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An den Herausgeber der Propyläen........ Meber Pürgers Gedichte............ Meber den Gartenkalender auf das Jahr 1795.... Ueber Egmont, Trauerſpiel von Göthe....... Ueher Matthiſſons Gedichte........... Anhang. Nachrichten von Schillers LCehen....... Charlotte von Schilier......... 471 509 ——— ——— Ueber die äſthetiſehe Erziehung des Menſchen, in einer Reihe von Briefen.* Erſter Brief. Sie wollen mir alſo vergönnen, Ihnen die Reſultate meiner Unterſuchungen uber das Schöne und die Kunſt in einer Reihe von Briefen vorzulegen. Lebhaft empfinde ich das Gewicht, aber auch den Reiz und die Würde dieſer Unternehmung. Ich werde von einem Gegenſtande ſprechen, der mit dem beſten Theil unſerer Glückſeligkeit in einer un⸗ mittelbaren und mit dem moraliſchen Adel der menſchlichen Natur in keiner ſehr entfernten Verbindung ſteht. Ich werde die Sache der Schönheit vor einem Herzen führen, das ihre ganze Macht empfindet und ausuͤbt und bei einer Unterſu⸗ chung, wo man eben ſo oft genöthigt iſt, ſich auf Gefühle als auf Grundſäͤtze zu berufen, den ſchwerſten Theil meines Geſchäfts auf ſich nehmen wird. 28 Anmerkung des Herausgevers. Dieſe Briefe wurden an den letztverſtorbenen Herzog von Holſtein⸗Auguſtenburg geſchrieben und zuerſt in den Horen vom Jahr 1795 gedruckt. Schillers faͤmmtl. Werke. XII. 1 2 Was ich mir als eine Gunſt von Ihnen erbitten wollte, machen Sie großmüthiger Weiſe mir zur Pflicht und laſſen mir da den Schein eines Verdienſtes, wo ich bloß meiner Neigung nachgebe. Die Freiheit des Ganges, welche Sie mir vorſchreiben, iſt kein Zwang, vielmehr ein Bedürfniß für mich. Wenig geübt im Gebrauche ſchulgerechter Formen, werde ich kaum in Gefahr ſeyn, mich durch Mißbrauch der⸗ ſelben an dem guten Geſchmack zu verſündigen. Meine Ideen, mehr aus dem einförmigen Umgang mit mir ſelbſt als aus einer reichen Welterfahrung geſchöpft oder durch Lec⸗ türe erworben, werden ihren Urſprung nicht verleugnen, werden ſich eher jedes andern Fehlers als der Sectirerei ſchul⸗ dig machen und eher aus eigener Schwäche fallen, als durch Autorität und fremde Staͤrke ſich aufrecht erhalten. Zwar will ich Ihnen nicht verbergen, daß es groͤßten⸗ theils Kantiſche Grundſätze ſind, auf denen die nachfolgenden Behauptungen ruhen werden; aber meinem Unvermögen, nicht jenen Grundſätzen ſchreiben Sie es zu, wenn Sie im Lauf dieſer Unterſuchungen an irgend eine beſondere philoſophiſche Schule erinnert werden ſollten. Nein, die Freiheit Ihres Geiſtes ſoll mir unverletzlich ſeyn. Ihre eigene Empfindung wird mir die Thatſachen hergeben, auf die ich baue; Ihre eigene freie Denkkraft wird die Geſetze dictiren, nach welchen verfahren werden ſoll. Ueber diejenigen Ideen, welche in dem praktiſchen Theil des Kantiſchen Syſtems die herrſchenden ſind, ſind nur die Philoſophen entzweit, aber die Menſchen, ich getraue mir es zu beweiſen, von jeher einig geweſen. Man befreie ſie von ihrer techniſchen Form, und ſie werden als die verjährten Anſprüche der gemeinen Vernunft und als Thatſachen des moraliſchen Inſtinktes erſcheinen, den die weiſe Natur dem 3 Menſchen zum Vormund ſetzte, bis die helle Einſicht ihn mündig macht. Aber eben dieſe techniſche Form, welche die Wahrheit dem Verſtande verſichtbart, verbirgt ſie wieder dem Gefühl: denn leider muß der Verſtand das Object des in⸗ nern Sinnes erſt zerſtören, wenn er es ſich zu eigen machen will. Wie der Scheidekünſtler, ſo findet auch der Philoſoph nur durch Aufloſung die Verbindung und nur durch die Mar⸗ ter der Kunſt das Werk der freiwilligen Natur. Um die flüchtige Erſcheinung zu haſchen, muß er ſie in die Feſſeln der Regel ſchlagen, ihren ſchönen Körper in Begriffe zer⸗ fleiſchen und in einem dürftigen Wortgerippe ihren lebendigen Geiſt aufbewahren. Iſt es ein Wunder, wenn ſich das na⸗ türliche Gefuhl in einem ſolchen Abbild nicht wieder findet, und die Wahrheit in dem Berichte des Analyſten als ein Paradoxon erſcheint? Laſſen Sie daher auch mir einige Nachſicht zu Statten kommen, wenn die nachfolgenden Unterſuchungen ihren Ge⸗ genſtand, indem ſie ihn dem Verſtande zu näͤhern ſuchen, den Sinnen entrucken ſollten. Was dort von moraliſchen Erfahrungen gilt, muß in einem noch höhern Grade von der Erſcheinung der Schönheit gelten. Die ganze Magie derſel⸗ ben beruht auf ihrem Geheimniß, und mit dem nothwendigen Bund ihrer Elemente iſt auch ihr Weſen aufgehoben. —.—— 83 Zweiter Brief. Aber ſollte ich von der Fretheit, die mir von Ihnen ver⸗ ſtattet wird, nicht vielleicht einen beſſern Gebrauch machen können, als Ihre Aufmerkſamkeit auf dem Schauplatz der ſchönen Kunſt zu beſchäaftigen? Iſt es nicht wenigſtens außer der Zeit, ſich nach einem Geſetzbuch für die äſthetiſche Welt umzuſehen, da die Angelegenheiten der moraliſchen ein ſo viel naͤheres Intereſſe darbieten, und der philoſophiſche Un⸗ terſuchungsgeiſt durch die Zeitumſtaͤnde ſo nachdrücklich auf⸗ gefordert wird, ſich mit dem vollkommenſten aller Kunſt⸗ werke, mit dem Bau einer wahren politiſchen Freiheit, zu beſchaͤftigen? Ich möchte nicht gern in einem andern Jahrhundert leben und fuͤr ein anderes gearbeitet haben. Man iſt eben ſo gut Zeitbuͤrger, als man Staatsbuͤrger iſt; und, wenn es un⸗ ſchicklich, ja unerlaubt gefunden wird, ſich von den Sitten und Gewohnheiten des Cirkels, in dem man lebt, auszu⸗ ſchließen, warum ſollte es weniger Pflicht ſeyn, in der Wahl ſeines Wirkens dem Bedürfniß und dem Geſchmack des Jahrhunderts eine Stimme einzuraͤumen? Dieſe Stimme ſcheint aber keineswegs zum Vortheil der Kunſt auszufallen, derjenigen wenigſtens nicht, auf welche allein meine Unterſuchungen gerichtet ſeyn werden. Der Lauf der Begebenheiten hat dem Genius der Zeit eine Richtung gegeben, die ihn je mehr und mehr von der Kunſt des Ideals zu entfernen droht. Dieſe muß die Wirkllichkeit verlaſſen und ſich mit anſtaͤndiger Kühnheit über das Beduͤrfniß erheben: denn die Kunſt iſt eine Tochter der Freiheit, und von der Nothwendigkeit der Geiſter, nichs von der Nothdurft der Materie will ſie ihre Vorſchrift empfangen. Jetzt aber herrſcht das Bedürfniß und beugt die geſunkene Menſchheit unter ſein tyranniſches Joch. Der Nutzen iſt das große Idol der Zeit, dem alle Krafte frohnen und alle Talente huldigen ſol⸗ len. Auf dieſer groben Wage hat das geiſtige Verdienſt der Kunſt kein Gewicht, und, aller Aufmunterung beraubt, ver⸗ ſchwindet ſie von dem larmenden Markt des Jahrhunderts. 5 Selbſt der philoſophiſche Unterſuchungsgeiſt entreißt der Ein⸗ bildungskraft eine Provinz nach der andern, und die Graͤnzen der Kunſt verengen ſich, je mehr die Wiſſenſchaft ihre Schran⸗ ken erweitert. Erwartungsvoll ſind die Blicke des Philoſophen wie des Weltmanns auf den politiſchen Schauplatz geheftet, wo jetzt, wie man glaubt, das große Schickſal der Menſchheit verhan⸗ delt wird. Verraͤth es nicht eine tadelnswerthe Gleichgultig⸗ keit gegen das Wohl der Geſellſchaft, dieſes allgemeine Ge⸗ ſprach nicht zu theilen? So nahe dieſer große Rechtshandel, ſeines Inhalts und ſeiner Folgen wegen, Jeden, der ſich Menſch nennt, angeht, ſo ſehr muß er, ſeiner Verhandlungs⸗ art wegen, jeden Selbſtdenker insbeſondere intereſſiren. Eine Frage, welche ſonſt nur durch das blinde Recht des Stärkern beantwortet wurde, iſt nun, wie es ſcheint, vor dem Richter⸗ ſtuhle reiner Vernunft anhängig gemacht, und, wer nur immer fähig iſt, ſich in das Centrum des Ganzen zu ver⸗ ſetzen und ſein Individuum zur Gattung zu ſteigern, darf ſich als einen Beiſitzer jenes Vernunftgerichts betrachten, ſo wie er als Menſch und Weltbuͤrger zugleich Partei iſt und näher oder entfernter in den Erfolg ſich verwickelt ſieht. Es iſt alſo nicht bloß ſeine eigene Sache, die in dieſem großen Rechtshandel zur Entſcheidung kommt; es ſoll auch nach Ge⸗ ſetzen geſprochen werden, die er als vernünftiger Geiſt ſelbſt zu dictiren fahig und berechtigt iſt. Wie anziehend müßte es für mich ſeyn, einen ſolchen Gegenſtand mit einem eben ſo geiſtreichen Denker als libera⸗ len Weltbuͤrger in Unterſuchung zu nehmen und einem Her⸗ zen, das mit ſchönem Enthuſiasmus dem Wohl der Menſch⸗ heit ſich weiht, die Entſcheidung heimzuſtellen! wie angenehm überraſchend, bei einer noch ſo großen Verſchiedenheit des 6 Standorts und bei dem weiten Abſtand, den die Verhaͤltniſſe in der wirklichen Welt noͤthig machen, Ihrem vorurtheilfreien Geiſt auf dem Felde der Ideen in dem naͤmlichen Reſultat zu begegnen! Daß ich dieſer reizenden Verſuchung widerſtehe und die Schoͤnheit der Freiheit vorangehen laſſe, glaube ich nicht bloß mit meiner Neigung entſchuldigen, ſondern durch Grundſätze rechtfertigen zu können. Ich hoffe, Sie zu über⸗ zeugen, daß dieſe Materie weit weniger dem Beduͤrfniß als dem Geſchmack des Zeitalters fremd iſt; ja, daß man, um jenes politiſche Problem in der Erfahrung zu löſen, durch das aſthetiſche den Weg nehmen muß, weil es die Schönheit iſt, durch welche man zu der Freiheit wandert. Aber dieſer Beweis kann nicht geführt werden, ohne daß ich Ihnen die Grundſätze in Erinnerung bringe, durch welche ſich die Ver⸗ nunft überhaupt bei einer politiſchen Geſetzgebung leitet. Dritter Brief. Die Natur faͤngt mit dem Menſchen nicht beſſer an als mit ihren uͤbrigen Werken: ſie handelt für ihn, wo er als freie Intelligenz noch nicht ſelbſt handeln kann. Aber eben Das macht ihn zum Menſchen, daß er bei Dem nicht ſtille ſteht, was die bloße Natur aus ihm machte, ſondern die Fahigkeit beſitzt, die Schritte, welche jene mit ihm antici⸗ pirte, durch Vernunft wieder rückwärts zu thun, das Werk der Noth in ein Werk ſeiner freien Wahl umzuſchaffen und die phyſiſche Nothwendigkeit zu einer moraliſchen zu erheben. Er kommt zu ſich aus einem ſinnlichen Schlummer, er⸗ kennt ſich als Menſch, blickt um ſich her und findet ſich— in dem Staate. Der Zwang der Bedürfniſſe warf ihn hinein, 7 ehe er in ſeiner Freiheit dieſen Stand wahlen konnte; die Noth richtete denſelben nach bloßen Naturgeſetzen ein, ehe er es nach Vernunftgeſetzen konnte. Aber mit dieſem Nothſtaat, der nur aus ſeiner Naturbeſtimmung hervorgegangen und auch nur auf dieſe berechnet war, konnte und kann er als moraliſche Perſon nicht zufrieden ſeyn— und ſchlimm füur ihn, wenn er es könnte! Er verläßt alſo, mit demſelben Rechte, womit er Menſch iſt, die Herrſchaft einer blinden Nothwendigkeit, wie er in ſo vielen andern Stücken durch ſeine Freiheit von ihr ſcheidet, wie er, um nur ein Beiſpiel zu geben, den gemeinen Charakter, den das Bedürfniß der Geſchlechtsliebe aufdrückte, durch Sittlichkeit auslöſcht und durch Schönheit veredelt. So holt er, auf eine künſtliche Weiſe, in ſeiner Volljahrigkeit ſeine Kindheit nach, bildet ſich einen Naturſtand in der Idee, der ihm zwar durch keine Erfahrung gegeben, aber durch ſeine Vernunftbeſtim⸗ mung nothwendig geſetzt iſt, leiht ſich in dieſem idealiſchen Stand einen Endzweck, den er in ſeinem wirklichen Natur⸗ ſtand nicht kannte, und eine Wahl, deren er damals nicht fähig war, und verfährt nun nicht anders, als ob er von Vorn anfinge und den Stand der Unabhaͤngigkeit aus heller Einſicht und freiem Entſchluß mit dem Stande der Verträͤge vertauſchte. Wie kunſtreich und feſt auch die blinde Willkür ihr Werk gegründet haben, wie anmaßend ſie es auch behaup⸗ ten und mit welchem Scheine von Ehrwürdigkeit es umgeben mag— er darf es, bei dieſer Operation, als völlig unge⸗ ſchehen betrachten: denn das Werk blinder Kraͤfte beſitzt keine Autorität, vor welcher die Freiheit ſich zu beugen brauchte, und Alles muß ſich dem höchſten Endzwecke fügen, den die Vernunft in ſeiner Perſönlichkeit aufſtellt. Auf dieſe Art entſteht und rechtfertigt ſich der Verſuch eines mündig 8 gewordenen Volks, ſeinen Naturſtaat in einen ſittlichen um⸗ zuformen. 3 Dieſer Naturſtaat(wie jeder politiſche Körper heißen kann, der ſeine Einrichtung urſpruͤnglich von Kräften, nicht von Geſetzen ableitet) widerſpricht nun zwar dem moraliſchen Menſchen, dem die bloße Geſetzmaßigkeit zum Geſetz dienen ſoll; aber er iſt doch gerade hinreichend für den phyſiſchen Menſchen, der ſich nur darum Geſetze gibt, um ſich mit Kräften abzufinden. Nun iſt aber der phyſiſche Menſch wirk⸗ lich, und der ſittliche nur problematiſch. Hebt alſo die Vernunft den Naturſtaat auf, wie ſie nothwendig muß, wenn ſie den ihrigen an die Stelle ſetzen will, ſo wagt ſie den phyſiſchen und wirklichen Menſchen an den problematiſchen ſittlichen, ſo wagt ſie die Erxiſtenz der Geſellſchaft an ein bloß mögliches(wenn gleich moraliſch nothwendiges) Ideal von Ge⸗ ſellſchaft. Sie nimmt dem Menſchen etwas, das er wirklich beſitzt, und ohne welches er nichts beſitzt, und weist ihn dafur an etwas an, das er beſitzen könnte und ſollte; und, hätte ſie zuviel auf ihn gerechnet, ſo wurde ſie ihm fur eine Menſchheit, die ihm noch mangelt und unbeſchadet ſeiner Eriſtenz mangeln kann, auch ſelbſt die Mittel zur Thierheit entriſſen haben, die doch die Bedingung ſeiner Menſchheit iſt. Ehe er Zeit gehabt hatte, ſich mit ſeinem Willen an dem Geſetze feſt zu halten, hätte ſie unter ſeinen Füßen die Leiter der Natur weggezogen. Das große Bedenken alſo iſt, daß die phyſiſche Geſell⸗ ſchaft in der Zeit keinen Augenblick aufhören darf, indem die moraliſche in der Idee ſich bildet, daß um der Würde des Menſchen willen ſeine Eriſtenz nicht in Gefahr gerathen darf. Wenn der Künſtler an einem Uhrwerk zu beſſern hat, ſo läßt er die Rader ablaufen; aber das lebendige Uhrwerk 9 des Staats muß gebeſſert werden, indem es ſchlägt, und hier gilt es, das rollende Rad waͤhrend ſeines Umſchwungs aus⸗ zutauſchen. Man muß alſo für die Fortdauer der Geſellſchaft die Stüͤtze aufſuchen, die ſie von dem Naturſtaate, den man aufloͤſen will, unabhaͤngig macht. Dieſe Stüͤtze findet ſich nicht in dem natürlichen Charakter des Menſchen, der, ſelbſtſuchtig und gewaltthatig, vielmehr auf Zerſtörung als auf Erhaltung der Geſellſchaft zielt; ſie findet ſich eben ſo wenig in ſeinem ſittlichen Charakter, der, nach der Vorausſetzung, erſt gebildet werden foll, und auf den, weil er frei iſt, und weil er nie erſcheint, von den Geſetzgeber nie gewirkt und nie mit Sicherheit gerechnet wer⸗ den könnte. Es käme alſo darauf an, von dem phyſiſchen Charakter die Willkür und von dem moraliſchen die Freiheit abzuſondern— es kaͤme darauf an, den Erſtern mit Geſetzen übereinſtimmend, den Letztern von Eindrücken abhä ngig zu machen— es käme darauf an, jenen von der Materie etwas weiter zu entfernen, dieſen ihr um etwas näher zu bringen — um einen dritten Charakter zu erzeugen, der, mit jenen beiden verwandt, von der Herrſchaft bloßer Kräfte zu der Herr⸗ ſchaft der Geſetze einen Uebergang bahnte und, ohne den mora⸗ liſchen Charakter an ſeiner Entwicklung zu verhindern, vielmehr zu einem ſinnlichen Pfand der unſichtbaren Sittlichkeit diente. Vierter Brief. So viel iſt gewiß: Nur das Uebergewicht eines ſolchen Charakters bei einem Volk kann eine Staatsverwandlung nach moraliſchen Principien unſchadlich machen, und auch nur ein ſolcher Charakter kann ihre Dauer verburgen. Bei Auf⸗ ſtellung eines moraliſchen Staats wird auf das Sittengeſetz 10 als auf eine wirkende Kraft gerechnet, und der freie Wille wird in das Reich der Urſachen gezogen, wo Alles mit ſtrenger Nothwendigkeit und Stetigkeit an einander hängt. Wir wiſſen aber, daß die Beſtimmungen des menſchlichen Willens immer zufällig bleiben, und daß nur bei dem abſoluten Weſen die phyſiſche Nothwendigkeit mit der moraliſchen zuſammenfällt. Wenn alſo auf das ſittliche Betragen des Menſchen wie auf natürliche Erfolge gerechnet werden ſoll, ſo muß es Natur ſeyn, und er muß ſchon durch ſeine Triebe zu einem ſolchen Verfahren geführt werden, als nur immer ein ſittlicher Charakter zur Folge haben kann. Der Wille des Menſchen ſteht aber vollkommen frei zwiſchen Pflicht und Neigung, und in dieſes Majeſtaͤtsrecht ſeiner Perſon kann und darf keine phyſiſche Nöthigung greifen. Soll er alſo dieſes Ver⸗ mögen der Wahl beibehalten und nichts deſto weniger ein zuverläſſiges Glied in der Cauſalverknüpfung der Kraäfte ſeyn, ſo kann Dies nur dadurch bewerkſtelligt werden, daß die Wir⸗ kungen jener beiden Triebfedern im Reich der Erſcheinungen vollkommen gleich ausfallen, und, bei aller Verſchiedenheit in der Form, die Materie ſeines Wollens dieſelbe bleibt, daß alſo ſeine Triebe mit ſeiner Vernunft übereinſtimmend genug ſind, um zu einer univerſellen Geſetzgebung zu taugen. Jeder individuelle Menſch, kann man ſagen, träͤgt, der Anlage und Beſtimmung nach, einen reinen, idealiſchen Menſchen in ſich, mit deſſen unveraͤnderlicher Einheit in allen ſeinen Abwechslungen übereinzuſtimmen die große Aufgabe ſeines Daſeyns iſt.* Dieſer reine Menſch, der ſich, mehr * Ich beziehe mich hier auf eine kuͤrzlich erſchienene Schrift: Vorleſung über die Beſtimmung des Gelehrten, von meinem Freund Fichte, wo ſich eine ſehr lichtvolle und noch nie auf dieſem Wege verſuchte Ableitung dieſes Saßes findet. 11 oder weniger deutlich, in jedem Subject zu erkennen gibt, wird repräſentirt durch den Staat, die objective und gleichſam kanoniſche Form, in der ſich die Mannigfaltigkeit der Sub⸗ jecte zu vereinigen trachtet. Nun laſſen ſich aber zwei ver⸗ ſchiedene Arten denken, wie der Menſch in der Zeit mit dem Menſchen in der Idee zuſammentreffen, mithin eben ſo viele, wie der Staat in den Individuen ſich behaupten kann: ent⸗ weder dadurch, daß der reine Menſch den empiriſchen unter⸗ drückt, daß der Staat die Individuen aufhebt, oder dadurch, daß das Indwiduum Staat wird, daß der Menſch in der Zeit zum Menſchen in der Idee ſich veredelt. Zwar in der einſeitigen moraliſchen Schätzung fälkt dieſer Unterſchied hinweg: denn die Vernunft iſt befriedigt, wenn ihr Geſetz nur ohne Bedingung gilt; aber in der vollſtändigen anthropologiſchen Schätzung, wo mit der Form auch der In⸗ halt zählt, und die lebendige Empfindung zugleich eine Stimme hat, wird derſelbe deſto mehr in Betrachtung kommen. Ein⸗ heit fordert zwar die Vernunft, die Natur aber Mannigfal⸗ tigkeit, und von den beiden Legislationen wird der Menſch in Anſpruch genommen. Das Geſetz der Erſtern iſt ihm durch ein unbeſtechliches Bewußtſeyn, das Geſetz der Andern durch ein unvertilgbares Gefühl eingepräagt. Daher wird es jederzeit von einer noch mangelhaften Bildung zeugen, wenn der ſittliche Charakter nur mit Aufopferung des natürlichen ſich behaupten kann; und eine Staatsverfaſſung wird noch ſehr unvollendet ſeyn, die nur durch Aufhebung der Mannig⸗ faltigkeit Einheit zu bewirken im Stande iſt. Der Staat ſoll nicht bloß den objectiven und generiſchen, er ſoll auch den ſubjectiven und ſpecifiſchen Charakter in den Individuen ehren und, indem er das unſichtbare Reich der Sitten aus⸗ breitet, das Reich der Erſcheinung nicht entvölkern. 12 Wenn der mechaniſche Kunſtler ſeine Hand an die geſtalt⸗ loſe Maſſe legt, um ihr die Form ſeiner Zwecke zu geben, ſo traͤgt er kein Bedenken, ihr Gewalt anzuthun: denn die Natur, die er bearbeitet, verdient für ſich ſelbſt keine Achtung, und es liegt ihm nicht an dem Ganzen um der Theile willen, ſondern an den Theilen um des Ganzen willen. Wenn der ſchoͤne Kuͤnſtler ſeine Hand an die nämliche Maſſe legt, ſo trägt er eben ſo wenig Bedenken, ihr Gewalt anzuthun, nur vermeidet er, ſie zu zeigen. Den Stoff, den er bearbeitet, reſpectirt er nicht im Geringſten mehr, als der mechaniſche Kuͤnſtler; aber das Auge, welches die Freiheit dieſes Stoffes in Schutz nimmt, wird er durch eine ſcheinbare Nachgiebig⸗ keit gegen denſelben zu taͤuſchen ſuchen. Ganz anders verhält es ſich mit dem padagogiſchen und politiſchen Künſtler, der den Menſchen zugleich zu ſeinem Material und zu ſeiner Auf⸗ gabe macht. Hier kehrt der Zweck in den Stoff zuruͤck, und nur, weil das Ganze den Theilen dient, dürfen ſich die Theile dem Ganzen fügen. Mit einer ganz andern Achtung, als diejenige iſt, die der ſchöne Kunſtler gegen ſeine Materie vorgibt, muß der Staatskünſtler ſich der ſeinigen nahen, und nicht bloß ſubjectiv und fuͤr einen taäuſchenden Effect in den Sinnen, ſondern objectiv und für das innere Weſen muß er ihrer Eigenthümlichkeit und Perſönlichkeit ſchonen. Aber eben deßwegen, weil der Staat eine Organiſation ſeyn ſoll, die ſich durch ſich ſelbſt und für ſich ſelbſt bildet, ſo kann er auch nur inſofern wirklich werden, als ſich die Theile zur Idee des Ganzen hinaufgeſtimmt haben. Weil der Staat der reinen und objectiven Menſchheit in der Bruſt ſeiner Bürger zum Repraͤſentanten dient, ſo wird er gegen ſeine Bürger dasſelbe Verhaltniß zu beobachten haben, in welchem ſie zu ſich ſelber ſtehen, und ihre ſubjective Menſchheit 13 auch nur in dem Grade ehren koͤnnen, als ſie zur objec⸗ tiven veredelt iſt. Iſt der innere Menſch mit ſich einig, ſo wird er auch bei der hoͤchſten Univerſalirung ſeines Betragens ſeine Eigenthümlichkeit retten, und der Staat wird bloß der Ausleger ſeines ſchönen Inſtinkts, die deutlichere Formel ſeiner innern Geſetzgebung ſeyn. Setzt ſich hingegen in dem Charakter eines Volks der ſubjective Menſch dem objectiven noch ſo contradictoriſch entgegen, daß nur die Unterdrückung des Erſtern dem Letztern den Sieg verſchaffen kann, ſo wird auch der Staat gegen den Bürger den ſtrengen Ernſt des Geſetzes annehmen und, um nicht ihr Opfer zu ſeyn, eine ſo feindſelige Individualität ohne Achtung darnieder treten müſſen. Der Menſch kann ſich aber auf eine doppelte Weiſe ent⸗ gegengeſetzt ſeyn: entweder als Wilder, wenn ſeine Gefühle uber ſeine Grundſaͤtze herrſchen; oder als Barbar, wenn ſeine Grundſaͤtze ſeine Gefüͤhle zerſtören. Der Wilde verachtet die Kunſt und erkennt die Natur als ſeinen unumſchraͤnkten Ge⸗ bieter; der Barbar verſpottet und entehrt die Natur, aber, verächtlicher als der Wilde, faͤhrt er haͤufig genug fort, der Sklave ſeines Sklaven zu ſeyn. Der gebildete Menſch macht oie Natur zu feinem Freund und ehrt die Freiheit, indem er bloß ihre Willkür zügelt. Wenn alſo die Vernunft in die phyſiſche Geſellſchaft ihre moraliſche Einheit bringt, ſo darf ſie die Mannigfaltigkeit der Natur nicht verletzen. Wenn die Natur in dem mora⸗ liſchen Bau der Geſellſchaft ihre Mannigfaltigkeit zu behaupten ſtrebt, ſo darf der moraliſchen Einheit dadurch kein Abbruch geſchehen; gleich weit von Einförmigkeit und Verwirrung ruht die ſtegende Form. Totalitat des Charakters muß alſo bei dem Volke gefunden werden, welches fahig und 14 wuüͤrdig ſeyn ſoll, den Staat der Noth mit dem Staat der Freiheit zu vertauſchen. Fünfter Brief. Iſt es dieſer Charakter, den uns das jetzige Zeitalter, den die gegenwaͤrtigen Ereigniſſe zeigen? Ich richte meine Aufmerkſamkeit ſogleich auf den hervorſtechendſten Gegenſtand in dieſem weitlaufigen Gemälde. Wahr iſt es, das Anſehen der Meinung iſt gefallen, die Willkür iſt entlarvt, und, obgleich noch mit Macht bewaffnet, erſchleicht ſie doch keine Wurde mehr; der Menſch iſt aus ſeiner langen Indolenz und Selbſttäuſchung aufgewacht, und mit nachdrücklicher Stimmenmehrheit fordert er die Wieder⸗ herſtellung in ſeine unverlierbaren Rechte. Aber er fordert ſie nicht bloß; jenſeits und diesſeits ſteht er auf, ſich gewalt⸗ ſam zu nehmen, was ihm nach ſeiner Meinung mit Unrecht verweigert wird. Das Gebäude des Naturſtaates wankt, ſeine mürben Fundamente weichen, und eine phyſiſche Mög⸗ lichkeit ſcheint gegeben, das Geſetz auf den Thron zu ſtellen, den Menſchen endlich als Selbſtzweck zu ehren und wahre Freiheit zur Grundlage der politiſchen Verbindung zu machen. Vergebliche Hoffnung! Die moraliſche Möglichkeit fehlt, und der freigebige Augenblick findet ein unempfängliches Geſchlecht. 3 In ſeinen Thaten malt ſich der Menſch, und welche Geſtalt iſt es, die ſich in dem Drama der jetzigen Zeit ab⸗ bildet! Hier Verwilderung, dort Erſchlaffung: die zwei Aeußerſten des menſchlichen Verfalls, und beide in einem Zeitraum vereinigt. 15 In den niedern und zahlreichen Klaſſen ſtellen ſich uns rohe, geſetzloſe Triebe dar, die ſich nach aufgelöstem Band der bürgerlichen Ordnung entfeſſeln und mit unlenkſamer Wuth zu ihrer thieriſchen Befriedigung eilen. Es mag alſo ſeyn, daß die objective Menſchheit Urſache gehabt hätte, ſich über den Staat zu beklagen; die ſubjective muß ſeine Anſtal⸗ ten ehren. Darf man ihn tadeln, daß er die Würde der menſchlichen Natur aus den Augen ſetzte, ſolang es noch galt, ihre Exiſtenz zu vertheidigen? daß er eilte, durch die Schwerkraft zu ſcheiden und durch die Cohaͤſionskraft zu binden, wo an die bildende noch nicht zu denken war? Seine Auf⸗ löſung enthält ſeine Rechtfertigung. Die losgebundene Ge⸗ ſellſchaft, anſtatt aufwärts in das organiſche Leben zu eilen, fällt in das Elementarreich zurück. Auf der andern Seite geben uns die civiliſirten Klaſſen den noch widrigern Anblick der Schlaffheit und einer Depra⸗ vation des Charakters, die deſto mehr empört, weil die Cultur ſelbſt ihre Quelle iſt. Ich erinnere mich nicht mehr, welcher alte oder neue Philoſoph die Bemerkung machte, daß das Eblere in ſeiner Zerſtörung das Abſcheulichere ſey; aber man wird ſie auch im Moraliſchen wahr finden. Aus dem Natur⸗ ſohne wird, wenn er ausſchweift, ein Raſender; aus dem Zögling der Kunſt ein Nichtswürdiger. Die Aufklärung des Verſtandes, deren ſich die verfeinerten Stände nicht ganz mit Unrecht ruhmen, zeigt im Ganzen ſo wenig einen veredelnden Einfluß auf die Geſinnungen, daß ſie vielmehr die Verderbniß durch Maximen befeſtigt. Wir verleugnen die Natur auf ihrem rechtmäßigen Felde, um auf dem mo⸗ raliſchen ihre Tyrannei zu erfahren, und, indem wir ihren Eindrücken widerſtreben, nehmen wir unſere Grundſätze von ihr an. Die affectirte Decenz unſerer Sitten verweigert ihr 16 die verzeihliche erſte Stimme, um ihr, in unſerer materia⸗ liſtiſchen Sittenlehre, die entſcheidende letzte einzuraͤumen. Mitten im Schoße der raffinirteſten Geſelligkeit hat der Egoism ſein Syſtem gegründet, und, ohne ein geſelliges Herz mit heraus zu bringen, erfahren wir alle Anſteckungen und alle Drangſale der Geſellſchaft. Unſer freies Urtheil un⸗ terwerfen wir ihrer deſpotiſchen Meinung, unſer Gefühl ihren bizarren Gebrauchen, unſern Willen ihren Verführungen; nur unſere Willkür behaupten wir gegen ihre heiligen Rechte. Stolze Selbſtgenügſamkeit zieht das Herz des Weltmanns zuſammen, das in dem rohen Naturmenſchen noch oft ſym⸗ pathetiſch ſchlägt, und wie aus einer brennenden Stadt ſucht Jeder nur ſein elendes Eigenthum aus der Verwüſtung zu fluchten. Nur in einer völligen Abſchwörung der Empfind⸗ ſamkeit glaubt man gegen ihre Verirrungen Schutz zu finden, und der Spott, der den Schwärmer oft heilſam züchtigt, läſtert mit gleich wenig Schonung das edelſte Gefühl. Die Cultur, weit entfernt, uns in Freiheit zu ſetzen, entwickelt mit jeder Kraft, die ſie in uns ausbildet, nur ein neues Bedürfniß; die Bande des Phyſiſchen ſchnüren ſich immer beaͤngſtigender zu, ſo daß die Furcht, zu verlieren, ſelbſt den feurigen Trieb nach Verbeſſerung erſtickt, und die Marime des leidenden Gehorſams fuͤr die höchſte Weisheit des Lebens gilt. So ſieht man den Geiſt der Zeit zwiſchen Verkehrtheit und Rohheit, zwiſchen Unnatur und bloßer Natur, zwiſchen Superſtition und moraliſchem Unglauben ſchwanken, und es iſt bloß das Gleichgewicht des Schlimmen, was ihm zuweilen noch Gräͤnzen ſetzt. 17 Sechster Brief. Sollte ich mit dieſer Schilderung dem Zeitalter wohl zu viel gethan haben? Ich erwarte dieſen Einwurf nicht, eher einen andern: daß ich zu viel dadurch bewieſen habe. Dieſes Gemalde, werden Sie mir ſagen, gleicht zwar der gegen⸗ wartigen Menſchheit, aber es gleicht überhaupt allen Völkern, die in der Cultur begriffen ſind, weil alle ohne Unterſchied durch Vernünftelei von der Natur abfallen müſſen, ehe ſie durch Vernunft zu ihr zurückkehren können. Aber bei einiger Aufmerkſamkeit auf den Zeitcharakter muß uns der Contraſt in Verwunderung ſetzen, der zwiſchen der heutigen Form der Menſchheit und zwiſchen der ehemali⸗ gen, beſonders der griechiſchen, angetroffen wird. Der Ruhm der Ausbildung und Verfeinerung, den wir mit Recht gegen jede andere bloße Natur geltend machen, kann uns gegen die griechiſche Natur nicht zu Statten kommen, die ſich mit allen Reizen der Kunſt und mit aller Würde der Weisheit vermaͤhlte, ohne doch, wie die unſrige, das Opfer derſelben zu ſeyn. Die Griechen beſchaͤmen uns nicht bloß durch eine Simplicität, die unſerm Zeitalter fremd iſt; ſie ſind zugleich unſere Nebenbuhler, ja oft unſere Muſter in den näͤmlichen Vorzügen, mit denen wir uns über die Naturwidrigkeit un⸗ ſerer Sitten zu tröſten pflegen. Zugleich voll Form und voll Fülle, zugleich philoſophirend und bildend, zugleich zart und energiſch ſehen wir ſie die Jugend der Fantaſie mit der Männ⸗ lichkeit der Vernunft in einer herrlichen Menſchheit ver⸗ einigen. Damals, bei jenem ſchönen Erwachen der Geiſteskräfte, hatten die Sinne und der Geiſt noch kein ſtreng geſchiedenes Eigenthum: denn noch hatte kein Zwieſpalt ſie gereizt, mir Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 2 18 einander feindſelig abzutheilen und ihre Markung zu beſtim⸗ men. Die Poeſie hatte noch nicht mit dem Witze gebuhlt, und die Speculation ſich noch nicht durch Spitzfindigkeit ge⸗ ſchändet. Beide konnten im Nothfall ihre Verrichtungen tauſchen, weil Jedes, nur auf ſeine eigene Weiſe, die Wahr⸗ heit ehrte. So hoch die Vernunft auch ſtieg, ſo zog ſie doch immer die Materie liebend nach, und, ſo fein und ſcharf ſie auch trennte, ſo verſtümmelte ſie doch nie. Sie zerlegte zwar die menſchliche Natur und warf ſie in ihrem herrlichen Götterkreis vergrößert auseinander, aber nicht dadurch, daß ſie ſie in Stücken riß, ſondern dadurch, daß ſie ſie verſchie⸗ dentlich miſchte, denn die ganze Menſchheit fehlte in keinem einzelnen Gott. Wie ganz anders bei uns Neuern! Auch bei uns iſt das Bild der Gattung in den Individuen ver⸗ größert auseinander geworfen— aber in Bruchſtücken, nicht in veränderten Miſchungen, daß man von Individuum zu Individuum herumfragen muß, um die Totalität der Gattung zuſammenzuleſen. Bei uns, möchte man faſt verſucht werden zu behaupten, außern ſich die Gemüthskräfte auch in der Erfahrung ſo getrennt, wie der Pſychologe ſie in der Vor⸗ ſtellung ſcheidet, und wir ſehen nicht bloß einzelne Subjecte, ſondern ganze Klaſſen von Menſchen nur einen Theil ihrer Anlagen entfalten, wahrend die übrigen, wie bei verkrüppel⸗ ten Gewächſen, kaum mit matter Spur angedeutet ſind. Ich verkenne nicht die Vorzüge, welche das gegenwaͤrtige Geſchlecht, als Einheit betrachtet und auf der Wage des Ver⸗ ſtandes, vor dem beſten in der Vorwelt behaupten mag; aber in geſchloſſenen Gliedern muß es den Wettkampf beginnen, und das Ganze mit dem Ganzen ſich meſſen. Welcher ein⸗ zelne Neuere tritt heraus, Mann gegen Mann, mit dem ein⸗ zelnen Athenienſer um den Preis der Menſchheit zu ſtreiten? 19 Woher wohl dieſes nachtheilige Verhaltniß der Individuen bei allem Vortheil der Gattung? Warum quglificirte ſich der einzelne Grieche zum Repräſentanten ſeiner Zeit, und warum darf Dies der einzelne Neuere nicht wagen? Weil jenem die Alles vereinende Natur, dieſem der Alles trennende Verſtand ſeine Formen ertheilten. Die Cultur ſelbſt war es, welche der neuern Menſchheit dieſe Wunde ſchlug. Sobald auf der einen Seite die erwei⸗ terte Erfahrung und das beſtimmtere Denken eine ſchaͤrfere Scheidung der Wiſſenſchaften, auf der andern das verwickel⸗ tere Uhrwerk der Staaten eine ſtrengere Abſonderung der Staͤnde und Geſchafte nothwendig machte, ſo zerriß auch der innere Bund der menſchlichen Natrur, und ein verderblicher Streit entzweite ihre harmoniſchen Krafte. Der intuitive und der ſpeculative Verſtand vertheilten ſich jetzt feindlich geſinnt auf ihren verſchiedenen Feldern, deren Gräͤnzen ſie jetzt anfingen mit Mißtrauen und Eiferſucht zu bewachen, und mit der Sphare, auf die man ſeine Wirkſamkeit ein⸗ ſchraänkt, hat man ſich auch in ſich ſelbſt einen Herrn gegeben, der nicht ſelten mit Unterdruͤckung der übrigen Ankagen zu endigen pflegt. Indem hier die luxurirende Einbildungskraft die mühſamen Pflanzungen des Verſtandes verwuſtet, ver⸗ zehrt dort der Abſtractionsgeiſt das Feuer, an dem das Herz ſich haͤtte wärmen, und die Fantaſie ſich entzünden ſollen. Dieſe Zerrüttung, welche Kunſt und Gelehrſamkeit in dem innern Menſchen anfingen, machte der neue Geiſt der Regierung vollkommen und allgemein. Es war freilich nicht zu erwarten, daß die einfache Organtſation der erſten Repu⸗ bliken die Einfalt der erſten Sitten und Verhältniſſe uüͤber⸗ lebte; aber, anſtatt zu einem höhern animaliſchen Leben zu ſteigen, ſank ſie zu einer gemeinen und groben Mechanik 20 herab. Jene Polypennatur der griechiſchen Staaten, wo jedes Individuum eines unabhängigen Lebens genoß und, wenn es Noth that, zum Ganzen werden konnte, machte jetzt einem kunſtreichen Uhrwerke Platz, wo aus der Zuſammenſtückelung unendlich vieler, aber lebloſer Theile ein mechaniſches Leben im Ganzen ſich bildet. Auseinandergeriſſen wurden jetzt der Staat und die Kirche, die Geſetze und die Sitten; der Ge⸗ nuß wurde von der Arbeit, das Mittel vom Zweck, die An⸗ ſtrengung von der Belohnung geſchieden. Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchſtück des Ganzen gefeſſelt, bildet ſich der Menſch ſelbſt nur als Bruchſtück aus; ewig nur das ein⸗ tönige Geräuſch des Rades, das es umtreibt, im Ohre, ent⸗ wickelt er nie die Harmonie ſeines Weſens, und, anſtatt die Menſchheit in ſeiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck ſeines Geſchäfts, ſeiner Wiſſenſchaft. Aber ſelbſt der karge, fragmentariſche Antheil, der die einzelnen Glieder noch an das Ganze knuͤpft, häͤngt nicht von Formen ab, die ſie ſich ſelbſtthätig geben(denn wie duͤrfte man ihrer Freiheit ein ſo küͤnſtliches und lichtſcheues Uhrwerk vertrauen?), ſondern wird ihnen mit ſcrupulöſer Strenge durch ein For⸗ mular vorgeſchrieben, in welchem man ihre freie Einſicht ge⸗ bunden hält. Der todte Buchſtabe vertritt den lebendigen Verſtand, und ein geubtes Gedachtniß leitet ſicherer als Genie und Empfindung. Wenn das gemeine Weſen das Amt zum Maßſtab des Mannes macht; wenn es an dem einen ſeiner Bürger nur die Memorie, an einem andern den tabellariſchen Verſtand, an einem dritten nur die mechaniſche Fertigkeit ehrt; wenn es hier, gleichgültig gegen den Charakter, nur auf Kennt⸗ niſſe dringt, dort hingegen einem Geiſte der Ordnung und einem geſetzlichen Verhalten die größte Verfinſterung des Verſtandes zu gut haͤlt; wenn es zugleich dieſe einzelnen Fertigkeiten zu einer eben ſo großen Intenſität will getrieben wiſſen, als es dem Subject an Ertenſität erläßt— darf es uns da wundern, daß die uͤbrigen Anlagen des Gemuths vernachlaͤſſigt werden, um der einzigen, welche ehrt und lohnt, alle Pflege zuzuwenden? Zwar wiſſen wir, daß das kraftvolle Genie die Gränzen ſeines Geſchaäͤfts nicht zu Gränzen ſeiner Thätigkeit macht; aber das mittelmäßige Talent verzehrt in dem Geſchäfte, das ihm zum Antheil fiel, die ganze karge Summe ſeiner Kraft, und es muß ſchon kein gemeiner Kopf ſeyn, um, unbeſchadet ſeines Berufs, für Liebhabereien etwas übrig zu behalten. Noch dazu iſt es ſelten eine gute Em⸗ pfehlung bei dem Staat, wenn die Kraͤfte die Aufträge über⸗ ſteigen, oder wenn das höhere Geiſtesbedüͤrfniß des Mannes von Genie ſeinem Amt einen Nebenbuhler gibt. So eifer⸗ ſüchtig iſt der Staat auf den Alleinbeſitz ſeiner Diener, daß er ſich leichter dazu entſchließen wird(und wer kann ihm Unrecht geben?), ſeinen Mann mit einer Venus Cytherea als mit einer Venus Urania zu theilen. Und ſo wird denn allmaͤhlich das einzelne concrete Leben vertilgt, damit das Abſtract des Ganzen ſein durftiges Da⸗ ſeyn friſte, und ewig bleibt der Staat ſeinen Buͤrgern fremd, weil ihn das Gefuhl nirgends findet. Genöͤthigt, ſich die Mannigfaltigkeit ſeiner Bürger durch Klaſſificirung zu erleich⸗ tern und die Menſchheit nie anders als durc⸗ Repräſentation aus der zweiten Hand zu empfangen, verliert der regicreede Theil ſie zuletzt ganz und gar aus den Augen, indem er ſie mit einem bloßen Machwerk des Verſtandes vermengt; und der Regierte kann nicht anders als mit Kaltſinn die Geſetze empfangen, die an ihn ſelbſt ſo wenig gerichtet ſind. Endlich überdruͤſſig, ein Band zu unterhalten, das ihr von dem Staate ſo wenig erleichtert wird, fällt die poſitive Geſellſchaft (wie ſchon längſt das Schickſal der meiſten europaͤiſchen Staaten iſt) in einen moraliſchen Naturſtand auseinander, wo die öffentliche Macht nur eine Partei mehr iſt, gehaßt und hin⸗ tergangen von Dem, der ſie noͤthig macht, und nur von Dem, der ſie entbehren kann, geachtet. Konnte die Menſchheit bei dieſer doppelten Gewalt, die von Innen und Außen auf ſie drückte, wohl eine andre Rich⸗ tung nehmen, als ſie wirklich nahm? Indem der ſpeculative Geiſt im Ideenreich nach unverlierbaren Beſitzungen ſtrebte, mußte er ein Fremdling in der Sinnenwelt werden und über der Form die Materie verlieren. Der Geſchaͤftsgeiſt, in einen einförmigen Kreis von Objecten eingeſchloſſen und in dieſem noch mehr durch Formeln eingeengt, mußte das freie Ganze ſich aus den Augen geruͤckt ſehen und zugleich mit ſeiner Sphäre verarmen. So wie Erſterer verſucht wird, das Wirkliche nach dem Denkbaren zu modeln und die ſub⸗ jectiven Bedingungen ſeine Vorſtellungskraft zu conſtitutiven Geſetzen fuͤr das Daſeyn der Dinge zu erheben, ſo ſtürzte Letzterer in das entgegenſtehende Erxtrem, alle Erfahrung üͤberhaupt nach einem beſondern Fragment von Erfahrung zu ſchätzen und die Regeln ſeines Geſchäfts jedem Geſchäft ohne Unterſchied anpaſſen zu wollen. Der Eine mußte einer leeren Subtilität, der Andere einer pedantiſchen Beſchränktheit zum Raube werden, weil jener füͤr das Einzelne zu hoch, dieſer zu tief fuͤr das Ganze ſtand. Aber das Nachtheilige dieſer Geiſtesrichtung ſchraͤnkte ſich nicht bloß auf das Wiſſen und Hervorbringen ein; es erſtreckte ſich nicht weniger auf das Empfinden und Handeln. Wir wiſſen, daß die Senſibilität des Gemüths ihrem Grade nach von der Lebhaftigkeit, ihrem Umfange nach von dem Reichthum der Einbildungskraft 23 abhängt. Nun muß aber das Uebergewicht des analytiſchen Vermögens die Fantaſie nothwendig ihrer Kraft und ihres Feuers berauben, und eine eingeſchränktere Sphäre von Ob⸗ jecten ihren Reichthum vermindern. Der abſtracte Denker hat daher gar oft ein kaltes Herz, weil er die Eindrücke zergliedert, die doch nur als ein Ganzes die Seele rühren; der Geſchäͤftsmann hat gar oft ein enges Herz, weil ſeine Einbildungskraft, in den einförmigen Kreis ſeines Berufs eingeſchloſſen, ſich zu fremder Vorſtellungsart nicht erweitern kann. 4 Es lag auf meinem Wege, die nachtheilige Richtung des Zeitcharakters und ihre Quellen aufzudecken, nicht, die Vor⸗ theile zu zeigen, wodurch die Natur ſie vergütet. Gern will ich Ihnen eingeſtehen, daß, ſo wenig es auch den Individuen bei dieſer Zerſtuckelung ihres Weſens wohl werden kann, doch die Gattung auf keine andere Art hatte Fortſchritte machen können. Die Erſcheinung der griechiſchen Menſchheit war unſtreitig ein Maximum, das auf dieſer Stufe weder ver⸗ harren noch hoͤher ſteigen konnte— nicht verharren, weil der Verſtand durch den Vorrath, den er ſchon hatte, unausbleib⸗ lich genöthigt werden mußte, ſich von der Empfindung und Anſchauung abzuſondern und nach Deutlichkeit der Erkenntniß zu ſtreben; auch nicht höher ſteigen, weil nur ein beſtimmter Grad von Klarheit mit einer beſtimmten Fülle und Wärme zuſammen beſtehen kann. Die Griechen hatten dieſen Grad erreicht, und, wenn ſie zu einer höhern Ausbildung fort⸗ ſchreiten wollten, ſo mußten ſie, wie wir, die Totalität ihres Weſens aufgeben und die Wahrheit auf getrennten Bahnen verfolgen. Die mannigfaltigen Anlagen im Menſchen zu entwickeln, war kein anderes Mittel, als ſie einander entgegen zu ſetzen. Dieſer Antagonism der Kräfte iſt das große Inſtrument der Cultur, aber auch nur das Inſtrument: denn, ſolange der⸗ ſelbe dauert, iſt man erſt auf dem Wege zu dieſer. Dadurch allein, daß in dem Menſchen einzelne Kräfte ſich iſoliren und einer ausſchließenden Geſetzgebung anmaßen, gerathen ſie in Widerſtreit mit der Wahrheit der Dinge und nöthigen den Gemeinſinn, der ſonſt mit träaͤger Genügſamkeit auf der äußern Erſcheinung ruht, in die Tiefen der Objecte zu drin⸗ gen. Indem der reine Verſtand eine Autoritat in der Sin⸗ nenwelt uſurpirt, und der empiriſche beſchäftigt iſt, ihn den Bedingungen der Erfahrung zu unterwerfen, bilden beide Anlagen ſich zu möglichſter Reife aus und erſchopfen den ganzen Umfang ihrer Sphare. Indem hier die Einbildungs⸗ kraft durch ihre Willkür die Weltordnung aufzulöſen wagt, nöthigt ſie dort die Vernunft, zu den oberſten Quellen der Erkenntniß zu ſteigen und das Geſetz der Nothwendigkeit gegen ſie zu Hulfe zu rufen. Einſeitigkeit in Uebung der Kräfte führt zwar das In⸗ dividuum unausbleiblich zum Irrthum, aber die Gattung zur Wahrheit. Dadurch allein, daß wir die ganze Energie unſeres Geiſtes in einem Brennpunkt verſammeln und unſer ganzes Weſen in eine einzige Kraft zuſammenziehen, ſetzen wir dieſer einzelnen Kraft gleichſam Fluͤgel an und führen ſie küͤnſtlicher Weiſe weit über die Schranken hinaus, welche die Natur ihr geſetzt zu haben ſcheint. So gewiß es iſt, daß alle menſch⸗ liche Individuen zuſammen genommen mit der Sehkraft, welche die Natur ihnen ertheilt, nie dahin gekommen ſeyn würden, einen Trabanten des Jupiter auszuſphen, den der Teleſkop dem Aſtronomen entdeckt: eben ſo ausgemacht iſt es, daß die menſchliche Denkkraft niemals eine Analyſis des Unendlichen oder eine Kritik der reinen Vernunft wuͤrde 25 aufgeſtellt haben, wenn nicht in einzelnen dazu berufenen Sub⸗ jecten die Vernunft ſich vereinzelt, von allem Stoff gleichſam losgewunden und durch die angeſtrengteſte Abſtraction ihren Blick ins Unbedingte bewaffnet haͤtte. Aber wird wohl ein ſolcher, in reinen Verſtand und reine Anſchauung gleichſam aufgelöster Geiſt dazu tüchtig ſeyn, die ſtrengen Feſſeln der Logik mit dem freien Gange der Dichtungskraft zu vertauſchen und die Individualitat der Dinge mit treuem und keuſchem Sinn zu ergreifen? Hier ſetzt die Natur auch dem Univer⸗ ſalgenie eine Gränze, die es nicht überſchreiten kann, und die Wahrheit wird ſo lange Maͤrtyrer machen, als die Phi⸗ loſophie noch ihr vornehmſtes Geſchäft daraus machen muß, Anſtalten gegen den Irrthum zu treffen. Wie viel alſo auch füͤr das Ganze der Welt durch dieſe getrennte Ausbildung der menſchlichen Kräfte gewonnen wer⸗ den mag, ſo iſt nicht zu leugnen, daß die Individuen, welche ſie triff, unter dem Fluch dieſes Weltzweckes leiden. Durch gymnaſtiſche Uebungen bilden ſich zwar athletiſche Körper aus, aber nur durch das freie und gleichförmige Spiel der Glieder die Schönheit. Eben ſo kann die Anſpannung ein⸗ zelner Geiſteskrafte zwar außerordentliche, aber nur die gleich⸗ förmige Temperatur derſelben glückliche und vollkommene Menſchen erzeugen. Und in welchem Verhaͤltniß ſtaͤnden wir alſo zu dem vergangenen und kommenden Weltalter, wenn die Ausbildung der menſchlichen Natur ein ſolches Opfer nothwendig machte? Wir waͤren die Knechte der Menſchheit geweſen, wir häͤtten einige Jahrtauſende lang die Sklaven⸗ arbeit fuͤr ſie getrieben und unſerer verſtümmelten Natur die beſchaͤmenden Spuren dieſer Dienſtbarkeit eingedrückt— damit das ſpätere Geſchlecht, in einem ſeligen Müßiggange, ſeiner 26 moraliſchen Geſundheit warten und den freien Wuchs ſeiner Menſchheit entwickeln könnte! Kann aber wohl der Menſch dazu beſtimmt ſeyn, über irgend einem Zwecke ſich ſelbſt zu verſäumen? Sollte uns die Natur durch ihre Zwecke eine Vollkommenheit rauben können, welche uns die Vernunft durch die ihrigen vorſchreibt? Es muß alſo falſch ſeyn, daß die Ausbildung der einzelnen Kräfte das Opfer ihrer Totalität nothwendig macht; oder, wenn auch das Geſetz der Natur noch ſo ſehr dahinſtrebte, ſo muß es bei uns ſtehen, dieſe Totalität in unſrer Natur, welche die Kunſt zerſtört hat, durch eine höhere Kunſt wieder her⸗ zuſtellen. Siebenter Brief. Sollte dieſe Wirkung vielleicht von dem Staat zu erwarten ſeyn? Das iſt nicht möglich: denn der Staat, wie er jetzt beſchaffen iſt, hat das Uebel veranlaßt, und der Staat, wie ihn die Vernunft in der Idee ſich aufgibt, anſtatt dieſe beſſere Menſchheit begründen zu können, mußte ſelbſt erſt darauf gegrüͤndet werden. Und ſo hätten mich denn die bisherigen Unterſuchungen wieder auf den Punkt zurückgeführt, von dem ſie mich eine Zeitlang entfernten. Das jetzige Zeitalter, weit entfernt, uns diejenige Form der Menſchheit aufzuweiſen, welche als nothwendige Bedingung einer moraliſchen Staats⸗ verbeſſerung erkannt worden iſt, zeigt uns vielmehr das directe Gegentheil davon. Sind alſo die von mir aufgeſtell⸗ ten Grundſatze richtig, und beſtatigt die Erfahrung mein Gemälde der Gegenwart, ſo muß man jeden Verſuch einer ſolchen Staatsveranderung ſo lange für unzeitig und jede darauf gegrundete Hoffnung ſo lange für chimariſch erklären, bis die Trennung in dem innern Menſchen wieder aufgehoben, und ſeine Natur vollſtändig genug entwickelt iſt, um ſelbſt die Kuͤnſtlerin zu ſeyn und der politiſchen Schoͤpfung der Vernunft ihre Realität zu verbürgen. Die Natur zeichnet uns in ihrer phpſiſchen Schöpfung den Weg vor, den man in der moraliſchen zu wandeln hat. Nicht eher, als bis der Kampf elementariſcher Kräfte in den niedrigern Organnſationen beſanfrigt iſt, erhebt ſie ſich zu der edeln Bildung des phyſtſchen Menſchen. Eben ſo muß der Elementenſtreit in dem ethiſchen Menſchen, der Conflict blinder Triebe fürs Erſte beruhigt ſeyn, und die grobe Ent⸗ gegenſetzung muß in ihm aufgehört haben, ehe man es wagen darf, die Mannigfaltigkeit zu begunſtigen. Auf der andern Seite muß die Selbſtſtändigkeit ſeines Charakters geſichert ſeyn, und die Unterwuͤrfigkeit unter fremde deſpotiſche Formen einer anſtändigen Freiheit Platz gemacht haben, ehe man die Mannigfaltigkeit in ihm der Einheit des Ideals unterwerfen darf. Wo der Naturmenſch ſeine Willkür noch ſo geſetzlos mißbraucht, da darf man ihm ſeine Freiheit kaum zeigen; wo der künſtliche Menſch ſeine Freiheit noch ſo wenig ge⸗ braucht, da darf man ihm ſeine Willkür nicht nehmen. Das Geſchenk liberaler Grundfätze wird Verrätherei an dem Gan⸗ zen, wenn es ſich zu einer noch gährenden Kraft geſellt und einer ſchon uͤbermaͤchtigen Natur Verſtaͤrkung zuſendet; das Geſetz der Uebereinſtimmung wird Tyrannei gegen das In⸗ dividuum, wenn es ſich mit einer ſchon herrſchenden Schwache und phyſtſchen Beſchränkung verknüpft und ſo den letzten glimmenden Funken von Selbſtthätigkeit und Eigenthum auslöſcht. 28 Der Charakter der Zeit muß ſich alſo von ſeiner tiefen Entwürdigung erſt aufrichten, dort der blinden Gewalt der Natur ſich entziehen und hier zu ihrer Einfalt, Wahrheit und Fülle zurückkehren— eine Aufgabe fur mehr als ein Jahrhundert. Unterdeſſen, gebe ich gerne zu, kann mancher Verſuch im Einzelnen gelingen; aber am Ganzen wird dadurch nichts gebeſſert ſeyn, und der Widerſpruch des Betragens wird ſtets gegen die Einheit der Maximen beweiſen. Man wird in andern Welttheilen in dem Neger die Menſchheit ehren und in Europa ſie in dem Denker ſchänden. Die alten Grundſätze werden bleiben, aber ſie werden das Kleid des Jahrhunderts tragen, und zu einer Unterdrückung, welche ſonſt die Kirche autoriſirte, wird die Philoſophie ihren Namen leihen. Von der Freiheit erſchreckt, die in ihren erſten Ver⸗ ſuchen ſich immer als Feindin ankündigt, wird man dort einer bequemen Knechtſchaft ſich in die Arme werfen und hier, von einer pedantiſchen Curatel zur Verzweiflung ge⸗ bracht, in die wilde Ungebundenheit des Naturſtands ent⸗ ſpringen. Die Uſurpation wird ſich auf die Schwachheit der menſchlichen Natur, die Inſurrection auf die Würde derſelben berufen, bis endlich die große Beherrſcherin aller menſch⸗ lichen Dinge, die blinde Stärke, dazwiſchen tritt und den vorgeblichen Streit der Principien wie einen gemeinen Fauſt⸗ kampf entſcheidet. Achter Brief. Soll ſich alſo die Philoſophie, muthlos und ohne Hoffnung, aus dieſem Gebiete zurückziehen? Wahrend ſich die Herrſchaft der Formen nach jener andern Richtung erweitert, ſoll dieſes 29 wichtigſte aller Guͤter dem geſtaltloſen Zufall preisgegeben ſeyn? Der Conflict blinder Kraͤfte ſoll in der politiſchen Welt ewig dauern, und das geſellige Geſetz nie über die feindſelige Selbſtſucht ſiegen? Nichts weniger! Die Vernunft ſelbſt wird zwar mit dieſer rauhen Macht, die ihren Waffen widerſteht, unmittel⸗ bar den Kampf nicht verſuchen und ſo wenig, als der Sohn des Saturn in der Ilias, ſelbſthandelnd auf den finſtern Schauplatz herunterſteigen. Aber aus der Mitte der Streiter wählt ſie ſich den wuͤrdigſten aus, bekleidet ihn, wie Zeus ſeinen Enkel, mit göttlichen Waffen und bewirkt durch ſeine ſiegende Kraft die große Entſcheidung. Die Vernunft hat geleiſtet, was ſie leiſten kann, wenn ſie das Geſetz findet und aufſtellt; vollſtrecken muß es der muthige Wille und das lebendige Gefühl. Wenn die Wahr⸗ heit im Streit mit Kräften den Sieg erhalten ſoll, ſo muß ſie ſelbſt erſt zur Kraft werden und zu ihrem Sachführer im Reich der Erſcheinungen einen Trieb aufſtellen: denn Triebe ſind die einzigen bewegenden Kräfte in der empfinden⸗ den Welt. Hat ſie bis jetzt ihre ſiegende Kraft noch ſo wenig bewieſen, ſo liegt Dies nicht an dem Verſtande, der ſie nicht zu entſchleiern wußte, ſondern an dem Herzen, das ſich ihr verſchloß, und an dem Triebe, der nicht für ſie handelte. Denn woher dieſe noch ſo allgemeine Herrſchaft der Vor⸗ urtheile und dieſe Verfinſterung der Köpfe bei allem Licht, das Philoſophie und Erfahrung aufſteckten? Das Zeitalter iſt aufgeklärt, Das heißt, die Kenntniſſe ſind gefunden und öffentlich preisgegeben, welche hinreichen würden, wenigſtens unſere praktiſchen Grundſätze zu berichtigen. Der Geiſt der ſreien Unterſuchung hat die Wahnbegriffe zerſtreut, welche lange Zeit den Zugang zu der Wahrheit verwehrten, und 30 den Grund unterwühlt, auf welchem Fanatismus und Be⸗ trug ihren Thron erbauten. Die Vernunft hat ſich von den Tauſchungen der Sinne und von einer betrüglichen Sophiſtik gereinigt, und die Philoſophie ſelbſt, welche uns zuerſt von ihr abtrünnig machte, ruft uns laut und dringend in den Schoß der Natur zurück— woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren ſind? Es muß alſo, weil es nicht in den Dingen liegt, in den Gemüthern der Menſchen etwas vorhanden ſeyn, was der Aufnahme der Wahrheit, auch wenn ſie noch ſo hell leuchtete, und der Annahme derſelben, auch wenn ſie noch ſo lebendig überzeugte, im Wege ſteht. Ein alter Weiſer hat es empfun⸗ den, und es liegt in dem vielbedeutenden Ausdruck verſteckt: sapere aude. Erkühne dich, weiſe zu ſeyn. Energie des Muths ge⸗ hört dazu, die Hinderniſſe zu bekämpfen, welche ſowohl die Traͤgheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Be⸗ lehrung entgegen ſetzen. Nicht ohne Bedeutung läßt der alte Mythus die Göttin der Weisheit in voller Rüſtung aus Ju⸗ piters Haupte ſteigen: denn ſchon ihre erſte Verrichtung iſt kriegeriſch. Schon in der Geburt hat ſie einen harten Kampf mit den Sinnen zu beſtehen, die aus ihrer ſüßen Ruhe nicht geriſſen ſeyn wollen. Der zahlreichere Theil der Menſchen wird durch den Kampf mit der Noth viel zu ſehr ermüdet und abgeſpannt, als daß er ſich zu einem neuen und härtern Kampf mit dem Irrthum aufraffen ſollte. Zufrieden, wenn er ſelbſt der ſauren Mühe des Denkens entgeht, läßt er Andere gern über ſeine Begriffe die Vormundſchaft führen, und, geſchieht es, daß ſich höhere Beduürfniſſe in ihm regen, ſo ergreift er mit durſtigem Glauben die Formeln, welche der Staat und das Prieſterthum fuͤr dieſen Fall in Bereitſchaft 1 6 halten. Wenn dieſe unglücklichen Menſchen unſer Mit⸗ leiden verdienen, ſo trifft unſere gerechte Verachtung die andern, die ein beſſeres Los von dem Joch der Beduͤrfniſſe frei macht, aber eigene Wahl darunter beugt. Dieſe ziehen den Dämmerſchein dunkler Begriffe, wo man lebhafter fühlt, und die Fantaſie ſich nach eignem Belieben bequeme Geſtal⸗ ten bildet, den Strahlen der Wahrheit vor, die das ange⸗ nehme Blendwerk ihrer Träume verjagen. Auf eben dieſe Täuſchungen, die das feindſelige Licht der Erkenntniß zer⸗ ſtreuen ſollen, haben ſie den ganzen Bau ihres Gluͤcks ge⸗ gründet, und ſie ſollten eine Wahrheit ſo theuer kaufen, die damit anfaͤngt, ihnen Alles zu nehmen, was Werth für ſie beſitzt. Sie müßten ſchon weiſe ſeyn, um die Weisheit zu lieben: eine Wahrheit, die Derjenige ſchon fühlte, der der Philoſophie ihren Namen gab. Nicht genug alſo, daß alle Aufklaͤrung des Verſtandes nur inſofern Achtung verdient, als ſie auf den Charakter zu⸗ rückfließt; ſie geht auch gewiſſermaßen von dem Charakter aus, weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß geöff⸗ net werden. Ausbildung des Empfindungsvermögens iſt alſo das dringendere Bedürfniß der Zeit, nicht bloß, weil ſie ein Mittel wird, die verbeſſerte Einſicht fur das Leben wirkſam zu machen, ſondern ſelbſt darum, weil ſie zur Verbeſſerung der Einſicht erweckt. Neunter Brief. Aber iſt hier nicht vielleicht ein Cirkel? Die theoretiſche Cultur ſoll die praktiſche herbeiführen, und die praktiſche doch die Bedingung der theoretiſchen ſeyn? Alle Verbeſſe⸗ rung im Politiſchen ſoll von Veredlung des Charakters aus⸗ gehen— aber wie kann ſich unter den Einflüſſen einer bar⸗ bariſchen Staatsverfaſſung der Charakter veredeln? Man müßte alſo zu dieſem Zweck ein Werkzeug aufſuchen, welches der Staat nicht hergibt, und Quellen dazu eröffnen, die ſich bei aller politiſchen Verderbniß rein und lauter erhalten. Jetzt bin ich an dem Punkt angelangt, zu welchem alle meine bisherigen Betrachtungen hingeſtrebt haben. Dieſes Werkzeug iſt die ſchöne Kunſt, dieſe O Quellet öinen ſih in ihren unſterblichen Muſtern. Von Allem, was poſitiv iſt, und was. menſchliche Con⸗ ventionen einführten, iſt die Kunſt wie die Wiſſenſchaft los⸗ geſprochen, und Beide erfreuen ſich einer abſoluten Im⸗ munitaͤt von der Willkur der Menſchen. Der politiſche Geſetzgeber kann ihr Gebiet ſperren, aber darin herrſchen kann er nicht. Er kann den Wahrheitsfreund aächten, aber die Wahrheit beſteht; er kann den Kenfllr erniedrigen, aber die Kunſt kann er nicht verfälſchen. Zwar iſt nichts gewöhn⸗ licher, als daß Beide, Wiſſenſchaft und Kunſt, dem Geiſt des Zeitalters huldigen, und der hervorbringende Geſchmack von dem beurtheilenden das Geſetz empfängt. Wo der Cha⸗ rakter ſtraff wird und ſich verhärtet, da ſehen wir die Wiſſen⸗ ſchaft ſtreng ihre Gränzen bewachen und die Kunſt in den ſchweren Feſſeln der Regel gehen; wo der Charakter erſchlafft und ſich auflöst, da wird die Wiſſenſchaft zu gefallen und die Kunſt zu vergnügen ſtreben. Ganze Jahrhunderte lang zeigen ſich die Philoſophen wie die Künſtler geſchaftig, Wahr⸗ hbeit und Schoͤnheit in die Tiefen gemeiner Menſchheit hin⸗ abzutauchen: jene gehen darin unter, aber mit eigener un⸗ zerſtoͤrbarer Lebenskraft ringen ſich dieſe ſiegend empor. Der Künſtler iſt zwar der Sohn ſeiner Zeit, aber ſchlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günſtling iſt. Eine wohlthätige Gottheit reiße den Saͤug⸗ ling bei Zeiten von ſeiner Mutter Bruſt, naͤhre ihn mit der Milch eines beſſern Alters und laſſe ihn unter fernem grie⸗ chiſchen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden iſt, ſo kehre er, eine fremde Geſtalt, in ſein Jahrhundert zurück, aber nicht, um es mit ſeiner Er⸗ ſcheinung zu erfreuen, ſondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen. Den Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form von einer edlern Zeit, ja, jenſeits aller Zeit, von der abſoluten, unwandel⸗ baren Einheit ſeines Weſens entlehnen. Hier, aus dem reinen Aether ſeiner dämoniſchen Natur, rinnt die Quelle der Schönheit herab, unangeſteckt von der Verderbniß der Geſchlechter und Zeiten, welche tief unter ihr in truben Strudeln ſich wälzen. Seinen Stoff kann die Laune ent⸗ ehren, wie ſie ihn geadelt hat, aber die keuſche Form iſt ihrem Wechſel entzogen. Der Römer des erſten Jahrhun⸗ derts hatte längſt ſchon die Knie vor ſeinen Kaiſern gebeugt, als die Bildſäͤulen noch aufrecht ſtanden; die Tempel blieben dem Auge heilig, als die Götter längſt zum Gelaͤchter dien⸗ ten, und die Schandthaten eines Nero und Commodus be⸗ ſchämte der edle Styl des Gebandes, das ſeine Huͤlle dazu gab. Die Menſchheit hat ihre Würde verloren, aber die Kunſt hat ſie gerettet und aufbewahrt in bedeutenden Stei⸗ nen; die Wahrheit lebt in der Täuſchung fort, und aus dem Nachbilde wird das Urbild wieder hergeſtellt werden. So wie die edle Kunſt die edle Natur überlebte, ſo ſchreitet ſie derſelben auch in der Begeiſterung, bildend und erweckend, voran. Ehe noch die Wahrheit ihr ſiegendes Licht in die Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 3 34⁴ Tiefen der Herzen ſendet, fängt die Dichtungskraft ihre Strahlen auf, und die Gipfel der Menſchheit werden glän⸗ zen, wenn noch feuchte Nacht in den Thaͤlern liegt. Wie verwahrt ſich aber der Künſtler vor den Verderb⸗ niſſen ſeiner Zeit, die ihn von allen Seiten umfangen? Wenn er ihr Urtheil verachtet. Er blicke aufwärts nach ſeiner Würde und dem Geſetze, nicht niederwärts nach dem Glück und nach dem Bedürfniß. Gleich frei von der eiteln Geſchäftigkeit, die in den fluͤchtigen Augenblick gern ihre Spur drücken möchte, und von dem ungeduldigen Schwär⸗ mergeiſt, der auf die duͤrftige Geburt der Zeit den Maßſtab des Unbedingten anwendet, überlaſſe er dem Verſtande, der hier einheimiſch iſt, die Sphäre des Wirklichen; er aber ſtrebe, aus dem Bunde des Möglichen mit dem Nothwen⸗ digen das Ideal zu erzeugen. Dieſes präge er aus in Taͤu⸗ ſchung und Wahrheit, prage es in die Spiele ſeiner Einbil⸗ dungskraft und in den Ernſt ſeiner Thaten, präͤge es aus in allen ſinnlichen und geiſtigen Formen und werfe es ſchwei⸗ gend in die unendliche Zeit. Aber nicht Jedem, dem dieſes Ideal in der Seele glüht, wurde die ſchöpferiſche Ruhe und der große geduldige Sinn verliehen, es in den verſchwiegenen Stein einzudrücken oder in das nüchterne Wort auszugießen und den treuen Händen der Zeit zu vertrauen. Viel zu ungeſtum, um durch dieſes ruhige Mittel zu wandern, ſtürzt ſich der göttliche Bildungs⸗ trieb oft unmittelbar auf die Gegenwart und auf das han⸗ delnde Leben und unternimmt, den formloſen Stoff der mo⸗ raliſchen Welt umzubilden. Dringend ſpricht das Unglück ſeiner Gattung zu dem fühlenden Menſchen, dringender ihre Entwuͤrdigung; der Enthuſiasmus entflammt ſich, und das glühende Verlangen ſtrebt in kraftvollen Seelen ungeduldig 35 zur That. Aber befragte er ſich auch, ob dieſe Unordnungen in der moraliſchen Welt ſeine Vernunft beleidigen oder nicht vielmehr ſeine Selbſtliebe ſchmerzen? Weiß er es noch nicht, ſo wird er es an dem Eifer erkennen, womit er auf be⸗ ſtimmte und beſchleunigte Wirkungen dringt. Der reine moraliſche Trieb iſt aufs Unbedingte gerichtet, für ihn gibt es keine Zeit, und die Zukunft wird ihm zur Gegenwart, ſobald ſie ſich aus der Gegenwart nothwendig entwickeln muß. Vor einer Vernunft ohne Schranken iſt die Richtung zugleich die Vollendung, und der Weg iſt zurückgelegt, ſobald er ein⸗ geſchlagen iſt. Gib alſo, werde ich dem jungen Freund der Wahrheit und Schoͤnheit zur Antwort geben, der von mir wiſſen will, wie er dem edeln Trieb in ſeiner Bruſt, bei allem Wider⸗ ſtande des Jahrhunderts, Genuͤge zu thun habe, gib der Welt, auf die du wirkſt, die Richtung zum Guten, ſo wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwicklung bringen. Dieſe Richtung haſt du ihr gegeben, wenn du, lehrend, ihre Gedanken zum Nothwendigen und Ewigen erhebſt, wenn du, handelnd oder bildend, das Nothwendige und Ewige in einen Gegenſtand ihrer Triebe verwandelſt. Fallen wird das Ge⸗ bäude des Wahns und der Willkürlichkeit, fallen muß es, es iſt ſchon gefallen, ſobald du gewiß biſt, daß es ſich neigt; aber in dem innern, nicht bloß in dem außern Menſchen muß es ſich neigen. In der ſchamhaften Stille deines Ge⸗ muths erziehe die ſiegende Wahrheit, ſtelle ſie aus dir heraus in der Schönheit, daß nicht bloß der Gedanke ihr huldige, ſondern auch der Sinn ihre Erſcheinung liebend er⸗ greife. Und, damit es dir nicht begegne, von der Wirklich⸗ keit das Muſter zu empfangen, das du ihr geben ſollſt, ſo wage dich nicht eher in ihre bedenkliche Geſellſchaft, bis du 36 eines idealiſchen Gefolges in deinem Herzen verſichert diſt. Lebe mit deinem Jahrhundert, aber ſey nicht ſein Geſchöpf; leiſte deinen Zeitgenoſſen, aber, was ſie bedürfen, nicht, was ſie loben. Ohne ihre Schuld getheilt zu haben, theile mit edler Reſignation ihre Strafen und beuge dich mit Frei⸗ heit unter das Joch, das ſie gleich ſchlecht entbehren und tragen. Durch den ſtandhaften Muth, mit dem du ihr Gluͤck verſchmaͤheſt, wirſt du ihnen beweiſen, daß nicht deine Feig⸗ heit ſich ihren Leiden unterwirft. Denke ſie dir, wie ſie ſeyn ſollten, wenn du auf ſie zu wirken haſt, aber denke ſie dir, wie ſie ſind, wenn du für ſie zu handeln verſucht wirſt. Ihren Beifall ſuche durch ihre Wuͤrde, aber auf ihren Un⸗ werth berechne ihr Glück, ſo wird dein eigner Adel dort den ihrigen aufwecken, und ihre Unwuürdigkeit hier deinen Zweck nicht vernichten. Der Ernſt deiner Grundfätze wird ſie von dir ſcheuchen, aber im Spiele ertragen ſie ſie noch; ihr Ge⸗ ſchmack iſt keuſcher als ihr Herz, und hier mußt du den ſcheuen Flüchtling ergreifen. Ihre Maximen wirſt du um⸗ ſonſt beſtürmen, ihre Thaten umſonſt verdammen, aber an ihrem Müßiggange kannſt du deine bildende Hand verſuchen. Verjage die Willkür, die Frivolität, die Rohheit aus ihren Vergnügungen, ſo wirſt du ſie unvermerkt auch aus ihren Handlungen, endlich aus ihren Geſinnungen verbannen. Wo du ſie findeſt, umgib ſie mit edeln, mit großen, mit geiſt⸗ reichen Formen, ſchließe ſie ringsum mit den Symbolen des Vortrefflichen ein, bis der Schein die Wirklichkeit, und die Kunſt die Natur uüberwindet. 02 ₰ Zehnter Brief. Sie ſind alſo mit mir darin einig und durch den Inhalt meiner vorigen Briefe überzeugt, daß ſich der Menſch auf zwei entgegengeſetzten Wegen von ſeiner Beſtimmung ent⸗ fernen könne, daß unſer Zeitalter wirklich auf beiden Abwegen wandle und hier der Rohheit, dort der Erſchlaffung und Verkehrtheit zum Raube geworden ſey. Von dieſer dop⸗ pelten Verwirrung ſoll es durch die Schönheit zuruͤckgeführt werden. Wie kann aber die ſchöne Cultur beiden entgegen⸗ geſetzten Gebrechen zugleich begegnen und zwei widerſprechende Eigenſchaften in ſich vereinigen? Kann ſie in dem Wilden die Natur in Feſſeln legen und in dem Barbaren dieſelbe in Freiheit ſetzen? Kann ſie zugleich anſpannen und auflöſen— und, wenn ſie nicht wirklich Beides leiſtet, wie kann ein ſo großer Effect, als die Ausbildung der Menſchheit iſt, ver⸗ nuͤnftiger Weiſe von ihr erwartet werden? Zwar hat man ſchon zum Ueberdruß die Behauptung hören müſſen, daß das entwickelte Gefühl für Schoͤnheit die Sitten verfeinere, ſo daß es hiezu keines neuen Beweiſes mehr zu bedüͤrfen ſcheint. Man ſtützt ſich auf die alltaͤgliche Erfahrung, welche faſt durchgangig mit einem gebildeten Ge⸗ ſchmacke Klarheit des Verſtandes, Regſamkeit des Gefühls, Liberalität und ſelbſt Würde des Betragens, mit einem un⸗ gebildeten gewöhnlich das Gegentheil verbunden zeigt. Man beruft ſich, zuverſichtlich genug, auf das Beiſpiel der geſittetſten aller Nationen des Alterthums, bei welcher das Schönheits⸗ gefuͤhl zugleich ſeine höchſte Entwickelung erreichte, und auf das entgegengeſetzte Beiſpiel jener theils wilden, theils bar⸗ bariſchen Völker, die ihre Unempfindlichkeit für das Schöne 38 mit einem rohen oder doch auſteren Charakter büßen. Nichts deſto weniger fällt es zuweilen denkenden Köpfen ein, ent⸗ weder das Factum zu leugnen oder doch die Rechtmaßigkeit der daraus gezogenen Schlüſſe zu bezweifeln. Sie denken nicht ganz ſo ſchlimm von jener Wildheit, die man den un⸗ gebildeten Völkern zum Vorwurf macht, und nicht ganz ſo vor⸗ theilhaft von dieſer Verfeinerung, die man an den gebildeten preist. Schon im Alterthum gab es Männer, welche die ſchöne Cultur für nichts weniger als eine Wohlthat hiel⸗ ten und deßwegen ſehr geneigt waren, den Künſten der Einbildungskraft den Eintritt in ihre Republik zu verwehren. Nicht von Denjenigen rede ich, die bloß darum die Grazien ſchmaͤhen, weil ſie nie ihre Gunſt erfuhren. Sie, die keinen andern Maßſtab des Werthes kennen als die Mühe der Erwerbung und den handgreiflichen Ertrag— wie ſollten ſie fähig ſeyn, die ſtille Arbeit des Geſchmacks an dem äußern und innern Menſchen zu würdigen, und über den zufälligen Nachtheilen der ſchönen Cultur nicht ihre weſentlichen Vor⸗ theile aus den Augen ſetzen? Der Menſch ohne Form verach⸗ tet alle Anmuth im Vortrage als Beſtechung, alle Feinheit im Umgange als Verſtellung, alle Delicateſſe und Großheit im Betragen als Ueberſpannung und Affectation. Er kann es dem Günſtling der Grazien nicht vergeben, daß er als Geſellſchafter alle Cirkel aufheitert, als Geſchäftsmann alle Köpfe nach ſeinen Abſichten lenkt, als Schriftſteller ſeinem ganzen Jahrhundert vielleicht ſeinen Geiſt aufdrückt, wahrend er, das Schlachtopfer des Fleißes, mit all ſeinem Wiſſen keine Aufmerkſamkeit erzwingen, keinen Stein von der Stelle rücken kann. Da er Jenem das genialiſche Geheimniß, an⸗ genehm zu ſeyn, niemals abzulernen vermag, ſo bleibt ihm nichts Anderes übrig, als die Verkehrtheit der menſchlichen 39 Natur zu bejammern, die mehr dem Schein als dem Weſen huldigt. Aber es gibt achtungswuͤrdige Stimmen, die ſich gegen die Wirkungen der Schönheit erklären und aus der Erfahrung mit furchtbaren Gründen dagegen geruͤſtet ſind.„Es iſt nicht zu leugnen,“ ſagen ſie,„die Reize des Schönen können in guten Händen zu löblichen Zwecken wirken aber es wider⸗ ſpricht ihrem Weſen nicht, in ſchlimmen Haͤnden gerade das Gegentheil zu thun und ihre ſeelenfeſſelnde Kraft fur Irr⸗ thum und Unrecht zu verwenden. Eben deßwegen, weil der Geſchmack nur auf die Form und nie auf den Inhalt achtet, ſo gibt er dem Gemüth zuletzt die gefährliche Richtung, alle Reglitat uͤberhaupt zu vernachläſſigen und einer reizenden Einkleidung Wahrheit und Sittlichkeit aufzuopfern. Aller Sachunterſchied der Dinge verliert ſich, und es iſt bloß die Erſcheinung, die ihren Werth beſtimmt.— Wie viele Men⸗ ſchen von Fähigkeit,“ fahren ſie fort,„werden nicht durch die verführeriſche Macht des Schönen von einer ernſten und anſtrengenden Wirkſamkeit abgezogen oder wenigſtens ver⸗ leitet, ſie oberflächlich zu behandeln! Wie mancher ſchwache Verſtand wird bloß deßwegen mit der buͤrgerlichen Einrich⸗ tung uneins, weil es der Fantaſie der Poeten beliebte, eine Welt aufzuſtellen, worin Alles ganz anders erfolgt, wo keine Convenienz die Meinungen bindet, keine Kunſt die Natur unterdruͤckt. Welche gefährliche Dialektik haben die Leiden⸗ ſchaften nicht erlernt, ſeitdem ſie in den Gemälden der Dich⸗ ter mit den glänzendſten Farben prangen und im Kampf mit Geſetzen und Pflichten gewöhnlich das Feld behalten? Was hat wohl die Geſellſchaft dabei gewonnen, daß jetzt die Schön⸗ heit dem Umgang Geſetze gibt, den ſonſt die Wahrheit regierte, und daß der aͤußere Eindruck die Achtung entſcheidet, 40 die nur an das Verdienſt gefeſſelt ſeyn ſollte? Es iſt wahr, man ſieht jetzt alle Tugenden blühen, die einen gefaͤlligen Effect in der Erſcheinung machen und einen Werth in der Geſellſchaft verleihen, dafür aber auch alle Ausſchweifungen herrſchen und alle Laſter im Schwange gehen, die ſich mit einer ſchönen Huͤlle vertragen.“ In der That muß es Nach⸗ denken erregen, daß man beinahe in jeder Epoche der Ge⸗ ſchichte, wo die Künſte blühen, und der Geſchmack regiert, die Menſchheit geſunken findet und auch nicht ein einziges Beiſpiel aufweiſen kann, daß ein hoher Grad und eine große Allgemeinheit aſthetiſcher Cultur bei einem Volke mit politi⸗ ſcher Freiheit und bürgerlicher Tugend, daß ſchöne Sitten mit guten Sitten, und Politur des Betragens mit Wahrheit desſelben Hand in Hand gegangen waͤren. Solange Athen und Sparta ihre Unabhängigkeit behaup⸗ teten, und Achtung fuͤr die Geſetze ihrer Verfaſſung zur Grundlage diente, war der Geſchmack noch unreif, die Kunſt noch in ihrer Kindheit, und es fehlte noch viel, daß die Schönheit die Gemüther beherrſchte. Zwar hatte die Dicht⸗ kunſt ſchon einen erhabenen Flug gethan, aber nur mit den Schwingen des Genies, von dem wir wiſſen, daß es am Nächſten an die Wildheit granzt und ein Licht iſt, das gern aus der Finſterniß ſchimmert, welches alſo vielmehr gegen den Geſchmack feines Zeitalters, als fuͤr denſelben zeugt. Als unter dem Perikles und Alexander das goldene Alter der Künſte herbeikam, und die Herrſchaft des Geſchmacks ſich allgemeiner verbreitete, findet man Griechenlands Kraft und Freiheit nicht mehr, die Beredſamkeit verfaͤlſchte die Wahr⸗ heit, die Weisheit beleidigte in dem Mund eines Sokrates und die Tugend in dem Leben eines Phocion. Die Römer, wiſſen wir, mußten erſt in den bürgerlichen Kriegen ihre 41 Kraft erſchöpfen und, durch morgenlandiſche Ueppigkeit ent⸗ mannt, unter das Joch eines glücklichen Dynaſten ſich beugen, ehe wir die griechiſche Kunſt über die Rigidität des Charak⸗ ters triumphiren ſehen. Auch den Arabern ging die Morgen⸗ röthe der Cultur nicht eher auf, als bis die Energie ihres kriegeriſchen Geiſtes unter dem Scepter der Abbaſſiden erſchlafft war. In dem neueren Italien zeigte ſich die ſchöne Kunſt nicht eher, als nachdem der herrliche Bund der Lombarden zerriſſen war, Florenz ſich den Medicäern unterworfen, und der Geiſt der Unabhängigkeit in allen jenen muthvollen Staͤdten einer unrühmlichen Ergebung Platz gemacht hatte. Es iſt beinahe uͤberflüſſig, noch an das Beiſpiel der neuern Nationen zu erinnern, deren Verfeinerung in demſelben Verhältniſſe zunahm, als ihre Selbſtſtändigkeit endigte. Wohin wir immer in der vergangenen Welt unſere Augen richten, da finden wir, daß Geſchmack und Freiheit einander fliehen, und daß die Schoͤnheit nur auf den Untergang heroiſcher Tugen⸗ den ihre Herrſchaft gruͤndet. Und doch iſt gerade dieſe Energie des Charakters, mit welcher die äſthetiſche Cultur gewöhnlich erkauft wird, die wirkſamſte Feder alles Großen und Trefflichen im Menſchen, deren Mangel kein anderer, wenn auch noch ſo großer, Vor⸗ zug erſetzen kann. Haͤlt man ſich alſo einzig nur an Das, was die bisherigen Erfahrungen über den Einfluß der Schoͤn⸗ heit lehren, ſo kann man in der That nicht ſehr aufgemun⸗ tert ſeyn, Gefuͤhle auszubilden, die der wahren Cultur des Menſchen ſo geſaͤhrlich ſind; und lieber wird man auf die Gefahr der Rohheit und Haͤrte die ſchmelzende Kraft der Schoͤnheit entbehren, als ſich bei allen Vortheilen der Ver⸗ feinerung ihren erſchlaffenden Wirkungen uberliefert ſehen. Aber vielleicht iſt die Erfahrung der Richterſtuhl nicht, 42 vor welchem ſich eine Frage wie dieſe ausmachen laͤßt, und, ehe man ihrem Zeugniß Gewicht einräumte, muͤßte erſt außer Zweifel geſetzt ſeyn, daß es dieſelbe Schönheit iſt, von der wir reden, und gegen welche jene Beiſpiele zeugen. Dies ſcheint aber einen Begriff der Schönheit vorauszuſetzen, der eine andere Quelle hat als die Erfahrung, weil durch den⸗ ſelben erkannt werden ſoll, ob Das, was in der Erfahrung ſchön heißt, mit Recht dieſen Namen führe. Dieſer reine Vernu uftbegriff der Schönheit, wenn ein ſolcher ſich aufzeigen ließe, muͤßte alſo— weil er aus keinem wirklichen Falle geſchöpft werden kann, vielmehr unſer Urtheil über jenen wirklichen Fall erſt berichtigt und leitet— auf dem Wege der Abſtraction geſucht und ſchon aus der Möoglichkeit der ſinnlichvernünftigen Natur gefolgert werden können; mit einem Wort: die Schoͤnheit müßte ſich als eine nothwendige Bedingung der Menſchheit aufzeigen laſſen. Zu dem reinen Begriff der Menſchheit muͤſſen wir uns alſo nunmehr erheben, und, da uns die Erfahrung nur einzelne Zuſtände einzelner Menſchen, aber niemals die Menſchheit zeigt, ſo müſſen wir aus dieſen ihren individuellen und wandelbaren Erſcheinungsarten das Abſolute und Bleibende zu entdecken und durch Wegwerfung aller zufäͤlligen Schranken uns der nothwendigen Bedingungen ihres Daſeyns zu be⸗ maͤchtigen ſuchen. Zwar wird uns dieſer transcendentale Weg eine Zeit lang aus dem traulichen Kreis der Erſcheinungen und aus der lebendigen Gegenwart der Dinge entfernen und auf dem nackten Gefild abgezogener Begriffe verweilen; aber wir ſtreben ja nach einem feſten Grund der Erkenntniß, den nichts mehr erſchüttern ſoll, und, wer ſich über die Wirk⸗ lichkeit nicht hinauswagt, Der wird nie die Wahrheit erobern. 42 43 Eilfter Brief. Wenn die Abſtraction ſo hoch, als ſie immer kann, hin⸗ aufſteigt, ſo gelangt ſie zu zwei letzten Begriffen, bei denen ſie ſtille ſtehen und ihre Gränzen bekennen muß. Sie unter⸗ ſcheidet in dem Menſchen etwas, das bleibt, und etwas, das ſich unaufhörlich verändert. Das Bleibende nennt ſie ſeine Perſon, das Wechſelnde ſeinen Zuſtand. Perſon und Zuſtand— das Selbſt und ſeine Beſtim⸗ mungen— die wir uns in dem nothwendigen Weſen als Eins und Dasſelbe denken, ſind ewig Zwei in dem Endlichen. Bei aller Beharrung der Perſon wechſelt der Zuſtand, bei allem Wechſel des Zuſtandes beharret die Perſon. Wir gehen von der Ruhe zur Thäͤtigkeit, vom Affect zur Gleichgultigkeit, von der Uebereinſtimmung zum Widerſpruch; aber wir ſind doch immer, und, was unmittelbar aus uns folgt, bleibt. In dem abſoluten Subject allein beharren mit der Perſöͤn⸗ lichkeit auch alle ihre Beſtimmungen, weil ſie aus der Per⸗ ſönlichkeit fließen. Alles, was die Gottheit iſt, iſt ſie deß⸗ wegen, weil ſie iſt: ſie iſt folglich Alles auf ewig, weil ſie ewig iſt. Da in dem Menſchen, als endlichem Weſen, Perſon und Zuſtand verſchieden ſind, ſo kann ſich weder der Zuſtand auf die Perſon, noch die Perſon auf den Zuſtand gründen. Waͤre das Letztere, ſo mußte die Perſon ſich verändern; waͤre das Erſtere, ſo muͤßte der Zuſtand beharren: alſo in jedem Falle entweder die Perſönlichkeit oder die Endlichkeit aufhören. Nicht, weil wir denken, wollen, empfinden, ſind wir; nicht weil wir ſind, denken, wollen, empfinden wir. Wir ſind, weil wir ſind; wir empfinden, denken und wollen, weil außer uns noch etwas Anderes iſt. 44 Die Perſon alſo muß ihr eigener Grund ſeyn, denn das Bleibende kann nicht aus der Veraͤnderung fließen: und ſo haͤtten wir denn fürs Erſte die Idee des abſoluten, in ſich ſelbſt gegrundeten Seyns, d. i. die Freiheit. Der Zuſtand muß einen Grund haben; er muß, da er nicht durch die Perſon, alſo nicht abſolut iſt, erfolgen: und ſo hätten wir fuͤrs Zweite die Bedingung alles abhängigen Seyns oder Werdens, die Zeit. Die Zeit iſt die Bedingung alles Werdens, iſt ein identiſcher Satz, denn er ſagt nichts Anderes, als: Die Folge iſt die Bedingung, daß etwas erfolgt. Die Perſon, die ſich in dem ewig beharrenden Ich und nur in dieſem offenbart, kann nicht werden, nicht anfangen in der Zeit, weil vielmehr umgekehrt die Zeit in ihr anfan⸗ gen, weil dem Wechſel ein Beharrliches zum Grund liegen muß. Etwas muß ſich verändern, wenn Veranderung ſeyn ſoll: dieſes Etwas kann alſo nicht ſelbſt ſchon Veraͤnderung ſeyn. Indem wir ſagen, die Blume blühet und verwelkt, machen wir die Blume zum Bleibenden in dieſer Verwand⸗ lung und leihen ihr gleichſam eine Perſon, an der ſich jene beiden Zuſtände offenbaren. Daß der Menſch erſt wird, iſt kein Einwurf: denn der Menſch iſt nicht bloß Perſon uͤber⸗ haupt, ſondern Perſon, die ſich in einem beſtimmten Zuſtand befindet. Aller Zuſtand aber, alles beſtimmte Daſeyn ent⸗ ſteht in der Zeit, und ſo muß alſo der Menſch, als Phäno⸗ men, einen Anfang nehmen, obgleich die reine Inteligenz in ihm ewig iſt. Ohne die Zeit, Das heißt, ohne es zu werden, wuͤrde er nie ein beſtimmtes Weſen ſeyn; ſeine Per⸗ ſönlichkeit würde zwar in der Anlage, aber nicht in der That eriſtiren. Nur durch die Folge ſeiner Borſtellungen wird das beharrliche Ich ſich ſelbſt zur Erſcheinung. 45 Die Materie der Thätigkeit alſo oder die Realitaͤt, welche die höchſte Intelligenz aus ſich ſelber ſchoͤpft, muß der Menſch erſt empfangen, und zwar empfangt er dieſelbe als etwas außer ihm Befindliches im Raume, und als etwas in ihm Wechſelndes in der Zeit auf dem Wege der Wahrnehmung. Dieſen in ihm wechſelnden Stoff begleitet ſein niemals wech⸗ ſelndes Ich— und, in allem Wechſel beſtändig er ſelbſt zu bleiben, alle Wahrnehmungen zur Erfahrung, d. h. zur Ein⸗ heit der Erkenntniß, und jede ſeiner Erſcheinungsarten in der Zeit zum Geſetz für alle Zeiten zu machen, iſt die Vor⸗ ſchrift, die durch ſeine vernunftige Natur ihm gegeben iſt. Nur, indem er ſich verandert, exiſtirt er; nur, indem er unveränderlich bleibt, exiſtirt er. Der Menſch, vorgeſtellt in ſeiner Vollendung, waͤre demnach die beharrliche Einheit, die in den Fluten der Veranderung ewig dieſelbe bleibt. Ob nun gleich ein unendliches Weſen, eine Gottheit nicht werden kann, ſo muß man doch eine Tendenz goͤttlich nennen, die das eigentlichſte Merkmal der Gottheit, abſolute Verkündigung des Vermögens(Wirklichkeit alles Möglichen) und abſolute Einheit des Erſcheinens(Nothwendigkeit alles Wirklichen) zu ihrer unendlichen Aufgabe hat. Die Anlage zu der Gortheit träͤgt der Menſch unwiderſprechlich in ſeiner Perſönlichkeit in ſich; der Weg zu der Gottheit, wenn man einen Weg nennen kann, was niemals zum Ziele führt, iſt ihm aufgethan in den Sinnen. Seine Perſönlichkeit, für ſich allein und unabhäͤngig von allem ſinnlichen Stoffe betrachtet, iſt bloß die Anlage zu einer moͤglichen, unendlichen Aeußerung; und, ſolang er nicht anſchaut und nicht empfindet, iſt er noch weiter nichts als Form und leeres Vermögen. Seine Sinnlichkeit, für ſich allein und abgeſondert von der Selbſtthatigkeit des Geiſtes 46 betrachtet, vermag weiter nichts, als daß ſie ihn, der ohne ſie bloß Form iſt, zur Materie macht, aber keineswegs, daß ſie die Materie mit ihm vereinigt. Solang er bloß empfin⸗ det, bloß begehrt und aus bloßer Begierde wirkt, iſt er noch weiter nichts als Welt, wenn wir unter dieſem Namen bloß den formloſen Inhalt der Zeit verſtehen. Seine Sinnlichkeit iſt es zwar allein, die ſein Vermögen zur wirkenden Kraft macht; aber nur ſeine Perſönlichkeit iſt es, die ſein Wirken zu dem ſeinigen macht. Um alſo nicht bloß Welt zu ſeyn, muß er der Materie Form ertheilen; um nicht bloß Form zu ſeyn, muß er der Anlage, die er in ſich trägt, Wirklich⸗ keit geben. Er verwirklichet die Form, wenn er die Zeit er⸗ ſchafft und dem Beharrlichen die Veraͤnderung, der ewigen Einheit ſeines Ichs die Mannigfaltigkeit der Welt gegenuͤber⸗ ſtellt; er formt die Materie, wenn er die Zeit wieder auf⸗ hebt, Beharrlichkeit im Wechſel behauptet und die Mannig⸗ faltigkeit der Welt der Einheit ſeines Ichs unterwürfig macht. Hieraus fließen nun zwei entgegengeſetzte Anforderungen an den Menſchen, die zwei Fundamental⸗Geſetze der ſinnlich vernuͤnftigen Natur. Das erſte dringt auf abſolute Reali⸗ tät: er ſoll Alles zur Welt machen, was bloß Form iſt, und alle ſeine Anlagen zur Erſcheinung bringen; das zweite dringt auf abſolute Formalität: er ſoll Alles in ſich ver⸗ tilgen, was bloß Welt iſt, und Uebereinſtimmung in alle ſeine Veränderungen bringen; mit andern Worten: er ſoll alles Innere veräußern und alles Aeußere formen. Beide Aufgaben, in ihrer hoͤchſten Erfüllung gedacht, führen zu dem Begriff der Gottheit zurück, von dem ich ausgegangen bin. 47 Zwölfter Brief. Zur Erfüllung dieſer doppelten Aufgabe, das Nothwen⸗ dige in uns zur Wirklichkeit zu bringen und das Wirkliche außer uns dem Geſetz der Nothwendigkeit zu unterwerfen, werden wir durch zwei entgegengeſetzte Kräfte gedrungen, die man, weil ſie uns antreiben, ihr Object zu verwirklichen, ganz ſchicklich Triebe nennt. Der erſte dieſer Triebe, den ich den ſinnlichen nennen will, geht aus von dem phyſi⸗ ſchen Daſeyn des Menſchen oder von ſeiner ſinnlichen Natur und iſt beſchäftigt, ihn in die Schranken der Zeit zu ſetzen und zur Materie zu machen, nicht, ihm Materie zu geben, weil dazu ſchon eine freie Thatigkeit der Perſon gehoͤrt, welche die Materie aufnimmt und von ſich, dem Beharrlichen, un⸗ terſcheidet. Materie aber heißt hier nichts als Veraͤnderung oder Realitäaͤt, die die Zeit erfullt: mithin fordert dieſer Trieb, daß Veraͤnderung ſey, daß die Zeit einen Inhalt habe. Dieſer Zuſtand der bloß erfuͤllten Zeit heißt Empfin⸗ dung, und er iſt es allein, durch den ſich das phyſiſche Da⸗ ſeyn verkündigt. Da Alles, was in der Zeit iſt, nacheinander iſt, ſo wird dadurch, daß etwas iſt, alles Andere ausgeſchloſſen. Indem man auf einem Inſtrument einen Ton greift, iſt unter allen Toͤnen, die es möglicher Weiſe angeben kann, nur dieſer einzige wirklich; indem der Menſch das Gegen⸗ waͤrtige empfindet, iſt die ganze unendliche Moglichkeit ſeiner Beſtimmungen auf dieſe einzige Art des Daſeyns beſchränkt. Wo alſo dieſer Trieb ausſchließend wirkt, da iſt nothwendig die hoͤchſte Begränzung vorhanden; der Menſch iſt in dieſem Zuſtande nichts als eine Groͤßeneinheit, ein erfullter Moment 48 der Zeit— oder vielmehr, er iſt nicht, denn ſeine Perſon⸗ lichkeit iſt ſo lange aufgehoben, als ihn die Empfindung be⸗ herrſcht und die Zeit mit ſich fortreißt.* Soweit der Menſch endlich iſt, erſtreckt ſich das Gebtet dieſes Triebs, und, da alle Form nur an einer Materie, alles Abſolute nur durch das Medium der Schranken erſcheint, ſo iſt es freilich der ſinnliche Trieb, an dem zuletzt die ganze Erſcheinung der Menſchheit befeſtigt iſt. Aber, obgleich er allein die Anlagen der Menſchheit weckt und entfaltet, ſo iſt er es doch allein, der ihre Vollendung unmöglich macht. Mit unzerreißbaren Banden feſſelt er den höher ſtrebenden Geiſt an die Sinnenwelt, und von ihrer freieſten Wanderung ins Unendliche ruft er die Abſtraction in die Graͤnzen der Gegen⸗ wart zuruͤck. Der Gedanke zwar darf ihm augenblicklich ent⸗ fliehen, und ein feſter Wille ſetzt ſich ſeinen Forderungen ſieghaft entgegen; aber bald tritt die unterdrückte Natur wieder in ihre Rechte zuruͤck„ um auf Realitaͤt des Daſeyns, auf einen Inhalt unſerer Erkenntniſſe und auf einen Zweck unſers Handelns zu dringen. Der zweite jener Triebe, den man den Formtrieb nennen kann, geht aus von dem abſoluten Daſeyn des * Die Sprache hat fuͤr dieſen Zuſtand der Selbſtloſigkeit unter der Herr⸗ ſchaft der Empfindung den ſehr treffenden Ausdruck: außer ſich ſeyn, Das heißt, außer ſeinem Ich ſeyn. Obgleich dieſe Redensart nur da Statt findet, wo die Empfindung zum Affect, und dieſer Zuſtand durch ſeine laͤngere Dauer mehr bemerkbar wird, ſo iſt doch Jeder außer ſich, ſolang er nur empfindet. Von dieſem Zuſtande zur Beſonnenheit zuruͤckkehren, nennt man eben ſo richtig: in ſich gehen, Das heißt, in ſein Ich zu⸗ rückkehren, ſeine Perſon wieder herſtellen. Von Einem, der in Ohnmacht liegt, ſagt man nicht: er iſt außer ſich, ſondern: er iſt von ſich, d. h. er iſt ſeinem Ich geraubt, da jener nur nicht in demſelben iſt. Daher iſt Derjenige, der aus einer Ohnmacht zuruͤckkehrte, bloß bel ſich welches ſehr gut mit dem Außer ſich ſeyn beſtehen kann. 49 Menſchen oder von ſeiner vernuͤnftigen Natur und iſt beſtrebt, ihn in Freiheit zu ſetzen, Harmonie in die Verſchiedenheit jeines Erſcheinens zu bringen und bei allem Wechſel des Zu⸗ ſtandes ſeine Perſon zu behanpten. Da nun die Letztere als abſolute und untheilbare Einheit mit ſich ſelbſt nie im Wider⸗ ſpruch ſeyn kann, da wir in alle Ewigkeit wir ſind, ſo kann derjenige Trieb, der auf Behauptung der Perſönlich⸗ keit dringt, nie etwas Anderes fordern, als was er in alle Ewigkeit fordern muß: er entſcheidet alſo für immer, wie er fuͤr jetzt entſcheidet, und gebietet fuͤr jetzt, was er für immer gebietet. Er umfaßt mithin die ganze Folge der Zeit, Das iſt ſo viel als: er hebt die Zeit, er hebt die Veränderung auf; er will, daß das Wirkliche nothwendig und ewig, und daß das Ewige und Nothwendige wirklich ſey; mit andern Worten: er dringt auf Wahrheit und auf Recht. Wenn der erſte nur Fälle macht, ſo gibt der andere Geſetze— Geſetze für jedes Urtheil, wenn es Erkenntniſſe, Geſetze für jeden Willen, wenn es Thaten betrifft. Es ſey nun, daß wir einen Gegenſtand erkennen, daß wir einem Zuſtande unſers Subjects objective Gültigkeit beilegen, oder, daß wir aus Erkenntniſſen handeln, daß wir das Objective zum Beſtimmungsgrund unſeres Zuſtandes machen— in beiden Fällen reißen wir dieſen Gegenſtand aus der Gerichts⸗ barkeit der Zeit und geſtehen ihm Realität für alle Menſchen und alle Zeiten, d. i., Allgemeinheit und Nothwendigkeit zu. Das Gefuͤhl kann bloß ſagen: Das iſt wahr für dieſes Subject und in dieſem Moment, und ein andrer Mo⸗ ment, ein anderes Subject kann kommen, das die Ausſage der gegenwaͤrtigen Empfindung zurücknimmt. Aber, wenn der Gedanke einmal ausſpricht: Das iſt, ſo entſcheidet er für immer und ewig, und die Guͤltigkeit ſeines Ausſpruchs Schillers ſämmtl. Werke. XII. 4 50 iſt durch die Perſönlichkeit ſelbſt verbürgt, die allem Wechſel Trotz bietet. Die Neigung kann bloß ſagen: Das iſt fuͤr dein Individuum und für dein jetziges Bedürfniß gut; aber dein Individuum und dein jetziges Bedürfniß wird die Veraͤnderung mit ſich fortreißen und, was du jetzt feurig begehrſt, dereinſt zum Gegenſtande deines Abſcheues machen. Wenn aber das moraliſche Gefühl ſagt: Das ſoll ſeyn, ſo entſcheidet es für immer und ewig— wenn du Wahrheit bekennſt, weil ſie Wahrheit iſt, und Gerechtigkeit ausubſt, weil ſie Gerechtigkeit iſt, ſo haſt du einen einzelnen Fall zum Geſetz für alle Faͤlle gemacht, einen Moment in deinem Leben als Ewigkeit behandelt. Wo alſo der Formtrieb die Herrſchaft führt, und das reine Object in uns handelt, da iſt die höchſte Erweiterung des Seyns, da verſchwinden alle Schranken, da hat ſich der Menſch aus einer Groͤßen⸗Einheit, auf welche der dürftige Sinn ihn beſchrankte, zu einer Ideen⸗Ein heit erhoben, die das ganze Reich der Erſcheinungen unter ſich faßt. Wir ſind bei dieſer Operation nicht mehr in der Zeit, ſondern die Zeit iſt in uns mit ihrer ganzen nie endenden Reihe. Wir ſind nicht mehr Individuen, ſondern Gattung; das Urtheil aller Geiſter iſt durch das unſrige ausgeſprochen, die Wahl aller Herzen iſt repraͤſentirt durch unſere That. Dreizehnter Brief. Beim erſten Anblick ſcheint nichts einander mehr entge⸗ gengeſetzt zu ſeyn, als die Tendenzen dieſer beiden Triebe, indem der eine auf Veranderung, der andere auf Unveran⸗ derlichkeit dringt. Und doch ſind es dieſe beiden Triebe, die 51 den Begriff der Menſchheit erſchöpfen, und ein dritter Grund⸗ trieb, der beide vermitteln koͤnnte, iſt ſchlechterdings ein undenkbarer Begriff. Wie werden wir alſo die Einheit der menſchlichen Natur wieder herſtellen, die durch dieſe urſpruͤng⸗ liche und radicale Entgegenſetzung völlig aufgehoben ſcheint? Wahr iſt es, ihre Tendenzen widerſprechen ſich, aber, was wohl zu bemerken iſt, nicht in denſelben Objecten, und, was nicht auf einander trifft, kann nicht gegen einander ſtoßen. Der ſinnliche Trieb fordert zwar Veraͤnderung, aber er fordert nicht, daß ſie auch auf die Perſon und ihr Gebiet ſich erſtrecke, daß ein Wechſel der Grundſätze ſey. Der Form⸗ trieb dringt auf Einheit und Beharrlichkeit— aber er will nicht, daß mit der Perſon ſich auch der Zuſtand fixire, daß Identitaͤt der Empfindung ſey. Sie ſind einander alſo von Natur nicht entgegengeſetzt, und, wenn ſie deſſenungeachtet ſo erſcheinen, ſo ſind ſie es erſt geworden durch eine freie Uebertretung der Natur, indem ſie ſich ſelbſt mißverſtehen und ihre Sphaͤren verwirren.* Ueber dieſe zu wachen und * Sobald man einen urſpruͤnglichen, mithin nothwendigen Antagonism beider Triebe behauptet, ſo iſt freilich kein anderes Mittel, die Einheit im Menſchen zu erhalten, als daß man den ſinnlichen Trieb dem vernuͤnftigen unbedingt untevordnet. Daraus kann aber bloß Einfoͤrmigkeit, aber keine Harmonie entſtehen, und der Menſch bleibt noch ewig fort getheilt. Die Unterordnung muß allerdings ſeyn, aber wechſelſeitig; denn, wenn gleich die Schranken nie das Abſolute begruͤnden koͤnnen, alſo die Freiheit nie von der Zeit abhaͤngen kann, ſo iſt es eben ſo gewiß, daß das Abſolute durch ſich ſelbſt nie die Schranken begruͤnden, daß der Zuſtand in der Zeit nicht von der Freiheit abhaͤngen kann. Beide Principien ſind einander alſo zugleich ſubor⸗ dinirt und coordinirt, d. h., ſie ſtehen in Wechſelwirkung; ohne Form keine Materie, ohne Materie keine Form.(Dieſen Begriff der Wechſelwirkung und die ganze Wichtigkeit desſelben findet man vortrefflich auseinandergeſetzt in Fichte's Grundlage der geſammten Wiſſenſchaftslehre, Leipzig 1794.) Wie es mit der Perſon im Reich der Ideen ſiehe, wiſſen wir freilich nicht; aber, einem jeden dieſer beiden Triebe ſeine Graͤnzen zu ſichern, iſt die Aufgabe der Cultur, die alſo beiden eine gleiche Ge⸗ rechtigkeit ſchuldig iſt und nicht bloß den vernünftigen Trieb gegen den ſinnlichen, ſondern auch dieſen gegen jenen zu behaupten hat. Ihr Geſchaft iſt alſo doppelt, erſtlich: die Sinnlichkeit gegen die Eingriffe der Freiheit zu verwahren; zweitens: die Perſönlichkeit gegen die Macht der Empfin⸗ dungen ſicher zu ſtellen. Jenes erreicht ſie durch Ausbildung des Gefühlvermögens, Dieſes durch Ausbildung des Ver⸗ nunftvermögens. Da die Welt ein Ausgedehntes in der Zeit, Veräͤnderung, iſt, ſo wird die Vollkommenheit desjenigen Vermoͤgens, welches den Menſchen mit der Welt in Verbindung ſetzt, größtmögliche Veraͤnderlichkeit und Extenſitat ſeyn muͤſſen. Da die Perſon das Beſtehende in der Veränderung iſt, ſo wird die Vollkommenheit desjenigen Vermoͤgens, welches ſich daß ſie, ohne Materie zu empfangen, in dem Reiche der Zeit ſich nicht offen⸗ baren koͤnne, wiſſen wir gewiß: in dieſem Reiche alſo wird die Materie nicht bloß unter der Form, ſondern auch neben der Form, und unabhaͤngig von derſelben, etwas zu beſtimmen haben. So nothwendig es alſo iſt, daß das Gefuͤhl im Gebiet der Vernunft nichts entſcheide, eben ſo nothwendig iſt es⸗ daß die Vernunft im Gebiet des Gefuͤhls ſich nichts zu beſtimmen anmaße. Schon, indem man jedem von beiden ein Gebiet zuſpricht, ſchließt man das andere davon aus und ſetzt jedem eine Graͤnze, die nicht anders als zum Nachtheile beider uͤberſchritten werden kann. In einer Tranſcendental⸗Philoſophie, wo Alles darauf ankommt, die Form von dem Inhalt zu befreien und das Nothwendige von allem Zufaͤlligen rein zu erhalten, gewoͤhnt man ſich gar leicht, das Materielle ſich bloß als Hinderniß zu denken und die Sinnlichkeit, weil ſie gerade bei dieſem Ge⸗ ſchäft im Wege ſteht, in einem nothwendigen Widerſpruch mit der Vernunſt vorzuſtellen. Eine ſolche Vorſtellungsart liegt zwar auf keine Weiſe im Geiſte des Kantiſchen Syſtems, aber im Buchſtaben desſelben könnte ſte gar woyl liegen. 4 53 dem Wechſel entgegenſetzen ſoll, groͤßtmoͤgliche Selbſtſtaͤn⸗ digkeit und Intenſitat ſeyn muſſen. Je vielſeitiger ſich die Empfänglichkeit ausbildet, je beweglicher dieſelbe iſt, und je mehr Fläche ſie den Erſcheinungen darbietet, deſto mehr Welt ergreift der Menſch, deſto mehr Anlagen entwickelt er in ſich; je mehr Kraft und Tiefe die Perſönlichkeit, je mehr Freiheit die Vernunft gewinnt, deſto mehr Welt begreift der Menſch, deſto mehr Form ſchafft er außer ſich. Seine Cultur wird alſo darin beſtehen, erſtlich: dem empfangenen Vermögen die vielfältigſten Berührungen mit der Welt zu verſchaffen und auf Seiten des Gefühls die Paſſivität aufs Hoͤchſte zu treiben; zweitens: dem beſtimmenden Vermögen die hoͤchſte Unabhängigkeit von dem empfangenden zu erwerben und auf Seiten der Vernunft die Activität aufs Hoöͤchſte zu treiben. Wo beide Eigenſchaften ſich vereinigen, da wird der Menſch mit der hoͤchſten Fülle von Daſeyn die höchſte Selbſt⸗ ſtändigkeit und Freiheit verbinden und, anſtatt ſich an die Welt zu verlieren, dieſe vielmehr mit der ganzen Unendlich⸗ keit ihrer Erſcheinungen in ſich ziehen und der Einheit ſeiner Vernunft unterwerfen. Dieſes Verhältniß nun kann der Menſch umkehren und dadurch auf eine zweifache Weiſe ſeine Beſtimmung ver⸗ fehlen. Er kann die Intenſitat, welche die thaͤtige Kraft erheiſcht, auf die leidende legen, durch den Stofftrieb dem Formtriebe vorgreifen und das empfangende Vermögen zum beſtimmenden machen. Er kann die Extenſitaͤt, welche der leidenden Kraft gebührt, der thätigen zutheilen, durch den Formtrieb dem Stofftriebe vorgreifen und dem empfangen⸗ den Vermöͤgen das beſtimmende unterſchieben. In dem erſten Fall wird er nie er ſelbſt, in dem zweiten wird er nie etwas Anderes ſeyn: mithin eben darum in 54 beiden Faͤllen Keines von Beiden, folglich— Null ſeyn.* *Der ſchlimme Einfluß einer uͤberwiegenden Senſualitaͤt auf unſer Den⸗ ken und Handeln faͤllt Jedermann leicht in die Augen; nicht ſo leicht, obgleich er eben ſo haͤufig vorkommt und eben ſo wichtig iſt, der nachtheilige Einfluß einer uͤberwiegenden Rationalitaͤt auf unſere Erkenntniß und auf unſer Be⸗ tragen. Man erlaube mir daher, aus der großen Menge der hieher gehoͤren⸗ den Faͤlle nur zwei in Erinnerung zu bringen, welche den Schaben einer der Anſchauung und Empfindung vorgreifenden Denk⸗ und Willenskraft ins Licht ſeßen koͤnnen. Eine der vornehmſten Urſachen, warum unſere Naturwiſſenſchaften ſo langſame Schritte machen, iſt offenbar der allgemeine und kaum bezwing⸗ bare Hang zu teleologiſchen Urtheilen, bei denen ſich, ſobald ſie conſtitutiv ge⸗ braucht werden, das beſtimmende Vermoͤgen dem empfangenden unterſchiebt. Die Natur mag unſere Organe noch ſo nachdruͤcklich und noch ſo vielfach beruͤh⸗ ren— alle ihre Mannigfaltigkeit iſt verloren fuͤr uns, weil wir nichts in ihr ſuchen, als was wir in ſie hineingelegt haben; weil wir ihr nicht erlauben, ſchgegenuns herein zu bewegen, ſondern vielmehr mit ungeduldig vor⸗ greifender Vernunft gegen ſie heraus ſireben. Kommt alsdann in Jahr⸗ hunderten Einer, der ſich ihr mit ruhigen, keuſchen und offenen Sinnen naht und deßwegen auf eine Menge von Erſcheinungen ſtoͤßt, die wir bei unſerer Proͤvention uͤberſehen haben, ſo erſtaunen wir hoͤchlich daruͤber, daß ſo viele Augen bei ſo hellem Tag nichts bemerkt haben ſollen. Dieſes voreilige Stre⸗ ben nach Harmonie, ehe man die einzelnen Laute beiſammen hat, die ſie ausmachen ſollen, dieſe gewaltthaͤtige Uſurpation der Denkkraft in einem Gebiete, wo ſie nicht unbedingt zu gebieten hat, iſt der Grund der Unfrucht⸗ barkeit ſo vieler denkenden Koͤpfe fuͤr das Beſte der Wiſſenſchaft, und es iſt ſchwer zu ſagen, ob die Sinnlichkeit, welche keine Form annimmt, oder die Vernunft, welche keinen Inhalt abwartet, der Erweiterung unſerer Kennt⸗ niſſe mehr geſchadet haben. Eben ſo ſchwer duͤrfte es zu beſtimmen ſeyn, ob unſere praktiſche Philan⸗ thropie mehr durch die Geftigkeit unſerer Begierden oder durch die Rigiditaͤt unſerer Grundſaͤtze, mehr durch den Egoism unſerer Sinne oder durch den Egoièm unſerer Vernunſr geſtoͤrt und erkaͤltet wird. Um uns zu theilnehmen⸗ den, huͤlſreichen, thaͤtigen Menſchen zu machen, muͤſſen ſich Gefuͤhl und Charakter mit einander vereinigen, ſo wie, um uns Erſahrung zu verſchaffen, Oſſenheit des Sinnes mit Energie des Verſtandes zuſammentreffen muß Wird naͤmlich der ſinnliche Trieb beſtimmend, macht der Sinn den Geſetzgeber, und unterdrückt die Welt die Perſon, ſo hoͤrt ſie in demſelben Verhaͤltniſſe auf, Object zu ſeyn, als ſie Macht wird. Sobald der Menſch nur Inhalt der Zeit iſt, ſo iſt er nicht, und er hat folglich auch keinen Wie koͤnnen wir, bei noch ſo lobenswuͤrdigen Maximen, billig, guͤtig und menſchlich gegen andere ſeyn, wenn uns das Vermoͤgen ſehlt, fremde Natur treu und wahr in uns aufzunehmen, fremde Situationen uns anzueignen, fremde Gefuͤhle zu den unſrigen zu machen? Dieſes Vermoͤgen aber wird ſo⸗ wohl in der Erziehung, die wir empfangen, als in der, die wir ſelbſt uns geben, in demſelben Maße unterdruͤckt, als man die Macht der Begierden zu brechen und den Charakter durch Grundſaͤtze zu befeſtigen ſucht. Weil es Schwierigkeit koſtet, bei aller Regſamkeit des Gefuͤhls ſeinen Grundſaͤtzen treu zu bleiben, ſo ergreift man das bequemere Mittel, durch Abſtumpfung der Gefuͤhle den Charakter ſicher zu ſtellen: denn freilich iſt es unendlich leichter, vor einem entwaffneten Gegner Ruhe zu haben, als einen muthigen und ruͤſtigen Feind zu beherrſchen. In dieſer Operation beſteht denn auch groͤßten⸗ theils Das, was man einen Menſchen formiren nennt, und zwar im beſten Sinne des Worts, wo es Bearbeitung des innern, nicht bloß des aͤußern Menſchen bedeutet. Ein ſo formirter Menſch wird freilich davor geſichert ſeyn, rohe Natur zu ſeyn und als ſolche zu erſcheinen; er wird aber zugleich gegen alle Empfindungen der Natur durch Grundſaͤtze geharniſcht ſeyn, und die Menſchheit von Außen wird ihm eben ſo wenig als die Menſchheit von Innen beikommen koͤnnen. Es iſt ein ſehr verderblicher Mißbrauch, der von dem Ideal der Vollkom⸗ menheit gemacht wird, wenn man es bei der Beurtheilung anderer Menſchen und in den Faͤllen, wo man fuͤr ſie wirken ſoll, in ſeiner ganzen Strenge zum Grund legt. Jenes wird zur Schwaͤrmerei, Dieſes zur Haͤrte und zur Kaltſinnigkeit fuͤhren. Man macht ſich freilich ſeine geſellſchaftlichen Pflichten ungemein leicht, wenn man dem wirklichen Menſchen, der unſere Huͤlſe aufſordert, in Gedanken den Ideal⸗Menſchen unterſchiebt, der ſich wahr⸗ ſcheinlich ſelbſt helſen koͤnnte. Strenge gegen ſich ſelbſt, mit Weichheit gegen Andere verbunden, macht den wahrhaft vortrefflichen Charakter aus. Aber meiſtens wird der gegen Andere weiche Menſch es auch gegen ſich ſelbſt, und der gegen ſich ſelbſt ſtrenge es auch gegen Andere ſeyn; weich gegen ſich und ſireng gegen Andere iſt der veraͤchtlichſte Charatter. 56 Inhalt. Mit ſeiner Perſsnlichkeit iſt auch ſein Zuſtand auf⸗ gehoben, weil Beides Wechſelbegriffe ſind— weil die Ver⸗ anderung ein Beharrliches, und die begraͤnzte Realitaͤt eine unendliche fordert. Wird der Formtrieb empfangend, Das heißt, kommt die Denkkraft der Empfindung zuvor, und unterſchiebt die Perſon ſich der Welt, ſo hört ſie in demſelben Verhaͤltniß auf, ſelbſtſtändige Kraft und Subject zu ſeyn, als ſie ſich in den Platz des Objects drängt, weil das Be⸗ harrliche die Veränderung, und die abſolute Realität zu ihrer Verkündigung Schranken fordert. Sobald der Menſch nur Form iſt, ſo hat er keine Form, und mit dem Zuſtand iſt folglich auch die Perſon aufgehoben. Mit einem Wort, nur, inſofern er ſelbſtſtandig iſt, iſt Realitaͤt außer ihm, iſt er empfänglich; nur, inſofern er empfänglich iſt, iſt Realitäͤt in ihm, iſt er eine denkende Kraft. Beide Triebe haben alſo Einſchrankung und, inſofern ſie als Energien gedacht werden, Abſpannung noͤthig; jener, daß er ſich nicht ins Gebiet der Geſetzgebung, dieſer, daß er ſich nicht ins Gebiet der Empfindung eindräͤnge. Jene Ab⸗ ſpannung des ſinnlichen Triebes darf aber keinesweges die Wirkung eines phyſiſchen Unvermögens und einer Stumpfheit der Empfindungen ſeyn, welche überall nur Verachtung ver⸗ dient; ſie muß eine Handlung der Freiheit, eine Thaͤtigkeit der Perſon ſeyn, die durch ihre moraliſche Jutenſität jene ſinnliche mäßigt und durch Beherrſchung der Eindrücke ihnen an Tiefe nimmt, um ihnen an Flaͤche zu geben. Der Cha⸗ rakter muß dem Temperament ſeine Gränzen beſtimmen, denn nur an den Geiſt darf der Sinn verlieren. Jene Abſpannung des Formtriebs darf eben ſo wenig die Wirkung eines geiſtigen Unvermoͤgens und einer Schlaffheit der Denk⸗ oder Willenskraͤfte ſeyn, welche die Menſchheit erniedrigen 57 wuürde. Fülle der Empfindungen muß ihre rühmliche Quelle ſeyn; die Sinnlichkeit ſelbſt muß mit ſiegender Kraft ihr Gebiet behaupten und der Gewalt widerſtreben, die ihr der Geiſt durch ſeine vorgreifende Thäͤtigkeit gern zufügen möchte. Mit einem Wort: den Stofftrieb muß die Perſönlichkeit, und den Formtrieb die Empfänglichkeit oder die Natur in ſeinen gehörigen Schranken halten. Vierzehnter Brief. Wir ſind nunmehr zu dem Begriff einer ſolchen Wechſel⸗ wirkung zwiſchen beiden Trieben geführt worden, wo die Wirkſamkeit des einen die Wirkſamkeit des andern zugleich begründet und begränzt, und wo jeder einzelne für ſich gerade dadurch zu ſeiner hoͤchſten Verkündigung gelangt, daß der andere thätig iſt. Dieſes Wechſelverhaltniß beider Triebe iſt zwar bloſt eine Aufgabe der Vernunft, die der Menſch nur in der Vollendung ſeines Daſeyns ganz zu löſen im Stande iſt. Es iſt im eigentlichſten Sinne des Worts die Idee ſeiner Menſchheit, mithin ein Unendliches, dem er ſich im Laufe der Zeit immer mehr nähern kann, aber ohne es jemals zu erreichen.„Er ſoll nicht auf Koſten ſeiner Realität nach „Form und nicht auf Koſten der Form nach Realität ſtreben; „vielmehr ſoll er das abſolute Seyn durch ein beſtimmtes „und das beſtimmte Seyn durch ein unendliches ſuchen. Er „ſoll ſich einer Welt gegenuͤber ſtellen, weil er Perſon iſt, „nund ſoll Perſon ſeyn, weil ihm eine Welt gegenüber ſteht. „Er ſoll empfinden, weil er ſich bewußt iſt, und ſoll ſich 58 „bewußt ſeyn, weil er empfindet.“— Daß er dieſer Idee wirklich gemaͤß, folglich in voller Bedeutung des Worts, Menſch iſt, kann er nie in Erfahrung bringen, ſolang er nur einen dieſer beiden Triebe ausſchließend oder nur einen nach dem andern befriedigt: denn, ſolang er nur empfindet, bleibt ihm ſeine Perſon oder ſeine abſolute Exiſtenz, und, ſolang er nur denkt, bleibt ihm ſeine Eriſtenz in der Zeit oder ſein Zuſtand Geheimniß. Gaͤbe es aber Fälle, wo er dieſe doppelte Erfahrung zugleich machte, wo er ſich zugleich ſeiner Freiheit bewußt würde und ſein Daſeyn empfande, wo er ſich zugleich als Materie fuͤhlte und als Geiſt kennen lernte, ſo hätte er in dieſen Fällen, und ſchlechterdings nur in dieſen, eine vollſtändige Anſchauung ſeiner Menſchheit, und der Gegenſtand, der dieſe Anſchauung ihm verſchaffte, würde ihm zu einem Symbol ſeiner ausgeführten Be⸗ ſtimmung, folglich(weil dieſe nur in der Allheit der Zeit zu erreichen iſt) zu einer Darſtellung des Unendlichen dienen. Vorausgeſetzt, daß Fälle dieſer Art in der Erfahrung vorkommen können, ſo wuͤrden ſie einen neuen Trieb in ihm aufwecken, der eben darum, weil die beiden andern in ihm zuſammenwirken, einem jeden derſelben, einzeln betrachtet entgegengeſetzt ſeyn und mit Recht für einen neuen Trieb gelten würde. Der ſinnliche Trieb will, daß Veraͤnderung ſey, daß die Zeit einen Inhalt habe; der Formtrieb will, daß die Zeit aufgehoben, daß keine Veraͤnderung ſey. Der⸗ jenige Trieb alſo, in welchem beide verbunden wirken(es ſey mir einſtweilen, bis ich dieſe Benennung gerechtfertigt haben werde, vergönnt, ihn Spieltrieb zu nennen), der Spieltrieb alſo würde dahin gerichtet ſeyn, die Zeit in der Zeit aufzuheben, Werden mit abſolutem Seyn, Veraͤnderung mit Identität zu vereinbaren. 59 Der ſinnliche Trieb will beſtimmt werden, er will ſein Object empfangen; der Formtrieb will ſelbſt beſtimmen, er will ſein Object hervorbringen; der Spieltrieb wird alſo beſtrebt ſeyn, ſo zu empfangen, wie er ſelbſt hervorgebracht hätte, und ſo hervorzubringen, wie der Sinn zu empfangen trachtet. Der ſinnliche Trieb ſchließt aus ſeinem Subject alle Selbſtthätigkeit und Freiheit, der Formtrieb ſchließt aus dem ſeinigen alle Abhängigkeit, alles Leiden aus. Ausſchließung der Freiheit iſt aber phyſiſche, Ausſchließung des Leidens iſt moraliſche Nothwendigkeit. Beide Triebe nöthigen alſo das Gemuth, jener durch Naturgeſetze, dieſer durch Geſetze der Vernunft. Der Spieltrieb alſo, als in welchem beide ver⸗ bunden wirken, wird das Gemüth zugleich moraliſch und phyſiſch nöthigen: er wird alſo, weil er alle Zufaͤlligkeit auf⸗ hebt, auch alle Nöthigung aufheben und den Menſchen ſo⸗ wohl phyſiſch als moraliſch in Freiheit ſetzen. Wenn wir Jemand mit Leidenſchaft umfaſſen, der unſerer Verachtung würdig iſt, ſo empfinden wir peinlich die Nöthigung der Natur. Wenn wir gegen einen andern feindlich geſinnt ſind, der uns Achtung abnoͤthigt, ſo empfinden wir peinlich die Nöthigung der Vernunft. Sobald er aber zugleich unſere Neigung intereſſirt und unſere Achtung ſich erworben, ſo verſchwindet ſowohl der Zwang der Empfindung als der Zwang der Vernunft, und wir fangen an, ihn zu lieben, d. h., zugleich mit unſerer Neigung und mit unſerer Achtung zu ſpielen. 8 Indem uns ferner der ſinnliche Trieb phyſiſch und der Formtrieb moralüſch noͤthigt, ſo läßt jener unſere formale, dieſer unſere materiale Beſchaffenheit zufallig: Das heißt, es iſt zufällig, ob unſere Gluͤckſeligkeit mit unſerer Vollkommenheit, 60 oder ob dieſe mit jener übereinſtimmen werde. Der Spiel⸗ trieb alſo, in welchem beide vereinigt wirken, wird zu⸗ gleich unſere formale und unſere materiale Beſchaffenheit, zugleich unſere Vollkommenheit und unſere Gluͤckſeligkeit zu⸗ fällig machen: er wird alſo, eben weil er beide zufällig macht, und weil mit der Nothwendigkeit auch die Zufaͤlligkeit verſchwindet, die Zufäͤlligkeit in beiden wieder aufheben, mit⸗ hin Form in die Materie und Realität in die Form bringen. In demſelben Maße, als er den Empfindungen und Affecten ihren dynamiſchen Einfluß nimmt, wird er ſie mit Ideen der Vernunft in Uebereinſtimmung bringen, und in demſelben Maße, als er den Geſetzen der Vernunft ihre moraliſche Noͤthigung benimmt, wird er ſie mit dem Intereſſe der Sinne verſöhnen. Fünfzehnter Brief. Immer naͤher komm' ich dem Ziel, dem ich Sie auf einem wenig ermunternden Pfade entgegenführe. Laſſen Sie es ſich gefallen, mir noch einige Schritte weiter zu folgen, ſo wird ein deſto freierer Geſichtskreis ſich aufthun, und eine muntere Ausſicht die Mühe des Wegs vielleicht belohnen. Der Gegenſtand des ſinnlichen Triebes, in einem allge⸗ meinen Begriff ausgedrückt, heißt Leben in weiteſter Be⸗ deutung: ein Begriff, der alles materiale Seyn und alle unmittelbare Gegenwart in den Sinnen bedeutet. Der Ge⸗ genſtand des Formtriebes, in einem allgemeinen Begriff ausgedrückt, heißt Geſtalt, ſowohl in uneigentlicher als in eigentlicher Bedeutung: ein Begriff, der alle formale Be⸗ ſchaffenheiten der Dinge und alle Beziehungen derſelben auf 61 die Denkkräfte unter ſich faßt. Der Gegenſtand des Spiel⸗ triebes, in einem allgemeinen Schema vorgeſtellt, wird alſo lebende Geſtalt heißen können: ein Begriff, der allen äſthetiſchen Beſchaffenheiten der Erſcheinungen und, mit einem Worte Dem, was man in weiteſter Bedeutung Schönheit nennt, zur Bezeichnung dient. Durch dieſe Erklarung, wenn es eine wäre, wird die Schoͤnheit weder auf das ganze Gebiet des Lebendigen ausge⸗ dehnt, noch bloß in dieſes Gebiet eingeſchloſſen. Ein Mar⸗ morblock, obgleich er leblos iſt und bleibt, kann darum nichts deſto weniger lebende Geſtalt durch den Architekt und Bild⸗ hauer werden; ein Menſch, wiewohl er lebt und Geſtalt hat, iſt darum noch lange keine lebende Geſtalt. Dazu gehört, daß ſeine Geſtalt Leben und ſein Leben Geſtalt ſey. Solange wir uͤber ſeine Geſtalt bloß denken, iſt ſie leblos, bloße Ab⸗ ſtraction; ſolange wir ſein Leben bloß fühlen, iſt es geſtalt⸗ los, bloße Impreſſion. Nur, indem ſeine Form in unſrer Empfindung lebt, und ſein Leben in unſerm Verſtande ſich formt, iſt er lebende Geſtalt, und Dies wird überall der Fall ſeyn, wo wir ihn als ſchön beurtheilen. Dadurch aber, daß wir die Beſtandtheile anzugeben wiſſen, die in ihrer Vereinigung die Schönheit hervorbringen, iſt die Geneſis derſelben auf keine Weiſe noch erklärt: denn dazu würde erfordert, daß man jene Vereinigung ſelbſt begriffe, die uns, wie üͤberhaupt alle Wechſelwirkung zwiſchen dem Endlichen und Unendlichen, unerforſchlich bleibt. Die Vernunft ſtellt aus tranſcendentalen Gründen die Forderung auf: es ſoll eine Gemeinſchaft zwiſchen Formtrieb und Stoff⸗ trieb, Das heißt, ein Spieltrieb ſeyn, weil nur die Einheit der Realität mit der Form, der Zufäͤlligkeit mit der Noth⸗ wendigkeit, des Leidens mit der Freiheit den Begriff der 6² Menſchheit vollendet. Sie muß dieſe Forderung aufſtellen, weil ſie ihrem Weſen nach auf Vollendung und auf Wegräu⸗ mung aller Schranken dringt, jede ausſchließende Thaͤtigkeit des einen oder des andern Triebes aber die menſchliche Natur unvollendet läßt und eine Schranke in derſelben begründet. Sobald ſie demnach den Ausſpruch thut: es ſoll eine Menſch⸗ heit exiſtiren, ſo hat ſie eben dadurch das Geſetz aufgeſtellt: es ſoll eine Schönheit ſeyn. Die Erfahrung kann uns beant⸗ worten, ob eine Schönheit iſt, und wir werden es wiſſen, ſobald ſie uns belehrt hat, ob eine Menſchheit iſt. Wie aber eine Schönheit ſeyn kann, und wie eine Menſchheit möglich iſt, kann uns weder Vernunft noch Erfahrung lehren. Der Menſch, wiſſen wir, iſt weder ausſchließend Materie, noch iſt er ausſchließend Geiſt. Die Schönheit, als Conſum⸗ mation ſeiner Menſchheit, kann alſo weder ausſchließend bloßes Leben ſeyn, wie von ſcharfſinnigen Beobachtern, die ſich zu genau an die Zeugniſſe der Erfahrung hielten, behauptet worden iſt, und wozu der Geſchmack der Zeit ſie gern herab⸗ ziehen möchte; noch kann ſie ausſchließend bloße Geſtalt ſeyn, wie von ſpeculativen Weltweiſen, die ſich zu weit von der Erfahrung entfernten, und von philoſophirenden Künſtlern, die ſich in Erklärung derſelben allzuſehr durch das Bedürfniß der Kunſt leiten ließen, geurtheilt worden iſt:* ſie iſt das * Zum bloßen Leben macht die Schoͤnheit Burke in ſeinen philoſophiſchen Unterſuchungen uͤber den Urſprung unſerer Begriffe von dem Erhabenen und Schoͤnen. Zur bloßen Geſtalt macht ſie, ſoweit mir bekannt iſt, jeder An⸗ haͤnger des dogmatiſchen Syſtems, der uͤber dieſen Gegenſtand je ſein Bekenntniß ablegte: unter den Kuͤnſtlern Raphael Mengs in ſeinen Gedan⸗ ken uͤber den Geſchmack in der Malerei; Andrer nicht zu gedenken. So wie in Allem, hat auch in dieſem Stuͤck die kritiſche Philoſophie den Weg eroͤffnet, die Empirie auf Principien und die Speculation zur Erfahrung zuruͤckzufuͤhren. 63 gemeinſchaftliche Object beider Triebe, Das heißt, des Spiel⸗ triebs. Dieſen Namen rechtfertigt der Sprachgebrauch voll⸗ kommen, der alles Das, was weder ſubjectiv noch objectiv zufällig iſt und doch weder außerlich noch innerlich nöthigt, mit dem Wort Spiel zu bezeichnen pflegt. Da ſich das Ge⸗ müth bei Anſchauung des Schönen in einer glücklichen Mitte zwiſchen dem Geſetz und Beduͤrfniß befindet, ſo iſt es eben darum, weil es ſich zwiſchen Beiden theilt, dem Zwange ſo⸗ wohl des Einen als des Andern entzogen. Dem Stofftrieb wie dem Formtrieb iſt es mit ihren Forderungen ernſt, weil der Eine ſich, beim Erkennen, auf die Wirklichkeit, der andere auf die Nothwendigkeit der Dinge bezieht; weil, beim Handeln, der Erſte auf Erhaltung des Lebens, der Zweite auf Bewahrung der Wuͤrde, Beide alſo auf Wahrheit und Voll⸗ kommenheit gerichtet ſind. Aber das Leben wird gleichgül⸗ tiger, ſowie die Wurde ſich einmiſcht, und die Pflicht nöthigt nicht mehr, ſobald die Neigung zieht; eben ſo nimmt das Gemüth die Wirklichkeit der Dinge, die materiale Wahrheit, freier und ruhiger auf, ſobald ſolche der formalen Wahrheit, dem Geſetz der Nothwendigkeit, begegnet, und fühlt ſich durch Abſtraction nicht mehr angeſpannt, ſobald die unmittelbare Anſchauung ſie begleiten kann. Mit einem Wort: indem es mit Ideen in Gemeinſchaft kommt, verliert alles Wirk⸗ liche ſeinen Ernſt, weil es klein wird, und, indem es mit der Empfindung zuſammen trifft, legt das Nothwendige den ſeinigen ab, weil es leicht wird. Wird aber, moͤchten Sie längſt ſchon verſucht geweſen ſeyn mir entgegenzuſetzen, wird nicht das Schöne dadurch, daß man es zum bloßen Spiel macht, erniedrigt und den frivolen Gegenſtänden gleichgeſtellt, die von jeher im Beſitz dieſes Namens waren? Widerſpricht es nicht dem Vernunftbegriff 64 und der Würde der Schönheit, die doch als ein Inſtrument der Cultur betrachtet wird, ſie auf ein bloßes Spiel einzu⸗ ſchränken, und widerſpricht es nicht dem Erfahrungsbegriffe des Spiels, das mit Ausſchließung alles Geſchmacks zuſam⸗ men beſtehen kann, es bloß auf Schoͤnheit einzuſchränken? Aber was heißt denn ein bloßes Spiel, nachdem wir wiſſen, daß unter allen Zuſtaͤnden des Menſchen gerade das Spiel und nur das Spiel es iſt, was ihn vollſtändig macht und ſeine doppelte Natur auf Einmal entfaltet? Was Sie, nach Ihrer Vorſtellung der Sache, Ein ſchrankung nennen, Das nenne ich nach der meinen, die ich durch Beweiſe ge⸗ rechtfertigt habe, Erweiterung. Ich wuürde alſo vielmehr gerade umgekehrt ſagen: mit dem Angenehmen, mit dem Guten, mit dem Vollkommenen iſt es dem Menſchen nur ernſt; aber mit der Schönheit ſpielt er. Freilich dürfen wir uns hier nicht an die Spiele erinnern, die in dem wirk⸗ lichen Leben im Gange ſind, und die ſich gewöhnlich nur auf ſehr materielle Gegenſtände richten; aber in dem wirklichen Leben würden wir auch die Schönheit vergebens ſuchen, von der hier die Rede iſt. Die wirklich vorhandene Schönheit iſt des wirklich vorhandenen Spieltriebs werth; aber durch das Ideal der Schönheit, welches die Vernunft aufſtellt, iſt auch ein Ideal des Spieltriebes aufgegeben, das der Menſch in allen ſeinen Spielen vor Augen haben ſoll. Man wird niemals irren, wenn man das Schönheits⸗ ideal eines Menſchen auf dem naͤmlichen Wege ſucht, auf dem er ſeinen Spieltrieb befriedigt. Wenn ſich die griechiſchen Völkerſchaften in den Kampfſpielen zu Olympia an den un⸗ blutigen Wettkämpfen der Kraft, der Schnelligkeit, der Ge⸗ lenkigkeit und an dem edlern Wechſelſtreit der Talente er⸗ götzen, und wenn das römiſche Volk an dem Todeskampf eines 65 erlegten Gladiators oder ſeines libyſchen Gegners ſich labt, ſo wird es uns aus dieſem einzigen Zuge begreiflich, warum wir die Idealgeſtalten einer Venus, einer Juno, eines Apoll nicht in Rom, ſondern in Griechenland aufſuchen muſſen.* Nun ſpricht aber die Vernunft: das Schoͤne ſoll nicht bloßes Leben und nicht bloße Geſtalt, ſondern lebende Geſtalt, d. i., Schönheit ſeyn, indem ſie ja dem Menſchen das doppelte Geſetz der abſoluten Formalität und der abſoluten Realität dictirt. Mithin thut ſie auch den Ausſpruch: der Menſch ſoll mit der Schönheit nur ſpielen, und er ſoll nur mit der Schoͤnheit ſpielen. 4 Denn, um es endlich auf Einmal herauszuſagen, der Menſch ſpielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Menſch iſt, und er iſt nur da ganz Menſch, wo er ſpielt. Dieſer Satz, der in dieſem Augenblicke vielleicht paradox erſcheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhal⸗ ten, wenn wir erſt dahin gekommen ſeyn werden, ihn auf den doppelten Ernſt der Pflicht und des Schickſals anzuwen⸗ den; er wird, ich verſpreche es Ihnen, das ganze Gebaͤude der aäſthetiſchen Kunſt und der noch ſchwierigern Lebenskunſt tragen. Aber dieſer Satz iſt auch nur in der Wiſſenſchaft unerwartet: längſt ſchon lebte und wirkte er in der Kunſt und in dem Gefuhle der Griechen, ihrer vornehmſten Meiſter; nur, daß ſie in den Olympus verſetzten, was auf der Erde *¹ Wenn man(um bei der neuern Welt ſtehen zu bleiben) die Wettrennen in London, die Stiergefechte in Madrid, die Spectakels in dem ehemaligen Paris, die Gondelrennen in Venedig, die Thierhatzen in Wien und das frohe, ſchoͤne Leben des Corſo in Rom gegeneinander haͤlt, ſo kann es nicht ſchwer ſeyn, den Geſchmack dieſer verſchiedenen Voͤlker gegeneinander zu nuanci⸗ ren. Indeſſen zeigt ſich unter den Volksſpielen in dieſen verſchiedenen Laͤn⸗ dern weit weniger Einfoͤrmigkeit, als unter den Spielen der feinern Welt in eben dieſen Laͤndern, welches leicht zu erklären iſt. Schillers ſaämmtl. Werke. XII. 5 66 ſollte ausgeführt werden. Von der Wahrheit desſelben gelei⸗ tet, ließen ſie ſowohl den Ernſt und die Arbeit, welche die Wangen der Sterblichen furchen, als die nichtige Luſt, die das leere Angeſicht glättet, aus der Stirn' der ſeligen Götter verſchwinden, gaben die Ewigzufriedenen von den Feſſeln jedes Zweckes, jeder Pflicht, jeder Sorge frei und machten den Mußiggang und die Gleichgültigkeit zum benei⸗ deten Loſe des Götterſtandes: ein bloß menſchlicherer Name für das freieſte und erhabenſte Seyn. Sowohl der materielle Zwang der Naturgeſetze, als der geiſtige Zwang der Sitten⸗ geſetze verlor ſich in ihrem höhern Begriff von Nothwendig⸗ keit, der beide Welten zugleich umfaßte, und aus der Ein— heit jener beiden Nothwendigkeiten ging ihnen erſt die wahre Freiheit hervor. Beſeelt von dieſem Geiſte, löſchten ſie aus den Geſichtszuͤgen ihres Ideals zugleich mit der Neigung auch alle Spuren des Willens aus, oder beſſer, ſie machten Beide unkenntlich, weil ſie Beide in dem innigſten Bund zu verknüpfen wußten. Es iſt weder Anmuth, noch iſt es Würde, was aus dem herrlichen Antlitz einer Juno Ludoviſi zu uns ſpricht; es iſt Keines von Beiden, weil es Beides zugleich iſt. Indem der weibliche Gott unſere Anbetung heiſcht, entzündet das gottgleiche Weib unſere Liebe; aber, indem wir uns der himmliſchen Holdſeligkeit aufgelöst hin⸗ geben, ſchreckt die himmliſche Selbſtgenügſamkeit uns zurück. In ſich ſelbſt ruhet und wohnt die ganze Geſtalt, eine voͤllig geſchloſſene Schöpfung, und, als wenn ſie jenſeits des Raumes ware, ohne Nachgeben, ohne Widerſtand: da iſt keine Kraft, die mit Kraften kämpfte, keine Blöße, wo die Zeitlichkeit einbrechen könnte. Durch Jenes unwiderſtehlich ergriffen und angezogen, durch Dieſes in der Ferne gehalten, befinden wir uns zugleich in dem Zuſtand der höchſten Ruhe und der 67 höchſten Bewegung, und es entſteht jene wunderbare Rührung, für welche der Verſtand keinen Begriff und die Sprache kei⸗ nen Namen hat. Sechzehnter Brief. Aus der Wechſelwirkung zweier entgegengeſetzten Triebe und aus der Verbindung zweier entgegengeſetzten Principien haben wir das Schöne hervorgehen ſehen, deſſen höchſtes Ideal alſo in dem möglichſt vollkommenen Bund und Gleich⸗ gewicht der Realität und der Form wird zu ſuchen ſeyn. Dieſes Gleichgewicht bleibt aber immer nur Idee, die von der Wirklichkeit nie ganz erreicht werden kann. In der Wirklichkeit wird immer ein Uebergewicht des einen Elements üͤber das andere übrig bleiben, und das Höͤchſte, was die Erfahrung leiſtet, wird in einer Schwankung zwiſchen beiden Principien beſtehen, wo bald die Realitat, bald die Form uͤberwiegend iſt. Die Schönheit in der Idee iſt alſo ewig nur eine untheilbare einzige, weil es nur ein einziges Gleichgewicht geben kann; die Schönheit in der Erfahrung hingegen wird ewig eine doppelte ſeyn, weil bei einer Schwan⸗ kung das Gleichgewicht auf eine doppelte Art, nämlich dies⸗ ſeits und jenſeits, kann übertreten werden. Ich habe in einem der vorhergehenden Briefe bemerkt, auch läßt es ſich aus dem Zuſammenhange des Bisherigen mit ſtrenger Nothwendigkeit folgern, daß von dem Schönen zugleich eine auflöſende und eine anſpannende Wirkung zu erwarten ſey: eine aufloͤſende, um ſowohl den ſinnlichen Trieb als den Formtrieb in ihren Gränzen zu halten; eine anſpannende, um beide in ihrer Kraft zu erhalten. Dieſe 68 beiden Wirkungsarten der Schoͤnheit ſollen aber, der Idee nach, ſchlechterdings nur eine einzige ſeyn. Sie ſoll aufloͤſen, dadurch, daß ſie beide Naturen gleichfoͤrmig anſpannt, und ſoll anſpannen, dadurch, daß ſie beide Naturen gleichfoͤrmig aufloͤst. Dieſes folgt ſchon aus dem Begriff einer Wechſel⸗ wirkung, vermöge deſſen beide Theile einander zugleich noth⸗ wendig bedingen und durch einander bedingt werden, und deren reinſtes Product die Schönheit iſt. Aber die Erfahrung bietet uns kein Beiſpiel einer ſo vollkommenen Wechſelwir⸗ kung dar, ſondern hier wird jederzeit, mehr oder weniger, das Uebergewicht einen Mangel und der Mangel ein Ueber⸗ gewicht begründen. Was alſo in dem Ideal⸗Schönen nur in der Vorſtellung unterſchieden wird, Das iſt in dem Schönen der Erfahrung, der Eriſtenz nach, verſchieden. Das Ideal⸗ Schöne, obgleich untheilbar und einfach, zeigt in verſchiedener Beziehung ſowohl eine ſchmelzende als eine energiſche Eigen⸗ ſchaft; in der Erfahrung gibt es eine ſchmelzende und eine energiſche Schönheit. So iſt es und ſo wird es in allen den Fällen ſeyn, wo das Abſolute in die Schranken der Zeit ge⸗ ſetzt iſt, und Ideen der Vernunft in der Menſchheit realiſirt werden ſollen. So denkt der reflectirende Menſch ſich die Tugend, die Wahrheit, die Glückſeligkeit; aber der handelnde Menſch wird bloß Tugenden üben, bloß Wahrheiten faſſen, bloß glückſelige Tage genießen. Dieſe auf jene zurück zu fuͤhren— an die Stelle der Sitten die Sittlichkeit, an die Stelle der Kenntniſſe die Erkenntniß, an die Stelle des Glückes die Glückſeligkeit zu ſetzen, iſt das Geſchäft der phyſiſchen und moraliſchen Bildung; aus Schönheiten Schön⸗ heit zu machen, iſt die Aufgabe der äſthetiſchen. Die energiſche Schönheit kann den Menſchen eben ſo wenig vor einem gewiſſen Ueberreſt von Wildheit und Haͤrte 69 bewahren, als ihn die ſchmelzende vor einem gewiſſen Grade der Weichlichkeit und Entnervung ſchützt. Denn, da die Wir⸗ kung der Erſtern iſt, das Gemuth ſowohl im Phyſiſchen als im Moraliſchen anzuſpannen und ſeine Schnellkraft zu vermehren, ſo geſchieht es nur gar zu leicht, daß der Widerſtand des Temperaments und Charakters die Empfaänglichkeit für Ein⸗ drücke mindert, daß auch die zaͤrtere Humanitat eine Unter⸗ drückung erfährt, die nur die rohe Natur treffen ſollte, und daß die rohe Natur an einem Kraftgewinn Theil nimmt, der nur der freien Perſon gelten ſollte: daher findet man in den Zeitaltern der Kraft und der Fülle das wahrhaft Große der Vorſtellung mit dem Gigantesken und Abenteuerlichen und das Erhabene der Geſinnung mit den ſchauderhafteſten Ausbrüchen der Leidenſchaft gepaart; daher wird man in den Zeitaltern der Regel und der Form die Natur eben ſo oft unterdrückt als beherrſcht, eben ſo oft beleidigt als übertroffen finden. Und, weil die Wirkung der ſchmelzenden Schönheit iſt, das Gemuth im Moraliſchen wie im Phyſiſchen aufzu⸗ löͤſen, ſo begegnet es eben ſo leicht, daß mit der Gewalt der Begierden auch die Energie der Gefühle erſtickt wird, und daß auch der Charakter einen Kraftverluſt theilt, der nur die Leidenſchaft treffen ſollte: daher wird man in den ſoge⸗ nannten verfeinerten Weltaltern Weichheit nicht ſelten in Weichlichkeit, Fläche in Flachheit, Correctheit in Leerheit, Liberalität in Willkürlichkeit, Leichtigkeit in Frivolitaͤt, Ruhe in Apathie ausarten und die verächtlichſte Carricatur zunaͤchſt an die herrlichſte Menſchlichkeit gränzen ſehen. Für den Menſchen unter dem Zwange entweder der Materie oder der Formen iſt alſo die ſchmelzende Schönheit Bedürfniß: denn von Größe und Kraft iſt er längſt gerührt, ehe er für Har⸗ monie und Grazie anfangt empfindlich zu werden. Für den 70 Menſchen unter der Indulgenz des Geſchmacks iſt die ener⸗ giſche Schönheit Bedürfniß: denn nur allzugern verſcherzt er im Stand der Verfeinerung eine Kraft, die er aus dem Stand der Wildheit herüberbrachte. Und nunmehr, glaube ich, wird jener Widerſpruch er⸗ klärt und beantwortert ſeyn, den man in den Urtheilen der Menſchen uͤber den Einfluß des Schönen, und in Wurdigung der äſthetiſchen Cultur anzutreffen pflegt. Er iſt erklärt, dieſer Widerſpruch, ſobald man ſich erinnert, daß es in der Erfahrung eine zweifache Schönheit gibt, und daß beide Theile von der ganzen Gattung behaupten, was jeder nur von einer beſondern Art derſelben zu beweiſen im Stande iſt. Er iſt gehoben, dieſer Wiederſpruch, ſobald man das doppelte Be⸗ duͤrfniß der Menſchheit unterſcheidet, dem jene doppelte Schönheit entſpricht. Beide Theile werden alſo wahrſchein⸗ lich Recht behalten, wenn ſie nur erſt mit einander verſtaͤn⸗ digt ſind, welche Art der Schoͤnheit und welche Form der Menſchheit ſie in Gedanken haben. Ich werde daher im Fortgange meiner Unterſuchungen den Weg, den die Natur in aſthetiſcher Hinſicht mit dem Menſchen einſchlägt, auch zu dem meinigen machen und mich von den Arten der Schoͤnheit zu dem Gattungsbegriff derſel⸗ ben erheben. Ich werde die Wirkungen der ſchmelzenden Schönheit an dem angeſpannten Menſchen und die Wirkungen der energiſchen an dem abgeſpannten prüfen, um zuletzt beide entgegengeſetzte Arten der Schönheit in der Einheit des Ideal⸗Schönen auszulöſchen, ſo wie jene zwei entgegenge⸗ ſetzten Formen der Menſchheit in der Einheit des Idealmen⸗ ſchen untergehn. 71 Siebenzehnter Brief. Solang es bloß darauf ankam, die allgemeine Idee der Schönheit aus dem Begriffe der menſchlichen Natur überhaupt abzuleiten, durften wir uns an keine andere Schranken der Letztern erinnern, als die unmittelbar in dem Weſen derſelben gegruͤndet und von dem Begriffe der Endlichkeit unzertrenn⸗ lich ſind. Unbekuͤmmert um die zufälligen Einſchränkungen, die ſie in der wirklichen Erſcheinung erleiden möchte, ſchöpften wir den Begriff derſelben unmittelbar aus der Vernunft, als der Quelle aller Nothwendigkeit, und mit dem Ideale der Menſch⸗ heit war zugleich auch das Ideal der Schönheit gegeben. Jetzt aber ſteigen wir aus der Region der Ideen auf den Schauplatz der Wirklichkeit herab, um den Menſchen in ei⸗ nem beſtimmten Zuſtand, mithin unter Einſchränkungen, anzutreffen, die nicht urſprünglich aus ſeinem bloßen Begriff, ſondern aus äußern Umſtänden und aus einem zufälligen Gebrauch ſeiner Freiheit fließen. Auf wie vielfache Weiſe aber auch die Idee der Menſchheit in ihm eingeſchränkt ſeyn mag, ſo lehrt uns ſchon der bloße Inhalt derſelben, daß im Ganzen nur zwei entgegengeſetzte Abweichungen von der⸗ ſelben Statt haben können. Liegt nämlich ſeine Vollkom⸗ menheit in der uübereinſtimmenden Energie ſeiner ſinnlichen und geiſtigen Kräfte, ſo kann er dieſe Vollkommenheit nur entweder durch einen Mangel an Uebereinſtimmung oder durch einen Mangel an Energie verfehlen. Ehe wir alſo noch die Zeugniſſe der Erfahrung daruüber abgehört haben, ſind wir ſchon im Voraus durch bloße Vernunft gewiß, daß wir den wirklichen, folglich beſchränkten Menſchen entweder in einem Zuſtande der Anſpannung oder in einem Zuſtande 72 der Abſpannung finden werden, jenachdem entweder die ein⸗ ſeitige Thätigkeit einzelner Kräfte die Harmonie ſeines Weſens ſtört, oder die Einheit der Natur ſich auf die gleich⸗ förmige Erſchlaffung ſeiner ſinnlichen und geiſtigen Kraͤfte gründet. Beide entgegengeſetzte Schranken werden, wie nun bewieſen werden ſoll, durch die Schönheit gehoben, die in dem angeſpannten Menſchen die Harmonie, in dem abge⸗ ſpannten die Energie wieder herſtellt und auf dieſe Art, ihrer Natur gemaͤß, den eingeſchränkten Zuſtand auf einen abſoluten zurückfüuhrt und den Menſchen zu einem in ſich ſelbſt vollen⸗ deten Ganzen macht. Sie verleugnet alſo in der Wirklichkeit auf keine Weiſe den Begriff, den wir in der Speculation von ihr faßten; nur, daß ſie hier ungleich weniger freie Hand hat, als dort, wo wir ſie auf den reinen Begriff der Menſchheit anwenden durften. An dem Menſchen, wie die Erfahrung ihn aufſtellt, findet ſie einen ſchon verdorbenen und widerſtrebenden Stoff, der ihr gerade ſo viel von ihrer idealen Vollkommenheit raubt, als er von ſeiner individualen Beſchaffenheit ein⸗ miſcht. Sie wird daher in der Wirklichkeit überall nur als eine beſondere und eingeſchraͤnkte Species, nie als reine Gattung ſich zeigen; ſie wird in angeſpannten Gemüthern von ihrer Freiheit und Mannigfaltigkeit, ſie wird in abge⸗ ſpannten von ihrer belebenden Kraft ablegen; uns aber, die wir nunmehr mit ihrem wahren Charakter vertrauter gewor⸗ den ſiad, wird dieſe widerſprechende Erſcheinung nicht irre machen. Weit entfernt, mit dem großen Haufen der Beur⸗ theiler aus einzelnen Erfahrungen ihren Begriff zu beſtimmen und ſie fur die Maͤngel verantwortlich zu machen, die der Menſch unter ihrem Einfluſſe zeigt, wiſſen wir vielmehr, daß es der Menſch iſt, der die Unvollkommenheiten ſeines 73 Individuums auf ſie überträͤgt, der durch ſeine ſubjective Be⸗ granzung ihrer Vollendung unaufhörlich im Wege ſteht und ihr abſolutes Ideal auf zwei eingeſchraͤnkte Formen der Er⸗ ſcheinung herabſetzt. Die ſchmelzende Schoͤnheit, wurde behauptet, ſey für ein angeſpanntes Gemüth und für ein abgeſpanntes die energiſche. Angeſpannt aber nenne ich den Menſchen ſowohl, wenn er ſich unter dem Zwange von Empfindungen, als, wenn er ſich unter dem Zwange von Begriffen befindet. Jede ausſchließende Herrſchaft eines ſeiner beiden Grundtriebe iſt fur ihn ein Zuſtand des Zwanges und der Gewalt, und Freiheit liegt nur in der Zuſammenwirkung ſeiner beiden Naturen. Der von Gefühlen einſeitig beherrſchte oder ſinn⸗ lich angeſpannte Menſch wird alſo aufgelöst und in Freiheit geſetzt durch Form; der von Geſetzen einſeitig beherrſchte oder geiſtig angeſpannte Menſch wird aufgelöst und in Freiheit geſetzt durch Materie. Die ſchmelzende Schönheit, um dieſer doppelten Aufgabe ein Genüge zu thun, wird ſich alſo unter zwei verſchiedenen Geſtalten zeigen. Sie wird erſtlich, als ruhige Form, das wilde Leben beſänftigen und von Empfin⸗ dungen zu Gedanken den Uebergang bahnen; ſie wird zwei⸗ tens, als lebendes Bild, die abgezogene Form mit ſinnlicher Kraft ausruſten, den Begriff zur Anſchauung und das Geſetz zum Gefühl zurückführen. Den erſten Dienſt leiſtet ſie dem Naturmenſchen, ven zweiten dem künſtlichen Menſchen. Aber, weil ſie in beiden Faͤllen über ihren Stoff nicht ganz frei gebietet, ſondern von demjenigen abhangt, den ihr entweder die fermloſe Natur oder die naturwidrige Kunſt darbietet, ſo wird ſie in beiden Fäͤllen noch Spuren ihres Urſprunges tragen und dort mehr in das materielle Leben, hier mehr in die bloße abgezogene Form ſich verlieren. 74 Um uns einen Begriff davon machen zu koͤnnen, wie die Schönheit ein Mittel werden kann, jene doppelte Anſpannung zu heben, muſſen wir den Urſprung derſelben in dem menſch⸗ lichen Gemuth zu erforſchen ſuchen. Entſchließen Sie ſich alſo noch zu einem kurzen Aufenthalt im Gebiete der Speculation, um es alsdann auf immer zu verlaſſen und mit deſto ſiche⸗ rerm Schritt auf dem Felde der Erfahrung fortzuſchreiten. Achtzehnter Brief. Durch die Schönheit wird der ſinnliche Menſch zur Form und zum Denken geleitet; durch die Schönheit wird der geiſtige Menſch zur Materie zurückgeführt und der Sinnen⸗ welt wieder gegeben. Aus Dieſem ſcheint zu folgen, daß es zwiſchen Materie und Form, zwiſchen Leiden und Thätigkeit einen mittleren Zuſtand geben müſſe, und daß uns die Schönheit in dieſen mittlern Zuſtand verſetze. Dieſen Begriff bildet ſich auch wirklich der größte Theil der Menſchen von der Schönheit, ſobald er angefangen hat, über ihre Wirkungen zu reflectiren, und alle Erfahrungen weiſen darauf hin. Auf der andern Seite aber iſt nichts ungereimter und widerſprechender, als ein ſolcher Begriff, da der Abſtand zwiſchen Materie und Form, zwiſchen Leiden und Thaͤtigkeit, zwiſchen Empfinden und Denken unendlich iſt und ſchlechterdings durch nichts kann vermittelt werden. Wie heben wir nun dieſen Wider⸗ ſpruch? Die Schönheit verknupft die zwei entgegengeſetzten Zuſtande des Empfindens und des Denkens, und doch gibt es ſchlechterdings kein Mittleres zwiſchen Beiden. Jenes iſt durch Erfahrung, Dieſes iſt unmittelbar durch Vernunft gewiß. 75 Dies iſt der eigentliche Punkt, auf den zuletzt die ganze Frage über die Schönheit hinausläuft, und, gelingt es uns, dieſes Problem befriedigend aufzulöſen, ſo haben wir zugleich den Faden gefunden, der uns durch das ganze Labyrinth der Aeſthetik führt. Es kommt aber hiebei auf zwei höchſt verſchiedene Opera⸗ tionen an, welche bei dieſer Unterſuchung einander nothwendig unterſtützen müſſen. Die Schoͤnheit, heiſt es, verknüpft zwei Zuſtände mit einander, die einander entgegen⸗ geſetzt ſind und niemals Eins werden konnen. Von dieſer Entgegenſetzung müſſen wir ausgehen; wir müſſen ſie in ihrer ganzen Reinheit und Strengigkeit auffaſſen und anerkennen, ſo daß beide Zuſtände ſich auf das Beſtimmteſte ſcheiden: ſonſt vermiſchen wir, aber vereinigen nicht. Zweitens heißt es: Jene zwei entgegengeſetzten Zuſtände verbindet die Schön⸗ heit und hebt alſo die Entgegenſetzung auf. Weil aber beide Zuſtände einander ewig entgegengeſetzt bleiben, ſo ſind ſie nicht anders zu verbinden, als, indem ſie aufgehoben werden. Unſer zweites Geſchaft iſt alſo, dieſe Verbindung vollkommen zu machen, ſie ſo rein und vollſtändig durchzuführen, daß beide Zuſtände in einem dritten gänzlich verſchwinden, und keine Spur der Theilung in dem Ganzen zurückbleibt: ſonſt vereinzeln wir, aber vereinigen nicht. Alle Streitigkeiten, welche jemals in der philoſophiſchen Welt über den Begriff der Schönheit geherrſcht haben und zum Theil noch heut zu Tag herrſchen, haben keinen andern Urſprung, als daß man die Unterſuchung entweder nicht von einer gehörig ſtrengen Unterſcheidung anfing oder ſie nicht bis zu einer völlig reinen Vereinigung durchführte. Diejenigen unter den Philoſophen, welche ſich bei der Reflexion über dieſen Gegenſtand der Lei⸗ tung ihres Gefühls blindlings anvertrauen, können von 76 der Schönheit keinen Begriff erlangen, weil ſie in dem Total des ſinnlichen Eindrucks nichts Einzelnes unterſcheiden. Die Andern, welche den Verſtand ausſchließend zum Führer nehmen, können nie einen Begriff von der Schönheit er⸗ langen, weil ſie in dem Total derſelben nie etwas Anderes als die Theile ſehen, und Geiſt und Materie auch in ihrer vollkommenſten Einheit ihnen ewig geſchieden bleiben. Die Erſten fürchten, die Schönheit dynamiſch, d. h., als wirkende Kraft aufzuheben„ wenn ſie trennen ſollen, was im Gefühl doch verbunden iſt; die Andern fürchten, die Schoͤn⸗ heit logiſch, d. h., als Begriff aufzuheben, wenn ſie zu⸗ ſammenfaſſen ſollen, was im Verſtande doch geſchieden iſt. Jene wollen die Schönheit auch eben ſo denken, wie ſie wirkt; Dieſe wollen ſie eben ſo wirken laſſen, wie ſie gedacht wird. Beide müſſen alſo die Wahrheit verfehlen: Jene, weil ſie es mit ihrem eingeſchrankten Denkvermoͤgen der unendlichen Na⸗ tur nachthun; Dieſe, weil ſie die unendliche Natur nach ihren Denkgeſetzen einſchranken wollen. Die Erſten fürchten, durch eine zu ſtrenge Zergliederung der Schöͤnheit von ihrer Freiheit zu rauben; die Andern fürchten, durch eine zu kühne Vereini⸗ gung die Beſtimmtheit ihres Begriffs zu zerſtören. Jene be⸗ denken aber nicht, daß die Freiheit, in welche ſie mit allem Recht das Weſen der Schönheit ſetzen, nicht Geſetzloſigkeit, ſondern Harmonie von Geſetzen, nicht Willkürlichkeit, ſondern hoͤchſte innere Nothwendigkeit iſt; Dieſe bedenken nicht, daß die Beſtimmtheit, welche ſie mit gleichem Recht von der Schönheit fordern, nicht in der Ausſchließung gewiſſer Realitäͤten, ſondern in der abſoluten Einſchließung aller beſteht, daß ſie alſo nicht Begränzung, ſondern Un⸗ endlichkeit iſt. Wir werden die Klippen vermeiden, an welchen Beide geſcheitert ſind, wenn wir von den zwei Elementen 77 beginnen, in welche die Schönheit ſich vor dem Verſtande theilt, aber uns alsdann auch zu der reinen aſthetiſchen Ein⸗ heit erheben, durch die ſie auf die Empfindung wirkt, und in welcher jene beiden Zuſtaͤnde gaͤnzlich verſchwinden.* Neunzehnter Brief. Es laſſen ſich in dem Menſchen überhaupt zwei verſchie⸗ dene Zuſtände der paſſiven und activen Beſtimmbarkeit und eben ſo viele Zuſtaͤnde der paſſiven und activen Beſtimmung unterſcheiden. Die Erklarung dieſes Satzes fuührt uns am Kuͤrzeſten zum Ziel. Der Zuſtand des menſchlichen Geiſtes vor aller Beſtim⸗ mung, die ihm durch Eindrüͤcke der Sinne gegeben wird, iſt eine Beſtimmbarkeit ohne Gränzen. Das Endloſe des * Einem aufmerkſamen Leſer wird ſich bei der hier angeſtellten Vergleichung die Vemerkung dargeboten haben, daß die ſenſualen Aeſthetiker, welche das Zeugniß der Empfindung mehr als das Raiſonnement gelten laſſen, ſich der That nach weit weniger von der Wahrheit entfernen als ihre Gegner, obgleich ſie der Einſicht nach es nicht mit dieſen aufnehmen koͤnnen; und dieſes Verhaͤltniß findet man uͤberall zwiſchen der Natur und der Wiſſen⸗ ſchaft. Die Natur(der Sinn) vereinigt uͤberall, der Verſtand ſcheidet überall; aber die Vernunft vereinigt wieder: daher iſt der Menſch, ehe er anfaͤngt zu philoſophiren, der Wahrheit naͤher, als der Philoſoph, der ſeine Unterſuchung noch nicht geendigt hat. Man kann deßwegen ohne alle weitere Průfung ein Philoſophem fuͤr irrig erklaͤren, ſobald dasſelbe, dem Reſultat nach, die gemeine Empfindung gegen ſich hat; mit demſelben Rechte aber kann man es fuͤr verdaͤchtig halten, wenn es, der Form und Methode nach, die gemeine Empfindung auf ſeiner Seite hat. Mit dem Letztern mag ſich ein jeder Schriftſteller troͤſten, der eine philoſophiſche Dedu tion nicht, wie manche Leſer zu erwarten ſcheinen, wie eine Unterhaltung am Kaminſeuer vortragen kann. Mit dem Erſtern mag man Jeden zum Stillſchweigen bringen, der auf Koſten des Menſchenverſtandes neue Syſteme gruͤnden will. 78 Raumes und der Zeit iſt ſeiner Einbildungskraft zum freien Gebrauche hingegeben, und weil, der Vorausſetzung nach, in dieſem weiten Reiche des Möglichen nichts geſetzt, folglich auch noch nichts ausgeſchloſſen iſt, ſo kann man dieſen Zuſtand der Beſtimmungsloſigkeit eine leere Unendlichkeit nennen, wel⸗ ches mit einer unendlichen Leere keineswegs zu verwechſeln iſt. Jetzt ſoll ſein Sinn gerührt werden, und aus der unend⸗ lichen Menge möoöͤglicher Beſtimmungen ſoll eine einzelne Wirklichkeit erhalten. Eine Vorſtellung ſoll in ihm entſtehen. Was in dem vorhergegangenen Zuſtand der bloßen Beſtimm⸗ barkeit nichts als ein leeres Vermögen war, Das wird jetzt zu einer wirkenden Kraft, Das bekommt einen Inhalt; zu⸗ gleich aber erhält es, als wirkende Kraft, eine Gränze, da es, als bloßes Vermögen, unbegränzt war. Realität iſt alſo da, aber die Unendlichkeit iſt verloren. Um eine Geſtalt im Raum zu beſchreiben, müſſen wir den endloſen Raum be⸗ gränzen; um uns eine Veränderung in der Zeit vorzuſtellen, muſſen wir das Zeitganze theilen. Wir gelangen alſo nur durch Schranken zur Realität, nur durch Negation oder Ausſchließung zur Poſition oder wirklichen Setzung, nur durch Aufhebung unſerer freien Beſtimmbarkeit zur Beſtimmung. Aber aus einer bloßen Ausſchließung wuͤrde in Ewigkeit keine Realität und aus einer bloßen Sinnenempfindung in Ewigkeit keine Vorſtellung werden, wenn nicht Etwas vor⸗ handen wäre, von welchem ausgeſchloſſen wird, wenn nicht durch eine abſolute Thathandlung des Geiſtes die Negation auf etwas Poſitives bezogen, und aus Nichtſetzung Entgegen⸗ ſetzung würde; dieſe Handlung des Gemüths heißt urtheilen oder denken, und das Reſultat derſelben der Geda nke. Ehe wir im Raum einen Ort beſtimmen, gibt es über⸗ haupt keinen Raum füͤr uns; aber ohne den abſoluten Raum 79 würden wir nimmermehr einen Ort beſtimmen: eben ſo mit der Zeit. Ehe wir den Augenblick haben, gibt es überhaupt keine Zeit für uns; aber ohne die ewige Zeit würden wir nie eine Vorſtellung des Augenblicks haben. Wir gelangen alſo freilich nur durch den Theil zum Ganzen, nur durch die Gränze zum Unbegränzten; aber wir gelangen auch nur durch das Ganze zum Theil, nur durch das Unbegranzte zur Gränze. Wenn nun alſo von dem Schönen behauptet wird, daß es dem Menſchen einen Uebergang vom Empfinden zum Denken bahne, ſo iſt Dies keineswegs ſo zu verſtehen, als ob durch das Schoͤne die Kluft könnte ausgefüllt werden, die das Empfinden vom Denken, die das Leiden von der Thatig⸗ keit trennt: dieſe Kluft iſt unendlich, und ohne Dazwiſchen⸗ kunft eines neuen und ſelbſtſtändigen Vermögens kann aus dem Einzelnen in Ewigkeit nichts Allgemeines, kann aus dem Zufälligen nichts Nothwendiges werden. Der Gedanke iſt die unmittelbare Handlung dieſes abſoluten Vermögens, welches zwar durch die Sinne veranlaßt werden muß, ſich zu außern, in ſeiner Aeußerung ſelbſt aber ſo wenig von der Sinnlichkeit abhängt, daß es ſich vielmehr nur durch die Entgegenſetzung gegen dieſelbe verkündiget. Die Selbſtſtandig⸗ keit, mit der es handelt, ſchließt jede fremde Einwirkung aus; und nicht, inſofern ſie beim Denken hilft(welches einen offenbaren Widerſpruch enthält), bloß, inſofern ſie den Denkkräften Freiheit verſchafft, ihren eigenen Geſetzen gemäß ſich zu außern, kann die Schönheit ein Mittel werden, den Men⸗ ſchen von der Materie zur Form, von Empfindungen zu Geſetzen, von einem beſchränkten zu einem abſoluten Daſeyn zu führen. Dies aber ſetzt voraus, daß die Freiheit der Denkkrafte gehemmt werden könne, welches mit dem Begriff eines ſelbſtſtandigen Vermögens zu ſtreiten ſcheint. Ein Vermögen 80 naͤmlich, welches von Außen nichts als den Stoff ſeines Wirkens empfaͤngt, kann nur durch Entziehung des Stoffes, alſo nur negativ an ſeinem Wirken gehindert werden, und es heißt die Natur eines Geiſtes verkennen, wenn man den ſinnlichen Paſſionen eine Macht beilegt, die Freiheit des Ge⸗ müths poſitiv unterdrücken zu können. Zwar ſtellt die Er⸗ fahrung Beiſptele in Menge auf, wo die Vernunftkraͤfte in demſelben Maß unterdrückt erſcheinen, als die ſinnlichen Krafte feuriger wirken; aber, anſtatt jene Geiſtesſchwaͤche von der Stärke des Affects abzuleiten, muß man vielmehr dieſe üͤberwiegende Starke des Affects durch jene Schwaͤche des Geiſtes erklären: denn die Sinne können nicht anders eine Macht gegen den Menſchen vorſtellen, als inſofern der Geiſt frei unterlaſſen hat, ſich als eine ſolche zu beweiſen. Indem ich aber durch dieſe Erklärung einem Einwurfe zu begegnen ſuche, habe ich mich, wie es ſcheint, in einen andern verwickelt und die Selbſtſtändigkeit des Gemüths nur auf Koſten ſeiner Einheit gerettet. Denn wie kann das Gemüth aus ſich ſelbſt zugleich Gründe der Nicht⸗ thaͤtigkeit und der Thätigkeit nehmen, wenn es nicht ſelbſt getheilt, wenn es nicht ſich ſelbſt entgegengeſetzt iſt? Hier müſſen wir uns nun erinnern, daß wir den end⸗ lichen, nicht den unendlichen Geiſt vor uns haben. Der end⸗ liche Geiſt iſt derjenige, der nicht anders als durch Leiden thätig wird, nur durch Schranken zum Abſoluten gelangt, nur, inſofern er Stoff empfangt, handelt und bildet. Ein ſolcher Geiſt wird alſo mit dem Triebe nach Form oder nach dem Abſoluten einen Trieb nach Stoff oder nach Schranken verbinden, als welche die Bedingungen ſind, ohne die er den erſten Trieb weder haben noch befriedigen könnte. Inwie⸗ fern in demſelben Weſen zwei ſo entgegengeſetzte Tendenzen 81 zuſammen beſtehen können, iſt eine Aufgabe, die zwar den Metaphyſiker, aber nicht den Tranſcendentalphiloſophen in Verlegenheit ſetzen kann. Dieſer gibt ſich keineswegs dafuͤr aus, die Möglichkeit der Dinge zu erklaren, ſondern begnügt ſich, die Kenntniſſe feſtzuſetzen, aus welchen die Möglichkeit der Erfahrung begriffen wird. Und da uun Erfahrung eben ſo wenig ohne jene Entgegenſetzung im Gemüthe als ohne die abſolute Einheit desſelben möglich wäre, ſo ſtellt er beide Begriffe mit vollkommener Befugniß als gleich nothwendige Bedingungen der Erfahrung auf, ohne ſich weiter um ihre Vereinbarkeit zu bekummern. Dieſe Inwohnung zweier Grund⸗ triebe widerſpricht übrigens auf keine Weiſe der abſoluten Einheit des Geiſtes, ſobald man nur von beiden Trieben ihn ſelbſt unterſcheidet. Beide Triebe exiſtiren und wirken zwar in ihm, aber er ſelbſt iſt weder Materie noch Form, weder Sinnlichkeit noch Vernunft, welches Diejenigen, die den menſchlichen Geiſt nur da ſelbſt handeln laſſen, wo ſein Ver⸗ fahren mit der Vernunft übereinſtimmt, und, wo dieſes der Veruunft widerſpricht, ihn bloß für paſſiv erklären, nicht immer bedacht zu haben ſcheinen. Jeder dieſer beiden Grundtriebe ſtrebt, ſobald er zur Entwickelung gekommen, ſeiner Natur nach und nothwendig nach Befriedigung; aber eben darum, weil beide nothwen⸗ dig und beide doch nach entgegengeſetzten Objecten ſtreben, hebt dieſe doppelte Nöthigung ſich gegenſeitig auf, und der Wille behauptet eine vollkommene Freiheit zwiſchen beiden. Der Wille iſt es alſo, der ſich gegen beide Triebe als eine Macht(als Grund der Wirklichkeit) verhält, aber keiner von beiden kann ſich für ſich ſelbſt als eine Macht gegen den andern verhalten. Durch den poſitivſten Antrieb zur Ge⸗ rechtigkeit, woran es ihm keineswegs mangelt, wird der Schillers ſammtl. Werke. XII. 6 8² Gewaltthätige nicht von Unrecht abgehalten, und durch die lebhafteſte Verſuchung zum Genuß der Starkmuthige nicht zum Bruch ſeiner Grundſäͤtze gebracht. Es gibt in dem Menſchen keine andere Macht als ſeinen Willen, und nur, was den Menſchen aufhebt, der Tod und jeder Raub des Be⸗ wußtſeyns, kann die innere Freiheit aufheben. Eine Nothwendigkeit außer uns beſtimmt unſern Zu⸗ ſtand, unſer Daſeyn in der Zeit vermittelſt der Sinnen⸗ empfindung. Dieſe iſt ganz unwillkürlich, und ſo, wie auf uns gewirkt wird, müſſen wir leiden. Eben ſo eröffnet eine Nothwendigkeit in uns unſre Perſönlichkeit, auf Veranlaſſung jener Sinnenempfindung und durch Entgegenſetzung gegen dieſelbe: denn das Selbſtbewußtſeyn kann von dem Willen, der es vorausſetzt, nicht abhaͤngen. Dieſe urſprüngliche Ver⸗ kündigung der Perſönlichkeit iſt nicht unſer Verdienſt, und der Mangel derſelben nicht unſer Fehler. Nur von Demjeni⸗ gen, der ſich bewußt iſt, wird Vernunft, Das heißt, abſolute Conſequenz und Univerſalitaͤt des Bewußtſeyns gefordert; vorher iſt er nicht Menſch, und kein Akt der Menſchheit kann von ihm erwartet werden. So wenig nun der Meta⸗ phyſiker ſich die Schranken erklaren kann, die der freie und ſelbſtſtändige Geiſt durch die Empfindung erleidet, ſo wenig begreift der Phyſiker die Unendlichkeit, die ſich auf Veran⸗ laſſung dieſer Schranken in der Perſönlichkeit offenbart. Weder Abſtraction noch Erfahrung leiten uns bis zu der Quelle zurück, aus der unſere Begriffe von Allgemeinheit und Noth⸗ wendigkeit fließen; ihre frühe Erſcheinung in der Zeit ent⸗ zieht ſie dem Beobachter und ihr überſinnlicher Urſprung dem metaphyſiſchen Forſcher. Aber genug, das Selbſtbewußtſeyn iſt da, und zugleich mit der unveränderlichen Einheit des⸗ ſelben iſt das Geſetz der Einheit für Alles, was füͤr den 83 Menſchen iſt, und fuͤr Alles, was durch ihn werden ſoll, für ſein Erkennen und Handeln aufgeſtellt. Unentfliehbar, unverfälſchbar, unbegreiflich ſtellen die Begriffe von Wahrheit und Recht ſchon im Alter der Sinnlichkeit ſich dar, und, ohne daß man zu ſagen wüßte, woher und wie es entſtand, bemerkt man das Ewige in der Zeit und das Nothwendige im Gefolge des Zufalls. So entſpringen Empfindung und Selbſtbewußtſeyn, völlig ohne Zuthun des Subjects, und Beider Urſprung liegt eben ſowohl jenſeits unſers Willens, als er jenſeits unſers Erkenntnißkreiſes liegt. Sind aber Beide wirklich, und hat der Menſch, ver⸗ mittelſt der Empfindung, die Erfahrung einer beſtimmten Exriſtenz, hat er durch das Selbſtbewußtſeyn die Erfahrung ſeiner abſoluten Erxiſtenz gemacht, ſo werden mit ihren Gegen⸗ ſtänden auch ſeine beiden Grundtriebe rege. Der ſinnliche Trieb erwacht mit der Erfahrung des Lebens(mit dem An⸗ fang des Individuums), der vernünftige mit der Erfahrung des Geſetzes(mit dem Anfang der Perfönlichkeit), und jetzt erſt, nachdem beide zum Daſeyn gekommen, iſt ſeine Menſch⸗ heit aufgebaut. Bis Dies geſchehen iſt, erfolgt Alles in ihm nach dem Geſetz der Nothwendigkeit; jetzt aber verläßt ihn die Hand der Natur, und es iſt ſeine Sache, die Menſch⸗ heit zu behaupten, welche jene in ihm anlegte und eröffnete. Sobald nämlich zwei entgegengeſetzte Grundtriebe in ihm thätig ſind, ſo verlieren beide ihre Nöthigung, und die Ent⸗ gegenſetzung zweier Nothwendigkeiten gibt der Freibeit den Urſprung.* * Um aller Mißdeutung vorzubeugen, bemerke ich, daß, ſo oft hler von Freiheit die Rede iſt, nicht diejenige gemeint iſt, die dem Menſchen, als Intelligenz betrachtet, nothwendig zukommt und ihm weder gegebeu noch 84 Zwanzigſter Brief. Daß auf die Freiheit nicht gewirkt werden könne, ergibt ſich ſchon aus ihrem bloßen Begriff, daß aber die Freiheit ſelbſt eine Wirkung der Natur(dieſes Wort in ſeinem weiteſten Sinne genommen), kein Werk des Menſchen ſey, daß ſie alſo auch durch natürliche Mittel befördert und ge⸗ hemmt werden könne, folgt gleich nothwendig aus dem Vorigen. Sie nimmt ihren Anfang erſt, wenn der Menſch vollſtändig iſt, und ſeine beiden Grundtriebe ſich ent⸗ wickelt haben: ſie muß alſo fehlen, ſolang er unvollſtändig, und einer von beiden Trieben ausgeſchloſſen iſt, und muß durch alles Das, was ihm ſeine Vollſtandigkeit zurückgibt, wieder hergeſtellt werden können, Nun läßt ſich wirklich, ſowohl in der ganzen Gattung als in dem einzelnen Menſchen, ein Moment aufzeigen, in welchem der Menſch noch nicht vollſtändig, und einer von beiden Trieben ausſchließend in ihm thatig iſt. Wir wiſſen, daß er anfängt mit bloßem Leben, um zu endigen mit Form, daß er früher Individuum als Perſon iſt, daß er von den Schranken aus zur Unendlichkeit geht. Der ſinnliche Trieb kommt alſo früher als der vernünftige zur Wirkung, weil die Empfindung dem Bewußtſeyn vorhergeht, und in dieſer Priorität des ſinnlichen Triebes finden wir den Aufſchluß zu der ganzen Geſchichte der menſchlichen Freiheit. genommen werden kann, ſondern diejenige, welche ſich auf ſeine gemiſchte Natur gründet. Dadurch, daß der Menſch uͤberhaupt nur vernünftig handelt, beweist er eine Freiheit der erſten Art; dadurch, daß er in den Schranken des Stoffes vernuͤnftig und unter Geſetzen der Vernunft materiell handelt, beweist er eine Freiheit der zweiten Art. Man koͤnnte die Letztere ſchlechtweg durch eine natuͤrliche Möglichkein der Erſtern erklaͤren. 85 Denn es gibt nun einen Moment, wo der Lebenstrieb, weil ihm der Formtrieb noch nicht entgegenwirkt, als Natur und als Nothwendigkeit handelt; wo die Sinnlichkeit eine Macht iſt, weil der Menſch noch nicht angefangen: denn in dem Menſchen ſelbſt kann es keine andere Macht als den Willen geben. Aber im Zuſtande des Denkens, zu welchem der Menſch jetzt ubergehen ſoll, ſoll gerade umgekehrt die Vernunft eine Macht ſeyn, und eine logiſche oder moraliſche Nothwendigkeit ſoll an die Stelle jener phyſiſchen treten. Jene Macht der Empfindung muß alſo vernichtet werden, ehe das Geſetz dazu erhoben werden kann. Es iſt alſo nicht damit gethan, daß etwas anfange, was noch nicht war; es muß zuvor etwas aufhoͤren, welches war. Der Menſch kann nicht unmittelbar vom Empfinden zum Denken uͤbergehen; er muß einen Schritt zuruckthun, weil nur, indem eine Determination wieder aufgehoben wird, die entgegengeſetzte eintreten kann. Er muß alſo, um Leiden mit Selbſtthatig⸗ keit, um eine paſſive Beſtimmung mit einer activen zu ver⸗ tauſchen, augenblicklich von aller Beſtimmung frei ſeyn und einen Zuſtand der bloßen Beſtimmbarkeit durchlaufen. Mithin muß er auf gewiſſe Weiſe zu jenem negativen Zu⸗ ſtand der bloßen Beſtimmungsloſigkeit zurückkehren, in welchem er ſich befand, ehe noch irgend etwas auf ſeinen Sinn einen Eindruck machte. Jener Zuſtand aber war an Inhalt völlig leer, und jetzt kommt es darauf an, eine gleiche Beſtim⸗ mungsloſigkeit und eine gleich unbegränzte Beſtimmbarkeit mit dem größtmöglichen Gehalt zu vereinbaren, weil unmit⸗ telbar aus dieſem Zuſtand etwas Poſitives erfolgen ſoll. Die Beſtimmung, die er durch Senſation empfangen, muß alſo feſtgehalten werden, weil er die Realität nicht verlieren darf; zugleich aber muß ſie, inſofern ſie Begranzung iſt, 86 aufgehoben werden, weil eine unbegränzte Beſtimmharkeit Statt finden ſoll. Die Aufgabe iſt alſo, die Determination des Zuſtandes zugleich zu vernichten und beizubehalten, welches nur auf die einzige Art möglich iſt, daß man ihr eine an⸗ dere entgegenſetzt. Die Schalen einer Wage ſtehen gleich, wenn ſie leer ſind; ſie ſtehen aber auch gleich, wenn ſie gleiche Gewichte enthalten. Das Gemüth geht alſo von der Empfindung zum Ge⸗ danken durch eine mittlere Stimmung über, in welcher Sinn⸗ lichkeit und Vernunft zugleich thätig ſind, eben deßwegen aber ihre beſtimmende Gewalt gegenſeitig aufheben und durch eine Entgegenſetzung eine Negation bewirken. Dieſe mittlere Stimmung, in welcher das Gemüth weder phyſiſch noch moraliſch genöthigt und doch auf beide Art thätig iſt, ver⸗ dient vorzugsweiſe eine freie Stimmung zu heißen, und, wenn man den Zuſtand ſinnlicher Beſtimmung den phyſiſchen, den Zuſtand vernünftiger Beſtimmung aber den logiſchen und moraliſchen nennt, ſo muß man dieſen Zuſtand der realen und activen Beſtimmbarkeit den äſthetiſchen heißen.* * Für Leſer, denen die reine Bedeutung dieſes durch Unwiſſenheit ſo ſehr gemißbrauchten Wortes nicht ganz gelaͤufig iſt, mag Folgendes zur Erkla⸗ rung dienen. Alle Dinge, die irgend in der Erſcheinung vorkommen koͤn⸗ nen, laſſen ſich unter vier verſchiedenen Beziehungen denken. Eine Sache kann ſich unmittelbar auf unſern ſinnlichen Zuſtand(unſer Daſeyn und Wohlſeyn) beziehen: Das iſt ihre phyſiſche Beſchaffenheit. Oder ſie kann ſich auf den Verſtand beziehen und uns eine Erkenntniß verſchaffen: Das iſt ihre log iſche Beſchaffenheit. Oder ſie kann ſich auf unſern Willen beziehen und als ein Gegenſtand der Wahl für ein vernuͤnftiges Weſen betrachtet werden: Das iſt ihre moraliſche Beſchafſenheit. Oder, endlich, ſie kann ſich auf das Ganze unſerer verſchiedenen Kraͤfte beziehen, ohne fuͤr eine ein⸗ zelne derſelben ein beſtimmtes Object zu ſeyn: Das iſt ihre aͤſthetiſche 87 Ein und zwanzigſter Brief. Es gibt, wie ich im Anfange des vorigen Briefs be⸗ merkte, einen doppelten Zuſtand der Beſtimmbarkeit und einen doppelten Zuſtand der Beſtimmung. Jetzt kann ich dieſen Satz deutlich machen. Das Gemüth iſt beſtimmbar, bloß inſofern es überhaupt nicht beſtimmt iſt; es iſt aber auch beſtimmbar, inſofern es nicht ausſchließend beſtimmt, d. h., bei ſeiner Beſtimmung nicht beſchränkt iſt. Jenes iſt bloße Beſtimmungsloſigkeit (es iſt ohne Schranken, weil es ohne Realität iſt); Dieſes iſt die äſthetiſche Beſtimmbarkeit(es hat keine Schranken, weil es alle Reglität vereinigt). Beſchaffenheit. Ein Menſch kann uns durch ſeine Dienſtſertigkeit angenehm ſeyn; er kann uns durch ſeine Unterhaltung zu denken geben; er kann uns durch ſeinen Charakter Achtung einfloͤßen; endlich kann er uns aber auch, unabhaͤngig von Dieſem allem, und ohne daß wir bei ſeiner Beurtheilung weder auf irgend ein Geſetz, noch auf irgend einen Zweck Ruͤckſicht nehmen, in der bloßen Betrachtung und durch ſeine bloße Erſcheinungsart gefallen. In dieſer letzten Qualitaͤt beurtheilen wir ihn aͤſthetiſch. So gibt es eine Er⸗ ziehung zur Geſundheit, eine Erziehung zur Einſicht, eine Erziehung zur Sittlichkeit, eine Erziehung zum Geſchmack und zur Schoͤnheit. Dieſe Letztere hat zur Abſicht, das Ganze unſrer ſinnlichen und geiſtigen Kraͤfte in moͤg⸗ lichſter Harmonie auszubilden. Weil man indeſſen, von einem falſchen Ge⸗ ſchmack verfuͤhrt und durch ein falſches Raiſonnement noch mehr in dieſem Irrthum befeſtigt, den Begriff des Willkuͤrlichen in den Vegriff des Aeſthe⸗ tiſchen gern mit aufnimmt, ſo merke ich hier zum Ueberfluß noch an(obgleich dieſe Briefe uͤber aͤſthetiſche Erziehung faſt mit nichts Anderm umgehen, als jenen Irrthum zu widerlegen), daß das Gemuͤth im aͤſthetiſchen Zuſtande zwar frei und im doͤchſten Grade frei von allem Zwang, aber keineswegs ſrei von Geſetzen handelt, und daß dieſe aͤſthetiſche Freiheit ſich von der logi⸗ ſchen Nothwendigkeit beim Denken und von der moraliſchen Nothwendigkeit beim Wollen nur dadurch unterſcheidet, daß die Geſetze, nach denen das Gemuͤth dabei verfaͤhrt, nicht vorgeſtellt werden und, weil ſie keinen Widerſtand finden, nicht als Noͤthigung erſcheinen. 88 Das Gemüth iſt beſtimmt, inſofern es überhaupt nur beſchränkt iſt; es iſt aber auch beſtimmt, inſofern es ſich ſelbſt aus eignem abſoluten Vermögen beſchränkt. In dem erſten Falle befindet es ſich, wenn es empfindet; in dem zweiten, wenn es denkt. Was alſo das Denken in Rückſicht auf Beſtimmung iſt, Das iſt die aſthetiſche Verfaſſung in Rückſicht auf Beſtimmbarkeit; jenes iſt Beſchrankung aus innerer unendlicher Kraft, dieſe iſt eine Negation aus innerer unendlicher Fülle. So wie Empfinden und Denken einander in dem einzigen Punkt berühren, daß in beiden Zuſtaͤnden das Gemüth determinirt, daß der Menſch ausſchließungs⸗ weiſe Etwas— entweder Individuum oder Perſon— iſt, ſonſt aber ſich ins Unendliche von einander entfernen: gerade ſo trifft die aſthetiſche Beſtimmbarkeit mit der bloßen Be⸗ ſtimmungsloſigkeit in dem einzigen Punkt überein, daß Beide jedes beſtimmte Daſeyn ausſchließen, indem ſie in allen übrigen Punkten wie Nichts und Alles, mithin unend⸗ lich verſchieden ſind. Wenn alſo die Letztere, die Beſtim⸗ mungsloſigkeit aus Mangel, als eine leere Unendlichkeit vorgeſtellt wurde, ſo muß die äſthetiſche Beſtimmungsfreiheit, welche das reale Gegenſtück derſelben iſt, als eine erfüllte Unendlichkeit betrachtet werden: eine Vorſtellung, welche mit Demjenigen, was die vorhergehenden Unterſuchungen lehren, aufs Genaueſte zuſammentrifft. In dem aſthetiſchen Zuſtande iſt der Menſch alſo Null, inſofern man auf ein einzelnes Reſultat, nicht auf das ganze Vermögen achtet und den Mangel jeder beſondern Determi⸗ nation in ihm in Betrachtung zieht. Daher muß man Den⸗ jenigen volkkommen Recht geben, welche das Schöne und die Stimmung, in die es unſer Gemüth verſetzt, in Rückſicht auf Erkenntniß und Geſinnung fuͤr vollig indifferent 89 und unfruchtbar erklären. Sie haben vollkommen Recht: denn die Schönheit gibt ſchlechterdings kein einzelnes Reſultat, weder für den Verſtand noch für den Willen; ſie führt keinen einzelnen, weder intellectuellen noch moraliſchen Zweck aus; ſie findet keine einzige Wahrheit, hilft uns keine einzige Vitchr erfüllen und iſt, mit einem Worte, gleich ungeſchickt, den Charakter zu gruͤnden und den Kopf aufzutlären. Durch die aſthetiſche Cultur bleibt alſo der perſönliche Werth eines Menſchen oder ſeine Würde, inſofern dieſe nur von ihm ſelbſt abhängen kann, noch völlig unbeſtimmt, und es iſt weiter nichts erreicht, als daß es ihm nunmehr von Natur wegen moöglich gemacht iſt, aus ſich ſelbſt zu machen, was er will— daß ihm die Freiheit, zu ſeyn, was er ſeyn ſoll, vollkommen zurückgegeben iſt. Eben dadurch aber iſt etwas Unendliches erreicht. Denn, ſobald wir uns erinnern, daß ihm durch die einſeitige Nöthi⸗ gung der Natur beim Empfinden und durch die ausſchließende Geſetzgebung der Vernunft beim Denken gerade dieſe Frei⸗ heit entzogen wurde, ſo müſſen wir das Vermögen, welches ihm in der aſthetiſchen Stimmung zurückgegeben wird, als die höchſte aller Schenkungen, als die Schenkung der Menſch⸗ heit, betrachten. Freilich beſitzt er dieſe Menſchheit der An⸗ lage nach ſchon vor jedem beſtimmten Zuſtand, in den er kommen kann; aber der That nach verliert er ſie mit jedem beſtimmten Zuſtand, in den er kommt, und ſie muß ihm, wenn er zu einem entgegengeſetzten ſoll über rgehen können, jedesmal aufs Neue durch das aſthetiſche Leben zurückgegeben werden.* * Zwar läßt die Schnelligkeit, mit welcher gewiſſe Charaktere von Empfin⸗ dungen zu Gedanken und z8 Entſchließungen uͤbergehen, die aſthetiſche Stim⸗ mung, welche ſie in dieſer Zeit nothwendig durchlaufen müſſen, kaum oder 90 Es iſt alſo nicht bloß poetiſch erlaubt, ſondern auch phi⸗ loſophiſch richtig, wenn man die Schönheit unſere zweite Schöpferin nennt. Denn, ob ſie uns gleich die Menſchheit bloß möglich macht und es im Uebrigen unſerm freien Willen anheimſtellt, in wie weit wir ſie wirklich machen wollen, ſo hat ſie Dieſes ja mit unſerer urſprünglichen Schöpferin, der Natur, gemein, die uns gleichfalls nichts weiter als das Vermögen zur Menſchheit ertheilte, den Gebrauch desſelben aber auf unſere eigene Willensbeſtimmung ankommen läßt. Zwei und zwanzigſter Brief. Wenn alſo die aſthetiſche Stimmung des Gemüuths in einer Rückſicht als Null betrachtet werden muß, ſobald man nämlich ſein Augenmerk auf einzelne und beſtimmte Wirkun⸗ gen richtet, ſo iſt ſie in anderer Rückſicht wieder als ein Zuſtand der höchſten Realität anzuſehen, inſofern man babei auf die Abweſenheit aller Schranken und auf die Summe der Kräfte achtet, die in derſelben gemeinſchaftlich thätig ſind. Man kann alſo Denjenigen eben ſo wenig Unrecht geben, die den äſthetiſchen Zuſtand für den fruchtbarſten in Ruͤckſicht gar nicht bemerkbar werden. Solche Gemuͤther können den Zuſtand der Be⸗ ſtimmungsloſigkeit nicht lang ertragen und dringen ungeduldig auf ein Reſul⸗ tat, welches ſie in dem Zuſtand aͤſthetiſcher Unbegränztheit nicht finden. Dahingegen breitet ſich bei Andern, welche ihren Genuß mehr in das Gefuͤhl des ganzen Vermoͤgens, als einer einzelnen Handlung desſelben ſetzen, der aͤſthetiſche Zuſtand in eine weit groͤßere Flaͤche aus. So ſehr die Erſten ſich vor der Leerheit fuͤrchten, ſo wenig koͤnnen die Letzten Beſchraͤnkung ertragen. Ich brauche kaum zu erinnern, daß die Erſten fuͤrs Detail und fuͤr ſubalterne Geſchaͤfte, oie Letzten, vorausgeſetzt, daß ſie mit dieſem Vermoͤgen zugleich Realität vereinigen, fuͤrs Ganze und zu großen Rollen geboren ſind. 91 auf Erkenntniß und Moralität erklaͤren. Sie haben voll⸗ kommen Recht: denn eine Gemuthsſtimmung, welche das Ganze der Menſchheit in ſich begreift, muß nothwendig auch jede einzelne Aeußerung derſelben, dem Vermögen nach, in ſich ſchließen; eine Gemuͤthsſtimmung, welche von dem Gan⸗ zen der menſchlichen Natur alle Schranken entfernt, muß dieſe nothwendig auch von jeder cinzelnen Aeußerung derſelben entfernen. Eben deßwegen, weil ſie keine einzelne Function der Menſchheit ausſchließend in Schutz nimmt, ſo iſt ſie einer jeden ohne Unterſchied günſtig, und ſie begünſtigt ja nur deßwegen keine einzelne vorzugsweiſe, weil ſie der Grund der Möglichkeit von allen iſt. Alle andere Uebungen geben dem Gemüth irgend ein beſonderes Geſchick, aber ſetzen ihm auch dafür eine beſondere Graͤnze; die aſthetiſche allein führt zum Unbegraͤnzten. Jeder andere Zuſtand, in den wir kommen können, weist uns auf einen vorhergehenden zurück und be⸗ darf zu ſeiner Auflöfung eines folgenden; nur der aſthetiſche iſt ein Ganzes in ſich ſelbſt, da er alle Bedingungen ſeines Urſprungs und ſeiner Fortdauer in ſich vereinigt. Hier allein fühlen wir uns wie aus der Zeit geriſſen, und unſere Menſch⸗ heit äußert ſich mit einer Reinheit und Integritaät, als hätte ſie von der Einwirkung äußerer Kräfte noch keinen Ab⸗ bruch erfahren. Was unſern Sinnen in der unmittelbaren Empfindung ſchmeichelt, Das öffnet unſer weiches und bewegliches Gemuͤth jedem Eindruck, aber macht uns auch in demſelben Grad zur Anſtrengung weniger tüchtig. Was unſere Denkkräfte an⸗ ſpannt und zu abgezogenen Begriffen einladet, Das ſtarkt unſern Geiſt zu jeder Art des Widerſtandes, aber verhartet ihn auch in demſelben Verhältniß und raubt uns eben ſo viel an Empfanglichkeit, als es uns zu einer groͤßern Selbſtthaͤtigkeit 92 verhilft. Eben deßwegen führt auch das Eine wie das An⸗ dere zuletzt nothwendig zur Erſchöpfung, weil der Stoff nicht lange der bildenden Kraft, weil die Kraft nicht lange des bildſamen Stoffes entrathen kann. Haben wir uns hingegen dem Genuß echter Schoͤnheit dahingegeben, ſo ſind wir in einem ſolchen Augenblick unſerer leidenden und thatigen Kräfte in gleichem Grade Meiſter, und mit gleicher Leichtig⸗ keit werden wir uns zum Ernſt und zum Spiele, zur Ruhe und zur Bewegung, zur Nachgiebigkeit und zum Widerſtand zum abſtracten Denken und zur Anſchauung wenden. Dieſe hohe Gleichmüthigkeit und Freiheit des Geiſtes, mit Kraft und Rüſtigkeit verbunden, iſt die Stimmung, in der uns ein echtes Kunſtwerk entlaſſen ſoll, und es gibt keinen ſicherern Probierſtein der wahren äſthetiſchen Güte. Finden wir uns nach einem Genuß dieſer Art zu irgend einer beſon⸗ dern Empfindungsweiſe oder Handlungsweiſe vorzugsweiſe auf⸗ gelegt, zu einer andern hingegen ungeſchickt und verdroſſen, ſo dient Dies zu einem untrüglichen Beweiſe, daß wir keine rein äſthetiſche Wirkung erfahren haben, es ſey nun, daß es an dem Gegenſtand oder an unſerer Empfindungsweiſe oder(wie faſt immer der Fall iſt) an Beiden zugleich gele⸗ gen habe. Da in der Wirklichkeit keine rein äſthetiſche Wirkung anzutreffen iſt(denn der Menſch kann ne aus der Abhaͤngig⸗ keit der Kräfte treten), ſo kann die Vortrefflichkeit eines Kunſtwerks bloß in ſeiner größern Annaͤherung zu jenem Ideale äſthetiſcher Reinigkeit beſtehen, und bei aller Freiheit, zu der man es ſteigern mag, werden wir es doch immer in einer beſondern Stimmung und mit einer eigenthümlichen Richtung verlaſſen. Je allgemeiner nun die Stimmung, und je weniger eingeſchrankt die Richtung iſt, welche unſerm 93 Gemüth durch eine beſtimmte Gattung der Künſte und durch ein beſtimmtes Product aus derſelben gegeben wird, deſto edler iſt jene Gattung, und deſto vortrefflicher ein ſolches Product. Man kann Dies mit Werken aus verſchiedenen Kunſten und mit verſchiedenen Werken der nämlichen Kunſt verſuchen. Wir verlaſſen eine ſchöne Muſik mit reger Em⸗ pfindung, ein ſchönes Gedicht mit belebter Einbildungskraft, ein ſchoͤnes Bildwerk und Gebäude mit aufgewecktem Ver⸗ ſtand; wer uns aber unmittelbar nach einem hohen muſikali⸗ ſchen Genuß zu abgezogenem Denken einladen, unmittelbar nach einem hohen poetiſchen Genuß in einem abgemeſſenen Geſchäft des gemeinen Lebens gebrauchen, unmittelbar nach Betrachtung ſchoͤner Malereien und Bildhauerwerke unſere Einbildungskraft erhitzen und unſer Gefühl überraſchen wollte, Der würde ſeine Zeit nicht gut wählen. Die Urſache iſt, weil auch die geiſtreichſte Muſik durch ihre Materie noch immer in einer größern Affinität zu den Sinnen ſteht, als die wahre aſthetiſche Freiheit duldet, weil auch das glück⸗ lichſte Gedicht von dem willkürlichen und zufälligen Spiele der Imagination, als ſeines Mediums, noch immer mehr participirt, als die innere Nothwendigkeit des wahrhaft Schö⸗ nen verſtattet, weil auch das trefflichſte Bildwerk, und dieſes vielleicht am Meiſten, durch die Beſtimmtheit ſeines Begriffs an die ernſte Wiſſenſchaft gränzt. Indeſſen verlieren ſich dieſe beſondern Affinitäten mit jedem höhern Grade, den ein Werk aus dieſen drei Kunſtgattungen erreicht, und es iſt eine nothwendige und natürliche Folge ihrer Vollendung, daß, ohne Verrückung ihrer objectiven Granzen, die verſchie⸗ denen Künſte in ihrer Wirkung auf das Gemüth einander immer ahnlicher werden. Die Muſik in ihrer höch⸗ ſten Veredlung muß Geſtalt werden und mit der ruhigen 94 Macht der Antike auf uns wirken; die bildende Kunſt in ihrer höchſten Vollendung muß Muſik werden und uns durch unmittelbare ſinnliche Gegenwart rühren; die Poeſie in ihrer vollkommenſten Ausbildung muß uns, wie die Tonkunſt, machtig faſſen, zugleich aber, wie die Plaſtik, mit ruhiger Klarheit umgeben. Darin eben zeigt ſich der vollkommene Styl in jeglicher Kunſt, daß er die ſpecifiſchen Schranken derſelben zu entfernen weiß, ohne doch ihre ſpecifiſchen Vor⸗ zuge mit aufzuheben, und durch eine weiſe Benutzung ihrer Eigenthümlichkeit ihr einen mehr allgemeinen Charakter ertheilt. Und nicht bloß die Schranken, welche der ſpecifiſche Charakter ſeiner Kunſtgattung mit ſich bringt, auch die⸗ jenigen, welche dem beſondern Stoffe, den er bearbeitet, anhangig ſind, muß der Künſtler durch die Behandlung über⸗ winden. In einem wahrhaft ſchönen Kunſtwerk ſoll der In⸗ halt nichts, die Form aber Alles thun: denn durch die Form allein wird auf das Ganze des Menſchen, durch den Inhalt hingegen nur auf einzelne Kraͤfte gewirkt. Der Inhalt, wie erhaben und weitumfaſſend er auch ſey, wirkt alſo jederzeit einſchrankend auf den Geiſt, und nur von der Form iſt wahre aͤſthetiſche Freiheit zu erwarten. Darin alſo beſteht das eigentliche Kunſtgeheimniß des Meiſters, daß er den Stoff durch die Form vertilgt; und je impoſanter, anmaßen⸗ der, verführeriſcher der Stoff an ſich ſelbſt iſt, je eigenmäch⸗ tiger derſelbe mit ſeiner Wirkung ſich vordrängt, oder je mehr der Betrachter geneigt iſt, ſich unmittelbar mit dem Stoff einzulaſſen, deſto triumphirender iſt die Kunſt, welche jenen zurückzwingt und über dieſen die Herrſchaft behauptet. Das Gemüth des Zuſchauers und Zuhörers muß völlig frei und unverletzt bleiben, es muß aus dem Zauberkreiſe des 95 Künſtlers rein und vollkommen wie aus den Händen des Schöpfers gehen. Der frivolſte Gegenſtand muß ſo behan⸗ delt werden, daß wir aufgelegt bleiben, unmittelbar von demſelben zu dem ſtrengſten Ernſte überzugehen. Der ernſteſte Stoff muß ſo behandelt werden, daß wir die Fahigkeit behal⸗ ten, ihn unmittelbar mit dem leichteſten Spiele zu vertau⸗ ſchen. Künſte des Affects, dergleichen die Tragödie iſt, ſind kein Einwurf: denn erſtlich ſind es keine ganz freie Künſte, da ſie unter der Dienſtbarkeit eines beſondern Zweckes(des Pathetiſchen) ſtehen, und dann wird wohl kein wahrer Kunſt⸗ kenner leugnen, daß Werke, auch ſelbſt aus dieſer Klaſſe, um ſo vollkommener ſind, je mehr ſie auch im höchſten Sturme des Affects die Gemüthsfreiheit ſchonen. Eine ſchöne Kunſt der Leidenſchaft gibt es; aber eine ſchöne leidenſchaftliche Kunſt iſt ein Widerſpruch, denn der unausbleibliche Effect des Schö⸗ nen iſt Freiheit von Leidenſchaften. Nicht weniger wider⸗ ſprechend iſt der Begriff einer ſchönen lehrenden(didaktiſchen) oder beſſernden(moraliſchen) Kunſt, denn nichts ſtreitet mehr mit dem Begriff der Schönheit, als dem Gemüth eine be⸗ ſtimmte Tendenz zu geben. Nicht immer beweist es indeſſen eine Formloſigkeit in dem Werke, wenn es bloß durch ſeinen Inhalt Effect macht: es kann eben ſo oft von einem Mangel an Form in dem Beurtheiler zeugen. Iſt dieſer entweder zu geſpannt oder zu ſchlaff; iſt er gewohnt, entweder bloß mit dem Verſtand oder bloß mit den Sinnen aufzunehmen, ſo wird er ſich auch bei dem glücklichſten Ganzen nur an die Theile und bei der ſchönſten Form nur an die Materie halten. Nur für das rohe Element empfänglich, muß er die aſthetiſche Organi⸗ ſation eines Werks erſt zerſtören, ehe er einen Genuß darau findet, und das Einzelne ſorgfältig aufſcharren, das der 96 Meiſter mit unendlicher Kunſt in der Harmonie des Ganzen verſchwinden machte. Sein Intereſſe daran iſt ſchlechterdings entweder moraliſch oder phyſiſch; nur gerade, was es ſeyn ſoll, äſthetiſch iſt es nicht. Solche Leſer genießen ein ernſt⸗ haftes und pathetiſches Gedicht, wie eine Predigt, und ein naives oder ſcherzhaftes, wie ein berauſchendes Getränk; und, waren ſie geſchmacklos genug, von einer Tragödie und Epopöe, wenn es auch eine Meſſiade waͤre, Erbauung zu verlangen, ſo werden ſie an einem angkreontiſchen oder catulliſchen Liede unfehlbar ein Aergerniß nehmen. Drei und zwanzigſter Brief. Ich nehme den Faden meiner Unterſuchung wieder auf, den ich nur darum abgeriſſen habe, um von den aufgeſtellten Sätzen die Anwendung auf die ausübende Kunſt und auf die Beurtheilung ihrer Werke zu machen. Der Uebergang von dem leidenden Zuſtande des Em⸗ pfindens zu dem thatigen des Denkens und Wollens geſchieht alſo nicht anders, als durch einen mittlern Zuſtand aſthetiſcher Freiheit, und, obgleich dieſer Zuſtand an ſich ſelbſt weder für unſere Einſichten, noch Geſinnungen etwas entſcheidet, mithin unſern intellectuellen und moraliſchen Werth ganz und gar problematiſch läßt, ſo iſt er doch die nothwendige Bedingung, unter welcher allein wir zu einer Einſicht und zu einer Geſinnung gelangen können. Mit einem Wort: es gibt keinen andern Weg, den ſinnlichen Menſchen ver⸗ nünftig zu machen, als daß man denſelben zuvor aſthetiſch macht. 97 Aber, möchten Sie mir einwenden, ſollte dieſe Vermitt⸗ lung durchaus unentbehrlich ſeyn? Sollten Wahrheit und Pflicht nicht auch ſchon für ſich allein und durch ſich ſelbſt bei dem ſinnlichen Menſchen Eingang finden konnen? Hier⸗ auf muß ich antworten: ſie können nicht nur, ſie ſollen ſchlechterdings ihre beſtimmende Kraft bloß ſich ſelbſt zu ver⸗ danken haben, und nichts wuͤrde meinen bisherigen Behaup⸗ tungen widerſprechender ſeyn, als wenn ſie das Anſehen hätten, die entgegengeſetzte Meinung in Schutz zu nehmen. Es iſt ausdrücklich bewieſen worden, daß die Schönheit kein Reſultat weder für den Verſtand noch den Willen gebe, daß ſie ſich in kein Geſchäft weder des Denkens noch des Entſchließens miſche, daß ſie zu Beiden bloß das Vermögen ertheile, aber uͤber den wirklichen Gebrauch dieſes Vermögens durchaus nichts beſtimme. Bei dieſem fällt alle fremde Hülfe hinweg, und die reine logiſche Form, der Begriff, muß un⸗ mittelbar zu dem Verſtand, die reine moraliſche Form, das Geſetz, unmittelbar zu dem Willen reden. Aber, daß ſie Dieſes überhaupt nur könne— daß es überhaupt nur eine reine Form für den ſinnlichen Menſchen gebe, Dies, behaupte ich, muß durch die aͤſthetiſche Stim⸗ mung des Gemuths erſt möglich gemacht werden. Die Wahrheit iſt nichts, was ſo, wie die Wirklichkeit oder das ſinnliche Daſeyn der Dinge, von Außen empfangen werden kann; ſie iſt etwas, das die Denkkraft ſelbſtthätig und in ihrer Freiheit hervorbringt, und dieſe Selbſtthätigkeit, dieſe Freiheit iſt es ja eben, was wir bei dem ſinnlichen Menſchen vermiſſen. Der ſinnliche Menſch iſt ſchon(phyſiſch) beſtimmt und hat folglich keine freie Beſtimmbarkeit mehr: dieſe ver⸗ lorne Beſtimmbarkeit muß er nothwendig erſt zuruͤckerhalten, ehe er die leidende Beſtimmung mit einer thatigen vertauſchen Schillecs ſaͤmmtl. Werke. XII. 7 98 kann. Er kann ſie aber nicht anders zuruͤckerhalten, als ent⸗ weder, indem er die paſſive Beſtimmung verliert, die er hatte, oder, indem er die active ſchon in ſich enthalt, zu welcher er übergehen ſoll. Verlöre er bloß die paſſive Beſtimmung, ſo würde er zugleich mit derſelben auch die Möglichkeit einer activen verlieren, weil der Gedanke einen Körper braucht, und die Form nur an einem Stoffe realiſirt werden kann. Er wird alſo die Letztere ſchon in ſich enthal⸗ ten, er wird zugleich leidend und thätig beſtimmt ſeyn, Das heißt, er wird äͤſthetiſch werden müſſen. Durch die aͤſthetiſche Gemüthsſtimmung wird alſo die Selbſtthätigkeit der Vernunft ſchon auf dem Felde der Sinn⸗ lichkeit eröffnet, die Macht der Empfindung ſchon innerhalb ihrer eigenen Graͤnzen gebrochen, und der phyſiſche Menſch ſo weit veredelt, daß nunmehr der geiſtige ſich nach Geſetzen der Freiheit aus demſelben bloß zu entwickeln braucht. Der Schritt von dem äſthetiſchen Zuſtand zu dem logiſchen und moöraliſchen(von der Schönheit zur Wahrheit und zur Pflicht) iſt daher unendlich leichter, als der Schritt von dem phy⸗ ſiſchen Zuſtande zu dem äſthetiſchen(von dem beoßen blinden Leben zur Form) war. Jenen Schritt kann der Menſch durch ſeine bloße Freiheit vollbringen, da er ſich bloß zu nehmen und nicht zu geben, bloß ſeine Natur zu vereinzeln, nicht zu erweitern braucht; der aſthetiſch geſtimmte Menſch wird allgemein gültig urtheilen und allgemein gültig handeln, ſobald er es wollen wird. Den Schritt von der rohen Ma⸗ terie zur Schönheit, wo eine ganz neue Thatigkeit in ihm cröffnet werden ſoll, muß die Natur ihm erleichtern, und ſein Wille kann über eine Stimmung nichts gebieten, die ja dem Willen ſelbſt erſt das Daſeyn gibt. Um den äſthetiſchen Menſchen zur Einſicht und zu großen Geſinnungen zu führen, 99 darf man ihm weiter nichts als wichtige Anlaſſe geben; um von dem ſinnlichen Menſchen eben Das zu erhalten, muß man erſt ſeine Natur verandern. Bei jenem braucht es oft nichts als die Aufforderung einer erhabenen Situation(die am Unmittelbarſten auf das Willensvermögen wirkt), um ihn zum Helden und zum Weiſen zu machen; dieſen muß man erſt unter einen andern Himmel verſetzen. Es gehört alſo zu den wichtigſten Aufgaben der Cultur, den Menſchen auch ſchon in ſeinem bloß phyſiſchen Leben der Form zu unterwerfen und ihn, ſo weit das Neich der Schön⸗ heit nur immer reichen kann, aſthetiſch zu machen, weil nur aus dem aſthetiſchen, nicht aber aus dem phyfiſchen Zuſtande der moraliſche ſich entwickeln kann. Soll der Menſch in jedem einzelnen Fall das Vermögen beſitzen, ſein Urtheil und ſeinen Willen zum Urtheil der Gattung zu machen, ſoll er aus jedem beſchrankten Daſeyn den Durchgang zu einem un⸗ endlichen finden, aus jedem abhangigen Zuſtande zur Selbſt⸗ ſtändigkeit und Freiheit den Aufſchwung nehmen können, ſo muß dafür geſorgt werden, daß er in keinem Momente bloß Individuum ſey und bloß dem Naturgeſetze diene. Soll er fähig und fertig ſeyn, aus dem engen Kreis der Naturzwecke ſich zu Vernunftzwecken zu erheben, ſo muß er ſich ſchon innerhalb der Erſten für die Letztern geübt und ſchon ſeine phyſiſche Beſtimmung mit einer gewiſſen Freiheit der Geiſter, d. i., nach Geſetzen der Schönheit, ausgeführt haben. Und zwar kann er Dieſes, ohne dadurch im Geringſten ſeinem phyſiſchen Zweck zu widerſprechen. Die Anforderungen der Natur an ihn gehen bloß auf Das, was er wirkt, auf den Inhalt ſeines Handelns; über die Art, wie er wirkt, über die Form desſelben, iſt durch die Naturzwecke nichts beſtimmt. Die Anforderungen der Vernunft hingegen 100 ſind ſtreng auf die Form ſeiner Thaͤtigkeit gerichtet. So nothwendig es alſo füͤr ſeine moraliſche Beſtimmung iſt, daß er rein moraliſch ſey, daß er eine abſolute Selbſtthätigkeit beweiſe: ſo gleichguͤltig iſt es fuür ſeine phyſiſche Beſtimmung, ob er rein phyſiſch iſt, ob er ſich abſolut leidend verhält. In Rückſicht auf dieſe Letztere iſt es alſo ganz in ſeine Willkuͤr geſtellt, ob er ſie bloß als Sinnenweſen und als Naturkraft (als eine Kraft nämlich, welche nur wirkt, jenachdem ſie erleidet), oder ob er ſie zugleich als abſolute Kraft, als Ver⸗ nunftweſen ausführen will, und es durfte wohl keine Frage ſeyn, welches von Beiden ſeiner Würde mehr entſpricht. Vielmehr, ſo ſehr es ihn erniedrigt und ſchändet, Dasjenige aus ſinnlichem Antriebe zu thun, wozn er ſich aus reinen Motiven der Pflicht beſtimmt haben ſollte, ſo ſehr ehrt und adelt es ihn, auch da nach Geſetzmaͤßigkeit, nach Harmonie, nach Unbeſchranktheit zu ſtreben, wo der gemeine Menſch nur ſein erlaubtes Verlangen ſtillt.* Mit einem Wort: * Dieſe geiſtreiche und aͤſthetiſch freie Behandlung gemeiner Wirklichkeit iſt, wo man ſie auch antrifft, das Kennzeichen einer edeln Seele. Edel iſt uͤberhaupt ein Gemuͤth zu nennen, welches die Gabe beſitzt, auch das be⸗ ſchränkteſte Geſchaͤft und den kleinlichſten Gegenſtand durch die Behand⸗ lungsweiſe in ein Unendliches zu verwandeln. Edel heißt jede Form, welche Dem, was ſeiner Natur nach bloß dient(bloßes Mittel iſt), das Gepraͤge der Selbſtſtändigkeit aufdrückt. Ein edler Geiſt begnügt ſich nicht damit, ſelbſt frei zu ſeyn; er muß alles Andere um ſich her, auch das Lebloſe, in Freiheit ſetzen. Schoͤnheit aber iſt der einzig moͤgliche Ausdruck der Freiheit in der Erſcheinung. Der vorherrſchende Ausdruck des Verſtandes in einem Geſicht, einem Kunſtwerk u. dgl. kann daher niemals edel ausfallen, wie er denn auch niemals ſchoͤn iſt, weil er die Abhängigkeit(welche von der Zweckmäßigkeit nicht zu trennen iſt) heraushebt, anſtatt ſie zu verbergen. Der Moralphiloſoph lehrt uns zwar, daß man nie mehr thun koͤnne als ſeine Pflicht, und er hat vollkommen Recht, wenn er bloß die Beziehung meint, voelche Handlungen auf das Moralgeſetz haben. Aber bei Handlun⸗ gen, welche ſich bloß auf einen Zweck beziehen, uüͦber dieſen Zweck noch 191 im Gebiete der Wahrheit und Moralitaͤt darf die Empfin⸗ dung nichts zu beſtimmen haben; aber im Bezirke der Glüͤck⸗ ſeligkeit darf Form ſeyn, und darf der Spieltrieb gebieten. Alſo hier ſchon, auf dem gleichgültigen Felde des pho⸗ ſiſchen Lebens, muß der Menſch ſein moraliſches anfangen; noch in ſeinem Leiden muß er ſeine Selbſtthätigkeit, noch innerhalb ſeiner ſinnlichen Schranken ſeine Vernunftfreiheit beginnen. Schon ſeinen Neigungen muß er das Geſetz ſeines Willens auflegen; er muß, wenn Sie mir den Ausdruck verſtatten wollen, den Krieg gegen die Materie in ihre eigene Gränze ſpielen, damit er es überhoben ſey, auf dem heiligen binaus ins Ueberſinnliche gehen(welches hier nichts Anderes heißen kann⸗ als, das Phyſiſche aͤſthetiſch ausfuͤhren), heißt zugleich uͤber die Pflicht hinaus gehen, indem dieſe nur vorſchreiben kann, daß der Wille heilig ſey, nicht, daß auch ſchon die Natur ſich geheiligt habe. Cs gibt alſo zwar kein moraliſches, aber es gibt ein aͤſthetiſches Uebertreffen der Pflicht, und ein ſolches Betragen heißt edel. Eben deßwegen aber, weil bei dem Edelu immer ein Ueberfliuß wahrgenommen wird, indem Dasienige auch einen freien formalen Werth beſitzt, was bloß einen materialen zu haben brauchte, oder mit dem innern Werth, den es haben ſoll, noch einen äußern, der ihm ſehlen duͤrfte, vereinigt, ſo haben Manche aͤſthetiſchen Ueberfluß mit einem moraliſchen verwechſelt und, von der Erſcheinung des Edeln verfuͤhrt, eine Willkuͤr und Zufaͤlligkeit in die Moralitaͤt ſelbſt hineingetragen, wodurch ſie ganz wuͤrde auſgehoben werden. Von einem edeln Botragen iſt ein erhabenes zu unterſcheiden. Das Erſte geht über die ſittliche Verbindlichkeit noch hinaus, aber nicht ſo das Letztere, obgleich wir es ungleich hoͤber als jenes achten. Wir achten es aber nicht deßwegen, weil es den Vernunftbegriff ſeines Objects(des Moralgeſetzes, ſondern, weil es den Erfahrungsbegriff ſeines Subjects(unſere Kenntniſfe menſchlicher Willensgute und Willensſtaͤrke) uͤbertrifft: ſo ſchätzen wir umge⸗ kehrt ein edles Betragen nicht darum, weil es die Natur des Subjects über⸗ ſchreitet, aus der es vielmehr voͤllig zwanglos hervorfließen muß, ſondern, weil es uͤber die Natur ſeines Objects(den phyſiſchen Zweck) binaus in das Geiſterreich ſchreitet. Dort, moͤchte man ſagen, erſtaunen wir über den Sieg, den der Gegenſtand über veu Menſchen davon trägt; bier bewundern wir den Schwung, den der Menſch dem Gegeuſtande gibt. 10² Boden der Freiheit gegen dieſen furchtbaren Feind zu fechten; er muß lernen edler begehren, damit er nicht nöthig habe, erhaben zu wollen. Dieſes wird geleiſtet durch aäſthetiſche Cultur, welche alles Das, worüber weder Naturgeſetze die menſchliche Willkür binden noch Vernunftgeſetze, Geſetzen der Schönheit unterwirft und in der Form, die ſie dem außern Leben gibt, ſchon das innere eröffnet. Vier und zwanzigſter Brief. Es laſſen ſich alſo drei verſchiedene Momente oder Stufen der Entwickelung unterſcheiden, die ſowohl der einzelne Menſch als die ganze Gattung nothwendig und in einer beſtimmten Ordnung durchlaufen müſſen, wenn ſie den ganzen Kreis ihrer Beſtimmung erfüllen ſollen. Durch zufällige Urſachen, die entweder in dem Einfluß der äußern Dinge oder in der freien Willkür des Menſchen liegen, können zwar die ein⸗ zelnen Perioden bald verlängert, bald abgekürzt, aber keine kann ganz überſprungen, und auch die Ordnung, in welcher ſie auf einander folgen, kann weder durch die Natur noch durch den Willen umgekehrt werden. Der Menſch in ſeinem phyſiſchen Zuſtand erleidet bloß die Macht der Natur; er entledigt ſich dieſer Macht in dem aſthetiſchen Zuſtand, und er beherrſcht ſie in dem moraliſchen. Was iſt der Menſch, ehe die Schönheit die freie Luſt ihm entlockt, und die ruhige Form das wilde Leben beſanftigt? Ewig einformig in ſeinen Zwecken, ewig wechſelnd in ſeinen urtheilen, ſelbſtſüchtig, ohne er ſelbſt zu ſeyn, ungebunden, ohne frei zu ſeyn, Sklave, ohne einer Regel zu dienen. In dieſer Epoche iſt ihm die Welt bloß Schickſal, noch nicht 103 Gegenſtand; Alles hat nur Eriſtenz fuͤr ihn, inſof rn es ihm Eriſtenz verſchafft; was ihm weder gibt noch nimmt, iſt ihm gar nicht vorhanden. Einzeln und abgeſchnitten, wie er ſich ſelbſt in der Reihe der Weſen findet, ſteht jede Erſcheinung vor ihm da. Alles, was iſt, iſt ihm durch das Machtwort des Augenblicks; jede Veränderung iſt ihm eine ganz friſche Schöpfung, weil mit dem Nothwendigen in ihm die Noth⸗ wendigkeit außer ihm fehlt, welche die wechſelnden Geſtalten in ein Weltall zuſammenbindet, und, indem das Individuum flieht, das Geſetz auf dem Schauplatze feſthält. Umſonſt läßt die Natur ihre reiche Mannigfaltigkeit an ſeinen Sinnen vorübergehen: er ſieht in ihrer herrlichen Fülle nichts als ſeine Beute, in ihrer Macht und Größe nichts als ſeinen Feind. Entweder er ſtürzt auf die Gegenſtände und will ſie an ſich reißen in der Begierde, oder die Gegenſtände dringen zerſtörend auf ihn ein, und er ſtößt ſie von ſich in der Ver⸗ abſcheuung. In beiden Fällen iſt ſein Verhältniß zur Sin⸗ nenwelt unmittelbare Berührung, und, ewig von ihrem Andrang geängſtigt, raſtlos von dem gebieteriſchen Bedürfniß gequält, findet er nirgends Ruhe als in der Ermattung und nirgends Graͤnzen als in der erſchöpften Begier. Zwar die gewalt'ge Bruſt und der Titanen Kraftvolles Mart iſt ſein.... Gewiſſes Erbtheil; doch es ſchmiedete Der Gott um ſeine Stirn' ein ehern Band. Rath, Maͤßigung und Weisheit und Geduld Verbarg er ſeinem ſcheuen, duͤſtern Blick. Es wird zur Wuth ihm jegliche Begier, Und graͤnzenlos dringt ſeine Wuth umher. Iphigenie auf Tauris. 104 Mit ſeiner Menſchenwuürde unbekannt, iſt er weit ent⸗ fernt, ſie in Andern zu ehren, und, der eigenen wilden Gier ſich bewußt, furchtet er ſie in jedem Geſchöpf, das ihm ahnlich ſieht. Nie erblickt er Andere in ſich, nur ſich in Andern, und die Geſellſchaft, anſtatt ihn zur Gattung aus⸗ zudehnen, ſchließt ihn nur enger und enger in ſein Indivi⸗ duum ein. In dieſer dumpfen Beſchränkung irrt er durch das nachtvolle Leben, bis eine guͤnſtige Natur die Laſt des Stoffes von ſeinen verfinſterten Sinnen wälzt, die Reflexion ihn ſelbſt von den Dingen ſcheidet, und im Widerſcheine des Bewußtſeyns ſich endlich die Gegenſtände zeigen. Dieſer Zuſtand roher Natur läßt ſich freilich, ſo wie er hier geſchildert wird, bei keinem beſtimmten Volk und Zeit⸗ alter nachweiſen: er iſt bloß Idee, aber eine Idee, mit der die Erfahrung in einzelnen Zügen aufs Genaueſte zuſammen⸗ ſtimmt. Der Menſch, kann man ſagen, war nie ganz in dieſem thieriſchen Zuſtand, aber er iſt ihm auch nie ganz entflohen. Auch in den roheſten Subjecten findet man un⸗ verkennbare Spuren von Vernunftfreiheit, ſo wie es in den gebildetſten nicht an Momenten fehlt, die an jenen düſtern Naturſtand erinnern. Es iſt dem Menſchen einmal eigen, das Höchſte und das Niedrigſte in ſeiner Natur zu vereini⸗ gen, und, wenn ſeine Würde auf einer ſtrengen Unterſchei⸗ dung des Einen von dem Andern beruht, ſo beruht auf einer geſchickten Aufhebung dieſes Unterſchieds ſeine Glückſelig⸗ keit. Die Cultur, welche feine Würde mit ſeiner Glückſelig⸗ keit in Uebereinſtimmung bringen ſoll, wird alſo für die böchſte Reinheit jener beiden Principien in ihrer innigſten Vermiſchung zu ſorgen haben. Die erſte Erſcheinung der Vernunft in dem Menſchen iſt darum uach nicht auch der Anfang ſeiner Menſchheir. 105 Dieſe wird erſt durch ſeine Freiheit entſchieden, und die Ver⸗ nunft fängt erſtlich damit an, ſeine ſinnliche Abhäͤngigkeit gränzenlos zu machen: ein Phaͤnomen, das mir fuͤr ſeine Wichtigkeit und Allgemeinheit noch nicht gehörig entwickelt ſcheint. Die Vernunft, wiſſen wir, gibt ſich in dem Menſchen durch die Forderung des Abſoluten(auf ſich ſelbſt Gegrün⸗ deten und Nothwendigen) zu erkennen, welche, da ihr in keinem einzelnen Zuſtand ſeines phyſiſchen Lebens Genüge geleiſtet werden kann, ihn das Phyſiſche ganz und gar zu ver⸗ laſſen und von einer beſchräukten Wirklichkeit zu Ideen auf⸗ zuſteigen nöthigt. Aber, obgleich der wahre Sinn jener Forderung iſt, ihn den Schranken der Zeit zu entreißen und von der ſinnlichen Welt zu einer Idealwelt empor zu führen, ſo kann ſie doch durch eine(in dieſer Epoche der herrſchenden Sinnlichkeit kaum zu vermeidende) Mißdeutung auf das phy⸗ ſiſche Leben ſich richten und den Menſchen, anſtatt ihn unab⸗ hängig zu machen, in die furchtbarſte Knechtſchaft ſtürzen. Und ſo verhält es ſich auch in der That. Auf den Flu⸗ geln der Einbildungskraft verläßt der Menſch die engen Schranken der Gegenwart, in welche die bloße Thierheit ſich einſchließt, um vorwärts nach einer unbeſchränkten Zukunft zu ſtreben; aber, indem vor ſeiner ſchwindelnden Imagi⸗ nation das Unendliche aufgeht, hat ſein Herz noch nicht aufgehört, im Einzelnen zu leben und dem Augenblick zu dienen. Mitten in ſeiner Thierheit uͤberraſcht ihn der Trieb zum Abſoluten— und da in dieſem dumpfen Zuſtande alle ſeine Beſtrebungen bloß auf das Materielle und Zeitliche gehen und bloß auf ſein Individeum ſich begräanzen, ſo wird er durch jene Forderung bloß veranlaßt, ſein Individuum, anſtatt von demſelben zu abſtrahiren, ins Endloſe auszudeh⸗ nen, anſtatt nach Form nach einem unverſiegenden Stoß, 106 anſtatt nach dem Unveranderlichen nach einer ewig dauernden Veranderung und nach einer abſoluten Verſicherung ſeines zeitlichen Daſeyns zu ſtreben. Der namliche Trieb, der ihn, auf ſein Denken und Thun angewendet, zur Wahrheit und Moralität führen ſollte, bringt jetzt, auf ſein Leiden und Empfinden bezogen, nichts als ein unbegränztes Verlangen, als ein abſolutes Bedürfniß hervor. Die erſten Früchte, die er in dem Geiſterreich erntet, ſind alſo Sorge und Furcht: Beides Wirkungen der Vernunft, nicht der Sinn⸗ lichkeit, aber einer Vernunft, die ſich in ihrem Gegenſtand vergreift und ihren Imperativ unmittelbar auf den Stoff anwendet. Früchte dieſes Baumes ſind alle unbedingte Gluͤck⸗ ſeligkeitsſyſteme, ſie moͤgen den heutigen Tag oder das ganze Leben oder, was ſie um nichts ehrwürdiger macht, die ganze Ewigkeit zu ihrem Gegenſtande haben. Eine granzenloſe Dauer des Daſeyns und Wohlſeyns, bloß um des Daſeyns und Wohlſeyns willen, iſt bloß ein Ideal der Begierde, mit⸗ hin eine Forderung, die nur von einer ins Abſolute ſtreben⸗ den Thierheit kann aufgeworfen werden. Ohne alſo durch eine Vernunftäußerung dieſer Art etwas füͤr ſeine Menſch⸗ heit zu gewinnen, verliert er dadurch bloß die glückliche Be⸗ ſchränktheit des Thiers, vor welchem er nun bloß den unbe⸗ neidenswerthen Vorzug beſitzt, über dem Streben in die Ferne den Beſitz der Gegenwart zu verlieren, ohne doch in der ganzen gräͤnzenloſen Ferne je etwas Anderes als die Gegenwart zu ſuchen. Aber, wenn ſich die Vernunft auch in ihrem Object nicht vergreift und in der Frage nicht irrt, ſo wird die Sinnlichkeit noch lange Zeit die Antwort verfalſchen. Sobald der Menſch angefangen hat, ſeinen Verſtand zu brauchen und die Erſcheinungen umher nach Urſachen und Zwecken zu 107 verknuͤpfen, ſo dringt die Vernunft, ihrem Begriffe gemäß, auf eine abſolute Verknüpfung und auf einen unbedingten Grund. Um ſich eine ſolche Forderung auch nur aufwerfen zu koͤnnen, muß der Menſch über die Sinnlichkeit ſchon hin⸗ ausgeſchritten ſeyn; aber eben dieſer Forderung bedient ſie ſich, um den Flüchtling zurückzuholen. Hier wäre nämlich der Punkt, wo er die Sinnenwelt ganz und gar verlaſſen und zum reinen Ideenreich ſich aufſchwingen müßte: denn der Verſtand bleibt ewig innerhalb des Bedingten ſtehen und frägt ewig fort, ohne je auf ein Letztes zu gerathen. Da aber der Menſch, von dem hier geredet wird, einer ſolchen Abſtraction noch nicht fähig iſt, ſo wird er, was er in ſeinem ſinnlichen Erkenntnißkreiſe nicht findet und über denſelben hinaus in der reinen Vernunft noch nicht ſucht, unter demſelben in ſeinem Gefühlkreiſe ſuchen und dem Scheine nach finden. Die Sinnlichkeit zeigt ihm zwar nichts, was ſein eigener Grund waͤre und ſich ſelbſt das Geſetz gäbe; aber ſie zeigt ihm etwas, was von keinem Grunde weiß und kein Geſetz achtet. Da er alſo den fragen⸗ den Verſtand durch keinen letzten und innern Grund zur Ruhe bringen kann, ſo bringt er ihn durch den Begriff des Grundloſen wenigſtens zum Schweigen und bleibt inner⸗ halb der blinden Nöthigung der Materie ſtehen, da er die erhabene Nothwendigkeit der Vernunft noch nicht zu erfaſſen vermag. Weil die Sinnlichkeit keinen andern Zweck kennt als ihren Vortheil und ſich durch keine andere Urſache als den blinden Zufall getrieben fühlt, ſo macht er jenen zum Beſtimmer ſeiner Handlungen und dieſen zum Beherriher der Welt. Selbſt das Heilige im Menſchen, das Moralgeſetz, kann bei ſeiner erſten Erſcheinung in der Sinnlichkeit dieſer 108 Verfälſchung nicht entgehen. Da es bloß verbietend und gegen das Intereſſe ſeiner ſinnlichen Selbſtliebe ſpricht, ſo muß es ihm ſo lange als etwas Auswärtiges erſcheinen, als er noch nicht dahin gelangt iſt, jene Selbſtliebe als das Auswaͤrtige und die Stimme der Vernunft als ſein wahres Selbſt anzu⸗ ſehen. Er empfindet alſo bloß die Feſſeln, welche die Letztere ihm anlegt, nicht die unendliche Befreiung, die ſie ihm ver⸗ ſchafft. Ohne die Würde des Geſetzgebers in ſich zu ahnen, empfindet er bloß den Zwang und das unmächtige Wider⸗ ſtreben des Unterthans. Weil der ſinnliche Trieb dem mora⸗ liſchen in ſeiner Erfahrung vorhergeht, ſo gibt er dem Geſetz der Nothwendigkeit einen Anfang in der Zeit, einen poſitiven Urſprung, und durch den unglückſeligſten aller Irrthümer macht er das Unveranderliche und Ewige in ſich zu einem Accidens des Vergaͤnglichen. Er überredet ſich, die Begriffe von Recht und Unrecht als Statuten anzuſehen, die durch einen Willen eingefuͤhrt wurden, nicht, die an ſich ſelbſt und in alle Ewigkeit gültig ſind. Wie er in Erklärung einzelner Naturphänomene üͤber die Natur hinausſchreitet und außerhalb derſelben ſucht, was nur in ihrer innern Ge⸗ ſetzmäßigkeit kann gefunden werden, eben fo ſchreitet er in Erklärung des Sittlichen über die Vernunft hinaus und ver⸗ ſcherzt ſeine Menſchheit, indem er auf dieſem Weg eine Gottheit ſucht. Kein Wunder, wenn eine Religion, die mit Wegwerfung ſeiner Menſchheit erkauft wurde, ſich einer ſolchen Abſtammung würdig zeigt, wenn er Geſetze, die nicht von Ewigkeit her banden, auch nicht für unbedingt und in alle Ewigkeit bindend halt. Er hat es nicht mit einem hei⸗ ligen, bloß mit einem mächtigen Weſen zu thun. Der Geiſt ſeiner Gottesverehrung iſt alſo Furcht, die ihn erniedrigt, nicht Ehrfurcht, die ihn in ſeiner eigenen Schatzung erhebt. 109 Obgleich dieſe mannigfaltigen Abweichungen des Menſchen von dem Ideale ſeiner Beſtimmung nicht alle in der näm⸗ lichen Epoche Statt haben können, indem derſelbe von der Gedankenloſigkeit zum Irrthum, von der Willenloſigkeit zur Willensverderbniß mehrere Stufen zu durchwandern hat, ſo gehören doch alle zum Gefolge des phyſiſchen Zuſtandes, weil in allen der Trieb des Lebens über den Formtrieb den Meiſter ſpielt. Es ſey nun, daß die Vernunft in dem Menſchen noch gar nicht geſprochen habe, und das Phyſiſche noch mit blinder Nothwendigkeit über ihn herrſche, oder, daß ſich die Vernunft noch nicht genug von den Sinnen ge⸗ reinigt habe, und das Moraliſche dem Phyſiſchen noch diene: ſo iſt in beiden Fällen das einzige in ihm gewalthabende Princip ein materielles, und der Menſch, wenigſtens ſeiner letzten Tendenz nach, ein ſinnliches Weſen; mit dem einzigen Unterſchied, daß er in dem erſten Fall ein vernunftloſes, in dem zweiten ein vernünftiges Thier iſt. Er ſoll aber Keines von Beiden, er ſoll Menſch ſeyn; die Natur ſoll ihn nicht ausſchließend, und die Vernunft ſoll ihn nicht bedingt be⸗ herrſchen. Beide Geſetzgebungen ſollen vollkommen unab⸗ hängig von einander beſtehen und dennoch vollkommen einig ſeyn. Fünf und zwanzigſter Brief. Solange der Menſch, in ſeinem erſten phyſiſchen Zu⸗ ſtande, die Sinnenwelt bloß leidend in ſich aufnimmt, bloß empfindet, iſt er auch noch völlig Eins mit derſelben, und eben, weil er ſelbſt bloß Welt iſt, ſo iſt für ihn noch keine Welt. Erſt, wenn er in ſeinem äſthetiſchen Stande ſie außer ſich ſtellt oder betrachtet, ſondert ſich ſeine Perſönlichkeit 110 von ihr ab, und es erſcheint ihm eine Welt, weil er aufge⸗ hört hat, mit derſelben Eins auszumachen,* Die Betrachtung(Reflexion) iſt das erſte liberale Ver⸗ hältniß des Menſchen zu dem Weltall, das ihn umgibt. Wenn die Begierde ihren Gegenſtand unmittelbar ergreift, ſo rückt die Betrachtung den ihrigen in die Ferne und macht ihn eben dadurch zu ihrem wahren und unverlierbaren Eigen⸗ thum, daß ſie ihn vor der Leidenſchaft flüchtet. Die Noth⸗ wendigkeit der Natur, die ihn im Zuſtand der bloßen Em⸗ pfindung mit ungetheilter Gewalt beherrſchte, laͤßt bei der Reflexion von ihm ab, in den Sinnen erfolgt ein augenblick⸗ licher Friede, die Zeit ſelbſt, das ewig Wandelnde, ſteht ſtill, indem des Bewußtſeyns zerſtreute Strahlen ſich ſammeln, und ein Nachbild des Unendlichen, die Form, reflectirt ſich auf dem vergaͤnglichen Grunde. Sobald es Licht wird in dem Menſchen, iſt auch außer ihm keine Nacht mehr; ſobald es ſtille wird in ihm, legt ſich auch der Sturm in dem Weltall, und die ſtreitenden Kraͤfte der Natur finden * Ich erinnere noch einmal, daß dieſe beiden Perioden zwar in der Idee nothwendig von einander zu trennen ſind, in der Erfahrung aber ſich mehr oder weniger vermiſchen. Auch muß man nicht denken, als ob es eine Zeit gegeben habe, wo der Menſch nur in dieſem phyſiſchen Stande ſich befunden, und eine Zeit, wo er ſich ganz von demſelben wosgemacht haͤtte. Sobald der Menſch einen Gegenſtand ſieht, ſo iſt er ſchon nicht mehr in einem loß phyſiſchen Zuſtand, und, ſolang er ſortfahren wird, einen Gegenſtand zu ſehen, wird er auch jenem phyſiſchen Stand nicht entlauſen, weil er ja nur ſehen kann, inſofern er empändet. Jene drei Momente, welche ich am Anfang des vier und zwanzigſten Briefs namhaft machte, ſend alſo zwar⸗ im Ganzen betrachtet, drei verſchiedene Epochen fuͤr die Entwickelung der ganzen Menſchheit und für die ganze Entwickelung eines einzelnen Men⸗ ſchen; aber ſie laſſen ſich auch bei jeder einzelnen Wayrnehmung eines Objects unterſcheiden und ſind mit einem Worte die nothwendigen Bedingungen jeder Erkenntniö, die wir durch die Sinne erhalten. 111 Ruhe zwiſchen bleibenden Gränzen. Daher kein Wunder, wenn die uralten Dichtungen von dieſer großen Begebenheit im Innern des Menſchen als von einer Revolution in der Außenwelt reden und den Gedanken, der über die Zeitgeſetze ſiegt, unter dem Bilde des Zeus verſinnlichen, der das Reich des Saturnus endigt. Aus einem Sklaven der Natur, ſolang er ſie bloß em⸗ pfindet, wird der Menſch ihr Geſetzgeber, ſobald er ſie denkt. Die ihn vordem nur als Macht beherrſchte, ſteht jetzt als Object vor ſeinem Blick. Was ihm Object iſt, hat keine Gewalt über ihn, denn, um Object zu ſeyn, muß es die ſeinige erfahren. Soweit er der Materie Form gibt, und ſolang er ſie gibt, iſt er ihren Wirkungen unverletzlich: denn einen Geiſt kann nichts verletzen, als was ihm die Freiheit raubt, und er beweist ja die ſeinige, indem er das Formloſe bildet. Nur, wo die Maſſe ſchwer und geſtaltlos herrſcht, und zwiſchen unſichern Gränzen die trüben Umriſſe wanken, hat die Furcht ihren Sitz; jedem Schreckniß der Natur iſt der Menſch überlegen, ſobald er ihm Form zu geben und es in ſein Object zu verwandeln weiß. Sowie er anfängt, feine Selbſtſtandigkeit gegen die Natur als Erſcheinung zu behaup⸗ ten, ſo behauptet er auch gegen die Natur als Macht ſeine Würde, und mir edler Freiheit richtet er ſich auf gegen ſeine Gotter. Sie werfen die Geſpenſterlarven ab, womit ſie ſeine Kindheit geängſtigt hatten, und uͤberraſchen ihn mit ſeinem eigenen Bild, indem ſie ſeine Vorſtellung werden. Das göttliche Monſtrum des Morgenländers, das mit der blinden Starke des Raubthiers die Welt verwaltet, zieht ſich in der griechiſchen Fantaſie in den freundlichen Contour der Menſch⸗ heit zuſammen, das Reich der Titanen fallt, und die un⸗ endliche Kraft iſt durch die unendliche Form gebandigt, 112 Aber, indem ich bloß einen Ausgang aus der materiellen Welt und einen Uebergang in die Geiſterwelt ſuchte, hat mich der Lauf meiner Einbildungskraft ſchon mitten in die Letztere hineingeführt. Die Schönheit, die wir ſuchen, liegt bereits hinter uns, und wir haben ſie uͤberſprungen, indem wir von dem bloßen Leben unmittelbar zu der reinen Geſtalt und zu dem reinen Object üͤbergingen. Ein ſolcher Sprung iſt nicht in der menſchlichen Natur, und, um gleichen Schritt mit dieſer zu halten, werden wir zu der Sinnenwelt wieder umkehren müſſen. Die Schönheit iſt allerdings das Werk der freien Be⸗ trachtung, und wir treten mit ihr in die Welt der Ideen— aber, was wohl zu bemerken iſt, ohne darum die ſinnliche Welt zu verlaſſen, wie bei Erkenntniß der Wahrheit geſchieht. Dieſe iſt das reine Product der Abſonderung von Allem, was materiell und zufällig iſt, reines Object, in welchem keine Schranke des Subjects zurückbleiben darf, reine Selbſt⸗ thätigkeit ohne Beimiſchung eines Leidens. Zwar gibt es auch von der höchſten Abſtraction einen Rückweg zur Sinn⸗ lichkeit: denn der Gedanke ruͤhrt die innere Empfindung, und die Vorſtellung logiſcher und moraliſcher Einheit geht in ein Gefühl ſinnlicher Uebereinſtimmung uͤber. Aber, wenn wir uns an Erkenntniſſen ergötzen, ſo unterſcheiden wir ſehr genau unſere Vorſtellung von unſerer Empfindung und ſehen dieſe Letztere als etwas Zufälliges an, was gar wohl weg⸗ bleiben könnte, ohne daß deßwegen die Erkenntniß aufhörte, und Wahrheit nicht Wahrheit wäare. Aber ein ganz vergeb⸗ liches Unternehmen wuͤrde es ſeyn, dieſe Beziehung auf das Empfindungsvermögen von der Vorſtellung der Schönheit abſondern zu wollen: daher wir nicht damit ausreichen, uns die Eine als den Effect der Andern zu denken, ſondern Beide 113 zugleich und wechſelſeitig als Effect und als Urſache anſehen müͤſſen. In unſerm Vergnugen an Erkenntniſſen unterſchei⸗ den wir ohne Mühe den Uebergang von der Thaätigkeit zum Leiden und bemerken deutlich, daß das Erſte vorüber iſt, wenn das Letztere eintritt. In unſerm Wohlgefallen an der Schoͤnheit hingegen laßt ſich keine ſolche Succeſſion zwi⸗ ſchen der Thätigkeit und dem Leiden unterſcheiden, und die Reſlexion zerfließt hier ſo vollkommen mit dem Gefühle, daß wir die Form unmittelbar zu empfinden glauben. Die Schönheit iſt alſo zwar Gegenſrand für uns, weil die Reflexion die Bedingung iſt, unter der wir eine Empfindung von ihr haben; zugleich aber iſt ſie ein Zuſtand unſers Subjects, weil das Gefuͤhl die Bedingung iſt, unter der wir eine Vorſtellung von ihr haben. Sie iſt alſo zwar Form, weil wir ſie betrachten; zugleich aber iſt ſie Leben, weil wir ſie fühlen. Mit einem Wort: ſie iſt zugleich unſer Zuſtand und unſere That. Und eben, weil ſie dieſes Beides zugleich iſt, ſo dient ſie uns alſo zu einem ſiegenden Beweis, daß das Leiden die Thätigkeit, daß die Materie die Form, daß die Beſchränkung die Unendlichkeit keineswegs ausſchließe— daß mithin durch die nothwendige phyſiſche Abhängigkeit des Menſchen ſeine moöraliſche Freiheit keineswegs aufgehoben werde. Sie be⸗ weist Dieſes, und, ich muß hinzuſetzen, ſie allein kann es uns beweiſen. Denn da beim Genuß der Wahrheit oder der logiſchen Einheit die Empfindung mit dem Gedanken nicht nothwendig Eins iſt, ſondern auf denſelben zufallig folgt, ſo kann uns dieſelbe bloß beweiſen, daß auf eine ver⸗ nünftige Natur eine ſinnliche folgen könne, und umgekehrt, nicht, daß Beide zuſammen beſtehen, nicht, daß ſie wech⸗ ſelſeitig auf einander wirken, nicht, daß ſie abſolut und Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 8 114 nothwendig zu vereinigen ſind. Vielmehr müßte ſich gerade um⸗ gekehrt aus dieſer Ausſchließung des Gefühls, ſolange gedacht wird, und des Gedankens, ſolange empfunden wird, auf eine Unvereinbarkeit beider Naturen ſchließen laſſen, wie denn auch wirklich die Analyſten keinen beſſern Beweis für die Ausfüͤhrung reiner Vernunft in der Menſchheit anzu⸗ führen wiſſen, als den, daß ſie geboten iſt. Da nun aber bei dem Genuß der Schoͤnheit oder der aͤſthetiſchen Ein⸗ heit eine wirkliche Vereinigung und Auswechſelung der Materie mit der Form und des Leidens mit der Thaäͤtigkeit vor ſich geht, ſo iſt eben dadurch die Vereinbarkeit beider Naturen, die Ausführbarkeit des Unendlichen in der Endlichkeit, mithin die Möglichkeit der erhabenſten Menſchheit bewieſen. Wir duürfen alſo nicht mehr verlegen ſeyn, einen Ueber⸗ gang von der ſinnlichen Abhängigkeit zu der moraliſchen Frei⸗ heit zu finden, nachdem durch die Schönheit der Fall gegeben iſt, daß die Letztere mit der Erſtern vollkommen zuſammen beſtehen könne, und daß der Menſch, um ſich als Geiſt zu erweiſen, der Materie nicht zu entfliehen brauche. Iſt er aber ſchon in Gemeinſchaft mit der Sinnlichkeit frei, wie das Factum der Schönheit lehrt, und iſt Freiheit etwas Ab⸗ ſolutes und Ueberſinnliches, wie ihr Begriff nothwendig mit ſich bringt, ſo kann nicht mehr die Frage ſeyn, wie er dazu gelange, ſich von den Schranken zum Abſoluten zu erheben, ſich in ſeinem Denken und Wollen der Sinnlichkeit entgegen⸗ zuſetzen, da Dieſes ſchon in der Schönheit geſchehen iſt. Es kann, mit einem Wort, nicht mehr die Frage ſeyn, wie er von der Schoͤnheit zur Wahrheit übergehe, die dem Ver⸗ mögen nach ſchon in der Erſten liegt, ſondern, wie er von einer gemeinen Wirklichkeit zu einer aſthetiſchen, wie er von bloßen Lebensgefühlen zu Schönheitsgefühlen den Weg ſich bahne. 115 Sechs und zwanzigſter Brief. Da die aſthetiſche Stimmung des Gemuͤths, wie ich in den vorhergehenden Briefen entwickelt habe, der Freiheit erſt die Entſtehung gibt, ſo iſt leicht einzuſehen, daß ſie nicht aus derſelben entſpringen und folglich keinen moraliſchen Urſprung haben könne. Ein Geſchenk der Natur muß ſie ſeyn; die Gunſt der Zufälle allein kann die Feſſeln des phy⸗ ſiſchen Standes löſen und den Wilden zur Schönheit führen. Der Keim der Letztern wird ſich gleich wenig entwickeln, wo eine karge Natur den Menſchen jeder Erquickung beraubt, und wo eine verſchwenderiſche ihn von jeder eigenen Anſtren⸗ gung losſpricht— wo die ſtumpfe Sinnlichkeit kein Bedurfniß fühlt, und wo die heftige Begier keine Sättigung finder. Nicht da, wo der Menſch ſich troglodytiſch in Höͤhlen birgt, ewig einzeln iſt und die Menſchheit nie außer ſich fiudet, auch nicht da, wo er nomadiſch in großen Heer⸗ maſſen zieht, ewig nur Zahl iſt und die Menſchheit nie in ſich findet— da allein, wo er in eigener Hütte ſtill mit ſich ſelbſt und, ſobald er heraustritt, mit dem ganzen Ge⸗ ſchlechte ſpricht, wird ſich ihre liebliche Knoſpe entfalten. Da, wo ein leichter Aether die Sinne jeder leiſen Berührung eröffnet, und den üppigen Stoff eine energiſche Wärme be⸗ ſeelt— wo das Reich der blinden Maſſe ſchon in der leb⸗ loſen Schöpfung geſtürzt iſt, und die ſiegende Form auch die niedrigſten Naturen veredelt— dort in den fröhlichen Ver⸗ hältniſſen und in der geſegneten Zone, wo nur die Thaͤtigkeit zum Genuſſe und nur der Genuß zur Thatigkeit führt, wo aus dem Leben ſelbſt die heilige Ordnung quillt, und aus dem Geſetz der Ordnung ſich nur Leben entwickelt— wo die Einbildungskraft der Wirklichkeit ewig entflieht und dennoch 116 von der Einfalt der Natur nie verirrt— hier allein werden ſich Sinne und Geiſt, empfangende und bildende Kraft in dem glücklichen Gleichmaß entwickeln, welches die Seele der Schoͤnheit und die Bedingung der Menſchheit iſt. Und was iſt es für ein Phaͤnomen, durch welches ſich bei dem Wilden der Eintritt in die Menſchheit verküͤndigt? So weit wir auch die Geſchichte befragen, es iſt dasſelbe bei allen Völkerſtämmen, welche der Sklaverei des thieriſchen Standes entſprungen ſind: die Freude am Schein, die Neigung zum Putz und zum Spiele. Die hoͤchſte Stupidität und der hoͤchſte Verſtand haben darin eine gewiſſe Affinitat miteinander, daß Beide nur das Reelle ſuchen und für den bloßen Schein gaäͤnzlich unem⸗ pfindlich ſind. Nur durch die unmittelbare Gegenwart eines Objects in den Sinnen wird jene aus ihrer Ruhe geriſſen, und nur durch Zurückfuͤhrung ſeiner Begriffe auf Thatſachen der Erfahrung wird der Letztere zur Ruhe gebracht; mit einem Wort, die Dummheit kann ſich nicht über die Wirk⸗ lichkeit erheben, und der Verſtand nicht unter der Wahrheit ſtehen bleiben. Inſofern alſo das Bedürfniß der Realitat und die Anhaͤnglichkeit an das Wirkliche bloße Folgen des Mangels ſind, iſt die Gleichgültigkeit gegen Realitaͤt und das Intereſſe am Schein eine wahre Erweiterung der Menſch⸗ heit und ein entſchiedener Schritt zur Cultur. Fürs Erſte zeugt es von einer äußern Freiheit: denn, ſolange die Noth gebietet, und das Bedürfuiß drangt, iſt die Einbildungskraft mit ſtrengen Feſſeln an das Wirkliche gebunden; erſt, wenn das Bedürfniß geſlillt iſt, entwickelt ſie ihr ungebundenes Vermoͤgen. Es zeugt aber auch von einer innern Freiheit, weil es uns eine Kraft ſehen laͤßt, die unabhangig von einem aͤußern Stoffe ſich durch ſich ſelbſt in Bewegung ſetzt und 117 Energie genug beſitzt, die andringende Materie von ſich zu halten. Die Realität der Dinge iſt ihr(der Dinge) Werk; der Schein der Dinge iſt des Menſchen Werk, und ein Ge⸗ müͤth, das ſich am Scheine weidet, ergötzt ſich ſchon nicht mehr an Dem, was es empfängt, ſondern an Dem, was es thut. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß hier nur von dem aͤſthe⸗ tiſchen Schein die Rede iſt, den man von der Wirklichkeit und Wahrheit unterſcheidet, nicht von dem logiſchen, den man mit derſelben verwechſelt— den man folglich liebt, weil er Schein iſt, und nicht, weil man ihn füͤr erwas Beſſeres hält. Nur der Erſte iſt Spiel, da der Letzte bloß Betrug iſt. Den Schein der erſtern Art für etwas gelten laſſen, kann der Wahrheit niemals Eintrag thun, weil man nie Gefahr läuft, ihn derſelben unterzuſchieben, was doch die einzige Art iſt, wie der Wahrheit geſchadet werden kann; ihn verachten, heißt alle ſchöne Kunſt uberhaupt verachten, deren Weſen der Schein iſt. Indeſſen begegnet es dem Ver⸗ ſtande zuweilen, ſeinen Eifer füͤr Realität bis zu einer ſolchen Unduldſamkeit zu treiben und uͤber die ganze Kunſt des ſchönen Scheins, weil ſie bloß Schein iſt, ein wegwerfendes urtheil zu ſprechen; Dies begegnet aber dem Verſtande nur alsdann, wenn er ſich der obengedachten Affinitat erinnert. Von den nothwendigen Gränzen des ſchönen Scheins werde ich noch einmal insbeſondere zu reden Veranlaſſung nehmen. Die Natur ſelbſt iſt es, die den Menſchen von der Realität zum Scheine emporhebt, indem ſie ihn mit zwei Sinnen ausrüſtete, die ihn bloß durch den Schein zur Er⸗ kenntniß des Wirklichen führen. In dem Auge und dem Ohr iſt die andringende Materie ſchon hinweggewalzt von den Sinnen, und das Object entfernt ſich von uns, das wir 118 in den thieriſchen Sinnen unmittelbar berühren. Was wir durch das Auge ſehen, iſt von Dem verſchieden, was wir empfinden: denn der Verſtand ſpringt über das Licht hin⸗ aus zu den Gegenſtaͤnden. Der Gegenſtand des Takts iſt eine Gewalt, die wir erleiden; der Gegenſtand des Anges und des Ohrs iſt eine Form, die wir erzeugen. Solange der Menſch noch ein Wilder iſt, genießt er bloß mit den Sinnen des Gefuͤhls, denen die Sinne des Scheins in dieſer Periode bloß dienen. Er erhebt ſich entweder gar nicht zum Sehen, oder er befriedigt ſich doch nicht mit demſelben. So⸗ kald er anfangt, mit dem Auge zu genießen, und das Sehen fur ihn einen ſelbſtſtändigen Werth erlangt, ſo iſt er auch ſchon aſthetiſch frei, und der Spieltrieb hat ſich entfaltet. Gleich, ſowie der Spieltrieb ſich regt, der am Scheine Gefallen findet, wird ihm auch der nachahmende Bildungs⸗ trieb folgen, der den Schein als etwas Selbſtſtändiges be⸗ handelt. Sobald der Menſch einmal ſo weit gekommen iſt, den Schein von der Wirklichkeit, die Form von dem Koͤrper zu unterſcheiden, ſo iſt er auch im Stande, ſie von ihm ab⸗ zuſondern: denn Das hat er ſchon gethan, indem er ſie unterſcheidet. Das Vermoͤgen zur nachahmenden Kunſt iſt alſo mit dem Vermögen zur Form uͤberhaupt gegeben; der Drang zu derſelben beruht auf einer andern Anlage, von der ich hier nicht zu handeln brauche. Wie frühe oder wie ſpat ſich der aſthetiſche Kunſttrieb entwickeln ſoll, Das wird bloß von dem Grade der Liebe abhaͤngen, mit der der Menſch fühig iſt, ſich bei dem bloßen Schein zu verweilen. Da alles wirkliche Daſeyn von der Natur, als einer fremden Macht, aller Schein aber urſprünglich von dem Menſchen, als vorſtellendem Subjecte, ſich herſchreibt, ſo bedient er ſich bloß ſeines abſoluten Eigenthumsrechts, wenn 119 er den Schein von dem Weſen zuruͤcknimmt und mit dem⸗ ſelben nach eigenen Geſetzen ſchaltet. Mit ungebundener Freiheit kann er, was die Natur trennte, zuſammenfügen, ſobald er es nur irgend zuſammendenken kann, und trennen, was die Natur verknüpfte, ſobald er es nur in ſeinem Ver⸗ ſtande abſondern kann. Nichts darf ihm hier heilig ſeyn, als ſein eigenes Geſetz, ſobald er nur die Markung in Acht nimmt, welche ſein Gebiet von dem Daſeyn der Dinge oder dem Naturgebiete ſcheidet. 3 Dieſes menſchliche Herrſcherrecht übt er aus in der Kunſt des Scheins, und, je ſtrenger er hier das Mein und Dein von einander ſondert, je ſorgfältiger er die Geſtalt von dem Weſen trennt, und je mehr Selbſtſtäͤndigkeit er derſelben zu geben weiß, deſto mehr wird er nicht bloß das Reich der Schoͤnheit erweitern, ſondern ſelbſt die Gränzen der Wahr⸗ heit bewahren: denn er kann den Schein nicht von der Wirklichkeit reinigen, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Schein frei zu machen. Aber er beſitzt dieſes ſouveraine Recht ſchlechterdings auch nur in der Welt des Scheins, in dem weſenloſen Reich der Einbildungskraft, und nur, ſolang er ſich im Theoretiſchen gewiſſenhaft enthält, Exiſtenz davon auszuſagen, und ſolang er im Praktiſchen darauf Verzicht thut, Exiſtenz dadurch zu ertheilen. Sie ſehen hieraus, daß der Dichter auf gleiche Weiſe aus ſeinen Gränzen tritt, wenn er ſeinem Ideal Exiſtenz beilegt, und wenn er eine beſtimmte Exiſtenz damit bezweckt. Denn Beides kann er nicht anders zu Stande bringen, als, indem er entweder ſein Dichterrecht über⸗ ſchreitet, durch das Ideal in das Gebiet der Erfahrung greift und durch die bloße Möglichkeit wirkliches Daſeyn zu beſtimmen ſich anmaßt, oder, indem er ſein Dichterrecht aufgibt, die 120 Erfahrung in das Gebiet des Ideals greifen läßt und die Möglichkeit auf die Bedingungen der Wirklichkeit einſchraͤnkt. Nur, ſoweit er aufrichtig iſt(ſich von allem Anſpruch auf Reglitaͤt ausdrücklich losſagt), und nur, ſoweit er ſelbſt⸗ ſtändig iſt(allen Beiſtand der Realität entbehrt), iſt der Schein äſthetiſch. Sobald er falſch iſt und Realitat heuchelt, und ſobald er unrein und der Reglität zu ſeiner Wirkung bedürftig iſt, iſt er nichts als ein niedriges Werkzeug zu materiellen Zwecken und kann nichts für die Freiheit des Geiſtes beweiſen. Uebrigens iſt es gar nicht nöthig, daß der Gegenſtand, an dem wir den ſchönen Schein finden, ohne Realität ſey, wenn nur unſer Urtheil darüber auf dieſe Rea⸗ lität keine Rückſicht nimmt: denn, ſoweit es dieſe Rückſicht nimmt, iſt es kein äſthetiſches. Eine lebende weibliche Schön⸗ heit wird uns freilich eben ſo gut und noch ein wenig beſſer als eine eben ſo ſchoͤne bloß gemalte gefallen; aber, inſoweit ſie uns beſſer gefallt als die Letztere, gefaͤllt ſie nicht mehr als ſelbſtſtäͤndiger Schein, gefällt ſie nicht mehr dem reinen äſthetiſchen Gefuͤhl: dieſem darf auch das Lebendige nur als Erſcheinung, auch das Wirkliche nur als Idee gefallen; aber freilich erfordert es noch einen ungleich höhern Grad der ſchönen Eultur, in dem Lebendigen ſelbſt nur den reinen Schein zu empfinden, als, das Leben an dem Schein zu entbehren. Bei welchem einzelnen Menſchen oder ganzen Volk man den aufrichtigen und ſelöſtſtaͤndigen Schein findet, da darf man auf Geiſt und Geſchmack und jede damit verwandte Trefflichkeit ſchließen— da wird man das Ideal, das wirkliche Leben regieren, die Ehre über den Beſitz, den Gedanken über den Genuß, den Traum der Unſterblichkeit über die Exiſtenz triumphiren ſehen. Da wird die öffentliche Stimme das einzig Furchtbare ſeyn, und ein Olivenkranz höher als 121 ein Purpurkleid ehren. Zum falſchen und beduͤrftigen Schein nimmt nur die Unmacht und die Verkehrtheit ihre Zuflucht, und einzelne Menſchen ſowohl als ganze Völker, welche ent⸗ weder„der Realität durch den Schein oder dem(äſthetiſchen) Schein durch Realität nachhelfen“— Beides iſt gern ver⸗ bunden— beweiſen zugleich ihren moraliſchen Unwerth und ihr aſthetiſches Unvermögen. Auf die Frage:„Inwieweit darf Schein in der moraliſchen Welt ſeyn?“ iſt alſo die Antwort ſo kurz als buͤndig dieſe: Inſoweit es äſthetiſcher Schein iſt, d. h., Schein, der weder Realität vertreten will, noch von derſelben vertreten zu werden braucht. Der aſthetiſche Schein kann der Wahrheit der Sitten niemals gefährlich werden, und, wo man es anders findet, da wird ſich ohne Schwierig⸗ keit zeigen laſſen, daß der Schein nicht aſthetiſch war. Nur ein Fremdling im ſchönen Umgang z. B. wird Verſicherun⸗ gen der Höoͤflichkeit, die eine allgemeine Form iſt, als Merk⸗ male perſönlicher Zuneigung aufnehmen und, wenn er ge⸗ taͤuſcht wird, über Verſtellung klagen. Aber auch nur ein Stuͤmper im ſchönen Umgang wird, um höflich zu ſeyn, die Falſchzeit zu Hülfe rufen und ſchmeicheln, um gefaͤllig zu ſeyn. Dem Erſten fehlt noch der Sinn für den ſelbſtſtaändi⸗ gen Schein, daher kann er demſelben nur durch die Wahr⸗ heit Bedeutung geben; dem Zweiten fehlt es an Realität, und er moͤchte ſie gern durch den Schein erſetzen. Nichts iſt gewöhnlicher, als von gewiſſen trivialen Kri⸗ tikern des Zeitalters die Klage zu vernehmen, daß alle Solidität aus der Welt verſchwunden ſey, und das Weſen über dem Schein vernachläſſigt werde. Obgleich ich mich gar nicht beruſen fühle, das Zeitalter gegen dieſen Vorwurf zu recht⸗ fertigen, ſo geht doch ſchon aus der weiten Ausdehnung, 122 welche dieſe ſtrengen Sittenrichter ihrer Anklage geben, ſatt⸗ ſam hervor, daß ſie dem Zeitalter nicht bloß den falſchen, ſondern auch den aufrichtigen Schein verargen; und ſogar die Ausnahmen, welche ſie noch etwa zu Gunſten der Schönheit machen, gehen mehr auf den bedürftigen als auf den ſelbſt⸗ ſtäͤndigen Schein. Sie greifen nicht bloß die betrügeriſche Schminke an, welche die Wahrheit verbirgt, welche die Wirk⸗ lichkeit zu vertreten ſich anmaßt; ſie ereifern ſich auch gegen den wohlthätigen Schein, der die Leerheit ausfullt und die Armſeligkeit zudeckt, auch gegen den idealiſchen, der eine gemeine Wirklichkeit veredelt. Die Falſchheit der Sitten beleidigt mit Recht ihr ſtrenges Wahrheitsgefühl; nur Schade, daß ſie zu dieſer Falſchheit auch ſchon die Höͤflichkeit rechnen. Es mißfällt ihnen, daß außerer Flitterglanz ſo oft das wahre Verdienſt verdunkelt; aber es verdrießt ſie nicht weniger, daß man auch Schein vom Verdienſte fordert und dem innern Gehalte die gefällige Form nicht erlaßt. Sie vermiſſen das Herzliche, Kernhafte und Gediegene der vorigen Zeiten; aber ſie moͤchten auch das Eckige und Derbe der erſten Sitten, das Schwerfällige der alten Formen und den ehemaligen gothiſchen Ueberfluß wieder eingefuührt ſehen. Sie beweiſen durch Urtheile dieſer Art dem Stoff an ſich ſelbſt eine Achtung, die der Menſchheit nicht wurdig iſt, welche viel⸗ mehr das Materielle nur inſofern ſchatzen ſoll, als es Geſtalt zu empfangen und das Reich der Ideen zu verbreiten im Stande iſt. Auf ſelche Stimmen braucht alſo der Geſchmack des Jahrhunderts nicht ſehr zu hören, wenn er nur ſonſt vor einer beſſern Inſtanz beſteht. Nicht, daß wir einen Werth auf den äͤſthetiſchen Schein legen(wir thun Dies noch lange nicht genug), ſondern, daß wir es noch nicht bis zu dem reinen Schein gebracht haben, daß wir das Daſeyn 123 noch nicht genug von der Erſcheinung geſchieden und dadurch Beider Gränzen auf ewig geſichert haben, Dies iſt es, was uns ein rigoriſtiſcher Richter der Schonheit zum Vorwurf machen kann. Dieſen Vorwurf werden wir ſo lange verdie⸗ nen, als wir das Schoͤne der lebendigen Natur nicht genießen können, ohne es zu begehren, das Schoͤne der nachahmenden Kunſt nicht bewundern können, ohne nach einem Zwecke zu fragen— als wir der Einbildungskraft noch keine eigene abſolute Geſetzgebung zugeſtehen und durch die Achtung, die wir ihren Werken erzeugen, ſie auf ihre Würde hinweiſen. Sieben uond zwanzigſter Brief. Fuͤrchten Sie nichts für Realitat und Wahrheit, wenn der hohe Begriff, den ich in dem vorhergehenden Briefe von dem aͤſthetiſchen Schein aufſtellte, allgemein werden ſollte. Er wird nicht allgemein werden, ſolange der Menſch noch ungebildet genug iſt, um einen Mißbrauch davon machen zu können; und, wuͤrde er allgemein, ſo koͤnnte Dies nur durch eine Cultur bewirkt werden, die zugleich jeden Mißbrauch unmoͤglich machte. Dem ſelbſtſtändigen Schein nachzuſtreben, erfordert mehr Abſtractionsvermögen, mehr Freiheit des Herzens, mehr Energie des Willens, als der Menſch noͤthig hat, um ſich auf die Realität einzuſchränken, und er muß dieſe ſchon hinter ſich haben, wenn er bei jenem anlangen will. Wie übel würde er ſich alſo rathen, wenn er den Weg zum Ideale einſchlagen wollte, um ſich den Weg zur Wirk⸗ lichkeit zu erſparen! Von dem Schein, ſo wie er hier ge⸗ nommen wird, moͤchten wir alſo füͤr die Wirklichkeit nicht viel zu beſorgen haben; deſto mehr dürfte aber von der 124 Wirklichkeit fuür den Schein zu befuͤrchten ſeyn. An das Materielle gefeſſelt, läßt der Menſch dieſen lange Zeit bloß ſeinen Zwecken dienen, ehe er ihm in der Kunſt des Ideals eine eigene Per⸗ ſönlichkeit zugeſteht. Zu dem Letztern bedarf es einer totalen Revolution in ſeiner ganzen Empfindungsweiſe, ohne welche er auch nicht einmal auf dem Wege zum Ideale ſich befin⸗ den würde. Wo wir alſo Spuren einer unintereſſirten freien Schätzung des reinen Scheins entdecken, da können wir auf eine ſolche Umwalzung ſeiner Natur und den eigentlichen Anfang der Menſchheit in ihm ſchließen. Spuren dieſer Art finden ſich aber wirklich ſchon in den erſten rohen Verſuchen, die er zur Verſchönerung ſeines Daſeyns macht, ſelbſt auf die Geſahr macht, daß er es dem ſinnlichen Gehalt nach da⸗ durch verſchlechtern ſollte. Sobald er uberhaupt nur anfängt, dem Stoff die Geſtalt vorzuziehen und an den Schein(den er aber dafür erkennen muß) Realität zu wagen, ſo iſt ſein thieriſcher Kreis aufgethan, und er befindet ſich auf einer Bahn, die nicht endet. Mit Dem allein nicht zufrieden, was der Natur genügt, und was das Beduͤrfniß fordert, verlangt er Ueberfluß; an⸗ fangs zwar bloß einen Ueberfluß des Stoffes, um der Begier ihre Schranken zu verbergen, um den Genuß über das gegenwärtige Bedürfniß hinaus zu verſichern, bald aber einen Ueberfluß an dem Stoffe, eine äſthetiſche Zugabe, um auch dem Formtrieb genug zu thun, um den Genuß über jedes Bedürfniß hinaus zu erweitern. Indem er bloß für einen künftigen Gebrauch Vorräͤthe ſammelt und in der Einbildung dieſelben voraus genießt, ſo überſchreitet er zwar den jetzigen Augenblick, aber, ohne die Zeit überhaupt zu überſchreiten: er genießt mehr, aber er genießt nicht anders. Indem er aber zugleich die Geſtalt in ſeinen Genuß zieht 125 und auf die Formen der Gegenſtande merkt, die ſeine Be⸗ gierden befriedigen, hat er ſeinen Genuß nicht bloß dem Umfang und dem Grad nach erhöhet, ſondern auch der Art nach veredelt. Zwar hat die Natur auch ſchon dem Vernunftloſen über die Nothdurft gegeben und in das dunkle thieriſche Leben einen Schimmer von Freiheit geſtreut. Wenn den Löwen kein Hunger nagt und kein Naubthier zum Kampf heraus⸗ fordert, ſo erſchafft ſich die muͤßige Staͤrke ſelbſt einen Ge⸗ genſtand: mit muthvollem Gebrüll erfüllt er die hallende Wuſte, und in zweckloſem Aufwand genießt ſich die üppige Kraft. Mit frohem Leben ſchwarmt das Inſect in dem Son⸗ nenſtrahl; auch iſt es ſicherlich nicht der Schrei der Begierde, den wir in dem melodiſchen Schlag des Singvogels hören. Unleugbar iſt in dieſen Bewegungen Freiheit, aber nicht Freiheit von dem Beduͤrfniß uͤberhaupt, bloß von einem beſtimmten, von einem außern Bedürfniß. Das Thier ar⸗ beitet, wenn ein Mangel die Triebfeder ſeiner Thaͤtigkeit iſt, und es ſpielt, wenn der Reichthum der Kraft dieſe Triebſeder iſt, wenn das uͤberfluͤſſige Leben ſich ſelbſt zur Thätigkeit ſtachelt. Selbſt in der unbeſeelten Natur zeigt ſich ein ſolcher Luxus der Kräfte und eine Laxitat der Be⸗ ſtimmung, die man in jenem materiellen Sinn gar wohl Spiel nennen könnte. Der Baum treibt unzaählige Keime, die unentwickelt verderben, und ſtreckt weit mehr Wurzeln, Zweige und Blätter nach Nahrung aus, als zu Erhaltung ſeines Individuums und ſeiner Gattung verwendet werden. Was er von ſeiner verſchwenderiſchen Fulle ungebraucht und ungenoſſen dem Elementarreich zurückgibt, Das darf das Lebendige in froͤhlicher Bewegung verſchwelgen. So gibt uns die Natur ſchon in ihrem materiellen Reich ein Vorſpiel des 126 Unbegraͤnzten und hebt hier ſchon zum Theil die Feſſeln auf, deren ſie ſich im Reich der Form ganz und gar entle⸗ digt. Von dem Zwang des Bedürfniſſes oder dem phyſiſchen Ernſte nimmt ſie durch den Zwang des Ueberfluſſes oder das phyſiſche Spiel den Uebergang zum äſthetiſchen Spiele, und, ehe ſie ſich in der hohen Fretheit des Schönen über die Feſſel jedes Zwecks erhebt, nähert ſie ſich dieſer Unabhängig⸗ keit wenigſtens von Ferne ſchon in der freien Bewegung, die ſich ſelbſt Zweck und Mittel iſt. Wie die körperlichen Werkzeuge, ſo hat in dem Menſchen auch die Einbildungskraft ihre freie Bewegung und ihr ma⸗ terielles Spiel, in welchem ſie, ohne alle Beziehung auf Geſtalt, bloß ihrer Eigenmacht und Feſſeelloſigkeit ſich freut. Inſofern ſich noch gar nichts von Form in dieſe Fantaſieſpiele miſcht, und eine ungezwungene Folge von Bildern den gan⸗ zen Reiz derſelben ausmacht, gehören ſie, obgleich ſie dem Menſchen allein zukommen koͤnnen, bloß zu ſeinem anima⸗ liſchen Leben und beweiſen bloß ſeine Befreiung von jedem außern ſinnlichen Zwang, ohne noch auf eine ſelbſtſtändige bildende Kraft in ihm ſchließen zu laſſen.* Von dieſem » Die mehrſten Spiele, welche im gemeinen Leben im Gange ſind, beruhen entweder ganz und gar auf dieſem Gefuͤhle der freien deea 1 oder entlehnen doch ihren groͤßten Reiz von demſelben. So wenig es a⸗ auch an ſich ſelbſt fuͤr eine hoͤhere Natur beweist, und ſo gern ſich gerade die ſchlaffſten Seelen dieſem freien Bilderſtrome zu überlaſſen pflegen, ſo iſt doch eben dieſe Unabhaͤngigkeit der Fantaſie von aͤußern Eindruͤcken wenig⸗ ſtens die negative Bedingung ihres ſchoͤpferiſchen Vermoͤgens. Nur, indem ſie ſich von der Wirklichkeit losreißt, erhebt ſich die bildende Kraft zum Ieale, und, ehe die Imagination in ihrer productiven Qualitaͤt nach eigenen Ge⸗ ſetzen handeln kann, muß ſie ſich ſchon bei ihrem reproductiven Verfahren von ſremden Geſetzen frei gemacht haben. Freilich iſt von der bloßen Ge⸗ ſetzloſigkeit zu einer ſelbſtſtaͤndigen innern Geſetzgebung noch ein ſehr großer Schritt zu thun, und eine ganz neue Kraft, das Vermögen der Ideen, muß 127 Spiel der freien Ideenfolge, welches noch ganz materieller Art iſt und aus bloßen Naturgeſetzen ſich erklaͤrt, macht end⸗ lich die Einbildungskraft in dem Verſuch einer freien Form den Sprung zum äaſthetiſchen Spiele. Einen Sprung muß man es nennen, weil ſich eine ganz neue Kraft hier in Handlung ſetzt: denn hier zum erſten Mal miſcht ſich der geſetz⸗ gebende Geiſt in die Handlungen eines blinden Inſtinktes, unterwirft das willkürliche Verfahren der Einbildungskraft ſeiner unveränderlichen ewigen Einheit, legt ſeine Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit in das Wandelbare und ſeine Unendlichkeit in das Sinnliche. Aber, ſolange die rohe Natur noch zu mächtig iſt, die kein anderes Geſetz kennt, als raſtlos von Veränderung zu Veranderung fortzueilen, wird ſie durch ihre unſtete Willkuͤr jener Nothwendigkeit, durch ihre Unruhe jener Stetigkeit, durch ihre Bedurftigkeit jener Selbſtſtän⸗ digkeit, durch ihre Ungenügſamkeit jener erhabenen Einfalt entgegenſtreben. Der aſthetiſche Spieltrieb wird alſo in ſeinen erſten Verſuchen noch kaum zu erkennen ſeyn, da der ſinnliche mit ſeiner eigenſinnigen Laune und ſeiner wilden Begierde unaufhörlich dazwiſchen tritt. Daher ſehen wir den rohen Geſchmack das Neue und Ueberraſchende, das Bunte, Aben⸗ teuerliche und Bizarre, das Heftige und Wilde zuerſt ergreifen und vor nichts ſo ſehr als vor der Einfalt und Ruhe fliehen. Er bildet groteske Geſtalten, liebt raſche Uebergänge, üppige Formen, grelle Contraſte, ſchreiende Lichter, einen pathetiſchen Geſang. Schön heißt ihm in dieſer Epoche bloß, was ihn aufregt, was ihm Stoff gibt— aber aufregt zu einem ſelbſtthätigen Widerſtand, aber Stoff gibt für ein mögliches hier ins Spiel gemiſcht werden— aber dieſe Kraft kann ſich nunmehr auch mit mehrerer Leichtigkeit entwickeln, da die Sinne ihr nicht entgegenwirken, und das Unbeſtimmte wenigſtens negativ an das Unendliche graͤnzt. 128 Bilden, denn ſonſt würde es ſelbſt ihm nicht das Schöne ſeyn. Mit der Form ſeiner Urtheile iſt alſo eine merkwür⸗ dige Veränderung vorgegangen: er ſucht die Gegenſtände, nicht, weil ſie ihm etwas zu erleiden, ſondern, weil ſie ihm zu handeln geben; ſie gefallen ihm, nicht, weil ſie einem Bedürfniß begegnen, ſondern, weil ſie einem Geſetze Genüge leiſten, welches, obgleich noch leiſe, in ſeinem Buſen ſpricht. Bald iſt er nicht mehr damit zufrieden, daß ihm die Dinge gefallen; er will ſelbſt gefallen, anfangs zwar nur durch Das, was ſein iſt, endlich durch Das, was er iſt. Was er beſitzt, was er hervorbringt, darf nicht mehr bloß die Spuren der Dienſtbarkeit, die angſtliche Form ſeines Zwecks an ſich tragen; neben dem Dienſt, zu dem es da iſt, muß es zugleich den geiſtreichen Verſtand, der es dachte, die liebende Hand, die es ausführte, den heitern und freien Geiſt, der es wählte und aufſtellte, widerſcheinen. Jetzt ſucht ſich der alte Germanier gläͤnzendere Thierfelle, praͤch⸗ tigere Geweihe, zierlichere Trinkhörner aus, und der Kale⸗ donier wählt die netteſten Muſcheln für ſeine Feſte. Selbſt die Waffen dürfen jetzt nicht mehr bloß Gegenſtände des Schreckens, ſondern auch des Wohlgefallens ſeyn, und das kunſtreiche Wehrgehänge will nicht weniger bemerkt ſeyn, als des Schwertes tödtende Schneide. Nicht zufrieden, einen äſthetiſchen Ueberfluß in das Nothwendige zu bringen, reißt ſich der freiere Spieltrieb endlich ganz von den Feſſeln der Nothdurft los, und das Schöne wird für ſich allein ein Object ſeines Strebens. Er ſchmuckt ſich. Die freie Luſt wird in die Zahl ſeiner Bedürfniſſe aufgenommen, und das Unnöthige iſt bald der beſte Theil ſeiner Freuden. So wie ſich ihm von Außen her, in ſeiner Wohnung, ſeinem Hausgeräͤthe, ſeiner Bekleidung, allmahlich die Form — — 129 nähert, ſo fängt ſie endlich an, von ihm ſelbſt Beſitz zu nehmen und anfangs bloß den äußern, zuletzt auch den innern Menſchen zu verwandeln. Der geſetzloſe Sprung der Freude wird zum Tanz, die ungeſtalte Geſte zu einer anmuthigen, harmoniſchen Geberdenſprache; die verworrenen Laute der Empfindung entfalten ſich, fangen an, dem Takt zu gehorchen und ſich zum Geſange zu biegen. Wenn das trojaniſche Heer mit gellendem Geſchrei gleich einem Zug von Kranichen ins Schlachtfeld heranſtürmt, ſo näͤhert ſich das griechiſche dem⸗ ſelben ſtill und mit edelm Schritt. Dort ſehen wir bloß den Uebermuth blinder Krafte, hier den Sieg der Form und die ſimple Majeſtät des Geſetzes. Eine ſchoͤnere Nothwendigkeit kettet jetzt die Geſchlechter zuſammen, und der Herzen Antheil hilft das Buͤndniß be⸗ wahren, das die Begierde nur launiſch und wandelbar knüpft. Aus ihren duͤſtern Feſſeln entlaſſen, ergreift das ruhigere Auge die Geſtalt, die Seele ſchaut in die Seele, und aus einem eigennutzigen Tauſche der Luſt wird ein großmüthiger Wechſel der Neigung. Die Begierde erweitert und erhebt ſich zur Liebe, ſo wie die Menſchheit in ihrem Gegenſtande aufgeht, und der niedrige Vortheil über den Sinn wird ver⸗ ſchmäͤht, um über den Willen einen edlern Sieg zu erkaͤmpfen. Das Bedürfniß, zu gefallen, unterwirft den Maͤchtigen des Geſchmackes zartem Gericht; die Luſt kann er rauben, aber die Liebe muß eine Gabe ſeyn. Um dieſen höhern Preis kann er nur durch Form, nicht durch Materie ringen. Er muß aufhören, das Gefühl als Kraft zu berühren und als Erſcheinung dem Verſtand gegenuͤber ſtehen; er muß Freiheit laſſen, weil er der Freiheit gefallen will. So wie die Schön⸗ heit den Streit der Naturen in ſeinem einfachſten und reinſten Erempel, in dem ewigen Gegeuſatz der Geſchlechter lost, ſo Schillers ſaͤmmtl.⸗Werte. XII. 9 loͤst ſie ihn— oder zielt wenigſtens dahin, ihn auch in dem verwickelten Ganzen der Geſellſchaft zu löſen, und nach dem Muſter des freien Bundes, den ſie dort zwiſchen der männ⸗ lichen Kraft und der weiblichen Milde knupft, alles Sanfte und Heftige in der moraliſchen Welt zu verſoͤhnen. Jetzt wird die Schwäͤche heilig, und die nicht gebändigte Stärke entehrt; das Unrecht der Natur wird durch die Großmuth ritterlicher Sitten verbeſſert. Den keine Gewalt erſchrecken darf, entwaffnet die holde Röthe der Scham, und Thränen erſticken eine Rache, die kein Blut löſchen konnte. Selbſt der Haß merkt auf der Ehre zarte Stimme, das Schwert des Ueberwinders verſchont den entwaffneten Feind, und ein gaſt⸗ licher Herd raucht dem Fremdling an der gefürchteten Küſte, wo ihn ſonſt nur der Mord empfing. Mitten in dem furchtbaren Reich der Kräfte und mitten in dem heiligen Reich der Geſetze baut der aͤſthetiſche Bil⸗ dungstrieb unvermerkt an einem dritten fröhlichen Reiche des Spiels und des Scheins, worin er dem Menſchen die Feſſeln aller Verhältniſſe abnimmt und ihn von Allem, was Zwang heißt, ſowohl im Phyſiſchen als im Moraliſchen entbindet. Wenn in dem dynamiſchen Staat der Rechte der Menſch dem Menſchen als Kraft begegnet und ſein Wirken beſchränkt— wenn er ſich ihm in dem ethiſchen Staat der Pflichten mit der Majeſtät des Geſetzes entgegenſtellt und ſein Wollen feſſelt, ſo darf er ihm im Kreiſe des ſchoͤnen Umgangs, in dem äſthetiſchen Staat, nur als Geſtalt erſcheinen, nur als Object des freien Spiels gegenüber ſtehen. Freiheit zu geben durch Freiheit, iſt das Grundgeſetz dieſes Reichs. Der dynamiſche Staat kann die Geſellſchaft bloß moͤglich machen, indem er die Natur durch Natur bezähmt; der ethiſche Staat kann ſie bloß(moraliſch) nothwendig machen, 131 indem er den einzelnen Willen dem allgemeinen unterwirft; der äſthetiſche Staat allein kann ſie wirklich machen, weil er den Willen des Ganzen durch die Natur des Individuums vollzieht. Wenn ſchon das Bedürfniß den Menſchen in die Geſellſchaft nöthigt, und die Vernunft geſellige Grundſäͤtze in ihm pflanzt, ſo kann die Schönheit allein ihm einen ge⸗ ſelligen Charakter ertheilen. Der Geſchmack allein bringt Harmonie in die Geſellſchaft, weil er Harmonie in dem In⸗ dividuum ſtiftet. Alle andere Formen der Vorſtellung trennen den Menſchen, weil ſie ſich ausſchließend entweder auf den ſinnlichen oder auf den geiſtigen Theil ſeines Weſens grün⸗ den; nur die ſchöne Vorſtellung macht ein Ganzes aus ihm, weil ſeine beiden Naturen dazu zuſammenſtimmen müſſen. Alle andere Formen der Mittheilung trennen die Geſellſchaft, weil ſie ſich ausſchließend entweder auf die Privatempfäang⸗ lichkeit oder auf die Privatfertigkeit der einzelnen Glieder, alſo auf das Unterſcheidende zwiſchen Menſchen und Menſchen, beziehen; nur die ſchoͤne Mittheilung vereinigt die Geſell⸗ ſchaft, weil ſie ſich auf das Gemeinſame Aller bezieht. Die Freuden der Sinne genießen wir bloß als Individuen, ohne daß die Gattung, die in uns wohnt, daran Antheil nehme: wir koͤnnen alſo unſere ſinnlichen Frenden nicht zu allgemeinen erweitern, weil wir unſer Individuum nicht allgemein machen können. Die Freuden der Erkenntniß genießen wir bloß als Gattung, und indem wir jede Spur des Individuums ſorgfaͤltig aus unſerm Urtheil entfernen: wir können alſo unſere Vernunftfreuden nicht allgemein machen, weil wir die Spuren des Individuums aus dem Urtheile Anderer nicht ſo, wie aus dem unſrigen, ausſchließen konnen. Das Schone allein genießen wir als Individuum und als Gattung zugleich, d. h., als Repraſentanten der Gattung. Das ſinnliche 132 Gute kann nur einen Glücklichen machen, da es ſich auf Zueig⸗ nung gründet, welche immer eine Ausſchließung mit ſich führt; es kann dieſen Einen auch nur einſeitig glücklich machen, weil die Perſoͤnlichkeit nicht daran Theil nimmt. Das abſolut Gute kann nur unter Bedingungen gluͤcklich machen, die allgemein nicht vorauszuſetzen ſind: denn die Wahrheit iſt nur der Preis der Verleugnung, und an den reinen Willen glaubt nur ein reines Herz. Die Schönheit allein begluͤckt alle Welt, und jedes Weſen vergißt ſeiner Schranken, ſolang es ihren Zauber erfahrt. Kein Vorzug, keine Alleinherrſchaft wird geduldet, ſo⸗ weit der Geſchmack regiert, und das Reich des ſchönen Scheins ſich verbreitet. Dieſes Reich erſtreckt ſich aufwarts, bis wo die Vernunft mit unbedingter Nothwendigkeit herrſcht, und alle Materie aufhört; es erſtreckt ſich niederwarts, bis wo der Naturtrieb mit blinder Nöthigung waltet, und die Form noch nicht anfaängt; ja ſelbſt auf dieſen äußerſten Granzen, wo die geſetzgebende Macht ihm genommen iſt, laͤßt ſich der Geſchmack doch die vollziehende nicht entreißen. Die unge⸗ ſellige Begierde muß ihrer Selbſtſucht entſagen, und das Angenehme, welches ſonſt nur die Sinne lockt, das Netz der Anmuth auch uͤber die Geiſter auswerfen. Der Nothwendig⸗ keit ſtrenge Stimme, die Pflicht, muß ihre vorwerfende For⸗ mel verändern, die nur der Widerſtand rechtfertigt, und die willige Natur durch ein edleres Zutrauen ehren. Aus den Myſterien der Wiſſenſchaft führt der Geſchmack die Erkenntniß unter den offenen Himmel des Gemeinſinns heraus und ver⸗ wandelt das Eigenthum der Schulen in ein Gemeingut der ganzen menſchlichen Gefellſchaft. In ſeinem Gebiete muß auch der mächtigſte Genius ſich ſeiner Hoheit begeben und zu dem Kinderſinn vertraulich herniederſteigen. Die Kraft muß ſich binden laſſen durch die Huldgöttinnen, und der trotzige 133 Löwe dem Zaum eines Amors gehorchen. Dafuͤr breitet er über das phyſiſche Bedürfniß, das in ſeiner nackten Geſtalt die Wuͤrde freier Geiſter beleidigt, ſeinen mildernden Schleier aus und verbirgt uns die entehrende Verwandtſchaft mit dem Stoff in einem lieblichen Blendwerk von Freiheit. Beflügelt durch ihn, entſchwingt ſich auch die kriechende Lohnkunſt dem Staube, und die Feſſeln der Leibeigenſchaft fallen, von ſeinem Stabe berührt, von dem Lebloſen wie von dem Lebendigen ab. In dem äſthetiſchen Staate iſt Alles, auch das dienende Werkzeug, ein freier Burger, der mit dem edelſten gleiche Rechte hat, und der Verſtand, der die duldende Maſſe unter ſeine Zwecke gewaltthäatig beugt, muß ſie hier um ihre Be⸗ ſtimmung fragen. Hier alſo, in dem Reiche des äſthetiſchen Scheins, wird das Ideal der Gleichheit erfüllt, welches der Schwärmer ſo gern auch dem Weſen nach regliſirt ſehen möchte; und, wenn es wahr iſt, daß der ſchöne Ton in der Nähe des Thrones am Früheſten und am Vollkommenſten reift, ſo muͤßte man auch hier die guͤtige Schickung erkennen, die den Menſchen oft nur deßwegen in der Wirklichkeit einzu⸗ ſchranken ſcheint, um ihn in eine idealiſche Welt zu treiben. Eriſtirt aber auch ein ſolcher Staat des ſchönen Scheins? und wo iſt er zu finden? Dem Bedürfniß nach erxiſtirt er in jeder feingeſtimmten Seele; der That nach möchte man ihn wohl nur, wie die reine Kirche und die reine Republik, in einigen wenigen arzerleſenen Cirkeln finden, wo nicht die geiſtloſe Nachahmung fremder Sitten, ſondern eigene ſchöne Natur das Betragen lenkt, wo der Menſch durch die ver⸗ wickeltſten Verhäͤltniſſe mit kühner Einfalt und ruhiger Un⸗ ſchuld geht und weder nöthig hat, fremde Freiheit zu kraͤnken, um die ſeinige zu behaupten, noch ſeine Würde wegzuwerfen, um Anmuth zu zeigen. ——ꝑ Ueber die nothwendigen Gränzen beim Gebrauch ſchäner Formen.* Der Mißbrauch des Schönen und die Anmaßungen der Einbildungskraft, da, wo ſie nur die ausubende Gewalt be⸗ ſitzt, auch die geſetzgebende an ſich zu reißen, haben ſowohl im Leben als in der Wiſſenſchaft ſo vielen Schaden ange⸗ richtet, daß es von nicht geringer Wichtigkeit iſt, die Graͤn— zen genau zu beſtimmen, die dem Gebrauch ſchöner Formen geſetzt ſind. Dieſe Gränzen liegen ſchon in der Natur des Schoͤnen, und wir duͤrfen uns bloß erinnern, wie der Ge⸗ ſchmack ſeinen Einfluß außert, um beſtimmen zu können, wieweit er denſelben erſtrecken darf. Die Wirkungen des Geſchmacks, überhaupt genommen, ſind, die ſinnlichen und geiſtigen Krafte des Menſchen in Harmonie zu bringen und in einem innigen Bündniß zu vereinigen. Wo alſo ein ſolches inniges Bundniß zwiſchen * Anmerkung desr Hera usgebers. In den Horen vom Jahr 1793 erſchien dieſer Aufſaß zuerſi. 7 135 der Vernunft und den Sinnen zweckmäͤßig und rechtmaͤßig iſt, da iſt dem Geſchmack ein Einfluß zu geſtatten. Gibt es aber Fälle, wo wir, ſey es nun, um einen Zweck zu erreichen, oder ſey es, um einer Pflicht Genüge zu thun, von jedem ſinnlichen Einfluß frei und als reine Vernunftweſen handeln müſſen, wo alſo das Band zwiſchen dem Geiſt und der Ma⸗ terie augenblicklich aufgehoben werden muß, da hat der Geſchmack ſeine Gränzen, die er nicht überſchreiten darf, ohne entweder einen Zweck zu vereiteln oder uns von unſerer Pflicht zu entfernen. Dergleichen Falle gibt es aber wirklich, und ſie werden uns ſchon durch unſere Beſtimmung vorge⸗ ſchrieben. 3 Unſere Beſtimmung iſt, uns Erkenntniſſe zu erwerben und aus Erkenntniſſen zu handeln. Zu Beidem gehört eine Fertigkeit, von Dem, was der Geiſt thut, die Sinne aus⸗ zuſchließen, weil bei allem Erkennen vom Empfinden und bei allem moraliſchen Wollen von der Begierde abſtrahirt werden muß. Wenn wir erkennen, ſo verhalten wir uns thätig, und unſere Aufmerkſamkeit iſt auf einen Gegenſtand, auf ein Verhältniß zwiſchen Vorſtellungen und Vorſtellungen⸗ gerichtet. Wenn wir empfinden, ſo verhalten wir uns leidend, und unſere Aufmerkſamkeit(wenn man es anders ſo nennen kann, was keine bewußte Handlung des Geiſtes iſt) iſt bloß auf unſern Zuſtand gerichtet, inſofern derſelbe durch einen empfangenen Eindruck verandert wird. Da wir nun das Schoͤne bloß empfinden und nicht erkennen, ſo merken wir dabei auf kein Verhältniß desſelben zu andern Objecten, ſo beziehen wir die Vorſtellung desſelben nicht auf andere Vorſtellungen, ſondern auf unſer empfindendes Selbſt. An dem ſchoͤnen Gegenſtand erfahren wir nichts, aber von 136 demſelben erfahren wir eine Veränderung unſeres Zuſtandes, davon die Empfindung der Ausdruck iſt. Unſer Wiſſen wird alſo durch Urtheile des Geſchmacks nicht erweitert, und keine Erkenntniß, ſelbſt nicht einmal von der Schönheit, wird durch die Empfindung der Schönheit erworben. Wo alſo Erkenntniß der Zweck iſt, da kann uns der Geſchmack, wenigſtens direct und unmittelbar, keine Dienſte leiſten; vielmehr wird die Erkenntniß gerade ſo lange ausgeſetzt, als uns die Schoͤnheit beſchaftigt. Wozu dient denn aber nun, wird man einwenden, eine geſchmackvolle Einkleidung der Begriffe, wenn der Zweck des Vortrags, der doch kein anderer ſeyn kann, als Erkenntniß hervorzubringen, vielmehr dadurch gehindert als befördert wird? Zur Ueberzeugung des Verſtandes kann allerdings die Schönheit der Einkleidung eben ſo wenig beitragen, als das geſchmackvolle Arrangement einer Mahlzeit zur Saͤttigung der Gaͤſte oder die äußere Eleganz eines Menſchen zur Be⸗ urtheilung ſeines innern Werths. Aber eben ſo, wie dort durch die ſchöne Anordnung der Tafel die Eßluſt gereizt, und hier durch das Empfehlende im Aeußern die Aufmerk⸗ ſamkeit auf den Menſchen überhaupt geweckt und geſcharft wird, ſo werden wir durch eine reizende Darſtellung der Wahrheit in eine gunſtige Stimmung geſetzt, ihr unſre Seele zu öffnen, und die Hinderniſſe in unſerm Gemüth werden hinweggeraͤumt, die ſich der ſchwierigen Verfolgung einer langen und ſtrengen Gedankenkette ſonſt wuͤrden ent⸗ gegengeſetzt haben. Es iſt niemals der Inhalt, der durch die Schoͤnheit der Form gewinnt, und niemals der Verſtand, dem der Geſchmack beim Erkennen hilft. Der Inhalt muß ſich dem Verſtand unmittelbar durch ſich ſelbſt empfehlen, indem die ſchoͤne Form zu der Einbildungskraft ſpricht und ihr mit einem Scheine von Freiheit ſchmeichelt. 137 Aber ſelbſt dieſe unſchuldige Nachgiebigkeit gegen die Sinne, die man ſich bloß in der Form erlaubt, ohne dadurch etwas an dem Inhalt zu veraͤndern, iſt großen Einſchrän⸗ kungen unterworfen und kann völlig zweckwidrig ſeyn, je⸗ nachdem die Art der Erkenntniß und der Grad der Ueber⸗ zeugung iſt, die man bei Mittheilung ſeiner Gedanken be— abſichtet. Es gibt eine wiſſenſchaftliche Erkenntniß, welche auf deutlichen Begriffen und erkannten Principien ruht, und eine populaͤre Erkenntniß, welche bloß auf mehr oder weniger entwickelte Gefühle ſich gründet. Was der Letztern oft ſehr beförderlich iſt, kann der Erſtern geradezu widerſtreiten. Da, wo man eine ſtrenge Ueberzeugung aus Principien zu bewirken ſucht, da iſt es nicht damit gethan, die Wahrheit bloß dem Inhalt nach vorzutragen, ſondern auch die Probe der Wahrheit muß in der Form des Vortrags zugleich mit enthalten ſeyn. Dies kann aber nichts Anderes heißen, als, nicht bloß der Inhalt, ſondern auch die Darlegung desſelben muß den Denkgeſetzen gemäß ſeyn. Mit derſelben ſtrengen Nothwendigkeit, mit welcher ſich die Begriffe im Verſtand an einander ſchließen, muͤſſen ſie ſich auch im Vortrag zu⸗ ſammenfügen, und die Stetigkeit in der Darſtellung muß der Stetigkeit in der Idee entſprechen. Nun ſtreitet aber jede Freiheit, die der Imagination bei Erkenntniſſen einge⸗ raumt wird, mit der ſtrengen Nothwendigkeit, nach welcher der Verſtand Urtheile mit urtheilen und Schlüſſe mit Schlüſſen zuſammenkettet. Die Einbildungskraft ſtrebt, ihrer Natur gemaͤß, immer nach Anſchauungen, d. h., nach ganzen und durchgangig beſtimmten Vorſtellungen, und iſt ohne Unter⸗ laß bemüht, das Allgemeine in einem einzelnen Fall darzu⸗ ſtellen, es in Raum und Zeit zu begränzen, den Begriff zum 138 Individuum zu machen, dem Abſtracten einen Körper zu geben. Sie liebt ferner in ihren Zuſammenſetzungen Freiheit und erkennt dabei kein anderes Geſetz als den Zufall der Raum⸗ und der Zeitverknüpfung: denn dieſe iſt der einzige Zuſam⸗ menhang, der zwiſchen unſern Vorſtellungen übrig bleibt, wenn wir Alles, was Begriff iſt, was ſie innerlich verbindet, hinwegdenken. Gerade umgekehrt beſchäftigt ſich der Ver⸗ ſtand nur mit Theilvorſtellu ngen oder Begriffen, und ſein Beſtreben geht dahin, im lebendigen Ganzen einer An⸗ ſchauung Merkmale zu unterſcheiden. Weil er die Dinge nach ihren innern Verhältniſſen verknüpft, die ſich nur durch Abſonderung entdecken laſſen, ſo kann der Verſtand nur inſofern, als er vorher trennte, d. h., nur durch Theil⸗ vorſtellungen, verbinden. Der Verſtand beobachtet in ſeinen Combinationen ſtrenge Nothwendigkeit und Geſetz⸗ mäßigkeit, und es iſt bloß der ſtetige Zuſammenhang der Begriffe, wodurch er befriedigt werden kann. Dieſer Zuſam⸗ menhang wird aber jedesmal geſtört, ſo oft die Einbildungs⸗ kraft ganze Vorſtellungen(einzelne Fälle) in dieſe Kette von Abſtractionen einſchaltet und in die ſtrenge Nothwendig⸗ keit der Sachverknüpfung den Zufall der Zeitverknuͤpfung miſcht.* Es iſt daher unumgaͤnglich nöthig, daß da, wo es um ſtrenge Conſequenz im Denken zu thun iſt, die Imagi⸗ nation ihren willkürlichen Charakter verleugne und ihr * Ein Schriftſteller, dem es um wiſſenſchaftliche Strenge zu thun iſt, wird ſich deßwegen der Beiſpiele ſehr ungern und ſehr ſparſam bedienen. Was vom Allgemeinen mit vollkommener Wahrheit gilt, erleidet in jedem beſondern Fall Einſchraͤnkungen; und, da in jedem beſondern Fall ſich Um⸗ ſtaͤnde finden, die in Ruͤckſicht auf den allgemeinen Begriff, der dadurch dar⸗ geſtellt werden ſoll, zufaͤllig ſind, ſo iſt immer zu fuͤrchten, daß dieſe zufaͤl⸗ ligen Beziehungen in jenen allgemeinen Begriff mit hineingetragen werden und ihm von ſeiner Allgemeinheit und Nothwendigkeit etwas rauben. 139 Beſtreben nach möͤglichſter Sinnlichkeit in den Vorſtellungen und moͤglichſter Freiheit in Verknüpfung derſelben dem Be⸗ dürfniß des Verſtandes unterordnen und aufopfern lerne. Deßwegen muß ſchon der Vortrag darnach eingerichtet ſeyn, durch Ausſchließung alles Individuellen und Sinnlichen jenes Beſtreben der Einbildungskraft niederzuſchlagen und ſowohl durch Beſtimmtheit im Ausdruck ihrem unruhigen Dichtungs⸗ trieb, als durch Geſetzmäßigkeit im Fortſchritt ihrer Willkur in Combinationen Schranken zu ſetzen. Freilich wird ſie ſich nicht ohne Widerſtand dieſem Joch unterwerfen; aber man rechnet hier auch billig auf einige Selbſtverleugnung und auf einen ernſtlichen Entſchluß des Zuhörers oder Leſers, um der Sache willen die Schwierigkeiten nicht zu achten, welche von der Form unzertrennlich ſind. Wo ſich aber ein ſolcher Entſchluß nicht vorausſehen läßt, und wo man ſich keine Hoffnung machen kann, daß das Intereſſe an dem Inhalte ſtark genng ſeyn werde, um zu dieſer Anſtrengung Muth zu machen, da wird man freilich auf Mittheilung einer wiſſenſchaftlichen Erkenntniß Verzicht thun müſſen, dafür aber in Anſehung des Vortrags etwas mehr Freiheit gewinnen. Man verläßt in dieſem Falle die Form der Wiſſenſchaft, die zu viel Gewalt gegen die Einbil⸗ dungskraft ausübt und nur durch die Wichtigkeit des Zwecks kann annehmlich gemacht werden, und erwaͤhlt daſuüͤr die Form der Schönheit, die, unabhängig von allem Inhalt, ſich ſchon durch ſich ſelbſt empfiehlt. Weil die Sache die Form nicht in Schutz nehmen will, ſo muß die Form die Sache vertreten. Der populare Unterricht vertraͤgt ſich mit dieſer Freiheit. Da der Volksredner oder Volksſchriftſteller(eine Benennung, unter der ich Jeden befaſſe, der nicht ausſchließend an den 140 Gelehrten ſich wendet) zu keinem vorbereiteten Publikum ſpricht und ſeine Leſer nicht wie der andere auswaͤhlt, ſondern ſie nehmen muß, wie er ſie findet, ſo kann er auch bloß die allgemeinen Bedingungen des Denkens und bloß die allge⸗ meinen Antriebe zur Aufmerkſamkeit, aber noch keine beſon⸗ dere Denkfertigkeit, noch keine Bekanntſchaft mit beſtimm⸗ ten Begriffen, noch kein Intereſſe an beſtimmten Gegen⸗ ſtänden bei denſelben vorausſetzen. Er kann es alſo auch nicht darauf ankommen laſſen, ob die Einbildungskraft Derer, die er unterrichten will, mit ſeinen Abſtractionen den gehöͤ⸗ rigen Sinn verknüpfen und zu den allgemeinen Begriffen, auf die der wiſſenſchaftliche Vortrag ſich einſchränkt, einen Inhalt darbieten werde. Um ſicher zu gehen, gibt er daher lieber die Anſchauungen und einzelnen Faͤlle gleich mit, auf welche ſich jene Begriffe beziehen, und überläßt es dem Ver⸗ ſtand ſeiner Leſer, den Begriff aus dem Stegreif daraus zu bilden. Die Einbildungskraft wird alſo bei dem populären Vortrag ſchon weit mehr ins Spiel gemiſcht, aber doch immer nur reproductiv(empfangene Vorſtellungen erneuernd), nicht aber productiv(ihre ſelbſtbildende Kraft beweiſend). Jene einzelnen Faͤlle oder Anſchauungen ſind für den gegen⸗ wärtigen Zweck viel zu genau berechnet und für den Gebrauch, der davon gemacht werden ſoll, viel zu beſtimmt eingerichtet, als daß die Einbildungskraft es vergeſſen könnte, daß ſie bloß im Dienſt des Verſtandes handelt. Der Vortrag haͤlt ſich zwar etwas näher an das Leben und an die Sinnenwelt, aber er verliert ſich noch nicht in derſelben. Die Darſtellung iſt alſo noch immer bloß didaktiſch: denn, um ſchön zu ſeyn, fehlen ihr noch die zwei vornehmſten Eigenſchaften, Sinnlichkeit im Ausdruck und Freiheit in der Be⸗ wegung. 141 Frei wird die Darſtellung, wenn der Verſtand den Zu⸗ ſammenhang der Ideen zwar beſtimmt, aber mit ſo verſteckter Geſetzmäßigkeit, daß die Einbildungskraft dabei völlig will⸗ kürlich zu verfahren und bloß dem Zufall der Zeitverknüpfung zu folgen ſcheint. Sinnlich wird die Darſtellung, wenn ſie das Allgemeine in das Beſondere verſteckt und der Fantaſie das lebendige Bild(die ganze Vorſtellung) hingibt, wo es bloß um den Begriff(die Theilvorſtellung) zu thun iſt. Die ſinnliche Darſtellung iſt alſo, von der einen Seite betrachtet, reich, weil ſie da, wo nur eine Beſtimmung verlangt wird, ein vollſtändiges Bild, ein Ganzes von Beſtimmungen, ein Individuum gibt; ſie iſt aber, von einer andern Seite be⸗ trachtet, wieder eingeſchrankt und arm, weil ſie nur von einem Individnum und von einem einzelnen Fall behauptet, was doch von einer ganzen Sphare zu verſtehen iſt. Sie verkürzt alſo den Verſtand gerade um ſo viel, als ſie der Imagination im Ueberfluß darbietet: denn je vollſtändiger an Inhalt eine Vorſtellung iſt, deſto kleiner iſt ihr Umfang. Das Intereſſe der Einbildungskraft iſt, ihre Gegenſtände nach Willkuͤr zu wechſeln; das Intereſſe des Verſtandes iſt, die ſeinigen mit ſtrenger Nothwendigkeit zu verknüpfen. So ſehr dieſe beiden Intereſſen mit einander zu ſtreiten ſcheinen, ſo gibt es doch zwiſchen beiden einen Punkt der Vereinigung, und, dieſen auszufinden, iſt das eigentliche Verdienſt der ſchönen Schreibart.. Um der Imagination Gemge zu thun, muß die Rede einen materiellen Theil oder Körper haben, und dieſen machen die Anſchauungen aus, von denen der Verſtand die einzelnen Merkmale oder Begriffe abſondert: denn, ſo abſtract wir auch denken mögen, ſo iſt es doch immer zuletzt etwas Sinnliches, was unſerm Denken zum Grund liegt. Nur 142 will die Imagination ungebunden und regellos von Anſchauung zu Anſchauung überſpringen und ſich an keinen andern Zu⸗ ſammenhang, als den der Zeitfolge, binden. Stehen alſo die Anſchauungen, welche den körperlichen Theil zu der Rede her⸗ geben, in keiner Sachverknüpfung untereinander, ſcheinen ſie vielmehr als unabhaͤngige Glieder und als eigene Ganze für ſich ſelbſt zu beſtehen, verrathen ſie die ganze Unordnung einer ſpielenden und bloß ſich ſelbſt gehorchenden Einbildungs⸗ kraft, ſo hat die Einkleidung aſthetiſche Freiheit, und das Bedürfniß der Fantaſie iſt befriedigt. Eine ſolche Darſtel⸗ lung, könnte man ſagen, iſt ein organiſches Product, wo nicht bloß das Ganze lebt, ſondern auch die einzelnen Theile ihr eigenthuͤmliches Leben haben; die bloß wiſſeenſchaftliche Darſtellung iſt ein mechaniſches Werk, wo die Theile, leblos für ſich ſelbſt, dem Ganzen durch ihre Zuſammenſtim⸗ mung ein künſtliches Leben ertheilen. Um auf der andern Seite dem Verſtande Genüge zu thun und Erkenntniß hervorzubringen, muß die Rede einen geiſtigen Theil, Bedeutung, haben, und dieſe erhaͤlt ſie durch die Begriffe, vermittelſt welcher jene Anſchauungen auf einander bezogen und in ein Ganzes verbunden werden. Findet nun zwiſchen dieſen Begriffen, als dem geiſtigen Theile der Rede, der genaueſte Zuſammenhang Statt, wah⸗ rend ſich die ihnen correſpondirenden Anſchauungen, als der ſinnliche Theil der Rede, bloß durch ein willkürliches Spiel der Fantaſie zuſammen zu finden ſcheinen, ſo iſt das Pro⸗ blem gelöst, und der Verſtand wird durch Geſetzmaßigkeit befriedigt, indem der Fantaſie durch Geſetzloſigkeit geſchmeichelt wird. Unterſucht man die Zauberkraft der ſchönen Diction, ſo wird man allemal finden, daß ſie in einem ſolchen 143 glücklichen Verhältniß zwiſchen äußerer Freiheit und innerer Nothwendigkeit enthalten iſt. Zu dieſer Freiheit der Einbil⸗ dungskraft träagt die Individualiſirung der Gegenſtände und der figuͤrliche oder uneigentliche Ausdruck das Meiſte bei, jene, um die Sinnlichkeit zu erhöhen, dieſer, um ſie da, wo ſie nicht iſt, zu erzeugen. Indem wir die Gattung durch ein Individuum repräͤſentiren und einen allgemeinen Begriff in einem einzelnen Falle darſtellen, nehmen wir der Fantaſie die Feſſeln ab, die der Verſtand ihr angelegt hatte, und geben ihr Vollmacht, ſich ſchöpferiſch zu beweiſen. Immer nach Vollſtandigkeit der Beſtimmungen ſtrebend, erhält und gebraucht ſie jetzt das Recht, das ihr hingegebene Bild nach Gefallen zu ergänzen, zu beleben, umzugeſtalten, ihm in allen ſeinen Verbindungen und Verwandlungen zu folgen. Sie darf augenblicklich ihrer untergeordneten Rolle vergeſſen und ſich als eine willkürliche Selbſtherrſcherin betragen, weil durch den ſtrengen innern Zuſammenhang hinlänglich dafür geſorgt iſt, daß ſie dem Zuͤgel des Verſtandes nie ganz ent⸗ fliehen kann. Der uneigentliche Ausdruck treibt dieſe Frei⸗ heit noch weiter, indem er Bilder zuſammengattet, die ihrem Inhalt nach ganz verſchieden ſind, aber ſich gemeinſchaftlich unter einem höhern Begriff verbinden. Weil ſich nun die Fantaſie an den Inhalt, der Verſtand hingegen an jenen hohern Begriff halt, ſo macht die Erſtere eben da einen Sprung, wo der Letztere die vollkommene Stetigkeit wahr⸗ nimmt. Die Begriffe entwickeln ſich nach dem Geſetz der Nothwendigkeit, aber nach dem Geſetz der Freiheit gehen ſie an der Einbildungskraft vorüber; der Gedanke bleibt derſelbe, nur wechſelt das Medium, das ihn darſtellt. So erſchafft ſich der beredte Schriftſteller aus der Anarchie ſelbſt die herrlichſte Ordnung und errichtet auf einem immer 144 wechſelnden Grunde, auf dem Strome der Imagination, der immer fortfließt, ein feſtes Gebaͤude. Stellt man zwiſchen der wiſſenſchaftlichen, der popularen und der ſchoͤnen Diction eine Vergleichung an, ſo zeigt ſich, daß alle drei den Gedanken, um den es zu thun iſt, der Materie nach gleich getreu üͤberliefern, und uns alſo alle drei zu einer Erkenntniß verhelfen, daß aber die Art und der Grad dieſer Erkenntniß bei einer jeden merklich verſchieden ſind. Der ſchöne Schriftſteller ſtellt uns die Sache, von der er handelt, vielmehr als möglich und als wun ſchens⸗ würdig vor, als daß er uns von der Wirklichkeit oder gar von der Nothwendigkeit derſelben überzeugen könnte: denn ſein Gedanke kundigt ſich bloß als eine willkürliche Schöpfung der Einbildungskraft an, die für ſich allein nie im Stand iſt, die Realität ihrer Vorſtellungen zu verbuͤrgen. Der popu⸗ läre Schriftſteller erweckt uns den Glauben, daß es ſich wirklich ſo verhalte, aber weiter bringt er es auch nicht: denn er macht uns die Wahrheit jenes Satzes zwar fühlbar, aber nicht abſolut gewiß. Das Gefühl aber kann wohl leh⸗ ren, was iſt, aber niemals, was ſeyn muß. Der philoſo⸗ phiſche Schriftſteller erhebt jenen Glauben zur Ueberzeugung: denn er erweist aus unbezweifelten Gründen, daß es ſich nothwendig ſo verhalte. Wenn man von den bisherigen Grundſätzen ausgeht, ſo wird es nicht ſchwer ſeyn, einer jeden von dieſen drei ver⸗ ſchiedenen Formen der Diction ihre ſchickliche Stelle anzu⸗ weiſen. Im Ganzen genommen wird ſich als Regel annehmen laſſen, daß da, wo es nicht bloß an dem Reſultat, ſondern zugleich an den Beweiſen liegt, die wiſſenſchaftliche Schreibart, und da, wo es uͤberhaupt nur um das Reſultat zu thun iſt, die populaͤre und ſchoͤne Schreibart den Vorzug verdienen. 145 Wann aber der populäre Ausdruck in den ſchönen über⸗ gehen darf, Das entſcheidet der größere oder geringere Grad des Intereſſe, den man vorauszuſetzen und zu bewir⸗ ken hat. Der reine wiſſenſchaftliche Ausdruck ſetzt uns(mehr oder weniger, jenachdem er philoſophiſcher oder populärer iſt) in den Beſitz einer Erkenntniß; der ſchöne Ausdruck leiht uns dieſelbe bloß zu augenblicklichem Genuß und Gebrauche. Der Erſte gibt uns— wenn ich mir die Vergleichung erlauben darf— den Baum mit ſammt der Wurzel, aber freilich müſſen wir uns gedulden, bis er blühet und Früchte trägt; der ſchöne Ausdruck bricht uns bloß die Blüthen und Früchte davon ab, aber der Baum, der ſie trug, wird nicht unſer, und, wenn jene verwelkt und genoſſen ſind, iſt unſer Reich⸗ thum verſchwunden. So widerſinnig es nun wäare, Dem⸗ jenigen die bloße Blume oder Frucht abzubrechen, der den Baum ſelbſt in ſeinen Garten verpflanzt haben will, eben ſo ungereimt würde es ſeyn, Dem, welchen gerade jetzt nur nach einer Frucht geluͤſtet, den Baum ſelbſt mit ſeinen künf⸗ tigen Früchten anzubieten. Die Anwendung ergibt ſich von ſelbſt, und ich bemerke bloß, daß der ſchoͤne Ausdruck eben ſo wenig für den Lehrſtuhl, als der ſchulgerechte für den ſchönen Umgang und für die Rednerbuͤhne taugt. Der Lernende ſammelt für ſpatere Zwecke und für einen künftigen Gebrauch: daher der Lehrer dafür zu ſorgen hat, ihn zum völligen Eigenthüͤmer der Kenntniſſe zu machen, die er ihm beibringt. Nichts aber iſt unſer, als was dem Verſtand uͤbergeben wird. Der Redner hingegen bezweckt einen ſchnellen Gebrauch und hat ein gegenwaͤrtiges Bedürfniß ſeines Publikums zu befriedigen. Sein Intereſſe iſt es alſo, die Kenntniſſe, welche er ausſtreut, ſo ſchnell, Schillers ſammal. Werke. XII 10 146 als er immer kann, praktiſch zu machen, und Dies erreicht er am Sicherſten, wenn er ſie dem Sinn übergibt und für die Empfindung zubereitet. Der Lehrer, der ſein Publikum bloß auf Bedingungen übernimmt und berechtigt iſt, die Stimmung des Gemuͤths, die zur Aufnahme der Wahrheit erfordert wird, ſchon bei demſelben vorauszuſetzen, richtet ſich bloß nach dem Object ſeines Vortrags, da im Gegentheil der Redner, der mit ſeinem Publikum keine Bedingung ein⸗ gehen darf und die Neigung erſt zu ſeinem Vortheil ge⸗ winnen muß, ſich zugleich nach den Subjecten zu richten hat, an die er ſich wendet. Jener, deſſen Publikum ſchon da war und wiederkommt, braucht bloß Bruchſtücke zu liefern, die mit vorhergegangenen Vortraͤgen erſt ein Ganzes aus⸗ machen; dieſer, deſſen Publikum ohne Aufhoͤren wechſelt, un⸗ vorbereitet kommt und vielleicht nie zuruͤckkehrt, muß ſein Geſchaͤft bei jedem Vortrag vollenden; jede ſeiner Auffüh⸗ rungen muß ein Ganzes fuͤr ſich ſeyn und ihren vollſtändigen Aufſchluß enthalten. Daher iſt es kein Wunder, wenn ein noch ſo gründlicher dogmatiſcher Vortrag in der Converſation und auf der Kanzel kein Glück macht, und ein noch ſo geiſtvoller ſchöner Vortrag auf dem Lehrſtuhl keine Früchte trägt— wenn die ſchöne Welt Schriften ungeleſen läßt, die in der gelehrten Epoche machen, und der Gelehrte Werke ignorirt, die eine Schule der Welt⸗ leute ſind und von allen Liebhabern des Schönen mit Be⸗ gierde verſchlungen werden. Jedes kann in dem Kreis, für den es beſtimmt iſt, Bewunderung verdienen, ja, an innerm Gehalt konnen beide vollkommen gleich ſeyn, aber es hieße etwas Unmöͤgliches verlangen, wenn ein Werk, das den Denker anſtrengt, zugleich dem bloßen Schöngeiſt zum leichten Spiele dienen ſollte. 147 Aus dieſem Grunde halte ich es für ſchadlich, wenn für den Unterricht der Jugend Schriften gewähet werden, worin wiſſenſchaftliche Materien in ſchöne Form eingekleidet ſind. Ich rede hier ganz und gar nicht von ſolchen Schriften, wo der Inhalt der Form aufgeopfert worden iſt, ſondern von wirklich vortrefflichen Schriften, die die ſchaärfſte Sachprobe aushalten, aber dieſe Probe in ihrer Form nicht enthalten. Es iſt wahr, man erreicht mit ſolchen Schriften den Zweck, geleſen zu werden, aber immer auf Unkoſten des wichtigern Zweckes, warum man geleſen werden will. Der Verſtand wird bei dieſer Lectüre immer nur in ſeiner Zuſammenſtim⸗ mung mit der Einbildungskraft geübt und lernt alſo nie die Form von dem Stoffe ſcheiden und als ein reines Vermögen handeln. Und doch iſt ſchon die bloße Uebung des Verſtandes ein Hauptmoment bei dem Jugendunterricht, und an dem Denken ſelbſt liegt in den meiſten Fällen mehr als an dem Gedanken. Wenn man haben will, daß ein Geſchaͤft gut be⸗ ſorgt werde, ſo mag man ſich ja hüten, es als ein Spiel an⸗ zukündigen. Vielmehr muß der Geiſt ſchon durch die Form der Behandlung in Spannung geſetzt und mit einer gewiſſen Gewalt von der Paſſivität zur Thätigkeit fortgeſtoßen werden. Der Lehrer ſoll ſeinem Schuler die ſtrenge Geſetzmaͤßigkeit der Methode keineswegs verbergen, ſondern ihn vielmehr darauf aufmerkſam und wo moͤglich darnach begierig machen. Der Studirende ſoll lernen, einen Zweck verfolgen und um des Zwecks willen auch ein beſchwerliches Mittel ſich gefallen laſſen. Frühe ſchon ſoll er nach der edleren Luſt ſtreben, welche der Preis der Anſtrengung iſt. Bei dem wiſſenſchaft⸗ lichen Vortrag werden die Sinne ganz und gar abgewieſen, bei dem ſchoͤnen werden ſie ins Intereſſe gezogen. Was wird die Folge davon ſeyn? Man verſchlingt eine ſolche 148 Schrift, eine ſolche Unterhaltung mit Antheil; aber, wird man um die Reſultate befragt, ſo iſt man kaum im Stande, davon Rechenſchaft zu geben. Und ſehr natürlich: denn die Begriffe dringen zu ganzen Maſſen in die Seele, und der Verſtand erkennt nur, wo er unterſcheidet; das Gemüth ver⸗ hielt ſich während der Lectuͤre vielmehr leidend als thätig, und der Geiſt beſitzt nichts, als was er thut. Dies gilt uͤbrigens bloß von dem Schoͤnen gemeiner Art und von der gemeinen Art, das Schoͤne zu empfinden. Das wahrhaft Schoͤne gründet ſich auf die ſtrengſte Beſtimmtheit, auf die genaueſte Abſonderung, auf die höchſte innere Noth⸗ wendigkeit; nur muß dieſe Beſtimmtheit ſich eher finden laſſen als gewaltſam hervordrängen. Die höchſte Geſetzmäßig⸗ keit muß da ſeyn, aber ſie muß als Natur erſcheinen. Ein ſolches Product wird dem Verſtand vollkommen Genüge thun, ſobald es ſtudirt wird, aber eben, weil es wahrhaft ſchön iſt, ſo dringt es ſeine Geſetzmäßigkeit nicht auf, ſo wendet es ſich nicht an den Verſtand insbeſondere, ſondern ſpricht als reine Einheit zu dem harmonirenden Ganzen des Men⸗ ſchen, als Natur zur Natur. Ein gemeiner Beurtheiler findet es vielleicht leer, duͤrftig, viel zu wenig beſtimmt; gerade Dasjenige, worin der Triumph der Darſtellung beſteht, die vollkommene Auflöſung der Theile in einem reinen Ganzen, beleidigt ihn, weil er nur zu unterſcheiden verſteht und nur für das Einzelne Sinn hat. Zwar ſoll bei philoſophiſchen Darſtellungen der Verſtand, als Unterſcheidungsvermögen, befriedigt werden, es ſollen einzelne Reſultate für ihn durch⸗ aus hervorgehen: Dies iſt der Zweck, der auf keine Weiſe hinkangeſetzt werden darf. Wenn aber der Schriftſteller durch die ſtrengſte innere Beſtimmtheit dafür geſorgt hat, daß der Verſtand dieſe Reſultate nothwendig finden muß, ſobald er 149 ſich nur darauf einläßt, aber damit allein nicht zufrieden und genöthigt durch ſeine Natur(die immer als harmoniſche Ein⸗ heit wirkt und, wo ſie durch das Geſchaft der Abſtractien dieſe Einheit verloren, ſolche ſchnell wieder herſtellt), wenn er das Getrennte wieder verbindet und durch die vereinigte Aufforderung der ſinnlichen und geiſtigen Kraͤfte immer den ganzen Menſchen in Anſpruch nimmt, ſo hat er wahrhaftig nicht um ſo viel ſchlechter geſchrieben, als er dem Hoͤchſten naͤher gekommen iſt. Der gemeine Beurtheiler freilich, der ohne Sinn fuüͤr jene Harmonie immer nur auf das Einzelne dringt, der in der Peterskirche ſelbſt nur die Pfeiler ſuchen wuͤrde, welche dieſes künſtliche Firmament unterſtützen, dieſer wird es ihm wenig Dank wiſſen, daß er ihm eine doppelte Mühe machte: denn ein ſolcher muß ihn freilich erſt uüͤber⸗ ſetzen, wenn er ihn verſtehen will, ſo wie der bloße nackte Verſtand, entblößt von allem Darſtellungsvermögen, das Schoͤne und Harmoniſche in der Natur wie in der Kunſt erſt in ſeine Sprache umſetzen und auseinander legen, kurz, ſo wie der Schüler, um zu leſen, erſt buchſtabiren muß. Aber von der Beſchranktheit und Beduͤrftigkeit ſeiner Leſer empfangt der darſtellende Schriftſteller niemals das Geſetz. Dem Ideal, das er in ſich ſelbſt trägt, geht er entgegen, unbekümmert, wer ihm etwa folgt, und, wer zurückbleibt. Es werden Viele zurückbleiben: denn, ſo ſelten es ſchon iſt, auch nur denkende Leſer zu finden, ſo iſt es doch noch unendlich ſel⸗ tener, ſolche anzutreffen, welche darſtellend denken können. Ein ſolcher Schriftſteller wird es alſo der Natur der Sache nach ſowohl mit Denjenigen verderben, welche nur anſchauen und nur empfinden— denn er legt ihnen die ſaure Arbeit des Denkens auf, als mit Denjenigen, welche nur denken 2 denn er fordert von ihnen, was fuͤr ſie ſchlechthin unmoͤglich iſt, lebendig zu bilden. Weil aber Beide nur ſehr unvoll⸗ kommene Repraͤſentanten gemeiner und echter Menſchheit ſind, welche durchaus Harmonie jener beiden Geſchaͤfte for⸗ dert, ſo bedeutet ihr Widerſpruch nichts; vielmehr beſtätigen ihm ihre Urtheile, daß er erreichte, was er ſuchte. Der abſtracte Denker findet ſeinen Inhalt gedacht, und der an⸗ ſchauende Leſer ſeine Schreibart lebendig: Beide billigen alſo, was ſie faſſen, und vermiſſen nur, was ihr Vermögen uͤberſteigt. Ein ſolcher Schrifkſteller iſt aber aus eben dieſem Grunde ganz und gar nicht dazu gemacht, einen Unwiſſenden mit dem Gegenſtande, den er behandelt, bekannt zu machen oder, im eigentlichſten Sinne des Worts, zu lehren. Dazu iſt er glücklicher Weiſe auch nicht nothig, weil es für den Unter⸗ richt der Schüler nie an Subjecten fehlen wird. Der Lehrer in ſtrengſter Bedeutung muß ſich nach der Bedurftigkeit richten; er geht von der Vorausſetzung des Unvermögens aus, da hingegen jener von ſeinem Leſer oder Zuhöͤrer ſchon eine gewiſſe Integritäͤt und Ausbildung fordert. Dafuͤr ſchränkt ſich aber ſeine Wirkung auch nicht darauf ein, bloß todte Begriffe mitzutheilen; er ergreift mit lebendiger Energie das Lebendige und bemachtigt ſich des ganzen Menſchen, ſeines Verſtandes, ſeines Gefühls, ſeines Willens zugleich. Wenn es fuͤr die Gründlichkeit der Erkenntniß nachtheilig befunden wurde, bei dem eigentlichen Lernen den Forderun⸗ gen des Geſchmacks Raum zu geben, ſo wird dadurch keines⸗ wegs behauptet, daß die Bildung dieſes Vermögens bei dem Studirenden zu fruͤhzeitig ſey. Ganz im Gegentheil ſoll man ihn aufmuntern und veranlaſſen, Kenntniſſe, die er ſich auf dem Wege der Schule zu eigen machte, auf dem Wege der lebendigen Darſtellung mitzutheilen. Sodald das Erſtere 151 nur beobachtet worden iſt, kann das Zweite keine andere als nützliche Folgen haben. Gewiß muß man einer Wahrheit ſchon in hohem Grade mächtig ſeyn, um ohne Gefahr die Form verlaſſen zu können, in der ſie gefunden wurde; man muß einen großen Verſtand beſitzen, um ſelbſt in dem freien Spiele der Imagination ſein Object nicht zu verlieren. Wer mir ſeine Kenntniſſe in ſchulgerechter Form überliefert, Der überzeugt mich zwar, daß er ſie richtig faßte und zu behaup⸗ ten weiß; wer aber zugleich im Stande iſt, ſie in einer ſchönen Form mitzutheilen, Der beweist nicht nur, daß er dazu gemacht iſt, ſie zu erweitern, er beweist auch, daß er ſie in ſeine Natur aufgenommen hat und in ſeinen Hand⸗ lungen darzuſtellen fahig iſt. Es gibt für die Reſultate des Denkens keinen andern Weg zu dem Willen und in das Leben, als durch die ſelbſtthatige Bildungskraft. Nichts, als was in uns ſelbſt ſchon lebendige That iſt, kann es außer uns werden, und es iſt mit Schöpfungen des Geiſtes wie mit organiſchen Bildungen: nur aus der Blüthe geht die Frucht vor. Wenn man überlegt, wie viele Wahrheiten als innere Anſchauungen längſt ſchon lebendig wirkten, ehe die Philo⸗ ſophie ſie demonſtrirte, und wie kraftlos öfters die demonſtrir⸗ teſten Wahrheiten fur das Gefühl und den Willen bleiben, ſo erkennt man, wie wichtig es für das praktiſche Leben iſt, dieſen Wink der Natur zu befolgen und die Erkenntniſſe der Wiſſenſchaft wieder in lebendige Anſchauung umzuwandeln. Nur auf dieſe Art iſt man im Stande, an den Schätzen der Weisheit auch Diejenigen Antheil nehmen zu laſſen, denen ſchon ihre Natur unterſagte, den unnatüͤrlichen Weg der Wiſ⸗ ſenſchaft zu wandeln. Die Schönheit leiſtet hier in Rückſicht auf die Erkenntniß eben Das, was ſie im Moraliſchen in Rückſicht auf die Handlungsweiſe leiſtet: ſie vereinigt die Menſchen in den Reſultaten und in der Materie, die ſich in der Form und in den Gründen niemals vereinigt haben würden. Das andere Geſchlecht kann und darf, ſeiner Natur und ſeiner ſchönen Beſtimmung nach, mit dem maͤnnlichen nie die Wiſſenſchaft, aber durch das Medium der Darſtellung kann es mit demſelben die Wahrheit theilen. Der Mann läßt es ſich noch wohl gefallen, daß ſein Geſchmack beleidigt wird, wenn nur der innere Gehalt den Verſtand entſchaͤdigt. Gewöhnlich iſt es ihm nur deſto lieber, je haͤrter die Be⸗ ſtimmtheit hervortritt, und je reiner ſich das innere Weſen von der Erſcheinung abſondert. Aber das Weib vergibt dem reichſten Inhalt die vernachläͤſſigte Form nicht, und der ganze innere Bau ſeines Weſens gibt ihm ein Recht zu dieſer ſtrengen Forderung. Dieſes Geſchlecht, das, wenn es auch nicht durch Schönheit herrſchte, ſchon allein deßwegen das ſchöne Geſchlecht heißen müßte, weil es durch Schönheit be⸗ herrſcht wird, zieht Alles, was ihm vorkommt, vor den Richterſtuhl der Empfindung, und, was nicht zu dieſer ſpricht oder ſie gar beleidigt, iſt fur dasſelbe verloren. Freilich kann ihm in dieſem Canal nur die Materie der Wahrheit, aber nicht die Wahrheit ſelbſt überliefert werden, die von ihrem Beweis unzertrennlich iſt. Aber glucklicher Weiſe braucht es auch nur die Materie der Wahrheit, um ſeine höchſte Vollkommenheit zu erreichen, und die bisher erſchie⸗ nenen Ausnahmen können den Wunſch nicht erregen, daß ſie zur Regel werden möchten. Das Geſchaft alſo, welches die Natur dem andern Ge⸗ ſchlecht nicht bloß nachließ, ſondern verbot, muß der Mann doppelt auf ſich nehmen, wenn er anders dem Weibe in dieſem 153 wichtigen Punkt des Daſeyns auf gleicher Stufe begegnen will. Er wird alſo ſo viel, als er nur immer kann, aus dem Reich der Abſtraction, wo er regiert, in das Reich der Ein⸗ bildungskraft und Empfindung hinüberzuziehen ſuchen, wo das Weib zugleich Muſter und Richterin iſt. Er wird, da er in dem weiblichen Geiſte keine dauerhafte Pflanzungen anlegen kann, ſo viele Bluüthen und Fruͤchte, als immer möglich iſt, auf ſeinem eigenen Felde zu erzielen ſuchen, um den ſchnell verwelkenden Vorrath auf dem andern deſto öfter erneuern und da, wo keine natürliche Ernte reift, eine künſt⸗ liche unterhalten zu können. Der Geſchmack verbeſſert— oder verbirgt— den natürlichen Geiſtesunterſchied beider Geſchlechter, er naͤhrt und ſchmückt den weiblichen Geiſt mit den Producten des männlichen und läßt das reizende Ge⸗ ſchlecht empfinden, wo es nicht gedacht, und genießen, wo es nicht gearbeitet hat. Dem Geſchmack iſt alſo unter den Einſchränkungen, deren ich bisher erwähnte, bei Mittheilung der Erkenntniß zwar die Form anvertraut, aber unter der ausdrücklichen Bedin⸗ gung, daß er ſich nicht an dem Inhalt vergreife. Er ſoll nie vergeſſen, daß er einen fremden Auftrag ausrichtet und nicht ſeine eigenen Geſchäfte führt. Sein ganzer Antheil ſoll dar⸗ auf eingeſchränkt ſeyn, das Gemuth in eine der Erkenntniß gunſtige Stimmung zu verſetzen; aber in allem Dem, was die Sache betrifft, ſoll er ſich durchaus keine Autorität an⸗ maßen. Wenn er das Letztere thut— wenn er ſein Geſetz, welches kein anderes iſt, als der Einbildungskraft gefällig zu ſeyn und in der Betrachtung zu vergnügen, zum oberſten erhebt— wenn er dieſes Geſetz nicht bloß auf die Behand⸗ lung, ſondern auch auf die Sache anwendet und nach 154 Maßgabe desſelben die Materialien nicht bloß ordnet, ſon⸗ dern wählt, ſo überſchreitet er nicht nur, ſondern veruntreut ſeinen Auftrag und verfälſcht das Object, das er uns treu überliefern ſollte. Nach Dem, was die Dinge ſind, wird jetzt nicht mehr gefragt, ſondern, wie ſie ſich am Beſten den Sinnen empfehlen. Die ſtrenge Conſequenz der Gedanken, welche bloß hätte verborgen werden ſollen, wird als eine läſtige Feſſel weggeworfen; die Vollkommenheit wird der Annehmlichkeit, die Wahrheit der Theile der Schönheit des Ganzen, das innere Weſen dem äußern Eindruck aufgeopfert. Wo aber der Inhalt ſich nach der Form richten muß, da iſt gar kein Inhalt; die Darſtellung iſt leer, und, anſtatt ſein Wiſſen vermehrt zu haben, hat man bloß ein unterhaltendes Spiel getrieben. Schriftſteller, welche mehr Witz als Verſtand und mehr Geſchmack als Wiſſenſchaft beſitzen, machen ſich dieſer Betrü⸗ gerei nur allzu oft ſchuldig, und Leſer, die mehr zu empfinden als zu denken gewohnt ſind, zeigen ſich nur zu bereitwillig, ſie zu verzeihen. Ueberhaupt iſt es bedenklich, dem Geſchmack ſeine völlige Ausbildung zu geben, ehe man den Verſtand als reine Denkkraft geübt und den Kopf mit Begriffen bereichert hat. Denn, da der Geſchmack nur immer auf die Behand⸗ lung und nicht auf die Sache ſieht, ſo verliert ſich da, wo er der alleinige Richter iſt, aller Sachunterſchied der Dinge. Man wird gleichgultig gegen die Realitat und ſetzt endlich allen Werth in die Form und in die Erſcheinung. Daher der Geiſt der Oberflachlichkeit und Frivolitaät, den man ſehr oft bei ſolchen Ständen und in ſolchen Cirkeln herrſchen ſieht, die ſich ſonſt nicht mit Unrecht der hoͤchſten Verfeinerung ruühmen. Einen jungen Menſchen in dieſe Cirkel der Grazien einzuführen, ehe die Muſen ihn als 155 mündig entlaſſen haben, muß ihm nothwendig verderblich werden, und es kann gar nicht fehlen, daß eben Das, was dem reifen Jüͤngling die äußere Vollendung gibt, den un⸗ reifen zum Gecken macht.* Stoff ohne Form iſt freilich nur ein halber Beſitz: denn die herrlichſten Kenntniſſe liegen in einem Kopf, der ihnen keine Geſtalt zu gehen weiß, wie todte Schätze vergraben. Form ohne Stoff hingegen iſt gar nur der Schatten eines Beſitzes, und alle Kunſtfertigkeit im Ausdruck kann Demjenigen nichts helfen, der nichts auszudrücken hat. Wenn alſo die ſchöne Cultur nicht auf dieſen Abweg fuͤhren ſoll, ſo muß der Geſchmack nur die außere Geſtalt, Vernunft und Erfahrung aber das innere Weſen beſtimmen. Wird der Eindruck auf den Sinn zum höchſten Richter ge⸗ macht, und die Dinge bloß auf die Empfindung bezogen, ſo tritt der Menſch niemals aus der Dienſtbarkeit der Mgterie, *⁴ Herr Garvoe hat in ſeiner einſichtsvollen Vergleichung buͤrgerlicher und adeliger Sitten im 1. Theil ſeiner Verſuche ꝛc.(einer Schrift, von der ich vorausſetzen darf, daß ſie in Jedermanns Haͤnden ſeyn werde) unter den Praͤrogativen des adeligen Juͤnglings auch die fruͤhzeitige Competenz des⸗ ſelben zu dem Umgange mit der großen Welt angefuͤhrt, von welchem der buͤrgerliche ſchon durch ſeine Geburt ausgeſchloſſen iſt. Ob aber dieſes Vor⸗ recht, welches in Abſicht auf die aͤußere und aͤſthetiſche Bitdung unſtreitig als ein Vortheil zu betrachten iſt, auch in Abſicht auf die innere Bildung des adeligen Juͤnglings und alſo auf das Ganze ſeiner Erziehung noch ein Gewinn heißen koͤnne, daruͤber hat uns Herr Garve ſeine Meinung nicht geſagt, und ich zweifle, ob er eine ſolche Behauptung wuͤrde rechtfertigen koͤnnen. So viel auch auf dieſem Wege an Form zu gewinnen iſt, ſo viel muß dadurch an Materie verſaͤumt werden, und, wenn man uͤberlegt, wie viel leichter ſich Form zu einem Inhalt, als Inhalt zu einer Form findet, ſo dürfte der Buͤr⸗ ger den Cdelmann um dieſes Praͤrogativ nicht ſehr beneiden. Wenn es freilich auch fernerhin bei der Einrichtung bleiben ſoll, daß der Buͤrgerliche arbei⸗ tet, und der Adelige repraͤſentirt, ſo kann man kein paſſenderes Mittel dazu waͤhlen, als gerade dieſen Unterſchied in der Erziehung; aber ich zweifle⸗ ob der Adelige ſich eine ſolche Theitung immer geſallen laſſen wird. ſo wird es niemals Licht in ſeinem Geiſte, kurz, ſo verliert er ebenſo viel an Freiheit der Vernunft, als er der Einbil⸗ dungskraft zu viel verſtattet. Das Schöne thut ſeine Wirkung ſchon bei der bloßen Betrachtung, das Wahre will Studium. Wer alſo bloß ſeinen Schonheitsſinn übte, Der begnügt ſich auch da, wo ſchlechter⸗ dings Studium nöthig iſt, mit der ſuperficiellen Betrachtung und will auch da bloß verſtaͤndig ſpielen, wo Anſtrengung und Ernſt erfordert wird. Durch die bloße Betrachtung wird aber nie etwas gewonnen. Wer etwas Großes leiſten will, muß tief eindringen, ſcharf unterſcheiden, vielſeitig verbinden und ſtandhaft beharren. Selbſt der Kunſtler und Dichter, ob⸗ gleich Beide nur für das Wohlgefallen bei der Betrachtung arbeiten, können nur durch ein anſtrengendes und nichts weniger als reizendes Studium dahin gelangen, daß ihre Werke uns ſpielend ergötzen. Dieſes ſcheint mir auch der untruͤgliche Probirſtein zu ſeyn, woran man den bloßen Dilettanten von dem wahrhaf⸗ ten Kunſtgenie unterſcheiden kann. Der verführeriſche Reiz des Großen und Schönen, das Feuer, womit es die jugend⸗ liche Imagination entzündet, und der Anſchein von Leichtig⸗ keit, womit es die Sinne täuſcht, haben ſchon Manchen Unerfahrenen beredet, Palette oder Leyer zu ergreifen und auszugießen in Geſtalten oder Tönen, was in ihm lebendig wurde. In ſeinem Kopf arbeiten dunkle Ideen wie eine werdende Welt, die ihn glauben machen, daß er begeiſtert ſey. Er nimmt das Dunkle für das Tiefe, das Wilde für das Kräftige, das Unbeſtimmte für das Unendliche, das Sinn⸗ loſe fuͤr das Ueberſinnliche— und wie gefallt er ſich nicht in ſeiner Geburt! Aber des Kenners Urtheil will dieſes Zeugniß der warmen Selbſtliebe nicht beſtatigen. Mit ungefalliger 157 Kritik zerſtͤrt er das Gaukelwerk der ſchwärmenden Bildungs⸗ kraft und leuchtet ihm in den tiefen Schacht der Wiſſenſchaft und Erfahrung hinunter, wo, jedem Ungeweihten verborgen, der Quell aller wahren Schoͤnheit entſpringt. Schlummert nun echte Geniuskraft in dem fragenden Jüngling, ſo wird zwar anfangs ſeine Beſcheidenheit ſtutzen, aber der Muth des wahren Talents wird ihn bald zu Verſuchen ermuntern. Er ſtudirt, wenn die Natur ihn zum plaſtiſchen Künſtler ausſtattete, den menſchlichen Bau unter dem Meſſer des Anatomikers, ſteigt in die unterſte Tiefe, um auf der Oberfläche wahr zu ſeyn, und fragt bei der ganzen Gattung herum, um dem Individuum ſein Recht zu erweiſen. Er behorcht, wenn er zum Dichter geboren iſt, die Menſchheit in ſeiner eigenen Bruſt, um ihr unendlich wechſelndes Spiel auf der weiten Bühne der Welt zu ver⸗ ſtehen, unterwirft die üppige Fantaſie der Disciplin des Geſchmacks und läßt den nuͤchternen Verſtand die Ufer aus⸗ meſſen, zwiſchen welchen der Strom der Begeiſterung brauſen ſoll. Ihm iſt es wohlbekannt, daß nur aus dem unſcheinbar Kleinen das Große erwächst, und, Sandkorn für Sandkorn, trägt er das Wundergebäude zuſammen, das uns in einem einzigen Eindruck jetzt ſchwindelnd faßt. Hat ihn hingegen die Natur bloß zum Dilettanten geſtempelt, ſo erkältet die Schwierigkeit ſeinen kraftloſen Eifer, und er verläßt entweder, wenn er beſcheiden iſt, eine Bahn, die ihm Selbſtbetrug anwies, oder, wenn er es nicht iſt, verkleinert er das große Ideal nach dem kleinen Durchmeſſer ſeiner Fähigkeit, weil er nicht im Stande iſt, ſeine Fähigkeit nach dem großen Maßſtab des Ideals zu erweitern. Das echte Kunſtgenie iſt alſo immer daran zu erkennen, daß es, bei dem gluhendſten Gefuͤhl für das Ganze, Kälte und ausdauernde Geduld für 158 das Einzelne behält und, um der Vollkommenheit keinen Abbruch zu thun, lieber den Genuß der Vollendung aufopfert. Dem bloßen Liebhaber verleidet die Muhſeligkeit des Mittels den Zweck, und er möchte es gern beim Hervorbringen ſo bequem haben als bei der Betrachtung. Bisher iſt von den Nachtheilen geredet worden, welche aus einer übertriebenen Empfindlichkeit für das Schöne der Form und aus zu weit ausgedehnten aſthetiſchen Forderungen für das Denken und für die Einſicht erwachſen. Von weit größerer Bedeutung aber ſind eben dieſe Anmaßungen des Geſchmackes, wenn ſie den Willen zu ihrem Gegenſtand haben: denn es iſt doch etwas ganz Anderes, ob uns der übertriebene Hang für das Schöne an Erweiterung unſeres Wiſſens verhindert, oder, ob er den Charakter verderbt und uns Pflichten verletzen macht. Belletriſtiſche Willkürlichkeit im Denken iſt freilich etwas ſehr Uebles und muß den Ver⸗ ſtand verfinſtern; aber eben dieſe Willkürlichkeit, auf Marxi⸗ men des Willens angewandt, iſt etwas Böſes und muß unausbleiblich das Herz verderben. Und zu dieſem gefahr⸗ vollen Extrem neigt die aſthetiſche Verfeinerung den Men⸗ ſchen, ſobald er ſich dem Schoͤnheitsgefühle ausſchließend anvertraut und den Geſchmack zum unumſchränkten Geſetz⸗ geber ſeines Willens macht. Die moraliſche Beſtimmung des Menſchen fordert voͤllige Unabhängigkeit des Willens von allem Einfluß ſinnlicher An⸗ triebe, und der Geſchmack, wie wir wiſſen, arbeitet ohne Unterlaß daran, das Band zwiſchen der Vernunft und den Sinnen immer inniger zu machen. Nun bewirkt er dadurch zwar, daß die Begierden ſich veredeln und mit den Forde⸗ rungen der Vernunft übereinſtimmender werden; aber ſelbſt daraus kann füͤr die Moralitaͤt zuletzt große Geſahr entſtehen. 159 Dafür naͤmlich, daß bei dem aſthetiſch verfeinerten Men⸗ ſchen die Einbildungskraft auch in ihrem freien Spiele ſich nach Geſetzen richtet, und daß der Sinn ſich gefallen läßt, nicht ohne Beiſtimmung der Vernunft zu genießen, wird von der Vernunft gar leicht der Gegendienſt verlangt, in dem Ernſt ihrer Geſetzgebung ſich nach dem Intereſſe der Einbildungskraft zu richten und nicht ohne Beiſtimmung der ſinnlichen Triebe dem Willen zu gebieten. Die ſittliche Verbindlichkeit des Willens, die doch ganz ohne alle Bedingung gilt, wird unvermerkt als ein Contract angeſehen, der den einen Theil nur ſolange bindet, als der andere ihn erfüllt. Die zufällige Zuſammenſtim⸗ mung der Pflicht mit der Neigung wird endlich als noth⸗ wendige Bedingung feſtgeſetzt, und ſo die Sittlichkeit in ihren Quellen vergiftet. Wie der Charakter nach und nach in dieſe Verderbniß gerathe, läßt ſich auf folgende Art begreiflich machen. Solange der Menſch noch ein Wilder iſt, ſeine Triebe bloß auf materielle Gegenſtände gehen, und ein Egoism von der gröbern Art ſeine Handlungen leitet, kann die Sinnlich⸗ keit nur durch ihre blinde Starke der Moralität gefäahrlich ſeyn und ſich den Vorſchriften der Vernunft bloß als eine Macht widerſetzen. Die Stimme der Gerechtigkeit, der Maͤſ⸗ ſigung, der Menſchlichkeit wird von der lauter ſprechenden Begierde überſchrien. Er iſt furchterlich in ſeiner Rache, weil er die Beleidigung fürchterlich empfindet. Er raubt und mordet, weil ſeine Geluſte dem ſchwachen Zügel der Vernunft noch zu mäͤchtig ſind. Er iſt ein wuͤthendes Thier gegen An⸗ dere, weil ihn ſelbſt der Naturtrieb noch thieriſch beherrſcht. Vertauſcht er aber dieſen wilden Naturſtand mit dem Zuſtande der Verfeinerung, veredelt der Geſchmack ſeine 160 Triebe, weist er denſelben würdigere Objecte in der mora⸗ liſchen Welt an, mäßigt er ihre rohen Ausbrüche durch die Regel der Schönheit, ſo kann es geſchehen, daß eben dieſe Triebe, die vorher nur durch ihre blinde Gewalt furcht⸗ bar waren, durch einen Anſchein von Wuͤrde und durch eine angemaßte Autoritat der Sittlichkeit des Charak⸗ ters noch weit gefährlicher werden und unter der Maske von Unſchuld, Adel und Reinigkeit eine weit ſchlimmere Tyrannei gegen den Wilden ausuͤben. Der Menſch von Geſchmack entzieht ſich freiwillig dem groben Joche des Inſtincts. Er unterwirft ſeinen Trieb nach Vergnügen der Vernunft und verſteht ſich dazu, die Objecte ſeiner Begierden ſich von dem denkenden Geiſte beſtimmen zu laſſen. Je öfter nun der Fall ſich erneuert, daß das mo⸗ raliſche und das aſthetiſche Urtheil, das Sittengefühl und das Schönheitsgefühl, in demſelben Objecte zuſammentreffen und in demſelben Ausſpruche ſich begegnen, deſto mehr wird die Vernunft geneigt, einen ſo ſehr vergeiſtigten Trieb für einen der ihrigen zu halten und ihm zuletzt das Steuer des Willens mit uneingeſchränkter Vollmacht zu übergeben. Solange noch Möglichkeit vorhanden iſt, daß Neigung und Pflicht in demſelben Object des Begehrens zuſammen⸗ treffen, ſo kann dieſe Repraſentation des Sittengefuhls durch das Schoͤnheitsgefuͤhl keinen poſitiven Schaden anrichten, obgleich, ſtreng genommen, für die Moralitaͤt der einzelnen Handlungen dadurch nichts gewonnen wird. Aber der Fall verändert ſich gar ſehr, wenn Empfindung und Vernunft ein verſchiedenes Intereſſe haben— wenn die Pflicht ein Betra⸗ gen gebietet, das den Geſchmack empört, oder wenn ſich die⸗ ſer zu einem Object hingezogen ſieht, das die Vernunft als moraliſche Richterin zu verwerfen gezwungen iſt. 161 Jetzt nämlich tritt auf Einmal die Nothwendigkeit ein, die Anſprüche des moraliſchen und aſthetiſchen Sinnes, die ein ſo langes Einverſtaͤndniß beinahe unentwirrbar vermengte, auseinander zu ſetzen, ihre gegenſeitigen Befugniſſe zu be⸗ ſtimmen und den wahren Gewalthaber im Gemüth zu er⸗ fahren. Aber eine ſo ununterbrochene Repräſentation hat ihn in Vergeſſenheit gebracht, und die lange Obſervanz, den Ein⸗ gebungen des Geſchmacks unmittelbar zu gehorchen und ſich dabei wohl zu befinden, mußte dieſem unvermerkt den Schein eines Rechts erwerben. Bei der Untadelhaftigkeit, wo⸗ mit der Geſchmack ſeine Aufſicht uber den Willen verwaltete, konnte es nicht fehlen, daß man ſeinen Ausſpruchen nicht eine gewiſſe Achtung zugeſtand, und dieſe Achtung iſt es eben, was die Neigung jetzt mit verfaͤnglicher Dialektik gegen die Gewiſſenspflicht geltend macht. Achtung iſt ein Gefühl, welches nur für das Geſetz, und was demſelben entſpricht, kann empfunden werden. Was Achtung fordern kann, macht auf unbedingte Huldigung An⸗ ſpruch. Die veredelte Neigung, welche ſich Achtung zu er⸗ ſchleichen gewußt hat, will alſo der Vernunft nicht mehr untergeordnet, ſie will ihr beigeordnet ſeyn. Sie will für keinen treubrüchigen Unterthan gelten, der ſich gegen ſeinen Oberherrn auflehnt; ſie will als eine Majeſtät ange⸗ ſehen ſeyn und mit der Vernunft als ſittliche Geſetzgeberin, wie Gleich mit Gleichem, handeln. Die Wagſchalen ſtehen alſo, wie ſie vorgibt, dem Recht nach gleich, und wie ſehr iſt da nicht zu fuͤrchten, daß das Intereſſe den Ausſchlag ge⸗ ben werde! Unter allen Neigungen, die von dem Schönheitsgefühl abſtammen und das Eigenthum feiner Seelen ſind, empfiehlt keine ſich dem moraliſchen Gefühle ſo ſehr, als der veredelte Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 11 162 Affect der Liebe, und keine iſt fruchtbarer an Geſinnungen, die der wahren Wuͤrde des Menſchen entſprechen. Zu welchen Höhen traͤgt ſich nicht die menſchliche Natur, und was für goͤttliche Funken weiß ſie nicht oft auch aus gemeinen Seelen zu ſchlagen! Von ihrem heiligen Feuer wird jede eigen⸗ nützige Neigung verzehrt, und reiner können Grundſätze ſelbſt die Keuſchheit des Gemüths kaum bewahren, als die Liebe des Herzens Adel bewacht. Oft, wo jene noch kaäͤmpf⸗ ten, hat die Liebe ſchon für ſie geſiegt und durch ihre all⸗ mächtige Thatkraft Entſchluſſe beſchleunigt, welche die bloße Pflicht der ſchwachen Menſchheit umſonſt würde abgefordert haben. Wer ſollte wohl einem Affect mißtrauen, der das Vortreffliche in der menſchlichen Natur ſo kräftig in Schutz nimmt und den Erbfeind aller Moralitaͤt, den Egoism, ſo ſiegreich beſtreitet? Aber man wage es ja nicht mit dieſem Führer, wenn man nicht ſchon durch einen beſſern geſichert iſt. Der Fall ſoll eintreten, daß der geliebte Gegenſtand ungluͤcklich iſt, daß er um unſertwillen unglücklich iſt, daß es von uns ab⸗ hängt, ihn durch Aufopferung einiger moraliſchen Bedenklich⸗ keiten glücklich zu machen.„Sollen wir ihn leiden laſſen, um ein reines Gewiſſen zu behalten? Erlaubt Dieſes der uneigennüͤtzige, großmuthige, ſeinem Gegenſtand ganz dahin⸗ gegebene, uͤber ſeinen Gegenſtand ganz ſich ſelbſt vergeſſende Affect? Es iſt wahr, es läuft wider unſer Gewiſſen, von dem unmoraliſchen Mittel Gebrauch zu machen, wodurch ihm geholfen werden kann— aber heißt Das lieben, wenn man bei dem Schmerz des Geliebten noch an ſich ſelbſt denkt? Wir ſind doch alſo mehr fuͤr uns beſorgt als für den Gegen⸗ ſtand unſerer Liebe, weil wir lieber dieſen unglücklich ſehen, als es durch die Vorwürfe unſeres Gewiſſens ſelbſt ſeyn wollen?“ So ſophiſtiſch weiß dieſer Affect die moraliſche Stimme in uns, wenn ſie ſeinem Intereſſe entgegen ſteht, als eine Anregung der Selbſtliebe verächtlich zu machen und unſere ſittliche Würde als ein Beſtandſtück unſerer Glückſeligkeit vorzuſtellen, welche zu veräußern in unſerer Willkuͤr ſteht. Iſt unſer Charakter nicht durch gute Grundſätze feſt verwahrt, ſo werden wir ſchändlich handeln bei allem Schwung einer erxaltirten Einbildungskraft und uber unſere Selbſtliebe einen glorreichen Sieg zu erfechten glauben, indem wir, gerade umgekehrt, ihr veraͤchtliches Opfer ſind. In dem bekannten franzöſiſchen Roman, Liaisons dangereuses, findet man ein treffendes Beiſpiel dieſes Be⸗ truges, den die Liebe einer ſonſt reinen und ſchönen Seele ſpielt. Die Präſidentin von Tourvel iſt aus Ueberraſchung gefallen, und nun ſucht ſie ihr gequaltes Herz durch den Gedanken zu beruhigen, daß ſie ihre Tugend der Großmuth geopfert habe. Die ſogenannten unvollkommenen Pflichten ſind es vor⸗ züglich, die das Schoͤnheitsgefüͤhl in Schutz nimmt und nicht ſelten gegen die vollkommenen behauptet. Da ſie der Will⸗ kür der Subjects weit mehr anheimſtellen und zugleich einen Glanz von Verdienſtlichkeit von ſich werfen, ſo empfehlen ſie ſich dem Geſchmack ungleich mehr als die vollkommenen, die unbedingt mit ſtrenger Nöthigung gebieten. Wie viele Men⸗ ſchen erlauben ſich nicht, ungerecht zu ſeyn, um großmüthig ſeyn zu können! Wie Viele gibt es nicht, die, um einem Einzelnen wohl zu thun, die Pflicht gegen das Ganze ver⸗ letzen, und umgekehrt, die ſich eher eine Unwahrheit als eine Indelicateſſe, eher eine Verletzung der Menſchlichkeit als der Ehre verzeihen, die, um die Vollkommenheit ihres Geiſtes zu beſchleunigen, ihren Körper zu Grunde richten und, um 164 ihren Verſtand auszuſchmuͤcken, ihren Charakter erniedrigen! Wie Viele gibt es nicht, die ſelbſt vor einem Verbrechen nicht erſchrecken, wenn ein loblicher Zweck dadurch zu erreichen ſteht, die ein Ideal politiſcher Gluͤckſeligkeit durch alle Gräuel der Anarchie verfolgen, Geſetze in den Staub treten, um für beſſere Platz zu ma⸗ chen, und kein Bedenken tragen, die gegenwaͤr⸗ tige Generation dem Elende preiszugeben, um das Glück der nächſtfolgenden dadurch zu befeſti⸗ gen! Die ſcheinbare Uneigennützigkeit gewiſſer Tugenden gibt ihnen einen Anſtrich von Reinigkeit, der ſie dreiſt genug macht, der Pflicht ins Angeſicht zu trotzen, und Manchem ſpielt ſeine Fantaſie den ſeltſamen Betrug, daß er über die Moralität noch hinaus und vernünftiger als die Vernunft ſeyn will. Der Menſch von verfeinertem Geſchmack iſt in dieſem Stuͤck einer ſittlichen Verderbniß faͤhig, vor welcher der rohe Naturſohn, eben durch ſeine Rohheit, geſichert iſt. Bei dem Letztern iſt der Abſtand zwiſchen Dem, was der Sinn ver⸗ langt, und Dem, was die Pflicht gebietet, ſo abſtechend und ſo grell, und ſeine Begierden haben ſo wenig Geiſtiges, daß ſie ſich, auch wenn ſie ihn noch ſo deſpotiſch beherrſchen, doch nie bei ihm in Anſehen ſetzen koͤnnen. Reizt ihn alſo die uͤberwiegende Sinnlichkeit zu einer unrechten Handlung, ſo kann er der Verſuchung zwar unterliegen, aber er wird ſich nicht verbergen, daß er fehlt, und der Vernunft ſogar in demſelben Augenblick huldigen, wo er ihrer Vorſchrift entgegen handelt. Der verfeinerte Zögling der Kunſt hin⸗ gegen will es nicht Wort haben, daß er fallt, und, um ſein Gewiſſen zu bernhigen, belügt er es lieber. Er möchte zwar gern der Begierde nachgeben, aber ohne dadurch in 165 ſeiner eigenen Achtung zu ſinken. Wie bewerkſtelligt er nun Dieſes? Er ſtuͤrzt die hoͤhere Autoritaͤt vorher um, die ſeiner Neigung entgegenſteht, und, ehe er das Geſetz übertritt, zieht er die Befugniß des Geſetzgebers in Zweifel. Sollte man es glauben, daß ein verkehrter Wille den Verſtand ſo verkehren könne? Alle Würde, auf welche eine Neigung An⸗ ſpruch machen kann, hat ſie bloß ihrer Uebereinſtimmung mit der Vernunft zu verdanken, und nun iſt ſie ſo verblendet als dreiſt, auch bei ihrem Widerſtreit mit der Vernunft ſich dieſer Würde anzumaßen, ja, ſich derſelben ſogar gegen das Anſehen der Vernunft zu bedienen. So gefährlich kann es für die Moralität des Charakters ausſchlagen, wenn zwiſchen den ſinnlichen und den ſittlichen Trieben, die doch nur im Ideale und nie in der Wirklichkeit vollkommen einig ſeyn können, eine zu innige Gemeinſchaft herrſcht. Zwar die Sinnlichkeit wagt bei dieſer Gemeinſchaft nichts, da ſie nichts beſitzt, was ſie nicht hingeben müßte, ſobald die Pflicht ſpricht, und die Vernunft das Opfer ſor⸗ dert. Für die Vernunft aber, als ſittliche Geſetzgeberin, wird deſto mehr gewagt, wenn ſie ſich von der Neigung ſchenken laͤßt, was ſie ihr abfordern könnte: denn unter dem Scheine von Freiwilligkeit kann ſich leicht das Ge⸗ fühl der Verbindlichkeit verlieren, und ein Geſchenk läßt ſich verweigern, wenn der Sinnlichkeit einmal die Leiſtung beſchwerlich fallen ſollte. Ungleich ſicherer iſt es alſo fuür die Moralität des Charakters, wenn die Repraſentation des Sit⸗ tengefühls durch das Schoͤnheitsgefühl wenigſtens moment⸗ weiſe aufgehoben wird, wenn die Vernunft öfters unmittel⸗ bar gebietet und dem Willen ſeinen wahren Beherrſcher zeigt. Man ſagt daher ganz richtig, daß die echte Moralitat ſich nur in der Schule der Widerwartigkeit bewähre, und 166 eine anhaltende Glückſeligkeit leicht eine Klippe der Tugend werde. Glückſelig nenne ich Den, der, um zu genießen, nicht nöthig hat, unrecht zu thun, und, um recht zu han⸗ deln, nicht nöthig hat, zu entbehren. Der ununterbrochen glückliche Menſch ſieht alſo die Pflicht nie von Angeſicht, weil ſeine geſetzmäßigen und geordneten Neigungen das Gebot der Vernunft immer anticipiren, und keine Verſuchung zum Bruch des Geſetzes das Geſetz bei ihm in Erinnerung bringt. Einzig durch den Schoͤnheitsſinn, den Statthalter der Vernunft in der Sinnenwelt, regiert, wird er zu Grabe gehen, ohne die Wuͤrde ſeiner Beſtimmung zu erfahren. Der ungluͤckliche hingegen, wenn er zugleich ein Tugend⸗ hafter iſt, genießt den erhabenen Vorzug, mit der goͤttlichen Majeſtät des Geſetzes unmittelbar zu verkehren, und, da ſeiner Tugend keine Neigung hilft, die Freiheit des Dämons noch als Menſch zu beweiſen. Ueber naive und ſentimentaliſche Dichtung.* — Es gibt Augenblicke in unſerm Leben, wo wir der Natur in Pflanzen, Mineralien, Thieren, Landſchaften, ſo wie der menſchlichen Natur in Kindern, in den Sitten des Land⸗ volks und der Urwelt, nicht, weil ſie unſern Sinnen wohl⸗ thut, auch nicht, weil ſie unſern Verſtand oder Geſchmack befriedigt(von Beiden kann oft das Gegentheil Statt finden), ſondern bloß, weil ſie Natur iſt, eine Art von Liebe und von rührender Achtung widmen. Jeder feinere Menſch, dem es nicht ganz und gar an Empfindung fehlt, erfährt Dieſes, wenn er im Freien wandelt, wenn er auf dem Lande lebt oder ſich bei den Denkmaͤlern der alten Zeiten verweilt, kurz, wenn er in künſtlichen Verhältniſſen und Situationen mit dem Anblick der einfaͤltigen Natur überraſcht wird. Dieſes nicht ſelten zum Beduͤrfniß erhöhte Intereſſe iſt es, was vielen unſerer Liebhabereien für Blumen und Thiere, für einfache Gärten, für Spaziergänge, für das Land und ſeine Bewohner, für manche Producte des fernen Alterthums u. dgl. *Anmerkung des Heraus gebers. Zuerſt war dieſer Aufſatz in die Jahrgaͤnge 1795 und 4796 der Horen eingeruͤckt worden. 168 zum Grund liegt; vorausgeſetzt, daß weder Affeckation, noch ſonſt ein zufaͤlliges Intereſſe dabei im Spiele ſey. Dieſe Art des Intereſſe an der Natur findet aber nur unter zwei Bedingungen Statt. Furs Erſte iſt es durchaus nöthig, daß der Gegenſtand, der uns dasfelbe einflößt, Natur ſey oder doch von uns dafür gehalten werde; zweitens, daß er (in weiteſter Bedeutung des Worts) naiv ſey, d. h., daß die Natur mit der Kunſt im Contraſte ſtehe und ſie beſchäme. Sobald das Letzte zu dem Erſten hinzukommt, und nicht eher, wird die Natur zum Naiven. Natur in dieſer Betrachtungsart iſt uns nichts Anderes, als das freiwillige Daſeyn, das Beſtehen der Dinge durch ſich ſelbſt, die Eriſtenz nach eigenen und unabanderlichen Geſetzen. Dieſe Vorſtellung iſt ſchlechterdings nöthig, wenn wir an dergleichen Erſcheinungen Intereſſe nehmen ſollen. Könnte man einer gemachten Blume den Schein der Natur mit der vollkommenſten Taͤuſchung geben, könnte man die Nachah⸗ mung des Naiven in den Sitten bis zur höchſten Illuſion treiben, ſo würde die Entdeckung, daß es Nachahmung ſey, das Gefühl, von dem die Rede iſt, gänzlich vernichten.* Daraus erhellet, daß dieſe Art des Wohlgefallens an der *Kant, meines Wiſſens der Erſte, der uͤber dieſes Phaͤnomen eigens zu reflectiren angefangen, erinnert, daß, wenn wir von einem Menſchen den Schlag der Nachtigall bis zur hoͤchſten Taͤuſchung nachgeahmt ſaͤnden und uns dem Eindruck desſelben mit ganzer Ruͤhrung uͤberließen, mit der Zerſtörung dieſer Illuſion alle unſere Luſt verſchwinden wuͤrde. Man ſehe das Capitel vom intellectuellen Intereſſe am Schoͤnen in der Kritik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft. Wer den Verfaſſer nur als einen großen Denker bewundern gelernt hat, wird ſich freuen, hier auf eine Spur ſeines Herzens zu treffen und ſich durch dieſe Entdeckung vos dieſes Mannes hohem philoſophiſchen Beruf(welcher ſchlechterdings beide Eigenſchaſten verbunden fordert) zu uͤberzeugen. 169 Natur kein aſthetiſches, ſondern ein moraliſches iſt: denn es wird durch eine Idee vermittelt, nicht unmittelbar durch Betrachtung erzeugt; auch richtet es ſich ganz und gar nicht nach der Schönheit der Formen. Was hätte auch eine un⸗ ſcheinbare Blume, eine Quelle, ein bemooster Stein, das Gezwitſcher der Vögel, das Summen der Bienen u. ſ. w. fuͤr ſich ſelbſt ſo Gefälliges fur uns? Was koͤnnte ihm gar einen Anſpruch auf unſere Liebe geben? Es ſind nicht dieſe Gegenſtände, es iſt eine durch ſie dargeſtellte Idee, was wir in ihnen lieben. Wir lieben in ihnen das ſtille ſchaffende Leben, das ruhige Wirken aus ſich ſelbſt, das Daſeyn nach eigenen Geſetzen, die innere Nothwendigkeit, die ewige Ein⸗ heit mit ſich ſelbſt. Sie ſind, was wir waren; ſie ſind, was wir wieder werden ſollen. Wir waren Natur, wie ſie, und unſere Cultur ſoll uns, auf dem Wege der Vernunft und der Frei⸗ heit, zur Natur zuruͤckführen. Sie ſind alſo zugleich Darſtel⸗ lung unſrer verlornen Kindheit, die uns ewig das Theuerſte bleibt: daher ſie uns mit einer gewiſſen Wehmuth erfüllen. Zugleich ſind ſie Darſtellungen unſerer höchſten Vollendung im Ideale: daher ſie uns in eine erhabene Rührung ver⸗ ſetzen. Aber ihre Vollkommenheit iſt nicht ihr Verdienſt, weil ſie nicht das Werk ihrer Wahl iſt. Sie gewähren uns alſo die ganz eigene Luſt, daß ſie, ohne uns zu beſchämen, unſere Muſter ſind. Eine beſtändige Göttererſcheinung, umgeben ſie uns, aber mehr erquickend als blendend. Was ihren Charakter ausmacht, iſt gerade Das, was dem unſrigen zu ſeiner Vollendung mangelt; was uns von ihnen unterſcheidet, iſt gerade Das, was ihnen ſelbſt zur Göttlichkeit fehlt. Wir ſind frei, und ſie ſind nothwendig; wir wechſeln, ſie bleiben 170 Eins. Aber nur, wenn Beides ſich mit einander verbindet — wenn der Wille das Geſetz der Nothwendigkeit frei befolgt, und bei allem Wechſel der Fantaſie die Vernunft ihre Regel behauptet, geht das Goͤttliche oder das Ideal hervor. Wir erblicken in ihnen alſo ewig Das, was uns abgeht, aber wornach wir aufgefordert ſind zu ringen, und dem wir uns, wenn wir es gleich niemals erreichen, doch in einem unend⸗ lichen Fortſchritte zu nähern hoffen duͤrfen. Wir erblicken in uns einen Vorzug, der ihnen fehlt, aber deſſen ſie ent⸗ weder uͤberhaupt niemals, wie das Vernunftloſe, oder nicht anders, als indem ſie unſern Weg gehen, wie die Kind⸗ heit, theilhaftig werden koͤnnen. Sie verſchaffen uns daher den ſuͤßeſten Genuß unſrer Menſchheit als Idee, ob ſie uns gleich in Ruͤckſicht auf jeden beſtimmten Zuſtand unſerer Menſchheit nothwendig demüthigen müſſen. Da ſich dieſes Intereſſe für Natur auf eine Idee grün⸗ det, ſo kann es ſich nur in Gemüthern zeigen, welche für Ideen empfänglich ſind, d. h., in moraliſchen. Bei Weitem die mehrſten Menſchen affectiren es bloß, und die Allgemein⸗ heit dieſes ſentimentaliſchen Geſchmacks zu unſern Zeiten welcher ſich, beſonders ſeit der Erſcheinung gewiſſer Schriften, in empfindſamen Reiſen, dergleichen Gaͤrten, Spaziergängen und andern Liebhabereien dieſer Art außert, iſt noch ganz und gar kein Beweis für die Allgemeinheit dieſer Empfin⸗ dungsweiſe. Doch wird die Natur auch auf den Gefühl⸗ loſeſten immer etwas von dieſer Wirkung außern, weil ſchon die allen Menſchen gemeine Anlage zum Sittlichen dazu hinreichend iſt, und wir Alle ohne Unterſchied, bei noch ſo großer Entfernung unſerer Thaten von der Einfalt und der Wahrheit der Natur, in der Idee dazu hingetrieben werden. Beſonders ſtark und am Allgemeinſten äußert ſich 171 dieſe Empfindſamkeit für Natur auf Veranlaſſung ſolcher Gegenſtaͤnde, welche in einer engen Verbindung mit uns ſtehen und uns den Rückblick auf uns ſelbſt und die Un⸗ natur in uns naͤher legen, wie z. B. bei Kindern und kind⸗ lichen Völkern. Man irrt, wenn man glaubt, daß es bloß die Vorſtellung der Hülfloſigkeit ſey, welche macht, daß wir in gewiſſen Augenblicken mit ſo viel Rührung bei Kindern verweilen. Das mag bei Denjenigen vielleicht der Fall ſeyn, welche der Schwäche gegenüber nie etwas Anderes als ihre eigene Ueberlegenheit zu empfinden pflegen. Aber das Ge⸗ fühl, von dem ich rede(es findet nur in ganz eigenen mora⸗ liſchen Stimmungen Statt und iſt nicht mit demjenigen zu verwechſeln, welches die fröhliche Thätigkeit der Kinder in uns erregt), iſt eher demüthigend als begünſtigend für die Eigenliebe; und, wenn ja ein Vorzug dabei in Betrachtung kommt, ſo iſt dieſer wenigſtens nicht auf unſerer Seite. Nicht, weil wir von der Höhe unſerer Kraft und Vollkom⸗ menheit auf das Kind herabſehen, ſondern, weil wir aus der Beſchraͤnktheit unſers Zuſtands, welche von der Beſtim⸗ mung, die wir einmal erlangt haben, unzertrennlich iſt, zu der gränzenloſen Beſtimmbarkeit in dem Kinde und zu ſeiner reinen Unſchuld hinaufſehen, gerathen wir in Rüh⸗ rung, und unſer Gefuhl in einem ſolchen Augenblick iſt zu ſichtbar mit einer gewiſſen Wehmuth gemiſcht, als daß ſich dieſe Quelle desſelben verkennen ließe. In dem Kinde iſt die Anlage und Beſtimmung, in uns iſt die Erfuͤllung dar⸗ geſtellt, welche immer unendlich weit hinter jener zurüͤckbleibt. Das Kind iſt uns daher eine Vergegenwartigung des Ideals, nicht zwar des erfuͤllten, aber des aufgegebenen, und es iſt alſo keineswegs die Vorſtellung ſeiner Bedürftigkeit und Schran⸗ ken, es iſt ganz im Gegentheil die Vorſtellung ſeiner reinen und 172 freien Kraft, ſeiner Integrität, ſeiner Unendlichkeit, was uns rührt. Dem Menſchen von Sittlichkeit und Empfindung wird ein Kind deßwegen ein heiliger Gegenſtand ſeyn, ein Gegenſtand nämlich, der durch die Größe einer Idee jede Groͤße der Erfahrung vernichtet, und der, was er auch in der Beurtheilung des Verſtandes verlieren mag, in der Be⸗ urtheilung der Vernunft wieder in reichem Maße gewinnt. Eben aus dieſem Widerſpruch zwiſchen dem Urtheile der Vernunft und des Verſtandes geht die ganz eigene Erſchei⸗ nung des gemiſchten Gefühls hervor, welches das Naive der Denkart in uns erregt. Es verbindet die kindliche Einfalt mit der kindiſchen; durch die Letztere gibt es dem Verſtand eine Blöße und bewirkt jenes Lächeln, wodurch wir unſere(theoretiſche) Ueberlegenheit zu erkennen geben. Sobald wir aber Urſache haben, zu glauben, daß die kin⸗ diſche Einfalt zugleich eine kindliche ſey, daß folglich nicht Unverſtand, nicht Unvermögen, ſondern eine höhere(prak⸗ tiſche) Stärke, ein Herz voll Unſchuld und Wahrheit, die Quelle davon ſey, welches die Hülfe der Kunſt aus in⸗ nerer Größe verſchmähte, ſo iſt jener Triumph des Ver⸗ ſtandes vorbei, und der Spott uber die Einfaͤltigkeit geht in Bewunderung der Einfachheit uͤber. Wir fühlen uns genoöthigt, den Gegenſtand zu achten, über den wir vor⸗ her gelächelt haben, und, indem wir zugleich einen Blick in uns ſelbſt werfen, uns zu beklagen, daß wir demſelben nicht aͤhnlich ſind. So entſteht die ganz eigene Erſchei⸗ nung eines Gefuͤhls, in welchem fröhlicher Spott, Ehr⸗ furcht und Wehmuth zuſammenfließen.* Zum Naiven * Kant in einer Anmerkung zu der Analytik des Erhabenen(Kritik der aͤſthetiſchen Urtbeilskraft, S. 225 der erſten Auflage) unterſcheidet gleich⸗ ſalls dieſe dreierlei Ingredienzien in dem Gefühl des Naiven, aber er gibt 173 wird erfordert, daß die Natur uͤber die Kunſt den Sieg davon eine andere Erklaͤrung.„Etwas aus Beidem(dem animaliſchen Ge⸗ „fuͤhl des Vergnuͤgens und dem geiſtigen Gefuͤhl der Achtung) Zuſammen⸗ „geſetztes findet ſich in der Naivetaͤt, die der Ausbruch der der Menſchheit „urſpruͤnglich natuͤrlichen Aufrichtigkeit wider die zur andern Natur gewor⸗ „dene Verſtellungskunſt iſt. Man lacht uͤber die Einfalt, die es noch nicht „verſteht, ſich zu verſtellen, und erfreut ſich doch auch uͤber die Einfalt der „Natur, die jener Kunſt hier einen Querſtreich ſpielt. Man erwartete die „alltaͤgliche Sitte der gekuͤnſtelten und auf den ſchoͤnen Schein vorſichtig an⸗ „gelegten Aeußerung, und, ſiehe es iſt die unverdorbene ſchuldloſe Natur, „die man anzutreffen gar nicht gewaͤrtig und Der, ſo ſie blicken ließ, zu „entbloͤßen auch nicht gemeint war. Daß der ſchoͤne, aber falſche Schein, „der gewoͤhnlich in unſerem Urtheile ſehr viel bedeutet, hier ploͤtzlich in „Nichts verwandelt, daß gleichſam der Schalk in uns ſelbſt bloßgeſtellt wird, „bringt die Bewegung des Gemuͤths nach zwei entgegengeſetzten Richtungen „nach einander hervor, die zugleich den Koͤrper heilſam ſchuͤttelt. Daß aber „etwas, was unendlich beſſer als alle angenommene Sitte iſt, die Lauter⸗ „keit der Denkungsart(wenigſtens die Anlage dazu) noch nicht ganz in der „menſchlichen Natur erloſchen iſt, miſcht Ernſt und Hochſchaͤtzung in dieſes „Spiel der Urtheilskraft. Weil es aber nur eine kurze Zeit Erſcheinung iſt, „und die Decke der Verſtellungskraft bald wieder vorgezogen wird, ſo mengt „ſich zugleich ein Bedauern darunter, welches eine Ruͤhrung der Zaͤrtlichkeit „iſt, die ſich als Spiel mit einem ſolchen gutherzigen Lachen ſehr wohl ver⸗ „binden laͤßt und auch wirklich damit gewoͤhnlich verbindet, zugleich auch „die Verlegenheit Deſſen, der den Stoff dazu hergibt, daruͤber, daß er noch „nicht nach Menſchenweiſe gewitzigt iſt, zu verguͤten pflegt.“— Ich geſtehe, daß dieſe Erklaͤrungsart mich nicht ganz befriedigt und zwar vorzuͤglich deß⸗ wegen nicht, weil ſie von dem Naiven uͤberhaupt etwas behauptet, was hoͤchſtens von einer Species desſelben, dem Naiven der Ueberraſchung, von welchem ich nachher reden werde, wahr iſt. Allerdings erregt es Lachen. wenn ſich Jemand durch Naivetaͤt bloſigibt, und in manchen Faͤllen mag dieſes Lachen aus einer vorhergegangenen Erwartung, die in nichts aufgeloͤst wird, fließen. Aber auch das Naive der edelſten Art, das Naive der Geſin⸗ nung, erregt immer ein Laͤcheln, welches doch ſchwerlich eine in nichts aufgeloͤste Erwartung zum Grunde hat, ſondern uͤberhaupt nur aus dem Contraſt eines gewiſſen Betragens mit den einmal angenommenen und er⸗ warteten Formen zu erklaͤren iſt. Auch zweifle ich, ob die Bedauernis, welche ſich bei dem Naiven der letztern Art in unſere Empfindung miſcht⸗ 174 davontrage,* es geſchehe Dies nun wider Wiſſen und Willen der Perſon oder mit völligem Bewußtſeyn derſelben. In dem erſten Falle iſt es das Naive der Ueberraſchung und beluſtigt; in dem andern iſt es das Naive der Geſinnung und ruͤhrt. Bei dem Naiven der Ueberraſchung muß die Perſon moraliſch fäaͤhig ſeyn, die Natur zu verleugnen; bei dem Naiven der Geſinnung darf ſie es nicht ſeyn, doch dürfen wir ſie uns nicht als phyſiſch unfaͤhig dazu denken, wenn es als naiv auf uns wirken ſoll. Die Handlungen und Reden der Kinder geben uns daher auch nur ſolange den reinen Eindruck des Naiven, als wir uns ihres Unvermögens zur Kunſt nicht erinnern und uͤberhaupt nur auf den Con⸗ traſt ihrer Natürlichkeit mit der Kuͤnſtlichkeit in uns Rück⸗ ſicht nehmen. Das Naive iſt eine Kindlichkeit, wo ſie nicht mehr erwartet wird, und kann eben deßwegen der wirklichen Kindheit in ſtrengſter Bedeutung nicht zugeſchrie⸗ ben werden. 5 In beiden Faͤllen aber, beim Naiven der Ueberraſchung, wie bei dem der Geſinnung, muß die Natur Recht, die Kunſt aber Unrecht haben. der naiven Perſon und nicht vielmehr uns ſelbſt oder vielmehr der Menſch⸗ heit uͤberhaupt gilt, an deren Verfall wir bei einem ſolchen Anlaß erinnert werden. Es iſt zu offenbar eine moraliſche Trauer, die einen edlern Gegen⸗ ſtand haben muß, als die phyſiſchen Uebel, von denen die Aufrichtigkeit in dem gewoͤhnlichen Weltlauf bedroht wird, und dieſer Gegenſtand kann nicht wohl ein anderer ſeyn, als der Verluſt der Wahrheit und Simplicität in der Menſchheit. ** Ich ſollte vielleicht ganz kurz ſagen: die Wahrheit uͤber die Verſtellung; aber der Begriff des Naiven ſcheint mir noch etwas mehr einzuſchließen, indem die Einfachheit uͤberhvupt, welche uͤber die Kuͤnſtelei⸗ und die natuͤrliche Freiheit, welche uͤber Steifheit und Zwang ſiegt, ein aͤhn⸗ liches Geſuhl in uns erregen. 175 Erſt durch dieſe letztere Beſtimmung wird der Begriff des Naiven vollendet. Der Affect iſt auch Natur, und die Regel der Anſtändigkeit iſt etwas Künſtliches; dennoch iſt der Sieg des Affects über die Anſtaͤndigkeit nichts weniger als naiv. Siegt hingegen derſelbe Affect uͤber die Kunſtelei, üͤber die falſche Anſtändigkeit, über die Verſtellung, ſo tragen wir kein Bedenken, es naiv zu nennen.* Es wird alſo erfordert, daß die Natur nicht durch ihre blinde Gewalt als dynamiſche, ſondern, daß ſie durch ihre Form als mora⸗ liſche Größe, kurz, daß ſie nicht als Nothdurft, ſondern als innere Nothwendigkeit uber die Kunſt triumphire. Nicht die Unzulänglichkeit, ſondern die Unſtatthaftig⸗ keit der Letztern muß der Erſtern den Sieg verſchafft haben: denn jene iſt Mangel, und nichts, was aus Mangel entſpringt, kann Achtung erzeugen. Zwar iſt es bei dem Naiven der Ueberraſchung immer die Uebermacht des Affects und ein Mangel an Beſinnung, was die Natur bekennen macht; aber dieſer Mangel und jene Uebermacht machen das Naive noch gar nicht aus, ſondern geben bloß Gelegenheit, daß die Natur ihrer moraliſchen Beſchaffenheit, Das * Ein Kind iſt ungezogen, wenn es aus Begierde, Leichtſinn, Ungeſtuͤm den Vorſchriften einer guten Erziehung entgegenhandelt; aber es iſt naiv, wenn es ſich von dem Manierirten einer unvernuͤnſtigen Erzichung, von den ſteiſen Stellungen des Tanzmeiſters u. dergl. aus freier und geſunder Natur dispenſirt. Dasſelbe findet auch bei dem Naiven in ganz uneigent⸗ licher Bedeutung Statt, welches durch Uebertragung von dem Menſchen auf das Vernunftloſe entſteht. Niemand wird den Anblick naiv finden, wenn in einem Garten, der ſchlecht gewartet wird, das Unkraut uͤberhand nimmt; aber es hat allerdings etwas Naives, wenn der freie Wuchs hervorſtre⸗ bender Aeſte das muͤhſelige Werk der Scheere in einem ſranzoͤſiſchen Garten vernichtet. So iſt es ganz und gar nicht naiv, wenn ein geſchultes Pſerd aus natürlicher Plumpheit ſeine Lection ſchlecht macht; aber es hat etwas vom Naiven, wenn es dieſelbe aus natuͤrlicher Freiheit vergißt. 176 heißt, dem Geſetze der Uebereinſtimmung ungehin⸗ dert ſolgt. Das Naive der Ueberraſchung kann nur dem Menſchen und zwar dem Menſchen nur, inſofern er in dieſem Augen⸗ blicke nicht mehr reine und unſchuldige Natur iſt, zukommen. Es ſetzt einen Willen voraus, der mit Dem, was die Natur auf ihre eigene Hand thut, nicht uͤbereinſtimmt. Eine ſolche Perſon wird, wenn man ſie zur Beſinnung bringt, über ſich ſelbſt erſchrecken; die naiv geſinnte hingegen wird ſich über die Menſchen und über ihr Erſtaunen verwundern. Da alſo hier nicht der perſönliche und moraliſche Charakter, ſondern bloß der durch den Affect freigelaſſene, natürliche Charakter die Wahrheit bekennt, ſo machen wir dem Menſchen aus dieſer Aufrichtigkeit kein Verdienſt, und unſer Lachen iſt verdienter Spott, der durch keine perſönliche Hochſchäͤtzung desſelben zuruckgehalten wird. Weil es aber doch auch hier die Aufrichtigkeit der Natur iſt, die durch den Schleier der Falſchheit hindurchbricht, ſo verbindet ſich eine Zufriedenheit höherer Art mit der Schadenfreude, einen Menſchen ertappt zu haben: denn die Natur, im Gegenſatze gegen die Künſtelei, und die Wahrheit, im Gegenſatze gegen den Betrug, muß jederzeit Achtung erregen. Wir empfinden alſo auch uͤber das Naive der Ueberraſchung ein wirklich moraliſches Ver⸗ gnügen, obgleich nicht uͤber einen moraliſchen Charakter.* * Da das Naive bloß auf der Form beruht, wie etwas gethan oder geſagt wird, ſo verſchwindet uns dieſe Eigenſchaft aus den Augen, ſobald die Sache ſelbſt entweder durch ihre Urſachen oder durch ihre Folgen einen überwiegenden oder gar widerſprechenden Eindruck macht. Durch eine Nai⸗ vetäͤt dieſer Art kann auch ein Verbrechen entdeckt werden; aber dann haben wir weder die Ruhe noch die Zeit, unſere Aufmerkſamkeit auf die Form der Entdeckung zu richten, und der Abſcheu uͤber den perſoͤnlichen Charakter der⸗ ſchlingt das Wohlgefallen an dem natuͤrlichen. So wie uns das empoͤrte 177 Bei dem Naiven der Ueberraſchung achten wir zwar immer die Natur, weil wir die Wahrheit achten müſſen; bei dem Naiven der Geſinnung achten wir hingegen die Perſon und genießen alſo nicht bloß ein moraliſches Ver⸗ gnügen, ſondern auch uͤber einen moraliſchen Gegenſtand. In dem einen wie in dem andern Falle hat die Natur Recht, daß ſie die Wahrheit ſagt; aber in dem letztern Falle hat die Natur nicht bloß Recht, ſondern die Perſon hat auch Ehre. In dem erſten Falle gereicht die Aufrichtigkeit der Natur der Perſon immer zur Schande, weil ſie unfreiwillig iſt; in dem zweiten gereicht ſie ihr immer zum Verdienſt, geſetzt auch, daß Dasjenige, was ſie ausſagt, ihr Schande brächte. Wir ſchreiben einem Menſchen eine naive Geſinnung zu, wenn er in ſeinen Urtheilen von den Dingen ihre ge⸗ künſtelten und geſuchten Verhältniſſe überſieht und ſich bloß an die einfache Natur hält. Alles, was innerhalb der ge⸗ ſunden Natur davon geurtheilt werden kann, fordern wir von ihm und erlaſſen ihm ſchlechterdings nur Das, was eine Entfernung von der Natur, es ſey nun im Denken oder im Empfinden, wenigſtens Bekanntſchaft derſelben vorausſetzt. Wenn ein Vater ſeinem Kinde erzaͤhlt, daß dieſer oder jener Mann vor Armuth verſchmachte, und das Kind hin⸗ geht und dem armen Mann ſeines Vaters Geldbörſe zuträgt, ſo iſt die Handlung naiv: denn die geſunde Natur handelte aus dem Kinde, und in einer Welt, wo die geſunde Natur herrſchte, würde es vollkommen recht gehabt haben, ſo zu Gefuͤhl die moraliſche Freude an der Aufrichtigkeit der Natur raubt, ſobald wir durch eine Naivetaͤt ein Verbrechen erfahren: eben ſo erſtickt das erregte Mitleiden unſere Schadenfreude, ſobald wir Jemand durch ſeine Nalvetät in Geſahr geſetzt ſehen. Schillers ſaͤmmtl. Werfe. XII. 1 12² 178 verfahren. Es ſieht bloß auf das Bedürfniß und auf das nächſte Mittel, es zu befriedigen; eine ſolche Ausdehnung des Eigenthumsrechtes, wobei ein Theil der Menſchen zu Grunde gehen kann, iſt in der bloßen Natur nicht gegründet. Die Handlung des Kindes iſt alſo eine Beſchämung der wirklichen Welt, und Das geſteht auch unſer Herz durch das Wohlgefallen, welches es über jene Handlung empfindet. Wenn ein Menſch ohne Weltkenntniß, ſonſt aber von gutem Verſtande, einem Andern, der ihn betruͤgt, ſich aber geſchickt zu verſtellen weiß, ſeine Geheimniſſe beichtet und ihm durch ſeine Aufrichtigkeit ſelbſt die Mittel leiht, ihm zu ſchaden, ſo finden wir Das naiv. Wir lachen ihn aus, aber können uns doch nicht erwehren, ihn deßwegen hochzu⸗ ſchätzen. Denn ſein Vertrauen auf den Andern qauillt aus der Redlichkeit ſeiner eigenen Geſinnungen; wenigſtens iſt er nur inſofern naiv, als Dieſes der Fall iſt. Das Naive der Denkart kann daher niemals eine Eigen⸗ ſchaft verdorbener Menſchen ſeyn, ſondern nur Kindern und kindlich geſinnten Menſchen zukommen. Dieſe Letztern han⸗ deln und denken oft mitten unter den gekünſtelten Verhält⸗ niſſen der großen Welt naiv; ſie vergeſſen aus eigener ſchöner Menſchlichkeit, daß ſie es mit einer verderbten Welt zu thun haben, und betragen ſich ſelbſt an den Höfen der Könige mit einer Ingenuität und Unſchuld, wie man ſie nur in einer Schaͤferwelt findet. Es iſt übrigens gar nicht ſo leicht, die kindiſche Unſchuld von der kindlichen immer richtig zu unterſcheiden, indem es Handlungen gibt, welche auf der außerſten Gränze zwiſchen Beiden ſchweben, und bei denen vir ſchlechterdings im Zweifel gelaſſen werden, ob wir die Einfältigkeit belachen oder die edle Einfalt hochſchätzen ſollen. Ein ſehr merkwürdiges 179 Beiſpiel dieſer Art findet man in der Regierungsge⸗ ſchichte des Papſtes Adrian VI., die uns Herr Schröckh mit der ihm eigenen Gruͤndlichkeit und pragmatiſchen Wahr⸗ heit beſchrieben hat. Dieſer Papſt, ein Niederlander von Geburt, verwaltete das Pontificat in einem kritiſchen Augen⸗ blick für die Hierarchie, wo eine erbitterte Partei die Blößen der römiſchen Kirche ohne alle Schonung aufdeckte, und die Gegenpartei im hoͤchſten Grade intereſſirt war, ſie zuzudecken. Was der wahrhaft naive Charakter, wenn ja ein ſolcher ſich auf den Stuhl des heiligen Peters verirrte, in dieſem Falle zu thun hatte, iſt keine Frage; wohl aber, wie weit eine ſolche Naivetät der Geſinnung mit der Rolle eines Papſtes ver⸗ traͤglich ſeyn möchte. Dies war es übrigens, was die Vor⸗ gänger und die Nachfolger Adrians in die geringſte Verle⸗ genheit ſetzte. Mit Gleichförmigkeit befolgten ſie das einmal angenommene roͤmiſche Syſtem, überall nichts einzuraͤumen. Aber Adrian hatte wirklich den geraden Charakter ſeiner Nation und die Unſchuld ſeines ehemaligen Standes. Aus der engen Sphäre des Gelehrten war er zu ſeinem erhabenen Poſten emporgeſtiegen und ſelbſt auf der Höhe ſeiner neuen Würde jenem einfachen Charakter nicht untreu geworden. Die Mißbraͤuche in der Kirche rührten ihn, und er war viel zu redlich, öffentlich zu disſimuliren, was er im Stillen ſich eingeſtand. Dieſer Denkart gemäß ließ er ſich in der In⸗ ſtruction, die er ſeinen Legaten nach Deutſchland mitgab, zu Geſtändniſſen verleiten, die noch bei keinem Papſte erhört geweſen waren und den Grundſaätzen dieſes Hofes ſchnur⸗ gerade zuwiderliefen.„Wir wiſſen es wohl,“ hieß es unter Anderm,„daß an dieſem heiligen Stuhl ſchon ſeit mehreren „Jahren viel Abſcheuliches vorgegangen: kein Wunder, wenn „der kranke Zuſtand von dem Haupt auf die Glieder, von 180 „dem Papſt auf die Praäͤlaten fortgeerbt hat. Wir Alle ſind „abgewichen, und ſchon ſeit lange iſt Keiner unter uns ge⸗ „weſen, der etwas Gutes gethan haͤtte, auch nicht Einer.“ Wieder anderswo befiehlt er dem Legaten, in ſeinem Namen zu erklären,„daß er, Adrian, wegen Deſſen, was vor ihm „von den Paͤpſten geſchehen, nicht dürfe getadelt werden, „und daß dergleichen Ausſchweifungen, auch da er noch in „einem geringen Stande gelebt, ihm immer mißfallen haͤt⸗ „ten u. ſ. f.“ Man kann leicht denken, wie eine ſolche Naivetaͤt des Papſtes von der romiſchen Kleriſei mag auf⸗ genommen worden ſeyn: das Wenigſte, was man ihm Schuld gab, war, daß er die Kirche an die Ketzer verrathen habe. Dieſer hoͤchſt unkluge Schritt des Papſtes würde indeſſen unſerer ganzen Achtung und Bewunderung werth ſeyn, wenn wir uns nur überzeugen könnten, daß er wirklich naiv geweſen, d. h., daß er ihm bloß durch die natürliche Wahr⸗ heit ſeines Charakters ohne alle Rückſicht auf die möglichen Folgen abgenöthigt worden ſey, und daß er ihn nicht weni⸗ ger gethan haben würde, wenn er die begangene Unſchicklich⸗ keit in ihrem ganzen Umfang eingeſehen hätte. Aber wir haben einige Urſache zu glauben, daß er dieſen Schritt für gar nicht ſo unpolitiſch hielt und in ſeiner Unſchuld ſo weit ging, zu hoffen, durch ſeine Nachgiebigkeit gegen die Gegner etwas ſehr Wichtiges für den Vortheil ſeiner Kirche gewon⸗ nen zu haben. Er bildete ſich nicht bloß ein, dieſen Schritt als redlicher Mann thun zu muͤſſen, ſondern, ihn auch als Papſt verantworten zu können, und, indem er vergaß, daß das künſtlichſte aller Gebäude ſchlechterdings nur durch eine fortgeſetzte Verleugnung der Wahrheit erhalten werden könnte, beging er den unverzeihlichen Fehler, Verhaltungs⸗ regeln, die in natürlichen Verhaͤltniſſen ſich bewährt haben 181 mochten, in einer ganz entgegengeſetzten Lage zu beſolgen. Dies veraͤndert allerdings unſer Urtheil ſehr; und, ob wir gleich der Redlichkeit des Herzens, aus dem jene Handlung floß, unſere Achtung nicht verſagen können, ſo wird dieſe Letztere nicht wenig durch die Betrachtung geſchwaͤcht, daß die Natur an der Kunſt und das Herz an dem Kopf einen zu ſchwachen Gegner gehabt habe. Naiv muß jedes wahre Genie ſeyn, oder es iſt keines. Seine Naivetät allein macht es zum Genie, und, was es im Intellectuellen und Aeſthetiſchen iſt, kann es im Moraliſchen nicht verleugnen. Unbekannt mit den Regeln, den Krücken der Schwachheit und den Zuchtmeiſtern der Verkehrtheit, bloß von der Natur oder dem Inſtinkt, ſeinem ſchutzenden Engel, geleitet, geht es ruhig und ſicher durch alle Schlin⸗ gen des falſchen Geſchmacks, in welchem, wenn es nicht ſo klug iſt, ſie ſchon von Weitem zu vermeiden, das Nichtgenie unausbleiblich verſtrickt wird. Nur dem Genie iſt es gegeben, außerhalb des Bekannten noch immer zu Hauſe zu ſeyn und die Natur zu erweitern, ohne über ſie hinauszugehen. Zwar begegnet Letzteres zuweilen auch den größten Genies, aber nur, weil auch dieſe ihre fantaſtiſchen Augenblicke haben, wo die ſchützende Natur ſie veriaͤßt, weil die Macht des Beiſpiels ſie hinreißt, oder der verderbte Geſchmack ihrer Zeit ſie verleitet. Die verwickeltſten Aufgaben muß das Genie mit an⸗ ſpruchsloſer Simplicität und Leichtigkeit löſen: das Ei des Columbus gilt von jeder genialiſchen Entſcheidung. Dadurch allein legitimirt es ſich als Genie, daß es durch Einfalt über die verwickelte Kunſt triumphirt. Es verfaͤhrt nicht nach erkannten Principien, ſondern nach Einfällen und Gefühlen; aber ſeine Einfälle ſind Eingebungen eines Gottes(Alles, 182 was die geſunde Natur thut, iſt goͤttlich), ſeine Gefühle ſind Geſetze für alle Zeiten und für alle Geſchlechter der Menſchen.— Den kindlichen Charakter, den das Genie in ſeinen Werken abdruͤckt, zeigt es auch in ſeinem Privatleben und in ſeinen Sitten. Es iſt ſchamhaft, weil die Natur Dieſes immer iſt; aber es iſt nicht decent, weil nur die Verderbniß decent iſt. Es iſt verſtändig, denn die Natur kann nie das Gegentheil ſeyn; aber es iſt nicht liſtig, denn Das kann nur die Kunſt ſeyn. Es iſt ſeinem Charakter und ſei⸗ nen Neigungen treu, aber nicht ſowohl, weil es Grundſaͤtze hat, als, weil die Natur bei allem Schwanken immer wieder in die vorige Stelle rückt, immer das alte Bedürfniß zurück⸗ bringt. Es iſt beſcheiden, ja blöde, weil das Genie immer ſich ſelbſt ein Geheimniß bleibt; aber es iſt nicht ängſtlich, weil es die Gefahren des Weges nicht kennt, den es wan⸗ delt. Wir wiſſen wenig von dem Privatleben der größten Genies, aber auch das Wenige, was uns z. B. von Sophokles, von Archimed, von Hippokrates und aus neuern Zeiten von Arioſt, Dante und Taſſo, von Raphael, von Albrecht Dürer, Cervantes, Shakespeare, von Fielding, Sterne und Andern aufbewahrt worden iſt, beſtätigt dieſe Behauptung. Ja, was noch weit mehr Schwierigkeit zu haben ſcheint, ſelbſt der große Staatsmann und Feldherr werden, ſobald ſie durch ihr Genie groß ſind, einen naiven Charakter zeigen. Ich will hier unter den Alten nur an Epaminondas und Julius Caſar, unter den Neuern nur an Heinrich IV. von Frankreich, Guſtav Adolph von Schweden und den Czar Peter den Großen erinnern. Der Herzog von Marlborough, Turenne, Vendome zeigen uns alle dieſen Charakter. Dem andern Geſchlecht hat die Natur in dem naiven Charakter 183 ſeine höchſte Vollkommenheit angewieſen. Nach nichts ringt die weibliche Gefallſucht ſo ſehr als nach dem Schein des Naiven: Beweis genug, wenn man auch ſonſt keinen hätte, daß die größte Macht des Geſchlechts auf dieſer Eigenſchaft beruhet. Weil aber die herrſchenden Grundſätze bei der weiblichen Erziehung mit dieſem Charakter in ewigem Streit liegen, ſo iſt es dem Weibe im Moraliſchen eben ſo ſchwer als dem Mann im Intellectuellen, mit den Vortheilen der guten Erziehung jenes herrliche Geſchenk der Natur unver⸗ loren zu behalten; und die Frau, die mit einem geſchickten Betragen fuͤr die große Welt dieſes Naive der Sitten ver⸗ knuͤpft, iſt eben ſo hochachtungswürdig, als der Gelehrte, der mit der ganzen Strenge der Schule genialiſche Freiheit des Denkens verbindet. Aus der naiven Denkart fließt nothwendiger Weiſe auch ein naiver Ausdruck ſowohl in Worten als Bewegungen, und er iſt das wichtigſte Beſtandſtuͤck der Grazie. Mit dieſer naiven Anmuth drückt das Genie ſeine erhabenſten und tiefſten Gedanken aus: es ſind Götterſprüche aus dem Mund eines Kindes. Wenn der Schulverſtand, immer vor Irrthum bange, ſeine Worte wie ſeine Begriffe an das Kreuz der Grammatik und Logik ſchlägt, hart und ſteif iſt, um ja nicht unbeſtimmt zu ſeyn, viele Worte macht, um ja nicht zu viel zu ſagen, und dem Gedanken, damit er ja den Unvor⸗ ſichtigen nicht ſchneide, lieber die Kraft und die Scharfe nimmt, ſo gibt das Genie dem ſeinigen mit einem einzigen glücklichen Pinſelſtrich einen ewig beſtimmten, feſten und dennoch ganz freien Umriß. Wenn dort das Zeichen dem Bezeichneten ewig heterogen und fremd bleibt, ſo ſpringt hier wie durch innere Nothwendigkeit die Sprache aus dem Gedanken hervor und iſt ſo ſehr Eins mit demſelben, daß 184 ſelbſt unter der körperlichen Hülle der Geiſt wie entblößt erſcheint. Eine ſolche Art des Ausdrucks, wo das Zeichen ganz in dem Bezeichneten verſchwindet, und wo die Sprache den Gedanken, den ſie ausdrückt, noch gleichſam nackend läßt, da ihn die andere nie darſtellen kann, ohne ihn zugleich zu verhuͤllen, iſt es, was man in der Schreibart vorzugs⸗ weiſe genialiſch und geiſtreich nennt. Frei und natürlich, wie das Genie in ſeinen Geiſtes⸗ werken, drückt ſich die Unſchuld des Herzens im lebendigen Umgang aus. Bekanntlich iſt man im geſellſchaftlichen Leben von der Simplicitat und ſtrengen Wahrheit des Ausdrucks in demſelben Verhältniß, wie von der Einfalt der Geſinnun⸗ gen, abgekommen, und die leicht zu verwundende Schuld, ſo wie die leicht zu verführende Einbildungskraft, haben einen angſtlichen Anſtand nothwendig gemacht. Ohne falſch zu ſeyn, redet man öfters anders, als man denkt; man muß Umſchweife nehmen, um Dinge zu ſagen, die nur einer kranken Eigenliebe Schmerz bereiten, nur einer verderbten Fantaſie Gefahr bringen können. Eine Unkunde dieſer con⸗ ventionellen Geſetze, verbunden mit natürlicher Aufrichtigkeit, welche jede Kruͤmme und jeden Schein von Falſchheit ver⸗ achtet(nicht Rohheit, welche ſich darüber, weil ſie ihr laͤſtig ſind, hinwegſetzt), erzeugen ein Naives des Ausdrucks im Umgang, welches darin beſteht, Dinge, die man entweder gar nicht oder nur künſtlich bezeichnen darf, mit ihrem rechten Namen und auf dem kuͤrzeſten Wege zu benennen. Von der Art ſind die gewöhnlichen Ausdrücke der Kinder. Sie erregen Lachen durch ihren Contraſt mit den Sitten, doch wird man ſich immer im Herzen geſtehen, daß das Kind Recht habe. Das Naive der Geſinnung kann zwar, eigentlich ge⸗ nommen, auch nur dem Menſchen als einem der Natur nicht 185 ſchlechterdings unterworfenen Weſen beigelegt werden, ob⸗ gleich nur inſofern, als wirklich noch die reine Natur aus ihm handelt; aber durch einen Effect der poetiſirenden Ein⸗ bildungskraft wird es oͤfters von dem Vernünftigen auf das Vernunftloſe uͤbergetragen. So legen wir öfters einem Thiere, einer Landſchaft, einem Gebäude, ja, der Natur überhaupt, im Gegenſatz gegen die Willkür und die fantaſti⸗ ſchen Begriffe des Menſchen, einen naiven Charakter bei. Dies erfordert aber immer, daß wir dem Willenloſen in unſern Gedanken einen Willen leihen und auf die ſtrenge Richtung desſelben nach dem Geſetz der Nothwendigkeit merken. Die Unzufriedenheit uͤber unſere eigene ſchlecht ge⸗ brauchte moraliſche Freiheit und über die in unſerm Handeln vermißte ſittliche Harmonie führt leicht eine ſolche Stim⸗ mung herbei, in der wir das Vernunftloſe wie eine Perſon anreden und demſelben, als wenn es wirklich mit einer Ver⸗ ſuchung zum Gegentheil zu kampfen gehabt hätte, ſeine ewige Gleichförmigkeit zum Verdienſt machen, ſeine ruhige Hal⸗ tung beneiden. Es ſteht uns in einem ſolchen Augenblicke wohl an, daß wir das Prärogativ unſerer Vernunft für einen Fluch und fuͤr ein Uebel halten und über dem leb⸗ haften Gefuͤhl der Unvollkommenheit unſers wirklichen Leiſtens die Gerechtigkeit gegen unſere Anlage und Beſtimmung aus den Augen ſetzen. Wir ſehen alsdann in der unvernünftigen Natur nur eine gluͤcklichere Schweſter, die in dem mütterlichen Hauſe zurückblieb, aus welchem wir im Uebermuth unſerer Freiheit heraus in die Fremde ſtürmten. Mit ſchmerzlichem Ver⸗ langen ſehnen wir uns dahin zurück, ſobald wir angefangen, die Drangſale der Cultur zu erfahren, und hören im fernen Auslande der Kunſt der Mutter rührende Stimme. So 186 lange wir bloße Naturkinder waren, waren wir glücklich und vollkommen; wir ſind frei geworden und haben Beides ver⸗ loren. Daraus entſpringt eine doppelte und ſehr ungleiche Sehnſucht nach der Natur, eine Sehnſucht nach ihrer Glückſeligkeit, eine Sehnſucht nach ihrer Vollkom⸗ menheit. Den Verluſt der Erſten beklagt nur der ſinn⸗ liche Menſch; um den Verluſt der Andern kann nur der moraliſche trauern. Frage dich alſo wohl, empfindſamer Freund der Natur, ob deine Traͤgheit nach ihrer Ruhe, ob deine beleidigte Sitt⸗ lichkeit nach ihrer Uebereinſtimmung ſchmachtet? Frage dich wohl, wenn die Kunſt dich anekelt, und die Mißbräuche in der Geſellſchaft dich zu der lebloſen Natur in die Einſamkeit treiben, ob es ihre Beraubungen, ihre Laſten, ihre Müh⸗ ſeligkeiten, oder, ob es ihre moraliſche Anarchie, ihre Will⸗ kür, ihre Unordnungen ſind, die du an ihr verabſcheuſt? In jene muß dein Muth ſich mit Freuden ſtürzen, und dein Erſatz muß die Freiheit ſelbſt ſeyn, aus der ſie fließen. Wohl darfſt du dir das ruhige Naturgluͤck zum Ziel in der Ferne aufſtecken, aber nur jenes, welches der Preis deiner Wuͤrdigkeit iſt. Alſo nichts von Klagen über die Erſchwe⸗ rung des Lebens, über die Ungleichheit der Conditionen, uͤber den Druck der Verhältniſſe, über die Unſicherheit des Beſitzes, über Undank, Unterdruͤckung, Verfolgung; allen Uebeln der Cultur mußt du mit freier Reſignation dich unterwerfen, mußt ſie als die Naturbedingungen des Ein⸗ zigguten reſpectiren; nur das Boͤſe derſelben mußt du, aber nicht bloß mit ſchlaffen Thränen, beklagen. Sorge vielmehr dafür, daß du ſelbſt unter jenen Befleckungen rein, unter jener Knechtſchaft frei, unter jenem launiſchen Wechſel beſtandig, unter jener Anarchie geſetzmaßig handelſt. Fuͤrchte 187 dich nicht vor der Verwirrung außer dir, aber vor der Verwirrung in dir; ſtrebe nach Einheit, aber ſuche ſie nicht in der Einfoͤrmigkeit; ſtrebe nach Ruhe, aber durch das Gleich⸗ gewicht, nicht durch den Stillſtand deiner Thätigkeit. Jene Natur, die du dem Vernunftloſen beneideſt, iſt keiner Ach⸗ tung, keiner Sehnſucht werth. Sie liegt hinter dir, ſie muß ewig hinter dir liegen. Verlaſſen von der Leiter, die dich trug, bleibt dir jetzt keine andere Wahl mehr, als mit freiem Bewußtſeyn und Willen das Geſetz zu ergreiſen oder rettungslos in eine bodenloſe Tiefe zu fallen. Aber, wenn du uͤber das verlorene Glück der Natur getroͤſtet biſt, ſo laß ihre Vollkommenheit deinem Herzen zum Muſter dienen. Trittſt du heraus zu ihr aus deinem künſtlichen Kreis, ſteht ſie vor dir in ihrer großen Ruhe, in ihrer naiven Schöͤnheit, in ihrer kindlichen Unſchuld und Einfalt, dann verweile bei dieſem Bilde, pflege dieſes Ge⸗ fühl: es iſt deiner herrlichſten Menſchheit würdig. Laß dir nicht mehr einfallen, mit ihr tauſchen zu wollen, aber nimm ſie in dich auf und ſtrebe, ihren unendlichen Vorzug mit deinem eigenen unendlichen Prärogativ zu vermählen und aus Beidem das Göttliche zu erzeugen. Sie umgebe dich wie eine liebliche Idylle, in der du dich ſelbſt immer wieder findeſt aus den Verirrungen der Kunſt, bei der du Muth und nenes Vertrauen ſammelſt zum Laufe und die Flamme des Ideals, die in den Stürmen des Lebens ſo leicht erliſcht, in deinem Herzen von Neuem entzündeſt. Wenn man ſich der ſchönen Natur erinnert, welche die alten Griechen umgab; wenn man nachdenkt, wie vertraut dieſes Volk unter ſeinem glücklichen Himmel mit der freien Natur leben konnte, wie ſehr viel naher ſeine Vorſtellungs⸗ art, ſeine Empfindungsweiſe, ſeine Sitten der einfaltigen 188 Natur lagen, und welch ein treuer Abdruck derſelben ſeine Dichterwerke ſind, ſo muß die Bemerkung befremden, daß man ſo wenige Spuren von dem ſentimentaliſchen In⸗ tereſſe, mit welchem wir Neuern an Naturſcenen und an Naturcharakteren hangen können, bei demſelben antrifft. Der Grieche iſt zwar im hoͤchſten Grade genau, treu, umſtändlich in Beſchreibung derſelben, aber doch gerade nicht mehr und mit keinem vorzuͤglichern Herzensantheil, als er es auch in Beſchreibung eines Anzuges, eines Schildes, einer Rüſtung, eines Hausgeräthes oder irgend eines mechaniſchen Productes iſt. Er ſcheint in ſeiner Liebe für das Object keinen Unter⸗ ſchied zwiſchen Demjenigen zu machen, was durch ſich ſelbſt, und Dem, was durch die Kunſt und durch den menſchlichen Willen iſt. Die Natur ſcheint mehr ſeinen Verſtand und ſeine Wißbegierde als ſein moraliſches Gefühl zu intereſſiren; er hängt nicht mit Innigkeit, mit Empfindſamkeit, mit ſüßer Wehmuth an derſelben, wie wir Neuern. Ja, indem er ſie in ihren einzelnen Erſcheinungen perſonificirt und ver⸗ goͤttert und ihre Wirkungen als Handlungen freier Weſen darſtellt, hebt er die ruhige Nothwendigkeit in ihr auf, durch welche ſie für uns gerade ſo anziehend iſt. Seine ungedul⸗ dige Fantaſie führt ihn uͤber ſie hinweg zum Drama des menſchlichen Lebens. Nur das Lebendige und Freie, nur Charaktere, Handlungen, Schickſale und Sitten befriedigen ihn, und, wenn wir in gewiſſen moraliſchen Stimmungen des Gemüths wünſchen koͤnnen, den Vorzug unſerer Willens⸗ freiheit, der uns ſo vielem Streit mit uns ſelbſt, ſo vielen Unruhen und Verirrungen ausſetzt, gegen die wahlloſe, aber ruhige Nothwendigkeit des Vernunftloſen hinzugeben, ſo iſt, gerade umgekehrt, die Fantaſie des Griechen geſchaftig, die menſchliche Natur ſchon in der unbeſeelten Welt anzufangen 189 und da, wo eine blinde Nothwendigkeit herrſcht, dem Willen Einfluß zu geben. Woher wohl dieſer verſchiedene Geiſt? Wie kommt es, daß wir, die in Allem, was Natur iſt, von den Alten ſo unendlich weit übertroffen werden, gerade hier der Natur in einem höhern Grade huldigen, mit Innigkeit an ihr hangen und ſelbſt die lebloſe Welt mit der wärmſten Empfindung umfaſſen können? Daher kommt es, weil die Natur bei uns aus der Menſchheit verſchwunden iſt, und wir ſie nur außer⸗ halb dieſer in der unbeſeelten Welt, in ihrer Wahrheit wieder antreffen. Nicht unſere größere Naturmäßigkeit, ganz im Gegentheil die Naturwidrigkeit unſerer Ver⸗ hältniſſe, Zuſtände und Sitten treibt uns an, dem erwachen⸗ den Triebe nach Wahrheit und Simplicitat, der, wie die moraliſche Anlage, aus welcher er fließt, unbeſtechlich und unaustilgbar in allen menſchlichen Herzen liegt, in der phy⸗ ſiſchen Welt eine Befriedigung zu verſchaffen, die in der moraliſchen nicht zu hoffen iſt. Deßwegen iſt das Gefühl, womit wir an der Natur hangen, dem Gefühle ſo nahe ver⸗ wandt, womit wir das entflohene Alter der Kindheit und der kindlichen Unſchuld beklagen. Unſere Kindheit iſt die einzige unverſtümmelte Natur, die wir in der cultivirten Menſchheit noch antreffen: daher es kein Wunder iſt, wenn uns jede Fußſtapfe der Natur außer uns auf unſere Kind⸗ heit zurückführt. Sehr viel anders war es mit den alten Griechen.* Bei dieſen artete die Cultur nicht ſo weit aus, daß die Natur * Aber auch nur bei den Griechen: denn es gehoͤrte gerade eine ſolche rege Bewegung und eine ſolche reiche Fuͤlle des menſchlichen Lebens dazu⸗ als den Griechen umgab, um Leben zuch in das Lebloſe zu legen und das Vild der Menſchheit mit dieſem Eiſer zu verfolgen. Oſſians Menſchenwelt 190 darüber verlaſſen wurde. Der ganze Bau ihres geſellſchaft⸗ lichen Lebens war auf Empfindungen, nicht auf einem Mach⸗ werk der Kunſt errichtet; ihre Götterlehre ſelbſt war die Eingebung eines naiven Gefuhls, die Geburt einer froͤhlichen Einbildungskraft, nicht der grübelnden Vernunft, wie der Kirchenglaube der neuern Nationen: da alſo der Grieche die Natur in der Menſchheit nicht verloren hatte, ſo konnte er außerhalb dieſer auch nicht von ihr uͤberraſcht werden und ſo kein dringendes Bedurfniß nach Gegenſtänden haben, in denen er ſie wieder fand. Einig mit ſich ſelbſt und glüͤcklich im Gefuhl ſeiner Menſchheit, mußte er bei dieſer als ſeinem Maximum ſtille ſtehen und alles Andere derſelben zu nähern bemüht ſeyn, wenn wir, uneinig mit uns ſelbſt und un⸗ glücklich in unſern Erfahrungen von Menſchheit, kein drin⸗ genderes Intereſſe haben, als aus derſelben herauszufliehen und eine ſo mißlungene Form aus unſern Augen zu ruͤcken. Das Gefühl, von dem hier die Rede iſt, iſt alſo nicht das, was die Alten hatten; es iſt vielmehr einerlei mit demjenigen, welches wir für die Alten haben. Sie empfanden natürlich; wir empfinden das Natürliche. Es war ohne Zweifel ein ganz anderes Gefühl, was Homers Seele füllte, als er ſeinen göttlichen Sauhirten den Ulyſſes bewirthen ließ, als was die Seele des jungen Werther z. B. war duͤrftig und einformig; das Lebloſe um ihn her war groß, koloſ⸗ ſaliſch, maͤchtig, drang ſich alſo auf und behauptete ſelbſt uͤber den Menſchen ſeine Rechte. In den Geſaͤngen dieſes Dichters tritt daher die lebloſe Natur (im Gegenſatz gegen den Menſchen) noch weit mehr als Gegenſtand der Empfindung hervor. Indeſſen klagt auch ſchon Oſſian uͤber einen Verfall der Menſchheit, und, ſo klein auch bei ſeinem Volke der Kreis der Cultur und ihrer Verderbniſſe war, ſo war die Erfahrung davon doch gerade lebhaft und eindringlich genug, um den gefuͤhlvollen moraliſchen Saͤnger zu dem Lebloſen zuruckzuſcheuchen und uͤber ſeine Geſaͤnge jenen elegiſchen Ton auszugießen, der ſie fuͤr uns ſo ruͤhrend und anziehend macht. 191 bewegte, da er nach einer laͤſtigen Geſellſchaft dieſen Geſang las. Unſer Gefühl für Natur gleicht der Empfindung des Kranken für die Geſundheit. So wie nach und nach die Natur anfing, aus dem menſchlichen Leben als Erfahrung und als das(handelnde und empfindende) Subject zu verſchwinden, ſo ſehen wir ſie in der Dichterwelt als Idee und als Gegenſtand auf⸗ gehen. Diejenige Nation, welche es zugleich in der Unnatur und in der Reflexion daruber am Weiteſten gebracht hatte, mußte zuerſt von dem Phaͤnomen des Naiven am Staͤrkſten gerührt werden und demſelben einen Namen geben. Dieſe Nation waren, ſoviel ich weiß, die Franzoſen. Aber die Empfindung des Naiven und das Intereſſe an demſelben iſt natürlicher Weiſe viel älter und datirt ſich ſchon von dem Anfange der moraliſchen und äſthetiſchen Verderbniß. Dieſe Veränderung in der Empfindungsweiſe iſt zum Beiſpiel ſchon außerſt auffallend im Euripides, wenn man dieſen mit ſeinen Vorgangern, beſonders dem Aeſchylus, vergleicht, und doch war jener Dichter der Günſtling ſeiner Zeit. Die nämliche Revolution läßt ſich auch unter den alten Hiſtorikern nach⸗ weiſen. Horaz, der Dichter eines cultivirten und verdorbe⸗ nen Weltalters, preist die ruhige Gluückſeligkeit in ſeinem Tibur, und ihn könnte man als den wahren Stifter dieſer ſentimentaliſchen Dichtungsart nennen, ſo wie er auch in der⸗ ſelben ein noch nicht übertroffenes Muſter iſt. Auch im Pro⸗ perz, Virgil u. A. findet man Spuren dieſer Empfindungs⸗ weiſe, weniger beim Ovid, dem es dazu an Fülle des Herzens fehlte, und der in ſeinem Exil zu Tomi die Gluückſeligkeit ſchmerzlich vermißt, die Horaz in ſeinem Tibur ſo gern entbehrte. Die Dichter ſind überall, ſchon ihrem Begriffe nach, die Bewahrer der Natur. Wo ſie Dieſes nicht ganz mehr 192 ſeyn konnen und ſchon in ſich ſelbſt den zerſtörenden Einfluß willkürlicher und künſtlicher Formen erfahren oder doch mit demſelben zu kämpfen gehabt haben, da werden ſie als die Zeugen und als die Rächer der Natur auftreten. Sie werden entweder Natur ſeyn, oder ſie werden die verlorene ſuchen. Daraus entſpringen zwei ganz verſchiedene Dich⸗ tungsweiſen, durch welche das ganze Gebiet der Poeſie erſchöpft und ausgemeſſen wird. Alle Dichter, die es wirklich ſind, werden, jenachdem die Zeit beſchaffen iſt, in der ſie blühen, oder zufällige Umſtände auf ihre allgemeine Bildung und auf ihre vorübergehende Gemüͤthsſtimmung Einfluß haben, entweder zu den naiven oder zu den ſentimenta⸗ liſchen gehören. 4 Der Dichter einer naiven und geiſtreichen Jugendwelt, ſo wie derjenige, der in den Zeitaltern künſtlicher Cultur ihm am Nächſten kommt, iſt ſtreng und ſpröde, wie die zungfrauliche Diana in ihren Waͤldern; ohne alle Vertrau⸗ lichkeit entflieht er dem Herzen, das ihn ſucht, dem Ver⸗ langen, das ihn umfaſſen will. Die trockene Wahrheit, womit er den Gegenſtand behandelt, erſcheint nicht ſelten als Unempfindlichkeit. Das Object beſitzt ihn gänzlich, ſein Herz liegt nicht, wie ein ſchlechtes Metall, gleich unter der Oberfläche, ſondern will, wie das Gold, in der Tiefe geſucht ſeyn. Wie die Gottheit hinter dem Weltgebäude, ſo ſteht er hinter ſeinem Werk; er iſt das Werk, und das Werk iſt er; man muß des Erſtern ſchon nicht werth oder nicht mächtig oder ſchon ſatt ſeyn, um nach ihm nur zu fragen. So zeigt ſich z. B. Homer unter den Alten und Shakespeare unter den Neuern: zwei höchſt verſchiedene, durch den unermeßlichen Abſtand der Feitalter getrennte Naturen, aber gerade in dieſem Charakterzuge völlig Eins. 193 Als ich in einem ſehr frühen Alter den letztern Dichter zuerſt kennen lernte, empörte mich ſeine Kälte, ſeine Unempfind⸗ lichkeit, die ihm erlaubte, im höchſten Pathos zu ſcherzen, die herzzerſchneidenden Auftritte im Hamlet, im Koͤnig Lear, im Macbeth u. ſ. f. durch einen Narren zu ſtören, die ihn bald da feſthielt, wo meine Empfindung forteilte, bald da kaltherzig fortriß, wo das Herz ſo gern ſtill geſtanden wäre. Durch die Bekanntſchaft mit neuern Poeten verleitet, in dem Werke den Dichter zuerſt aufzuſuchen, ſeinem Herzen zu begegnen, mit ihm gemeinſchaftlich über ſeinen Gegen⸗ ſtand zu reflectiren, kurz, das Object in dem Subject anzu⸗ ſchauen, war es mir unerträglich, daß der Poet ſich hier gar nirgends faſſen ließ und mir nirgends Rede ſtehen wollte. Mehrere Jahre hatte er ſchon meine ganze Verehrung und war mein Studium, ehe ich ſein Individuum lieb gewinnen lernte. Ich war noch nicht fähig, die Natur aus der erſten Hand zu verſtehen. Nur ihr durch den Verſtand reflectirtes und durch die Regel zurecht gelegtes Bild konnte ich ertra⸗ gen, und dazu waren die ſentimentaliſchen Dichter der Fran⸗ zoſen und auch der Deutſchen, von den Jahren 1750 bis etwa 1780, gerade die rechten Subjecte. Uebrigens ſchäme ich mich dieſes Kinderurtheils nicht, da die bejahrte Kritik ein ähnliches fallte und naiv genug war, es in die Welt hin⸗ einzuſchreiben. Dasſelbe iſt mir auch mit dem Homer begegnet, den ich in einer noch ſpaͤtern Periode kennen lernte. Ich erinnere mich jetzt der merkwuͤrdigen Stelle im ſechsten Buch der Ilias, wo Glaukus und Diomed im Gefecht auf einander ſtoßen und, nachdem ſie ſich als Gaſtfreunde erkannt, ein⸗ ander Geſchenke geben. Dieſem ruͤhrenden Gemalde der Pietat, mit der die Geſetze des Gaſtrechts ſelbſt im Krieg Schillers ſaͤmmtl. Werte. XII. 13 194 beobachtet wurden, kann eine Schilderung des ritterlichen Edelmuths im Arioſt an die Seite geſtellt werden, wo zwei Ritter und Nebenbuhler, Ferrau und Rinald, dieſer ein Chriſt, jener ein Saracene, nach einem heftigen Kampf und mit Wunden bedeckt, Friede machen und, um die flüch⸗ tige Angelika einzuholen, das nämliche Pferd beſteigen. Beide Beiſpiele, ſo verſchieden ſie übrigens ſeyn mögen, kommen einander in der Wirkung auf unſer Herz beinahe gleich, weil beide den ſchönen Sieg der Sitten über die Leidenſchaft malen und uns durch Naivetat der Geſinnungen rühren. Aber wie ganz verſchieden nehmen ſich die Dichter bei Be⸗ ſchreibung dieſer ähnlichen Handlung! Arioſt, der Bürger einer ſpätern und von der Einfalt der Sitten abgekommenen Welt, kann bei der Erzählung dieſes Vorfalls ſeine eigene Verwunderung, ſeine Rührung nicht verbergen. Das Gefühl des Abſtandes jener Sitten von denjenigen, die ſein Zeitalter charakteriſiren, uͤberwaltigt ihn. Er verläßt auf Einmal das Gemäͤlde des Gegenſtandes und erſcheint in eigener Perſon. Man kennt die ſchoͤne Stanze und hat ſie immer vorzüglich bewundert: O Edelmuth der alten Ritterſitten! Die Nebenbuhler waren, die entzweit Im Glauben waren, bittern Schmerz noch litten Am ganzen Leib vom feindlich wilden Streit, Frei von Verdacht und in Gemeinſchaft ritten Sie durch des krummen Pfades Dunkelheit. Das Roß, getrieben von vier Sporen, eilte, Bis wo der Weg ſich in zwei Straßen theilte.* Und nun der alte Homer! Kaum erfährt Diomed aus Glau⸗ kus, ſeines Gegners, Erzählung, daß dieſer von Väterzeiten * Der raſende Roland. Erſter Geſang, Stanze 32. 195 her ein Gaſtfreund ſeines Geſchlechts iſt, ſo ſteckt er die Lanze in die Erde, redet freundlich mit ihm und macht mit ihm aus, daß ſie einander im Gefechte künftig ausweichen wollen. Doch man höre den Homer ſelbſt: „Alſo bin ich nunmehr dein Gaſtfreund mitten in Argos, Du in Lykia mir, wenn jenes Land ich beſuche. Drum mit unſeren Lanzen vermeiden wir uns im Getuͤmmel. Viel ja ſind der Troer mir ſelbſt und der ruͤhmlichen Helfer, Daß ich toͤdte, wen Gott mir gewaͤhrt und die Schenkel erreichen; Viel auch dir der Achaier, daß, welchen du kannſt, du erlegeſt. Aber die Nuͤſtungen Beide vertauſchen wir, daß auch die Andern Schann, wie wir Gaͤſte zu ſeyn aus Väaͤterzeiten uns ruhmen. Alſo redeten Jene; herab von den Wagen ſich ſchwingend, Faßten ſie Beid' einander die Haͤnd' und gelobten ſich Freund⸗ ſchaft.“ Schwerlich duͤrfte ein moderner Dichter(wenigſtens ſchwerlich einer, der es in der moraliſchen Bedeutung dieſes Wortes iſt) auch nur bis hieher gewartet haben, um ſeine Freude an dieſer Handlung zu bezeugen. Wir würden es ihm um ſo leichter verzeihen, da auch unſer Herz beim Lefen einen Stillſtand macht und ſich von dem Objecte gern ent⸗ fernt, um in ſich ſelbſt zu ſchauen. Aber von allem Dieſen keine Spur im Homer; als ob er etwas Alltaͤgliches berichtet hätte, ja, als ob er ſelbſt kein Herz im Buſen trüge, fahrt er in ſeiner trockenen Wahrhaftigkeit fort: „Doch den Glaukus erregete Zeus, daß er ohne Beſinnung Gegen den Held Diomedes die Ruͤſtungen, goldne mit ehrnen, Wechſelte, hundert Farren werth, neun Farren die andern.“* *⁴ Ilias, Voßſche Ueberſetzung. Erſter Band, Seite 155. 196 Dichter von dieſer naiven Gattung ſind in einem künſt⸗ lichen Weltalter nicht ſo recht mehr an ihrer Stelle. Auch ſind ſie in demſelben kaum mehr möglich, wenigſtens auf keine andere Weiſe möglich, als daß ſie in ihrem Zeitalter wild laufen und durch ein günſtiges Geſchick vor dem verſtümmelnden Einfluß desſelben geborgen werden. Aus der Societaͤt ſelbſt können ſie nie und nimmer hervorgehen; aber außerhalb derſelben erſcheinen ſie noch zuweilen, doch mehr als Fremdlinge, die man anſtaunt, und als ungezogene Söhne der Natur, an denen man ſich ärgert. So wohl⸗ thätige Erſcheinungen ſie für den Künſtler ſind, der ſie ſtudirt, und fuͤr den echten Kenner, der ſie zu würdigen verſteht, ſo wenig Glück machen ſie im Ganzen und bei ihrem Jahrhundert. Das Siegel des Herrſchers ruht auf ihrer Stirn; wir hingegen wollen von den Muſen gewiegt und getragen werden. Von den Kritikern, den eigentlichen Zaunhütern des Geſchmacks, werden ſie als Gränzſtörer gehaßt, die man lieber unterdrücken moͤchte: denn ſelbſt Homer dürfte es bloß der Kraft eines mehr als tauſendjaͤh⸗ rigen Zeugniſſes zu verdanken haben, daß ihn dieſe Geſchmacks⸗ richter gelten laſſen; auch wird es ihnen ſauer genug, ihre Regeln gegen ſein Beiſpiel und ſein Anſehen gegen ihre Regeln zu behaupten. Der Dichter, ſagte ich, iſt entweder Natur, oder er wird ſie ſuchen. Jenes macht den naiven, dieſes den ſen⸗ rimentaliſchen Dichter. Der dichteriſche Geiſt iſt unſterblich und unverlierbar in der Menſchheit; er kann nicht anders als zugleich mit der⸗ ſelben und mit der Anlage zu ihr ſich verlieren. Denn, entfernt ſich gleich der Menſch durch die Freiheit ſeiner Fan⸗ taſie und ſeines Verſtandes von der Einfalt, Wahrheit und Nothwendigkeit der Natur, ſo ſteht ihm doch nicht nur der Pfad zu derſelben immer offen, ſondern ein maͤchtiger und unvertilgbarer Trieb, der moraliſche, treibt ihn auch unauf⸗ hoͤrlich zu ihr zurück, und eben mit dieſem Triebe ſteht das Dichtungsvermögen in der engſten Verwandtſchaft. Dieſes verliert ſich alſo nicht auch zugleich mit der natürlichen Ein⸗ falt, ſondern wirkt nur nach einer andern Richtung. Auch jetzt iſt die Natur noch die einzige Flamme, an der ſich der Dichtergeiſt nährt; aus ihr allein ſchöpft er ſeine ganze Macht, zu ihr allein ſpricht er auch in dem künſtlichen, in der Cultur begriffenen Menſchen. Jede an⸗ dere Art zu wirken iſt dem poetiſchen Geiſte fremd: daher, beilaufig zu ſagen, alle ſogenannte Werke des Witzes ganz mit Unrecht poetiſch heißen, ob wir ſie gleich lange Zeit, durch das Anſehen der franzöſiſchen Literatur verleitet, damit vermengt haben. Die Natur, ſage ich, iſt es auch noch jetzt, in dem kuͤnſtlichen Zuſtande der Cultur, wodutch der Dich⸗ tergeiſt mächtig iſt; nur ſteht er jetzt in einem ganz andern Verhältniß zu derſelben. Solange der Menſch noch reine, es verſteht ſich, nicht. rohe Natur iſt, wirkt er als ungetheilte ſinnliche Einheit und als ein harmonirendes Ganzes. Sinne und Vernunft, empfangendes und ſelbſtthätiges Vermögen, haben ſich in ihrem Geſchäfte noch nicht getrennt, vielweniger ſtehen ſie im Widerſpruch mit einander. Seine Empfindungen ſind nicht das formloſe Spiel des Zufalls, ſeine Gedanken nicht das gehaltloſe Spiel der Vorſtellungskraft; aus dem Geſetz der Nothwendigkeit gehen jene, aus der Wirklichkeit gehen dieſe hervor. Iſt der Menſch in den Stand der Cultur getreten, und hat die Kunſt ihre Hand an ihn gelegt, ſo iſt jene ſinnliche Harmonie in ihm aufgehoben, und er kann nur noch als moraliſche Einheit, d. h., als nach Einheit ſtrebend ſich aͤußern. Die Uebereinſtimmung zwiſchen ſeinem Empfinden und Denken, die in dem erſten Zuſtande wirk⸗ lich Statt fand, exiſtirt jetzt bloß idealiſch; ſie iſt nicht mehr in ihm, ſondern außer ihm, als ein Gedanke, der erſt realiſirt werden ſoll, nicht mehr als Thatſache ſeines Lebens. Wendet man nun den Begriff der Poeſie, der kein anderer iſt, als der Menſchheit ihren möͤglichſt vollſtäaändi⸗ gen Ausdruck zu geben, auf jene beiden Zuſtände an, ſo ergibt ſich, daß dort in dem Zuſtande natürlicher Einfalt, wo der Menſch noch, mit allen ſeinen Kräften zugleich, als harmoniſche Einheit wirkt, wo mithin das Ganze ſeiner Natur ſich in der Wirklichkeit vollſtändig ausdrückt, die mög⸗ lichſt vollſtändige Nachahmung des Wirklichen— daß hingegen hier in dem Zuſtand der Cultur, wo jenes harmo⸗ niſche Zuſammenwirken ſeiner ganzen Natur bloß eine Idee iſt, die Erhebung der Wirklichkeit zum Ideal oder, was auf Eins hinausläuft, die Darſtellung des Ideals den Dichter machen muß. Und Dies ſind auch die zwei einzig möglichen Arten, wie ſich uͤberhaupt der poetiſche Genius außern kann. Sie ſind, wie man ſieht, äußerſt von einander verſchie⸗ den; aber es gibt einen höhern Begriff, der ſie beide unter ſich faßt, und es darf gar nicht befremden, wenn dieſer Be⸗ griff mit der Idee der Menſchheit in Eins zuſammentrifft. Es iſt hier der Ort nicht, dieſen Gedanken, den nur eine eigene Ausführung in ſein volles Licht ſetzen kann, wei⸗ ter zu verfolgen. Wer aber nur irgend, dem Geiſte nach und nicht bloß nach zufaͤlligen Formen, eine Vergleichung zwiſchen alten und modernen Dichtern* anzuſtellen verſteht, wird ſich *¹ Es iſt vielleicht nicht uͤberfluͤſſig, zu erinnern, daß, wenn hier die neuen Dichter den alten entgegengeſetzt werden, nicht ſowohl der Unterſchied — 199 leicht von der Wahrheit desſelben überzeugen können. Jene rühren uns durch Natur, durch ſinnliche Wahrheit, durch lebendige Gegenwart; dieſe rühren uns durch Ideen. Dieſer Weg, den die neuern Dichter gehen, iſt übrigens derſelbe, den der Menſch überhaupt ſowohl im Einzelnen als im Ganzen einſchlagen muß. Die Natur macht ihn mit ſich Eins, die Kunſt trennt und entzweiet ihn, durch das Ideal kehrt er zur Einheit zurück. Weil aber das Ideal ein Un⸗ endliches iſt, das er niemals erreicht, ſo kann der cultivirte Menſch in ſeiner Art niemals vollkommen werden, wie doch der naturliche Menſch es in der ſeinigen zu werden vermag. Er müßte alſo dem Letztern an Vollkommenheit unendlich nachſtehen, wenn bloß auf das Verhältniß, in welchem Beide zu ihrer Art und zu ihrem Maximum ſtehen, geachtet wird. Vergleicht man hingegen die Arten ſelbſt mit einander, ſo zeigt ſich, daß das Ziel, zu welchem der Menſch durch Cultur ſtrebt, demjenigen, welches er durch Natur erreicht, unendlich vorzuziehen iſt. Der Eine erhält alſo ſeinen Werth durch abſolute Erreichung einer endlichen, der Andere erlangt ihn durch Annäaherung zu einer unend⸗ lichen Größe. Weil aber nur die Letztere Grade und einen Fortſchritt hat, ſo iſt der relative Werth des Menſchen, der in der Cultur begriffen iſt, im Ganzen genommen, nie⸗ mals beſtimmbar, obgleich derſelbe, im Einzelnen betrach⸗ tet, ſich in einem nothwendigen Nachtheil gegen denjenigen der Zeit, als der Unterſchied der Manier zu verſtehen iſt. Wir haben auch in neuern, ja ſogar in neueſten Zeiten naive Dichtungen in allen Klaſſen, wenn gleich nicht mehr ganz reiner Art, und unter den alten lateiniſchen, ja, ſelbſt griechiſchen Dichtern ſehlt es nicht an ſentimentaliſchen. Nicht nur in demſelben Dichter, auch in demſelben Werke trifft man haͤufig beide Gat⸗ tungen vereinigt an, wie zum Beiſpiel in Werthers Leiden, und der⸗ gleichen Producte werden immer den groͤßten Effeer machen. 3 200 befindet, in welchem die Natur in ihrer ganzen Vollkommen⸗ heit wirkt. Inſofern aber das letzte Ziel der Menſchheit nicht anders als durch jene Fortſchreitung zu erreichen iſt, und der Letztere nicht anders fortſchreiten kann, als indem er ſich cultivirt und folglich in den Erſtern übergeht, ſo iſt keine Frage, welchem von Beiden in Rüuckſicht auf jenes letzte Ziel der Vorzug gebuhre. Dasſelbe, was hier von den zwei verſchiedenen Formen der Menſchheit geſagt wird, läßt ſich auch auf jene beiden, ihnen entſprechenden Dichterformen anwenden. Man hätte deßwegen alte und moderne— naive und ſentimentaliſche— Dichter entweder gar nicht oder nur unter einem gemeinſchaftlichen hoͤhern Begriff(einen ſolchen gibt es wirklich) mit einander vergleichen ſollen. Denn, frei⸗ lich, wenn man den Gattungsbegriff der Poeſie zuvor ein⸗ ſeitig aus den alten Ppoeten abſtrahirt hat, ſo iſt nichts leichter, aber auch nichts trivialer, als die modernen gegen ſie herabzuſetzen. Wenn man nur Das Poeſie nennt, was zu allen Zeiten auf die einfältige Natur gleichförmig wirkte, ſo kann es nicht anders ſeyn, als daß man den neuern Poeten gerade in ihrer eigenſten und erhabenſten Schönheit den Namen der Dichter wird ſtreitig machen müſſen, weil ſie gerade hier nur zu dem Zoöglinge der Kunſt ſprechen und der einfältigen Natur nichts zu ſagen haben.* Weſſen Gemuüth * Molière als naiver Dichter durfte es allenfalls auf den Ausſpruch ſeiner Magd ankommen laſſen, was in ſeinen Komodien ſiehen bleiben und wegfallen ſollte; auch waͤre zu wuͤnſchen geweſen, daß die Meiſier des fran⸗ zoͤſſchen Kothurns mit ihren Trauerſpielen zuweilen dieſe Probe gemacht haͤtten. Aber ich wollte nicht rathen, daß mit den Klopſtock'ſchen Oden, mit den ſchoͤnſten Stellen im Meſſias, im verlornen Paradies, in Nathan dem Weiſen und vielen andern Stuͤcken eine aͤhnliche Probe angeſtellt wuͤrde. Doch was ſage ich? Dieſe Probe iſt wirklich angeſtellt, und die Molisre'ſche 201 nicht ſchon zubereitet iſt, über die Wirklichkeit hinaus ins Ideenreich zu gehen, fuͤr Den wird der reichſte Gehalt leerer Schein, und der hoͤchſte Dichterſchwung Ueberſpannung ſeyn. Keinem Vernünftigen kann es einfallen, in Demjenigen, worin Homer groß iſt, irgend einen Neuern ihm an die Seite ſtellen zu wollen, und es klingt lächerlich genug, wenn man einen Milton oder Klopſtock mit dem Namen eines neuern Homer beehrt ſieht. Eben ſo wenig aber wird irgend ein alter Dichter und am Wenigſten Homer in Demjenigen, was den modernen Dichter charakteriſtiſch auszeichnet, die Vergleichung mit demſelben aushalten können. Jener, möchte ich es ausdruͤcken, iſt mächtig durch die Kunſt der Begrän⸗ zung; dieſer iſt es durch die Kunſt des Unendlichen. Und eben daraus, daß die Stärke des alten Künſtlers (denn, was hier von dem Dichter geſagt worden, kann unter den Einſchränkungen, die ſich von ſelbſt ergeben, auch auf den ſchönen Künſtler überhaupt ausgedehnt werden) in der Begräanzung beſteht, erklart ſich der hohe Vorzug, den die bildende Kunſt des Alterthums über die der neuern Zeiten behauptet, und überhaupt das ungleiche Verhaͤltniß des Werths, in welchem moderne Dichtkunſt und moderne bil⸗ dende Kunſt zu beiden Kunſtgattungen im Alterthume ſtehen. Ein Werk für das Auge findet nur in der Begräͤnzung ſeine Vollkommenheit; ein Werk für die Einbildungskraft kann ſie auch durch das Unbegränzte erreichen. In plaſtiſchen Werken hilft daher dem Neuern ſeine Ueberlegenheit in Ideen wenig; Magd raiſonnirt ja Langes und Breites in unſern kritiſchen Bibliotheken, philoſophiſchen und literariſchen Annalen und Reiſebeſchreibungen uber Poeſie, Kunſt und dergleichen, nur wie billig, auf deutſchem Boden ein wenig ab⸗ geſchmachter als auf franzoſiſchem, und wie es ſich für die Geſindeſtube der deutſchen Literatur geziemt. 202 hier iſt er genöthigt, das Bild ſeiner Einbildungskraft auf das Genaueſte im Raum zu beſrimmen und ſich folglich mit dem alten Künſtler gerade in derjenigen Eigenſchaft zu meſſen, worin dieſer ſeinen unabſtreitbaren Vorzug hat. In poetiſchen Werken iſt es anders; und, ſiegen gleich die alten Dichter auch hier in der Einfalt der Formen und in Dem, was ſinnlich darſtellbar und koͤrperlich iſt, ſo kann der neuere ſie wieder in Reichthum des Stoffes, in Dem, was undarſtellbar und unausſprechlich iſt, kurz, in Dem, was man in Kunſtwerken Geiſt nennt, hinter ſich laſſen. Da der naive Dichter bloß der einſachen Natur und Empfindung folgt und ſich bloß auf Nachahmung der Wirk⸗ lichkeit beſchränkt, ſo kann er zu ſeinem Gegenſtand auch nur ein einziges Verhaͤltniß haben, und es gibt, in dieſer Rückſicht, für ihn keine Wahl der Behandlung. Der ver⸗ ſchiedene Eindruck naiver Dichtungen beruht(vorausgeſetzt, daß man Alles hinweg denkt, was daran dem Inhalt gehöͤrt, und jenen Eindruck nur als das reine Werk der poetiſchen Behandlung betrachtet), beruht, ſage ich, bloß auf dem verſchie⸗ denen Grad einer und derſelben Empfindungsweiſe; ſelbſt die Verſchiedenheit in den äußern Formen kann in der Qualität jenes äſthetiſchen Eindrucks keine Veränderung machen. Die Form ſey lyriſch oder epiſch, dramatiſch oder beſchreibend; wir können wohl ſchwächer und ſtärker, aber(fobald von dem Stoff abſtrahirt wird) nie verſchiedenartig gerührt werden. Unſer Gefühl iſt durchgängig dasſelbe, ganz aus einem Ele⸗ ment, ſo daß wir nichts darin zu unterſcheiden vermögen. Selbſt der Unterſchied der Sprachen und Zeitalter andert hier nichts, denn eben dieſe reine Einheit ihres Urſprungs und ihres Effects iſt ein Charakter der naiven Dichtung. 203 Ganz anders verhält es ſich mit dem ſentimentaliſchen Dichter. Dieſer reflectirt über den Eindruck, den die Gegenſtände auf ihn machen, und nur auf jene Reflexion iſt die Rührung gegründet, in die er ſelbſt verſetzt wird und uns verſetzt. Der Gegenſtand wird hier auf eine Idee be⸗ zogen, und nur auf dieſer Beziehung beruht ſeine dichteriſche Kraft. Der ſentimentaliſche Dichter hat es daher immer mit zwei ſtreitenden Vorſtellungen und Empfindungen, mit der Wirklichkeit als Gränze und mit ſeiner Idee als dem Unendlichen zu thun, und das gemiſchte Gefuühl, das er erregt, wird immer von dieſer doppelten Quelle zeugen.* Da alſo hier eine Mehrheit der Principien Statt findet, ſo kommt es darauf an, welches von beiden in der Empfindung des Dichters und in ſeiner Darſtellung überwiegen wird, und es iſt folglich eine Verſchiedenheit in der Behandlung möglich. Denn nun entſteht die Frage, ob er mehr bei der Wirklichkeit, ob er mehr bei dem Ideale verweilen— ob er jene als einen Gegenſtand der Abneigung, ob er dieſes als einen Gegenſtand der Zuneigung ausführen will. Seine Darſtellung wird alſo entweder ſatiriſch, oder ſie wird(in einer weitern Bedeutung dieſes Worts, die ſich nachher * Wer bei ſich auf den Eindruck merkt, den naive Dichtungen auf ihn machen, und den Antheil, der dem Inhalt daran gebuͤhrt, davon abzuſon⸗ dern im Stande iſt, Der wird dieſen Eindruck, auch ſelbſt bei ſehr patheti⸗ ſchen Gegenſtaͤnden, immer ſroͤhlich, immer rein, immer ruhig finden; bei ſentimentaliſchen wird er immer etwas ernſt und anſpannend ſeyn. Das mache, weil wir uns bei naiven Darſtellungen, ſie handeln auch, wovon ſie wollen, immer uͤber die Wahrheit, über die leidige Gegenwart des Obiects in unſerer Einbildungskraft erfreuen und auch weiter nichts, als dieſe ſuchen, bei ſentimentaliſchen hingegen die Vorſtellung der Einbildungskraft mit einer Vernunſtidee zu vereinigen haben und alſo immer zwiſchen zwei verſchiedenen Zuſtaͤnden in Schwanken gerathen. 1 erklären wird) elegiſch ſeyn: an eine von dieſen beiden Em⸗ pfindungsarten wird jeder ſentimentaliſche Dichter ſich halten. Satiriſch iſt der Dichter, wenn er die Entfernung von der Natur und den Widerſpruch der Wirklichkeit mit dem Ideale(in der Wirkung auf das Gemuͤth kommt Beides auf Eins hinaus) zu ſeinem Gegenſtande macht. Dies kann er aber ſowohl ernſthaft und mit Affect als ſcherzhaft und mit Heiterkeit ausführen, jenachdem er entweder im Gebiete des Willens oder im Gebiete des Verſtandes verweilt. Jenes geſchieht durch die ſtrafende oder pathetiſche, dieſes durch die ſcherzhafte Satire. Streng genommen vertraͤgt zwar der Zweck des Dichters weder den Ton der Strafe noch den der Beluſtigung. Jener iſt zu ernſt für das Spiel, was die Poeſie immer ſeyn ſoll; dieſer iſt zu frivol für den Ernſt, der allem poetiſchen Spiele zum Grunde liegen ſoll. Moraliſche Widerſprüche intereſſiren nothwendig unſer Herz und rauben alſo dem Gemüth ſeine Freiheit; und doch ſoll aus poetiſchen Rührungen alles eigentliche Intereſſe, d. h., alle Beziehung auf ein Beduͤrf⸗ niß verbannt ſeyn. Verſtandes⸗Widerſprüche hingegen laſſen das Herz gleichgültig, und doch hat es der Dichter mit dem höchſten Anliegen des Herzens, mit der Natur und dem Ideal, zu thun. Es iſt daher keine geringe Aufgabe für ihn, in der pathetiſchen Satire nicht die pvetiſche Form zu verletzen, welche in der Freiheit des Spiels beſteht, in der ſcherzhaften Satire nicht den poetiſchen Gehalt zu verfehlen, welcher immer das Unendliche ſeyn muß. Dieſe Aufgabe kann nur auf eine einzige Art gelöst werden. Die ſtrafende Satire erlangt poetiſche Freiheit, indem ſie ins Erhabene übergeht; die lachende Satire erhält poetiſchen Gehalt, indem ſie ihren Gegenſtand mit Schönheit behandelt. 205 In der Satire wird die Wirklichkeit, als Mangel, dem Ideal, als der höchſten Realität, gegenüber geſtellt. Es iſt üͤbrigens gar nicht noͤthig, daß das Letztere ausgeſprochen werde, wenn der Dichter es nur im Gemüth zu erwecken weiß; Dies muß er aber ſchlechterdings, oder er wird gar nicht poetiſch wirken. Die Wirklichkeit iſt alſo hier ein noth⸗ wendiges Object der Abneigung; aber, worauf hier Alles ankommt, dieſe Abneigung ſelbſt muß wieder nothwendig aus dem entgegenſtehenden Ideal entſpringen. Sie könnte nämlich auch eine bloß ſinnliche Quelle haben und lediglich in Beduͤrfniß gegründet ſeyn, mit welchem die Wirklichkeit ſtreitet; und haͤufig genug glauben wir einen moraliſchen Unwillen über die Welt zu empfinden, wenn uns bloß der Widerſtreit derſelben mit unſerer Neigung erbittert. Dieſes materielle Intereſſe iſt es, was der gemeine Satiriker ins Spiel bringt, und, weil es ihm auf dieſem Wege gar nicht fehl ſchlägt, uns in Affect zu verſetzen, ſo glaubt er unſer Herz in ſeiner Gewalt zu haben und im Pathetiſchen Meiſter zu ſeyn. Aber jedes Pathos aus dieſer Quelle iſt der Dicht⸗ kunſt unwürdig, die uns nur durch Ideen rühren und nur durch die Vernunft zu unſerm Herzen den Weg nehmen darf. Auch wird ſich dieſes unreine und materielle Pathos jederzeit durch ein Uebergewicht des Leidens und durch eine peinliche Befangenheit des Gemüths offenbaren, da im Ge⸗ gentheil das wahrhaft poetiſche Pathos an einem Uebergewicht der Selbſtthätigkeit und an einer, auch im Affecte noch beſte⸗ henden Gemüthsfreiheit zu erkennen iſt. Entſpringt nämlich die Rührung aus dem der Mirklichkeit gegenüberſtehenden Ideale, ſo verliert ſich in der Erhabenheit des Letztern jedes einengende Gefühl, und die Größe der Idee, von der wir erfüllt ſind, erhebt uns über alle Schranken der Erfahrung. 206 Bei der Darſtellung empörender Wirklichkeit kommt daher Alles darauf an, daß das Nothwendige der Grund ſey, auf welchem der Dichter oder der Erzähler das Wirkliche aufträgt, daß er unſer Gemüth fuͤr Ideen zu ſtimmen wiſſe. Stehen wir nur hoch in der Beurtheilung, ſo hat es nichts zu ſagen, wenn auch der Gegenſtand tief und niedrig unter uns zurückbleibt. Wenn uns der Geſchichtſchreiber Tacitus den tiefen Verfall der Römer des erſten Jahrhunderts ſchildert, ſo iſt es ein hoher Geiſt, der auf das Niedrige herabblickt, und unſere Stimmung iſt wahrhaft poetiſch, weil nur die Höhe, worauf er ſelbſt ſteht, und zu der er uns zu erheben wußte, ſeinen Gegenſtand niedrig machte. Die pathetiſche Satire muß alſo jederzeit aus einem Gemüthe fließen, welches von dem Ideale lebhaft durchdrun⸗ gen iſt. Nur ein herrſchender Trieb nach Uebereinſtimmung kann und darf jenes tiefe Gefühl moraliſcher Widerſprüche und jenen glühenden Unwillen gegen morgliſche Verkehrtheit erzeugen, welcher in einem Juvenal, Swift, Rouſſeau, Haller und Andern zur Begeiſterung wird. Die nämlichen Dichter würden und müßten mit demſelben Glück auch in den rüh⸗ renden und zärtlichen Gattungen gedichtet haben, wenn nicht zufaͤllige Urſachen ihrem Gemüthe frühe dieſe beſtimmte Rich⸗ tung gegeben hätten; auch haben ſie es zum Theil wirklich gethan. Alle die hier genannten lebten entweder in einem ausgearteten Zeitalter und hatten eine ſchauderhafte Erfah⸗ rung moraliſcher Verderbniß vor Augen, oder eigene Schick⸗ ſale hatten Bitterkeit in ihre Seele geſtreut. Auch der phi⸗ loſophiſche Geiſt, da er mit unerbittlicher Strenge den Schein von dem Weſen trennt und in die Tiefen der Dinge dringt, neigt das Gemuͤth zu dieſer Härte und Auſteritat, mit wel⸗ cher Rouſſeau, Haller und Andere die Wirklichkeit malen. 207 8 Aber dieſe aͤußeren und zufälligen Einflüſſe, welche immer einſchränkend wirken, dürfen höchſtens nur die Richtung be⸗ ſtimmen, niemals den Inhalt der Begeiſterung hergeben. Dieſer muß in allen derſelbe ſeyn und, rein von jedem äußern Bedürfniſſe, aus einem glühenden Triebe für das Ideal hervorfließen, welcher durchaus der einzig wahre Beruf zu dem ſatiriſchen wie überhaupt zu dem ſentimentaliſchen Dichter iſt. Wenn die pathetiſche Satire nur erhabene Seelen kleidet, ſo kann die ſpottende Satire nur einem ſchönen Herzen gelingen. Denn jene iſt ſchon durch ihren ernſten Gegenſtand vor der Frivolität geſichert; aber dieſe, die nur einen moraliſch gleichgültigen Stoff behandeln darf, würde unvermeidlich darein verfallen und jede poetiſche Wirkung verlieren, wenn hier nicht die Behandlung den Inhalt ver⸗ edelte, und das Subject des Dichters nicht ſein Object verträte. Aber nur dem ſchönen Herzen iſt es verliehen, unabhängig von dem Gegenſtand ſeines Wirkens in jeder ſeiner Aeußerungen ein vollendetes Bild von ſich ſelbſt abzu⸗ pragen. Der erhabene Charakter kann ſich nur in einzelnen Siegen über den Widerſtand der Sinne, nur in gewiſſen Momenten des Schwunges und einer augenblicklichen An⸗ ſtrengung kund thun; in der ſchönen Seele hingegen wirkt das Ideal als Natur, alſo gleichförmig, und kann mithin auch in einem Zuſtand der Ruhe ſich zeigen. Das tiefe Meer erſcheint am Erhabenſten in ſeiner Bewegung, der klare Bach am Schönſten in ſeinem ruhigen Lauf. Es iſt mehrmals daruber geſtritten worden, welche von Beiden, die Tragödie oder die Komödie, vor der andern den Rang verdiene. Wird damit bloß gefragt, welche von Beiden das wichtigere Object behandle, ſo iſt kein Zweifel, daß die 8 208 Erſtere den Vorzug behauptet; will man aber wiſſen, welche von Beiden das wichtigere Subject erfordere, ſo moͤchte der Ausſpruch eher für die Letztere ausfallen.— In der Tra⸗ gödie geſchieht ſchon durch den Gegenſtand, ſehr viel, in der Komoͤdie geſchieht durch den Gegenſtand nichts und Alles durch den Dichter. Da nun bei Urtheilen des Geſchmacks der Stoff nie in Betrachtung kommt, ſo muß natürlicher Weiſe der äſthetiſche Werth dieſer beiden Kunſtgattungen in umgekehrtem Verhältniß zu ihrer materiellen Wichtigkeit ſtehen. Den tragiſchen Dichter traͤgt ſein Object, der komiſche hingegen muß durch ſein Subject das ſeinige in der äſthe⸗ tiſchen Höhe erhalten. Jener darf einen Schwung nehmen, wozu ſo viel eben nicht gehört; der Andere muß ſich gleich bleiben, er muß alſo ſchon dort ſeyn und dort zu Hauſe ſeyn, wohin der Andere nicht ohne einen Anlauf gelangt. Und gerade Das iſt es, worin ſich der ſchöne Charakter von dem erhabenen unterſcheidet. In dem Erſten iſt jede Größe ſchon enthalten, ſie fließt ungezwungen und mühelos aus ſeiner Natur, er iſt, dem Vermögen nach, ein Unendliches in jedem Punkte ſeiner Bahn; der Andere kann ſich zu jeder Größe anſpannen und erheben, er kann durch die Kraft ſeines Willens aus jedem Zuſtand der Beſchränkung ſich reißen. Dieſer iſt alſo nur ruckweiſe und nur mit Anſtrengung frei, jener iſt es mit Leichtigkeit und immer⸗ Dieſe Freiheit des Gemüths in uns hervorzubringen und zu naͤhren, iſt die ſchöne Aufgabe der Komödie, ſo wie die Tragödie beſtimmt iſt, die Gemüthsfreiheit, wenn ſie durch einen Affect gewaltſam aufgehoben worden, auf äſthe⸗ tiſchem Wege wieder herſtellen zu helfen. In der Tragödie muß daher die Gemüthsfreiheit künſtlicher Weiſe und als Experiment aufgehoben werden, weil ſie in Herſtellung 209 derſelben ihre poetiſche Kraft beweist; in der Komödie hin⸗ gegen muß verhütet werden, daß es niemals zu jener Auf⸗ hebung der Gemüthsfreiheit komme. Daher behandelt der Tragödiendichter ſeinen Gegenſtand immer praktiſch, der Ko⸗ modiendichter den ſeinigen immer theoretiſch, auch, wenn jener(wie Leſſing in ſeinem Nathan) die Grille hätte, einen theoretiſchen, dieſer, einen praktiſchen Stoff zu bearbeiten. Nicht das Gebiet, aus welchem der Gegenſtand genommen, ſondern das Forum, vor welches der Dichter ihn bringt, macht denſelben tragiſch oder komiſch. Der Tragiker muß ſich vor dem ruhigen Raiſonnement in Acht nehmen und immer das Herz intereſſiren; der Komiker muß ſich vor dem Pathos hüten und immer den Verſtand unterhalten. Jener zeigt alſo durch beſtändige Erregung, dieſer durch beſtändige Ab⸗ wehrung der Leidenſchaft ſeine Kunſt; und dieſe Kunſt iſt natürlich auf beiden Seiten um ſo größer, je mehr der Ge⸗ genſtand des Einen abſtracter Natur iſt, und der des Andern ſich zum Pathetiſchen neigt.“* Wenn alſo die Tragödie von einem wichtigern Punkte ausgeht, ſo muß man auf der andern Seite geſtehen, daß die Komödie einem wichtigern Ziel entgegengeht, und ſie würde, wenn ſie es erreichte, alle * In Nathan dem Weiſen iſt Dieſes nicht geſchehen, hier hat die froſtige Natur des Stoffs das ganze Kunſtwerk erkaͤltet. Aber Leſſing wußte ſelbſt⸗ daß er kein Trauerſpiel ſchrieb, und vergaß nur, menſchlicher Weiſe, in ſeiner eigenen Angelegenheit die in der Dramaturgie aufgeſtellte Lehre, daß der Dichter nicht befugt ſey, die tragiſche Form zu einem andern als tragi⸗ ſchen Zweck anzuwenden. Ohne ſehr weſentliche Veroͤnderungen wuͤrde es kaum moͤglich geweſen ſeyn, dieſes dramatiſche Gedicht in eine gute Tragoͤdie umzuſchaſſen; aber mit bloß zufaͤlligen Veraͤnderungen moͤchte es eine gute Komoͤdie abgegeben haben. Dem letztern Zwech naͤmlich haͤtte das Patheti⸗ ſche, dem erſtern das Raiſonnirende aufgeopfert werden muͤſſen, und es iſt wohl keine Frage, auf welchem von Veiden die Schoͤnheit dieſes Gedichts am Meiſten veruht.— Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 14 210 Tragodie überflüſſig und unmöglich machen. Ihr Ziel iſt einerlei mit dem höchſten, wornach der Menſch zu ringen hat, frei von Leidenſchaft zu ſeyn, immer klar, immer ruhig um ſich und in ſich zu ſchauen, überall mehr Zufall als Schickſal zu finden und mehr uͤber Ungereimtheit zu lachen als über Bosheit zu zürnen oder zu weinen. Wie in dem handelnden Leben, ſo begegnet es auch oft hei dichteriſchen Darſtellungen, den bloß leichten Sinn, das angenehme Talent, die fröͤhliche Gutmüthigkeit mit Schön⸗ heit der Seele zu verwechſeln, und, da ſich der gemeine Ge⸗ ſchmack überhaupt nie uber das Angenehme erhebt, ſo iſt es ſolchen niedlichen Geiſtern ein Leichtes, jenen Ruhm zu uſurpiren, der ſo ſchwer zu verdienen iſt. Aber es gibt eine untrügliche Probe, vermittelſt deren man die Leichtig⸗ keit des Naturells von der Leichtigkeit des Ideals, ſo wie die Tugend des Temperaments von der wahrhaftigen Sitt⸗ lichkeit des Charakters unterſcheiden kann, und dieſe iſt, wenn Beide ſich an einem ſchwierigen und großen Objecte verſuchen. In einem ſolchen Fall geht das niedliche Genie unfehlbar in das Platte, ſo wie die Temperamentstugend in das Materielle; die wahrhaft ſchöne Seele hingegen geht eben ſo gewiß in die erhabene über. Solange Lucian bloß die Ungereimtheit züchtigt, wie in den Wünſchen, in den Lapithen, in dem Jupiter Tragödus u. a., bleibt er Spötter und ergoͤtzt uns mit ſeinem fröh⸗ lichen Humor; aber es wird ein ganz anderer Mann aus ihm in vielen Stellen ſeines Nigrinus, ſeines Timons, ſei⸗ nes Alexanders, wo ſeine Satire auch die moraliſche Ver⸗ derbniß trifft.„Ungluͤckſeliger,“ ſo beginnt er in ſeinem Nigrinus das empörende Gemalde des damaligen Roms, „warum verließeſt du das Licht der Sonne, Griechenland, 211 und jenes glückliche Leben der Freiheit und kamſt hieher in dieſes Getümmel von prachtvoller Dienſtbarkeit, von Auf⸗ wartungen und Gaſtmaͤhlern, von Sykophanten, Schmeichlern, Giftmiſchern, Erbſchleichern und falſchen Freunden? u. L. w. Bei ſolchen und aͤhnlichen Anläſſen muß ſich der hohe Ernſt des Gefühls offenbaren, der allem Spiele, wenn es poetiſch ſeyn ſoll, zum Grunde liegen muß. Selbſt durch den bos⸗ haften Scherz, womit ſowohl Lucian als Ariſtophanes den Sokrates mißhandeln, blickt eine ernſte Vernunft hervor, welche die Wahrheit an dem Sophiſten racht und für ein Ideal ſtreitet, das ſie nur nicht immer ausſpricht. Auch hat der Erſte von Beiden in ſeinem Diogenes und Demonar dieſen Charakter gegen alle Zweifel gerechtfertigt; unter den Neuern— welchen großen und ſchönen Charakter drückt nicht Cervantes bei jedem würdigen Anlaß in ſeinem Don Quixote aus! Welch ein herrliches Ideal mußte nicht in der Seele des Dichters leben, der einen Tom Jones und eine Sophia erſchuf! Wie kann der Lacher Yorik, ſobald er will, unſer Gemüth ſo groß und ſo mächtig bewegen? Auch in unſerm Wieland erkenne ich dieſen Ernſt der Empfindung: ſelbſt die muthwilligen Spiele ſeiner Laune beſeelt und adelt die Grazie des Herzens, ſelbſt in den Rhythmus ſeines Geſanges drückt ſie ihr Gepräg, und nimmer fehlt ihm die Schwungkraft, uns, ſobald es gilt, zu dem Höchſten empor zu tragen. Von der Voltaire'ſchen Satire läßt ſich kein ſolches Ur⸗ theil fallen. Zwar iſt es auch bei dieſem Schriftſteller einzig nur die Wahrheit und Simplicitat der Natur, wodurch er uns zuweilen poetiſch rührt, es ſey nun, daß er ſie in einem naiven Charakter wirklich erreiche, wie mehrmals in ſeinem Ingenu, oder, daß er ſie, wie in ſeinem Candide u. a., ſuche und raͤche. Wo Keines von Beiden der Fall iſt, da 212 kann er uns zwar als witziger Kopf beluſtigen, aber gewiß nicht als Dichter bewegen. Aber ſeinem Spott liegt überall zu wenig Ernſt zum Grunde, und Dieſes macht ſeinen Dich⸗ terberuf mit Recht verdächtig. Wir begegnen immer nur ſeinem Verſtande, nicht ſeinem Gefühl. Es zeigt ſich kein Ideal unter jener luftigen Huͤlle und kaum etwas abſolut Feſtes in jener ewigen Bewegung. Seine wunderbare Man⸗ nigfaltigkeit in aͤußern Formen, weit entfernt, für die innere Fülle ſeines Geiſtes etwas zu beweiſen, legt vielmehr ein bedenkliches Zeugniß dagegen ab: denn ungeachtet aller jener Formen hat er auch nicht eine gefunden, worin er ein Herz hätte abdrücken können. Beinahe muß man alſo fürch⸗ ten, es war in dieſem reichen Genius nur die Armuth des Herzens, die ſeinen Beruf zur Satire beſtimmte. Waͤre es anders, ſo hätte er doch irgend auf ſeinem weiten Weg aus dieſem engen Geleiſe treten müſſen. Aber bei allem noch ſo großen Wechſel des Stoffes und der äußern Form ſehen wir dieſe innere Form in ewigem, dürftigem Einerlei wieder⸗ kehren, und trotz ſeiner voluminoͤſen Laufbahn hat er doch den Kreis der Menſchheit in ſich ſelbſt nicht erfüllt, den man in den obenerwähnten Satirikern mit Freuden durch⸗ laufen findet. Setzt ver Dichter die Natur der Kunſt und das Ideal der Wirklichkeit ſo entgegen, daß die Darſtellung des Erſten überwiegt, und das Wohlgefallen an demſelben herrſchende Empfindung wird, ſo nenne ich ihn elegiſch. Auch dieſe Gattung hat, wie die Satire, zwei Klaſſen unter ſich. Ent⸗ weder iſt die Natur und das Ideal ein Gegenſtand der Trauer, wenn jene als verloren, dieſes als unerreicht dar⸗ geſtellt wird. Oder Beide ſind ein Gegenſtand der Freude, indem ſie als wirklich vorgeſtellt werden. Das Erſte gibt 213 die Elegie in engerer, das Andere die Idylle in weiteſter Bedeutung.* 5 * Daft ich die Benennungen Satire, Elegie und Idylle in einem weitern Sinne gebrauche, als gewohnlich geſchieht, werde ich bei Leſern, die tieſer in die Sache dringen kaum zu verantworten brauchen. Meine Abſicht dabei iſt keineswegs, die Graͤnzen zu verruͤcken, welche die bisherige Obſervanz ſowohl der Satire und Elegie als der Idylle mit gutem Grunde geſteckt hat; ich ſehe bloß auf die in dieſen Dichtungsarten herrſchende Empſindungs⸗ weiſe, und es iſt ja bekannt genug, daß dieſe ſich keineswegs in jene engen Graͤnzen einſchließen laͤßt. Elegiſch ruͤhrt uns nicht bloß die Elegie, welche ausſchließlich ſo genannt wird; auch der dramatiſche und der epiſche Dichter köͤnnen uns auf elegiſche Weiſe bewegen. In der Meſſiade, in Thomſons Jahrszeiten, im verlorenen Paradies, im befreiten Jeruſalem finden wir mebrere Gemaͤlde, die ſonſt nur der Idylle, der Elegie, der Satire eigen ſind. Eben ſo, mehr oder weniger, faſt in jedem pathetiſchen Gedichte. Daß ich aber die Idylle ſelbſt zur elegiſchen Gattung rechne, ſcheint eher einer Rechtfertigung zu beduͤrfen. Man erinnere ſich aber, daß hier nur von der⸗ jenigen Idylle die Rede iſt, welche eine Species der ſentimentaliſchen Dich⸗ tung iſt, zu deren Weſen es gehoͤrt, daß die Natur der Kunſt und das Ideal der Wirklichkeit entgegengeſetzt werde. Geſchieht Dieſes auch nicht ausdruͤcklich von dem Dichter, und ſiellt er das Gemaͤlde der unverdorbenen Natur oder des erfuͤllten Ideals rein und ſelbſiſtaͤndig vor unſere Augen, ſo iſt jener Gegenſatz doch in ſeinem Herzen und wird ſich auch ohne ſeinen Willen in jedem Pinſelſtrich verrathen. Ja, waͤre Dieſes nicht, ſo wuͤrde ſchon die Sprache, deren er ſich bedienen muß, weil ſie den Geiſt der Zeit an ſich traͤgt, auch den Einfluß der Kunſt erfahren, uns die Wirklichkeit mit ihren Schran⸗ ken, die Cultur mit ihrer Kuͤnſtelei in Erinnerung bringen; ja, unſer eigenes Herz würde jenem Bilde der reinen Natur die Erfahrung der Verderbniß gegenuͤber ſiellen und ſo die Empfindungsart, wenn auch der Dichter es nicht darauf angelegt haͤtte, in uns elegiſch machen. Dies Letztere iſt ſo unver⸗ meidlich, daß ſelbſt der hoͤchſte Genuß, den die ſchoͤnſten Werke der naiven Gattung aus alten und neuen Zeiten dem cultivirten Menſchen gewaͤh⸗ ren, nicht lange rein bleibt, ſondern fruͤher oder ſpaͤter von einer elegi⸗ ſchen Empfindung begleitet ſeyn wird. Schließlich bemerke ich noch, daß die hier verſuchte Eintheilung, eben deßwegen, weil ſie ſich bloß auf den Unterſchied in der Empfindungsweiſe gründet, in der Eintheilung der Gedichte ſelbſt und der Ableitung der poetiſchen Arten ganz und gar nichts beſtimmen ſoll: denn, da der Dichter, auch in demſelben Werke, 214 Wie der Unwille bei der pathetiſchen, und wie der Spott bei der ſcherzhaften Satire, ſo darf bei der Elegie die Trauer nur aus einer durch das Ideal erweckten Be⸗ geiſterung fließen. Dadurch allein erhält die Elegie poetiſchen Gehalt, und jede andere Quelle derſelben iſt völlig unter der Würde der Dichtkunſt. Der elegiſche Dichter ſucht die Natur, aber in ihrer Schönheit, nicht bloß in ihrer Annehm⸗ lichkeit, in ihrer Uebereinſtimmung mit Ideen, nicht bloß in ihrer Nachgiebigkeit gegen das Bedürfniß. Die Trauer uͤber verlorene Frenden, über das aus der Welt verſchwun⸗ dene goldene Alter, über das entflohene Glück der Jugend, der Liebe u. ſ. w. kann nur alsdann der Stoff zu einer ele⸗ giſchen Dichtung werden, wenn jene Zuſtäͤnde ſinnlichen Friedens zugleich als Gegenſtände moraliſcher Harmonie ſich vorſtellen laffen. Ich kann deßwegen die Klaggeſänge des Ovid, die er aus ſeinem Verbannungsort am Euxin an⸗ ſtimmt, wie ruͤhrend ſie auch ſind, und wie viel Dichteriſches auch einzelne Stellen haben, im Ganzen nicht wohl als ein poetiſches Werk betrachten. Es iſt viel zu wenig Energie, viel zu wenig Geiſt und Adel in ſeinem Schmerz. Das Be⸗ duͤrfniß, nicht die Begeiſterung, ſtieß jene Klagen aus; es athmet darin, wenn gleich keine gemeine Seele, doch die gemeine Stimmung eines edlern Geiſtes, den ſein Schickſal zu Boden drückte. Zwar, wenn wir uns erinnern, daß es Rom und das Rom des Auguſtus iſt, um das er trauert, ſo verzeihen wir dem Sohn der Freude ſeinen Schmerz; aber ſelbſt das herrliche Rom mit allen ſeinen Glückſeligkeiten iſt, wenn nicht die Einbildungskraft es erſt veredelt, bloß keineswegs an dieſelbe Empfindungsweiſe gebunden iſt, ſo kann jene Ein⸗ theilung nicht davon, ſondern muß von der Form der Darſtellung herge⸗ nommen werden. 215 eine endliche Groͤße, mithin ein unwuͤrdiges Object füͤr die Dichtkunſt, die erhaben über Alles, was die Wirklich⸗ keit aufſtellt, nur das Recht hat, um das Unendliche zu trauern. Der Inhalt der dichteriſchen Klage kann alſo niemals ein äußerer, jederzeit nur ein innerer idealiſcher Gegenſtand ſeyn; ſelbſt, wenn ſie einen Verluſt in der Wirklichkeit be⸗ trauert, muß ſie ihn erſt zu einem idealiſchen umſchaffen. In dieſer Reduction des Beſchränkten auf ein Unendliches beſteht eigentlich die poetiſche Behandlung. Der außere Stoff iſt daher an ſich ſelbſt immer gleichgültig, weil ihn die Dichtkunſt niemals ſo brauchen kann, wie ſie ihn findet, ſondern nur durch Das, was ſie ſelbſt daraus macht, ihm die poetiſche Wuͤrde gibt. Der elegiſche Dichter ſucht die Natur, aber als eine Idee und in einer Vollkommenheit, in der ſie nie exiſtirt hat, wenn er ſie gleich als etwas da Geweſenes und nun Verlorenes beweint. Wenn uns Oſſian von den Tagen erzählt, die nicht mehr ſind, und von den Helden, die verſchwunden ſind, ſo hat ſeine Dichtungskraft jene Bilder der Erinnerung längſt in Ideale, jene Helden in Goͤtter umgeſtaltet. Die Erfahrungen eines beſtimmten Verluſtes haben ſich zur Idee der allgemeinen Verganglichkeit erweitert, und der gerührte Barde, den das Bild des allge⸗ genwärtigen Ruins verfolgt, ſchwingt ſich zum Himmel auf, um dort in dem Sonnenlauf ein Sinnbild des Unvergaͤng⸗ lichen zu finden.* Ich wende mich ſogleich zu den neuern Poeten in der elegiſchen Gattung. Rouſſeau, als Dichter wie als Philo⸗ ſoph, hat keine andere Tendenz, als die Natur entweder zu ſuchen oder an der Kunſt zu rächen. Jenachdem ſich ſein * Man leſe z. B. das treffliche Gedicht, Carthon betitelt. 216 Gefühl entweder bei der Einen oder der Andern verweilt, finden wir ihn bald elegiſch gerührt, bald zu Juvenaliſcher Satire begeiſtert, bald, wie in ſeiner Julie, in das Feld der Idylle entzückt. Seine Dichtungen haben unwider⸗ ſprechlich poetiſchen Gehalt, da ſie ein Ideal behandeln; nur weiß er denſelben nicht auf poetiſche Weiſe zu gebrauchen. Sein ernſter Charakter läßt ihn zwar nie zur Frivolität her⸗ abſinken, aber erlaubt ihm auch nicht, ſich bis zum poetiſchen Spiel zu erheben. Bald durch Leidenſchaft, bald durch Ab⸗ ſtraction angeſpannt, bringt er es ſelten oder nie zu der äſthetiſchen Freiheit, welche der Dichter ſeinem Stoff gegen⸗ über behaupten, ſeinem Leſer mittheilen muß. Entweder es iſt ſeine kranke Empfindlichkeit, die über ihn herrſcht und ſein Gefühl bis zum Peinlichen treibt; oder es iſt ſeine Denkkraft, die ſeiner Imagination Feſſeln anlegt und durch die Strenge des Begriffs die Anmuth des Gemaldes ver⸗ nichtet. Beide Eigenſchaften, deren innige Wechſelwirkung und Vereinigung den Poeten eigentlich ausmacht, finden ſich bei dieſem Schriftſteller in ungewöhnlich hohem Grad, und nichts fehlt, als daß ſie ſich auch wirklich mit einander ver⸗ einigt äußerten, daß ſeine Selbſtthäͤtigkeit ſich mehr in ſein Empfinden, daß ſeine Empfänglichkeit ſich mehr in ſein Denken miſchte. Daher iſt auch in dem Ideale, das er von der Menſchheit aufſtellt, auf die Schranken derſelben zu viel, auf ihr Vermögen zu wenig Rückſicht genommen, und überall mehr ein Bedürfniß nach phyſiſcher Ruhe als nach moraliſcher Uebereinſtimmung darin ſichtbar. Seine leidenſchaft⸗ liche Empfindlichkeit iſt Schuld, daß er die Menſchheit, um nur des Streites in derſelben recht bald los zu werden, lieber zu der geiſtloſen Einſörmigkeit des erſten Standes zurückgeführt, als jenen Streit in der geiſtreichen Harmonie 217 einer völlig durchgeführten Bildung geendigt ſehen, daß er die Kunſt lieber gar nicht anfangen laſſen, als ihre Vollen⸗ dung erwarten will, kurz, daß er das Ziel lieber niedriger ſteckt und das Ideal lieber herabſetzt, um es nur deſto ſchneller, um es nur deſto ſicherer zu erreichen. Unter Deutſchlands Dichtern in dieſer Gattung will ich hier nur Hallers, Kleiſts und Klopſtocks erwähnen. Der Charakter ihrer Dichtung iſt ſentimentaliſch: durch Ideen rühren ſie uns, nicht durch ſinnliche Wahrheit, nicht ſowohl, weil ſie ſelbſt Natur ſind, als, weil ſie uns für Natur zu begeiſtern wiſſen. Was indeſſen von dem Charakter ſowohl dieſer als aller ſentimentaliſchen Dichter im Ganzen wahr iſt, ſchließt natürlicher Weiſe darum keineswegs das Ver⸗ mögen aus, im Einzelnen uns durch naive Schönheit zu rühren: ohne Das würden ſie überall keine Dichter ſeyn. Nur ihr eigentlicher und herrſchender Charakter iſt es nicht, mit ruhigem, einfältigem und leichtem Sinn zu empfangen und das Empfangene eben ſo wieder darzuſtellen. Unwill⸗ kürlich drängt ſich die Fantaſie der Anſchauung, die Denk⸗ raft der Empfindung zuvor, und man verſchließt Auge und Ohr, um betrachtend in ſich ſelbſt zu verſinken. Das Ge⸗ müth kann keinen Eindruck erleiden, ohne ſogleich ſeinem eigenen Spiel zuzuſehen und, was es in ſich hat, durch Reflexion ſich gegenüber und aus ſich heraus zu ſtellen. Wir erhalten auf dieſe Art nie den Gegenſtand, nur, was der reflectirende Verſtand des Dichters aus dem Gegenſtand machte, und ſelbſt dann, wenn der Dichter ſelbſt dieſer Ge⸗ genſtand iſt, wenn er uns ſeine Empfindungen darſtellen will, erfahren wir nicht ſeinen Zuſtand unmittelbar und aus der erſten Hand, ſondern, wie ſich derſelbe in ſeinem Gemüth reflectirt, was er als Zuſchauer ſeiner ſelbſt darüber gedacht cht 218 hat. Wenn Haller den Tod ſeiner Gattin betrauert(man kennt das ſchoͤne Lied) und folgendermaßen anfaͤngt: Soll ich von deinem Tode ſingen, O Mariane, welch ein Lied! Wenn Seufzer mit den Worten ringen, Und ein Begriff den andern flieht, u. ſ. w. ſo finden wir dieſe Beſchreibung genau wahr; aber wir fuͤhlen auch, daß uns der Dichter nicht eigentlich ſeine Empfindun⸗ gen, ſondern ſeine Gedanken darüber mittheilt. Er rührt uns deßwegen auch weit ſchwächer, weil er ſelbſt ſchon ſehr viel erkältet ſeyn mußte, um ein Zuſchauer ſeiner Rührung zu ſeyn. Schon der größtentheils überſinnliche Stoff der Hallerſchen und zum Theil auch der Klopſtockſchen Dichtungen ſchließt ſie von der naiven Gattung aus: ſobald daher jener Stoff überhaupt nur poetiſch bearbeitet werden ſollte, ſo mußte er, da er keine körperliche Natur annehmen und folglich kein Gegenſtand der ſinnlichen Anſchauung werden konnte, ins Unendliche hinübergefuͤhrt und zu einem Gegenſtand der geiſti⸗ gen Anſchauung erhoben werden. Ueberhaupt läßt ſich nur in dieſem Sinne eine didaktiſche Poeſie ohne innern Wider⸗ ſpruch denken: denn, um es noch einmal zu wiederholen, nur dieſe zwei Felder beſitzt die Dichtkunſt; entweder, ſie muß ſich in der Sinnenwelt, oder, ſie muß ſich in der Ideenwelt aufhalten, da ſie im Reich der Begriffe oder in der Verſtandeswelt ſchlechterdings nicht gedeihen kann. Noch, ich geſtehe es, kenne ich kein Gedicht in dieſer Gattung, weder aus älterer noch neuerer Literatur, welches den Be⸗ griff, den es bearbeitet, rein und vollſtändig entweder bis zur Individualität herab oder bis zur Idee hinaufgeführt 219 haͤtte. Der gewöhnliche Fall iſt, wenn es noch glücklich geht, daß zwiſchen Beiden abgewechſelt wird, waͤhrend der abſtracte Begriff herrſcht, und daß der Einbildungskraft, welche auf dem poetiſchen Felde zu gebieten haben ſoll, bloß verſtattet wird, den Verſtand zu bedienen. Dasjenige didaktiſche Ge⸗ dicht, worin der Gedanke ſelbſt poetiſch wäre und es auch bliebe, iſt noch zu erwarten. Was hier im Allgemeinen von allen Lehrgedichten geſagt wird, gilt auch von den Hallerſchen insbeſondere. Der Ge⸗ danke ſelbſt iſt kein dichteriſcher Gedanke, aber die Aus⸗ führung wird es zuweilen bald durch den Gebrauch der Bil⸗ der, bald durch den Aufſchwung zu Ideen. Nur in der letztern Qualität gehören ſie hieher. Kraft und Tiefe und ein pathetiſcher Ernſt charakteriſiren dieſen Dichter. Von einem Ideal iſt ſeine Seele entzündet, und ſein glühendes Gefühl für Wahrheit ſucht in den ſtillen Alpenthälern die aus der Welt verſchwundene Unſchuld. Tiefrührend iſt ſeine Klage; mit energiſcher, faſt bittrer Satire zeichnet er die Verirrungen des Verſtandes und Herzens und mit Liebe die ſchöne Einfalt der Natur. Nur überwiegt überall zu ſehr der Begriff in ſeinen Gemälden, ſo wie in ihm ſelbſt der Verſtand uͤber die Empfindung den Meiſter ſpielt. Daher lehrt er durchgaͤngig mehr, als er darſtellt, und ſtellt durchgängig mit mehr kräftigen als lieblichen Zügen dar. Er iſt groß, kühn, feurig, erhaben; zur Schönheit aber hat er ſich ſelten oder niemals erhoben. An Ideengehalt und an Tiefe des Geiſtes ſteht Kleiſt dieſem Dichter um Vieles nach; an Anmuth möchte er ihn übertreffen, wenn wir ihm anders nicht, wie zuweilen ge⸗ ſchieht, einen Mangel auf der einen Seite für eine Starke auf der andern anrechnen. Kleiſts gefuhlvolle Seele ſchwelgt 220 am Liebſten im Anblick ländlicher Scenen und Sitten. Er flieht gern das leere Geräuſch der Geſellſchaft und findet im Schoß der lebloſen Natur die Harmonie und den Frieden, den er in der moraliſchen Welt vermißt. Wie rührend iſt ſeine Sehnſucht nach Ruhe!* wie wahr gefühlt, wenn er ſingt: „O Welt, du biſt des wahren Lebens Grab. Oft reizet mich ein heißer Trieb zur Tugend, Vor Wehmuth rollt ein Bach die Wang' herab, Das Beiſpiel ſiegt, und du, o Feu'r der Jugend, Ihr trocknet bald die edeln Thraͤnen ein. Ein wahrer Menſch muß fern von Menſchen ſeyn.“ Aber, hat ihn ſein Dichtungstrieb aus dem einengenden Kreis der Verhältniſſe heraus in die geiſtreiche Einſamkeit der Natur geführt, ſo verfolgt ihn auch noch bis hieher das angſtliche Bild des Zeitalters und leider auch ſeine Feſſeln. Was er fliehet, iſt in ihm; was er ſuchet, iſt ewig außer ihm: nie kann er den übeln Einfluß ſeines Jahrhunderts verwinden. Iſt gleich ſein Herz feurig, ſeine Fantaſie ener⸗ giſch genug, die todten Gebilde des Verſtandes durch die Darſtellung zu beſeelen, ſo entſeelt der kalte Gedanke eben ſo oft wieder die lebendige Schöpfung der Dichtungskraft, und die Reflexion ſtört das geheime Werk der Empfindung. Bunt zwar und prangend wie der Frühling, den er beſang, iſt ſeine Dichtung, ſeine Fantaſie iſt rege und thätig; doch möchte man ſie eher veraͤnderlich als reich, eher ſpielend als ſchaffend, eher unruhig fortſchreitend als ſammelnd und bil⸗ dend nennen. Schnell und üppig wechſeln Züge auf Züge, aber ohne ſich zum Individuum zu concentriren oder ſich zum * Man ſehe das Gedicht dieſes Namens in ſeinen Werken. 221 Leben zu füllen und zur Geſtalt zu runden. Solang er bloß lyriſch dichtet und bloß bei landſchaftlichen Gemalden verweilt, läßt uns theils die größere Freiheit der lyriſchen Form, theils die willkürliche Beſchaffenheit ſeines Stoffs dieſen Mangel üuberſehen, indem wir hier überhaupt mehr die Ge⸗ fühle des Dichters als den Gegenſtand ſelbſt dargeſtellt ver⸗ langen. Aber der Fehler wird nur allzu merklich, wenn er ſich, wie in ſeinem Ciſſides und Paches und in ſeinem Seneca, herausnimmt, Menſchen und menſchliche Handlungen dar⸗ zuſtellen, weil hier die Einbildungskraft ſich zwiſchen feſten und nothwendigen Gränzen eingeſchloſſen ſieht, und der poe⸗ tiſche Effect nur aus dem Gegenſtand hervorgehen kann. Hier wird er duͤrftig, langweilig, mager und bis zum Un⸗ erträglichen froſtig: ein warnendes Beiſpiel für Alle, die ohne innern Beruf aus dem Felde muſikaliſcher Poeſie in das Gebiet der bildenden ſich verſteigen. Einem verwandten Genie, dem Thomſon, iſt die nämliche Menſchlichkeit be⸗ gegnet. 3 In der ſentimentaliſchen Gattung und beſonders in dem elegiſchen Theil derſelben moͤchten wenige aus den neuern und noch wenigere aus den älteren Dichtern mit unſerm Klop⸗ ſtock zu vergleichen ſeyn. Was nur immer, außerhalb den Gränzen lebendiger Form und außer dem Gebiete der Indi⸗ vidualität, im Felde der Idealitaͤt zu erreichen iſt, iſt von dieſem muſikaliſchen Dichter geleiſtet.* Zwar würde man .* Ich ſage muſikaliſchen, um hier an die doppelte Verwandtſchaft der Poeſie mit der Tonkunſt und mit der bildenden Kunſt zu erinnern. Je⸗ nachdem naͤmlich die Poeſie entweder einen beſtimmten Gegenſtand nach⸗ ahmt, wie die bildenden Künſte thun, oder jenachdem ſie, wie die Tonkunc. bloß einen beſtimmten Zuſtand des Gemuͤths hervorbringt, ohne dazu eines beſtimmten Gegenſiandes noͤthig zu haben, kann ſie bildend(plaſtiſch) oder muſtisliſch genannt werden. Der letztere Ausdruct bezieht ſich alſo 222 ihm großes Unrecht thun, wenn man ihm jene individuelle Wahrheit und Lebendigkeit, womit der naive Dichter ſeinen Gegenſtand ſchildert, üͤberhaupt abſprechen wollte. Viele ſeiner Oden, mehrere einzelne Züͤge in ſeinen Dramen und in ſeinem Meſſias ſtellen den Gegenſtand mit treffender Wahrheit und in ſchöner Umgränzung dar; da beſonders, wo der Gegenſtand ſein eigenes Herz iſt, hat er nicht ſelten eine große Natur, eine reizende Naivetaͤt bewieſen. Nur liegt hierin ſeine Starke nicht, nur mochte ſich dieſe Eigen⸗ ſchaft nicht durch das Ganze ſeines dichteriſchen Kreiſes durchführen laſſen. So eine herrliche Schöpfung die Meſ⸗ ſiade in muſikaliſch poetiſcher Rückſicht nach der oben ge⸗ gebenen Beſtimmung iſt, ſo Vieles läßt ſie in plaſtiſch poetiſcher noch zu wuͤnſchen übrig, wo man beſtimmte und füͤr die Anſchauung beſtimmte Formen erwartet. Beſtimmt genug möchten vielleicht noch die Figuren in dieſem Gedichte ſeyn, aber nicht für die Anſchauung: nur die Ab⸗ ſtraction hat ſie erſchaffen, nur die Abſtraction kann ſie unterſcheiden. Sie ſind gute Exempel zu Begriffen, aber keine Individuen, keine lebende Geſtalten. Der Einbildungs⸗ kraft, an die doch der Dichter ſich wenden, und die er durch die durchgängige Beſtimmtheit ſeiner Formen beherrſchen ſoll, iſt es viel zu ſehr freigeſtellt, auf was Art ſie ſich dieſe Menſchen und Engel, dieſe Goͤtter und Satane, dieſen Himmel und dieſe Hölle verſinnlichen will. Es iſt ein Um⸗ riß gegeben, innerhalb deſſen der Verſtand ſie nothwendig nicht bloß auf Dasjenige, was in der Poeſie, wirklich und der Materie nach, Muſtk iſt, ſondern uͤberhaupt auf alle diejenigen Eſſecte derſelben, die ſie hervorzubringen vermag, ohne die Einbildungskraft durch ein beſtimm⸗ tes Object zu beherrſchen; und in dieſem Sinne nenne ich Klopſtock vor⸗ zugsweiſe einen muſikaliſchen Dichter. 223 denken muß, aber keine feſte Gränze iſt geſetzt, innerhalb deren die Fantaſie ſie nothwendig darſtellen müßte. Was ich hier von den Charakteren ſage, gilt von Allem, was in die⸗ ſem Gedichte Leben und Handlung iſt oder ſeyn ſoll, und nicht bloß in dieſer Epopöe, auch in den dramatiſchen Poeſien unſers Dichters. Für den Verſtand iſt Alles trefflich be⸗ ſtimmt und begränzt(ich will hier nur an ſeinen Judas, ſeinen Pilatus, ſeinen Philo, ſeinen Salomo, im Trauer⸗ ſpiel dieſes Namens, erinnern); aber es iſt viel zu formlos für die Einbildungskraft, und hier, ich geſtehe es frei her⸗ aus, finde ich dieſen Dichter ganz und gar nicht in ſeiner Sphaͤre. Seine Sphäre iſt immer das Ideenreich, und ins Un⸗ endliche weiß er Alles, was er bearbeitet, hinüberzuführen. Man möochte ſagen, er ziehe Allem, was er behandelt, den Körper aus, um es zu Geiſt zu machen, ſo wie andere Dich⸗ ter alles Geiſtige mit einem Körper bekleiden. Beinahe jeder Genuß, den ſeine Dichtungen gewähren, muß durch eine Uebung der Denkkraft errungen werden; alle Gefühle, die er und zwar ſo innig und ſo mäaͤchtig in uns zu erregen weiß, ſtrömen aus überſinnlichen Quellen hervor. Daher dieſer Ernſt, dieſe Kraft, dieſer Schwung, dieſe Tiefe, die Alles charakteriſiren, was von ihm kommt; daher auch dieſe immerwaͤhrende Spannung des Gemüths, in der wir bei Leſung desſelben erhalten werden. Kein Dichter(Young etwa ausgenommen, der darin mehr fordert als er, aber ohne es, wie er thut, zu vergüten) dürfte ſich weniger zum Liebling und zum Begleiter durchs Leben ſchicken, als ge⸗ rade Klopſtock, der uns immer nur aus dem Leben heraus⸗ führt, immer nur den Geiſt unter die Waffen ruft, ohne den Sinn mit der ruhigen Gegenwart eines Objects zu 224 erquicken. Keuſch, überirdiſch, unkörperlich, heilig, wie ſeine Neligion, iſt ſeine dichteriſche Muſe, und man muß mit Bewunderung geſtehen, daß er, wiewohl zuweilen in dieſen Höhen verirrt, doch niemals davon herahgeſunken iſt. Ich bekenne daher unverhohlen, daß mir für den Kopf Desjenigen etwas bang iſt, der wirklich und ohne Affectation dieſen Dichter zu ſeinem Lieblingsbuche machen kann, zu einem Buche nämlich, bei dem man zu jeder Lage ſich ſtimmen, zu dem man aus jeder Lage zurückkehren kann; auch, daͤchte ich, hätte man in Deutſchland Früchte genug von ſeiner ge⸗ fährlichen Herrſchaft geſehen. Nur in gewiſſen exaltirten Stimmungen des Gemuͤths kann er geſucht und empfunden werden: deßwegen iſt er auch der Abgott der Jugend, ob⸗ gleich bei Weitem nicht ihre gluͤcklichſte Wahl. Die Jugend, die immer über das Leben hinausſtrebt, die alle Form flieht und jede Gräͤnze zu enge findet, ergeht ſich mit Liebe und Luſt in den endloſen Räaumen, die ihr von dieſem Dichter aufgethan werden. Wenn dann der Jüngling Mann wird und aus dem Reiche der Ideen in die Graͤnzen der Erfahrung zurückkehrt, ſo verliert ſich Vieles, ſehr Vieles von jener enthuſiaſtiſchen Liebe, aber nichts von der Achtung, die man einer ſo einzigen Erſcheinung, einem ſo außerordentlichen Genius, einem ſo ſehr veredelten Gefühl, die der Deutſche beſonders einem ſo hohen Verdienſte ſchuldig iſt. Ich nannte dieſen Dichter vorzugsweiſe in der elegiſchen Gattung groß, und kaum wird es nöthig ſeyn, dieſes Urtheil noch beſonders zu rechtfertigen. Faͤhig zu jeder Energie und Meiſter auf dem ganzen Felde ſentimentaliſcher Dichtung, kann er uns bald durch das höchſte Pathos erſchüttern, bald in himmliſch ſuͤße Empfindungen wiegen; aber zu einer hohen, geiſtreichen Wehmuth neigt ſich doch uberwiegend ſein 225 Herz; und, wie erhaben auch ſeine Harfe, ſeine Lyra toͤnt, ſo werden die ſchmelzenden Toͤne ſeiner Laute doch immer wahrer und tiefer und beweglicher klingen. Ich berufe mich auf jedes reingeſtimmte Gefühl, ob es nicht alles Kuͤhne und Starke, alle Fictionen, alle prachtvolle Beſchreibungen, alle Muſter oratoriſcher Beredſamkeit im Meſſias, alle ſchim⸗ mernde Gleichniſſe, worin unſer Dichter ſo vorzüglich gluck⸗ lich iſt, für die zarten Empfindungen hingeben würde, welche in der Elegie an Ebert, in dem herrlichen Gedicht Bardale, den fruͤhen Graͤbern, der Sommernacht, dem Züricher See und mehreren andern aus dieſer Gattung athmen. So iſt mir die Meſſiade als ein Schatz elegiſcher Gefühle und idea⸗ liſcher Schilderungen theuer, wie wenig ſie mich auch als Dar⸗ ſtellung einer Handlung und als ein epiſches Werk befriedigt. Vielleicht ſollte ich, ehe ich dieſes Gedicht verlaſſe, auch noch an die Verdienſte eines Uz, Denis, Geßner(in ſeinem Tod Abels), eines Jacobi, Gerſtenberg, Hölty, Göckingk und mehrerer Andern in dieſer Gattung erinnern, welche Alle uns durch Ideen rühren und, in der oben feſtgeſetzten Bedeutung des Worts, ſentimentaliſch gedichtet haben. Aber mein Zweck iſt nicht, eine Geſchichte der deutſchen Dichtkunſt zu ſchreiben, ſondern, das oben Geſagte durch einige Bei⸗ ſpiele aus unſerer Literatur klar zu machen. Die Verſchieden⸗ heit des Wegs wollte ich zeigen, auf welchem alte und mo⸗ derne, naive und ſentimentaliſche Dichter zu dem namlichen Ziele gehen— daß, wenn uns jene durch Natur, Individua⸗ lität und lebendige Sinnlichkeit rühren, dieſe durch Ideen und hohe Geiſtigkeit eine eben ſo große, wenn gleich keine ſo ausgebreitete, Macht über unſer Gemüth beweiſen. An den bisherigen Beiſpielen hat man geſehen, wie der ſentimentaliſche Dichtergeiſt einen natürlichen Stoff behandelt; Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 15 226 man koͤnnte aber auch intereſſirt ſeyn zu wiſſen, wie der naive Dichtergeiſt mit einem ſentimentaliſchen Stoff ver⸗ fährt. Völlig neu und von einer ganz eigenen Schwierigkeit ſcheint dieſe Aufgabe zu ſeyn, da in der alten und naiven Welt ein ſolcher Stoff ſich nicht vorfand, in der neuen aber der Dichter dazu fehlen möchte. Dennoch hat ſich das Genie auch dieſe Aufgabe gemacht und auf eine bewunderns⸗ würdig glückliche Weiſe aufgelöst. Ein Charakter, der mit glühender Empfindung ein Ideal umfaßt und die Wirklichkeit flieht, um nach einem weſenloſen Unendlichen zu ringen, der, was er in ſich ſelbſt unaufhoͤrlich zerſtört, unaufhörlich außer ſich ſucht, dem nur ſeine Träume das Reelle, ſeine Erfah⸗ rungen ewig nur Schranken ſind, der endlich in ſeinem eige⸗ nen Daſeyn nur eine Schranke ſieht und auch dieſe, wie billig iſt, noch einreißt, um zu der wahren Realität durchzudringen — dieſes gefährliche Extrem des ſentimentaliſchen Charakters iſt der Stoff eines Dichters geworden, in welchem die Natur getreuer und reiner als in irgend einem andern wirkt, und der ſich unter den modernen Dichtern vielleicht am Wenigſten von der ſinnlichen Wahrheit der Dinge entfernt. Es iſt intereſſant zu ſehen, mit welchem glücklichen Inſtinkt Alles, was dem ſentimentaliſchen Charakter Nahrung gibt, im Werther zuſammengedraͤngt iſt; ſchwärmeriſche unglückliche Liebe, Empfindſamkeit für Natur, Religionsgefühle, philo⸗ ſophiſcher Contemplationsgeiſt, endlich, um nichts zu ver⸗ geſſen, die düſtere, geſtaltloſe, ſchwermüthige Oſſianiſche Welt. Rechnet man dazu, wie wenig empfehlend, ja, wie feindlich die Wirklichkeit dagegen geſtellt iſt, und wie von Außen her Alles ſich vereinigt, den Gequälten in ſeine Idealwelt zurückzudrängen, ſo ſieht man keine Möglichkeit, wie ein ſolcher Charakter aus einem ſolchen Kreiſe ſich hätte retten können. In dem Taſſo des nämlichen Dichters kehrt der nämliche Gegenſatz, wiewohl in verſchiedenen Charakteren, zurück; ſelbſt in ſeinem neueſten Roman ſtellt ſich, ſo wie in jenem erſten, der poetiſirende Geiſt dem nüchternen Ge⸗ meinſinn, das Ideale dem Wirklichen, die ſubjective Vorſtel⸗ lungsweiſe der objectiven—— aber mit welcher Verſchie⸗ denheit! entgegen; ſogar im Fauſt treffen wir den nämlichen Gegenſatz, freilich, wie auch der Stoff Dies erforderte, auf beiden Seiten ſehr vergroͤbert und materialiſirt, wieder an; es verlohnte wohl der Mühe, eine pfychologiſche Entwickelung dieſes in vier ſo verſchiedene Arten ſpecificirten Charakters zu verſuchen. Es iſt oben bemerkt worden, daß die bloß leichte und jo⸗ viale Gemüthsart, wenn ihr nicht eine innere Ideenfülle zum Grunde liegt, noch gar keinen Beruf zur ſcherzhaften Satire abgebe, ſo freigebig ſie auch im gewöhnlichen Urtheil dafür genommen wird; eben ſo wenig Beruf gibt die bloß zaͤrtliche Weichmüthigkeit und Schwermuth zur elegiſchen Dichtung. Beiden ſehlt zu dem wahren Dichtertalente das energiſche Princip, welches den Stoff beleben muß, um das wahrhaft Schöne zu erzeugen. Producte dieſer zaͤrtlichen Gattung können uns daher bloß ſchmelzen und, ohne das Herz zu er⸗ guicken und den Geiſt zu beſchäftigen, bloß der Sinnlichkeit ſchmeicheln. Ein fortgeſetzter Hang zu dieſer Empfindungs⸗ weiſe muß zuletzt nothwendig den Charakter entnerven und in einen Zuſtand der Paſſivitaͤt verſenken, aus welchem gar keine Realität, weder für das äußere noch innere Leben, hervorgehen kann. Man hat daher ſehr Recht gethan, jenes Uebel der Empfindelei* und weinerliche Weſen, *„Der Hang,“ wie Herr Adelung ſie deſinirt, zu ruͤhrenden, ſanften Empfindungen ohne vernuͤnftige Abſicht und üͤber das gehoͤrige 228 welches durch Mißdeutung und Nachaͤffung einiger vortrefflichen Werke, vor etwa achtzehn Jahren, in Deutſchland überhand zu nehmen anfing, mit unerbittlichem Spott zu verfolgen, obgleich die Nachgiebigkeit, die man gegen das nicht viel beſſere Gegenſtück jener elegiſchen Carricatur, gegen das ſpaßhafte Weſen, gegen die herzloſe Satire und die geſtalt⸗ loſe Laune* zu beweiſen geneigt iſt, deutlich genug an den Tag legt, daß nicht aus ganz reinen Gründen dagegen geei⸗ fert worden iſt. Auf der Wage des echten Geſchmacks kann das Eine ſo wenig als das Andere etwas gelten, weil Beiden der äſthetiſche Gehalt fehlt, der nur in der innigen Verbin⸗ dung des Geiſtes mit dem Stoff und in der vereinigten Be⸗ ziehung eines Products auf das Gefühlsvermögen und auf das Ideenvermögen enthalten iſt. Ueber Siegwart und ſeine Kloſtergeſchichte hat man geſpottet, und die Reiſen nach dem mittaglichen Frankreich werden bewundert; dennoch haben beide Pro⸗ ducte gleich großen Anſpruch auf einen gewiſſen Grad von Schätzung und gleich geringen auf ein unbedingtes Lob. Wahre, obgleich überſpannte Empfindung macht den erſten Roman, ein leichter Humor und ein aufgeweckter, feiner Verſtand macht den zweiten ſchätzbar; aber, ſo wie es dem Maß.“— Herr Adelung iſt ſehr gluͤcklich, daß er nur aus Abſicht und gar nur aus vernuͤnftiger Abſicht empfindet. * Man ſoll zwar gewiſſen Leſern ihr duͤrftiges Vergnuͤgen nicht ver⸗ kuümmern, und was geht es zuletzt die Kritik an, wenn es Leute gibt, die ſich an dem ſchmutzigen Witz des Herrn Blumauer erbauen und be⸗ luſtigen koͤnnen. Aber die Kunſtrichter wenigſtens ſollten ſich enthalten, mit einer gewiſſen Achtung von Producten zu ſprechen, deren Exiſienz dem guten Geſchmack billig ein Geheimniß bleiben ſollte. Zwar iſt weder Talent noch Laune darin zu verkennen, aber deſio mehr iſt zu beklagen, daß Beides nicht mehr gereinigt iſt. Ich ſage nichts von unſern deut⸗ ſchen Komoͤdien; die Dichter malen die Zeit, in der ſie leben. 229 einen durchaus an der gehoͤrigen Nuͤchternheit des Verſtandes fehlt, ſo fehlt es dem andern an aſthetiſcher Würde. Der erſte wird der Erfahrung gegenüber ein Wenig lacherlich, der andere wird dem Ideagle gegenüber beinahe veraͤchtlich. Da nun das wahrhaft Schöne einerſeits mit der Natur und anderſeits mit dem Ideale uͤbereinſtimmend ſeyn muß, ſo kann der eine ſo wenig als der andere auf den Namen eines ſchönen Werkes Anſpruch machen. Indeſſen iſt es natürlich und billig, und ich weiß es aus eigener Erfahrung, daß der Thümmelſche Roman mit großem Vergnügen geleſen wird. Da er nur ſolche Forderungen beleidigt, die aus dem Ideal entſpringen, die folglich von dem groͤßten Theil der Leſer gar nicht und von dem beſſern gerade nicht in ſolchen Mo⸗ menten, wo man Romane liest, aufgeworfen werden, die übrigen Forderungen des Geiſtes und— des Körpers hin⸗ gegen in nicht gemeinem Grade erfüllt, ſo muß er und wird mit Recht ein Lieblingsbuch unſerer und aller der Zeiten bleiben, wo man aſthetiſche Werke bloß ſchreibt, um zu gefallen, und bloß liest, um ſich ein Vergnügen zu machen. Aber hat die poetiſche Literatur nicht ſogar claſſiſche Werke aufzuweiſen, welche die hohe Reinheit des Ideals auf ähnliche Weiſe zu beleidigen und ſich durch die Materialitaͤt ihres Inhalts von jener Geiſtigkeit, die hier von jedem äſthetiſchen Kunſtwerk verlangt wird, ſehr weit zu entfernen ſcheinen? Was ſelbſt der Dichter, der keuſche Jünger der Muſe, ſich erlauben darf, ſollte Das dem Romanſchreiber, der nur ſein Halbbruder iſt und die Erde noch ſo ſehr be⸗ rührt, nicht geſtattet ſeyn? Ich darf dieſer Frage hier um ſo weniger ausweichen, da ſowohl im elegiſchen als im ſatiriſchen Fache Meiſterſtücke vorhanden ſind, welche eine ganz andere 230 Natur, als diejenige iſt, von der dieſer Aufſatz ſpricht, zu ſuchen, zu empfehlen und dieſelbe nicht ſowohl gegen die ſchlechten als gegen die guten Sitten zu vertheidigen das Anſehen haben. Entweder müßten alſo jene Dichterwerke zu verwerfen, oder der hier aufgeſtellte Begriff elegiſcher Dich⸗ tung viel zu willkürlich angenommen ſeyn. Was der Dichter ſich erlauben darf, hieß es, ſollte dem proſaiſchen Erzähler nicht nachgeſehen werden dürfen? Die Antwort iſt in der Frage ſchon enthalten: was dem Dichter verſtattet iſt, kann für Den, der es nicht iſt, nichts beweiſen. In dem Begriffe des Dichters ſelbſt und nur in dieſem liegt der Grund jener Freiheit, die eine bloß verächtliche Licenz iſt, ſobald ſie nicht aus dem Höchſten und Edelſten, was ihn ausmacht, kann abgeleitet werden. Die Geſetze des Anſtandes ſind der unſchuldigen Natur fremd; nur die Erfahrung der Verderbniß hat ihnen den Urſprung gegeben. Sobald aber jene Erfahrung einmal ge⸗ macht worden, und aus den Sitten die natürliche Unſchuld verſchwunden iſt, ſo ſind es heilige Geſetze, die ein ſittliches Gefühl nicht verletzen darf. Sie gelten in einer künſtlichen Welt mit demſelben Rechte, als die Geſetze der Natur in der Unſchuldwelt regieren. Aber eben Das macht ja den Dichter aus, daß er Alles in ſich aufhebt, was an eine künſt⸗ liche Welt erinnert, daß er die Natur in ihrer urſprünglichen Einfalt wieder in ſich herzuſtellen weiß. Hat er aber Dieſes gethan, ſo iſt er eben auch dadurch von allen Geſetzen losge⸗ ſprochen, durch die ein verführtes Herz ſich gegen ſich ſelbſt ſicher ſtellt. Er iſt rein, er iſt unſchuldig, und, was der unſchuldigen Natur erlaubt iſt, iſt es auch ihm; biſt du, der du ihn lieſeſt oder hörſt, nicht mehr ſchuldlos, und kannſt du es nicht einmal momentweiſe durch ſeine reinigende 231 Gegenwart werden, ſo iſt es dein Unglück und nicht das ſeine: du verläſſeſt ihn, er hat fuͤr dich nicht geſungen. Es läßt ſich alſo, in Abſicht auf Freiheiten dieſer Art, Folgendes feſtſetzen. Fürs Erſte: nur die Natur kann ſie rechtfertigen. Sie dürfen mithin nicht das Werk der Wahl und einer ab⸗ ſichtlichen Nachahmung ſeyn: denn dem Willen, der immer nach moraliſchen Geſetzen gerichtet wird, können wir eine Begünſtigung der Sinnlichkeit niemals vergeben. Sie muſſen alſo Naivetät ſeyn. Um uns aber uͤberzeugen zu können, daß ſie Dieſes wirklich ſind, muſſen wir ſie von allem Uebri⸗ gen, was gleichfalls in der Natur gegründet iſt, unterſtuͤtzt und begleitet ſehen, weil die Natur nur an der ſtrengen Conſequenz, Einheit und Gleichfoͤrmigkeit ihrer Wirkungen zu erkennen iſt. Nur einem Herzen, welches alle Künſtelei überhaupt und mithin auch da, wo ſie nützt, verabſcheut, er⸗ lauben wir, ſich da, wo ſie druͤckt und einſchränkt, davon loszuſprechen; nur einem Herzen, welches ſich allen Feſſeln der Natur unterwirft, erlauben wir, von den Freiheiten der⸗ ſelben Gebrauch zu machen. Alle uͤbrige Empfindungen eines ſolchen Menſchen müſſen folglich das Gepraͤge der Natürlich⸗ keit an ſich tragen: er muß wahr, einfach, frei, offen, gefühl⸗ voll, gerade ſeyn; alle Verſtellung, alle Liſt, alle Willkür, alle kleinliche Selbſtſucht muß aus ſeinem Charakter, alle Spuren davon aus ſeinem Werke verbannt ſeyn. Fürs Zweite: nur die ſchöne Natur kann dergleichen Freiheiten rechtfertigen. Sie dürfen mithin kein einſeitiger Ausbruch der Begierde ſeyn: denn Alles, was aus bloßer Bedürfrigkeit entſpringt, iſt verächtlich. Aus dem Ganzen und aus der Fülle menſchlicher Natur muſſen auch dieſe ſinn⸗ lichen Energien hervorgehen. Sie müſſen Humanitaͤt ſeyn. 232 Um aber beurtheilen zu koͤnnen, daß das Ganze menſchlicher Natur und nicht bloß ein einſeitiges und gemeines Beduͤrfniß der Sinnlichkeit ſie fordert, müſſen wir das Ganze, von dem ſie einen einzelnen Zug ausmachen, dargeſtellt ſehen. An ſich ſelbſt iſt die ſinnliche Empfindungsweiſe etwas Unſchul⸗ diges und Gleichgültiges. Sie mißſällt uns nur darum an einem Menſchen, weil ſie thieriſch iſt und von einem Man⸗ gel wahrer, vollkommener Menſchheit in ihm zeugt; ſie be⸗ leidigt uns nur darum an einem Dichterwerk, weil ein ſolches Werk Anſpruch macht, uns zu gefallen, mithin auch uns eines ſolchen Mangels faͤhig hält. Sehen wir aber in dem Menſchen, der ſich dabei überraſchen läßt, die Menſchheit in ihrem ganzen uͤbrigen Umfange wirken, finden wir in dem Werke, worin man ſich Freiheiten dieſer Art genommen, alle Realitäten der Menſchheit ausgedrückt, ſo iſt jener Grund unſeres Mißfallens weggeräumt, und wir können uns mit unvergällter Freude an dem naiven Ausdruck wahrer und ſchöner Natur ergoͤtzen. Derſelbe Dichter alſo, der ſich er⸗ lauben darf, uns zu Theilnehmern ſo niedrig menſchlicher Gefühle zu machen, muß uns auf der andern Seite wieder zu Allem, was groß und ſchön und erhaben menſchlich iſt, emporzutragen wiſſen. Und ſo hätten wir denn den Maßſtab gefunden, dem wir jeden Dichter, der ſich etwas gegen den Anſtand heraus⸗ nimmt und ſeine Freiheit in Darſtellung der Natur bis zu dieſer Gränze treibt, mit Sicherheit unterwerfen können. Sein Product iſt gemein, niedrig, ohne alle Ausnahme verwerflich, ſobald es kalt, und ſobald es leer iſt, weil Dieſes einen Urſprung aus Abſicht und aus einem ge⸗ meinen Bedürfniß und einen heilloſen Anſchlag auf unſere Begierden beweist. Es iſt hingegen ſchön, edel und ohne 233 Rückſicht auf alle Einwendungen einer froſtigen Decenz bei⸗ fallswürdig, ſobald es naiv iſt und den Geiſt mit Herz ver⸗ bindet.* Wenn man mir ſagt, daß unter dem hier gegebenen Maßſtab die meiſten franzöſiſchen Erzählungen in dieſer Gat⸗ tung und die glücklichſten Nachahmungen derſelben in Deutſch⸗ land nicht zum Beſten beſtehen möchten— daß Dieſes zum Theil auch der Fall mit manchen Producten unſers anmu⸗ thigſten und geiſtreichſten Dichters ſeyn duͤrfte, ſeine Meiſter⸗ ſtücke ſogar nicht ausgenommen, ſo habe ich nichts darauf zu antworten. Der Ausſpruch ſelbſt iſt nichts weniger als neu, und ich gebe hier nur die Gründe von einem Urtheil an, welches laͤngſt ſchon von jedem feineren Gefühle über dieſe Gegenſtände gefäallt worden iſt. Eben dieſe Princi⸗ pien aber, welche in Rückſicht auf jene Schriften vielleicht allzu rigoriſtiſch ſcheinen, möchten in Rückſicht auf einige andere Werke vielleicht zu liberal befunden werden: denn ich leugne nicht, daß die nämlichen Gründe, aus wel⸗ chen ich die verführeriſchen Gemaͤlde des römiſchen und deutſchen Ovid, ſo wie eines Crebillon, Voltaire, Mar⸗ montel(der ſich einen moraliſchen Erzähler nennt), Laclos und vieler Andern, einer Entſchuldigung durchaus für un⸗ fähig halte, mich mit den Elegien des römiſchen und deutſchen Properz, ja, ſelbſt mit manchem verſchrienen Product des Diderot verſöhnen: denn jene ſind nur witzig, * Mit Herz: denn die bloß ſinnliche Glut des Gemaͤldes und die uͤppige Fuͤlle der Einbildungskraft machen es noch lange nicht aus. Daher bleibt Ardinghello bei aller ſinnlichen Energie und allem Feuer des Colorits immer nur eine ſinnliche Carricatur ohne Wahrheit und ohne aͤſihetiſche Wuͤrde. Doch wird dieſe ſeltſame Production immer als ein Beiſpiel des beinabe poetiſchen Schwungs, den die bloße Begier zu nehmen faͤhig war, merk⸗ wuͤrdig bleiben. 234 nur proſaiſch, nur luͤſtern, dieſe ſind poetiſch, menſchlich und naiv.* Idylle. Es bleiben mir noch einige Worte uͤber dieſe dritte Species ſentimentaliſcher Dichtung zu ſagen übrig, wenige Worte nur, denn eine ausführlichere Entwickelung derſelben, deren ſie vorzüglich bedarf, bleibt einer andern Zeit vorbe⸗ halten.** * Wenn ich den unſterblichen Verfaſſer des Agathon, Oberon ꝛc. in dieſer Geſellſchaft nenne, ſo muß ich ausdruͤcklich erklaͤren, daß ich ihn keineswegs mit derſelben verwechſelt haben will. Seine Schilderungen, auch die bedenk⸗ lichſten von dieſer Seite, haben keine materielle Tendenz(wie ſich ein neuerer etwas unbeſonnener Kritiker vor Kurzem zu ſagen erlaubte); der Verfaſſer von Liebe um Liebe und von ſo vielen andern naiven und genialiſchen Werken, in welchen allen ſich eine ſchoͤne und edle Seele mit unverkennbaren Zuͤgen abbildet, kann eine ſolche Tendenz gar nicht haben. Aber er ſcheint mir von dem ganz eigenen Ungluͤck verfolgt zu ſeyn, daß dergleichen Schilde⸗ rungen durch den Plan ſeiner Dichtungen nothwendig gemacht werden. Der kalte Verſtand, der den Plan entwarf, forderte ſie ihm ab, und ſein Gefuͤhl ſcheint mir ſo weit entfernt, ſie mit Vorliebe zu beguͤnſtigen, daß ich— in der Ausfuͤhrung ſelbſt immer noch den kalten Verſtand zu erkennen glaube. Und gerade dieſe Kaͤlte in der Darſtellung iſt ihnen in der Veurtheilung ſchaͤd⸗ lich, weil nur die naive Empfindung dergleichen Schilderungen aͤſthetiſch ſo⸗ wohl als moraliſch rechtſertigen kann. Ob es aber dem Dichter erlaubt iſt, ſich bei Entwerfung des Plans einer ſolchen Gefahr in der Ausfuͤhrung auszu⸗ ſetzen, und ob uͤberhaupt ein Plan poetiſch heißen kann, der, ich will Dieſes einmal zugeben, nicht kann ausgefuͤhrt werden, ohne die keuſche Empfindung des Dichters ſowohl als ſeines Leſers zu empoͤren, und ohne Beide bei Gegen⸗ ſtaͤnden verweilen zu machen, von denen ein veredeltes Gefuͤhl ſich ſo gern entfernt— Dies iſt es, was ich bezweifle, und woruͤber ich gern ein verſtaͤn⸗ diges Urtheil hoͤren moͤchte. a Nochmals muß ich erinnern, daß die Satire, Elegie und Idylle, ſo wie ſie hier als die drei einzig moͤglichen Arten ſentimentaliſcher Poeſie auf⸗ geſtellt werden, mit den drei beſondern Gedichtarten, welche man unter dieſem Namen kennt, nichts gemein haben, als die Empfindungs⸗ weiſe, welche ſowohl jenen als dieſen eigen iſt. Daß es aber, außerhalb der 4 Die poetiſche Darſtellung unſchuldiger und gluͤcklicher Menſchheit iſt der allgemeine Begriff dieſer Dichtungsart. Weil dieſe Unſchuld und dieſes Glück mit den künſtlichen Graͤnzen naiver Dichtung, nur dieſe dreifache Empfindungsweiſe und Dich⸗ tungsweiſe geben koͤnne, folglich das Feld ſentimentaliſcher Poeſie durch dieſe Eintheilung vollſtaͤndig ausgemeſſen ſey, laͤßt ſich aus dem Begriff der Letztern leichtlich deduciren. Die ſentimentaliſche Dichtung nämlich unterſcheidet ſich dadurch von der nalven, daß ſie den wirklichen Zuſtand, bei dem die Letztere ſtehen bleibt, auf Ideen bezieht und Ideen auf die Wirklichkeit anwendet. Sie hat es daher immer, wie auch ſchon oben bemerkt worden iſt, mit zwei ſtreitenden Objecten⸗ mit dem Ideale naͤmlich und mit der Erfahrung, zugleich zu thun, zwiſchen welchen ſich weder mohr noch weniger als gerade die drei folgenden Verhaͤlt⸗ niſſe denken laſſen. Entweder iſt es der Widerſpruchdes wirklichen Zuſtan⸗ des, oder es iſt die Uebereinſtimmung desſelben mit dem Ideal, welche vorzugsweiſe das Gemuͤth beſchaͤftigt, oder dieſes iſt zwiſchen Beiden getheilt. In dem erſten Falle wird es durch die Kraft des innern Streits, durch die energiſche Bewegung, in dem andern wird es durch die Harmonie des innern Lebens, durch die energiſche Ruhe, befriedigt, in dem dritten wechſelt Streit mit Harmonie, wechſelt Ruhe mit Bewegung. Dieſer dreifache Empfindungszuſtand gibt drei verſchiedenen Dichtungsarten die Entſtehung, denen die gebrauchten Benennungen Satire, Idylle, Elegie vollkommen entſprechend ſind, ſobald man ſich nur an die Stimmung erinnert, in welche die unter dieſem Namen vorkommenden Gedichtarten das Gemuͤth verſetzen, und von den Mitteln abſtrahirt, wodurch ſie dieſelbe bewirken. Wer daher hier noch fragen koͤnnte, zu welcher von den drei Gattungen ich die Epopoe, den Roman, das Trauerſpiel u. a. zaͤhle, der wuͤrde mich ganz und gar nicht verſtanden haben. Denn der Begriff dieſer Letztern, als rinzelner Gedichtarten, wird entweder gar nicht, oder doch nicht allein durch die Empfindungsweiſe, beſtimmt; vielmehr weiß man, daß ſolche in mehr als einer Empfindungsweiſe, folglich auch in mehreren der von mir aufgeſtellten Dichtungsarten koͤnnen ausgeſuͤhrt werden. Schließlich bemerke ich hier noch, daß, wenn man die ſentimentaliſche Poeſie, wie billig, fuͤr eine echte Art(nicht bloß fuͤr eine Abart) und fuͤr eine Erweiterung der wahren Dichtkunſt zu halten geneigt iſt, in der Be⸗ ſtimmung der poetiſchen Arten, ſo wie uͤberhaupt in der ganzen poetiſchen Geſetzgebung, welche noch immer einſeitig auf die Obſervanz der alten und 236 Verhältniſſen der groͤßern Societät und mit einem gewiſſen Grad von Ausbildung und Verfeinerung unvertraäglich ſchei⸗ nen, ſo haben die Dichter den Schauplatz der Idylle aus dem Gedränge des bürgerlichen Lebens heraus in den einfachen Hirtenſtand verlegt und derſelben ihre Stelle vor dem An⸗ fang der Cultur in dem kindlichen Alter der Menſchheit angewieſen. Man begreift aber wohl, daß dieſe Beſtim⸗ mungen bloß zufaͤllig ſind, daß ſie nicht als der Zweck der Idylle, bloß als das natuͤrlichſte Mittel zu demſelben, in Be⸗ trachtung kommen. Der Zweck ſelbſt iſt überall nur der, den Menſchen im Stand der Unſchuld, d. h., in einem Zuſtand der Harmonie und des Friedens mit ſich ſelbſt und von Außen darzuſtellen. Aber ein ſolcher Zuſtand findet nicht bloß vor dem An⸗ fange der Cultur Statt, ſondern er iſt es auch, den die Cul⸗ tur, wenn ſie uͤberall nur eine beſtimmte Tendenz haben ſoll, als ihr letztes Ziel beabſichtet. Die Idee dieſes Zuſtandes allein und der Glaube an die mögliche Realitat derſelben kann den Menſchen mit allen den Uebeln verſöhnen, denen er auf dem Wege der Cultur unterworfen iſt, und, waͤre ſie bloß Chimäare, ſo wuͤrden die Klagen Derer, welche die größere Societät und die Anbauung des Verſtandes bloß als ein natven Dichter gegruͤndet wird, auch auf ſie einige Ruͤckſicht muß genommen werden. Der ſentimentaliſche Dichter geyt in zu weſentlichen Stüͤcken von dem naiven ab, als daß ihm die Formen, welche dieſer eingefuͤhrt, uͤberall ungezwungen anpaſſen koͤnnten. Freilich iſt es hier ſchwer, die Ausnahmen, welche die Verſchiedenheit der Art erfordert, von den Ausfluͤchten, welche das Unvermoͤgen ſich erlaubt, immer richtig zu unterſcheiden; aber ſo viel lehrt doch die Erfahrung, daß unter den Haͤnden ſentimentaliſcher Dichter (auch der vorzuͤglichſten) keine einzige Gedichtart ganz Das geblieben iſt, was ſie bei den Alten geweſen, und daß unter den alten Namen oͤſters ſehr neue Gattungen ſind ausgefuͤhrt worden. 237 Uebel verſchreien und jenen verlaſſenen Stand der Natur fuͤr den wahren Zweck des Menſchen ausgeben, vollkommen ge⸗ gruͤndet ſeyn. Dem Menſchen, der in der Cultur begriffen iſt, liegt alſo unendlich viel daran, von der Ausführbarkeit jener Idee in der Sinnenwelt, von der möglichen Realitaͤt jenes Zuſtandes eine ſinnliche Bekräftigung zu erhalten, und, da die wirkliche Erfahrung, weit entfernt, dieſen Glauben zu naͤhren, ihn vielmehr beſtändig widerlegt, ſo kommt auch hier, wie in ſo vielen andern Fällen, das Dichtungsvermögen der Vernunft zu Hülfe, um jene Idee zur Anſchauung zu bringen und in einem einzelnen Fall zu verwirklichen. Zwar iſt auch jene Unſchuld des Hirtenſtandes eine poe⸗ tiſche Vorſtellung, und die Einbildungskraft mußte ſich mit⸗ hin auch dort ſchon ſchöpferiſch beweiſen; aber außerdem, daß die Aufgabe dort ungleich einfacher und leichter zu löſen war, ſo fanden ſich in der Erfahrung ſelbſt ſchon die einzelnen Züge vor, die ſie nur auszuwählen und in ein Ganzes zu verbin⸗ den brauchte. Unter einem glücklichen Himmel, in den ein⸗ fachen Verhältniſſen des erſten Standes, bei einem beſchrankten Wiſſen wird die Natur leicht befriedigt, und der Menſch verwildert nicht eher, als bis das Bedürfniß ihn angſtiget. Alle Völker, die eine Geſchichte haben, haben ein Paradies, einen Stand der Unſchuld, ein goldenes Alter; ja, jeder ein⸗ zelne Menſch hat ſein Paradies, ſein goldenes Alter, deſſen er ſich, jenachdem er mehr oder weniger Poetiſches in ſeiner Natur hat, mit mehr oder weniger Begeiſterung erinnert. Die Erfahrung ſelbſt bietet alſo Züge genug zu dem Gemaͤlde dar, welches die Hirten⸗Idylle behandelt. Deßwegen bleibt aber dieſe immer eine ſchöne, eine erhebende Fiction, und die Dichtungskraft hat in Darſtellung derſelben wirklich fuͤr das Ideal gearbeitet. Denn für den Menſchen, der von der 238 Einfalt der Natur einmal abgewichen und der gefaͤhrlicher Führung ſeiner Vernunft überliefert worden iſt, iſt es von unendlicher Wichtigkeit, die Geſetzgebung der Natur in einem reinen Eremplar wieder anzuſchauen und ſich von den Ver⸗ derbniſſen der Kunſt in dieſem treuen Spiegel wieder reinigen zu können. Aber ein Umſtand findet ſich dabei, der den äſthetiſchen Werth ſolcher Dichtungen um ſehr viel vermindert. Vor dem Aufang der Cultur gepflanzt, ſchließen ſie mit den Nachtheilen zugleich alle Vortheile derſelben aus und befinden ſich ihrem Weſen nach in einem nothwendigen Streit mit derſelben. Sie führen uns alſo theoretiſch rückwarts, indem ſie uns praktiſch vorwarts führen und veredeln. Sie ſtellen unglücklicher Weiſe das Ziel hinter uns, dem ſie uns doch entgegen führen ſollten, und koͤnnen uns da⸗ her bloß das traurige Gefühl eines Verluſtes, nicht das froͤh⸗ liche der Hoffnung, einfloͤßen. Weil ſie nur durch Aufhebung aller Kunſt und nur durch Vereinfachung der menſchlichen Natur ihren Zweck ausführen, ſo haben ſie, bei dem höchſten Gehalt für das Herz, allzuwenig für den Geiſt, und ihr einförmiger Kreis iſt zu ſchnell geendigt. Wir können ſie daher nur lieben und aufſuchen, wenn wir der Ruhe bedürftig ſind, nicht, wenn unſere Krafte nach Bewegung und Thätig⸗ keit ſtreben. Sie können nur dem kranken Gemüthe Hei⸗ lung, dem geſunden keine Nahrung geben; ſie köͤnnen nicht beleben, nur beſänftigen. Dieſen in dem Weſen der Hirten⸗Idylle gegründeten Mangel hat alle Kunſt der Poeten nicht gut machen können. Zwar fehlt es auch dieſer Dichtart nicht an enthuſiaſtiſchen Liebhabern, und es gibt Leſer genug, die einen Amyntas und einen Daphnis den größten Meiſter⸗ ſtücken der epiſchen und dramatiſchen Muſe vorziehen können; aber bei ſolchen Leſern iſt es nicht ſowohl der Geſchmack, als 239 das individuelle Bedürfniß, was uͤber Kunſtwerke richtet, und ihr urtheil kann ſolglich hier in keine Betrachtung kom⸗ men. Der Leſer von Geiſt und Empfindung verkennt zwar den Werth ſolcher Dichtungen nicht, aber er fühlt ſich ſeltner zu denſelben gezogen und früher davon geſättigt. In dem rechten Moment des Bedürfniſſes wirken ſie dafür deſto mächtiger; aber auf einen ſolchen Moment ſoll das wahre Schöne niemals zu warten brauchen, ſondern ihn vielmehr erzeugen. Was ich hier an der Schäfer⸗Jdylle tadle, gilt übrigens nur von der ſentimentaliſchen: denn der naiven kann es nie an Gehalt fehlen, da er hier in der Form ſelbſt ſchon enthalten iſt. Jede Poeſie nämlich muß einen unendlichen Gehalt haben, dadurch allein iſt ſie Poeſie; aber ſie kann dieſe Forderung auf zwei verſchiedene Arten erfüͤllen. Sie kann ein Unendliches ſeyn, der Form nach, wenn ſie ihren Gegenſtand mit allen ſeinen Gräaͤnzen darſtellt, wenn ſie ihn individualiſirt; ſie kann ein Unendliches ſeyn, der Materie nach, wenn ſie von ihrem Gegenſtand alle Grän⸗ zen entfernt, wenn ſie ihn idegliſirt, alſo entweder durch eine abſolute Darſtellung oder durch Darſtellung eines Abſo⸗ luten. Den erſten Weg geht der naive, den zweiten der ſentimentaliſche Dichter. Jener kann alſo ſeinen Gehalt nicht verfehlen, ſobald er ſich nur treu an die Natur hält, welche immer durchgängig begränzt, d. h., der Form nach unendlich iſt. Dieſem hingegen ſteht die Natur mit ihrer durchgängi⸗ gen Begränzung im Wege, da er einen abſoluten Gehalt in den Gegenſtand legen ſoll.⸗Der ſentimentaliſche Dichter verſteht ſich alſo nicht gut auf ſeinen Vortheil, wenn er dem naiven Dichter ſeine Gegenſtände abborgt, welche an ſich ſelbſt völlig gleichgültig ſind und nur durch die Behandlung 240 poetiſch werden. Er ſetzt ſich dadurch ganz unmoöͤglicher Weiſe einerlei Gränzen mit jenem, ohne doch die Begraänzung voll⸗ kommen durchfuͤhren und in der abſoluten Beſtimmtheit der Darſtellung mit demſelben wetteifern zu koͤnnen: er ſollte ſich alſo vielmehr gerade in dem Gegenſtand von dem naiven Dichter entfernen, weil er dieſem, was derſelbe in der Form vor ihm voraus hat, nur durch den Gegenſtand wieder abgewinnen kann. Um hievon die Anwendung auf die Schäafer-Idylle der ſentimentaliſchen Dichter zu machen, ſo erklärt es ſich nun, warum dieſe Dichtungen bei allem Aufwand von Genie und Kunſt weder für das Herz noch für den Geiſt völlig befrie⸗ digend ſind. Sie haben ein Ideal ausgeführt und doch die enge dürftige Hirtenwelt beibehalten, da ſie doch ſchlechter⸗ dings entweder für das Ideal eine andere Welt oder fuür die Hirtenwelt eine andere Darſtellung haͤtte wahlen ſollen. Sie ſind gerade ſo weit ideal, daß die Darſtellung dadurch an individueller Wahrheit verliert, und ſind wieder gerade um ſo viel zu individuell, daß der idealiſche Gehalt darunter leidet. Ein Geßnerſcher Hirt z. B. kann uns nicht als Na⸗ tur, nicht durch Wahrheit der Nachahmung entzücken, denn dazu iſt er ein zu idenles Weſen; eben ſo wenig kann er uns als ein Ideal durch das Unendliche des Gedankens be⸗ friedigen, denn dazu iſt er ein viel zu dürftiges Geſchöpf. Er wird alſo zwar bis auf einen gewiſſen Punkt allen Klaſſen von Leſern ohne Ausnahme gefallen, weil er das Naive mit dem Sentimentalen zu vereinigen ſtrebt und folglich den zwei entgegengeſetzten Forderungen, die an ein Gedicht gemacht werden können, in einem gewiſſen Grade Genüge leiſtet; weil aber der Dichter uͤber der Bemühung, Beides zu vereinigen, Keinem von Beiden ſein volles Recht erweist, weder ganz Natur noch ganz Ideal iſt, 241 ſo kann er eben deßwegen vor einem ſtreugen Geſchmack nicht ganz beſtehen, der in aſthetiſchen Dingen nichts Halbes ver⸗ zeihen kann. Es iſt ſonderbar, daß dieſe Halbheit ſich auch bis auf die Sprache des genannten Dichters erſtreckt, die zwiſchen Poeſie und Proſa unentſchieden ſchwankt, als fürch⸗ tete der Dichter, in gebundener Rede ſich von der wirklichen Natur zu weit zu entſernen und in ungebundener den poeti⸗ ſchen Schwung zu verlieren. Eine höhere Befriedigung gewährt Miltons herrliche Darſtellung des erſten Menſchenpaares und des Standes der Unſchuld im Paradieſe: die ſchönſte, mir bekannte Idylle in der ſentimentaliſchen Gattung. Hier iſt die Natur edel, geiſtreich, zugleich voll Fläche und voll Tiefe; der höchſte Gehalt der Menſchheit iſt in die anmuthigſte Form eingekleidet. Alſo auch hier in der Idylle, wie in allen andern poe⸗ tiſchen Gattungen, muß man einmal für allemal zwiſchen der Individualität und der Idealität eine Wahl treffen: denn, beiden Forderungen zugleich Genüge leiſten wollen, iſt, ſolange man nicht am Ziele der Vollkommenheit ſteht, der ſicherſte Weg, beide zugleich zu verfehlen. Fühlt ſich der Moderne griechiſchen Geiſtes genug, um bei aller Wider⸗ ſpenſtigkeit ſeines Stoffs mit den Griechen auf ihrem eigenen Felde, nämlich im Felde naiver Dichtung, zu ringen, ſo thue er es ganz und thue es ausſchließend und ſetze ſich über jede Forderung des ſentimentaliſchen Zeitgeſchmackes hinweg. Erreichen zwar dürfte er ſeine Muſter ſchwerlich: zwiſchen dem Original und dem glücklichſten Nachahmer wird immer eine merkliche Diſtanz offen bleiben; aber er iſt auf dieſem Wege doch gewiß, ein echt poetiſches Werk zu erzeugen.* * Mit einem ſolchen Werke hat Herr Voß noch kuͤrzlich in ſeiner Luiſe unſere deutſche Literatur nicht bloß bereichert, ſondern auch wahrhaft erweitert. Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 16 242 Treibt ihn hingegen der ſentimentaliſche Dichtungstrieb zum Ideale, ſo verfolge er auch dieſes ganz, in vöͤlliger Reinheit, und ſtehe nicht eher als bei dem Hoͤchſten ſtille, ohne hinter ſich zu ſchauen, ob auch die Wirklichkeit ihm nachkommen möchte. Er verſchmähe den unwürdigen Ausweg, den Gehalt des Ideals zu verſchlechtern, um es der menſchlichen Bedürf⸗ tigkeit anzupaſſen, und den Geiſt auszuſchließen, um mit dem Herzen ein leichteres Spiel zu haben. Er führe uns nicht rückwärts in unſere Kindheit, um uns mit den koſt⸗ barſten Erwerbungen des Verſtandes eine Ruhe erkaufen zu laſſen, die nicht länger dauern kann, als der Schlaf unſerer Geiſteskrafte, ſondern führe uns vorwärts zu unſerer Mün⸗ digkeit, um uns die höhere Harmonie zu empfinden zu geben, die den Kämpfer belohnt, die den Ueberwinder beglückt. Er mache ſich die Aufgabe einer Idylle, welche, jene Hirten⸗ unſchuld auch in Subjecten der Cultur und unter allen Bedin⸗ gungen des rüſtigſten, feurigſten Lebens, des ausgebreitetſten Denkens, der raffinirteſten Kunſt, der höchſten geſellſchaft⸗ lichen Verſeinerung ausfuͤhrt, welche, mit einem Wort, den Menſchen, der nun einmal nicht mehr nach Arkadien zuruͤck kann, bis nach Elyſium führt. Der Begriff dieſer Idylle iſt der Begriff eines völlig aufgelösten Kampfes ſowohl in dem einzeluen Menſchen, als in der Geſellſchaft, einer freien Vereinigung der Neigun⸗ gen mit dem Geſetze, einer zur hoͤchſten ſittlichen Würde Dieſe Idylle, obgleich nicht durchaus von ſentimentaliſchen Einfluͤſſen frei, gehoͤrt ganz zum naiven Geſchlecht und ringt durch individuelle Wahrheit und gediegene Natur den beſten griechiſchen Muſtern mit ſeltenem Erſolge nach. Sie kann daher, was ihr zu hohem Ruhme gereicht, mit keinem moder⸗ nen Gedicht aus ihrem Fache, ſondern muß mit griechiſchen Muſtern ver⸗ glichen werden, mit welchen ſie auch den ſo ſeltenen Vorzug theilt, uns einen reinen, veſtimmten und immer gleichen Genuß zu gewaͤhren. 243 hinaufgelaͤuterten Natur, kurz, er iſt kein anderer, als das Ideal der Schönheit, auf das wirkliche Leben angewendet. Ihr Charakter beſteht alſo darin, daß aller Gegenſatz der Wirklichkeit mit dem Ideale, der den Stoff zu der ſatiriſchen und elegiſchen Dichtung hergegeben hatte, vollkom⸗ men aufgehoben ſey, und mit demſelben auch aller Streit der Empfindungen aufhöre. Ruhe waͤre alſo der herrſchende Eindruck dieſer Dichtungsart, aber Ruhe der Vollendung, nicht der Trägheit: eine Ruhe, die aus dem Gleichgewicht, nicht aus dem Stillſtand der Kräfte, die aus der Fülle, nicht aus der Leerheit fließt und von dem Gefühle eines unend⸗ lichen Vermögens begleitet wird. Aber eben darum, weil aller Widerſtand hinwegfällt, ſo wird es hier ungleich ſchwie⸗ riger als in den zwei vorigen Dichtungsarten, die Bewe⸗ gung hervorzubringen, ohne welche doch überall keine poetiſche Wirkung ſich denken läßt. Die höchſte Einheit muß ſeyn, aber ſie darf der Mannigfaltigkeit nichts nehmen; das Ge⸗ müth muß befriedigt werden, aber ohne daß das Streben darum aufhöre. Die Auflöſung dieſer Frage iſt es eigentlich, was die Theorie der Idylle zu leiſten hat. Ueber das Verhaͤltniß beider Dichtungsarten zu einander und zu dem poetiſchen Ideale iſt Folgendes feſtgeſetzt worden. Dem naiven Dichter hat die Natur die Gunſt erzeigt, immer als eine ungetheilte Einheit zu wirken, in jedem Mo⸗ ment ein ſelbſtſtändiges und vollendetes Ganze zu ſeyn und die Menſchheit, ihrem vollen Gehalte nach, in der Wirklich⸗ keit darzuſtellen. Dem ſentimentaliſchen hat ſie die Macht verliehen oder vielmehr einen lebendigen Trieb eingepraͤgt, jene Einheit, die durch Abſtraction in ihm aufgehoben wor⸗ den, aus ſich ſelbſt wieder herzuſtellen, die Menſchheit in ſich vollſtändig zu machen und aus einem beſchränkten Zuſtand zu 244 einem unendlichen überzugehen.* Der menſchlichen Natur ihren völligen Ausdruck zu geben, iſt aber die gemeinſchaft⸗ liche Aufgabe Beider, und ohne Das würden ſie gar nicht Dichter heißen können; aber der naive Dichter hat vor dem ſentimentaliſchen immer die ſinnliche Realität voraus, indem er Dasjenige als eine wirkliche Thatſache ausführt, was der Andere nur zu erreichen ſtrebt. Und Das iſt es auch, was Jeder bei ſich erfährt, wenn er ſich beim Genuſſe naiver Dichtungen beobachtet. Er fuͤhlt alle Kräfte ſeiner Menſch⸗ heit in einem ſolchen Augenblick thätig, er bedarf nichts, er iſt ein Ganzes in ſich ſelbſt; ohne etwas in ſeinem Gefühl zu unterſcheiden, freut er ſich zugleich ſeiner geiſtigen Thä⸗ tigkeit und ſeines ſinnlichen Lebens. Eine ganz andere Stim⸗ mung iſt es, in die ihn der ſentimentaliſche Dichter verſetzt. Hier fühlt er bloß einen lebendigen Trieb, die Harmonie in ſich zu erzeugen, welche er dort wirklich empfand, ein Ganzes aus ſich zu machen, die Menſchheit in ſich zu einem vollendeten Ausdruck zu bringen. Daher iſt hier das Ge⸗ muth in Bewegung, es iſt angeſpannt, es ſchwankt zwiſchen * Fuͤr den wiſſenſchaftlich pruͤfenden Leſer bemerke ich, daß beide Em⸗ pfindungsweiſen, in ihrem hoͤchſten Begriff gedacht, ſich wie die erſte und dritte Kategorie zu einander verhalten, indem die Letztere immer dadurch entſteht, daß man die Erſtere mit ihrem geraden Gegentheil verbindet. Das Gegentheil der naiven Empfindung iſt naͤmlich der reflectirende Verſtand, und die ſentimentaliſche Stimmung iſt das Reſultat des Beſtrebens, auch unter den Bedingungen der Reflexion die naive Empfindung, dem Inhalt nach, wieder herzuſtellen. Dies wuͤrde durch das erfuͤllte Ideal geſchehen, in welchem die Kunſt der Natur wieder begegnet. Geht man jene drei Begriffe nach den Kategorien durch, ſo wird man die Natur und die ihr entſprechende naive Stimmung immer in der erſten, die Kunſt als Aufhe⸗ bung der Natur durch den frei wirkenden Verſtand immer in der zweiten, end⸗ lich das Jdeal, in welchem die vollendete Kunſt zur Natur zuruͤckkebrt, in der dritten Kategorie antreffen. 245 ſtreitenden Gefühlen, da es dort ruhig, aufgelost, einig mit ſich ſelbſt und vollkommen befriedigt iſt. Aber wenn es der naive Dichter dem ſentimentaliſchen auf der einen Seite an Realitaͤt abgewinnt und Dasjenige zur wirklichen Exiſtenz bringt, wornach dieſer nur einen lebendigen Trieb erwecken kann, ſo hat Letzterer wieder den großen Vortheil üͤber den Erſtern, daß er dem Trieb einen größern Gegenſtand zu geben im Stand iſt, als jener geleiſtet hat und leiſten konnte. Alle Wirklichkeit, wiſſen wir, bleibt hinter dem Ideale zurück; alles Exiſtirende hat ſeine Schranken, aber der Gedanke iſt gränzenlos. Durch dieſe Einſchraͤnkung, der alles Sinnliche unterworfen iſt, lei⸗ det alſo auch der naive Dichter, da hingegen die unbedingte Freiheit des Ideenvermögens dem ſentimentaliſchen zu Stat⸗ ten kommt. Jener erfullt zwar alſo ſeine Aufgabe, aber die Aufgabe ſelbſt iſt etwas Begränztes; dieſer erfüllt zwar die ſeinige nicht ganz, aber die Aufgabe iſt ein Unendliches. Auch hierüͤber kann einen Jeden ſeine eigene Erfahrung beleh⸗ ren. Von dem naiven Dichter wendet man ſich mit Leichtig⸗ keit und Luſt zu der lebendigen Gegenwart; der ſentimentaliſche wird immer, auf einige Augenblicke, für das wirkliche Leben verſtimmen. Das macht, unſer Gemüth iſt hier durch das Unendliche der Idee gleichſam über ſeinen natürlichen Durch⸗ meſſer ausgedehnt worden, daß nichts Vorhandenes es mehr ausfüͤllen kann. Wir verſinken lieber betrachtend in uns ſelbſt, wo wir für den aufgeregten Trieb in der Ideenwelt Nah⸗ rung finden, anſtatt daß wir dort aus uns heraus nach ſinn⸗ lichen Gegenſtänden ſtreben. Die ſentimentaliſche Dichtung iſt die Geburt der Abgezogenheit und Stille, und dazu ladet ſie auch ein; die naive iſt das Kind des Lebens, und in das Leben führt ſie auch zurück. 246 Ich habe die naive Dichtung eine Gunſt der Natur ge⸗ nannt, um zu erinnern, daß die Reflexion keinen Antheil daran habe. Ein glücklicher Wurf iſt ſie, keiner Verbeſſerung bedürftig, wenn er gelingt, aber auch keiner fähig, wenn er verfehlt wird. In der Empfindung iſt das ganze Werk des naiven Genies abſolvirt: hier liegt ſeine Starke und ſeine Graͤnze. Hat es alſo nicht gleich dichteriſch, das heißt, nicht gleich vollkommen menſchlich empfunden, ſo kann dieſer Mangel durch keine Kunſt mehr nachgeholt werden. Die Kritik kann ihm nur zu einer Einſicht des Fehlers ver⸗ helfen, aber ſie kann keine Schönheit an deſſen Stelle ſetzen. Durch ſeine Natur muß das naive Genie Alles thun, durch ſeine Freiheit vermag es wenig; und es wird ſeinen Begriff erfüllen, ſobald nur die Natur in ihm nach einer innern Nothwendigkeit wirkt. Nun iſt zwar Alles nothwendig, was durch Natur geſchieht, und Das iſt auch jedes noch ſo verun⸗ glückte Product des naiven Genies, von welchem nichts mehr entfernt iſt als Willkürlichkeit; aber ein Anderes iſt die Noͤ⸗ thigung des Augenblicks, ein Anderes die innere Nothwen⸗ digkeit des Ganzen. Als ein Ganzes betrachtet iſt die Natur ſelbſtſtändig und unendlich; in jeder einzelnen Wirkung hin⸗ gegen iſt ſie bedürftig und beſchränkt. Dieſes gilt daher auch von der Natur des Dichters. Auch der glücklichſte Moment, in welchem ſich derſelbe befinden mag, iſt von einem vorher⸗ gehenden abhängig: es kann ihm daher auch nur eine be⸗ dingte Nothwendigkeit beigelegt werden. Nun ergeht aber die Aufgabe an den Dichter, einen einzelnen Zuſtand dem menſchlichen Ganzen gleich zu machen, folglich ihn abſo⸗ lut und nothwendig auf ſich ſelbſt zu gründen. Aus dem Moment der Begeiſterung muß alſo jede Spur eines zeit⸗ lichen Beduͤrfniſſes entfernt bleiben, und der Gegenſtand 247 ſelbſt, ſo beſchraͤnkt er auch ſey, darf den Dichter nicht be⸗ ſchraͤnken. Man begreift wohl, daß Dieſes nur inſofern möglich iſt, als der Dichter ſchon eine abſolute Freiheit und Füͤlle des Vermögens zu dem Gegenſtande mitbringt, und als er geubt iſt, Alles mit ſeiner ganzen Menſchheit zu umfaſſen. Dieſe Uebung kann er aber nur durch die Welt erhalten, in der er lebt, und von der er unmittelbar berührt wird. Das naive Genie ſteht alſo in einer Abhängigkeit von der Erfahrung, welche das ſentimentaliſche nicht kennt. Dieſes, wiſſen wir, fängt ſeine Operation erſt da an, wo jenes die ſeinige beſchließt: ſeine Stärke beſteht darin, einen mangel⸗ haften Gegenſtand aus ſich ſelbſt heraus zu ergänzen und ſich durch eigene Macht aus einem begränzten Zuſtand in einen Zuſtand der Freiheit zu verſetzen. Das naive Dich⸗ tergenie bedarf alſo eines Beiſtandes von Außen, da das ſentimentaliſche ſich aus ſich ſelbſt nährt und reinigt; es muß eine formreiche Natur, eine dichteriſche Welt, eine naive Menſchheit um ſich her erblicken, da es ſchon in der Sinnen⸗ empfindung ſein Werk zu vollenden hat. Fehlt ihm nun die⸗ ſer Beiſtand von Außen, ſieht es ſich von einem geiſtloſen Stoff umgeben, ſo kann nur Zweierlei geſchehen. Es tritt entweder, wenn die Gattung bei ihm überwiegend iſt, aus ſeiner Art und wird ſentimentaliſch, um nur dichteriſch zu ſeyn, oder, wenn der Artcharakter die Obermacht behält, es tritt aus ſeiner Gattung und wird gemeine Natur, um nur Natur zu bleiben. Das Erſte dürfte der Fall mit den vornehmſten ſentimentaliſchen Dichtern in der alten römiſchen Welt und in neuern Zeiten ſeyn. In einem andern Welt⸗ alter geboren, unter einen andern Himmel verpflanzt, wür⸗ den ſie, die uns jetzt durch Ideen rühren, durch individuelle Wahrheit und naive Schönheit bezaubert haben. Vor dem ———— —— 248 Zweiten moͤchte ſich ſchwerlich ein Dichter vollkommen ſchützen können, der in einer gemeinen Welt die Natur nicht verlaſſen kann. Die wirkliche Natur nämlich: aber von dieſer kann die wahre Natur, die das Subject naiver Dichtungen iſt, nicht ſorgfaͤltig genug unterſchieden werden. Wirkliche Na⸗ tur exiſtirt überall, aber wahre Natur iſt deſto ſeltener: denn dazu gehört eine innere Nothwendigkeit des Daſeyns. Wirkliche Natur iſt jeder noch ſo gemeine Ausbruch der Lei⸗ denſchaft, er mag auch wahre Natur ſeyn, aber eine wahre menſchliche iſt er nicht: denn dieſe erfordert einen Antheil des ſelbſtſtändigen Vermögens an jeder Aeußerung, deſſen Ausdruck jedesmal Würde iſt. Wirkliche menſchliche Natur iſt jede moraliſche Niederträchtigkeit, aber wahre menſchliche Natur iſt ſie hoffentlich nicht: denn dieſe kann nie anders als edel ſeyn. Es iſt nicht zu uͤberſehen, zu welchen Abge⸗ ſchmacktheiten dieſe Verwechſelung wirklicher Natur mit wah⸗ rer menſchlicher Natur in der Kritik wie in der Ausuͤbung verleitet hat, welche Trivialitaͤten man in der Poeſie geſtat⸗ tet, ja, lobpreist, weil ſie, leider! wirkliche Natur ſind, wie man ſich freut, Carricaturen, die Einen ſchon aus der wirklichen Welt herausaͤngſtigen, in der dichteriſchen ſorgfältig aufbewahrt und nach dem Leben conterfeit zu ſehen. Freilich darf der Dichter auch die ſchlechte Natur nachahmen, und bei dem ſatiriſchen bringt Dieſes ja der Begriff ſchon mit ſich; aber in dieſem Fall muß ſeine eigene ſchöne Natur den Gegenſtand übertragen, und der gemeine Stoff den Nach⸗ ahmer nicht mit ſich zu Boden ziehen. Iſt nur er ſelbſt, in dem Moment wenigſtens, wo er ſchildert, wahre menſchliche Natur, ſo hat es nichts zu ſagen, was er uns ſchildert; aber auch ſchlechterdings nur von einem Solchen koͤnnen wir 249 ein treues Gemälde der Wirklichkeit vertragen. Wehe uns Leſern, wenn die Fratze ſich in der Fratze ſpiegelt, wenn die Geißel der Satire in die Hände Desjenigen fällt, den die Natur eine viel ernſtlichere Peitſche zu führen beſtimmte, wenn Menſchen, die, entblößt von Allem, was man poeti⸗ ſchen Geiſt nennt, nur das Affentalent gemeiner Nachahmung beſitzen, es auf Koſten unſeres Geſchmacks gräulich und ſchrecklich üben! Aber ſelbſt dem wahrhaft naiven Dichter, ſagte ich, kann die gemeine Natur gefährlich werden: denn endlich iſt jene ſchoͤne Zuſammenſtimmung zwiſchen Empfinden und Denken, welche den Charakter desſelben ausmacht, doch nur eine Idee, die in der Wirklichkeit nie ganz erreicht wird; und auch bei den glücklichſten Genies aus dieſer Klaſſe wird die Empfäng⸗ lichkeit die Selbſtthätigkeit immer um etwas uberwiegen. Die Empfänglichkeit aber iſt immer mehr oder weniger von dem äußern Eindruck abhängig, und nur eine anhaltende Regſamkeit des productiven Vermögens, welche von der menſchlichen Natur nicht zu erwarten iſt, würde verhindern können, daß der Stoff nicht zuweilen eine blinde Gewalt über die Empfänglichkeit ausübte. So oft aber Dies der Fall iſt, wird aus einem dichteriſchen Gefühl ein gemeines.* * Wie ſehr der naive Dichter von ſeinem Object abhaͤnge, und wie viel⸗ ja, wie Alles auf ſein Empfinden ankomme, daruͤber kann uns die alte Dicht⸗ kunſt die beſten Belege geben. Soweit die Natur in ihnen und außer ihnen ſchoͤn iſt, ſind es auch die Dichtungen der Alten; wird hingegen die Natur gemein, ſo iſt auch der Geiſt aus ihren Dichtungen gewichen. Jeder Leſer von ſeinem Geſuͤhl muß z. B. bei ihren Schilderungen der weiblichen Natur⸗ des Verhaͤltniſſes zwiſchen beiden Geſchlechtern und der Liebe insbeſondere, eine gewiſſe Leerbeit und einen Ueberdruß empfinden, den alle Wahrheit und Naivetaͤt in der Darſtellung nicht verbannen kann. Ohne der Schwaͤrmerei das Wort zu reden, welche freilich die Natur nicht veredelt, ſondern verlaͤßt, 250 Kein Genie aus der naiven Klaſſe, von Homer bis auf Bodmer herab, hat dieſe Klippe ganz vermieden; aber frei⸗ lich iſt ſie Denen am Gefährlichſten, die ſich einer gemeinen Natur von Außen zu erwehren haben, oder die durch Mangel an Disciplin von Innen verwildert ſind. Jenes iſt Schuld, daß ſelbſt gebildete Schriftſteller nicht immer von Plattheiten frei bleiben, und Dieſes verhinderte ſchon manches herrliche Talent, ſich des Platzes zu bemächtigen, zu dem die Natur es berufen hatte. Der Komoͤdiendichter, deſſen Genie ſich am Meiſten von dem wirklichen Leben nährt, iſt eben daher auch am Meiſten der Plattheit ausgeſetzt, wie auch das Bei⸗ ſpiel des Ariſtophanes und Plautus und faſt aller der ſpäteren Dichter lehrt, die in die Fußſtapfen derſelben getreten ſind. wird man hoffentlich annehmen duͤrfen, daß die Natur in Ruͤckſicht auf jenes Verhaͤltniß der Geſchlechter und den Affect der Liebe eines ediern Charakters faͤbig iſt, als ihr die Alten gegeben haben; auch kennt man die zu faͤlligen Umſtaͤnde, welche der Veredlung jener Empfindungen bei ihnen im Wege ſtanden. Daß es Beſchraͤnktheit, nicht innere Nothwendigkeit war, was die Alten hierin auf einer niedrigern Stufe feſthielt, lehrt das Beiſpiel neuerer Poeten, welche ſo viel weiter gegangen ſind, als ihre Vorgaͤnger ,ohne doch die Natur zu uͤbertreten. Die Rede iſt hier nicht von Dem, was ſentimen⸗ taliſche Dichter aus dieſem Gegenſtande zu machen gewußt haben: denn dieſe gehen uͤber die Natur hinaus in das Idealiſche, undhr Beiſpiel kann alſo gegen die Alten nichts beweiſen; bloß davon iſt die Rede, wie der naͤmliche Gegenſtand von wahrhaft naiven Dichtern, wie er z. B. in der Sakon⸗ tala, in den Minneſaͤngern, in manchen Ritterromanen und Ritterepopden, wie er von Shakeſpeare, von Fielding und mehreren andern, ſelbſt deutſchen Poeten behandelt iſt. Hier waͤre nun fuͤr die Alten der Fall geweſen, einen von Außen zu rohen Stoff von Innen heraus durch das Subject zu vergeiſtigen, den poetiſchen Gehalt, der der aͤußern Empfin⸗ dung gemangelt hatte, durch Reflexion nachzuholen, die Natur durch die Idee zu ergaͤnzen, mit einem Wort, durch eine ſentimentaliſche Dperation aus einem beſchraͤnkten Object ein unendliches zu machen. Aber es waren naive, nicht ſentimentaliſche Dichtergenies: ihr Werk war alſo mit der aͤußern Em⸗ pfindung geendigt. 251 Wie tief läßt uns nicht der erhabene Shakespeare zuweilen ſinken, mit welchen Trivialitaten quälen uns nicht Lope de Vega, Molière, Regnard, Goldoni, in welchen Schlamm zieht uns nicht Holberg hinab? Schlegel, einer der geiſt⸗ reichſten Dichter unſers Vaterlands, an deſſen Genie es nicht lag, daß er nicht unter den erſten in dieſer Gattung glänzt, Gellert, ein wahrhaft naiver Dichter, ſo wie auch Rabener, Leſſing ſelbſt, wenn ich ihn anders hier nennen darf, Leſſing, der gebildete Zögling der Kritik und ein ſo wachſamer Richter ſeiner ſelbſt— wie buͤßen ſie nicht Alle, mehr oder weniger, den geiſtloſen Charakter der Natur, die ſie zum Stoff ihrer Satire waͤhlten. Von den neueſten Schriftſtellern in dieſer Gattung nenne ich keinen, da ich keinen ausnehmen kann. Und nicht genug, daß der naive Dichtergeiſt in Gefahr iſt, ſich einer gemeinen Wirklichkeit allzuſehr zu naͤhern— durch die Leichtigkeit, mit der er ſich aͤußert, und durch eben dieſe größere Annaherung an das wirkliche Leben macht er noch dem gemeinen Nachahmer Muth, ſich im poetiſchen Felde zu verſuchen. Die ſentimentaliſche Poeſie, wiewohl von einer andern Seite gefährlich genug, wie ich hernach zeigen werde, hält wenigſtens dieſes Volk in Entfernung, weil es nicht Jedermanns Sache iſt, ſich zu Ideen zu erhe⸗ ben; die naive Poeſie aber bringt es auf den Glauben, als wenn ſchon die bloße Empfindung, der bloße Humor, die bloße Nachahmung wirklicher Natur den Dichter ausmache. Nichts aber iſt widerwärtiger, als wenn der platte Charakter ſich einfallen läßt, liebenswürdig und naiv ſeyn zu wollen— er, der ſich in alle Hüllen der Kunſt ſtecken ſollte, um ſeine ekelhafte Natur zu verbergen. Daher denn auch die unſaͤg⸗ lichen Platituden, welche nch die Deutſchen unter dem Titel von naiven und ſcherzhaften Liedern vorſingen laſſen, und an denen ſie ſich bei einer wohlbeſetzten Tafel ganz unendlich zu beluſtigen pflegen. Unter dem Freibrief der Laune, der Em⸗ pfindung duldet man dieſe Armſeligkeiten— aber einer Laune einer Empfindung, die man nicht ſorgfältig genug verbannen kann. Die Muſen an der Pleiße bilden hier beſonders einen eigenen kläglichen Chor, und ihnen wird von den Kamoͤnen an der Leine und Elbe in nicht beſſern Accorden geant⸗ wortet.* So infipid dieſe Scherze ſind, ſo klaglich läßt ſich der Affect auf unſern tragiſchen Bühnen hören, welcher, an⸗ ſtatt die wahre Natur nachzuahmen, nur den geiſtloſen und unedeln Ausdruck der wirklichen erreicht, ſo daß es uns nach einem ſolchen Thranenmahle gerade zu Muth iſt, als wenn wir einen Beſuch in Spitälern abgelegt oder Salzmanns menſchliches Elend geleſen hätten. Noch viel ſchlimmer ſteht es um die ſatiriſche Dichtkunſt und um den komiſchen Roman insbeſondere, die ſchon ihrer Natur nach dem gemeinen Leben ſo nahe liegen und daher billig, wie jeder Gränzpoſten, ge⸗ rade in den beſten Händen ſeyn ſollten. Derjenige hat wahr⸗ lich den wenigſten Beruf, der Maler ſeiner Zeit zu werden, der das Geſchöpf und die Carricatur derſelben iſt; aber, da * Die guten Freunde haben es ſehr uͤbel auſgenommen, was ein Recen⸗ ſent in der A. L. Z. vor etlichen Jahren an den Buͤrgerſchen Gedichten ge⸗ tadelt hat, und der Ingrimm, womit ſie wider dieſen Stachel lecken, ſcheint zu erkennen zu geben, daß ſie mit der Sache jenes Dichters ihre eigene zu verſechten glauben. Aber darin irren ſie ſich ſehr. Jene Ruͤge konnte bloß einem wahren Dichtergenie gelten, das von der Natur reichlich ausgeſtattet war, aber verſaͤumt hatte, durch eigene Cultur jenes ſeltene Geſchenk aus⸗ zubilden. Ein ſolches Individuum durfte und mußte man unter den hoͤchſten Maßſtab der Kunſt ſtellen, weil es Kraft in ſich hatte, demſelben, ſobald es ernſtlich wollte, genug zu thun; aber es waͤre laͤcherlich und grauſam zugleich, auf aͤhnliche Art mit Leuten zu verſahren, an welche die Natur nicht gedacht bat, und die mit jedem Product, das ſie zu Markte bringen, ein vollguͤltiges Testimonium paupertatis aufweiſen. 253 es etwas ſo Leichtes iſt, irgend einen luſtigen Charakter, wär' es auch nur einen dicken Mann, unter ſeiner Bekannt⸗ ſchaft aufzujagen und die Fratze mit einer groben Feder auf dem Papier abzureißen, ſo fühlen zuweilen auch die geſchwor⸗ nen Feinde alles poetiſchen Geiſtes den Kitzel, in dieſem Fache zu ſtümpern und einen Eirkel von würdigen Freunden mit der ſchönen Geburt zu ergötzen. Ein reingeſtimmtes Ge⸗ fühl freilich wird nie in Gefahr ſeyn, dieſe Erzeugniſſe einer gemeinen Natur mit den geiſtreichen Früchten des naiven Genies zu verwechſeln; aber an dieſer reinen Stimmung des Gefuhls fehlt es eben, und in den meiſten Faͤllen will man bloß ein Bedürfniß befriedigt haben, ohne daß der Geiſt eine Forderung machte. Der ſo falſch verſtandene, wiewohl an ſich wahre Begriff, daß man ſich bei Werken des ſchönen Geiſtes erhole, trägt das Seinige redlich zu dieſer Nachſicht bei, wenn man es anders Nachſicht nennen kann, wo nichts Höheres ge⸗ ahnt wird, und der Leſer wie der Schriftſteller auf gleiche Art ihre Rechnung finden. Die gemeine Natur nämlich, wenn ſie angeſpannt worden, kann ſich nur in der Leerheit erholen, und ſelbſt ein hoher Grad von Verſtand, wenn er nicht von ei⸗ ner gleichmäͤßigen Cultur der Empfindungen unterſtuͤtzt iſt, ruht von ſeinem Geſchaͤfte nur in einem geiſtloſen Sinnengenuß aus. Wenn ſich das dichtende Genie über alle zufällige Schranken, welche von jedem beſrimmten Zuſtande unzer⸗ trennlich ſind, mit freier Selbſtthätigkeit muß erheben können, um die menſchliche Natur in ihrem abſoluten Vermögen zu erreichen, ſo darf es ſich doch auf der andern Seite nicht über die nothwendigen Schranken hinwegſetzen, welche der Be⸗ griff einer menſchlichen Natur mit ſich bringt: denn das Ab⸗ ſolute, aber nur innerhalb der Menſchheit, iſt ſeine Aufgabe und ſeine Sphäre. Wir haben geſehen, daß das naive Genie 251 zwar nicht in Gefahr iſt, dieſe Sphaͤre zu überſchreiten, wohl aber, ſie nicht ganz zu erfüllen, wenn es einer äußerh Nothwendigkeit oder dem zufälligen Bedürfniß des Augen⸗ blicks zu ſehr auf Unkoſten der innern Nothwendigkeit Raum gibt. Das ſentimentaliſche Genie hingegen iſt der Gefahr ausgeſetzt, über dem Beſtreben, alle Schranken von ihr zu entfernen, die menſchliche Natur ganz und gar aufzuheben und ſich nicht bloß, was es darf und ſoll, uͤber jede beſtimmte und begränzte Wirklichkeit hinweg zu der abſoluten Möglich⸗ keit zu erheben— oder zu idealiſiren— ſondern über die Möoͤglichkeit ſelbſt noch hinauszugehen— oder zu ſchwaͤrmen. Dieſer Fehler der Ueberſpannung iſt ebenſo in der ſpeci⸗ fiſchen Eigenthümlichkeit ſeines Verfahrens, wie der entgegen⸗ geſetzte der Schlaffheit in der eigenthümlichen Handlungs⸗ weiſe des naiven gegründet. Das naive Genie nämlich läßt die Natur in ſich unumſchraͤnkt walten, und, da die Natur in ihren einzelnen zeitlichen Aeußerungen immer abhängig und bedürftig iſt, ſo wird das naive Gefühl nicht immer exaltirt genug bleiben, um den zufaͤlligen Beſtimmungen des Augenblicks widerſtehen zu können. Das ſentimentaliſche Genie hingegen verläßt die Wirklichkeit, um zu Ideen auf⸗ zuſteigen und mit freier Selbſtthätigkeit ſeinen Stoff zu be⸗ herrſchen; da aber die Vernunft ihrem Geſetze nach immer zum Unbedingten ſtrebt, ſo wird das ſentimentaliſche Genie nicht immer nüchtern genug bleiben, um ſich ununterbrochen und gleichfoͤrmig innerhalb der Bedingungen zu halten, welche der Begriff einer menſchlichen Natur mit ſich führt, und an welche die Vernunft auch in ihrem freieſten Wirken hier immer gebunden bleiben muß. Dieſes koͤnnte nur durch einen verhältnißmäßigen Grad von Empfänglichkeit geſchehen, welche aber in dem ſentimentaliſchen Dichtergeiſte von der 255 Selbſtthäͤtigkeit eben ſo ſehr uͤberwogen wird, als ſie in dem naiven die Selbſtthätigkeit überwiegt. Wenn man daher an den Schöpfungen des naiven Genies zuweilen den Geiſt vermißt, ſo wird man bei den Geburten des ſentimentaliſchen oft vergebens nach dem Gegenſtande fragen. Beide wer⸗ den alſo, wiewohl auf ganz entgegengeſetzte Weiſe, in den Fehler der Leerheit verfallen: denn ein Gegenſtand ohne Geiſt und ein Geiſtesſpiel ohne Gegenſtand ſind Beide ein Nichts in dem äſthetiſchen Urtheil. 4 Alle Dichter, welche ihren Stoff zu einſeitig aus der Gedankenwelt ſchöpfen und mehr durch eine innere Ideenfülle als durch den Drang der Empfindung zum poetiſchen Bilden getrieben werden, ſind mehr oder weniger in Gefahr, auf dieſen Abweg zu gerathen. Die Vernunft zieht bei ihren Schöpfungen die Gränzen der Sinnenwelt viel zu wenig zu Rath, und der Gedanke wird immer weiter getrieben, als die Erfahrung ihm folgen kann. Wird er aber ſo weit ge⸗ trieben, daß ihm nicht nur keine beſtimmte Erfahrung mehr entſprechen kann(denn bis dahin darf und muß das Ideal⸗ ſchöne gehen), ſondern daß er den Bedingungen aller mög⸗ lichen Erfahrung überhaupt widerſtreitet, und daß folglich, um ihn wirklich zu machen, die menſchliche Natur ganz und gar verlaſſen werden müßte, dann iſt es nicht mehr ein poe⸗ tiſcher, ſondern ein überſpannter Gedanke— vorausgeſetzt näm⸗ lich, daß er ſich als darſtellbar und dichteriſch angekündigt habe: denn hat er Dieſes nicht, ſo iſt es ſchon genug, wenn er ſich nur nicht ſelbſt widerſpricht. Widerſpricht er ſich ſelbſt, ſo iſt es nicht mehr Ueberſpannung, ſondern Unſinn: denn, was überhaupt nicht iſt, Das kann auch ſein Maß nicht über⸗ ſchreiten. Küͤndigt er ſich aber gar nicht als ein Object für die Einbildungskraft an, ſo iſt er eben ſo wenig Ueberſpannung: 256 denn das bloße Denken iſt gränzenlos, und, was keine Graͤnze hat, kann auch keine überſchreiten. Ueberſpannt kann alſo nur Dasjenige genannt werden, was zwar nicht die logiſche, aber die ſinnliche Wahrheit verletzt und auf dieſe doch Anſpruch macht. Wenn daher ein Dichter den unglücklichen Einfall hat, Naturen, die ſchlechthin uͤbermenſchlich ſind und auch nicht anders vorgeſtellt werden dürfen, zum Stoff ſeiner Schilderung zu erwählen, ſo kann er ſich vor dem Ueber⸗ ſpannten nur dadurch ſicher ſtellen, daß er das Poetiſche auf⸗ gibt und es gar nicht einmal unternimmt, ſeinen Gegenſtand durch die Einbildungskraft ausführen zu laſſen. Denn, thäͤte er Dieſes, ſo wurde entweder dieſe ihre Gränzen auf den Gegenſtand übertragen und aus einem abſoluten Object ein beſchränktes menſchliches machen(was z. B. alle griechiſche Gottheiten ſind und auch ſeyn ſollen), oder der Gegenſtand würde der Einbildungskraft ihre Gränzen nehmen, d. h., er würde ſie aufheben, worin eben das Ueberſpannte beſteht. Man muß die uͤberſpannte Empfindung von dem Ueber⸗ ſpannten in der Darſtellung unterſcheiden; nur von der Er⸗ ſten iſt hier die Rede. Das Object der Empfindung kann unnatürlich ſeyn, aber ſie ſelbſt iſt Natur und muß daher auch die Sprache derſelben führen. Wenn alſo das Ueber⸗ ſpannte in der Empfindung aus Wärme des Herzens und einer wahrhaft dichteriſchen Anlage fließen kann, ſo zeugt das Ueberſpannte in der Darſtellung jederzeit von einem kal⸗ ten Herzen und ſehr oft von einem poetiſchen Vermögen. Es iſt alſo kein Fehler, vor welchem das ſentimentaliſche Dichtergenie gewarnt werden müßte, ſondern, der bloß dem unbernfenen Nachahmer desſelben droht: daher er auch die Begleitung des Platten, Geiſtloſen, ja, des Niedrigen kei⸗ neswegs verſchmäaäht. Die überſpannte Empfindung iſt gar 257 nicht ohne Wahrhelt, und als wirkliche Empfindung muß ſie auch nothwendig einen realen Gegenſtand haben. Sie läßt daher auch, weil ſie Natur iſt, einen einfachen Ausdruck zu und wird vom Herzen kommend auch das Herz nicht verfeh⸗ len. Aber, da ihr Gegenſtand nicht aus der Natur geſchöpft, ſondern durch den Verſtand einſeitig und künſtlich hervorge⸗ bracht iſt, ſo hat er auch bloß logiſche Realität, und die Empfindung iſt alſo nicht rein menſchlich. Es iſt keine Täu⸗ ſchung, was Heloiſe für Abelard, was Petrarch für ſeine Laura, was St. Preux für ſeine Julie, was Werther für ſeine Lotte fühlt, und was Agathon, Phanias, Peregrinus Proteus(den Wielandſchen meine ich) für ihre Ideale em⸗ pfinden: die Empfindung iſt wahr, nur der Gegenſtand iſt ein gemachter und liegt außerhalb der menſchlichen Natur. Hätte ſich ihr Gefühl bloß an die ſinnliche Wahrheit der Gegenſtände gehalten, ſo wurde es jenen Schwung nicht ha⸗ ben nehmen können; hingegen würde ein bloß willkürliches Spiel der Fantaſie ohne allen innern Gehalt auch nicht im Stande geweſen ſeyn, das Herz zu bewegen, denn das Herz wird nur durch Vernunft bewegt. Dieſe Ueberſpannung ver⸗ dient alſo Zurechtweiſung, nicht Verachtung, und, wer darüber ſpottet, mag ſich wohl prufen, ob er nicht vielleicht aus Herzloſigkeit ſo klug, aus Vernunftmangel ſo verſtändig iſt. So iſt auch die überſpannte Zärtlichkeit im Punkt der Ga⸗ lanterie und der Ehre, welche die Ritterromane, beſonders die ſpaniſchen, charakteriſirt, ſo iſt die ſcrupulöſe, bis zur Koſtbarkeit getriebene Delicateſſe in den franzöſiſchen und engliſchen ſentimentaliſchen Romanen(von der beſten Gat⸗ tung) nicht nur ſubjectiv wahr, ſondern auch in objectiver Rückſicht nicht gehaltlos: es ſind echte Empfindungen, die wirklich eine moraliſche Quelle haben, und die nur darum Schillers ſammtl. Werke. XII. 17 258 verwerflich ſind, weil ſie die Gränzen menſchlicher Wahrheit uberſchreiten. Ohne jene moraliſche Realität— wie waͤre es möglich, daß ſie mit ſolcher Stärke und Innigkeit könnten mitgetheilt werden, wie doch die Erfahrung lehrt. Dasſelbe gilt auch von der moraliſchen und religiöſen Schwärmerei und von der exaltirten Freiheits⸗ und Vaterlandsliebe. Da die Gegenſtände dieſer Empfindungen immer Ideen ſind und in der äußern Erfahrung nicht erſcheinen(denn, was z. B. den politiſchen Enthuſiaſten bewegt, iſt nicht, was er ſieht, ſondern, was er denkt), ſo hat die ſelbſtthätige Einbildungs⸗ kraft eine gefäͤhrliche Freiheit und kann nicht, wie in andern Fällen, durch die ſinnliche Gegenwart ihres Objects in ihre Graͤnzen zurückgewieſen werden. Aber weder der Menſch üͤberhaupt noch der Dichter insbeſondere darf ſich der Geſetz⸗ gebung der Natur anders entziehen, als um ſich unter die entgegengeſetzte der Vernunft zu begeben; nur für das Ideal darf er die Wirklichkeit verlaſſen, denn an einem von dieſen beiden Ankern muß die Freiheit befeſtigt ſeyn. Aber der Weg von der Erfahrung zum Ideale iſt ſo weit, und dazwi⸗ ſchen liegt die Fantaſie mit ihrer zügelloſen Willkür. Es iſt daher unvermeidlich, daß der Menſch uüberhaupt, wie der Dichter insbeſondere, wenn er ſich durch die Freiheit ſeines Verſtandes aus der Herrſchaft der Gefühle begibt, ohne durch Geſetze der Vernunft dazu getrieben zu werden, d. h., wenn er die Natur aus bloßer Freiheit verläßt, ſo lang ohne Ge⸗ ſetz iſt, mithin der Fantaſterei zum Raube dahingegeben wird. Daß ſowohl ganze Voͤlker als einzelne Menſchen, welche der ſichern Fuͤhrung der Natur ſich entzogen haben, ſich wirk⸗ lich in dieſem Falle befinden, lehrt die Erfahrung, und eben dieſe ſtellt auch Beiſpiele genug von einer ahnlichen Verir⸗ rung in der Dichtkunſt auf. Weil der echte ſentimentaliſche 259 Dichtungstrieb, um ſich zum Idealen zu erheben, uͤber die Gränzen wirklicher Natur hinausgehen muß, ſo geht der un⸗ echte über jede Graͤnze überhaupt hinaus und uberredet ſich, als wenn ſchon das wilde Spiel der Imagination die poetiſche Begeiſterung ausmache. Dem wahrhaften Dichtergenie, wel⸗ ches die Wirklichkeit nur um der Idee willen verläßt, kann Dieſes nie oder doch nur in Momenten begegnen, wo es ſich ſelbſt verloren hat; da es hingegen durch ſeine Natur ſelbſt zu einer uüberſpannten Empfindungsweiſe verführt werden kann. Es kann aber durch ſein Beiſpiel Andere zur Fanta⸗ ſterei verführen, weil Leſer von reger Fantaſie und ſchwachem Verſtand ihm nur die Freiheiten abſehen, die es ſich gegen die wirkliche Natur herausnimmt, ohne ihm bis zu ſeiner hohen innern Nothwendigkeit folgen zu können. Es geht dem ſentimentaliſchen Genie hier, wie wir bei dem naiven geſehen haben. Weil dieſes durch ſeine Natur Alles ausfuͤhrte, was es thut, ſo will der gemeine Nachahmer an ſeiner eigenen Natur keine ſchlechtere Fuͤhrerin haben. Meiſterſtücke aus der naiven Gattung werden daher gewöhnlich die platteſten und ſchmutzigſten Abdrücke gemeiner Natur, und Hauptwerke aus der ſentimentaliſchen ein zahlreiches Heer fantaſtiſcher Productionen zu ihrem Gefolge haben, wie Dieſes in der Literatur eines jeden Volkes leichtlich nachzuweiſen iſt. Es ſind in Ruͤckſicht auf Poeſie zwei Grundſätze im Ge⸗ brauch, die an ſich völlig richtig ſind, aber in der Bedeutung, worin man ſie gewöhnlich nimmt, einander gerade aufheben. Von dem erſten,„daß die Dichtkunſt zum Vergnügen und zur Erholung diene,“ iſt ſchon oben geſagt worden, daß er der Leerheit und Platitude in poetiſchen Darſtellungen nicht wenig günſtig ſey; durch den andern Grundſatz,„daß ſie zur mora⸗ liſchen Veredlung des Menſchen diene,“ wird das Ueberſpannte 260 in Schutz genommen. Es iſt nicht uͤberfluͤſſig, beide Principien, welche man ſo haufig im Munde führt, oft ſo ganz unrichtig aus⸗ legt und ſo ungeſchickt anwendet, etwas näher zu beleuchten. Wir nennen Erholung den Uebergang von einem gewalt⸗ ſamen Zuſtand zu demjenigen, der uns natürlich iſt. Es kommt mithin hier Alles darauf an, worein wir unſern na⸗ türlichen Zuſtand ſetzen, und was wir unter einem gewaltſa⸗ men verſtehen. Setzen wir jenen lediglich in ein ungebun⸗ denes Spiel unſrer phyſiſchen Kräfte und in eine Befreiung von jedem Zwang, ſo iſt jede Vernunftthaͤtigkeit, weil jede einen Widerſtand gegen die Sinnlichkeit ausuübt, eine Gewalt, die uns geſchieht, und Geiſtesruhe, mit ſinnlicher Bewegung verbunden, iſt das eigentliche Ideal der Erholung. Setzen wir hingegen unſern natürlichen Zuſtand in ein unbegränztes Vermögen zu jeder menſchlichen Aeußerung und in die Faͤ⸗ higkeit, uͤber alle unſere Krafte mit gleicher Freiheit dispo⸗ niren zu können, ſo iſt jede Trennung und Vereinzelu ng dieſer Kräfte ein gewaltſamer Zuſtand, und das Ideal der Erholung iſt die Wiederherſtellung unſers Naturganzen nach einſeitigen Spannungen. Das erſte Ideal wird alſo lediglich durch das Bedürfniß der ſinnlichen Natur, das zweite wird durch die Selbſtthätigkeit der menſchlichen aufgegeben. Welche von dieſen beiden Arten der Erholung die Dichtkunſt gewähren dürfe und müſſe, möchte in der Theorie wohl keine Frage ſeyn: denn Niemand wird gern das Anſehn haben wollen, als ob er das Ideal der Menſchheit dem Ideale der Thierheit nachzuſetzen verſucht ſeyn könne. Nichts deſto we⸗ niger ſind die Forderungen, welche man im wirklichen Leben an poetiſche Werke zu machen pflegt, vorzugsweiſe von dem ſinnlichen Ideal hergenommen, und in den meiſten Fäͤllen wird nach dieſem— zwar nicht die Achtu ng beſtimmt, die 261 man dieſen Werken erweist, aber doch die Neigung ent⸗ ſchieden, und der Liebling gewaͤhlt. Der Geiſteszuſtand der mehrſten Menſchen iſt auf einer Seite anſpannende und erſchöpfende Arbeit, auf der andern erſchlaffender Genuß. Jene aber, wiſſen wir, macht das ſinnliche Bedürfniß nach Geiſtesruhe und nach einem Stillſtand des Wirkens ungleich dringender als das moraliſche Bedurfniß nach Harmonie und nach einer abſoluten Freiheit des Wirkens, weil vor allen Dingen erſt die Natur befriedigt ſeyn muß, ehe der Geiſt eine Forderung machen kann; dieſer bindet und lahmt die moraliſchen Triebe ſelbſt, welche jene Forderung aufwerfen mußten. Nichts iſt daher der Empfanglichkeit für das wahre Schöne nachtheiliger, als dieſe beiden nur allzugewöhnlichen Gemüthsſtimmungen unter den Menſchen, und es erklärt ſich daraus, warum ſo gar Wenige, ſelbſt von den Beſſern, in aͤſthetiſchen Dingen ein richtiges Urtheil haben. Die Schoͤnheit iſt das Product der Zuſammenſtimmung zwiſchen dem Geiſt und den Sinnen; es ſpricht zu allen Vermögen des Menſchen zugleich und kann daher nur unter der Vorausſetzung eines vollſtändigen und freien Gebrauchs aller ſeiner Krafte empfun⸗ den und gewürdiget werden. Einen offenen Sinn, ein er⸗ weitertes Herz, einen friſchen und ungeſchwachten Geiſt muß man dazu mitbringen, ſeine ganze Natur muß man beiſam⸗ men haben, welches keineswegs der Fall Derjenigen iſt, die durch abſtractes Denken in ſich ſelbſt getheilt, durch kleinliche Geſchäftsſormeln eingeengt, durch anſtrengendes Aufmerken ermattet ſind. Dieſe verlangen zwar nach einem ſinnlichen Stoff, aber nicht, um das Spiel der Denkkrafte daran fort⸗ zuſetzen, ſondern, um es einzuſtellen. Sie wollen frei ſeyn, aber nur von einer Laſt, die ihre Trägheit ermüdete, nicht von einer Schranke, die ihre Thatigkeit hemmte. 262 Darf man ſich alſo noch uͤber das Gluͤck der Mittel⸗ maͤßigkeit und Leerheit in äſthetiſchen Dingen und über die Rache der ſchwachen Geiſter an dem wahren und energiſchen Schönen verwundern? Auf Erholung rechneten ſie bei dieſem, aber auf eine Erholung nach ihrem Bedürfniß und nach ih⸗ rem armen Begriff, und mit Verdruß entdecken ſie, daß ihnen jetzt erſt eine Kraftäußerung zugemuthet wird, zu der ihnen auch in ihrem beſten Moment das Vermögen fehlen möchte. Dort hingegen ſind ſie willkommen, wie ſie ſind: denn, ſo wenig Kraft ſie auch mitbringen, ſo brauchen ſie doch noch viel weniger, um den Geiſt ihres Schriftſtellers auszuſchöpfen. Der Laſt des Denkens ſind ſie hier auf Einmal entledigt, und die losgeſpannte Natur darf ſich im ſeligen Genuß des Nichts auf dem weichen Polſter der Platitude pflegen. In dem Tempel Thaliens und Melpomenens, ſo wie er bei uns be⸗ ſtellt iſt, thront die geliebte Göttin, empfängt in ihrem wei⸗ ten Schoß den ſtumpfſinnigen Gelehrten und den erſchöpften Geſchäftsmann und wiegt den Geiſt in einen magnetiſchen Schlaf, indem ſie die erſtarrten Sinne erwarmt und die Ein⸗ bildungskraft in einer ſüßen Bewegung ſchaukelt. Und warum wollte man den gemeinen Koͤpfen nicht nach⸗ ſehen, was ſelbſt den beſten oft genug zu begegnen pflegt! Der Nachlaß, welchen die Natur nach jeder anhaltenden Spannung fordert und ſich auch ungefordert nimmt(und nur für ſolche Momente pflegt man den Genuß ſchöner Werke aufzuſparen), iſt der aſthetiſchen Urtheilskraft ſo wenig gün⸗ ſtig, daß unter den eigentlich beſchaftigten Klaſſen nur außerſt Wenige ſeyn werden, die in Sachen des Geſchmacks mit Sicherheit und, worauf hier ſo viel ankommt, mit Gleich⸗ förmigkeit urtheilen können. Nichts iſt gewöhnlicher, als daß ſich die Gelehrten, den gebildeten Weltleuten gegenüber, in 263 urtheilen uͤber die Schoͤnheit die laͤcherlichſten Blößen geben, und daß beſonders die Kunſtrichter von Handwerk der Spott aller Kenner ſind. Ihr verwahrlostes, bald überſpanntes, bald rohes Gefühl leitet ſie in den mehrſten Fällen falſch, und, wenn ſie auch zu Vertheidigung desſelben in der Theorie etwas aufgegriffen haben, ſo können wir daraus nur tech⸗ niſche(die Zweckmaßigkeit eines Werks betreffende), nicht aber äſthetiſche urtheile bilden, welche immer das Ganze umfaſſen müſſen, und bei denen alſo die Empfindung enk⸗ ſcheiden muß. Wenn ſie endlich nur gutwillig auf die Letztern Verzicht leiſten und es bei den Erſtern bewenden laſſen wollten, ſo moͤchten ſie immer noch Nutzen genug ſtiften, da der Dichter in ſeiner Begeiſterung und der empfindende Leſer im Moment des Genuſſes das Einzelne gar leicht vernachläſ⸗ ſigen. Ein deſto lächerlicheres Schauſpiel iſt es aber, wenn dieſe rohen Naturen, die es mit aller peinlicher Arbeit an ſich ſelbſt höchſtens zu Ausbildung einer einzelnen Fertigkeit bringen, ihr dürftiges Individuum zum Repräſentanten des allgemeinen Gefühls aufſtellen und im Schweiß ihres Ange⸗ ſichts— über das Schöne richten. Dem Begriff der Erholung, welche die Poeſie zu ge⸗ waͤhren habe, werden, wie wir geſehen, gewöhnlich viel zu enge Gränzen geſetzt, weil man ihn zu einſeitig auf das bloße Bedürfniß der Sinnlichkeit zu beziehen pflegt. Gerade umgekehrt wird dem Begriff der Veredlung, welche der Dichter beabſichtigen ſoll, gewoͤhnlich ein viel zu weiter Um⸗ fang gegeben, weil man ihn zu einſeitig nach der bloßen Idee beſtimmt. 5 Der Idee nach geht nämlich die Veredlung immer ins Unendliche, weil die Vernunft in ihren Forderungen ſich an die nothwendigen Schranken der Sinnenwelt nicht bindet und 264 nicht eher als bei dem abſolut Vollkommenen ſtille ſteht. Nichts, worüber ſich noch etwas Höheres denken laͤßt, kann ihr Genüge leiſten; vor ihrem ſtrengen Gerichte entſchuldigt kein Bedürfniß der endlichen Natur; ſie erkennt keine andere Gränzen an, als des Gedankens, und von dieſem wiſſen wir, daß er ſich über alle Gränzen der Zeit und des Raumes ſchwingt. Ein ſolches Ideal der Veredlung, welches die Vernunft in ihrer reinen Geſetzgebung vorzeichnet, darf ſich alſo der Dichter eben ſo wenig als jenes niedrige Ideal der Erholung, welches die Sinnlichkeit aufſtellt, zum Zwecke ſetzen, da er die Menſchheit zwar von allen zufälligen Schran⸗ ken befreien ſoll, aber ohne ihren Begriff aufzuheben und ihre nothwendigen Gränzen zu verrücken. Was er uber dieſe Linien heraus ſich erlaubt, iſt Ueberſpannung, und zu dieſer eben wird er nur allzuleicht durch einen falſch verſtandenen Begriff von Veredlung verleitet. Aber das Schlimme iſt, daß er ſich ſelbſt zu dem wahren Ideal menſchlicher Vered⸗ lung nicht wohl erheben kann, ohne noch einige Schritte über dasſelbe hinaus zu gerathen. Um nämlich dahin zu gelangen, muß er die Wirklichkeit verlaſſen, denn er kann es, wie jedes Ideal, nur aus innern und moraliſchen Quellen ſchoͤpfen. Nicht in der Welt, die ihn umgibt, und im Gerauſch des handelnden Lebens, in ſeinem Herzen nur trifft er es an, und nur in der Stille einſamer Betrachtung findet er ſein Herz. Aber dieſe Abgezogenheit vom Leben wird nicht immer bloß die zufaͤlligen— ſie wird öfters auch die nothwendigen und unüͤberwindlichen Schranken der Menſchheit aus ſeinen Augen rücken, und, indem er die reine Form ſucht, wird er in Gefahr ſeyn, allen Gehalt zu verlieren. Die Vernunft wird ihr Geſchaäft viel zu abgeſondert von der Erfahrung treiben, und, was der contemplative Geiſt auf dem ruhigen⸗ 265 Wege des Denkens aufgefunden, wird der handelnde Menſch auf dem drangvollen Wege des Lebens nicht in Erfüllung bringen konnen. So bringt gewöhnlich eben Das den Schwaͤrmer hervor, was allein im Stande war, den Weiſen zu bilden, und der Vorzug des Letztern moͤchte wohl weniger darin beſtehen, daß er das Erſte nicht geworden, als darin, daß er es nicht geblieben iſt. Da es alſo weder dem arbeitenden Theile der Menſchen üͤberlaſſen werden darf, den Begriff der Erholung nach ſei⸗ nem Bedürfniß, noch dem contemplativen Theile, den Be⸗ griff der Veredlung nach ſeinen Speculationen zu beſtimmen, wenn jener Begriff nicht zu phyſiſch und der Poeſie zu un⸗ würdig, dieſer nicht zu hyperphyſiſch und der Poeſie zu über⸗ ſchwänglich ausfallen ſoll— dieſe beiden Begriffe aber, wie die Erfahrung lehrt, das allgemeine Urtheil uͤber Poeſie und poetiſche Werke regieren, ſo müſſen wir uns, um ſie auslegen zu laſſen, nach einer Klaſſe von Menſchen umſehen, welche, ohne zu arbeiten, thätig iſt und idealiſiren kann, ohne zu ſchwarmen, welche alle Realitaten des Lebens mit den we⸗ nigſt⸗möglichen Schranken desſelben in ſich vereinigt und vom Strome der Begebenheiten getragen wird, ohne der Raub desſelben zu werden. Nur eine ſolche Klaſſe kann das ſchöne Ganze menſchlicher Natur, welches durch jede Arbeit augenblicklich und durch ein arbeitendes Leben anhaltend zer⸗ ſtört wird, aufbewahren und in Allem, was rein menſchlich iſt, durch ihre Gefühle dem allgemeinen Urtheil Geſetze geben. Ob eine ſolche Klaſſe wirklich exiſtire, oder, vielmehr, ob diejenige, welche unter ähnlichen außern Verhältniſſen wirklich exiſtirt, dieſem Begriffe auch im Innern entſpreche, iſt eine andere Frage, mit der ich hier nichts zu ſchaffen habe. Entſpricht ſie demſelben nicht, ſo hat ſie bloß ſich ſelbſt 266 anzuklagen, da die entgegengeſetzte arbeitende Klaſſe wenig⸗ ſtens die Genugthuung hat, ſich als ein Opfer ihres Berufs zu betrachten. In einer ſolchen Volksklaſſe(die ich aber hier. bloß als Idee aufſtelle und keineswegs als ein Factum be⸗ zeichnet haben will) würde ſich der naive Charakter mit dem ſentimentaliſchen alſo vereinigen, daß jeder den andern vor ſeinem Extreme bewahrte, und, indem der erſte das Gemüth vor Ueberſpannung ſchützte, der andere es vor Erſchlaffung ſicher ſtellte. Denn endlich müſſen wir es doch geſtehen, daß weder der naive noch der ſentimentaliſche Charakter, für ſich allein betrachtet, das Ideal ſchoͤner Menſchheit ganz er⸗ ſchöpfen, das nur aus der innigen Verbindung beider her⸗ dorgehen kann. Zwar, ſolange man beide Charaktere bis zum dichte⸗ riſchen exaltirt, wie wir ſie auch bisher betrachtet haben, verliert ſich Vieles von den ihnen adhaͤrirenden Schranken, und auch ihr Gegenſatz wird immer weniger merklich, in einem je höhern Grade ſie poetiſch werden: denn die poetiſche Stimmung iſt ein ſelbſtſtändiges Ganze, in welchem alle Unterſchiede und alle Mangel verſchwinden. Aber eben dar⸗ um, weil es nur der Begriff des Poetiſchen iſt, in welchem beide Empfindungsarten zuſammentreffen können, ſo wird ihre gegenſeitige Verſchiedenheit und Bedürftigkeit in demſelben Hrade merklicher, als ſie den poetiſchen Charakter ablegen; und Dies iſt der Fall im gemeinen Leben. Je tiefer ſie zu dieſem herabſteigen, deſto mehr verlieren ſie von ihrem gene⸗ riſchen Charakter, der ſie einander näher bringt, bis zuletzt in ihren Carricaturen nur der Artcharakter übrig bleibt, der ſie einander entgegenſetzt. Dieſes führt mich auf einen ſehr merkwürdigen pſycho⸗ logiſchen Antagonism unter den Menſchen in einem ſich 267 eultivirenden Jahrhundert: einen Antagonism, der, weil er radical und in der innern Gemuͤthsform gegründet iſt, eine ſchlimmere Trennung unter den Menſchen anrichtet, als der zufaͤllige Streit der Intereſſen je hervorbringen könnte, der dem Künſtler und Dichter alle Hoffnung benimmt, allgemein zu gefallen und zu rühren, was doch ſeine Aufgabe iſt; der es dem Philoſophen, auch wenn er Alles gethan hat, unmoͤg⸗ lich macht, allgemein zu überzeugen, was doch der Begriff einer Philoſophie mit ſich bringt; der es endlich dem Men⸗ ſchen im praktiſchen Leben niemals vergönnen wird, ſeine Handlungsweiſe allgemein gebilligt zu ſehen— kurz, einen Gegenſatz, welcher Schuld iſt, daß kein Werk des Geiſtes und keine Handlung des Herzens bei einer Klaſſe ein ent⸗ ſcheidendes Gluͤck machen kann, ohne eben dadurch bei der andern ſich einen Verdammungsſpruch zuzuziehen. Dieſer Gegenſatz iſt ohne Zweifel ſo alt, als der Anfang der Cul⸗ tur, und dürfte vor dem Ende derſelben ſchwerlich anders, als in einzelnen ſeltenen Subjecten, deren es hoffentlich im⸗ mer gab und immer geben wird, beigelegt werden; aber, ob⸗ gleich zu ſeinen Wirkungen auch dieſe gehört, daß er jeden Verſuch zu ſeiner Beilegung vereitelt, weil kein Theil dahin zu bringen iſt, einen Mangel auf ſeiner Seite und eine Realitaͤt auf der andern einzugeſtehen, ſo iſt es doch immer Gewinn genug, eine ſo wichtige Trennung bis zu ihrer letzten Quelle zu verfolgen und dadurch den eigentlichen Punkt des Streits wenigſtens auf eine einfachere Formel zu bringen. Man gelangt am Beſten zu dem wahren Begriff dieſes Gegenſatzes, wenn man, wie ich eben bemerkte, ſowohl von dem naiven als von dem ſentimentaliſchen Charakter abſondert, was beide Poetiſches haben. Es bleibt alsdann von dem Erſtern nichts übrig, als in Rüuckſicht auf das 268 Theoretiſche ein nüchterner Beobachtungsgeiſt und eine feſte Anhaͤnglichkeit an das gleichförmige Zeugniß der Sinne, in Rückſicht auf das Praktiſche eine reſignirte Unterwerfung unter die Nothwendigkeit(nicht aber unter die blinde Nöthigung) der Natur: eine Ergebung alſo in Das, was iſt, und was ſeyn muß. Es bleibt von dem ſentimentaliſchen Charakter nichts übrig, als im Theoretiſchen ein unruhiger Specula⸗ tionsgeiſt, der auf das Unbedingte in allen Erkenntniſſen dringt, im Praktiſchen ein moraliſcher Rigorism, der auf dem Unbedingten in Willenshandlungen beſteht. Wer ſich zu der erſten Klaſſe zaͤhlt, kann ein Realiſt, und, wer zur andern, ein Idealiſt genannt werden, bei welchen Namen man ſich aber weder an den guten noch ſchlimmen Sinn, den man in der Metaphyſik damit verbindet, erinnern darf.* Da der Realiſt durch die Nothwendigkeit der Natur ſich beſtimmen läßt, der Idealiſt durch die Nothwendigkeit der Vernunft ſich beſtimmt, ſo muß zwiſchen Beiden dasſelbe Verhältniß Statt finden, welches zwiſchen den Wirkungen der Natur und den Handlungen der Vernunft angetroffen * Ich bemerke, um jeder Mißdeutung vorzubeugen, daß es bei dieſer Eintheilung ganz und gar nicht darauf abgeſehen iſt, eine Wahl zwiſchen Beiden, folglich eine Beguͤnſtigung des Einen mit Ausſchließung des Andern zu veranlaſſen. Gerade dieſe Ausſchließung, welche ſich in der Erfahrung findet, bekaͤmpfe ich; und das Reſultat der gegenwaͤrtigen Betrachtungen wird der Beweis ſeyn, daß nur durch die vollkommen gleiche Einſchlieſ⸗ ſung Beider dem Vernunftbegriffe der Menſchheit kann Genuͤge geleiſtet werden. Uebrigens nehme ich Beide in ihrem wuͤrdigſten Sinn und in der ganzen Fuͤlle ihres Begriffs, der nur immer mit der Reinheit desſelben und mit Beibehaltung ihrer fpecifiſchen Unterſchiede beſtehen kann. Auch wird es ſich zeigen, daß ein hoher Grad menſchlicher Wahrheit ſich mit Veiden ver⸗ traͤgt, und daß ihre Abweichungen von einander zwar im Einzelnen, aber nicht im Ganzen, zwar der Form, aber nicht dem Gehalt nach eine Peraͤn⸗ derung machen. 269 wird. Die Natur, wiſſen wir, obgleich eine unendliche Groͤße im Ganzen, zeigt ſich in jeder einzelnen Wirkung abhaͤngig und bedürftig; nur in dem All ihrer Erſcheinungen drückt ſie einen ſelbſtſtändigen, großen Charakter aus. Alles Indi⸗ viduelle in ihr iſt nur deßwegen, weil etwas anderes iſt; nichts ſpringt aus ſich ſelbſt, Alles nur aus dem vorherge⸗ henden Moment hervor, um zu einem folgenden zu führen. Aber eben dieſe gegenſeitige Beziehung der Erſcheinungen auf einander ſichert einer jeden das Daſeyn durch das Daſeyn der andern, und von der Abhängigkeit ihrer Wirkungen iſt die Stetigkeit und Nothwendigkeit derſelben unzertrennlich. Nichts iſt frei in der Natur, aber auch nichts iſt willkürlich in derſelben. Und gerade ſo zeigt ſich der Realiſt, ſowohl in ſeinem Wiſſen als in ſeinem Thun. Auf Alles, was bedingungs⸗ weiſe exiſtirt, erſtreckt ſich der Kreis ſeines Wiſſens und Wirkens; aber nie bringt er es auch weiter als zu bedingten Erkenntniſſen, und die Regeln, die er ſich aus einzelnen Er⸗ fahrungen bildet, gelten, in ihrer ganzen Strenge genom⸗ men, auch nur einmal; erhebt er die Regel des Augenblicks zu einem allgemeinen Geſetz, ſo wird er ſich unausbleiblich in Irrthum ſtürzen. Will daher der Realiſt in ſeinem Wiſ⸗ ſen zu etwas Unbedingtem gelangen, ſo muß er es auf dem nämlichen Wege verſuchen, auf dem die Natur ein Unend⸗ liches wird, naͤmlich auf dem Wege des Ganzen und in dem All der Erfahrung. Da aber die Summe der Erfahrung nie voͤllig abgeſchloſſen wird, ſo iſt eine comparative Allgemein⸗ heit das Hoöchſte, was der Realiſt in ſeinem Wiſſen erreicht. Auf die Wiederkehr aͤhnlicher Fälle baut er ſeine Einſicht und wird daher richtig urtheilen in Allem, was in der Ordnung iſt; in Allem hingegen, was zum erſten Male ſich darſtellt, kehrt ſeine Weisheit zu ihrem Anfang zurück. 270 Was von dem Wiſſen des Realiſten gilt, das gilt auch von ſeinem(moraliſchen) Handeln. Sein Charakter hat Mo⸗ ralität, aber dieſe liegt, ihrem reinen Begriff nach, in kei⸗ ner einzelnen That, nur in der ganzen Summe ſeines Lebens. In jedem beſondern Fall wird er durch äußere Urſachen und durch aͤußere Zwecke beſtimmt werden; nur, daß jene Urſachen nicht zufällig, jene Zwecke nicht augenblicklich ſind, ſondern aus dem Naturganzen ſubjectiv fließen und auf dasſelbe ſich objectiv beziehen. Die Antriebe ſeines Willens ſind alſo zwar in rigoriſtiſchem Sinne weder frei genug, noch mora⸗ liſch lauter genug, weil ſie etwas Anderes als den bloßen Willen zu ihrer Urſache und etwas Anderes als das bloße Geſetz zu ihrem Gegenſtand haben; aber es ſind eben ſo we⸗ nig blinde und materialiſtiſche Antriebe, weil dieſes Andere das abſolute Ganze der Natur, folglich etwas Selbſtſtändiges und Nothwendiges iſt. So zeigt ſich der gemeine Menſchen⸗ verſtand, der vorzügliche Antheil des Realiſten, durchgängig im Denken und im Betragen. Aus dem einzelnen Falle ſchöpft er die Regel ſeines Urtheils, aus einer innern Em⸗ pfindung die Regel ſeines Thuns; aber mit glücklichem In⸗ ſtinkt weiß er von Beiden alles Momentane und Zufällige zu ſcheiden. Bei dieſer Methode fäaͤhrt er im Ganzen vor⸗ trefflich und wird ſchwerlich einen bedeutenden Fehler ſich vorzuwerfen haben; nur auf Größe und Wuͤrde moͤchte er in keinem beſondern Fall Anſpruch machen können. Dieſe iſt nur der Preis der Selbſtſtändigkeit und Freiheit, und davon ſehen wir in ſeinen einzelnen Handlungen zu wenige Spuren. Ganz anders verhalt es ſich mit dem Idealiſten, der aus ſich ſelbſt und aus der bloßen Vernunft ſeine Erkenntniſſe und Motive nimmt. Wenn die Natur in ihren einzelnen Wirkungen immer gabhaͤngig und deſchränkt erſcheint, ſo legt 271 die Vernunft den Charakter der Selbſtſtandigkeit und Voll⸗ endung gleich in jede einzelne Handlung. Aus ſich ſelbſt ſchöpft ſie Alles, und auf ſich ſelbſt bezieht ſie Alles. Was durch ſie geſchieht, geſchieht nur um ihretwillen; eine abſo⸗ lute Größe iſt jeder Begriff, den ſie aufſtellt, und jeder Entſchluß, den ſie beſtimmt. Und eben ſo zeigt ſich auch der Idealiſt, ſoweit er dieſen Namen mit Recht führt, in ſeinem Wiſſen, wie in ſeinem Thun. Nicht mit Erkenntniſſen zu⸗ frieden, die bloß unter beſtimmten Vorausſetzungen gultig ſind, ſucht er bis zu Wahrheiten zu dringen, die nichts mehr vorausſetzen und die Vorausſetzung von allem Andern ſind. Ihn befriedigt nur die philoſophiſche Einſicht, welche alles bedingte Wiſſen auf ein unbedingtes zurückführt und an dem Nothwendigen in dem menſchlichen Geiſt alle Erfahrung be⸗ feſtiget; die Dinge, denen der Realiſt ſein Denken unter⸗ wirft, muß er ſich, ſeinem Denkvermögen, unterwerfen. Und er verfährt hierin mit völliger Befugniß: denn, wenn die Geſetze des menſchlichen Geiſtes nicht auch zugleich die Welt⸗ geſetze wären, wenn die Vernunft endlich ſelbſt unter der Erfahrung ſtaͤnde, ſo wurde auch keine Erfahrung möglich ſeyn. Aber er kann es bis zu abſoluten Wahrheiten gebracht haben und dennoch in ſeinen Kenntniſſen dadurch nicht viel gefördert ſeyn. Denn Alles freilich ſteht zuletzt unter noth⸗ wendigen und allgemeinen Geſetzen, aber nach zufaͤlligen und beſondern Regeln wird jedes Einzelne regiert; und in der Natur iſt Alles einzeln. Er kann alſo mit ſeinem philoſo⸗ phiſchen Wiſſen das Ganze beherrſchen und für das Beſon⸗ dere, für die Ausubung, dadurch nichts gewonnen haben; ja, indem er überall auf die oberſten Gründe dringt, durch die Alles möglich wird, kann er die nächſten Gründe, durch die Alles wirklich wird, leicht verſäumen; indem er überall auf 272 das Allgemeine ſein Augenmerk richtet, welches die ver⸗ ſchiedenſten Fälle einander gleich macht, kann er leicht das Beſondere vernachläſſigen, wodurch ſie ſich von einander un⸗ terſcheiden. Er wird alſo ſehr viel mit ſeinem Wiſſen um⸗ faſſen können und eben vielleicht deßwegen wenig faſſen und oft an Einſicht verlieren, was er an Ueberſicht gewinnt. Daher kommt es, daß, wenn der ſpeculative Verſtand den gemeinen um ſeiner Beſchränktheit willen verachtet, der gemeine Verſtand den ſpeculativen ſeiner Leerheit wegen verlacht: denn die Erkenntniſſe verlieren immer an beſtimm⸗ tem Gehalt, was ſie an Umfang gewinnen. In der moraliſchen Beurtheilung wird man bei dem Idealiſten eine reinere Moralität im Einzelnen, aber weit weniger moraliſche Gleichförmigkeit im Ganzen finden. Da er nur inſofern Idealiſt heißt, als er aus reiner Vernunft ſeine Beſtimmungsgrunde nimmt, die Vernunft aber in jeder ihrer Aeußerungen ſich abſolut beweist, ſo tragen ſchon ſeine einzelnen Handlungen, ſobald ſie uͤberhaupt nur moraliſch ſind, den ganzen Charakter moraliſcher Selbſtthätigkeit und Frei⸗ heit; und, gibt es uͤberhaupt nur im wirklichen Leben eine wahrhaft ſittliche That, die es auch vor einem rigoriſtiſchen Urtheil bliebe, ſo kann ſie nur von dem Idealiſten ausge⸗ uͤbt werden. Aber, je reiner die Sittlichkeit ſeiner einzelnen Handlungen iſt, deſto zufäͤlliger iſt ſie auch: denn Stetigkeit und Nothwendigkeit iſt zwar der Charakter der Natur, aber nicht der Freiheit. Nicht zwar, als ob der Idealism mit der Sittlichkeit je in Streit gerathen könnte, welches ſich widerſpricht, ſondern, weil die menſchliche Natur eines conſequenten Idealism gar nicht faͤhig iſt. Wenn ſich der Regliſt, auch in ſeinem moraliſchen Handeln, einer phyſiſchen Nothwendigkeit ruhig und gleichförmig unterordnet, ſo muß 273 der Idealiſt einen Schwung nehmen, er muß augenblicklich ſeine Natur exaltiren, und er vermag nichts, als inſofern er begeiſtert iſt. Alsdann freilich vermag er auch deſto mehr, und ſein Betragen wird einen Charakter von Hoheit und Groͤße zeigen, den man in den Handlungen des Realiſten vergeblich ſucht. Aber das wirkliche Leben iſt keineswegs ge⸗ ſchickt, jene Begeiſterung in ihm zu wecken, und noch viel weniger, ſie gleichförmig zu naͤhren. Gegen das Abſolut⸗ große, von dem er jedesmal ausgeht, macht das Abſolutkleine des einzelnen Falles, auf den er es anzuwenden hat, einen gar zu ſtarken Abſatz. Weil ſein Wille, der Form nach, im⸗ mer auf das Ganze gerichtet iſt, ſo will er ihn, der Materie nach, nicht auf Bruchſtücke richten, und doch ſind es mehren⸗ theils nur geringfügige Leiſtungen, wodurch er ſeine mora⸗ liſche Geſinnung beweiſen kann. So geſchieht es denn nicht ſelten, daß er über dem unbegränzten Ideale den begränzten Fall der Anwendung überſieht und, von einem Maximum erfüllt, das Minimum verabſäumt, aus dem allein doch alles Große in der Wirklichkeit erwaͤchst. Will man alſo dem Realiſten Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſo muß man ihn nach dem ganzen Zuſammenhang ſeines Lebens richten; will man ſie dem Idealiſten erweiſen, ſo muß man ſich an einzelne Aeußerungen desſelben halten, aber man muß dieſe erſt herauswahlen. Das gemeine Ur⸗ theil, welches ſo gern nach dem Einzelnen entſcheidet, wird daher über den Realiſten gleichgültig ſchweigen, weil ſeine einzelnen Lebensakte gleich wenig Stoff zum Lob und zum Tadel geben; über den Idealiſten hingegen wird es immer Partei ergreifen und zwiſchen Verwerfung und Bewunderung ſich theilen, weil in dem Einzelnen ſein Mangel und ſeine Starke liegt. Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 18 274 Es iſt nicht zu vermeiden, daß bei einer ſo großen Ab⸗ weichung in den Principien beide Parteien in ihren urtheilen einander oft gerade entgegengeſetzt ſeyn und, wenn ſie ſelbſt in den Objecten und Reſultaten übereinträfen, nicht in den Gründen auseinander ſeyn ſollten. Der Realiſt wird fragen, wozu eine Sache gut ſey, und die Dinge nach Dem, was ſie werth ſind, zu taxiren wiſſen; der Idealiſt wird fra⸗ gen, ob ſie gut ſey, und die Dinge nach Dem taxiren, was ſie würdig ſind. Von Dem, was ſeinen Werth und Zweck in ſich hat(das Ganze jedoch immer ausgenommen), weiß und hält der Regliſt nicht viel; in Sachen des Geſchmacks wird er dem Vergnügen, in Sachen der Moral wird er der Gluͤckſeligkeit das Wort reden, wenn er dieſe gleich nicht zur Bedingung des ſittlichen Handelns macht; auch in ſeiner Re⸗ ligion vergißt er ſeinen Vortheil nicht gern, nur, daß er denſelben in dem Ideale des höchſten Guts veredelt und heiligt. Was er liebt, wird er zu beglücken, der Idealiſt wird es zu veredeln ſuchen. Wenn daher der Realiſt in ſeinen politiſchen Tendenzen den Wohlſtand bezweckt, ge⸗ ſetzt, daß es auch von der moraliſchen Selbſtſtändigkeit des Volks etwas koſten ſollte, ſo wird der Idealiſt, ſelbſt auf Ge⸗ fahr des Wohlſtandes, die Freiheit zu ſeinem Augenmerk machen. Unabhangigkeit des Zuſtandes iſt jenem, Unab⸗ häangigkeit von dem Zuſtande iſt dieſem das höchſte Ziel, und dieſer charakteriſtiſche Unterſchied läßt ſich durch ihr bei⸗ derſeitiges Denken und Handeln verfolgen. Daher wird der Realiſt ſeine Zuneigung immer dadurch beweiſen, daß er gibt, der Idealiſt dadurch, daß er empfängt; durch Das, was er in ſeiner Großmuth aufopfert, verräth Jeder, was er am Höchſten ſchatzt. Der Idealiſt wird die Mangel ſeines Syſtems mit ſeinem Individuum und mit ſeinem zeitlichen 275 Zuſtand bezahlen, aber er achtet dieſes Opfer nicht; der Regliſt büßt die Mäͤngel des ſeinigen mit ſeiner perſönlichen Würde, aber er erfährt nichts von dieſem Opfer. Sein Sy⸗ ſtem bewaͤhrt ſich an Allem, wovon er Kundſchaft hat, und wornach er ein Bedürfniß empfindet— was bekümmern ihn Güter, von denen er keine Ahnung, und an die er keinen Glauben hat? Genug für ihn, er iſt im Beſitze, die Erde iſt ſein, und es iſt Licht in ſeinem Verſtande, und Zufrie⸗ denheit wohnt in ſeiner Bruſt. Der Idealiſt hat lange kein ſo gutes Schickſal. Nicht genug, daß er oft mit dem Glücke zerfällt, weil er verſäumte, den Moment zu ſeinem Freunde zu machen, er zerfällt auch mit ſich ſelbſt; weder ſein Wiſſen noch ſein Handeln kann ihm Genüge thun. Was er von ſich fordert, iſt ein Unendliches, aber beſchränkt iſt Alles, was er leiſtet. Dieſe Strenge, die er gegen ſich ſelbſt beweist, ver⸗ leugnet er auch nicht in ſeinem Betragen gegen Andere. Er iſt zwar großmüthig, weil er ſich, Andern gegenüber, ſeines Individuums weniger erinnert; aber er iſt öͤfters unbillig, weil er das Individuum eben ſo leicht in Andern überſieht. Der Realiſt hingegen iſt weniger großmüthig; aber er iſt bil⸗ liger, da er alle Dinge mehr in ihrer Begränzung beur⸗ theilt. Das Gemeine, ja, ſelbſt das Niedrige im Denken und Handeln kann er verzeihen, nur das Willkürliche, das Excen⸗ triſche nicht; der Idealiſt hingegen iſt ein geſchworner Feind alles Kleinlichen und Platten und wird ſich ſelbſt mit dem Extravaganten und Ungeheuren verſöhnen, wenn es nur von inem großen Vermögen zeugt. Jener beweist ſich als Men⸗ ſchenfreund, ohne eben einen ſehr hohen Begriff von dem Menſchen und der Menſchheit zu haben; dieſer denkt von der Menſchheit ſo groß, daß er daruͤber in Gefahr kommt, die Menſchen zu verachten. 276 Der Realiſt fuͤr ſich allein würde den Kreis der Menſch⸗ heit nie uͤber die Graͤnzen der Sinnenwelt hinaus erweitert, nie den menſchlichen Geiſt mit ſeiner ſelbſtſtändigen Groͤße und Freiheit bekannt gemacht haben; alles Abſolute in der Menſchheit iſt ihm nur eine ſchöne Chimare, und der Glaube daran nicht viel beſſer als Schwarmerei, weil er den Men⸗ ſchen niemals in ſeinem reinen Vermögen, immer nur in einem beſtimmten und eben darum begraͤnzten Wirken er⸗ blickt. Aber der Idealiſt für ſich allein würde eben ſo wenig die ſinnlichen Kräfte cultivirt und den Menſchen als Natur⸗ weſen ausgebildet haben, welches doch ein gleich weſentlicher Theil ſeiner Beſtimmung und die Bedingung aller moraliſchen Veredlung iſt. Das Streben des Idealiſten geht viel zu ſehr über das ſinnliche Leben und über die Gegenwart hinaus; für das Ganze nur, für die Ewigkeit will er ſäen und pflan⸗ zen und vergißt darüber, daß das Ganze nur der vollendete Kreis des Individuellen, daß die Ewigkeit nur eine Summe von Augenblicken iſt. Die Welt, wie der Realiſt ſie um ſich herum bilden moͤchte und wirklich bildet, iſt ein wohlange⸗ legter Garten, worin Alles nützt, Alles ſeine Stelle verdient und, was nicht Fruüͤchte trägt, verbannt iſt; die Welt unter den Handen des Idealiſten iſt eine weniger benutzte, aber in einem größern Charakter ausgeführte Natur. Jenem faͤllt es nicht ein, daß der Menſch noch zu etwas Anderm da ſeyn könne, als wohl und zufrieden zu leben, und daß er nur deß⸗ wegen Wurzeln ſchlagen ſoll, um ſeinen Stamm in die Höhe zu treiben. Dieſer denkt nicht daran, daß er vor allen Dingen wohl leben muß, um gleichförmig gut und edel zu denken, und daß es auch um den Stamm gethan iſt, wenn die Wurzeln fehlen. Wenn in einem Syſtem etwas ausgelaſſen iſt, wornach doch ein dringendes und nicht zu umgehendes Bedürfniß in 277 der Natur ſich vorfindet, ſo iſt die Natur nur durch eine Inconſequenz gegen das Syſtem zu befriedigen. Einer ſolchen Inconſequenz machen auch hier beide Theile ſich ſchuldig, und ſie beweist, wenn es bis jetzt noch zweifelhaft geblieben ſeyn könnte, zugleich die Einſeitigkeit beider Syſteme und den reichen Gehalt der menſchlichen Natur. Von dem Idealiſten brauch' ich es nicht erſt insbeſondere darzuthun, daß er noth⸗ wendig aus ſeinem Syſtem treten muß, ſobald er eine be⸗ ſtimmte Wirkung bezweckt: denn alles beſtimmte Daſeyn ſteht unter zeitlichen Bedingungen und erfolgt nach empiriſchen Geſetzen. In Ruckſicht auf den Realiſten hingegen könnte es zweifelhaft erſcheinen, ob er nicht auch ſchon innerhalb ſeines Syſtems allen nothwendigen Forderungen der Menſchheit Ge⸗ nüge leiſten kann. Wenn man den Realiſten fragt: Warum thuſt du, was recht iſt, und leideſt, was nothwendig iſt? ſo wird er im Geiſt ſeines Syſtems darauf antworten: Weil es die Natur ſo mit ſich bringt, weil es ſo ſeyn muß. Aber damit iſt die Frage noch keinesweges beantwortet, denn es iſt nicht davon die Rede, was die Natur mit ſich bringt, ſondern, was der Menſch will: denn er kann ja auch nicht wollen, was ſeyn muß. Man kann ihn alſo wieder fragen: Warum willſt du denn, was ſeyn muß? Warum unterwirft ſich dein freier Wille dieſer Naturnothwendigkeit, da er ſich ihr eben ſo gut(wenn gleich ohne Erfolg, von dem hier auch gar nicht die Rede iſt) entgegenſetzen könnte und ſich in Millionen deiner Brüder derſelben wirklich entgegenſetzt? Du kannſt nicht ſa⸗ gen, weil alle andere Naturweſen ſich derſelben unterwerfen, denn du allein haſt einen Willen, ja, du fuͤhlſt, daß deine Unterwerfung eine freiwillige ſeyn ſoll. Du unterwirfſt dich alſo, wenn es freiwillig geſchieht, nicht der Naturnothwen⸗ digkeit ſelbſt, ſondern der Idee der elben: denn jene zwingt 278 dich bloß blind, wie ſie den Wurm zwingt; deinem Willen aber kann ſie nichts anhaben, da du, ſelbſt von ihr zermalmt, einen andern Willen haben kannſt. Woher bringſt du aber jene Idee der Naturnothwendigkeit? Aus der Erfahrung doch wohl nicht, die dir nur einzelne Naturwirkungen, aber keine Natur(als Ganzes) und nur einzelne Wirklichkeiten, aber keine Nothwendigkeit liefert. Du gehſt alſo uͤber die Natur hinaus und beſtimmſt dich idealiſtiſch, ſo oft du entweder moraliſch handeln oder nur nicht blind leiden willlſt. Es iſt alſo offenbar, daß der Realiſt würdiger handelt, als er ſeiner Theorie nach zugibt, ſo wie der Idealiſt erhabener denkt, als er handelt. Ohne es ſich ſelbſt zu geſtehen, be⸗ weist jener durch die ganze Haltung ſeines Lebens die Selbſt⸗ ſtändigkeit, dieſer durch einzelne Handlungen die Bedürftig⸗ keit der menſchlichen Natur. Einem aufmerkſamen und parteiloſen Leſer werde ich nach der hier gegebenen Schilderung(deren Wahrheit auch Derjenige eingeſtehen kann, der das Reſultat nicht annimmt) nicht erſt zu beweiſen brauchen, daß das Ideal menſchlicher Natur unter Beide vertheilt, von Keinem aber völlig erreicht iſt. Erfahrung und Vernunft haben beide ihre eigenen Ge⸗ rechtſame, und keine kann in das Gebiet der andern einen Eingriff thun, ohne entweder für den innern oder äußern Zuſtand des Menſchen ſchlimme Folgen anzurichten. Die Erfahrung allein kann uns lehren, was unter gewiſſen Be⸗ dingungen iſt, was unter beſtimmten Vorausſetzungen erfolgt, was zu beſtimmten Zwecken geſchehen muß. Die Vernunft allein kann uns hingegen lehren, was ohne alle Bedingung gilt, und was nothwendig ſeyn muß. Maßen wir uns nun an, mit unſerer bloßen Vernunft über das außere Daſeyn der Dinge etwas ausmachen zu wollen, ſo treiben wir bloß 279 ein leeres Spiel, und das Reſultat wird auf nichts hinaus⸗ laufen: denn alles Daſeyn ſteht unter Bedingungen, und die Vernunft beſtimmt unbedingt. Laſſen wir aber ein zufäͤlliges Ereigniß über Dasjenige entſcheiden, was ſchon der bloße Begriff unſers eignen Seyns mit ſich bringt, ſo machen wir uns ſelber zu einem leeren Spiele des Zufalls, und unſre Perſönlichkeit wird auf nichts hinauslaufen. In dem erſten Fall iſt es alſo um den Werth(den zeitlichen Gehalt) un⸗ ſers Lebens, in dem zweiten um die Würde(den moraliſchen Gehalt) unſers Lebens gethan. Zwar haben wir in der bisherigen Schilderung dem Realiſten einen moraliſchen Werth und dem Idealiſten einen Erfahrungsgehalt zugeſtanden, aber bloß, inſofern Beide nicht ganz conſequent verfahren, und die Natur in ihnen mächti⸗ ger wirkt, als das Syſtem. Obgleich aber Beide dem Ideal vollkommener Menſchheit nicht ganz entſprechen, ſo iſt zwi⸗ ſchen Beiden doch der wichtige Unterſchied, daß der Regliſt zwar dem Vernunftbegriff der Menſchheit in keinem einzel⸗ nen Falle Genüge leiſtet, dafür aber dem Verſtandesbegriff derſelben auch niemals widerſpricht, der Idealiſt hingegen zwar in einzelnen Faͤllen dem höchſten Begriff der Menſch⸗ heit naher kommt, dagegen aber nicht ſelten ſogar unter dem niedrigſten Begriffe derſelben bleibt. Nun kommt es aber in der Praris des Lebens weit mehr darauf an, daß das Ganze gleichförmig menſchlich gut, als, daß das Einzelne zufal⸗ lig göttlich ſey— und, wenn alſo der Idealiſt ein geſchick⸗ tes Subject iſt, uns von Dem, was der Menſchheit möglich iſt, einen großen Begriff zu erwecken und Achtung für ihre Beſtimmung einzuflößen, ſo kann nur der Realiſt ſie mit Stetigkeit in der Erfahrung ausfuͤhren und die Gattung in ihren ewigen Graͤnzen erhalten. Jener iſt zwar ein edleres, 280 aber ein ungleich weniger vollkommenes Weſen; dieſer er⸗ ſcheint zwar durchgaͤngig weniger edel, aber er iſt dagegen deſto vollkommener: denn das Edle liegt ſchon in dem Beweis eines großen Vermögens, aber das Vollkommene liegt in der Haltung des Ganzen und in der wirklichen That. Was von beiden Charakteren in ihrer beſten Bedeutung gilt, Das wird noch merklicher in ihren beiderſeitigen Car⸗ ricaturen. Der wahre Realism iſt wohlthätig in ſeinen Wirkungen und nur weniger edel in ſeiner Quelle; der fal⸗ ſche iſt in ſeiner Quelle veraͤchtlich und in ſeinen Wirkungen nur etwas weniger verderblich. Der wahre Realiſt nämlich unterwirft ſich zwar der Natur und ihrer Nothwendigkeit, aber der Natur als einem Ganzen, aber ihrer ewigen und abſoluten Nothwendigkeit, nicht ihren blinden und augenblick⸗ lichen Nöthigungen. Mit Freiheit umfaßt und befolgt er ihr Geſetz, und immer wird er das Individuelle dem Allge⸗ meinen unterordnen: daher kann es auch nicht fehlen, daß er mit dem echten Idealiſten in dem endlichen Refultat übereinkommen wird, wie verſchieden auch der Weg iſt, wel⸗ chen Beide dazu einſchlagen. Der gemeine Empiriker hinge⸗ gen unterwirft ſich der Natur als einer Macht und mit wahlloſer blinder Ergebung. Auf das Einzelne ſind ſeine Urtheile, ſeine Beſtrebungen beſchrankt; er glaubt und be⸗ greift nur, was er betaſtet; er ſchaͤtzt nur, was ihn ſinnlich verbeſſert. Er iſt daher auch weiter nichts, als was die äaußern Eindrücke zufallig aus ihm machen wollen; ſeine Selbſtheit iſt unterdrückt, und als Menſch hat er abſolut keinen Werth und keine Würde; aber als Sache iſt er noch immer erwas, er kann noch immer zu etwas gut ſeyn. Eben die Natur, der er ſich blindlings überliefert, laßt ihn nicht ganz ſinken; ihre ewigen Granzen ſchützen ihn, ihre 281 unerſchoͤpflichen Hulfsmittel retten ihn, ſobald er ſeine Frei⸗ heit nur ohne allen Vorbehalt aufgibt. Obgleich er in dieſem Zuſtand von keinen Geſetzen weiß, ſo walten dieſe doch unerkannt über ihm, und, wie ſehr auch ſeine einzelnen Be⸗ ſtrebungen mit dem Ganzen im Streit liegen mögen, ſo wird ſich dieſes doch unfehlbar dagegen zu behaupten wiſſen. Es gibt Menſchen genug, ja, wohl ganze Völker, die in dieſem verächtlichen Zuſtande leben, die bloß durch die Gnade des Naturgeſetzes, ohne alle Selbſtheit, beſtehen und daher auch nur zu etwas gut ſind; aber, daß ſie auch nur leben und beſtehen, beweist, daß dieſer Zuſtand nicht ganz gehaltlos iſt. Wenn dagegen ſchon der wahre Idealism in ſeinen Wir⸗ kungen unſicher und öfters gefährlich iſt, ſo iſt der falſche in den ſeinen ſchrecklich. Der wahre Idealiſt verläßt nur deßwegen die Natur und Erfahrung, weil er hier das Un⸗ wandelbare und unbedingt Nothwendige nicht findet, wornach ie Vernunft ihn noch ſtreben heißt; der Fantaſt verläßt die Natur aus bloßer Willkür, um dem Eigenſinne der Begfer⸗ den und den Launen der Einbildungskraft deſto ungebunde⸗ ner nachgeben zu können. Nicht in die Unabhängigkeit von phyſiſchen Noͤthigungen, in die Losſprechung von moraliſchen ſetzt er ſeine Freiheit. Der Fantaſt verleugnet alſo nicht bloß den menſchlichen— er verläugnet allen Charakter, er iſt völlig ohne Geſetz, er iſt alſo gar nichts und dient auch zu gar nichts. Aber eben darum, weil die Fantaſterei keine Aus⸗ ſchweifung der Natur, ſondern der Freiheit iſt, alſo aus einer an ſich achtungswürdigen Anlage entſpringt, die ins unendliche perfectibel iſt, ſo führt ſie auch zu einem unend⸗ lichen Fall in eine bodenloſe Tiefe und kann nur in einer völligen Zerſtörung ſich endigen. Ueber den moraliſchen Nutzen äſthetiſcher Sitten. Der Verfaſſer des Aufſatzes Uber die Gefahr aͤſthe tiſcher Sitten im eilften Stücke der Horen des Jahres 1795* hat eine Moralität mit Recht in Zweifel gezogen, welche bloß allein auf Schönheitgefühle gegründet wird und den Geſchmack allein zu ihrem Gewährsmanne hat. Aber auf das moraliſche Leben hat ein reges und reines Gefuͤhl für Schoͤnheit offenbar den glücklichſten Einfluß, und von dieſem werde ich hier handeln. Wenn ich dem Geſchmacke das Verdienſt zuſchreibe, zur Beförderung der Sittlichkeit beizutragen, ſo kann meine Meinung gar nicht ſeyn, daß der Antheil, den der gute Ge⸗ ſchmack an einer Handlung nimmt, dieſe Handlung zu einer ſittlichen machen könne. Das Sittliche darf nie einen an⸗ dern Grund haben, als ſich ſelbſt. Der Geſchmack kann die * Anmerkung des Herausgebers. Der hier erwaͤhnte Aufſatz iſt ein Theil jener Abhandlung, welche der Verfaſſer unter dem Titel: Ueber die nothwendigen Graͤnzen beim Gebrauche ſchoͤner For⸗ men(ſ. S. 13¹), der Sammlung ſeiner kleinen proſaiſchen Schriften einruͤckte. 283 Moralität des Betragens begünſtigen, wie ich in dem gegenwaͤrtigen Verſuche zu erweiſen hoffe, aber er ſelbſt kann durch ſeinen Einfluß nie etwas Moraliſches erzeugen. Es iſt hier mit der innern und moraliſchen Freiheit ganz derſelbe Fall, wie mit der äußern phyſiſchen: frei in dem letztern Sinne handle ich nur alsdann, wenn ich, unab⸗ hängig von jedem fremden Einfluſſe, bloß meinem Willen folge. Aber die Möglichkeit, meinem eigenen Willen unein⸗ geſchränkt zu folgen, kann ich doch zuletzt einem von mir verſchiedenen Grunde zu danken haben, ſobald angenommen wird, daß der Letztere meinen Willen hätte einſchränken kön⸗ nen. Eben ſo kann ich die Möglichkeit, gut zu handeln, zu⸗ letzt doch einem von meiner Vernunft verſchiedenen Grunde zu danken haben, ſobald dieſer Letztere als eine Kraft gedacht wird, die meine Gemüthsfreiheit hätte einſchränken können. Wie man alſo gar wohl ſagen kann, daß ein Menſch von einem andern Freiheit erhalte, obgleich die Freiheit ſelbſt darin beſteht, daß man überhoben iſt, ſich nach Andern zu richten: eben ſo gut kann man ſagen, daß der Geſchmack zur Tugend verhelfe, obgleich die Tugend ſelbſt es ausdrücklich mit ſich bringt, daß man ſich dabei keiner fremden Huͤlfe bediene. Eine Handlung hört deßwegen gar nicht auf, frei zu heißen, weil glücklicher Weiſe Derjenige ſich ruhig verhält, der ſie hätte einſchränken können, ſobald wir nur wiſſen, daß der Handelnde dabei bloß ſeinem eigenen Willen folgte ohne Rückſicht auf einen fremden. Eben ſo verliert eine in⸗ nere Handlung deßwegen das Prädicat einer ſittlichen noch nicht, weil glücklicher Weiſe die Verſuchungen fehlen, die ſie hatten rückgängig machen können, ſobald wir nur anneh⸗ men, daß der Handelnde dabei bloß dem Ausſpruche ſeiner Vernunft mit Ausſchließung fremder Triebfedern folgte. Die 284 Freiheit einer äußern Handlung beruht bloß auf ihrem un⸗ mittelbaren Urſprunge aus dem Willen der Per⸗ ſon, die Sittlichkeit einer innern Handlung bloß auf der unmittelbaren Beſtimmung des Willens durch das Geſetz der Vernunft. Es kann uns ſchwerer oder leichter werden, als freie Menſchen zu handeln, jenachdem wir auf Kräfte ſtoßen, die unſrer Freiheit entgegenwirken und bezwungen werden müſſen. Inſofern gibt es Grade der Freiheit. Unſere Freiheit iſt größer, ſichtbarer wenigſtens, wenn wir ſie bei noch ſo hef⸗ tigem Widerſtande feindſeliger Krafte behaupten; aber ſie hört darum nicht auf, wenn unſer Wille keinen Widerſtand findet, oder wenn eine fremde Gewalt ſich ins Mittel ſchlägt und dieſen Widerſtand ohne unſer Zuthun vernichtet. Eben ſo mit der Moralitat. Es kann uns mehr oder weniger Kampf koſten, unmittelbar der Vernunft zu gehor⸗ chen, jenachdem ſich Antriebe in uns regen, die ihren Vor⸗ ſchriften widerſtreiten, und die wir abweiſen müſſen. Inſofern gibt es Grade der Moralität. Unſere Moralität iſt größer, hervorſtechender wenigſtens, wenn wir, bei noch ſo großen Antrieben zum Gegentheil, unmittelbar der Vernunft gehor⸗ chen; aber ſie hört deßwegen nicht auf, wenn ſie keine An⸗ reizung zum Gegentheil findet, oder wenn etwas Anderes, als unſere Willenskraft, dieſe Aureizung entkräftet. Genug, wir handeln ſittlichgut, ſobald wir nur darum ſo handeln, weil es ſittlich iſt, und ohne uns erſt zu fragen, ob es auch angenehm iſt; geſetzt auch, es wäre eine Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß wir anders handeln würden, wenn es uns Schmerz machte oder ein Vergnügen entzöge. Zur Ehre der menſchlichen Natur laͤßt ſich annehmen, daß kein Menſch ſo tief ſinken kann, um das Böſe bloß 285 deßwegen, weil es boͤſe iſt, vorzuziehen, ſondern, daß Jeder ohne Unterſchied das Gute vorziehen würde, weil es das Gute iſt, wenn es nicht zufalliger Weiſe das Angenehme ausſchlöſſe oder das Unangenehme nach ſich zöge. Alle Un⸗ moralitaͤt in der Wirklichkeit ſcheint alſo aus der Colliſion des Guten mit dem Angenehmen oder, was auf Eins hinaus läuft, der Begierde mit der Vernunft zu entſpringen und einerſeits die Stärke der ſinnlichen Antriebe, andererſeits die Schwäche der moraliſchen Willenskraft zur Quelle zu haben. Moralitaͤt kann alſo auf zweierlei Weiſe befördert wer⸗ den, wie ſie auf zweierlei Weiſe gehindert wird. Entweder man muß die Partei der Vernunſt und die Kraft des guten Willens verſtärken, daß keine Verſuchung ihn überwältigen könne, oder man muß die Macht der Verſuchung brechen, damit auch die ſchwächere Vernunft und der ſchwachere gute Wille ihnen noch überlegen ſeyen. Zwar könnte es ſcheinen, als ob durch die letztere Ope⸗ ration die Moralität ſelbſt nichts gewänne, weil mit dem Willen, deſſen Beſchaffenheit doch allein eine Handlung mo⸗ raliſch macht, keine Veränderung dabei vorgeht. Das iſt aber auch in dem angenommenen Falle gar nicht noͤthig, wo man keinen ſchlimmen Willen, der veraͤndert werden mußte, nur einen guten, der ſchwach iſt, vorausſetzt. Und dieſer ſchwache gute Wille kommt auf dieſem Wege doch zur Wirkung, was vielleicht nicht geſchehen wäre, wenn ſtärkere Antriebe ihm entgegengearbeitet hatten. Wo aber ein guter Wille der Grund einer Handlung wird, da iſt wirklich Moralität vor⸗ handen. Ich trage alſo kein Bedenken, den Satz außzuſtellen, daß Dasjenige die Moralitat wahrhaft befoͤrdert, was den Widerſtand der Neigung gegen das Gute vernichtet. 286 Der natürliche innere Feind der Moralitäͤt iſt der ſinn⸗ liche Trieb, der, ſobald ihm ein Gegenſtand vorgehalten wird, nach Befriedigung ſtrebt und, ſobald die Vernunft etwas ihm Anſtoͤßiges gebietet, ihren Vorſchriften ſich entgegen⸗ ſetzt. Dieſer ſinnliche Trieb iſt ohne Aufhören geſchäftig, den Willen in ſein Intereſſe zu ziehen, der doch unter ſitt⸗ lichen Geſetzen ſteht und die Verbindlichkeit auf ſich hat, ſich .mit den Anſprüchen der Vernunft nie im Widerſpruche zu befinden. Der ſinnliche Trieb aber erkennt kein ſittliches Geſetz und will ſein Object durch den Willen realiſirt haben, was auch die Vernunft dazu ſprechen mag. Dieſe Tendenz unſrer Begehrungskraft, dem Willen unmittelbar und ohne alle Rückſicht auf höhere Geſetze zu gebieten, ſteht mit unſrer ſittlichen Beſtimmung im Streite und iſt der ſtaͤrkſte Gegner, den der Menſch in ſeinem moraliſchen Handeln zu bekämpfen hat. Nohen Gemüthern, denen es zugleich an moraliſcher und an aſthetiſcher Bildung fehlt, gibt die Begierde unmit⸗ telbar das Geſetz, und ſie handeln bloß, wie ihren Sinnen gelüſtet. Moraliſchen Gemüthern, denen aber die äſthetiſche Bildung fehlt, gibt die Vernunft unmittelbar das Geſetz, und es iſt bloß der Hinblick auf die Pflicht, wodurch ſie über Verſuchung ſiegen. In äſthetiſch verfeinerten Seelen iſt noch eine Inſtanz mehr, welche nicht ſelten die Tugend erſetzt, wo ſie mangelt, und da erleichtert, wo ſie iſt. Dieſe Inſtanz iſt der Geſchmack. Der Geſchmack fordert Maͤßigung und Anſtand, er ver⸗ abſcheut Alles, was eckig, was hart, was gewaltfam iſt, und neigt ſich zu Allem, was ſich leicht und harmoniſch zu⸗ ſammenfügt. Daß wir auch im Sturme der Empfindung die Stimme der Vernunft anhören und den rohen Ausbrüchen 287 der Natur eine Graͤnze ſetzen, Dies ſordert ſchon bekanntlich der gute Ton, der nichts Anderes iſt als ein aͤſthetiſches Geſetz, von jedem civiliſirten Menſchen. Dieſer Zwang, den ſich der civiliſirte Menſch bei Aeußerung ſeiner Gefühle auf⸗ legt, verſchafft ihm uͤber dieſe Gefühle ſelbſt einen Grad von Herrſchaft, erwirbt ihm wenigſtens eine Fertigkeit, den bloß leidenden Zuſtand ſeiner Seele durch einen Akt von Selbſtthatigkeit zu unterbrechen und den raſchen Uebergang der Gefuühle in Handlungen durch Reflexion aufzuhalten. Alles aber, was die blinde Gewalt der Affecte bricht, bringt zwar noch keine Tugend hervor(denn dieſe muß immer ihr eigenes Werk ſeyn), aber es macht dem Willen Raum, ſich zur Tugend zu wenden. Dieſer Sieg des Geſchmacks über den rohen Affect iſt aber ganz und gar keine ſittliche Hand⸗ lung, und die Freiheit, welche der Wille hier durch den Ge⸗ ſchmack gewinnt, noch ganz und gar keine moraliſche Freiheit. Der Geſchmack befreit das Gemüth bloß inſofern von dem Joche des Inſtinkts, als er es in ſeinen Feſſeln führt, und, indem er den erſten und offenbaren Feind der ſittlichen Frei⸗ heit entwaffnet, bleibt er ſelbſt nicht ſelten als der zweite noch übrig, der unter der Hülle des Freundes nur deſto gefährlicher ſeyn kann. Der Geſchmack nämlich regiert das Gemuͤth auch bloß durch den Reiz des Vergnügens— eines edlern Vergnügens freilich, weil die Vernunft ſeine Quelle iſt— aber, wo das Vergnügen den Willen beſtimmt, da iſt noch keine Moralität vorhanden. Etwas Großes iſt aber doch bei dieſer Einmiſchung des Geſchmacks in die Operationen des Willens gewonnen wor⸗ den. Alle jene materiellen Neigungen und rohen Begierden, die ſich der Ausübung des Guten oft ſo hartnaäckig und ſtür⸗ miſch entgegenſetzen, ſind durch den Geſchmack aus dem 288 Gemüthe verwieſen, und an ihrer Statt edlere und ſanftere Neigungen darin angepflanzt worden, die ſich auf Ordnung, Harmonie und Vollkommenheit beziehen und, wenn ſie gleich ſelbſt keine Tugenden ſind, doch ein Object mit der Tugend theilen. Wenn alſo jetzt die Begierde ſpricht, ſo muß ſie eine ſtrenge Muſterung vor dem Schoͤnheitsſinn aushalten; und, wenn jetzt die Vernunft ſpricht und Handlungen der Ordnung, Harmonie und Vollkommenlheit gebietet, ſo findet ſie nicht nur keinen Widerſtand, ſondern vielmehr die leb⸗ hafteſte Beiſtimmung von Seiten der Neigung. Wenn wir naͤmlich die verſchiedenen Formen durchlaufen, unter welchen ſich die Sittlichkeit äußern kann, ſo werden wir ſie alle auf dieſe zwei zuruͤckführen können. Entweder macht die Sinn⸗ lichkeit die Motion im Gemüthe, daß etwas geſchehe oder nicht geſchehe, und der Wille verfügt darüber nach dem Ver⸗ nunftgeſetze; oder die Vernunſt macht die Motion, und der Wille gehorcht ihr, ohne Anfrage bei den Sinnen. Die griechiſche Prinzeſſin Anna Komnena erzählt uns von einem gefangenen Rebellen, den ihr Vater Alexius, da er noch General ſeines Vorgängers war, den Auftrag gehabt habe nach Conſtantinopel zu escortiren. Unterwegs, als Beide allein zuſammen ritten, bekömmt Alexius Luſt, unter dem Schatten eines Baumes Halt zu machen und ſich da von der Sonnenhitze zu erholen. Bald übermannte ihn der Schlaf. Nur der Andere, dem die Furcht des ihn erwarten⸗ den Todes keine Ruhe ließ, blieb munter. Indem jener nun im tiefen Schlafe liegt, erblickt der Letztere des Alexius Schwert, das an einem Baumzweige aufgehangen iſt, und geräth in Verſuchung, ſich durch Ermordung ſeines Hüters in Freiheit zu ſetzen. Anna Komnena gibt zu verſtehen, daß ſie nicht wiſſe, was geſchehen ſeyn wuͤrde, wenn Alerlus 289 nicht glücklicher Weiſe ſich noch ermuntert haͤtte. Hier war nun ein moraliſcher Rechtshandel der erſten Gattung, wo der ſinnliche Trieb die erſte Stimme fuͤhrte, und die Ver⸗ nunft erſt darüber als Richterin erkannte. Hätte jener nun die Verſuchung aus bloßer Achtung für die Gerechtigkeit be⸗ ſiegt, ſo wäre kein Zweifel, daß er moraliſch gehandelt häͤtte. Al's der verewigte Herzog Leopold von Braunſchweig an den Ufern der reißenden Oder mit ſich zu Rathe ging, ob er ſich mit Gefahr ſeines Lebens dem ſtuͤrmiſchen Strome über⸗ laſſen ſollte, damit einige Unglückliche gerettet würden, die ohne ihn hülflos waren— und als er, ich ſetze dieſen Fall, einzig aus Bewußtſeyn dieſer Pflicht, in den Nachen ſprang, den kein Anderer beſteigen wollte, ſo iſt wohl Niemand, der ihm abſprechen wird, moraliſch gehandelt zu haben. Der Herzog befand ſich hier in dem entgegengeſetzten Falle von dem vorigen. Die Vorſtellung der Pflicht ging hier vorher, und dann erſt regte ſich der Erhaltungstrieb, die Vorſchrift der Vernunft zu bekämpfen. In beiden Fällen aber verhielt ſich der Wille auf dieſelbe Art: er folgte unmittelbar der Vernunft, daher ſind beide moraliſch. Ob aber beide Fälle es auch noch dann bleiben, wenn wir dem Geſchmacke darauf Einfluß geben? Geſetzt alſo, der Erſte, welcher verſucht wurde, eine ſchlimme Handlung zu begehen, und ſie aus Achtung für die Gerechtig⸗ keit unterließ, habe einen ſo gebildeten Geſchmack, daß alles Schandliche und Gewaltthatige ihm einen Abſcheu erweckt, den nichts überwinden kann, ſo wird in dem Augenblick, als der Er⸗ haltungstrieb auf etwas Schäͤndliches dringt, ſchon der bloße äſthetiſche Sinn es verwerfen— es wird alſo gar nicht einmal vor das moraliſche Forum, vor das Gewiſſen, kommen, ſondern ſchon in einer frühern Inſtanz fallen. Nun regiert aber der Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 19 290 aſthetiſche Sinn den Willen bloß durch Gefühle, nicht durch Geſetze. Jener Menſch verſagt ſich alſo das angenehme Gefühl des geretteten Lebens, weil er das widrige, eine Nieder⸗ trächtigkeit begangen zu haben, nicht ertragen kann. Das ganze Geſchäft wird alſo ſchon im Forum der Empfindung verhandelt, und das Betragen dieſes Menſchen, ſo legal es iſt, iſt moraliſch indifferent— eine bloße ſchöne Wirkung der Natur. Geſetzt nun, der Andere, dem ſeine Vernunft vorſchrieb, etwas zu thun, wogegen ſich der Naturtrieb empörte, habe gleichfalls einen ſo reizbaren Schönheitsſinn, den Alles, was groß und vollkommen iſt, entzückt, ſo wird in demſelben Augenblicke, als die Vernunft ihren Ausſpruch thut, auch die Sinnlichkeit zu ihr übertreten, und er wird Das mit Neigung thun, was er ohne dieſe zarte Empfindlichkeit für das Schöne gegen die Neigung hätte thun müſſen. Werden wir ihn aber deßwegen für minder vollkommen halten? Gewiß nicht: denn er handelt urſprünglich aus reiner Achtung für die Vorſchrift der Vernunft, und, daß er dieſe Vorſehrift mit Freuden befolgt, Das kann der ſittlichen Reinheit ſeiner That keinen Abbruch thun. Er iſt alſo moraliſch eben ſo vollkommen, phyſiſch hingegen iſt er bei Weitem voll⸗ kommener: denn er iſt ein weit zweckmaͤßigeres Subject für die Tugend. Der Geſchmack gibt alſo dem Gemüthe eine für die Tugend zweckmaͤßige Stimmung, weil er die Neigungen entfernt, die ſie hindern, und diejenigen erweckt, die ihr günſtig ſind. Der Geſchmack kann der wahren Tugend keinen Eintrag thun, wenn er gleich in allen den Fallen, wo der Naturtrieb die erſte Anregung macht, Dasjenige ſchon vor ſeinem Richterſtuhle abthut, worüber ſonſt das Gewiſſen hatte 291 erkennen müſſen, und alſo Urſache iſt, daß ſich unter den Handlungen Derer, die durch ihn regiert werden, weit mehr indifferente, als wahrhaft moraliſche befinden. Denn die Vortrefflichkeit der Menſchen beruht ganz und gar nicht auf der groͤßern Summe einzelner rigoriſtiſch⸗morali⸗ ſcher Handlungen, ſondern auf der größern Congruenz der ganzen Naturanlage mit dem moraliſchen Geſetze, und es gereicht einem Volke oder Zeitalter eben nicht ſo ſehr zur Empfehlung, wenn man in demſelben ſo oft von Moralität und einzelnen moraliſchen Thaten hoͤrt; vielmehr darf man hoffen, daß am Ende der Cultur, wenn ein ſolches ſich über⸗ haupt nur gedenken läßt, wenig mehr davon die Rede ſeyn werde. Der Geſchmack kann hingegen der wahren Tugend in allen den Fällen poſitiv nutzen, wo die Vernunft die erſte Anregung macht und in Gefahr iſt, von der ſtärkern Gewalt der Naturtriebe überſtimmt zu werden. In dieſen Fällen nämlich ſtimmt er unſre Sinnlichkeit zum Vortheile der Pflicht und macht alſo auch ein geringes Maß moraliſcher Willens⸗ kraft der Ausübung der Tugend gewachſen. Wenn nun der Geſchmack, als ſolcher, der wahren Mora⸗ lität in keinem Falle ſchadet, in mehrern aber offenbar nutzt, ſo muß der Umſtand ein großes Gewicht erhalten, daß er der Legalitat unſers Betragens im hoöͤchſten Grade beförderlich iſt. Geſetzt nun, daß die ſchöne Cultur ganz und gar nichts dazu beitragen könnte, uns beſſer geſinnt zu machen, ſo macht ſie uns wenigſtens geſchickt, auch ohne eine wahrhaft ſittliche Geſinnung alſo zu handeln, wie eine ſittliche Geſinnung es würde mit ſich gebracht haben. Nun kommt es zwar vor einem moraliſchen Forum ganz und gar nicht auf unſre Hand⸗ lungen an, als inſofern ſie ein Ausdruck unſrer Geſinnungen ſind; aber vor dem phyſiſchen Forum und im Plane der 29² Nakur kommt es, gerade umgekehrt, ganz und gar nicht auf unſre Geſinnungen an, als inſofern ſie Handlungen veran⸗ laſſen, durch die der Naturzweck befördert wird. Nun ſind aber beide Weltordnungen, die phyſiſche, worin Kräfte, und die moraliſche, worin Geſetze regieren, ſo genau auf einander berechnet und ſo innig mit einander verwebt, daß Handlungen, die ihrer Form nach moraliſch zweckmäßig ſind, durch ihren Inhalt zugleich eine phyſiſche Zweckmäßigkeit in ſich ſchließen; und, ſo wie das ganze Naturgebäude nur darum vorhanden zu ſeyn ſcheint, um den hoͤchſten aller Zwecke, der das Gute iſt, möglich zu machen, ſo läßt ſich das Gute wieder als ein Mittel gebrauchen, um das Naturgebäude aufrecht zu halten. Die Ordnung der Natur iſt alſo von der Sittlichkeit unſrer Geſinnungen abhängig gemacht, und wir können gegen die moraliſche Welt nicht verſtoßen, ohne zugleich in der phyſiſchen eine Verwirrung anzurichten. Wenn nun von der menſchlichen Natur, ſolange ſie menſchliche Natur bleibt, nie und nimmer zu erwarten iſt, daß ſie ohne Unterbrechung und Ruͤckfall gleichformig und be⸗ harrlich als reine Vernunft handle und nie gegen die ſittliche Ordnung anſtoße; wenn wir bei aller Ueberzeugung ſowohl von der Nothwendigkeit als von der Möglichkeit reiner Tu⸗ gend uns geſtehen müſſen, wie ſehr zufällig ihre wirkliche Ausübung iſt, und wie wenig wir auf die Unüberwindlichkeit unſrer beſſeren Grundſätze bauen dürfen; wenn wir uns bei dieſem Bewußtſeyn unſrer Unzuverläſſigkeit erinnern, daß das Gebaude der Natur durch jeden unſrer moraliſchen Fehl⸗ tritte leidet; wenn wir uns alles Dieſes ins Gedaͤchtniß rufen, ſo wuͤrde es die frevelhafteſte Verwegenheit ſeyn, das Beſte der Welt auf dieſes Ungefähr unſrer Tugend ankommen zu laſſen. Vielmehr erwaͤchst hieraus eine Verbindlichkeit für 293 uns, wenigſtens der phyſiſchen Weltordnung durch den In⸗ halt unſrer Handlungen Genüge zu leiſten, wenn wir es auch der moraliſchen durch die Form derſelben nicht recht machen ſollten, wenigſtens, als vollkommene Inſtrumente, dem Naturzwecke zu entrichten, was wir, als vollkommene Perſonen, der Vernunft ſchuldig bleiben, um nicht vor beiden Tribunalen zugleich mit Schande zu beſtehen. Wenn wir deß⸗ wegen, weil ſie ohne moraliſchen Werth iſt, fuͤr die Legalitat unſers Betragens keine Anſtalten treffen wollten, ſo koͤnnte ſich die Weltordnung daruͤber auflöſen, und, ehe wir mit unſern Grundſätzen fertig wuͤrden, alle Bande der Geſellſchaft zerriſſen ſeyn. Je zufalliger aber unſre Moralitäͤt iſt, deſto nothwendiger iſt es, Vorkehrungen für die Legalität zu treffen⸗ und eine leichtſinnige oder ſtolze Verſäumniß dieſer Letztern kann uns moraliſch zugerechnet werden. Eben ſo, wie der Wahnſinnige, der ſeinen nahenden Paroxismus ahnt, alle Meſſer entfernt und ſich freiwillig den Banden darbietet, um für die Verbrechen ſeines zerſtoͤrten Gehirus nicht im geſun⸗ den Zuſtande verantwortlich zu ſeyn: eben ſo ſind auch wir verpflichtet, uns durch Religion und durch äſthetiſche Geſetze zu binden, damit unſre Leidenſchaft in den Perio⸗ den ihrer Herrſchaft nicht die phyſiſche Ordnung verletze. Ich habe hier nicht ohne Abſicht Religion und Geſchmack in eine Klaſſe geſetzt, weil Beide das Verdienſt gemein haben, dem Effect, wenn gleich nicht dem innern Werthe nach, zu einem Surrogate der wahren Tugend zu dienen und die Legalitat da zu ſichern, wo die Moralitat nicht zu hoffen iſt. Obgleich Derjenige im Range der Geiſter unſtreitig eine hoͤhere Stelle bekleiden würde, der weder die Reize der Schönheit noch die Ausſichten auf eine Unſterblichkeit nöthig hätte, um ſich bei allen Vorfällen der Vernunft gemaß zu 294 vetragen, ſo noͤthigen doch die bekannten Schranken der Menſchheit ſelbſt den rigideſten Ethiker, von der Strenge ſeines Syſtems in der Anwendung etwas nachzulaſſen, ob er demſelben gleich in der Theorie nichts vergeben darf, und das Wohl des Menſchengeſchlechts, das durch unſere zufällige Tugend gar ubel beſorgt ſeyn wuͤrde, noch zur Sicherheit an den beiden ſtarken Ankern der Religion und des Geſchmacks zu befeſtigen. Ueber das Erhabene.* „Kein Menſch muß muͤſſen,“ ſagte der Jude Nathau zum Derwiſch, und dieſes Wort iſt in einem weiteren Um⸗ fange wahr, als man demſelben vielleicht einräumen moͤchte. Der Wille iſt der Geſchlechtscharakter des Menſchen, und die Vernunft ſelbſt iſt nur die ewige Regel desſelben. Vernünf⸗ tig handelt die ganze Natur; ſein Prärogativ iſt bloß, daß er mit Bewußtſeyn und Willen vernunftig handelt. Alle andere Dinge müſſen; der Menſch iſt das Weſen, welches will. Eben deßwegen iſt des Menſchen nichts ſo unwürdig, als Gewalt zu erleiden, denn Gewalt hebt ihn auf. Wer ſie uns anthut, macht uns nichts Geringeres als die Menſchheit ſtrei⸗ tig; wer ſie feiger Weiſe erleidet, wirft ſeine Menſchheit hin⸗ weg. Aber dieſer Anſpruch auf abſolute Befreiung von Allem, was Gewalt iſt, ſcheint ein Weſen vorauszuſetzen, welches Macht genug beſitzt, jede andere Macht von ſich abzutreiben. Findet er ſich in einem Weſen, welches im Reich der Kräfte nicht den oberſten Rang behauptet, ſo entſteht daraus ein *Anmerkung des Herausgebers. Dieſe Abhandlung erſchien zuerſt im III. Theile der Sammlung kleiner proſaiſcher Schriften(Leipzig bei Cruſius 180¹), ſ. die Anmerkung zur bereits oben gegebenen Abhand⸗ lung: Ueber das Pathetiſche, S. 596 im 11. Band. 296 unglücklicher Widerſpruch zwiſchen dem Trieb und dem Ver⸗ mögen. In dieſem Falle befindet ſich der Menſch. Umgeben von zahlloſen Kräften, die alle ihm überlegen ſind und den Mei⸗ ſter uͤber ihn ſpielen, macht er durch ſeine Natur Anſpruch, von keiner Gewalt zu erleiden. Durch ſeinen Verſtand zwar ſteigert er künſtlicher Weiſe ſeine natürlichen Kräfte, und bis auf einen gewiſſen Punkt gelingt es ihm virklich, phyſiſch uber alles Phyſiſche Herr zu werden. Gegen Alles, ſagt das Sprüchwort, gibt es Mittel, nur nicht gegen den Tod. Aber dieſe einzige Ausnahme, wenn ſie Das wirklich im ſtrengſten Sinne iſt, wuͤrde den ganzen Begriff des Menſchen aufheben. Nimmermehr kann er das Weſen ſeyn, welches will, wenn es auch nur einen Fall gibt, wo er ſchlechterdings muß, was er nicht will. Dieſes einzige Schreckliche, was er nur muß und nicht will, wird wie ein Geſpenſt ihn begleiten und ihn, wie auch wirklich bei den mehrſten Menſchen der Fall iſt, den blinden Schreckniſſen der Fantaſie zur Beute überliefern; ſeine gerühmte Freiheit iſt abſolut nichts, wenn er auch nur in einem einzigen Punkte gebunden iſt. Die Cultur ſoll den Menſchen in Freiheit ſetzen und ihm dazu behülflich ſeyn, ſeinen ganzen Begriff zu erfüllen. Sie ſoll ihn alſo fahig machen, ſeinen Willen zu behaupten: denn der Menſch iſt das Weſen, welches will. Dies iſt auf zweierlei Weiſe möglich: entweder reagli⸗ ſtiſch, wenn der Menſch der Gewalt Gewalt entgegenſetzt, wenn er als Natur die Natur beherrſcht; oder idealiſtiſch, wenn er aus der Natur heraustritt und ſo, in Ruͤckſicht auf ſich, den Begriff der Gewalt vernichtet. Was ihm zu dem Er⸗ ſten verhilft, heißt phyſiſche Eultur. Der Menſch bildet ſeinen Verſtand und ſeine ſinnlichen Kraͤfte aus, um die Naturkrafte, 297 nach ihren eigenen Geſetzen, entweder zu Werkzeugen ſeines Willens zu machen oder ſich vor ihren Wirkungen, die er nicht lenken kann, in Sicherheit zu ſetzen. Aber die Krafte der Natur laſſen ſich nur bis auf einen gewiſſen Punkt be⸗ herrſchen oder abwehren; uüber dieſen Punkt hinaus entziehen ſie ſich der Macht des Menſchen und unterwerfen ihn der ihrigen. Jetzt alſo waͤre es um ſeine Freiheit gethan, wenn er keiner andern als phyſiſchen Cultur fähig waͤre. Er ſoll aber ohne Ausnahme Menſch ſeyn, alſo in keinem Fall etwas gegen ſeinen Willen erleiden. Kann er alſo den phyſiſchen Kräften keine verhaͤltnißmäßige phyſiſche Kraft mehr entge⸗ genſetzen, ſo bleibt ihm, um keine Gewalt zu erleiden, nichts Anderes übrig, als: ein Verhaͤltniß, welches ihm ſo nach⸗ theilig iſt, ganz und gar aufzuheben und eine Gewalt, die er der That nach erleiden muß, dem Begriffe nach zu vernichten. Eine Gewalt dem Begriffe nach vernichten, heißt aber nichts Anderes, als ſich derſelben freiwillig unter⸗ werfen. Die Cultur, die ihn dazu geſchickt macht, heißt die moraliſche. Der moraliſch gebildete Menſch, und nur dieſer, iſt ganz frei. Entweder er iſt der Natur als Macht überlegen, oder er iſt einſtimmig mit derſelben. Nichts, was ſie an ihm ausübt, iſt Gewalt: denn, eh' es bis zu ihm kommt, iſt es ſchon ſeine eigene Handlung geworden, und die dyna⸗ miſche Natur erreicht ihn ſelbſt nie, weil er ſich von Allem, was ſie erreichen kann, freithatig ſcheidet. Dieſe Sinnesart aber, welche die Moral unter dein Vegriff der Reſignativn in die Nothwendigkeit und die Religion unter dem Begriff der Ergebung in den göttlichen Rathſchluß lehrt, erfordert, wenn ſie ein Werk der freien Wahl und Ueberlegung ſeyn 298 ſoll, ſchon eine größere Klarheit des Denkens und eine hoͤhere Energie des Willens, als dem Menſchen im handelnden Leben eigen zu ſeyn pflegt. Glücklicher Weiſe aber iſt nicht bloß in ſeiner rationalen Natur eine moraliſche Anlage, welche durch den Verſtand entwickelt werden kann, ſondern ſelbſt in ſeiner ſinnlich vernünftigen, d. h., menſchlichen Na⸗ tur eine äſthetiſche Tendenz dazu vorhanden, welche durch gewiſſe ſinnliche Gegenſtände geweckt und durch Lauterung ſeiner Gefühle zu dieſem idealiſtiſchen Schwung des Gemüths cultivirt werden kann. Von dieſer, ihrem Begriff und We⸗ ſen nach zwar idealiſtiſchen Anlage, die aber auch ſelbſt der Realiſt in ſeinem Leben deutlich genug an den Tag legt, obgleich er ſie in ſeinem Syſtem nicht zugibt,* werde ich gegenwaͤrtig handeln. Zwar reichen ſchon die entwickelten Gefühle für Schoͤn⸗ heit dazu hin, uns bis auf einen gewiſſen Grad von der Natur als einer Macht unabhaͤngig zu machen. Ein Gemüth, welches ſich ſo weit veredelt hat, um mehr von den Formen als dem Stoff der Dinge gerührt zu werden und, ohne alle Rückſicht auf Beſitz, aus der bloßen Reflexion über die Er⸗ ſcheinungsweiſe ein freies Wohlgefallen zu ſchöpfen, ein ſol⸗ ches Gemüth tragt in ſich ſelbſt eine innere unverlierbare Fülle des Lebens, und, weil es nicht nöthig hat, ſich die Gegenſtände zuzueignen, in denen es lebt, ſo iſt es auch nicht in Gefahr, derſelben beraubt zu werden. Aber endlich will doch auch der Schein einen Körper haben, an welchem er ſich zeigt, und, ſolange alſo ein Bedürfniß auch nur nach ſchönem Schein vorhanden iſt, bleibt ein Bedürfniß nach * Wie uͤberhaupt nichts wahrhaft idealiſtiſch heißen kann, als was der vollkommene Realiſt wirklich unbewußt ausuͤbt und nur durch eine Incon⸗ ſequenz leugnet. 299 dem Daſeyn von Gegenſtaͤnden uͤbrig, und unſre Zufrie⸗ denheit iſt folglich noch von der Natur als Macht abhaͤngig, welche über alles Daſeyn gebietet. Es iſt nämlich etwas ganz Anderes, ob wir ein Verlangen nach ſchönen und guten Ge⸗ genſtänden fuͤhlen, oder ob wir bloß verlangen, daß die vor⸗ handenen Gegenſtände ſchön und gut ſeyen. Das Letzte kann mit der höͤchſten Freiheit des Gemüths beſtehen, aber das Erſte nicht; daß das Vorhandene ſchoͤn und gut ſey, können wir fordern, daß das Schöne und Gute vorhanden ſey, bloß wünſchen. Diejenige Stimmung des Gemüths, welche gleich⸗ gültig iſt, ob das Schoöͤne und Gute und Vollkommene exiſtire, aber mit rigoriſtiſcher Strenge verlangt, daß das Exiſtirende gut und ſchön und vollkommen ſey, heißt vorzugsweiſe groß und erhaben, weil ſie alle Realitäten des ſchoͤnen Charakters enthaͤlt, ohne ſeine Schranken zu theilen. Es iſt ein Kennzeichen guter und ſchöner, aber jederzeit ſchwacher Seelen, immer ungeduldig auf Eriſtenz ihrer mo⸗ raliſchen Ideale zu dringen und von den Hinderniſſen der⸗ ſelben ſchmerzlich geruͤhrt zu werden. Solche Menſchen ſetzen ſich in eine traurige Abhängigkeit von dem Zufall, und es iſt immer mit Sicherheit vorher zu ſagen, daß ſie der Ma⸗ terie in moraliſchen und aſthetiſchen Dingen zuviel einräumen und die höchſte Charakter⸗ und Geſchmacksprobe nicht beſtehen werden. Das moraliſch Fehlerhafte ſoll uns nicht Leiden und Schmerz einflößen, welches immer mehr von einem un⸗ befriedigten Bedürfniß als von einer unerfüllten Forderung zeugt. Dieſe muß einen rüſtigern Affect zum Begleiter haben und das Gemüth eher ſtaͤrken und in ſeiner Kraft befeſtigen, als kleinmüthig und unglücklich machen. Zwei Genien ſind es, die uns die Natur zu Begleitern durchs Leben gab. Der eine, geſellig und hold, verkürzt uns 300 durch ſein muntekes Spiel die mühevolle Reiſe, macht uns die Feſſeln der Nothwendigkeit leicht und führt uns unter Freude und Scherz bis an die gefaͤhrlichen Stellen, wo wir als reine Geiſter handeln und alles Körperliche ablegen müſſen, bis zur Erkenntniß der Wahrheit und zur Ausubung der Pflicht. Hier verlaßt er uns, denn nur die Sinnenwelt iſt ſein Gebiet; über dieſe hinaus kann ihn ſein irdiſcher Flu⸗ gel nicht tragen. Aber jetzt tritt der andere hinzu, ernſt und ſchweigend, und mit ſtarkem Arm trägt er uns über die ſchwindlige Tiefe. In dem erſten dieſer Genien erkennt man das Gefuͤhl des Schönen, in dem zweiten das Gefühl des Erhabenen. Zwar iſt ſchon das Schöne ein Ausdruck der Freiheit, aber nicht derjenigen, welche uns über die Macht der Natur er⸗ hebt und von allem körperlichen Einfluß entbindet, ſondern derjenigen, welche wir innerhalb der Natur als Menſchen genießen. Wir fühlen uns frei bei der Schönheit, weil die ſinnlichen Triebe mit dem Geſetz der Vernunft harmoniren; wir fuͤhlen uns frei beim Erhabenen, weil die ſinnlichen Triebe auf die Geſetzgebung der Vernunft keinen Einfluß ha⸗ ben, weil der Geiſt hier handelt, als ob er unter keinen an⸗ dern als ſeinen eigenen Geſetzen ſtande. Das Gefuhl des Erhabenen iſt ein gemiſchtes Gefuhl. Es iſt eine Zuſammenſetzung von Wehſeyn, das ſich in ſeinem höchſten Grad als ein Schauer äußert, und von Froh⸗ ſeyn, das bis zum Entzücken ſteigen kann und, ob es gleich nicht eigentlich Luſt iſt, von feinen Seelen aller Luſt doch weit vorgezogen wird. Dieſe Verbindung zweier widerſpre⸗ chender Empfindungen in einem einzigen Gefühl beweist unſere moraliſche Selbſtſtaͤndigkeit auf eine unwiderlegliche Weiſe. Denn, da es abſolut unmöglich iſt, daß der namliche 301 Gegenſtand in zwei entgegengeſetzten Verhaͤltniſſen zu uns ſtehe, ſo folgt daraus, daß wir ſelbſt in zwei verſchiedenen Verhäͤltniſſen zu dem Gegenſtand ſtehen, daß folglich zwei entgegengeſetzte Naturen in uns vereinigt ſeyn müſſen, welche bei Vorſtellung desſelben auf ganz entgegengeſetzte Art in⸗ tereſſirt ſind. Wir erfahren alſo durch das Gefühl des Erha⸗ benen, daß ſich der Zuſtand unſers Geiſtes nicht nothwendig nach dem Zuſtand des Sinnes richtet, daß die Geſetze der Natur nicht nothwendig auch die unfrigen ſind, und daß wir ein ſelbſtſtändiges Principium in uns haben, welches von allen ſinnlichen Rührungen unabhaͤngig iſt. Der erhabene Gegenſtand iſt von doppelter Art. Wir bezie⸗ hen ihn entweder auf unſre Faſſungskraft und erliegen bei dem Verſuch, uns ein Bild oder einen Begriff von ihm zu bilden; oder wir beziehen ihn auf unſre Lebenskraft und betrachten ihn als eine Macht, gegen welche die unſrige in nichts verſchwindet. Aber, ob wir gleich in dem einen wie in dem andern Fall durch ſeine Veranlaſſung das peinliche Gefuͤhl unſerer Graͤnzen erhalten, ſo fliehen wir ihn doch nicht, ſondern werden vielmehr mit unwiderſtehlicher Gewalt von ihm angezogen. Würde Dieſes wohl möglich ſeyn, wenn die Graͤnzen unſrer Fantaſie zugleich die Gränzen unſrer Faſ⸗ ſungskraft wären? Würden wir wohl an die Allgewalt der Naturkräfte gern erinnert ſeyn wollen, wenn wir nicht noch etwas Anderes im Rüuckhalt hatten, als was ihnen zum Raube werden kann? Wir ergötzen uns an dem Sinnlich⸗ Unendlichen, weil wir denken können, was die Sinne nich mehr faſſen und der Verſtand nicht mehr begreift. Wir werden begeiſtert von dem Furchtbaren, weil wir wollen können, was die Triebe verabſcheuen, und verwerfen, was ſie begehren. Gern laſſen wir die Imagination im Reich der 30² Erſcheinungen ihren Meiſter finden, denn endlich iſt es doch nur eine ſinnliche Kraft, die über eine andere ſinnliche trium⸗ phirt, aber an das abſolut Große in uns ſelbſt kann die Natur in ihrer ganzen Gränzenloſigkeit nicht reichen. Gern unter⸗ werfen wir der phyſiſchen Nothwendigkeit unſer Wohlſeyn und unſer Daſeyn: denn Das erinnert uns eben, daß ſie über unſre Grundſäͤtze nicht zu gebieten hat. Der Menſch iſt in ihrer Hand, aber des Menſchen Wille iſt in der ſeinigen. Und ſo hat die Natur ſogar ein ſinnliches Mittel ange⸗ wendet, uns zu lehren, daß wir mehr als bloß ſinnlich ſind: ſo wußte ſie ſelbſt Empfindungen dazu zu benutzen, und der Entdeckung auf die Spur zu führen, daß wir der Gewalt der Empfindungen nichts weniger als ſklaviſch unterworfen ſind. Und Dies iſt eine ganz andere Wirkung, als durch das Schoͤne geleiſtet werden kann— durch das Schöne der Wirk⸗ lichkeit nämlich, denn im Idealſchönen muß ſich auch das Er⸗ habene verlieren. Bei dem Schönen ſtimmen Vernunft und Sinnlichkeit zuſammen, und nur um dieſer Zuſammenſtim⸗ mung willen hat es Reiz für uns. Durch die Schönheit al⸗ lein wuͤrden wir alſo ewig nie erfahren, daß wir beſtimmt und fähig ſind, uns als reine Intelligenzen zu beweiſen. Beim Erhabenen hingegen ſtimmen Vernunft und Sinnlich⸗ keit nicht zuſammen, und eben in dieſem Widerſpruch zwiſchen Beiden liegt der Zauber, womit es unſer Gemüth ergreift. Der phyſiſche und der moraliſche Menſch werden hier aufs Schaͤrfſte von einander geſchieden: denn gerade bei ſolchen Gegenſtaͤnden, wo der Erſte nur ſeine Schranken empfindet, macht der Andere die Erfahrung ſeiner Kraft und wird durch eben Das unendlich erhoben, was den Andern zu Boden druͤckt. Ein Menſch, will ich annehmen, ſoll alle die Tugen⸗ den beſitzen, deren Vereinigung den ſchönen Charakter 303 ausmacht. Er ſoll in der Ausübung der Gerechtigkeit, Wohl⸗ thätigkeit, Mäßigkeit, Standhaftigkeit und Treue ſeine Wol⸗ luſt finden; alle Pflichten, deren Befolgung ihm die Umſtände nahe legen, ſollen ihm zum leichten Spiele werden, und das Glück ſoll ihm keine Handlung ſchwer machen, wozu nur immer ſein menſchenfreundliches Herz ihn auffordern mag. Wem wird dieſer ſchöne Einklang der natürlichen Triebe mit den Vorſchriften der Vernunft nicht entzückend ſeyn, und wer ſich enthalten können, einen ſolchen Menſchen zu lieben? Aber können wir uns wohl, bei aller Zuneigung zu demſel⸗ ben, verſichert halten, daß er wirklich ein Tugendhafter iſt, und daß es uberhaupt eine Tugend gibt? Wenn es dieſer Menſch auch bloß auf angenehme Empfindungen angelegt hätte, ſo koͤnnte er, ohne ein Thor zu ſeyn, ſchlechterdings nicht an⸗ ders handeln, und er müßte ſeinen eigenen Vortheil haſſen, wenn er laſterhaft ſeyn wollte. Es kann ſeyn, daß die Quelle ſeiner Handlungen rein iſt; aber Das muß er mit ſeinem eigenen Herzen ausmachen: wir ſehen nichts davon. Wir ſehen ihn nicht mehr thun, als auch der bloß kluge Mann. thun müßte, der das Vergnügen zu ſeinem Gott macht. Die Sinnenwelt alſo erklärt das ganze Phänomen ſeiner Tugend, und wir haben gar nicht nöthig, uns jenſeits derſelben nach einem Grund davon umzuſehen. Dieſer nämliche Menſch ſoll aber plötzlich in ein großes Unglück gerathen. Man ſoll ihn ſeiner Güter berauben, man ſoll ſeinen guten Namen zu Grund richten; Krankheiten ſollen ihn auf ein ſchmerzhaftes Lager werfen; Alle, die er liebt, ſoll der Tod ihm entreißen, Alle, denen er vertraut, ihn in der Noth verlaſſen. In dieſem Zuſtande ſuche man ihn wie⸗ der auf und fordere von dem Unglücklichen die Ausübung der naͤmlichen Tugenden, zu denen der Glückliche einſt ſo bereit 304 geweſen war. Findet man ihn in dieſem Stuck noch ganz als den Naͤmlichen, hat die Armuth ſeine Wohlthätigkeit, der Undank ſeine Dienſtfertigkeit, der Schmerz ſeine Gleich⸗ müthigkeit, eigenes Unglück ſeine Theilnehmung an frem⸗ dem Glücke nicht vermindert, bemerkt man die Verwandlung ſeiner Umſtände in ſeiner Geſtalt, aber nicht in ſeinem Be⸗ tragen, in der Materie, aber nicht in der Form ſeines Han⸗ delns— dann freilich reicht man mit keiner Erklarung aus dem Naturbegriff mehr aus(nach welchem es ſchlechter⸗ dings nothwendig iſt, daß das Gegenwartige als Wirkung ſich auf etwas Vergangenes als ſeine Urſache gründet), weil nichts widerſprechender ſeyn kann, als daß die Wirkung die⸗ ſelbe bleibe, wenn die Urſache ſich in ihr Gegentheil verwan⸗ delt hat. Man muß alſo jeder natuͤrlichen Erklarung entſa⸗ gen, muß es ganz und gar aufgeben, das Betragen aus dem Zuſtande abzuleiten, und den Grund des Erſtern aus der phyſiſchen Weltordnung heraus in eine ganz andere verlegen, welche die Vernunft zwar mit ihren Ideen erfliegen, der Verſtand aber mit ſeinen Begriffen nicht erfaſſen kann. Dieſe Entdeckung des abſoluten moraliſchen Vermögens, welches an keine Natur⸗Bedingung gebunden iſt, gibt dem wehmüthigen Gefühl, wovon wir beim Anblick eines ſolchen Menſchen er⸗ griffen werden, den ganz eigenen unausſprechlichen Reiz, den keine Luſt der Sinne, ſo veredelt ſie auch ſeyen, dem Erha⸗ benen ſtreitig machen kann. Das Erhabene verſchafft uns alſo einen Ausgang aus der ſinnlichen Welt, worin uns das Schöne gern immer gefangen halten möchte. Nicht allmählich(denn es gibt von der Abhan⸗ gigkeit keinen Uebergang zur Freiheit), ſondern plötzlich und durch eine Erſchütterung reißt es den ſelbſtſtändigen Geiſt agus dem Netze los, womit die verfeinerte Sinnlichkeit ihn 3⁰⁵ umſtrickte, und das um ſo feſter bindet, je durchſichtiger es geſponnen iſt. Wenn ſie durch den unmerklichen Einfluß cines weichlichen Geſchmacks auch noch ſo viel über die Men⸗ ſchen gewonnen hat, wenn es ihr gelungen iſt, ſich in der verführeriſchen Hüͤlle des geiſtigen Schönen in den innerſten Sitz der moraliſchen Geſetzgebung einzudrängen und dort die Heiligkeit der Maximen an ihrer Quelle zu vergiften, ſo iſt oft eine einzige erhabene Rührung genug, dieſes Gewebe des Betrugs zu zerreißen, dem gefeſſelten Geiſt ſeine ganze Schnellkraft auf Einmal zurückzugeben, ihm eine Revelation uͤber ſeine wahre Beſtimmung zu ertheilen und ein Gefühl ſeiner Würde, wenigſtens für den Moment, aufzunoͤthigen. Die Schönheit unter der Geſtalt der Göttin Kalypſo hat den tapfern Sohn des Ulyſſes bezaubert, und durch die Macht ihrer Reizungen hält ſie ihn lange Zeit auf ihrer Inſel gefangen. Lange glaubt er einer unſterblichen Gottheit zu huldigen, da er doch nur in den Armen der Wolluſt liegt; aber ein erhabener Eindruck ergreift ihn ploͤtzlich unter Men⸗ tors Geſtalt; er erinnert ſich ſeiner beſſern Beſtimmung, wirft ſich in die Wellen und iſt frei. Das Erhabene, wie das Schöne, iſt durch die ganze Natur verſchwenderiſch ausgegoſſen, und die Empfindungsfä⸗ higkeit für Beides in alle Menſchen gelegt; aber der Keim dazu entwickelt ſich ungleich, und durch die Kunſt muß ihm nachgeholfen werden. Schon der Zweck der Natur bringt es mit ſich, daß wir der Schönheit zuerſt entgegeneilen, wenn wir noch vor dem Erhabenen fliehen: denn die Schönheit iſt unſere Wärterin im kindiſchen Alter und ſoll uns ja aus dem rohen Naturſtand zur Verfeinerung führen. Aber, ob ſie gleich unſre erſte Liebe iſt, und unſre Empfindungsfahigkeit für dieſelbe zuerſt ſich entfaltet, ſo hat die Natur doch dafür Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 20 306 geſorgt, daß ſie langſamer reif wird und zu ihrer völligen Entwickelung erſt die Ausbildung des Verſtandes und Herzens abwartet. Erreichte der Geſchmack ſeine völlige Reife, ehe Wahrheit und Sittlichkeit auf einen beſſern Weg, als durch ihn geſchehen kann, in unſer Herz gepflanzt waren, ſo würde die Sinnenwelt ewig die Gränze unſrer Beſtrebungen bleiben. Wir würden weder in unſern Begriffen, noch in unſern Ge⸗ ſinnungen über ſie hinausgehen, und, was die Einbildungs⸗ kraft nicht darſtellen kann, würde auch keine Realitat für uns haben. Aber glücklicher Weiſe liegt es ſchon in der Einrich⸗ tung der Natur, daß der Geſchmack, obgleich er zuerſt blüht, doch zuletzt unter allen Faͤhigkeiten des Gemuths ſeine Zeiti⸗ gung erhaͤlt. In dieſer Zwiſchenzeit wird Friſt genug gewon⸗ nen, einen Reichthum von Begriffen in dem Kopf und einen Schatz von Grundſaͤtzen in der Bruſt anzupflanzen und dann beſonders auch die Empfindungsfähigkeit für das Große und Erhabene aus der Vernunft zu entwickeln. Solange der Menſch bloß Sklave der phyſiſchen Noth⸗ wendigkeit war, aus dem engen Kreis der Bedürfniſſe noch keinen Ausgang gefunden hatte und die hohe damoniſche Freiheit in ſeiner Bruſt noch nicht ahnte, ſo konnte ihn die unfaßbare Natur nur an die Schranken ſeiner Vorſtellungs⸗ kraft, und die verderbende Natur nur an ſeine phyſiſche Unmacht erinnern. Er mußte alſo die Erſte mit Kleinmuth vorübergehen und ſich von der Andern mit Entſetzen abwenden. Kaum aber macht ihm die freie Betrachtung gegen den blin⸗ den Andrang der Naturkraͤfte Raum, und kaum entdeckt er in dieſer Flut von Erſcheinungen etwas Bleibendes in ſeinem eignen Weſen, ſo fangen die wilden Naturmaſſen um ihn herum an, eine ganz andere Sprache zu ſeinem Herzen zu reden; und das relatiy Große außer ihm iſt der Spiegel, 307 worin er das abſolut Große in ihm ſelbſt erblickt. Furchtlos und mit ſchauerlicher Luſt nähert er ſich jetzt dieſen Schreck⸗ bildern ſeiner Einbildungskraft und bietet abſichtlich die ganze Kraft dieſes Vermögens auf, das Sinnlich⸗Unendliche darzu⸗ ſtellen, um, wenn es bei dieſem Verſuche dennoch erliegt, die Ueberlegenheit ſeiner Ideen üͤber das Höchſte, was die Sinn⸗ lichkeit leiſten kann, deſto lebhafter zu empfinden. Der An⸗ blick unbegranzter Fernen und unabſehbarer Höhen, der weite Ocean zu ſeinen Füßen und der größere Ocean über ihm entreißen ſeinen Geiſt der engen Sphare des Wirklichen und der drückenden Gefangenſchaft des phyſiſchen Lebens. Ein größerer Maßſtab der Schaͤtzung wird ihm von der ſimpeln Majeſtät der Natur vorgehalten, und, von ihren großen Geſtalten umgeben, erträgt er das Kleine in ſeiner Denkart nicht mehr. Wer weiß, wie manchen Lichtgedanken oder Hel⸗ denentſchluß, den kein Studirkerker und kein Geſellſchaftsſaal zur Welt gebracht haben möchte, nicht ſchon dieſer muthige Streit des Gemüths mit dem großen Naturgeiſt auf einem Spaziergang gebar; wer weiß, ob es nicht dem ſeltenern Ver⸗ kehr mit dieſem großen Genius zum Theil zuzuſchreiben iſt, daß der Charakter der Städter ſich ſo gern zum Kleinlichen wendet, verkrüppelt und welkt, wenn der Sinn des Nomaden offen und frei bleibt, wie das Firmament, unter dem er ſich lagert. Aber nicht bloß das Unerreichbare für die Einbildungs⸗ kraft, das Erhabene der Quantität, auch das Unfaßbare für den Verſtand, die Verwirrung, kann, ſobald ſie ins Große geht und ſich als Werk der Natur ankündigt(denn ſonſt iſt ſie verächtlich), zu einer Darſtellung des Ueberſinnlichen dienen und dem Gemüth einen Schwung geben. Wer verweilt nicht lieber bei der geiſtreichen Unordnung einer natürlichen Land⸗ ſchaft, als bei der geiſtloſen Regelmaͤßigkeit eines franzoſiſchen 308 Gartens? Wer beſtaunt nicht lieber den wunderbaren Kampf zwiſchen Fruchtbarkeit und Zerſtorung in Siciliens Fluren, weidet ſein Auge nicht lieber an Schottlands wilden Kata⸗ rakten und Nebelgebirgen, Oſſians großer Natur, als daß er in dem ſchnurgerechten Holland den ſauren Sieg der Geduld über das trotzigſte der Elemente bewundert? Niemand wird leugnen, daß in Bataviens Triften für den phyſiſchen Men⸗ iſchen beſſer geſorgt iſt, als unter dem tückiſchen Krater des Aetna, und daß der Verſtand, der begreifen und ordnen will, bei einem regulären Wirthſchaftsgarten weit mehr als bei einer wilden Naturlandſchaft ſeine Rechnung findet. Aber der Menſch hat noch ein Bedürfniß mehr, als zu leben und ſich wohl ſeyn zu laſſen, und auch noch eine andere Beſtimmung, als die Erſcheinungen um ihn herum zu begreifen. Was dem Reiſenden von Empfindung die wilde Bizar⸗ rerie in der phyſiſchen Schöpfung ſo anziehend macht, eben Das eröffnet einem begeiſterungsfähigen Gemüth, ſelbſt in der bedenklichen Anarchie der moraliſchen Welt, die Quelle eines ganz eigenen Vergnügens. Wer freilich die große Haus⸗ haltung der Natur mit der dürftigen Fackel des Verſtan⸗ des beleuchtet und immer nur darauf ausgeht, ihre küͤhne Unordnung in Harmonie aufzulöſen, Der kann ſich in einer Welt nicht gefallen, wo mehr der tolle Zufall als ein weiſer Plan zu regieren ſcheint, und bei Weitem in den mehrſten Fäallen Verdienſt und Glück mit einander im Widerſpruche ſtehen. Er will haben, daß in dem großen Weltlaufe Alles wie in einer guten Wirthſchaft geordnet ſey, und, vermißt er, wie es nicht wohl anders ſeyn kann, dieſe Geſetzmaßigkeit, ſo bleibt ihm nichts Anderes übrig, als von einer künftigen Eriſtenz und von einer andern Natur die Befriedigung zu erwarten, die ihm die gegenwärtige und vergangene ſchuldig 309 bleibt. Wenn er es hingegen gutwillig aufgibt, dieſes geſetz⸗ loſe Chaos von Erſcheinungen unter eine Einheit der Er⸗ kenntniß bringen zu wollen, ſo gewinnt er von einer andern Seite reichlich, was er von dieſer verloren gibt. Gerade dieſer gänzliche Mangel einer Zweckverbindung unter dieſem Gedränge von Erſcheinungen, wodurch ſie für den Verſtand, der ſich an dieſe Verbindungsform halten muß, überſteigend und unbrauchbar werden, macht ſie zu einem deſto treffendern Sinnbild für die reine Vernunft, die in eben dieſer wilden ungebundenheit der Natur ihre eigene Unabhängigkeit von Naturbedingungen dargeſtellt findet. Denn, wenn man einer Reihe von Dingen alle Verbindung unter ſich nimmt ſo hat man den Begriff der Independenz, der mit dem reinen Ver⸗ nunftbegriff der Freiheit überraſchend zuſammenſtimmt. Unter dieſer Idee der Freiheit, welche ſie aus ihrem eigenen Mittel nimmt, faßt alſo die Vernunſt in eine Einheit des Gedan⸗ kens zuſammen, was der Verſtand in keine Einheit der Er⸗ kenntniß verbinden kann, unterwirft ſich durch dieſe Idee das unendliche Spiel der Erſcheinungen und behauptet alſo ihre Macht zugleich uͤber den Verſtand als ſinnlich bedingtes Ver⸗ mögen. Erinnert man ſich nun, welchen Werth es für ein Vernunftweſen haben muß, ſich ſeiner Independenz von Na⸗ turgeſetzen bewußt zu werden, ſo begreift man, wie es zugeht, daß Menſchen von erhabener Gemüthsſtimmung durch dieſe ihnen dargebotene Idee der Freiheit ſich fuür allen Fehlſchlag der Erkenntniß für entſchädigt halten können. Die Freiheit in allen ihren moraliſchen Widerſprüchen und phyſtſchen Uebeln iſt für edle Gemüther ein unendlich intereſſanteres Schau⸗ ſpiel, als Wohlſtand und Ordnung ohne Freiheit, wo die Schafe geduldig dem Hirten folgen, und der ſelbſtherrſchende Wille ſich zum dienſtbaren Glied eines Uhrwerks herabſetzt. 310 Das Letzte macht den Menſchen bloß zu einem geiſtreichen Product und glücklichen Buͤrger der Natur; die Freiheit macht ihn zum Bürger und Mitherrſcher eines höhern Sy⸗ ſtems, wo es unendlich ehrenvoller iſt, den unterſten Platz einzunehmen, als in der phyſiſchen Ordnung den Reihen an⸗ zuführen. Aus dieſem Geſichtspunkt betrachtet, und nur aus die⸗ ſem, iſt mir die Weltgeſchichte ein erhabenes Object. Die Welt, als hiſtoriſcher Gegenſtand, iſt im Grunde nichts An⸗ deres als der Conflict der Naturkräfte unter einander ſelbſt und mit der Freiheit des Menſchen, und den Erfolg dieſes Kampfs berichtet uns die Geſchichte. So weit die Geſchichte bis jetzt gekommen iſt, hat ſie von der Natur(zu der alle Affecke im Menſchen gezaͤhlt werden müſſen) weit größere Thaten zu erzählen, als von der ſelbſtſtändigen Vernunft, und dieſe hat bloß durch einzelne Ausnahmen vom Naturgeſetz in einem Cato, Ariſtides, Phocion und aͤhnlichen Maͤnnern ihre Macht behaupten können. Nahert man ſich nun der Geſchichte mit großen Erwartungen von Licht und Erkenntniß, wie ſehr findet man ſich da getaͤuſcht! Alle wohlgemeinte Verſuche der Philoſophie, Das, was die moraliſche Welt fordert, mit Dem, was die wirkliche leiſtet, in Uebereinſtimmung zu bringen, werden durch die Ausſagen der Erfahrungen wider⸗ legt, und, ſo gefällig die Natur in ihrem organiſchen Reich ſich nach den regulativen Grundſätzen der Beurthei⸗ lung richtet oder zu richten ſcheint, ſo unbändig reißt ſie im Reich der Freiheit den Zügel ab, woran der Speculations⸗ geiſt ſie gern gefangen führen möchte. Wie ganz anders, wenn man darauf reſignirt, ſie zu erklären, und dieſe ihre unbegreiflichkeit ſelbſt zum Stand⸗ punkt der Beurtheilung macht! Eben der Umſtand, daß die ———V——..—— 311 Natur, im Großen angeſehen, aller Regeln, die wir durch unſern Verſtand ihr vorſchreiben, ſpottet, daß ſie auf ihrem eigenwilligen freien Gang die Schöpfungen der Weisheit und des Zufalls mit gleicher Achtloſigkeit in den Staub tritt, daß ſie das Wichtige wie das Geringe, das Edle wie das Ge⸗ meine in einem Untergang mit ſich fortreißt, daß ſie hier eine Ameiſenwelt erhält, dort ihr herrlichſtes Geſchoͤpf, den Menſchen, in ihre Rieſenarme faßt und zerſchmettert, daß ſie ihre mühſamſten Erwerbungen oft in einer leichtſinnigen Stunde verſchwendet und an einem Werk der Thorheit oft Jahrhun⸗ derte lang baut— mit einem Wort— dieſer Abfall der Ratur im Großen von den Erkenntnißregeln, denen ſie in ihren einzelnen Erſcheinungen ſich unterwirft, macht die ab⸗ ſolute Unmäglichkeit ſichtbar, durch Naturgeſetze die Natur ſelbſt zu erklären und von ihrem Reiche gelten zu laſſen, was in ihrem Reiche gilt, und das Gemüth wird alſo unwiderſtehlich aus der Welt der Erſcheinungen heraus in die Ideenwelt, aus dem Bedingten ins Unbedingte getrieben. Noch viel weiter als die ſinnlich unendliche füͤhrt uns die furchtbare und zerſtörende Natur, ſolange wir nämlich bloß freie Betrachter derſelben bleiben. Der ſinnliche Menſch freilich und die Sinnlichkeit in dem vernünftigen fürchten nichts ſo ſehr, als mit dieſer Macht zu zerfallen, die über Wohlſeyn und Exiſtenz zu gebieten hat. Das höͤchſte Ideal, wornach wir ringen, iſt, mit der phyſiſchen Welt, als der Bewahrerin unſerer Glückſeligkeit, in gutem Vernehmen zu bleiben, ohne darum genöthigt zu ſeyn, mit der moraliſchen zu brechen, die unſre Wurde be⸗ ſtimmt. Nun geht es aber bekanntermaßen nicht immer an, beiden Herren zu dienen, und, wenn auch(ein faſt unmög⸗ licher Fall die Pflicht mit dem Bedürfniſſe nie in Streit 312 gerathen ſollte, ſo geht doch die Naturnothwendigkeit keinen Vertrag mit dem Menſchen ein, und weder ſeine Kraft noch ſeine Geſchicklichkeit kann ihn gegen die Tucke der Verhaͤng⸗ niſſe ſicher ſtellen. Wohl ihm alſo, wenn er gelernt hat, zu ertragen, was er nicht aͤndern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann! Fälle können eintreten, wo das Schickſal alle Außenwerke erſteigt, auf die er ſeine Sicherheit gründete, und ihm nichts weiter übrig bleibt, als ſich in die heilige Freiheit der Geiſter zu flüchten; wo es kein anderes Mittel gibt, den Lebenstrieb zu beruhigen, als es zu wollen, und kein anderes Mittel, der Macht der Natur zu widerſtehen, als ihr zuvorzukommen und durch eine freie Aufhebung alles ſinnlichen Intereſſe, ehe noch eine phyſiſche Macht es thut, ſich moraliſch zu entleiben. Dazu nun ſtärken ihn erhabene Rührungen und ein öf⸗ terer Umgang mit der zerſtörenden Natur, ſowohl da, wo ſie ihm ihre verderbliche Macht bloß von Ferne zeigt, als, wo ſie ſie wirklich gegen ſeine Mitmenſchen außert. Das Pathe⸗ tiſche iſt ein kunſtliches Unglück, und wie das wahre Unglück ſetzt es uns in unmittelbaren Verkehr mit dem Gei⸗ ſtergeſetz, das in unſerm Buſen gebietet. Aber das wahre Unglück wählt ſeinen Mann und ſeine Zeit nicht immer gur; es überraſcht uns oft wehrlos, und, was noch ſchlimmer iſt, es macht uns oft wehrlos. Das künſtliche Ungluck des Pathetiſchen hingegen findet uns in voller Ruſtung, und, weil es bloß eingebildet iſt, ſo gewinnt das ſelbſtſtandige Princi⸗ pium in unſerm Gemuthe Raum, ſeine abſolute Independenz zu behaupten. Je öfter nun der Geiſt dieſen Akt von Selbſt⸗ thätigkeit erneuert, deſto mehr wird ihm derſelbe zur Fer⸗ tigkeit, einen deſto größern Vorſprung gewinnt er vor dem ſinnlichen Trieb, daß er endlich auch dann, wenn aus dem — 313 eingebildeten und künſtlichen Unglück ein ernſthaftes wird, im Stande iſt, es als ein künſtliches zu behandeln und, der höchſte Schwung der Menſchennatur, das wirkliche Leiden in eine erhabene Rührung aufzulöſen. Das Pathetiſche, kann man daher ſagen, iſt eine Inoculation des unvermeidlichen Schickſals, wodurch es ſeiner Bösartigkeit beraubt, und der Angriff desſelben auf die ſtarke Seite des Menſchen hinge⸗ leitet wird. Alſo hinweg mit der falſch verſtandenen Schonung und dem ſchlaffen, verzaͤrtelten Geſchmack, der über das ernſte An⸗ geſicht der Nothwendigkeit einen Schleier wirft und, um ſich bei den Sinnen in Gunſt zu ſetzen, eine Harmonie zwiſchen dem Wohlſeyn und Wohlverhalten lügt, wovon ſich in der wirklichen Welt keine Spuren zeigen! Stirn' gegen Stirn' zeige ſich uns das böſe Verhängniß. Nicht in der Unwiſſen⸗ heit der uns umlagernden Gefahren— denn dieſe muß doch endlich aufhören— nur in der Bekanntſchaft mit denſel⸗ ben iſt Heil für uns. Zu dieſer Bekanntſchaft nun verhilft uns das furchtbar herrliche Schauſpiel der Alles zerſtörenden und wieder erſchaffenden und wieder zerſtörenden Veränderung, des bald langſam untergrabenden, bald ſchnell überfallenden Verderbens, verhelfen uns die pathetiſchen Gemäͤlde der in den Kampf mit dem Schickſal eingehenden Menſchheit, der unaufhaltſamen Flucht des Glücks, der betrogenen Sicherheit, der triumphirenden Ungerechtigkeit und der unterliegenden unſchuld, welche die Geſchichte in reichem Maß auſſtellt und die tragiſche Kunſt nachahmend vor unſre Augen bringt. Denn wo wäre Derjenige, der, bei einer nicht ganz verwahr⸗ losten moraliſchen Anlage, von dem hartnäckigen und doch vergeblichen Kampf des Mithridat, von dem Untergang der Städte Syrakus und Karthago, bei ſolchen Scenen verweilen . 314 kann, ohne dem ernſten Geſetz der Nothwendigkeit mit einem Schauer zu huldigen, ſeinen Begierden augenblicklich den Zügel anzuhalten und, ergriffen von dieſer ewigen Untreue alles Sinnlichen, nach dem Beharrlichen in ſeinem Buſen zu greifen? Die Faͤhigkeit, das Erhabene zu empfinden, iſt alſo eine der herrlichſten Anlagen in der Menſchennatur, die ſo⸗ wohl wegen ihres Urſprungs aus dem ſelbſtſtandigen Denk⸗ und Willensvermögen unſre Achtung, als wegen ihres Einfluſſes auf den moraliſchen Menſchen die vollfkommenſte Entwicklung verdient. Das Schöne macht ſich bloß verdient um den Menſchen, das Erhabene um den reinen Daͤmon in ihm; und, weil es einmal unfre Beſtimmung iſt, auch bei allen ſinnlichen Schranken uns nach dem Geſetzbuch reiner Geiſter zu richten, ſo muß das Erhabene zu dem Schönen hinzukommen, um die aſthetiſche Erziehung zu einem vollſtändigen Ganzen zu machen, und die Empfindungsfäͤhig⸗ keit des menſchlichen Herzens nach dem ganzen Umfang unſrer Beſtimmung, und alſo auch über die Sinnenwelt hinaus, zu erweitern. Ohne das Schoͤne würde zwiſchen unſrer Naturbeſtim⸗ mung und unſrer Vernunftbeſtimmung ein immerwahrender Streit ſeyn. Ueber dem Beſtreben, unſerm Geiſterberuf Genüge zu leiſten, würden wir unſre Menſchheit verſau⸗ men und, alle Augenblicke zum Aufbruch aus der Sinnenwelt gefaßt, in dieſer uns einmal angewieſenen Sphäre des Han⸗ delns beſtandig Fremdlinge bleiben. Ohne das Erhabene würde uns die Schönheit unſrer Würde vergeſſen machen. In der Erſchlaffung eines ununterbrochenen Genuſſes wür⸗ den wir die Rüſtigkeit des Charakters einbüßen und, an dieſe zufällige Form des Daſeyns unauflösbar gefeſ⸗ ſelt, unſere unveränderliche Beſtimmung und unſer wahres 315 Vaterland aus den Augen verlieren. Nur, wenn das Erha⸗ vene mit dem Schoͤnen ſich gattet, und unſere Empfänglich⸗ keit für Beides in gleichem Maß ausgebildet worden iſt, ſind wir vollendete Bürger der Natur, ohne deßwegen ihre Skla⸗ ven zu ſeyn und ohne unſer Bürgerrecht in der intelligibeln Welt zu verſcherzen. Nun ſtellt zwar ſchon die Natur für ſich allein Objecte in Menge auf, an denen ſich die Empfindungsfähigkeit für das Schöne und Erhabene üben könnte; aber der Menſch iſt⸗ wie in andern Fällen, ſo auch hier, von der zweiten Hand beſſer bedient, als von der erſten, und will lieber einen zu⸗ bereiteten und auserleſenen Stoff von der Kunſt empfangen, als an der unreinen Quelle der Natur mühſam und dürftig ſchöpfen. Der nachahmende Bildungstrieb, der keinen Ein⸗ druck erleiden kann, ohne ſogleich nach einem lebendigen Ausdruck zu ſtreben, und in jeder ſchönen oder großen Form der Natur eine Ausforderung erblickt, mit ihr zu ringen, hat vor derſelben den großen Vortheil voraus, Dasjenige als Hauptzweck und als ein eigenes Ganzes behandeln zu dürfen, was die Natur— wenn ſie es nicht gar abſichtlos hinwirft — bei Verfolgung eines ihr naͤher liegenden Zwecks bloß im Vorbeigehen mitnimmt. Wenn die Natur in ihren ſchönen organiſchen Bildungen entweder durch die mangelhafte In⸗ dividualität des Stoffes oder durch Einwirkung heterogener Krafte Gewalt erleidet, oder wenn ſie, in ihren großen und pathetiſchen Scenen, Gewalt ausübt und als eine Macht auf den Menſchen wirkt, da ſie doch bloß ais Object der freien Betrachtung äſthetiſch werden kann, ſo iſt ihre Nachahmerin, die bildende Kunſt, völlig frei, weil ſie von ihrem Gegenſtand alle zufäͤllige Schranken abſondert, und laßt auch das Gemüth des Betrachters frei, weil ſie nur den 3¹6 Schein und nicht die Wirklichkeit nachahmt. Da aber der ganze Zauber des Erhabenen und Schönen nur in dem Schein und nicht in dem Inhalt liegt, ſo hat die Kunſt alle Vortheile der Natur, ohne ihre Feſſeln mit ihr zu theilen. — Gedanken uͤber den Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunſt.* — Gemein iſt Alles, was nicht zu dem Geiſte ſpricht und kein anderes als ein ſinnliches Intereſſe erregt. Es gibt zwar tauſend Dinge, die ſchon durch ihren Stoff oder Inhalt gemein ſind; aber, weil das Gemeine des Stoffes durch die Behandlung veredelt werden kann, ſo iſt in der Kunſt nur vom Gemeinen in der Form die Rede. Ein gemeiner Kopf wird den edelſten Stoff durch eine gemeine Behandlung ver⸗ unehren; ein großer Kopf und ein edler Geiſt hingegen werden ſelbſt das Gemeine zu adeln wiſſen, und zwar dadurch, daß er es an etwas Geiſtiges anknüpft und eine große Seite daran entdeckt. So wird uns ein Geſchichtſchreiber von gemeinem Schlage die unbedeutendſten Verrichtungen eines Helden eben Anmerkung des Herau sgebers. Dieſer Aufſap erſchien zuerſt im 1v. Theile der Sammlung kleiner proſaiſcher Schriften des Verfaſſerd. (Leipzig bei Cruſtus, 1802.) 318 ſo ſorgfältig als ſeine erhabenſten Thaten berichten und ſich eben ſo lang bei ſeinem Stammbaum, ſeiner Kleidertracht, ſeinem Hausweſen, als bei ſeinen Entwürfen und Unterneh⸗ mungen verweilen. Seine größten Thaten wird er ſo erzäͤhlen, daß kein Menſch es ihnen anſieht, was ſie ſind. Umgekehrt wird ein Geſchichtſchreiber von Geiſt und eignem Seelenadel auch in das Privatleben und in die unwichtigſten Handlungen ſeines Helden ein Intereſſe und einen Gehalt legen, der ſie wichtig macht. Einen gemeinen Geſchmack haben in der bil⸗ denden Kunſt die niederlaͤndiſchen Maler, einen edeln und großen Geſchmack die Italiener, noch mehr aber die Griechen bewieſen. Dieſe gingen immer auf das Ideal, verwarfen jeden gemeinen Zug und waͤhlten auch keinen gemeinen Stoff. Ein Portraitmaler kann ſeinen Gegenſtand gemein und kann ihn groß behandeln. Gemein, wenn er das Zufäl⸗ lige eben ſo ſorgfältig darſtellt als das Nothwendige, wenn er das Große vernachlaͤſſigt und das Kleine ſorgfaltig ausführt. Groß, wenn er das Intereſſanteſte herauszufinden weiß, das Zufällige von dem Nothwendigen ſcheidet, das Kleine nur andeutet und das Große ausführt. Groß aber iſt nichts, als der Ausdruck der Seele in Handlungen, Geberden und Stellungen. Ein Dichter behandelt feinen Stoff gemein, wenn er unwichtige Handlungen ausführt und über wichtige flüchtig hinweggeht. Er behandelt ihn groß, wenn er ihn mit dem Großen verbindet. Homer wußte den Schild des Achilles ſehr geiſtreich zu behandeln, obgleich die Verfertigung eines Schil⸗ des dem Stoff nach etwas ſehr Gemeines iſt. Noch eine Stufe unter dem Gemeinen ſteht das Nie⸗ drige, welches von jenem darin unterſchieden iſt, daß es nicht bloß etwas Negatives, nicht bloß Mangel des Geiſtreichen und Edeln, ſondern etwas Poſitives, naͤmlich 319 Rohheit des Gefühls, ſchlechte Sitten und veraͤchtliche Geſin⸗ nungen anzeigt. Das Gemeine zeugt bloß von einem feh⸗ lenden Vorzug, der ſich wünſchen läßt, das Niedrige von dem Mangel einer Eigenſchaft, die von Jedem gefordert wer⸗ den kann. So iſt z. B. die Rache an ſich, wo ſie ſich auch finden, und wie ſie ſich auch außern mag, etwas Gemeines, weil ſie einen Mangel von Edelmuth beweiſet. Aber man unterſcheidet noch beſonders eine niedrige Rache, wenn der Menſch, der ſie ausubt, ſich verächtlicher Mittel bedient, ſie zu befriedigen. Das Niedrige bezeichnet immer etwas Grobes und Pöbelhaftes; gemein aber kann auch ein Menſch von Geburt und beſſern Sitten denken und handeln, wenn er mittelmäͤßige Gaben beſitzt. Ein Menſch handelt gemein, der nur auf ſeinen Nutzen bedacht iſt, und inſofern ſteht er dem edeln Menſchen entgegen, der ſich ſelbſt vergeſſen kann, um einem Andern einen Genuß zu verſchaffen. Derſelbe Menſch aber wuͤrde niedrig handeln, wenn er ſeinem Nutzen auf Koſten ſeiner Ehre nachginge und auch nicht einmal die Geſetze des Anſtandes dabei reſpectiren wollte. Das Gemeine iſt alſo dem Edeln, das Niedrige dem Edeln und Anſtaͤndigen zugleich entgegengeſetzt. Jeder Leidenſchaft ohne allen Wider⸗ ſtand nachgeben, jeden Trieb befriedigen, ohne ſich auch nur von den Regeln des Wohlſtandes, viel weniger von denen der Sittlichkeit züͤgeln zu laſſen, iſt niedrig und verräth eine niedrige Seele. Auch in Kunſtwerken kann man in das Niedrige verfallen, nicht bloß, indem man niedrige Gegenſtände wahlt, die der Sinn für Anſtand und Schicklichkeit ausſchließt, ſondern auch, indem man ſie niedrig behandelt. Niedrig behandelt man einen Gegenſtand, wenn man entweder diejenige Seite an ihm, welche der gute Anſtand verbergen heißt, bemerklich 320 macht, oder, wenn man ihm einen Ausdruck gibt, der auf niedrige Nebenvorſtellungen leitet. In dem Leben des größten Mannes kommen niedrige Verrichtungen vor, aber nur ein niedriger Geſchmack wird ſie herausheben und ausmalen. Man findet Gemäͤlde aus der heiligen Geſchichte, wo die Apoſtel, die Jungfrau und Chriſtus ſelbſt einen Ausdruck haben, als wenn ſie aus dem gemeinſten Pöbel wären auf⸗ gegriffen worden. Alle ſolche Ausführungen beweiſen einen niedrigen Geſchmack, der uns ein Recht gibt, auf eine rohe und pöbelhafte Denkart des Künſtlers ſelbſt zu ſchließen. Es gibt zwar Fälle, wo das Niedrige auch in der Kunſt geſtattet werden kann, da nämlich, wo es Lachen erregen ſoll. Auch ein Menſch von feinen Sitten kann zuweilen, ohne einen verderbten Geſchmack zu verrathen, an dem rohen, aber wahren Ausdruck der Natur und an dem Contraſt zwiſchen den Sitten der feinen Welt und des Pöbels ſich beluſtigen. Die Betrunkenheit eines Menſchen von Stande würde, wo ſie auch vorkäme, Mißfallen erregen; aber ein betrunkener Poſtillon, Matroſe und Karrenſchieber macht uns lachen. Scherze, die uns an einem Menſchen von Erziehung uner⸗ träglich ſeyn würden, beluſtigen uns im Munde des Poͤbels. Von dieſer Art ſind viele Scenen des Ariſtophanes, die aber auch zuweilen dieſe Gränze überſchreiten und ſchlechterdings verwerflich ſind. Deßwegen ergötzen wir uns an Parodien, wo Geſinnungen, Redensarten und Verrichtungen des ge⸗ meinen Pöbels denſelben vornehmen Perſonen untergeſchoben werden, die der Dichter mit aller Würde und Anſtand be⸗ handelt hat. Sobald es der Dichter bloß auf ein Lachſtück anlegt und weiter nichts will, als uns beluſtigen, ſo können wir ihm auch das Niedrige hingehen laſſen, nur muß er nie Unwillen oder Ekel erregen. — 321 Unwillen erregt er, wenn er das Niedrige da anbringt, wo wir es ſchlechterdings nicht verzeihen können, bei Men⸗ ſchen nämlich, von denen wir berechtigt ſind, feinere Sitten zu fordern. Handelt er dagegen, ſo beleidigt er entweder die Wahrheit, weil wir ihn lieber für einen Lügner halten, als glauben wollen, daß Menſchen von Erziehung wirklich ſo niedrig handeln können; oder ſeine Menſchen beleidigen unſer Sittengefühl und erregen, was noch ſchlimmer iſt, unſre In⸗ dignation. Ganz anders iſt es in der Farce, wo zwiſchen dem Dichter und dem Zuſchauer ein ſtillſchweigender Contract iſt, daß man keine Wahrheit zu erwarten habe. In der Farce dispenſiren wir den Dichter von aller Treue der Schil⸗ derung, und er erhält gleichſam ein Privilegium, uns zu belügen. Denn hier gründet ſich das Komiſche gerade auf ſeinen Contraſt mit der Wahrheit; es kann aber unmöglich zugleich wahr ſeyn und mit der Wahrheit contraſtiren. Es gibt aber auch im Ernſthaften und Tragiſchen einige ſeltene Fälle, wo das Niedrige angewandt werden kann. Als⸗ dann muß es aber ins Furchtbare übergehen, und die au⸗ genblickliche Beleidigung des Geſchmacks muß durch eine ſtarke Beſchäftigung des Affects ausgelöſcht und alſo von einer höhern tragiſchen Wirkung gleichſam verſchlungen werden. Stehlen 3. B. iſt etwas abſolut Niedriges, und, was auch unſer Herz zur Entſchuldigung eines Diebes vorbringen kann, wie ſehr er auch durch den Drang der Umſtände mag verleitet worden ſeyn, ſo iſt ihm ein unauslöſchliches Brand⸗ mal aufgedrückt, und aͤſthetiſch bleibt er immer ein niedriger Gegenſtand. Der Geſchmack verzeiht hier noch weniger, als die Moral, und ſein Richterſtuhl iſt ſtrenger, weil ein äͤſthe⸗ tiſcher Gegenſtand auch für alle Nebenideen verantwortlich iſt, die auf ſeine Veranlaſſung in uns rege gemacht werden, da Schillers ſaͤmmtl. Werke. XIl. 21 322 hingegen die moraliſche Beurtheilung von allem Zufalligen abſtrahirt. Ein Menſch, der ſtiehlt, wurde demnach für jede poetiſche Darſtellung von ernſthaftem Inhalt ein höchſt ver⸗ werfliches Object ſeyn. Wird aber dieſer Menſch zugleich Mörder, ſo iſt er zwar moraliſch noch viel verwerflicher, aber aſthetiſch wird er dadurch wieder um einen Grad brauchbarer. Derjenige, der ſich(ich rede hier immer nur von der äſthetiſchen Beurtheilungsweiſe) durch eine IJnſamie erniedrigt, kann durch ein Verbrechen wieder in erwas erhöht und in unſre äſthetiſche Achtung reſtituirt werden. Dieſe Abweichung des moraliſchen Urtheils von dem aſthetitchen iſt merkwürdig und verdient Aufmerkſamkeit. Man kann mehrere Urſachen davon anführen. Erſtlich habe ich ſchon geſagt, daß, weil das aſthetiſche Urtheil von der Fantaſie abhaͤngt, auch alle Nebenvorſtellungen, welche durch einen Gegenſtand in uns erregt werden und mit demſelben in einer natürlichen Verbindung ſtehen, auf dieſes Urtheil einfließen. Sind nun dieſe Nebenvorſtellungen von einer niedrigen Art, ſo erniedrigen ſie den Hauptgegenſtand unvermeidlich. Zweitens ſehen wir in der äſthetiſchen Beurtheilung auf die Kraft, bei einer moraliſchen auf die Geſetzmaßig⸗ keit. Kraftmangel iſt etwas Verachtliches, und jede Hand⸗ lung, die uns darauf ſchließen läßt, iſt es gleichfalls. Jede feige und kriechende That iſt uns widrig durch den Kraft⸗ mangel, den ſie verräth; umgekehrt kann uns eine teufliſche That, ſobald ſie nur Kraft verräth, aſthetiſch gefallen. Ein Diebſtahl aber zeigt eine kriechende, feige Geſinnung an; eine Mordthat hat wenigſtens den Schein von Kraft, wenigſtens richtet ſich der Grad unſers Intereſſe, das wir aſthetiſch daran nehmen, nach dem Grad der Kraft, der dabei geäußert worden iſt. 323 Drittens werden wir bei einem ſchweren und ſchreck⸗ lichen Verbrechen von der Qualität desſelben abgezogen und auf ſeine furchtbaren Folgen aufmerkſam gemacht. Die ſtar⸗ kere Gemüthsbewegung unterdrückt alsdann die ſchwachere. Wir ſehen nicht rückwarts in die Seele des Thaters, ſondern vorwärts in ſein Schickſal, auf die Wirkungen ſeiner That. Sobald wir aber anfangen zu zittern, ſo ſchweigt jede Zartlichkeit des Geſchmacke. Der Haupteindruck erfüͤllt unſre Seele ganz, und die zufalligen Nebenideen, an denen eigent⸗ lich das Niedrige haͤngt, erloͤſchen. Daher iſt der Diebſtahl des jungen Ruhberg, in Verbrechen aus Ehrſucht, auf der Schaubühne nicht widrig, ſondern wahrhaft tragiſch. — Der Dichter hat mit vieler Geſchicklichkeit die Umſtände ſo geleitet, daß wir fortgeriſſen werden und nicht zu Athem kommen. Das ſchreckliche Elend ſeiner Familie und beſonders der Jammer ſeines Vaters ſind Gegenſtände, die unſre ganze Aufmerkſamkeit von dem Thater hinweg und auf die Folgen ſeiner That leiten. Wir ſind viel zu ſehr im Affect, um uns auf die Vorſtellungen der Schande einzulaſſen, womit der Diebſtahl gebrandmarkt wird. Kurz: das Niedrige wird durch das Schreckliche verſteckt. Es iſt ſonderbar, daß die⸗ ſer wirklich begangene Diebſtahl des jungen Rubberg nicht ſo viel Widriges hat, als der bloße ungegründete Verdacht eines Diebſtahls in einem andern Schauſpiel. Hier wird ein junger Officier unverdienter Weiſe beſchuldigt, einen ſilbernen Löffel eingeſteckt zu haben, der ſich nachher findet. Das Kiedrige iſt alſo hier bloß eingebildet, bloßer Verdacht, und doch thut es dem unſchuldigen Helden des Stücks, in unſrer äſthetiſchen Vorſtellung, unwiderbringlich Schaden. Die Ur⸗ ſache iſt, weil die Vorausſetzung, daß ein Menſch niedrig handeln könne, keine feſte Meinung von ſeinen Sitten beweist, 324 da die Geſetze der Convenienz es mit ſich bringen, daß man Einen ſo lange für einen Mann von Ehre haäͤlt, als er nicht das Gegentheil zeigt. Traut man ihm alſo etwas Veraͤcht⸗ liches zu, ſo ſieht es aus, als ob er doch irgend einmal zur Möglichkeit eines ſolchen Argwohns Anlaß gegeben hätte, obgleich das Niedrige eines unverdienten Verdachts eigentlich auf Seiten des Beſchuldigers iſt. Dem Helden des ange⸗ führten Stücks thut es noch mehr Schaden, daß er Officier und Liebhaber einer Dame von Erziehung und Stande iſt. Mit dieſen beiden Praädicaten macht das Prädicat des Steh⸗ lens einen ganz erſchrecklichen Contraſt, und es iſt uns un⸗ möglich, uns nicht augenblicklich daran zu erinnern, wenn er bei ſeiner Dame iſt, daß er den ſilbernen Löffel in der Taſche haben könnte. Das größte Unglück dabei iſt, daß derſelbe den auf ihm ruhenden Verdacht gar nicht ahnt: denn, waͤre Dieſes, ſo wuͤrde er als Officier eine blutige Genugthuung fordern; die Folgen würden dann ins Fürchterliche gehen, und das Niedrige verſchwinden. Noch muß man das Niedrige der Geſinnung von dem Niedrigen der Handlung und des Zuſtandes wohl unterſchei⸗ den. Das Erſte iſt unter aller aͤſthetiſchen Würde, das Letzte kann öfters ſehr gut damit beſtehen. Sklaverei iſt niedrig, aber eine ſklaviſche Geſinnung in der Freiheit iſt verächtlich; eine ſklaviſche Beſchaͤftigung hingegen ohne eine ſolche Geſinnung iſt es nicht; vielmehr kann das Niedrige des Zuſtandes, mit Hoheit der Geſinnung verbunden, ins Erha⸗ bene ühergehen. Der Herr des Epiktet, der ihn ſchlug, han⸗ delte niedrig, und der geſchlagene Sklave zeigte eine erhabene Seele. Wahre Größe ſchimmert aus einem niedrigen Schick⸗ ſal nur deſto herrlicher hervor, und der Künſtler darf ſich nicht fürchten, ſeinen Helden auch in einer veraͤchtlichen Huͤlle 3²25 aufzuführen, ſobald er nur verſichert iſt, daß ihm der Aus⸗ druck des innern Werths zu Gebote ſteht. Aber, was dem Dichter erlaubt ſeyn kann, iſt dem Maler nicht immer geſtattet. Jener bringt ſeine Objecte bloß vor die Fantaſte, dieſer hingegen unmittelbar vor die Sinne. Alſo iſt nicht nur der Eindruck des Gemaldes lebhafter als der des Gedichtes, ſondern der Maler kann auch durch ſeine natüͤrlichen Zeichen das Innere nicht ſo ſichtbar machen, als der Dichter durch ſeine willkürlichen Zeichen, und doch kann uns nur das Innere mit dem Aeußern verſöhnen. Wenn uns Homer ſeinen Ulyß in Bettlerlumpen aufführt, ſo kommt es auf uns an, wie weit wir uns dieſes Bild ausmalen, und wie lang wir dabei verweilen wollen. In keinem Fall aber hat es Lebhaftigkeit genug, daß es uns unangenehm oder ekelhaft ſeyn könnte. Wenn aber der Maler oder gar noch der Schauſpieler den Ulyß dem Homer getreu nachbilden wollte, ſo wuͤrden wir uns mit Widerwillen davon hinweg⸗ wenden. Hier haben wir die Stärke des Eindrucks nicht in unſrer Gewalt: wir müſſen ſehen, was uns der Maler zeigt, und koͤnnen die widrigen Nebenideen, die uns dabei in Erinnerung gebracht werden, nicht ſo leicht abweiſen. An den Herausgeber der Propyläen. Ich komme von Betrachtung der Bilder zurück, die durch Ihre zwei letzten Preisaufgaben veranlaßt wurden, und, noch lebhaft mit dieſen Eindruͤuen beſchaftigt, verſuche ich es, die Gedanken zu ordnen und auszuſprechen, welche dieſe intereſ⸗ ſanten Kunſterſcheinungen in mir aufgeregt haben. Werke der Einbildungskraft haben das Eigenthümliche, daß ſie keinen mußigen Genuß zulaſſen, ſondern den Geiſt des Beſchauers zur Thatigkeit aufreizen. Das Kunſtwerk führt auf die Kunſt zuruͤck, ja, es bringt erſt die Kunſt in uns hervor. Sie harten es zwar bei dieſen Preisaufgaben nur auf den Künſtler abgeſehen; aber auch dem bleßen Beſchauer haben Sie durch dieſes Inſtitut eine reiche Quelle von Ver⸗ gnügen und Belchrung eröffnet. Dieſe neunzehn und wieder dieſe neun Ausführungen des namlichen Gegenſtandes ge⸗ wahren ein ganz eigenes Intereſſe des Verſtandes, wovon freilich Derjenige keinen Begriff hat, der ſich den Eindrücken kuͤnſtleriſcher Werke nur gedankenlos hingibt. Eine gleich große Anzahl wirklicher Meiſterſtucke, aber von verſchiedenem — Inhalt, würde uns unſtreitig einen häͤhern Kunſtgenuß, aber vielleicht keinen ſo reichen Begriff von der Kunſt ver⸗ ſchafft haben, als dieſe vielſeitige Behandlung desſelben Thema mir wenigſtens gegeben hat. Zuerſt ein Wort von den Preisaufgaben ſelbſt. In Sachen der ſchönen Kunſt wird die Mäglichkeit nur durch die That bewieſen; aus Begriffen kann man höchſtens voraus wiſſen, daß ein gegebenes Thema der künſtleriſchen Darſtel⸗ lung nicht widerſtreitet. Der Erfolg hat die Wahl der beiden Sujets gerechrfertigt, denn aus beiden ſind wirklich, unter geſchickten Handen, ſprechende, ſelbſtſtandige und anmuthige Bilder geworden. Obgleich die Kunſt unzertrennlich und Eins iſt, und Beide, Fantaſie und Empfindung, zu ihrer Hervorbringung thätig ſeyn müſſen, ſo gibt es doch Kunſtwerke der Fantaſie und Kunſtwerke der Empfindung, jenachdem ſie ſich einem dieſer beiden äſtbetiſchen Pole vorzugsweiſe nahern; zu einer von beiden Klaſſen aber muß jedes künſtliche und poetiſche Werk ſich bekennen, oder es hat gar keinen Kunſtgehalt. Sie haben bei dieſen zwei Preisaufgaben dafür geſorgt, daß jeder Künſtler in ſeiner Sphare beſchaftigt wuͤrde, und derjenige, den die Natur reich genug ausſtattete, auf beiden Feldern der Kunſt glänzen konnte. Hektors Abſchied gualificirte ſich zu einem naiven und ſeelenvollen Empfindungsgemalde; der Raub der Pferde des Rheſus, ein Nachtſtück, war zu einem kühnen, kraftvollen Fantaſiebilde geeignet. Beide Aufgaben konnten, in Abſicht auf den innern Kunſtgehalt, für gleichbedeutend gelten und mochten, für die Ausfuhrung, im Ganzen genommen, gleich viel oder wenig Schwierigkeiten darbieten. Das Naturell und die Neigung des Künſtlers mußte alſo die Wahl entſcheiden, 328 und es ließ ſich alſo vorausſehen, wohin ſich das Uebergewicht neigen würde. Der erſte Gegenſtand ſpricht an das Herz, und der Deutſche hat ſeinen ſchaͤtzbaren Charakter auch bei dieſer Gelegenheit nicht verleugnet. Indem die Gegenſtände gegeben wurden, waren die Mo⸗ mente der Handlung und die Motive unentſchieden gelaſſen: hier alſo war das Feld der Erfindung. Zwei Helden, dem Begriffe gemäß, den wir uns von Diomed und Ulyſſes bilden, zeigen ſich in der Finſterniß der Nacht in dem trojaniſchen Lager, wo thraciſche Krieger mit ihrem Könige ſchlafend lie⸗ gen. Indem Diomed die Schlafenden erwürgt, bemächtigt ſich Ulyß der ſchönen weißen Pferde des Königs. Sie müſſen eilen, um nicht überfallen zu werden, und Diomed verläßt ungern den Schauplatz. Hier war nun die Wahl des Moments von der höchſten Bedeutung. Der Künſtler konnte den Augenblick des wirk⸗ lichen Ermordens, er konnte den Augenblick nach der That und unmittelbar vor dem Abzuge darſtellen. Blieb er bei dem erſten Momente ſtehen, ſo war das Bild nicht nur an Gehalt ärmer, es konnte auch einen widrigen Eindruck auf das Gefühl machen: die naͤchtliche Ermordung ſchlafender Menſchen hat etwas Schändendes für einen Helden. Der König, welcher ermordet wird, wurde dadurch die Hauptperſon, unſer Mitleid wurde intereſſirt, und das Bild bekam einen pathetiſchen Charakter, den es durchaus nicht haben ſollte. Waͤhlte hingegen der Künſtler den Augenblick nach der That, wo beide Helden auf ihre Entfernung denken, ſo kam ein ganz anderer Geiſt in das Gemälde. Das Gefühlempörende wurde mit Schatten bedeckt, die Ermordeten waren nur als Maſſe noch übrig, ohne daß ein einzelner aus denſelben einen An⸗ ſpruch an unſere Theilnahme machte; wir ſchauen nicht 329 unmittelbar an, ſondern erfahren nur durch einen Schluß, daß ſie im Schlaf ermordet worden, und, was die Hauptſache iſt, Ulyß und Diomed ſind dann die eigentlichen Helden des Bil⸗ des, es iſt ihre Kühnheit, die uns intereſſirt, ihr glückliches Entkommen, was uns beſchäftigt. Aber auch ſo wird dem Bilde noch immer ein weſentlicher Theil der ſinnlichen Bedeutſamkeit und der Würde abgehen. ulyß und Diomed werden immer nur als zwei naͤchtliche Moͤr⸗ der und Raͤuber erſcheinen; die Handlung wird alſo, auch wenn ſie ihr Empoͤrendes verliert, wenigſtens gemein und gleichgültig für uns ſeyn. Etwas muß geſchehen, um die Helden, um ihre That empor zu heben: Dies geſchieht durch die Gegen⸗ wart und den Antheil einer Gottin. Der Künſtler durfte dieſe nicht weit ſuchen: auch im Homer erſcheint die Pallas und treibt beide Helden, zu eilen. Durch Einfuͤhrung der Göttin wird für den Gedanken noch Dieſes gewonnen, daß die nächtliche That einen Zeugen hat, daß durch ihre Geſte die Nothwendigkeit der Flucht ſinnlich klar wird, und für die Aus⸗ führung des Bildes entſteht der große Gewinn, daß die nächt⸗ liche Scene mit einem göttlichen Licht kann erleuchtet werden. Einen Kuͤnſtler, der keinen tiefen Gedankengehalt in ſein Bild zu legen wußte, konnte, bei der zweiten Aufgabe, ſchon der Effect der Maſſen und Contraſte anlocken und bei der Ausführung befriedigen. Der geſchickte Verfertiger des Bildes Nr. 5, wo in der Mitte des Ganzen zwei milchweiße Pferde ſich erheben, Diomed im Hintergrund noch in dem Morden begriffen iſt, und beide Helden als Nebenfiguren gegen die Thiere verſchwinden, ſcheint ſich bloß mit einer angenehmen Wirkung der Schatten und Lichter begnügt zu haben. Das Bild iſt ſanft und gefällig füͤrs Auge, aber der Gedanke iſt gemein, und der Künſtler hat von ſeinem Gegenſtand nur 330 das nächſte Proſaiſche ergriffen. Denn warum zwei Helden⸗ ſiguren hervorrufen und durch Ankündigung einer bedeutenden That Erwartung erregen, wenn es um nichts weiter zu thun iſt, als was auch durch eine gefallige Anordnung von Still⸗ leben geleiſtet werden kann? Es war übrigens kein Wunder, daß eben dieſes Bild bei vielen Zuſchauern die Palme davon trug. Die Wirkung des Gefalligen iſt unfehlbar: es ſetzt nichts voraus und laßt ſich völlig gedankenlos genießen. Zwei andere größere Bilder(Nr. 3 und 4) desſelben In⸗ halts ſtellen gleichfalls nur den Augenblick der Ermordung dar. Der König liegt noch ſchlafend, das Schwert iſt über ihm gezückt, Ulpſſes hat ſich der Pferde bemächtigt. Die Aus⸗ führung iſt kraftiger, die Handlung reicher, als bei dem vor⸗ erwaͤhnten Bilde, die Helden ſind den Pferden nicht aufge⸗ opfert. Aber der Gedanke erhebt ſich nicht über das Gemeine, das Bild ſpricht bloß zu dem Auge, ohne die Imaginarion anzuregen, und die geſchickte, fleißige Ausführung kann den fehlenden Geiſt nicht erſetzen. Zwei andere Bilder(Nr. 6 und 7) zeigen uns zwar ſchon die Goͤttin, aber ihre Gegenwart erhebt das Bild nicht, ob ſie gleich eine höhere Intention des Künſtlers verrath. Der Moment iſt bedeutender, die Ermordung iſt geſchehen; auf dem einen, wo die Figuren bloß im Umriß gezeichnet ſind, hat ſich Ulyß auf eins der Pferde geſchwungen, der Augenblick des Forteilens iſt ausgedrückt; auf dem andern wird noch Rath gehalten, aber die Scene iſt zu ruhig, es fehlt an Leben und Bedeutung. In einem höhern Geiſt ſind zwei andere Bilder desſelben Inhalts gedacht und ausgeführt. Die Görtin erſcheint(Nr. 2) über den erſchlagenen Lei⸗ chen, und das Licht, das ſie umfließt, beleuchtet die nachtliche 331 Scene. Diomedes ruht in einer nachdenkenden Stellung mit aufgehobenem Fuß auf einem Leichnam und bedenkt ſich, das Schwert in die Scheide zu ſtecken. Bedeutend erhebt die Göttin den Zeigefinger der rechten Hand, um ihn zu warnen, und mit der ausgeſtreckten Linken zeigt ſie ihm den Weg. Ulyſſes, den Bogen in der Hand, halt die ſich baumenden Pferde am Zügel und ſtrebt ſchon in einer raſchen Beweaung fort, nach dem ſäumenden Gefahrten zurückſchauend. Beide Helden ſind nackt, nur ein Mantel flartert um den eilenden Ulyß, und ein Lowenfell hangt über dem Rücken des Diomedes. Jener, deſſen kraftig gezeichnete Figur am Meiſten hervor⸗ dringt, bringt in das Ganze eine lebhafte Bewegung, welche gegen die ſinnende Ruhe des Diomedes einen vielleicht nur zu ſtarken Abſtich macht. Mit dieſem Bilde ſind wir in die geiſtige Welt der Kunſt eingetreten. Das gemeine Wirkliche iſt uns aus den Augen geruckt, nur das Bedeutende iſt aufgenommen. Noch um einen Schritt weiter in das Reich der Einbildungskraft fuhrt uns das andere(Nr. 1), mit dem ſich dieſe Galerie der Rheſusbilder würdig abſchließt. Der vorige Künſtler hatte uns das trojaniſche Lager ge⸗ zeigt und uns mit einem engen Raum umſchrankt, indem er die Scene durch die Mauern von Troja begränzte. Ein glück⸗ licher Gedanke des gegenwartigen hingegen war es, die griechi⸗ ſchen Zelte und Schiffe in die Tiefe des Bildes zu ſetzen, aus dem wir dadurch gleichſam herausgetrieben werden. Er öffnet mit einem kühnen Griff ſeinen Schauplatz, und wir überſehen zugleich die Scene der Handlung⸗ und das Ziel der Flucht. Drei Punkte des Bildes ziehen uns ſogleich durch verſchie⸗ dene Mittel an. Das Auge, welches zuerſt dem lebhafteſten Lichte folgt, fallt auf eine maleriſche, ſchöͤn ppramidenformig 332 geordnete Maſſe von vier milchweißen Pferden, welche Ulyſſes eben forttreiben will. Er wendet dem Zuſchauer den Rücken; nur der Kopf iſt ein wenig nach der Scene gedreht. Sein Mantel, ſo wie die Maͤhnen und Decken der Pferde, ſind in einer fliegenden Bewegung; dieſer hellglaͤnzenden und raſch bewegten Gruppe ſetzt ſich die ruhige dunkle Maſſe leblos liegender Körper im Vordergrund und die ſtillliegende Ferne des Hintergrundes ſchön entgegen. Sobald der erſte gewaltſame Sinnenreiz nachlaͤßt, ſo wendet ſich der Verſtand zu dem Bedeutungsvollen: Dies findet er hier ſehr geiſtreich in der Mitte des Bildes. Dio⸗ medes, in eine Löwenhaut gehüllt, den Schild in der linken Hand, ſteht an dem Wagen des Rheſus, den er mit der Rechten anfaßt, als ob er ſich denſelben zueignen wollte. An dem Rade des Wagens liegt der Erſchlagene, durch die neben ihm liegende Helmkrone kenntlich, in ſchön verkuͤrzter Lage hingeſtreckt. So raſch ſich Ulyß und die Pferde bewegen, ſo ruhig ſteht Diomedes, nur das Geſicht iſt unzufrieden nach der Erſcheinung zur Linken hingerichtet. Hier ſchwebt in einer Wolkenumgebung, ſchlank und ſchön gebildet, Minerva herab und bedeutet mit ausgeſtreckter Rechten den Saͤumenden, fortzueilen. Die Wolke, in der ſie erſcheint, walzt ſich maleriſch wie ein daherſtroͤmender Nebel um den Wagen des Rheſus herum und faßt auf dieſe Art die ganze Mordſcene mit einem geheimnißvollen Vorhang ein, der ſich nur auf der rechten Seite öffnet, um den Blick nach dem griechiſchen Schifflager zu erweitern. Alle Partien des Bildes ſchmelzen in einer angenehmen Harmonie von Licht und Schatten und Reflexen ineinander. Man erfährt bei dieſem Bilde den heitern Einfluß einer fantaſiereichen Kunſt, nach Kunſtideen iſt Alles gewaͤhlt und 333 geordnet, nichts Einzelnes iſt der gemeinen Wirklichkeit ab⸗ geborgt; Alles repraͤſentirt nur und hat nur Daſeyn für den Gedanken und durch denſelben. Es ließ ſich für dieſe beiden Aufgaben von einer dop⸗ pelten Seite her Gefahr befürchten. Der Raub der Pferde des Rheſus iſt, als bloßes Factum betrachtet, gleichgultig und ohne allen Gehalt für das Herz: hier mußte alſo die Fantaſte ihre Macht beweiſen, und der Gedanke ſtatt des wirklichen Gegenſtandes eintreten. Wurde dieſes Bild bloß mit einer treuen Sinnlichkeit und natürlichen Wahrheit behandelt, ſo mußte es leer und charakterlos aus⸗ fallen. Aber eben dieſe natürliche Wahrheit iſt das Geſpenſt der Zeit, und dem Deutſchen insbeſondere wird es ſchwer, ſich mit freier Dichtungskraft uͤber das gemeine Wirk⸗ liche zu erheben. Dieſem Stoffe alſo, der ſein Gefühl nicht anſprach, konnte ein Künſtler von gewöhnlichem Schlag nicht viel abgewinnen, und eben Dieſes ſcheint die meiſten von dieſem Sujet zurückgeſchreckt zu haben. Der Abſchied des Hektor iſt ſchon als Stoff und ohne allen Zuſatz der Kunſt ein ruhrender Gegenſtand und konnte mit einem maͤßigen Aufwand von Fantaſie, ſelbſt durch naive Wahrheit, ein ſprechendes Bild abgeben. Aber hier war der ſentimentaliſche Hang der Nation und des Zeitalters zu fürchten, welcher zum wahren Verderben aller bildenden Kunſt auch auf dieſem Felde wie auf dem poetiſchen uͤberhand genommen hat. Ein wennerlicher Hektor und eine zerfließende Andromache waren zu fürchten, und ſie ſind auch nicht aus⸗ geblieben. Ich bezeichne die Werke nicht, da ſie ſich leicht von ſelbſt herausfinden. 3 Es war in dieſem einfach ſcheinenden Stoff ein doppeltes Verhaͤltmß auszudrücken: Hektor ſollte als liebender Gatte 334 und als zärtlicher Vater erſcheinen. Nicht leicht war die Aufgabe, jedem dieſer Verhältniſſe ſein volles Recht anzuthun, ohne gegen die Einheit des Bildes zu verſtoßen. Eines mußte nothwendig zur Hauptſache gemacht werden, weil keine dop⸗ pelte Handlung von gleicher Bedeutung erlaubt war, und die Kunſt beſtand darin, die prägnanteſte zu wahlen. Einige der concurrirenden Künſtler haben ſich begnügt, bloß den Abſchied des Gatten von der Gattin vorzuſtellen, und ſind folglich unter der Aufgabe geblieben. Das Kind auf den Armen der Warterin oder der Mutter iſt nur ein Zeuge der Handlung. Hektor ſelbſt iſt ſo jugendlich und weichlich gehalten, daß man bloß den Abſchied zweier Liebenden vor ſich zu ſehen glaubt. Dies iſt unſtreitig der unglücklichſte Einfall, der ſich am Weiteſten von der Aufgabe entfernt: denn an den Krieger und den Helden, der der Schirm ſeiner Vaterſtadt ſeyn ſoll, iſt hier nun gar nicht zu denken. Es iſt auf eine Rührung angelegt, die dieſem Stoffe ganz und gar fremd iſt. Andere ſchlugen den entgegengeſetzten Weg ein: indem ſie den Vater ausſchließend mit dem Kinde beſchaftigen, laſſen ſie die Mutter und Gattin eine untergeordnete Rolle ſpielen. Dieſe entfernten ſich weniger von dem Geiſt der Forderung, weil der Ausdruck des väͤterlichen Charakters ſich mit dem männlichen Ernſt des Helden ſehr wohl verträgt. Und, da die Mutter ſich durch ſich ſelbſt ſchon in die Handlung ein⸗ miſchen kann, ſo konnte ſie nicht bedeutungslos erſcheinen. Auf einem der vorzüglichſten Stücke in der Sammlung (Nr. 24), einem Oelgemälde, ſcheint der Künſtler beabſichtigt zu haben, Mutter und Kind in einer Umarmung zuſammen zu faſſen. Hektor breitet ſeine Arme nach dem Kinde aus, das auf den Armen der Waͤrterin vor ihm zurückflieht, wahrend 335 ſich Andromache zwiſchen dieſen, nach dem Kinde ausgeſtreck⸗ ten Armen an ſeinen Leib ſchmiegt; aber er ſelbſt zeigt ſich keineswegs mir ihr beſchaftigt, ſeine ganze Bewegung bezieht ſich auf das Kind, ſie ſcheint uberflüſſig und eher ein Hin⸗ derniß zu ſeyn. Nun war die zweite Frage, für das Pathetiſche der Situarion den wahrſten und zugleich wurdigſten Ausdruck zu finden: denn es ſollte der Abſchied eines Helden ſeyn, der Gatrin und Kind zuruckläßt, um in eine Todesgefahr zu gehen; man ſollte einen letzten, ewigen Abſchied ahnen. Auf der andern Seite ſollte ſich der Held über den Schmerz er⸗ haben zeigen, Andromache ſollte ſich auch in dieſer ſchmerz⸗ lichen Situation ſeiner werth beweiſen, unſer Herz ſollte nicht zerriſſen, ſondern durch die Rührung ſelbſt geſtärkt und er⸗ hoben werden. Einer der concurrirenden Künſtler(Nr. 13), dem die Natur einen heitern Sinn und ein ſchönes naives Gefühl verliehen, aber die Staͤrke und Tiefe der Empfindungen ſcheint verſagt zu haben, hat ſich auf die einfachſte Weiſe aus der Verlegenheit gezogen, indem er die ganze Aufgabe in eine zartliche Familienſcene verwandelt, worin von dem tragiſchen Inhalt der Situation wenig oder gar nichts zu ſpuüren iſt. Hektor unterhält ſich mit dem Kinde, das auf dem linken Arm der Warterin iſt und ſich vor dem Vater zu ſcheuen ſcheint. Die Amme deutet mit einer ſprechenden Bewegung auf den Vater, als ob ſie das Kind mit demſelben bekannt machen wollte. An Hektors rechte Seite ſchmiegt ſich An⸗ dromache; er hat ihr den einen Arm liebevoll hingegeben, indem er den andern dem Kinde ſchmeichelnd entgegen ſtreckt. Jede der drei Figuren belebt ein naiver, außerſt glücklich gewahlter Ausdruck, ein freundliches Lacheln ſpielt um den 336 Mund des Vaters, und Andromaches ſeelenvoller Blick ſchwimmt zwiſchen Heiterkeit und Thraͤnen. Alles accordirt zu einer ſchönen lieblichen Gruppe und ſpricht das Gemuth ſchnell und entſcheidend an. Man läßt augenblicklich von der Strenge d⸗ Kunſtforderungen nach, weil man einer ſchoͤnen Natur begeg⸗ net, und wird unwillig über den gerechten Tadler, der die Zeichnung, die Farbengebung und die ganze maleriſche Anlage fehlerhaft und außerdem das Bild mit Unſchicklichkeiten über⸗ laden findet. Denn der Kunſtler ſchien das Heroiſche, das er in die Handlung ſelbſt nicht zu legen wußte, in der Um⸗ gebung nachholen zu wollen und erfüllte deßwegen den Rand der Mauern und Thürme, unter welchen die Scene vorgeht, mit einer Million ſpießtragender Trojaner, welche auf dieſe Familiengruppe herabſchauen. So wie man auf dieſem Bilde das Pathetiſche ganz ver⸗ mißt, ſo iſt demſelben auf zwei andern, ſonſt ſehr tüchtig gearbeiteten Bildern zu viel Raum gegeben, und von dem heroiſchen Charakter des Helden zu viel aufgeopfert worden. Sie erregen daher ein gewiſſes peinliches Gefühl, und man mag nicht gern dabei verweilen. Auf dem einen mißfaͤllt noch beſonders die abgewandte Stellung Hektors und der Ausdruck hülfloſen Schmerzes in ſeiner Geberde. Dem andern (Nr. 19) ſcheint eine gewiſſe kranke Bläſſe zu ſchaden, welche dadurch entſteht, daß die Zeichnung zum Theil colorirt iſt und auf einen Farbeneffect Anſpruch macht, aber gerade da, wo die energiſche Farbe verlangt wird, die todte Kreide ge⸗ braucht worden iſt. Mehrere und zwar die geſchickteſten Meiſter laſſen ihren Helden ſich an die Götter wenden und das Kind ihrem Schutz übergeben. Dieſe Handlung iſt ſchicklich, ausdrucksvoll und edel. Das Vertrauen auf die Götter erlaubt einen muthigen, 337 heitern und ſelbſt im Affect beruhigten Ausdruck, und die Handlung erhält dadurch einen feierlichen Charakter. Das Kind auf den Armen des Vaters, beſonders, wenn es hoch empor gehalten wird, wie auf den zwei vorzüglichſten(No. 25 und 26) Bildern in dieſer Reihe der Fall iſt, bildet einen bedeutenden Gipfel der Gruppe. Das Kind wird uns zugleich zu einem Symbol der hüͤlfloſen Stadt: Beide ſcheint Hektor in die Hand der Götter zu geben. Es finden ſich zwei nach Art der Basreliefs gearbeitete Bilder(No. 20 und 21), wo der Kunſtler im Geiſt der alten Bildhauerwerke des Pathetiſchen nicht bedurfte, um bedeutend zu ſeyn. Ernſt und ruhig ſteigt der gewaffnete Hektor die Stufen ſeines Hauſes herab; ſein Körper iſt ſchon den Krie⸗ gern zugewendet, die mit dem Schlachtroß auf ihn warten. Nur das Geſicht kehrt ſich nach der Andromache, die ſich mit leidender Miene an ihn anſchmiegt und ihn nicht laſſen will. Ihr zur Seite ſteht die Wärterin, das Kind auf den Armen, mit noch andern Jungfrauen. Ganz mit der weiſen Bedeut⸗ ſamkeit der Alten hat uns hier der Künſtler die Situation mehr durch ſymboliſche Zeichen als durch Nachahmung des Wirklichen vorgebildet. Alles ſtellt mehr vor, als es iſt; es gilt zwar für ſich ſelbſt und weist doch auf etwas Anderes hin; es iſt nur der ſinnvolle Buchſtabe, in welchem der Geiſt verhüllet liegt. Die weibliche Reihe mit dem Kinde bedeutet uns das Innere eines Hauſes, welches von dem Hausvater jetzt verlaſſen wird. Die Krieger gegenüber mit ihren Waffen und dem wartenden Streitroß rufen uns die unerbittliche Noth⸗ wendigkeit in die Seele. Das ernſte, doch nicht traurige Herab⸗ ſteigen des Helden ſteht ihm wohl en; er braucht nicht die Göt⸗ ter, er ruht auf ſich ſelbſt; die zaͤrtliche Bekümmerniß der Gattin iſt dem Ganzen gemaͤß. Nur ſie ſelbſt iſt zu klein und zu dürftig Schiners ſaͤmmtl. Werke. XII. 22 338 gegen die koloſſaliſche Figur des Helden und ſtört den antiken Sinn des Ganzen durch ihre moderne ſchwächliche Erſcheinung. Auch in Behandlung der Amme, als der dritten Fi⸗ gur, hat ſich das Genie der verſchiedenen Künſtler charakteri⸗ ſirt. Einige, die zu der Höhe des Gegenſtandes nicht hinauf langen konnten, haben mit ihrem Genie gerade die Amme noch erreicht, und dieſe iſt dann die gelungenſte Figur des Bildes geworden. Hier in corpore vili konnte der Künſtler der beliebten Natürlichkeit mit dem mindeſten Nachtheile fol⸗ gen, obgleich der gute Geſchmack auch hier eine edlere Be⸗ handlung zur Pflicht machte. Von der ſtupiden Gleichgul⸗ tigkeit an bis zur coquetten Leichtfertigkeit iſt ſie auf dieſen Bildern durchgeführt worden. Dieſen letztern Charakter trägt ſie auf einer bunt getuſchten Zeichnung, die ich Ihnen hier nur durch die zwei unſchicklich angebrachten Saͤulen, die das Thor verſperren, bezeichnet haben will. Das Bild iſt auf das Gefälligſte, nach Art eines bunten engliſchen Kupferſtichs, behandelt, die Figur der Andromache voll Anmuth, die Amme aber beſonders geiſtreich gedacht. Nur einen Hektor wußte der Künſtler ſich nicht zu denken und ſich überhaupt nicht zu der Höhe ſeines Gegenſtandes zu erheben. Dagegen iſt auf den zwei vorhin erwaͤhnten Bildern, in welchen Hektor ſeinen Sohn zum Himmel emporhält, die Amme ein wirklich bedeutender und integranter Theil der Handlung und zu der Würde des Ganzen veredelt. Auf dem einen(No. 25) ſteht ſie in einer ſehr geiſtreich gedachten Stellung abgewendet, und es iſt dem Künſtler gelungen, uns gerade durch Das, was er verhüllte, deſto tiefer zu rühren. Auf dem andern Bilde(No. 26), deſſen ich nachher noch um⸗ ſtändlicher gedenken werde, hat ihr der Kunſtler eine noch größere, wenn nicht zu große Bedeutung gegeben. 339 Bei dieſer Abſchiedsſcene Hektors war das Locale keines⸗ wegs unwichtig, und die Handlung konnte nur vermittelſt desſelben ihre volle Erklärung erhalten. Wenn ſich der Kunſtler nicht der Freiheit der Symbole bediente, ſo mußte er die Scene unter oder an das trojaniſche Thor verlegen, und, je ſprechender er die Umgebung machte, deſto mehr Ausdruck kam in die Handlung. Es iſt daher nicht zu billigen, daß auf einigen Bildern die Scene an eine ganz oͤde und gleichgültige Stelle an der Stadtmauer verlegt iſt. Die Handlung entbehrt dadurch ihren bedeutenden Hintergrund und ihren öffentlichen Charak⸗ ter, der jenen alten Zeiten ſo gemäß iſt, obgleich das andere Extrem, wo der Künſtler einen opernmaßigen Hofſtaat um ſeine Perſonen herum verbreitet, noch weit mehr Tadel verdient. Man hat alle Urſache, ſich über den Fleiß, über die Kunſtfertigkeit, über das Sentiment, über den Geiſt und Geſchmack zu erfreuen, die bei dieſen Bildern, bald mehr bald weniger verbunden, zur Erſcheinung gekommen ſind. Von der Gefühlsinnigkeit an, bei welcher die Kunſt anfangt, bis zu der heitern Imagination, wodurch ſie ſich frei und ſelbſtſtändig erklärt, und zu der geiſtreichen vollendeten An⸗ muth, wodurch ſie ſich, auf ihrem weiten Weg, wieder zur Natur zurück findet, ſind Proben gegeben worden. Mehrere dieſer Bilder ſind wahrhaft ſchön gedachte Ganze; andre em⸗ pfehlen ſich durch irgend eine glückliche Anlage oder durch eine erworbene Fertigkeit, einige durch ein vollendetes Talent in Abſicht auf gewiſſe Theile der maleriſchen Ausführung. Wenn man aber alle der Reihe nach durchlaufen hat, ſo wird man zuletzt mit erhoͤhter Zufriedenheit zu(No. 26) der braunen Zeichnung, wie das Publikum ſie nannte, ehe man den Namen des Künſtlers, Hrn. Nahls, erfuhr, zurück⸗ kehren, welche auch den Blick zuerſt angezogen hat. 310 Hektor hebt den Aſtyanar mit einem heitern Blick des Vertrauens zu den Göttern empor. Andromache, eine ſchöne Geſtalt, im Geiſt der Antiken gezeichnet, lehnt ſich an die rechte Seite des Helden, auf ihm als ihrem Gotte ſcheint ſie zu ruhen, kein Ausdruck des Schmerzes entſtellt ihre reinen Zuge. Zur Linken Hektors in weiterm Abſtand von ihm und durch den Helm, der auf dem Boden liegt, von ihm geſchie⸗ den, kniet die Warterin, das heitere Gebet des Helden mit einem ſchmerzvollen Flehen aus tiefer geaͤngſteter Bruſt be⸗ gleitend. Auf ſie, als die niedrigere Natur, hat der weiſe Kunſtler die ganze Schale der Leidenſchaft ausgegoſſen, die er für dieſe Scene bereit hielt; aber in ihrem Afect iſt nichts Unwürdiges, es iſt nur das Heftige der Inbrunſt, was ihn bezeichnet. Die Handlung geſchieht unter dem Thor, deſſen edle Architektur würdig zum Ganzen ſtimmt. Hinter der Amme öffnet ſich dasſelbe in einem ſchönen freien Bogen; man ſieht den Wagen Hektors, der Führer haͤlt die Pferde an, ein Krieger iſt näher getreten und ſetzt die Hauptſcene mit der Handlung des Hintergrundes in Verbindung. Dies iſt der poetiſche Gedanke des Bildes; aber der edle Styl, die Einheit, die leichte Hand, die Reinlichkeit und An⸗ muth in der Behandlung kann nur empfunden, nicht durch Worte ausgedrückt werden. Man fühlt ſich thätig, klar und entſchieden: die ſchönſte Wirkung, die die plaſtiſche Kunſt be⸗ zweckt. Das Auge wird gereizt und erquickt, die Fantaſie belebt, der Geiſt aufgeregt, das Herz erwarmt und entzundet, der Verſtand beſchaͤftigt und befriedigt. Ueber Bürgers Gedichte. Die Gleichgultigkeit, mit der unſer philoſophirendes Zeit⸗ alter auf die Spiele der Muſen herabzuſehen anfängt, ſcheint keine Gattung der Poeſie empfindlicher zu treffen, als die ly⸗ riſche. Der dramatiſchen Dichtkunſt dient doch wenigſtens die Einrichtung des geſellſchaftlichen Lebens zu einigem Schutze, und der erzählenden erlaubt ihre freiere Form, ſich dem Welt⸗ ton mehr anzuſchmiegen und den Geiſt der Zeit in ſich auf⸗ zunehmen. Aber die jahrlichen Almanache, die Geſellſchafts⸗ Geſänge, die Muſikliebhaberei unſrer Damen ſind nur ein ſchwacher Damm gegen den Verfall der lyriſchen Dichtkunſt. Und doch ware es füur den Freund des Schönen ein ſehr nie⸗ derſchlagender Gedanke, wenn dieſe jugendlichen Blüthen des Geiſtes in der Fruchtzeit abſterben, wenn die reifere Cultur auch nur mit einem einzigen Schönheitsgenuß erkauft werden ſollte. Vielmehr ließe ſich auch in unſern ſo unpdetiſchen Ta⸗ gen, wie für die Dichtkunſt überhaupt, alſo auch für die ly⸗ riſche, eine ſehr würdige Beſtimmung entdecken; es ließe ſich vielleicht darthun, daß, wenn ſie von einer Seite höhern Gei⸗ ſtesbeſchäftigungen nachſtehen muß, ſie von einer andern nur deſto nothwendiger geworden iſt. Bei der Vereinzelung und 342 getrennten Wirkſamkeit unſrer Geiſteskräfte, die der erwei⸗ terte Kreis des Wiſſens und die Abſonderung der Berufsge⸗ ſchäfte nothwendig macht, iſt es die Dichtkunſt beinahe allein, welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt, welche Kopf und Herz, Scharfſinn und Witz, Vernunft und Einbildungskraft in harmoniſchem Bunde beſchaftigt, welche gleichſam den ganzen Menſchen in uns wieder herſtellt. Sie allein kann das Schickſal abwenden, das traurigſte, das dem philoſophirenden Verſtande widerfahren kann, über dem Fleiß des Forſchens den Preis ſeiner Anſtrengungen zu ver⸗ lieren und in der abgezogenen Vernunftwelt für die Freuden der wirklichen zu ſterben. Aus noch ſo divergirenden Bahnen würde ſich der Geiſt bei der Dichtkunſt wieder zurecht finden und in ihrem verjüngenden Licht der Erſtarrung eines früh⸗ zeitigen Alters entgehen. Sie ware die jugendlich blühende Hebe, welche in Jovis Saal die unſterblichen Götter bedient. Dazu aber würde erfordert, daß ſie ſelbſt mit dem Zeit⸗ alter fortſchritte, dem ſie dieſen wichtigen Dienſt leiſten ſoll, daß ſie ſich alle Vorzuͤge und Erwerbungen desſelben zu eigen machte. Was Erfahrung und Vernunft an Schätzen für die Menſchheit aufhäuften, müßte Leben und Fruchtbarkeit ge⸗ winnen und in Anmuth ſich kleiden in ihrer ſchöpferiſchen Hand. Die Sitten, den Charakter, die ganze Weisheit ihrer Zeit müßte ſie, geläutert und veredelt, in ihrem Spiegel ſam⸗ meln und mit idealiſirender Kunſt aus dem Jahrhundert ſelbſt ein Muſter fuͤr das Jahrhundert erſchaffen. Dies aber ſetzte voraus, daß ſie ſelbſt in keine andre als reife und ge⸗ bildete Häande fiele. Solange Dies nicht iſt, ſolange zwiſchen dem ſittlich ausgebildeten, vorurtheilsfreien Kopf und dem Dichter ein andrer Unterſchied ſtattfindet, als daß Letzterer zu den Vorzügen des Erſtern das Talent der Dichtung noch 343 als Zugabe beſitzt: ſo lange dürfte die Dichtkunſt ihren ver⸗ edelnden Einſluß auf das Jahrhundert verfehlen, und jeder Fortſchritt wiſſenſchaftlicher Cultur wird nur die Zahl ihrer Bewunderer vermindern. Unmöglich kann der gebildete Mann Erquickung fuͤr Geiſt und Herz bei einem unreifen Jüngling ſuchen, unmöglich in Gedichten die Vorurtheile, die gemeinen Sitten, die Geiſtesleerheit wieder finden wollen, die ihn im wirklichen Leben verſcheuchen. Mit Recht verlangt er von dem Dichter, der ihm, wie dem Römer ſein Horaz, ein theurer Begleiter durch das Leben ſeyn ſoll, daß er im Intel⸗ lectuellen und Sittlichen auf einer Stufe mit ihm ſtehe, weil er auch in Stunden des Genuſſes nicht unter ſich ſinken will. Es iſt alſo nicht genug, Empfindung mit erhöhten Far⸗ ben zu ſchildern; man muß auch erhöht empfinden. Begei⸗ ſterung allein iſt nicht genug; man fordert die Begeiſterung eines gebildeten Geiſtes. Alles, was der Dichter uns geben kann, iſt ſeine Individualität. Dieſe muß es alſo werth ſeyn, vor Welt und Nachwelt ausgeſtellt zu werden. Dieſe ſeine Individualität ſo ſehr als moglich zu veredeln, zur reinſten, herrlichſten Menſchheit hinaufzulaͤutern, iſt ſein erſtes und wichtigſtes Geſchäft, ehe er es unternehmen darf, die Vor⸗ trefflichen zu rühren. Der höchſte Werth ſeines Gedichtes kann kein anderer ſeyn, als daß es der reine vollendete Ab⸗ druck einer intereſſanten Gemüthlage, eines intereſſanten vollendeten Geiſtes iſt. Nur ein ſolcher Geiſt ſoll ſich uns in Kunſtwerken ausprägen; er wird uns in ſeiner kleinſten Aeußerung kenntlich ſeyn, und umſonſt wird, der es nicht iſt, dieſen weſentlichen Mangel durch Kunſt zu verſtecken ſuchen. Vom Aeſthetiſchen gilt eben Das, was vom Sittlichen: wie es hier der moraliſch vortreffliche Charakter eines Menſchen allein iſt, der einer ſeiner einzelnen Handlungen den Stempel 344 moraliſcher Guͤte aufdrücken kann, ſo iſt es dort nur der reife, der vollkommene Geiſt, von dem das Reife, das Voll⸗ kommene ausfließt. Kein noch ſo großes Talent kann dem einzelnen Kunſtwerk verleihen, was dem Schöpfer desſelben gebricht, und Mäͤngel, die aus dieſer Quelle entſpringen, kann ſelbſt die Feile nicht wegnehmen. Wir würden nicht wenig verlegen ſeyn, wenn uns auf⸗ gelegt würde, dieſen Maßſtab in der Hand, den gegenwarti⸗ gen Muſenberg zu durchwandern. Aber die Erfahrung, dancht uns, müßte es ja lehren, wie viel der größere Theil unſrer nicht ungeprieſenen lyriſchen Dichter auf den beſſern des Pub⸗ likums wirkr; auch trifft es ſich zuweilen, daß uns einer oder der andre, wenn wir es auch ſeinen Gedichten nicht ange⸗ merkt hätten, mit ſeinen Bekenntniſſen uberraſcht oder uns Proben von ſeinen Sitten liefert. Jetzt ſchranken wir uns darauf ein, von dem bisher Geſagten die Anwendung auf Hrn. Bürger zu machen. Aber darf wohl dieſem Maßſtab auch ein Dichter unter⸗ worfen werden, der ſich ausdrücklich als„ Volksſänger“ ankün⸗ digt und Popularitat(ſ. Vorrede zum 1. Theil Seite 15 u. f.) zu ſeinem höchſten Geſetz macht? Wir ſind weit entfernt, Hrn. B. mit dem ſchwankenden Worte„Volk“ chicaniren zu wollen; vielleicht bedarf es nur weniger Worte, um uns mit ihm darüber zu verſtändigen. Ein Volksdichter in jenem Sinn, wie es Homer ſeinem Weltalter oder die Troubadours dem ihrigen waren, dürfte in unſern Tagen vergeblich geſucht werden. Unſre Welt iſt die Homer'ſche nicht mehr, wo alle Glieder der Geſellſchaft im Empfinden und Meinen ungefahr dieſelbe Stufe einnahmen, ſich alſo gleich in derſelben Schil⸗ derung erkennen, in denſelben Gefuhlen begegnen kennten. Jetzt iſt zwiſchen der Auswahl einer Nation und der Maſſe 345 derſelben ein ſehr großer Abſtand ſichtbar, wovon die Urſache zum Theil ſchon darin liegt, daß Aufklarung der Begriffe und ſittliche Veredlung ein zuſammenhangendes Ganzes aus⸗ machen, mit deſſen Bruchſtücken nichts gewonnen wird. Außer dieſem Culturunterſchied iſt es noch die Convenienz, welche die Glieder der Nation in der Empfindungsart und im Aus⸗ druck der Empfindung einander ſo äußerſt unähnlich macht. Es würde daher umſonſt ſeyn, willkürlich in einen Begriff zuſammen zu werfen, was laͤngſt ſchon keine Einheit mehr iſt. Ein Volksdichter für unſere Zeiten hätte alſo bloß zwiſchen dem Allerleichteſten und dem Allerſchwerſten die Wahl: ent⸗ weder ſich ausſchließend der Faſſungskraft des großen Haufens zu bequemen und auf den Beifall der gebildeten Klaſſe Ver⸗ zicht zu thun,— oder den ungeheuren Abſtand, der zwiſchen Beiden ſich befindet, durch die Größe ſeiner Kunſt aufzuheben und beide Zwecke vereinigt zu verfolgen. Es fehlt uns nicht an Dichtern, die in der erſten Gattung glücklich geweſen ſind und ſich bei ihrem Publikum Dank verdient haben; aber nimmermehr kann ein Dichrer von Hrn. Bürgers Genie die Kunſt und ſein Talent ſo tief herabgeſetzt haben, um nach einem ſo gemeinen Ziele zu ſtreben. Popularität iſt ihm, weit entfernt, dem Dichter die Arbeit zu erleichtern oder mittelmaßige Talente zu bedecken, eine Schwierigkeit mehr und fürwahr eine ſo ſchwere Aufgabe, daß ihre glückliche Auflöſung der hoͤchſte Triumph des Genies genannt werden kann. Welch Unternehmen, dem ekeln Geſchmack des Kenners Genüge zu leiſten, ohne dadurch dem großen Haufen ungenieß⸗ bar zu ſeyn— ohne der Kunſt etwas von ihrer Würde zu vergeben, ſich an den Kinderverſtand des Volks anzuſchmiegen. Groß, doch nicht unüberwindlich, iſt dieſe Schwierigkeit; das ganze Geheimniß, ſie aufzuloͤſen— glückliche Wahl des Stoffs 346 und hoͤchſte Simplicität in Behandlung desſelben. Jenen müßte der Dichter ausſchließend nur unter Situationen und Empfindungen wahlen, die dem Menſchen als Menſchen eigen ſind. Alles, wozu Erfahrungen, Auſſchlüſſe, Fertigkeiten gehören, die man nur in poſitiven und künſtlichen Verhalt⸗ niſſen erlangt, müßte er ſich ſorgfältig unterſagen und durch dieſe reine Scheidung deſſen, was im Menſchen bloß menſch⸗ lich iſt, gleichſam den verlorenen Zuſtand der Natur zurückrufen. In ſtillſchweigendem Einverſtändniß mit den Vortrefflichſten ſeiner Zeit wuͤrde er die Herzen des Volks an ihrer weichſten und bildſamſten Seite faſſen, durch das geubte Schoͤnheits⸗ gefuhl den ſittlichen Trieben eine Nachhülfe geben und das Leidenſchaftsbedürfniß, das der Alltagspoet ſo geiſtlos und oft ſo ſchädlich befriedigt, für die Reinigung der Leidenſchaft nutzen. Als der aufgeklärte, verfeinerte Wortführer der Volksgefühle würde er dem hervorſtrömenden, Sprache ſuchen⸗ den Affect der Liebe, der Freude, der Andacht, der Traurig⸗ keit, der Hoffnung u. a. m. einen reinern und geiſtreichern Text unterlegen; er würde, indem er ihnen den Ausdruck lieh, ſich zum Herrn dieſer Affecte machen und ihren rohen, geſtaltloſen, oft thieriſchen Ausbruch noch auf den Lippen des Volks veredeln. Selbſt die erhabenſte Philoſophie des Lebens würde ein ſolcher Dichter in die einfachen Gefühle der Natur auflöſen, die Reſultate des mühſamſten Forſchens der Einbil⸗ dungskraft überliefern und die Geheimniſſe des Denkers in leicht zu entziffernder Bilderſprache dem Kinderſinn zu erra⸗ then geben. Ein Vorläufer der hellen Erkenntniß, brachte er die gewagteſten Vernunftwahrheiten, in reizender und verdachtloſer Hülle, lange vorher unter das Volk, ehe der Philoſoph und Geſetzgeber ſich erkühnen dürfen, ſie in ihrem vollen Glanze heraufzuführen. Ehe ſie ein Eigenthum der 347 Ueberzeugung geworden, hätten ſie durch ihn ſchon ihre ſtille Macht an den Herzen bewieſen, und ein ungeduldiges ein⸗ ſtimmiges Verlangen würde ſie endlich von ſelbſt der Ver⸗ nunft abfordern. In dieſem Sinne genommen, ſcheint uns der Volksdich⸗ ter, man meſſe ihn nach den Fähigkeiten, die bei ihm vor⸗ ausgeſetzt werden, oder nach ſeinem Wirkungskreis, einen ſehr hohen Rang zu verdienen. Nur dem großen Talent iſt es gegeben, mit den Reſultaten des Tiefſinns zu ſpielen, den Gedanken von der Form loszumachen, an die er urſpruͤng⸗ lich geheftet, aus der er vielleicht entſtanden war, ihn in eine fremde Ideenreihe zu verpflanzen, ſo viel Kunſt in ſo wenigem Aufwand, in ſo einfacher Hülle ſo viel Reichthum zu verbergen. Hr. B. ſagt alſo keineswegs zu viel, wenn er Popularität eines Gedichts fuͤr das„Siegel der Vollkommen⸗ heit“ erklärt. Aber, indem er dies behauptet, ſetzt er ſtill⸗ ſchweigend ſchon voraus, was Mancher, der ihn liest, bei dieſer Behauptung ganz und gar überſehen duͤrfte, daß zur Vollkommenheit eines Gedichts die erſte unerläßliche Bedin⸗ gung iſt, einen von der verſchiedenen Faſſungskraft ſeiner Leſer durchaus unabhaͤngigen abſoluten, innern Werth zu be⸗ ſitzen.„Wenn ein Gedicht,“ ſcheint er ſagen zu wollen,„die Prüfung des echten Geſchmacks aushält und mit dieſem Vor⸗ zug noch eine Klarheit und Faßlichkeit verbindet, die es fähig macht, im Munde des Volks zu leben: dann iſt ihm das Siegel der Vollkommenheit aufgedrückt.“ Dieſer Satz iſt durchaus Eins mit dieſem: Was den Vortrefflichen gefällt, iſt gut; was Allen ohne unterſchied gefällt, iſt es noch mehr. Alſo, weit entfernt, daß bei Gedichten, welche für das Volk beſtimmt ſind, von den höchſten Forderungen der Kunſt etwas nachgelaſſen werden könnte, ſo iſt vielmehr zu 348 Beſtimmung ihres Werths(der nur in der glücklichen Verei⸗ nigung ſo verſchiedener Eigenſchaften beſteht) weſentlich und nöthig, mit der Frage anzufangen: Iſt der Popularität nichts von der höhern Schönheit aufgeopfert worden? Haben ſie, was ſie für die Volksmaſſen an Intereſſe gewannen, nicht für den Kenner verloren? Und hier müſſen wir geſtehen, daß uns die Bürger'ſchen Gedichte noch ſehr viel zu wünſchen uͤbrig gelaſſen haben, daß wir in dem größten Theil derſelben den milden, ſich im⸗ mer gleichen, immer hellen, mäͤnnlichen Geiſt vermiſſen, der, eingeweiht in die Myſterien des Schönen, Edeln und Wah⸗ ren, zu dem Volke bildend hernieder ſteigt, aber auch in der vertrauteſten Gemeinſchaft mit demſelben nie ſeine himmliſche Abkunft verleugnet. Hr. B. vermiſcht ſich nicht ſelten mit dem Volk, zu dem er ſich nur herablaſſen ſollte, und, anſtatt es ſcherzend und ſpielend zu ſich hinaufzuziehen, gefallt es ihm oft, ſich ihm gleich zu machen. Das Volk, für das er dichtet, iſt leider nicht immer dasjenige, welches er unter dieſem Namen gedacht wiſſen will. Nimmermehr ſind es die⸗ ſelben Leſer, für welche er ſeine Nachtfeier der Venus, ſeine Leonore, ſein Lied an die Hoffnung, die Elemente, die göt⸗ tingiſche Jubelfeier, Männerkeuſchheit, Vorgefüͤhl der Geſund⸗ heit u. a. m. und eine Frau Schnips, Fortunens Pranger, Menagerie der Götter, an die Menſchengeſichter und ahnliche niederſchrieb. Wenn wir anders aber einen Volksdichter rich⸗ tig ſchatzen, ſo beſteht ſein Verdienſt nicht darin, jede Volks⸗ klaſſe mit irgend einem, ihr beſonders genießbaren Liede zu verſorgen, ſondern in jedem einzelnen Liede jeder Volksklaſſe genug zu thun. Wir wollen uns aber nicht bei Fehlern verweilen, die eine unglückliche Stunde entſchuldigen, und denen durch eine 349 ſtrengere Auswahl unter ſeinen Gedichten abgeholfen werden kann. Aber, daß ſich dieſe Ungleichheit des Geſchmacks ſehr oft in demſelben Gedichte findet, dürfte eben ſo ſchwer zu verbeſſern als zu entſchuldigen ſeyn. Rec. muß geſtehen, daß er unter allen Buͤrger'ſchen Gedichten(die Rede iſt von de⸗ nen, welche er am Reichlichſten ausſteuerte) beinahe keines zu nennen weiß, das ihm einen durchaus reinen, durch gar kein Mißfallen erkaufren Genuß gewaͤhrt hätte. War es ent⸗ weder die vermißte Uebereinſtimmung des Bildes mit dem Gedanken oder die beleidigte Würde des Inhalts oder eine zu geiſtloſe Einkleidung; war es auch nur ein unedles, die Schönheit des Gedankens entſtellendes Bild, ein ins Platte fallender Ausdruck, ein unnützer Wörterprunk, ein(was doch am Seltenſten ihm begegnet) unechter Reim oder harter Vers, was die harmoniſche Wirkung des Ganzen ſtörte: ſo war uns dieſe Störung bei ſo vollem Genuß um ſo widriger, weil ſie uns das Urtheil abnöthigte, daß der Geiſt, der ſich in dieſen Gedichten darſtellte, kein gereifter, kein vollendeter Geiſt ſey, daß ſeinen Producten nur deßtoegen die letzte Hand fehlen moͤchte, weil ſie— ihm ſelbſt fehlte. Eine nothwendige Operation des Dichters iſt Idealiſirung ſeines Gegenſtandes, ohne welche er aufhoͤrt, ſeinen Namen zu verdienen. Ihm kommt es zu, das Vortreffliche ſeines Gegenſtandes(mag dieſer nun Geſtalt, Empfindung oder Handlung ſeyn, in ihm oder außer ihm wohnen) von groͤbern, wenigſtens fremdartigen Beimiſchungen zu befreien, die in mehrern Gegenſtänden zerſtreuten Strahlen von Vollkommen⸗ heit in einem einzigen zu ſammeln, einzelne, das Ebenmaß ſtörende Züge der Harmonie des Ganzen zu unterwerfen, das Individuelle und Locale zum Allgemeinen zu erheben. Alle Idrale, die er auf dieſe Art im Einzelnen bildet, ſind gleichſam nur Ausfluͤſſe eines innern Ideals von Vollkommenheit, das in der Seele des Dichters wohnt. Zu je größerer Reinheit und Fülle er dieſes innere allgemeine Ideal ausgebildet hat, deſto mehr werden auch jene einzelnen ſich der höchſten Voll⸗ kommenheit naͤhern. Dieſe Idealiſirkunſt vermiſſen wir zu ſehr bei Hrn. Bürger. Außerdem, daß uns ſeine Muſe über⸗ haupt einen zu ſinnlichen, oft gemeinſinnlichen Charakter zu tragen ſcheint, daß ihm ſelten Liebe etwas Anderes als Ge⸗ nuß oder ſinnliche Augenweide, Schönheit oft nur Jugend, Geſundheit, Glückſeligkeit nur Wohlleben iſt, moͤchten wir die Gemäaͤlde, die er uns aufſtellt, mehr einen Zuſammenwurf von Bildern, eine Compilation von Zügen, eine Art Moſaik, als Ideale nennen. Will er uns z. B. weibliche Schönheit ma⸗ len, ſo ſucht er zu jedem einzelnen Reiz ſeiner Geliebten ein demſelben correſpondirendes Bild in der Natur umher auf, und daraus erſchafft er ſich ſeine Göttin. Man ſehe 1. Th. S. 124. Das Madel, das ich meine, das hohe Lied und mehrere andre. Will er ſie überhaupt als Muſter von Voll⸗ kommenheit uns darſtellen, ſo werden ihre Qualitäten von einer ganzen Schaar Goͤttinnen zuſammengeborgt. S. 86, die beiden Liebenden: Im Denken iſt ſie Pallas ganz Und Juno ganz an edelm Gange, Terpſichore beim Freudentanz, Euterpe neidet ſie im Sange, Ihr weicht Aglaja, wenn ſie lacht, Melpomene bei ſanfter Klage, Die Wolluſt iſt ſie in der Nacht, Die holde Sittſamkeit bei Tage. Wir fuͤhren dieſe Strophe nicht an, als glaubten wir, daß ſie das Gedicht, worin ſie vorkommt, eben verunſtalte, ſondern 351 weil ſie uns das paſſendſte Beiſpiel zu ſeyn ſcheint, wie un⸗ gefähr Hr. B. idealiſirt. Es kann nicht fehlen, daß dieſer üppige Farbenwechſel auf den erſten Anblick hinreißt und blendet, Leſer beſonders, die nur für das Sinnliche empfäng⸗ lich ſind und, den Kindern gleich, nur das Bunte bewundern. Aber wie wenig ſagen Gemälde dieſer Art dem verfeinerten Kunſtſinn, den nie der Reichthum, ſondern die weiſe Oeko⸗ nomie, nie die Materie, nur die Schönheit der Form, nie die Ingredienzien, nur die Feinheit der Miſchung befriedigt! Wir wollen nicht unterſuchen, wie viel oder wenig Kunſt er⸗ fordert wird, in dieſer Manier zu erfinden; aber wir entdecken bei dieſer Gelegenheit an uns ſelbſt, wie wenig dergleichen Kraftſtücke der Jugend die Prüfung eines männlichen Ge⸗ ſchmacks aushalten. Es konnte uns eben darum auch nicht ſehr angenehm uberraſchen, als wir in dieſer Gedichtſamm⸗ lung, einem Unternehmen reiferer Jahre, ſowohl ganze Ge⸗ dichte als einzelne Stellen und Ausdrücke wieder fanden(das Klinglingling, Hopp Hopp Hopp, Huhu, Saſa, Trallyrum larum u. dgl. m. nicht zu vergeſſen), welche nur die poetiſche Kindheit ihres Verfaſſers entſchuldigen und der zweideutige Beifall des großen Haufens ſo lange durchbringen konnte. Wenn ein Dichter, wie Hr. B., dergleichen Spielereien durch die Zauberkraſt ſeines Pinſels, durch das Gewicht ſeines Bei⸗ ſpiels in Schutz nimmt, wie ſoll ſich der unmaͤnnliche, kindi⸗ ſche Ton verlieren, den ein Heer von Stüͤmpern in unſere lyriſche Dichtkunſt einfuͤhrte? Aus eben dieſem Grunde kann Rec. das ſonſt ſo lieblich geſungene Gedicht„Blümchen Wunderhold“ nur mit Einſchraͤnkung loben. Wie ſehr ſich auch Hr. B. in dieſer Erfindung gefallen haben mag, ſo iſt ein Zauberblümchen an der Bruſt kein ganz würdiges und eben auch nicht ſehr geiſtreiches Symbol der Beſcheidenheit; 35² es iſt, frei herausgeſagt, Taͤndelei. Wenn es von dieſem Blümchen heißt: Du theilſt der Floͤte weichen Klang Des Schreiers Kehle mit Und wandelſt in Zephyrengang Des Stuͤrmers Poltertritt, ſo geſchieht der Beſcheidenheit zu viel Ehre. Der unſchick⸗ liche Ausdruck: die Naſe ſchnaubt nach Aether, und ein un⸗ echter Reim: blahn und ſchoͤn, verunſtalten den leichten und ſchönen Gang dieſes Liedes. Am Meiſten vermißt man die Idealiſirkunſt bei Hrn. B., wenn er Empfindungen ſchildert; dieſer Vorwurf trifft beſon⸗ ders die neuern Gedichte, großentheils an Molly gerichtet, womit er dieſe Ausgabe bereichert hat. So unnachahmlich ſchön in den meiſten Diction und Versbau iſt, ſo poetiſch ſis geſungen ſind, ſo unpoetiſch ſcheinen ſie uns empfunden. Was Leſſing irgendwo dem Tragodiendichter zum Geſetz macht, keine Seltenheiten, keine ſtreng individuelle Charaktere und Situationen darzuſtellen, gilt noch weit mehr von dem lyri⸗ ſchen. Dieſer darf eine gewiſſe Allgemeinheit in den Ge⸗ muüthsbewegungen, die er ſchildert, um ſo weniger verlaſſen, je weniger Raum ihm gegeben iſt, ſich uͤber das Eigenthüm⸗ liche der Umſtände, wodurch ſie veranlaßt ſind, zu verbreiten. Die neuen Bürger'ſchen Gedichte ſind großentheils Producte einer ſolchen ganz eigenthümlichen Lage, die zwar weder ſo ſtreng individuell, noch ſo ſehr Ausnahme iſt, als ein Heav⸗ tontimorumenos des Terenz, aber gerade individuell genug, um von dem Leſer weder vollſtandig noch rein genug aufge⸗ faßt zu werden, daß das Unideale, welches davon unzertrenn⸗ lich iſt, den Genuß nicht ſtörte. Indeſſen würde dieſer Um⸗ ſtand den Gedichten, bei denen er angetroffen wird, bloß eine 353 Vollkommenheit nehmen; aber ein anderer kommt hinzu, der ihnen weſentlich ſchadet. Sie ſind nämlich nicht bloß Gemaͤlde dieſer eigenthümlichen(und ſehr undichteriſchen) Seelenlage, ſondern ſie ſind offenbar auch Geburten derſelben. Die Em⸗ pfindlichkeit, der Unwille, die Schwermuth des Dichters ſind nicht bloß der Gegenſtand, den er beſingt, ſie ſind leider oft auch der Apoll, der ihn begeiſtert. Aber die Göttinnen des Reizes und der Schönheit ſind ſehr eigenſinnige Gottheiten. Sie belohnen nur die Leidenſchaft, die ſie ſelbſt einfloßten; ſie dulden auf ihrem Altar nicht gern ein ander Feuer, als das Feuer einer reinen, uneigennützigen Begeiſterung. Ein erzürnter Schauſpieler wird uns ſchwerlich ein edler Reprä⸗ ſentant des Unwillens werden; ein Dichter nehme ſich ja in Acht, mitten im Schmerz den Schmerz zu beſingen. So, wie der Dichter ſelbſt bloß leidender Theil iſt, muß ſeine Empfin⸗ dung ungausbleiblich von ihrer idealiſchen Allgemeinheit zu einer unvollkommenen Individualität herabſinken. Aus der ſanftern und fernenden Erinnerung mag er dichten, und dann deſto beſſer für ihn, je mehr er an ſich erfahren hat, was er beſingt, aber ja niemals unter der gegenwärtigen Herrſchaft des Affects, den er uns ſchöͤn verſinnlichen ſoll. Selbſt in Gedichten, von denen man zu ſagen pflegt, daß die Liebe, die Freundſchaft u. ſ. w. ſelbſt dem Dichter den Pinſel dabei ge⸗ füuͤhrt habe, hatte er damit anfangen müſſen, ſich ſelbſt fremd zu werden, den Gegenſtand ſeiner Begeiſterung von ſeiner In⸗ dividualität los zu wickeln, ſeine Leidenſchaft aus einer mildern⸗ den Ferne anzuſchauen. Das Idealſchöne wird ſchlechterdings nur durch eine Freiheit des Geiſtes, durch eine Selbſtthaͤtigkeit möglich, welche die Uebermacht der Leidenſchaft aufhebt. Die neuern Gedichte Herrn Bürgers charakteriſirt eine gewiſſe Bitterkeit, eine faſt kraͤnkelnde Schwermuth. Das Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 23 354 hervorragendſte Stuͤck in dieſer Sammlung:„Das hohe Lied von der Einzigen,“ verliert dadurch beſonders viel von ſeinem übrigen unerreichbaren Werthe. Andre Kunſtrichter haben ſich bereits ausführlicher über dieſes ſchöne Product der Bür⸗ ger'ſchen Muſe herausgelaſſen, und mit Vergnügen ſtimmen wir in einen großen Theil des Lobes mit ein, das ſie ihm beigelegt haben. Nur wundern wir uns, wie es möglich war, dem Schwunge des Dichters, dem Feuer ſeiner Empfindung, ſeinem Reichthum an Bildern, der Kraft ſeiner Sprache, der Harmonie ſeines Verſes ſo viele Verſündigungen gegen den guten Geſchmack zu vergeben; wie es möglich war, zu über⸗ ſehen, daß ſich die Begeiſterung des Dichters nicht ſelten in die Gränzen des Wahnſinns verliert, daß ſein Feuer oft Furie wird, daß eben deßwegen die Gemüthsſtimmung, mit der man dies Lied aus der Hand legt, durchaus nicht die wohlthätige harmoniſche Stimmung iſt, in welche wir uns von dem Dichter verſetzt ſehen wollen. Wir begreifen, wie Hr. B., hingeriſſen von dem Affect, der dieſes Lied ihm dictirte, beſtochen von der nahen Beziehung dieſes Lieds auf ſeine eigene Lage, die er in demſelben, wie in einem Heiligthum, niederlegte, am Schluſſe dieſes Lieds ſich zurufen konnte, daß es das Siegel der Vollendung an ſich trage;— aber eben deßwegen moͤchten wir es, ſeiner glanzenden Vorzüge ungeachtet, nur ein ſehr vortreffliches Gelegenheitsgedicht nennen, ein Gedicht näm⸗ lich, deſſen Entſtehung und Beſtimmung man es allenfalls verzeiht, wenn ihm die idealiſche Reinheit und Vollendung mangelt, die allein den guten Geſchmack befriedigt. Eben dieſer große und nahe Antheil, den das eigene Selbſt des Dichters an dieſem und noch einigen andern Liedern dieſer Sammlung hatte, erklärt uns beiläufig, warum wir in dieſen Liedern ſo übertrieben oft an ihn ſelbſt, den Verf., 355 erinnert werden. Rec. kennt unter den neuern Dichtern keinen, der das sublimi feriam sidera vertice des Horaz mit ſolchem Mißbrauch im Munde führte, als Hr. B. Wir wollen ihn deßwegen nicht in Verdacht haben, daß ihm bei ſolchen Gelegenheiten das Blümchen Wunderhold aus dem Buſen gefallen ſey; es leuchtet ein, daß man nur im Scherz ſo viel Selbſtlob an ſich verſchwenden kann. Aber, angenommen, daß an ſolchen ſcherzhaften Aeußerungen nur der zehnte Theil ſein Ernſt ſey, ſo macht ja ein zehnter Theil, der zehnmal wieder kommt, einen ganzen und bittern Ernſt. Eigenruhm kann ſelbſt einem Horaz nur verziehen werden, und ungern verzeiht der hingeriſſene Leſer dem Dichter, den er ſo gern— nur bewundern möchte. Dieſe allgemeinen Winke, den Geiſt des Dichters betref⸗ fend, ſcheinen uns Alles zu ſeyn, was über eine Sammlung von mehr als hundert Gedichten, worunter viele einer aus⸗ führlichen Zergliederung werth ſind, in einer Zeitung geſagt werden konnte. Das längſt entſchiedene einſtimmige Urtheil des Publikums überhebt uns, von ſeinen Balladen zu reden, in welcher Dichtungsart es nicht leicht ein deutſcher Dichter Hrn. B. zuvorthun wird. Bei ſeinen Sonetten, Muſtern ihrer Art, die ſich auf den Lippen des Declamateurs in Ge⸗ ſang verwandeln, wünſchen wir mit ihm, daß ſie keinen Nachahmer finden möchten, der nicht gleich ihm und ſeinem vortrefflichen Freund, Schlegel, die Leyer des pythiſchen Gottes ſpielen kann. Gern hätten wir alle bloß witzige Stücke, die Sinngedichte vor allen, in dieſer Sammlung entbehrt, ſo wie wir überhaupt Hrn. B. die leichte ſcherzende Gattung möͤchten verlaſſen ſehen, die ſeiner ſtarken nervigen Manier nicht zu⸗ ſagt. Man vergleiche z. B., um ſich davon zu überzeugen, das Zechlied I. Thl. S. 142 mit einem Anakreontiſchen oder 356 Horaziſchen von aͤhnlichem Inhalt. Wenn man uns endlich auſs Gewiſſen fragte, welchen von Hrn. Bs. Gedichten, den ernſthaften oder den ſatiriſchen, den ganz lyriſchen oder lyriſch⸗ erzählenden, der Vorrang gebühre, ſo würde unſer Aus⸗ ſpruch für die ernſthaften, fuͤr die erzahlenden und für die frühern ausfallen. Es iſt nicht zu verkennen, daß Hr. B. an poetiſcher Kraft und Fuͤlle, an Sprachgewalt und an Schönheit des Verſes gewonnen hat; aber ſeine Manier hat ſich weder veredelt, noch ſein Geſchmack gereinigt. Wenn wir bei Gedichten, von denen ſich unendlich viel Schönes ſagen läßt, nur auf die fehlerhafte Seite hingewieſen haben, ſo iſt Dies, wenn man will, eine Ungerechtigkeit, der wir uns nur gegen einen Dichter von Hrn. Bs. Talent und Ruhm ſchuldig machen konnten. Nur gegen einen Dichter, auf den ſo viele nachahmende Federn lauern, verlohnt es ſich der Mühe, die Partei der Kunſt zu ergreifen; und auch nur das große Dichtergenie iſt im Stande, den Freund des Schö⸗ nen an die höchſten Forderungen der Kunſt zu erinnern, die er bei dem mittelmäßigen Talent entweder freiwillig unter⸗ drückt oder ganz zu vergeſſen in Gefahr iſt. Gern geſtehen wir, daß wir das ganze Heer von unſern jetzt lebenden Dich⸗ tern, die mit Hrn. B. um den lyriſchen Lorbeerkranz ringen, gerade ſo tief unter ihm erblicken, als er, unſrer Meinung nach, ſelbſt unter dem höchſten Schoͤnen geblieben iſt. Auch empfinden wir ſehr gut, daß Vieles von Dem, was wir an ſeinen Producten tadelnswerth fanden, auf Rechnung äußerer Umſtände kommt, die ſeine genialiſche Kraft in ihrer ſchönſten Wirkung beſchränkten, und von denen ſeine Gedichte ſelbſt ſo rührende Winke geben. Nur die heitere, die ruhige Seele gebiert das Vollkommene. Kampf mit aͤußern Lagen und Hypochondrie, welche überhaupt jede Geiſteskraft laͤhmen, 357 dürfen am Allerwenigſten das Gemüuth des Dichters belaſten, der ſich von der Gegenwart loswickeln und frei und kühn in die Welt der Ideale emporſchweben ſoll. Wenn es auch noch ſo ſehr in ſeinem Buſen ſtuͤrmt, ſo müſſe Sonnenklarheit ſeine Stirn umfließen. Wenn indeſſen irgend einer von unſern Dichtern es werth iſt, ſich ſelbſt zu vollenden, um etwas Vollendetes zu leiſten, ſo iſt es Hr. Bürger. Dieſe Füͤlle poetiſcher Malerei, dieſe glühende, energiſche Herzensſprache, dieſer bald prächtig wo⸗ gende, bald lieblich flötende Poeſieſtrom, der ſeine Producte ſo hervorragend unterſcheidet, endlich dieſes biedre Herz, das, man moͤchte ſagen, aus jeder Zeile ſpricht, iſt es werth, ſich mit immer gleicher aͤſthetiſcher und ſittlicher Grazie, mit männ⸗ licher Würde, mit Gedankengehalt, mit hoher und ſtiller Größe zu gatten und ſo die hochſte Krone der Claſſicitat zu erringen. Das Publikum hat eine ſchoͤne Gelegenheit, um die vater⸗ ländiſche Kunſt ſich dieſes Verdienſt zu erwerben. Hr. B. beſorgt, wie wir hören, eine neue verſchönerte Ausgabe ſeiner Gedichte, und von dem Maße der Unterſtützung, die ihm von den Freunden ſeiner Muſe widerfahren wird, haͤngt es ab, ob ſie zugleich eine verbeſſerte, ob ſie eine vollendete ſeyn ſoll. * So urtheilte der Verfaſſer vor eilf Jahren über Bür⸗ gers Dichterverdienſt; er kann auch noch jetzt ſeine Meinung nicht aͤndern, aber er wuüͤrde ſie mit bündigern Beweiſen unterſtützen, denn ſein Gefühl war richtiger, als ſein Rai⸗ ſonnement. Die Leidenſchaft der Parteien hat ſich in dieſen Streit gemiſcht; aber, wenn alles perſönliche Intereſſe ſchweigt, wird man der Intenſion des Recenſenten Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen. 2 Anmerkung des Herausgebers. Dieſer Schluß wurde hin⸗ zugefügt, als der Verſaſſer i. J. 1802 obige Recenſion der Sammlung ſeiner tleinen proſaiſchen Schriften einruͤchte. Ueber den Gartenkalender auf das Jahr 1795. Seit den Hirſchfeld'ſchen Schriften uͤber die Gartenkunſt iſt die Liebhaberei für ſchöne Kunſtgärten in Deutſchland immer allgemeiner geworden, aber nicht ſehr zum Vortheil des guten Geſchmacks, weil es an feſten Principien fehlte, und Alles der Willkür überlaſſen blieb. Den irregeleiteten Geſchmack in dieſer Kunſt zu berichtigen, werden in dieſem Kalender vortreffliche Winke gegeben, die von dem Kunſt⸗ freunde näher geprüft und von dem Gartenliebhaber befolgt zu werden verdienen. Es iſt gar nichts Ungewöhnliches, daß man mit der Aus⸗ führung einer Sache anfängt und mit der Frage: ob ſie denn auch wohl möglich ſey? endigt. Dies ſcheint beſonders auch mit den ſo allgemein beliebten aͤſthetiſchen Gärten der Fall zu ſeyn. Dieſe Geburten des nördlichen Geſchmacks ſind von einer ſo zweideutigen Abkunft und haben bis jetzt einen ſo unſichern Charakter gezeigt, daß es dem echten Kunſtfreunde zu verzeihen iſt, wenn er ſie kaum einer fluͤchtigen Aufmerk⸗ ſamkeit würdigte und dem Dilettantism zum Spiele dahin gab. Ungewiß, zu welcher Klaſſe der ſchönen Künſte ſie ſich 359 eigentlich ſchlagen ſollte, ſchloß ſich die Gartenkunſt lange Zeit an die Baukunſt an und beugte die lebendige Vegetation unter das ſteife Joch mathematiſcher Formen, wodurch der Architekt die lebloſe ſchwere Maſſe beherrſcht. Der Baum mußte ſeine höhere organiſche Natur verbergen, damit die Kunſt an ſeiner gemeinen Körpernatur ihre Macht beweiſen konnte. Er mußte ſein ſchönes ſelbſtſtändiges Leben für ein geiſtloſes Ebenmaß und ſeinen leichten ſchwebenden Wuchs für einen Anſchein von Feſtigkeit hingeben, wie das Auge ſie von ſteinernen Mauern verlangt. Von dieſem ſeltſamen Irrweg kam die Gartenkunſt in neuern Zeiten zwar zuruͤck, aber nur, um ſich auf dem entgegengeſetzten zu verlieren. Aus der ſtrengen Zucht des Architekts flüchtete ſie ſich in die Freiheit des Poeten, vertauſchte plötzlich die härteſte Knecht⸗ ſchaft mit der regelloſeſten Licenz und wollte nun von der Einbildungskraft allein das Geſetz empfangen. So willkürlich, abenteuerlich und bunt, als nur immer die ſich felbſt über⸗ laſſene Fantaſie ihre Bilder wechſelt, mußte nun das Auge von einer unerwarteten Decoration zur andern hinüberſprin⸗ gen, und die Natur, in einem groͤßern oder kleinern Be⸗ zirke, die ganze Mannigfaltigkeit ihrer Erſcheinungen wie auf einer Muſterkarte vorlegen. So wie ſie in den franzöſi⸗ ſchen Gaͤrten ihrer Freiheit beraubt, dafür aber durch eine gewiſſe architektoniſche Uebereinſtimmung und Größe entſchä⸗ digt wurde: ſo ſinkt ſie nun, in unſern ſogenannten engliſchen Garten, zu einer kindiſchen Kleinheit herab und hat ſich durch ein übertriebenes Beſtreben nach Ungezwungenheit und Mannigfaltigkeit von aller ſchönen Einfalt entfernt und aller Regel entzogen. In dieſem Zuſtande iſt ſie größtentheils noch, nicht wenig begünſtigt von dem weichlichen Charakter der Zeit, der vor aller Beſtimmtheit der Formen flieht und 2 360 es unendlich bequemer findet, die Gegenſtaͤnde nach ſeinen Einfällen zu modeln, als ſich nach ihnen zu richten. Da es ſo ſchwer hält, der äſthetiſchen Gartenkunſt ihren Platz unter den ſchönen Kuͤnſten anzuweiſen, ſo könnte man leicht auf die Vermuthung gerathen, daß ſie hier gar nicht unterzubringen ſey. Man würde aber Unrecht haben, die verunglückten Verſuche in derſelben gegen ihre Moͤglichkeit überhaupt zeugen zu laſſen. Jene beiden entgegengeſetzten Formen, unter denen ſie bis jetzt bei uns aufgetreten iſt, enthalten etwas Wahres und entſprangen beide aus einem gegründeten Bedürfniß. Was erſtlich den architektoniſchen Geſchmack betrifft, ſo iſt nicht zu leugnen, daß die Garten⸗ kunſt unter einer Kategorie mit der Baukunſt ſteht, obgleich man ſehr uͤbel gethan hat, die Verhältniſſe der Letztern auf ſie anwenden zu wollen. Beide Künſte entſprechen in ihrem erſten Urſprunge einem phyſiſchen Bedürfniß, welches zunaͤchſt ihre Formen beſtimmt, bis das entwickelte Schoͤnheitsgefühl auf Freiheit dieſer Formen drang und zugleich mit dem Ver⸗ ſtande der Geſchmack ſeine Forderungen machte. Aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet, ſind beide Kuͤnſte nicht vollkommen frei, und die Schönheit ihrer Formen wird durch den unnach⸗ läßlichen phyſiſchen Zweck jederzeit bedingt und eingeſchrankt bleiben. Beide haben gleichfalls mit einander gemein, daß ſie die Natur durch Natur, nicht durch ein künſtliches Me⸗ dium, nachahmen oder auch gar nicht nachahmen, ſondern neue Objecte erzeugen. Daher mochte es kommen, daß man ſich nicht ſehr ſtreng an die Formen hielt, welche die Wirk⸗ lichkeit darbietet, ja, ſich wenig daraus machte, wenn nur der Verſtand durch Ordnung und Uebereinſtimmung, und das Auge durch Majeſtaͤt oder Anmuth befriedigt wurde, die Natur als Mittel zu behandeln und ihrer Eigenthümlichkeit 361 Gewalt anzuthun. Man konnte ſich um ſo eher dazu berech⸗ tigt glauben, da offenbar in der Gartenkunſt, wie in der Baukunſt, durch eben dieſe Aufopferung der Naturfreiheit ſehr oft der phyſiſche Zweck befördert wird. Es iſt alſo den Urhebern des architektoniſchen Geſchmacks in der Gartenkunſt einigermaßen zu verzeihen, wenn ſie ſich von der Verwandt⸗ ſchaft, die in mehreren Stuͤcken zwiſchen dieſen beiden Küͤn⸗ ſten herrſcht, verführen ließen, ihre ganz verſchiedenen Charaktere zu verwechſeln und in der Wahl zwiſchen Ordnung und Freiheit die Erſtere auf Koſten der Andern zu begünſtigen. Auf der andern Seite beruht auch der poetiſche Garten⸗ geſchmack auf einem ganz richtigen Factum des Gefühls. Einem aufmerkſamen Beobachter ſeiner ſelbſt konnte es nicht entgehen, daß das Vergnügen, womit uns der Anblick land⸗ ſchaftlicher Scenen erfuͤllt, von der Vorſtellung unzertrennlich iſt, daß es Werke der freien Natur, nicht des Künſtlers ſind. Sobald alſo der Gartengeſchmack dieſe Art des Genuſſes bezweckte, ſo mußte er darauf bedacht ſeyn, aus ſeinen An⸗ lagen alle Spuren eines künſtlichen Urſprungs zu entfernen. Er machte ſich alſo die Freiheit, ſo wie ſein architektoniſcher Vorgänger die Regelmäßigkeit, zum oberſten Geſetz; bei ihm mußte die Natur, bei dieſem die Menſchenhand ſiegen. Aber der Zweck, nach dem er ſtrebte, war für die Mittel viel zu groß, auf welche ſeine Kunſt ihn beſchränkte; und er ſchei⸗ terte, weil er aus ſeinen Graͤnzen trat und die Gartenkunſt in die Malerei hinüber führte. Er vergaß, daß der ver⸗ jüngte Maßſtab, der der Letztern zu Statten kommt, auf eine Kunſt nicht wohl angewendet werden konnte, welche die Natur durch ſich ſelbſt repraͤſentirt und nur inſofern ruͤhren kann, als man ſie abſolut mit Natur verwechſelt. Kein Wun⸗ der alſo, wenn er über dem Ringen nach Mannigfaltigkeit ins Taͤndelhafte und— weil ihm zu den Uebergaͤngen, durch welche die Natur ihre Veränderungen vorbereitet und recht⸗ fertigt, der Raum und die Krafte fehlten— ins Willkürliche verfiel. Das Ideal, nach dem er ſtrebte, enthält an ſich ſelbſt keinen Widerſpruch; aber es war zweckwidrig und gril⸗ lenhaft, weil auch der glücklichſte Erfolg die ungeheuren Opfer nicht belohnte. Soll alſo die Gartenkunſt endlich von ihren Ausſchwei⸗ fungen zurückkommen und wie ihre andern Schweſtern zwi⸗ ſchen beſtimmten und bleibenden Gränzen ruhen, ſo muß man ſich vor allen Dingen deutlich gemacht haben, was man denn eigentlich will, eine Frage, woran man, in Deutſchland wenigſtens, noch nicht genug gedacht zu haben ſcheint. Es wird ſich alsdann wahrſcheinlicher Weiſe ein ganz guter Mit⸗ telweg zwiſchen der Steifigkeit des franzöſiſchen Gartenge⸗ ſchmacks und der geſetzloſen Freiheit des ſogenannten engliſchen finden; es wird ſich zeigen, daß ſich dieſe Kunſt zwar nicht zu ſo hohen Sphären verſteigen duͤrfe, als uns Diejenigen uͤberreden wollen, die bei ihren Entwürfen nichts als die Mittel zur Ausfuͤhrung vergeſſen, und, daß es zwar abge⸗ ſchmackt und widerſinnig iſt, in eine Gartenmauer die Welt einſchließen zu wollen, aber ſehr ausführbar und vernünftig, einen Garten, der allen Forderungen des guten Landwirths entſpricht, ſowohl für das Auge als für das Herz und den Verſtand zu einem charakteriſtiſchen Ganzen zu machen. Dies iſt es, worauf der geiſtreiche Verfaſſer der frag⸗ mentariſchen Beitraͤge zur Ausbildung des deutſchen Garten⸗ geſchmacks in dieſem Kalender vorzüglich hinweist, und unter Allem, was über dieſen Gegenſtand je mag geſchrieben wor⸗ den ſeyn, iſt uns nichts bekannt, was für einen geſunden Geſchmack ſo befriedigend ware. Zwar ſind ſeine Ideen nur —— 363 als Bruchſtücke hingeworfen; aber dieſe Nachläſſigkeit in der Form erſtreckt ſich nicht auf den Inhalt, der durchgängig von einem feinen Verſtand und einem zarten Kunſtgefühle zeugt. Nachdem er die beiden Hauptwege, welche die Gartenkunſt bisher eingeſchlagen, und die verſchiedenen Zwecke, welche bei Gartenanlagen verfolgt werden können, namhaft gemacht und gehörig gewürdigt hat, bemüht er ſich, dieſe Kunſt in ihre wahren Gränzen und auf einen vernuͤnftigen Zweck zu⸗ rückzuführen, den er mit Recht„in eine Erhöhung desjenigen „Lebensgenuſſes ſetzt, den der Umgang mit der ſchoͤnen land⸗ „ſchaftlichen Natur uns verſchaffen kann.“ Er unterſcheidet ſehr richtig die Gartenlandſchaft(den eigentlichen engliſchen Park), worin die Natur in ihrer ganzen Groͤße und Freiheit erſcheinen und alle Kunſt ſcheinbar verſchlungen haben muß, von dem Garten, wo die Kunſt, als ſolche, ſichtbar werden darf. Ohne der Erſtern ihren äſthetiſchen Vorzug ſtreitig zu machen, begnügt er ſich, die Schwierigkeiten zu zeigen, die mit ihrer Ausführung verknüpft und nur durch außerordent⸗ liche Krafte zu beſiegen ſind. Den eigentlichen Garten theilt er in den großen, den kleinen und mittlern und zeichnet kürzlich die Gränzen, innerhalb deren ſich bei einer jeden die⸗ ſer drei Arten die Erfindung halten muß. Er eifert nach⸗ drücklich gegen die Anglomanie ſo vieler deutſchen Gartenbe⸗ ſitzer, gegen die Brücken ohne Waſſer, gegen die Einſiedeleien an der Landſtraße u. ſ. f. und zeigt, zu welchen Armſeligkeiten Kachahmungsſucht und mißverſtandene Grundſätze von Varie⸗ tät und Zwangfreiheit führen. Aber, indem er die Graͤnzen der Gartenkunſt verengt, lehrt er ſie innerhalb derſelben deſto wirkſamer ſeyn und durch Aufopferung des Unnöthigen und Zweckwidrigen nach einem beſtimmten und intereſſanten Cha⸗ rakter ſtreben. So hält er es keineswegs für unmöglich, 364 ſymboliſche und gleichſam pathetiſche Gärten anzulegen, die eben ſo gut als muſikaliſche oder poetiſche Compoſitionen fähig ſeyn müßten, einen beſtimmten Empfindungszuſtand auszu⸗ drücken und zu erzeugen. Außer dieſen aſthetiſchen Bemerkungen iſt von demſelben Verfaſſer in dieſem Kalender eine Beſchreibung der großen Gar⸗ tenanlagen zu Hohenheim angefangen, davon uns derſelbe im nächſten Jahre die Fortſetzung verſpricht. Jedem, der dieſe mit Recht beruͤhmte Anlage entweder ſelbſt geſehen oder auch nur von Hörenſagen kennt, muß es angenehm ſeyn, dieſelbe in Geſellſchaft eines ſo feinen Kunſtkenners zu durchwandern. Es wird ihn wahrſcheinlich nicht weniger als den Recenſenten uberraſchen, in einer Compoſition, die man ſo ſehr geneigt war für das Werk der Willkuͤr zu halten, eine Idee herrſchen zu ſehen, die, es ſey nun dem Urheber oder dem Beſchreiber des Gartens, nicht wenig Ehre macht. Die mehrſten Reiſen⸗ den, denen die Gunſt widerfahren iſt, die Anlage zu Hohen⸗ heim zu beſichtigen, haben darin, nicht ohne große Befrem⸗ dung, römiſche Grabmäler, Tempel, verfallene Mauern u. dgl. mit Schweizerhuͤtten und lachende Blumenbeete mit ſchwar⸗ zen Gefängnißmauern abwechſeln geſehen. Sie haben die Einbildungskraft nicht begxeifen können, die ſich erlauben durfte, ſo disparate Dinge in ein Ganzes zu verknuͤpfen. Die Vorſtellung, daß wir eine ländliche Colonie vor uns haben, die ſich unter den Ruinen einer römiſchen Stadt nie⸗ derließ, hebt auf Einmal dieſen Widerſpruch und bringt eine geiſtvolle Einheit in dieſe barocke Compoſition. Ländliche Simplicität und verſunkene ſtädtiſche Herrlichkeit, die zwei aͤußerſten Zuſtände der Geſellſchaft, gränzen auf eine ruüͤh⸗ rende Art aneinander, und das ernſte Gefühl der Vergaͤng⸗ lichkeit verliert ſich wunderbar ſchön in dem Gefühle des 36⁵ ſiegenden Lebens. Dieſe glückliche Miſchung gießt durch die ganze Landſchaft einen tiefen, elegiſchen Ton aus, der den empfindenden Betrachter zwiſchen Ruhe und Bewegung, Nach⸗ denken und Genuß ſchwankend erhält und noch lange nach⸗ hallt, wenn ſchon Alles verſchwunden iſt. Der Verf. nimmt an, daß nur Derjenige uͤber den gan⸗ zen Werth dieſer Anlage richten könne, der ſie im vollen Sommer geſehen; wir möchten noch hinzuſetzen, daß nur Der⸗ jenige ihre Schoͤnheit vollſtändig fühlen könne, der ſich auf einem beſtimmten Wege ihr naͤhert. Um den ganzen Genuß davon zu haben, muß man durch das neu erbaute fürſtliche Schloß zu ihr geführt worden ſeyn. Der Weg von Stutt⸗ gart nach Hohenheim iſt gewiſſermaßen eine verſinnlichte Ge⸗ ſchichte der Gartenkunſt, die dem aufmerkſamen Betrachter intereſſante Bemerkungen darbietet. In den Fruchtfeldern, Weinbergen und wirthſchaftlichen Garten, an denen ſich die Landſtraße hinzieht, zeigt ſich demſelben der erſte phyſiſche Anfang der Gartenkunſt, entblößt von aller äſthetiſchen Ver⸗ zierung. Nun aber empfäͤngt ihn die franzöſiſche Gartenkunſt mit ſtolzer Gravität unter den langen und ſchroffen Pappel⸗ wänden, welche die freie Landſchaft mit Hohenheim in Ver⸗ bindung ſetzen und durch ihre kunſtmäßige Geſtalt ſchon Er⸗ wartung erregen. Dieſer feierliche Eindruck ſteigt bis zu einer faſt peinlichen Spannung, wenn man die Gemächer des herzoglichen Schloſſes durchwandert, das an Pracht und Ele⸗ ganz wenig ſeines Gleichen hat und auf eine gewiß ſeltene Art Geſchmack mit Verſchwendung vereinigt. Durch den Glanz, der hier von allen Seiten das Auge drückt, und durch die kunſtreiche Architektur der Zimmer und des Ameublements wird das Bedürfniß nach— Simplicität bis zu dem höchſten Grade getrieben, und der laͤndlichen Natur, die den Reiſenden 366 auf Einmal in dem ſogenannten engliſchen Dorf empfängt, der feierlichſte Triumph bereitet. Indeß machen die Denk⸗ maͤler verſunkener Pracht, an deren trauernde Wande der Pflanzer ſeine friedliche Hutte lehnt, eine ganz eigene Wir⸗ kung auf das Herz, und mit geheimer Freude ſehen wir uns in dieſen zerfallenen Ruinen an der Kunſt gerächt, die in dem Prachtgebäude nebenan ihre Gewalt über uns bis zum Mißbrauch getrieben hatte. Aber die Natur, die wir in die⸗ er engliſchen Anlage finden, iſt diejenige nicht mehr, von der wir ausgegangen waren. Es iſt eine mit Geiſt beſeelte und durch Kunſt erxaltirte Natur, die nun nicht bloß den einfachen, ſondern ſelbſt den durch Cultur verwoͤhnten Men⸗ ſchen befriedigt und, indem ſie den Erſtern zum Denken reizt, den Letztern zur Empfindung zurückführt. Was man auch gegen eine ſolche Interpretation der Ho⸗ henheimer Anlagen vielleicht einwenden mag, ſo gebührt dem Stifter dieſer Anlagen immer Dank genug, daß er nichts gethan hat, um ſie Lügen zu ſtrafen, und man müßte ſehr ungenuͤgſam ſeyn, wenn man in aſthetiſchen Dingen nicht eben ſo geneigt wäre, die That für den Willen, als in mo⸗ raliſchen den Willen für die That anzunehmen. Wenn das Ge⸗ mälde dieſer Hohenheimer Anlagen einmal vollendet ſeyn wird, ſo dürfte es den unterrichteten Leſer nicht wenig intereſſiren, in demſelben zugleich ein ſymboliſches Charaktergemälde ihres ſo merkwürdigen Urhebers zu erblicken, der nicht in ſeinen Gaͤrten allein Waſſerwerke von der Natur zu erzwingen wußte, wo ſich kaum eine Quelle fand. Das Urtheil des Verfaſſers über den Garten zu Schwetzin⸗ gen und über das Seifersdorfer Thal bei Dresden wird jeder Leſer von Geſchmack, der dieſe Anlagen in Augenſchein genom⸗ men, unterſchreiben und ſich mit demſelben nicht enthalten 367 können, eine Empfindſamkeit, welche Sittenſprüche, auf eigene Taͤfelchen geſchrieben, an die Baͤume haͤngt, für affectirt und einen Geſchmack, der Moſcheen und griechiſche Tempel in buntem Gemiſche durcheinander wirft, für barbariſch zu erklaͤren. Ueber Egmont, Trauerſpiel von Göthe. 7 Entweder es ſind außerordentliche Handlungen und Si⸗ tuationen, oder es ſind Leidenſchaften, oder es ſind Charak⸗ tere, die dem tragiſchen Dichter zum Stoff dienen; und, wenn gleich oft alle dieſe Drei, als Urſache und Wirkung, in einem Stücke ſich beiſammen finden, ſo iſt doch immer das Eine oder das Andere vorzugsweiſe der letzte Zweck der Schilderung geweſen. Iſt die Begebenheit oder Situation das Haupt⸗ augenmerk des Dichters, ſo braucht er ſich nur inſofern in die Leidenſchaft⸗ und Charakterſchilderung einzulaſſen, als er jene durch dieſe herbeiführt. Iſt hingegen die Leidenſchaft ſein Hauptzweck, ſo iſt ihm oft die unſcheinbarſte Handlung ſchon genug, wenn ſie jene nur ins Spiel ſetzt. Ein am un⸗ rechten Orte gefundenes Schnupftuch veranlaßt eine Meiſter⸗ ſcene im Mohren von Venedig. Iſt endlich der Charakter ſein vorzüglicheres Augenmerk, ſo iſt er in der Wahl und Verknüpfung der Begebenheiten noch viel weniger gebunden, und die ausführliche Darſtellung des ganzen Menſchen ver⸗ bietet ihm ſogar, einer Leidenſchaft zu viel Raum zu geben. 369 Die alten Tragiker haben ſich beinahe einzig auf Situationen und Leidenſchaften eingeſchränkt. Darum findet man bei ihnen auch nur wenig Individualität, Ausführlichkeit und Schärfe der Charakteriſtik. Erſt in neuern Zeiten, und in dieſen erſt ſeit Shakesſpeare, wurde die Tragödie mit der dritten Gat⸗ tung bereichert: er war der Erſte, der in ſeinem Macbeth, Richard III. u. ſ. w. ganze Menſchen und Menſchenleben auf die Bühne brachte, und in Deutſchland gab uns der Verfaſſer des Götz von Berlichingen das erſte Muſter in dieſer Gattung. Es iſt hier nicht der Ort zu unterſuchen, wie viel oder wie wenig ſich dieſe neue Gattung mit dem letzten Zwecke der Tragödie, Furcht und Mitleid zu erregen, verträgt: genug, ſie iſt einmal vorhanden, und ihre Regeln ſind beſtimmt. Zu dieſer letzten Gattung nun gehört das vorliegende Stück, und es iſt leicht einzuſehen, inwieſern die vorange⸗ ſchickte Erinnerung mit demſelben zuſammenhaͤngt. Hier iſt keine hervorſtechende Begebenheit, keine vorwaltende Leiden⸗ ſchaft, keine Verwicklung, kein dramatiſcher Plan, nichts von Dem allen; eine bloße Aneinanderſtellung mehrerer einzelner Handlungen und Gemälde, die beinahe durch nichts als durch den Charakter zuſammengehalten werden, der an allen Antheil nimmt, und auf den ſich alle beziehen. Die Einheit dieſes Stücks liegt alſo weder in den Situationen, noch in irgend einer Leidenſchaft, ſondern ſie liegt in dem Menſchen. Egmonts wahre Geſchichte konnte dem Verfaſſer auch nicht viel Meh⸗ reres liefern. Seine Gefangennehmung und Verurtheilung hat nichts Außerordentliches, und ſie ſelbſt iſt auch nicht die Folge irgend einer einzelnen intereſſanten Handlung, ſondern vieler kleinern, die der Dichter alle nicht brauchen konnte, wie er ſie fand, die er mit der Kataſtrophe auch nicht ſo genau zuſammenknüpfen konnte, daß ſie eine dramatiſche Handlung Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 24 370 mit ihr ausmachten. Wollte er alſo dieſen Gegenſtand in einem Trauerſpiel behandeln, ſo hatte er die Wahl, entweder eine ganz neue Handlung zu dieſer Kataſtrophe zu erfinden, dieſem Charakter, den er in der Geſchichte vorfand, irgend eine herrſchende Leidenſchaft unterzulegen oder ganz und gar auf dieſe zwei Gattungen der Tragoͤdie Verzicht zu thun und den Charakter ſelbſt, von dem er hingeriſſen war, zu ſeinem eigentlichen Vorwurf zu machen. Und dieſes Letztere, das Schwerere unſtreitig, hat er vorgezogen, weniger vermuthlich aus zu großer Achtung für die hiſtoriſche Wahrheit, als weil er die Armuth ſeines Stoffs durch den Reichthum ſeines Ge⸗ nies erſetzen zu können fühlte. 1 In dieſem Trauerſpiel— oder Rec. müßte ſich ganz in dem Geſichtspunkte geirrt haben— wird ein Charakter auf⸗ geführt, der in einem bedenklichen Zeitlauf, umgeben von den Schlingen einer argliſtigen Politik, in nichts als ſein Verdienſt eingehüllt, voll übertriebenen Vertrauens zu ſeiner gerechten Sache, die es aber nur für ihn allein iſt, gefährlich wie ein Nachtwandler auf jäher Dachſpitze wandelt. Dieſe uͤbergroße Zuverſicht, von deren Ungrund wir unterrichtet werden, und der unglückliche Ausſchlag derſelben ſollen uns Furcht und Mitleiden einfloͤßen oder uns tragiſch rühren— und dieſe Wirkung wird erreicht. In der Geſchichte iſt Egmont kein großer Charakter, er iſt es auch in dem Trauerſpiele nicht. Hier iſt er ein wohl⸗ wollender, heiterer und offener Menſch, Freund mit der gan⸗ zen Welt, voll leichtſinnigen Vertrauens zu ſich ſelbſt und zu Andern, frei und kühn, als ob die Welt ihm gehörte, brav und unerſchrocken, wo es gilt, dabei großmüthig, liebenswür⸗ dig und ſanft, ein Charakter der ſchönern Ritterzeit, praͤch⸗ tig und etwas Prahler, ſinnlich und verliebt, ein fröhliches 371 Weltkind— alle dieſe Eigenſchaften in eine lebendige, menſch⸗ liche, durchaus wahre und individuelle Schilderung verſchmolzen, die der verſchönernden Kunſt nichts, auch gar nichts zu dan⸗ ken hat. Egmont iſt ein Held, aber auch ganz nur ein flä⸗ miſcher Held, ein Held des ſechzehnten Jahrhunderts; Patriot, jedoch ohne ſich durch das allgemeine Elend in ſeinen Freuden ſtören zu laſſen; Liebhaber, ohne darum weniger Eſſen und Trinken zu lieben. Er hat Ehrgeiz, er ſtrebt nach einem großen Ziele; aber Das halt ihn nicht ab, jede Blume auf⸗ zuleſen, die er auf ſeinem Wege findet, hindert ihn nicht, des Nachts zu ſeinem Liebchen zu ſchleichen, Das koſtet ihm keine ſchlafloſe Nächte. Tolldreiſt wagt er bei St. Auentin und Gravelingen ſein Leben, aber er möchte weinen, wenn er von dieſer freundlichen, ſuͤßen Gewohnheit des Daſeyns und Wirkens ſcheiden ſoll.„Leb' ich nur,“ ſo ſchildert er ſich ſelbſt,„um aufs Leben zu denken? Soll ich den gegen⸗ „wärtigen Augenblick nicht genießen, damit ich des folgenden „gewiß ſey? Und dieſen wieder mit Sorgen und Grillen „verzehren?— Wir haben die und jene Thorheit in einem „luſtigen Augenblick empfangen und geboren, ſind Schuld, „daß eine ganz edle Schaar mit Bettelſäcken und mit einem „ſelbſt gewählten Unnamen dem König ſeine Pflicht mit ſpot⸗ „tender Demuth ins Gedächtniß rief, ſind Schuld— was „iſt's nun weiter? Iſt ein Faſtnachtsſpiel gleich Hochver⸗ „rath? Sind uns die kurzen bunten Lumpen zu mißgoͤnnen, „die ein jugendlicher Muth um unſers Lebens arme Blöße „hängen mag? Wenn ihr das Leben gar zu ernſthaft nehmt, „was iſt denn dran? Scheint mir die Sonne heut', um Das „zu überlegen, was geſtern war?“— Durch ſeine ſchoͤne Hu⸗ manitäͤt, nicht durch Außerordentlichkeit, ſoll dieſer Charakter uns rühren; wir ſollen ihn lieb gewinnen, nicht über ihn 372 erſtaunen. Dieſem Letztern ſcheint der Dichter ſo ſorgfältig aus dem Wege gegangen zu ſeyn, daß er ihm eine Menſch⸗ lichkeit über die andere beilegt, um ja ſeinen Helden zu uns herabzuziehen;— daß er ihm endlich nicht einmal ſo viel Größe und Ernſt mehr uübrig läßt, als unſrer Meinung nach unumgänglich erfordert wird, dieſen Menſchlichkeiten ſelbſt das höchſte Intereſſe zu verſchaffen. Wahr iſt es, ſolche Züge menſchlicher Schwachheit ziehen oft unwiderſtehlich an— in einem Heldengemälde, wo ſie mit großen Handlungen in ſchö⸗ ner Miſchung zerfließen. Heinrich IV. von Frankreich kann uns nach dem glänzendſten Siege nicht intereſſanter ſeyn, als auf einer nächtlichen Wanderung zu ſeiner Gabriele; aber durch welche ſtrahlende That, durch was für gründliche Ver⸗ dienſte hat ſich Egmont bei uns das Recht auf eine ahnliche Theilnahme und Nachſicht erworben? Zwar heißt es, dieſe Verdienſte werden als ſchon geſchehen vorausgeſetzt, ſie leben im Gedächtniß der ganzen Nation, und Alles, was er ſpricht, athmet den Willen und die Fahigkeit, ſie zu erwerben. Rich⸗ tig! Aber Das iſt eben das Unglück, daß wir ſeine Ver⸗ dienſte von Hörenſagen wiſſen und auf Treu' und Glauben anzunehmen gezwungen werden,— ſeine Schwachheiten hin⸗ gegen mit unſern Augen ſehen. Alles weiſet auf dieſen Eg⸗ mont hin, als auf die letzte Stütze der Nation, und was thut er eigentlich Großes, um dieſes ehrenvolle Vertrauen zu verdienen?(denn folgende Stelle darf man doch wohl nicht dagegen anführen:„Die Leute,“ ſagt Egmont,„erhalten ſie(die Liebe) auch meiſt allein, die nicht darnach jagen. Klärchen. Haſt du dieſe ſtolze Anmerkung über dich ſelbſt gemacht, du, den alles Volk liebt? Egmont. Hätte ich nur etwas für ſie gethan! Es iſt ihr guter Wille, mich zu lieben.“) Ein großer Mann ſoll er nicht ſeyn, aber auch erſchlaffen ſoll 373 er nicht; eine relative Groͤße, einen gewiſſen Ernſt verlangen wir mit Recht von jedem Helden eines Stückes; wir verlan⸗ gen, daß er uͤber dem Kleinen nicht das Große hintanſetze, daß er die Zeiten nicht verwechsle. Wer wird z. B. Folgen⸗ des billigen? Oranien iſt eben von ihm gegangen; Oranien, der ihn mit allen Gruͤnden der Vernunft auf ſein nahes Ver⸗ derben hingewieſen, der ihn, wie uns Egmont ſelbſt geſteht, durch dieſe Gründe erſchuͤttert hat.„ Dieſer Mann,“ ſagt er, „trägt ſeine Sorglichkeit in mich herüber;— Weg— Das „iſt ein fremder Tropfen in meinem Blute. Gute Natur, „wirf ihn wieder heraus! und, von meiner Stirn' die ſin⸗ „nenden Nunzeln wegzubannen, gibt es ja wohl noch ein „freundlich Mittel.“ Dieſes freundliche Mittel nun— wer es noch nicht weiß— iſt kein andres, als ein Beſuch beim Liebchen! Wie? Nach einer ſo ernſten Aufforderung keinen andern Gedanken, als nach Zerſtreuung? Nein, guter Graf Egmont! Runzeln, wo ſie hingehören! und freundliche Mit⸗ tel, wo ſie hingehoͤren! Wenn es Euch zu beſchwerlich iſt, Euch Eurer eignen Rettung anzunehmen, ſo moͤgt Ihr's ha⸗ ben, wenn ſich die Schlinge über Euch zuſammenzieht. Wir ſind nicht gewohnt, unſer Mitleid zu verſchenken. Hätte alſo die Einmiſchung dieſer Liebesangelegenheit dem Intereſſe wirklich Schaden gethan, ſo waͤre Dieſes doppelt zu beklagen, da der Dichter noch obendrein der hiſtoriſchen Wahr⸗ heit Gewalt anthun mußte, um ſie hervorzubringen. In der Geſchichte nämlich war Egmont verheirathet und hinterließ neun(Andere ſagen eilf) Kinder, als er ſtarb. Dieſen Um⸗ ſtand konnte der Dichter wiſſen und nicht wiſſen, wie es ſein Intereſſe mit ſich brachte; aber er hätte ihn nicht vernach⸗ läſſigen ſollen, ſobald er Handlungen, welche natürliche Fol⸗ gen davon waren, in ſein Trauerſpiel aufnahm. Der wahre 374 Egmont hatte durch eine prächtige Lebensart ſein Vermoͤgen aͤußerſt in Unordnung gebracht und brauchte alſo den König, wodurch ſeine Schritte in der Republik ſehr gebunden wurden. Beſonders aber war es ſeine Familie, was ihn auf eine ſo unglückliche Art in Brüſſel zurückhielt, da faſt alle ſeine übrigen Freunde ſich durch die Flucht retteten. Seine Ent⸗ fernung aus dem Lande hätte ihm nicht bloß die reichen Ein⸗ künfte von zwei Statthalterſchaften gekoſtet; ſie häͤtte ihn auch zugleich um den Beſitz aller ſeiner Güter gebracht, die in den Staaten des Königs lagen und ſogleich dem Fiscus an⸗ heim gefallen ſeyn wuͤrden. Aber weder er ſelbſt, noch ſeine Gemahlin, eine Herzogin von Bayern, waren gewohnt, Man⸗ gel zu ertragen; auch ſeine Kinder waren nicht dazu erzogen. Dieſe Gründe ſetzte er ſelbſt bei mehreren Gelegenheiten dem Prinzen von Oranien, der ihn zur Flucht bereden wollte, auf eine ruhrende Art entgegen; dieſe Gründe waren es, die ihn ſo geneigt machten, ſich an dem ſchwächſten Aſte von Hoffnung zu halten und ſein Verhältniß zum König von der beſten Seite zu nehmen. Wie zuſammenhängend, wie menſchlich wird nunmehr ſein ganzes Verhalten! Er wird nicht mehr das Opfer einer blinden, thörichten Zuverſicht, ſondern der übertrieben angſtlichen Zärtlichkeit für die Seinigen. Weil er zu fein und zu edel denkt, um einer Familie, die er über Alles liebt, ein hartes Opfer zuzumuthen, ſtürzt er ſich ſelbſt ins Verderben. Und nun der Egmont im Trauerſpiel!— Indem der Dichter ihm Gemahlin und Kinder nimmt, zer⸗ ſtört er den ganzen Zuſammenhang ſeines Verhaltens. Er iſt ganz gezwungen, dieſes ungluͤckliche Bleiben aus einem leicht⸗ ſinnigen Selbſtvertrauen entſpringen zu laſſen, und verringert dadurch gar ſehr unſere Achtung für den Verſtand ſeines Helden, ohne ihm dieſen Verluſt von Seite des Herzens zu erſetzen. Im Gegentheil— er bringt uns um das rührende Bild eines Vaters, eines liebenden Gemahls,— um uns einen Liebhaber von ganz gewoͤhnlichem Schlag dafür zu ge⸗ ben, der die Ruhe eines liebenswürdigen Madchens, das ihn nie beſitzen und noch weniger ſeinen Verluſt überleben wird, zu Grunde richtet, deſſen Herz er nicht einmal beſitzen kann, ohne eine Liebe, die glücklich hatte werden können, vorher zu zerſtören, der alſo, mit dem beſten Herzen zwar, zwei Ge⸗ ſchöpfe unglücklich macht, um die ſinnenden Nunzeln von ſei⸗ ner Stirne wegzubannen. Und alles Dieſes kann er noch außerdem erſt nur auf Unkoſten der hiſtoriſchen Wahrheit möglich machen, die der dramatiſche Dichter allerdings hint⸗ anſetzen darf, um das Intereſſe ſeines Gegenſtandes zu erhe⸗ ben, aber nicht, um es zu ſchwächen. Wie theuer läßt er uns alſo dieſe Epiſode bezahlen, die, an ſich betrachtet, gewiß eines der ſchoͤnſten Gemaͤlde iſt, die in einer größern Compoſition, wo ſie von verhältnißmäßig großen Handlungen aufgewogen würde, von der höchſten Wirkung würde geweſen ſeyn. Egmonts tragiſche Kataſtrophe fließt aus ſeinem politiſchen Leben, aus ſeinem Verhaltniß zu der Nation und zu der Re⸗ gierung. Eine Darſtellung des damaligen politiſch bürgerlichen Zuſtandes der Niederlande mußte daher ſeiner Schilderung zum Grunde liegen oder vielmehr ſelbſt einen Theil der dra⸗ matiſchen Handlung mit ausmachen. Betrachtet man nun, wie wenig ſich Staatsactionen überhaupt dramatiſch behandeln laſſen, und was für Kunſt dazu gehöre, ſo viele zerſtreute Züge in ein faßliches, lebendiges Bild zuſammen zu tragen und das Allgemeine wieder im Individuellen anſchaulich zu machen, wie z. B. Shakeſpeare in ſeinem J. Cäſar gethan hat; betrachtet man ferner das Eigenthümliche der Nieder⸗ lande, die nicht eine Nation, ſondern ein Aggregat mehrerer 376 kleinen ſind, die unter ſich aufs Schaͤrfſte contraſtiren, ſo daß es unendlich leichter war, uns nach Rom als nach Brüſ⸗ ſel zu verſetzen; betrachtet man endlich, wie unzählich viele kleine Dinge zuſammen wirkten, um den Geiſt jener Zeit und jenen politiſchen Zuſtand der Niederlande hervorzubringen: ſo wird man nicht aufhören können, das ſchöpferiſche Genie zu bewundern, das alle dieſe Schwierigkeiten beſiegt und uns mit einer Kunſt, die nur von derjenigen erreicht wird, womit es uns ſelbſt in zwei andern Stuüͤcken in die Ritterzeiten Deutſchlands und nach Griechenland verſetzte, nun auch in dieſe Welt gezaubert hat. Nicht genug, daß wir dieſe Men⸗ ſchen vor uns leben und wirken ſehen, wir wohnen unter ihnen, wir ſind alte Bekannte von ihnen. Auf der einen Seite die fröhliche Geſelligkeit, die Gaſtfreundlichkeit, die Redſeligkeit, die Großthuerei dieſes Volks, der republikaniſche Geiſt, der bei der geringſten Neuerung aufwallt und ſich oft ebenſo ſchnell auf die ſeichteſten Gründe wieder gibt; auf der andern die Laſten, unter denen es jetzt ſeufzt, von den neuen Biſchofsmützen an bis auf die franzöſiſchen Pſalmen, die es nicht ſingen ſoll— nichts iſt vergeſſen, nichts ohne die hoͤchſte Natur und Wahrheit herbeigeführt. Wir ſehen hier nicht bleß den gemeinen Haufen, der ſich überall gleich iſt, wir erkennen darin den Niederländer, und zwar den Niederländer dieſes und keines andern Jahrhunderts; in dieſem unter⸗ ſcheiden wir noch den Bruͤſſeler, den Hollaͤnder, den Frieſen, und ſelbſt unter dieſen noch den Wohlhabenden und den Bett⸗ ler, den Zimmermeiſter und den Schneider. So etwas läßt ſich nicht wollen, nicht erzwingen durch Kunſt— Das kann nur der Dichter, der von ſeinem Gegenſtand ganz durchdrun⸗ gen iſt. Dieſe Züge entwiſchen ihm, wie ſie Demjenigen, den er dadurch ſchildert, entwiſchen, ohne daß er es will oder 377 gewahr wird; ein Beiwort, ein Comma zeichnet einen Cha⸗ rakter. Buyk, ein Holländer und Soldat unter Egmont, hat beim Armbruſtſchießen das Beſte gewonnen und will, als König, die Herren gaſtiren. Das iſt aber wider den Gebrauch. Buik. Ich bin fremd und König und achte eure Geſetze und Herkommen nicht. Jetter(ein Schneider aus Bruͤſſeh. Du biſt ja ärger, als der Spanier; der hat ſie uns doch bisher laſſen müſſen. Ruyſom(ein Frieslaͤnder). Laßt ihn! Doch ohne Praäͤludiz! Das iſt auch ſeines Herrn Art, ſplendid zu ſeyn und es laufen zu laſſen, wo es gedeiht! Wer glaubt nicht, in dieſem doch ohne Prajudiz den zähen, auf ſeine Vorrechte wachſamen Frieſen zu erkennen, der ſich bei der kleinſten Bewilligung noch durch eine Clauſel verwahrt. Wie wahr, wenn ſich die Bürger von ihren Re⸗ genten unterreden— Das war ein Herr!(von Karl V. ſpricht er) Er hatte die Hand über dem ganzen Erdboden und war euch Alles in Allem— und wenn er euch begegnete, ſo grüßte er euch, wie ein Nachbar den andern u. ſ. f.— Haben wir doch Alle geweint, wie er ſeinem Sohn das Regiment hier abtrat— ſagt' ich, verſteht mich— der iſt ſchon anders, der iſt majeſtatiſcher. Zeiter. Er ſpricht wenig, ſagen die Leute. Soeſt. Er iſt kein Herr für uns Niederlaͤnder. Unſere Fuͤrſten müſſen froh und frei ſeyn, wie wir, leben und leben laſſen u. ſ. w. Wie treffend ſchildert er uns durch einen einzigen Zug das Elend jener Zeiten: Egmont geht über die Straße, und die Buͤrger ſehen ihm mit Bewunderung nach. Zimmermeiſter. Ein ſchoner Herr! 378 Jeiter. Sein Hals wäre ein rechtes Freſſen für einen Scharfrichter. Die wenigen Scenen, wo ſich die Bürger von Brüſſel unterreden, ſcheinen uns das Reſultat eines tiefen Studiums jener Zeiten und jenes Volks zu ſeyn, und ſchwerlich findet man in ſo wenigen Worten ein ſchöneres hiſtoriſches Denk⸗ mal für jene Geſchichte. Mit nicht geringerer Wahrheit iſt derjenige Theil des Gemäldes behandelt, der uns von dem Geiſte der Regierung und den Anſtalten des Königs zu Unterdrückung des nieder⸗ ländiſchen Volks unterrichtet. Milder und menſchlicher iſt doch hier Alles, und veredelt iſt beſonders der Charakter der Herzogin von Parma.„Ich weiß, daß Einer ein ehrlicher und verſtändiger Mann ſeyn kann, wenn er gleich den naͤchſten unnd beſten Weg zum Heil ſeiner Seele verfehlt hat,“ konnte eine Zöglingin des Ignatius Loyola wohl nicht ſagen. Be⸗ ſonders gut verſtand es der Dichter, durch eine gewiſſe Weib⸗ lichkeit, die er aus ihrem ſonſt männiſchen Charakter ſehr glucklich hervorſcheinen laßt, das kalte Staats⸗Intereſſe, deſſen Erpoſition er ihr anvertrauen mußte, mit Licht und Waͤrme zu beſeelen und ihm eine gewiſſe Individualität und Leben⸗ digkeit zu geben. Vor ſeinem Herzog von Alba zittern wir, ohne uns mit Abſcheu von ihm wegzukehren: es iſt ein feſter, ſtarrer, unzugänglicher Charakter,„ein eherner Thurm ohne Pforte, wozu die Beſatzung Flügel haben muß.“ Die kluge Vor⸗ ſicht, womit er die Anſtalten zu Egmonts Verhaftung trifft, erſetzt ihm an unſrer Bewunderung, was ihm an unſerm Wohl⸗ wollen abgeht. Die Art, wie er uns in ſeine innerſte Seele hin⸗ einführt und uns auf den Ausgang ſeines Unternehmens ſpannt, macht uns auf einen Augenblick zu Theilhabern desſelben; wir intereſſiren uns dafur, als galt' es etwas, das uns lieb iſt. 379 Meiſterhaft erfunden und ausgefuͤhrt iſt die Scene Egmonts mit dem jungen Alba im Gefängniß, und ſie gehoͤrt dem Verfaſſer ganz allein. Was kann rührender ſeyn, als wenn ihm dieſer Sohn ſeines Moͤrders die Achtung bekennt, die er längſt im Stillen gegen ihn getragen.„Dein Name „war's, der mir in meiner erſten Jugend gleich einem Stern „des Himmels entgegen leuchtete. Wie oft hab' ich nach dir „gehorcht, gefragt! Des Kindes Hoffnung iſt der Jüngling, „des Jünglings der Mann. So biſt du vor mir hergeſchrit⸗ „ten, immer vor, und ohne Neid ſah ich dich vor mir und „ſchritt dir nach und fort und fort. Nun hofft' ich endlich „dich zu ſehen und ſah dich, und mein Herz flog dir entgegen. „Nun hofft' ich erſt mit dir zu ſeyn, mit dir zu leben, dich „zu faſſen, dich— Das iſt nun alles weggeſchnitten, und ich „ſehe dich hier!“— Und, wenn ihm Egmont darauf ant⸗ wortet:„War dir mein Leben ein Spiegel, in welchem Du „dich gern betrachteteſt, ſo ſey es auch mein Tod. Die Men⸗ „ſchen ſind nicht bloß zuſammen, wenn ſie beiſammen ſind; „auch der Entfernte, der Abgeſchiedene lebt uns. Ich lebe „dir und habe mir genug gelebt. Eines jeden Tages habe „ich mich gefreut,“ u. ſ. w.— Die übrigen Charaktere im Stück ſind mit Wenigem treffend gezeichnet; eine einzige Scene ſchildert uns den ſchlauen, wortkargen, Alles verknü⸗ pfenden und Alles furchtenden Oranien. Alba ſowohl als Egmont malen ſich in den Menſchen, die ihnen nahe ſind; dieſe Schilderungsart iſt vortrefflich. Um alles Licht auf den einzigen Egmont zu verſammeln, hat der Dichter ihn ganz iſolirt, darum auch der Graf von Hoorne, der ein Schickſal mit ihm hatte, weggeblieben iſt. Ein ganz neuer Charakter iſt Brackenburg, Klarchens Liebhaber, den Egmont verdrängt hat. Dieſes Gemalde des melancholiſchen Temperaments mit 380 leidenſchaftlicher Liebe waͤre einer eignen Auseinanderſetzung werth. Klärchen, die ihn für Egmont aufgegeben, hat Gift genommen und geht ab, nachdem ſie ihm den Reſt zurückge⸗ laſſen. Er ſieht ſich allein. Wie ſchrecklich ſchön iſt dieſe Schilderung: „Sie laͤßt mich ſtehn, mir ſelber uͤberlaſſen, „Sie theilt mit mir den Todestropfen „Und ſchickt mich weg! von ihrer Seite weg! „Sie zieht mich an und ſtoͤßt ins Leben mich zuruͤck! „O Egmont, welch preiswuͤrdig Los fät dir! „Sie geht voran; „Sie bringt den ganzen Himmel dir entgegen! „Und ſoll ich folgen? wieder ſeitwaͤrts ſtehn? „Den unausloͤſchlichen Neid „In jene Wohnungen hinuͤber tragen? „Auf Erden iſt kein Bleiben mehr fuͤr mich, „Und Hoͤll' und Himmel bieten gleiche Qual.“ Klarchen ſelbſt iſt unnachahmlich ſchön gezeichnet. Auch im höchſten Adel ihrer Unſchuld noch das gemeine Bürger⸗ mädchen und ein niederländiſches Maͤbchen— durch nichts veredelt als durch ihre Liebe, reizend im Zuſtand der Ruhe, hinreißend und herrlich im Zuſtand des Affects. Aber wer zweifelt, daß der Verfaſſer in einer Manier unübertrefflich ſey, worin er ſein eignes Muſter iſt! Je höher die ſinnliche Wahrheit in dem Stücke getrieben iſt, deſto unbegreiflicher wird man es finden, daß der Ver⸗ faſſer ſelbſt ſie muthwillig zerſtört. Egmont hat alle ſeine Angelegenheiten berichtigt und ſchlummert endlich, von Mü⸗ digkeit überwältigt, ein. Eine Muſik laͤßt ſich hören, und hinter ſeinem Lager ſcheint ſich die Mauer aufzuthun; eine 381 glänzende Erſcheinung, die Freiheit, in Klärchens Geſtalt, zeigt ſich in einer Wolke.— Kurz, mitten aus der wahrſten und rührendſten Situation werden wir durch einen Salto mortale in eine Opernwelt verſetzt, um einen Traum— zu ſehen. Lacherlich würde es ſeyn, dem Verfaſſer darthun zu wollen, wie ſehr dadurch unſerm Gefuͤhle Gewalt angethan werde: Das hat er ſo gut und beſſer gewußt, als wir; aber ihm ſchien die Idee, Klärchen und die Freiheit, Egmonts beide herrſchende Gefühle, in Egmonts Kopf allegoriſch zu verbinden, gehaltreich genug, um dieſe Freiheit allenfalls zu entſchuldigen. Gefalle dieſer Gedanke, wem er will— Rec. geſteht, daß er gern einen ſinnreichen Einfall entbehrt hätte, um eine Empfindung ungeſtört zu genießen. Ueber Matthiſſons Gedichte. Daß die Griechen, in den guten Zeiten der Kunſt, der Landſchaftmalerei eben nicht viel nachgefragt haben, iſt etwas Bekanntes, und die Rigoriſten in der Kunſt ſtehen ja noch heutigen Tages an, ob ſie den Landſchaftmaler überhaupt nur als echten Künſtler gelten laſſen ſollen. Aber, was man noch nicht genug bemerkt hat, auch von einer Landſchaft⸗Dich⸗ tung, als einer eigenen Art von Poeſie, die der epiſchen, dramatiſchen und lyriſchen ungefähr eben ſo, wie die Land⸗ ſchaftmalerei der Thier⸗ und Menſchenmalerei gegenuͤber ſteht, hat man in den Werken der Alten wenig Beiſpiele aufzuweiſen. Es iſt nämlich etwas ganz Anderes, ob man die unbe⸗ ſeelte Natur bloß als Local einer Handlung in eine Schilde⸗ rung mit aufnimmt und, wo es etwa nöthig iſt, von ihr die Farben der Darſtellung der beſeelten entlehnt, wie der Hiſto⸗ rienmaler und der epiſche Dichter haͤufig thun, oder, ob man es gerade umkehrt, wie der Landſchaftmaler, die unbeſeelte Natur für ſich ſelbſt zur Heldin der Schilderung und den Menſchen bloß zum Figuranten in derſelben macht. Von dem Erſtern findet man unzählige Proben im Homer, und wer möchte den großen Maler der Natur in der Wahrheit, In⸗ dividualität und Lebendigkeit erreichen, womit er uns das 383 Local ſeiner dramatiſchen Gemälde verſinnlicht? Aber den Neuern(worunter zum Theil ſchon die Zeitgenoſſen des Pli⸗ nius gehören) war es aufbehalten, in Landſchaftgemälden und Landſchaftpoeſien dieſen Theil der Natur für ſich ſelbſt zum Gegenſtand einer eignen Darſtellung zu machen und ſo das Gebiet der Kunſt, welches die Alten bloß auf Menſchheit und Menſchenaͤhnlichkeit ſcheinen eingeſchränkt zu haben, mit die⸗ ſer neuen Provinz zu bereichern. Woher wohl dieſe Gleichgültigkeit der griechiſchen Künſtler für eine Gattung, die wir Neuere ſo allgemein ſchatzen? Laͤßt ſich wohl annehmen, daß es dem Griechen, dieſem Kenuer und leidenſchaftlichen Freund alles Schönen, an Empfaͤnglich⸗ keit für die Reize der lebloſen Natur gefehlt habe, oder muß man nicht vielmehr auf die Vermuthung gerathen, daß er dieſen Stoff wohlbedächtlich verſchmäht habe, weil er denſelben mit ſeinen Begriffen von ſchöner Kunſt unvereinbar fand? Es darf nicht befremden, dieſe Frage bei Gelegenheit eines Dichters aufwerfen zu hören, der in Darſtellung der landſchaftlichen Natur eine vorzügliche Staͤrke beſitzt und viel⸗ leicht mehr als irgend einer zum Repraͤſentanten dieſer Gat⸗ tung und zu einem Beiſpiel dienen kann, was üͤberhaupt die Poeſie in dieſem Fache zu leiſten im Stande iſt. Ehe wir es alſo mit ihm ſelbſt zu thun haben, müſſen wir einen kritiſchen Blick auf die Gattung werfen, worin er ſeine Kräfte verſuchte. Wer freilich noch ganz friſch und lebendig den Eindruck von Claude Lorrains Zauberpinſel in ſich fühlt, wird ſich ſchwer überreden laſſen, daß es kein Werk der ſchoͤnen, bloß der angenehmen Kunſt ſey, was ihn in dieſe Entzückung ver⸗ ſetzte, und wer ſo eben eine Mathiſſon'ſche Schilderung aus den Händen legt, wird den Zweifel, ob er auch wirklich einen Dichter geleſen habe, ſehr befremdend finden. 384 Wir überlaſſen es Andern, dem Landſchaftmaler ſeinen Rang unter den Kuͤnſtlern zu verfechten, und werden von die⸗ ſer Materie hier nur ſo viel berühren, als zunäͤchſt den Land⸗ ſchaftdichter anbetrifft. Zugleich wird uns dieſe Unterſuchung die Grundſatze darbieten, nach denen man den Werth dieſer Gedichte zu beſtimmen hat. Es iſt, wie man weiß, niemals der Stoff, ſondern bloß die Behandlungsweiſe, was den Künſtler und Dichter macht; ein Hausgeräthe und eine mo⸗ raliſche Abhandlung können Beide durch eine geſchmackvolle Ausführung zu einem freien Kunſtwerk geſteigert werden, und das Porträt eines Menſchen wird in ungeſchickten Häͤnden zu einer gemeinen Mannfactur herabſinken. Steht man alſo an, Gemäalde oder Dichtungen, welche bloß unbeſeelte Naturmaſſen zu ihrem Gegenſtand haben, fuͤr echte Werke der ſchönen Kunſt(derjenigen namlich, in welcher ein Ideal moͤglich iſt) zu erkennen, ſo zweifelt man an der Möglichkeit, dieſe Ge⸗ genſtände ſo zu behandeln, wie es der Charakter der ſchönen Kunſt erheiſcht. Was iſt Dies nun für ein Charakter, mit dem ſich die bloß landſchaftliche Natur nicht ganz ſoll vertra⸗ gen können? Es muß derſelbe ſeyn, der die ſchöne K Kunſt von der bloß angenehmen unterſcheidet. Nun theilen aber Beide den Charakter der Freiheit: folglich muß das angenehme Kunſtwerk, wenn es zugleich ein ſchönes ſeyn ſoll, den Cha⸗ rakter der Nothwendigkeit an ſich tragen. Wenn man unter Poeſie uͤberhaupt die Kunſt verſteht, „uns durch einen freien Effect unſrer productiven Einbil⸗ „dungskraft in beſtimmte Empfindungen zu verſetzen“(eine Erklarung, die ſich neben den vielen, die über dieſen Gegen⸗ ſtand im Cours ſind, auch noch wohl wird erhalten können), ſo ergeben ſich daraus zweierlei Forderungen, denen kein Dichter, der dieſen Namen verdienen will, ſich entziehen kann, 385 Er muß fuͤrs Erſte unſere Einbildungskraft frei ſpielen und ſelbſt handeln laſſen, und zweitens muß er nichts deſto weniger ſeiner Wirkung gewiß ſeyn und eine beſtimmte Empfindung erregen. Dieſe Forderungen ſcheinen einander anfaͤnglich ganz widerſprechend zu ſeyn: denn nach der erſten müßte unſere Einbildungskraft herrſchen und keinem andern als ihrem eignen Geſetz gehorchen; nach der andern müßte ſie dienen und dem Geſetz des Dichters gehorchen. Wie hebt der Dichter nun dieſen Widerſpruch? Dadurch, daß er unſerer Einbildungskraft keinen andern Gang vorſchreibt, als den ſie in ihrer vollen Freiheit und nach ihren eigenen Geſetzen nehmen müßte, daß er ſeinen Zweck durch Natur erreicht und die äußere Nothwendigkeit in eine innere verwandelt. Es findet ſich alsdann, daß beide Forderungen einander nicht nur nicht aufheben, ſondern vielmehr in ſich enthalten, und daß die höͤchſte Freiheit gerade nur durch die höchſte Beſtimmt⸗ heit möglich iſt. 4 „Hier ſtellen ſich aber dem Dichter zwei große Schwierig⸗ keiten in den Weg. Die Imagination in ihrer Freiheit folgt, wie bekannt iſt, bloß dem Geſetz der Ideenverbindung, die ſich urſprünglich nur auf einen zufälligen Zuſammenhang der Wahrnehmungen in der Zeit, mithin auf etwas ganz Em⸗ piriſches, gründet. Nichts deſto weniger muß der Dichter dieſen empiriſchen Effect der Aſſociation zu berechnen wiſſen, weil er nur in ſo fern Dichter iſt, als er durch eine freie Selbſthandlung unſrer Einbildungskraft ſeinen Zweck erreicht. Um ihn zu berechnen, muß er aber eine Geſetzmäßigkeit darin entdecken und den empiriſchen Zuſammenhang der Vor⸗ ſtellung auf Nothwendigkeit zuruͤckführen können. Unſere Vor⸗ ſtellungen ſtehen aber nur in ſo fern in einem nothwendigen Zuſammenhang, als ſie ſich auf eine objective Verknüpfung Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 25 386 in den Erſcheinungen, nicht bloß auf ein ſubjectives und willkürliches Gedankenſpiel gruͤnden. An dieſe objective Ver⸗ knüpfung in den Erſcheinungen hält ſich alſo der Dichter, und nur, wenn er von ſeinem Stoffe Alles ſorgfältig abge⸗ ſondert hat, was bloß aus ſubjectiven und zufälligen Quellen hinzugekommen iſt, nur, wenn er gewiß iſt, daß er ſich an das reine Object gehalten und ſich ſelbſt zuvor dem Geſetz unterworfen habe, nach welchem die Einbildungskraft in allen Subjecten ſich richtet, nur dann kann er verſichert ſeyn, daß die Imagination aller Andern in ihrer Freiheit mit dem Gang, den er ihr vorſchreibt, zuſammenſtimmen werde. Aber er will die Einbildungskraft nur deßwegen in ein beſtimmtes Spiel verſetzen, um beſtimmt auf das Herz zu wirken. So ſchwer ſchon die erſte Aufgabe ſeyn mochte, das Spiel der Imagination unbeſchadet ihrer Freiheit zu beſtimmen, ſo ſchwer iſt die zweite, durch dieſes Spiel der Imagination den Empfindungszuſtand des Subjects zu beſtimmen. Es iſt bekannt, daß verſchiedene Menſchen bei der nämlichen Ver⸗ anlaſſung, ja, daß derſelbe Menſch in verſchiedenen Zeiten von derſelben Sache ganz verſchieden gerührt werden kann. Ungeachtet dieſer Abhaͤngigkeit unſerer Empfindungen von zufaͤlligen Einflüſſen, die außer ſeiner Gewalt ſind, muß der Dichter unſern Empfindungszuſtand beſtimmen: er muß alſo auf die Bedingungen wirken, unter welchen eine beſtimmte Rührung des Gemüths nothwendig erfolgen muß. Nun iſt aber in den Beſchaffenheiten eines Subjects nichts nothwendig, als der Charakter der Gattung: der Dichter kann alſo nur inſofern unſere Empfindungen beſtimmen, als er ſie der Gattung in uns, nicht unſerm ſpecifiſch verſchiedenen Selbſt, abfordert. Um aber verſichert zu ſeyn, daß er ſich auch wirk⸗ lich an die reine Gattung in den Individuen wende, muß 387 er ſelbſt zuvor das Individuum in ſich ausgelöſcht und zur Gattung geſteigert haben. Nur alsdann, wenn er nicht als der oder ver beſtimmte Menſch(in welchem der Begriff der Gattung immer beſchraͤnkt ſeyn würde), ſondern, wenn er als Menſch überhaupt empfindet, iſt er gewiß, daß die ganze Gattung ihm nachempfinden werde— wenigſtens kann er auf dieſen Effect mit dem nämlichen Rechte dringen, als er von jedem menſchlichen Individuum Menſchheit verlangen kann. Von jedem Dichterwerke werden alſo folgende zwei Eigen⸗ ſchaften unnachläßlich gefordert: erſtlich nothwendige Beziehung auf ſeinen Gegenſtand(objective Wahrheit); zweitens noth⸗ wendige Beziehung dieſes Gegenſtandes oder doch der Schil⸗ derung desſelben auf das Empfindungsvermögen(ſubjective Allgemeinheit). In einem Gedicht muß Alles wahre Natur ſeyn, denn die Einbildungskraft gehorcht keinem andern Geſetze und ertraͤgt keinen andern Zwang, als den die Nakur der Dinge ihr vorſchreibt; in einem Gedicht darf aber nichts wirkliche(hiſtoriſche) Natur ſeyn, denn alle Wirklichkeit iſt mehr oder weniger Beſchränkung jener allgemeinen Natur⸗ wahrheit. Jeder individuelle Menſch iſt gerade um ſo viel weniger Menſch, als er individuell iſt; jede Empfindungsweiſe iſt gerade um ſo viel weniger nothwendig und rein menſchlich, als ſie einem beſtimmten Subiect eigenthümlich iſt. Nur in Wegwerfung des Zufälligen und in dem reinen Ausdruck des Nothwendigen liegt der große Styl. Aus dem Geſagten erhellt, daß das Gebiet der eigentlich ſchönen Kunſt ſich nur ſo weit erſtrecken kann, als ſich in der Verknüpfung der Erſcheinungen Nothwendigkeit entdecken läßt. Außerhalb dieſes Gebietes, wo die Willkür und der Zufall regieren, iſt entweder keine Beſtimmtheit oder keine Freiheit: denn, ſobald der Dichter das Spiel unſrer Einbildungskraft 388 durch keine innere Nothwendigkeit lenken kann, ſo muß er es entweder durch eine äußere lenken, und dann iſt es nicht mehr unſere Wirkung; oder er wird es gar nicht lenken, und dann iſt es nicht mehr ſeine Wirkung; und doch muß ſchlech⸗ terdings Beides beiſammen ſeyn, wenn ein Werk poetiſch heißen ſoll. Daher mag es kommen, daß ſich bei den weiſen Alten die Poeſie ſowohl als die bildende Kunſt nur im Kreiſe der Menſchheit aufhielten, weil ihnen nur die Erſcheinungen an dem(äußern und innern) Menſchen dieſe Geſetzmäßigkeit zu enthalten ſchienen. Einem unterrichtetern Verſtand, als der unſrige iſt, mögen die uͤbrigen Naturweſen vielleicht eine ahnliche zeigen; für unſere Erfahrung aber zeigen ſie ſie nicht, und der Willkür iſt ſchon ein ſehr weites Feld geöffnet. Das Reich beſtimmter Formen geht über den thieriſchen Körper und das menſchliche Herz nicht hinaus: daher nur in dieſen Beiden ein Ideal kann aufgeſtellt werden. Ueber dem Men⸗ ſchen(als Erſcheinung) gibt es kein Object für die Kunſt mehr, obgleich für die Wiſſenſchaft, denn das Gebiet der Einbildungskraft iſt hier zu Ende. Unter dem Menſchen gibt es kein Object für die ſchöne Kunſt mehr, obgleich für die an⸗ genehme, denn das Reich der Nothwendigkeit iſt hier geſchloſſen. Wenn die bisher aufgeſtellten Grundſätze die richtigen ſind(welches wir dem Urtheil der Kunſtverſtändigen anheim ſrellen), ſo läßt ſich, wie es bei dem erſten Anblicke ſcheint, für landſchaftliche Darſtellungen wenig Gutes daraus folgern, und es wird ziemlich zweifelhaft, ob die Erwerbung dieſer weitlaufigen Provinz als eine wahre Gränzerweiterung der ſchönen Kunſt betrachtet werden kann. In demjenigen Natur⸗ bezirke, worin der Landſchaftmaler und Landſchaftdichter ſich aufhalten, verliert ſich ſchon auf eine ſehr merkliche Weiſe 389 die Beſtimmtheit der Miſchungen und Formen: nicht nur die Geſtalten ſind hier willkürlicher und erſcheinen es noch mehr; auch in der Zuſammenſetzung derſelben ſpielt der Zufall eine dem Kunſtler ſehr laͤſtige Rolle. Stellt er uns alſo beſtimmte Geſtalten und in einer beſtimmten Ordnung vor, ſo beſtimmt er, und nicht wir, indem keine objective Regel vorhanden iſt, in welcher die freie Fantaſie des Zuſchauers mit der Idee des Künſtlers übereinſtimmen könnten. Wir empfangen alſo das Geſetz von ihm, das wir uns doch ſelbſt geben ſollten, und die Wirkung iſt wenigſtens nicht rein poetiſch, weil ſie keine vollkommen freie Selvſthandlung der Einbildungskraft iſt. Will aber der Kunſtler die Freiheit retten, ſo kann er es nur dadurch bewerkſtelligen, daß er auf Beſtimmtheit, mithin auf wahre Schönheit, Verzicht thut. Nichts deſto weniger iſt dieſes Naturgebiet füͤr die ſchoͤne Kunſt ganz und gar nicht verloren, und ſelbſt die von uns ſo eben aufgeſtellten Principien berechtigen den Künſtler und Dichter, der ſeine Gegenſtande daraus wählt, zu einem ſehr ehrenvollen Range. Fürs Erſte iſt nicht zu leugnen, daß bei aller anſcheinenden Willkür der Formen auch in dieſer Region von Erſcheinungen noch immer eine große Einheit und Geſetz⸗ maßigkeit herrſcht, die den weiſen Künſtler in der Nachahmung leiten kann. Und dann muß bemerkt werden, daß, wenn gleich in dieſem Kunſtgebiet von der Beſtimmtheit der Formen ſehr viel nachgelaſſen werden muß(weil die Theile in dem Ganzen verſchwinden, und der Effect nur durch Maſſen be⸗ wirkt wird), doch in der Compoſition noch eine große Noth⸗ wendigkeit herrſchen koͤnne, wie unter Anderem die Schattirung und Farbengebung in der maleriſchen Darſtellung zeigt. Aber die landſchaftliche Natur zeigt uns dieſe ſtrenge Noth⸗ wendigkeit nicht in allen ihren Theilen, und bei dem tiefſten 390 Studium derſelben wird noch immer ſehr viel Willkürliches übrig bleiben, was den Künſtler und Dichter in einem nie⸗ drigen Grade von Vollkommenheit gefangen hält. Die Noth⸗ wendigkeit, die der echte Kuͤnſtler an ihr vermißt, und die ihn doch allein befriedigt, liegt nur innerhalb der menſchlichen Natur, und daher wird er nicht ruhen, bis er ſeinen Gegen⸗ ſtand in dieſes Reich der hoöͤchſten Schoͤnheit hinübergeſpielt hat. Zwar wird er die landſchaftliche Natur fuͤr ſich ſelbſt ſo hoch ſteigern, als es moͤglich iſt, und, ſoweit es angeht, den Charakter der Nothwendigkeit in ihr aufzufinden und darzuſtellen ſuchen; aber, weil er aller ſeiner Beſtrebungen ungeachtet auf dieſem Wege nie dahin kommen kann, ſie der menſchlichen gleich zu ſtellen, ſo verſucht er es endlich, ſie durch eine ſymboliſche Operation in die menſchliche zu ver⸗ wandeln und dadurch aller der Kunſtvorzüge, welche ein Eigenthum der Letztern ſind, theilhaftig zu machen. Auf was Art bewerkſtelligt er nun Dieſes, ohne der Wahrheit und Eigenthümlichkeit derſelben Abbruch zu thun? Jeder wahre Künſtler und Dichter, der in dieſer Gattung arbeitet, verrichtet dieſe Operation, und gewiß in den mehreſten Fällen, ohne ſich eine deutliche Rechenſchaft davon zu geben. Es gibt zweierlei Wege, auf denen die unbeſeelte Natur ein Symbol der menſchlichen werden kann, entweder als Dar⸗ ſtellung von Empfindungen oder als Darſtellung von Ideen. Zwar ſind Empfindungen, ihrem Inhalte nach, keiner Darſtellung fähig; aber ihrer Form nach ſind ſie es aller⸗ dings, und es exiſtirt wirklich eine allgemein beliebte und wirkſame Kunſt, die kein anderes Object hat, als eben dieſe Form der Empfindungen. Dieſe Kunſt iſt die Muſik, und, inſofern alſo die Landſchaftmalerei oder Landſchaftpoeſie muſi⸗ kaliſch wirkt, iſt ſie Darſtellung des Empfindungsvermoͤgens, — 391 mithin Nachahmung menſchlicher Natur. In der That be⸗ trachten wir auch jede maleriſche und poetiſche Compoſition als eine Art von muſikaliſchem Werk und unterwerfen ſie zum Theil denſelben Geſetzen. Wir fordern auch von Farben eine Harmonie und einen Ton und gewiſſermaßen auch eine Mo⸗ dulation. Wir unterſcheiden in jeder Dichtung die Gedanken⸗ einheit von der Empfindungseinheit, die muſikaliſche Haltung von der logiſchen, kurz, wir verlangen, daß jede poetiſche Compoſition neben Dem, was ihr Inhalt ausdruckt, zugleich durch ihre Form Nachahmung und Ausdruck von Empfindun⸗ gen ſey und als Muſik auf uns wirke. Von dem Landſchaft⸗ maler und Landſchaftdichter verlangen wir Dies in noch höherm Grade und mit deutlicherm Bewußtſeyn, weil wir von unſern übrigen Anforderungen an Producte der ſchönen Kunſt bei Beiden etwas herunter laſſen müſſen. Nun beſteht aber der ganze Effect der Muſik(als ſchöner und nicht bloß angenehmer Kunſt) darin, die innern Bewe⸗ gungen des Gemüths durch analogiſche aͤußere zu begleiten und zu verſinnlichen. Da nun jene innern Bewegungen(als menſchliche Natur) nach ſtrengen Geſetzen der Nothwendigkeit vor ſich gehen, ſo geht dieſe Nothwendigkeit und Beſtimmtheit auch auf die äußern Bewegungen, wodurch ſie ausgedrückt werden, über; und auf dieſe Art wird es begreiflich, wie vermittelſt jenes ſymboliſchen Akts die gemeinen Naturpha⸗ nomene des Schalles und des Lichts von der aͤſthetiſchen Würde der Menſchennatur participiren können. Dringt nun der Tonſetzer und der Landſchaftmaler in das Geheimniß jener Geſetze ein, welche über die innern Bewegungen des menſch⸗ lichen Herzen walten, und ſtudirt er die Analogie, welche zwiſchen dieſen Gemüthsbewegungen und gewiſſen äaußern Erſcheinungen Statt findet, ſo wird er aus einem Bildner 39²2 gemeiner Natur zum wahrhaften Seelenmaler. Er tritt aus dem Reich der Willkür in das Reich der Nothwendigkeit ein und darf ſich, wo nicht dem plaſtiſchen Künſtler, der den außern Menſchen, doch dem Dichter, der den innern zu ſeinem Objecte macht, getroſt an die Seite ſtellen. Aber die landſchaftliche Natur kann auch zweitens noch dadurch in den Kreis der Menſchheit gezogen werden, daß man ſie zu einem Ausdruck von Ideen macht. Wir meinen hier aber keineswegs diejenige Erweckung von Ideen, die von dem Zufall der Aſſociation abhängig iſt: denn dieſe iſt willkürlich und der Kunſt gar nicht wurdig; ſondern diejenige, die nach Geſetzen der ſymboliſirenden Einbildungskraft nothwendig er⸗ folgt. In thätigen und zum Gefühl ihrer moraliſchen Würde erwachten Gemüthern ſieht die Vernunft dem Spiele der Einbildungskraft nicht müßig zu; unaufhörlich iſt ſie beſtrebt, dieſes zufällige Spiel mit ihrem eignen Verfahren überein⸗ ſtimmend zu machen. Bietet ſich ihr nun unter dieſen Er⸗ ſcheinungen eine dar, welche nach ihren eignen(praktiſchen) Regeln behandelt werden kann, ſo iſt ihr dieſe Erſcheinung ein Sinnbild ihrer eignen Handlungen; der todte Buchſtabe der Natur wird zu einer lebendigen Geiſtesſprache, und das außere und innere Auge leſen dieſelbe Schrift der Erſcheinun⸗ gen auf ganz verſchiedene Weiſe. Jene liebliche Harmonie der Geſtalten, der Töne und des Lichts, die den äſthetiſchen Sinn entzuckt, befriedigt jetzt zugleich den moraliſchen; jene Stetigkeit, mit der ſich die Linien im Raum oder die Töne in der Zeit aneinander fügen, iſt ein natürliches Symbol der innern Uebereinſtimmung des Gemüths mit ſich ſelbſt und des ſittlichen Zuſammenhangs der Handlungen und Gefühle, und in der ſchoͤnen Haltung eines pittoresken oder muſikaliſchen Stuͤcks malt ſich die noch ſchonere einer ſittlich geſtimmten Seele. 393 Der Tonſetzer und der Landſchaftmaler bewirken Dieſes bloß durch die Form ihrer Darſtellung und ſtimmen bloß das Gemüth zu einer gewiſſen Empfindungsart und zur Aufnahme gewiſſer Ideen; aber, einen Inhalt dazu zu finden, überlaſſen ſie der Einbildungskraft des Zuhörers und Betrachters. Der Dichter hingegen hat noch einen Vortheil mehr: er kann jenen Empfindungen einen Text unterlegen, er kann jene Symbolik der Einbildungskraft zugleich durch den Inhalt unterſtützen und ihr eine beſtimmtere Richtung geben. Aber er vergeſſe nicht, daß ſeine Einmiſchung in dieſes Geſchaͤft ihre Gränzen hat. Andeuten mag er jene Ideen, anſpielen jene Empfin⸗ dungen; doch ausführen ſoll er ſie nicht ſelbſt, nicht der Ein⸗ bildungskraft ſeines Leſers vorgreifen. Jede naͤhere Beſtim⸗ mung wird hier als eine läſtige Schranke empfunden: denn eben darin liegt das Anziehende ſolcher äſthetiſchen Ideen, daß wir in den Inhalt derſelben wie in eine grundloſe Tiefe blicken. Der wirkliche und ausdruͤckliche Gehalt, den der Dichter hineinlegt, bleibt ſtets eine endliche, der mögliche Gehalt, den er uns hineinzulegen uͤberläßt, iſt eine unendliche Größe. Wir haben dieſen weiten Weg nicht genommen, um uns von unſerm Dichter zu entfernen, ſondern, um demſelben näher zu kommen. Jene dreierlei Erforderniſſe landſchaftlicher Darſtellungen, welche wir ſo eben namhaft gemacht haben, vereinigt Hr. M. in den mehreſten ſeiner Schilderungen. Sie gefallen uns durch ihre Wahrheit und Anſchaulichkeit; ſie ziehen uns an durch ihre muſikaliſche Schoͤnheit; ſie beſchaͤf⸗ tigen uns durch den Geiſt, der darin athmet. Sehen wir bloß auf treue Nachahmung der Natur in ſeinen Landſchaftgemälden, ſo müſſen wir die Kunſt bewundern, womit er unſere Einbildungskraft zu Darſtellung dieſer Scenen aufzufordern und, ohne ihr die Freiheit zu rauben, über ſie 394 zu herrſchen weiß. Alle einzelne Partien in denſelben finden ſich nach einem Geſetz der Nothwendigkeit zuſammen; nichts iſt willkuürlich herbeigeführt, und der generiſche Charakter dieſer Naturgeſtalten iſt mit dem glücklichſten Blick ergriffen. Daher wird es unſerer Imagination ſo ungemein leicht, ihm zu folgen; wir glauben die Natur ſelbſt zu ſehen, und es iſt uns, als ob wir uns bloß der Reminiscenz gehabter Vorſtellungen überließen. Auch auf die Mittel verſteht er ſich vollkommen, ſeinen Darſtellungen Leben und Sinnlichkeit zu geben, und kennt vortrefflich ſowohl die Vortheile als die natürlichen Schranken ſeiner Kunſt. Der Dichter nämlich befindet ſich bei Compoſitionen dieſer Art immer in einem gewiſſen Nach⸗ theil gegen den Maler, weil ein großer Theil des Effects auf dem ſimultanen Eindruck des Ganzen beruht, das er doch nicht anders als ſucceſſiv in der Einbildungskraft des Leſers zuſammenſetzen kann. Seine Sache iſt nicht ſowohl, uns zu repräſentiren, was iſt, als, was geſchieht; und, verſteht er ſeinen Vortheil, ſo wird er ſich immer nur an denjenigen Theil ſeines Gegenſtandes halten, der einer genetiſchen Dar⸗ ſtellung faͤhig iſt. Die landſchaftliche Natur iſt ein auf Einmal gegebenes Ganze von Erſcheinungen und in dieſer Hinſicht dem Maler günſtiger; ſie iſt aber dabei auch ein ſucceſſiv gegebenes Ganze, weil ſie in einem beſtändigen Wechſel iſt, und begünſtigt inſofern den Dichter. Hr. M. hat ſich mit vieler Beurtheilung nach dieſem Unterſchied gerichtet. Sein Object iſt immer mehr das Mannigfaltige in der Zeit als das im Raume, mehr die bewegte als die feſte und ruhende Natur. Vor unſern Augen entwickelt ſich ihr immer wech⸗ ſelndes Drama, und mit der reizendſten Stetigkeit laufen ihre Erſcheinungen in einander. Welches Leben, welche Bewegung findet ſich z. B. in dem lieblichen Mondſcheingemalde S. 85. 395 Der Vollmond ſchwebt im Oſten; Am alten Geiſterthurm Flimmt blaͤulich im bemoosten Geſtein der Feuerwurm. Der Linde ſchoͤner Sylfe Streift ſcheu in Lunens Glanz; Im dunkeln Uferſchilfe Webt leichter Irrwiſchtanz. Die Kirchenfenſter ſchimmern; In Silber waͤllt das Korn; Bewegte Sternchen flimmern Auf Teich und Wieſenborn; Im Lichte wehn die Ranken Der oͤden Felſenkluft; Den Berg, wo Tannen wanken, Umſchleiert weißer Duft. Wie ſchoͤn der Mond die Wellen Des Erlenbachs beſaͤumt, Der hier durch Binſenſtellen, Dort unter Blumen ſchaͤumt, Als lodernde Cascade Des Dorfes Muͤhle treibt Und wild vom lauten Rade In Silderfunken ſtaͤubt, u. ſ. w. Aber auch da, wo es ihm darum zu thun iſt, eine ganze Decoration auf Einmal vor unſere Augen zu ſtellen, weiß er uns durch die Stetigkeit des Zuſammenhanges die Comprehenſion leicht und natürlich zu machen, wie in dem folgenden Gemälde S. 54. Die Sonne ſinkt; ein purpurfarbner Duft Schwimmt um Savoyens dunkle Tannenhuͤgel Der Alpen Schnee entgluͤht in hoher Luft⸗ Geneva malt ſich in der Fluten Spiegel. 396 Ob wir gleich dieſe Bilder nur nach einander in die Einbildungskraft aufnehmen, ſo verknupfen ſie ſich doch ohne Schwierigkeit in eine Totalvorſtellung, weil eines das andere unterſtützt und gleichſam nothwendig macht. Etwas ſchwerer ſchon wird uns die Zuſammenfaſſung in der naͤchſtfolgenden Strophe, wo jene Stetigkeit weniger beobachtet iſt. In Gold verfließt der Berggehoͤlze Saum; Die Wieſenflur, beſchneit von Bluͤthenflocken, Haucht Wohlgeruͤche; Zephyr athmet kaum; Vom Jura ſchallt der Klang der Heerdenglocken. Von dem vergoldeten Saum der Berge können wir uns nicht ohne einen Sprung auf die blühende und duftende Wieſe verſetzen; und dieſer Sprung wird dadurch noch fühlbarer, daß wir auch einen andern Sinn ins Spiel ſetzen müſſen. Wie glücklich aber nun gleich wieder die folgende Strophe: Der Fiſcher ſingt im Kahne, der gemach Im rothen Widerſchein zum Ufer gleitet, Wo der bemoosten Eiche Schattendach Die netzumhangne Wohnung uͤberbreitet. Zeigt ihm die Natur ſelbſt keine Bewegung, ſo entlehnt der Dichter dieſe auch wohl von der Einbildungskraft und bevölkert die ſtille Welt mit geiſtigen Weſen, die im Nebelduft ſtreifen und im Schimmer des Mondlichts ihre Täͤnze halten. Oder es ſind auch die Geſtalten der Vorzeit, die in ſeiner Erinnerung aufwachen und in die veroͤdete Landſchaft ein künſtliches Leben bringen. Dergleichen Aſſociationen bieten ſich ihm aber keineswegs willkürlich an; ſie entſtehen gleich⸗ ſam nothwendig entweder aus dem Locale der Landſchaft oder aus der Empfindungsart, welche durch jene Landſchaft in ihm erweckt wird. Sie ſind zwar nur eine ſubjective Begleitung 397 derſelben, aber eine ſo allgemeine, daß der Dichter es ohne Scheu wagen darf, ihnen eine objective Würdigung zu ertheilen. Nicht weniger verſteht ſich Hr. M. auf jene muſikaliſchen 3 Effecte, die durch eine glückliche Wahl harmonirender Bilder und durch eine kunſtreiche Eurythmie in Anordnung derſelben zu bewirken ſind. Wer erfährt z. B. bei folgendem kurzen Liede nicht etwas dem Eindruck Analoges, den etwa eine ſchöne Sonate auf ihn machen würde. S. 91. Abendlandſchaft. Goldner Schein Deckt den Hain. Mild beleuchtet Zauberſchimmer Der umbuͤſchten Waldburg Truͤmmer. Still und hehr Strahlt das Meer; Heimwaͤrts gleiten, ſanft wie Schwaͤne, Fern am Eiland Fiſcherkaͤhne. Silberſand Blinkt am Sirand; Rother ſchweben hier, dort blaͤſſer Wolkenbilder im Gewaͤſſer. Rauſchend kraͤnzt, Goldbeglaͤnzt, Wankend Ried des Vorlands Huͤgel, Wild umſchwaͤrmt vom Seegefluͤgel. Maleriſch Im Gebuͤſch Winkt mit Gaͤrtchen, Laub und Quelle Die bemooste Klausnerzelle. Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 398 Auf der Flut Stirbt die Glut; Schon erblaßt der Abenſchimmer An der hohen Waldburg Truͤmmer. Vollmondſchein Deckt den Hain; Geiſterliſpel wehn im Thale Um verſunkne Heldenmale. Man verſtehe uns nicht ſo, als ob es bloß der glückliche Versbau waͤre, was dieſem Lied eine ſo muſikaliſche Wirkung gibt. Der metriſche Wohllaut unterſtutzt und erhöht zwar allerdings dieſe Wirkung, aber er macht ſie nicht allein aus. Es iſt die glückliche Zuſammenſtellung der Bilder, die liebliche Stetigkeit in ihrer Sueceſſion; es iſt die Modulation und die ſchöne Haltung des Ganzen, wodurch es Ausdruck einer beſtimmten Empfindungsweiſe, alſo Seelengemaͤlde wird. Einen ähnlichen Eindruck, wiewohl von ganz verſchiede⸗ nem Inhalt, erweckt auch der Alpenwanderer S. 61 und die Mpenreiſe S. 66: zwei Compoſitionen, welche mit der ge⸗ lungenſten Darſtellung der Natur noch den mannigfaltigſten Ausdruck von Empfindungen verknüpfen. Man glaubt einen Tonkünſtler zu hören, der verſuchen will, wie weit ſeine Macht über unſre Gefuͤhle reicht; und dazu iſt eine Wande⸗ rung durch die Alpen, wo das Große mit dem Schönen, das Grauenvolle mit dem Lachenden ſo überraſchend abwechſelt, ungemein glücklich gewählt. Endlich finden ſich unter dieſen Landſchaft⸗Gemäalden mehrere, die uns durch einen gewiſſen Geiſt oder Ideenaus⸗ druck rühren, wie gleich das erſte der ganzen Sammlung, der Genferſee, in deſſen prachtvollem Eingange uns der Sieg des Lebens über das Lebloſe, der Form über die geſtaltloſe 399 Maſſe ſehr gluͤcklich verſinnlicht werden. Der Dichter eroͤffnet dieſes ſchoͤne Gemälde mit einem Rückblick in die Vergangen⸗ heit, wo die vor ihm ausgebreitete paradieſiſche Gegend noch eine Wuͤſte war: Da waͤlzte, wo im Abendlichte dort, Geneva, deine Zinnen ſich erheben, Der Rhodan ſeine Wogcn traurend fort, Von ſchauervoller Haine Nacht umgeben. Da hoͤrte deine Paradieſes⸗Flur, Du ſtilles Thal voll bluͤhender Gehaͤge, Die großen Harmonien der Wildniß nur, Orkan und Thiergeheul und Donnerſchlaͤge. Als ſenkte ſich ſein zweifelhafter Schein Auf eines Weltballs ausgebrannte Truͤmmer, So goß der Mond auf dieſe Wuͤſtenein, Voll truͤber Nebeldaͤmmrung, ſeine Schimmer. und nun enthüllt ſich ihm die herrliche Landſchaft, und er erkennt in ihr das Local jener Dichterſcenen, die ihm den Schöpfer der Heloiſe ins Gedächtniß rufen. O Clarens, friedlich am Geſtad erhoͤht! Dein Name wird im Buch der Zeiten leben. O Meillerie, voll rauher Majeſtaͤt! Dein Ruhm wird zu den Sternen ſich erheben. Zu deinen Gipfeln, wo der Adler ſchwebt, Und aus Gewoͤlk erzuͤrnte Stroͤme fallen, Wird oft, von ſuͤßen Schauern tief durchbebt, An der Geliebten Arm der Fremdling wallen. Bis hieher wie geiſtreich, wie gefuͤhlvoll und maleriſch! Aber nun will der Dichter es noch beſſer machen, und dadurch verderbt er. Die nun folgenden, an ſich ſehr ſchoͤnen Strophen 400 kommen von dem kalten Dichter, nicht von dem überſtrömen⸗ den, der Gegenwart ganz hingegebenen Gefühl. Iſt das Herz des Dichters ganz bei ſeinem Gegenſtande, ſo kann er ſich unmöglich davon reißen, um ſich bald auf den Aetna, bald nach Tibur, bald nach dem Golf bei Neapel u. ſ. w. zu verſetzen und dieſe Gegenſtände nicht etwa bloß flüchtig anzudeuren, ſondern ſich dabei zu verweilen. Zwar bewundern wir darin die Pracht ſeines Pinſels, aber wir werden davon geblendet, nicht erquickt; eine einfache Darſtellung wurde von ungleich größerer Wirkung geweſen ſeyn. So viele veränderte Decorationen zerſtreuen endlich das Gemüth ſo ſehr, daß, wenn nun auch der Dichter zu dem Hauptgegenſtand zuruͤck⸗ kehrt, unſer Intereſſe an demſelben verſchwunden iſt. Anſtatt ſolches aufs Neue zu beleben, ſchwächt er es noch mehr durch den ziemlich tiefen Fall beim Schluß des Gedichts, der gegen den Schwung, mit dem er anfangs aufflog, und worin er ſich ſo lang zu erhalten wußte, gar auffallend abſticht. Hr. M. hat mit dieſem Gedicht ſchon die dritte Veraͤnderung vorge⸗ nommen und dadurch, wie wir fuͤrchten, eine vierte nur deſto nöthiger gemacht. Gerade die vielerlei Gemuthsſtimmungen, denen er darauf Einfluß gab, haben dem Geiſt, der es an⸗ fangs dictirte, Gewalt angethan, und durch eine zu reiche Ausſtattung hat es viel von dem wahren Gehalt, der nur in der Simplicität liegt, verloren. Wenn wir Hrn. M. als einen vortrefflichen Dichter land⸗ ſchaftlicher Scenen charakteriſirten, ſo ſind wir darum weit entfernt, ihm mit dieſer Sphare zugleich ſeine Gränzen an⸗ zuweiſen. Auch ſchon in dieſer kleinen Sammlung erſcheint ſein Dichtergenie mit völlig gleichem Glück auf ſehr verſchie⸗ denen Feldern. In derjenigen Gattung, welche freie Fictionen der Einbildungskraft behandelt, hat er ſich mit großem Erfolg 401 verſucht und den Geiſt, der in dieſen Dichtungen eigentlich herrſchen muß, vollkommen getroffen. Die Einbildungskraft erſcheint hier in ihrer ganzen Feſſelloſigkeit und dabei doch in der ſchoͤnſten Einſtimmung mit der Idee, welche ausgedrückt werden ſoll. In dem Liede, welches das Feenland überſchrieben iſt, verſpottet der Dichter die abenteuerliche Fantaſie mit ſehr vieler Laune: Alles iſt hier ſo bunt, ſo prangend, ſo über⸗ laden, ſo grotesk, wie der Charakter dieſer wilden Dichtung es mit ſich bringt; in dem Liede der Elfen Alles ſo leicht, ſo duftig, ſo atheriſch, wie es in dieſer kleinen Mondſchein⸗ welt ſchlechterdings ſeyn muß. Sorgenfreie, ſelige Sinnlich⸗ keit athmet durch das ganze artige Liedchen der Faunen, und mit vieler Treuherzigkeit ſchwatzen die Gnomen ihr(und ihrer Conſorten) Zunftgeheimniß aus. S. 141. Des Tagſcheins Blendung druͤckt, Kur Finſterniß begluͤckt! Drum hauſen wir ſo gern Tief in des Erdballs Kern. Dort oben, wo der Aether flammt Ward Alles, was von Adain ſtammt, Zu Licht und Glut mit Recht verdammt. Hr. M. iſt nicht bloß mittelbar, durch die Art, wie er landſchaftliche Scenen behandelt, er iſt auch unmittelbar ein ſehr glücklicher Maler von Empfindungen. Auch läßt ſich ſchon im Voraus erwarten, daß es einem Dichter, der uns für die lebloſe Welt ſo innig zu intereſſiren weiß, mit der beſeelten, die einen ſo viel reichern Stoff darbietet, nicht fehl⸗ ſchlagen werde. Eben ſo kann man ſchon im Voraus den Kreis von Empfindungen beſtimmen, in welchem eine Muſe, die dem Schönen der Natur ſo hingegeben iſt, ſich ungefaͤhr aufhalten muß. Nicht im Gewühle der großen Welt, nicht — 40²2 in künſtlichen Verhaͤltniſſen— in der Einſamkeit, in ſeiner eignen Bruſt, in den einfachen Situationen des urſprünglichen Standes ſucht unſer Dichter den Menſchen auf. Freundſchaft, Liebe, Religionsempfindungen, Rückerinnerungen an die Zei⸗ ten der Kindheit, das Glück des Landlebens u. dgl. ſind der Inhalt ſeiner Geſange: lauter Gegenſtaͤnde, die der landſchaft⸗ lichen Natur am naͤchſten liegen und mit derſelben in einer genauen Verwandtſchaft ſtehen. Der Charakter ſeiner Muſe iſt ſanfte Schwermuth und eine gewiſſe contemplative Schwaͤr⸗ merei, wozu die Einſamkeit und die ſchöne Natur den gefühl⸗ vollen Menſchen ſo gern neigen. Im Tumult der geſchaͤftigen Welt verdrängt eine Geſtalt unſers Geiſtes unaufhaltſam die andere, und die Mannigfaltigkeit unſers Weſens iſt hier nicht immer unſer Verdienſt; deſto treuer bewahrt die einfache, ſtets ſich ſelbſt gleiche Natur um uns her die Empfindungen, zu deren Vertrauten wir ſie machen, und in ihrer ewigen Einheit finden wir auch die unſrige immer wieder. Daher der enge Kreis, in welchem unſer Dichter ſich um ſich ſelbſt bewegt, der lange Nachhall empfangener Eindrücke, die oft⸗ malige Wiederkehr derſelben Gefühle. Die Empfindungen, welche von der Natur als ihrer Quelle abfließen, ſind ein⸗ förmig und beinahe duͤrftig; es ſind die Elemente, aus denen ſich erſt im verwickelten Spiele der Welt feinere Nuancen und künſtliche Miſchungen bilden, die ein unerſchoͤpflicher Stoff für den Seelenmaler ſind. Jene wird man daher leicht müde, weil ſie zu wenig beſchaftigen; aber man kehrt immer gern wieder zu ihnen zurück und freut ſich, aus jenen künſt⸗ lichen Arten, die ſo oft nur Ausartungen ſind, die urſprüngliche Menſchheit wieder hergeſtellt zu ſehen. Wenn dieſe Zuruͤck⸗ führung zu dem ſaturniſchen Alter und zu der Simplicität der Natur für den cultivirten Menſchen recht wohlthätig 403 werden ſoll, ſo muß dieſe Simplicität als ein Werk der Frei⸗ heit, nicht der Nothwendigkeit, erſcheinen; es muß diejenige Natur ſeyn, mit der der moraliſche Menſch endigt, nicht diejenige, mit der der phyſiſche beginnt. Will uns alſo der Dichter aus dem Gedränge der Welt in ſeine Einſamkeit nachziehen, ſo muß es nicht Bedürfniß der Abſpannung, ſon⸗ dern der Anſpannung, nicht Verlangen nach Ruhe, ſondern nach Harmonie ſeyn, was ihm die Kunſt verleidet und die Natur liebenswürdig macht; nicht, weil die moraliſche Welt ſeinem theoretiſchen, ſondern, weil ſie ſeinem praktiſchen Ver⸗ mögen widerſtreitet, muß er ſich nach einem Tibur umſehen und zu der lebloſen Schöpfung flüchten. Dazu wird nun freilich etwas mehr erfordert, als bloß die duͤrftige Geſchicklichkeit, die Natur mit der Kunſt in Contraſt zu ſetzen, die oft das ganze Talent der Idyllendichter iſt. Ein mit der höchſten Schönheit vertrautes Herz gehört dazu, jene Einfalt der Emfindungen mitten unter allen Ein⸗ flüſſen der raffinirteſten Cultur zu bewahren, ohne welche ſie durchaus keine Würde hat. Dieſes Herz aber verrath ſich durch eine Fülle, die es auch in der anſpruchloſeſten Form verbirgt, durch einen Adel, den es auch in die Spiele der Imagination und der Laune legt, durch eine Disciplin, wo⸗ durch es ſich auch in ſeinem rühmlichſten Siege zügelt, durch eine nie entweihte Keuſchheit der Gefühle; es verräth ſich durch die unwiderſtehliche und wahrhaft magiſche Gewalt, womit es uns an ſich zieht, uns feſthält und gleichſam nöthigt, uns unſrer eignen Würde zu erinnern, indem wir der ſeini⸗ gen huldigen. Hr. M. hat ſeinen Anſpruch auf dieſen Titel auf eine Art beurkundet, die auch dem ſtrengſten Richter Genüge thun muß. Wer eine Fantaſie, wie ſein Elyſium(S. 34) 404 componiren kann, Der iſt als ein Eingeweihter in die inner⸗ ſten Geheimniſſe der poetiſchen Kunſt und als ein Jünger der wahren Schönheit gerechtfertigt. Ein vertrauter Umgang mit der Natur und mit claſſiſchen Muſtern hat ſeinen Geiſt genährt, ſeinen Geſchmack gereinigt, ſeine ſittliche Grazie bewahrt; eine geläuterte heitere Menſchlichkeit beſeelt ſeine Dichtungen, und rein, wie ſie auf der ſpiegelnden Flaͤche des Waſſers liegen, malen ſich die ſchönen Naturbilder in der ruhigen Klarheit ſeines Geiſtes. Durchgängig bemerkt man in ſeinen Producten eine Wahl, eine Züchtigung, eine Strenge des Dichters gegen ſich ſelbſt, ein nie ermüdendes Beſtreben nach einem Maximum von Schönheit. Schon Vieles hat er geleiſtet, und wir dürfen hoffen, daß er ſeine Gränzen noch nicht erreicht hat. Nur von ihm wird es abhaͤngen, jetzt endlich, nachdem er in beſcheidenern Kreiſen ſeine Schwingen verſucht hat, einen höhern Flug zu nehmen, in die anmuthi⸗ gen Formen ſeiner Einbildungskraft und in die Muſik ſeiner Sprache einen tiefen Sinn einzukleiden, zu ſeinen Land⸗ ſchaften nun auch Figuren zu erfinden und auf dieſen reizen⸗ den Grund handelnde Menſchheit aufzutragen. Beſcheidenes Mißtrauen zu ſich ſelbſt iſt zwar immer das Kennzeichen des wahren Talents, aber auch der Muth ſteht ihm gut an; und, ſo ſchön es iſt, wenn der Beſieger des Python den furchtbaren Bogen mit der Leyer vertauſcht, ſo einen großen Anblick gibt es, wenn ein Achill im Kreiſe theſſaliſcher Jungfrauen ſich zum Helden aufrichtet. Anhang zu Schillers ſämmtlichen Werken. Nachrichten von Schillers Leben. Für die Zuverläͤſſiskeit dieſer Nachrichten bürgt der Appellationsrath Körner in Dresden als ihr Verfaſſer. Seit dem Jahre 1785 gehörte er zu Schillers vertrauteſten Freunden und würde von mehrern Perſonen, die mit dem Verewigten in genaueſter Verbindung geweſen waren durch ſchat⸗ re Beiträge unterſtüßt. Nicht der kleinſte Umſtand iſt in dieſe Lebensbeſchreibung aufgenommen der nicht auf Schillers eigene Aeußerungen oder auf glanbwürdige Zeugniſſe ſich gründet zu bemerken iſt, daß ſie im Jahre 1812 verfaßt worden ſind. Die Sitte und Denkart des vaͤterlichen Hauſes, in welchem Schiller die Jahre ſeiner Kindheit verlebte, war nicht beguͤnſtigend ſuͤr die fruͤhzeitige Entwickelung vorhandener Faͤhigkeiten, aber fuͤr die Geſundheit der Seele von wohlthaͤtigem Einfluſſe. Einfach und ohne vielſeitige Ausbildung, aber kraftvoll, gewandt und thaͤtig fuͤr das praktiſche Leben, bieder und fromm war der Vater. Als Wundarzt ging er im Jahre 1745 mit einem bayeriſchen Huſaren⸗Regimente nach den Niederlanden, und der Mangel an hinlaͤnglicher Beſchaͤftigung veranlaßte ihn, bei dem damaligen Kriege ſich als Unter⸗ officier gebrauchen zu laſſen, wenn kleine Commando's auf Unternehmungen ausgeſchickt wurden. Als nach Abſchluß des Aachner Friedens ein Theil des Regiments, bei dem er diente, entlaſſen wurde, kehrte er in ſein Vaterland das Herzogthum Wuͤrttemberg, zuruͤck, erhielt dort Anſtellung und war im Jahre 1757 FJhnrich und Adjutant bei dem damaligen Regimente Prinz Louis. Dies Regiment gehoͤrte zu einem wuͤrttembergiſchen Puͤlſscorps, das in einigen Feldzuͤgen des ſiebenjaͤhrigen Krieges einen Theil der oͤſter⸗ reichiſchen Armee ausmachte. In Boͤhmen erhielt dieſes Corps einen bedeu⸗ tenden Verluſt durch eine heftige anſteckende Krankheit, aber Schillers Vater erhielt ſich durch Maͤßigkeit und viele Vewegung geſund und uͤbernahm 408 in dieſem Falle der Noth jedes erforderliche Geſchaͤft, wozu er gebraucht wer⸗ den konnte. Er beſorgte die Kranken, als es an Wundaͤrzten fehlte, und ver⸗ trat die Stelle des Geiſtlichen bei dem Gottesdienſte des Regiments durch Vorleſung einiger Gebete und Leitung des Geſangs. Seit dem Jahre 1759 ſtand er bei einem andern wuͤrttembergiſchen Corps in Heſſen und in Thuͤringen und benutzte jede Stunde der Muſe, um durch eigenes Studium, ohne fremde Beihuͤlfe, nachzuholen, was ihm in fruͤhern Jahren, wegen unguͤnſtiger Umſtaͤnde, nicht gelehrt worden war. Mathe⸗ matik und Philoſophie betrieb er mit Eifer, und landwirthſchaftliche Be⸗ ſchaͤftigungen hatten dabei fuͤr ihn einen vorzuͤglichen Reiz. Eine Baum⸗ ſchule, die er in Ludwigsburg anlegte, wo er nach beendigtem Kriege als Hauptmann im Quartier war, hatte den gluͤcklichſten Erſolg. Dies veran⸗ laßte den damaligen Herzog von Wuͤrttemberg, ihm die Aufſicht uͤber eine groͤßere Anſtalt dieſer Art zu uͤbertragen, die auf der Solitude, einem herzog⸗ lichen Luſtſchloſſe, war errichtet worden. In dieſer Stelle befriedigte er voll⸗ kommen die von ihm gehegten Erwartungen, war geſchaͤtzt von ſeinem Fuͤrſten und geachtet von Allen, die ihn kannten, erreichte ein hohes Alter und hatte noch die Freude, den Ruhm ſeines Sohnes zu erleben. Ueber dieſen Sohn findet ſich folgende Stelle in einem noch vorhandenen eigenhaͤndigen Aufſatze des Vaters:. „Und du, Weſen aller Weſen! Dich hab' ich nach der Geburt meines weinzigen Sohnes gebeten, daß du demſelben an Geiſteskraͤften zulegen „moͤchteſt, was ich aus Mangel an Unterricht nicht erreichen konnte, und „du haſt mich erhoͤrt. Dank Ar, guͤtigſtes Weſen, daß du auf die Bitten „der Sterblichen achteſt!— Schillers Mutter wird von zuverlaͤſſigen Perſonen als eine anſpruchsloſe, aber verſtaͤndige und gutmuͤthige Hausfrau beſchrieben. Gatten und Kinder liebte ſie zaͤrtlich, und die Innigkeit ihres Gefuͤhls machte ſie ihrem Sohne ſehr werth. Zum Leſen hatte ſie wenig Zeit, aber Utz und Gellert waren ihr lieb, beſonders als geiſtliche Dichter.— Von ſolchen Aeltern wurde Jo⸗ hann Chriſtoph Friedrich Schiller am 10. November 1759 zu Marbach, einem wuͤrttembergiſchen Staͤdtchen am Neckar, geboren. Einzelne Zuͤge, deren man ſich aus ſeinen fruͤheſten Jahren erinnert, waren Beweiſe von Weichheit des Herzens, Religioſitaͤt und ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit. Den erſten Unterricht erhielt er von dem Pfarrer Moſer in Lorch, einem wuͤrt⸗ tembergiſchen Graͤnzdorſe, wo Schillers Aeltern von 1765 an drei Jahre lang ſich aufhielten. Der Sohn dieſes Geiſtlichen, ein nachheriger Prediger, war Schillers erſter Jugendfreund, und Dies erweckte bei ihm wahrſcheinlicher Weiſe die nachherige Neigung zum geiſilichen Stande. 409 Die Schiller'ſche Familie zog im Jahre 1768 wieder nach Ludwigsburg. Dort ſah der neunjaͤhrige Knabe zum Erſtenmal ein Theater, und zwar ein ſo glaͤnzendes, wie es die Pracht des Hofes unter des Herzogs Karl Regie⸗ rung erforderte. Die Wirkung war maͤchtig: es eroͤffnete ſich ihm eine neue Welt, auf die ſich alle ſeine jugendlichen Spiele bezogen, und Plane zu Trauerſpielen beſchaͤftigten ihn ſchon damals aber ſeine Neigung zum geiſt⸗ lichen Stande verminderte ſich nicht. Bis zum Jahr 1773 erhielr er ſeinen Unterricht in einer oͤffentlichen groͤßern Schule zu Ludwigsburg, und auf dieſe Zeit erinnert ſich ein damaliger Mit⸗ ſchuͤler ſeiner Munterkeit, ſeiner oft muthwilligen Laune und Keckheit, aber auch ſeiner edeln Denkart und ſeines Fleißes. Die guten Zeugniſſe ſeiner Lehrer machten den regierenden Perzog auf ihn aufmerkſam, der damals eine neue Erziehungsanſtalt mit großem Eifer errichtete und unter den Soͤhnen ſeiner Officiere Zoͤglinge dafuͤr ausſuchte. Die Aufnahme in dieſes Inſtitut, die militaͤriſche Pflanzſchule auf dem Luſtſchloſſe Solitude und nachherige Karlsſchule zu Stuttgart, war eine Gnade des Fuͤrſten, deren Ablehnung fuͤr Schillers Vater allerdings bedenk⸗ lich ſeyn mußte. Gleichwohl eroͤffnete dieſer dem Herzoge freimuͤthig die Ab⸗ ſicht, ſeinen Sohn einem Stande zu widmen, zu welchem er bei der neuen Bildungsanſtalt nicht vorbereitet werden konnte. Der Herzog war nicht belei⸗ digt, aber verlangte die Wahl eines andern Studiums. Die Verlegenheit war groß in Schillers Familie; ihm ſelbſt koſtete es viel Ueberwindung, ſeine Neigung den Verhaͤltniſſen ſeines Vaters aufzuopfern, aber endlich ent⸗ ſchied er ſich fuͤr das juriſtiſche Fach und wurde im Jahre 1775 in das neue Inſtitut auſgenommen. Noch im folgenden Jahre, als jeder Zoͤgling ſeine eigene Charakter⸗Schilderung aufſetzen mußte, wagte Schiller das Geſtaͤndniß: „daß er ſich weit gluͤcklicher ſchaͤtzen wuͤrde, wenn er dem Vaterlande als „Gottesgelehrter dienen koͤnnte.“ Auch ergriff er im Jahr 4775 eine Gelegenheit, wenigſtens das juriſtiſche Studium, das fuͤr ihn nichts Anziehendes hatte, aufzugeben. Es war bei dem Inſtitute eine neue Lehr⸗Anſtalt fuͤr kuͤnſtige Aerzte errichtet worden, der Herzog ließ jedem Zoͤglinge die Wahl, von dieſer Anſtalt Gebrauch zu machen, und Schiller benutzte dieſe Aufforderung. Auf der Karlsſchule war es, wo ſeine ſruͤheſten Gedichte entſtanden. Ein Verſuch, das Eigenthuͤmliche dieſer Producte aus damaligen außern Urſachen vollſtändig zu erklaͤren, waͤre ein vergebliches Bemuͤhen. Von Dem, was die Richtung eines ſolchen Geiſtes beſtimmte, blieb natuͤrlicher Weiſe Vieles ver⸗ vorgen, und nur folgende bekannt gewordene Umſtaͤnde verdienen in dieſer Ruͤckſicht bemerkt zu werden. 410 Deutſche Dichter zu leſen, gab es auf der Karlsſchule, ſo wie auf den meiſten damaligen Unterrichts⸗Anſtalten in Deutſchland, wenig Gelegenheit. Schiller blieb daher noch unbekannt mit einem großen Theil der vaterlaͤndi⸗ ſchen Literatur; aber deſto vertrauter wurde er mit den Werken einiger Lieb⸗ linge. Klopſtock, Ut, Leſſing, Goͤthe und von Gerſtenbergwaren die Freunde ſeiner Jugend. Auf dem deutſchen Parnaß begann damals ein neues Leben. Die beſten Koͤpfe empoͤrten ſich gegen den Despotismus der Mode und gegen das Stre⸗ ben nach kalter Eleganz. Kraͤftige Darſtellung der Leidenſchaft und des Cha⸗ rakters, tieſe Blicke in das Innere der Seele, Reichthum der Fantaſie und der Sprache ſollten allein den Werth des Dichters begruͤnden. Unabhaͤngig von allen aͤußern Umgebungen, ſollte er als ein Weſen aus einer hoͤhern Welt erſcheinen, unbekuͤmmert, ob er fruͤher oder ſpaͤter bei ſeinen Zeit⸗ genoſſen eine wuͤrdige Aufnahme finden werde. Nicht durch ſremden Einfluß⸗ ſondern allein durch ſich ſelbſt ſollte die deutſche Dichtkunſt ſich aus ihrem Innern entwickeln. Veiſpiele einer ſolchen Denkart mußten einen Juͤng⸗ ling von Schillers Anlagen maͤchtig ergreifen. Daher beſonders ſeine Be⸗ geiſterung fuͤr Goͤthes Goͤtz von Berlichingen und Gerſtenbergs Ugo⸗ lino. Spaͤter wurde er auf Shakeſpeare aufmerkſam gemacht, und Dies geſchah durch ſeinen damaligen Lehrer, den jetzigen Praͤlaten Abel in Schoͤn⸗ thal, der uͤberhaupt ſich um ihn mehrere Verdienſte erwarb. Mit dem Dichter Schubart war Schiller in keiner weitern Verbindung, als daß er ihn einmal auf der Feſtung Hohenaſperg, aus Theilnehmung an ſeinem Schick⸗ ſale, beſuchte. Ein epiſches Gedicht, Moſes, gehoͤrt zu Schillers fruͤheſten Verſuchen vom Jahr 1775, und nicht lange nachher entſtand ſein erſtes Trauerſpiel: Cosmus von Medicis, im Stoffe aͤhnlich mit Leiſewitzens Julius von Tarent. Einzelne Stellen dieſes Stuͤcks ſind ſpaͤter in die Raͤuber auf⸗ genommen worden; aber außerdem hat ſich von Schillers Producten aus dem Zeitraume von 1780 nichts erhalten, als wenige Gedichte, die ſich im ſchwaͤ⸗ biſchen Magazin finden. Schiller beſchaͤftigte ſich damals aus eigenem An⸗ triebe nicht bloß mit Leſung der Dichter; auch Plutarchs Biographien, Herders und Garvens Schriften waren fuͤr ihn beſonders anziehend, und es verdient bemerkt zu werden, daß er vorzuͤglich in Luthers Bibeluͤberſetzung die deutſche Sprache ſtudirte.* Medicin trieb er mit Ernſt, und, um ihr zwei Jahre ausſchließend zu widmen, entſagte er waͤhrend dieſer Zeit allen poetiſchen Arbeiten. Er ſchrieb damals eine Abhandlung unter dem Titel: Philoſophie der Phyſio⸗ logie. Dieſe Schrift wurde nachher lateiniſch von ihm ausgearbeitet und 411 ſeinen Vorgeſetzten im Manuſcripte vorgelegt, erſchien aber nicht im Drucke. Nach beendigtem Curſus vertheidigte er im Jahr 1780 eine andere Probe⸗ ſchrift: Ueber den Zuſammenhang der thieriſchen Natur des Menſchen mit ſeiner geiſtigen. Der Erſolg davon war eine baldige Anſtellung als Regiments⸗Medicus bei dem Regimente Augé, und ſeine Zeitgenoſſen behaupten, daß er ſich als praktiſcher Arzt durch Geiſt und Kuͤhnheit, aber nicht in gleichem Grade durch Gluͤck ausgezeichnet habe. Nach Ablauf der Zeit, in der ihn ein ſtrenges Geluͤbde von der Poeſie entfernte, kehrte er mit erneuerter Liebe zu ihr zuruͤck. Die Raͤuber und mehrere einzelne Gedichte, die er kurz nachher, nebſt den Producten einiger Freunde, unter dem Titel einer Anthologie herausgab, entſtanden in den Jahren 41780 und 1781, welche zu den entſcheidendſten ſeines Lebens gehoͤrten. Fuͤr die Raͤuber fand Schiller keinen Verleger und mußte den Druck auf eigene Koſten veranſtalten. Deſto erfreulicher war ihm der erſte Beweis einer Anerkennung im Auslande, als ihn ſchon im Jahr 4781 der Hof⸗Kammer⸗ rath und Buchhaͤndler Schwan in Mannheim zu einer Umarbeitung dieſes Werks fuͤr die dortige Buͤhne aufſorderte. Einen aͤhnlichen Antrag, der zu⸗ gleich auf kuͤnftige dramatiſche Producte gerichtet war, erhielt er kurz darauf von dem Director des Mannheimer Theater ſelbſt, dem Freiherrn von Dal⸗ berg. Was Schiller hierauf erwiderte, iſt noch vorhanden, und es ergibt ſich daraus, wie ſtreng er ſich ſelbſt beurtheilte, und wie leicht er in jede Abaͤn⸗ derung willigte, von deren Nothwendigkeit man ihn uͤberzeugte, aber wie wenig auch dieſe Willfaͤhrigkeit in Schlaffheit ausartete, und wie nachdruͤcklich er in weſentlichen Punkten, ſelbſt gegen einen Mann, den er hochſchaͤtzte, die Rechte ſeines Werks vertheidigte. Die ſchriftlichen Verhandlungen endigten ſich zu beiderſeitiger Zufrieden⸗ heit, und die Raͤuber wurden im Januar 4782 in Mannheim auſfgefuͤhre. Bei dieſer und der zweiten Auffuͤhrung im Mai eben dieſes Jahres war Schiller gegenwaͤrtig, aber die Reiſe nach Mannheim hatte heimlich ge⸗ ſchehen muͤſſen und bliob nicht verborgen. Ein vierzehntaͤgiger Arreſt war die Strafe. Zu eben dieſer Zeit wurde Schillern durch einen andern Umſtand ſein Auſenthalt in Stuttgart noch mehr verbittert. Eine Stelle in den Raͤubern, wodurch ſich die Graubuͤndtner beleidigt fanden, veranlaßte eine Beſchwerde, und der Herzog verbot Schillern, außer dem mediciniſchen Fache irgend etwas drucken zu laſſen. Dies war fuͤr ihn eine deſto druͤckendere Beſchraͤnkung, je guͤnſtigere Ausſichten ſich ihm durch den gluͤcklichen Erfolg ſeines erſten Trauerſpiels eroͤffneten. Auch hatte er ſich mit dem Profeſſor Abel und dem Bibliothekar Peterſen in Stuttgart vereinigt, um eine Zeitſchrift 412 unter dem Titel: Wuͤrttembergiſches Repertorium der Litera⸗ tur herauszugeben, zu deren erſten Stuͤcken er einige Aufſaͤtze, als: uͤber das gegenwaͤrtige deutſche Theater; der Spaziergangunter den Linden; eine großmuͤthige Handlungaus der neueſten Geſchichte, und verſchiedene Recenſionen, vorzuͤglich eine ſehr ſirenge und aus⸗ kuͤhrliche uͤber die Raͤuber, lieferte. Indeſſen gab es noch einen Ausweg, um jenes Verbot ruͤckgaͤngig zu machen, wozu aber Schiller ſich nicht entſchließen konnte. In ſpaͤtern Jahren erzoͤhlte er ſelbſt, wie ein glaubwuͤrdiger Mann be⸗ zeugt, daß es nicht ſeine Beſchaͤftigung mit Poeſie uͤberhaupt, ſondern ſeine beſondere Art zu dichten war, was damals die Unzufriedenheit des Herzogs erregte. Als ein vielſeitig gebildeter Fuͤrſt achtete der Herzog jede Gattung von Kunſt und haͤtte gern geſehen daß auch ein vorzuͤglicher Dichter aus der Karlsſchule hervorgegangen waͤre. Aber in Schillers Producten fand er haͤu⸗ fige Verſtoße gegen den beſſern Geſchmack. Gleichwohl gab er ihn nicht auf, ließ ihn vielmehr zu ſich kommen, warnte ihn auf eine vaͤterliche Art, wobei Schiller nicht ungeruͤhrt bleiben konnte, und verlangte bloß, daß er ihm alle ſeine poetiſchen Producte zeigen ſollte. Dies einzugehen, war Schillern un⸗ moͤglich, und ſeine Weigerung wurde natuͤrlicher Weiſe nicht wohl aufgenom⸗ men. Es ſcheint jedoch, daß bei dem Herzoge auch nachher noch ein gewiſſes Intereſſe fuͤr Schillern uͤbrig blieb. Wenigſtens wurden keine ſirenge Maßre⸗ geln gegen ihn gebraucht, als er ſpaͤter ſich heimlich von Stuttgart entſernte, und dieſer Schritt hatte fuͤr ſeinen Vater keine nachtheilige Folgen. Auch durfte Schiller nachher im Jahr 1793, als der Herzog noch lebte, eine Reiſe in ſein Vaterland und zu ſeinen Eltern wagen, ohne daß dieſe Zuſammen⸗ kunft auf irgend eine Art geſtoͤrt wurde. Die Auffuͤhrung der Raͤuber in Mannheim, wo die Schauſpielkunſt da⸗ mals auf einer hohen Stuſe ſtand, und beſonders Ifflands Darſtellung des Franz Moor, hatte auf Schillern begeiſternd gewirkt. Seine dortige Aufnahme verſprach ihm ein ſchoͤnes poetiſches Leben, deſſen Reiz er nicht widerſtehen konnte. Aber gleichwohl wuͤnſchte er Stuttgart nur mit Erlaub⸗ niß des Herzogs zu verlaſſen. Dieſe Erlaubniß hoffte er durch den Freiherrn von Dalberg auszuwirken, und ſeine Briefe an ihn enthalten mehrmalige dringende Geſuche um eine ſolche Verwendung. Aber es mochten Schwierig⸗ keiten eintreten, ſeine Bitte zu erfuͤllen; ſeine Ungeduld wuchs, er entſchloß ſich zur Flucht und waͤhlte dazu den Zeitpunkt im October 1782, da in Stutt⸗ garr Alles mit den Feierlichkeiten beſchaͤftigt war, die durch die Ankunſt des damaligen Großfuͤrſten Paul veranlaßt wurden. Unter ſremdem Namen ging er nach Franken und lebte dort beinahe ein Jahr in der Naͤhe von Meinungen zu Bauerbach, einem Gute der Frau 413 Geheimen⸗Raͤthin von Wollzogen, deren wohlwollender Aufnahme er ſeine Verbindung mit ihren Sdͤhnen, die mit ihm in Stuttgart ſtudirt hatten, verdankte. Sorglos und ungeſtoͤrt widmete er ſich hier ganz ſeinen poetiſchen Arbeiten. Die Fruͤchte ſeiner Thaͤtigkeit waren: die Verſchwoͤrung des Fiesco, ein ſchon in Stuttgart waͤhrend des Arreſts angefangenes Werk, Cabale und Liebe und die erſten Ideen zum Don Carlos. Im September 1783 verließ er endlich dieſen Aufenthalt, um ſich nach Mann⸗ heim zu begeben, wo er mit dem dortigen Theater in genauere Verbin⸗ dung trat. Es war in Schillers Charakter, bei jedem Eintritte in neue Verhaͤltniſſe ſich ſogleich mit Planen einer vielumfaſſenden Wirkſamkeit zu beſchaͤftigen. Mit welchem Ernſte er die dramatiſche Kunſt betrieb, ergibt ſich aus ſeiner Vorrede zur erſten Ausgabe der Raͤuber, aus dem Aufſatze uͤber das gegen⸗ waͤrtige deutſche Theater in dem wuͤrttemb. Repertorium und aus einer im erſten Hefte der Thalia eingeruckten Vorleſung über die Frage: Was kann eine gute ſtehende Schaubuͤhne wirken? In Mannheim hoffte er viel für das hoͤhere Intereſſe der Kunſt. Er war Mitglied der damaligen churpfaͤlziſchen deutſchen Geſellſchaft geworden, ſah ſich von Maͤnnern um⸗ geben, von denen er eine kraͤftige Mitwirkung erwartete, und entwarf einen Plan, dem Theater in Mannheim durch eine dramaturgiſche Geſellſchaft eine groͤßere Vollkommenheit zu geben. Dieſer Gedanke kam nicht zur Aurſüh⸗ rung; aber Schiller verſuchte wenigſtens allein fuͤr dieſen Zweck etwas zu leiſten und beſtimmte dazu einen Theil der periodiſchen Schrift, die er im Jahre 1784 unter dem Titel: Rheiniſche Thalia, unternahm. In der Ankuͤndigung dieſer Zeitſchrift wirft er ſich mit jugendlichem Vertrauen dem Publikum in die Arme. Seine Worte ſind folgende: „Alle meine Verbindungen ſind nunmehr aufgeloͤst. Das Publikum iſt „mir jetzt Alles, mein Studium, mein Souverain, mein Vertrauter. Ihm „allein gehoͤre ich jetzt an. Vor dieſem und keinem andern Tribunal werde „ich mich ſtellen. Dieſes nur fürcht' ich und verehr' ich. Etwas Großes „wandelt mich an bei der Vorſtellung, keine andere Feſſel zu tragen, als „den Ausſpruch der Welt— an keinen andern Thron mehr zu appelliren⸗ „als an die menſchliche Seele.— Den Schriftſteller uͤberhuͤpfe die Nach⸗ „welt, der nicht mehr war, als ſeine Werke— und gern geſtehe ich, daß „bei Herausgabe dieſer Thalia meine vorzuͤgliche Abſicht war, zwiſchen dem „Publikum und mir ein Band der Freundſchaft zu knuͤpfen.“ Unter die dramatiſchen Stoffe, mit denen ſich Schiller waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Franken und Mannheim abwech ſelnd beſchaͤftigte, gehoͤrte die Geſchichte Konradins von Schwaben und ein zweiter Theil der Roͤuber, Schillers ſaͤmmtl. Werke, XII. 27 414 der eine Aufloͤſung der Diſſonanzen dieſes Trauerſpiels enthalten ſollte. Auch entſtand damals bei ihm die Idee, Shakeſpeares Macbeth und Timon fuͤr die deutſche Buͤhne zu bearbeiten. Aber Don Carlos war es endlich, wofuͤr er ſich beſtimmte, und einige Scenen davon erſchienen im erſten Heſte der Thalia. Die Vorleſung dieſer Scenen an dem landgraͤflich heſſen⸗darmſtaͤdtiſchen Hofe gab Gelegenheit, daß Schiller dem dabei gegenwaͤrtigen regierenden Herzoge von Sachſen⸗Weimar bekannt und von ihm zum Rath ernannt wurde. Dieſe Auszeichnung von einem Fuͤrſten, der mit den Muſen ver⸗ traut und nur an das Vortreffliche gewoͤhnt war, mußte Schillern zur großen Aufmunterung gereichen und hatte ſpaͤterhin fuͤr ihn die wichtigſten Folgen. Im Maͤrz des Jahres 1785 kam er nach Leipzig. Hier erwarteten ihn Freunde, die er durch ſeine fruͤheren Producte gewonnen hatte, und die er in einer gluͤcklichen Stimmung ſand. Unter dieſen Freunden war auch der zu fruͤh verſtorbene Huber. Schiller ſelbſt wurde auſgeheitert und verlebte einige Monate des Sommers zu Golis, einem Dorſe bei Leipzig, in einem froͤhlichen Cirkel. Das Lied an die Freude wurde damals gedichtet. Mit dem Ende des Sommers 1785 begann Schillers Auſfenthalt in Dresden und dauerte bis zum Julius 1787. Don Carlos wurde hier nicht bloß geendigt, ſondern erhielt auch eine ganz neue Geſtalt. Schiller bereuete oft, einzelne Scenen in der Thalia bekannt gemacht zu haben, ehe das Ganze vollendet war. Er ſelbſt hatte während dieſer Arbeit betraͤchtliche Fortſchritte gemacht, ſeine Forderungen waren ſtrenger geworden, und der anſaͤngliche Plan befriedigte ihn eben ſo wenig, als die Manier der Ausfuͤhrung in den erſten gedruckten Scenen. Der Entwurf zu einem Schauſpiel: der Menſchenfeind, und einige davon vorhandene Scenen gehoͤren auch in dieſe Periode. Von kleinern Ge⸗ dichten erſchienen damals nur wenige. Schiller war theils zu ſehr mit der Fortſetzung ſeiner Zeitſchrift beſchaͤftigt, theils war in ihm der Wunſch rege geworden, durch irgend eine Thaͤtigkeit außerhalb des Gebietes der Dichtkunſt ſich eine unabhaͤngige Exiſtenz zu gruͤnden. Er ſchwankte einige Zeit zwiſchen Medicin und Geſchichte und waͤhlte endlich die Letzte. Die hiſtoriſchen Vor⸗ arbeiten zum Don Carlos hatten ihn auf einen reichhaltigen Stoff aufmerkſam gemacht, den Abfall der Niederlande unter Philipp dem Zweiten. Zur Behandlung dieſes Stoffes fing er daher an, Materialien zu ſammeln. Auch beſchloß er damals. Geſchichten der merkwuͤrdigſten Re⸗ volutionen und Verſchwoͤrungen herauszugeben, wovon aber nur ein Theil erſchien, der von Schiller ſelbſt etwas mit enthaͤlt. Caglioſtvo ſpielte damals eine Rolle in Frankreich, die viel Aufſehen erregte; unter Dem, was von dieſem ſonderbaren Mann erzaͤhlt wurde, fand Schiller Manches brauchbar fuͤr einen Roman, und es entſtand die Idee zum Geiſterſeher. Es lag durchaus keine wahre Geſchichte zum Grunde, ſon⸗ dern Schiller, der nie einer geheimen Geſellſchaft angehoͤrte, wollte bloß in dieſer Gattung ſeine Kraͤfte verſuchen. Das Werk wurde ihm verleidet und blieb unbeendigt, als aus den Anſragen, die er von mehrern Seiten erhielt, hervorzugehen ſchien, daß er bloß die Neugierde des Publikums auf die Bege⸗ benheit gereizt haͤtte. Sein Zweck war eine höhere Wirkung geweſen. Das Jahr 1787 fuͤhrte ihn nach Weimar. Goͤthe war damals in Italien, aber von Wieland und Herder wurde Schiller mit Wohlge⸗ fallen aufgenommen. Herder war fuͤr ihn aͤußerſt anziehend, aber die väͤterliche Zuneigung, mit der ihm Wieland zuvorkam, wirkte noch in einem hoͤheren Grade auf Schillers Empfaͤnglichkeit. Er ſchrieb damals an einen Freund: „Wir werden ſchoͤne Stunden haben. Wieland iſt jung, wenn er „liebt.“ Ein ſolches genaueres Verhaͤltniß gab Anlaß, daß Schiller zu einer fortgeſetzten Theilnahme am deutſchen Mercur aufgeſordert wurde. Die Idee, dieſer Zeitſchrift durch ihn eine ſriſchere und jugendlichere Geſtalt zu geben, war fuͤr Wieland ſehr erſreulich. Schiller ließ es nicht an Thaͤtig⸗ keit fehlen und lieſerte die Goͤtter Griechenlands, die Künſtler⸗ ein Fragment der niederlaͤndiſchen Geſchichte, die Briefe uͤber Don Carlos und einige andere proſaiſche Auſſaͤtze fuͤr die Jahrgaͤnge des Mercur von 1788 und 1789, die uͤberhaupt zu den reichhaltigſten gehoͤrten und zugleich durch Beitraͤge von Goͤthe, Kant, Herder und Rein hold ſich auszeichneten. Noch im Jahre 1787 wurde Schiller von der Dame in Meiningen, die ihn, nach ſeiner Entfernung von Stuttgart, mit ſo vieler Guͤte aufgenommen hatte, zu einem Beſuche eingeladen. Auf dieſer Reiſe, die er aus inniger Dankbarkeit und Hochſchaͤtzung unternahm, verweilte er auch mit vieler An⸗ nehmlichkeit in Rudolſtadt, machte dort intereſſante Bekanntſchaften und ſah zuerſt ſeine nachherige Gattin. Fraͤulein von Lengefeld. Einige Wochen waren nach ſeiner Zuruͤckkunft von dieſer Reiſe vergangen, als er an einen Freund ſchrieb: „Ich bedarf eines Mediums, durch das ich die andern Freuden genieße, „Freundſchaft, Geſchmack, Wahrheit und Schoͤnheit werden mehr auf mich „wirken, wenn eine ununterbio hene Reihe ſeiner wohlthaͤtiger haͤuslicher „Empfindungen mich ſur die Freude ſtimmt und mein erſtarrtes Weſen „wieder durchwaͤrmt. Ich bin bis jetzt, ein iſolirter fremder Menſch, in der 416 „Natur herumgeirrt und habe nichts als Eigenthum beſeſſen.— Ich ſehne „mich nach einer burgerlichen und haͤuslichen Exiſtenz.— Ich habe ſeit „vielen Jahren kein ganzes Gluͤck gefuͤhlt, und nicht ſowohl, weil mir die „Gegenſtände dazu fehlten, ſondern darum, weil ich die Freuden mehr naſchte, „als genoß, weil es mir an immer gleicher und ſanfter Empfaͤnglichkeit „mangelte, die nur die Ruhe des Famllienlebens gibt.“ Die Gegend bei Rudolſtadt hatte Schillern ſo ſehr angezogen, daß er ſich entſchloß, den Sommer des Jahres 1788 dort zu verleben. Er wohnte vom Mai bis zum November theils in Volksſtaͤdt, nicht weit von Rudolſtadt, um das Landleben zu genießen, theils ſpaͤter in Rudolſtadt ſelbſt, und die Familie der Frau von Lengefeld war faſt taͤglich ſein Umgang. Im No⸗ vember ſchrieb er: „Mein Abzug aus Rudolſtadt iſt mir in der That ſchwer geworden. „Ich habe dort viele ſchoͤne Tage gelebt und ein ſehr werthes Band der „Freundſchaft geſtiftet.“ Waͤhrend dieſes Aufenthaltes in Rudolſtadt traf ſich's, daß Schiller zum erſten Male Goͤthen ſah. Seine Erwartung war aufs Hoͤchſte geſpannt, theils durch die fruͤhern Eindruͤcke von Goͤthes Werken, theils durch Alles, was er uͤber ſein Perſoͤnliches in Weimar gehoͤrt hatte. Goͤthe erſchien in einer zahlreichen Geſellſchaft, heiter und mittheilend, beſonders uͤber ſeine italieniſche Reiſe, von der er eben zuruͤckgekommen war; aber dieſe Ruhe und Unbefangenheit hatte fuͤr Schillern, der in dem Bewußtſeyn eines raſt⸗ loſen und unbefriedigten Strebens ihm gegenuͤber ſaß, damals etwas Un⸗ behagliches. „Im Ganzen genommen,“ ſchrieb er uͤber dieſe Zuſammenkunft,„iſt „meine in der That große Idee von Goͤthe nach dieſer perſoͤnlichen Be⸗ „kanntſchaft nicht vermindert worden; aber ich zweifle, ob wir einander je „ſehr nahe ruͤcken werden. Vieles, was mir jetzt noch intereſſant iſt, was „ich noch zu wuͤnſchen und zu hoſſen habe, hat ſeine Epoche bei ihm durch⸗ „lebt. Sein ganzes Weſen iſt ſchon von Anfang her anders angelegt, als „das meinige, ſeine Welt iſt nicht die meinige, unſere Vorſtellungsarten „ſcheinen weſenrlich verſchieden. Indeſſen ſchließt ſich aus einer ſolchen Zu⸗ „ſammenkunft nicht ſicher und gruͤndlich. Die Zeit wird das Weitere „lehren.“ Und die Zeit lehrte ſchon nach einigen Monaten, daß Goͤfthe we⸗ nigſtens keine Gelegenheit verſäumte, ſich fuͤr Schillern, den er zu ſchaͤtzen wußte, thaͤtig zu verwenden. Als der Profeſſor Eichhorn damals Jena verließ, war eben Schillers Werk uͤber den Abfall der Niederlande erſchienen und verſprach viel von ihm fuͤr den Vortrag der Geſchichte: Goͤthe und der 417 jetzige Geheim⸗Rath von Voigt bewirkten daher ſeine Anſtellung als Pro⸗ feſſor in Jena. Schillern war Dies allerdings erwuͤnſcht, aber zugleich uͤberraſchend, da er zu einem ſolchen Lehramte noch eine Vorbereitung von einigen Jahren fuͤr noͤthig gehalten hatte. Seit ſeiner Abreiſe von Dresden bis zum Fruͤhjahr 1789, als der Zeit, da er ſeine Proſeſſur in Jena antrat, beſchaͤftigte ihn hauptſaͤchlich ſein hiſtori⸗ ſches Werk. Er ſchrieb daruͤber einem Freunde: „Du glaubſt kaum, wie zufrieden ich mit meinem neuen Fache bin. „Ahnung großer unbebauter Felder hat fuͤr mich ſo viel Reizendes. Mit „jedem Schritte gewinne ich an Ideen, und meine Seele wird weiter mit „ihrer Welt.“ Eine ſpaͤtere Aeußerung uͤber den hiſtoriſchen Styl war folgende: „Das Intereſſe, welches die Geſchichte des peloponneſiſchen Krieges fuͤr „die Griechen hatte, muß man jeder neuern Geſchichte, die man fuͤr die „Neuern ſchreibt, zu geben ſuchen. Das eben iſt die Aufgabe, daß man „ſeine Materialien ſo waͤhlt und ſtellt, daß ſie des Schmucks nicht brau⸗ „chen, um zu intereſſiren. Wir Neuern haben ein Intereſſe in unſerer „Gewalt, das kein Grieche und kein Roͤmer gekannt hat, und dem das „vaterlaͤndiſche Intereſſe bei Weitem nicht beikommt. Das Letzte iſt „uͤberhaupt nur fuͤr unreife Nationen wichtig, fuͤr die Jugend der Welt. „Ein ganz anderes Intereſſe iſt es, jede merkwuͤrdige Begebenheit, die mit „Menſchen vorging, dem Menſchen wichtig darzuſtellen. Es iſt ein arm⸗ „ſeliges kleinliches Ideal, fuͤr eine Nation zu ſchreiben: einem philoſo⸗ „phiſchen Geiſt iſt dieſe Gränze durchaus unertraͤglich. Dieſer kann bei „einer ſo wandelbaren, zuſaͤlligen und willkuͤrlichen Form der Menſchheit, „bei einem Fragmente(und was iſt die wichtigſte Nation anders 2) nicht „ſtille ſtehen. Er kann ſich nicht weiter dafuͤr erwaͤrmen, als ſoweit ihm „dieſe Nation oder Nationalbegebenheit als Bedingung fuͤr den Fortſchritt „der Gattung wichtig iſt.“ Eine ſo begeiſternde Anſicht der Geſchichte machte gleichwohl Schillern der Dichtkunſt nicht untren. Seine poetiſchen Producte in dieſem Zeitraume waren nicht zahlreich, aber bedeutend, und Fortſchritte, ſowohl in Anſehung der Form als des Inhalts, zeigten ſich ſehr deutlich in den Goͤttern Griechenlands und in den Kuͤnſtlern. Auch beſchaͤftigten ihn Plane zu kuͤnftigen poetiſchen Arbeiten. Die Idee, einige Situationen aus Wie⸗ lands Oberon als Oper zu behandeln, kam nicht zur Ausfuͤhrung. Laͤnger verweilte Schiller bei dem Gedanken, zu einem epiſchen Gedicht den Stoff aus dem Leben des Koͤnigs Friedrich des Zweiten zu waͤhlen. Es finden ſich hieruͤber in Schillers Brieſen ſolgende Stellen: 418 „Die Idee, ein cpiſches Gedicht aus einer merkwuͤrdigen Action Fried⸗ „richs des Zweiten zu machen, iſt gar nicht zu verwerſen, nur kommt ſie „fuͤr ſechs bis acht Jahre fuͤr mich zu fruͤh. Alle Schwierigkeiten, die „von der ſo nahen Modernitaͤt dieſes Sujets entſtehen, und die anſchei⸗ „nende Unvertraͤglichkeit des epiſchen Tons mit einem gleichzeitigen Ge⸗ „genſtande wuͤrden mich ſo ſehr nicht ſchrecken.— Ein epiſches Gedicht „im achtzehnten Jahrhundert muß ein ganz anderes Ding ſeyn, als eines „in der Kindheit der Welt. Und eben Das iſt's, was mich an dieſe Idee „ſo anzieht. Unſere Sitten, der ſeinſte Duft unſerer Philoſophien, unſere „Verfaſſungen, Haͤuslichkeit, Kuͤnſte, kurz, Alles muß auf eine ungezwungene „Art darin niedergelegt werden und in einer ſchoͤnen harmoniſchen „Freiheit leben, ſo wie in der ZJliade alle Zweige der griechiſchen Cul⸗ „tur u. ſ. w. anſchaulich leben. Ich bin auch gar nicht abgeneigt, mir „eine Maſchinerie dazu zu erfinden, denn ich moͤchte auch alle Forderungen, „die man an den epiſchen Dichter von Seiten der Form macht, haarſcharf „erfuͤllen. Dieſe Maſchinerie aber, die bei einem ſo modernen Stoffe, in „einem ſo proſaiſchen Zeitalter, die groͤßte Schwierigkeit zu haben ſcheint, „kann das Intereſſe in einem hohen Grade erhoͤhen, wenn ſie eben dieſem „modernen Geiſte angepaßt wird. Es rollen allerlei Ideen daruͤber in „meinem Kopfe truͤb durcheinander, aber es wird ſich noch etwas Helles „daraus bilden. Aber welches Metrum ich dazu waͤhlen wuͤrde, erraͤthſt „Du wohl ſchwerlich.— Kein anderes, als ottave rime. Alle andere, das „jambiſche ausgenommen, ſind mir in den Tod zuwider, und wie ange⸗ „nehm müßte der Ernſt, das Erhabene in ſo leichten Feſſeln ſpielen! wie „ſehr der epiſche Gehalt durch die weiche ſanfte Form ſchoͤner Reime ge⸗ „winnen! Singen muß man es koͤnnen, wie die griechiſchen Bauern „die Iliade, wie die Gondoliere in Venedig die Stanzen aus dem befreiten „Jeruſalem. Auch uͤber die Epoche aus Friedrichs Leben, die ich waͤhlen „wuͤrde, habe ich nachgedacht. Ich hätte gern eine ungluͤckliche Situation, „welche ſeinen Geiſt unendlich poetiſcher entwickeln laͤßt. Die Haupt⸗ „Handlung muͤßte, wo moͤglich, ſehr einſach und wenig verwickelt ſeyn, „daß das Ganze immer leicht zu uͤberſehen bliebe, wenn auch die Epiſoden „noch ſo reichhaltig waͤren. Ich würde darum immer ſein ganzes Leben „und ſein Jahrhundert darin anſchauen laſſen. Es gibt hier kein beſſeres „Muſter, als die Iliade.“ Das Studium der Griechen war uͤberhaupt damals fuͤr Schillern ſehr anziehend. Von Nudolſtadt aus ſchrieb er: „Ich leſe jetzt faſt nichts, als Homer; die Alten geben mir wahre Ge⸗ „nüſſe. Zugleich bedarf ich ihrer im hoͤchſten Grade, um meinen eigenen 419 „Geſchmack zu reinigen, der ſich durch Spitzfindigkeit, Kuͤnſtlichkeit und „Witzelei ſehr von der wahren Simplicitäͤt zu entſernen anfing.“ In dieſer Zeit uͤberſetzte er auch die Iphigenie in Aulis und einen Theil der Phoͤnicierinnen des Euripides. Der Agamemnon des Aeſchylus, auf den er ſich ſehr freute, ſollte nachher an die Reihe kommen. Die Ueberſetzungen aus Virgils Aeneis entſtanden ſpaͤter und wurden groͤßtentheils durch Schil⸗ lers damalige Vorliebe fuͤr die Stanzen veranlaßt. Buͤrger war im Jahr 1789 nach Weimar gekommen, und Schiller ging einen Wettſtreit mit ihm ein. Beide wollten dasſelbe Stüͤck aus dem Virgil, jeder in einem ſelbſige⸗ waͤhlten Versmaße, uͤberſetzen. Wie ſehr Schiller in dieſer Periode ſeines Lebens die echte Kritik ehrte, und mit welcher Strenge er ſich ſelbſt behandelte, ergibt ſich aus folgenden Stellen ſeiner Briefe: „Mein naͤchſtes Stück,“ ſchreibt er,„das ſchwerlich in den naͤchſten zwei „Jahren erſcheinen duͤrſte, muß meinen dramatiſchen Beruf entſcheiden. „Ich traue mir im Drama dennoch am Allermeiſten zu, und ich weiß, „worauf ſich dieſe Zuverſicht gruͤndet. Bis jetzt haben mich die Plane, die „mich ein blinder Zuſall waͤhlen ließ, aufs Aeußerſte embarraſſirt, weil die „Compoſition zu weitlaͤufig und zu kuͤhn war. Laß mich einmal einen „ſimpeln Plan behandeln und daruͤber bruͤten.“ Wieland hatte ihm den Mangel an Leichtigkeit vorgeworfen. „Ich fühle,“ ſchreibt er daruͤber,„waͤhrend meiner Arbeiten nur zu ſehr, „daß er Recht hat, aber ich fühle auch, woran der Fehler liegt, und Dies „laͤßt mich hoffen, daß ich mich ſehr darin verbeſſern kann. Die Ideen „ſtroͤmen mir nicht reich genug zu, ſo uppig meine Arbeiten auch ausfallen, „und meine Ideen ſind nicht klar, ehe ich ſchreibe. Fuͤlle des Geiſtes und „Herzens von ſeinem Gegenſtande, eine lichte Daͤmmerung der Ideen, ehe „man ſich hinſetzt, ſie aufs Papier zu werſen, und leichter Humor ſind „nothwendige Requiſiten zu dieſer Eigenſchaft; und, wenn ich es einmal „mit mir ſelbſt dahin bringe, daß ich jene drei Erforderniſſe beſitze, ſo ſoil „es mit der Leichtigkeit auch werden.“ Ein ſolches Streben, jede hoͤhere Forderung zu befriedigen, artete jedoch nie in kleinliche Aengſtlichkeit aus. Ueber die Freiheit des Dichters in der Wahl ſeines Stoffs ſchrieb er damals Folgendes: „Ich bin uͤberzeugt, daß jedes Kunſtwerk nur ſich ſelbſt, Das heißt, ſeiner „eigenen Schoͤnheitsregel Rechenſchaft geben darf und keiner andern For⸗ „derung unterworfen iſt. Hingegen glaube ich auch feſtiglich, daß es ge⸗ „rade auf dieſem Wege auch alle uͤbrige Forderungen mittelbar befrie⸗ „digen muß, weil ſich jede Schoͤnheit doch endlich in allgemeine Wahrheit 420 „aufloͤſen laͤßt. Der Dichter, der ſich nur Schoͤnheit zum Zweck ſetzt, aber „dieſer heilig ſolgt, wird am Ende alle andere Rückſichten, die er zu ver⸗ „nachlaͤſſigen ſchien, ohne daß er es will oder weiß, gleichſam zur Zugabe „mit erreicht haben, da im Gegentheile der, der zwiſchen Schoͤnheit und „Moralitaͤt, oder was es ſonſt ſey, unſtaͤt flattert oder um Beide buhlt, „leicht es mit jeder verderbt.“ In einem andern damaligen Brieſe findet ſich ſolgende Aeußerung: „Ihr Herren Kritiker, und wie ihr euch ſonſt nennet, ſchaͤmet oder „fuͤrchtet euch vor dem augenblichlichen voruͤbergehenden Wahnwitze, der „ſich bei allen eignen Schoͤpfern findet, und deſſen laͤngere oder kürzere „Dauer den denkenden Kuͤnſiler von dem Traͤumer unterſcheidet. Daher eure „Klagen uͤber Unfruchtbarkeit, weil ihr zu ſruͤhe verwerſt und zu ſtrenge ſondert.“ Die gluͤckliche Stimmung, die in der damaligen Zeit aus Schillers Briefen hervorging, wurde in den beiden erſten Jahren ſeines Aufenthalts in Jena noch erhoͤht, als mehrere guͤnſtige Umſtaͤnde ihn von der aͤngſtlichen Sorge fuͤr die Gegenwart und Zukunſt befreiten, und als der Beſitz einer geliebten Gattin einen laͤngſt gewuͤnſchten Lebensgenuß ihm darbot. Sein Lehramt begann er auf eine ſehr glaͤnzende Art: uüber vierhundert Zuhörer ſiroͤmten zu ſeinen Vorleſungen. Die Unternehmung einer Herausgabe von Memoiren, wozu er einleitende Abhandlungen ſchrieb, und die Fortſetzung der Thalia ſicherten ihm fuͤr ſeine Beduͤrfniſſe eine hinlaͤngliche Einnahme. Es blieb ihm dabei noch Zeit zu Recenſionen fuͤr die allgemeine Literatur⸗ Zeitung uͤbrig, zu der er ſchon ſeit 1787 Beitraͤge lieſerte. Fuͤr die Zukunft hatte ihn der Buchhaͤndler Goͤſchen zu einer Geſchichte des dreißigjaͤhrigen Kriegs fuͤr einen hiſtoriſchen Almanach aufgeſordert, und ein deutſcher Plutarch war die Arbeit, die den ſfolgenden Jahren vorbehalten wurde. Von dem Herzoge von Sachſen⸗Weimar war mit großer Bereitwilligkeit, ſo⸗ viel es die Verhaͤltniſſe erlaubten, beigetragen worden, um Schillern ein gewiſſes Einkommen zu verſchaffen. Das ausgezeichnete Wohlwollen, womit ihn der damalige Coadjutor von Mainz und Statthalter von Erſurt, der verſtorbene Fuͤrſt Primas und Großherzog von Frankfurt, behandelte,* er⸗ öͤffnete Schillern die guͤnſtigſten Ausſichten. Fuͤr die Gruͤndung ſeines haͤus⸗ lichen Gluͤcks ſchien er nichts weiter zu beduͤrſen; ſein Herz hatte gewaͤhlt, und im Februar 1790 erhielt er die Hand des Fraͤuleins von Lengefeld. Seine Brieſe aus den nachherigen Monaten enthalten ſolgende Stellen: „Es lebt ſich doch ganz anders an der Seite einer lieben Frau, als ſo „verlaſſen und allein— auch im Sommer. Jettt erſt genieße ich die ſchoͤne * Eben dieſer Fürſt erſreute Schillern in der Folge durch ſortgeſetzte ſchriftliche Beweiſe des wärmſten Antheils an ſeinen Schickſalen. 421 „Natur ganz und lebe in ihr. Es kleidet ſich wieder um mich herum in „dichteriſche Geſtalten, und oft regt ſich's wieder in meiner Bruſt.— Was „fuͤr ein ſchoͤnes Leben fuͤhre ich jetzt! Ich ſehe mit froͤhlichem Geiſte um „mich her, und mein Herz findet eine immerwaͤhrende ſanſte Beſriedigung „außer ſich, mein Geiſt eine ſo ſchoͤne Nahrung und Erholung. Mein „Daſeyn iſt in eine harmoniſche Gleichheit geruͤckt; nicht leidenſchaftlich „geſpannt, aber ruhig und hell gehen mir dieſe Tage dahin.— Meinem „kuͤnftigen Schickſale ſehe ich mit heiterm Muthe entgegen; jetzt, da ich „am erreichten Ziele ſtehe, erſtaune ich ſelbſt, wie Alles doch uͤber meine „Erwartungen gegangen iſt. Das Schickſal hat die Schwierigkeiten fuͤr „mich beſiegt, es hat mich zum Ziele gleichſam getragen. Von der Zukunft „hoffe ich Alles. Wenige Jahre, und ich werde im vollen Genuſſe meines „Geiſtes leben, ja, ich hofſe, ich werde wieder zu meiner Jugend zuruͤckkeh⸗ „ren; ein inneres Dichterleben gibt mir ſie zurück.“ Aber eine ſo gluͤckliche Lage wurde bald durch einen harten Schlag ge⸗ ſtöͤrt. Eine heftige Bruſtkrankheit ergriff Schillern im Anfange des Jahres 1791 und zerruͤttete ſeinen koͤrperlichen Zuſtand fuͤr ſeine ganze uͤbrige Lebens⸗ zeit. Mehrere Ruͤckeaͤllle ließen das Schlimmſte fuͤrchten, er bedurſte der groͤßten Schonung, oͤffentliche Vorleſungen waͤren ihm aͤußerſt ſchaͤdlich ge⸗ weſen, und alle andere anſtrengende Arbeiten mußten ausgeſetzt bleiben. Es kam Alles darauf an, ihn wenigſtens auf einige Jahre in eine ſorgenfreie Lage zu verſetzen, und hierzu ſehlte es in Deutſchland weder an Willen noch an Kraͤften; aber, ehe für dieſen Zweck eine Vereinigung zu Stande kam, erſchien unerwartet eine Huͤlfe aus Daͤnemark. Von dem damaligen Erb⸗ prinzen, jetzt regierenden Herzoge von Holſtein⸗Auguſtenburg, und von dem Grafen von Schimmelmann wurde Schillern ein Jahrgehalt von tauſend Thalern auf drei Jahre ohne alle Bedingungen und bloß zu ſeiner Wieder⸗ herſtellung angeboten, und Dies geſchah mit einer Feinheit und Delieateſſe, die den Empfaͤnger, wie er ſchreibt, noch mehr ruͤhrte, als das Anerbieten ſelbſt. Daͤnemark war es, woher einſt auch Klopſtock die Mittel einer unabhaͤngigen Exiſtenz erhielt, um ſeinen Meſſios zu endigen. Geſegnet ſey eine ſo edelmuͤthige Denkart, die auch bei Schillern durch die gluͤcklichſten Folgen belohnt wurde! Voͤllige Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit war nicht zu erwarten, aber die Kraft ſeines Geiſtes, der ſich vom Drucke der aͤußern Verhaͤltniſſe frei füͤhlte, ſiegte uͤber die Schwaͤche des Koͤrpers. Kleinere Uebel vergaß er, wenn ihn eine begeiſternde Arbeit oder ein ernſtes Studium beſchaͤftigte, und von heſtigen Anſaͤllen blieb er oft Jahre lang beſreit. Er hatte noch ſchoͤne Tage zu erleben, genoß ſie mit heiterer Seele, und von dieſer Stimmung erntete ſeine Nation die Fruͤchte in ſeinen treſſlichſten Werken. 42²2 Waͤhrend der erſten Jahre ſeines Aufenthaltes in Jena war Schiller mit den meiſten dortigen Gelehrten im beſten Vernehmen, mit Paulus, Schuͤtz und Hufeland in freundſchaftlichen Verhaͤltniſſen, aber in der genaueſten Verbindung mit Reinhold. Es konnte nicht fehlen, daß er dadurch auf die Kantiſche Philoſophie aufmerkſam gemacht wurde, und daß ſie ihn anzog. Was er vorzuͤglich ſtudirte, war die Kritik der Urtheilskraft, und Dies fuͤhrte ihn zu philoſophiſchen Unterſuchungen, deren Reſultat er in der Abhandlung uͤber Anmuth und Würde, in verſchiedenen Auſſaͤtzen der Thalia, und hauptſaͤchlich ſpaͤter in den Briefen uͤber die aͤſthetiſche Erziehung des Menſchen bekannt machte. Aus der Periode dieſer theoretiſchen Studien findet ſich von ihm folgende ſchriftliche Aeußerung: „Ich habe vor einiger Zeit Ariſtoteles Poetik geleſen, und ſie hat „mich nicht nur nicht niedergeſchlagen und eingeengt, ſondern wahrhaft „geſtaͤrkt und erleichtert. Nach der peinlichen Art, wie die Franzoſen den „Ariſtoteles nehmen und an ſeinen Forderungen vorbeizukommen ſuchen. „erwartet man einen kalten, illiberalen und ſteifen Geſetzgeber in ihm, und „gerade das Gegentheil findet man. Er dringt mit Feſtigkeit und Be⸗ „ſtimmtheit auf das Weſen, und uber die aͤußern Dinge iſt er ſo lax, als „man ſeyn kann. Was er vom Dichter fordert, muß dieſer von ſich ſelbſt „fordern, wenn er irgend weiß, was er will: es fließt aus der Natur der „Sache. Die Poetik handelt beinahe ausſchließend von der Tragoͤdie, die ver mehr als irgend eine andere poetiſche Gattung beguͤnſtigt. Man merkt „ihm an, daß er aus einer ſehr reichen Erfahrung und Anſchauung heraus⸗ „ſpricht und eine ungeheure Menge tragiſcher Vorſtellungen vor ſich hatte. „Auch iſt in ſeinem Buche abſolut nichts Speculatives, keine Spur von „irgend einer Theorie; es iſt Alles empiriſch, aber die große Anzahl der „Faͤlle und die gluͤckliche Wahl der Muſter, die er vor Augen hat, gibt „ſeinen empiriſchen Ausſprüchen einen allgemeinen Gehalt und die voͤllige „Qualitaͤt von Geſetzen.“ In den Jahren von 1790 bis 1794 wurde kein einziges Original⸗Gedicht fertig, und bloß die Ueberſetzungen aus dem Virgil fallen in dieſe Zeit. Es fehlte indeſſen nicht an Planen zu kuͤnftigen poetiſchen Arbeiten. Beſonders waren es Ideen zu einer Hymne an das Licht und zu einer Theodicee, was Schillern damals beſchaͤftigte. „Auf dieſe Theodicee,“ ſchreibt er,„freue ich mich ſehr, denn die neue „Philoſophie iſt gegen die Leibnig'ſche viel poetiſcher und hat einen groͤßern „Charakter.“ 423 Vorzuͤglich gab ihm die Geſchichte des dreißigjaͤhrigen Krieges, die er fuͤr Goͤſchens hiſtoriſche Almanache vom Jahr 1791 an bearbeitete, Stoff zu poetiſcher Thaͤtigkeit. Einige Zeit beſchaͤftigte ihn der Gedanke, Guſtav Adolph zum Helden eines epiſchen Gedichts zu waͤhlen, wie aus folgender Stelle ſeiner Briefe zu erſehen iſt: „Unter allen hiſioriſchen Stoffen, wo ſich poetiſches Intereſſe mit na⸗ „tionellem und politiſchem noch am Meiſten gattet, ſteht Guſtav „Adolph oben an.— Die Geſchichte der Menſchheit gehoͤrt als unent⸗ „behrliche Epiſode in die Geſchichte der Reſormation, und dieſe iſt mit „dem dreißigjaͤhrigen Kriege unzertrennlich verbunden. Es kommt alſo „bloß auf den ordnenden Geiſt des Dichters an, in einem Heldengedicht, „das von der Schlacht bei Leipzig bis zur Schlacht bei Luͤtzen geht, die „ganze Geſchichte der Menſchheit ungezwungen, und zwar mit weit mehr „Intereſſe zu behandeln, als wenn Dies der Hauptſtoff geweſen waͤre.“ Aus eben dieſer Zeit iſt auch die erſte Idee zum Wallenſtein. Als ſchon im Jahre 1792 dieſe Idee zur Ausfuͤhrung kommen ſollte, ſchrieb Schiller daruͤber Folgendes: „Eigentlich iſt es doch nur die Kunſt ſelbſt, wo ich meine Kraͤfte fuͤhle; „in der Theorie muß ich mich immer mit Principien plagen: da bin ich „bloß Dilettant. Aber um der Ausfuhrung ſelbſt willen philoſophire ich „gern uͤber die Theorie. Die Kritik muß mir jetzt ſelbſt den Schaden er⸗ „ſetzen, den ſie mir zugefuͤgt hat. Und geſchadet hat ſie mir in der That; „denn die Kuͤhnheit, die lebendige Glut, die ich hatte, ehe mir noch eine „Regel bekannt war, vermiſſe ich ſchon ſeit mehreren Jahren. Ich ſehe „mich jetzt erſchaffen und bilden, ich beobachte das Spiel der Be⸗ „geiſterung, und meine Einbildungskraft betraͤgt ſich mit minder Freiheit, „ſeitdem ſie ſich nicht mehr ohne Zeugen weiß. Bin ich aber erſt ſo weit, „daß mir Kunſtmaͤßigkeit zur Natur wird, wie einem wohlgeſitteten „Menſchen die Erziehung, ſo erhaͤlt auch die Fantaſie ihre vorige Freiheit „wieder zuruͤck und ſetzt ſich keine andere al freiwillige Schranken.“ Aber es ſollten noch ſieben Jahre vergehen, ehe der Wallenſtein fertig wurde, und es gab einen Zeitpunkt der Muthloſigkeit, da Schiller dieſes Werk beinahe ganz auſgegeben haͤtte. In ſeinen Brieſen vom Jahre 179 findet ſich folgende Stelle: „Vor dieſer Arbeit(dem Wallenſtein) iſt mir ordentlich angſt und bang, „denn ich glaube mit jedem Tage mehr zu finden, daß ich eigentlich nichts „weniger vorſtellen kann, als einen Dichter, und daß hoͤchſtens da, wo ich „philoſophiren will, der poetiſche Geiſt mich uͤberraſcht. Was ſoll ich „thun? Ich wage an dieſe Unternehmung ſieben bis acht Monate von 424 „meinem Leben, das ich Urſache habe ſehr zu Rathe zu halten, und ſetze „mich der Gefahr aus, ein verungluͤcktes Product zu erzeugen. Was ich „im Dramatiſchen zur Welt gebracht, iſt nicht ſehr geſchickt, mir Muth „zu machen. Im eigentlichſten Sinne des Worts betrete ich eine mir „ganz unbekannte, wenigſtens unverſuchte Bahn: denn im Poetiſchen habe vich ſeit drei bis vier Jahren einen voͤllig neuen Menſchen angezogen.“ Nicht lange vor dieſen Aeußerungen hatte Schiller eine Reviſion ſeiner Gedichte vorgenommen, und aus ſeinen damaligen Anſichten wird die Strenge begreiflich, mit der er ſeine fruͤhern Producte behandelte. Gleich⸗ wohl darf man nicht glauben, daß uͤberhaupt damals eine hypochondriſche Stimmung durch koͤrperliche Leiden bei ihm hervorgebracht worden waͤre. Mehrere Stellen aus ſeinen Brieſen beweiſen, daß er eben in dieſer Zeit ſuͤr begeiſternde Wirkſamkeit und fuͤr edlern Lebensgenuß nichtz weniger als er⸗ ſtorben war. Als nach Ausbruch der franzoͤſiſchen Revolution das Schickfal Ludwigs XVI. entſchieden werden ſollte, ſchrieb Schiller im December 1792 Folgendes an einen Freund: „Weißt du mir Niemand, der gut ins Franzoͤſiſche uͤberſetzte, wenn ich vetwa in den Fall kaͤme, ihn zu brauchen? Kaum kann ich der Verſuchung „widerſtehen, mich in die Streitſache wegen des Koͤnigs einzumiſchen und vein Memoire darüber zu ſchreiben. Mir ſcheint dieſer Unternehmung „wichtig genug, um die Feder eines Vernunſtigen zu beſchaͤftigen, und ein „deutſcher Schriftſteller, der ſich mit Freiheit und Beredſamkeit über dieſe „Streitfrage erklaͤrt, dürſte wahrſcheinlich auf dieſe richtungsloſen Koͤpfe einen „Eindruck machen. Wenn ein Einziger aus einer ganzen Nation ein voͤffentliches Urtheil ſagt, ſo iſt man wenigſtens auf den erſten Eindruck „geneigt, ihn als Wortfuͤhrer ſeiner Klaſſe, wo nicht ſeiner Nation, anzu⸗ „ſehen, und ich glaube, daß die Franzoſen gerade in dieſer Sache gegen „fremdes Urtheil nicht ganz unempfindlich ſind. Außerdem iſt gerade „dieſer Stoff ſehr geſchickt dazu, eine ſolche Vertheidigung der guten „Sache zuzulaſſen, die keinem Mißbrauch ausgeſetzt iſt. Der Schriſtſteller, „der fuͤr die Sache des Koͤnigs offentlich ſtreitet, darf bei dieſer Gelegenheit „ſchon einige wichtige Wahrheiten mehr ſagen, als ein anderer, und hat »auch ſchon etwas mehr Credit. Vielleicht raͤthſt du mir an, zu ſchweigen, vaber ich glaube, daß man bei ſolchen Anlaͤſſen nicht indolent und unthaͤtig „bleiben darf. Faͤtte jeder freigeſinnte Kopf geſchwiegen, ſo waͤre nie ein „Schritt zu unſerer Verbeſſerung geſchehen. Es gibt Zeiten, wo man oͤf⸗ „ſentlich ſprechen muß, weil Empfänglichkeit dafuͤr da iſt, und eine ſolche „Zeit ſcheint mir die jetzige zu ſeyn.“« In der Mitte des Jahres 1793 ſchrieb Schiller:„Die Liebe zum Vater⸗ „land iſt ſehr lebhaft in mir geworden.“ Er unternahm die Reiſe nach Schwaben, lebte vom Auguſt an bis zum Mai des ſolgenden Jahres theils in Heilbronn, theils in Ludwigsburg und freute ſich des Wiederſehens ſeiner Eltern, Schweſtern und Jugerddfreunde. Von Heilbronn aus ſchrieb er an den Herzog von Wuͤrttemberg, gegen den er ſich durch ſeine Entfernung von Stuttgart vergangen hatte. Er er⸗ hielt zwar keine Antwort, aber die Nachricht, der Herzog habe offentlich ge⸗ außert: Schiller werde nach Stuttgart kommen und von ihm ignorirt werden. Dies beſtimmte Schillern, ſeine Reiſe fortzuſetzen, und er fand in der Folge, daß er nichts dabei gewagt hatte. Auch betrauerte er eben dieſen Herzog, der kurz nachher ſtarb, mit einem innigen Geſühle der Dankbarkeit und Verehrung. Schiller kehrte nach Jena zuruͤck, voll von einem ſchon lange entworf⸗ nen, aber nun reif gewordnen Plane, die vorzüglichſten Schriftſteller Deutſch⸗ lands zu einer Zeitſchrift zu vereinigen, die Alles übertreſſen ſollte, was jemals von dieſer Gattung exjſirrt hatte. Ein unternehmender Ver⸗ leger war dazu gefunden, und die Herausgabe der Horen wurde beſchloſſen. Die Thalia war mit dem Jahrgang 1793 geendigt worden. Fuͤr die neue Zeitſchrift oͤffneten ſich ſehr guͤnſtige Ausſichten, und auf die Einladung zur Theilnehmung erfolgten von allen Seiten vielverſprechende Antworten. Jena erhielt damals füͤr Schillern einen neuen Reiz, da Wilhelm v. Humboldt,” der aͤltere Bruder des beruͤhmten Reiſenden, ſich dahin be⸗ geben hatte und mit Schillern dort in der genaueſten Verbindung lebte. In dieſe Zeit trifft auch der Anfang des ſchoͤnen und nachher immer feſter ge⸗ knuͤpften Bundes zwiſchen Goͤthe und Schiller, der für Beide den Werth ihres Lebens erhoͤhte. Ueber die Veranlaſſung dieſes Ereigniſſes finden ſich ſolgende Stellen in Schillers Briefen: „Bei meiner Zurückkunft(von einer damaligen kleinen Reiſe) fand ich „einen ſehr herzlichen Brief von Goͤthe, der mir mit Vertrauen entgegen „kommt. Wir hatten vor ſechs Wochen uͤber Kunſt und Kunſttheorie ein „Langes und Breites geſprochen und uns die Hauptideen mitgetheilt, zu „denen wir auf ganz verſchiedenen Wegen gekommen waren. Zwiſchen „dieſen Ideen fand ſich eine unerwartete Uebereinſtimmung, die um ſo in⸗ „tereſſanter war, weil ſie wirklich aus der groͤßten Verſchiedenheit der Ge⸗ „ſichtspunkte hervorging. Ein Jeder konnte dem Andern etwas geben, was „ Siehe: Briefwechſel zwiſchen Schiller und Wilhelm v. Humboldt. Mit einer Vorerinnerung über Schiller und den Gang ſeiner Geiſtesentwickelung von W. v. Hum⸗ boldt. Stutigart und Tübingen. J. G. Cotta'ſche Buchhandlung. 1830. „ihm fehlte, und etwas dafuͤr empfangen. Seit dieſer Zeit haben dieſe aus⸗ „geſtreuten Ideen bei Goͤthen Wurzel geſaßt, und er fuͤhlt jetzt ein Be⸗ „dürfniß, ſich an mich anzuſchließen und den Weg, den er bisher allein und „ohne Aufmunterung betrat, mit mir fortzuſetzen. Ich freue mich ſehr auf „einen fuͤr mich ſo fruchtbaren Ideenwechſel.“— „Ich werde kuͤnftige Woche auf vierzehn Tage nach Weimar reiſen und „bei Goͤthe wohnen. Er hat mir ſo ſehr zugeredet, daß ich mich nicht „weigern konnte, da ich alle moͤgliche Freiheit und Bequemlichkeit bei ihm „finden ſoll. Unſere naͤhere Beruͤhrung wird für uns Beide entſcheidende „Folgen haben, und ich freue mich innig darauf. „Wir haben eine Correſpondenz mit einander über gemiſchte Materien „beſchloſſen,“* die eine Quelle von Aufſaͤtzen fuͤr die Horen werden ſoll. „Auf dieſe Art, meint Goͤthe, bekaͤme der Fleiß eine beſtimmte Richtung, „und, ohne zu merken, daß man arbeitet, bekaͤme man Materialien zuſam⸗ „men. Da wir in wichtigen Sachen einſtimmig und doch ſo ganz verſchie⸗ „dene Individualitaͤten ſind, ſo kann dieſe Correſpondenz wirklich intereſ⸗ „ſant werden.“ Mit dem folgenden Jahre 1795 beginnt bei Schillern eine neue Periode der poetiſchen Fruchtbarkeit. So ſehr ihn auch die neue Zeitſchrift beſchaͤftigte, ſo entſtanden doch gleichwohl mehrere Gedichte, die theils in die Horen, theils in den Muſenalmanach aufgenommen wurden, deſſen Herausgabe Schiller unternahm. Das Reich der Schatten oder das Ideal und das Leben, die Elegie oder der Spaziergang und die Ideale waren Producte dieſes Jahres. Die Elegie hielt Schiller fuͤr eines ſeiner gelungenſten Werke. „Mir daͤucht,“ ſchrieb er daruͤber,„das ſicherſte empiriſche Kriterium von „der wahren poetiſchen Guͤte meines Products dieſes zu ſeyn, daß es die „Stimmung, worin es gefaͤllt, nicht erſt abwartet, ſondern hervorbringt, „alſo in jeder Gemuͤthslage gefallt. Und Dies iſt mir noch mit keinem „meiner Stucke begegnet, als mit dieſem.“ Ueber die Ideale findet ſich ſolgende Aeußerung von ihm: „Dies Gedicht iſt mehr ein Naturlaut, wie Herder es nennen wuͤrde, „und als eine Stimme des Schmerzens, die kunſtlos und vergleichungs⸗ „weiſe auch formlos iſt, zu betrachten. Es iſt zu individuell wahr, um als „eigentliche Poeſte beurtheilt werden zu koͤnnen: denn das Individuum be⸗ „friedigt dabei ein Beduͤrfniß, es erleichtert ſich von einer Laſt, anſtatt daß „es in Geſaͤngen von anderer Art, von einem Ueberfluſſe getrieben, dem „Schoͤpfungsdrange nachgibt. Die Empfindung, aus der es entſprang, theilt Siehe: Brieſwechſel zwiſchen Schiller und Gothe in den Jahren 1794 bis 1805. Stuttgart und Tübingen. J G. Cotta'ſche Buchhandlung. 1829— 30. 427 „es auch mit, und auf mehr macht es, ſeinem Geſchlechte nach, nicht „Anſpruch.“ „Das Reich der Schatten,“ ſchreibt er ferner,„iſt, mit der „Elegie verglichen, bloß ein Lehrgedicht. Waͤre der Inhalt ſo poetiſch „ausgefuͤhrt worden, wie der Inhalt der Elegie, ſo waͤre es in gewiſſem „Sinne ein Maximum geweſen. Und Das will ich verſuchen, ſobald ich „Muße bekomme. Ich will eine Idylle ſchreiven, wie ich hier eine Elegie „ſchrieb. Alle meine pvetiſchen Kraͤfte ſpannen ſich zu dieſer Energie an— „das Ideal der Schoͤnheit objectiv zu individualiſiren, um daraus eine „Idhlle in meinem Sinne zu bilden. Ich theile naͤmlich das ganze „Feld der Poeſie in die naive und die ſentimentaliſche. Die naive hat gar „keine Unterarten(in Ruͤckſicht auf die Empfindungsweiſe naͤmlich), die „ſentimentaliſche hat ihrer drei: Satire, Elegie, Idylle. In der ſentimen⸗ „taliſchen Dichtkunſt(und aus dieſer heraus kann ich nicht) iſt die Idylle „das hoͤchſte, aber auch das ſchwierigſte Problem. Es wird nämlich auf⸗ „gegeben, ohne Beihuͤlſe des Pathos einen hohen, ja, den hoͤchſten poetiſchen „Effect hervorzubringen. Mein Reich der Schatten enthaͤlt dazu nur „die Regel; ihre Befolgung in einem einzelnen Falle wuͤrde die Idylle, „von der ich rede, erzeugen. Ich habe ernſilich im Sinne, da fortzufahren, „wo das Reich der Schatten aufhoͤrt. Die Vermaͤhlung des Hercules „mit der Hebe wuͤrde der Inhalt meiner Idylle ſeyn. Ueber dieſen Stoff „hinaus gibt es keinen mehr fuͤr den Poeten, denn dieſer darf die menſch⸗ „liche Natur nicht verlaſſen, und eben von dieſem Uebertritt des Menſchen „in den Gott wuͤrde dieſe Idylle handeln. Die Hauptfiguren waͤren zwar „ſchon Goͤtter, aber durch Hercules kann ich ſie noch an die Menſchheit „anknuͤpfen und eine Bewegung in das Gemaͤlde ibringen. Gelaͤnge „mir dieſes Unternehmen, ſo hoffte ich dadurch mit der ſentimentaliſchen „Poeſie über die naive ſelbſt triumphirt zu haben.“ „Eine ſolche Idylle wuͤrde eigentlich das Gegenſtück der hohen Komoͤdie „ſeyn und ſie auf einer Seite(in der Form) ganz nahe berühren, indem ſie „auf der andern und im Stoff das directe Gegentheil davon waͤre. Die „Komoͤdie ſchließt naͤmlich gleichfalls alles Pathos aus, aber ihr Stoff iſt „die Wirklichkeit: der Stoff dieſer Idylle iſt ds Ideal. Die Ko⸗ „moͤdie iſt Dasjenige in der Satire, was das Product quaestionis in der „Idylle(dieſe als ein eigenes ſentimentaliſches Geſchlecht betrachtet) ſeyn „wüͤrde. Zeigte es ſich, daß eine ſolche Behandlung der Idylle unausfuͤhrbar „waͤre— daß ſich das Ideal nicht individualiſiren ließe— ſo wuͤrde die Ko⸗ „moͤdie das hoͤchſte poetiſche Werk ſeyn, ſuͤr welches ich ſie immer gehalten „habe, bis ich anfing, an die Moͤglichkeit einer ſolchen Idylle zu glauben. 428 „Denken Sie ſich aber den Genuß, in einer poetiſchen Darſtellung alles Sterb⸗ „liche ausgeloͤſcht, lauter Licht, lauter Freiheit, lauter Vermoͤgen— keinen „Schatten, keine Schranken, nichts von Dem allen mehr zu ſehen.— Mir „ſchwindelt, wenn ich an dieſe Auſgabe, wenn ich an die Moͤglichkeit ihrer „Aufioͤſung denke. Ich verzweifle nicht ganz daran, wenn mein Gemuͤth „nur erſt ganz frei und von allem Unrath der Wirklichkeit recht rein ge⸗ „waſchen iſt: ich nehme dann meine ganze Kraft und den ganzen aͤtheri⸗ „ſchen Theil meiner Natur noch auf Einmal zuſammen, wenn er auch bet „dieſer Gelegenheit rein ſollte aufgebracht werden. Fragen Sie mich aber „nach nichts. Ich habe bloß noch ganz ſchwankende Bilder dovon und nur „hier und da einzelne Züͤge. Ein langes Studiren und Streben muß mich verſt lehren, ob etwas Feſtes, Plaſtiſches daraus werden kann.“ Das Trauerſpel war indeſſen die Heimat, zu der Schiller auch in der damaligen Stimmung bald wieder zuruͤckkehrte. Aus der Geſchichte der tuͤrkiſchen Belagerung von Maltha hatte er einen Stoff ſich ausgedacht, wobei er viel von dem Gebrauch des Chors erwartete. Von dieſem Stuͤcke— den Rittern von Maltha— findet ſich der Plan in Schillers Nachlaſſe, und die Ausfuͤhrung wurde damals bloß aufgeſchoben, da er ſich im Mai 1796 fuͤr den Wallenſtein entſchied. „Ich ſehe mich,“ ſchrieb er damals,„auf einem ſehr guten Wege, den vich nur fortſetzen darf, um etwas Gutes hervorzubringen. Dies iſt ſchon „viel und auf alle Faͤlle ſehr viel mehr, als ich in dieſem Fache ſonſt von „mir ruͤhmen konnte. Vordem legte ich das ganze Gewicht in die Mehr⸗ „heit des Einzelnen; jetzt wird Alles auf die Totalitaͤt berechnet, und ich „werde mich bemuͤhen, denſelben Reichthum im Einzelnen mit eben ſo „vielem Aufwande von Kunſt zu verſtecken, als ich ſonſt angewandt, ihn „zu zeigen, um das Einzelne recht vordringen zu laſſen. Wenn ich es auch vanders wollte, ſo erlaubt es mir die Natur der Sache nicht: denn Wal⸗ „lenſtein iſt ein Charakter, der— als echt realiſtiſch— nur im Ganzen, „aber nie im Einzelnen intereſſiren kann.— Er hat nichts Edles, er erſcheint vin keinem einzelnen Lebensakte groß, er hat wenig Würde und dergl.— „Ich hoffe aber nichtsdeſtoweniger auf rein realiſtiſchem Wege einen dramatiſch „großen Charakter in ihm außzuſtellen, der ein echtes Lebensprincip hat. „Vordem habe ich, im Poſa und Carlos, die fehlende Wahrheit durch „ſchoͤne Idealitaͤt zu erſetzen geſucht; hier im Wallenſtein will ich es „probiren und durch die bloße Wahrheit die fehlende Idealitaͤt(die ſenti⸗ „mentaliſche näͤmlich) entſchaͤdigen. „Die Aufgabe wird dadurch ſchwer, aber auch intereſſanter, daß der veigentliche Realism den Erſolg noͤthig hat, den der idealiſche Charakter 429 „entbehren kann. Ungluͤcklicherweiſe aber hat Wallenſtein den Erfolg „gegen ſich. Seine Unternehmung iſt moraliſch ſchlecht, und ſie verungluͤckt „phyſiſch. Er iſt im Einzelnen nie groß, und im Ganzen kommt er um „ſeinen Zweck. Er kann ſich nicht, wie der Idealiſt, in ſich ſelbſt einhuͤllen „und ſich uͤber die Materie erheben, ſondern er will die Materie ſich unter⸗ „werfen und erreicht es nicht. „Daß Sie mich auf dieſem neuen und mir nach allen vorhergegangenen „Erfahrungen fremden Wege mit einiger Beſorgniß werden wandeln ſehen „will ich wohl glauben. Aber fuͤrchten Sie nicht zu viel. Es iſt erſtaun⸗ „lich, wie viel Realiſtiſches ſchon die zunehmenden Jahre mit ſich bringen, „wie viel der anhaltende Umgang mit Goͤthen und das Studium der „Alten, die ich erſt nach dem Carlos habe kennen lernen, bei mir nach „und nach entwickelt hat. Daß ich auf dem Wege, den ich nun einſchlage, „in Goͤthes Gebiet gerathe und mich mit ihm werde meſſen muͤſſen, iſt „freilich wahr: auch iſt es ausgemacht, daß ich hierin neben ihm verlieren „werde. Weil mir aber auch etwas uͤbrig bleibt, was mein iſt, und er „nie erreichen kann, ſo wird ſein Vorzug mir und meinem Producte keinen „Schaden thun, und ich hoffe, daß die Rechnung ſich ziemlich heben ſoll. „Man wird uns, wie ich in meinen muthvollſten Augenblicken mir ver⸗ „ſpreche, verſchieden ſpecificiren, aber unſere Arten einander nicht unter⸗ „ordnen, ſondern unter einem hoͤhern idealiſchen Gattungsbegriff einander „cvordeniren.“ Acht Monate ſpaͤter ſchrieb Schiller hieruͤber Folgendes an einen andern Freund: 4 „Noch immer liegt das ungluͤckſelige Werk formlos und endlos vor mir „da. Keines meiner alten Stuͤcke hat ſo viel Zweck und Form, als der „Wallenſtein jetzt ſchon hat, aber ich weiß jetzt zu genau, was ich will, „und was ich ſoll, als daß ich mir das Geſchaͤft ſo leicht machen koͤnnte.— „Es iſt mir faſt Alles abgeſchnitten, wodurch ich dieſem Stoffe nach „meiner gewohnten Art beikommen koͤnnte; von dem Inhalte habe ich faſt „nichts zu erwarten; Alles muß durch eine gluͤckliche Form bewerkſtelligt „werden. „Du wirſt, dieſer Schilderung nach, fuͤrchten, daß mir die Luſt an dem „Geſchaͤfte vergangen ſey, oder, wenn ich dabei wider meine Neigung be⸗ „harre, daß ich meine Zeit dabei verlieren werde. Sey aber unbeſorgt, „meine Luſt iſt nicht im Geringſten geſchwaͤcht und eben ſo wenig meine „Hoffnung eines trefflichen Erfolgs. Gerade ſo ein Stoff mußte es ſeyn, „an dem ich mein neues dramatiſches Leben eroͤffnen konnte. Hier, wo ich „nur auf der Breite eines Scheermeſſers gehe, wo jeder Seitenſchritt das Schillers ſaͤmmtl. Werke. XII. 28 430 „Ganze zu Grunde richtet, kurz, wo ich nur durch die einzige innere Wahr⸗ „heit, Nothwendigkeit, Stetigkeit und Veſtimmtheit meinen Zweck erreichen „kann, muß die entſcheidende Kriſemit meinem poetiſchen Charakter erfolgen. „Auch iſt ſie ſchon ſtark im Anzuge, denn ich tractire mein Geſchaͤft ganz nanders, als ich ehemals pflegte. Der Stoff und der Gegenſtand iſt ſo „ſehr außer mir, daß ich ihm kaum eine Neigung abgewinnen kann; er „laͤßt mich beinahe kalt und gleichguͤltig, und doch bin ich fuͤr die Arbeit nbegeiſtert. Zwei Figuren ausgenommen, an die mich Neigung feſſelt, be⸗ „handle ich alle uͤbrige, und vorzuͤglich den Haupt⸗Charakter, bloß mit „der reinen Liebe des Künſtilers, und ich verſpreche dir, daß ſie dadurch um „nichts ſchlechter ausfallen ſollen. Aber zu dieſem bloß objectiven Verfahren „war und iſt mir das weitlaͤufige und freudloſe Studium der Quellen ſo unentbehrlich: denn ich mußte die Handlung, wie die Charaktere, aus ihrer Zeit, ihrem Local und dem ganzen Zuſammenhange der Begebenheiten „ſchoͤpfen, welches ich weit weniger noͤthig haͤtte, wenn ich mich durch veigne Erfahrung mit Menſchen und Unternehmungen aus dieſer Klaſſe „haͤtte bekannt machen koͤnnen. Ich ſuche abſichtlich in den Geſchichtsquellen veine Begraͤnzung, um meine Ideen durch die Umgebung der Umſtaͤnde „ſtreng zu beſtimmen und zu verwirklichen. Davor bin ich ſicher, daß mich „das Hiſtoriſche nicht herabziehen oder laͤhmen wird. Ich will dadurch „meine Figuren und meine Handlung bloß beleben; beſeelen muß ſie „diejenige Kraft, die ich allenfalls ſchon habe zeigen koͤnnen, und ohne „welche ja uͤberhaupt kein Gedanke an dieſes Geſchaͤft von Anfang an „moͤglich geweſen waͤre.“ Seit der Zeit, da Dieſes geſchrieben wurde, vergingen noch zwei Jahre und beinahe vier Monate, ehe Schiller den Wallenſtein endigte. Es entſtan⸗ den aber inmittelſt mehrere kleinere Gedichte, und unter dieſen die Xenien. Die Geſchichte dieſes Products kann vielleicht etwas beitragen, manche daruͤber gefaͤllte Urtheile zu berichtigen. An Goͤthes Seite begann fuͤr Schillern eine neue und ſchoͤnere Jugend. Hohe Begeiſterung fuͤr alles Treffliche, lebendiger Haß gegen falſchen Geſchmack uͤberhaupt und gegen jede Beſchraͤnkung der Wiſſenſchaft und Kunſt, berau⸗ ſchender Uebermuth im Gefuͤhl einer vorher kaum geahnten Kraft war damals bei ihm die herrſchende Stimmung. Daher ſeine Vereinigung mit Goͤthe zu einem Unternehmen, das Schiller ſelbſt auf ſolgende Art beſchreibt: „Die Einheit kann bei einem ſolchen Product bloß in einer gewiſſen „Gränzenloſigkeit und alle Meſſung uͤberſchreitenden Fuͤlle geſucht werden, „und damit die Heterogenitaͤt der beiden Urheber in dem Einzelnen nicht zu verkennen ſey, muß das Einzelne ein Minimum ſeyn. Kurz, die Sache 431 „beſteht in einem gewiſſen Ganzen von Epigrammen, deren jedes ein Mo⸗ „nodiſtichon iſt. Das Meiſte iſt wilde Satire, beſonders auf Schriftſteller „und ſchriftſtelleriſche Producte, untermiſcht mit einzelnen poetiſchen und „philoſophiſchen Gedanken⸗Blitzen. Es werden nicht unter 600 ſolche „Monodiſtichen werden, aber der Plan iſt, auf 1000 zu ſteigen. Sind wir „mit einer bedeutenden Anzahl fertig, ſo wird der Vorrath, mit Ruͤckſicht „auf eine gewiſſe Einheit, ſortirt, uͤberarbeitet, um einerlei Ton zu erhalten „und Jeder wird dann von ſeiner Manier etwas aufzuopfern ſuchen, um „ſich dem Andern mehr anzunaoͤhern.“ Dieſer Plan wurde nicht ausgefuͤhrt. Im Julius 1796 ſchrieb Schiller daruͤber Folgendes: „Nachdem ich die Redaction der renien gemacht hatte, ſand ſich, daß „noch eine erſtaunliche Menge neuer Monodiſtichen noͤthig ſey, wenn die „Sammlung auch nur einigermaßen den Eindruck eines Ganzen machen „ſollte. Weil aber etliche hundert neue Einfaͤlle, beſonders uͤber wiſſen⸗ „ſchaftliche Gegenſtaͤnde, Einem nicht ſo leicht zu Gebote ſtehen, auch die „Vollendung des„Meiſters“« Goͤthen eine ſtarke Diverſion macht, ſo ſind „wir übereingekommen, die Fenien nicht als ein Ganzes, ſondern zerſtuͤckelt „dem Almanach einzuverleiben. Die ernſthaften, philoſophiſchen und poe⸗ „tiſchen werden daraus vereinzelt und bald in groͤßern, bald in kleinern „Ganzen vorn im Almanach angebracht. Die ſatiriſchen folgen unter dem „Namen enien nach.“ Es mag ſeyn, daß bei dieſem Verfahren manches Epigramm auſgenom⸗ men wurde, das bei einer ſtrengen Auswahl nach dem erſten Plane wegge⸗ blieben waͤre. Schiller war allerdings damals gereizt, nicht durch Bemerkungen uber die Maͤngel ſeiner Producte— denn hieruͤber war Niemand ſcharfſichtiger als er ſelbſt, wie ſich aus obigen Stellen ſeiner Briefe ergibt, und jeden ſeiner Freunde ſorderte er zu freimuͤthigen Urtheilen auf— ſondern, weil ihn die Kaͤlte und Geringſchaͤtzung erbitterte, womit ein Unternehmen, wofuͤr er ſich begeiſtert hatte, von mehreren Seiten aufgenommen wurde. Dies war der Fall bei den Horen. Im Vertrauen auf den Beiſtand der erſten Schriftſteller der Nation hatte er auf eine große Wirkung gerechnet und traf dagegen ſehr oft auf Mangel an Empfaͤnglichkeit und kleinliche Anſichten. Es konnte ihm dann wohl in einer Aufwallung der Indignation auch etwas Menſchliches begegnen; aber der eigentliche Geiſt, in dem die Kenien geſchrieben ſind, ſpricht ſich fur den unbefangenen Leſer im Ganzen deutlich genug gus. Ein Wetteiſer mit Goͤthe veranlaßte im Jahr 1797 Schillers erſte Bal⸗ laden. Beide Dichter theilten ſich in die Stoffe, die ſie gemeinſchaſtlich aus⸗ geſucht hatten. Von dieſer Gattung,⸗ die Schillern lieb geworden war, lieferte 432 er in ſpaͤtern Jahren noch Manches, nachdem andere kleinere Gedichte ſeltner von ihm erſchienen. Seit dem Jahre 1799 widmete er ſich ganz den dramatiſchen Arbeiten und gab die Herausgabe des Muſenalmanachs auf. Die Horen hatten ſchon fruͤher geendigt. Goͤthes Propylaͤen indeſſen, fuͤr die ſich Schiller ſehr lebhaft inter⸗ eſſirte, ſollten Beitraͤge von ihm erhalten. In eben dieſe Zeit trifft auch eine Veraͤnderung ſeines Wohnorts. Um die Anſchauung des Theaters zu haben, wollte Schiller anfaͤnglich nur den Winter in Weimar zubringen und waͤhrend des Sommers auf einem Garten bei Jena leben, den er ſich dort gekauft hatte. Aber ſpaͤterhin wurde Weimar ſein beſtaͤndiger Aufenthalt. Von dem regierenden Herzoge wurde er bei dieſer Gelegenheit auf eine ſehr edle Art unterſtuͤtzt, ſo wie ihn uͤberhaupt dieſer Fuͤrſt bei jedem Anlaſſe durch die deutlichſten Beweiſe ſeines Wohlwol⸗ lens erfreute. Ihm verdankte Schiller im Jahr 1795, als er einen Ruf als Profeſſor nach Tuͤbingen erhielt, die Zuſicherung einer Verdoppelung ſeines Gehaltes, auf den Fall, daß er durch Krankheit an ſchriftſtelleriſchen Arbeiten verhindert wuͤrde, nachher im Jahr 1799 eine fernere Zulage und zuletzt im Jahr 1804, wegen bedeutender Anerbietungen, die Schillern von Berlin aus gemacht wurden, eine Vermehrung ſeiner Beſoldung. Auch war es der Herzog von Sachſen⸗Weimar, der aus eigner Bewegung im Jahr 1802 Schillern den Adelsbrief auswirkte. Außer Goͤthes Naͤhe hatte der Aufenthalt in Weimar fuͤr Schillern noch andere erhebliche Vortheile. Zu ſeiner Aufheiterung diente beſonders ein damals errichteter froͤhlicher Klubb, fuͤr den er, ſo wie Goͤthe, einige geſell⸗ ſchaftliche Lieder dichtete. Die vier Weltalter und das Lied an die Freunde entſtanden auf dieſe Art. Das Theater gab Schillern vielen Genuß, und gern beſchaͤftigte er ſich auch mit der hoͤhern Ausbildung der dortigen Schauſpieler. Seine Anſichten der Kunſt und Kritik in dieſer letzten Periode ſeines Le⸗ bens ergeben ſich aus folgenden Fragmenten ſeiner damaligen Briefe: „Sie muͤſſen ſich nicht wundern, wenn ich mir die Wiſſenſchaft und die „Kunſt jetzt in einer groͤßern Entfernung und Entgegenſetzung denke, als ich vor einigen Jahren vielleicht geneigt geweſen bin. Meine ganze Thaͤ⸗ „tigkeit hat ſich gerade jetzt der Ausuͤbung zugewendet: ich erfahre taͤglich, „wie wenig der Poet durch allgemeine reine Begriſſe bei der Aus⸗ vuͤbung gefoͤrdert wird, und waͤre in dieſer Stimmung zuweilen unphilo⸗ „ſophiſch genug, Alles, was ich ſelbſt und Andre von der Elementar⸗Aeſthetik „wiſſen, fuͤr einen einzigen empiriſchen Vortheil, fuͤr einen Kunſtgriff des „Handwerks hinzugeben. In Ruͤckſicht auf das Hervorbringen werden Sie 433 „mir zwar ſelbſt die Unzulaͤnglichkeit der Theorie einraͤumen; aber ich dehne „meinen Unglauben auch auf das Beurth eilen aus und moͤchte behaup⸗ „ten, daß es kein Geſaͤß gibt, die Werke der Einbildungskraft zu faſſen, „als eben dieſe Einbildungskraft ſelbſt.— „Wenn man die Kunſt, ſo wie die Philoſophie, als etwas, das immer „wird und nie iſt, als immer dynamiſch und nicht, wie ſie es jetzt nen⸗ „nen, atomiſtiſch betrachtet, ſo kann man gegen jedes Product gerecht ſeyn, „ohne dadurch eingeſchraͤnkt zu werden. Es iſt aber im Charakter der „Deutſchen, daß ihnen Alles gleich feſt wird, und daß ſie die unendliche „Kunſt, ſo wie ſie es bei der Reformation mit der Theologie gemacht, gleich „in ein Symbolum hineinbannen muͤſſen. Deßwegen gereichen ihnen ſelbſt „treffliche Werke zum Verderben, weil ſie gleich fuͤr heilig und ewig erklaͤrt „werden, und der ſtrebende Kuͤnſtler immer darauf zuruͤckgewieſen wird. „An dieſe Werke nicht religids glauben, heißt Ketzerei, da doch die Kunſt „uͤber allen Werken iſt. Es gibt freilich in der Kunſt ein Maximum, aber „nicht in der modernen, die nur in einem ewigen Fortſchritte ihr Heil „finden kann.— „Ich habe dieſer Tage den raſenden Roland wieder geleſen und kann „dir nicht genug ſagen, wie anziehend und erquickend mir dieſe Lectuͤre „war. Hier iſt Leben und Bewegung und Farbe und Fuͤlle; man wird „aus ſich heraus ins volle Leben und doch wieder von da zuruͤck in ſich „ſelbſt hineingefuͤhrt; man ſchwimmt in einem reichen unendlichen Ele⸗ „ment und wird ſeines ewigen identiſchen Ichs los und exiſtirt eben „deßwegen mehr, weil man aus ſich ſelbſt geriſſen wird. Und doch iſt⸗ „trotz aller Ueppigkeit, Raſtloſigkeit und Ungeduld, Form und Plan in „dem Gedicht, welches man mehr empfindet als erkennt und an der „Stetigkeit und ſich ſelbſt erhaltenden Behaglichkeit und Froͤhlichkeit „des Zuſtandes wahrnimmt. Freilich darf man hier keine Tiefe ſuchen und „keinen Ernſt; aber wir brauchen wahrlich auch die Flaͤche ſo noͤthig als „die Tiefe, und fuͤr den Ernſt ſorgt die Vernunft und das Schickſal genug, „daß die Fantaſie ſich nicht damit zu bemengen braucht.— „Noch hoffe ich in meinem poetiſchen Streben keinen Ruͤckſchritt gethan „zu haben, einen Seitenſchritt vielleicht, indem es mir begegnet ſeyn kann, „den materiellen Forderungen der Welt und der Zeit etwas eingeraͤumt zu „haben. Die Werke des dramatiſchen Dichters werden ſchneller als alle „andere von dem Zeitſtrom ergriffen; er kommt ſelbſt, wider Willen, mit „der großen Maſſe in eine vielſeitige Beruͤhrung, bei der man nicht immer „rein bleibt. Anfangs gefaͤllt es, den Herrſcher zu machen uͤber die Ge⸗ „muͤther; aber welchem Herrſcher begegnet es nicht, daß er auch wieder der 434 „Diener ſeiner Diener wird, um ſeine Herrſchaft zu behaupten? Und ſo „kann es vielleicht geſchehen ſeyn, daß ich, indem ich die deutſchen Buͤhnen „mit dem Geraͤuſch meiner Stuͤcke erfuͤllte, auch von den deutſchen Buͤh⸗ „nen etwas angenommen habe.“ Nachdem Schiller einmal durch den Wallenſtein die Meiſterſchaft errun⸗ gen hatte, folgten ſeine übrigen dramatiſchen Werke ſchnell auf einander, obgleich ſeine Thaͤtigkeit oft durch koͤrperliche Leiden und beſonders im Jahre 1799 durch Sorge fuür eine geliebte Gattin, bei ihrer damaligen gefaͤhrlichen Krankheit, unterbrochen wurde. Wallenſtein erſchien 1799, Maria Stuart 1800, die Jungfrau von Orleans 1801, die Braut von Meſſina 1803 und Wilhelm Tell 1804. In eben dieſem Jahre feierte er die Ankunft der ruſſiſchen Großfuͤrſtin, die ſich mit dem Erbprin⸗ zen von Sachſen⸗Weimar vermaͤhlte, durch die HSuldigung der Kuͤnſte. Alle dieſe Werke ließen ihm noch Zeit uͤbrig, Shakeſpeares Macbeth und Gozzis Turandot für das deutſche Theater zu bearbeiten. Spaͤter wurden noch Racines Phaͤdra und zwei franzſiſche Luſtſpiele von ihm überſetzt. In den Zwiſchenzeiten beſchaͤftigten ihn mehrere dramatiſche Plane, wovon ſich ein Theil unter ſeinen Papieren aufgefunden hat. Auch fuͤr eine Komoͤdie hatte er einen Stoff gefunden, fuͤhlte ſich aber zu fremd ſuͤr dieſe Gattung. „Zwar glaube ich mich,“ ſchrieb er einem Freunde,„derjenigen Komoͤdie, „wo es mehr auf eine komiſche Zuſammenfuͤgung der Begebenheiten, als „auf komiſche Charaktere und auf Humor ankommt, gewachſen; aber meine „Natur iſt doch zu ernſt geſtimmt, und, was keine Tiefe hat, kann mich nnicht lange anziehen.“ Nach der Ueberſetzung der Phaͤdra hatte er ein neues dramatiſches Gedicht begonnen, wovon die Geſchichte des falſchen Demetrius in Rußland der Stoff war. Bei dieſem Werke, mitten im Vollgefuͤhl ſeiner geiſtigen Kraft, ergriff ihn der Tod. Ein heftiger Ruͤckfall ſeiner gewoͤhnlichen Bruſtkrankheit endigte ſein Leben am 9. Mai 1805. Er hinterließ eine Wittwe, zwei Soͤhne und zwei Toͤchter. Von ſeinen drei Schweſtern war die juͤngſte vor ihm geſtorben; die aͤlteſte aber lebt in Meiningen als Gattin des daſigen Hofraths Reinwald, und die zweite iſt an den Stadtpfarrer Frankh zu Moͤckmuͤhl, im Koͤnigreiche Wuͤrttem⸗ berg, verheirathet. Schillers Geſichtszuͤge ſind am Treueſten und Geiſtvollſten in einer koloſſalen Buͤſte von Dannecker in Stuttgart dargeſtellt worden. Eine fruͤher verſertigte Buͤſte in Lebensgroͤße, wozu Schiller waͤhrend ſeines letzten Aufenthals in Schwaben geſeſſen hatte, lag dabei zum Grunde, und dieſes 435 Werk in einem groͤßern Style mit aller Anſtrengung ſeiner Kraͤfte, auszu⸗ fuͤhren, beſchloß der edle Kuͤnſtler in dem Augenblicke der hoͤchſten Ruͤhrung, da er die Nachricht von dem Tode ſeines Freundes erhielt. Goͤthes Worte über Schillern moͤgen dieſen Aufſatz beſchließen: Es glühte ſeine Wange roth und roͤther Von jener Jugend, die uns nie verfliegt, Von jenem Muth, der fruͤher oder ſpaͤter Den Widerſtand der ſtumpfen Welt beſiegt, Von jenem Glauben, der ſich, ſtets erhoͤhter, Bald kuͤhn hervordraͤngt, bald geduldig ſchmiegt, Damit das Gute wirke, wachſe, fromme, Damit der Tag des Edeln endlich komme. Und manche Geiſter, die mit ihm gerungen, Sein groß Verdienſt unwillig anerkannt, Sie fuͤhlten ſich von ſeiner Kraſt durchdrungen, In ſeinem Kreiſe willig feſt gebannt. Zum Hoͤchſten hat er ſich emporgeſchwungen, Mit Allem, was wir ſchaͤtzen, eng verwandt. So feiert ihn! Denn, was dem Mann das Leben Nur halb ertheilt, ſoll ganz die Nachwelt geben. Charlotte von Schiller. Charlotte von Schiller, geborne von Lengefeld, erblickte im November 1766 in Schwarzburg⸗Rudolſtadt das Licht der Welt. Im Februar 1790 wurde ſie Schillers Gattin. Fuͤnſzehn Jahre hindurch war ſie ſeine gluͤckliche Lebensgefaͤhrtin. Nur immer wiederkehrende Sorge um ſeine Geſundheit konnte dies ſchöne Daſeyn truͤben. Im Fruͤhling des ſechzehnten Jahres ihrer Ehe entriß ihn der Tod ihren Armen, der Welt. Charlotte lebte ganz in Schiller. und einzig ſuͤr ihn. Ein Weſen voll reiner, ſinniger Empſaͤnglichkeit fuͤr die Aufnahme ſeiner Ideen immer um ſich zu finden, war ihm Beduͤrfniß, und in ſeinen Mittheilungen ſand Char⸗ lotte ihr hoͤchſtes Gluͤck.„Sie folgte gern, denn ihr ward leicht zu folgen.“ 436 Ein ſicherer Geſchmack war ihr in der Harmonie ihrer Seelenfaͤhigkeiten an⸗ geboren. Ihr Gefuͤhl ward nicht ſelten ein beſtimmendes Urtheil fuͤr ihn. Der Widerwille gegen alles Gemeine lag in ihr wie in ihm. Sie war das Weib, deſſen er bedurfte. Er konnte auf den klaren Grund dieſer Seele ſchauen, in der nichts Verborgenes lag, ja, der es unmoͤglich war, ein Wort anders, denn als treues Bild ihrer Gefuͤhle und Gedanken auszuſprechen. Der erfriſchende Hauch bluͤhender Fantaſie wehte durch ihr Leben, und ihre Begleiterin, die Hoffnung, erhielt in Charlotten die Schillern ſo wohlthaͤtige Heiterkeit. Selbſiſtaͤndigkeit und Charakter vermoͤgen ſich gegen die oft harte Nothwendigkeit zu ſtemmen, aber der Zauber des Umgangs entquillt nur jenen Himmelskraͤften. Charlottens Briefe haben eine eigne Grazie. Alles Ernſte und Große erfaſſend, doch die Kleinigkeiten des taͤglichen Lebens fein fuͤhlend und im heitern, oft komiſchen Sinne haltend, ſtellen ſie den gegenwaͤrtigen Moment klar und anmuthig dar. Nach Schillers Tode lebte ſie der Erziehung und Leitung des Lebens⸗ ganges ihrer vier gut gearteten und talentvollen Kinder. Sie erlebte noch die Freude, ihre beiden Soͤhne gluͤcklich verheirathet zu ſehen. Ihre letzten Lebensjahre waren durch Schwaͤche der Augen, die mit voͤlliger Blindheit be⸗ drohte, getrübt. Sie ertrug auch dieſes Ungluͤck mit Muth und Ergebung, genoß noch heitre Tage mit ihren Kindern im Kreiſe wuͤrdiger Freunde aus Schwaben. Nach einer gelungenen Augenoperation, die ihr das Wiederge⸗ winnen des Geſichts verſprach, beſiel ſie ein Nervenſchlag. Sie ſtarb in den Armen zweier ihrer Kinder, in Bonn, im Julius 1826. Ihre letzten Stunden waren ſanft. Bei entſchwundener klarer Beſonnenheit fuͤhlte ſie die Trennung von den Ihrigen nicht und verſchied in freundlichen Fantaſien. Wer ſich von den geiſt⸗ und gemuͤthvollen Zuͤgen ihres Bildniſſes angezogen fuͤhlt und ihren milden Einfluß auf das Leben des großen Dichters verfolgen will, kann Charlotten in Schillers Leben, aus den Crinnerungen ſeiner Freunde geſchoͤpft, naͤher kennen lernen. — * ſnſnſnſnſſſſſnſſſſſſſſſſſiſſſſſnnſnſinnſiſſinſſſſſffſſſſſfſſſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 4 8 8 4 — ———* 2 ö——