—— — — ſ————— 3— 7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ¹ von... 38 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek hek ſteht zur Em⸗ † pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet] wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und) beträgt:. 1 5 1 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 5— — 1 Mk. 50 6 Bücher: Ff. 2 M. f. —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. „ 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ß der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und B defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. e 3 8 1 Blaͤtter aus dem Buche der Vorzeit, von Guſtav Schilling. Dresden, 1813. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Blaͤtter aus dem Buche der Vorzeit. Von Guſtav Schilling. . Sr. ARA ARRA Schillings Schr. 46r Bd. 1 6 — 1 Dem 4 Hauptmann Guſtav von Zedlit, zu Gunſten freundlicher Erinnerung — an den * Verfaſſer. 4 ☛———— 5 4 Inhalt. Erinnerungen einer Großtante. Der kuͤhne Wittel. Freibergs Ehrenkranz. Die Baͤren⸗Jaͤger. 3 Folgen des Unrechts. Erinnerungen einer Groß⸗Tante aus dem Kriegsjahre 176o⸗ E⸗ erſchien eben, zur Feier meines Geburts⸗ tages, eine Torte mit funfzehn Lichtern auf dem Tiſche, als die Hausklingel anſchlug. Herr von L. ein Mitglied des Reichs⸗General⸗Sta⸗ bes, des Vaters Freund, hielt auf ſeiner praͤch⸗ tigen Schecke vor der verſchloſſenen Thuͤr und vertraute den hinab eilenden Eltern, ſeinem Verſprechen gemaͤß, daß unſerer Stadt, wel⸗ che damals noch fuͤr eine Veſtung galt, die ernſte Gefahr drohe.— Als Jene mit der betruͤbenden Nachricht zuruͤck kamen, ſchnitt Tante Sophie, des Vaters Schweſter, harm⸗ los die Torte an, und ſagte— Ich bitt’ Euch, Kinder! lacht den Hiobs⸗ bothen aus. Er will ſich ſehn laſſen.— gel⸗ 10 tend machen— Dank verdienen. Still da⸗ von! Julchen lebe! Sie lebe, fromm und ſroh und erleb' eine beſſere Zeit! Stoßt an! Die Eltern tranken, ihren Kummer ver⸗ bergend, auf mein Wohl, der eintretende, verſchickt geweſene Bediente ſagte— Eben zieht die Reichs⸗Armee an der Vor⸗ ſtadt voruͤber. Der König treibt ſie, wie mir ein Feldwebel von den Wuͤrzburgern verſicher⸗ te: und werde nun die Stadt mit Sturm nehmen oder in Grund ſchießen. Die ſchoͤne Reſidenz! Gott ſei uns gnaͤdig! Tante Sophie ſetzte, ernſt werdend, das Glas zuruͤck und ſprach— Daß die Reichstruppen davon laufen, iſt ſchlecht genug, doch in der Regel, was aber der einfaͤltige Wuͤrzburger muthmaßt, kann unſer Herr Gott nicht zulaſſen. Er ſchickt uns ſeinen Daun. Fritz iſt auch klug genug, um einzuſehn, daß ihm der Tuͤrke ſelbſt zu Leibe ginge, wenn er die unſchuldige Hauptſtadt mit 11 Feuer heimſuchte. Zudem ſah ich den Preu⸗ ßen⸗Koͤnig, nach Mitternacht, im Traum. Er ſtand bis an die Knie in Roſen und blies, wie ein Engel, ſeine Floͤte. Das deutet of⸗ fenbar auf Friede und Freude! Denkt an mich! Der Vater traf, Trotz dieſer Buͤrgſchaft, ſofort Anſtalten, um das Beſte unſerer Habe ungeſaͤumt in die Keller zu verſetzen, mich aber ſandte die Mutter zu der Graͤfin hinab, die den erſten Stock des vaͤterlichen Hauſes bewohnte, um ihr den empfangenen Wink mit⸗ zutheilen. Ihr Gemahl war nicht gegenwaͤr⸗ tig, aber ſie wußte bereits ſoviel als wir: ich fand ſie, umgeben von den Herrlichkeiten mit denen Er die Angebetete juͤngſt, am Geburts⸗ tag, uͤberhaͤufte. Zwei Kammer⸗Frauen pack⸗ ten dieſe bereits ein und als ich meinen Spruch geendet hatte, druͤckte mich die holdſelige Ka⸗ roline an das Herz und ſagte, mit thraͤnen⸗ vollen aber leuchtenden Augen— 12 Wie Gott will! Wenn mir nur mein Guͤn⸗ ther und ſeine Liebe bleibt! 3 Von allen Ehen, deren Geiſt und Ver⸗ haͤltniſſe ich, im Laufe meines Lebens kennen lernte, war dieſe wohl, bei weitem, die gluͤck⸗ lichſte, auch fand man ſchwerlich ein liebens⸗ wuͤrdigeres Menſchenpaar. Seitdem es in unſerm Hauſe waltete, hatte die Guͤte der Grafin und ihr Antheil an dem aufbluͤhenden Knoͤspchen, mich Unbedeutende an ſich gezo⸗ gen und da ſein Hofamt den Grafen, oft Ta⸗ ge lang, entfernt hielt, ſo brachte ich wohl zwei Drittheile meiner Zeit an der Seite der edelmüthigen Goͤnnerin zu. Der Mutter ſchmei⸗ chelte jene Gunſt und das ſtete Verlangen nach mir und der Vater bemerkte mit Wohl⸗ gefallen den ſichtlichen Einfluß des gedachten Umgangs auf meine Bildung, denn die ſtille aber wohlthuende Gewalt, welche mir dies ſanfte Joch auflegte, vertilgte die Unarten je⸗ nes Allers; der Geiſt des edeln, mich begei⸗ —,. 3 13 ſternden Vorbildes, zeitigte und ſtaͤrkte in mei⸗ ner Bruſt das ſittlich Schoͤne, durch die An⸗ muth des Welttons verlieblicht. Der Graf von B. hatte Karolinen in den Schooß des Reichthums verſetzt und benutzte das zwanzigſte, bald nach der Trauung ein⸗ fallende Lebensfeſt ſeiner Gattin, um Sie, an dieſem Tage, mit noch manchem, fehlenden Erforderniſſe ihres Standes zu verſorgen. Mein Geſchlecht wird es, in ſoweit ihm dieſe Mit⸗ theilungen zu Augen kommen duͤrften, nicht un⸗ gern ſehn, wenn ich mich hier, von der Er⸗ innerung erquickt, als Augenzeugin uͤber jenen goldnen Tag verbreite, der Karolinen, mit je⸗ dem Stundenſchlage, unverhoffte, koͤſtliche Gaben brachte. 14 Von den Wuͤnſchen und den Kuͤſſen des ſchoͤnen, hochgebildeten Gatten geweckt, fielen ihre Augen, als er den ſeidenen Vorhang des Bettes zuruͤck ſchlug, auf den glaͤnzenden Nacht⸗ tiſch, welcher jedes Beduͤrfniß der ſchmucklie⸗ benden Weiblichkeit im Ueberſchwang befrie⸗ digte. Sechs neue, im Geſchmacke jener Ta⸗ ge gefertigte Morgenkleider, umgaben ihn; ſie wurden, nach dem Rauſche der erſten Freude, vor ſeinem Spiegel angepaßt und als Karoline, mit dem gefaͤlligſten geſchmuͤckt, in ihr Wohnzimmer trat, erblickte die Ton⸗ kuͤnſtlerin eine Harfe, die dem Auge ſo wohl als dem Ohre that und auf dem neuen Por⸗ zellan des bereit ſtehenden Fruͤhſtuͤckes anſpre⸗ chende Symbole ihres Gluͤcks in Bildern und Schildereien, welche ſie an die ſuͤßeſten Stun⸗ den der jungen Liebe und des goldenen Braut⸗ ſtands erinnerten. Neuer Jubel! Neuer Dank! Der Harfe Saiten und die Thraͤnen ihrer lieblichen Au⸗ —— — 15 gen ſprachen ihn vergeltend ans. Da ſchlug es zehn Uhr— im Beſuch⸗Zimmer ward ei⸗ ne Floͤten⸗Uhr laut, die Graͤfin eilte hin, um die ſuͤße Saͤngerin zu belauſchen; ſie fand das Zimmer mit dem koͤſtlichen Geraͤth ausge⸗ ſtattet, welches der Graf, fuͤr dieſen Zweck, von einem abgerufenen Geſandten erkauſte. Endlich erinnerte die Kammerfrau Karolinen an die Naͤhe des Mittags und als dieſe, Freu⸗ de trunken, in das Ankleide⸗Zimmer huͤpfte, ſchienen die Stuͤhle deſſelben von reich ge⸗ ſchmuͤckten Damen beſetzt zu ſeyn. Den ei⸗ nen bedeckte die Robe von Goldmohr, den an⸗ dern die modiſche Andrienne, den dritten der Zobelpelz, die folgenden manches andre Pracht⸗ und Feierkleid; der Kopfzierden, welche dee Tiſche fuͤllten, nicht zu gedenken. Jetzt trat der Geber ein, um die Gluͤckli⸗ che zur Tafel zu fuͤhren, wo ihre beſten Freundin⸗ nen und des Gatten gepruͤfteſte Jugend⸗Gefaͤhrten ſie begruͤßten. Man ſpeiſte Heut auf neuem Sil⸗ 16 ber, das Guͤnther, Stuͤck fuͤr Stuͤck, mit Ka⸗ rolinens Wappen und Namen zag bezeichnen ließ. Hier erſchien auch der uner kaufliche, un⸗ beſchwoͤrbare Geiſt der Freude, um das Mahl zu wuͤrzen und die Gaſte zu Spiegeln ihrer Wonne und des inneren Entzuͤckens ihrer Biuſt zu verſchoͤnen. Die Nachwirkung des Jubels und der Freudengoͤcter, die Karolinen ſeit dem Morgen, von einem Sonnengipfel 4 den andern trugen, gewaͤltigte ſie nach der Tafel; ſie ſtahl ſich fort, im Sopha auszu⸗ ruhn und derſank bald in den Engelſchlaf der Besgluͤckten. Jene Giſte verließen uns nun und der Graf erſuchte mich, die Arme der Schlaͤferin mit zwei juwelenreichen, das Bildniß ihrer Eltern tragenden Baͤndern zu umſchlingen und ihr, wo moͤglich, einen Brillantring den er mir einhaͤndigte, an den Finger zu ſichie⸗ ben.— Ich that, erfreut, geſpannut, und ſeiner „ ———y——— 17 Weiſung gemaͤß, mit der aͤußerſten Behut⸗ ſamkeit, wie mir geheißen ward; die Graͤfin erwachte, als der Ring bereits an ihrem Fin⸗ ger blitzte. Sie ermunterte ſich, da eben die alte Anne, Karolinens ehemalige Pflegerin ge⸗ meldet ward, deren Haͤnde dieſe be mit treuer Sorgfalt, durch den Blumengarten der Kind⸗ heit geleiteten— Ein's jener beiſtaͤndigen, heil⸗ bringenden Weſen, deren Verdtenſte um die Wiege der Gluͤckskinder ſelten die gehoͤrige Wuͤrdigung, noch ſeltner dankbare Gewiegte ſinden und der Vergeltung jener gerechten, kei⸗ ne Gutthat unbelohnt laſſenden Himmelsgei⸗ ſter, anheim geſtellt bleiben. Karoline oͤffnete, bei dem Eintritt des Muͤtterchens, das ſein altes Recht— das Recht, den lieblichen Zoͤgling an ſeinem Lebens⸗ feſt zu ſegnen, geltend machte— oͤffnete, noch unbewußt des Schmucks, der ihr im Schlafe ward, die ſchoͤnen Arme, umfing die Alte mit zaͤrtlichem Kindesſinn und ward zu lauter Ek⸗ Schillings Schr. 46r Bd. 2 18 innerungen. Sie ſchilderte der Herzliebſten den Ueberſchwang ihres Gluͤcks, ſie weinte an der Bruſt, an der ihr ſonſt von Engeln traͤumte und es laͤchelten ſie jetzt, aus den blitzenden Ovalen der Armbaͤnder, die guͤtigen, verewig⸗ ten Eltern an; des Ringes reine Diaman⸗ ten blitzten wie die Thraͤnen der Armen, de⸗ nen ſie wohlthat. * Als endlich auch dieſer Ueberraſchung ihr Reche geworden war, fragte Karoline mit dem An⸗ theil eines anhaͤnglichen Toͤchterleins, nach An⸗ nens Verhaͤltniſſen, nach dem Zuſtand ihrer Kinder und Enkel, welche das Schickſal, in jener boͤſen Zeit, meiſt alle verließ und ver⸗ ſaͤumte. Es ag der Alten, vor allem ein Tochterſohn, den die Preußen zum Kriegs⸗ 19 dienſte zwangen und nach der Prager Schlacht, wo er zum Kruͤppel ward, entließen, mit ſei⸗ ner Frau und fuͤnf Kindern am Herzen und zur Laſt; auch mußte eine nervenkranke, ſchwer⸗ muͤthige Tochter bewacht, ein werthes, durch die Blattern erblindetes Enkelchen gewartet werden und Annens Keaͤfte ſchwanden ſichtbar⸗ lich, gleich ihrer Habe, durch das haͤusliche Elend und den Fluch des Kriegs. Welch ein betruͤbendes Gegenſtuͤck zu der Lage der Graͤfin! Sie blickte jetzt, ſich ihres Gluͤckes ſchaͤmend, auf die funkelnden Arm⸗ baͤnder, auf die koſtſpielige Herrlichkeit der Umgebung und fuͤhlte ſich, Trotz des Fuͤll⸗ horns, das der zaͤrtlichſte der Gatten Heut uͤber ihr ausſchuͤttete, bettelarm; es mangelte ja Karolinen immer noch der Guͤter noͤthig⸗ ſtes— das Mittel, dieſe Weinende zu er⸗ freuen, denn ihren unbedeutenden Geld⸗Vor⸗ rath hatte Geſtern der Anſpruch anderer Huͤlf⸗ Beduͤrſtigen, bis auf eine Kleinigkeit erſchoͤpft. 20 Nun, dieſe ſollte Annen werden. Die Graͤfin eilte deshalb zum Schrank hin und als ſie den Geldkaſten öͤffnete, regte ſich eine Reihe von Goldrollen, mit denen der Geliebte ihn am Morgen verſehn hatte. O mein Gott!— O, mein Guͤnther! lis⸗ pelte Karoline, kaum vernehmlich, aber ſie hob, wie befluͤgelt, die gefalteten Haͤnde zu dem Quell alles Heils auf und Anne ging, der Angſt entnommen, mit einer dieſer Rollen begabt, ſegnend und betend, von dannen. Die Graͤfin ſah jetzt, in Ruͤhrung aufge⸗ loͤſt, auf den Schmuck ihrer Arme, auf das Gold im Pult, auf das Kleinod am Finger, auf die Schaͤtze und Koſtbarkeiten welche ſie, wohin ihr Blick auch fiel, umgaben; ſie zog mich, laut weinend, an das Herz und warf ſich dann auf ihre Knie und betete. Ich wein⸗ te, betete mit ihr und nahm mit ſolcher In⸗ brunſt an dem Heile des Engels Theil, als 21 ob die Halbſchied dieſer Gaben und das Herz des Gebers, mein Eigenthum geworden ſei. Heute fand ich nun die Graͤfin, wie oben er⸗ waͤhnt ward, mit dem Einpacken dieſes Reich⸗ thums beſchaͤftigt. Sie fuͤhrte mich an ihren Nachttiſch, ſchlang unter Liebkoſungen, eine goldene, ihr Bildniß tragende Kette um mei⸗ nen Hals und ſagte mit dem Wohllaut der Zaͤrtlichkeit— Zu Deinem Geburtstage, mein Julchen! Gern haͤtte ich ihn freundlicher gefeiert. Ich bitte Dich, bleibe gut und deinem Gott ge⸗ treu, denn nur die Wuͤrdige iſt ſchoͤn!— Selig Alle, die reines Herzens ſind!— Dar⸗ auf kuͤßte ſie mich, legte die Hand auf mei⸗ 22 ne Stirn und ſprach bewegt, mit halber Stim⸗ me— Der Engel des Herren, bewahre Dich! Ich dankte ihr mit einem Thraͤnenſtrom, ich gelobte, von ihren Worten erhoben, im Geiſt der Andacht— Ja⸗ ich will gut und dem himmliſchen Va⸗ ter getreu— ich will zuͤchtig und gottſelig blei⸗ ben und Ihr edles, heiliges Beiſpiel ſoll im⸗ merdar das Vorbild meines Lebens ſeyn. Jetzt trat der Graf, verſtoͤrt, doch laͤchelnd ein und bemuͤhte ſich, durch Thun und Rede, ihr Troſt und Hoffnungen vorzuſpiegeln. Wahrheit! bat die Gattin, ihn umſchlin⸗ gend: ich kann ſie ertragen. Mein Herz fuͤrch⸗ tet nichts, haͤngt an nichts als nur an Dir, zittert einzig und allein für Dein Wohl und fuͤr Dein Leben. Ach, es bleibt reich und froh, ſo lang' es ſchlaͤgt und des Deinen gewiß iſt, würden wir auch aͤrmer und ungluͤcklicher, als die Kinder und Enkel meiner Anne. 23 O, liebes Weib! rief er erheitert: Sieh, Dir gelingt, was ich verſuchte— Du troͤ⸗ ſteſt mich! Halte Wort! Hier iſt ein Brief, der Deine Staͤrke pruͤfen wird. Unſer Gut ward gepluͤndert und die Gebaͤude liegen in Aſche. Das ſchoͤne Gut! rief ſie, erblaſſend: Deine Freude, Guͤnther! mein Sorgenfrei!— Gottes Wille geſchehe! Amen! ſagte der Graf. Es ſiel ein Ka⸗ nonenſchuß auf dem nahen Walle, ſie hieß mich, zu der Mutter gehen. Ich weilte noch fuͤr einen Augenblick am Spiegel des Vorſaals, um das reiche Kleinod meines Halſes zu be⸗ wundern, denn mir war, als ſei ich gekroͤnt worden und im Beſitz eines unbezahlbaren Gutes. Ich fuͤhlte nun die Angſt der Reichen und was es ſagen wolle, die werthe, zieren⸗ de Habe, den geliebten Schatz, von den Ge⸗ fahren der Zerſtoͤrung bedroht zu ſehen. Zu meinem Troſte ließ ſich darauf rechnen, daß 24. die Tante, welche mir, als ein beſondrer Gaͤnſtling des Himmels erſchien, der Erhal⸗ tung dieſes Reichthums, in ihrem taͤglichen Gebete, mit Eifer gedenken werde und es kraͤnk⸗ te mich deshalb um ſo mehr, als ich vor ſie und die Mutter trat und dieſe nur einen lauen, fluͤchtigen Antheil an dem gedachten Kleinod nahmen.— Wie viel anders als vorhin, wie wuͤſt und wild ſah es bereits in unſerer Woh⸗ nung aus: Morgen konnte ſchon, der Anſicht Sachverſtaͤndiger zu Folge, unſer Haus und dieſer ganze Theil der Stadt in Flammen ſtehen und die Meinigen beeilten ſich daher, Alles was uns lieb oder von Werth war, in die Keller zu ſchaffen. Die Kette welche mich ſo gluͤcklich und ſo ſtolz machte, ward demnach, unverzuͤglich, dem Schmuckkaͤſtchen meiner Nutter beigefuͤgt, daſſelbe in der Wand des unterſten Kellers verborgen, das Quaderſtuͤck, welches der Vater zu dieſem Behuf aus der Mauer zog, mit einem Merkmahl verſehn, 25 dann wieder kunſtmaͤßig in die Luͤcke geſetzt und uͤbertuͤncht. Ich diente als Handlangerin bei dieſer Ar⸗ beit und bat, im Stillen, mit Inbrunſt die Engel, unſeren Keller bis zum Austrag der Sache behuͤten und bewachen zu wollen; das Tantchen aber eiferte, halblaut, uͤber die un⸗ noͤthige Angſt und Muͤhe und rief dazwiſchen, in Stoßſeufzern, den Herren an, ihr Ver⸗ trauen nur dies eine Mal triumphiren zu laſſen, denn das Stubenmaͤdchen, eine gewich⸗ tige Traumdeuterin, machte ſie im Glauben irr. Es behauptete, die Roſen, in denen der Preuße bis an die Knoͤchel geſtanden ſei, waͤ⸗ ren der Blutſtrom in dem er zu waten ge⸗ denke und die Floͤte auf der er blies, beſage, daß wir nach ſeiner Pfeife tanzen ſollten; aber das Inſtrument ſei zu ſchwach, die Hoff⸗ nung alſo nicht gaͤnzlich verſchwunden. Der Graf bezog mit ſeiner Gemahlin, nach⸗ dem ihre Habe geborgen war, ein bombenfe⸗ ſtes Gewölbe des Schloſſes; die werthen Haus⸗ Genoſſen ſagten uns demnach das Lebewohl. Karoline erbot ſich, Falls meine Eltern es genehmigten, mich in dem ſichern Verſtecke und unter ihrem Schutze zu bewahren. Mei⸗ ne geſchmeichelte Eitelkeit ſtimmte der Guͤti⸗ gen um ſo freudiger bei, da die Einbildungs⸗ Kraſt ſich in der Koͤnigsburg alsbald einen Feenſitz, mitten in der Drangſal eine gluͤckli⸗ che Inſel— die Genuͤſſe anziehender Erſchei⸗ nungen, vornehmer Bekanntſchaften und ei⸗ nen Zuwachs an hochgebornen Goͤnnerinnen traͤumte; das kindliche Gefuͤhl verwarf dage⸗ gen dieſe Wahl, als eine ſtrafbare und die Er⸗ klaͤrung der Mutter die ihr Kind nicht laſſen wollte, beendete den Kampf im Herzen des Toͤchterchens. Karoline bedeckte mich, ſchei⸗ 27 dend, mit ihren Thraͤnen, es war mir, als ob in der Gefeierten mein guter Engel von uns ginge. Betet doch lieber! ſagte die Tante, als wir noch immer, Stuͤck auf Stuͤck, in den Keller hinab trugen; ſo ſendet der Herr uns ſeine Diener, die bewachen das Haus. Des Herren Diener haben mehr zu thun, erwiederte der Vater: greif lieber zu, Schwe⸗ ſter! und diene Dir ſelbſt. Wer die Haͤnde gefaltet zum Himmel erhebt, waͤh⸗ rend dem er, eben ſich damit helfen koͤnn⸗ te, wird, wie billig, ein Opfer ſeiner Einfalt und Feigheit. Unfer Herr Gott hing des Men⸗ ſchen Kraft und Vernunft nicht an die Wol⸗ ken, damit er ſie von da herab aͤugle, er warf die Himmels⸗Funken in ſeine Bruſt und ſag⸗ 28 te— Geh, hilf Dir ſelbſt, dann trau auf mich! 8 3 Du warſt jederzeit ein Freigeiſt! ſprach Sie, geaͤrgert: darum iſt mir auch fuͤr Deine zeitlichen Guͤter leid. Erhaͤlt ſie dennoch der liebe Gott, ſo weiß ich dann am Beſten, wem man die Rettung zu danken hat. Erſchoͤpft von der Arbeit des geſtrigen Tages und der ruheloſen Nacht, verzehrten wir eben, am folgenden Morgen, die Reſte der Feſt⸗ Torte, als ein rauſchendes Ziſchen und erſchůt⸗ terndes Getoͤſe die Zeit der Noth und das Beginnen des Mordbrands verkuͤndigte. Gleich darauf erſchreckte uns der ſchmetternde Knall einer Grenade, die Fenſter der Hausflur be⸗ 29 deckten gleichzeitig, in tauſend Stuͤcke zertruͤm⸗ mert, den Boden. Siehſt Du, Schweſterchen, ſprach mein Vater zu der erbleichenden Tante: das iſt ſo eine von den Roſen, die Du, im Traume, zu des Koͤnigs Fuͤſſen ſahſt. Die Floͤte hoͤrt man! Des Vaters Haltung und die Ausdauer ſeines heitern Sinnes erhob und ſtärkte mei⸗ nen geſunkenen Muth; ich ſprach der weinen⸗ den, verſtummten Mutter Troſt zu, ich holte noch manches vergeſſene Geraͤth, ſelbſt den Ka⸗ ſten, in welchem die Vertrauten ſchoͤnerer Ta⸗ ge, meine Puppen, ſeit faſt zwei Jahren ru⸗ heten, vom Boden herbei— ich wagte mich ſelbſt zu dem Fenſter hin; aber da lag, vor der jenſeitigen Hausthuͤr, ein blutiger, mir be⸗ kannter Buͤrger mit zermalmten Fuͤſſen, der Gipfel des Gebaͤudes erglaͤnzte im Widerſchein eines nahen, aufgehenden Feuers; zwiſchen dem Getoͤſe des Kanonen⸗Donners ward die Sturm⸗ glocke hoͤrbar, das Hinterrad eines voruͤber 30 fliegenden Pulverwagens rollte uͤber den blu⸗ tigen Mann hin, welcher laut aufſchrie und dann fuͤr immer verſtummte. Dazu flogen die Bomben, gleich ſchwarzen, brennenden Adlern, vom Himmel nieder und verſchwanden mit dem Gepraſſel des einſchlagenden Blitzſtrahles, in den Dachſtuͤhlen der Gebaͤude. Ich hatte, im Lauf von zwei Minuten, des Schrecklichen genug geſehn um ſeiner, Jahre lang, mit Schauern gedenken zu muͤſſen, und eilte, ſchnell verzagend, in den Keller zuruͤck. Doch, ach! die Meinigen begegneten mir auf der Stiege, denn er ſollte, zu Folge der vaͤterlichen Ver⸗ fuͤgung, verrammelt und der naͤchſte, guͤnſti⸗ ge Augenblick zur Flucht nach dem Hauſe des Herren Pathen, benutzt werden, das, jenſeit des Stromes, in dem ſichern, unbedrohten Theile der Stadt lag. Immer wilder und Herz zerreißender ward draußen der Tumult; es regnete Funken, Dampf⸗ wolken verhuͤllten die Straßen, die Daͤmme⸗ 31 rung brach am hellen Mittag ein und ringsum erſcholl das Getoͤſe geſprengter Hausthuͤren, zerſchlagener Fenſter, der Fluch und das Huͤlf⸗ geſchrei. Ein Theil der Beſatzung, welcher aus den verwilderten Horden einer rohen Voͤl⸗ kerſchaft beſtand, ſah die Stadt bereits fuͤr gute Beute an und pluͤnderte und mißhandelte die Einwohner wo es ſich thun ließ, ohne gerade zu den Sicherheits⸗Wachen und dem General⸗Gewaltigen in die Haͤnde zu laufen, der, zu Ehren der Mannszucht, den gering⸗ ſten Frevel auf der Stelle und ohne Erbar⸗ men mit dem Tode beſtrafte. — Der Zuſtand des armen Tantchens, welcher Herz und Fuͤſſe den Dienſt verſagten, ſchob die vorhabende Flucht bis zum Abende hinaus. Unſer treuer Bedienter und der Hausmann blieben in dem feſten Gewoͤlbe der hintern Flur zuruͤck, wir betraten, im Vertrauen auf den Schutz der himmliſchen Maͤchte, die Straße. Mutter und Tantchen erſchienen in Mannstracht, die aus der vaͤterlichen Kleider⸗ kammer genommen und durch Scheere und Nadel in der Eil moͤglichſt verjuͤngt ward: ich, viel zu klein fuͤr dieſe Kleider, erhielt durch des Hausmanns Schurzfell und eine Reiſemuͤtze des Vaters, das Ausſehn eines Lehrburſchen und ging ſo, beiher. Hoch uͤber uns brauſte jetzt ein Strom von Flugfeuer, der aus der brennenden Druk⸗ kerei aufwirbelte: in den Gewehren der Trup⸗ pen⸗Maſſen, die, in Schlacht⸗Ordnung, den⸗ 33 Markt bedeckten, ſpiegelte ſich die rothe Gluth einer brennenden Straße, es ſah aus, als ob dieſe Scharen aus einem Feuermeer auf⸗ tauchten. Der Markt und die Gaſſen waren mit loͤſchenden, raͤumenden, fliehenden, oder Lebensmittel herbeiſchaffenden Einwohnern uͤber⸗ fuͤllt, die ſich hervorwagten, da eben, zu Fol⸗ ge eines eingetretenen, kurzen Stillſtandes, die feindlichen Mord⸗ und Feuerſchluͤnde ſchwie⸗ gen. Um dieſe kurze Pauſe zu benutzen, hatte man einen, jenſeit der Bruͤcke geſtandenen Zug von Pulverkarren in Bewegung geſetzt, welcher aber auf derſelben, durch das zahlrei⸗ che, ihm begegnende Fuhrweſen der Fliehenden, durch einige, umgeſtuͤrzte Wagen, durch gefal⸗ lene Pferde und den draͤngenden, nach jenem Aſyl eilenden Menſchenſtrom, gehemmt und behindert ward. Es ſprengte alsbald eine Reiterſchar herbei, um, fuͤr den Augenblick, die Bruͤcke zu ſperren und den Menſchenhau⸗ Schillings Schr. 46 r Bd. 3 34 fen, noͤthigen Falles, mit der Schaͤrfe des Schwertes zuruͤck zu weiſen. Die Reiter folg⸗ ten dieſer Weiſung zur Ungebuͤhr und ſcho⸗ nungslos, denn eben als wir jetzt auf dem freien Platz vor der Bruͤcke eintrafen, ſtuͤrzte die getriebene Menge, tobend und in wilder Haſt, auf uns zu. Ich ſtrebte, die Gefahr erblickend, nach der Mutter Arm, der Drang entriß mich ihr im naͤchſten Augenblick, er ſchob mich unauf⸗ haltſam fort, tief in die Straße hin, aus der wir eben hergekommen waren. Die Hand des Himmels erhielt mich auf den Fuͤſſen, ſchwe⸗ bend zwiſchen einigen Maͤnnern, deren Arme 9. den ſcheinbaren, federleichten Knaben Theils abſichtlich, Theils unwillkuͤhrlich vor dem Fall und damit auch vor der Vernichtung ſicher⸗ ten.. Vergebens rief ich, angſtvoll, des Vaters Namen— der Mutter— dem Tantchen. Ver⸗ gebens ſuchte ich ſie, als die Maſſe, Luft ge⸗ 35 winnend, ſich zerſtreute, mit Todes⸗Bangig⸗ keit, und begegnete endlich, im Lauf eines in⸗ bruͤnſtigen, den Retter in aller Noth anfle⸗ henden Gedankens, bei dem Licht der Flam⸗ menſtroͤme, die das abendliche Dunkel aushell⸗ ten, dem guten Julius, unſerm genauen Be⸗ kannten. Dieſer junge, achtbare und verſtaͤndige Menſch, ein angehender Baukuͤnſtler, war meinem Vater, dem er einige Riſſe und Zeich⸗ nungen, zum Behufe der Finanz⸗Kammer ein⸗ haͤndigen mußte, als ein armer aber pflicht⸗ getreuer, der Unterſtuͤtzung werther Juͤngling empfohlen worden, der ihn dann auch mehr⸗ mals beſchaͤftigte, ihn lieb gewonnen hatte und ſein Gluͤck zu begruͤnden trachtete. Heute nun erſchien mir Julius, als ein guter, von Gott erbeteter Schutzgeiſt: ich nannte ihm meinen Namen, da mich die Ver⸗ kleidung und das Ausſehen unkenntlich gemacht hatte, ich theilte ihm, in wenigen Worten, mein 36 Schickſal und die Urſache des Unfalls mit— Kaum aber erfaßte er, im Eifer der Huͤlfs⸗ willigkeit, meinen Arm, als die Folgen der er⸗ littenen Angſt und der heutigen, herzbrechen⸗ den Erſchuͤtterungen uͤber mich kamen. Feuer und Flammen, Haͤuſer und Menſchen, Him⸗ mel und Erde umkreiſten mich im fliegenden „Wirbel, es ward mir ploͤtzlich ſo leicht, ſo himm⸗ liſch wohl um das Herz und als ob ich, zu⸗ ſammt dieſen flimmernden, webenden Geſtalten, in ein goldnes Wolkenbett verſaͤnke. Julius hatte mich, in ſeinen Armen, nach dem nahen Hauſe getragen, in deſſen Hinter⸗ Gebaͤude er ein Stuͤbchen zu ebener Erde be⸗ wohnte. Hier fand ich mich wieder, im Dun⸗ kel, von aller Welt geſchieden, allein mit Ihm! Ich gedachte, waͤhrend dem er lange vergebens das Feuerzeug und dann die Kerze ſuchte, der ſchreienden Unſchicklichkeit dieſes Beiſammenſeyns, der Angſt in welcher die guten Eltern jetzt um mich ſchweben mußten, der Schrecken, der Verlaſſenheit, des Feuer⸗ meers das uns umgab und weinte laut. Verehrte Freundin, ſagte Jener, als das Licht brannte: ich bitte Sie, um unſers Got⸗ tes Willen, der uns hierher fuͤhrte, ſich, im Vertrauen auf Ihn, zu faſſen und mich als einen leiblichen Bruder zu betrachten. Ich litt in dieſen Augenblicken gewiß noch ſchmerz⸗ licher als Sie, die ich fuͤr todt hielt. Jetzt 38 ruhen Sie dort, auf meinem Bett aus, bis es mir gelungen iſt, Ihre werthen Eltern auf⸗ zuſinden, die ohnfehlbar nach dem verlaſſenen Hauſe zuruͤck kehrten, oder bei dem Herrn Pathen angelangt ſind. Mein Zweck iſt ſo heilig, daß mich der Himmel gewiß auf ihre Spur oder ihnen in den Weg fuͤhren wird. Sie bleiben, bis zu meiner Ruͤckkehr, hier verſchloſſen. Ach, Julius! wie gut ſind Sie! rief ich, von ſeinem Dienſteifer und der frommen Guͤ⸗ te ſeines Benehmens geruͤhrt: aber es wird doch in dieſem Hauſe irgend ein achtbares Frauenzimmer wohnen, in deſſen Schutz ich mich, fuͤr jetzt, begeben koͤnnte? Mit Achſelzucken entgegnete mein Freund— Nicht Eines, denn ſie fluͤchteten und nur der alte, geizige Wirth iſt noch zugegen und ver⸗ graͤbt eben den Mammon im Keller. Er will, ſeiner Erklaͤrung nach, ausdauern, bis ihm das Tuch in der Taſche brennt. 39 Ich ergab mich demnach in mein Geſchick und beſchwor den Freund in der Noth, bald wieder zu kommen, denn ein Blick aus dem Fenſter zeigte mir, bei dem Scheine der Feuersbrunſt, das kleine Hoͤfchen Theils mit Holzſtoͤßen bedeckt, Theils von hoͤlzernem Ge⸗ niſt umgeben und damit das entſetzliche Schickſal, Falls eine Brandkugel oder einiges Flugfeuer hier einfiel, lebendig verbrennen zu muͤſſen. Julius verwies mich, wie vorhin, an die ſchuͤtzenden Maͤchte und eilte fort, nach⸗ dem er die Stubenthuͤr und die Pforte des Vorhauſes verſchloſſen hatte, deren keine ſich, leider! von innen oͤffnen ließ— die Fenſter deckte das eiſerne Gitterwerk, ich war dem⸗ nach hier vor boͤſen Menſchen ziemlich ſicher, doch um ſo gewiſſer auch verloren, wenn die Flamme das Haus ergriff. Um jene nicht herbei zu locken, loͤſchte ich das Licht aus, warf mich auf des jungen Mannes Bett, ver⸗ huͤllte, bei dem Gedanken an das Reich der 40 ſchrecklichen Moͤglichkeit, von Schauern er⸗ griffen, das Geſicht, betete inbruͤnſtiger als je geſchah und die Erſchoͤbfung wiegte mich endlich in den Schlaf. Ich erwachte, aus einem wunderſuͤßen Trau⸗ me, doch auch die Wirklichkeit erſchien jetzt als ein Spiel der Phantaſie. Ich hier? Tief in der Nacht, im Kaͤmmerlein— im Bett eines Juͤnglings, der mir nicht gleichguͤltig und wohl allen ſeinen Bekanntinnen lieb war. Erroͤthend ſprang ich auf, es qualte mich ein brennender Durſt und das Feuer mußte naͤher geruͤckt ſeyn, denn im Stuͤbchen war es jetzt ſo hell, daß ich den Tiſch mit der geſuchten Waſſerflaſche alsbald auffand— Eine Uhr im Hauſe ſchlug jetzt zwei Mal, alſo hatte mein 4⁴ Schlaf wohl vier Stunden lang gedauert, auch fuͤhlte ich mich muthiger, geſtaͤrkter und er⸗ kannte, tief geruͤhrt, die Guͤte Gottes, der mir, in der baͤngſten Stunde meines Lebens, dieſe Ruhe und in dem guten Julius einen ſo beſcheidenen Helfer ſandte.— Aber das Herz verzagte wieder, denn es toͤnte jetzt, Schlag auf Schlag, bis in meinen Verſteck; Raubſuͤchtige verſuchten ohnfehlbar, die vor⸗ dere Hausthuͤr zu zertruͤmmern. Wehe dann mir! Bei dem Lichtſchein der Flamme nahm ich einen Hirſchfaͤnger uͤber dem Bette wahr und in ihm eine Art von Troſt; die Rettung vor dem Aeußerſten lag ja in meiner Hand. Ach, immer heftiger toſten jetzt die Schlaͤ⸗ ge, immer roͤther wurden die Waͤnde des Stuͤbchens, das Fenſterbret und der Tiſch erſchien wie vergoldet. Als ich empor ſah, flog ein brennendes Etwas, von der Groͤße und Geſtalt des Schurzfelles welches ich vor⸗ hin abgelegt hatte, uͤber das Dach des Vor⸗ 42 der⸗Gebaͤudes hin und in der folgenden Mi⸗ nute umgab mich ploͤtzlich die tiefſte Finſter⸗ niß, denn eine dicke Dampfwolke bedeckte das Hoͤfchen. 3 O, himmliſcher Vater, erbarme Dich! rief ich, von der Angſt uͤbermannt, die Knie bra⸗ chen unter mir, ich ſank in den Stuhl am Fenſter und es ward wieder hell— noch hel⸗ ler als vorhin. Dazu flog die jenſeitige Hof⸗ thuͤr auf. Drei baumlange Maͤnner erſchienen in dieſer und ſprangen, wie um die Wette, nach der aͤußern Pforte hin, die zu meinem Schlupfwinkel fuͤhrte— Gelobt ſei Gott! rief ich neu auflebend, denn die Flamme zeigte mir den Vater, den Julius und unſern getreuen, im elterlichen Hauſe zuruͤck gelaſſenen Bedien⸗ ten. Schon ſeit zwei Stunden ſtanden dieſe vor der Hausthuͤr, welche der Wirth, nach dem Fortgehn meines Freundes, verriegelt und dann ſeine Arbeit im Keller fortgeſetzt hatte, weshalb ſie denn, vergebens, bei der Ruͤck⸗ kunft laͤuteten und pochten. Naͤher und im⸗ mer naͤher kam das Feuer, welches bereits drei Viertheile dieſer Gaſſe verzehrt hatte; jetzt loderten die Hinterhaͤuſer auf, es war, ihres Beduͤnkens, kein Augenblick zu meiner Rettung zu verlieren und der Thuͤr demnach, durch die Steine des aufgeriſſenen Pflaſters, zugeſetzt worden. Da vernahm der Wirth im Keller das Getoͤſe, kam herbei, erkannte die Stimme des Hausgenoſſen, ſah den glim⸗ menden Giebel des Hinterhauſes und oͤffne⸗ te.— 1 Der Vater zog mich haſtig fort, in's Freie, auf den offenen Markt und als ich hier, an 44 ſeinem Herzen, Odem ſchoͤpfte, zeigte er, ſprach⸗ los, nach unſerer Straße hin und ich erblick⸗ te das werthe, vaͤterliche Haus in vollen Flam⸗ men. Julius fand ſich jetzt auch wieder zu uns. Er hatte daheim noch ein wenig aufgeraͤumt, hat⸗ te die Taſchen voll Buͤcher, unter dem Arm eine Rolle mit Zeichnungen und erzaͤhlte mir — denn der Vater war jetzt nicht mittheilend — daß er die Meinen vor der Thuͤr unſers Hauſes und in der troͤſtlichen Zuverſicht fand, daß ich ſofort dahin zuruͤck kehren werde. Der Herr Pathe, welcher ſich eben auch einſtellte, um ſeinen Beiſtand anzubieten, ha⸗ be, in Begleitung eines, ihm befreundeten, kaiſerlichen Offizieres, der Mutter und der 45 Tante uͤber die Bruͤcke und in ſeine Wohnung geholfen und dahin eilten wir nun auch. Die Bruͤcke ward beſchoſſen. Julius ging zu mei⸗ ner Rechten, wo die Kugeln herkamen, um mir zum Schilde zu dienen und dieſe Opfer⸗ luſt ruͤhrte mein Herz mehr, als der drohende Tod es erſchreckte.— Wie edel ſind die Maͤnner, wie engelgleich, wenn der gute Geiſt der hoͤhern Liebe ihr Ge⸗ muͤth erfuͤllt. Sahen Sie unſer Haus brennen? fragte ich ihn und blickte, wie Lots Weib, nach dem Glutſtrom zuruͤck— Brennen und einſtuͤrzen! entgegnete Ju⸗ lius. Wir ſind nun ganz arm! fuhr ich erſchuͤt⸗ tert ſort. Keines Weges! fiel er troͤſtend ein. Iulie iſt reicher als je, wenn Ihr Herz das Irdiſche vergeſſen kann, denn wie werth Sie den heiligen Engeln ſind, hat Ihnen die⸗ ſe Nacht gezeigt. Das hat ſie! dachte ich, von der Weh⸗ muth der Andacht ergriffen. Heiße Thraͤnen entſtuͤrzten mir, er faßte meine Hand, die ich — druͤckte! Wir eilten ſchweigend fort. An der Hausthuͤr des Herrn Pathen kuͤßte Ju⸗ lius die meinige und verſchwand hoch erroͤthend, als ihm der Vater mit Inbrunſt danken woll⸗ te. Mein Handdruck hatte ja die Schuld be⸗ zahlt!— Wird den die Graͤfin billigen? frag⸗ te ich mich, erroͤthete, wie eben Julius, bei dieſem Gedanken und machte mir Vorwuͤrfe. — Der bleierne Daun hatte endlich, den feuri⸗ gen, gerechten Erwartungen der Einwohner— nur viel zu ſpaͤt, fuͤr Haus und Hof, fuͤr Hab und Gut, entſprochen und der Fluch, ſo vie⸗ ler ſchuldloſen Tauſende, deren Lebensgluͤck, deren Tempel und Hausaltar ſein Groll zer⸗ — ſtoͤrte, begleitete den Vertriebenen. 4 * 47 Wir ſuchten, ſobald die Straße wieder gangbar war, die Brandſtaͤtte meiner Wiege heim. Nur der tiefſte Theil des Kellers wi⸗ derſtand der Gewalt der einſtuͤrzenden Mauern, neun Zehntheile unſerer und der graͤflichen Ha⸗ be waren verkohlt oder vernichtet. Die Tan⸗ te haderte mit Gott und warf den Floͤtenblaͤ⸗ ſer ihres Traumbildes in die Hoͤlle, die Eltern benedeieten, in frommer, ruͤhrender Ergebung den Herrn; auch meine theure Graͤfin weinte Freudenthraͤnen, als ſie uns, unverletzt, zwi⸗ ſchen den Aſchengraͤbern unſers Wohlſtands wiederfand. Ich bin noch immer gluͤcklich, ſagte ſie, mich an das Herz preſſend— ſelbſt die Erin⸗ nerung an meine verſtaͤubte Herrlichkeit iſt er⸗ quickend. Im Ueberfluſſe ſchaͤmt man ſich der blinden Gunſt des Schickſals, das uns, auf Unkoſten ſo vieler Tauſende, und unter den Augen der Nothleidenden und Elenden in Huͤl⸗ le und Fuͤlle ſetzt, doch aus der Aſche des 5 48 Verluſtes erhebt ſich der verſoͤhnende Entſa⸗ gungs⸗Engel. Er regt im Herzen des Be⸗ raubten die Sehnſucht nach dem vergeſſenen Vater und nach dem dauernden Heil auf, das kein Neid und kein Wechſel verkuͤmmert. Auch Julius aͤußerte ſich, obgleich aus irr⸗ diſcheren Gruͤnden, zum Lobe dieſes Mißge⸗ ſchicks. Es ſprach naͤmlich ein jeder dieſer Schutthaufen die Herſtellungskraft der Bau⸗ kuͤnſtler an und ſein Geſchick ſtieg nun, ſo ſchnell und hoch, im Preiſe, daß er nach ei⸗ nigen Jahren um mich freien, daß er ſein dankbares, ihn herzinnig liebendes Julchen, zur gluͤcklichen, nebenbei auch zur wohlhaben⸗ den Frau machen und den guten Eltern wieder aufhelfen konnte. Unſre werthe und getreue Grafin hob mein erſtes Kind, die ſelige Kam⸗ merraͤthin, aus der Taufe— Laͤngſt ruhen Beide, ſanft, in ihrer Kammer. Eya, waͤr ich dort! —y—Ö Derxr kuͤhne Wittel. ——— Aus dem Tagebuche des Herrn von L. eines General⸗Adjutanten. Schillings Schr. a6r Bd. 4 Heut, am funfzehnten Juli(1760) traf der Fluͤgel⸗Adjutant, Major von Leutrum, vom Feld⸗Marſchall Daun zuruͤck kommend, im Hauptquartier ein und brachte die Nachricht, daß derſelbe uͤber Goͤrlitz vorruͤcken und dem belagerten Dresden zu Huͤlfe eilen wolle. Als ich, Nachmittags, auf der Anhoͤhe von Zaſchendorf(hinter Pillnitz) wo meines Feld⸗Marſchalls Haddik Quartier war, mich be⸗ fand, dem Schickſale von Dresden nachdachte, 2 52 und beſorgte, daß der Commandant, General Maquire, vor der Zeit kapituliren moͤchte, trat Wittel, des Feld⸗Marſchalls Kammer⸗ diener, zu mir, bedauerte, mich ſo traurig zu finden und erbot ſich zu meinem Dienſte wenn er mir in Etwas helfen koͤnne. Ich be⸗ lachte ſeinen Einfall, er aber wiederhohlte ſein Erbieten mit ſolchem Nachdruck, daß ich ihn endlich fragte, wie er ſich koͤnne beikommen laſſen, mir helfen zu wollen, worauf Wittel erwiederte— Er glaube das zu vermoͤgen und aus mei⸗ ner Verſtimmung zu errathen, daß ich Je⸗ mand nach Dresden zu ſchicken wuͤnſche und dazu ſei er bereit. Als ich ihn hierauf fragte, wie er dieſes zu bewirken gedenke? er aber auf der Elbe (im Strombett drei Stunden weit) hinein zu ſchwimmen verſprach und ſolches(vermuthlich in Herzens⸗Angelegenheiten) ſchon praktizirt 53 zu haben betheuerte, ſo nahm ich ihn bei'm Wort, verſprach demſelben ſechzig Dukaten und Zeitlebens Brot, eilte und meldete dem Marſchall, daß ich einen ſichern Menſchen nach Dresden zu ſchicken, gefunden, ohne ſeinen Kammerdiener zu nennen. Er ſchrieb daher gleich an den Gouverneur Maquire die Ordre, ſchlechterdings keinen Akkord anzunehmen, indem der Feld⸗ Marſchall Daun der Stadt, mit lebhaften Maͤrſchen, zu Huͤlfe eile und zum Beweiſe, daß er dieſe Ordre erhalten, ſolle er drei Nachetten ſteigen laſſen. Ich fertigte Witteln ab und Abends nach zehn Uhr ſah man ſchon die Rachetten ſteigen. Der Feld⸗Marſchall ſuchte ͤberall ſeinen Kammerdiener und erſt als jene geſtiegen waren, verſicherte ich ihn, daß er in Dresden waͤre. Man erſtaunte, man lachte, und wuͤnſchte ihn unverſehrt wie⸗ der heraus.. Den ſechszehnten Juni geſchah, durch die vorausgeſchickten, leichten Truppen der Dauni⸗ 54. ſchen Armee ein lebhafter Angriff auf die preuſſiſchen Vorpoſten beim weißen Hirſch. Die Garniſon that zugleich, uͤber die Neuſtadt, ei⸗ nen Ausfall und bei dieſer Gelegenheit kam der Kammerdiener Wittel den ſiebzehnten Ju⸗ lius, Fruͤh, mit einem blaſenden Poſtillon wie⸗ der bei uns an, erhielt das verſprochene Dou⸗ seur und ſpaͤterhin eine Verſorgung. Am 21. November deſſelben Jahres langten die Reichstruppen, Nachmittags bei Zwickau „ 55 an, wohin uns der Feind, von den Seiten, auf dem Fuße folgte und unſer Commando auf der linken Flanke zerſprengte. Hier kam Had⸗ diks Kammerdiener, Wittel, abermals zu mir und ſagte— Adieu! ich habe Seiner Erzellenz Jour⸗ nal, in Chemnitz(das vom Feinde beſetzt war) liegen laſſen! Er ritt gerade nach Zwickau, zum Poſt⸗ meiſter Lots und berufte ſich auf mich. Lots, aus patriotiſchem Eifer, gab ihm ein Poſt⸗ pferd und Poſt⸗Livrey, damit ritt er, gerade durch die, uns verfolgenden Feinde, unter dem Vorwand eines zuruͤck kehrenden Staffetten⸗ Reiters, nach Lungwitz, wo ihn auch der dortige, gut geſinnte Poſthalter, Herold, bis Chemnitz ſpedirte. Dort nahm er das Jour⸗ nal und des Feld⸗Marſchalls Stock, fuhr als Poſtillon die ordinaire Poſt nach Penig und 56 kam ſo, von einer, dort eben eingettoffenen Ha ſaren⸗Patrulle gedeckt, in Sof wieder zu uns. — — S —2 — — —2 η‿ι A η — η 8— ☛ 3—2 60 I. Die koͤniglich ſaͤchſiche Haupt⸗Bergſtadt Freiberg heißt wohl, mit gutem Recht, die treue, da ihre Buͤrger ſie nicht nur, zu meh⸗ rern Malen, im Geiſt der Saragoſſen unſe⸗ rer Zeit, gegen große Feldherrn und maͤchtige Belagerungs⸗Heere vertheidigten, ſondern auch viele derſelben ihren Fuͤrſten ſeltene, erfolgrei⸗ che, ruhmwuͤrdige Opfer brachten. Im Jahre 1296 ruͤckte Kaiſer Adolf von Naſſau, die Geißel Gottes jener Tage, von den Schaͤtzen des Bergbaues angezogen, vor die ſchlecht befeſtigte Stadt, und foderte ſie vergebens auf, denn Markgraf Friedrich der 60 Gebiſſene oder Freudige, ihr Oberherr, hatte derſelben, noch eben vor Thorſchluß, den bra⸗ ven Nikol von Haubitz mit einigen Truppen zur Huͤlfe geſandt. Als die Kaiſerlichen gleich darauf anruͤckten, und einer ihrer vornehm⸗ ſten Feld⸗Oberſten ſich mit ſeinem Regiment, auf dem ſogenannten Doͤrren⸗Schoͤnberg vor dem Donatsthor— einer, die Stadt beherr⸗ ſchenden, gewaltigen Halde, feſtgeſetzt hatte, ſtuͤrzte dieſe, von den Bergleuten durchwuͤhlte Hoͤhe, laut der Chronik, ploͤtzlich zuſammen, und verſchlang die geſammte Beſatzung. Die⸗ ſer ſeltſame Unfall machte den Kaiſer kopf⸗ ſcheu, er ging zuruͤck, ließ durch ſeine Quar⸗ tiermeiſter, nach der ſorgfaͤltigſten Pruͤfung des Grundes und Bodens, ein neues Lager abſtecken, und ſetzte nun der Stadt mit ge⸗ waltigen Sturm⸗Maſchinen zu, deren zwei, die Katze und der Krebs, ganze Maſſen der Mauer niederwarfen. Aber die Buͤrger wa⸗ ren Maͤnner, waren Sachſen, und Haubitz, 6¹ der unverdroſſene Held, rechtfertigte das Ver⸗ trauen ſeines Fuͤrſten. Man fuͤllte demnach, Trotz des Stein⸗ und Pfeilregens, die Luͤcken fort und fort, mit Holz und Faſchinen aus, erſchoͤpfte den Feind durch naͤchtliche Ausfaͤlle, zerſtoͤrte waͤhrend dieſer, ſeine Werke und Huͤlfs⸗ mittel und hielt ihn ſo, ſechszehn Monate lang, hin. Jetzt verrieth, Herr Lobetanz, ein Tauge⸗ nichts, dem Belagerer den Waſſerlauf, durch den die Muͤnzebach, unter der Mauer hin, in die Stadt fließt, und welchen der oͤſterrei⸗ chiſche General Scheither im Jahr 1813 zu einem aͤhnlichen, noch ſchneller gelungenen Ueberfall benutzte. Die ſtuͤrmenden Kaiſerli⸗ chen drangen, mittelſt dieſes Zuganges, Trotz der entſchloſſenſten Gegenwehr, in die Stadt; der Reſt der wehrhaften Buͤrger und Truppen warf ſich in die Thuͤrme und in die Burg. Jene wurden durch den Hunger bezwungen, die Beſatzung des Schloſſes dagegen behaup⸗ 62 tete dieſes, mit Verwerfung aller Heil verhei⸗ ßenden Antraͤge des Kaiſers, bis derſelben, vom Markgraf Friedrich ſelbſt, die Eroͤffnung zukam, daß es ihm unmoͤglich ſei, ſie zu ent⸗ ſetzen, und man ſich deshalb, auf leidliche Be⸗ dingungen, ergeben moͤge. Adolf ſicherte dieſen Tapfern das Leben, ja ſelbſt den freien Abzug fuͤr ſich, fuͤr ihre Familien, fuͤr den tragbaren Theil ihrer Ha⸗ be zu und beſchwor dieſe Uebereinkunft. Als ſie hierauf, aus der Burg uͤber den Markt zogen, ließ der Schandkaiſer dieſe Hochver⸗ dienten zuerſt entwaffnen, auspluͤndern, ſech⸗ zig der Vornehmſten auf der Stelle enthaup⸗ ten, und die Uebrigen mit dem Bedeuten ein⸗ kerkern, daß auch ihre Koͤpfe fallen muͤßten, wenn ſie ſelbige nicht alsbald, durch zwoͤlf⸗ tauſend Mark Silbers, zu loͤſen vermoͤchten. Friedrich der Freudige bot vergebens durch ſeine Geſandten alles auf, den Ehrloſen zu vermenſchlichen, und ihm das Gewiſſen zu ruͤh⸗ 63 ren, er mußte ihm endlich, zu Rettung der Seinen, die Staͤdte Rochlitz, Leisnig und Grimme abtreten, und nebſt den uͤbrigen, ſaͤchſiſchen Fuͤrſten, Land und Leute verlaſſen. Aber wie Guſtav Waſa unter den Dale⸗ kerlen, erſchien der kuͤhne Friedrich, ſchon im folgenden Jahre, verkleidet, in den Freiber⸗ giſchen Schmelzhuͤtten, wo eben der Buͤrger Haberberger einen ſtarken Silberblick abtrieb, und ſeinem erkannten und geliebten Fuͤrſten, dieſe reiche Ausbeute darbot. Mehrere, erz⸗ reiche Bewohner Freibergs, thaten ein Glei⸗ ches, und ſetzten den tapfern Markgrafen da⸗ mit in den Stand, ein friſches Heer zu wer⸗ ben und ſein Vaterland wieder zu erobern. Er nahm den Bruder und Ober⸗Feldherrn des Kaiſers, Grafen Philipp von Naſſau und deſſen ganzes Komitat gefangen, und erhielt, im reißenden Laufe ſeiner Fortſchritte, die er⸗ ſrenliche Nachricht, daß jener verworfene, der Kaiſerwuͤrde beyeits entſetzte Todſeind, im 64 Schlachtgewuͤhle von ſeines Roſſes Hufen zer⸗ treten worden ſei. Jene Ooferungen aber wurden den Buͤrgern, Soldaten und Berg⸗ leuten Freibergs, von dem dankbaren Mark⸗ grafen wohl und reichlich vergolten und die Stadt mit Vorrechten begabt, die noch in unſern Tagen gelten.. Kaiſer Albert, Abolfs Sieger und Nachfol⸗ ger, ſpielte dennoch, mit dem entkommenen Grafen Philipp von Naſſau, zu Friedrichs Verderben, unter dem Huͤtlein. Als Albert in Altenburg angekommen war, ließ er Beide zu ſich entbieten, uͤberhaͤufte Friedrich den Gebiſſenen mit Gnaden⸗Bezei⸗ gungen und lud ihn zum Mahle. Da ſprang 65 aber ploͤßlich ein Meuchelmoͤrder in das Tafel⸗ zimmer, drang mit bloßem Schwert auf den Markgrafen ein, wuͤrde ihn auch unfehlbar ermordet haben, wenn nicht einer ſeiner Die⸗ ner, ein Buͤrger Freibergs, ſich zwiſchen ihn und den Moͤrder geworfen, und den Todes⸗ ſtreich aufgefangen haͤtte. Wie der edle Rei⸗ biſch fuͤr unſern Moritz, ſtarb dieſer Getreue fuͤr unſern Friedrich.„Und ſeine That“ ſagt der Geſchichtſchreiber„iſt um ſo nachfolglicher „geweſen, da der ganze, uralte Stamm des „D. Hauſes zu Sachſen, damahls auf Mark⸗ „graf Friedrich dem Freudigen, als dem ein⸗ „zigen, gruͤnenden Zweige beſtanden, davon „ſo viele folgende, hochfuͤrtreffliche Chur⸗ und „fuͤrſtl. Perſonen entſproſſen. Da es ſehr leicht „geſchehen koͤnnen, daß dieſer Zweig, ſammt der „Stammwurzel, durch des Moͤrders Hand, ganz „ausgerottet worden, wo Gott, der Herr, ſol⸗ „ches nicht abgewendet und noch viel Hohes „und Sonderliches, ſeiner Kirchen und dem Schillings Schr. 46 r Bd. 5 66 „R. Reiche zum Beſten, durch dieſes Hoch⸗ „loͤblichſte Haus auszurichten, Keſtbloſen ge⸗ „habt.“. Friedrichs Begleiter hieben indeß den Meu⸗ . Aaͤmurder, vor des Kaiſers Augen, in Stuͤcke. 1 . —— 8 Dem Unheil und dem Nothſtande, i wacqesn ſich ſpaͤterhin, mit dem Tode des Kaiſers Matthias 5 1519 uͤber den groͤßten Theil von Europa ver⸗ breitete, gingen folgende, ſeltſame Erſcheinun⸗ 4 gen zum Voraus.— — In der Schweiz eßtuus der einſtuͤrzende Berg Conto, den großen, von vielen ſchoͤnden Kirchen und 125 ballaſtaͤhnlichen Haͤuſern gezeichneten Flecken Pluers und das Dorf Schilan G. Auguſt F2usy des Abends, bet d 6. 8 3 8 67 Vollmondſchein. Neun hundert dreißig Per⸗ ſonen wurden vernichtet, nur wenige Bewoh⸗ ner entkamen. Ein taubſtummer Knabe z. B., der eben im Garten Obſt pfluͤcken wollte; ein zweiter, der mit einem Maͤurer hinaus gegan⸗ gen war, um aus dem Felſenkeller Wein zum Abendbrot herbei zu holen, und Peter Werden, welcher mit dem Geſinde eben Heu machte und ſeine Tochter zuruͤck geſchickt hatte, um die offen gebliebene Thuͤr zu verſchließen. Sie kehrte nicht wieder. Auf der Oberflaͤche der furchtbaren Rieſen⸗ decke lag das entſeelte Toͤchterchen des Schult⸗ heißen, ſammt einer andern Jungfrau. Wahr⸗ ſcheinlich hatte ſie der Luftdruck hoch empor geworfen und erſtickt. Bei dem Nachgraben fand man, unter anderm, eine Magd mit der Henne, die ſie eben rupfte, in den Haͤnden, und mit einem Biſſen Brot im Munde. Vie⸗ le Arbeiter erkrankten und ſtarben, zzu Folge der mephytiſchen Duͤnſte. 68 Ein großer Komet war 1618 üͤber dreißig Naͤchte lang, in ganz Europa ſichtbar. Im folgenden Jahre erſchienen, gleichzeitig, außer drei Regenbogen, drei Sonnen am Himmel. Ein Gewaͤſſer, bei Sixo in Ober⸗Ungarn, ward blutroth und das Eis, welches dieſelbe Farbe annahm, der Seltenheit wegen, hin und wieder verſchickt. 1 Bei Calis Malis trat Fluth und Ebbe, ſie⸗ ben Mal an demſelben Tag ein. Um Frankfurt ſpuͤrte man, bei Koͤnigſtein, Cronberg ꝛc., am 19. und 29 Januar, empfind⸗ liche Erdſtoͤße: in der Nidda verſchwand das Waſſer, die Muͤhlen mußten einige Stunden lang feiern. . * 3 II. Der dreißigjaͤhrige Krieg begann. Als der ſchwediſche Feldmarſchall Banner, im Laufe deſ⸗ ſelben, 1639, die wallloſe, bloß von Mauern und einem trockenen Graben gedeckte Berg⸗ ſtadt Freiberg, ſo ungeſchickt als vergeblich belagerte, ſtand abermals ein Haubitz, des Ahnherrn wuͤrdig, der ſie dem Kaiſer Adolf verſagte, an der Spitze ihrer Vertheidiger. Auch dies Mal wetteiferten die Buͤrger, Berg⸗ leute und Eingefluͤchtete, an Heldenmuth und Ausdauer, und obgleich, durch letztere, die Zahl der Einwohner auf ſiebzig tauſend geſtiegen war, fehlte es doch, waͤhrend derſelben, an keinem der noͤthigſten Lebensbeduͤrfniſſe. Noch merkwuͤrdiger und vielleicht einzig in ſeiner Art iſt es, daß auch nicht ein Buͤrger vor dem . Feinde blieb. 76 Banners unreife, ſeit dem fuͤnſten Maͤrz unternommene Verſuche, waren insgeſammt miß⸗ lungen, er legte endlich, am 18ten jenes Mo⸗ nats, eine Breſch⸗Batterie von neun ſchwe⸗ ren Canonen in der Naͤhe des Meißner Tho⸗ res an, ließ die Mauer, mittelſt derſelben, mehrere Stunden lang, Lagenweiſe, unaus⸗ geſetzt beſchießen und oͤffnete damit den Zu⸗ gang. Die Belagerten blieben nicht muͤſſig. Sie machten, im Ruͤcken der fallenden Schutzwehr, die noͤthigen Ein⸗ und Abſchnitte, warfen Balken, waͤlzten Felſenbrocken in die Luͤcke und ſtreueten Fußangeln. Haubitz, von dem Schweden, unter An⸗ drohung des Sturms und ſeiner Greuel, zur Uebergabe aufgefordert, erwiederte:„Der Herr 4 Marſchall werde, wenn er ihm dieſe Ehre anthun wolle, auch brave Leute in ihr fin⸗ den!“ und verſammelte den Kern der Solda⸗ ten, der Buͤrger und Bergleute, hinter der — 71 Breſche, welche, außer dem Schießgewehr, mit Lanzen und Morgenſternen verſehn wur⸗ den. Jenſeits, wo die Stuͤrmer, bereits ſchlag⸗ fertig, der Loſung harrten, ward es ploͤtzlich ſtill. Sie hielten Betſtunde. Die Sachſen an der Sturmluͤcke und im Zwinger thaten daſſelbe, entſchloſſen, die Ehre ihrer Stadt und ihres Vaterlandes, das jene zur Wuͤſte machten, noͤthigen Falles mit dem Tode zu verſiegeln. Nach drei Uhr endlich liefen ploͤtzlich ge⸗ gen tauſend Schweden, unter wildem Geſchrei, gegen die Breſche. Von beiden Seiten fiel kein Schuß. An der Spitze der Stuͤrmer be⸗ fand ſich der Oberſte Magnus Ihanſon, Ban⸗ ners Liebling und Schweſterſohn,„ein grim⸗ miger, blutduͤrſtiger Menſch, wie auch ſein Geſicht gezeigt.“ Er hatte ſich hoch vermeſſen, das Abendbrot in der Stadt verzehren zu wollen. Als ſich nun bereits an vierhundert 72 Schweden, theils im Graben, theils in dem erſtiegenen Zwinger, theils auf den mitgebrach⸗ ten Leitern beſanden, gaben die Vertheidiger eine Salve, welche uͤber hundert Feinde und ihre bedeutendſten Fuͤhrer zu Boden ſtreckte. Shanſon fſiel, mit zerſchmettertem Kopf,„als er eben hinein gekuckt“ in die Breſche; den uͤhrigen verging die Luſt. Sie warfen, ob⸗ gleich die antreibenden Offiziere mehrere nie⸗ derſtießen, ihre Waffen von ſich und wurden, noch auf der Rucht, von den Ausfallenden uͤbel zugerichtet. Unter den Todten, ſagt der, abfden pragmatiſche Erzaͤhler, im Geiſt des alten, damals herrſchenden Wahnbegriffs,„ſanden ſich zwei Offiziere, die alſo feſtgefroren(durch Zauberkuͤnſte unverwundbar) waren, daß man ihnen, auch mit Beilen, die Koͤpfe nicht ab⸗ hauen koͤnnen.“ Die nordiſchen Knochen wi⸗ derſtanden ohnfehlbar dem ſchlecht gefuͤhrten Streich oder dem ſtumpfen Eiſen der Axt. 73 Am folgenden Morgen ließ Banner durch ei⸗ nen Tambour(jetzt Fellraßler) anfragen, was Haubitz mit dem todten Oberſten zu machen gedenke? Jener antwortete— Da Herr Ihanſon ſolch Verlangen nach dem Aufenthalt in Freiberg gezeigt, woll' er ihn drinn behalten, habe den Leichnam abwa⸗ ſchen und aufbewahren laſſen und ſeinem Chur⸗ fuͤrſten deshalb Meldung gethan. Banner ließ nun den Groll uͤber das Miß⸗ lingen des Sturmes und des Vetters Tod, an der Gegend aus und das Floͤßholz verbrennen. Zu ſeinem Ungluͤck flog uͤberdieß ein Theil der Pulver⸗Vorraͤthe auf; dieſer Schlag toͤdtete an zwei hundert Schweden und am zoſten Maͤrz ruͤckte ſogar, im abſcheulichſten Wetter, der Vortrupp der Oeſtreicher und Sachſen, welche die Stadt zu entſetzen eilten, uͤber Wei⸗ ßenborn an. Derſelbe warf die Schweden von dem Lerchenhuͤgel, von welchem ſich, am letzten Sturmtage, vor der Freiberger Augen, ein 74 hellglaͤnzendes Schwert(ohnfehlbar ein elektri⸗ ſches Meteor) in die Luft erhob. Banner gab alsbald die Belagerung auf, und außerte auf dem Ruͤckwege, in ſeiner Verſtimmung,„daß er, vor dieſem Rattenneſte, mehrere hohe, liebe Offiziere und uͤber tauſend Mann habe ſitzen laſſen.“ Ihm ahnete nicht, daß er bald neue Schmach vor Freiberg finden und noch viel Schwedenblut, ſo fruchtlos als das eben ver⸗ goſſene, unter ihm und dem Belagerungs⸗ kundigen Torſtenſohn, vor dieſen Mauern fließen werde. — —— 1 Das Sprichwort ſagt:„Wie der Hirt, ſo die Heerde!“ aber die Feldherren und Reiſige des edeln Guſtav Adolph und ſeines Stellvertre⸗ ters, Achſenſtern, erſcheinen als ſchreiende Ausnahmen von der erwaͤhnten, bewaͤhrten Re⸗ gel. Die Geſchichte zeigt uns in den ſogenann⸗ ten frommen Schweden jenes Zeitraums, ent⸗ menſchte Unholde, deren Spiel⸗ und Tage⸗ werk, unter der Beguͤnſtigung ihrer geprieſe⸗ nen, von dem chriſtlichen Helden gebildeten und erwaͤhlten Fuͤhrer, in der Peinigung der Wehrloſen, in der Schaͤndung der Unſchuld und der Heiligthuͤmer, in der Erfindung man⸗ nigfacher, zur Verzweiflung fuͤhrender Mar⸗ terwerkzeuge und Foltermittel beſtand. Wie wohl uͤbrigens die Freiberger thaten, ſich beſonders dieſes Gaſtes zu erwehren, geht aus Folgendem hervor. 76 Gedachter Banner ſendete naͤmlich der Stadt Wurzen, nach dem neuen Jahre 1637 eine ſogenannte, aus drei Reiterhaufen beſte⸗ hende Salvegarde, die den Buͤrgern, als ſolche, binnen dreißig Tagen 12000 Thlr. abpreßte, ſie dann noch neun Wochen lang plag te, bei dem endlichen Abzuge zehn volle Scheuern in Brand ſteckte, und nach wenigen Tagen ploͤtzlich wiederkehrte, um ihre unver⸗ anlaßte Wuth an den ſchuldloſen Bewohnern zu erſchoͤpfen. Dieſe wurden alsbald, mit In⸗ begriff der Kinder und der Woͤchnerinnen, ent⸗ kleidet, gebunden, geſchlagen; geſchraubt und geſtochen,— die Maͤnner zum Theil verſtuͤm⸗ melt, mit haͤrenen Stricken bis auf die Kno⸗ chen gerieben, nackend mit brennendem Schwe⸗ fel beſpritzt; hoͤlzerne Pfloͤcke wurden zwiſchen ihre Naͤgel, quellende Hirſekoͤrner zwiſchen die Haute der aufgeſchlitzten Fußſohlen getrieben; ihnen der bekannte, ſchwediſche Trank kannen⸗ weis eingefuͤllt und der Leib dann mit Fuͤßen — 77 getreten. Der juͤngere Theil des weiblichen Geſchlechtes erlag und verſchied, größtentheils, unter den ſchamloſeſten Mißhandlungen; die Matronen wurden uͤber ein Feuer gehangen und lebendig gebraten oder geraͤuchert: Trom⸗ peter blieſen dazu, den Teufel ſelbſt uͤberbie⸗ tend, ein luſtiges Stuͤckchen... Zwar gab am Abend, der Oberfreiknecht die⸗ ſer Henker, dem vorbittenden Superintend eine Schutzwache, ließ ihm aber, da jetzt eine neue mord⸗ und geldſuͤchtige Rotte einruͤckte, am folgenden Abend ſagen— „Es duͤrfe nun, je laͤnger, je aͤrger werden, daher er ihm und ſeinen Freunden rathen wol⸗ le, ſich davon zu machen.“ Der gute Rath ſchien auf die Pluͤnderung des, noch uͤbrigen, von dieſer Schutzwache ge⸗ ſicherten Eigenthums berechnet zu ſeyn; den⸗ noch folgte jeder, dem er zu Ohren kam, und⸗ mancher mit Zuruͤcklaſſung ſeiner, eben nicht aufzufindenden Kinder, Frauen und Lieben, 78 dieſem Winke. Die Fluͤchtlinge ſtroͤmten nach der Mulde hinab; der einzige, hier noch be⸗ findliche Kahn, hatte etwa die Halbſchied der⸗ ſelben an das jenſeitige Ufer gebracht, als ein ſchwediſcher, nachſetzender Haufe herbei ſtuͤrzte, ſcharf einhieb, die Rettungloſen theils an die Pferde band, theils mit Schwertes Schaͤrfe vor ſich her, in die Stadt trieb und dort mit neuen Martern heimſuchte. Gleich den Franzoſen unſerer Tage, wuß⸗ ten dieſe Schweden auch das Verborgenſte auf⸗ zuſinden, wuͤhlten ſie ſelbſt die Graͤber um, fanden ſie den Schatz unter Schutt und Mauern, wateten ſie, hier und da, bis an die Knie in den Federn und den Geraͤthſchaf⸗ ten, die aus den Fenſtern in den Straßen⸗ koth geflogen waren: in Bier und Weine. Um endlich ihr Werk zu kroͤnen, zuͤndeten dieſe, unſere Glaubensbruͤder, am Charfreitage, den 7ten April, die Stadt, gleichzeitig, an fuͤnf Ecken an, und fuͤllten die Wenzeslaus⸗Kirche, wel⸗ — 79 che im Innern, gleich dem Dom, einer Moͤr⸗ dergrube glich, mit Brennſtoſſe. Bald um⸗ ſchlang das Flammenmeer den freundlichen Ort; ein Major umzingelte ihn, waͤhrend dem, mit Reiterei, und was dieſer nicht entſchluͤpf⸗ te, mußte, naͤchſt den Kranken und den ver⸗ laſſenen Kindern, verbrennen. Zum Ueberfluſſe pluͤnderte man jetzt auch das Spital, und nahm den dortigen, huͤlfloſen Greiſen und Muͤt⸗ tern, ſelbſt das, noch aufgeſparte Brot und Waſ⸗ ſer. Innerhalb der Ringmauer entgingen nur vier Haͤuſer und der Dom, in deſſen Sparr⸗ werk einige Balken verkohlten, der Einaͤſche⸗ rung. Ohnfehlbar ſtimmten die Schweden, auf Wurzens Aſchenhuͤgeln, den entweihteſten aller Pſalter— ein gotteslaͤſterliches Te deum laudamus! an. 8 80 Auch Wallenſtein ließ dem Soldaten, in Fein⸗ des Lande, freies Spiel„ ſtrafte dagegen die Feigen nach der Strenge des Geſetzes und ohne Anſehn der Perſon. Als derſelbe, nach der verlorenen Schlacht bei Luͤtzen, in Prag angekommen war, wurden auf ſeinen Befehl, eilf Stabs⸗ und Ober⸗Offiziere, als Feldfluͤch⸗ tige, vor das Kriegsrecht geſtellt und deſſen Aus⸗ ſpruche gemaͤß, vor dem Rathhaus enthauptet. Dies Schickſal traf unter andern— Den Oberſten von Hagen, Comthur des deutſchen Oxdens. Den Oberſtleutnant von Hofkirchen. Den Rittmeiſter von Wobersnow. Die Artillerie⸗Hauptleute, Burgus und Klee⸗ blatt. Mehrere Leutnante und Cornette. Jakob Juga, ein Croaten⸗Offizier, ward fehlgehauen; das Richtſchwert zerbrach an ſei⸗ — 821 nem Schaͤbel; er ſprang empor und geberdete ſich uͤbel, worauf ihm jedoch ein zweiter Scharf⸗ richter vollends den Reſt gab. Sieben ande⸗ re wurden zum Galgen gefuͤhrt, die Namen von funfzig hohen und niedern Offizieren, wel⸗ che ſich in dem Treſſen ſchwach gezeigt hatten, an dieſen geſchlagen und uͤber Jakob Wink⸗ lers Haupt, durch des Nachrichters Fauſt, ſein Degen zerbrochen und derſelbe ehrlos gemacht und davon gejagt. * Derſelbe mußte auch die Fahnen des Re⸗ giments Madelow, das zuerſt floh, verbren⸗ nen, die Saͤbel der Mannſchaft wurden, hart vor ihren Augen zerbrochen, Galgen⸗Naͤgel aus dieſen geſchmiedet, der zehnte Mann, Offizier und Gemeiner, je wie das Loos ſie traf, an jene Naͤgel gehangen und der Reſt fuͤr vogelfrei erklaͤrt. Nach des Friedlaͤnders Fall erſchien, unter mehreren Spottliedern, folgende Grabſchriſt: Schiulings Schr. 46r Bd. 6 82 Hier liegt und fault, mit Haut und Bein, Der große Kriegsfuͤrſt Wallenſtein, Der große Macht zuſammen bracht, Doch nie geliefert recht eine Schlacht. Groß Gut thaͤt er gar Vielen ſchenken, Dagegen Viel unſchuldig henken. Durch Sterngucken und lang' Traktiren Thaͤt er viel Land und Leut' verlieren; Gar zart war ihm ſein boͤhmiſch Hirn, Konnt' nicht leiden der Sporen Klirrn. Hahn, Henne, Hund er banniſirt Aller Orten wo er loſirt; Doch mußt' er gehn des Todes Straßen, Hahn kraͤhn und Hunde bellen laſſen. Den ſogenannten Friedlaͤndiſchen Adhaͤren⸗ ten ging es, nach ſeinem Falle, nicht beſſer als jenen, die ihn, aus Mangel an Adhaͤrenz, bei Luͤtzen verlaſſen hatten. Es verloren die Koͤpfe auf dem Hochgericht: die Oberſten Sparr, Kehraus, Ulefeld, Wildberg und Morwald— —— 83 die Oberſtleutnante Loſey und Haͤmmerle, ſechs⸗ zehn Hauptleute und Leutnante und acht Raths⸗ herrn von Pilſen. Der Herzog Julius von Lauenburg, die Oberſten Schliefen, Schafgotſch und Schaftenberg wurden begnadigt und nach Wien zuruͤck gefuͤhrt, wo kurz zuvor, waͤhrend der Meſſe in der Schottenkirche, ein ſeltſamer, blinder Laͤrm entſtand. Auf das laute, von einem alten Weibe veranlaßte Geſchrei: der Feind iſt da! zog des Kaiſers Majeſtaͤt und ſein ganzes, zahlreiches Gefolge die Degen. Draußen aber verbreitete ſich, gleichzeitig, das Geruͤcht, das kaiſerliche Haus ſolle, zu Folge einer Verſchwoͤrung, dort umgebracht werden, weßhalb denn eine Maſſe bewehrter Patrioten mit blanken Waffen in die Kirche drang, den Irrthum daſelbſt beſtaͤtigen und die Verwir⸗ rung mehren half,„daß daruͤber Ihro Ma⸗ jeſtaͤt, beneben der Kaiſerin Koͤnigin in die Sa⸗ kriſtey geſchafft wurden; da man's aber beim Licht beleuchtete, war's ein bloßer Dunſt und 2 2 34 Ihro Majeſtaͤten fuhren wieder nach Hofe zuruͤck.“ 4 1/ III. Banner vereinigte ſich, von Freiberg zuruͤck gewieſen, im Altenburgiſchen mit Torſtenſohn. Sie ſchlugen die Reichs⸗Armee bei Chemnitz und jener verſuchte nun, durch einen Gewalt⸗ ſtreich, die kaum erloͤſte Bergſtadt zu bezwin⸗ gen, welche der Churfuͤrſt indeß, mit guter Nothdurft an Pulver, Grenaden und Fußan⸗ geln, mit Loͤhnungsgeldern und zwei Drago⸗ ner⸗Compagnien verſehn hatte. Letztere wa⸗ ren kaum eingeruͤckt, als das Bannerſche Heer, zwanzig tauſend Mann ſtark und ſieb⸗ zig ſchwere Kanonen fuͤhrend, am 10. April, 1639 uͤber Waltersdorf, mit Sang und Klang anzog, aber ſtatt der bisherigen Quartiere nur 83 Schutthaufen vorfand, da Haubitz jene, in der Zwiſchenzeit, der Erde gleich machen ließ. Das Fußvolk mußte demnach im Spitalwal⸗ de biwachen, die Reiterei auf den entferntern Doͤrfern hauſen, und waͤhrend dem der wehr⸗ loſe Theil der Staͤdter, ſich taͤglich, zu wie⸗ derholten Andachtsuͤbungen verſammelte, ſchoß der wehrhafte Alles nieder, was ſich in den Bereich der Haken und des Geſchuͤtzes wagte. Banner ließ deshalb, in ſeinem Grimme, das Mundloch des Stollens verdaͤmmen, mittelſt deſſen die Stadt, waͤhrend der letzten Beren⸗ nung, im geheimen Zuſammenhange mit der Außenwelt blieb, und erſaͤufte dadurch die mei⸗ ſten Zechen des Revieres. Er ließ die, durch Freiberg fließende Muͤnzbach in einen alten Schacht leiten, und die geſammten Roͤhrwaͤſ⸗ ſer abgraben. Er oͤffnete Laufgraͤben auf der Vogelwieſe und verſah ſie mit einer ſchweren Batterie, die, im Lauf von ſechzig Minuten, achtzig gluͤhende, zum Theil? Kartaunen⸗Kugeln, 86 in die Stadt ſchoß, welche jedoch, weder ei⸗ nen Menſchen verletzten, noch die bezweckte Feuersbrunſt veranlaßten. Denn als die er⸗ ſten dieſer Gluthballen einſchlugen, ergoß ſich das abgegrabene Roͤhrwaſſer ploͤtzlich aufs Reeiichlichſte; man konnte die Flammen im Ent⸗ ſtehen loͤſchen, konnte die Bottiche, alle vorraͤ⸗ thige Faͤſſer und Troͤge damit anfuͤllen— und eben ſo ploͤtzlich verſchwand es auch wieder, nach den letzten Schuͤſſen, weshalb denn die Bewohner Mirakel! ſchrien und den Herrn lobten, der ſich an ihnen verherrlichte. Viel⸗ leicht hatte das erſchuͤtternde Kartaunen⸗Feuer, oder die Thaͤtigkeit kuͤhner, mit dem Roͤhren⸗ zuge bekannter Bergleute, dem Waſſer einen Weg gebahnt, oder der Einfluß des Comman⸗ danten auf irgend einen Ingenieur des ſchwe⸗ diſchen Heeres, unter dem er fruͤher diente, das Wunder herbei gefuͤhrt. Des Marſchalls Ober⸗ Adjutant, Herr von Flotten, foderte jetzt(12. April) die Stadt 8 —— 87 auf.— Er wiſſe, hieß es: daß der Comman⸗ dant Befehl habe, das Aeußerſte nicht abzu⸗ d warten, wo denn auch keines Lebendigen ge⸗ ſchont werden ſolle; wiſſe, daß es an Lebens⸗ mitteln, ſelbſt am Waſſer gebreche, und rathe ihm Gutes! Haubitz entgegnete hierauf— der Feldherr ſei ganz falſch berichtet— den Mangel an Waſſer, z. B. erſetze ein Ueberfluß an Bier und Wein und man werde demnach, da er und Jeder ſeine Pflicht kenne, keine andere Willfaͤhrigkeit als Kraut und Loth finden. Hierauf blieb draußen alles ſtill, und als am zweiten Morgen die Stadt, zu Ehren des Oſterfeſtes, eine General„Salve aus dem groben Geſchuͤtz und den Hacken gab, fiel ein einziger, ſchwediſcher Schuß, der obendrein die halbe Kartaune, aus welcher er geſchah, zerſprengte. Ein Knabe, den Schweden entkommen, deren Schlachtvieh er huͤten mußte, ward in 88 die Stadt gelaſſen, und ſeine Verſicherung des nahen Abzugs der Feinde, beſtaͤtigte ſich uͤber Nacht. Banner zog waͤhrend derſelben, mit Roß und Mann nach der boͤhmiſchen Graͤnze; nur der General Wittenberg blieb, mit eini⸗ gen Reiter Regimentern, zu Deckung des Ruͤckzuges vor der Stadt. Jener hatte, noch vor dem Aufbruch, in einem weitlaͤuftigen Plakate, die Herſtellung der Mannszucht ein⸗ geſchaͤrft, jeden Pluͤnderer und Verwuͤſter frem⸗ den Eigenthums mit dem gewiſſen Tode be⸗ droht, und ließ nun, im offenen Widerſpruche mit dieſem hoͤchſt nothwendigen Befehle, die Scheuern und Stadthoͤfe, die Kunſtgezeuge und Berg⸗Gebaͤude der Umgebung in Aſche legen. Sein zweimaliger Zuſpruch brachte die Vorſtaͤdte um ſechshundert acht und ſieb⸗ zig Haͤuſer, aber die Abfertigung des rohen Gaſtes, den Buͤrgern, Bergleuten und Sol⸗ daten und ihrem Haubitz, großen Ruhm. Dieſer Brave hatte fruͤher mit den Polen * — * — 89 gegen die Tuͤrken gefochten, den Daͤnen als Quartiermeiſter gedient, und als ſchwediſcher Major des Hofkirchiſchen Regiments, in der Noͤrdlinger Schlacht, Wunder der Tapferkeit gethan; er ſiel am Feierabend dieſes ungluͤck⸗ lichen Tages in öͤſterreichiſche Gefangenſchaſt, lebte neun Monate lang in Wien, und teat, nach der Auswechſelung, als Oberſtleutnant in ſaͤchſiſche Dienſte. Den General Wittenberg, ſeinen Freund und ſonſtigen Waffenbruder, welchen Banner, wie gedacht, bei dem Abzuge zuruͤck ließ, ver⸗ langte nach Haubitzen und einem Glaſe ſuͤßen Weines, an dem es dem Herrn und Meiſter des Freibergiſchen Mutterfaͤßleins nicht fehlen konnte. Er lud demnach ſein ehrenwerthes Bruͤderchen zu einem Liebesmahl vor das Pe⸗ tersthor, und dieſer— wohl auch kein Feind des vollen Bechers— erſchien mit ſeinen Ad⸗ jutanten, mit Kuͤch' und Keller und einigen Dragonern, und that Beſcheid. Manch Flaͤſch⸗ 90 chen ward geleert, die alte Freundſchaft ver⸗ ſiegelt, am Ende ein ruͤhrendes und geruͤhr⸗ tes Lebewohl geſagt. Jetzt fiel es, zum Ungluͤck, einem begeiſter⸗ ten Adjutanten ein, ſich unter den abgezoge⸗ nen Schweden umzuſehn, die ihn, mit dem argloſen Zweck unbekannt, alsbald gefangen nahmen. Haubitz wollte den Gefaͤhrten nicht im Stiche laſſen, er warf ſich mit einigen Dragonern auf den Feind, erhielt einen toͤdt⸗ lichen Schuß, und ſtarb am folgendenn Mittag in Dippoldiswalde. Banner gelangte nun, durch Tauſchhandel, zu dem Leichnam ſeines geliebten Ihanſon, und Haubitz ward, am neunten Mai, im Chor der Peterskirche zu Freiberg, nach Wuͤrden beer⸗ diget. Ein Ehren⸗Denkmahl ſollte, billiger Weiſe, ſein vergeſſenes Heldengrab ſchmuͤcken. Er hat ja die ruhmwuͤrdigen Altvordern dieſer Stadt ruhmwuͤrdig angefuͤhrt, hat nit einer Handvoll Leute, in der offenen Sturmluͤcke, — 93 den ſieggewohnten Vorfechtern des nordiſchen Löwen getrotzt; hat zwei Mal die Alte, Treue, Freie gehalten, und vor Scheul und Greul geſchuͤtzt. Lob ſei dem Unverzagten! Er lebt im Geiſte unſeres Heeres. 92 IV. Hans Banner ſtarb, von den Reichstruppen in der Oberpfalz geſchlagen und verfolgt, im Jahre 1641 zu Halberſtadt, und Lienhard Torſtenſohn pluͤnderte, brandſchatzte und ver⸗ heerte nun, an ſeiner Statt, das Sachſen⸗ land. Auch dieſen lockten, nach dem Siege der Schweden bei Leipzig und der Einnahme dieſer Stadt, naͤchſt dem ſtrategiſchen Zwecke, die wohlſchmeckenden Silberkuchen Freibergs in das Gebirge. Zwanzig tauſend Mann und uͤber 100 der groͤßten Feuerſchluͤnde begleiteten ihn.. Churfuͤrſt Johann Georg I. verſah zwar die Stadt mit dem noͤlhigen Schießbedarf, doch mit nicht mehr als 290 Soldaten; gab ihr aber, in dem Oberſtleutnant Georg Herrmann von Schweinitz, einen zweiten Haubitz zum Statthalter. Die Einſicht und Thaͤtigkeit, —xV 9³ welche dieſer ſofort und vorzuͤglich in der Wahl zweckmaͤßiger Vertheidigungs⸗Anſtalten entwik⸗ kelte, gewann ihm das Zutrauen der kampf⸗ luſtigen Buͤrger und Bergleute, die den hei⸗ ligen Heerd, nach herkoͤmmlicher Weiſe, mit Muth und Blut zu vertheidigen gelobten. Die Eingefluͤchteten, ſelbſt die, hier arbeitenden frem⸗ den Handwerks⸗Geſellen, griffen zu den Waf⸗ fen, und der Ober⸗Seelenhirt, D. Paulus „Sperling, verſammelte den wehrloſen Reſt, taͤglich vier Mal, zum Gebet in den Kirchen. Derſelbe Sperling ermahnte, im Jahr 1631 als Paſtor zu Stolpen, die Truppen dieſer, damals belagerten Feſtung, zur tapfern Ge⸗ genwehr, und als ſelbige klagten, daß alle ih⸗ re Offziere an der, dort eben herrſchenden Seuche erkrankt waͤren, warf er den Prieſter⸗ rock von ſich, fuͤhrte ſie an, vertheidigte, als die Kroaten den Ort verbrannten, das Schloß⸗ ſchlug ihre Stuͤrme ab und noͤthigte den Feind, von dannen zu ziehen. Magiſter Glaſer, der 94 Vesper⸗ und Felprediger wie er ſeyn ſoll, hielt ſogar, ſpaͤterhin, auf gefahrvollen Po⸗ ſten und namentlich ſelbſt in der Sturmluͤcke, Betſtunden—„In Mitanhoͤrung des Fein⸗ des“, ſagt der Annaliſt; was ſich glauben laͤßt, da des frommen Guſtavs Soldaten, die Raub⸗ und Mordluſt weggerechnet, als Erz⸗Luthera⸗ ner, eifrige Betſaͤulen waren. Ein Regenbogen, der am 27. December 1642 zugleich mit dem anruͤckenden Feinde ſichtbar ward, erhob und troͤſtete die glaͤubi⸗ gen Freiberger, welche allerdings der Gunſt himmliſcher Maͤchte bedurften, da Lienhard Torſtenſohn*) fuͤr einen der geuͤbteſten Ar⸗ *) Bei der zweiten Leipziger Schlacht 1641 tödtete eine und dieſelbe öſterreichiſche Stückkugel die Pferde des Rittmeiſters Rabenau, des Pfalzgrafen Carl Guſtav und des Marſchalls Torſtenſon; ſie nahm zudem den Rockſchooß des Letztern mit und zer⸗ ſtörte ſein ſchreibendes Hauptquartier in den Per⸗ ſonen des Kriegsrath Grubbe, den ſie zerriß und Ʒ 9³⁵ tilleriſten und Veſten⸗Bezwinger jener Tage galt und dieſer Ort nur eine ummauerte Land⸗ ſtadt war. Derſelbe ließ jetzt anfragen, ob der Commandant geſonnen ſei, ſich zu wehren, wie er heiße, ob er etwa zu ſeinen Bekannten gehoͤre? ꝛc.. Er heiße Schweinitz, erwiederte der Oberſt⸗ Leutnant: hoffe, der Feldmarſchall duͤrfe nicht fragen und werde einen Soldaten an ihm fin⸗ den. Darauf wurden— ohnfehlbar, um die Kraft des ſchwediſchen Geſchuͤtzes zu bezeich⸗ nen— dreizehn Schuͤſſe nach dem obern Kran⸗ ze des hohen Petersthurms gethan, der mit einer Kanone beſetzt war, und die Laufgraͤben, des Kanzelliſten, Martin Quaſt, dem ſie die Schen⸗ kel zerſchmetterte. Dagegen verſagte ein ſchwedi⸗ ſcher Karabiner, deſſen Mündung dem Erzherzog Leopold, während des Handgemenges, in die Seite geſetzt ward und ſein Renner entzog ihn den Schweden. trotz dem Schnee und der Kaͤlte, am 31. De⸗ cember, vor dem Petersthor, ohnſern des Buͤrger⸗Spitales eroͤffnet. Es ſiel zuerſt ein Steinregen in die Stadt, begleitet von einem Dutzend 15opfuͤndiger Feuerballen und drei Gopfuͤndigen Bomben. Sie trafen, zum Gluͤck, insgeſammt auf freie Plaͤtze und zuͤndeten nicht, die Kugeln der Staͤdter aber rafften viele Schweden weg und in den Laufgraͤben ward einer ihrer Ober⸗Ingenieure, der einen rothen Rock und weißen Stab in der Hand trug, erſchoſſen. Schon damals machte die ausgezeichnete, fernhin unterſcheidbare Beklei⸗ dung der hoͤhern Offiziere, ſie zur Zielſcheibe der feindlichen Schuͤtzen. Torſtenſohn feuerte am 1. Januar, mit zwanzig der ſchweeſten Kanonen auf die Stadt, ließ dann Schweinitzen ſagen:„Er habe dem⸗ ſelben nun die Ehre angethan, ihm ſein Heer vorzuſtellen und das neue Jahr ſchießen laſſen, hoffe, Jener werde mit gedachter Ehre begnuͤgt 97 ſeyn und das churfuͤrſtliche Begraͤbniß nicht der Zerſtoͤrung ausſetzen.“ Drohungen beſchloſ⸗ ſen die Anfrage. Schweinitz verſicherte, ſich bis auf den letzten Mann vertheidigen zu wol⸗ len und der Marſchall ließ deßhalb, am fol⸗ genden Tage, mittelſt jener furchtbaren Bat⸗ terie, eine Sturmluͤcke in den Thurm und in die Mauer des Petersthores legen. Sie ſeuerte Lagenweiſe, that, im Lauf von ſechs Stun⸗ den, dreizehn hundert ſiebzehn Schuͤſſe und zerſtoͤrte den obern, zwanzig Ellen hohen Theil des Gemaͤuers. Die Stadt ſelbſt ward gleich⸗ zeitig mit Feuerballen, mit hundertpfuͤndigen Bomben und einer Unzahl großer und kleiner Steine beworfen, doch dieſe Gaben fielen, meiſt ohne Erfolg, auf freie Plaͤtze oder wuͤſte Staͤtten und zerſtörten bloß einige Daͤcher. Aber mitten im Schneegeſtoͤber ward, hinter dem Qualm und Dampfe dieſes Hoͤllenſtuͤcks, eine Maſſe ſchwediſchen Fußvolkes ſichtbar, das Brigadenweiſe, unter Klang und Sang, mit Schillings Schr. 46r Bd. 7 98 den Sturmleitern anruͤckte. Eben ſprang die erſte, feindliche Mine und verſchlang, hart vor dem Thor, die alte, ſogenannte Marterſaͤule, Statt den Graben zu fuͤllen und deſſen Mauer zu ſprengen, denn der Minirer hatte ſich ver⸗ rechnet, oder des Marſchalls Ungeduld ihn gedraͤngt. Gleich Bannern, ſcheiterte auch er, durch uͤbereiltes Treiben, an dem eiſernen, Takt haltenden Gleichmuth der Gegner. Die Kugelſaat und alle jene Schrecken verachtend, ließ Schweinitz, waͤhrend dem, die Sturnluͤk⸗ ke nach Vermoͤgen ausgfuͤllen und bereitete, jenſeit ihrer Truͤmmer, den Gaͤſten einen nach⸗ druͤcklichen Empfang vor.— Doch, das ſchreck⸗ liche Wetter, das Mißlingen der Mine und die Fruchtloſigkeit des Feuerregens, beſtimmten den Marſchall flir dieß Mal, den Sturm auf⸗ zuſchieben, und ſeine Truppen zuruͤckzuziehn. Die Freiberger gaben ihm— ausfallend, das Geleite, Bergleute raͤumten, waͤhrend dem, den Graben auf, brachten die gefundenen 99 Stuͤckkugeln nach der Stadt und verwahrten die Sturmluͤcke. Auch wurden die angrenzen⸗ den Gebaͤude zu Blockhaͤuſern umgeſchaffen, die Straßen, durch Abſchnitte, vor den Fort⸗ ſchritten der Stuͤrmer geſichert und die Pe⸗ tersgaſſe mit einigen Stuͤcken beſetzt, welche dieſe und die Ruͤckſeite der Breſche beſtri⸗ chen. Die feindliche Artillerie feuerte, waͤhrend — der Nacht, unausgeſetzt, um jene Herſtellung zu verhindern, ſie warf Grenaden nach dem Innern, ſie verdoppelte mit dem Morgen ih⸗ re Anſtrengungen, ſie ſchoß, bis zum Mittag, 699 Kugeln der ſchwerſten Gattung gegen die Breſche und öoffnete damit einen ſiebzig Schuh breiten Durchgang; warf auch daneben, aus ihren Moͤrſern, unzaͤhlige Steine, ſelbſt ei⸗ ſerne, zentnerſchwere Gewichte und einen Am⸗ boß in die Stadt. Als endlich, mit dem Schlage der zwoͤlften Stunde, eine zweite Mine wirkſam geſprungen war, ſtuͤrzten ſich 2 2 100. zweihundert freiwillige Stuͤrmer auf die Bre⸗ ſche, wurden aber, vor Ablauf einer Viertel⸗ ſtunde, gewaͤltigt und verjagt. Ihr Fuͤhrer, Schlammersdorf, blieb auf dem Platze, der zweite Hauptmann, die beiden Leutnants und die Mehrzahl der Gemeinen, fielen, toͤdtlich verwundet, in der Freiberger Haͤnde. Hierauf ließ der Feldmarſchall dem Com⸗ mandanten ſagen:„Er habe ihm nicht allein die Ehre gethan, das neue Jahr ſchießen, ſondern auch nunmehr Breſche legen, und das Rondel durch ein Paar hundert Mann re⸗ cognosciren laſſen, woraus er ſoviel befunden, daß dieſer ſchlechte Ort nicht bastant, ihm Widerſtand zu thun. Er habe Breiſach, Re⸗ gensburg, Groß⸗Glogau, Leipzig und andere faͤrnehme Feſtungen erobert, was denn dieſer, gegen ſelbige geringe Ort, ſich opiniatriren wolle? Der Commandant habe ſeiner Ehre genug gethan, einen Sturm ausgeſtanden, dannenhero er die Stadt mit Reputation wohl 101 aufgeben koͤnne. Der Marſchall muͤſſe ſelbige, fuͤr dieß Mal, aus Kriegs⸗Raison haben, und werde nicht eher davon gehn, ſolle er auch nicht einen Mann uͤbrig behalten ꝛe. In Verweigerung eines guten Akkords, ſei zum Generalſturm Alles fertig; es werde dann auch des Kindes im Mutterleibe nicht verſchont und der Commandant, wo er lebendig in ihre Haͤnde falle, nicht als ein Cavalier traktirt werden.“ Georg Herrmann von Schweinitz erwieder⸗ te hierauf, nachdem ſich derſelbe mit den Haͤuptern der Beſatzung und der Buͤrgerſchaft beſprochen hatte—„Er erfuͤlle nur den Be⸗ fehl ſeines Churfuͤrſten: die angefuͤhrten Motive waͤren nicht sufficient, ihn auf den Weg der Untreue zu verleiten; wolle der Feldmarſchall den Generalſturm verſuchen, was ihm zur Ehre gereiche, ſo muͤſſe er ſolches geſchehen laſſen, er ſolle aber lauter redliche, ehrliche eeEute in der Stadt finden, die, eingedenk der 102 Ehre und der Pflicht, bis auf den letzten Blutstropfen ritterlich fechten, ja, lieber ſter⸗ ben als zugeben wuͤrden, daß dieſe freie Berg⸗ ſtadt ſammt den Ihrigen, unter das ſchwe⸗ diſche Joch gerathe ꝛc. Das„ſchwediſche Joch“ veranlaßte bittere Gloſſen von Seiten des Beauftragten, die nicht unbeantwortet blieben und er kehrte nun, unverrichteter Sache, nach dem Fenſter des Spitales zuruͤck, das dem Angriffspunkte ge⸗ genuͤber lag, und an welchem Torſtenſohn, vom Zipperlein gefeſſelt, die Stuͤrme leitete. Es empoͤrte ihn, vor einer Stadt, die weder durch Waͤlle, noch Bollwerke geſchuͤtzt ward, ſo viel Blut und Pulver verſchwenden zu ſol⸗ len, und er hatte kaum die abweiſende Ent⸗ gegnung des Mannes, der ihr vorſtand, vernommen, als der Befehl zu dem gedrohe⸗ ten, vorbereiteten Angriff gegeben ward. Als⸗ bald donnerte das geſammte ſchwere Geſchuͤtz; die 3 und ½ Kartaunenkugeln wuͤhlten zu, Duz⸗ ————y 103 zenden, in der Sturmluͤcke und dem Rondel, eine dritte, wenig leiſtende Mine ſprang; die blaue und die weiße Brigade eilte, mit klin⸗ gendem Spiele, mit fliegenden Fahnen, mit Gefahr drohenden Sturmleitern, unter wil⸗ dem Geſchrei und von den Generalen Wran⸗ gel und Mortaine gefuͤhrt, gegen die Bre⸗ ſche. 4 Bald wimmelte der Graben von Stuͤr⸗ mern, die das Rondel erſtiegen; ſchon zwan⸗ zig Faͤhnlein flatterten auf ihm. Das Meiß⸗ niſche und Erbisdorfiſche Thor ward gleichzei⸗ tig beſchoſſen und geſtuͤrmt, den Blockhaͤuſern durch Kreuzfeuer zugeſetzt, ein Hagel von Bomben, Steinen und Brandballen uͤber der Stadt ausgeſchuͤttet,„daß alles erbebte und „ein ſolcher Laͤrm ward, als ob Himmel und „Erde in einander gingen, welches dann eine „ganze Stunde gewaͤhret, weil die Schweden „ſtandhaft gehalten und ſtark vor gedrungen, „wie auch die Offizierer, mit bloßem Degen, die 9H 104 „Ihrigen dazu angefriſcht, welche ohnedieß, naus Blut⸗ und Gutbegierigkeit, alle Kraͤfte nangewendet, ſich der Stadt zu bemaͤchtigen. „Sie ſind aber dennoch, durch mannliche Ge⸗ „genwehr der Garniſon und tapfern Buͤrger⸗ „ſchaft, uͤberall abgetrieben worden, da man „denn geſehn, wie ſie, in voller Confuſion, „mit ſehr großem Verluſt und Hinterbleiben „wieler Todten und Gequetſchten, auch Hin⸗ „terſchleppung der, zuvor fliegenden Fahnen, „nach dem Spitale zugelaufen.“ Ein Strom von Kartaͤtſchen, Haken⸗ und Buͤchſenkugeln begleitete ſie, das Feuer ihrer eigenen, gegen die Sturmluͤcke ſpielenden Bat⸗ terien war ihnen, fruͤher ſchon, verderblich worden.— Dieſe hatten, ſeit Geſtern, uͤber zwei tauſend fuͤnf hundert Schuͤſſe auf die Stadt und das bedrohete Thor gethan. 105 Der brave Schweinitz befand ſich uͤberall, wo ⸗ die Gefahr eben am dringendſten war und waͤhrend der entſcheidenden Momente auf dem beſtuͤmmten Thurme, wo ihn eine der Gre⸗ naden, die er eigenhaͤndig auf den Feind warf⸗ im Geſicht und am Schenkel verwundete. Sei⸗ 1 ne Beiſtaͤnde, ein Major Muffel von Ehren⸗ reuth, ein Capitaͤn⸗Leutnant von Arnim, der Leutnant Michel, die Faͤhndriche Pflugk und Frankenſtein, wetteiferten mit dem Mei⸗ ſter. Die Muſter- und Nathherren fuͤhrten ihre Buͤrger, die Bergbeamten ihre Knappen unverzagt nach den bedroheten Plaͤtzen, und in den Reihen herrſchte Muth und Freudig⸗ keit.„Alſo, daß etliche Musketirer, unge⸗ ſcheuet aller Gefahr und des ſo grimmigen Schießens, auf die Breſche geſprungen, mit Morgenſternen und Schlachtſchwertern agirt —— 8 106 und auf den Feind im Graben gefeuert ha⸗ ben.“ Den gefaͤhrlichſten, niedrigſten Punkt der Sturmluͤcke vertheidigte ein Buͤrger, der Stadt⸗Leutnant Peter Schmoll, mit Loͤwen⸗ muth: in den Kirchen der Stadt erhoben die Wehrloſen ihre Haͤnde und Herzen zum Him⸗ mel, und die Glocken aller Thuͤrme erklangen, waͤhrend der ganzen Dauer des Angriffs, im Sturmſchlage. Ein jauchzenvolles Te deum belobte endlich den Retter aus der Noth, denn haͤtten die Feuerballen gezuͤndet, ſo wuͤrde die Stadt, zu Folge des Orkans, der mit dem Abende losbrach, zu einem Aſchenhaufen ge⸗ worden ſeyn. Der Feind verlor, außer vielen Offizieren uͤber vierhunders Gemeine. Ein zweiſtuͤndi⸗ ger, zu Beerdigung der Todten geſchloſſener Waffenſtillſtand, ward bis zum Abend verlaͤn⸗ gert, weil Torſtenſohn nach den Leichnamen ei⸗ nes Schlammersdorfs und eines Sternbergs 107 verlangte, die jedoch nicht zu finden waren, und unfehlbar unter dem Schutte des einge⸗ ſtuͤrzten Mauerwerkes lagen. Gefaugene Schwe⸗ den ſagten aus, daß ſie, im Fall eines gluͤck⸗ lichen Erfolgs, befohlner Maßen, alle Be⸗ waffnete niedergehauen und vier Stunden lang gepluͤndert haben wuͤrden. Torſtenſohn hatte vergebens auf die Wir⸗ kung des Schreckens gerechnet, vergebens ſein Pulver und das Blut der Kerntruppen ver⸗ ſchwendet. Es blieb ihm nichts uͤbrig, als verſpottet abzuziehn oder die Stadt, gleich einer wirklichen Feſtung, nach den Geſetzen der Kriegskunſt anzugreiſen. Zu einem Zeitpunkt uͤberdies, in welchem jede ſolche ſich, der Re⸗ gel nach, ergiebt, da die Breſche gelegt und wiederholt beſtuͤrmt worden, die Angriffsfronte ein Schutthaufen und das Innere, ſammt ſei⸗ nen Bewohnern, verloren war, wenn es dem Feind gelang, ſie mit dem Schwert in der Fauſt zu erobern. 108 Die ſchwediſchen Brummer verſtummten nun fuͤr eine Weile, der Minenkrieg verſah ihre Stelle. Eine mißliche Wahl, wie uns beduͤnken will, da Freiberg auf Felſengrunde ruht, und von Bergleuten wimmelte, die, un⸗ ter der Leitung ihrer Markſcheider, den ſchwe⸗ diſchen Minirern die Arbeit verkuͤmmerten, ſie bald erſaͤuften, bald verquetſchten, bald ihnen zuvor kamen und auf dieſe Weiſe zwoͤlf Baue verdarben. Mehrere dieſer Bergleute leiſteten nebenbei, als Spaͤher und geheime Poſtentraͤger, heilſame Dienſte. Mit allen, unterirrdiſchen Schlichen bekannt, gelangten ſie, mittelſt des Stollens und der entfernten, un⸗ bewachten Schachtoͤffnungen, in das Freie, brachten bald dem Churfuͤrſten, bald dem Ok⸗ tavio Piccolominz Nachrichten, und von Sei⸗ ten dieſer, Troſt und Rath und Verheißun⸗ gen des baldigen Entſatzes, zuruͤck. Einer derſelben ſiel, mit zwei Briefen Piccolomini's verſehn, demſelben G. Wittenberg in die — — 109 Haͤnde— deſſen Trinkluſt den wackern Haubitz fruͤher, ums Leben brachte. Da Wittenberg eben Wein empfangen hatte, ſo mußte jenes Bergmaͤnnchen, vor allem, das Faß abladen, es erſah dann ſeinen Vortheil, entwiſchte und erreichte, die Briefſchaften rettend, den Stadt⸗ graben. Der öͤſterreichiſche Feldherr ſchrieb an Schweinitz: Edler, Veſter, Inſonders geliebter Herr! Gegenwaͤrtige Bergleute habe ich zudeme allhier aufgehalten, daß ſie ſelbſt die Armee marſchiren ſehn und hiervon gewiſſe Nach⸗ richt nach Freiberg uͤberbringen koͤnnen. Und weil ich, mit einer ſolchen Armee, deſſen der Feind nicht vermeinen noch glauben wird, in wenig Tagen bei Freiberg arriviren und ſelbi⸗ ges mit dem Beiſtande Gottes, zu entſetzen hoͤffe, als erſuche ich den Herrn abermals, die kurze Zeit ein uͤbriges zu thun, und ſei⸗ nen, ſo braven, ehrliebenden Mitbuͤrgern, ſol⸗ chen Poſto, bis zu meiner Ankunft zu manu⸗ teniren, und dazu Alle zu beherzigen, was ſie zeithero ſo ruͤhmlich erhalten, in ſo weni⸗ gen Tagen nicht zu verlieren, ſondern den voͤl⸗ ligen Ruhm zu erlangen, ihr Gewoͤhnliches zu thun und anzuwenden. Gott befohlen. Ootavius Picoolomini, man., propr. Der Buͤrgermeiſter, Jonas Schoͤnleben, ein hochverdienter, tapferer Mann, leitete die⸗ ſe Verſtaͤndniſſe und ſeine Beauftragten fuͤhr⸗ ten, zu gedachtem Zwecke, eine ſilberne, die Depeſche enthaltende, mandelfoͤrmige Kapſel, welche ſich oͤffnen und im Nothfalle verſchlin⸗ gen ließ. Wohl auch benutzten dieſe Boten, als ſpukende Gnomen, den Aberglauben des Feindes, welcher ſelbſt die Mehrheit ihrer 111 Offiziere beherrſchte.„) Die Schweden trach⸗ teten vor allem nach Talismanen, um ſich feſt (gefroren) zu machen, und wer das Gluͤck hatte, unverletzt zu bleiben, den ſchuͤtzte, der oöͤffentlichen Meinung nach, das Zaubermit⸗ tel.— So ritt, am 6. Januar, ein ſchwedi⸗ ſcher Quartiermeiſter, der unfehlbar die Kraft eines ſolchen, vielleicht mit Gold aufgewoge⸗ nen, erproben wollte, gegen das Donatsthor an, und tummelte, vor den Muͤndungen des Geſchuͤtzes und der Scheibenroͤhre, ſein Pferd. Vier Soldaten der Beſatzung ſchlichen, von der guten, ſichern Beute gelockt, uͤber den Graben, umzingelten den Tollkuͤhnen,„und haben ihn endlich, nachdem er einige Schuͤſſe —— *) Als Torſtenſohn, bei ſeiner Ankunft, die um⸗ gebung der Stadt beſichtigen wollte, hing ſein mu⸗ thiges Roß plötzlich den Kopf, ſchritt, Trotz der Sporenſtöfte, rückwärts und ſein Geberden ver⸗ antaßte im Heere, Folgerungen eines unglücklichen Ausganges. 112 ausgehalten, durch den Kopf geſchoſſen, und in die Stadt gebracht. Hat zwar noch etwas gelebt, doch uͤbel gebruͤllt, und hat man bei ihm einen ungewoͤhnlichen, ſchwarzen Stein, unter dem rechten Arm gefunden.“ 1 Als Schoͤnleben, waͤhrend des eben geſchil⸗ derten, drohenden Sturmes, die Buͤrger nach der Breſche gefuͤhrt hatte, befahl er einem treuen Diener, nach Hauſe zu gehn und ein Schatzkaͤſtlein, das ſein Geld und andere Koſt⸗ barkeiten enthielt, irgendwo zu verſtecken oder zu vergraben. Da Jener endlich wiederkehrte und eben den Mund aufthat, um ſeinen Herrn mit dem Orte, wo er es aufhob, bekannt zu machen, riß ihm eine Kanonen⸗Kugel den Kopf ab und der Schatz iſt noch Heute des Finders gewaͤrtäg. Der Geiſt des Grimms und der Zerſtoͤ⸗ rung wuͤthete nun, Theils uͤber, meiſt unter der Erde, unter Kaͤlte uud Sturm, Schnee und Regen, bis zum 17. Februar raſtlos fort— 113 immer und immer wiederholten ſich, von Dresden her, die Verheißungen des Entſaz⸗ zes, verſprach Piccolomini, die armen Frei⸗ berger zu erloͤſen und vergebens ſahen dieſe, ſechs furchtbare Wochen lang, zu den boͤhmit ſchen Grenzbergen auf, von denen die Huͤlfe kommen ſollte.— Auch vor dem Meißniſchen⸗ und Donaths⸗ chore wurden nun die Laufgraͤben eroͤffnet. Wittenberg, der Lebemann, befehligte hier. Er bewirthete eben eine Menge hoher, ſelbſt fuͤrſtlicher Gaͤſte, als die Beſatzung des Do⸗ nathsthurmes ploͤtzlich ſein Quartier in Brand, und der Gaͤſte einem, zum Gluͤcke, nur den Huth vom Kopfe ſchoß. Die Kugeln ſchienen hier, wie, laut tau⸗ ſendfaͤltiger Erfahrung, uͤberall, von guten bald und bald von tuͤckiſchen Geiſtern, getrieben und gelenkt zu werden. In Thomas Mei⸗ ners Haus warf eine ſpringende Grenade den Ofen ein, die Frau, welche, mit dem Kinde Schillings Schr. 46 r Bd. 8 114: an der Bruſt, vor dieſem ſaß, zuſammt dem Stuhl, ſechs Ellen weit hinweg, ohne ſie, noch das Kleine zu verletzen. Eine vier und zwanzigpfuͤndige Kugel, durchſchlug das Waſe ſerthuͤrmlein am Petersthor, flog dann noch äber die ganze Stadt hinweg, in ein Gebaͤude der Saͤchsſtadt, warf eine Wiege mit dem Kind in dieſer um, fuhr zwiſchen zwei andetn hindurch und ließ alle drei unverwundet. Das Wiegenkind, Schlegels Michelchen, ward nach⸗ her beſtverdienter Pfarrherr zu Ober⸗Gruna. Endlich ſiel eine 100pfuͤndige Bombe, waͤh⸗ rend des letzten Sturmes, in die, von mehr als zwanzig Perſonen erfullte Unterſtube des Einnehmers Roͤmer, ohne irgend Einem zu ſrhaden und von dreihundert eingeworfenen Feuerballen waf nicht einer auf beſonders brennbare Punkte. Torſtenſohn ließ, im Laufe der Belage⸗ rung, vierzehn Minen ſpringen, die das Ge⸗ maͤuer der Angriffsfronte der Erde gleich mach⸗ —y 115 ten. Er verſuchte, den Graben, durch das Einwerfen herbeigeſchaffter Hoͤlzer zu fuͤllen, aber die Bergleutchen beſeitigten die Staͤmme und Scheite, je wie ſie einfielen, und ver⸗ kauften ſie in der Stadt um ein Billiges. Am neunten Februar ſetzte die Wirkung zweier Minen und der Erfolg eines Sturmes, die Schweden in den Beſitz des Rondels und des Thors und ſie beſtrichen, von da aus, die Pe⸗ tersgaſſe, auf der jetzt eiligſt eine Batterie er⸗ richtet ward, welche die Kuͤhnen am Abend verjagte. Die Geſahr wuchs nun mit jeder Stunde, ſie ward rieſengroß und noch immer ließ ſich der heiß erſehnte Piecolomini nicht blicken, noch immer brachten die thaͤtigen Berg⸗ geiſter troſtreiche Verkuͤndigungen der Naͤhe * 116 dieſes Retters, von Dresden zuruͤck; noch im⸗ mer wies der eiſerne Statthalter jede Auffor⸗. derung ab und ſeine Buͤrger, ſeine Berg⸗ leute, unter Schoͤnleben und Schoͤnberg, trotz⸗ ten, gleich den Soldaten, freudig wie bisher, dem Tode. Ruhmvoller konnte man nicht en⸗ den, und noch lebte ja die Hoffnung und— Gott! Am noten Februar erhielt Herr von Schwei⸗ nitz, auf dem gewoͤhnlichen Wege, Briefe aus Brix von dem Feldmarſchall Piccolomi⸗ ni, in welchen dieſer, ernſtlicher als je, ge⸗ lobte, ihn, im Laufe der naͤchſten 8 Tage zu befreien. Zum Zeichen der Naͤherung wolle er zwei Haͤuſer im Dorfe Lichtenberg anzuͤnden (eine heimliche Freude fuͤr die Beſitzer) und auf den Hoͤhen, die im Geſichtskreiſe des Feindes laͤgen, ſechs Stuͤcke loͤſen. Zeit ward es! Nur ein hoͤlzerner, mit Erde gefuͤllter Zwergwall ſchuͤtzte jetzt noch den innern Eingang des Thores, das, ſammt dem 84 4 5 11 8 1 7 naͤchſten, zſtlich gelegenen Thurme und der Zwingerthuͤr, in Feindes Hand gerieth, der die letztere mit einem Dreipfuͤnder beſetzte und damit den jenſeitigen Theil der, noch verthei⸗ digten Sturmluͤcke flankirte. Nur der raſtlo⸗ ſe, eiſerne Widerſtand hielt noch des Feindes letzten Schritt in die eigentliche Stadt zu⸗ růc. Am 14. Februar ſchlug die Beſatzung eis nen Angriff auf den naͤchſten, im Weſten des Thores gelegenen Thurm ab, auch verungluͤck⸗ te die feindliche, zu Fuͤllung des Grabens ge⸗ legte Haupemine. Ueber 200 Grenaden wur⸗ den, waͤhrend der Nacht, eingeworfen. „Da es nun endlichen auf die hoͤchſten Extremitaeten gerathen, der Feind die beſten Wehren und Flanquen der Stadt abgenom⸗ men, die Hauptmauer bis auf den Grund aͤber den Haufen geworfen, und nun nichts mehr zwiſchen ihm und der Stadt, als etliche hoͤlzerne Abſchnitte und ruinirte Gallerien uͤbrig, 118 auch nichts als der Tod und die gaͤnzliche De⸗ ſolazion und Zerſtoͤrung der Stadt, von er⸗ grimmten, blutgierigen, mit der heftigſten Ge⸗ walt einbrechenden Voͤlkern vor Augen und zu erwarten geweſen, hat doch Keiner einigen Fuß gewendet, oder ſich kleinlaut erzeigt, ſon⸗ dern es hat ſich Jeder herzhaft eingefunden und reſolviret, eher alles zu dulden und zu leiden, als treuloſer Weiſe wider ſeiner gnaͤdig⸗ ſten Obrigkeit Willen, dem Feind die Stadt zu uͤbergeben, wie denn ſonderlich das Volk und die Buͤrgerſchaft gegen den Commandan⸗ ten ſich, noch zuletzt, bei den groͤßten Faͤhr⸗ lichkeiten erboten, Leib, Gut und Blut bei ihm aufzuſetzen, und aus Churfuͤrſtl. Saͤchſ⸗ Pflicht und aus den Fußtapfen ihrer, in Treue und Standhaftigkeit weit beruͤhmten Vorfah⸗ ren, ſich nimmermehr, weder durch Bedro⸗ hung, noch einige Gewalt und Noth bringen zu laſſen.“ „— 119 O, ruhet ſanft unter dem Mooſe, Schil⸗ de des Vaterlandes! und Euer Beiſpiel wirke fort! 1 Die Woche war abermals unter Todes⸗ kaͤmpfen verlauſen, noch keine Spur der, oſt verheißenen Erloͤſung zu erblicken und die er⸗ ſchoͤpfte Pflicht der Soldaten mußte nun end⸗ lich der hoͤhern Ruͤckſicht, mußte dem Bemuͤ⸗ hen weichen, die Fackel, das Schwert und den Greuel, von den Heiligthuͤmern der Ehre, der Unſchuld und des Beſitzthums abzuwenden. Man ging den Marſchall um einen Waffen⸗ ſtillſtand und um Paͤſſe fuͤr einige Offiziere und Rathsglieder an, die in Dresden die Er⸗ laubniß zur endlichen Uebergabe auswirken ſollten. Torſtenſohn wies das Geſuch von der Hand, und von neuem begann der Waffen⸗ tanz auf den blutigen Koth⸗ und Steinhaufen, die, vor Kurzem noch, ein Thor, ein Rondel und zwei Thuͤrme dargeſtellt hatten, ſchlug man ſich um den Beſiß einer⸗ ſchon offenen, 120 in die Stadt fuͤhrenden Seitenpforte, die bald. der eine Theil, mit einer eiſernen Thuͤr zu ſchließen trachtete, bald der andere, mittelſt eines Feuerhakens wieder ſprengte. Die Schweden ſuchten unter anderm, mittelſt einer, an der Spitze mit Pechkraͤnzen verſehenen Stange, von der Sturmluͤcke aus, das naͤch⸗ ſte Haus am Thor zu verbrennen, ſie wur⸗ den aber durch Grenaden zuruͤckgetrieben und von dem Thurm hinabgeworfen. Am 15ten Februar, Nachmittags, erſchien des Marſchalls General⸗Adjutant, Herr von Rebenſtock— welcher ſich, dem Namen nach, zu Wittenbergs Stecken und Stabe geeignet haͤtte— mit der Anmuthung unverzuͤglicher Uebergabe. Man wies ihn ab, die Nacht brach jetzt, Vernichtung drohend, ein, da roͤthete ſich der Himmel uͤber Lichtenberg, die beiden Haͤuſer flammten auf; ſie erſchienen den Staͤd⸗ tern wie flammende Cherubim; ſechs Kano⸗ nenſchuͤſſe verkuͤndigten, gleich der Stimme 121 des Schickſals, den nahenden Feiertag der Er⸗ loͤſung. Wer beſchreibt das Entzuͤcken der Frei⸗ berger! Torſtenſohns Anſtrengungen zeigten deut⸗ lich, welchen entſcheidenden Werth derſelbe auf den Beſitz dieſer Stadt legte, und den⸗ noch ließ der geuͤbte, von Regungen der Menſchlichkeit unbeſchwert bleibende Haudegen noch immer ein Gewaltmittel unverſucht, das ihm ohnfehlbar ans Ziel geholfen und ihn uͤberdieß der Zerſtoͤrung der Mauern und Thuͤr⸗ me uͤberhoben haͤtte, deren er ja, im Fall die Stadt ſein ward, zum eignen Schutze bedurf⸗ te. Freiberg war mit Eingefuuͤchteten und Wehrloſen uͤberfuͤllt; die Haͤuſer vermochten kaum, ſie zu faſſen. Jene hatten eine Unzahl von Geraͤthſchaften, von Kuͤhen, Schafen ꝛc. mitgebracht, denn es kamen, waͤhrend der Belagerung, an 800 Stuͤck Vieh um: der Winter war ſtreng; mit dem Dach und Fach mußte die Stadt fallen. 122 In dem halben Bereiche des Buͤchſenſchuſ⸗ ſes erheben ſich, vor dem Meißniſchen Thor— eben da, wo zuletzt ein zweiter Angriff be⸗ gann, ſchroffe, dieſen entlegenſten, damals nur hoͤlzernen Theil der Stadt, beherrſchende Hoͤhen. Hier mußte der Marſchall, in der⸗ naͤchſten, ſtuͤrmiſchen Nacht, ſeine 3 und ½ Kartaunen zuſammt den Moͤrſern verſammeln; mußte waͤhrend dem das Petersthor ſtuͤrmen, und wenn der Kern der Beſatzung dahin ge⸗ zogen und dort verwickelt war, einen Strom gluͤhender Kugeln, Bombe auf Bombe, Bal⸗ len auf Ballen uͤber den brennbarſten Gebaͤu⸗ den ausgießen. Die Halbſchied des Heeres reichte mehr als hin, die Handvoll Leute, welche hier einen Ausfall wagen konnte, heim⸗ zuſchicken oder gefangen zu nehmen. Der Wind haͤtte fuͤr die Verbreitung der Flam⸗ me geſorgt, der Angriff an jenem Thore, Rath und That gefeſſelt, der Poͤbel im Orte, die Zwecke des Brennherrn gefoͤrdert. Dann ging — 123 das Rauchſutter, der Branntwein, Speck und Oel ꝛc. die Flammen fernhin tragend— ging vielleicht ein Theil der Pulvervorraͤthe, jedes ſchuͤtzende Obdach im Feuer auf— dann gab es fuͤr die erſchoͤpften Kaͤmpfer— fuͤr die Maſſe der Fluͤchtlinge, der Weiber und der Kinder, der Greiſe und der Siechen, keine Lagerſtatt als das Eis, keine Decke als den Schnee, keine Erquickung als den Grabes⸗ hauch des Winters, kein Heil auf Erden, als das Schlagen der Chamade. Dann erweichte das Elend und der Jammer des entmannen⸗ den Geſchlechtes die mannhaften Buͤrger, und Weiber⸗Thraͤnen oͤffneten, um die Wette mit den ſchwediſchen Kugeln, Thore und Thuͤren. Am Morgen des 16ten Februars ſtellte ſich bereits die ſchwediſche Reiterei den Oeſterrei⸗ chern, auf dem Lerchenhuͤbel, wit dreißig ſchwe⸗ ren Kanonen entgegen, das Fußvolk zog ſich am Spital zuſammen, eine Hauptmine ſprang, ſie warf, im Weſten des Thores, 20 Ellen 124 der Stadtmauer uͤber den Haufen. Die Luͤ⸗ cke ward alsbald verbaut. Rebenſtock erſchien von neuem und ſprach in beweglichen Wor⸗ ten.— Mit Gleichmuth abgewieſen, kam er zum vierten Male wieder; ein fuͤnfter Zuſpruch ward verbeten. Man kannte den Marſchall, und ſah deß⸗ halb, zur Nacht, dem Generalſturm entgegen. Schon war er anbefohlen und nach der Aus⸗ ſage der Ueberlaͤufer, der Schweden Looſung: Schont das Kind im Mutterleibe nicht! der Freiberger Feldgeſchrei dagegen— Jeſus! Jeſus! Jeſus! Doch Torſtenſohn zog ab; er zog, Hanns Bannern gleich, im Grimme. Das blutige, verlorne Spiel hatte ihm, nach ſeinem eigenen Geſtaͤndniſſe, drei⸗ tauſend Mann gekoſtet, im ſchwediſchen Heere ward Freiberg fortan die Hexenſtadt genannt. So zugaͤnglich hatte der Schweden bluti⸗ ger Schweiß, hatte ihr Geſchuͤtz und der Mi⸗ nenkrieg die Sturmluͤcke gemacht, daß der —— 125 Fuͤhrer des oͤſterreichiſchen Vortruppes, am 17ten Februar, ungehindert durch ſie, in die Hexen⸗ ſtadt einritt. Ihm folgte Octavio Piccolo- mini mit dem Fuͤrſten Salm und einem gro⸗ ßen Gefolge. Er ſprach ſein Erſtaunen uͤber die Ruinen der Angriffs⸗Fronte und die bei⸗ ſpielloſe Vertheidigung dieſer unbedeutenden Schutzmauer aus; auch wußte der Feldmar⸗ ſchall zu loben und ehrte das Verdienſt. Georg Herrmann von Schweinitz und ſeine Veiſtaͤnde feierten Heut ohnfehlbar den herrlichſten ihrer Lebenstage: er und Schoͤnleben gingen, am folgenden Tage, nach Dresden ab, wo der Churfuͤrſt ſie mit goldnen Ehrenzeichen und andern, ruͤhrenden Beweiſen ſeiner Dankbar⸗ keit erfreute. Deutſchland nannte ihre Namen mit Bewunderung, der Feind, trotz ſeinem Groll, mit hoher Achtung. Kaiſer Ferdinand und ſein Wien feierten die Rettung Freibergs durch ein Te deum; Se. Majeſtaͤt beehrte den Statthalter Schweinitz, den Magiſtrat 126 und deſſen Buͤrgermeiſter Schoͤnleben mit ruhmvollen Belobungsſchreiben, erhob den letztern in den Reichs⸗Adelſtand und ſandte ihm eine koſtbare, 500 Thaler werthe Gna⸗ denkette; Herr von Schweinitz empfing eine ſolche fuͤr 1v00 Thlr. und die Weiſung, ein eroͤffnetes Reichslehen fuͤr ſich auszuſuchen, auch ſollte der Feldmarſchall erforſchen, ob ihm„deſſen Namen“, nach des Kaiſers Aus⸗ druck,„ein ewiges Lob und Ruhm me⸗ ritire“ mit der Erhebung zum Reichs⸗Frei⸗ herrn gedient ſei? Eines der ruͤhrendſten und feierlichſten Dankfeſte verſammelte jetzt die Geretteten in den Tempeln des Herrn,„denn Er hatte Großes an ihnen gethan; deß waren ſie froͤh⸗ lich!“ — — Nikodemo Valerio, der kuͤhnſte und geuͤbteſte Wildſchuͤtze Savoyens, verſuchte eines Tages, von mehrern Jaͤgern begleitet, die Baͤren, deren Lager er aufgeſpuͤrt hatte, zu beſchleichen und ihrer Brut maͤchtig zu werden, um einen Baͤren⸗Tanzmeiſter mit dieſer zu vergnuͤgen. 3 Schillings Schr. 46 r Bd. 9 130 Die Begleiter ſtellten ſich am Fuße des, kaum erſteigbaren Felſenberges an, Valerio kletter⸗ te, ſeinem Muth und einer, oft erprobten Buͤchſe trauend, zu dem Eingang der Hoͤhle; die ergrimmte Woͤchnerin ſtuͤrzte alsbald auf ihn zu. Er ſchoß, er fehlte; er blieb, um ſie zu ſchrecken, regungslos im Anſchlage lie⸗ gen; die Baͤrin aber entriß ihm das Gewehr und erfaßte Valerio's rechten Arm. Was ſoll⸗ te nun der tapfere und erfahrne Jaͤger an⸗ fangen? fragt unſer Wahrmann, Francis⸗ ci.— „Er beſann ſich hurtig, ſpielte, als ihm der Tod vor Augen ſchwebte, ein desperates Stuͤcklein, ſchwang ſich behend auf die Beſtie und traktirte ſie wie ein Roß. Nachdem er ſich alſo, mit faſt unglaublicher Kuͤhnheit, auf dieſem ſcharfhaarigen Ruͤcken eingeſattelt, er⸗ greift er, mit der Rechten, die Ohren des Thie⸗ res, und reißt und beißt es mit den Zaͤhnen, —ècqc 131 wie ein Jagdhund, in den Nacken, aus aller Macht.— Dieſer ſeltſame und ungewohnte Reiter kam dem Thiere ganz wild und fremd vor, daher bei ihm, weil es ſich zugleich be⸗ ſchritten und gebiſſen fuͤhlte, beides, Raſerei und Furcht, noch groͤßer wurden. Denn das Thier bildete ihm ein, es ſei gefangen, lief und floh deshalb unſinniger Weiſe, von ei⸗ nem Huͤgel auf den andern. Jemehr nun dieſes unbaͤndige, ſchreckliche Roß uͤber Stock und Stein faͤhrt, je feſter ihm ſein unverzag⸗ ter Reiter mit der Fauſt in den Haaren liegt, und ſcheuet keinen Fall noch Stuͤrzen, obgleich die Baͤrin mit ihm durch die allerunwegſam⸗ ſten Oerter eilt und herumſchwaͤrmt. Die unten, hatten ihren Prinzipal und Fuͤhrer kaum aus der Hoͤhle auf dieſer ſchwar⸗ zen Beſeie herfuͤr fliegen ſehen, als ſie begon⸗ nen zu rufen und zu ſchreien; denn wirkliche . 132 Huͤlfe zu leiſten, war ihnen nicht moͤglich, weil ſie demſelben anders nicht ſolgen konn⸗ ten, als mit mitleidigen Augen. Nachdem ſie endlich auch gedachten Valerio aus dem Geſicht verloren, bringt ihnen dieſes Aben⸗ theuer allerhand wunderliche Gedanken, ja ſelbſt den Argwohn in den Kopf, der Mann muͤſſe ein Hexenmeiſter und das Raubthier kein natuͤrlicher, rechter Baͤr, ſondern der leib⸗ haftige Teufel ſeyn, auf dem er dergeſtalt da⸗ hin fuͤhre. Mittlerzeit vagirt der Jaͤger ſammt dem Baͤren durch Buſch und Wald, Berg und Thal, ohne einige Ruhe, und wurden beider⸗ ſeits des Handels verdroſſen; das Thier naͤm⸗ lich von wegen der Laſt, die es nach gerade abmattete, der Reiter wegen der Gefahr. Endlich, weil er fuͤhlte, daß ihm die Kraͤfte entgingen, und die linke Hand, die ihm fuͤr 133 einen Zaum dienen mußte, das ihrige nicht mehr zu thun vermochte, er dennoch aber nicht herunter durfte, beſorgend, von dem Thiere zerriſſen zu werden, hob er ſein Angeſicht em⸗ por, und ſchaute, in welcher Gegend er etwa waͤre: gewahrte nun mit großem Schrecken, daß die Beſtie gerade auf den Rand eines ab⸗ ſchuͤſſigen Ortes zueile, der beſorglich ſein Kirchhof ſeyn duͤrfte, glitt deshalb, nicht mit Ungeſtuͤm, wie er war aufgeſtiegen, ſondern allmaͤhlig nach Hinten herab und ſiel zur Erde. Da haͤtte einer ſehen ſollen, wie der er⸗ ſchrockene und ſcheu gemachte Baͤr, als er ſeiner Buͤrde entledigt, uͤberzwerch einen neuen Weg fuͤrgenommen, und mit heftiger Furi und Brummen in den Waͤldern herum gelau⸗ fen. Valerio hingegen, der ziemlich verwun⸗ det war, raffte ſich behend auf, dankte Gott fuͤr die Errettung, kehrte darauf wieder zu 134 der Baͤren⸗Spelunke, nahm die gefundenen jungen Baren, ſo allda, in Abweſenheit der Mutter, mit einander ſpielten, und trug ſie davon, zu ſeinen Geſellen, deren jeder einen zur Verehrung von ihm bekam. Darauf kehr⸗ te er, ſammt ihnen, voller Schrecken und Freude, wieder heim in ſein Dorf, und brach⸗ te den Raub und eine gute Wunde mit nach Hauſe.“ „Die Verwegenheit“ ſetzt Francisci hinzu, viſt nicht allezeit gluͤckſelig, ſondern ſtuͤrzt ih⸗ ren Liebhaber gern in's Verderben, oder ſchickt ihn, auf's Wenigſte, hinkenden Fußes wieder heim, da er vorhin hurtig und gerade ausge⸗ gangen. Es iſt keine Tapferkeit, ſondern mehr als Unvernunft, von freien Stuͤcken die Ge⸗ fahr in ihrer Mordhoͤhle beſuchen, und das edle, vernuͤnftige Leben gegen ein beſtialiſches und raſendes aufſetzen. Unbeſonnenheit iſt kei⸗ ne Tapferkeit, Tapferkeit kein Fuͤrwitz, Fuͤr⸗ 135 witz keine Klugheit. Aber bei unvermuthet aufſtoßender Gefahr erkennt man einen beherz⸗ ten Mann.“ Als ſolchen hat ſich Valerio, fuͤr⸗ wahr! beglaubigt. II. Zu Pleskow, im Gebiet von Archangel, fiel es 1656. einer Baͤrin ein, ſich den dor⸗ tigen Frauen als Amme zu empfehlen. Sie brach des Nachts in ein Haus und nahm einen Saͤugling aus der Wiege, den die Mut⸗ ter erſt am Morgen vermißte. Bald darauf ward, in der Naͤhe der Stadt, eine Baͤrin erſchoſſen; die Jaͤger, welche ihre Zitzen voll Milch fanden, machten ſich auf, um die Jun⸗ gen derſelben zu ſuchen und trafen in dem endlich entdeckten Lager der Getoͤdteten, Statt der kleinen Baͤre, das neulich verſchwundene 136 Kind, friſch und geſund, dick und fett an.. Es lebte, wie der Hollaͤnder Straus, der es felbſt geſehen haben will, in ſeiner Reiſe⸗Be⸗ ſchreibung p. 68. a. erzaͤhlt, von einer Muh⸗ me aufgezogen, noch im Jahr 1668. zu Ples⸗ kow. Folgen des Unrechts. Ein Aufſtand in Alexis Michaelowiz, Großfuͤrſt von Rußland, brachte, Hand in Hand mit ſeinen Bojaren, durch unertraͤgliche Plackereien und Mißhand⸗ lungen, durch die Haͤufung der Steuern, durch die barbariſche Haͤrte der Blutſauger welche ſie eintrieben— vor allem durch die zugelaſ⸗ ſene Tiranney des frechen Adels, das Volk auf's Aeußerſte, und die Moskauer zu entſchei⸗ denden Schritten. 3 140 Als der Großfuͤrſt, Freitags, am zweiten Juni 1648. in Begleitung des Patriarchen und der Vornehmſten des Staats und der Kir⸗ che, den gewoͤhnlichen, feierlichen Umgang hielt, verſuchten die Buͤrger, ihn, mittelſt einer Bittſchrift, zur Abſtellung jener Greuel zu veranlaſſen. Sie erklaͤrten darinn, im Ver⸗ ſagungs⸗Falle, ſich viel lieber, mit Weib und Kindern, dem Beile des Henkers uͤberliefern, als einen Zuſtand, welcher dem menſchlichen Leben allen Reitz und Werth nehme, laͤnger noch ertragen zu wollen. Die Feinde des Volkes, die den Fuͤrſten auch hier von dieſem abſchnitten, draͤngten je⸗ ne Bevollmaͤchtigte zuruͤck, warfen denſelben die Stuͤcke der zerriſſenen Akte ins Geſicht, ſchimpften, ſchlugen und verhafteten, mit Huͤl⸗ fe ihrer Knechte, die Sprecher und heiligten, durch dieſe ſchaͤndliche Verletzung des Men⸗ ſchenrechts, den ausbrechenden Aufruhr. —— 141 Das Volk griff unverzuͤglich zu den Waf⸗ fen: die zahlreiche, unbezahlt gebliebene Leib⸗ wache des Despoten, trat auf die Seite der Empoͤrer, welche, nach der Beendigung des Umzugs, dem Schloſſe zuſtroͤmten.— Das Haus des verabſcheueten Moroſoff, dieſer rech⸗ ten Hand des Großfuͤrſten, den jener in ſei⸗ nem Geiſt erzog und deſſen Schweſter zur Ehe nahm, ward, vor allem, umringt und gepluͤndert.— Das iſt unſer Blut! riefen ſie, die goldenen und ſilbernen Gefaͤße breit ſchlagend, Perlen und Juwelen vernichtend. Das Uebrige flog aus den Fenſtern; Moro⸗ ſoffs dienſtbare Geiſter wurden erwuͤrgt, der Faktor deſſelben bot ihnen vergebens funfzehn Tauſend Rubel Loͤſegeld. Sein Herr entkam und verbarg ſich in der Kammer des Groß⸗ fuͤrſten, der die Zerſtoͤrung des Gebaͤudes nur durch die Erklaͤrung, daß es ſein Eigenthum ſei, verhinderte. Da die Empoͤrer den Burgſrieden ehrten, 142 welcher den verfolgten Moroſoff ſchuͤtzte und doch nach Opfern verlangten, ſo ward der kranke Reichs⸗Kanzler Siſtoſſ— wegen einer Auflage, die das Salz vertheuerte, gehaßt— von ihnen heimgeſucht, zerhauen, geſchleift, ſein Leichnam auf den Duͤnger geworfen und das Haus des Buͤrgermeiſters Pleſſeof, der ſich ebenfalls nach dem Schloſſe gefluͤchtet hat⸗ te, rein ausgepluͤndert. Daſſelbe Loos traf die Wohnungen der vornehmſten Bojaren und des Artillerie⸗Generals Trochotinoff, der in einem Kloſter vor der Stadt— einer, in jenen Tagen geheiligten Freiſtaͤtte, Aufnahme und Sicherheit fand.. 6 Die Nacht machte dem Frevel ein Ende. Mancher der, bis dahin, vor Hunger krumm, auf Strohe lag, ging Heut als ein uͤberſaͤt⸗ tigter Reicher zu Bette und gedachte, Morgen noch um Eins ſo gluͤcklich zu ſeyn, denn mit dem erſten Fruͤhſtrahl begann das geſtrige Tagewerk aufs Neue. Der Inhalt von ſechs —— 143 und dreißig wohl verſehenen Haͤuſern, diente zum Fruͤhſtuͤcke, darauf eilte das Volk nach dem Schloſſe, verlangte, mit wachſendem Un⸗ geſtuͤm, die Auslieferung der Moroſoff, Pleſ⸗ ſeoff und Trochonitoff und drohete, wenn man ſich deſſen weigere, ſie mit Gewalt heraus zu holen. Ein Alexis Michaelowiz macht, in Faͤllen wo er zwiſchen zwei beguͤnſtigten Gro⸗ ßen und einem Buͤrgermeiſter die Wahl hat, ganz unzweifelhaft den letztern zum Suͤnden⸗ und Suͤhnbocke. Der Großfuͤrſt befahl dem⸗ nach, den armen Pleſſeof hinauszubringen um ihn vor den Augen des Volkes enthaup⸗ ten zu laſſen, dieſes ſchleppte ihn jedoch auf den Markt, wo er, im vollſten Sinne des Wortes, zermalmt ward und kehrte nach dem Schloß zuruͤck, die Auslieferung der beiden noch verſagten Bojaren zu ertrotzen. Alexis that jetzt einen Schritt der ihm Ehre macht. Er wagte ſich, zur Rettung bei⸗ der Staatsdiener, aus dem Bezirke der feſten 144 Burg unter die Menge, verhieß ihr, die ge⸗ ſetzliche, volle Genugthuung und foderte, fuͤr dieſen Zweck, eine Friſt von zwei Tagen. Des Fuͤrſten Muth, die ſtille Gewalt der Hoheit und der ruͤhrende Geiſt der Rede, wirkte be⸗ friedigend auf die Buͤrger, ſie gewaͤhrten, ver⸗ ſtummten, zerſtreuten ſich, aber die Boͤſen unter ihnen zoͤgerten nicht, ihre Raub⸗ und Schadenluſt auf einem andern Wege zu ſaͤtti⸗ gen. Plötzlich ertoͤnten die Sturmglocken, gin⸗ gen fuͤnf Feuer auf, lagen, nach Verlauf von vierzehn Stunden, gegen funfzig Tauſend Haͤuſer in Aſche, ſiebzehn hundert Menſchen jedes Ranges und Alters verbrannten, das Volk warf, unter Anfuͤhrung eines Moͤnchs, den verſtuͤmmelten Koͤrper Pleſſeofs in die Flammen der großfuͤrſtlichen Branntwein⸗Nie⸗ derlage. Einige, von den Buͤrgern ertappte Mordbrenner, geſtanden, von Moroſof, jenem verhaßten Schwager und Lenker des Großfuͤr⸗ ſten, gedungen zu ſeyn, der damit die rebel⸗ liſchen Moskauer, aus Rachſucht, an den Bet⸗ telſtab zu bringen gedenke.— Das Volk ſtreoͤmte alsbald, empoͤrter als vorhin, nach dem kaum verlaſſenen Kreml: wie vorhin trat der Großfuͤrſt unter die Schreier, rechtfertigte den Bezuͤchtigten, pries Moroſofs Verdienſte um den Staat, um die Regierung ſeines Vaters, um ſeine eigne, von ihm geleitete Erziehung — erbot ſich fernerweit, ihn auf die aͤußerſten Grenzen des Reichs oder, fuͤr den Reſt ſeines Lebens, als geſchorenen Moͤnch, in ein Klo⸗ ſter zu verbannen und kuͤßte, zur Beſiegelung dieſes Geluͤbdes, das guͤldne Kreuz und ein Madonnenbild, die ihm der Patriarch, fuͤr dieſen Zweck, in der demuͤthigſten Stellung vorhielt. Um den guten Leutchen dieſen Vor⸗ ſchlag zur Guͤte, noch annehmlicher zu ma⸗ chen, ward der General Trochonitof aus je⸗ nem Kloſter herbei geholt und ihm der Kopf abgeſchlagen, auch erſchoͤpfte ſich des Herrſchers Schillings Schr. 46r Bd. 10 „ 1 146 Schweſter, die Gattin Moroſofs, zur Rettung ſeines Lebens, in ſuͤßen Schmeicheleien und Bitten. Die Empoͤrer nahmen nun den Großfuͤr⸗ ſten beim Wort, und ſein Herr Schwager mußte demnach, in Begleitung einer ſtarken, aus Garden und Obermannen der Buͤrgerſchaft beſtehenden Schutzwache, uͤber hundert Mei⸗ len weit, nach dem Kloſter Kirile wandern, um endlich einſehn zu lernen, daß ein kriti⸗ ſcher Augenblick hinreicht, die Schilde und die Haͤlſe der Veraͤchter heiliger Menſchenrechte und eigenſuͤchtiger Ariſtokraten zu zerbrechen. —-x: 24/ Stephan Radzin. Nach Verlauf von zwanzig Jahren erſchuͤtter⸗ te dieſer gemeine Koſake vom Don, Mosko⸗ viens Thron und Reich. Stephans Bruder hatte den Ruſſen, mit einem Haufen der Sei⸗ nigen, gegen die Polen Beiſtand geleiſtet. Mit dem Winter nach der Heimat zuruͤck keh⸗ rend, ward er von einer Heerſchar des Knee⸗ ſen Dolgorucky eingeholt, gegen deſſen Wil⸗ len er abzog und welcher den freien Mann und Helfer, an einen Baum haͤngen ließ. Stenko oder Stephan Radzin, des Er⸗ mordeten Bruder, ſoderte tollkuͤhn die Aus⸗ lieferung des Kneeſen, die Koſaken ſchloſſen ſich, als die hoͤhniſche, abweiſende Antwort .— 148 des Großfuͤrſten einlief, reicher Beute gewiß, an den Raͤcher der erlittenen Unbilde an und Stephan begann(1667) die Fehde mit der Erklaͤrung, daß ſie keinesweges dem Beherr⸗ ſcher Rußlands ſondern deſſen pflichvergeſſenen Feldherrn, Jutie Dolgorucky gelte. Er be⸗ gann mit der Wegnahme aller ruſſiſchen Fracht⸗ ſchiffe auf der Wolga, er pluͤnderte die Kloͤ⸗ ſter, flog vom Kaspiſchen Meere, wo Jaik ge⸗ nommen, Fiſchereien, Doͤrfer, Flecken, Staͤd⸗ te, Theils zerſtoͤrt, Theils beraubt wurden, nach der Dageſtanſchen Tartarey der es nicht beſſer ging, und aus ihr nach der perſiſchen Grenze, um ſie mit Feuer und Schwert heim⸗ zuſuchen. Bei Baku mit fuͤnftauſend Mann ausgeſchifft, vergaß er, uͤber den trefflichen Weinen und Genuͤſſen, die ſich hier vorfan⸗ den, die Ruͤckſichten des Fuͤhrers; ein perſi⸗ ſcher Heeres⸗Haufe ſiel uͤber die tolle und volle Bande her; nur einige Hunderte kamen an den Bord der Schiffe zuruͤck, nur der Muth 149 ſeiner Leibwache rettete den Stenko vor dem Schwerte und den Feſſeln der Perſer. Von dieſen geſchlagen und von dem ruſ⸗ ſiſchen General Gehoof mit 36. Schiffen und vier tauſend Mann bedroht, fluͤchtete Stephan nach der Inſel Staivy Boggete, wo ihm und dem Reſte der Truppe nur die Wahl zwiſchen dem Hungertod und der Ergebung geblieben waͤre, haͤtte nicht Gehoof den Bedraͤngten, durch die Ueberſendung eines kaiſerlichen Gna⸗ denbriefs, dem ſichern Untergang entriſſen. Sephan zog nun, mit den Seinen, frank und frei und von einer dreimaligen Salve der ruſſiſchen Schiffs⸗Kanonen begruͤßt, ge⸗ gen Aſtrakan, wo dieſelben in ſeidenen, ſamm⸗ tenen, goldſtoffenen Roͤcken und perlreichen Muͤtzen auftraten. Jener ward von ihnen unter Knie⸗Beugungen bedient und Baske oder Vater genannt, ob er gleich, oft genug, den Weheſtab uͤber der Kehrſeite der Herren 150 Soͤhne ſchwang, die faſt insgeſammt zu den verlornen gehoͤrten. „Ich fuhr ein Mal zu ihm an Bord— ſchreibt ein Hollaͤnder, der Hauptmann Jan Janſen Strauß— und fand ihn, da er mit den fuͤrnehmſten Offizieren den Strom(Wolga) zur Luſt auf und abfuhr und dabei rechtſchaffen ſoff. Ich ward, wie zu anderer Zeit auch geſchehn, als ein ruſſiſcher Offizier, von ihm hoͤflich empfangen und ging Ihro Zariſcher Ma⸗ jeſtaͤt Geſundheit, luſtig herum. Neben ihm ſaß, im recht koͤniglichem Schmucke, eine perſiſche Prinzeſſin, die er, im vorigen Zuge, neben ihrem Bruder gefangen und zu der Seinen gemacht hatte. Wie Sten⸗ ko nun ganz voll geworden, ſtand er auf und redete den Wolga⸗Fluß mit dieſen Worten an— — 1 151 Du biſt ein vortrefflicher Strom! ich habe ſoviel Gold, Silber und andre Schaͤz⸗ ze auf dir geſiſcht; ja eben Du biſt Va⸗ ter und Mutter meiner Wohlfahrt; Pfuy mich demnach an, daß ich Dir noch nichts geopfert habe— Doch, ich will nicht laͤn⸗ ger undankbar ſeyn! Damit ergriff er die ungluͤckliche Prin⸗ zeſſinn beim Hals und Fuß und warf ſie, mit allem Schmuck und Kleinodien, die mehr als eine Tonne Goldes werth waren, in die Wolga, ungeachtet es ſolch ein ſchoͤnes und freundliches Menſch war, ihm auch ſo wohl unter die Augen ging, daß ein Stein mit ihr Mitleiden haͤtte haben ſollen.— Zur andern Zeit ver⸗ nahm er, daß ein Koſak eines Andern Weib beſchlichen habe. Der Kerl mußte in die Wolga, das Weib aber ward an einem Pfahle bei den Fuͤſſen aufgehaͤngt⸗ 152 daran ſie zwei Tage und Naͤchte lebte; ſie mußte, Trotz des ſtark aufſchwellenden Kopfes, nicht beſondre Pein fuͤhlen, weil ſie kein Geſchrei von ſich gab, ſondern, bis an das Ende, bisweilen beſtaͤndig plauderte.“— Alſo auch da noch! 153 Stenko zog nun mit ſeiner Rotte, ſtraflos und geehrt, der Heimat zu und viele Ruſſen, ſelbſt Zariſche Hof⸗Beamte folgten ihm, da er oft Dukaten in Menge unter ſie auswarf. Dem Statthalter von Aſtrachan, welcher die⸗ ſe, durch einen, an ihn abgeſandten Hauptmann zuruͤck fodern ließ, ward eine Antwort zu Theil, die ſowohl ihm als ſeiner Regierung die Augen uͤber Radzins Sinn und deſſen kuͤnftige Zwecke haͤtte oͤffnen koͤnnen, denn er erſchien, noch im Laufe dieſes Jahres, von neuem mit achtzig ſtark bemannten Schiffen, deren jedes zwei Kanonen fuͤhrte, auf der un⸗ tern Wolga. Als nun die ruſſiſche Flotte, wel⸗ che ſechs tauſend Strelitzen ſammt den Kriegs⸗ und Lebens⸗Beduͤrfniſſen fuͤr achtzig Staͤdte am Bord hatte, in ſeine Naͤhe kam, empoͤrte ſich die Mannſchaft derſelben, durch Stephans 154 Einſluß aufgewiegelt, ermordete den groͤßten Theil der Offiziere und machte ihn zum Mei⸗ ſter der uͤbrigen und aller dieſer Schiffe. Je⸗ der Strelitz erhielt dafuͤr einen zwei monat⸗ lichen Sold, und die Erlaubniß, ungeſtraft alle Vornehme und Beguͤterte zu berauben: zu morden, zu brennen und zu ſchaͤnden, denn Stenko erklaͤrte ſich jetzt fuͤr den Feind des Adels, fuͤr den Befreier der Unterdruͤckten, fuͤr den Schutzherrn der Armen und Huͤlfloſen: eine Verkuͤndigung, welche dieſe Ruſſen durch den Jubelruf erwiederten— Lange leb' unſer Baske und vertilge die Kneeſen, Bojaren und andre Tyrannen! Der Zulauf ward alsbald ſo ſtark, daß ſich der Koſak, nach Verlauf von fuͤnf Tagen, an der Spitze von ſechs und zwanzig Tauſend wehrhaften Maͤnnern ſah; auch brachten viele der herzuſtroͤmenden Landleute, um ſich dem Armenvater zu empfehlen, die Koͤpfe ihrer — 155 Edelleute und Einnehmer und deren Toͤchter und Guͤter mit. Priſomowsky, der Statthalter von Aſtrachan, traf endlich, aus der bisherigen, fleiſchlichen Si⸗ cherheit aufgeſchreckt, die noͤthigen Anſtalten zum Widerſtande. Er ſchickte, unter dem Kneeſen Elboof, uͤber drei tauſend Mann zur Deckung von Zariga ab, das Stenko jedoch bereits, mit Huͤlfe geheimer Einverſtaͤndniſſe, genom⸗ men und deſſen Koſaken zwoͤlf hundert Getreue der Beſatzung niedergemacht hatten. Elboofs Heerhaufen verlor nun den Muth, empoͤrte ſich und fuͤhrte ſeinen General und die Offizie⸗ re dem Feinde zu, der ſie, mit Ausnahme des einzigen Hauptmanns Faber, insgeſammt ermorden ließ. So ward der Weg nach Aſtrachan gebahnt, das Stephan am 13ten Juni berennte und am folgenden Tage mit Sturm nahm, da auch hier die Beſatzung nach den Fleiſchtoͤpfen der Freibeuter ſchmachtete, die treu gebliebe⸗ nen Offiziere niederhieb und dem Stuͤrmer die 1 Hand bot. Sephan Radzin, der Koſake, war, am Abend, Herr und Beherrſcher des Koͤnigreichs Aftrachan, das ſeine Gier und ſeine Mord⸗ ſucht mit Greueln aller Art erfuͤllte. Priſo⸗ mowsky, der Statthalter, und ein engliſcher Oberſter Bailly, wurden von dem hohen Schloßthurm herabgeworfen, der Reſt der ge⸗ fangenen Offiziere, Theils in Stuͤcken gehauen, Theils erſaͤuft und wer fuͤr einen guten Ruſ⸗ ſen galt, bei Mitteln oder adelig war, unter Foltern ermordet. Aber Stenko konnte, gleich allen Beſeſſe⸗ nen und Teufels⸗Schuͤtzlingen ſeines Gepraͤ⸗ ges, nicht ſatt werden; er wollte, wie Napo⸗ leon, nicht ruhen, bis Moskau ſein waͤre. Da entzauberte ihn ploͤtzlich der Genius un⸗ ſers Globens— jener wunderthaͤtige Geiſt, deſſen Weben und Walten ſich, in jedem gro⸗ ßen Welt⸗Ereigniß, einleuchtend offenbart— der, oft in einer Hand voll Zeit, die Nazio⸗ nen fuͤr dieſen oder jenen Zweck begeiſtert, die Herrſcher und ihre Regierer bald leitet, bald bethoͤrt, ſie oft, mit vollen Haͤnden, Boͤſes ſaͤen laͤßt, um aus dem faulenden Unkraute dieſer Saaten, die Heilkraft friſcher Lebensſaͤfte zu entwickeln. Knees Dolgorucky, deſſen Frevelthat alle dieſe furchtbaren Folgen erzeugt hatte, ſchlug jetzt die Hauptmacht der vordringenden Rad⸗ ziner, welche die Pluͤnderung Moskaus im Auge hatten. Stenko ſah ſich nun, wie durch ein Wunder, von allen den Tauſenden ver⸗ laſſen, deren Gewiſſen bis dahin der Erfolg be⸗ taͤubte, deren Begierde das Ziel verlor, deren Rachſucht auf den Truͤmmern der Habe, auf den Leichen ihrer Quaͤler verkuͤhlt war. Der Gefallene entfloh nach Zariza, um ſeinen Gevatter, Jacoloff, das Haupt der do⸗ niſchen Koſaken, zum Beiſtand aufzurufen. Dieſer aber hatte ihn, ſchon laͤngſt, mit dem 153 3 Grolle des Neides betrachtet; die Mißgunſt. ward demnach zur Schadenfreude und Jako⸗ loff, der des Zaren Gunſt, der zweideutigen Er⸗ kenntlichkeit des greulichen Gevatters vorzog, bemaͤchtigte ſich ſeiner und ſchickte ihn, gefeſ⸗ ſelt, nach Moskau. Stephan fuhr— viel anders als er fruͤ⸗ her beabſichtigte— mit Ketten bedeckt, am 23ten Mai 1671, in der Hauptſtadt ein. Ein Schnellgalgen war uͤber ſeinem Haupte befe⸗ ſtigt; ſein Bruder Frolko lief, an dieſelbe Kar⸗ re geſchloſſen, neben her und klagte laut, doch Jener, welchen weder das Symbolder Schmach, noch des Volkes Fluch und Laͤſterungen, noch der erſchuͤtternde Wechſel der Dinge beugen konnte, ſagte gleichmuͤthig zu dem Bruder— Auf Rad und Galgen hin, ward es ge⸗ wagt! Was hilft das Zagen? Am vierten Tage fand die Hinrichtung Statt. Stenko bekreuzigte, nach der Vorle⸗ ſung des Urtheils, Bruſt und Stirn, verneigte 1 159 ſich gegen die Kirche von Kaſan und bat die Zuſchauer um Verzeihung. Er erſchien, der Geſtalt nach, ſo ſeltſam, als der Erfolg ſeiner Wagſtuͤcke: Breitſchulte⸗ riger als irgend Einer, dagegen in der Duͤn⸗ nung zum Umſpannen ſchlank; das Geſicht war ein Spiegel ſeines trotzigen, entmenſchten Weſens und Stenko uͤberhaupt ſo fuͤhllos, daß er, waͤhrend des Abhauens der Arme und der Fuͤſſe, weder die Farbe veraͤnderte noch einigen Schmerz zu empfinden ſchien. Den Frolko begnadigte der Zar, weil er, der Sage nach, den Verſteck der reichen Schaͤtze ſeines Bruders, verrathen hatte. Wenige Tage nach jener Hinrichtung, ward auch, in Moskau, eine Nonne verbrannt, die, mit heldenmuͤthiger Ausdauer, an Stenko's Seite gefochten, eine Schar ſeiner Truppen gefuͤhrt, ſich zuletzt allein in einer Kirche ver⸗ theidigt, mit den letzten Pfeilen des Koͤchers noch acht Ruſſen erlegt hatte und zu Folge 160 ihrer gewaltigen Spannkraft, dies Geſchoß viel weiter als irgend ein Bogenſchuͤtze jener Hor⸗ de zu treiben, vermochte. Auch dieſe trat, unruͤhrbar wie Stephan, nachdem ſie ſich bekreuzigt hatte, mit kaltem Trotz in den huͤttenfoͤrmigen Scheiterhaufen, warf das Pfoͤrtchen hinter ſich zu und die Flammenpein vermochte nicht, ihr einen Weh⸗ laut abzupreſſen. 5 161 III. Simon Tanzer, Seerzuber. In jenem heilloſen Zeitalter, wo der Adel des Feſtlandes mit dem Gut und Blute wehr⸗ loſer Staͤdter und Wanderer ein freches Spiel und den Straßenraub als Gewerbe trieb, war auch das Meer mit entmenſchten, jedem Ge⸗ ſetz, jeder Gefahr, jedem Sturme wie den raͤ⸗ chenden Schickſalsmaͤchten trotzenden Aben⸗ teurern bedeckt, welche die Schiffe aller Voͤl⸗ ker, ſelbſt die der eigenen Vaterſtadt, wenn ſie dem Wehrſtand derſelben nur halbweg ge⸗ Schiuings Schr. 46t Bd. 11 162 wachſen zu ſeyn glaubten, wuͤthig anſielen.— Das Fauſtrecht verſchwand, der Seeraub er⸗ hielt ſich. Die erbeuteten Fahrzeuge wurden gewoͤhnlich nach den Haͤfen der afrikaniſchen Nordkuͤſte gefuͤhrt, da die Corſaren in allen chriſtlichen geaͤchtet waren; die Fracht, Theils gegen Pulver und Eiſen ausgetauſcht, Theils um ein Spottgeld verſchleudert und der Er⸗ trag daſelbſt mit feilen Juͤdinnen und aͤhnlichem Geſindel verpraßt. Blachten Orkane, ungluͤck⸗ liche Geſechte, Folgen der Tollkuͤhnheit oder Zufaͤlle, einen ſolchen Korſaren um das Schiſſ und um die Mittel ein andres zu erkaufen oder zu rauben, ſo trat er wohl— das Chri⸗ ſtenthum abſchwoͤrend, in die Dienſte der Bar⸗ baresken und ward— da ſein beruͤchtigter Name ihn empfahl, mit offenen Armen auf⸗ genommen, denn es gebrach den Afrikanern damahls noch an hoͤhern, nautiſchen Kenntniſ⸗ ſen, vorzuͤglich an der Wiſſenſchaft der richti⸗ gen Vertheilung und des zweckmaͤßigen Ge⸗ 2 163 brauchs der Segel. Sie mußten ſich deshalb auf Galeeren beſchraͤnken, welche allerdings viel dienſttuͤchtiger als die der Unſern, hoͤchſt beweglich und mit moͤglichſt vielen Nuderbaͤn⸗ ken verſehen waren, um ſich in die Naͤhe des Strandes wagen und uͤberlegenen Feinden, ſchnell und unerreichbar, entfliehn zu koͤnnen. Als Ruderſklaven dienten die gefangenen Chri⸗ ſten, bei jedem Gefechte mit Europaͤern dem Kugelregen ihrer Glaubensbruͤder bloßgeſtellt. Mehrere jener verungluͤckten Seeraͤuber brittiſcher Nazion, Ward, Biſchop, Warney ꝛc. lehrten die Tuneſen ihre Kuͤnſte, andre mach⸗ ten die Algierer klug; die von Salee, dem Hauptmarkte fuͤr die chriſtlichen Corſaren des Ozeans und des weſtlichen Mittelmeeres, er⸗ holten ſich bei dieſen Raths. Hollands Kraͤ⸗ mer aber, die, bekanntlich, oft genug, den Fein⸗ den des Vaterlands das Pulver verſchacherten und zufuͤhrten, welches gegen die belgiſchen Flotten und Veſtungen wirken ſollte, verſorg⸗ . 164 ten die Barbaresken, faͤr ſattſame Prozente, mit dem Geſchuͤtz, dem Schiffsbauholz und Schießbedarfe. Simon Tanzer, ein Flaͤminger, gehoͤrte zu den frechſten, verrufenſten und gluͤcklichſten Seeraͤu⸗ bern des ſechszehnten Jahrhunderts. Spanien, England, Frankreich und Holland, ſchickten, ver⸗ anlaßt von den Klagen und dem Geſchrei, das die geſammten See⸗Handelsſtaͤdte jener Rei⸗ che, uͤber dieſen Erzfeind und Verkuͤmmerer ihres Wohlſtands erhoben, ganze Geſchwader aus, um das Tanzerſche, von den entſchloſ⸗ ſenſten Raubvoͤgeln befehligte, in den Grund zu ſchießen oder zu ſegeln. Aber der maͤchti⸗ ge, faſt immerdar vorherrſchende Genius des Boͤſen, nahm Ihn wunderbarlich in Schutz 165 und wenn es auch den Verfolgern gelang, ei⸗ nes oder das andere ſeiner Schiffe zu gewaͤl⸗ tigen, ſo entkam doch ſtets der Herr und Mei⸗ ſter und trieb das Unweſen frecher als zuvor. Algier blieb ſein Zufluchtsort und der Markt⸗ platz fuͤr ſeine Beute. Er lebte dort— ohn⸗ fehlbar als Renegat— denn die Tuͤrken draͤng⸗ ten ſich zu Tanzers Dienſt und fochten unter ſeiner Flagge. Mitten in der Fuͤlle, die das eintraͤgliche Ver⸗ brechen uͤber Ihm haͤufte und im Laufe der glaͤnzendſten Erfolge, wandelte Tanzern ploͤtz⸗ lich die Sehnſucht nach der Ruͤckkehr auf Eu⸗ ropens Boden, das Verlangen an, ſein, hun⸗ dert Mal verwirktes, vogelfreies Haupt, ſanft und ſicher zu betten, und die geſtohlenen Schaͤ⸗ tze als ein ehrlicher Kleinbuͤrger, am friedli⸗ chen Haus⸗Altare zu verzehren. Er kannt die Milde und Menſchlichkeit des unſterblichen Heinrichs, der damals uͤber Frankreich herrſch⸗ te, er wendete ſich, durch Vermittler, an dieſen, er bat um einen unbedingten Gnadenbrief wie um die Verguͤnſtigung, ſich in Marſeille niederlaſſen zu duͤrfen, wo er fortan, zuͤchtig, gerecht und gottſelig zu leben, oder, Falls der Koͤnig es wuͤnſche, die Geißel der afrikaniſchen Raubſtaaten zu werden, gelobte. 167 Heinrich dem vierten, lag nicht wenig daran dieſen Erz⸗Hay des Meeres zu gewinnen und dem Algierer damit zugleich ſeine rechte Hand zu entziehn, denn er war die Seele jener Seemacht, und durch ſein anlockendes, glaͤn⸗ zendes Beiſpiel, als Vorbild fuͤr jeden ange⸗ henden Korſaren, den Chriſten verderblich. Der Koͤnig gewaͤhrte demnach Tanzers tolldreiſtes Geſuch, ja, er ſchuͤtzte ihn jetzt ſogar vor der Anfechtung des ſpaniſchen Geſchwaders von acht Schiffen, welches(1609) unter dem Ad⸗ miral Faifardo, im Mittelmeer kreuzte, um Si⸗ mon Tanzern endlich den Garaus zu machen. Aber die mißtrauiſche Regierung von Al⸗ gier hielt dieſen theuern, nuͤtzlichen Spiesge⸗ ſellen ſorgfaͤltig im Auge und Tanzer, welcher den Begnadigungsbrief auf offener See empfing, mußte, nothwendig, erſt dahin zuruͤck kehren, um ſich der zahlreichen Tuͤrken zu entledigen, die ihn auf dieſem letzten Raubzuge begleiteten, weil es dem Fuͤhrer, von ihnen beobachtet, 168 ohnmoͤglich geworden ſeyn duͤrfte, nach Frank⸗ reichs Kuͤſte hinzuſteuern und in einem Hafen der Chriſtenheit einzulaufen.* 8 Als Tanzer, ſammt ſeinen vier Fahrzeugen, vor Algier angekommen war, trat er, von den Tuͤrken des Admiral⸗Schiffs begleitet, ans Land und fuͤhrte ſofort einen Streit mit den dortigen Kaufleuten herbei, die, der Beute wegen, ſeiner bereits am Strande harrten. Raſch ſchlug er los, um dieſe zu erhitzen und fluͤchtete, als ob man der Ueberzahl weichen muͤſſe, nach dem Boote, das ihn alsbald zu dem Schiffe zuruͤck brachte. Die Bemannung deſſelben beſtand dies Mal, getroffener Anordnung zu Folge, groͤßtentheils aus Chriſtenſklaven, die ein Wort des Gebieters jetzt von der Ru⸗ derbank erloͤſte. Tanzer verkuͤndigte den Er⸗ ſtaunten die Freiheit, er verſah dieſelben, von L. N 169 der Kajuͤte aus, mit Waffen, und hetzte ſie gegen den Reſt der Tuͤrken an, welche Theils ruͤber Bord ſprangen, Theils ermordet, Theils, an der Sklaven Platz, in Feſſeln geſchlagen wurden, um ſolche gegen ihm bekannte, ge⸗ fangene Chriſten auszuwechſeln. Ein Anderer haͤtte nun wohl alle Segel aufgeſetzt, aus dem Hafen zu kommen und dem Friedensland entgegen zu fliegen, doch Tanzer griff, ermuthigt von der Thaͤtigkeit und der Kampfbegier der Entfeſſelten, die drei andern Schiffe ſeines Geſchwaders an: der tuͤr⸗ kiſche Theil ihrer Beſatzung erlag der Ueber⸗ raſchung und alle Batterien dieſer Fahrzeuge feuerten nun, auf Tanzers Befehl, nach dem Ufer. Sein unbegreifliches, dort wahrgenom⸗ menes Beginnen, hatte die Osmanen und Mauern in Haufen an dem Strand verſam⸗ melt; ſie wollten wiſſen und mit eigenen Au⸗ gen ſehn, was dieſer gefeierte Seeheld und Patron des halben Mondes, denn eigentlich 170 vorhabe? der Eiſenhagel ſeiner Lagen klaͤrte die Zweifelhaften ſchrecklich auf.— Die Schif⸗ fe ſegelten, nach dieſem Lebewohl, ihres We⸗ ges und nach Marſeille, wo Tanzer die befrei⸗ ten Sklaven entließ, ſich ankaufte, dem Koͤ⸗ nig in Paris aufwartete und treffliche Vor⸗ ſchlaͤge zu Verkuͤrzung ſeiner afrikaniſchen Goͤn⸗ ner einreichte. Ihre Zweckmaͤßigkeit leuchtete ſo klaͤrlich ein und Tanzer war— ſich ſelbſt zu ihrer Ausfuͤhrung erbietend, ſo ganz der Mann fuͤr dies Geſchaͤft, daß ihn Heinrich an die Spitze des Unternehmens ſtellte, wo Jener nun das Schrecken der Barbaresken ward, die bald genug, bei der bloßen Erſcheinung ſeiner Schiffe, das Weite ſuchten und ſich, ſo lang er See hielt, kaum noch aus den Haͤfen wag⸗ ten. So verſoͤhnte Tanzer, in Etwas, das eu⸗ ropaͤiſche Vaterland mit ſeinen fruͤhern Grau⸗ ſamkeiten und Raͤubereien, welche eine zahllo⸗ ſe Menge chriſtlicher Kaufleute und Schiſſer 171 ins Ungluͤck geſtuͤrzt, den Seehandel gelaͤhmt, viele der wohlhabendſten Familien an den Bet⸗ telſtab gebracht hatte, die noch jetzt Ach und Weh uͤber die Nachſicht Koͤnig Heinrichs ſchrie⸗ en, der ihn im Genuſſe des, ihnen gehoͤrigen Eigenthums ſchuͤtzte und alle Anſpruͤche auf den Raub und den Naͤuber, unbeachtet, von der Hand wies.— Aus aͤhnlichem Grund und mit gleichem Rechte von Porto bis Smyr⸗ na und von da bis Salee verabſcheut und veu⸗ wuͤnſcht, lebte der hundertfaͤltige Raubmoͤrder, dem unbeſchadet, nach ſeinem Sinne und von dem Geiſte hoher Kraft, von dem Bewußt⸗ ſeyn des Ungeheuern das er moͤglich machte, und von Heinrichs auszeichnender Huld berauſcht, in ſtolzer, immer wachſender Sicherheit, die ihn vor den Schlingen und Entwuͤrfen ſeiner Feinde verblendete. 4 — 172 Tanzers grimmigſter, aber kluͤgſter und heim⸗ lichſter Widerſacher war Carosman, Baſſa von Tunis. Er hatte dieſem, ſeit der Ruͤckkehr in den Schooß der Chriſtenheit, fortdauernd am empfindlichſten geſchadet, ihn aufs Nach⸗ druͤcklichſte angeſochten und zum Abſchluß ei⸗ nes druͤckenden Friedens mit Frankreich ge⸗ zwungen. Carosman rechnete, bei dem Fall⸗ ſtricke den er ihm jetzt, zur Vergeltung aller dieſer Wehthaten legte, auf den boͤſen Ge⸗ nius, der die Guͤnſtlinge des blinden Schick⸗ ſals, die gluͤcklichen Abenteurer und Weltſtuͤr⸗ mer, ſo oft, ſo ſchnell, ſo hoffnunglos von dem goldenen, leicht, wie im Traum erreichten Gipfel ſtuͤrzt: rechnete auf die betaͤubende Ge⸗ walt des Duͤnkels, der Hoffahrt und der Ei⸗ genſucht, die das entzuͤgelte, verwoͤhnte Gemuͤth dieſes Raubhelden einnahm. Carosman aͤußer⸗ te ſich deshalb, trotz allen Unbilden die der Ver⸗ 173 raͤther ihm angethan, nach wie vor, als ein Lobredner und Bewunderer dieſes, ihn ver⸗ kennenden, großen Mannes; ja, er erklaͤrte, nachdem auf ſeinen Befehl, ohne Ruͤckſicht auf den Friedensſchluß, 22 franzoͤſiſche Barken, nach ihrem Einlaufen in Tunis, in Beſchlag genommen waren, gegen die Fuͤhrer derſelben, man werde die gedachten Fahrzeuge nur dann wieder freigeben, wenn Koͤnig Heinrich ſelbige durch einen Geſandten in Anſpruch nehme. Carosmans Staats⸗Beamte gaben Jenen, ne⸗ benher, zu verſtehen, daß Tanzer, des Baſſen alter Freund und ehemaliger Liebling, wohl am meiſten geeignet ſeyn duͤrfe, denſelben zu ihren Gunſten umzuſtimmen und die Wefienn dieſer Schiffe zu bewirken. Fand Heinrich— vielleicht im geheimen Einverſtaͤndniß mit dem Baſſen— es gerathen, das heilloſe Werkzeug endlich zu zerbrechen oder ward er, wie dieſes, getaͤuſcht— genug, man beachtete am Pariſer Hoſe den empfange⸗ 174 nen Wink und Simon Tanzer ging 1616 als bevollmaͤchtigter, franzoͤſiſcher Geſandter, mit zwei Schiffen gen Tunis ab, wo, nach dem Einlaufen, einige Edelleute ſeines Gefolges ans Ufer traten, um dem Baſſa die Ankunft deſſelben zu verkuͤndigen. Sie fanden den eh⸗ rendſten Empfang, fanden den Despoten uͤber die Ankunft des Werthgehaltenen hoͤchlich er⸗ freut und derſelbe erklaͤrte ſofort, zur Beſei⸗ tigung alles Argwohns, daß er morgenden Ta⸗ ges ſelbſt an Bord kommen und dort mit Je⸗ nem verhandeln wolle. Der Freund, ſchmeichle ſich Carosman: werde mit dem Ausfalle des Geſchaͤftes zufrieden ſeyn duͤrfen. Tanzer ging, zu Folge dieſer Aeußerungen und des willkommenen, ſeinen Bothen gewor⸗ denen Empfanges, auf Roſen. Dem rohen Freibeuter hatte nie getraͤumt, daß er, ſelbſt als Diplomatiker eines der groͤßten Hoͤfe ge⸗ braucht, als ſolcher Ehre einlegen und ſein neues Vaterland durch einen, ſo weſentlichen Dienſt 273 verpflichten werde. Wie guͤnſtig mußte ſich Koͤnig Heinrich in Zukunft fuͤr ihn geſtimmt fuͤhlen, mit welchem Staunen, welcher Ehr⸗ erbietung die Chriſtenheit Tanzers Namen nen⸗ nen, wenn man vernahm, daß die furchtbare Glorie ſeiner Gegenwart und das Gewicht ſei⸗ nes Rufes hingereicht hatte, den ſtolzen, un⸗ beugſamen Osmanen dergeſtalt einzuſchrecken, daß er ihm den erſten Beſuch machte, an franzoͤſiſch Tanzeriſchem Bord ſeine Demuͤthi⸗ gung ausſprach und bloß aus Ehrfurcht fuͤr die Perſoͤnlichkeit des Mittlers, dem Anliegen ſeines Koͤnigs Gehoͤr gab. 176 Baſſa Carosman erſchien zur beſtimmten Zeit, von zwoͤlf Trabanten begleitet und uͤberhaͤufte dieſen ſeltſamſten aller franzoͤſiſchen Bothſchaf⸗ ter mit einer Zaͤrtlichkeit, die Tanzers Seh⸗ kraft vollends abſchwaͤchte. Was des Schiffes Delikateſſen⸗Kammer nur enthielt, ward her⸗ bei getragen, den hohen Gaſt und unverdien⸗ ten Goͤnner zu erquicken; Trompeten klangen, Kanonen donnerten, denn der Baſſa gab die 22 Barken frei und vergaß fuͤr Heute, hinter dem Pokale des Bruͤderchens, das Geſetz des Propheten. Er kehrte berauſcht, aber nur huld⸗ voller, nach dem Ufer zuruͤck. — 177 Simon Tanzer, der verehrliche Bothſchafter, hatte, beim Abſchied, mit Hand und Mund geloben muͤſſen, an das froͤhliche Ende Mor⸗ gen einen froͤhlichen Aufang knuͤpfen und des Tuͤrken Gaſt ſeyn zu wollen. Er erſchien dem⸗ nach, zur rechten Stunde, mit zwoͤlf Edelleu⸗ ten im Gefolge, vor dem Thore des Caſtelles, in welchem Carosman gewoͤhnlich hauſte. Zwei tuͤrkiſche Beamten des Pallaſtes empfingen den⸗ ſelben und die Pforte flog ſo ſchnell hinter dem Bothſchafter zu, daß das Gefolge, von ihm abgeſchnitten, auf der Zugbruͤcke verweilen mußte, waͤhrend dem der Betrogene, aus ſei⸗ nem Himmel ſtuͤrzend, vor den Baſſa ge⸗ bracht ward. Carosman ſchien heute ein ganz andrer Mann und gleichſam das Gegentheil des ge⸗ ſtrigen zu ſeyn. Er hielt dem Todfeind alle Frevelthaten ſeines Lebens, die ganze Reihe Schillings Schr. 46r Bd. 12 178 bitterer Kraͤnkungen vor, die er den Tuͤrken und Ihm, ungereitzt und unbeleidigt zufuͤgte; er ließ darauf Tanzers ſchuldbedecktes Haupt uͤber die Klinge ſpringen, ließ es, zuſammt dem Rumpf, in den Graben hinab werfen und alle . Kanonen des Kaſtells verſuchten waͤhrend dem, das Geſandtenſchiff in Grund zu bohren; doch es entkam. Die zwoͤlf Edelteute des Gefolges wurden, inſofern ihnen der Appetit nicht ver⸗ gangen war, auf's Beſte bewirthet, von den Gruͤnden dieſes rechtswidrigen Verfahrens un⸗ terrichtet und an den Bord der frei gelaſſenen Barken gebracht, die Carosman, ſeinem Worte treu, nach Marſeille zuruͤckſchickte. — Bl aͤ t tchen aus demſelben Buche. ——— Bitterſuͤß. 1 5 Schon vor Jahrhunderten ſtritten die deut⸗ ſchen Schoͤngeiſter und Schriftgelehrten dar⸗ uͤber, ob es ziemlicher ſei, die Unvermaͤhlten: Magd, Fraͤulein oder Jungfer zu nennen. Ein baͤrenhafter Dulcis amarus(oder Bitterſuͤß) ſtellte deshalb 1664 ſeinen Ancillariolus ans Licht—„Das iſt“ heißt es auf dem Titel⸗ blatte—„der ſuͤßwurzeligte und ſauerampfe⸗ rigte Maͤgdetroͤſter, erzwingend, daß die Maͤg⸗ de beſſere Creaturen ſeyn, als die ſogenannten Jungfern, item, daß ſie einen angenehmliche⸗ ren Namen fuͤhren, als der heutige, kakeligte — Dame.“„Mit Gunſt und grober Behen⸗ 182 digkeit, lieber Leſer!(alſo beginnt das Werk) Wiltu die Mad nicht, ſo kehre ſie um, daß du eine Dam daraus macheſt.“— Ein an⸗ derer, muthmaßlich der Verfaſſer des„großen Klunkermuz“ wuͤnſcht in der Vorrede ſeiner 1688 erſchienenen: Wohl ausgefuͤhrten Anato⸗ mie des Jungfern⸗Namens„allen klugen, nadelſpitzigen Jungfern ein, mit vielen Kuͤß⸗ chen geſpicktes Bonusdieschen“ und ſingt das „an dem Elbſtrome wohnende Franenzimmer“ wie folgt, an— Ihr Jungfern, die ihr hier an unſrer Elbe lebet, und die ihr uns manchmal ein ſuͤßes Schmaͤtz⸗ chen gebet, Ihr Schelmchen, die ihr das in, mit und bei euch tragt, Nach deſſen Wohlfahrt oft ein junges Herze fragt; Ihr Muͤckchen, die ihr euch ſo meiſterlich ge⸗ drehet, — — 183 Wie zierlich ſieht es doch, wenn euch ein Seufzer blaͤhet, Ihr Schlaͤngelchen, die ihr um Leib und Seel euch windet Und eure Seele ſo mit unſerer verbindet— Ihr Oehrchen, die ihr doch ſo leiſe koͤnnet hoͤren, Wenn wir, nach Landsgebrauch, euch ruͤhmen und euch ehren— Ihr Naͤschen, Haͤlschen, Waͤdchen und ihr ſchlanken Beinchen— Verzeiht mir, liebes Volk! und heißt mich ja kein Schweinchen! ꝛc. 184 Die See⸗Ldwinn. Job Friſch gedenkt, im zweiten Theile ſeiner „Erbaulichen Ruheſtunden“ einer Heroine, welche die Koͤnigin der Amazonen, wohl un⸗ zweifelhaft in ihren Generalſtab aufgenommen haͤtte. Anna Agrippa war die Tochter des Dok⸗ tors Leuterich zu Leipzig und heirathete den Doktor Alexander Camerarius, einen Ungar, welchem ſie nach Neuhäͤuſel folgte. Als ſpaͤ⸗ terhin die Tuͤrken(1663) in jenes Reich ein⸗ brachen, ward das bedauernswerthe Ehepaar, ſammt der zehnjaͤhrigen Tochter und einem, eben erſt, als Lizenziat von Jena zuruͤck ge⸗ kehrten Sohne, von dem Erbfeinde fort ge⸗ ſchleppt und in Smyrna, auf dem Sklaven⸗ markt, verkauft. Den Doktor und die Kin⸗ der fuͤhrte ihr Geſchick, dem zu Folge, nach 183 Marmora, die Mama aber ward einem Moh⸗ ren von Salee zu Theil, der, auf dem Heim⸗ weg, in Algier zuſprach und dieſelbe einem dortigen Seidenhandler abließ. Die Barbaresken vermeiden es, ſich zu Fuͤhrung der Barken, mitteiſt derer ſie die Kuͤſte befahren, maͤnnlicher Sklaven zu be⸗ dienen, da dieſe hier oft Meiſter ihrer Herren wurden und das Schiff die Flucht beguͤnſtigte. Sie uͤbertragen dies Geſchaͤft dem handfeſten Theil der weiblichen, zu welchen unſere Agrip⸗ pa gehoͤren mochte. Dieſelbe mußte naͤmlich— wie bereits zu mehreren Malen geſchehen war, den Neſſen ihres Herrn ſammt einem mauri⸗ ſchen Maͤkler nach dem Handelsort Serrelles rudern, wo Jene den Jahrmarkt beſuchen woll⸗ ten, und in ihrem Buſen reifte, waͤhrend die⸗ ſer Strandreiſe, der lang genaͤhrte Entſchluß, ſich, um jeden Preis, zu befreien. Die Frau Doktorin ermunterte demnach— und um je⸗ den Verdacht zu entfernen, mit lachendem 186 Muth, als ob ſie eine Poſſe mittheile— ihre ſechs Mitarbeiterinnen— Deutſche gleich Ihr — auf ein gegebenes Zeichen uͤber den Steuer⸗ mann herzufallen, waͤhrend dem ſie ſelbſt dem tuͤrkiſchen Neveu und dem mohriſchen Maͤkler zu Leibe gehn wolle, welche letztre, recht be⸗ quem fuͤr dies Vorhaben, auf dem vordern Rand der Barke ſaßen. Die Frauen willigten ein, das Zeichen ward gegeben, Agrippa ſprang blitzſchnell auf und ſtieß jene Beide, gleichzeitig, mit der ge⸗ ballten Hand ſo heftig vor die Bruſt, daß der junge Muſelmann Kopfuͤber ins Meer ſtuͤrzte. Der Maͤkler aber erhaſchte, im Fall, einen Finger derſelben— mit den Zaͤhnen, ſagt un⸗ ſer Waͤhrmann— und dieſes Bindemittel machte es ihm moͤglich, mit einer Hand den Bord des Schiffleins zu erfaſſen. Da ſchmiß ihn jedoch die Frau Doktorin mit ihrem Ru⸗ der ſo wiederholt und heftig auf den Kopf, daß 187 er ſie fahren ließ und, gleich dem Neffen ih⸗ res Herrn, zu Grunde ging. Die ſechs Freundinnen hatten indeß, ver⸗ gebens, das Aeußerſte gethan, den herkuli⸗ ſchen Steuermann in den Schooß ſeines Pro⸗ pheten zu verſetzen. Derſelbe ſchlug gar un⸗ ſanft um ſich her, er ward ſogar endlich des Saͤbels maͤchtig, als Madam Camerarius, nach eben vollbrachter Arbeit, hinzuſprang, ihm, mit einem Griffe, die Augen zerdruͤckte, den Taumelnden zu Boden warf und ihn mit Huͤlfe ihrer Knie und Haͤnde erſtickte. Er flog dann jenen Beiden nach und dieſer mehr als deſperate Frauenverein erſchoͤpfte nun den Reſt der Kraft, um die hohe See zu gewinnen, wo ihnen auch der gute Genius, am folgen⸗ den Tage, einen chriſtlichen Schiffer in den Weg warf, der ſie nach Malaga und dort ſei⸗ nem Luͤbecker zufuͤhrte, an deſſen Bord dieſelben nach Deutſchland zuruͤckkehrten. 188 Wie glaͤnzend und auf welche allerdings zaͤrtere und weiblichere Weiſe ſich, in jenen Ta⸗ gen, Agrippa's Mitſchweſtern in Leipzig aus⸗ zeichneten, bekennt ein Zeitgenoſſe derſelben, Amandus de Amando, in ſeinem 1682 bei Weidmann erſchienenen„Verliebten Europaͤer, mit frohem und geruͤhrtem Muthe.“ „Das Frauenzimmer zu Leipzig“ verſichert Amandus„habe ihn dermaßen vergnuͤgt, daß er— es ſind ſeine Worte— ſo kuͤhn gewe⸗ ſen ſey, dieſen geringen Roman den Hochtu⸗ gendedlen zu dediciren. Denn warum ſollten ſo hochſchaͤtzbare Kreaturen einem curioſen Lieb⸗ haber nicht Vergnuͤgung erwecken koͤnnen? Ih⸗ re Schoͤnheit abzubilden, muͤſſen ja auch die al⸗ lerkuͤnſtlichſten Maler, mit aller ihrer Kunſt zu Schanden werden und die ſonſt unempfind⸗ lichſten Gemuͤther werden, durch ihr Anſchaun, zur Gegenliebe bewegt. Die Strahlen ihrer Augen ſind zwo Sonnen, welche die kaͤlteſten Herzen erwaͤrmen und mit ihrer Verfinſterung —————;—ÿᷣᷣ 189 die verliebteſten Seelen in Verzweiflung brin⸗ gen koͤnnen. Die Glieder ſind, bei denen mei⸗ ſten, durch die Natur alſo formirt, daß der⸗ jenige, welcher ſelbige mit ungeſchickter Fauſt anruͤhrete, mit hoͤchſter Strafe muͤßte belegt werden. In Summal! Ihre Schoͤnheit meri⸗ tiret nicht allein von Ihres Gleichen, ſondern auch von hohen Standes⸗Perſonen verlangt zu werden, indem in den allervollkommenſten Leibern die alleredelſten Seelen wohnen ꝛc. Durch ihre liebliche Ausrede iſt unſere deut⸗ ſche Mutterſprache in Aufnehmen gebracht worden, welche ſie auch jederzeit mainteniren und keiner ſelbige recht begreifen kann, wofern ihm nicht das Gluͤck guͤnſtig, zum oͤſtern mit ihnen zu converſiren, worinnen ſie denn, ſon⸗ derlich von Liebesſachen zu discuriren, ſo exer⸗ zirt, daß ſie auch denen geuͤbteſten Liebhabern ſubtile Fragen vorlegen koͤnnen.“ Dem Lobredner iſt um ſo mehr zu glau⸗ ben, da Alexander, ſein Held, ganz Europa 190 durchreiſte und mit den Schoͤnen jedes Landes verkehrte. In Palermo z. B. fuͤhrt ihn eine Sicilianerin bei Seite, deutet auf den daſte⸗ henden Roſenſtrauch, und meint, die und die Roſe ſey vollkommen genug, von ſeiner Hand gebrochen zu werden. „Nach einem verliebten Wortwechſel, that Alexander wie ihm geheißen war und indem er ſelbige vor die Naſe nehmen wollte, ſtellte ſich Eleonore, als ob ſie eben hierzu auch be⸗ gierig waͤre, verfuͤgte demnach ihre Naſe ſo nahe zu Alexanders Geſicht, daß ſelbiger, wwoohl wiſſend was ihr fehlete, ihre Wangen mit unzaͤhligen Kuͤſſen befeuchtete. Dieſe recht zu empfinden, hielt ſie ſo ſtille als ein Laͤmm⸗ chen, wenn es vom Schaͤfer geſchoren wird.“ Auf einer Hochzeit in Straßburg ging es ihm beſonders wohl.„Hier, ſagt er, konnte man ein ganz Viertel voll Complimente um einen Schreckenberger kaufen, die Maͤulerchen aber theilte man umſonſt aus. Da ging es 191 nun an ein Vexieren. Die Jungſern ſagten unter einander(ſinnig und uͤberzart).— Dieſe: Jener Kerl hat die Haare zu we⸗ nig gebudert.— Jene: Dieſer Kerl ſitzt, als ob er das Maul in der Waͤſche haͤtte u. ſ. w. Hingegen ſchenkten es die Junggeſellen de⸗ nen Jungfrauen auch nicht. Da hatte eine eine krumme Naſe, die andere ein Affenge⸗ ſicht, die dritte ein Maͤulchen, das kein zin⸗ nerner Teller zu bedecken vermochte, die vier⸗ te Haͤnde wie ein Nuͤhrloͤffel, die fuͤnſte ei⸗ nen Prozeß und trug die Akten auf dem Ruͤ⸗ cken, die ſechste eine Rede wie das Nacht⸗ — waͤchterhorn, die ſiebente Kalbs⸗, die achte Schweinsaugen, und ſo wurden die armen Laͤmmerchen geſchuriegelt.“ Nach der Tafel ſetzte er ſich zu Blandin⸗ chen, welche anhob— Wie ſo traurig, Monſienr? Er gedenkt wielleicht an ſeine Liehſte. A. Madam examinirt mich ein wenig zu ſcharf. B. Das ſey ferne von mir, daß ich mich unterſtehen ſollte, Denſelben zu exami⸗ niren. A. Deſſen hat Sie gute Macht. B. Welche mir deſſen Hoͤſlichkeit ver⸗ bietet. Und als er Blandinen, am Morgen, mit der Vorausſetzung neckte, daß ſie ſich an die Stelle der Braut gewuͤnſcht haben werde, ent⸗ gegnete ſie— Solche Sachen ſind meinem Verſtande zu intrikat! Die uͤbrigen Jungſern, Faͤhrt er fort: ſteckten, waͤhrend dem, die Koͤ⸗ pfe zuſammen und fuͤhrten allerhand phyſika⸗ Fſſche Diskurſe. 1n Am Schluß des Werkes wird Alexandern vor den Rezenſenten bange, und er erklaͤrt, um ſie zu ſchrecken, daß er, falls ſie ihn an⸗ ſielen, geſonnen ſey, einen„albernen Maul⸗ affen“ heraus zu geben und darin ſolche un⸗ 193³ verſtaͤndige Tadler oben an zu ſetzen, damit die ganze Welt ſehen moͤge, daß es viel leich⸗ ter ſey, ein Buch zu tadeln, als zu machen. Verſichert endlich auch dem Hochtugendedlen Leipziger Frauenzimmer, daß ſeine ungeſchickte Feder in dieſem Roman unterweilen laſterhaf⸗ te Weibsperſonen nur darum mit aufgefuͤhrt, um ihren Tugenden durch den Contraſt, einen deſto groͤßeren Schein zu verleihen, und hoffe er, durch vorſtehende Zuſchrift, den Ruhm des Hochſchaͤtzbaren Leipziger Frauenzimmers in der ganzen Welt auszubreiten.“ Lob ſey Ihm! Schillings Schr. 461r Bd⸗ 13 4 Uutings Traum. Als Uuting— erzaͤhlt Martini in der Chro⸗ nik chineſiſcher Kaiſer: noch unmuͤndig, den Thron ſeiner Vaͤter beſtiegen hatte, uͤbergab er ſeinem Hofmeiſter Canquon, in der Stille, das Regiment, lebte drei Jahre lang, allen Freuden ſeines Alters entſagend, in einem Haͤuschen, das auf ſein Geheiß, neben der vaͤterlichen Grabſtäͤtte errichtet worden war, und bereitete ſich hier, im Geheim, auf ſeine gegenwaͤrtige Beſtimmung. vor. Außer dem Gebet, in welchem Uuting die himmliſchen Maͤchte um Weisheit und Maͤßigung und jede Fuͤrſtentugend anrief, vernahm man kein lau⸗ tes Wort von ihm. Der junge Kaiſer be⸗ harrte, ſelbſt nach Verlauf der langen Trauer⸗ —————— 195 zeit um des Vaters Tod, umgeben von dem Glanze des Pallaſtes, von den Großen und den Schoͤnen des Hofes angeſprochen, in jenem eiſernen Schweigen, und als die Staatsbeam⸗ ten endlich, vereint und mit Eifer in ihn drangen, ergriff der junge Kaifer, wie ge⸗ woͤhnlich, den Pinſel und antwortete ſchrift⸗ lich. Der Inhalt der Erwiederung uͤberraſchte ſie. Uuting, gab im Eingang, ſeinen Man⸗ gel an Selbſtvertrauen als die Urſache des bisherigen Verſtummens an und verſicherte dann, daß ihm, nach einem Gebete um Licht von Oben, folgender Traum geworden ſey. „Ich ſah naͤmlich einen Menſchen vor mir, deſſen Zuͤge und Formen mir, noch jetzt, ſo deutlich vorſchweben, daß ich ihn unter Tauſenden erkennen wuͤrde, deſſen Bild ich demnach auf dies Taͤflein zeichnete und es zum Sprechen getroffen finde. Ich werde ſchwei⸗ gen bis er gefunden iſt, denn mein Traum „.. ſagt mir, dies ſey der Mann, dem ich, zum Beſten meines Reichs, das Ruder deſſelben anvertrauen muͤſſe. Vervielfaͤltiget demnach dies Bild, ſendet Kundſchafter in alle Pro⸗ vinzen und thut was an Euch iſt, dieſen Em⸗ pfohlenen des Himmels aufzufinden.“ Die Staatsbeamten aͤrgerten ſich, wie na⸗ tuͤrlich, insgeſammt, kaum einen Zug mit die⸗ ſem Unbekannten gemein zu haben: Sie tha⸗ ten jedoch— denn Uutings Wille und die Kraft ſeines Charakters machte ſich, auch ohne Wortſchwall gefuͤrchtet— wie ihnen befohlen ward und man fand endlich, im Dorfe Fu einen Maurer, Namens Yeu, der dem Kaiſer bei Fertigung des erwaͤhnten Gemaͤldes geſeſſen zu haben ſchien: wer es mit ihm verglich, erſtaunte uͤber die wunderſame Gleichheit aller Zuͤge und Umriſſe. Deu ward alsbald vor den Kaiſer gebracht der dieſe Ueberraſchung mit den Findern theil⸗ te und die Maͤngel der Form— denn der 197 Maurer war hoͤchſt unanſehnlich— ſchnell ge⸗ nug uͤber den goldnen Worten vergaß, die gleich⸗ ſam unwillkuͤhrlich, voll Einfalt und voll Tie⸗ fe, von dem unſchoͤnen Munde ſtroͤmten. „Yeu! rief der Kaiſer begeiſtert aus: Du ſollſt der erſte meiner Staatsbeamten ſeyn. Gott gebe Dir Gluͤck! Fuͤhre mich vor den Spiegel der Wahrheit und den halte rein. Ich bin wie Einer der im tiefen Waſſer wan⸗ delt und ſchwanket, ſei mein Pilot und Steuer⸗ mann! Schone, wenn es Noth thut, die Arzneien nicht, Falls ſie auch noch ſo bitter waͤren, denn Leckereien verderben das Blut.“ Yeu entſprach der Wuͤrde zu der er aus dem Staub erhoben ward und dem Vertrauen des Kaiſers: Monarch und Miniſter begluͤck⸗ ten, Hand in Hand, das Neich. Moͤchte dieſer Traumgeiſt alle huͤlfsbeduͤrf⸗ tige Thronfolger heimſuchen und ſich, wie da⸗ mals, heilbringend beglaubigen! Aus dem Weiber A. B. C. des guͤl⸗ denen Zankapfels. Gedruckt im Jahr 1666. Eifre nicht gleich mit Deinem Mann, Wenn ſonſt wo Jungfern nach ihm ſchauen; Die Katze ſieht wohl den Grafen an, Drum ſchweig! muß er doch Dir vertrauen. Fliegen Bienen ein uͤnd aus, Sind gar geſchaͤftig in den Sachen, Was der Mann bringt in das Haus, Das muß die Frau zu Honig machen. Keuſch ſey, von Herzen und Geſicht, Ein Weib in Worten und in Werken; Sobald die Keuſchheit ihr gebricht, Kann man es an der Naſe merken, —-— —— 199 Ordnung iſt eines Weibes Ruhm; Ordnung im Haus ſchafft großes Frommen. unordnung frißt ein Fuͤrſtenthum, Viele ſind dadurch in Armuth komme n. Waſch nicht mit eines andern Weib, Sie wird Dich ſonſt in Haͤndel bringen; Mit Klatſchen kein Gemeinſchaft treib; Und ſchweige ſtill von fremden Dingen! enodor war ein Maler baß⸗ Der hat ſein Weib alſo geſchildert, Daß ſie in einem Schneckhaus ſaß— Bald außern Haus das Weib verwildert. Ende. Schneeberg, gedruckt bei C. W. T. Schill. Von A. Apel, H. Clauren, Th. Hell, Fr. Kind, Fr. Laun, W. A. Lindau, Karl Streckfuß, u. Guſtav Schilling ſind folgende Schriften bei uns erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu bekommen: Apel, A., Kunz von Kaufungen. Trauerſpiel. 20 gr. —— Die Aitolier. Tragoͤdie. 1 thlr. Angelika oder der Tochter Opfer. Drama von Th. Hell 1812. gr. 3. 20 gr. Zwei Braͤute fuͤr einen Mann, von Fr. Laun. 1809. 8. 2te Aufl. 1 thlr. H. Clauren Luſtſpiele 2 Theile 1817. Inh. 1) der Brauttanz, 2) Folgen eines Maskenballes, 3) der Abend im Poſthauſe das Doppelduell 2 thlr. 6 gr H. Clauren Scherz und Ernſt, in Erzaͤhlungen. 2 Theile. 1818. Schweizerp. 1 thlr. 18 gl. Die Gevatterſchaft, von Fr. Laun. 8. Neue wohlf. Ausg. 1808. 1 thlr. Germanikus. Trauerſpiel des Arnault, uͤberſetzt von Th. Hell. 1817. 12 gr. Hiſtorien ohne Titel, von Fr. Laun. 2 Theile. 8. ate wohlf. Ausg. 1808. 1 thlr. 18 gr. Fr. Laun's Schauſpiele, enth. das Hochzeitgeſchenk und Gabriele d'Eſtrées. 3. broch. 1 thlr. 8 gr. 202 W. A. Lindau Lebensbilder. 2 Theile. 1817. 1 thlr. 12 gr. Reiſen und Irrthuͤmer eines Heirathsluſtigen, von Fr. Laun. 2 Chle. 8. ate Aufl. 1809. 1thlr. 3 gr. K. Streckfuß Erzaͤhlungen. 1812. 1 thlr. Der Mantel. Drei Erzaͤhlungen son Fr. Laun, C. Streckfuß und G. Schilling. 1813. 1 thlr. 6 gr. Das Geſpenſt. Drei Erzaͤhlungen von Fr. Kind, Fr. Laun und G. Schilling. 38. Schrbp. 1814. 1 thlr. 6 gr. 3 Ich und meine Frau. Drei Erzaͤhlungen von Fr. Laun, W. A. Lindau und G. Schilling 1815. 1 thlr. 6 gr. Schilling, G., ſaͤmmtliche Schriften. Erſte Lie⸗ ferung oder 1— 6. Bd. 8. 6 thlr. Zweite Lie⸗ ferung. 7— 12. Bd. 8. 6 thlr. Dritte Liefe⸗ rung. 13— 18. Bd. 6thlr. Vierte Lieferung. 19— a4. Bd. 6thlr. Fuͤnfte Lieferung 25— 30. Bd. 6 thlr. Sechſte Lieferung 31— 36. Band. 6 thlr. Siebente Lieferung 37— 42. Band. 6 thlr. Achte Lieferung 44— 46r Bd. 4thlr. Es iſt darin enthalten: das Weib wie es iſt. 2 thlr. 8 gr. Die Ignoranten. 3 Thle. z verb. Aufl. 3 thlr. Der Liebesdienſt. Thle. 4 thlr. Die ſchoͤne Sibille. 2 Thle. 4. verb. Aufl. 2 thlr. Bagatellen von 3. Kuckuk. ate verb. Aufl. 1 thlr. Erzaͤhlungen. — 4 Thle. 4 thlr. Geſchichten. 3 Thle. 3 thlr. Irrlichter. 3 Thle. 3 thlr. Abendgenoſſen. 2 Thle. ate aus 3 in a Theile verwandelte Aufl. a thlr. 8 gr. Das Orakel oder drei Tage aus Magdalenens Leben. 21 gr. Laura im Bade a Thle uthlr. 18 gr. Der Beicht⸗ vater 2te aus 2 in einen Band zuſammen gedraͤngte Aufl. 1 thlr. 6 gr. Die Saat des Boͤſen 2 Thle. 1thlr. 18gr. Claͤrchens Ge⸗ ſtaͤndniſſe ate aus 3 in 1 Band zuſammen gedraͤugte Aufl. 1 thlr. 6gr. Die Wundera⸗ potheke 1 thlr. Der Weihnachtabend ate verb. Aufl. 21 gr. Die Neuntoͤdter 21 gr. Die Geiſter des Erzgebirges ꝛ thlr. Flocken 2 Theile. 2 thlr. 6 gr. Gottholds Aben⸗ teuer 2te Aufl. 2 Theile. 2thlr. 4 gr. Wall⸗ mann der Schuͤtze 2t gr. Die Nachwehen 18 gr. Freudengeiſter a1 gr. Die Bedraͤng⸗ ten. Ithlr. 8 gr. Der Roman im Romane. 2 Theile. 2te Auflage 2 thlr. Die Heim⸗ ſuchung 21 gr. Blaͤtter aus dem Buche der Vorzeit 1 thlr. 3 gr. Zur Michaelmeſſe 1818. erſcheint die 9te Lieferung, welche die Baͤnde 4— 3o enthalten und die⸗ ſe Sammlung beſchließen wird. Um den An⸗ kauf derſelben zu erleichtern, wollen wir bis dahin alle 50 Baͤnde, welche im Ladenpreiße zo thlr. koſten, fuͤr 33 thlr. ablaſſen, wofuͤr 54 204 ſolche durch alle ſolide Buchhandlungen zu be⸗ kommen ſind. Feruer folgende Schriften von demſelben einzeln: Schilling, G., die Brautſchau. 2 Thle. 3. 1809. 2 thlr. rz gr. —— der Maͤdchenhuͤter. 2 Thle. 1809. 8. 2thlr. —— Orangen. 2 Thle. 1805. 8. 2 thlr. —— die Reiſe nach dem Tode und das Leben im Fegfeuer. 2 Thle. Neue wohlfeile Ausgabe. 1807. 3. 2 thlr. —— Roͤschens Geheimniſſe, zte wohlf. Ausg. 1807. 8. 1 thlr. 12 gr. —— die Verſucherinnen. 2te wohlf. Ausgabe 1807. 8. 1 thlr. —— Drako Daͤmon der Hoͤlle. ate Aufl. 18 gr. —— Gloſſen uͤber das noͤrdliche Deutſchland. 21 gr. —— Mondſteinwuͤrfe, v. Z. Kuckuk. 21 gr. Außerdem ſind noch folgende Schriften zur Belehrung und Unterhaltung in der Arnoldiſchen Buchhandlung erſchienen: Anſichten der weſtlichen Schweiz. Mit fluͤchtigen Reiſebemerkungen uͤber den Oberrhein, von H. L. W. 8. 21 gr. D. Fr. V. Reinhard, gemahlt von G. v. Charpen⸗ — 205 tier, literariſch gezeichnet von C. A. Boͤttiger. ¹ m. ² Kupfern. 1816. 4. Neue wohlf, Aufl. 1thlr. Krauſe, D. K. Ch. Fr. das Urbild der Menſchheit. gr. 8. 3 thlr. Göde, Ch. A. G., England, Wales, Irland und Schottland. Erinnerungen an Natur und Kunſt, aus einer Reiſe in den Jahren 1302 und 1303. 5 Theile. 2te verm. und verb. Aufl. 1807. 8. Schreibp. 6 thlr. 12 gr. Muͤller, A., Vorleſungen uͤber deutſche Wiſſen⸗ ſchaft und Literatur, ate vermehrte Auflage. 1807. gr. 3. 1 thlr. Im. Kants Biographie. Mit ſeinem Bildniß. 2 Thle. 2 thlr. Amphitryon. Luſtſpiel von Heinr. v. Kleiſt. Her⸗ ausgegeben von A. Muͤller. 1818. Neue wohl⸗ feilere Ausgabe. 16 gr. F. W. von Bernewitz Leben des Hannibal. 1809 2 Thle. ate wohlfeilere Ausgabe. 8. 3 thlr. Jakob Boͤhme, ein biographiſcher Verſuch. 1804. g8. 20. gr. Denkwuͤrdigkeiten des Nachtwaͤchters Robert zu Zwaͤzen, derzeitigen Satrapen im Lande Cara⸗ 5 mania(v. Fr. v. Oertel.) 2 Thle. 8. 1thlr. 8 gr. Der Einſiedler und andere intereſſante Erzaͤhlun⸗ gen. 1808. 8. broch. 1 thlr. Erzaͤhlungen nach auslaͤndiſchen Originalen. 1808. 8. broch. 1 thlr. 8 gr. Die ganze Familie wie ſie ſeyn ſollte, ein Roman 206 wie er ſeyn kann; von Ch. H. Spieß. 1803. g. 21 gr. 3 Franziska, Graͤfin v. Valois, in zwei Theilen. Neue wohlfeilere Ausg. 1808. 8. broch. 1 thlr. Sechs Fuͤndlinge. 3 Thle. 8. 2 thlr. Der ſchwarze Kater, eine Bagatelle. 1805. 8.16 gr. Klinkicht, F., die vier Stufen des weiblichen Alters. Lyriſche Gedichte mit 4 Kupfern. 9. geb. 13 gr. Leben, Thaten und Meinungen eines Kammer⸗ junkers, von ihm ſelbſt beſchrieben. Mit Kup⸗ fern. 3. broch. 21 gr. Leichtfertigkeiten in Erzaͤhlungen, von Fr. Laun. zte wohlfeilere Ausg. 1808. 8. thlr. 8 gr. Luͤckenbuͤßer, vom Verfaſſer der Fuͤndlinge, 3 Thle. 2te Ausg. 1807. 8. a thlr. Potemkin. Ein intereſſanter Beitrag zur Regie⸗ rungsgeſchichte Katharine der Zweiten. 1804. 8. 1 thlr. Ritter Robert der Tapfere, von Treſſau. 138⁰3. g. 1 thlr. Die Flitterwochen meiner Ehe; von E. S. Schrbp. 1812. 21 gr. Der Sohn des Teufels und ſeine Liebſchaften. Neue wohlf. Ausg. 1807. 8. 1 thlr. 4 gr. Wilhelm Tell. Nach Florian vom Verf. der Füͤnd⸗ linge. 1809 8. 16 gr. Der Troubadour, der Hageſtolz und Roſamire. 3 Erzaͤhlungen. 1809. 8. 1 thlr. — —— 4 207 Sieben Uebereilungenckomiſche Erzaͤhlungen). 12 gr. Vernes neue empfindſame Reiſen in Frankreich. (Vom Verfaſſer der Fuͤndlinge.) 2 Theile. Neue Auflage. 13c8. 8. 1 thlr. 18 gr. Clariſſe Viskonti und Samo und Mirza. Drei Erzaͤhlungen. Neue Ausgabe. 1809. 3. br. 1 thlr. Zunilde und Pauline oder gluͤcklicher Wechſel. 2 Erzaͤhlungen. 1809. 8. r thlr. Weinhold D. C. A. Dresden und ſeine Schickſale im Jahr 1813. Ein Ueberblick der Hauptmo⸗ mente der Geſchichte des Tages. Mit 2 Karten gr. 8. 1 thlr. 12 gr. Napoleon in Dresden und auf Elba. 3 Hefte. 12 gr. Dramatiſches Taſchenbuch br. Neue wohlfeile Ausgabe. 18 gr. Bruel I. A. Almanach d'anecdotes. Sec. ed. 16. br. 18 gr. Fr. Foͤrſter das Herrmanns Feſt, ein dramati⸗ ſches Gedicht mit Th. Koͤrners Grab. 1815. Fol. kolorirt 1 thlr. 8 gr. in Aquatinta 20 gr⸗ v. Odeleben Napoleons Feldzug in Sachſen 1813. Eine treue Skizze dieſes Krieges, des franz. Kaiſers und ſeiner Umgebungen. Zweite verb. Aufl. 1 thlr. 12 gr. Der 2te Theil unter d. T. Darſtellung der Ereigniſſe in Dresden im Jahr 1813. 1 thlr. Haſſe F. Ch. A. J. V. Morean und ſeine To⸗ denfeier. a1. gr. 208 Abendzeitung auf das Jahr 1817. Herausgege⸗ ben von Th. Hell und Fr. Kind. Tageblatt. Fol. 6 thlr. Dieſelbe auf das Jahr 1818. 9 thlr. D. G. H. Schubert, Anſichten von der Nacht⸗ ſeite der Naturwiſſenſchaft. Zweite ſehr ver⸗ beſſerte Auflage mit 2 Kupfern. broch. 1817. 2 thlr. 18 gl.. 4 Neues Gemaͤhlde von Dresden, in Hinſicht auf Ge⸗ ſchichte, Oertlichkeit, Kuftur, Kuͤnſte und Gewer⸗ be, broch. von V. A. Lindau. 1 thlr. 4 gr. Stimmen aus drei Jahrhunderten uͤber Luther und ſein Werk. gr 8. 1817. Velinp. 21 gl. v. Biedenfeld. Wieſenblumen geſammlet am Ufer der Elbe.(Erzählungen). 1318. 1 thlr. 2. Berthold, das Kraͤnzchen, Erzaͤhlungen fuͤr Kinder. 1818. 14 gl. ———— rruumananmmuunruxuxRRMERRVNRNVREV 12 13 15 1 9 10 11 14 6 17 18 19