angranhanenagnnenngannannennnönnanhnananunnrännnhennhr. Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Anarhnar Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch ¹ Kr. „„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: 4 für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —————,— auf 6 Monat: 2 fl. 3⁰ Kr. 2 fl.— Kr. 1,*„ 27 59 ⸗⸗,„„ Larararararannn juhnhnhhuhnhRüHHrAnAnar „ 1„.—„ 36„—,„ BDonnanaganannnns QrarTAATTATAn annüanfnhcanhnhnhchrhnnaranrarrarar rrarr ———— Guſt av Schilling. 8 weiter T hel. Dresden, 1 822, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 8¼ Guſtav Schilling. —-— 2 Zweite Sammlung. Neunzehnter Band. Haͤusliche Bilder von Guſtav Schilling. 3— Zweiter Theil. Das Leib⸗Eſſen. Am reizendſten iſt wohl das Fraͤulein, wenn es, im Zwielichte ſeiner Beſtimmung, von der Schwelle der Brautkammer in die erſte Feiertags⸗Woche des heiligen Eheſtands ein⸗ geht. Florentine, zum Beiſpiele, die, ſeit drei Fruͤhlingtagen, zur Halbſchied ihres Bruno geworden war. Schmaus auf Schmaus hatte, bis jetzt, das Paͤrchen geſaͤttigt. Heute aber ſollte der neue Fleiſchtopf zum erſten Mal auf dem ei⸗ genen Heerde prudeln und Tina fragte deß⸗ halb, in ihres Maͤnnchens Arm erwachend, als ſorgliche, gefaͤllige Hausfrau, mit Schmei⸗ chelton nach ſeinem Leib⸗Eſſen. Am liebſten waͤre mir ein Kalbskopf mit Meieran! erwiederte Bruno, noch halb ſchlaf⸗ trunken: und eine Heroide als Vorlaͤuferinn— Beide Forderungen uͤberraſchten die Gat⸗ tin. Heroide? fragte ſie lauſchend und blick⸗ te nach dem Kochbuche, das, unter Gellerts Oden, im Fenſter lag. 3 Ein Kraftſuͤppchen, Theuerſte! ich ſpre⸗ che bildlich. Jene ſind eigentlich Heldenbrie⸗ fe, Flammen⸗Epiſteln, Gluth⸗Elegien, wie die an Abaͤlard, in Buͤrgers Gedichten. Eine goͤttliche Dichtung! Sie kuͤßte ihn und lispelte dann, ſanft erroͤthend— Ich dichte aunh, mein ſuͦßes Leben! Iſt's moͤglich? rief er froh erſtaunt: und hoffentlich ſo wie Du ſingſt und die Harfe ſpielſt? Meiſterhaft! O, Du Begabte! S. Ach waͤr' ich das! Mir 834 die Theorie! 4 1 8 3 1 — 9 E. Blutwenig alſo. Der Genius er⸗ wirbt die ſpielend und mit der Nothdurft kann ich dienen. S. Du Guͤtiger! und mir wohl auch mit Reimen aushelfen? E. Die Liebe ſchafft zu allem Rath. S. Mich mit den Versarten vertraut machen? E. Da haben wir zuerſt den Jamben oder Schleuderer; vorn iſt der kurz und hin⸗ ten lang. Dann auch den Fingerſchlag, den Schwerfall oder Palimbachius, den Laͤu⸗ fer, Stuͤrmer, Waͤlzer und den Zweilaͤngi⸗ gen oder Amphimaces— Gott bewahre mich! unterbrach ihn Flo⸗ rentine verduͤſtert: das ſind mir lauter boͤh⸗ miſche Doͤrfer und mit der verwuͤnſchten Goͤt⸗ terlehre hapert es auch. Die iſt ſo trocken, ſo verwickelt, daß man ſie von einem Tage zu dem andern vergißt. Sieh, koͤnnte ich mein 10 Leben damit retten, ich muͤßte doch, ſo eben, die drei, Grazien ungenannt laſſen. Es kraͤnkt mich recht! E. Die vierte heißt Tinchen! das troͤ⸗ ſte Dich. S. Ach, Lieber! Du kraueſt da nur, in Deiner Nachſicht, ein Schaͤfchen am Oh⸗ re, denn ein ſolches bin ich leider! im Ver⸗ gleiche zu mancher poetiſchen Mitſchweſter, die in der Mythe ihres Gleichen ſucht. Die ſuche nur im Moritz, Du gute Un⸗ ſchuldige! der allen Bloͤden ein Troͤſter heißt. Da findet ſich die ganze, uraniſche Sippſchaft, vom Laufmaͤdchen bis zur Donnergoͤttin und man waͤhlt aus ihnen, was ſich fuͤgt und reimen laͤßt— zum Beiſpiel Megaͤre, Cithe⸗ re, Amphyktion und Sarpedon et caetera. Florentine rief geaͤrgert— Pfui, uͤber die unreinen Reime! 5 Den Reinen iſt alles rein! verſetzte Bru⸗ 11 no, draußen aber klopfte Hanna, die Koͤchin, an das heilige Pfoͤrtchen und wisperte— Der Kaffee iſt fertig, gnaͤdige Herrſchaft! wenn Sie gefaͤlligſt aufſtehn wollten. Die Herrſchaft hatte es offenbar verſchla⸗ fen und jene ſie nicht ſtoͤren wollen; Bruno warf ſich daher auf's ſchnellſte in die Kleider und eilte auf die Kanzley, deren Praͤſident ſein Schwiegervater war. Er durchlief dort zuvoͤrderſt die Zeitungen, um ſich ſtill, an der Anzeige ſeiner Vermaͤlung zu weiden, ver⸗ kehrte dann mit den vereheligten Nachbarn, uͤber Hausſtand und Erziehung, dachte end⸗ lich, als der weitſchweifige Vortrag des Re⸗ ferenten noch immer kein Ende nahm, an ſeines Weibchens buͤndigen— und an den be⸗ vorſtehenden Kalbskopf, beſchloſz, den letztern zu einem ſtehenden Gericht, die erſtere ſo 12 gluͤcklich zu machen, als er es ſelbſt war und flog, gleich einem Poſttaͤubrich, vom Rath⸗ ſtuhl in die nahe Wohnung, um ſich dort, fuͤr ein Viertelſtuͤndchen, der neuen Selig⸗ keit zu freu'n. Es ſind ein fremder Herr zugegen! ſag⸗ 1 ke der Bediente, als er in Tina's Zimmer ſchluͤpfen wollte. Bruno trat befremdet zu⸗ ruͤck und in das anſtoßende.— Der Gaſt ſprach wie ein Buch, auch die Frau Raͤ⸗ thin ſetzte ihre Worte, doch vernahm der Lauſcher nur einzelne Bruchſtuͤcke, die aber nicht geeignet waren, ihn zu erheitern. Flo⸗ rentine bekannte ſich zu inniger Verpflichtung und beſchwor den Fremden um Verſchwie⸗ genheit; dieſer vermaß ſich hoch; er ruͤhmte, lobre, bat um ferneres, guͤtiges Zutrauen und Bruno griff bereits nach dem Thuͤrgriff, » —— 13 um zu ſehen, wer, außer dem Gatten, ſich erkuͤhnen duͤrfe, es in Anſpruch zu nehmen, als ihn der Bediente haſtig abrief. Hanna hatte naͤmlich ihren Zufall be⸗ kommen, der ſie gewoͤhnlich fuͤr ein Stuͤnd⸗ chen oder zwei, den Scheintodten beigeſellte und fuͤr den bis jetzt kein Kraut gewachſen ſchien. Die Alte war der jungen Frau, als ein Stuͤck ihrer Mitgift, von der gnaͤdigen Mama zugetheilt worden, weil ſie bei mu⸗ ſterhafter Wirthlichkeit und Treue, fuͤr eine treffliche Köͤchin galt. Tina aber bedurfte um ſo mehr einer ſolchen, da ſelbige zwar eng⸗ liſch und franzoͤſiſch ſprach und ſchrieb, mei⸗ ſterhaft zeichnete, ſpielte und ſang, von der Haushaltung und Kochkunſt aber ſo wenig als Hannchen von der Diplomatik wußte und jetzt von dieſer lernen wollte. — 4 14 Endlich ging der Fremde und Bruno ſchlich nach ſeiner Frauen Cabinet, um ſich Beruhigung zu verſchaffen, ihr Hanna's Un⸗ fall mitzutheilen und ſelbige zu bitten, daß ſie der Koͤchin Stelle am Hausaltar vertreten moͤge, denn er hatte dort bereits den neuen Topf, aus dem das linke Kalbsohr hervor⸗ ſah, am Feuer erblickt: der ſchaͤumte wie die See im Sturme. Der naͤchſte Weg aus der Kuͤche in Tina's Gemach, fuͤhrte durch den Alkofen; Bruno ſah, mittelſt des Glasfen⸗ ſters, ſeine Tina mit der Durchſicht eines Blattes beſchaͤftigt. Da der Faltenwurf ih⸗ res bauſchenden Tuches das Letztere deckte, ſo ließ ſich nicht unterſcheiden, ob Schreibſel oder Druckwerk ſie beſchaͤftigte, doch ihre Andacht, ihr Laͤcheln, die Wonneluſt, welche das hol⸗ de Geſichtchen verklaͤrte, gab von der erfreu⸗ lichen Bedeutenheit des Stoffes Zeugniß. Doch ploͤtzlich verdunkelte ſich dieſes Antlitz— —,—— 15 der Inhalt verſetzte der Leſerinn gleichſam einen elektriſchen Schlag und bald nachdem ſich ſolche von dem Schrecken erholt hatte, einen zwei⸗ ten, noch heftigern, denn Tina warf das Blatt erbittert auf den Tiſch und eilte hinaus — in die Kuͤche. Jetz ſchluͤpfte Bruno durch die Glasthuͤr; er erblickte das neueſte Blatt der dortigen Zeitſchrift, welches, mit einer Geſchichte be⸗ gann, die ſein Weibchen ſo wechſelhaft be⸗ wegt zu haben ſchien— er las—„Ben⸗ no und Lina“ oder„das Gluͤck der jun⸗ gen Liebe,“ und verſchlang den Text. Es leuchtete ihm, ſchon auf der erſten Seite, ein, daß die Erzaͤhlung der Spiegel ſeines eigenen Gluͤckes und demnach, hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich, ein Probeſtuͤck der poetiſchen Gat⸗ tin und die Frucht ihrer neueſten Erfahrungen ſey. Sie hatte ſich beſcheiden in den Schat⸗ ten geſtelt, den Benno dagegen mit Far⸗ 16 ben des Morgenroths verherrlicht. Doch, 8 was die Verfaſſerin vorhin verduͤſterte, lockte jetzt dem Leſer ein Laͤcheln— was ſie dann voͤllig aus der Faſſung brachte, ihm ein lau⸗ tes Gelaͤchter ab. Zwei heilloſe Druckfehler — und einer reicht ja hin, um die edelſte’ Prachtſtelle zu ſchimpfiren— hatten ſich, kurz nach einander, eingeſchlichen und Florentinen, welche den Geliebten mit dieſem erſten, pro⸗ ſaiſchen Bluͤthenſtrauß anbinden und bei ihm damit im Preiſe ſteigen wollte, in Gram und Scham geſtuͤrzt.— Sie kuͤßte hier, auf der erſten Zeile zweiter Spalte, die Thraͤnen von des Freundes ſchoͤn gebraͤunter Wanze — ſie trat dann, weiter unten, nach man⸗ cher ſuͤßen Wechſelrede, an ſeinem Arm aus dem Salon, ſie wandelte mit dem Erkore⸗ nen, beim Lied der Nachtigall, im Rem⸗ pel der Natur und ſang wie jene. Nachdem ſich Bruno ſatt gelacht, ver⸗ ——-— 12 droß auch ihn des Setzers Ungeſchick und die Blündheit des Verbeſſerers. Es lag indeß, zu ſeinem Troſt, am Tage, daß jener fremde Herr der artige und argloſe Herausgeber der Zeitſchrift geweſen, daß Tinchen ihm, wie billig, in der Freude uͤber die gefaͤllige Aufnah⸗ me des Verſuches, manch ſchoͤnes Wort ge⸗ ſagt, dieſer die neue, zu ſeinem Vergnuͤgen gratis fabrizirende Mitarbeiterinn ermuntert und geprieſen habe und alles in der Ordnung ſey. Jetzt rief denſelben ein vornehmer Zu⸗ ſpruch nach dem Beſuchzimmer und als die⸗ ſer abging, ſchlug die Mittagſtunde. Florentine erfuhr waͤhrend dem, wie ſchon oͤfter, daß das Unheil gewoͤhnlich zu Paa⸗ ren komme. Kaum hatte die Gebeugte jenen greulichen, entweihenden Druckfehlern den Schilling ate S. ror Bd. 2 18 Ruͤcken gekehrt, als ſie ihre Hanna, mit Entſetzen, in den Armen des Scheintodes, den Kalbskopf, verlaſſen und verſäumt, an der Flamme fand, welche bereits das erwaͤhn⸗ te, hervorragende Langohr deſſelben theils ver⸗ brannt, theils gebraten hatte. Es fiel ein Thraͤnchen auf den kochenden Dulder; ſo rathlos war die Arme nie geweſen, denn ihr Gewiſſen ſtrafte ſie. Es ſagte— Haͤtteſt Du doch lieber. als Jungfrau, dein Naͤschen in den Koch⸗als in den Blu⸗ mentopf geſteckt; Dich, ſtatt der Reimjagd, um das Hausweſen bekuͤmmert; das Gute nicht, verſchmaͤhend und unbeſonnen, uͤber dem Schoͤnen verabſaͤumt! Vergebens ward die Hanna jetzt geruͤt⸗ telt und mit den weichſten Schmeicheltoͤnen, um Rath und That beſchworen; der Alp der Starrſucht feſſelte deren Wiſſen und Ver⸗ ſtand, nach wie vor. Dann griff ſie angſt⸗ — 19 haft zu dem Kochbuche, ſie las und las, um ihren Bruno mit der begehrten Heroide zu er⸗ freu'n und braute, querlte, wuͤrzte und zuk⸗ kerte, fachte das Feuer an, ſchuͤtzte den koͤſt⸗ lichen Fuͤnftelſaft vor dem Anbrennen und erſchoͤpfte die Sorgfalt und die Thaͤtigkeit. Jetzt ſtand ihr Meiſterwerk, im Schmu⸗ cke des praͤchtigen Suppennapfs, auf dem Tiſche. —ʒ—·— Das Chepaar trat, gleichzeitig, durch zwei verſchiedene Thuͤren in das Speiſezim⸗ mer. Tina blickte, truͤbſelig und zagend, an dem Naͤschen herab, ihr Bruno aber zitter⸗ te unterweilen, von dem Krampfe des Zwerg⸗ fells erſchuͤttert ,„ das die beiden Druckfehler kitzelten, und dazwiſchen auch von Wehmuth bedraͤngt, welche Tinchens Ausſehn und Miß⸗ geſchick uͤber den Zaͤrtlichen brachte. 2* 20 Du wirſt fuͤrlieb nehmen muͤſſen! ſagte ſie, die Kraftſuppe vorlegend: das und das paſſirte der Hanne und ich bin, leider! als Koͤchin, noch ganz ungeuͤbt. Bruno troͤſtete und ſeufzte, denn der Duft der Heroide er⸗ innerte ihn an einen ſchweren Fall mit dem Pferde und an die Umſchlaͤge, mit denen er damals bedeckt ward, da ſie genau wie die⸗ ſe rochen. Bei dem Genuſſe aber kam er ſich gaͤnzlich wie jener feuerfeſte Pech⸗ und Schwefel⸗Eſſer vor, denn Tinchen hatte weder den Wein noch die Specereyen geſpart, auch die Zuthat neuer Wuͤrze fuͤr dienſam er⸗ achtet, ſich aber, bei ihrer Unkenntniß, ver⸗ griffen, dem Pfefferkaſten zugeſprochen und in der Unſchuld einen wahren Hoͤllenbrand — geſotten. 4 Bruno's Augen fielen jetzt in den Spie⸗ gel und ſein Gelaͤchter brach hervor, denn er gemahnte ſich wie ein vergifteter Rattenkoͤ⸗ 21 nig und ſchob, ſein Tinchen nicht zu kraͤnken, die Schuld des Ausbruchs auf den naͤrriſchen Kammerherrn, der eben von ihm ging und tauſend Poſſen getrieben habe. Die Suppe iſt koͤſtlich, ſetzte er hinzu: aber zu ſaͤttigend, da mir der Genuß des erbetenen Freundes bevorſteht— Du waͤrmſt ſie wohl, gefaͤl⸗ ligſt, zum Abende? Da entfernte der Bediente den Napf, er brachte den Kalbskopf, er ſetzte ihn vor des Rathes Platz und dieſer biß jetzt, von neuem, auf Zung' und Lippe, denn das Ausſehn des Einoͤhrigen war ſchnurrig und die Vergleich⸗ ungluſt kam uͤber den Hausherrn. Zur Halbſchied von dem Qualm geſchwaͤrzt, glich er dem Kopfſtuͤcke des Verſuchers im Kate⸗ chismus und erinnerte, als ein verwilderter Rempel der Natur, an die ſchoͤn gebraͤun⸗ te Wanze in Tinchens„Gluͤck der jungen Liebe.“ . 22 Die gnädige Mama! rief der Bediente jetzt in's Zimmer. Tina's Mutter, die Frau Praͤſidentin, folgte dem Verkuͤndiger auf dem Fuße. Auch ſie war eine Schaͤtzerin dieſes beſcheidenen, ihrem Gatten verhaßten Ge⸗ richtes. Sie hatte, waͤhrend des Morgen⸗ beſuches, von der Beſtellung des Schwieger⸗ ſohnes gehoͤrt und bat ſich deshalb, ſo eben, uͤberraſchend zu Gaſte— weniger jedoch des Kalbskopfes wegen, als um an dieſem neuen Hausaltare ein Bluͤmchen der Mutterwon⸗ ne zu pfluͤcken, das hier in prangender Bluͤ⸗ the ſtand. Florentine ſprang vom Stuhle auf und kuͤßte derſelben, ſtammelnd und beſtuͤrzt, die Hand. Bruno ſchob den naͤchſten Lehn⸗ ſeſſel zum Tiſche; er rief nach einem Gedeck und entſchuldigte den Zuſtand des Imbiſſes mit Hanna's Starrſucht und dem Beſuch einer Freundin, die eben erſt gegangen ſey. Und dennoch, fuhr er fort: hat mir die ge⸗ niale, kunſtfertige Tina ein Suͤppchen ge⸗ kocht, das ich ſo wuͤrzig, kraͤftig, von ſol⸗ chem haut gout ſtrotzend, ſelbſt bei dem Miniſter nie gegeſſen habe, der doch ein fei⸗ ner Schmecker iſt. Die Frau Mutter horchte mit Erſtaunen auf, denn zu dieſer Leiſtung mußte dem Toͤch⸗ terchen Licht und Rath von Oben gekommen ſeyn; ſie ſagte dann freundſelig— Das hoͤr ich gern und bitte um eine ſtarke Porzion. Der Napf iſt faſt noch voll, ich ſah ihn draußen. Jetzt fiel der armen Hausfrau das Herz nun vollends vor die Fuͤße, ſie warf dem Gat⸗ ten, welcher, in der edelſten Abſicht, Uebel aͤrger gemacht hatte, den erſten unholden Blick zu und ſchwankte hinaus, um die 24 Hexenbruͤhe in das Spuͤlfaß zu gießen. Auch Bruno verzagte jetzt, denn wehe dem Mund und dem Schlunde der Frau Praͤſidentin, wenn ſie von dieſer uͤberpfefferten Frucht der Erkenntniß genießen mußte. Und die Ma⸗ ma ſette ſich eben, mit dem ſichtlichen Appe⸗ tite der Erwartung zurecht und gloſſirte uͤber den braͤunlichen Kalbskopf, deſſen Glotzau⸗ gen ſie myſtiſch anſtarrten und die Frau Toch⸗ ter zu verklagen ſchienen. Lob ſey der Weiberliſt! denn Florentin⸗ chen kehrte jetzt zuruͤck und ſagte, eifernd, zu dem Gatten— Aber Dein Muffel iſt doch ein abſcheulicher Hund! Wie ich hinaus komme, ſteht der Gefraͤßige auf dem Tiſche— er ſteht vor dem Suppennapf, er leppert nach Herzensluſt und weiſ't mir obendrein die Zaͤhne. Gebe Gott, daß das eine Nothluͤge ſey; dachte Bruno: denn außerdem crepirt mein 8 25 treuer Pudel vor dem Abend noch. Er ſtirbt am Brande! Darauf aber half er denſelben vermaledeyen und fuhr empor, um ihn, vor⸗ geblich, halbtodt zu ſchlagen, aber die Frau Mutter gab gute Worte, meinend, das lie⸗ be Thier zeige Geſchmack und moͤge wohl an Leckerbiſſen gewoͤhnt ſeyn. Dann brach ſie auf, um dem Mitgenuſſe des abſtoßenden Leib⸗ Eſſens zu entgehen; Bruno geleitete ſie an den Wagen. 8 Als er zuruͤckkam, hatte ſich Tina in die Ecke des Divans geſchmiegt und das Tuch verbarg ihr holdſeliges Antliz. Der Gatte entzog ihr den Schleier, er nahm ſie laͤchelnd an die Bruſt und auch die Truͤbſelige laͤchel⸗ te jetzt durch ihre Thraͤnen. Das erſte Woͤlkchen! ſagte Bruno: es flog voruͤber und kuͤnftig zieheſt Du das Nuͤtzliche dem Angenehmen vor. 2 — — —2 η — 80 — S — — — — 8 A — — wie ſchaͤme ich mich! Du biſt die Guͤte ſelbſt! Ein Lamm— Ein Engel biſt Du, mein Geliebter! Die Sabbath⸗Feyer. Drei zaͤrtliche Ehemaͤnner ſaßen, an einem Luſtort, im traulichen Kreiſe. Die lieben Frauen hatten ſie entfernt, weil der Haus⸗ altar, des morgenden Hochfeſtes wegen, ge⸗ ſaͤubert und erneut werden ſollte; dieſe Preis⸗ wuͤrdigen ergaben nun den Stoff des Geſpraͤ⸗ ches. Jede ruͤhrende Tugend, jede liebge⸗ wonnene Schwaͤche derſelben ward um die Wette geſchildert und belegt, nebenbei wohl auch ein wenig aus der Schule geſchwatzt und immer hoͤher ſtieg das Wohlbehagen des ſeltenen Kleeblattes; es loerte, unerſchoͤpflich in ſeinem Texte, die Glaͤſer immer eifriger 39 auf das Wohl der Herzliebſten.— Endlich ſah Eginhard nach der Uhr und ſprach er⸗ ſtaunt— Faſt Mitternacht! Wie fliegt die Zeit! Ei, laßt uns aufbrechen! Iſt's moͤglich? rief Simeon: da ſtehe mir Gott bei; ich ſollte ja, der Krebſe we⸗ gen, Punkt acht Uhr zuruͤck kommen. Und ich nur die kranke Frau Pathe be⸗ ſuchen! fiel Balthaſar kleinlaut ein: mein Schaͤfchen wird in Angſt vergehn— fort, ohne Saͤumen! Darauf liefen Beide, gleich indiſchen Fußboten, nach der Stadt zuruͤck, Eginhard aber ſchlich mit einem„Ich danke Dir, Gott!“ gemaͤchlich heim, denn er ging und kam, nach dem Willen der Schrift, unge⸗ meiſtert. Chriſtine, die alte, graͤmliche Haus⸗ magd, knurrte und brummte, als ihr Herr 31 auf den Zehen uͤber den Saal ſchwankte und entgegnete, auf ſeine Anfrage nach Clemen⸗ tinens Befinden— Wie ſoll's ihr gehn? Madamchen ſaß bis eilf Uhr hiter den Buͤchern; ſie harrte, ſie hoffte, ſie ſchlaͤft nun wie ein Hamſter, Gott behuͤte ſie! und will ungeſtoͤrt bleiben. Luischen aber wickeln ſich eben; Beide wer⸗ den morgen, wenn das Wetter ſo ſchoͤn bleibt, die Fruͤhpredigt hoͤren. Luiſe, die juͤngere Schweſter ſeiner Frau, ein kluges, wohlgeformtes Fraͤulein, war bei ihm wohnhaft; der neue Fruͤhprediger aber that, nach aller Urtheil, vor ſeinen Hoͤrern den Himmel auf und erhob ſie hoch uͤber den Erdenſtaub; da nun Frau und Schwaͤ⸗ gerin das Schoͤne und Erhoͤhende auch im geiſtlichen Vortrage liebten, ſo goͤnnte ihnen Eginhard die Erbauung und warf, von der Vaterſorge getrieben, im Vorbeigehn, einen 32 Blick in die Kinderſtube. Die kleine Augu⸗ ſte ruhete noch, friedlich und verhuͤllt, wie Muͤtterchen ſie gebettet hatte und hielt ihr Lieblings⸗Puͤppchen an der Bruſt; der ſchnellkraͤftige Viktor dagegen ſchien, im Traume, mit dem Python zu ringen. Bei⸗ de verſinnlichten ihm, unwillkuͤhrlich, den Geiſt der Geſchlechter und den Beruf ihrer Zukunft. Der Hausherr oͤffnete nun, ſtill erfreut, doch leiſe wie ein Dieb in der Nacht, die Alkofenthuͤr. Hier ſchlief des Paͤrchens ſchoͤne Mutter, doch aͤhnlicher einem Schlum⸗ mer⸗Engel, als, nach Chriſtinens Verglei⸗ che, dem Hamſter, und ward immer an⸗ muthiger, je laͤnger ſein Blick auf ihr ver⸗ weilte. Wie taͤuſchte ſich der Dichter! dach⸗ te Eginhard, im entzuͤckenden Gefuͤhle ſei⸗ nes Reichthums— Nicht„mit dem Guͤrtel zerreißt der ſchoͤne Wahn“ der Riß entſchlei⸗ 3³3 ert nur das Heiligthum des haͤuslichen Gluͤck⸗ Engels! Und als er jetzt, gedraͤngt von die⸗ ſer Anerkennung, verſtohlen ihre zarte Hand kuͤſſen wollte, haftete dieſelbe ploͤtzlich an ſei⸗ ner Wange, denn Clementine hatte nur zu ſchlafen geſchienen und ſtreichelte ihn, dank⸗ bar für die milde Geſinnung. Das war ein langer Abend! klagte ſie, aufathmend— ich ſuchte in Deinem Buͤ⸗ cherſchrank Erſatz fuͤr den Vermißten und ge⸗ rieth, zum Ungluͤck, an Geſchichtliches. O, lieber Eginhard! in welchen Hoͤllenpfuhl⸗ ward doch der arme Menſch, ſeit Adams Fall, geſtuͤrzt. Welch ein Unmaß aller ge⸗ denkbaren Greuel, welche vorherrſchende Ge⸗ walt der Laſter, welch ein tauſendjaͤhriger Triumph des Boͤſen, von Cains Zeit bis auf die unſrige! und ſtatt des rettenden Gottes und der bergenden Engel, vollende⸗ ten Suͤndfluthen, Erdbeben und Seuchen Schilling ate S. 19r. Bo⸗ 3 34 das ſchauerhafte Qualenbild.— So war's, ſo wird es wiederkehren! Ach, walteten wit doch auf einem kleinen, unentdeckbaren Ei⸗ lande der Suͤdſee! Unter Laͤmmern und Tau⸗ ben— wir und die Kinder; im Schatten des Brotbaumes und der Palme. Mein Tinchen, entgegnete der Gatte: das Bild iſt idylliſch, doch wuͤrde uns, auch dort, der Daͤmon finden und aufſtoͤren. Nicht in dem Schirme friedlicher Paraclete gedeiht der Kraftkeim, der unſterbliche! Wir ſollen reifen unter Fluth und Gluth, unter Schrecken und Stuͤrmen— erwer⸗ ben ſollen wir den Anſpruch, nicht erſchlei⸗ chen! Drum dulde, hoffe und vertraue blind⸗ lings dem ſchweigenden Vater! Dein ange⸗ nehmer Prediger wird mir, am Morgen, unzweifelhaft beiſtimmen, jetzt aber ſchlafen wir, damit er eine muntere und andaͤchtige Zuhoͤrerin finde. 4 35 Ich war ſchon eingenickt, erwiederte ſie: da verſetzte mich ein haͤßlicher Traum in die Kirche, quer vor die Kanzel, auf die erſte Bank. Doch, ſtatt des neuen Predigers ſtand ein alter, graͤmlicher Eiferer auf jener, der kein gutes Haar an uns Frauen ließ. Vom Blankſcheit bis zum Cotillon ward alles, was wir tragen und treiben, ge⸗ ſchmaͤht und durchgehechelt. Jetzt ſtreckte er ſogar den Zeigefinger nach mir aus, Und dieſe vollends! rief er, daß die Orgel ertoͤnte und allet Augen auf mich fielen— und dieſe hier, im weißen Tuͤrkenbunde, die ihre Enten ungerupft frikaſſirt— den Milchbrei raͤuchert, die Kaltſchale ſalzt!— da traf der ſchreckliche Finger, wie durch ein Mirakel verlaͤngert, an meinen Tuͤrkenbund. Der wackelte und ich fuhr auf— Gott ſey gelobt! 85 Eginhard lachte uͤber den ſeltſamen 3* 36 Kuͤchenzettel und Clementine, der Ängſt entnommen, mit ihm um die Wette. Dann aber ging derſelbe in den Geiſt der Strafpredigt ein und empfahl ihr dieſen, hinſichtlich der Schnuͤr⸗ und Tanzluſt, zur Beherzigung. 3 Ei, das fehlte noch! entgegnete Tina; ſie zog ihr Kiſſen uͤber das Haupt und mach⸗ te jenes damit zum weiſſen, iſolirenden Tuͤr⸗ kenbunde, weshalb er denn nur tauben Oh⸗ ren predigte. Als Clementine endlich am Morgen er⸗ wachte, ſchlief Eginhard, ſanft und feſt, ihr aber ſchien das klare Sonntaglicht in die hellblauen Augen; ſie warf den Mantel um und eilte nach dem anſtoßenden Wohnzim⸗ mer. Bald darguf trat auch ihr Schweſter⸗ — ,— 37 chen dort ein, bereits ſchoͤn angethan, mit dem Geſangbuch in der Hand. Gleich bin ich fertig! troͤſtete Tina das Nachthaͤubchen abwerfend: ſie haben ja noch nicht gelaͤutet. Da laͤchelte Luiſe, zwiſchen Mitleid und Ironie und ſagte— Eile mit Weile, Frau Schweſter! Du haſt nun bis zum naͤchſten Sonntag ⸗Morgen Zeit. Fuͤr dieß Mal iſt die Predigt aus; ich komme von dorther. Die Roſenſtirn der jungen Frau um⸗ woͤlkte ſich ploͤtzlich; ſie eiferte und ſchmaͤlte, daß jene ſie im Stiche gelaſſen; Luiſe aber warf die Schuld auf Chriſtinen„ welche den Herrn zu ſtoͤren gefuͤrchtet, der erſt nach Mitternacht und mit einem merklichen Naͤuſchchen heimgekehrt ſey. Ein Ehemann aber, der nicht ausgeſchlafen, ſtehe, nach Chriſtinens Erfahrung, verkehrt auf und 38 verderbe dann, fuͤr den ganzen Tag, das Wetter.. Die alte Luͤgnerin! rief Clementine: mein Mann war nuͤchtern wie ein Wochen⸗ kind, er ſprach zudem wie ein Apoſtel, und was er ſagte, reicht mehr als hin, mir die verſchlafene Predigt zu erſetzen. Das will ich wuͤnſchen! entgegnete Luiſe: die war ein Meiſterwerk; war Him⸗ melſpeiſe fuͤr den Geiſt und das Herz. Selbſt Maͤnner trockneten die Augen; mein Tuch iſt windelnaß; der Bruſtſtreif dazu. Schon wieder verliebt! rief Eginhard draußen, denn er war erwacht und lauſchte dem Zwiegeſpraͤche. Die Schwaͤgerin horch⸗ te auf, ſie ſprach, geaͤrgert— Ich lieb' ihn! Ja! wie Magdalena den Herrn. Nur nicht gefrevelt! Jetzt haltet Ruhe! fiel Tina ein und fragte nach dem Text der Rede. —— ——— 39 L. Der Text waren wir! Er ſtellte, denke nur! das reine, hoͤhere Weib, der Maͤnnerwelt zum Vorbild auf. Nament⸗ lich im Bezug auf unſer edles Zartge⸗ fuͤhl, auf unſere Milde, Froͤmmigkeit, Maͤ⸗ ßigung— auf den ruͤhrenden Gleichmuth, mit dem wir uns in den Feſſeln nothwen⸗ diger Abhaͤngigkeit bewegen. Nur um Got⸗ tes Willen opfere und leiſte mein Geſchlecht, der Mann dagegen, oft genug, der Goͤtzen wegen. Der Mann aͤrnte, wo er ſaͤete, ge⸗ woͤhnlich? Ruhm und Bedeutung, Geld und Ehre— die ehrenwerthen Frauen blieben dagegen, in der Regel, an ihr Bewußtſeyn verwieſen, unbemerkt und unerhoben— O4 ich haͤtte ihn kuͤſeen moͤgen, ob er uns gleich, nebenbei, auch ein bischen den Text las⸗ Die er traf, moͤgen ſich beſſern. Clementine kuͤßte den Guten und Ge⸗ rechten im Gedanken, gleich jener, und er⸗ 40 zaͤhlte dann der Schweſter, zu deren Ergoͤ⸗ tzen, wie heillos ſich dagegen jener Traum⸗ prediger geaͤußert habe. Ploͤtzlich ward ihr Maͤnnchen draußen von neuem laut. Sie horchte auf, ſie fragte ſorgſam— Was fehlt Dir, Lieber? und er verſetzte— Das hohe Vorbild, Liebe! und ein Sonn⸗ taghemd; denn ich erſcheine in dem vorge⸗ fundenen wie ein Durchſichtiger— wie Sperlings Popanz— wie Prinz Ha⸗ derlapp ¹ Tina ſchluͤpfte betroffen in den Alkofen und mußte bey dem Anblicke laut auflachen, doch aͤrgerte und ſchaͤmte ſich dieſelbe, neben⸗ bei, dieſer ſchreienden Folge ihrer Zerſtreuung, denn ſie ſchlug ja damit, gleichſam, den vor⸗ hin geſchilderten, preiswuͤrdigen Frauenlob auf's Maͤulchen. — —— 4¹ Eginharb pflegte, nach ſeiner frommen Aeltern Sitte, den Feiertag zu heiligen. Fruͤh ward das Gotteshaus— des Nach⸗ mittags, wenn es die Witterung erlaubte, Thal und Huͤgel, oder die Ruheſtatt ge⸗ dachter Aeltern, auf dem Friedhofe beſucht; werthe, blumenreiche Staͤtten, welche, mit⸗ ten unter verwilderten, als Denkmaͤhler kindlicher Erinnerung und Dankbarkeit prangten. 4 Tina's erſtgeborenes Maͤdchen ſchlief be⸗ reits neben der Großmutter; Luiſe hatte das Grab ihres Pathchens mit Vergißmeinnicht beſaͤet und zierte nun mit den gepfluͤckten, bei jeglichem Beſuche, den Buſen. Auch heute ſprachen ſie dieſem Gottes⸗ garten zu; auch heute ſaß der blaſſe, ſeltſa⸗ me, ſchwarzgekleidete Mann, den die Fa⸗ milie faſt immer dort vorfand, gebeugt und tegunglos, ein Bild des Heimwehes, auf ei⸗ 4² nem Grabe. Der kleine, unſcheinbare Hund, den er, kommend und gehend, im Arme trug, lag jetzt zu ſeines Herrn Fuͤßen. Läͤngſt ſchon hatte der Stille die Auf⸗ merkſamkeit und den Antheil beider Schwe⸗ ſtern beſchaͤftigt. Ich rede ihn an! ſagte Tina, und Eginhard, den ein bittender Schmeichelblick um die Zuſtimmung mahnte, ſprach laͤchelnd— Immerhin! es moͤchte Dir ſonſt von ihm traͤumen. Der Mann iſt augenſcheinlich ſeelenkrank und hat Lui⸗ ſens Heiliger am Morgen nicht zu viel ge⸗ ſagt, ſo wird ihm ein Himmelsbote und Troſtengel in Dir erſcheinen.— Darauf naheten ſie ſich, wie im unabſichtlichen Wandel, dem ruͤhrenden Emblem des Gei⸗ ſtes, der hier waltete. Eginhard war ge⸗ ſpannt, zu ſehen, wie ſeine Frau den Schein der Zudringlichkeit umgehen und welchen Eindruck der Talisman ihrer Anmuth her⸗ — ——— 43 vorbringen werde; das Hundchen erleichterte ihr den Verſuch; es lauſchte, richtete ſich auf und bellte. Still, Braͤunchen! ſprach ſein Herr, es ſchnell beguͤtigend und zu den ſtutzenden Frauen gewendet— Fuͤrchten Sie nichts, der Hund iſt zahnlos, iſt ſteinalt und dem Erblinden nah— nur ein Gegenſtand fuͤr das Mitleid. Freundſelig erwiederte Clementine— Du Armer, Du! und mußt einſt ſchoͤnges weſen ſeyn. Auch treu und drollig„ geſchickt und gut⸗ artig— fuhr Jener mit halber Stimme fort: dazu der Liebling meiner Kinder. Er wuchs mit ihnen auf und blieb mir„ als ich ſie verlor— der letzte, langſam abſterbende Reſt des engen Kreiſes, der mich liebend umgab; ein Denkzeichen fuͤr die Erinnerung. Mein Victor, meine Guſtel ſchlafen hier; 44 die Mutter daneben— mich aber flieht der Schlaf— ich wache noch! Clementinen ſchauerte, als er die beiden Namen nannte— ſie gedachte des eigenen Paͤrchens und ſein Verhaͤngniß fiel in ihr Herz. Die Kinder, ſetzte er, ſich aufraffend, hinzu: die guten, unſchuldigen Kinder, ver⸗ lor ich in dem Flammenſtrome, der mein Haus waͤhrend der ſchrecklichen Nachtſchlacht verzehrte, und meine Frau verging vor Gram. Nun ſteh ich einſam zwiſchen ih⸗ rem Staub und Braͤunchen traurig neben mir. Luiſe wendete ſich ab; aus Tina's Au⸗ gen quollen Thraͤnen. Ihm that der An⸗ blick wohl, ein milder Schimmer goß ſich uͤber ſein entfaͤrbtes Geſicht, doch ploͤtzlich— als verſchmaͤhe das verſtoͤrte Gemuͤth jedes —— 45 Labſal, nahm er den Hund an ſeine Bruſt und ſchlich den Gang hinab, davon. O, Lieber! fliſterte die erſchuͤtterte Mut⸗ ter; ſie warf ſich, ſchluchzend, an des Gat⸗ ten Bruſt. Fiel unſer Victor, unſere Gu⸗ ſtel Dir nicht bei? Mir war, als ob ſie Gott, durch ſeinen Mund, wie dieſe beiden Opferlaͤmmer, uns vorbedeutend abverlange. So iſt das Herz! ſprach Eginhard. Im Gluͤcke nur auf Gluͤck gefaßt und immer ge⸗ ſchaͤftig, die helle Gegenwart, durch Grillen, durch die Furcht vor dem Geſpenſte der Moͤglichkeit, zu verduͤſtern. Was unſer himmliſcher Vater will, das koͤmmt und komme uͤber uns! Vereint in Liebe und im feſten Gottvertrauen werden wir das Un⸗ heil tragen— gewaͤltigen. Glaube mir, Tina! es liegt in der heiligen Segnung, die edle, wahlverwandte Paare am Trau⸗Al⸗ kare weiht, eine fortwirkende Himmelskraft, 46 die ihre Freuden wuͤrzt und das Weh ihrer Pruͤfungnacht mildert. Und ob Er's giebt und ob Er's nimmt— Er thut das Beßte! wir benedeyen! 3 Als Clementine, von des Gatten erheben⸗ dem Zuſpruche beruhigt, mit dieſem und der Schweſter heimkam, huͤpfte Victor, den Saͤ⸗ bel ſchwingend, mit lautem Hurrah an der Mutter Hals, umſchlang die ſanfte, zaͤrtli⸗ che Auguſte, mit ſuͤßem Schmeichellaute, des Vaters Knie.— Luiſens Ideal, der geiſt⸗ liche Herr, welchen eben jetzt ein Haus⸗ freund einfuͤhrte, erroͤthete, freudig bewegt, in dem Wiederſcheine dieſes haͤuslichen Sil⸗ berblickes; die Augen des Willkommenen hafteten zuletzt an der beſcheidenen Blume, die der Himmelsthau ſeiner Rede am Mor⸗ 4 K gen erquickt hatte. Das Maͤdchen ergluͤhte in juͤngfraͤulicher Bangigkeit; die Kinder verſchwanden, auf Eginhards Wink; man nahm den Prediger mit offener Herzlichkeit auf und der reine, freundliche Geiſt dieſer Ehe befluͤgelte in ſeiner Bruſt den lang ge⸗ naͤhrten Wunſch, die Sehnſucht nach dem⸗ ſelben Heile, und Wunſch und Sehnſucht ſpiegelten ſich, ſtill, in dem wallenden Bu⸗ ſen der Jungfrau, den eben wieder die Ver⸗ gißmeinnicht vom Grabe ihres Pathchens ſchmuͤckten. Zwar ſchalt Luiſe, nach ſeinem Abgan⸗ ge, den neckenden Schwager, als ihr derſelbe, wie am Morgen,„Sie i*ſt verliebt!“ nach⸗ rief; ja ſie verlaͤugnete, mit Heftigkeit, die innere Regung, doch Tina ſelbſt ſtimm⸗ te jetzt ihrem Eginhard bei und als die Glo⸗ Cen am folgenden Sonntage zur Fruͤhpre⸗ 48 digt riefen, ſaß die Andoͤchtige bereits im Kirchenſtuhl und trotz der Fruͤhe und dem Nebelregen, mit Auswahl gekleidet. Lange genug hatte ſchlimmes Wetter die herkoͤmmliche Wallfahrt nach dem ſtillen Vorhofe des Lebens verhindert. Sie ward endlich am wolkenloſen Feſttage der Heimſu⸗ chung, in Geſellſchaft des Predigers unter⸗ nommen, der jetzt bereits zu den Freunden des Hauſes gehoͤrte. Vergebens ſah ſich draußen die Familie nach dem ungluͤcklichen Einſamen um. Endlich kam er. Sechs ſchwarzbeflohrte Maͤnner trugen ihn; und Tina und Luiſe gewahrten, uͤberraſcht, ein offenes Grab neben der Ruheſtatt ſeiner Kinder und jetzt auch das wohlbekannte Ge⸗ ſicht des Todten, in dem geoͤffneten Sarge. Er laͤchelte und Thraͤnen ihres Mitgefuͤhls— 4 49 der Graͤber ſchoͤnſte Weihe, benetzten dieß heilſame. Als er verſenkt war, erblickte Luiſe, mit inniger Herzens⸗Bewegung, ſeinen klei⸗ nen, verlaſſenen Freund, der von dem Ran⸗ de des Aufwurfes, unter leiſem Gewimmer, nach der Tiefe hinabſtrebte. Sie hob das arme Braͤunchen auf, ſie druͤckte es lieb⸗ reich an die Bruſt und ſagte, mit bittenden Wehmuthtoͤnen, zu dem Schwager— Gu⸗ ter Eginhard, darf ich?— Dieſer aͤchelte, mild und gewaͤhrend und Tina ſprach, gleich ihr, im Innerſten bewegt— Ja, bring⸗ ihn den Kindern mit! Er findet ſeinen Victor wieder und ſeine Guſtel— Pflege und Liebesſinn! Der Prediger ſchien von dem regen An⸗ theil uͤberraſcht, den die Familie an dieſem fremden, abgelebten Thierchen nahm; Luiſe machte ihn ſofort, noch immer weinend, Schilling ate S, I9r Bd, 4 50 mit der Veranlaſſung bekannt. Und der Geruͤhrte neigte ſich zu der milden Hand, die es hielt, er kuͤßte dieſe und vernahm den Schlag ihres Herzens, das vom Geiſte des Erbarmens gehoben ward. Es ſchlug nach kurzer Zeit, entzuͤckt und braͤutlich, an dem ſeinen. * * Das helle Fenſter. * Ewald eilte, voll Sehnſucht, zu dem ge⸗ liebten Maͤdchen hin. Die Mutter war, ſeines Wiſſens, im Theater und Julie al⸗ lein, doch als er eben, lauſchend und baͤng⸗ lich, die Glocke gezogen hatte, oͤffnete ihm jene die Thuͤr und empfing den Beſtuͤrzten mit uͤberraſchender Guͤte. Ein erfreuliches Anzeichen! So hat ſich wohl, dachte Ewald, waͤhrend dem ſein Mund den Zuſpruch ent⸗ ſchuldigte: mein Julchen der Mama ent⸗ deckt? hat die Geſtrenge fur unſere Liebe ge⸗ wonnen; ihr die Gewaͤhrung abgeſchmei⸗ chelt? Ich werde nun, fuͤr's erſte, wegen der Verheimlichung, ein wenig geſcholten, 54 dann uͤber Ausſichten und zeitliche Mittel vernommen, am Schluſſe, ſo Gott witll unter Segenthraͤnen entlaſſen, oder wohl gar zu der Braut in das Hinterſtuͤbchen ge⸗ ſandt werden. So rechnen Glaube, Liebe, Hoffnung, und ſie verrechnen ſich leicht! Die Naͤthin fuͤhrte den jungen Mann zu dem Stuhle des abweſenden Julchens, ſie nahm ihm gegenuͤber, am Naͤhtiſche, Platz, griff zu der Arbeit und ſagte, nach dem Verkehr uͤber Befinden und Witter⸗ ung— Ein Wort im Vertrauen, Herr Ewald! Ich weiß, ſeit geſtern, um Ihr Verhaͤltniß zu meiner Tochter und erſpare Ihnen den Vorwurf, es hinter meinem Ruͤcken ange⸗ knuͤpft zu haben; doch fragt die Mutter nun, was Sie der kuͤnftigen Gattin zu bie⸗ ten vermoͤgen? Ewald blickte, zwiſchen Luſt und Ban⸗ —j— 55 gen, zur Erde, denn die Frau Raͤthin Wien keinesweges geeignet, ungewiſſe Aus⸗ ſichten einem einbringlichen Amte oder liegen⸗ den Gruͤnden gleich zu ſchaͤtzen und in ſeinen Augen hatte das Vertrauen auf Gott und Menſchen, der leichte Sinn und heißer Lie⸗ bestrieb den Stein des Anſtoßes zum Sand⸗ korn verkleinert. Er ſagte kleinlaut— Wir werden genießen und entbehren! Entbehren und darben! ſiel die Mutter ſchnell verduͤſtert ein: und ſolche Entſagung⸗ Feſte moͤgen den Opferluſtigen in der Ein⸗ bildung ſchmeicheln, aber die Luſt vergeht unter der Opferung, dem ſchoͤnen Traume folgt ein trauriges Erwachen, dem Mißgriffe unausbleiblich Reue und Weh. E. Vor dieſen ſichert mich des Maͤd⸗ chens Werth und Julien mein Herz und die kuͤnftige Anſtellung. S. Leicht uͤberſchaͤtzt ein Liebender den 36 Werth der Erwaͤhlten; der enttaͤuſchte Gatte ſieht dagegen ihre Gebrechen mit den Augen eines liebloſen Stiefvaters, und ich, mein Herr! ermeſſe, voll Angſt und Schmerz, die Uebereilung, zu der Sie ſich vergeſſen haben. Ich liebe! ſprach er, die Hand auf das Herz druͤckend: und wahrlich! ich bin gut! Es gilt die Probe! fiel ſie ein: gern ſtuͤtzt ſich meine Hoffnung auf dieſen Glau⸗ ben. Seit kurzem wirbt Herr Raimund, ein braver Mann, um Julien. Steht Ih⸗ nen auch derſelbe, an Form und Geiſt und friſcher Jugendbluͤthe, nach, ſo iſt er doch nicht minder achtbar und mit Gluͤcksguͤtern reichlich geſegnet.— Sie erblaſſen, fuhr die Raͤthin ſeufzend fort: aber ich zweifle. nicht, daß der Hinblick auf das Heil einer treuen und verarmten Mutter, daß die Gruͤndung des wahren, ſicheren Gluͤckes — 57 meiner Tochter„ ein Herz ſtaͤrken werde, das, nach meiner Vorausſetzung, die Tu⸗ gend mehr als ſich ſelbſt liebt.— Und die Tugend, ſetzte ſie bewegt hinzu: und dieſe nur,„kann in dem widrigſten Geſchicke, uns uͤber das Geſchick erhoͤh'n!“ Ewald fragte jetzt, kaum hoͤrbar— Giebt Julie mich auf? Nein! ſprach ſie, zwiſchen Heftigkeit und Mitleid: aber der ſtarke Mann ſoll ihr vorleuchten!— Es iſt an ihm, ein Band zu loͤſen, das ich zu ſegnen nicht vermag und zu trennen verpflichtet bin— ver⸗ pflichtet und entſchoſſen! wiederholte ſie mit einem Blick und einem Nachdruck„ welche das letzte ſchwimmende Staubfaͤdchen ſeiner Hoffnung verfluͤchtigten. Jetz klopfte man, Herr Raimund trat in's Zimmer; Ewald raffte ſich mühſelig auf, et neigte ſich ſchwei⸗ gend und verſchwand. — 53 Ja, ich bin ſtrafbar! rief er, am Mor⸗ gen der ſchlafloſen Nacht, am Ziele des Kampfes, der Pruͤfung und zahlloſer, mit dem Fruͤhnebel zerrinnender Entwuͤrfe— Ja, ich bin ſtrafbar und Pflicht und Tugend gebieten unbedingt, dem Kleinode meines Herzens zu entſagen. Der Arm, der ſie umſchlingen und feſt halten wuͤrde, iſt nur ein Dornenzweig und Raimund wacker, ſtattlich und mit Gold bedeckt, waͤhrend dem mich, rings, nur Spreu umfliegt und ein feindſeliger Geiſt unablaͤſſig uͤber mir wal⸗ tet. Die traurige Behauptung war nicht grundlos. Verſehn mit allem, was uns Huͤtten baut, erfuhr der Arme doch, von Jugend auf und uͤberall, die Ungunſt des Schickſals, ſah fort und fort die Hoffnung ſcheitern, ſich, hart am Ziele, bald von dem Schuͤtzlinge, bald von dem Vetter eines Machthabers verdraͤngt und ſein einziger, —,. 59 gewichtiger Vetter und Goͤnner war— durch ein Meer von ihm getrennt— Kauf⸗ mann zu Boſton. Der hatte ihm vor kur⸗ zem, in Antwort auf die Darſtellung des fortdauernden Mißgeſchickes, einen Platz in ſeinem Comtoir angetragen, er hatte manche freundliche Verheißung in den Hintergrund geſtellt und Ewald ſah jetzt in dem fruͤher verſchmaͤheten Erbieten eine himmliſche Fuͤ⸗ gung. Entſchloſſen, der Geliebten zu ent⸗ ſagen, das Wohl und den Frieden ihrer Zu⸗ kunft, auf Koſten ſeines einzigen, ſchoͤnſten Beſitzthums, zu gruͤnden, trat er am fol⸗ genden Abende, reiſefertig und von dem Dienſtmaͤdchen heimlich eingelaſſen, vor das troſtloſe Maͤdchen.— Sie raffte ſich, erblei⸗ chend, vom Sopha auf und ſank, mit ei⸗ nem Wehlaut, an Ewalds Bruſt. Der Ungluͤckliche hielt ſie umſchlungen, er em⸗ 8 60 pfand und ermaß jetzt die Groͤße des Opfers und ſagte bebed— Mein Zweck iſt fromm! Du biſt nun frei! Der Liebling wird zum Bruder— Vergieb mir und vergiß— mein nicht!— Da uͤbermannte ihn das bittere Leid. Julie ſank in das Sopha zuruͤck; er kuͤßte den erblaßten Mund, er ſchrie laut auf und eilte fort. Nicht ohne Wehmuth trennt ſich der Menſch, ſelbſt von der Klauſe, dem Bau⸗ me, der Laube, die Zeugen ſeiner verklunge⸗ nen Wonne, Obdaͤcher wohlthuender Fried⸗ ſeligkeit waren— wie haͤtte Ewald, unzerruͤt⸗ tet, dieſem einzigen, lieblichen Sterne ſeines Lebens entſagen und entfliehn gekonnt? Juliens zartfuͤhlende Mutter gewann jetzt ſelbſt, im Stillen, den Verſchwundenen 61 lieb, deſſen ruͤhrender Sieg uͤber die gewal⸗ tigſte der Kraͤfte, ſie dem Kummer entnahm und ihre Zukunft ſicherte. Sie fand es rathſam, mit Julien ein Bad zu beſuchen, um die welkende Bluͤthe der Verſtoͤrten und ihr tief verletztes Gemuͤth zu erfriſchen; ſie cechnete beiher auf die magiſche Gewalt und den bunten, zerſtreuenden Wechſel der neu⸗ en Erſcheinungen und ſtellte ſich zu derſelben in das Verhaͤltniß einer traulichen Freundin. Nach dem Verlaufe der erſten Woche erſchien auch Herr Raimund in dem Bade⸗ ort. Der heiße Wunſch, dem zaͤrtlich ge⸗ liebten Maͤdchen zuzuſagen, hatte ſelbſt auf ſeine Haltung und ſeinen Anzug eingewirkt; am Finger loderte ein großer Solitair und der neue, mit praͤchtigen Pferden verſehene Wagen fuͤhrte Mutter und Kind, in der beßten Geſellſchaft, zu angenehmen Landpar⸗ thieen. Die neuen Bekannten, Frauen und 62 Fraͤulein, forſchten bei Julien nach Aus⸗ kunft uͤber dieſen ſteten, ſich ihnen taͤglich mehr empfehlenden Begleiter; ſie prieſen, neckend und deutend, des Mannes Lob und das Gluͤck ſeiner Zukuͤnftigen. Julie aber, an welcher der Reihentanz dieſer anregenden Gebilde und Genüſſe ſpurlos voruüber flog, wies die gedachte Anſpielung kalt und ge⸗ meſſen von der Hand— kalt und gemeſſen blieb auch, bis zum letzten Tage ſeines Dort⸗ ſeyns, ihr Benehmen gegen den zaͤrtlichen, Muͤh' und Sorgfalt verſchwendenden Rai⸗ mund und die Mutter erſchoͤpfte ſich, bald ſchmeichelnd und bald eifernd, vergebens, ihm den Weg zu dem Antheile der Tochter zu bahnen und die Gebeugte zu erheitern. Gleich Heloiſen, rief des Maͤdchens Herz, im Kampfe zwiſchen Sehnſucht und Veriih tung, dem Verlornen nach— — 63 „Komm, o komm! und hilf den Kampf mit wagen, Hilf beſiegen die Natur in mir! Hilf mir, meiner Liebe, hilf entſagen Meinem Leben, meinem Selbſt— und Dir le Aber ſchon lagen mehr als tauſend Mei⸗ len zwiſchen Ihr und Ihm und der Beſchwo⸗ rene kehrte erſt nach dem Verlauf von vier Jahren zuruͤck. Es dunkelte bereits, als er im Gaſthofe der Vaterſtadt abtrat und von der Wehmuth geweckter Erinnerung bedraͤngt, am Fenſter Luft ſchoͤpfte. Die Augen haf⸗ teten auf einem hell erleuchteten des gegen⸗ uͤber ſtehenden Gebaͤudes. Er nahm in ihm ein bleiches, jugendliches Frauenzimmer wahr, das, ſcheinbar in Gedanken verſunken, vor ſich nieder ſah, zuweilen die Augen trocknete — zu leiden ſchien. Jetzt wendete ſie ploͤtz⸗ lich das Geſicht nach der Straße und die Zuͤ⸗ ge ſeiner Julie ſprachen ihn an. Er hoͤrte ſein Herz ſchlagen. Die Unvergeſſene beugte . 64 ſich, in der naͤchſtfolgenden Minute, nach dem Fußboden hinab; ſie hob ein engelſchoͤnes Kind empor, das ſeine Aermchen raſch um ihren Nacken ſchlang und mit Kuͤſſen bedeckt ward.— Aus Ewalds Augen ſtuͤrzten Thraͤ⸗ nen. Alſo Gattin! ſprach er— alſo Mut⸗ ter! aber weinend— aber verblichen— al⸗ ſo Dulderin! Jetzt ward es hell im Hintergrunde. Ein wohlgekannter Mann trat in Julchens Ge⸗ mach, er ſchritt auf ſie zu, er weilte laͤchelnd vor der Gruppe und umſchlang nun die Mutter ſammt dem Kinde.— Frau Rai⸗ mund ſchmiegte ſich traulich an den Gatten. Am Fenſter des Gaſthofes ſank indeß der lauſchende Zuſchauer— nicht von der Gewalt des Grams betaͤubt, vielmehr von aͤhnlicher Engelluſt gezogen, in eines edeln, holden Weibes Arm, das ihm uͤber das Weltmeer gefolgt, von Ewalds fruͤherem Verhaͤltniſſe 65 zu Julien unterrichtet war und jetzt die ſuͤße Wehmuth dieſes gewichtigen Augenblickes mit dem geliebten Gatten theilte. Er kehrte eben, als der Erbe und Schwie⸗ gerſohn ſeines juͤngſt verſtorbenen Vetters, mit dieſer lieblichen Jenny aus Boſton zu⸗ ruͤck, ein reicher, geborgener Mann und fand ſeine Julie, gleich ihm, geneſen nnd geborgen, unter dem Fruchtbaume des Lebens⸗ Ihre Blaͤſſe hatte der muͤtterliche Segenſtand, ihre Thraͤnen die Leſung einer ruͤhrenden Ge⸗ ſchichte veranlaßt und ein Strom heller Per⸗ len bedeckte den Geſegneten, als er, am fol⸗ genden Morgen, mit ſeiner jungen Gattin vor Sie trat. Ihre Liebe verknuͤpfte fortan, zur Freundſchaft ausgeklaͤrt, was der Geiſt der Fügung, rauh, aber heilbringend, geſchie⸗ den hatte und die Tugend, die den Entſa⸗ genden, in jener Leidenzeit hoch uͤber ſein Geſchick erhob, ſtand jetzt, in Jenny's rei⸗ Schilling zte S. 19r Bd. 3 66 ner Form, als ſein Vergeltung⸗Engel, ihm zur Seite. Mittelgut! rief Edwin, der Verfaßer die⸗ ſer Erzaͤhlung, nach der pruͤfenden Durchſicht und ſchrieb ſofort ſeinem Freunde, dem Her⸗ ausgeber eines Tagblattes—„Sie wollen, dies Mal, laut der Randnote, ſelbſt einen Luͤckenbiſſer dankbarlich empfangen? Da iſt er!— Ich habe, in dem halben Bogen, zwei Ungluͤckliche mit dem Leben verſoͤhnt und mir ſollte darum billig gleiches Heil wider⸗ fahren, aber die Uraniden ſind hartmuͤthig und uͤberdies, ſelbſt bei dem beßten Willen, dem Schickſal unterthan, das mich entzauberte.”“ Edwin hatte, vor zwei Jahren, an dem⸗ ſelben Abende, ſeine liebenswerthe Gattin verloren und betrauerte die unvergeßliche Au⸗ guſte noch heute, ſo tief und herzinnig, als 6 in der Todesnacht. Sie war der Dauer ſei⸗ nes Grames wuͤrdig, denn was ein edles Weib dem edeln Manne ſeyn und gelten kann, das war und galt ſie ihm und dieſen Heilquell derſchuͤttete, kaum gefunden, der Lebens⸗ heind. Ruͤckſichten zwangen den Leidtragenden, bei dem heutigen Feſte zu erſcheinen, das ſein reicher und armſeliger Vetter, der Commer⸗ zien⸗Rath Duͤtchen, an jedem Silveſter⸗ Abende zu geben pflegte. Derſelbe ließ dann, zwei Duend verſchaͤmte Haus⸗Arme im un⸗ keren Saale ſeines Pracht⸗Gebaͤudes bewir⸗ then; daneben war auch, an beiden Thot⸗ wegen, Brot und Halbbier füͤr Unverſchaͤmte zu haben. Der Gleisner ſah es gern, wenn ſine Caritas Hader und Auflauf verurſach⸗ n; ſo ward das gute Werk bekannt und füͤt 5* 68 die Ehren⸗Erwaͤhnung im Blaͤttchen, ſorgte Hudler, der Lobſänger.— In den obern Prachtzimmern wimmel⸗ te es, gleichzeitig, von des reichen Mannes Wein⸗ und Paſteten⸗Freunden, von grau⸗ gelben und roſenfarbenen Frauen und Fraͤu⸗ lein; auch liefen einige Wuͤrden⸗ und Stern⸗ traͤger, als boͤſe, aber verehrliche Schuldner, mit unter; ſie ſchwammen vielmehr dben auf, zwiſchen den Roſigen. Edwin erſchien wie ein Leichenbitter, duͤ⸗ ſter, kleinlaut, ſchwarz angethan, in dem bun⸗ ten Gewuͤhle. Vor allen beachtete der Maͤd⸗ chenkreis den ruͤhrenden Gebeugten und un⸗ ter ſehnſuchtvollen Buſen ſprach irriges Selbſt⸗ vertrauen oder zaͤrtliches Mitgefuͤhl und from⸗ me Vergeltungluſt—„ Komm! ich erſetze die Vermißte!“ Edwin lehnte, die Mittheilung fliehend, in ſtiller Verſunkenheit, am entfernteſten En⸗ —— 659 de bes Saales. Er gedachte des letzten Abends, wo Auguſte hier, im Strauße der Holdſeligen glaͤnzte und deſſen ſchoͤnſte Blu⸗ me war. Sie trug, bei jenem Feſte, Ver⸗ gißmeinnicht am Buſen und weiße Roſen in den Locken. Zur weißen Roſe ward ſie dann und der Getreue vergaß ſie nicht: Jetzt fachten lockende Fluͤgeltoͤne die jun⸗ ge Weit zum Walzer an; der Freudenklang verwundete ſein Innerſtes, er ſtahl ſich fort, auf den Gottesacker der Vorſtadt, an das Grab der Geliebten. Ihr weißer Denkſtein glich einer Lichtgeſtalt, er flimmerte im Wie⸗ derſchein eines praͤchtigen Chriſtbaumes, der in der Unterſtube der nahen, an den Fried⸗ hof grenzenden Prediger⸗ Wohnung glaͤnzte; hoch oben aber loderte der Chriſtbaum voll Sonnen, welchen der liebende Vater uͤber den Schlafſtaͤtten ſeiner Ruhenden aufſtellte. Zur Freude ſollen ſie erwachen: 3 70 Der Pfarrherr und ſein Weibchen waren üͤber Land gereiſ't; Auguſte, die Schweſter der Paſtorin, huͤtete indeß das kleine Voͤlk⸗ chen, welches unter der milden Regierung freieren Lauf und den weihnachtlichen Chriſtbaum mit friſchen Lichtern verſehen hatte. Edwin weilte an dem erleuchteten Fen⸗ ſter; die edelſchoͤne Geſtalt der ſittigen, ihm bekannten Jungfrau hielt den Ueberraſchten feſt. Wie lieblich gehabte ſie ſich in freier, reizender Natuͤrlichkeit, bald muͤtterlich wal⸗ tend, bald wieder den Kindern gleich gewor⸗ den, die den ſtrahlenden Chriſtbaum um⸗ ſprangen und dann, liebend und ſchmeichelnd, gedraͤngt von neuen Plaͤnen und Anliegen, an ihr empor ſtrebten. Rudolf, der ſechsjaͤhrige Seammhalte, trug jetzt ein Bruchſtuck des gelobten Landes herbei, mit welchem des Predigers ſchwer⸗ * 71 muͤthiger Beichtſohn, ein kunſtfertiger Holz⸗ ſchneider, die kleine Chriſtine am Weihnacht⸗ Abend begabt hatte. Es war der Stall zu Bethlehem, unter Oelbaͤumen, an einem Bache von Silberzindel; die frommen Hir⸗ ten ſahen, in dichtem Gedraͤnge, durch das Fenſter— im Hintergrunde ritten die drei hell funkelnden Koͤnige, mit ſtarkem Comitat und vielen Kameelen, bergab, der Huͤtte zu. Auguſte hob, auf der Kinder Verlan⸗ gen, das Dach von der Huͤtte und drinnen erſchien nun das freundſelige Chriſtuskind am Bufen der Jungfrau. Die Kleinen betrachteten, Kopf an Kopf, in ſtiller Andacht, die Gruppe. Chriſtine lis⸗ pelte geruͤhrt— Du Engelchen! Du Engel⸗ koͤnig! ſprach Auguſte. Die armen Hirten moͤchten gern auch hinein! hob Rudolf an: Tante Guſtel, laß ſie doch ſingen. 7² O, bitte bitte! riefen ſeine Schweſtern; ſie baten beweglich. Die Tante ließ ſich er⸗ weichen und ſang, laut dem Texte des alten Gefangbuches, mit Anmuth und Einfalt— Ehre ſei Gott im hoͤchſten Saal! Friede auf Erden uͤberall Und den Menſchen allen Ein Wohlgefallen! Herz⸗Tantel, noch eins! flehte Mathilde⸗ Herztantchen fuhr mit weichem Wohlaaute Fort— O, Knabe ſuͤß, o Knabe miild, Du biſt der Lieb ein Ebenbild! Zuͤnd' in uns an der Liebe Flammen, Das wir uns lieben all' zuſammen! Nun auch was von den Koͤnigen! bettelte Chriſtinchen, ihr Liebling: die hatten den armen, kleinen Heiland ja ſo lieb. Guſtel zeigte ſich abermals willfaͤhrig und ſagg— Zu dem die Koͤnige kamen geritten, Gold, Weihrauch und Myrrhen brachten ſie mitten, Sie ſtelen nieder auf ihre Knie, Gelobet ſeyſt Du, Herr, allhie! Nun aber iſt das Aufſagen an Euch! fuhr Auguſte fort. Was hat uns denn der Herr gelehrt?. Wir ſollen den Armen wohlthun! ſagte Rudolf, mit Eifer. Auch dem Feinde, rief Chriſtine: wenn er mich ſchilt, ſoll ich ihn ſegnen. Und reines Herzens ſeyn! lispelte Ma⸗ thilde: vollkommen, wie unſer Vater im Himmel iſt. So wie die Tante Guſtel iſt! fiel Ru⸗ dolf feurig ein: er umſchlang die Geliebte. Sie wehrte ihm, ergluͤhend uͤber des Knaben Worte und Thun und ſprach zu der kleinen, lauſchenden Chriſtine— Wie ſollen wir beten? Da faltete das holde Kind die Haͤndchen uͤber der Bruſt und ſtammelte, geruͤhrt und ruͤhrend, das Gebet des Herrn.— Auguſte 74 ſchloß ſie, nach dem Amen, an ihr Herz. Ja, ſolcher iſt das Reich Gottes! ſagte ſie; Ma⸗ thilde rief, verblaſſend und zuſammen⸗ ſchauernd— O Jeſus! Ein Todter! Die Tante ſah erſchrocken auf und glaub⸗ te, gleich Mathilden, der bleiche Geiſt des Friedhof's erſcheine ihr. Aber ſie erkannte bei dem folgenden Aufblicke, jenen taͤglichen, oft und mit Antheil belauſchten Waufahrer zum Grabe ihrer Namenſchweſter und vergab ihm, ſich ermannend, den erregten Schreck. Edwin hatte draußen gleichſam zwiſchen den Genien des Lebens und des Todes ge⸗ ſtanden. Der eine zog ihn nach der ſtillen Geuft, der andere unter laute Gruppen und herz⸗erquickende Bilder des haͤuslichen Se⸗ gens. Dieſe holdſelige Jungfrau, in dem Lichtſchein ihrer kindlichen Huld, der Engel des Hauſes, warf ihren Schatten uͤber das Grab hinter ihm; ihr Weben und Weſen be⸗ 73 ſchaͤftigte ihn noch, als alle Glocken des Do⸗ mes das neue Jahr willkommen hießen. Als endlich Silveſter wieder kehrte und der ewige Chriſtbaum voll Sonnen, wie da⸗ mals, die Betten bes Kirchhofes beglaͤnzte, ſtand ein herrliches Brautpaar, zwiſchen Weh⸗ muth und Seligkeit, am Grabe der gefeier⸗ ten Auguſte; Troſt, Liebesgluͤck, Erſatz, Ver⸗ ſoͤhnung mit dem Leben, die ſein Ewald erſt jenſeit des Weltmeeres fand, waren ihm, gar unverhofft, in der Heimath geworden. „Darf ich denn? fragte die weinende Nachfolgerin, zu des Huͤgels Haͤupten hin⸗ ab geneigt— goͤnnſt du mir ihn wohl, den Mann Deines Herzens?“ Du darfſt! ſprach Edwin, an Statt der Todten: Auguſte goͤnnt Dir dieſen Mann und ſpiegelt ſich, freundſelig, in ihrem lieb⸗ lichen Ebenbilde. Heilbringend ſchwebt ſie uͤber Dir, und ſegnet uns, als Engel frei 656 von Leidenſchaft. Der Tod, meine Guſtel! ſcheidet und laͤutert, wie ein treuer Wardein. Die Schlacke rinnt in's Grab, doch was uns bleibt, iſt klar und edel, —— * 2 ᷣ — G᷑ =² 8 ꝗ 8— — — —— Freudig ſpazirte der junge Silvers um die Stadt; denn ein juͤngſt verſchiedener Pa⸗ the hatte ihm und ſeinem Zwilling⸗Schwe⸗ ſterchen zwei Tonnen Goldes hinterlaſſen, und die Natur dem Erben uͤberdieß ein Herz voll guter Dinge und des Lebens Hoͤchſtes, die Glüͤckfaͤhigkeit, verliehen. Vor ihm her aber wandelte Harfner, der belobte Poet, truͤbſelig wie Hiob, als ſeine Haut uͤber ihm ſchwarz ward, und dichtete, im Geiſt, ein Entſagunglied. Was ihm nur fehlen mag? dachte Silvers, der gern alle Wackere zufrieden geſehen und geſtellt haͤtte. Er verdoppelte 80 die Schritte, um den Leidtragenden einzuhe⸗ len, und dieſer fuhr erſchreckend zuſammen, als das Gluͤckskind ſeine Arme ergriff. Harfner ſollte nun geſtehen, welcher unholde Geiſt ihn ſeit Kurzem ſo auffallend verduͤſtere? Er ſollte den treuen, huͤlfwilli⸗ gen Freund in Anſpruch nehmen, aus deſſen Freudenkelche trinken, und den entgeiſternden Kleinmuth und Stundenkummer, durch ein entſchloſſenes: Fahr aus! verbannen. 1 Harfner dankte fuͤr den erquickenden Antheil; blieb aber wortkarg und ver⸗ ſchloſſen. Ey, wie gluͤcklich wollte ich mich preiſen, fuhr jener fort: wenn mir die Kamoͤne Dein ſo lieblich toͤnendes Saitenſpiel in die Wiege gelegt haͤtte, das, von Eipeldau bis zum Norderbelte, mit Andacht und Beyfall ver⸗ nommen wird. Beneidenswerth, wen ſein Geſchick zu einem Quelle der Harmonie be⸗ 7 7 81 tief! Wem es gegeben ward, in der Seele des Naͤchſten das himmliſche Gefuͤhl des Schoͤnen zu entzuͤnden, und Ohr und Herz in die Wonne des Wohllauts zu verſenken! Wer, wenn der Geiſt ſich in ihm regt, die Perlen der Luſt oder der Wehmuth aus fremden Augen lockt, und eiſerne Maͤnner ſelbſt, zu goͤttlichen Entſchluͤſſen begeiſtert! — Wie gern erkaufte ich mit meinem Erb⸗ theile dieſe Gabe! Dir ward ſie ja! Dir dankt der ſtille Blick, Dich lobt das leiſere Wort der gemuͤthlichen Huldinnen, daß Du den Gott in ihren Buſen weckteſt, ihr tief⸗ ſtes, ſeligſtes Gefuͤhl betonteſt, klaͤrteſt, be⸗ fluͤgelteſt. Noͤchteſt Du recht haben! fiel Harf⸗ ner bitter laͤchelnd ein: aber wir gleichen nur den Geigern und Pfeifern am Freudenfeſte. Sic nos, non nobis! Und nur fuͤr An⸗ dre regen wir die Huldinnen auf. Ich ſprech⸗ aus Erfahrung! Schilling 2te S. 19r. Bd. 6 8²2 Silvers. Du liebſt wohl hoff⸗ nunglos? 1 Harfner. Von Jugend auf. Der Liebſten von Allen, und, ach, der erſten Ge⸗ waͤhrenden muß ich eben jetzt entſagen. Sie traten, waͤhrend dieſer Wechſelreden, durch das Thor in die Hauptſtraße der Stadt, und der Harmloſe erhob, von dem ſtoͤrenden Seufzer ſeines Gegenſtuͤckes be⸗ „wegt, die Augen gen Himmel, dieſe hafte⸗ ten jedoch, unter Weges, am Erker ſeiner Wohnung, aus dem ihm Mariane, die holdſelige Schweſter, recht eifrig mit der Hand und dem Tuche winkte. Morgen ein Mehreres! agte er be⸗ troffen zu dem Dichter und eilte nach Hauſe; denn es mußte, zu Folge dieſer aufgeſteckten Noth⸗Flagge, ein Ereigniß von Bedeutung vorgefallen ſeyn. — 83 Mariane war zu Eitlings gebe⸗ ken. Dort gab es heute gleichſam ein Feſt voll Feſte. Zuerſt das Conzert: denn der aͤlteſte junge Herr wollte ſich hoͤren laſſen, — dann ein franzoͤſiſches Schaͤferſpiel: denn das juͤngſte Fraͤulein wollte ſich ſehen laſſen— dann großen Ball, und nach Sonnenuntergang ein glaͤnzendes Abendeſſen. Nantchen aber ſtand auf Kohlen. Ihr fehlte irgend ein noͤthiges Putzſtuͤck oder Zier⸗ mittel, das Mamſel Schoͤnermann, die ſinnigſte Jungfrauen⸗Schmuͤckerin des Orts, gefertigt, verdorben, hergeſtellt, und Punct fuͤnf Uhr zu ſchicken oder ſelbſt zu uͤberbrin⸗ gen gelobt hatte. Aber der Zeiger des Stadt⸗ thurms naͤherte ſich bereits der vergoldeten, im Abendſtrahle ſchimmernden VI, und noch immer kehrte die Saͤumige nicht wie⸗ der. Ihr Kammermaͤdchen ſollte Blumen holen, und ließ ſich irgendwo von einer 6* 84 Klatſchroſe feſthalten,— das Stubenmaͤb⸗ chen hatte der Harm, uͤber die Falſchheit des entlaufenen Bedienten, auf's Krankenbett geworfen, ſein Stellvertreter, Silvers Jockey, holte die Senfte, und da ſtand nun das Fraͤulein von allen dienſtbaren Gei⸗ ſtern verlaſſen; ſie harrte und harrte auf die verwuͤnſchte Schoͤnermann, und ord⸗ nete und putzte daneben, was bereits ge⸗ putzt und untadelhaft war.— Sie flog vom Spiegel zu dem Fenſter, und von dieſem wie⸗ der vor jenen zuruͤck, und geſtand ſich, von der Anmuth des eigenen Bildes ergriffen, daß ſie dort gewiß nicht die Haͤßlichſte ſeyn, und wenn jene Luͤgnerin nicht gaͤnzlich aus⸗ bleibe, den Herren mehr als jemals gefallen werde.— Sieh, da erſchien der Bruder um Horizont, erhielt das Nothzeichen, kam, und bedauerte, denn er hatte die holde, verſtaͤn⸗ 85 ſtaͤndige Zwillingſchweſter herzinnig Ueb und ſagte, von ihrem Treiben beunruhigt: Weißt Du was, Nantchenl ich ſprin⸗ ge ſelbſt hin. O, nimmermehr! fiel dieſe ein, das wurde ſich ſchicken! Er. Du winkteſt mir ja doch deßhalb, als ob das Haus im Feuer ſtehe. Siie. Nur aus Bedraͤngniß, Bruͤderchen! E. Genug, ich gehe! S. Ach, wenn Du wollteſt! E. Wo wohnt denn die Katze? S. Herzliebſter! auf der Naſengaſſe, Nro. Tauſend und vierzehn, vier Treppen hoch. Es ſteht ein Storch auf der Wanret⸗ fahne; Du kannſt nicht fehlen. Silvers flog, wie Merkur, davon. Das werd' ich Dir nie vergeſſen! rief ihm die Dankbare mit Floͤtentoͤnen nach. Er dachte, unter Weges, unausgeſett: „Tauſend und vierzehn! Ein Storch auf der Fahne!“ denn der Liebe Muͤhe war um⸗ ſonſt, wenn ihm die Zahl und das Wahr⸗ zeichen der Mamſell entfiel. Da ſtand die Nummer endlich, ſchwarz auf weiß, uͤber dem Thor eines alten, gothiſchen Neſtes. Der Sucher griff ſich laͤngs der ſtockfinſtern Wendeltreppe fort, erreichte endlich das vier⸗ te Geſchoß, hatte die Wahl zwiſchen zwey Thuͤren, und klopfte an der naͤchſten,— und noch ein Mal,— und wiederum— zuletzt mit Hand und Fuß. Da ſtreckte ſich, geſpenſterhaft, eine ſchuhlange Pelzmuͤtze aus dem Kuͤchenfenſter; ein rothbaͤrtiges Judasgeſicht ſtarrte ihn an, der alte Mardachai kraͤhte:—„Main! was woͤll der Herr? S'is ach Schabbes!“ Silvers ſchritt brummend auf die — —y 87 zweite Thür, nach dem Hintergrunde zu; an dieſer ſtand, mit zierlicher Fraktur: Victor Amadeus Breyſchneider, Hof⸗Lacoer. Aber Breyſchneider und Hoflack wa⸗ ren es nicht, wornach ſein Schweſterchen verlangte. Er eilte zuruͤck; er rannte auf der finſtern Steige gegen die Eſther des alten Mardachgi, die— gleich ihren Aeltermemmen waͤhrend der Zerſtoͤrung Je⸗ ruſalems— aufſchrie; denn die Schaubrot⸗ chen rollten vom Teller, und liefen, holter polter, dem Mamſer nach; ihr Schweſter⸗ chen aber, das, im Feyerkleid am Thorwe⸗ ge lehnte, wies den Anfragenden in's Ne⸗ benhaus. Silvers ſchoͤpfte Athem, als er dieſen zweiten Gipfel erklommen hatte und freute ſich, den Spuren nach, die Begehrte gefun⸗ den zu haben; denn auf dem Gange lagen ½ 8 8⁸ allerley Florſchnitzel und aͤhnlicher Lappen⸗ kram„ welcher das Hauptquartier der Putz⸗ macherin verkuͤndigte; auch ſchienen die Die⸗ len, wegen des haͤufigen Zuſpruches und An⸗ laufs, zertreten und unſauber. Kaum aber hatte Silvers den geflickten, krakeligen Klingeldraht gezogen, als eine uͤppige, muthmaßlich mit Sang de boeuf geſchmink⸗ te, nicht allzu ſorgfaͤltig gekleidete Puppe die Thuͤr oͤffnete. 3 Vergebung, Beßte! ſprach er betroffen: — ſteh' ich vor Mamſell Schoͤner⸗ mann? Die Beßte ſah ihm, aufhorchend, in's Geſicht; ſie verſetzte, hellauflachend:— Das hoͤr' ich von Einem! Dem ſchoͤnen Manne lief der Tod uͤber das Grab und derſelbe, wie im Fluge hinab, um ſein Herz, zu ebener Erde, vor der Bäͤckerin auszuſchuͤtten. 89 Ja, Ihr Gnaden!] ſagte die Dienſtfer⸗ tige: ich kenne die Mamſell, Ihr Gnaden! die zog eben aus; ſehen Sie! dort in dem Eſſigkruge, ſoviel mir bekannt iſt— drei Treppen hoch. Silvers ſprang in dieſen, trat oben in's Vorhaͤuschen, und lauſchte; denn es klang, als ob hier Jemand vom Dache predige. Ein angehender Kirchenlehrer viel⸗ leicht, der ſich einuͤben wollte. Sein Klop⸗ fen blieb deßhalb unvernommen; er oͤffnete die Thuͤr, und fand den Predget zuſanans der Gemeine. 4 Harfner, der Dichter, ſaß zwiſchen zwey Jungfrauen am Tiſche, und dictirte den Fleißigen. Hinter dem Ofen ſchaͤlte die Frau Mutter Kartoffeln. Dem Aus⸗ ſehn der beiden Maͤdchen nach, durfte ſie es kecklich wagen, dieſer Schulanſtalt den Ruͤk⸗ ken zu kehren; denn das eine war von den 9⁰0 Blattern zerſtoͤrt, und ſein linkes Auge mit einem Fell bedeckt, das andere ſichtlich verwachſen. Sie blickten, bey ſeinem Ein⸗ tritte, verwundert von den Schreibebuͤchern auf; er aber entſchuldigte die Zudringlichkeit, wendete ſich an den Dichter, machte ihn mit der Veranlaſſung bekannt, und deutete beiher, in wenigen Worten, das Drangſal ſeiner Schweſter an. Da fuhr der Maͤdchen⸗ lehrer, gleich einer Windsbraut, auf.— Komm! rief er haſtig:— komm! flog, vor dem Freunde her, die Treppe hinab, um die Ecke, in's naͤchſte Haus, drey Stie⸗ gen aufwaͤrts. Silvers rannte, die letzte Kraft aufbietend, hinter ihm drein, und langte eben an, als Jener, in ſeinem Flam⸗ meneifer, gewaktſam die Schelle zog. Ploͤtzlich ſtuͤrzten alle fuͤnf Adjutantinnen der Mamſell Schoͤnermann, von dieſem Sturmlaͤuten aufgeſchreckt, ſich draͤngend aus — 91 der Thuͤr. Die Guten wollten der M eiſte⸗ rin beiſpringen, welche ſie von einem An⸗ fall ihrer Kraͤmpfe befallen glaubten. Sie riefen jetzt, die beiden fremden, ſchnauben⸗ den, erhitzten Maͤnner gewahrend, einſtim⸗ mig:„Gott behuͤt' uns!“ denn es war, waͤhrend der vorigen Nacht, in Nachbars Haus eingebrochen, und eine alte, reiche Jungfer geknebelt und beſtohlen worden. Silvers verbeugte ſich zu ihrer Be⸗ ruhigung auf's gefaͤlligſte, und fragte, mild wie ein Bettelmann, doch viel anziehender: ob er vielleicht die Ehre habe, in einer dieſer jungen Damen der verehrlichen Mamſell Schoͤnermann zu begegnen? Da wuchs ihnen insgeſammt das Herz; ſie machten, von dem Wohllaut der Rede und dem angenehmen Gliederſpiele des An⸗ fragers bewegt, gleichzeitig einen Knix, und entgegneten einſtimmig und in der Diction waͤlſcher Operntexte: 92 Ach, Nein!— Rein! Nein!— Die muß bey Fraͤulein Silvers ſeyn. Dieſe troͤſtliche, chorartige Zuſicherung wirkte ſo erheiternd auf den Dichter, daß er Nantchens athenloſen Bruder beim Kop⸗ fe nahm, und ihn zu wiederhohlten Malen um den Ring drehte. Die fuͤnf Maͤdchen ſahen dieſem Pas de deux tanzluſtig zu; ſie eilten dann in die Ruͤſtkammer der Gra⸗ zien zuruͤck und verabſaͤumten uͤber den Gloſ⸗ ſen, welche dieſe wunderliche Erſcheinung und die Herrlichkeit der beiden Phantaſten veranlaßte, das draͤngende Tagwerk. Was focht Dich an? fragte Silvers, waͤhrend dem, ſeinen Freund. Du klagteſt vor einer Spanne Zeit, wie Jeremias, und jubelſt jetzt mit Aſſaph um die Wette. Hat etwa vorhin die eine oder die andere Deiner ſproͤden Schuͤlerinnen dem ſchmachtenden 9³ Lehrherrn das Jawort gegeben, und ſeinem Gram ein Ziel geſetzt? Erroͤthend und gekraͤnkt ſprach der Dich⸗ ter— Beyde gehoͤren zu den Wuͤrdigſten ihres Geſchlechtes, aber nicht dieſer ungerech⸗ ten, liebloſen Welt an, die von dem blen⸗ denden Firniß der Außenfarben bethoͤrt und regiert wird. Silvers mußte laͤcheln; denn Brey⸗ ſchneider, der Hof⸗Lacoer, fiel ihm bey; er faßte ſich jedoch, und ſagte:— Nur die Liebe konnte, meines Beduͤnkens, dem ſchoͤnſinnigen und beruͤhmten Harfner das Joch auflegen, ſich als Maͤdchen⸗Schulmeiſter, in einer Dachkammer der duͤſtern Naſengaſ⸗ ſe abzumuͤhen. Die Dankbarkeit vielmehr, fiel dieſer ein, und ſein Antlitz verklaͤrte ſich,— die Chriſtenpflicht— die Menſchenliebe! Jene guten, von der Armuth und dem 94 Siechthum bedruͤckten Maͤdchen, ſind die Toͤchter meines ſeligen, unvergeßlichen Leh⸗ rers; ich trage deßhalb dort die Zinſen einer Ehrenſchuld ab, und theile, was der Genius mir erwerben hilft, mit den Huͤlfloſen. Silvers ergluͤhte. Er ſchaͤmte ſich bitterlich ſeiner Frevelreden; er rief, den Freund umfangend:— Du Engel! goͤnne mir das Gluͤck, Dich abzuloͤſen, dieſe Lei⸗ denden zu erquicken und ihre Zukunft zu erhellen— ſie mit der liebloſen Welt, mit der Haͤrte des eiſernen Geſchickes zu verſoh⸗ nen.— Der Dichter fluͤſterte geruͤhrt— Das magſt Du, Hand in Hand mit mir! Wohl⸗ thun macht ſelig! Glaube mir, es waltet ein eigener Vergeltung⸗Engel uͤber dem Milden, und der erſcheint Dir dann, ſtill aber wunderbar, in bangen Stunden und hilft, wie Du geholfen haſt, und mißt uns Allen 95 mit dem Maße, mit welchem wir gemeſſen haben!— Deß bin ich Zeuge!— Damit ſchieden ſie. Als Silvers nach Hauſe kam, war ſein Schweſterchen bereits bei Eitlinge, und ihre Jungfer verſicherte, die Schoͤner⸗ mann ſey noch eben zur hoͤchſten Zeit ge⸗ kommen, und die Angſt habe das Fraͤulein ſo ſchoͤn gemacht, daß es dort wie ein Che⸗ rubchen erſchienen ſeyn muͤſ. Marianne kam am folgenden Mor⸗ gen, in der Fruͤhe, auf des Bruders Zim⸗ mer, um fuͤr die geſtrige Dienſtleiſtung zu danken, ihn von dem Concert zu unterhal⸗ ten, in welchem der junge Herr den klaͤglich⸗ ſten Katzenjammer vernehmen ließ, und von dem Schaͤferſpiel„ in dem die Doris ſtecken blieb. Darauf theilte ſich auch der Bruder 96 mit. Er ſchilderte ſeine Abenteuer unter den Hahmbalken und Dachſparren der Naſengaſ⸗ ſe; er ſprach mit Begeiſterung von Harf⸗ ners Werth, als Schoͤngeiſt und als Menſch,— mit Ruͤhrung von ſeinem, ihm noch dunkeln Liebesleide. Mariann e hoͤrte lauſchend zu, und fromme Thraͤnen entglit⸗ ten ihren ſanften Augen, als er der Nach⸗ gelaßnen des armen Schulherrn und der Aufopferung ſeines Freundes gedachte.— „Ich will ihre Schweſter! ihre Mutter ſeyn!“ rief ſie, verſchoͤnert von den Flammen des Mitgefuͤhls; die Haͤnde falteten ſich gelobend uͤber dem Buſen. Jetzt erzaͤhlte der Bruder auch von dem ſeltſamen, maͤchtigen Eindrucke, den die Mittheilung ihrer geſtrigen Verlegenheit auf Harfnern gemacht,— von dem Feuer⸗ eifer, mit dem er ihn, Hals und Beine wagend, an's Ziel gefuͤhrt habe, und ſagte, 97 in des Schlveſterchens Augen blickend, wel⸗ che jetzt— noch unter Thraͤnen— verſtoh⸗ ten lächetten— Taͤuſcht mich nicht Alles, Nantchen! ſo liebt er Dich! Von ganzem Herzen! fiel dieſe ein. Spuͤrſt Du das jetzt erſt! Aber, ſetzte ſie kleinlaut hinzu: er zog ſich zuruͤck, ſeitdem uns die große Erbſchaft zukam. Zuruͤck? Weshalb? Aus Stolz— aus Zartgefuͤhl, wie ich denke— damit Du nicht glaubeſt, mein Geld und Gut beſtimme ihn. O der Zweifler! rief Silvers: der Mißtrauende! der halbe Freund!— Ihr aber wart ſchon einverſtanden? Nantchen ſah ergluͤhend in die wogen⸗ de Bruſt, und wendete ſich ab. Du liebſt ihn, Schweſterchen? Unſaglich, ſprach ſie, von dem mmigſten Schilling ate S. or Bd. 7 4 98 Gefuͤhl uͤberwaͤltigt, und warf ſich weinend an ſeine Bruſt. E. Vor allem ſpricht Dich wohl das Talent in ihm an? S. Nein, das iſt Zuthat! das feſſelt uns nicht! Wir lieben den Vater nicht des Sohnes wegen, den Dichter nicht um des Schoͤnen willen, das er hervorbringt. E. So ſag' ihm doch, er ſey viel rei⸗ cher, als Du ſelbſt. Das iſt er ja! Sein Genius trotzt, gleich dem Salamander, je⸗ der Flamme, die irdiſches Beſitzthum ver⸗ nichtet.— Sie ſchmilzt das Gold in unſern Kaſten; er traͤgt das ſeine unantaſtbar fort. Man klopft! lispelte Nantchen, das noch im Schlafrock und im Nachthaͤubchen war. Sie ſchluͤpfte in des Bruders Ca⸗ binet.. Da trat Freund Harfner ein. Der reiche Mann hatte ihm bereits eine Bankno⸗ 99 te geſandt, um die erſten Beduͤrfniſſe jener Armen, nach ſeiner naͤheren Kenntniß befrie⸗ digen zu koͤnnen, und dieſer kam, zu danken, zu ſegnen, und Rechenſchaft uͤber die vorha⸗ bende Anwendung abzulegen; Silvers aber umfaßte den Poeten, er draͤngte ihn ſtracks nach dem Verſtecke des Maͤdchens hin, er oͤffnete die Thuͤr, und ſchob ihn in das Cabinet.— Strafe muß ſeyn! rief er, das Pfoͤrtchen verſchließend, griff nach dem Hut und machte, noch freudiger als geſtern, einen Gang um die Stadt; dem Harf⸗ ner aber, dem Beneidenswerthen, vergin⸗ gen waͤhrend dem die Grillen, — ————— HDie Angſtraufe. Pauline ſtand am Kuͤchentiſche; ſie ſtaͤrkte Krauſen und Allerlei, ſann auch daneben auf ein Labſal fuͤr den unpaͤßlichen Großpa⸗ pa, deſſen Hausweſen die verwaiſ'te Jung⸗ frau fuͤhrte: da erſchien ploͤbzlich ein General in der Staatstracht, mit Stern und Band geziert, an der offenen Thuͤr— der Gatte Luiſens, ihrer Jugendfreundin, die arm und gut und reizend, wie Lina, durch ſeine Wahl zur Exzellenz geworden war.— Er⸗ hoͤhung und Reichthum loͤſen gewoͤhnlich je⸗ des trauliche Band, das hoch und ſchlichtge⸗ borene Weſen in dem ſeli en Freiſtaate der Bluͤthenzeit verknuͤpfte, doch Luiſe blieb, auch auf der Hoͤhe des Lebens, der einſtigen 10% Geſpielin treu und neigte ſich nur um ſo zaͤrtlicher und offener, zu dem armen, unbe⸗ achteten Fraͤulein, je ſorgfaͤltiger dieſes, in ſeiner Demuth, die innige Beziehung vor der Welt Augen zu ſchonen bemuͤht war. Der General trat in die Kuͤche. Er bit⸗ tet mich wohl gar zu Gevatter? dachte Pau⸗ line, ſuchte, in aͤußerſter Beſtuͤrzung und deßhalb vergebens, die Quele, trat ihm nun, mit den Haͤnden voll Staͤrke, ſichtlich beſchaͤmt entgegen und wisperte— Konnt' ich das ahnen? Exzellenz hier! und am Herde! Sie finden eine Waͤſcherin! Lächelnd erwiederte dieer— Der Herb iſt heilig, liebes Fraͤulein!„Fuͤr ihn ver⸗ ſpritzt der Tapfere ſein Blut!“ und gebe Gott, daß die Bafucher einſt mein Toͤchter⸗ chen, wie ich jett Sie, im Kreiſe des Beru⸗ fes finden und daß ihre Kuͤche, wie dieſe, durch Nettigkeit und Ordnung, die Haus⸗ 105 goͤttin labe. Das Kind wird Ihnen um ſo freudiger nacheifern, wenn Sie es morgen aus der Taufe heben. Wir bitten darum! Meine Frau behauptet, in ihrer muͤtterli⸗ chen Eitelkeit, es ſeh' Ihnen aͤhnlich! Es werd' Ihnen ähnlich! ſetze ich hinzu! Paulinens engelhafter Sinn komme uͤber die Kleine! Der Geiſt dieſer Honigworte, ihre Angſt und ihre Freude, roͤtheten des Fraͤuleins zar⸗ te Wangen und machten ſie bloͤde.— Lui⸗ ſe gruͤßt und kuͤßt! fuhr der General, zu ihr hingeneigt, fort: und empfiehlt den Bo⸗ then zu beliebiger Vergeltung. Als ſich aber jetzt das Schamroth ploͤtzlich zum Purpur verdunkelte, that er, beſcheiden, auf dieſe Verzicht, nannte die eilf uͤbrigen, faſt durch⸗ aus hochgeborenen Mitgevattern, verſicherte, daß ſein Wagen morgen fuͤnf Uhr bei ihr vorfahren werde und beurlaubte ſich, als ein — 106 aͤchter und gerechter Kindtaufen⸗ Vata, in fei⸗ erlicher Ehrerbietung. Das Maͤdchen ſtand noch eine Weile, bewegunglos vor dem Staͤrkenapf und ſeufzte ploͤtztich auf, denn, o mein Gott! dachte ſie: wie werde ich mich in dem armſeligen Faͤhnchen, neben den drei ſchmuckluſtigen Graͤfinnen ausnehmen? Das hat die edle, guͤtevolle Generalin, in ihrem Liebes⸗Eifer, unbeachtet gelaſſen! Die Reichen bedenken in ſolchen Faͤllen kaum, daß uns ihr Talisman gebricht und ſo bekuͤmmern ſie gar oft, wo ſie erfreuen wollen.— Pauline ſann und ſann— die Tante Laura fiel ihr ein, die uͤberſchwenglich eitel war und daher mit mehr, als einem glaͤnzenden Anzuge aushelfen konnte; aber Tante war ſo falſch und nei⸗ diſch, als eitel und ſchmollte mit der Nichte, F ————:—.:—— —— —— ——õ—yyy— 107 weil ſie dieſe von der Generalin beguͤnſtigt, ſich von derſelben vernachlaͤſſigt ſah, denn Luiſe war, Kraft ihrer Sinnesart, den Aef⸗ finnen abhold— und nun ſollte die Verbit⸗ terte Paulinen zum Tauffeſte ausruͤſten!— Nein, Gott bewahre mich! dachte dieſe, das Verhaͤltniß ermeſſend: ach! und von dem Großpapa iſt auch nichts zu hoffen— der häͤlt mein Sonntag⸗Kleidchen fuͤr uͤberpraͤch⸗ tig, er wuͤrde ſich der Suͤnde fuͤrchten, die⸗ ſen Honig zuckern zu ſollen; noch iſt zudem die große Apotheker⸗Rechnung unbezahlt. Ihr Kummer wuchs. Es fielen Thraͤ⸗ nen aus den frommen, gen Himmel blicken⸗ den Augen in die reiche Bruſt hinab, die von jener Bedraͤngniß uͤberfuͤllt ward. Der Reſt der Krauſen blieb ungeſtaͤrkt; Lina wuſch und reinigte jetzt, ſo eifrig und wie⸗ derholt, ihre Haͤndchen, als ob ſie eben die kleine Graͤfin zum Taufſteine tragen und dem Mittler an's Herz legen ſollte— Und wiederum erſchrack ſie wie vorhin, denn es ward abermals eine Uniform in der Kuͤchen⸗ thuͤr ſichtbar. Auch eine Erzellenz! fuͤr jea den wenigſtens, dem der Zuſprechende Geld und Gut, willkommene Lebens⸗oder Todes⸗ Meldungen, einen Liebesbrief von der Herz⸗ einzigen oder anderes Heil uͤbetbrachte. Der alte Brieftraͤger hatte Eile; er ſetzte ein Kiſt⸗ chen ab, legte die Zuſchrift darauf, bat um ſechs Dreier und ging davon. Meine Leinwand vermuthlich! dachte Pauline, denn ſie hatte neulich den geſpon⸗ nenen Ertrag des letzten Jahres auf die Bleiche einer nahen Fabrikſtadt geſandt⸗ Das Maͤdchen trug die Kiſte nach ihrem Kaͤmmerlein und in der geoͤffneten prangte, ſtatt jener Frucht des Fleißes, ein koͤſtliches, mit weißen Roſen geſchmuͤcktes Feierkleid; Unter den Blonden des Beſahes flimmerten 109 aͤchte Perlen des Halsbandes, wie ihre Thraͤ⸗ nen vorhin unter der ſammtenen Wimper. Zahlreiche Paͤckchen enthielten, naͤchſtdem, Pariſer Schuh und duftende Handſchuh, ein funkelndes Diadem, einen prachtvollen Shawl und was, vom Scheitel bis zur Soh⸗ le, die Huldin nur bedarf, um feindſelige Schweſtern und freundſelige Bruͤder in Gaͤh⸗ rung zu ſetzen; im Briefe aber ſtand kein Wort, auf der Außenſeite fehlte das Poſt⸗ zeichen. Gaben der Generalin, es ſprang in's Auge und Pauline bat ihr ſofort, be⸗ wegt, beſchaͤmt, entzuͤckt, den uͤbereilten Tadel ab. Jetzt kehrte Friederike, das treu⸗ eifrige Dienſtmaͤdchen des Fraͤuleins heim, entſetzte ſich vor der blendenden Herrlichkeit, hoͤrte vom morgenden Ehrentage, wuͤnſchte mit lauter Stimme Gluͤck und drang in Paulinen, das Kleid anzulegen, um zu ſehen, ob es ſich auch gehoͤrig fuͤge und wie es ihr laſſe. — 110 Der einſame, lahm geſchoſſene Großpa⸗ pa dehnte ſich, waͤhrend dem, hinter dem Schreibetiſch im Sorgenſtuhle; er hatte eben das juͤngſt entworfene Teſtament auf's Rei⸗ ne geſchrieben; er war dann eingenickt und wunderte ſich, bei'm Erwachen, uͤber das Ausbleiben der ſorgfaͤltigen, puͤnktlichen En⸗ kelin, welche vorhin nur ein Spruͤngelchen in die Kuͤche thun wollte und ihn ganz zu vergeſſen ſchien. Hempel, der alte Kater, hatte, waͤhrend des Schlaͤfchens, auf dem letzten Willen des Goͤnners Platz genommenz ſie faßten ſich jetzt gegenſeitig in die Augen; der Großpapa laͤchelte uͤber die Wahl des Platzes, er ſprach mit ihm und dachte ſeiner ſeligen Frau, die ihr Herz zwiſchen Beide getheilt und deren letzter Seufzer, zu des Gatten Verdruſſe, dem vierbeinigen Haus⸗ freunde gegolten hatte.— Ploͤtzlich trat eine junge, hochgeſchmuͤck⸗ K I11 te Dame in das Stuͤbchen. Sie gemahnte den Bloͤdſichtigen wie eine Fee auf Roſen⸗ wolken; im Haare funkelten Kleinode des Stirnbandes und Hals und Buſen leuchte⸗ ten, gleich Juno's Milch in ſchoͤnen Naͤch⸗ ten. Trotz allen dem verneigte ſie ſich vor dem abgelebten, in aͤrmlichem Wartegeld ſtehenden Rittmeiſter, wie eine Odaliske am Divan des Sultans. Der Großpapa raffte ſich, erſtaunt und haſtig, auf, er warf, gleichzeitig, mit der Linken den Schlafrock um die Huͤften, mit der Rechten ſeinen Hempel vom Tiſche, doch traf der raſche Schlag, zum Ungluͤcke, beiher das Tinten⸗ faß und dieſes volle, gewichtige flog, gleich einem ſchwarzen Schickſals⸗Vogel, auf je⸗ nes Lichtgewand und tigerte es, zuſammt den Blonden und den Roſen, mit untilgba⸗ ren Makeln. Du arme— ach du aͤrmſte aller 112 ſchmuckwuͤrdigen Jungfrauen!— Jene reis chen, paſſenden Gaben kleideten die regelrech⸗ te Form des Maͤdchens wunderſam. Lin⸗ chen hatte ſich, von der Freude begeiſtert, dem Großpapa in dieſer Verherrlichung dar⸗ ſtellen, ihm ihr heutiges, ſeltenes Gluͤck ver⸗ kuͤndigen gewollt, und ſich, im Voraus, ſeines Antheils verſichert, denn ihn erquickte, wer ſie ehrte, ihm huldigte, wer ſie erhob— jetzt aber ſtand er ſtumm, erblaßt und angſt⸗ haft vor der Betaͤubten. Nur Friederike außerte ſich. Sie oͤffnete dem Herrn das Verſtaͤndniß, ſie ſchalt ihn, dreiſt und unge⸗ ſtraft, ſie ſchlug naͤchſtdem auf Hempeln los, der, bei der uͤbereilten Flucht, in die Tinte ge⸗ treten war und mit jedem ferneren Schritte duo puncta auf der Diele zuruͤck ließ. Jetzt athmete Pauline auf. Sie warf ſich weinend an des Großvaters Hals, ſie bat ihm, mit flehendem Liebestone, den verur⸗ — ⏑⏑⏑O⏑’—— 113 ſachten Schreck ab und eilte dann, von ei⸗ nem Schauer uͤberlauftn, nach der Kammer, um ihr Weh und ihre Thraͤnen gewaͤhren zu laſſen. Auch dem Alten blutete das Herz; er hinkte truͤbſelig an den Tiſch zuruͤck, auf dem ſein letzter, das Begraͤbniß anordnen⸗ der Wille, in der Trauerfluth ſchwamm und jagte den punktirenden Hempel aus der Thuͤr, welcher ſofort, nach dem erlittenen Unrecht einer Zerſtreuung beduͤrftig, die naͤchſte Wahl⸗ verwandte heimſuchte und mit dieſer auf die Maͤuſejagd ging. Es war faſt Mitternacht; das troſtloſe Fraͤulein hatte eben, vom Schlafe geflohen, die ſeidenen Locken aufgerollt, als man drau⸗ ßen ſtuͤrmiſch die Schelle zog. Jeſus Ma⸗ ria! ſchrie Friederike, die ihr beiſtand: es brennt wohl? Auch Lina entſetzte ſich, denn ein Zuſpruch um dieſe Zeit gehoͤrte, bei der kloͤſterlichen Verfaſſung des Hauſes und dem Schilling zte S. 19r Bd. 8— 2 114 Mangel an auswaͤrtigen, etwa eintreffenden Verwandten, zu den unerhoͤrten Erſcheinun⸗ gen. Von neuem ſchellte es und noch ge⸗ waltſamer.— Sollte der Vater nicht auf⸗ wachen, ſo mußte eilig ein Herz gefaßt und das Abenteuer beſtanden werden. Pauline warf ſich in den Mantel, ſie trippelten ſelbander nach der aͤuſſern Thuͤr; das Zoͤf⸗ chen aͤffte, um etwaigen Nachtgeſpenſtern zu imponiren, des Großvaters rauhen Drago⸗ nerbaß nach und rief, gleich einer Schildwa⸗ che: Wer da? Draußen erwiederte dagegen die untaͤuſch⸗ bare Liebe:— Güt Freund, Herz⸗Seel⸗ chen! Goldhaſe iſt es, der Kammer⸗Huſar, Ihr Treueigener! Excellenz erſuchen das Fraͤulein, ſich unverzuͤglich einzuſtellen— im Nachtjaͤckchen, ſeinethalben, nur ohne Zoͤgern. Die kleine Comteß haben Kraͤmpfe bekommen, wollen verſcheiden und muͤſſen 115 deßhalb auf der Stelle getauft werdeu. Ja, eine Nothtaufe, daß Gott erbarm! Ge⸗ ſchwind alſo; die Saͤnfte ſteht unten. Pauline eilte in ihrem Dienſteifer, wie ſie da ſtand, hinab, der General kam ihr, bei dem Eintreffen, in ſichtlicher Bekuͤmmer⸗ niß entgegen und beſchwor ſie, ſeiner Gattin, fuͤr den Reſt der Nacht, zur Seite zu blei⸗ ben. Das Kind ſey ploͤtzlich, vor Luiſens Augen, von den heftigſten Zuckungen befal⸗ len worden und der Schreck habe eben ſo ploͤtlich auf die Mutter zuruͤckgewirkt; er fol⸗ gere aus des Arztes Betroffenheit, was er zu glauben ſo wenig, als zu uͤberleben vermoͤ⸗ ge.— Darauf fuͤhrte derſelbe das Fraͤulein in ein Zimmer, wo man eben Anſtalten zu dem Tauf⸗Akte traf. So iſt das Gluͤck! fuhr er, aufſeufzend, fort: entzuͤckend, aber falſch; das Ungluͤck zerruͤttend, aber treu! Pauline fand hier ein aſchgraues, tau⸗ 9 P. 34 116 bes, hexenartiges Muͤtterchen vor, das auf dem Divan kauernd, mit ſich ſelbſt ſprach und haderte— eine Tante des Grafen, die er, als ihr kuͤnftiger Haupt⸗Erbe, beachten mußte und welche demnach geſtern, zur Taufe geladen, von ihrem Landgaut einge⸗ troffen und bei ihm abgetreten war. Jetzt erſchien auch ſein Adjutant, einer der ſchoͤn⸗ ſten und feurigſten Maͤnner im Heere— ſo Mancher theuer, doch wie das Gluͤck, entzuͤndend aber wechſelhaft.— Die uͤbri⸗ gen, hoͤhern und entferntern Beiſtaͤnde zu bemuͤhen, hatte man, unter dieſen Umſtaͤn⸗ den, Bedenken getragen. Dem Adjutan⸗ ten folgte der Geiſtliche und dieſem endlich die Hebamme, welche zu Paulinen trat und ihr das bleiche, regungloſe Engelbild in den Arm legte. Das Fraͤulein zitterte nach dem Empfange. Es gemahnte ſie, als ob ihr jene den Tod an die Bruſt gedruͤckt habe, 117 als ob ihr Herz ploͤtlich erſtarre, als ob die Fuͤße ihr den Dienſt verſagten und ſie all⸗ maͤhlig nach unten ſinke. Lina preßte, im Drange dieſer quaͤlenden Anfechtung, das Kind faſt krampfhaft an den Buſen, der ungefeſſelt unter dem ſeidenen Mantel wog⸗ te.— Da ſchlug es, waͤhrend dem Gebete des Prieſters, die wunderholden Augen auf, es laͤchelte die Jungfrau ſchmerzlich an, dieß Laͤcheln aber wirkte wunderſam und wie mit magiſcher Gewalt auf ſie ein; ihr Bangen ſchwand; auf beider Wangen kehrte jetzt, gleichzeitig, die Bluͤthe des Lebens zuruͤck und ſie ergluͤhte bis zur Stirn, als nun der Gottesmann die Kleine weihte und ihr den Namen Pauline gab— 4 Der Adjutant begruͤßte, nach dem letzten Segenſpruche, das Fraͤulein mit anſprechender 118 Innigkeit, er pries den Taͤufling ſelig, deſ⸗ ſen Heil- und Lebens⸗Engel ſie augenſchein⸗ lich geworden ſey und rief Mirakel! Doch dieſe lehnte, frei von Gleißnerei und Schwin⸗ del, die angedichtete Wundermacht ab, ſie gab dem einzig Maͤchtigen und der Naturkraft ih⸗ res Geſchlechtes die Ehre, welche bekanntlich der Zerſtoͤrung weit ausdauernder, als das maͤnnliche widerſtehe, und folgte nun dem Ge⸗ neral, der ſie, faſt unſanft, von ihm weg und in die Wohnſtube fuͤhrte. Paulinen ſollte, fuͤr die geopferte Ruhe dieſer Nacht, der Genuß werden, der todtkranken Freun⸗ din die ſchnelle, ſichtliche, ſelbſt von dem Arzte belobte Beſſerung des Kindes anzuſa⸗ gen. Dieſe aber vernahm ihre heilreiche Botſchaft mit unbegreiflicher Gleichguͤltigkeit, ſie warf zudem einen ſtolzen, verſchmaͤhen⸗ den Blück auf Paulinen, bedeutete ſelbige ſogar, mittelſt der erhobenen, wegweiſenden 119 Hand, ſich von dem Bette zu entfernen und die bekraͤnkte Freundin ſchlich, gebeugt und von dem Ausſehen und der pſychiſchen Ent⸗ artung der Kranken erſchreckt, in's Neben⸗ zimmer. Hier weilte noch der Adjutant. Weh uns! ſprach ſie zu ihm, die Haͤnde ringend: Luiſe ſtirbt! Nichts ſcheint gewiſſer. Nur Puls und Odem taͤuſchen noch mit Le⸗ benſchein, ihr beſſeres Selbſt iſt ſchon ent⸗ wichen. Er faßte, ſchnell erblaſſend, des Fraͤu⸗ leins Arm, er fuͤhrte die Schwankende zum Sopha, ſah in ihre weinenden Augen und lispelte:— Das iſt eine furchtbare, meine Zukunft zerſtoͤrende Nachricht und die ver⸗ kuͤnden Sie mit ſolcher Zuverſicht? Pauline uͤberhoͤrte, in ihr Leid verſun⸗ ken, die gewichtige Aeuſſerung— Traͤume ſind Geiſterſtimmen! fuhr ſie fort: ſind be⸗ deutſame Vorzeichen und mir ward ein ſol⸗ 120 ches waͤhrend der neulichen Nachtwache am Bette der Entbundenen. Da beſchlich mich der Schlummer; mir traͤumte. Traͤume ſind Hirngeſpinſte! fiel jener ein: des Menſchen Seele, die nicht raſten Lann, wirkt und webt im Schlafe mit ge⸗ hemmter Kraft und erzeugt dann, in der Regel, nur Mißformen, Zerrbilder, gemei⸗ nen Opernſtoff. Mit Ausnahme! entgegnete Pauline: die meine wob ihr Nachtſtuͤck, wie ich fuͤrchte, im Geiſte des Vorgefuͤhls. Wir kehrten naͤhmlich, ſpaͤt am Abende von einer Land⸗ partie heim. Herren und Damen, Sie und der General unter dieſen— ſchritten, raſch und froͤhlich, vor uns hin, ich und Lui⸗ ſe ſchloſſen dagegen, gleichſam als Leidtra⸗ gende, Arm in Arm, den Zug: ſie trauer⸗ te und war in ſchwarzen Krepp gekleidet. Die luſtige Geſellſchaft hatte bald einen an⸗ 121 ſehnlichen Vorſprung gewonnen, ihr Treiben verhallte, es ward todtenſtill, wir aber ſchli⸗ chen, ſtumm und einſam, zwiſchen hohem, ſanft bewegten Korn, in dem die Nachtluft fliſterte.— Der Vollmond ſchien, doch grauete mir. Ich trieb Luiſen an, ſie ſchwieg; ich kehrte mich zu ihr und aus dem Krepphaͤubchen ſtarrte mich ein blinkender Todtenkopf an und ihre Knochenhand ent⸗ glitt meinem Arme. Das Entſetzen weckte mich auf, ich bedurfte Zeit zur Erholung und wagte es kaum, nach dem Bette hinzu⸗ blicken, aber Luiſe war noch hold und ſchoͤn und ſchlief, wie der Friede. Und ſo ſchlaͤft ſie auch jetzt, mein theu⸗ res Fraͤulein! fiel der Adjutant mit Heftig⸗ keit ein: und erwacht, gleich Ihnen, nach dem Traume, getroͤſtet, troͤſtend, neuge⸗ ſtaͤrkt.— Wie elend wuͤrde mich das Ge⸗ gentheil machen! Ach, ein Verlorner waͤre 122 8 ich, wenn ſie verloren ginge— beklagens⸗ werth! Pauline ſah ihn, kaum den Sinnen trauend, an und erwiederte:— Wenn ſelbſt der entfernte Freund ſich in dieſem Geiſt aͤuſſert, wie ſeelentoͤdtend wuͤrde dann ihr Hintritt auf den liebenden, geliebten Gatten einwirken. Da ergriff er des Maͤdchens Hand, er preßte dieſe heftig an's Herz und ſprach: Dem Gatten liegt die Heilung nahe! o, dem wird dann aus Lina's Augen neues Le⸗ ben ſtrahlen und neues Seelenheil an dieſem Herzen werden. Der ehrt Luiſen nur, Sie betet er an und ehe noch das Grab der Ge⸗ ehrten gruͤnt, fuͤhrt er den Abgott zum Al⸗ tare! Pauline ſtand haſtig auf, er aber hielt und zog ſie gewaltſam an die Bruſt und ſagte, odemlos, mit flammenden Blicken: 123 Ich liebe auch und uͤber Alles! ich halte das Kleinod meines Lebens feſt und werfe dieſes Leben weg, wenn mich die Himmliſche ver⸗ wirft, um dann den Witwer zu begluͤcken. Wahnſinniger! rief Pauline, unter ver⸗ geblichem Straͤuben: enitweihen Sie dieſe Stunde nicht.— Hier nebenan ringt unſe⸗ re edelſte Freundin mit dem Tode, ringt ihr verleumdeter Gatte mit dem Geiſt der Ver⸗ zweiflung— neigen ſich Engel zu der Dul⸗ derin nieder— Und auch zu mir, wenn Sie gewaͤhren! Ich halte der Engel lieblichſten im Arm— ich kann ihn nicht laſſen! und was ihm fre⸗ velhaft erſcheint, iſt reine Gottesflamme hoͤchſter Liebe. Sie halten eine Verlobte, entgegnete Pauline mit ruhiger Wuͤrde: in deren Bruſt die reine Gottesflamme gluͤht, und dieſen Draͤnger taͤuſcht nur wilde Sinnengluth. 124 Eine Verlobte! rief er, bitter laͤchelnd: das ſoll ich glauben? O, nimmermehr! Als der Krieg, fuhr das Fraͤulein fort: unſere wenigen Mittel erſchoͤpft hatte, die Noth zu Haͤupten ſtieg, des Vaters wenige Goͤnner ſich verſagten, meine beiſtaͤndige Freundin weit hinweg geflohen und nirgend der Helfer zu finden war, bot uns ploͤtzlich eine unſichtbare Hand, wie vom Himmel herab, das erſehnte, rettende Mittel. Erſt als die Schlacht hier bevorſtand, trat der gute, geſegnete Genius hervor, er fuͤhrte uns, bei Nacht und Nebel, nach ſeinem, tief im Rauhwalde liegenden Hauſe. Er barg uns vor den wilden, nicht Freund noch Geſchlecht ſchonenden Horden, in einem Ver⸗ ſtecke des wuͤſten Jagdſchloſſes, mit dem es zuſammen haͤngt, denn Wilibald iſt der Forſtmeiſter jenes Bezirkes, iſt der Bruder einer laͤngſt verſchiedenen, lieben Mitſchuͤle⸗ 125 rin und es fuͤhrten ihn Beruf⸗Geſchaͤfte oder Gottes Hand nach unſerer Heimath, wo er ein Zeuge unſerer angſtvollen Lage ward und das freundliche Verhaͤltniß der fruͤhern Ju⸗ gendzeit wieder anknuͤpfte. Dieß freundliche Verhaͤltniß ward allmaͤhlig zu einem der zaͤrt⸗ lichſten, denn neben dem erwachenden, herzlichen Wohlwollen, ſprachen Ruͤhrung und Dankbarkeit, in meinem Herzen, laut und eifrig an. Wilibald iſt, wie mir deucht, kein Gegenſtand fuͤr unſere Damenwelt, doch deßhalb um ſo geeigneter, die Gattin zu be⸗ gluͤcken, und ich wuͤrde mich bereits dieſes Gluͤckes erfreuen koͤnnen, wenn nicht bis jetzt ein Hinderniß beſtaͤnde, das aber, wie wir hoffen, die Guͤte des himmliſchen Va⸗ ters beſeitigen wird. So lang' es uns auch ſcheiden mag, die Herzen bleiben eins und ich ihm treu bis in den Tod. Sie fuͤhlen nun, was ich von Ihnen fodern darf— 126 Ihr Ehrgefuͤhl unterſtuͤtzt meinen An⸗ ſpruch! Pauline trat jetzt, ungehindert, aus den herabſinkenden Armen des Umfangenden und eilte an der Freundin Bett zuruͤck, wo Arzt und Gatte zwiſchen Zagen und Hoff⸗ nung, jedem Odemzuge der todtengleichen Schlaͤferin lauſchten. Da ſchlug Luiſens Spieluhr, im Nebenzimmer, die Weiſe des Chorales an:„Wie ſie ſo ſanft ruhn, alle die Seligen ꝛc.“ und ploͤtzlich oͤffnete ſie, wie vorhin ihre Erſtgeborene, das leuchtende Augenpaar, erblickte Paulinen, die eben zu ihr niederſah und lispelte, im Geiſt der fruͤ⸗ hern Liebeshuld:— Auch Du hier, guter Engel?— Wo iſt mein Kind?— Ach!— iſt es noch?— Gott nahm es auf!— nicht wahr? Der hilft und der errettet gern! entgeg⸗ nete die Jungfrau, unter ſtroͤmenden Wonne⸗ — 127 thraͤnen: Dein Kind genas, es ſchlief, es trank und die Amme lobt ſeinen Eifer. Luiſe faltete, ſanft erroͤthend, die Haͤn⸗ de, ihre Vertraute eilte, unter dem Jubel des Gatten, an die Wiege und trug das wer⸗ the Pathchen an der Mutter Bruſt. Das Morgenlicht brach eben durch des Bettes Vorhang, es uͤbergoß die heilige Gruppe mit roſenrothem Himmelſchein und ſpiegelte ſich in den rinnenden Perlen haͤuslicher Selig⸗ keit. 3 Als endlich Pauline heimgeeilt war, um auch den kindlichen Pflichten genug zu thun, ſaß ihr herzliebſter Wilibald bei dem Groß⸗ papa; derſelbe brachte gute Bothſchaft; das Hinderniß war mit einem alten, widerhaa⸗ rigen Vetter, von dem er abhing, plötzlich zu den Todten hinabgefahren und der junge, goldhaarige Forſtmeiſter ſein lachender Erbe. Dieſer flog auf die Eintretende zu. Nun 128 biſt Du mein! rief er und die Jungfrau umfing ihn, von einem Hochaltare der Ruͤh⸗ rung herkommend, um eins ſo zaͤrtlich und in der froͤmmſten Wallung ihres Lebens — Luiſe verband, nach wenigen Wochen, die freudenreiche Feier der Geneſung mit dem Brautfeſt ihres gluͤcklichen Lieblings. Verheimlichung. Die 9. Schilling ate S. 191r Bd. Das Voͤglein ſang, das Kaͤtzchen putte ſich; die junge Hausfrau that desgleichen. Ihr Guido ſah, verſtohlen, von einem Schlacht⸗ plan auf— denn Strategie war, naͤchſt dem Weibchen, ſeine Puppe; er ſah dem an⸗ muthigen Weben der Geliebten zu und rief erregt— O Tinchen! Du biſt wunderhuͤbſch! Ein ſeliges Laͤcheln vergalt ihm. Die Holde flog erkenntlich an ſeine Bruſt, der kirre Zeiſig flog ihr nach, nahm auf dem ſammetnen Nacken Platz und pickte ſchonung⸗ los, wie Guido kuͤßte, ſo daß ſie Beiden weh⸗ ren mußte. Um nun die Locken und das zarte Gewand vor der drohenden Verſtoͤrung zu retten, ergriff die Schlaue haſtig den Schlacht⸗ 9 9 332 plan; ſie ſtellte ſich einfaͤltig, wollte belehrt ſeyn und fragte nach der Bedeutung dieſer ſcheinbaren Haarbeutel. Das ſind ja Schanzen! ſprach er, in Lau⸗ ne geſetzt: Redouten fuͤr den Waffentanz⸗ Die Masken erſcheinen dort insgeſammt als Helden und Wuͤrg⸗Engel; Naſen ſind gra⸗ tis zu haben und die Erfriſchungen von Blei und Eiſen. O, der heilloſe Krieg! klagte Tina, er verſetzte dagegen— Sage, der heilſame! Der weckt und ſtaͤhlt, der pruͤft und räͤcht, ſchmilzt um und laͤutert und entnimmt zu⸗ dem, durch einen edeln, ſchnellen Tod, gan⸗ ze Maſſen unbelohnbarer Thaͤter, dem Leide der Zukunft. Sie kommen! unterbrach ihn Tina, griff haſtig nach dem Shayl, beſchwor ihn, ſo⸗ bald als moͤglich nachzufolgen, herzte, kuͤßte und verſchwand.— Es waren Damen, 133 welche ſie zu einer Landpartie abholten. Guido ſah dem Wagen nach, er ging dann, verduͤſtert, an ſein Geſchaͤft und auch das Maͤtzchen flog nun abſeit und hing die Fluͤgel. Nach Mittag ward ihm ein alter Freund gemeldet. Herr Richard war es, Guido's einſtiger Hofmeiſter, welcher eben, nach viel⸗ jaͤhriger Abweſenheit, aus dem Norden heim⸗ gekehrt war und ihn unverweilt aufſuchte. Er fand den Zoͤgling zum bluͤhenden Manne gereift, fand ihn dankbar und eine ruͤhren⸗ de Aufnahme. Jeder fragte, gleichzeitig, mit innigem Antheile, nach dem Zuſtand und Ergehen des andern. Richard geſtand ihm, mit Achſelzucken, bis an den Fuß des Ural vergebens eine Ruheſtatt geſucht zu ha⸗ ben; Guido pries dagegen des Himmels Huld und zur olendung der Wohlfahrt ſagte er: 134 ward mir ein Weib nach meinem Herzen, das, bis heute, die gluͤhende Leidenſchaft und Haſt gerechtfertigt hat, mit der ich es, auf Gerathe wohl, ergriff und waͤhlte. Tina fuhr, bereits vor Mittag, mit einigen Freun⸗ dinnen nach Blumenberg, wo die ſchoͤne Welt jetzt zuſammen trifft und ich wollte derſelben, ſpaͤterhin, dahin folgen. Ihre Begleitung wuͤrde mir wohlthun. Schoͤne Welt, verſetzte Richard: ſeh ich gern und unter ihr am liebſten die Frau nach eines edeln Mannes Sinne; zudem iſt das Wohlthun die ſuͤßeſte Pflicht, alſo laſſen Sie anſpannen. Guido kam, unter Weges, von dem Freunde veranlaßt, auf ſeine heitere Lage zu⸗ ruͤck. Der gute Geiſt, bemerkte er: habe ihn, Jahr fuͤr Jahr, mit neuen Gaben be⸗ reichert und die fruͤheren ſichtlich geſegnet. 135 Er dankte der Gunſt einiger Großen das ein⸗ bringliche Amt, dem letzten Willen eines weitkaͤufigen Verwandten die anſehnliche Erb⸗ ſchaft, dem Erfolge der Anſtrengung dieß Ordenkreuz, dem Zufall endlich, der Guͤter ſchoͤnſtes, die herrliche Gattin.— Guido ſuchte hierauf, durch beſcheidene Fragen, mit der Lage ſeines Freundes bekannt zu werden und ihm, wo moͤglich, die erſehnte Ruhe⸗ ſtatt gruͤnden zu helfen. Nichard ent⸗ gegnete— Mir verſagten, zu meinem Leidweſen, aber unzweifelhaſt dennoch zum Beßten des Verſaͤumten, die Goͤtter jede aͤhnliche Gold⸗ frucht. Nach unſerer Trennung fuͤhrte ich einen jungen, verzogenen Grafen auf Rei⸗ ſen, der in Warſchau muthwillig Haͤndel anſpann und im Zweikampfe blieb. Ich trat dann, Geld⸗ und Goͤnnerlos, als Sekretair, in das Gefolge eines ruſſiſchen Fuͤrſten, wel⸗ 136 cher eben von Paris, auf ſeine Guͤter, an's Ufer der Wiaͤtka zuruͤck ging; eine boͤſe Fee, die er, von Berlin aus, mitfuͤhrte, beherrſch⸗ te ihn und feindete mich an. Die Schlange war ſo ſchoͤn als ſchlau und aller Farben maͤchtig, mit denen dieſe Gattung, ſelbſt Gewitzigte verzaubert. Aber es gelang mir in Moskau, den Zauber zu loͤſen und dem verblendeten, gutartigen Manne die Augen zu oͤffnen. Er uͤberraſchte die Treuloſe, ſah ſich verrathen, warf ihr die brennende Kerze in's Geſicht, die Goldboͤrſe hinten nach und verſtieß ſie.— Die Fortſetzung folgt! ſagte Richard, ſchnell abbrechend: der heutige Tag iſt zu reizend, um ihn durch widrige Erin⸗ nerungen zu umwoͤlken. Sie kamen jetzt in Blumenberg an. Guido fuͤhrte ſeinen Freund, auf Seiten⸗ 137 wegen, in ein Buſchwerk des Gartens, von wo aus ſie, durch den Baumſchlag gedeckt, einen nahen Halbkreis ſitzender Damen unbe⸗ merkt uͤberſchauen konnten.— Meine Frau, ſagte jener: iſt unter dieſen, ich bitte, ſie her⸗ aus zu ſuchen. Es wird mir ergoͤtzlich ſeyn, wenn Sie fehlrathen und mir eine oder die an⸗ dere ſchimmernde Niete zudenken, denn auch hier iſt nicht alles Glaͤnzende aͤcht und edel. Seltſame Zumuthung! eiferte Richard: gegen die ſich das Zartgefuͤhl ſtraͤubt; ich ſe⸗ he ja nicht mit den Augen des zaͤrtlichen Gat⸗ ten, die gehoffte Ergoͤtzung duͤrfte daher leicht zum Aergerniß werden. Das komme uͤber mich! frevelte Guido und beſtand auf der Foderung. Jener zog, faſt unwillig, das Glas vor's Auge und mur⸗ melte, nach kurzer Beſchauung: den Außen⸗ farben nach, ſetzt Ihre Gattin eben die Taſ⸗ ſe zuruͤck. 13 Fehlgeſchoſſen! entgegnete ſein Freund: das thut Alwine, meine Stiefſchweſter, die ſeit Ihrer Entfernung gereift iſt. Richard wuͤnſchte ihm zu der ſchoͤnen Blutsverwandtin Gluͤck und deutete nun auf die Blondine neben ihr. Ein Gaͤnſebluͤmchen! fiel Guido ein. Beide verſtummten wieder; der eine mu⸗ ſternd, der andere lauſchend. Iſt's moͤglich? fliſterte Richard, ſichtlich beſtuͤrzt: Adele Clairon? aber wie kaͤme die Hetaͤre unter rechtliche Frauen? Und doch! Sie iſt's, ſo wahr ich lebe! ich ſehe ſeibſt das Feuermaal am Halſe. Die Fuͤnfte dort, im weißen Shawl— Das iſt Adele, Freund! die Buhlerin, von der ich Ihnen vorhin ſagte. Sind Sie bei Sinnen? fragte Guido 3 verblaſſend: die Fuͤnfte dort, im weißen Shawl und mit dem roſenrothen Fleck am Kinn, iſt Coͤleſtine Clar, iſt meine Frau, wie Veſta rein und unbeſcholten. * 139 Wahrhaftig? Ei! So taͤuſchte mich die Aehnlichkeit! entſchuldigte jener und ergluͤhe⸗ te in dem Maß, als der Gatte verblich— irren iſt menſchlich! vergeben Sie! Guido ſchoͤpfte Odem, er zwang ſich, zu laͤcheln und ſprach— ich vergebe Ihnen, ſobald Sie ſich uͤberzeugt haben werden und das muß ohne Zoͤgerung geſchehen. Nur jetzt nicht, Beßter! wisperte Ri⸗ chard, die Stirn trocknend und entwand ſich dem Draͤnger, der ihn fortzog: mein Irr⸗ thum hat mich mit Schamroth bedeckt; es wuͤrde Ihnen weh thun, mich dieſem Da⸗ menkreiſe gegenuͤber, in ſchuͤlerhafter Verle⸗ genheit zu ſehn. Selbſt Ihre Gegenwart bedruͤckt mich jetzt. Erholen Sie ſich dort, am Quell des Schoͤnen, ich kehre nach der Stadt zuruͤck. Immer verdaͤchtiger erſchien dem Gatten Nichards entſchloſſene Weigerung, der ſich, * 140 von neuem beſchworen, mit demſelben Nach⸗ drucke ſtraͤubte und ihm jetzt, unaufhaltſam, entſchluͤpfte. Guido weilte, verbittert und ſinnend, in dem Verſtecke; er warf ſich endlich, vom Geiſte des Argwohns beſchlichen, unter dem Laubwerke nieder. Die Moͤglichkeit war denkbar— die Hoͤlle that ſich auf. „ Guido hatte die Bekanntſchaft ſeiner Ti⸗ na, im Gaſthof einer norddeutſchen Landſtadt gemacht, wohin ihn die Uebernahme jener Erbſchaft fͤhrte. Er fand ſie dort, mit der Wartung ihrer Pflegmutter, einer lieflaͤndi⸗ ſchen Prediger⸗Witwe, beſchaͤftigt. Nur die Tapgtenwand ſchied ihn von dem pflicht⸗ e Pen den deſſen Silberſtimme, deſ⸗ ſen Form, deſſen ſittliche Anmuth ſein reiz⸗ bares, liebereiches Herz beſchaͤftigte. Sie 8 141 begegneten ſich taͤglich, bald in der Wirthin Zimmer, bald im Vorſaal oder im Garten, wo Tina zuweilen ſich erging und dieſe ſchien. allmäͤhlig zu dem ehrbaren, Antheil nehmen⸗ den Hausgenoſſen, Vertrauen zu faſſen. Er erfuhr, daß ihr Vater, ein Seefahrer, zuſammt der Mutter und ſeinem Schiffe, in der Oſtſee zu Grunde gegangen und ſie, als eine ſechsjaͤhrige Waiſe, von dieſer einzigen und trefflichen Verwandten aufgenommen und erzogen worden ſey. Ein ſchwieriger Prozeß hatte die Pflegerin, vor Kurzem, aus Liefland nach Berlin gefuͤhrt, und ſie befan⸗ den ſich eben, gebeugt von dem Ausfalle deſ⸗ ſelben, auf der Ruͤckkehr. Ihm, dem rei⸗ chen, hier einen unverhofften Schatz heben⸗ den Erben, leuchtete die Fuͤgung und ſein Beruf ein, der Schutgeiſt edi hu ge⸗ pruͤften Frommen zu werden. Man lehn⸗ te zwar fuͤrerſt, zu ſeinem Kummer, die mil⸗ 142 de Huͤlfleiſtung zartſinnig ab, aber das Be⸗ duͤrfniß der Kranken und die wachſende Be⸗ draͤngniß unterwarfen, bald genug, dieſe hei⸗ lige Scheu dem gebieteriſchen Erhaltung⸗ Triebe; er ſah die Reinheit ſeines Willens anerkannr, er durfte die Drangſal entfernen und die Anmuth des Maͤdchens verklaͤrte nun der Zauber ihrer Dankbarkeit. Guido hoͤrte ſich— an der Tapetenwand lauſchend, mit Ruͤhrung belobt und gefeiert; er ſah, bei jedem ferneren Zuſammentreffen, in Tina's ruͤhrenden, gemuͤthreichen Blicken, die Be⸗ ſtaͤtigung jener Gefuͤhle; immer engelglei⸗ cher erſchien ihm dieß ſtille Sinnbild der ſitt⸗ lichen Schoͤne und der Beſitz deſſelben als die Krone ſeines Gluͤcks und ſeiner Zukunft. — Ihre Mutter kehrte, nach dem Verlauf einiger gen, ſegnend und geneſen, in die ferne Heimath zuruͤck und Tina folgte dagegen, als Gattin, ihrem Manne und 143 warf ihm ſeitdem, mit jedem neuen Tage, 1 friſche Bluͤthen in den Lebenskelch.- Da fuͤhrte das Verhaͤngniß dieſen Frie⸗ den⸗ſtoͤrenden Gaſt in das Haus; es mach⸗ te ſelbſt den argloſen Herzensfreund zum Saͤer des Unkrautes und Richards ſchnelle Flucht fiel, gleich dem Trotz, mit dem er ſich ver⸗ ſagte, erſchuͤtternd in ſein Herz. Dem Ue⸗ berzeugten, dachte Guido: leuchtete die Wir⸗ kung ein, die ſein Erſcheinen hervorbringen werde— der Zuſtand und das Verzagen der Heuchlerin, wenn er derſelben als der vertraute Freund ihres Gatten vorgeſtellt ward — er fuͤrchtete, ſie von der Gewalt der Ue⸗ berraſchung und des Bewußtſeyns ploͤtzlich entſchleiert zu ſehn, fuͤrchtete eine Scene vor der ſchoͤnen Welt Augen und den zerruͤtten⸗ den Eindruck dieſer Schuldzeichen auß mein 4 Gemüth. Von ſolcher Marterangſt getrieben, eil⸗ 144 te Guido endlich an den Wagen zuruͤck und ſetzte die Pferde in Galopp, um den Ver⸗ ſchwundenen einzuholen, nach deſſen Woh⸗ nung er zu fragen vergeſſen hatte und den er um jeden Preis auffinden, vernehmen, bedraͤngen, dahin bringen mußte, ſich der Verklagten darzuſtellen. Doch Richard war nirgend zu erblicken. Ihm grauete, bei dem Eintritt in ſein freundliches Haus— bei jedem Hinblick auf Gegenſtände und Geraͤthe, die ihn bis dahin, als Tina's Beſitzthuͤmer, wohlthuend angeſprochen hatten. Er fand ſich endlich, mit den Piſtolen in der Hand, vor ihrem laͤchelnden, ſprechenden Bilde und ſchauerte aus der Betaͤubung des Ingrimmes auf, voon dem er ſich durchdrungen fuͤhlte. Herr Richard ſchickt das— ſprach Jo⸗ hannes, ſein alter, getreuer Diener, den 1 145 Herrn beſorglich in's Auge faſſend und gab ihm ein Billet. „Kaum in den Gaſthof zuruͤckgekommen, ſchrieb ihm dieſer: vermiſſe ich meine Brief⸗ „taſche, die einen Wechſel und mehrere, nicht unwichtige Papiere enthaͤlt. Dieſelbe muß in dem Pulte des Zimmers, das ich waͤh⸗ rend dem Aufenthalt in Prag bewohnte, zu⸗ ruͤckgeblieben ſeyn und es ſcheint mir am ge⸗ rathenſten, den eben abgehenden Poſtwagen zu benutzen und mich dort ſelbſt als Eigen⸗ thuͤmer zu beglaubigen. Von der Billigkeit meines Freundes erwarte ich uͤbrigens die Entſchuldigung jenes Irrthums, der zu we⸗ ſenlos iſt, um nur einen Augenblick ſeines hellen Lebens zu verduͤſtern und von des Freundes Zartgefuͤhle die ſorgfaͤltigſte Ver⸗ meidung alles deſſen, was den verkannten Gegenſtand behelligen und den unſchaͤtzbaren Hausfrieden auf's Spiel ſetzen koͤnnte. Es Schilling 2te S. 19 r Bd. 10 145 werde demnach Ihres heutigen Zuſpruches mit keinem Wort gedacht, doch im nerdar gedenke mein Guido mit Freundlichkeit ſeines NRichard.“ Guido las und las, warf endlich das Blatt zu Boden und rang die Haͤnde. Ei⸗ ne Nothluͤge!— ſprach er: das iſt ja klar! Der Weltkluge eilt hinweg, um ſich jeder naͤheren Aufklaͤrung zu entziehen und jede die⸗ ſer muͤhſeligen Wendungen ſtrebt dahin, mich in der ſeligen Verblendung zu erhalten und der Erkenntniß vorzubauen. Entſetzliche Lage! Kein Senkblei erreicht hier den Grund. Ihr wird vor keinem Eide ſchauern, denn der Preis der Verlaͤugnung giebt der Heillo⸗ ſen Muth— ſie ſchwoͤrt, auf die Barmher⸗ zigkeit des Himmels bauend, und glaubt, ein gutes Werk durch den Meineid zu ſtif⸗ ten— die Rettung ihres Gluͤcks, meines Friedens, unſerer Wohlfahrt mit einem Fre⸗ 147 vel zu erkaufen, der ſich, in ihrem Wahne, verbeten laͤßt. Auch Richard vermißt ſich am Ende wohl, um das moͤgliche Trauer⸗ ſpiel zu entfernen und findet in der Caſnuiſtik die Berechtigung. Die Freundſchaft ſelbſt verſchließt ihr Ohr, ſie hat keinen Troſt fuͤr das Opfer des unheilbaren Argwohns. Es iſt der Hoͤllenpein verfallen und ſein guter Geiſt weicht dem boͤſen. Guido vernahm jetzt die Stimme der heimgekehrten Gattin und ſprang auf— ſie trat in's Zimmer, ſein Herz erbebte. Und Du kamſt nicht? klagte Coͤleſti⸗ ne: o, wie hab' ich geharrt und mich ge⸗ ſehnt— Du haͤßlicher Mann, warum hieltſt Du nicht Wort? Sie fragten alle und wir gingen Dir vergebens entgegen. Mißbehagen— Geſchaͤfte, ſagte Gui⸗ 10* 148 do, im Tone und unter den Auſſenzeichen ſeiner ſchlimmen, ihr bekannten Laune, wel⸗ che Kuß und Liebkoſung abwies— ein Zu⸗ ſpruch! fuhr er, die Stimme hebend, fort — mein alter! oft vermißter Herzensfreund ſuchte mich, heim— Secretair Richard! Du kennſt ihn— beſinne Dich nur! Lina zog eben die Schleife des Hutes auf— Sie wendete ſich haſtig nach dem Fluͤgel, um ihn abzulegen und erwiederte kleinlaut— Richard? Secretair?— daß ich nicht wuͤßte!. E. Dann uͤberfiel mich ploͤtzlich Froſt und Hitze— ein Fieberſchlaf mit graͤulichen Phantomen. Du lagſt in eines Fremden Arm— ein anderer, hoch Empoͤrter ſtuͤrz⸗ te herein— er fluchte der Treuloſen, er warf Dir eine brennende Kerze an die Bruſt und das Feuermaal am Halſe vengreitte ſich ploͤtlich uͤber Dein entſtelltes, füͤnderbleiches 149 Geſicht— Tina ſtarrte ihn an und ergluh⸗ te— Wie eben jetzt! rief Guido, daß der Fluͤgel widertoͤnte und riß ſie, am gefaßten Arme, unter todtdrohenden Blicken, nach dem Fenſter hin. Die Angſtvolle ſchrie laut auf, entwand ſich ihm und ſprang hinaus, er aber ſtand verſteinert und fliſterte endlich, ſein Antlitz mit den Haͤnden bedeckend— Wehe mir! ſie iſt ſchuldig! Der alte Johann hatte, mit Erſchrecken die Gaͤhrung bemerkt, in welcher ſein Herr von Blumenberg heimgekehrt war; er hatte dann den ſtuͤrmiſchen Wortwechſel und Gui⸗ do's Wehruf vernommen— Fort, auf die Poſt! rief ihm dieſer jetzt zu— iſt Richard noch da, ſo bitt' ihn auf den Knieen, daß er ohne Zoͤgern herbei eile, und iſt er fort, ſo nimm mein Pferd und jag' ihm nach. Es gilt ein Leben! 150 Tina war indeß nach ihrem Zimmer ge⸗ fluͤchtet und dem Hinſinken nahe. Sein Wahnſinn ſchien ihr Daſeyn zu bedrohen. Sie fand den Schreibtiſch geoͤffnet, der, zu Folge der uͤbereilten Abfahrt am Morgen, unverſchloſſen geblieben war; ſie glaubte, Guido habe ihn erbrochen und beeilte ſich, nach dem Inhalte der geheimen Faͤcher zu ſehen. Richard war eben im Begriffe, den Poſt⸗ wagen zu beſteigen, deſſen Abgang ſich, zu ſeinem Kummer, bis jetzt verzoͤgert hatte, als Johann denſelben uͤberraſchte, ihn ab⸗ ſeit zog, angſthaft und odemlos den Zuſtand ſeines, Herren ſchilderte, des vernommenen, haͤuslichen Sturmes gedachte, ſich des em⸗ pfangenen Auftrages entledigte und ihn mit den beweglichſten Worten um ſeine Dazwi⸗ ſchenkunft beſchwor. Richard kannte des Zoͤglings krankhafte 151 Reizbarkeit, den Ungeſtuͤm ſeines Zornes. Er fuͤhlte, daß es, unter ſolchen Umſtaͤnden, zu ſpaͤt ſey, den Frieden dieſer Ehe, durch Schonung der Betruͤgerin, zu retten— fuͤhlte die Pflicht, als Urheber des Unheils, dem Verſtoͤrten jetzt zur Seite zu bleiben und eilte zu dieſem. Sie taͤuſchten ſich nicht! rief Guido, als er eintrat; die Larve fiel— das Weib iſt ſchuldig— ſein Gewiſſen verrieth es! Was ſoll ich thun? In dieſer Wallung nichts! erwiederte Richard: denn die Leidenſchaft hat, vom Anbeginn, nur immer Verdammliches ge⸗ rathen und vollfuͤhrt. Erſt pruͤfe der Ver⸗ kuͤhlte ſein eigenes Herz, damit ihn die Er⸗ kenntniß vermenſchliche und ſtelle ſich an den Platz der Suͤnderin. Es giebt, fuhr Richard fort: in Ihrer Lage nur zwei Wege, um das Heil des Lebens zu ſichern. Schon 152 Manche dieſes Gepraͤges hat, als Gattin, ſich erhoben, veredelt, die Schmach der Ver⸗ gangenheit durch fromme Pflicht⸗Erſchoͤ⸗ pfung ausgetilgt und koͤnnen Sie der Groß⸗ muth Raum geben— Nimmermehr! rief Guido auffahrend: Großmuth in dieſer Beziehung iſt ehrloſe Schwaͤche und ich achte mich ſelbſt— R. Der andere Weg fuͤhrt durch die Trennung zu weiſerer Wahl. G. Ja, Trennung! Trennung! Hin⸗ aus mit ihr! Nie mag ich dieſe bittere Frucht der raſenden Uebereilung wieder ſehen. Die Folge der Uebereilung, erwiederte Riiccard: gleicht oft genug, an Bitterkeit der Frucht des Verbrechens und ihr Weh iſt um ſo herber, wenn ſie aus odeln Queleen, aus argloſem Irrthum entſprang und wohl gar fromme Zwecke beabſichtigte. Vor allem wird hier Geeichmuth noͤthig; er fuͤhrt uns 153 zur Gerechtigkeit— dieſe zur Wuͤrde, die Wuͤrde zur Milde und,„droben uͤber'm Sternenzelt, richtet Gott, wie wir gerichtet!“ Richard trat jetzt in Coͤleſtinens Zim⸗ mer und fand die Rathloſe betend, auf den Knieen. Sie ſchritt ihm, haſtig aufgerafft, entgegen, das Wart erſtarb auf ſeiner Lippe. Er hatte ſie in Blumenberg nur ſitzend und im Hute geſehen; die abweichende Form, die hoͤhere Geſtalt drang ihm jetzt— trot der ſprechenden Aehnlichkeit des Geſichtes mit Adelens Zuͤgen, die niederſchlagende Vermu⸗ thung eines Irrthums auf.— Und dennoch ſchuldig! rief er, Odem ſchoͤpfend; denn dieſer Glaube ward jetzt ſein Troſt und der Stab, der ihn aufrecht hielt. Schuldig? ſiel Tina ſtolz und empört 154 ein: und das ſagt mir ein Zudringlicher, den ich eben zum erſten Mal ſehe? Sie ſehen hier, verſetzte Richard, zwi⸗ ſchen Scham und Aerger: den bewaͤhrteſten Freund Ihres Gatten, deſſen Weiſung mich herfuͤhrt. Mein Guido iſt krank! ſprach ſie, ſchnell zur Wehmuth hinabfallend und brach in lau⸗ tes Weinen aus: ſelbſt ſeine innige Liebe hat ein unbegreiflicher Vorfall ploͤtzlich in Argwohn und Abſcheu verkehrt. Nur Gott und das gute Bewußtſeyn erheben mich Aermſte. Auch Ihr Bewußtſeyn? fragte Richard, ihr tief in die verweinten Augen blickend. Dieſe ſuchten, himmelan fliegend, den ſchweigenden Zeugen und fernere Wechſelre⸗ den loͤſ'ten jetzt allmaͤhlig das aͤngſtende Raͤthſel. Es war Adele, ihre aͤltere, ver⸗ dorbene und geſunkene Schweſter, fuͤr die er ſie genommen und deren Daſeyn und Wandel, Coͤleſtine, dem Freier, wie dem Gatten, aus falſcher Scham, verheimlicht hatte. Sie oͤffnete jetzt, vor Richards Au⸗ gen, das erwaͤhnte, geheime Fach des Schreibtiſches, um ihr Geſtaͤndniß durch Ade⸗ lens Briefe zu belegen, in welchen dieſe, von Elend und Siechthum gepeinigt, das Schwe⸗ ſterherz in Anſpruch nahm— durch Zu⸗ ſchriften der Mutter, die jene verwarfen und Coͤleſtinen ſegneten. Sie machte es dem Vermittler nun zur Pflicht, die Briefe ihrem Gatten einzuhaͤndigen und Richard eilte jetzt, bedruͤckt und erquickt, nach Guido's Zimmer und zog ihn aus der Marterkammer. So hatte denn der Sturm verderblicher Uebereilung— hatten gleichartige Familien⸗ zuͤge, ein leichtes, beiden Schweſtern zu Theil gewordenes Maal und Tina's Entſetzen uͤber des Gatten ploͤtliche Entartung, ein 155 156 Drama herbeigefuͤhrt, das ſich, zu beider Heile, befriedigend loͤſ'te. Der folgende Morgen fand die Verſoͤhnten Arm in Arm und der loſe Zeiſig neckte und weckte jetzt die erſchöpfte Schlaͤferin zur Ungebuͤhr, mit dem erſten, roſigen Fruͤhſtrahle. 2. — — — — — Da s Auguſte hatte die entlegene Ruheſtatt des Generals, ihres Gatten beſucht, der vor kurzem den Tod des Soldaten ſtarb und un⸗ ter einer Ruͤſter des Wahlplatzes begraben lag.— Der Nachklang ihres Wehes und das Ungemach der Reiſe erſchoͤpften die jun⸗ ge, zart geformte Frau; ſie erkrankte waͤh⸗ rend der Ruͤckkehr im Gaſthof einer deutſchen Hauptſtadt, und die Wirthin fuͤhrte ihr auf Verlangen einen betagten und geprieſenen Arzt zu. Dieſer fand die ſorgfaͤltigſte Pflege vonnoͤthen und nur ein Kammermaͤdchen vor, uͤber deſſen Leichtſinn und Haͤrtigkeit die Kranke bittete Klage fuͤhrte. Aber mein Heilbringender Freund! ſetzte ſie beredtſam 160 und ſchmeichelnd hinzu: ſollte es denn nicht im weiten Kreis Ihrer Freundinnen ein ge⸗ muͤthliches, beiſtaͤndiges Weſen geben, das mir, im Geiſt unſeres Geſchlechtes, die Hand bieten— das mit mir weinen, beten und fuͤr mein Beßtes ſorgen moͤchte? Jener erwiederte nach kurzem Beſinnen — ja! ich kenne ein ſolches, das Ihr Be⸗ duͤrfniß erſchoͤpfen wuͤrde. Emma Heim, von unſern Damen insgemein„das Heim⸗ chen“ genannt. Sie iſt noch jung, iſt ge⸗ bildet und gleichſam ein Genius im Bezug auf ſolche Liebeswerke, deren Uebung ihr we⸗ der die Gefahr, weder der Anſpruch ihrer Jahre auf der Welt Luſt, noch ſelbſt der ſchnoͤde Undank verleiden kann. Solche Opfer 8 gefallen Gott wohl, auch ſcheint er das ver⸗ dienſtliche Maͤdchen mit Kraft von Oben aus⸗ zuruͤſten. Emma ging, als jaͤngſt hier, Monate lang, ein anſteckendes, ſchnell toͤd⸗ 7 5* 161 kendes Fieber hauſ'te, von einer Huͤlfe be⸗ duͤrfenden Freundin zu der andern, hob und legte, leiſtete und wachte, ohne von dem Giftſtoffe betroffen zu werden. O, himmliſcher Vater, die ſende mir! rief Auguſte und ſagte dann, des Arztes Hand faſſend— Neigen Sie mir dieſes Engelherz zu! Nie trage ich wieder Schmuck und will die Seltne ſich mir widmen, ſo wei⸗ he ich ihr, im Voraus ein werthvolles An⸗ denken. Sie waͤhle unter meinen Dia⸗ mantringen. Mit nichten, gnaͤdige Frau! verſetzte der Arzt: Emma verſchmaͤht ſolchen Lohn, das Maͤdchen ſchmuͤcken edlere Juwelen— Die Perlen ihrer Seelenſchoͤne, ihrer Demuth, ihrer Opferungen. Iſt unſer Heimchen nicht eben uͤberhaͤuft, ſo bring' ich es Ihnen. Schilling zte S. 19r. Bd,. 11 Die belobte Jungfrau erſchien mit dem Abendrothe, an Auguſtens Bette. Zwei Wahlverwandte begegneten ſich hier und die erſte Nachtwache reichte hin, ein trauliches Verhaͤltniß zu begruͤnden. Des Maͤdchens Form und Bildung war nicht ausgezeichnet, es trug zudem jetzt eine Binde uͤber dem rech⸗ ten, leidenden Auge, aber die Glorie der in⸗ nern Anmuth und Freundſeligkeit verlieblich⸗ te die bleiche Lilie und oͤffnete Auguſtens ſchmerzenreiches Herz. Emma war vor al⸗ lem eine heilſame, ſtill erquickende Troͤſterin, ihre Rede ebnete allmaͤhlig die Wellen jenes ſtuͤrmenden Drangſals, die Leidtragende weinte ſich aus und es daͤmmerte faſt wieder, als ſie aus dem langentbehrten, wohlthuen⸗ den Schlaf erwachte und ihre treue Huͤterin mit lebenswarmer Zaͤrtlichkeit umarmte. Ich beurlaube mich nun auf ein Stuͤnd⸗ 8 chen, ſagte Emma, nach mancher erheitern⸗ 163 den Mittheilung: um eine Freundinn, die meinen Beiſtand anſprach, zu dem heutigen Balle kleiden zu helfen. O, Herzenskind, erwiederte die Gene⸗ ralinn: das iſt, in Ihrem Alter, ein hoͤchſt verdrießliches Geſchaͤft, wenn man nicht ſelbſt Geſellſchaft leiſten kann. Sie tanzen doch auch gern? 5 4 Ich tanze wohl gern, antwortete Emma: aber die Taͤnzer verſchmaͤh'n mich und wer mag ihnen das verdenken? Wenn wir Blu⸗ men zum Strauß oder Kranze ſammeln, wer⸗ den ja auch nur die ſchoͤnen und anſprechen⸗ den gewaͤhlt, den unſcheinbaren Reſt laͤßt man ſtehen. Vor Jahr und Tagen noͤthig⸗ te mich eine Goͤnnerin, ſie in die Tanz⸗Ge⸗ ſellſchaft zu begleiten. Ihre Huld, ſagte ich ablehnend: denkt mir da die herrlichſte der Maͤdchenfreuden zu, ich aber wuͤrde nur einen ſchwuͤlen Abend, voll herber Pruͤfung⸗ 11* 154 ſtunden finden. Ich ſtehe fuͤr das Gegen⸗ theil! erwiederte ſie und lobte mich und ſag⸗ te: auf meinen Sohn und meine Neffen kannſt du zaͤhlen und wenn ich dir lieb bin, ſo folge.— Die Guͤtige putzte mich ſelbſt heraus; ich erſchien mir jetzt wunderhuͤbſch und wuͤnſchte, in der Selbſtgefaͤlligkeit, ein Mann zu ſeyn, um mit meinem verſchoͤn⸗ ten Perſoͤnchen den Ball zu eroͤffnen— So iſt man nun!— Wir fuhren hin, der Tanz begann, doch Keiner der Gehofften nahte ſich; uͤberdem ward meine Schutzfrau zum Spiel abgerufen, und da ſaß ich denn und ſah, verſaͤumt und an der Quelle dar⸗ bend, die Gluͤcklichern im Ueberſchwange. Das iſt ein beugendes Entbehrungfeſt, ſo gern man auch dem Schweſternkreiſe das Beß⸗ te goͤnnen mag.— Endlich, als es be⸗ reits zur Neige ging, ſtuͤrzte der Sohn mei⸗ ner Goͤnnerin, unfehlbar auf der Mutter An⸗ 1 165 trieb, zu mir hin; ich durfte ihn, aus Ruͤck⸗ ſicht auf dieſe, nicht abweiſen. Doch eben als wir zu den Reihen eilten, trat eine jun⸗ ge, vornehme, vom Walzer ganz erſchoͤpfte Dame ſtuͤrmiſch zwiſchen uns. Wo iſt ihr Gedaͤchtniß? fragte ſie meinen erſchreckenden Fuͤhrer, der bis zur Stirn ergluͤhete, ſich bald vor ihr, bald vor mir neigte, jetzt mei⸗ ne Hand fallen ließ und jene vorzog. Du armes Thierchen! wisperte eine weichherzige Matrone hinter uns— die Worte drangen durch mein Innerſtes. Du armes Thierchen, dachte ich noch daheim im Bette, weinte mich aus und verzichtete.— Ach, mehr als eine, von ihrem Ballgluͤcke zerruͤttete Freun⸗ dinn, hab' ich, ſpaͤterhin, im Laufe aͤhnlicher Freudennaͤchte gewartet, getroͤſtet und zu dem letzten Reigen gekleidet. — 166 Bald nach des Maͤdchens Abgange kam der Arzt.— Er fand die Kranke gutes Muths und aͤrntete Beifall und Segen fuͤr die Einfuͤhrung der liebenswerthen, verſtaͤn⸗ digen Pflegerin. Auguſte erwaͤhnte mit Be⸗ dauern, daß Emma an einem Augen⸗Ue⸗ bel zu leiden ſcheine, aͤußerte Bedenken, ob ſie derſelben, in dieſem Falle, die fernere Wartung anmuthen duͤrfe und fragte, ob er mit jenem bekannt ſey— Mit dem Uebel ſowohl, verſetzte der Arzt, als mit der traurigen Veranlaſſung. Die Arme leidet nur zuweilen noch an den Nach⸗ wehen, denn dieß verbundne Auge iſt zerſtoͤrt und ein Denkzeichen ihres Ungluͤcks, ihrer Entſagungkraft, ihres Edelmuths. Emma hatte eben die Mutter verloren, als ihr Haus⸗ genoſſe, ein geſchickter, bemittelter Augen⸗ arzt, um das verwaiſ'te Maͤdchen warb. Sein Ruf war unbeſcholten, des jungen — — 167 Mannes Form und Weſen hoͤchſt empfehlend, ſie wollte ihm ſchon fruͤher wohl, erblickte Gottes Finger in der Wahl und ſagte zu. Jetzt verbreitete ſich jenes boͤsartige Fieber; es ergriff auch Emma's Verlobten; die Zaͤrt: liche ſah ihn am Rande des Grabes, erſchoͤpf⸗ te ſich in Nachtwachen und Aengſten und ihre Augen, die das endloſe Weinen abge⸗ ſchwaͤcht hatte, wurden von einem heftigen Fluſſe befallen. Jener genas indeß, ſchnell und gegen alles Erwarten; er behandelte, Kraft ſeines doppelten Berufes, die Leiden⸗ de und griff nun in der Wahl der Mittel fehl, oder fand das Uebel ſeiner Kunſt uͤber⸗ legen— Genug, die Sehkraft des rechten Auges erſtarb, es blieb entſtellt und Emma hoͤrte damit auf, ihm zu gefallen. Er zog ſich, maͤhlich doch entſchloſſen zuruͤck und freiete nach wenigen Monden, um ein ſchoͤ⸗ neres, beguͤtertes Maͤdchen, das nur aus 7½ 168 Achtung fuͤr Emma's Naͤherrecht, mit dem Jawort zuruͤck hielt. Tolldreiſt ſuchte jener ſofort die Betrogene auf, er beſchwor ſie, das Boͤſe, im Sinne des Mittlers, mit Gutem zu vergelten und jener Liebenden, die er ſein nennen oder ſterben muͤſſe, glaubwuͤrdig zu verſichern, daß Sie, nicht Er, das Band geloͤſ't habe, weil ihre Noigung verſchwun⸗ den ſey. Und Emmas rief die Generalin, ge⸗ ſpannt und haſtig— Und Emma vergalt ihm, im Sinne des Mittlers, ſie ſchrieb der Braut, und die⸗ ſe oͤffnete dem Freigeſprochenen Herz und Kammer. Die Pflegerinn war kaum zuruͤckgekom⸗ men, als ihre Kranke, das Bruſt⸗ und Kopf⸗ weh, ſammt dem Gliederſchmerz, uͤber der draͤngenden Wißbegierde vergaß, die des Arz⸗ tes Mittheilung nur gereizt, nicht geſaͤttigt hatte.— Warum ſo duͤſter, gutes Heim⸗ chen? fragte ſie: nicht wahr, der Ball iſt ſchuld? Du bliebſt ungern dahinten? Wir aͤhneln in dieſem Falle den Kleinen, die eben. erſt verſengt, auf's neue nach der Flamme ſtreben. Mein Herz kam allerdings in's Spiel, erwiederte Emma: aber die Tanzluſt war es nicht, die es anfocht. Als ich meine Freun⸗ dinn gekleidet hatte, und nun vor ihr ſtand und mich an dem gelungenen Anzug ergoͤtzte, da ſagte ſie, bewegt: Morgen wird dir die junge Frau dafuͤr danken, denn du haſt eben eine Braut geſchmuͤckt. Damit umſchlang ſie mich und ihre Thraͤnen fielen in mein Herz. Auguſte entgegnete, leis ſeufzend— die armen Braͤute! Arglos, wie Laͤmmer, gehn ſie durch die myſtiſche Pforte und finden jen⸗ 170 ſeit nur zu oft, ſtatt der getraͤumten Weide, Dornen und Unwetter. Erheitre dich, fuhr ſie liebkoſend fort, zog ſanft die Binde von des Maͤdchens Auge und ſprach— Selig iſt dies erloſchene, denn es wird Gott ſchauen! Laß mich es kuͤſſen! ich kenne Dein Schickſal und wuͤrde Dich beklagen, wenn ich Dich nicht bewundern muͤßte. Emma ergluͤhte in Flammen der bedraͤn⸗ genden Demuth. Hat mich der Arzt verra⸗ then, erwiederte ſie, ohne aufzuſehen: ſo glauben Sie ihm nur zur Halbſchied, denn er ſchwaͤrmt noch im grauen Haarc, und fuͤgte mir im unverdienten, guͤnſtigen Vor⸗ begriffe, am liebſten Cherubfluͤgel bei. Was ich fuͤr jenen Mann gethan, hat kein Ver⸗ dienſt, ich war es mir und meinem Gott, der Pflicht und dem Gewiſſen ſchuldig. O, ſehn Sie nur in dieß erſtorbene und entſtellte Auge. Mußte es ihm nicht, bei jedem Hinblick, —— 171 Anſtoß und Aergerniß geben? War ich nicht fuͤr ihn ein Stoff zu Leid und Reue, nicht, im gluͤcklichſten Fall, ein Pruͤfſtein ſeiner Großmuth geworden? Die Liebe liegt ja außer dem Gebiete des menſchlichen Willens; mein Anſpruch verfiel mit ſeiner Neigung, und wie beweinenswerth iſt Jegliche, der nue des Mannes Pflichtgefuͤhl den Mann erhaͤlt. A. Der Unwuͤrdige zerriß Dein Herz: Du aber haſt Dich wie eine Heilige geraͤcht— Wie eine Chriſtine nur, fiel Emma em: weil ich ihn liebte! und wahre Liebe thut und opfert Alless; er aber ſegnet mich nun und iſt gluͤcklich! A. Und du? Und ich? Ich bin es auch! ſeufzte das Muͤdchen, von einem Thraͤnenſtrome uͤber⸗ raſcht; Auguſte aber ſprach erſchuͤttert— Du weinſt, du frommes Lamm! um in der Todesſtunde laͤcheln zu koͤnnen. 172 Die Generalin war, nach Verlauf von zwei Wochen, hergeſtellt und ihre Trennung von der vertrauten Pflegerin eine der ruͤhrend⸗ ſten. Des Maͤdchens wohlgetroffenes Bild fuͤllte jetzt die Ruͤckſeite der goldnen Kapſel, in der Auguſte das Gemaͤlde ihres verewig⸗ ten Gatten am Buſen trug. Die innigſte Liebe zu Beiden bewegte das Herz unter dieſem. Ein fortdauernder Briefwechſel hielt ſie verknuͤpft. Emma reiſ'te, zu Folge der drin⸗ genden Bitten ihrer Goͤnnerinn, im folgen⸗ den Fruͤhjahre, nach Auguſtens ſchoͤn gelege⸗ nem Gute, um ihr verduͤſtertes, bedruͤcktes Gemuͤth an der Liebe der Huldreichen und ih⸗ re ſchnell geſunkene Lebenskraft am Buſen der Natur zu ſtaͤrken. Die ſinkende Sonne beleuchtete ehen, bei Emma's Naͤherung, die bluͤthenreichen Gaͤr⸗ ten des friedlichen Dorfes; vom Thurme ſcholl — 173 elegiſch die Vesper⸗Glocke, und der hei⸗ lige, prophetiſche Geiſt der abendlichen Sab⸗ bathſtille erfuͤllte die Seele der Jungfrau mit Heimweh und Sehnſucht nach den Bluͤthen und dem Frieden der Seligkeit.— Emma verließ, hart am Dorfe, den Wagen, um in die offene Kirche zu treten und dieſe Gluth befluͤgelter Gefuͤhle im Heiligthum des Hoͤch⸗ ſten auszuhauchen. Die Kirche war eine ka⸗ tholiſche; einzelne Beter knieten noch um den Hochaltar; ſie ſchlich bedraͤngt dem naͤchſten zu, von deſſen friſchem Bilde eine Heilige im Helldunkel glaͤnzte. Emma ſtarrte die Lichtgeſtalt durchſchauert an, denn es ſchien, als ob ſie ihr Ebenbild im Spiegel der Ver⸗ klaͤrung ſehe. Sie irrte ſich nicht. Die Ge⸗ neralin hatte nach der Heimkehr, in ihrer dankbaren Liebe, die muſterhafte Jungfrau auf dieſe erhoͤhende Weiſe gefeiert— ſie hat⸗ te den Mahler eines neuen, dieſem Altare 8 174 zugedachten Gemaͤldes, Emma's Bild mit⸗ getheilt, um der Heiligen, die jenes darſtellte, die Formen und Zuͤge ihres Huͤlf⸗Engels an⸗ zueignen.— Auguſte ſah vom Fenſter aus den nahenden Wagen; ſah, wie ihr Heim⸗ chen ihn verließ und eilte ihr in die Kirche nach, um Zeugin der uͤberraſchenden Wirkung dieſes ſinnigen Beweiſes ihrer Zaͤrtlichkeit zu ſeyn. Sie fand das Maͤdchen mit gefalteten Haͤnden vor jenem Altar hingeſtreckt; Em⸗ ma's Stirn ruhete auf dem Marmor der Stufe, und Stirn und Bruſt und Antlitz waren kuͤhl und ſtarr wie dieſer, denn ploͤtz⸗ lich hatte der Engel der Vollendung ſie er⸗ hoben. Das Leib⸗Eſſen, Seite 7* Die Sabbath⸗Feyer,— 27. Das helle Fenſter, Strafe muß ſeyn,. Die Angſttaufe,. Die Verheimlichung,. Das Altarbild, ſſnſinſnnſ 8 9 11 12 13 14 mfffff ſſſſſnſſſſſſſſſſſſff 15 16 17 18