes Gold und ein Geſchmeide mit ſich, das faſt alles, was ich je in dieſer Art geſehen, uͤbertrift. Geld und Gut ſind edle Gaben, erwiederte die Baronin: und in dieſer boͤſen Zeit augen⸗ ſcheinlich die nothwendigſten; da wir indeß be⸗ reits geſegnet ſind und mich mein Herz zu die⸗ ſem holden Kinde hinzieht, ſo haſt Du freie Hand und darfſt auf Deine Mutter rechnen. Adolar kuͤßte ſtill erfreut ihre Hand— Und waͤre Viktorie eines Hirten Tochter, rief er begeiſtert: ich wuͤrde ſie beſitzen muͤſſen. Gott behuͤte Dich vor ſolchem Irrſal! entgegnete jene: aber ſey auf Alles gefaßt, denn ihr Herz ſcheint mir viel gleichmuͤthiger, als Du es wuͤnſchen magſt und am Ende laͤßt 820 ſie Dir ploͤtzlich ein niedliches Köelcha zuruͤck. Ich eile zum Angriff! erwiederte Adolar: und glaube des Erfolgs im Voraus gewiſ zu ſeyn. * Er traf Viktorien am folgenden Morgen mit den Anſtalten zur Abreiſe beſchaͤftigt und aͤußerte deshalb, aufs ſchmeezlicſſte üzerraſche ſein Erſtaunen. Waͤr' es nicht ſtraͤflich, enegegnete ſie: wenn die Geneſene, einer ſo edeln und zaͤrtli⸗ chen Pflegemutter noch einen Augenblick laͤnger zur Laſt fallen wollte? Der Beruf zu gehn, ſpricht laut und lebhaft in mir an. Laut und lebhaft? rief er, ihre Hand er⸗ greifend: und wohl recht freudig, obendrein? S. Liebloſer Mann! verdient die Freun⸗ din dieſe Wehthat? E. Die Freundin ſagen Sie? Das We⸗ ſentliche dieſes Worts iſt Innhaltſchwer und 8 221 reich genug, um einen Genuͤgſamen zu entzuͤk⸗ ken— Ich aber, o, ich liebe Sie! S. Adolar! dies Wort, von einem Deutſchen ausgeſprochen, iſt wohl, fuͤrwahr! noch viel gewichtiger. Es weiſt mich, heute noch, von hinnen. 14 111 234 Erblaſſend ſagte er: Ihr Entſchluß mag viel nothwendiger ſeyn, als er dem warmen Herzen ſcheint, das dieſer kalte Urtheilsſpruch zerbricht. Zerbricht? Die leichte Wunde heilt von ſelbſt. Und Sie verwerfen mich? Ich entziehe mich, um Ihres Friedens Willen, der Wallung des Reizbaren, der ein harmloſes Spiel viel zu ernſt nahm. Ich bin ein Deutſcher, Graͤfin, und als ſolcher ganz unfaͤhig, mit den hoͤchſten und heiligſten Gefuͤhlen der Menſchheit zu taͤndeln — Mein Gefuͤhl iſt zu wahr und zu innig, um ihm Worte zu geben: o, leſen Sie mein Herz in meinen Augen. 232 Iſts moͤglich? ſagte ſie, erſchuͤttert und erroͤthend und ſetzte, nach kurzem Be⸗ ſinnen, hinzu— Zwei Worte, edler Mann! ſie reichen zur Entſcheidung hin. Wiegt meine Abkunft auch die Ihre, mein Beſitzthum auch vielleicht die Haͤlfte dieſer Herrſchaft auf, ſo zerbrach ja doch die Revoluzion das Wappen meiner Ahnen; ſie vernichtete unſre Geſchlechts⸗ Briefe. Das Erbtheil aber wird von einem unnatuͤrlichen Bruder in Anſpruch genommen und meine Bluͤthe— fiel! Mich reizt die Frucht. Nur Brief und Wappen konnte man vertilgen, nicht den Ruhm und das Recht der Todten und jenes Erbtheil wird entbehrlich. Sie haben eine Mutter, die meine Wohl⸗ thaͤterin iſt. Wie koͤnnt' ich, fruͤher als mir der Wille dieſer Mutter bekannt ward, mein Herz ſprechen laſſen? Ich fuͤhre Sie zu ihr! rief er erheitert: ſie wird mit Freuden dieſen Engel an meiner Hand ſehen und ihn ſegnen. 223 Eben jetzt trat die Mutter ein. Adolar flog ihr entgegen und ſprach mit befuuͤgelter Zunge. Sie lauſchte laͤchelnd ſeiner Rede, ſie ſah die holde Tochter, ergluͤhend von dem Schmerze der verſtohlnen Neigung, vernahm die ruͤhmlichen Bedenklichkeiten der Zartfuͤh⸗ lenden und fuͤhrte jetzt, befangen und geruͤhrt, des Sohnes Sache; Viktorie aber ſank, am Ziele des zaͤrtlichen Wettſtreites, gewaͤh⸗ rend in des Freiers Arme.— Iſt es erlaubt, iſt es verantwortlich, ſagte die Braut: einen ſo werthen und geliebten Mann, nach dieſer Spanne Zeit, ſchon uͤber dem zweiten zu ver⸗ geſſen? Gewiß! entgegnete Adolar: wenn anders dieſer zweite nur ein wenig mehr als der Schatten ſeines gluͤcklichen Vorgaͤngers iſt. Die Antwort liegt in meiner Wahl! ent⸗ gegnete Viktorie und verbarg das Geſicht an ſeiner Wange. * Die Baronin fand ihr Gleichgewicht ſchnell genug wieder, um ihre zukuͤnftige Schwieger⸗Tochter ſchon am folgenden Mor⸗ gen in ein Geſpraͤch uͤber die zeitlichen Guͤter zu verwickeln. Viktorie hatte den Freiherrn bereits mit der Lage ihrer Umſtaͤnde bekannt gemacht und verwies die Mutter jetzt an die⸗ ſen. Es ſey ihr druͤckend, faſt ohnmoͤglich, ſagte ſie: dieſen widrigen, verwickelten Ge⸗ genſtand noch ein Mal zu entwirren. Die Baronin ſchien betroffen, faſt beleidigt, fuͤhr⸗ te jedoch das Geſpraͤch zu andern Gegenſtaͤn⸗ den uͤber, brachte Spitzen herbei, zeigte Vik⸗ torien ihre Perlen und Juwelen und aͤußerte das lebhafteſte Vergnuͤgen, die Graͤfin mit Kleinodien dieſer Gattung, laut Adolars Ver⸗ ſicherungen, bis zum Ueberſchwang verſehn zu wiſſen. Nicht bis zum Ueberſchwang, verſetzte dieſe: doch was ich habe, reicht ſo eben hin, — 225 den Forderungen unſeres Standes zu genuͤgen; nur Ihrem Sohn erſchien mein Schmuck, gleich mir, viel werthvoller, als wir beide ſind. Hier aber galt nun keine Ausflucht der Be⸗ ſcheidenen; ſie mußte den Schatz vor der Mut⸗ ter aufthun, die ſich der Angenluſt uͤberließ, jedes einzelne Stuͤck abſchaͤtzte und Viktorien am Ende mit der Betheuerung umarmte, daß der Werth dieſer Steine an und fuͤr ſich ein anſehnliches Rittergut aufwiege. Als aber die Baronin ihren Sohn unter vier Augen ſah und alsbald der Vermöͤgens⸗ Umſtaͤnde und des Prozeſſes ſeiner Braut Er⸗ waͤhnung that, entgegnete dieſer— Nach allen dem, was mir Viktorie von ih⸗ rem Bruder ſagt, iſt er ein Feiger, den ich aufſuchen und ihn, Mann gegen Mann, zum Vergleiche noͤthigen werde, denn das Recht ſpricht hell und klar zu ihren Gunſten. Er liegt jetzt, zu Padua, an einem Bruſtuͤbel krank und dieſer Zuſtand bietet meinem Zweck II. 15 2926 die Haͤnde. Noch ſah ich Italien nicht und finde ſchwerlich wieder eine ſo dringende Veran⸗ laſſung, es zu beſuchen. Aber Viktorie will den Verlobten nicht ziehen laſſen und um mich zu begleiten, muß ſie mein Weib ſeyn. Erlau⸗ ben Sie deshalb dem einzigen, geliebten Soh⸗ ne, ſein Gluͤck zu beſchleunigen und die halbe Tonne Goldes, welche nebenbei auf dem Spie⸗ le ſteht, aus den Klauen eines aͤrmlichen aber boͤsartigen Suͤnders zu retten. Die aufgefuͤhrten Gruͤnde klangen aller⸗ dings triftig genug, Adolars Mutter zur Ge⸗ nehmigung zu bewegen. Der morgende Tag ward deshalb zu Vollziehung des Beilagers anberaumt und der heutige zu den Reiſe⸗An⸗ ſtalten verwandt.— Nach unſerer Ruͤckkehr, ſagte Adolar: fuͤhre ich Viktorien an den Hof und bis dahin reicht eine Anzeige dieſer Verbin⸗ dung in den oͤffentlichen Blaͤttern hin. Mit nichten! fiel die Mutter haſtig ein. Zum letzten Mahl beſteh ich jetzt auf meinem Recht und ſtelle Deine Fran dem Hofe vor. 227 Man hat mich dort nicht ganz vergeſſen, mei⸗ ne Geſundheits⸗ Umſtaͤnde beguͤnſtigen die Er⸗ fuͤllung dieſer Pflicht und es moͤchte ſich viel⸗ leicht nie wieder eine ſo willkommene Gelegen⸗ heit darbieten, uns in Erinnerung zu bringen. Viktorie verdient in alle Weiſe, dort von Dei⸗ ner Mutter eingefuͤhrt zu werden, zudem wuͤr⸗ deſt Du die Hauptſtadt nur durch einen Um⸗ weg vermeiden koͤnnen, wuͤrdeſt Dir, durch die Unterlaſſung dieſer herkoͤmmlichen Form, in der Meinung des Hofs ſchaden und vielleicht gar den Gegenſtand Deiner Wahl verdaͤchtig machen. Adolar kannte ſeine Mutter und unterwarf ſich deshalb, ohne ein unnuͤtzes Wort zu verlie⸗ ren, dem Anſpruch ihrer Weiblichkeit. *ℳ Die Hochzeit⸗ Kumwer that ſich auf; der Braͤutigam fand die Engelſchoͤne Braut bedeckt mit Thraͤnen. Sie flog an ſeinen Hals und ſchien von einem großen Schmerz im Innerſten * 2 228 erſchuͤttert. Adolar dachte: Das iſt Blions Schatten, der eben jetzt fuͤr immer Abſchied nimmt und noch das Recht der letzten Scheide⸗ Stunde geltend macht. Viktorie aber ſagte mit Floͤten⸗Toͤnen— Du wirſt die Farbe des Brautabends an mir vermiſſen und an meinen Thraͤnen ein Aergerniß nehmen, doch Gram und Thraͤne gelten Dir! Der Zukunft wein' ich ſie, der Ahnung, daß ich Dich nicht gluͤck⸗ lich machen, daß ich dann elend ſeyn, daß wir vielleicht mit ſteter Reue und unter Seufzern nur, an dieſe Nacht gedenken werden. Wie koͤmmt Dir dieſe Grille, beſtes Weib? noch gab es keinen Gluͤcklichen hienieden; uns ziemt es, mit Verſtaͤndigkeit zu wollen und ſo des Engels gewaͤrtig zu ſeyn, der nur bei den Eintraͤchtigen Wohnung macht. Ermanne Dich jetzt und laß dem Grabe ſeinen Raub. Alles ließ ich, laß ich, lernte ich vergeſſen und entbehren, nur Dich nicht, Adolar! Ob Du mir bleiben wirſt, das iſt die Frage! Faſt ſcheint es, Theuerſte! als ſpraͤche die 229 Erfahrung eines ungluͤcklichen Eheſtands aus Dir; aber Du ſahſt und brachſt ja nur ſeinen Flitterkranz. O, Lieber! laß den Geiſt der Vergangen⸗ heit unbeſchworen. Sieh, eben trockne ich die letzten, bittern Thraͤnen ab— Viktorie ſchluchzte laut— der Wonne gelten dieſe— der Liebe— der Erkenntlichkeit! * Die Lerchen weckten den Begluͤckten. Sie iſt das ſchoͤnſte, iſt das ſuͤßeſte Weib dieſer Er⸗ de! geſtand ſich Adolar und verſank in dem An⸗ ſchaun der gluͤhenden, bluͤhenden Schlaͤferin. Da ſiel ihm ploͤtzlich, zu Folge der Aehnlichkeit ihrer Formen, die Graͤfin Sidonie und die un⸗ abwendbare Nothwendigkeit bei, ſich ihr vor⸗ ſtellen zu muͤſſen. Meine Mutter, ſagte er ſich ſelbſt: hat offenbar nicht bedacht, daß der Auftritt meiner Frau am Hofe die Graͤfin um ſo mehr empoͤren wird, da uns, vor ihrem neulichen Beſuche, ein Wink uͤber den eigentli⸗ chen geheimen Zweck deſſelben gegeben ward. Zwar blieb der Mutter das durchgreifende Mittel ver⸗ ſchwiegen, welches mein beleidigter Stolz und der Abſcheu gegen die entwuͤrdigte Buhlerin erſann, aber ſie muß ja ohnehin fuͤhlen, in welchem Widerſpruche dieſes Mißverhaͤltniß zu der ge⸗ traͤumten, ehrenden Aufnahme ſteht.— Da⸗ mit verließ Adolar, leis' und verſtimmt, die fuͤſſe Traͤumerin, um der Mutter den uͤberſehe⸗ nen, entſcheidenden Grund ſo ſchnell und ein⸗ dringlich, als er vermochte, vorzutragen und fand, bei'm Eintritt in ſein Zimmer, ein klei⸗ nes, eben mit der Poſt an ihn eingelaufenes Packet. 1 Die muͤtterliche Morgen⸗Gabe! prach er, ſtill erfreut, oͤffnete es, fand nur eine hoͤllerne, unſcheinbare Kapſel unter dem Umſchlag und in dieſer den vergeſſenen, klappernden Gallapfel. 6.* Schon auf, mein Sohn? rief die Baro⸗ nin, welche eben, mit einigen geoͤffneten Brie⸗ fen in der Hand, eintrat, und umarmte den Verſtoͤrten unter Segnungen und Gluͤckwuͤn⸗ ſchen. Dann ſagte ſie— Die Poſt kam recht fruͤh und bringt mir viel Neues. Der Ober⸗ Kuͤchen⸗Meiſter liegt an der Windſucht krank und die kleine Graͤfin Weinau ward von einem Maͤdchen entbunden: es iſt das ſiebente Kind; man begreift gar nicht, wo ſie die hernimmt? Aber was Dir am wichtigſten ſeyn muß, iſt eine Heirath, die, in Hinſicht auf Verheimli⸗ chung, der Deinen gleicht. Dein Jugend⸗ freund, der Baron Falten, der ſeit fuͤnf Jah⸗ ren in Europa herumſchwaͤrmte, ward geſtern, als Kammerherr— nun rathe, welcher guten Freundin angetraut? Die neugebackene Frau Kammerherrin erweiſt uns obendrein die unver⸗ diente Ehre, ſich und ihren Gatten, eigenhaͤn⸗ dig, der Fortdauer meines Wohlwollens zu em⸗ pfehlen.— Adolar— mit dem eben empfangenen, herben und deutſamen Gallapfel beſchaͤftigt, hatte faſt kein Wort der muͤtterlichen Rede ver⸗ 932 nommen.— Du ließeſt Deinen Kopf im Brautbett, lieber Sohn! ſagte die Baronin: nun, immerhin! Wohl Dir! der ſich das beßre Theil erwaͤhlte— 2enua Sidonie iſt Faltens Frau. Waͤr's moͤglich? rief jetzt Adolar: Nein! nein! das log ein Neider, um ihm weh zu thun. Nie kann ſich der edle, hochherzige Menſch an die Schande verkaufen. Man taͤuſchte Sie! Still! Still! Die Waͤnde haben Ohren! ſiel die Baronin ein, Adolar aber benutzte den Augenblick, um ſich die Reiſe nach der Haupt⸗ ſtadt zu erſparen. Die Mutter behauptete da⸗ gegen, daß Sidoniens etwaniger Groll in ihrer Verbindung ſein Ende gefunden habe und daß ſein fruͤherer Vertrauter es ſich zur Pflicht machen werde, die Gattin fuͤr den Freund zu gewinnen; nur muͤſſe er dieſem fein entgegen kommen und nicht etwa das einſtige Verhaͤltniß geltend machen wollen, denn Gluͤck und Fuͤr⸗ ſtengunſt entfremdeten bekanntlich ſelbſt den — 4 233 Blutsverwandten, und Falten ſey ohnſtreitig auf dem Wege zu den hoͤchſten Stellen. Adolar geſtand ihr jetzt, aufs Aeußerſte ge⸗ bracht, was er zu Vernichtung der geheimen Zwecke Sidoniens gethan, zog die Handſchrift ſeines Maͤhrchens aus dem Pulte und las der erſchrockenen Mutter einige Stellen vor, welche die Graͤfin allerdings fuͤr immer mit ihm ent⸗ zweyen mußten. Das iſt ihr Bild! rief jene mit gefalteten Haͤnden— Das iſt der Herzog, Zug fuͤr Zug! klagte ſie wiederum— O Ungluͤcks⸗ Sohn! O, Unbeſonnener! warum haſt Du mir das gethan? Und das iſt der Gallapfel! fiel Adolar ein: derſelbe welcher mit Sidonien verſchwand und heut', am erſten Ehe⸗Morgen wieder ſichtbar wird. Die Rache iſt kleinlich aber verwirkt und Ihrer Einſicht kann, nach den empfange⸗ nen Aufſchluͤſſen, die Reihe von Demuthigun⸗ gen nicht entgehn, denen man uns dort, er⸗ finderiſch, ausſetzen wuͤrde. Wir reiſen! wiederhohlte die Mutter mit ſteigender Heftigkeit: wir reiſen und ich unter⸗ werfe mich. Die Kammerherrin weiß, daß ich fuͤr ſie ſtimmte, ſie ſendet dieſen Zankapfel als den Buͤrgen der großmuͤthigen Vergebung zuruͤck und ihr Gemahl iſt, Gott ſey Dank! ein guter Pfennig und Dein Herzensfreund. Ein Pfennig, ja! rief Adolar: den ich auf ewig von mir werfe. Sie ſtuͤrzen uns in's Ungluͤck, Mutter! Im Gegentheil, erwiederte ſie: wir haben vieles gut zu machen und dieſe Reiſe beugt den Folgen Deines Uebermuthes vor. Man ſpricht, man vergißt, man verſoͤhnt ſich dann. Dich aber halt' ich jetzt bei Deiner Pflicht und Dei⸗ nem Worte. Die Mutter ging, Viktorien zu wecken, ſie reiſten noch vor Mittag ab. * Die junge Baronin hatte ſich bis jetzt, ſtill und leidend verhalten und den Wortwechſel, welcher noch im Wagen ſortgeſetzt ward, ohne — —— Zuthat eines Lautes walten laſſen. Auf hal⸗ bem Weg erkrankte ſie und ſprach, halb leiſe, zu der Kammerfrau— Ich fuͤrchte, meine Kraͤmpfe kommen wieder. 1 Wir reiſen den Aerzten entgegen! verſicherte die Baronin, welche die beſorgliche Aeußerung vernahm und ich hoffe, Sie werden dies Mahl ſo gefaͤllig ſeyn, dieſem Dienſtfertigen Uebel Dach und Fach zu verſagen. Viktorie ſah erroͤthend auf ihren Mann und ſchwieg. Die Mutter druͤckte ſich in eine Ecke und ſchien zu entſchlummern, Adolar ſaug⸗ te an ſeinem Stockknopf, behielt der Gattin Arm, deſſen Puls er gepruͤft hatte, in der Hand und ſchien in duͤſtre Ahnungen verſunken, welche die Erſcheinung des Gallapfels herbei fuͤhrte. So kam man endlich in der Haupt⸗ ſtadt an, trat in dem vornehmſten Gaſthauſe ab und Viktorie fuͤhlte ſich bereits ſo ſchwach, daß die Bedienten ſie, auf einem Seſſel, nach ihrem Zimmer tragen mußten. 236 Adolars Mutter ward, zu Folge dieſes ploͤtz⸗ lichen Unfalls, aͤußerſt unfreundlich. Sie ließ ſich am folgenden Morgen bei der Ober⸗Hof⸗ meiſterin anſagen, aber der Hof war mit Fal⸗ tens und allem was ihm angehoͤrte, nach einem Jagdſchloſſe gezogen, das erſt ſeit kurzem wie⸗ der in Aufnahme kam und man erwartete deſ⸗ ſen Ruͤckkehr erſt nach Verlauf von acht Tagen. Die Baronin fuhr indeß von einer Stadt⸗ Dame ihrer Bekanntſchaft zu der andern, ward Theiis ſehr warm und Theils ſehr lau empfan⸗ gen, hatte im Haus ihrer einzigen, wahren und aͤlteſten Freundin einen herben Verdruß, der ſie außer ſich ſelbſt ſetzte und mußte, da ſie dieſer in ihrem Zorn und ohne Lebewohl den Ruͤcken kehrte, mehrere Minuten lang im offe⸗ nen Haus auf eine Senfte warten. Der Zug⸗ wind, dem hier die Erhitzte ausgeſetzt blieb, wirkte vereint mit dem bittern, verbiſſenen Aer⸗ ger, ſo ſchnell und zerſtoͤrend, daß ſie ſprachlos in ihrer Wohnung ankam, und bei dem Be⸗ ſtreben, dem Sohne durch Zeichen und Gebehr⸗ 237 den ein ſchreckliches Ereigniß zu verkuͤnden, entſeelt zu Boden ſank. Adolar kam von ihrem Grabe zuruͤck und fand den Kammerherrn von Falten im Vorſaal. Der Anblick der befreundeten Geſtalt weckte ſchnell eine Reihe werther Erinnerungen in ſei⸗ nem Herzen auf, das der Mutter ploͤtzlicher 5 Tod und das heilige Saatfeld, von dem er eben heimkehrte, fuͤr Eindruͤcke dieſer Gattung ohnehin empfaͤnglich gemacht hatte. Er flog deshalb, Trotz ſeinem Groll, geruͤhrt und Wehmuthsvoll an die Bruſt des lang Entbehr⸗ teen und Thraͤnen ſtuͤrzten auf des Freundes Wange. Willkommen! ſagte der Baron, und ſchloß, bei'm Eintritt in das Cabinet, die Thuͤr hinter — ſich ab. Jetzt endlich werd' ich Deiner habhaft und freue mich, daß Du der Alte bliebſt. A. Wohl uns, wenn ich daſſelbe von Dir ruͤhmen darf! Wenn ſich der Hofmann und der Schaͤfer noch verſtehn, noch uͤber das Hoͤchſte und Heiligſte eins ſind, dem ſie ſich als werden⸗ de Juͤngliuge, liebend und feurig gelobten. Du ſahſt die Welt, Theodor! ich blieb am Altar der Penaten. Zur Thorheit ward vielleicht in Deinen Augen, was ich heute noch fuͤr gut und goͤttlich halte; mein Glaube Dir ein Aer⸗ gerniß? F. O, ich bin duldſam; ſey es auch! Ein andres ſind die Kinderſchuh, ein andres iſt des Mannes Fluͤgel. A. Erhob Dich der? F. Ich bin zufrieden! A. Und ich faſt irr an Dir geworden. F. Wahrhaftig? Nun? A. Wahrhaftig ſagſt Du und das will ich ſeyn. Nicht faſt nur, ſondern ganz. Du ſiehſt, ich breche, unſrer Vorzeit eingedenk, die Offenheit vom Zaune. F. So laß ihr denn den Lauf, doch mit der Hand in deinem Buſen. Was ich that, mußte geſchehen, was aber Dich beſtimmt hat, bleibt mir dunkel. Mich zwang das Schickſat, die Nothwendigkeit, der Gallapfel der Er⸗ kenntniß— A. Wie koͤmmſt Du auf den? Das Bild duͤnkt mich paſſend, entgegnete er gleichmuͤthig; Adolar verbarg ſein Erroͤthen. Sieh, fuhr der Kammerherr fort: ich trat, mit der Poeſie in dem gluͤhenden Herzen, un⸗ ter das froſtige, flache Geſchlecht; mit dem Ideal in der Seele vor die Gemuͤthloſen Zerr⸗ bilder, mit den erhabenſten Begriffen von der maͤnnlichen Wuͤrde und dem Adel des Weibes, unter die Scheide⸗Muͤnze dieſer Maͤnner und Weiber. Der Gott meines Traumes begegne⸗ te mir hoͤchſtens in den Zuͤgen des goͤttlichen Ebenbildes, oder auf der gleißneriſchen Lippe, doch unter der Form und der Zunge trieb oft genug ein krankhafter, oder luͤſterner oder fol⸗ gerechter Teufel ſein Spiel. Der Welt Freundſchaft koſtete mich Hab und Gut, die Wunden in einigen Zweikaͤmpfen ungerechnet; der Welt Liebe meinen Glauben an des Weibes Werth. Endlich draͤngte mich der Welt Lauf 240 auf den richtigen Standpunkt, von dem aus mir der Welt Meinung, wie eine Zuchtloſe Mutter erſcheint, die der bluͤhenden Tochter bald aus Mißgunſt und Eiferſucht, bald, um ſich reden zu hoͤren, bald, ſelbſt in einer An⸗ wandlung von Reu und Ehrbarkeit, den Text lieſt und dann wieder in ihr Schneckenhaus kriecht, um ſich, nach der Welt Weiſe, zu entſchaͤdigen. Adolar wendete ſich, ſtill erbittert ab und oͤffnete das Fenſter. Der Baron folgte ihm zu dieſem und ſprach— Du ſchmollſt, weil ich Sidonien zu meiner Gattin machte. Es blieb mir allerdings die Wahl zwiſchen dem Hunger und dem Kummer auf der einen, und dem vol⸗ len Fruchtkranz des Lebens auf der andern Sei⸗ te. Ich hatte die Wahl, mir als ein Feiger die Kugel durch den Kopf zu jagen, oder den Wink einer Fee zu erwiedern, die das Fuͤllhorn ihres Ueberfluſſes mit mir theilt— Und mit dem Herzog! murmelte Adolar. F. Du gedenkſt eines Schattens, den 241 ſelbſt der boͤſe Wille laͤngſt verließ. Bin ich etwa der Einzige, der die Bluͤthe uͤber der Blume vergaß und freiwillig auf eine Mitgift Verzicht that, die bald genug nur in dem Neſte des Phoͤnix zu finden ſeyn wird? Jede Hei⸗ rath, guter Freund! iſt ein Wagſtuͤck und gleicht der Wahl des Taͤnzers auf dem Mas⸗ kenballe. Man glaubt den Fluͤgel einer Pſyche zu erfaſſen und haͤlt die Flughaut einer Fleder⸗ maus, man greift nach der Zauberin und er⸗ greift eine Hexe. Ich aber wußte was mir ward und konnte deshalb mir und Sidonien den Aufwand fuͤr das Engels⸗Laͤrvchen erſpa⸗ ren, mit dem ſich Braut und Braͤutigam bis zum Erkennungs⸗Tage raͤuſchen. Erſpare mir denn auch die Erwiederung auf eine Beichte, deren unſaubern Geiſt ich doch vergebens beſchwoͤren wuͤrde. Wir taugen laͤn⸗ ger nicht fuͤr einander und ſcheiden jetzt auf im⸗ merdar. Ich begreife Dich gar nicht! entgegnete Falten: und finde dieſen Ton, mir gegen uͤber, II. 16 3 242 zum mindeſten laͤcherlich. Mich fuͤhrte die Verzweiflung an dem Ideal, von dem uns fruͤ⸗ her traͤumte, mich die Gewalt der Umſtaͤnde und der Drang der Noth, zu jenem Schritte; Du aber, Du, der Guöͤnſtling des Geſchicks, verbandeſt Dich wohl nur, um eine Seele zu erretten, mit Eduards reizender Beiſchlaͤferin? Wie? hoͤr' ich recht? Verworfner! Ich? rief Adolar und faßte den Baron bei der Bruſt — Falten rang ſich los und ſprach: Dies raſende Beginnen ſey verziehen, wenn Du unwiſſend fehl gegriffen haſt. Auf meine Ehre ſchwoͤr' ich Dir, daß dieſe Blion die an⸗ erkannte— Nenn es wie Du willſt— des Prinzen war und daß ich, waͤhrend meines Aufenthaltes in Paris, wo ſie ihn ſeit Jahr und Tag feſt hielt, der Augenzeuge mancher Szene geworden bin, die auch den Argloſeſten uͤberzeugt haben wuͤrde. Mit ſchwankender Stimme fragte jener— Haben Sie den Muth, dieſe ungeheuere An⸗ — 243 kage in Gegenwart meiner Gattin zu wieder⸗ hohlen? F. Den Muth o, ja! nur weder den Beruf noch die Neigung. Deine Frau iſt ein Engel, aber ein heftiger, der mir in dieſem Fall, ohne weiteres, die Augen auskratzen wuͤrde. Doch ſind einige Freunde hier am Hofe, die Dich kennen, die mit mir in Paris lebten, die Deine Verbindungs⸗Anzeige in den oͤffentlichen Blaͤttern fuͤr den albernen Scherz eines Schadenfrohen hielten und deren Zeugniß mir nicht fehlen kann. A. Beſtochene Schurken! O, ich ſehe hel und war bereits auf die Folgen der Weiber⸗ Rache vorbereitet. Gut, ſehr gut, daß man eben Dich zum Werkzeug brauchte. Du eehſ dafuͤr mit deinem Leben ein! F. Ich ſetze es woh gemuth gegen das Deine. 1 A. Viktorien muß eine kniende Abbitte werden, und wagſt Du es, ihr dieſe zu verwei⸗ gern, ſo ſchieß ich Dich vor jrghren Augen meder. * 21 F. Im ehrlichen Zweikampf hoffentlich, wenn es Dich anders draͤngt, fuͤr eine ſolche an den Styx zu treten, oder mich Deiner Mutter nachzuſenden, der die zufaͤllige Entdeckung die⸗ ſes Mißgriffs ſchnell genug das Leben raubte. Der Baron erblich.— Vor allem, fuhr jener fort: ſprich jetzt mit unſern Freunden. Ich nenne Dir nur Sohlen, Helland, Adlersleben, und uͤberlaſſe es Deiner Urtheilskraft, zu entſcheiden, ob der unwuͤrdi⸗ ge Verdacht, den Du geaͤuſſert, an dieſen Eh⸗ renwerthen haften koͤnne. Daß man Dich taͤuſchte, wird mir klar, das Wie begreif ich indeß ſo wenig, als den Grund, aus dem man eben Dich zu ihrem Verſorger waͤhlte. Vikto⸗ rie haͤtte deren leicht an Ort und Stelle finden koͤnnen. Es iſt mit herzlich leid, Dir die Au⸗ gen geoͤffnet zu haben, doch nebenbei auch wie⸗ der lieb, Dich unterrichtet zu wiſſen und den Splitter⸗Richtern gegen uͤber, Deine Sachs mit gutem Gewiſſen fuͤhren zu duͤrfen. So geh denn, geh! rief Adolar: und ver⸗ —— — 245 kuͤndige der Metze, die Dich zu meinem Hen⸗ ker waͤhlte, daß die Arbeit gethan ſey. F. Ich halte mich an den Edelmann, ſo bald der Menſch in Dir uͤberzeugt ſeyn wird. Du bleibſt mir fuͤr den Ausbruch dieſer Wuth, die ihr Ziel verkennt, da ſie eigentlich nur ge⸗ gen ſich ſelbſt wuͤthen ſollte, Abbitte und Ge⸗ nugthuung ſchuldig. Mein Mitleid, bis da⸗ hin! B 1 Falten ging ab. Adolar lag noch— zer⸗ fallen mit Himmel und Erde, im Fenſter, als ein Wagen voruͤber flog, aus dem Sidonie zu ihm herauf blickte und traulich wie eine Schwe⸗ ſter gruͤßte. Er floh, erblaſſend, in den ent⸗ fernteſten Winkel des Zimmers. Sie laͤchelte, ſprach er zu ſich ſelbſt: der Teufel lacht aus ihr: der Genuß, der Triumph befriedigter Rache. O, es iſt denkbar! wahr⸗ ſcheinlich ſogar— Was waͤre dem beleidigten Kebsweibe eines rohen Despoten und ſeinen Helfers⸗Helfern ohnmoͤglich? Sohlen, Hel⸗ land, Adlersleben ſind rechtliche Maͤnner,— unverwerfliche Zeugen. Prinz Eduard wollte ſich der eigenſuͤchtigen Naͤrrin entledigen, Si⸗ donie bot ihm die Hand— Jener wurden goldene Berge verhießen, der Wagen brach auf ihr Geheiß und ich, der Unerfahrne, fiel in's Netz— O, meine Mutter! Jetzt trat die Kammerfrau in's Zimmer. Was macht meine Frau? rief Adolar. Ihr Gnaden verſuchten, das Bett zu ver⸗ laſſen, entgegnete dieſe: doch eine Ohnmacht war die Folge. Eine Ohnmacht? So? Eure Ohnmacht iſt Euer Engel. Sie reichte ihm einen ſhwarz geſiegelten Brief und ging ihres Weges. 3 Sidonie ſah, bei jenem Zweckvollen Be⸗ ſuch in Druſenburg ihre bluͤhenden, auf das Bewußtſeyn ihres unbegrenzten Einfluſſes, ih⸗ rer Anmuth und Verſchlagenheit gegruͤndeten Hoffnungen, im Keim vereitelt. Sie begeg⸗ nete in der mitgetheilten, vorgeblichen Fami⸗ ien⸗Geſchichte, der Verachtung und dem Hoh⸗ ne, der Schmach und der Wehthat des Spoͤt⸗ ters. Nur an den Weihrauch und die Unter⸗ varſigkeit der Schmeichler gewoͤhnt, vom Her⸗ pg mit Zittern geliebt, von den ‚oͤtzendienern des Hofes verblendet, von Eigenſucht und Ue⸗ bermuth durchdrungen, wollte ſie jetzt ihren Augen nicht trauen und erwehrte ſich, von Seite zu Seite und von Punkt zu Punkt, des Irgwohns, der in ihrem Innern anſprach. er ward endlich zur Ueberzeugung, als ſie Ro⸗ ſalien gewiſſer Verhaͤltniſſe bezuͤchtigt fand, welche den ihrigen auf ein Haar glichen, als ſe dieſen Adolar mit Entſetzen von Geheim⸗ ulſſen unterrichtet ſah, welche die Leichtſinnige unter dem Siegel der maͤnnlichen Ehre ver⸗ vahrt glaubte. Sidonie verbrachte den Reſt der Nacht in eirem Fieberhaften Zuſtande, begann von neu⸗ em die Durchſicht des beſchaͤmenden Maͤhrchens, nahn die Charakteriſtik des Herzogs in Ab⸗ ſchrift, ſprach mit ſich ſelbſt, weinte laut und gelobte dieſem Satans⸗Engel, der ſie, unge reizt, mit Faͤuſten ſchlug, die furchtbarſte Ra che.— Jetzt kam Luiſe, die Kammerfrau, un zu wecken.— Luiſe hatte ſich bereits vom Tiſch und Bett des zweiten Manns getrennt um verlangte allgemach nach dem dritten. Se war ihrer Gebieterin, in Hinſicht auf Wiz und Geſchmeidigkeit, auf Reitz und Reitzbar⸗ keit nicht unaͤhnlich, auch diente ſie derſelben bald als Kundſchafterin, bald als Koͤder, babd als Iris und faſt durchaus mit einem Erfolge, der ihr Sidoniens Vertrauen ſicherte. Luſe geſtand der Graͤfin jetzt, auf Befragen, daß ſie ſich ungemein wohl hier gefalle, daß der Kammerdiener des Barons, ein Menſch nach ihrem Sinne, daß er mit ihr bis Mitternacht im Park umher ſpaziert ſey, daß ſie ihn aus geforſcht habe und der gnaͤdigen Graͤfin man⸗ cherlei Gutes und Schoͤnes von dem jungzen Herrn, doch um ſo weniger Erbauliches von der alten Baronin zu berichten vermoͤge— daß —— 249 hr angenehmer Heinrich kein groͤßeres Gluͤck kenne, als den Gedanken durch ihre Vorſprache, mit der Zeit, unter die Herzoglichen Kammer⸗ diener aufgenommen zu werden und ſie ihn denn dazu in Unterthaͤnigkeit empfehlen wolle. Sidonie gab der Kammerfrau zehn Duka⸗ ten als ein Geſchenk fuͤr die Bemuͤhungen, welche ihr Hierſeyn dem Heinrich verurſache und befahl ihr, die geſtrigen Mittheilungen unverweilt von neuem anzuknuͤpfen— ihm bei⸗ laͤufig zu ſagen daß ihre Graͤfin, zum Behuf eines Scherzes, des Gallapfels habhaft zu wer⸗ den wuͤnſche, welcher ſich im Silherſchranke der Baronin befinde, daß er jedoch, bei dem Verluſt der guten Meinung von ſeiner Zuverlaͤſſigkeit, dem jungen Herrn davon nichts wiſſen laſſen duͤrfe. Sey ihm an der Verſetzung in die Herzogliche Garderobe gelegen, ſo ſolle er ſich nur, von Zeit zu Zeit, durch eine Zuſchrift an Luiſen in Erinnerung bringen und uͤbrigens der beſten Hoffnung leben. Luiſe meinte, daß dieſe Hoffnung zum 250 Lenkſeil mehr als hinreiche, auch glaube ſie nun gewiß, poſttaͤglich einen treuen Bericht von allem und jedem was ſich fortan hier begebe, zu erhalten, da ohnehin der gute Menſch, wie ihr, bei dem geſtrigen Luſtwandel im Mond⸗ ſchein, klar geworden, ſehr verliebter Natur ſey.— Iſt er das, ſo iſt er unſer! ſiel die Graͤfin ein: denn der luͤſterne Mann gleicht dem Affen dem man Nuͤſſe zeigt; ein Kern reicht hin, ihn ſpielend bis zur Hoͤlle zu locken. Liebt er das Geld, ſo iſt er es auch, denn jeder Geitz⸗ hals wird, ſobald es gilt, ein zweiter Iſcha⸗ rioth. Sidonie ließ ſich jetzt ankleiden und bot die allzeit fertigen, boͤſen Geiſter des Heuchelſchei⸗ nes und der Gefallkunſt auf, das aͤußerſte fuͤr ſie zu thun. Dieſe taͤuſchten denn auch, wie wir wiſſen, den Sohn und die Mutter und regten in beiden den Wunſch einer Verlaͤngerung ihres Zuſpruchs auf. Die Graͤfin ſchickte, um ihm zu entſprechen, ihren Kammerdiener 251 nach der Hauptſtadt ab, der aber nebenbei ge⸗ heime Weiſungen erhielt und einen leeren, von Luiſen gefertigten Brief mit zuruͤck brachte, deſſen vorgeblicher Innhalt ſie zur unverweil⸗ ten Heimkehr beſtimmte. Frau und Kammer⸗ frau benutzten indeß die kurze Friſt mit wu⸗ cherndem Erfolg fuͤr ihre Zwecke.— Was ſich endlich, ſpaͤterhin, ſo erwuͤnſcht und uͤber alles Erwarten kartete, erfuhr die Graͤfin poſttaͤglich durch den beſtochenen Hein⸗ rich. Sie konnte den Tag kaum erwarten, an dem der Hof, den ſie begleiten mußte, von dem Jagdſchloß zuruͤck kehrte; ſie fuhr, ſo oft ihr jener ſeines Herrn Abweſenheit kund werden ließ, bei Viktorien vor, doch immer hieß es da: die Baronin liege zu Bett und muͤſſe, auf Geheiß ihres Arztes, jeden Beſuch vor der Hand ablehnen. Die Naͤrrin iſt wohl eifer⸗ ſuͤchtig? dachte Frau von Falten und erlaubte nun ihrem Manne, den Jugendfreund heimzu⸗ ſuchen und den eigentlichen Grund diefer kloͤſter⸗ 252 lichen Zuruͤckgezogenheit, wo moͤglich, zu er⸗ forſchen. Wir ſahen den Erfolg. * Prinz Eduard lebte ſeit Jahren im Aus⸗ lande, ſetzte den Herzog von Zeit zu Zeit in die Nothwendigkeit, ſeine Schulden zu decken und ließ die dringenden Einladungen zur Ruͤckkehr, welche mit jedem neuen Wechſelbrief an ihn ab⸗ gingen, unbeachtet. Dieſe Verſagung ſtimmte zu Sidoniens Abſichten, die den unruhigen, anmaßenden, die Rechte des Herzogs beein⸗ traͤchtigenden Prinzen am liebſten entfernt ſah und ihn zu dieſem Ende einer Omphale in die Hand geſpielt hatte, deren Kunſtfertigkeit ihn dort feſthielt. Sie machte die Bekanntſchaft dieſer Blion im Bade, fuͤhlte ſich, Kraft der Sympathie der Neigungen und Meinungen, von der reizenden, lebensluſtigen Franzoͤſin an⸗ gezogen und blieb ſeitdem mit ihr im geheimen Zuſammenhange. Die Talente, die Orts⸗ und Perſonen⸗Kenntniſſe der Verſchlagenen, wur⸗ 253 den nebenbei auch zu hoͤhern, politiſchen Zwek⸗ ken benutzt und Viktorie fand dagegen bei der Graͤfin offene Kaſſe. Eduards Ausbleiben, und die Summen, welche ſeine Lebens⸗Weiſe dem Lande koſteten, erregten endlich allgemeine Unzufriedenheit und ein lautes Murren. Der Herzog foderte von neuem, mit Ungeſtuͤm, den Bruder auf, ſei⸗ ner Pflicht zu genuͤgen und ſagte ſich von jeder fernern Unterſtuͤtzung los. Eduard machte da⸗ gegen die anſtaͤndige Verſorgung ſeiner Gefaͤhr⸗ tin zur Bedingung der Heimkehr und auf die⸗ ſes Anſinnen gruͤndete Sidonie, nach der Zu⸗ ruͤckkunft von Adolars Schloſſe, ihren Plan. Sie ſchrieb der Blion, welch ein Gluͤck man ihr zudenke, berief ſie an den Hof und verſprach ihr den ſchoͤnſten und wohlhabendſten Edel⸗ mann des Herzogthums zum Gatten. Sie rieth, im Laufe der letzten Tagereiſe auf der, am Wege liegenden Druſenburg, unter irgend einem Vorwand einzuſprechen und die vorlaͤufi⸗ ge Bekanntſchaft einer Familie zu machen„ die 254 ihr, wenn ſie dort das Wundervolle Licht mit Anſtand und Beſcheidenheit leuchten laſſe, viel⸗ leicht bald naͤher angehoͤren werde. Sidonie theilte der Vertrauten, fuͤr dieſen Fall, eine naͤhere Bezeichnung der Perſonen und die Ein⸗ zelnheiten ihrer Rolle mit und ſchloß einen Wechſel auf tauſend Dukaten aus der Schatul⸗ le des Herzogs bei, welcher eine eigenhaͤndige aufmunternde Nachſchrift hinzu fuͤgte. Die Frau von Blion verſicherte dagegen in ihrer Antwort, das Erbieten mit Dankbarkeit zu empfangen und als die Wittwe eines vor Kurzem im Zweikampf gebliebenen Bluts⸗ Verwandten ihres Nahmens, auftreten zu wol⸗ len, weil ſie, ſeit ihrer Verbindung mit dem Prinzen, den Frauen⸗Titel angenommen und es denn doch zu tolldreiſt ſey, ſich einem Man⸗ ne dieſes Zeitalters jetzt noch als Maͤdchen zu verkaufen. 83 Adolar vermied es bis zum folgenden Mor⸗ —— 255 gen, ſeine Gattin zu ſehn. Er ſchrieb, zu Folge des Rathes, welcher ihm in dem Laufe der durchwachten Nacht gekommen war, an den Kammerherrn; erſuchte dieſen, ſich, von. jenen drei Freunden begleitet, in ſein Haus zu verfuͤgen und die geſtrige Ausſage in Gegenwart der Bezuͤchtigten zu wiederhohlen. Er lud ihn endlich— Falls er ſich deshalb weigere, zu ei⸗ nem Zweikampf auf Tod und Leben ein. Falten entgegnete, daß ihn Berufs⸗Ge⸗ ſchaͤfte bis zum Nachmittag feſt hielten, daß er dann aber mit den gewuͤnſchten Zeugen erſcheinen und einer Foderung ent ſprechen werde, der ſich, nachdem es ſo weit gekommen, Trotz ihrer Wi⸗ drigkeit, ein Mann von Ehre fuͤglich nicht entzie⸗ hen koͤnne. Seiner Sache endlichund der ſchuldi⸗ gen Abbitte Adolars, ſey er viel zu gewiß, um ſich wegen eines Mord⸗Gewehrs in Ausgabe zu ſetzen. de Herr von Falten kam, die drei Zeugen be⸗ gleiteten ihn. Viktorie ſchien ſeit geſtern unwoh⸗ ler als je. Adolar trat in das Kranken⸗Zim⸗ 256 mer und ward mit zaͤrtlichen Vorwuͤrfen wegen ſeiner langen Entfernung uͤberhaͤuft.— Ich ha⸗ be vier Gaͤſte, entgegnete er: die aus Paris kommen und ſich Deiner Bekanntſchaft ruͤhmen; erlaube mir, ſie fuͤr einen Augenblick bei Dir einzufuͤhren. Viktorie ſchien erſchrocken und verwarf den angeſagten Zuſpruch mit Heftigkeit. Du kennſt meinen Zuſtand, fuhr ſie fort: und wirſt Deine leidende Gattin, hoffentlich, vor der Zudringlichkeit dieſer Anmaßenden ſchuͤtzen. Die Kammerfrau hat zudem noch nicht aufge⸗ raͤumt und meine Waͤſche blieb, ſeit geſtern, ungewechſelt. Genug, ich verbitte mir dieſe Gaͤſte und rechne auf die Schomand des Lie⸗ benden. Es iſt ein Arzt unter ihnen. Ein dedung der Pariſer Damen, der auch an Dir ſein Heil verſuchen will. Einen ſolchen Engel von dem Teiche Bethesda zuruͤck weiſen, hieße doch fuͤrwahr! die Nachſicht mit den Launen einer Kranken uͤbertreiben. 3 Damit eilte Adolar nach der Thuͤr und fuͤhr⸗ — 257 te den Kammerherrn an ihr Bett. Viktorie ergluͤhete vor Unmuth und Aerger, der Baron erblich dagegen nach dem erſten Anblick, wen⸗ dete ſich ſchnell zu dem lauſchenden Gatten und ſagte mit ſchwankender Stimme— Dieſe Da⸗ mei iſt mir fremd! — ʃ——— —— Ich verſtehe! entgegnete jener: das Mit⸗ leid des Hofmanns bequemt ſich allenfalls zu falſchen Zeugniſſen, wenn ihn das Schaam⸗ roth einer ſolchen Suͤnderin anſpricht. Freund, auf mein Ehrenwort! rief Fal⸗ ten: Sie hat nicht einen Zug von jener die wir meinen. Bemuͤhe Dich fuͤr einen Augenblick in's Neben⸗Zimmer. Sehr gern! Mir faͤllt ein Stein vom Her⸗ zen, denn ſie iſt es nicht. Adolar fuͤhrte jetzt den zweiten ein: er aͤu⸗ ßerte ſich, wie der Kammerherr. Den dritten II. 127 und den vierten— ſie ſtimmten ihren Vorlaͤu⸗ fern bei und betheuerten bei Wort und Ehre, dieſe Dame fruͤher nie geſehn zu haben. * So loͤſe Du mir denn das Raͤthſel: bat er die Kranke, als jene ſich beurlaubt hatten und erxgriff, mit zuruͤckkehrender Zaͤrtlichkeit, ihre Hand. Das iſt an Dir! entgegnete Viktorie unter Thraͤnen. Ward ich vielleicht mit Steckbriefen verfolgt, welche die Beſeitigung alles Schickli⸗ chen nothwendig machten? Oder ſuchen etwa dieſe Menſchen meine unwuͤrdige Schwaͤgerin? E. Deine Schwaͤgerin? Du haſt eine ſol⸗ che und das erfahre ich erſt heute? S. Weil es mir druͤckend war und neben⸗ bei auch uͤberfluͤſſig ſchien, Dich von einer ent⸗ fremdeten Verwandtin zu unterhalten, deren Auffuͤhrung den Nahmen Blion entehrt und an die ich deshalb nur mit Widerwillen denke. 239 E. O, ſage mir Alles, was Du von ihr weißt und in welchem Verhaͤltniß Du zu dem Bruder unſers Herzogs ſtandeſt? S. In dem entfernteſten. Wir ſahn uns, waͤhrend meines kurzen Aufenthaltes in Paris, auf Ballen, in Geſellſchaften und ei⸗ nige Mahle auf meines Mannes Zimmer, der mit ihm zu verkehren hatte. Du regſt da ſchmerzliche Erinnerungen in mir auf, denn Blions Tod koͤmmt auf die Rechnung des Un⸗ wuͤrdigen. Prinz Eduard ſtand mit dieſer Blion, der Schweſter meines Gatten, in einem Verhaͤltniſſe, deſſen Zulaſſung man dieſem einſt zum Vorwurf machte; der Vorwurf aber fuͤhrte den Zweikampf herbei, welchen mein gu⸗ ter Louis mit dem Leben bezahlte. Es daͤmmert! rief er: Nun, Gott ſey gelobt!. 3 Zum Ungluͤck ſind wir Nahmens⸗Schwe⸗ ſtern! fuhr die Kranke fort: ſie hieß, gleich mir, Viktorie und nannte ſich, ſeit ihrer Ruͤck⸗ * 260 kehr aus Pyrmont, Frau von Blion, weil ihr der Maͤdchenſtand zum Aergerniß gereichte und uͤberdieß im offenbaren Widerſpruch zu ihrer Lebens⸗Weiſe ſtand. Wie aber kamſt Du zu dem Briefe Eduards an den Herzog, den mein Kammerdiener, gleich nach Deiner Ankunft in Druſenburg, auf Dein Geheiß befoͤrdern mußte? S. Der Poſtmeiſter zu Metz ſtellte mir das Packet, bei meiner Durchreiſe, mit dem Bedeuten zu, daß eine Staffette von Paris es fuͤr mich abgegeben habe. Du wirſt den Um⸗ ſchlag dort im Pulte finden. Abolar hohlte ihn ſtracks herbei, fand die Aufſchrift à Ma- dame la Comtesse Victoire de Blion— poste restante etc. und uͤberflog den Inhalt. Er war in franzoͤſiſcher Sprache geſchrieben und woͤrtlich folgender— „Unter den innigſten Wuͤnſchen fuͤr die gluͤckliche Beendigung Ihrer Reiſe, erſuche ich Sie, dem Herzog, meinem Bruder, die⸗ —— 261 ſe Inlage, gleich nach Ihrer Ankunft in ſeiner Hauptſtadt, einzuhaͤndigen und ver⸗ ſpreche mir die ſchnellſte und zuverlaͤſſigſte Abgabe deſſelben um ſo gewiſſer, da ſolche fuͤr uns Beide von der hoͤchſten Bedeutung iſt ꝛc.“. Ich begriff nicht, fuhr ſie fort: woher dem Prinzen die Kunde von meiner Abreiſe ge⸗ kommen ſey und erſtaunte uͤber den Leichtſinn des Rohen, der eben mich, deren Gluͤck er zerſtoͤrt hatte, und uͤberdem im Tone des Ge⸗ bieters mit Auftraͤgen verfolgen konnte. Der Brief galt Deiner Schwaͤgerin— ſagte Adolar. 8 Ich wußte ſie bei meinem Abgang in Paris — verſicherte die Kranke und ſank, erſchoͤpft und odemlos, an ſeine Bruſt. 85 Eduars Brief war allerdings an dieſe ſchlimme Schwaͤgerin gerichtet, welche ſich, 262 gleich Viktorien 4 bereits unterweges befand. Ein guter Genius zerbrach den Wagen der Ei⸗ nen vor dem Thor der Druſenburg, der Wuͤrg⸗ engel der Nemeſis warf den andern in einen Abgrund und die Schatulle mit dem ſchlecht erworbenem Gut auf das Herz der Erwerberin. Sie ward, nach langen, vergeblichen Anſtren⸗ gen, aus der Bergſpalte gerettet, um in dem nahen, armſeligen Dorfe auf einer Stroh⸗ ſchuͤtte zu vollenden. Der Brief aber, welchen die beſſere Viktorie mit ſich nahm, enthielt die Erklaͤrung des Prinzen, daß er im Begriff ſey, durch das noͤrdliche Italien nach der Heimat zuruͤck zu kehren und in Venedig die Nachricht von der Erfuͤllung des Verſprechens abzuwarten gedenke, welches man ihm, in Hinſicht auf die Standesmaͤßige Verſorgung feiner Frenndſn, gegeben habe. Als Adolars Kammerdiener dem Herzog damahls dieſe Depeſche uͤberbracht und Sido⸗ nien von der Ankunft der Frau von Blion un⸗ — Xõ— 263 terrichtet hatte, freueten ſich beide des gelunge⸗ nen Anfangs, und ſahen dann in der eingetre⸗ tenen Krankheit Viktoriens ein trefflich gewaͤhl⸗ tes Verlaͤngerungs⸗Mittel ihres Aufenthaltes zu Druſenburg. Die Graͤfin legte dem Leibarzt jenen Rath, welchen er, zu Viktoriens Aufhei⸗ terung, der alten Baronin gab, in den Mund; ſie vernahm mit inniger Zufriedenheit, aus den Berichten des gewonnenen Heinrichs an Luiſen, wie ſchnell und gut man ſich gegenſei⸗ tig gefalle, wie thaͤtig Adolars Mutter dies Verhaͤltniß beguͤnſtige und ahnte nicht des Schickſals dunkles Spiel, das ihrer Plaͤne ſpottete und den Pfeil der Rache gegen ſie ſelbſt kehrte. * Faltens Ruͤckkehr von der Beſchauungs⸗ Szene entriß die Sichere, ſammt ihrem Be⸗ ſchuͤtzer, dieſem getraͤumten Erfolge. Der Herzog faltete fluchend die Haͤnde, Sidonie aͤberließ ſich der Wuth ihres Ingrimms und 264 der zuͤgelloſen Heftigkeit ihrer Affekten. Ihr Mann aber ſprach, in ſchoͤnen Worten und ge⸗ gewahlten Ausdruͤcken, von den Foderungen der Vernunft an das Herz, von dem noͤthigen Gleichmuth des Staatsmannes im Mißgeſchick und von allen Heldinnen der Vor⸗ und Mit⸗ Welt, die dem ſchadenfrohen Daͤmon des Zu⸗ falls ein Schnippchen durch das andre ver⸗ galten. Sie thaten wohl daran! verſicherte der Herzog und ging ab, der Kammerherr aber ſagte zu ſeiner tobenden Gemahlin— Zeit bricht Roſen, Theuerſte! ſie bricht auch Haͤlſe, wenn Du willſt, darum faſſe Dich. Die junge Frau iſt Wittwe, wie ich hoͤre: ein Uebelſtand, der allein ſchon hinreicht, ihm den Wein der Flitter⸗Wochen zu verſauern. Sie ſcheint ſo alt als er zu ſeyn: in dieſem Mißver⸗ haͤltniß liegt Deine Genugthuung und ſeine Stra⸗ fe. Sie fuͤhlt nicht mehr, wenn er ſich fuͤhlen lernt, ſie neigt das Haupt, wenn er es erſt erhebt um —— 265 rund umher die ſchmerzlichen Opfer der noth⸗ gedrungenen Entbehrung zu erblicken. Sie wird ſein Plagegeiſt, auf meine Ehre! zur Hexe wird ſie, die ſich in den Fittich des Flug⸗ fertigen wirft und ihn an die hohle, verſunkene Bruſt niederzieht, waͤhrend dem ihn ſeine Sehnſucht, ſeine Kraft und ſein Schoͤnheits⸗ Sinn nach der fuͤllreichen Jugend⸗Goͤttin hin⸗ draͤngt. 4 Aus meinen Augen, Nichtswuͤrdiger! rief Sidonie jetzt dem leidigen Troͤſter zu, der in ſeinem Eifer nicht bedacht hatte, daß auch Sie eine Wittwe— obendrein eine der betruͤbendſten Gattung— daß auch Sie mit ihm in gleichem Alter war und daß ſein Pinſel jetzt den Umriß ihrer eigenen, muthmaßlichen Zukunft ent⸗ warf. 3 Die Wuͤrdigkeit iſt ein relativer Begriff, entgegnete der Kammerherr. Ich bin ein Gott im Vergleiche mit vielen, Sie aber wuͤrden, neben den geringſten der Engel geſtellt, abſon⸗ 266 derlich zu dieſer Stunde, ganz augenſcheinlich im Preiſe fallen. Wir wollen uns vertragen, Beſte, wollen Deinen Feind an den Hof feſ⸗ ſeln und wenn Du mir das Nachſchwert anver⸗ trauſt, ſo ſoll die Zukunft der Baronin mich fuͤr Deine Vergangenheit entſchaͤdigen. Sidonie nannte ihn jetzt einen haͤmiſchen Teufel und floh in ihr Schlafzimmer, das ſie hinter ſich abſchoß.— Zwar wußte ſie wenig von dieſer Blion, aber dies Wenige reichte zu der Ueberzeugung hin, daß Adolar beneidens⸗ werth und durch ſie im Beſitz aller Vorzuͤge des Geiſtes und des Herzens ſey, welche der ihm zugedachten Gattin abgingen. Zum Ueberfluß traf jetzt Prinz Eduard ein, den die verſpaͤtig⸗ te, erſt in Venedig vorgefundene Nachricht von dem gewaltſamen Ende ſeiner boͤſen Fee, nach dem Orte zuruͤck fuͤhrte, wo man bis auf wei⸗ teres ihren reichen Nachlaß aufbewahrt hatte. Sidonie verlor in dieſer Helfers⸗Helferin die noͤthige, lenkſame Leiterin des Prinzen, der 26) ſte haßte und ſeinen Bruder nur mit Widerwil⸗ len in ihren Haͤnden ſah. Eduard fuͤhlte ſich jetzt frei: die vorgefundenen Pappiere der Blion hatten ihn uͤber das Denken und Thun dieſes Unholds aufgeklaͤrt; vor allem eigneten ſich mehrere unter ihnen befindliche Brieſe Sido⸗ niens, zu Belegen der Eroͤffnungen, die er ſei⸗ nem Bruder zudachte und welche den Fall dieſer Guͤnſtlingin unnachbleiblich herbei fuͤhren mußten.. 1 * Eduard ſaͤumte nicht, den Herzog von den ſchimpflichen Banden zu befreien, die ihn ſelbſt noch vor kurzem entwürdigten. Dieſer nahm ihn mit bruͤderlicher Zaͤrtlichkeit auf; er dankte Gott, das Murren uͤber Eduards lange Ent⸗ fernung endlich beſchwichtigt und ein Ende der Verwieklung zu ſehn, welche das raſtloſe Geld⸗ Beduͤrfniß des Prinzen bis dahin nicht ſelten veranlaßte: auch trat jetzt Sidonie durch eine Seitenthuͤr in das Zimmer, um den Gefuͤrchts⸗ 2686 ten durch die ſanfte Gewalt ihrer Anmuth, und den Geiſt der kindlichſten Unterwuͤrfigkeit zu entwaffnen und durch den Zauber des Schmer⸗ zes und der Thraͤnen, mit denen ſie der un⸗ gluͤcklichen Blion gedachte, ſein Gemuͤth zu ruͤhren; Eduard aber dankte kalt und fluͤchtig, ergriff dann des Bruders Hand und fuͤhrte ihn in ein anſtoßendes Cabinet, das er hinter ſich abſchloß um ſie jetzt ohne Aufſchub zu ver⸗ nichten. Was ſoll das? fragte der Herzog, als der Riegel vorſprang und uͤberhoͤrte, baͤnglich und zerſtreut, den Eingang der bruͤderlichen Rede. Sidoniens Handſchrift feſſelte indeß, bald ge⸗ nug, ſeine Aufmerkſamkeit. Er las die Briefe — trauliche Herzens⸗Ergießungen, in denen das unedle Weib ſich dem gleichgeſinnten gab wie es war und wie es fuͤhlte. Er ſah ſich ein Kind, einen Suͤnder, einen Unmann genannt, ſah die Geſchichte nie geahnter Treuloſigkeit und der geheimen Verſtaͤndniſſe mit dem und jenen 269 ſeiner Hoͤflinge, als Triumphe geſchildert, ſah ihre Hand ſogar zu mehr als einem Staats⸗ Verbrechen geboten und mit einem Wort den Ueberſchwang der Falſchheit und des Frevels. — Eduard ſprach ihr das Leben ab; der Her⸗ zog ſchuͤttelte den Kopf. Jener drang auf ent⸗ ehrende Strafen; dieſer entgegnete— Greif in die eigene Bruſt und richte milder. Jede Verbindung dieſer Art erzeugt einen Wechſel⸗ tauſch der Gemuͤther. Des Mannes Staͤrke haͤrtet das Weib, des Weibes Schwaͤche eig⸗ net ſich dem Manne an und beide fallen dann aus ihrer Bahn. Sie fahre hin und werde auf ihr Gut verwieſen. Die Strafe— glaube mir! iſt druͤckender als ſie ſcheint und dieſer Falten, wie ich wohl einſehe, nicht geeignet, ihr den Leidenskelch der Erniedrigung und des Bewußtſeyns zu verſuͤßen. * Viktorie empfing jetzt einen Brief von dem Prinzen, in dem er fuͤr die gefaͤllige Abgabe 270 jener, durch ein Mißverſtaͤndniß an ſie gekom⸗ menen Depeſche dankte, ſeinen Kummer uͤber das Mißgeſchick an den Tag legte, welches er ihr unwillkuͤhrlich zugezogen und der neu Ver⸗ maͤhlten zu dem Beſitz des edeln Mannes Gluͤck wuͤnſchte, mit dem das Schickſal ſie, vergel⸗ tend und gerecht, vollauf entſchaͤdigt habe. Er fuͤgte dieſen Artigkeiten einige Eroͤrterungen bei, welche das Ehepaar uͤber die geſcheiterten Entwuͤrfe Sidoniens aufklaͤrten und das Ver⸗ zeichniß des Nachlaſſes ihrer Schwaͤgerin, de⸗ ren naͤchſte Erbin Viktorie war. Adolar dank⸗ te ihm dafuͤr an ſeiner Frauen Statt und fuͤhr⸗ te ſelbige dann, ohne Aufenthalt, nach ſeiner Burg zuruͤck, indem der Hintritt ihres Bruders die Reiſe nach Italien uͤberfluͤſſig machte. * Aber Hymenaͤus wollte nicht laͤcheln, die Horen der Roſen⸗Monde ſchlichen wie Leidtra⸗ gende dahin und Viktoriens Gemuͤth verduͤſterte 271 ſich in dem Maße, als ihr koͤrperliches Uebel wich. Sie konnte ſich es nicht vergeben, den Zypreſſen⸗Kranz, welchen die Wittwe an Blions Sarge bis zum Grabe zu tragen gelobte, ſo ſchnell und willig mit der Myrten⸗Krone vertauſcht zu haben und glaubte ſich von dem zuͤrnenden Schatten des Gefallenen verfolgt. Der Arzt ſah in dieſem Grambilde nur eine Puppe, welche die Phantaſie, in Ermange⸗ lung weſentlicher Stoffe, feſt hielt, nur einen Nachklang des gehobenen Nerven⸗Uebels; er verſicherte dem Baron, daß ſich diefer unſchaͤd⸗ liche Nebenbuhler allgemach verlieren werde und rieth, ihn durch den freudigen Geiſt der Wirk⸗ lichkeit zu verbannen. Adolar erſchoͤpfte ſich deshalb in Zerſtreunngs⸗Mitteln und ließ nichts unverſucht, die Trauernde zu den Anſichten und Genuͤſſen ihres Alters zuruck zu fuͤhren. Geſchmackvoll und ſinnig umgab er ſie mit an⸗ ſprechenden, lachenden Bildern, mit froͤhlichen Menſchen und uͤberraſchenden Feſten. Vikto⸗ rie zwang ſich zum Dank und zur Theilnahme, 272 doch entging ihm die ſtille Gewalt nicht, die ſie ſich anthat, der Seufzer nicht, der das Laͤ⸗ cheln ſtrafte, nicht der Kampf, welchen ihr die Verlaͤugnung der innern widerſtrebenden Ge⸗ fuͤhle koſtete. Sie verſagte ſich endlich, unter Vorgabe koͤrperlicher Unpaͤßlichkeit, dieſem Kreiſe und der unnuͤtze Komus ward, zuſammt dem jubelnden Gefolge, verabſchiedet. X Adolar ſah eben, eines Tages, graͤmlich und verſtimmt, und Trotz ſeinem Reichthum und dem Ertrag der beiden Erbſchaften mit dem Schickſal zerfallen, in ſeinem Forſt und nebenbei auf Feld und Trift zum Rechten, als Viktorie, ſchon in der Daͤmmerung, ihr An⸗ dachtsbuch in ſeinem Buͤcherſchranke ſuchte und die Handſchrift jenes Maͤhrchens gewahrte, das Sidonien zur Todfeindin ihres Gatten machte. Er hatte weislich vermieden, ſie von der Trieb⸗ feder dieſer Feindſeligkeit zu unterrichten und nur die Verſagung ſeiner Perſon als den Auell 273 ihres Grolles bezeichnet. Die Hefte lagen in der alten, ihr Auge durch die Seltſamkeit des antiken Einbands anziehenden Familien⸗Chro⸗ nick, welche jene Sage als ein wirklich Statt gefundenes Ereigniß vortrug und den Urſprung des Wappenbildes der Freiherrn von Druſen⸗ burg, eine gruͤne Kugel im goldenen Felde, von dem Geſchenk des Burg⸗Geſpenſtes ablei⸗ tete. Der fromme, glaͤubige Geiſt, der hier, vor mehr als drei Jahrhunderten, die Feder des Skribenten fuͤhrte, ſprach den Genius ih⸗ rer Schwermuth an; Viktorie weilte vor dem Schranke, ſie zog den reich beſchlagenen Folian⸗ ten mit beiden Haͤnden naͤher und las das Ka⸗ pitel von dem Burggeiſt, welches wegen der innliegenden Handſchrift ihres Gatten zunaͤchſt in's Auge ſprang. Die alte Grimſel erſchien, am Schluſſe der Erzaͤhlung, mit grellen Far⸗ ben auf Pergament gemahlt. Ihr grauete vor dem Ungetuͤm. Jetzt rollte eine hoͤlzerne Kap⸗ II. 18 274 ſel aus dem Schranke herab: die vertrocknete oͤffnete ſich, als Viktorie ſie im Fall erhaſchte, der magiſche Gallapfel fiel ihr in die Hand.— Die krankhafte Phantaſie uͤberwand allgemach den Geiſt der beſſern Ueberzeugung, das Halb⸗ dunkel des nahenden Abends wirkte bei und eben kniſterten die Dielen des Gemachs in ih⸗ rem Ruͤcken. Viktorie legte den Zauber⸗Apfel, angſthaft und eilig, an den vorigen Platz, ſie ſchob das ſchwere Buch zuruͤck und wendete ſich 4. ſchuͤchtern nach der Thuͤr— Da ſtand im duͤ⸗ ſtern Hintergrund eine weiße Geſtalt. Perfde! ſcholl es in ihr Ohr. Sie ſank Beſinnungslos zu Boden. 5 Apolar trat gleich darauf, mit der Jagd⸗* Flinte auf der Schulter, in ſein Zimmer. Das Gewehr entfiel ihm bei dem Anblick ſeiner er⸗ blichenen Gattin; er hob ſie raſch empor, Vik⸗ torie ſchien entſeelt. Vergebens rief er nach 275 der Kammerfrau, vergebens dem Heinrich; ſie ermannte ſich endlich unter ſeinen Kuͤſſen. O, laß mich— laß mich ſterben! flehte die Bebende: ich ſah ihn wieder und er zuͤrnte ſehr. Eine Treuloſe nannte er mich und wies hinabwaͤrts. Es iſt kein. Spiel der Sinne, kein Gaukelbild, mein Freund!— Er war es und kein Anderer— ich ſoll ihm folgen! Adolar ſtand voll Unmuth auf. Die alte Grimſel iſt's! brummte er in den Bart: ich wollte, daß ich Detlev waͤre. Frevle nicht! fiel Viktorie ein: es giebt ein Geiſterreich und die Unſichtbaren ſind reiz⸗ bar: man fodert ſie nicht ungeſtraft heraus, Dein Wappenſchild muß Dich das lehren. Wie koͤmmſt Du darauf? ſiel er betroffen ein. Die Kammerfrau brachte Licht und ward geſcholten; Viktorie entfernte ſie und ſagte dann, an ſeine Bruſt geſchmiegt— Ich wollte beten, guter Mann! da draͤngte mir einer je⸗ . 4 276 ner Unſichtbaren die Urkunden Deines Hauſes in die Hand— ich las, ich konnte die Augen nicht abwenden, und wie von ſelbſt bewegte ſich jetzt die Kapſel mit der Gabe des Burg⸗ weibchens und glitt uͤber die Buͤcher herab, auf denen ſie ruhete. Ich griff darnach, ich faßte ſie, mich aber faßte, bei dem Anblick des Gallapfels, ein ſtilles Grauſen, und plͤtzlich regte es ſich dort in der Ecke, ein kalter Odem blies in meinen Nacken— Perfide! rief die Geiſter⸗Stimme und Blion ſtand vor mir und ich verſank. Damit druͤckte Viktorie, unter Schauern, ihr Antlitz an des Gatten Bruſt. Aus allen dieſem, erwiederte Adolar: geht weiter nichts hervor, als daß Du uͤberreizt und Nervenkrank und daher ein wenig Wunderglaͤu⸗ big und ſehr taͤuſchbar biſt. Die Geſchichte des Burgweibchens iſt eine Fabel, fuͤr Gott weiß welchen lichtſcheuen Zweck, von irgend ei⸗ nem Burgpfaffen meiner Ahnherrn ausgedacht . * 4 277 und mein Heinrich kann Dir den Kraͤmer nen⸗ nen, bei welchem er dieſen Gallapfel zu Faͤr⸗ bung der verblichenen Tinte kaufte. Aber die verwuͤnſchte Nuß gleicht, wie ich ſehe, den Unheil bringenden Pantoffeln des Maͤhrchens, ſie zettelte bereits mehr Unfug an, als irgend ein boͤſer Talisman vermoͤchte und wie ich ſehe, wird es raͤthlich, dieſen Friedens⸗Stoͤrer ſchnell, fuͤr immer zu verbannen. Damit er⸗ griff der Baron ſeine Flinte, ließ den Gallapfel auf die Ladung hinab fallen und ſchoß ihn aus dem offenen Fenſter. Viktorie ſchrie laut auf; ſie blickte, Geiſter⸗ bleich, nach der Thuͤre. Ein Unhold iſt verſcheucht! fuhr er fort: die andern ſind nur Blaſen Deines Blutes. Nein! Nein! fliſterte ſie, an den Gatten gepreßt: meine Sinne ſind ſcharf und taͤuſchen mich nicht. Kaum war Dein Schuß gefallen, ſo vernahm ich einen ſeltſamen Ton in dem Neben⸗Zimmer. 278 Es hat keinen Ausgang, entgegnete er, das Licht ergreifend: laß uns ſehn, wer ihn ausſtieß. S. Bleib, ich beſchwoͤre Dich! Ich kam aus ihm als mich mein Unſtern zu dem Buͤcher⸗Schranke fuͤhrte und habe kein menſch⸗ liches Weſen darin zuruͤck gelaſſen. So fuͤchtete ſich vielleicht eine Eule, von dem Schuß geſcheucht, durch die offen ſtehenden Fenſter. Sie hielt ihn feſt. Laß mich gewäͤh⸗ ren! bat er, wand ſich los und trat hinein. Faſt waͤre dieſe edle Faſſung ihm entwichen, doch Herr von Blion verließ zum Gluͤck, von Seelen⸗Angſt getrieben, im folgenden Augen⸗ blick ſeinen Standpunkt auf dem Fenſter, aus dem er ſich hinab ſtuͤrzen wollte aber den Sprung zu gewagt fand, und deshalb zu Ado⸗ lars Fuͤſſen niederſank. Alles— ach, alles, rief der boͤſe Geiſt: nur ſchießen Sie nicht, gnaͤdiger Herr! ich will es niemahls wieder thun! 3 85 Heinrich, der noch immer in Sidoniens Solde ſtand, hatte nicht gezoͤgert, ihre Kam⸗ merfrau von dem Befinden des neuen Ehe⸗ Paares zu unterrichten. Die gnaͤdige Frau, ſchrieb er dieſer: werden nach wie vor, auf den Haͤnden getragen und auf Baumwolle gelegt, vom Morgen bis zum Abend geherzt und ge⸗ kuͤßt und ſollten Sie den Mond in der Naͤhe beſehen wollen, ſo wuͤrden der gnaͤdige Herr nicht raſten noch ruhen, bis er der gnaͤdigen Frau im Schooße laͤge. Aber das iſt alles ver⸗ gebens und hat derſelbe, wie mir vorkoͤmmt, ſeinen Dank dahin. Der Baronin Hochfrei⸗ herrliche Gnaden ſind und bleiben melancholiſch und gebehrden ſich wie Eva nach dem Suͤnden⸗ falle. Sie ſehen den erſten, im Duelle geblie⸗ benen Eheherrn, im Traume und haben ſich die zweite Heirath zu Gemuͤth gezogen. Sie weinen und ſeufzen Tag und Nacht und der ewige Jammer ſteigt dann allgemach meinem Baron auch zu Kopfe; ich hoͤrte, wie er ge⸗ ſtern, ganz fuͤr ſich, einen vernehmlichen Seuf⸗ zer ausſtieß und demſelben eine leiſe Vermale⸗ deiung dieſes herzbrechenden Zuſtandes nach⸗ folgen ließ. Sidoniens Fall hatte alle boͤſe Geiſter ihres Innern entbunden und das Mißlingen der ge⸗ ſchworenen Rache an einem Feinde, deſſen Triumph ihr Leben untergrub, die Unverſoͤhn⸗ liche aufs Aeußerſte gebracht. einrichs Nach⸗ richten wurden mit einer Hand voll Goldſtuͤcke bezahlt und er empfing durch Luiſen die Rolle, welcher der Baron, bei ſeiner unverhoften Ruͤck⸗ kehr, ein ſo ſchnelles als ſchmaͤhliges Ende machte. Sidoniens Feinde hatten indeß nicht ge⸗ ſchlummert. Die Unzahl der Anklagen, wel⸗ che der Herzog, um ſeiner Ehre willen, keines Weges zu beſeitigen vermochte, fuͤhrten jetzt ei⸗ ne foͤrmliche Unterſuchung herbei und die Ver⸗ wieſene ward nach der Hauptſtadt beſchieden. 28¹ Sie ſind verloren! ſagte Falten? wenn wir nicht ploͤtzlich und fuͤr immer auswandern. Sidonie gab ihm jetzt, zum erſten Mahl ſeit ihrem Trauungs⸗Tage, recht; man packte ſchnell und reiſte nun, Statt in die Haupt⸗ ſtadt, nach der Grenze.— Der Weg dahin fuͤhrte hart am Fuß der Druſenburg voruͤber: Sidonie verſchob die Abfahrt bis zum Mittag, um ſich den Anblick des verhaßten Schloſſes zu erſparen und ihr Wagen rollte eben unter den Fenſtern deſſelben hin, als der Baron ſeinen Gallapfel gegen den Abendſtern abſchoß. Die jungen Pferde wurden von dem Blitz und dem Knalle rebelliſch und jagten im geſtreckten Laufe fort; Sidonie erkannte die Gefahr und ſprang aus dem Wagen. Ihr Unſtern fuͤhrte ſie mit dem Geſicht in einen Steinhaufen, den man zu Fuͤllung der Gleiſe hier aufthuͤrmte; der Kammerherr gab ſie vertoren, verblieb in ſeiner Ruh und rechnete auf das Geſchick des Kut⸗ ſchers, der denn die fluͤchtigen bald genug baͤn⸗ digte. Heinrich hatte eben— von des Freiherrn ungeladener Flinte mit dem augenblicklichen Tode bedroht, die ganze Litaney ſeiner Verraͤ⸗ thereien gebeichtet, als der Jaͤger die Ankunft einer Dame meldete, welche, zu Folge des ge⸗ fallenen Schuſſes, hart am Schloßberg aus dem Wagen geſtuͤrzt und ſehr beſchaͤdigt ſey. Er uͤbergab ihm den Judas Iſcharioth mit dem Befehl, denſelben nach dem Thurme zu brin⸗ gen und eilte der Angeſagten, wie einſt Vik⸗ torien, entgegen. Ihre Bedienten hatten ſie bereits auf ein Sopha des Vorzimmers gebet⸗ tet, die Kammerfrau wuſch ihr das Blut vom Geſicht, er erkannte Sidonien. Sein Erſchrek⸗ ken loͤſte ſich in einen Ausruf des Erſtaunens, ſein gerechter Abſcheu in Erbarmen auf, die Kammerherrin aber oͤffnete, von jenem Ton geweckt, die Augen, ſtarrte ihn an und rief, mit kaum verhaltener Wuth— Sie ſchoſſen fehl! 283 Ihr Zuſtand entſchuldigt dieſen unwuͤrbi⸗ gen Verdacht! entgegnete Adolar. Jetzt kam der Wundarzt. Vor allem, ſagte ſie zu dem⸗ ſelben: verlange ich die Entfernung aus dieſer Moͤrder⸗Grube und den Schutz der Gerichte. Sie phantaſirt! rief der Baron und ging unter lauten Verwuͤnſchungen uͤber den heillo⸗ ſen Gallapfel, von Zimmer zu Zimmer und endlich zu Viktorien, die eine Zeugin von Hein⸗ richs Geſtaͤndniſſen worden war und jetzt, zu ihres Gatten Troſt, im tiefſten Schlafe lag. 1 Bald nach dem meldete ihm der Jaͤger, daß ſich Frau von Falten, gleich nach Vollendung des erſten Verbands, in den Wagen zuruͤck bringen ließ, derſelbe aber, gleich darauf, von einem Trupp berittener Polizei⸗Bedienten um⸗ ringt worden ſey und einen andern Weg habe einſchlagen muͤſſen. 3 * 8 Viktorie erwachte am Morgen neu belebt. Der fremde Arzt, den Adolar, aus Mißtrann gegen den bisherigen, welcher ja wohl auch von ſeiner Todfeindin gewonnen ſeyn konnte, im Laufe der Nacht herbei rufen ließ, verſicherte dem Baron, nach einem ausfuͤhrlichen Zwei⸗ geſpraͤch mit der Kranken, daß ſelbige offen⸗ bar, Trotz ihres ſchlanken Ausſehens und mancher widerſprechenden Erſcheinung, im fuͤnften Monat einer Hoffnung wandle, deren Verwirklichung das Gluͤck ſeines Lebens vollen: den muͤſſe— Daß der Geiſt der Schwermuth ein gewoͤhnlicher und unbedenklicher Vorlaͤufer dieſes Freuden⸗Engels ſey und vielleicht im Laufe der naͤchſten Tage oder Wochen von ihr ſcheiden werde. Viktorie vernahm unter Thraͤnen der Won⸗ ne dieſe Offenbarung des troͤſtlichen Verkuͤndi⸗ gers und umſchlang den hoch erfreuten Gatten. Das Bewußtſeyn der Mutter⸗Werdung er⸗ hob, erheiterte, entzuͤckte ſie, es entſchaͤdigte den liebenden Gemahl fuͤr die duͤſtern Stunden und die Bekuͤmmerniſſe der Vergangenheit; es 258 ſlocht die himmliſche Roſe in das irdiſche Leben 4 des Ehepaares.—. Der Geiſt der Schwermuth aber kehrte jetzt bei Sidonien ein. Man hatte ihre vor⸗ „habende Entweichung gefuͤrchtet und die Polizei⸗ 1 Beamten kamen noch zur rechten Zeit in Dru⸗ ſenburg an, um ſie auf dem Weg nach der Hauptſtadt zuruͤck zu fuͤhren. Die Anmuth ihrer Zuͤge ward durch den Fall aus dem Wagen fuͤr immer zerſtoͤrt, der Fall von der ebenen Bahn warf ſie, fuͤr im⸗ mer, in den Kerker der Veſtung. Heinrich entſprang der Gewahrſam, gerieth in ein Wer⸗ behaus und aus dieſem auf die Schlachtbank, 1 unter der ſie ihn eingruben. Der Kammerherr c. Falten ſtarb an den Folgen ſeiner Meinungen und Grundſaͤtze, Viktorie aber gebar ihrem Adolar einen bluͤhenden Knaben. Zwei niedli⸗ che, dem Gallapfel ſeines Wappens aͤhnliche Geburts⸗Maͤhler, die er, als wahrſcheinliche 286 Wirkungen der Eindruͤcke jenes Abends, mit auf die Welt brachte, zeugen, naͤchſt der alten Erfahrung, fuͤr die myſtiſche Nachbildungs⸗ Kraft der muͤtterlichen Phantaſie, welche von einigen neuern Obſtetrikern oder Weh⸗Vaͤtern zur Ungebuͤhr bezweifelt und verworfen wird. —. 4 G Ende des zweiten Theils. ** 4 ſifſſſſnnn 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1