rarararararararacae magar nuhnnaßnhuhnhnhnhnhnbnhehnhannhnananarhnhnanananhrhrn Leihbibliothek. von Eduard Ottmann in Gießen. amanr ararann Lar Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 4 Kr. „„„ franz. od. engl.„ 1, Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 2, 3 2,., 30„,„ 2, 43„„ „ 1„—, 36,„=, ſnananagagöngagan rarar ararrnar E Eataraeearrarareratrererarerararare — — Haͤusliche Bilder; Guſtav Schilling. Dritter Thei l. Dresden, 1822, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. n Banſd. Schilling. von⸗ Zweite Sammlung. Guſtav Zwanzigſter u———————— ilder — Haͤusliche „ 5 O Guſt a v Dritter Theil. g ute Fr a u⸗ e Vorwort. Die nachſtehende, bereits vor zwanzig Jah⸗ ren erſchienene Darſtellung, ward damals, laut der Vorrede„guten Frauen, denen ein dunkles Verhaͤngniß den Trauring zum Trauer⸗Ring machte und verlangenden Maͤdchen gewidmet, die in jenem nur das Sinnbild goldner Tage ſehn und der Wahl ihrer Augen williger, als der Warnung des Verſtandes folgen.“— Der Verfaßer fuͤgt dies Werkchen, in der gegenwaͤrtigen, ver⸗ kuͤrzten und umgeformten Ausgabe, wohl am Schicklichſten, der Sammlung haͤusli⸗ cher Gebilde zu. G. S. Sprich auch Dein Ja laut und vernehm⸗ lich! rief die Mutter meiner Schweſter Julie nach, welche heute zum erſten Mal an den Taufſtein treten ſollte. Ich hatte ſie ge⸗ ſchmuͤckt. Mein Herz war voll. Im Spie⸗ gel, vor dem ſich Julie gefiel, verglich ich jetzt meine kleine, vernachlaͤſſigte Geſtalt mit dieſer gegluͤckten, das mißfarbige Haar mit dieſem goldnen, mein nichts ſagendes Auge mit dieſem magiſchen, mein ernſtes, mir ſo anmuthlos erſcheinendes Geſicht, mit dem lieblichen, bluͤhenden Antlitz der holden Schweſter. Ich wog zum Ueberfluß ihre ſiebzehn harmloſen Sommer gegen harmvolle 8 fuͤnf und zwanzig auf und eine Thraͤne die jetzt auf meine Haͤnde fiel, riß⸗mich zum Mitleid mit mir ſelbſt hin. O, weine nicht, ſprach die Troͤſterinn in meiner Bruſt. Ihr ward die Schoͤnheit, dir die Guͤte. Sie gehoͤrt der Erde, du gehoͤrſt dem Himmel an. Gieb Achtung! lispelte die Mutter: heute koͤmmt Julchen als Braut zuruͤck. Engelſchoͤn war ſie, der Hofrath muß bezau⸗ bert ſeyn. Ich trocknete ſchweigend meine Thraͤnen. Gute Agnes, fuhr ſie mit Waͤr⸗ me fort, und faßte theilnehmend meine Hand: unſer Herr Gott wird Dich auch noch verſorgen. Gewiß, meine Mutter, fiel ich erſchuͤttert ein, und druͤckte ihre Hand an die Lippen. Iſt nur erſt Julchen ſeine Frau, entgegnete ſie: ſo verſchafft Dir des Hofraths Einfluß fruͤh oder ſpaͤt einen Mann. — 1 9 O Mutter, rief ich erroͤthend: fuͤhlen Sie nicht, wie tief ein ſolcher Troſt mich beugen muß? Nein, ich werde nicht heira⸗ 4 then! Von allem, was die Freyer anzieht, von allem, was ſie feſthaͤlt, ward mir ja nichts zu Theil. Maͤnner beten das Gold an, und ſtreben nach Schoͤnheit, ſie uͤber⸗ ſehen williger Flecken des Herzens, und Maͤngel des Geiſtes, als Flecken des Ge⸗ ſichtes und den Mangel der Grazie. Die Maͤnner ſind Beſeſſene! erwiederte jene: dem Einen gefaͤllt ſelbſt die Haͤßliche, dem Andern eine Puppe, dem Guten oft genug die boͤſe Katze. Gewiſſe Frauen aber wurden mit Anmuth ausgeſtattet, andere mit Seelenſchoͤne und vielen, denen beide 6 Zierden gebrechen, ward die Faͤhigkeit verlie⸗. 1 hen, das maͤnnliche Gemuͤth mit einem He⸗ 6 ren⸗Netze zu umſtricken. Der Herr Kammerath ſind verſchieden! vief das Maͤdchen in's Zimmer. 10 Auch ein Beſeſſener! fuhr die Mama fort und hielt ihm alshald die Leichenpredigt. Der Erblichene war allerdings ein ſeltſa⸗ mer Hageſtolz, mein Oheim und reich. Seit zwanzig Jahren mit der Familie zerfal⸗ len, ſah er uns wöͤchentlich nur ein Mal, und dieß eine Mal im Betſtuͤbchen der Stadtkirche, wo ſelten Blicke, ſeltner noch Worte gewechſelt wurden. Vergebens hatte die Mutter, im Laufe dieſer Zeit, alle Mit⸗ tel, ihn zu verſoͤhnen, erſchoͤpft. Ich habe teſtirt! brummte der Unhold, ſo oft ſie, nach dem Segen, das Geſpraͤch, voll Sanft⸗ muth und Traulichkeit, an ihn wendete, und nur mir wurde, wenn ich dem Bloͤdſich⸗ tigen das Lied andeutete, oder den Stuhl unterſchob, ein wohlwollender Blick zu Theil. Scheltend warf er, als Julie dieß einſt ver⸗ ſuchte, ihre Hand zuruͤck, ſie lachte ihm be⸗ leidigt in's Geſicht, er ließ ſich fortan nicht 1 11 wieder in dem Betſtuͤbchen blicken, und ver⸗ ſchwunden war die letzte Hoffnung, den rei⸗ chen Vetter zu verſoͤhnen. „ Spaͤt erwachte ich am folgenden Morgen. Mit verklaͤrtem Geſicht ſtand die Mutter, Julchen weinend neben ihr, an meinem Bette. Geſtern nahm ich den Vetter aus, rief jene, und kuͤßte mich munter: aber ge⸗ wiß, er glaͤnzt nun herrlich dort, der ſelige Kammerrath! Sagt' ich es nicht, mein Her⸗ zenskind, daß unſer Herr Gott Dich noch verſorgen wuͤrde? Reine funfzigtauſend Thaler hat er Dir zugewandt! Dir allein, Du gluͤckliche Tochter, unſerer ward nicht gedacht. Ich glaubte zu traͤumen, ſah von den weinenden Augen der Schweſter in die glaͤnzenden meiner Mutter, und ſank mit dem Morgenopfer heißer Thraͤnen an ihren Hals. 5 —;—ᷣÿ;; Das Vermaͤchtniß war ein Talisman, ber alles um mich her verwandelte. Welch ein Heute gegen das Geſtern, wo ich noch der Kummer meiner Mutter, und die Be⸗ dientinn meiner Schweſter war, wo die jun⸗ gen Maͤnner nur fuͤr ſie Augen, Haͤnde, Herzen hatten, wo die Ballmuſik mir verge⸗ bens zur Freude rief— wo ich verlaſſen, verleugnet, ausgeſchloſſen, von dem Reihen der Froͤhlichen unter Wittwen und Matro⸗ nen, oder zwiſchen Oheimen und Baſen am Whiſt⸗Tiſche verſchmachtete. Traurige, ſchlummerloſe Naͤchte, wenn heimgekehrt aus dieſen Kreiſen, in welche mich der Mut⸗ ter ſtrenger Wille draͤngte, die geſchmeichelte, von Genuͤſſen geſaͤttigte Julie neben mir den ſuͤßen Rauſch verſchlief, waͤhrend dem ich der ſtillen Demuͤthigungen und Dornenkraͤnze ge⸗ dachte, die mir dort ein boͤſer Genius, oft ſelbſt durch die Hand meiner Lieblinge bot. 13 Ach warum, dachte ich dann oft, unter bit⸗ tern Thraͤnen: warum bin ich nicht ſchoͤn, da nur Anmuth die Blume des Lebens pfluͤckt, nur ſie die Neſſeln unſrer Beſtim⸗ mung mit Roſen uͤberdeckt? Und die Ver⸗ nunft entgegnete— Iſt denn dieſe ſchoͤne Julie gluͤcklich? Verletzt ſie keine dieſer Neſſeln? Verkuͤm⸗ mert der Schoͤnheit Fluch, die Eigenſucht, keinen ihrer Triumphe? Vermag ein Weſen, das, gewoͤhnt ohne Saat zu ernten, das, aufgewiegelt von Lockungen und Schmeiche⸗ leien, unter der Befriedigung erliegt, im Kampfe mit Leidenſchaften zu beſtehene Kann es die Religion der Unſchuld, den ſuͤßen Frie⸗ den der Unbefangenheit bewahren, heitere Blicke in die Tage des Bluͤthenfalls, hoff⸗ nungvolle in eine Welt werfen, wo keine erntet, die nicht ſaͤete? Getroͤſtet ſah ich dann, im Geiſt, den ſchoͤnen Stern, wo nur die 14 Seelen⸗Schoͤnheit gelten wird, und ſehnte mich nach der beſſeren Heimath. Bedeutend ward, kraft ihrer Tauſende, die Unbedeutende, kleiner der große Kreis von Juliens Anbetern und der Letzten eine jetzt geſucht. Die Herren begriffen nicht, wie ſie mich bisher aͤberſehen konnten, fanden mich ange⸗ 1 nehm, witzig, viel geiſtvoller, als meine 1 ſchoͤne Schweſter, und ihre liebenswuͤrdige Offenheit geſtand mir das. Ein armer Freiherr eroͤffnete den naͤchſten Bal mit mir, und der Hofrath, auf den meine Schweſter hoffte, beſchwor jetzt m ich, ihm Hoffnungen zu geben. Mit Vorſprachen traten die Tan⸗ ten hinzu, jeder Poſttag unterrichtete mich 5 von Wunden, die ich geſchlagen, von Her⸗ zen, die ich gewonnen, von Seelen, die ich er⸗ 15 hoben hatte, und viel tugendhafter und reiz⸗ barer, als ich es kannte, mußte, laut dieſer Selbſtzeugniſſe, das ſtaͤrkere Geſchlecht ſeyn. Sie blenden nicht, edle Agnes, geſtand mir der Dichter: aber Sie gefallen— Sie erobern nicht, aber Sie gewinnen. 4 Machen Sie mich gluͤcklich, flehte der Kammerjunker, und fragte an, ob es fuͤr ein Herz, wie das meine, einen ſchoͤnern Triumph gebe? 4 Sie ſind ſo gut, ſchrieb ein junger Witt⸗ wer, der mir von jeher etwas naͤher am Herzen lag: und Guͤte iſt ja die ewige Roſe, iſt die ſchoͤnſte Blume im Kranze der Weib⸗ lichkeit, iſt die Goͤttin, die allein ich anbete. Mit feurigen Schwertern beſtuͤrmten die Heroen des naheliegenden Reiter⸗Regiments meine friedliche Wohnung, und ihre Auffor⸗ derungen ſtahlen ſich in die Handſchuhe und in das Strickkoͤrbchen. 16 Der Rittmeiſter iſt ein feiner Mann! ſprach eines Abends meine Mutter: auch, wie es ſcheint, ein ganzer Soldat. O, ſchon die halben, fiel ich ſeufzend ein: ſind, Kraft ihres Berufes Despoten, und ſehn im Weibe nicht ſelten den Rekruten. Ich naͤhme den Kammerjunker, aͤuſſerte Julchen: der iſt viel juͤnger. Er macht Dich uͤberdieß zur gnaͤdigen Frau, und wir Maͤdchen greifen doch am liebſten nach Edel⸗ leuten. Und wer greift oͤfterer fehl, als wir? Weit beſſer iſt es wohl, gluͤcklich, als gnaͤdig gemacht zu werden, und das Gluͤck flieht die Mißbuͤndniſſe. So waͤhle den Hofjaͤger! fiel die Mutter ein: der Mann iſt bluͤhend und kerngeſund, auch hat er vornehme Freunde. Die Jaͤger, erwiederte ich: ſind rauh, wie ihr Handwerk, und dieſer verließ treu⸗ 17 los ſein Maͤdchen. Wird einer, der das Herz der Braut zerriß, die Rechte des Wei⸗ bes ehren? Was ſetzeſt Du an dem jungen Wittwer aus? fuhr Julchen fort. Daß er jung iſt, entgegnete ich aufſte⸗ hend und erroͤthete: mir aber ſcheint es, als gehoͤre unſer Fruͤhling fuͤr den Herbſt des Mannes, unſer Herbſt fuͤr ſeinen Win⸗ ter. Die Maͤnner vergleichen. Wehe der Verglichenen, wenn weder Jugend noch Reiz in ihre Schale fallen. Wir klagen dann uͤber Beſtandloſigkeit, und bedenken nicht, daß das ſinnliche, ſympatetiſche Herz, vom ewigen Natur⸗Geſetz getrieben, uͤber kalte Grundſaͤtze hinweg, dem aͤhnlichen zufliegen muß, von dem es angezogen wird. Sie feſ⸗ ſelt das Schoͤne, uns das Gute. Der Mit⸗ telloſen nahte ſich keiner, und um mein Gold nur werben alle. Schilling 2te S. aor Bd. 2 18 Das iſt gewiß! rief Julchen. Glaube das nicht! erwiederte die Mutter. Es wird ſich zeigen! erwiederte ich und verließ erſchuͤttert von Juliens ſchonungloſem „das iſt gewiß“ das Zimmer. —— Der Nittmeiſter bat, am folgenden Morgen, um Antwort. Ich geſtand ihnd wie theils kindliches, theils ſchweſterliches Gefuͤhl mir die Pflicht auflege, das reiche Erbtheil, welches mir ſo unverhofft zufiel, 4 der Mutter, der Schweſter und einem blut⸗ armen, uns nahe verwandten Hauſe zu üͤberlaſſen, und daß der Reſt nur eben hin⸗ reichen werde, mich vor Duͤrftigkeit zu ſchuͤtzen. Vergebens ſtellte er Gegengruͤnde auf, vergebens alle Genuſſe, Vorzuͤge und Freu⸗ den, die er mir zudenke; nannte, als ich „ N 8 — 19 unerſchuͤtterlſich blieb, meine Großmuth Saat fuͤr den Undank, meine Freigebigkeit Verſchwendung und verſicherte endlich, daß er, in dieſem Falle, dem Gluͤcke mir anzu⸗ gehoͤren, entſagen muͤſſe. Der Kammerjunker ſeufzte, der Hofjaͤ⸗ ger tobte, der Dichter verwandelte ſein Hey⸗ rath⸗Geſuch in eine Bitte um beliebigen Vorſchuß, keiner von allen wollte, ohne die Erbſchaft, das heiß erflehte Gluͤck empfan⸗ gen, und nur mein junger Wittwer, der auf ſeinem Gut in der Naͤhe der Stadt leb⸗ te, war noch unverſucht. Ach, er war der einzige, den ich mit Zittern dieſer Pruͤfung unterwarf, der einzige, auf deſſen Antwort ich, als ihn jetzt die Reihe traf, mit Bang⸗ igkeit harrte, der einzige, welchem gegen⸗ uͤber, ich meine Freigebigkeit beſchraͤnkt hatte. G Zagend erbrach ich ſeine Antwort und las⸗ 2* 20 „So lange ich Sie kannte, noͤthigten Sie mir Verehrung ab. Die Gluth der er⸗ ſten Liebe warf mich in den Arm meiner juͤngſt verſchiedenen Gattinn. Sie war jung, vermoͤgend, ſchoͤn! Aber ihre Jugend machte mich alt, ihr Vermoͤgen arm, ihre Schoͤnheit ungluͤcklich. Weiſer durch Erfah⸗ rung, ſtrebe ich fortan nach dauerndern Guͤ⸗ tern, nach begluͤckenderen Vorzugen. Mit Ihrer Hand wuͤrde ich dieſe empfangen⸗ Und wenn nun dieſe Hand die reiche Erb⸗ ſchaft ausgetheilt und manchen Glöͤcklichen gemacht hat, dann mache ſie einen noch zum Gluͤcklichern, dann biete ſie das reinſte und trefflichſte aller Herzen, Ihrem ewigen Verehrer Theodor Huber.“ O, das iſt viel! rief ich, im Innerſten bewegt und reichte der lauſchenden Mutter den Brief. Sie weinte mit. Wenigſtens, 21 ſprach ich, von der Ruͤhrung zur Großmuth hingezogen: wenigſtens werd' ich einen Theil meiner Drohungen erfuͤllen. Sie, theure Mutter, treten, von heut an, in den Genuß meines Vermoͤgens und einſt fall' es dann, zu gleichen Theilen, auf ihre Kinder. Du Herzenstochter! rief ſie und ſegnete mich. Sehr guͤtig! lispelte Julchen, und um⸗ armte mich, zum erſtenmal in ihrem Leben, mit Zaͤrtlichkeit. Ich eilte zum Schreibtiſche, meldete Herrn Huber mit dem zuruͤckkehren⸗ den Bothen, was ich that und ſtreckte in aller Beſcheidenheit die Hand mit dem treff⸗ lichſten der Herzen nach ihm aus. Der Hof⸗ rath kam und höͤrte kaum von meinem gu⸗ ten Werke, als er foͤrmlich um Julien an⸗ hielt. Die entzuͤckte Mutter gab ihm das Jawort, und der erſte May ward fuͤr beide Toͤchter zum Trautag anberaumt. 22 Mit heißen Thraͤnen begruͤßte ich den hoͤchſten, heiligſten Feyertag des weiblichen Lebens. Gluͤckwuͤnſchend trat die Mutter in meine ſtille Kammer, ich ſank ſchluchzend an ihren Hals. Mein Innerſtes war aufgelöſ't, mein Herz gluͤhte in dem Wonnerauſche der befluͤgelten Andacht, ich fuͤhlte mich zum En⸗ gel geworden und gluͤcklich! Freundinnen kamen, die Braut zu bekraͤnzen, aus jedem Blicke ſprachen Wuͤnſche, jede Lippe hatte heut ein ſuͤßes Wort, jedes Auge eine Thraͤ⸗ ne, tauſend Segen das Mutterherz fuͤr mich. Da ſtand ich endlich mit der Myrte im Haar, im Gefuͤhle meiner jungfraͤulichen Wuͤrde, gefaͤrbt von der Gluth der Empfin⸗ dung, geſchmeichelt von ſuͤßen, ahnungvol⸗ len Schauern, von ſeltſamen Eindruͤcken er⸗ hoben, ganz Religion, ganz Liebe, ein freu⸗ diges, freywilliges Opfer. Selbſt Julchen fand mich verwandelt, die Freundinnen aller⸗ 23 liebſt, die Mutter liebenswerth, der Braͤu⸗ tigam entzuͤckend und bezaubernd. Die Gaͤſte kamen, man erkannte mich kaum. Zum erſten Mal hatte die Liebe mei⸗ nen Nachttiſch gemacht, war es ein Wunder, wenn, unter ſolchem Beiſtand, der Anzug gelang und alles, was ich ſonſt uͤberſehen, vernachlaͤſſigt, oder verborgen hatte, in ſeine Rechte trat und uͤberraſchte? Ich wuͤnſchte mir Gluͤck zu dem holden Braͤutigam, die Gaͤſte thaten daſſelbe. Auch dem Hofrath wurde Gluͤck gewuͤnſcht, denn Julie war heute ſo reizend, ſo anziehend, ſo naiv uͤberdieß, daß mir das Herz zitterte, als der Mann meiner Wahl ſie jetzt in's Auge faßte, lange und recht vertraulich mit ihr ſprach, dann voll truͤben Ernſtes auf mich und ſchnell von mir, auf ſeinen Teller niederſah. Sie ſind die Schoͤpferinn unſe⸗ res Gluͤcks! lispelte der Hofrath, und fuͤhr⸗ 24 te meine bebende Hand zum Munde. Wohl wohl! ſprach Huber, und neigte ſich froſtig gegen die baͤngliche Schoͤpferinn, welche eben einem ſpottenden Blicke begegnete, den Ju⸗ lie ihrem Braͤutigam zuwarf. O die Undank⸗ bare! ſprach mein Herz und betreten ließ der Hofrath die Hand fallen„welche ſie aus⸗ ſtattete. Mein Mann fuͤhrte mich auf ſein Gut⸗ Dringend ward der Hofrath von ihm zur Begleitung eingeladen. Ihres Lebens ſchoͤn⸗ ſte Monate, ſprach er zu meiner Schweſter: fallen, paſſend genug, in den Wonnemond, doch iſt er das nur auf dem Lande. Laſſen ³ Sie uns ihn dort im Kreiſe der Liebe und der Freundſchaft feyern. Julie ſtimmte, da es im May hier we⸗ der Caſſino, noch Baͤlle gab, mit Freuden bey, 35 und der Hofrath verſicherte ihr, daß ſie zu hefehlen habe. Freyer athmete ich im Beſitze des jungen, 3 anziehenden Gatten auf eigenem Boden, in der herrlichen, von Bluͤthen des Fruͤhlings beregneten Gegend und die neue Lage gefiel mir uͤberaus wohl. Um ſo minder gefiel mir aber der finſtre Ernſt, der, in einſamen Stunden, auf meines Mannes Stirn ruhte und der Kopfſchmerz, der ihn, in dieſen, fuͤr meine Sorgfalt und meine Liebkoſungen be⸗ taͤubte; am mindeſten aber die ſtutzermaͤßige Zaͤrtlichkeit, mit welcher er, trotz ſeiner briefli⸗ chen Geſtaͤndniſſe, trotz ſeiner, durch Erfah⸗ rung gewonnenen Ueberzeugung, um Julien herſchwebte. Fruͤh genug ſah er zwar den Lieblingswunſch ſeines Herzens, durch die gaͤnzliche Unfaͤhigkeit des ihren, Freundſchaft zu fuͤhlen und zu erwiedern, vereitelt, aber um ſo bruͤckender fiel, im Gefolge jener Taͤu⸗ 26 3 ſchung, ſein Stunden⸗Kummer auf ein Herz zuruck, das mehr als Freundſchaft, das die reinſte, innigſte Liebe zu empfangen und zu erwiedern verſtand und ſie da nicht erwiedern konnte, wo keine dieſer Empfind⸗ ungen es bewegte. —— Mit voller Bruſt und liebevollen Vor⸗ wuͤrfen warf ich mich eines Abends an ſei⸗ nen Hals. 4 Iſt das Deine Guͤte? rief er, als Thrä⸗ nen meine Stimme erſtickten, das Deine Einfalt? Deine duldſame Sanftmuth?— Eiferſucht alſo? Nein, nur Mißgunſt!— Laß mich los. Ich verſuchte zu antworten, ſtuͤrmiſch ging er aus dem Zimmer. Meine Augen fielen in den Spiegel und von meinen Augen fiel der Schleyer. Folgen der Ver⸗ 27 gleichung, ſtammelte ich und verhuͤllte wei⸗ nend das Geſicht. O, ich Ungluͤckliche! Wußt' ich es nicht, ſagt' ich es nicht vorher und warf mich dennoch dem ſichern Uahnds in die Arme?: Juliens Gatten entging meine Lage nicht, er fand ſich, ſo wenig als ich, durch die Waͤrme des gefaͤlligen Schwagers ge⸗ ſchmeichelt, und meine Schweſter druͤckte mich, in einer vertrauten Stunde, durch die Erzaͤhlung zu Boden, daß meine Mutter, beſorgt, ich moͤchte mir alle Freyer verſcherzen, dieſem letzern einen Wink wegen der Pruͤfung habe geben laſſen, der ich die fruͤhern unter⸗ warf. Alſo war dieß hohe, Tugend, Grundſätze, Liebe athmende Geſtaͤndniß ſei⸗ nes, mich bezaubernden Briefes, nur eine kaufmaͤnniſche Liſt, und er trat, als ich, wider ſein Erwarten, Ernſt mit der Schenk⸗ ung machte, nur aus falſcher Schaam, 28— nicht wie die andern zuruͤck, und rechnets auf das Alter der Mutter und auf die Halb⸗ ſchied der Summe, die ihm dann doch zufab⸗ len mußte. Wie Du nur weinen kannſt? ſprach Julie, ſieh doch mich an. Dieſe Thraͤnen unterwerfen Dich ihm. Mach' es wie ich, Sind wir nicht reich? Haben wir dieſe Maͤnner nicht gluͤcklich gemacht? Giebt uns das nicht Rechte? Ich, Schweſter, ich bin ſehr entſchloſſen, die meinen zu be⸗ haupten und Du ſiehſt, es geht, wenn man nur will. Liebt er Dich nicht, ſo muß er Dich fuͤrchten. Schmollt er, ſo laͤchle, droht er, ſo trotze! Das giebt acht ſtuͤrmi⸗ ſche Tage und der Sommer tritt ein, wenn Du am neunten von Scheidung ſprichſt. Immer waͤrmer ward mein Mann ge⸗ gen die Gaͤſte, immer kälter der Hofrath, Julie immer ſehnſuͤchtiger, ihre Freunde, —— ——ÿʒ—½·—— 29 ihre Vertrauten, die Kreiſe wieder zu ſehen, fuͤr die es die Muͤhe, ſich anzukleiden, be⸗ lohnte. Vergebens gab Huber ein laͤndliches Feſt, verbrannte fruchtlos ein Feuerwerk, bey dem das J. in weißem Feuer gluͤhte. Ich ſah, mit naſſen Augen, den Lichtkugeln nach, die, wie meine Hoffnungen, feurig empor ſtiegen und ſchnell verſchwanden. Der Hofrath dankte ſehr und reiſ'te ab. Wir blieben allein. Einſam ſaß ich in dem oͤden, weiten Zimmer, der Regen ſchlug die Fen⸗ ſter, der Sturm die Wipfel, und einer Wet⸗ terwolke gleich, zog Huber auf und nieder. Der Gattin Augen verfolgten ihn, nach Er⸗ kaͤrungen ſtrebte ihr bebendes Herz und leiſe nannte ich ſeinen Nahmen. Taub fuͤr den Ruf ſtand er, im Anſchauen verſunken, vor dem Gemaͤlde ſeiner erſten Frau. Mein guter Mann! ſprach ich mit Toͤ⸗ nen der Liebe und ſtand auf. 4 30 Willſt Du was? fragte er und ich um⸗ ſchlang ihn. Er duldete, ſchmerzlich laͤchelnd, meine Kuͤſſe und dieſer Anblick nahm mir den Muth, ihm zu geſtehen, was ich wollte. Es wird ſpaͤt! ſprach er jetzt, und ich ha⸗ be zu thun; der Beſuch hat mich manches zuruͤckſetzen laſſen, was ich nun einbringen muß; ging' es ſo fort, ſo ginge meine Wirth⸗ ſchaft zu Grunde.. Ich will Dir beiſtehen! ſprach ich troͤ⸗ ſtend. Die Landwirthſchaft iſt ganz Dein Fach! ſiel er ſpoͤttelnd ein und machte ſich los. Sie ſoll es werden! rief ich ihm nach. Er ging davon. Da ſtand ich! Allein, getaͤuſcht und un⸗ geliebt vor dem Bilde der ſchöͤnen Frau, de⸗ ren Jugend ihn, laut ſeiner Verſicherung, alt, deren Vermoͤgen ihn arm, deren Schoͤn⸗ heit ihn ungluͤcklich gemacht hatte, und be⸗ ———ͤ—᷑— 31. trog mich nicht alles, ſo wuͤnſchte der laute Seufzer, mit dem er ſich von ihr zu der Nachfolgerinn kehrte, die Verſchiedene zuruͤck. Nein, rief ich aus: ſo kann es nicht bleiben, ſo nicht! O, lebte der Oheim noch! Viel gluͤcklicher war die einſame Blume auf der heimiſchen Flur, die gute Tochter im Kreiſe ihrer kindlichen Pflichten; der Engel des Frie⸗ dens begleitete, erheiterte mich da und zeig⸗ te mir in dunkeln Stunden, die Bluͤthen der beſſern Welt; ſelige Fruͤchte der Thraͤnen, die Jier aerheſſen Maͤdchen weinen. Ich verreiſe morgen! ſprach Er am Abend des folgenden, in ſtummer Einfoͤr⸗ migkeit verlebten Tages. Ach, Reiſen ſind mein Element! Um wie manche Zerſtreuung dieſer Art hat uns Dein gutes Herz gebracht. Erroͤthend legte ich das Meſſer nieder und 3²3 ſchwieg. Er warf, betroffen, einen ſanftern Blick auf mich, den ſanfteſten, der mir noch zufiel und ich fragte verſähnt, mit milder Stimme— Koͤmmſt Du bald wieder? Ich hoffe! erwiederte er. Der Zuſchuß, welchen uns die guͤtige Mutter von den Zin⸗ ſen Deines Vermoͤgens reicht, iſt faͤllig, und ich bin eben nicht bei Kaſſe. Alſo dahin! dachte ich: zu Julien alſo? und eine Thraͤne draͤngte ſich in meine Augen. Was ſoll das? Ich ſchwieg— Du weinſt? Was haſt Du? Jetzt brachen mei⸗ ne Thraͤnen aus. Jammer, nichts als Jammer! rief er und ſtand auf. Dieſe widrige Empfindeley iſt es eben, die mich aus dem Hauſe treibt. Lieber Huber, ſprach ich, ſchwankend zwiſchen Zorn und Wehmuth: Du biſt ſehr ungerecht. 33 Floskeln! ſiel er ein und leerte ſein Glas. Und ich ſehr ungluͤcklich! fuhr ich fort und bedeckte mein Geſicht. Nur langweilig! murmelte er: launiſch — truͤbſinnig— eine Pruͤde. Es waͤre gut, entgegnete ich in der Wal⸗ lung meines tief gekraͤnkten Herzens: es waͤ⸗ re das beßte, wenn eins von uns ginge. Dieß Haus iſt das Ihre, laſſen Sie mich die Gehende ſeyn. Jene Probe, der meine Einfalt Sie unterwarf— E. Beſtand ich nicht? Du haſt Sum⸗ men verſplittert, die ſelten ein Fuͤrſt ver⸗ ſchenkt— Es ſey! Ich hielt mein Wort. Verlangſt Du mehr? J. Entheiligt wuͤrde die gerechte Forde⸗ rung, wenn ich ſie dieſen tauben Ohren, dieſem ſteinernen Herzen nennte. Nur feurige Herzen, ſprach er abgehend Schilling ate S. aor Bd. 3 34 und zeigte auf das Bild ſeiner verewigten Frau: nur poetiſche Seelen kleidet dieſe Schauſpielerey, Dein Pathos kann weder ruͤhren, noch empoͤren. Gaͤſte fuhren in den Hof. Eine Dame ſprang aus dem Wagen, ein Offizier folgte ihr. Jene flog an Hubers Hals, der ſie, wie es ſchien, mit dem Feuer der Vertrau⸗ lichkeit umarmte, dieſer zog mich, durch wie⸗ derholte Verbeugungen, fuͤr einen Augenblick von der Gruppe ab, die untrennbar ſchien. Ich dankte nur fluͤchtig. Sie war blond, ſchlank, geſchmeidig; rein und voll Wohllaut toͤnte ihre Stimme zu mir herauf. Ihr Ge⸗ ſicht ſah ich nicht, doch meine Furcht gab ihr das bluͤhendſte. Der Kutſcher ſpannte aus; ein großer Koffer ward vom Wagen gehoben, der Beſuch ſchien auf die Dauer berechnet. 35 Sie traten jetzt ein. Frau von Blamont!— Hauptmann Burg! ſprach mein Mann, und ich fand ihr Geſicht noch viel bluͤhender, ihr blaues Auge viel anziehender, das ganze We⸗ ſen viel feenhafter, als meine Beſorgniß es ſich gemahlt hatte. Zitternd an den ihren, wuͤnſchten meine Lippen zu der willkomme⸗ nen Bekanntſchaft Gluͤck. Mein Herz wi⸗ derſprach dieſem Willkommen und zweifelte ſehr, daß ſie eine gluͤckbringende ſeyn werde. Schweſter! rief ihr der Hauptmann zu, und kuͤßte meine Hand: ſchon bin ich uͤber⸗ zeugt. 3 Lächelnd nickte ſie— Und wovon? frag⸗ te Huber. Der Nuf nannte Dich beneidenswerth, fuhr er fort, und wiederholte den Handkuß. Meine Verehrung der Trefflichen, die Dich zum Gegenſtand des Neides macht! Erroͤthend zog ich die Hand vom Mun⸗ 3* 36 4 de des Verehrers und warf einen Blick auf Hubern, der zwiſchen Freude und Betroffen⸗ heit: Ich bin zufrieden! ſtotterte. Wahrhaftig? fragte jener und bemerkte lachend, daß ſich das wohl von ſelbſt verſtehe. Aber reiſen Sie doch! bat Frau von Blamont meinen Mann, der bey ihrer An⸗ kunft ſchon zu Pferde ſaß, und verließ ſchnell das Zimmer. Die Schatulle ſteht noch im Wagen, rief der Hauptmann: er eilte ihr nach. Eine nahe Verwandte meiner ſeligen Frau: ſprach Huber und faßte die Hand der minder ſeligen. Sie ward von einem fran⸗ zoͤſiſchen Abenteuerer betrogen. Er heyra⸗ thete die Leichtglaͤubige, brachte ihr kleines Vermoͤgen durch und verſchwand. Der Hauptmann, ihr Bruder, hat quittirt, und will mir hieſen Sommer ſchenken. Ein Ju⸗ gendfreund. JFuͤrlieb nehmen beide, alſo — 37 bleibt alles, nach, wie vor. Verſtehſt Du mich? Ich ſchwieg. Mache mir Ehre! bat er, und faßte meine Hand. Such' Aurorens Freundſchaft zu gewinnen. Sie hat Ton, Welt, Kenntniſſe— viel kannſt Du ihr abſehen. Den Hauptmann behandle wie mich. Traulich, zuvorkommend— unver⸗ legen— hoͤrſt Du? Ich hoͤre. Ihm gieb das Eckzimmer, ihr beide Gaſtſtuben, die kleine Kammer ihrem Maͤd⸗ chen. Warum ſo finſter, liebe Agnes? Warum ſo heiter, lieber Theodor? E. Was werden jene denken? Fuͤr Ga⸗ ſte iſt dieß Geſicht niederſchlagend; wenigſtens wird der Hauptmann daraus leſen„daß ihn der Ruf betrog. Das, ſprach ich ſeufzend: war uͤberhaupt wohl nur ein ſinnleeres Compliment oder ſinnreicher Spott. 3⁸ Sie kamen zuruͤck und ich ging, die an⸗ gewieſenen Zimmer zu bereiten. Frau von Blamont ſaß am Fluͤgel, als ich zuruͤckkam, die Maͤnner waren ausgegan⸗ gen. Verloren in ihr meiſterhaftes Spiel, ſchien ſie meinen Eintritt nicht zu bemerken, leiſe ſchlich ich zum Naͤhtiſche hin. Der Spie⸗ gel zeigte mir ihr Bild. Ich fand von neuem, daß ſie ſchoͤn, daß ſie reizend ſey, und die Milde, welche um ihren wohlgeformten Mund ſchwebte und aus den ſanften, blauen Augen ſprach, gab mir Hoffnung, Troſt und Muth. Jeht nahm ſie mich wahr, ver⸗ ließ ihren Platz, warf ſich traulich an meine Seite, und fragte mit Toͤnen, die mir wohl⸗ thaten— Bin ich willkommen?— Herzlich, entgegnete ich und druͤckte ihr verſoͤhnt die Hand. 39 Boͤſe Frau! fuhr ſie fort und umarmte mich: haſt mir den Braͤutigam geraubt. Funfzig Meilen weit komm' ich her, um Herrn Huber zu heyrathen, und erfahre erſt auf der vierzigſten, daß ich zu ſpaͤt kam. Ich beklage Sie! ſprach ich laͤchelnd: und noch mehr Ihren Herrn Gemahl. Gemahl? fiel ſie ein, und ward ſchnell duͤſter— Blamont, meynen Sie? Wir ſind geſchieden. Feierlich— auf ewig! Bald nach dem Tode der ſeligen Huber, die in meinen Armen ſtarb. Es war Ihres Man⸗ nes Rath. Dankbar fuͤr die Pflege der Kran⸗ ken bot mir Huber, als er ſich ausgeweint hatte, ſeine Hand. Von meinem Bruder begleitet, reiſ'te ich nach Bruͤſſel, wo Bla⸗ mont ſich aufhielt. Er willigte nach langem Zoͤgern in die Trennung. Frei kehre ich zu⸗ ruͤck, hoͤre daß Huber mich taͤuſchte, traue meinen Ohren nicht, fliege her, und werde 40 mit einem Wohlwollen, einem Feuer, einer Freude aufgenommen, die mir im erſten Augenblicke die Faͤhigkeit benimmt, ihm von meinem Zorne, meinem Aerger, meiner Ver⸗ achtung zu ſagen. Sonderbar! ſprach ich mit bebender Stimme: und eilten doch aus dem Wagen an ſeinen Hals? Schienen unbefangener, als er ſelbſt bey dem Eintritt? Auch Ihr Herr Bruder umarmte meinen Gatten mit einer Freudigkeit, zu der ſich, in einem ſol⸗ chen Falle, wohl kein Mann von Ehre— am mindeſten ein Offizier aufgelegt fuͤhlen wuͤrde. S. Sie haben Recht, Liebe! Aber bleibt uns eine Wahl? Ich und mein Bru⸗ der, wir ſind Philoſophen. Laͤngſt gaben wir uns die Hand darauf, lachend durch die Welt zu gehen, und der Thorheit wie der Bosheit, den Gleichmuth der Stoiker entge⸗ 41 gen zu ſetzen. Das Leben, meine Freun⸗ dinn, iſt zu kurz, um es zum Opfer fehlge⸗ ſchlagner Hoffnungen zu machen, zu ſchoͤn, um es durch Grillen zu verkuͤmmern. Mir thue Boͤſes, wer das Herz dazu hat, ich wer⸗ de es entſchuldigen und Allen nur Gutes thun. Es laͤſtre die Menſchen, wem ſie wehe thaten, ich werde der Verletzer, wie der Ver⸗ letzten lachen und froͤhlich ſeyn. Dieſe Gabe wuͤnſcht' ich mir auch! ent⸗ gegnete ich ſeufzend: doch wohl Ihnen, wenn Sie, auch lachend, den Schmerz der Verletzten fuͤhlen. S. Innig, auf mein Wort! J. Wenn Sie fuͤhlen, daß mein Mann— zwiſchen mir und Ihnen— auf Neſſeln ſtehen— daß er vor heiden errothen und ſich, oder eine von uns, weit hinweg wuͤnſchen muß— S. Darum bin ich hier. 4² J. So verleugnen Sie Ihr Herz. So ſtöͤren Sie den Frieden einer Ehe, die des Friedens mehr, als irgend eine bedarf. Ich, Frau von Blamont, ich werde die hinweg Gewuͤnſchte ſeyn. S. Moglich, wahrſcheinlich ſogar. Die Maͤnner von Hubers Art verſchmaͤhen, bei dem Streben nach verſcherzten oder uner⸗ reichbaren Guͤtern, gewoͤhnlich die, die ſie beſitzen; aber, lachen Sie dazu! J. Ich ſehe in Ihnen die Feindinn meiner Ruhe, meines Lebens und jeder Hoffnung. S. Da ſehn Sie falſch. Sie machten ſein Gluͤck. Sie wird, Sie muß er ſcho⸗ nen, Gute! J. Schonung verachte ich⸗ S. Ich aber bin arm, huͤlflos, von ihm getaͤuſcht. Das giebt mir unverkennba⸗ re Anſpruͤche auf den Mann, der mich wie 43 eine Naͤrrin behandelte, weil er, bis jetzt, nur das harmloſe, leichtſinnige, leicht befrie⸗ digte Weib in mir kannte. J. Und was verlangen Sie denn? S. Was er mir ſchuldig ward. Ein Sort, J. Das heißt hier wohl— eine Summe? S. Vielleicht! Ja, ungefaͤhr! J. Reich bin ich nicht, Frau von Blamont; doch meines Mannes Kummer iſt der meine und wo er erroͤthet, werd' ich „ bleich. Darum laſſen Sie mich die Mittle⸗ rinn ſeyn. 4 S. Das vergaͤb' ich keiner Frau. Mir ſelbſt, bei aller Herzensguͤte nicht. Sie wiſſen von nichts, liebe Huber und laſſen ihn ſorgen. Bis dahin leben wir als Schwe⸗ ſtern hier—. J. Beſtimmen Sie, mit ſchweſterlicher 44 Offenheit, Ihre Fotderung; im Voraus ſey jede billige gewaͤhrt. S. Nicht ein Wort mehr, ich beſchwoͤ⸗ re Sie! keine Tugend iſt gefaͤhrlicher, als die der Großmuth, keine zweideutiger. Er⸗ ſparen Sie ſich die Frucht des Undanks und der Reue. J. Haben Sie den Muth, ſich in meinem Beiſeyn gegen Huber zu erklaͤren? S. Den Muth?— ja! doch nicht die Neigung. Nie werde ich Ruͤckſichten vergeſ⸗ ſen, welche mir das Zartgefuͤhl gegen Sie vorſchreibt. J. Wenn ich Sie ſelbſt darum bitte? S. Sie baͤten vergebens. Ich geſtehe Ihnen, daß mir noch mans cher Zweifel aufſteigt. Indeß, noch heute muß ſich jeder loͤhen.— Eben kamen die Maͤnner zuruͤck und ergriffen von Fieber⸗ ſchauem eilte ich in meine Kammer. 45 Welche Lage! Welch ein Loos, welche Zukunft! rief ich, und rang die Haͤnde. Haſt Du die Kraft, haſt Du den Willen, dieß Kreuz, das immer wachſen, immer druͤckender werden muß, durch die Wuͤſte ei⸗ nes ſolchen Lebens zum Grabe zu tragen, oder Muth genug, es abzuwerfen? Willſt Du Dich der oͤffentlichen Meynung aufopfern, oder ihr, verachtend, Trotz bieten? Lieber elend bleiben, als laͤcherlich werden?— Meynungen ſind getheilt, Spoͤtter erſchoͤp⸗ fen ſich, aber dieſer Becher leeret ſich nie. Mein Mann teat ein. Liebe, Seltſame! ſprach er, im Tone banger Zaͤrtlichkeit, wo muß man Dich aufſuchen? Du zwingſt Dich da zu einer Rolle, die Dein ſo edles Herz verſchmaͤh'n ſollte. Agnes ſieht in die⸗ ſer Blamont eine Feindinn? Geſteh es nur! J. Ich geſtehe, daß ich mindeſtens vor Einſpruͤchen mich ſicher glaubte. Früher hiͤt⸗ te mich dieſer vielleicht ſo gluͤcklich erhalten, als er jetzt mich elend macht. 4 E. Unſelige Scherzſucht! Und Du warſt leichtglaͤubig genug, einer ſo unfeinen Taͤu⸗ ſchung Dein Ohr zu leihen? J. Eine edle Frau wuͤrde ſo nicht ſcher⸗ zen, und ein edlerer Mann ſich vertrauend an mein Herz werfen, und Rath, Troſt und Beruhigung, woran es Dir jetzt doch viel⸗ leicht gebrechen mag, bei dem Weibe ſuchen, das uͤber dieſer Frucht des Vertrauens, die Fruͤchte ſeiner Thorheit vergeſſen und vertil⸗ gen wuͤrde. E. Der Schuldige, nicht ich. Die Bla⸗ mont iſt eine Schaͤkerinn und ſchadenfroh. Komm mit mir und uͤberzeuge Dich. Hoͤchſt widrig iſt es mir, daß ſie ſo fruͤh die ſchwa⸗ che Seite an Dir ergruͤndete. Liebe, ſprach ich erheitert: Liebe zu Dir iſt meine ſchwache Seite, moͤge Sie nie ei⸗ ner ſchwaͤchern begegnen. 47 Gutes Weib!l rief er geruhrt, und druͤck⸗ te mich feurig, wie am Hochzeitmorgen, an ſein Herz. Theodor, ſprach ich und bedeckte ihn mit meinen Thraͤnen: wie gluͤcklich koͤnnten wir ſeyn, wenn Du das Schoͤne uͤber dem Gu⸗ ten vergeſſen lernteſt. Sey immer ſo! entgegnete er, und bei⸗ des wirſt Du dann vereinen. Lachend ſah Frau von Blamont in das Zimmer und huͤpfte, als wir ihr entgegen traten, davon. Ein Wort noch! fuhr er fort und ſchlang den Arm um mich. Vermagſt Du wohl, dieß ſeltſame Weſen, das eben, auſſer die⸗ ſem, kein Obdach hat, fuͤr den Augenblick in Deiner Naͤhe zu dulden? Ich nickte laͤ⸗ chelnd. Mich nicht durch thoͤrige Eiferſucht zu betruͤben? ein Benehmen, das aus mei⸗ ner Dankbarkeit fuͤr die Pflege der verſtorbe⸗ nen Frau hervorgeht, nicht auf Rechnung 4⁸ einer Leidenſchaft zu bringen, die, dieſem be⸗ ſtandloſen Weſen gegenuͤber, undenkbar iſt? Denkbar wohl! entgegnete ich ſeufzend: doch ſo tief wird mich Theodor nicht beugen. Laß ihr den liebenden Gatten ſehen und wennn ich verdunkelt neben ihr ſtehe, ſo eh⸗ re Deine Wahl— E. Die Wahl meiner Liebe— Und die werdende Mutter! lispelte ich, und verbarg mein Geſicht an ſeinem Buſen. Da gehn uns neue Freuden auf! rief er uͤberraſcht und Hand in Hand kehrten wir zu ſeiner ſeltſamen Freundinn zuruͤck, die ſich lachend an meinen Hals warf, ihren Scherz entſchuldigte, und uns einem Turtel⸗ tauben⸗Paar verglich. Voruͤber war der Winter meiner Ehe. Ein goldner Fruͤhling ging vor mir auf, ————— 49 Aurora hatte ihn gerufen. Mein Mann vergaß ſeine Reiſeluſt, ſah mit keinem Bli⸗ cke mehr nach dem Bilde der ſeligen Frau, erſchoͤpfte ſich in kleinen Dienſtfertigkeiten, und ließ ſich, wenn irgend ein Mißverſtaͤnd⸗ niß zwiſchen uns trat, oder ſein Jaͤhzorn aͤber Kleinigkeiten entbrannte, ſchnell von der ſchoͤnen Gefaͤhrtinn zurechtweiſen, die ihn taͤglich uͤber den Beſitz eines ſolchen Wei⸗ bes gluͤcklich pries, die ſelbſt meine Kuͤrze niedlich, meine Fuͤlle anziehend, meine Zuͤ⸗ ge edel, und in der moraliſchen Zuthat das Ideal einer Gattin fand. Maͤnnliches Lob macht uns eitel, weiblicher Beifall ſelbſtzu⸗ frieden, und viel erkenntlicher als das un⸗ dankbare Geſchlecht, pergelten wir gern, und wie Kinder verſchwendriſch. Hatte uns Frau von Blamont von meinen Vorzuͤgen unterhalten, hatte ſie zum Ueberfluß die Suppe vortrefflich, den Braten koͤſtlich ge⸗ Schilling ate S, z0r Bd. 4 50 N funden, mein Backwerk fuͤr das ſchmackhaf⸗ teſte erklaͤrt, und die Butter dem Mayen⸗ thau verglichen, ſo durfte Huber den Wunſch der geſegneten Mahlzeit immer hin von ihren Lippen kuͤſſen, oder verſichern, daß ſie heut reizender, oder witziger, oder gefaͤhrlicher, als jemals ſey. So gut, ſo wirthlich, ſo ge⸗ ſchickt iſt ſie doch nicht, ſprach ich laͤchelnd zu mir ſelbſt, und vergab ihr gern alles, was ſie uͤbrigens beſſer als ich machte. Edelmuͤthig erwiederte mein Mann dieſe Nachſicht. Frei von Eiferſuͤchteley ſchien er ſich, durch das ſprechende Wohlwollen des Hauptmanns, geehrt, durch die Offenheit, mit welcher dieſer meine kleinen Verdienſte, wo es ſich nur thun ließ, an's Licht zog, mehr als ich ſelbſt geſchmeichelt zu fuͤhlen, und Aurore hoͤrte kindlich und unbeleidigt zu, wenn er mich ihr zum Beiſpiel aufſtell⸗ te. Fuͤrchten Sie nichts, gute Mutter! 51 troͤſtete ich dieſe, als ſie uns eines Tages uͤberraſchte, und nicht minder befremdet ſchien, hier einer Uniform, und der blen⸗ denden Schoͤnheit eines Weſens zu begegnen, das ihrem altbuͤrgerlichen Maßſtabe ſo wenig entſprach. Auch mein Mann benutte die erſten, ſchicklichen Augenblicke, den Eindruck, welchen ihr dieſe Erſcheinung gab, zu vertil⸗ gen, Auroren als einen Gegenſtand fuͤr das Mitleid und uns, in aller Beſcheidenheit, als ihre Schutgeiſter darzuſtellen. Klein⸗ glaͤubig lauſchte die Mutter ſeiner Rede, fal⸗ tete, da er der Scheidung von ihrem Manne gedachte, die Haͤnde, und ſprach, als wir jetzt wieder allein waren: Ach, liebe Tochter, Du hegſt doch wohl in Oeiner Unſchuld, eine Schlange am Buſen. Ironiſch laͤchelte ich, und bemerkte, daß eine Gattinn, in meinen Verhaͤltniſſen, un⸗ fehlbar ſchaͤrfer als ſelbſt die erfahrenſte Mut⸗ 4* 52 ter ſehe, daß es Pflicht ſey, ſich der Verlaſ⸗ ſenen anzunehmen, daß die Blamont ihren Genius in mir ehre, daß ihre Fehler und Schwaͤchen mich augenſcheinlich in Vortheil gegen ſie ſtellten, und meinem Manne taͤg⸗ lich Stoff zu guͤnſtigen Vergleichungen für mich darboͤten. Sonſt ſprachſt Du anders, Kind! erwie⸗ derte ſie. Auch dieſer Hauptmann iſt mir ſchwer auf's Herz gefallen. Ach— Gott ver⸗ geb' es mir! Viel lieber ſaͤh' ich faſt den Boͤ⸗ ſen ſelbſt, als den Hausfreund unter dem⸗ ſelben Dache mit Mann und Weib. Vor⸗ zeiten Kind, da war es anders. Kam mir in Deinem Alter ein Offizier zu nahe, ſo uͤber⸗ fiel mich ein Zittern und ein Beben, und ich ward, abwechſelnd, blaß und roth, bis er ſich weghob. Meide, ſprach meine ſelige Grosmutter, meide die Verſuchung, Gretchen, ſo meidet ſie Dich, und wer zum Feuer tritt, verſengt ſich leicht. „ anlockt, geht mir ab. gern ſaͤhe. Viel lauter als Du glaubſt, ſpricht— 53 Butg iſt gut, entgegnete ich: und neben einem ſo ſchoͤnen Manne, als der meine, um ſo weniger gefaͤhrlich. Den Mann, fiel ſie ein: den Mann haben wir, der Freund hat uns! Jener iſt Hofmeiſter, dieſer Geſpiele, dieſer ſchmei⸗ chelt, wo jener befiehlt, und trauert mit, wenn jener zuͤrnt. Das fuͤhrt zum Einverſtaͤndniß, zu Herzens⸗Ergießungen, zu ſuͤndlicher Hin⸗ neigung, und der Abgrund thut ſich auf. J. Nicht vor mir, gute Mutter! Leicht⸗ ſinn und Gefallſucht oͤffnen ihn. Ich bin frey von dieſen Fehlern, und was Maͤnner S. Daͤchteſt Du? Die ſtraͤfliche Sicher⸗ heit! Haͤßlich biſt Du nicht, nicht einfaͤltig,— ein junges Weibchen, das man wohl uͤberall Deine Sanftmuth, Deine Herzensguͤte die Maͤnner an. Am Miͤdchen entzuͤckt die 54 jungfraͤuliche Unſchuld den Schuldhaften, am Weibe reizt ihn die offene Traulichkeit, zu welcher junge Frauen ſo gern, aus jenem zwangvollen Zuſtande, uͤbergehen. J. Burg iſt der beſcheidenſte Mann— S. Ja, ſie gehen langſam, Kind, bis ſie den Weg finden. Mit der Beſcheidenheit klopfen ſie an, mit der Verehrung nehmen fie Platz, dann kommt als ein lieber Gaſt der leichte Scherz, der, ſobald ihr ihn belaͤ⸗ chelt, zum freien wird, und die vertrauliche Offenheit, die nur den Augenblick erwartet, um unvermerkt den hellen Frevel einzufuͤhren. Wir ſind ein weicher Stoff und vieles ma⸗ chen ſie aus uns, doch ſelten ein Gefaͤß zu Gottes Ehre. Heilig ſind wir und unbefleckt, ſie aber entheiligen das Geweihte, und be⸗ ſlecken die reine Farbe unſers Gemuͤthes. Singend huͤpfte Aurore herbei, Arm in Arm mit meinem Manne folgte der Hauptmann 55 und unterbrach die Geſetzpredigt, deren Text er war. Unter Thraͤnen ſchied meine Mut⸗ ter am Abend, und druͤckte mich, von ei⸗ ner ſeltſamen Nuͤhrung ergriffen, inniger als je, an ihr liebendes Herz. Aurore wuͤnſchte fahren zu lernen, mein Mann ließ anſpannen. Zum erſtenmal blieb ich mit dem Hauptmann allein. Der gefuͤrchtete Verſucher war ein Mann von mehr als dreißig Jahren, der wohlgewachſen, laͤſ⸗ ſig⸗ſteif, durch Augen voll Schwermuth, durch ein edles, Spuren tiefer Leidenſchaft tragendes Geſicht anſprach, der, durch die wohlwollende, herzliche Guͤte ſeines Beneh⸗ mens, in dieſer Minute fuͤr ſich einnahm, in der naͤchſtfolgenden durch den Ausbruch irgend einer ſchwaͤrmeriſchen oder feindſeligen Grille von ſich abſtieß, und ſo als guter bald, 36 und bald als boͤſer Engel, die Freude ſeiner Freunde, und ihre Plage war. Schweigend ſaß er im Sopha an mieeiner Seite. Ich gedachte der muͤtterlichen Sen⸗ tenzen, naͤhte emſig, hoͤrte das Gepicke des Vogels im Bauer, das Schraben des Holz⸗ wurms in der Wand, und die Arbeit ſeines Mundes, der den Tabackrauch, aus Scho⸗ nung gegen die Nachbarinn, in hundert klei⸗ ne Partikeln zertheilte. Die Nadel fiel jetzt aus meiner Hand, er buͤckte ſich, ſie aufzu⸗ heben, und konnte damit lange nicht fertig werden Sie war gefunden, der Finder be⸗ dankt und der Wortwechſel, den ſie veranlaß⸗ te, laͤngſt zu Ende. Mir iſt, ſprach er jetzt: als haͤtte man uns beide lebendig in daſſelbe Grab gelegt. Ihr Schweigen hat mich unterhalten, verſicherte ich lachend. So ſaß ich, entgegnete er: lange ſaß 57 ich einſt ſo neben dem Maͤdchen meiner Wahl, verkuͤndigte ihm endlich, daß ein Gewitter im Anzuge ſey, und troͤſtete die Wetterſcheue mit dem Ableiter, welcher noch erſt auf das Haus kommen ſollte. Herzlich hatte ſie bis dahin gegaͤhnt, ſchmerzlich aͤchelte ſie jetzt, und ich werde roth, ſo oft ich dieſer Szene denke. Nie kam ich wieder hin, und mein Nebenbuhler ward gluͤcklich. J. Ich ſehe in dieſem Benehmen einen Buͤrgen Ihres Zartgefuͤhls, und der reinen Verehrung gegen mein Geſchlecht. Ein ſprachſeligeres Maͤdchen aber wuͤrde Ihnen uͤber dieſe Klippe geholfen haben E. Zuverlaͤſſig nicht. Geiſtreich uͤber das Geiſtloſe zu verhandeln, iſt der Triumph des Weltmanns. Oft wuͤnſcht' ich mir ſchon meiner Schweſter Talent. Necht angenehm ſpricht ſie uͤber Nichts, und ihr kaltes Herz vertritt der Gluͤcklichen nirgends den Weg⸗ J. Begluͤckt ein kaltes Herz? E. Gewiß! denn das Gluͤhende in mei⸗ ner Bruſt begluͤckt mich nicht. J. Vielleicht nur darum, weil es einſam ſchlaͤgt. Viel edle Maͤdchen, die es ſanfter ſtimmen wuͤrden, bluͤhen rund umher. E. Sie haben Recht. Der Maͤdchen giebt es viele— der edlen aber— J. Keinen Ausfall, ich bitte ſehr! E. Der Edeln eine, wollt' ich hinzuſetzen, taugt nicht fuͤr mich. Das Weib, deſſen ich bedarf, muß der reine Spiegel meines We⸗ ſens ſeyn, meine Flecken zuruͤckgeben, meine Fehler theilen. Es muß in meinen Trieben gluͤhen, mich zitternd lieben, und zittern machen. Aus dieſer Wechſelqual ſtroͤmt Harmonie! J. Ein ſolches Weſen moͤcht ich kennen, und die Zeuginn dieſes Einklanges ſeyn. E. Lachen Sie nicht, und ich ſtelle ſie Ihnen dar. 59 J. O, thun Sie das! Ich will ernſt ſeyn, wenn der Zuſpruch eintritt, und auf⸗ merkſam, wie es der Wirthin ziemt. E. Immer umſchwebt mich die Ge⸗ traͤumte. Zart, ſchlank, geſchmeidig, wie die Schlange, gaukelt ſie um mich her, und aus den großen, dunkeln Augen quillt ein wohlthuender Strom ſanfter Flammen. J. Dunkle nur? Schwarze, daͤcht' ich, muͤßten, vom Zorn entbrannt, das ge⸗ wuͤnſchte Zittern viel ſchneller herbeifuͤhren. E. Schwarze deuten auf Feſtigkeit, und die geht ihr ab. Ein Weib, das Cha⸗ rakter hak, gehoͤrt keinem Geſchlechte. Jetzt aber ſehn Sie ihr Geſicht. Es iſt das Ant⸗ lit eines gefallenen Engels. Der Anhauch der Leidenſchaft hat es entzaubert, aber noch glimmen die Funken des goͤttlichen Ebenbilds in der ſchoͤnen Ruine. Sie laͤchelt, und des Brauttags Wonne kehrt zuruͤk— Sie 60 betet und Magdalene wird zur gemeinen Froͤmml erin. Mit hellen Thraͤnen fliegt die Schwaͤrmerin an meinen Hals— Ich kniee nieder, und vergoͤttre ſie. J. Sehr galant. E. Die Maͤnner haben Launen— J. Wahrhaftig? E. Ein hartes Woͤrtchen faͤllt, der En⸗ gel flieht. Zum Schlangenkopf wird jede Locke, zum Unhold meine Holde, und zwi⸗ ſchen Zorn und Jammer gellt die Stimme⸗ die zoihin noch, gleich Aeolsharfen toͤnte. J. Beneidenswerther Gatte! E. Ein Treuloſer bin ich nun, der ſie betrog, ein Eigenſuͤchtiger, der ihre Bluͤthen brach, ein Grauſamer, der ſie auf Dornen bettete. Dem Minotaurus, der die Maͤdchen aß, werd⸗ ich verglichen, mit einem Theſeus hoͤr' ich mich bedroht, an deſſen Arm ſie flie⸗ hen will. Noch ſteh ich, wie ein Held im 61 Sturme, und warne beilaͤufig vor der Ein⸗ kehr auf Naxos. Mein Gleichmuth em⸗ poͤrt, mein Scherz erbittert ſie. Verſtei⸗ nert erblick' ich das Meduſenhaupt, oder flie⸗ he den Anblick. J. Sie fliehen? Nur dieſem Wech⸗ ſelkampf entquillt ja, wie Sie vorhin ſagten, Harmonie.. E. Ich kehre wieder. Spaͤt am Abend erſt. Es hat mich raſtlos weit umher ge⸗ trieben. Im reizenden Nachtkleide wankt mir die Buͤßerinn entgegen. Sie ſucht den Himmel, den ſie ſich verſcherzte, und will vergehen. Ich ſehe ſchmollend zu ihr nieder, ſturmiſch wirft ſie ſich an meinen Hals, um⸗ armt, umſtrickt, umklammert mich, und ih⸗ re feinen Zaͤhne verwunden die Lippen, wel⸗ che der Vermaͤhlung widerſtreben. Sie fleht, und die Harmonika toͤnt wieder— Sie klagt! die Nachtigallen lauſchen. Sie küßt, „ 62 berauſcht, entwaffnet ihren Donnergott und lockt, verſchoͤnt von dieſer Szene, unwider⸗ ſtehlich zur Verſoͤhnung an. J. Sie mahlten da die Flitterwochen, nun moͤcht' ich auch das Herbſtſtuͤck ſehen. Den lieblichen Grimm der Matrone ſtellen Sie mir dar, die, jetzt geflohen von allen Lie⸗ besgoͤttern, die Augen ſtatt des Mundes ver⸗ letzt und in reiner Haͤßlichkeit gegen den ver⸗ kuͤhlten Jupiter ankaͤmpft. E. Das Herbſtſtuͤck? Nicht den Som⸗ mer wird ſie erleben. Zerſtoͤrt durch die Ge⸗ walt dieſer Stuͤrme, aufgezehrt von dieſer Gluth, fliegt ſie dem Grabe zu. Zum Ster⸗ belager wird das Freudenbett, an dem ich jetzt von wildem Schmerz zerriſſen, kniee. Auf mich wirft ſie die Folgen ihres Thuns, dringt mir Geluͤbde kuͤnftiger Entſagung ab, und ſcheidet ruhig dann, wie die Gerechte. J. Sie ruhe ſanft! Doch iſt es Ihre 63 Schuld, wenn ich den Wittwer nicht be⸗ klage. E. Jch klage laut. Ich ſehne mich zu ihr hinab. Mein Schickſal haͤlt mich feſt. Luiſe iſt dahin, und des Lebens truͤber Reſt bleibt nun dem wolluſtreichen Schmerz geweiht⸗ J. Wie? Sie haben das Original ge⸗ kannt? E. Nein Freundinn! deſſen darf ich mich nicht ruͤhmen— Geliebt, vergoͤttert hab' ich es, doch kennen lernen ſoll ich's noch. Manch weiblich Herz hab“ ich verſtan⸗ den— das ihre nicht. Sie lebte wirklich? wiederholte ich, ſah erſtaunt zu ihm auf, und eine Thraͤne fiel von ſeiner Wange. Was ſo glühend liebt, muß ohne Liebe untergehen! fuhr ich, be⸗ ſorgt fuͤr ſeine Heilung, fort. Ein ſanfte⸗ res Maͤdchen wuͤrde ſich an dieſer Flamme waͤrmen und gluͤcklich ſeyn, 4 b 64 Die Makelloſe neben dem Suͤnder? Nimmermehr! Einen heiligen Eheſtand gaͤbe das, keinen gluͤcklichen. Dieſe alltaͤg⸗ liche Wohlgezogenheit, neben der ein ganzes Heer widriger, kleinlicher Eigenheiten beſteht, dieſes wegwerfende Ich danke dir Gott! in Blicken, Reden und Gebehrden begeiſtert mich nicht. Die Taube iſt nicht mehr, als ſie ſeyn kann und der Pfau nur, was er ſein muß. Wie ungerecht! dachte ich, und naͤhete fort. Mein Herz verwarf dieſe Meinungen, aber den ſeltſamen, feurigen Schwaͤrmer, der unſere Gebrechen hoͤher, als unſere Tu⸗ genden ſchaͤtzte, verwarf es nicht. Er hatte Thraͤnen gehabt, fuͤr die Fehlervollſte mei⸗ nes Geſchlechts. Nuhig konnte, wie ich ſah, die Taube in ſeiner Naͤhe bleiben, und ſicher vor der gefuͤrchteten Anfechtung, des ſchmeichelnden Vertrauens genießen, wodurch er mich auszeichnete. 65 Er war verſtummt. Luiſel ſprach ich nach einer langen Pauſe, und legte meine Hand auf die ſeine. Davon nichts mehr! bat er mit Heftigkeit, und kuͤßte gleich dar⸗ auf voll Waͤrme dieſe Hand, welche ich er⸗ roͤthend uͤber meine unzeitige Neugierde, zu⸗ ruͤckzog. 3 Mein Maͤdchen trat mit einem Brief in's Zimmer. Er war von Julien. Drin⸗ gend bat ſie mich, in kaum lesbarer Schrift, heute noch in die Stadt zu eilen, wo ein Vorfall von hoher Bedeutung meine Gegen⸗ wart nothwendig mache, nicht aber in der Mutter Hauſe, welche ſich auf dem Wein⸗ berge befinde, ſondern bei ihr abzutreten. Eben kam mein Mann zuruͤck. Auro⸗ re hatte umgeworfen„ den Wagen zerbro⸗ chen, und ſich am Kopfe ſtark verletzt. Die Erzaͤhlung nahm kein Ende, und dazwi⸗ ſchen gebehrdete ſie ſich, wie ihres Bruders Schilling ate S. aor Bd. 5 66 Ibdeal in den Stunden des Wechſelkampfes. Jetzt gab ich Hubern den Brief. Fluͤchtig überlief er ihn, und ſprach dann: Immerhin! Allein der Wagen iſt ent⸗ zwei, Du wirſt gehen muͤſſen— Freund Burg iſt ſo gut, Dich zu begleiten. Ich zoͤgerte mißmuthig. Nicht des Hauptmanns Begleitung, das Alleinbleiben der Wagenlenker fiel mir auf's Herz. Huber eilte fort, den Wundarzt zu hohlen, Burg faßte meine Hand, und lispelte— Was fuͤrchten Sie? Bald wird das Wundfieber den Unmuth der Gefüͤrchteten verdoppeln, und vor zehn Uhr bin ich wieder hier. Erroͤthend, mich durchſchaut zu ſehen, lachte ich, ſo laut es ſich mit Anſtand thun ließ, erklaͤrte meine Betroffenheit fuͤr Theil⸗ nahme an der Verletzung, legte Autoren ſelbſt den erſten Verband auf, befahl dem — —— 657 Naͤdchen heimlich, die Kranke mit keinem Schritte zu verlaſſen, und verſprach meinem Manne, der eben mit dem Wundarzt in's Zimmer trat, morgen Mittag wieder hier zu ſeyn. Nach Deiner Bequemlichkeit! erwiederte der Zerſtreute, hielt mir, als ich ihn zum Lebewohl umfing, fluͤchtig die Wange hin, und wendete ſich, noch unter dem Abſchied⸗ kuſſe, mit gluͤhender Theilnahme zu Au⸗ roren. Wir gingen. Die Sonne ſank. Un⸗ freundlich rauſchte der Herbſtwind durch die Wipfel der Linden, und beſtreute uns den Weg mit duͤrren Blaͤttern. Schweigend wandelte der truͤbſinnige Gefaͤhrte an mei⸗ ner Seite, mir war, als wuͤrde ich zum Gra⸗ be gefuͤhrt, und ſeufzend gedachte ich der Vergangenheit. Schwaͤche, Einfalt und 5*† 68 Kurzſichtigkeit ſchien mir jetzt aus meinem Benehmen als Gattinn hervorzugehen. Aber war es nicht die Schwaͤche der Liebe, welche mich den erſten Stuͤrmen dieſer Ehe unter⸗ warf? Durch ſanfte Guͤte hoffte ich den Trotz des Unmuthigen zu entwaffnen, durch Pflicht⸗Erſchöpfung das Herz des Pflicht⸗ vergeſſenen zu gewinnen. Seine edelſte Freundinn ſollte er in mir finden, und von Seelen⸗Schoͤnheit uͤberwunden, den Zauber der reizenden Thoͤrinn wuͤrdigen und ver⸗ achten lernen. Reinern, hoͤhern Freuden als die, welche ihm die eigenſuͤchtige Ver⸗ traute zu bieten vermochte, ſollte er im Ge⸗ nuſſe haͤuslicher Segnungen begegnen, und die heilige Buͤrde, die ich trug, ein neues Bindemittel fuͤr den ſtrebenden Geiſt des Unſtaͤten werden. Ward ihm endlich am Tage der Ankunft dieſer Gaͤſte die Hand zu leichtglaͤubig, zu raſch und zu willig gereicht, — Q—— — digen Glauben an Redlichkeit und Treue, meines Gepraͤges gemein. Ach, die⸗ und ſie zum Opfer ihrer ſanften, frech ge⸗ Hand, als er mit der Verſicherung ſchied, dieſe Nacht am Bette der Kranken wachen 59 ſo hab' ich wohl dieſen Mangel an Miß⸗ trauen und Argwohn, dieſen ſchnellen, freu⸗ dieſe uͤbereilte Hingabe in die Wuͤnſche des geliebten Gegenſtandes mit allen Weſen ſe leben und weben nur in dem argloſen Geiſt ihrer Herzensguͤte, glauben und recht⸗ fertigen, entſchuldigen und vergeben, bis der entzuͤgelte Frevel der Duldſamen ſpottet, mißbrauchten Tugenden macht. Schweigend war der Hauptmann neben mir hingezogen. Hart am Thore rief ihn meine wiederholte Anſprache von dem Ge⸗ danken an ſeine Luiſe zuruͤck. Ich bat, zu Vermeidung alles Aufſehens, mich weiter nicht zu begleiten, druͤckte recht herzlich ſeine 70 zu wollen, und eilte nun beruhigt der Woh⸗ nung meiner Schweſter zu. Einige Trunk⸗ ne, welche die Straße herabtaumelten, noͤ⸗ thigten mich zu einem Umwege, der an dem erleuchteten Hauſe der Mutter voruͤberfuͤhr⸗ te. Gewiß ein Freudenfeſt, mit dem man Dich uͤberraſchen will, dachte ich. Der Vor⸗ fall von Bedeutung war nur eine Liſt, Dich, ohne das Gefolge deiner Gaͤſte, herein zufuͤh⸗ ren. Leiſe ſchlich ich die Treppe hinauf, ſann vergebens auf den Geburt⸗oder Namenstag, welchem dieſe Feyer gelten koͤnne, und nahm jetzt, durch die geoͤffnete Saalthuͤr, einen Kreis von Hausgenoſſen wahr, der den aufgebahr⸗ ten Leichnam meiner Mutter umgab. Die Sonne ſchien hell auf mein Bett, als ich erwachte, und auf der Mutter Grab, das ſchon geſchloſſen war. Zwoͤlf lange Stunden hatte ich in dieſer Betaͤubung gele⸗ 71 gen. Der Hofrath ſchritt heftig im Zimmer auf und nieder; weinend, wie am Morgen, wo ſie mir die reiche Erbſchaft ankuͤndigen half, ſtand meine Schweſter zu den Haͤupten. Rund umher ſprachen mich, aus dem trau⸗ lichen Stuͤbchen, Erinnerungen an mein Maͤdchenleben an, und laͤchelnd ſah der ſeli⸗ gen Mutter Bild zu mir herab. Ich ſchluchz⸗ te laut und ſehnte mich an ihre Seite. Denke nur! rief Julchen, als ſie meine Augen offen ſah: Deinem eigenen, beſtimm⸗ ten Willen entgegen, hat die Mutter das — ganze Erbtheil auf Euch zuruͤckfallen laſſen. Uns Hubers Barmherzigkeit uͤbergeben! fiel ihr Mann ein und trat, mit gerungenen Haͤnden, an mein Bett. O, Julie! ſprach ich verweiſend, und winkte ihr, ſich zu entfernen. Du wirſt billig ſeyn, fuhr ſie gefaßter fort: und ein ſo ſeltſames Teſtament verwer⸗ 72 fen. Vergebliche Worte! fiel der Hofrath ein: das wird der Herr Schwager nicht zu⸗ geben, ich kenn' ihn darauf. Er und die Großmuth ſind Gegenfuͤßler! Er wird, er muß! Wir prozeſſiren! rief Julie, und warf abgehend die Thuͤr hinter ſich zu. Frau Schweſter, lispelte ihr Gatte: Sie kennen des beßten Julchens Heftigkeit, und meine Lage. Der liebe Engel hatte bisher ſo man⸗ ches Beduͤrfniß, ſo manchen dringenden Wunſch. eine ſo gluͤhende Sehnſucht nach dieſem und jenem, daß mein jaͤhrlicher Ge⸗ halt kaum fuͤr die Foderungen der Mode⸗ haͤndler ausreichte. Ich habe Schulden, ttheuerſte Schwaͤgerinn, und behaͤlt der ſeli⸗ gen Frau Mutter letzter Wille ſeine volle Kraft, ſo bin ich ein verlorner Mann. Unſer alter Hausarzt trat in's Zimmer; beſcheiden entfernte ſich der Hofrath. Jener erſtaunte, mich, die er faſt aufgegeben hatte, . 73 ſo ermannt zu finden, rieth zur ſchnellen Flucht aus einem Hauſe, wo alles nur den unnuͤtzen Schmerz naͤhren mußte, erklaͤrte der Mutter Tod, fuͤr die Folgen eines miß⸗ lungenen Verſuches, dem Leichtſinne meiner Schweſter zu ſteuern, und vertraute mir, daß mein Mann, unter gewiſſen, meine — Nechte klicht ausſchließenden Bedingungen, zum Univerſal⸗Erben ernannt, und Julien nur eine jaͤhrliche Leibrente von Dreihun⸗ dert Thalern angewieſen ſey. Zum erſtenmal wuͤnſchte ich jetzt, des Kammerrathes Vermaͤchtniß nicht aus den Haͤnden gelaſſen zu haben. Huber war in der Mutter Augen ein trefflicher Wirth, ein weiſer und gerechter Haushalter, ein redlicher Mann, ein treuer Gatte. Immer hatte er ſie von ſeinen Wirthſchaft⸗Plaͤnen, ſeinen Anlagen, ſeinem Verbeſſerung⸗Syſtem un⸗ terhalten, kleine Kapitale, die er von ihr lehn⸗ 74 te, reichlich verzinſ't, puͤnktlich erſtattet und alle Sittenſpruͤche, gegen die er eben am mei⸗ ſten verſtieß, im Munde gefuͤhrt. Bei ihm glaubte ſie alſo das reiche Erbtheil, welches nur im Fall einer, ihr kaum denkbaren Tren⸗ nung von meinem Gatten, an mich zu⸗ ruͤckfallen ſollte, am ſicherſten gerettet, und die gluͤckliche, alle Rechte, Sorgen und Guͤ⸗ ter des Mannes theilende Gattin, geſchuͤtzt und befriedigt zu haben. Meiner Schweſter Benehmen, des Hof⸗ raths kriechende Zudringlichkeit und die furcht⸗ bare Oede des Hauſes, unterſtuͤtzte des Arz⸗ tes Rath. Noch immer hatte ich bis jetzt meinen Mann erwartet, der den reitenden, an ihn abgefertigten Boten mit einer un⸗ bedeutenden, muͤndlichen Beileid⸗Verſiche⸗ rung zuruͤckſandte, und von ſich ſelbſt nichts hoͤren ließ. Empoͤrt uͤber dieſe Vernachlaͤſ⸗ 75 ſigung fuhr ich, ſobald mein, noch immer *wankender Geſundheit⸗Zuſtand das erlaubte, auf das Gut zuruͤck, und entwarf unter⸗ wegs einen neuen Plan fuͤr die Zukunft. Fe⸗ ſtigkeit und Widerſtand ſollten fortan an die Stelle der duldſamen, ſchwaͤchlichen Guͤte, das Recht des Weibes an die Staͤtte der Ent⸗ ſagungen treten, und mein kuͤnftiges Schick⸗ ſal auf dieſem Wege ſchnell entſchieden wer⸗ den. Dieſes Planes voll trat ich in ſein Haus. Er ſprang vom Sopha auf, und flog an meinen Hals. Du kommſt mir zuyor! ſprach er unter Umarmungen: morgen wollt ich den Haupt⸗ mann bitten, Dich abzuhohlen. Ueberall, entgegnete ich: dringſt Du mir dieſen Menſchen auf, und ihm Deine Pflich⸗ ten. Dein Benehmen in dieſen Tagen ent⸗ ſchuldige wer da kann, mich hat es beleidigt und gekraͤnkt. 76 Der Schein iſt gegen mich, erwiederte Huber, und druͤckte meine Hand an's Herz: aber hoͤre, ehe Du richteſt. Eben komme ich von einer hoͤchſt dringenden Reiſe zuruͤck⸗ Sie war dringender, als die nach der Stadt, wo Dein Jammer uͤber den großen Verluſt mich niedergebeugt, des Hofraths Beſchwoͤ⸗ rungen mich beſtuͤrmt, und Julchens Wuth uͤber fehlgeſchlagene Erwartungen, heftige, widrige Auftritte herbeigefuͤhret haͤtten. Laut der Abſchrift des Teſtaments, welches Dei⸗ ne Guͤte mir mittheilte, ſah ich das alles bevorſtehen, und uͤbertrug deshalb von hieraus meinem Advokaten die Sorge— Aber ſchreiben konnteſt Du doch, ſprach ich unter ſeinen Kuͤſſen: und dieſe Zaͤrtlich⸗ keit, Huber, dieſe ſchnelle, ſo ſelten an mich verſchwendete Waͤrme, was iſt ſie mehr, als unedle Freude, Dich am Ziel zu ſehen? Noch haſt Du Recht! entgegnete er: denn die Vergangenheit zeugt gegen mich. Aber freue Dich, laͤchle, liebe, vergieb! Thue, was Dein gutes Herz Dir eingiebt, ich bin Dein, und Oeiner wuͤrdig von nun an. Schweigend warf ich den Mantel von mir, ſah ihn mit großen Augen an, und hold, wie als Braͤutigam, ſtand der Ge⸗ winnende vor mir und zog mich jetzt voll ſtuͤrmiſcher Zaͤrtlichkeit an's Herz. Du biſt ſeltſam! ſprach ich, und erwie⸗ derte ſeine Kuͤſſe— 4 Sie iſt fort! fiel er ein: es iſt mir ge⸗ lungen. Geſtern gab ich ihr das Geleite. Habe Dank, theures Weib, fuͤr die lange Nachſicht, fuͤr die duldſame Schonung, fuͤr jeden leiſen und lauten Seufzer, den das Hierſeyn dieſer Blamont Dich koſtete. Zwar waren es unnuͤtze, aber die Zeit und die Näͤ⸗ he, meine Schwaͤche und ihr Leichtſinn haͤt⸗ 78 ten doch vielleicht ein Herz verlockt, das kuͤnf⸗ tig nur fuͤr ſeine Pflichten ſchlagen ſoll. Wuͤnſche mir Gluͤck, gute Agnes, denn ich geſtehe Dir gern, daß dieß Opfer ein ſchmerz⸗ 3 liches war. Mir wuͤnſch' ich Gluͤck; entgegnete ich, und umſchlang ihn voll der innigſten Ruͤh⸗ rung: o moͤge Dein guter Geiſt auf immer zuruͤckkehren. Ich wuͤrde ſterben, Theo⸗ dor, wenn dieſe himmliſche Erſcheinung nur ein Trugbild waͤre, wenn irgend ein Ruͤck⸗ fall Dich von neuem den hoͤhern Zwecken Deines Lebens und Deines Berufes ent⸗ zoͤge. Meine Lage, ſiel er ein: ward die Trieb⸗ feder eines Benehmens, das mein Selbſtge⸗ fuͤhl verwarf. Die Blamont ſcherzte nicht, als ſie gewiſſer Verhaͤltniſſe gegen mich ge⸗ dachte. Aufgeloͤſ't von Schmerz uͤber den Verluſt meiner Gattinn, begeiſtert von Dank⸗ 79 barkeit gegen ihre Buſenfreundinn und Pfle⸗ gerinn, gelobte ich ihr damals, zu vergelten, und gab Hoffnungen auf meine Hand. Zeit und Zerſtreuung hoben den Nebel von mei⸗ ner Seele, ich ſah in die Vergangenheit, ſah in dieſer Aurore nur das leichtſinnige, herzloſe Weſen, in ihrer Thaͤtigkeit am Bet⸗⸗ te der Sterbenden, nur die Rolle der Schau⸗ ſpielerinn, der mein Aeuſſeres, der mein Gut und die Geraͤthe meiner Frau gefielen, und eilte, dieſe Anſpruͤche durch eine ſchnelle, aber weiſere Wahl zu vernichten. Sie koͤmmt zuruͤck, lacht zu dem ſchlimmen Spiele, und lebt nach ihrem Wohlgefallen hier, erwartend, wenn es mir gefallen werde, den Wechſel auszuloͤſen, den ihr meine Er⸗ kenntlichkeit, als Unterpfand, an Lorchens Begraͤbnißmorgen aufdrang. Sieh Ag⸗ nes, in welche Haͤndel mich ein urſpruͤnglich edles Gefuͤhl meines weichen Herzens ver⸗ 0 80 wickelte. Aus dieſer Lage fließt die Ge⸗ ſchichte Deines Kummers. Armer Mann! ſprach ich voll Theil⸗ nahme und kuͤßte verzeihend ſeine Hand. Der Hofrath, fuhr er fort: ſagt mir im Vertrauen, daß jene Schenkungluſt, welche Deine Freyer zuruͤckſchreckte, nur Gaukelei fey, ich glaube ihm, und doch empfaͤngt die Mutter das Erbtheil, und behaͤlt es. Wo nun die Summe hernehmen zu Aurorens Befriedigung? Daher meine Verſtimmung, mein Mißmuth, mein unedles Schmollen in jener Zeit. Die Blamont erſcheint, ich ſtehe auf Neſſeln. Ihre Bosheit verraͤth mich, Deine Argloſigkeit ſchuͤtzt Dich vor der Entdeckung, Dein großmuͤthiges, duldſames Benehmen gewinnt mein Herz, Aurorens Reiz meine Sinne, und gekaͤmpft ward der unſelige Kampf, in dem noch wenige beſtan⸗ den. Jetzt, fuhr er ſeufzend fort: jetzt bot 81 mein Engel mir die Hand. Der Mutter Hintrit verſchaffte mir das Mittel, die ſchoͤ⸗ ne Schlange zu beſchwoͤren, das unnatuͤrli⸗ che, zerſtoͤrende Verhaͤltniß, und mit ihm alle Mißverſtaͤndniſſe und allen Kummer, der aus ihm herfloß, zu vertilgen. Ich be⸗ ſchließe, ein Mann zu ſeyn, eile nach der Stadt, finde als reicher Erbe offnen Kredit, und zahle und entferne ſie— mit Dei⸗ nem Gelde zwar, geliebte Frau, doch bleibt mein Gut Dein Unterpfand. Ich brauche kein's, als dieſe That, er⸗ wiederte ich: in meinen Augen wiegt ſie mehr, als alle Guͤter. 3 Den Hauptmann, ſprach er bittend: duldeſt Du wohl hier? Ich habe Pflichten gegen ihn, die ſich mit Gold nicht decken laſſen. O, mit Freuden, erwiederte ich und ver⸗ ſicherte treuherzig, daß ich ihn von jeher viel Schilling 2te S. 20r. Bd. 6 92 lieber, als ſeine gefaͤhrliche Schweſter geſehn habe. 4 Nun war ich ja gluͤcklich! Gerechtfertigt meine Wahl, vergeben und vergeſſen die un⸗ redliche, zweideutige Rolle, durch die er mich, laut dieſer Geſtaͤndniſſe, bis dahin ſo lieblos getaͤuſcht hatte. Am Tage lag nun, was mich irr an ihm machte; der edle, gebeſſerte, offne Mann hatte den Muth, mich in ſeinem Herzen leſen zu laſſen, hatte die Kraft, ſich von dem Falle zu erheben, und der Glanz, welcher die Sieger umfließt, verklaͤrte ihn in meinen Augen. Wie zaͤrtlich er jetzt an mir hing, wie ſorgſam er die Kraͤnkelnde vor jedem rauhen Luͤftchen, vor jedem Stein des Anſtoßes bewahrte, wie ruͤhrend er, im Voraus, die Freuden mahlte, welchen wir am Ziele meiner Schwangerſchaft entgegenſa⸗ hen. Kleine Geſchaͤftsreiſen entfernten ihn 83 oft. Jede Wiederkunft veranlaßte ein Freu⸗ denfeſt, erneute die Wonne des Wiederſehns, verjuͤngte die Roſen des Kranzes, der unſe⸗ re Herzen band. Nur der ſchwermuͤthige Hausfreund ward immer duͤſterer, und im⸗ mer einſilbiger, und wenn er ſprach, ſo ſprach er von den Taͤuſchungen des Lebens, von der boͤſen Fee, welche die Welt, von dem Daͤmon, welcher die Herzen regirte, von der Schadenfreude des Verhaͤngniſſes, das uns uͤberall goldene Ziele aufſtelle, und bald Wuͤſten, bald See'n und Ungeheuer zwiſchen ſie werfe, und unſerer Anſtrengung und unſ⸗ rer Opfer ſpotte, wenn wir nun, am Ziele des Ringens, ſtatt des getraͤumten Paradie⸗ ſes, nur auf geſchminkte Furien, oder auf offne Graͤber, oder auf die gluͤhenden Aſchen⸗ berge unſrer Luftſchloͤſſer traͤfen. Vergebens rieth ich ihm noch oft, ſich von der Hand eines Genius aus dieſer Unterwelt hinweg, 6* 84 in die lichten Gefilde des haͤuslichen Friedens hinuͤber fuͤhren zu laſſen, und Kummer und Reue, Menſchenhaß und Lebensekel in das Meer der Gluͤckſeligkeit unterzutauchen, wel⸗ ches, wie ich ihm deutlich bewieß, von je⸗ dem reinen, frommen, harmloſen Weibe ausſtroͤme, und den Mann, der es zu dem ſeinen mache, heilige, entſuͤndige und ver⸗ wandle. Er aber glaubte an die weiblichen Engel nicht, nicht an die Kraft dieſer Heil⸗ quellen und laͤchelte bitter, wenn ich, im Ei⸗ fer des Streites, den neuen Himmel mei⸗ ner Ehe, als einen Beleg fuͤr dieſe Mei⸗ nung vor ihm aufthat. Ein holder Knabe vollendete unſer Gluͤck, und ſuͤßen Traͤumen gleich, verflogen zwer der ſchoͤnſten Jahre. Geſegnet ſtand mein Mann unter den Fruchtbaͤumen ſeines Flei⸗ Oe 55 ßes und der haͤuslichen Eintracht und haͤufige Geſchaͤftsreiſen, welche ihn jetzt immer oͤfter, immer laͤnger von mir entfernten, veredelten die Tage, in denen er mein war. Seit Jah⸗ resfriſt hatte der duͤſtre Freund uns verlaſſen. Er ging ohne Abſchied, kehrte nicht wieder, und war der Kummer meines Mannes, der vergebens ſeine Spur zu finden ſtrebte, und jetzt, ſo oft zufällig des Verſchwundenen ge⸗ dacht ward, ſchnel erblaßte, und in Schwermuth verſank. Die Frauen nehmen gern an den Ge⸗ heimniſſen ihrer Maͤnner Theil. Auch ich hatte den beßten Willen, ihm dieſe Buͤrde tragen zu helfen, aber er laͤchelte ſeltſam, ſo oft ich nur fernher die Hand dazu bot, und ward heftig, wenn ich jenes Laͤcheln fuͤr Auf⸗ munterung nahm. 3 Der Hofrath war in die Hauptſtadt ver⸗ ſetzt worden. Julie empfing, meinem fruͤ⸗ 5 8 hern Verſprechen gemaͤß, die Zinnſen des halben Vermoͤgens, und ſo oft Huber von dort zuruͤckkam, pries er ihr Lob. Ich freu⸗ te mich der unverhofften Beſſerung, und mein Mann verſprach, ſie das naͤchſte Mal mit zu bringen. Eben wurden ſie erwartet. Schon ſeit mehren Tagen ſah ich dem Zu⸗ ſpruch entgegen, hatte heute ſchon hundert⸗ mal vergebens nach der Straße hingeſehen, und es dunkelte bereits, als der Hauptmann Burg in die leiſe geoͤffnete Thuͤr trat. Sie da?— rief ich: o das iſt die will⸗ kommenſte Ueberraſchung, mit der ich meinen guten Mann erfreuen koͤnnte, der in der Hauptſtadt iſt und heut eintreffen wird. Glauben Sie? entgegnete er, und kuͤßte meine Hand— Ein Mal mußte ich denn doch zufragen, wie es um die Seligkeit ſtehe, in deren Sonnenpunkt ich das gluͤckliche Paar verließ. 87 „ Gott ſey gelobt! erwiederte ich: noch ſcheint mir die Sonne, und ider gedeihende Knabe laͤuft und jubelt. E. Ihr neuer Adam iſt abweſend? J. Leider, ja! Noch immer will er ein groͤßeres Gut kaufen, reiſ't von dem ei⸗ nen auf das andere, und findet an jedem ein Aber, das ihn zuruͤckhaͤlt. E. Iſt er noch immer ſein eigner Wi⸗ derſpruch? J. Wohl noch zuweilen, ſprach ich, von der herben Frage bekraͤnkt: ich ſchweige dann, doch ſchmolle ich nicht. Der Sturm verweht, und mit dem Morgen koͤmmt ſchoͤ⸗ neres Wetter. Stuͤrmt es fort, ſo trete ich an ſeinen Platz, geb' ihm die guten Worte, mit denen er die Wehthat entſchuldigen ſoll⸗ te, und verſoͤhne, durch Beſchaͤmung, den Unzarten.. Der Hauptmann laͤchelte, brach ſchnell 88 ab, unterhielt mich von der Lieblichkeit des Abends und verſicherte, als ich, in der naͤch⸗ ſten Pauſe, eine Frage nach ſeiner Schwe⸗ ſter hinwarf, daß ſie wohler, reicher, froher als je, daß ſie die Vertraute der Hofraͤthin ſey, und ſeit kurzem bey dieſer in der Haupt⸗ ſtadt lebe. Wie? fiel ich ein: bei meiner Schweſter ſagten Sie? Ja, ſo ſagte ich! In ihrem Hauſe? So iſt's! Das ſoll ich glauben? Auf mein Wort! Man iſt dort gut, und ſelbſt der Miniſter zieht es vielen andern vor. Ihr Herr Schwager iſt ſein Schuͤtz⸗ ling, die Frau Hofraͤthinn macht ein Haus, haͤlt Roſſe und Wagen, wird taͤglich reizen⸗ der und geſuchter— Zwar liegen zwanzig Meilen zwiſchen Ihnen und dieſer Herrlich⸗ 39 keit, aber die ſollten Sie nicht achten, und wenigſtens um des Kontraſtes willen, fuͤr eine Weile, die Mitgenoſſinn der ſchweſter⸗ lichen Gluͤckſeligkeit werden. Ihrem Huber ſagt ſie zu. Die Reiſen von Gut zu Gut waren nur Reiſen von Friedthal nach der Re⸗ ſidenz, und noch manchen Tag werden Sie ihm vergebens entgegen ſehen. Welche Nachrichten! welche Aufſchluͤſſe! geeignet mir das Herz zu zerdruͤcken— Und die Blamont, ſtammelte ich endlich— wohnt bei meiner Schweſter? E. Seit fuͤnf Wochen. Zuvor ihr ge⸗ genuͤber. J. Und mein Mann mitten unter ih⸗ nen? Nein, nein! es iſt unmoͤglich, Herr von Burg. Ich glaube kein Wort von al⸗ len dieſem. E. Ueberzeugen Sie ſic. Der Weg iſt eben, wir ſind in dreißig Stunden dort, J. Sah Sie mein Mann? E. Mit keinem Auge. J. Er trifft heut oder morgen ein. E. Weder heute noch morgen. Er wirbt um eine bedeutende Stelle, iſt von Julien empfohlen und daher ein Gegen⸗ ſtand fuͤr den Miniſter. J. Mir iſt, als ſtuͤnde ein boͤſer Geiſt vor meinen Augen. Sie haben die Hoͤlle vor mir geoͤffnet. E. Ihnen gegenüͤber ward ich immer zum guten, und um das zu bleiben, verließ ich Ihr Haus. Huber ſpielt mit dieſem Her⸗ zen, wie ſeine Laune und Begierden mit ihm. J. Sie ſprechen zu ſeiner Gattinn, Herr von Burg. E. Zu einer trefflichen Frau, der nichts abgeht, als der Falkenblick ihres Geſchlechts⸗ und die Kenntniß des unſern. Von Ihrem Gelde ſchwelgt meine Schweſter dort. Sie 91 empfing zehntauſend Thaler fuͤr die Entfer⸗ nung aus dieſem Hauſe. Damals war es Hubern Ernſt um ſeine Beſſerung, und ſein Wille der beßte, bis er ſie dort zufallig in vollem Glanze, umrungen von Anbetern wiederſah, Sie zeichnete ihn aus, ſie zog ihn an, ſie fing ihn wieder in der kaum zer⸗ riſſenen Schlinge, und wird ihn feſt halten, bis die Glaͤubiger den letzten Ziegel dieſes Da⸗ ches unter ſich theilen. 3 Haben Sie, ſprach ich, und faßte heftig ſeine Hand: haben Sie den Muth, ihm das alles unter die Augen zu ſagen? Den beſtimmteſten! Mich nach der Hauptſtadt zu begleiten? Heute noch! Heute noch! entgegnete ich, warf mich ſchnell in Reiſe⸗Kleider, ließ anſpannen, und fuhr, von ihm, von meinem Theodor und ſeiner Waͤrterinn begleitet, mit dem 92 Einbruche der Nacht nach der nächſten Sta⸗ zion. Reiche Trinkgelder beflügelten die Fuͤhrer, mit dem folgenden Abend ſah ich mich am Thore der praͤchtigen, nie geſehenen Stadt. Heftige Fieberſchauer hatten mich auf dem Wege befallen, und je naͤher wir dem Ziele kamen, je wilder kaͤmpften widri⸗ ge, gluͤhende, ſtuͤrmiſche Gefuͤhle in meiner bebenden Bruſt. ——— Wir fuhren bei meiner Schweſter vor. Ich nahm, ſo heftig auch meine Arme zit⸗ terten, den kleinen Theodor an's Herz, eilte hinauf, durch einen glaͤnzenden Vorſaal, der mich an die Beleuchtung im muͤtterlichen Sterbe⸗Hauſe erinnerte, dem Geſellcchaft⸗ Zimmer zu, das ein Jaͤger, dem ich mich als Schweſter der Hofraͤthin nannte, bereit⸗ willig oͤffnete. Rund um einen großen —,——— 93 Tiſch ſaß der Gaͤſte bunter⸗Kreis, in das Faro verſunken. Man bemerkte mich nicht. Vater! Vater! lispelte kleinlaut mein Theo⸗ dor, und zeigte hin. Hart vor mir, an Aurorens Schulter lehnte er, in zaͤrtlicher Eintracht und ihre Wange beruͤhrte jetzt die ſeinige. Meine Bruſt wollte ſpringen, meine Lippen bebten, zitternd ſchlich ich hinter den Stuhl, und druͤckte das lautwerdende Kind zwiſchen ihn und die Nachbarin. Vater! rief der jubelnde Theodor, und ſchlang die Aermchen um ſeinen Hals. Er fuhr mit einem Schrei empor, verblaſſend zwang die Blamont ſich, zu lachen, Aller Augen flogen nach der ſeltſamen Gruppe und ich ſank, erſchoͤpft von Zorn und Schmerz, in den Arm meiner Schweſter. Unter Aeußerun⸗ gen des Erſtaunens uͤber meine ſeltſame Er⸗ ſcheinung, fuͤhrte ſie mich ſchnell in ihr Ka⸗ 94 binet. Mit dem Kind an ſeinem Halſe ſtuͤrzte Huber hinter uns drein, und jetzt zu meinen Fuͤßen nieder. Weinend ſtrebte der Kleine zu mir auf, rang ſich von dem Vaa ter los, und ich riß ihn mit Heftigkeit an mein Herz. Der Weg war wohl aͤußerſt ſchlecht? fragte Julie, und rieb in ihrer Betroffenheit die Haͤnde— Das iſt ja herrlich! ich gebe Dir ein Kleid, liebes Kind, mein neueſtes — ich ſchenk es Dir, und dann koͤmmſt Du zu der Geſellſchaft zuruͤck. Sie ging, ich warf mich in den naͤchſten Stuhl und ver⸗ barg, in des Knaben Nacken, mein Geſicht. Noch lag Huber zu meinen Fuͤßen, ſtam⸗ melte Worte ohne Sinn und ohne Zweck, ſtrebte, meine Hand zu kuͤſſen, die ich ihm entriß, und ſchmeichelte dem Kinde, das den unwürdigen Vater, im Gefolge des muͤtter⸗ lichen Beiſpiels, ſchreiend zuruͤckſtieß. 95 § Gott! rief Huber, von des Sohnes. Verſchmaͤhungen erſchuͤttert, ſprang auf, ging heftig auf und nieder, und verließ jetzt ſchnell das Zimmer. 4 Wohin? rief die zuruͤckkehrende Schweſter⸗ Zum Tode! ſprach er, in einem Tone, der mein Herz durchſchauerte; ſie draͤngte ihn haſtig zuruͤck. Einem Sterbenden aͤhnlich, ſank er in's Sopha. Es kann noch alles beſſer werden! troͤſtete Julie, und entfaltete den Mouſſelin vor mir— faßt euch nur, Kinder! Noch weißt Du nur das wenigſte! rief er aus, und rang die Haͤnde. Dieß Kind iſt gerecht. Nicht den Vater, den Raͤuber, der ihm ſein Erbtheil entriß, warf es zuruͤck. Was ich hier trieb, fragt Dein Blick? Ich ſpielte, Agnes! Mit dieſer Blamont ſpiel⸗ te ich, mit Deinem Golde ſpielte ich— mit Deinem Heile! und habe ſie, und habe Dich 96 7 und Gold und Weib und Kind hab' ich ver⸗ loren! Wer rettet mich? Der Miniſter, fiel Julie ein: gab mir heute noch Hoffnung. Hoffnung? fiel Huber ein. Hoffnun⸗ gen des Hoͤflings fuͤr verſcherzte, theure Guͤ⸗ ter! Worte fuͤr Summen, kalten Troſt fuͤr gluͤhende Bitten, ein Laͤcheln fuͤr dieſe Thraͤ⸗ nen, die ich fließen machte, fuͤr den Abſcheu, der, aus dieſem Auge, verwuͤnſchend auf mich niederſieht—. Man hoͤre nur, ſprach Julie mit klaͤglis cher Stimme: Gott weiß es, wie im Trau⸗ erſpiele. Sie haben Recht! fuhr er fort, und hielt krampfhaft meine Haͤnde feſt. Es eig⸗ net ſich zum Trauerſpiel. Du verdammſt mich? Ja! ich habe Dich getäuſcht— ver⸗ rathen— betrogen! Ach ich wollt' es nicht! Wollte Dir Freude machen nach ſo vieles⸗ 3 97 Pein, eine heitre Zukunft auf die duͤſtere Vergangenheit folgen laſſen. Aber die Maͤchte der Hoͤlle hatten es anders beſchloſ⸗ ſen, und der Freudenbecher ward in meiner Hand zum Jammerkelche. 4 Der Hauptmann trat in's Zimmer. Auch Du? rief Huber, und verbarg ſein Geſicht. Sey ruhig, Schweſter! fiel Julie ein: es ſteht im Ganzen noch alles gut. Die Stelle muß Er ja erhalten— Er muß! Mein eigner Vortheil iſt im Spiele, wer zahlt mir meine Rente ſonſt? Die Faro⸗Bank! entgegnete der Haupt⸗ mann: Sie ſind bezahlt. In Ihrem Hauſe, unter Ihren Augen ward er ja— elend⸗ Herr von Burg, rief die Hofraͤthin mit verbiſſenem Grimme: Beleidigungen dieſer Art verzeiht man zwar dem Sonderling, doch die Geduld hat ihrs Graͤnzen. Schilling 2te S. zor Bd. 7 98 Schaffen ſie mir Pferde, bat ich: noch dieſe Nacht kehren wir zuruͤck. Erlaubſt Du wohl, ſprach der Haupt⸗, mann zu Hubern: daß ich Deine Gattinn, fuͤr jetzt, zu meiner Schwaͤgerinn fuͤhre? Ich ſelbſt reiſe augenblicklich ab— Schwei⸗ gend zeigte dieſer auf mich. Ich ſehe nicht ein, zu welchem Zwecke? entgegnete Julie: naͤher ſind ihr die Ihrigen. Und was wuͤrden die Leute ſagen, Schwe⸗ ſter? Bedenke das doch! Sie wuͤrden, erwiederte Eduard: die Frau Huber fuͤr eine rechtliche, unbeſcholtene Frau erklaͤren, die mit der Beſcholtenheit nichts gemein haben mag. Hoͤrſt Du wohl, Agnes! rief die Hof⸗ raͤthinn, und warf ſich ſchluchzend an mei⸗ nen Hals: ſo muß ich mich um Deinetwil⸗ len herab geſetzt ſehn. O, waͤre mein Mann da. 99 Waͤre er da, fiel jener ein: ſo wuͤrde der Suͤnder, zwiſchen Zittern und Zagen, auf dem Sprunge ſtehen und mit gefalteten Haͤnden unmaßgebliche Bemerkungen wa⸗ gen.— Sie ſind am Ziele, Frau Huber; offen liegt das Buch Ihres Schickſals vor Ihnen. Beſtimmen Sie ſich. Noch, ſprach ich, und that meinen Thraͤ⸗ nen Einhalt: noch weiß ich nicht, wie un⸗ gluͤcklich mein Mann iſt, aber, daß er es iſt, ſpringt in's Auge. Was er an mir that, vergeb' ihm Gott, Zorn und Haß und Vorwuͤrfe wuͤrden nichts beſſern. Sein Verhaͤngniß iſt das meine, und wenn alles den Geſunkenen verlaͤßt, ſoll das treue Weib bei ihm ſtehen und die Schmach und den Spott, und jeden Dornenkranz ſeines Le⸗ bens mit ihm theilen. Du brichſt mir das Herz! rief Huber * 7 4 100 aus und druͤckte heftig meine Haͤnde an ſeine brennenden Augen. Begleite mich! ſprach ich: ſorge, daß wir, noch in dieſer Nacht, dieß Haus, dieſe Stadt, dieſen Schauplatz verlaſſen, auf dem Du mehr verſcherzteſt, als Fuͤrſt und Mi⸗ niſter, als Spielgluͤck und Weibergunſt Dir je erſetzen koͤnnen. Laßt mich in's Freie! rief er, und ſtuͤrz⸗ te hinaus. Der Hauptmann begleitete ihn. Julie griff haſtig nach ihrem Kleid und trug es fort. Die ganze Gewalt meines Un⸗ gluͤcks fiel mir auf's Herz, ich neigte mich, zerruͤttet, uͤber den laͤchelnden Kleinen, der harmlos auf dem Sopha ſchlief. Zwei Stunden vergingen, Herr von Burg kehrte nicht wieder. Ploͤßlich ſtand die Blamont vor mir. Ich fuhr mit einem Schrei empor. Bin ich ſo furchtbar? lispelte ſie, und Thraͤnen traten in ihre Augen. Bin ich 101 es, fuhr ſie fort: ſo iſt das Deine Schuld. Warum glaubteſt Du meinem fruͤhern Ge⸗ ſtaͤndniſſe nicht? Ich komme, Dir zu wie⸗ derholen, daß ich damals die reine Wahr⸗ heit ſprach, daß Du vergebens Dein Erb⸗ theil, Deine Tugenden, Deine Zaͤrtlichkeit verſchwendeteſt, einen Mann zu gewinnen, der das gute Weib nur ehren, und nur das Holde lieben kann. Aber Du wollteſt ge⸗ taͤuſcht ſeyn, Du Leichtglaͤubige! und ſo ge⸗ ſchah Dir denn nach Deinem Willen. Jetzt haſt Du ihn wieder; aber was haſt Du an ihm, als den entlarvten, beſchamten, ent⸗ wuͤrdigten Heuchler? Darum folge mir, Agnes! Trenne Dich! Rette, was Dein iſt. Noch nie hat ein guter Engel den ge⸗ fallenen bekehrt, nur Gleiches haͤlt das Gleiche, Frevel nur den Frevel in Schranken. Liebſt Du Ihn? fragte ich. S. Laͤngſt nicht mehr! 102 J. Aber wenn Du nun an meiner Stelle, ſeine Gattinn geworden waͤreſt? S. Dann freilich, dann!— J. Und ich dann zwiſchen ihn und Dich getreten waͤre? Laͤchelnd ſah ſie an mir herab. Dieß Laͤcheln, ſprach ich: iſt mir troͤ⸗ ſtend. Viel ungluͤcklicher als ich, biſt Du. Nicht immer, ſchoͤne Blamont, werden die⸗ ſe Augen glaͤnzen, dieſe Roſen bluͤhen, die⸗ ſe Zauber wirken. Und wenn die Fee ent⸗ zaubert iſt, und die Thraͤnen alle, die Du mich koſteſt, auf Deine Seele fallen„ dann wirſt Du Dich vergebens zu einem ſolchen Laͤcheln zwingen, und die Verſpottete benei⸗ den, welche lieber gut als ſchoͤn, lieber treu als buhleriſch, lieber das Opfer, als der Goͤ⸗ te dieſes Opfers ſeyn will. Spott iſt fern von mir! entgegnete Au⸗ rore, und zerdruͤckte eine Thraͤne im Auge: 103 theuer haſt Du mich bezahlt, und verge⸗ bens doch. Das thut mir weh. O, ſchon jetzt beneid' ich Dich, herzlich wie Du mich haſſeſt. Aber lebe meine Jugend, werde, was ich werden mußte, tritt mit dieſem Empfehlungbrief in die tugendloſe Welt, mit dieſer fruͤhen, heißen ‚Gefallſucht, mit dieſem offenen Ohre, dieſem unſteten Her⸗ zen unter das laſtervolle Geſchlecht, und Du wirſt genau auf demſelben Punkte ſtehen, wo ich mich finde. Nun aber, ſprach ich, und trat ihr naͤ⸗ her: nun giebſt Du ihn doch auf? Sei⸗ ne Bluͤthe welkte unter Deinen Kuͤſſen, kaum erkenne ich ihn noch— Seine Erſpar⸗ niſſe ſchmolzen unter Deiner Hand, als Bettler kehrt er zu mir zuruͤck. Jede beſſere Wallung ſeines wandelbaren Herzens vertilg⸗ te Deine buhleriſche Gluth. Was koͤnnte er Dir noch ſeyn? Nicht wahr, nun wirfſt 10 Du ihn weg und weißt der Unzarten Dank, die ihr zerſtoͤrtes, entweihtes Eigenthum aus einer ſolchen Hand zuruͤck nehmen kann?— Sie weinte. Aber ſieh, fuhr ich fort: ſieh auf das ſchlafende Kind. Zwar ſchloß Dich die Na⸗ tur von dem Reihen der Muͤtter aus und die ſeligſten Gefuͤhle des Weibes kennſt Du nicht, aber der Anblick huͤlfloſer Unſchuld machte ſelbſt das Raubthier oft großmuͤthig. Agnes, ſprach ſie laut weinend: Deine Worte ſind Dolche, doch ſie dringen nicht bis in's Herz, denn wie Du, ward ich das Opfer dieſes Thoren. Um Blamonts Liebe bracht' er mich, und die Verfuͤhrte dann um ſeine feyerlich verhießene Hand. Er machte meinen Bruder ungluͤcklich und haͤtte es gern geſehen, wenn dieſer ſein Gluͤck bei Dir ver⸗ ſucht und es gefunden haͤtte.— Ich hab' ihn hier nicht angelockt. Er draͤngte ſich an 105 mich, er forderte Dankbarkeit. Ihm lag daran, durch meine Gegenwart den Spiel⸗ tiſch zu verſchoͤnern, an dem er ſein Gluͤck herſtellen wollte, aber das ſeltſamſte Mißge⸗ ſchick zerſtoͤrte dieſe Plaͤne, und mehr als Du jetzt glauben wuͤrdeſt, hab' ich gethan, um Dir den Gatten und dieſem Kinde den Vater zu erhalten. Wir ſind reiſefertig! verſicherte der ein⸗ tretende Hauptmann. Er ſah blaß und ſelt⸗ ſam aus. Auf Schonung verſtehſt Du Dich! ſprach die Blamont, dem Bruder ſtuͤr⸗ miſch entgegenſchreitend. Ich nahm den kleinen Schlaͤfer in meinen Arm, und folg⸗ te ihm— wir eilten, wie von Geiſtern getrie⸗ ben, durch die Schaar der Bedienten hinab. Ein Wagen hielt vor der Thuͤr. Er hob mich hinein. Theodor wachte weinend auf, wußte nicht, wie ihm geſchah, veklangte 106 nach dem ſchoͤnen, hellen Zimmer und end⸗ lich hielt der Kutſcher ſtill. Treten Sie hier ab! bat Herr von Burg. Nicht fruͤher, als auf der naͤchſten Sta⸗ zion! verſicherte ich ihm, und bemerkte erſt jetzt, daß ich in einem fremden Wagen ſitze. Er wiederholte ſeine Bitte. Ihr Mann iſt krank, ſprach er mit ſichtbarer Beklom⸗ menheit: er iſt gefallen— hat ſich beſchaͤ⸗ digt und ich brachte ihn zu meiner Schwaͤ⸗ gerin. Gefallen?— Beſchaͤdigt?— meine Fuͤße verſagten mir den Dienſt. Laut ſchrie der vergeſſene Kleine aus dem Wagen, Burg nahm ihn ſchmeichelnd auf den Arm und trug mich mehr, als er mich fuͤhrte, in das Haus, Ein kleines, ungeſchmuͤcktes Stuͤbchen ward geoͤffnet und eine Silberſtimme ſprach —; 107 mir unablaͤſſig zu. Kaum wagte ich, die Augen aufzuheben; nach ihm zu fragen, wagte ich nicht. Die unbekannte, holde Troͤſterinn, druͤckte mich wohlwollend an ihr Herz, beſchwor mich, ſie als Schweſter zu be⸗ handeln, und Muth in meiner Bruſt zu ſam⸗ meln.— Bedarf ich deſſen? fragte ich ha⸗ ſtig. O, achten Sie nicht auf dieſes Zit⸗ tern, nicht auf meine Blaͤſſe, ich bin noch ſtark— nur Ungewißheit foltert— Wie ſteht es denn? Gut, glauben wir! entgegnete ſie: und auch der Wundarzt giebt Hoffnung— Edle Frau, nicht Tropfen—½‿ nur den ganzen Kelch begehr' ich jetzt. Sie ſehn mich faͤhig, ihn zu leeren. Was gab es denn? Eine Wunde, ſo viel ich weiß,— lis⸗ pelte ſie nach kurzer Beſinnung. Ich weiß alles! rief ich mit der letzten Anſtrengung meiner Bruſt— Er hat ſich getoͤdtet. 108 Ein Meſſerſtich— mein Schwager fiel ihm in den Arm— entriß ihm die Waffe— er lebt noch. Ich ſank bewußtlos an den Buſen der liebevollen Pflegerinn. Welch ein Nacht⸗ ſtuͤck! welch ein Uebergang! Geſtern flog mein Herz, voll Sehnſucht und Zaͤrtlichkeit, dem Geliebten zu, heute brach es, zerdruͤckt von ſeiner Hand, die gegen ſich ſelbſt wuͤ⸗ thend, meine Zukunft zur unabſehbaren Wuͤ⸗ ſte gemacht hatte. Es war Mitternacht, als ich wie aus einem ſchweren Traum erwachte. Emi⸗ lie ſchlummerte im Stuhle neben mir und mein Kind in ihrem Bette. Ich muß ihn ſehen, ſprach ich zu mir ſelbſt, muß wiſſen, wie es um ihn ſteht, ihn troͤſten, ihn erqui⸗ cken, und die Flammen ſeines Buſens loͤ⸗ ——æxæ ——— 109 ſchen. Emilie erwachte nicht. Leiſe griff ich zu dem Lichte, und oͤffnete behutſam die Thuͤr. Aus der Tiefe des langen Ganges ſcholl ein dumpfes Geraͤuſch— mir ſchauer⸗ te; ich zagte bald, bald faßte ich Muth, der ſchnell beim naͤchſten Schritte wieder ſank — ich fand mich zu ihm. O mein Gott! rief Burg, der zugegen war; er trat, verweiſend, zwiſchen mich und das blutige Lager.— Ich warf, mit Hef⸗ tigkeit, den Warner zuruͤck und flog an das Bett. Der Anblick erſchuͤtterte mein Inner⸗ ſtes. Von ſeiner Stirn ſprach das Entſetzen, die Gluth des Bewußtſeyns aus ſeinen rol⸗ lenden Augen und der Mund zuckte gicht⸗ riſch, als ich mich, weinend, zu ihm hin⸗ abneigte. Sey ein Mann! flehte ich, und ſtrei⸗ chelte ſeine eiskalte Wange: denk an Dein Kind, Theodor! an Gott und meine Liebe!— ——— —— — 110 Ich bin ja Dein! treu und bereit, das Aerg⸗ ſte ſelbſt mit Dir zu theilen— Sie haben Dich bethoͤrt, geblendet, betrogen! An mei⸗ nem Herzen ſollſt Du das vergeſſen. Ich verzeihe Dir! Er reichte mir, laut aufſeufzend, die eine Hand und bedeckte mit der andern die Augen. Jetzt, ſprach der Arzt: jetzt bitt' ich Sie, uns zu verlaſſen. Sie ſelbſt ſind krank und ſind Mutter. Dieſer Ruf iſt wohl der hoͤhere. Er ſtirbt! rief ich: denn ſeine Hand er⸗ kaltete jetzt in der meinen. Er wird geneſen, entgegnete jener: doch kann Ihr laͤngeres Hierſeyn ihm nur ſchaden. Geiſterbleich trat Emilie in's Zimmer. Was haben Sie gethan? Meine Pflicht! entgegnete ich, und ſank ſchluchzend an ihren Hals. Sie fuͤhr⸗ 111 te mich zuruͤck, und machte mir ſanfte, liebe⸗ volle Vorwuͤrfe. Nun geſchehe, was Gott will! ſprach ich und huͤllte mich, von Froſt durchſchauert, tief in die Decke: nun iſt mir wohler. Er hat meine Thraͤnen geſehen, die Sprache meines Herzens vernommen, den Segen der Vergebung empfangen.—. O zaͤrtliche Gattinn! ſprach ſie und kuͤß⸗ te mich. J. Ich habe ihn geliebt von Jugend auf, aus vielen hab' ich ihn erwaͤhlt und das Gluͤck des Erwaͤhlten zu machen, war mein ſchoͤn⸗ ſter Traum. Sein ſtuͤrmiſches Herz, dieſe wandelbare Sehnſucht, dieß Streben nach fremden Goͤttern, dieſe Flecken alle, konn⸗ ten meine Anhaͤnglichkeit nicht vertilgen und willig wuͤrde ich jetzt die Laſt eines duͤrftigen, harmvollen Lebens mit dem Gebeſſerten theilen. 3 112 So hat er denn Ihre Achtung nicht ver⸗ ſcherzt? fragte ſie lauſchend. Ich nehme, fiel ich entſchuldigend ein: ſeine Fehler fuͤr Krankheiten. Was ſind ſie mehr? Der Boͤswicht haͤtte getrotzt, als ich vor ihn trat, doch meine Erſcheinung reichte hin, ihn in die Tiefe einer hoffnungloſen Reue zu ſtuͤrzen. Laut und kraͤftig ſpricht noch ſein beſſerer Geiſt in ihm an, warum ſollt' ich, aus falſchem Stolze, dem Berufe, ſein En⸗ gel zu werden und dem Geheiße, wenn alles von ihm weicht, an ihm zu hangen, jetzt und eben jetzt, wo es die Probe gilt, entſagen? Noch lange ſprach ich fort, immer lau⸗ ter, immer heftiger und verworrener, denn die Gluth des Fiebers hatte mich umfangen, und hoffnungloſe Wochen ſchloſſen ſich an die⸗ ſe Nacht— Harmlos ſpielte mein Theodor, wenn ich, in lichten Zwiſchenraͤumen, aufſah, an der Mutter Bett, der Arzt und Emilie —— 113 unterhielten mich dann von der Beſſerung meines Ungluͤcklichen, von der Billggkeit ſei⸗ ner Glaͤubiger, und dem bevorſtehenden, vor⸗ theilhaften Verkaufe des Gutes. Mit raſtloſer Anſtrengung hatte der Hauptmann indeß fuͤr uns gearbeitet, und mir bereits ein kleines, die erſten Beduͤrf⸗ niſſe ſicherndes Kapital gerettet, als Juliens Sachwalter herbeitrat, und es, zu Deckung ihrer Leibrente, in Beſchlag nahm. Zum erſten Male ſchlich ich jetzt, dem Tod entriſſen, von der abſpannenden Krankheit entzaubert, umgewandelt, zur Erkenntniß ge⸗ bracht, in das Gaͤrtchen am Hauſe; da trat ein bleicher Schatten aus der Laube. Ich bebte zuruͤck, ich floh auf mein Stuͤbchen, ich ſah, in dieſem Augenblicke, nur ein Opfer der Suͤnde, nur den Naͤuber meiner ſchuld⸗ Schilling 2te S. 20 Bd. 8 114 loſen Freuden, nur den Zerſtoͤrer meines Le⸗ bens und aller Hoffnungen in dem Ent⸗ weihten. Erfuͤllſt Du ſo Deine Geluͤbde? ſprach er eintretend. An mein Herz wollt⸗ ich Dich druͤcken, das Feſt des Wiederſehens an ihm feyern, und ſo das Leben, das uns wie⸗ der aufnahm, begruͤſſen. Zwar hat Dein Unheil bringendes Erſcheinen in des Hof⸗ raths Hauſe, Juliens Herz von mir abge⸗ wandt, mich dem Miniſter verdaͤchtig ge⸗ macht, mir die ſchoͤne, brotreiche Verſorgung entriſſen, aber Maͤnner von meinen Talen⸗ ten verderben nicht. Wir werden ein Kam⸗ mergut pachten, und den Ueberfluß wieder einkehren ſehn. 3 Ich laͤchelte ſchmerzlich, Aurore verſprach mir, auf meine Zu⸗ ſchrift den Vorſtand. Zudem will mir hier alles wohl, Ich ſtehe mit großen Haͤuſern 115 in Verbindung, man wird, man darf mich nicht fallen laſſen und Jahr und Tage rei⸗ chen hin, um den verlorenen Wohlſtand zu erſetzen. Iſt das der Fall, entgegnete ich: ſo wird mir Dein Benehmen an jenem Abend unbegreiflich. O, das fuͤrchterliche Spiel! rief er ver⸗ blaſſend. Mein Ungluͤck hatte mich aufge⸗ wiegelt. Dieſer Abend verſchlang den Reſt des Vermoͤgens, und eben verſprach die theilnehmende Blamont, empoͤrt von mei⸗ nem Unſterne, mich zu retten, ats Du zwiſchen uns trateſt. Die Retterinn floh — mich und Dich und Sie ſah ich verſcherzte J. Moͤchte doch dieſer Nahme zum letz⸗ E. Sey gerecht. Am Ziele der Verzweif⸗ lung bietet ſie dem Ungluͤcklichen die Hand, ach! und wie ſchonend reicht ſie ihm dieſe! 8 ¼ ten Male unter uns genannt worden ſeyn! 116 Genug davon! ſprach ich ergluͤhend: un⸗ terhalte mich lieber von Deinen Entwuͤrfen fuͤr die Zukunft, und hilf auf Mittel ſinnen, die guͤtige, mittelloſe Witwe, von der Laſt unſers Hierſeyns zu befreien. Ich werde ſorgen, entgegnete er: aber dieſe Laſt iſt nur maͤßig, da Dein dienſteif⸗ riger Curator ſie ihr tragen hilft. Oder koͤmmt der Wink von ihm?— Unſeliges Schickſal! das mich zum Sklaven meiner Feinde, zum Spiele des Gehaßten macht! Gieb mir meine Kraft zuruͤck, dunkles Ver⸗ haͤngniß; den kuͤhnen Muth, und den lachenden Frohſinn, oder vernichte den Elenden! Auf dieſem Wege, erwiederte ich: und in dieſer Stimmung, wirſt Du immer nur dunkeln Verhaͤngniſſen begegnen. Das Ungluͤck, ſagt man, mache fromm und duld⸗ ſam, ich aber ſehe das Gegentheil. 117 Froͤhlich huͤpfte der Knabe jetzt herein, an ihm voruͤber, auf mich zu. Huber neig⸗ te ſich zu ihm, aber das ſchuͤchterne Kind enteilte dem Unholden und ſchmiegte ſich an meine Seite. Auch das noch! rief er und ſtuͤrzte ihm nach. Schuͤtzend trat ich vor den weinenden Knaben. 4 Bin ich nicht Vater? fragten ſeine be⸗— benden Lippen. Verſuche kuͤnftig, es zu ſeyn, ſprach ich leiſe: ſo wirſt Du auch das Herz des Soh⸗ nes wiederfinden. Das Dienſtmaͤdchen trat jetzt mit einem Brief an Huber in das Zim⸗ mer: Er las, er laͤchelte und reichte mir ihn, „Ich eile“ ſchrieb die Blamont;„durch Beifuͤgung dieſes Wechſels, die Bitte von neulich zu gewaͤhren und Sorge fuͤr das Schickſal Ihrer Zukunft zu tragen, deſſen 118 Dornen man nicht auf meine Rechnung ſetzen ſoll.“ Willkommene Huͤlfe! rief der ſchnell Er⸗ heiterte, bot dem Knaben den Wechſel dar und ſagte ſchmeichelnd— Sieh, das ſchenk ich Dir! aber Theodor ſchuͤttelte unmuthig den kleinen Lockenkopf, und wies Hand und Liebkoſung zuruͤck. Gieb ihn der Mutter! ſprach Huber mit ſteigendem Zorne; der Kleine reichte mir zit⸗ ternd das Blatt dar. Auch ich verſchmaͤh ihn! ſprach ich, und druͤckte mein Kind an die Bruſt; ihn und Dich! Wir kennen uns nun!— Haſtig riß er das verworfene Geſchenk aus meiner Hand, lachte wie ein boͤſer Geiſt, und eilte fort. Eben kam Emilie aus der Kirche zuruͤck. Wuͤnſchen Sie mir Gluͤck, rief ich ihr entge⸗ gen, der Himmel klaͤrt ſich aus. Wohl Ihnen! Gute Nachrichten? end⸗ 119 lich? gewiß gab die Hofraͤthinn ihre unedlen Anſpruͤche auf? O, nein! erwiederte ich weinend: es giebt niemand etwas auf, als ich. Erſchoͤpft ſind meine Pflichten, vollendet hab' ich mei⸗ nen Lauf, ſein Herz ergruͤndet und bin nun ewig von ihm geſchieden. Er iſt wieder gluͤcklich. Sein edler Stolz verwirft die kindiſchen Forderungen des Zartgefuͤhls, und mit zweitauſend Thalern hat die Blamont ihn erfreut. Mein Entſchluß iſt feſt und dieſe Stunde war die letzte meiner Che. Gegen den Abend kam der Hauptmann. Seein Geſicht verklaͤrte ſich, als er das heitre ſeiner Freundinn ſah und Huber folgte ihm auf dem Fuße. Frau von Burg, ſprach dieſer, ſich zu Emilien kehrend: es iſt mein Loos auf dieſer Welt, eben das zu ſeyn, — 129 was ich am wenigſten ſeyn moͤchte. Ich ſte⸗ he hier, mitten unter ſeltſamen Gläͤubigern, die der Himmel, auf den Sie rechnen, an meiner Statt bezahlen wird. Ihre Befrie⸗ digung, fuhr er fort, und reichte Ihr eine Rolle mit Gold: uͤbernebme ich ſelbſt. Er⸗ roͤthend wies ſie Emilie von ſich ab. Neh⸗ men Sie, bat er: Sie hatten keine Pflich⸗ ten gegen mich, und was iſt das mehr als wohlverdienter Zinns, der nur Bettlern erlaſ⸗ ſen wird. Wollten Sie mich wohl unter die⸗ ſe werfen?: Nimm! ſprach der Hauptmann; er zog, als dieſe noch zoͤgerte, ſie ſelbſt aus ſeiner Hand: wir heben dieſen Nothpfennig fuͤr Dich auf. Dich, Eduard, fuhr Huber ſchamroth fort: wird Dein Bewußtſeyn und die Freund⸗ ſchaft meiner Frau belohnen, die ich bald, als zahlbarer Schuldner, heimzuhohlen ge⸗ 121 denke. Bis dahin bleibt rnein Theodor ihr Unterpfand.— Wir ſind quitt! ſprach ich, und trat ihm naͤher. Feyerlich entſage ich hier allen Anſpruͤchen auf Vergeltung, allen Forderungen, zu denen mich die Vergangen⸗ heit berechtigen koͤnnte, und der Hand eines Mannes, der mir, ſeitdem ich die Seine war, nur Verachtung und Reue abnoͤthigte. „Das Kind bleibt mein! rief er ſtuͤrmiſch und griff nach dem Spielenden. Halt! rief der Hauptmann: das Kind bleibt hier. Es bleibt der Mutter! Mit Gold und Thraͤnen hat ſie es erkauft, und aus Deinen Haͤnden wuͤrde es ja doch heut oder morgen, in das Findelhaus uͤbergehn. Den Morgen, ſprach er, und krampfhaft zuckten ſeine Lippen: den Morgen hoff' ich zu erleben— o, manchen Morgen noch, und daß ich lebe, ſollen dieſe Schlangen er⸗ fahren! 122 Elender! rief mein Beſchuͤtzer, ſchlug unſanft auf die Schulter des Drohenden, und draͤngte ihn, faſt gewaltſam, aus dem Zimmer. Weinend lag ich, als er zuruͤckkam, an Emiliens Bruſt. Der letzte Sturm, ſprach Burg: er ging voruͤber und der May Ihres Lebens kehrt zuruͤck. Trocknen Sie die Thraͤ⸗ nen, edle Dulderinn! rufen Sie nun, fuͤr immer die Heiterkeit in Ihr Geſicht und in Ihr Herz zuruͤck! Die Mutter iſt des Kin⸗ des Spiegel und es wird einſt zum finſtern Sonderling, wenn Sie ihm immerdar nur dieſen zeigen. 1 4 Ich will, ich werde! entgegnete ich: aber fuͤhlen Sie nicht, wie tief es ſchmerzen muß, des Lebens beßten Theil, und ſeine Reize und ſeine Guͤter einem Solchen geopfert zu haben? 123 Einem ſolchen? wohl! Vor Ihnen ſteht ein Mann, dem er fruͤher ſchon als ein ſol⸗ cher erſchien. Wir kannten uns von Ju⸗ gend auf, waren als Kinder Geſpielen, als Knaben Vertraute, als Maͤnner Freunde. Viel nahm er Ihnen, mir nahm er mehr! Was nahm er Ihm denn? fragte ich Emilien, als er jetzt abgerufen ward. Die Ehre! meine Freundinn, erwiederte dieſe mit einem Seufzer. Jetzt darfſt Du das erfahren. Entfernt von ſeinem Regi⸗ mente ſtand mein Schwager, am Schluſſe des letzten Kriegs„ mit einem Trupp auf Commando. Eines Abends tritt Huber, unverhofft, in ſein Quartier. Ueberraſcht, den lang entbehrten Freund zu ſehen, fliegt die⸗ ſer an ſeinen Hals. Du findeſt einen Fluͤcht⸗ ling, erwiederte der Beſucher: willige Buͤrg⸗ ſchaft fuͤr einen treuloſen Freund, treibt mich uͤber die Graͤnze. Koͤnnt ich ſie fuͤr den Au⸗ 124 genblick decken, ſo wuͤrde meine Nuͤckkehr mir hundert Quellen oͤffnen, den Unterſtuͤ⸗ tzer, noch vor Ablauf des Monates, zu be⸗ friedigen. Nichts, was das Herz meines Schwagers erweichen konnte, blieb unver⸗ ſucht, theure Schwuͤre fuͤr den ſchnellen Er⸗ ſatz wurden geleiſtet und unbeſonnen gab der geruͤhrte, uͤberredete, beſchworne Jugend⸗ freund ſeine vorraͤthigen Loͤhnunggelder zur Rettung des Bedraͤngten hin; doch weder Brief noch Erſatz folgte an dem beſtimmten Tage. Vergebens ſandte der arme, mittel⸗ loſe Burg reitende Bothen an ihn aus, ver⸗ gebens flog er, Vorſchuß ſuchend, in Todes⸗ angſt, von einem Edelhofe zum andern. Man laͤchelte uͤber das Anſinnen eines frem⸗ den, auf verlorner Poſt ſtehenden Offiziers und keine huͤlfreiche Hand that ſich auf. Der Loͤhnungtag erſchien, der zweite und dritte nach ihm— das Geld fehlte noch. — B — B — 125 Jetzt murrten die Soldaten, denen es eben damals an allem gebrach, ſeine Bothen ka⸗ men mit leeren Haͤnden zuruͤck und der Ad⸗ jutant folgte dieſen mit einem Verhaftbe⸗ fehl. Er ward verhoͤrt, bedauert, verab⸗ ſchiedet und jene Schuld blieb unbezahlt⸗ Wir erfuhren ſpaͤterhin, daß Huber, auf dem Wege ſeiner Beſuchreiſe zu meinem Schwa⸗ ger, im Hauptquartier Bekannte getroffen, Bank gehalten, und alles rein verloren ha⸗ be; daß er dort, am folgenden Morgen, die geliehene Summe zu Rettung des Verluſtes wagte und von neuem geſprengt ward. Aber wie konnte der gemißhandelte, zartfuͤhlende Mann ſich je wieder dieſem Elenden naͤhern? Noch gedenk' ich des zaͤrt⸗ lichen Willkommens am Tage ſeiner Ankunft auf unſerm Gute. Eben hatte Burg ſeine Luiſe verloren, ertviederte Emilie: eben druͤckte dieſer Verluſt, 126. der Mangel, der von allen Seiten hereinbrach und der Schmerz uͤber verſcherzte Ausſichten die Seele des Ungluͤcklichen zu Boden, als ein Brief von Huber an ihn einlief. Mit Vorwuͤrfen uͤberhaͤufte ſich dieſer, er verſi⸗ cherte, die Zeit der Vergeltung ſey gekommen und nur ſeine Vergebung, nur ſeine Ruͤck⸗ kehr in die Arme des unwuͤrdigen Freundes, werde die Qualen des Bewußtſeyns von ihm nehmen. Noch zoͤgerte Burg, als ſich die Blamont, von ihrem Manne verſtoßen, zu uns wandte, von der vorhabenden, reichen Partie hoͤrte, ihre Anſpruͤche geltend zu ma⸗ cchen eilte und unterſtuͤtzt von ihrer Ueberre⸗ dungkraft, von des Bruders Lage, von der Gluth der Reue und der Liebe, die ihn aus Hubers Schreiben anſprach, ſeinen Stolz uͤberwand. Unfehlbar rechnete jener dar⸗ auf, Dich in Verhaͤltniſſe mit dem Haus⸗ freunde, deſſen Sinn fuͤr Weibergunſt er . 127 kannte, verwickelt und Auroren auf dieſem- Wege geduldet zu ſehen. Ach, haͤtte er mir fruͤher die Augen ge⸗ oͤffnet! 1 Achtung gegen den Hausfrieden, Mit⸗ leid mit der Gattinn, die ihre gluͤckliche Blind⸗ heit zu lieben ſchien und Aurorens anfaͤngli⸗ che Kaͤlte gegen die neuerwachte Zaͤrtlichkeit ihres Schuldners, hielt ihn zuruͤck. Er war es, der ſie, ſpaͤterhin, durch den Ernſt ſeiner Drohungen entfernte, der dann, ſtill ange⸗ feindet, den Undankbaren verließ, und bis zu meines guten Mannes Tode, entzweyt mit der Blamont, hier bey uns, in freuden⸗ loſer, tiefer Schwermuth lebte. Den Reſt der Geſchichte kennſt Du ja? Der Hauptmann kam zuruͤck. Edler Mann, ſprach ich, und reichte ihm geruͤhrt die Hand— Schwebend zwiſchen Tod und Leben hab' ich meinen Dank auf eine beſſers 128⁸ Zeit verſpart, und dieſer erſte Sonnenblick nach langen Stuͤrmen, erinnert mich an eine unbezahlbare Schuld, die der Himmel, hof⸗ fentlich, an meiner Statt decken wird. Nur fuͤr Sie beten kann ich und Sie ſegnen! Theure Freundinn! erwiederte er, und kuͤßte feurig die dargebotene Hand: ich habe, eigennuͤtzig, nur mir ſelbſt gedient; nur fuͤr den reichen, ſchoͤnen Lohn Ihres Wohlwol⸗ lens hab' ich gearbeitet, und die Beſorgung Ihrer Geſchaͤfte machte nebenbei mein Gluͤck. Huldreich erinnerte ſich ein Großer, welcher der Kaͤufer Ihres Gutes ward, als Cadet und Junker mein Herzensfreund ge⸗ weſen zu ſeyn, und laut dieſes, eben einge⸗ laufenen Schreibens, dank' ich ihm eine willkommne, ehrenvolle Verſorgung. Emilie huͤpfte freudig an ſeinen Hals, und meine Gluͤckwuͤnſche uͤbertoͤnten die ihrigen. —-— —.—— 129 Die Scheidung von dem Heilloſen, der mich ſo herber Pruͤfung unterworfen, mich, ſeit der letzten Flitterwoche, durch eine lange Nacht voll Leid und Angſt getrieben hatte, ward mit dem Eifer der Entſchloſſenheit be⸗ trieben. Wir ſollten endlich morgen vor den Kirchenrath treten und ich der Kette ledig werden, die mir fruͤher, gleich ſo mancher Gernglaͤubigen meines Geſchlechtes, als ein Kranz von Immergruͤn erſchienen war. Da trat Huber unverhofft in mein Stuͤb⸗ chen und fand mich allein— ich entſetzte mich.. Was fuͤrchten Sie? fragte er mit einem tiefen Seufzer: bin ich ein Ungeheuer? Nicht um zu ſchrecken— um dies Herz zu ruͤhren, zu bewegen, naht ſich der Ungluͤckliche, der einſt dieſes Herzens Liebling war— Sollte meine letzte, meine billigſte Bitte eine ver⸗ gebliche ſeyn? fuhr er weichmuͤthig fort, und Schilling 2te S. aor Bd. 9 130 aus ſeinen Augen ſprach die uͤberredende Mil⸗ de, welche mich fruͤher oft ſo lieblich taͤuſchte. Gut zu machen, was geſchah, vermag ich nicht, aber ſo manches ließ ſich ſchon zum Beßten kehren und ſchonende Nachſicht ver⸗ dient ein Hoffnungloſer, der zwiſchen Reue und Verzweiflung ſchwankt. J. An ſchonender Nachſicht beß ich es wohl nimmer fehlen? E. Die Anerkennung dieſer himmli⸗ ſchen Duldſamkeit fuͤhrt mich her. Ich kom⸗ 3 me vom Miniſter. Die Hofraͤthinn hat ſchweſterlich fuͤr mich geſorgt, und ein ſehr eintraͤgliches Amt ward mir zugeſagt. J. Ich wuͤnſche Gluͤck! E. Allein Bedingungweiſe nur. Jetzt, Agnes, kann die Groͤße Deiner Seele ſich bewaͤhren. Biſt Du der Engel, der Du ſchienſt, 6 die Fromme, deren Glanz mich oft zu Bo⸗ den druͤckte, ſo geht ein neues Leben vor mir 131 auf, und alle Flecken und Wunden des alten Menſchen werf' ich ab. Das Elend iſt die Schule der Verbrechen, die Rettung heiligt und erhebt. Ahme Gott nach, rette mich! J. Ich? E. Sie ſind ein Leichtſinniger, ſprach der Miniſter, das trefflichſte Weib haben Sie auf's aͤußerſte gebracht. Ihr voller Unwerth iſt er⸗ wieſen, wenn dieſes ſie verlaͤßt. Wie koͤnnt' ich dem ein Amt vertrauen, den eine ſol⸗ che Frau verwirft? Genug, mein wird der ſchoͤne Dienſt um Deinetwillen, ver⸗ loren geht er, wenn ich Dich verlor. Jetzt, theures Weib, bedenke meine Lage; Du biſt der letzte Anker meines Lebens, das ohne Dich verſchwinden ſoll. So iſt's beſchloſſen. Sey billig, menſchlich! Sey barmherzig, und kehre wieder an mein Herz zuruͤck. J. In die Hoͤlle? Mein Entſchluß ſteht feſt. 9* 132 E. So willſt Du, daß Dein Theo⸗ dor, lebenslang, bey dem Worte Vater er⸗ roͤthe? J. O, dieß Erroͤthen faͤllt auf meine Rechnung nicht! E. Du glaubſt, ich drohe nur; der Fein⸗ de Rath— Dein Wahn verſteinert Dich. Immerhin— auf mich nimm keine Ruͤck⸗ ſicht, nur halte muͤtterlich das Kind im Au⸗ ge. Fall' ich weg, ſo ziehſt Du einen Bett⸗ ler auf, erhaͤltſt Du mich, ſo giebt uns das die Mittel, ſein kuͤnftiges Gluͤck und Dei⸗ nes Alters Stuͤtze aus ihm zu machen. J. Ich werde keinen Bettler in ihm groß ziehen. Wird er ein guter Menſch, ſo wird er ein reicher und weder Karten noch Buh⸗ lerinnen rauben ihm dann die beſſere Mitgift. E. Fuͤrchte die Reue, mein Kind! Bald genug duͤrfte ſie Dich, aus meinem Grabe ſteigend, verfolgen. 133 J. Nur Reue uͤber meine Glaubensluſt und meine Blindheit. 3 E. Das Bewußtſeyn der Moͤrderinn! Du, Du ermordeſt mich. J. Der Schuldige verklagt nichts lieber, als die unſchuldigen, die er verdarb. Gern moͤchten Sie mich Ihrer Suͤnde zeihen und was Sie elend machten, fuͤr die Quelle die⸗ ſes Elends anſehen. Genug davon! Nur Pflichten gegen mich hab' ich jetzt, und heilig, wie jede, die ich Ihnen einſt gelobte, will ich ſie erfuͤllen. 4 E. Vor Deinen Augen toͤdt' ich mich. J. Warum nicht mich? Sie kroͤn⸗ ten dann Ihr Werk. E. Ich hoͤre es wohl! Mein Tod⸗ feind ſpricht aus Dir. Ihm haſt Du Herz und Hand geweiht, auf meinem Grabe wollt Ihr froͤhlich ſeyn. J. Auf Graͤber haſt Du mich gefuͤhrt. 134 Das offene meiner Ruhe liegt zwiſchen uns. Kaum rettete ich mein Leben aus dem Sturm, doch was ich rettete, ſpar' ich nur mir und meinem Kinde auf. Wir ſind ge⸗ ſchieden! Emilie trat jetzt herein, er ſprang empor, ich aber eilte in die anſtoßende Kam⸗ mer. Die Scheidung ward am folgenden Morgen vollzogen. — Mir blieb das holdſelige Kind und in dieſem Reſte meiner Beſitzthuͤmer das rein⸗ ſte und das hoͤchſte Gut. Aber wovon nun leben und es großzieh'n? Fur einige Jahre zwar, deckte der Werth eines Ringes, der aus dem Schiffbruche gerettet ward, den Be⸗ darf, doch meine Zukunft konnte nur der Glaube an die ewig waltende Vorſicht erhel⸗ len. Standhaft— das gelobte ich mir— follte die Huͤlfe jener Unwuͤrdigen verſchmaͤht ein Mal fuͤr immer, uͤber mein Verhaͤltniß 135 — es ſollten ſelbſt der Großmuth meines edeln Freundes gemeſſene Schranken geſetzt worden. Da uͤberraſchte mich dieſer eines Tages— er ſagte mir von ſeiner Liebe— er bot mir ſeine Hand. Gedenken Sie, ſprach ich mit beklommener, odemloſer Bruſt: gedenken Sie wohl noch des Geſpraͤches, in deſſen Laufe die verewigte Luiſe der Gegen⸗ ſtand Ihrer feurigen Darſtellung ward? des Eifers, mit dem Sie damals unſere aͤrgſten Fehler, und eben die, von welchen ich mich fruͤh entwoͤhnte, als Bedingungen der Weib⸗ lichkeit, als Befoͤrderungmittel Ihrer Liebe anprieſen— die jungfraͤuliche Wohlgezogen⸗ heit, und die ſchoͤnſten Vorzuͤge unſeres Ge⸗ ſchlechtes fuͤr werthloſe Kinder der Gewohn⸗ heit⸗Tugend erklaͤrten? E. So ſprach ich einſt, doch gegen mei⸗ ne Ueberzeugung ſprach ich ſo. Sie ſollten, 136 zu Ihnen berichtigt, erkennen, wie wenig ein Mann zu fuͤrchten ſey, der alles das ver⸗ goͤtterte, was Ihnen abging und die Schaͤtze Ihres Herzens, den Reichthum Ihres Gei⸗ ſtes zu verkennen und zu belaͤcheln ſchien. J. Und das ſoll ich einem Manne glau⸗ ben? Nein, guter Freund, viel zu laut zeugt der Nachdruck, mit dem Sie damals fuͤr die ſchlimme Sache kaͤmpften, gegen Sie. Wenn der Zauber der Gefallkunſt unſere Fehler bei dem Anbeter vertritt, ſo ſieht er in ihnen nur die nothwendigen Schatten des ſchoͤnen Gemaͤhldes und ſein Sinn verdirbt bei der Kokette. Die ſchoͤne Frau beherrſcht, die gu⸗ te nur iſt unterthan. Verklaͤrt von Ihrer Phantaſie, ſteigt Luiſe nun, zum Ideal ge⸗ worden, aus dem Grabe„ und die wohlwol⸗ lenden Gefuͤhle, welche aus Allem, was Sie bisher fuͤr mich thaten, hervorgehen, ſind, genau betrachtet, nur das Werk beſtimmung⸗ . 137 loſer Sehnſucht, nur der Nachklang der Lei⸗ denſchaft, die ihr Ziel verlor und mich in Ih⸗ rem Drange zur Stellvertreterinn der ent⸗ flohenen Huldinn machte. E. Wie hart Sie ſind! Wie ungerecht! J. Aber koͤnnte ich wohl je Luiſens Stelle vertreten? Nimmermehr! die weni⸗ gen Bluͤthen meines Kranzes ſind verbluͤht und nur fuͤr Bluͤthen habt Ihr Sinn. Gleichmuͤthig geh' ich meinen Weg. Sie finden nur im Sturme Harmonie. Mit tau⸗ ſend ſuͤßen Taͤuſchungen uͤberraſchte Luiſe den Entwaffneten, verſoͤhnte ihn, ſo oft es ihr gefiel, mit ſchoͤnen Thraͤnen. Mir aber, der Argloſen, mangelt die gefaͤhrliche Kunſt, mit der Wuͤrde, dem Scharfſinn und dem Stol⸗ ze des Mannes zu ſpielen, und meine Thraͤ⸗ nen ſind nicht ſchoͤn. Der Schlange gleich, umſtrickte ſie mit Zauberknoten den Vergoͤt⸗ terer, ich koͤnnte ihn nur mit treuem Arm 13⁸ umfaſſen, nur warnen wo ſie ſchalt, nur kla⸗ gen wo ſie ſchmollte, nur ſtill geruͤhrt um⸗ fangen, wo ſie mit Flammengluth verſchlang. E. Aber umfangen doch? Und von Herzen? J. Nun greifen Sie in Ihren Buſen. Nun werfen Sie einen Blick auf das Him⸗ melsbild in dieſem Ringe und einen zweiten auf das abgeſtorbene, anmuthloſe Weib an Ihrer Seite. Fruͤhe Vergleichungen ſchuͤtzen eine ſolche Wahl vor ſpaͤter Reue. Wie ſchmachtend ſucht dieß dunkle Auge Sie! Mehr als ein Mann je gab und geben konn⸗ te, verlangt es ab, und mehr, als einer je empfing, verheißt es ihm. Durch Zauber⸗ locken wird das Woͤlkchen ſichtbar auf der ſchoͤngewoͤlbten Stirn— das droht ja mir, und jeder Zweiten, die es wagen moͤchte, zwi⸗ ſchen ihn und ſie zu treten.— Welch ein Mund! Der freilich mußte ſelbſt ein 139 choͤriges Geſchwaͤtz veredeln und Kuͤſſe ſcheint es, haben ihn geformt. Und dieſe holden, rein und ſanft gefaͤrbten Wangen! Das todte Bild ſcheint unter meinem Lobe zu er⸗ roͤthen. Auch dieſer Hals iſt zart und ſchoͤn. Leicht und geſchmeidig ſieht das kleine Haupt von ihm mit ſtolzem Selbſtgefuͤhl auf mich herab!— Herab! Unendlich tief herab! Wie gern geſteh' ich das! E. So bin ich denn nur ein gemeiner Thor? Nur Locken, Farben, Folien ſind alſo die Goͤtter meines Herzens? Ich lieb' am Weibe nur des Staubes Zuthat und ha⸗ be keinen Sinn fuͤr den Engel in ſeiner Bruſt? J. Im Geiſt Ihrer Geſtaͤndniſſe hab' ich geſprochen. Geprieſen hab' ich, was Sie einſt anzog, begeiſterte und unterwarf— her⸗ vorgezogen, was Ihnen mitten in den Flam⸗ men dieſes Fegefeuers, den Himmel finden 140 ließ. Jehzt aber ſind Sie ein anderer Menſch⸗ Jetzt lieben ſie mich! Von neuem ge⸗ taͤuſcht, ſehen Sie ein edleres, ein beſſeres, ein ungemeines Weib in mir, und jenen En⸗ gel in meiner Bruſt. Solche Liebe er⸗ hebt den Frevler ſelbſt, fuͤr eine kurze Zeit, in die Reihen der Tugendhaften, und wie am Tage der Nachtmahl⸗Feyer iſt ihm um's Herz. Doch mit dem Tage ſchwindet dieſe Heiligung und ſchnell wie ſie, verlodert auch die Liebe des Sinnlichen, ſo bald ein ſchoͤne⸗ rer Goͤtze winkt. Aber ich werde zur Saba wie ich merke, und wollte nur, ſchlicht und frei, wie es der Freundinn ziemt, meine Ue⸗ berzeugung entwickeln. 4 E. Ihre Gleichguͤltigkeit gegen mich, hat Sie trefflich unterſtuͤtzt. J. Meine Liebe vielmehr! die reine, ſtil⸗ le, innige Liebe, welche mich, unabhaͤngig von den Gefuͤhlen der Dankbarkeit, auf ewig an Sie ketten wird. 141 Wie? rief er und wir erroͤtheten; er druͤckte meine Hand an ſeinen Buſen. Warum ſollt' ich es laͤugnen? entgegne⸗ te ich. Ihr Gluͤck iſt meines Lebens hoͤch⸗ ſter Wunſch, und ich befoͤrdre es, indem ich mich verſage. Feſt und innig, warm und wandellos, werden Sie, bis zum Gra⸗ be, an der Freundinn hangen. Aber das Band der Ehe iſt der Ehe Fluch und nur der Freundſchaft gleiches Recht knuͤpft Her⸗ zen auf die Dauer. Schnell flieht der ſchoͤ⸗ ne Genius, wenn der blinde Wille des Staͤr⸗ kern das Gleichgewicht aufhebt— Nur un⸗ ter freiem Himmel gedeiht der Segen wah⸗ rer Eintracht. E. Das Recht des Staͤrkern ſollte Sie bekuͤmmern? Was ſind des Mannes Waf⸗ fen, da ein Blick, ein Ton, eine Thraͤne hinreicht, ſie gegen ihn ſelbſt zu kehren? Ich war Soldat. Der Rittergeiſt der Vorzeit iſt 142 mit dieſem. Uns, die kein Rieſe ſchreckt, feſ⸗ ſelt mit Blumenketten die Grazie— J. Dieſe? Ja! Doch die Grazie nur! Genug davon. Nie will ich eines Andern ſeyn und nie die Ihrige, um immerdar Ihre geliebte und beachtete Freundinn zu bleiben. Seltſame Frau! Uneingeſegnet alſo, aber mein! Die Grille waͤre zu verzeihen, wenn ich nun auch, mit dem was mein iſt, ſchalten duͤrfte. Zu Ihrem Gatten macht mich, in des Himmels Augen, dieß Geſchenk und Rechte, welche die Kirche nur verleiht, ver⸗ leihe mir die Geberin, die den Altar ver⸗ ſchmaͤht, an welchem ſie erworben werden⸗ J. Erſt ſprach das Herz, fiel ich er⸗ gluͤhend ein: und nun wird die Begierde laut! die Feindinn jedes hoͤhern, dauernden Gefuͤhls. 4 E. Vermaͤhlung iſt die Loſung der Ge⸗ 143 ſchlechter, der ſchoͤnſte Bund beſteht allein durch ſie. Sey mein! bat er, und ſchlang den Arm um mich: mit Leib und Seele mein, wie Dein Beruf es will, und mein Begehren! Ich wand mich los und rief der Schwaͤ⸗ gerinn. Du gabſt ihm Hoffnung? fragte Emilie, als wir allein waren. Ich glaube, er wird zu frieden ſeyn, entgegnete ich. Schweſterliche Freundſchaft hab' ich ihm gelobt, und was bedarf er mehr? Die Freundſchaft iſt ja doch der Kern der Liebe. S. Mit Schweſtern, Agnes, iſt er verſehn, doch findet ſich das. Du wollteſt Zeit gewinnen und willſt ihm wohl— geſteh' es nur! 1 144 J. Vom Hetzen! ja! S. Viel zaͤrtlicher noch liebt er Dich, Du warſt ſein taͤglicher Gedanke und was er ſprach und that, nahm immerfort auf Dich Bezug. J. Die Maͤnner taͤuſchen ſich gern; auf uns faͤllt dann der Mißmuth des Erwach⸗ ten. Kann ſein Gefuͤhl nicht bloßes Mit⸗ leid ſeyn? Sein Wille nicht das Werk der Großmuth, oder die Sucht nach dem Kon⸗ traſte? S. Du haſt, bey allen dem, viel Aehnliches mit Luiſen. J. Seitdem ſie Staub iſt, ja! Du willſt mich troͤſten. S. Um Mund und Kinn. Doch die⸗ ſe angenehme Fuͤlle ging ihr ab. Gewiß, ſie war faſt koͤrperlos. J. Und darum ſo geſchmeidig, liebe Freun⸗ dinn! Seine Hebe, ſeine Iris nannt'er ſie. ———— ̃2àúà — ——— 145 S. Ihr Geſicht, das, freilich, war im Ganzen ſchoͤner. Engelſchoͤn! J. Und das entſcheidet, rief ich ſeuf⸗ zend. Wohin ſehen Sie oͤfterer als dahinein? Ein zauberiſches Laͤcheln, der Einklang an⸗ ſprechender Zuͤge, die ſchmeichelnde Beredt⸗ ſamkeit der Augen, entſchuldigt mit Erfolg den Reſt der Maͤngel. Den Weſen von Luiſens Gepraͤge ward, leider! alle Macht und Faͤhigkeit gegeben, der Maͤnner Herz nach ihrem Sinne zu lenken und oft genug ſelbſt durch Verbrechen zu gewinnen, waͤh⸗ rend dem das beſſere Weib nicht ſelten durch ſeine Tugenden verſtoͤßt. S. Du biſt viel eitler, als ich fuͤrchtete. J. Nur, wenn es gilt, dem Manne, der mir werth iſt, zu widerſtehn, denn ſchoͤn wie jene muͤßte ich ſeyn, um ihn mit einem vollen Kranze zu begluͤcken. Der welke rauſcht in meiner Hand und ich erſcheine mir, Schilling ate S. 20r Bd. 10 146 wie eine arme Schuldnerinn, die gern be⸗ zahlen moͤchte und nicht kann. S. Er findet Dich viel beſſer, als die ſchoͤnſte. Nie wird ihm dieſe Kehle Ohr und Herz zerreißen, nie dieſe Hand nach ſeinen Augen ſtreben und tief unter den ſtuͤrmi⸗ ſchen Gipfeln der Wonne und des Wehes werdet ihr, gemachſam, im Thale wandeln. Schlag ein, Geliebte! ſey die Seine! Ver⸗ haͤltniſſe, wie Du ſie traͤumſt, ſind nur ein Schattenbild und muͤßten uͤberdem Deinen Nuf in Gefahr bringen. J. Meinen Ruf? S. Niie wird die Welt an Freundſchaft dieſer Gattung glauben. Fuͤr ſeine— Ver⸗ traute wuͤrde man Dich halten, und was Du haſſeſt und verwirfſt, als geſchehen an⸗ nehmen, und beſchreien. Du gingſt an ſei⸗ ner Seite—„Sie treibens arg!“ Du kraͤnkelteſt—„Man weiß ja wohl, war⸗ X 147 um!“ Der haͤmiſchen Verlaͤumdung ſatt, entfernt er ſich—„Da ſitz ſie nun? O, der geſchieht, was Rechtens iſt”— Gefaͤllt Dir das? Sie hatte recht. Ich ſchwieg und ſeufzte. Gieb mir die Laͤmmchen, Theodor! ſprach Emilie zu dem ſpielenden Kinde. Ein wei⸗ ßes gieb mir, und ein ſchwarzes. Sieh, Agnes! jetzt hab' ich eins in jeder Hand. Das ſchwarze dankt ihn ab, zur Braut macht Dich das weiße. Welches waͤhlſt Du nun? O Liebe, fiel ich betroffen ein: traue mir den Leichtſinn nicht zu, mein Verhaͤltniß von Deinen Schafen beſtimmen zu laſſen. Zum Scherze bloß! entgegnete ſie, und hielt die geſchloſſenen Haͤnde hoch empor. Es ſoll nicht gelten, waͤhle nur! So oͤffne denn, ſprach ich, nach langem Beſinnen, mit Herzklopfen: oͤffne— aber 10* 148 nein, es gilt den Stiefvater und darum waͤh⸗ le Theodor. Kind, welche Hand ſoll jetzt die Tantte aufmachen? Beide! rief das Kind: will meine Schaͤ⸗ fel haben. Der iſt neutral, fuhr jene fort. Erloͤſe Du nun ſeine Geſpielen. Die Linke, ſprach ich: kommt vom Her⸗ zen, und das entſcheidet ja. Die Linke alſo? fragte ſie beſtuͤrzt. Be⸗ ſtuͤrzt wie ſie, rief ich— nein, warte noch. Linke, Mutter, Linke! bat Theodor; la⸗ chend warf mir Emilie das weiße Schaͤfchen in den Buſen; ſie wuͤnſchte Gluͤck und be⸗ lobte die einbringliche Stelle, welche dem Freyer durch ſeines Goͤnners Huld gewor⸗ den war und ihn der Nahrung⸗Sorge uͤber⸗ hob; ich aber fuͤhlte mich bedraͤngt und ſchwankte. — 1 — 149 Im obern Stocke unſerer Wohnung waltete Herr Sellow, ein Gegenſtand fuͤr den weiblichen Antheil. Emilie ließ der edeln Geſtalt, dem annehmlichen Weſen, der ge⸗ winnenden Milde des jungen Mahlers faſt mehr, als die noͤthige Gerechtigkeit widerfah⸗ ren, ich fuͤr mein Theil fand mich durch ſei⸗ ne auszeichnende Guͤte geſchmeichelt und ver⸗ pflichtet; doch unſer Hauptmann, ſchien weit entfernt, ſich wie wir, von dieſem Haus⸗ Genoſſen angezogen oder erheitert zu fuͤhlen. Er wollte, nach der Maͤnner Weiſe, unſer Genius ſeyn und keine Mittelmacht in ſeiner Schoͤpfung dulden. Ihm war Herr Sellow bald ein kindiſcher Geck und zudringlicher Geſell', bald ein geſchmeidiger Egoiſt, der uns fuͤr ſehnſuͤchtige Witwen, ihn fuͤr einen taͤuſchbaren Thoren anſah und der Unfriede kehrte ein, ſo oft wir, gekraͤnkt von dieſem Vorurtheile, die gute Sache unſers reinſten Verehrers in Schutz nahmen, 150 Das unrecht iſt taub, die Eiferſucht blind; immer arbeitet ſie fuͤr den Bortheil des wahren oder des eingebildeten Feindes. Sellow verdiente unſer Wohlwollen; die kraͤn⸗ kende Kaͤlte, mit welcher Eduard den Arglo⸗ ſen zuruͤckwies, rief uns zum Mitleid, zur Vergütung auf; je froſtiger Sellow entfernt ward, je ſchonender behandelten wir ihn und dieſe Ruͤckſicht gab ihm den Muth, mich Einſame heimzuſuchen, als Eduard, eines Abends, ſeine Schweſter nach dem Theater begleitet hatte. Ich fuhr erſchrocken auf und fuͤhlte mei⸗ ne Wangen gluͤh'n. Der Beredtſame nahm, offenbar um mich Zeit zu der noͤthigen Faſ⸗ ſung gewinnen zu laſſen, das Wort, er er⸗ ſchoͤpfte ſich in anziehender Mittheilung, be⸗ lobte dann Emilien, pries ihren Bruder gluͤcklich und klagte uͤber ſein Mißtraueu. Sie aber, edle Frau, ſagte Sellow, am 151 Schluſſe der langen Rede: werden als Braut und Gattin kuͤnftig dieſe Unart bekaͤmpfen, vertilgen und mir ein Herz gewinnen, das ich hochſchaͤtze. Braut? Gattinn? fiel ich kleinlaut ein: Ich achte den Mann zu ſehr, bin ihm zu viel ſchuldig, um ſo armſelig zu vergelten. Nur die Liebenswuͤrdige verſchenkt mit ihrer Hand ein Gut, ein Gluͤck; mir aber ward die Selbſtkenntniß! Hoͤr' ich recht, ſprach er, der Wiederlegung ausweichend: Sie werden ſeine Gattin nicht? Ihr Rath beſtimme das! erwiederte ich auf Sellows Antwort geſpannt, und wagte es, in ſeine glaͤnzenden Augen zu blicken. Ich mache das Recht der Freundſchaft gel⸗ tend und mahne Sie um der Freundſchaft Pflicht. Dies ehrende Vertrauen erſchreckt mich. 3 Um einer ſolchen Pflicht zu genuͤgen, muͤßte 8 152 ich den Mann genauer kennen und tiefer, als mir verſtattet ward, in dies Herz geſeh'n haben. J. Zwar bin ich ihm auf's Innigſte ver⸗ pflichtet— E. Die Schuld fuͤhrt zur Erkenntlichkeit — zur Ehe fuͤhrt die Liebe nur. Lieben Sie ihn? Und wozu raͤth Emilie? J. Emilie iſt ſeine Schweſter. Aber die Trefflichkeit ſelbſt. Eine ſolche Schweſter wird die Freundin nicht ausſetzen. Doch ein Wort im Vertrauen, meine Theure! Ihre offene Guͤte loͤſ't mir die Zunge und ſtaͤrkt das Herz in meiner Bruſt. Lange ſtrebt' ich ſchon nach einer ſolchen Eroͤffnung, doch wollte nie die ſchickliche Stunde ſchlagen, und der Muth entfloh, ſo oft die Gelegen⸗ heit nahte. Immer reizender ward er durch das Feuer der Rede, die den Kampf ſeines In⸗ 153 nern verrieth. Zwar bin ich nur ein Kuͤnſtler, fuhr er fort, und legte traulich ſeine Hand in die meine: aber auch ein guter Menſch und nicht mittellos. Die Kunſt iſt ein Talisman, erwieder⸗ te ich: und Ihr Herz das beßte. Wie gluͤck⸗ lich ſind Sie in dem Beſitz dieſer unverlier⸗ baren Schaͤtze. Guͤtige Freundin, fiel er ein: ich fuͤhl“ es lebhaft, Sie wollen mir wohl!— Meine Augen beſtaͤtigten, mein gluͤhen⸗ des Erroͤthen bekraͤftigte die trauliche Voraus⸗ ſetzung. Sie werden, rief er aus und kuͤß⸗ te feurig die Hand, welche noch in der ſeinen lag: meine Sache bei Emilien fuͤhren, wer⸗ den der Angebeteten an Freundes Statt ſa⸗ gen, daß das Gluͤck meines Lebens in ihren Haͤnden liege. Darf ich das hoffen? Alles! Alles! ſprach ich kaum vernehm⸗ bar und ſtand auf. 154 Hier iſt die Vollmacht, fuhr Sellow fort, und ſchob mir ein Briefchen in die Hand, das ich unwillkuͤhrlich zuſammen⸗ druͤckte. Er ſah befremdet, was ich that und der erwachende Theodor rief mich zum Bette. Die liebliche, ſchmeichelnde Stimme des Kleinen drang in mein Herz, ich glaubte von einem ſchweren Traume zu erwachen, ermannte mich ſchnell, gewann die Faſſung⸗ kraft, dem Scheidenden gute Hoffnung zu geben und mich fuͤr Emiliens warmes Wohl⸗ wollen im Voraus zu verbuͤrgen. Er ſah bekuͤmmert auf den gemißhandelten Liebes⸗ brief, welcher noch immer in meiner Hand knitterte, und ging. Ich ſtand, verſunken in mich ſelbſt, ich blickte in mein Inneres, erſchrack vor der Entdeckung und fuͤhlte jetzt erſt, wie wohl ihm dies Herz wollte.— O der Schwachen und Tauſchbaren! Ich, die kein Mann noch ſ — — — 155 liebte, die Verbluͤhte, die Reizloſe— ich, vielleicht nur ein Gegenſtand fuͤr Eduards Grille, waͤhnte mich von dem bluͤhenden, rei⸗ zenden Sellow beachtet, und vergaß in wei⸗ biſcher Blindheit, daß ich nur zur Folie fuͤr die holdere Emilie diente, daß die Natur mir uͤberall nur die Rolle der uͤberfluͤſſigen dritten, der muͤſſigen Vertrauten zugetheilt hatte.— Sey gerecht, ſprach mein Geni⸗ us: Eduard liebt Dich! Und jetzt rief Theo⸗ dor— Muͤtterchen! Herz⸗Muͤtterchen! Wohlthuend klang der theure Laut in mei⸗ nem Innern wieder; erheitert, getroͤſtet, eil⸗ te ich an des Lieblings Bette und laͤchelte uͤber die Verirrung meines kindiſchen Herzens. Sie kehrten aus dem Schauſpiel heim. Emilie ging, ſich zu entkleiden, ihr Bru⸗ der warf ſich, ſchweigend, in's Sophg. Ich 156 anziehender, viel verdienſtlicher als vor⸗ hin, erſchien er mir jetzt. Es war mir wie⸗ der wohl in ſeiner Naͤhe. Sellow war da! ſprach ich ſeufzend; er verbeugte ſich laͤchelnd— Und unterhielt mich von ſeiner Liebe— Von Liebe? rief Eduard und ſprang auf— J. Von ſeiner ernſten Leidenſchaft fuͤr Emilien— beklagte daß er nur ein Kuͤnſt⸗ ler, betheuerte, daß er ein guter Menſch, ver⸗ ſicherte, daß er wohlhabend ſey. Eduard ſaß wieder an meiner Seite, ſah mir tief in's Auge, ſprach— Iſts moͤg⸗ lich? und bemerkte die Thraͤne nicht, welche ich im Auge zerdruͤckte. Was ſagen Sie dazu? fragte ich, um meine Verlegenheit zu bedecken. Daß er gluͤcklicher, daß er willkomme⸗ fetzte mich zu ihm. Ach, viel anders, viel — — 157 ner ſeyn duͤrfte, als ich es war, ich, dieſer liebloſen Nachbarinn gegenuͤber. Ach, guter Burg! ſprach ich entſchuldi⸗ gend: das weibliche Herz iſt ja, bekanntlich, voll Eigenheiten. Sie kennen es. Launiſch und wechſelhaft, verſchmaͤht es oft, um ei⸗ ner Grille willen, das Theuerſte; zieht ſich, unſanft beruͤhrt, ſchnell in ſich ſelbſt zuruͤck und ſtrebt dann wieder nach dem Verletzer. E. Aus Mitleid. J. Aus zaͤrtlicher Hinneigung. Jetzt aber verſchuͤchtert mich Ihr Stolz und ſo quaͤlen und vergaͤllen ſich oft die beßten Men⸗ ſchen ſelbſt, von ſeltſamen Grillen beſchli⸗ chen und gemeiſtert, den Lebenskelch. Edu⸗ ard! mein Schutzgeiſt waren Sie; rein, wie ein Engel, har mir der gedient und dieſe Er⸗ kenntniß heiligt und befeſtigt meine Neigung — mein Vertrauen. Gute Frauen, erwiederte er, kuͤhl und duͤ⸗ 7 158 ſter: ſind fuͤr das Gaukelſpiel verdorben und ſie gefallen nicht in dieſer Rolle. Nur Wahrheit kleidet Ihres Gleichen.— Wenn der Anbeter verlohren geht, ſteigt der Wer⸗ ber im Preiſe. In meiner Liebe ſahen Sie ein ſicheres Beſitzthum, in Sellow's Huldi⸗ gung die ſchmeichelnde Wilkkuͤhr und fuͤſſer duftete der Weihrauch des Freien, Unver⸗ ſtrickten. Die Hand auf's Herz, Agneſe, hab' ich Recht? Recht! ſtammelte ich, und verbarg mein gluͤhendes Geſicht an ſeiner Bruſt. Nun ſind wir einig, rief er bewegt: und ich getroͤſte mich von neuem, der endlichen, erquickenden Entſcheidung! Sie ward ihm! Emilie ging mir mit dem ermunternden, anregenden Beiſpiel vor⸗ an, erhoͤrte ihren Sellow— ich folgte! *„ 159 Der Himmel hatte, wie es ſchien, beide Ehen geſtiftet und dem kleinen Theodor, in dieſem Stiefvater, einen liebenden, lebens⸗ klugen Bildner zugefuͤhrt. Der Knabe ward, als Juͤngling, der Eltern Stolz und ſpaͤter⸗ hin, durch Werth, Geſchick und Gluͤck, der Mutter Stuͤtze. Seinen verſchwundenen Va⸗ ter warf die Nemeſis in ein ſchimpfliches Grab, auch Julie ſtarb den Tod ihres Hand⸗ werks; der Witwer ward zuletzt, als Kuͤper, im Gaſthof einer franzoͤſiſchen Landſtadt ge⸗ ſehen. Frau von Blamont endlich regiert noch, als reuige Magdala, den Hof und das Laͤndchen eines aͤhnlichen Bußverwandten, den ſie erſt ſuͤndigen, dann beten lehrte und ermahnt, poſttaͤglich, ihren Bruder und ſeine gute Frau, nach dem was Oben iſt, zu trachten. Gedruckt in der Gerlachiſchen Buchdruckerei. ſnſifiſhinnſemnninnſeſnſfffnfffffff 8 9 1 12 13 6 7 10 1