zei Entlegennah ch ſprechende Summ mi zurücker Schillers — ſämmtliche Werke in zwoͤlf Baͤnden. Eilfter Band. Stuttgart und Tübingen. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 1838. Inhalt. Ueber Voͤlkerwanderung, Kreuzzuͤge und Mittelalttern. Ueberſicht des Zuſtands von Europa zur Zeit des erſten Kreuzzugs. Ein Fragment............. Univerſalhiſtoriſche Ueberſicht der merkwuͤrdigſten Staatsbegeben⸗ heiten zu den Zeiten Kaiſer Friedrichs JJ. Geſchichte der Unruhen in Frankreich, welche der Regierung Hein⸗ richs IV vorangingen, bis zum Tode Karls I Herzog von Alba bei einem Fruͤhſtuͤck auf dem Schloſſe zu Rudol⸗ ſiadt, im Jahr 154 7.......... Denkwuͤrdigkeiten aus dem Leben des Marſchalls Vieilleville Vorrede zu der Geſchichte des Maltheſerordens nach Vertot von M. N. brarbeitet........... Vorrede zu dem erſten Theile der merkwuͤrdigen Rechtsfaͤlle nach Ditaval.............. Ueber Anmuth und Wuͤrde Ueber das Pathetiſche............ Ueber den Grund des Vergnuͤgens an tragiſchen Gegenſtaͤnden Meber die tragiſche Kunſt........ Zerſtreute Betrachtungen uͤber verſchiedene aͤſthetiſche Gegenſtaͤnde .... . 17 50 63 20² 207 514 319 525 596 4 29 447 475 Kleine Schriften vermiſchten Inhalts. Schillers ſaämmtl. Werke. XI. 1 Ueber Völkerwanderung, Krenzzüge und Miittelalter.*) Das neue Syſtem geſellſchaftlicher Verfaſſung, welches, im Norden von Europa und Aſien erzeugt, mit dem neuen Voͤlker⸗ geſchlechte auf den Truͤmmern des abendlaͤndiſchen Kaiſerthums eingefuͤhrt wurde, hatte nun beinahe ſieben Jahrhunderte lang Zeit gehabt, ſich auf dieſem neuen und groͤßern Schauplatz und in neuen Verbindungen zu verſuchen, ſich in allen ſeinen Arten und Abarten zu entwickeln, und alle ſeine verſchiedenen Geſtal⸗ ten und Abwechslungen zu durchlaufen. Die Nachkommen der Vandalen, Sueven, Alanen, Gothen, Heruler, Longobarden, Franken, Burgundier u. a. m., waren endlich eingewohnt auf dem Boden, den ihre Vorfahren mit dem Schwert in der Hand betreten hatten, als der Geiſt der Wanderung und des Raubes, der ſie in dieſes neue Vaterland gefuͤhrt, beim Ablauf des eilften Jahrhunderts in einer andern Geſtalt und durch andere Anlaͤſſe wieder bei ihnen aufgeweckt wurde. Europa gab jetzt dem ſuͤdweſtlichen Aſten die Voͤlkerſchwaͤrme und Ver⸗ heerungen heim, die es ſiebenhundert Jahre vorher von dem *) Anmerkung des Herausgebers. Dieſer Aufſatz war ein Theil der einleitenden Abhandlung, die dem erſten Bande der erſten Abtheilung der von dem Verfaſſer herausgegebenen biſtort⸗ ſchen Memoires vorgedruckt wurde. Norden dieſes Welttheils empfangen und erlitten hatte, aber mit ſehr ungleichem Gluͤcke; denn ſo viel Stroͤme Bluts es den Barbaren gekoſtet hatte, ewige Koͤnigreiche in Europa zu gruͤnden, ſo viel koſtete es jetzt ihren chriſtlichen Nachkommen, einige Staͤdte und Burgen in Syrien zu erobern, die ſie zwei Jahrhunderte darauf auf immer verlieren ſollten. Die Thorheit und Raſerei, welche den Entwurf der Kreuz⸗ zuͤge erzeugten, und die Gewaltthaͤtigkeiten, welche die Aus⸗ fuͤhrung desſelben begleitet haben, koͤnnen ein Auge, das die Gegenwart begraͤnzt, nicht wohl einladen, ſich dabei zu ver⸗ weilen. Betrachten wir aber dieſe Begebenheit im Zuſammen⸗ hang mit den Jahrhunderten, die ihr vorhergingen, und mit denen, die darauf folgten, ſo erſcheint ſie uns in ihrer Ent⸗ ſtehung zu natuͤrlich, um unſere Verwunderung zu erregen, und zu wohlthaͤtig in ihren Folgen, um unſer Mißfallen nicht in ein ganz anderes Gefuͤhl aufzuloͤſen. Sieht man auf ihre Ur⸗ ſachen, ſo iſt dieſe Erpedition der Chriſten nach dem heiligen Lande ein ſo ungekuͤnſteltes, ja ein ſo nothwendiges Erzeugniß ihres Jahrhunderts, daß ein ganz Ununterrichteter, dem man die hiſtoriſchen Praͤmiſſen dieſer Begebenheit ausfuͤhrlich vor Augen gelegt haͤtte, von ſelbſt darauf verfallen muͤßte. Sieht man auf ihre Wirkungen, ſo erkennt man in ihr den erſten merklichen Schritt, wodurch der Aberglaube ſelbſt die Uebel anfing zu verbeſſern, die er dem menſchlichen Geſchlecht Jahr⸗ hunderte lang zugefuͤgt hatte, und es iſt vielleicht kein hiſtori⸗ ſches Problem, das die Zeit reiner aufgeloͤst haͤtte, als dieſes, keines, woruͤber ſich der Genius, der den Faden der Welt⸗ geſchichte ſpinnt, befriedigender gegen die Vernunft des Men⸗ ſchen gerechtfertigt haͤtte. Aus der unnatuͤrlichen und entnervenden Ruhe, in welche das alte Rom alle Voͤlker, denen es ſich zur Herrſcherin auf⸗ 5 drang, verſenkte, aus der weichlichen Sklaverei, worin es die thaͤtigſten Kraͤfte einer zahlreichen Menſchenwelt erſtickte, ſehen wir das menſchliche Geſchlecht durch die geſetzloſe ſtuͤrmiſche Freiheit des Mittelalters wandern, um endlich in der gluͤck⸗ lichen Mitte zwiſchen beiden Aeußerſten auszuruhen, und Freiheit mit Ordnung, Nuhe mit Thaͤtigkeit, Mannichfaltigkeit mit Uebereinſtimmung wohlthaͤtig zu verbinden. Die Frage kann wohl ſchwerlich ſeyn, ob der Gluͤcksſtand⸗ deſſen wir uns erfreuen, deſſen Annaͤherung wir wenigſtens mit Sicherheit erkennen, gegen den bluͤhendſten Zuſtand, worin ſich das Menſchengeſchlecht ſonſt jemals beſunden, fuͤr einen Gewinn zu achten ſey, und ob wir uns gegen die ſchoͤnſten Zeiten Noms und Griechenlands auch wirklich verbeſſert haben. Griechenland und Rom konnten hochſtens vortreffliche Roͤm er,⸗ vortreffliche Griechen erzeugen— die Nation, auch in ihrer ſchoͤnſten Epoche, erhob ſich nie zu vortrefflichen Men⸗ ſchen. Eine barbariſche Wuͤſte war dem Athenienſer die uͤbrige Welt außer Griechenland; und man weiß, daß er dieſes bei ſeiner Gluͤckſeligkeit ſehr mit in Anſchlag brachte. Die Roͤmer waren durch ihren eigenen Arm beſtraft, da ſie auf dem gan⸗ zen großen Schauplatz ihrer Herrſchaft nichts mehr ubrig ge⸗ laſſen hatten, als roͤmiſche Buͤrger und roͤm iſche Skla⸗ ven. Keiner von unſern Staaten hat ein roͤmiſches Buͤrger⸗ recht auszutheilen; dafuͤr aber beſitzen wir ein Gut, das, wenn er Roͤmer bleiben wollte, kein Roͤmer kennen durfte— und wir beſitzen es von einer Hand, die Keinem raubte, was ſie Einem gab, und was ſie eintal gab, nie zuruͤcknimmt: wir haben Menſchenfreiheit; ein Gut, das— wie ſehr ver⸗ ſchieden von dem Buͤrgerrecht des Roͤmers!— an Werthe zu⸗ nimmt, je groͤßer die Anzahl derer wird, die es mit uns theilen, das, von keiner wandelbaren Form der Verfaſſung, von keiner Staatserſchuͤtterung abhaͤngig, auf dem feſten Grund der Vernunft und Billigkeit ruhet. Der Gewinn iſt alſo offenbar, und die Frage iſt bloß dieſe: war kein naͤherer Weg zu dieſem Ziele? Konnte ſich dieſe heilſame Veraͤnderung nicht weniger gewaltſam aus dem roͤmiſchen Staat entwickeln, und mußte das Menſchengeſchlecht nothwendig die traurige Zeitſtrecke vom vierten bis zum ſech⸗ zehnten Jahrhundert durchlaufen? Die Vernunft kann in einer anarchiſchen Welt nicht aus⸗ halten. Stets nach Uebereinſtimmung ſtrebend, laͤuft ſie lieber Gefahr, die Ordnung ungluͤcklich zu vertheidigen, als mit Gleichguͤltigkeit zu entbehren. War die Voͤlkerwanderung und das Mittelalter, das darauf folgte, eine nothwendige Bedingung unſrer beſſern Zeiten? Aſien kann uns einige Aufſchluͤſſe daruͤber geben. Warum bluͤhten hinter dem Heerzuge Alexanders keine griechiſchen Frei⸗ ſtaaten auf? Warum ſehen wir Sina, zu einer traurigen Dauer verdammt, in ewiger Kindheit altern? Weil Alexander mit Menſchlichkeit erobert hatte, weil die kleine Schaar ſeiner Griechen unter den Millionen des großen Koͤnigs verſchwand, weil ſich die Horden der Mantſchu in dem ungeheuern Sina unmerkbar verloren. Nur die Menſchen hatten ſie unterjocht; die Geſetze und die Sitten, die Religion und der Staat waren Sieger geblieben. Fuͤr deſpotiſch beherrſchte Staaten iſt keine Rettung als in dem Untergang. Schonende Eroberer fuͤhren ihnen nur Pflanzpoͤlker zu, naͤhren den ſiechen Koͤrper, und koͤnnen nichts, als ſeine Krankheit verewigen. Sollte das verpeſtete Land nicht den geſunden Sieger vergiften, ſollte ſich der Deutſche in Gallien nicht zum Roͤmer verſchlimmern, wie der Grieche zu Babylon in einen Perſer ausartete: ſo mußte ————— 7 die Form zerbrochen werden, die ſeinem Nachahmungsgeiſt gefaͤhr⸗ lich werden konnte, und er mußte auf dem neuen Schauplatz, den er jetzt betrat, in jedem Betracht der ſtaͤrkere Theil bleiben. Die ſcythiſche Wuͤſte oͤffnet ſich und gießt ein rauhes Ge⸗ ſchlecht uͤber den Occident aus. Mit Blut iſt ſeine Bahn be⸗ zeichnet. Staͤdte ſinken hinter ihm in Aſche, mit gleicher Wuth zertritt es die Werke der Menſchenhand und die Fruͤchte des Ackers; Peſt und Hunger holen nach, was Schwert und Feuer vergaßen; aber Leben geht nur unter, damit beſſeres Leben an ſeiner Stelle keime. Wir wollen ihm die Leichen nicht nach⸗ zaͤhlen, die es aufhaͤufte, die Staͤdte nicht, die es in die Aſche legte. Schoͤner werden ſie hervorgehen unter den Haͤnden der Freiheit, und ein beſſerer Stamm von Menſchen wird ſie bewohnen. Alle Kuͤnſte der Schoͤnheit und der Pracht, der Ueppigkeit und Verfeinerung gehen unter; koſtbare Denkmaͤler, fuͤr die Ewigkeit gegruͤndet, ſinken in den Staub, und eine tolle Willkuͤr darf in dem feinen Raͤderwerk einer geiſtreichen Ordnung wuͤhlen; aber auch in dieſem wilden Tumult iſt die Hand der Ordnung geſchaͤftig, und was den kommenden Ge⸗ ſchlechtern von den Schaͤtzen der Vorzeit beſchieden iſt, wird unbemerkt vor dem zerſtoͤrenden Grimm des jetzigen gefluͤchtet. Eine wuͤſte Finſterniß breitet ſich jetzt uͤber dieſer weiten Brandſtaͤtte aus, und der elende ermattete Ueberreſt ihrer Be⸗ wohner hat fuͤx einen neuen Sieger gleich wenig Widerſtand und Verfuͤhrung. Raum iſt jetzt gemacht auf der Buͤhne— und ein neues Voͤlkergeſchlecht beſetzt ihn, ſchon ſeit Jahrhunderten ſtill, und ihm ſelbſt unbewußt, in den nordiſchen Waͤldern zu einer er⸗ friſchenden Colonie des erſchoͤpften Weſten erzogen. Roh und wild ſind ſeine Geſetze, ſeine Sitten; aber ſie ehren in ihrer rohen Weiſe die menſchliche Natur, die der Alleinherrſcher in ſeinen verfeinerten Sklaven nicht ehret. Unverruͤckt, als waͤr' er noch auf ſaliſcher Erde, und unverſucht von den Gaben, die der unterjochte Roͤmer ihm anbietet, bleibt der Franke den Geſetzen treu, die ihn zum Sieger machten; zu ſtolz und zu weiſe, aus den Haͤnden der ungluͤcklichen Werkzeuge des Gluͤcks anzu⸗ nehmen. Auf dem Aſchenhaufen roͤmiſcher Pracht breitet er ſeine nomadiſchen Gezelte aus, baͤumt den eiſernen Speer, ſein hoͤchſtes Gut, auf dem eroberten Boden, pflanzt ihn vor den Richterſtuͤhlen auf, und ſelbſt das Chriſtenthum, will es anders den Wilden feſſeln, muß das ſchreckliche Schwert umguͤrten. und nun entfernen ſich alle fremden Haͤnde von dem Sohne der Natur. Zerbrochen werden die Bruͤcken zwiſchen Byzanz und Maſſilien, zwiſchen Alexandria und Rom, der ſchuͤchterne Kaufmann eilt heim, und das laͤndergattende Schiff liegt ent⸗ maſtet am Strande. Eine Wuͤſte von Gewaͤſſern und Bergen, eine Nacht wilder Sitten waͤlzt ſich vor den Eingang Europens hin, der ganze Welttheil wird geſchloſſen. Ein langwieriger, ſchwerer und merkwuͤrdiger Kampf be⸗ ginnt jetzt: der rohe germaniſche Geiſt ringt mit den Reizungen eines neuen Himmels, mit neuen Leidenſchaften, mit des Bei⸗ ſpiels ſtiller Gewalt, mit dem Nachlaß des umgeſtuͤrzten Roms, der in dem neuen Vaterland noch in tauſend Netzen ihm nach⸗ ſtellt; und wehe dem Nachfolger eines Clodion, der auf der Herrſcherbuͤhne des Trajanus ſich Trajanus duͤnkt! Tauſend Klingen ſind gezuͤckt, ihm die ſcythiſche Wildniß ins Gedaͤchtniß zu rufen. Hart ſtoͤßt die Herrſchſucht mir der Freiheit zu⸗ ſammen, der Trotz mit der Feſtigkeit, die Liſt ſtrebt die Kuͤhn⸗ heit zu umſtricken, das ſchreckliche Recht der Staͤrke kommt zuruͤck, und Jahrhunderte lang ſieht man den rauchenden Stahl nicht erkalten. Eine traurige Nacht, die alle Koͤpfe verfinſtert, haͤngt uͤber Europa herab, und nur wenige Lichtfunken ſliegen 9 auf, das nachgelaſſene Dunkel deſto ſchrecklicher zu zeigen. Die ewige Ordnung ſcheint von dem Steuer der Welt geflohen, oder indem ſie ein entlegenes Ziel verfolgt, das gegenwaͤrtige Geſchlecht aufgegeben zu haben. Aber, eine gleiche Mutter allen ihren Kin⸗ dern, rettet ſie einſtweilen die erliegende Unmacht an den Fuß der Altäre, und gegen eine Noth, die ſie ihm nicht erlaſſen kann, ſtaͤrkt ſie das Herz mit dem Glauben der Ergebung. Die Sitten vertraut ſie dem Schutz eines verwilderten Chriſtenthums, und vergoͤnnt dem mittlern Geſchlechte, ſich an dieſe wankende Kruͤcke zu lehnen, die ſie dem ſtaͤrkern Enkel zerbrechen wird. Aber in dieſem langen Kriege erwarmen zugleich die Staaten und ihre Buͤr⸗ ger; kraͤftig wehrt ſich der deutſche Geiſt gegen den herzumſtricken⸗ den Deſpotismus, der den zu fruͤh ermattenden Roͤmer erdruͤckte; der Quell der Freiheit ſpringt in lebendigem Strom, und un⸗ uͤberwunden und wohlbehalten langt das ſpaͤtere Ge⸗ ſchlecht bei dem ſchoͤnen Jahrhundert an, wo ſich endlich, her⸗ beigefuͤhrt durch die vereinigte Arbeit des Gluͤcks und der Menſchen, das Licht des Gedankens mit der Kraft des Ent⸗ ſchluſſes, die Einſicht mit dem Heldenmuth gatten ſoll. Da Nom noch Scipionen und Fabier zeugte, fehlten ihm die Wei⸗ ſen, die ihrer Tugend das Ziel gezeigt haͤtten; als ſeine Weiſen bluͤhten, hatte der Deſpotismus ſein Opfer gewuͤrgt, und die Wohlthat ihrer Erſcheinung war an dem entnervten Jahrhun⸗ dert verloren. Auch die griechiſche Tugend erreichte die hellen Zeiten des Perikles und Alexanders nicht mehr, und als Harun ſeine Araber denken lehrte, war die Gluth ihres Buſens er⸗ kaltet. Ein beſſerer Genius war es, der uͤber das neue Europa wachte. Die lange Waffenuͤbung des Mittelalters hatte dem ſechzehnten Jahrhundert ein geſundes, ſtarkes Geſchlecht zuge⸗ fuͤhrt, und der Vernunft, die jetzt ihr Panier entfaltet, kraft⸗ volle Streiter erzogen. ————— 10 Auf welchem andern Strich der Erde hat der Kopf die Her⸗ zen in Gluth geſetzt, und die Wahrheit*) den Arm der Tapfern bewaffnet? Wo ſonſt, als hier, erlebte man die Wunder⸗ erſcheinung, daß Vernunftſchluͤſſe des ruhigen Forſchers das Feld⸗ geſchrei wurden in moͤrderiſchen Schlachten, daß die Stimme der Selbſtliebe gegen den ſtaͤrkern Zwang der Ueberzeugung ſchwieg, daß der Menſch endlich das Theuerſte an das Edelſte ſetzte? Die erhabenſte Anſtrengung griechiſcher und roͤmiſcher Tugend hat ſich nie uͤber buͤrgerliche Pflichten geſchwungen, nie oder nur in einem einzigen Weiſen, deſſen Name ſchon der groͤßte Vorwurf ſeines Zeitalters iſt: das hoͤchſte Opfer, das die Nation in ihrer Heldenzeit brachte, wurde dem Vaterland ge⸗ bracht. Beim Ablauf des Mittelalters allein erblickt man in Europa einen Enthuſiasmus, der einem hoͤhern Vernunftidol auch das Vaterland opfert. Und warum nur hier, und hier auch nur einmal dieſe Erſcheinung? Weil in Europa allein, und hier nur am Ausgang des Mittelalters, die Energie des Willens mit dem Licht des Verſtandes zuſammentraf, hier allein ein noch maͤnnliches Geſchlecht in die Arme der Weis⸗ heit geliefert wurde. Durch das ganze Gebiet der Geſchichte ſehen wir die Ent⸗ wicklung der Staaten mit der Entwicklung der Koͤpfe einen ſehr ungleichen Schritt beobachten. Staaten ſind jaͤhrige Pflan⸗ * Oder was man dafuͤr hielt. Es braucht wohl nicht erſt geſagt zu werden, daß es hier nicht auf den Werth der Materie an⸗ kommt, die gewonnen wurde, ſondern auf die unternommene Muͤhe der Arbeit; auf den Fleiß und nicht auf das Erzeugniß. Was es auch ſeyn mochte, wofuͤr man kaͤmpfte— es war immer ein Kampf fuͤr die Vernunft; denn durch die Vernunft allein hatte man das Recht dazu erfahren, und fuͤr dieſes Recht wurde eigent⸗ lich ja nur geſtritten. 11 zen, die in einem kurzen Sommer verbluͤhen, und von der Fuͤlle des Saftes raſch in die Faͤulniß hinuͤbereilen; Aufklaͤrung iſt eine langſame Pflanze, die zu ihrer Zeitigung einen gluͤcklichen Himmel, viele Pflege und eine lange Reihe von Fruͤhlingen braucht. Und woher dieſer Unterſchied? Weil die Staaten der Leidenſchaft anvertraut ſind, die in jeder Menſchenbruſt ihren Zunder findet, die Aufklaͤrung aber dem Verſtande, der nur durch fremde Nachhuͤlfe ſich entwickelt, und dem Gluͤck der Ent⸗ deckungen, welche Zeit und Zufaͤlle nur langſam zuſammen⸗ tragen. Wie oft wird die eine Pflanze bluͤhen und welken, ehe die andere einmal heranreift? Wie ſchwer iſt es alſo, daß die Staaten die Erleuchtung abwarten, daß die ſpaͤte Vernunft die fruͤhe Freiheit noch findet? Einmal nur in der ganzen Weltgeſchichte hat ſich die Vorſehung dieſes Problem aufgegeben, und wir haben geſehen, wie ſie es loͤste. Durch den langen Krieg der mittlern Jahrhunderte hielt ſie das poli⸗ tiſche Leben in Europa friſch, bis der Stoff endlich zuſammen⸗ getragen war, das moraliſche zur Entwicklung zu bringen.*) *) Freiheit und Eultur, ſo urzertrennlich beide in ihrer hoͤch⸗ ſten Fuͤlle mit einander vereinigt ſind, und nur durch dieſe Ver⸗ einigung zu ihrer hoͤchſten Fuͤlle gelangen, ſo ſchwer ſind ſie in ihrem Werden zu verbinden. Ruhe iſt die Bedingung der Cultur, aber nichts iſt der Freiheit gefaͤhrlicher als Ruhe. Alle verfeiner⸗ ten Nationen des Alterthums haben die Bluͤthe ihrer Eultur mit ihrer Freiheit erkauft, weil ſie ihre Ruhe von der Unter⸗ druͤckung erhielten. Und eben darum gereichte ihre Cultur ihnen zum Verderben, weil ſie aus dem Verderblichen entſtanden war. Sollte dem neuen Menſchengeſchlecht dieſes Opfer erſpart werden, d. i. ſollten Freiheit und Cultur ſich bei ihm vereinigen, ſo mußte es ſeine Ruhe auf einem ganz andern Weg als dem Deſpotismus empfangen. Kein anderer Weg war aber moͤglich als die Ge⸗ ſetze, und dieſe kann der noch freie Menſch nur ſich ſelber geben. Dazu aber wird er ſich nur aus Einſicht und Erfahrung entweder 12 Nur Europa hat Staaten, die zugleich erleuchtet, geſittet und ununterworfen ſind, ſonſt uͤberall wohnt die Wildheit bei der Freiheit, und die Knechtſchaft bei der Cultur. Aber auch Europa allein hat ſich durch ein kriegeriſches Jahrtauſend gerungen, und nur die Verwuͤſtung im fuͤnften und ſechsten Jahrhundert konnte dieſes kriegeriſche Jahrtauſend herbeifuͤhren. Es iſt nicht das Blut ihrer Ahnherren, nicht der Charakter ihres Stammes, der unſere Vaͤter vor dem Joch der Unter⸗ druͤckung bewahrte, denn ihre gleich frei gebornen Bruͤder, die Turkomanen und Mantſchu, haben ihre Nacken unter den Deſpotismus gebeugt. Es iſt nicht der europaͤiſche Boden und Himmel, der ihnen dieſes Schickſal erſparte, denn auf eben dieſem Boden und unter eben dieſem Himmel haben Gallier und Britten, Hetrurier und Luſitaner das Joch der Roͤmer ge⸗ duldet. Das Schwert der Vandalen und Hunnen, das ohne Schonung durch den Occident maͤhte, und das kraftvolle Voͤlker⸗ geſchlecht, das den gereinigten Schauplatz beſetzte, und aus einem tauſendjaͤhrigen Kriege unuͤberwunden kam— dieſe ſind die Schoͤpfer unſers jetzigen Gluͤcks; und ſo finden wir den Geiſt der Ordnung in den zwei ſchrecklichſten Erſcheinungen wieder, welche die Geſchichte aufweiſet. Ich glaube dieſer langen Ausſchweifung wegen keiner Ent⸗ ihres Nutzens, oder der ſchlimmen Folgen ihres Gegentheils ent⸗ ſchließen. Jenes ſetzte ſchon voraus, was erſt geſchehen und erhalten werden ſoll; er kann alſo nur durch die ſchlimmen Folgen der Geſetzloſigkeit dazu gezwungen werden. Geſetzloſigkeit aber iſt nur von ſehr kurzer Dauer, und fuͤhrt mit raſchem Uebergange zur willkuͤrlichen Gewalt. Ehe die Vernunft die Geſetze gefunden haͤtte, wuͤrde die Anarchie ſich laͤngſt in Deſpotismus geendigt haben. Sollte die Vernunft alſo Zeit finden, die Geſetze ſich zu geben, ſo mußte die Geſetzloſigkeit verlaͤngert werden, welches in dem Mittelalter geſchehen iſt. 13 ſchuldigung zu beduͤrfen. Die großen Epochen in der Geſchichte verknuͤpfen ſich zu genau mit einander, als daß die eine ohne die andere erklaͤrt werden koͤnnte; und die Begebenheit der Kreuzzuͤge iſt nur der Anfang zur Aufloͤſung eines Raͤthſels, das dem Philoſophen der Geſchichte in der Voͤlkerwanderung aufgegeben worden. Im dreizehnten Jahrhundert iſt es, wo der Genius der Welt, der ſchaffend in der Finſterniß geſponnen, die Decke hin⸗ wegzieht, um einen Theil ſeines Werks zu zeigen. Die truͤbe Nebelhuͤlle, welche tauſend Jahre den Horizont von Europa umzogen, ſcheidet ſich in dieſem Zeitpunkt, und heller Himmel ſieht hervor. Das vereinigte Elend der geiſtlichen Einfoͤr⸗ migkeit und der politiſchen Zwietracht, der Hierarchie und der Lehenverfaſſung, vollzaͤhlig und erſchoͤpft beim Ablauf des eilf⸗ ten Jahrhunderts, muß ſich in ſeiner ungeheuerſten Geburt, in dem Taumel der heiligen Kriege, ſelbſt ein Ende bereiten. Ein fanatiſcher Eifer ſprengt den verſchloſſenen Weſten wie⸗ der auf, und der erwachſene Sohn tritt aus dem vaͤterlichen Hauſe. Erſtaunt ſieht er in neuen Voͤlkern ſich an, freut ſich am thraciſchen Bosporus ſeiner Freiheit und ſeines Muths, erroͤthet in Byzanz uͤber ſeinen rohen Geſchmack, ſeine Unwiſ⸗ ſenheit, ſeine Wildheit, und erſchrickt in Aſien uͤber ſeine Ar⸗ muth. Was er ſich dort nahm und heimbrachte, bezeugen Europens Annalen; die Geſchichte des Orients, wenn wir eine haͤtten, wuͤrde uns ſagen, was er dafuͤr gab und zuruͤckließ. Aber ſcheint es nicht, als haͤtte der fraͤnkiſche Heldengeiſt in das hinſterbende Byzanz noch ein fluͤchtiges Leben gehaucht? Unerwartet rafft es mit ſeinen Komnenern ſich auf, und, durch den kurzen Beſuch der Deutſchen geſtaͤrkt, geht es von jetzt an einen edlern Schritt zum Tode. Hinter dem Kreuzfahrer ſchlaͤgt der Kaufmann ſeine Bruͤcke, 14 und das wieder gefundene Band zwiſchen dem Abend und Mor⸗ gen, durch einen kriegeriſchen Schwindel fluͤchtig geknuͤpft, be⸗ feſtigt und verewigt der uͤberlegende Handel. Das levantiſche Schiff begruͤßt ſeine wohlbekannten Gewaͤſſer wieder, und ſeine reiche Ladung ruft das luͤſterne Europa zum Fleiße. Bald wird es das ungewiſſe Geleit des Arkturs entbehren, und, eine feſte Regel in ſich ſelbſt, zuverſichtlich auf nie beſuchte Meere ſich wagen. Aſiens Begierden folgen dem Europaͤer in ſeine Heimath— aber hier kennen ihn ſeine Waͤlder nicht mehr und andere Fah⸗ nen wehen auf ſeinen Burgen. In ſeinem Vaterlande ver⸗ armt, um an den Ufern des Euphrats zu glaͤnzen, gibt er end⸗ lich das angebetete Idol ſeiner Unabhaͤngigkeit und ſeine feindſelige Herrengewalt auf, und vergoͤnnt ſeinen Sklaven, die Rechte der Natur mit Gold einzuloͤſen. Freiwillig bietet er den Arm jetzt der Feſſel dar, die ihn ſchmuͤckt, aber den Niegebaͤndigten baͤndigt. Die Majeſtaͤt der Koͤnige richtet ſich auf, indem die Sklaven des Ackers zu Menſchen gedeihen; aus dem Meer der Verwuͤſtung hebt ſich, dem Elend abgewonnen, ein neues fruchtbares Land, Buͤrgergemeinheit. Er allein, der die Seele der Unternehmung geweſen war und die ganze Chriſtenheit fuͤr ſeine Groͤße hatte arbeiten laſſen, der roͤmiſche Hierarch, ſieht ſeine Hoffnungen hin⸗ tergangen. Nach einem Wolkenbild im Orient haſchend, gab er im Occident eine wirkliche Krone verloren. Seine Staͤrke war die Unmacht der Koͤnige; die Anarchie und der Buͤrger⸗ krieg die unerſchoͤpfliche Ruͤſtkammer, woraus er ſeine Donner holte. Auch noch jetzt ſchleudert er ſie aus— jetzt aber tritt ihm die befeſtigte Macht der Koͤnige entgegen. Kein Bannfluch, kein himmelſperrendes Interdict, keine Losſprechung von ge⸗ heiligten Pflichten loͤst die heilſamen Bande wieder auf, die 15 den Unterthan an ſeinen rechtmaͤßigen Beherrſcher knuͤpfen. Umſonſt, daß ſein unmaͤchtiger Grimm gegen die Zeit ſtreitet, die ihm ſeinen Thron erbaute, und ihn jetzt davon herunter zieht! Aus dem Aberglauben war dieſes Schreckbild des Mittel⸗ alters erzeugt, und groß gezogen von der Zwietracht. So ſchwach ſeine Wurzeln waren, ſo ſchnell und ſchrecklich durfte es aufwachſen im eilften Jahrhundert— ſeines Gleichen hatte kein Weltalter noch geſehen. Wer ſah es dem Feinde der heiligſten Freiheit an, daß er der Freiheit zu Huͤlfe geſchickt wurde? Als der Streit zwiſchen den Koͤnigen und den Edeln ſich erhitzte, warf er ſich zwiſchen die ungleichen Kaͤmpfer, und hielt die gefaͤhrliche Entſcheidung auf, bis in dem dritten Stande ein beſſerer Kaͤmpfer heranwuchs, das Geſchoͤpf des Augenblicks abzuloͤſen. Ernaͤhrt von der Verwirrung, zehrte er jetzt ab in der Ordnung; die Geburt der Nacht ſchwindet er weg in dem Lichte. Verſchwand aber der Dictator auch, der dem unterliegenden Rom gegen den Pompejus zu Huͤlfe eilte? Oder Piſiſtratus, der die Factionen Athens auseinander brachte? Rom und Athen gehen aus dem Buͤrgerkriege zur Knechtſchaft uͤber— das neue Europa zur Freiheit. War⸗ um war Europa gluͤcklicher? Weil hier durch ein voruͤber⸗ gehendes Phantom bewirkt wurde, was dort durch eine bleibende Macht geſchah— weil hier allein ſich ein Arm fand, der kraͤftig genug war, Unterdruͤckung zu hindern, aber zu hinfaͤllig, ſie ſelbſt auszuuͤben. Wie anders ſaͤet der Menſch, und wie anders laͤßt das Schickſal ihn ernten? Aſien an den Schemel ſeines Throns zu ketten, liefert der heilige Vater dem Schwert der Saracenen eine Million ſeiner Heldenſoͤhne aus, aber mit ihnen hat er ſeinem Stuhl in Europa die kraͤftigſten Stuͤtzen entzogen. Von neuen Anmaßungen und neu zu erringenden Kronen traͤumt der Adel, und ein gehorſameres Herz bringt er zu den Fuͤßen ſeiner Beherrſcher zuruͤck. Vergebung der Suͤnden und die Freuden des Paradieſes ſucht der fromme Pilger am heiligen Grabe, und ihm allein wird mehr geleiſtet, als ihm verheißen ward. Seine Menſchheit findet er in Aſien wieder, und den Samen der Freiheit bringt er ſeinen europaͤiſchen Bruͤdern aus dieſem Welttheile mit, eine unendlich wichtigere Erwerbung als die Schluͤſſel Jeruſalems, oder die Naͤgel vom Kreuz des Erloͤſers. Ueberſicht des Zuſtands von Europa zur Zeit des erſten Kreuzzugs. Ein Fragmen t.*) Der europaͤiſche Occident, in ſo viele Staaten er auch zer⸗ theilt iſt, gibt im eilften Jahrhundert einen ſehr einfoͤrmigen Anblick. Durchgaͤngig von Nationen in Beſitz genommen, die zur Zeit ihrer Niederlaſſung ziemlich auf einerlei Stufe geſell⸗ ſchaftlicher Bildung ſtanden, im Ganzen denſelben Stamms⸗ charakter trugen und bei Beſitznehmung des Landes in einerlei Lage ſich befanden, haͤtte er ſeinen neuen Bewohnern ein merk⸗ lich verſchiedenes Local anbieten muͤſſen, wenn ſich in Folge der Zeit wichtige Verſchiedenheiten unter denſelben haͤtten aͤußern ſollen. Aber die gleiche Wuth der Verwuͤſtung, womit dieſe Na⸗ tionen ihre Eroberungen begleiteten, machte alle noch ſo ver⸗ ſchieden bewohnten, noch ſo verſchieden bebauten Laͤnder, die der Schauplatz derſelben waren, einander gleich, indem ſie Alles, was ſich in ihnen vorfand, auf gleiche Weiſe niedertrat und *) Anmerkung des Herausgebers. Dieſe Abhandlung erſchien in dem erſten Bande der hiſtoriſchen Memoires, wurde aber wegen der damaligen Krankheit des Verfaſſers nicht fortgeſetzt. Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 2 18 vertilgte, und ihren neuen Zuſtand mit demjenigen, worin ſie ſich vorher befunden, faſt außer aller Verbindung ſetzte. Wenn auch ſchon Klima, Beſchaffenheit des Bodens, Nachbarſchaft, geographiſche Lage einen merklichen Unterſchied unterhielten, wenn gleich die ubrig gebliebenen Spuren roͤmiſcher Cultur in den mittaͤglichen, der Einfluß der gebildetern Araber in den ſuͤdweſtlichen Laͤndern, der Sitz der Hierarchie in Italien, und der oͤftere Verkehr mit den Griechen in eben dieſem Lande nicht ohne Folgen fuͤr die Bewohner derſelben ſeyn konnten, ſo waren ihre Wirkungen doch zu unmerklich, zu langſam und zu ſchwach, um das feſte generiſche Gepraͤge, das alle dieſe Nationen in ihre neuen Wohnſitze mitgebracht hatten, aus⸗ zuloͤſchen, oder merklich zu veraͤndern. Daher nimmt der Ge⸗ ſchichtsforſcher an den entlegenſten Enden von Europa, in Si⸗ cilien und Britannien, an der Donau und an der Eider, am Ebro und an der Elbe, im Ganzen eine Gleichfoͤrmigkeit der Verfaſſung und der Sitten wahr, die ihn um ſo mehr in Ver⸗ wunderung ſetzt, da ſie ſich mit der groͤßten Unabhaͤngigkeit und einem faſt gaͤnzlichen Mangel an wechſelſeitiger Verbin⸗ dung zuſammen findet. So viele Jahrhunderte auch uͤber die⸗ ſen Voͤlkern hinweggegangen ſind, ſo große Veraͤnderungen auch durch ſo viele neue Lagen, eine neue Religion, neue Sprachen, neue Kuͤnſte, neue Gegenſtaͤnde der Begierde, neue Bequem⸗ lichkeiten und Genuͤſſe des Lebens, im Innern ihres Zuſtands haͤtten bewirkt werden ſollen und auch wirklich bewirkt wurden, ſo beſteht doch im Ganzen noch dasſelbe Staatsgeruͤſte, das ihre Vereltern bauten. Noch jetzt ſtehen ſie, wie in ihrem ſcythiſchen Vaterland, in wilder Unabhaͤngigkeit, geruͤſtet zum Angriff und zur Vertheidigung, in Europa's Diſtricten, wie in einem großen Heerlager ausgebreitet; auch auf dieſen wei⸗ tern politiſchen Schauplatz haben ſie ihr barbariſches Staatsrecht 19 verpflanzt, bis in das Innere des Chriſtenthums ihren nor⸗ diſchen Aberglauben getragen. Monarchien nach roͤmiſchem oder aſiatiſchem Muſter und Freiſtaaten nach griechiſcher Art ſind auf gleiche Weiſe von dem neuen Schauplatz verſchwunden. An die Stelle derſelben ſind ſoldatiſche Ariſtokratien getreten, Monarchien ohne Ge⸗ horſam, Republiken ohne Sicherheit und ſelbſt ohne Freiheit, große Staaten in hundert kleine zerſtuͤckelt, ohne Ueberein⸗ ſtimmung von innen, von außen ohne Feſtigkeit und Be⸗ ſchirmung, ſchlecht zuſammenhaͤngend in ſich ſelbſt und noch ſchlechter unter einander verbunden. Man findet Koͤnige, ein widerſprechendes Gemiſch von barbariſchen Heerfuͤhrern und roͤmiſchen Imperatoren, von welchen letztern einer den Namen traͤgt, aber ohne ihre Machtvollkommenheit zu be⸗ ſitzen; Magnaten, an wirklicher Gewalt wie an Anmaßun⸗ gen uͤberall dieſelben, obgleich verſchieden benannt in ver⸗ ſchiedenen Laͤndern; mit dem weltlichen Schwert gebietende Prieſter; eine Miliz des Staats, die der Staat nicht in der Gewalt hat und nicht beſoldet; endlich Landbauer, die dem Boden nicht angehoͤren, der ihnen nicht gehoͤrt; Adel und Geiſtlichkeit, Halbfreie und Knechte. Municipalſtaͤdte und freie Buͤrger ſollen erſt werden. Um dieſe veraͤnderte Geſtalt der europaͤiſchen Staaten zu erklaͤren, muͤſſen wir zu entferntern Zeiten zuruͤckgehen und ihrem Urſprung nachſpuͤren. Als die nordiſchen Nationen Deutſchland und das roͤmiſche Reich in Beſitz nahmen, beſtanden ſie aus lauter freien Men⸗ ſchen, die aus freiwilligem Entſchluß dem Bunde beigetreten waren, der auf Eroberung ausging, und bei einem gleichen Antheil an den Arbeiten und Gefahren des Kriegs ein gleiches Recht an die Laͤnder hatten, welche der Preis dieſes Feldzugs 20 waren. Einzelne Haufen gehorchten den Befehlen eines Haͤupt⸗ lings; viele Haͤuptlinge mit ihren Haufen einem Feldhaupt⸗ mann oder Fuͤrſten, der das Heer anfuͤhrte. Es gab alſo bei gleicher Freiheit drei verſchiedene Ordnungen oder Staͤnde, und nach dieſem Staͤndeunterſchied, vielleicht auch nach der be⸗ wieſenen Tapferkeit, ſielen nunmehr auch die Portionen bei der Menſchenbeute und Laͤndertheilung aus. Jeder freie Mann erhielt ſeinen Antheil, der Rottenfuͤhrer einen groͤßern, der Heerfuͤhrer den groͤßten; aber frei, wie die Perſonen ihrer Beſitzer, waren auch die Guͤter, und was einem zugeſprochen wurde, blieb ſein auf immer, mit voͤlliger Unabhaͤngigkeit. Es war der Lohn ſeiner Arbeit, und der Dienſt, der ihm ein Recht darauf gab, ſchon geleiſtet. Das Schwert mußte vertheidigen, was das Schwert er⸗ rungen hatte, und das Erworbene zu beſchuͤtzen, war der ein⸗ zelne Mann eben ſo wenig faͤhig, als er es einzeln erworben haben wuͤrde. Der kriegeriſche Bund durfte alſo auch im Frieden nicht auseinander fallen; Rottenfuͤhrer und Heerfuͤhrer blieben, und die zufaͤllige temporaͤre Hordenvereinigung wurde nunmehr zur anſaͤſſigen Nation, die bei eintretendem Nothfalle ſogleich, wie zur Zeit ihres kriegeriſchen Einfalls, kampffertig wieder da ſtand. Von jedem Laͤnderbeſitz war die Verbindlichkeit unzertrenn⸗ lich, Heerfolge zu leiſten, d. i. mit der gehoͤrigen Ausruͤſtung und einem Gefolge, das dem Umfang der Grundſtuͤcke, die man beſaß, angemeſſen war, zu dem allgemeinen Bunde zu ſtoßen, der das Ganze vertheidigte; eine Verbindlichkeit, die vielmehr angenehm und ehrenvoll, als druͤckend war, weil ſie zu den kriegeriſchen Neigungen dieſer Nationen ſtimmte, und von wichtigen Vorzuͤgen begleitet war. Ein Landgut und ein — 21 Schwert, ein freier Mann und eine Lanze galten fuͤr unzer⸗ trennliche Dinge. Die eroberten Laͤndereien waren aber keine Einoͤden, als man ſie in Beſitz nahm. So grauſam auch das Schwert dieſer barbariſchen Eroberer und ihrer Vorgaͤnger, der Vandalen und Hunnen, in denſelben gewuͤthet hatte, ſo war es ihnen doch unmoglich geweſen, die urſpruͤnglichen Bewohner derſelben ganz zu vertilgen. Viele von dieſen waren alſo mit unter der Beute⸗ und Laͤnder⸗Theilung begriffen, und ihr Schickſal war, als leibeigene Sklaven jetzt das Feld zu bebauen, welches ſie vormals als Eigenthuͤmer beſeſſen hatten. Dasſelbe Loos traf auch die betraͤchtliche Menge der Kriegsgefangenen, die der erobernde Schwarm auf ſeinen Zuͤgen erbeuter hatte, und nun als Knechte mit ſich ſchleppte. Das Ganze beſtand jetzt aus Freien und aus Sklaven, aus Eigenthuͤmern und aus Eigenen. Dieſer zweite Stand hatte kein Eigenthum, und folglich auch keines zu beſchuͤtzen; er fuͤhrte daher auch kein Schwert, er hatte bei politiſchen Verhandlungen keine Stimme. Das Schwert gab Adel, weil es von Freiheit und Eigenthum zeugte. Die Laͤndertheilung war ungleich ausgefallen, weil das Loos ſie entſchieden, und weil der Rottenfuͤhrer eine groͤßere Portion davon getragen hatte als der Gemeine, der Heerfuͤhrer eine groͤßere als alle Uebrigen. Er hatte alſo mehr Einkuͤnfte, als er verbrauchte, oder Ueberfluß, folglich Mittel zum Lurus. Die Neigungen jener Voͤlker waren auf kriegeriſchen Ruhm ge⸗ richtet, alſo mußte ſich auch der Lurus auf eine kriegeriſche Art aͤußern. Sich von auserleſenen Schaaren begleitet, und an ihrer Spitze von dem Nachbar gefuͤrchtet zu ſehen, war das hoͤchſte Ziel, wornach der Ehrgeiz jener Zeiten ſtrebte; ein zahlreiches kriegeriſches Gefolge, die praͤchtigſte Ausſtellung des Reichthums und der Gewalt; und zugleich das unfehl⸗ 22 barſte Mittel beides zu vergroͤßern. Jener Ueberfluß an Grund⸗ ſtuͤcken konnte daher auf keine beſſere Art angewendet werden, als daß man ſich kriegeriſche Gefaͤhrten damit erkaufte, die einen Glanz auf ihren Fuͤhrer werfen, ihm das Seinige ver⸗ theidigen helfen, empfangene Beleidigungen raͤchen, und im Kriege an ſeiner Seite fechten konnten. Der Haͤuptling und der Fuͤrſt entaͤußerten alſo gewiſſe Stuͤcke Landes, und traten den Genuß derſelben an andere minder vermoͤgende Guts⸗ beſitzer ab, welche ſich dafuͤr zu gewiſſen kriegeriſchen Dienſten, die mit der Vertheidigung des Staats nichts zu thun hatten und bloß die Perſon des Verleihers angingen, verpflichten mußten. Bedurfte Letzterer dieſer Dienſte nicht mehr, oder konnte der Empfaͤnger ſie nicht mehr leiſten, ſo hoͤrte auch die Nutznießung der Laͤndereien wieder auf, deren weſentliche Be⸗ dingungen ſie waren. Dieſe Laͤndervertheilung war alſo be⸗ dingt und veraͤnderlich, ein wechſelſeitiger Vertrag, entweder auf eine feſtgeſetzte Anzahl Jahre, oder auf Zeitlebens errich⸗ tet, aufgehoben durch den Tod. Ein Stuͤck Landes auf ſolche Art verliehen, hieß eine Wohlthat(Beneficium) zum Unter⸗ ſchied von dem Freigut(Allodium), welches man nicht von der Guͤte eines Andern, nicht unter beſondern Bedingungen, nicht auf eine Zeitlang, ſondern von Rechtswegen, ohne alle andere Beſchwerde als die Verpflichtung zur Heerfolge, und guf ewige Zeiten beſaß. Feudum nannte man ſie im Latein jener Zeiten, vielleicht weil der Empfaͤnger dem Verleiher Treue Eidem) dafuͤr leiſten mußte, im Deutſchen Lehen, weil ſie ge⸗ liehen, nicht auf immer weggegeben wurden. Verleihen konnte Jeder, der Eigenthum beſaß; das Verhaͤltniß von Lehensherren und Vaſallen wurde durch kein anderes Verhaͤltniß aufgehoben. Koͤnige ſelbſt ſah man zuweilen bei ihren Unterhanen zu Lehen gehen. Auch verliehene Guͤter konnten weiter verliehen, und 23 der Vaſall des Einen wieder der Lehensherr eines Andern werden, aber die oberlehensherrliche Gewalt des erſten Ver⸗ leihers erſtreckte ſich durch die ganze noch ſo lange Reihe von Vaſallen. So konnte z. B. kein leibeigener Landbauer von ſeinem unmittelbaren Herrn freigelaſſen werden, wenn der oberſte Lehensherr nicht darein willigte. Nachdem mit dem Chriſtenthum auch die chriſtliche Kirchen⸗ verfaſſung unter den neuen europaͤiſchen Voͤlkern eingefuͤhrt worden, fanden die Biſchoͤfe, die Domſtifter und Kloͤſter ſehr bald Mittel, den Aberglauben des Volks und die Großmuth der Koͤnige in Anſpruch zu nehmen. Reiche Schenkungen ge⸗ ſchahen an die Kirchen, und die anſehnlichſten Guͤter wurden oft zerriſſen, um den Heiligen eines Kloſters unter ſeinen Erben zu haben. Man wußte nicht anders, als daß man Gott beſchenkte, indem man ſeine Diener bereicherte; aber auch ihm wurde die Bedingung nicht erlaſſen, welche an jedem Laͤnder⸗ beſitz haftete; eben ſo gut, wie jeder Andere mußte er die ge⸗ hoͤrige Mannſchaft ſtellen, wenn ein Aufgebot erging, und die Weltlichen verlangten, daß die Erſten im Rang auch die Erſten auf dem Platze ſeyn ſollten. Weil Alles, was an die Kirche geſchenkt wurde, auf ewig und unwiderruflich an ſie abgetreten war, ſo unterſchieden ſich Kirchenguͤter dadurch von den Lehen, die zeitlich waren, und nach verſtrichenem Termin in die Hand des Verleihers zuruͤckkehrten. Sie naͤherten ſich aber von einer andern Seite dem Lehen wieder, weil ſie ſich nicht, wie Allodien, vom Vater auf den Sohn forterbten, weil der Landesherr beim Ableben des jedesmaligen Beſitzers dazwiſchen trat, und durch Belehnung des Biſchofs ſeine oberherrliche Gewalt aus⸗ uͤbte. Die Beſitzungen der Kirche, koͤnnte man alſo ſagen, waren Allodien in Ruͤckſicht auf die Guͤter ſelbſt, die niemals zuruͤckkehrten, und Beneficien in Nuͤckſicht auf den jedesmaligen 24 Beſitzer, den nicht die Geburt, ſondern die Wahl dazu be⸗ ſtimmte. Er erlangte ſie auf dem Wege der Belehnung, und genoß ſie als Allodien. Es gab noch eine vierte Art von Beſitzungen, die man auf Lehenart empfing, und an welcher gleichfalls Lehensverpflich⸗ tungen hafteten. Dem Heerfuͤhrer, den man auf ſeinem blei⸗ benden Boden nunmehr Koͤnig nennen kann, ſtand das Recht zu, dem Volke Haͤupter vorzuſetzen, Streitigkeiten zu ſchlichten oder Richter zu beſtellen und die allgemeine Ordnung und Ruhe zu erhalten. Dieſes Recht und dieſe Pflicht blieb ihm auch nach geſchehener Niederlaſſung und im Frieden, weil die Nation noch immer ihre kriegeriſche Einrichtung beibehielt. Er beſtellte alſo Vorſteher uͤber die Laͤnder, deren Geſchaͤft es zugleich war, im Kriege die Mannſchaft anzufuͤhren, welche die Provinz ins Feld ſtellte; und da er, um Recht zu ſprechen und Streitigkeiten zu entſcheiden, nicht uͤberall zugleich gegen⸗ waͤrtig ſeyn konnte, ſo mußte er ſich vervielfaͤltigen, d. i. er mußte in den verſchiedenen Diſtricten durch Bevollmaͤchtigte ſich repraͤſentiren laſſen, welche die oberrichterliche Gewalt in ſeinem Namen darin ausuͤbten. So ſetzte er Herzoge uͤber die Provinzen, Markgrafen uͤber die Graͤnzprovinzen, Grafen uͤber die Gauen, Centgrafen uͤber kleinere Diſtricte u. a. m., und dieſe Wuͤrden wurden gleich den Grundſtuͤcken belehnungs⸗ weiſe ertheilt. Sie waren eben ſo wenig erblich als die Lehen⸗ guͤter, und wie dieſe konnte ſie der Landesherr von einem auf den andern uͤbertragen. Wie man Wuͤrden zu Lehen nahm, wurden auch gewiſſe Gefaͤlle, z. B. Strafgelder, Zoͤlle und dergleichen mehr, auf Lehensart vergeben. Was der Koͤnig in dem Reiche, das that die hohe Geiſtlich⸗ keit in ihren Beſitzungen. Der Beſitz von Laͤndern verband ſie zu kriegeriſchen und richterlichen Dienſten, die ſich mit der 25 Wuͤrde und Reinigkeit ihres Berufes nicht wohl zu vertragen ſchienen. Sie war alſo gezwungen, dieſe Geſchaͤfte an Andere abzugeben, denen ſie dafuͤr die Nutznießung gewiſſer Grund⸗ ſtuͤcke, die Sporteln des Richteramts und andere Gefaͤlle uͤber⸗ ließ, oder, nach der Sprache jener Zeiten, ſie mußte ihnen ſolche zu Lehen auftragen. Ein Erzbiſchof, Biſchof oder Abt war daher in ſeinem Diſtricte, was der Koͤnig in dem ganzen Staat. Er hatte Advocaten oder Voͤgte, Beamte und Lehen⸗ traͤger, Tribunale und einen Fiscus; Koͤnige ſelbſt hielten es nicht unter ihrer Wuͤrde, Lehentraͤger ihrer Biſchoͤfe und Praͤ⸗ laten zu werden, welches dieſe nicht unterlaſſen haben, als ein Zeichen des Vorzugs geltend zu machen, der dem Clerus uͤber die Weltlichen gebuͤhre. Kein Wunder, wenn auch die Paͤpſte ſich nachher einfallen ließen, den, welchen ſie zum Kaiſer ge⸗ macht, mit dem Namen ihres Vogts zu beehren. Wenn man das doppelte Verhaͤltniß der Koͤnige, als Baronen und als Oberhaͤupter ihres Reichs, immer im Auge behaͤlt, ſo wer⸗ den ſich dieſe ſcheinbaren Widerſpruͤche loͤſen. Die Herzoge, Markgrafen, Grafen, welche der Koͤnig als Kriegsoberſten und Richter uͤber die Provinzen ſetzte, hatten eine gewiſſe Macht noͤthig, um der aͤußern Vertheidigung ihrer Provinzen gewachſen zu ſeyn, um gegen den unruhigen Geiſt der Baronen ihr Anſehen zu behaupten, ihren Rechtsbeſcheiden Nachdruck zu geben, und ſich, im Falle der Widerſetzung, mit den Waffen in der Hand Gehorſam zu verſchaffen. Mit der Wuͤrde ſelbſt aber ward keine Macht verliehen, dieſe mußte ſich der koͤnigliche Beamte ſelbſt zu verſchaffen wiſſen. Dadurch wurden dieſe Bedienungen allen minder vermoͤgenden Freien verſchloſſen, und auf die kleine Anzahl der hohen Baronen ein⸗ geſchraͤnkt, die an Allodien reich genug waren, und Vaſallen genug ins Feld ſtellen konnten, um ſich aus eigenen Kraͤften 26 zu behaupten. Dieß war vorzuͤglich in ſolchen Laͤndern noͤthig, wo ein maͤchtiger und kriegeriſcher Adel war, und unentbehrlich an den Graͤnzen. Es wurde noͤthiger von einem Jahrhundert zum andern, wie der Verfall des koͤniglichen Anſehens die Anarchie herbeifuͤhrte, Privatkriege einriſſen, und Strafloſigkeit die Raubſucht aufmunterte; daher auch die Geiſtlichkeit, welche dieſen Raͤubereien vorzuͤglich ausgeſetzt war, ihre Schirmvögte und Vaſallen unter den maͤchtigen Baronen ausſuchte. Die hohen Vaſallen der Krone waren alſo zugleich beguͤterte Baro⸗ nen oder Eigenthumsherren, und hatten ſelbſt ſchon ihre Vaſallen unter ſich, deren Arm ihnen zu Gebote ſtand. Sie waren zu⸗ gleich Lehentraͤger der Krone, und Lehensherren ihrer Unterſaſſen; das Erſte gab ihnen Abhaͤngigkeit, indem Letzte⸗ res den Geiſt der Willkuͤr bei ihnen naͤhrte. Auf ihren Guͤtern waren ſie unumſchraͤnkte Fuͤrſten; in ihren Lehen waren ihnen die Haͤnde gebunden, jene vererbten ſich vom Vater zum Sohne, dieſe kehrten nach ihrem Ableben in die Hand des Lehensherrn zuruͤck. Ein ſo widerſprechendes Verhaͤltniß konnte nicht lange Beſtand haben. Der maͤchtige Kronvaſall aͤußerte bald ein Beſtreben, das Lehen dem Allodium gleich zu machen, dort, wie hier, unumſchraͤnkt zu ſeyn, und jenes, wie dieſes, ſeinem Nach⸗ kommen zu verſichern. Anſtatt den König in dem Herzogthum oder in der Grafſchaft zu repraͤſentiren, wellte er ſich ſelbſt repraͤſentiren, und er hatte dazu gefaͤhrliche Mittel an der Hand. Eben die Huͤlfsquellen, die er aus ſeinen Allodien ſchoͤpfte, eben dieſes kriegeriſche Heer, das er aus ſeinen Va⸗ ſallen aufbringen konnte und wodurch er in den Stand geſetzt war, der Krone in dieſem Poſten zu nuͤtzen, machte ihn zu einem eben ſo gefaͤhrlichen als unſichern Werkzeug derſelben. Beſaß er viele Allodien in dem Lande, das er zu Lehen trug, oder worin er eine richterliche Wuͤrde bekleidete(und aus dieſem 27 Grunde war es ihm vorzugsweiſe anvertraut worden), ſo ſtand gewoͤhnlich der groͤßte Theil der Freien, welche in dieſer Provinz anſaͤſſig waren, in ſeiner Abhaͤngigkeit. Entweder trugen ſie Guͤter von ihm zu Lehen, oder ſie mußten doch einen maͤch⸗ tigen Nachbar in ihm ſchonen, der ihnen ſchaͤdlich werden konnte. Als Richter ihrer Streitigkeiten hatte er ebenfalls oft ihre Wohlfahrt in Haͤnden, und als koͤniglicher Stat halter konnte er ſie druͤcken und erledigen. Unterließen es nun die Koͤnige, ſich durch oͤftere Bereiſung der Laͤnder, durch Ausuͤbung ihrer oberrichterlichen Wuͤrde und dergleichen dem Volk(unter welchem Namen man immer die maffenfuͤhrenden Freien und niedern Gutsbeſitzer verſtehen muß) in Erinnerung zu bringen, oder wurden ſie durch auswaͤrtige Unternehmungen daran verhindert, ſo mußten die hohen Freiherren den niedrigen Freien endlich die letzte Hand ſcheinen, aus welcher ihnen ſowohl die Be⸗ druͤckungen kamen, als Wohlthaten zufloſſen; und da uͤberhaupt in jedem Syſteme von Subordination der naͤchſte Druck immer am lebhafteſten gefuͤhlt wird, ſo mußte der hohe Adel ſehr bald einen Einfluß auf den niedrigen gewinnen, der ihm die ganze Macht desſelben in die Haͤnde ſpielte. Kam es alſo zwiſchen dem Koͤnig und ſeinem Vaſallen zum Streit, ſo konnte letzterer weit mehr als jener auf den Beiſtand ſeiner Unterſaſſen rechnen, und dieſes ſetzte ihn in den Stand, der Krone zu trotzen. Es war nun zu ſpaͤt und auch zu gefaͤhrlich, ihm oder ſeinem Erben das Lehen zu entreißen, das er im Fall der Noth mit der vereinigten Macht des Kantons behaupten konnte; und ſo mußte der Monarch ſich begnuͤgen, wenn ihm der zu maͤchtig gewordene Vaſall noch den Schatten der Oberlehensherrſchaft goͤnnte, und ſich herabließ, fuͤr ein Gut, das er eigenmaͤchtig an ſich geriſſen, die Belehnung zu empfangen. Was hier von den Kronvaſallen geſagt iſt, gilt auch von den Beamten und 28 Lehentraͤgern der hohen Geiſtlichkeit, die mit den Koͤnigen in⸗ ſofern in Einem Fall war, daß maͤchtige Baronen bei ihr zu Lehen gingen. So wurden unvermerkt aus verliehenen Wuͤrden und aus lehenweiſe uͤbertragenen Guͤtern erbliche Beſitzungen, und wahre Eigenthumsherren aus Vaſallen, von denen ſie nur noch den aͤußern Schein beibehielten. Viele Lehen oder Wuͤrden wur⸗ den auch dadurch erblich, daß die Urſache, um derentwillen man dem Vater das Lehen uͤbertragen hatte, auch bei ſeinem Sohn und Enkel noch ſtatt fand. Belehnte z. B. der deutſche Koͤnig einen ſaͤchſiſchen Großen mit dem Herzogthum Sachſen, weil derſelbe in dieſem Lande ſchon an Allodien reich und alſo vorzuͤglich im Stande war, es zu beſchutzen, ſo galt dieſes auch von dem Sohn dieſes Großen, der dieſe Allodien erbte; und war dieſes mehrmals beobachtet worden, ſo wurde es zur Obſervanz, welche ſich ohne eine außerordentliche Veranlaſſung und ohne eine nachdruͤckliche Zwangsgewalt nicht mehr um⸗ ſtoßen ließ. Es fehlt zwar auch in ſpaͤtern Zeiten nicht ganz an Beiſpielen ſolcher zuruͤckgenommenen Lehen, aber die Ge⸗ ſchichtſchreiber erwaͤhnen ihrer auf eine Art, die leicht erkennen laͤßt, daß es Ausnahmen von der Regel geweſen. Es muß ferner noch erinnert werden, daß dieſe Veraͤnderung in ver⸗ ſchiedenen Laͤndern, mehr oder minder allgemein, fruͤhzeitiger oder ſpaͤter erfolgte. Waren die Lehen einmal in erbliche Beſitzungen ausgeartet, ſo mußte ſich in dem Verhaͤltniß des Souveraͤns gegen ſeinen Adel bald eine große Veraͤnderung aͤußern. So lange der Sou⸗ veraͤn das erledigte Lehen noch zuruͤcknahm, um es von neuem nach Willkuͤr zu vergeben, ſo wurde der niedere Adel noch oft an den Thron erinnert, und das Band, das ihn an ſeinen un⸗ mittelbaren Lehensherrn knuͤpfte, wurde minder feſt geflochten, 29 weil die Willkuͤr des Monarchen und jeder Todesfall es wie⸗ der zertrennte. Sobald es aber eine ausgemachte Sache war, daß der Sohn dem Vater auch in dem Lehen folgte, ſo wußte der Vaſall, daß er fuͤr ſeine Nachkommenſchaft arbeitete, in⸗ dem er ſich dem unmittelbaren Herrn ergeben bezeigte. So wie alſo durch die Erblichkeit der Lehen das Band zwiſchen den maͤchtigen Vaſallen und der Krone erſchlaffte, wurde es zwiſchen jenen und ihren Unterſaſſen feſter zuſammengezogen. Die großen Lehen hingen endlich nur noch durch die einzige Perſon des Kronvaſallen mit der Krone zuſammen, der ſich oft ſehr lange bitten ließ, ihr die Dienſte zu leiſten, wozu ihn ſeine Wuͤrde verpflichtete. Univerſalhiſtoriſche Ueberſicht der merkwürdigſten Staatsbegebenheiten zu den Beiten Kaiſer Friedrichs I.*) Der heftige Streit des Kaiſerthums mit der Kirche, der die Regierungen Heinrichs IV und V ſo ſtuͤrmiſch machte, hatte ſich endlich(1122) in einem voruͤbergehenden Frieden beruhigt, und durch den Vergleich, welchen Letzterer mit Papſt Calix⸗ tus II einging, ſchien der Zunder erſtickt zu ſeyn, der ihn wie⸗ der herſtellen konnte. Das Geiſtliche hatte ſich, Dank ſey der zuſammenhaͤngenden Politik Gregors VII und ſeiner Nach⸗ folger, gewaltſam von dem Weltlichen geſchieden, und die Kirche bildete nun im Staate und neben dem Stagte ein abgeſonder⸗ tes, wo nicht gar feindſeliges Syſtem. Das koſtbare Recht des Throns, durch Ernennung der Biſchoͤfe verdiente Diener zu be⸗ lohnen und neue Freunde ſich zu verpflichten, war ſelbſt bis auf den aͤußerlichen Schein durch die freigegebenen Wahlen fuͤr die Kaiſer verloren. Nichts blieb ihnen uͤbrig von dieſem un⸗ *) Anmerk. des Herausgebers. Im dritten Bande der hiſtoriſchen Memoires(erſte Abtheilung) findet ſich dieſe Abhand⸗ lung, aber unbeendigt. Die Fortſetzung unterblieb wegen der damaligen Krankheit des Verſaſſers. 31 ſchäͤtzbaren Regal, als den erwaͤhlten Biſchof, vor ſeiner Ein⸗ weihung vermittelſt des Scepters, wie einen weltlichen Va⸗ ſallen, mit dem weltlichen Theil ſeiner Wurde zu bekleiden. Ring und Stab, die geweihten Sinnbilder des biſchoͤflichen Amtes, durfte die unkeuſche, blutbeſchuldete Laienhand nicht mehr beruͤhren. Bloß fuͤr ſtreitige Faͤlle, wenn ſich das Dom⸗ capitel in der Wahl eines Biſchofs nicht vereinigen konnte, hatten die Kaiſer noch einen Theil ihres vorigen Einfluſſes gerettet, und der Zwieſpalt der Waͤhlenden ließ es ihnen nicht an Gelegenheit fehlen, davon Gebrauch zu machen. Aber auch dieſen wenigen geretteten Ueberreſten der vormaligen Kaiſer⸗ gewalt ſtellte die Herrſchſucht der folgenden Paͤpſte nach, und der Knecht der Knechte Gottes hatte keine groͤßere An⸗ gelegenheit, als den Herrn der Welt ſo tief als moͤglich neben ſich zu erniedrigen. Die gefaͤhrlichſte Stelle in der Chriſtenheit war jetzt un⸗ ſtreitig der roͤmiſche Kaiſerthron; gegen dieſen zielte die auf⸗ ſtrebende paͤpſtliche Macht mit allen Donnern, die ihr zu Gebote ſtanden, mit allen Fallſtricken ihrer verborgenen Staatskunſt. Deutſchlands Verfaſſung erleichterte ihr den Sieg uͤber ſeinen Oberherrn; der Glanz des kaiſerlichen Namens machte ihn ſchimmernd. Jeder deutſche Fuͤrſt, den die Wahl ſeiner Mit⸗ ſtaͤnde auf den Stuhl der Ottonen ſetzte, brach eben dadurch mit dem apoſtoliſchen Stuhl. Er konnte ſich als ein Opfer betrachten, das man zum Tode ſchmuͤckte. Zugleich mit dem kaiſerlichen Purpur mußte er Pflichten uͤbernehmen, die mit den Vergroͤßerungsplanen der Paͤpſte durchaus unvereinbar waren, und ſeine kaiſerliche Ehre, ſein Anſehen im Reich hing an ihrer Erfuͤllung. Seine Kaiſerwuͤrde legte ihm auf, die Herrſchaft uͤber Italien und ſelbſt in den Mauern Roms zu behaupten; 32 in Italien konnte der Papſt keinen Herrn ertragen, die Ita⸗ liener verſchmaͤhten auf gleiche Art das Joch des Auslaͤnders und des Prieſters. Es blieb ihm alſo nur die bedenkliche Wahl, entweder dem Kaiſerthron von ſeinen Rechten zu ver⸗ geben, oder mit dem Papſt in den Kampf zu gehen, und auf immer dem Frieden ſeines Lebens zu entſagen. Die Frage iſt der Eroͤrterung werth, warum ſelbſt die ſtaatskundigſten Kaiſer ſo hartnaͤckig darauf beſtanden, die An⸗ ſpruͤche des deutſchen Reichs auf Italien geltend zu machen, ungeachtet ſie ſo viele Beiſpiele vor ſich hatten, wie wenig der Gewinn der erſtaunlichen Aufopferungen werth war, un⸗ geachtet jeder italieniſche Zug von den Deutſchen ſelbſt ihnen ſo ſchwer gemacht, und die nichtigen Kronen der Lombardei und des Kaiſerthums in jedem Betracht ſo theuer erkauft werden mußten. Ehrgeiz allein erklaͤrt dieſe Einſtimmigkeit ihres Betragens nicht; es iſt hoͤchſt wahrſcheinlich, daß ihre Anerkennung in Italien auf die einheimiſche Autoritaͤt der Kaiſer in Deutſchland einen merklichen Einfluß hatte, und daß ſie alsdann vorzuͤglich dieſer Huͤlfe bedurften, wenn ſie durch Wahl allein, ohne Mitwirkung des Erbrechtes, auf den Thron geſtiegen waren. Was auch ihr Fiscus dabei gewinnen mochte, ſo konnte der Ertrag des Eroberten den Aufwand der Eroberung kaum bezahlen, und die Quelle vertrocknete, ſobald ſie das Schwert in die Scheide ſteckten. Zehn Wahlfuͤrſten, welche jetzt zum erſten Male einen engern Ausſchuß unter den Reichsſtaͤnden bilden, und vorzugsweiſe dieſes Recht ausuͤben, verſammeln ſich nach dem Hinſcheiden „Heinrichs V zu Mainz, dem Reich einen Kaiſer zu geben. Drei Prinzen, damals die maͤchtigſten Deutſchlands, kommen zu dieſer Wuͤrde in Vorſchlag: Herzog Friedrich von Schwaben, 33 bes verſtorbenen Kaiſers Schweſterſohn, Markgraf Leopold von Oeſterreich, und Lothar, Herzog zu Sachſen. Aber die Schick⸗ ſale der zwei vorhergehenden Kaiſer hatten den Kaiſernamen mit ſo vielen Schreckniſſen umgeben, daß Markgraf Leopold und Herzog Lothar fußfaͤllig und mit weinenden Augen baten, ſie mit dieſer gefaͤhrlichen Ehre zu verſchonen. Herzog Friedrich allein war nun noch uͤbrig, aber eine unbedachtſame Aeußerung dieſes Prinzen ſchien zu erkennen zu geben, daß er auf ſeine Verwandtſchaft mit dem Verſtorbenen ein Recht auf den Kaiſerthron gruͤnde. Dreimal nach einander war der Scepter des Reichs von dem Vater auf den Sohn gekommen, und die Wahlfreiheit der deutſchen Krone ſtand in Gefahr, ſich in einem verjaͤhrten Erbrecht endlich ganz zu verlieren. Dann aber war es um die Freiheit der deutſchen Fuͤrſten gethan; ein befeſtigter Erbthron widerſtand den Angriffen, wodurch es dem unruhigen Lehengeiſt ſo leicht ward, das ephemeriſche Geruͤſte eines Wahl⸗ throns zu erſchuͤttern. Die argliſtige Politik der Paͤpſte hatte erſt kuͤrzlich die Aufmerkſamkeit der Fuͤrſten auf dieſen Theil des Staatsrechts gezogen, und ſie zu lebhafter Behauptung eines Vorrechts ermuntert, das die Verwirrung in Deutſchland verewigte, aber dem apoſtoliſchen Stuhl deſto nuͤtzlicher wurde. Die geringſte Ruͤckſicht, welche bei dem neuaufzuſtellenden Kaiſer auf Verwandtſchaft genommen wurde, konnte die deutſche Wahl⸗ freiheit aufs neue in Gefahr bringen, und den Mißbrauch er⸗ neuern, aus dem man ſich kaum losgerungen hatte. Von dieſen Betrachtungen waren die Koͤpfe erhitzt, als Herzog Fried⸗ rich Anſpruͤche der Geburt auf den Kaiſerthron geltend machte. Man beſchloß daher, durch einen recht entſcheidenden Schritt bem Erbrecht zu trotzen, beſonders da der Erzbiſchof von Mainz, der das Wahlgeſchaͤft leitete, hinter dem Beſten des Reichs eine perſoͤnliche Rache verſteckte. Lothar von Sachſen wurde ein⸗ Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 3 34 ſtimmig zum Kaiſer erklaͤrt, mit Gewalt herbeigeſchleppt, und auf den Schultern der Fuͤrſten, unter ſtuͤrmiſchem Beifall⸗ geſchrei, in die Verſammlung getragen. Die mehrſten Reichs⸗ ſtaͤnde billigten dieſe Wahl auf der Stelle, nach einigem Wider⸗ ſtand wurde ſie auch von dem Herzog Heinrich von Bayern, dem Schwager Friedrichs, und von ſeinen Biſchoͤfen gut ge⸗ heißen. Herzog Friedrich erſchien endlich ſelbſt, ſich dem neuen Kaiſer zu unterwerfen. Lothar von Sachſen war ein eben ſo wohldenkender als tapferer und ſtaatsverſtaͤndiger Fuͤrſt. Sein Betragen unter den beiden vorhergehenden Regierungen hatte ihm die allge⸗ meine Achtung Deutſchlands erworben. Da er die vaterlaͤn⸗ diſche Freiheit in mehreren Schlachten gegen Heinrich IV ver⸗ fochten, ſo befuͤrchtete man um ſo weniger, daß er als Kaiſer verſucht werden koͤnnte, ihr Unterdruͤcker zu werden. Zu meh⸗ rerer Sicherheit ließ man ihn eine Wahlcapitulation beſchwoͤ⸗ ren, die ſeiner Macht im Geiſtlichen ſowohl als im Weltlichen ſehr enge Graͤnzen ſetzte. Lothar hatte ſich das Kaiſerthum aufdringen laſſen, dennoch machte er den Thron niedriger, um ihn zu beſteigen. Wie ſehr aber auch dieſer Fuͤrſt, da er noch Herzog war, ' an Verminderung des kaiſerlichen Anſehens gearbeitet hatte, ſo aͤnderte doch der Purpur ſeine Geſinnungen. Er hatte eine einzige Tochter, die Erbin ſeiner betraͤchtlichen Guͤter in Sachſen; durch ihre Hand konnte er ſeinen kuͤnftigen Eidam zu einem maͤchtigen Fuͤrſten machen. Da er als Kaiſer nicht fortfahren durfte, das Herzogthum Sachſen zu verwalten, ſo konnte er den Brautſchatz ſeiner Tochter noch mit dieſem wichtigen Lehen begleiten. Damit noch nicht zufrieden, erwaͤhlte er ſich den Herzog Heinrich von Bayern, einen an ſich ſchon ſehr maͤchtigen Fuͤrſten, zum Eidam, der alſo die beiden Herzogthuͤmer Bayern 6 und Sachſen in ſeiner einzigen Hand vereinigte. Da Lothar dieſen Heinrich zu ſeinem Nachfolger im Reich beſtimmte, das ſchwaͤbiſch⸗fraͤnkiſche Haus hingegen, welches allein noch ſaͤhig war, der gefaͤhrlichen Macht jenes Fuͤrſten das Gegengewicht zu halten und ihm die Nachfolge ſtreitig zu machen, nach einem feſten Plan zu unterdruͤcken ſtrebte, ſo verrieth er deut⸗ lich genug ſeine Geſinnung, die kaiſerliche Macht auf Un⸗ koſten der ſtaͤndiſchen zu vergroͤßern. Herzog Heinrich von Bayern, jetzt Tochtermann des Kai⸗ ſers, nahm mit neuen Verhaͤltniſſen ein neues Staatsſyſtem an. Bis jetzt ein eifriger Anhaͤnger des Hohenſtaufiſchen Ge⸗ ſchlechts, mit dem er verſchwaͤgert war, wendete er ſich auf einmal zu der Partei des Kaiſers, der es zu Grunde zu richten ſuchte. Friedrich von Schwaben und Konrad von Franken, die beiden Hohenſtaufiſchen Bruͤder, Enkel Kaiſer Heinrichs V und die natuͤrlichen Erben ſeines Sohns, hatten ſich alle Stamm⸗ guͤter des ſaliſch⸗fraͤnkiſchen Kaiſergeſchlechts zugeeignet, wor⸗ unter ſich mehrere befanden, die gegen kaiſerliche Kammerguͤter eingetauſcht, oder von geaͤchteten Staͤnden fuͤr den Reichsfiscus waren eingezogen worden. Lothar machte bald nach ſeiner Kroͤnung eine Verordnung bekannt, welche alle dergleichen Guͤter dem Reichsfiscus zuſprach. Da die Hohenſtaufiſchen Bruͤder nicht darauf achteten, ſo erklaͤrte er ſie fuͤr Stoͤrer des oͤffentlichen Friedens und ließ einen Reichskrieg gegen ſie be⸗ ſchließen. Ein neuer Burgerkrieg entzuͤndete ſich in Deutſchland, welches kaum angefangen hatte, ſich von den Drangſalen der vorhergehenden zu erholen. Die Stadt Nuͤrnberg wurde von dem Kaiſer, wiewohl vergeblich, belagert, weil die Hohenſtaufen ſchleunig zum Entſatz herbeieilten. Sie warfen darauf auch in Speyer eine Beſatzung, den geheiligten Boden, wo die Ge⸗ beine der fraͤnkiſchen Kgiſer liegen. 1 36 Konrad von Franken unternahm noch eine kuͤhnere That. Er ließ ſich bereden, den deutſchen Koͤnigstitel anzunehmen, und eilte mit einer Armee nach Italien, um ſeinem Neben⸗ buhler, der dort noch nicht gekroͤnt war, den Rang abzulaufen. Die Stadt Malland oͤffnete ihm bereitwillig ihre Thore, und Anſelmo, Erzbiſchof dieſer Kirche, ſetzte ihm in der Stadt Monza die lombardiſche Krone auf; in Toscana erkannte ihn der ganze dort maͤchtige Adel als Koͤnig. Aber Mailands guͤnſtige Erklaͤrung machte alle diejenigen Staaten von ihm abwendig, welche mit jener Stadt in Streitigkeiten lebten, und da endlich auch Papſt Honorius II auf die Seite ſeines Gegners trat, und den Bannſtrahl gegen ihn ſchleuderte, ſo entging ihm ſein Hauptzweck, die Kaiſerkrone, und Italien wurde eben ſo ſchnell von ihm verlaſſen, als er darin erſchienen war. Unterdeſſen hatte Lothar die Stadt Speyer belagert, und ſo tapfer auch, entflammt durch die Gegenwart der Herzogin von Schwaben, ihre Buͤrger ſich wehrten, nach einem fehlgeſchlagenen Verſuch Friedrichs, ſie zu entſetzen, in ſeine Haͤnde bekommen. Die vereinigte Macht des Kaiſers und ſeines Eidams war den Hohenſtaufen zu ſchwer. Nachdem auch ihr Waffenplatz, die Stadt Ulm, von dem Herzog von Bayern erobert und in die Aſche gelegt war, der Kaiſer ſelbſt aber mit einer Armee gegen ſie anruͤckte, ſo entſchloſſen ſie ſich zur Unterwerfung. Auf einem Reichstag zu Bamberg warf ſich Friedrich dem Kaiſer zu Fuͤßen und erhielt Gnade; auf eine aͤhnliche Weiſe erhielt ſie auch Konrad zu Muͤhlhauſen; beide unter der Bedingung, den Kaiſer nach Italien zu begleiten. Den erſten Kriegszug hatte Lothar ſchon einige Jahre vorher in dieſes Land gethan, wo eine bedenkliche Trennung in der roͤmiſchen Kirche ſeine Gegenwart nothwendig machte. Nachdem Honorius II im Jahre 1130 verſtorben war, hatte man in 37 Rom, um den Stuͤrmen vorzubeugen, welche der getheilte Zu⸗ ſtand der Gemuͤther befuͤrchten ließ, die Uebereinkunft getroffen, die neue Papſtwahl acht Cardinaͤlen zu uͤbertragen. Fuͤnf von dieſen erwaͤhlten in einer heimlich veranſtalteten Zuſammen⸗ kunft den Cardinal Gregor, einen ehemaligen Moͤnch, zum Fuͤrſten der roͤmiſchen Kirche, der ſich den Namen Innocentius II bei⸗ legte. Die drei uͤbrigen, mit dieſer Wahl nicht zufrieden, er⸗ hoben einen gewiſſen Peter Leonis, den Enkel eines getauften IJuden, der den Namen Anaklet II annahm, auf den apoſto⸗ liſchen Stuhl. Beide Paͤpſte ſuchten ſich einen Anhang zu machen. Auf Seite des Letztern ſtand die uͤbrige Geiſtlichkeit des roͤmiſchen Sprengels und der Adel der Stadt; außerdem wußte er die italieniſchen Normaͤnner, furchtbare Nachbarn der Stadt Rom, fuͤr ſeine Partei zu gewinnen. Innocentius fluͤhhtete aus der Stadt, wo ſein Gegner die Oberhand hatte, und vertraute ſeine Perſon und ſeine Sache der Rechtglaͤubigkeit des Koͤnigs von Frankreich. Der Ausſpruch eines einzigen Mannes, des Abts Bernhard von Clairvaux, der die Sache dieſes Papſtes fuͤr die gerechte erklaͤrt hatte, war genug, ihm die Huldigung dieſes Reichs zu verſchaffen. Seine Aufnahme in Ludwigs Staaten war glaͤnzend, und reiche Schaͤtze oͤffneten ſich ihm in der frommen Mildthaͤtigkeit der Franzoſen. Das Gewicht von Bernhards Empfehlung, welches die franzoͤſiſche Nation zu ſeinen Fuͤßen gefuͤhrt hatte, unterwarf ihm auch England, und der deutſche Kaiſer Lothar ward ohne Muͤhe uͤberzeugt, daß der heilige Geiſt bei der Wahl des Innocentius den Vorſitz gefuͤhrt habe. Eine perſoͤnliche Zuſammenkunft mit dieſem Kaiſer zu Luͤttich hatte die Folge, daß ihn Lothar an der Spitze einer kleinen Armee nach Rom zuruͤckfuͤhrte. In dieſer Stadt war Anaklet, der Gegenpapſt, maͤchtig, Volk und Adel gefaßt, ſich aufs hartnaͤckigſte zu vertheidigen. 38 Jeder Palaſt, jede Kirche war Feſtung, jede Straße ein Schlacht⸗ feld, alles Waffe, was das Ungefaͤhr der blinden Erbitterung darbot. Mit dem Schwert in der Fauſt mußte jeder Ausweg geoͤffnet werden, und Lothars ſchwaches Heer reichte nicht hin, eine Stadt zu ſtuͤrmen, worin es ſich wie in einem unermeß⸗ lichen Ocean verlor, wo die Haͤuſer ſelbſt gegen das Leben der verhaßten Fremdlinge bewaffnet waren. Es war gebraͤuchlich, die Kaiſerkroͤnung in der Peterskirche zu vollziehen, und in Rom war Alles heilig, was gebraͤuchlich war; aber die Peters⸗ kirche, wie die Engelsburg, hatte der Feind im Beſitz, woraus keine ſo geringe Macht, als Lothar beiſammen hatte, ihn ver⸗ jagen konnte. Endlich nach langer Verzoͤgerung willigte man ein, der Nothwendigkeit zu weichen und im Lateran die Kroͤ⸗ nung zu verrichten. Man erinnert ſich, daß es die Sache des Papſtes war, welche den Kaiſer nach Italien fuͤhrte: als der Beſchuͤtzer, nicht als ein Flehender, forderte er eine Ceremonie, welche dieſer Papſt ohne ſeinen ſtarken Arm nimmermehr haͤtte ausuͤben koͤnnen. Nichtsdeſtoweniger behauptete Innocentius den ganzen Papſtſinn eines Hildebrands, und mitten in dem rebelliſchen Rom, gleich⸗ ſam hinter dem Schilde des Kaiſers, der ihn gegen die moͤrde⸗ riſche Wuth ſeiner Gegner vertheidigte, gab er dieſem Kaiſer Ge⸗ ſetze. Der Vorgaͤnger des Lothar hatte die anſehnliche Erbſchaft, welche Mathilde, Markgraͤfin von Tuscien, dem roͤmiſchen Stuhl vermacht hatte, als ein Reichslehen eingezogen, und Calixtus II, um nicht aufs neue die Ausſoͤhnung mit dieſem Kaiſer zu erſchweren, hatte in dem Vergleich, der den Inveſtiturſtreit endigte, ganz von dieſer geheimen Wunde geſchwiegen. Dieſe Anſpruͤche des roͤmiſchen Stuhls auf die Mathildiſche Erbſchaft brachte Innocentius jetzt in Bewegung, und bemuͤhte ſich wenigſtens, da er den Kaiſer unerbittlich fand, dieſe anmaß⸗ 39 lichen Rechte der Kirche fuͤr die Zukunft in Sicherheit zu ſetzen. Er beſtaͤtigte ihm den Genuß der Mathildiſchen Guͤter auf dem Wege der Belehnung, ließ ihn dem roͤmiſchen Stuhl einen foͤrmlichen Lehenseid daruͤber ſchwoͤren, und ſorgte dafuͤr, daß dieſe Vaſallenhandlung durch ein Gemaͤlde verewigt wurde, welches dem kaiſerlichen Namen in Italien nicht ſehr ruͤhm⸗ lich war. Es war nicht der roͤmiſche Boden, nicht der Anblick jener feierlichen Denkmaͤler, welche ihm die Herrſchergroͤße Roms ins Gedaͤchtniß brachten, wo etwa die Geiſter ſeiner Vorfahren zu ſeiner Erinnerung ſprechen konnten, nicht die Zwang auflegende Gegenwart einer roͤmiſchen Praͤlatenverſammlung, welche Zeuge und Richter ſeines Betragens war, was dem Papſt dieſen ſtandhaften Muth einfloͤßte; auch als ein Fluͤchtling, auch auf deutſcher Erde, hatte er dieſen roͤmiſchen Geiſt nicht ver⸗ laͤugnet. Schon zu Luͤttich, wo er in der Geſtalt eines Flehenden vor dem Kaiſer ſtand, wo er ſich dieſem Kaiſer fuͤr eine noch friſche Wohlthat verpflichtet fuͤhlte, und eine zweite noch groͤßere von ihm erwartete, hatte er ihn genoͤthigt, eine beſcheidene Bitte um Wiederherſtellung des Inveſtiturrechts zuruͤckzunehmen, zu welcher der huͤlfloſe Zuſtand des Papſtes dem Kaiſer Muth gemacht hatte. Er hatte einem Erzbiſchof zu Trier, ehe dieſer noch von dem Kaiſer mit dem zeitlichen Theil ſeines Amtes bekleidet war, die Einweihung ertheilt, dem ausdruͤcklichen Sinn des Vertrags entgegen, der den Frieden des deutſchen Reichs mit der Kirche begruͤndete. Mitten in Deutſchland, wo er ohne Lothars Beguͤnſtigung keinen Schatten von Hoheit beſaß, unterſtand er ſich, eines der wichtigſten Vor⸗ rechte dieſes Kaiſers zu kraͤnken. Aus ſolchen Zuͤgen erkennt man den Geiſt, der den roͤmiſchen Hof beſeelte, und die unerſchuͤtterliche Feſtigkeit der Grundſaͤtze, 40 die jeder Papſt, mit Hintanſetzung aller perſoͤnlichen Verhaͤlt⸗ niſſe, befolgen zu muͤſſen ſich gedrungen ſah. Man ſah Kaiſer und Koͤnige, erleuchtete Staatsmaͤnner und unbeugſame Krieger im Drang der Umſtaͤnde Rechte aufopfern, ihren Grundſaͤtzen ungetreu werden und der Nothwendigkeit weichen; ſo etwas begegnete ſelten oder nie einem Papſte. Auch wenn er im Elend umher irrte, in Italien keinen Fuß breit Landes, keine ihm holde Seele beſaß, und von der Barmherzigkeit der Fremd⸗ linge lebte, hielt er ſtandhaft uͤber den Vorrechten ſeines Stuhls und der Kirche. Wenn jede andere politiſche Gemeinheit durch die perſoͤnlichen Eigenſchaften derer, welchen ihre Verwaltung uͤbertragen iſt, zu gewiſſen Zeiten etwas gelitten hat und leidet, ſo war dieſes kaum jemals der Fall bei der Kirche und ihrem Oberhaupt. So ungleich ſich auch die Paͤpſte in Temperament, Denkart und Faͤhigkeit ſeyn mochten, ſo ſtandhaft, ſo gleich⸗ foͤrmig, ſo unveraͤnderlich war ihre Politik. Ihre Faͤhigkeit, ihr Temperament, ihre Denkart ſchien in ihr Amt gar nicht einzufließen; ihre Perſoͤnlichkeit, moͤchte man ſagen, zerfloß in ihrer Wuͤrde, und die Leidenſchaft erloſch unter der dreifachen Krone. Obgleich mit jedem hinſcheidenden Papſte die Kette der Thronfolge abriß, und mit jedem neuen Papſte wieder friſch geknuͤpft wurde— obgleich kein Thron in der Welt ſo oft ſeinen Herrn veraͤnderte, ſo ſtuͤrmiſch beſetzt und ſo ſtuͤr⸗ miſch verlaſſen wurde, ſo war dieſes doch der einzige Thron in der chriſtlichen Welt, der ſeinen Beſitzer nie zu veraͤndern ſchien, weil nur die Paͤpſte ſtarben, aber der Geiſt, der ſie be⸗ lebte, unſterblich war. Kaum hatte Lothar Italien den Ruͤcken gewendet, als Innocentius aufs neue ſeinen Gegnern das Feld raͤumen mußte. Er floh in Begleitung des heiligen Bernhards nach Piſa, wo er den Gegenpapſt und deſſen Anhang auf einer 41 Kirchenverſammlung feierlich verfluchte. Dieſes Anathem galt beſonders dem Koͤnig Roger von Sicilien, der Anaklets Sache maͤchtig unterſtuͤtzte und durch ſeine reißenden Fortſchritte im untern Italien den Muth dieſer Partei nicht wenig erhoͤhte. Da ſich die Geſchichte Siciliens und Neapels und der Normaͤnner, ſeiner neuen Beſitzer, mit der Geſchichte dieſes Jahrhunderts aufs genaueſte verbindet, da uns Anna Komnena und Otto von Freiſing auf die normaͤnniſchen Eroberungen aufmerkſam gemacht haben, ſo iſt es dem Zweck dieſer Ab⸗ handlung gemaͤß, auf den Urſprung dieſer neuen Macht in Italien zuruͤckzugehen und die Fortſchritte derſelben kuͤrzlich zu verfolgen. Die mittaͤglichen und weſtlichen Laͤnder Europens hatten kaum angefangen, von den gewaltſamen Erſchuͤtterungen aus⸗ zuruhen, wodurch ſie ihre neue Geſtalt empfingen, als der eu⸗ ropaͤiſche Norden im neunten Jahrhundert aufs neue den Suͤden aͤngſtigte. Aus den Inſeln und Kuͤſtenlaͤndern, welche heutzutage dem daͤniſchen Scepter huldigen, ergoſſen ſich dieſe neuen Barbarenſchwaͤrme; Maͤnner des Nordens, Normaͤn⸗ ner nannte man ſie; ihre uͤberraſchende ſchreckliche Ankunft beſchleunigte und verbarg der weſtliche Ocean. So lange zwar der Herrſchergeiſt Karls des Großen das fraͤnkiſche Reich be⸗ wachte, ahnete man den Feind nicht, der die Sicherheit ſeiner Graͤnzen bedrohte. Zahlreiche Flotten huͤteten jeden Hafen und die Muͤndung jedes Stroms; mit gleichem Nachdruck leiſtete ſein ſtarker Arm den arabiſchen Corſaren im Suͤden, und im Weſten den Normaͤnnern Widerſtand. Aber dieſes beſchuͤtzende Band, welches rings alle Kuͤſten des fraͤnkiſchen Reichs umſchloß, loͤste ſich unter ſeinen kraftloſen Soͤhnen, und gleich einem verheerenden Strome drang nun der wartende Feind in das bloßgegebene Land. Alle Bewohner der aquitani⸗ 42 ſchen Kuͤſte erfuhren die Raubſucht dieſer barbariſchen Fremd⸗ linge; ſchnell, wie aus der Erde geſpieen, ſtanden ſie da, und eben ſo ſchnell entzog ſie das unerreichbare Meer der Verfol⸗ gung. Kuͤhnere Banden, denen die ausgeraubte Kuͤſte keine Beute mehr darbot, trieben in die Muͤndung der Stroͤme und erſchreckten die ahnungsloſen innern Provinzen mit ihrer furcht⸗ baren Landung. Weggefuͤhrt ward Alles, was Waare werden konnte; der pflugziehende Stier mit dem Pfluͤger, zahlreiche Menſchenheerden in eine hoffnungsloſe Knechtſchaft geſchleppt. Der Reichthum im inneren Lande machte ſie immer luͤſterner, der ſchwache Widerſtand immer kuͤhner, und die kurzen Still⸗ ſtaͤnde, welche ſie den Einwohnern goͤnnten, brachten ſie nur deſto zahlreicher und deſto gieriger zuruͤck. Gegen dieſen immer ſich erneuernden Feind war keine Huͤlfe von dem Throne zu hoffen, der ſelbſt wankte, den eine Reihe unmaͤchtiger Schattenkoͤnige, die unwuͤrdige Nachkommenſchaft Karls des Großen, entehrte. Anſtatt des Eiſens zeigte man den Barbaren Gold, und ſetzte die ganze kuͤnftige Ruhe des Koͤnigreichs aufs Spiel, um eine kurze Erholung zu gewinnen. Die Anarchie des Lehenweſens hatte das Band aufgeloͤst, wel⸗ ches die Nation gegen einen gemeinſchaftlichen Feind vereinigen konnte, und die Tapferkeit des Adels zeigte ſich nur zum Ver⸗ derben des Staats, den ſie vertheidigen ſollte. Einer der unternehmendſten Anfuͤhrer der Barbaren, Rollo, hatte ſich der Stadt Nouen bemaͤchtigt, und entſchloſſen, ſeine Eroberungen zu behaupten, ſeinen Waffenplatz darin errichtet. Unmacht und dringende Noth fuͤhrten endlich Karln den Ein⸗ faͤltigen, unter welchem Frankreich ſich damals regierte, auf den gluͤcklichen Ausweg, durch Bande der Dankbarkeit, der Ver⸗ wandtſchaft und der Religion ſich dieſen barbariſchen Anfuͤhrer zu verpflichten. Er ließ ihm ſeine Tochter zur Gemahlin und 43 zum Brautſchatz das ganze Kuͤſtenland anbieten, welches den normaͤnniſchen Verheerungen am meiſten bloßgeſtellt war. Ein Biſchof fuͤhrte das Geſchaͤft, und Alles, was man von dem Normann dafuͤr verlangte, war, daß er ein Chriſt werden ſollte. Rollo rief ſeine Corſaren zuſammen, und uͤberließ den Ge⸗ wiſſensfall ihrer Beurtheilung. Das Anerbieten war zu ver⸗ fuͤhreriſch, um nicht ſeinen nordiſchen Aberglauben daran zu wagen. Jede Religion war gleich gut, bei welcher man nur nicht die Tapferkeit verlernte. Die Groͤße des Gewinns brachte jede Bedenklichkeit zum Schweigen. Rollo empfing die Taufe, und einer ſeiner Gefaͤhrten wurde abgeſchickt, der Ceremonie der Huldigung gemaͤß, bei dem Koͤnig von Frankreich den Fuß⸗ kuß zu verrichten. Rollo verdiente es, der Stifter eines Staats zu ſeyn; ſeine Geſetze bewirkten bei dieſem Raͤubervolk eine bewundernswür⸗ dige Verwandlung. Die Corſaren warfen das Ruder weg, um den Pflug zu ergreifen, und die neue Heimath ward ihnen theuer, ſobald ſie angefangen hatten, darauf zu ernten. In dem gleichfoͤrmigen ſanften Tacte des Landlebens verlor ſich all⸗ maͤhlich der Geiſt der Unruhe und des Raubes, mit ihm die natuͤrliche Wildheit dieſes Volks. Die Normandie bluͤhte unter Rollo's Geſetzen, und ein barbariſcher Eroberer mußte es ſeyn, der die Nachkommen Karls des Großen ihren Vaſallen wider⸗ ſtehen, und ihre Voͤlker begluͤcken lehrte. Seitdem Normaͤnner Frankreichs weſtliche Kuͤſte bewachten, hatte es von keiner nor⸗ maͤnniſchen Landung mehr zu leiden, und die ſchimpfliche Aus⸗ kunft der Schwäͤche ward eine Wohlthat fuͤr das Reich. Der kriegeriſche Geiſt der Normaͤnner artete in ihrem neuen Vaterlande nicht aus. Dieſe Provinz Frankreichs ward die Pflanzſchule einer tapfern Jugend, und aus ihr gingen zu verſchiedenen Zeiten zwei Heldenſchwaͤrme aus, die ſich an ent⸗ 441 4 gegengeſetzten Enden von Europa einen unſterblichen Namen machten und glaͤnzende Reiche ſtifteten. Normaͤnniſche Gluͤcks⸗ ritter zogen ſüdwaͤrts, unterwarfen das untere Italien und die Inſel Sicilien ihrer Herrſchaft, und gruͤndeten hier eine Monarchie, welche Rom an der Diber und Rom an dem Bosporus zittern machte. Ein normaͤnniſcher Herzog war's, der Britannien eroberte. Unter allen Provinzen Italiens waren Apulien, Calabrien und die Inſel Sicilien viele Jahrhunderte lang die beklagens⸗ wuͤrdigſten geweſen. Hier unter dem gluͤcklichſten Himmel Groß⸗ Griechenlands, wo ſchon in den fruͤheſten Zeiten griechiſche Cultur aufbluͤhte, wo eine ergiebige Natur die helleniſchen Pflanzungen mit freiwilliger Milde pflegte, dort auf der ge⸗ ſegneten Inſel, wo die jugendlichen Staaten: Agrigent, Gela, Leontium, Syrakus, Selinus, Himera, in muthwilliger Freiheit ſich bruͤſteten, hatten gegen Ende des erſten Jahrtauſends Anarchie und Verwuͤſtung ihren ſchrecklichen Thron aufgeſchla⸗ gen. Nirgends, lehrt eine traurige Erfahrung, ſieht man die Leidenſchaften und Laſter der Menſchen ausgelaſſener toben, nirgends mehr Elend wohnen, als in den gluͤcklichen Gegenden, welche die Natur zu Paradieſen beſtimmte. Schon in fruͤhen Zeiten ſtellten Raubſucht und Eroberungsbegierde dieſer geſeg⸗ neten Inſel nach; und ſo wie die ſchoͤpferiſche Waͤrme dieſes Himmels die ungluͤckliche Wirkung hatte, die abſcheulichſten Ge⸗ burten der Tyrannei an das Licht zu bruͤten, hatte ſelbſt auch das wohlthaͤtige Meer, welches dieſe Inſel zum Mittelpunkte des Handels beſtimmte, nur dazu dienen muͤſſen, die feindſeli⸗ gen Flotten der Mamertiner, der Carthager, der Araber an ihre Kuſte zu tragen. Eine Reihe barbariſcher Nationen hatte dieſen einladenden Boden betreten. Die Griechen, aus Ober⸗ und Mittel⸗Italien durch Longobarden und Franken vertrieben, hatten 45 in dieſen Gegenden einen Schatten von Herrſchaft gerettet. Bis nach Apulien hinab hatten ſich die Longobarden verbreitet, und arabiſche Corſaren mit dem Schwerte in der Hand ſich Wohn⸗ ſitze darin errungen. Ein barbariſches Gemiſch von Sprachen und Sitten, von Trachten und Gebraͤuchen, von Geſetzen und Religionen zeugte noch jetzt von ihrer verderblichen Gegenwart. Hier ſah ſich der Unterthan nach dem longobardiſchen Geſetz, ſein naͤchſter Nachbar nach dem Juſtinianiſchen, ein dritter nach dem Koran gerichtet. Derſelbe Pilger, der des Morgens geſaͤttigt aus den Ringmauren eines Kloſters ging, mußte des Abends die Mildthaͤtigkeit eines Moslems in Anſpruch nehmen. Die Nachfolger des heiligen Petrus hatten nicht geſaͤumt, ihren frommen Arm nach dieſem gelobten Lande auszuſtrecken, auch einige deutſche Kaiſer die Hoheit des Kaiſernamens in dieſem Theile Italiens geltend gemacht, und einen großen Diſtrict desſelben als Sieger durchzogen. Gegen Otto den Zweiten ſchloſ⸗ ſen die Griechen mit den verabſcheuten Arabern einen Bund, der dieſem Eroberer ſehr verderblich wurde. Calabrien und Apulien traten nunmehr aufs neue unter griechiſche Hoheit zu⸗ ruͤck; aber aus den feſten Schloͤſſern, welche die Saracenen in dieſem Landſtrich noch inne hatten, ſtuͤrzten zu geiten bewaffnete Schaaren hervor, andere arabiſche Schwaͤrme ſetzten aus dem angraͤnzenden Sicilien hinuͤber, welche Griechen und Lateiner ohne Unterſchied beraubten. Von der fortwaͤhrenden Anarchie beguͤnſtigt, riß Jeder an ſich, was er konnte, und verband ſich, je nachdem es ſein Vortheil war, mit Muhamedanern, mit Griechen, mit Lateinern. Einzelne Staͤdte, wie Gaeta und Neapel, regierten ſich nach republicaniſchen Geſetzen. Mehrere longobardiſche Geſchlechter genoſſen unter dem Schirm einer ſcheinbaren Abhaͤngigkeit von dem romiſchen oder griechi⸗ ſchen Reich eine wahre Souveraͤnetaͤt in Benevent, Capug, Sa⸗ 46 lerno und andern Diſtricten. Die Menge und Verſchiedenheit der Oberherren, der ſchnelle Wechſel der Graͤnze, die Entfer⸗ nung und Unmacht des griechiſchen Kaiſerhofs hielten dem ſtrafloſen Ungehorſam eine ſichere Zuflucht bereit; National⸗ unterſchied, Religionshaß, Raubſucht, Vergroͤßerungsbegierde, durch kein Geſetz gezuͤgelt, verewigten die Anarchie auf dieſem Boden, und naͤhrten die Fackel eines immerwaͤhrenden Kriegs. Das Volk wußte heute nicht, wem es morgen gehorchen wuͤrde⸗ und der Saͤemann war ungewiß, wem die Ernte gehoͤrte. Dieß war der klaͤgliche Zuſtand des untern Italiens im neunten, zehnten und eilften Jahrhundert, waͤhrend daß Sici⸗ lien unter arabiſchem Scepter einer ruhigern Knechtſchaft ge⸗ noß. Der Geiſt der Wallfahrt, welcher beim Ablauf des zehn⸗ ten Jahrhunderts, der gedrohten Annaͤherung des Weltgerichts in den Abendlaͤndern lebendig wurde, fuͤhrte im Jahre 985 auch einige normaͤnniſche Pilger, fuͤnfzig oder ſechzig an der Zahl, nach Jeruſalem. Auf ihrer Heimkehr ſtiegen ſie bei Neapel ans Land und erſchienen zu Salerno, eben als ein grabiſches Heer dieſe Stadt belagerte, und die Einwohner da⸗ mit beſchaͤftigt waren, ſich durch eine Geldſumme ihres Fein⸗ des zu entledigen. Ungern genug hatten dieſe ſtreitbaren Wallfahrer den Har⸗ niſch mit der Pilgertaſche vertauſcht; der alte Kriegsgeiſt ward bei dem kriegeriſchen Anblick lebendig. Tapfere Hiebe, auf die Haͤupter der Unglaͤubigen gefuͤhrt, duͤnkten ihnen keine ſchlech⸗ tere Vorbereitung auf das Weltgericht zu ſeyn, als ein Pilger⸗ zug nach dem heiligen Grabe. Sie boten den belagerten Chri⸗ ſten ihre muͤßige Tapferkeit an, und man erraͤth leicht, daß die unverhoffte Huͤlfe nicht verſchmaͤht ward. Von einer klei⸗ nen Anzahl Salernitaner begleitet, ſtuͤrzt ſich die kuͤhne Schaar bei Nachtzeit in das arabiſche Lager, wo man, auf keinen 47 Feind gefaßt, in ſtolzer Sicherheit ſchwelgt. Alles weicht ihrer unwiderſtehlichen Tapferkeit. Eilfertig werfen ſich die Sara⸗ cenen in ihre Schiffe, und geben ihr ganzes Lager Preis. Sa⸗ lerno hatte ſeine Schaͤtze gerettet, und bereicherte ſich noch mit dem ganzen Raub der Unglaͤubigen; das Werk der Tapferkeit von ſechzig normänniſchen Pilgern. Ein ſo wichtiger Dienſt war der ausgezeichnetſten Dankbarkeit werth, und, befriedigt von der Freigebigkeit des Fuͤrſten zu Salerno, ſchiffte die Heldenſchaar nach Hauſe. Das Abenteuer in Italien ward in der Heimath nicht ver⸗ ſchwiegen. Neapels ſchoͤner Himmel und geſegnete Erde ward geruͤhmt, der nie geendigte Krieg auf dieſem Boden, der dem Soldaten Beſchaͤftigung und Anſehen, der dem Schwachen Reichthum, der ihm Beute und Belohnung verſprach. Mit begierigem Ohr horchte eine kriegeriſche Jugend. Das untere Italien ſah in kurzer Zeit neue Haufen von Normaͤnnern lan⸗ den, deren Tapferkeit ihre kleine Anzahl verbarg. Das milde Klima, das fette Land, die koͤſtliche Beute, waren unwider⸗ ſtehliche Reizungen fuͤr ein Volk, das in ſeinen neuen Wohn⸗ ſitzen und bei ſeiner neuen Lebensart das corſariſche Gewerbe ſo ſchnell nicht verlernen konnte. Ihr Arm war Jedem feil, der ihn dingen wollte; Fechtens wegen waren ſie gekommen, gleichviel fuͤr weſſen Sache ſie fochten. Der griech iſche Unter⸗ than erwehrte ſich mit dem Arme der Normaͤnner einer tyran⸗ niſchen Satrapenregierung; mit Huͤlfe der Normaͤnner trotzten die longobardiſchen Fuͤrſten den Anſpruͤchen des griechiſchen Hofs; Normanner ſtellten die Griechen ſelbſt den Saracenen entgegen. Lateiner und Griechen hatten ohne Unterſchied Ur⸗ ſache, den Arm dieſer Fremdlinge wechſelsweiſe zu fuͤrchten und zu preiſen. In Neapel hatte ſich ein Herzog aufgeworfen, dem die Tapfer⸗ ———— 48 keit der Normaͤnner gegen einen Fuͤrſten von Capua große Dienſte leiſtete. Dieſe nuͤtzlichen Ankoͤmmlinge immer feſter an ſich zu knuͤpfen, ihren huͤlfreichen Arm ſtets in der Naͤhe zu wiſſen, ſchenkte er ihnen Landeigenthum zwiſchen Capua und Neapel, auf welchem Boden ſie im Jahre 1029 die Stadt Averſa bauten— ihre erſte feſte Beſitzung auf italieniſcher Erde, errungen durch Tapferkeit, aber nicht durch Gewalt, viel⸗ leicht die einzig gerechte, deren ſie ſich zu ruͤhmen hatten. Die normaͤnniſchen Ankoͤmmlinge mehren ſich, ſobald eine landsmaͤnniſche Stadt ihnen die gaſtfreien Thore oͤffnet. Drei Bruͤder, Wilhelm, der eiſerne Arm, Humfred und Drogon, beurlauben ſich von neun andern Bruͤdern und ihrem Vater Tancred von Hauteville, um in der neuen Colonie das Gluͤck der Waffen zu verſuchen. Der griechiſche Statthalter von Apulien beſchließt eine Landung auf Sicilien, und die Tapfer⸗ keit der Gaͤſte wird aufgefordert, die Gefahren dieſes Feldzugs zu theilen. Ein ſaraceniſches Heer wird geſchlagen, und ſein An⸗ fuͤhrer faͤllt unter dem eiſernen Arm. Der kraͤftige Beiſtand der Normaͤnner verſpricht den Griechen die Wiedereroberung der ganzen Inſel; ihr Undank gegen dieſe ihre Beſchuͤtzer macht ſie auch noch das Wenige verlieren, was auf dem feſten Lande Italiens noch ihre Herrſchaft erkennt. Von dem treuloſen Statthalter zur Rache gereizt, kehren die Normaͤnner gegen ihn ſelbſt die Waffen, welche kurz zuvor ſiegreich fuͤr ihn gefuͤhrt worden waren. Die griechiſchen Beſitzungen werden angegriffen, ganz Apulien von nicht mehr als vierhundert Normaͤnnern erobert. Mit barbariſcher Redlichkeit theilt man ſich in den unverhofften RNaub. Ohne bei einem gpoſtoliſchen Stuhl, ohne bei einem Kaiſer in Deutſchland oder Byzanz anzufragen, ruft die ſieg⸗ reiche Schaar den eiſernen Arm zum Grafen von Apulien 49 aus; jedem normaͤnniſchen Streiter wird in dem eroberten Land irgend eine Stadt oder ein Dorf zur Belohnung. Das unerwartete Gluͤck der ausgewanderten Soͤhne Tancreds erweckte bald die Eiferſucht der daheim gebliebenen. Der juͤngſte von dieſen, Robert Guiscard(der Verſchlagene), war heran⸗ gewachſen, und die kuͤnftige Groͤße verkuͤndigte ſich ſeinem ahnenden Geiſt. Mit zwei andern Bruͤdern machte er ſich auf in das goldene Land, wo man mit dem Degen Furſten⸗ thuͤmer angelt. Gern erlaubten die deutſchen Kaiſer, Heinrich II und III, dieſem Heldengeſchlechte, zu Vertreibung ihres verhaß⸗ teſten Feindes und zu Italiens Befreiung ihr Blut zu ver⸗ ſpritzen. Gewonnen duͤnkte ihnen fuͤr das abendlaͤndiſche Reich, was fuͤr das morgenlaͤndiſche verloren war, und mit guͤnſtigem Auge ſehen ſie die tapfern Fremdlinge von dem Raube der Griechen wachſen. Aber die Eroberungsplane der Normaͤnner erweitern ſich mit ihrer wachſenden Anzahl und ihrem Gluͤck; der Griechen Meiſter, bezeigen ſie Luſt, ihre Waffen gegen die Lateiner zu kehren. So unternehmende Nachbarn beunruhigen den roͤmiſchen Hof. Das Herzogthum Benevent, dem Papſt Leo IX erſt kuͤrzlich von Kaiſer Heinrich III zum Geſchenke ge⸗ geben, wird von den Normaͤnnern bedroht. Der Papſt ruft gegen ſie den maͤchtigen Kaiſer zu Huͤlfe, der zufrieden iſt, dieſe kriegeriſchen Maͤnner, die er nicht zu bezwingen hofft, in Vaſallen des Reichs zu verwandeln, dem ihre Tapferkeit zur Vormauer gegen Griechen und Unglaͤubige dienen ſollte. Leo IX bedient ſich gegen ſie der nimmer fehlenden apoſtoliſchen Waffen. Der Fluch wird uͤber ſie ausgeſprochen, ein heiliger Krieg wird gegen ſie gepredigt, und der Papſt haͤlt die Gefahr fuͤr drohend genug, um mit ſeinen Biſchoͤfen in eigner Perſon an der Spitze ſeines heiligen Heers gegen ſie zu ſtreiten. Die Nor⸗ maͤnner achten gleich wenig auf die Staͤrke dieſes Heers und Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 4 50 auf die Heiligkeit ſeiner Anfuͤhrer. Gewohnt, in noch kleinerer Anzahl zu ſiegen, greifen ſie unerſchrocken an, die Deutſchen werden niedergehauen, die Italiener zerſtreut, die heilige Perſon des Papſtes ſelbſt faͤllt in ihre ruchloſen Haͤnde. Mit tiefſter Ehrfurcht wird dem Statthalter Petri von ihnen begegnet, und nicht anders als knieend nahen ſie ſich ihm, aber der Reſpect ſeiner Ueberwinder kann ſeine Gefangenſchaft nicht verkuͤrzen. Der Einnahme Apuliens folgte bald die Unterwerfung Cala⸗ briens und des Gebietes von Capua. Die Politik des roͤmiſchen Hofes, welche nach mehreren mißlungenen Verſuchen dem Unter⸗ nehmen entſagte, die Normaͤnner aus ihren Beſitzungen zu ver⸗ jagen, verfiel endlich auf den weiſeren Ausweg, von dieſem Uebel ſelbſt fuͤr die roͤmiſche Groͤße Nutzen zu ziehen. In einem Ver⸗ gleich, der zu Amalſi mit Robert Guiscard zu Stande kam, beſtaͤtigte Papſt Nikolaus II dieſem Eroberer den Beſitz von Calabrien und Apulien als paͤpſtliches Lehen, befreite ſein Haupt von dem Kirchenbann, und reichte ihm als oberſter Lehensherr die Fahne. Wenn irgend eine Macht die Tapferkeit der Normaͤnner mit dem Geſchenk dieſer Fuͤrſtenthuͤmer beloh⸗ nen konnte, ſo kam es doch keineswegs dem roͤmiſchen Biſchof zu, dieſe Großmuth zu beweiſen. Robert hatte kein Land weg⸗ genommen, das dem erſten Finder gehoͤrte; von dem griechi⸗ ſchen, oder, wenn man will, von dem deutſchen Reich waren die Provinzen abgeriſſen, welche er ſich mit dem Schwert zu⸗ geeignet hatte. Aber von jeher haben die Nachfolger Petri in der Verwirrung geerntet. Die Lehensverbindung der Nor⸗ maͤnner mit dem roͤmiſchen Hofe war fuͤr ſie ſelbſt und fuͤr dieſen das vortheilhafteſte Ereigniß. Die Ungerechtigkeit ihrer Eroberungen bedeckte jetzt der Mantel der Kirche; die ſchwache, kaum fuͤhlbare Abhaͤngigkeit von dem apoſtoliſchen Stuhl entzog ſie dem ungleich druͤckendern Joche der deutſchen Kaiſer, und 51 der Papſt hatte ſeine furchtbarſten Feinde in treue Stuͤtzen ſeines Stuhls verwandelt. In Sicilien theilten ſich noch immer Saracenen und Grie⸗ chen, aber bald fing dieſe reiche Inſel an, die Vergroͤßerungs⸗ begierde der normaͤnniſchen Eroberer zu reizen. Auch mit die⸗ ſer beſchenkte der Papſt ſeine neuen Clienten, dem es bekannt⸗ lich nichts koſtete, die Erdkugel mit neuen Meridianen zu durchſchneiden und noch unentdeckte Welten auszutheilen. Mit der Fahne, welche der heilige Vater geweiht hatte, ſetzten die Soͤhne Tancreds, Guiscard und Roger, in Sicilien uͤber, und unterwarfen ſich in kurzer Zeit die ganze Inſel. Mit Vorbe⸗ halt ihrer Religion und Geſetze huldigten Griechen und Araber der normaͤnniſchen Herrſchaft, und die neue Eroberung wurde Rogern und ſeinen Nachkommen uͤberlaſſen. Auf die Unter⸗ werfung Siciliens folgte bald die Wegnahme von Benevent und Salerno, und die Vertreibung des in der letzten Stadt regierenden Fuͤrſtenhauſes, welches aber den kurzen Frieden mit der roͤmiſchen Kirche unterbricht und zwiſchen Robert Guiscard und dem Papſt einen heftigen Streit entzuͤndet. Gregor VII, der gewaltthaͤtigſte aller Paͤpſte, kann einige normaͤnniſche Edel⸗ leute, Vaſallen und Nachbarn ſeines Stuhls, weder in Furcht ſetzen, noch bezwingen. Sie trotzen ſeinem Bannfluch, deſſen fuͤrchterliche Wirkungen einen heldenmuͤthigen und maͤchtigen Kai⸗ ſer zu Boden ſchlagen, und eben der herausfordernde Trotz, wo⸗ durch dieſer Papſt die Zahl ſeiner Feinde vergroͤßert und ihre Er⸗ bitterung unverſoͤhnlich macht, macht ihm einen Freund in der Naͤhe deſto wichtiger. Um Kaiſer und Koͤnigen zu trotzen, muß er einem gluͤcklichen Abenteurer in Apulien ſchmeicheln. Bald bedarf er in Rom ſelbſt ſeines rettenden Arms. In der Engelsburg von Roͤmern und Deutſchen belagert, ruft er den Herzog von Apulien zu ſeinem Beiſtand herbei, der auch wirk⸗ 5² lich an der Spitze normaͤnniſcher, griechiſcher und arabiſcher Vaſallen das Haupt der lateiniſchen Chriſtenheit frei macht. Gedruͤckt von dem Haſſe ſeines ganzen Jahrhunderts, deſſen Frieden ſeine Herrſchſucht zerſtoͤrte, folgt eben dieſer Papſt 6 ſeinen Errettern nach Neapel und ſtirbt zu Salerno unter dem Schutz von Hauteville's Soͤhnen. Derſelbe normaͤnniſche Fuͤrſt, Robert Guiscard, der ſich in Italien und Sicilien ſo gefuͤrchtet machte, war das Schrecken der Griechen, die er in Dalmatien und Macedonien angriff, und ſelbſt in der Naͤhe ihrer Kaiſerſtadt aͤngſtigte. Die griechi⸗ ſche Unmacht rief gegen ihn die Waffen und Flotten der Re⸗ publik Venedig zu Huͤlfe, die durch die reißendſten Fortſchritte dieſer neuen italieniſchen Macht in ihren Traͤumen von Ober⸗ herrſchaft des adriatiſchen Meers fuͤrchterlich aufgeſchreckt worden. Auf der Inſel Cephalonia ſetzte endlich, fruͤher als ſein Ehrgeiz, der Tod ſeinen Eroberungsplanen eine Graͤnze. Seine anſehnlichen Beſitzungen in Griechenland, lauter Er⸗ werbungen ſeines Degens, erbte ſein Sohn Bohemund, Fuͤrſt von Tarent, der ihm an Tapferkeit nicht nachſtand, und ihn an Ehrſucht noch uͤbertraf. Er war es, der den Thron der Komnener in Griechenland erſchuͤtterte, den Fanatismus der Kreuzfahrer den Entwuͤrfen einer kalten Vergroͤßerungsbegierde liſtig dienen ließ, in Antiochien ſich ein anſehnliches Fuͤrſten⸗ thum errang, und allein von dem frommen Wahnſinne frei war, der die Fuͤrſten des Kreuzheers erhitzte. Die griechiſche Prinzeſſin Anna Komnena ſchildert uns Vater und Sohn als gewiſſenloſe Banditen, deren ganze Tugend ihr Degen war, aber Robert und Bohemund waren die fuͤrchterlichſten Feinde ihres Hauſes; ihr Zeugniß reicht alſo nicht hin, dieſe Maͤnner zu verdammen. Eben dieſe Prinzeſſin kann es dem Robert nicht vergeben, daß er, ein bloßer Edelmann und Gluͤcksritter, 53 Vermeſſenheit genug beſeſſen, ſeine Wuͤnſche bis zu einer Verwandtſchaftsverbindung mit dem regierenden Kaiſerhauſe in Konſtantinopel zu erheben. Immer bleibt es eine merk⸗ wuͤrdige Erſcheinung in der Geſchichte, wie die Soͤhne eines unbeguͤterten Edelmanns in einer Provinz Frankreichs auf gut Gluͤck aus ihrer Heimath auswandern, und, durch nichts als ihren Degen unterſtuͤtzt, ein Koͤnigreich zuſammenrauben, Kai⸗ ſern und Paͤpſten zugleich mit ihrem Arme und ihrem Ver⸗ ſtande widerſtehen, und noch Kraft genug uͤbrig haben, aus⸗ waͤrtige Throne zu erſchuͤttern. Ein anderer Sohn Roberts, mit Namen Roger, war ihm in ſeinen calabriſchen und apuliſchen Beſitzungen gefolgt; aber ſchon vierzig Jahre nach Roberts Tode verloſch ſein Geſchlecht. Die normaͤnniſchen Staaten auf dem feſten Lande wurden nunmehr von der Nachkommenſchafr ſeines Bruders in Beſitz genommen, welche in Sicilien bluͤhre. Roger, Graf von Sici⸗ lien, nicht weniger tapfer als Guiscard, aber eben ſo gutthaͤtig und mild, als dieſer grauſam und eigennuͤtzig war, hatte den Ruhm, ſeinen Nachkommen ein glorreiches Recht zu erfechten. Zu einer Zeit, wo die Anmaßungen der Paͤpſte alle weltliche Gewalt zu verſchlingen drohten, wo ſie den Kaiſern in Deutſch⸗ land das Recht der Inveſtituren entriſſen und die Kirche von dem Staat gewaltſam abgetrennt hatten, behauptete ein nor⸗ maͤnniſcher Edelmann in Sicilien ein Regal, welches Kaiſer hatten aufgeben muͤſſen. Graf Roger drang dem roͤmiſchen Stuhle fuͤr ſich und ſeine Nachfolger in Sicilien die Bewilligung ab, auf ſeiner Inſel die hoͤchſte Gewalt in geiſtlichen Dingen auszuuͤben. Der Papſt war im Gedraͤnge; um den deutſchen Kaiſern zu widerſtehen, konnte er die Freundſchaft der Nor⸗ maͤnner nicht entbehren. Er erwaͤhlte alſo den ſtaatsklugen Ausweg, ſich durch Nachgiebigkeit einen Nachbar zu verpflich⸗ 54 ten, welchen zu reizen allzu gefaͤhrlich war. Um aber zu ver⸗ hindern, daß dieſes zugeſtandene Recht ja nicht mit den uͤbri⸗ gen Regalien vermengt wuͤrde, um den Genuß derſelben im Lichte einer paͤpſtlichen Verguͤnſtigung zu zeigen, erklaͤrte der Papſt den ſicilianiſchen Fuͤrſten zu ſeinem Legaten oder geiſt⸗ lichen Gewalthaber auf der Inſel Sicilien. Rogers Nach⸗ folger fuhren fort, dieſes wichtige Recht unter dem Namen geborner Legaten des roͤmiſchen Stuhls auszuuͤben, welches unter dem Namen der ſicilianiſchen Monarchie von allen nachherigen Regenten dieſer Inſel behauptet ward. Roger der Zweite, der Sohn des vorhergehenden, war es, der die anſehnlichen Staaten, Apulien und Calabrien, ſeiner Grafſchaft Sicilien einverleibte, und ſich dadurch im Beſitz einer Macht erblickte, die ihm Kuͤhnheit genug einfloͤßte, ſich in Palermo die koͤnigliche Krone aufzuſetzen; dazu war weiter nichts noͤthig, als ſein eigener Entſchluß und eine hinlaͤngliche Macht, ihn gegen jeden Widerſpruch zu behaupten. Aber derſelbe ſtaats⸗ kluge Aberglaube, der ſeinen Vater und Oheim geneigt gemacht hatte, die Anmaßung fremder Laͤnder durch den Namen einer paͤpſtlichen Schenkung zu heiligen, bewog auch den Neffen und Sohn, ſeiner angemaßten Wuͤrde durch eben dieſe heiligende Hand die letzte Sanction zu verſchaffen. Die Trennung, welche damals in der Kirche ausgebrochen war, beguͤnſtigte Rogers Abſichten. Er verpflichtete ſich dem Papſt Anaklet, indem er die Rechtmaͤßigkeit ſeiner Wahl anerkannte und mit ſeinem Degen zu behaupten bereit war. Fuͤr dieſe Gefaͤlligkeit beſtaͤtigte ihm der dankbare Praͤlat die koͤnigliche Wuͤrde, und ertheilte ihm die Belehnung uͤber Capua und Neapel, die letzten griechiſchen Lehen auf italieniſchem Boden, welche Roger Anſtalten machte zu ſeinem Reich zu ſchlagen. Aber er konnte ſich den einen Papſt nicht verpflichten, ohne ſich in dem andern einen unver⸗ ſoͤhnlichen Feind zu erwecken. Auf ſeinem Haupte verſammelt ſich alſo jetzt der Segen des einen Papſtes und der Fluch des andern; welcher von beiden Fruͤchte tragen ſollte— beruhte wahrſcheinlich auf der Guͤte ſeines Degens. Der neue Koͤnig von Sicilien hatte auch ſeine ganze Klug⸗ heit und Thaͤtigkeit noͤthig, um dem Sturm zu begegnen, der ſich in den Abend⸗ und Morgenlaͤndern wider ihn zuſammen⸗ zog. Nicht weniger als vier feindliche Maͤchte, unter denen einzeln genommen keine zu verachten war, hatten ſich zu ſeinem Untergang vereinigt. Die Republik Venedig, welche ſchon ehe⸗ mals wider Robert Guiscard Flotten in See geſchickt, und geholfen hatte, die griechiſchen Staaten gegen dieſe Eroberer zu vertheidigen, waffnete ſich aufs neue gegen ſeinen Neffen, deſſen furchtbare Seemacht ihr die Oberherrſchaft auf dem adria⸗ tiſchen Buſen ſtreitig zu machen drohte. Roger hatte dieſe kaufmaͤnniſche Macht an ihrer empfindlichſten Seite angegriffen, da er ihr eine große Geldſumme an Waaren wegnehmen ließ. Der griechiſche Kaiſer Kalojoannes hatte den Verluſt ſo vieler Staaten in Griechenland und Italien und noch die neuerliche Wegnahme von Neapel und Capua an ihm zu raͤchen. Beide Hoͤfe von Konſtantinopel und Venedig ſchickten nach Merſeburg Abgeordnete an Kaiſer Lothar, dem verhaßten Raͤuber ihrer Staaten einen neuen Feind in dem Oberhaupt des deutſchen Reichs zu erwecken. Papſt Innocentius, an kriegeriſcher Macht zwar der ſchwaͤchſte unter allen Gegnern Rogers, war einer der furchtbarſten durch die Geſchaͤftigkeit ſeines Haſſes und durch die Waffen der Kirche, die ihm zu Gebote ſtanden. Man uͤber⸗ redete den Kaiſer Lothar, daß das normaͤnniſche Reich im untern Italien und die Anmaßung der ſicilianiſchen Koͤnigs⸗ wuͤrde durch Roger mit der oberſten Gerichtsbarkeit der Kaiſer auͤber dieſe Laͤnder unvertraͤglich ſeyen, und daß es dem Nach⸗ 56 folger der Ottonen gebuͤhre, der Verminderung des Reichs ſich entgegen zu ſetzen. So wurde Lothar veranlaßt, einen zweiten Marſch uͤber die Alpen zu thun, und gegen Koͤnig Roger von Sicilien einen Feldzug zu unternehmen. Seine Armee war jetzt zahlreicher, die Bluͤthe des deutſchen Adels war mit ihm, und die Tapferkeit der Hohenſtaufen kaͤmpfte fuͤr ſeine Sache. Die lombardiſchen Staͤdte, von jeher gewohnt, ihre Unterwuͤrfigkeit nach der Staͤrke der Kriegsheere abzuwaͤgen, mit welchen ſich die Kaiſer in Italien zeigten, hul⸗ digten ſeiner unwiderſtehlichen Macht, und ohne Widerſtand oͤffnete ihm die Stadt Mailand ihre Thore. Er hielt einen Reichstag in den roncaliſchen Feldern, und zeigte den Italienern ihren Oberherrn. Darauf theilte er ſein Heer, deſſen eine Haͤlfte unter der Anfuͤhrung Herzog Heiurichs von Bayern in das Toscaniſche drang, die andere unter dem perſoͤnlichen Com⸗ mando des Kaiſers, laͤngs der adriatiſchen Seekuͤſte, geraden Weges gegen Apulien anruͤckte. Der griechiſche Hof und die Republik Venedig hatten Truppen und Geld zu dieſer Kriegs⸗ ruͤſtung hergeſchoſſen. Zugleich ließ die Stadt Piſa, damals ſchon eine bedeutende Seemacht, eine kleine Flotte dieſer Land⸗ armee folgen, die feindlichen Seeplaͤtze anzugreifen. Jetzt ſchien es um die normaͤnniſche Macht in Italien ge⸗ than, und nicht ohne Theilnehmung ſieht man das Gebaͤude, an welchem die Tapferkeit ſo vieler Helden gearbeitet, welches das Gluͤck ſelbſt ſo ſichtbar in Schutz genommen hatte, ſich zu ſei⸗ nem Untergang neigen. Glorreiche Erfolge kroͤnen den erſten Anfang Lothars. Capua und Benevent muͤſſen ſich ergeben. Die apuliſchen Staͤdte Trani und Bari werden erobert; die Piſaner bringen Amalſi, Lothar ſelbſt die Stadt Salerno zur Uebergabe. Eine Saͤule der normaͤnniſchen Macht ſtuͤrzt nach 57 der andern, und von dem feſten Lande Italiens vertrieben, bleibt dem neuen Koͤnige nichts uͤbrig, als in ſeinem Erbreich Sicilien eine letzte Zuflucht zu ſuchen. Aber es war das Schickſal von Tancreds Geſchlecht, daß die Kirche mit und ohne ihren Willen fuͤr ſie arbeiten ſollte. Kaum war Salerno erobert, ſo nimmt Innocentius dieſe Stadt als ein paͤpſtliches Lehen in Anſpruch, und ein lebhafter Zank entſpinnt ſich daruͤber zwiſchen dieſem Papſt und dem Kaiſer. Ein aͤhnlicher Streit wird uͤber Apulien rege, uͤber welche Provinz man uͤberein gekommen war einen Herzog zu ſetzen, deſſen Belehnung, als Zeichen der oberſten Hoheit, Innocentius gleichfalls dem Kaiſer Lothar ſtreitig macht. Um einen dreißigtaͤgigen verderblichen Streit zu beendigen, ver⸗ einigt man ſich endlich in der ſonderbaren Auskunft, daß beide, Kaiſer und Papſt, bei dem Belehnungsact dieſes Herzogs be⸗ rechtigt ſeyn ſollten, zu gleicher Zeit die Hand an die Fahne zu legen, die dem Vaſallen bei der Huldigungsfeierlichkeit von dem Lehensherrn uͤbergeben ward. Waͤhrend dieſes Zwieſpalts ruhte der Krieg gegen Roger, oder ward wenigſtens ſehr laͤſſig gefuͤhrt, und dieſer wachſame thaͤtige Fuͤrſt gewann Zeit, ſich zu erholen. Die Piſaner, unzufrieden mit dem Papſte und den Deutſchen, fuͤhrten ihre Flotte zuruͤck; die Dienſtzeit der Deutſchen war zu Ende, ihr Geld verſchwen⸗ det, und der feindſelige Einfluß des neapolitaniſchen Himmels fing an, die gewohnte Verheerung in ihrem Lager anzurichten. Ihre immer lauter werdende Ungeduld rief den Kaiſer aus den Armen des Siegs. Schneller noch, als ſie gewonnen worden, gingen die meiſten der gemachten Eroberungen nach ſeiner Ent⸗ fernung verloren. Noch in Bononien mußte Lothar die nieder⸗ ſchlagende Nachricht hoͤren, daß Salerno ſich an den Feind er⸗ geben, daß Capua erobert und der Herzog von Neapel ſelbſt zu 58 den Normaͤnnern uͤbergetreten ſey. Nur Apulien wurde durch ſeinen neuen Herzog mit Huͤlfe eines zuruͤckgebliebenen Corps ſtandhaft behauptet, und der Verluſt dieſer Provinz war der Preis, um welchen Noger ſeine uͤbrigen Laͤnder gerettet ſah. Nachdem der normaͤnniſche Papſt, Anaklet, geſtorben, und Innocentius alleiniger Fuͤrſt der Kirche geworden war, hielt er im Lateran eine Kirchenverſammlung, welche alle Decrete des Gegenpapſtes fuͤr nichtig erklaͤrte und ſeinen Beſchuͤtzer Roger abermals mit dem Bannfluche belegte. Innocentius zog auch, nach dem Beiſpiel des Leo, in Perſon gegen den ſicilianiſchen Fuͤrſten zu Felde, aber auch er mußte, wie ſein Vorgaͤnger, dieſe Verwegenheit mit einer gaͤnzlichen Niederlage und dem Verluſt ſeiner Freiheit bezahlen. Roger aber ſuchte als Sieger den Frieden mit der Kirche, der ihm um ſo noͤthiger war, da ihn Venedig und Konſtantinopel mit einem neuen Angriff be⸗ drohten. Er erhielt von dem gefangenen Papſte die Belehnung uͤber ſein Koͤnigreich Sicilien; ſeine beiden Soͤhne wurden als Herzoge von Capua und Apulien anerkannt. Er ſelbſt ſowohl als dieſe mußten dem Papſt den Vaſallen⸗Eid leiſten, und ſich zu einem jaͤhrlichen Tribut an die roͤmiſche Kirche verſtehen. Ueber die Anſpruͤche des deutſchen Reichs an dieſe Provinzen, um derentwillen doch Innocentius ſelbſt den Kaiſer wider Ro⸗ gern bewaffnet hatte, wurde bei dieſem Vergleich ein tiefes Stillſchweigen beobachtet. So wenig konnten die roͤmiſchen Kaiſer auf die paͤpſtliche Redlichkeit zaͤhlen, wenn man ihres Arms nicht benoͤthigt war. Roger kuͤßte den Pantoffel ſeines Gefangenen, fuͤhrte ihn nach Rom zuruͤck, und Friede war zwiſchen den Normaͤnnern und dem apoſtoliſchen Stuhl. Kai⸗ ſer Lothar ſelbſt hatte auf der Ruͤckkehr nach Deutſchland im Jahr 1137 in einer ſchlechten Bauernhuͤtte zwiſchen dem Lech und dem Inn ſein muͤhe⸗ und ruhmvolles Leben geendigt. Unfehlbar war der Plan dieſes Kaiſers geweſen, daß ihm ſein Tochtermann, Herzog Heinrich von Bayern und Sachſen, auf dem Kaiſerthron folgen ſollte, wozu er wahrſcheinlich noch bei ſeinen Lebzeiten Anſtalten zu machen geſonnen geweſen war. Aber ehe er einen Schritt deßwegen thun konnte, uͤberraſchte ihn der Tod. Heinrich von Bayern hatte die Fuͤrſten Deutſchlands mit vielem Stolze behandelt, und war ihnen auf dem italieniſchen Feldzug ſehr gebieteriſch begegnet. Auch jetzt, nach Lothars Tode, bemuͤhte er ſich nicht ſehr um ihre Freundſchaft, und machte ſie dadurch nicht geneigt, ihre Wahl auf ihn zu rich⸗ ten. Ganz anders betrug ſich Konrad von Hohenſtaufen, der den Zug nach Italien mitgemacht und auf demſelben die Fuͤr⸗ ſten, beſonders den Erzbiſchof von Trier, fuͤr ſich einzunehmen gewußt hatte. Außerdem ſchwebte die kuͤrzlich feſtgeſetzte Wahlfreiheit des deutſchen Reichs den Fuͤrſten noch zu lebhaft vor Augen, und Alles kam jetzt darauf an, den geringſten Schein einer Ruͤckſicht auf das Erbrecht bei der Kaiſerwahl zu vermeiden. Heinrichs Verwandtſchaft mit Lothar war alſo ein Beweggrund mehr, ihn bei der Wahl zu uͤbergehen. Zu dieſem Allem kam noch die Furcht vor ſeiner uͤberwiegenden Macht, welche, mit der Kaiſerwuͤrde vereinigt, die Freiheit des deutſchen Reichs zu Grunde richten konnte. Jetzt alſo ſah man auf einmal das Staatsſyſtem der deut⸗ ſchen Fuͤrſten umgeaͤndert. Die Welfiſche Familie, welcher Heinrich von Bayern angehoͤrte, unter der vorigen Regierung erhoben, mußte jetzt wieder herabgeſetzt werden, und das Hohen⸗ ſtaufiſche Haus, unter der vorigen Regierung zuruͤckgeſetzt, follte wieder die Oberhand gewinnen. Der Erzbiſchof von Mainz war eben geſtorben, und die Wahl eines neuen Erz⸗ biſchofs ſollte der Wahl des Kaiſers billig vorangehen, da der 60 Erzbiſchof bei der Kaiſerwahl eine Hauptrolle ſpielte. Weil aber zu fuͤrchten war, daß das große Gefolge von ſaͤchſiſchen und bayeriſchen Biſchoͤfen und weltlichen Vaſallen, mit welchen Heinrich auf den Wahltag wuͤrde angezogen kommen, die Ueber⸗ legenheit auf ſeine Seite neigen moͤchte, ſo eilte man— wenn es auch eine Unregelmaͤßigkeit koſten ſollte— vor ſeiner An⸗ kunft die Kaiſerwahl zu beendigen. Unter der Leitung des Erzbiſchofs von Trier, der dem Hohenſtaufiſchen Hauſe vor⸗ zuͤglich hold war, kam dieſe in Koblenz zu Stande(1437). Herzog Konrad war erwaͤhlt und empfing auch ſogleich in Aachen die Krone. So ſchnell hatte das Schickſal gewechſelt, daß Konrad, den der Papſt unter der vorigen Regierung mit dem Banne belegte, ſich dem Tochtermann eben des Lothar vorgezogen ſah, der fuͤr den roͤmiſchen Stuhl doch ſo viel ge⸗ than hatte. Zwar beſchwerten ſich Heinrich und alle Fuͤrſten, welche bei der Wahl Konrads nicht zu Rath gezogen worden, laut uͤber dieſe Unregelmaͤßigkeit; aber die allgemeine Furcht vor der Uebermacht des Welfiſchen Hauſes, und der Umſtand, daß ſich der Papſt fuͤr Konrad erklaͤrt hatte, brachten die Miß⸗ vergnuͤgten zum Schweigen. Heinrich von Bayern, der die Reichsinſignien in Haͤnden hatte, lieferte ſie nach einem kurzen Widerſtande aus. Konrad ſah ein, daß er dabei noch nicht ſtille ſtehen koͤnne. Die Macht des Welfiſchen Hauſes war ſo hoch geſtiegen, daß es eben ſo gefaͤhrliche Folgen fuͤr die Ruhe des Reichs haben mußte, dieſes maͤchtige Haus zum Feinde zu haben, als die Erhebung desſelben zur Kaiſerwuͤrde fuͤr die ſtaͤndiſche Freiheit gehabt haben wuͤrde. Neben einem Vaſallen von dieſer Macht konnte kein Kaiſer ruhig regieren, und das Reich war in Ge⸗ fahr, von einem buͤrgerlichen Kriege zerriſſen zu werden. Man 61 mußte alſo die Macht desſelben wieder herunterſetzen, und dieſer Plan wurde von Konrad III mit Standhaftigkeit befolgt. Er lud den Herzog Heinrich nach Augsburg vor, um ſich uͤber die Klagen zu rechtfertigen, die das Reich gegen ihn habe. Heinrich fand es bedenklich, zu erſcheinen, und nach fruchtloſen Unterhandlungen erklaͤrte ihn der Kaiſer auf einem Hoftag zu Wuͤrzburg in die Reichsacht; auf einem andern zu Goslar wurden ihm ſeine beiden Herzogthuͤmer, Sachſen und Bayern, abgeſprochen. Dieſe raſchen Urtheile wurden von eben ſo friſcher That begleitet. Bayern verlieh man dem Nachbar desſelben, dem Markgrafen von Oeſterreich; Sachſen wurde dem Markgrafen von Brandenburg, Albert der Baͤr genannt, uͤbergeben. Bayern gab Herzog Heinrich auch ohne Widerſtand auf, aber Sachſen hoffte er zu retten. Ein kriegeriſcher ihm ergebener Adel ſtand hier bereit, fuͤr ſeine Sache zu fechten, und weder Albrecht von Brandenburg, noch der Kaiſer ſelbſt, der gegen ihn die Waffen ergriff, konnten ihm dieſes Herzogthum entreißen. Schon war er im Begriff, auch Bayern wieder zu erobern, als ihn der Tod von ſeinen Unternehmungen abrief und die Fackel des Buͤrger⸗ kriegs in Deutſchland verloͤſchte. Bayern erhielt nun der Bruder und Nachfolger des Markgrafen Leopold von Oeſterreich, Hein⸗ rich, der ſich im Beſitz dieſes Herzogthums durch eine Heiraths⸗ verbindung mit der Wittwe des verſtorbenen Herzogs, einer Tochter Lothars, zu befeſtigen glaubte. Dem Sohne des Ver⸗ ſtorbenen, der nachher unter dem Namen Heinrich des Loͤwen beruͤhmt ward, wurde das Herzogthum Sachſen zuruͤckgegeben. So beruhigte Konrad auf eine Zeitlang die Stuͤrme, welche Deutſchlands Ruhe geſtoͤrt hatten und noch gefaͤhrlicher zu ſtoͤren drohten— um in einem thoͤrichten Zug nach Jeruſalem 6² der herrſchenden Schwachheit ſeines Jahrhunderts einen ver⸗ derblichen Tribut zu bezahlen. Anmerkung des Herausgebers. Eine Fortſetzung dieſer Abhandlung hat im vierten Bande der hiſtoriſchen Memoires(erſte Ab⸗ theilung) Herr Geheimer Legationsrath von Woltmann geliefert, welcher im Jahre 1795, als damaliger Profeſſor in Jena, ſich mit Schillern zur Herausgabe der erſten Abtheilung dieſer Memoires verband. Geſchichte der Anruhen in Frankreich, welche der Regierung Heinrichs IV vorangingen, bis zum Tode Karls IX. (Aus der Sammlung hiſtoriſcher Memoires II. Abtheilung 1. 2. 3. 4. 5. und 8. Band.) Die Regierungen Karls VIII, Ludwigs XII und Franz] hatten fuͤr Frankreich eine glaͤnzende Epoche vorbereitet. Die Feldzuͤge dieſer Fuͤrſten nach Italien hatten den Heldengeiſt des franzoͤſiſchen Adels wieder entzuͤndet, den der Deſpotismus Ludwigs XI beinahe erſtickt hatte. Ein ſchwaͤrmeriſcher Ritter⸗ geiſt flammte wieder auf, den eine beſſere Taktik unterſtuͤtzte. Im Kampfe mit ihren ungeuͤbten Nachbarn lernte die Na⸗ tion ihre Ueberlegenheit kennen. Die Monarchie hatte ſich ge⸗ bildet, die Verfaſſung des Koͤnigreichs eine mehr regelmaͤßige Geſtalt angenommen. Der ſonſt ſo furchtbare Trotz uͤbermaͤch⸗ tiger Großen fuͤgte ſich jetzt wieder in die Schranken eines gemeinſchaftlichen Gehorſams. Ordentliche Steuern und ſtehende Heere befeſtigten und ſchirmten den Thron, und der Koͤnig war etwas mehr als ein beguͤterter Edelmann in ſeinem Reiche. In Italien war es, wo ſich die Kraft dieſes Koͤnigreichs zum erſten Male offenbarte. Unnutz zwar floß dort das Blut ſeiner Heldenſoͤhne, aber Europa konnte ſeine Bewunderung einem 64 Volke nicht verſagen, das ſich zu gleicher Zeit gegen fuͤnf ver⸗ einigte Feinde glorreich behauptete. Das Licht ſchoͤner Kuͤnſte war nicht lange vorher in Italien aufgegangen, und etwas mildere Sitten verriethen bereits ſeinen veredelnden Einfluß. Bald zeigte es ſeine Kraft an den trotzigen Siegern, und Italiens Kuͤnſte unterjochten das Genie der Franzoſen, wie ehemals Griechenlands Kunſt ſeine roͤmiſchen Beherrſcher ſich unterwuͤrfig machte. Bald fanden ſie den Weg uͤber die ſavoyi⸗ ſchen Alpen, den der Krieg geoͤffnet hatte. Von einem ver⸗ ſtaͤndigen Regenten in Schutz genommen, von der Buchdrucker⸗ kunſt unterſtuͤtzt, verbreiteten ſie ſich bald auf dieſem dank⸗ baren Boden. Die Morgenroͤthe der Cultur erſchien; ſchon eilte Frankreich mit ſchnellen Schritten ſeiner Civiliſirung ent⸗ gegen. Die neuen Meinungen erſcheinen, und gebieten dieſem ſchoͤnen Anfang einen traurigen Stillſtand. Der Geiſt der Intoleranz und des Aufruhrs loͤſcht den noch ſchwachen Schim⸗ mer der Verfeinerung wieder aus, und die ſchreckliche Fackel des Fanatismus leuchtet. Tiefer als je ſtuͤrzt dieſer ungluͤck⸗ liche Staat in ſeine barbariſche Wildheit zuruͤck, das Opfer eines langwierigen verderblichen Buͤrgerkriegs, den der Ehr⸗ geiz entflammt, und ein wuͤthender Religionseifer zu einem allgemeinen Brande vergroͤßert. So feurig auch das Intereſſe war, mit welchem die eine Haͤlfte Europens die neuen Meinungen aufnahm und die an⸗ dere dagegen kaͤmpfte, ſo eine maͤchtige Triebfeder der Religions⸗ fanatismus auch fuͤr ſich ſelbſt iſt, ſo waren es doch großentheils ſehr weltliche Leidenſchaften, welche bei dieſer großen Begebenheit geſchaͤftig waren, und groͤßtentheils politiſche Umſtaͤnde, welche den unter einander im Kampfe begriffenen Religionen zu Huͤlfe kamen. In Deutſchland, weiß man, beguͤnſtigte Luthern und ſeine Meinungen das Mißtrauen der Staͤnde gegen die wach⸗ 6⁵ ſende Macht Oeſterreichs; der Haß gegen Spanien und die Furcht vor dem Inquiſitionsgerichte vermehrte in den Nieder⸗ landen den Anhang der Proteſtanten. Guſtav Waſa vertilgte in Schweden zugleich mit der alten Religion eine furchtbare Cabale, und auf den Ruin eben dieſer Kirche befeſtigte die britanniſche Eliſabeth ihren noch wankenden Thron. Eine Reihe ſchwach⸗ koͤpfiger, zum Theil minderjaͤhriger Koͤnige, eine ſchwankende Staatskunſt, die Eiferſucht und der Wettkampf der Großen um das Ruder halfen die Fortſchritte der neuen Religion in Frankreich beſtimmen. Wenn ſie in dieſem Koͤnigreich jetzt darnieder liegt, und in einer Haͤlfte Deutſchlands, in England, im Norden, in den Niederlanden thronet, ſo lag es ſicherlich nicht an der Muth⸗ loſigkeit oder Kaͤlte ihrer Verfechter, nicht an unterlaſſenen Verſuchen, nicht an der Gleichguͤltigkeit der Nation. Eine hef⸗ tige langwierige Gaͤhrung erhielt das Schickſal dieſes Koͤnigreichs in Zweifel; fremder Einfluß und der zufaͤllige Umſtand einer neuen indirecten Thronfolge, die gerade damals eintrat, mußte den Untergang der calviniſchen Kirche in dieſem Staat ent⸗ ſcheiden. Gleich im erſten Viertel des ſechzehnten Jahrhunderts fan⸗ den die Neuerungen, welche Luther in Deutſchland predigte, den Weg in die franzoͤſiſchen Provinzen. Weder die Cenſuren der Sorbonne im Jahr 1521, noch die Beſchluͤſſe des Pariſer Parlaments, noch ſelbſt die Anathemen der Biſchoͤfe vermochten das ſchnelle Gluͤck aufzuhalten, das ſie in wenig Jahren bei dem Volk, bei dem Adel, bei einigen von der Geiſtlichkeit machten. Die Lebhaftigkeit, mit welcher das ſanguiniſche, geiſtreiche Volk der Franzoſen jede Neuizkeit zu behandeln pflegt, verlaͤugnete ſich weder bei den Anhaͤngern der Reformation, noch bei ihren Verfolgern. Franz des Erſten kriegeriſche Regierung und die Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 5 66 Verſtaͤndniſſe dieſes Monarchen mit den deutſchen Proteſtanten trugen nicht wenig dazu bei, die Religionsneuerungen bei ſei⸗ nen franzoͤſiſchen Unterthanen in ſchnellen Umlauf zu bringen. Umſonſt, daß man in Paris endlich zu dem fuͤrchterlichen Mittel des Feuers und des Schwertes griff; es that keine beſſere Wirkung, als es in den Niederlanden, in Deutſchland, in England gethan hatte, und die Scheiterhaufen, welche der fanatiſche Verfolgungsgeiſt anſteckte, dienten zu nichts, als den Heldenglauben und den Ruhm ſeiner Opfer zu beleuchten. Die Religionsverbeſſerer fuͤhrten, bei ihrer Vertheidigung und bei ihrem Angriff auf die herrſchende Kirche, Waffen, welche weit zuverlaͤſſiger wirkten, als alle, die der blinde Eifer der ſtaͤrkern Zahl ihnen entgegen ſetzen konnte. Geſchmack und Aufklaͤrung kaͤmpften auf ihrer Seite; Unwiſſenheit, Pedanterei waren der Antheil ihrer Verfolger. Die Sittenloſigkeit, die tiefe Ignoranz des katholiſchen Clerus gaben dem Witz ihrer oͤffentlichen Redner und Schriftſteller die gefaͤhrlichſten Bloͤßen, und unmoͤglich konnte man die Schilderungen leſen, welche der Geiſt der Satyre dieſe letztern von dem allgemeinen Verderbniß entwerfen ließ, ohne ſich von der Nothwendigkeit einer Verbeſſe⸗ rung uͤberzeugt zu fuͤhlen. Die leſende Welt wurde taͤglich mit Schriften dieſer Art uͤberſchwemmt, in welchen, mehr oder minder gluͤcklich, die herrſchenden Laſter des Hofes und der katholiſchen Geiſtlichkeit dem Unwillen, dem Abſcheu, dem Ge⸗ laͤcher bloßgeſtellt, und die Dogmen der neuen Kirche, in jede Anmuth des Styls gekleidet, mit allen Reizen des Schoͤnen, mit aller hinreißenden Kraft des Erhabenen, mit dem unwider⸗ ſtehlichen Zauber einer edeln Simplicitaͤt ausgeſtattet waren. Wenn man dieſe Meiſterſtuͤcke der Beredſamkeit und des Witzes mit Ungeduld verſchlang, ſo waren die abgeſchmackten oder ſeierlichen Gegenſchriften des andern Theils nicht dazu gemacht, 67 etwas Anderes als Langeweile zu erregen. Bald hatte die ver⸗ beſſerte Religion den geiſtreichen Theil des Publicums gewonnen, eine unſtreitig glaͤnzendere Majoritaͤt als der bloße blinde Vor⸗ theil der groͤßern Menge, der ihre Gegner beguͤnſtigte. Die anhaltende Wuth der Verfolgung noͤthigte endlich den unterdruͤckten Theil, an der Koͤnigin Margaretha von Navarra, der Schweſter Franz I, ſich eine Beſchuͤtzerin zu ſuchen. Ge⸗ ſchmack und Wiſſenſchaft waren eine hinreichende Empfehlung bei dieſer geiſtreichen Fuͤrſtin, welche, ſelbſt große Kennerin des Schoͤnen und Wahren, fuͤr die Religion ihrer Lieblinge, deren Kenntniſſe und Geiſt ſie verehrte, nicht ſchwer zu gewinnen war. Ein glaͤnzender Kreis von Gelehrten umgab dieſe Fuͤrſtin und die Freiheit des Geiſtes, welche in dieſem geſchmackvollen Eirkel herrſchte, konnte nicht anders als eine Lehre beguͤnſtigen, welche mit der Befreiung vom Joche der Hierarchie und des Aberglaubens angefangen hatte. An dem Hofe dieſer Koͤnigin fand die gedruͤckte Religion eine Zuflucht; manches Opfer wurde durch ſie dem blutduͤrſtigen Verfolgungsgeiſt entzogen, und die noch kraftloſe Partei hielt ſich an dieſem ſchwachen Aſt gegen das erſte Ungewitter feſt, das ſie ſonſt in ihrem noch zarten Anfang ſo leicht haͤtte hinraffen koͤnnen. Die Verbindungen, in welche Franz 1 mit den deutſchen Proteſtanten getreten war, hatten auf die Maßregeln keinen Einfluß, deren er ſich gegen ſeine eigenen proteſtantiſchen Unterthanen bediente. Das Schwert der Inquiſition war in jeder Provinz gegen ſie gezuͤckt, und zu eben der Zeit, wo dieſer zweideutige Monarch die Fuͤrſten des Schmalkaldiſchen Bundes gegen Karl V, ſeinen Nebenbuhler, aufforderte, erlaubt er dem Blutdurſt ſeiner Inquiſitoren, gegen das ſchuldloſe Volk der Waldenſer, ihre Glaubensgenoſſen, mit Schwert und Feuer zu wuͤthen. Barbariſch und ſchrecklich, ſagt der Geſchichtſchreiber de Thou, war der Spruch, der gegen ſie 68 gefaͤllt ward, barbariſcher noch und ſchrecklicher ſeine Vollſtreckung. Zwei und zwanzig Doͤrfer legte man in die Aſche, mit einer Unmenſchlichkeit, wovon ſich bei den roheſten Voͤlkern kein Beiſpiel findet. Die ungluͤckſeligen Bewohner, bei Nachtzeit uͤberfallen und bei dem Schein ihrer brennenden Habe von Gebirge zu Gebirge geſcheucht, entrannen hier einem Hinter⸗ halte nur, um dort in einen andern zu fallen. Das jaͤmmer⸗ liche Geſchrei der Alten, der Frauensperſonen und der Kinder, weit entfernt, das Tigerherz der Soldaten zu erweichen, diente zu nichts, als dieſe letztern auf die Spur der Fluͤchtigen zu fuͤhren, und ihrer Mordbegier das Opfer zu verrathen. Ueber ſiebenhundert dieſer Ungluͤcklichen wurden in der einzigen Stadt Cabrières mit kalter Grauſamkeit erſchlagen, alle Frauens⸗ perſonen dieſes Orts im Dampf einer brennenden Scheune erſtickt, und die, welche ſich von oben herab fluͤchten wollten, mit Piken aufgefangen. Selbſt an dem Erdreich, welches der Fleiß dieſes ſanften Volks aus einer Wuͤſte zum bluͤhenden Garten gemacht hatte, ward der vermeintliche Irrglaube ſei⸗ ner Pfluͤger beſtraft. Nicht bloß die Wohnungen riß man nieder; auch die Baͤume wurden umgehauen, die Saaten zer⸗ ſtoͤrt, die Felder verwuͤſtet, und das bluͤhende Land in eine traurige Wildniß verwandelt. Der Unwille, den dieſe eben ſo unnuͤtze als beiſpielloſe Grauſamkeit erweckte, fuͤhrte dem Proteſtantismus mehr Be⸗ kenner zu, als der inquiſitoriſche Eifer der Geiſtlichkeit wuͤrgen konnte. Mit jedem Tage wuchs der Anhang der Neuerer, be⸗ ſonders ſeitdem in Genf Calvin mit einem neuen Religions⸗ ſyſtem aufgetreten war, und durch ſeine Schrift vom chriſtlichen Unterricht die ſchwankenden Lehrmeinungen firirt, dem ganzen Gottesdienſt eine mehr regelmaͤßige Geſtalt gegeben und die unter ſich ſelbſt nicht recht einigen Glieder ſeiner Kirche unter 69 einer beſtimmten Glaubensformel vereinigt hatte. In kurzem gelang es der ſtrengern und einfachern Religion des fran⸗ zoͤſiſchen Apoſtels, bei ſeinen Landsleuten Luthern ſelbſt zu verdraͤngen, und ſeine Lehre fand eine deſto guͤnſtigere Auf⸗ nahme, je mehr ſie von Myſterien und laͤſtigen Gebraͤuchen gereinigt war, und je mehr ſie es der lutheriſchen Entfernung vom Papſtthum zuvorthat. Das Blutbad unter den Waldenſern zog die Calviniſten, deren Erbitterung jetzt keine Furcht mehr kannte, an das Licht hervor. Nicht zufrieden, wie bisher, ſich im Dunkel der Nacht zu verſammeln, wagten ſie es jetzt, durch oͤffentliche Zuſammen⸗ kuͤnfte den Nachforſchungen der Obrigkeit Hohn zu ſprechen, und ſelbſt in den Vorſtaͤdten von Paris die Pſalmen des Marot in großen Verſammlungen abzuſingen. Der Reiz des Neuen fuͤhrte bald ganz Paris herbei, und mit dem Wohl⸗ klang und der Anmuth dieſer Lieder wußte ſich ihre Religion ſelbſt in manche Gemuͤther zu ſchmeicheln. Der gewagte Schritt hatte ihnen zugleich ihre furchtbare Anzahl gezeigt, und bald folgten die Proteſtanten in dem uͤbrigen Koͤnigreich dem Beiſpiel, das ihre Bruͤder in der Hauptſtadt gegeben. Heinrich II, ein noch ſtrengerer Verfolger ihrer Partei als ſein Vater, nahm jetzt vergebens alle Schrecken der koͤniglichen Strafgewalt gegen ſie zu Huͤlfe. Vergebens wurden die Edicte geſchaͤrft, welche ihren Glauben verdammten. Umſonſt erniedrigte ſich dieſer Fuͤrſt ſo weit, durch ſeine koͤnigliche Gegenwart den Eindruck ihrer Hinrichtungen zu erhoͤhen und ihre Henker zu ermuntern. In allen groͤßern Staͤdten Frankreichs rauchten Scheiterhaufen, und nicht einmal aus ſeiner eigenen Gegenwart konnte Heinrich den Calvinismus verbannen. Dieſe Lehre hatte unter der Armee, auf den Gerichtsſtuͤhlen, hatte ſelbſt an ſeinem Hof zu St. Germain Anhaͤnger gefunden, und Franz 70 von Coligny, Herr von Andelot, Obriſter des franzoͤſiſchen Fußvolks, erklaͤrte dem Koͤnig mit dreiſter Stirn ins Geſicht, daß er lieber ſterben wolle, als eine Meſſe beſuchen. Endlich aufgeſchreckt von der immer mehr um ſich greifenden Gefahr, welche die Religion ſeiner Voͤlker, und, wie man ihn fuͤrchten ließ, ſelbſt ſeinen Thron bedrohte, uͤberließ ſich dieſer Fuͤrſt allen gewaltthaͤtigen Maßregeln, welche die Habſucht der Hoͤflinge und der unreine Eifer des Clerus ihm dictirte. Um durch einen entſcheidenden Schritt den Muth der Partei auf einmal zu Boden zu ſchlagen, erſchien er eines Tages ſelbſt im Parlamente, ließ dort fuͤnf Glieder dieſes Gerichtshofes, die ſich den neuen Meinungen guͤnſtig zeigten, gefangen nehmen, und gab Befehl, ihnen ſchleunig den Proceß zu machen. Von jetzt an erfuhr die neue Secte keine Schonung mehr. Das verworfene Gezuͤcht der Angeber wurde durch verſprochene Be⸗ lohnungen ermuntert, alle Gefaͤngniſſe des Reichs in kurzem mit Schlachtopfern der Unduldſamkeit angefuͤllt; Niemand wagte es, fuͤr ſie die Stimme zu erheben. Die reformirte Partei in Frankreich ſtand jetzt, 1559, am Rand ihres Untergangs; ein mächtiger unwiderſtehlicher Fuͤrſt, mit ganz Europa im Frieden, und unumſchraͤnkter Herr von allen Kraͤften des Koͤnigreichs, zu dieſem großen Werke von dem Papſt und von Spanien ſelbſt beguͤnſtigt, hatte ihr das Verderben geſchworen. Ein unerwarteter Gluͤcksfall mußte ſich ins Mittel ſchlagen, dieſes abzuwenden, welches auch geſchah. Ihr unverſoͤhnlicher Feind ſtarb mitten unter dieſen Zuruͤſtungen, von einem Lanzenſplitter verwundet, der ihm bei einem feſtlichen Turnier in das Auge flog. Dieſer unverhoffte Hintritt Heinrichs II war der Eingang zu den gefaͤhrlichen Zerruͤttungen, welche ein halbes Jahrhundert lang das Koͤnigreich zerriſſen, und die Monarchie ihrem gaͤnz⸗ lichen Untergang nahe brachten. Heinrich hinterließ ſeine 71 Gemahlin Katharina, aus dem herzoglichen Hauſe von Me⸗ dicis in Florenz, nebſt vier unreifen Soͤhnen, unter denen der aͤlteſte, Franz, kaum das ſechzehnte Jahr erreicht hatte. Der Koͤnig war bereits mit der jungen Koͤnigin von Schottland, Maria Stuart, vermaͤhlt, und ſo mußte ſich das Scepter zweier Reiche in zwei Haͤnde vereinigen, die noch lange nicht geſchickt waren, ſich ſelbſt zu regieren. Ein Heer von Ehr⸗ geizigen ſtreckte ſchon gierig die Haͤnde darnach aus, es ihnen zu erleichtern, und Frankreich war das ungluͤckliche Opfer des Kampfes, der ſich daruͤber entzuͤndete. Beſonders waren es zwei maͤchtige Factionen, welche ſich ihren Einfluß bei dem jungen Regentenpaar und die Verwal⸗ tung des Koͤnigreichs ſtreitig machten. An der Spitze der einen ſtand der Connetable von Frankreich, Anna von Montmorency, Miniſter und Guͤnſtling des verſtorbenen Koͤnigs, um den er ſich durch ſeinen Degen und einen ſtrengen, uͤber alle Ver⸗ fuͤhrung erhabenen Patriotismus verdient gemacht hatte. Ein gleichmuͤthiger, unbeweglicher Charakter, den keine Wider⸗ waͤrtigkeit erſchuͤttern, kein Gluͤcksfall ſchwindlig machen konnte. Dieſen geſetzten Geiſt hatte er bereits unter den vorigen Re⸗ gierungen bewieſen, wo er mit gleicher Gelaſſenheit und mit gleich ſtandhaftem Muth den Wankelmuth ſeines Monarchen und den Wechſel des Kriegsgluͤcks ertrug. Der Soldat wie der Hoͤfling, der Financier wie der Richter zitterten vor ſeinem durchdringenden Blick, den keine Taͤuſchung blendete, vor die⸗ ſem Geiſte der Ordnung, der keinen Fehltritt vergab, vor die⸗ ſer feſten Tugend, uͤber die keine Verſuchung Macht hatte. Aber in der rauhen Schule des Kriegs erwachſen, und an der Spitze der Armeen gewoͤhnt, unbedingten Gehorſam zu erzwin⸗ gen, fehlte ihm die Geſchmeidigkeit des Staatsmanns und Hoͤflings, welche durch Nachgeben ſiegt, und durch Unter⸗ 72 werfung gebietet. Groß auf der Waffenbuͤhne, verſcherzte er ſeinen Ruhm auf der andern, welche der Zwang der Zeit ihm jetzt anwies, welche ihm Ehrgeiz und Patriotismus zu betreten befohlen. Solch ein Mann war nirgends an ſeinem Platze, als wo er herrſchte, und nur gemacht, ſich auf der erſten Stelle zu behaupten, aber nicht wohl faͤhig, mit hofmaͤnniſcher Kunſt darnach zu ringen. Lange Erfahrung, Verdienſte um den Staat, die ſelbſt der Neid nicht zu verringern wagte, eine Redlichkeit, der auch ſeine Feinde huldigten, die Gunſt des verſtorbenen Monarchen, der Glanz ſeines Geſchlechts, ſchienen den Connetable zu dem erſten Poſten im Staat zu berechtigen und jeden fremden Anſpruch im voraus zu entfernen. Aber ein Mann gehoͤrte auch dazu, das Verdienſt eines ſolchen Dieners zu wuͤrdigen, und eine ernſtliche Liebe zum allgemeinen Wohl, um ſeinem gruͤndlichen innern Werth die rauhe Außenſeite zu vergeben. Franz II war ein Juͤngling, den der Thron nur zum Genuſſe, nicht zur Arbeit rief, dem ein ſo ſtrenger Aufſeher ſeiner Handlungen nicht willkommen ſeyn konnte. Montmorency's aͤußere Tugend, die ihn bei dem Vater und Großvater in Gunſt geſetzt hatte, gereichte ihm bei dem leichtſinnigen und ſchwachen Sohn zum Verbrechen, und machte es der entgegengeſetzten Cabale leicht, uͤber dieſen Gegner zu triumphiren. Die Guiſen, ein nach Frankreich verpflanzter Zweig des Lothringiſchen Fuͤrſtenhauſes, waren die Seele dieſer furcht⸗ baren Faction. Franz von Lothringen, Herzog von Guiſe, Oheim der regierenden Koͤnigin, vereinigte in ſeiner Perſon alle Eigenſchaften, welche die Aufmerkſamkeit der Menſchen feſſeln, und eine Herrſchaft uͤber ſie erwerben. Frankreich ehrte in ihm ſeinen Retter, den Wiederherſteller ſeiner Ehre vor der ganzen europaͤiſchen Welt. An ſeiner Geſchicklichkeit 73 und an ſeinem Muth war das Gluͤck Karls V geſcheitert; ſeine Entſchloſſenheit hatte die Schande der Vorfahren aus⸗ geloͤſcht, und den Englaͤndern Calais, ihre letzte Beſitzung auf franzoͤſiſchem Boden, nach einem zweihundertjaͤhrigen Beſitze entriſſen. Sein Name war in Aller Munde, ſeine Bewunde⸗ rung lebte in Aller Herzen. Mit dem weitſehenden Herrſcher⸗ blicke des Staatsmannes und Feldherrn verband er die Kuͤhn⸗ heit des Helden und die Gewandtheit des Hoͤflings. Wie das Gluͤck, ſo hatte ſchon die Natur ihn zum Herrſcher der Men⸗ ſchen geſtempelt. Edel gebildet, von erhabener Statur, koͤnig⸗ lichem Anſtand und offener gefaͤlliger Miene, hatte er ſchon die Sinne beſtochen, ehe er die Gemuͤther ſich unterjochte. Den Glanz ſeines Ranges und ſeiner Macht erhob eine natuͤrliche angeſtammte Wuͤrde, die, um zu herrſchen, keines aͤußern Schmucks zu beduͤrfen ſchien. Herablaſſend, ohne ſich zu er⸗ niedrigen, mit dem Geringſten geſpraͤchig, frei und vertraulich, ohne die Geheimniſſe ſeiner Politik preiszugeben, verſchwen⸗ deriſch gegen ſeine Freunde und großmuͤthig gegen den ent⸗ waffneten Feind, ſchien er bemuͤht zu ſeyn, den Neid mit ſei⸗ ner Groͤße, den Stolz einer eiferſuͤchtigen Nation mit ſeiner Macht auszuſoͤhnen. Alle dieſe Vorzuͤge aber waren nur Werk⸗ zeuge einer unerſaͤttlichen ſtuͤrmiſchen Ehrbegierde, die, von keinem Hinderniſſe geſchreckt, von keiner Betrachtung aufgehal⸗ ten, ihrem hochgeſteckten Ziel furchtlos entgegenging, und gleich⸗ guͤltig gegen das Schickſal von Tauſenden, von der allgemeinen Verwirrung nur beguͤnſtigt, durch alle Kruͤmmungen der Ca⸗ bale und mit allen Schreckniſſen der Gewalt ihre verwegenen Entwuͤrfe verfolgte. Dieſelbe Ehrſucht, von nicht geringern Gaben unterſtuͤtzt, beherrſchte den Cardinal von Lothringen, Bruder des Herzogs, der, eben ſo maͤchtig durch Wiſſenſchaft und Beredſamkeit, als jener durch ſeinen Degen, furchtbarer 74 im Scharlach als der Herzog im Panzerhemd, ſeine Privat⸗ leidenſchaften mit dem Schwert bewaffnete, und die ſchwarzen Entwuͤrfe ſeiner Ehrſucht mit dieſem heiligen Schleier be⸗ deckte. Ueber den gemeinſchaftlichen Zweck einverſtanden, theilte ſich dieſes unwiderſtehliche Bruͤderpaar in die Nation, die, ehe ſie es wußte, in ſeinen Feſſeln ſich kruͤmmte. Leicht war es beiden Bruͤdern, ſich der Neigung des jungen Koͤnigs zu bemaͤchtigen, den ſeine Gemahlin, ihre Nichte, un⸗ umſchraͤnkt leitete; ſchwerer, die Koͤnigin Mutter Katharina fuͤr ihre Abſichten zu gewinnen. Der Name einer Mutter des Koͤnigs machte ſie an einem getheilten Hofe maͤchtig, maͤch⸗ tiger noch die natuͤrliche Ueberlegenheit ihres Verſtandes uͤber das Gemuͤth ihres ſchwachen Sohnes; ein verborgener in Raͤn⸗ ken erfinderiſcher Geiſt, mit einer graͤnzenloſen Begierde zum Herrſchen vereinigt, konnte ſie zu einer furchtbaren Gegnerin machen. Ihre Gunſt zu erſchleichen, wurde deßwegen kein Opfer geſpart, keine Erniedrigung geſcheut. Keine Pflicht war ſo heilig, die man nicht verletzte, ihren Neigungen zu ſchmeicheln; keine Freundſchaft zu feſt geknuͤpft, die nicht zerriſſen wurde, ihrer Rachſucht ein Opfer preiszugeben;z keine Feindſchaft zu tief ge⸗ wurzelt, die man nicht gegen ihre Guͤnſtlinge ablegte. Zugleich unterließ man nichts, was den Connetable bei der Koͤnigin ſtuͤrzen konnte, und ſo gelang es wirklich der Cabale, die gefaͤhrliche Ver⸗ bindung zwiſchen Katharinen und dieſem Feldherrn zu verhindern. unterdeſſen hatte der Connetable Alles in Bewegung geſetzt, ſich einen furchtbaren Anhang zu verſchaffen, der die lothrin⸗ giſche Partei uͤberwaͤgen koͤnnte. Kaum war Heinrich todt, ſo wurden alle Prinzen von Gebluͤt, und unter dieſen beſonders Anton von Bourbon, Koͤnig von Navarra, von ihm herbei⸗ gerufen, bei dem Monarchen den Poſten einzunehmen, zu dem ihr Rang und ihre Geburt ſie berechtigten. Aber ehe ſie noch 75 Zeit hatten, zu erſcheinen, waren ihnen die Guiſen ſchon bei dem Koͤnige zuvorgekommen. Dieſer erklaͤrte den Abgeſandten des Parlaments, die ihn zu ſeinem Regierungsantritt begruͤß⸗ ten, daß man ſich kuͤnftig in jeder, Angelegenheit des Staats an die lothringiſchen Prinzen zu wenden habe. Auch nahm der Herzog ſogleich Beſitz von dem Commando der Truppen; der Cardinal von Lothringen erwaͤhlte ſich den wichtigen Ar⸗ tikel der Finanzen zu ſeinem Antheil. Montmorency erhielt eine froſtige Weiſung, ſich auf ſeine Guͤter zur Ruhe zu be⸗ geben. Die mißvergnuͤgten Prinzen vom Gebluͤte hielten dar⸗ auf eine Zuſammenkunft zu Vendome, welche der Connetable abweſend leitete, um ſich uͤber die Maßregeln gegen den ge⸗ meinſchaftlichen Feind zu bereden. Den Beſchluͤſſen derſelben zufolge wurde der Koͤnig von Navarra an den Hof abgeſchickt, bei der Koͤnigin Mutter noch einen letzten Verſuch der Unter⸗ handlung zu wagen, ehe man ſich gewaltſame Mittel erlaubte. Dieſer Auftrag war einer allzu ungeſchickten Hand anvertrant, um ſeinen Zweck nicht zu verfehlen. Anton von Navarra, von der Allgewalt der Guiſen in Furcht geſetzt, die ſich ihm in der ganzen Fuͤlle ihrer Herrlichkeit zeigten, verließ Paris und den Hof unverrichteter Dinge, und die lothringiſchen Bruͤder blieben Meiſter vom Schauplatz. Dieſer leichte Sieg machte ſie keck, und jetzt fingen ſie an, keine Schranken mehr zu ſcheuen. Im Beſitz der oͤffentlichen Einkuͤnfte, hatten ſie bereits unſaͤgliche Summen verſchwendet, um ihre Creaturen zu belohnen. Ehrenſtellen, Pfruͤnden, Pen⸗ ſionen, wurden mit freigebiger Hand zerſtreut, aber mit dieſer Verſchwendung wuchs nur die Gierigkeit der Empfaͤnger und die Zahl der Candidaten, und was ſie bei dem kleinen Theil dadurch gewannen, verdarben ſie bei einem weit groͤßern, welcher leer ausging. Die Habſucht, mit der ſie ſich ſelbſt den 76 beſten Theil an dem Raube des Staats zueigneten, der be⸗ leidigende Trotz, mit dem ſie ſich auf Unkoſten der vornehmſten Haͤuſer in die wichtigſten Bedienungen eindraͤngten, machte allgemein die Gemuͤther ſchwierig; nichts aber war fuͤr die Franzoſen empoͤrender, als was ſich der hochfahrende Stolz des Cardinals von Lothringen zu Fontainebleau erlaubte. An die⸗ ſen Luſtort, wo der Hof ſich damals aufhielt, hatte die Gegen⸗ wart des Monarchen eine große Menge von Perſonen gezogen, die entweder um ruͤckſtaͤndigen Sold und Gnadengelder zu flehen, oder fuͤr ihre geleiſteten Dienſte die verdienten Beloh⸗ nungen einzufordern gekommen waren. Das Ungeſtuͤm dieſer Leute, unter denen ſich zum Theil die verdienteſten Officiere der Armee befanden, belaͤſtigte den Cardinal. Um ſich ihrer auf einmal zu entledigen, ließ er nahe am koͤniglichen Schloſſe einen Galgen aufrichten, und zugleich durch den oͤffentlichen Ausrufer verkuͤndigen, daß Jeder, weß Standes er auch ſey, den ein Anliegen nach Fontainebleau gefuͤhrt, bei Strafe dieſes Galgens, innerhalb vierundzwanzig Stunden Fontainebleau zu raͤumen habe. Behandlungen dieſer Art ertraͤgt der Franzoſe nicht, und darf ſie unter allen Voͤlkern von ſeinem Koͤnige am wenigſten ertragen. Zwar ward es an einem einzigen Tage dadurch leer in Fontainebleau, aber zugleich wurde auch der Keim des Unmuths in mehr als tauſend Herzen nach allen Provinzen des Koͤnigreichs mit hinweg getragen. Bei den Fortſchritten, welche der Calvinismus gegen das Ende von Heinrichs Regierung in dem Koͤnigreich gethan hatte, war es von der groͤßten Wichtigkeit, welche Maßregeln die neuen Miniſter dagegen ergreifen wuͤrden. Aus Ueberzeugung ſowohl als aus Intereſſe eifrige Anhaͤnger des Papſtes, vielleicht da⸗ mals ſchon geneigt, ſich beim Drang der Umſtaͤnde auf ſpaniſche Huͤlfe zu ſtuͤtzen, zugleich von der Nothwendigkeit uͤberzeugt, die 77 zahlreichſte und maͤchtigſte Haͤlfte der Nation durch einen wah⸗ ren oder verſtellten Glaubenseifer zu gewinnen, konnten ſie ſich keinen Augenblick uͤber die Partei bedenken, welche unter dieſen Umſtaͤnden zu ergreifen war. Heinrich II hatte noch kurz vor ſeinem Ende den Untergang der Calviniſten beſchloſſen, und man brauchte bloß der ſchon angefangenen Verfolgung den Lauf zu laſſen, um dieſes Ziel zu erreichen. Sehr kurz alſo war die Friſt, welche der Tod dieſes Koͤnigs den Proteſtanten vergoͤnnte. In ſeiner ganzen Wuth erwachte der Verfolgungs⸗ geiſt wieder, und die lothringiſchen Prinzen bedachten ſich um ſo weniger, gegen eine Religionspartei zu wuͤthen, die ein großer Theil ihrer Feinde laͤngſt im Stillen beguͤnſtigte. Der Proceß des beruͤhmten Parlamentsraths Anna du Bourg verkuͤndigte die blutigen Maßregeln der neuen Regierung. Er buͤßte ſeine fromme Standhaftigkeit am Galgen; die vier uͤbri⸗ gen Raͤthe, welche zugleich mit ihm gefangen geſetzt worden, erfuhren eine gelindere Behandlung. Dieſer unzweideutige oͤffentliche Schritt der lothringiſchen Prinzen gegen den Cal⸗ vinismus verſchaffte den mißvergnuͤgten Großen eine erwuͤnſchte Gelegenheit, die ganze reformirte Partei gegen das Miniſte⸗ rium in Harniſch zu bringen, und die Sache ihrer gekraͤnkten Ehrſucht zu einer Sache der Religion, zu einer Angelegenheit der ganzen proteſtantiſchen Kirche zu machen. Jetzt alſo ge⸗ ſchah die ungluͤcksvolle Verwechslung politiſcher Beſchwerden mit Glaubens⸗Intereſſe, und wider die politiſche Unter⸗ druͤckung wurde der Religionsfanatismus zu Huͤlfe gerufen. Mit etwas mehr Maͤßigung gegen die mißtrauiſchen Calvini⸗ ſten war es den Guiſen leicht, den durch ihre Zuruͤckſetzung er⸗ bitterten Großen eine furchtbare Stuͤtze zu entziehen, und ſo einen ſchrecklichen Buͤrgerkrieg in der Geburt zu erſticken. Da⸗ durch, daß ſie beide Parteien, die Mißvergnuͤgten und die durch 78 ihre Zahl bereits furchtbaren Calviniſten aufs Aeußerſte brach⸗ ten, zwangen ſie beide, einander zu ſuchen, ihre Rachgier und ihre Furcht ſich wechſelſeitig mitzutheilen, ihre verſchiedenen Be⸗ ſchwerden zu vermengen, und ihre getheilten Kraͤfte in einer einzigen drohenden Faction zu vereinigen. Von jetzt an ſah der Calviniſt in den Lothringern nur die Unterdruͤcker ſeines Glaubens, und in Jedem, den ihr Haß verfolgte, nur ein Opfer ihrer Intoleranz, welches Rache forderte. Von jetzt an erblickte der Katholik in eben dieſen Lothringern nur die Be⸗ ſchuͤtzer ſeiner Kirche, und in Jedem, der gegen ſie aufſtand, nur den Hugenotten, der die rechtglaͤubige Kirche zu ſtuͤrzen ſuche. Jede Partei erhielt jetzt einen Anfuͤhrer, jeder ehrgeizige Große eine mehr oder minder furchtbare Partei. Das Signal zu einer all⸗ gemeinen Trennung ward gegeben, und die ganze hintergangene Nation in den Privatſtreit einiger gefaͤhrlichen Buͤrger gezogen. An die Spitze der Calviniſten ſtellten ſich die Prinzen von Bourbon, Anton von Navarra und Ludwig Prinz von Condé, nebſt der beruͤhmten Familie der Chatillons, durch den großen Namen des Admirals von Coligny in der Geſchichte verherr⸗ licht. Ungern genug riß ſich der wolluͤſtige Prinz von Condé aus dem Schooß des Vergnuͤgens, um das Haupt einer Partei gegen die Guiſen zu werden; aber das Uebermaß ihres Stolzes und eine Reihe erlittener Beleidigungen hatten ſeinen ſchlum⸗ mernden Ehrgeiz endlich aus einer traͤgen Sinnlichkeit erweckt; die dringenden Aufforderungen der Chatillons zwangen ihn, das Lager der Wolluſt mit dem politiſchen und kriegeriſchen Schauplatz zu vertauſchen. Das Haus Chatillon ſtellte in die⸗ ſem Zeitraum drei unvergleichliche Bruͤder auf, von denen der aͤlteſte, Admiral Coligny, der oͤffentlichen Sache durch ſeinen Feldherrngeiſt, ſeine Weisheit, ſeinen ausdauernden Muth; der zweite, Franz von Andelot, durch ſeinen Degen; der dritte, 79 Cardinal von Chatillon, Biſchof von Beauvais, durch ſeine Geſchicklichkeit in Unterhandlungen und ſeine Verſchlagenheit diente. Eine ſeltene Harmonie der Geſinnungen vereinigte dieſe ſich ſonſt ſo ungleichen Charaktere zu einem furchtbaren Dreiblatt, und die Wuͤrden, welche ſie bekleideten, die Ver⸗ bindungen, in denen ſie ſtanden, die Achtung, welche ihr Name zu erwecken gewohnt war, gaben der Unternehmung ein Ge⸗ wicht, an deren Spitze ſie traten. Auf einem von den Schloͤſſern des Prinzen von Condéè, an der Graͤnze von der Picardie, hielten die Mißvergnuͤgten eine ge⸗ heime Verſammlung, auf welcher ausgemacht wurde, den Koͤnig aus der Mitte ſeiner Miniſter zu entfuͤhren, und ſich zugleich dieſer letztern todt oder lebendig zu bemaͤchtigen. So weit war es gekommen, daß man die Perſon des Monarchen bloß als eine Sache betrachtete, die an ſich ſelbſt nichts bedeutete, aber in den Haͤnden derer, welche ſich ihres Beſitzes ruͤhmten, ein furchtbares Inſtrument der Macht werden konnte. Da dieſer verwegene Entwurf nur mit den Waffen in der Hand konnte durchgeſetzt werden, ſo ward auf eben dieſer Verſammlung be⸗ ſchloſſen, eine militaͤriſche Macht aufzubringen, welche ſich als⸗ dann in einzelnen kleinen Haufen, um keinen Verdacht zu erregen, aus allen Diſtricten des Koͤnigreichs in Blois zuſam⸗ menziehen ſollte, wo der Hof das Fruͤhjahr zubringen wuͤrde. Da ſich die ganze Unternehmung als eine Religionsſache ab⸗ ſchildern ließ, ſo hielt man ſich der kraͤftigſten Mitwirkung der Calviniſten verſichert, deren Anzahl im Koͤnigreich damals ſchon auf zwei Millionen geſchaͤtzt wurde. Aber auch viele der auf⸗ richtigſten Katholiken zog man durch die Vorſtellung, daß es nur gegen die Guiſen abgeſehen ſey, in die Verſchwoͤrung. Um den Prinzen von Condé, als den eigentlichen Chef der ganzen Unternehmung, der aber fuͤr rathſam hielt, fuͤr jetzt noch un⸗ 80 ſichtbar zu bleiben, deſto beſſer zu verbergen, gab man ihr einen untergeordneten, ſichtbaren Anfuͤhrer in der Perſon eines ge⸗ wiſſen Renaudie, eines Edelmanns aus Perigord, den ſein ver⸗ wegener in ſchlimmen Haͤndeln und Gefahren bewaͤhrter Muth, ſeine unermuͤdete Thaͤtigkeit, ſeine Verbindungen im Staat, und der Zuſammenhang mit den ausgewanderten Calviniſten zu dieſem Poſten beſonders geſchickt machten. Verbrechen hal⸗ ber hatte derſelbe laͤngſt ſchon die Rolle eines Fluͤchtlings ſpielen muͤſſen, und die Kunſt der Verborgenheit, welche ſein jetziger Auftrag von ihm forderte, zu ſeiner eigenen Erhaltung in Aus⸗ uͤbung bringen lernen. Die ganze Partei kannte ihn als ein entſchloſſenes, jedem kuͤhnen Streich gewachſenes Subject, und die enthuſiaſtiſche Zuverſicht, die ihn ſelbſt uͤber jedes Hinderniß erhob, konnte ſich von ihm aus allen Mitgliedern der Ver⸗ ſchwoͤrung mittheilen. Die Vorkehrungen wurden aufs beſte getroffen, und alle moͤglichen Zufaͤlle im voraus in Berechnung gebracht, um dem Ungefaͤhr ſo wenig als moͤglich anzuvertrauen. Renaudie er⸗ hielt eine ausfuͤhrliche Inſtruction, worin nichts vergeſſen war, was der Unternehmung einen gluͤcklichen Ausſchlag zuſichern konnte. Der eigentliche verborgene Fuͤhrer derſelben, hieß es, wuͤrde ſich nennen und oͤffentlich hervortreten, ſobald es zur Ausfuͤhrung kaͤme. Zu Nantes in Bretagne, wo eben damals das Parlament ſeine Sitzungen hielt, und eine Reihe von Luſt⸗ barkeiten, zu denen die Vermaͤhlungsfeier einiger Großen dieſer Provinz die zufaͤllige Veranlaſſung gab, die herbeiſtroͤmende Menge ſchicklich entſchuldigen konnte, verſammelte Renaudie im Jahr 1560 ſeine Edelleute. Ahnliche Umſtaͤnde nutzten wenige Jahre nachher die Guiſen in Bruͤſſel, um ihr Complot gegen den ſpaniſchen Miniſter Granvella zu Stande zu bringen. In einer Rede voll Beredſamkeit und Feuer, welche uns der Ge⸗ 81 ſchichtſchreiber de Thou aufbehalten hat, entdeckte Renaudie denen, die es noch nicht wußten, die Abſicht ihrer Zuſammen⸗ berufung, und ſuchte die Uebrigen zu einer thaͤtigen Theil⸗ nahme anzufeuern. Nichts wurde darin geſpart, die Guiſen in das gehaͤſſigſte Licht zu ſetzen, und mit argliſtiger Kunſt alle Uebel, von welchen die Nation ſeit ihrem Eintritt in Frankreich heimgeſucht worden, auf ihre Rechnung geſchrieben. Ihr ſchwar⸗ zer Entwurf ſollte ſeyn, durch Entfernung der Prinzen vom Gebluͤte, der Verdienteſten und Edelſten von des Koͤnigs Perſon und der Staatsverwaltung, den jungen Monarchen, deſſen ſchwaͤchliche Perſon, wie man ſich merken ließ, in ſolchen Haͤn⸗ den nicht am ſicherſten aufgehoben waͤre, zu einem blinden Werkzeug ihres Willens zu machen, und, wenn es auch durch Ausrottung der ganzen koͤniglichen Familie geſchehen ſollte, ihrem eigenen Geſchlecht den Weg zu dem franzoͤſiſchen Throne zu bahnen. Dieß einmal vorausgeſetzt, war keine Entſchließung ſo kuͤhn, kein Schritt gegen ſie ſo ſtrafbar, den nicht die Ehre ſelbſt und die reinſte Liebe zum Staat rechtfertigen konnte, ja gebot.„Was mich betrifft,“ ſchloß der Redner mit dem hef⸗ tigſten Uebergang,„ſo ſchwoͤre ich, ſo betheure ich und nehme den Himmel zum Zeugen, daß ich weit entfernt bin, etwas gegen den Monarchen, gegen die Koͤnigin, ſeine Mutter, gegen die Prinzen ſeines Bluts weder zu denken, noch zu reden, noch zu thun; aber ich betheure und ſchwoͤre, daß ich bis zu meinem letzten Hauch gegen die Eingriffe dieſer Auslaͤnder vertheidigen werde die Majeſtaͤt des Throns und die Freiheit des Vater⸗ landes.“ Eine Erklaͤrung dieſer Art konnte ihren Eindruck auf Maͤn⸗ ner nicht verfehlen, die, durch ſo viele Privatbeſchwerden aufge⸗ bracht, von dem Schwindel der Zeit und einem blinden Reli⸗ gionseifer hingeriſſen, der heftigſten Entſchließungen faͤhig wa⸗ Schillers faͤmmtl. Werke. XI. 6 82 ren. Alle wiederholten einſtimmig dieſen Eidſchwur, den ſie ſchriftlich aufſetzten und durch Handſchlag und Umarmung be⸗ ſiegelten. Merkwuͤrdig iſt die Aehnlichkeit, welche ſich zwiſchen dem Betragen dieſer Verſchworenen zu Nantes und dem Ver⸗ fahren der Confoͤderirten in Bruͤſſel entdecken laͤßt. Dort, wie hier, iſt es der rechtmaͤßige Oberherr, den man gegen die An⸗ maßungen ſeines Miniſters zu vertheidigen ſcheinen will, waͤh⸗ rend daß man kein Bedenken traͤgt, eines ſeiner heiligſten Rechte, ſeine Freiheit in der Wahl ſeiner Diener, zu kraͤnken; dort, wie hier, iſt es der Staat, den man gegen Unterdruͤckung ſicher zu ſtellen ſich das Anſehen geben will, indem man ihn doch offenbar allen Schreckniſſen eines Buͤrgerkriegs uͤberliefert. Nachdem man uͤber die zu nehmenden Maßregeln einig war, und den 15 Mai 1560 zum Termin, die Stadt Blois zu dem Ort der Vollſtreckung beſtimmt hatte, ſchied man auseinander, jeder Edelmann nach ſeiner Provinz, um die noͤthige Mann⸗ ſchaft in Bewegung zu ſetzen. Dieß geſchah mit dem beſten Erfolge, und das Geheimniß des Entwurfs litt nichts durch die Menge derer, die zur Vollſtreckung noͤthig waren. Der Soldat verdingte ſich dem Capitaͤn, ohne den Feind zu wiſſen, gegen den er zu fechten beſtimmt war. Aus den entlegenern Provinzen fingen ſchon kleine Haufen an, zu marſchiren, welche immer mehr anſchwellten, je naͤher ſie ihrem Standorte ka⸗ men. Truppen haͤuften ſich ſchon im Mittelpunkte des Reichs, waͤhrend die Guiſen zu Blois, wohin ſie den Koͤnig gebracht hatten, noch in ſorgloſer Sicherheit ſchlummerten. Ein dunkler Wink, der ſie vor einem ihnen drohenden Anſchlage warnte, zog ſie endlich aus dieſer Ruhe, und vermochte ſie, den Hof von Blois nach Amboiſe zu verlegen, welche Stadt, ihrer Ci⸗ tadelle wegen, gegen einen unvermutheten Ueberfall laͤnger, wie man hoffte, zu behaupten war, 83³ Dieſer Querſtrich konnte bloß eine kleine Abaͤnderung in den Maßregeln der Verſchworenen bewirken, aber im Weſent⸗ lichen ihres Entwurfs nichts veraͤndern. Alles ging ungehin⸗ dert ſeinen Gang, und nicht ihrer Wachſamkeit, nicht der Ver⸗ raͤtherei eines Mitverſchworenen, dem bloßen Zufall dankten die Guiſen ihre Errettung. Renaudie ſelbſt beging die Unvor⸗ ſichtigkeit, einem Advocaten zu Paris, mit Namen Avenelles, ſeinem Freund, bei dem er wohnte, den ganzen Anſchlag zu offenbaren, und das furchtſame Gewiſſen dieſes Mannes ver⸗ ſtattete ihm nicht, ein ſo gefaͤhrliches Geheimniß bei ſich zu behalten. Er entdeckte es einem Geheimſchreiber des Herzogs von Guiſe, der ihn in groͤßter Eile nach Amboiſe ſchaffen ließ, um dort ſeine Ausſage vor dem Herzog zu wiederholen. So groß die Sorgloſigkeit der Miniſter geweſen, ſo groß war jetzt ihr Schrecken, ihr Mißtrauen, ihre Verwirrung. Was ſie um⸗ gab, war ihnen verdaͤchtig. Bis in die Loͤcher der Gefaͤngniſſe ſuchte man, um dem Complot auf den Grund zu kommen. Weil man nicht mit Unrecht vorausſetzte, daß die Chatillons um den Anſchlag wuͤßten, ſo berief man ſie unter einem ſchick⸗ lichen Vorwand nach Amboiſe, in der Hoffnung, ſie hier beſſer ‚beobachten zu koͤnnen. Als man ihnen in Abſicht der gegen⸗ waͤrtigen Umſtaͤnde ihr Gutachten abforderte, bedachte Coligny ſich nicht, aufs heftigſte gegen die Miniſter zu reden, und die Sache der Reformirten aufs lebhafteſte zu verfechten. Seine Vorſtellungen, mit der gegenwaͤrtigen Furcht verbunden, wirk⸗ ten auch ſo viel auf die Mehrheit des Staatsraths, daß ein Edict abgefaßt wurde, welches die Reformirten, mit Ausnahme ihrer Prediger und Aller, die ſich in gewaltthaͤtige Anſchlaͤge eingelaſſen, vor der Verfolgung in Sicherheit ſetzte. Aber dieſes Nothmittel kam jetzt zu ſpaͤt, und die Nachbarſchaft von Am⸗ boiſe fing an, ſich mit Verſchworenen anzufuͤllen. Condé ſelbſt 84 erſchien in ſtarker Begleitung an dieſem Ort, um die Aufruͤhrer im entſcheidenden Augenblick unterſtuͤtzen zu koͤnnen. Eine An⸗ zahl derſelben, hatte man ausgemacht, ſollte ſich ganz unbe⸗ waffnet, und unter dem Vorgeben eine Bittſchrift uͤberreichen zu wollen, an den Thoren von Amboiſe melden, und, wofern ſie keinen Widerſtand faͤnden, mit Huͤlfe ihrer uͤberlegenen Menge von den Straßen und Waͤllen Beſitz nehmen. Zur Sicherheit ſollten ſie von einigen Schwadronen unterſtuͤtzt wer⸗ den, die auf das erſte Zeichen des Widerſtandes herbeieilen und in Verbindung mit dem um die Stadt herum verbreiteten Fußvolke ſich der Thore bemaͤchtigen wuͤrden. Indem dieß von außen her vorginge, wuͤrden die in der Stadt ſelbſt verborge⸗ nen, meiſtens im Gefolge des Prinzen verſteckten Theilhaber der Verſchwoͤrung zu den Waffen greifen, und ſich unverzuͤglich der lothringiſchen Prinzen, lebendig oder todt, verſichern. Der Prinz von Condé zeigte ſich dann oͤffentlich als das Haupt der Partei, und ergriff ohne Schwierigkeit das Steuer der Regierung. Dieſer ganze Operationsplan wurde dem Herzog von Guiſe verraͤtheriſcher Weiſe mitgetheilt, der ſich dadurch in den Stand geſetzt ſah, beſtimmtere Maßregeln dagegen zu ergreifen. Er ließ ſchleunig Soldaten werben, und ſchickte allen Statthaltern der Provinzen Befehl zu, jeden Haufen von Bewaffneten, der auf dem Wege nach Amboiſe begriffen ſey, aufzuheben. Der ganze Adel der Nachbarſchaft wurde aufgeboten, ſich zum Schutz des Monarchen zu bewaffnen. Mittelſt ſcheinbarer Auftraͤge wurden die Verdaͤchtigſten entfernt, die Chatillons und der Prinz von Condé in Amboiſe ſelbſt beſchaͤftigt und von Kund⸗ ſchaftern umringt, die koͤnigliche Leibwache abgewechſelt, die zum Angriff bezeichneten Thore vermauert. Außerhalb der Stadt ſtreiften zahlreiche fliegende Corps, die verdaͤchtigen Ankoͤmm⸗ 8⁵ linge zu zerſtreuen oder niederzuwerfen, und der Galgen er⸗ wartete Jeden, den das Ungluͤck traf, lebendig in ihre Haͤnde zu gerathen. Unter dieſen nachtheiligen Umſtaͤnden langte Renaudie vor Amboiſe an. Ein Haufe von Verſchworenen folgte auf den andern, das Ungluͤck ihrer vorangegangenen Bruͤder ſchreckte die Kommenden nicht ab. Der Anfuͤhrer unterließ nichts, durch ſeine Gegenwart die Fechtenden zu ermuntern, die Zerſtreuten zu ſammeln, die Fliehenden zum Stehen zu bewegen. Allein, und nur von einem einzigen Mann begleitet, ſtreifte er durch das Feld umher, und wurde in dieſem Zuſtand von einem Trupp koͤniglicher Reiter nach dem tapferſten Widerſtand er⸗ ſchoſſen. Seinen Leichnam ſchaffte man nach Amboiſe, wo er mit der Aufſchrift:„Haupt der Rebellen,“ am Galgen aufgeknuͤpft wurde. Ein Edict folgte unmittelbar auf dieſen Vorfall, welches je⸗ dem ſeiner Mitſchuldigen, der die Waffen ſogleich niederlegen wuͤrde, Amneſtie zuſicherte. Im Vertrauen auf dasſelbe mach⸗ ten ſich Viele ſchon auf den Ruͤckweg, fanden aber bald Ur⸗ ſache, es zu bereuen. Ein letzter Verſuch, den die Zuruͤckge⸗ bliebenen gemacht hatten, ſich der Stadt Amboiſe zu bemaͤchti⸗ gen, der aber wie die vorigen vereitelt wurde, erſchoͤpfte die Maͤßigung der Guiſen, und brachte ſie ſo weit, das koͤnigliche Wort zu widerrufen. Alle Provinzſtatthalter erhielten jetzt Befehl, ſich auf die Zuruͤckkehrenden zu werfen, und in Amboiſe ſelbſt ergingen die fuͤrchterlichſten Proceduren gegen Jeden, der den Lothringern verdaͤchtig war. Hier, wie im ganzen Koͤnigreiche, floß das Blut der Ungluͤcklichen, die oft kaum das Verbrechen wußten, um deſſentwillen ſie den Tod erlitten. Ohne alle Gerichtsform warf man ſie, Arme und Fuͤße gebun⸗ den, in die Loire, weil die Haͤnde der Nachrichter nicht mehr 86 zureichen wollten. Nur Wenige von hervorſtechenderm Range behielt man der Juſtiz vor, um durch ihre ſolenne Verurthei⸗ lung das vorhergegangene Blutbad zu beſchoͤnigen. Indem die Verſchwoͤrung ein ſo ungluͤckliches Ende nahm und ſo viele unwiſſende Werkzeuge derſelben der Rache der Guiſen aufgeopfert wurden, ſpielte der Prinz von Condé, der Schuldigſte von Allen und der unſichtbare Lenker des Ganzen, ſeine Rolle mit beiſpielloſer Verſtellungskunſt, und wagte es, dem Verdachte Trotz zu bieten, der ihn allgemein anklagte. Auf die Undurchdringlichkeit ſeines Geheimniſſes ſich ſtuͤtzend, und uͤberzeugt, daß die Tortur ſelbſt ſeinen Anhaͤngern nicht entreißen koͤnnte, was ſie nicht wußten, verlangte er Gehoͤr bei dem Koͤnige, und drang darauf, ſich foͤrmlich und oͤffentlich rechtfertigen zu duͤrfen. Er that dieſes in Gegenwart des gan⸗ zen Hofes und der auswaͤrtigen Geſandten, welche ausdruͤcklich dazu geladen waren, mit dem edlen Unwillen eines unſchuldig Angeklagten, mit der ganzen Feſtigkeit und Wuͤrde, welche ſonſt nur das Bewußtſeyn einer gerechten Sache einzufloͤßen pflegt. „Sollte,“ ſchloß er,„ſollte JFemand verwegen genug ſeyn, „mich als den Urheber der Verſchwoͤrung anzuklagen, zu be⸗ „mhaupten, daß ich damit umgegangen, die Franzoſen gegen die „geheiligte Perſon ihres Koͤnigs aufzuwiegeln, ſo entſage ich „„hiemit dem Vorrechte meines Ranges, und bin bereit, ihm „mit dieſem Degen zu beweiſen, daß er luͤgt.“„Und ich,“ nahm Franz von Guiſe das Wort,„ich werde es nimmermehr nzugeben, daß ein ſo ſchwarzer Verdacht einen ſo großen Prin⸗ „„zen entehre. Erlauben Sie mir alſo, Ihnen in dieſem Zwei⸗ „kampfe zu ſecondiren.“ Und mit dieſem Poſſenſpiele ward eine der blutigſten Verſchwoͤrungen geendigt, welche die Geſchichte kennt, eben ſo merkwuͤrdig durch ihren Zweck und durch das 87 große Schickſal, welches dabei auf dem Spiele ſtand, als durch ihre Verborgenheit und Liſt, mit der ſie geleitet wurde. Noch lange nachher blieben die Meinungen uͤber die wahren Triebfedern und den eigentlichen Zweck dieſer Verſchwoͤrung getheilt; der Privatvortheil beider Parteien verleitete ſie, den richtigen Geſichtspunkt zu verfaͤlſchen. Wenn die Reformirten in ihren oͤffentlichen Schriften ausbreiteten, daß einzig und allein der Verdruß uͤber die unertraͤgliche Tyrannei der Guiſen ſie bewaffnet habe, und der Gedanke fern von ihnen geweſen ſey, durch gewaltſame Mittel die Religionsfreiheit durchzuſetzen, ſo wurde im Gegentheil die Verſchwoͤrung in den koͤniglichen Briefen als gegen die Perſon des Monarchen ſelbſt und gegen das ganze koͤnigliche Haus gerichtet vorgeſtellt, welche nichts Ge⸗ ringeres erzielt haben ſolle, als die Monarchie zugleich mit der katholiſchen Religion umzuſtuͤrzen, und Frankreich in einen der Schweiz aͤhnlichen Republikenbund zu verwandeln. Es ſcheint, daß der beſſere Theil der Nation anders davon geurtheilt, und nur die Verlegenheit der Guiſen ſich hinter dieſen Vorwand gefluͤchtet habe, um dem allgemein gegen ſie erwachenden Un⸗ willen eine andere Richtung zu geben. Das Mitleid mit den Ungluͤcklichen, die ihre Rachſucht ſo grauſam dahin geopfert hatte, machte auch ſogar eifrige Katholiken geneigt, die Schuld derſelben zu verringern, und die Proteſtanten kuͤhn genug, ihren Antheil an dem Complot laut zu bekennen. Dieſe un⸗ guͤnſtige Stimmung der Gemuͤther erinnerte die Miniſter nachdruͤcklicher, als offenbare Gewalt es nimmermehr gekonnt haͤtte, daß es Zeit ſey, ſich zu maͤßigen; und ſo verſchaffte ſelbſt der Fehlſchlag des Complots von Amboiſe den Calvini⸗ ſten im Koͤnigreiche, auf eine Zeit lang wenigſtens, eine gelin⸗ dere Behandlung. Um, wie man vorgab, den Samen der Unruhen zu er⸗ 88 ſticken, und auf einem friedlichen Weg das Koͤnigreich zu be⸗ ruhigen, verfiel man darauf, mit den Vornehmſten des Reichs eine Berathſchlagung anzuſtellen. Zu dieſem Ende beriefen die Miniſter die Prinzen des Gebluͤts, den hohen Adel, die Ordens⸗ ritter und die vornehmſten Magiſtratsperſonen nach Fontaine⸗ bleau, wo jene wichtigen Materien verhandelt werden ſollten. Dieſe Verſammlung erfuͤllte aber weder die Erwartung der Nation, noch die Wuͤnſche der Guiſen, weil das Mißtrauen der Bourbons ihnen nicht erlaubte, darauf zu erſcheinen, und die uͤbrigen Anfuͤhrer der mißvergnuͤgten Partei, die den Ruf nicht wohl ausſchlagen konnten, den Krieg auf die Verſamm⸗ lung mitbrachten, und durch ein zahlreiches, gewaffnetes Ge⸗ folge die Gegenpartei in Verlegenheit ſetzten. Aus den nach⸗ herigen Schritten der Miniſter moͤchte man den Argwohn der Prinzen fuͤr nicht ſo ganz ungegruͤndet halten, welche dieſe ganze Verſammlung nur als einen Staatsſtreich der Guiſen betrach⸗ teten, um die Haͤupter der Mißvergnugten ohne Blutvergießen in Einer Schlinge zu fangen. Da die gute Verfaſſung ihrer Gegner dieſen Anſchlag vereitelte, ſo ging die Verſammlung ſelbſt in unnuͤtzen Formalitaͤten und leeren Gezanken voruͤber, und zuletzt wurden die ſtreitigen Punkte bis zu einem allge⸗ meinen Reichstag zuruͤckgelegt, welcher mit naͤchſtem in der Stadt Orleans eroͤffnet werden ſollte. Jeder Theil, voll Mißtrauen gegen den andern, benutzte die Zwiſchenzeit, ſich in Vertheidigungsſtand zu ſetzen, und an dem Untergang ſeiner Gegner zu arbeiten. Der Fehlſchlag des Complots von Amboiſe hatte den Intriguen des Prinzen von Condé kein Ziel ſetzen koͤnnen. In Dauphiné, Provence und andern Gegenden brachte er durch ſeine geheimen Unterhaͤndler die Calviniſten in Bewegung, und ließ ſeine Anhaͤnger zu den Waffen greifen. Seinerſeits ließ der Herzog von Guiſe die 89 ihm verdaͤchtigen Plaͤtze mit Truppen beſetzen, veraͤnderte die Befehlshaber der Feſtungen, und ſparte weder Geld noch Muͤhe, von jedem Schritt der Bourbons Wiſſenſchaft zu erhalten. Mehrere ihrer Unterhaͤndler wurden wirklich entdeckt und in Feſſeln geworfen; verſchiedene wichtige Papiere, welche uͤber die Machinationen des Prinzen Licht gaben, geriethen in ſeine Haͤnde. Dadurch gelang es ihm, den verderblichen Anſchlaͤgen auf die Spur zu kommen, welche Condé gegen ihn ſchmiedete, und auf dem Reichstag zu Orleans Willens war, zur Aus⸗ fuͤhrung zu bringen. Eben dieſer Reichstag beunruhigte die Bourbons nicht wenig, welche gleichviel dabei zu wagen ſchienen, ſie mochten ſich davon ausſchließen, oder auf demſelben erſchei⸗ nen. Weigerten ſie ſich, den wiederholten Mahnungen des Koͤnigs zu gehorchen, ſo hatten ſie Alles fuͤr ihre Beſitzungen, uͤberlieferten ſie ſich ihren Feinden, ſo hatten ſie nicht minder fuͤr ihre perſoͤnliche Sicherheit zu fuͤrchten. Nach langen Be⸗ rathſchlagungen blieb es endlich bei dem Letzten, und beide Bourbons entſchloſſen ſich zu dieſem ungluͤcklichen Gang. unter traurigen Vorbedeutungen naͤherte ſich dieſer Reichs⸗ tag, und ſtatt des wechſelſeitigen Vertrauens, welches ſo noͤthig war, Haupt und Glieder zu Einem Zweck zu vereinigen, und durch gegenſeitige Nachgiebigkeit den Grund zu einer dauer⸗ haften Verſoͤhnung zu legen, erfuͤllten Argwohn und Erbitte⸗ rung die Gemuͤther. Anſtatt der erwarteten Geſinnungen des Friedens brachte jeder Theil ein unverſoͤhnliches Herz und ſchwarze Anſchlaͤge in die Verſammlung mit, und das Heilig⸗ thum der Sicherheit und Ruhe war zu einem blutigen Schau⸗ platz des Verraths und der Rache erkoren. Furcht vor Nach⸗ ſtellungen, welche die Guiſen unaufhoͤrlich ihm vorſpiegelten, vergiftete die Ruhe des Koͤnigs, der in der Bluͤthe ſeiner Jahre ſichtbar dahinwelkte, von ſeinen naͤchſten Verwandten den Dolch 90 gegen ſich gezogen, und, unter allen Vorzeichen des oͤffentlichen Elends, unter ſeinen Fuͤßen das Grab ſich ſchon oͤffnen ſah. Melancholiſch und Ungluͤck weiſſagend war ſein Einzug in die Stadt Orleans, und das dumpfe Getoͤſe von Bewaffneten er⸗ ſtickte jeden Ausbruch der Freude. Die ganze Stadt wurde ſo⸗ gleich mit Soldaten angefuͤllt, welche jedes Thor, jede Straße beſetzten. So ungewoͤhnliche Anſtalten verbreiteten uͤberall Un⸗ ruhe und Angſt, und ließen einen finſtern Anſchlag im Hinter⸗ halte befuͤrchten. Das Geruͤcht davon drang bis zu den Bourbons, noch ehe ſie Orleans erreicht hatten, und machte ſie eine Zeit lang un⸗ ſchluͤſſig, ob ſie die Reiſe dahin fortſetzen ſollten. Aber haͤtten ſie auch ihren Vorſatz geaͤndert, ſo kam die Reue jetzt zu ſpaͤt; denn ein Obſervationscorps des Koͤnigs, welches von allen Seiten ſie umringte, hatte ihnen bereits jeden Ruckweg abgeſchnitten. So erſchienen ſie am 30 October 1560 zu Orleans, begleitet von dem Cardinal von Bourbon, ihrem Bruder, den ihnen der Koͤnig mit den heiligſten Verſicherungen ſeiner aufrichtigen Abſichten entgegen geſandt hatte. Der Empfang, den ſie erhielten, widerſprach dieſen Ver⸗ ſicherungen ſehr. Schon von weitem verkuͤndigte ihnen die froſtige Miene der Miniſter und die Verlegenheit der Hof⸗ leute ihren Fall. Finſterer Ernſt malte ſich auf dem Geſichte des Monarchen, als ſie vor ihn traten, ihn zu begruͤßen, welcher bald gegen den Prinzen in die heftigſten Anklagen ausbrach. Alle Verbrechen, deren man Letztern bezichtigte, wurden ihm der Reihe nach vorgeworfen, und der Befehl zu ſeiner Verhaf⸗ tung iſt ausgeſprochen, ehe er Zeit hat, auf dieſe uͤberraſchenden Beſchuldigungen zu antworten.. Ein ſo raſcher Schritt durfte nicht bloß zur Haͤlfte gethan werden. Papiere, die wider den Gefangenen zeugten, waren 91 ſchon in Bereitſchaft, und alle Ausſagen geſammelt, welche ihn zum Verbrecher machten; nichts fehlte als die Form des Ge⸗ richts. Zu dieſem Ende ſetzte man eine außerordentliche Com⸗ miſſion nieder, welche aus dem Pariſer Parlament gezogen war, und den Kanzler von Hopital an ihrer Spitze hatte. Vergebens berief ſich der Angeklagte auf das Vorrecht ſeiner Geburt, nach welcher er nur von dem Koͤnige ſelbſt, den Pairs und dem Parlamente bei voller Sitzung gerichtet werden konnte. Man zwang ihn, zu antworten, und gebrauchte dabei noch die Argliſt, uͤber einen Privataufſatz, der nur fuͤr ſeinen Advocaten beſtimmt, aber ungluͤcklicherweiſe von des Prinzen Hand unter⸗ zeichnet war, als uͤber eine foͤrmliche gerichtliche Vertheidigung zu erkennen. Fruchtlos blieben die Verwendungen ſeiner Freunde, ſeiner Familie; vergeblich der Fußfall ſeiner Gemahlin vor dem Koͤnige, der in dem Prinzen nur den Raͤuber ſeiner Krone, ſeinen Moͤrder erblickte. Vergeblich erniedrigt ſich der Koͤnig von Navarra vor den Guiſen ſelbſt, die ihn mit Ver⸗ achtung und Haͤrte zuruͤckwieſen. Indem er fuͤr das Leben eines Bruders flehte, hing der Dolch der Verraͤther an einem duͤnnen Haare uͤber ſeinem eigenen Haupte. In den eigenen Zimmern des Monarchen erwartete ihn eine Rotte von Meuchel⸗ moͤrdern, welche, der genommenen Abrede gemaͤß, uͤber ihn herfallen ſollten, ſobald der Koͤnig durch einen heftigen Zank mit demſelben ihnen das Zeichen dazu gaͤbe. Das Zeichen kam nicht, und Anton von Navarra ging unbeſchaͤdigt aus dem Cabinet des Monarchen, der zwar unedel genug, einen Meuchel⸗ mord zu beſchließen, doch zu verzagt war, denſelben in ſeinem Beiſeyn vollſtrecken zu laſſen. Entſchloſſener gingen die Guiſen gegen Condé zu Werke, um ſo mehr, da die hinſinkende Geſundheit des Monarchen ſie eilen hieß. Das Todesurtheil war gegen ihn geſprochen, die 9²2 Sentenz von einem Theile der Richter ſchon unterzeichnet, als man den Koͤnig auf einmal rettungslos darnieder liegen ſah. Dieſer entſcheidende Umſtand machte die Gegner des Prinzen ſtutzig, und erweckte den Muth ſeiner Freunde; bald erfuhr der Verurtheilte ſelbſt die Wirkungen davon in ſeinem Gefaͤngniß. Mit bewundernswuͤrdigem Gleichmuth und unbewoͤlkter Heiter⸗ keit des Geiſtes erwartete er hier, von der ganzen Welt abge⸗ ſondert und von lauernden, feindſeligen Waͤchtern umringt, den Ausſchlag ſeines Schickſals, als ihm unerwartet Vorſchlaͤge zu einem Vergleich mit den Guiſen gethan wurden.„Kein Ver⸗ gleich,“ erwiederte er,„als mit der Degenſpitze.“ Der zur rechten Zeit einfallende Tod des Monarchen erſparte es ihm, dieſes ungluͤckliche Wort mit ſeinem Kopfe zu bezahlen. Franz II hatte den Thron in ſo zarter Jugend beſtiegen, unter ſo wenig guͤnſtigen Umſtaͤnden und bei ſo wankender Geſundheit beſeſſen und ſo ſchnell wieder geraͤumt, daß man Anſtand nehmen muß, ihn wegen der Unruhen anzuklagen, die ſeine kurze Regierung ſo ſtuͤrmiſch machten, und ſich auf ſeinen Nachfolger vererbten. Ein willenloſes Organ der Koͤnigin, ſei⸗ ner Mutter, und der Guiſen, ſeiner Oheime, zeigte er ſich auf der politiſchen Buͤhne nur, um mechaniſch die Rolle herzuſagen, welche man ihn einlernen ließ, und zu viel war es wohl von ſeinen mittelmaͤßigen Gaben gefordert, das luͤgneriſche Gewebe zu durchreißen, worin die Argliſt der Guiſen ihm die Wahrheit verhuͤllte. Nur ein einziges Mal ſchien es, als ob ſein natuͤr⸗ licher Verſtand und ſeine Gutmuͤthigkeit die betruͤgeriſchen Kuͤnſte ſeiner Miniſter zu nichte machen wollte. Die allgemeine und heftige Erbitterung, welche bei dem Complot von Amboiſe ſichtbar wurde, konnte, wie ſehr auch die Guiſen ihn huͤteten, dem jungen Monarchen kein Geheimniß bleiben. Sein Herz ſagte ihm, daß dieſer Ausbruch des Unwillens nimmermehr ihm 93 ſelbſt gelten konnte, der noch zu wenig gehandelt hatte, um Je⸗ mandes Zorn zu verdienen.„Was hab' ich denn gegen mein Volk verbrochen,“ fragte er ſeine Oheime voll Erſtaunen,„daß es ſo ſehr gegen mich wuͤthet? Ich will ſeine Beſchwerden vernehmen, und ihm Recht verſchaffen.— Mir daͤucht,“ fuhr er fort,„es liegt am Tage, daß ihr dabei gemeint ſeyd. Es waͤre mir wirklich lieb, ihr entferntet euch eine Zeitlang aus meiner Gegenwart, damit es ſich aufklaͤre, wem von uns Beiden es eigentlich gilt.“ Aber zu einer ſolchen Probe bezeugten die Guiſen keine Luſt, und es blieb bei dieſer fluͤchtigen Regung. Franz II war ohne Nachkommenſchaft geſtorben, und das Scepter kam an den zweiten von Heinrichs Soͤhnen, einen Prinzen von nicht mehr als zehn Jahren, jenen ungluͤcklichen Juͤngling, deſſen Namen das Blutbad der Bartholomaͤusnacht einer ſchrecklichen Unſterblichkeit weiht. Unter ungluͤckvollen Zeichen begann dieſe finſtere Regierung. Ein naher Verwandter des Monarchen an der Schwelle des Blutgeruͤſtes, ein anderer aus den Haͤnden der Meuchelmoͤrder nur eben durch einen Zu⸗ fall entronnen; beide Haͤlften der Nation gegen einander in Aufruhr begriffen, und ein Theil derſelben ſchon die Hand am Schwert; die Fackel des Fanatismus geſchwungen; von ferne ſchon das hohle Donnern eines buͤrgerlichen Kriegs; der ganze Staat auf dem Wege zu ſeiner Zertruͤmmerung; Verraͤtherei im Innern des Hofes, im Innern der koͤniglichen Familie Zwie⸗ ſpalt und Argwohn. Im Charakter der Nation eine wider⸗ ſprechende ſchreckliche Miſchung von blindem Aberglauben, von läͤcherlicher Myſtik und von Freigeiſterei; von Rohigkeit der Gefuͤhle und verfeinerter Sinnlichkeit; hier die Koͤpfe durch eine fanatiſche Moͤnchsreligton berfinſtert, dort durch einen noch ſchlimmern Unglauben der Charakter verwildert; beide Extreme 94 des Wahnſinns in fuͤrchterlichem Bunde gepaart. Unter den Großen ſelbſt mordgewohnte Haͤnde, truggewohnte Lippen, naturwidrige empoͤrende Laſter, die bald genug alle Claſſen des Volks mit ihrem Gifte durchdringen werden. Auf dem Throne ein Unmuͤndiger, in macchiavelliſchen Kuͤnſten aufgeſaͤugt, heranwachſend unter buͤrgerlichen Stuͤrmen, durch Fanatiker und Schmeichler erzogen, unterrichtet im Betruge, unbekannt mit dem Gehorſam eines gluͤcklichen Volks, ungeuͤbt im Ver⸗ zeihen, nur durch das ſchreckliche Recht des Strafens ſeines Herrſcheramtes ſich bewußt, durch Krieg und Henker vertraut gemacht mit dem Blut ſeiner Unterthanen! Von den Drang⸗ ſalen eines offenbaren Krieges ſtuͤrzt der ungluͤckvolle Staat in die ſchreckliche Schlinge einer verborgen lauernden Verſchwoͤrung; von der Anarchie einer vormundſchaftlichen Regierung befreit ihn nur eine kurze fuͤrchterliche Ruhe, waͤhrend welcher der Meuchelmord ſeine Dolche ſchleift. Frankreichs traurigſter Zeit⸗ raum beginnt mit der Thronbeſteigung Karls IX, um uͤber ein Menſchenalter lang zu dauern, und nicht eher als in der glor⸗ reichen Regierung Heinrichs von Navarra zu endigen. Der Tod ihres Erſtgebornen und Karls NX zartes Alter fuͤhrten die Koͤnigin Mutter, Katharina von Medicis, auf den politiſchen Schauplatz, eine neue Staatskunſt und neue Scenen des Elends mit ihr. Dieſe Fuͤrſtin, geizig nach Herrſchaft, zur Intrigue geboren, ausgelernt im Betrug, Meiſterin in allen Kuͤnſten der Verſtellung, hatte mit Ungeduld die Feſſeln er⸗ tragen, welche der Alles verdraͤngende Deſpotismus der Guiſen ihrer herrſchenden Leidenſchaft anlegte. Unterwuͤrfig und ein⸗ ſchmeichelnd gegen ſie, ſo lange ſie des Beiſtands der Koͤnigin wider Montmorency und die Prinzen von Bourbon bedurften, vernachlaͤſſigten ſie dieſelbe, ſobald ſie ſich nur in ihrer uſur⸗ pirten Wuͤrde befeſtigt ſahen. Durch Fremdlinge ſich aus dem 95 Vertrauen ihres Sohnes verdraͤngt und die wichtigſten Staats⸗ geſchaͤfte ohne ſie verhandelt zu ſehen, war eine zu empfindliche Kraͤnkung ihrer Herrſchbegierde, um mit Gelaſſenheit ertragen zu werden. Wichtig zu ſeyn, war ihre herrſchende Neigung; ihre Gluͤckſeligkeit, jeder Partei nothwendig ſich zu wiſſen. Nichts gab es, was ſie nicht dieſer Neigung aufopferte, aber alle ihre Thaͤtigkeit war auf das Feld der Intrigue eingeſchraͤnkt, wo ſie ihre Talente glaͤnzend entwickeln konnte. Die Intrigue allein war ihr wichtig, gleichguͤltig die Menſchen. Als Regentin des Reichs und Mutter von drei Koͤnigen mit der mißlichen Pflicht beladen, die angefochtene Autoritaͤt ihres Hauſes gegen wuͤthende Parteien zu behaupten, hatte ſie dem Trotz der Großen nur Verſchlagenheit, der Gewalt nur Liſt entgegen zu ſetzen. In der Mitte zwiſchen den ſtreitenden Factionen der Guiſen und der Prinzen von Bourbon beobachtete ſie lange Zeit eine unſichere Staatskunſt, unfaͤhig nach einem feſten und unwider⸗ ruflichen Plane zu handeln. Heute, wenn der Verdruß uͤber die Guiſen ihr Gemuͤth beherrſchte, der reformirten Partei hin⸗ gegeben, erroͤthete ſie morgen nicht, wenn ihr Vortheil es heiſchte, ſich eben dieſen Guiſen, die ihrer Neigung zu ſchmei⸗ cheln gewußt hatten, zu einem Werkzeug dazu zu borgen. Dann ſtand ſie keinen Augenblick an, alle Geheimniſſe preiszugeben, die ein unvorſichtiges Vertrauen bei ihr niedergelegt hatte. Nur ein einziges Laſter beherrſchte ſie, aber welches die Mutter iſt von allen: zwiſchen Boͤs und Gut keinen Unterſchied zu kennen. Die Zeitumſtaͤnde ſpielten mit ihrer Moralitaͤt, und der Augenblick fand ſie gleich geneigt zur Unmenſchlichkeit und zur Milde, zur Demuth und zum Stolz, zur Wahrheit und zur Luͤge. Unter der Herrſchaft ihres Eigennutzes ſtand jede andere Leidenſchaft, und ſelbſt die Rachſucht, wenn das Intereſſe es forderte, mußte ſchweigen. Ein fuͤrchterlicher Charakter, nicht 96 weniger empoͤrend, als jene verrufenen Scheuſale der Geſchichte, welche ein plumper Pinſel ins Ungeheuer malt. Aber indem ihr alle ſittlichen Tugenden fehlten, vereinigte ſie alle Talente ihres Standes, alle Tugenden der Verhaͤltniſſe, alle Vorzuͤge des Geiſtes, welche ſich mit einem ſolchen Charakter vertragen; aber ſie entweihte alle, indem ſie ſie zu Werkzeugen dieſes Charakters erniedrigte. Majeſtaͤt und koͤniglicher Anſtand ſprach aus ihr; glaͤnzend und geſchmackvoll war Alles, was ſie anordnete; hingeriſſen jeder Blick, der nur nicht in ihre Seele fiel; Alles, was ſich ihr nahte, von der Anmuth ihres Umgangs, von dem geiſtreichen Inhalt ihres Geſpraͤchs, von ihrer zuvor⸗ kommenden Guͤte bezaubert. Nie war der franzoͤſiſche Hof ſo glanzvoll geweſen, als ſeitdem Katharina Köoͤnigin dieſes Hofes war. Alle verfeinerten Sitten Italiens verpflanzte ſie auf franzoͤſiſchen Boden, und ein froͤhlicher Leichtſinn herrſchte an ihrem Hofe, ſelbſt unter den Schreckniſſen des Fanatismus und mitten im Jammer des buͤrgerlichen Kriegs. Jede Kunſt fand Aufmunterung bei ihr, jedes andere Verdienſt, als um die gute Sache, Bewunderung. Aber im Gefolge der Wohlthaten, die ſie ihrem neuen Vaterlande brachte, verbargen ſich gefaͤhr⸗ liche Gifte, welche die Sitten der Nation anſteckten und in den Koͤpfen einen ungluͤcklichen Schwindel erregten. Die Jugend des Hofes, durch ſie von dem Zwange der alten Sitte befreit und zur Ungebundenheit eingeweiht, uͤberließ ſich bald ohne Ruͤckhalt ihrem Hange zum Vergnuͤgen; mit dem Putze der Ahnen lernte man nur zu bald ihre Schamhaftigkeit und Tu⸗ gend ablegen. Betrug und Falſchheit verdraͤngten aus dem geſellſchaftlichen Umgang die edle Wahrheit der Ritterzeiten, und das koſtbarſte Palladium des Staats, Treu und Glauben, verlor ſich, wie aus dem Innern der Familien, ſo aus dem oͤffentlichen Leben. Durch den Geſchmack an aſtrologiſchen Traͤu⸗ 97 mereien, welche ſie mit ſich aus ihrem Vaterlande brachte⸗ fuͤhrte ſie dem Aberglauben eine maͤchtige Verſtaͤrkung zu; dieſe Thorheit des Hofs ſtieg ſchnell zu den unterſten Claſſen herab, um zuletzt ein verderbliches Inſtrument in der Hand des Fanatismus zu werden. Aber das traurigſte Geſchenk, das ſie Frankreich machte, waren drei Koͤnige, ihre Soͤhne, die ſie in ihrem Geiſte erzog, und mit ihren Grundſaͤtzen auf den Thron ſetzte. Die Geſetze der Natur und des Staats riefen die Koͤnigin Katharina, waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit ihres Sohnes, zur Regentſchaft, aber die Umſtaͤnde, unter welchen ſie davon Beſitz nehmen ſollte, ſchlugen ihren Muth ſehr darnieder. Die Staͤnde waren in Orleans verſammelt, der Geiſt der Unabhaͤngigkeit erwacht, und zwei maͤchtige Parteien gegen einander zum Kampfe geruͤſtet. Nach Herrſchaft ſtrebten die Haͤupter beider Factio⸗ nen; keine konigliche Gewalt war da, um dazwiſchen zu treten und ihren Ehrgeiz zu beſchraͤnken; und die Anordnung der vormundſchaftlichen Regierung, die jenen Mangel erſetzen ſollte, konnte nur das Werk ihrer beiderſeitigen Uebereinſtimmung werden. Der Koͤnig war noch nicht todt, als ſich Katharina von beiden Theilen heftig angegangen, und zu den entgegen⸗ geſetzteſten Maßregeln aufgefordert ſah. Die Guiſen und ihr Anhang, pochend auf die Huͤlfe der Staͤnde, deren groͤßter Theil von ihnen gewonnen war, geſtuͤtzt auf den Beiſtand der ganzen katholiſchen Partei, lagen ihr dringend an, die Sentenz gegen den Prinzen von Condè vollſtrecken zu laſſen, und mit dieſem einzigen Streiche das Bourbon'ſche Haus zu zerſchmet⸗ tern, deſſen furchtbares Aufſtreben ihr eigenes bedrohte. Auf der andern Seite beſtuͤrmte ſie Anton von Navarra, die ihr zufallende Macht zur Rettung ſeines Bruders anzuwenden, und ſich dadurch der Unterwurfigkeit ſeiner ganzen Partei zu Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 7 98 verſichern. Keinem von beiden Theilen fiel es ein, die Anſpruͤche der Koͤnigin auf die Regentſchaft anzufechten. Das nachtheilige Verhaͤltniß, in welchem der Tod des Koͤnigs die Prinzen von Bourbon uͤberraſchte, mochte ſie abſchrecken, fuͤr ſich ſelbſt, wie ſie ſonſt wohl gethan haͤtten, nach dieſem Ziele zu ſtreben; deßwegen verhielten ſie ſich lieber ſtumm, um nicht durch Zweifel, die ſie gegen die Rechte Katharinens erregt haben wuͤrden, dem Ehrgeiz der Guiſen eine Ermunterung zu geben. Auch die Guiſen wollten durch ihren Widerſpruch nicht gern Gefahr laufen, der Nation die naͤhern Rechte der Bourbons in Erinnerung zu bringen. Durch ſchweigende Anerkennung der Rechte Katharinens ſchloſſen beide Parteien einander gegen⸗ ſeitig von der Competenz aus, und jede hoffte, unter dem Namen der Koͤnigin ihre ehrgeizigen Abſichten leichter er⸗ reichen zu koͤnnen.. Katharina, durch die weiſen Rathſchlaͤge des Kanzlers von Hopital geleitet, erwaͤhlte den ſtaatsklugen Ausweg, ſich keiner von den beiden Parteien zum Werkzeug gegen die andere herzu⸗ geben, und durch ein wohlgewaͤhltes Mittel zwiſchen beiden den Meiſter uͤber ſte zu ſpielen. Indem ſie den Prinzen von Conde der ungeſtuͤmen Rachſucht ſeiner Gegner entriß, machte ſie dieſen wichtigen Dienſt bei dem Koͤnig von Navarra geltend, und verſicherte die lothringiſchen Prinzen ihres maͤchtigſten Beiſtands, wenn ſich die Bourbons unter der neuen Regierung an die Mißhandlungen, welche ſie unter der vorigen erlitten, thaͤtlich erinnern ſollten. Mit Huͤlfe dieſer Staatskunſt ſah ſie ſich, unmittelbar nach dem Abſterben des Monarchen, ohne Jemands Widerſpruch und ſelbſt ohne Zuthun der in Orleans verſammelten Staͤnde, die unthaͤtig dieſer wichtigen Begebenheit zuſahen, im Beſitz der Regentſchaft, und der erſte Gebrauch, den ſie davon machte, war, durch Emporhebung der Bourbons 99 das Gleichgewicht zwiſchen beiden Parteien wieder herzuſtellen. Condé verließ unter ehrenvollen Bedingungen ſein Gefaͤngniß, um auf den Guͤtern ſeines Bruders die Zeit ſeiner Rechtfer⸗ tigung abzuwarten; dem Koͤnig von Navarra wurde mit dem Poſten eines Generallieutenants des Koͤnigreichs ein wichtiger Zweig der hoͤchſten Gewalt uͤbergeben. Die Guiſen retteten wenigſtens ihre kuͤnftigen Hoffnungen, indem ſie ſich bei Hofe behaupteten, und konnten der Koͤnigin wider den Ehrgeiz der Bourbons zu einer maͤchtigen Stuͤtze dienen.. Ein Schein von Ruhe kehrte jetzt zwar zuruͤck, aber viel fehlte noch, ein aufrichtiges Vertrauen zwiſchen ſo ſehr ver⸗ wundeten Gemuͤthern zu begruͤnden. Um dieß zu bewerk⸗ ſtelligen, warf man die Augen auf den Connetable von Mont⸗ morency, den der Deſpotismus der Guiſen unter der vorigen Regierung entfernt gehalten hatte, und die Thronveraͤnderung jetzt auf ſeinen alten Schauplatz zuruͤckfuͤhrte. Voll redlichen Eifers fuͤr das Beſte des Vaterlandes, ſeinem Koͤnig treu wie ſeinem Glauben, war Montmorency juſt der Mann, der zwiſchen die Regentin und ihren Miniſter in die Mitte treten, ihre Ausſoͤhnung verbuͤrgen, und die Privatzwecke Beider dem Beſten des Staats unterwerfen koͤnnte. Die Stadt Orleans, von Soldaten angefuͤllt, wodurch die Guiſen ihre Gegner geſchreckt und den Reichstag beherrſcht hatten, zeigte uͤberall noch Spuren des Kriegs, als der Connetable davor anlangte, und ſogleich die Wache an den Thoren verabſchiedete.„Mein Herr und Koͤnig,“ ſagte er,„wird fortan in poller Sicherheit und ohne Leibwache in ſeinem ganzen Koͤnigreich hin⸗ und herwandeln.“— „Fuͤrchten Sie nichts, Sire!“ redete er den jungen Monarchen an, ein Knie vor ihm beugend und ſeine Hand kuͤſſend, auf die er Thraͤnen fallen ließ.„Laſſen Sie ſich von den gegenwaͤrtigen Unruhen nicht in Schrecken ſetzen. Mein Leben geb' ich hin 100 und alle Ihre guten Unterthanen mit mir, Ihnen die Krone zu erhalten.“— Auch hielt er inſofern unverzuͤglich Wort, daß er die kuͤnftige Reichsverwaltung auf einen geſetzmaͤßigen Fuß ſetzte, und die Graͤnzen der Gewalt zwiſchen der Koͤnigin Mutter und dem Koͤnig von Navarra beſtimmen half. Der Reichstag von Orleans, in keiner andern Abſicht zuſammen berufen, als um die Prinzen von Bourbon in die Falle zu locken, und muͤßig, ſobald jene Abſicht vereitelt war, wurde jetzt nach dem theatraliſchen Gepraͤnge einiger unnuͤtzen Berath⸗ ſchlagungen aufgehoben, um ſich im Mai desſelben Jahrs aufs neue zu verſammeln. Gerechtfertigt und im vollen Glanze ſeines vorigen Anſehens erſchien der Prinz von Conds wieder am Hof, um uͤber ſeine Feinde zu triumphiren. Seine Partei erhielt an dem Connetable eine maͤchtige Verſtaͤrkung. Jede Gelegenheit wurde nunmehr hervorgeſucht, um die alten Mini⸗ ſter zu kraͤnken, und Alles ſchien ſich zu ihrem Untergang ver⸗ einigen zu wollen. Ja, wenig fehlte, daß die nun herrſchende Partei die Regentin nicht in die Nothwendigkeit geſetzt haͤtte, zwiſchen Vertreibung der Lothringer und dem Verluſt ihrer Regentſchaft zu waͤhlen.. Die Staatsklugheit der Koͤnigin hielt in dieſem Sturme zwar die Guiſen noch aufrecht, weil fuͤr ſie ſelbſt, fuͤr die Mon⸗ archie, vielleicht auch fuͤr die Religion Alles zu fuͤrchten war, ſobald ſie jene durch die Bourbon'ſche Faction unterdruͤcken ließ. Aber eine ſo ſchwache und wandelbare Stuͤtze konnte die Guiſen nicht beruhigen, und noch weniger konnte die untergeordnete Rolle, mit welcher ſie vorlieb nehmen mußten, ihre Ehrſucht defriedigen. Auch hatten ſie es nicht an Thaͤtigkeit fehlen laſſen, die Protection der Koͤnigin ſich kuͤnftig entbehrlich zu machen, und der voreilige Triumph ihrer Gegner mußte ihnen jelbſt dazu helfen, ihre Partei zu verſtaͤrken. Der Haß ihrer Feinde, 101 nicht zufrieden, ſie vom Ruder der Regierung verdraͤngt zu haben, ſtreckte nun auch die Hand nach ihren Reichthuͤmern aus, und forderte Rechenſchaft von den Geſchenken und Gnaden⸗ geldern, welche die lothringiſchen Prinzen und ihre Anhaͤnger unter den vorhergehenden Regierungen zu erpreſſen gewußt hatten. Durch dieſe Forderung war außer den Guiſen noch die Herzogin von Valentinois, der Marſchall von St. André, ein Guͤnſtling Heinrichs II, und zum Ungluͤck der Connetable ſelbſt angegriffen, welcher ſich die Freigebigkeit Heinrichs aufs beſte zu Nutze gemacht hatte, und noch außerdem durch ſeinen Sohn mit dem Hauſe der Herzogin in Verwandtſchaft ſtand. Religionseifer war die einzige Schwaͤche, und Habſucht das einzige Laſter, welches die Tugenden des Montmorency befleckte, und wodurch er den hinterliſtigen Intriguen der Guiſen eine Bloͤße gab. Die Guiſen, mit dem Marſchall und der Herzogin durch gemeinſchaftliches Intereſſe verknuͤpft, benutzten dieſen Umſtand, um den Connetable zu ihrer Partei zu ziehen, und es gelang ihnen nach Wunſch, indem ſie doppelte Triebfedern des Geizes und des Religionseifers bei ihm in Bewegung ſetzten. Mit argliſtiger Kunſt ſchilderten ſie ihm den Angriff der Calviniſten auf ihre Beſitzungen als einen Schritt ab, der zum Untergang des katholiſchen Glaubens abziele, und der bethoͤrte Greis ging um ſo leichter in dieſe Schlinge, je mehr ihm die Beguͤnſtigungen ſchon mißfallen hatten, welche die Re⸗ gentin ſeit einiger Zeit den Calviniſten oͤffentlich angedeihen ließ. Zu dieſem Betragen der Koͤnigin, welches ſo wenig mit ihrer uͤbrigen Denkungsart uͤbereinſtimmte, hatten die Guiſen ſelbſt durch ihr verdaͤchtiges Einverſtaͤndniß mit Philipp II, Koͤnig von Spanien, die Veranlaſſung gegeben. Dieſer furcht⸗ bare Nachbar Frankreichs, deſſen unerſaͤttliche Herrſchſucht und Vergroͤßerungsbegierde fremde Staaten mit luͤſternem Auge 102 verſchlang, indem er ſeine eigenen Beſitzungen nicht zu be⸗ haupten wußte, hatte auf die inneren Angelegenheiten dieſes Reichs ſchon laͤngſt ſeine Blicke geheftet, mit Wohlgefallen den Stuͤrmen zugeſehen, die es erſchuͤtterten, und durch die erkauften Werkzeuge ſeiner Abſichten den Haß der Factionen voll Argliſt unterhalten. Unter dem Titel eines Beſchuͤtzers deſpotiſirte er Frankreich. Ein ſpaniſcher Ambaſſadeur ſchrieb in den Mauern von Paris den Katholiken das Betragen vor, welches ſie in Abſicht ihrer Gegner zu beobachten haͤtten, verwarf oder billigte ihre Maßregeln, je nachdem ſie mit dem Vortheile ſeines Herrn uͤbereinſtimmten, und ſpielte öffentlich und ohne Scheu den Miniſter. Die Prinzen von Lothringen hielten ſich aufs engſte an denſelben angeſchloſſen, und keine wichtige Entſchließung wurde von ihnen gefaßt, an welcher der ſpaniſche Hof nicht Theil genommen haͤtte. Sobald die Verbindung der Guiſen und des Marſchalls von St. André mit Montmorency, welche unter dem Namen des Triumvirats bekannt iſt, zu Stande gekommen war, ſo erkannten ſie, wie man ihnen Schuld gibt, den Koͤnig von Spanien als ihr Oberhaupt, der ſie im Nothfall mit einer Armee unterſtuͤtzen ſollte. So erhub ſich aus dem Zuſammenfluſſe zweier ſonſt ſtreitenden Factionen eine neue furchtbare Macht in dem Koͤnigreich, die, von dem ganzen katholiſchen Theil der Nation unterſtuͤtzt, das Gleichgewicht in Gefahr ſetzte, welches zwiſchen beiden Religionsparteien hervor zu bringen Katharina ſo bemuͤht geweſen war. Sie nahm daher auch jetzt zu ihrem gewoͤhnlichen Mittel, zu Unterhand⸗ lungen, ihre Zuflucht, um die getrennten Gemuͤther wenigſtens in der Abhaͤngigkeit von ihr ſelbſt zu erhalten. Zu allen Streitigkeiten der Parteien mußte die Religion gewoͤhnlich den Namen geben, weil dieſe allein es war, was die Katholiken des Koͤnigreichs an die Guiſen, und die Reformirten an die Bour⸗ 103 vons feſſelte. Die Ueberlegenheit, welche das Triumvirat zu erlangen ſchien, bedrohte den reformirten Theil mit einer neuen Unterdruͤckung, die Widerſetzlichkeit des letztern das ganze Koͤnig⸗ reich mit einem innerlichen Krieg, und einzelne kleine Gefechte zwiſchen beiden Religionsparteien, einzelne Empoͤrungen in der Hauptſtadt, wie in mehreren Provinzen, waren ſchon Vorlaͤufer desſelben. Katharina that Alles, um die ausbrechende Flamme zu erſticken, und es gelang endlich ihren fortgeſetzten Bemuͤhun⸗ gen, ein Edict zu Stande zu bringen, welches die Reformirten zwar von der Furcht befreite, ihre Ueberzeugungen mit dem Tode zu buͤßen, aber ihnen nichtsdeſtoweniger jede Ausuͤbung ihres Gottesdienſtes und beſonders die Verſammlungen unter⸗ ſagte, um welche ſie ſo dringend gebeten hatten. Dadurch ward freilich fuͤr die reformirte Partei nur ſehr wenig gewon⸗ nen, aber doch fuͤrs erſte der gefaͤhrliche Ausbruch ihrer Ver⸗ zweiflung gehemmt, und zwiſchen den Haͤuptern der Parteien am Hofe eine ſcheinbare Verſoͤhnung vorbereitet, welche freilich bewies, wie wenig das Schickſal ihrer Glaubensgenoſſen, welches ſie doch beſtaͤndig im Munde fuͤhrten, den Anfuͤhrern der Huge⸗ notten wirklich zu Herzen ging. Die meiſte Muͤhe koſtete die Ausgleichung, welche zwiſchen dem Prinzen von Condé und dem Herzog von Guiſe unternommen ward, und der Koͤnig ſelbſt wurde angewieſen, ſich ins Mittel zu ſchlagen. Nachdem man zuvor uͤber Worte, Gebaͤrden und Handlungen uͤberein⸗ gekommen war, wurde die Komoͤdie im Beiſeyn des Koͤnigs eroͤffnet.„Erzaͤhlt uns,“ ſagte dieſer zum Herzog von Guiſe, „wie es in Orleans eigentlich zugegangen iſt?“ Und nun machte der Herzog von dem damaligen Verfahren gegen den Prinzen eine ſolche kuͤnſtliche Schilderung, welche ihn ſelbſt von jedem Antheil davon reinigte, und alle Schuld auf den ver⸗ ſtorbenen Koͤnig waͤlzte.—„Wer es auch ſey, der mir dieſe 104 Beſchimpfung zufuͤgte,“ antwortete Condé, gegen den Herzog gewendet,„ſo erklaͤre ich ihn fuͤr einen Frevler und einen Niedertraͤchtigen.“—„Ich auch,“ erwiederte der Herzog; „aber mich trifft das nicht.“ Die Regentſchaft der Koͤnigin Katharina war die Periode der Unterhandlungen. Was dieſe nicht ausrichteten, ſollte der Reichstag zu Pontoiſe und das Colloquium zu Poiſſy zu Stande bringen, beide in der Abſicht gehalten, um ſowohl die politiſchen Beſchwerden der Nation beizulegen, als eine wechſelſeitige Annaͤherung der Religionen zu verſuchen. Der Reichstag zu Pontoiſe war nur die Fortſetzung deſſen, der zu Orleans ohne Wirkung geweſen, und auf den Mai dieſes Jahrs 1561 aus⸗ geſetzt worden war. Auch dieſer Reichstag iſt bloß durch einen heftigen Angriff der Staͤnde auf die Geiſtlichkeit merkwuͤrdig, welche ſich zu einem freiwilligen Geſchenke(Don gratuit) entſchloß⸗ um nicht zwei Drittheile ihrer Guͤter zu verlieren. Das guͤtliche Religionsgeſpraͤch, welches zu Poiſſy, einem kleinen Staͤdtchen unweit St. Germain, zwiſchen den Lehrern der drei Kirchen gehalten wurde, erregte eben ſo vergebliche Erwartungen. In Frankreich ſowohl als in Deutſchland hatte man ſchon laͤngſt, um die Spaltungen in der Kirche beizulegen, ein allgemeines Concilium gefordert, welches ſich mit Abſtellung der Mißbraͤuche, mit der Sittenverbeſſerung des Clerus und mit Feſtſetzung der beſtrittenen Dogmen beſchaͤftigen ſollte. Dieſe Kirchenverſammlung war auch wirklich im Jahre 1542 nach Trient zuſammenberufen und mehrere Jahre fortgeſetzt, aber, ohne die Hoffnung, welche man von ihr geſchoͤpft hatte, zu erfuͤllen, durch die Kriegsunruhen in Deutſchland im Jahre 1552 auseinander geſcheucht worden. Seit dieſer Zeit war kein Papſt mehr zu bewegen geweſen, ſie, dem allgemeinen Wunſch gemaͤß, zu erneuern, bis endlich das Uebermaß des Elends, 105 welches die fortdauernden Irrungen in der Religion auf die Voͤlker Europens haͤuften, Frankreich beſonders vermochte, nachdruͤcklich darauf zu dringen, und Wiederherſtellung des⸗ ſelben dem Papſt Pius IV durch Drohungen abzunothigen. Die Zoͤgerungen des Papſtes hatten indeſſen dem franzoͤſiſchen Miniſterium den Gedanken eingegeben, durch eine guͤtliche Be⸗ ſprechung zwiſchen den Lehrern der drei Religionen uͤber die beſtrittenen Punkte die Gemuͤther einander naͤher zu bringen, und in Widerlegung der ketzeriſchen Behauptungen die Kraft der Wahrheit zu zeigen. Eine Hauptabſicht dabei war, die große Verſchiedenheit bei dieſer Gelegenheit an den Tag zu bringen, welche zwiſchen dem Lutherthum und Calvinismus obwaltete, und dadurch den Anhaͤngern des letztern den Schutz der deutſchen Lutheraner zu entreißen, durch den ſie ſo furchtbar waren. Dieſem Beweggrunde ſchreibt man es vorzuͤglich zu, daß ſich der Cardinal von Lothringen mit dem groͤßten Nach⸗ druck des Colloquiums annahm, bei welchem er zugleich durch ſeine theologiſche Wiſſenſchaft und ſeine Beredſamkeit ſchimmern wollte. Um den Triumph der wahren Kirche über die falſche deſto glaͤnzender zu machen, ſollten die Sitzungen öffentlich vor ſich gehen. Die Regentin erſchien ſelbſt mit ihrem Sohne, mit den Prinzen des Gebluͤts, den Staatsminiſtern und allen großen Bedienten der Krone, um die Sitzung zu eröͤffnen. Fuͤnf Cardinaͤle, vierzig Biſchoͤfe, mehrere Doctoren, unter welchen Claude D. Eſpenſa durch Gelehrſamkeit und Scharfſinn her⸗ vorragte, ſtellten ſich fuͤr die roͤmiſche Kirche; zwoͤlf auserleſene Theologen fuͤhrten das Wort fuͤr die proteſtantiſche. Der aus⸗ gezeichnetſte unter dieſen war Theodor Beza, Prediger aus Genf,⸗ ein eben ſo feiner als feuriger Kopf, ein maͤchtiger Redner, furcht⸗ barer Dialektiker und der geſchickteſte Kaͤmpfer in dieſem Streite. Aufgefordert, die Lehrſaͤtze ſeiner Partei zuerſt vorzutragen, 106 erhob ſich Beza in der Mitte des Saals, kniete hier nieder, und ſprach mit aufgehobenen Haͤnden ein Gebet. Auf dieſes ließ er ſein Glaubensbekenntniß folgen, mit allen Gruͤnden unterſtuͤtzt, welche die Kuͤrze der Zeit ihm erlaubte, und endigte mit einem ruͤhrenden Blick auf die ſtrenge Begegnung, welche man ſeinen Glaubensbruͤdern bis jetzt in dem Koͤnigreich wi⸗ derfahren ließ. Schweigend hoͤrte man ihm zu; nur als er auf die Gegenwart des Leibes Chriſti im Abendmahl zu reden kam, entſtand ein unwilliges Gemurmel in der Verſammlung. Nachdem Beza geendigt, fragte man bei einander erſt herum, ob man ihn einer Antwort wuͤrdigen ſollte, und es koſtete dem Cardinal von Lothringen nicht wenig Muͤhe, die Ein⸗ willigung der Biſchoͤfe dazu zu erlangen. Endlich trat er auf, und widerlegte in einer Rede voll Kunſt und Beredſamkeit die wichtigſten Lehrſaͤtze ſeines Gegners, diejenigen beſonders, wodurch die Autoritaͤt der Kirche und die katholiſche Lehre vom Abendmahl angegriffen war. Man hatte es ſchon be⸗ reut, den jungen Koͤnig zum Zeugen einer unterredung ge⸗ macht zu haben, wobei die heiligſten Artikel der Kirche mit ſo viel Freiheit behandelt wurden. Sobald daher der Cardinal ſeinen Vortrag geendigt hatte, ſtanden alle Biſchoͤfe auf, um⸗ ringten den Koͤnig, und riefen:„Sire, das iſt der wahre Glaube! das iſt die reine Lehre der Kirche! Dieſe ſind wir bereit, mit unſerm Blute zu verſiegeln.“ In den darauf folgenden Sitzungen, von denen man aber rathſam gefunden, den Koͤnig wegzulaſſen, wurden die uͤbrigen Streitpunkte der Reihe nach vorgenommen, und die Artikel vom Abendmahl beſonders in Erwaͤgung gebracht, um dem Genfiſchen Prediger ſeine eigentliche und poſitive Meinung da⸗ von zu entreißen. Da das Dogma der Lutheraner uͤber dieſen Punkt ſich von dem der Reformirten bekanntlich noch weiter 107 als von der Lehrmeinung der katholiſchen Kirche entfernt, ſo hoffte man, jene beiden Kirchen dadurch mit einander in Streit zu bringen. Aber nun wurde aus einem ernſthaften Geſpraͤche, welches Ueberzeugung zum Zweck haben ſollte, ein ſpitzfindiges Wortgefecht, wobei man ſich mehr der Schlingen und der Fechterkuͤnſte als der Waffen der Vernunft bediente. Ein engerer Ausſchuß von fuͤnf Doctoren auf jeder Seite, dem man zuletzt die Vollendung der ganzen Streitigkeit uͤbergab, ließ ſie eben ſo unentſchieden, und jeder Theil erklaͤrte ſich, als man auseinander ging, fuͤr den Sieger. So erfuͤllte alſo auch dieſes Colloquium in Frankreich die Erwartung nicht beſſer als ein aͤhnliches in Deutſchland, und man kam wieder zu den alten politiſchen Intriguen zuruͤck, welche ſich bisher immer am wirkſamſten bewieſen. Beſonders zeigte ſich der roͤmiſche Hof durch ſeine Legaten ſehr geſchaͤftig, die Macht des Triumvirats zu erheben, als auf welchem das Heil der katholiſchen Kirche zu beruhen ſchien. Zu dieſem Ende ſuchte man den Koͤnig von Navarra fuͤr dasſelbe zu gewinnen, und der reformirten Partei ungetreu zu machen; ein Entwurf, der auf den unſtaͤten Charakter dieſes Prinzen ſehr gut berechnet war. Anton von Navarra, merkwuͤrdiger durch ſeinen großen Sohn Heinrich W als durch eigene Thaten, verkuͤndigte durch nichts als durch ſeine Galanterien und ſeine kriegeriſche Tapferkeit den Vater Heinrichs V. Ungewiß, ohne Selbſtſtaͤndigkeit, wie ſein kleiner Erbthron zwiſchen zwei furchtbaren Nachbarn erzitterte, ſchwankte ſeine verzagte Politik von einer Partei zur andern, ſein Glaube von einer Kirche zur andern, ſein Charakter zwiſchen Laſter und Tugend umher. Sein ganzes Leben lang das Spiel fremder Leidenſchaften, verfolgte er mit ſtets betrogener Hoffnung ein luͤgneriſches Phantom, welches ihm die Argliſt ſeiner Neben⸗ buhler vorzuhalten wußte. Spanien, durch paͤpſtliche Raͤnke 108 unterſtuͤtzt, hatte dem Hauſe Navarra einen betraͤchtlichen Theil dieſes Koͤnigreichs entriſſen, und Philipp II, nicht dazu gemacht, eine Ungerechtigkeit, die ihm Nutzen brachte, wieder gut zu machen, fuhr fort, dieſen Naub ſeiner Ahnen dem rechtmaͤßigen Erben zuruͤckzuhalten. Einem ſo maͤchtigen Feinde hatte Anton von Navarra nichts als die Waffen der Unmacht entgegen zu ſetzen. Bald ſchmeichelte er ſich, der Billigkeit und Großmuth ſeines Gegners durch Geſchmeidigkeit abzugewinnen, was er von der Furcht desſelben zu ertrotzen aufgab; bald wenn dieſe Hoffnung ihn betrog, nahm er zu Frankreich ſeine Zuflucht, und hoffte, mit Huͤlfe dieſer Macht in den Beſitz ſeines Ei⸗ genthums wieder eingeſetzt zu werden. Von beiden Erwar⸗ tungen getaͤuſcht, widmete er ſich im Unmuth ſeines Herzens der proteſtantiſchen Sache, die er kein Bedenken trug zu ver⸗ laſſen, ſobald nur ein Strahl von Hoffnung ihm leuchtete, daß derſelbe Zweck durch ihre Gegner zu erreichen ſey. Sklave ſeiner eigennutzigen furchtſamen Staatskunſt, in ſeinen Ent⸗ ſchluͤſſen, wie in ſeinen Hoffnungen wandelbar, gehoͤrte er nie ganz der Partei, deren Namen er fuͤhrte, und erkaufte ſich, mit ſeinem Blute ſelbſt, den Dank keiner einzigen, weil er es fuͤr beide verſpritzte. Auf dieſen Furſten richteten jetzt die Guiſen ihr Augen⸗ merk, um durch ſeinen Beitritt die Macht des Triumvirats zu verſtaͤrken; aber das Verſprechen einer Zuruͤckgabe von Navarra war bereits zu verbraucht, um bei dem oft getaͤuſchten Fuͤrſten noch einigen Eindruck machen zu koͤnnen. Sie nahmen deßfalls ihre Zuflucht zu einer neuen Erfindung, welche, obgleich nicht weniger grundlos, als die vorigen, die Abſicht ihrer Urheber aufs vollkommenſte erfüllte. Nachdem es ihnen fehlgeſchlagen war, den mißtrauiſchen Prinzen durch das Anerbieten einer Vermaͤhlung mit der verwittweten Koͤnigin Maria Stuart und 109 der daran haftenden Ausſicht auf die Koͤnigreiche Schottland und England zu blenden, mußte ihm Philipp II von Spanien zum Erſatz fuͤr das entriſſene Navarra die Inſel Sardinien anbieten. Zugleich unterließ man nicht, um ſein Verlangen darnach zu reizen, die praͤchtigſten Schilderungen von den Vorzuͤgen dieſes Koͤnigreichs auszubreiten. Man zeigte ihm die nicht ſehr ent⸗ fernten Ausſichten auf den franzoͤſiſchen Thron, wenn der regie⸗ rende Stamm in den ſchwaͤchlichen Soͤhnen Heinrichs II erloͤſchen ſollte; eine Ausſicht, die er ſich durch ſein laͤngeres Beharren auf proteſtantiſcher Seite unausbleiblich verſchließen wuͤrde. Endlich reizte man ſeine Eitelkeit durch die Betrachtung, daß er durch Aufopferung ſo großer Vortheile nicht einmal ge⸗ winne, die erſte Rolle bei einer Partei zu ſpielen, die der Geiſt des Prinzen von Condé unumſchraͤnkt leite. So nach⸗ druͤcklichen Vorſtellungen konnte das ſchwache Gemuͤth des Koͤnigs von Navarra nicht lange widerſtehen. Um bei der reformirten Partei nicht der Zweite zu ſeyn, uͤberließ er ſich unbedingt der katholiſchen, um dort noch viel weniger zu be⸗ deuten; und um an dem Prinzen von Condé keinen Neben⸗ buhler zu haben, gab er ſich an dem Herzog von Guiſe einen Herrn und Gebieter. Die Pomeranzenwaͤlder von Sardinien, in deren Schatten er ſich ſchon im voraus ein paradieſiſches Leben traͤumte, umgaukelten ſeine Einbildungskraft, und blind warf er ſich in die ihm gelegte Schlinge. Die Koͤnigin Ka⸗ tharina ſelbſt wurde von ihm verlaſſen, um ſich ganz dem Triumvirat hinzugeben, und die reformirte Partei ſah einen Freund, der ihr nicht viel genutzt hatte, in einen offenbaren Feind verwandelt, der ihr noch weniger ſchadete. 3 Zwiſchen den Anfuhrern beider Religionsparteien hatten die Bemuͤhungen der Koͤnigin Katharina einen Schein des Frie⸗ dens bewirkt, aber nicht eben ſo bei den Parteien, welche fort⸗ 110 fuhren, einander mit dem grimmigſten Haſſe zu verfolgen. Jede unterdruͤckte oder neckte, wo ſie die maͤchtigere war, die andere, und die beiderſeitigen Oberhaͤupter ſahen, ohne ſich ſelbſt einzumiſchen, dieſem Schauſpiele zu, zufrieden, wenn nur der Eifer nicht verglimmte, und der Parteigeiſt dadurch in der Uebung blieb. Obgleich das letztere Edict der Koͤnigin Katharina den Reformirten alle oͤffentlichen Verſammlungen unterſagte, ſo kehrte man ſich dennoch nirgends daran, wo man ſich ſtark genug fuͤhlte, ihm zu trotzen. In Paris ſowohl als in den Provinzſtaͤdten wurden, dieſes Edicts ungeachtet, oͤffentlich Predigten gehalten, und die Verſuche, ſie zu ſtoͤren, liefen nicht immer gluͤcklich ab. Die Koͤnigin bemerkte dieſen Zuſtand der Anarchie mit Furcht, indem ſie vorausſah, daß durch dieſen Krieg im Kleinen nur die Schwerter zu einem groͤßern ge⸗ ſchliffen wuͤrden. Es war daher dem ſtaatsklugen und duld⸗ ſamen Kanzler von Hopital, ihrem vornehmſten Rathgeber, nicht ſchwer, ſie zu Aufhebung eines Edicts geneigt zu machen, welches, da es nicht konnte behauptet werden, nur das Anſehen der geſetzgebenden Macht entkraͤftete, die reformirte Partei mit Ungehorſam und Widerſetzlichkeit vertraut machte, und durch die Beſtrebungen der katholiſchen, es geltend zu machen, einen unglüͤcklichen Verfelgungsgeiſt zwiſchen beiden Theilen unter⸗ hielt. Auf Veranlaſſung dieſes weiſen Patrioten ließ die Re⸗ gentin einen Ausſchuß von allen Parlamenten ſich in St. Ger⸗ main verſammeln, welcher berathſchlagen ſollte:„was in Ab⸗ ſicht der Reformirten und ihrer Verſammlungen(den innern Werth oder Unwerth ihrer Religion durchaus bei Seite gelegt) zum Beſten des Staats zu verfuͤgen ſey?“— Die Ant⸗ wort war in der Frage ſchon enthalten, und ein den Reformir⸗ ten ſehr guͤnſtiges Edict die Folge dieſer Berathſchlagung. In demſelben geſtattete man ihnen foͤrmlich, ſich, wiewohl außerhalb 111 der Mauern und unbewaffnet, zu gottesdienſtlichen Handlungen zu verſammeln, und legte allen Obrigkeiten auf, dieſe Zuſam⸗ menkuͤnfte in ihren Schutz zu nehmen. Dagegen ſollten ſie gehalten ſeyn, den Katholiſchen alle denſelben entzogenen Kirchen und Kirchengeraͤthe zuruͤckzuſtellen, der katholiſchen Geiſtlichkeit, gleich den Katholiken ſelbſt, die Gebuͤhren zu entrichten, uͤbrigens die Feſt⸗ und Feiertage, und die Verwandtſchaftsgrade bei ihren Heirathen nach den Vorſchriften der herrſchenden Kirche zu beobachten. Nicht ohne großen Widerſpruch des Pariſer Parlaments wurde dieſes Edict, vom Jaͤnner 1562, wo es be⸗ kannt gemacht wurde, das Edict des Jaͤnners genannt, regi⸗ ſtrirt, und von den ſtrengen Katholiken und der ſpaniſchen Partei mit eben ſo viel Unwillen als von den Reformirten mit triumphirender Freude aufgenommen. Der ſchlimme Wille ihrer Feinde ſchien durch dasſelbe entwaffnet, und fuͤrs erſte zu einer geſetzmaͤßigen Exriſtenz in dem Koͤnigreich ein wichtiger Schritt gethan. Auch die Regentin ſchmeichelte ſich, durch dieſes Edict zwiſchen beiden Kirchen eine unuͤberſchreitbare Graͤnze gezogen, dem Ehrgeiz der Großen heilſame Feſſeln an⸗ gelegt, und den Zunder des Buͤrgerkriegs auf lange erſtickt zu haben. Doch war es eben dieſes Edict des Friedens, welches durch die Verletzung, die es erlitt, die Reformirten zu den gewaltſamen Entſchließungen brachte, und den Krieg herbei⸗ fuͤhrte, welchen zu verhuͤten es gegeben war. Dieſes Edict vom Jaͤnner 1562 alſo, weit entfernt, die Ab⸗ ſichten ſeiner Urheberin zu erfullen, und beide Religionsparteien in den Schranken der Ordnung zu halten, ermunterte die Feinde der letztern nur, deſto verdecktere und ſchlimmere Plane zu ent⸗ werfen. Die Beguͤnſtigungen, welche dieſes Edict den Refor⸗ mirten ertheilt hatte, und der bedeutende Vorzug, den ihre Anfuͤhrer, Condé und die Chatillons, bei der Koͤnigin genoſſen, 112 verwundete tief den bigotten Geiſt und die Ehrſucht des alten Montmorency, der beiden Guiſen und der mit ihnen verbun⸗ denen Spanier. Schweigend zwar, aber nicht muͤßig, beobach⸗ teten ſich die Anfuͤhrer wechſelsweiſe unter einander, und ſchienen nur den Moment zu erwarten, der dem Ausbruch ihrer ver⸗ haltenen Leidenſchaften guͤnſtig war. Jeder Theil, feſt ent⸗ ſchloſſen, Feindſeligkeit mit Feindſeligkeit zu erwiedern, vermied ſorgfaͤltig, ſie zu eroͤffnen, um in den Augen der Welt nicht als der Schuldige zu erſcheinen. Ein Zufall leiſtete endlich, was beide in gleichem Grade wuͤnſchten und fuͤrchteten. Der Herzog von Guiſe und der Cardinal von Lothringen hatten ſeit einiger Zeit den Hof der Regentin verlaſſen, und ſich nach den deutſchen Graͤnzen gezogen, wo ſie den gefuͤrchte⸗ ten Eintritt der deutſchen Proteſtanten in das Koͤnigreich deſto leichter verhindern konnten. Bald aber fing die katholiſche Par⸗ tei an, ihre Anfuͤhrer zu vermiſſen, und der zunehmende Credit der Reformirten bei der Koͤnigin machte den Wunſch nach ihrer Wiederkunft dringend. Der Herzog trat alſo den Weg nach Paris an, begleitet von einem ſtarken Gefolge, welches ſich, ſo wie er fortſchritt, vergroͤßerte. Der Weg fuͤhrte ihn durch Vaſſy, an der Graͤnze von Champagne, wo zufaͤlligerweiſe die reformirte Gemeine bei einer oͤffentlichen Predigt verſammelt war. Das Gefolge des Herzogs, trotzig wie ſein Gebieter, ge⸗ rieth mit dieſer ſchwaͤrmeriſchen Menge in Streit, welcher ſich bald in Gewaltthaͤtigkeiten endigte; im unordentlichen Gewuͤhl dieſes Kampfes wurde der Herzog ſelbſt, der herbei geeilt war, Frieden zu ſtiften, mit einem Steinwurf im Geſichte verwundet. Der Anblick ſeiner blutigen Wange ſetzte ſeine Begleiter in Wuth, die jetzt gleich raſenden Thieren uͤber die Wehrloſen herſtuͤrzen, ohne Anſehen des Geſchlechts noch Alters, was ihnen vorkommt, erwuͤrgen, und an den gottesdienſtlichen Geraͤth⸗ 113 ſchaften, die ſie finden, die groͤßten Entweihungen begehen. Das ganze reformirte Frankreich gerieth uͤber dieſe Gewaltthaͤtigkeit in Bewegung, und an dem Thron der Regentin wurden durch den Mund des Prinzen von Condé und einer eigenen Depu⸗ tation die heftigſten Klagen dagegen erhoben. Katharina that Alles, um den Frieden zu erhalten, und weil ſie uͤberzeugt war, daß es nur auf die Haͤupter ankaͤme, um die Parteien zu be⸗ ruhigen, ſo rief ſie den Herzog von Guiſe dringend an den Hof, der ſich damals zu Monceaux aufhielt, wo ſie die Sache zwiſchen ihm und dem Prinzen von Condé zu vermitteln hoffte. Aber ihre Bemuͤhungen waren vergebens. Der Herzog wagte es, ihr ungehorſam zu ſeyn, und ſeine Reiſe nach Paris fort⸗ zuſetzen, wo er, von einem zahlreichen Anhang begleitet und von einer ihm ganz ergebenen Menge tumultunariſch empfan⸗ gen, einen triumphirenden Einzug hielt. Umſonſt ſuchte Condé, der ſich kurz zuvor nach Paris geworfen, das Volk auf ſeine Seite zu neigen. Die fanatiſchen Pariſer ſahen in ihm nichts als den Hugenotten, den ſie verabſcheuten, und in dem Herzog nur den heldenmuͤthigen Verfechter ihrer Kirche. Der Prinz mußte ſich zuruͤckziehen und den Schauplatz dem Ueberwinder einräumen. Nunmehr galt es, welcher von beiden Theilen es dem andern an Geſchwindigkeit, an Macht, an Kuͤhnheit zuvor⸗ thaͤte. Indeß der Prinz in aller Eile zu Meaur, wobin er ent⸗ wichen war, Truppen zuſammenzog und mit den Chatillons ſich vereinigte, um den Triumvirn die Spitze zu bieten, waren dieſe ſchon mit einer ſtarken Reiterei nach Fontainebleau aufgebrochen, um durch Beſitznehmung der Perſon des jungen Koͤnigs ihre Gegner in die Nothwendigkeit zu ſetzen, als Rebellen gegen ihren Monarchen zu erſcheinen. Schrecken und Verwirrung hatten ſich gleich auf die erſte Nachricht von dem Einzug des Herzogs in Paris der Regentin Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 8 114 bemaͤchtige; in ſeiner ſteigenden Gewalt ſah ſie den Umſturz der ihrigen voraus. Das Gleichgewicht der Factionen, wodurch allein ſie bisher geherrſcht hatte, war zerſtoͤrt, und nur ihr offenbarer Beitritt konnte die reformirte Partei in den Stand ſetzen, es wieder herzuſtellen. Die Furcht, unter die Tyrannei der Guiſen und ihres Anhangs zu gerathen, Furcht fuͤr das Leben des Koͤnigs, fuͤr ihr eigenes Leben, ſiegte uͤber jede Be⸗ denklichkeit. Jetzt unbeſorgt vor dem ſonſt ſo gefuͤrchteten Ehr⸗ geiz der proteſtantiſchen Haͤupter, ſuchte ſie ſich nur vor dem Ehrgeiz der Guiſen in Sicherheit zu ſetzen. Die Macht der Proteſtanten, welche allein ihr dieſe Sicherheit verſchaffen konnte, bot ſich ihrer erſten Beſtuͤrzung dar; vor der drohenden Gefahr mußte jetzt jede andere Ruͤckſicht ſchweigen. Bereitwillig nahm ſie den Beiſtand an, der ihr von dieſer Partei angeboten wurde, und der Prinz von Condé ward, welche Folgen auch dieſer Schritt haben mochte, auſs dringendſte aufgefordert, Sohn und Mutter zu vertheidigen. Zugleich fluͤchtete ſie ſich, um von ihren Gegnern nicht uͤberfallen zu werden, mit dem Koͤnige nach Melun und von da nach Fontainebleau; welche Vorſicht aber die Schnelligkeit der Triumvirn vereitelte. Sogleich bemaͤchtigten ſich dieſe des Koͤnigs, und der Mutter wird freigeſtellt, ihn zu begleiten, oder ſich nach Belieben einen andern Aufenthalt zu waͤhlen. Ehe ſie Zeit hat, einen Entſchluß zu faſſen, ſetzt man ſich in Marſch, und unwillkuͤrlich wird ſie mit fortgeriſſen. Schreckniſſe zeigen ſich ihr, wohin ſie blickt, uͤberall gleiche Gefahr, auf welche Seite ſie ſich neige. Sie erwaͤhlt endlich die gewiſſe, um ſich nicht in den groͤßern Be⸗ draͤngniſſen einer ungewiſſen zu verſtricken, und iſt entſchloſſen, ſich an das Gluͤck der Guiſen anzuſchließen. Man fuͤhrt den Koͤnig im Triumphe nach Paris, wo ſeine Gegenwart dem fanatiſchen Eifer der Katholiken die Loſung gibt, ſich gegen die 115 Reformirten Alles zu erlauben. Alle ihre Verſammlungsplaͤtze werden von dem wuͤthenden Poͤbel geſtuͤrmt, die Thuͤren einge⸗ ſprengt, Kanzeln und Kirchenſtuͤhle zerbrochen und in Aſche⸗ gelegt; der Kronfeldherr von Frankreich, der ehrwuͤrdige Greis Montmorency, war es, der dieſe Heldenthat vollfuͤhrte. Aber dieſe laͤcherliche Schlacht war das Vorſpiel eines deſto ernſt⸗ hafteren Krieges. Nur um wenige Stunden hatte der Prinz von Condé deu⸗ Koͤnig in Fontainebleau verfehlt. Mit einem zahlreichen Ge⸗ folge war er, dem Wunſch der Regentin gemaͤß, ſogleich auf⸗ gebrochen, ſie und ihren Sohn unter ſeine Obhut zu nehmen; aber er langte nur an, um zu erfahren, daß die Gegenpartei ihm zuvorgekommen, und der große Augenblick verloren ſey. Dieſer erſte Fehlſtreich ſchlug jedoch ſeinen Muth nicht nieder. „Da wir einmal ſo weit ſind,“ ſagte er zu dem Admiral Co⸗ ligny,„ſo muͤſſen wir durchwaten, oder wir ſinken unter.“ Er flog mit ſeinen Truppen nach Orleans, wo er eben noch recht kam, dem Obriſten von Andelot, der hier mit großem Nach⸗ theil gegen die Katholiſchen focht, den Sieg zu verſchaffen. Aus dieſer Stadt beſchloß er ſeinen Waffenplatz zu machen, ſeine Partei in derſelben zu verſammeln, und ſeiner Familie, ſo wie ihm ſelbſt nach einem Ungluͤcksfall eine Zuflucht darin offen zu halten. Von beiden Seiten fing nun der Krieg mit Manifeſten und Gegenmanifeſten an, worin alle Bitterkeit des Parteihaſſes aus⸗ gegoſſen war, und nichts als die Aufrichtigkeit vermißt wurde. Der Prinz von Condèé forderte in den ſeinigen alle redlich den⸗ kenden Franzoſen auf, ihren Koͤnig und ihres Koͤnigs Mutter aus der Gefangenſchaft befreien zu helfen, in welcher ſie von den Guiſen und deren Anhang gehalten wuͤrden. Durch ehen dieſen Beſitz von des Koͤnigs Perſon ſuchten Letztere die Gerech⸗ 116 tigkeit ihrer Sache zu beweiſen, und alle getreuen Unterthanen zu bewegen, ſich unter die Fahnen ihres Koͤnigs zu verſammeln. Er ſelbſt, der minderjaͤhrige Monarch, mußte in ſeinem Staats⸗ rath erklaͤren, daß er frei ſey, ſo wie auch ſeine Mutter, und das Edict des Jaͤnners beſtaͤtigen. Dieſelbe Vorſtellung wurde von beiden Seiten auch gegen auswaͤrtige Maͤchte gebraucht. Um die deutſchen Proteſtanten einzuſchlaͤfern, erklaͤrten die Gui⸗ ſen, daß die Religion nicht im Spiele ſey, und der Krieg bloß den Aufruͤhrern gelte. Der naͤmliche Kunſtgriff ward auch von dem Prinzen von Condé angewendet, um die auswaͤrtigen ka⸗ tholiſchen Maͤchte von dem Intereſſe ſeiner Feinde abzuziehen. In dieſem Wettſtreit des Betruges verlaͤugnete Katharina ihren Charakter und ihre Staatskunſt nicht, und von den Umſtaͤnden gezwungen, eine doppelte Perſon zu ſpielen, verſtand ſie es mei⸗ ſterlich, die widerſprechendſten Rollen in ſich zu vereinigen. Sie laͤugnete oͤffentlich die Bewilligungen, welche ſie dem Prinzen von Condè ertheilt hatte, und empfahl ihm ernſtlich den Frieden, waͤhrend daß ſie im Stillen, wie man ſagt, ſeine Werbungen beguͤnſtigte, und ihn zu lebhafter Fuͤhrung des Kriegs ermun⸗ terte. Wenn die Ordres des Herzogs von Guiſe an die Be⸗ fehlshaber der Provinzen Alles, was reformirt ſey, zu erwuͤrgen befahlen, ſo enthielten die Briefe der Regentin ganz entgegen⸗ geſetzte Befehle zur Schonung. Bei dieſen Maßregeln der Politik verlor man die Haupt⸗ ſache, den Krieg ſelbſt, nicht aus den Augen, und dieſe ſchein⸗ baren Bemuͤhungen zu Erhaltung des Friedens verſchafften dem Prinzen von Condé nur deſto mehr Zeit, ſich in wehrhaften Stand zu ſetzen. Alle reformirten Kirchen wurden von ihm aufgefordert, zu einem Kriege, der ſie ſo nahe betraf, die noͤthi⸗ gen Koſten herzuſchießen, und der Religions eifer dieſer Partei oͤffnete ihm ihre Schaͤtze. Die Werbungen wurden aufs fleißigſte 117 betrieben, ein tapferer getreuer Adel bewaffnete ſich fuͤr den Prinzen, und eine ſolenne ausfuͤhrliche Acte ward aufgeſetzt, die ganze zerſtreute Partei in Eins zu verbinden, und den Zweck dieſer Confoͤderation zu beſtimmen. Man erklaͤrte in derſelben, daß man die Waffen ergriffen habe, um die Geſetze des Reichs, das Anſehen und ſelbſt die Perſon des Koͤnigs gegen die gewaltthaͤtigen Anſchlaͤge gewiſſer ehrſuͤchtiger Koͤpfe in Schutz zu nehmen, die den ganzen Staat in Verwirrung ſtuͤrzten. Man verpflichtete ſich durch ein heiliges Geluͤbde, allen Gottes⸗ laͤſterungen, allen Entweihungen der Religion, allen aberglaͤu⸗ biſchen Meinungen und Gebraͤuchen, allen Ausſchweifungen u. dgl. nach Vermoͤgen ſich zu widerſetzen, welches eben ſo viel war, als der katholiſchen Kirche foͤrmlich den Krieg ankuͤndigen. Endlich und ſchließlich erkannte man den Prinzen von Condé als das Haupt der ganzen Verbindung, und verſprach ihm Gut und Blut und den ſtrengſten Gehorſam. Die Rebellion bekam von jetzt an eine mehr regelmaͤßige Geſtalt, die einzelnen Unter⸗ nehmungen mehr Beziehung aufs Ganze, mehr Zuſammenhang; jetzt erſt wurde die Partei zu einem organiſchen Koͤrper, den ein denkender Geiſt beſeelte. Zwar hatten ſich Katholiſche und Reformirte ſchon lange vorher in einzelnen und kleinen Kaͤmpfen gegen einander verſucht; einzelne Edelleute hatten in verſchie⸗ denen Provinzen zu den Waffen gegriffen, Soldaten geworben, Staͤdte durch Ueberfall gewonnen, das platte Land verheert, kleine Schlachten geliefert; aber dieſe einzelnen Operationen, ſo viel Drangſale ſie auch auf die Gegenden haͤuften, die der Schauplatz derſelben waren, blieben fuͤr das Ganze ohne Folgen, weil es ſowohl an einem bedeutenden Platz als an einer Haupt⸗ armee fehlte, die nach einer Niederlage den fluͤchtigen Truppen eine Zuflucht gewaͤhren konnte. Im ganzen Koͤnigreiche waffnete man ſich jetzt, hier zum 118 Angriffe und dort zur Gegenwehr; beſonders erklaͤrten ſich die vornehmſten Städte der Normandie, und Rouen zuerſt, zu Gunſten der Reformirten. Ein ſchrecklicher Geiſt der Zwie⸗ rracht, der auch die heiligſten Bande der Natur und der politi⸗ ſchen Geſellſchaft aufloͤste, durchlief die Provinzen. Raub, Mord und moͤrderiſche Gefechte bezeichneten jeden Tag; der grauſenvolle Anblick rauchender Staͤdte verkuͤndigte das allge⸗ meine Elend. Bruͤder trennten ſich von Bruͤdern, Vaͤter von ihren Soͤhnen, Freunde von Freunden, um ſich zu verſchiedenen Fuͤhrern zu ſchlagen, und im blutigen Gemenge der Buͤrger⸗ ſchaft ſich ſchrecklich wieder zu finden. Unterdeſſen zog ſich eine regelmaͤßige Armee unter den Augen des Prinzen von Condé in Orleans, eine andere in Paris unter Anführung des Con⸗ netable von Montmorency und der Guiſen zuſammen, beide gleich ungeduldig, das große Schickſal der Religion und des Vaterlandes zu entſcheiden. Ehe es dazu kam, verſuchte Katharina, gleich verlegen uͤber jeden moͤglichen Ausſchlag des Krieges, der ihr, welchen von beiden Theilen er auch beguͤnſtige, einen Herrn zu geben drohte, noch einmal den Weg zur Vermittlung. Auf ihre Veranſtal⸗ zung unterhandelten die Anfuͤhrer zu Toury in Perſon, und als dadurch nichts ausgerichtet ward, wurde zu Talſy zwiſchen Chateandun und Orleans eine neue Conferenz angefangen. Der Prinz von Condé drang auf Entfernung des Herzogs von Sniſe, des Marſchalls von Saint André und des Connetable, und die Königin hatte auch wirklich ſo viel von dieſen erhalten, daß ſie ſich waͤhrend der Conferenz auf einige Meilen von dem köͤniglichen Lager entfernten. Nachdem auf dieſe Art der haupt⸗ föchlichſte Grund des Mißtrauens aus dem Wege geraͤumt war, wußte dieſe verſchlagene Fuͤrſtin, der es eigentlich nur darum zu thun war, ſich der Tyrannei ſowohl des einen als des an⸗ 119 dern Theils zu entledigen, den Prinzen von Condé, durch den Biſchof von Valence, ihren unterhaͤndler, mit argliſtiger Kunſt dahin zu vermoͤgen, daß er ſich erbot, mit ſeinem ganzen An⸗ hange das Koͤnigreich zu verlaſſen, wenn nur ſeine Gegner das Naͤmliche thaͤten. Sie nahm ihn ſogleich beim Wort, und war im Begriff, über ſeine Unbeſonnenheit zu triumphiren, als die allgemeine Unzufriedenheit der proteſtantiſchen Armee und eine reifere Erwaͤgung des uͤbereilten Schrittes den Prinzen be⸗ ſtimmte, die Conferenz ſchleunig abzubrechen und der Koͤnigin Betrug mit Betrug zu bezahlen. So mißlang auch der letzte Verſuch zu einer guͤtlichen Beilegung, und der Ausſchlag be⸗ ruhte nun auf den Waffen. Die Geſchichtſchreiber ſind unerſchöpflich in Beſchreibung der Grauſamkeiten, welche dieſen Krieg bezeichneten. Ein einziger Blick in das Menſchenherz und in die Geſchichte wird hinreichen, uns alle dieſe Unthaten begreiflich zu machen. Die Bemerkung iſt nichts weniger als neu, daß keine Kriege zugleich ſo ehrlos und ſo unmenſchlich gefuͤhrt werden, als die, welche Religions⸗ fanatismus und Parteihaß im Innern eines Staats entzuͤnden. Antriebe, welche in Ertoͤdtung alles deſſen, was den Menſchen ſonſt das Heiligſte iſt, bereits ihre Kraft bewieſen, welche das ehrwuͤrdige Verhaͤltniß zwiſchen dem Souveraͤn und dem Unter⸗ than und den noch ſtaͤrkern Trieb der Natur üͤbermeiſterten, finden an den Pflichten der Menſchlichkeit keinen Zuͤgel mehr; und die Gewalt ſelbſt, welche Menſchen anwenden muͤſſen, um jene ſtarken Bande zu ſprengen, reißt ſie blindlings und unaufhaltſam zu jedem Aeußerſten fort. Die Gefuͤhle fuͤr Gerechtigkeit, Anſtaͤndigkeit und Treue, welche ſich auf aner⸗ kannte Gleichheit der Rechte gruͤnden, verlieren in Buͤrger⸗ kriegen ihre Kraft, wo jeder Theil in dem andern einen Verbrecher ſieht, und ſich ſelbſt das Strafamt uͤber ihn zueig⸗ 120 net. Wenn ein Staat mit dem andern kriegt, und nur der Wille des Souveraͤns ſeine Voͤlker bewaffnet, nur der Antrieb zur Ehre ſie zur Tapferkeit ſpornt, ſo bleibt ſie ihnen auch heilis gegen den Feind und eine edelmuͤthige Tapferkeit weiß ſelbſt ihre Opfer zu ſchonen. Hier iſt der Gegenſtand der Begierden des Kriegers etwas ganz Verſchiedenes von dem Gegenſtande ſeiner Tapferkeit, und es iſt fremde Leidenſchaft, die durch ſeinen Arm ſtreitet. In Burgerkriegen ſtreitet die Leidenſchaft des Volks, und der Feind iſt der Gegenſtand der⸗ ſelben. Jeder einzelne Mann iſt hier Beleidiger, weil jeder Einzelne aus freier Wahl die Jartei ergriff, fuͤr die er ſtreitet. Jeder einzelne Mann iſt hier Beleidigter, weil man verachtet, was er ſchaͤtzt, weil man anfeindet, was er liebt, weil man verdammt, was er erwaͤhlte. Hier, wo Leidenſchaft und Noth dem friedlichen Ackermann, dem Handwerker, dem Kuͤnſtler das ungewohnte Schwert in die Haͤnde zwingen, kann nur Erbitterung und Wuth den Mangel an Kriegskunſt, nur Verzweiflung den Mangel wahrer Tapferkeit erſetzen. Hier, wo man Herd, Heimath, Familie, Eigenthum verließ, wirft man mit ſchadenfrohem Wohlgefallen den Feuerbrand in Frem⸗ des, und achtet nicht auf fremden Lippen die Stimme der Natur, die zu Hauſe vergeblich erſchallte. Hier endlich, wo die Quellen ſelbſt ſich truͤben, aus denen dem gemeinen Volk alle Sittlichkeit fließt, wo das Ehrwuͤrdige geſchaͤndet, das Hei⸗ lige entweiht, das Unwandelbare aus ſeinen Fugen geruͤckt iſt, wo die Lebensorgane der allgemeinen Ordnung erkranken, ſteckt das verderbliche Beiſpiel des Ganzen jeden einzelnen Buſen an, und in jedem Gehirne tobt der Sturm, der Grundfeſten des Staats erſchuͤttert. Dreimal ſchreckliches Loos, wo ſich religioͤſe Schwaͤrmerei mit Parteihaß gattet, und die Fackel des 121 Buͤrgerkrieges ſich an der unreinen Flamme des prieſterlichen Eifers entzuͤndet! Und dieß war der Charakter dieſes Krieges, der jetzt Frank⸗ reich verwuͤſtete. Aus dem Schooße der reformirten Religion ging der finſtere grauſame Geiſt hervor, der ihm dieſe ungluͤck⸗ liche Richtung gab, der alle dieſe Unthaten erzeugte. Im Lager dieſer Partei erblickte man nichts Lachendes, nichts Erfreuliches; alle Spiele, alle geſelligen Lieder hatte der finſtere Eifer ver⸗ bannt. Pſalmen und Gebete ertoͤnten an deren Stelle, und die Prediger waren ohne Aufhoͤren beſchaͤftigt, dem Soldaten die Pflichten gegen ſeine Religion einzuſchaͤrfen, und ſeinen fanatiſchen Eifer zu ſchuͤren. Eine Religion, welche der Sinn⸗ lchkeit ſolche Martern auflegte, konnte die Gemuͤther nicht zur Menſchlichkeit einladen; der Charakter der ganzen Partei mußte mit dieſem duͤſtern und knechtiſchen Glauben verwildern. Jede Spur des Papſtthums ſetzte den Schwaͤrmergeiſt des Calviniſten in Wuth; Altaͤre und Menſchen wurden ohne unterſchied ſeinem unduldſamen Stolz aufgeopfert. Wohin ihn der Fanatismus allein nicht gebracht hatte, dazu zwangen ihn Mangel und Noth. Der Prinz von Condé ſelbſt gab das Beiſpiel einer Pluͤnderung, welches bald durch das ganze Koͤnigreich nachgeahmt wurde. Von den Huͤlfsmitteln ver⸗ laſſen, womit er die Unkoſten des Kriegs bisher beſtritten hatte, legte er ſeine Hand an die katholiſchen Kirchengeraͤthe, deren er habhaft werden konnte, und ließ die heiligen Gefaͤße und Zierrathen einſchmelzen. Der Reichthum der Kirchen war eine zu große Lockung fuͤr die Habſucht der Proteſtanten, und die Entweihung der Heiligthuͤmer fuͤr ihre Rachbegierde ein viel zu ſuͤßer Genuß, um der Verſuchung zu widerſtehen. Alle Kir⸗ chen, deren ſie ſich bemeiſtern konnten, die Kloͤſter beſonders, mußten den doppelten Ausbruch ihres Geizes und ihres from⸗ 12²2 men Eifers erfahren. Mit dem Raub allein nicht zufrieden, entweihten ſie die Heiligthuͤmer ihrer Feinde durch den bitterſten Spott, und befliſſen ſich mit abſichtlicher Grauſamkeit, die Gegenſtaͤnde ihrer Anbetung durch einen barbariſchen Muth⸗ willen zu entehren. Sie riſſen die Kirchen ein, ſchleiften die Altaͤre, verſtuͤmmelten die Bilder der Heiligen, traten die Reli— quien mit Fuͤßen, oder ſchaͤndeten ſie durch den niedrigſten Gebrauch, durchwuͤhlten ſogar die Graͤber, und ließen die Ge⸗ beine der Todten den Glauben der Lebenden entgelten. Kein Wunder, daß ſo empfindliche Kraͤnkungen zur ſchrecklichſten Wiedervergeltung reizten, daß alle katholiſchen Kanzeln von Verwuͤnſchungen gegen die ruchloſen Schaͤnder des Glaubens ertoͤnten, daß der ergriffene Hugenotte bei dem Papiſten keine Barmherzigkeit fand, daß Graͤuelthaten gegen die vermeintliche Gottheit durch Graͤuelthaten gegen Natur und Menſchheit ge⸗ ahndet wurden! Von den Anfuͤhrern ſelbſt ging das Beiſpiel dieſer barbari⸗ ſchen Thaten aus, aber die Ausſchweifungen, zu welchen der Pobel beider Parteien dadurch hingeriſſen ward, ließen ſie bald ihre leidenſchaftliche Uebereilung bereuen. Jede Partei wett⸗ eiferte, es der andern an erfinderiſcher Grauſamkeit zuvorzu⸗ thun. Nicht zufrieden mit der blutig befriedigten Rache, ſuchte man noch durch neue Kuͤnſte der Tortur dieſe ſchreckliche Luſt zu verlaͤngern. Menſchenleben war zu einem Spiel geworden, und das Hohnlachen des Moͤrders ſchaͤrfte noch die Stacheln eines ſchmerzhaften Todes. Keine Freiſtaͤtte, kein beſchworner Vertrag, kein Menſchen⸗ und Völkerrecht ſchuͤtzte gegen die blinde thieriſche Wuth; Treu und Glauben war dahin; und durch Eidſchwuͤre lockte man nur die Opfer. Ein Schluß des Pariſer Parlaments, welcher der reformirten Lehre foͤrmlich und feierlich das Verdammungsurtheil ſprach, und alle An⸗ 123 haͤnger derſelben dem Tode weihte; ein anderer nachdruͤcklicherer urtheilsſpruch, der aus dem Conſeil des Koͤnigs ausging, und alle Anhaͤnger des Prinzen von Condé, ihn ſelbſt ausgenommen als Beleidiger der Majeſtaͤt in die Acht erklaͤrte, konnte nicht wohl dazu beitragen, die erbitterten Gemuͤther zu beſaͤnftigen, denn nun feuerte der Name ihres Koͤnigs und die gewiſſe Ab⸗ ſicht der Beute den Verfolgungseifer der Papiſten an, und den Muth der Hugenotten ſtaͤrkte Verzweiflung. Umſonſt hatte Katharina von Medicis alle Kuͤnſte ihrer Politik aufgeboten, die Wuth der Parteien zu beſäͤnftigen, um⸗ ſonſt hatte ein Schluß des Conſeils alle Anhaͤnger des Prinzen von Condé als Rebellen und Hochverraͤther erklaͤrt, umſonſt das Pariſer Parlament die Partei gegen die Calviniſten ergriffen; der Buͤrgerkrieg war da, und ganz Frankreich ſtand in Flammen. Wie groß aber auch das Zutrauen der Letztern zu ihren Kraͤften war, ſo entſprach der Erfolg doch keineswegs den Erwartungen, welche ihre Zuruͤſtung erweckt hatte. Der reformirte Adel, wel⸗ cher die Hauptſtaͤrke der Armee des Prinzen von Condé aus⸗ machte, hatte in kurzer Zeit ſeinen kleinen Vorrath verzehrt, und, außer Stande, ſich, da nichts Entſcheidendes geſchah und der Krieg in die Laͤnge geſpielt wurde, forthin ſelbſt zu ver⸗ koͤſtigen, gab er den dringenden Aufforderungen der Selbſt⸗ liebe nach, welche ihn heim rief, ſeinen eigenen Herd zu ver⸗ theidigen. Zerronnen war in kurzer Zeit dieſe, ſo große Thaten verſprechende Armee, und dem Prinzen, jetzt viel zu ſchwach, um einem uberlegenen Feind im Felde zu begegnen, blieb nichts uͤbrig, als ſich mit dem Ueberreſt ſeiner Truppen in der Stadt Orleans einzuſchließen. Hier erwartete er nun die Huͤlfe, zu welcher einige aus⸗ waͤrtige proteſtantiſche Maͤchte ihm Hoffnung gemacht hatten. Deutſchland und die Schweiz waren fuͤr beide kriegfuͤhrende 124 Parteien eine Vorrathskammer von Soldaten, und ihre feile Tapferkeit, gleichguͤltig gegen die Sache, wofuͤr gefochten werden ſollte, ſtand den Meiſtbietenden zu Gebot. Deutſche ſowohl als ſchweizeriſche Miethtruppen ſchlugen ſich, je nachdem ihr eigener und ihrer Anfuͤhrer Vortheil es erheiſchte, zu entgegen⸗ geſetzten Fahnen, und das Intereſſe der Religion wurde wenig dabei in Betracht gezogen. Indem dort an den Ufern des Rheins ein deutſches Heer fuͤr den Prinzen geworben ward, kam zugleich ein wichtiger Vertrag mit der Koͤnigin Eliſabeth von England zu Stande. Die naͤmliche Politik, welche dieſe Furſtin in der Folge veranlaßte, ſich zur Beſchuͤtzerin der Nieder⸗ lande gegen ihren Unterdruͤcker, Philipp von Spanien, aufzu⸗ werfen, und dieſen neu aufbluͤhenden Staat in ihre Obhut zu nehmen, legte ihr gegen die franzoͤſiſchen Proteſtanten gleiche Pflichten auf, und das große Intereſſe der Religion erlaubte ihr nicht, dem Untergange ihrer Glaubensgenoſſen in einem benachbarten Koͤnigreich gleichguͤltig zuzuſehen. Dieſe Antriebe ihres Gewiſſens wurden nicht wenig durch politiſche Gruͤnde verſtaͤrkt. Ein buͤrgerlicher Krieg in Frankreich ſicherte ihren eigenen noch wankenden Thron vor einem Angriff von dieſer Seite, und eroͤffnete ihr zugleich eine erwuͤnſchte Gelegenheit, auf Koſten dieſes Staats ihre eigenen Beſitzungen zu erweitern. Der Verluſt von Calais war eine noch friſche Wunde fuͤr Eng⸗ land; mit dieſem wichtigen Graͤnzplatz hatte es den freien Eintritt in Frankreich verloren. Dieſen Schaden zu erſetzen, und von einer andern Seite in dem Koͤnigreich feſten Fuß zu faſſen, beſchaͤftigte ſchon laͤngſt die Politik der Eliſabeth, und der Buͤrger⸗ krieg, der ſich nunmehr in Frankreich entzuͤndet hatte, zeigte ihr die Mittel, es zu bewerkſtelligen. Sechstauſend Mann eng⸗ liſcher Huͤlfstruppen wurden dem Prinzen von Condé unter der Bedingung bewilligt, daß die eine Haͤlfte derſelben die 125⁵ Stadt Havre de Grace, die andere die Staͤdte Rouen und Dieppe in der Normandie, als eine Zuflucht der verfolgten Religions⸗ verwandten, beſetzt halten ſollte. So loͤſchte ein wuͤthender Partei⸗ geiſt auf eine Zeitlang alle patriotiſchen Gefuͤhle bei den fran⸗ zoͤſiſchen Proteſtanten aus, und der verjaͤhrte Nationalhaß gegen die Britten wich auf Augenblicke dem gluͤhendern Sectenhaß und dem Verfolgungsgeiſt erbitterter Factionen. Der gefuͤrchtete nahe Eintritt der Englaͤnder in die Nor⸗ mandie zog die koͤnigliche Armee nach dieſer Provinz, und die Stadt Rouen wurde belagert. Das Parlament und die vor⸗ nehmſten Buͤrger hatten ſich ſchon vorher aus dieſer Stadt ge⸗ fluͤchtet, und die Vertheidigung derſelben blieb einer fanatiſchen Menge uͤberlaſſen, die, von ſchwaͤrmeriſchen Praͤdicanten erhitzt, bloß ihrem blinden Religionseifer und dem Geſetz der Ver⸗ zweiflung Gehoͤr gab. Aber alles Widerſtandes von Seiten der Buͤrgerſchaft ungeachtet, wurden die Waͤlle nach einer monat⸗ langen Gegenwehr im Sturme erſtiegen, und die Halsſtarrig⸗ keit ihrer Vertheidiger durch eine barbariſche Behandlung ge⸗ ahndet, welche man zu Orleans auf proteſtantiſcher Seite nicht lang unvergolten ließ. Der Tod des Koͤnigs von Navarra, welcher auf eine vor dieſer Stadt empfangene Wunde erfolgte, macht die Belagerung von Rouen im Jahr 1562 beruͤhmt, aber nicht eben merkwuͤrdig; denn der Hintritt dieſes Prinzen blieb gleich unbedeutend fuͤr beide kaͤmpfende Parteien. Der Verluſt von Rouen und die ſiegreichen Fortſchritte der feindlichen Armee in der Normandie drohten dem Prinzen ven Condé, der jetzt nur noch wenige große Staͤdte unter ſeiner Botmaͤßigkeit ſah, den nahen Untergang ſeiner Partei, als die Erſcheinung der deutſchen Huͤlfstruppen, mit denen ſich ſein Obriſter Andelot, nach uͤberſtandenen unſaͤglichen Schwierig⸗ keiten, gluͤcklich vereinigt hatte, aufs neue ſeine Hoffnungen be⸗ 126 lebte. An der Spitze dieſer Truppen, welche in Verbindung mit ſeinen eigenen ein bedeutendes Heer ausmachten, fuͤhlte er ſich ſtark genug, nach Paris aufzubrechen, und dieſe Hauptſtadt durch ſeine unverhoffte gewaffnete Ankunft in Schrecken zu ſetzen. Ohne die politiſche Klugheit Katharinens waͤre dießmal entweder Paris erobert, oder wenigſtens ein vortheilhafter Friede von den Proteſtanten errungen worden. Mit Huͤlfe der Unterhandlungen, ihrem gewoͤhnlichen Rettungsmittel, wußte ſie den Prinzen mitten im Lauf ſeiner Unternehmung zu feſ⸗ ſeln, und durch Vorſpiegelung guͤnſtiger Tractate Zeit zur Ret⸗ tung zu gewinnen. Sie verſprach, das Edict des Jaͤnners, welches den Proteſtanten die freie Religionsuͤbung zuſprach, zu beſtaͤtigen, bloß mit Ausnahme derjenigen Staͤdte, in welchen die ſouveraͤnen Gerichtshoͤfe ihre Sitzung haͤtten. Da der Prinz die Religionsduldung auch auf dieſe letztern ausgedehnt wiſſen wollte, ſo wurden die Unterhandlungen in die Laͤnge gezogen, und Katharina erhielt die erwuͤnſchte Friſt, ihre Maßregeln zu ergreifen. Der Waffenſtillſtand, den ſie waͤhrend dieſer Trac⸗ tate geſchickt von ihm zu erhalten wußte, ward fuͤr die Con⸗ foͤderirten verderblich, und indem die Koͤniglichen innerhalb der Mauern von Paris neue Kraͤfte ſchoͤpften und ſich durch ſpaniſche Huͤlfstruppen verſtaͤrkten, ſchmolz die Armee des Prin⸗ zen durch Deſertion und ſtrenge Kaͤlte dahin, daß er in kur⸗ zem zu einem ſchimpflichen Aufbruch gezwungen wurde. Er richtete ſeinen Marſch nach der Normandie, wo er Geld und Truppen aus England erwartete, ſah ſich aber unweit der Stadt Dreur von der nacheilenden Armee der Koͤnigin einge⸗ holt, und zu einem entſcheidenden Treffen genoͤthigt. Beſtuͤrzt und unſchluͤſſig, gleich als haͤtten die unterdruͤckten Gefuͤhle der Natur auf einen Augenblick ihre Rechte zuruͤckgefordert, ſtaun⸗ ten beide Heere einander an, ehe die Kanonen die Loſung des 127 Todes gaben; der Gedanke an das Buͤrger⸗ und Bruderblut, das jetzt verſpritzt werden ſollte, ſchien jeden einzelnen Kaͤmpfer mit fluͤchtigem Entſetzen zu durchſchauern. Nicht lange aber dauerte dieſer Gewiſſenskampf; der wilde Ruf der Zwietracht üͤbertaͤubte bald der Menſchlichkeit leiſe Stimme. Ein deſto wuͤthenderer Sturm folgte auf dieſe bedeutungsvolle Stille. Sieben ſchreckliche Stunden fochten beide Theile mit gleich kuͤhnem Muthe, mit gleich heftiger Erbitterung. Ungewiß ſchwankte der Sieg von einer Seite zur andern, bis die Ent⸗ ſchloſſenheit des Herzogs von Guiſe ihn endlich auf die Seite des Koͤnigs neigte. Unter den Verbundenen wurde der Prinz von Condé und unter den Koͤniglichen der Connetable von Montmorency zu Gefangenen gemacht, und von den Letztern blieb noch der Marſchall von St. André auf dem Platze. Das Schlachtfeld blieb dem Herzog von Guiſe, welchen dieſer ent⸗ ſcheidende Sieg zugleich von einem furchtbaren oͤffentlichen Feind und von zwei Nebenbuhlern ſeiner Macht befreite. Hatte Katharina mit Widerwillen die Abhaͤngigkeit ertragen, in welche ſie durch die Triumvirn verſetzt war, ſo mußte ihr nunmehr die Alleinherrſchaft des Herzogs, deſſen Ehrgeiz keine Graͤnzen, deſſen gebieteriſcher Stolz keine Maͤßigung kannte, doppelt empfindlich fallen. Der Sieg bei Dreurx, weit entfernt ihre Wunſche zu befoͤrdern, hatte ihr einen Herrn in ihm ge⸗ geben, der nicht lange ſaͤumte, ſich der erlangten Ueberlegenheit zu bedienen und die zuverſichtlich ſtolze Sprache des Herrſchers zu fuͤhren. Alles ſtand ihm zu Gebot, und die unumſchraͤnkte Macht, die er beſaß, verſchaffte ihm die Mittel, ſich Freunde zu erkaufen, und den Hof ſowohl als die Armee mit ſeinen Geſchoͤpfen anzufuͤllen. Katharina, ſo ſehr ihr die Staatsklugheit anrieth, die geſunkene Partei der Proteſtanten wieder aufzu⸗ richten, und durch Wiederherſtellung des Prinzen von Condé die 128 Anmaßungen des Herzogs zu beſchraͤnken, wurde durch den uͤberlegenen Einfluß des Letztern zu entgegengeſetzten Maß⸗ regeln fortgeriſſen. Der Herzog verfolgte ſeinen Sieg und ruͤckte vor die Stadt Orleans, um durch Ueberwaͤltigung dieſes Platzes, welcher die Hauptmacht der Proteſtanten einſchloß, ihrer Partei auf einmal ein Ende zu machen. Der Verluſt einer Schlacht und die Gefangenſchaft ihres Anfuͤhrers hatte den Muth der⸗ ſelben zwar erſchuͤttern, aber nicht ganz niederbeugen können. Admiral Coligny ſtand an ihrer Spitze, deſſen erfinderiſcher, an Huͤlfsmitteln unerſchoͤpflicher Geiſt ſich in der Widerwaͤrtigkeit immer am glaͤnzendſten zu entfalten pflegte. Er hatte die Truͤmmer der geſchlagenen Armee in kurzem unter ſeinen Fahnen verſammelt, und ihr, was noch mehr war, in ſeiner Perſon einen Feldherrn gegeben. Durch engliſche Truppen verſtarkt und mit engliſchem Gelde befriedigt, fuͤhrte er ſie in die Nor⸗ mandie, um ſich in dieſer Provinz durch kleine Wageſtuͤcke zu einer groͤßern Unternehmung zu ſtaͤrken. Unterdeſſen fuhr Franz von Guiſe fort, die Stadt Orleans zu aͤngſtigen, um durch Eroberung derſelben ſeinen Triumphen die Krone aufzuſetzen. Andelot hatte ſich mit dem Kern der Armee und den verſuchteſten Anfuͤhrern in dieſe Stadt geworfen, wo noch uͤberdieß der gefangene Connetable in Verwahrung gehalten wurde. Die Einnahme eines ſo wichtigen Platzes haͤtte den Krieg auf einmal geendigt, und darum ſparte der Herzog keine Muͤhe, ſie in ſeine Gewalt zu bekommen. Aber anſtatt der ge⸗ hofften Lorbeern fand er an ihren Mauern das giel ſeiner Groͤße. Ein Meuchelmoͤrder, Johann Poltrot de Mere, ver⸗ wundete ihn mit vergifteten Kugeln, und machte mit dieſer blutigen That den Anfang des Trauerſpiels, welches der Fana⸗ tismus nachher in einer Reihe von aͤhnlichen Graͤuelthaten ſo ſchrecklich entwickelte. Unſtreitig wurde die calviniſche Partei in 129 ihm eines furchtbaren Gegners, Katharina eines gefaͤhrlichen Theilhabers ihrer Macht entledigt; aber Frankreich verlor mit ihm zugleich einen Helden und einen großen Mann. Wie hoch ſich auch die Anmaßungen dieſes Furſten verſtiegen, ſo war er doch gewiß auch der Mann fuͤr ſeine Plane; wie viel Stuͤrme auch ſein Ehrgeiz im Staat erregt hatte, ſo fehlte demſelben doch, ſelbſt nach dem Geſtaͤndniß ſeiner Feinde, der Schwung der Geſinnungen nicht, welcher in großen Seelen jede Leiden⸗ ſchaft adelt. Wie heilig ihm auch mitten unter den verwilderten Sitten des Burgerkriegs, wo die Gefuͤhle der Menſchlichkeit ſonſt ſo gerne verſtummen, die Pflicht der Ehre war, beweist die Behandlung, welche er dem Prinzen von Condé, ſeinem Ge⸗ fangenen nach der Schlacht bei Dreur, widerfahren ließ. Mit nicht geringem Erſtaunen ſah man die zwei erbitterten Gegner, ſo viel Jahre lang beſchaͤftigt, ſich zu vertilgen, durch ſo viele erlittene Beleidigungen zur Rache, ſo viele ausgeuͤbte Feind⸗ ſeligkeiten zum Mißtrauen gereizt, an Einer Tafel vertraulich zuſammen ſpeiſen, und, nach der Sitte jener Zeit, in demſelbi⸗ gen Bette ſchlafen. Der Tod ihres Anfuͤhrers hemmte ſchnell die Thaͤtigkeit der katholiſchen Partei, und erleichterte Katharinens Bemuͤhungen, die Ruhe wiederherzuſtellen. Frankreichs immer zunehmendes Elend erregte dringende Wuͤnſche nach Frieden, wozu die Ge⸗ fangenſchaft der beiden Oberhaͤupter, Condé und Montmorency, gegruͤndete Hoffnung machte. Beide, gleich ungeduldig nach Freiheit, von der Koͤnigin Mutter unablaͤſſig zur Verſoͤhnung gemahnt, vereinigten ſich endlich in dem Vergleiche von Am⸗ boiſe 1565, worin das Edict des Jaͤnners mit wenigen Aus⸗ nahmen beſtaͤtigt, den Reformirten die oͤffentliche Religions⸗ uͤbung in denjenigen Staͤdten, welche ſie zur Zeit in Beſitz hatten, zugeſtanden, auf dem Lande hingegen auf die Laͤndereien Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 9 130 der hohen Gerichtsherren und zu einem Privatgottesdienſt in den Haͤuſern des Adels eingeſchraͤnkt, uͤbrigens das Vergangene einer allgemeinen ewigen Vergeſſenheit uͤberliefert ward. So erheblich die Vortheile ſcheinen, welche der Vergleich von Amboiſe den Reformirten verſchaffte, ſo hatte Coligny dennoch vollkommen recht, ihn als ein Werk der Uebereilung von Seiten des Prinzen, und von Seiten der Koͤnigin als ein Werk des Betrugs zu verwuͤnſchen. Dahin waren mit dieſem unzeitigen Frieden alle glaͤnzenden Hoffnungen ſeiner Partei, die im ganzen Laufe dieſes Buͤrgerkriegs vielleicht noch nie ſo gegruͤndet ge⸗ weſen waren. Der Herzog von Guiſe, die Seele der katholi⸗ ſchen Partei, der Marſchall von St. André, der Koͤnig von Navarra im Grabe, der Connetable gefangen, die Armee ohne Anfuͤhrer und ſchwierig wegen des ausbleibenden Soldes, die Finanzen erſchoͤpft; auf der andern Seite eine bluͤhende Armee⸗ Englands maͤchtige Huͤlfe, Freunde in Deutſchland, und in dem Religionseifer der franzoͤſiſchen Proteſtanten Huͤlfsquellen ge⸗ nug, den Krieg fortzuſetzen. Die wichtigen Waffenplaͤtze Lyon und Orleans, mit ſo vielem Blute erworben und vertheidigt, gingen nunmehr durch einen Federzug verloren; die Armee mußte auseinander, die Deutſchen nach Hauſe gehen. Und fuͤr alle dieſe Aufopferungen hatte man, weit entfernt, einen Schritt vorwaͤrts zu der buͤrgerlichen Gleichheit der Religion zu thun, nicht einmal die vorigen Rechte zuruͤck erhalten. Die Auswechſelungen der gefangenen Anfuͤhrer und die Ver⸗ jagung der Englaͤnder aus Havre de Grace, welche Montmo⸗ rency durch die Ueberreſte des abgedankten proteſtantiſchen Heeres bewerkſtelligte, waren die erſte Frucht dieſes Friedens, und der gleiche Wetteifer beider Parteien, dieſe Unternehmung zu be⸗ ſchleunigen, bewies nicht ſowohl den wiederauflebenden Gemein⸗ geiſt der Franzoſen als die unvertilgbare Gewalt des National⸗ 131 haſſes, den weder die Pflicht der Dankbarkeit noch das ſtaͤrkſte Intereſſe der Leidenſchaft uͤberwinden konnte. Nicht ſobald war der gemeinſchaftliche Feind von dem vaterlaͤndiſchen Boden ver⸗ trieben, als alle Leidenſchaften, welche der Sertengeiſt ent⸗ flammt, in ihrer vorigen Staͤrke zuruͤckkehrten, und die trau⸗ rigen Scenen der Zwietracht erneuerten. So gering der Ge⸗ winn auch war, den die Calviniſten aus dem neu errichteten Vergleiche ſchoͤpften, ſo wurde ihnen auch dieſes Wenige miß⸗ goͤnnt, und unter dem Vorwande, die Vergleichspunkte zur Vollziehung zu bringen, maßte man ſich an, ihnen durch eine willkuͤrliche Auslegung die engſten Graͤnzen zu ſetzen. Mont⸗ morency's herrſchbegieriger Geiſt war geſchaͤftig, den Frieden zu untergraben, wozu er doch ſelbſt das Werkzeug geweſen war; denn nur der Krieg konnte ihn der Koͤnigin unentbehrlich machen. Der unduldſame Glaubenseifer, welcher ihn ſelbſt beſeelte, theilte ſich mehrern Befehlshabern in den Provinzen mit, und wehe den Proteſtanten in denjenigen Diſtricten, wo ſie die Mehrheit nicht auf ihrer Seite hatten! Umſonſt reclamirten ſie die Rechte, welche der ausdruͤckliche Buchſtabe des Vertrags ihnen zugeſtand; der Prinz von Condé, ihr Beſchuͤtzer, von dem Netze der Koͤnigin umſtrickt und der undankbaren Rolle eines Parteifuͤhrers muͤde, entſchaͤdigte ſich in der wolluͤſtigen Ruhe des Hoflebens fuͤr die langen Entbehrungen, welche der Krieg ſeiner herrſchenden Neigung auferlegt hatte. Er begnuͤgte ſich mit ſchrifrlichen Gegenvorſtellungen, welche, von keiner Armee unterſtutzt, natuͤrlicher Weiſe ohne Folgen blieben, waͤh⸗ rend daß ein Edict auf das andere erſchien, die geringen Frei⸗ heiten ſeiner Partei noch mehr zu beſchraͤnken. Mittlerweile fuͤhrte Katharina den jungen Koͤnig, der im Jahr 1563 fuͤr volljaͤhrig erklaͤrt ward, in ganz Frankreich um⸗ her, um den Unterthanen ihren Monarchen zu zeigen, die 1³² Empoͤrungsſucht der Factionen durch die koͤnigliche Gegenwart niederzuſchlagen und ihrem Sohne die Liebe der Nation zu er⸗ werben. Der Anblick ſo vieler zerſtoͤrten Kloͤſter und Kirchen, welche von der fanatiſchen Wuth des proteſtantiſchen Poͤbels furchtbare Zeugen abgaben, konnte ſchwerlich dazu dienen, die⸗ ſem jungen Fuͤrſten einen guͤnſtigen Begriff von der neuen Religien einzufloͤßen, und es iſt wahrſcheinlich genug, daß ſich bei dieſer Gelegenheit ein gluͤhender Haß gegen die Anhaͤnger Calvins in ſeine Seele praͤgte. Indem ſich unter den mißvergnuͤgten Parteien der Zunder zu einem neuen Kriegsfeuer ſammelte, zeigte ſich Katharina am Hofe geſchaͤftig, zwiſchen den nicht minder erbitterten An⸗ fuͤhrern ein Gaukelſpiel verſtellter Verſoͤhnung aufzufuͤhren. Ein ſchwerer Verdacht befleckte ſchon ſeit lange die Ehre des Ad⸗ mirals von Coligny. Franz von Guiſe war durch die Haͤnde des Meuchelmords gefallen, und der Untergang eines ſolchen Feindes war fuͤr den Admiral eine zu gluͤckliche Begebenheit, als daß die Erbitterung ſeiner Gegner ſich haͤtte enthalten koͤn⸗ nen, ihn eines Antheils daran zu beſchuldigen. Die Ausſagen des Moͤrders, der ſich, um ſeine eigene Schuld zu verringern, hinter den Schirm eines großen Namens fluͤchtete, gaben die⸗ ſem Verdacht einen Schein von Gerechtigkeit. Nicht genug, daß die bekannte Ehrliebe des Admirals dieſe Verleumdung wider⸗ legte— es gibt Zeitumſtaͤnde, wo man an keine Tugend glaubt. Der verwilderte Geiſt des Jahrhunderts duldete keine Staͤrke des Gemuͤths, die ſich uͤber ihn hinweg ſchwingen wollte. An⸗ toinette von Bourbon, die Wittwe des Ermordeten, klagte den Admiral laut und oͤffentlich als den Moͤrder an, und ſein Sohn, Heinrich von Guiſe, in deſſen jugendlicher Bruſt ſchon die kuͤnftige Groͤße pochte, hatte ſchon den furchtbaren Vorſatz der Rache gefaßt. Dieſen gefaͤhrlichen Zunder neuer Feindſelig⸗ 133 keiten erſtickte Katharinens geſchaͤftige Politik; denn ſo ſehr die Zwietracht der Parteien ihren Trieb nach Herrſchaft beguͤnſtigte, ſo ſorgfaͤltig unterdruͤckte ſie jeden offenbaren Ausbruch derſelben, der ſie in die Nothwendigkeit ſetzte, zwiſchen den ſtreitenden Factionen Partei zu ergreifen, und ihrer Unabhaͤngigkeit ver⸗ luſtig zu werden. Ihrem unermuͤdeten Beſtreben gelang es,— von der Wittwe und dem Bruder des Entleibten eine Ehren⸗ erklaͤrung gegen den Admiral zu erhalten, welche dieſen von der angeſchuldigten Mordthat reinigte, und zwiſchen beiden Haͤuſern eine verſtellte Verſoͤhnung bewirkte. Aber unter dem Schleier der erkuͤnſtelten Eintracht entwickel⸗ ten ſich die Keime zu einem neuen und wuͤthenden Buͤrgerkrieg. Jeder noch ſo geringe, den Reformirten bewilligte Vortheil duͤnkte den eifrigen Katholiken ein nie zu verzeihender Eingriff in die Hoheit ihrer Religion, eine Entweihung des Heiligthums, ein Raub an der Kirche begangen, die auch das kleinſte von ihren Rechten ſich nicht vergeben duͤrfte. Kein noch ſo feier⸗ licher Vertrag, der dieſe unverletzbaren Rechte kraͤnkte, konnte nach ihrem Syſteme Anſpruch auf Guͤltigkeit haben; und Pflicht war es jedem Rechtglaͤubigen, dieſer fremden fluchwuͤrdigen Re⸗ ligionspartei dieſe Vorrechte, gleich einem geſtohlenen Gut, wie⸗ der zu entreißen. Indem man von Rom aus geſchaͤftig war, dieſe widrigen Geſinnungen zu naͤhren und noch mehr zu er⸗ hitzen, indem die Anfuͤhrer der Katholiſchen dieſen fanatiſchen Eifer durch das Anſehen ihres Beiſpiels bewaffneten, verſaͤumte ungluͤcklicher Weiſe die Gegenpartei nichts, den Haß der Pa⸗ piſten durch immer kuͤhnere Forderungen noch mehr gegen ſich zu reizen und ihre Anſpruͤche in eben dem Verhaͤltniß, als ſie jenen unertraͤglicher fielen, weiter auszudehnen.„Vor kur⸗ zem,“ erklaͤrte ſich Karl IX gegen Coligny,„begnuͤgtet ihr euch damit, von uns geduldet zu werden; jetzt wollt ihr gleiche Rechte 134 mit uns haben; bald will ich erleben, daß ihr uns aus dem Koͤnigreich treibt, um das Feld allein zu behaupten.“ Bei dieſer widrigen Stimmung der Gemuͤther konnte ein Friede nicht beſtehen, der beide Parteien gleich wenig befriedigt hatte. Katharina ſelbſt, durch die Drohungen der Calviniſten aus ihrer Sicherheit aufgeſchreckt, dachte ernſtlich auf einen oͤffentlichen Bruch, und die Frage war bloß, wie die noͤthige Kriegsmacht in Bewegung zu ſetzen ſey, um einen argwoͤhni⸗ ſchen und wachſamen Feind nicht zu fruͤhzeitig von ſeiner Gefahr zu belehren. Der Marſch einer ſpaniſchen Armee nach den Niederlanden, unter der Anfuͤhrung des Herzogs von Alba, welche bei ihrem Voruͤberzug die franzoͤſiſche Graͤnze beruͤhrte, gab den erwuͤnſchten Vorwand zu der Kriegsruͤſtung her, welche man gegen die innern Feinde des Koͤnigreichs machte. Es ſchien der Klugheit gemaͤß, eine ſo gefaͤhrliche Macht, als der ſpaniſche Generaliſſimus commandirte, nicht unbeobachtet und unbewacht an den Pforten des Reichs voruͤber ziehen zu laſſen, und ſelbſt der argwoͤhniſche Geiſt der proteſtantiſchen Anfuͤhrer begriff die Nothwendigkeit, eine Obſervationsarmee aufzuſtellen, welche dieſe gefaͤhrlichen Gaͤſte im Zaum halten und die bedrohten Provinzen gegen einen Ueberfall decken koͤnnte. Um auch ihrerſeits von dieſem Umſtande Vortheil zu ziehen, erboten ſie ſich voll Argliſt, ihre eigene Partei zum Beiſtand des Koͤnigreichs zu bewaffnen; ein Stratagem, wodurch ſie, wenn es gelungen waͤre, das Naͤmliche gegen den Hof zu erreichen hofften, was dieſer gegen ſie ſelbſt beabſichtet hatte. In aller Eile ließ nun Katharina Soldaten werben und ein Heer von ſechstauſend Schweizern bewaffnen, uͤber welche ſie, mit Uebergehung der Calviniſten⸗ lauter katholiſche Befehlshaber ſetzte. Dieſe Kriegsmacht blieb, ſo lange ſein Zug dauerte, dem Herzog von Alba zur Seite, dem es nie in den Sinn gekommen war, etwas Feindliches 135 gegen Frankreich zu unternehmen. Anſtatt aber nun nach Ent⸗ fernung der Gefahr auseinander zu gehen, richteten die Schweizer ihren Marſch nach dem Herzen des Koͤnigreichs, wo man die vornehmſten Anfuͤhrer der Hugenotten unvorbereitet zu uͤber⸗ fallen hoffte. Dieſer verraͤtheriſche Anſchlag wurde noch zu rechter Zeit laut, und mit Schrecken erkannten die Letztern die Naͤhe des Abgrunds, in welchen man ſie ſtuͤrzen wollte. Ihr Entſchluß mußte ſchnell ſyn. Man hielt Rath bei Coligny, in wenig Tagen ſah man die ganze Partei in Bewegung. Der Plan war, dem Hofe den Vorſprung abzugewinnen, und den Koͤnig auf ſeinem Landſitz zu Monceaux aufzuheben, wo er ſich bei geringer Bedeckung in tiefer Sicherheit glaubte. Das Ge⸗ ruͤcht von dieſen Bewegungen verſcheuchte ihn nach Meaux, wohin man die Schweizer aufs eilfertigſte beorderte. Dieſe fanden ſich zwar noch fruͤhzeitig genug ein; aber die Reiterei des Prinzen von Condé ruͤckte immer naͤher und naͤher, immer zahlreicher ward das Heer der Verbundenen, und drohte den Koͤnig in ſeinem Zufluchtsort zu belagern. Die Entſchloſſenheit der Schweizer riß den Koͤnig aus dieſer dringenden Gefahr. Sie erboten ſich, ihn mitten durch den Feind nach Paris zu fuͤhren, und Katharina bedachte ſich nicht, die Perſon des Koͤnigs ihrer Tapferkeit anzuvertrauen. Der Aufbruch geſchah gegen Mitternacht; den Monarchen nebſt ſeiner Mutter in ihrer Mitte, den ſie in einem gedraͤngten Viereck umſchloß, wandelte dieſe bewegliche Feſtung fort, und bildete mit vorgeſtreckten Piken eine ſtachlige Mauer, welche die feindliche Reiterei nicht durchbrechen konnte. Der herausfordernde Muth, mit dem die Schweizer einherſchritten, angefeuert durch das heilige Palladium der Majeſtaͤt, das ihre Mitte beherbergte, ſchlug die Herzhaftig⸗ keit des Feindes darnieder, und die Ehrfurcht vor der Perſon des Koͤnigs, welche die Bruſt der Franzoſen ſo ſpaͤt verlaͤßt, 136 erlaubte dem Prinzen von Condè nicht, etwas mehr, als einige unbedeutende Scharmuͤtzel zu wagen. Und ſo erreichte der Koͤnig noch an demſelben Abend Paris, und glaubte, dem Degen der Schweizer nichts Geringeres als Leben und Freiheit zu ver⸗ danken. Der Krieg war nun erklaͤrt, und zwar unter der gewoͤhn⸗ lichen Foͤrmlichkeit, daß man nicht gegen den Koͤnig, ſondern gegen ſeine und des Staats Feinde die Waffen ergriffen habe. Unter dieſen war der Cardinal von Lothringen der Verhaßteſte, und uͤberzeugt, daß er der proteſtantiſchen Sache die ſchlimmſten Dienſte zu leiſten pflegte, hatte man auf den Untergang dieſes Mannes ein vorzuͤgliches Abſehen gerichtet. Gluͤcklicher Weiſe entfloh er noch zu rechter Zeit dem Streich, welcher gegen ihn gefuͤhrt werden ſollte, indem er ſeinen Hausrath der Wuth des Feindes uͤberließ.* Die Cavallerie des Prinzen ſtand zwar im Felde, aber durch die Zurüſtungen des Koͤnigs uͤbereilt, hatte ſie nicht Zeit gehabt, ſich mit dem erwarteten deutſchen Fußvolk zu vereinigen und eine ordentliche Armee zu formiren. So muthig der franzoͤſiſche Adel war, der die Reiterei des Prinzen groͤßtentheils ausmachte, ſo wenig taugte er zu Belagerungen, auf welche es doch bei dieſem Kriege vorzuͤglich ankam. Nichtsdeſtoweniger unter⸗ nahm dieſer kleine Haufe, Paris zu berennen, drang eilfertig gegen dieſe Hauptſtadt vor, und machte Anſtalten, ſie durch Hunger zu uͤberwaͤltigen. Die Verheerung, welche die Feinde in der ganzen Nachbarſchaft von Paris anrichteten, erſchoͤpfte die Geduld der Buͤrger, welche den Ruin ihres Eigenthums nicht laͤnger mußig anſehen konnten. Einſtimmig drangen ſie darauf, gegen den Feind gefuͤhrt zu werden, der ſich mit jedem Tag an ihren Thoren verſtaͤrkte. Man mußte eilen, etwas Entſcheidendes zu thun, ehe es ihm gelang, die deutſchen Trup⸗ 137 pen an ſich zu ziehen, und durch dieſen Zuwachs das Ueber⸗ gewicht zu erlangen. So kam es am 40 November des Jahres 1567 zu dem Treffen bei St. Denis, in welchem die Calviniſten nach einem hartnaͤckigen Widerſtand zwar den Kuͤr⸗ zern zogen, aber durch den Tod des Connetable, der in dieſer Schlacht ſeine merkwuͤrdige Laufbahn beſchloß, reichlich entſchaͤdigt wurden. Die Tapferkeit der Seinigen entriß dieſen ſterbenden General den Haͤnden des Feindes, und verſchaffte ihm noch den Troſt, in Paris unter den Augen ſeines Herrn den Geiſt auf⸗ zugeben. Er war es, der ſeinen Beichtvater mit dieſen lakoni⸗ ſchen Worten von ſeinem Sterbebette wegſchickte:„Laßt es gut ſeyn, Herr Pater! es waͤre Schande, wenn ich in achtzig Jahren nicht gelernt haͤtte, eine Viertelſtunde lang zu ſterben.“ Die Calviniſten zogen ſich nach ihrer Niederlage bei St. Denis eilfertig gegen die lothringiſchen Graͤnzen des Koͤnigreichs, um die deutſchen Huͤlfsvoͤlker an ſich zu ziehen, und die koͤnig⸗ liche Armee ſetzte ihnen unter dem jungen Herzog von Anjou nach. Sie litten Mangel an dem Nothwendigſten, indem es den Koͤniglichen an keiner Bequemlichkeit fehlte, und die feind⸗ ſelige Jahreszeit erſchwerte ihnen ihre Flucht und ihren Unterhalt noch mehr. Nachdem ſie endlich unter einem unausgeſetzten Kampf mit Hunger und rauher Witterung das jenſeitige Ufer der Maas erreicht hatten, zeigte ſich keine Spur eines deutſchen Heeres, und man war nach einem ſo langwierigen beſchwerde⸗ vollen Marſche nicht weiter, als man im Angeſicht von Paris geweſen war. Die Geduld war erſchoͤpft, der gemeine Mann wie der Adel murrte; kaum vermochte der Ernſt des Admirals und die Jovialitaͤt des Prinzen von Condé eine gefaͤhrliche Trennung zu verhindern. Der Prinz beſtand darauf, daß kein Heil ſey, als in der Vereinigung mit den deutſchen Voͤlkern, und daß man ſie ſchlechterdings bis zum bezeichneten Ort der 138 Zuſammenkunft aufſuchen muͤſſe.„Aber,“ fragte man ihn nachher,„wenn ſie nun auch dort nicht waͤren zu finden ge⸗ weſen, was wuͤrden die Hugenotten alsdann vorgenommen haben?“—„In die Haͤnde gehaucht und die Finger gerieben, vermuthe ich,“ erwiederte der Prinz, denn es war eine ſchnei⸗ dende Kaͤlte. Endlich naͤherte ſich der Pfalzgraf Caſimir mit der ſehnlichſt erwarteten deutſchen Reiterei; aber nun befand man ſich in einer neuen und groͤßern Verlegenheit. Die Deutſchen ſtanden in dem Ruf, daß ſie nicht eher zu fechten pflegten, als bis ſie Geld ſaͤhen; und anſtatt der hunderttauſend Thaler, worauf ſie ſich Rechnung machten, hatte man ihnen kaum einige Tauſend anzubieten. Man lief Gefahr, im Augenblick der Vereinigung aufs ſchimpflichſte von ihnen verlaſſen zu werden, und alle auf dieſen Succurs gegruͤndeten Hoffnungen auf einmal ſcheitern zu ſehen. Hier in dieſem kritiſchen Moment nahm der An⸗ fuͤhrer der Franzoſen ſeine Zuflucht zu der Eitelkeit ſeiner Lands⸗ leute und ihrer zarten Empfindlichkeit fuͤr die Nationalehre; und ſeine Hoffnung taͤuſchte ihn nicht. Er geſtand den Offi⸗ cieren ſein Unvermoͤgen, die Forderungen der Deutſchen zu befriedigen, und ſprach ſie um Unterſtuͤtzung an. Dieſe beriefen die Gemeinen zuſammen, entdeckten denſelben die Noth des Generals, und ſtrengten alle ihre Beredſamkeit an, ſie zu einer Beiſteuer zu ermuntern. Sie wurden dabei aufs nachdruͤcklichſte von den Predigern unterſtuͤtzt, die mit dreiſter Stirn zu be⸗ weiſen ſuchten, daß es die Sache Gottes ſey, die ſie durch ihre Mildthaͤtigkeit befoͤrderten. Der Verſuch gluͤckte, der geſchmeichelte Soldat beraubte ſich freiwillig ſeines Putzes, ſeiner Ringe und aller ſeiner Koſtbarkeiten; ein allgemeiner Wetteifer ſtellte ſich ein, und es brachte Schande, von ſeinen Cameraden an Groß⸗ muth uͤbertroffen zu werden. Man verwandelte Alles in Geld, 139 und brachte eine Summe von faſt hunderttauſend Livres zu⸗ ſammen, mit der ſich die Deutſchen einſtweilen abfinden ließen. Gewiß das einzige Beiſpiel ſeiner Art in der Geſchichte, daß eine Armee die andere beſoldete! Aber der Hauptzweck war doch nun erreicht, und beide vereinigte Heere erſchienen nunmehr am Anfang des Jahrs 1568 wieder auf franzoͤſiſchem Boden. Ihre Macht war jetzt betraͤchtlich, und wuchs noch mehr durch die Verſtaͤrkung an, welche ſie aus allen Enden des Koͤnig⸗ reichs an ſich zogen. Sie belagerten Chartres, und aͤngſtigten die Hauptſtadt ſelbſt durch ihre angedrohte Erſcheinung. Aber Condé zeigte bloß die Staͤrke ſeiner Partei, um dem Hof einen deſto guͤnſtigern Vergleich abzulocken. Mit Widerwillen hatte er ſich den Laſten des Kriegs unterzogen, und wuͤnſchte ſehnlich den Frieden, der ſeinem Hang zum Vergnuͤgen weit mehr Be⸗ friedigung verſprach. Er ließ ſich deßwegen auch zu den Unter⸗ handlungen bereitwillig ſinden, welche Katharina von Medicis, um Zeit zu gewinnen, eingeleitet hatte. Wie viel Urſache auch die Reformirten hatten, ein Mißtrauen in die Anerbietungen dieſer Fuͤrſtin zu ſetzen, und wie wenig ſie durch die bisherigen Vertraͤge gebeſſert waren, ſo begaben ſie ſich doch zum zweiten Mal ihres Vortheils, und ließen unter fruchtloſen Negociationen die koſtbare Zeit zu kriegeriſchen Unternehmungen verſtreichen. Das zu rechter Zeit ausgeſtrente Geld der Koͤnigin verminderte mit jedem Tage die Armee; und die Unzufriedenheit der Truppen, welche Katharina geſchickt zu naͤhren wußte, noͤthigte die Anfuͤhrer am 10 Maͤrz 1568 zu einem unreifen Frieden. Der Koͤnig verſprach eine allgemeine Amneſtie, und beſtaͤtigte das Edict des Jaͤnners 1562, das die Reformirten beguͤnſtigte. Zugleich machte er ſich anheiſchig, die deutſchen Voͤlker zu be⸗ friedigen, die noch betraͤchtliche Ruͤckſtaͤnde zu fordern hatten; aber bald entdeckte ſich, daß er mehr verſprochen hatte, als er 1¹0 halten konnte. Man glaubte ſich dieſer fremden Gaͤſte nicht ſchnell genug entledigen zu koͤnnen, und doch wollten ſie ohne Geld nicht von dannen ziehen. Ja, ſie drohten, Alles mit Feuer und Schwert zu verheeren, wenn man ihnen den ſchuldigen Sold nicht entrichtete. Endlich, nachdem man ihnen einen Theil der verlangten Summe auf Abſchlag bezahlt und den Ueberreſt noch waͤhrend ihres Marſches nachzuliefern verſprochen hatte, traten ſie ihren Ruͤckzug an, und der Hof ſchoͤpfte Muth, je mehr ſie ſich von dem Centrum des Reichs entfernten. Kaum aber fanden ſie, daß die verſprochenen Zahlungen unter⸗ blieben, ſo erwachte ihre Wuth aufs neue, und alle Landſtriche, durch welche ſie kamen, mußten die Wortbruͤchigkeit des Hofes entgelten. Die Gewaltthäͤtigkeiten, die ſie ſich bei dieſem Durchzuge erlaubten, zwangen die Koͤnigin, ſich mit ihnen abzufinden, und, mit ſchwerer Beute beladen, raͤumten ſie endlich das Reich. Auch die Anfuͤhrer der Reformirten zerſtreuten ſich nach abgeſchloſſenem Frieden jeder in ſeine Provinz auf ſeine Schloͤſſer, und gerade dieſe Trennung, welche man als gefaͤhrlich und unklug beurtheilte, rettete ſie vom Verderben. Bei allen noch ſo ſchlimmen Anſchlaͤgen, die man gegen ſie gefaßt hatte, durfte man ſich an keinem Einzigen unter ihnen vergreifen, wenn man nicht Alle zugleich zu Grunde richten konnte. Um aber Alle zugleich aufzuheben, haͤtte man, wie Laboureur ſagt, das Netz uͤber ganz Frankreich ausbreiten muͤſſen. Die Waffen ruhten jetzt auf eine Zeitlang, aber nicht ſo die Leidenſchaften; es war bloß die bedenkliche Stille vor dem heranziehenden Sturme. Die Koͤnigin, von dem Joch eines muͤrriſchen Montmorency und eines gebieteriſchen Her⸗ zogs von Guiſe befreit, regierte mit dem uͤberlegenen Anſehen der Mutter und Staatsverſtaͤndigen beinahe unumſchraͤnkt unter ihrem zwar mundigen, aber der Fuͤhrung noch ſo be⸗ duͤrftigen Sohn, und ſie ſelbſt wurde von den verderblichen 141 Rathſchlaͤgen des Cardinals von Lothringen geleitet. Der uͤberwiegende Einfluß dieſes unduldſamen Prieſters unterdruͤckte bei ihr allen Geiſt der Maͤßigung, nach dem ſie bisher gehandelt hatte. Zugleich mit den Umſtaͤnden hatte ſie auch ihre ganze Staatskunſt veraͤndert. Voll Schonung gegen die Reformirten, ſo lange ſie noch ihrer Huͤlfe bedurfte, um dem Ehrgeize eines Guiſe und Montmorency ein Gegengewicht zu geben, uͤberließ ſie ſich nunmehr ganz ihrem natuͤrlichen Abſcheu gegen dieſe aufſtrebende Secte, ſobald ihre Herrſchaft befeſtigt war. Sie gab ſich keine Muͤhe, dieſe Geſinnungen zu verbergen, und die Inſtructionen, die ſie den Gouverneurs der Provinzen ertheilte, athmeten dieſen Geiſt. Sie ſelbſt verfolgte jetzt diejenige Partei unter den Katholiſchen, die fuͤr Duldung und Frieden geſtimmt, und deren Grundſaͤtze ſie in den vorhergehenden Jahren ſelbſt zu den ihrigen gemacht hatte. Der Kanzler wurde von dem Antheil an der Regierung entfernt, und endlich gar auf ſeine Güter verwieſen. Man bezeichnete ſeine Anhaͤnger mit dem zweideutigen Namen der Politiker, der auf ihre Gleichguͤltig⸗ keit gegen das Intereſſe der Kirche anſpielte, und den Vorwurf enthielt, als ob ſie die Sache Gottes bloß weltlichen Ruͤckſichten aufopferten. Dem Fanatismus der Geiſtlichkeit wurde voll⸗ kommene Freiheit gegeben, von Kanzeln, Beichtſtuͤhlen und Altaͤren auf die Sectirer loszuſtuͤrmen; und jedem tollkuͤhnen Schwaͤrmer aus der katholiſchen Kleriſei war erlaubt, in oͤffent⸗ lichen Reden den Frieden anzugreifen, und die verabſcheuungs⸗ wuͤrdige Marime zu predigen, daß man Ketzern keine Treue noch Glauben ſchuldig ſey. Es konnte nicht fehlen, daß bei ſolchen Aufforderungen der blutduͤrſtige Geiſt des Fanatismus bei dem ſo leicht entzuͤndbaren Volk der Franzoſen nur allzuſchnell Feuer fing, und in die wildeſten Bewegungen ausbrach. Miß⸗ trauen und Argwohn zerriſſen die heiligſten Bande; der Meuchel⸗ 142 mord ſchliff ſeinen Dolch im Innern der Haͤuſer, und auf dem Lande, wie in den Staͤdten, in den Provinzen wie in Paris, wurde die Fackel der Empoͤrung geſchwungen. Die Calviniſten ließen es ihrerſeits nicht an den bitterſten Repreſſalien fehlen; doch, an Anzahl zu ſchwach, hatten ſie dem Dolch der Katholiken bloß ihre Federn entgegen zu ſetzen. Vor Allem ſahen ſie ſich nach feſten Zufluchtsoͤrtern um, wenn der Kriegsſturm aufs neue ausbrechen ſollte. Zu dieſem Zweck war ihnen die Stadt Rochelle am weſtlichen Ocean ſehr gelegen; eine maͤchtige Seeſtadt, welche ſich ſeit ihrer freiwilligen Unter⸗ werfung unter franzoͤſiſche Herrſchaft der wichtigſten Privilegien erfreute, und beſeelt mit republicaniſchem Geiſte, durch einen ausgebreiteten Handel bereichert, durch eine gute Flotte ver⸗ theidigt, durch das Meer mit England und Holland verbunden, ganz vorzuͤglich dazu gemacht war, der Sitz eines Freiſtaats zu ſeyn, und der verfolgten Partei der Hugenotten zum Mittel⸗ punkt zu dienen. Hierher verpflanzten ſie die Hauptſtaͤrke ihrer Macht, und es gelang ihnen viele Jahre lang, hinter den Waͤllen dieſer Feſtung der ganzen Macht Frankreichs zu trotzen. Nicht lange ſtand es an, ſo mußte der Prinz von Condé ſelbſt ſeine Zuflucht in Rochelle's Mauern ſuchen. Katharina, um demſelben alle Mittel zum Krieg zu rauben, forderte von ihm die Wiedererſtattung der betraͤchtlichen Geldſummen, die ſie in ſeinem Namen den deutſchen Hulfsvoͤlkern vorgeſtreckt hatte, und fuͤr die er mit den uͤbrigen Anfuͤhrern Buͤrge ge⸗ worden war. Der Prinz konnte nicht Wort halten, ohne zum Bettler zu werden, und Katharina, die ihn aufs Aeußerſte bringen wollte, beſtand auf der Zahlung. Das Unvermoͤgen des Prinzen, dieſe Schuld zu entrichten, berechtigte ſie zu einem Bruch der Tractaten, und der Marſchall von Tavannes erhielt Befehl, den Prinzen auf ſeinem Schloß Noyers in Burgund 143 aufzuheben. Schon war die ganze Provinz von den Soldaten der Koͤnigin erfuͤllt, alle Zugaͤnge zu dem Landſitze des Prinzen verſperrt, alle Wege zur Flucht abgeſchnitten, als Tavannes ſelbſt, der zum Untergang des Prinzen nicht gern die Hand bieten wollte, Mittel fand, ihn von der nahen Gefahr zu belehren und ſeine Flucht zu befoͤrdern. Condé entwiſchte durch die offen gelaſſenen Paͤſſe gluͤcklich mit dem Admiral Coligny und ſeiner ganzen Familie, und erreichte Rochelle am 18 Sep⸗ tember 1568. Auch die verwittwete Koͤnigin von Navarra, Mutter Heinrichs IV, welche Montluͤc hatte aufheben ſollen, rettete ſich mit ihrem Sohn, ihren Truppen und ihren Schaͤtzen in dieſe Stadt, welche ſich in kurzer Zeit mit einer kriegeriſchen und zahlreichen Mannſchaft anfuͤllte. Der Cardinal von Cha⸗ tillon entfloh in Matroſenkleidern nach England, wo er ſeiner Partei durch Unterhandlung nuͤtzlich wurde, und die uͤbrigen Haͤupter derſelben ſaͤumten nicht, ihre Anhaͤnger zu bewaffnen, und die Deutſchen aufs eilfertigſte zuruͤck zu berufen. Beide Theile greifen zum Gewehre, und der Krieg kehrt in ſeiner ganzen Furchtbarkeit zuruͤck. Das Edict des Jaͤnners wird foͤrmlich widerrufen, die Verfolgung mit groͤßerer Wuth gegen die Reformirten erneuert, jede Ausuͤbung der neuen Religion bei Todesſtrafe unterſagt. Alle Schonung, alle Maͤßigung hoͤrt auf, und Katharina, ihrer wahren Staͤrke vergeſſend, wagt an die ungewiſſen Entſcheidungen der blinden Gewalt die ge⸗ wiſſen Vortheile, welche ihr die Intrigue verſchaffte. Ein kriegeriſcher Eifer beſeelte die ganze reformirte Partei, und die Wortbruͤchigkeit des Hofs, die unerwartete Aufhebung aller ihnen guͤnſtigen Verordnungen ruft mehr Soldaten ins Feld, als alle Ermahnungen ihrer Anfuͤhrer und alle Predigten ihrer Geiſt⸗ lichkeit nicht vermocht haben wuͤrden. Alles wird Bewegung und Leben, ſobald die Trommel ertoͤnt. Fahnen wehen auf allen Straßen; 144 8 aus allen Enden des Koͤnigreichs ſieht man bewaffnete Schaaren gegen den Mittelpunkt zuſammen ſtroͤmen. Mit der Menge der erlittenen und erwieſenen Kraͤnkungen iſt die Wuth der Streiter geſtiegen; ſo viele zerriſſene Vertraͤge, ſo viele getaͤuſchte Er⸗ wartungen hatten die Gemuͤther unverſoͤhnlich gemacht, und laͤngſt ſchon war der Charakter der Nation in der langen Anarchie des buͤrgerlichen Krieges verwildert. Daher keine Maͤßigung, keine Menſchlichkeit, keine Achtung gegen das Voͤlker⸗ recht, wenn man einen Vortheil uͤber den Feind erlangte; weder Stand noch Alter wird geſchont, und der Marſch der Truppen uͤberall durch verwuͤſtete Felder und eingeaͤſcherte Doͤrfer bezeichnet. Schrecklich empfindet die katholiſche Geiſt⸗ lichkeit die Rache des Hugenottenpoͤbels, und nur das Blut dieſer ungluͤcklichen Schlachtopfer kann die finſtere Grauſamkeit dieſer rohen Schaaren erſaͤttigen. An Kloͤſtern und Kirchen raͤchen ſie die Unterdruͤckungen, welche ſie von der herrſchenden Kirche erlitten hatten. Das Ehrwuͤrdige iſt ihrer blinden Wuth nicht ehrwuͤrdig, das Heilige nicht heilig; mit barbariſcher Schadenfreude entkleiden ſie die Altaͤre ihres Schmuckes, zer⸗ brechen und entweihen ſie die heiligen Gefaͤße, zerſchmettern ſie die Bildſaͤulen der Apoſtel und Heiligen, und ſtuͤrzen die herr⸗ lichſten Tempel in Truͤmmer. Ihre Mordgier oͤffnet ſich die Zellen der Moͤnche und Nonnen, und ihre Schwerter werden mit dem Blute dieſer Unſchuldigen befleckt. Mit erfinderiſcher Wuth ſchaͤrften ſie durch den bitterſten Hohn noch die Qualen des Todes, und oft konnte der Tod ſelbſt ihre thieriſche Luſt nicht ſtillen. Sie verſtuͤmmelten ſelbſt noch die Leichname, und einer unter ihnen hatte den raſenden Geſchmack, ſich aus den Ohren der Moͤnche, die er niedergemacht hatte, ein Halsband zu verfertigen, und es oͤffentlich als ein Ehrenzeichen zu tragen. Ein anderer ließ eine Hydra auf ſeine Fahne malen, deren 8 145 Koͤpfe mit Cardinalshuͤten, Biſchofsmuͤtzen und Moͤnchscapuzen auf das ſeltſamſte ausſtaffirt waren. Er ſelbſt war daneben als ein Hercules abgebildet, der alle dieſe Koͤpfe mit ſtarken Faͤuſten herunterſchlug. Kein Wunder, wenn ſo handgreifliche Symbole die Leidenſchaften eines fanatiſchen rohen Haufens noch heftiger entflammten, und dem Geiſt der Grauſamkeit eine immerwaͤhrende Nahrung gaben. Die Ausſchweifungen der Hugenotten wurden von den Papiſten durch ſchreckliche Repreſ⸗ ſalien erwiedert, und wehe dem Ungluͤcklichen, der lebendig in ihre Hände fiel. Sein Urtheil war einmal fuͤr immer ge⸗ ſprochen, und eine freiwillige Unterwerfung konnte ſein Ver⸗ derben hoͤchſtens nur wenige Stunden verzoͤgern. Mitten im Winter brachen beide Armeen, die koͤnigliche unter dem jungen Herzog von Anjou, dem der kriegserfahrene Tavannes an die Seite gegeben war, und die proteſtantiſche unter Condé und Coligny auf, und ſtießen bei Louduͤn ſo nahe an einander, daß weder Fluß noch Graben ihre Schlachtordnungen trennte. Vier Tage blieben ſie in dieſer Stellung einander gegenuͤber ſtehen, ohne etwas Entſcheidendes zu wagen, weil die Kaͤlte zu ſtreng war. Der zunehmende Froſt zwang end⸗ lich die Koͤniglichen zuerſt zum Aufbruch; die Hugenotten folg⸗ ten ihrem Beiſpiel, und der ganze Feldzug endigte ſich ohne Entſcheidung. unterdeſſen verſaͤumten die Letztern nicht, in der Ruhe der Winterquartiere neue Kraͤfte zu dem folgenden Feldzug zu ſam⸗ meln. Sie hatten die eroberten Provinzen gluͤcklich behauptet, und viele andere Staͤdte des Koͤnigreichs erwarteten bloß einen guͤnſtigen Augenblick, um ſich laut fuͤr ſie zu erklaͤren. An⸗ ſehnliche Summen wurden aus dem Verkauf der Kirchenguͤter und den Confiscationen gezogen und von den Provinzen be⸗ traͤchtliche Steuern erhoben. Mit Huͤlfe derſelben ſah ſich der Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 10 146 Prinz von Condé in den Stand geſetzt, ſeine Armee zu ver⸗ ſtaͤrken und in eine bluͤhende Verfaſſung zu ſetzen. Faͤhige Generale commandirten unter ihm, und ein tapferer Adel hatte ſich unter ſeinen Fahnen verſammelt. Zugleich waren ſeine Agenten, in England ſowohl als in Deutſchland, geſchaͤftig, ſeine dortigen Bundesgenoſſen zu bewaffnen und ſeine Gegner neutral zu erhalten. Es gelang ihm, Truppen, Geld und Ge⸗ ſchuͤtz aus England zu ziehen, und aus Deutſchland fuͤhrten ihm der Markgraf von Baden und der Herzog von Zweibruͤcken be⸗ traͤchtliche Huͤlfsvoͤlker zu, ſo daß er ſich mit dem Antritt des Jahres 1569 an der Spitze einer furchtbaren Macht erblickte, die einen merkwuͤrdigen Feldzug verſprach. Er hatte ſich eben aus den Winterquartieren hervorgemacht, um den deutſchen Truppen den Eintritt in das Koͤnigreich zu oͤfnen, als ihn die koͤnigliche Armee am 13 Maͤrz d. J. un⸗ weit Jarnac an der Graͤnze von Limouſin unter ſehr nachthei⸗ ligen Umſtaͤnden zum Treffen noͤthigte. Abgeſchnitten von dem Ueberreſt ſeiner Armee, wurde er von der ganzen koͤniglichen Macht angegriffen, und ſein kleiner Haufe, des tapferſten Wider⸗ ſtandes ungeachtet, von der uͤberlegenen Zahl uͤberwaͤltigt. Er ſelbſt, ob ihm gleich der Schlag eines Pferdes einige Augenblicke vor der Schlacht das Bein zerſchmetterte, kaͤmpfte mit der hel⸗ denmuͤthigſten Tapferkeit, und von ſeinem Pferde herabgeriſſen, ſetzte er noch eine Zeitlang auf der Erde knieend das Gefecht fort, bis ihn endlich der Verluſt ſeiner Kraͤfte zwang, ſich zu ergeben. Aber in dieſem Augenblick naͤhert ſich ihm Montes⸗ quion, ein Capitaͤn von der Garde des Herzogs von Anjou, von hinten, und toͤdtet ihn meuchelmoͤrderiſch mit einer Piſtole. Und ſo hatte auch Condé mit allen damaligen Haͤuptern der Parteien das Schickſal gemein, daß ein gewaltſamer Tod ihn dahinraffte. Franz von Guiſe war durch Meuchelmoͤrdershand 147 vor Orleans gefallen, Anton von Navarra bei der Belagerung von Rouen, der Marſchall von St. André in der Schlacht bei Dreux und der Connetable bei St. Denis geblieben. Den Ad⸗ miral erwartete ein ſchrecklicheres Loos in der Bartholomaͤus⸗ nacht, und Heinrich von Guiſe ſank wie ſein Vater unter dem Dolche der Verraͤtherei. Der Tod ihres Anfuͤhrers war ein empfindlicher Schlag fuͤr die proteſtantiſche Partei, aber bald zeigte ſich's, daß die katho⸗ liſche zu fruͤh triumphirt hatte. Condé hatte ſeiner Partei große Dienſte geleiſtet, aber ſein Verluſt war nicht unerſetzlich. NRoch lebte das heldenreiche Geſchlecht der Chatillons, und der ſtandhafte, unternehmende, an Huͤlfsquellen unerſchoͤpfliche Geiſt des Admirals von Coligny riß ſie bald wieder aus ihrer Ernie⸗ drigung empor. Es war mehr ein Name, als ein Ober⸗ haupt, was die Hugenotten durch den Tod des Prinzen Lud⸗ wig von Condè verloren; aber auch ſchon ein Name war ihnen wichtig und unentbehrlich, um den Muth der Partei zu beleben und ſich ein Anſehen in dem Koͤnigreich zu erwerben. Der nach Unabhaͤngigkeit ſtrebende Geiſt des Adels ertrug mit Wider⸗ willen das Joch eines Fuͤhrers, der nur Seinesgleichen war, und ſchwer, ja unmoͤglich ward es einem Privatmann, dieſe ſtolze Soldateske im Zaum zu erhalten. Dazu gehoͤrte ein Fuͤrſt, den ſeine Geburt ſchon uͤber jede Concurrenz hinwegruͤckte, und der eine erbliche und unbeſtrittene Gewalt uͤber die Gemuͤther ausuͤbte. Und auch dieſer fand ſich nun in der Perſon des jungen Heinrichs von Bourbon, des Helden dieſes Werks, den wir jetzt zum erſten Male auf die politiſche Schaubuͤhne fuͤhren. Heinrich der Vierte, der Sohn Antons von Navarra und Johannens von Albret, war im Jahre 1553 zu Pau in der Pro⸗ vinz Bearn geboren. Schon von den fruͤheſten Jahren einer harten Lebensart unterworfen, ſtaͤhlte ſich ſein Koͤrper zu ſeinen 148 kuͤnftigen Kriegsthaten. Eine einfache Erziehung und ein zweck⸗ maͤßiger Unterricht entwickelten ſchnell die Keime ſeines lebhaf⸗ ten Geiſtes. Sein junges Herz ſog ſchon mit der Muttermilch den Haß gegen das Papſtthum und gegen den ſpaniſchen Deſpo⸗ tismus ein; der Zwang der Umſtaͤnde machte ihn ſchon in den Jahren der Unſchuld zum Anfuͤhrer von Rebellen. Ein fruͤher Gebrauch der Waffen bildete ihn zum kuͤnftigen Helden, und fruͤhes Ungluͤck zum vortrefflichen Koͤnig. Das Haus der Valois, welches Jahrhunderte lang uͤber Frankreich geherrſcht hatte, neigte ſich unter den ſchwaͤchlichen Soͤhnen Heinrichs II zum Unter⸗ gang, und wenn dieſe drei Bruͤder dem Reich keinen Erben gaben, ſo rief die Verwandtſchaft mit dem regierenden Hauſe, ob ſie gleich nur im 21ſten Grade ſtatt hatte, das Haus von Navarra auf den Thron. Die Ausſicht auf den glaͤnzendſten Thron Europens umſchimmerte ſchon Heinrichs IV Wiege, aber ſie war es auch, die ihn ſchon in der fruͤheſten Jugend den Nachſtellungen maͤchtiger Feinde bloßſtellte. Philipp II, Koͤnig von Spanien, der unverſöͤhnlichſte aller Feinde des proteſtan⸗ tiſchen Glaubens, konnte nicht mit Gelaſſenheit zuſehen, daß die verhaßte Secte der Neuerer von dem herrlichſten aller chriſt⸗ lichen Throne Beſitz nahm, und durch denſelben ein entſchei⸗ dendes Uebergewicht der Macht in Europa erlangte. Und er war um ſo weniger geneigt, die franzoͤſiſche Krone dem ketzeri⸗ ſchen Geſchlecht von Navarra zu goͤnnen, da ihn ſelbſt nach dieſer koſtbaren Erwerbung geluͤſtete. Der junge Heinrich ſtand ſeinen ehrgeizigen Hoffnungen im Wege, und ſeine Beichtvaͤter uͤberzeugten ihn, daß es verdienſtlich ſey, einen Ketzer zu be⸗ rauben, um ein ſo großes Koͤnigreich im Gehorſam gegen den apoſtoliſchen Stuhl zu erhalten. Ein ſchwarzes Complot ward nun mit Zuziehung des beruͤchtigten Herzogs von Alba und des Cardinals von Lothringen geſchmiedet, den jungen Heinrich mit 149 ſeiner Mutter aus ihren Staaten zu entfuͤhren, und in ſpaniſche Haͤnde zu liefern. Ein ſchreckliches Schickſal erwartete dieſe ungluͤcklichen in den Haͤnden dieſes blutgierigen Feindes, und ſchon jauchzte die ſpaniſche Inquiſition dieſem wichtigen Schlacht⸗ opfer entgegen. Aber Johanna ward noch zu rechter Zeit, und zwar, wie man behauptet, durch Philipps eigene Gemahlin, Eliſabeth, gewarnt, und der Anſchlag in der Entſtehung ver⸗ eitelt. Eine ſo ſchwere Gefahr umſchwebte das Haupt des Knaben, und weihte ihn ſchon fruͤhe zu den harten Kaͤmpfen und Leiden ein, die er in der Folge beſtehen ſollte. Jetzt, als die Nachricht von dem Tode des Prinzen von Condé die Anfuͤhrer der Proteſtanten in Beſtuͤrzung und Ver⸗ legenheit ſetzte, die ganze Partei ſich ohne Oberhaupt, die Armee ohne Fuͤhrer ſah, erſchien die heldenmuͤthige Johanna mit dem ſechzehnjaͤhrigen Heinrich und dem aͤlteſten Sohn des ermordeten Condé, der um einige Jahre juͤnger war, zu Cognac in Angou⸗ mois, wo die Armee und die Anfuͤhrer verſammelt waren. Beide Knaben an den Haͤnden fuͤhrend, trat ſie vor die Trup⸗ pen, und machte ſchnell ihrer Unentſchloſſenheit ein Ende:„Die gute Sache,“ hub ſie an,„hat an dem Prinzen von Condé einen vortrefflichen Beſchuͤtzer verloren, aber ſie iſt nicht mit ihm untergegangen. Gott wacht uͤber ſeine Verehrer. Er gab dem Prinzen von Condé tapfre Streitgefaͤhrten an die Seite, da er noch lebend unter uns wandelte; er gibt ihm heldenmuͤthige Officiere zu Nachfolgern, die ſeinen Verluſt uns vergeſſen machen werden. Hier iſt der junge Bearner, mein Sohn. Ich biete ihn euch an zum Fuͤrſten; hier iſt der Sohn des Mannes, deſſen Verluſt ihr betrauert. Euch uͤbergeb' ich Beide. Moͤch⸗ ten ſie ihrer Anherren werth ſeyn durch ihre kuͤnftigen Thaten! Moͤchte der Anblick dieſer heiligen Pfaͤnder euch Einigkeit lehren, und begeiſtern zum Kampf fuͤr die Religion!“ 150 Ein lautes Geſchrei des Beifalls antwortete der koͤniglichen Rednerin, worauf der junge Heinrich mit edlem Anſtand das Wort nahm:„Freunde!“ rief er aus,„ich gelobe euch an, fuͤr die Religion und die gemeine Sache zu ſtreiten, bis uns Sieg oder Tod die Freiheit verſchafft haben, um die es uns Allen zu thun iſt.“ Sogleich wurde er zum Oberhaupte der Partei und zum Fuͤhrer der Armee ausgerufen, und empfing als ſolcher die Huldigung. Die Eiferſucht der uͤbrigen Anfuͤhrer verſtummte, und bereitwillig unterwarf man ſich jetzt der Fuͤh⸗ rung des Admirals von Coligny, der dem jungen Helden ſeine Erfahrung lieh, und unter dem Namen ſeines Pupillen das Ganze beherrſchte. Die deutſchen Proteſtanten, immer die vornehmſte Stuͤtze und die letzte Zuflucht ihrer Glaubensbruͤder in Frankreich, waren es auch jetzt, die nach dem ungluͤcklichen Tage bei Jarnac das Gleichgewicht der Waffen zwiſchen den Hugenotten und Katholiſchen wieder herſtellen halfen. Der Herzog Wolfgang von Zweibruͤcken brach mit einem dreizehntauſend Mann ſtarken Heere in das Koͤnigreich ein, durchzog mitten unter Feinden, nicht ohne große Hinderniſſe, faſt den ganzen Strich zwiſchen dem Rhein und dem Weltmeer, und hatte die Armee der Re⸗ formirten beinahe erreicht, als der Tod ihn dahinraffte. We⸗ nige Tage nachher vereinigte ſich der Graf von Mannsfeld, ſein Nachfolger im Commando(im Junius 1569), in der Provinz Guienne mit dem Admiral von Coligny, der ſich nach einer ſo betraͤchtlichen Verſtaͤrkung wieder im Stande ſah, den Koͤ⸗ niglichen die Spitze zu bieten. Aber mißtrauiſch gegen das Gluͤck, deſſen Unbeſtaͤndigkeit er ſo oft erfahren hatte, und ſeines Unvermoͤgens ſich bewußt, bei ſo geringen Huͤlfsmitteln einen erſchoͤpfenden Krieg auszuhalten, verſuchte er noch vorher, auf einem friedlichen Wege zu erhalten, was er allzu mißlich fand, mit den Waffen in der Hand zu erzwingen. Der Admiral liebte aufrichtig den Frieden, ganz gegen die Sinnesart der An⸗ fuͤhrer von Parteien, die die Ruhe als das Grab ihrer Macht betrachten, und in der allgemeinen Verwirrung ihre Vortheile finden. Mit Widerwillen uͤbte er die Bedruͤckungen aus, die ſein Poſten, die Noth und die Pflicht der Selbſtvertheidigung erheiſchten, und gern haͤtte er ſich uͤberhoben geſehen, mit dem Degen in der Fauſt eine Sache zu verfechten, die ihm gerecht genug ſchien, um durch Vernunftgruͤnde vertheidigt zu werden. Er machte jetzt dem Hofe die dringendſten Vorſtellungen, ſich des allgemeinen Elendes zu erbarmen, und den Reformirten, die nichts als die Beſtaͤtigung der ehemaligen, ihnen guͤnſtigen Edicte verlangten, ein ſo billiges Geſuch zu gewaͤhren. Dieſen Vorſchlaͤgen glaubte er um ſo eher eine guͤnſtige Aufnahme verſprechen zu koͤnnen, da ſie nicht ein Werk der Verlegenheit waren, ſondern durch eine anſehnliche Macht unterſtuͤtzt wur⸗ den. Aber das Selbſtvertrauen der Katholiken war mit ihrem Gluͤcke geſtiegen. Man forderte eine unbedingte Unterwerfung und ſo blieb es denn bei der Entſcheidung des Schwerts. Um die Stadt Rochelle und die Beſitzungen der Proteſtanten laͤngs der dortigen Seekuͤſte vor einem Angriffe ſicher zu ſtellen, ruͤckte der Admiral mit ſeiner ganzen Macht vor Poitiers, welche Stadt er ihres großen Umfanges wegen keines langen Wider⸗ ſtandes faͤhig glaubte. Aber auf die erſte Nachricht der ſie be⸗ drohenden Gefahr hatten ſich die Herzoge von Guiſe und von Maxyenne, wuͤrdige Soͤhne des verſtorbenen Franz von Guiſe, nebſt einem zahlreichen Adel in dieſe Stadt geworfen, entſchlo ſ⸗ ſen, ſie bis aufs Aeußerſte zu vertheidigen. Fanatismus und Erbitterung machten dieſe Belagerung zu einer der blutigſten Handlungen im ganzen Laufe des Krieges, und die Hartnaͤckig⸗ 15²2 keit des Angriffs konnte gegen den beharrlichen Widerſtand der Beſatzung nichts ausrichten. Trotz der Ueberſchwemmungen, die die Außenwerke unter Waſſer ſetzten, trotz des feindlichen Feuers und des ſiedenden Oels, das von den Waͤllen herab auf ſie regnete, trotz des unuͤberwindlichen Widerſtandes, den der ſchroffe Abhang der Werke und die heroiſche Tapferkeit der Beſatzung ihnen ent⸗ gegenſetzte, wiederholten die Belagerer ihre Stuͤrme, ohne je⸗ doch mit allen dieſen Anſtrengungen einen einzigen Vortheil erkaufen, oder die Standhaftigkeit der Belagerten ermuͤden zu koͤnnen. Vielmehr zeigten dieſe durch wiederholte Ausfaͤlle, wie wenig ihr Muth zu erſchoͤpfen ſey. Ein reicher Vorrath von Kriegs⸗ und Mundbeduͤrfniſſen, den man Zeit gehabt hatte, in der Stadt aufzuhaͤufen, ſetzte ſie in Stand, auch der langwierigſten Belagerung zu trotzen, da im Gegentheil Mangel, uͤble Witterung und Seuchen im Lager der Reformirten bald große Verwuͤſtungen anrichteten. Die Ruhr raffte einen großen Theil der deutſchen Kriegsvoͤlker dahin, und warf endlich ſelbſt den Admiral von Coligny darnieder, nachdem die meiſten un⸗ ter ihm ſtehenden Befehlshaber zum Dienſt unbrauchbar ge⸗ macht waren. Da bald darauf auch der Herzog von Anjou im Feld erſchien, und Chatellerault, einen feſten Ort in der Nachbarſchaft, wohin man die Kranken gefluchtet hatte, mit einer Belagerung bedrohte, ſo ergriff der Admiral dieſen Vor⸗ wand, ſeiner ungluͤcklichen Unternehmung noch mit einigem Schein von Ehre zu entſagen. Es gelang ihm auch, den Ver⸗ ſuch des Herzogs auf Chatellerault zu vereiteln; aber die immer mehr anwachſende Macht des Feindes noͤthigte ihn bald, auf ſeinen Ruͤckzug zu denken. Alles vereinigte ſich, die Standhaftigkeit dieſes großen Man⸗ 153 nes zu erſchuͤttern. Er hatte wenige Wochen nach dem Un⸗ gluͤck bei Jarnac ſeinen Bruder d'Andelot durch den Tod ver⸗ loren, den treueſten Theilnehmer ſeiner Unternehmungen und ſeinen rechten Arm im Felde. Jetzt erfuhr er, daß das Pa⸗ riſer Parlament— dieſer Gerichtshof, der zuweilen ein wohl⸗ thaͤtiger Damm gegen die unterdruͤckung, oft aber auch ein veraͤchtliches Werkzeug derſelben war— ihm als einem Auf⸗ ruͤhrer und Beleidiger der Majeſtaͤt das Todesurtheil geſprochen, und einen Preis von fuͤnſzigtauſend Goldſtuͤcken auf ſeinen Kopf geſetzt habe. Abſchriften dieſes Urtheils wurden nicht nur in ganz Frankreich, ſondern auch durch Ueberſetzungen in ganz Europa zerſtreut, um durch den Schimmer der verſproche⸗ nen Belohnung Moͤrder aus andern Laͤndern anzulocken, wenn ſich etwa in dem Koͤnigreich ſelbſt zu Vollziehung dieſes Buben⸗ ſtuͤcks keine entſchloſſene Fauſt finden ſollte. Aber ſie fand ſich ſelbſt im Gefolge des Admirals, und ſein eigener Kammer⸗ diener war es, der einen Anſchlag gegen ſein Leben ſchmiedete. Dieſe nahe Gefahr wurde zwar durch eine zeitige Entdeckung noch von ihm abgewandt, aber der unſichtbare Dolch der Ver⸗ raͤtherei verſcheuchte von jetzt an ſeine Ruhe auf immer. Dieſe Widerwaͤrtigkeiten, die ihn ſelbſt betrafen, wurden durch die Laſt ſeines Heerfuͤhreramtes und durch die oͤffentlichen unfaͤlle ſeiner Partei noch druͤckender gemacht. Durch Deſer⸗ tion, Krankheiten und das Schwert des Feindes war ſeine Armee ſehr geſchmolzen, waͤhrend daß die koͤnigliche immer mehr an⸗ wuchs und immer hitziger ihn verfolgte. Die Ueberlegenheit der Feinde war viel zu groß, als daß er es auf den bedenklichen Ausſchlag eines Treffens durfte ankommen laſſen, und doch verlangten dieſes die Soldaten, beſonders die Deutſchen, mit ungeſtuͤm. Sie ließen ihm die Wahl, entweder zu ſchlagen, oder ihnen den ruͤckſtaͤndigen Sold zu bezahlen; und da ihm das 154 Letztere unmoͤglich war, ſo mußte er ihnen nothgedrungen in dem Erſtern willfahren. Die Armee des Herzogs von Anjou uͤberraſchte ihn(am 3 October des Jahrs 1569) bei Moncontour in einer ſehr un⸗ guͤnſtigen Stellung, und beſiegte ihn in einer entſcheidenden Schlacht. Alle Entſchloſſenheit des proteſtantiſchen Adels, alle Tapferkeit der Deutſchen, alle Geiſtesgegenwart des Generals konnte die voͤllige Niederlage ſeines Heers nicht verhindern. Beinahe die ganze deutſche Infanterie ward niedergehauen, der Admiral ſelbſt verwundet, der Reſt der Armee zerſtreut, der groͤßte Theil des Gepaͤcks verloren. Keinen ungluͤcklichern Tag hatten die Hugenotten waͤhrend dieſes ganzen Krieges erlebt. Die Prinzen von Bourbon rettete man noch waͤhrend der Schlacht nach St. Jean d'Angely, wo ſich auch der geſchlagene Coligny mit dem kleinen Ueberreſt der Truppen einfand. Von einem fuͤnfundzwanzigtauſend Mann ſtarken Heere konnte er kaum ſechstauſend wieder ſammeln; dennoch hatte der Feind wenig Gefangene gemacht. Die Wuth des Buͤrgerkrieges machte alle Gefuͤhle der Menſchlichkeit ſchweigen, und die Rachbegier der Katholiſchen konnte nur durch das Blut ihrer Gegner geſaͤttigt werden. Mit kalter Grauſamkeit ſtieß man den, der die Waffen ſtreckte und um Quartier bat, nieder; die Erinnerung an eine aͤhnliche Barbarei, welche die Hugenotten gegen die Papiſten bewieſen hatten, machte die Letztern unverſohnlich. Die Muthloſigkeit war jetzt allgemein, und man hielt Alles fuͤr verloren. Viele ſprachen ſchon von einer gaͤnzlichen Flucht aus dem Koͤnigreich, und wollten ſich in Holland, in England, in den nordiſchen Reichen ein neues Vaterland ſuchen. Ein großer Theil des Adels verließ den Admiral, dem es an Geld, an Mannſchaft, an Anſehen, an Allem, nur nicht an Helden⸗ muth fehlte. Sein ſchoͤnes Schloß und die anliegende Stadt 155 Chatillon waren ungefaͤhr um eben dieſe Zeit von den Koͤnig⸗ lichen uͤberfallen, und mit Allem, was darin niedergelegt war, ein Raub des Feuers geworden. Dennoch war er der Einzige von Allen, der in dieſer drangvollen Lage die Hoffnung nicht ſinken ließ. Seinem durchdringenden Blicke entgingen die Rettungsmittel nicht, die der reformirten Partei noch immer geoͤffnet waren, und er wußte ſie mit großem Erfolg bei ſei⸗ nen Anhaͤngern geltend zu machen. Ein Hugenottiſcher An⸗ fuͤhrer, Montgommery, hatte in der Provinz Bearn gluͤcklich gefochten, und war bereit, ihm ſein ſiegreiches Heer zuzufuͤhren. Deutſchland war noch immer ein reiches Magazin von Sol⸗ daten, und auch von England durfte man Beiſtand erwarten. Dazu kam, daß die Koͤniglichen, anſtatt ihren Sieg mit raſcher Thaͤtigkeit zu benutzen, und den geſchlagenen Feind bis zu ſeinen letzten Schlupfwinkeln zu verfolgen, mit unnuͤtzen Be⸗ lagerungen eine koſtbare Zeit verloren, und dem Admiral die gewunſchte Friſt zur Erholung vergoͤnnten. Das ſchlechte Einverſtaͤndniß unter den Katholiſchen ſelbſt trug nicht wenig zu ſeiner Rettung bei. Nicht alle Provinz⸗ ſtatthalter thaten ihre Schuldigkeit; vorzuͤglich wurde Damville, Gouverneur von Languedoc, ein Sohn des beruͤhmten Connetable von Montmorency, beſchuldigt, die Flucht des Admirals durch ſein Gouvernement beguͤnſtigt zu haben. Dieſer ſtolze Vaſall der Krone, ſonſt ein erbitterter Feind der Hugenotten, glaubte ſich von dem Hofe vernachlaͤſſigt, und ſein Ehrgeiz war empfindlich ge⸗ reizt, daß Andere in dieſem Krieg ſich Lorbeern ſammelten und Andere den Commandoſtab fuͤhrten, den er doch als ein Erb⸗ ſtuͤck ſeines Hauſes betrachtete. Selbſt in der Bruſt des jun⸗ gen Koͤnigs und der ihn zunaͤchſt umgebenden Großen hatten die glänzenden Succeſſe des Herzogs von Anjou, die doch gar nicht auf Rechnung des Prinzen geſetzt werden konnten, Neid 156 und Eiferſucht angefacht. Der ruhmbegierige Monarch erinnerte ſich mit Verdruß, daß er ſelbſt noch nichts fuͤr ſeinen Ruhm gethan habe; die Vorliebe der Koͤnigin Mutter fuͤr den Herzog von Anjou, und das Lob dieſes beguͤnſtigten Lieblings auf den Lippen der Hofleute beleidigte ſeinen Stolz. Da er den Herzog von Anjou mit guter Art von der Armee nicht entfernen konnte, ſo ſtellte er ſich ſelbſt an die Spitze derſelben, um ſich gemein⸗ ſchaftlich mit demſelben den Ruhm der Siege zuzueignen, an welche Beide gleich wenig Anſpruͤche hatten. Die ſchlechten Maßregeln, welche dieſer Geiſt der Eiferſucht und Intrigue die katholiſchen Anfuͤhrer ergreifen ließ, vereitelten alle Fruͤchte der erfochtenen Siege. Vergebens beſtand der Marſchall von Tavannes, deſſen Kriegserfahrung man das bisherige Gluͤck allein zu verdanken hatte, auf Verfolgung des Feindes. Sein Rath war, dem fluͤchtigen Admiral mit dem groͤßern Theil der Armee ſo lange nachzuſetzen, bis man ihn entweder aus Frank⸗ reich hinausgejagt oder genoͤthigt haͤtte, irgend in einen feſten Ort ſich zu werfen, der alsdann unvermeidlich das Grab der ganzen Partei werden muͤßte. Da dieſe Vorſtellungen keinen Eingang fanden, ſo legte Tavannes ſein Commando nieder, und zog ſich in ſein Gouvernement Burgund zuruͤck. Jetzt ſaͤumte man nicht, die Staͤdte anzugreifen, die den Hugenotten ergeben waren. Der erſte Anfang war gluͤcklich, und ſchon ſchmeichelte man ſich, alle Vormauern von Rochelle mit gleich wenig Muͤhe zu zertruͤmmern, und alsdann dieſen Mittelpunkt der ganzen Bourbonſchen Macht deſto leichter zu uͤberwaͤltigen. Aber der tapfere Widerſtand, den St. Jean d'Angely leiſtete, ſtimmte dieſe ſtolzen Erwartungen ſehr her⸗ unter. Zwei Monate lang hielt ſich dieſe Stadt, von ihrem unerſchrockenen Commandanten de Piles vertheidigt; und als endlich die hoͤchſte Noth ſie zwang, ſich zu ergeben, war der 157 Winter herbeigeruͤckt und der Feldzug geendigt. Der Beſitz einiger Staͤdte war alſo die ganze Frucht eines Sieges, deſſen weiſe Benutzung den Buͤrgerkrieg vielleicht auf immer haͤtte endigen koͤnnen. Unterdeſſen hatte Coligny nichts verſaͤumt, die ſchlechte Poli⸗ tik des Feindes zu ſeinem Vortheil zu kehren. Sein Fußvolk war im Treffen bei Montcontour beinahe gäͤnzlich aufgerieben worden, und dreitauſend Pferde machten ſeine ganze Kriegsmacht aus, die es kaum mit dem nachſetzenden Landvolk aufnehmen konnte. Aber dieſer kleine Haufe verſtaͤrkte ſich in Languedoc und Dauphiné mit neu geworbenen Voͤlkern und mit dem ſieg⸗ reichen Heer des Montgommery, das er an ſich zog. Die vielen Anhaͤnger, welche die Reformation in dieſem Theil Frankreichs zaͤhlte, beguͤnſtigten ſowohl die Recrutirung als den Unterhalt der Truppen, und die Leutſeligkeit der Bour⸗ bonſchen Prinzen, die alle Beſchwerden dieſes Feldzugs theilten und fruͤhzeitige Proben des Heldenmuths ablegten, lockte man⸗ chen Freiwilligen unter ihre Fahnen. Wie ſparſam auch die Geldbeitraͤge einfloſſen, ſo wurde dieſer Mangel einigermaßen durch die Stadt Rochelle erſetzt. Aus dem Hafen derſelben liefen zahlreiche Caperſchiffe aus, die viele gluͤckliche Priſen machten, und dem Admiral den Zehnten von jeder Beute ent⸗ richten mußten. Mit Huͤlfe aller dieſer Vorkehrungen erholten ſich die Hugenotten waͤhrend des Winters ſo vollkommen von ihrer Niederlage, daß ſie im Fruͤhjahr des 1570ſten Jahres gleich einem reißenden Strom aus Languedoc hervorbrachen, und furchtbarer als jemals im Felde erſcheinen konnten. Sie hatten keine Schonung erfahren, und uͤbten auch keine aus. Gereizt durch ſo viele erlittene Mißhandlungen, und durch eine lange Reihe von Ungluͤcksfaͤllen verwildert, ließen ſie das Blut ihrer Feinde in Stroͤmen fließen, druͤckten mit 158 ſchweren Brandſchatzungen alle Diſtricte, durch die ſie zogen, oder verwuͤſteten ſie mit Feuer und Schwert. Ihr Marſch war gegen die Hauptſtadt des Reichs gerichtet, wo ſie mit dem Schwert in der Hand einen billigen Frieden zu ertrotzen hofften. Eine koͤnigliche Armee, die ſich ihnen in dem Herzog⸗ thum Burgund unter dem Marſchall von Coſſé, dreizehntauſend Mann ſtark, entgegenſtellte, konnte ihren Lauf nicht aufhalten. Es kam zu einem Gefecht, worin die Proteſtanten uͤber einen weit uͤberlegenern Feind verſchiedene Vortheile davon trugen. Laͤngs der Loire verbreitet, bedrohten ſie Orleanois und Isle de France mit ihrer nahen Erſcheinung, und die Schnelligkeit ihres Zugs aͤngſtigte ſchon Paris. Dieſe Entſchloſſenheit that Wirlung, und der Hof fing end⸗ lich an vom Frieden zu ſprechen. Man ſcheute den Kampf mit einer, wenn gleich nicht zahlreichen, doch von Verzweiflung beſeelten Schaar, die nichts mehr zu verlieren hatte, und be⸗ reit war, ihr Leben um einen theuren Preis zu verkaufen. Der koͤnigliche Schatz war erſchoͤpft, die Armee durch den Abzug der italieniſchen, deutſchen und ſpaniſchen Huͤlfsvölker ſehr vermindert, und in den Provinzen hatte ſich das Gluͤck faſt uͤberall zum Vortheil der Rebellen erklaͤrt. Wie hart es auch die Katholiſchen ankam, dem Trotz der Sectirer nachgeben zu muͤſſen, wie ungern ſich ſogar viele der Letztern dazu verſtan⸗ den, die Waffen aus den Haͤnden zu legen, und ihren Hoff⸗ nungen auf Beute, ihrer geſetzloſen Freiheit zu entſagen: ſo machte doch die uͤberhandnehmende Noth jeden Widerſpruch ſchweigen, und die Neigung der Anfuͤhrer entſchied ſo ernſtlich fuͤr den Frieden, daß er endlich im Auguſt dieſes Jahrs un⸗ ter folgenden Bedingungen wirklich erfolgte. Den Reformirten wurde von beiden Seiten des Hofes eine allgemeine Vergeſſenheit des Vergangenen, eine freie Ausuͤbung 1 159 ihrer Religion in jedem Theile des Reichs, nur den Hof aus⸗ genommen, die Zuruͤckgabe aller der Religion wegen eingezoge⸗ nen Guͤter, und ein gleiches Recht zu allen oͤffentlichen Be⸗ dienungen zugeſtanden. Außerdem uͤberließ man ihnen noch auf zwei Jahre lang vier Sicherheitsplaͤtze, die ſie mit ihren eigenen Truppen zu beſetzen und Befehlshabern ihres Glau⸗ bens zu untergeben berechtigt ſeyn ſollten. Die Prinzen von Bourbon nebſt zwanzig aus dem vornehmſten Adel mußten ſich durch einen Eid verbindlich machen, dieſe vier Plaͤtze(man hatte Rochelle, Montauban, Cognac und la Charité gewaͤhlt) nach Ablauf der geſetzten Zeit wieder zu raͤumen. So war es abermals der Hof, welcher nachgab, und weit entfernt, durch Bewilligungen, die ihm nicht von Herzen gehen konnten, bei den Religionsverbeſſerern Dank zu verdienen, bloß ein erniedri⸗ gendes Geſtaͤndniß ſeiner Unmacht ablegte. Alles trat jetzt wieder in ſeine Ordnung zuruͤck, und die Reformirten überließen ſich mit der vorigen Sorgloſigkeit dem Genuß ihrer ſchwer errungenen Glaubensfreiheit. Je mehr ſie uͤberzeugt ſeyn mußten, daß ſie die eben erhaltenen Vor⸗ theile nicht dem guten Willen, ſondern der Schwaͤche ihrer Feinde und ihrer eigenen Furchtbarkeit verdankten, deſto noth⸗ wendiger war es, ſich in dieſem Verhaͤltniß der Macht zu er⸗ halten, und die Schritte des Hofs zu bewachen. Die Nach⸗ giebigkeit des letztern war auch wirklich viel zu groß, als daß man Vertrauen dazu faſſen konnte, und ohne gerade aus dem Erfolg zu argumentiren, kann man mit ziemlicher Wahrſchein⸗ lichkeit behaupten, daß der erſte Entwurf zu der Graͤuelthat, welche zwei Jahre darauf in Ausubung gebracht wurde, in dieſe Zeit zu ſetzen iſt. So viele Fehlſchlaͤge, ſo viele uͤberraſchende Wendungen des Kriegsglücks, ſo viele unerwartete Huͤlfsquellen der Hugenotten, 160 hatten endlich den Hof uͤberzeugen muͤſſen, daß es ein vergebliches Unternehmen ſey, dieſe immer friſch auflebende und immer mehr ſich verſtaͤrkende Partei durch offenbare Gewalt zu beſiegen, und auf dem bisher betretenen Wege einen entſcheidenden Vortheil uͤber ſie zu erlangen. Durch ganz Frankreich ausgebreitet, war ſie ſicher, nie eine totale Niederlage zu erleiden, und die Er⸗ fahrung hatte gelehrt, daß alle Wunden, die man ihr theilweiſe ſchlug, ihrem Leben ſelbſt nie gefaͤhrlich werden konnten. An einer Graͤnze des Koͤnigreichs unterdruͤckt, erhob ſie ſich nur deſto furchtbarer an der andern, und jeder neue erlittene Ver⸗ luſt ſchien bloß ihren Muth anzufeuern und ihren Anhang zu vermehren. Was ihr an innern Kraͤften gebrach, das erſetzte die Standhaftigkeit, Klugheit und Tapferkeit ihrer Anfuͤhrer, die durch keine Unfaͤlle zu ermuͤden, durch keine Liſt einzuwiegen, durch keine Gefahr zu erſchuͤttern waren. Schon der einzige Coligny galt fuͤr eine ganze Armee.„Wenn der Admiral heute ſterben ſollte,“ erklaͤrten die Abgeordneten des Hofs, als ſie des Friedens wegen mit den Hugenotten in Unterhand⸗ lungen traten,„ſo werden wir euch morgen nicht ein GZlas Waſſer anbieten. Glaubet ſicher, daß ſein einziger Name euch mehr Anſehen gibt, als eure ganze Armee doppelt genommen.“ — So lange die Sache der Reformirten in ſolchen Haͤnden war, mußten alle Verſuche zu ihrer Unterdruͤckung fehlſchlagen. Er allein hielt die zerſtreute Partei in ein Ganzes zuſammen, lehrte ſie ihre innern Kraͤfte kennen und benutzen, verſchaffte ihr Anſehen und Unterſtuͤtzung von außen, richtete ſie von jedem Falle wieder auf und hielt ſie mit feſtem Arm am Rand des Verderbens. Ueberzeugt, daß auf dem Untergang dieſes Mannes das Schickſal der ganzen Partei beruhe, hatte man ſchon im vor⸗ hergehenden Jahre das Pariſer Parlament jene ſchimpfliche 161 Achtserklaͤrung gegen ihn ausſprechen laſſen, die den Dolch der Meuchelmoͤrder gegen ſein Leben bewaffnen ſollte. Da aber dieſer Zweck nicht erreicht wurde, vielmehr der jetzt geſchloſſene Friede jenen Parlamentsſpruch wieder vernichtete, ſo mußte man dasſelbe Ziel auf einem andern Wege verfolgen. Ermuͤdet von en Hinderniſſen, die der Freihei sſinn der Hugenotten der Befeſtigung des köoniglichen Anſehene ſchon ſo lange entgegen⸗ geſetzt hatte, zugleich aufgefordert von dem roͤmiſchen Hof, der keine Rettung fuͤr die Kirche ſah, als in dem gaͤnzlichen Unter⸗ gang dieſer Secte, von einem finſtern und grauſamen Fanatis⸗ mus erhitzt, der alle Gefuͤhle der Menſchlichkeit ſchweigen machte, beſchloß man endlich, ſich dieſer gefaͤhrlichen Partei durch einen einzigen entſcheidenden Schlag zu entledigen. Gelang es naͤm⸗ lich, ſie auf Einmal aller ihrer Anfuͤhrer zu berauben, und durch ein allgemeines Blutbad ihre Anzahl ſchnell und betraͤchtlich zu vermindern, ſo hatte man ſie— wie man ſich ſchmeichelte— auf immer in ihr Nichts zuruͤckgeſtuͤrzt, von einem geſunden Koͤrper ein brandiges Glied abgeſondert, die Flamme des Kriegs aauf ewige Zeiten erſtickt, und Staat und Kirche durch ein ein⸗ ziges hartes Opfer gerettet. Durch ſolche betruͤgliche Gruͤnde fanden ſich Religionshaß, Herrſchſucht und Rachbegierde mit der Stimme des Gewiſſens und der Menſchlichkeit ab, und ließen die Religion eine That verantworten, fuͤr welche ſelbſt die rohe Natur keine Entſchuldigung hat. Aber um dieſen entſcheidenden Streich zu fuͤhren, mußte man ſich der Opfer, die er treffen ſollte, vorher verſichert ha⸗ ben, und hier zeigte ſich eine kaum zu uͤberwindende Schwierig⸗ keit. Eine lange Kette von Treuloſigkeit hatte das wechſelſeitige Vertrauen erſtickt, und von katholiſcher Seite hatte man zu viele und zu unzweideutige Proben der Marime gegeben, daß „gegen Ketzer kein Eid bindend, keine Zuſage heilig ſey.“ Die Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 162 Anfuͤhrer der Hugenotten erwarteten keine andere Sicherheit, als welche ihnen ihre Entfernung und die Feſtigkeit ihrer Schloͤſſer verſchafften. Selbſt nach geſchloſſenem Frieden ver⸗ mehrten ſie die Beſatzungen in ihren Staͤdten, und zeigten durch ſchleunige Ausbeſſerung ihrer Feſtungswerke, wie wenig ſie dem koͤniglichen Worte vertrauten. Welche Moglichkeit, ſie aus dieſen Verſchanzungen hervorzulocken und dem Schlacht⸗ meſſer entgegenzufuͤhren? Welche Wahrſcheinlichkeit, ſich Aller zugleich zu bemaͤchtigen, geſetzt, daß auch Einzelne ſich uͤberliſten ließen? Laͤngſt ſchon gebrauchten ſie die Vorſicht, ſich zu trennen, und wenn auch Einer unter ihnen ſich der Redlichkeit des Hofs anvertraute, ſo blieb der Andere deſto gewiſſer zuruͤck, um ſeinem Freund einen Raͤcher zu erhalten. Und doch hatte man gar nichts gethan, wenn man nicht Alles thun konnte; der Streich mußte ſchlechterdings toͤdtlich, allgemein und entſcheidend ſeyn, oder ganz und gar unterlaſſen werden. Es kam alſo darauf an, den Eindruck der vorigen Treu⸗ loſigkeiten gaͤnzlich auszuloͤſchen, und das verlorene Vertrauen der Reformirten, welchen Preis es auch koſten moͤchte, wieder zu gewinnen. Dieſes ins Werk zu richten, aͤnderte der Hof ſein ganzes bisheriges Syſtem. Anſtatt der Parteilichkeit in den Gerichten, uͤber welche die Reformirten auch mitten im Frieden ſo viele Urſache gehabt hatten, ſich zu beklagen, wurde von jetzt an die gleichfoͤrmigſte Gerechtigkeit beobachtet, alle Beeintraͤchtigungen, die man ſich von katholiſcher Seite bisher ungeſtraft gegen ſie erlaubte, eingeſtellt, alle Friedensſtoͤrungen auf das ſtrengſte geahndet, alle billigen Forderungen derſelben ohne Anſtand erfuͤllt. In kurzem ſchien aller Unterſchied des Glaubens vergeſſen, und die ganze Monarchie glich einer ruhi⸗ gen Familie, deren ſaͤmmtliche Glieder Karl der Neunte als gemeinſchaftlicher Vater mit gleicher Liebe umfaßte. Mitten 163 unter den Stuͤrmen, welche die benachbarten Reiche erſchuͤtterten, welche Deutſchland beunruhigten, die ſpaniſche Macht in den Niederlanden umzuſtuͤrzen drohten, Schottland verheerten und in England den Thron der Koͤnigin Eliſabeth wankend machten, genoß Frankreich einer ungewohnten tiefen Ruhe, die von einer gaͤnzlichen Revolution in den Geſinnungen und einer allgemeinen Umaͤnderung der Maximen zu zeugen ſchien, da keine Ent⸗ ſcheidung der Waffen vorhergegangen war, auf die ſie gegruͤn⸗ det werden konnte. Margaretha von Valois, die juͤngſte Tochter Heinrichs II, war noch unverheirathet, und der Ehrgeiz des jungen Herzogs von Guiſe vermaß ſich, ſeine Hoffnungen zu dieſer Schweſter ſeines Monarchen zu erheben. Um die Hand dieſer Prinzeſſin hatte ſchon der Koͤnig von Portugal geworben, aber ohne Erfolg, da der noch immer maͤchtige Cardinal von Lothringen ſie keinem Andern als ſeinem Neffen goͤnnte.„Der aͤlteſte Prinz meines Hauſes,“ erklaͤrte ſich der ſtolze Praͤlat gegen den Geſandten Sebaſtians,„hat die aͤltere Schweſter davon getragen; dem juͤngern gebuͤhrt die juͤngere.“ Da aber Karl IX, dieſer auf ſeine Hoheit eiferſuͤchtige Monarch, die dreiſte Anmaßung ſeines Vaſallen mit Unwillen aufnahm, ſo eilte der Herzog von Guiſe, durch eine geſchwinde Heirath mit der Prinzeſſin von Cleves ſeinen Zorn zu beſaͤnftigen. Aber einen Feind und Neben⸗ buhler im Beſitz derjenigen zu ſehen, zu der ihm nicht erlaubt worden war, die Augen zu erheben, mußte den Stolz des Herzogs deſto empfindlicher kraͤnken, da er ſich ſchmeicheln konnte, das Herz der Prinzeſſin zu beſitzen. Der junge Heinrich, Prinz von Bearn, war es, auf den die Wahl des Koͤnigs fiel; ſey es, daß Letzterer wirklich die Abſicht hatte, durch dieſe Heirath eine enge Verbindung zwiſchen dem Hauſe. Valois und Bourbon zu ſtiften, und dadurch den 164 Samen der Zwietracht auf ewige Zeiten zu erſticken, oder daß er dem Argwohn der Hugenotten nur dieſes Blendwerk vor⸗ machte, um ſie deſto gewiſſer in die Schlinge zu locken. Genug, man erwaͤhnte dieſer Heirath ſchon bei den Friedenstractaten, und ſo groß auch das Mißtrauen der Konigin von Navarra ſeyn mochte, ſo war der Antrag doch viel zu ſchmeichelhaft, als daß ſie ihn ohne Beleidigung hätte zuruͤckweiſen koͤnnen. Da aber dieſer ehrenvolle Antrag nicht mit der Lebhaftigkeit erwiedert ward, die man wuͤnſchte und die ſeiner Wichtigkeit angemeſſen ſchien, ſo zoͤgerte man nicht lange, ihn zu erneuern, und die furchtſamen Bedenklichkeiten der Koͤnigin Johanna durch wiederholte Beweiſe der aufrichtigſten Verſoͤhnung zu zerſtreuen. Um dieſelbe Zeit hatte ſich Graf Ludwig von Naſſau, Bruder des Prinzen Wilhelm von Oranien, in Frankreich eingefunden, um die Hugenotten zum Beiſtand ihrer niederlaͤndiſchen Bruͤder gegen Philipp von Spanien in Bewegung zu ſetzen. Er fand den Admiral von Coligny in der guͤnſtigſten Stimmung, dieſe Aufforderung anzunehmen. Neigung ſowohl als Staatsgruͤnde vermochten dieſen ehrwuͤrdigen Helden, die Religion und Frei⸗ heit, die er in ſeinem Vaterland mit ſo viel Heldenmuth ver⸗ fochten, auch im Ausland nicht finken zu laſſen. Leidenſchaftlich hing er an ſeinen Grundſaͤtzen und an ſeinem Glauben, und ſein großes Herz hatte der Unterdruͤckung, wo und gegen wen ſie auch ſtatt finden moͤchte, einen ewigen Krieg geſchworen. Dieſer Geſinnung gemaͤß betrachtete er jede Angelegenheit, ſobald ſie Sache des Glaubens und der Freiheit war, als die ſeinige, und jedes Schlachtopfer des geiſtlichen oder weltlichen Deſpotis⸗ mus konnte auf ſeinen Weltbuͤrgerſinn und ſeinen thaͤtigen Eifer zaͤhlen. Es iſt ein charakteriſtiſcher Zug der vernuͤnftigen Freiheitsliebe, daß ſie Geiſt und Herz weiter macht, und im 165 Denken wie im Handeln ihre Sphaͤre ausbreitet. Gegruͤndet auf ein lebhaftes Gefuͤhl der menſchlichen Wuͤrde, kann ſie Rechte, die ſie an ſich ſelbſt reſpectirt, an Andern nicht gleich⸗ guͤltig zu Boden treten ſehen. Aber dieſes leidenſchaftliche Intereſſe des Admirals fuͤr die Freiheit der Niederlaͤnder, und der Entſchluß, ſich an der Spitze der Hugenotten zum Beiſtand dieſer Republicaner zu bewaffnen, wurde zugleich durch die wichtigſten Staatsgruͤnde gerechtfertigt. Er kannte und fuͤrchtete den leicht zu entzuͤndenden und geſetz⸗ loſen Geiſt ſeiner Partei, der, wund durch ſo viele erlittene Beleidigungen, ſchnell aufgeſchreckt von jedem vermeintlichen Angriff und mit tumultuariſchen Scenen vertraut, der Ord⸗ nung ſchon zu lange entwoͤhnt war, um ohne Ruͤckfaͤlle darin verharren zu koͤnnen. Dem nach Unabhaͤngigkeit ſtrebenden und kriegeriſchen Adel konnte die Unthaͤtigkeit auf ſeinen Schloͤſſern und der Zwang nicht willkommen ſeyn, den der Friede ihm auflegte. Auch war nicht zu erwarten, daß der Feuereifer der calviniſtiſchen Prediger ſich in den engen Schranken der Maͤßigung halten wuͤrde, welche die Zeitumſtaͤnde erforderten. Um alſo den Uebeln zuvorzukommen, die ein mißverſtandner Religionseifer, und das immer noch unter der Aſche glimmende Mißtrauen der Parteien fruͤher oder ſpaͤter herbeizufuͤhren drohte, mußte man darauf denken, dieſe muͤßige Tapferkeit zu beſchaͤfti⸗ gen, und einen Muth, welchen ganz zu unterdruͤcken man weder hoffen noch wuͤnſchen durfte, ſo lange in ein anderes Reich abzu⸗ leiten, bis man in dem Vaterland ſeiner beduͤrfen wuͤrde. Dazu nun kam der niederlaͤndiſche Krieg wie gerufen; und ſelbſt das Intereſſe und die Ehre der franzoͤſiſchen Krone ſchien einen naͤhern Antheil an demſelben nothwendig zu machen. Frank⸗ reich hatte den verderblichen Einfluß der ſpaniſchen Intriguen bereits auf das empfindlichſte gefuͤhlt, und es hatte noch weit 166 mehr in der Zukunft davon zu befuͤrchten, wenn man dieſen gefaͤhrlichen Nachbar nicht innerhalb ſeiner eigenen Graͤnzen beſchaͤftigte. Die Aufmunterung und Unterſtuͤtzung, die er den mißvergnuͤgren Unterthanen des Koͤnigs von Frankreich hatte angedeihen laſſen, ſchien zu Repreſſalien zu berechtigen, wozu ſich jetzt die guͤnſtige Veranlaſſung darbot. Die Niederlaͤnder erwarteten Huͤlfe von Frankreich, die man ihnen nicht verwei⸗ gern konnte, ohne ſie in eine Abhaͤngigkeit von England zu ſetzen, die fuͤr das Intereſſe des franzoͤſiſchen Reichs nicht anders als nachtheilig ausſchlagen konnte. Warum ſollte man einem gefaͤhrlichen Nebenbuhler einen Einfluß goͤnnen, den man ſich ſelbſt verſchaffen konnte, und der noch dazu gar nichts koſtete? denn es waren die Hugenotten, die ihren Arm dazu anboten, und bereit waren, ihre der Ruhe der Monarchie ſo gefaͤhrlichen Kraͤfte in einem auslaͤndiſchen Kriege zu verzehren. Karl IX ſchien das Gewicht dieſer Gruͤnde zu empfinden, und bezeigte großes Verlangen, ſich mit dem Admiral ausfuͤhr⸗ lich und muͤndlich daruͤber zu berathſchlagen. Dieſem Beweiſe des koͤniglichen Vertrauens konnte Coligny um ſo weniger widerſtehen, da es eine Sache zum Gegenſtand hatte, die ihm naͤchſt ſeinem Vaterlande am meiſten am Herzen lag. Man hatte die einzige Schwachheit ausgekundſchaftet, an der er zu faſſen war; der Wunſch, ſeine Lieblingsangelegenheit bald be⸗ foͤrdert zu ſehen, half ihm jede Bedenklichkeit uͤberwinden. Seine eigene, uͤber jeden Verdacht erhabene Denkart, ja ſeine Klugheit ſelbſt lockte ihn in die Schlinge. Wenn Andere ſeiner Partei das veraͤnderte Betragen des Hofs einem verdeckten Anſchlage zuſchrieben, ſo fand er in den Vorſchriften einer weiſern Politik, die ſich nach ſo vielen ungluͤcklichen Erfahrungen endlich der Regierung aufdringen mußten, einen viel natuͤr⸗ lichern Schluͤſſel zur Erklaͤrung desſelben. Es gibt Unthaten, 167 die der Rechtſchaffene kaum eher fuͤr moͤglich halten darf, als bis er die Erfahrung davon gemacht hat; und einem Mann von Coligny's Charakter war es zu verzeihen, wenn er ſeinem Monarchen lieber eine Maͤßigung zutraute, von der dieſer Prinz bisher noch keine Beweiſe gegeben hatte, als ihn einer Niedertraͤchtigkeit faͤhig glaubte, welche die Menſchheit uͤberhaupt und noch weit mehr die Wuͤrde des Fuͤrſten ſchaͤndet. So viele zuvorkommende Schritte von Seiten des Hofes forderten uͤber⸗ dieß auch von dem proteſtantiſchen Theil eine Probe des Zu⸗ trauens; und wie leicht konnte man einen empfindlichen Feind durch laͤngeres Mißtrauen reizen, die ſchlechte Meinung wirk⸗ lich zu verdienen, welche zu widerlegen man ihm unmoͤglich machte. Der Admiral beſchloß demnach am Hofe zu erſcheinen, der damals nach Touraine vorgeruͤckt war, um die Zuſammenkunft mit der Koͤnigin von Navarra zu erleichtern. Mit widerſtre⸗ bendem Herzen that Johanna dieſen Schritt, dem ſie nicht laͤnger ausweichen konnte, und uͤberlieferte dem Koͤnig ihren Sohn Heinrich und den Prinzen von Condé. Coligny wollte ſich dem Monarchen zu Fuͤßen werfen, aber dieſer empfing ihn in ſeinen Armen.„Endlich habe ich Sie,“ rief der Koͤnig. „Ich habe Sie, und es ſoll Ihnen nicht ſo leicht werden, wie⸗ der von mir zu gehen. Ja, meine Freunde„“ ſetzte er mit triumphirendem Blick hinzu,„das iſt der gluͤcklichſte Tag in meinem Leben.“ Dieſelbe guͤtige Aufnahme widerfuhr dem Admiral von der Koͤnigin, von den Prinzen, von allen anwe⸗ ſenden Großen; der Ausdruck der hoͤchſten Freude und Bewun⸗ derung war auf allen Geſichtern zu leſen. Man feierte dieſe gluͤckliche Begebenheit mehrere Tage lang mit den glaͤnzendſten Feſten, und keine Spur des vorigen Mißtrauens durfte die all⸗ gemeine Froͤhlichkeit truͤben. Man beſprach ſich uͤber die Ver⸗ 168 maͤhlung des Prinzen von Bearn mit Margarethen von Va⸗ lois; alle Schwierigkeiten, die der Glaubensunterſchied und das Ceremoniell der Vollziehung derſelben in den Weg legten, muß⸗ ten der Ungeduld des Koͤnigs weichen. Die Angelegenheiten Flanderns veranlaßten mehrere lange Conferenzen zwiſchen dem Letztern und Coligny, und mit jeder ſchien die gute Meinung des Koͤnigs von ſeinem ausgeſoͤhnten Diener zu ſteigen. Einige Zeit darauf erlaubte er ihm ſogar, eine kleine Reiſe auf ſein Schloß Chatillon zu machen; und als ſich der Admiral auf den Rappell ſogleich wieder ſtellte, ließ er ihn dieſe Reiſe in dem⸗ ſelben Jahre wiederholen. So ſtellte ſich das wechſelſeitige Vertrauen unvermerkt wieder her, und Coligny fing an, in eine tiefe Sicherheit zu verſinken. Der Eifer, mit welchem Karl die Vermaͤhlung des Prinzen von Navarra betrieb, und die außerordentlichen Gunſtbezeu⸗ gungen, die er an den Admiral und ſeine Anhaͤnger verſchwen⸗ dete, erregten nicht weniger Unzufriedenheit bei den Katholi⸗ ſchen, als Mißtrauen und Argwohn bei den Proteſtanten. Man mag entweder mit einigen proteſtantiſchen und italieni⸗ ſchen Schriftſtellern annehmen, daß jenes Betragen des Koͤnigs bloße Maske geweſen, oder mit de Thou und den Verfaſſern der Memoires glauben, daß er fuͤr ſeine Perſon es damals aufrichtig meinte, ſo blieb ſeine Stellung zwiſchen den Refor⸗ mirten und Katholiſchen in jedem Falle gleich bedenklich, weil er, um das Geheimniß zu bewahren, dieſe ſo gut wie jene be⸗ truͤgen mußte. Und wer buͤrgte ſelbſt denienigen, die um das Geheimniß wußten, dafuͤr, daß die perſoͤnlichen Vorzuͤge des Admirals nicht zuletzt Eindruck auf einen Fuͤrſten machten, dem es gar nicht an Faͤhigkeit gebrach, das Verdienſt zu beurthei⸗ len? Daß ihm dieſer bewaͤhrte Staatsmann nicht zuletzt un⸗ entbehrlich wurde, daß nicht endlich ſeine Rathſchlaͤge, ſeine 169 Grundſaͤtze, ſeine Warnungen bei ihm Eingang fanden? Kein Wunder, wenn die katholiſchen Eiferer daran Aergerniß nah⸗ men, wenn ſich der Papſt in dieſes neue Betragen des Koͤnigs gar nicht zu finden wußte, wenn ſelbſt die Koͤnigin Katharina unruhig wurde, und die Guiſen anfingen, fuͤr ihren Einfluß zu zittern. Ein deſto engeres Buͤndniß zwiſchen dieſen letztern und der Koͤnigin war die Folge dieſer Befuͤrchtungen, und man beſchloß, dieſe gefaͤhrlichen Verbindungen zu zerreißen, wie viel es auch koſten moͤchte. Der Widerſpruch der Geſchichtſchreiber, und das Geheim⸗ nißvolle dieſer ganzen Begebenheit verſchafft uns uͤber die da⸗ maligen Geſinnungen des Koͤnigs und uͤber die eigentliche Be⸗ ſchaffenheit des Complots, welches nachher ſo fuͤrchterlich aus⸗ brach, kein befriedigendes Licht. Koͤnnte man dem Capi⸗Lupi,“*) einem roͤmiſchen Scribenten und Lobredner der Bartholomaͤus⸗ nacht, Glauben ſchenken, ſo wuͤrde Karln dem Neunten durch den ſchwaͤrzeſten Verdacht nicht zu viel geſchehen; aber obgleich die hiſtoriſche Kritik das Boͤſe glauben darf, was ein Freund berichtet, ſo kann dieſes doch als dann nicht der Fall ſeyn, wenn der Freund(wie hier wirklich geſchehen iſt) ſeinen Helden dadurch zu verherrlichen glaubt und als Schmeichler verleumdet. „Ein paͤpſtlicher Legat,“ berichtet uns dieſer Schriftſteller in der Vorrede zu ſeinem Werk,„kam nach Frankreich, mit dem Auftrag, den Allerchriſtlichſten Koͤnig von ſeinen Verbindungen mit den Sectirern abzumahnen. Nachdem er dem Monarchen die nachdruͤcklichſten Vorſtellungen gethan und ihn aufs Aeußerſte gebracht hatte, rief dieſer mit bedeutender Miene:„„Daß *) Le Stratagème ou la Ruse de Charles IX, Roi de France, contre les Huguenots, rebelles à Dieu et à lui; écrit par le Seigneur Camille Capi-Lupi etc. 1575. 170 ich doch Euer Eminenz Alles ſagen duͤrfte! Bald wuͤrden Sie und auch der heilige Vater mir bekennen muͤſſen, daß dieſe Verheirathung meiner Schweſter das ausgeſuchteſte Mittel ſey, die wahre Religion in Frankreich aufrecht zu erhalten und ihre Widerſacher zu vertilgen. Aber(fuhr er in großer Bewegung fort, indem er dem Cardinal die Hand druͤckte und zugleich einen Demant an ſeinem Finger befeſtigte) vertrauen Sie auf mein koͤnigliches Wort. Noch eine kleine Geduld, und der hei⸗ lige Vater ſelbſt ſoll meine Anſchlaͤge und meinen Glaubens⸗ eifer ruͤhmen.““ Der Cardinal verſchmaͤhte den Demant und verſicherte, daß er ſich mit der Zuſage des Koͤnigs begnuͤge.“ — Aber, geſetzt auch, daß kein blinder Schwaͤrmereifer dieſem Geſchichtſchreiber die Feder gefuͤhrt haͤtte, ſo kann er ſeine Nach⸗ richt aus ſehr unreinen Quellen geſchoͤpft haben. Die Ver⸗ muthung iſt nicht ohne Wahrſcheinlichkeit, daß der Cardinal von Lothringen, der ſich eben damals zu Rom aufhielt, der⸗ gleichen Erfindungen, wo nicht ſelbſt ausgeſtreut, doch be⸗ guͤnſtigt haben koͤnnte, um den Fluch des Pariſer Blutbads, den er nicht von ſich abwaͤlzen konnte, mit dem Koͤnige wenig⸗ ſtens zu theilen.*) Das wirkliche Betragen Karls des Neunten, bei dem Aus⸗ bruch des Blutbades ſelbſt, zeugt unſtreitig ſtaͤrker gegen ihn als dieſe unerwieſenen Geruͤchte; aber wenn er ſich auch von der Heftigkeit ſeines Temperaments hinreißen ließ, dem voͤllig reifen Complot ſeinen Beifall zu geben und die Ausfuͤhrung desſelben zu beguͤnſtigen, ſo kann dieſes fuͤr ſeine fruͤhere Mit⸗ ſchuldigkeit nichts beweiſen. Das Ungeheure und Graͤßliche des Verbrechens vermindert ſeine Wahrſcheinlichkeit, und die Achtung fuͤr die menſchliche Natur muß ihm zur Vertheidigung dienen. *) Esprit de la Ligue. Tom,. II. p. 13. 171 Eine ſo zuſammengeſetzte und lange Kette von Betrus, eine ſo undurchdringliche, ſo gehaltene Verſtellung, ein ſo tiefes Still⸗ ſchweigen aller Menſchengefuͤhle, ein ſo freches Spiel mit den heiligſten Pfaͤndern des Vertrauens ſcheint einen vollendeten Boͤſewicht zu erfordern, der durch eine lange Uebung verhaͤrtet, und ſeiner Leidenſchaften vollkommen Herr geworden iſt. Karl der Neunte war ein Juͤngling, den ſein brauſendes Tempera⸗ ment uͤbermeiſterte, und deſſen Leidenſchaften ein fruͤher Beſitz der hoͤchſten Gewalt von jedem Zuͤgel der Maͤßigung befreite. Ein ſolcher Charakter vertraͤgt ſich mit keiner ſo kuͤnſtlichen Rolle, und ein ſo hoher Grad der Verderbniß mit keiner Juͤng⸗ lingsſeele— ſelbſt dann nicht, wenn der Juͤngling ein Koͤnig und Katharinens Sohn iſt. Wie aufrichtig oder nicht aber das Betragen des Koͤnigs auch gemeint ſeyn mochte, ſo konnten die Haͤupter der katholiſchen Partei keine gleichguͤltigen Zuſchauer davon bleiben. Sie ver⸗ ließen wirklich mit Geraͤuſch den Hof, ſobald die Hugenotten feſten Fuß an demſelben zu faſſen ſchienen, und Karl der Neunte ließ ſie unbekuͤmmert ziehen. Die Letztern haͤuften ſich nun mit jedem Tage mehr in der Hauptſtadt an, je naͤher die Ver⸗ maͤhlungsfeier des Prinzen von Bearn heranruͤckte. Dieſe erlitt indeſſen einen unerwarteten Aufſchub durch den Tod der Koͤ⸗ nigin Johanna, die wenige Wochen nach ihrem Eintritt in Paris ſchnell dahinſtarb. Das ganze vorige Mißtrauen der Cal⸗ viniſten erwachte aufs neue bei dieſem Todesfall, und es fehlte nicht an Vermuthungen, daß ſie vergiftet worden ſey. Aber da auch die ſorgfaͤltigſten Nachforſchungen dieſen Verdacht nicht beſtaͤtigten, und der Koͤnig ſich in ſeinem Betragen voͤllig gleich blieb, ſo legte ſich der Sturm in kurzer Zeit wieder. Coligny befand ſich eben damals auf ſeinem Schloß Cha⸗ tillon, ganz mit ſeinen Lieblingsentwuͤrfen wegen des nieder⸗ 172 laͤndiſchen Krieges beſchaͤftigt. Man ſparte keine Winke, ihn von der nahen Gefahr zu unterrichten, und kein Tag verging, wo er ſich nicht von einer Menge warnender Briefe verfolgt ſah, die ihn abhalten ſollten am Hofe zu erſcheinen. Aber dieſer gut gemeinte Eifer ſeiner Freunde ermuͤdete nur ſeine Geduld, ohne ſeine Ueberzeugung wankend zu machen. Umſonſt ſprach man ihm von den Truppen, die der Hof in Poitou ver⸗ ſammelte, und die, wie man behauptete, gegen Rochelle be⸗ ſtimmt ſeyn ſollten; er wußte beſſer, wozu ſie beſtimmt waren, und verſicherte ſeinen Freunden, daß dieſe Ruͤſtung auf ſeinen eigenen Rath vorgenommen werde. Umſonſt ſuchte man ihn auf die Geldanleihen des Koͤnigs aufmerkſam zu machen, die auf eine große Unternehmung zu deuten ſchienen; er verſicherte, daß dieſe Unternehmung keine andere ſey, als der Krieg in den Niederlanden, deſſen Ausbruch herannahe, und woruͤber er be⸗ reits alle Maßregeln mit dem Koͤnige getroffen habe. Es war wirklich an dem, daß Karl IX den Vorſtellungen des Admirals nachgegeben, und— war es entweder Wahrheit oder Maske— ſich mit England und den proteſtantiſchen Fuͤrſten Deutſchlands in eine foͤrmliche Verbindung gegen Spanien eingelaſſen hatte. Alle dergleichen Warnungen verfehlten daher ihren Zweck, und ſo feſt vertraute der Admiral auf die Redlichkeit des Koͤnigs, daß er ſeine Anhaͤnger ernſtlich bat, ihn fortan mit ſolchen Hin⸗ terbringungen zu verſchonen. Er reiste alſo zuruͤck an den Hof, wo bald darauf im Auguſt 1572 das Beilager Heinrichs— jetzt Koͤnigs von Na⸗ varra— mit Margaretha von Valois, unter einem großen Zuftuß von Hugenotten und mit koͤniglichem Pompe gefeiert ward. Sein Eidam, Teligny, Rohan, Rochefoucauld, alle Haͤupter der Calviniſten waren dabei zugegen, alle in gleicher Sicherheit mit Coligny, und ohne alle Ahnung der nahe ſchwe⸗ 173 benden Gefahr. Wenige nur erriethen den kommenden Sturm, und ſuchten in einer zeitigen Flucht ihre Rettung. Ein Edel⸗ mann, Namens Langoiran, kam zum Admiral, um Urlaub bei ihm zu nehmen.„Warum denn aber jetzt?“ fragte ihn Coligny voll Verwunderung.„Weil man Ihnen zu ſchoͤn thut,“ verſetzte Langoiran,„und weil ich mich lieber retten will mit den Tho⸗ ren, als mit den Verſtaͤndigen umkommen.“ Wenn gleich der Ausgang dieſe Vorherſagungen auf das ſchrecklichſte gerechtfertigt hat, ſo bleibt es dennoch unentſchieden, in wie weit ſie damals gegruͤndet waren. Nach dem Berichte glaubwuͤrdiger Zeugen war die Gefahr damals groͤßer fuͤr die Guiſen und fuͤr die Koͤnigin, als fuͤr die Reformirten. Coligny, erzaͤhlen uns jene, hatte unvermerkt eine ſolche Macht uͤber den jungen Koͤnig erlangt, daß er es wagen durfte, ihm Mißtrauen gegen ſeine Mutter einzufloͤßen, und ihn ihrer noch immer fortdauernden Vormundſchaft zu entreißen. Er hatte ihn uͤber⸗ redet, dem flandriſchen Krieg in Perſon beizuwohnen und ſelbſt die Victorien zu erkaͤmpfen, welche Katharina nur allzugern ihrem Liebling, dem Herzog von Anjou, goͤnnte. Bei dem eiferſuͤchtigen und ehrgeizigen Monarchen war dieſer Wink nicht verloren, und Katharina uͤberzeugte ſich bald, daß ihre Herr⸗ ſchaft uͤber den Koͤnig zu wanken beginne. Die Gefahr war dringend, und nur die ſchnellſte Entſchloſſen⸗ heit konnte den drohenden Streich abwenden. Ein Eilbote mußte die Guiſen und ihren Anhang ſchleunig an den Hof zuruͤckrufen, um im Nothfall von ihnen Huͤlfe zu haben. Sie ſelbſt ergriff den naͤchſten Augenblick, wo ihr Sohn auf der Jagd allein war, und lockte ihn in ein Schloß, wo ſie ſich in ein Cabinet mit ihm einſchloß, mit aller Gewalt muͤtterlicher Be⸗ redſamkeit uͤber ihn herfiel, und ihm uͤber ſeinen Abfall von ihr, ſeinen Undank, ſeine Unbeſonnenheit, die bitterſten Vor⸗ 174 wuͤrfe machte. Ihr Schmerz, ihre Klagen erſchuͤtterten ihn; einige drohende Winke, die ſie fallen ließ, thaten Wirkung. Sie ſpielte ihre Rolle mit aller Schauſpielerkunſt, worin ſie Meiſterin war, und es gelang ihr, ihn zu einem Geſtaͤndniß ſeiner Uebereilung zu bringen. Damit noch nicht zufrieden, riß ſie ſich von ihm los, ſpielte die Unverſoͤhnliche, nahm eine abgeſonderte Wohnung und ließ einen voͤlligen Bruch befuͤrch⸗ ten. Der junge Koͤnig war noch nicht ſo ganz Herr ſeiner ſelbſt geworden, um ſie beim Wort zu nehmen, und ſich der jetzt erlangten Freiheit zu erfreuen. Er kannte den großen Anhang der Koͤnigin, und ſeine Furcht malte ihm denſelben noch groͤßer ab, als er wirklich ſeyn mochte. Er fuͤrchtete— vielleicht nicht ganz mit Unrecht— ihre Vorliebe fuͤr den Her⸗ zog von Anjou und zitterte fuͤr Leben und Thron. Von Rath⸗ gebern verlaſſen, und fuͤr ſich ſelbſt zu ſchwach, einen kuͤhnen Entſchluß zu faſſen, eilte er ſeiner Mutter nach, brach in ihre Zimmer, und fand ſie von ſeinem Bruder, von ihren Hoͤflin⸗ gen, von den abgeſagteſten Feinden der Reformirten umgeben. Er will wiſſen, was denn das neue Verbrechen ſey, deſſen man die Hugenotten beſchuldigt, er will alle Verbindungen mit ihnen zerreißen, ſobald man ihn nur uͤberfuͤhrt haben werde, daß ihren Geſinnungen zu mißtrauen ſey. Man entwirft ihm das ſchwaͤrzeſte Gemaͤlde von ihren Anmaßungen, ihren Gewalt⸗ thaͤtigkeiten, ihren Anſchlaͤgen, ihren Drohungen. Er wird uͤberraſcht, hingeriſſen, zum Stillſchweigen gebracht, und ver⸗ laͤßt ſeine Mutter mit der Verſicherung, inskuͤnftige behutſamer zu verfahren. Aber mit dieſer ſchwankenden Erklaͤrung konnte ſich Ka⸗ tharina noch nicht beruhigen. Dieſelbe Schwäͤche, welche ihr jetzt ein ſo leichtes Spiel bei dem Koͤnige machte, konnte eben ſo ſchnell und noch gluͤcklicher von den Hugenotten benutzt wer⸗ 175 den, ihn ganz von ihren Feſſeln zu befreien. Sie ſah ein, daß ſie dieſe gefaͤhrlichen Verbindungen auf eine gewaltſame und unheilbare Weiſe zertrennen muͤſſe, und dazu brauchte es weiter nichts, als den Empoͤrungsgeiſt der Hugenotten durch irgend eine ſchwere Beleidigung aufzuwecken. Vier Tage nach der Vermaͤhlungsfeier Heinrichs von Navarra geſchah aus einem Fenſter ein Schuß auf Coligny, als er eben vom Louvre nach ſeinem Hauſe zuruͤckkehrte. Eine Kugel zerſchmetterte ihm den Zeigefinger der rechten Hand, und eine andere verwundete ihn am linken Arm. Er wies auf das Haus hin, woraus der Schuß geſchehen war; man ſprengte die Pforten auf, aber der Moͤrder war ſchon entſprungen. Coligny's Schutzgeiſt, moͤchte man ſagen, hatte nun das Letzte gethan, um dieſen großen Mann, durch jenen meuchel⸗ moͤrderiſchen Angriff gewarnt, ſeinem Schickſal zu entreißen. Allein, wer entflieht dieſem? Oder vielmehr: unterliegt nicht der beſſere Mann, wenn man ſich gegen ihn Alles, ſelbſt Treuloſigkeiten, erlaubt, welche ſich zu denken er unfaͤhig iſt, mit groͤßerm Ruhm, als wenn er ſolchen Schlingen entgangen waͤre? Coligny fuͤhlte— und ſeine ganze Partei, wie durch einen elektriſchen Schlag, empfand es mit ihm— daß mitten in der tiefſten Friedensſtille, da erſt ſeit vier Tagen durch die Ver⸗ maͤhlung Heinrichs von Navarra mit der Schweſter Karls X die Parteien der Haͤuſer Valois und Bourbon, den Guiſen zum Trotz, vor dem Brautaltar ſich die Haͤnde gereicht zu haben ſchienen, eine gifthauchende Schlange auf ihn und die Seinigen laure. Es war ihr dießmal nicht, wie ſie wollte, gelungen, aus ihrem Hinterhalt in ihm das Haupt der Refor⸗ mirten zu treffen, und mit einem Schlag alle Glieder dieſes Koͤrpers zu lähmen. 176 Aber wo mochte ſie nun ſelbſt ihren lernaͤiſchen Kopf ver⸗ ſteckt halten? aus welchem Winkel zu neuen Anfaͤllen hervor⸗ ſchießen? Dieß bei Zeiten aufzuſpuͤren, hatte Coligny in der That von ihrer Art zu wenig in ſich. Ueberall leiteten die Schlangengaͤnge hin, aber bloß, um jeden Nachforſchenden deſto weiter von dem Geheimniß der Bosheit ſelbſt abzulenken. Klug, bedachtſam, umſchauend nach allen Seiten war Co⸗ ligny. Aber was die Furchtſamkeit hierzu beitraͤgt, fehlte ihm ganz. Das ſchwache Inſect ſtreckt ſeine regen Fuͤhlhoͤrner im⸗ mer nach allen Ecken, und die Furcht rettet es vor tauſend Gefahren. So wird Klugheit durch Furchtſamkeit zur Schlau⸗ heit, die ſelten beruͤckt worden zu ſeyn ſich ruͤhmen kann, aber auch nie mit Groͤße gehandelt zu haben bekennen muß, weil ſie Alles fuͤr eine Schlinge anzuſehen pflegte. Coligny hatte keinen Bund mit dem Gluͤck. Als Feldherr verlor er meiſtens durch Schwaͤche ſeiner Truppen und andere Fehler ſeiner Lage. Der Zufall that wenig fuͤr ihn. Es ſchien, er ſollte der Mann ſeyn, welcher ſich ſelbſt Alles ſchuldig waͤre. Nach einem Miß⸗ geſchick, wenn Muthloſigkeit bei Allen die Beſonnenheit betaͤubte, wenn ſein zuſammengerafftes Heer, halbnackt, ohne Sold, ohne Brod, ſo ſchnell zu zerſtieben drohte, als es herbeigelaufen war, wenn Verraͤtherei und Hofgunſt unter ſeinen naͤchſten Anhaͤn⸗ gern wie unwiderſtehliche Geſpenſter ſpukten— immer war ſein Muth ungetruͤbt. Seine heitere Stirn machte die Seini⸗ gen das Unbegreifliche glauben, daß er unter den Mitteln zur Huͤlfe gleichſam noch zu waͤhlen habe. Und ſprach er dann, ſo theilte ſich die Ruhe ſeines Geiſtes mit jedem Worte den Uebrigen mit. Er ſprach rein, edel, ſtark, oft originell. Und fuͤr die Ausfuͤhrung hatte er im großen Umfang ſeiner Ge⸗ ſchaͤfte eine raſtloſe Arbeitſamkeit. Feſtigkeit gegen Unter⸗ druͤckung war die Seele ſeiner Plane in der Naͤhe und Ferne. 177 Mag ihn der hoͤfiſche Villeroy daruͤber tadeln, daß er den Proteſtanten in Frankreich rechtmaͤßige Freiheit zu ſichern ſtrebte, wie ſein Rath zur Befreiung der Niederlande vom Drucke Spaniens Vieles beigetragen hatte. Umſturz einer partei⸗ loſeren, gerechten Staatsverfaſſung waͤre nie Coligny's Plan geweſen. Untadelhafte Sitten, auch in ſeiner Ehe und gegen ſeine Kinder, uͤberhaupt die ſtrengſte Religioſitaͤt, vollendeten ſeinen Beruf zum Oberhaupt einer religioͤs⸗politiſchen Partei, deren ganze Exiſtenz auf der freiwilligen Unterordnung ſo vieler tapfern, reichen, ehrſuͤchtigen Vornehmen unter dem Adel und dem Buͤrgerſtand beruhte, denen nur Ueberlegenheit des Charakters in ihrem Anfuͤhrer die unentbehrlichſte Folgſamkeit und Einheit abnoͤthigen konnte. Alles dieß mußte der Gegenpartei in ihm den Einzigen zeigen, an deſſen Untergang ſeine ganze Partei gekettet ſeyn wuͤrde; um ſo mehr, da man von ihm als Feind nicht Nach⸗ geben und Verſoͤhnung, nur jene unerbittliche Strenge ſeines Charakters zu erwarten hatte. Die Cabale fand ſeine ſchwache Seite aus. Der Schein ſo vieler Achtung und eines ſo feſten Zutrauens gegen ſeine Einſichten und ſeine Biederkeit, als er zu verdienen ſich bewußt war, auch die Ausſichten, ſeinem Vaterland und ſeiner Partei zugleich durch Vereinigung gegen Spanien, den gemeinſchaftlichen Feind ſeiner Religion und des franzoͤſiſchen Staats, zu dienen, zogen ihn nach Hof. Er war gefangen, wenn man ihn mit Schlingen umgab, we chen zu entgehen er minder furchtlos, bieder und großmuͤthig haͤtte ſeyn muͤſſen. Vor und nach dem meuchelmoͤrderiſchen Atten⸗ tat drangen viele Gutgeſinnte in ihn, von Paris zu entweichen. „Wenn ich dieß thue,“ antwortete er ihnen,„ſo zeige ich ent⸗ weder Furcht oder Mißtrauen. Jenes wuͤrde meine Ehre, dieß den König beleidigen. Ich wuͤrde den Buͤrgerkrieg beginnen Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 178 muͤſſen. Und lieber will ich ſterben, als das unuͤberſehbare Elend wieder erblicken, das in ſeinem Gefolge auftritt.“— Mord und Entehrung waren der Lohn dieſes Buͤrgerſinns! Noch am naͤmlichen Tage der Verwundung kam der Koͤnig ſelbſt mit einem ganzen Zug von Hofleuten, um Coligny zu beſuchen. Karl betheuerte dem Admiral ſein Beileid und ſein volles Zutrauen gegen ihn als Kriegsanfuͤhrer und getreuen Unterthanen.„Ihr ſeyd verwundet, mein Vater,“ rief er ihm zu,„aber die Schmerzen fuͤhle ich.— Bei Gott ſchwoͤre ich Euch: ich werde eine Rache nehmen, die man nie vergeſſen ſoll, ſobald nur die Schuldigen entdeckt ſind.“ Ueber ſich ſelbſt zu ſchnell beruhigt, klagte der Admiral nur wenig, und ſuchte bald das unruhige Gemuͤth des Koͤnigs von dem gluͤcklich uͤber⸗ ſtandenen Unfall auf die oͤffentliche Sache, auf den Feldzug nach den Niederlanden hinzulenken. Dieſes neue Unterneh⸗ men ſollte die Laune des ungeſtuͤmen jungen Fuͤrſten deſto feſter an den dazu unentbehrlichen Feldherrn und an deſſen Partei binden helfen. Aber die Koͤnigin Mutter uͤberließ un⸗ ter dem Vorwand, jetzt den Kranken zu ſchonen, ihren Sohn dem geheimen Geſpraͤche nicht lange. Mochte dieſer immer wieder zu ſeinem Ballſpiel zuruͤckgehen. Denn in dieſer ſeiner leidenſchaftlichen Spielſucht durch die Nachricht von dem Mord⸗ anſchlag geſtoͤrt worden zu ſeyn, dieß war doch die groͤßte Ur⸗ ſache ſeines wuͤthenden erſten Unwillens geweſen. Jeden Augenblick aber ſtand nun fuͤr Katharina nicht we⸗ niger als Alles auf dem Spiel. Zwar fiel Coligny's Verdacht von ſelbſt auf die Guiſen. Der Schuß war aus einem Gui⸗ ſiſchen Hauſe geſchehen. Die Guiſiſche Partei ſchien waͤhrend der oͤffentlichen Erhebung der proteſtantiſchen ſo weit zuruͤck⸗ geſetzt worden zu ſeyn, daß man von ihr gerade den nieder⸗ traͤchtigſten Ausbruch der Rache, heimlichen Mord, argwohnen 179 mußte. Und auf eben dieſe Spur hinzuleiten, fand auch Ka⸗ tharina in der erſten Verwickelung der Umſtaͤnde fuͤrs beſte. Selbſt ihrem Sohne gab ſie auf dieſe Seite hin den Wink, daß wohl der Herzog von Guiſe noch immer in dem Admiral den Moͤrder ſeines Vaters zu ſehen glaube. Nicht der un⸗ moͤgliche Einfall, beide Parteien zugleich aufzureiben— waͤre dieß ihr auch noch ſo erwuͤnſcht geweſen— konnte ihr, wie Manche glauben, dieſe Verſtellung rathen. Sie folgte dem Beduͤrfniß, einen Augenblick Zeit zu gewinnen, um aus den naͤchſten Wir⸗ kungen des mißlungenen Streichs auf die Wirkungen eines gluͤcklicher vollfuͤhrten grauſamern zu ſchließen. Sie hatte noͤ⸗ thig, bei ſich ſelbſt fuͤr die Vollendung deſſen, wofuͤr neben der heißeſten Rachſucht die Menſchheit in ihr ſchaudern mußte, neue Entſchloſſenheit zu ſammeln. Der Koͤnig ließ indeſſen den Herzog von Guiſe wirklich aufſuchen, und zur Verantwortung an den Hof fordern, und ſelbſt ſeine Schweſter, die Koͤnigin von Navarra, haͤlt in ihren Memoires dieß noch fuͤr einen ernſtlichen Schritt der Erbit⸗ terung Karls. Er war auch ſonſt den Anmaßungen des Her⸗ zogs von Guiſe, da er eben dieſe Prinzeſſin als Gemahlin ſuchte, gram geweſen. Aber wie ſonderbar! Er ſchaffte hier ſeiner Mutter gerade den Mann, deſſen Arm ihr fuͤr das Bevor⸗ ſtehende unentbehrlich war, auf die unverdaͤchtigſte Weiſe ſelbſt zur Seite. Das Zuſammentreffen aller Umſtaͤnde ſchien den Moment zu bezeichnen, welcher durch die ſchwaͤrzeſten Thaten gebrandmarkt werden ſollte. Hierzu bedurfte man nur noch das Jawort des Herrſchers; und wem konnte dieß entgehen, der die unſelige Kunſt ver⸗ ſtand, das unſtete Gemuͤth desſelben von einem Extrem auf das andere zu ſchleudern. Ein gewandter Hoͤfling, ſein Ver⸗ trauter, war das Werkzeug der Koͤnigin Mutter, um ihren 180 Sohn mit Einemmale zum Mitſchuldigen zu machen. Unter behutſamen Vorbereitungen verwiſcht dieſer die neueſten vor⸗ theilhaften Eindruͤcke, welche der Beſuch beim kranken Admiral im Gemuͤthe Karls zuruͤckgelaſſen hatte. Er ſtreut Samen des Argwohns ein, weckt den alten ſchlofenden Groll, und druͤckt zuletzt dem Koͤnige den Stachel der Furcht fuͤr ſein eigenes Leben ins Herz. Der Koͤnig von Navarra und der Prinz von Condé hatten mit ungewoͤhnlichem Eifer Genug⸗ thuung gefordert. Die wahre Macht der Coligny'ſchen Par⸗ tei war jetzt in Paris wie auf einem Haufen zuſammen⸗ gedraͤngt. Von ihr ſey Alles zu fuͤrchten, aber auch gegen ſie Alles zu wagen. Hatte nicht einer von ihnen, de Piles, dem Koͤnige mit der unverſchaͤmteſten Dreiſtigkeit ins Ge⸗ ſicht zu ſagen gewagt: daß man ſich ſelbſt Recht zu ſchaffen wiſſen werde, wenn es dem Koͤnig an Kraft oder an Willen dazu mangeln ſollte.„Und mit Einem Wort,“ rief endlich der liſtige Unterhäͤndler, feines Ziels gewiſſer:„wer es treu mit dem Koͤnig meint, darf es nicht laͤnger anſtehen laſſen, ihm uͤber die dringendſte Gefahr ſeiner Perſon und des ganzen Staats die Augen zu oͤffnen.“ Katharina ſelbſt trat in dieſem Augenblick, auf ihren Lieblingsſohn, Heinrich von Anjou, gelehnt, mit ihren Vertrauteſten ins Zimmer. Ueber⸗ raſcht von gefahrvollen Entdeckungen, betroffen und beſchaͤmt uͤber ſeine bisherige Sorgloſigkeit bei einem ſo nahe drohen⸗ den Umſturz, von allen Seiten durch die ſchreckenvollſten Vor⸗ ſtellungen beſtuͤrmt, warf ſich Karl ſeiner Mutter in die Arme.„Schon,“ ſagte man ihm,„rufen die Hugenotten aber⸗ mals die verhaßten Auslaͤnder, Deutſche und Schweizer, auf franzoͤſiſchen Boden. Die Mißvergnuͤgten im Lande werden haufenweiſe dem neuen Vereinigungspunkt zueilen. Die Wuth der Buͤrgerkriege droht ſchon das Reich aufs neue zu zerflei⸗ 181 ſchen. Der Koͤnig ſelbſt, von Geld und eigenthuͤmlichem An⸗ ſehen entbloͤßt, von Hugenotten umringt, bei der Guiſiſchen Partei als Freund der Ketzer verdaͤchtig, wird die Ehre haben, zuzuſehen, wie die Katholiken einen Generalcapitaͤn waͤhlen, und ſich gegen ihre Gegner ſelbſt zu helfen wiſſen werden; waͤhrend er vom Uebermuth des alten Admirals zuruͤckgeſtoßen und vor der Nation veraͤchtlich gemacht, mitten zwiſchen beiden Parteien unmaͤchtig ſich hin und wieder werfen laſſen muß.“ Wuͤthend fuhr Karl unter dieſen Schreckensbildern auf. Der Tod des Admirals, der Tod der ganzen Partei in allen Graͤn⸗ zen von Frankreich war ſein Schwur. Nur daß nicht Einer uͤbrig bleibe, der es ihm je vorwerfen koͤnnte! Und daß Alles eilend ſchnell vorbeigehe, damit ihm ſeine Sicherheit ſchleunigſt wieder geſchafft wuͤrde! Die erwuͤnſchteſte Stimmung fuͤr die Gegner der Proteſtan⸗ ten. Mord war jetzt die Loſung, aber die tiefſte Verſtellung der Schleier, unter welchem auch der Koͤnig der Erziehung ſei⸗ ner Mutter von dieſem Augenblick an voͤllig entſprach. Zur Hauptrolle war der Herzog von Guiſe bereit. Seit der tapferſten Vertheidigung von Poitiers, das iſt ſeit ſeinem neunzehnten Jahre, hatte dieſer ſeinen Ruhm vor ganz Frank⸗ reich gerade dem Admiral gegenuͤber zu gruͤnden angefangen. Auf Margaretha, die in eben dieſen Tagen des Hugenotten Heinrichs von Navarra Vermaͤhlte ward, war auch ſein Blick gerichtet geweſen. Sie haͤtte ihm, den Thron ſelbſt zu beſtei⸗ gen, einſt die Hand bieten koͤnnen. Verfolgung der Hugenotten ſchien alſo nicht bloß ſeine ererbte Beſtimmung zu ſeyn. Er waͤhlte ſie ſelbſt und uͤbte ſie bei jeder Gelegenheit. Rief ihn der Geiſt ſeines Vaters zur Blutrache wieder auf, ſo rief ihm noch lauter ſeine eigene Ehrſucht zu, daß jetzt der Augenblick gekommen ſey, ſeine Partei durch Austilgung der proteſtanti⸗ 18²2 ſchen zur einzigen herrſchenden zu machen, und ſich dadurch dreiſt der Koͤnigin Mutter an die Seite zu ſtellen. Das mißlungene Verbrechen ward die Huͤlle des neubeſchloſ⸗ ſenen. Aus Furcht vor Coligny's Rache, deſſen Verletzung man ihm aufbuͤrde, ſey er ſelbſt— erklaͤrte der Herzog von Guiſe— mit ſeinen Verwandten genoͤthigt, aus der Koͤnigs⸗ ſtadt zu fluͤchten.„Geht,“ ſagte ihm der Koͤnig mit zuͤrnender Miene,„ſeyd Ihr ſchuldig, ſo werde ich Euch wieder finden!“ Und nun waren Zuruͤſtungen zur Flucht vor den Hugenotten die ſchnellen verdachtloſeſten Vorbereitungen ihres Untergangs. Der Admiral mußte vollends ſelbſt ſeinen Feinden die Schlin⸗ gen uͤber ſich und die Seinigen zuſammenziehen helfen. Man warnte ihn von vielen Seiten, daß die Guiſen noch vor ihrem Abzug etwas verſuchen moͤchten. Einige riethen ihm, ſelbſt aus der Stadt zu fluͤchten. Der biedere Mann vertraute, mit den Beſten ſeiner Angehoͤrigen, auf das Wort ſeines Koͤnigs, uͤber⸗ gab ſich in den Schutz desſelben und erhielt eine ſtarke Wache von der in die Stadt kurz zuvor eingezogenen Garde. Auf Be⸗ fehl vom Hof mußten die Katholiken in der Naͤhe ſeines Quar⸗ tiers allen proteſtantiſchen Adeligen Wohnungen einraͤumen, wenn ſie zur Sicherheit ihres Hauptes ihm nahe zu ſeyn wuͤnſchten; und hiezu wurden dieſe ſelbſt aufgefordert. Die Polizei ermunterte ſie zur Beſchuͤtzung Coligny's und fuͤhrte uͤber die Verſammelten ein Regiſter— die ſichere Todtenliſte fuͤr ihre Moͤrder! Der Koͤnig von Navarra wurde gebeten, ſeine Vertrauten zur Huͤlfe fuͤr den Koͤnig gegen die Guiſen ins Louvre zuſammenzubringen, und zugleich ſeine Schweizer⸗ garde dem Admiral zur Bedeckung zuzuſchicken. Um Waffen im Louvre zuſammenzubringen, wurde ein Turnier vorgegeben, und Coligny ſelbſt vom Koͤnige davon benachrichtigt. Einzelne Funken von Argwohn verloren bei dieſer aͤngſtlichen Anhaͤng⸗ 183 lichkeit des Hofes an die Hugenotten alle Kraft, und ſchienen kaum noch die Furchtſamſten beunruhigen zu koͤnnen. Indeß erſah die Cabale mit gierigem Auge ihre volle Beute. Dieſe war wie in eine Heerde zuſammengetrieben. In der Mitter⸗ nachtsſtunde des 24 Auguſts ihre Rache zu ſaͤttigen, ward in den Tuilerien von dem Blutrath feſtgeſetzt, in welchem zwei Bruͤdern des Koͤnigs, dem Herzog von Anjou und dem Gra⸗ fen von Angouleme, ferner dem Herzog von Nevers, dem Siegelbewahrer Birague, den Marſchaͤllen von Tavannes und von Retz— Katharina von Medicis praͤſidirt hatte, und wo kaum ihr neuer Tochtermann nebſt Wenigen der koͤnig⸗ lichen Blutsverwandten von dem allgemeinen Mordurtheil uͤber die calviniſtiſche Partei in die Ausnahme geſetzt wor⸗ den war. Waͤre wirklich bei dieſen Stiftern des Blutbads, wie von Tavannes dieß zu erweiſen iſt, der Glaube, Gott einen Dienſt zu thun, die wahre Begeiſterung zur Unmenſchlichkeit geweſen, man wuͤrde die Schwachheit des menſchlichen Verſtandes be⸗ trauern, den Aberglauben des Zeitalters anklagen, aber man wuͤrde die Thaͤter nicht verabſcheuen. Wir wuͤrden, wenn ſie aus Pflicht die Menſchlichkeit in ſich unterdruͤckt haͤtten, Ach⸗ tung ihrer Abſicht ſchuldig ſeyn, indem Entſetzen vor der Hand⸗ lung uns durchſchauerte. Aber von den meiſten der Handeln⸗ den macht es ihr ſonſtiger Charakter gewiß, daß ſie in den Hugenotten nur eine Partei von Gegnern ſahen, wider welche man ſich Alles erlauben zu duͤrfen freute, weil ſie gluͤcklicher⸗ weiſe zugleich Ketzer ſeyen. Auch Katharina ſelbſt mag After⸗ glauben genug gehabt haben, um in Coligny den Reformirten von ganzem Herzen zu haſſen, und dieſen Haß ſogar fuͤr ver⸗ dienſtlich zu halten. Aber eben ſo gewiß wuͤrde es ihr ſehr leid geweſen ſeyn, wenn der Mann, welcher ihrer Herrſchſucht Be⸗ 184 ſchraͤnkung drohte, im Augenblick durch einen Gang in die Meſſe ſich weniger haſſenswerth gemacht haͤtte. Schon hatte Tavannes ausgeſuchte Buͤrgerwachen, deren An⸗ fuͤhrer in des Koͤnigs Gegenwart hiezu befehligt worden waren, in der tiefſten Stille der ungluͤcksſchwangern Bartholomaͤusnacht vor dem Stadthaus verſammelt. Schon wartete der Grimm des Herzogs von Guiſe mit dreihundert Mordluſtigen auf das verabredete Zeichen, Karl ſelbſt erſtickte in dieſem Augenblick auch die Stimme der Freundſchaft, in deren Geſellſchaft das Mitleiden ihm zum letzten Male ſich zu naͤhern verſucht hatte. Er ließ nach der Abendtafel und nach einigem Widerſtreben ſeinen ſonſt geliebten. Geſellſchafter, den Grafen Franz von la Rochefou⸗ cauld, aus dem Schloſſe unwiſſend dem lauernden Tode entgegen gehen, welchem er nun ſogleich ſelbſt das Signal zum Wuͤrgen geben laſſen wollte. Noch gefuͤhlloſer draͤngte Katharina die neuvermaͤhlte Koͤnigin von Navarra, ihre Tochter, dieſen Abend recht bald in das Zimmer ihres Gemahls ſich zu entfernen, wo doch ſo leicht Rache der Calviniſten oder die im Dunkel der Nacht umherirrende Mord⸗ gier ſie ſelbſt uͤberfallen konnte. Alles mochte aufgeopfert werden, wenn nur ihr eigener Plan ſeine beſtimmten Opfer erhielte! Und dennoch, da nun der Koͤnig, nach gegebenem Mord⸗ ſignale, uͤber der Pforte des Louvres in den Balcon gegen die Stadt hervortritt, da die wenigen Mitwiſſenden, die Koͤnigin Mutter an der Spitze, durch die einſamen Gaͤnge ihn unter dringenden Beredungen begleitet hatten, da die Furien, jetzt von ihren Feſſeln losgelaſſen zu werden, knirſchten, erſtarrt die⸗ ſen Haͤuptern des Frevels das Herz. Die Menſchheit in ihnen fuͤhlt die letzten Zuckungen. Blaß und außer ſich zittern ſie vor ſich ſelbſt, ſtarren einander an und ſind im Augenblicke eins, durch einen Eilenden den Mordbefehl zuruͤckzunehmen und den Ausbruch der Graͤuel zu hemmen, welche gewuͤnſcht, be⸗ 185 ſchloſſen, geboten zu haben, ſie ſich nun ſelbſt nicht mehr zu⸗ trauen. Man hoͤrte einen Piſtolenſchuß.„Ob er Jemand be⸗ ſchaͤdigte, weiß ich nicht,“— erzaͤhlte Katharinens Lieblingsſohn, der Herzog von Anjou—„aber daß er uns allen Dreien ins Herz ging, daß er uns Gefuͤhl und Beſinnung nahm, dieß weiß ich. Wir waren außer uns vor Schrecken und Beſtuͤrzung uͤber die jetzt begonnenen Verwirrungen.“ Sie kam zu ſpaͤt— dieſe feige Reue. Mehr eine ſchwache Tochter der Unentſchloſſenheit als der Ueberlegung, verdient ſie nur vor dem Menſchenkenner als Zeugin aufzutreten, wie uͤberſpannt die Wuth der Leidenſchaft in den Urhebern der jetzt ſchon ausgebrochenen Jammerſcenen geweſen ſeyn muß, daß ſie nun im Augenblicke der Vollendung in die gewaltſamſte Abſpannung aller ihrer Nerven und Kraͤfte ploͤtzlich ſich aufloͤste. Schon haͤtte Coligny's Schatten ſeine Genugthuung in die⸗ ſem Augenblicke des ſich ſelbſt peinigenden Laſters mit ſich hin⸗ uͤbernehmen koͤnnen. Der Herzog von Guiſe war, nach dem erſten Schall des Signals von der Fruͤhmettenglocke, mit ſeiner Rotte gegen des Admirals Wohnung losgebrochen. Auf den Zuruf: „Im Namen des Koͤnigs!“ wurde die Pforte geoͤffnet, ihre Waͤch⸗ ter fielen, die Schweizer verkrochen ſich vor der hereinſtuͤrzenden wuͤthenden Menge, der alte verwundete Coligny raffte ſich aus dem erſten Schlaf auf. Schon ſchallten ſeine Vorſaͤle von wilden Stimmen der Mordenden und dem Roͤcheln der Erwuͤrgten ver⸗ miſcht. Drei franzoͤſiſche Oberſten brachen in ſein Zimmer und ſchrieen ſeinen Tod ihm entgegen. Betend hatte ſich der fromme Held an die Wand gelehnt. Ein Italiener(Petrucci) und ein Deutſcher von Adel(Besme) draͤngten ſich vor.„Biſt du Co⸗ ligny?“ rief dieſer.„Ich bin's,“ antwortete mit feſter Stimme der Greis—„und hier, junger Menſch, achte du meinen grauen Kopf!“ Besme durchſtach ihn in dieſem Augenblick gefuͤhl⸗ 186 loſer, als Marius' Moͤrder. Rauchend zog er ſein Schwert zuruͤck, gab ihm einige Kreuzhiebe uͤber das Geſicht. Die Tollheit der Nachfolgenden zerfetzte den Koͤrper mit tauſend Wunden.„Dieß waͤre vollbracht!“ grinste Besme auf den Hof hinab, und da der Graf von Angouleme, Karls Baſtard⸗ bruder, damit noch nicht zufrieden ſeyn wollte, warf man ihm zum Fenſter hinaus den Ermordeten vor die Fuͤße. Gierig unterſuchte er das bluttriefende Geſicht, und da er der That gewiß war, ſtieß er— den todten Loͤwen— mit einem Fuß⸗ tritt von ſich. Ueberall leuchteten indeß dem ſich fortwaͤlzenden Mord Pech⸗ kerzen vor den Haͤuſern; die Straßen waren durch Ketten ge⸗ ſchloſſen; Wachen ſtanden im Hinterhalt gegen die Fliehenden; Andere drangen in die Straßen ſelbſt ein, wo, vom Schlummer aufgeſchreckt, die ſchimpflich getaͤuſchten Proteſtanten, wie ſie aus ihren Thuͤren hervorkamen, ihren Feinden in die Haͤnde fielen. Fuͤr ſie fand ſich in dieſer unerwarteten Noth weder Rath, noch Fuͤhrer, noch Sammelplatz. Die Katholiken erkannten ſich unter einander an einem weißen Tuch um den linken Arm und an einem Kreuz von eben dieſer Farbe. Das Zeichen des großen Dulders und die Farbe der Unſchuld entweihten ſie zum Meuchelmord ihrer Bruͤder. Haͤtten ſich die Verfolgten von ihrer Beſtuͤrzung ſammeln koͤnnen, haͤtten ſich mehrere vereint und ſo tapfer vertheidigt, wie wenige Einzelne dieſen Ruhm behaupteten, vielleicht haͤtte der Frevel mitten in ſeinem Triumph ſeine Strafe gefunden. Sobald es an Schlachtopfern auf den Straßen zu fehlen anfing, brach man in die Wohnungen ſelbſt ein. Kein Alter, kein perſoͤnlicher Werth ſchuͤtzte hier. Des Admirals Schwieger⸗ ſohn, Teligny, war ſo liebenswuͤrdig, daß die erſten, welche ihn zu morden aufſuchten, ſich betroffen zuruͤckzogen. Aber bald 187 fanden ihn Gefuͤhlloſere. Die Pariſer Buͤrgerwachen, welche bei Ertheilung des Mordbefehls zuruͤckgebebt waren, uͤbertrafen nun, in Wuth geſetzt, alle Erwartung der unmenſchlichſten An⸗ fuͤhrer. Die verſtuͤmmelten Leichname wurden aus den Fenſtern herabgeſtuͤrzt, und nicht nur nackt in die Seine, ſondern oft noch zum Poſſenſpiele des Grimms oder der Wolluſt ſonſt um⸗ hergeſchlepyt. Wer lebend oder verwundet entrann und ſich fuͤr gerettet hielt, fiel doch meiſt noch durch die herumſtreifenden Buͤrger oder durch die Guiſiſchen Horden, unter welchen Ta⸗ vannes die Wuth durch Hohrngelaͤchter entflammte.„Nur immer zu mit dieſer Aderlaͤſſe,“ ſpottete er.„Sie iſt im Auguſt ſo geſund als im Mai.“— Bei dieſem Tavannes war jene wilde Luſtigkeit ſo ſehr Folge der ſoldatiſchen Ueberzeugung, Gott und dem Koͤnig den groͤßten Dienſt gethan zu haben, daß er ſelbſt noch in ſeiner letzten Beichte die Bartholomaͤusnacht fuͤr die Unternehmung ſeines Lebens erklaͤrte, wegen welcher er ſeiner Suͤnden Vergebung hoffe. Aber auch jeder Privathaß fand nun zugleich ſeine Beute, da unter dem heiligſten Vorwand Religionsfanatismus ſie ihm in die Haͤnde lieferte. Andere, ſelbſt Edelleute, raubten unter dem Schutz dieſes blinden Daͤ⸗ mons. Selbſt der Koͤnig und ſeine Mutter ſollen von den gepluͤnderten Koſtbarkeiten Geſchenke angenommen haben. Die Dinge hatten ihre Namen geaͤndert. Niedertraͤchtigkeit war Herablaſſung. Einem ſterbenden Hugenotten entriſſene Bril⸗ lanten ſchienen jetzt der Schmuck, welcher den Streitern Gottes als fruͤher irdiſcher Lohn gebuͤhre. Sie wurden das Erinne⸗ rungszeichen an Tage, wo ſelbſt unter den Augen des Koͤnigs, ſelbſt in dem Palaſte, in welchem der Verlaſſendſte, um ſeinen Schutz von der Gerechtigkeit zu fordern, ſicher ſeyn ſollte, kaum Laune und Willkuͤr einigen Wenigen ihr Leben als kuͤmmer⸗ liches Gnadengeſchenk erhalten hatten. Wer ſonſt im Loupre 188 Rettung ſuchte, fand durch die Wachen ſeines Koͤnigs ſchon an den Pforten ſeinen Tod. Die Geſchichte nennt Zeugen, daß der Koͤnig ſelbſt aus dem Louvre auf fliehende Hugenotten ſchoß. Und eine Stunde nach dem Ausbruch des allgemeinen Mord⸗ feſtes war auch in den verborgenſten Zimmern des Palaſtes kein Winkel mehr ohne Blut und Leichen. Den achtzigjaͤhrigen Hofmeiſter des Prinzen von Conti rettete nicht das Flehen ſeines Zoͤglings von den Dolchen, welche dieſer mit ſchwachen Haͤn⸗ den aufhalten wollte. Blutend und verzweiflungsvoll warf ſich Gaſto von Leyran in das Schlafzimmer der Koͤnigin von Navarra und machte ſie ſelbſt zu ſeinem Schild gegen vier Soͤldner, die ihm nachſetzten. Die Koͤnigin floh zur Herzogin von Lothringen, ihrer Schweſter; an der Thuͤr ſtieß man einen Edelmann neben ihr nieder; ſie ſank ohnmaͤchtig ins Zimmer hin, und erwachte mit neuem Schrecken uͤber das Schickſal, in welches dieſe„Bluthochzeit“ ihren eigenen Gemahl geſtuͤrzt haben werde. Dieſer war mit dem Bruderſohn ſeines Vaters, dem Prin⸗ zen von Condé, waͤhrend der Tag uͤber den bisherigen Mord⸗ ſcenen anbrach, zum Koͤnige gefordert worden, der es ihnen beiden als Uebermaß ſeiner Gnade anrechnete, daß ſie, von der ganzen hugenottiſchen Partei die Einzigen von ihm zum voraus das Leben zum Geſchenk erhalten haͤtten. Aber mit wilder Miene forderte er ihnen nun die ſchleunigſte Abſchwoͤ⸗ rung der reformirten Religion als einen Beweis ab, daß ſie bisher bloß die Verfuͤhrten geweſen ſeyen. Sie waren mitten durch die zum Mord bereiteten Garden herzugefuͤhrt worden. Im Zimmer des Koͤnigs konnten ſie in einiger Entfernung noch das Winſeln der Ihrigen hoͤren, welche, aus dem Palaſt unter die in doppelte Reihen geſtellten Schloßwachen zuſammen⸗ getrieben, von dieſen niedergeſtoßen wurden. Da die Prinzen 189 dem Koͤnig zweifelhaft antworteten, rief er ihnen mit einem ſeiner Fluͤche zu: daß ſie innerhalb drei Tagen zwiſchen der Meſſe und der Baſtille zu waͤhlen haͤtten! Dieß war denn auch wirklich fuͤr ihn von den jetzigen Grauſamkeiten allen faſt der einzige Gewinn, daß ſich Heinrich von Navarra mit ſeiner Schweſter in dieſer Zeit einen geheuchelten Uebergang zur katho⸗ liſchen Kirche abnoͤthigen ließ, und der Prinz von Condé nach etwas laͤngerem Widerſtand ihrem Beiſpiele nachfolgte. Berauſcht von dem gluͤcklichen Erfolg der moͤrderiſchen Nacht, in welcher man zwiſchen Furcht und Wuth geſchwebt hatte, kannte Karls unbaͤndiger Charakter ganz keine Ruͤckſichten mehr. Noch drei Tage dauerte das Morden, wo man nur irgend in der Gegend ein verſtecktes Opfer der Rache aufjagen konnte. und unter dieſen Graͤueln durchzog der Koͤnig mit ſeinen Hoͤf⸗ lingen die Stadt, und luſtwandelte unter Blut, Leichen und Truͤmmern. Man hatte Coligny's Leichnam, auf alle Weiſe mißhandelt und umhergeworfen, endlich bei Montfaucon an den Galgen aufgehenkt. Selbſt dahin kam der Koͤnig, um an den verſtuͤmmelten Reſten vom Koͤrper eines Greiſen ſeine Luſt zu haben, deſſen Anblick ihm vor wenig Tagen noch unwiderſtehlich Achtung geboten hatte. Eines Feindes Leiche, ſpottete er dem Vitellius nach, riecht immer gut!— Aber noch mehr veraͤcht⸗ liche Unbeſonnenheit begleitete ſeine jetzigen Staatshandlungen. Waͤhrend der offenbarſten Theilnahme an den Verbrechen dieſer Tage ſetzte ſich Karl ſo ſehr uͤber allen Schein von Ach⸗ tung gegen ſich und Andere weg, daß er am erſten Tage in Schreiben an Statthalter der Provinzen und an auswaͤrtige Hoͤfe jeden Antheil an dem Geſchehenen von ſich ablehnte, und Alles vielmehr dem Trotz der Guiſen und der Chatillons aufbuͤrden zu koͤnnen waͤhnte, am dritten Tage aber eine feierliche Sitzung im Parlament hielt, um den ermordeten Admiral der ſchaͤnd⸗ 190 lichſten Verraͤtherei gegen Thron und Staat zu beſchuldigen, ſein Andenken durch die ſchimpflichſten Strafen eines Majeſtaͤts⸗ verbrechens ſchaͤnden zu laſſen, und den Untergang der Partei als ihre verdiente, von ihm ſelbſt befohlene Strafe zu recht⸗ fertigen. So ſehr war er jetzt, unmaͤchtiger als vorher, das Spiel der Intriguen ſeiner Mutter. Beim erſten Schritt, mit welchem ſie ihn in den Mordanſchlag hereinzuziehen gewußt hatte, wurde er beredet, daß der allgemeine Haß auf die Guiſen fallen, der Gewinn aber, Befreiung von Furcht und Gefahren, ſein eigen ſeyn wuͤrde. Sobald aber nun nach vollbrachter That eine neue Faction der Montmorency's, welche fuͤr Coligny und die Seinigen Rache forderten, wider die Guiſen zu ent⸗ ſtehen drohte, ward er genoͤthigt, die ganze Schuld einzugeſtehen, um nicht als der ſchwache nichtsbedeutende Inhaber des Throns zu erſcheinen, unter deſſen Augen Jeder ohne ſeinen Willen Alles ſich zu erlauben wage. Um den Schein zu haben von dem, was er nicht war und nicht werden konnte, wurde er wirklich das, was er von ſich zu bekennen erroͤthete, und was fuͤr ſich ſelbſt zu unternehmen ihm Muth und Liſt gefehlt haͤt⸗ ten. Um nicht ſchwach zu ſcheinen, war er ſchwach genug, von allen Uebrigen ſich zur Verſchleierung ihrer Thaten mißbrauchen zu laſſen und in ihrem Namen der Gegenſtand jener Verach⸗ tung zu werden, zu welcher ſein Reich, das Ausland und die Nachwelt den Regenten, unter dem eine Bartholomaͤusnacht ſo ſchaͤndlich entheiligt werden konnte, unerbittlich verdammen mußten. Und fuͤr all dieſe Unſterblichkeit der Schande hatte er nicht einmal auf einen Augenblick den Zweck erreicht, welchen die Stifter des Ungluͤcks ihm als ſeine Entſchaͤdigung vorge⸗ ſpiegelt hatten. Es iſt eine wahre Genugthuung in der hiſtsriſchen Bemer⸗ kung, daß gerade die entſchiedenſten Wagſtuͤcke des Laſters, wenn 191 gleich alle Verſchlagenheit an ihnen ſich muͤde geſonnen, die gereizteſte Wildheit ſie vollbracht und das furchtbarſte Bollwerk gegen Verantwortlichkeit, der Thron ſelbſt, ſie geſchuͤtzt hatte, dennoch ihres Zieles verfehlt, oft die entgegengeſetzteſten Folgen herbeigezogen, und den Thaͤtern nichts als eine verdoppelte Ver⸗ zweiflung des leeren Beſtrebens und der nagenden Vorwuͤrfe ihres innern Richters bereitet haben. Zwar ſparten die Haͤupter der ſiegenden Partei nichts von Liſt und Gewalt, um die Fruͤchte der Thaten ſich zu ſichern, uͤber welche bloß ein gluͤcklicher Ausgang, jener falſche Probier⸗ ſtein des Schlechten und des Guten, ihnen die Reue erſparen zu koͤnnen ſchien. Man verhaͤngte noch uͤber einige von der mißhandelten Partei foͤrmliche Gerichte, und es wurden Juſtizmorde daraus; man brandmarkte das Andenken des Admirals durch ein gericht⸗ liches Urtheil uͤber ihn als Verraͤther und Koͤnigsmoͤrder, und ließ es unter den ſchimpflichſten Gebraͤuchen in den Haupt⸗ ſtaͤdten des Reichs erequiren. Sein Wappen wurde durch den Henker zerſchlagen, ſeine Kinder ihres Vermoͤgens und aller Hoffnung zu Bedienungen verluſtig erklaͤrt; ſein Schloß zum oͤden Denkmal ſeiner Schande der Zerſtoͤrung uͤbergeben. Man eilte, in ganz Frankreich durch Mordbefehle die Hugenotten, als Mitſchuldige jener Verbrechen, zu verfolgen. Aber nichts hinderte die entgegengeſetzten, aus dem Begangenen ſich ent⸗ wickelnden Wirkungen. Was das Parlament zu Paris, in welchem der Praͤſident de Thou den Koͤnig als Anklaͤger der Ermordeten mit halb erſticktem Seufzen anhoͤrte, in der Naͤhe des Thrones nicht wagte, das thaten einige brave Statthalter der Provinzen. Einer— der Graf von Orthe, Befehlshaber zu Bayonne— ſchrieb dem Koͤnig auf ſeine Mordbefehle zu: „daß er die Seinigen als gute Buͤrger und als brave Soldaten, 19²2 aber keinen einzigen Henker unter ihnen gefunden habe.“ An⸗ dere— die Geſchichte nennt unter ihnen auch einen Biſchof — ließen die Befehle nicht zur Vollziehung kommen. Der ſchnelle Tod von einigen dieſer Vertheidiger der Unſchuld ließ auf Vergiftung argwohnen. Dennoch blieben, beſonders in Dauphins, Provence, Bourgogne und Auvergne die Proteſtanten geſchont. Manche der Vornehmſten waren nicht in Paris geweſen, andere doch dem Blutbade entflohen. Viele ſuchten im Ausland Huͤlfe, wo, vorzüglich unter den biedern Deutſchen, Katholiken ſowohl als Proteſtanten, der Abſcheu gegen ihre Verfolger den Muth, ſie zur Rache zu unterſtuͤtzen, anfachte, bei andern wenigſtens das Mitleiden, ihrer zu ſchonen, naͤhrte. Den in Frankreich Zuruͤckgebliebenen gaben bald einige uͤber die Katholiken erhaltene Vortheile neue Hoffnung. Die aufs hoͤchſte geſtiegene Gefahr vervielfaͤltigt die Kraͤfte, ſobald nur die erſte Beſtuͤrzung voruͤber iſt. Zu fruͤhe feierten zu Rom die Diener des heiligen Stuhls ſeinen Sieg uͤber die franzoͤſiſchen Ketzer durch alles weltliche und geiſtliche Freudengetuͤmmel, durch Meſſen und Kanonen⸗ donner. Zu leichtſinnig glaubte man am Hofe zu Paris das Andenken an die vertilgten Hugenotten doch noch durch ein jaͤhrliches Feſt uͤber ihren Untergang verewigen zu muͤſſen. Mit blutiger Rache brachten ſie ſich bald ſelbſt wieder in Erinnerung. Siebenzigtauſend Calviniſten waren, nach Sully, in acht Mord⸗ tagen, in Frankreich gefallen. Aber wen eine ſolche Verkettung des Verderbens nicht zu Grunde gerichtet hat, der haͤlt ſich bald fuͤr unuͤberwindlicher, als er iſt! Halb Furcht, halb neue Liſt dictirte dem Koͤnig ſchon am 28 October einen Befehl, der ihnen uͤberall Schutz und die Ruͤckgabe ihrer Guͤter zuſagte. Argliſt und Klugheit, welch' ein ungleiches Schweſternpaar! Indem dieſe dem erlaubten Zweck auf Pfaden ſich naͤhert, die 193 von der Rechtſchaffenheit geſichert werden, kruͤmmt ſich jene auf taͤuſchenden Irrwegen zu Zielen fort, welche ſie nie, oder nur zu eigener Schande erreicht. Das Schwanken des Hofs von Grauſamkeit zur Nachſicht, was konnte dieß anders, als gegen fortdauernde Hofcabalen den Blick des Argwohns ſchaͤrfen, und die Schwaͤche der koͤniglichen Partei noch ſichtbarer bloßſtellen? Denn Parkei hatte nun der Koͤnig genommen. Das ganze maͤchtige Uebergewicht, welches die Erhabenheit des Throns gibt, iſt verloren, wenn der Fuͤrſt, vom Ungeſtuͤm des Partei⸗ geiſtes verfuͤhrt, ſelbſt in eine Faction wider die andere ſich herabziehen laͤßt. So lange er auf dem Throne ſteht, gebietet ſein Anſehen Ehrfurcht auf beiden Seiten. Iſt er ſelbſt auf eine Seite getreten, ſo ſieht die gedruͤckte Partei den Sitz der gemeinſchaftlichen Gerechtigkeit leer. Alles, was gegen ſie ge⸗ ſchieht, iſt nun Verfolgung und wird nicht mehr von jenem geheimen Eindruck begleitet, welcher ſonſt bewirkt, daß Strafen des Staats, vom Vollſtrecker der Geſetze auferlegt, nicht reizen, ſondern baͤndigen. Indem ſich die Proteſtanten unter den Beguͤnſtigungen der Inconſequenz, welche den Deſpotismus in keinem Zeitalter ver⸗ laͤßt, in ihre feſtern Schutzplaͤtze wieder ſammelten, ſahen ſie ihre Partei unerwartet von einer neuen unterſtuͤtzt, welche dem Hof weit furchtbarer ſeyn mußte. Sie war mitten in des Feindes Gebiet, am Hofe ſelbſt. Mitgefuͤhl des Unrechts ſchafft dem Unterdruͤckten unverhoffte Freunde. Nicht wenige von den vornehmſten Katholiken wurden gegen die Hugenotten geneigter, je unwiderſtehlicher die hinterliſtige Behandlung das Gefuͤhl der Biederkeit in ihnen beleidigte. Selbſt bei Karls drittem Bruder, dem Herzog von Alencon, war das Gefuͤhl der Geiſtesuͤberlegenheit des mißhandelten Admirals unaus⸗ loͤſchlich. Schillers ſaͤmmtl, Werke. XI. 194 Noch Mehrere, die, gegen allen Religionsunterſchied hoͤchſt gleichgultig zu ſeyn, durch Stand und Geburt ſich gleichſam fuͤr berechtigt hielten, lernten, was die Intrigue Katharina's, mit Karls Ungeſtuͤm gepaart, unfehlbar gegen Jeden, der ihr im Wege ſtehe, ſich erlauben koͤnne. Wer haͤtte auch die maͤchtigen Montmorency bereden koͤnnen, daß ihnen das Schick⸗ ſal ihrer Verwandten, der Coligny, weniger drohe, weil ſie we⸗ nigſtens mit dem Hofe einerlei Glaubensbekenntniß haͤtten? Sie ſahen zu deutlich, daß ſie die Eiferſucht der Koͤnigin Mutter auf jede ihr ſich naͤhernde Gegenmacht gemeinſchaftlich mit den Ermordeten gegen ſich hatten. Alles uͤberdieß, was aus irgend einer Urſache mit der herr⸗ ſchenden Hofpartei mißvergnuͤgt war, vor ihr ſich zu fuͤrchten, oder von ihr etwas zu ertrotzen hatte, war wenigſtens, ſo lange es Jedem zweckmaͤßig ſchien, nicht geneigt, in den Hugenotten die Feinde des Hofs voͤllig unterdruͤcken zu laſſen. Kein Wunder, daß die ganze innere Schwaͤche der koͤnig⸗ lichen Partei, ſobald es zu einer Kriegsunternehmung kam, gegen die unerwartete innere Staͤrke des kleinen Haufens der Proteſtanten in einem beſchaͤmenden Contraſt erſchien. Die feſte Seeſtadt Rochelle hielt man fuͤr die letzte Schutzwehr der Proteſtanten. Das Beſte war, daß dieſe von dem Orte eben ſo dachten. Sie vertheidigten ihn, wie man um ein Palladium kaͤmpft, da Katharina ihren Lieblingsſohn mit einem furcht⸗ baren Heere unter Birons Anfuͤhrung abſchickte, um hier am Ocean, auf den Nuinen des franzoͤſiſchen Proteſtantismus, ihrem, in der Bartholomaͤusnacht begonnenen tragiſchen Werke die Krone aufzuſeten. Die Stadt wurde nur von 1500 Solda⸗ ten und 2 0 bewaffneten Bürgern vertheidigt. Aber Alle, ſelbſt Kinder und Weiber, vurden Krieger. Hoͤchſt unbedeutend war eine Huͤlfe, die Montgommery aus England den Belagerten zufuͤhrte; aber ſie fanden genug in ſich ſelbſt. Fuͤnf Monate fochten ſie, und nicht bloß fuͤr ſich; denn ihnen allein ſchmei⸗ chelte man, Gewiſſensfreiheit und buͤrgerliche Sicherheit gerne zu accordiren. Sie hoͤrten aber von nichts, ſo lange ihre Glaubensgenoſſen nicht mit in den Genuß der Fruͤchte ihrer Tapferkeit eingeſchloſſen ſeyn wuͤrden. Unter den vielen Seltenheiten einer ſolchen Kriegsunter⸗ nehmung war die ſonderbarſte der Anfuͤhrer der Rocheller. Er war ihnen vom Koͤnig ſelbſt gegeben. De la Noue, ein Calvi⸗ niſt, welcher kurz vor der Ermordung des Admirals den Krieg nach den Niederlanden zu ſpielen, den erſten, aber ungluͤcklichen Verſuch gemacht hatte, ward vom Koͤnige genoͤthigt, zu den Rochellern uͤberzugehen, um ihr Vertrauen ganz zu gewinnen und ſie zur Uebergabe zu uͤberreden. Sie wußten dieß, und dennoch nahmen ſie ihn mit der Bedingung auf, ihr Anfuͤhrer zu werden. Er erfuͤllte dieſe kriegeriſchen Pflichten gegen ſeine Partei ſo genau, als die patriotiſche gegen das Vaterland, an⸗ gelegentlichſt Frieden zu rathen, ſo oft er die Rocheller von einem gluͤcklichen Ausfall zuruͤckfuͤhrte. Nur als Friedensſtifter gehorchten ſie ihm nicht. Aber eine ſeltene Ehre bleibt es fuͤr die Proteſtanten, einen Mann beſeſſen zu haben, welcher zwi⸗ ſchen einem ſchmeichelnden Hof und einer unruhigen Religions⸗ partei ſo feſt in der Mitte ſtand, daß beide ihn achten mußten, weil kein Theil von der Befolgung ſeiner Ueberzeugung ihn ab⸗ zubringen vermochte.. Der groͤßte Vortheil fuͤr die Belagerten war, daß man die Macht, welche man gegen ſie aufbot, nach der Zahl und nicht nach der Tangliehkeit gewaͤhlt hatte. Waͤhrend man Alles zum Heere zuſammentrieb, was der Hof auch von falſchen Freun⸗ den und von Schwaͤchlingen irgend in Bewegung ſetzen konnte, hatte man nur ſo langſam herbeiruͤcken koͤnnen, daß ſie indeß 196 den moͤglichſten Vorrath aller Art in ihre Mauern brachten. Dagegen war die Menge der Unnuͤtzen im Lager gegen die Belagerer ſelbſt der groͤßte Feind, und ihr ſcheinbares Ober⸗ haupt, der gehaßte Herzog von Anjou, die Urſache zur Fort⸗ dauer ihres vergeblichen Kampfs. Wie in ſeinem ganzen Leben, ſo quaͤlte ihn auch hier die blinde Ehrſucht, nichts, was er angefangen hatte, aufgeben zu wollen. Dennoch befeuerte ihn eben dieſe Leidenſchaft nicht, fuͤr ſeinen Zweck auch mit moͤg⸗ lichſter Thaͤtigkeit alle Mittel zu vereinigen. Das Heer wurde ihm ganz aͤhnlich. Viele Wagſtuͤcke ohne Plan, und Unordnung hatten ſeine Reihen ſchon ſehr duͤnne gemacht. Krankheiten wirkten in einem ſo langwierigen Standlager noch mehr. Und, damit kein Uebel vorbeiginge, ohne den Samen eines neuen in ſich zu erzeugen, gerade die Vereinigung aller Mißvergnuͤgten in dieſem Heerzug gab jedem Unruhigen volle Gelegenheit, unter Seinesgleichen Partei zu machen oder zu nehmen. Noch war es vielleicht bloß die unregelmaͤßige jugendliche Ungeduld, vor der Zeit ſich bedeutend zu machen, was den juͤngeren Bruder des Herzogs von Anjou, den Herzog von Alencon ſelbſt, zu ra⸗ ſchen, aber folgeloſen Planen gegen den Hof verleitete. Aber ſchlimm genug, wenn jene Sucht, den Mißvergnuͤgten zu ſpie⸗ len, ſo fruͤhe geweckt iſt. Ein zwecklos entzuͤndeter Ehrgeiz hoͤrt nie auf, Alles in Unruhe zu ſetzen, waͤre es auch nur, um ſich und Andern zu verbergen, daß er nichts zu erreichen habe. Kaum hatte dem Herzog von Anjou ſeine Wahl zum Koͤnig von Polen den ſcheinbaren Vorwand gegeben, von den Rochellern durch einen Vertrag(vom 6 Julius 1573) ſich loszuwickeln; kaum hatte ihn Katharina mit einem bedeutungsvollen Blick auf den ſchon hinwelkenden Konig Karl aus ihren Armen in jenes Koͤnigreich abreiſen laſſen, welches ſeit Jahrhunderten durch ſich ſelbſt zum Spiel der Auslaͤnder gemacht wird; kaum 197 ſchien, durch die ſchauervolle Eroberung der kleinen proteſtanti⸗ ſchen Veſte Sancerre, welche mit Rochelle durch Tapferkeit, aber nicht durch aͤußere Beguͤnſtigung des Gluͤcks wetteifern konnte, der letzte Kampfplatz der ſtreitenden Parteien zernichtet zu ſeyn, ſo trat das Ungeheuer innerlicher Unruhen in verdoppelter Ge⸗ ſtalt nicht bloß in den Provinzen, ſondern auch am Hofe und ſogar in der Familie des Koͤnigs ſelbſt auf. Mit Karln ſollte es furchtbar enden. Seit er ſich unter den Mordſcenen der Bartholomaͤusnacht außer ſich ſelbſt ver⸗ loren hatte, war er nie wieder, was er ſeyn konnte. Wie er nicht die Standhaftigkeit gehabt hatte, ſich von jener Herab⸗ wuͤrdigung des Menſchen und des Fuͤrſten in ihm zuruͤckzu⸗ halten, ſo war er jetzt nach vollbrachter That weder leichtſinnig noch gewiſſenlos genug, der innern Nuͤge derſelben unter irgend einem ſchluͤpfrigen Vorwand zu entſliehen, oder mit der eiſer⸗ nen Stirn der Schamloſigkeit zu trotzen. Der Aberglaube ſeiner Zeit, welchem er ſo viele Opfer gebracht hatte, war ſelbſt ſeine Strafe. Wo er einſam war, glaubte er ſich von den Manen der Erſchlagenen verfolgt. Blutende Geſtalten machten ſeine Naͤchte ſchlaflos, ſeine Ruhe ihm zur Hoͤlle. Er warf ſich mit ſeinem gewoͤhnlichen Ungeſtuͤm in wilde Zerſtreuungen, aber die Ermattung uͤberlieferte ihn wieder den Peinigungen ſeiner zer⸗ ruͤtteten Seele. Er verſuchte es, durch neue Grauſamkeiten ſich ſelbſt abzuſtumpfen; aber er war zu jung und wirklich von der Natur zu gutartig gebildet, als daß er jenen abſcheulichen Troſt abgehaͤrteter Frevler zu ereilen vermocht haͤtte. Katharina wußte ſich dagegen zu bereden, daß ſie nur etwa vier bis ſechs von den Ermordungen der Bartholomaͤusnacht auf dem Ge⸗ wiſſen habe. So viele hatte ſie ſelbſt namentlich gefordert. Und von dieſen hatte ſie leicht ſich zu abſolviren, wenn etwa 198 ihr Beichtvater, wie Naudé,*) fuͤr den ganzen Frevel den feinen hoͤfiſchen Namen eines„Staatsſtreichs“ erfinden oder ahnen konnte. In Karln hingegen konnten nur, wenn er einen Blick um ſich her warf, ſeine innern Qualen verſtummen; ſie wurden dann zuruͤckgeſchreckt durch Beſorgniſſe der gegenwaͤrtigſten Ge⸗ fahren, welche ihn zunaͤchſt umſchloſſen. Er kannte ſeinen naͤch⸗ ſten Bruder. Die Geſchichte kennt ihn als Heinrich III, und genug mag es hier zur Schilderung von ihm ſeyn, wenn man ſich erinnert, daß die Stifterin der Bluthochzeit ihn ihren uͤbrigen Soͤhnen auffallend vorzog. Eben dieſe ſeine Mutter kannte Karl auch. Sie hatte ihn an den Abgrund gefuͤhrt, an welchem ſeine Schwermuth jetzt ſchauderte. Von ihr mußte er ſich weiter, wohin es ihr gefiel, treiben laſſen. Oder wußte er nicht, wie oft ſchon wenigſtens der Verdacht, auch im Gift⸗ miſchen eine Italienerin zu ſeyn, ſelbſt bei dem Tode von Perſonen aus der koͤniglichen Familie auf ſie gefollen war? Er ſelbſt war ſo oft das Werkzeug ihrer uͤber Mittel nie ver⸗ legenen Herrſchſucht geweſen, daß er vor ſeiner eigenen Mut⸗ ter zittern mußte, wenn er einmal ihren Winken ſich zu wider⸗ ſetzen die Laune gehabt hatte, und den Herzog von Anjou in ihren Armen ſah. Das Schickſal ſchien ſich ſeiner zu erbarmen, da der Herzog (1573) als Koͤnig nach Polen abging. Hoͤchſt wahrſcheinlich buͤrdet man ſelbſt der Koͤnigin Mutter dießmal zu viel auf, wenn Manche glauben, daß ſie ihren zweiten Sohn nicht von ſich gelaſſen habe, ehe ſie ſich von dem baldigen Tode des erſten *) Gabr. Naudé in ſeinen Considérations politiques sur les Coups dEiat, Ch. III. bedauert nur, daß dieſer Staatsſtreich bloß halb ausgefuͤhrt worden ſen. Sehr conſequent! 199 gewiß gemacht hatte. Es iſt wahr, Karl kraͤnkelte ſchon ſicht⸗ bar. Aber der unbaͤndige Juͤngling auf dem Throne hatte ge⸗ gen ſich ſelbſt ſo viel gethan, um durch die geheimern Gifte der Natur ſich zu zerſtoͤren, daß es kaum noch noͤthig iſt, den ver⸗ zehrenden Kummer ſeiner letzten Jahre zur Erklaͤrung ſeines Hinwelkens vor dem 25ſten Lebensjahre hinzuzudenken. Sein Anblick konnte der Mutter Buͤrge dafuͤr ſeyn, daß ſie ihren Heinrich nach Polen ſicher mit den bedeutſamen Worten ent⸗ laſſen:„Geh, mein Sohn; lange wirſt du nicht weg ſeyn.“ Nur Karls Zuſtand war auch durch dieſe Erleichterung um nichts gebeſſert. Je truͤber jeden Tag ſeine Kraͤnklichkeit ihm ohnehin die Ausſicht in die Zukunft malte, je verſchloſſener er ſelbſt gegen alle Theilnahme ward, deſto mehr haͤuften ſich in der Wirklichkeit die Urſachen zum ſchnellſten Wechſel zwiſchen Ungeſtuͤm und Niedergeſchlagenheit. Für die Abweſenheit ihres zweiten Sohns ſchien ſich Ka⸗ tharina um ſo ausſchließender durch Erfuͤllung ihrer Herr⸗ ſucht entſchaͤdigen zu wollen. War Karl oft auch gegen ſie ungebaͤrdig und wild, ſo haͤufte ſie dafuͤr alle Beaͤngſtigungen fuͤr ihn aus der wahren oder erdichteten Lage der Dinge, durch die ſorgfaͤltigſte Entwicklung der ſchlimmſten Moͤglich⸗ keiten, damit er ihr, als Retterin, nach ſeinem Scepter zu greifen, deſto geduldiger geſtattete. Er hatte nur noch Kraft genug, ſich überall mit ihren Raͤnken umgeben zu ſehen und den Haß zu fuͤhlen, welchen ſie auch jetzt noch immer durch angelegte Meuchelmorde, durch gebrochene Zuſage, durch Ver⸗ wirrung Aller mit Allen, ſeinem Namen zuzog, der ihre Hand⸗ lungen auf alle Faͤlle decken mußte. In ſeinem dritten Bruder gaͤhrte die vor Rochelle ſchon ge⸗ zeigte Sucht, ſich auf irgend eine Weiſe geltend zu machen, immer aufs neue. Er vertrieb ſich eine gute Zeit uͤber bloß 200 die Langweile mit Abwechſelung im Anlegen und im Verrathen ſeiner Plane zu einer Flucht vom Hofe. Er ſchien entlaufen zu wollen, damit Andere ſeine Wichtigkeit nach dem Beſtreben ſchaͤtzen lernen moͤchten, ihn wieder aufzufinden und zuruͤckzu⸗ bringen. Aber hinter dieſe leidenſchaftlichen Unbeſonnenheiten der Jugend verſteckten andere erfahrnere Unruheſtifter ihre Ent⸗ wuͤrfe. Unter dem ſchuͤtzenden Namen der Prinzen bildete ſich wieder am Hofe ſelbſt eine Partei der Mißvergnuͤgten, die ſich zum Unterſchiede von der religioͤſen Partei der Proteſtanten die Politiker nannten. In einem weſentlichern Sinne verdienten ſie dieſe Benennung nie. Ihre Politik nutzte Niemand als ihren Gegnern. So lange die Proteſtanten ſich an ſie anſchloſ⸗ ſen, hatte Katharina gegen beide weit leichteres Spiel, wie ſonſt. Waͤre nicht das Intereſſe des Herzogs von Alengon ſo gewiß den Abſichten ſeines zweiten Sruders auf den Thron von Frank⸗ reich und alſo auch der Koͤnigin Mutter entgegen geweſen, ſo wuͤrde die Vermuthung Wahrſcheinlichkeit gewinnen, daß der Herzog mehr der Spion ſeiner Mutter unter den Unzufriedenen, als ſelbſt ihr Gegner geweſen ſey; ſo unbegreillich leichtſinnig uͤberlieferte er Alle, welche mit ihm complotirt hatten, durch die willkuͤrlichſten Entdeckungen, der Rache dieſer Frau, welche jetzt aufs neue die Regentſchaft uͤber Karln und uͤber Frankreich in Haͤnden hatte. Wollte ſie dieſen ihren eben ſo unfolgſamen als ungluͤcklichen Muͤndel zittern machen, ſo wußte ſie ihm die Verſchwoͤrungen des Herzogs ſo furchtbar vorzuſtellen, daß der ganze Hof in Nachtkleidern nach Paris entrinnen, und der kranke Karl um Mitternacht vor ſeinem dritten Bruder fluͤchten zu muͤſſen glaubte.„Haͤtten ſie doch wenigſtens warten koͤnnen, bis ich todt bin!“ ſeufzte der von innen und außen umgetriebene lebensſatte Juͤngling. Noch aber erlebte er, daß ſein Heer gegen ſeinen geliebten 201 Bruder zu fechten auszog, nachdem dieſer endlich doch mit dem in der Hofſklaverei lange mißhandelten Koͤnig von Navarra und dem Prinzen von Condèé entflohen war. Er erlebte die Unmoͤglichkeit, ſein Scepter andern Haͤnden als ſeiner Mutter— und alſo gerade ſeinem mit ſo viel Kunſt und Luſt ins ferne Polen befoͤrderten Bruder— hinzugeben. Er erlebte ein neues Auftreten der Proteſtanten im offenen Felde, und ſah in ihrer Vereinigung mit allen andern Miß⸗ vergnuͤgten des Reichs den Beweis, daß die Zwietracht kuͤnftig durch religioͤſe und buͤrgerliche Unzufriedenheit, wie aus doppel⸗ ten Rachen, Flammen uͤber Frankreich ausſpeien werde, und daß Alles, womit ihn ſein Gewiſſen ſeit der Bartholomaͤus⸗ nacht folterte, eben ſo fruchtlos als abſcheulich geweſen war. Kurz, er erlebte ſo viel, daß es ihm noch Troſt war, nicht Vater eines Sohns zu ſeyn, welcher die Laſt der Krone von ihm zu erben haͤtte.*) *) Anmerkung des Herausgebers. Eine Fortſetzung dieſer Geſchichte, die Schiller ſelbſt wegen ſeiner damaligen Krankheit nicht beendigte, hat Hr. Profeſſor Paulus im 9ten Band der 4 4ten Ab⸗ theilung der hiſtoriſchen Memoires gelieſert, nachdem er die fernere Herausgabe dieſer Sammlung zum Theil uͤbernommen hatte. Herzog von Alba bei einem Frühſtück auf dem Schloſſe zu Undolſtadt, im Jahre 1547.*) Indem ich eine alte Chronik vom ſechzehnten Jahrhundert durchblaͤttere(Res in Ecclesia et Politica Christiana gestae ab anno 1500 ad an. 1600. Aut. J. Soeffing, Th. D. Rudolst. 1676), finde ich nachſtehende Anekdote, die aus mehr als Einer Urſache es verdient, der Vergeſſenheit entriſſen zu werden. In einer Schrift, die den Titel fuͤhrt: Mausolea manibus Metzelii posita a. Fr. Melch. Dedekindo 1738, finde ich ſie beſtaͤtigt; auch kann man ſie in Spangenbergs Adelſpiegel Th. I. B. 13, S. 445 nachſchlagen. Eine deutſche Dame aus einem Hauſe, das ſchon ehedem durch Heldenmuth geglaͤnzt und dem deutſchen Reich einen Kai⸗ ſer gegeben hat, war es, die den fuͤrchterlichen Herzog von Alba durch ihr entſchloſſenes Betragen beinahe zum Zittern gebracht haͤtte. Als Kaiſer Karl V im Jahr 1547 nach der Schlacht bei Muͤhlberg auf ſeinem Zuge nach Franken und Schwaben auch durch Thuͤringen kam, wirkte die verwittwete Graͤfin Ka⸗ tharina von Schwarzburg, eine geborne Fuͤrſtin von Henne⸗ *) Anmerkung des Herausgebers. Im deutſchen Mercur vom Jahr 1788 findet ſich dieſer Aufſatz⸗ 203 berg einen Sauve⸗Garde⸗Brief bei ihm aus, daß ihre unter⸗ thanen von der durchziehenden ſpaniſchen Armee nichts zu leiden haben ſollten. Dagegen verband ſie ſich, Brod, Bier und andere Lebensmittel gegen billige Bezahlung aus Rudolſtadt an die Saalbruͤcke ſchaffen zu laſſen, um die ſpaniſchen Truppen, die dort uͤberſetzen wuͤrden, zu verſorgen. Doch gebrauchte ſie dabei die Vorſicht, die Bruͤge, welche dicht bei der Stadt war, in der Geſchwindigkeit abbrechen, und in einer groͤßern Ent⸗ fernung uͤber das Waſſer ſchlagen zu laſſen, damit die allzu⸗ große Naͤhe der Stadt ihre raubluſtigen Gaͤſte nicht in Ver⸗ ſuchung fuͤhrte. Zugleich wurde den Einwohnern aller Ort⸗ ſchaften, durch welche der Zug ging, vergoͤnnt, ihre beſten Hab⸗ ſeligkeiten auf das Rudolſtaͤdter Schloß zu fluͤchten. Mittlerweile naͤherte ſich der ſpaniſche General, vom Herzog Heinrich von Braunſchweig und deſſen Soͤhnen begleitet, der Stadt, und bat ſich durch einen Boten, den er voranſchickte, bei der Graͤfin von Schwarzburg auf ein Morgenbrod zu Gaſte. Eine ſo beſcheidene Bitte, an der Spitze eines Kriegsheers ge⸗ than, konnte nicht wohl abgeſchlagen werden. Man wuͤrde ge⸗ ben, was das Haus vermoͤchte, war die Antwort; ſeine Er⸗ cellenz moͤchten kommen und vorlieb nehmen. Zugleich unter⸗ ließ man nicht, der Sauve⸗Garde noch einmal zu gedenken und dem ſpaniſchen General die gewiſſenhafte Beobachtung derſelben ans Herz zu legen. Ein freundlicher Empfang und eine gut beſetzte Tafel er⸗ warten den Herzog auf dem Schloſſe. Er muß geſtehen, daß die thuͤringiſchen Damen eine ſehr gute Kuͤche fuͤhren und auf die Ehre des Gaſtrechts halten. Noch hat man ſich kaum nie⸗ dergeſetzt, als ein Eilbote die Graͤfin aus dem Saale ruft. Es 204 wird ihr gemeldet, daß in einigen Doͤrfern unterwegs die ſpa⸗ niſchen Soldaten Gewalt gebraucht, und den Bauern das Vieh weggetrieben haͤtten. Katharina war eine Mutter ihres Volks; was dem Aermſten ihrer Unterthanen widerfuhr, war ihr ſelbſt zugeſtoßen. Aufs Aeußerſte uͤber dieſe Wortbruͤchigkeit ent⸗ ruͤſtet, doch von ihrer Geiſtesgegenwart nicht verlaſſen, befiehlt ſie ihrer ganzen Dienerſchaft, ſich in aller Geſchwindigkeit und Stille zu bewaffnen und die Schloßpforten wohl zu verriegeln; ſie ſelbſt begibt ſich wieder nach dem Saale, wo die Fuͤrſten noch bei Tiſche ſitzen. Hier klagt ſie ihnen in den beweglichſten Aus⸗ druͤcken, was ihr eben hinterbracht worden, und wie ſchlecht man das gegebene Kaiſerwort gehalten. Man erwiederte ihr mit Lachen, daß dieß nun einmal Kriegsgebrauch ſey, und daß bei einem Durchmarſch von Soldaten dergleichen kleine Unfaͤlle nicht zu verhuͤten ſtunden.„Das wollen wir doch ſehen,“ ant⸗ wortete ſie aufgebracht.„Meinen armen Unterthanen muß das Ihrige wieder werden, oder, bei Gott!“— indem ſie drohend ihre Stimme anſtrengte,„Fuͤrſtenblut fuͤr Ochſenblut!“ Mit dieſer buͤndigen Erklaͤrung verließ ſie das Zimmer, das in wenigen Augenblicken von Bewaffneten erfuͤllt war, die ſich, das Schwert in der Hand, doch mit vieler Ehrerbietigkeit, hinter die Stuͤhle der Fuͤrſten pflanzten und das Fruͤhſtuͤck bedienten. Beim Eintritt dieſer kampfluſtigen Schaar veraͤnderte Herzog Alba die Farbe; ſtumm und betreten ſah man einander an. Abgeſchnitten von der Armee, von einer uͤberlegenen handfeſten Menge umgeben, was blieb ihm uͤbrig, als ſich in Geduld zu faſſen, und auf welche Bedingung es auch ſey, die beleidigte Dame zu verſoͤhnen. Heinrich von Braunſchweig faßte ſich zuerſt und brach in ein lautes Gelaͤchter aus. Er ergriff den ver⸗ nuͤnftigen Ausweg, den ganzen Vorgang ins Luſtige zu 20⁵ kehren, und hielt der Graͤfin eine Lobrede uͤber ihre landes⸗ mutterliche Sorgfalt und den entſchloſſenen Muth, den ſie be⸗ wieſen. Er bat ſie, ſich ruhig zu verhalten, und nahm es auf ſich, den Herzog von Alba zu Allem, was billig ſey, zu ver⸗ moͤgen. Auch brachte er es bei dem Letztern wirklich dahin, daß er auf der Stelle einen Befehl an die Armee ausfertigte, das geraubte Vieh den Eigenthuͤmern ohne Verzug wieder aus⸗ zuliefern. Sobald die Graͤfin von Schwarzburg der Zuruͤckgabe gewiß war, bedankte ſie ſich aufs ſchoͤnſte bei ihren Gaͤſten, die ſehr hoͤflich von ihr Abſchied nahmen. Ohne Zweifel war es dieſe Begebenheit, die der Graͤfin Katharina von Schwarzburg den Beinamen der Heldenmuͤthigen erworben. Man ruͤhmt noch ihre ſtandhafte Thaͤtigkeit, die Reformation in ihrem Lande zu befoͤrdern, die ſchon durch ihren Gemahl, Graf Heinrich XXXVII, darin eingefuͤhrt worden, das Moͤnchsweſen abzuſchaffen und den Schulunterricht zu ver⸗ beſſern. Vielen proteſtantiſchen Predigern, die um der Re⸗ ligion willen Verfolgungen auszuſtehen hatten, ließ ſie Schutz und Unterſtuͤtzung angedeihen. Unter dieſen war ein gewiſſer Caſpar Aquila, Pfarrer zu Saalfeld, der in juͤngern Jahren der Armee des Kaiſers als Feldprediger nach den Niederlanden gefolgt war, und, weil er ſich dort geweigert hatte, eine Ka⸗ nonenkugel zu taufen, von den ausgelaſſenen Soldaten in einen Feuermoͤrſer geladen wurde, um in die Luft geſchoſſen zu wer⸗ den; ein Schickſal, dem er noch gluͤcklich entkam, weil das Pul⸗ ver nicht zuͤnden wollte. Jetzt war er zum zweiten Male in Lebensgefahr, und ein Preis von 5000 Gulden ſtand auf ſeinem Kopfe, weil der Kaiſer auf ihn zuͤrnte, deſſen Interim er auf der Kanzel ſchmaͤhlich angegriffen hatte. Katharina ließ ihn, auf die Bitte der Saalfelder, heimlich zu ſich auf ihr Schloß bringen, wo ſie ihn viele Monate verborgen hielt und mit der 206 edelſten Menſchenliebe ſeiner pflegte, bis er ſich ohne Gefahr wieder ſehen laſſen durfte. Sie ſtarb allgemein verehrt und betrauert im acht und fuͤnfzigſten Jahre ihres Lebens und im neun und zwanzigſten ihrer Regierung. Die Kirche zu Rudol⸗ ſtadt bewahrt ihre Gebeine. Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Marſchalls Vieilleville. In den Geſchichtbuͤchern, welche die merkwuͤrdigen Zeiten Franz 1, Heinrich II und ſeiner drei Soͤhne beſchreiben, liest man nur ſelten den Namen des Marſchalls von Vieilleville. Dennoch hatte er einen ſehr nahen Antheil an den groͤßten Verhandlungen, und ihm gebuͤhrt ein ehrenvoller Platz neben den großen Staatsmaͤnnern und Kriegsbefehlshabern jener Zeiten. unter allen gleichzeitigen Geſchichtſchreibern laͤßt ihm der einzige Brantome Gerechtigkeit widerfahren, und ſein Zeugniß hat um ſo mehr Gewicht, da Beide nach dem naͤmlichen Ziele liefen und ſich zu verſchiedenen Parteien bekannten. Vieilleville gehoͤrte nicht zu den maͤchtigen Naturen, die durch die Gewalt ihres Genie's oder ihrer Leidenſchaft große Hinderniſſe brechen, und durch einzelne hervorragende Unter⸗ nehmungen, die in das Ganze greifen, die Geſchichte zwingen, von ihnen zu reden. Verdienſte, wie die ſeinigen, beſtehen eben darin, daß ſie das Aufſehen vermeiden, das jene ſuchen, und ſich mehr um den Frieden mit Allen bewerben, als die Bewunderung und den Neid zu erwecken ſuchen. Vieilleville war ein Hofmann in der hoͤchſten und wuͤrdigen Bedeutung dieſes Worts, wo es eine der ſchwerſten und ruͤhmlichſten Rollen auf dieſer Welt bezeichnet. Er war dem Throne, ob 208 er gleich die Perſonen dreimal auf demſelbigen wechſeln ſah, ohne Wanken mit gleicher Beharrlichkeit ergeben, und wußte den⸗ ſelben ſo innig mit der Perſon des Fuͤrſten zu vermengen, daß ſeine pflichtmaͤßige Ergebenheit gegen den jedesmaligen Thron⸗ beſitzer alle Waͤrme einer perſoͤnlichen Neigung zeigte. Das ſchoͤne Bild des alten franzoͤſiſchen Adels und Ritterthums lebt wieder in ihm auf, und er ſtellt uns den Stand, zu dem er gehoͤrt, ſo wuͤrdig dar, daß er uns augenblicklich mit den Mißbraͤuchen desſelben ausſoͤhnen koͤnnte. Er war edelmuͤthig, praͤchtig, uneigennuͤtzig bis zum Vergeſſen ſeiner ſelbſt, ver⸗ bindlich gegen alle Menſchen, voll Ehrliebe, ſeinem Worte treu, in ſeinen Neigungen beſtaͤndig, fuͤr ſeine Freunde thaͤtig, edel gegen ſeine Feinde, heldenmaͤsig tapfer, bis zur Strenge ein Freund der Ordnung, und bei aller Liberalitaͤt der Geſin⸗ nung furchtbar und unerbittlich gegen die Feinde des Geſetzes. Er verſtand in hohem Grade die Kunſt, ſich mit den entgegen⸗ geſetzten Charakteren zu vertragen, ohne dabei ſeinen eigenen Charakter aufzuopfern, dem Ehrſuͤchtigen zu gefallen, ohne ihm blind zu huldigen, dem Eiteln angenehm zu ſeyn, ohne ihm zu ſchmeicheln. Nie brauchte er, wie der herz⸗ und willenloſe Hoͤfling, ſeine perſoͤnliche Wuͤrde wegzuwerfen, um der Freund ſeines Fuͤrſten zu ſeyn, aber mit ſtarker Seele und ruͤhmlicher Selbſtverlaͤugnung konnte er ſeine Wuͤnſche den Verhaͤltniſſen unterwerfen. Dadurch und durch eine nie verlaͤugnete Klugheit gelang es ihm, zu einer Zeit, in der alles Partei war, parteilos zu ſtehen, ohne ſeinen Wirkungskreis zu verlieren, und im Zuſammenſtoß ſo vieler Intereſſen der Freund von Allen zu bleiben; gelang es ihm, einen dreifachen Thronwechſel ohne Erſchuͤtterung ſeines eigenen Glucks auszuhalten, und die Fuͤrſtengunſ, mit der er angefangen hatte, auch mit ins Grab zu nehmen. Denn es verdient bemerkt zu werden, daß er in 209 dem Augenblicke ſtarb, wo ihn Katharina von Medieis mit ihrem Hofſtaat auf ſeinem Schloſſe zu Dureſtal beſuchte, und er auf dieſe Art ein Leben, das ſechzig Jahre dem Dienſte des Souveraͤns gewidmet geweſen war, noch gleichſam in den Armen desſelben beſchließen durfte. Aber eben dieſer Charakter erklaͤrt uns auch das Still⸗ ſchweigen uͤber ihn auf eine ſehr natuͤrliche Weiſe. Alle dieſe Geſchichtſchreiber hatten Partei genommen, ſie waren Enthu⸗ ſiaſten entweder fuͤr die alte oder fuͤr die neue Lehre, und ein lebhaftes Intereſſe fuͤr ihre Anfuͤhrer leitete ihre Feder. Eine Perſon wie der Marſchall von Vieilleville, deſſen Kopf fuͤr den Fanatismus zu kalt war, bot ihnen alſo nichts dar, was ſich lobpreiſen oder veraͤchtlich machen ließ. Er bekannte ſich zu der Claſſe der Gemaͤßigten, die man unter dem Namen der Politiker zu verſpotten glaubte; eine Claſſe, die von jeher in Zeiten buͤrgerlicher Gaͤhrung das Schickſal gehabt hat, beiden Theilen zu mißfallen, weil ſie beide zu vereinigen ſtrebt. Auch hielt er ſich bei allen Stuͤrmen der Faction unwandelbar an den Koͤnig angeſchloſſen, und weder die Partei des Montmorencvy und der Guiſen, noch die der Condé und Coligny konnte ſich ruͤhmen, ihn zu beſitzen. Charaktere von dieſer Art werden immer in der Geſchichte zu kurz kommen, die mehr das berichtet, was durch Kraft geſchieht, als was mit Klugheit verhindert wird, und ihr Augen⸗ merk viel zu ſehr auf entſcheidende Handlungen richten muß, als daß ſie die ſchoͤne ruhige Folge eines ganzen Lebens um⸗ faſſen koͤnnte. Deſto dankbarer ſind ſie fuͤr den Biographen, der ſich immer lieber den Ulyſſes als den Achilles zu ſeinem Helden waͤhlen wird. Erſt zweihundert Jahre nach ſeinem Tode ſollte dem Mar⸗ ſchall von Vieilleville die volle Gerechtigkeit widerfahren. In Schillers ſammtl. Werke. XI. 14 210 den Archiven ſeines Familienſchloſſes Dureſtal fanden ſich Me⸗ moires uͤber ſein Leben in zehn Buͤchern, welche Carloix, ſeinen Geheimſchreiber, zum Verfaſſer haben. Sie ſind zwar in dem lobredneriſchen Tone abgefaßt, der auch dem Brantome und allen Geſchichtſchreibern jener Periode eigen iſt; aber es iſt nicht der rhetoriſche Ton des Schmeichlers, der ſich einen Goͤnner gewinnen will, ſondern die Sprache eines dankbaren Herzens, das ſich gegen einen Wohlthaͤter unwillkuͤrlich ergießt. Auch wird dieſer Antheil keineswegs verſteckt, und die hiſtoriſche Wahrheit ſcheidet ſich ſehr leicht von demjenigen, was bloß eine dankbare Vorliebe für ſeinen Wohlthaͤter den Geſchicht⸗ ſchreiber ſagen laͤßt. Dieſe Memoires ſind im Jahr 1767 in fuͤnf Baͤnden das erſte Mal in Druck erſchienen, obgleich ſie ſchon fruͤher von Einzelnen gekannt und zum Theil auch benutzt worden ſind. Franz von Scepeaux, Herr von Vieilleville, war der Sohn des Renatus von Scepeaur, Herrn von Vieilleville, und Mar⸗ garethens von La Jaille, aus dem Hauſe von Eſtouteville. Seine Eltern hatten großes Vermoͤgen, hielten auf Ehre und lebten dem ganzen Adel von Anjou und Maine zum Beiſpiel; auch war ihr Haus eines der angeſehenſten und immer voll der beſten Geſellſchaft. Franz von Vieilleville kam fruͤh als Edel⸗ knabe zu der Mutter Franz des Erſten, Regentin von Frank⸗ reich, einer Prinzeſſin von Savoyen; ein Zufall aber, der ihm da begegnete, trieb ihn ſchon nach einem vierjaͤhrigen Aufenthalte von dort weg. Es hatte ihm naͤmlich ein Edelmann eine Ohr⸗ feige gegeben, eben als er Mittags zur Aufwartung ging. Nach der Tafel ſchlich ſich der Edelknabe von ſeinem Hofmeiſter weg, ging zu jenem Edelmann, der erſter Hauskuͤchenmeiſter der Regentin war, und ſtieß ihm, nachdem er ihn aufgefordert hatte, ſeine Ehre ihm wieder zu geben, den Degen durch den 211 Leib. Er war damals, als ihm dieſes Ungluͤck begegnete, achtzehn Jahre alt. Als der Koͤnig dieſe Handlung erfuhr, die von allen Großen und vorzuͤglich von ihm ſelbſt nicht ſo ganz mißbilligt wurde, weil die Hausofficiere nicht das Recht hatten, Edelknaben zu mißhandeln, ließ er den Herrn von Vieilleville rufen, um ihn ſeiner Mutter der Regentin vor⸗ zuſtellen und ihm Vergebung zu verſchaffen. Aber dieſer hatte ſich ſchon vom Hof weg und zu ſeinem Vater nach Dureſtal begeben, um von dieſem die noͤthige Unterſtuͤtzung zu einer Reiſe nach Neapel zu erhalten, wo dem Vernehmen nach Herr von Lautrec eine ſchoͤne Armee hinfuͤhren wuͤrde. Nachdem er nun Alles in Ordnung gebracht, und fuͤnf und zwanzig Edel⸗ leute aus Anjou und Bretagne zu ſeiner Begleitung gewaͤhlt hatte, denn er wollte mit Anſtand und ſeiner Geburt gemaͤß erſcheinen, ſtellte er ſich zu Chambery dem Herrn von Lautrec vor, der ihn als ſeinen Verwandten guͤtig aufnahm und ihn zu ſeiner Fahne that. Bei jeder Gelegenheit zeichnete ſich Vieilleville aus und wagte im Angeſicht der ganzen Armee ſein Leben, beſonders bei der Einnahme von Pavia, wobei die Franzoſen, durch das Andenken an die fuͤnf Jahre vorher⸗ gegangene Schlacht, bei der ihr Koͤnig gefangen worden, zu vielen Ausſchweifungen hingeriſſen wurden, denen jedoch Vieille⸗ ville mit zweihundert Mann Einhalt that, ſo viel er konnte. Kurz darauf wurde Vieilleville auf einer Galeere mit einem ſeiner Edelleute, Cornillon, der geſchworen hatte, ihn niemals zu verlaſſen, vom Herrn von Monaco gefangen. Man ſetzte ſeine Auslieferung auf dreitauſend und des Cornillon ſeine auf tauſend Thaler, und ließ ihm die Freiheit, dieſe Gelder zu holen; jedoch wuͤrde ſein Geſellſchafter auf Lebenslang in Ketten geſchlagen werden, wenn er nicht in einer beſtimmten Zeit wieder kaͤme. 21²2 Vieilleville, der befuͤrchtete, daß er wegen des langen Wegs und der Betreibung des Geldes in der Zeit nicht wuͤrde ein⸗ halten koͤnnen, nahm dieſen Vorſchlag nicht an, und bat nur, daß man Lautrec von ſeiner Gefangennehmung unterrichten moͤchte; dieſer ſchickte zwar das Geld zu ſeiner Auslieferung, allein, da die Ranzion fuͤr ſeinen Geſellſchafter nicht dabei war, ſo ſchickte Vieilleville ſie wieder zuruͤck und bat nur, daß man des Loͤſegelds wegen an ſeinen Vater ſchreiben moͤchte; denn er wollte lieber in der Gefangenſchaft verſchmachten, als den ver⸗ laſſen, mit dem er ſein Schickſal zu theilen verſprochen hatte. Herr von Monaco bewunderte dieſe edle Weigerung, begnuͤgte ſich mit dem, was geſchickt worden war, und gab Beiden die Freiheit. Kurze Zeit darauf nahm Vieilleville den Sohn eben dieſes Herrn von Monaco gefangen und ſchickte ihn unentgeld⸗ lich zuruͤck. Zu der Zeit erneuerte Vieilleville die Bekanntſchaft mit dem Neffen des großen Andreas Doria, Philipp Doria, der Kammerpage bei dem Koͤnig geweſen, als er ſelbſt bei der Re⸗ gentin Edelknabe war. Vieilleville beſuchte ihn eines Tages auf ſeinen Galeeren, deren er achte zum Dienſte des Koͤnigs commandirte. Doria bot ihm eine ſeiner Galeeren an, und er waͤhlte die, welche die Regentin hieß, wo er ſogleich als Befehlshaber unter vielen Feierlichkeiten eingefuͤhrt wurde. Des Abends ging er wieder in das Lager, das ungefaͤhr zwei Mei⸗ len davon war; ſo ging es ſechs bis ſieben Tage fort, und alle vornehmen Officiere der Armee wurden da nach und nach be⸗ wirthet. Moncade, Vicekoͤnig von Neapel, dem es hinterbracht wurde, daß die Officciere und Soldaten dieſer Galeeren des Nachts meiſt ins franzoͤſiſche Lager gingen, ließ ſechs Galeeren bewaffnen, um den Grafen Doria zu uͤberfallen; allein man 213 bekam Nachricht davon, und es gelang ſo wenig, daß bei dieſer Expedition der Vicekoͤnig ſelbſt, der ſich auf einer der Galeeren befand, getoͤdtet wurde; zwei derſelben wurden in Grund ge⸗ bohrt und zwei andere genommen. Bei dieſer Gelegenheit geſchah es, daß Vieilleville, der auf der Regentin Alles ge⸗ than hatte, was moͤglich war, ſo daß von fuͤnfzig Soldaten nur noch zwoͤlf am Leben blieben, zuletzt noch eine der Ga⸗ leeren angreifen wollte, die nebſt einer andern noch uͤbrig ge⸗ blieben war. Er enterte und ſtuͤrzte ſich mit ſeinen Soldaten hinein. Waͤhrend er aber auf dieſem Schiffe focht, machten ſich die Matroſen von der Regentin los, zogen die Segel auf und gingen geradezu nach Neapel, wohin auch die andere Ga⸗ leere ſchon waͤhrend des Gefechts vorausgegangen war; Vieille⸗ ville, der ſeine meiſten Soldaten verloren, mußte ſich nun ergeben. Als die erſte ſpaniſche Galeere im Hafen ankam, ließ der Prinz von Oranien den Capitaͤn und mehrere der Mannſchaft haͤngen. Dieſes erfuhr der Capitaͤn der Galeere, auf der ſich Vieilleville als Gefangener befand, und fuͤrchtete ſich, in den Hafen einzulaufen. Vieilleville benutzte dieſe Unentſchloſſenheit und beredete den Capitaͤn, in des Koͤnigs Dienſte zu treten, der es auch annahm, und ihm nebſt der ganzen Mannſchaft den Eid der Treue ablegte. unterdeſſen hatte Graf Doria den ganzen Tag und die ganze Nacht ſeinen Freund Vieilleville unter den auf dem Waſſer ſchwimmenden Koͤrpern ſuchen laſſen, und war ganz troſtlos uͤber dieſen Verluſt. Um Nachricht von ihm einzuziehen, ließ er den Capitaͤn Napoleon, einen Corſen, mit der Regentin auslaufen, und in dieſer Abſicht nach Neapel ſegeln. Sie waren nicht weit gekommen, ſo entdeckten ſie eine Galeere, die ihnen kaiſerlich ſchien, doch ſahen ſie auf dem Maſtbaum einen 214 Matroſen mit einer weißen Flagge; bald darauf hoͤrten ſie auch Muſik und Frankreich rufen. Vieilleville erkannte ſogleich die Regentin und die Freude des Wiederſehens war allgemein. Noch eine andere Galeere, die man ihm von Neapel aus nach⸗ geſchickt hatte, nahm er durch eine Kriegsliſt weg, und kam, anſtatt gefangen zu ſeyn, als Herr von zwei Galeeren bei der Armee wieder an, wo er aber ſeinen Freund Doria nicht mehr antraf, der mit zwei Galeeren nach Frankreich geſchickt worden war. Da die Belagerung von Neapel, die Lautrec unternommen hatte, ſehr langſam von ſtatten ging, ſo nahm Viellleville ſeinen Abſchied, und dieſes zu ſeinem Gluͤcke; denn drei Mo⸗ nate darauf riß die Peſt ein, welche die meiſten Officiere der Armee dahinraffte. Als er ſich dem Koͤnig bei ſeiner Zuruͤckkunft vorſtellte und ihn ſeiner jugendlichen Uebereilung wegen um Verzeihung bat, ſagte ihm derſelbe, daß ſchon Alles verziehen ſey, da beſonders die Regentin nicht mehr lebe. Er befahl ihm, ſich fleißig bei ihm einzufinden, und gab ihn dem Herzog von Orleans, ſeinem zweiten Sohne(der ihm unter dem Namen Heinrich II auf dem Throne folgte) mit den Worten:„Er iſt nicht aͤlter als du, mein Sohn; aber ſiehe, was er ſchon gethan hat. Wenn ihn der Krieg nicht aufreibt, ſo wirſt du ihn einſt zum Marſchall von Frankreich erheben.“ Einige Zeit darauf machte Karl V Anſtalt, in Frankreich einzufallen; der Koͤnig zog deßhalb ſeine Armee bei Lyon zu⸗ ſammen. Das erſte Geſchaͤft war, ſich Meiſter von Avignon zu machen, damit nicht die Kaiſerlichen dieſen Schluͤſſel der Provence beſetzten. Nach langen Berathſchlagungen waͤhlte der Koͤnig ſelbſt den Herrn von Vieilleville, obgleich Viele wegen ſeiner großen Jugend dagegen waren. Er wurde mit ſechs⸗ 215 tauſend Mann Fußvolk ohne Artillerie dahin abgeſchickt, um dem Kaiſer zuvorzukommen. Da er vor Avignon ankam und es verſchloſſen fand, ver⸗ langte er mit dem Vice⸗Legaten ſich zu unterreden, der ſich auf der Mauer zeigte. Vieilleville bat ihn ſehr dringend, herunter⸗ zukommen, da er ihm etwas Wichtiges zu ſeinem und der Stadt Wohl mitzutheilen haͤtte. Er ſelbſt wollte bei dieſer Unterredung nur die ſechs Perſonen bei ſich haben, die er um ihn ſaͤhe, der Legat hingegen koͤnnte ſo viele Begleiter mit ſich nehmen, als er nur wollte, wenn er Mißtrauen hegte. Jener kam an das Thor mit fuͤnfzehn oder zwanzig Mann Begleitung und einigen der Vornehmſten aus der Stadt. Väeilleville ver⸗ ſicherte ihm, daß er nicht in die Stadt begehre, daß ihn aber der Koͤnig erſuche, einen Eid abzulegen, auch keine Kaiſerlichen hineinzulaſſen, und deßhalb Geiſeln zu ſtellen. Der Vice⸗Legat willigte in den erſten Punkt; Geiſeln aber wollte er in keinem Falle ſtellen. Von den ſechs Soldaten, die mit Vieilleville waren, hatten vier den Capitaͤnstitel, ſie waren aber ſchlecht gekleidet; er bat daher, ſie in die Stadt zu laſſen, um ſich zu montiren, Pul⸗ ver zu kaufen und ihr Gewehr herzuſtellen, was denn auch gern erlaubt wurde. Ihr Plan war, ſich unter die Thore zu ſtellen und zu verhindern, daß man die Fallrechen nicht her⸗ unterließe. Unterdeſſen kamen immer mehrere Soldaten nach einander an, ohne daß der Vice⸗Legat, noch ſeine Leute es ge⸗ wahr wurden, denn man zankte ſich mit Fleiß wegen der Gei⸗ ſeln mit ihm herum. Es wurde gedroht, auf zwei Stunden weit Alles um die Stadt herum zu verwuͤſten, wenn ſie nicht geſtellt wuͤrden. Da endlich Vieilleville ſah, daß er ſtark genug war, gab er dem Vice⸗Legaten einen Stoß, daß er zur Erde ſtuͤrzte, zog den Degen und draͤngte ſich mit den Leuten, die 216 da waren, in die Thore, wo er einige Schuͤſſe auszuhalten hatte, wovon ihm zwei oder drei Leute getoͤdtet wurden; ſieben bis acht von den Andern wurden erſtochen. Jetzt wollten die Einwohner von Avignon auf den Fall⸗ rechen zulaufen; hier aber ſtanden die vier Soldaten, die ſich ſehr tapfer hielten und ſie verhinderten, nahe zu kommen. Auf den Laͤrm der Flintenſchuͤſſe kamen dann tauſend bis zwoͤlf⸗ hundert Mann, die man uͤber der Stadt bei Nacht in das Korn verſteckt hatte, als Hinterhalt hervor und drangen mit dem groͤßten Muth ein. Den uͤbrigen Theil ſeines Corps hatte Vieilleville auch herbeigerufen, und nun kamen ſie mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel an. Er nahm nun die Schluͤſſel der Thore, die zublieben, außer das Rhone⸗Chor gegen Ville⸗ neuve, welches ſchon franzoͤſiſch iſt. Da ſich Vieilleville nun durch dieſe Kriegsliſt Meiſter von der Stadt gemacht hatte, ſo fing er an, die Ordnung darin herzuſtellen und die Soldaten im Zaum zu halten, ſo daß keinem Einwohner, der ſich ruhig ver⸗ hielt, etwas zu Leide geſchah und keine Frauensperſonen miß⸗ handelt wurden. Doch koſtete ihm dieſes nicht wenig Muͤhe; er mußte ſogar fuͤnf bis ſechs Soldaten und einen Capitaͤn niederſtoßen, der mit aller Gewalt pluͤndern wollte. Der Con⸗ netable lagerte ſich nun bei Avignon, und Vieilleville zog zum König zuruͤck, den er in Tournon antraf, wo er mit großer Freude empfangen wurde. Als er vor dem Koͤnig ankam,* redete dieſer ihn alſo an:„Naͤhert Euch, ſchoͤnes Licht unter „den Rittern! Sonne wuͤrde ich Euch nennen, wenn Ihr aͤlter „waͤret, denn wenn Ihr ſo fortfahret, werdet Ihr uͤber alle An⸗ „deren leuchten. Parirt unterdeſſen den Streich von Eurem „Koͤnig, der Euch liebt und ehrt,“ und ſchlug ihn ſo, indem er die Hand an den Degen legte, zum Ritter. Nach dieſer Zeit bat ihn Herr von Chateaubriand, ſein 217 Verwandter, der Gouverneur und Generallieutenant des Koͤnigs in Bretagne war, ſeine Compagnie von fuͤnfzig Mann(Gen⸗ darmes) zu uͤbernehmen, da ſie ſonſt in Bretagne bleiben muͤßte und keine Gelegenheit haͤtte, ſich zu zeigen. Er wollte zugleich zuwege bringen, daß er des Koͤnigs Lieutenant waͤhrend ſeiner Abweſenheit in Bretagne ſeyn ſollte. Vieilleville uͤbernahm zwar die Compagnie, allein die Lieutenantsſtelle uͤber die Pro⸗ vinz verbat er ſich, da er Hoffnung habe, ein eigenes Gouver⸗ nement zu erhalten. Es ſcheint ſonderbar, daß Vieilleville nicht eine Compagnie Gendarmes fuͤr ſich ſelbſt haben konnte; allein es war damals nicht ſo leicht, ſie zu erhalten, und uͤberdem verſchmaͤhte ſeine Delicateſſe, dasjenige der Gunſt zu verdanken, was er durch Verdienſt zu erwerben hoffte. Zum Beweiſe dient die Antwort, die er dem Koͤnige gab, als ihm dieſer nach dem Tode des Herrn von Chateaubriand die Compagnie anbot: er habe, ſagte er, noch nichts gethan, was einer ſolchen Ehre werth waͤre; worauf der Koͤnig ſehr verwundert und faſt erzuͤrnt ſagte: „Vieilleville, Ihr habt mich getaͤuſcht, denn ich haͤtte geglaubt, „Ihr wuͤrdet, wenn Ihr auf zweihundert Meilen weg geweſen „waͤret, Tag und Nacht gerennt ſeyn, um ſie zu begehren, und „nun ich ſie Euch von ſelbſt gebe, ſo weiß ich doch nicht, was fuͤr „eine guͤnſtigere Gelegenheit Ihr abwarten wollt.“„Den Tag „einer Schlacht, Sire,“ antwortete Vieilleville,„wenn Ew. „Majeſtaͤt ſehen werden, daß ich ſie verdiene. Naͤhme ich ſie „jetzt an, ſo koͤnnten meine Cameraden dieſe Ehre laͤcherlich „machen und ſagen: ich habe ſie nur als Verwandter des Herrn „von Chateaubriand erhalten; lieber aber wollte ich mein Leben „laſſen, als durch etwas anders als mein Verdienſt auch nur „einen Grad hoͤher ſteigen.“ Einige Stunden vor dem Tode Franz des Erſten ließ dieſer 218 Monarch, der ſich noch der Verdienſte Vieilleville's erinnerte, den Dauphin rufen, um ihm denſelben zu empfehlen:„Ich „weiß wohl, mein Sohn, du wirſt St. André eher befoͤrdern, nals Vieilleville; deine Neigung beſtimmt dich dazu. Wenn „du aber eine vernuͤnftige Vergleichung zwiſchen Beiden an⸗ „ſtellen wuͤrdeſt, ſo beeilteſt du dich nicht. Wenigſtens bitte ich „dich, wenn du ſie auch nicht mit einander erhoͤhen willſt, „daß doch Letzterer dem Erſtern bald folge.“ Der Dauphin verſprach es auch, jedoch nur mit dem Vorbehalt, dem St. André den Vorzug zu geben. Der Koͤnig ließ ſogleich Vieille⸗ ville rufen, reichte ihm die Hand und ſagte ihm die Worte: „Ich kann bei der Schwaͤche, in der ich mich befinde, Euch „nichts Anderes ſagen, Vieilleville, als daß ich zu fruͤh fuͤr „Euch ſterbe; aber hier iſt mein Sohn, der mir verſpricht, Euch „mie zu vergeſſen. Sein Vater war nie undankbar, und noch „ijetzt will er, daß er Euch den zweiten Marſchallſtab von Frank⸗ „reich, der aufgeht, gebe, denn ich weiß wohl, wem der erſte „beſtimmt iſt. Aber ich bitte Gott, daß er ihn niemals Je⸗ „mand gebe, als wer deſſen ſo wuͤrdig iſt, wie Ihr. Iſt dieß „micht auch deine Meinung, mein Sohn?“ Ja, antwortete der Dauphin. Hierauf warf der Koͤnig ſeinen Arm um Vieille⸗ ville; allen Dreien ſtanden die Thraͤnen im Auge. Kurz dar⸗ auf ließen die Aerzte den Dauphin und alle Anderen hinaus⸗ gehen, und bald darnach gab der Koͤnig den Geiſt auf. Jetzt war Heinrich, der vormalige Herzog von Orleans, und nun durch den Tod ſeines aͤltern Bruders, Dauphins von Frankreich, Koͤnig, und ſchon nach ſieben Tagen bekam Vieille⸗ ville den Auftrag, als Geſandter nach England zu gehen, um dem unmuͤndigen Eduard und ſeinem Conſeil neuerdings den Frieden zuzuſchwoͤren, welche Geſandtſchaft er auch mit vieler Wurde unternahm und zur groͤßten Zufriedenheit ausfuͤhrte. 219 Bald nach Beerdigung des alten Koͤnigs wurde der Proceß des Marſchalls von Biez und ſeines Schwagers von Vervins, welche Boulogne an die Englaͤnder ausgeliefert hatten, vorge⸗ nommen, Letzterer zum Tod, Erſterer aber zu Gefaͤngnißſtrafe und Verluſt ſeiner Guͤter und Ditel verdammt. Der Koͤnig wollte Vieillevillen aus eigenem Antrieb von den hundert Lan⸗ zen, die der Marſchall von Biez commandirt hatte, fuͤnfzig geben; Vieilleville dankte aber ſehr fuͤr dieſe Gnade, weil er nicht der Nachfolger eines ſolchen Mannes ſeyn wollte. Und warum nicht? fragte ihn der Koͤnig.„Sire,“ antwortete Vieilleville,„es wuͤrde mir ſeyn, als wenn ich die Wittwe „eines verurtheilten Verbrechers geheirathet haͤtte.— Auch „hat es mit meiner Befoͤrderung keine Eile; denn ich weiß, „daß Ew. Majeſtaͤt gleich nach Ihrem feierlichen Einzug in „Paris beſchloſſen haben, Boulogne den Englaͤndern wieder „wegzunehmen. Vielleicht bleibt dabei ein Capitaͤn, ein Mann „von Ehre, deſſen Platz Sie mir geben werden, oder bleibe ich „ſelbſt; denn um meinem Koͤnig zu dienen, werde ich mich „nicht ſchonen, und dann bedarf ich keiner Compagnie mehr.“ Dieſes geſchah in Gegenwart des Marſchalls von St. André. Der Koͤnig redete ihm noch ſehr zu, allein Vieilleville blieb bei ſeiner Antwort:„Lieber will ich des Marſchalls, der hier iſt, Lieutenant ſeyn, als die Compagnie des Herrn von Biez, eines Verraͤthers, haben.“ Der Marſchall von St. André, der vorher ſchon gegen den Koͤnig denſelben Wunſch geaͤußert hatte, war aͤußerſt froh uͤber dieſe Erklaͤrung.„Erinnert Euch, mein beſter Freund, dieſer Rede, wobei Ihr den Koͤnig zum Zeugen habt.“ Vieilleville ſah ſich jetzt gezwungen, die Lieutenantsſtelle anzunehmen; wiewohl er den Vorſchlag in keiner andern Abſicht gethan hatte, als um jenes erſte Anerbieten abzulehnen. 220 Dieſe Compagnie Gendarmes war von dem Vater des Marſchalls ſehr nachlaͤſſig zuſammengeſetzt worden. Sie beſtand groͤßtentheils aus den Soͤhnen der Gaſtgeber und Schenkwirthe, und da die Schilde an dieſen Wirthshaͤuſern gewoͤhnlich Heilige vorſtellten, ſo benannte ſich dieſes Volt nach dieſen Heiligen. Daher war dieſe Compagnie in ganz Lyon zum Gelaͤchter. Einige dankten Gott, daß er eine Compagnie Heilige aus dem Paradies geſchickt habe, ſie zu bewachen; Andere nannten ſie die Gendarmes der Litanei. So fand man auch in der gan⸗ zen Compagnie nicht fuͤnfzig Dienſtpferde. Daher kam es auch, und beſonders aus der Gunſt, in der ihr Chef ſtand, daß ſie nie zur Armee ſtießen; es hieß immer, ſie waͤren dem Gouverneur unentbehrlich, um eine ſo große Stadt, wie Lyon, im Zaum zu halten. Bei der Muſterung entlehnten dieſe Leute die ihnen noͤthigen Pferde und Armaturſtuͤcke, und ſo dauerte dieſe Un⸗ ordnung neun bis zehn Jahre, bis der alte St. André ſtarb und nun ſein Sohn ſie bekam, der ſie denn auch ſo ließ, weil er ihre Schande nicht aufdecken wollte. Eben deßwegen aber war es ihm lieb, Vieilleville zu ſeinem Lieutenant zu haben, da er ihn als einen ſtrengen und unerbittlichen Mann im Punkte der Zucht und der Ehre kannte. Vieilleville hatte dieſe Compagnie nach Clermont in Auvergne beordert, damit ſie nicht ſo leicht Waffen und Pferde entlehnen koͤnnte. Hier erſchien er nun mit ſechszig bis achtzig braven Edelleuten aus den beſten Haͤuſern von Bretagne, Anjou und Maine, die meiſtens den Krieg in Piemont mitgemacht hatten. Kaum war er angekommen, ſo uͤberreichte man ihm eine Liſte von dreißig bis vierzig, die vermöge eines Atteſtats vom Doctor zuruͤckgeblieben waren, welche er denn ſogleich aus der Compagnie ausſtrich. Eben ſo machte er es mit dem Volk der Paͤchter, Kammerdiener u. dgl., die aus vornehmer Herren und 221 Frauen Gunſt in die Compagnie waren aufgenommen worden. Die Uebrigen, die noch in den Reihen ſtanden, ließ er zu Pferde manduvriren, und da ſie gar nichts verſtanden, ſo gaben ſie den alten Soldaten viel zu lachen. Er ſchickte ſie daher auch ſogleich in ihre Wirthshaͤuſer zuruͤck, um den Gaͤſten dort aufzuwarten, mit dem Bedeuten, daß unter die Gendarmes nur Edelleute gehoͤrten. Einige von ihnen murrten zwar daruͤber und be⸗ dienten ſich ungezogener Ausdruͤcke; wie aber die Edelleute mit dem Stock uͤber ſie herfielen, ſo nahmen die Andern Reißaus zur großen Beluſtigung der Geſellſchaft. Und ſo entledigte ſich Vieilleville dieſes Geſindels, das zum Dienſt des Koͤnigs nie einen Sporn angelegt hatte, und beſetzte die Plaͤtze mit guten Edelleuten, die auf Ehre hielten und ſich mit Anſtand aus⸗ ruͤſten konnten. Jetzt ließen ſich auch noch viele andere Edel⸗ leute aus Gascogne, Perigord und Limoſin einſchreiben, die vorher unter dem Auswurf nicht hatten dienen wollen, ſo daß dieſe Compagnie bei der naͤchſten Muſterung auf fuͤnfhundert Pferde ſich belief und eine der beſten der ganzen Gendarmerie wurde. Einige Zeit darauf begleitete Vieilleivlle den Koͤnig durch Bourgogne nach Savoyen, wo uͤberall in den großen Staͤdten ein feierlicher Einzug gehalten wurde. Als ſie nach St. Jean de Maurienne kamen, wo ein Biſchof reſidirt, bat dieſer den Koͤnig, dieſe Stadt mit einem Einzug zu beehren, und verſprach dabei, ihm ein Feſt zu geben, wie er es noch nie geſehen. Der Koͤnig, neugierig auf dieſe neue Feſtlichkeit, geſtand es zu, und zog den andern Morgen feierlich ein. Kaum war er zwei⸗ hundert Schritte durch das Thor, als ſich eine Compagnie von hundert Mann zeigte, die vom Kopf bis auf den Fuß wie Baͤren gekleidet waren, und dieſes ſo natuͤrlich, daß man ſie für wirkliche Baͤren halten mußte. Sie kamen ſchnell aus einer 222 Straße heraus mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen, den Spieß auf der Schulter, nahmen den Koͤnig in die Mitte, und ſo bis hin zur Kirche, zum großen Gelaͤchter des ganzen Hofes. Eben ſo fuͤhrten ſie den Koͤnig bis zu ſeiner Wohnung, vor welcher ſie viele tauſend Baͤrenſpruͤnge und Poſſen machten; ſie kletterten wie Baͤren an den Haͤuſern, an den Saͤulen und Bogengaͤngen hinauf und erhuben ein Geſchrei, das ganz natuͤr⸗ lich dem Brummen der Baͤren glich. Da ſie ſahen, daß dem Koͤnig dieß gefiel, verſammelten ſie ſich alle Hundert und fingen ein ſolches entſetzliches Hurrah an, daß die Pferde, welche unten vor dem Hauſe mit der Dienerſchaft hielten, ſcheu wurden, und uͤber Alles hinrennten, welches den Spaß ſehr vermehrte, obgleich viele Leute dabei verwundet wurden. Deſſen ungeachtet machten ſie noch einen Rundtanz, wo die Schweizer ſich auch darein miſchten. Von da ging der Koͤnig uͤber den Berg Cenis nach Piemont, wo ſein Vater Franz! ſchon den Prinzen von Melphi zum Vicekoͤnig eingeſetzt hatte. Dieſer Prinz, als er dem Koͤnig entgegen gegangen war, erzeigte Vieillevillen beſondere Ehre, ſo daß er ihm ſelbſt Quartier in Turin machte, und die Leute des Connetable's von Montmorency aus mehreren Wohnungen, die ſie beſtellt hatten, herauswerfen ließ, um ſie fur Vieilleville aufzubewahren, welches der Connetable ſehr uͤbel aufnahm, ſo daß er den Prinzen mer⸗ ken ließ, daß es dem Reiſemarſchall zuſtaͤnde, Jeden nach ſei⸗ nem Nang zu logiren. Hierauf ſagte ihm der Prinz:„Herr, „wir ſind uͤber den Bergen huͤben— wenn Sie druͤben ſind, „befehlen Sie in Frankreich, wie Sie wollen und ſelbſt durch „den Stock; hier aber iſt es anders, und ich bitte mir aus, „keine Anordnung zu machen, die nicht befolgt werden wuͤrde.“ Der Prinz ging in ſeiner Achtung gegen Vieilleville ſo weit, daß er oft die Parole bei ihm abholen ließ, und gab nie zu⸗ 223 daß die, welche der Connetable fuͤr die Haustruppen des Koͤnigs gab, allgemein gelten ſollte. Vieilleville, als feiner Hofmann, machte jedoch ſo wenig als moͤglich Gebrauch von dieſen Aus⸗ zeichnungen, um die andern Großen nicht aufzubringen. Es wendete ſich Alles nur an ihn, um Befehle im Dienſt des Koͤ⸗ nigs zu erhalten. Bei ſeinem Aufſtehen und Niederlegen waren alle Capitaͤns zugegen; er hielt aber auch offene Tafel, und dieſe war ſo reichlich beſetzt, daß die Tafel des Prinzen von Melphi ſehr mager dagegen ausſah. 3 Unterdeſſen bekam der Koͤnig Nachricht, daß ein Aufſtand in Guyenne ausgebrochen, und man zu Bourdeaux den Gouver⸗ neur und andere beim Salzweſen angeſtellte Officiere umge⸗ bracht hatte. Der Connetable ſtellte dem Koͤnig vor, daß dieſes Volk immer rebelliſch ſey, und daß man die Einwohner dieſer Gegend gaͤnzlich ausrotten muͤſſe. Er bot ſich auch ſelbſt an, dieſes ins Werk zu richten. Der Koͤnig ſchickte ihn zwar dahin ab, befahl aber doch, nur die Schuldigen nach der Strenge zu beſtrafen und gute Mannszucht zu halten. Auch gab er ihm den Herzog von Aumale mit, den Vieilleville begleitete. Der Volksaufſtand hatte ſich bei Annaͤherung der Truppen bald zer⸗ ſtreut, ſo daß der Connetable ganz ruhig in Bourdeaux einziehen konnte, wo er binnen eines Monats gegen hundert und vierzig Perſonen durch die ſchmerzhafteſten Todesarten hinrichten ließ. Beſonders wurden die drei Rebellen, welche die koͤniglichen Of⸗ ficiere ins Waſſer geworfen hatten, mit den Worten:„Geht „ihr Herren, und ſalzet die Fiſche in der Charente!“ auf eine ſehr ſchreckliche Art geraͤdert und dann verbrannt, mit den Wor⸗ ten in der Sentenz:„Gehe hin, Canaille, und brate die Fiſche „der Charente, die du mit den Koͤrpern von deines Koͤnigs „Dienern geſalzen haſt.“ Auf dem ganzen Weg nach Bourdeaur hatte Vieilleyille die 224 Compagnie des Marſchalls von St. André, deren Lieutenant er war, gefuͤhrt, und dabei ſo gute Mannszucht gehalten, daß Alles wie im Wirthshaus bezahlt wurde. Er ſtieg ſogar nicht eher zu Pferde, bis ſeine Wirthe ihm geſchworen hatten, daß ſie Alles richtig erhalten. Als er mit dieſer Compagnie in ein großes Dorf drei Stunden von Bourdeaux kam, fanden ſeine Reitknechte unter dem Heu und Stroh eine große Anzahl ſchö⸗ ner Piken, Feuerroͤhren, Pickelhauben, Cuiraſſe, Helme, Schilde und Hellebarden verſteckt. Der Wirth, den er daruͤber unter vier Augen zur Rede ſetzte, antwortete mit Angſt und Zittern, daß ſeine Nachbarn dieſe Waffen hieher verſteckt haͤtten, weil ſie wohl wuͤßten, daß er ein unſchuldiger Mann ſey. Und weil ich, ſetzte er hinzu, in den zwei Tagen, ſo Ihr bei mir ſeyd, von Niemand nur ein hartes Wort erhalten, ſo will ich Euch noch mehr ſagen, daß fuͤnfunddreißig Koffer und Kiſten von verſchie⸗ denen Edelleuten, die ſich in ihrem Haus nicht ſicher glaubten, hieher gebracht worden, die ich habe einmauern laſſen, weil es bekannt iſt, daß ich nie mit dieſem Unweſen etwas zu thun ge⸗ habt; ich bitte Euch aber, gnaͤdiger Herr, haltet daruͤber, daß weder ſie noch ich Schaden leiden. Vieilleville, der wohl ſah, daß er unſchuldig, aber ein armer Tropf ſey, befahl ihm, Nie⸗ mand etwas davon zu entdecken, die Waffen aber oͤffentlich in eine Scheune zu verſchließen und ſtellte ihm ein Zeugniß aus, daß er ſelbſt ſie erkauft und bezahlt habe und abholen laſſen wuͤrde. Er ſollte ſich nur an ihn wenden, wenn man Gewalt brauchen wollte. Geruͤhrt von dieſer menſchlichen Behandlung, wollte dieſer Mann, der das Leben verwirkt zu haben glaubte, ihn faſt anbeten und bat auf den Knieen, wenigſtens die Waf⸗ fen anzunehmen, beſonders die Piken, die ganz neu und ſehr ſchoͤn wiren. Allein Vieilleville wurde aufgebracht und befahl 2²25⁵ ihm, wenn er nicht der Gerechtigkeit uͤberliefert ſeyn wollte, zu ſchweigen. In einem Dorfe, eine Stunde von Bourdeaur, blieb die Com⸗ pagnie in Garniſon; er ſelbſt aber nahm ſeine Wohnung in Bourdeaur bei einem Parlamentsrath Valvyn. Dieſer kam ihm gleich entgegen, und ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, einen Mann von ſolcher Denkungsart und Anſehen in ſeinem Hauſe zu haben, und deſto mehr, da er auf falſche Anklagen von dem Conne⸗ table ſehr gedruͤckt, ja ſogar Hausgefangener ſey. Väeilleville ſicherte ihm allen Beiſtand zu und verſprach, ſeine Sache zu vertheidigen. Kaum war er in den Saal getreten, ſo erſchien auch die Frau von Valvyn mit zwei Toͤchtern von außerordent⸗ licher Schoͤnheit. Sie war noch ganz verwirrt von einem Schrecken, den ſie in der vorigen Nacht gehabt, da man in dem Hauſe ihrer Schweſter, der Wittwe eines Parlamentsraths, ein⸗ brechen wollen; ſie hatte deßwegen auch ihre zwei Nichten hie⸗ her gefluͤchtet und empfahl ihm die Ehre dieſer vier Maͤdchen auf das dringendſte. Sie warf ſich vor ihm auf die Kniee, al⸗ lein Vieilleville hob ſie auf und ſagte ihr, daß er auch Toͤchter habe. Er wuͤrde eher das Leben, als ihnen etwas Leides ge⸗ ſchehen laſſen. Da ſich die Mutter ſo getroͤſtet ſah, fing ſie nun⸗ mehr an zu erzaͤhlen, daß die Leute des Herrn, der bei ihrer Schweſter wohnte und Graf Sancerre hieß, und beſonders ein junger Edelmann, die Thuͤre in der Maͤdchen Kammer habe ein⸗ treten wollen, daß die Maͤdchen aber zum Fenſter hinaus auf das Reiſig geſprungen ſeyen und ſich hieher gefluͤchtet haͤtten. Vieilleville fragte ſie, ob es nicht der Baſtard von Beuil ſey? — So heißt er, ſagten ſie.—„Nun da muß man ſich nicht wun⸗ „dern, verſetzte Vieilleville; bei dem Sohn einer H.. iſt fuͤr „Maͤdchen von Ehre in dergleichen Dingen nie Friede, noch „Sicherheit; denn es verdrießt ihn, daß nicht alle Welber ſeiner Schillers ſaͤmmtl. Werke. Xl. 15 226 „Mutter gleichen.“ Indem kam auch die Wittwe an und klagte, daß der Baſtard ſie mißhandelt und von ihr verlangt habe, die Maͤdchen ihm auszuliefern. Nach dem Eſſen ging Vieilleville zum Connetable, wo er Sancerre das uͤble Betragen ſeines angenommenen Sohnes vorſtellte. Der Graf von Sancerre, um des Vieilleville Hauswirth zu beſaͤnftigen, ging mit ihm zum Abendeſſen nach Hauſe, wo er ſelbſt ſeine Entſchuldigung machte, und ſie fuͤr die Zukunft ſicher zu ſtellen ſuchte; allein ſie trauten auch ihm nicht und kamen, ſo lange die Armee in Bourdeaux war, nicht mehr aus ihrer Freiſtatt. Sie erſpar⸗ ten ſich dadurch viele Unannehmlichkeiten und Schande, die den andern Buͤrgern widerfuhr, denn alle Einwohner der Stadt, ohne Ausnahme des Geſchlechts, mußten auf den Knieen Abbitte thun; allein die Familie Valvyn blieb davon weg, obgleich der Connetable Vieillevillen erinnern ließ, ſie nicht zuruͤckzuhalten, worauf dieſer aber ganz erzuͤrnt ſich erklaͤrte: wenn man ſeine Hausleute zu dieſer ſchimpflichen Abbitte zwingen wollte, ſo werde er ſelbſt mit ihnen kommen; er verſicherte aber, daß kein geringer Laͤrm daruͤber entſtehen ſollte. Es geſchah oͤfters, daß von den Compagnien, die auf dem Dorfe lagen, mehrere Soldaten nach Bourdeaux kamen, um ſich Beduͤrfniſſe einzukaufen, oder auch um die Hinrichtungen mit anzuſehen. Einer von den Gendarmen und zwei Bogenſchutzen machten ſich dieſes zu Nutze und meldeten dem Pfarrer ihres Dorfes, zwei von denen, die ſie haͤtten haͤngen ſehen, haͤtten ausgeſagt, daß er mit ihnen die Sturmglocke in ſeiner Kirche gelaͤutet habe. Sie haͤtten daher den Auftrag, ihn gefangen zu nehmen, wuͤrden ihn aber entwiſchen laſſen, wenn er ihnen eine ſchoͤne Summe gaͤbe. Der arme Pfarrer, der ſich nicht ganz ſchuldlos fuͤhlte, verſprach ihnen achthundert Thaler; aber auch hiermit noch nicht zufrieden, erpreßten ſie von ihm, 227 den Dolch an der Kehle, das Geſtaͤndniß, wo er die reichen Geraͤthſchaften der Kirche hinverſteckt haͤtte. Die Furcht vor dem Tod ließ ihn Alles geſtehen. Sie banden ihn darauf in einer entfernten Stube feſt, und beſchloſſen, wenn ſie ihren Schatz in Sicherheit gebracht haben wuͤrden, ihn umzubringen. Allein der Neffe des Pfarrers lief nach Bourdeaux, Vieille⸗ villen davon zu benachrichtigen, der ſich ſogleich zu Pferde ſetzte und, ohne daß die Boͤſewichter etwas davon merkten, in der Pfarrwohnung abſtieg, eben da ſie mit drei leicht beladenen Pferden daraus abziehen wollten. Den erſten, der ihm vorkam, ſtieß er ſogleich im Zorn nieder, mit den Worten:„Nichts⸗ wuͤrdiger, was? Sind wir Ketzer, daß wir auf die Prieſter losgehen und Kirchen beſtehlen?“ Die andern zwei wurden von ihren Cameraden ſelbſt getoͤdtet, damit die Compagnie nicht beſchimpft wuͤrde, wenn ſie am Galgen ſtuͤrben. Den Pfarrer fand man gebunden, und zwei Knechte bei ihm, die ihm das Meſſer an der Kehle hielten, daß er nicht ſchreien ſollte. Er warf ſich vor Vieillevillen nieder und dankte fuͤr ſein Leben und Wiedererſtattung ſeines Vermoͤgens; dieſer befahl ihm, die drei Todten zu begraben und eine Meſſe fuͤr ihre Seelen zu leſen. Nachdem nun der Connetable in dieſer Stadt ein ſchreck⸗ liches Beiſpiel ſeiner Strenge in der Beſtrafung der Aufruͤhrer gegeben, ließ er die Armee auseinander gehen; die ſtehen blei⸗ bende Compagnie aber wurde von ihm gemuſtert. Im Scherze ſagte er zu Vieilleville, daß er ſelbſt der Commiſſaͤr bei ſeiner Compagnie ſeyn wuͤrde, denn er haͤtte vernommen, daß die Compagnie des Marſchalls von St. André nicht vollzaͤhlig, noch equipirt ſey, hinreichende Dienſte zu thun, und daß er wohl wuͤßte, wie nur zwanzig Dienſtpferde darin waͤren. Vieille⸗ ville bat ihn darauf ganz beſcheiden, bei der Verabſchiedung ſeine Compagnie nicht zu ſchonen, wenn er ſie ſo befaͤnde 228 Aber er ſolle wohl Acht haben, daß wenn er ihm ſelbſt die Ehre anthun wollte, ſeine Compagnie zu muſtern, es ihm nicht gehe, wie den andern Commiſſaͤren. Und wie denn? fragte ihn der Connetable, der ſich vorſtellte, es geſchehe ihnen etwas Anangenehmes. Ich behalte Sie zum Mittageſſen, antwortete Vieilleville. Auch fand der Connetable bei der Muſterung zu großer Bewunderung aller Anweſenden dieſe Compagnie in vor⸗ trefflichem Stande. Sie nahm ein großes Feld ein und ſchien uͤber ſechshundert Pferde ſtark, denn er hatte die Reitknechte, ſo die Handpferde ihrer Herren ritten, in einiger Entfernung neben der Compagnie ſtellen laſſen und nicht hinter ihnen, wie es ſonſt gewoͤhnlich. Er ſelbſt kam dem Connetable und allen Großen, die ihn begleiteten, auf einem praͤchtigen Apfel⸗ ſchimmel, der auf zweitauſend Thaler geſchaͤtzt wurde, vor der Compagnie entgegen und zeigte da, wie er ſein Pferd wohl zu reiten verſtüͤnde. Er gab hierauf dem Connetable und allen dieſen Herren in einem Feld neben dem Dorf ein vortreffliches Gaſtmahl unter Huͤtten, die er aus Zweigen hatte ſehr artig gufrichten laſſen. Von Bourdeaux aus fuͤhrte er ſeine Compagnie in ihre gewoͤhnliche Garniſon nach Xaintonge und ging ſodann nach Hauſe, wo die Heirath des jungen Marquis von Eſpinay mit feiner Tochter vollzogen wurde, bei welcher Gelegenheit eine unzaͤhlige Menge Fremder ſich einfand, die alle auf das beſte und koſtbarſte bewirthet wurden. Auch ſchlichtete er mehr als zehn Ehrenhaͤndel, die zwiſchen braven und tapfern Edelleuten und Officieren in der Nachbarſchaft entſtanden waren, und ob er ſie gleich ſehr verwirrt fand, ſo wußte er ſie doch, vermoͤge der großen Fertigkeit, die er im Umgang mit ſo vielen Natio⸗ nen und ſeit ſo langen Jahren erhalten, ſehr wohl auseinander zu ſetzen und auszugleichen, ſo daß man in dieſer Art Haͤndel 229 ſich von allen Seiten an ihn wendete, ſogar die Marſchaͤlle von Frankreich, die das oberſte Gericht uͤber die Ehre des franzoͤſiſchen Adels ausmachten. Kaum acht Tage nach der Hochzeit wurde Vieilleville nach Hofe beordert, wohin er auch gleich den jungen Eſpinay mit ſich nahm, denn er ſollte keine Gelegenheit verſaͤumen, ſich zu zeigen, und er vermuthete, daß man den Englaͤndern, gleich nach dem Einzuge des Koͤnigs, Boulogne wieder nehmen wuͤrde. Eines Tages kam der Schwager des Marſchalls von St. André, d'Apechon, nebſt dem Herrn von Sennecterre, Biron, Forguel und La Roue zu ihm und uͤberbrachte ihm ein Brevet, vom Koͤnig unterzeichnet, worin ihm und den Ueberbringern dieſes das confiscirte Vermoͤgen aller Lutheraner in Guyenne, Limoſin, Quercy, Perigord, Paintonge und Aulnys geſchenkt wurde. Sie hatten ihn vorgeſchoben, um deſto gewiſſer dieſes betraͤchtliche Geſchenk, das nach Abrechnung aller Koſten der Erhebung Jedem zwanzigtauſend Thaler tragen konnte, zu erhalten. Vieilleville dankte ihnen dafuͤr, daß ſie bei dieſer Gelegenheit an ihn gedacht haͤtten, erklaͤrte aber, daß er ſich durch ein ſo gehaͤſſiges und trauriges Mittel nie bereichern wuͤrde; denn es waͤre nur darauf abgeſehen, das arme Volk zu plagen und durch falſche Anklagen ſo manche gute Familie zu ruiniren. Es waͤre ja kaum der Connetable aus dieſem Land mit ſeiner großen Armee, die ſchon ſo viel Schaden angerichtet; auch hielte er es unter ſeiner Wuͤrde und gegen alle chriſtliche Pflicht, die armen Unterthanen des Koͤnigs noch mehr ins Ungluͤck zu bringen, und eher wuͤrde er ſein Vermoͤgen dazu verlieren, als daß ſein Name bei dieſen Confiscationen in den Gerichten herumgezogen wuͤrde.—„Denn,“ ſetzte er hinzu,„wir wuͤrden „in allen Parlamenten einregiſtrirt werden und den Ruf als „Volksfreſſer verdienen; fuͤr zwanzigtauſend Thaler den Fluch „ſo vieler Weiber, Maͤdchen und Kinder, die im Spital ſterben „muͤſſen, auf ſich zu laden, heißt ſich zu wohlfeil in die Hoͤlle „ſtuͤrzen. Ueberdem wuͤrden wir alle Gerichtsperſonen, in deren „Profit wir greifen, zu Gegnern und Todfeinden haben.“ Er zog darauf ſeinen Dolch und durchloͤcherte das Brevet, worauf ſein Name ſtand; eben dieſes that nun auch d'Apechon, der ganz ſchamroth worden war, und Biron; ſie gingen alle drei davon und ließen das Papier auf der Erde liegen. Die An⸗ dern aber, welche ſchon gar zu ſehr auf dieſen Profit gezaͤhlt hatten, waren ſehr unwillig uͤber die Gewiſſenhaftigkeit Vieille⸗ ville's, hoben das Brevet auf und zerriſſen es unter großen Fluͤchen in tauſend Stuͤcke. Kurz darauf wurde Boulogne von dem Koͤnig belagert, wobei denn auch Vieilleville und ſein Schwiegerſohn Eſpinay zugegen waren. Eines Tages fiel ihm ein, daß, wie er in England Geſandter geweſen, der Herzog von Somerſet ihm einige Stichelreden uͤber die Bravour der Franzoſen gegeben hatte. Vieilleville bat daher den Herrn von Eſpinay, ſich in ſeine beſte Ruͤ⸗ ſtung zu werfen, wie an dem Tage einer Schlacht. Eben ſo zog er ſelbſt ſich an, nahm noch drei Edelleute mit und ritt mit dieſem Gefolge ganz in der Stille vor die Thore von Boulogne. Der Trompeter blies, und man verlangte zu wiſſen, was er wollte? Er fragte, ob der Herzog von Somerſet in dem Platz ſey?— Vieilleville waͤre hier und wollte eine Lanze brechen. Es wurde ihm geantwortet, daß der Herzog krank in London liege, ob⸗ gleich es allgemein hieße, daß er in Bonlogne ſey. Er fragte darauf, ob nicht ein anderer tapferer Ritter von Rang auf den Platz kommen wollte; allein es zeigte ſich Niemand.„Wenig⸗ nſtens,“ ſagte er,„wird doch vielleicht ein Sohn eines Mylords „ſich finden, der mit einem jungen Herrn aus Bretagne, Eſpi⸗ „nay, der noch nicht zwanzig Jahre hat, ſich meſſen will. Er 231 „komme, damit wir nicht ins Lager wieder zuruͤckkommen, ohne „uns gemeſſen zu haben; denn es geht um die Ehre eurer „Nation, wenn ſich Niemand zeigt.“ Endlich zeigte ſich der Sohn des Mylord Dudley auf einem ſchoͤnen ſpaniſchen Pferd mit einem praͤchtigen Gefolge. Sobald ihn einer von Vieille⸗ ville's Gefolge geſehen hatte, ſagte dieſer zu Eſpinay:„Dieſer „Mylord iſt Euer; ſeht Ihr nicht, wie er auf engliſche Art reitet, „er beruͤhrt ja faſt den Sattelknopf mit ſeinen Knieen. Sitzet „nur feſt und ſenkt Eure Lanze nicht eher, als drei oder vier „Schritte vor ihm; denn wenn Ihr ſie ſchon von weitem herunter⸗ „laßt, ſinkt die Spitze, Ihr verliert den Augenpunkt, denn das „Auge wird von dem Viſier geblendet.“ Es wurde darauf der Vertrag von beiden Seiten gemacht, daß, wer ſeinen Feind zur Erde waͤrfe, ihn nebſt Pferd und Ruͤſtung gefangen weg⸗ fuͤhren ſollte. Jetzt ritten ſie Jeder an ſeinen Platz, legten die Lanze ein und ſtießen auf einander; der Englaͤnder ſtuͤrzte und ließ ſeine Lanze fallen, die vorbeigegangen war. Eſpinay hatte ihm einen ſo ſtarken Stoß in die Seite gegeben, daß die Lanze brach. Sogleich ſpringt Tailladé, einer aus Eſpinay's Gefolge, vom Pferd herunter und ſchwingt ſich auf Dudley's ſpaniſches Roß; die Andern heben dieſen von der Erde, der Trompeter blaͤst Victoria, und nun eilen ſie mit ihrem Gefangenen dem La⸗ ger zu und verlaſſen in ziemlicher Verwirrung die Englaͤnder. Der Koͤnig hatte indeſſen ſchon Nachricht davon erhalten, und zog ihnen mit vielen Großen entgegen. Kaum hatten ſie ihn erblickt, ſo ſtiegen ſie vom Pferd, und Eſpinay ſtellte ſeinen Gefangenen vor und uͤbergab ihn dem Koͤnig; dieſer, indem er ihn wieder zuruͤckgab, zog ſeinen Degen und ſchlug ihn zum Ritter. Bald darauf noͤthigte ein ſchrecklicher Sturm den Koͤnig, 232 das Lager von Boulogne aufzuheben und ſeine Armee zuruͤck⸗ zuziehen. Der junge Dudley bat jetzt, da ſie weiter ins Land kamen, den Herrn von Eſpinay, ſeine Ranzion zu beſtimmen; er koͤnne nicht weiter und habe dringende Geſchaͤfte in England. Einer von ſeinen Leuten nahm den Letztern auf die Seite und ſagte ihm, daß Dudley in die Tochter des Grafen von Bedfort verliebt und auch Alles in Richtigkeit ſey, ſie zu heirathen. Als Eſpinay dieſes hoͤrte, ſagte er ihm, daß er gehen koͤnne, wenn es ihm beliebe; er verlange nur von ihm, des Hauſes Eſpinay eingedenk zu ſeyn, die nicht in den Krieg zoͤgen, um reich zu werden, denn ſie haͤtten ſchon genug, ſondern um Ehre zu erwerben und den alten Ruhm ihrer Familie zu be⸗ feſtigen. Doch wolle er gern von ihm vier der ſchoͤnſten eng⸗ liſchen Stuten annehmen; eine Großmuth, uͤber welche Dudley nicht wenig verwundert war. Die deutſchen Fuͤrſten beſchloſſen zu Augsburg, eine Geſandt⸗ ſchaft nach Frankreich zu ſchicken, um den Koͤnig zu bewegen, ihnen gegen den Kaiſer(Karl V) beizuſtehen, der einige Fuͤrſten hart gefangen hielt und ſie ſchmaͤhlich behandelte. Die Geſandt⸗ ſchaft beſtand aus dem Herzog von Simmern, dem Grafen von Naſſau, deſſen Sohn, dem nachher ſo beruͤhmten Prinzen Wilhelm von Oranien, und andern vornehmen Herren und Gelehrten. Man ſchickte ihnen bis St. Dizier entgegen, und verſchaffte ihnen alle Bequemlichkeiten nach ihrer Art; denn ſie reisten nur fuͤnf, ſechs Stunden des Tages, und zwar vor der Mittagsmahlzeit, bei der ſie dann immer bis neun oder zehn Uhr des Nachts ſitzen blieben; waͤhrend dieſer Zeit durfte man ihnen nicht mit Geſchaͤften kommen. Sie hatten auch mit Fleiß dieſe Route gewaͤhlt, um ſich recht ſatt zu trinken, denn von St. Dizier bis Fontainebleau kommt man durch die beſten Weingegenden von Frankreich. 233 Vieilleville wurde, als ſie zwei Stunden von Fontainebleau in Moret ſich ausruhten, zu ihnen geſchickt, um ſie im Namen des Koͤnigs zu bewillkommen, welches der ganzen Geſandtſchaft ſehr wohl gefiel, beſonders da er ſie ſehr gut bewirthete. Er erfuhr daſelbſt, daß der Graf Naſſau ein Verwandter von ihm ſey; dieſer wendete ſich beſonders an ihn, da er ſehr gewandt in Geſchaͤften war, und auch die franzoͤſiſche Sprache gut redete. Eines Tages, da Vieilleville Viele von der Geſandtſchaft zum Mittageſſen hatte, unter Andern auch zwei Beiſitzer des kaiſer⸗ lichen Kammergerichts zu Speyer, und die Buͤrgermeiſter von Straßburg und Nuͤrnberg, nahm der Graf Naſſau Vieillevillen bei Seite, um ihn genauer von ihrer Sendung zu unterrichten. Dieſe Unterredung dauerte beinahe eine Stunde, als die vier Richter und Buͤrgermeiſter ungeduldig wurden, und mit dem Grafen in einem ſehr rauhen Ton anfingen deutſch zu reden. Dieſer aber machte ihren Zorn auf eine ſehr geſchickte Art laͤcherlich, indem er ganz laut auf Franzoͤſiſch, welches ſie nicht verſtanden, ſagte:„Wundern Sie ſich nicht, meine Herren, „daß dieſe Deutſchen ſo aufgebracht ſind, denn ſie ſind nicht „gewohnt, ſobald vom Tiſch aufzuſtehen, nachdem ſie ſo vor⸗ „trefflich gegeſſen und ſo koͤſtlichen Wein getrunken haben.“ Vieilleville hinterbrachte dem Koͤnig Alles, wie er es ge⸗ funden und gehoͤrt hatte. Dieſer war ſo wohl damit zufrieden, daß er ihn den andern Morgen rufen ließ, und ihn zum Mit⸗ glied des Staatsraths ernannte. Die Geſandten hatten eine feierliche Audienz bei dem Koͤnig, und gleich darauf wurde Staatsrath gehalten, worin Heinrich II vortrug, wie wenig rathſam es ſey, Krieg mit dem Kaiſer anzufangen. Nach dem Koͤnig nahm ſogleich der Connetable von Montmorency außer der Ordnung das Wort, und ſtimmte gegen den Krieg: ihm folgten die Uebrigen, bis die Reihe an Vieillevillen kam, der 234 der ganzen Verſammlung auf eine ſehr buͤndige Art vorſtellte, wie es die Ehre der Krone erfordere, den deutſchen Fuͤrſten beizuſtehen. Er eroͤffnete ſodann dem Koͤnig in Geheim, was ihm der Graf Naſſau anvertraut hatte, daß naͤmlich der Kaiſer ſich in Beſitz von Metz, Toul, Verdun und Straßburg ſetzen wollte, welches dem Koͤnig ſehr nachtheilig ſeyn wuͤrde. Der Koͤnig ſollte daher ganz in der Stile ſich dieſer Staͤdte, die eine Vormauer gegen die Champagne und Picardie waͤren, bemaͤchtigen.„Und was den Vorwurf betrifft, Herr Conne⸗ table,“ indem er ſich zu ihm wendete,„den Sie ſo eben bei „Ablegung Ihrer Stimme geaͤußert, daß die Deutſchen eben ſo noft ihren Sinn aͤndern, als ihren Magen leeren, und leicht „eine Verraͤtherei hinter ihrem Anerbieten ſtecken koͤnne, ſo „wuͤnſchte ich lieber mein ganzes Vermoͤgen zu verlieren, als „daß ihnen dieſes zu Ohren kaͤme; denn wenn ſolche ſouveraͤne „Fürſten, wie dieſe ſind, davon einer dem Kaiſer bei ſeiner „Wahl den Reichsapfel, der die Monarchie anzeigt, in die „linke Hand, der andere den Degen, um ſie zu ſchuͤtzen, in „die rechte gibt, und der dritte ihm die kaiſerliche Krone auf⸗ „ſetzt, weder Treu noch Glauben halten, unter was fuͤr einer „Nace Menſchen ſoll man dieſe denn finden?“ Auf dieſes wurde auch der Krieg beſchloſſen, und zu Ende des Maͤrz 1552 ſollte die Armee auf der Graͤnze von Champagne beiſammen ſeyn, welches auch mit unglaublicher Geſchwindigkeit geſchah. Der Connetable nahm durch Kriegsliſt Metz weg, und kurz darauf hielt der Koͤnig daſelbſt ſeinen Einzug. Bei dieſer Gelegenheit muſterte er ſeine Armee, und fand unter andern fuͤnfhundert Edelleute, die er nie hatte nennen hoͤren, ſehr gut equipirt. Der Koͤnig uͤbergab dieſes ſchoͤne Corps dem jungen Eſpinav, Vieillevilless Tochtermann, welcher auch an der Spitze desſelben tapfere Thaten verrichtete. 23⁵ Die Einnahme von Metz war aber auch die einzige Frucht dieſer Ausruͤſtung; denn die andern Staͤdte waren aufmerkſam geworden, und man fand ſie geruͤſtet. Auch ließen die deutſchen Fuͤrſten den Koͤnig wiſſen, daß ihr Friede mit dem Kaiſer gemacht ſey. Dieſer Letztere hatte ſich kaum der einheimiſchen Feinde entledigt, als er mit einer zahlreichen Armee gegen Straßburg ruͤckte, den Franzoſen die eroberten Graͤnzſtaͤdte wieder wegzunehmen. Auf das erſte Geruͤcht dieſes Einfalls warf ſich der Herzog von Guiſe mit einem zahlreichen tapfern Adel in die Stadt Metz, auf welche man den Hauptangriff erwartete. Verdun bekam der Marſchall von St. André zu vertheidigen, und in Toul, wohin der Koͤnig den Herrn von Vieilleville beſtimmt hatte, hatte ſich der Herzog von Ne⸗ vers geworfen, ohne einen koͤniglichen Befehl dazu abzuwarten. Der Koͤnig ließ es auch dabei, ſo gern er Vieilleville belohnt haͤtte, und ſchickte dieſen nach Verdun, um dem Marſchall von St. André, deſſen Lieutenant er noch immer war, bei Ver⸗ theidigung dieſer Stadt gute Dienſte zu leiſten. Vieilleville ließ Verdun ſehr befeſtigen, allein zu ſeinem groͤßten Verdruß erfuhr man, daß der Herzog von Alba nicht auf dieſen Platz losgehen wuͤrde, ſondern die Belagerung von Metz angefangen haͤtte. Er nahm ſich daher vor, die kaiſerliche Armee, die ſich wegen ihrer Groͤße ſehr ausdehnen mußte, ſo viel moͤglich im Freien zu beunruhigen und ſie in enge Graͤnzen einzuſchließen. Auch that er dem Feind durch einige unver⸗ muthete Ueberfaͤlle vielen Schaden. Er erfuhr, daß die Stadt Eſtain in Lothringen, welches Land vom Kaiſer und den Fran⸗ zoſen fuͤr neutral erklaͤrt war, den Kaiſerlichen viele Lebens⸗ mittel zufuͤhrke, und beſchloß daher, ſich von Eſtain Meiſter zu machen. Er kam vor die Thore, nur von zwoͤlf Edelleuten zu Pferde begleitet, deren jeder einen Bedienten bei ſich hatte; 236 er ſelbſt hatte vier Soldaten, als Bediente gekleidet, bei ſich. Ein kleines Corps ließ er in einiger Entfernung ihm nachkommen, das auf den Ruf der Trompete herzueilen ſollte. Vor dem Thore ließ er den Maire und den Amtmann rufen und machte ihnen Vorwuͤrfe, daß ſie die Feinde der Krone unterſtuͤtzten. Sie entſchuldigten ſich damit, daß ſie thun muͤſſen, was ihre Herrſchaft ihnen befoͤhle und das Beſte ihrer Unterthanen mit ſich braͤchte, die ihre Landesproducte gern mit Vortheil an Mann bringen wollten.„Und wie,“ ſagte Vieilleville,„koͤnnen „wir nicht auch etwas für unſer Geld haben?“— O! warum nicht, antworteten ſie.—„Nun, ſo geht,“ befahl er den Be⸗ dienten,„und holt fuͤr uns und unſere Pferde fuͤr ſechs „Thaler. Blaſe, Trompeter, unterdeſſen ein luſtiges Stuͤckchen, „denn bald werdet ihr euch was zu gute thun.“ Die wenigen Lanzenknechte, ſo der Amtmann bei ſich hatte, wollten zwar den Bedienten den Eingang ſtreitig machen, aber ſie wurden uͤbel zuſammengeſtoßen. Die vier Soldaten ſtiegen ſogleich auf das Fallgatter, daß es nicht herunter gelaſſen werden konnte. Jetzt waren ſchon die zwoͤlf Pferde in dem Thor, und nun kam auch das Corps an, drang mit in die Stadt, und ſo waren ſie Meiſter derſelben. Zehn bis zwoͤlf Spanier, unter andern ein Verwandter des Herzogs von Alba, waren bei dem Amtmann, hatten aber Laͤrm gehoͤrt und uͤber die Stadtmauer ſich gerettet. Vieilleville war ſo aufgebracht daruͤber, daß er den Neffen des Amtmanns, der ihnen durchgeholfen hatte, aufhaͤngen ließ. Sechs Tage nach dieſer Expedition uͤberfiel er das Dorf Rougerieules, worin fuͤnf Compagnien Lanzenknechte und eben ſo viele Schwadronen Reiter lagen. Die Deutſchen in dem Dorfe wurden uͤberfallen und alle niedergemacht oder gefangen. Des Morgens um ſieben Uhr war Alles vorbei, und Vieilleville 237 ſchon wieder auf dem Weg, ſo daß, als ein Theil der Armee des Markgrafen Albert von Brandenburg gegen ihn ausruͤckte, ſie nur das leere Neſt fanden. Vieilleville ging nach Verdun zuruͤck, um ſeinen Leuten und ſich Ruhe zu goͤnnen, denn er war drei Wochen lang bei ſtren⸗ ger Kaͤlte in kein Bett gekommen, hatte auch die Kleider nicht abgelegt. Es freute ihn ſehr, als er in die Hauptkirche von Verdun kam, die Fahnen, welche er dem Feinde abgenommen und dem Marſchall von St. André geſchickt hatte, rechts und links in zwei Reihen hangen zu ſehen. Er fuͤgte dieſen noch die letzt eroberten eilf Fahnen und Standarten bei, und ſo uͤberſchickten ſie dem Koͤnig zweiundzwanzig Stuͤcke. Kaum waren aber acht Tage verfloſſen, ſo kam ein Courier vom Koͤnig an Vieilleville, durch den er Befehl erhielt, ſich nach Toul zum Herzog von Nevers zu begeben und dieſem beizuſtehen, indem zu befuͤrchten ſey, daß der Kaiſer, der mit Metz nicht fertig werden koͤnnte, Toul belagern wuͤrde. Er moͤchte ſo viel Volk als moͤglich aus Verdun mit ſich nehmen, um den Herzog zu verſtaͤrken, ohne jedoch den Marſchall von St. André zu ſehr zu ſchwaͤchen, denn man wußte noch nicht eigentlich, welchem von beiden Plaͤtzen es gaͤlte. Vieilleville nahm nur wenig Mannſchaft mit ſich, und ließ die erfahren⸗ ſten Capitaͤns bei dem Marſchall. Gleich den andern Tag war Conſeil bei dem Herzog von Nevers, worin beſchloſſen wurde, den Albaneſern und Italienern, die in Pont⸗à⸗Mouſſon in ſehr ſtarker Anzahl laͤgen, auf alle nur moͤgliche Art zu Leibe zu gehen, und ihren Streifereien ein Ende zu machen. Vieilleville erbot ſich, mit ſeinen aus Ver⸗ dun mitgebrachten Soldaten den Anfang zu machen, und ver⸗ ſprach, die Raͤubereien, welche jene Garniſon veruͤbt hatte, reich⸗ lich zu vergelten. Er ſchickte gleich nach obiger Berathſchlagung 238 einen ſeiner Vertrauten und Spione, deren er zwei bei ſich hatte, heimlich nach Pont⸗Aà⸗Mouſſon, wohl unterrichtet von dem, was er bei den Fragen, die man an ihn thun wuͤrde, antwor⸗ ten ſollte, und auf was er ſorgfaͤltig zu merken habe. Er ſollte vorgeben, als gehoͤrte er zum Hauſe der verwittweten Herzogin von Lothringen, Chriſtine, einer Nichte des Kaiſers, und habe von ihr Auftraͤge ins kaiſerliche Lager. Er ging ſpaͤt aus, um eine guͤltige Entſchuldigung zu haben, daß er dieſen Tag nicht weiter reiste, damit er die Staͤrke der Feinde und was ſie im Werk haben konnten, deſto eher entdecken moͤchte. Dieſer ge⸗ wandte und entſchloſſene Menſch machte ſich alſo, ohne daß Jemand etwas davon wußte, mit ſeiner gelben Schaͤrpe, die das lothringiſche Zeichen der Neutralitaͤt war, auf den Weg, und kam in weniger als drei Stunden vor den Thoren von Pont⸗ à⸗Mouſſon an. Man fragte ihn, woher er komme? wo er hin wolle? was er zu verrichten, und ob er Briefe habe? Er ver⸗ langte vor die Befehlshaber gefuͤhrt zu werden, ſo gewiß war er ſeiner Antworten. Da er vor ſie kam(es waren dieſe Don Alphonſo de Arbolancqug, ein Spanier, und Fabricio Colonna, ein Roͤmer), wußte er ihnen auch auf Alles ſo ſchicklich zu antworten, daß ſie ihn nicht fangen, noch ſeine eigentliche Be⸗ ſtimmung entdecken konnten. Er bat ſich nun die Erlaubniß aus, in ſein Logis zu gehen, und fragte, ob ſie nichts bei Sr. kaiſerlichen Majeſtaͤt zu beſtellen haͤtten? Er hoffe morgen dort zu ſeyn und wuͤrde ihnen treue Dienſte leiſten. Sie fragten ihn, da er durch Toul gereist ſey, ob er nicht wiſſe, daß Truppen von Verdun angekommen, die ein gewiſſer Vieilleville angefuͤhrt. Hierauf fing er an:„O dieſe ver⸗ „dammte franzoͤſiſche Kroͤte! Neulich ließ er zu Eſtain, das er überfiel, einen meiner Bruͤder haͤngen, der bei meinem Onkel, „dem Amtmann, war, weil er Spaniern uͤber die Stadtmauer 239 „geholfen hatte. Daß ihn die Peſt treffe! Mich koſtet es „mein Leben, oder ich raͤche mich an ihm; denn die Ungerech⸗ „tigkeit war zu groß, da wir doch Alle verbunden ſind, dem „Herrn, dem wir dienen, Alles zu thun, wie dieß der Fall „bei dem Kaiſer und meiner Gebieterin iſt. Denn wenn zwei „dieſer Herren waͤren gefangen worden, ſo haͤtte man viele „heimliche Geſchaͤfte von Sr. kaiſerlichen Majeſtaͤt erfahren. „Und dieſer Wuͤtherich hat meinen armen Bruder toͤdten laſ⸗ „ſen, und er hatte keine weitere Farbe, ſeine Uebelthat zu be⸗ „ſchoͤnigen, als daß ſie die Neutralitaͤt gebrochen haͤtten. Ver⸗ „dammt ſey er auf ewig!“ Fabricio Colonna und Don Alphonſo, die um Vieillleville's Expeditionen recht gut wußten und beſonders dieſen letzten Umſtand kannten, merkten hoch auf. Sie nahmen ihn bei Seite, und verſprachen ihm, den Tod ſeines Bruders zu raͤchen, wenn er thun wuͤrde, was ſie ihm ſagten. Er ant⸗ wortete darauf: daß er auch ſein Leben dabei nicht ſchonen wuͤrde; aber er bitte ſie, vorher zum Kaiſer gehen zu duͤrfen, um die Botſchaft ſeiner Gebieterin zu uͤberbringen. Sie frag⸗ ten ihn, warum er keine Briefe habe.„Weil,“ ſagte er, „meine Botſchaft gewiſſe Staatsgeheimniſſe des Koͤnigs von „Frankreich enthaͤlt. Wuͤrde ich nun mit Briefen ertappt, ſo „koͤnnte ich die ganze Provinz ins Ungluͤck ſtuͤrzen, denn durch „dieſes iſt die Neutralitaͤt verletzt, und ich waͤre in Gefahr, „gefangen oder wenigſtens gefoltert zu werden.“ Sie ließen ſich mit dieſem zufrieden ſtellen, und da ſie ihn ſchon gewon⸗ nen glaubten, ihn in ſein Logis zuruͤckfuͤhren, mit dem Befehl, ihm das Thor von Metz mit dem fruͤheſten Morgen zu oͤff⸗ nen, ohne ſich um ſeine Geſchaͤfte zu bekuͤmmern. Mit Anbruch des Tags zeigt er ſich am Thor, das ihm auch ohne weiteres Nachfragen geoͤffnet wird. Er geht ins 240 Lager, bleibt daſelbſt den ganzen Tag, und weiß den Herzog von Alba ſo einzuſchlaͤfern, daß er ſogar einen Brief von ihm an Fabricio und Alphonſo, ihre Geſchaͤfte betreffend, erhaͤlt, worin ihnen beſonders aufgetragen wird, auf einen gewiſſen franzoͤſiſchen Befehlshaber, Namens Vieilleville, der dem Lager des Markgrafen Albert ſehr vielen Schaden zugefuͤgt, und jetzt ſichern Nachrichten zufolge ſeit zwei Tagen mit Truppen in Toul angekommen, aufmerkſam zu ſeyn. Vorzuͤglich befahl man ihnen den Ueberbringer dieſes Briefs an, deſſen Eifer fuͤr den Dienſt ſeiner Majeſtaͤt bekannt ſey. Sie ſollten daher keinen Anſtand nehmen, ihn zu gebrauchen. Gleich nach Empfang des Briefs lobten ihn dieſe ſpani⸗ ſchen Herren ſehr und ſagten ihm, daß er gar nicht noͤthig ge⸗ habt haͤtte, das Certificat ſeiner Treue vom Herzog von Alba mitzubringen, denn ſeit geſtern ſchon haͤtten ſie ſich durch ſeine Reden uͤberzeugt, daß er kaiſerlich geſinnt ſey. Wenn er reich werden wollte, ſollte er nur alles Moͤgliche anwenden, den Feldherrn Vieilleville, der dem Lager des Markgrafen ſo ge⸗ ſchadet habe, in ihre Haͤnde zu bringen. Er antwortete darauf, daß er nichts anders verlange, wenn er es dahin bringe, als daß er ihn umbringen duͤrfe, damit er ihm das Herz aus dem Leibe reiße, um ſich wegen Ermordung ſeines Bruders zu raͤchen. Er forderte ſie noch dazu auf, ihm als treuem Diener des Kaiſers mit Macht bei dieſer Unternehmung beizuſtehen, denn ſein Bruder ſey im Dienſt Sr. kaiſerlichen Majeſtaͤt ge⸗ haͤngt worden. Sie, die dieſen Eifer mit Thraͤnen begleitet ſahen, denn dieſe hatte er in ſeiner Gewalt, zweifelten nun gar nicht mehr, umarmten ihn, und Don Alphonſo will ihm eine goldene Kette, fuͤnfzig Thaler werth, umhaͤngen; aber er verwirft dieſes Ge⸗ ſchenk mit Unwillen und ſagt: daß er nie etwas von ihnen 241 nehmen wuͤrde, wenn er nicht dem Kaiſer einen ausgezeichneten Dienſt geleiſtet, und bei einer andern Gelegenheit als hier, wo ſein eigenes Intereſſe am meiſten im Spiel ſey, denn er habe hier ſein eigen Blut zu raͤchen. Zugleich bat er ſie, nicht weiter in ihn zu dringen und ihm nur freie Hand zu laſſen. Nur ſollten ſie ihm jetzt erlauben, ſich ſeiner guten Gebieterin ſo⸗ gleich zu zeigen; er verſpreche auf ſeiner Nuͤckkunft ihnen gute Nachrichten zu bringen. Eine ſo edelmuͤthige Weigerung, das Geſchenk anzunehmen, und all die ſchoͤnen Worte brachten Don Alphonſo und Fabricio ganz in die Schlinge, ſo daß ſie ſeine Treue gar nicht mehr in Zweifel zogen. Sie ließen ihn jetzt abreiſen, um ihn bald wieder zu ſehen. Er machte ſich nun ſogleich auf den Weg und kam zu Vieil⸗ leville zuruͤck, der ihn ſchon fuͤr verloren hielt, denn er war ſchon drei Tage ausgeblieben. Die Nachrichten, welche er mit⸗ brachte, gaben jenem eine kuͤhne und ſeltſame Kriegsliſt ein, welche er auch ſogleich ins Werk ſetzte, ohne einen Menſchen dabei zum Vertrauten zu machen. Er inſtruirt ihn, nach Pont⸗ a⸗Mouſſon zuruͤckzugehen und den Spaniern zu hinterbringen, daß Vieilleville mit Anbruch des Tages nach Condé ſur Mozelle reiten wuͤrde, um mit ſeiner Gebieterin, die daſelbſt ſich auf⸗ hielt, Unterhandlungen zu pflegen; denn die Herzogin fuͤrchte, wenn der Krieg zwiſchen Frankreich und dem Kaiſer noch lange dauern ſollte, man moͤchte ihren Sohn das Piemonteſer⸗ Stuͤckchen tanzen laſſen(ihn, wie den Herzog von Savoyen, um ſein Land bringen); er ſolle aber ja ſich der naͤmlichen Worte bedienen. Er ſolle noch hinzuſetzen, daß Vieilleville, der die Garniſon von Pont⸗A⸗Mouſſon fuͤrchte, hundert und zwan⸗ zig Pferde, und darunter einige gepanzerte, zur Begleitung mit ſich nehmen wuͤrde. Er brauche uͤbrigens gar nicht ſehr zu Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 16 242 eilen, damit Vieilleville Zeit habe, ſeine Anſtalten zu machen, und koͤnne er nur den gewoͤhnlichen Schritt ſeines Pferdes reiten. Des Nachts um eilf Uhr ritt der Kundſchafter weg, und kam um zwei Uhr nach Mitternacht bei den Spaniern in Pont⸗ à⸗Mouſſon an, welche durch ſeinen Bericht in ein frohes Er⸗ ſtaunen geſetzt werden. Mit moͤglichſter Schnelligkeit machen ſie ihre Anſtalten, dieſen gluͤcklichen Fang zu thun, an dem ſie gar nicht mehr zweifelten. Die ganze Garniſon, die noch ein⸗ mal ſo ſtark war, als der Feind, dem man ſie entgegenfuͤhrte, mußte ausreiten, ſo daß nur etwa fuͤnfzig Schuͤtzen in der Stadt zuruͤckblieben, und man hielt ſich des Sieges ſchon fuͤr gewiß. Vieilleville hatte indeſſen, ſobald der Kundſchafter aus den Thoren von Toul war, alle ſeine Hauptleute bei dem Herzog von Nevers zuſammenberufen und ihnen erklaͤrt, daß er ein muthiges Unternehmen vorhabe, wobei ſie ſich aber nicht ver⸗ drießen laſſen muͤßten, zehn Stunden zu Pferde zuzubringen. Er verſicherte ihnen, es wuͤrde dabei etwas herauskommen, und ſie viel Ehre und Vortheil davon tragen. Alle waren es zu⸗ frieden und machten ſich ſogleich bereit. Sie zogen aus der Stadt hinaus, ritten dritthalb Stunden lang bis an die Bruͤcke, gegen das Holz von Rouziéres. Hier vertheilte Vieilleville die Truppen und legte ſie an verſchiedene Plaͤtze in Hinterhalt. Er ſelbſt hielt mit hundert und zwanzig Pferden die Ebene, und Alles, was ihm in den Weg kam, arbeitende Landleute oder Wanderer, wurden feſtgehalten, damit der Feind nichts erfahren koͤnnte. Sobald man den Feind ſaͤhe, ſollte man machen, was er mache; die Trompeter ſollten auf Gefahr ihres Kopfes nicht blaſen, bis er es befehle. Noch muß man bemerken, daß er in der Abweſenheit ſeines Kundſchafters ſich in der ganzen Ge⸗ 243 gend umgeſehen hatte, um die Lage recht inne zu haben, wo er als ein erfahrener Soldat ſeinen Hinterhalt am beſten an⸗ legen koͤnnte. Nachdem Alles auf dieſe Weiſe angeordnet war, verfloſſen kaum drei Stunden, als der Feind ſich zeigte.„Wenden wir „uns um nach Toul zuruͤck,“ ſagte Vieilleville,„als wenn wir „fliehen wollten, jedoch in langſamem Schritte, und fangen ſie „an, uns in Galopp zu verfolgen, ſo galoppiren wir auch, bis „ſie an unſerm Hinterhalt vorbei ſind. Geſchieht dieſes, ſo „ſind ſie unſer, ohne daß wir nur einen Mann verlieren.“ Der Feind, der ſie fliehen ſah, ſetzte ihnen in ſtarkem Ga⸗ lopp nach mit einem ſchrecklichen Siegesgeſchrei. So wie ſie den Hinterhalt hinter ſich haben, commandirt Vieilleville: Halt! und laͤßt den Trompeter blaſen. Zugleich machen ſie Fronte gegen den Feind und ruͤſten ſich zum Angriff. Augen⸗ blicklich bricht nun auch der Hinterhalt hervor, hundert und zwanzig Pferde von der einen Seite, fuͤnfzig leichte Reiter von der andern, von einer dritten zweihundert Schutzen zu Pferde, die unter einem unglaublichen Schreien und Trommelgetoͤſe in vollem Rennen daherſprengen, welches die Feinde ſo uber⸗ raſchte, daß ſie ganz beſtuͤrzt: Tradimento! tradimento! rie⸗ fen. Unterdeſſen warf Vieilleville Alles nieder, was ihm ent⸗ gegen kam. Schuͤſſe fielen von allen Seiten, daß man nur ſchreien hoͤrte: Misericordia, Signor Vieillevilla... Buona Guerra, Signori Francesi. Der Kugelregen warf in ganzen Haufen Menſchen und Pferde dahin, ſo daß Vieilleville das Gefecht und Gemetzel aufhoͤren ließ, und der uͤbrig gebliebene Theil ergab ſich, nachdem er die Waffen weggeworfen, auf Gnade und Ungnade. Zwei hundert und dreißig blieben auf dem Platz, und fuͤnf und zwanzig wurden verwundet, unter denen auch der Anfuͤhrer Fabricio Colonna ſich befand. Die 244 Uebrigen blieben gefangen, und kam auch nicht ein Einziger davon, der das Ungluͤck ſeiner Cameraden nach Pont⸗Aà⸗Mouſſon haͤtte berichten koͤnnen. Nach dieſer tapfern und ſiegreichen Unternehmung ſchickte Vieilleville einen Theil ſeiner Leute, nebſt dem gefangenen feind⸗ lichen Anfuͤhrer, zum Herzog von Nevers zuruͤck; die andern Verwundeten oder Gefangenen aber wurden an einen ſichern Ort gebracht. Die drei erbeuteten Standarten, ließ er dem Herzog ſagen, koͤnne er noch nicht mitſchicken, da er ſie zu einer Unternehmung noͤthig habe, die ihm in dem Augenblick in den Sinn kaͤme. Als man in ihn drang, zu ſagen, was dieß fuͤr ein Unternehmen ſey, antwortete Vieilleville: er ſey keiner von den Thoren, die das Baͤrenfell verkaufen, ehe ſie ihn gefangen haben. Auch wollte er es nicht machen, wie Fa⸗ bricio Colonna, der ihn an ſeinen Kundſchafter geſchenkt habe, um ihn zu toͤdten und jetzt ſelbſt von ſeiner Gnade abhaͤnge. Nachdem jene weggeritten, rufte Vieilleville ſeinen Kund⸗ ſchafter und ſagte ihm:„Nimm meine weiße Standarte, mei⸗ „nen Kopfhelm und meine Armſchienen, und gehe nach Pont⸗ „a⸗Mouſſon. Biſt du eine Viertelſtunde von der Stadt, ſo „fange an zu galoppiren und rufe Victoria, ſage, daß Colonna „den Vieilleville und ſein ganzes Corps geſchlagen und daß er „ihn mit dreißig oder vierzig andern franzoͤſiſchen Edelleuten „gefangen bringe. Zeige ihnen zum Wahrzeichen meine Waf⸗ „fen. Hier haſt du vier unbekannte Diener, die dir ſie tragen „helfen. Nimm noch einen Buͤndel zerbrochener Lanzen mit „den weißen franzoͤſiſchen Faͤhnchen, um deine Rede zu unter⸗ „ſtuͤtzen. Zeige ihnen ein recht froͤhliches Geſicht und ſchimpfe nauf mich, was du nur immer kannſt, daß du in zwei Stun⸗ „den mein Herz aus dem Leibe ſehen muͤßteſt, wenn ich es „nicht mit zehntauſend Thaler ausloͤste. Vergiß aber nicht, 245 „ſobald du im Thor biſt, auf dasſelbe zu ſteigen, als wollteſt „du meine Feldzeichen daſelbſt aufhaͤngen, und halte dich bei „den Fallrechen und Fallbruͤcken auf, daß man ſie nicht nieder⸗ Maſſe. Gott wird das Weitere thun.“ Saligny, ſo hieß der Kundſchafter, machte ſich friſch auf, um ſeinen Auftrag zu vollziehen, dem er auch puͤnktlich nach⸗ kam. Unterdeſſen befiehlt Vieilleville allen Lanzenknechten und Schuͤtzen, das weiße Feldzeichen zu verbergen und die rothen Schaͤrpen der Todten und ſonſt Alles, was ſie von kaiſerlichen oder burgundiſchen Zeichen an ſich tragen, anzulegen. Von den eroberten ſpaniſchen Standarten gab er eine dem Herrn von Montbourger, die andere dem von Thuré und die dritte dem von Mesnil⸗Barré, mit dem Befehl, alle die, ſo aus der Stadt herauskaͤmen, um die franzoͤſiſchen Gefangenen zu ſehen, umzubringen, wenn es nicht Einwohner ſeyen. Ver⸗ gaͤße aber Don Alphonſo ſich ſo ſehr, daß er ſelbſt den Platz verließe, um dem Colonna uͤber einen ſo wichtigen Sieg Gluͤck zu wuͤnſchen, ſo ſollten ſie ihn feſthalten und entwaffnen, ohne ihm jedoch etwas Anderes zu Leid zu thun. Jetzt voran im Namen Gottes, ſagte er, die Stadt iſt unſer, wenn ſich Niemand verraͤth. Jedermann ſtand erſtaunt da, denn er hatte ſich Niemand vorher entdeckt, und wußte man nicht, was er im Schild fuͤhrte, als er den Kundſchafter abſchickte. Dieſer ſprengte, ſobald er ſich der Stadt naͤherte, mit ſeinen vier Waffentraͤgern im Ga⸗ lopp an, und rief:„Victoria, Victoria! der verdammte Hund „von Franzmann, der Vieilleville, und ſeine Leute alle ſind „geſchlagen. Fabricio fuͤhrt ihn gefangen dem Don Alphonſo „zu. Hier ſind ſeine Waffen, ſeine Armſchienen, ſein Feld⸗ „zeichen. Mehr als hundert Todte liegen auf dem Platz, die „Andern alle ſind geſchlagen oder verwundet. Man haͤtte ſie alle 246 „follen in Stuͤcke hauen, wenn es nach meinem Sinn gegan⸗ „gen waͤre. Victoria, Victoria!“ Die Freude unter den Soldaten war ſo groß, daß die We⸗ nigen, ſo zuruͤckgeblieben, die Zeit nicht erwarten konnten, Vieilleville zu ſehen, und Fabricio alle Ehre zu erzeigen, denn man zweifelte gar nicht an der Wahrheit. Don Alphonſo, ſo⸗ hald er die Waffen und Armſchienen, eines Prinzen wuͤrdig, ſo viele Lanzenſtuͤcke und weiße Standarden ſah, fragte weiter nicht, ſondern ſetzte ſich zu Pferde und ritt, begleitet von zwanzig Mann, dem Fabricio entgegen. Orvaulr und Olivet, ganz roth gekleidet, kommen ihm mit dem Geſchrei entgegen: Victoria, Victoria! los Franceses son todos matados(die Fran⸗ zoſen ſind alle getoͤdtet). Alphonſo, dem dieſes Geſchrei und die Spache gar wohl gefiel, ging immer vorwaͤrts. Auf ein⸗ mal fallen ſie uͤber ihn her, umringen ihn, machen Alles nie⸗ der, was er bei ſich hat, ſelbſt die Bedienten, und nehmen ihn sefangen. Es kamen der Reihe nach immer Mehrere nach, sber Alle hatten dasſelbe Schickſal. Nun befahl Vieilleville dem Mesnil⸗Barré, dem Don Al⸗ phonſo die Standarte, welches gerade die von ſeiner Compagnie war, in die Hand zu geben, und ihn zwiſchen den zwei Andern reiten zu laſſen. Einer, Namens le Grec, der ſpaniſch redete, mußte ihm ſagen, daß, wenn er bei Annaͤherung gegen die Stadt⸗ thore nicht Victoria ſchrie, er eine Kugel vor den Kopf bekaͤme. Mesnil⸗Barré ſollte dieſes ausfuͤhren. Alles fing jetzt an zu galoppiren, als man einen Buͤchſenſchuß von den Thoren war. Le Grec war voran, der auf Spaniſch Wunder erzaͤhlte, ſo daß die Garniſon, die aͤcht ſpaniſch war, als ſie Alphonſo unter den Galoppirenden und Schreienden ſah, Platz machte und Alles herein ließ. Man ließ ihnen aber nicht mehr Zeit, die Bruͤcke aufzuziehen, denn ploͤtzlich aͤnderte man die Sprache, 247 und hieb ſie alle zuſammen. France! France! wird gerufen. Die Schuͤtzen kommen auch dazu und beſetzen die Thore, und ſo iſt Vieilleville Herr der Stadt. Man fand in derſelben einen unerwartet großen Vorrath von Proviant, welchen die verwittwete Herzogin von Lothringen durch den Fluß hatte heimlich hineinſchaffen laſeen, um unter der Hand die Armee des Kaiſers, ihres Onkels, davon zu erhalten. Was Don Alphonſo anbetrifft, ſo fand man ihn den andern Morgen ganz angekleidet todt auf ſeinem Bette ausgeſtreckt. Vincent de la Porta, ein neapolitaniſcher Edelmann, dem er von Vieillevillen war uͤbergeben worden, hatte ihn nicht dahin bringen koͤnnen, ſich auszukleiden, ob er gleich ſehr in ihn drang. Die Kaͤlte konnte nicht Schuld an ſeinem Tode ſeyn, denn der Edelmann und ſechs Soldaten, mit denen er die Wache hielt, unterhielten im Zimmer ein ſo großes Feuer, daß man es kaum darin aushalten konnte. Es war Verzweiflung und Herzeleid, ſich ſo leichtſinnig in die Falle geſtuͤrzt zu haben, was ihm das Leben gewaltſamer Weiſe nahm. Dazu kam noch die Schande und die Furcht, vor ſeinem Herrn jemals zu erſcheinen, der ohnedem ſchon gegen alle Feldherren und vornehmen Officiere ſeiner Armee aufgebracht war, wie ihm der Herzog von Alba den Tag vor ſeiner Gefangennehmung geſchrieben hatte; denn dieſes war der Inhalt der Briefs, den le Grec ins Franzoͤ⸗ ſiſche uͤberſetzte, wo einige laͤcherliche Zuͤge vorkommen. Der Brief fing nach einigen Eingangscomplimenten alſo an: „Der Kaiſer, der wohl wußte, daß die Breſche(vor Metz) ziemlich betraͤchtlich ſey, aber keiner ſeiner Officiere ſich wagte, hineinzudringen, ließ ſich von vier Soldaten dahin tragen, und fragte, da er ſie geſehen, ſehr zornig:„Aber um der Wunder „Gottes willen! warum ſtuͤrmt man denn da nicht hinein? Sie „iſt groß genug und dem Graben gleich, woran fehlt es denn 248 „bei Gott?“ Ich antwortete ihm, wir wuͤßten fuͤr ganz gewiß, daß der Herzog von Guiſe hinter der Breſche eine ſehr weite und große Verſchanzung angelegt habe, die mit unzaͤhligen Feuer⸗ ſchluͤnden beſetzt ſey, ſo daß jede Armee dabei zu Grund gehen muͤßte.„Aber, beim Teufel!“ fuhr der Kaiſer weiter fort, „warum habt Ihr's nicht verſuchen laſſen?“ Ich war genoͤthigt, ihm zu antworten, daß wir nicht vor Duͤrren, Ingolſtadt, Paſ⸗ ſau, noch andern deutſchen Staͤdten waͤren, die ſich ſchon ergeben, wenn ſie nur berennt ſind, denn in dieſer Stadt ſeyen zehntau⸗ ſend brave Maͤnner, ſechzig bis achtzig von den vornehmſten franzoͤſiſchen Herren und neun bis zehn Prinzen von koͤniglichem Gebluͤt, wie Se. Majeſtaͤt aus den blutigen und ſiegreichen Aus⸗ faͤllen, bei denen wir immer verloren, erſehen koͤnnten. Auf dieſe Vorſtellungen wurde er nur noch zorniger und ſagte: „Bei Gott, ich ſehe wohl, daß ich keine Maͤnner mehr habe; nich muß Abſchied von dem Reich, von allen meinen Planen, „von der Welt nehmen und mich in ein Kloſter zuruͤckziehen; „denn ich bin verrathen, verkauft, oder wenigſtens ſo ſchlecht „bedient, als kein Monarch es ſeyn kann; aber bei Gott, noch nehe drei Jahre um ſind, mach' ich mich zum Moͤnch.“— „Ich verſichere Euch, Don Alphonſo, ich haͤtte ſogleich ſeinen Dienſt verlaſſen, wenn ich kein Spanier waͤre. Denn iſt er bei dieſer Belagerung uͤbel bedient worden, ſo muß er ſich an Brabancon, Feldherrn der Koͤnigin von Ungarn, halten, der dieſe Belagerung hauptſaͤchlich commandirt, und gleichſam als ein Franzoſe anzuſehen iſt, ſo wie auch die Stadt Metz im franzoͤſiſchen Klima liegt; und er ruͤhmte ſich uͤberdieß, ein Ver⸗ ſtaͤndniß mit vielen Einwohnern zu haben, unter denen die Tallanges, die Baudoiches, die Gornays, lauter alte Edelleute der Stadt Metz, ſeyen. Auch haben wir die Stadt von ihrer ſtaͤrfſten Seite angegriffen, unſere Minen ſind entdeckt worden 249 und haben nicht gewirkt. So iſt uns Alles uͤbel gelungen und gegen alle Hoffnung ſchlecht von ſtatten gegangen. Wir haben Menſchen und Wetter bekriegen muͤſſen. Er bereut es nicht und bleibt dabei, und um ſeine Halsſtarrigkeit zu decken, greift er uns an, und wirft auf uns alles Ungluͤck und ſeine Fehler. Alle Tage ſieht er ſein Fußvolk zu Haufen dahinſtuͤrzen, und beſonders unſere Deutſchen, die im Koth bis an die Ohren ſtecken. Schickt uns doch ja die eilf Schiffe mit Erfriſchungen, die uns Ihre Durchlaucht von Lothringen beſtimmt haben, denn unſere Armee leidet unendlich. Vor allem Andern aber ſeyd auf Eurer Hut gegen Vieilleville, der von Verdun nach Toul mit Truppen gekommen, denn der Kaiſer ahnet viel Schlim⸗ mes, da er ſchon lange her ſeine Tapferkeit und Verſchlagenheit kennt, ſo daß er ſogar ſagt, ohne ihn waͤre er jetzt Koͤnig von Frankreich; denn als er in die Provence, ins Koͤnigreich ein⸗ gedrungen, ſey Vieilleville ihm zuvorgekommen, und habe ſich durch eine feine Kriegsliſt von Avignon Meiſter gemacht, daß der Connetable ſeine Armee zuſammenziehen konnte, die ihn hinderte, weiter vorzudringen. Ich gebe Euch davon Nachricht, als meinem Verwandten, denn es ſollte mir leid thun, wenn unſere Nation, die er jedoch weniger beguͤnſtigt und in Ehren haͤlt als andere, dem Herrn mehr Urſache zur Unzufriedenheit gaͤbe u. ſ. f.“ Nach Leſung dieſes Briefs war es klar, welches die wahre Urſache ſeines Todes geweſen, denn Alphonſo hatte gegen alle darin enthaltenen Punkte gefehlt. Der Herzog von Nevers kam auf dieſe Nachrichten ſelbſt vor den Thoren von Pont⸗à⸗Mouſſon an, eben da man ſich zum Mittageſſen ſetzen wollte. Vieilleville ging ihm ſogleich ent⸗ gegen; es wurde beſchloſſen, einen Courier an den Koͤnig ab⸗ zuſchicken, dem man auch den Brief des Herzogs von Alba an Don Alphonſo mitzugeben nicht vergaß. Einen andern Kund⸗ 250 ſchafter, mit Namen Habert, ſchickte man ins kaiſerliche Lager, um aufmerkſam zu ſeyn, wenn der Herzog von Alba etwas ge⸗ gen Pont⸗-à⸗Mouſſon unternehmen wuͤrde, denn die Stadt war ſehr ſchlecht befeſtigt und Vieilleville war der Meinung, ſie lieber ſogleich zu verlaſſen, als zu befeſtigen, um die Neutra⸗ litaͤt nicht zu verletzen und dem Kaiſer keine Urſache zu geben, ſich der andern Staͤdte von Lothringen zu verſichern. Den andern Tag ſchlug Vieilleville vor, unter dem Schutz der kaiſerlichen Feldzeichen einige Streifereien in der Gegend vorzunehmen und ſo die Feinde anzulocken. Der Herzog von Nevers wollte, aller Widerrede ungeachtet, dabei ſeyn; doch uͤberließ er Vieilleville alle Anſtalten und das Commando. Sie zogen mit ungefaͤhr vierhundert Mann aus und machten auf dem Weg viele Gefangene, da einige feindliche Trupps ihnen in die Haͤnde ritten, die ſie fuͤr Spanier und Deutſche hielten. So kamen ſie bis Corney, den halben Weg von Pont⸗à⸗Mouſſon nach Metz und nur zwei kleine Stunden vom kaiſerlichen Lager. Da ſie hier nichts fanden, trug Vieilleville, ungeachtet ſie nicht ſicher waren, dennoch darauf an, noch eine halbe Stunde weiter vorwaͤrts zu gehen. Auf dieſem Wege trafen ſie ein großes Convoi von ſechzig Wagen unter einer Bedeckung von zwei⸗ hundert Mann an, die ihnen alle in die Haͤnde fielen. Jetzt war es aber zu ſpaͤt, um nach Pont⸗à⸗Mouſſon zuruͤckzukommen, denn ſie waren auf vier Stunden entfernt, und es ſchneite außer⸗ ordentlich ſtark. Es wurde daher beſchloſſen, in Corney zu ubernachten, obgleich ein ſehr unbequemes Nachtquartier daſelbſt war. Gleich den andern Morgen wurde wieder ausgeritten; dießmal traf man auf ſechs Wagen mit Wein und andern aus⸗ geſuchten Lebensmitteln, welche die Herzogin von Lothringen dem Kaiſer, ihrem Onkel, fuͤr ſeine Tafel ſchickte. Acht Edel⸗ leute und zwanzig Mann begleiteten dieſe Leckerbiſſen, worunter 251 unter andern zwoͤlf Rheinlachſe und die Haͤlfte in Paſteten waren. Wie ſie die rothen Feldzeichen ſahen, riefen ſie: da kommt die Escorte, ſo uns der Kaiſer entgegen ſchickt! Wie groß war aber nicht ihr Erſtaunen, als ſie auf einmal rufen hörten: Franee! und Alle gefangen genommen wurden. Einer von den gefangenen Edelleuten, Namens Vignau⸗ court, fragte:„ob dieſer Trupp nicht dem Herrn von Vieille⸗ „ville zugehoͤrte.“ Warum? fragte Vieilleville ſelbſt.„Weil „er es iſt, der Pont⸗à⸗Mouſſon mit den kaiſerlichen Feldzeichen „eingenommen hat, woruͤber der Kaiſer außerordentlich aufge⸗ „gebracht iſt. Ich war geſtern bei ſeinem Lever, und ich hoͤrte „ihn ſchwoͤren, daß, wenn er ihn ertappte, er ihm uͤbel mit⸗ „ſpielen wollte. Dieſer Verraͤther Vieilleville, ſagte er, hat „mit meinem Feldzeichen Pont⸗à⸗Mouſſon weggenommen, und „mit kaltem Blut meinen armen Don Alphonſo umgebracht, „auch alle darin befindlichen Kranken toͤdten laſſen, und die „Lebensmittel, die fuͤr mich beſtimmt waren, weggenommen. „Aber ich ſchwoͤre, bei Gott dem Lebendigen, daß, wenn er „jemals in meine Haͤnde faͤllt, ich ihn lehren will, ſolche Treu⸗ „loſigkeiten zu begehen und ſich meines Namens, meiner Waf⸗ „fen und Zeichen zu meinem Schaden zu bedienen. Auch der „maͤchtigſte und tapferſte Fuͤrſt muͤßte auf dieſe Art hintergan⸗ „gen werden. Er ſoll verſichert ſeyn, daß ihm nichts Anderes „bevorſteht, als geſpießt zu werden, und verdamm' ich ihn von „dieſem Augenblick an zu dieſer Strafe, wenn ich ihn bekomme. „Und ihr Andern, euch mein' ich, die ihr mein Heer comman⸗ „dirt, was fuͤr Leute ſeyd ihr, daß ihr nichts gegen dieſen „Menſchen unternehmt? denn ich hoͤrte noch geſtern von Je⸗ „mand, der mir treu iſt, daß er noch immer alle Tage mit „ſeinen Soldaten herumſtreift in rothen Schaͤrpen mit den „ſpaniſchen und burgundiſchen Feldzeichen, unter welchen er 25² „viele Tauſend meiner Leute ermordet, denn Niemand ſetzt ein „Mißtrauen darein. Beim Teufel auch, ſeyd ihr Leute, ſo netwas zu ertragen, und liegt euch meine Ehre und mein Dienſt „micht beſſer am Herzen? Auf dieſe zornige Aeußerung enſtand „unter den Prinzen und Grafen, die in ſeinem Zimmer waren, „ein Gemurmel, und ſie entfernten ſich voll Zorn. Vieillleville „mag ſich in Acht nehmen; denn ſie ſind ſehr giftig auf ihn, „beſonders die Spanier wegen des Don Alphonſo de Arbolancqua, „den er auf eine grauſame Art hat umbringen laſſen.“ Vieilleville antwortete darauf, daß Don Alphonſo auf ſeinem Bette todt gefunden worden, und Niemand ſeinen Tod befoͤr⸗ dert haͤtte. Vieilleville wuͤrde lieber wuͤnſchen, niemals gelebt zu haben, als ſich einer ſolchen That ſchuldig zu wiſſen. Er fuͤrchte ſich jedoch nicht vor des Kaiſers Drohungen. Seine Ehre erfordere, zu beweiſen, daß es eine Unwahrheit ſey, ihn einer ſolchen Unmenſchlichkeit zu beſchuldigen. Vignaucourt merkte an dieſen Reden, daß Vieilleville mit ihm ſpreche; auch winkten ihm die Andern zu, daher er nicht weiter fortfuhr. Auf dieſes beſchloß Vieilleville, mit dem Herzog von Nevers ſich zuruͤckzuziehen. Kaum waren ſie eine halbe Stunde von Corney, als Habert einhergeſprengt kam und ſie warnte, ja nicht in Corney zu uͤbernachten; denn der Prinz von Infan⸗ tasque kaͤme mit dreitauſend Schuͤtzen und tauſend Pferden gegen Miternacht an, indem er dem Kaiſer geſchworen, Vieille⸗ ville lebendig oder todt zu liefern.„Seyd willkommen, Habert, Ihr bringt mir gute Botſchaft,“ ſagte er darauf, und drang nun in den Herzog von Neyers, ſich nach Pont⸗a⸗Mouſſon zu⸗ ruͤckzuziehen, indem er einen ſolchen Prinzen nicht der Gefahr ausſetzen koͤnne; er ſelbſt aber wolle bleiben, und dieſen Spa⸗ nier mit ſeinen großen Worten erwarten.„Wollt ihr Alle, die ihr hier ſeyd,“ ſprach er dann mit erhoͤhter Stimme,„mei⸗ 2⁵53 nen Entſchluß unterſtuͤtzen? Auch habt ihr noch nie den Krieg anders gefuͤhrt als durch Liſt und Ueberfall.“ Er nimmt dar⸗ auf die rothen Standarten und reißt ſie in Stuͤcken, befiehlt die ſpaniſchen Schaͤrpen zu verbergen und die franzoͤſiſchen Zeichen anzulegen. Alle antworteten einmuͤthig, ſie wollten zu ſeinen Fuͤßen ſterben, und zerriſſen Alles, was ſie Rothes an ſich hatten. Der Herzog von Nevers ſtellte ihm vor, daß es eine Verwegenheit ſey, in einem Dorfe, das keine Befeſtigung haͤtte, wo man von allen Seiten hinein koͤnne, ſich zu halten. „Das iſt Alles eins,“ antwortete Vieilleville,„ich weiß, womit ich ſie ſchlage, oder ſie wenigſtens fortjage. Sehen Sie dort jenes Buſchholz und links dieſen Wald; in jedes verſtecke ich zwei hundert Pferde, die ſollen ihnen unverſehens auf den Leib fallen, wenn ſie im Angriff auf unſer Dorf begriffen ſind, und wenn auch hundert Prinzen von Infantasque da waͤren, ſo wuͤrden ſie davon muͤſſen. Laſſen Sie mich nur machen, mit Huͤlfe Gottes hoffe ich Alles gut auszufuͤhren, und in weniger als zwei Stunden will ich geraͤcht ſeyn.“ Da der Herzog von Nevers ſah, daß er nicht abzubringen ſey, beſtand er darauf, bei dieſer Unternehmung zu bleiben, welche Vorſtellung ihm auch Vieilleville dagegen machte. Jetzt wurde beſchloſſen, nach Corney zu gehen, um Alles zu veran⸗ ſtalten; ſie waren nur noch tauſend Schritte davon entfernt, als ſie einen Mann durch das gruͤne Korn daher laufen ſahen, worauf ſie Halt machten. Es war der Maire von Villeſaleron, der ihnen ſchon gute Dienſte geleiſtet hatte. Dieſer ſagte, daß ſie ſich retten ſollten, denn auch der Markgraf Albert von Brandenburg ruͤcke mit viertauſend Mann Fußvolk, zweitauſend Pferden und ſechs Kanonen auf das Dorf an. Auf dieſes waren ſie, zu großem Verdruß von Vieilleville, genoͤthigt, das Dorf zu verlaſſen. Die acht lothringiſchen Edelleute wurden frei⸗ 254 gelaſſen. Noch beim Weggehen ſagte Vignaucourt, er wundere ſich gar nicht, wenn Vieilleville ſolche Dinge ausfuͤhrte, da er ſo vortrefflich bedient ſey, denn er wolle verdammt ſeyn, wenn er nicht Jenen, Namens Habert, im Zimmer des Kaiſers ge⸗ ſehen habe, wo er vorgegeben, daß er vom Oberſt Schertel geſchickt ſey, und dieſen krank in Straßburg verlaſſen habe. Und dieſen Letzten, den Maire, habe er vor vier Tagen Brod und Wein in des Markgrafen Lager verkaufen ſehen. Den Sonntag darauf, den 1 Januar 1555, erfuhr Vieille⸗ ville durch Deſerteurs, daß der Kaiſer die Belagerung von Metz aufgehoben. Vieilleville lebte jetzt drei Monate ruhig auf ſeinem Gut Dureſtal und erholte ſich von den Muͤhſeligkeiten des Krieges. Unterdeſſen hatte man ihm bei Hofe das Gouvernement von Metz, wo der Herr von Gonnor gegenwaͤrtig commandirte, zu⸗ gedacht; beſonders verwendeten ſich fuͤr ihn der Herzog von Guiſe und von Nevers als Augenzeugen ſeiner Thaten vor Metz. Allein der Connetable warf ſich auch hier dazwiſchen und ſtellte vor, daß man Herrn von Gonnor, der die Belage⸗ rung ausgehalten habe, nicht abſetzen koͤnne, und es Vieille⸗ villen lieber ſeyn wuͤrde, wenn ihn der Koͤnig zu ſeinem Lieutenant in Bretagne machte, wo er ſeine Familie und Guͤ⸗ ter haͤtte. Denn der Herzog von Eſtampes, jetziger Gouver⸗ neur von Bretagne, ſey ſehr krank, es wuͤrde ſodann der Herr von Gyeè, ſein Lieutenant, ihm folgen, und Vieilleville deſſen Stelle erhalten koͤnnen. Vieilleville wurde davon fuͤnfzehn Tage nach Oſtern 1553 durch den Secretaͤr Malestroit heimlich benachrichtigt, um ſich auf eine Entſchließung gefaßt zu halten. Das Schreiben des Koͤnigs vom 22 April 1553 kam auch wirklich an, und war ſo abgefaßt, wie es der Connetable gewollt hatte. Vieilleville ant⸗ 25⁵ wortete dem Koͤnig ſehr ehrerbietig, wie ihn hauptſaͤchlich vier urſachen hinderten, dieſe Gnade anzunehmen. Erſt lich ſey Eſtampes nichts weniger als gefaͤhrlich krank; es wuͤrde dieſes Beide von einander entfernen, da ſie jetzt in gutem Vernehmen ſtünden; uͤberdem ſey er ja ſelbſt zwei Jahre aͤlter als der Herzog von Eſtampes. Zweitens habe er ſehr viele Ver⸗ wandte und Freunde, die ſich vielleicht auf ihre Verwandtſchaft ſtuͤtzen und ſich gegen die Geſetze vergehen koͤnnten, wo er dann, ein Feind aller Parteilichkeiten, ſtreng verfahren muͤßte, und doch wuͤrde es ihm leid ſeyn, ſeine Bekannten als Ver⸗ brecher behandelt zu ſehen. Drittens ſey er noch gar nicht in den Jahren, um ſich in eine Provinz verſetzt zu ſehen, wo man ruhig leben koͤnne und nichts zu thun habe, als am Ufer ſpazieren zu gehen, und die Ebbe und Fluth zu beobachten. Er habe erſt zweiundvierzig Jahre, und hoffe noch im Stand zu ſeyn, Sr. Majeſtaͤt vor dem Feind zu dienen. Es wuͤrde ihm viertens zu hart vorkommen, unter dem Herrn von Gyé zu dienen, der ein Unterthan von ihm ſey, und mit dem er nicht ganz gut ſtehe. Er wiſſe, daß Se. Majeſtaͤt ihm das Gouvernement von Metz zugedacht, und er ſey verwundert, wie man ſich ſo zwiſchen den Koͤnig und ihn werfen und Alles vereiteln koͤnne, was ihm dieſer beſtimmt habe. Als der Koͤnig dieſen Brief geleſen, wurde er aufgebracht, daß man ihm ſo entgegenſtuͤnde, ließ den Connetable rufen und ſagte ihm ſehr beſtimmt, daß Vieilleville das Gouvernement von Metz haben ſolle, Gonnor ſolle ſogleich aus Metz heraus, und Vieilleville dahin abgehen, welches denn auch geſchah. Er brachte eine ſehr ausgedehnte Vollmacht mit, wodurch er uͤber Leben und Tod zu ſprechen hatte, und die Commandanten von Toul und Verdun ſo eingeſchraͤnkt wurden, daß ſie gleichſam nur Capitaͤns von ihm waren. Er hatte den Sold der Gar⸗ 256 niſon auf zwei Monate mitgebracht und ließ ihn austheilen, jedoch ſo, daß Mann vor Mann von dem Kriegscommiſſar verleſen wurde, wie ſie in den Liſten ſtanden. Sonſt hatten die Capitaͤns die Loͤhnung fuͤr ihre Compagnien erhalten, und manche Unterſchleife damit getrieben. Die Einwohner von Metz gewannen hierbei viel, da ſie ſonſt ganz von der Gnade des Capitaͤns abhingen, wenn ein Soldat ihnen ſchuldig war. Nachdem nun Gonnor Alles, was in den Arſenalen war, uͤber⸗ geben hatte, verließ er Metz, und empfahl Vieillevillen beſon⸗ ders den Sergentmajor von der Stadt, den Capitaͤn Nycollas, und den Prevot, Namens Vaurés; er lobte ſie außerordentlich in ihrer Gegenwart, woraus Vieilleville ſogleich ein Mißtrauen ſchoͤpfte, das er aber keineswegs merken ließ. Er fand die Garniſon in großer Unordnung; ſie war ſtolz dadurch geworden, daß ſie gegen einen ſo maͤchtigen Kaiſer eine Belagerung ausgehalten, und es verging keine Woche, wo nicht fuͤnf bis ſechs Schlaͤgereien vorfielen uͤber den Streit, wer ſich am tapferſten gehalten haͤtte. Oft fielen ſie unter den Officieren vor, die den Ruhm ihrer Soldaten vertheidigten; oft brachen ſich die Soldaten fuͤr ihre Officiere die Haͤlſe. Vieilleville war deßhalb in großer Verlegenheit; er mußte fuͤrchten, durch ſcharfe Befehle einen Aufſtand zu erregen, der um ſo gefaͤhrlicher war, als der Graf von Mannsfeld im Luremburgiſchen, wo er com⸗ mandirte, und beſonders in Thionville, vier Stunden von Metz, viele Truppen hatte. Ueberdem waren die Einwohner ſelbſt voll Verzweiflung, denn nachdem der Kaiſer hatte abziehen muͤſſen, ſahen ſie wohl, daß ſie das franzoͤſiſche Joch nicht wie⸗ der abſchuͤtteln koͤnnten. Ueberdieß waren ſie auf eine unleid⸗ liche Art durch ſtarke Einquartierungen geplagt, denn es war kein Geiſtlicher, noch Adeliger, noch eine Gerichtsperſon, die davon befreit war. Auf der andern Seite hielt es Vieilleville 257 gegen ſeine Ehre und Wuͤrde, ſolche Ungezogenheiten fortgehen zu laſſen, und er beſchloß daher, was es auch koſten moͤge, ſeinen Muth zu zeigen, und ſich Anſehen und Gehorſam zu verſchaffen. Er ließ daher ſchnell alle Hauptleute verſammeln und that ihnen ſeinen Vorſatz kund, wie er noch heute die Befehle und die Strafen fuͤr den Uebertretungsfall wuͤrde verleſen laſſen, von denen Niemand, weß Standes er auch ſey, ſollte ausge⸗ nommen ſeyn. Sie, die ihn wohl kannten, wie feſt er bei einer Sache bliebe, wenn er ſie reiflich uͤberlegt hatte, boten ihm auf alle Art die Hand hierzu; doch ließen ſie bei dieſer Gelegenheit den Wunſch merken, daß er weniger ſtreng in Vertheilung der letzten Loͤhnung moͤchte geweſen ſeyn. Er ſtellte ihnen aber vor, daß es ſchaͤndlich waͤre, ſich vom Geiz beherrſchen zu laſſen, und dieſes Laſter ſich mit der Ehrliebe der Soldaten nicht vertruͤge. Ich bin feſt entſchloſſen, ſagte er, auch nicht im Geringſten davon abzugehen, was ich einrichten und befehlen werde, und lieber den Tod! Nachmittags wurden die Befehle mit großer Feierlichkeit verleſen, beſonders auf dem großen Markt, wo alle Cavallerie mit ihren Officieren aufmarſchirt war; er ſelbſt hielt dort auf ſeinem ſchoͤnen Pferd mitten unter ſeiner Leibwache von Deutſchen— ſehr ſchoͤne Leute, die ihm der Graf von Naſſau geſchickt hatte, mit ihren großen Helle⸗ barden und Streitaͤrten, in Gelb und Schwarz gekleidet, denn dieſes war ſeine Farbe, die ihm Frau von Vieilleville, als ſie noch Fraͤulein war, gegeben hatte, und die er immer beibehielt. Es machte dieſes einen ſolchen Eindruck, daß in zwei Monaten keine Schlaͤgerei entſtand, als zwiſchen zwei Soldaten uͤber das Spiel, wovon der eine den andern toͤdtete. Vieilleville noͤthigte den Hauptmann, unter deſſen Compagnie der noch lebende Soldat ſtand, dieſen, der ſich verborgen hatte, vor Gericht zu Schillers ſaͤmmtl. Werte. XI. 17 258 bringen, wo ſodann der Kopf erſt dem Getoͤdteten, und ſodann dem andern Soldaten abgeſchlagen wurde. Kurz darauf meldete man ihm, daß einige Soldaten unter dem Vorwand, Wildpret zu ſchießen, Leute, die Lebensmittel in die Stadt braͤchten, auf der Straße anfielen und ihnen das Geld abnaͤhmen. Gegen Mitternacht fing man drei der⸗ ſelben, die ſogleich die Folter ſo ſtark bekamen, daß ſie ſieben ihrer Helfershelfer angaben. Er ließ dieſe ſogleich aus ihren Betten ausheben, und war ſelbſt bei dieſen Gefangennehmun⸗ gen mit ſeinen Garden und Soldaten. Dieſe zehn Straßen⸗ raͤuber wurden in ſein Logis gebracht, hier vier beſtohle⸗ nen Kaufleuten vorgeſtellt, und ihnen, da ſie erkannt wur⸗ den, ſogleich der Proceß gemacht. Des Morgens um acht Uhr waren ſchon drei davon geraͤdert und die Uebrigen gehan⸗ gen, ſo daß ihre Capitaͤns ihren Tod eher als ihre Gefangen⸗ nehmung vernahmen. Es gab dieſes ein großes Schrecken in der Garniſon, das ſich dadurch noch vermehrte, als man ſah, daß er gegen ſeine Hausdienerſchaft noch ſtrenger war. Einer ſeiner Bedienten, der ihm ſieben Jahre gedient hatte, wurde gleich den andern Morgen gehenkt, weil er in der Nacht das Haus eines Maͤdchens, das er liebte, beſtuͤrmt hatte, und einer ſeiner Koͤche, der ein Gaſthaus in Metz angelegt, wurde durch dreimaliges Ziehen mit Stricken ſo gewippt, daß er Zeitlebens den Gebrauch ſeiner Glieder verlor, und nur, weil er gegen den Befehl gehandelt hatte, den Bauern ihre Waaren nicht unter den Thoren ab⸗ zukaufen, ſondern ſie vorher auf den dazu beſtimmten Platz kommen zu laſſen. Waͤhrend der Belagerung hatten mehrere Officiere, waͤhrend daß ſie die Maͤnner auf die Waͤlle ſchickten, um daſelbſt zu arbeiten, mit den Weibern und Toͤchtern gar uͤbel geh auſet, 259 manche geraubt, den Vater oder Mann aber umgebracht und vorgegeben, es ſey durch die Kanonen geſchehen, ſo daß jetzt noch ſechsundzwanzig Weiber und Maͤdchen fehlten, welche die Officiers und Soldaten verſteckt hielten. Der vorige Comman⸗ dant hoͤrte auf die Klagen, welche deßhalb einliefen, nicht, theils weil er einen Aufruhr befuͤrchtete, wenn er es abſtellte, theils auch, weil er ſelbſt ein ſolches Maͤdchen gegen den Willen ihrer Mutter bei ſich hatte, die er Frau von Gonnor nennen ließ. Jetzt, da man ſah, wie gerecht und unparteiiſch Vieilleville in Allem verfuhr, beſchloſſen die Anverwandten, eine Bittſchrift einzureichen, und dieß geſchah eines Morgens ganz fruͤhe, ehe noch ein Officier da geweſen war. Er machte ihnen Vorwurfe, daß ſie ein halbes Jahr haͤtten hingehen laſſen, ohne ihm Nachricht davon zu geben. Sie antworteten, daß ſie gefuͤrchtet haͤtten, eben ſo, wie beim Herrn von Gonnor, ab⸗ gewieſen zu werden.„In der That,“ verſetzte er,„ich kann „euch nichts weniger als loben, daß ihr mein Gewiſſen nach „dem meines Vorfahren gemeſſen habt; jedoch ſollt ihr, noch „ehe ich ſchlafen gehe, Genugthuung erhalten, wenn ihr nur „wißt, wo man die Euren verſteckt haͤlt.“ Hierauf verſicherte einer, Namens Baſtoigne, dem ſeine Frau, Schweſter und Schwaͤgerin geraubt waren, daß er ſie Haus fuͤr Haus wiſſe. „Nun gut,“ ſagte Vieilleville,„geht jetzt nach Hauſe, und „Punkt neun Uhr des Abends ſollt ihr eure Weiber haben; „ich waͤhle mit Fleiß eine ſolche Stunde, damit die Nacht „(es war im October) eure und eurer Verwandtinnen Schande „verberge. Laßt euch indeſſen nichts bis zur beſtimmten Stunde „merken, ſonſt koͤnnte man ſie entfernen.“ Er machte darauf die noͤthigen Anſtalten, ſtellte gegen Abend in den Hauptſtraßen Wachen aus, ließ einige Truppen ſich parat halten, und nun nahm er ſelbſt mit einiger Mannſchaft 260 die Hausſuchung vor, ſo wie ſie ihm von den Supplicanten beſtimmt worden war. Zuerſt ging er auf das Quartier des Hauptmanns Roiddes los, der die ſchoͤne Frau eines Notarius, Namens Le Cog, bei ſich hielt, ſtoͤßt die Thuͤren ein, und tritt ins Zimmer, eben als ſich der Capitaͤn mit ſeiner Dame zur Ruhe begeben will. Dieſer wollte ſich anfangs wehren; wie er aber den Gouverneur ſah, fiel er ihm zu Fuͤßen und fragte, was er befehle, und was er begangen? Vieilleville antwortete: er ſuche ein Huͤhnchen, das er ſeit acht Monaten fuͤttere. Der Capitaͤn, welcher beſſer handeln, als reden konnte(es war ein tapferer Mann), ſchwur bei Gott, daß er weder Huhn, noch Hahn, noch Capaun in ſeinem Hauſe habe, und keine ſolchen Thiere ernaͤhre. Alles fing an zu lachen, ſelbſt Vieilleville maͤßigte ſeinen Ernſt, und ſagte ihm, ungeſchickter Mann, die Frau des Le Cog will ich, und dieſes den Augenblick, oder morgen habt ihr bei meiner Ehre und Leben den Kopf vor den Fußen. Ein dem Hauptmann ergebener Soldat ließ unter⸗ deſſen das Weibchen zu einer Hinterthuͤr hinaus in eine enge Straße, hier aber wurde er von einem Hellebardierer angehal⸗ ten, und da er ſich wehren wollte, uͤbel zugerichtet. Unter⸗ deſſen hatte ſich die Frau, ihre Unſchuld zu beweiſen, zu ihrem Manne gefluͤchtet und Vieilleville ließ, als er dieſes hoͤrte, den Capitaͤn Roiddes, den man ſchon gefangen wegfuͤhrte, um ihm bei anbrechendem Tag den Kopf herunterzuſchlagen, wieder los. Als dieſes die andern Officiere hoͤrten, machten ſie ihren Schoͤnen die Thuͤren auf, und Alles lief voll Maͤdchen und Weiber, die in Eile zu ihren Anverwandten flohen. Vieilleville ſetzte die Hausſuchung jedoch noch ſechs Stunden fort, bis er von allen Seiten Nachricht erhielt, daß ſich die Verlornen wieder eingefunden. In Metz waren ſieben adelige Familien, die ſich ausſchlie⸗ 261 ßend das Recht ſeit undenklichen Zeiten anmaßten, aus ihrer Mitte den Oberbuͤrgermeiſter der Stadt zu waͤhlen, welches ein ſe»deutender Platz iſt. Sie waren von dieſem Vorrecht ſo aufgeblaſen, daß, wenn in dieſen Familien ein Kind ge⸗ boren wurde, man bei der Taufe wuͤnſchte, daß es eines Ta⸗ ges Oberbuͤrgermeiſter von Metz oder wenigſtens Koͤnig von Frankreich werden moͤge. Vieilleville nahm ſich vor, dieſes Vor⸗ recht abzuſchaffen, und als bei einer neuen Wahl die ſieben Familien zu ihm kamen und baten, er moͤchte bei ihrer Wahl gegenwaͤrtig ſeyn, antwortete er zur großen Verwunderung, daß es ihm ſchiene, als ſollten ſie vielmehr fragen, ob er eine ſolche Wahl genehmige, denn vom Koͤnige ſolle dieſer Poſten abhaͤngen, und nicht von Privilegien der Kaiſer, und er wolle die Worte: Von Seiten Sr. kaiſ. Majeſtaͤt des heil. roͤmiſchen Reichs und der kaiſ. Kammer zu Speyer verloren machen, und dagegen die braven Worte: Von Sei⸗ ten der Allerchriſtlichſten, der unuͤberwindlichen Krone Frankreichs und des ſouveraͤnen Parla⸗ mentshofs von Paris, ſetzen. Er habe auch ſchon einen braven Buͤrger, Michel Praillon, zum Oberbuͤrgermeiſter er⸗ waͤhlt, und ſie koͤnnten ſich bei dieſer Einſetzung morgen im Gerichtshof einfinden. Der abgehende Oberbuͤrgermeiſter, als er zumal hoͤrte, daß Vieilleville zu dieſem Schritt keinen Befehl vom König habe, ſank in die Kniee, und man mußte ihn halten und zu Bette bringen, wo er auch nach zwei Tagen, als ein wahrer Patriot und Eiferer der Aufrechthaltung der alten Sta⸗ tuten ſeiner Stadt, ſtarb. Vieilleville fuͤhrte den neuen Buͤrgermeiſter ſelbſt ein und beſorgte die deßhalb noͤthigen Feierlichkeiten. Sowohl dieſe Ver⸗ anderung als auch die Herbeiſchaffung der Weiber und Maͤdchen, nebſt mehrern andern Beweiſen ſeiner Gerechtigkeit, gewannen 262 ihm die Herzen aller Einwohner und machten ſie geneigt, franzoͤſiſche Unterthanen zu werden. Sie entdeckten ihm ſogar ſelbſt, daß eine Klagſchrift an die kaiſerliche Kammer im Werk ſey, und bezeichneten ihm den Ort, wo ſie abgefaßt wuͤrde. In dieſem Quartier wurden auch des Nachts welche aufgeho⸗ ben, eben als ſie noch an dieſer Klagſchrift arbeiteten. Der Verfaſſer und der, ſo die Depeſche uͤberbringen ſollte, wurden ſogleich fortgeſchafft, und man hoͤrte nie etwas von ihnen wie⸗ der; ſie wurden wahrſcheinlich erſaͤuft, die Andern aber, ſo Edelleute waren, kamen mit einem derben Verweis und einer Abbitte auf den Knieen davon. Aber nicht nur von innen polizirte er die Stadt Metz, auch von außen reinigte er die umliegende Gegend von den Herumlaͤufern und Naͤubern, die ſie unſicher machten. Alle Wochen mußten etliche hundert Mann von der Garniſon aus⸗ reiten und in den Feldern herumſtreifen. Er neckte die kaiſer⸗ lichen Garniſonen von Thionville, Luxemburg und andern Or⸗ ten ſo ſehr, daß ſie ſeit dem Mai 1552, wo er ſein Gouver⸗ nement uͤbernommen hatte, bis zum naͤchſten Februar uͤber zwoͤlfhundert Mann verloren, da ihm nur in Allem hundert und ſiebenzig getoͤdtet wurden. Die Gefangenen wurden gleich wieder um einen Monat ihres Soldes ranzionirt. Er trug aber auch beſondere Sorgfalt, daß immer die Tapferſten zu dieſen Expeditionen ausgeſchickt wurden, waͤhlte ſie ſelbſt aus, nannte alle beim Namen, und war immer noch unter den Thoren, dieſe Leute ihren Capitaͤns anzubefehlen. Um Vieillevillen die Spitze zu bieten, bat der Graf Manns⸗ feld, ſo in Luremburg commandirte, ſich von der Koͤnigin von Ungarn, Regentin der Niederlande, Verſtaͤrkung aus, und mit ſelbiger wurde ihm der Graf von Mesgue zugeſchickt. Allein Mannsfeld konnte nichts ausrichten, und legte aus Ver⸗ 263 druß ſein Commando nieder, welches der Graf von Mesgue mit Freuden annahm, ob es ihm gleich uͤbel bekam. Vieille⸗ ville war beſonders durch ſeine Spione vortrefflich bedient; hauptſaͤchlich ließen ſich die von einem burgundiſchen Dorf, Namens Maranges, ſehr gut dazu brauchen. Es gab keine Hochzeit, keinen Markt oder ſonſt eine Verſammlung auf fuͤnf⸗ zehn bis zwanzig Meilen in der Runde in Feindes Land, wo Vieilleville nicht zwei bis dreihundert Pferde und eben ſo viel Mann Fußvolk dahin abſchickte, um ihnen zum Tanze zu blaſen. Schickte der Graf von Mesgue dieſen Truppen nach, um ihnen den Ruͤckzug abzuſchneiden, ſo erfuhr er es ſogleich, und ließ ungeſaͤumt ein anderes Corps aus Metz aufbrechen, um jenes zu unterſtuͤtzen und den Weg frei zu machen, bei welcher Gelegenheit oft die tapferſten Thaten vorfielen und immer die Feinde unterlagen. Er bekam Nachricht, daß der Cardinal von Lenoncourt, Biſchof von Metz, Vieles gegen ihn ſammle, um ſodann ſeine Beſchwerden vor des Koͤnigs geheimes Conſeil zu bringen. Nun dann, ſagte er, damit ſeine Klagſchrift voll werde, will ich ihm mehr Gelegenheit geben, als er denkt. Er ließ darauf die Muͤnzmeiſter kommen, die des Cardinals Muͤnze ſchlugen (denn der Biſchof von Metz hatte dieſes Recht), und hielt ihnen vor, wie ſie alles gute Geld verſchwinden ließen und ſchlechtes dafuͤr auspraͤgten. Er befahl ihnen hiermit bei Haͤn⸗ gen und Koͤpfen, auf keine Art mehr Muͤnze zu ſchlagen, ließ auch durch den Prevot alle ihre Stempel und Geraͤthſchaften gerichtlich zerſchlagen, indem es, wie er hinzuſetzte, nicht billig ſey, daß der Koͤnig in ſeinem Reich einen ihm gleichen Unter⸗ than habe. Es war dieſes eine der nuͤtzlichſten Unternehmungen Vieille⸗ ville's, denn es gingen unglaubliche Betruͤgereien bei dieſer 264 Muͤnzſtaͤtte vor; auch nahm es der Koͤnig, als er es erfuhr, ſehr wohl auf. Der Cardinal aber wollte ſich ſelbſt umbringen, denn er war ſehr heftig, als er dieſe Veraͤnderung erfuhr, und verband ſich mit dem Herzog von Vaudemont, Gouverneur von Lothringen, um Vieillevillen um ſein Gouvernement zu bringen, in welchem Vorſatz ſie auch der Cardinal von Lothrin⸗ gen, an den ſie ſich gewendet hatten, unterſtuͤtzte. Vieilleville bekam einen Courier vom Secretaͤr Malestroit, der ihm bekannt machte, daß der Gouverneur des Dauphin, von Humières, auf den Tod laͤge, und der Koͤnig geſonnen ſey, ihm die Compagnie Gendarmes zu geben, die jener be⸗ ſeſſen, daß aber der Connetable dagegen ſey, und ſogar den jungen Dauphin dahin gebracht habe, dieſe Compagnie fuͤr den Sohn ſeines Gouverneurs vom Koͤnig zu erbitten, mit dem Zuſatz(ſo hatte es ihm der Connetable gelehrt), daß dieſes ſeine erſte Bitte ſey, welches dem Koͤnig ſehr gefallen. Vieille⸗ villen aber, habe der Connetable vorgeſchlagen, ſollte man die Compagnie leichter Reiter geben, welche Herr von Gonnor ge⸗ habt, und die in Metz ſchon liege. Vieilleville fertigte auf dieſe Nachricht, ohne ſich lange zu bedenken, ſeinen Secretaͤr in aller Eile mit einem Brief an den Koͤnig ab, worin er den⸗ ſelben mit den nachdruͤcklichſten Gruͤnden aufforderte, ſeinen erſten Entſchluß wegen der Compagnie durchzuſetzen und ſich von Niemand abwendig machen zu laſſen. Der Secretaͤr kam in St. Germain an, wie Humisres noch am Leben war, und der Koͤnig nahm den Brief ſelbſt an. Nachdem er ſolchen ge⸗ leſen, antwortete er:„Es iſt nicht mehr als billig, er hat „lang genug gewartet; ſeine treuen Dienſte verbinden mich da⸗ „zu. Ich gebe ſie ihm mit der Zuſicherung, es nicht zu wider⸗ „rufen, wenn der Andere ſtirbt, was man auch daruͤber „brummen mag.“ Vieilleville ließ ſich zugleich muͤndlich die 26⁵ Compagnie leichter Reiter des Herrn von Gonnor fuͤr ſeinen Schwiegerſohn Eſpinay ausbitten.„Zugeſtanden,“ ſagte der Koͤnig,„und das ſehr gern.“ Auch wurden ſogleich die Patente deßhalb ausgefertigt. unterdeſſen ließ Vieilleville dem Grafen von Mesgue keine Ruhe; ſeine Truppen gingen oft bis unter die Kanonen von Luxemburg, und forderten die Kaiſerlichen heraus, ſo daß der Graf ſogar einen Waffenſtillſtand unter ihnen vorſchlug, woruͤber Vieilleville ſich ſehr aufhielt und zuruͤckſagen ließ, daß ſie beide verdienten caſſirt zu werden, wenn ſie als Diener in beſondere Capitulationen ſich einließen; und daß er bei dieſem Vorſchlag als ein Schuljunge und nicht als Soldat ſich gezeigt; er ſchicke ihn daher wieder auf die Univerſitaͤt von Loͤwen, wo er erſt ſeit kurzem hergekommen. Der Graf war ſo beſchaͤmt daruͤber, daß er Vieillevillen bitten ließ, nie davon zu reden, und ihm den Brief, den er deßhalb geſchrieben, zuruͤckzuſenden, welches Vieilleville ihm gern zugeſtand, mit der Bedingung, ihm eine Ladung Seefiſche von Antwerpen dafuͤr zu ſchicken, die dann auch ankamen, und unter großem Lachen verzehrt wurden. Gegen das Ende Septembers 1554 wurde dem Praͤſidenten Marillac, der nach Paris reiſen wollte, eine Escorte vom beſten Theil der Cavallerie und vielen Schützen zu Fuß mitgegeben. Der Graf von Mesgue erhielt Nachricht davon, und beſchloß, ſich hier fuͤr die vielen ihm angethanen Inſulten zu raͤchen. Er bereitete ſein Unternehmen ſo geheim vor, daß Vieilleville erſt Nachricht davon bekam, als ſie ſchon aus Thionville aus⸗ marſchirten. Sogleich ließ er den uͤbrigen Theil ſeiner Reiterei aufſitzen und ſchickte zwei verſchiedene Corps unter des Herrn von Eſpinav und von Dorvoulr Anfuͤhrung ab. Beide waren jedoch nicht ſtaͤrker als hundert und zwanzig Mann. Drei⸗ hundert leichte Truppen mußten ſogleich ein kleines Schloß, 266 Namens Dompchamp, wo ſchon fuͤnfzehn bis zwanzig Soldaten und ein Capitaͤn La Plante lagen, beſetzen. Er ſelbſt ließ alle Thore der Stadt ſchließen, nahm die Schluͤſſel zu ſich und ſetzte ſich unter das Thor, um von einer Viertelſtunde zur andern Nachricht von des Feindes Unternehmungen zu erhalten. Er ver⸗ ſtaͤrkte die Wachen, und einige Capitaͤns mußten auf den Mauern herumgehen, um Alles zu beobachten. Die andern Capitaͤns, nebſt dem Herrn von Boiſſe und von Croze, waren dabei mit dreihundert Buͤchſenſchuͤtzen und ſeiner Garde. Um neun Uhr ließ er ſich ſein Mittageſſen dahin bringen, und kurz darauf kam von beiden ausgeſchickten Corps die Nachricht an, daß ſie die Feinde recognoscirt und acht Compagnien zu Fuß und acht bis neunhundert Pferde ſtark gefunden haͤtten, daß man einer ſolchen Macht nicht widerſtehen koͤnne, und ſie ſich auf Domp⸗ champ zuruͤckziehen wollten. In drei Stunden koͤnnten ſie da ſeyn, und erbaͤten ſich Verhaltungsbefehle. Vieilleville nahm auf dieſes, das einem Ruͤckzug aͤhnlich ſah, einen ſchrecklichen Entſchluß. Er ließ ſechzig ſchwere Buͤchſen von ihren Geſtellen herunternehmen, und ladete ſie den Staͤrk⸗ ſten ſeiner Garde auf. Dem Capitaͤn Croze befahl er, hundert Buͤchſenſchuͤtzen und zehn bis zwoͤlf Tambours mit ſich zu nehmen, und ſich in einem verſteckten kleinen Weiler bei Dompchamp ruhig zu verhalten, bis das Gefecht angegangen. Er ſelbſt mit ſeinen vergoldeten Waffen ſchnallte ſeine Ruͤſtung feſt, und zog aus der Stadt auf ſeinem Pferd Pvoy; die Stadt uͤberließ er dem Herrn von Boiſſe, von dem er wußte, daß er ſie wohl bewachen wuͤrde, wenn er bleiben ſollte. So zog er in ſchnellem Marſch von ſeinen ſiebenzig Musketieren, deren jeder nur fuͤnf Schuͤſſe hatte, dahin, feſt entſchloſſen, zu bleiben oder zu ſiegen. Sobald er bei den Uebrigen angekommen war, traf er, als 267 ein geſchickter Soldat, die noͤthigen Anſtalten. Unter andern ſtellte er das Fußvolk zwiſchen die Pferde, welche Erfindung von ihm nachher oft benutzt worden. Jetzt ruͤckte der Feind auf fuͤnfhundert Schritte gerade auf ihn an; er ruͤckte im Schritt vorwarts und befahl, zuerſt eine Salve zu geben, damit der Feind ihre Anzahl nicht bemerkte. Beide Corps treffen nun aufeinander; die Feinde glauben ihn leicht uͤber den Haufen zu werfen, denn es waren ihrer Zehn gegen Einen. Die Musketiers verlieren indeſſen jeden Schuß. Vieilleville, an ſeiner Seite Eſpinay und Thevales, dringen ein, und werfen Alles vor ſich nieder. Wuͤthend faͤllt Croze mit ſeinen Tam⸗ bours und Schuͤtzen aus ſeinem Hinterhalt heraus ihnen in die Flanke. Der Chevalier La Rogue kommt von einer andern Seite und ſetzt ihnen fuͤrchterlich zu. Sie hatten ihr Fußvolk zuruͤckgelaſſen, weil ſie den Feind fuͤr unbetraͤchtlich hielten. Alle ihre Chefs waren getoͤdtet, und jetzt von allen Seiten gedraͤngt, ſtuͤrzten ſie auf ihre Infanterie zuruͤck, die ſie ſelbſt in Unordnung brachten, da ſie immer verfolgt wurden, und zwar von ihren eigenen Pferden, auf die ſich Vieilleville's Sol⸗ daten ſchnell ſchwungen und ſo nacheilten. Mehr als fuͤnfzehn⸗ hundert blieben auf dem Platz, die uͤbrigen wurden gefangen. Jeder Soldat hatte einen bis zwei Gefangene; ſelbſt zwei Sol⸗ daten⸗Maͤdchen trieben ihrer dreie vor ſich her, die ihre Waffen weggeworfen hatten, und wovon zwei verwundet waren. Der Graf von Mesgue hatte ſich durch die Waͤlder bis an die Moſel gefluͤchtet, wo er mit noch zwei Andern in einem Fiſcherkahn nach Thionville ſich rettete. Vieilleville hatte nur acht Todte und zwoͤlf Verwundete. Er zog wieder in Metz ein und gerade auf die Hauptkirche zu, um Gott fuͤr den Sieg zu danken. Der Donner der Kanonen und alle Glocken trugen dieſe Feier⸗ 268 lichkeit nach Thionville, und ſie konnten dort wohl vernehmen, wie ſehr man ſich in Metz freute. Durch einen ſonderbaren Zufall geſchah es, daß gerade an dem Tag, wo er ſiegte, der Koͤnig ihm den Orden ertheilte. Der Officier, den er ſogleich mit den Fahnen an den Koͤnig abgeſchickt hatte, traf den Courier vom Hof auf dem Weg an. Der Herzog von Nevers ſollte ihm denſelben umhaͤngen; Vieille⸗ ville ſchlug es aber in einem ſehr hoͤflichen Schreiben an den Herzog von Nevers aus, den Orden aus einer andern als des Koͤnigs Hand anzunehmen, weil er dieſes Geluͤbde gethan, als Franz! ſelbſt ihn zum Ritter geſchlagen. Der Sergentmajor des ganzen Landes Meſſin und der Prevot(General⸗Auditor), welche Herr von Gonnor Vieillevillen vorzuͤglich empfohlen hatte, waren in ihrem Dienſt Maͤnner ohne ihres Gleichen und dabei in Metz ſehr angeſehen. Allein ſie erlaubten ſich mancherlei Betruͤgereien; ſie ließen oft die Gefangenen, die zum Tode verurtheilt wurden, heimlich gegen eine ſtarke Geldſumme entwiſchen, und gaben vor, ſie haͤtten die Kerl' erſaͤufen laſſen, da ſie des Haͤngens nicht werth ge⸗ weſen. Man fing ſolch einen angeblich Erſaͤuften wieder, und er wurde erkannt zu eben der Zeit, da jene beiden einen Ge⸗ fangenen, der verurtheilt war, ſchon ſeit zwei Monaten im Gefaͤnsniß herumſchleppten. Da es ihnen ernſtlich befohlen ward, dieſen Gefangenen hinrichten zu laſſen, ſo wurde er in einem großen Mantel zum Richtplatz gefuͤhrt, damit man nicht ſehen konnte, daß er die Haͤnde nicht gebunden haͤtte; auch gab man ihn fuͤr einen Lutheraner aus, damit er kein Crucifix tragen dürfe. Als der Kerl auf der Leiter ſtand, ſprang er ſchnell herunter, ließ dem Henker den Mantel in der Hand und rettete ſich, ohne daß man je etwas von ihm hatte ſehen koͤnnen. Es kam nun heraus, daß ſie von einem Verwandten 269 des Verurtheilten tauſend Thaler erhalten hatten, wenn ſie ihn entwiſchen ließen. Vieilleville war uͤber alles dieſes ſehr auf⸗ gebracht, ließ ſogleich die Beiden in Verhaft nehmen und ihnen den Proceß machen. Sie bekamen die Tortur und geſtanden Alles. In einem Kriegsgericht wurden ſie zum Tode verdammt, der Sergentmajor im Gefaͤngniß erdroſſelt und der Prevot und ſein Schreiber auf oͤffentlichem Platz gehaͤngt. Es gab zwei Franciscanerkloͤſter in Metz, wovon in einem Obſervantinermoͤnche waren. Die Moͤnche waren meiſt alle aus einer Stadt der Niederlande, Namens Nyvelle. Der Pater Guardian beſuchte dort oft ſeine Verwandten, und kam bei jeder Reiſe vor die Koͤnigin von Ungarn, die durch ihn Alles erfuhr, wie es in Metz ſtand, auch viele Neuigkeiten aus Deutſchland und Frankreich; kurz, es war ihr eigentlicher Spion. Auf den Antrag, der ihm zu einer Unternehmung auf Metz gemacht wurde, ging er auch wirklich ein, er nahm etliche und ſiebenzig tapfere Soldaten, kleidete ſie als Franciscaner und ließ ſie von Zeit zu Zeit paarweiſe nach Metz ins Kloſter gehen. Unterdeſſen war es verabredet, daß der Graf von Mesgue Verſtaͤrkung erhalten, und ſich an dem Thor der Brücke Yffray zum Sturmlaufen zeigen ſollte. Der Guardian wollte in mehr als hundert Haͤuſern durch eine eigene Er⸗ findung Feuer einlegen laſſen; Jedermann wuͤrde hinzulaufen, dieſes zu loͤſchen, und die Moͤnche ſollten ſich dann auf den engen Waͤllen zeigen und den Soldaten heraufhelfen. Einige tauſend Soldaten von der Garniſon zu Metz wuͤrden ſich ohne⸗ dieß ſogleich empören, wenn ſie die Gelegenheit zu pluͤndern abſaͤhen, und Freiheit, Freiheit, nieder mit dem Vieillevillel ſchreien. Es ging Alles recht gut fuͤr den Moͤnch; in einer Zeit von drei Wochen hatte er die Soldaten im Kloſter. Jetzt bekam 270 aber Vieilleville von einem ſeiner geſchickteſten Spione aus Luremburg Nachricht, daß die Königin von Ungarn zwoͤlfhundert leichte Buͤchſenſchuͤtzen, achthundert Pferde und eine große An⸗ zahl niederlaͤndiſcher Edelleute dem Grafen von Mesgue zu⸗ ſchicke. Der Graf habe etwas vor, man koͤnne aber nicht ent⸗ decken, auf was er ausgehe. Man habe zwar zwei Francis⸗ canermoͤnche von mittlerem Alter mit dem Grafen ins Cabinet gehen ſehen, habe aber nicht herausbringen koͤnnen, wo ſie her geweſen, es habe nur geheißen, ſie ſeyen von Bruͤſſel her ge⸗ kommen. Vieilleville nahm ſogleich einige Capitaͤns zu ſich und ging in das Franciscanerkloſter, ließ den Guardian rufen und fragte, wie viel er Moͤnche habe, ob ſie alle zu Hauſe ſeyen, er wollte ſie ſehen. Hier findet er Alles richtig. Er geht darauf zu den Obſervantinern, und fragt nach dem Guardian. Es wird ihm geantwortet, er ſey nach Nyvelle zum Leichenbegaͤngniß ſeines Bruders gegangen. Vieilleville will die Anzahl der Möoͤnche wiſſen und ſie ſehen. Drei oder viere ſagen, ſie ſeyen in die Stadt gegangen, Almoſen zu ſammeln. Schon an ihrer Geſichtsfarbe merkte er, daß es nicht ganz richtig ſey. Er ſtellte ſogleich Hausſuchung an, und findet in dem erſten Zimmer zwei falſche Franciscanermoͤnche, welche ſich fuͤr krank ausgaben, und ihre auf Soldatenart verfertigten Beinkleider im Bette verſteckt hatten. Unter Androhung eines ſichern Todes geſtehen ſie ſogleich, wo ſie her ſind, doch wuͤßten ſie nicht, was man mit ihnen vorhabe, und ſie hofften dieſes zu erfahren, wenn der Guardian von Luxremburg wuͤrde zuruͤckgekommen ſeyn. Vieilleville ließ ſogleich das Kloſter ſchließen und ſetzte einen vertrauten Capitaͤn mit ſtarker Wache hin, dem er befiehlt, Alles herein, aber Nichts hinaus zu laſſen. Ferner werden augenblicklich alle Thore der Stadt geſchloſſen, außer dem der 4 271 Bruͤcke Yffray, welches nach Luremburg fuͤhrt, und wo der Capitaͤn Salcede die Wache hatte. Hier begibt er ſich ſelbſt hin, entlaͤßt alle ſeine Garden und bleibt mit einem Edelmann, einem Pagen und einem Bedienten mit den Soldaten auf der Wache. Dem Capitaͤn Salcede ließ er ſagen, er erwarte Jemand unter dem Thor, und ſollte er die Nacht auf der Wachtſtube zubringen, ſo muͤſſe er die Perſon hineingehen ſehen. Salcede ſollte ſein Eſſen unter das Thor bringen laſſen, wie es waͤre, und ſollte er nur Knoblauch und Ruͤben haben, er ſolle nur herbeieilen. Salcede kam auch ſogleich und brachte ein ganz artiges Mit⸗ tageſſen mit, das ihnen unter dem Thor gut ſchmeckte. Kaum hatten ſie abgegeſſen, als die Schildwache ſagen ließ, ſie ſehe zwei Franciscaner von weitem kommen. Vieilleville nimmt eine Hellebarde und ſtellt ſich, von zwei Soldaten begleitet, ſelbſt an den Schlagbaum. Die Moͤnche, die ſich ſehr wundern, ihn hier wie einen gemeinen Soldaten Wache ſtehen zu ſehen, ſteigen ab. Er befiehlt ihnen aber, in das Quartier des Capitaͤns Salcede zu gehen; die zwei Soldaten mußten ſie dahin brin⸗ gen. Jetzt laͤßt er Alles aus dieſem Quartier gehen, und er mit Salcede und ſeinem Lieutenant Ryolas bleiben allein da. „Nun, Herr Heuchler,“ redet er den Guardian an,„Ihr kommt von einer Conferenz mit dem Grafen von Mesgue. Sogleich bekennet Alles, was ihr mit einander verhandelt, oder Ihr werdet den Augenblick umgebracht. Bekennet Ihr aber die Wahrheit, ſo ſchenke ich Euch das Leben, ſelbſt, wenn Ihr das meine haͤttet nehmen wollen. In Euer Kloſter koͤnnt Ihr nun nicht mehr, es iſt voll Soldaten, und Eure Moͤnche ſind ge⸗ fangen; zwei haben ſchon bekannt, daß ſie verkleidete Soldaten der Königin von Ungarn ſind. Der Guardian wirft ſich ihm ſehr geſchickten Capitaͤn, die Soldaten zu fuͤhren; dieſen rief er 272 zu Fuͤßen und gibt vor, daß dieſe zwei ſeine Verwandten ſeyen und ihren Bruder wegen einer Erbſchaft umgebracht; er habe ſie unter Franciscanerkleider verſteckt, um ſie zu retten. Indem ließ aber der bei dem Kloſter wachthabende Hauptmann melden, daß ſechs Franciscaner in das Kloſter eingetreten, die unter der Kutte Soldatenkleider gehabt. Jetzt befahl er die Tortur zu holen, damit der Guardian geſtehe. Der Moͤnch, der ſah, daß Alles verrathen ſey, beſonders wie ihm Vieilleville den Brief zeigte, ſo er von ſeinem Spion in Luxemburg erhalten, ſagte dann, daß man wohl ſehe, wie Gott ihm beiſtehe und die Stadt fuͤr ihn bewache, denn ohne dieſe Nachricht waͤre Metz noch heute fuͤr den Koͤnig verloren geweſen und in die Haͤnde des Kaiſers gekommen. Alle zu dieſer Expedition beſtimmten Truppen ſeyen nur noch ſechs Stunden von Metz, in St. Jean, und ſie ſollten um neun Uhr hier eintreffen. Kurz, er geſtand den ganzen Plan. Vieilleville uͤbergab ihn jetzt dem Capitaͤn Ryolas, ihn zu binden und mit keiner Seele reden zu laſſen. Wie Vieilleville in allen unvorhergeſehenen Fallen ſich ſchuell entſchloß, ſo auch hier. Sogleich ruft er ſeine Compagnie zu ſich, und befiehlt dem Herrn von Eſpinay und von Lancque, eben dieſes zu thun. Die Capitaͤns St. Coulombe und St. Marie muͤſſen ſich mit dreihundert Buͤchſenſchuͤtzen einfinden. Der neue Sergentmajor St. Chamans muß ſogleich auf die Thore fuͤnfzig Buͤſchel Reiſer hinſchaffen, mit der Weiſung, ſolche nicht eher noch ſpaͤter als zwiſchen ſechs und ſieben Uhr des Abends anſtecken zu laſſen. Die ganze Stadt war in Allarm; Niemand wußte, was werden ſollte. Jetzt, da Alles fertig war, ſagte er:„Nun laßt uns ſtill „und ſchnell marſchiren, und ſo Gott will, ſollt ihr in weniger „als vier Stunden ſeltſame Dinge erleben.“ Er hatte einen 273 zu ſich und entdeckte ſich ihm und ſeinen Plan. Er ſollte ihn in einen Hinterhalt legen, wo die Feinde voruͤber muͤßten. Ginge dieſes nicht, ſo wollte er ſie ſo angreifen, ob ſie gleich nur Einer gegen Drei ſeyen. Der Capitaͤn fuͤhrte ihn in einen großen Wald, an deſſen Ende ein Dorf lag. Hier vertheilte Vieilleville ſeine Leute von tauſend zu tauſend Schritten, ſo daß der Feind nicht zu ſich kommen und denken ſollte, die ganze Garniſon, ſo bekanntlich fuͤnftauſend zweihundert Infan⸗ terie und tauſend Mann Cavallerie ſtark war, ſey ihm auf dem Halſe. Den Weg nach Thionville befahl er frei zu laſſen, weil er den Fluͤchtlingen nicht nachſetzen wollte, nach der goldenen Regel: dem Feind muß man ſilberne Bruͤcken bauen. Jetzt bekam er Nachricht, daß die Feinde ſchnell anruͤckten, in einer Stunde koͤnnten ſie da ſeyn. Man ſehe in Metz bren⸗ nen, die Feinde ſeyen ſtaͤrker, als er glaube, es ſey Alles voll. In einer Stunde kam ſchon ihr Vortrab, ſo aus ungefaͤhr ſech⸗ zig Mann beſtand, durch den Wald. Die Hellebardierer hatten ſich auf den Bauch in das Dickicht gelegt, die Schuͤtzen ſtanden weiter hinten, daß man die brennenden Lunten nicht riechen ſollte; man hoͤrte, wie ſie ſagten:„Treibt ſie an, beim Teufel, „wir verweilen zu lang. In dem Wald gibt es nichts als „Maulwuͤrfe. Beim Wetter, wie werden wir reich werden „und was fuͤr einen Dienſt werden wir dem Kaiſer thun!“ Ein Anderer ſagte:„Wir wollen ihn recht beſchaͤmen, denn „mit dreitauſend Mann nehmen wir, was er nicht mit hundert⸗ „tauſend konnte.“ Jetzt kam der ganze Troß und zog ins Holz hinein, zuletzt der Graf von Mesgue mit einer ausgeſuchten Ca⸗ vallerie. Er trieb ſie aus allen Kraͤften zur Eile an, ſo daß ſie keine Ordnung hielten. Den ganzen Zug aber ſchloß das adelige Corps aus den Niederlanden, welches achthundert Pferde ſtark war. Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 18 274 Als auch dieſe in dem Wald waren, ſtuͤrzte Vieilleville's erſter Hinterhalt hervor— Frankreich!— Frankreich! — Vieilleville!— rufend. Die Edelleute rufen ihre Die⸗ ner, ihnen ihre Waffen zu geben; nun ruͤcken aber auch die Buͤchſenſchuͤtzen hervor, und jeder ſtreckt ſeinen Mann nieder; zugleich machen die Tambours einen ſchrecklichen Laͤrm. Die Feinde, welche ſchon vorne waren, wollten umkehren, um ihrem Hintertrab zu helfen; aber jetzt ſtuͤrzt auch bei ihnen der zweite Hinterhalt hervor, und es entſteht ein ſo erſchreckliches Getoͤſe, daß Alles ganz verwirrt wird. Der Graf von Mesgue ſchreit: beim Teufel, wir ſind verrathen! Gott, was iſt das? und macht zugleich Miene, ſich zu wehren. Nun bricht aber auch der dritte Hinterhalt hervor, und die feindliche Cavallerie flieht in das Dorf, in der Hoffnung, ſich dort zu ſetzen; aber hier finden ſie Vieilleville's viertes Corps, zu dem kam noch das fuͤnfte, das ſie in die Mitte bekam, und ſo uͤbel zurichtete, daß der Graf von Mesgue durch ſein eigenes Fußvolk durchbrechen mußte, um ſich zu retten, denn uberall traf er auf Feinde. Jetzt floh Alles, wo es nur hin konnte, und der Sieg war voll⸗ kommen. Es wurden vierhundert und fuͤnfzig Gefangene gemacht, und eilfhundert und vierzig waren auf dem Platz geblieben. Vieilleville hatte nur fuͤnfzehn Mann verloren, und ſehr Wenige waren verwundet worden. Es fiel dieſes an einem Donnerſtag im October 1555 vor, und wurde durch die Klugheit und Thaͤtigkeit auf dieſe Art eine Verraͤtherei am naͤmlichen Tage entdeckt und beſtraft. Die Moͤnche in Metz wurden in engere Verwahrung gebracht, die dreißig verkleideten Soldaten aber ließ Vieilleville frei, weil es brave Kerle waͤren, die ihr Leben auf dieſe Art zum Dienſt ihres Herrn gewagt haͤtten. Doch befahl er, daß ſie zu drei 275 und drei mit ihren Moͤnchskleidern auf dem Arm und weißen Staͤben durch die Stadt gefuͤhrt und auf jedem Platz verleſen werden ſollte: dieſes ſind die Moͤnche der Koͤnigin von Ungarn u. ſ. w. Vieilleville ſchickte dem Koͤnig einen Courier mit der Nach⸗ richt dieſes Siegs. Eben dieſem war aufgetragen, Urlaub fuͤr ihn auf zwei Monate zu verlangen, indem er ſchon drei Jahre in ſeinem Gouvernement des Gluͤcks beraubt ſey, Seine Majeſtaͤt zu ſehen. Vieilleville hatte mehrere Urſachen, dieſen Urlaub zu verlangen. Einmal wollte er nicht gegenwaͤrtig ſeyn, wenn man den Guardian hinrichtete, da er ihm ſein Wort gegeben, ihm am Leben nichts zu thun; und doch hielt er es fuͤr unbillig, einen ſolchen Mordbrenner am Leben zu laſſen. Dann trug er auch den Plan einer in Metz zu erbauenden Citadelle im Kopf herum, die aber ſehr viele Unkoſten erforderte, da drei Kirchen abgetragen, und der Koͤnig zweihundert und fuͤnfzig Haͤuſer kaufen mußte, um die Einwohner daſelbſt wegzubringen und Platz zu gewinnen. Nun fuͤrchtete er, daß, wenn er dieſen Plan nicht ſelbſt vorlegte, der Connetable beſonders dagegen ſeyn wuͤrde, da ohnedem eine Armee, welche unter dem Herzog von Guiſe nach Italien marſchiren ſollte, um Neapel wieder zu erobern, ungeheure Summen wegnahm, die man nirgends auf⸗ zutreiben wußte. Endlich war er auch davon benachrichtigt, daß der Cardinal von Lenoncourt, vom Cardinal von Lothringen unterſtutzt, ihn in allen Geſellſchaften herunterſetze. Der Urlaub wurde bewilligt und ſogleich der Herr von La Chapelle⸗Biron nach Metz abgeſchickt, das Gouvernement unter⸗ deſſen zu übernehmen. Nachdem nun Vieilleville dem neuen Gouverneur Alles uͤbergeben und ihn wohl unterrichtet hatte, reiste er nach Hofe und nahm nur den Grafen von Sault, dem er ſeine zweite Tochter, welche Hofdame bei der Koͤnigin 276 war, zugedacht hatte, mit ſich. Sobald er daſelbſt angekommen, entfernte ſich der Cardinal von Lenoncourt in eine ſeiner Abteien bei Fontainebleau. Der Koͤnig empfing ihn ſehr wohl, und der darauf folgende Tag wurde ſogleich dazu beſtimmt, ihm den Orden umzuhaͤngen, welches auch mit vieler Feier⸗ lichkeit geſchah. Nur der Cardinal von Lothringen als Ordens⸗ kanzler und der Connetable als aͤlteſter Ritter fanden ſich nicht dabei ein. Dieſer wollte ſein gewoͤhnliches Kopfweh, jener die Kolik haben. Der Koͤnig aber kannte wohl ihre Entſchuldi⸗ gungen und Spruͤnge. Der Cardinal von Lothringen hatte ſich vorgenommen, Vieillevillen im vollen Rath wegen Beeintraͤchtigung des Biſchofs von Metz in ſeinen Rechten anzugreifen, und er war ſo fein, den Koͤnig zu bitten, ſich im Rath einzufinden, indem er einige wichtige Sachen vorzutragen habe. Der Koͤnig, der nicht wußte, was es war, befahl ſogleich, die Raͤthe zu verſammeln, und da Jeder ſeinen Rang eingenommen hatte, fing der Cardinal eine Rede an, die, dem Eingang nach, außerordentlich lang dauern konnte. Er fing damit an, wie die Koͤnige von Frank⸗ reich immer die Stuͤtze der Kirche geweſen, brachte allerhand Beiſpiele aus der Geſchichte vor und kam endlich darauf, daß ein Pfeiler der Kirche, und einer von denen, aus deſſen Holze man Paͤpſte machte, große Klagen uͤber die Eingriffe habe, die man in ſeine geiſtlichen Rechte gethan habe. Vieilleville ſtand ſogleich ſchnell auf und bat den Koͤnig, dem Cardinal Still⸗ ſchweigen aufzulegen und ihn reden zu laſſen; er merke wohl, daß von ihm die Rede ſey. Nun fing er an, ſich zu wundern, daß der Cardinal ſo hoch angefangen; er habe geglaubt, der heilige Vater und der heilige Stuhl ſeyen in Gefahr vor den Tuͤrken, und man wolle Se. Majeſtaͤt bewegen, wie die alten Koͤnige eine Kreuzarmee abzuſchicken. So aber waͤre nur die 277 Rede von dem Cardinal von Lenoncourt; er bedaure, daß die Reiſe Sr. Majeſtaͤt nach Rom nicht ſtatt habe, und die Gelder zu einer großen Armee wuͤrden wohl im Koffer bleiben; welches ein Gelaͤchter im Rathe erweckte. Nun ging er die Beſchwerden, welche der Cardinal haben konnte, ſelbſt durch, und widerlegte ſie Punkt vor Punkt zu ſeiner Rechtfertigung mit einer großen Beredſamkeit und Feinheit. Er bat endlich, daß der Cardinal von Lenoncourt, um ſeine weitern Klagen vorzubringen, ſelbſt erſcheinen und ſich nicht hinter die Groͤße und das Anſehen des Cardinals von Lothringen ſtecken moͤge; indem er hoffte, ihn auf dieſe Art zu verhindern, daß er nicht zum Wort kommen ſollte. Der Koͤnig fragte darauf den Cardinal von Lothringen, ob er keinen andern Grund gehabt, ihn in den Rath zu ſprengen, als dieſen? worauf der Cardinal antwortete, daß Se. Majeſtaͤt nur einen Theil gehoͤrt haͤtten. Vieilleville will ja auch nicht, verſetzte der Koͤnig, daß man ihm geradezu glaubt, und er verlangt, daß Lenoncourt ſelbſt erſcheine. Er befahl dar⸗ auf, daß der Kanzler ihn auf morgen in den Rath beſcheiden ſollte. Uebrigens aber gab der König die Erklaͤrung von ſich, daß er Alles billige, was Vieilleville in ſeinem Gouvernement gethan, und er ſtand gleichſam zornig von ſeinem Sitze auf. Der Cardinal von Lothringen legte die Hand auf den Magen, als wenn er Kolik haͤtte, ging ſogleich aus dem Rath hinaus und ließ den Cardinal von Lenoncourt augenblicklich von dem be⸗ nachrichtigen, was vorgefallen, der dann ſogleich auch weiter vom Hof wegreiste, ſo daß ihn die, welche ihn in den Rath auf morgen einladen ſollten, nicht antrafen. Kurz darauf legte Vieilleville dem Koͤnig auch ſeinen Plan wegen der Citadelle vor, und er wußte ihm die Sache ſo wichtig vorzuſtellen, daß der Koͤnig gleich darauf einging, ihm aber verbot, es nicht im Conſeil vorzutragen, wo gewiß der Con⸗ 278 netable und der Herzog von Guiſe dagegen ſeyn wuͤrden, die Alles aufboͤten, drei Millionen zu ihrem projectirten italieniſchen Feldzug zu ſchaffen. Er habe getreue Diener in Paris, von denen er hoffe, ſogleich die zu dieſer Citadelle verlangte Summe zu erhalten, und er wolle ſich gleich noch heute nach Paris begeben, da er ohnedem wuͤnſchte, daß man Fontainebleau, wo er ſchon acht Monate wohne, durchaus reinigte. Vieilleville erhielt auch die Summe und kehrte damit ſogleich nach Metz zuruͤck, um die nöthigen Anſtalten zur Erbauung dieſer Citadelle zu treffen. Es war hohe Zeit, daß er wieder zuruͤckkam; denn es waͤhrte nicht lange, ſo entdeckte er eine neue Verſchwoͤrung, welche zwei Soldaten, Comba und Vau⸗ bonnet, angezettelt hatten, da ſie ſahen, daß der Herr von La Chapelle nicht ſonderlich wachſam an den Thoren war. Vieille⸗ ville hatte ihre Bruͤder raͤdern laſſen, weil ſie ein oͤffentliches Maͤdchen des Nachts mißhandelt und ihr die Naſe abgeſchnitten hatten. Das Maͤdchen hatte ſo geſchrien, daß die ganze Stadt in Allarm gekommen war, Viellleville ſich ſelbſt zu Pferd geſetzt und die Garniſon unter das Gewehr hatte treten laſſen. Sie hatten ſich an den Grafen von Mesgue gewendet, und bedienten ſich eines Tambours zu ihrem Hin- und Hertraͤger, Namens Balafré. Die Köͤnigin von Ungarn, bei der Comba geweſen war, hatte ihnen zwoͤlfhundert Thaler gegeben, wofuͤr ſie ein Gaſthaus errichteten, und oft mit Lebensmitteln nach Thionville mit Paſſeport von La Chapelle, dem ſie manchmal Praͤſente brachten, auf dem Fluſſe hin und herfuhren. Den Grafen von Mesgue hatten ſie ſelbſt zweimal verkleidet in die Stadt gebracht, wo er Alles durchgeſehen hatte. Es war nun ſonder⸗ barer Zufall, daß Vieilleville den Capitaͤn dieſer Soldaten, Namens La Mothe⸗Gondrin, fragte, wie es kaͤme, daß dieſe Soldaten, die einen gewiſſen ausgezeichneten Rang unter den 279 Uebrigen haͤtten, ſich mit Gaſtirungen abaaͤben, welches unſchick⸗ lich ſey. Der Capitaͤn antwortete, daß ſie, ſeit ihre Bruͤder geraͤdert worden, keine rechte Liebe zum Dienſt haͤtten; ſie wollten daher ihren Abſchied bald nehmen, doch wuͤnſchten ſie vorher noch etwas zu erwerben. Wie Vieilleville hoͤrte, daß ſie Bruͤder der Geraͤderten ſeyen, ſo fiel es ihm gleich ein, daß etwas darunter ſtecken koͤnne, und er ſchickte unverzüglich nach Comba, dem er ſagte, daß, weil er gut Spaniſch rede, er dem Köonig einen Dienſt erweiſen könne, er ſolle nur mit ihm kommen, Geld und Pferde ſeyen ſchon bereitet. Er fuͤhrte ihn hierauf in das Quartier des Ca⸗ pitaͤns Beauchamp, wo er dem Capitaͤn ſogleich befahl, den Comba zu binden, bis Eiſen ankaͤmen, und dafuͤr zu ſorgen, daß Kiemand etwas von dieſer Gefangennehmung erfahre. Dem Cameraden Vaubonnet aber laͤßt er ſagen, nicht auf Comba zu warten, indem er ihn auf vier Tage verſchickt habe. Wie die Entdeckungen oft ſonderbar geſchehen, ſo auch hier. Der Bediente des Capitaͤns war ein Bruder des Tambours Balafré, und er hatte ihn oft mit dem Comba geſehen. Eben dieſer Bediente ſah jetzt durch das Schluͤſſelloch den Comba bin⸗ den, und laͤuft hin, es ſeinem Bruder zu ſagen. Dieſer bittet ſich bei Vieilleville eine geheime Audienz aus, wirft ſich ihm zu Fußen, entdeckt Alles und geſteht, daß er ſchon ſieben Mal in Thionville mit Briefen von Comba an den Grafen von Mesgue geweſen. Vieilleville zieht einen Rubin vom Finger, gibt ihn dem Tambour und verſpricht ſein Gluͤck zu machen, wenn er ihm treu diente. Er nahm ihn darauf zu dem Comba, dem er befiehlt, an den Grafen zu ſchreiben, daß Alles gut gehe, und er durch den Weg, den ihm ſein Vertrauter anzeigen wuͤrde, ſeine Heerde zuſchicken ſollte, wo er ſodann Wunder erfahren wurde. Vieilleville dictirte ſelbſt den Brief, nachdem ihn der 280 Balafré von dem unter ihnen gewoͤhnlichen Styl benachrichtigt hatte. Der Tambour beſtellt den Brief richtig und bringt die Antwort mit, daß vom Mittwoch auf den Donnerſtag(es war Dienſtag) um Mitternacht die Truppen da ſeyn ſollten. Um ſein Vorhaben noch beſſer zu decken, ließ Vieilleville ſeine Capitaͤns rufen, und ſagte ihnen, daß der Herr von Vau⸗ demont, mit dem er in Feindſchaft lebte, vom Hof zuruͤck⸗ komme, und daß er ihm entgegengehen wolle, doch nicht als Hofmann, ſondern im kriegeriſchen Ornat und als zum Streit geruͤſtet. Sie ſollten daher Alles ſogleich in den Stand ſetzen, und er wolle morgen gegen fuͤnf Uhr mit tauſend Mann Schutzen und ſeiner ganzen Cavallerie ihm entgegen gehen, er hoffe, daß dieſes Zeichen der Ausſoͤhnung dem Koͤnig wohlge⸗ falle. Heimlich laͤßt er aber den Tambour kommen und geht mit ihm zu Beauchamp, wo Comba dem Grafen ſchreiben muß, daß ſich Alles uͤber Erwartung gut anlaſſe, indem Viellleville mit ſeinen beſten Truppen weggehe, und er alſo ſicher kommen koͤnne. Der Graf von Mesgue, ſehr erfreut daruͤber, bedient ſich der naͤmlichen Liſt und ſchreibt Vieillevillen, wie der Graf Aiguemont im Sinn habe, dem Herrn von Vaudemont ent⸗ gegen zu gehen, und er daher, da ſie ſein Gebiet betraͤten, ihn davon benachrichtigen wolle, indem ſie nicht im Sinn haͤtten, die geringſte Feindſeligkeit auszuuͤben, da ohnedem jetzt Waffen⸗ ſtillſtand zwiſchen ihren Herren ſey. Dieſen Brief ſchickte er durch einen Courier ab. Dem Tambour aber gab er einige Zeilen mit, worin er den Comba benachrichtigt, daß er nur noch einen Tag laͤnger warten ſolle, indem der Graf von Mannsfeld bei der Partie ſeyn wolle und auch noch Truppen mitbringe. Auf dieſes ließ Vieilleville ſeine Capitaͤns wiſſen, daß Herr von Vaudemont einen Tag ſpaͤter nach Metz kommen 281 wurde, und ſie alſo erſt Donnerſtags um vier Uhr abgehen wuͤrden. Vieilleville hoffte gewiß, ſie wieder in die Falle zu bekom⸗ men; allein das Project mißlang, denn der Capitaͤn Beauchamp ließ ſich durch die klaͤglichen Bitten des Comba bewegen, ihm Mittwochs um die Mittageſſenszeit ſeine Eiſen auf kurze Zeit herunter zu nehmen. Er geht darauf in den Keller, um Wein zu holen, denn er traute ſonſt Niemanden, und Comba muß ihm leuchten. Wie er aber ſich buͤckt, um den Wein abzulaſ⸗ ſen, gibt ihm Comba einen Stoß, daß er zur Erde faͤllt, ſpringt die Treppe hinauf, laͤßt die Thuͤr fallen, ſchließt ſie zu, und geht auf die Alte los, bei der er in Beauchamps Quartier ver⸗ borgen war; dieſe ſchlaͤgt er ſo lange, bis ſie ihm die Schluͤſſel der Thur gibt, und ſo rettet er ſich. Beauchamp ſchreit in⸗ deſſen wie raſend, bis man ihm aufmacht, wobei er beinahe Hand an ſich legte, als er die Thuren eroͤffnet findet. Er ent⸗ ſchließt ſich jedoch, zu Vieilleville zu gehen, der zwar ſchon ge⸗ geſſen, aber noch an der Tafel mit ſeinen Capitaͤns ſaß und von der bevorſtehenden Reiſe ſprach. Beauchamp ruft ihm gleich entgegen, daß Comba ſich gefluͤchtet habe und er um Ver⸗ gebung bitte. Vieilleville wirft ſogleich ſeinen Dolch nach ihm, ſpringt auf ihn zu und will ihn umbringen. Beauchamp aber flieht, und die andern Capitaͤns ſtellen ſich bittend vor ihn. Sogleich wurden alle Thore geſchloſſen. Vaubonnet mit dreißig hereingekommenen verkleideten Soldaten ſollte gefangen genom⸗ men werden; ſie hatten aber ſchon Wind erhalten, und es ret⸗ teten ſich mehrere, doch wurde der groͤßte Theil auf der Flucht niedergemacht; einige warfen ſich uͤber die Mauern in den Fluß. Vieilleville ließ ſogleich nach Comba und Beauchamp in der ganzen Stadt in jedem Haus nachſuchen, und Erſtern fand man bei einer Waͤſcherin verborgen. Er ließ dem Naͤdelsfuͤhrer ſo⸗ 282 gleich den Proceß machen. Comba und Vaubonnet wurden von vier Pferden zerriſſen und die gefangenen verkleideten Sol⸗ daten theils geraͤdert, theils gehenkt. Der Graf von Mesgue bekam fruͤhzeitig genug Nachricht davon, und fing nun an zu glauben, Vieilleville habe einen Bund mit dem Teufel, da er auch die allergeheimſten Anſchlaͤge erfuͤhre. Dieſer vereitelte Anſchlag war Vieillevillen ſo zu Herzen ge⸗ gangen, daß er in eine toͤdtliche Krankheit fiel, wo man drei Monate lang an ſeinem Aufkommen zweifelte. Der Koͤnig ſchickte einen ſeiner Kammerjunker nach Metz, um zu ſehen, wie es mit Vieillevillen ſtünde, ſchrieb ſelbſt an ihn, und verſicherte ſeinem Schwiegerſohn Eſpinay die Gouverneurſtelle von Metz. Dieſe außerordentliche Gnade hatte einen ſolchen Einfluß auf ihn, daß ſie ihn wieder ins Leben rief; auch beſſerte es ſich mit ihm von dieſem Tag an; er ſchickte einen Haufen Aerzte fort, welche ihm von verſchiedenen Prinzen waren zugeſchickt worden, und erholte ſich ganz, obgleich ſehr langſam, wieder. Er ging, ſobald er das Reiſen vertragen konnte, mit ſeiner Familie nach Dureſtal, wo er ſich acht Monate aufhielt und ſeine Geſundheit wieder herſtellte. Sobald Vieilleville ſich auf ſeinem Gut Dureſtal ganz erholt hatte, begab er ſich gegen Ende des Jahres 1557 nach Paris zum Koͤnig, wo er diejenigen Anſtalten verabredete, die in ſei⸗ nem Gouvernement von Metz noͤthig waren; beſonders ſuchte er die Garniſon daſelbſt zu beruhigen, der man vier Monate Sold ſchuldig und die deßhalb zum Aufruhr ſehr geneigt war. Dieſe ausbleibende Zahlung ſetzte den unterdeſſen in Metz comman⸗ direnden Herrn von Sennecterre in große Verlegenheit, denn man hatte aus dieſer Stadt zwölf Compagnien regulaͤrer Trup⸗ pen gezogen, um ſie zu einer Expedition nach Neapel zu brau⸗ chen, und hatte dafuͤr ſo viel von der Miliz von Champagne 283 und Picardie, die undisciplinirteſten Truppen von der Welt, hineingelegt; ohne einige alte Officiere und ohne die Gendarmes wuͤrde Herr von Sennecterre nicht mit ihnen fertig geworden ſeyn. Vieilleville ſchrieb indeſſen an den Großprofoſen von Metz, unfehlbar genaue Unterſuchungen uüber dieſes tumultua⸗ riſche Betragen anzuſtellen, und auch dabei die Capitaͤns, die dergleichen begünſtigt, nicht zu verſchonen, denn er wolle das Spruͤchwort:„Erſt muß man den Hund und dann den Loͤwen ſchlagen,“ umkehren, und er habe ſich geſchworen, die Loͤwen recht zu ſtriegeln, damit die Hunde zittern und vor Furcht um⸗ kommen moͤchten. Vieilleville kam ganz unverſehens eines Morgens mit ſieben⸗ zig Pferden vor den Thoren von Metz an, welches die Schul⸗ digen in großen Schrecken ſetzte. Der Großprofos fand ſich ſo⸗ gleich mit ſeinem Unterſuchungsgeſchaͤft ein, und kurz darauf, nachdem auf verſchiedenen Plaͤtzen ſtarke Detaſchements ausgeſtellt waren, wurden drei Capitaͤns, die beſchuldigt wurden, daß ſie ſich an der Perſon des Herrn von Sennecterre vergriffen und auf ſeine Wache geſchoſſen, vor ihn gebracht. Hier mußten ſie auf den Knieen Abbitte thun; der Scharfrichter war nicht weit ent⸗ fernt, der ihnen ſodann, nachdem ſie in einen Keller gefuͤhrt worden, die Koͤpfe abſchlug. Dieſe Koͤpfe wurden an die drei Hauptplaͤtze zum großen Schrecken der Miliztruppen, die unter dem Namen Legionnaires dienten, aufgeſteckt. Sobald dieſe ſich auch nur zeigten oder zuſammentraten, um vielleicht Vor⸗ ſtellungen zu thun, wurden ſie ſogleich zuruͤckgeſtoßen, ja oft mit Kugeln abgewieſen. Hundert von dieſen Soldaten hatten ſich doch mit den Waffen auf einem Platz verſammelt. Vieille⸗ ville erfuhr es und ſchickte ſogleich den Sergent⸗Major St. Chamans dahin ab mit einer zahlreichen Bedeckung, um ſie zu fragen, was ſie da zu thun haͤtten. Sie waren ſo unklug zu 284 antworten, daß ſie ihre Cameraden hier erwarteten, um Rechen⸗ ſchaft uͤber ihre Capitaͤns zu haben. Kaum hatten ſie dieß ge⸗ ſagt, ſo ließ St. Chamans eine ſolche Salve geben, daß vierzig bis fuͤnfzig ſogleich auf dem Platze blieben und die Andern davon liefen, die jedoch alle arretirt und hingerichtet wurden. Die drei Lieutenants der enthaupteten Capitaͤns fuͤrchteten, es moͤge auch an ſie die Reihe kommen, ließen alſo Vieilleville um ihren Abſchied bitten, denn ſie konnten ohne dieſen nicht aus den Thoren kommen, da ſie ſehr gut beſetzt waren. Er unterzeichnete ihn aber nicht, ſondern ließ ihnen nur muͤndlich ſagen: ſie könnten gehen, wohin ſie wollten; dergleichen Auf⸗ ruͤhrer brauchte weder der Koͤnig noch er. Sie machten ſich ſogleich auf und zogen zum Thor hinaus, hatten aber auch bei hundert Soldaten von ihrer Compagnie uͤberredet, mitzu⸗ gehen. Viellleville erfuhr dieſes und ſchickte ſogleich ein Com⸗ mando nach und ließ ſie alle niedermachen. Kaum durfte einer von den Legionnaires ſich regen, ſo wurde er bei dem Kopf ge⸗ nommen, und zwar waren ihre Hauswirthe die Erſten, welche die Schuldigen verriethen. Sie wurden dadurch ſo in Angſt gebracht, daß ſie nicht wußten, was ſie thun ſollten, bis man ihnen endlich rieth, ſich an den Schwiegerſohn von Vieilleville, Herrn von Eſpinay, zu wenden, um ihre Verzeihung zu er⸗ halten, welches auch geſchah, und Vieilleville ließ ſie alle vor ſich kommen, wo er ihnen noch eine große Strafpredigt hielt und ſie ſodann aufſtehen hieß, denn ſie lagen alle vor ihm auf den Knieen. Dieſe Ausſohnung erregte eine große Freude, und das mit Recht, denn Vieilleville hatte ſchon die Idee, als er erfuhr, daß die Legionnaires unter dem Herrn von Sennecterre zehn Tage lang nicht auf die Wache gezogen und alſo die Stadt unbewacht gelaſſen, alle vor die Thore hinausrufen, ſie da umzingeln und zuſammenſchießen zu laſſen. Vieilleville 285 glaubte aber doch noch immer vorſichtig ſeyn zu muͤſſen, und machte drei Monate lang die Runden in der Stadt immer ſelbſt, und das oft viermal die Woche. Einmal trifft er einen Legionnaire ſchlafend unter dem Gewehr an, den er ſogleich mit den Worten niederſtieß: er thue ihm nichts zu leid, denn er ließe ihn da, wie er ihn gefunden, und er ſolle wenigſtens zum Exempel dienen, wenn er nicht zur Wache dienen wolle. Vieilleville, nachdem er Alles in Ordnung gebracht hatte, nahm ſich nun vor, den Deutſchen Thionville abzunehmen, und ließ ſich deßhalb in groͤßter Eil' und ſehr geheim einen gewiſſen Hans Klauer von Trier kommen, dem er einmal das Leben geſchenkt, und den er als einen tuͤchtigen Kerl hatte kennen lernen. Dieſen beſchenkte er ſogleich und ſuchte ihn zu ſeinen Projecten geſchickt zu machen. Er verſprach ihm noch uͤberdieß eine Compagnie deutſcher Reiter in des Koͤnigs Sold zu ver⸗ ſchaffen, wenn er nach Thionville ginge, den ganzen Zuſtand des Orts und die Staͤrke der Beſatzung bis auf das Maß der Graͤben erforſchte und ihm in acht Tagen Nachricht gaͤbe. Nur ſolle er Morgens vor Tag aus einem, dem Weg nach Thionville entgegengeſetzten Thore gehen, an dem er ſich ſelbſt befinden wolle, um ihm zu ſagen, was ihm allenfalls noch ein⸗ gefallen waͤre. Hans Klauer brachte ihm auch in acht Tagen einen ſo umſtaͤndlichen Bericht von Thionville, daß Vieilleville uͤber ſei⸗ nen Fleiß und Geſchicklichkeit ganz erſtaunt war, und ihm ſo⸗ gleich eine Summe zuſtellte, mit der er nach Trier zuruͤckgehen und eine Compagnie Reiter aufrichten ſollte; doch ſollte ſie durchgaͤngig nur aus gebornen Deutſchen beſtehen. Dieſen Be⸗ richt uͤber Thionville ließ Vieilleville durch ſeinen Secretaͤr Carloir ſehr ſtudiren und gleichſam auswendig lernen, und ſchickte ihn zum Koͤnig, damit er, wenn er vom Feinde wuͤrde aufge⸗ 286 ſangen werden, deſto leichter durchkaͤme. Dieſer traf den Koͤnig in Amiens, und berichtete ihm, daß Vieilleville in ſieben Tagen Thionville wegzunehmen ſich anheiſchig mache, und da er wiſſe, daß alle Truppen nach Italien geſchickt ſeyen, ſo wolle er ſechs Regimenter Lanzknechte und ſieben Compagnien Reiter in Deutſchland werben laſſen; auch habe er dazu durch ſeinen Credit hunderttauſend Livres irgendwo gefunden. Der Koͤnig genehmigte Alles ſogleich, lobte Vieilleville ſehr daruͤber, daß er immer wachſam und in ſeinem Dienſte geſchaͤftig ſey, wies ihm die Einnahme der ganzen Provinz Champagne zu dieſer Expe⸗ dition an, und ernannte ihn zum Generallieutenant der Armee in Champagne, Lothringen, dem Lande Meſſin und Luxemburg. Die Werbung in Deutſchland ging ſo gut von Statten, daß in kurzem die verlangten Regimenter marſchiren konnten. Sobald Vieilleville dieſes erfuhr, zog er mit ſeiner Beſatzung aus Metz gegen Thionville, ließ die Truppen, welche zu Toul und Verdun in Beſatzung lagen, zu ihm ſtoßen, und eroͤffnete, zu nicht geringem Erſtaunen des Grafen von Carebbe, der in Thionville commandirte, die Belagerung dieſer Stadt. Gegen Luremburg ſchickte er ſechs Compagnien zu Fuß, um von Thion⸗ ville aus mit dem Grafen von Mesgue die Communication zu verhindern. Jetzt kam auch ſeine Artillerie an, die er in ſeinem Arſenal zu Metz hatte zurichten laſſen; ſie beſtand aus zwoͤlf Kanonen von ſtarkem Kaliber, aus zehn Feldſchlangen von acht⸗ zehn Fuß lang und aus andern leichten Stuͤcken. Kurz dar⸗ auf trafen auch die fremden Truppen ein, und alles dieſes zu⸗ ſammen machte eine gar artige kleine Armee aus, denn es waren nur allein ſechs junge deutſche Prinzen aus den Haͤuſern Luͤneburg, Simmern, Wuͤrtemburg u. a. dabei, die ſich unter einem ſo großen Meiſter in den Waffen verſuchen wollten. Die ganze Armee mochte ungefaͤhr aus zwoͤlftauſend Mann beſtehen. Unterdeſſen war der Herzog von Guiſe aus Italien zuruͤck⸗ gekommen, und, da der Connetable bei St. Quentin gefangen war, zum Generallieutenant von ganz Frankreich ernannt wor⸗ den. Dieſer bekam Nachricht von der Armee des Vieilleville, und ſchickte ſogleich einen Courier an ihn ab, der eben ankam, als die Artillerie anfangen ſollte, gegen die Stadt zu ſpielen. Vieilleville bekam ein Schreiben des Inhalts: daß er warten moͤchte, indem der Herzog dabei ſeyn und die Entrepriſe fuͤhren wollte, wie es ihm als Generallieutenant von Frankreich zu⸗ kaͤme. Vieillevillen war dieſe Dazwiſchenkunft hoͤchſt unangenehm; er ließ ſich aber jedoch nichts merken, und ſagte dem Courier, daß der Herzog von Guiſe willkommen ſeyn und man ihm wie dem Könige gehorchen wuͤrde. Es waͤre aber dem Unternehmen auf Thionville nichts ſo nachtheilig als der Verzug, und er ſehe wohl voraus, daß die Verzoͤgerung der Ankunft des Herzogs den Dienſt des Koͤnigs bei dieſer Sache nichts weniger als befoͤr⸗ dern wuͤrde. Der Courier verſicherte ihn, daß er in zehn Ta⸗ gen hier ſeyn wuͤrde:„Was,“ ſagte Vieilleville,„wenn er mir „die Haͤnde nicht gebunden haͤtte durch ſeinen Titel als General⸗ „lieutenant⸗von ganz Frankreich, ſo ſtehe ich mit meinem Kopf „dafuͤr, ich waͤre in zwei Stunden in Thionville und vielleicht „in Luremburg geweſen. Jetzt wird er vielleicht in drei Wochen „nicht ankommen, und der Graf von Mesgue hat gute Zeit ſich „in Luxemburg feſtzuſetzen.“. Der Herzog von Guiſe kam auch wirklich erſt in zwanzig Tagen an. Voraus ſchickte er den Großmeiſter der Artillerie nach Metz, um Alles anzuſehen. Dieſer fand eine ſolche Ord⸗ nung und ſo hinreichende Maßregeln bei dieſer Unternehmung, daß er oͤffentlich behauptete, der Herzog von Guiſe haͤtte wohl wegbleiben können, und es muͤſſe einen Mann von Ehre ſehr 288 verdrießen, wenn die Prinzen ihnen kein Gluͤck guͤnnten und da, wo Ehre einzuernten ſey, gleich kaͤmen, und ihnen die Frucht ihrer Muͤhe und Arbeit wegnaͤhmen. Der Herzog hat gut hinunterſchlucken, rief er endlich ganz entruͤſtet aus, denn er findet Alles vorgekaut. Als der Herzog die ganze Artillerie muſterte, riefen Officiere zum großen Gelaͤchter:„Nur vor Thionville, wo wir Alle ſterben dollen; es iſt ſchon daß wir Sie erwarten.“ Nun ſollte Kriegsrath gehalten werden, wo der Orta am beſten anzugreifen ſey. Vieilleville ſagte, daß er nicht ſo lange gewartet, um dieſes zu erfahren, und er zeigte ein kleines Thuͤrmchen, wo er auf ſein Leben verſicherte, daß dieſes der ſchwaͤchſte Drt der Stadt ſey. Allein der Marſchall von Strozzy antwortete, daß man vorher die Meinung der andern Befehls⸗ haber hoͤren muͤſſe. Sie verſammelten ſich daher aufs neue in der Wohnung des Herzogs. Als ſie dahin gingen, nahm der Herr von La Mare Vieillevillen bei Seite und ſagte ihm, daß er in dem Kriegsrath nicht auf ſeiner Meinung beſtehen ſolle, denn der Herzog und Strozzy haͤtten ſchon beſchloſſen, Thion⸗ ville an einem andern Ort anzugreifen, damit er die Ehre nicht haben ſollte; auch ſey der Herzog ſehr aufgebracht, daß Vieilleville den Titel eines Generallieutenants uber dieſe Armee ausgewirkt habe, denn er behauptete, es koͤnne nur einen einzigen geben, und dieſer ſey er ſelbſt. In dem Kriegsrath ſtellte Strozzy nun vor, daß die Stadt von der Seite des Fluſſes und nicht bei dem kleinen Thurm muͤſſe angegriffen werden, welcher r Meinung auch alle Anweſeh⸗ den beipflichteten, da ſie Strozzy als einen vortrefflichen und erfahrenen Feldherrn anſahen. Der Herzog fragte jedoch auch Vieillevillen darum, der dann antwortete: wenn er das Gegen⸗ theil behauptete, muͤſſe er das ganze Conſeil widerlegen, und er 289 wolle ſich ur dabei beruhigen, damit er in dem Dienſt des Königs keinen Aufenthalt verurſache. Nun wurden die Kanonen aufgepflanzt und ſo gut bedient, daß in kurzer Zeit uͤber dem Fluß die feindliche Artillerie zer⸗ ſchmettert wurde und eine anſehnliche Breſche entſtand; jetzt triumphirte ſchon der Herzog und Strozzy, und es wurde mit B achtung von dem Plan Vieilleville's geſprochen. Ein Haupt⸗ ſturm wurde angeſtellt, die Soldaten mußten durch den Fluß waten; allein ſie wurden bald abgewieſen und konnten nicht einmal handgemein werden; denn es fanden ſich Schwierig⸗ keiten mancher Art, die man nicht vorausgeſehen hatte. Der Herzog und Strozzy waren ſehr verlegen daruͤber; um aber doch ihren Plan auszufuͤhren, ließen ſie mit unendlicher Muͤhe die Kanonen uͤber den Fluß bringen, und es gelang ihnen, ſie bei der Breſche aufzufuͤhren. Jetzt aber entdeckten ſie, woran der Marſchall nicht gedacht hatte, einen breiten Graben von vierzig Fuß Tiefe; dieſen beim Sturmlaufen hinunter und wieder heraufzukommen, war unmoglich, und ſo geſchah es ſehr wunderbar, daß unſere Kanonen auf den Mauern ſtanden und wir doch nicht in die Stadt konnten. Den ſechzehnten Tag der Belagerung befahl Strozzy, auch die Feldſchlangen uͤber den Fluß zu bringen und die Stadt zu⸗ ſammen zu ſchießen. Er wagte ſich ſelbſt ſo weit, daß er eine Musketenkugel in den Leib bekam, woran er nach einer halben Stunde ſtarb. Der Herzog ſtand neben ihm, dieſem ſagte er: Nemn Henker, mein Herr, der Koͤnig verliert heute einen „lleuen Diener und Eure Gnaden auch.“ Der Herzog erinnerte ihn an ſein Heil zu denken, und nannte ihm den Namen Je⸗ ſus:„Was fuͤr einen Jeſus fuͤhrt Ihr mir hier an? Ich weiß „nichts von Gott— mein Feuer iſt aus“— und als der Prinz ſeine Ermahnungen verdoppelte und ihm ſagte, daß er bald vor Schillers ſaͤmmtliche Werke. XI. 19 290 Gottes Angeſicht ſeyn werde, antwortete er:„Nun beim T—! „ich werde da ſeyn, wo alle Anderen ſind, die ſeit ſechstauſend „Jahren geſtorben,“ und mit dieſen Worten verſchied er. So endigte ſich das Leben eines Mannes, der keine Religion hatte, wie er ſchon den Abend vorher, da er bei Vieilleville ſpeiste, zu erkennen gab, als er anfing zu fragen: und was machte Gott, ehe er die Welt ſchuf? worauf Vieilleville ganz beſcheiden ſagte: daß nichts davon in der heiligen Schrift ſtebe, und da, wo ſie nichts ſagte, man auch nicht weiter forſchen ſolle. Es iſt eine ganz artige Sache, ſagte Strozzy darauf⸗ dieſe heilige Schrift, und ſehr wohl erfunden, wenn ſie nur wahr waͤre; worauf Vieilleville ſich ſtellte, als wenn er die Kolik haͤtte, und hinaus ging und ein Geluͤbde that, mit einem ſolchen Atheiſten niemals etwas zu thun zu haben. Jetzt wendete ſich der Herzog an Vieilleville, erinnerte ihn an ſein Verſprechen, das er dem Koͤnig gethan, Thionville in ſieben Tagen einzunehmen, und bat ihn, Alles ſo auszufuͤhren, wie er es fuͤr gut finde; er wolle ſich in nichts mehr mengen. Nun fing Vieilleville auf ſeiner Seite die Trancheen an, ließ Artillerie von Metz kommen, und ſchon den dritten Tag wurde das kleine Thuͤrmchen zuſammengeſchoſſen; den ſechsten wagte man einen Generalſturm, Vieilleville an der Spitze, allein er wurde abgeſchlagen, und es blieben viele Leute dabei, unter andern auch Hans Klauer. Vieillevillen wurde der Kamm oben an ſeinem Helm weggeſchoſſen; nach einer kurzen Erholung aber nahm er neue Truppen und ſetzte den Sturm ſo heftig fort, daß er mit dreißig Mann in die Stadt drang; Carebbe erſchrack daruͤber und capitulirte ſogleich. Die ganze Garniſon und alle Einwohner mußten den andern Morgen aus der Stadt ziehen, und es war erbaͤrmlich anzuſehen, wie Greiſe, Vaͤter und Kinder, Kranke und Verwundete, ihre Heimath ver⸗ 291 ließen. Jedermann hatte Bedauern mit ihnen: nur der Her⸗ zog von Guiſe blieb hart dabei. In Thionville wurden nun franzoͤſiſche Unterthanen geſetzt, an welche die Haͤuſer verkauft wurden; das daraus geloͤste Geld ſtellte Vieilleville theils dem koͤniglichen Schatzmeiſter zu, theils belohnte er damit ſeine Sol⸗ daten, die ihm bei der Belagerung gute Dienſte geleiſtet hat⸗ ten. Er ſelbſt behielt nichts davon, ob er gleich das groͤßte Recht daran hatte. Er vermuthete immer, der Koͤnig von Spanien werde vor Thionville kommen, und war feſt entſchloſſen, dieſe Stadt zu behaupten, indem er es ſich zur Ehre rechnete, gegen einen ſo maͤchtigen Monarchen, den Sohn Kaiſer Karls V, zu fechten. Allein der Koͤnig von Spanien zog mit einem betraͤchtlichen Heer gegen Amiens, der Koͤnig von Frankreich ihm entgegen und ſchickte Vieillevillen deßwegen den Befehl, ihm ſo viel Trup⸗ pen als moͤglich zuzuſchicken. Beide Heere, jedes von ſechzig⸗ tauſend Mann, ſtanden jetzt gegen einander; beide Koͤnige wuͤnſchten den Frieden, aber keiner wollte die erſten Vorſchlaͤge thun. Vieilleville, der dieſe Verlegenheit in der Ferne merkte, ſchickte in der groͤßten Stille, und ohne Jemandes Wiſſen, einen ſehr kuͤhnen und beredten Moͤnch zum Koͤnig von Spanien; dieſer mußte ihm, als aus Eingebung Gottes, vom Frieden reden. Er wurde gnaͤdig angehoͤrt und ihm aufgetragen, eben dieſe Eingebungen dem Koͤnig von Frankreich vorzutragen, und ſo wurde die Negociation angefangen, wofuͤr der Koͤnig Vieille⸗ villen den groͤßten Dank ſchuldig zu ſeyn glaubte, indem er auch hier durch ſeine Klugheit aus der Ferne hergewirkt und ſo vieles Blut geſchont habe, das durch eine Schlacht wuͤrde ver⸗ goſſen worden ſeyn. Nachdem nun der Friede geſchloſſen worden, wuͤnſchte der 292 Koͤnig Vieillevillen zu ſprechen, und er wurde beordert, an den Hof zu kommen, wo er ſehr gut empfangen wurde; beſonders gefiel es der Koͤnigin ſehr wohl, daß er nach der Belagerung von Thionville unter die deutſchen Prinzen und Feldherren goldene Medaillen vertheilt habe, auf deren einer Seite des Koͤnigs und auf der andern Seite der Koͤnigin Bruſtbild vorgeſtellt war, und dieſes letztere ſo gleichend, daß auch der beruͤhmteſte Kuͤnſt⸗ ler im Portraͤtiren damaliger Zeit, Namens Janet, dieſes ge⸗ ſtehen mußte. Der Koͤnig unterhielt ſich oft und viel mit Vieilleville, und kam ſelbſt darauf zu reden, daß der Herzog von Guiſe das Unternehmen auf Luxemburg und die ſchnelle Eroberung von Thionville gehemmt habe. Auch fragte er nach dem klaͤglichen Ende des Marſchalls Strozzy, wo aber Vieille⸗ ville als feiner Hofmann antwortete, daß man hier die Gnade Gottes obwalten laſſen muͤſſe und es nicht ſchicklich ſeyn wuͤrde, dieſes weiter zu verbreiten. Strozzy war naͤmlich nahe mit der Koͤnigin verwandt. Bei dieſer Gelegenheit bekam Vieilleville das Brevet als Marſchall von Frankreich, und der Koͤnig machte ihm den Vorwurf, warum er ihm nicht ſogleich um dieſe Charge geſchrieben habe, als Strozzy geſtorben, wo er ſie dann gewiß ihm und nicht dem Herrn von Thermes wuͤrde gegeben haben. Vieilleville antwortete darauf: daß er ſeinem Koͤnige nicht zu⸗ gemuthet haͤtte, ſo lange der Feldzug dauerte, dieſe Charge zu beſetzen, indem Alle, die darauf Anſpruch machten, um ſie zu verdienen, ſich hervorthun, hingegen von der Armee abgehen wuͤrden, wenn die Ernennung geſchehen ſey; wie dieß auch wirk⸗ lich nach der Ernennung des Herrn von Thermes der Fall war, wo zehn bis zwoͤlf Große mit beinahe zweitauſend Pferden die Armee verließen. Der Koͤnig wuͤnſchte, daß Vieilleville den Friedensunter⸗ handlungen mit Spanien in Chateau Cambreſis beiwohnte, — 293 welches er auch that, und er brachte es durch ſeine weiſen Rath⸗ ſchlaͤge in kurzem ſo weit, daß ſie den 7 April 1559 abgeſchloſ⸗ ſen waren, mit welcher Nachricht er ſelbſt an den Koͤnig geſchickt wurde. Der Koͤnig erklaͤrte bei dieſer Gelegenheit, daß Frank⸗ reich und ganz Europa, nach Gott, dieſen Frieden Niemand als ihm ſchuldig ſey, denn durch den Moͤnch habe er den erſten Anſtoß geben laſſen. Der Schatzmeiſter mußte vierzehn Saͤcke, jeden mit tauſend Thalern, bringen, wovon der Koͤnig ihm zehn und ſeinem Schwiegerſohn und Neffen, Eſpinay und Thevalle, viere ſchenkte. Kurz darauf trafen die ſpaniſchen Geſandten in Paris ein; es befanden ſich dabei außer dem Herzog von Alba fuͤnfzehn bis zwanzig Prinzen, denen einen ganzen Monat lang große Feten gegeben wurden. Waͤhrend derſelben ſuchte der Cardinal von Lothringen den Koͤnig zu uͤberreden, eine Sitzung im Parla⸗ ment zu halten und ein Mercuriale daſelbſt anzuſtellen. Es hat dieß den Namen von dem Mittwoch(Dies Mercurii), weil an dieſem Tage ſich alle Praͤſidenten und Raͤthe, gegen hundert bis hundertundzwanzig Perſonen, in einem großen Saal ver⸗ ſammeln, um über die Sitten und ſowohl oͤffentliche als Pri⸗ vatlebensart dieſes Gerichtshofes Unterſuchung anzuſtellen. Der Koͤnig ſollte bei einer ſolchen Gelegenheit durch ſeinen General⸗ procurator vortragen laſſen, daß unter ihrem Corps Manche ſich befaͤnden, deren Glauben verdaͤchtig ſey und die der falſchen Lehre Luthers anhingen; man koͤnne es ſchon daraus ſchließen, daß alle, die der Ketzerei beſchuldigt wuͤrden, losgeſprochen und kein Einziger zum Tode verdammt wuͤrde.„Und ſollte dieſes,“ ſetzte der Cardinal hinzu,„auch nur dazu dienen, dem Koͤnig von Spanien zu zeigen, daß Ew. Maijeſtaͤt feſt am Glauben halten, und daß Sie in Ihrem Koͤnigreiche nichts dulden wol⸗ len, was Ihrem Titel als Allerchriſtlichſter Koͤnig entgegen iſt. 4 ———— 294 Es wuͤrde den Prinzen und Großen Spaniens, die den Herzog von Alba hieher begleitet haben, um die Heirath ihres Koͤnigs mit Ew. Majeſtaͤt Tochter zu feiern, ein ſehr erbauliches Schau⸗ ſpiel ſeyn, ein halbes Duzend Parlamentsraͤthe auf oͤffentlichem Platz als lutheriſche Ketzer verbrennen zu ſehen.“ Der Koͤnig verſtand ſich zu einer ſolchen Sitzung und beſtimmte ſie gleich auf den andern Tag. Vieillevillen, der, als erſter Kammerjunker, in des Koͤnigs Kammer ſchlief, ſagte der Koͤnig, was er vorhabe, worauf jener antwortete, daß der Cardinal und die Biſchoͤfe dieſes wohl thun koͤnnten, fuͤr Se. Majeſtaͤt ſchicke es ſich aber nicht; man muͤſſe den Prieſtern uͤberlaſſen, was nur eine Prieſterſache ſey. Da der Koͤnig deſſen ungeachtet bei ſeinem Vorhaben blieb, erzaͤhlte ihm Vieilleville, was einſtmals zwiſchen Koͤnig Ludwig XI und dem Marſchall von Frankreich, Johann Rouault, vorgefallen. Ludwig XI, bei welchem der Biſchof von Angiers ſehr in Gna⸗ den ſtand, befahl dieſem, nach Lyon zu gehen und die ſechs⸗ tauſend Italiener in Empfang zu nehmen, die man ihm als Huͤlfstruppen zuſchickte. Der Marſchall, der zugegen war, und es uͤbel aufnahm, daß man nicht an ihn dachte, ſtellte ſich gleich darauf dem Koͤnig mit dreißig bis fuͤnfzig Edelleuten geſtiefelt und geſpornt vor, und fragte ganz trotzig, ob Se. Majeſtaͤt nichts nach Angiers zu befehlen habe? Der Koͤnig fragte, was ihn ſo ſchnell und unvermuthet dahin fuͤhre? Der Marſchall antwortete, daß er dort ein Capitel zu halten und Prieſter ein⸗ zuſetzen habe, indem er eben ſowohl den Biſchof vorſtellen koͤnne, als der Biſchof den General vorſtelle. Der Koͤnig ſchaͤmte ſich daruͤber, daß er die Ordnung ſo umgekehrt, ließ den Biſchof, der ſchon auf der Reiſe war, wieder zuruͤckrufen und ſchickte den Marſchall nach Lyon. Eben ſo, fuhr Vieilleville fort, muͤßte der Cardinal, wenn Ew. Majeſtaͤt die Geſchaͤfte eines Theologen 29⁵ oder Inquiſitors verſaͤhen, uns Soldaten lehren, wie man die Lanze bei Turnieren faͤllt, wie man zu Pferde ſitzen muß, wie man ſalutirt und rechts und links ausbeugt. Ueberdieß wollten Ew. Majeſtaͤt die Freude mit der Traurigkeit paaren? Denn Letzteres wuͤrde der Fall ſeyn, wenn ſolche blutige Hin⸗ richtungen waͤhrend der Hochzeitfeierlichkeiten vorfielen. Der Koͤnig nahm ſich darauf vor, nicht hinzugehen. Der Cardinal erfuhr es ſogleich, und da er in der Nacht den Koͤnig nicht ſprechen konnte, verſammelte er die ganze Geiſtlichkeit den andern Morgen mit dem Fruͤheſten bei dem Koͤnig, und machte ihm die Hoͤlle ſo heiß, daß er glaubte ſchon verdammt zu ſeyn, wenn er nicht hinginge, und der Zug ſetzte ſich ſogleich in Marſch. Bei der Sitzung ſelbſt vertheidigte einer der angeklagten Raͤthe Anne du Bourg ſeine Religion mit ſolchem Eifer und Feſtigkeit, daß der Koͤnig ſehr aufgebracht wurde; auch hoͤrte er, als er durch die Straßen zurückging, vieles Murren, ſo daß er nachher geſtand, wie es ihm ſehr gereue, den Rath des Vieilleville nicht befolgt zu haben. Den erſten Junius 1559 eroͤffnete der Koͤnig das große Tur⸗ nier, mit welchem die Vermaͤhlung der Prinzeſſin Eliſabeth mit Philipp II gefeiert wurde, und die Spanier zeigten ſich bei dieſer Gelegenheit beſonders ungeſchickt. Vieilleville hob einen Spanier, der gegen ihn rannte, aus dem Sattel, und warf ihn uͤber die Schranken mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Geſchicklichkeit. Um einigermaßen von dieſen koͤrperlichen Anſtrengungen in den Turnieren auszuruhen, ging die Hoch⸗ zeit der Madame Eliſabeth mit dem Koͤnig von Spanien, in deſſen Namen der Herzog von Alba ſie heirathete, vor. Die friedlichen Feierlichkeiten dauerten gegen acht Tage; der Koͤnig brach ſie ab, weil er leidenſchaftlich das Turnieren liebte und dieſes wieder anfangen wollte. 296 Vieilleville rieth dem Koͤnig davon ab, indem ſich die fran⸗ zoͤſiſche Nobleſſe ſchon hinreichend gezeigt haͤtte, es jetzt auch Zeit ſey, an die Hochzeit des Herzogs von Savoyen mit Madame Margaretha, ſeiner Schweſter, zu denken. Der Koͤnig antwortete darauf, daß erſt gegen Ende des Julius Alles dazu bereit ſeyn koͤnne, indem er Piemont, Savoyen und mehrere andere Beſitzungen bei dieſer Gelegenheit abtreten wolle. Vieilleville war ganz erſtaunt daruͤber, und ſagte dem Koͤnig offenherzig, wie er nicht begreifen koͤnne, wegen einer Heirath Laͤnder wegzugeben, die Frankreich mehr als vierzig Millionen und hunderttauſend Menſchen gekoſtet haͤtten. Einer koͤniglichen Prinzeſſin gaͤbe man hoͤchſtens hundert und fuͤnfzig⸗ tauſend Thaler mit, und wenn auch Madame Margaretha ihr Leben in einer Abtei endigte, ſo wuͤrde dieſes nicht der erſte und letzte Fall bei einer koͤniglichen Prinzeſſin ſeyn, die ohnedem ſchon vierzig Jahre alt ſey. Der Connetable, der dieſes Alles ſtatt ſeiner Ranzion verhandle, uͤbe ſein Recht wohl aus, denn man ſage gewoͤhnlich, daß in einer großen Noth ein Connetable den dritten Theil vom Koͤnigreich verſetzen duͤrfe. Auf dieſe und mehrere Vorſtellungen verwuͤnſchte der Koͤnig die Stunde, daß er nicht mit Vieillevillen von dieſer Sache geſprochen, und es ſey jetzt zu ſpaͤt; er wuͤrde ſich aber an den Connetable halten, der ihn zu dieſen Schritten verleitet habe. Kurz darauf trat ein Edelmann herein, und brachte dem Koͤnig die abgeſchloſſenen Artikel, worin bemerkt war, daß Frankreich das Marquiſat Saluzzo behielte. Als der Koͤnig dieſes geleſen hatte, theilte er die Nachricht ſogleich Vieillevillen mit, mit der Aeußerung, daß ſein Vater Unrecht gehabt, einen Fuͤrſten ſeiner Laͤnder zu berauben, und daß er als guter Chriſt und um die Seele ſeines Vaters zu retten, die Laͤnder dem Herzog von Sapoyen gern herausgaͤbe. Wie Vieilleyille ſah, daß der 297 Koͤnig hier die Froͤmmigkeit und das Chriſtenthum ins Spiel brachte, und ſeinen Vater ſogar der Tyrannei beſchuldigte, ſchwieg er, und es reute ihn, nur ſo viel geſagt zu haben. Den letzten Junius 1559 wurde des Morgens ein großes Turnier auf den Nachmittag angeſagt. Nach der Tafel zog ſich der Koͤnig aus, und befahl Vieillevillen, ihm die Waffen anzulegen, obgleich der Oberſtallmeiſter von Frankreich, dem dieſes Geſchaͤft zukam, zugegen war. Als Vieille. lle ihm en Helm aufſetzte, konnte er ſich nicht entbrechen zu ſeufzen und zu ſagen, daß er nie etwas mit mehr Widerwillen gethan. Der Koͤnig hatte nicht Zeit, ihn um die Urſache zu fragen, denn waͤhrend dem trat der Herzog von Savoyen herein. Das Turnier fing an. Der Koͤnig brach die erſte Lanze mit dem Herzog, die zweite mit dem Herrn von Guiſe, endlich kam zum Dritten der Graf von Montgommery, ein großer, aber ſteifer junger Menſch, der ſeines Vaters, des Grafen von Sorges und Capitaͤns von der Garde, Lieutenant war. Es war die letzte, die der Koͤnig zu brechen hatte. Beide treffen mit vieler Geſchicklichkeit auf einander, und die Lanzen brechen. Jetzt will Vieilleville des Koͤnigs Stelle einnehmen, allein dieſer bittet ihn, noch einen Gang mit Montgommery zu machen, denn er behauptete, er muͤſſe Revanche haben, indem er ihn wenigſtens aus dem Buͤgel gebracht habe. Vieilleville ſuchte den Koͤnig davon abzubringen, allein er beſtand darauf. Nun, Sire, rief Vieille⸗ ville aus, ich ſchwoͤre bei Gott, daß ich drei Naͤchte hindurch getraͤumt habe, daß Eurer Majeſtaͤt heute ein Ungluͤck zuſtoßen und dieſer letzte Junius Ihnen fatal ſeyn wird. Auch Mont⸗ gommery entſchuldigte ſich, daß es gegen die Regel ſey; allein der Koͤnig befahl es ihm, und nun nahm er die Lanze. Beide ſtießen jetzt wieder auf einander und brachen mit großer Geſchicklichkeit ihre Lanzen. Montgommerp aber warf ungeſchickter Weiſe den 298 geſplitterten Schaft nicht aus der Hand, wie es gewoͤhnlich iſt, und traf damit im Rennen den Koͤnig an den Kopf gerade in das Viſir, ſo daß der Stoß in die Hoͤhe ging und das Auge traf. Der Koͤnig ließ die Zuͤgel fallen und hielt ſich am Hals des Pferdes; dieſes rannte bis ans Ziel, wo die zwei erſten Stallmeiſter, dem Gebrauch gemaͤß, hielten, und das Pferd auffingen. Sie nahmen ihm den Helm herunter, und er ſagte mit ſchwacher Stimme, er ſey des Todes. Alle Wundaͤrzte kamen zuſammen, um den Ort des Gehirns zu treffen, wo die Splitter ſtecken geblieben, aber ſie konnten ihn nicht finden, obgleich vier zum Tode verurtheilten Miſſethaͤtern die Koͤpfe abgeſchlagen wurden, Verſuche daran anzuſtellen, indem man Lanzen daran abſtieß. Den vierten Tag kam der Koͤnig wieder zu ſich, und ließ die Koͤnigin rufen, der er auftrug, die Hochzeit doch ſogleich vollfuͤhren zu laſſen, und Vieillevillen, der ſchon das Brevet als Marſchall von Frankreich hatte, wirklich dazu zu machen. Die Hochzeit ging traurig vor ſich, der Koͤnig hatte ſchon die Sprache verloren, und den Tag darauf, den 10 Julius 1559, gab er den Geiſt auf. Vieilleville verlor an ihm einen Herrn, der ihn uͤber Alles ſchaͤtzte, und ihn ſogar zum Connetable einſt wuͤrde ernannt haben, wie er ſich ſchon hatte verlauten laſſen. In den letzten Zeiten hatte er ihm, um ihn immer um ſich zu haben, ſein Departement von Metz abgenommen, und es dem Herrn von Eſpinay gegeben; Vieilleville aber war Gou⸗ verneur von Isle de France geworden. Die unrechtmaͤßige Gewalt, deren ſich die Guiſen nach dem Tode Heinrichs II anmaßten, verurſachte die bekannte Ver⸗ ſchwoͤrung von Amboiſe. Ein gewiſſer la Renaudie verſicherte ſich dreißig erfahrner Capitaͤns, und legte um den Aufenthalt des jungen Koͤnigs fuͤnfhundert Pferde und vieles Fußvolk 299 herum, in der Abſicht, die Guiſen gefangen zu nehmen, und dem Koͤnig ſeine Freiheit zu geben. Es wurde dieſes auch am Hofe bekannt, und die Nachricht beunruhigte den Koͤnig und die Guiſen ſehr. Vieilleville ſollte an dieſes Corps geſchickt werden, um ſie zu fragen, ob ſie die Franzoſen um den Ruhm und die Ehre bringen wollten, unter allen Nationen ihrem Fuͤrſten am treuſten und gehorſamſten zu ſeyn? Dieſer Auftrag ſetzte Vieillevillen in einige Verlegenheit. Er ſelbſt war von der widerrechtlich angemaßten Gewalt der Guiſen uͤberzeugt, und wollte ſich zu einer Geſandtſchaft nicht brauchen laſſen, wo er gegen ſeine Ueberzeugung reden mußte; durch eine feine Wendung uberhob er ſich derſelben, indem er dem Koͤnig ant⸗ wortete:„Da der Fehler dieſes Corps, an das Ew. Majeſtaͤt „mir die Ehre anthun wollen, mich zu ſchicken, ſo groß iſt, „daß es eine wahre Rebellion genannt werden kann, ſo wuͤrden „ſie mir nicht glauben, wenn ich ihnen Verzeihung verkuͤndigte. „Es muß dieſes ein Prinz thun, damit ſie verſichert ſind, es „ſey dieſes ein koͤnigliches Wort, das Eure Majeſtaͤt ſchon um „deſſentwillen, der es uͤberbracht hat, nicht zuruͤcknehmen „werden.“ Vieilleville hatte richtig geurtheilt; er wurde mit dieſem Auftrag verſchont, und der Herzog von Nemours, der an die Rebellen geſchickt wurde, hatte den Verdruß, daß die fuͤnfzehn Edelleute, die auf des Koͤnigs und ſein Wort ihm gefolgt waren, ſogleich gefangen und in Feſſeln geworfen wurden. Auf alle Beſchwerden, welche der Herzog deßhalb vorbrachte, ant⸗ wortete der Kanzler Olivier immer, daß kein Koͤnig gehalten ſey, ſein Wort gegen Rebellen zu halten. Dieſe fuͤnfzehn Edelleute wurden durch verſchiedene Todesarten hingerichtet, und ſie beſchwerten ſich alle nicht ſowohl uͤber ihren Tod, als uͤber die Treuloſigkeit des Herzogs von Nemours. Einer von 300 ihnen, ein Herr von Caſtelnau, warf ihm ſogar dieſe Wort⸗ bruͤchigkeit noch auf dem Schaffot vor, tauchte ſeine Haͤnde in das rauchende Blut ſeiner ſo eben hingerichteten Cameraden, erhob ſie gen Himmel und hielt eine Rede, die Alle bewegte und bis zu Thraͤnen ruͤhrte. Der Kanzler Olivier ſelbſt, der ſie zum Tode verdammt hatte, wurde ſo ſehr dadurch betroffen, daß er krank nach Hauſe kam und einige Tage darauf ſtarb. Kurz vor ſeinem Ende beſuchte ihn der Cardinal von Lothringen ſelbſt, dem er, als er wegging, nachrief:„Verdammter Cardi⸗ „nal, dich bringſt du um die Seligkeit und uns mit dir!“ Hingegen konnte Vieilleville den Auftrag nicht ausſchlagen, nach Orleans zu gehen, um hier den Reſt der Verſchwornen zu zerſtreuen. Er that dieſes mit ſo viel Klugheit und Eifer, daß es ihm gelang, ſechshundert Mann zu uberfallen und nie⸗ derzumachen; die Gefangenen, worunter der Capitaͤn war, ließ er aber los, weil es ihm unmenſchlich ſchien, Leute von Ehre, die ihren Dienſt als brave Soldaten verrichteten, eines ſchmaͤhlichen Todes ſterben zu laſſen, welche Strafe ihnen gewiß war, wenn er ſie wuͤrde eingeliefert haben. Dieſes gluͤcklich ausgefuͤhrte Unternehmen ſetzte Vieilleville in große Gunſt bei dem Koͤnig und den Guiſen. Es wurde ihm kurz darauf eine andere Expedition nach Rouen aufgetragen, wo die Reformirten unruhig geweſen waren. Er hatte fuͤrchter⸗ liche Inſtructionen dabei erhalten, denn ihm ſtand es frei, nicht nur die umbringen zu laſſen, die bei dieſem Aufſtand die Waffen genommen, ſondern auch ſogar die, die ein Wohl⸗ gefallen daran gehabt. Vieilleville, der ſieben Compagnien Gendarmen bei ſich hatte, ließ den groͤßten Theil ſeiner Leute zuruͤck, und kam nach Rouen nur mit hundert Edelleuten, entwaffnete ſogleich die Buͤrgerſchaft, ließ ohne Anſehn der Religion dreißig der Hauptrebellen greifen und ihnen den 301 Proceß machen, befahl aber ausdruͤcklich, daß man in dem urtheil nichts von der Religion ſagen, ſondern ſie nur als Rebellen gegen den Koͤnig verdammen ſollte. Auf dieſe Art ſtellte Vieilleville die Ruhe her, und ſchonte den Parteigeiſt, der ohne Zweifel noch lauter wuͤrde erwacht ſeyn, wenn er nur die Reformirten beſtraft haͤtte. Der Hof hielt ſich in Orleans auf, als er wieder zuruͤckkam, und eben damals war der Prinz von Condé, Bruder des Koͤnigs von Navarra, gefangen genommen worden. Um Vieillevillen zu pruͤfen, was er daruͤber daͤchte, befahl ihm der Koͤnig, den Prinzen zu beſuchen. Vieilleville war aber ſchlau genug, dieſes zu merken und ſagte, daß er um das Leben nicht hingehen wuͤrde, denn er habe einen natuͤrlichen Abſcheu gegen alle Ruheſtoͤrer. Zugleich rieth er aber dem Koͤnig, den Prinzen nur in die Baſtille zu ſchicken, indem es Sr. Majeſtaͤt zum großen Vorwurf gereichen wuͤrde, einen Prinzen von Gebluͤt, wenn er dem Koͤnige nicht nach dem Leben geſtrebt, hinrichten zu laſſen. Der Koͤnig nahm dieſen Rath ſehr wohl auf, und geſtand nachher Vieillevillen ſelbſt, daß er ihn auf die Probe geſetzt habe. Die Uneinigkeiten zwiſchen dem Koͤnig von Navarra auf der einen Seite, und dem Koͤnig und den Guiſen auf der andern, wurden indeſſen immer groͤßer; der Koͤnig von Navarra wurde am Hof mit einer Geringſchaͤtzung behandelt, die Jeder⸗ mann, nur die Guiſen nicht, bewegte. Vieilleville forderte in dieſen Zeiten die Erlaubniß, in ſein Gouvernement zuruͤck⸗ zukehren; allein beſonders die Koͤnigin drang darauf, daß er bliebe. Man wollte ihn in dieſen kritiſchen Zeiten am Hofe haben, um ſeine Rathſchlaͤge, die immer ſehr weiſe waren, zu benutzen, und dann hatte man ihn auch auserſehen, nach Deutſchland zu reiſen, um den mit dem Koͤnig verbuͤndeten 302 Kurfuͤrſten und Fuͤrſten des Reichs die Verhaͤltniſſe mit dem Koͤnig von Navarra und ſeinem Bruder vorzuſtellen, damit der Hof nicht im unrechten Lichte erſchiene. Allein dieſen Uneinigkeiten machte der Tod Koͤnigs Franz lI ein Ende, der den 5 December 1560 erfolgte. Jetzt wendete ſich Alles an den Koͤnig von Navarra, und ſelbſt die Koͤnigin, die als Vormuͤnderin des jungen ſechzehnjaͤhrigen Koͤnigs Karls IX mitregierte, ernannte denſelben zum Generallieutenant des Reichs. Eine weiſe Maßregel, um die verſchiedenen Religionsparteien, die ſehr unruhig zu werden anfingen, zufrieden zu ſtellen. Vieilleville hatte ſie der Koͤnigin an⸗ gerathen. Beide Guiſen entfernten ſich bei dieſen ihnen un⸗ guͤnſtigen Umſtaͤnden; der Cardinal ging auf ſeine Abtei und der Herzog nach Paris, wo er viele Anhaͤnger hatte. Hier ſchmiedete er mit ſeinen Anhaͤngern, dem Connetable von Montmorency, dem Marſchall von St. André und Andern, ſeine Plane, die Lutheraner zu vertilgen; und dieſes iſt die Quelle, aus der alle Unruhen entſtanden, die hernach das Koͤnigreich verwuͤſteten. Da jetzt Vieilleville ſah, daß der Koͤnig von Navarra und die Koͤnigin gut miteinander ſtanden, drang er darauf, in ſein Gouvernement zuruͤckzukehren, welches man ihm auch endlich verſtattete. Er war aber nicht lange in Met, ſo wurde er vor vielen Andern auserſehen, nach Deutſch⸗ land als außerordentlicher Geſandter zu gehen, um dem Kaiſer und den Fuͤrſten die Thronbeſteigung des jungen Koͤnigs bekannt zu machen. Vieilleville unternahm ſogleich die Reiſe in Begleitung von ſechzig Pferden. Zuerſt begab er ſich zum Kurfuͤrſten von Bayern nach Heidelberg, von da nach Stuttgart zum Herzog von Wuͤrtemberg, dann nach Augsburg, und von dieſer Stadt nach Weimar, wo Vieilleville vom Herzog Johann Friedrich 303 und Johann Wilhelm ſehr wohl empfangen wurde. Er uͤber⸗ brachte ihnen ihre Penſion, welche Heinrich II ihnen als Nach⸗ koͤmmlingen Karls des Großen zugeſichert hatte, Jedem zu viertauſend Thalern jaͤhrlich. Von Weimar reiste Vieilleville nach Ulm; von da wollte er nach Kaſſel, allein man widerrieth es ihm, weil die Wege ſo gar ſchlecht waͤren. Von Wien ging er nach Frankfurt, von da nach Prag und von Prag, nach einer ſeltſamen Reiſeroute, nach Mainz, und nun wieder uͤber Koblenz, Trier nach Metz. Ueberall wurde Vieilleville mit großen Ehrenbezeugungen aufgenommen, und beſonders wohl ging es ihm in Wien. Gleich bei der erſten Audienz beim Kaiſer, Ferdinand I, ſagte dieſer:„Sey'n Sie mir willkommen, Herr von Vieilleville, ob „Sie mir gleich Ihr Gouvernement von Metz und die uͤbrigen „Reichsſtaͤdte, welche Frankreich dem deutſchen Reich entzog, „nicht uͤberbringen; ich hoffte lange, Sie zu ſehen.“ Der Kaiſer nahm ihn ſogleich mit in ſein Zimmer, wo ſie zwei Stunden ganz allein bei einander waren. Bei dieſer Gelegen⸗ heit wunderte ſich Vieilleville, daß ſie ganz allein ins Zimmer kamen, indem es in Frankreich ganz anders war, wo die Franzoſen ihrem Herrn faſt die Fuͤße abtreten, um uͤberall in Menge hinzukommen, wo er hingeht. Vieilleville bemerkte ferner, und dieſes ſogar gegen den Kaiſer, wie es ihn befrem⸗ dete, nach Wien gekommen zu ſeyn mit fuͤnfzig bis ſechzig Pferden, und von Niemand befragt⸗zu werden, woher er kaͤme, oder wer er waͤre; wie gefaͤhrlich dieſes ſey, da ein Paſcha nur dreißig Stunden von der Stadt liege. Der Kaiſer befahl ſo⸗ gleich, an jedes Thor ſtarke Wachen zu legen; doch ſchraͤnkte er den Befehl auf Anrathen Vieilleville's, um den Paſcha nicht aufmerkſam zu machen, darauf ein, auf den hoͤchſten Thurm einen Waͤchter zu ſetzen, der immer auf jene Gegend Acht 304 geben und jede Veraͤnderung mit einigen Schlaͤgen an die Glocke anzeigen ſollte. Der Kaiſer wollte, daß dieſes Vieille⸗ ville's Wache ihm zu Ehren auf immer heißen ſollte. Bei einem großen Diner, welches der Kaiſer gab, ſah Vieilleville die Prinzeſſin Eliſabeth, des roͤmiſchen Koͤnigs Maximilian Tochter und Niéce des Kaiſers. Ihm fiel ſogleich der Gedanke bei, daß dieſe ſchoͤne Prinzeſſin der Koͤnig ſein Herr zur Ge⸗ mahlin waͤhlen ſolle, und er nahm es auf ſeine Gefahr, nach aufgehobener Tafel mit dem Kaiſer davon zu ſprechen, dem dieſer Antrag ſehr gefiel, und den auch der Koͤnig von Frank⸗ reich mit vielen Freuden, als Vieilleville bei ſeiner Ruͤckkehr nach Frankreich davon ſprach, annahm. 4 Vieilleville war jetzt wieder in Metz angelangt und gedachte einige Tage auszuruhen, als ein Courier vom Hof kam, der ihm Nachricht brachte, daß er nach England als Geſandter wuͤrde gehen muͤſſen. Er reiste ſogleich nach Paris ab, und hier erhielt er bald ſeine Abfertigung, um uͤbers Meer zu gehen. Die Abſicht ſeiner Reiſe war hauptſaͤchlich, dem Cardi⸗ nal von Chatillon entgegen zu arbeiten, der bei der Koͤnigin Eliſabeth fuͤr die Hugenotten unterhandeln wollte. Vieilleville wußte es bei der Koͤnigin, die im Anfange ſehr gegen ſeinen Antrag war, ſo gut einzuleiten, daß, als der Cardinal von Chatillon nach London kam, er zu keiner Audienz bei der Koͤnigin vorgelaſſen wurde. Indeſſen wurden die Unruhen in Frankreich immer groͤßer, der Prinz von Condè belagerte Paris, er mußte jedoch dieſe Belagerung bald aufgeben, und kurz dar⸗ auf fiel die Schlacht von Dreux vor, wo der Herzog von Guiſe den ſchon ſiegenden Prinzen voͤllig aufs Haupt ſchlug. Der Marſchall von St. André hatte die Avantgarde des Koͤnigs commandirt, war zu dem Herzog von Guiſe geſtoßen, und ver⸗ folgte nur mit vierzig oder fuͤnfzig Pferden die Fluͤchtlinge. 3⁰⁵ St. André ſtoͤßt auf einen Capitaͤn der leichten Cavallerie, Namens Bobigyy, der mit einem Trupp davon floh. Man ruft ſich einander an, der Marſchall antwortet zuerſt und nennt ſich. Bobigny faͤllt üͤber ſeine Truppen her, macht ſie nieder und nimmt den Marſchall gefangen. Dieſer Capitaͤn war ehe⸗ dem in des Marſchalls Dienſten geweſen, hatte aber einen Stallmeiſter erſtochen. St. André ließ ihm den Proceß machen, und, da er nach Deutſchland ausgewichen war, im Bildniß auf⸗ haͤngen. Jetzt bat der Marſchall, ihn nach Kriegsgebrauch zu behandeln und das Vergangene zu vergeſſen. Indeſſen ent⸗ waffnete Bobigny den Marſchall und ließ ſich ſein Wort geben, bei ihm als Gefangener zu bleiben. So ritten ſie fort, als der Prinz von Porcian von der Condé'ſchen Partie kam, dieſen Ge⸗ fangenen ſah und ihm die Hand gab. Der Marſchall bot ſich ihm ſogleich als Gefangener an, und der Prinz ſuchte ihn den Handen Bobigny's zu entziehen. Allein dieſer ſetzte ſich zur Wehr, und da Alles daruͤber ſchrie, wie dieß ungerecht ſey, daß ein Prinz einem Geringern ſeinen Vortheil rauben wollte, ließ Porcian davon ab. Kaum war Bobigny tauſend oder zwoͤlf⸗ hundert Schritte vom Prinzen entfernt, ſo wendete er ſich zu dem Marſchall mit den Worten:„Du haſt mir durch deine „ſchlechte Denkungsart zu erkennen gegeben, wie ich dir nicht „trauen kann; du haſt dein Wort gebrochen. Du wirſt mich „ruiniren, wenn du wieder los kommſt. Du haſt mich im Bild „haͤngen laſſen, mein Vermoͤgen eingezogen und es deinen Be⸗ „dienten gegeben; du haſt mein ganzes Haus ruinirt. Die „Stunde iſt gekommen, wo dich Gottes urtheil trifft,“ und hiemit ſchoß er dem Marſchall eine Kugel vor den Kopf. Die Nachricht vom Tod eines Marſchalls von Frankreich truͤbte in Paris den Sieg der Katholiken ein wenig, beſonders war Vieil⸗ leville untroͤſtlich darüͤber. Es wurde ihm ſogleich das Breyet Schillers ſaͤmmtl. Werke, XI. 20 306 eines Marſchalls von Frankreich uͤberbracht, er wies es aber ab. Der Kanzler von Frankreich ſelbſt begab ſich zu ihm; mehrere Prinzen baten ihn, die Stelle anzunehmen, er ſchlug es aus. Er wollte nicht einer Perſon in ihrer Stelle folgen, die er ſo uͤber Alles geliebt hatte. Der Koͤnig, entruͤſtet uͤber dieſes Ausſchlagen, ging ſelbſt zu Vieilleville; er fand ihn troſtlos auf dem Bette liegen, und befahl ihm, den Marſchallsſtab anzu⸗ nehmen. Vieilleville, geruͤhrt uͤber dieſe Gnade, konnte ſich nicht laͤnger weigern; er fiel ſeinem Koͤnig zu Fuͤßen und em⸗ pfing aus ſeinen Haͤnden das Brevet. Einige Zeit nachher wurde Vieilleville nach Rouen geſchickt, weil man nicht genug Zutrauen in die Faͤhigkeiten des dortigen Commandanten, Herrn von Villebon, ſetzte, und doch zu be⸗ ſorgen war, daß der Admiral Coligny auf dieſe Stadt losgehen moͤchte. Dieſer Villebon war zwar ein Verwandter von Vieille⸗ ville; allein er fuͤhrte ſich ſehr unfreundſchaftlich gegen ihn auf und unterließ bei jeder Gelegenheit, ſeine Schuldigkeit zu thun, Folgende Gelegenheit gab zu ernſten Auftritten Anlaß. Man hatte in Rouen eine Magiſtratsperſon, reformirter Religion, entdeckt, die ſich heimlich in die Stadt zu ſchleichen und vergrabenes Geld wegzubringen gewußt hatte. Dieſes wurde entdeckt, und der Gouverneur Villebon ließ dieſen Mann auf oͤffentlicher Straße niedermachen und ſeinen Koͤrper zum allgemeinen Aergerniß mißhandelt da liegen. Niemand traute ſich, ihn, als einen Ketzer, anzuruͤhren. Vieilleville erfuhr die⸗ ſes, war ſehr daruͤber aufgebracht und befahl ſogleich, ihn zur Ehe zu beſtatten. Das Geld, welches Boisgyraud bei ſich ge⸗ „nor hatte, war bei dem Gouverneur verſchwunden; Villebon, dem nicht wohl zu Muthe war, ſchickte eine ſeiner Creaturen, einen Parlamentsrath, zu dem Marſchall, um zu erforſchen, was Vieilleville wohl wegen des Geldes im Sinn haͤtte, Kaum war 307 dieſer aber vor den Marſchall gekommen, als er ihn ſo hart anließ, daß er vor Bosheit weinte, und als er ſich auf ſeine Parlamentsſtelle berief, wollte ihn Vieilleville ſogar zum Fenſter hinaus werfen laſſen. Dieſer Rath ging darauf zu Villebon und ſagte ihm, daß der Marſchall von ihm geſagt habe, wie er unwuͤrdig waͤre, Commandant der Stadt zu ſeyn. Villebon, aufgebracht uͤber dieſe falſche Nachricht, ging fuͤnf oder ſechs Tage nicht zu Vieilleville. Sie ſehen ſich endlich in der Kirche, gruͤßen einander, und der Marſchall nimmt ihn zum Eſſen mit nach Hauſe. Nach Tiſche faͤngt Villebon von der Sache an; der Marſchall ſaß noch und bat ihn, die Sache ruhen zu laſſen. Villebon aber wird hitzig, ſagt, daß alle die, welche behauptet, er ſey ſeiner Stelle unwuͤrdig, in ihren Hals hinein gelogen. Der Marſchall ſpringt daruͤber auf und gibt ihm einen Stoß⸗ daß er ohne den Tiſch zur Erde geſtuͤrzt waͤre. Villebon zieht den Degen, der Marſchall den ſeinigen. In dem Augenblick fliegt die Hand von Villebon und ein Stuͤck des Arms zu Bo⸗ den. Alles war erſtaunt, Villebon fiel zur Erde nieder, man brachte ihn fort. Vieilleville erlaubte nicht, daß man die Hand fort trug.„Hier ſoll ſie liegen bleiben, denn ſie hat mir in den Bart gegriffen.“ Indeſſen verbreitete ſich das Geruͤcht, der Gouverneur ſey ſo zugerichtet worden, weil er ein Feind der Hugenotten ſey; das Volk laͤuft zu den Waffen und belagerte den Ort, wo Vieil⸗ leville wohnte. Dieſer hatte aber ſchon vorlaͤufig Anſtalten ge⸗ troffen. Alle, die hereinbrechen wollten, wurden gut empfangen und ihrer Viele getoͤdtet. Und da endlich auch ein großer Theil der Soldaten in Rouen auf die Seite des Marſchalls trat und zur Hulfe herbeimarſchirte, zerſtreute ſich bald Alles, obgleich noch viele Verſuche gemacht wurden, die Belagerung aufs neue anzufangen. Nach und nach kam die Cayallerie an, die vor Rouen auf den Doͤrfern lag, und ſo wurde Alles ruhig. Jeder⸗ mann fuͤrchtete ſich jetzt vor dem Zorn und der Rache des Mar⸗ ſchalls. Er verzieh aber Allen und ſtellte die Ruhe vollkommen wieder her. Der Koͤnig erhielt Nachricht, daß die deutſchen Fuͤrſten auf Metz losgehen wollten und beorderte daher den Marſchall, ſich in ſein Gouvernement zu begeben. Als er dahin kam, fand er dieſe Nachricht auch wirklich in ſo weit beſtaͤtigt, daß die Fuͤr⸗ ſten, als ſie gehoͤrt, Vieilleville ſey bei den Unruhen von Rouen getoͤdtet worden, beſchloſſen, vierzigtauſend zu Fuß und zwanzig⸗ tauſend Reiter aufzubringen und die Staͤdte Toul, Verdun und Metz, die unter Karl V vom Reich abgeriſſen worden, wieder zu erobern. Dieſer Plan ſey aber aufgehoben worden, als ſie gehoͤrt, daß Vieilleville noch am Leben ſey und in ſein Gouvernement zuruͤckkehren werde. Vieillevielle fand ſich einige Zeit nachher auf Befehl des Koͤnigs bei der Belagerung von Havre de Grace ein, die der alte Connetable von Montmorency commandirte, und auch hier, ob er gleich von der Familie Montmorency mit neidiſchen Augen angeſehen wurde, leiſtete er ſo gute Dienſte, daß dieſe Stadt in etlichen Wochen uͤberging. Bei den neuen unruhigen Projecten, die der Connetable ſchmiedete, und die des Koͤnigs Gegenwart in Paris erforderten, um ſie zu daͤmpfen, betrug Vieilleville ſich mit ſo viel Muth, Standhaftigkeit und Klug⸗ heit, daß ihn der Koͤnig nicht mehr von ſich laſſen wollte, ja ſogar ihm, als der Connetable in der Schlacht von St. Denis gegen den Prinzen von Condé geblieben war, dieſe hohe Stelle uͤbertrug; dieſes geſchah im großen Rath. Vieilleville ſtand von ſeinem Stuhl auf, ließ ſich auf ein Knie vor dem Koͤnig nieder und— ſchlug dieſe Gnade auf eine ſo uneigennützige, kluge und feine Art aus, daß er alle Herzen gewann. Kurz darauf 309 wurde Vieilleville, nachdem er St. Jean d'Angely, welches ein Capitaͤn vom Prinzen Condé ſehr tapfer vertheidigt, einge⸗ nommen und wobei der Gouverneur von Bretagne geblieben war, mit dieſem Gouvernement belohnt, eine Stelle, die ihm ſehr viel Freude machte, da er zugleich die Erlaubniß erhielt, den einen ſeiner Schwiegerſoͤhne, d'Eſpinay, zu ſeinem General⸗ lieutenant in Bretagne, und den andern, Duilly, als Gouver⸗ neur von Metz zu ernennen. Kaum war alles dieſes vor ſich gegangen und der Koͤnig zuruͤckgekehrt, als der Herzog von Montpenſier mit großem ungeſtüm als Prinz von Ge⸗ bluͤt das Gouvernement von Bretagne forderte. Der Koͤnig ſchlug es ihm ab, der Herzog forderte noch ungeſtuͤmer und weinte endlich ſogar, welches ihm als einem Mann von Stande von vierzig bis fuͤnfzig Jahren gar wunderlich ſtand. Der Koͤnig weiß ſich nicht mehr zu helfen und ſchickt an Vieilleville eine vertraute Perſon ab, die Sache vorzutragen, wie ſie war. Vieilleville war ſogleich geneigt, ſeine Stelle in die Haͤnde des Koͤnigs niederzulegen.„Es iſt mir nur leid,“ ſagte er bloß,„daß ein ſo tapferer Prinz ſich der Waffen eines „Weibes bedient hat, um zu ſeinem Zweck zu gelangen, und „mir mein Gluͤck zu rauben.“ Zugleich ſchickte ihm der Koͤ⸗ nig zehntauſend Thaler als Geſchenk, die er aber durchaus nicht annehmen wollte, und als ihm endlich ein Billet des Koͤnigs vorgezeigt wurde, worin ihm mit Ungnade gedroht wurde, wenn er es nicht thun wollte, theilte er die Summe unter ſeine beiden Schwiegerſoͤhne, die auch ihre Hoffnungen verloren. Der beſte Staatsdienſt, den Vieilleville ſeinem Koͤnig lei⸗ ſtete, war bei Gelegenheit einer Geſandtſchaft an die Schweizer Kantons, mit welchen er ein Buͤndniß ſchloß, das vortheilhaf⸗ ter war, als alle vorhergehenden. In ſeinem Schloß Dureſtal, 310 wo er ſich in den letzten Zeiten ſeines Lebens aufhielt, be⸗ ſuchte ihn oft Karl IX, der einmal einen ganzen Monat da blieb und ſich mit der Jagd bei ihm beluſtigte. Dieſes Ver⸗ haͤltniß mit dem Koͤnig und die ausgezeichnete Gnade, deren er genoß, erregten ihm Feinde und Neider. Er bekam eines Tages Gift, und dieſes wirkte ſo heftig, daß er in zwoͤlf Stunden todt war. Der Koͤnig mit ſeiner Mutter war eben in Vieilleville's Schloß und ſehr betreten über dieſen Todesfall. So ſtarb den letzten November 1571 ein Mann, der ein wahrer Vater des Volks, eine Stuͤtze der Gerechtigkeit und Geſetzgeber in der Kriegskunſt war. Nach ihm brachen Un⸗ ruhen jeder Art erſt aus. Den Ruheſtoͤrern war er durch ſeinen Muth, durch ſeine Klugheit und ſeine Gerechtigkeitsliebe und durch ſein Anſehen in dem Weg geſtanden; darum brach⸗ ten ſie ihn aus der Welt. Vorrede zu der Geſchichte des Maltheſerordens nach Vertst von M. V. bearbeitet. (Jena 1792.) Der Tempelorden glaͤnzte und verſchwand wie ein Meteor in der Weltgeſchichte; der Orden der Johanniter lebt ſchon ſein ſiebentes Jahrhundert, und, obgleich von der politiſchen Schaubuͤhne beinahe verſchwunden, ſteht er fuͤr den Philo⸗ ſophen der Menſchheit fuͤr ewige Zeiten als eine merkwuͤrdige Erſcheinung da. Zwar droht der Grund einzuſinken, auf dem er errichtet worden, und wir blicken jetzt mit mitleidigem Laͤcheln auf ſeinen Urſprung hin, der fuͤr ſein Zeitalter ſo hei⸗ lig, ſo feierlich geweſen. Er ſelbſt aber ſteht noch, als eine ehrwuͤrdige Ruine, auf ſeinem nie erſtiegenen Fels, und, ver⸗ loren in Bewunderung einer Heldengroͤße, die nicht mehr iſt, bleiben wir wie vor einem umgeſtuͤrzten Obelisken oder einem Trajaniſchen Triumphbogen vor ihm ſtehen. Zwar wuͤnſchen wir uns nicht mit Unrecht dazu Gluͤck, in einem Zeitalter zu leben, wo kein Verdienſt, wie jenes, mehr zu erwerben, wo ein Kraftaufwand, ein Heroismus, wie er in jenem Orden ſich aͤußert, eben ſo uberfluͤſſig als unmoͤglich iſt; aber man muß geſtehen, daß wir die Ueberlegenheit unſerer Zeiten nicht immer mit Beſcheidenheit, mit Gerechtigkeit 312 gegen die vergangenen geltend machen. Der berachtende Blick, den wir gewohnt ſind auf jene Periode des Aberglaubens, des Fanatismus, der Gedankenknechtſchaft zu werfen, verraͤth we⸗ niger den ruͤhmlichen Stolz der ſich fuͤhlenden Staͤrke, als den kleinlichen Triumph der Schwaͤche, die durch einen un⸗ maͤchtigen Spott die Beſchaͤmung raͤcht, die das hoͤhere Ver⸗ dienſt ihr abnoͤthigte. Was wir auch vor jenen finſtern Jahr⸗ hunderten voraus haben moͤgen, ſo iſt es doch hoͤchſtens nur ein vortheilhafter Tauſch, auf den wir allenfalls ein Recht haben koͤnnten ſtolz zu ſeyn. Der Vorzug hellerer Begriffe, beſiegter Vorurtheile, gemaͤßigterer Leidenſchaften, freierer Ge⸗ ſinnungen— wenn wir ihn wirklich zu erweiſen im Stande ſind— koſtet uns das wichtige Opfer praktiſcher Tugend, ohne die wir unſer beſſeres Wiſſen kaum fuͤr einen Gewinn rechnen koͤnnen. Dieſelbe Cultur, welche in unſerm Gehirn das Feuer eines fanatiſchen Eifers ausloͤſchte, hat zugleich die Gluth der Begeiſterung in unſern Herzen erſtickt, den Schwung der Geſinnungen gelaͤhmt, die thatenreifende Energie des Charak⸗ ters vernichtet. Die Herren des Mittelalters ſetzten an einen Wahn, den ſie mit Weisheit verwechſelten, und eben weil er ihnen Weisheit war, Blut, Leben und Eigenthum; ſo ſchlecht ihre Vernunft belehrt war, ſo heldenmaͤßig gehorchten ſie ihren hoͤchſten Geſetzen— und koͤnnen wir, ihre verfeinerten Enkel, uns wohl ruͤhmen, daß wir an unſere Weisheit nur halb ſo viel, als ſie an ihre Thorheit, wagen? Was der Verfaſſer der Einleitung zu nachſtehender Geſchichte jenem Zeitalter als einen wichtigen Vorzug anrechnet, jene praktiſche Staͤrke des Gemuͤths naͤmlich, das Theuerſte an das Edelſte zu ſetzen und einem bloß idealiſchen Gut alle Guͤter der Sinnlichkeit zum Opfer zu bringen, bin ich ſehr bereit zu unterſchreiben. Derſelbe excentriſche Flug der Einbildungskraft, 3¹3 der den Geſchichtſchreiber, den kalten Politiker an jenem Zeit⸗ alter irre macht, findet an dem Moralphiloſophen einen weit billigern Richter, ja nicht ſelten vielleicht einen Bewunderer. Mitten unter allen Graͤueln, welche ein verfinſterter Glaubens⸗ eifer beguͤnſtigt und heiligt, unter den abgeſchmackten Verirrun⸗ gen der Superſtition, entzuͤckt ihn das erhabene Schauſpiel einer uͤber alle Sinnenreize ſiegenden Ueberzeugung, einer feurig beherzigten Vernunftidee, welche über jedes noch ſo maͤchtige Gefühl ihre Herrſchaft behauptet. Waren gleich die Zeiten der Kreuzzuͤge ein langer, trauriger Stillſtand in der Cultur, wa⸗ ren ſie ſogar ein Ruͤckfall der Europaͤer in die vorige Wildheit, ſo war die Menſchheit doch offenbar ihrer hoͤchſten Wuͤrde nie vorher ſo nahe geweſen, als ſie es damals war— wenn es anders entſchieden iſt, daß nur die Herrſchaft ſeiner Ideen uͤber ſeine Gefuͤhle dem Menſchen Wuͤrde verleiht. Die Willigkeit des Gemuͤths, ſich von uͤberſinnlichen Triebfedern leiten zu laſſen, dieſe nothwendige Bedingung unſrer ſitt⸗ lichen Cultur, mußte ſich, wie es ſchien, erſt an einem ſchlechtern Stoffe uͤben und zur Fertigkeit ausbilden, bis dem guten Willen ein hellerer Verſtand zu Huͤlfe kommen konnte. Aber daß es gerade dieſes edelſte aller menſchlichen Vermoͤgen iſt, welches ſich bei jenen wilden uUnternehmungen aͤußert und ausbildet, ſoͤhnt den philoſophiſchen Beurtheiler mit allen rohen Geburten eines unmuͤndigen Verſtandes, einer geſetzloſen Sinn⸗ lichkeit aus, und um der nahen Beziehung willen, welche der bloße Entſchluß, unter der Fahne des Kreuzes zu ſtreiten, zu der hoͤchſten ſittlichen Wurde des Menſchen hat, verzeiht er ihm gern ſeine abenteuerlichen Mittel und ſeinen chimaͤriſchen Gegenſtand. Von dieſer Art ſind nun die Glaubenshelden, mit denen uns die nachfolgende Geſchichte bekannt macht; ihre Schwachheiten⸗ 314 von glaͤnzenden Tugenden gefuͤhrt, duͤrfen ſich einer weiſern Nachwelt kuͤhn unter das Angeſicht wagen. Unter dem Panier des Kreuzes ſehen wir ſie der Menſchheit ſchwerſte und heiligſte Pflichten uͤben und, indem ſie nur einem Kirchengeſetze zu dienen glauben, unwiſſend die hoͤhern Gebote der Sittlich⸗ keit befolgen. Suchte doch der Menſch ſchon ſeit Jahrtauſen⸗ den den Geſetzgeber uͤber den Sternen, der in ſeinem eigenen Buſen wohnt— warum dieſen Helden es verargen, daß ſie die Sanction einer Menſchenpflicht von einem Apoſtel entlehnen, und die allgemeine Verbindlichkeit zur Tugend, ſo wie den An⸗ ſpruch auf ihre Wuͤrde, an ein Ordenskleid heften? Fuͤhle man noch ſo ſehr das Widerſinnige eines Glaubens, der fuͤr die Scheinguͤter einer ſchwaͤrmenden Einbildungskraft, fuͤr leb⸗ loſe Heiligthuͤmer, zu bluten befiehlt— wer kann der heroi⸗ ſchen Treue, womit dieſem Wahnglauben von den geiſtlichen Rittern Gehorſam geleiſtet wird, ſeine Achtung verſagen? Wenn nach vollbrachten Wundern der Tapferkeit, ermattet vom Gefecht mit den Unglaͤubigen, erſchoͤpft von den Arbeiten eines blutigen Tages, dieſe Heldenſchaar heimkehrt, und, an⸗ ſtatt ſich die ſiegreiche Stirn mit dem verdienten Lorbeer zu kroͤnen, ihre ritterlichen Verrichtungen ohne Murren mit dem niedrigen Dienſt eines Waͤrters vertauſcht,— wenn dieſe Loͤwen im Gefechte hier am Krankenbett eine Geduld, eine Selbſtverlaͤugnung, eine Barmherzigkeit uͤben, die ſelbſt das glaͤnzendſte Heldenverdienſt verdunkelt,— wenn eben die Hand, welche wenige Stunden zuvor das furchtbare Schwert für die Chriſtenheit fuͤhrte und den zagenden Pilger durch die Saͤbel der Feinde geleitete, einem ekelhaften Kranken um Gottes willen die Speiſe reicht, und ſich keinem der veraͤchtlichen Dienſte entzieht, die unſre verzaͤrtelten Sinne empoͤren— wer, der die Ritter des Spitals zu Jeruſalem in dieſer Geſtalt er⸗ 315 blickt, bei dieſen Geſchaͤften uͤberraſcht, kann ſich einer innigen Ruͤhrung erwehren? Wer ohne Erſtaunen die beharrliche Ta⸗ pferkeit ſehen, mit der ſich der kleine Heldenhaufen in Ptolomais, in Rhodus und ſpaͤterhin auf Maltha gegen einen uͤberlegenen Feind vertheidigt? die unerſchuͤtterliche Feſtigkeit ſeiner beiden Großmeiſter Isle Adam und La Valette, die gleich bewunderns⸗ wuͤrdige Willigkeit der Ritter ſelbſt, ſich dem Tode zu opfern? Wer liest ohne Erhebung des Gemuͤths den freiwilligen Unter⸗ gang jener vierzig Helden im Fort St. Elmo, ein Beiſpiel des Gehorſams, das von der geprieſenen Selbſtaufopferung der Spartaner bei Thermopylaͤ nur durch die groͤßere Wichtigkeit des Zwecks uͤbertroffen wird! Es iſt der chriſtlichen Religion von berühmten Schriftſtellern der Vorwurf gemacht worden, daß ſie den kriegeriſchen Muth ihrer Bekenner erſtickt und das Feuer der Begeiſterung ausgeloͤſcht habe. Dieſer Vorwurf— wie glaͤnzend wird er durch das Beiſpiel der Kreuzheere, durch die glorreichen Thaten des Johanniter⸗ und Tempelordens wi⸗ derlegt! Der Grieche, der Roͤmer kaͤmpfte fuͤr ſeine Exiſtenz fuͤr zeitliche Guͤter, fuͤr das begeiſternde Phantom der Welt⸗ herrſchaft und der Ehre, kaͤmpfte vor den Augen eines dank⸗ baren Vaterlandes, das ihm den Lorbeer fuͤr ſein Verdienſt ſchon von ferne zeigte.— Der Muth jener chriſtlichen Helden entbehrte dieſe Huͤlfe, und hatte keine andere Nahrung als ſein eigenes unerſchoͤpfliches Feuer. Aber es iſt noch eine andere Ruͤckſicht, aus welcher mir eine Darſtellung der aͤußern und innern Schickſale dieſes geiſtlichen Ritterordens Aufmerkſamkeit zu verdienen ſchien. Dieſer Or⸗ den naͤmlich iſt zugleich ein politiſcher Koͤrper, gegruͤndet zu einem eigenthuͤmlichen Zweck, durch beſondere Geſetze unterſtuͤtzt, durch eigenthuͤmliche Bande zuſammengehalten. Er entſteht, er bil⸗ det ſich, er bluͤht und verbluht, kurz er eroͤffnet und beſchließt 8 316 ſein ganzes politiſches Leben vor unſern Augen. Der Geſichtspunkt, aus welchem der philoſophiſche Beurtheiler jede politiſche Geſell⸗ ſchaft betrachtet, kann auch auf dieſen moͤnchiſch⸗ritterlichen Staat mit Recht angewendet werden. Die verſchiedenen Formen naͤmlich, in welchen politiſche Geſellſchaften zuſammentreten, er⸗ ſcheinen demſelben als eben ſo viele von der Menſchheit(wenn gleich nicht abſichtlich) angeſtellte Verſuche, die Wirkſamkeit gewiſſer Be⸗ dingungen entweder fuͤr einen eigenthuͤmlichen Zweck oder fuͤr den gemeinſchaftlichen Zweck aller Verbindungen uͤberhaupt zu erpro⸗ ben. Was kann aber unſerer Aufmerkſamkeit wuͤrdiger ſeyn, als den Erfolg dieſer Verſuche zu erfahren, als die Statthaftig⸗ keit oder Unſtatthaftigkeit jener Bedingungen fuͤr ihre Zwecke an einem belebenden Beiſpiele dargethan zu ſehen? So hat das menſchliche Geſchlecht in der Folge der Zeiten beinahe alle nur denkbaren Bedingungen der geſellſchaftlichen Gluͤckſeligkeit — wenn gleich nicht in dieſer Abſicht— durch eigene Erfahrung geprüft; es hat ſich, um endlich die zweckmaͤßigſte zu erhaſchen, in allen Formen der politiſchen Gemeinſchaft verſucht. Fuͤr alle dieſe Staatsorganiſationen wird die Welthiſtorie gleichſam zu einer pragmatiſchen Naturgeſchichte, welche mit Ge⸗ nauigkeit aufzaͤhlt, wie viel oder wie wenig durch dieſe ver⸗ ſchiedenen Principien der Verbindung fuͤr das letzte Ziel des gemeinſchaftlichen Strebens gewonnen worden iſt. Aus einem aͤhnlichen Geſichtspunkte laſſen ſich nun auch die ſouveraͤnen geiſtlichen Ritterorden betrachten, denen der Religionsfanatis⸗ mus in den Zeiten der Kreuzzuͤge die Entſtehung gegeben hat. Antriebe, welche ſich nie zuvor in dieſer Verknuͤpfung und zu dieſem Zwecke wirkſam gezeigt, werden hier zum erſtenmal zur Grundlage eines politiſchen Koͤrpers genommen, und das Reſultat davon iſt, was die nachſtehende Geſchichte dem Leſer vor Augen legt. Ein feuriger Rittergeiſt verbindet ſich mit 3¹17 zwangvollen Ordensregeln, Kriegszucht mit Moͤnchsdisciplin, die ſtrenge Selbſtverlaͤugnung, welche das Chriſtenthum fordert, mit kuͤhnem Soldatentrotz, um gegen den aͤußern Feind der Religion einen undurchdringlichen Phalanx zu bilden und mit gleichem Heroismus ihren maͤchtigen Gegnern von innen, dem Stolz und der Ueppigkeit, einen ewigen Krieg zu ſchwoͤren. Ruͤhrende, erhabene Einfalt bezeichnet die Kindheit des Ordens, Glanz und Ehre kroͤnt ſeine Jugend; aber bald unter⸗ liegt auch er dem gemeinen Schickſal der Menſchheit. Wohl⸗ ſtand und Macht, natuͤrliche Gefaͤhrten der Tapferkeit und Enthaltſamkeit, fuͤhren ihn mit beſchleunigten Schritten der Verderbniß entgegen. Nicht ohne Wehmuth ſieht der Welt⸗ buͤrger die herrlichen Hoffnungen getaͤuſcht, zu denen ein ſo ſchoͤner Anfang berechtigte; aber dieſes Beiſpiel bekraͤftigt ihm nur die unumſtoͤßliche Wahrheit, daß nichts Beſtand hat, was Wahn und Leidenſchaft gruͤndete, daß nur die Vernunft fuͤr die Ewigkeit baut. Nach dem, was ich hier von den Vorzuͤgen dieſes Ordens habe beruͤhren koͤnnen, glaube ich keine weitere Rechtfertigung der Gruͤnde noͤthig zu haben, aus denen ich veranlaßt worden bin, das Vertot'ſche Werk nach einer neuen Bearbeitung zum Druck zu befoͤrdern. Ob dasſelbe auch der Abſicht vollkommen entſpricht, welche mir bei Anempfehlung desſelben vor Augen ſchwebte, wage ich nicht zu behaupten; doch iſt es das einzige Werk dieſes Inhalts, was einen wuͤrdigen Begriff von dem Orden geben und die Aufmerkſamkeit des Leſers daran feſſeln kann. Der Ueberſetzer hat ſich, ſo viel immer moͤglich, beſtrebt, der Erzaͤhlung, welche im Original ſehr ins Weitſchweifige faͤllt, einen raſchern Gang und ein lebhafteres Intereſſe zu geben, und auch da, wo man an dem Verfaſſer die Unbefangenheit des Urtheils vermißt, wird man die verbeſſernde Hand des .& 318 deutſchen Bearbeiters nicht verkennen. Daß dieſes Buch nicht fuͤr den Gelehrten und eben ſo wenig fuͤr die ſtudirende Ju⸗ gend, ſondern fuͤr das leſende Publicum, welches ſich nicht an der Quelle ſelbſt unterrichten kann, beſtimmt iſt, braucht wohl nicht geſagt zu werden; und bei dem letztern hofft man durch Herausgabe desſelben Dank zu verdienen. Die Geſchichte ſelbſt wird ſchon mit dem zweiten Bande beſchloſſen ſeyn, da der Orden mit dem Ablauf des ſechzehnten Jahrhunderts die Fuͤlle ſeines Ruhms erreicht hat, und von da an mit ſchnellen Schritten in eine politiſche Vergeſſenheit ſinkt. Vorrede zu dem erſten Theile der merkwürdigen Nechtsfälle nach Pitaval. (Jena 1792.) unter derjenigen Claſſe von Schriften, welche eigentlich dazu beſtimmt iſt, durch die Leſegeſellſchaften ihren Cirkel zu machen, finden ſich, wie man allgemein klagt, ſo gar wenige, bei denen ſich entweder der Kopf oder das Herz der Leſer gebeſſert faͤnde. Das immer allgemeiner werdende Beduͤrfniß zu leſen, auch bei denjenigen Volksclaſſen, zu deren Geiſtesbildung von Seiten des Staats ſo wenig zu geſchehen pflegt, anſtatt von guten Schriftſtellern zu edlern Zwecken benutzt zu werden, wird vielmehr noch immer von mittelmaͤßigen Scribenten und gewinnſuͤchtigen Verlegern dazu gewißbraucht, ihre ſchlechte Waare, waͤr's auch auf Unkoſten aller Volkscultur und Sittlichkeit, in Umlauf zu bringen. Noch immer ſind es geiſtloſe, geſchmack⸗ und ſittenverderbende Romane, dramatiſirte Geſchichten, ſogenannte Schriften fuͤr Damen und dergleichen, welche den beſten Schatz der Leſebibliotheken ausmachen und den kleinen Reſt geſunder Grundſäͤtze, den unſre Theaterdichter noch verſchonten, vollends zu Grunde richten. Wenn man den Urſachen nachgeht, welche den Geſchmack an dieſen Geburten der Mittelmaͤßigkeit unter⸗ halten, ſo findet man ihn in dem allgemeinen Hang der Men⸗ ſchen zu leidenſchaftlichen und verwickelten Situationen gegruͤndet, Eigenſchaften, woran es oft den ſchlechteſten Producten am 3²20 wenigſten fehlt. Aber derſelbe Hang, der das Schaͤdliche in Schutz nimmt, warum ſollte man ihn nicht fuͤr einen ruͤhm⸗ lichen Zweck nutzen koͤnnen? Kein geringer Gewinn waͤre es fuͤr die Wahrheit, wenn beſſere Schriftſteller ſich herablaſſen moͤchten, den ſchlechten die Kunſtgriffe abzuſehen, wodurch ſie ſich den Leſer erwerben, und zum Vortheil der guten Sache davon Gebrauch zu machen. Bis dieſes allgemeiner in Ausuͤbung gebracht oder bis unſer Publicum cultivirt genug ſeyn wird, um das Wahre, Schoͤne und Gute ohne fremden Zuſatz fuͤr ſich ſelbſt lieb zu gewinnen, iſt es an einem unterhaltenden Buch ſchon Verdienſt genug, wenn es ſeinen Zweck ohne die ſchaͤdlichen Folgen erreicht, wo⸗ mit man bei den mehreſten Schriften dieſer Gattung das geringe Maß der unterhaltung, die ſie gewaͤhren, erkaufen muß. Es verdraͤngt wenigſtens, ſo lang es geleſen wird, ein ſchlimmeres, und enthaͤlt es dann irgend noch einige Realitaͤt fuͤr den Ver⸗ ſtand, ſtreut es den Samen nützlicher Kenntniſſe aus, dient es dazu, das Nachdenken des Leſers auf wuͤrdige Zwecke zu rich⸗ ten: ſo kann ihm, unter der Gattung, wozu es gehoͤrt, der Werth nicht abgeſprochen werden. Von dieſer Art iſt das gegenwaͤrtige Werk, fuͤr deſſen Brauchbarkeit ich veranlaßt worden bin, ein oͤffentliches Zeug⸗ niß abzulegen, und ich glaube keine andern Gruͤnde noͤthig zu haben, um die Herausgabe desſelben zu rechtfertigen. Man findet in demſelben eine Auswahl gerichtlicher Faͤlle, welche ſich an Intereſſe der Handlung, an kuͤnſtlicher Verwicklung und Mannichfaltigkeit der Gegenſtaͤnde bis zum Roman erheben und dabei noch den Vorzug der hiſtoriſchen Wahrheit voraus haben. Man erblickt hier den Menſchen in den verwickeltſten Lagen, welche die ganze Erwartung ſpannen, und deren Auf⸗ löſung der Divinationsgabe des Leſers eine angenehme Be⸗ 321 ſchaͤftigung gibt. Das geheime Spiel der Leidenſchaft entfaltet ſich hier vor unſern Augen, und uͤber die verborgenen Gaͤnge der Intrigue, uͤber die Machinationen des geiſtlichen ſowohl als weltlichen Betruges wird mancher Strahl der Wahrheit ver⸗ breitet. Triebfedern, welche ſich im gewoͤhnlichen Leben dem Auge des Beobachters verſtecken, treten bei ſolchen Anlaͤſſen, wo Leben, Freiheit und Eigenthum auf dem Spiele ſteht, ſicht⸗ barer hervor, und ſo iſt der Criminalrichter im Stande, tiefere Blicke in das Menſchenherz zu thun. Dazu kommt, daß der umſtaͤndlichere Rechtsgang die geheimen Bewegurſachen menſch⸗ licher Handlungen weit mehr ins Klare zu bringen faͤhig iſt, als es ſonſt geſchieht, und wenn die volſſtaͤndigſte Geſchichts⸗ erzaͤhlung uns uͤber die letzten Gruͤnde einer Begebenheit, uͤber die wahren Motive der handelnden Spieler oft genug unbe⸗ friedigt laͤßt, ſo enthuͤllt uns oft ein Criminalproceß das In⸗ nerſte der Gedanken und bringt das verſteckteſte Gewebe der Bosheit an den Tag. Dieſer wichtige Gewinn fuͤr Menſchen⸗ kenntniß und Menſchenbehandlung, fuͤr ſich ſelbſt ſchon erheb⸗ lich genug, um dieſem Werk zu einer hinlaͤnglichen Empfehlung zu dienen, wird um ein Großes noch durch die vielen Rechts⸗ kenntniſſe erhoͤht, die darin ausgeſtreut werden, und die durch die Individualitaͤt des Falles, auf den man ſie angewendet ſieht, Klarheit und Intereſſe erhalten. Die Unterhaltung, welche dieſe Rechtsfaͤlle ſchon durch ihren Inhalt gewaͤhren, wird bei Vielen noch mehr durch die Be⸗ handlung erhoͤht. Ihre Verfaſſer haben, wo es anging, dafuͤr geſorgt, die Zweifelhaftigkeit der Entſcheidung, welche oft den Richter in Verlegenheit ſetzte, auch dem Leſer mitzutheilen, indem ſie fuͤr beide entgegengeſetzte Parteien gleiche Sorgfalt und gleich große Kunſt aufbieten, die letzte Entwickelung zu verſtecken und dadurch die Erwartung aufs Hoͤchſte zu treiben. Schillers ſammtl. Werke. XI. 21 322 Eine treue Ueberſetzung der Pitaval'ſchen Rechtsfaͤlle iſt be⸗ reits in derſelben Verlagshandlung erſchienen und bis zum vierten Bande fortgefuͤhrt worden. Aber der erweiterte Zweck dieſes Werks macht eine veraͤnderte Behandlung nothwendig. Da man bei dieſer neuen Einkleidung auf das groͤßere Publicum vorzuͤglich Ruͤckſicht nahm, ſo wuͤrde es zweckwidrig geweſen ſeyn, bei dem juriſtiſchen Theil dieſelbe Ausfuͤhrlichkeit beizu⸗ behalten, die das Original fuͤr Rechtsverſtaͤndige vorzuͤglich brauchbar macht. Durch die Abkürzungen, die es unter den Haͤnden des neuen Ueberſetzers erlitt, gewann die Erzaͤhlung ſchon an Intereſſe, ohne deßwegen an Vollſtaͤndigkeit etwas einzubuͤßen. 3 Eine Auswahl der Pitaval'ſchen Rechtsfaͤlle duͤrfte durch drei bis vier Baͤnde fortlaufen; alsdann aber iſt man geſon⸗ nen, auch von andern Schriftſtellern und aus andern Nationen (eſonders, wo es ſeyn kann, aus unſerm Vaterland) wichtige Rechtsfaͤlle aufzunehmen, und dadurch allmaͤhlich dieſe Samm⸗ lung zu einem vollſtaͤndigen Magazin fuͤr dieſe Gattung zu er⸗ heben. Der Grad der Vollkommenheit, den ſie erreichen ſoll, beruht nunmehr auf der Unterſtuͤtzung des Publicums und der Aufnahme, welche dieſem erſten Verſuch widerfahren wird. Ueber Anmuth und Würde.*) Die griechiſche Fabel legt der Goͤttin der Schoͤnheit einen Gurtel bei, der die Kraft beſitzt, dem, der ihn traͤgt, An⸗ muth zu verleihen und Liebe zu erwerben. Eben dieſe Gott⸗ heit wird von den Huldgoͤttinnen oder den Grazien begleitet. Die Griechen unterſchieden alſo die Anmuth und die Grazien noch von der Schoͤnheit, da ſie ſolche durch Attribute ausdruͤckten, die von der Schoͤnheitsgoͤttin zu trennen waren. Alle Anmuth iſt ſchoͤn, denn der Guͤrtel des Liebreizes iſt ein Eigenthum der Goͤttin von Gnidus; aber nicht alles Schoͤne iſt Anmuth, denn auch ohne dieſen Guͤrtel bleibt Venus, was ſie iſt. Nach eben dieſer Allegorie iſt es die Schoͤnheitsgoͤttin allein, die den Guͤrtel des Reizes traͤgt und verleiht. Juno, die herrliche Koͤnigin des Himmels, muß jenen Guͤrtel erſt von der Venus entlehnen, wenn ſie den Jupiter auf dem Ida bezaubern will. Hoheit alſo, ſelbſt wenn ein gewiſſer Grad von Schoͤnheit ſie ſchmuͤckt(den man der Gattin Jupiters keines⸗ wegs abſpricht), iſt ohne Anmuth nicht ſicher, zu gefallen; denn nicht von ihren eigenen Reizen, ſondern von dem Guͤrtel der Ve⸗ nus erwartet die hohe Goͤtterkoͤnigin den Sieg uͤber Jupiters Herz. *) Anmerkung des Herausgebers. Dieſe Schrift erſchien zuerſt in der neuen Thalia im zweiten Stuͤck des Jahrgangs 1795. 324 Die Schoͤnheitsgoͤttin kann aber doch ihren Guͤrtel ent⸗ aͤußern und ſeine Kraft auf das Minderſchoͤne uͤbertragen. Anmuth iſt alſo kein ausſchließendes Praͤrogativ des Schoͤnen, ſondern kann auch, obgleich immer nur aus der Hand des Schoͤnen, auf das Minderſchoͤne, ja ſelbſt auf das Nichtſchoͤne uͤbergehen. Die naͤmlichen Griechen empfahlen demjenigen, dem bei allen uͤbrigen Geiſtesvorzuͤgen die Anmuth, das Gefaͤllige fehlte, den Grazien zu opfern. Dieſe Goͤttinnen wurden alſo von ihnen zwar als Begleiterinnen des ſchoͤnen Geſchlechts vorgeſtellt, aber doch als ſolche, die auch dem Mann gewogen werden koͤn⸗ nen, und die ihm, wenn er gefallen will, unentbehrlich ſind. Was iſt aber nun die Anmuth, wenn ſie ſich mit dem Schoͤnen zwar am liebſten, aber doch nicht ausſchließend ver⸗ bindet? wenn ſie zwar von dem Schoͤnen herſtammt, aber die Wirkungen desſelben auch dem Nichtſchoͤnen offenbart? wenn die Schoͤnheit zwar ohne ſie beſtehen, aber durch ſie allein Neigung einfloͤßen kann? Das zarte Gefuͤhl der Griechen unterſchied fruͤhe ſchon, was die Vernunft noch nicht zu verdeutlichen faͤhig war, und, nach einem Ausdruck ſtrebend, erborgte es von der Einbildungs⸗ kraft Bilder, da ihm der Verſtand noch keine Begriffe darbieten konnte. Jener Mythus iſt daher der Achtung des Philoſophen werth, der ſich ohnehin damit begnuͤgen muß, zu den Anſchauun⸗ gen, in welchen der reine Naturſinn ſeine Entdeckungen nieder⸗ legt, die Begriffe aufzuſuchen, oder mit andern Worten, die Bilderſchrift der Empfindungen zu erklaͤren. Entkleidet man die Vorſtellung der Griechen von ihrer alle⸗ goriſchen Huͤlle, ſo ſcheint ſie keinen andern als folgenden Sinn einzuſchließen. Anmuth iſt eine bewegliche Schoͤnheit; eine Schoͤnheit 325 naͤmlich, die an ihrem Subjecte zufaͤllig entſtehen und eben ſo aufhoͤren kann. Dadurch unterſcheidet ſie ſich von der fixen Schoͤnheit, die mit dem Subjecte ſelbſt nothwendig gegeben iſt. Ihren Guͤrtel kann Venus abnehmen und der Juno augenblick⸗ lich uͤberlaſſen; ihre Schoͤnheit wuͤrde ſie nur mit ihrer Perſon weggeben koͤnnen. Ohne ihren Guͤrtel iſt ſie nicht mehr die reizende Venus, ohne Schoͤnheit iſt ſie nicht Venus mehr. Dieſer Guͤrtel, als das Symbol der beweglichen Schoͤnheit, hat aber das ganz Beſondere, daß er der Perſon, die damit geſchmuͤckt wird, die objective Eigenſchaft der Anmuth verleiht; und unterſcheidet ſich dadurch von jedem andern Schmuck, der nicht die Perſon ſelbſt, ſondern bloß den Eindruck derſelben, ſubjectiv, in der Vorſtellung eines Andern, veraͤndert. Es iſt der ausdruͤckliche Sinn des griechiſchen Mythus, daß ſich die Anmuth in eine Eigenſchaft der Perſon verwandle, und daß die Traͤgerin des Guͤrtels wirklich liebenswuͤrdig ſey, nicht bloß ſo ſcheine. Ein Guͤrtel, der nicht mehr iſt als ein zufaͤlliger aͤußerlicher Schmuck, ſcheint allerdings kein ganz paſſendes Bild zu ſeyn, die perſoͤnliche Eigenſchaft der Anmuth zu bezeichnen; aber eine perſoͤnliche Eigenſchaft, die zugleich als zertrennbar von dem Subjecte gedacht wird, konnte nicht wohl anders, als durch eine zufaͤllige Zierde verſinnlicht werden, die ſich unbeſchadet der Perſon von ihr trennen laͤßt. Der Guͤrtel des Reizes wirkt alſo nicht natuͤrlich, weil er in dieſem Fall an der Perſon ſelbſt nichts veraͤndern koͤnnte, ſondern er wirkt magiſch, das iſt, ſeine Kraft wird uͤber alle Naturbedingungen erweitert. Durch dieſe Auskunft(die freilich nicht mehr iſt als ein Behelf) ſollte der Widerſpruch gehoben werden, in den das Darſtellungsvermoͤgen ſich jederzeit unver⸗ meidlich verwickelt, wenn es fuͤr das, was außerhalb der Na⸗ 326 tur im Reiche der Freiheit liegt, in der Natur einen Ausdruck ſucht. Wenn nun der Guͤrtel des Reizes eine objective Eigenſchaft ausdruͤckt, die ſich von ihrem Subjecte abſondern laͤßt, ohne deßwegen etwas an der Natur desſelben zu veraͤndern, ſo kann er nichts Anderes als Schoͤnheit der Bewegung bezeichnen; denn Bewegung iſt die einzige Veraͤnderung, die mit einem Gegen⸗ ſtand vorgehen kann, ohne ſeine Identitaͤt aufzuheben. Schoͤnheit der Bewegung iſt ein Begriff, der beiden For⸗ derungen Genuͤge leiſtet, die in dem angefuͤhrten Mythus ent⸗ halten ſind. Sie iſt erſtlich objectiv und kommt dem Gegen⸗ ſtande ſelbſt zu, nicht bloß der Art, wie wir ihn aufnehmen. Sie iſt zweitens etwas Zufaͤlliges an demſelben, und der Gegenſtand bleibt uͤbrig, auch wenn wir dieſe Eigenſchaft von ihm wegdenken. Der Guͤrtel des Reizes verliert auch bei dem Minderſchoͤnen und ſelbſt bei dem Nichtſchoͤnen ſeine magiſche Kraft nicht; das heißt, auch das Minderſchoͤne, auch das Nichtſchoͤne, kann ſich ſchoͤn bewegen. Die Anmuth, ſagt der Mythus, iſt etwas Zufaͤlliges an ihrem Subject; daher koͤnnen nur zufaͤllige Bewegungen dieſe Eigenſchaft haben. An einem Ideal der Schoͤnheit muͤſſen alle nothwendigen Bewegungen ſchoͤn ſeyn, weil ſie, als noth⸗ wendig, zu ſeiner Natur gehoͤren; die Schoͤnheit dieſer Be⸗ wegungen iſt alſo ſchon mit dem Begriff der Venus gegeben; die Schoͤnheit der zufaͤlligen iſt hingegen eine Erweiterung dieſes Begriffs. Es gibt eine Anmuth der Stimme, aber keine Anmuth des Athemholens. Iſt aber jede Schoͤnheit der zufaͤlligen Bewegungen An⸗ muth? Daß der griechiſche Mythus Anmuth und Grazie nur auf 327 die Menſchheit einſchraͤnke, wird kaum einer Erinnerung be⸗ duͤrfen; er geht ſogar noch weiter, und ſchließt ſelbſt die Schoͤn⸗ heit der Geſtalt in die Graͤnzen der Menſchengattung ein, un⸗ ter welcher der Grieche bekanntlich auch ſeine Goͤtter begreift. Iſt aber die Anmuth nur ein Vorrecht der Menſchenbildung, ſo kann keine derjenigen Bewegungen darauf Anſpruch machen, die der Menſch auch mit dem, was bloß Natur iſt, gemein hat. Koͤnnten alſo die Locken an einem ſchoͤnen Haupte ſich mit Anmuth bewegen, ſo waͤre kein Grund mehr vorhanden, warum nicht auch die Aeſte eines Baumes, die Wellen eines Stroms, die Saaten eines Kornfelds, die Gliedmaßen der Thiere, ſich mit Anmuth bewegen ſollten. Aber die Goͤttin von Gnidus repraͤſentirt nur die menſchliche Gattung, und da, wo der Menſch weiter nichts als ein Naturding und Sinnen⸗ weſen iſt, da hoͤrt ſie auf, fuͤr ihn Bedeutung zu haben. Willkuͤrlichen Bewegungen allein kann alſo Anmuth zukom⸗ men, aber auch unter dieſen nur denjenigen, die ein Ausdruck moraliſcher Empfindungen ſind. Bewegungen, welche keine andere Quelle als die Sinnlichkeit haben, gehoͤren bei aller Willkuͤrlichkeit doch nur der Natur an, die fuͤr ſich allein ſich nie bis zur Anmuth erhebt. Koͤnnte ſich die Begierde mit Anmuth, der Inſtinct mit Grazie aͤußern, ſo wuͤrden Anmuth und Grazie nicht mehr faͤhig und wuͤrdig ſeyn, der Menſchheit zu einem Ausdrucke zu dienen. und doch iſt es die Menſch heit allein, in die der Grieche alle Schoͤnheit und Vollkommenheit einſchließt. Nie darf ſich ihm die Sinnlichkeit ohne Seele zeigen, und ſeinem huma⸗ nen Gefuͤhle iſt es gleich unmoͤglich, die rohe Thierheit und die Intelligenz zu vereinzeln. Wie er jeder Idee ſogleich einen Leib anbildet und auch das Geiſtige zu verkorpern ſtrebt, ſo fordert er von jeder Handlung des Inſtincts an dem Men⸗ 1 — 8 328 ſchen zugleich einen Ausdruck ſeiner ſittlichen Beſtimmung. Dem Griechen iſt die Natur nie bloß Natur: darum darf er auch nicht erroͤthen, ſie zu ehren; ihm iſt die Vernunft niemals bloß Vernunft: darum darf er auch nicht zittern, unter ihren Maßſtab zu treten. Natur und Sinnlichkeit, Materie und Geiſt, Erde und Himmel fließen wunderbar ſchoͤn in ſeinen Dichtungen zuſammen. Er fuͤhrte die Freiheit, die nur im Olympus zu Hauſe iſt, auch in die Geſchaͤfte der Sinnlichkeit ein, und dafuͤr wird man es ihm hingehen laſſen, daß er die Sinnlichkeit in den Olympus verſetzte.— Dieſer zaͤrtliche Sinn der Griechen nun, der das Materielle immer nur unter der Begleitung des Geiſtigen duldet, weiß von keiner willkuͤrlichen Bewegung am Menſchen, die nur der Sinn⸗ lichkeit allein angehoͤrte, ohne zugleich ein Ausdruck des moraliſch empfindenden Geiſtes zu ſeyn. Daher iſt ihm auch die Anmuth nichts anders, als ein ſolcher ſchoͤner Ausdruck der Seele in den willkuͤrlichen Bewegungen. Wo alſo Anmuth ſtattfindet, da iſt die Seele das bewegende Princip, und in ihr iſt der Grund von der Schoͤnheit der Bewegung enthalten. Und ſo loͤst ſich denn jene mythiſche Vorſtellung in folgenden Gedanken auf:„Anmuth iſt eine Schoͤnheit, die nicht von der Natur gegeben, ſondern von dem Subjecte ſelbſt hervorgebracht wird.“ Ich habe mich bis jetzt darauf eingeſchraͤnkt, den Begriff der Anmuth aus der griechiſchen Fabel zu entwickeln, und, wie ich hoffe, ohne ihr Gewalt anzuthun. Jetzt ſey mir erlaubt, zu ver⸗ ſuchen, was ſich auf dem Weg der philoſophiſchen Unterſuchung daruͤber ausmachen laͤßt, und ob es auch hier, wie in ſo vielen andern Faͤllen, wahr iſt, daß ſich die philoſophirende Vernunft weniger Entdeckungen ruͤhmen kann, die der Sinn nicht ſchon dunkel geahnt, und die Poeſie nicht geoffenbart haͤtte. Venus, ohne ihren Guͤrtel und ohne die Grazien, repraͤſen⸗ 329 tirt uns das Ideal der Schoͤnheit, ſo wie letztere aus den Haͤn⸗ den der bloßen Natur kommen kann, und ohne die Ein⸗ wirkung eines empfindenden Geiſtes, durch die plaſti⸗ ſchen Kraͤfte erzeugt wird. Mit Recht ſtellt die Fabel fuͤr dieſe Schoͤnheit eine eigene Goͤttergeſtalt zur Repraͤſentantin auf, denn ſchon das natuͤrliche Gefuͤhl unterſcheidet ſie auf das ſtrengſte von derjenigen, die dem Einfluß eines empfindenden Geiſtes ihren Urſprung verdankt. Es ſey mir erlaubt, dieſe von der bloßen Natur, nach dem Geſetz der Nothwendigkeit gebildete Schoͤnheit, zum Unterſchied von der, welche ſich nach Freiheitsbedingungen richtet, die Schoͤn⸗ heit des Baues(architektoniſche Schoͤnheit) zu benen⸗ nen. Mit dieſem Namen will ich alſo denjenigen Theil der menſchlichen Schoͤnheit bezeichnet haben, der nicht bloß durch Naturkraͤfte ausgefuͤhrt worden(was von jeder Erſcheinung gilt), ſondern der auch nur allein durch Naturkraͤfte beſtimmt iſt. 4 Ein gluͤckliches Verhaͤltniß der Glieder, fließende Umriſſe, ein lieblicher Teint, eine zarte Haut, ein feiner und freier Wuchs, eine wohlklingende Stimme u. ſ. f. ſind Vorzuͤge, die man bloß der Natur und dem Gluͤck zu verdanken hat: der Natur, welche die Anlage dazu hergab und ſelbſt entwickelte; dem Gluͤck, welches das Bildungsgeſchaͤft der Natur vor jeder Einwirkung feindlicher Kraͤfte beſchutzte. Dieſe Venus ſteigt ſchon ganzvollend et aus dem Schaume des Meeres empor: vollendet, denn ſie iſt ein beſchloſſenes, ſtreng abgewogenes Werk der Nothwendigkeit, und als ſolches keiner Varietaͤt, keiner Erweiterung faͤhig. Da ſie naͤmlich nichts Anderes iſt, als ein ſchoͤner Vortrag der Zwecke, welche die Natur mit dem Menſchen beabſichtet, und daher jede ihrer Eigenſchaften durch den Begriff, der ihr zum Grunde liegt, 330 vollkommen entſchieden iſt, ſo kann ſie— der Anlage nach— als ganz gegeben beurtheilt werden, obgleich dieſe erſt unter Zeitbedingungen zur Entwicklung kommt. Die architektoniſche Schoͤnheit der menſchlichen Bildung muß von der techniſchen Vollkommenheit derſelben wohl unterſchieden werden. Unter der letztern hat man das Syſtem der Zwecke ſelbſt zu verſtehen, ſo wie ſie ſich unter einander zu ei⸗ nem oberſten Endzweck vereinigen; unter der erſtern hingegen bloß eine Eigenſchaft der Darſtellung dieſer Zwecke, ſo wie ſie ſich dem anſchauenden Vermoͤgen in der Erſcheinung offen⸗ baren. Wenn man alſo von der Schoͤnheit ſpricht, ſo wird weder der materielle Werth dieſer Zwecke, noch die formale Kunſtmaͤßigkeit ihrer Verbindung dabei in Betrachtung gezogen. Das anſchauende Vermoͤgen haͤlt ſich einzig nur an die Art des Erſcheinens, ohne auf die logiſche Beſchaffenheit ſeines Objects die geringſte Ruͤckſicht zu nehmen. Ob alſo gleich die architek⸗ toniſche Schoͤnheit des menſchlichen Baues durch den Begriff, der demſelben zum Grunde liegt, und durch die Zwecke bedingt iſt, welche die Natur mit ihm beabſichtet, ſo iſolirt doch das aͤſthetiſche urtheil ſie voͤllig von dieſen Zwecken, und nichts, als was der Erſcheinung unmittelbar und eigenthuͤmlich angehoͤrt, wird in die Vorſtellung der Schoͤnheit aufgenommen. Man kann daher auch nicht ſagen, daß die Wuͤrde der Menſchheit die Schoͤnheit des menſchlichen Baues er hoͤhe. In unſer Urtheil uͤber die letztere kann die Vorſtellung der erſtern zwar einfließen, aber alsdann hoͤrt es zugleich auf, ein rein⸗ aͤſthetiſches Urtheil zu ſeyn. Die Technik der menſchlichen Ge⸗ ſtalt iſt allerdings ein Ausdruck ſeiner Beſtimmung, und als ein ſolcher darf und ſoll ſie uns mit Achtung erfuͤllen. Aber dieſe Technik wird nicht dem Sinn, ſondern dem Verſtande vorgeſtellt; ſie kann nur gedacht werden, nicht erſcheinen. 331 Die architektoniſche Schoͤnheit hingegen kann nie ein Ausdruck ſeiner Beſtimmung ſeyn, da ſie ſich an ein ganz andres Ver⸗ moͤgen wendet, als dasjenige iſt, welches uͤber jene Beſtim⸗ mung zu entſcheiden hat. Wenn daher dem Menſchen, vorzugsweiſe vor allen ubrigen techniſchen Bildungen der Natur, Schoͤnheit beigelegt wird, ſo iſt dieß nur in ſo fern wahr, als er ſchon in der bloßen Er⸗ ſcheinung dieſen Vorzug behauptet, ohne daß man ſich dabei ſeiner Menſchheit zu erinnern braucht. Denn da dieſes Letzte nicht anders als vermittelſt eines Begriffs geſchehen koͤnnte, ſo wuͤrde nicht der Sinn, ſondern der Verſtand uͤber die Schoͤn⸗ heit Richter ſeyn, welches einen Widerſpruch einſchließt. Die Wurde ſeiner ſittlichen Beſtimmung kann alſo der Menſch nicht in Anſchlag bringen, ſeinen Vorzug als Intelligenz kann er nicht geltend machen, wenn er den Preis der Schoͤnheit be⸗ haupten will; hier iſt er nichts als ein Ding im Raume, nichts als Erſcheinung unter Erſcheinungen. Auf ſeinen Rang in der Ideenwelt wird in der Sinnenwelt nicht geachtet, und wenn er in dieſer die erſte Stelle behaupten ſoll, ſo kann er ſie nur dem, was in ihm Natur iſt, zu verdanken haben. Aber eben dieſe ſeine Natur iſt, wie wir wiſſen, durch die Idee ſeiner Menſchheit beſtimmt worden, und ſo iſt es denn mittelbar auch ſeine architektoniſche Schoͤnheit. Wenn er ſich alſo vor allen Sinnenweſen um ihn her durch hoͤhere Schoͤnheit unterſcheidet, ſo iſt er dafuͤr unſtreitig ſeiner menſchlichen Be⸗ ſtimmung verpflichtet, welche den Grund enthaͤlt, warum er ſich von den uͤbrigen Sinnenweſen uͤberhaupt nur unterſcheidet. Aber nicht darum iſt die menſchliche Bildung ſchoͤn, weil ſie ein Ausdruck dieſer hoͤhern Beſtimmung iſt; denn waͤre dieſes, ſo wuͤrde die naͤmliche Bildung aufhoͤren ſchoͤn zu ſeyn, ſobald ſie eine niedrigere Beſtimmung ausdruͤckte, ſo wuͤrde auch das * 33²2 Gegentheil dieſer Bildung ſchoͤn ſeyn, ſobald man nur anneh⸗ men koͤnnte, daß es jene hoͤhere Beſtimmung ausdruͤckte. Ge⸗ ſetzt aber, man koͤnnte bei einer ſchoͤnen Menſchengeſtalt ganz und gar vergeſſen, was ſie ausdruͤckt; man koͤnnte ihr, ohne ſie in der Erſcheinung zu veraͤndern, den rohen Inſtinct eines Ti⸗ gers unterſchieben, ſo wuͤrde das Urtheil der Augen vollkom⸗ men dasſelbe bleiben, und der Sinn wuͤrde den Tiger fuͤr das ſchoͤnſte Werk des Schoͤpfers erklaͤren. Die Beſtimmung des Menſchen, als einer Intelligenz, hat alſo an der Schoͤnheit ſeines Baues nur in ſo fern einen An⸗ theil, als ihre Darſtellung, d. i. ihr Ausdruck in der Erſchei⸗ nung, zugleich mit den Bedingungen zuſammentrifft, unter welchen das Schoͤne ſich in der Sinnenwelt erzeugt. Die Schoͤn⸗ heit ſelbſt naͤmlich muß jederzeit ein freier Natureffect bleiben, und die Vernunftidee, welche die Technik des menſchlichen Baues beſtimmte, kann ihm nie Schoͤnheit ertheilen, ſondern bloß geſtatten. Man koͤnnte mir zwar einwenden, daß uͤberhaupt Alles, was in der Erſcheinung ſich darſtellt, durch Naturkraͤfte aus⸗ gefuͤhrt werde, und daß dieſes alſo kein ausſchließendes Merk⸗ mal des Schoͤnen ſeyn koͤnne. Es iſt wahr, alle techniſchen Bildungen ſind hervorgebracht durch Natur, aber durch Natur ſind ſie nicht techniſch, wenigſtens werden ſie nicht ſo beur⸗ theilt. Techniſch ſind ſie nur durch den Verſtand, und ihre techniſche Vollkommenheit hat alſo ſchon Exiſtenz im Verſtande, ehe ſie in die Sinnenwelt hinuͤbertritt und zur Erſcheinung wird. Schoͤnheit hingegen hat das ganz Eigenthuͤmliche, daß ſie in der Sinnenwelt nicht bloß dargeſtellt wird, ſondern auch in derſelben zuerſt entſpringt; daß die Natur ſie nicht bloß aus⸗ druͤckt, ſondern auch erſchafft. Sie iſt durchaus nur eine Ei⸗ genſchaft des Sinnlichen, und auch der Kuͤnſtler, der ſie beab⸗ 333 ſichtet, kann ſie nur in ſo weit erreichen, als er den Schein unterhaͤlt, daß er die Natur gebildet habe. Die Technik des menſchlichen Baues zu beurtheilen, muß man die Vorſtellung der Zwecke, denen ſie gemaͤß iſt, zu Huͤlfe nehmen; dieß hat man gar nicht noͤthig, um die Schoͤnheit dieſes Baues zu beurtheilen. Der Sinn allein iſt hier ein voͤllig competenter Richter, und dieß koͤnnte er nicht ſeyn, wenn nicht die Sinnenwelt(die ſein einziges Object iſt) alle Bedingungen der Schoͤnheit enthielte, und alſo zu Erzeugung derſelben vollkommen hinreichend waͤre. Mittelbar freilich iſt die Schoͤnheit des Menſchen in dem Begriff ſeiner Menſch⸗ heit gegründet, weil ſeine ganze ſinnliche Natur in dieſem Be⸗ griffe gegruͤndet iſt, aber der Sinn, weiß man, haͤlt ſich nur an das Unmittelbare, und fuͤr ihn iſt es alſo gerade ſo viel, als wenn ſie ein ganz unabhaͤngiger Natureffect waͤre. Nach dem Bisherigen ſollte es nun ſcheinen, als wenn die Schoͤnheit fuͤr die Vernunft durchaus kein Intereſſe haben koͤnnte, da ſie bloß in der Sinnenwelt entſpringt, und ſich auch nur an das ſinnliche Erkenntnißvermoͤgen wendet. Denn nach⸗ dem wir von dem Begriff derſelben, als fremdartig, abgeſondert haben, was die Vorſtellung der Vollkommenheit in unſer Urtheil uͤber die Schoͤnheit zu miſchen kaum unterlaſſen kann, ſo ſcheint dieſer nichts mehr uͤbrig zu bleiben, wodurch ſie der Gegenſtand eines vernuͤnftigen Wohlgefallens ſeyn koͤnnte. Nichtsdeſtoweniger iſt es eben ſo ausgemacht, daß das Schoͤne der Vernunft gefaͤllt, als es entſchieden iſt, daß es auf keiner ſolchen Eigenſchaft des Objects beruht, die nur durch Vernunft zu entdecken waͤre. Um dieſen anſcheinenden Widerſpruch aufzuloͤſen, muß man ſich erinnern, daß es zweierlei Arten gibt, wodurch Erſcheinun⸗ gen Objecte der Vernunft werden und Ideen ausdruͤcken koͤnnen. 334 Es iſt nicht immer noͤthig, daß die Vernunft dieſe Ideen aus den Erſcheinungen herauszieht; ſie kann ſie auch in dieſelben hineinlegen. In beiden Faͤllen wird die Erſcheinung einem Vernunftbegriff adaͤquat ſeyn, nur mit dem Unterſchied, daß in dem erſten Fall die Vernunft ihn ſchon objectiv darin findet, und ihn gleichſam von dem Gegenſtand nur empfaͤngt, weil der Begriff geſetzt werden muß, um die Beſchaffenheit und oft ſelbſt um die Moͤglichkeit des Objects zu erklaͤren; daß ſie hingegen in dem zweiten Fall das, was unabhaͤngig von ihrem Begriff in der Erſcheinung gegeben iſt, ſelbſtthaͤtig zu einem Ausdruck desſelben macht, und alſo etwas bloß Sinnliches uberſinnlich behandelt. Dort iſt alſo die Idee mit dem Gegenſtande objectiv nothwendig, hier hingegen hoͤchſtens ſubjectiv nothwendig ver⸗ knuͤpft. Ich brauche nicht zu ſagen, daß ich jenes von der Vollkommenheit, dieſes von der Schoͤnheit verſtehe. Da es alſo in dem zweiten Fall in Anſehung des ſinnlichen Objects ganz und gar zufaͤllig iſt, ob es eine Vernunft gibt, die mit der Vorſtellung desſelben eine ihrer Ideen verbindet, folglich die objective Beſchaffenheit des Gegenſtandes von dieſer Idee als voͤllig unabhaͤngig muß betrachtet werden, ſo thut man ganz recht, das Schoͤne, objectiv, auf lauter Naturbedingun⸗ gen einzuſchraͤnken, und es fuͤr einen bloßen Effect der Sinnen⸗ welt zu erklaͤren. Weil aber doch— auf der andern Seite— die Vernunft von dieſem Effect der bloßen Sinnenwelt einen tran⸗ ſcendenten Gebrauch macht, und ihm dadurch, daß ſie ihm eine hoͤhere Bedeutung leiht, gleichſam ihren Stempel aufdruͤckt, ſo hat man ebenfalls recht, das Schoͤne, ſubjectiv, in die intelligible Welt zu verſetzen. Die Schhoͤnheit iſt daher als die Buͤrgerin zweier Welten anzuſehen, deren einer ſie durch Ge⸗ burt, der andern durch Adoption angehoͤrt; ſie empfaͤngt ihre Exiſtenz in der ſinnlichen Natur, und erlangt in der 33⁵5 Vernunftwelt das Buͤrgerrecht. Hieraus erklaͤrt ſich auch, wie es zugeht, daß der Geſchmack, als ein Beurtheilungsvermoͤgen des Schoͤnen, zwiſchen Geiſt und Sinnlichkeit in die Mitte tritt, und dieſe beiden einander verſchmaͤhenden Naturen zu einer gluͤcklichen Eintracht verbindet— wie er dem Materiel⸗ len die Achtung der Vernunft, wie er dem Rationalen die Zuneigung der Sinne erwirbt— wie er Anſchauungen zu Ideen adelt, und ſelbſt die Sinnenwelt gewiſſermaßen in ein Reich der Freiheit verwandelt. Wiewohl es aber— in Anſehung des Gegenſtandes ſelbſt— zufaͤllig iſt, ob die Vernunft mit der Vorſtellung desſelben eine ihrer Ideen verbindet, ſo iſt es doch— fuͤr das vorſtellende Subject— nothwendig, mit einer ſolchen Vorſtellung eine ſolche Idee zu verknuͤpfen. Dieſe Idee und das ihr correſpondirende ſinnliche Merkmal an dem Objecte muͤſſen mit einander in einem ſolchen Verhaͤltniß ſtehen, daß die Vernunft durch ihre eigenen unveraͤnderlichen Geſetze zu dieſer Handlung genoͤthigt wird. In der Vernunft ſelbſt muß alſo der Grund liegen, warum ſie ausſchließend nur mit einer gewiſſen Erſcheinung der Dinge eine beſtimmte Idee verknuͤpft, und in dem Objecte muß wieder der Grund liegen, warum es ausſchließend nur dieſe Idee und keine andere hervorruft. Was fuͤr eine Idee das nun ſey, die die Vernunft in das Schoͤne hineintraͤgt, und durch welche objective Eigenſchaft der ſchoͤne Gegenſtand faͤhig ſey, dieſer Idee zum Symbol zu dienen— dieß iſt eine viel zu wichtige Frage, um hier bloß im Voruͤbergehen beantwortet zu werden, und deren Eroͤrterung ich alſo auf eine Analytikides Schoͤnen verſpare. Die architektoniſche Schoͤnheit des Menſchen iſt alſo, auf die Art, wie ich eben erwaͤhnte, der ſinn liche Ausdruck eines Vernunftbegriffs; aber ſie iſt es in keinem an⸗ 336 dern Sinne und mit keinem groͤßern Rechte, als uͤberhaupt jede ſchoͤne Bildung der Natur. Dem Grade nach uͤbertrifft ſie zwar alle anderen Schoͤnheiten, aber der Art nach ſteht ſie in der naͤmlichen Reihe mit denſelben, da auch ſie von ihrem Subjecte nichts, als was ſinnlich iſt, offenbart, und erſt in der Vorſtellung eine uͤberſinnliche Bedeutung empfaͤngt.* Daß die Darſtellung der Zwecke am Menſchen ſchoͤner ausgefallen iſt, als bei andern organiſchen Bildungen, iſt als eine Gunſt anzuſehen, welche die Vernunft, als Geſetzgeberin des menſch⸗ lichen Baues, der Natur als Ausrichterin ihrer Geſetze erzeigte. Die Vernunft verfolgt zwar bei der Technik des Menſchen ihre Zwecke mit ſtrenger Nothwendigkeit, aber gluͤcklicherweiſe treffen ihre Forderungen mit der Nothwendigkeit der Natur zuſam⸗ men, ſo daß die letztere den Anfang der erſtern vollzieht, in⸗ dem ſie bloß nach ihrer eigenen Neigung handelt. Dieſes kann aber nur vor der architektoniſchen Schoͤn⸗ heit des Menſchen gelten, wo die Naturnothwendigkeit durch *) Denn— um es noch einmal zu wiederholen— in der bloßen Anſchauung wird Alles, was an der Schoͤnheit objectiv iſt, gegeben. Da aber das, was dem Menſchen den Vorzug vor allen uͤbrigen Sinnenweſen gibt, in der bloßen Anſchauung nicht vor⸗ kommt, ſo kann eine Eigenſchaft, die ſich ſchon in der bloßen Anſchauung offenbart, dieſen Vorzug nicht ſichtbar machen. Seine hoͤhere Beſtimmung, die allein dieſen Vorzug begruͤndet, wird alſo durch ſeine Schoͤnheit nicht ausgedruͤckt, und die Vorſtellung von jener kann daher nie ein Ingrediens von dieſer abgeben, nie in das aͤſthetiſche Urtheil mit aufgenommen werden. Nicht der Ge⸗ danke ſelbſt, deſſen Ausdruck die menſchliche Bildung iſt, bloß die Wirkungen desſelben in der Erſcheinung offenbaren ſich dem Sinn. Zu dem uͤberſinnlichen Grund dieſer Wirkungen erhebt der bloße Sinn ſich eben ſo wenig, als(wenn man mir dieß Beiſpiel ver⸗ ſtatten wilh als der bloß ſinnliche Menſch zu der Idee der ober⸗ ſten Welturſache hinaufſteigt, wenn er ſeine Triebe befriedigt. 3³⁷ die Nothwendigkeit des ſie beſtimmenden teleologiſchen Grundes unterſtuͤtzt wird. Hier allein konnte die Schoͤnheit gegen die Technik des Baues berechnet werden, welches aber nicht mehr ſtatt findet, ſobald die Nothwendigkeit nur einſeitig iſt und die uͤberſinnliche Urſache, welche die Erſcheinung beſtimmt, ſich zu⸗ faͤllig veraͤndert. Fuͤr die architektoniſche Schoͤnheit des Men⸗ ſchen ſorgt alſo die Natur allein, weil ihr hier, gleich in der erſten Anlage, die Vollziehung alles deſſen, was der Menſch zur Erfuͤllung ſeiner Zwecke bedarf, einmal fuͤr immer von dem ſchaffenden Verſtand uͤbergeben wurde, und ſie alſo in dieſem ihrem organiſchen Geſchaͤft keine Neuerung zu be⸗ fuͤrchten hat. Der Menſch aber iſt zugleich eine Perſon, ein Weſen alſo, welches ſelbſt Urſache, und zwar abſolut letzte Urſache ſeiner Zu⸗ ſtaͤnde ſeyn, welches ſich nach Gruͤnden, die es aus ſich ſelbſt nimmt, veraͤndern kann. Die Art ſeines Erſcheinens iſt ab⸗ haͤngig von der Art ſeines Empfindens und Wollens, alſo von Zuſtaͤnden, die er ſelbſt in ſeiner Freiheit, und nicht die Natur nach ihrer Nothwendigkeit beſtimmt. Waͤre der Menſch bloß ein Sinnenweſen, ſo wuͤrde die Na⸗ tur zugleich die Geſetze geben und die Faͤlle der Anwendung beſtimmen; jetzt theilt ſie das Regiment mit der Freiheit, und obgleich ihre Geſetze Beſtand haben, ſo iſt es nunmehr doch der Geiſt, der über die Faͤlle entſcheidet. Das Gebiet des Geiſtes erſtreckt ſich ſo weit, als die Natur lebendig iſt, und endigt nicht eher, als wo das or⸗ ganiſche Leben ſich in die formloſe Maſſe verliert und die ani⸗ maliſchen Kraͤfte aufhoͤren. Es iſt bekannt, daß alle bewegenden Kraͤfte im Menſchen unter einander zuſammenhaͤngen, und ſo laͤßt ſich einſehen, wie der Geiſt— auch nur als Princip der willkuͤrlichen Bewegung betrachtet— ſeine Wirkungen durch Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 22 338 das ganze Syſtem derſelben fortpflanzen kann. Nicht bloß die Werkzeuge des Willens, auch diejenigen, uͤber welche der Wille nicht unmittelbar zu gebieten hat, erfahren wenigſtens mittelbar ſeinen Einfluß. Der Geiſt beſtimmt ſie nicht bloß abſichtlich, wenn er handelt, ſondern auch unabſichtlich, wenn er empfindet. Die Natur fuͤr ſich allein kann, wie aus dem Obigen klar iſt, nur fuͤr die Schoͤnheit derjenigen Erſcheinungen ſorgen, die ſie ſelbſt uneingeſchraͤnkt nach dem Geſetz der Nothwendigkeit zu beſtimmen hat. Aber mit der Willkuͤr tritt der Zufall in ihre Schoͤpfung ein, und obgleich die Veraͤnderungen, welche ſie unter dem Regiment der Freiheit erleidet, nach keinen an⸗ dern als ihren eigenen Geſetzen erfolgen, ſo erfolgen ſie doch nicht mehr aus dieſen Geſetzen. Da es jetzt auf den Geiſt ankommt, welchen Gebrauch er von ſeinen Werkzeugen machen will, ſo kann die Natur uͤber denjenigen Theil der Schoͤnheit, welcher von dieſem Gebrauche abhaͤngt, nichts mehr zu gebieten, und alſo auch nichts mehr zu verantworten haben. Und ſo wuͤrde denn der Menſch in Gefahr ſchweben, gerade da, wo er ſich durch den Gebrauch ſeiner Freiheit zu den rei⸗ nen Intelligenzen erhebt, als Erſcheinung zu ſinken, und in dem Urtheile des Geſchmacks zu verlieren, was er vor dem Richterſtuhle der Vernunft gewinnt. Die durch ſein Handeln erfuͤllte Beſtimmung wuͤrde ihm einen Vorzug koſten, den die in ſeinem Bau bloß angekuͤndigte Beſtimmung beguͤn⸗ ſtigte; und wenn gleich dieſer Vorzug nur ſinnlich iſt, ſo haben wir doch gefunden, daß ihm die Vernunft eine hoͤhere Bedeu⸗ tung ertheilt. Eines ſo groben Widerſpruchs macht ſich die, Uebereinſtimmung liebende, Natur nicht ſchuldig, und was in dem Reiche der Vernunft harmoniſch iſt, wird ſich durch keinen Mißklang in der Sinnenwelt offenbaren. Indem alſo die Perſon oder das freie Principium im Men⸗ V V 339 ſchen es auf ſich nimmt, das Spiel der Erſcheinungen zu be⸗ ſtimmen, und durch ſeine Dazwiſchenkunft der Natur die Macht entzieht, die Schoͤnheit ihres Werks zu beſchuͤtzen, ſo tritt es ſelbſt an die Stelle der Natur, und uͤbernimmt(wenn mir dieſer Ausdruck erlaubt iſt) mit den Rechten derſelben einen Theil ihrer Verpflichtungen. Indem der Geiſt die ihm unter⸗ geordnete Sinnlichkeit in ſein Schickſal verwickelt und von ſeinen Zuſtaͤnden abhaͤngen laͤßt, macht er ſich gewiſſermaßen ſelbſt zur Erſcheinung und bekennt ſich als einen Unterthan des Geſetzes, welches an alle Erſcheinungen ergeht. Um ſeiner ſelbſt willen macht er ſich verbindlich, die von ihm abhaͤngende Natur auch noch in ſeinem Dienſte Natur bleiben zu laſſen, und ſie ihrer fruͤhern Pflicht nie entgegen zu behandeln. Ich nenne die Schoͤnheit eine Pflicht der Erſcheinungen, weil das ihr ent⸗ ſprechende Beduͤrfniß im Subjecte in der Vernunft ſelbſt ge⸗ gruͤndet, und daher allgemein und nothwendig iſt. Ich nenne ſie eine fruͤhere Pflicht, weil der Sinn ſchon geurtheilt hat, ehe der Verſtand ſein Geſchaͤft beginnt. Die Freiheit regiert alſo jetzt die Schoͤnheit. Die Natur gab die Schoͤnheit des Baues, die Seele gibt die Schoͤnheit des Spiels. Und nun wiſſen wir auch, was wir unter An⸗ muth und Grazie zu verſtehen haben. Anmuth iſt die Schoͤn⸗ heit der Geſtalt unter dem Einfluß der Freiheit; die Schoͤnheit derjenigen Erſcheinungen, die die Perſon beſtimmt. Die archi⸗ tektoniſche Schoͤnheit macht dem Urheber der Natur, Anmuth und Grazie machen ihrem Beſitzer Ehre. Jene iſt ein Talent, dieſe ein perſoͤnliches Verdienſt. Anmuth kann nur der Bewegung zukommen, denn eine Sinnenwelt offenbaren. Dieß hindert al auch feſte und ruhende Zuͤge Aumuth zeigen 340 feſten Zuͤge waren urſpruͤnglich nichts als Bewegungen, die endlich bei oftmaliger Erneuerung habituell wurden, und blei⸗ bende Spuren eindruͤckten.*) Aber nicht alle Bewegungen am Menſchen ſind der Grazie faͤhig. Grazie iſt immer nur die Schoͤnheit der durch Frei⸗ heit bewegten Geſtalt, und Bewegungen, diebloß der Natur angehoͤren, ooͤnnen nie dieſen Namen verdienen. Es iſt zwar an dem, daß ein lebhafter Geiſt ſich zuletzt bei⸗ nahe aller Bewegungen ſeines Koͤrpers bemaͤchtigt, aber wenn die Kette ſehr lang wird, wodurch ſich ein ſchoͤner Zug an *) Daher nimmt Home den Vegriff der Anmuth viel zu eng an, wenn er(Grundſaͤtze d. Kritik. II. 39. Neueſte Ausgabe) ſagt: „daß, wenn die anmuthigſte Perſon in Ruhe ſey, und ſich weder bewege noch ſpreche, wir die Eigenſchaft der Anmuth, wie die Farbe im Finſtern, aus den Augen verlieren.“ Nein, wir verlieren ſie nicht aus den Augen, ſo lange wir an der ſchlafenden Perſon die Zuͤge wahrnehmen, die ein wohlwollender, ſanfter Geiſt gebildet hat; und gerade der ſchaͤtzbarſte Theil der Grazie bleibt uͤbrig, derjenige naͤmlich, der ſich aus Gebaͤrden zu Zuͤgen verfeſtete, und alſo die Fertigkeit des Gemuͤths in ſchoͤnen Empfindungen an den Tag legt. Wenn aber der Herr Berichtiger des Home’ſchen Werks ſeinen Autor durch die Bemerkung zurecht zu weiſen glaubte (ſiehe in demſelben Band Seite 459):„daß ſich die Anmuth nicht bloß auf willkuͤrliche Bewegungen einſchraͤnke, daß eine ſchlafende Perſon nicht aufhoͤre reizend zu ſeyn,“— und warum?„weil waͤh⸗ rend dieſes Zuſtandes die unwillkuͤrlichen, ſanſten und eben deßwegen deſto anmuthigern Bewegungen erſt recht ſichtbar werden,“ ſo hebt er den Vegriff der Grazie ganz auf, den Home bloß zu ſehr einſchraͤnkte. Unwillkuͤrliche Bewegungen im Schlafe, wenn es nicht mechaniſche Wiederholungen von willkuͤrlichen ſind, koͤnnen nie anmuthig ſeyn, weit entfernt, daß ſie es vorzugsweiſe ſeyn koͤnnten; und wenn eine ſchlafende Perſon reizend iſt, ſo iſt ſie es keineswegs durch die Bewegungen, die ſie macht, ſondern durch ihre Zuͤge, die von vorhergegangenen Bewegungen zeugen. 341 moraliſche Empfindungen anſchließt, ſo wird er eine Eigenſchaft des Baues, und laͤßt ſich kaum mehr zur Grazie zaͤhlen. End⸗ lich bildet ſich der Geiſt ſogar ſeinen Koͤrper, und der Bau ſelbſt muß dem Spiele folgen, ſo daß ſich die Anmuth zuletzt nicht ſelten in architektoniſche Schoͤnheit verwandelt. So wie ein feindſeliger, mit ſich uneiniger Geiſt ſelbſt die erhabenſte Schoͤnheit des Baues zu Grund richtet, daß man unter den unwuͤrdigen Haͤnden der Freiheit das herrliche Mei⸗ ſterſtuͤck der Natur zuletzt nicht mehr erkennen kann, ſo ſieht man auch zuweilen das heitere und in ſich harmoniſche Gemuͤth der durch Hinderniſſe gefeſſelten Technik zu Huͤlfe kommen, die Na⸗ tur in Freiheit ſetzen, und die noch eingewickelte gedruͤckte Geſtalt mit goͤttlicher Glorie auseinander breiten. Die plaſtiſche Natur des Menſchen hat unendlich viele Huͤlfsmittel in ſich ſelbſt, ihr Verſäumniß herein zu bringen und ihre Feh⸗ ler zu verbeſſern, ſobald nur der ſittliche Geiſt ſie in ihrem Bildungswerk unterſtuͤtzen, oder auch manchmal nur nicht be⸗ unruhigen will. Da auch die verfeſteten Bewegungen(in Zuͤge uͤber⸗ gegangene Gebaͤrden) von der Anmuth nicht ausgeſchloſſen ſind, ſo koͤnnte es das Anſehen haben, als ob uͤberhaupt auch die Schoͤnheit der anſcheinenden oder nachgeahmten Be⸗ wegungen(die flammichten oder geſchlaͤngelten Linien) gleich⸗ falls mit dazu gerechnet werden muͤßte, wie Mendelſohn auch wirklich behauptet.*) Aber dadurch wuͤrde der Begriff der Anmuth zu dem Begriff der Schoͤnheit uͤberhaupt erweitert; denn alle Schoͤnheit iſt zuletzt bloß eine Eigenſchaft der wahren oder anſcheinenden(objectiven oder ſubjectiven) Bewegung, wie ich in einer Zergliederung des Schoͤnen zu beweiſen hoffe. *) Philoſ. Schriften. I. 90. 342 Anmuth koͤnnen aber nur ſolche Bewegungen zeigen, die zu⸗ gleich einer Empfindung entſprechen. Die Perſon— man weiß, was ich damit andeuten will— ſchreibt dem Koͤrper die Bewegungen entweder durch ihren Willen vor, wenn ſie eine vorgeſtellte Wirkung in der Sinnen⸗ welt realiſiren will, und in dieſem Fall heißen die Bewegun⸗ gen willkuͤrlich oder abgezweckt; oder ſolche erfolgen, ohne den Willen der Perſon, nach einem Geſetz der Nothwendigkeit— aber auf Veranlaſſung einer Empfindung; dieſe nenne ich ſym⸗ pathetiſche Bewegungen. Ob die letztern gleich unwillkuͤrlich und in einer Empfindung gegruͤndet ſind, ſo darf man ſie doch mit denjenigen nicht verwechſeln, welche das ſinnliche Gefuͤhl⸗ vermoͤgen und der Naturtrieb beſtimmt: denn der Naturtrieb iſt kein freies Princip, und was er verrichtet, das iſt keine Handlung der Perſon. Unter den ſympathetiſchen Bewegungen, von denen hier die Rede iſt, will ich alſo nur diejenigen ver⸗ ſtanden haben, welche der moraliſchen Empfindung, oder der moraliſchen Geſinnung zur Begleitung dienen. Die Frage entſteht nun, welche von dieſen beiden Arten der in der Perſon gegruͤndeten Bewegungen iſt der Anmuth faͤhig? Was man beim Philoſophiren nothwendig von einander trennen muß, iſt darum nicht immer auch in der Wirklichkeit getrennt. So findet man abgezweckte Bewegungen ſelten ohne ſympathetiſche, weil der Wille als die Urſache von jenen ſich nach moraliſchen Empfindungen beſtimmt, aus welchen dieſe entſpringen. Indem eine Perſon ſpricht, ſehen wir zugleich ihre Blicke, ihre Geſichtszuͤge, ihre Haͤnde, ja oft den ganzen Koͤrper mitſprechen, und der mimiſche Theil der Unterhaltung wird nicht ſelten fuͤr den beredteſten geachtet. Aber auch ſelbſt eine abgezweckte Bewegung kann zugleich als eine ſympathetiſche 343 anzuſehen ſeyn, und dieß geſchieht alsdann, wenn ſich etwas Unwillkuͤrliches in das Willkuͤrliche derſelben mit einmiſcht. Die Art und Weiſe naͤmlich, wie eine willkuͤrliche Bewegung vollzogen wird, iſt durch ihren Zweck nicht ſo genau beſtimmt, daß es nicht mehrere Arten geben ſollte, nach denen ſie kann verrichtet werden. Dasijenige nun, was durch den Willen oder den Zweck dabei unbeſtimmt gelaſſen iſt, kann durch den Em⸗ pfindungszuſtand der Perſon ſympathetiſch beſtimmt werden, und alſo zu einem Ausdruck desſelben dienen. Indem ich mei⸗ nen Arm ausſtrecke, um einen Gegenſtand in Empfang zu nehmen, ſo fuͤhre ich einen Zweck aus, und die Bewegung, die ich mache, wird durch die Abſicht, die ich damit erreichen will, vorgeſchrieben. Aber welchen Weg ich meinen Arm zu dem Gegenſtand nehmen, und wie weit ich meinen uͤbrigen Koͤrper will nachfolgen laſſen; wie geſchwind oder langſam, und mit wie viel oder wenig Kraftaufwand ich die Bewegung verrichten will, in dieſe genaue Berechnung laſſe ich mich in dem Augen⸗ blick nicht ein, und der Natur in mir wird alſo hier etwas anheim geſtellt. Auf irgend eine Art und Weiſe muß aber doch dieſes, durch den bloßen Zweck nicht Beſtimmte, entſchie⸗ den werden, und hier alſo kann meine Art zu empfinden den Ausſchlag geben, und durch den Ton, den ſie angibt, die Art und Weiſe der Bewegung beſtimmen. Der Antheil nun, den der Empfindungszuſtand der Perſon an einer willkuͤrlichen Be⸗ wegung hat, iſt das Unwillkuͤrliche an derſelben, und er iſt auch das, worin man die Grazie zu ſuchen hat. Eine willkuͤrliche Bewegung, wenn ſie ſich nicht zugleich mit einer ſympathetiſchen verbindet, oder was eben ſo viel ſagt, nicht mit etwas Unwillkuͤrlichem, das in dem moraliſchen Empfindungszuſtand der Perſon ſeinen Grund hat, vermiſcht, . kann niemals Grazie zeigen, wozu immer ein Zuſtand im 344 Gemuͤth als Urſache erfordert wird. Die willkuͤrliche Bewegung erfolgt auf eine Handlung des Gemuͤths, welche alſo ver⸗ gangen iſt, wenn die Bewegung geſchieht. Die ſympathetiſche Bewegung hingegen begleitet die Handlung des Gemuͤths und den Empfindungszuſtand des⸗ ſelben, durch den es zu dieſer Handlung vermocht wird, und muß daher mit beiden als gleichlaufend betrachtet werden. Es erhellt ſchon daraus, daß die erſte, die nicht von der Geſinnung der Perſon unmittelbar ausfließt, auch keine Dar⸗ ſtellung derſelben ſeyn kann. Denn zwiſchen die Geſinnung und die Bewegung ſelbſt tritt der Entſchluß, der, fuͤr ſich betrachtet, etwas ganz Gleichguͤltiges iſt; die Bewegung iſt Wirkung des Entſchluſſes und des Zweckes, nicht aber der Perſon und der Geſinnung. Die willkuͤrliche Bewegung iſt mit der ihr vorangehenden Geſinnung zufaͤllig, die begleitende hingegen nothwendig damit verbunden. Jene verhaͤlt ſich zum Gemuͤth, wie das conven⸗ tionelle Sprachzeichen zu dem Gedanken, den es ausdruͤckt; die ſympathetiſche oder begleitende hingegen wie der leidenſchaftliche Laut zu der Leidenſchaft. Jene iſt daher nicht ihrer Natur, ſondern bloß ihrem Gebrauch nach, Darſtellung des Geiſtes. Alſo kann man auch nicht wohl ſagen, daß der Geiſt in einer willkuͤrlichen Bewegung ſich offenbare, da ſie nur die Materie des Willens(den Zweck), nicht aber die Form des Wil⸗ lens(die Geſinnung) ausdruͤckt. Von der letztern kann uns nur die begleitende Bewegung belehren.*) *) Wenn ſich eine Begebenheit vor einer zahlreichen Geſellſchaft ereig⸗ net, ſo kann es ſich treffen, daß jeder Anweſende von der Geſinnung der handelnden Perſonen ſeine eigene Meinung hat; ſo zufaͤllig ſind willkuͤrliche Bewegungen mit ihrer moraliſchen Urſache verbunden. Wenn hingegen einem aus dieſer Geſellſchaft ein ſehr gellebter 345 Daher wird man aus den Reden eines Menſchen zwar ab⸗ nehmen koͤnnen, fuͤr was er will gehalten ſeyn, aber das, was er wirklich iſt, muß man aus dem mimiſchen Vortrag ſeiner Worte und aus ſeinen Gebaͤrden, alſo aus Be⸗ wegungen, die er nicht will, zu errathen ſuchen. Erfaͤhrt man aber, daß ein Menſch auch ſeine Geſichtszuͤge wollen kann, ſo traut man ſeinem Geſicht, von dem Augenblick dieſer Entdeckung an, nicht mehr, und laͤßt jene auch nicht mehr fuͤr einen Ausdruck ſeiner Geſinnungen gelten. Nun mag zwar ein Menſch durch Kunſt und Studium es zuletzt wirklich dahin bringen, daß er auch die begleitenden Bewegungen ſeinem Willen unterwirft, und gleich einem ge⸗ ſchickten Taſchenſpieler, welche Geſtalt er will, auf den mimi⸗ ſchen Spiegel ſeiner Seele fallen laſſen kann. Aber an einem ſolchen Menſchen iſt dann auch Alles Luͤge, und alle Natur wird von der Kunſt verſchlungen. Grazie hingegen muß jeder⸗ zeit Natur, d. i. unwillkuͤrlich ſeyn(wenigſtens ſo ſcheinen), und das Subject ſelbſt darf nie ſo ausſehen, als wenn es um ſeine Anmuth wuͤßte. Daraus erſieht man auch beilaͤufig, was man von der nach⸗ geahmten oder gelernten Anmuth(die ich die theatraliſche und die Tanzmeiſtergrazie nennen moͤchte) zu halten habe. Sie iſt ein wuͤrdiges Gegenſtuͤck zu derjenigen Schoͤnheit, die am Putztiſch aus Karmin und Bleiweiß, falſchen Locken, Freund oder ein ſehr verhaßter Feind unerwartet in die Augen fiele, ſo wuͤrde der unzweideutige Ausdruck ſeines Geſichts die Empfin⸗ dungen ſeines Herzens ſchnell und beſtimmt an den Tag legen, und das Urtheil der ganzen Geſellſchaft uͤber den gegenwaͤrtigen Empfindungszuſtand dieſes Menſchen wuͤrde wahrſcheinlich voͤllig einſtimmig ſeyn: denn der Ausdruck iſt hier mit ſeiner Urſache im Gemuͤth durch Naturnothwendigkeit verbunden. 346 fausses gorges und Wallfiſchrippen hervorgeht, und verhält ſich ungefaͤhr eben ſo zu der wahren Anmuth, wie die Toiletten⸗ Schoͤnheit ſich zu der architektoniſchen verhaͤlt.*) Auf *) Ich bin eben ſo weit entfernt, bei dieſer Zuſammenſtellung dem Tanzmeiſter ſein Verdienſt um die wahre Grazie, als dem Schau⸗ ſpieler ſeinen Anſpruch darauf abzuſtreiten. Der Tanzmeiſter kommt der wahren Anmuth unſtreitig zu Huͤlfe, indem er dem Willen die Herrſchaft uͤber ſeine Werkzeuge verſchafft, und die Hinderniſſe hin⸗ 3 wegraͤumt, welche die Maſſe und Schwerkraft dem Spiel der lebendigen Kraͤfte entgegenſetzen. Er kann dieß nicht anders als nach Regeln verrichten, welche den Koͤrper in einer heilſamen Zucht erhalten, und, ſo lange die Traͤgheit widerſtrebt, ſteif, d. i. zwingend ſeyn und auch ſo ausſehen duͤrfen. Entlaͤßt er aber den Lehrling aus ſeiner Schule, ſo muß die Regel bei dieſem ihren Dienſt ſchon geleiſtet haben, daß ſie ihn nicht in die Welt zu begleiten braucht: kurz, das Werk der Regel muß in Natur uͤbergehen. Die Geringſchaͤtzung, mit der ich von der theatraliſchen Grazie rede, gilt nur der nachgeahmten, und dieſe nehme ich keinen Annſtand, auf der Schaubuͤhne, wie im Leben zu verwerfen. Ich bekenne, daß mir der Schauſpieler nicht gefaͤllt, der ſeine Grazie, geſetzt, daß ihm die Nachahmung auch noch ſo ſehr gelungen ſey, an der Toilette ſtudirt hat. Die Forderungen, die wir an den Schau⸗ ſpieler machen, ſind: 4) Wahrheit der Darſtellung und 2) Schoͤn⸗ heit der Darſtellung. Nun behaupte ich, daß der Schauſpieler, was die Wahrheit der Darſtellung betrifft, Alles durch Kunſt und nichts durch Natur hervorbringen muͤſſe, weil er ſonſt gar nicht Kuͤnſtler iſt; und ich werde ihn bewundern, wenn ich hoͤre oder ſehe, daß er, der einen wuͤthenden Guelfo meiſterhaft ſpielte, ein Menſch von ſanftem Charakter iſt; auf der andern Seite hingegen behaupte ich, daß er, was die Anmuth der Dar⸗ ſtellung betrifft, der Kunſt gar nichts zu danken haben duͤrfe, und daß hier Alles an ihm freiwilliges Werk der Natur ſeyn muͤſſe. Wenn es mir bei der Wahrheit ſeines Spiels beifaͤllt, daß ihm dieſer Charakter nicht natuͤrlich iſt, ſo werde ich ihn nur um ſo hoͤher ſchaͤtzen; wenn es mir bei der Schoͤnheit ſeines Spiels beifaͤllt, daß ihm dieſe anmuthigen Bewegungen nicht natuͤrlich ſind, ſo werde ich 347 einen ungeuͤbten Sinn koͤnnen beide voͤllig denſelben Effect ma⸗ chen, wie das Original, das ſie nachahmen; und iſt die Kunſt groß, ſo kann ſie auch zuweilen den Kenner betruͤgen. Aber aus irgend einem Zuge blickt endlich doch der Zwang und die Abſicht hervor, und dann iſt Gleichguͤltigkeit, wo nicht gar Verachtung und Ekel, die unvermeidliche Folge. Sobald wir merken, daß die architektoniſche Schoͤnheit gemacht iſt, ſo ſehen wir gerade ſo viel von der Menſchheit(als Erſcheinung) verſchwunden, als aus einem fremden Naturgebiet zu der⸗ ſelben geſchlagen worden iſt— und wie ſollten wir, die wir nicht einmal Wegwerfung eines zufaͤlligen Vorzugs verzeihen, mit Vergnuͤgen, ja auch nur mit Gleichguͤltigkeit einen Tauſch betrachten, wobei ein Theil der Menſchheit fuͤr gemeine Na⸗ tur iſt hingegeben worden? Wie ſollten wir, wenn wir auch die Wirkung verzeihen koͤnnten, den Betrug nicht verachten? — Sobald wir merken, daß die Anmuth erkuͤnſtelt iſt, ſo ſchließt ſich ploͤtzlich unſer Herz, und zuruͤck flieht die ihr ent⸗ gegenwallende Seele. Aus Geiſt ſehen wir ploͤtzlich Materie geworden, und ein Wolkenbild aus einer himmliſchen Juno. Obgleich aber die Anmuth etwas Unwillkuͤrliches ſeyn oder ſcheinen muß, ſo ſuchen wir ſie doch nur bei Bewegungen, die, mich nicht enthalten koͤnnen, uͤber den Menſchen zu zuͤrnen, der hier den Kuͤnſtler zu Huͤlfe nehmen mußte. Die Urſache iſt⸗ weil das Weſen der Grazie mit ihrer Natuͤrlichkeit verſchwindet, und weil die Grazie doch eine Forderung iſt, die wir uns an den bloßen Menſchen zu machen berechtigt glauben. Was werde ich aber nun dem mimiſchen Künſtler antworten, der gern wiſſen moͤchte, wie er, da er ſie nicht erlernen darf, zu der Grazie kommen ſoll? Er ſoll, iſt meine Meinung, zuerſt dafuͤr ſorgen, daß die Menſchheit in ihm ſelbſt zur Zeitigung komme, und dann ſoll er hingehen und(wenn es ſonſt ſein Beruf iſy ſie auf der Schaubuͤhne repraͤſentiren. 348 mehr oder weniger, von dem Willen abhaͤngen. Man legt zwar auch einer gewiſſen Gebaͤrdenſprache Grazie bei, und ſpricht von einem anmuthigen Laͤcheln und einem reizenden Erroͤthen, welches doch beides ſympathetiſche Bewegungen ſind, woruͤber nicht der Wille, ſondern die Empfindung entſcheidet. Allein nicht zu rechnen, daß jenes doch in unſerer Gewalt iſt, und daß noch gezweifelt werden kann, ob dieſes auch eigentlich zur Anmuth gehoͤre, ſo ſind doch bei weitem die mehrern Faͤlle, in welchen ſich die Grazie offenbart, aus dem Gebiet der will⸗ kuͤrlichen Bewegungen. Man fordert Anmuth von der Rede und vom Geſang, von dem willkuͤrlichen Spiele der Augen und des Mundes, von den Bewegungen der Haͤnde und der Arme bei jedem freien Gebrauch derſelben, von dem Gange, von der Haltung des Koͤrpers und der Stellung, von dem ganzen Bezeigen eines Menſchen, inſofern es in ſeiner Gewalt iſt. Von denjenigen Bewegungen am Menſchen, die der Na⸗ turtrieb oder ein herrgewordener Affect auf ſeine eigene Hand ausfuͤhrt, und die alſo auch ihrem Urſprung nach ſinnlich ſind, verlangen wir etwas ganz Anderes als Anmuth, wie ſich nachher entdecken wird. Dergleichen Bewegungen gehoͤren der Natur und nicht der Perſon an, aus der doch allein alle Grazie quellen muß. Wenn alſo die Anmuth eine Eigenſchaft iſt, die wir von willkuͤrlichen Bewegungen fordern, und wenn auf der andern Seite von der Anmuth ſelbſt doch alles Willkuͤrliche verbannt ſeyn muß, ſo werden wir ſie in demjenigen, was bei abſicht⸗ lichen Bewegungen unabſichtlich, zugleich aber einer moraliſchen Urſache im Gemuͤth entſprechend iſt, aufzuſuchen haben. Dadurch wird uͤbrigens bloß die Gattung von Bewegungen bezeichnet, unter welcher man die Grazie zu ſuchen hat; aber eine Bewegung kann alle dieſe Eigenſchaften haben, ohne deß⸗ 349 wegen anmuthig zu ſeyn. Sie iſt dadurch bloß ſprechend (mimiſch). Sprechend(im weiteſten Sinne) nenne ich jede Erſcheinung am Koͤrper, die einen Gemuthszuſtand begleitet und ausdruͤckt. In dieſer Bedeutung ſind alſo alle ſympathetiſchen Bewegungen ſprechend, ſelbſt diejenigen, welche bloßen Affectionen der Sinn⸗ lichkeit zur Begleitung dienen. Auch thieriſche Bildungen ſprechen, indem ihr Aeußeres das Innere offenbart. Hier aber ſpricht bloß die Natur, nie die Freiheit. In der permanenten Geſtalt und in den feſten architektoniſchen Zuͤgen des Thieres kuͤndigt die Natur ihren Zweck, in den mimiſchen Zuͤgen das erwachte oder ge⸗ ſtilte Beduͤrfniß an. Der Ring der Nothwendigkeit geht durch das Thier wie durch die Pflanze, ohne durch eine Perſon unterbrochen zu werden. Die Individuaglitaͤt ſeines Daſeyns iſt nur die beſondere Vorſtellung eines allgemeinen Natur⸗ begriffs; die Eigenthuͤmlichkeit ſeines gegenwaͤrtigen Zuſtandes bloß Beiſpiel einer Ausfuͤhrung des Naturzwecks unter be⸗ ſtimmten Naturbedingungen. Sprechend im engern Sinn iſt nur die menſchliche Bil⸗ dung, und dieſe auch nur in denjenigen ihrer Erſcheinungen, die ſeinen moraliſchen Empfindungszuſtand begleiten und dem⸗ ſelben zum Ausdruck dienen. Nur in dieſen Erſcheinungen: denn in allen andern ſteht der Menſch in gleicher Reihe mit den uͤbrigen Sinnenweſen. In ſeiner permanenten Geſtalt und in ſeinen architektoniſchen Zuͤgen legt bloß die Natur⸗ wie beim Thier und allen organi⸗ ſchen Weſen, ihre Abſicht vor. Die Abſicht der Natur mit ihm kann zwar viel weiter gehen, als bei dieſen, und die Ver⸗ bindung der Mittel zur Erreichung derſelben kunſtreicher und 350 verwickelter ſeyn; dieß Alles kommt bloß auf Rechnung der Natur, und kann ihm ſelbſt zu keinem Vorzug gereichen. Bei dem Thiere und der Pflanze gibt die Natur nicht bloß die Beſtimmung an, ſondern fuͤhrt ſie auch allein aus. Dem Menſchen aber gibt ſie bloß die Beſtimmung, und uͤber⸗ laͤßt ihm ſelbſt die Erfuͤllung derſelben. Dieß allein macht ihn zum Menſchen. Der Menſch allein hat als Perſon unter allen bekannten Weſen das Vorrecht, in den Ring der Nothwendigkeit, der fuͤr bloße Naturweſen unzerreißbar iſt, durch ſeinen Willen zu greifen und eine ganz friſche Reihe von Erſcheinungen in ſich ſelbſt anzufangen. Der Act, durch den er dieſes wirkt, heißt vorzugsweiſe eine Handlung, und diejenigen ſeiner Verrich⸗ tungen, die aus einer ſolchen Handlung herfließen, aus⸗ ſchließungsweiſe ſeine Thaten. Er kann alſo, daß er eine Perſon iſt, bloß durch ſeine Thaten beweiſen. Die Bildung des Thiers druͤckt nicht nur den Begriff ſeiner Beſtimmung, ſondern auch das Verhaͤltniß ſeines gegen⸗ waͤrtigen Zuſtandes zu dieſer Beſtimmung aus. Da nun bei dem Thiere die Natur die Beſtimmung zugleich gibt und er⸗ fuͤllt, ſo kann die Bildung des Thiers nie etwas Anderes als das Werk der Natur ausdruͤcken. Da die Natur dem Menſchen zwar die Beſtimmung gibt, aber die Erfuͤllung derſelben in ſeinen Willen ſtellt, ſo kann das gegenwaͤrtige Verhaͤltniß ſeines Zuſtandes zu ſeiner Beſtimmung nicht Werk der Natur, ſondern muß ſein eigenes Werk ſeyn. Der Ausdruck dieſes Verhaͤltniſſes in ſeiner Bil⸗ dung gehoͤrt alſo nicht der Natur, ſondern ihm ſelbſt an, das iſt, es iſt ein perſoͤnlicher Ausdruck. Wenn wir alſo aus dem architektoniſchen Theil ſeiner Bildung erfahren, was die Natur mit ihm beabſichtet hat, ſo erfahren wir aus dem mimiſchen 351 Theil derſelben, was er ſelbſt zur Erfuͤllung dieſer Abſicht gethan hat. Bei der Geſtalt des Menſchen begnuͤgen wir uns alſo nicht damit, daß ſie uns bloß den allgemeinen Begriff der Menſchheit, oder was etwa die Natur zu Erfuͤllung desſelben an dieſem Individuum wirkte, vor Augen ſtelle, denn das wuͤrde er mit jeder techniſchen Bildung gemein haben. Wir erwarten noch von ſeiner Geſtalt, daß ſie uns ſogleich offenbare, in wie weit er in ſeiner Freiheit dem Naturzweck entgegen kam, d. i. daß ſie Charakter zeige. In dem erſten Fall ſieht man wohl, daß die Natur es mit ihm auf einen Menſchen anlegte; aber nur aus dem zweiten ergibt ſich, ob er es w irklich geworden iſt. Die Bildung eines Menſchen iſt alſo nur in ſo weit ſeine Bildung, als ſie mimiſch iſt; aber auch ſo weitſie mimiſch iſt, iſt ſie ſein. Denn, wenn gleich der groͤßere Theil dieſer mimiſchen Zuͤge, ja, wenn gleich alle bloßer Ausdruck der Sinnlichkeit waͤren, und ihm alſo ſchon als bloßem Thiere zu⸗ kommen koͤnnten, ſo war er beſtimmt und faͤhig, die Sinnlichkeit durch ſeine Freiheit einzuſchraͤnken. Die Gegenwart ſolcher Zuͤge beweist alſo den Nichtgebrauch jener Faͤhigkeit, und die Nichterfuͤllung jener Beſtimmung iſt alſo eben ſo gewiß mora⸗ liſch ſprechend, als die Unterlaſſung einer Handlung, welche die Pflicht gebietet, eine Handlung iſt. Von den ſprechenden Zuͤgen, die immer ein Ausdruck der Seele ſind, muß man die ſtummen Zuͤge unterſcheiden, die bloß die plaſtiſche Natur, inſofern ſie von jedem Einfluß der Seele unabhaͤngig wirkt, in die menſchliche Bildung zeichnet. Ich nenne dieſe Zuͤge ſtumm, weil ſie als unverſtaͤndliche Chiffern der Natur von dem Charakter ſchweigen. Sie zeigen bloß die Eigenthuͤmlichkeit der Natur im Vortrag der Gattung und reichen oft fuͤr ſich allein ſchon hin, das Individuum zu 3⁵² unterſcheiden, aber von der Perſon koͤnnen ſie nie etwas offen⸗ baren. Fuͤr den Phyſiognomen ſind dieſe ſtummen Zuͤge keines⸗ wegs bedeutungsleer, weil der Phyſiognom nicht bloß wiſſen will, was der Menſch ſelbſt aus ſich gemacht, ſondern auch, was die Natur fuͤr und gegen ihn gethan hat. Es iſt nicht ſo leicht, die Graͤnzen anzugeben, wo die ſtum⸗ men Zuͤge aufhoͤren und die ſprechenden beginnen. Die gleich⸗ foͤrmig wirkende Bildungskraft und der geſetzloſe Affect ſtreiten unaufhoͤrlich um ihr Gebiet; und was die Natur mit uner⸗ muͤdeter ſtiller Thaͤtigkeit erbaute, wird oft wieder umgeriſſen von der Freiheit, die gleich einem aufſchwellenden Strome uͤber ihre Ufer tritt. Ein reger Geiſt verſchafft ſich auf alle koͤr⸗ perlichen Bewegungen Einfluß, und kommt zuletzt mittelbar da⸗ hin, auch ſelbſt die feſten Formen der Natur, die dem Willen unerreichbar ſind, durch die Macht des ſympathetiſchen Spiels zu veraͤndern. An einem ſolchen Menſchen wird endlich Alles Charakterzug, wie wir an manchen Koͤpfen finden, die ein langes Leben, außerordentliche Schickſale und ein thaͤtiger Geiſt voͤllig durchgearbeitet haben. Der plaſtiſchen Natur gehoͤrt an ſolchen Formen nur das Generiſche, die ganze Indivi⸗ dualitaͤt der Ausfuͤhrung aber der Perſon an; daher ſagt man ſehr richtig, daß an einer ſolchen Geſtalt Alles Seele ſey. Dagegen zeigen uns jene zugeſtutzten Zoͤglinge der Regel (die zwar die Sinnlichkeit zur Ruhe bringen, aber die Menſch⸗ heit nicht wecken kann) in ihrer flachen und ausdrucksloſen Bildung uͤberall nichts, als den Finger der Natur. Die ge⸗ ſchaͤftloſe Seele iſt ein beſcheidener Gaſt in ihrem Koͤrper und ein friedlicher ſtiller Nachbar der ſich ſelbſt uͤberlaſſenen Bil⸗ dungskraft. Kein anſtrengender Gedanke, keine Leidenſchaft greift in den ruhigen Tact des phyſiſchen Lebens; nie wird der Bau durch das Spiel in Gefahr geſetzt, nie die Vegetation 353 durch die Freiheit beunruhigt. Da die tiefe Ruhe des Geiſtes keine betraͤchtliche Conſumtion der Kraͤfte verurſacht, ſo wird die Ausgabe nie die Einnahme uͤberſteigen, vielmehr die thie⸗ riſche Oekonomie immer Ueberſchuß haben. Fuͤr den ſchmalen Gehalt von Gluͤckſeligkeit, den ſie ihm auswirft, macht der Geiſt den puͤnktlichen Hausverwalter der Natur, und ſein ganzer Ruhm iſt, ihr Buch in Ordnung zu halten. Geleiſtet wird alſo werden, was die Organiſation immer leiſten kann, und floriren wird das Geſchaͤft der Ernaͤhrung und Zeugung. Ein ſo gluͤck⸗ liches Einverſtaͤndniß zwiſchen der Naturnothwendigkeit und der Freiheit kann der architektoniſchen Schoͤnheit nicht anders als guͤnſtig ſeyn, und hier iſt es auch, wo ſie in ihrer ganzen Rein⸗ heit kann beobachtet werden. Aber die allgemeinen Naturkraͤfte fuͤhren, wie man weiß, einen ewigen Krieg mit den beſondern, oder den organiſchen, und die kunſtreichſte Technik wird endlich von der Cohaͤſion und Schwerkraft bezwungen. Daher hat auch die Schoͤnheit des Baues, als bloßes Natur⸗ product, ihre beſtimmten Perioden der Bluͤthe, der Reife und des Verfalles, die das Spiel zwar beſchleunigen, aber niemals verzoͤgern kann; und ihr gewoͤhnliches Ende iſt⸗ daß die Maſſe allmaͤhlich uͤber die Form Meiſter wird, und der lebendige Bil⸗ dungstrieb in dem aufgeſpeicherten Stoff ſich ſein eigenes Grab bereitet.*) *) Daher man auch mehrentheils finden wird, daß ſolche Schoͤnheiten des Baues ſich ſchon im mittlern Alter durch Obeſitaͤt ſehr merklich vergroͤbern, daß anſtatt jener kaum angedeuteten zarten Lineamente der Haut, ſich Gruben einſenken und wurſifoͤrmige Falten aufwer⸗ fen, daß das Gewicht unvermerkt auf die Form Einfluß bekommt, und das reizende mannichfache Spiel ſchoͤner Linien auf der Ober⸗ flaͤche ſich in einem gleichfoͤrmig ſchwellenden Polſter von Fette ver⸗ liert. Die Natur nimmt wieder, was ſie gegeben hat. Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 23 354 Ob indeſſen gleich kein einzelner ſtummer Zug Ausdruck des Geiſtes iſt, ſo iſt eine ſolche ſtumme Bildung doch im Ich bemerke beilaͤufig, daß etwas Aehnliches zuweilen mit dem Genie vorgeht, welches uͤberhaupt in ſeinem Urſprunge, wie in ſei⸗ nen Wirkungen, mit der architektoniſchen Schoͤnheit Vieles gemein hat. Wie dieſe, ſo iſt auch jenes ein bloßes Naturerzeugniß; und nach der verkehrten Denkart der Menſchen, die, was nach keiner Vorſchrift nachzuahmen und durch kein Verdienſt zu erringen iſt, ge⸗ rade am hoͤchſten ſchaͤtzen, wird die Schoͤnheit mehr als der Reiz, das Genie mehr als erworbene Kraft des Geiſtes bewundert. Beide Guͤnſtlinge der Natur werden bei allen ihren Unarten(wo⸗ durch ſie nicht ſelten ein Gegenſtand verdienter Verachtung ſind) als ein gewiſſer Geburtsadel, als eine hoͤhere Kaſte betrachtet, weil ihre Vorzuͤge von Naturbedingungen abhaͤngig ſind, und daher uͤber alle Wahl hinaus liegen. Aber wie es der architektoniſchen Schoͤnheit ergeht, wenn ſie nicht zeitig dafuͤr Sorge traͤgt, ſich an der Grazie eine Stuͤtze und eine Stellvertreterin heranzuziehen, eben ſo ergeht es auch dem Genie, wenn es ſich durch Grundſaͤtze, Geſchmack und Wiſſenſchaft zu ſtaͤrken verabſaͤumt. War ſeine ganze Ausſtattung eine lebhafte und bluͤ⸗ hende Einbild ungskraft(und die Natur kann nicht wohl andere als ſinnliche Vorzuͤge ertheilen), ſo mag es bei Zeiten darauf denken, ſich dieſes zweideutigen Geſchenks durch den einzigen Gebrauch zu ver⸗ ſichern, wodurch Naturgaben Beſitzungen des Geiſtes werden koͤn⸗ nen: dadurch, meine ich, daß es der Materie Form ertheilt; denn der Geiſt kann nichts, als was Form iſt, ſein eigen nennen. Durch keine verhaͤltnißmaͤßige Kraft der Vernunft beherrſcht, wird die wild aufgeſchoſſene, uͤppige Naturkraft uͤber die Freiheit des Ver⸗ ſtandes hinauswachſen, und ſie eben ſo erſticken, wie bei der archi⸗ tektoniſchen Schoͤnheit die Maſſe endlich die Form unterdruͤckt. Die Erfahrung, denke ich, liefert hievon reichlich Belege, be⸗ ſonders an denjenigen Dichtergenien, die fruͤher beruͤhmt werden, als ſie muͤndig ſind, und wo, wie bei mancher Schoͤnheit, das ganze Talent oft die Jugend iſt. Iſt aber der kurze Fruͤhling vorbei, und fragt man nach den Fruͤchten, die er hoffen ließ, ſo ſind es ſchwammige und oft verkruͤppelte Geburten, die ein miß⸗ 355 Ganzen charakteriſtiſch; und zwar aus eben dem Grunde, warum eine ſinnlich ſprechende es iſt. Der Geiſt naͤmlich ſoll thaͤtig ſeyn und ſoll moraliſch empfinden, und alſo zeugt es von ſeiner Schuld, wenn ſeine Bildung davon keine Spuren aufweist. Wenn uns alſo gleich der reine und ſchoͤne Ausdruck ſeiner Beſtimmung in der Architektur ſeiner Geſtalt mit Wohl⸗ gefallen und mit Ehrfurcht gegen die hoͤchſte Vernunft, als ihre urſache, erfuͤllt, ſo werden beide Empfindungen nur ſo lange un⸗ gemiſcht bleiben, als er uns bloße Naturerzeugung iſt. Den⸗ ken wir ihn uns aber als moraliſche Perſon, ſo ſind wir berech⸗ tigt, einen Ausdruck derſelben in ſeiner Geſtalt zu erwarten, und ſchlaͤgt dieſe Erwartung fehl, ſo wird Verachtung unaus⸗ bleiblich erfolgen. Bloß organiſche Weſen ſind uns ehrwuͤrdig als Geſchoͤpfe; der Menſch aber kann es uns nur als Schoͤpfer(d. i. als Selbſturheber ſeines Zuſtandes) ſeyn. Er ſoll nicht bloß, wie die uͤbrigen Sinnenweſen, die Strahlen fremder Vernunft zuruͤckwerfen, wenn es gleich die goͤttliche waͤre, ſondern er ſoll, gleich einem Sonnenkoͤrper, von ſeinem eigenen Lichte glaͤnzen. Eine ſprechende Bildung wird alſo von dem Menſchen ge⸗ fordert, ſobald man ſich ſeiner ſittlichen Beſtimmung bewußt geleiteter blinder Bildungstrieb erzeugte. Gerade da, wo man erwarten kann, daß der Stoff ſich zur Form veredelt und der bil⸗ dende Geiſt in der Anſchauung Ideen niedergelegt habe, ſind ſie, wie jedes andere Naturproduct, der Materie anheim gefallen, und die vielverſprechenden Meteore erſcheinen als ganz gewoͤhnliche Lichter— wo nicht gar als noch etwas weniger. Denn die poe⸗ tiſirende Einbildungskraft ſinkt zuweilen auch ganz zu dem Stoff zuxuͤck, aus dem ſie ſich losgewickelt hatte, und verſchmoͤht es nicht, der Natur bei einem andern ſolidern Bildungswerk zu die⸗ nen, wenn es ihr mit der poetiſchen Zeugung nicht recht mehr ge⸗ lingen will. 356 vird; aber es muß zugleich eine Bildung ſeyn, die zu ſeinem Vortheil ſpricht, d. i. die eine ſeiner Beſtimmung gemaͤße Em⸗ pfindungsart, eine moraliſche Fertigkeit ausdruͤckt. Dieſe An⸗ forderung macht die Vernunft an die Menſchenbildung. Der Menſch iſt aber als Erſcheinung zugleich Gegenſtand des Sinnes. Wo das moraliſche Gefuͤhl Befriedigung fin⸗ det, da will das aͤſthetiſche nicht verkuͤrzt ſeyn, und die Uebereinſtimmung mit einer Idee darf in der Erſcheinung kein Opfer koſten. So ſtreng alſo auch immer die Vernunft einen Ausdruck der Sittlichkeit fordert, ſo unnachlaͤßlich fordert das Auge Schoͤnheit. Da dieſe beiden Forderungen an dasſelbe Ob⸗ ject, obgleich von verſchiedenen Inſtanzen der Beurtheilung, er⸗ gehen, ſo muß auch durch eine und dieſelbe Urſache fuͤr beider Befriedigung geſorgt ſeyn. Diejenige Gemuͤthsverfaſſung des Men⸗ ſchen, wodurch er am faͤhigſten wird, ſeine Beſtimmung als mo⸗ raliſche Perſon zu erfuͤllen, muß einen ſolchen Ausdruck geſtat⸗ ten, der ihm auch, als bloßer Erſcheinung, am vortheilhafteſten iſt. Mit andern Worten: ſeine ſittliche Fertigkeit muß ſich durch Grazie offenbaren. Hier iſt es nun, wo die große Schwierigkeit eintritt. Schon aus dem Begriff moraliſch ſprechender Bewegungen ergibt ſich, daß ſie eine moraliſche Urſache haben muͤſſen, die uͤber die Sinnen⸗ welt hinaus liegt; eben ſo ergibt ſich aus dem Begriffe der Schoͤnheit, daß ſie keine andern als ſinnliche Urſachen habe, und ein voͤllig freier Natureffect ſeyn oder doch ſo erſcheinen muͤſſe. Wenn aber der letzte Grund moraliſch ſprechender Be⸗ wegungen nothwendig außerhalb, der letzte Grund der Schoͤnheit eben ſo nothwendig innerhalb der Sinnenwelt liegt, ſo ſcheint die Grazie, welche Beides verbinden ſoll, einen affenbaren Widerſpruch zu enthalten. Um ihn zu heben, wird man alſo annehmen muͤſſen,„daß 357 die moraliſche Urſache im Gemuͤthe, die der Grazie zum Grunde liegt, in der von ihr abhaͤngenden Sinnlichkeit gerade denjeni⸗ gen Zuſtand nothwendig hervorbringe, der die Naturbediu⸗ gungen des Schoͤnen in ſich enthaͤlt.“ Das Schoͤne ſetzt naͤmlich, wie ſich von allem Sinnlichen verſteht, gewiſſe Bediu⸗ gungen, und, inſofern es das Schoͤne iſt, auch bloß ſinnliche Bedingungen voraus. Daß nun der Geiſt(nach einem Geſetz, das wir nicht ergruͤnden koͤnnen) durch den Zuſtand, worin er ſich ſelbſt befindet, der ihn begleitenden Natur den ihrigen vor⸗ ſchreibt, und daß der Zuſtand moraliſcher Fertigkeit in ihm ge⸗ rade derjenige iſt, durch den die ſinnlichen Bedingungen des Schoͤnen in Erfuͤllung gebracht werden, dadurch macht er das Schoͤne moͤglich, und das allein iſt ſeine Handlung. Daß aber wirklich Schoͤnheit daraus wird, das iſt Folge jener ſinn⸗ lichen Bedingungen, alſo freie Naturwirkung. Weil aber die Natur bei willkürlichen Bewegungen, wo ſie als Mittel behandelt wird, um einen Zweck auszufuͤhren, nicht wirklich frei heißen kann, und weil ſie bei den unwillkuͤrlichen Bewe⸗ gungen, die das Moraliſche ausdruͤcken, wiederum nicht frei heißen kann, ſo iſt die Freiheit, mit der ſie ſich in ihrer Ab⸗ haͤngigkeit von dem Willen deſſen ungeachtet außert, eine Zu⸗ laſſung von Seiten des Geiſtes. Man kann alſo ſagen daß die Grazie eine Gunſt ſey, die das Sittliche dem Sinnlichen erzeigt, ſo wie die architektoniſche Schoͤnheit als die Einwil⸗ ligung der Natur zu ihrer techniſchen Form kann betrachtet werden. 5 Man erlaube mir dieß durch eine bildliche Vorſtellung zu er⸗ laͤutern. Wenn ein monarchiſcher Staat auf eine ſolche Art ver⸗ waltet wird, daß, obgleich Alles nach eines Einzigen Willen geht⸗ der einzelne Buͤrger ſich doch uͤberreden kann, daß er nach ſel⸗ nem eigenen Sinne lebe und bloß ſeiner Neigung gehorche,& 358 nennt man dieß eine liberale Regierung. Man wuͤrde aber großes Bedenken tragen, ihr dieſen Namen zu geben, wenn entweder der Regent ſeinen Willen gegen die Neigung des Buͤrgers, oder der Buͤrger ſeine Neigung gegen den Willen des Regenten behauptete; denn in dem erſten Fall waͤre die Re⸗ gierung nicht liberal, in dem zweiten waͤre ſie gar nicht Regierung. Es iſt nicht ſchwer, die Anwendung davon auf die menſch⸗ liche Bildung unter dem Regiment des Geiſtes zu machen. Wenn ſich der Geiſt in der von ihm abhaͤngenden ſinnlichen Natur auf eine ſolche Art aͤußert, daß ſie ſeinen Willen aufs treueſte ausrichtet, und ſeine Empfindungen auf das ſpre⸗ chendſte ausdruͤckt, ohne doch gegen die Anforderungen zu ver⸗ ſtoßen, welche der Sinn an ſie als an Erſcheinungen macht, ſo wird dasjenige entſtehen, was man Anmuth nennt. Man wuͤrde aber gleich weit entfernt ſeyn, es Anmuth zu nennen, wenn entweder der Geiſt ſich in der Sinnlichkeit durch Zwang offen⸗ barte, oder wenn dem freien Effect der Sinnlichkeit der Aus⸗ druck des Geiſtes fehlte. Denn in dem erſten Fall waͤre keine Schoͤnheit vorhanden, in dem zweiten waͤre es keine Schoͤn⸗ heit des Spiels. Es iſt alſo immer nur der uͤberſinnliche Grund im Ge⸗ muͤthe, der die Grazie ſprechend, und immer nur ein bloß ſinn⸗ licher Grund in der Natur, der ſie ſchoͤn macht. Es laͤßt ſich eben ſo wenig ſagen, daß der Geiſt die Schoͤnheit erzeuge, als man, im angefuͤhrten Fall, von dem Herrſcher ſagen kann, daß er Freiheit hervorbringe; denn Freiheit kann man einem zwar laſſen, aber nicht geben. So wie aber doch der Grund, warum ein Volk unter dem Zwang eines fremden Willens ſich frei fuͤhlt, größtentheils in der Geſinnung des Herrſchers liegt, und eine entgegengeſetzte 359 Denkart des letztern jener Freiheit nicht ſehr guͤnſtig ſeyn wuͤrde; eben ſo muͤſſen wir auch die Schoͤnheit der freien Be⸗ wegungen in der ſittlichen Beſchaffenheit des ſie dictirenden Geiſtes aufſuchen. und nun entſteht die Frage, was dieß wohl fuͤr eine perſoͤnliche Beſchaffenheit ſeyn mag, die den ſinnlichen Werkzeugen des Willens die groͤßere Freiheit ver⸗ ſtattet, und was fuͤr moraliſche Empfindungen ſich am beſten mit der Schoͤnheit im Ausdruck vertragen? So viel leuchtet ein, daß ſich weder der Wille bei der abſicht⸗ lichen, noch der Affect bei der ſympathetiſchen Bewegung gegen die von ihm abhaͤngende Natur als eine Gewalt verhalten duͤrfe, wenn ſie ihm mit Schoͤnheit gehorchen ſoll. Schon das allgemeine Gefuͤhl der Menſchen macht die Le ichtigkeit zum Hauptcharakter der Grazie, und was angeſtrengt wird, kann niemals Leichtigkeit zeigen. Eben ſo leuchtet ein, daß auf der andern Seite die Natur ſich gegen den Geiſt nicht als Gewalt verhalten duͤrfe, wenn ein ſchoͤn moraliſcher Ausdruck ſtatt haben ſoll; denn wo die bloße Natur herrſcht, da muß die Menſchheit verſchwinden. Es laſſen ſich in Allem dreierlei Verhaͤltniſſe denken, in welchen der Menſch zu ſich ſelbſt, d. i. ſein ſinnlicher Theil zu ſeinem vernuͤnftigen, ſtehen kann. Unter dieſen haben wir das⸗ jenige aufzuſuchen, welches ihn in der Erſcheinung am beſten kleidet und deſſen Darſtellung Schoͤnheit iſt⸗ Der Menſch unterdruͤckt entweder die Forderungen ſeiner ſinnlichen Natur, um ſich den hoͤhern Forderungen ſeiner ver⸗ nuͤnftigen gemaͤß zu verhalten; oder er kehrt es um und ordnet den vernuͤnftigen Theil ſeines Weſens dem ſinnlichen unter, und folgt alſo bloß dem Stoße, womit ihn die Naturnothwen⸗ digkeit gleich den andern Erſcheinungen forttreibt; oder die 360 Triebe des letztern ſetzen ſich mit den Geſetzen des erſtern in Harmonie, und der Menſch iſt einig mit ſich ſelbſt. Wenn ſich der Menſch ſeiner reinen Selbſtſtaͤndigkeit be⸗ wußt wird, ſo ſtoͤßt er Alles von ſich, was ſinnlich iſt, und nur durch dieſe Abſonderung von dem Stoffe gelangt er zum Gefuͤhl ſeiner rationalen Freiheit. Dazu aber wird, weil die Sinnlichkeit hartnaͤckig und kraftvoll widerſteht, von ſeiner Seite eine merkliche Gewalt und große Anſtrengung erfordert, ohne welche es ihm unmoͤglich waͤre, die Begierde von ſich zu halten und den nachdruͤcklich ſprechenden Inſtinct zum Schweigen zu bringen. Der ſo geſtimmte Geiſt laͤßt ſich die von ihm ab⸗ haͤngende Natur, ſowohl da, wo ſie im Dienſt ſeines Willens handelt, als da, wo ſie ſeinem Willen vorgreifen will, erfahren, daß er ihr Herr iſt. Unter ſeiner ſtrengen Zucht wird alſo die Sinnlichkeit unterdruͤckt erſcheinen, und der innere Wider⸗ ſtand wird ſich von außen durch Zwang verrathen. Eine ſolche Verfaſſung des Gemuͤths kann alſo der Schoͤnheit nicht guͤnſtig ſeyn, welche die Natur nicht anders als in ihrer Freiheit her⸗ vorbringt, und es wird daher auch nicht Grazie ſeyn koͤnnen, wodurch die mit dem Stoffe kaͤmpfende moraliſche Freiheit ſich kenntlich macht. Wenn hingegen der Menſch, unterjocht vom Beduͤrfniß, den Naturtrieb ungebunden uͤber ſich herrſchen laͤßt, ſo ver⸗ ſchwindet mit ſeiner innern Selbſtſtaͤndigkeit auch jede Spur derſelben in ſeiner Geſtalt. Nur die Thierheit redet aus dem ſchwimmenden, erſterbenden Auge, aus dem luͤſtern geoͤffneten Munde, aus der erſtickten bebenden Stimme, aus dem kurzen geſchwinden Athem, aus dem Zittern der Glieder, aus dem ganzen erſchlaffenden Bau. Nachgelaſſen hat aller Widerſtand der moraliſchen Kraft, und die Natur in ihm iſt in volle Frei⸗ 361 heit geſetzt. Aber eben dieſer gaͤnzliche Nachlaß der Selbſt⸗ thaͤtigkeit, der im Moment des ſinnlichen Verlangens, und noch mehr im Genuß zu erfolgen pflegt, ſetzt augenblicklich die rohe Materie in Freiheit, die durch das Gleichgewicht der thaͤtigen und leidenden Kraͤfte bisher gebunden war. Die todten Naturkraͤfte fangen an, uͤber die lebendigen der Organiſation die Oberhand zu bekommen, die Form von der Maſſe, die Menſchheit von gemeiner Natur unterdruͤckt zu werden. Das ſeeleſtrahlende Auge wird matt, oder quillt auch glaͤſern und ſtier aus ſeiner Hoͤhlung hervor, der feine Incarnat der Wangen verdickt ſich zu einer groben und gleichfoͤrmigen Tuͤncherfarbe, der Mund wird zur bloßen Oeffnung, denn ſeine Form iſt nicht mehr Folge der wirkenden, ſondern der nach⸗ laſſenden Kraͤfte, die Stimme und der ſeufzende Athem ſind nichts als Hauche, wodurch die beſchwerte Bruſt ſich erleichtern will, und die nun bloß ein mechaniſches Beduͤrfniß, keine Seele verrathen. Mit einem Worte: bei der Freiheit, welche die Sinnlichkeit ſich ſelbſt nimmt, iſt an keine Schoͤnheit zu denken. Die Freiheit der Formen, die der ſittliche Wille bloß eingeſchraͤnkt hatte, uͤberwaͤltigt der grobe Stoff, wel⸗ cher ſtets ſo viel Feld gewinnt, als dem Willen entriſſen wird. Ein Menſch in dieſem Zuſtand empoͤrt nicht bloß den moraliſchen Sinn, der den Ausdruck der Menſchheit un⸗ nachlaͤßlich fordert; auch der aͤſthetiſche Sinn, der ſich nicht mit dem bloßen Stoffe befriedigt, ſondern in der Form ein freies Vergnuͤgen ſucht, wird ſich mit Ekel von einem ſolchen Anblick abwenden, bei welchem nur die Begierde ihre Rech⸗ nung finden kann. Das erſte dieſer Verhaͤltniſſe zwiſchen beiden Naturen im Menſchen erinnert an eine Monarchie, wo die ſtrenge Auf⸗ ſicht des Herrſchers jede freie Regung im Zaum haͤlt; das 36² zweite an eine wilde Ochlokratie, wo der Buͤrger durch Aufkuͤndigung des Gehorſams gegen den rechtmaͤßigen Ober⸗ herrn ſo wenig frei, als die menſchliche Bildung durch unter⸗ druͤckung der moraliſchen Selbſtthaͤtigkeit ſchoͤn wird, vielmehr nur dem brutalern Deſpotismus der unterſten Claſſen, wie hier die Form der Maſſe, anheimfaͤllt. So wie die Frei⸗ heit zwiſchen dem geſetzlichen Druck und der Anarchie mitten inne liegt, ſo werden wir jetzt auch die Schoͤnheit zwiſchen der Wuͤrde, als dem Ausdruck des herrſchenden Geiſtes, und der Wolluſt, als dem Ausdruck des herrſchenden Trie⸗ bes, in der Mitte finden. Wenn naͤmlich weder die uͤber die Sinnlichkeit herr⸗ ſchende Vernunft, noch die uͤber die Vernunft herrſchende Sinnlichkeit ſich mit Schoͤnheit des Aus⸗ drucks vertragen, ſo wird(denn es gibt keinen vierten Fall), ſo wird derjenige Zuſtand des Gemuths, wo Vernunft und Sinnlichkeit— Pflicht und Neigung zuſammen⸗ ſtimmen, die Bedingung ſeyn, unter der die Schoͤnheit des Spiels erfolgt. Um ein Object der Neigung werden zu koͤnnen, muß der Gehorſam gegen die Vernunft einen Grund des Vergnuͤgens abgeben, denn nur durch Luſt und Schmerz wird der Trieb in Bewegung geſetzt. In der gewoͤhnlichen Erfahrung iſt es zwar umgekehrt, und das Vergnuͤgen iſt der Grund, warum man vernuͤnftig handelt. Daß die Moral ſelbſt endlich auf⸗ gehoͤrt hat, dieſe Sprache zu reden, hat man dem unſterblichen Verfaſſer der Kritik zu verdanken, dem der Ruhm gebuͤhrt, die geſunde Vernunft aus der philoſophirenden wieder her⸗ geſtellt zu haben. Aber ſo wie die Grundſaͤtze dieſes Weltweiſen von ihm ſelbſt und auch von Andern pflegen vorgeſtellt zu werden, ſo iſt die 363 Neigung eine ſehr zweideutige Gefaͤhrtin des Sittengefuͤhls, und das Vergnuͤgen eine bedenkliche Zugabe zu moraliſchen Beſtim⸗ mungen. Wenn der Gluͤckſeligkeitstrieb auch keine blinde Herr⸗ ſchaft uͤber den Menſchen behauptet, ſo wird er doch bei dem ſittlichen Wahlgeſchaͤfte gern mitſprechen wollen, und ſo der Reinheit des Willens ſchaden, der immer nur dem Geſetze und nie dem Triebe folgen ſoll. Um alſo voͤllig ſicher zu ſeyn, daß die Neigung nicht mit beſtimmte, ſieht man ſie lieber im Krieg, als im Einverſtaͤndniß mit dem Vernunftgeſetze, weil es gar zu leicht ſeyn kann, daß ihre Fuͤrſprache allein ihm ſeine Macht uͤber den Willen verſchaffte. Denn da es beim Sittlichhandeln nicht auf die Geſetzmaͤßigkeit der Thaten, ſondern einzig nur auf die Pflichtmaͤßigkeit der Geſin⸗ nungen ankommt, ſo legt man mit Recht keinen Werth auf die Betrachtung, daß es fuͤr die erſte gewoͤhnlich vortheilhafter ſey⸗ wenn ſich die Neigung auf Seiten der Pflicht befindet. So viel ſcheint alſo wohl gewiß zu ſeyn, daß der Beifall der Sinnlich⸗ keit, wenn er die Pflichtmaͤßigkeit des Willens auch nicht ver⸗ daͤchtig macht, doch wenigſtens nicht im Stand iſt, ſie zu ver⸗ buͤrgen. Der ſinnliche Ausdruck dieſes Beifalls in der Grazie wird alſo fuͤr die Sittlichkeit der Handlung, bei der er ange⸗ troffen wird, nie ein hinreichendes und guͤltiges Zeugniß ab⸗ legen, und aus dem ſchoͤnen Vortrag einer Geſinnung oder Handlung wird man nie ihren moraliſchen Werth erfahren. Bis hieher glaube ich mit den Rigoriſten der Moral voll⸗ kommen einſtimmig zu ſeyn; aber ich hoffe dadurch noch zum Latitudinarier zu werden, daß ich die Anſpruͤche der Sinn⸗ lichkeit, die im Felde der reinen Vernunft und bei der mora⸗ liſchen Geſetzgebung voͤllig zuruͤckgewieſen ſind, im Felde der Erſcheinung und bei der wirklichen Ausuͤbung der Sittenpflicht noch zu behaupten verſuche. 364 So gewiß ich naͤmlich uͤberzeugt bin— und eben darum, weil ich es bin— daß der Antheil der Neigung an einer freien Handlung fuͤr die reine Pflichtmaͤf igkeit dieſer Handlung nichts beweist, ſo glaube ich eben daraus folgern zu koͤnnen, daß die ſittliche Vollkommenheit des Menſchen gerade nur aus dieſem Antheil ſeiner Neigung an ſeinem moraliſchen Handeln erhellen kann. Der Menſch naͤmlich iſt nicht dazu beſtimmt, einzelne ſittliche Handlungen zu verrichten, ſondern ein ſittliches Weſen zu ſeyn. Nicht Tugenden, ſondern die Tugend iſt ſeine Vorſchriſt, und Tugend iſt nichts Anderes,„als eine Neigung zu der pflicht.“ Wie ſehr alſo auch Handlungen aus Neigung, und Handlungen aus Pflicht in objeckivem Sinne einander entgegenſtehen, ſo iſt dieß doch in ſubjectivem Sinne nicht alſo, und der Menſch darf nicht nur, ſondern ſoll Luſt und Pflicht in Verbindung bringen; er ſoll ſeiner Vernunft mit Freuden gehorchen. Nicht um ſie wie eine Laſt wegzu⸗ werfen, oder wie eine grobe Huͤlle von üch abzuſtreifen, nein, um ſich aufs innigſte mit ſeinem hoͤhern Selbſt zu vereinbaren, iſt ſeiner reinen Geiſternatur eine ſinnliche beigeſellt. Dadurch ſchon, daß ſie ihn zum vernuͤnftig ſinnlichen Weſen, d. i. zum Menſchen machte, kuͤndigte ihm die Natur die Verpflichtung an, nicht zu trennen, was ſie verbunden hat, auch in den reinſten Aeuferungen ſeines goͤttlichen Theiles den ſinnlichen nicht hinter ſich zu laſſen, und den Triumph des einen nicht auf Unterdruͤckung des andern zu gruͤnden. Erſt alsdann, wenn ſie aus ſeiner ge⸗ ſammten Menſchheitals die vereinigte Wirkung beiderprin⸗ cipien hervorquillt, wennſieihmzur Natur gewordeniſt, iſt ſeine ſittliche Denkart geborgen; denn ſo lange der ſittliche Geiſt noch Gewaltanwendet, ſo muß der Naturtrieb ihm noch Macht entgegenzu ſetzen haben. Derbloß niedergeworfene Feind kann wieder aufſtehen, aber der verſoͤhn te iſt wahrhaftuͤberwunden. 36⁵ In der Kant'ſchen Moralphiloſophie iſt die Idee der P flicht mit einer Haͤrte vorgetragen, die alle Grazien davon zuruͤck⸗ ſchreckt, und einen ſchwachen Verſtand leicht verſuchen koͤnnte, auf dem Wege einer finſtern und moͤnchiſchen Aſcetik die mo⸗ raliſche Vollkommenheit zu ſuchen. Wie ſehr ſich auch der große Weltweiſe gegen dieſe Mißdeutung zu verwahren ſuchte, die ſeinem heitern und freien Geiſt unter allen gerade die em⸗ poͤrendſte ſeyn muß, ſo hat er, daͤucht mir, doch ſelbſt durch die ſtrenge und grelle Entgegenſetzung beider auf den Willen des Menſchen wirkenden Principien einen ſtarken(obgleich bei ſeiner Abſicht vielleicht kaum zu vermeidenden) Anlaß dazu ge⸗ geben. Ueber die Sache ſelbſt kann, nach den von ihm gefuͤhr⸗ ten Beweiſen, unter denkenden Koͤpfen, dieuͤberzeugt ſeyn wollen, kein Streit mehr ſeyn, und ich wuͤßte kaum, wie man nicht lieber ſein ganzes Menſchſeyn aufgeben, als uͤber dieſe Angelegenheit ein anderes Reſultat von der Vernunft er⸗ halten wollte. Aber ſo rein er bei Unterſuchung der Wahrheit zu Werke ging, und ſo ſehr ſich hier Alles aus bloß objectiven Gruͤnden erklaͤrt, ſo ſcheint ihn doch in Darſtel⸗ lung der gefundenen Wahrheit eine mehr ſubjective Maxime geleitet zu haben, die, wie ich glaube, aus den Zeitumſtaͤnden nicht ſchwer zu erklaͤren iſt. So wie er naͤmlich die Moral ſeiner Zeit, im Syſtem und in der Ausuͤbung, vor ſich fand, ſo mußte ihn auf der einen Seite ein grober Materialismus in den moraliſchen Principien empoͤren, den die unwuͤrdige Gefalligkeit der Philoſophen dem ſchlaffen Zeitcharakter zum Kopfliſſen untergelegt hatte. Auf der andern Seite mußte ein nicht weniger bedenklicher Perfec⸗ tionsgrundſatz, der, um eine abſtracke Idee von allgemei⸗ ner Weltvollkommenheit zu realiſiren, uͤber die Wahl der Mittel nicht ſehr verlegen war, ſeine Aufmerkſamkeit erregen. Er rich⸗ 366 tete alſo dahin, wo die Gefahr am meiſten erklaͤrt und die Re⸗ form am dringendſten war, die ſtaͤrkſte Kraft ſeiner Gruͤnde, und machte es ſich zum Geſetze, die Sinnlichkeit ſowohl da, wo ſie mit frecher Stirn dem Sittengefuͤhl Hohn ſpricht, als in der impoſanten Huͤlle moraliſch loͤblicher Zwecke, worein beſon⸗ ders ein gewiſſer enthuſiaſtiſcher Ordensgeiſt ſie zu verſtecken weiß, ohne Nachſicht zu verfolgen. Er hatte nicht die Unwiſ⸗ ſenheit zu belehren, ſondern die Verkehrtheit zurecht⸗ zuweiſen. Erſchuͤtterung forderte die Cur, nicht Einſchmeich⸗ lung und Ueberredung, und je haͤrter der Abſtich war, den der Grundſatz der Wahrheit mit den herrſchenden Maximen machte, deſto mehr konnte er hoffen, Nachdenken daruͤber zu erregen. Er war der Drako ſeiner Zeit, weil ſie ihm eines Solons noch nicht werth und empfaͤnglich ſchien. Aus dem Sanctua⸗ rium der reinen Vernunft brachte er das fremde und doch wieder ſo bekannte Moralgeſetz, ſtellte es in ſeiner ganzen Heiligkeit aus vor dem entwuͤrdigten Jahrhundert, und fragte wenig darnach, ob es Augen gibt, die ſeinen Glanz nicht ver⸗ tragen. Womit aber hatten es die Kinder des Hauſes verſchul⸗ det, daß er nur fuͤr die Knechte ſorgte? Weil oft ſehr un⸗ reine Neigungen den Namen der Tugend uſurpiren, mußte darum auch der uneigennutzige Affect in der edelſten Bruſt ver⸗ daͤchtig gemacht werden? Weil der moraliſche Weichling dem Geſetz der Vernunft gern eine Laxitat geben moͤchte, die es zum Spielwerk ſeiner Convenienz macht, mußte ihm darum eine Rigiditaͤt beigelegt werden, die die kraftvollſte Aeußerung moraliſcher Freiheit nur in eine ruͤhmlichere Art von Knecht⸗ ſchaft verwandelt? Denn hat wohl der wahrhaft ſittliche Menſch eine freiere Wahl zwiſchen Selbſtachtung und Selbſtverwerſung, als der Sinnenſklave zwiſchen Vergnuͤgen und Schmerz? Iſt 367 dort etwa weniger Zwang fuͤr den reinen Willen als hier fuͤr den verdorbenen? Mußte ſchon durch die imperative Form des Moralgeſetzes die Menſchheit angeklagt und erniedriget wer⸗ den, und das erhabenſte Document ihrer Groͤße zugleich die Urkunde ihrer Gebrechlichkeit ſeyn? War es wohl bei dieſer imperativen Form zu vermeiden, daß eine Vorſchrift, die ſich der Menſch als Vernunftweſen ſelbſt gibt, die deßwegen allein fuͤr ihn bindend, und dadurch allein mit ſeinem Freiheitsge⸗ fuͤhle vertraͤglich iſt, nicht den Schein eines fremden und poſi⸗ tiven Geſetzes annahm— einen Schein, der durch ſeinen ra⸗ dicalen Hang, demſelben entgegen zu handeln(wie man ihm Schuld gibt), ſchwerlich vermindert werden duͤrfte!*) Es iſt fuͤr moraliſche Wahrheiten gewiß nicht vortheilhaft, Empfindungen gegen ſich zu haben, die der Menſch ohne Er⸗ roͤthen ſich geſtehen darf. Wie ſollen ſich aber die Empfindun⸗ gen der Schoͤnheit und Freiheit mit dem auſteren Geiſt eines Geſetzes vertragen, das ihn mehr durch Furcht als durch Zu⸗ verſicht leitet, das ihn, den die Natur doch vereinigte, ſtets zu vereinzeln ſtrebt, und nur dadurch, daß es ihm Mißtrauen gegen den einen Theil ſeines Weſens erweckt, ſich der Herrſchaft uͤber den andern verſichert. Die menſchliche Na⸗ tur iſt ein verbundeneres Ganze in der Wirklichkeit, als es dem Philoſophen, der nur durch Trennen was vermag, erlaubt iſt, ſie erſcheinen zu laſſen. Nimmermehr kann die Vernunft Af⸗ fecte als ihrer unwerth verwerfen, die das Herz mit Freudig⸗ keit bekennt, und der Menſch da, wo er morgaliſch geſunken ware, nicht wohl in ſeiner eigenen Achtung ſteigen. Waͤre die *) Siehe das Glaubensbekenntniß des V. d. K. von der menſchlichtn Natur in ſeiner neueſten Schrift: Die Offenbarng in den Graͤnzen der Vernunft. Erſter Abſchnitt. 368 ſinnliche Natur im Sittlichen immer nur die unterdruͤckte und nie die mitwirkende Partei, wie koͤnnte ſie das ganze Feuer ihrer Gefuͤhle zu einem Triumph hergeben, der uͤber ſie ſelbſt gefeiert wird? Wie koͤnnte ſie eine ſo lebhafte Theilnehmerin an dem Selbſtbewußtſeyn des reinen Geiſtes ſeyn, wenn ſie ſich nicht endlich ſo innig an ihn anſchließen koͤnnte, daß ſelbſt der analytiſche Verſtand ſie nicht ohne Gewaltthaͤtigkeit mehr von ihm trennen kann? Der Wille hat ohnehin einen unmittelbarern Zuſammen⸗ hang mit dem Vermoͤgen der Empfindungen als mit dem der Erkenntniß, und es waͤre in manchen Faͤllen ſchlimm, wenn er ſich bei der reinen Vernunft erſt orientiren muͤßte. Es erweckt mir kein gutes Vorurtheil fuͤr einen Menſchen, wenn er der Stimme des Triebes ſo wenig trauen darf, daß er gezwungen iſt, ihn jedesmal erſt vor dem Grundſatze der Moral abzuhoͤ⸗ ren: vielmehr achtet man ihn hoch, wenn er ſich demſelben, ohne Gefahr, durch ihn mißgeleitet zu werden, mit einer ge⸗ wiſſen Sicherheit vertraut. Denn das beweist, daß beide Prin⸗ cipien in ihm ſich ſchon in derjenigen Uebereinſtimmung befin⸗ den, welche das Siegel der vollendeten Menſchheit und dasjenige iſt, was man unter einer ſchoͤnen Seele verſteht. Eine ſchoͤne Seele nennt man es, wenn ſich das ſittliche Gefuͤhl aller Empfindungen des Menſchen endlich bis zu dem Grad verſichert hat, daß es dem Affect die Leitung des Willens ohne Scheu uͤberlaſſen darf, und nie Gefahr laͤuft, mit den Entſcheidungen desſelben im Widerſpruch zu ſtehen. Daher ſind bei einer ſchoͤnen Seele die einzelnen Handlungen eigentlich nicht ſittlich, ſondern der ganze Charakter iſt es. Man kann ihr auch keine einzige darunter zum Verdienſt anrechnen, weil eine Befriedigung des Triebes nie verdienſtlich heißen kann. Die ſchoͤne Seele hat kein anderes Verdienſt, als daß ſie iſt. 369 Mit einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Inſtinct aus ihr handelte, uͤbt ſie der Menſchheit peinlichſte Pflichten aus, und das heldenmuͤthigſte Opfer, das ſie dem Naturtriebe abgewinnt, faͤllt wie eine freiwillige Wirkung eben dieſes Triebes in die Augen. Daher weiß ſie ſelbſt auch niemals um die Schoͤnheit ihres Handelns, und es fällt ihr nicht mehr ein, daß man an⸗ ders handeln und empfinden koͤnnte; dagegen ein ſchulgerechter Zoͤgling der Sittenregel, ſo wie das Wort des Meiſters ihn fordert, jeden Augenblick bereit ſeyn wird, vom Verhaͤltniß ſeiner Handlungen zum Geſetz die ſtrengſte Rechnung abzu⸗ legen. Das Leben des Letztern wird einer Zeichnung gleichen, worin man die Regel durch harte Striche angedeutet ſieht, und an der allenfalls ein Lehrling die Principien der Kunſt lernen koͤnnte. Aber in einem ſchoͤnen Leben ſind, wie in einem Tizianiſchen Gemaͤlde, alle jene ſchneidenden Graͤnz⸗ linien verſchwunden, und doch tritt die ganze Geſtalt nur deſto wahrer, lebendiger, harmoniſcher hervor. In einer ſchoͤnen Secle iſt es alſo, wo Sinnlichkeit und Vernunſt, Pflicht und Neigung harmoniren, und Grazie iſt ihr Ausdruck in der Erſcheinung. Nur im Dienſt einer ſchoͤnen Seele kann die Natur zugleich Freiheit beſitzen und ihre Form bewahren, da ſie erſtere unter der Herrſchaft eines ſtrengen Ge⸗ muͤths, letztere unter der Anarchie der Sinnlichkeit einbuͤßt. Eine ſchoͤne Seele gießt auch uͤber eine Bildung, der es an architekto⸗ niſcher Schoͤnheit mangelt, eine unwiderſtehliche Grazie aus, und oft ſieht man ſie ſelbſt uͤber Gebrechen der Natur triumphiren. Alle Bewegungen, die von ihr ausgehen, werden leicht, ſanft und dennoch belebt ſeyn. Heiter und frei wird das Auge ſtrahlen, und Empfindung wird in demſelben glaͤnzen. Von der Sanftmuth des Herzens wird der Mund eine Grazie erhalten, die keine Verſtel⸗ lung erkuͤnſteln kann. Keine Spannung wird in den Mienen, Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 24 370 kein Zwang in den willkuͤrlichen Bewegungen zu bemerken ſeyn, denn die Seele weiß von keinem. Muſik wird die Stimme ſeyn, und mit dem reinen Strom ihrer Modulationen das Herz be⸗ wegen. Die architektoniſche Schoͤnheit kann Wohlgefallen, kann Bewunderung, kann Erſtaunen erregen; aber nur die Anmuth wird hinreißen. Die Schoͤnheit hat Anbeter; Liebhaber hat nur die Grazie: denn wir huldigen dem Schoͤpfer und lie⸗ ben den Menſchen. Man wird, im Ganzen genommen, die Anmuth mehr bei dem weiblichen Geſchlecht(die Schoͤnheit vielleicht mehr bei dem maͤnnlichen) finden, wovon die Urſache nicht weit zu ſu⸗ chen iſt. Zur Anmuth muß ſowohl der koͤrperliche Bau als der Charakter beitragen; jener durch ſeine Biegſamkeit, Ein⸗ druͤcke anzunehmen und ins Spiel geſetzt zu werden, dieſer durch die ſittliche Harmonie der Gefuͤhle. In beiden war die Natur dem Weibe guͤnſtiger als dem Manne. Der zaͤrtere weibliche Bau empfaͤngt jeden Eindruck ſchneller, und laͤßt ihn ſchneller wieder verſchwinden. Feſte Conſtitutionen kommen nur durch einen Sturm in Bewegung, und wenn ſtarke Muskeln angezogen werden, ſo koͤnnen ſie die Leichtig⸗ keit nicht zeigen, die zur Grazie erfordert wird. Was in einem weiblichen Geſicht noch ſchoͤne Empfindſamkeit iſt, wuͤrde in einem maͤnnlichen ſchon Leiden ausdruͤcken. Die zarte Fiber des Weibes neigt ſich wie duͤnnes Schilfrohr unter dem leiſe⸗ ſten Hauch des Affects. In leichten und lieblichen Wellen gleitet die Seele uͤber das ſprechende Angeſicht, das ſich bald wieder zu einem ruhigen Spiegel ebnet. Auch der Beitrag, den die Seele zu der Grazie geben muß, kann bei dem Weibe leichter als bei dem Manne erfuͤllt wer⸗ den. Selten wird ſich der weibliche Charakter zu der hoͤchſten Idee ſittlicher Reinheit erheben, und es ſelten weiter als zu af⸗ 371 fectionirten Handlungen bringen. Er wird der Sinnlich⸗ keit oft mit heroiſcher Staͤrke, aber nur durch die Sinnlich⸗ keit widerſtehen. Weil nun die Sittlichkeit des Weibes ge⸗ woͤhnlich auf Seiten der Neigung iſt, ſo wird es ſich in der Erſcheinung eben ſo ausnehmen, als wenn die Neigung auf Seiten der Sittlichkeit waͤre. Anmuth wird alſo der Ausdruch der weiblichen Tugend ſeyn, der ſehr oft der maͤnnlichen fehlen duͤrfte. Würde. So wie die Anmuth der Ausdruck einer ſchoͤnen Seele iſt ſo iſt Wuͤrde der Ausdruck einer erhabenen Geſinnung. Es iſt dem Menſchen zwar aufgegeben, eine innige Ueber⸗ einſtimmung zwiſchen ſeinen beiden Naturen zu ſtiften, immer ein harmonirendes Ganze zu ſeyn, und mit ſeiner vollſtimmi⸗ gen ganzen Menſchheit zu handeln. Aber dieſe Charakter⸗ ſchoͤnheit, die reifſte Frucht ſeiner Humanitaͤt, iſt bloß eine Idee, welcher gemaͤß zu werden, er mit anhaltender Wach⸗ ſamkeit ſtreben, aber die er bei aller Anſtrengung nie ganz erreichen kann. Der Grund, warum er es nicht kann, iſt die unveraͤnder⸗ liche Einrichtung ſeiner Natur; es ſind die phyſiſchen Bedin⸗ gungen ſeines Daſeyns ſelbſt, die ihn daran verhindern. Um naͤmlich ſeine Exiſtenz in der Sinnenwelt, die von Na⸗ turbedingungen abhaͤngt, ſicher zu ſtellen, mußte der Menſch⸗ da er als ein Weſen, das ſich nach Willkuͤr veraͤndern kann, fuͤr ſeine Erhaltung ſelbſt zu ſorgen hat, zu Handlungen ver⸗ mocht werden, wodurch jene phyſiſchen Bedingungen ſeines Da⸗ 372 ſeyns erfuͤllt, und wenn ſie aufgehoben ſind, wieder hergeſtellt werden koͤnnen. Obgleich aber die Natur dieſe Sorge, die ſie in ihren vegetabiliſchen Erzeugungen ganz allein uͤber ſich nimmt, ihm ſelbſt uͤbergeben mußte, ſo durfte doch die Befriedigung eines ſo dringenden Beduͤrfniſſes, wo es ſein und ſeines Ge⸗ ſchlechts ganzes Daſeyn gilt, ſeiner ungewiſſen Einſicht nicht anvertraut werden. Sie zog alſo dieſe Angelegenheit, die dem Inhalte nach in ihr Gebiet gehoͤrt, auch der Form nach in dasſelbe, indem ſie in die Beſtimmungen der Willkuͤr Noth⸗ wendigkeit legte. So entſtand der Naturtrieb, der nichts An⸗ deres iſt, als eine Naturnothwendigkeit durch das Medium der Empfinduns. Der Naturtrieb beſtuͤrmt das Empfindungsvermoͤgen durch die gedoppelte Macht von Schmerz und Vergnuͤgen: durch Schmerz, wo er Befriedigung fordert, durch Vergnuͤgen, wo er ſie findet. Da einer Naturnothwendigkeit nichts abzudingen iſt, ſo muß auch der Menſch, ſeiner Freiheit ungeachtet, empfinden, was die Natur ihn empfinden laſſen will, und je nachdem die Empfindung Schmerz oder Luſt iſt, ſo muß bei ihm eben ſo unabaͤnderlich Verabſcheuung oder Begierde erfolgen. In die⸗ ſem Punkte ſteht er dem Thiere vollkommen gleich, und der ſtarkmuͤthigſte Stoiker fuͤhlt den Hunger eben ſo empfindlich und verabſcheut ihn eben ſo lebhaft, als der Wurm zu ſeinen Fuͤßen.“ Jetzt aber faͤngt der große Unterſchied an. Auf die Begierde und Verabſcheuung erfolgt bei dem Thiere eben ſo nothwendig Handlung, als Begierde auf Empfindung, und Empfindung auf den aͤußern Eindruck erfolgte. Es iſt hier eine ſtetig fort⸗ laufende Kette, wo jeder Ring nothwendig in den andern greift. Bei dem Menſchen iſt noch eine Inſtanz mehr, naͤmlich der Wille, der als ein uͤberſinnliches Vermoͤgen weder dem 373 Geſetz der Natur, noch dem der Vernunft, ſo unterworfen iſt, daß ihm nicht vollkommen freie Wahl bliebe, ſich entweder nach dieſem oder nach jenem zu richten. Das Thier muß ſtreben, den Schmerz los zu ſeyn; der Menſch kann ſich ent⸗ ſchließen, ihn zu behalten. Der Wille des Menſchen iſt ein erhabener Begriff, auch dann, wenn man auf ſeinen moraliſchen Gebrauch nicht achtet. Schon der bloße Wille erhebt den Menſchen uͤber die Thier⸗ heit; der moraliſche erhebt ihn zur Gottheit. Er muß aber jene zuvor verlaſſen haben, ehe er ſich dieſer naͤhern kann; daher iſt es kein geringer Schritt zur moraliſchen Freiheit des Willens, durch Brechung der Naturnothwendigkeit in ſich, auch in gleichguͤltigen Dingen, den bloßen Willen zu uͤben. Die Geſetzgebung der Natur hat Beſtand bis zum Willen, wo ſie ſich endigt und die vernuͤnftige anfaͤngt. Der Wille ſteht hier zwiſchen beiden Gerichtsbarkeiten, und es kommt ganz auf ihn ſelbſt an, von welcher er das Geſetz empfangen will; aber er ſteht nicht in gleichem Verhaͤltniß gegen beide. Als Naturkraft iſt er gegen die eine, wie gegen die andere frei; das heißt, er muß ſich weder zu dieſer noch zu jener ſchlagen. Er iſt aber nicht frei als moraliſche Kraft, das heißt, er ſoll ſich zu der vernuͤnftigen ſchlagen. Gebunden iſt er an keine, aber verbunden iſt er dem Geſetz der Vernunft. Er ge⸗ braucht alſo ſeine Freiheit wirklich, wenn er gleich der Ver⸗ nunft widerſprechend handelt; aber er gebraucht ſie unwuͤr⸗ dig, weil er ungeachtet ſeiner Freiheit doch nur innerhalb der Natur ſtehen bleibt und zu der Overation des bloßen Triebes gar keine Realitaͤt hinzuthut; denn aus Begierde wollen, heißt nur umſtaͤndlicher begehren.*) *) Man leſe uͤber dieſe Materie, die aller Aufmerkſamkeit wuͤrdige 374 Die Geſetzgebung der Natur durch den Trieb kann mit der Geſetzgebung der Vernunft aus Principien in Streit gerathen, wenn der Trieb zu ſeiner Befriedigung eine Handlung fordert, die dem moraliſchen Grundſatz zuwiderlaͤuft. In dieſem Fall iſt es unwandelbare Pflicht fuͤr den Willen, die Forderung der Natur dem Ausſpruch der Vernunft nachzuſetzen, da Natur⸗ geſetze nur bedingungsweiſe, Vernunftgeſetze aber ſchlechterdings und unbedingt verbinden. Aber die Natur behauptet mit Nachdruck ihre Rechte, und ha ſie niemals willkuͤrlich fordert, ſo nimmt ſie, unbefriedigt, auch keine Forderung zuruͤck. Weil von der erſten Urſache an, wodurch ſie in Bewegung gebracht wird, bis zu dem Willen, wo ihre Geſetzgebung aufhoͤrt, Alles in ihr ſtreng nothwendig iſt, ſo kann ſie ruͤckwaͤrts nicht nachgeben, ſondern muß vorwaͤrts gegen den Willen draͤngen, bei dem die Befriedigung ihres Beduͤrfniſſes ſteht. Zuweilen ſcheint es zwar, als ob ſie ſich ihren Weg verkuͤrzte, und, ohne zuvor ihr Geſuch vor den Willen zu bringen, unmittelbare Cauſalitaͤt fuͤr die Handlung haͤtte, durch die ihrem Beduͤrfniſſe abgeholfen wird. In einem ſolchen Falle, wo der Menſch dem Triebe nicht bloß freien Lauf ließe, ſondern wo der Trieb dieſen Lauf ſelbſt naͤhme, wuͤrde der Menſch auch nur CThier ſeyn; aber es iſt ſehr zu zweifeln, ob dieſes jemals ſein Fall ſeyn kann, und wenn er 2s wirklich waͤre, ob dieſe blinde Macht ſeines Triebes nicht zin Verbrechen ſeines Willens iſt. Das Begehrungsvermoͤgen dringt alſo auf Befriedigung, and der Wille wird aufgefordert, ihm dieſe zu verſchaffen. Aber der Wille ſoll ſeine Beſtimmungsgruͤnde von der Vernunft Theorie des Willens im zweiten Theil der Reinhold'ſchen Briefe. b b 375 empfangen und nur nach demjenigen, was dieſe erlaubt oder vorſchreibt, ſeine Entſchließung faſſen. Wendet ſich nun der Wille wirklich an die Vernunft, ehe er das Verlangen des Triebes genehmigt, ſo handelt er ſittlich; entſcheidet er aber unmittelbar, ſo handelt er ſinnlich.*) So oft alſo die Natur eine Forderung macht, und den Willen durch die blinde Gewalt des Affects uͤberraſchen will, kommt es dieſem zu, ihr ſo lange Stillſtand zu gebieten, bis die Vernunft geſprochen hat. Ob der Ausſpruch der Vernunft fuͤr oder gegen das Intereſſe der Sinnlichkeit ausfallen werde, das iſt, was er jetzt noch nicht wiſſen kann: eben deßwegen aber muß er dieſes Verfahren in jedem Affect ohne Unterſchied beobachten, und der Natur in jedem Falle, wo ſie der an⸗ fangende Theil iſt, die unmittelbare Cauſalitaͤt verſagen. Dadurch allein, daß er die Gewalt der Begierde bricht, die mit Vorſchnelligkeit ihrer Befriedigung zueilt, und die Inſtanz des Willens lieber ganz vorbeigehen moͤchte, zeigt der Menſch ſeine Selbſtſtaͤndigkeit, und beweist ſich als ein moraliſches Weſen, welches nie bloß begehren oder bloß verabſcheuen, ſondern ſeine Verabſcheuung und Begierde jederzeit wollen muß. Aber ſchon die bloße Anfrage bei der Vernunft iſt eine Beeintraͤchtigung der Natur, die in ihrer eigenen Sache com⸗ petente Richterin iſt, und ihre Ausſpruͤche keiner neuen und auswaͤrtigen Inſtanz unterworfen ſehen will. Jener Willensact, der die Angelegenheit des Begehrungsvermoͤgens vor das ſittliche *) Man darf aber dieſe Anfrage des Willens bei der Vernunft nicht mit derjenigen verwechſeln, wo ſie uͤber die Mittel zu Befriedigung einer Begierde erkennen ſoll. Hier iſt nicht davon die Rede, wie die Befriedigung zu erlangen, ſondern ob ſie zu geſtatten iſt. Nur das Letzte gehoͤrt ins Gebiet der Mo⸗ ralitaͤt; das Erſte gehoͤrt zur Klugheit. 376 Forum bringt, iſt alſo im eigentlichen Sinn naturwidrig, weil er das Nothwendige wieder zufaͤllig macht, und Geſetzen der Vernunft die Entſcheidung in einer Sache anheimſtellt, wo nur Geſetze der Natur ſprechen koͤnnen, und auch wirklich ge⸗ ſprochen haben. Denn ſo wenig die reine Vernunft in ihrer moraliſchen Geſetzgebung darauf Ruͤckſicht nimmt, wie der Sinn wohl ihre Entſcheidungen aufnehmen moͤchte, eben ſo wenig richtet ſich die Natur in ihrer Geſetzgebung darnach, wie ſie es einer reinen Vernunft recht machen moͤchte. In jeder von beiden gilt eine andere Nothwendigkeit, die aber keine ſeyn wuͤrde, wenn es der einen erlaubt waͤre, willkuͤrliche Veraͤnderungen in der andern zu treffen. Daher kann auch der tapferſte Geiſt bei allem Widerſtande, den er gegen die Sinnlichkeit ausubt, nicht die Empfindung ſelbſt, nicht die Begierde ſelbſt unter⸗ druͤcken, ſondern ihr bloß den Einfluß auf ſeine Willensbeſtim⸗ mungen verweigern; entwaffnen kann er den Trieb durch moraliſche Mittel, aber nur durch natuͤrliche ihn beſaͤnftigen. Er kann durch ſeine ſelbſtſtaͤndige Kraft zwar verhindern, daß Naturgeſetze fuͤr ſeinen Willen nicht zwingend werden, aber an dieſen Geſetzen ſelbſt kann er ſchlechterdings nichts veraͤndern. In Affecten alſo,„wo die Natur(der Trieb) zuerſt han⸗ delt und den Willen entweder ganz zu umgehen oder ihn gewaltſam auf ihre Seite zu ziehen ſtrebt, kann ſich die Sittlichkeit des Charakters nicht anders als durch Widerſtand offenbaren, und daß der Trieb die Freiheit des Willens nicht einſchraͤnke, nur durch Einſchraͤnkung des Triebes verhindern.“ Uebereinſtimmung mit dem Vernunſtgeſetz iſt alſo im Affecte nicht anders moͤglich, als durch einen Widerſpruch mit den Forderungen der Natur. Und da die Natur ihre Forderungen aus ſittlichen Gruͤnden nie zuruͤcknimmt, folglich auf ihrer Seite Alles ſich gleich bleibt, wie auch der Wille ſich in Anſehung 377 ihrer verhalten mag, ſo iſt hier keine Zuſammenſtimmung zwiſchen Neigung und Pflicht, zwiſchen Vernunft und Sinnlich⸗ keit moͤglich, ſo kann der Menſch hier nicht mit ſeiner ganzen harmonirenden Natur, ſ ondern ausſchließungsweiſe nur mit ſeiner vernuͤnftigen handeln. Er handelt alſo in dieſen Faͤllen auch nicht moraliſch ſchoͤn, weil an der Schoͤnheit der Handlung auch die Neigung nothwendig Theil nehmen muß, die hier vielmehr widerſtreitet. Er handelt aber moraliſch groß, weil alles das, und das allein groß iſt, was von einer Ueberlegenheit des hoͤhern Vermoͤgens uͤber das ſinnliche Zeugniß gibt. Die ſchoͤne Seele muß ſich alſo im Affect in eine erhabene verwandeln, und das iſt der untruͤgliche Probierſtein, wodurch man ſie von dem guten Herzen oder der Temperaments⸗ tugend unterſcheiden kann. Iſt bei einem Menſchen die Neigung nur darum auf Seiten der Gerechtigkeit, weil die Gerechtigkeit ſich glüͤcklicherweiſe auf Seiten der Neigung be⸗ findet, ſo wird der Naturtrieb im Affect eine vollkommene Zwangsgewalt uͤber den Willen ausuͤben, und, wo ein Opfer noͤthig iſt, ſo wird es die Sittlichkeit und nicht die Sinnlichkeit bringen. War es hingegen die Vernunft ſelbſt, die, wie bei einem ſchoͤnen Charakter der Fall iſt, die Neigungen in Pflicht nahm, und der Sinnlichkeit das Steuer nur anvertraute, ſo wird ſie es in demſelben Moment zuruͤcknehmen, als der Trieb ſeine Vollmacht mißbrauchen will. Die Temperaments⸗ tugend ſinkt alſo im Affect zum bloßen Naturproduct herab; die ſchöne Seele geht ins Heroiſche uͤber und erhebt ſich zur reinen Intelligenz. Beherrſchung der Triebe durch⸗die moraliſche Kraft iſt Geiſtesfreiheit, und Wuͤrde heißt ihr Ausdruck in der Erſcheinung. Streng genommen iſt die moraliſche Kraft im Menſchen 378 keiner Darſtellung faͤhig, da das Ueberſinnliche nie verſinnlicht werden kann. Aber mittelbar kann ſie durch ſinnliche Zeichen dem Verſtande vorgeſtellt werden, wie bei der Wuͤrde der menſchlichen Bildung wirklich der Fall iſt. Der aufgeregte Naturtrieb wird eben ſo, wie das Herz in ſei⸗ nen moraliſchen Nuͤhrungen, von Bewegungen im Koͤrper be⸗ gleitet, die theils dem Willen zuvoreilen, theils, als bloß ſym⸗ pathetiſche, ſeiner Herrſchaft gar nicht unterworfen ſind. Denn da weder Empfindung, noch Begierde und Verabſcheuung in der Willkuͤr des Menſchen liegen, ſo kann er denjenigen Bewegungen, welche damit unmittelbar zuſammenhaͤngen, nicht zu gebieten haben. Aber der Trieb bleibt nicht bei der bloßen Begierde ſtehen; vorſchnell und dringend ſtrebt er, ſein Object zu verwirklichen, und wird, wenn ihm von dem ſelbſtſtaͤndigen Geiſte nicht nach⸗ drücklich widerſtanden wird, ſelbſt ſolche Handlungen anticipi⸗ ren, woruͤber der Wille allein zu ſagen haben ſoll. Denn der Erhaltungstrieb ringt ohne Unterlaß nach der geſetzgebenden Ge⸗ walt im Gebiete des Willens, und ſein Beſtreben iſt, eben ſo un⸗ gebunden uͤber den Menſchen wie uͤber das Thier zu ſchalten. Man findet alſo Bewegungen von zweierlei Art und Urſprung in jedem Affecte, den der Erhaltungstrieb in dem Menſchen ent⸗ zuͤndet: erſtlich ſolche, welche unmittelbar von der Empfindung ausgehen, und daher ganz unwillkuͤrlich ſind; zweitens ſolche, welche der Art nach willkuͤrlich ſeyn ſollten und koͤnnten, die aber der blinde Naturtrieb der Freiheit abgewinnt. Die erſten be⸗ ziehen ſich auf den Affect ſelbſt, und ſind daher nothwendig mit demſelben verbunden; die zweiten entſprechen mehr der urſache und dem Gegenſtande des Affects, daher ſie auch zufaͤllig und veraͤnderlich ſind, und nicht fuͤr untruͤgliche Zeichen desſelben gel⸗ ten koͤnnen. Weil aber beide, ſobald das Object beſtimmt iſt, dem Naturtriebe gleich nothwendig ſind, ſo gehoͤren auch beide 379 dazu, um den Ausdruck des Affects zu einem vollſtaͤndigen und uͤbereinſtimmenden Ganzen zu machen.*) Wenn nun der Wille Selbſtſtaͤndigkeit genug beſitzt, dem vorgreifenden Naturtriebe Schranken zu ſetzen, und gegen die ungeſtuͤme Macht desſelben ſeine Gerechtſame zu behaupten, ſo bleiben zwar alle jene Erſcheinungen in Kraft, die der aufgeregte Naturtrieb in ſeinem eigenen Gebiet bewirkte, aber alle diejenigen werden fehlen, die er in einer fremden Gerichtsbarkeit eigen⸗ maͤchtig hatte an ſich reißen wollen. Die Erſcheinungen ſtimmen alſo nicht mehr uberein, aber eben in ihrem Widerſpruch liegt der Ausdruck der moraliſchen Kraft. Geſetzt, wir erblicken an einem Menſchen Zeichen des qual⸗ vollſten Affects aus der Claſſe jener erſten ganz unwillkuͤrlichen Bewegungen. Aber indem ſeine Adern auflaufen, ſeine Muskeln krampfhaft angeſpannt werden, ſeine Stimme erſtickt, ſeine Bruſt emporgetrieben, ſein Unterleib einwaͤrts gepreßt iſt, ſind ſeine willkuͤrlichen Bewegungen ſanft, ſeine Geſichtszuͤge frei, und es iſt heiter um Aug' und Stirn. Waͤre der Menſch bloß ein Sinnenweſen, ſo wuͤrden alle ſeine Zuͤge, da ſie dieſelbe gemein⸗ ſchaftliche Quelle haͤtten, mit einander uͤbereinſtimmend ſeyn, und alſo in dem gegenwaͤrtigen Fall alle ohne unterſchied Leiden ausdruͤcken muͤſſen. Da aber Zuͤge der Ruhe unter die Zuͤge des Schmerzens gemiſcht ſind, einerlei Urſache aber nicht entgegengeſetzte Wirkungen haben kann, ſo beweist dieſer Wider⸗ *) Findet man nur die Bewegungen der zweiten Art ohne die der erſtern, ſo zeigt dieſes an, daß die Perſon den Affect will, und die Natur ihn verweigert. Findet man die Bewegungen der erſien Art ohne die der zweiten, ſo beweist dieß, daß die Natur in den Affect wirklich verſetzt iſt, aber die Perſon ihn verbietet. Den erſten Fall ſieht man alle Tage bei affectirten Perſonen und ſchlechten Komoͤdianten; den zwei⸗ ten Fall deſto ſeltener und nur bei ſtarken Gemuthern. 380 ſpruch der Zuͤge das Daſeyn und den Einfluß einer Kraft, die von dem Leiden unabhaͤngig und den Eindruͤcken uͤberlegen iſt, unter denen wir das Sinnliche erliegen ſehen. Und auf dieſe Art nun wird die Ruhe im Leiden, als worin die Wuͤrde eigentlich beſteht, obgleich nur mittelbar durch einen Vernunft⸗ ſchluß, Darſtellung der Intelligenz im Menſchen und Ausdruck ſeiner moraliſchen Freiheit.*) Aber nicht bloß beim Leiden im engern Sinn, wo dieſes Wort nur ſchmerzhafte Ruͤhrungen bedeutet, ſondern uͤberhaupt bei jedem ſtarken Intereſſe des Begehrungsvermoͤgens muß der Geiſt ſeine Freiheit beweiſen, alſo Wuͤrde der Ausdruck ſeyn. Der angenehme Affeet erfordert ſie nicht weniger als der pein⸗ liche, weil die Natur in beiden Faͤllen gern den Meiſter ſpielen moͤchte, und von dem Willen gezuͤgelt werden ſoll. Die Wurde bezieht ſich auf die Form und nicht auf den Inhalt des Affects; daher es geſchehen kann, daß oft, dem Inhalt nach, lobenswuͤrdige Affecte, wenn der Menſch ſich ihnen blindlings uͤberlaͤßt, aus Mangel der Wuͤrde, ins Gemeine und Niedrige fallen; daß hingegen nicht ſelten verwerfliche Affecte ſich ſogar dem Erhabenen naͤhern, ſobald ſie nur in ihrer Form Herrſchaft des Geiſtes uͤber ſeine Empfindungen zeigen. Bei der Wuͤrde alſo fuͤhrt ſich der Geiſt in dem Koͤrper als Herrſcher auf, denn hier hat er ſeine Selbſtſtaͤndigkeit gegen den gebieteriſchen Trieb zu behaupten, der ohne ihn zu Handlungen ſchreitet, und ſich ſeinem Joche gern entziehen moͤchte. Bei der Anmuth hingegen regiert er mit Liberali⸗ taͤt, weil er es hier iſt, der die Natur in Handlung ſetzt, und keinen Widerſtand zu beſiegen findet. Nachſicht verdient *) In einer Unterſuchung uͤber pathetiſche Darſtellungen iſt im dritten Stuͤck der Thalia umſtaͤndlicher davon gehandelt worden, 381 aber nur der Gehorſam, und Strenge kann nur die Wider⸗ ſetzung rechtfertigen. Anmuth liegt alſo in der Freiheit der willkuͤrlichen Bewegungen; Wuͤrde in der Beherrſchung der unwill⸗ kuͤrlichen. Die Anmuth laͤßt der Natur, da wo ſie die Be⸗ fehle des Geiſtes ausrichtet, einen Schein von Freiwilligkeit; die Wuͤrde hingegen unterwirft ſie da, wo ſie herrſchen will, dem Geiſt. Ueberall, wo der Trieb anfaͤngt zu handeln und ſich herausnimmt, in das Amt des Willens zu greifen, da darf der Wille keine Indulgenz, ſondern muß durch den nachdruͤcklichſten Widerſtand ſeine Selbſtſtaͤndigkeit(Autonomie) beweiſen. Wo hingegen der Wille anfaͤngt, und die Sinn⸗ lichkeit ihm folgt, da darf er keine Strenge, ſondern muß Indulgenz beweiſen. Dieß iſt mit wenigen Worten das Geſetz fuͤr das Verhaͤltniß beider Naturen im Menſchen, ſo wie es in der Erſcheinung ſich darſtellt. Wuͤrde wird daher mehr im Leiden(⁴νιοο), Anmuth mehr im Betragen(790) gefordert und gezeigt; denn nur im Leiden kann ſich die Freiheit des Gemuͤths, und nur im Han⸗ deln die Freiheit des Koͤrpers offenbaren. Da die Wuͤrde ein Ausdruck des Widerſtandes iſt, den der ſelbſtſtaͤndige Geiſt dem Naturtriebe leiſtet, dieſer alſo als eine Gewalt muß angeſehen werden, welche Widerſtand noͤthig macht, ſo iſt ſie da, wo keine ſolche Gewalt zu bekaͤmpfen iſt, laͤcherlich, und wo keine mehr zu bekaͤmpfen ſeyn ſollte, veraͤchtlich. Man lacht uͤber den Komoͤdianten(weß Standes und Wuͤrden er auch ſey), der auch bei gleichguͤltigen Verrichtungen eine gewiſſe Dignitaͤt affectirt. Man verachtet die kleine Seele, die ſich fuͤr die Ausuͤbung einer gemeinen Pflicht, die oft nur Unter⸗ laſſung einer Niedertraͤchtigkeit iſt, mit Wuͤrde bezahlt macht. Ueberhaupt iſt es nicht eigentlich Wuͤrde, ſondern Anmuth, 382 was man von der Tugend fordert. Die Wuͤrde gibt ſich bei der Tugend von ſelbſt, die ſchon ihrem Inhalt nach Herrſchaft des Menſchen uͤber ſeine Triebe vorausſetzt. Weit eher wird ſich bei Ausuͤbung ſittlicher Pflichten die Sinnlichkeit in einem Zuſtand des Zwangs und der Unterdruͤckung befinden, da be⸗ ſonders, wo ſie ein ſchmerzhaftes Opfer bringt. Da aber das Ideal vollkommener Menſchheit keinen Widerſtreit, ſondern Zu⸗ ſammenſtimmung zwiſchen dem Sittlichen und Sinnlichen for⸗ dert, ſo vertraͤgt es ſich nicht wohl mit der Wuͤrde, die, als ein Ausdruck jenes Widerſtreits zwiſchen beiden, entweder die beſondern Schranken des Subjects oder die allgemeinen der Menſchheit ſichtbar macht. Iſt das Erſte, und liegt es bloß an dem Unvermoͤgen des Subjects, daß bei einer Handlung Neigung und Pflicht nicht zuſammenſtimmen, ſo wird dieſe Handlung jederzeit ſo viel an ſichtlicher Schaͤtzung verlieren, als ſich Kampf in ihre Aus⸗ uͤbung, alſo Wuͤrde in ihren Vortrag miſcht. Denn unſer moraliſches Urtheil bringt jedes Individuum unter den Maß⸗ ſtab der Gattung, und dem Menſchen werden keine andern als die Schranken der Menſchheit vergeben. Iſt aber das Zweite, und kann eine Handlung der Pflicht mit den Forderungen der Natur nicht in Harmonie gebracht werden, ohne den Begriff der menſchlichen Natur aufzuheben, ſo iſt der Widerſtand der Neigung nothwendig, und es iſt bloß der Anblick des Kampfes, der uns von der Moͤglichkeit des Sieges uͤberfuͤhren kann. Wir erwarten hier alſo einen Aus⸗ druck des Widerſtreits in der Erſcheinung, und werden uns nie uͤberreden laſſen, da an eine Tugend zu glauben, wo wir nicht einmal Menſchheit ſehen. Wo alſo die ſittliche Pflicht eine Handlung gebietet, die das Sinnliche nothwendig leiden macht, da iſt Ernſt und kein Spiel, da wuͤrde uns die Leichtigkeit in 383 der Ausuͤbung vielmehr empoͤren, als befriedigen; da kann alſo nicht Anmuth, ſondern Wuͤrde der Ausdruck ſeyn. Ueberhaupt gilt hier das Geſetz, daß der Menſch Alles mit Anmuth thun muͤſſe, was er innerhalb ſeiner Menſchheit verrichten kann, und Alles mit Wuͤrde, welches zu verrichten er uͤber ſeine Menſch⸗ heit hinausgehen muß. So wie wir Anmuth von der Tugend fordern, ſo fordern wir Wuͤrde von der Neigung. Der Neigung iſt die Anmuth ſo natürlich, als der Tugend die Wuͤrde, da ſie ſchon ihrem Inhalt nach ſinnlich, der Naturfreiheit guͤnſtig und aller An⸗ ſpannung feind iſt. Auch dem rohen Menſchen fehlt es nicht an einem gewiſſen Grade von Anmuth, wenn ihn die Liebe oder ein aͤhnlicher Affect beſeelt; und wo findet man mehr An⸗ muth, als bei Kindern, die doch ganz unter ſinnlicher Leitung ſtehen? Weit mehr Gefahr iſt da, daß die Neigung den Zu⸗ ſtand des Leidens endlich zum herrſchenden mache, die Selbſt⸗ thaͤtigkeit des Geiſtes erſticke, und eine allgemeine Erſchlaffung herbeifuͤhre. Um ſich alſo bei einem edeln Gefuͤhl in Achtung zu ſetzen, die ihr nur allein ein ſittlicher Urſprung ver⸗ ſchaffen kann, muß die Neigung ſich jederzeit mit Wuͤrde ver⸗ binden. Daher fordert der Liebende Wuͤrde von dem Gegen⸗ ſtand ſeiner Leidenſchaft. Wuͤrde allein iſt ihm Burge, daß nicht das Beduͤrfniß zu ihm noͤthigte, ſondern daß die Freiheit ihn waͤhlte— daß man ihn nicht als Sache begehrt, ſondern als Perſon hochſchaͤtzt. Man fordert Anmuth von dem, der verpflichtet, und Wuͤrde von dem, der verpflichtet wird. Der Erſte ſoll, um ſich eines kraͤnkenden Vortheils uͤber den Andern zu begeben, die Hand⸗ lung ſeines unintereſſirten Entſchluſſes durch den Antheil, den er die Neigung daran nehmen laͤßt, zu einer affectionirten Handlung herunterſetzen, und ſich dadurch den Schein des ge⸗ 384 winnenden Theils geben. Der Andere ſoll, um durch die Ab⸗ haͤngigkeit, in die er tritt, die Menſchheit(deren heiliges Palla⸗ dium Freiheit iſt) nicht in ſeiner Perſon zu entehren, das bloße Zufahren des Triebes zu einer Handlung ſeines Willens er⸗ heben, und auf dieſe Art, indem er eine Gunſt empfaͤngt, eine erzeigen.. Man muß einen Fehler mit Anmuth ruͤgen und mit Wuͤrde bekennen. Kehrt man es um, ſo wird es das Anſehen haben, als ob der eine Theil ſeinen Vortheil zu ſehr, der andere ſeinen Nachtheil zu wenig empfaͤnde. Will der Starke geliebt ſeyn, ſo mag er ſeine Ueberlegenheit durch Grazie mildern. Will der Schwache geachtet ſeyn, ſo mag er ſeiner Unmacht durch Wuͤrde aufhelfen. Man iſt ſonſt der Meinung, daß auf den Thron Wuͤrde gehoͤre, und bekannt⸗ lich lieben die, welche darauf ſitzen, in ihren Raͤthen, Beicht⸗ vaͤtern und Parlamenten— die Anmuth. Aber was in einem politiſchen Reiche gut und loͤblich ſeyn mag, iſt es nicht immer in einem Reiche des Geſchmacks. In dieſes Reich tritt auch der Koͤnig— ſobald er von ſeinem Throne herabſteigt(denn Throne haben ihre Privilegien), und auch der kriechende Hoͤfling begibt ſich unter ſeine heilige Freiheit, ſobald er ſich zum Men⸗ ſchen aufrichtet. Alsdann aber moͤchte Erſterem zu rathen ſeyn, mit dem Ueberfluß des Andern ſeinen Mangel zu erſetzen, und ihm ſo viel an Wuͤrde abzugeben, als er ſelbſt an Grazie noͤ⸗ thig hat. Da Wuͤrde und Anmuth ihre verſchiedenen Gebiete haben, worin ſie ſich aͤußern, ſo ſchließen ſie einander in derſelben Perſon, ja in demſelben Zuſtand einer Perſon nicht aus; viel⸗ mehr iſt es nur die Anmuth, von der die Wuͤrde ihre Be⸗ glaubigung, und nur die Wuͤrde, von der die Anmuth ihren Werth empfaͤngt. 385⁵ Wurde allein beweist zwar überall, wo wir ſie antreffen, eine gewiſſe Einſchraͤnkung der Begierden und Neigungen. Ob es aber nicht vielmehr Stumpfheit des Empfindungsvermoͤgens (Haͤrte) ſey, was wir fuͤr Beherrſchung halten, und ob es wirk⸗ lich moraliſche Selbſtthaͤtigkeit und nicht vielmehr Uebergewicht eines andern Affects, alſo abſichtliche Anſpannung ſey, was den Ausbruch des Gegenwaͤrtigen im Zaume haͤlt, das kann nur die damit verbundene Anmuth außer Zweifel ſetzen. Die Anmuth naͤmlich zeugt von einem ruhigen, in ſich harmoniſchen Gemuͤth und von einem empfindenden Herzen. Eben ſo beweist auch die Anmuth ſchon fur ſich allein eine Empfaͤnglichkeit des Gefuhlvermoͤgens, und eine Uebereinſtim⸗ mung der Empfindungen. Daß es aber nicht Schlaffheit des Geiſtes ſey, was dem Sinn ſo viel Freiheit laͤßt, und das Herz jedem Eindruck oͤffnet, und daß es das Sittliche ſey, was die Empfindungen in dieſe Uebereinſtimmung brachte, das kann uns wiederum nur die damit verbundene Wuͤrde verbuͤrgen. In der Wuͤrde naͤmlich legitimirt ſich das Subject als eine ſelbſtſtaͤndige Kraft; und indem der Wille die Licenz der unwillkuͤrlichen Bewegungen baͤndigt, gibt er zu erkennen, daß er die Freiheit der willkuͤrlichen bloß zulaͤßt. Sind Anmuth und Wuͤrde, jene noch durch architektoniſche Schoͤnheit, dieſe durch Kraft unterſtuͤtzt, in derſelben Perſon vereinigt, ſo iſt der Ausdruck der Menſchheit in ihr vollen⸗ det, und ſie ſteht da, gerechtfertigt in der Geiſterwelt, und freigeſprochen in der Erſcheinung. Beide Geſetzgebungen beruͤh⸗ ren einander hier ſo nahe, daß ihre Graͤnzen zuſammenfließen. Mit gemildertem Glanze ſteigt in dem Laͤcheln des Mundes, in dem ſanftbelebten Blick, in der heitern Stirn die Vernunft⸗ freiheit auf, und mit erhabenem Abſchied geht die Natur⸗ nothwendigkeit in der edeln Majeſtaͤt des Angeſichts unter. Schillers ſammtl. Werke. XI. 25⁵ 386 Nach dieſem Ideal menſchlicher Schoͤnheit ſind die Antiken gebildet, und man erkennt es in der goͤttlichen Geſtalt einer Niobe, im Belvederiſchen Apoll, in dem Borgheſiſchen gefluͤgelten Genius, und in der Muſe des Barberiniſchen Palaſtes.*) ) Mit dem feinen und großen Sinn, der ihm eigen iſt, hat Win⸗ ckelmann(Geſchichte der Kunſt. Erſter Theil. S. 480 folg. Wiener Ausgabe) dieſe hohe Schoͤnheit, welche aus der Verbin⸗ dung der Grazie mit der Wuͤrde hervorgeht, aufgefaßt und beſchrie⸗ ben. Aber was er vereinigt fand, nahm und gab er auch nur für Eins, und er blieb bei dem ſtehen, was der bloße Sinn ihn lehrte, ohne zu unterſuchen, ob es nicht vielleicht noch zu ſcheiden ſey. Er verwirrt den Begriff der Grazie, da er Zuͤge, die offenbar nur der Wuͤrde zukommen, in dieſen Begriff mit aufnimmt. Grazie und Wuͤrde ſind aber weſentlich verſchieden, und man thut Unrecht, das zu einer Eigenſchaft der Grazie zu machen, was vielmehr eine Einſchraͤnkung derſelben iſt. Was Winckelmann die hohe himmliſche Grazie nennt, iſt nichts anders, als Schoͤnheit und Gra⸗ zie mit uͤberwiegender Wuͤrde.„Die himmliſche Grazie, ſagt er, „ſcheint ſich allgenuͤgſam, und bietet ſich nicht an, ſondern will geſucht „werden; ſie iſt zu erhaben, um ſich ſehr ſinnlich zu machen. Sie „verſchließt in ſich die Bewegungen der Seele und naͤhert ſich der „ſeligen Stille der goͤttlichen Natur.— Durch ſie,“ ſagt er an einem andern Ort,„wagte ſich der Kuͤnſtler der Niobe in das Reich un⸗ „koͤrperlicher Ideen, und erreichte das Geheimniß, die Todes⸗ „angſt mit der hoͤchſten Schoͤnheit zu verbinden;“(es wuͤrde ſchwer ſeyn, hierin einen Sinn zu finden, wenn es nicht au⸗ genſcheinlich waͤre, daß hier nur die Wuͤrde gemeint iſy)„er wurde „ein Schoͤpfer reiner Geiſter, die keine Begierden der Sinne er⸗ „wecken, denn ſie ſcheinen nicht zur Leidenſchaft gebildet zu ſeyn, „ſondern dieſelbe nur angenommen zu haben.“— Anderswo heißt es: „Die Seele aͤußerte ſich nur unter einer ſtillen Flaͤche des Waſſers, „und trat niemals mit Ungeſtuͤm hervor. In Vorſtellung des Lei⸗ „dens bleibt die groͤßte Pein verſchloſſen, und die Freude ſchwebt „wie eine ſanfte Luft, die kaum die Bläͤtter ruͤhrt, auf dem Ge⸗ „ſichte einer Leukothea.“ Alle dieſe Zuͤge kommen der Würde und nicht der Grazie zu, 387 Wo ſich Grazie und Wuͤrde vereinigen, da werden wir ab⸗ wechſelnd angezogen und zuruͤckgeſtoßen; angezogen als Geiſter, zuruͤckgeſtoßen als ſinnliche Naturen. In der Wuͤrde naͤmlich wird uns ein Beiſpiel der Unter⸗ ordnung des Sinnlichen unter das Sittliche vorgehalten, wel⸗ chem nachzuahmen fuͤr uns Geſetz, zugleich aber fuͤr unſer phyfiſches Vermoͤgen uͤberſteigend iſt. Der Widerſtreit zwiſchen dem Beduͤrfniß der Natur und der Forderung des Geſetzes, deren Guͤltigkeit wir doch eingeſtehen, ſpannt die Sinnlichkeit an, und erweckt das Gefuͤhl, welches Achtung genannt wird und von der Wuͤrde unzertrennlich iſt. In der Anmuth hingegen, wie in der Schoͤnheit uͤberhaupt, ſieht die Vernunft ihre Forderung in der Sinnlichkeit erfuͤllt⸗ und uͤberraſchend tritt ihr eine ihrer Ideen in der Erſcheinung entgegen. Dieſe unerwartete Zuſammenſtimmung des Zufaͤlli⸗ gen der Natur mit dem Nothwendigen der Vernunft, erweckt ein Gefuͤhl frohen Beifalls(Wohlgefallen), welches auf⸗ loͤſend fuͤr den Sinn, fuͤr den Geiſt aber belebend und be⸗ ſchaͤftigend iſt, und eine Anziehung des ſinnlichen Objects muß erfolgen. Dieſe Anziehung nennen wir Wohlwollen— denn die Grazie verſchließt ſich nicht, ſondern kommt entsegen; die Grazie macht ſich ſinnlich, und iſt auch nicht erhaben, ſondern ſchoͤn. Aber die Wuͤrde iſt es, was die Natur in ihren Aeußerungen zuruͤck⸗ haͤlt, und den Zuͤgen, auch in der Todesangſt und in dem bitterſten Leiden eines Ladkoon, Rube gebietet. g Home verfaͤllt in denſelben Fehler, was aber bei dieſem Schrift⸗ ſteller weniger zu verwundern iſt. Auch er nimmt Zuͤge der Wuͤrde in die Grazie mit auf, ob er gleich Anmuth und Wuͤrde ausdruͤcklich von einander unterſcheidet. Seine Beobachtungen ſind gewoͤhnlich richtig, und die naͤchſten Regeln, die er ſich daraus bildet, wahr; aber weiter darf man ihm auch nicht folgen. Grundſaͤtze der Kritik. II. Theil. Anmuty und Wuͤrde. 388 Liebe; ein Gefuͤhl, das von Anmuth und Schooͤnheit unzer⸗ trennlich iſt. Bei dem Reiz(nicht dem Liebreiz, ſondern dem Wolluſt⸗ reiz, Stimulus) wird dem Sinn ein ſinnlicher Stoff vorgehalten, der ihm Entledigung von einem Beduͤrfniß, d. i. Luſt, ver⸗ ſpricht. Der Sinn iſt alſo beſtrebt, ſich mit dem Sinnlichen zu vereinbaren, und Begierde entſteht; ein Gefuͤhl, das anſpannend fuͤr den Sinn, fuͤr den Geiſt hingegen erſchlaf⸗ fend iſt. Von der Achtung kann man ſagen, ſie beugt ſich vor ihrem Gegenſtande; von der Liebe, ſie neigt ſich zu dem ihrigen; von der Begierde, ſie ſtuͤrzt auf den ihrigen. Bei der Achtung iſt das Object die Vernunft und das Subject die ſinnliche Natur.*) Bei der Liebe iſt das Object ſinnlich, und das Subject die moraliſche Natur. Bei der Begierde find Object und Subject ſinnlich. *) Man darf die Achtung nicht mit der Hochachtung verwechſeln. Achtung(nach ihrem reinen Begriff) geht nur auf das Verhaͤltniß der ſinnlichen Natur zu den Forderungen reiner praktiſcher Vernunft uͤberhaupt, ohne Rückſicht auf eine wirkliche Erfuͤllung.„Das Ge⸗ fuͤhl der Unangemeſſenheit zu Erreichung einer Idee, die fuͤr uns Geſetz iſt, heißt Achtung.“(Kants Krtt der Urtheilskraft.) Da⸗ her iſt Achtung keine angenehme, eber drückende Empfindung. Sie iſt ein Gefuͤhl des Abſtandes des empiriſchen Willens von dem reinen. — Es kann daher auch nicht vefremdlich ſeyn, daß ich die ſinnliche Natur zum Subject der Achtung mache, obgleich dieſe nur auf reine Vernunft geyr; denn die Unangemeſſenheit zu Erreichung des Geſetzes kann nur in der Sinnlichkeit liegen. Hochachtung hingegen geht ſchon auf die wirkliche Erfuͤllung des Geſetzes, und wird nicht fuͤr das Geſetz, ſondern fuͤr die Perſon, die demſelben gemaͤß handelt, empfunden. Daher hat ſie etwas Exgoͤtzendes, weil die Erfüllung des Geſetzes Vernunftweſen er⸗ freuen muß. Achtung iſt Zwang, Hochachtung ſchon ein freieres 389 Die Liebe allein iſt alſo eine freie Empfindung, denn ihre reine Quelle ſtroͤmt hervor aus dem Sitz der Freiheit, aus unſrer goͤttlichen Natur. Es iſt hier nicht das Kleine und Niedrige, was ſich mit dem Großen und Hohen mißt, nicht der Sinn, der an dem Vernunftgeſetz ſchwindelnd hinaufſieht; es iſt das abſolut Große ſelbſt, was in der Anmuth und Schoͤnheit ſich nachgeahmt und in der Sittlichkeit ſich befriedigt findet; es iſt der Geſetzgeber ſelbſt, der Gott in uns, der mit ſeinem eigenen Bilde in der Sinnenwelt ſpielt. Daher iſt das Gemuͤth aufgeloͤst in der Liebe, da es angeſpannt iſt in der Achtung; denn hier iſt nichts, das ihm Schranken ſetzte, da das abſolut Große nichts uͤber ſich hat, und die Sinnlichkeit, von der hier allein die Einſchraͤnkung kommen koͤnnte, in der Anmuth und Schoͤnheit mit den Ideen des Geiſtes zuſammenſtimmt. Liebe iſt ein Herabſteigen, da die Achtung ein Hinaufklimmen iſt. Daher kann der Schlimme nichts lieben, ob er gleich Vieles achten muß; daher kann der Gute wenig achten, was er nicht zugleich mit Liebe umfinge. Der reine Geiſt kann nur lieben, nicht achten; der Sinn kann nur achten, aber nicht lieben. Wenn der ſchuldbewußte Menſch in ewiger Furcht ſchwebt, dem Geſetzgeber in ihm ſelbſt, in der Sinnenwelt zu begegnen, und in Allem, was groß und ſchoͤn und trefflich iſt, ſeinen Feind erblickt, ſo kennt die ſchöne Seele kein ſuͤßeres Gluͤck, als das Heilige in ſich außer ſich nackgeahmt oder verwirklicht zu ſehen, und in der Sinnenwelt ihren unſterblichen Freund zu umarmen. Liebe iſt zugleich das Großmuͤthigſte und das Selbſtſuͤchtigſte in der Natur: das erſte, denn ſie empfaͤngt Geſuͤhl. Aber das ruͤhrt von der Liebe her, die ein Ingrediens der Hochachtung ausmacht. Achten muß auch der Nichtswuͤrdige das Gute; aber um denjenigen hochzuachten, der es gethan hat, müuͤßte er aufhoͤren, ein Nichtswuͤrdiger zu ſeyn. 290 von ihrem Gegenſtande nichts, ſondern gibt ihm Alles, da der reine Geiſt nur geben, nicht empfangen kann; das zweite, denn es iſt immer nur ihr eigenes Selbſt, was ſie in ihrem Gegenſtande ſucht und ſchaͤtzt. Aher eben darum, weil der Liebende von dem Geliebten nur empfaͤngt, was er ihm ſelber gab, ſo begegnet es ihm oͤfters, daß er ihm gibt, was er nicht von ihm empfing. Der aͤußere Sinn glaubt zu ſehen, was nur der innere anſchaut; der feurige Wunſch wird zum Glauben, und der eigene Ueberfluß des Liebenden verbirgt die Armuth des Geliebten. Daher iſt die Liebe ſo leicht der Taͤuſchung ausgeſetzt, was der Achtung und Begierde ſelten begegnet. So lange der innere Sinn den außern exaltirt, ſo lange dauert auch die ſelige Bezauberung der platoniſchen Liebe, der zur Wonne der Unſterblichen nur die Dauer fehlt. Sobald aber der innere Sinn dem aͤußern ſeine Anſchauungen nicht mehr unterſchiebt, ſo tritt der aͤußere wieder in ſeine Rechte und fordert, was ihm zukommt— Stoff. Das Feuer, welches die himmliſche Venus entzuͤndete, wird von der irdiſchen benutzt, und der Naturtrieb raͤcht ſeine lange Vernachläͤſſigung nicht ſelten durch eine deſto unum⸗ ſchraͤnktere Herrſchaft. Da der Sinn nie getaͤuſcht wird, ſo macht er dieſen Vortheil mit grobem Uebermuth gegen ſeinen edlern Nebenbuhler geltend, und iſt kuͤhn genug zu behaupten, daß er gehalten habe, was die Begeiſterung ſchuldig blieb. Die Wuͤrde hindert, daß die Liebe nicht zur Begierde wird. Die Anmuth verhuͤtet, daß die Achtung nicht Furcht wird. Wahre Schoͤnheit, wahre Anmuth ſoll niemals Begierde erregen. Wo dieſe ſich einmiſcht, da muß es entweder dem Gegenſtand an Wuͤrde, oder dem Betrachter an Sittlichkeit der Empfindungen mangeln. Wahre Groͤße ſoll niemals Furcht erregen. Wo dieſe eintritt, 391 da kann man gewiß ſeyn, daß es entweder dem Gegenſtand an Geſchmack und an Grazie oder dem Betrachter an einem guͤn⸗ ſtigen Zeugniß ſeines Gewiſſens fehlt. Reiz, Anmuth und Grazie werden zwar gewoͤhnlich als gleichbedeutend gebraucht; ſie ſind es aber nicht, oder ſollten es doch nicht ſeyn, da der Begriff, den ſie ausdruͤcken, mehre⸗ rer Beſtimmungen faͤhig iſt⸗ die eine verſchiedene Bezeichnung verdienen. Es gibt eine belebende und eine beru higende Grazie. Die erſte graͤnzt an den Sinnenreiz, und das Wohlgefallen an derſelben kann, wenn es nicht durch Wuͤrde zuruͤckgehalten wird, leicht in Verlangen ausarten. Dieſe kann Reiz genannt werden. Ein abgeſpannter Menſch kann ſich nicht durch innere Kraft in Bewegung ſetzen, ſondern muß Stoff von außen empfangen, und durch leichte Uebungen der Phantaſie und ſchnelle Uebergaͤnge vom Empfinden zum Handeln ſeine verlorne Schnellkraft wieder herzuſtellen ſuchen. Dieſes er⸗ langt er im Umgang mit einer reizenden Perſon, die das ſtagnirende Meer ſeiner Einbildungskraft durch Geſpraͤch und Anblick in Schwung bringt. Die beruhigende Grazie graͤnzt naͤher an die Wuͤrde, da ſie ſich durch Maͤßigung unruhiger Bewegungen aͤußert. Zu ihr wendet ſich der angeſpannte Menſch, und der wilde Sturm des Gemuͤths löst ſich auf an ihrem friedeathmenden Buſen. Dieſe kann Anmuth genannt werden. Mit dem Reize ver⸗ bindet ſich gern der lachende Scherz und der Stachel des Spottes; mit der Anmuth das Mitleid und die Liebe. Der entnervte Soliman ſchmachtet zuletzt in den Ketten einer Rorolaue, wenn ſich der brauſende Geiſt eines Othello an der ſanften Bruſt einer Desdemona zur Ruhe wiegt. Auch die Wuͤrde hat ihre verſchiedenen Abſtufungen, und 392 wird da, wo ſie ſich der Anmuth und Schoͤnheit naͤhert, zum Edeln, urd, wo ſie an das Furchtbare graͤnzt, zur Hoheit. Der hoͤchſte Grad der Anmuth iſt das Bezaubernde; der hoͤchſte Grad der Wuͤrde die Majeſtaͤt. Bei dem Be⸗ zaubernden verlieren wir uns gleichſam ſelbſt, und fließen hin⸗ uͤber in den Gegenſtand. Der hoͤchſte Genuß der Freiheit graͤnzt an den voͤlligen Verluſt derſelben, und die Trunkenheit des Geiſtes an den Taumel der Sinnenluſt. Die Majeſtaͤt hingegen haͤlt uns ein Geſetz vor, das uns noͤthigt, in uns ſelbſt zu ſchauen. Wir ſchlagen die Augen vor dem gegen⸗ waͤrtigen Gott zu Boden, vergeſſen Alles außer uns, und empfinden nichts als die ſchwere Buͤrde unſeres eignen Daſeyns. Majeſtaͤt hat nur das Heilige. Kann ein Menſch uns dieſes repraͤſentiren, ſo hat er Majeſtaͤt, und wenn auch unſre Kniee nicht nachfolgen, ſo wird doch unſer Geiſt vor ihm nieder⸗ fallen. Aber er richtet ſich ſchnell wieder auf, ſobald nur die kleinſte Spur menſchlicher Schuld an dem Gegenſtand ſeiner Anbetung ſichtbar wird; denn nichts, was nur vergleichungs⸗ weiſe groß iſt, darf unſern Muth darniederſchlagen. Die bloße Macht, ſey ſie auch noch ſo furchtbar und gränzen⸗ los, kann nie Majeſtaͤt verleihen. Macht imponirt nur dem Sinnenweſen, die Majeſtät muß dem Geiſte ſeine Freiheit nehmen. Ein Menſch, der mir das Todesurtheil ſchreiben kann, hat darum noch keine Majeſtaͤt fuͤr mich, ſobald ich ſelbſt nur bin, was ich ſeyn ſoll. Sein Vortheil uͤber mich iſt aus, ſobald ich will. Wer mir aber in ſeiner Perſon den rei⸗ nen Willen darſtellt, vor dem werde ich mich, wenn's moͤglich i*ſt, auch noch in kuͤnftigen Welten beugen. Anmuth und Wuͤrde ſtehen in einem ſo hohen Werth, um die Eitelkeit und Thorheit nicht zur Nachahmung zu reizen. Aber es gibt dazu nur einen Weg, naͤmlich Nachahmung 393 der Geſinnungen, deren Ausdruck ſie ſind. Alles Andere iſt Nachaͤffung, und wird ſich als ſolche durch Uebertreibung bald kenntlich machen. So wie aus der Affection des Erhabenen Schwulſt, aus der Affection des Edeln das Koſtbare entſteht, ſo wird aus der affectirten Anmuth Ziererei, und aus der affectirten Wuͤrde ſteife Feierlichkeit und Gravitaͤt. Die aͤchte Anmuth gibt bloß nach und kommt entgegen; die falſche hingegen zerfließt. Die wahre Anmuth ſchont bloß die Werkzeuge der willkürlichen Bewegung, und will der Freiheit der Natur nicht unnöͤthiger Weiſe zu nahe treten; die falſche Anmuth hat gar nicht das Herz, die Werkzeuge des Willens gehoͤrig zu gebrauchen, und um ja nicht ins Harte und Schwerfaͤllige zu fallen, opfert ſie lieber etwas von dem Zweck der Bewegung auf, oder ſucht ihn durch Umſchw eife zu erreichen. Wenn der unbehuͤlfliche Taͤnzer bei einer Menuett ſo viel Kraft aufwendet, als ob er ein Muͤhlrad zu ziehen haͤtte, und mit Haͤnden und Fuͤßen ſo ſcharfe Ecken ſchneidet, als wenn es hier um eine geometriſche Genauigkeit zu thun waͤre, ſo wird der affectirte Taͤnzer ſo ſchwach auftreten, als ob er den Fußboden fuͤrchtete, und mit Haͤnden und Fuͤßen nichts als Schlangenlinien beſchreiben, wenn er auch daruͤber nicht von der Stelle kommen ſollte. Das andere Geſchlecht, welches vorzugsweiſe im Beſitz der wahren Anmuth iſt, macht ſich auch der falſchen am meiſten ſchuldig; aber nirgends beleidigt dieſe mehr, als wo ſie der Begierde zum Angel dient. Aus dem Laͤcheln der wahren Grazie wird dann die widrigſte Grimaſſe; das ſchoͤne Spiel der Augen, ſo be⸗ zaubernd, wenn wahre Empfindung daraus ſpricht, wird zur Verdrehung; die ſchmelzend modulirende Stimme, ſo unwider⸗ ſtehlich in einem wahren Munde, wird zu einem ſtudirten 394 1 tremulirenden Klang, und die ganze Muſik weiblicher Reizungen zu einer betruͤglichen Toilettenkunſt. Wenn man auf Theatern und Ballſaͤlen Gelegenheit hat, die affectirte Anmuth zu beobachten, ſo kann man oft in den Cabinetten der Miniſter und in den Studierzimmern der Ge⸗ lehrten(auf hohen Schulen beſonders) die falſche Wuͤrde ſtu⸗ diren. Wenn die wahre Wuͤrde zufrieden iſt, den Affect an ſeiner Herrſchaft zu hindern, und dem Naturtrieb bloß da, wo er den Meiſter ſpielen will, in den unwillkuͤrlichen Bewegungen Schranken ſetzt, ſo regiert die falſche Wuͤrde auch die will⸗ kuͤrlichen mit einem eiſernen Scepter, unterdruͤckt die moraliſchen Bewegungen, die der wahren Wuͤrde heilig ſind, ſo gut als die ſinnlichen, und loͤſcht das ganze mimiſche Spiel der Seele in den Ge⸗ ſichtszuͤgen aus. Sie iſt nicht bloß ſtreng gegen die widerſtrebende, ſondern hart gegen die unterwuͤrfige Natur, und ſucht ihre laͤcher⸗ liche Groͤße in Unterjochung, und, wo dieß nicht angehen will, in Verbergung derſelben. Nicht anders, als wenn ſie Allem, was Natur heißt, einen unverſoͤhnlichen Haß gelobt haͤtte, ſteckt ſie den Leib in lange faltige Gewaͤnder, die den ganzen Gliederbau des Menſchen verbergen, beſchraͤnkt den Gebrauch der Glieder durch einen laͤſtigen Apparat unnuͤtzer Zierrath, und ſchneidet ſogar die Haare ab, um das Geſchenk der Natur durch ein Machwerk der Kunſt zu erſetzen. Wenn die wahre Wurde, die ſich nie der Natur, nur der rohen Natur ſchaͤmt, auch da, wo ſie an ſich haͤlt, noch ſtets frei und offen bleibt; wenn in den Augen Empfindung ſtrahlt, und der heitere ſtille Geiſt auf der beredten Stirn ruht, ſo legt die Gravitaͤt die ihrige in Falten, wird verſchloſſen und myſterioͤs, und bewacht ſorgfaͤltig wie ein Ko⸗ moͤdiant ihre Zuͤge. Alle ihre Geſichtsmuskeln ſind angeſpannt, aller wahre natuͤrliche Ausdruck verſchwindet, und der ganze Menſch iſt wie ein verſiegelter Brief. Aber die falſche Wuͤrde 395 hat nicht immer Unrecht, das mimiſche Spiel ihrer Zuͤge in ſcharfer Zucht zu halten, weil es vielleicht mehr ausſagen koͤnnte, als man laut machen will, eine Vorſicht, welche die wahre Wuͤrde freilich nicht noͤthig hat. Dieſe wird die Natur nur beherrſchen, nie verbergen; bei der falſchen hingegen herrſcht die Natur nur deſto gewaltthaͤtiger innen, indem ſie außen bezwungen iſt.*) **) Indeſſen gibt es auch eine Feierlichkeit im guten Sinne, wovon die Kunſt Gebrauch machen kann. Dieſe entſteht nicht aus der Anmaßung, ſich wichtig zu machen, ſondern ſie hat die Abſicht, das Gemuͤth auf etwas Wichtiges vorzubereiten. Da, wo ein großer und tiefer Eindruck geſchehen ſoll, und es dem Dichter darum zu thun iſt, daß nichts davon verloren gehe, ſo ſtimmt er das Gemuͤth vorher zum Empfang desſelben, entfernt alle Zer⸗ ſtreuungen, und ſetzt die Einbildungskraft in eine erwartungsvolle Spannung. Dazu iſt nun das Feierliche ſehr geſchickt, welches in Haͤufung vieler Anſtalten beſteht, wovon man den Zweck nicht abſieht, und in einer abſichtlichen Verzoͤgerung des Fortſchritts, da wo die Ungeduld Eile fordert. In der Muſik wird das Feierliche durch eine lang ſame gleichfoͤrmige Folge ſiarker Toͤne hervor⸗ gebracht; die Staͤrke erweckt und ſpannt das Gemuͤth, die Langſam⸗ keit verzoͤgert die Befriedigung, und die Gleichfoͤrmigkeit des Tacts laͤßt die Ungeduld gar kein Ende abſehen. Das Feierliche unterſtuͤtzt den Eindruck des Großen und Erhabenen nicht wenig, und wird daher bei Religionsgebraͤuchen und Myſterien mit großem Erfolg gebraucht. Die Wirkungen der Glocken, der Choralmuſik, der Drgel ſind bekannt; aber auch fuͤr das Auge gibt es ein Feierliches, naͤmlich die Pracht, ver⸗ bunden mit dem Furchtbaren, wie bei Leichenceremonien und bei allen oͤffentlichen Aufzuͤgen, die eine große Stille und einen langſamen Tact beobachten. Ueber das Pathetiſche*) Darſtellung des Leidens— als bloßen Leidens— iſt nie⸗ mals Zweck der Kunſt, aber als Mittel zu ihrem Zweck iſt ſie derſelben aͤußerſt wichtig. Der letzte Zweck der Kunſt iſt die Darſtellung des Ueberſinnlichen, und die tragiſche Kunſt insbe⸗ ſondere bewerkſtelligt dieſes dadurch, daß ſie uns die moraliſche Independenz von Naturgeſetzen im Zuſtand des Affects verſinn⸗ licht. Nur der Widerſtand, den es gegen die Gewalt der Ge⸗ fuͤhle aͤußert, macht das freie Princip in uns kenntlich; der Widerſtand aber kann nur nach der Staͤrke des Angriffs ge⸗ ſchaͤtzt werden. Soll ſich alſo die Intelligenz im Menſchen als eine von der Natur unabhaͤngige Kraft offenbaren, ſo muß die Natur ihre ganze Macht erſt vor unſern Augen bewieſen haben. *) Anmerkung des Herausgebers. Der Verfaſſer hatte in das dritte Stuͤck der neuen Thalia vom Jahrgang 1793 eine Ab⸗ handlung vom Erhabenen eingeruͤckt, die nach der Ueberſchrift zur weitern Ausfuͤhrung einiger Kant'ſchen Ideen dienen ſollte. Einige Jahre nachher war uͤber eben dieſen Gegenſtand die Schriſt entſtanden, welche im zwoͤlfren Bande dieſer Ausgabe abgedruckt iſt. Dieſer ſpaͤtern Bearbeitung, die ſich mehr durch eigenthuͤmliche An⸗ ſichten auszeichnete, gab der Verfaſſer den Vorzug, als ſeine kleinen proſaiſchen Schriften zuſammengedruckt wurden, und von jener fruͤ⸗ hern Abhandlung wurde nur ein Theil unter dem Titel: uͤber das Pathetiſche, in dieſe Sammlung aufgenommen. 397 Das Sinnenweſen muß tief und heftig leiden; Pathos muß da ſeyn, damit das Vernunftweſen ſeine Unabhaͤngigkeit kund thun, und ſich handelnd darſtellen koͤnne. Man kann niemals wiſſen, ob die Faſſung des Gemuͤths eine Wirkung ſeiner moraliſchen Kraft iſt, wenn man nicht uͤberzeugt worden iſt⸗ daß ſie keine Wirkung der Umempfindlich⸗ keit ſey. Es iſt keine Kunſt, uͤber Gefuͤhle Meiſter zu werden, die nur die Oberflaͤche der Seele leicht und fluͤchtig beſtreichen; aber in einem Sturm, der die ganze ſinnliche Natur aufregt, ſeine Gemuͤthsfreiheit zu behalten, dazu gehoͤrt ein Vermoͤgen des Widerſtandes, das uͤber alle Naturmacht unendlich erhaben iſt. Man gelangt alſo zur Darſtellung der moraliſchen Frei⸗ heit nur durch die lebendigſte Darſtellung der leidenden Natur, und der tragiſche Held muß ſich erſt als empfindendes Weſen bei uns legitimirt haben, ehe wir ihm als Vernunftweſen hul⸗ digen, und an ſeine Seelenſtaͤrke glauben. Pathos iſt alſo die erſte und unnachlaͤßliche Forderung an den tragiſchen Kuͤnſtler, und es iſt ihm erlaubt, die Darſtellung des Leidens ſo weit zu treiben, als es, ohne Nachtheil fuͤr ſeinen letzten Zweck, ohne Unterdruͤckung der moraliſchen Freiheit, geſchehen kann. Er muß gleichſam ſeinem Helden oder ſeinem Leſer die ganze volle Ladung des Leidens geben, weil es ſonſt immer problematiſch bleibt, ob ſein Widerſtand gegen dasſelbe eine Gemuͤthshandlung, etwas Poſitives, und nicht vielmehr bloß etwas Negatives und ein Mangel iſt. Dieß Letztere iſt der Fall bei dem Trauerſpiel der ehemali⸗ gen Franzoſen, wo wir hoͤchſt ſelten oder nie die leidende RNatur zu Geſicht bekommen, ſondern meiſtens nur den kalten, declamatoriſchen Poeten oder auch den auf Stelzen gehenden Komoͤdianten ſehen. Der froſtige Ton der Declamation erſtickt alle wahre Natur, und den franzoͤſiſchen Tragikern macht es ihre 398 angebetete Decenz vollends ganz unmoͤglich, die Menſchheit in ihrer Wahrheit zu zeichnen. Die Decenz verfaͤlſcht uͤber⸗ all, auch wenn ſie an ihrer rechten Stelle iſt, den Ausdruck der Natur, und doch fordert dieſen die Kunſt unnachlaͤßlich. Kaum können wir es einem franzoͤſiſchen Trauerſpielhelden glauben, daß er leidet, denn er laͤßt ſich uͤber ſeinen Gemuͤthszuſtand heraus, wie der ruhigſte Menſch, und die unaufhoͤrliche Ruͤck⸗ ſicht auf den Eindruck, den er auf Andere macht, erlaubt ihm nie, der Natur in ſich ihre Freiheit zu laſſen. Die Koͤnige, Prinzeſſinnen und Helden eines Corneille und Voltaire ver⸗ geſſen ihren Nang auch im heftigſten Leiden nie, und ziehen weit eher ihre Menſchheit als ihre Wuͤrde aus. Sie glei⸗ chen den Koͤnigen und Kaiſern in den alten Bilderbuͤchern, die ſich mit ſammt der Krone zu Bette legen. Wie ganz anders ſind die Griechen und diejenigen unter den Neuern, die in ihrem Geiſte gedichtet haben. Nie ſchaͤmt ſich der Grieche der Natur, er laͤßt der Sinnlichkeit ihre vollen Rechte, und iſt dennoch ſicher, daß er nie von ihr unterjocht werden wird. Sein tiefer und richtiger Verſtand laͤßt ihn das Zufaͤllige, das der ſchlechte Geſchmack zum Hauptwerke macht, von dem Nothwendigen unterſcheiden; Alles aber, was nicht Menſchheit iſt, iſt zufaͤllig an dem Menſchen. Der griechiſche Kuͤnſtler, der einen Laokoon, eine Niobe, einen Philoktet darzu⸗ ſtellen hat, weiß von keiner Prinzeſſin, keinem Koͤnig und kei⸗ nem Koͤnigsſohn; er haͤlt ſich nur an den Menſchen. Deß⸗ wegen wirft der weiſe Bildhauer die Bekleidung weg, und zeigt uns bloß nackende Figuren, ob er gleich ſehr gut weiß, daß dieß im wirklichen Leben nicht der Fall war. Kleider ſind ihm etwas Zufaͤlliges, dem das Nothwendige niemals nachgeſetzt werden darf⸗ und die Geſetze des Anſtands oder des Beduͤrfniſſes ſind nicht die Geſetze der Kunſt. Der Bildhauer ſoll und will uns 399 den Menſchen zeigen, und Gewaͤnder verbergen denſelben; alſo verwirft er ſie mit Recht. Eben ſo wie der griechiſche Bildhauer die unnuͤtze und hin⸗ derliche Laſt der Gewaͤnder hinwegwirft, um der menſchlichen Natur mehr Platz zu machen, ſo entbindet der griechiſche Dich⸗ ter ſeine Menſchen von dem eben ſo unnutzen und eben ſo hin⸗ derlichen Zwang der Convenienz und von allen froſtigen Anſtands⸗ geſetzen, die an dem Menſchen nur kuͤnſteln und die Natur an ihm verbergen. Die leidende Natur ſpricht wahr, aufrichtig und tiefeindringend zu unſerm Herzen in der Homeriſchen Dich⸗ tung und in den Tragikern; alle Leidenſchaften haben ein freies Spiel, und die Regel des Schicklichen haͤlt kein Gefuͤhl zuruͤck. Die Helden ſind fuͤr alle Leiden der Menſchheit ſo gut empfind⸗ lich als Andere, und eben das macht ſie zu Helden, daß ſie das Leiden ſtark und innig fuͤhlen, und doch nicht davon uͤberwaͤltigt werden. Sie lieben das Leben ſo feurig wie wir Andern, aber dieſe Empfindung beherrſcht ſie nicht ſo ſehr, daß ſie es nicht hingeben koͤnnen, wenn die Pflichten der Ehre oder der Menſch⸗ lichkeit es fordern. Philoktet erfuͤllt die griechiſche Buͤhne mit ſeinen Klagen; ſelbſt der wuͤthende Hercules unterdruͤckt ſeinen Schmerz nicht. Die zum Opfer beſtimmte Iphigenia geſteht mit ruͤhrender Offenheit, daß ſie von dem Licht der Sonne mit Schmerzen ſcheide. Nirgends ſucht der Grieche in der Ab⸗ ſtumpfung und Gleichguͤltigkeit gegen das Leiden ſeinen Ruhm, ſondern in Ertragung desſelben bei allem Gefuͤhl fuͤr das⸗ ſelbe. Selbſt die Goͤtter der Griechen muͤſſen der Natur einen Tribut entrichten, ſobald ſie der Dichter der Menſchheit naͤher bringen will. Der verwundete Mars ſchreit vor Schmerz ſo laut auf, wie zehntauſend Mann, und die von einer Lanze ge⸗ ritzte Venus ſteigt weinend zum Olymp, und verſchwoͤrt alle Gefechte. 400 Dieſe zarte Empfindlichkeit fuͤr das Leiden, dieſe warme, aufrichtige, wahr und offen da liegende Natur, welche uns in den griechiſchen Kunſtwerken ſo tief und lebendig ruͤhrt, iſt ein Muſter der Nachahmung fuͤr alle Kuͤnſtler, und ein Geſetz, das der griechiſche Genius der Kunſt vorgeſchrieben hat. Die erſte Forderung an den Menſchen macht immer und ewig die Na⸗ tur, welche niemals darf abgewieſen werden; denn der Menſch iſt— ehe er etwas Anderes iſt— ein empfindendes Weſen. Die zweite Forderung an ihn macht die Vernunft, denn er iſt ein vernuͤnftig empfindendes Weſen, eine moraliſche Perſon, und fuür dieſe iſt es Pflicht, die Natur nicht über ſich herrſchen zu laſſen, ſondern ſie zu beherrſchen. Erſt alsdann, wenn erſt⸗ lich der Natur ihr Recht iſt angethan worden, und wenn zweitens die Vernunft das ihrige behauptet hat, iſt es dem Anſtand erlaubt, die dritte Forderung an den Men⸗ ſchen zu machen, und ihm, im Ausdruck ſowohl ſeiner Empfin⸗ dungen als ſeiner Geſinnungen, Ruͤckſicht gegen die Geſellſchaft aufzulegen, um ſich, als ein— civiliſirtes Weſen zu zeigen. Das erſte Geſetz der tragiſchen Kunſt war Darſtellung der leidenden Natur. Das zweite iſt Darſtellung des moraliſchen Widerſtandes gegen das Leiden. Der Affect, als Affect, iſt etwas Gleichguͤltiges, und die Darſtellung desſelben wuͤrde, fuͤr ſich allein betrachtet, ohne allen aͤſthetiſchen Werth ſeyn; denn, um es noch einmal zu wiederholen, nichts, was bloß die ſinnliche Natur angeht, iſt der Darſtellung wuͤrdig. Daher ſind nicht nur alle bloß erſchlaf⸗ fenden(ſchmelzenden) Affecte, ſondern uͤberhaupt auch alle hoͤchſten Grade, von was fuͤr Affecten es auch ſey, unter der Wuͤrde tragiſcher Kunſt. Die ſchmelzenden Affecte, die bloß zaͤrtlichen Ruͤhrungen, gehoͤren zum Gebiet des Angenehmen, mit dem die 401 ſchoͤne Kunſt nichts zu thun hat. Sie ergoͤtzen bloß den Sinn durch Aufloͤſung oder Erſchlaffung, und beziehen ſich bloß auf den aͤußern, nicht auf den innern Zuſtand des Menſchen. Viele unſerer Romane und Trauerſpiele, beſonders der ſogenannten Dramen(Mitteldinge zwiſchen Luſtſpiel und Trauerſpiel) und der beliebten Familiengemaͤlde gehoͤren in dieſe Claſſe. Sie bewir⸗ ken bloß Ausleerungen des Thraͤnenſacks und eine wolluͤſtige Erleichterung der Gefaͤße; aber der Geiſt geht leer aus, und die edlere Kraft im Menſchen wird ganz und gar nicht dadurch ge⸗ ſtaͤrkt. Eben ſo, ſagt Kant, fuͤhlt ſich Mancher durch eine Pre⸗ digt erbaut, wobei doch gar nichts in ihm aufgebaut wor⸗ den iſt. Auch die Muſik der Neuern ſcheint es vorzuͤglich nur auf die Sinnlichkeit anzulegen, und ſchmeichelt dadurch dem herrſchenden Geſchmack, der nur angenehm gekitzelt, nicht er⸗ griffen, nicht kraͤftig geruͤhrt, nicht erhoben ſeyn will. Alles Schmelzende wird daher vorgezogen, und wenn noch ſo gro⸗ ßer Laͤrm in einem Concertſaale iſt, ſo wird ploͤtzlich Alles Ohr, wenn eine ſchmelzende Paſſage vorgetragen wird. Ein bis ins Thieriſche gehender Ausdruck der Sinnlichkeit erſcheint dann gewoͤhnlich auf allen Geſichtern, die trunkenen Augen ſchwim⸗ men, der offene Mund iſt ganz Begierde, ein wolluͤſtiges Zittern ergreift den ganzen Koͤrper, der Athem iſt ſchnell und ſchwach, kurz alle Symptome der Berauſchung ſtellen ſich ein: zum deutlichen Beweiſe, daß die Sinne ſchwelgen, der Geiſt aber oder das Princip der Freiheit im Menſchen der Gewalt des ſinnlichen Eindrucks zum Naube wird. Alle dieſe Ruͤhrungen, ſage ich, ſind durch einen edeln und maͤnnlichen Geſchmack von der Kunſt ausgeſchloſſen, weil ſie bloß allein dem Sinne ge⸗ fallen, mit dem die Kunſt nichts zu verkehren hat. Auf der andern Seite ſind aber auch alle diejenigen Grade des Afferts ausgeſchloſſen, die den Sinn bloß quaͤlen, ohne Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 26 40² zugleich den Geiſt dafuͤr zu entſchaͤdigen. Sie unterdruͤcken die Gemuͤthsfreiheit durch Schmerz nicht weniger als jene durch Wolluſt, und konnen deßwegen bloß Verabſcheuung und keine Nuͤhrung bewirken, die der Kunſt wuͤrdig waͤre. Die Kunſt muß den Geiſt ergotzen und der Freiheit gefallen. Der, welcher einem Schmerz zum Raube wird, iſt bloß ein gequaͤltes Thier, kein leidender Menſch mehr; denn von dem Menſchen wird ſchlechterdings ein moraliſcher Widerſtand gegen das Leiden ge⸗ fordert, durch den allein ſich das Princip der Freiheit in ihm, die Intelligenz, kenntlich machen kann. 4 Aus dieſem Grunde verſtehen ſich diejenigen Kuͤnſtler und Dichter ſehr ſchlecht auf ihre Kunſt, welche das Pathos durch die bloße ſinnliche Kraft des Affects und die hoͤchſt leben⸗ dige Schilderung des Leidens zu erreichen glauben. Sie ver⸗ geſſen, daß das Leiden ſelbſt nie der letzte Zweck der Dar⸗ ſtellung und nie die unmittelbare Quelle des Vergnuͤgens ſeyn kann, das wir am Tragiſchen empfinden. Das Pathetiſche iſt nur aͤſthetiſch, inſofern es erhaben iſt. Wirkungen aber, welche bloß auf eine ſinnliche Quelle ſchließen laſſen, und bloß in der Affection des Gefuͤhlvermoͤgens gegruͤndet ſind, ſind nie⸗ mals erhaben, wie viel Kraft ſie auch verrathen moͤgen: denn alles Erhabene ſtammt nur aus der Vernunft. Eine Darſtellung der bloßen Paſſion(ſowohl der wolluͤſtigen als der peinlichen) ohne Darſtellung der üͤberſinnlichen Wider⸗ ſtehungskraft heißt gemein, das Gegentheil heißt e del. Ge⸗ mein und edel ſind die Begriffe, die uüͤberall, wo ſie gebraucht werden, eine Beziehung auf den Antheil oder Nichtantheil der uͤberſinnlichen Natur des Menſchen an einer Handlung oder an einem Werke bezeichnen. Nichts iſt edel, als was aus der Vernunft quillt; Alles, was die Sinnlichkeit fuͤr ſich hervor⸗ bringt, iſt gemein. Wir ſagen von einem Menſchen, er handle 403 gemein, wenn er bloß den Eingebungen ſeines ſinnlichen Trie⸗ bes folgt; er handle anſtaͤndig, wenn er ſeinem Trieb nur mit Nuͤckſicht auf Geſetze folgt; er handle edel, wenn er bloß der Vernunft, ohne Ruͤckſicht auf ſeine Triebe, folgt. Wir nennen eine Geſichtsbildung gemein, wenn ſie die Intelligenz im Menſchen durch gar nichts kenntlich macht; wir nennen ſie ſprechend, wenn der Geiſt die Zuͤge beſtimmte, und edel, wenn ein reiner Geiſt die Zuͤge beſtimmte. Wir nen⸗ nen ein Werk der Architektur gemein, wenn es uns keine andern als phyſiſche Zwecke zeigt; wir nennen es edel, wenn es, unabhaͤngig von allen phyſiſchen Zwecken, zugleich Darſtel⸗ lung von Ideen iſt. Ein guter Geſchmack alſo, ſage ich, geſtattet keine, wenn gleich noch ſo kraftvolle, Darſtellung des Affects, die bloß phyſi⸗ ſches Leiden und phyſiſchen Widerſtand ausdruͤckt, ohne zugleich die hoͤhere Menſchheit, die Gegenwart eines uͤberſinnlichen Ver⸗ moͤgens, ſichtbar zu machen— und zwar aus dem ſchon ent⸗ wickelten Grunde, weil nie das Leiden an ſich, nur der Wider⸗ ſtand gegen das Leiden pathetiſch und der Darſtellung wuͤrdig iſt. Daher ſind alle abſolut hoͤchſten Grade des Affects dem Kuͤnſtler ſowohl als dem Dichter unterſagt; denn alle unter⸗ druͤcken die innerlich widerſtehende Kraft, oder ſetzen vielmehr die Unterdruͤckung derſelben ſchon voraus, weil kein Affect ſeinen abſolut hoͤchſten Grad erreichen kann, ſo lange die Intelligenz im Menſchen noch einigen Widerſtand leiſtet. Jetzt entſteht die Frage: wodurch macht ſich dieſe uͤberſiun⸗ liche Widerſtehungskraft in einem Affect kenntlich? Durch nichts Anderes als durch Beherrſchung, oder allgemeiner, durch Be⸗ kaͤmpfung des Affects. Ich ſage des Affects, denn auch die Sinnlichkeit kann kämpfen; aber das iſt kein Kampf mit dem Affect, ſondern mit der Urſache, die ihn hervorbringt— kein 404 moraliſcher, ſondern ein phyſiſcher Widerſtand, den auch der Wurm aͤußert, wenn man ihn tritt, und der Stier, wenn man ihn verwundet, ohne deßwegen Pathos zu erregen. Daß der leidende Menſch ſeinen Gefuͤhlen einen Ausdruck zu geben, daß er ſeinen Feind zu entfernen, daß er das leidende Glied in Sicherheit zu bringen ſucht, hat er mit jedem Thiere gemein, und ſchon der Inſtinct uͤbernimmt dieſes, ohne erſt bei ſeinem Willen anzufragen. Das iſt alſo noch kein Actus ſeiner Hu⸗ manitaͤt, das macht ihn als Intelligenz noch nicht kenntlich. Die Sinnlichkeit wird zwar jederzeit ihren Feind, aber nie⸗ mals ſich ſelbſt bekaͤmpfen. Der Kampf mit dem Affect hingegen iſt ein Kampf mit der Sinnlichkeit, und ſetzt alſo etwas voraus, was von der Sinnlichkeit unterſchieden iſt. Gegen das Object, das ihn lei⸗ den macht, kann ſich der Menſch mit Huͤlfe ſeines Verſtandes und ſeiner Muskelkraͤfte wehren; gegen das Leiden ſelbſt hat er keine andern Waffen als Ideen der Vernunft. Ddiieſe muͤſſen alſo in der Darſtellung vorkommen, oder durch ſie erweckt werden, wo Pathos ſtatt finden ſoll. Nun ſind aber Ideen im eigentlichen Sinn und poſitiv nicht darzuſtellen, weil ihnen nichts in der Anſchauung entſprechen kann. Aber negativ und indirect ſind ſie allerdings darzuſtellen, wenn in der Anſchauung etwas gegeben wird, wozu wir die Bedingun⸗ gen in der Natur vergebens aufſuchen. Jede Erſcheinung, deren letzter Grund aus der Sinnenwelt nicht kann geleitet werden, iſt eine indirecte Darſtellung des Ueberſinnlichen. Wie gelangt nun die Kunſt dazu, etwas vorzuſtellen, was uͤber der Natur iſt, ohne ſich uͤbernatuͤrlicher Mittel zu bedie⸗ nen? Was fuͤr eine Erſcheinung muß das ſeyn, die durch natuͤrliche Kraͤfte vollbracht wird(denn ſonſt waͤre ſie keine Erſcheinung) und dennoch ohne Widerſpruch aus phyſiſchen urſachen nicht kann hergeleitet werden? Dieß iſt die Aufgabe; und wie loͤst ſie nun der Kuͤnſtler? Wir muͤſſen uns erinnern, daß die Erſcheinungen, welche im Zuſtand des Affects an einem Menſchen koͤnnen wahrgenom⸗ men werden, von zweierlei Gattung ſind. Entweder es ſind ſolche, die ihm bloß als Thier angehoͤren und als ſolche bloß dem Naturgeſetz folgen, ohne daß ſein Wille ſie beherrſchen oder uüberhaupt die ſelbſtſtaͤndige Kraft in ihm unmittelbaren Einfluß darauf haben koͤnnte. Der Inſtinct erzeugt ſie un⸗ mittelbar, und blind gehorchen ſie ſeinen Geſetzen. Dahin gehoͤren z. B. die Werkzeuge des Blutumlaufs, des Athem⸗ holens und die ganze Oberflaͤche der Haut; aber auch diejenigen Werkzeuge, die dem Willen unterworfen ſind, warten nicht immer die Entſcheidung des Willens ab, ſondern der Inſtinct ſetzt ſie oft unmitkelbar in Bewegung, da beſonders, wo dem phyſiſchen Zuſtand Schmerz oder Gefahr droht. So ſteht zwar unſer Arm unter der Herrſchaft des Willens, aber wenn wir unwiſſend etwas Heißes angreifen, ſo iſt das Zuruͤckziehen der Hand gewiß keine Willenshandlung, ſondern der Inſtinct allein vollbringt ſie. Ja, noch mehr. Die Sprache iſt gewiß etwas, was unter der Herrſchaft des Willens ſteht, und doch kann auch der Inſtinct ſogar uͤber dieſes Werkzeug und Werk des Verſtandes nach ſeinem Gutduͤnken disponiren, ohne erſt bei dem Willen anzufragen, ſobald ein großer Schmerz oder nur ein ſtarker Affect uns uͤberraſcht. Man laſſe den gefaßteſten Stoiker auf einmal etwas hoͤchſt Wunderbares oder unerwartet Schreckliches erblicken, man laſſe ihn dabei ſtehen, wenn Jemand ausglitſcht und in einen Abgrund fallen will, ſo wird ein lauter Ausruf und zwar kein bloß unarticulirter Ton, ſondern ein ganz beſtimmtes Wort, ihm unwillkuͤrlich entwiſchen, und die Natur in ihm wird fruͤher als der Wille gehandelt 406 haben. Dieß dient alſo zum Beweis, daß es Erſcheinungen an dem Menſchen gibt, die nicht ſeiner Perſon als Intelligenz, ſondern bloß ſeinem Inſtinct als einer Naturkraft koͤnnen zu⸗ geſchrieben werden. Nun gibt es aber auch zweitens Erſcheinungen an ihm, die unter dem Einfluß und unter der Herrſchaft des Willens ſtehen, oder die man wenigſtens als ſolche betrachten kann, die der Wille haͤtte verhindern koͤnnen; welche alſo die Perſon und nicht der Inſtinct zu verantworten hat. Dem Inſtinct kommt es zu, das Intereſſe der Sinnlichkeit mit blindem Eifer zu beſorgen; aber der Perſon kommt es zu, den Inſtinct durch Ruͤckſicht auf Geſetze zu beſchraͤnken. Der Inſtinct achtet an ſich ſelbſt auf kein Geſetz; aber die Perſon hat dafuͤr zu ſorgen, daß den Vorſchriften der Vernunft durch keine Handlung des Inſtincts Eintrag geſchehe. So viel iſt alſo gewiß, daß der Inſtinct allein nicht alle Erſcheinungen am Menſchen im Affect unbedingter Weiſe zu beſtimmen hat, ſondern daß ihm durch den Willen des Menſchen eine Graͤnze geſetzt werden kann. Beſtimmt der Inſtinct allein alle Erſcheinungen am Menſchen, ſo iſt nichts mehr vorhanden, was an die Perſon erinnern koͤnnte, und es iſt bloß Naturweſen, alſo ein Thier, was wir vor uns haben; denn Thier heißt jedes Naturweſen unter der Herrſchaft des Inſtincts. Soll alſo die Perſon dargeſtellt wer⸗ den, ſo muͤſſen einige Erſcheinungen am Menſchen vorkommen, die entweder gegen den Inſtinct, oder doch nicht durch den Inſtinct beſtimmt worden ſind. Schon daß ſie nicht durch den Inſtinct beſtimmt wurden, iſt hinreichend, uns auf eine hoͤhere Quelle zu leiten, ſobald wir nur einſehen, daß der Inſtinct ſie ſchlechterdings haͤtte anders beſtimmen muͤſſen, wenn ſeine Ge⸗ walt nicht waͤre gebrochen worden. Jetzt ſind wir im Stande, die Art und Weiſe anzugeben, 407 wie die uberſinnliche ſelbſtſtaͤndige Kraft im Menſchen, ſein moraliſches Selbſt, im Affect zur Darſtellung gebracht werden kann.— Dadurch naͤmlich, daß alle bloß der Natur gehorchenden Theile, uͤber welche der Wille entweder gar niemals oder wenig⸗ ſtens unter gewiſſen Umſtaͤnden nicht disponiren kann, die Gegenwart des Leidens verrathen— diejenigen Theile aber, welche der blinden Gewalt des Inſtincts entzogen ſind, und dem Naturgeſetz nicht nothwendig gehorchen, keine oder nur eine geringe Spur dieſes Leidens zeigen, alſo in einem gewiſſen Grad frei ſcheinen. An dieſer Disharmonie nun zwiſchen den⸗ jenigen Zuͤgen, die der animaliſchen Natur nach dem Geſetz der Nothwendigkeit eingepraͤgt werden, und zwiſchen denen, die der ſelbſtthaͤtige Geiſt beſtimmt, erkennt man die Gegenwart eines uͤberſinnlichen Princips im Menſchen, welches den Wir⸗ kungen der Natur eine Graͤnze ſetzen kann, und ſich alſo eben dadurch als von derſelben unterſchieden kenntlich macht. Der bloß thieriſche Theil des Menſchen folgt dem Naturgeſetz, und darf daher von der Gewalt des Affects unterdruͤckt erſcheinen. An dieſem Theil alſo offenbart ſich die ganze Staͤrke des Leidens, und dient gleichſam zum Maß, nach welchem der Widerſtand ge⸗ ſchaͤtzt werden kann; denn man kann die Stärke des Wider⸗ ſtandes, oder die moraliſche Macht in dem Menſchen, nur nach der Staͤrke des Angriffs beurtheilen. Je entſcheidender und gewaltſamer nun der Affect in dem Gebiet der Thier⸗ heit ſich aͤußert, ohne doch im Gebiet der Menſchheit dieſelbe Macht behaupten zu koͤnnen, deſto mehr wird dieſe letztere kenntlich, deſto glorreicher offenbart ſich die moraliſche Selbſtſtaͤndigkeit des Menſchen, deſto pathetiſcher iſt die Dar⸗ ſtellung und deſto erhabener das Pathos.*) *) Unter dem Gebiet der Thierheit begreife ich das ganze Syſtem derjenigen Erſcheinungen am Menſchen, die unter der 408 In den Bildſaͤulen der Alten findet man dieſen aͤſthetiſchen Grundſatz anſchaulich gemacht; aber es iſt ſchwer, den Eindruck, den der ſinnlich lebendige Anblick macht, unter Begriffe zu ing en, und durch Worte anzugeben. Die Gruppe des Laokoon und ſeiner Kinder iſt ungefaͤhr ein Maß fuͤr das, was die bil⸗ dende Kunſt der Alten im Pathetiſchen zu leiſten vermochte. „Laokoon,“ ſagt uns Winckelmann in ſeiner Geſch. der Kunſt(S. 699 der Wiener Quartausgabe),„iſt eine Natur im hoͤchſten Schmerze, nach dem Bilde eines Mannes gemacht, der die bewußte Staͤrte des Geiſtes gegen denſelben zu ſammeln ſucht; und indem ſein Leiden die Muskeln aufſchwellt und die derven anzieht, trirt der mit Staͤrke bewaffnete Geiſt in der aufgetriebenen Stirn hervor, und die Bruſt erhebt ſich durch den beklemmten Odem, und durch Zuruͤckhaltung des Ausdrucks der Empfindung, um den Schmerz in ſich zu faſſen und zu verſchließen. Das bange Seufzen, welches er in ſich, und der Odem, den er an ſich zieht, erſchoͤpft den Unterleib, und macht blinden Gewalt des Naturtriebes ſtehen und ohne Vorausſetzung einer Freiheit des Willens vollkommen erklaͤrbar ſind; unter dem Gebiet der Menſchheit aber diejenigen, welche ihre Geſetze von der Freiheit empfangen. Mangelt nun bei einer Darſiellung der Affect im Gebiet der Thierheit, ſo laͤßt uns dieſelbe kalt; herrſcht er hingegen im Gebiet der Menſchheit, ſo ekelt ſie uns an und empoͤrt. Im Gebiet der Thierheit muß der Affect jeder⸗ zeit ungufgeloͤst bleiben, ſonſt fehlt das Pathetiſche; erſt im Gebiet der Menſchheit darf ſich die Aufloͤſung finden. Eine lei⸗ dende Perſon, klagend und we nend vorgeſtellt, wird daher nur ſchwach ruͤhren, denn Klagen und Thraͤnen loͤſen den Schmerz ſchon im Gebiet der Thierheit auf. Weit ſtaͤrker ergreift uns der verbiſſene ſtumme Schmerz, wo wir bei der Natur keine Huͤlfe 1 finden, ſondern zu etwas, das uͤber alle Natur hinausliegt, unſere Zuflucht nehmen muͤſſen; und eben in dieſer Hinweiſung auf 4 das Ueberſinnliche liegt das Pathos und die tragiſche Kraft, 409 die Seiten hohl, welches uns gleichſam von der Bewegung ſei⸗ ner Eingeweide urtheilen laͤßt. Sein eigenes Leiden aber ſcheint ihn weniger zu beaͤngſtigen als die Pein ſeiner Kinder, die ihr Angeſicht zum Vater wenden und um Huͤlfe ſchreien; denn das vaͤterliche Herz offenbart ſich in den wehmuͤthigen Au⸗ gen, und dae Mitleiden ſcheint in einem truben Duft auf den⸗ ſelben zu ſchwimmen. Sein Geſicht iſt klagend, aber nicht ſchreiend, ſeine Augen ſind nach der hoͤhern Huͤlfe gewandt. Der Mund iſt voll von Wehmuth und die geſenkte Unterlippe ſchwer von derſelben; in der uͤberwaͤrts gezogenen Oberlippe aber iſt dieſelbe mit Schmerz vermiſcht, welcher mit einer Regung von Unmuth, wie uͤber ein unverdientes unwurdiges Leiden, in die Naſe hinauftritt, dieſelbe ſchwellen macht, und ſich in den erwei⸗ terten und aufwaͤrts gezogenen Nuͤſtern offenbart. Unter der Stirn iſt der Streit zwiſchen Schmerz und Widerſtand, wie in einem Punkte vereinigt, mit großer Wahrheit gebildet; denn indem der Schmerz die Augenbrauen in die Hoͤhe treibt, ſo druͤckt das Straͤuben gegen denſelben das obere Augenfleiſch niederwaͤrts und gegen das obere Augenlied zu, ſo daß dasſelbe durch das uͤbergetretene Fleiſch beinahe ganz bedeckt wird. Die Natur, welche der Kuͤnſtler nicht verſchoͤnern konnte, hat er aus⸗ gewickelter, angeſtrengter und maͤchtiger zu zeigen geſucht; da, wohin der groͤßte Schmerz gelegt iſt, zeigt ſich auch die groͤßte Schoͤnheit. Die linke Seite, in welche die Schlange mit dem wuͤthenden Biſſe ihr Gift ausgießt, iſt diejenige, welche durch die naͤchſte Empfindung zum Herzen am heftigſten zu leiden ſcheint. Seine Beine wollen ſich erheben, um ſeinem Uebel zu entrinnen; kein Theil iſt in Ruhe, ja die Meißelſtriche ſelbſt helfen zur Bedeutung einer erſtarrten Haut.“ Wie wahr und fein iſt in dieſer Beſchreibung der Kampf der Intelligenz mit dem Leiden der ſinnlichen Natur entwickelt, 41⁰ und wie treffend die Erſcheinungen angegeben, in denen ſich Thierheit und Menſchheit, Naturzwang und Vernunſtfreiheit offenbaren! Virgil ſchilderte bekanntlich denſelben Auftritt in ſeiner Aeneis; aber es lag nicht in dem Plan des epiſchen Dichters, ſich bei dem Gemuͤthszuſtande des Laokoon, wie der Bildhauer thun mußte, zu verweilen. Bei dem Virgil iſt die ganze Erzaͤhlung bloß Nebenwerk, und die Abſicht, wozu ſie ihm dienen ſoll, wird hinlaͤnglich durch die bloße Darſtellung des Phyſiſchen erreicht, ohne daß er noöthig gehabt haͤtte, uns in die Seele des Leidenden tiefe Blicke thun zu laſſen, da er uns nicht ſowohl zum Mitleid bewegen, als mit Schrecken durchdringen will. Die Pflicht des Dichters war alſo in dieſer Hinſicht bloß negativ, naͤmlich, die Darſtellung der leidenden Natur nicht ſo weit zu treiben, daß aller Ausdruck der Menſch⸗ heit oder des moraliſchen Widerſtandes dabei verloren ging, weil ſonſt Unwille und Abſcheu unausbleiblich erfolgen muͤßten. Er hielt ſich daher lieber an Darſtellung der Urſache des Lei⸗ dens, und fand fuͤr gut, ſich umſtaͤndlicher uͤber die Furchtbarkeit der beiden Schlangen und uͤber die Wuth, mit der ſie ihr Schlachtopfer anfallen, als uͤber die Empfindungen desſelben zu verbreiten. An dieſen eilt er nur ſchnell voruͤber, weil ihm daran liegen mußte, die Vorſtellung eines goͤttlichen Straf⸗ gerichts und den Eindruck des Schreckens ungeſchwaͤcht zu er⸗ halten. Haͤtte er uns hingegen von Laokoons Perſon ſo viel wiſſen laſſen, als der Bildhauer, ſo wuͤrde nicht mehr die ſtra⸗ fende Gottheit, ſondern der leidende Menſch der Held in der Handlung geweſen ſeyn, und die Epiſode ihre Zweckmaͤßigkeit fuͤr das Ganze verloren haben. Man kennt die Virgil'ſche Erzaͤhlung ſchon aus Leſ⸗ ſings vortrefflichem Commentar. Aber die Abſicht, wozu Le ſ⸗ ſing ſie gebrauchte, war bloß, die Graͤnzen der poetiſchen und 411 maleriſchen Darſtellung an dieſem Beiſpiel anſchaulich zu ma⸗ chen, nicht den Begriff des Pathetiſchen daraus zu entwickeln. Zu dem letztern Zweck ſcheint ſie mir aber nicht weniger brauch⸗ bar, und man erlaube mir, ſie in dieſer Hinſicht noch einmal zu durchlaufen. Ecce autem gemini Tenedo tranquilla per alta (horresco referens) immensis orbibus angues incumbunt pelago, pariterque ad littora tendunt. Pectora quorum inter fluctus arrecta; jubaeque sanguineae exsuperant undas, pars caetera pontum pone legit, sinuatque immensa volumine terga. Fit sonitus spumante salo, jamque arva tenebant, ardenteis oculos suffecti sanguine et igni, sibila lambebant lingnis vibrantibus ora. Die erſte von den drei oben angefuͤhrten Bedingungen des Erhabenen, der Macht, iſt hier gegeben; eine maͤchtige Natur⸗ kraft naͤmlich, die zur Zerſtoͤrung bewaffnet iſt und jedes Wider⸗ ſtandes ſpottet. Daß aber dieſes Maͤchtige zugleich f urchtbar, und das Furchtbare erhaben werde, beruht auf zwei verſchie⸗ denen Operationen des Gemuths, d. i. auf zwei Vorſtellun⸗ gen, die wir ſelbſtthaͤtig in uns erzeugen. Indem wir erſtlich dieſe unwiderſtehliche Naturmacht mit dem ſchwachen Wider⸗ ſtehungsvermoͤgen des phyſiſchen Menſchen zuſammenhalten, erkennen wir ſie als furchtbar, und indem wir ſie zweitens auf unſern Willen beziehen und uns die abſolute Unabhaͤngig⸗ keit derſelben von jedem Natureinſluß ins Bewußtſeyn rufen, wird ſie uns zu einem erhabenen Object. Dieſe beiden Be⸗ ziehungen aber ſtellen wir an; der Dichter gab uns weiter nichts als einen mit ſtarker Macht bewaffneten und nach Aeuße⸗ rung derſelben ſtrebenden Gegenſtand. Wenn wir davor zit⸗ tern, ſo geſchieht es bloß, weil wir uns ſelbſt oder ein uns 41²2 aͤhnliches Geſchoͤpf im Kampf mit demſelben denken. Wenn wir uns bei dieſem Zittern erhaben fuͤhlen, ſo iſt es, weil wir uns bewußt werden, daß wir, auch ſelbſt als ein Opfer dieſer Macht, fuͤr unſer freies Selbſt, fuͤr die Autonomie unſerer Willensbeſtimmungen, nichts zu fuͤrchten haben wuͤrden. Kurz, die Darſtellung iſt bis hieher bloß contemplativ erhaben. Diffugimus visu exsangues, illi agmine certo Laocoonta petunt, Jetzt wird das Maͤchtige zugleich als furchtbar gegeben, und das Contemplativerhabene geht ins Pathetiſche uͤber. Wir ſehen es wirklich mit der Ohnmacht des Menſchen in Kampf treten. Laokoon oder wir, das wirkt bloß dem Grad nach verſchieden. Der ſympathetiſche Trieb ſchreckt den Erhaltungs⸗ trieb auf, die Ungeheuer ſchießen los auf— uns, und alles Entrinnen iſt vergebens. Jetzt haͤngt es nicht mehr von uns ab, ob wir dieſe Macht mit der unſrigen meſſen und auf unſre Exiſtenz beziehen wol⸗ len. Dieß geſchieht ohne unſer Zuthun in dem Objecte ſelbſt. Unſre Furcht hat alſo nicht, wie im vorhergehenden Moment, einen bloß ſubjectiven Grund in unſerm Gemuͤthe, ſondern ei⸗ nen objectiven Grund in dem Gegenſtand. Denn erkennen wir gleich das Ganze fuͤr eine bloße Fiction der Einbildungs⸗ kraft, ſo unterſcheiden wir doch auch in dieſer Fiction eine Vor⸗ ſtellung, die uns von außen mitgetheilt wird, von einer an⸗ dern, die wir ſelbſtthaͤtig in uns hervorbringen. Das Gemuͤth verliert alſo einen Theil ſeiner Freiheit, weil es von außen empfaͤngt, was es vorher durch ſeine Selbſtthaͤ⸗ tigkeit erzeugte. Die Vorſtellung der Gefahr erhaͤlt einen An⸗ ſchein objectiver Realitat, und es wird Ernſt mit dem Affecte. Waͤren wir nun nichts als Sinnenweſen, die keinem an⸗ 413 dern als dem Erhaltungstriebe folgen, ſo wuͤrden wir hier ſtille ſtehen und im Zuſtand des bloßen Leidens verharren. Aber et⸗ was iſt in uns, was an den Affectionen der ſinnlichen Natur keinen Theil nimmt, und deſſen Thaͤtigkeit ſich nach keinen phyſiſchen Bedingungen richtet. Je nachdem nun dieſes ſelbſt⸗ thaͤtige Princip(ie moraliſche Anlage) in einem Gemuͤth ſich entwickelt hat, wird der leidenden Natur mehr oder weniger Raum gelaſſen ſeyn, und mehr oder weniger Selbſtthaͤtigkeit im Affecte uͤbrig bleiben. In moraliſchen Gemuͤthern geht das Furchtbare(der Ein⸗ bildungskraft) ſchnell und leicht ins Erhabene uͤber. So wie die Imagination ihre Freiheit verliert, ſo macht die Vernunft die ihrige geltend; und das Gemuͤth erweitert ſich nur deſto mehr nach innen, indem es nach außen Graͤn⸗ zen findet. Herausgeſchlagen aus allen Verſchanzungen, die dem Sinnenweſen einen phyſiſchen Schutz verſchaffen koͤnnen, werfen wir uns in die unbezwingliche Burg unſerer moraliſchen Freiheit, und gewinnen eben dadurch eine abſolute und unend⸗ liche Sicherheit, indem wir eine bloß comparative und prekaͤre Schutzwehr im Felde der Erſcheinung verloren geben. Aber eben darum, weil es zu dieſem phyſiſchen Bedraͤngniß gekommen ſeyn muß, ehe wir bei unſerer moraliſchen Natur Huͤlfe ſuchen, koͤn⸗ nen wir dieſes hohe Freiheitsgefuͤhl nicht anders als mit Leiden erkaufen. Die gemeine Seele bleibt bloß bei dieſem Leiden ſtehen, und fuͤhlt im Erhabenen des Pathos nie mehr als das Furcht⸗ bare; ein ſelbſtſtaͤndiges Gemuͤth. hingegen nimmt gerade von dieſem Leiden den Uebergang zum Gefuͤhl ſeiner herrlichſten Kraftwirkung und weiß aus jedem Furchtbaren ein Erhabenes zu erzeugen. 414 Laocoonta petunt, ac primum parva duorum corpora gnatorum serpens amplexus uterque implicat, ac miseros morsu depascitur artus. Es thut eine große Wirkung, daß der moraliſche Menſch(der Vater) eher als der phyſiſche angefallen wird. Alle Affecte ſind aͤſthetiſcher aus der zweiten Hand, und keine Sympathie iſt ſtaͤr⸗ ker, als die wir mit der Sympathie empfinden. Post ipsum auxilio subeuntem ac tela ferentem corripiunt. Jetzt war der Augenblick da, den Helden als moraliſche Perſon bei uns in Achtung zu ſetzen, und der Dichter ergriff dieſen Augenblick. Wir kennen aus ſeiner Beſchreibung die ganze Macht und Wuth der feindlichen Ungeheuer, und wiſſen, wie vergeblich aller Widerſtand iſt. Waͤre nun Laokoon bloß ein gemeiner Menſch, ſo wuͤrde er ſeines Vortheils wahrneh⸗ men, und wie die uͤbrigen Trojaner in einer ſchnellen Flucht ſeine Rettung ſuchen. Aber er hat ein Herz in ſeinem Buſen, und die Gefahr ſeiner Kinder haͤlt ihn zu ſeinem eigenen Verderben zuruͤck. Schon dieſer einzige Zug macht ihn unſers ganzen Mitleidens wuͤrdig. In was fuͤr einem Moment auch die Schlangen ihn ergriffen haben moͤchten, es wuͤrde uns immer bewegt und erſchuͤttert haben. Daß es aber gerade in dem Moment geſchieht, wo er als Vater uns achtungswuͤrdig wird, daß ſein Untergang gleichſam als unmittelbare Folge der erfuͤllten Vaterpflicht, der zaͤrtlichen Bekuͤmmerniß fuͤr ſeine Kinder vorgeſtellt wird— dieß entflammt unſere Theilnahme aufs hoͤchſte. Er iſt es jetzt gleichſam ſelbſt, der ſich aus freier Wahl dem Verderben hingibt, und ſein Tod wird eine Willens⸗ handlung. — 415 Bei allem Pathos muß alſo der Sinn durch Leiden, der Geiſt durch Freiheit intereſſirt ſeyn. Fehlt es einer pathetiſchen Darſtellung an einem Ausdruck der leidenden Natur, ſo iſt ſie ohne aͤſthetiſche Kraft, und unſer Herz bleibt kalt. Fehlt es ihr an einem Ausdruck der ethiſchen Anlage, ſo kann ſie bei aller ſinnlichen Kraft nie pathetiſch ſeyn, und wird unaus⸗ bleiblich unſere Empfindung empoͤren. Aus aller Freiheit des Gemuͤths muß immer der leidende Menſch, aus allen Leiden der Menſchheit muß immer der ſelbſtſtaͤndige oder der Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit faͤhige Geiſt durchſcheinen. Auf zweierlei Weiſe aber kann ſich die Selbſtſtaͤndigkeit des Geiſtes im Zuſtand des Leidens offenbaren. Entweder nega⸗ tiv: wenn der ethiſche Menſch von dem phyſiſchen das Geſetz nicht empfaͤngt, und dem Zuſt and keine Cauſalitaͤt fuͤr die Geſinnung geſtattet wird; oder poſitiv: wenn der ethiſche Menſch dem phyſiſchen das Geſetz gibt, und die Geſinnung fuͤr den Zuſtand Cauſalitaͤt erhaͤlt. Aus dem erſten ent⸗ ſpringt das Erhabene der Faſ ſung, aus dem zweiten das Erhabene der Handlung. Ein Erhabenes der Faſſung iſt jeder vom Schickſal unab⸗ haͤngige Charakter.„Ein tapferer Geiſt, im Kampf mit der „Widerwaͤrtigkeit,“ ſagt Seneca,„iſt ein anziehendes Schau⸗ „ſpiel, ſelbſt fuͤr die Goͤtter.“ Einen ſolchen Anblick gibt uns der roͤmiſche Senat nach dem Ungluͤck bei Cannaͤ. Selbſt Miltons Lucifer, wenn er ſich in der Hoͤlle, ſeinem kuͤnf⸗ tigen Wohnort, zum erſten Mal umſieht, durchdringt uns, die⸗ ſer Seelenſtaͤrke wegen, mit einem Gefuͤhl von Bewunderung. „Schrecken, ich gruͤße euch,“ ruft er aus,„und dich, unter⸗ „irdiſche Welt, und dich, tiefſte Hoͤlle! Nimm auf, deinen „neuen Gaſt. Er kommt zu dir mit einem Gemuͤth, das we⸗ „der Zeit noch Ort umgeſtalten ſoll. In ſeinem Gemuͤthe wohnt 416 „er. Das wird ihm in der Holle ſelbſt einen Himmel erſchaf⸗ „fen. Hier endlich ſind wir frei, u. ſ. f.“ Die Antwort der Medea im Trauerſpiel gehoͤrt in die naͤmliche Claſſe. Das Erhabene der Faſſung laͤßt ſich anſchauen, denn es beruht auf der Coëxiſtenz; das Erhabene der Handlung hinge⸗ gen laͤßt ſich bloß denken, denn es beruht auf der Succeſſion, und der Verſtand iſt noͤthig, um das Leiden von einem freien Entſchluß abzuleiten. Daher iſt nur das Erſte fuͤr den bilden⸗ den Kuͤnſtler, weil dieſer nur das Cosriſtente gluͤcklich darſtellen kann; der Dichter aber kann ſich uͤber Beides verbreiten. Selbſt wenn der bildende Kuͤnſtler eine erhabene Handlung darzu⸗ ſtellen hat, muß er ſie in eine erhabene Faffung verwandeln. Zum Erhabenen der Handlung wird erfordert, daß das Lei⸗ den eines Menſchen auf ſeine moraliſche Beſchaffenheit nicht nur keinen Einfluß habe, ſondern vielmehr umgekehrt das Werk ſei⸗ nes moraliſchen Charakters ſey. Dieß kann auf zweierlei Weiſe ſeyn. Entweder mittelbar und nach dem Geſetz der Freiheit, wenn er aus Achtung fuͤr irgend eine Pflicht das Leiden er⸗ waͤhlt. Die Vorſtellung der Pflicht beſtimmt ihn in dieſem Fall als Motiv, und ſein Leiden iſt eine Willenshand⸗ lung. Oder unmittelbar und nach dem Geſetz der Nothwen⸗ digkeit, wenn er eine uͤbertretene Pflicht moraliſch buͤßt. Die Vorſtellung der Pflicht beſtimmt ihn in dieſem Falle als Macht, und ſein Leiden iſt bloß eine Wirkung. Ein Beiſpiel des Erſten gibt uns Regulus, wenn er, um Wort zu halten, ſich der Rachgier der Carthaginenſer ausliefert; zu einem Bei⸗ ſpiel des Zweiten wuͤrde er uns dienen, wenn er ſein Wort gebrochen und das Bewußtſeyn dieſer Schuld ihn elend gemacht haͤtte. In beiden Faͤllen hat das Leiden einen moraliſchen Grund, nur mit dem Unterſchied, daß er uns in dem erſten Fall ſeinen moraliſchen Charakter, in dem andern bloß ſeine 417 Beſtimmung dazu zeigt. In dem erſten Fall erſcheint er als eine moraliſch große Perſon, in dem zweiten bloß als ein aͤſthetiſch großer Gegenſtand. Dieſer letzte Unterſchied iſt wichtig fuͤr die tragiſche Kunſt, und verdient daher eine genauere Eroͤrterung. Ein erhabenes Object, bloß in der aͤſthetiſchen Schaͤtzung, iſt ſchon derjenige Menſch, der uns die Wuͤrde der menſch⸗ lichen Beſtimmung durch ſeinen Zuſtand vorſtellig macht, geſetzt auch, daß wir dieſe Beſtimmung in ſeiner Perſon nicht realiſirt finden ſollten. Erhaben in der moraliſchen Schaͤ⸗ tzung wird er nur alsdann, wenn er ſich zugleich als Perſon jener Beſtimmung gemaͤß verhaͤlt, wenn unſere Achtung nicht bloß ſeinem Vermoͤgen, ſondern dem Gebrauch dieſes Vermoͤ⸗ gens gilt, wenn nicht bloß ſeiner Anlage, ſondern ſeinem wirklichen Betragen Wuͤrde zukommt. Es iſt ganz etwas An⸗ deres, ob wir bei unſerm Urtheil auf das moraliſche Vermoͤ⸗ gen uͤberhaupt, und auf die Moͤglichkeit einer abſoluten Frei⸗ heit des Willens, oder ob wir auf den Gebrauch dieſes Ver⸗ moͤgens und auf die Wirklichkeit dieſer abſoluten Freiheit des Willens unſer Augenmerk richten. Es iſt etwas ganz Anderes, ſage ich, und dieſe Verſchie⸗ denheit liegt nicht etwa nur in den beurtheilten Gegenſtaͤnden, ſondern ſie liegt in der verſchiedenen Beurtheilungsweiſe. Der naͤmliche Gegenſtand kann uns in der moraliſchen Schaͤtzung mißfallen und in der aͤſthetiſchen ſehr anziehend fuͤr uns ſeyn. Aber wenn er uns auch in beiden Inſtanzen der Beurtheilung Genuge leiſtete, ſo thut er dieſe Wirkung bei beiden auf eine ganz verſchiedene Weiſe. Er wird dadurch, daß er aͤſthetiſch brauchbar iſt, nicht moraliſch befriedigend, und dadurch, daß er moraliſch befriedigt, nicht aͤſthetiſch brauchbar. Ich denke mir z. B. die Selbſtaufopferung des Leonidas Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 27 418 bei Thermopylaͤ. Moraliſch beurtheilt, iſt mir dieſe Handlung Darſtellung des bei allem Widerſpruch der Inſtincte erfuͤllten Sittengeſetzes; aͤſthetiſch beurtheilt, iſt ſie mir Darſtellung des von allem Zwang der Inſtincte unabhaͤngigen, ſittlichen Ver⸗ moͤgens. Meinen moraliſchen Sinn(die Vernunft) befrie⸗ digt dieſe Handlung; meinen aͤſthetiſchen Sinn(die Einbil⸗ dungskraft) entzuͤckt ſie. Von dieſer Verſchiedenheit meiner Empfindungen bei dem naͤmlichen Gegenſtande gebe ich mir folgenden Grund an. Wie ſich unſer Weſen in zwei Principien oder Naturen theilt, ſo theilen ſich, dieſen gemaͤß, auch unſere Gefuͤhle in zweierlei ganz verſchiedene Geſchlechter. Als Vernunftweſen empfinden wir Beifall oder Mißbilligung; als⸗ Sinnenweſen empfinden wir Luſt oder Unluſt. Beide Gefuͤhle, des Beifalls und der Luſt, gruͤnden ſich auf eine Befriedigung: jenes auf Befriedigung eines Anſpruchs, denn die Vernunft fordert bloß, aber bedarf nicht; dieſes auf Befriedigung eines An⸗ liegens, denn der Sinn bedarf bloß, und kann nicht for⸗ dern. Beide, die Forderungen der Vernunft und die Beduͤrf⸗ niſſe des Sinnes, verhalten ſich zu einander, wie Nothwendig⸗ keit zu Nothdurft; ſie ſind alſo beide unter dem Begriff von Neceſſitaͤt enthalten; bloß mit dem Unterſchied, daß die Ne⸗ ceſſitaͤt der Vernunft ohne Bedingung, die Neceſſitaͤt der Sinne bloß unter Bedingungen ſtatt hat. Bei beiden aber iſt die Befriedigung zufaͤllig. Alles Gefuͤhl, der Luſt ſowohl als des Beifalls, gruͤndet ſich alſo zuletzt auf Uebereinſtimmung des Zufaͤlligen mit dem Nothwendigen. Iſt das Nothwendige ein Imperativ, ſo wird Beifall, iſt es eine Nothdurft, ſo wird Luſt die Empfindung ſeyn; beide in deſto ſtaͤrkerm Grade, je zufaͤlliger die Befriedigung iſt. Nun liegt bei aller moraliſchen Beurtheilung eine Forderung 419 der Vernunft zum Grunde, daß moraliſch gehandelt werde, und es iſt eine unbedingte Neceſſitaͤt vorhanden, daß wir wollen, was recht iſt. Weil aber der Wille frei iſt, ſo iſt es(phy⸗ ſiſch) zufaͤllig, ob wir es wirklich thun. Thun wir es nun wirklich, ſo erhaͤlt dieſe Uebereinſtimmung des Zufalls im Ge⸗ brauche der Freiheit mit dem Imperativ der Vernunft Billi⸗ gung oder Beifall, und zwar in deſto hoͤherm Grade, als der Widerſtreit der Neigungen dieſen Gebrauch der Freiheit zu⸗ faͤlliger und zweifelhafter machte. Bei der aͤſthetiſchen Schaͤtzung hingegen wird der Gegenſtand auf das Beduͤrfniß der Einbildungskraft bezogen, welche nicht gebieten, bloß verlangen kann, daß das Zu⸗ faͤllige mit ihrem Intereſſe uͤbereinſtimmen moͤge. Das Inter⸗ eſſe der Einbildungskraft aber iſt: ſich frei von Geſetzen im Spiele zu erhalten. Dieſem Hange zur ungebundenheit iſt die ſittliche Verbindlichkeit des Willens, durch welche ihm ſein Ob⸗ ject auf das ſtrengſte beſtimmt wird, nichts weniger als guͤnſtig; und da die ſittliche Verbindlichkeit des Willens der Gegenſtand des moraliſchen Urtheils iſt, ſo ſieht man leicht, daß bei dieſer Art zu urtheilen die Einbildungskraft ihre Rechnung nicht fin⸗ den koͤnne. Aber eine ſittliche Verbindlichkeit des Willens laͤßt ſich nur unter Vorausſetzung einer abſoluten Independenz des⸗ ſelben vom Zwang der Naturtriebe denken; die Moͤglichkeit des Sittlichen poſtulirt alſo Freiheit, und ſtimmt folglich mit dem Intereſſe der Phantaſie hierin auf das vollkommenſte zu⸗ ſammen. Weil aber die Phantaſie durch ihr Beduͤrfniß nicht ſo vorſchreiben kann, wie die Vernunft durch ihren Imperativ dem Willen der Individuen vorſchreibt, ſo iſt das Vermoͤgen der Freiheit, auf die Phantaſie bezogen, etwas Zufaͤlliges, und muß daher, als Uebereinſtimmung des Zufalls mit dem(bedin⸗ gungsweiſe) Nothwendigen Luſt erwecken. Beurtheilen wir alſo 420 jene That des Leonidas moraliſch, ſo betrachten wir ſie aus einem Geſichtspunkt, wo uns weniger ihre Zufaͤlligkeit als ihre Nothwendigkeit in die Augen faͤllt. Beurtheilen wir ſie hingegen aͤſthetiſch, ſo betrachten wir ſie aus einem Standpunkt, wo ſich uns weniger ihre Nothwendigkeit als ihre Zufaͤlligkeit dar⸗ ſtellt. Es iſt Pflicht fuͤr jeden Willen, ſo zu handeln, ſobald er ein freier Wille iſt; daß es aber uͤberhaupt eine Freiheit des Willens gibt, welche es moͤglich macht, ſo zu handeln, dieß iſt eine Gunſt der Natur in Ruͤckſicht auf dasjenige Vermoͤgen, welchem Freiheit Beduͤrfniß iſt. Beurtheilt alſo der moraliſche Sinn— die Vernunft— eine tugendhafte Handlung, ſo iſt Billigung das Hoͤchſte, was erfolgen kann, weil die Vernunft nie mehr und ſelten nur ſo viel finden kann, als ſie for⸗ dert. Beurtheilt hingegen der aͤſthetiſche Sinn, die Einbil⸗ dungskraft, die naͤmliche Handlung, ſo erfolgt eine poſitive Luſt, weil die Einbildungskraft niemals Einſtimmigkeit mit ihrem Beduͤrfniſſe fordern kann, und ſich alſo von der wirk⸗ lichen Befriedigung desſelben, als von einem gluͤcklichen Zufall, uͤberraſcht finden muß. Daß Leonidas die heldenmuͤthige Ent⸗ ſchließung wirklich faßte, billigen wir; daß er ſie faſſen konnte, daruͤber frohlocken wir und ſind entzuͤckt. Der Unterſchied zwiſchen beiden Arten der Beurtheilung faͤllt noch deutlicher in die Augen, wenn man eine Handlung zum Grunde legt, uͤber welche das moraliſche und das aͤſthetiſche Urtheil verſchieden ausfallen. Man nehme die Selbſtverbren⸗ nung des Peregrinus Proteus zu Olympia. Moraliſch beur⸗ theilt, kann ich dieſer Handlung nicht Beifall geben, inſofern ich unreine Triebfedern dabei wirkſam finde, um derentwillen die Pflicht der Selbſterhaltung hintangeſetzt wird. Aeſthetiſch beurtheilt, gefaͤllt mir aber dieſe Handlung, und zwar deßwegen gefaͤllt ſie mir, weil ſie von einem Vermoͤgen des Willens 421 zeugt, ſelbſt dem maͤchtigſten aller Inſtincte, dem Triebe der Selbſterhaltung, zu widerſtehen. Ob es eine rein moraliſche Geſinnung oder ob es bloß eine maͤchtigere ſinnliche Reizung war, was den Selbſterhaltungstrieb bei dem Schwaͤrmer Pe⸗ regrin unterdruͤckte, darauf achte ich bei der aͤſthetiſchen Schaͤtzung nicht, wo ich das Individuum verlaſſe, von dem Verhaͤltniß ſeines Willens zu dem Willensgeſetz abſtrahire, und mir den menſchlichen Willen uͤberhaupt, als Vermoͤgen der Gattung, im Verhaͤltniß zu der ganzen Naturgewalt denke. Bei der mora⸗ liſchen Schaͤtzung, hat man geſehen, wurde die Selbſterhaltung als eine Pflicht vorgeſtellt, daher beleidigte ihre Verletzung; bei der aͤſthetiſchen Schaͤtung hingegen wurde ſie als ein In⸗ tereſſe angeſehen, daher gefiel ihre Hintanſetzung. Bei der letztern Art des Beurtheilens wird alſo die Operation gerade umgekehrt, die wir bei der erſtern verrichten. Dort ſtellen wir das ſinnlich beſchraͤnkte Individuum und den pathologiſch⸗afficir⸗ baren Willen dem abſoluten Willensgeſetz und der unendlichen Geiſterpflicht, hier hingegen ſtellen wir das abſolute Willens⸗ vermoͤgen und die unendliche Geiſtergewalt dem Zwange der Natur und den Schranken der Sinnlichkeit gegenuͤber. Da⸗ her laͤßt uns das aͤſthetiſche urtheil frei, und erhebt und begei⸗ ſtert uns, weil wir uns ſchon durch das bloße Vermoͤgen, ab⸗ ſolut zu wollen, ſchon durch die bloße Anlage zur Moralitaͤt gegen die Sinnlichkeit in augenſcheinlichem Vortheil befinden, weil ſchon durch die bloße Möglichkeit, uns vom Zwange der Natur loszuſagen, unſerm Freiheitsbeduͤrfniß geſchmeichelt wird. Daher beſchraͤnkt uns das moraliſche Urtheil, und demuͤthigt uns, weil wir uns bei jedem beſondern Willensact gegen das abſolute Willensgeſetz mehr oder weniger im Nachtheil befinden, und durch die Einſchraͤnkung des Willens auf eine einzige Be⸗ ſtimmungsweiſe, welche die Pflicht ſchlechterdings fordert, dem 422 Freiheitstriebe der Phantaſie widerſprochen wird. Dort ſchwin⸗ gen wir uns von dem Wirklichen zu dem Moͤglichen, und von dem Individuum zur Gattung empor; hier hingegen ſteigen wir vom Moͤglichen zum Wirklichen herunter, und ſchließen die Gattung in die Schranken des Individuums ein; kein Wunder alſo, wenn wir uns bei aͤſthetiſchen Urtheilen erweitert, bei moraliſchen hingegen eingeengt und gebunden fuͤhlen.*) Aus dieſem Allem ergibt ſich denn, daß die moraliſche und die *) Dieſe Aufloͤſung, erinnere ich bellaͤufig, erklaͤrt uns auch die Ver⸗ ſchiedenheit des aͤſthetiſchen Eindrucks, den die Kant'ſche Vor⸗ ſtellung der Pflicht auf ſeine verſchiedenen Beurtheiler zu machen pflegt. Ein nicht zu verachtender Theil des Publicums findet dieſe Vorſtellung der Pflicht ſehr demuͤthigend; ein anderer findet ſie un⸗ endlich erhebend fuͤr das Herz. Beide haben Recht, und der Grund dieſes Widerſpruchs liegt bloß in der Verſchiedenheit des Standpunkts, aus welchem beide dieſen Gegenſtand betrachten. Seine bloße Schul⸗ digkeit thun, hat allerdings nichts Großes, und inſofern das Beſte, was wir zu leiſten vermoͤgen, nichts als Erfuͤllung, und noch mangel⸗ hafte Erfuͤllung unſerer Pflicht iſt, liegt in der hoͤchſten Tugend nichts Begeiſterndes. Aber bei allen Schranken der ſinnlichen Natur den⸗ noch treu und beharrlich ſeine Schuldigkeit thun, und in den Feſſeln der Materie dem heiligen Geiſtergeſetz unwandelbar ſolgen, dieß iſt aherdings erhebend und der Bewunderung werth. Gegen die Geiſter⸗ welt gehalten, iſt an unſerer Tugend freilich nichts Verdienſtliches, und wie viel wir es uns auch koſten laſſen moͤgen, wir werden im⸗ mer unnuͤtze Knechte ſeyn; gegen die Sinnenwelt gehalten, iſt ſie hingegen ein deſto erhabneres Object. Inſofern wir alſo Hand⸗ lungen moraliſch beurtheilen, und ſie auf das Sittengeſetz beziehen, werden wir wenig Urſache haben, auf unſere Sittlichkeit ſtolz zu ſeyn; inſofern wir aber auf die Moͤglichkeit dieſer Handlungen ſehen, und das Vermoͤgen unſers Gemuͤths, das denſelben zum Grund liegt, auf die Welt der Erſcheinungen beziehen, d. h. inſofern wir ſie aͤſthetiſch beurtheilen, iſt uns ein gewiſſes Selbſtgefuͤhl erlaubt, ja, es iſt ſogar nothwendig, weil wir ein Principium in uns auf⸗ decken, das übver alle Vergleichung groß und unendlich iſt. 423 aͤſthetiſche Beurtheilung, weit entfernt, einander zu unterſtuͤtzen, einander vielmehr im Wege ſtehen, weil ſie dem Gemuͤth zwei ganz entgegengeſetzte Richtungen geben; denn die Geſetzmaͤßig⸗ keit, welche die Vernunft als moraliſche Richterin fordert, be⸗ ſteht nicht mit der ungebundenheit, welche die Einbildungs⸗ kraft als aͤſthetiſche Richterin verlangt. Daher wird ein Ob⸗ ject zu einem aͤſthetiſchen Gebrauch gerade um ſo viel weniger taugen, als es ſich zu einem moraliſchen qualificirt; und wenn der Dichter es dennoch erwaͤhlen muͤßte, ſo wird er wohl thun, es ſo zu behandeln, daß nicht ſowohl unſere Vernunft auf die Regel des Willens, als vielmehr unſere Phantaſie auf das Vermoͤgen des Willens hingewieſen werde. Um ſeiner ſelbſt willen muß der Dichter dieſen Weg einſchlagen, denn mit unſerer Freiheit iſt ſein Reich zu Ende. Nur ſo lange wir außer uns anſchauen, ſind wir ſein; er hat uns verloren, ſobald wir in unſern eigenen Buſen greifen. Dieß erfolgt aber unausbleiblich, ſobald ein Gegenſtand nicht mehr als Er⸗ ſcheinung von uns betrachtet wird, ſondern als Ge⸗ ſetz uͤber uns richtet. Selbſt von den Aeußerungen der erhabenſten Tugend kann der Dichter nichts fuͤr ſeine Abſichten brauchen, als was an denſelben der Kraft gehoͤrt. Um die Richtung der Kraft be⸗ kuͤmmert er ſich nicht. Der Dichter, auch wenn er die voll⸗ kommenſten ſittlichen Muſter vor unſere Augen ſtellt, hat keinen andern Zweck, und darf keinen andern haben, als uns durch Betrachtung derſelben zu ergoͤtzen. Nun kann uns aber nichts ergoͤten, als was unſer Subiect verbeſſert, und nichts kann uns geiſtig ergoͤtzen, als was unſer geiſtiges Ver⸗ moͤgen erhoͤht. Wie kann aber die Pflichtmaͤßigkeit eines An⸗ dern unſer Subject verbeſſern und unſere geiſtige Kraft ver⸗ mehren? Daß er ſeine Pflicht wirklich erfuͤllt, beruht auf 424 einem zufaͤlligen Gebrauche, den er von ſeiner Freiheit macht, und der eben darum fuͤr uns nichts beweiſen kann. Es iſt bloß das Vermoͤgen zu einer aͤhnlichen Pflichtmaͤßigkeit, was wir mit ihm theilen, und indem wir in ſeinem Vermoͤgen auch das unſrige wahrnehmen, fuͤhlen wir unſere geiſtige Kraft erhoͤht. Es iſt alſo bloß die vorgeſtellte Möglichkeit eines ab⸗ ſolut freien Wollens, wodurch die wirkliche Ausuͤbung des⸗ ſelben unſerm aͤſthetiſchen Sinn gefaͤllt. Noch mehr wird man ſich davon uͤberzeugen, wenn man nachdenkt, wie wenig die poetiſche Kraft des Eindrucks, den ſittliche Charaktere oder Handlungen auf uns machen, von ihrer hiſtoriſchen Realitaͤt abhaͤngt. Unſer Wohlgefallen an idealiſchen Charakteren verliert nichts durch die Erinne⸗ rung, daß ſie poetiſche Fictionen ſind, denn es iſt die poe⸗ tiſche, nicht die hiſtoriſche Wahrheit, auf welche alle aͤſthetiſche Wirkung ſich gründet. Die poetiſche Wahrheit beſteht aber nicht darin, daß etwas wirklich geſchehen iſt, ſondern darin, daß es geſchehen konnte, alſo in der innern Moͤglichkeit der Sache. Die aͤſthetiſche Kraft muß alſo ſchon in der vorgeſtell⸗ ten Moͤglichkeit liegen. Selbſt an wirklichen Begebenheiten hiſtoriſcher Perſonen iſt nicht die Exiſtenz, ſondern das durch die Exiſtenz kund gewor⸗ dene Vermoͤgen das Poetiſche. Der Umſtand, daß dieſe Per⸗ ſonen wirklich lebten, und daß dieſe Begebenheiten wirklich er⸗ folgten, kann zwar ſehr oft unſer Vergnuͤgen vermehren, aber mit einem fremdartigen Zuſatz, der dem poetiſchen Eindruck vielmehr nachtheilig als befoͤrderlich iſt. Man hat lange ge⸗ glaubt, der Dichtkunſt unſeres Vaterlandes einen Dienſt zu erweiſen, wenn man den Dichtern Nationalgegenſtaͤnde zur Be⸗ arbeitung empfahl. Dadurch, hieß es, wurde die griechiſche Poeſie ſo bemaͤchtigend fuͤr das Herz, weil ſie einheimiſche Scenen 4²⁵ malte und einheimiſche Thaten verewigte. Es iſt nicht zu laͤugnen, daß die Poeſie der Alten, dieſes Umſtandes halber⸗ Wirkungen leiſtete, deren die neuere Poeſie ſich nicht ruͤhmen kann,— aber gehoͤrten dieſe Wirkungen der Kunſt und dem Dichter? Wehe dem griechiſchen Kunſtgenie, wenn es vor dem Genius der Neuern nichts weiter als dieſen zufaͤlligen Vortheil voraus haͤtte, und wehe dem griechiſchen Kunſtgeſchmack, wenn er durch dieſe hiſtoriſchen Beziehungen in den Werken ſeiner Dichter erſt haͤtte gewonnen werden muͤſſen! Nur ein barba⸗ riſcher Geſchmack braucht den Stachel des Privatintereſſes, um zu der Schoͤnheit hingelockt zu werden, und nur der Stuͤmper borgt von dem Stoffe eine Kraft, die er in die Form zu legen verzweifelt. Die Poeſie ſoll ihren Weg nicht durch die kalte Region des Gedaͤchtniſſes nehmen, ſoll nie die Gelehrſamkeit zu ihrer Auslegerin, nie den Eigennutz zu ihrem Fuͤrſprecher machen. Sie ſoll das Herz treffen, weil ſie aus dem Herzen floß, und nicht auf den Staatsbuͤrger in dem Menſchen, ſon⸗ dern auf den Menſchen in dem Staatsbuͤrger zielen. Es iſt ein Gluͤck, daß das wahre Genie auf die Fingerzeige nicht viel achtet, die man ihm, aus beſſerer Meinung als Be⸗ fugniß, zu ertheilen ſich ſauer werden laͤßt; ſonſt wuͤrden Sulzer und ſeine Nachfolger der deutſchen Poeſie eine ſehr zweideutige Geſtalt gegeben haben. Den Menſchen moraliſch auszubilden, und Nationalgefuͤhle in dem Buͤrger zu entzuͤnden, iſt zwar ein ſehr ehrenvoller Auftrag fuͤr den Dichter, und die Muſen wiſſen es am beſten, wie nahe die Kuͤnſte des Erhabe⸗ nen und Schoͤnen damit zuſammenhaͤngen moͤgen. Aber was die Dichtkunſt mittelbar ganz vortrefflich macht, wuͤrde ihr un⸗ mittelbar nur ſehr ſchlecht gelingen. Die Dichtkunſt fuͤhrt bei dem Menſchen nie ein beſonderes Geſchaͤft aus, und man koͤnnte kein ungeſchickteres Werkzeug erwaͤhlen, um einen ein⸗ 4²6 zelnen Auftrag, ein Detail, gut beſorgt zu ſehen. Ihr Wir⸗ kungskreis iſt das Total der menſchlichen Natur, und bloß, inſofern ſie auf den Charakter einfließt, kann ſie auf ſeine ein⸗ zelnen Wirkungen Einfluß haben. Die Poeſie kann dem Men⸗ ſchen werden, was dem Helden die Liebe iſt. Sie kann ihm weder rathen, noch mit ihm ſchlagen, noch ſonſt eine Arbeit fuͤr ihn thun; aber zum Helden kann ſie ihn erziehen, zu Thaten kann ſie ihn rufen, und zu Allem, was er ſeyn ſoll, ihn mit Staͤrke ausruͤſten.— Die aͤſthetiſche Kraft, womit uns das Erhabene der Ge⸗ ſinnung und Handlung ergreift, beruht alſo keineswegs auf dem Intereſſe der Vernunft, daß recht gehandelt werde, ſon⸗ dern auf dem Intereſſe der Einbildungskraft, daß recht han⸗ deln moͤglich ſey, d. h. daß keine Empfindung, wie maͤchtig ſie auch ſey, die Freiheit des Gemuͤths zu unterdruͤcken ver⸗ moͤge. Dieſe Moͤglichkeit liegt aber in jeder ſtarken Aeuße⸗ rung von Freiheit und Willenskraft, und wo nur irgend der Dichter dieſe antrifft, da hat er einen zweckmaͤßigen Gegen⸗ ſtand fuͤr ſeine Darſtellung gefunden. Fuͤr ſein Intereſſe iſt es eins, aus welcher Claſſe von Charakteren, der ſchlimmen oder guten, er ſeine Helden nehmen will, da das naͤmliche Maß von Kraft, welches zum Guten noͤthig iſt, ſehr oft zur Conſequenz im Boͤſen erfordert werden kann. Wie viel mehr wir in aͤſthetiſchen Urtheilen auf die Kraft als auf die Rich⸗ tung der Kraft, wie viel mehr auf Freiheit als auf Geſetz⸗ maͤßigkeit ſehen, wird ſchon daraus hinlaͤnglich offenbar, daß wir Kraft und Freiheit lieber auf Koſten der Geſetzmaͤßigkeit geaͤußert, als die Geſetzmaͤßigkeit auf Koſten der Kraft und Freiheit beobachtet ſehen. Sobald naͤmlich Faͤlle eintreten, wo das moraliſche Geſetz ſich mit Antrieben gattet, die den Willen durch ihre Macht fortzureißen drohen, ſo gewinnt der Charak⸗ 427 ter aͤſthetiſch, wenn er dieſen Antrieben widerſtehen kann. Ein Laſterhafter faͤngt an uns zu intereſſiren, ſobald er Gluͤck und Leben wagen muß, um ſeinen ſchlimmen Willen durchzuſetzen; ein Tugendhafter hingegen verliert in demſelben Verhaͤltniß unſere Aufmerkſamkeit, als ſeine Gluͤckſeligkeit ſelbſt ihn zum Wohlverhalten nothigt. Rache, zum Beiſpiel, iſt unſtreitig ein unedler und ſelbſt niedriger Affect. Nichtsdeſtoweniger wird ſie aͤſthetiſch, ſobald ſie dem, der ſie ausuͤbt, ein ſchmerz⸗ haftes Opfer koſtet. Medea, indem ſie ihre Kinder ermordet, zielt bei dieſer Handlung auf Jaſons Herz, aber zugleich fuͤhrt ſie einen ſchmerzhaften Stich auf ihr eigenes, und ihre Rache wird aͤſthetiſch erhaben, ſobald wir die zaͤrtliche Mutter ſehen. Das aͤſthetiſche Urtheil enthäͤlt hierin mehr Wahres, als man gewohnlich glaubt. Offenbar kuͤndigen Laſter, welche von Willensſtaͤrke zeugen, eine groͤßere Anlage zur wahrhaften mo⸗ raliſchen Freiheit an, als Tugenden, die eine Stuͤtze von der Neigung entlehnen, weil es dem conſequenten Boͤſewicht nur einen einzigen Sieg uͤber ſich ſelbſt, eine einzige Umkehrung der Maximen koſtet, um die ganze Conſequenz und Willensfertigkeit, die er an das Boͤſe verſchwendete, dem Guten zuzuwenden. Woher ſonſt kann es kommen, daß wir den halbguten Charak⸗ ter mit Widerwillen von uns ſtoßen, und dem ganz ſchlimmen oft mit ſchauernder Bewunderung folgen? Daher unſtreitig, weil wir bei jenem auch die Msglichkeit des abſolut freien Wollens aufgeben, dieſem hingegen es in jeder Aeußerung an⸗ merken, daß er durch einen einzigen Willensact ſich zur gan⸗ zen Wuͤrde der Menſchheit aufrichten kann. In aͤſthetiſchen urtheilen ſind wir alſo nicht fuͤr die Sitt⸗ lichkeit an ſich ſelbſt, ſondern bloß fuͤr die Freiheit intereſſirt, und jene kann nur inſofern unſerer Einbildungskraft gefallen, als ſie die letztere ſichtbar macht. Es iſt daher offenbare Ver⸗ 428 wirrung der Graͤnzen, wenn man moraliſche Zweckmaͤßigkeit in aͤſthetiſchen Dingen fordert, und, um das Reich der Ver⸗ nunft zu erweitern, die Einbildungskraft aus ihrem recht⸗ maͤßigen Gebiete verdraͤngen will. Entweder wird man ſie ganz unterjochen muͤſſen, und dann iſt es um alle aͤſthetiſche Wirkung geſchehen; oder ſie wird mit der Vernunft ihre Herr⸗ ſchaft theilen, und dann wird fur Moralitaͤt wohl nicht viel gewonnen ſeyn. Indem man zwei verſchiedene Zwecke ver⸗ folgt, wird man Gefahr laufen, beide zu verfehlen. Man wird die Freiheit der Phantaſie durch moraliſche Geſetzmaͤßigkeit feſſeln, und die Nothwendigkeit der Vernunft durch die Will⸗ kuͤr der Einbildungskraft zerſtoͤren. Aeber den Grund des Vergnügens an tragiſchen Gegenſtänden.*) Wie ſehr auch einige neuere Aeſthetiker ſich's zum Geſchaͤft machen, die Kuͤnſte der Phantaſie und Empfindung gegen den allgemeinen Glauben, daß ſie auf Vergnuͤgen abzwecken, wie gegen einen herabſetzenden Vorwurf zu vertheidigen, ſo wird dieſer Glaube dennoch, nach wie vor, auf ſeinem feſten Grunde beſtehen, und die ſchoͤnen Kuͤnſte werden ihren althergebrachten unabſtreitbaren und wohlthaͤtigen Beruf nicht gern mit einem neuen vertauſchen, zu welchem man ſie großmuͤthig erhoͤhen will. Unbeſorgt, daß ihre auf unſer Vergnuͤgen abzielende Be⸗ ſtimmung ſie erniedrige, werden ſie vielmehr auf den Vorzug ſtolz ſeyn, dasjenige unmittelbar zu leiſten, was alle uͤbrigen Richtungen und Thaͤtigkeiten des menſchlichen Geiſtes nur mittelbar erfuͤlen. Daß der Zweck der Natur mit dem Men⸗ ſchen ſeine Gluͤckſeligkeit ſey, wenn auch der Menſch ſelbſt in ſeinem moraliſchen Handeln von dieſem Zwecke nichts wiſſen ſoll, wird wohl Niemand bezweifeln, der uͤberhaupt nur einen Zweck in der Natur annimmt. Mit dieſer alſo, oder vielmehr mit ihrem Urheber haben die ſchoͤnen Kuͤnſte ihren Zweck ge⸗ *) Anmerkung des Herausgebers. Im erſten Stuͤck der neuen Thalia vom Jahre 1792 wurde dieſer Aufſatz zuerſt gedruckt. 430 mein, Vergnuͤgen auszuſpenden und Gluͤckliche zu machen. Spielend verleihen ſie, was ihre ernſtern Schweſtern uns erſt muͤhſam erringen laſſen: ſie verſchenken, was dort erſt der ſauer erworbene Preis vieler Anſtrengungen zu ſeyn pflegt. Mit anſpannendem Fleiße muͤſſen wir die Vergnuͤgungen des Verſtandes, mit ſchmerzhaften Opfern die Billigung der Ver⸗ nunft, die Freuden der Sinne durch harte Entbehrungen er⸗ kaufen, oder das Uebermaß derſelben durch eine Kette von Leiden buͤßen; die Kunſt allein gewaͤhrt uns Genuͤſſe, die nicht erſt abverdient werden duͤrfen, die kein Opfer koſten, die durch keine Reue erkauft werden. Wer wird aber das Verdienſt, auf dieſe Art zu ergoͤtzen, mit dem armſeligen Verdienſt, zu beluſtigen, in eine Claſſe ſetzen? Wer ſich einfallen laſſen, der ſchoͤnen Kunſt bloß deßwegen jenen Zweck abzuſprechen, weil ſie uͤber dieſen erhaben iſt? Die wohlgemeinte Abſicht, das Moraliſchgute uͤberall als hoͤchſten Zweck zu verfolgen, die in der Kunſt ſchon ſo manches Mittelmaͤßige erzeugte und in Schutz nahm, hat auch in der Theorie einen aͤhnlichen Schaden angerichtet. Um den Kuͤnſten einen recht hohen Rang anzuweiſen, um ihnen die Gunſt des Staats, die Ehrfurcht aller Menſchen zu erwerben, vertreibt man ſie aus ihrem eigenthuͤmlichen Gebiet, um ihnen einen Beruf aufzudringen, der ihnen fremd und ganz unnatuͤrlich iſt. Man glaubt ihnen einen großen Dienſt zu erweiſen, indem man ihnen, anſtatt des frivolen Zwecks, zu ergoͤtzen, einen moraliſchen unterſchiebt, und ihr ſo ſehr in die Augen fallender Einfluß auf die Sittlichkeit muß dieſe Behauptung unterſtuͤtzen. Man findet es widerſprechend, daß dieſelbe Kunſt, die den hoͤcſten Zweck der Menſchheit in ſo großem Maße befoͤrdert, nur beilaͤufig dieſe Wirkung leiſten und einen ſo gemeinen Zweck, wie man ſich das Vergnuͤgen denkt, zu ihrem letzten 431 Augenmerk haben ſollte. Aber dieſen anſcheinenden Wider⸗ ſpruch wuͤrde, wenn wir ſie haͤtten, eine buͤndige Theorie des Vergnuͤgens und eine vollſtaͤndige Philoſophie der Kunſt ſehr leicht zu heben im Stande ſeyn. Aus dieſer wuͤrde ſich er⸗ geben, daß ein freies Vergnuͤgen, ſo wie die Kunſt es hervor⸗ bringt, durchaus auf moraliſchen Bedingungen beruhe, daß die ganze ſittliche Natur des Menſchen dabei thaͤtig ſey. Aus ihr wuͤrde ſich ferner ergeben, daß die Hervorbringung dieſes Ver⸗ gnuͤgens ein Zweck ſey, der ſchlechterdings nur durch moraliſche Mittel erreicht werden koͤnne, daß alſo die Kunſt, um das Vergnuͤgen, als ihren wahren Zweck, vollkommen zu erreichen, durch die Moralitaͤt ihren Weg nehmen muͤſſe. Fuͤr die Wuͤr⸗ digung der Kunſt iſt es aber vollkommen einerlei, ob ihr Zweck ein moraliſcher ſey, oder ob ſie ihren Zweck nur durch mora⸗ liſche Mittel erreichen koͤnne, denn in beiden Faͤllen hat ſie es mit der Sittlichkeit zu thun, und muß mit dem ſittlichen Ge⸗ fuͤhl im engſten Einverſtaͤndniß handeln; aber fuͤr die Voll⸗ kommenheit der Kunſt iſt es nichts weniger als einerlei, wel⸗ ches von beiden ihr Zweck und welches das Mittel iſt. Iſt der Zweck ſelbſt moraliſch, ſo verliert ſie das, wodurch ſie allein maͤchtig iſt, ihre Freiheit, und das, wodurch ſie ſo all⸗ gemein wirkſam iſt, den Reiz des Vergnuͤgens. Das Spiel verwandelt ſich in ein ernſthaftes Geſchaͤft; und doch iſt es ge⸗ rade das Spiel, wodurch ſie das Geſchaͤft am beſten vollfuͤhren kann. Nur indem ſie ihre hoͤchſte aͤſthetiſche Wirkung erfuͤllt, wird ſie einen wohlthaͤtigen Einfluß auf die Sittlichkeit haben; aber nur indem ſie ihre voͤllige Freiheit ausuͤbt, kann ſie ihre hoͤchſte aͤſthetiſche Wirkung erfuͤllen. Es iſt ferner gewiß⸗ daß jedes Vergnuͤgen, inſofern es aus ſittlichen Quellen fließt, den Menſchen ſittlich verbeſſert, und daß hier die Wirkung wieder zur Urſache werden muß. Die 43³² Luſt am Schoͤnen, am Ruͤhrenden, am Erhabenen ſtaͤrkt unſere moraliſchen Gefuͤhle, wie das Vergnuͤgen am Wohlthun, an der Liebe u. ſ. f. alle dieſe Neigungen ſtaͤrkt. Eben ſo, wie ein vergnuͤgter Geiſt das gewiſſe Loos eines ſittlich vortrefflichen Menſchen iſt, ſo iſt ſittliche Vortrefflichkeit gern die Beglei⸗ terin eines vergnuͤgten Gemuͤths. Die Kunſt wirkt alſo nicht deßwegen allein ſittlich, weil ſie durch ſittliche Mittel ergoͤtzt, ſondern auch deßwegen, weil das Vergnuͤgen ſelbſt, das die Kunſt gewaͤhrt, ein Mittel zur Sittlichkeit wird. Die Mittel, wodurch die Kunſt ihren Zweck erreicht, ſind ſo vielfach, als es uͤberhaupt Quellen eines freien Vergnuͤgens gibt. Frei aber nenne ich dasjenige Vergnuͤgen, wobei die geiſtigen Kraͤfte, Vernunft und Einbildungskraft, thaͤtig ſind, und wo die Empfindung durch eine Vorſtellung erzeugt wird; im Gegenſatz von dem phyſiſchen oder ſinnlichen Vergnuͤgen, wobei die Seele einer blinden Naturnothwendigkeit unterworfen wird, und die Empfindung unmittelbar auf ihre phyſiſche Ur⸗ ſache erfolgt. Die ſinnliche Luſt iſt die einzige, die vom Gebiet der ſchoͤnen Kunſt ausgeſchloſſen wird, und eine Geſchicklichkeit, die ſinnliche Luſt zu erwecken, kann ſich nie oder alsdann nur zur Kunſt erheben, wenn die ſinnlichen Eindruͤcke nach einem Kunſtplan geordnet, verſtaͤrkt oder gemaͤßigt werden, und dieſe Planmaͤßigkeit durch die Vorſtellung erkannt wird. Aber auch in dieſem Fall waͤre nur dasjenige an ihr Kunſt, was der Gegenſtand eines freien Vergnugens iſt, naͤmlich der Geſchmack in der Anordnung, der unſern Verſtand ergoͤtzt, nicht die phy⸗ ſiſchen Reize ſelbſt, die nur unſere Sinnlichkeit vergnuͤgen. Die allgemeine Quelle jedes auch des ſinnlichen, Vergnuͤ⸗ gens iſt Zweckmaͤßigkeit. Das Vergnuͤgen iſt ſinnlich, wenn die Zweckmaͤßigkeit nicht durch die Vorſtellungskraͤfte erkannt wird, ſondern bloß durch das Geſetz der Nothwendigkeit die Empfin⸗ 433 dung des Vergnuͤgens zur phyſiſchen Folge hat. So erzeugt eine zweckmaͤßige Bewegung des Bluts und der Lebensgeiſter in einzelnen Organen oder in der ganzen Maſchine die koͤr⸗ perliche Luſt mit allen ihren Arten und Modificationen; wir fuͤhlen dieſe Zweckmaͤßigkeit durch das Medium der angeneh⸗ men Empfindung, aber wir gelangen zu keiner, weder klaren noch verworrenen Vorſtellung von ihr. Das Vergnuͤgen iſt frei, wenn wir uns die Zweckmaͤßigkeit vorſtellen, und die angenehme Empfindung die Vorſtellung be⸗ gleitet; alle Vorſtellungen alſo, wodurch wir Uebereinſtimmung und Zweckmaͤßigkeit erfahren, ſind Quellen eines freien Ver⸗ gnugens, und inſofern faͤhig, von der Kunſt zu dieſer Abſicht gebraucht zu werden. Sie erſchoͤpfen ſich in folgenden Claſſen: Gut, Wahr, Vollkommen, Schoͤn, Ruͤhrend, Erhaben. Das Gute beſchaͤftigt unſre Vernunft, das Wahre und Vollkom⸗ mene den Verſtand, das Schoͤne den Verſtand mit der Ein⸗ bildungskraft, das Nuͤhrende und Erhabene die Vernunft mit der Einbildungskraft. Zwar ergoͤtzt auch ſchon der Reiz oder die zur Thaͤtigkeit aufgeforderte Kraft, aber die Kunſt bedient ſich des Reizes nur, um die hoͤhern Gefuͤhle der Zweckmaͤßig⸗ keit zu begleiten; allein betrachtet, verliert er ſich unter die Lebensgefuͤhle, und die Kunſt verſchmaͤht ihn, wie alle ſinn⸗ lichen Luͤſte. Die Verſchiedenheit der Quellen, aus welchen die Kunſt das Vergnuͤgen ſchoͤpft, das ſie uns gewaͤhret, kann fuͤr ſich allein zu keiner Eintheilung der Kuͤnſte berechtigen, da in der⸗ ſelben Kunſtelaſſe mehrere, ja oft alle Arten des Vergnuͤgens zuſammenſließen koͤnnen. Aber inſofern eine gewiſſe Art der⸗ ſelben als Hauptzweck verfolgt wird, kann ſie, wenn gleich nicht eine eigene Claſſe, doch eine eigene Anſicht der Kunſtwerke gruͤn⸗ den. So z. B. koͤnnte man diejenigen Kuͤnſte, welche den Schillers ſaͤmmtl. Werke. Xl. 28 434 Verſtand und die Einbildungskraft vorzugsweiſe befriedigen, die⸗ jenigen alſo, die das Wahre, das Vollkommene, das Schoͤne zu ihrem Hauptzweck machen, unter dem Namen der ſchoͤnen Kuͤnſte GKuͤnſte des Geſchmacks, Kuͤnſte des Verſtandes) begreifen; die⸗ jenigen hingegen, die die Einbildungskraft mit der Vernunft vorzugsweiſe beſchaͤftigen, alſo das Gute, das Erhabene und Nuͤhrende zu ihrem Hauptgegenſtand haben, unter dem Namen der ruͤhrenden Kuͤnſte(Kuͤnſte des Gefuͤhls, des Herzens) in eine beſondere Claſſe vereinigen. Zwar iſt es unmoͤglich, das Nuͤhrende von dem Schoͤnen durchaus zu trennen, aber ſehr gut kann das Schoͤne ohne das Ruͤhrende beſtehen. Wenn alſo gleich dieſe verſchiedene Anſicht zu keiner vollkommenen Eintheilung der freien Kuͤnſte berechtigt, ſo dient ſie wenig⸗ ſtens dazu, die Principien zu Beurtheilung derſelben naͤher anzugeben und der Verwirrung vorzubeugen, welche unver⸗ meidlich einreißen muß, wenn man bei einer Geſetzgebung in aͤſthetiſchen Dingen die ganz verſchiedenen Felder des Ruͤh⸗ renden und des Schoͤnen verwechſelt. Das Nuͤhrende und Erhabene kommen darin uͤberein, daß ſie Luſt durch Unluſt hervorbringen, daß ſie uns alſo(da die Luſt aus Zweckmaͤßigkeit, der Schmerz aber aus dem Gegen⸗ theil entſpringt) eine Zweckmaͤßigkeit zu empfinden geben, die eine Zweckwidrigkeit vorausſetzt. Das Gefuͤhl des Erhabenen beſteht einerſeits aus dem Ge⸗ fuͤhl unſerer Unmacht und Begraͤnzung, einen Gegenſtand zu umfaſſen, andrerſeits aber aus dem Gefuͤhl unſerer Uebermacht, welche vor keinen Graͤnzen erſchrickt, und dasjenige ſich geiſtig unterwirft, dem unſre ſinnlichen Kraͤfte unterliegen. Der Gegenſtand des Erhabenen widerſtreitet alſo unſerm ſinnlichen Vermoͤgen, und dieſe Unzweckmaͤßigkeit muß uns nothwendig Unluſt erwecken. Aber ſie wird zugleich eine Veranlaſſung, ein 43⁵ anderes Vermoͤgen in uns zu unſerm Bewußtſeyn zu bringen, welches demjenigen, woran die Einbildungskraft erliegt, uͤber⸗ legen iſt. Ein erhabener Gegenſtand iſt alſo eben dadurch, daß er der Sinnlichkeit widerſtreitet, zweckmaͤßig fuͤr die Vernunft, und ergoͤtzt durch das hoͤhere Vermoͤgen, indem er durch das niedrige ſchmerzt. Rührung in ſeiner ſtrengen Bedeutung bezeichnet die ge⸗ miſchte Empfindung des Leidens und der Luſt an dem Leiden. Ruͤhrung kann man alſo nur dann uͤber eigenes Ungluͤck em⸗ pfinden, wenn der Schmerz uͤber dasſelbe gemaͤßigt genug iſt⸗ um der Luſt Raum zu laſſen, die etwa ein mitleidender Zu⸗ ſchauer dabei empfindet. Der Verluſt eines großen Guts ſchlaͤgt uns heute zu Boden, und unſer Schmerz ruͤhrt den Zuſchauer; in einem Jahre erinnern wir uns dieſes Leidens ſelbſt mit Ruͤhrung. Der Schwache iſt jederzeit ein Raub ſei⸗ nes Schmerzens, der Held und der Weiſe werden vom hoͤchſten eigenen Ungluͤck nur geruͤhrt. Ruͤhrung enthaͤlt eben ſo wie das Gefuͤhl des Erhabenen zwei Beſtandtheile, Schmerz und Vergnuͤgen; alſo hier wie dort liegt der Zweckmaͤßigkeit eine Zweckwidrigkeit zum Grunde. So ſcheint es eine Zweckwidrigkeit in der Natur zu ſeyn, daß der Menſch leidet, der doch nicht zum Leiden beſtimmt iſt, und dieſe Zweckwidrigkeit thut uns wehe. Aber dieſes Wehethun der Zweckwidrigkeit iſt zweckmaͤßig fuͤr unſere vernuͤnftige Natur uͤberhaupt, und, inſofern es uns zur Thaͤtigkeit auffordert, zweckmaͤßig fuͤr die menſchliche Geſellſchaft. Wir muͤſſen alſo uͤber die Unluſt ſelbſt, welche das Zweckwidrige in uns erregt, nothwendig Luſt empfinden, weil jene unluſt zweckmaͤßig iſt. Um zu beſtimmen, ob bei einer Ruͤhrung die Luſt oder die Unluſt hervorſtechen werde, kommt es darauf an, ob die Vor⸗ ſtellung der Zweckwidrigkeit oder die der Zweckmaͤßigkeit die 436 Oberhand behaͤlt. Dieß kann nun entweder von der Menge der Zwecke, die erreicht oder verletzt werden, oder von ihrem Verhaͤltniß zu dem letzten Zweck aller Zwecke abhaͤngen. Das Leiden des Tugendhaften ruͤhrt uns ſchmerzhafter, als das Leiden des Laſterhaften, weil dort nicht nur dem allge⸗ meinen Zweck der Menſchen, gluͤcklich zu ſeyn, ſondern auch dem beſondern, daß die Tugend gluͤcklich mache, hier aber nur dem erſtern widerſprochen wird. Hingegen ſchmerzt uns das Gluͤck des Boͤſewichts auch weit mehr, als das Ungluͤck des Tugendhaften, weil erſtlich das Laſter ſelbſt, und zweitens die Belohnung des Laſters eine Zweckwidrigkeit enthalten. Außerdem iſt die Tugend weit mehr geſchickt, ſich ſelbſt zu belohnen, als das gluͤckliche Laſter, ſich zu beſtrafen; eben deß⸗ wegen wird der Rechtſchaffene im Ungluͤck weit eher der Tu⸗ gend getreu bleiben, als der Laſterhafte im SGluͤck zur Tugend umkehren. Vorzuͤglich aber kommt es bei Beſtimmung des Verhaͤlt⸗ niſſes der Luſt zu der Unluſt in Ruͤhrungen darauf an, ob der verletzte Zweck den erreichten, oder der erreichte den, der verletzt wird, an Wichtigkeit uͤbertreffe. Keine Zweckmaͤßigkeit geht uns ſo nahe an als die moraliſche, und nichts geht uͤber die Luſt, die wir uͤber dieſe empfinden. Die Naturzweckmaͤßigkeit koͤnnte noch immer problematiſch ſeyn, die moraliſche iſt uns erwieſen. Sie allein gruͤndet ſich auf unſere vernuͤnftige Natur und auf innere Nothwendigkeit. Sie iſt uns die naͤchſte, die wichtigſte, und zugleich die erkennbarſte, weil ſie durch nichts von außen, ſondern durch ein inneres Princip unſerer Vernunft beſtimmt wird. Sie iſt das Palladium unſerer Freiheit. Dieſe moraliſche Zweckmaͤßigkeit wird am lebendigſten er⸗ kannt, wenn ſie im Widerſpruch mit Andern die Oberhand behaͤlt; nur dann erweist ſich die ganze Macht des Sitten⸗ 437 geſetzes, wenn es mit allen uͤbrigen Naturkraͤften im Streit gezeigt wird, und alle neben ihm ihre Gewalt uͤber ein menſch⸗ liches Herz verlieren. Unter dieſen Naturkraͤften iſt Alles be⸗ griffen, was nicht moraliſch iſt, Alles, was nicht unter der hoͤchſten Geſetzgebung der Vernunft ſteht; alſo Empfindungen, Triebe, Affecte, Leidenſchaften ſo gut, als phyſiſche Nothwendig⸗ keit und das Schickſal. Je furchtbarer die Gegner, deſto glor⸗ reicher der Sieg; der Widerſtand allein kann die Kraft ſichtbar machen. Aus dieſem folgt,„daß das hoͤchſte Bewußtſeyn unſe⸗ „rer moraliſchen Natur nur in einem gewaltſamen Zuſtande, im „Kampfe erhalten werden kann, und daß das hoͤchſte moraliſche „Vergnuͤgen jederzeit von Schmerz begleitet ſeyn wird.“ Ddiejenige Dichtungsart alſo, welche uns die moraliſche Luſt in vorzuͤglichem Grade gewaͤhrt, muß ſich eben deßwegen der gemiſchten Empfindungen bedienen, und uns durch den Schmerz ergtzen. Dieß thut vorzugsweiſe die Tragödie, und ihr Gebiet umfaßt alle moͤglichen Faͤlle, in denen irgend eine Na⸗ turzweckmaͤßigkeit einer moraliſchen, oder auch eine moraliſche Zweckmaͤßigkeit der andern, die hoͤher iſt, aufgeopfert wird. Es waͤre vielleicht nicht unmöglich, nach dem Verhaͤltniß, in welchem die moraliſche Zweckmaͤßigkeit im Widerſpruch mit der andern erkannt und empfunden wird, eine Stufenleiter des Vergnuͤgens von der unterſten bis zur hoͤchſten hinauf zu fuͤhren, und den Grad der angenehmen oder ſchmerzhaften Ruͤhrung a priori aus dem Princip der Zweckmaͤßigleit beſtimmt anzugeben. Ja vielleicht ließen ſich aus eben dieſem Princip be⸗ ſtimmte Ordnungen der Tragoͤdie ableiten, und alle moͤglichen Claſſen derſelben a priori in einer vollſtändigen Tafel erſchoͤpfen; ſo daß man im Stande waͤre, jeder gegebenen Tragoͤdie ihren Platz anzuweiſen, und den Grad ſowohl als die Art der Ruͤhrung im voraus zu berechnen, uͤber den ſie ſich, vermoͤge 438 ihrer Species, nicht erheben kann. Aber dieſer Gegenſtand bleibt einer eigenen Eroͤrterung vorbehalten. Wie ſehr die Vorſtellung der moraliſchen Zweckmaͤßigkeit der Naturzweckmaͤßigkeit in unſerm Gemuͤthe vorgezogen werde, wird aus einzelnen Beiſpielen einleuchtend zu erkennen ſeyn. Wenn wir Huͤon und Amanda an den Marterpfahl ge⸗ bunden ſehen, beide aus freier Wahl bereit, lieber den fuͤrchter⸗ lichen Feuertod zu ſterben, als durch Untreue gegen das Ge⸗ liebte ſich einen Thron zu erwerben— was macht uns wohl die⸗ ſen Auftritt zum Gegenſtand eines ſo himmliſchen Vergnuͤ⸗ gens? Der Widerſpruch ihres gegenwaͤrtigen Zuſtandes mit dem lachenden Schickſale, das ſie verſchmaͤhten, die anſcheinende Zweckwidrigkeit der Natur, welche Tugend mit Elend lohnt, die naturwidrige Verlaͤugnung der Selbſtliebe u. ſ. f. ſollten uns, da ſie ſo viele Vorſtellungen von Zweckwidrigkeit in unſere Seele rufen, mit dem empfindlichſten Schmerz erfuͤllen— aber was kuͤmmert uns die Natur mit allen ihren Zwecken und Geſetzen, wenn ſie durch ihre Zweckwidrigkeit eine Veranlaſſung wird, uns die moraliſche Zweckmaͤßigkeit in uns in ihrem voll⸗ ſten Lichte zu zeigen? Die Erfahrung von der ſiegenden Macht des ſittlichen Geſetzes, die wir bei dieſem Anblick machen, iſt ein ſo hohes, ſo weſentliches Gut, daß wir ſogar verſucht wer⸗ den, uns mit dem Uebel auszuſohnen, dem wir es zu verdanken haben. Uebereinſtimmung im Reich der Freiheit ergoͤtzt uns unendlich mehr, als alle Widerſpruͤche in der natuͤrlichen Welt uns zu betruͤben vermoͤgen. Wenn Coriolan, von der Gatten⸗ und Kindes⸗ und Buͤr⸗ gerpflicht beſiegt, das ſchon ſo gut als eroberte Rom verlaͤßt, ſeine Rache unterdruͤckt, ſein Heer zuruͤckfuͤhrt, und ſich dem Haß eines eiferſuͤchtigen Nebenbuhlers zum Opfer dahingibt, ſo begeht er offenbar eine ſehr zweckwidrige Handlung; er verliert 439 durch dieſen Schritt nicht nur die Frucht aller bisherigen Siege, ſondern rennt auch vorſaͤtzlich ſeinem Verderben entgegen— aber wie trefflich, wie unausſprechlich groß iſt es auf der andern Seite, den groͤbſten Widerſpruch mit der Neigung einem Wider⸗ ſpruch mit dem ſittlichen Gefuͤhl kuͤhn vorzuziehen, und auf ſolche Art dem hoͤchſten Intereſſe der Sinnlichkeit entgegen, gegen die Regeln der Klugheit zu verſtoßen, um nur mit der höhern moraliſchen Pflicht uͤbereinſtimmend zu handeln? Jede Aufopferung des Lebens iſt zweckwidrig, denn das Leben iſt die Bedingung aller Guͤter; aber Aufopferung des Lebens in mora⸗ liſcher Abſicht iſt in hohem Grad zweckmaͤßig, denn das Leben iſt nie fuͤr ſich ſelbſt, nie als Zweck, nur als Mittel zur Sittlich⸗ keit wichtig. Tritt alſo ein Fall ein, wo die Hingebung des Lebens ein Mittel zur Sittlichkeit wird, ſo muß das Leben der Sittlichkeit nachſtehen.„Es iſt nicht noͤthig, daß ich lebe, aber es iſt noͤthig, daß ich Rom vor dem Hunger ſchuͤtze,“ ſagt der große Pompejus, da er nach Afrika ſchiſfen ſoll, und ſeine Freunde ihm anliegen, ſeine Abfahrt zu verſchieben, bis der Seeſturm voruͤber ſey. Aber das Leben eines Verbrechers iſt nicht weniger tragiſch ergoͤtzend, als das Leiden des Tugendhaften; und doch erhalten wir hier die Vorſtellung einer moraliſchen Zweckwidrigkeit. Der Widerſpruch ſeiner Handlung mit dem Sittengeſetz ſollte uns mit Unwillen, die moraliſche Unvollkommenheit, die eine ſolche Art zu handeln vorausſetzt, mit Schmerz erfuͤllen; wenn wir auch das Ungluͤck der Schuldloſen nicht einmal in Anſchlag braͤchten, die das Opfer davon werden. Hier iſt keine Zufrieden⸗ heit mit der Moralitaͤt der Perſonen, die uns fuͤr den Schmerz zu entſchaͤdigen vermoͤchte, den wir uͤber ihr Handeln und Leiden empfinden— und doch iſt Beides ein ſehr dankbarer Gegenſtand fuͤr die Kunſt, bei dem wir mit hohem Wohlgefallen 440 verweilen. Es wird nicht ſchwer ſeyn, dieſe Erſcheinung mit dem bisher Geſagten in Uebereinſtimmung zu zeigen. Nicht allein der Gehorſam gegen das Sittengeſetz gibt uns die Vorſtellung moraliſcher Zweckmaͤßigkeit, auch der Schmerz uͤber Verletzung desſelben thut es. Die Traurigkeit, welche das Bewußtſeyn moraliſcher Unvollkommenheit erzeugt, iſt zweck⸗ maͤßig, weil ſie der Zufriedenheit gegenuͤber ſteht, die das moraliſche Rechtthun begleitet. Reue, Selbſtverdammung, ſelbſt in ihrem hoͤchſten Grad, in der Verzweiflung, ſind moraliſch erhaben, weil ſie nimmermehr empfunden werden koͤnnten, wenn nicht tief in der Bruſt des Verbrechers ein unbeſtechliches Ge⸗ fuͤhl fuͤr Recht und Unrecht wachte, und ſeine Anſpruͤche ſelbſt gegen das feurigſte Intereſſe der Selbſtliebe geltend machte. Reue uͤber eine That entſpringt aus der Vergleichung derſelben mit dem Sittengeſetz, und iſt Mißbilligung dieſer That, weil ſie dem Sittengeſetz widerſtreitet. Alſo muß im Augenblick der Reue das Sittengeſetz die hoͤchſte Inſtanz im Gemuͤth eines ſolchen Menſchen ſeyn; es muß ihm wichtiger ſeyn, als ſelbſt der Preis des Verbrechens, weil das Bewußtſeyn des beleidig⸗ ten Sittengeſetzes ihm den Genuß dieſes Preiſes vergaͤllt. Der Zuſtand eines Gemuͤths aber, in welchem das Sittengeſetz fuͤr die hoͤchſte Inſtanz erkannt wird, iſt moraliſch zweckmaͤßig, alſo eine Quelle moraliſcher Luſt. Und was kann auch erhabener ſeyn, als jene heroiſche Verzweiflung, die alle Guͤter des Lebens, die das Leben ſelbſt in den Staub tritt, weil ſie die miß⸗ billigende Stimme ihres innern Richters nicht ertragen und nicht uͤbertaͤuben kann? Ob der Tugendhafte ſein Leben freiwillig dahin gibt, um dem Sittengeſetz gemaͤß zu handeln— oder ob der Verbrecher unter dem Zwange des Gewiſſens ſein Leben mit eigner Hand zerſtoͤrt, um die Uebertretung jenes Geſetzes an ſich zu beſtrafen, ſo ſteigt unſere Achtung fuͤr das Sitten⸗ 44¹ geſetz zu einem gleich hohen Grade empor; und, wenn ja noch ein unterſchied ſtatt faͤnde, ſo wuͤrde er vielmehr zum Vortheil des Letztern ausfallen, da das begluͤckende Bewußtſeyn des Rechthandelns dem Tugendhaften ſeine Entſchließung doch einiger⸗ maßen konnte erleichtert haben, und das ſittliche Verdienſt an einer Handlung gerade um eben ſo viel abnimmt, als Neigung und Luſt daran Antheil haben. Reue und Verzweiflung uͤber ein begangenes Verbrechen zeigen uns die Macht des Sitten⸗ geſetzes nur ſpaͤter, nicht ſchwaͤcher; es ſind Gemaͤlde der erhabenſten Sittlichkeit, nur in einem gewaltſamen Zuſtand entworfen. Ein Menſch, der wegen einer verletzten moraliſchen Pflicht verzweifelt, tritt eben dadurch zum Gehorſam gegen dieſelbe zuruͤck, und je furchtbarer ſeine Selbſtverdammung ſich aͤußert, deſto maͤchtiger ſehen wir das Sittengeſetz ihm gebieten. Aber es gibt Faͤlle, wo das moraliſche Vergnuͤgen nur durch einen moraliſchen Schmerz erkauft wird, und dieß geſchieht, wenn eine moraliſche Pflicht uͤbertreten werden muß, um einer hoͤhern und allgemeinern deſto gemaͤßer zu handeln. Waͤre Coriolan, anſtatt ſeine eigene Vaterſtadt zu belagern, vor Antium oder Corioli mit einem roͤmiſchen Heere geſtanden, waͤre ſeine Mutter eine Volſcierin geweſen, und ihre Bitten haͤtten die naͤmliche Wirkung auf ihn gehabt, ſo wuͤrde dieſer Sieg der Kindespflicht den entgegengeſetzten Eindruck auf uns machen. Der Ehrerbietuns gegen die Mutter ſtaͤnde dann die weit hoͤhere buͤrgerliche Verbindlichkeit entgegen, welche im Colliſionsfall vor jener den Vorzug verdient. Jener Comman⸗ dant, dem die Wahl gelaſſen wird, entweder die Stadt zu uͤbergeben, oder ſeinen gefangenen Sohn vor ſeinen Augen durchbohrt zu ſehen, waͤhlt ohne Bedenken das Letztere, weil die Pflicht gegen ſein Kind der Pflicht gegen ſein Vaterland billig untergeordnet iſt. Es empoͤrt zwar im erſten Augenblick 44²2 unſer Herz, daß ein Vater dem Naturtriebe und der Vater⸗ pflicht ſo widerſprechend handelt, aber es reißt uns bald zu einer fuͤßen Bewunderung hin, daß ſogar ein moraliſcher Antrieb, und wenn er ſich ſelbſt mit der Neigung gattet, die Vernunft in ihrer Geſetzgebung nicht irre machen kann. Wenn der Co⸗ rinthier Timoleon einen geliebten, aber ehrſuͤchtigen Bruder Timophanes ermorden laͤßt, weil ſeine Meinung von patrioti⸗ ſcher Pflicht ihn zu Vertilgung alles deſſen, was die Republik in Gefahr ſetzt, verbindet, ſo ſehen wir ihn zwar nicht ohne Ent⸗ ſetzen und Abſcheu dieſe naturwidrige, dem moraliſchen Gefuͤhl ſo ſehr widerſtreitende Handlung begehen; aber unſer Abſcheu loͤst ſich bald in die hoͤchſte Achtung der heroiſchen Tugend auf, die ihre Anſpruͤche gegen jeden fremden Einfluß der Neigung behauptet, und im ſtuͤrmiſchen Widerſtreit der Gefuͤhle eben ſo frei und eben ſo richtig als im Zuſtand der hoͤchſten Ruhe ent⸗ ſcheidet. Wir koͤnnen uͤber republicaniſche Pflicht mit Timoleon ganz verſchieden denken; das aͤndert an unſerm Wohlgefallen nichts. Vielmehr ſind es gerade ſolche Faͤlle, wo unſer Verſtand nicht auf der Seite der handelnden Perſon iſt, aus welchen man erkennt, wie ſehr wir Pflichtmaͤßigkeit uͤber Zweckmaͤßigkeit, Einſtimmung mit der Vernunft uͤber die Einſtimmung mit dem Verſtande erheben. Ueber keine moraliſche Erſcheinung aber wird das Urtheil der Menſchen ſo verſchieden ausfallen, als gerade uͤber dieſe, und der Grund dieſer Verſchiedenheit darf nicht weit geſucht werden. Der moraliſche Sinn liegt zwar in allen Menſchen, aber nicht bei allen in derjenigen Staͤrke und Freiheit, wie er bei Beurtheilung dieſer Faͤlle vorausgeſetzt werden muß. Fuͤr die Meiſten iſt es genug, eine Handlung zu billigen, weil ihre Einſtimmung mit dem Sittengeſetz leicht gefaßt wird, und eine andre zu verwerfen, weil ihr Widerſtreit mit dieſem Geſetz in 443 die Augen leuchtet. Aber ein heller Verſtand und eine von jeder Naturkraft, alſo auch von moraliſchen Trieben(inſofern ſie inſtinckartig wirken) unabhaͤngige Vernunft wird erfordert, die Verhaͤltniſſe moraliſcher Pflichten zu dem hochſten Princip der Sittlichkeit richtig zu beſtimmen. Daher wird die naͤmliche Handlung, in welcher einige Wenige die hoͤchſte Zweckmaͤbigkeit erkennen, dem großen Haufen als ein empoͤrender Widerſpruch erſcheinen, obgleich Beide ein moraliſches urtheil faͤllen; daher ruͤhrt es, daß die Ruͤhrung an ſolchen Handlungen nicht in der Allgemeinheit mitgetheilt werden kann, wie die Einheit der menſch⸗ lichen Natur und die Nothwendigkeit des moraliſchen Geſetzes erwarten laͤßt. Aber auch das wahrſte und hoͤchſte Erhabene iſt, wie man weiß, Vielen Ueberſpannung und Unſinn, weil das Maß der Vernunft, die das Erhabene erkennt, nicht in Allen dasſelbe iſt. Eine kleine Seele ſinkt unter der Laſt ſo großer Vorſtellungen dahin, oder fuͤhlt ſich peinlich uͤber ihren mora⸗ liſchen Durchmeſſer auseinander geſpannt. Sieht nicht oft genug der gemeine Haufe da die haͤßlichſte Verwirrung, wo der den⸗ kende Geiſt gerade die hoͤchſte Ordnung bewundert? So vieluͤber das Gefuͤhl der moraliſchen Zweckmaͤßigkeit, inſo⸗ fern es der tragiſchen Ruͤhrung und unſerer Luſt an dem Lei⸗ den zum Grunde liegt. Aber es ſind deſſen ungeachtet Faͤlle genug vorhanden, wo uns die Naturzweckmaͤßigkeit ſelbſt auf Unkoſten der moraliſchen zu ergoͤtzen ſcheint. Die hoͤchſte Con⸗ ſequenz eines Boͤſewichts in Anordnung ſeiner Maſchinen ergoͤtzt uns offenbar, obgleich Anſtalten und Zweck unſerm moraliſchen Gefuͤhl widerſtreiten. Ein ſolcher Menſch iſt faͤhig, unſre lebhafteſte Theilnahme zu erwecken, und wir zittern vor dem Fehlſchlag derſelben Plane, deren Vereitlung wir, wenn es wirklich an dem waͤre, daß wir Alles auf die moraliſche Zweck⸗ maͤßigkeit beziehen, aufs feurigſte wuͤnſchen ſollten. Aber auch 444 dieſe Erſcheinung hebt dasjenige nicht auf, was bisher uͤber das Gefuͤhl der moraliſchen Zweckmaͤßigkeit, und ſeinen Einfluß auf unſer Vergnuͤgen an tragiſchen Ruͤhrungen behauptet wurde. Zweckmaͤßigkeit gewaͤhrt uns unter allen Umſtaͤnden Ver⸗ gnuͤgen, ſie beziehe ſich entweder gar nicht auf das Sittliche, oder ſie widerſtreite demſelben. Wir genießen dieſes Vergnuͤgen rein, ſo lange wir uns keines ſittlichen Zweckes erinnern, dem dadurch widerſprochen wird. Eben ſo, wie wir uns an dem verſtandaͤhnlichen Inſtinct der Thiere, an dem Kunſtfleiß der Bienen u. dergl. ergoͤtzen, ohne dieſe Naturzweckmaͤßigkeit auf einen verſtaͤndigen Willen, noch weniger auf einen moraliſchen Zweck zu beziehen, ſo gewährt uns die Zweckmaͤßigkeit eines jeden menſchlichen Geſchaͤfts an ſich ſelbſt Vergnuͤgen, ſobald wir uns weiter nichts dabei denken, als das Verhaͤltniß der Mittel zu ihrem Zweck. Faͤllt es uns aber ein, dieſen Zweck nebſt ſeinen Mitteln auf ein ſittliches Princip zu beziehen, und entdecken wir alsdann einen Widerſpruch mit dem letztern, kurz, erinnern wir uns, daß es die Handlung eines moraliſchen Weſens iſt, ſo tritt eine tiefe Indignation an die Stelle jenes erſten Vergnuͤgens, und keine noch ſo große Verſtandeszweck⸗ maͤßigkeit iſt faͤhig, uns mit der Vorſtellung einer ſittlichen Zweckwidrigkeit zu verſoͤhnen. Nie darf es uns lebhaft werden, daß dieſer Richard III, dieſer Jago, dieſer Lovelace Menſchen ſind; ſonſt wird ſich unſere Theilnahme unausbleiblich in ihr Gegentheil verwandeln. Daß wir aber ein Vermoͤgen beſitzen und auch haͤufig genug ausuͤben, unſre Aufmerkſamkeit von einer gewiſſen Seite der Dinge freiwillig abzulenken und auf eine andere zu richten, daß das Vergnuͤgen ſelbſt, welches durch dieſe Abſonderung allein fuͤr uns moͤglich iſt, uns dazu einladet und dabei feſthaͤlt, wird durch die taͤgliche Erfahrung beſtaͤtigt. 445 Nicht ſelten aber gewinnt eine geiſtreiche Bosheit vorzuͤglich deßwegen unſre Gunſt, weil ſie ein Mittel iſt, uns den Genuß der moraliſchen Zweckmaͤßigkeit zu verſchaffen. Je gefaͤhrlicher die Schlingen ſind, welche Lovelace Clariſſens Tugend legt, je haͤrter die Proben ſind, auf welche die erfinderiſche Grauſamkeit eines Deſpoten die Standhaftigkeit ſeines unſchuldigen Opfers ſtellt, in deſto hoͤherm Glanz ſehen wir die moraliſche Zweck⸗ maͤßigkeit triumphiren. Wir freuen uns uͤber die Macht des moraliſchen Pflichtgefuͤhls, welche die Erfindungskraft eines Verfuͤhrers ſo ſehr in Arbeit ſetzen kann. Hingegen rechnen wir dem conſequenten Boͤſewicht die Beſiegung des moraliſchen Gefuͤhls, von dem wir wiſſen, daß es ſich nothwendig in ihm regen mußte, zu einer Art von Verdienſt an, weil es von einer gewiſſen Staͤrke der Seele und einer großen Zweckmaͤßigkeit des Verſtandes zeugt, ſich durch keine moraliſche Regung in ſeinem Handeln irre machen zu laſſen. Uebrigens iſt es unwiderſprechlich, daß eine zweckmaͤßige Bosheit nur alsdann der Gegenſtand eines vollkommenen Wohl⸗ gefallens werden kann, wenn ſie vor der moraliſchen Zweck⸗ maͤßigkeit zu Schanden wird. Dann iſt ſie ſogar eine weſentliche Bedingung des hoͤchſten Wohlgefallens, weil ſie allein vermag, die Uebermacht des moraliſchen Gefuͤhls recht einleuchtend zu machen. Es gibt davon keinen uͤberzeugendern Beweis, als den letzten Eindruck, mit dem uns der Verfaſſer der Clariſſa ent⸗ laͤßt. Die hoͤchſte Verſtandeszweckmaͤßigkeit, die wir in dem Verfuͤhrungsplane des Lovelace unfreiwillig bewundern mußten, wird durch die Vernunftzweckmaͤßigkeit, welche Clariſſa dieſem furchtbaren Feind ihrer Unſchuld entgegenſetzt, glorreich uͤber⸗ troffen, und wir ſehen uns dadurch in den Stand geſetzt, den Genuß Beider in einem hohen Grad zu vereinigen.. Inſofern ſich der tragiſche Dichter zum Ziel ſetzt, das Gefuͤhl 446 der moraliſchen Zweckmaͤßigkeit zu einem lebendigen Bewußt⸗ ſeyn zu bringen, inſofern er alſo die Mittel zu dieſem Zweck verſtaͤndig waͤhlt und anwendet, muß er den Kenner jederzeit auf eine gedoppelte Art, durch die moraliſche und durch die Na⸗ turzweckmaͤßigkeit, ergoͤtzen. Durch jene wird er das Herz, durch dieſe den Verſtand befriedigen. Der große Haufe erleidet gleichſam blind die von dem Kuͤnſtler auf das Herz beabſichtete Wirkung, ohne die Magie zu durchblicken, vermittelſt welcher die Kunſt dieſe Macht uͤber ihn ausuͤbte. Aber es gibt eine gewiſſe Claſſe von Kennern, bei denen der Kuͤnſtler, gerade umgekehrt, die auf das Herz abgezielte Wirkung verliert, deren Geſchmack er aber durch die Zweckmaͤßigkeit der dazn angewandten Mittel fuͤr ſich gewinnen kann. In dieſen ſonderbaren Wider⸗ ſpruch artet oͤfters die feinſte Cultur des Geſchmacks aus, be⸗ ſonders wo die moraliſche Veredlung hinter der Bildung des Kopfes zuruͤckbleibt. Dieſe Art Kenner ſuchen im Ruͤhrenden und Erhabenen nur das Verſtaͤndige; dieſes empfinden und pruͤ⸗ fen ſte mit dem richtigſten Geſchmack, aber man huͤte ſich, an ihr Herz zu appelliren. Alter und Cultur fuͤhren uns dieſer Klippe entgegen, und dieſen nachtheiligen Einfluß von beiden gluͤcklich beſiegen, iſt der hoͤchſte Charakterruhm des gebildeten Mannes. Unter Europens Nationen ſind unſere Nachbarn, die Franzoſen, dieſem Ertrem am naͤchſten gefuͤhrt worden, und wir ringen, wie in Allem, ſo auch hier, dieſem Muſter nach. AUeber die tragiſche Kunſt.*) Der Zuſtand des Afferts fuͤr ſich ſelbſt, unabhaͤngig von aller Beziehung ſeines Gegenſtandes auf unſere Verbeſſerung oder Verſchlimmerung, hat etwas Ergoͤtzendes fuͤr uns; wir ſtreben, uns in denſelben zu verſetzen, wenn es auch einige Opfer koſten ſollte. Unſern gewoͤhnlichſten Vergnuͤgungen liegt dieſer Trieb zum Grunde; ob der Affect auf Begierde oder Ver⸗ abſcheuung gerichtet, ob er ſeiner Natur nach angenehm oder peinlich ſey, kommt dabei weuig in Betrachtung. Vielmehr lehrt die Erfahrung, daß der unangenehme Affect den groͤßern Reiz fuͤr uns habe, und alſo die Luſt am Affect mit ſeinem Inhalt gerade in umgekehrtem Verhaͤltniſſe ſtehe. Es iſt eine allgemeine Erſcheinung in unſerer Natur, daß uns das Traurige, das Schreckliche, das Schauderhafte ſelbſt, mit unwiderſtehlichem Zauber an ſich lockt, daß wir uns von Auftritten des Jammers, des Entſetzens, mit gleichen Kraͤften weggeſtoßen und wieder angezogen fuͤhlen. Alles draͤngt ſich voll Erwartung um den Erzaͤhler einer Mordgeſchichte; das abenteuerlichſte Geſpenſter⸗ maͤhrchen verſchlingen wir mit Begierde und mit deſto groͤßerer, je mehr uns dabei die Haare zu Berge ſteigen. Anmerkung des Herausgebers. Im zweiten Stuͤck der neuen Thalia vom Jahre 1792 findet ſich dieſer Aufſatz zuerſt. 448 Lebhafter aͤußert ſich dieſe Regung bei Gegenſtaͤnden der wirklichen Anſchauung. Ein Meerſturm, der eine ganze Flotte verſenkt, vom Ufer aus geſehen, wuͤrde unſere Phantaſie eben ſo ſtark ergoͤtzen, als er unſer fuͤhlendes Herz empoͤrt; es duͤrfte ſchwer ſeyn, mit dem Lucrez zu glauben, daß dieſe natuͤrliche Luſt aus einer Vergleichung unſrer eigenen Sicherheit mit der wahrgenommenen Gefahr entſpringe. Wie zahlreich iſt nicht das Gefolge, das einen Verbrecher nach dem Schauplatz ſeiner Qualen begleitet! Weder das Vergnuͤgen befriedigter Gerechtig⸗ keitsliebe, noch die unedle Luſt der geſtillten Rachbegierde kann dieſe Erſcheinung erklaͤren. Dieſer Ungluͤckliche kann in dem Herzen der Zuſchauer ſogar entſchuldigt, das aufrichtigſte Mit⸗ leid fuͤr ſeine Erhaltung geſchaͤftig ſeyn; dennoch regt ſich, ſtaͤr⸗ ker oder ſchwaͤcher, ein neugieriges Verlangen bei dem Zu⸗ ſchauer, Aug' und Ohr auf den Ausdruck ſeines Leidens zu richten. Wenn der Menſch von Erziehung und verfeinertem Gefuͤhl hierin eine Ausnahme macht, ſo ruͤhrt dieß nicht daher, daß dieſer Trieb gar nicht in ihm vorhanden war, ſondern da⸗ her, daß er von der ſchmerzhaften Staͤrke des Mitleids uber⸗ wogen, oder von den Geſetzen des Anſtands in Schranken ge⸗ halten wird. Der rohe Sohn der Natur, den kein Gefuͤhl zarter Menſchlichkeit zuͤgelt, uͤberlaͤßt ſich ohne Scheu dieſem maͤchtigen Zuge. Er muß alſo in der urſpruͤnglichen Anlage des menſchlichen Gemuͤths gegruͤndet, und durch ein allgemei⸗ nes pſychologiſches Geſetz zu erklaͤren ſeyn. Wenn wir aber auch dieſe rohen Naturgefuͤhle mit der Wuͤrde der menſchlichen Natur unvertraͤglich finden, und deß⸗ wegen Anſtand nehmen, ein Geſetz fuͤr die ganze Gattung darauf zu gruͤnden, ſo gibt es noch Erfahrungen genug, die die Wirklichkeit und Allgemeinheit des Vergnuͤgens an ſchmerz⸗ haften Ruͤhrungen außer Zweifel ſetzen. Der peinliche Kampf 449 entgegengeſetzter Neigungen oder Pflichten, der fuͤr denjenigen, der ihn erleidet, eine Quelle des Elends iſt, ergoͤtzt uns in der Betrachtung; wir folgen mit immer ſteigender Luſt den Fort⸗ ſchritten einer Leidenſchaft bis zu dem Abgrund, in welchen ſie ihr ungluͤckliches Opfer hinabzieht. Das naͤmliche zarte Gefuͤhl, das uns von dem Anblick eines phyſiſchen Leidens, oder auch von dem phyſiſchen Ausdruck eines moraliſchen zuruͤckſchreckt, laͤßt uns in der Sympatbie mit dem reinen moraliſchen Schmerz eine nur deſto ſüßere Luſt empfinden. Das Intereſſe iſt all⸗ gemein, mit dem wir bei Schilderungen ſolcher Gegenſtaͤnde verweilen. Naturlicher Weiſe gilt dieß nur von dem mitgetheilten oder nachempfundenen Affect; denn die nahe Beziehung, in welcher der urſpruͤngliche zu unſerm Glaͤckſeligkeitstriebe ſteht, beſchaͤf⸗ tigt und beſitzt uns gewoͤhnlich zu ſehr, um der Luſt Raum zu kaſſen, die er, frei von jeder eigennuͤtzigen Beziehung, fuͤr ſich gewaͤhrt. So iſt bei demjenigen, der wirklich von einer ſchmerz⸗ haften Leidenſchaft beherrſcht wird, das Gefuͤhl des Schmerzens uͤberwiegend, ſo ſehr die Schilderung ſeiner Gemuͤthslage den Hoͤrer oder Zuſchauer entzuͤcken kann. Deſſen ungeachtet iſt ſelbſt der urſpruͤngliche ſchmerzhafte Affect fuͤr denjenigen, der ihn erleidet, nicht ganz an Vergnuͤgen leer; nur ſind die Grade dieſes Vergnügens nach der Gemuthsbeſchaffenheit der Menſchen verſchieden. Laͤge nicht auch in der Unruhe, im Zweifel, in der Furcht ein Genuß, ſo wuͤrden Hazardſpiele ungleich weniger Reiz fuͤr uns haben, ſo wuͤrde man ſich nie aus tollkuͤhnem Muthe in Gefahren ſtuͤrzen, ſo köͤnnte ſelbſt die Sympathie mit fremden Leiden gerade im Moment der hoͤchſten Illuſion und im ſtaͤrkſten Grad der Verwechslung nicht am lebhafteſten ergoͤtzen. Dadurch aber wird nicht geſagt, daß die unangenehmen Affecte an und fuͤr ſich ſelbſt Luſt gewaͤhren, welches zu be⸗ Schillers ſaͤmmtl. Werke. Xl. 29 450 haupten wohl Niemand ſich einfallen laſſen wird; es iſt genug, wenn dieſe Zuſtände des Gemuͤths bloß die Bedingungen ab⸗ geben, unter welchen allein gewiſſe Arten des Vergnuͤgens fuͤr uns moͤglich ſind. Gemuͤther alſo, welche fuür dieſe Arten des Vergnugens vorzuͤglich empfaͤnglich und vorzuͤglich darnach luͤ⸗ ſtern ſind, werden ſich leichter mit dieſen unangenehmen Be⸗ dingungen verſoͤhnen, und auch in den heftigſten Stuͤrmen der Leidenſchaft ihre Freiheit nicht ganz verlieren. Von der Beziehung ſeines Gegenſtandes auf unſer ſinnliches oder ſittliches Vermoͤgen ruͤhrt die Unluſt her, welche wir bei widrigen Affecten empfinden, ſo wie die Luſt bei den angeneh⸗ men aus eben dieſen Quellen entſpringt. Nach dem Verhaͤlt⸗ niß nun, in welchem die ſittliche Natur eines Menſchen zu ſeiner ſinnlichen ſteht, richtet ſich auch der Grad der Freiheit, der in Affecten behauptet werden kann; und da nun bekannt⸗ lich im Moraliſchen keine Wahl fuͤr uns ſtattſindet, der ſinn⸗ liche Trieb hingegen der Geſetzgebung der Vernunft unterworfen und alſo in unſerer Gewalt iſt, wenigſtens ſern ſoll, ſo leuchtet ein, daß es moͤglich iſt, in allen denjenigen Affecten, welche mit dem eigennutzigen Trieb zu thun haben, eine vollkommene Freiheit zu behalten, und uͤber den Grad Herr zu ſeyn, den ſie erreichen ſollen. Dieſer wird in eben dem Maße ſchwaͤcher ſeyn, als der moraliſche Sinn uͤber den Gluͤckſeligkeitstrieb bei einem Menſchen die Obergewalt behauptet, und die eigennüutzige Anhaͤnglichkeit an ſein individuelles Ich durch den Gehorſam ge⸗ gen allgemeine Vernunftgeſetze vermindert wird. Ein ſolcher Menſch wird alſo im Zuſtand des Affects die Beziehung eines Gegenſtandes auf ſeinen Gluͤckſeligkeitstrieb weit weniger em⸗ pfinden, und folglich auch weit weniger von der Unluſt erfah⸗ ren, die nur aus dieſer Beziehung entſpringt; hingegen wird er deſto mehr auf das Verhaͤltniß merken, in welchem eben 451 dieſer Gegenſtand zu ſeiner Sittlichkeit ſteht, und eben darum auch deſto empfaͤnglicher fuͤr die Luſt ſeyn, welche die Beziehung aufs Sittliche nicht ſelten in die peinlichſten Leiden der Sinn⸗ lichkeit miſcht. Eine ſolche Verfaſſung des Gemuͤths iſt am faͤhigſten, das Vergnuͤgen des Mitleids zu genießen, und ſelbſt den urſpruͤnglichen Affect in den Schranken des Mitleids zu erhalten. Daher der hohe Werth einer Lebensphiloſophie, welche durch ſtete Hinweiſung auf allgemeine Geſetze das Gefuͤhl fuͤr unſere Individualitaͤt entkraͤftet, im Zuſammenhange des großen Ganzen unſer kleines Selbſt uns verlieren lehrt, und uns da⸗ durch in den Stand ſetzt, mit uns ſelbſt wie mit Fremdlingen umzugehen. Dieſe erhabene Geiſtesſtimmung iſt das Loos ſtarker und philoſophiſcher Gemuher, die durch fortgeſetzte Ar⸗ beit an ſich ſelbſt den eigennuͤtzigen Trieb unterjochen gelernt haben. Auch der ſchmerzhafteſte Verluſt fuͤhrt ſie nicht uͤber eine Wehmuth hinaus, mit der ſich noch immer ein merklicher Grad des Vergnugens gatten kann. Sie, die allein faͤhig ſind, ſich von ſich ſelbſt zu trennen, genießen allein das Vorrecht, an ſich ſelbſt Theil zu nehmen, und eigenes Leiden in dem milden Widerſchein der Sympathie zu empfinden. Schon das Bisherige en haͤlt Winke genug, die uns auf die Quellen des Vergnuͤgens, das der Affect an ſich ſelbſt, und vorzüglich der traurige, gewaͤhrt, aufmerkſam machen. Es iſt groͤßer, wie man geſehen hat, in moraliſchen Gemuͤthern, und wirkt deſto freier, je mehr das Gemuth von dem eigennuͤtzigen Triebe unabhaͤngig iſt. Es iſt ferner lebhafter und ſtaͤrker in traurigen Affecten, wo die Selbſtliebe gekraͤnkt wird, als in fröhlichen, welche eine Befriedigung derſelben vorausſetzen; alſo waͤchst es, wo der eigennutzige Trieb beleidigt, und nimmt ab, wo dieſem Triebe geſchmeichelt wied. Wir kennen aber nicht mehr als zweierlei Quellen des Vergnägens, die Befriedigung 452 des Gluͤckſeligkeitstriebes und die Erfuͤllung moraliſcher Geſetze; eine Luſt alſo, von der man bewieſen hat, daß ſie nicht aus der erſten Quelle entſprang, muß nothwendig aus der zweiten ihren Urſprung nehmen. Aus unſerer moraliſchen Natur alſo quillt die Luſt hervor, wodurch uns ſchmerzhafte Affecte in der Mittheilung entzuͤcken, und, auch ſogar urſpruͤnglich empfun⸗ den, in gewiſſen Faͤllen noch angenehm ruͤhren. Man hat es auf mehrere Art verſucht, das Vergnuͤgen des Mitleids zu erklaͤren: aber die wenigſten Aufloͤſungen konnten befriedigend ausfallen, weil man den Grund der Erſcheinung lieber in begleitenden Umſtaͤnden als in der Natur des Affects ſelbſt aufſuchte. Vielen iſt das Vergnuͤgen des Mitleids nichts Anderes, als das Vergnuͤgen der Seele an ihrer Empfindſam⸗ keit; Andern die Luſt an ſtarkbeſchaͤftigten Kraͤften, an lebhafter Wirkſamkeit des Begehrungevermoͤgens, kurz an einer Be⸗ friedigung des Thaͤtigkeitstriebes; Andere laſſen ſie aus der Entdeckung ſittlich ſchoͤner Charakterzuͤge, die der Kampf mit dem uUngluͤck und mit der Leidenſchaft ſichtbar mache, entſprin⸗ gen. Noch immer aber bleibt unaufgeloͤst, warum gerade die Pein ſelbſt, das eigentliche Leiden, bei Gegenſtaͤnden des Mit⸗ leids uns am maͤchtigſten anzieht, da nach jenen Erklaͤrungen ein ſchwaͤcherer Grad des Leidens den angefuͤhrten Urſachen un⸗ ſerer Luſt an der Ruͤhrung offenbar guͤnſtiger ſeyn muͤßte. Die Lebhaftigkeit und Staͤrke der in unſerer Phantaſte erweckten Vorſtellungen, die ſittliche Vortrefflichkeit der leidenden Per⸗ ſonen, der Ruͤckblick des mitleidenden Subjects auf ſich ſelbſt, koͤnnen die Luſt an Ruͤhrungen wohl erhoͤhen, aber ſie ſind die Urſache nicht, die ſie hervorbringt. Das Leiden einer ſchwachen Seele, der Schmerz eines Boͤſewichts, gewaͤhren uns dieſen Genuß freilich nicht; aber deßwegen nicht, weil ſie unſer Mit⸗ leid nicht in dem Grade wie der leidende Held oder der kaͤm⸗ 453 pfende Tugendhafte erregen. Stets alſo kehrt die erſte Frage zuruͤck, warum eben juſt der Grad des Leidens den Grad der ſympathetiſchen Luſt an einer Ruͤhrung beſtimme, und ſie kann auf keine andere Art beantwortet werden, als daß gerade der Angriff auf unſere Sinnlichkeit die Bedingung ſey, diejenige Kraft des Gemuͤths aufzuregen, deren Thaͤtigkeit jenes Ver⸗ gnuͤgen an ſympathetiſchem Leiden erzeugt. Dieſe Kraft nun iſt keine andere als die Vernunft, und in⸗ ſofern die freie Wirkſamkeit derſelben, als abſolute Selbſtthaͤ⸗ tigkeit, vorzugsweiſe den Namen der Thaͤtigkeit verdient, inſo⸗ ern ſich das Gemuͤth nur in ſeinem ſittlichen Handeln vollkom⸗ men unabhaͤngig und frei fuͤhlt; inſofern iſt es freilich der be⸗ friedigte Trieb der Thätigkeit, von welchem unſer Vergnuͤgen an traurigen Ruͤhrungen ſeinen Urſprung zieht. Aber ſo iſt es auch nicht die Menge, nicht die Lebhaftigkeit der Vorſtellungen, nicht die Wirkſamkeit des Begehrungsvermoͤgens uͤberhaupt, ſondern eine beſtimmte Gattung der erſtern, und eine beſtimmte, durch Vernunft erzeugte Wirkſamkeit des letztern, was dieſem Vergnuͤgen zum Grunde liegt. Der mitgetheilte Affect uͤberhaupt hat alſo etwas Exgoͤtzen⸗ des für uns, weil er den Thaͤtigkeitstrieb befriedigt; der trau⸗ rige Affect leiſtet jede Wirkung in einem hoͤhern Grade, weil er dieſen Trieb in einem hoͤhern Grade befriedigt. Nur im Zuſtand ſeiner vollkommenen Freiheit, nur im Bewußtſeyn ſei⸗ ner vernunftigen Natur aͤußert das Gemuͤth ſeine hoͤchſte Thaͤ⸗ tigkeit, weil es da allein eine Kraft anwendet, die jedem Wider⸗ ſtand uberlegen iſt.— Derjenige Zuſtand des Gemuths alſo, der vorzugsweiſe dieſe Kraft zu ihrer Verkuͤndigung bringt, dieſe hoͤhere Thaͤtigkeit weckt, iſt der zweckmaͤßigſte fuͤr ein vernuͤnftiges Weſen, und fuͤr den Thaͤtigkeitstrieb der befriedigendſte; er muß alſo mit 454 einem vorzuͤglichen Grade von Luſt verknuͤpft ſeyn.) In einen ſolchen Zuſtand verſetzt uns der traurige Affect, und die Luſt an demſelben muß die Luſt an froͤhlichen Affecten in eben dem Grad uͤbertreffen, als das ſittliche Vermoͤgen in uns uüber das ſinnliche erhaben iſt. Was in dem ganzen Syſtem der Zwecke nur ein unterge⸗ ordnetes Glied iſt, darf die Kunſt aus dieſem Zuſammenhange abſondern und als Hauptzweck verfolgen. Fuͤr die Natur mag das Vergnuͤgen nur ein mittelbarer Zweck ſeyn; fuͤr die Kunſt iſt es der hoͤchſte. Es gehoͤrt alſo vorzuͤglich zum Zweck der letztern, das hohe Vergnuͤgen nicht zu vernachlaͤſſigen, das in der traurigen Ruͤhrung enthalten iſt. Diejenige Kunſt aber, welche ſich das Vergnuͤgen des Mitleids insbeſondere zum Zweck ſetzt, heißt die tragiſche Kunſt im allgemeinſten Ver⸗ ſtande. Die Kunſt erfuͤllt ihren Zweck durch Nachahmung der Na⸗ tur, indem ſie die Bedingungen erfuͤllt, unter welchen das Ver⸗ gnuͤgen in der Wirklichkeit moͤglich wird, und die zerſtreuten Anſtalten der Natur zu dieſem Zwecke nach einem verſtaͤndigen Plan vereinigt, um das, was dieſe bloß zu ihrem Nebenzweck machte, als letzten Zweck zu erreichen. Die tragiſche Kunſt wird alſo die Natur in denjenigen Handlungen nachahmen, welche den mitleidenden Affect vorzuͤglich zu erwecken vermoͤgen. uUm alſo der tragiſchen Kunſt ihr Verfahren im Allgemei⸗ nen vorzuſchreiben, iſt es vor Allem noͤthig, die Bedingungen zu wiſſen, unter welchen nach der gewoͤhnlichen Erfahrung das Vergnugen der Ruͤhrung am geviſſeſten und am ſtaͤrkſten er⸗ zeugt zu werden pflegt; zugleich aber auch auf diejenigen Um⸗ *) Siehe die Abhandlung über den Grund des Vergnugens an tragi⸗ ſchen Gegenſtaͤnden. 455 ſtände aufmerkſam zu machen, welche es einſchraͤnken oder gar zerſtoͤren. Zwei entgegengeſetzte Urſachen gibt die Erfahrung an, welche das Vergnuͤgen an Ruͤhrungen hindern: wenn das Mitleid ent⸗ weder zu ſchwach, oder wenn es ſo ſtark erregt wird, daß der mitgetheilte Affect zu der Lebhaftigkeit eines urſpruͤnglichen uͤbergeht. Jenes kann wieder entweder an der Schwaͤche des Eindrucks liegen, den wir von dem urſpruͤnglichen Leiden erhal⸗ ten, in welchem Falle wir ſagen, daß unſer Herz kalt bleibt, und wir weder Schmerz noch Vergnuͤgen empfinden; oder es liegt an ſtaͤrkern Empfindungen, welche den empfangenen Eindruck bekaͤmpfen und durch ihr Uebergewicht im Gemuͤth das Ver⸗ gnuͤgen des Mitleids ſchwäͤchen oder gaͤnzlich erſticken. Nach dem, was im vorhergehenden Aufſatz uͤber den Grund des Vergnuͤgens an tragiſchen Gegenſtaͤnden behauptet wurde, iſt bei jeder tragiſchen Nuͤhrung die Vorſtellung einer Zweck⸗ widrigkeit, welche, wenn die Ruͤhrung ergoͤtzend ſeyn ſoll, jeder⸗ zeit auf eine Vorſtellung von hoͤherer Zweckmaͤßigkeit leitet. Auf das Verhaͤltniß dieſer beiden entgegengeſetzten Vorſtellun⸗ gen unter einander kommt es nun an, ob bei einer Ruͤhrung die Luſt oder die unluſt hervorſtechen ſoll. Iſt die Vorſtellung der Zweckwidrigkeit lebhafter als die des Gegentheils, oder iſt der verletzte Zweck von groͤßerer Wichtigkeit als der erfuͤllte, ſo wird jederzeit die Unluſt die Oberhand behalten; es mag dieſes nun objectiv von der menſchlichen Gattung uͤberhaupt, oder bloß ſubjectiv von beſonderen Individuen gelten. Wenn die Unluſt uͤber die Urſache eines Ungluͤcks zu ſtark wird, ſo ſchwaͤcht ſie unſer Mitleid mit demjenigen, der es leidet. Zwei ganz verſchiedene Empfindungen können nicht zu gleicher Zeit in einem hohen Grade in dem Gemuͤthe vorhan⸗ den ſeyn. Der Unwille uͤber den Urheber des Leidens wird zum 4⁵6 herrſchenden Affect, und jedes andere Gefuͤhl muß ihm weichen. So ſchwaͤcht es jederzeit unſern Antheil, wenn ſich der Un⸗ gluͤckliche, den wir bemitleiden ſollen, aus eigener unverzeih⸗ licher Schuld in ſein Verderben geſtuͤrzt hat, oder ſich auch aus Schwaͤche des Verſtandes und aus Kleinmuth nicht, da er es doch koͤnnte, aus demſelben zu ziehen weiß. Unſerm Antheil an dem unglüͤcklichen, von ſeinen undankbaren Toͤchtern miß⸗ handelten Lear ſchadet es nicht wenig, daß dieſer kindiſche Alte ſeine Krone ſo leichtſinnig hingab, und ſeine Liebe ſo unver⸗ ſtaͤndig unter ſeinen Toͤchtern vertheilte. In dem Kronegk'ſchen Trauerſpiel Olint und Sophronia kann ſelbſt das fuͤrchterlichſte Leiden, dem wir dieſe beiden Martyrer ihres Glaubens ausge⸗ ſetzt ſehen, unſer Mitleid, und ihr erhabener Heroismus unſere Bewunderung nur ſchwach erregen, weil der Wahnſinn allein eine Handlung begehen kann, wie diejenige iſt, wodurch Olint ſich ſelbſt und ſein ganzes Volk an den Nand des Verderbens fuͤhrte. Unſer Mitleid wird nicht weniger geſchwaͤcht, wenn der Ur⸗ heber eines Ungluͤcks, deſſen ſchuldloſe Opfer wir bemitleiden ſollen, unſere Seele mit Abſcheu erfuͤllt. Es wird jederzeit der hoͤchſten Vollkommenheit ſeines Werks Abbruch thun, wenn der tragiſche Dichter nicht ohne einen Boͤſewicht auskommen kann, und wenn er gezwungen iſt, die Groͤße des Leidens von der Groͤße der Bosheit herzuleiten. Shakſpeare's Jago und Lady Macbeth, Cleopatra in der Roxolane, Franz Moor in den Raͤubern zeugen fuͤr dieſe Behauptung. Ein Dichter, der ſich auf ſeinen wahren Vortheil verſteht, wird das Ungluͤck nicht durch einen boͤſen Willen, der Ungluͤck beabſichtet, noch viel weniger durch einen Mangel des Verſtandes, ſondern durch den Zwang der Umſtaͤnde herbeiführen. Entſpringt dasſelbe nicht aus moraliſchen Quellen, ſondern von aͤußerlichen Dingen, die 457 weder Willen haben, noch einem Willen unterworfen ſind, ſo iſt das Mitleid reiner, und wird zum wenigſten durch keine Vor⸗ ſtellung moraliſcher Zweckwidrigkeit geſchwaͤcht. Aber dann kann dem theilnehmenden Zuſchauer das unangenehme Gefuͤhl einer Zweckwidrigkeit in der Natur nicht erlaſſen werden, welche in dieſem Fall allein die moraliſche Zweckmaͤßigkeit retten kann. Zu einem weit hoͤhern Grad ſteigt das Mitleid, wenn ſowohl derjenige, welcher leidet, als derjenige, welcher Leiden verurſacht, Gegenſtaͤnde desſelben werden. Dieß kann nur dann geſchehen, wenn der Letztere weder unſern Haß noch unſere Verachtung erregt, ſondern wider ſeine Neigung dahin gebracht wird, Ur⸗ heber des Ungluͤcks zu werden. So iſt es eine vorzuͤgliche Schoͤnheit in der deutſchen Iphigenia, daß der Tauriſche Koͤnig, der Einzige, der den Wuͤnſchen Oreſts und ſeiner Schweſter im Wege ſteht, nie unſere Achtung verliert, und uns zuletzt noch Liebe abnoͤthigt. Dieſe Gattung des Ruͤhrenden wird noch von derjenigen uͤbertroffen, wo die Urſache des unglücks nicht allein nicht der Moralitaͤt widerſprechend, ſondern ſogar durch Moralitaͤt allein moͤlich iſt, und wo das wechſelſeitige Leiden bloß von der Vor⸗ ſtellung herruͤhrt, daß man Leiden erweckte. Von dieſer Art iſt die Situation Ximenens und Roderichs im Cid des Peter Corneille; unſtreitig, was die Verwicklung betrifft, dem Mei⸗ ſterſtuͤck der tragiſchen Buͤhne. Ehrliebe und Kindespflicht be⸗ waffnen Roderichs Hand gegen den Vater ſeiner Geliebten, und Tapferkeit macht ihn zum Ueberwinder desſelben; Ehrliebe und Kindespfticht erwecken ihm in Ximenen, der Tochter des Er⸗ ſchlagenen, eine furchtbare Anklaͤgerin und Verfolgerin. Beide handeln ihrer Neigung entgegen, welche vor dem Ungluͤck des verfolgten Gegenſtandes eben ſo aͤngſtlich zittert, als eifrig ſie die moraliſche Pflicht macht, dieſes Ung uͤck herbeizurufen. 458 Beide alſo gewinnen unſere hoͤchſte Achtung, weil ſie auf Koſten der Neigung eine moraliſche Pflicht erfuͤllen; beide entflammen unſer Mitleid aufs hoͤchſte, weil ſie freiwillig und aus einem Beweggrund leiden, der ſie in hohem Grade achtungswuͤrdig macht. Hier alſo wird unſer Mitleid ſo wenig durch widrige Gefuͤhle geſtoͤrt, daß es vielmehr in doppelter Flamme auflodert; bloß die Unmoͤglichkeit, mit der hoͤchſten Wuͤrdigkeit zum Gluͤcke die Idee des Ungluͤcks zu vereinbaren, koͤnnte unſere ſympathe⸗ tiſche Luſt noch durch eine Wolke des Schmerzens truͤben. Wie viel auch ſchon dadurch gewonnen wird, daß unſer Unwille uͤber dieſe Zweck widrigkeit kein moraliſches Weſen betrifft, ſondern an den unſchaͤdlichſten Ort, auf die Nothwendigkeit abgeleitet wird, ſo iſt eine blinde Unterwuͤrfigkeit unter das Schickſal im⸗ mer demuͤthigend und kraͤnkend fuͤr freie ſich ſelbſt beſtimmende Weſen. Dieß iſt es, was uns auch in den vortrefflichſten Stuͤcken der griechiſchen Buͤhne etwas zu wuͤnſchen uͤbrig laͤßt, weil in allen dieſen Stuͤcken zuletzt an die Nothwendigkeit ap⸗ pellirt wird, und fuͤr unſere Vernunft fordernde Vernunft im⸗ mer ein unaufgeloͤster Knoten zuruͤckbleibt. Aber auf der hoͤchſten und letzten Stufe, welche der moraliſch gebildete Menſch er⸗ klimmt, und zu welcher die ruͤhrende Kunſt ſich erheben kann, loͤst ſich auch dieſer, und jeder Schatten von Unluſt verſchwindet mit ihm. Dieß geſchieht, wenn ſelbſt dieſe Unzufriedenheit mit dem Schickſal hinwes faͤllt, und ſich in die Ahnang oder lieber in ein deutliches Bewußtſeyn einer teleologichen Verknuͤpfung der Dinge, einer erhabenen Ordnung, eines guͤtigen Willens verliert. Dann geſellt ſich zu unſerm Vergnuͤgen an morali⸗ ſcher Uebereinſtimmung die erquickende Vorſtellung der voll⸗ kommenſten Zweckmaßigkeit im großen Ganzen der Natur, und die ſcheinbare Verletzung derſelben welche uns in dem einzelnen Falle Schmerzen erweckte, wird bloß ein Stachel fuͤr unſere 8 Vernunft, in allgemeinen Geſetzen eine Rechtfertigung dieſes beſondern Falles aufzuſuchen, und den einzelnen Mißlaut in der großen Harmonie aufzuloͤſen. Zu dieſer reinen Hoͤhe tragi⸗ ſcher Ruͤhrung hat ſich die griechiſche Kunſt nie erhoben, weil weder die Volksreligion, noch ſelbſt die Philoſophie der Griechen ihnen ſo weit voranleuchtete. Der neuern Kunſt, welche den Vortheil genießt, von einer gelaͤuterten Philoſophie einen reinern Stoff zu empfangen, iſt es aufbehalten, auch dieſe hoͤchſte For⸗ derung zu erfuͤllen, und ſo die ganze moraliſche Wuͤrde der Kunſt zu entfalten. Muͤſſen wir Neuern wirklich darauf Ver⸗ zicht thun, griechiſche Kunſt je wieder herzuſtellen, wenn der philoſophiſche Genius des Zeitalters und die moderne Cultur uͤberhaupt der Poeſie nicht guͤnſtig ſind, ſo wirken ſie weniger nachtheilig auf die trasiſche Kunſt, welche mehr auf dem Sitt⸗ lichen ruht. Ihr allein erſ etzt vielleicht unſere Eultur den Raub, den ſie an der Kunſt uͤberhaupt veruͤbte. So wie die tragiſche Ruͤhrung durch Einmiſchung widriger Vorſtellungen und Gefuͤhle geſchwaͤcht, und dadurch die Luſt an derſelben vermindert wird, ſo kann ſie im Gegentheil durch zu große Annaͤherung an den urſpruͤnglichen Affect zu einem Grade ausſchweifen, der den Schmerz uͤberwiegend macht. Es iſt bemerkt worden, daß die unluſt in Affecten von der Be⸗ ziehung ihres Gegenſtandes auf unſere Sinnlichkeit, ſo wie die Luſt an denſelben von der Beziehung des Affects ſelbſt auf unſere Sittlichkeit, ſeinen Urſprung nehme. Es wird alſo zwi⸗ ſchen Sinnlichkeit und Sittlichkeit ein beſtimmtes Verhaͤltniß vorausgeſetzt, welches das Verhaͤltniß der Unluſt zu der Luſt in traurigen Ruͤhrungen entſcheidet, und welches nicht veraͤndert oder umgekehrt werden kann, ohne zugleich die Gefuͤhle von Luſt und Unluſt bei Ruͤhrungen umzukehren, oder in ihr Gegentheil zu verwandeln. Je lebhafter die Sinnlichkeit in unſerm Ge⸗ 460 muͤthe erwacht, deſto ſchwaͤcher wird die Sittlichkeit wirken, und umgekehrt, je mehr jene von ihrer Macht verliert, deſto mehr wird dieſe an Staͤrke gewinnen. Was alſo der Sinnlich⸗ keit in unſerm Gemuthe ein Uebergewicht gibt, muß nothwen⸗ diger Weiſe, weil es die Sittlichkeit einſchraͤnkt, unſer Ver⸗ gnuͤgen an Ruͤhrungen vermindern, das allein aus dieſer Sitt⸗ lichkeit fließt; ſo wie Alles, was dieſer letztern in unſerm Ge⸗ muͤth einen Schwung gibt, ſogar in urſpruͤnglichen Affecten dem Schmerz ſeinen Stachel nimmt. Unſere Sinnlichkeit erlangt aber dieſes Uebergewicht wirklich, wenn ſich die Vorſtellungen des Leidens zu einem ſolchen Grade der Lebhaftigkeit erheben, der uns keine Moͤglichkeit uͤbrig laͤßt, den mitgetheilten Affect von einem urſpruͤnglichen, unſer eigenes Ich von dem leidenden Subject, oder Wahrheit von Dichtung zu unterſcheiden. Sie erlangt gleichfalls das Uebergewicht, wenn ihr durch Anhaͤufung ihrer Gegenſtaͤnde und durch das blendende Licht, das eine auf⸗ geregte Einbildungskraft daruͤber verbreitet, Nahrung gegeben wird. Nichts hingegen iſt geſchickter, ſie in ihre Schranken zuruͤckzuweiſen, als der Beiſtand uͤberſinnlicher, ſittlicher Ideen, an denen ſich die unterdruckte Vernunft, wie an geiſtigen Stuͤtzen, aufrichtet, um ſich uͤber den truͤben Dunſtkreis der Gefuͤhle in einen heitern Horizont zu erheben. Daher der große Reiz, welchen allgemeine Wahrheiten oder Sittenſpruͤche, an der rechten Stelle in den dramatiſchen Dialog eingeſtreut, fuͤr alle gebildeten Vöͤlker gehabt haben, und der faſt uͤbertriebene Ge⸗ brauch, den ſchon die Griechen davon machten. Nichts iſt einem ſittlichen Gemuͤthe willkommener, als nach einem lang anhal⸗ tenden Zuſtand des bloßen Leidens aus der Dienſtbarkeit der Sinne zur Selbſtthaͤtigkeit geweckt, und in ſeine Freiheit wieder eingeſetzt zu werden. So viel von den Urſachen, welche unſer Mitleid einſchraͤnken, 461 und dem Vergnuͤgen an der traurigen Ruͤhrung im Wege ſtehen. Jetzt ſind die Bedingungen aufzuzaͤhlen, unter welchen das Mit⸗ leid befoͤrdert, und die Luſt der Ruͤhrung am unfehlbarſten und am ſtaͤrkſten erweckt wird. Alles Mitleid ſetzt Vorſtellungen des Leidens voraus, und nach der Lebhaftigkeit, Wahrheit, Vollſtaͤndigkeit und Dauer der letztern richtet ſich auch der Grad der erſtern. 1) Je lebhafter die Vorſtellungen, deſto mehr wird das Ge⸗ muͤth zur Thaͤtigkeit eingeladen, deſto mehr wird ſeine Sinn⸗ lichkeit gereizt, deſto mehr alſo auch ſein ſittliches Vermoͤgen zum Widerſtand aufgefordert. Vorſtellungen des Leidens laſſen ſich aber auf zwei verſchiedenen Wegen erhalten, welche der Leb⸗ haftigkeit des Eindrucks nicht auf gleiche Art guͤnſtig ſind. Un⸗ gleich ſtaͤrker afficiren uns Leiden, von denen wir Zeugen ſind, als ſolche, die wir erſt durch Erzaͤhlung oder Beſchreibung er⸗ fahren. Jene heben das freie Spiel unſerer Einbildungskraft auf, und dringen, da ſie unſere Sinnlichkeit unmittelbar treffen, auf dem kuͤrzeſten Weg zu unſerm Herzen. Bei der Erzaͤhlung hingegen wird das Beſondere erſt zum Allgemeinen erhoben, und aus dieſem dann das Beſondere erkannt, alſo ſchon durch dieſe nothwendige Operation des Verſtandes dem Eindruck ſehr viel von ſeiner Staͤrke entzogen. Ein ſchwacher Eindruck aber wird ſich des Gemuͤths nicht ungetheilt bemaͤchtigen, und fremd⸗ artigen Vorſtellungen Raum geben, ſeine Wirkung zu ſtoͤren und die Aufmerkſamkeit zu zerſtreuen. Sehr oft verſetzt uns auch die erzaͤhlende Darſtellung aus dem Gemuͤthszuſtand der handelnden Perſonen in den des Erzaͤhlers, welches die zum Mitleid ſo nothwendige Taͤuſchung unterbricht. So oft der Erzaͤhler in eigner Perſon ſich vordringt, entſteht ein Stillſtand in der Handlung, und darum unvermeidlich auch in unſerm theilnehmenden Affect; dieß ereignet ſich ſelbſt dann, wenn ſich 46²2 der dramatiſche Dichter im Dialog vergißt, und der ſprechenden Perſon Betrachtungen in den Mund legt, die nur ein kalter Zuſchauer anſtellen konnte. Von dieſem Fehler durfte ſchwerlich eine unſerer neuern Tragoͤdien frei ſeyn, doch haben ihn die franzoͤſiſchen allein zur Regel erhoben. Unmittelbare lebendige Gegenwart und Verſinnlichung ſind alſo noͤthig, unſern Vor⸗ ſtellungen vom Leiden diejenige Staͤrke zu geben, die zu einem hohen Grade von Ruhrung erfordert wird. 2) Aber wir koͤnnen die lebhafteſten Eindruͤcke von einem Leiden erhalten, ohne doch zu einem merklichen Grad des Mit⸗ leids gebracht zu werden, wenn es dieſen Eindruͤcken an Wahr⸗ heit fehlt. Wir muͤſſen uns einen Begriff von dem Leiden ma⸗ chen, an dem wir Theil nehmen ſollen; dazu gehoͤrt eine Ueber⸗ einſtimmung desſelben mit etwas, was ſchon vorher in uns vorhanden iſt. Die Moͤglichkeit des Mitleids beruht naͤmlich auf der Wahrnehmung oder Vorausſetzung einer Aehnlichkeit zwiſchen uns und dem leidenden Subject. Ueberall, wo dieſe Aehnlichkeit ſich erkennen laͤßt, iſt das Mitleid nothwendig; wo ſie fehlt, unmoͤglich. Je ſichtbarer und groͤßer die Aehnlichkeit, deſto lebhafter unſer Mitleid; je geringer jene, deſto ſchwaͤcher auch dieſes. Es muͤſſen, wenn wir den Affect eines Andern ihm nachempfinden ſollen, alle inneren Bedingungen zu dieſem Affect in uns ſelbſt vorhanden ſeyn, damit die aͤußere Urſache, die durch ihre Vereinigung mit jenen dem Affect die Entſtehung gab, auch auf uns eine gleiche Wirkung aͤußern koͤnne. Wir muͤſſen, ohne uns Zwang anzuthun, die Perſon mit ihm zu wechſeln, unſer eigenes Ich ſeinem Zuſtande augenblicklich un⸗ terzuſchieben faͤhig ſeyn. Wie iſt es aber moͤglich, den Zuſtand eines Andern in uns zu empfinden, wenn wir nicht uns zuvor in dieſem Andern gefunden haben? Dieſe Aehnlichteit geht auf die ganze Grundlage des Ge⸗ 463 muͤths, inſofern dieſe nothwendig und allgemein iſt. Allgemein⸗ heit und Nothwendigkeit aber enthaͤlt vorzugsweiſe unſre ſittliche Natur. Das ſinnliche Vermoͤgen kann durch zufaͤllige Urſachen anders beſtimmt werden; ſelbſt unſre Erkenntnißvermöͤgen ſind von veraͤnderlichen Bedingungen abhaͤngig; unſre Sittlichkeit allein ruht auf ſich ſelbſt, und iſt eben darum am tauglichſten, einen allgemeinen und ſichern Maßſtab dieſer Aehnlichkeit ab⸗ zugeben. Eine Vorſtellung alſo, welche wir mit unſrer Form zu denken und zu empfinden uͤbereinſtimmend finden, welche mit unſerer eigenen Gedankenreihe ſchon in gewiſſer Verwandtſchaft ſteht, welche von unſerm Gemuͤth mit Leichtigkeit aufgefaßt wird, nennen wir wahr. Betrifft die Aehnlichkeit das Eigen⸗ thuͤmliche unſers Gemuͤths, die beſondern Beſtimmungen des allgemeinen Menſchencharakters in uns, welche ſich unbeſchadet dieſes allgemeinen Charakters hinwegdenken laſſen, ſo hat dieſe Vorſtellung bloß Wahrheit fuͤr uns; betrifft ſie die allgemeine und nothwendige Form, welche wir bei der ganzen Gattung vorausſetzen, ſo iſt die Wahrheit der objectiven gleich zu achten. Fuͤr den Roͤmer hat der Richterſpruch des erſten Brutus, der Selbſtmord des Cato ſubjective Wahrheit. Die Vorſtellungen und Gefuͤhle, aus denen die Handlungen dieſer beiden Maͤnner fließen, folgen nicht unmittelbar aus der allgemeinen, ſondern mittelbar aus einer beſonders beſtimmten menſchlichen Natur. Um dieſe Gefuͤhle mit ihnen zu theilen, muß man eine roͤmi⸗ ſche Geſinnung beſitzen, oder doch zu augenblicklicher Annahme der letztern faͤhig ſeyn. Hingegen braucht man bloß Menſch uͤberhaupt zu ſeyn, um durch die heldenmuͤthige Aufopferung eines Leonidas, durch die ruhige Ergebung eines Ariſtid, durch den freiwilligen Tod eines Sokrates in eine hohe Ruͤhrung ver⸗ ſetzt, um durch den ſchrecklichen Gluͤckswechſel eines Darius zu Thraͤnen hingeriſſen zu werden. Solchen Vorſtellungen raͤumen 464 wir, im Gegenſatz mit jenen, objective Wahrheit ein, weil ſie mit der Natur aller Subjecte uͤbereinſtimmen, und dadurch eine eben ſo ſtrenge Allgemeinheit und Nothwendigkeit erhalten, als wenn ſie von jeder ſubjectiven Bedingung unabhaͤngig waͤren. Uebrigens iſt die ſubjectiv wahre Schilderung, weil ſie auf zufaͤllige Beſtimmungen geht, darum nicht mit willkuͤrlichen zu verwechſeln. Zuletzt fließt auch das ſubjectiv Wahre aus der allgemeinen Einrichtung des menſchlichen Gemuͤths, welche bloß durch beſondere Umſtaͤnde beſonders beſtimmt ward, und beide ſind nothwendige Bedingungen desſelben. Die Entſchließung des Cato koͤnnte, wenn ſie den allgemeinen Geſetzen der menſch⸗ lichen Natur widerſpraͤche, auch nicht mehr ſubjectiv wahr ſeyn. Nur haben Darſtellungen der letztern Art einen engern Wir⸗ kungskreis, weil ſie noch andere Beſtimmungen, als jene allge⸗ meinen, vorausſetzen. Die tragiſche Kunſt kann ſich ihrer mit großer intenſiver Wirkung bedienen, wenn ſie der ertenſiven entſagen will; doch wird das unbedingt Wahre, das bloß Menſch⸗ liche in menſchlichen Verhaͤltniſſen, ſtets ihr ergiebigſter Stoff ſeyn, weil ſie bei dieſem allein, ohne darum auf die Staͤrke des Eindrucks Verzicht thun zu muͤſſen, der Allgemeinheit des⸗ ſelben verſichert iſt. 3) Zu der Lebhaftigkeit und Wahrheit tragiſcher Schilde⸗ rungen wird drittens noch Vollſtaͤndigkeit verlangt. Alles, was von außen gegeben werden muß, um das Gemuth in die ab⸗ gezweckte Bewegung zu ſetzen, muß in der Vorſtellung erſchoͤpft ſeyn. Wenn ſich der noch ſo roͤmiſch geſinnte Zuſchauer den Seelenzuſtand des Cato zu eigen machen, wenn er die letzte Entſchließung dieſes Repulicaners zu der ſeinigen machen ſoll, ſo muß er dieſe Entſchließung nicht bloß in der Seele des Roͤ⸗ mers, auch in den Umſtaͤnden gegruͤndet finden, ſo muß ihm die aͤußere ſowohl als innere Lage desſelben in ihrem ganzen 465 Zuſammenhang und Umfang vor Augen liegen, ſo darf auch kein einziges Glied aus der Kette von Beſtimmungen fehlen, an welche ſich der letzte Entſchluß des Roͤmers als nothwendig anſchließt. Ueberhaupt iſt ſelbſt die Wahrheit einer Schilderung ohne dieſe Vollſtaͤndigkeit nicht erkennbar, denn nur die Aehn⸗ lichkeit der Umſtaͤnde, welche wir vollkommen einſehen muͤſſen, kann unſer Urtheil uͤber die Aehnlichkeit der Empfindungen rechtfertigen, weil nur aus der Vereinigung der aͤußern und innern Bedingungen der Affect entſpringt. Wenn entſchieden werden ſoll, ob wir wie Cato wuͤrden gehandelt haben, ſo muͤſ⸗ ſen wir uns vor allen Dingen in Cato's ganze aͤußere Lage hineindenken, und dann erſt ſind wir befugt, unſere Empfin⸗ dungen gegen die ſeinigen zu halten, einen Schluß auf die Aehnlichkeit zu machen und über die Wahrheit derſelben ein Urtheil zu faͤllen. Dieſe Vollſtaͤndigkeit der Schilderung iſt nur durch Ver⸗ tnuͤpfung mehrerer einzelnen Vorſtellungen und Empfindungen möglich, die ſich gegen einander als Urſache und Wirkung ver⸗ halten und in ihrem Zuſammenhang ein Ganzes fuͤr unſere Er⸗ kenntniß ausmachen. Alle dieſe Vorſtellungen muͤſſen, wenn ſie uns lebhaft ruͤhren ſollen, einen unmittelbaren Eindruck auf unſre Sinnlichkeit machen, und, weil die erzaͤhlende Form jederzeit dieſen Eindruck ſchwaͤcht, durch eine gegenwaͤrtige Handlung veranlaßt werden. Zur Vollſtaͤndigkeit einer tragi⸗ ſchen Schilderung gehoͤrt alſo eine Reihe einzelner verſinnlich⸗ ter Handlungen, welche ſich zu der tragiſchen Handlung als zu einem Ganzen verbinden. 4) Fortdauernd endlich muͤſſen die Vorſtellungen des Leidens auf uns wirken, wenn ein hoher Grad von Ruͤhrung durch ſie erweckt werden ſoll. Der Affect, in welchen uns fremde Leiden verſetzen, iſt fuͤr uns ein Zuſtand des Zwanges, aus Schillers ſaͤmmti. Werke. XI. 30 466 welchem wir eilen uns zu befreien, und allzu leicht verſchwindet die zum Mitleid ſo unentbehrliche Taͤuſchung. Das Gemuͤth muß alſo an dieſe Vorſtellungen gewaltſam gefeſſelt und der Freiheit beraubt werden, ſich der Taͤuſchung zu fruͤhzeitig zu entreißen. Die Lebhaftigkeit der Vorſtellungen und die Staͤrke der Eindruͤcke, welche unſre Sinnlichkeit uͤberfallen, iſt dazu allein nicht hinreichend; denn je heftiger das empfangende Ver⸗ moͤgen gereizt wird, deſto ſtaͤrker aͤußert ſich die ruͤckwirkende Kraft der Seele, um dieſen Eindruck zu beſiegen. Dieſe ſelbſt⸗ thaͤtige Kraft aber darf der Dichter nicht ſchwaͤchen, der uns ruͤhren will; denn eben im Kampfe derſelben mit dem Leiden der Sinnlichkeit liegt der hohe Genuß, den uns die traurigen Nuͤhrungen gewaͤhren. Wenn alſo das Gemuͤth, ſeiner wider⸗ ſtrebenden Selbſtthaͤtigkeit ungeachtet, an die Empfindungen des Leidens geheftet bleiben ſoll, ſo muſſen dieſe periodenweiſe ge⸗ ſchickt unterbrochen, ja von entgegengeſetzten Empfindungen ab⸗ geloͤst werden— um alsdann mit zunehmender Staͤrke zurück⸗ zukehren und die Lebhaftigkeit des erſten Eindrucks deſto oͤfter zu erneuern. Gegen Ermattung, gegen die Wirkungen der Gewohnheit iſt der Wechſel der Empfindungen das kraͤftigſte Mittel. Dieſer Wechſel friſcht die erſchoͤpfte Sinnlichkeit wieder an, und die Gradation der Eindruͤcke weckt das ſelbſtthaͤtige Vermoͤgen zum verhaͤltnißmaͤßigen Widerſtand. Unaufhoͤrlich muß dieſes geſchaͤftig ſeyn, gegen den Zwang der Sinnlichkeit ſeine Freiheit zu behaupten, aber nicht fruͤher als am Ende den Sieg erlangen, und noch weit weniger im Kampf unter⸗ liegen; ſonſt iſt es im erſten Falle um das Leiden, im zweiten um die Thaͤtigkeit gethan, und nur die Vereinigung von bei⸗ den erweckt ja die Ruͤhrung. In der geſchickten Fuͤhrung die⸗ ſes Kampfes beruht eben das große Geheimniß der tragiſchen Kunſt; da zeigt ſie ſich in ihrem glaͤnzendſten Lichte. 467 Auch dazu iſt nun eine Reihe abwechſelnder Vorſtellungen, alſo eine zweckmaͤßige Verknuͤpfung mehrerer, dieſen Vorſtellun⸗ gen entſprechender Handlungen nothwendig, an denen ſich die Haupthandlung, und durch ſie der abgezielte tragiſche Eindruck vollſtaͤndig, wie ein Knaͤuel von der Spindel, abwindet, und das Gemuth zuletzt wie mit einem unzerreißbaren Netze um⸗ ſtrickt. Der Kuͤnſtler, wenn mir dieſes Bild hier verſtattet iſt, ſammelt erſt wirthſchaftlich alle einzelnen Strahlen des Gegen⸗ ſtandes, den er zum Werkzeug ſeines tragiſchen Zweckes macht, und ſie werden unter ſeinen Haͤnden zum Blitz, der alle Her⸗ zen entzuͤndet. Wenn der Anfaͤnger den ganzen Donnerſtrahl des Schreckens und der Furcht auf einmal und fruchtlos in die Gemuͤther ſchleudert, ſo gelangt jener Schritt vor Schritt durch lauter kleine Schläge zum Ziel und durchdringt eben dadurch die Seele ganz, daß er ſie nur allmäͤhlich und gradweiſe ruͤhrte. Wenn wir nunmehr die Reſultate aus den bisherigen Unter⸗ ſuchungen ziehen, ſo ſind es folgende Bedingungen, welche der tragiſchen Nuͤhrung zum Grunde liegen. Erſtlich muß der Ge⸗ genſtand unſers Mitleids zu unſrer Gattung im ganzen Sinn dieſes Worts gehören, und die Handlung, an der wir Theil nehmen ſollen, eine moraliſche, d. i. unter dem Gebiet der Freiheit begriffen ſeyn. Zweitens muß uns das Leiden, ſeine Quellen und ſeine Grade, in einer Folge verknuͤpfter Begeben⸗ heiten vollſtaͤndig mitgetheilt und zwar drittens ſinnlich ver⸗ gegenwaͤrtigt, nicht mittelbar durch Beſchreibung, ſondern un⸗ mittelbar durch Handlung dargeſtellt werden. Alle dieſe Be⸗ dingungen vereinigt und erfuͤllt die Kunſt in der Tragoͤdie. Die Tragödie waͤre demnach dichteriſche Nachahmung einer zuſammenhaͤngenden Reihe von Begebenheiten(einer vollſtaͤndi⸗ 468 gen Handlung), welche uns Menſchen in einem Zuſtand des Leidens zeigt, und zur Abſicht hat, unſer Mitleid zu erregen. Sie iſt erſtlich— Nachahmung einer Handlung. Der Be⸗ griff der Nachahmung unterſcheidet ſie von den uͤbrigen Gat⸗ tungen der Dichtkunſt, welche bloß erzaͤhlen oder beſchreiben. In Tragoͤdien werden die einzelnen Begebenheiten im Augen⸗ blick ihres Geſchehens, als gegenwaͤrtig, vor die Einbildungs⸗ kraft oder vor die Sinne geſtellt; unmittelbar, ohne Ein⸗ miſchung eines Dritten. Die Epopoͤe, der Roman, die ein⸗ fache Erzaͤhlung ruͤcken die Handlung, ſchon ihrer Form nach, in die Ferne, weil ſie zwiſchen den Leſer und die handelnden Perſonen den Erzaͤhler einſchieben. Das Entfernte, das Ver⸗ gangene ſchwaͤcht aber, wie bekannt iſt, den Eindruck und den theilnehmenden Affect; das Gegenwaͤrtige verſtaͤrkt ihn. Alle erzaͤhlenden Formen machen das Gegenwaͤrtige zum Vergangenen; alle dramatiſchen machen das Vergangene gegenwaͤrtig. Die Tragoͤdie iſt zweitens Nachahmung einer Reihe von Begebenheiten, einer Handlung. Nicht bloß die Empfindungen und Affecte der tragiſchen Perſonen, ſondern die Begebenheiten, aus denen ſie entſprangen und auf deren Veranlaſſung ſie ſich aͤußern, ſtellt ſie nachahmend dar; dieß unterſcheidet ſie von den lyriſchen Dichtungsarten, welche zwar ebenfalls gewiſſe Zu⸗ ſtaͤnde des Gemuͤths poetiſch nachahmen, aber nicht Handlungen. Eine Elegie, ein Lied, eine Ode koͤnnen uns die gegenwaͤrtige, durch beſondere Umſtaͤnde bedingte Gemuͤthsbeſchaffenheit des Dichters(ſey es in ſeiner eigenen Perſon oder in idealiſcher) nachahmend vor Augen ſtellen, und inſofern ſind ſie zwar un⸗ ter dem Begriff der Tragoͤdie mit enthalten, aber ſie machen ihn noch nicht aus, weil ſie ſich bloß auf Darſtellungen von Gefuͤhlen einſchraͤnken. Noch weſentlichere Unterſchiede liegen in dem verſchiedenen Zweck dieſer Dichtungsarten. 469 Die Tragoͤdie iſt drittens Nachahmung einer vollſtaͤndigen Handlung. Ein einzelnes Ereigniß, wie tragiſch es auch ſeyn mag, gibt noch keine Tragoͤdie. Mehrere als Urſache und Wirkung in einander gegruͤndete Begebenheiten muͤſſen ſich mit einander zweckmaͤßig zu einem Ganzen verbinden, wenn die Wahrheit, d. i. die Uebereinſtimmung eines vorgeſtellten Affects, Charakters und dergleichen mit der Natur unſrer Seele, auf welche allein ſich unſre Theilnahme gruͤndet, erkannt werden ſoll. Wenn wir es nicht fuͤhlen, daß wir ſelbſt bei gleichen Umſtaͤnden eben ſo wuͤrden gelitten und eben ſo gehandelt ha⸗ ben, ſo wird unſer Mitleid nie erwachen. Es kommt alſo darauf an, daß wir die vorgeſtellte Handlung in ihrem ganzen Zuſammenhang verfolgen, daß wir ſie aus der Seele ihres Urhebers durch eine natuͤrliche Gradation unter Mitwirkung aͤußerer Umſtaͤnde hervorfließen ſehen. So entſteht und waͤchst und vollendet ſich vor unſern Augen die Neugier des Oedipus, die Eiferſucht des Othello. So kann auch allein der große Abſtand ausgefuͤllt werden, der ſich zwiſchen dem Frieden einer ſchuldloſen Seele und den Gewiſſensqualen eines Verbrechers, zwiſchen der ſtolzen Sicherheit eines Gluͤcklichen und ſeinem ſchrecklichen Unterzang, kurz, der ſich zwiſchen der ruhigen Gemuͤthsſtimmung des Leſers am Anfang und der heftigen Aufregung ſeiner Empfindungen am Ende der Handlung findet. Eine Reihe mehrerer zuſammenhaͤngender Vorfaͤlle wird er⸗ fordert, einen Wechſel der Gemuͤthsbewegungen in uns zu erregen, der die Aufmerkſamkeit ſpannt, der jedes Vermoͤgen unſers Geiſtes aufbietet, den ermattenden Thaͤtigkeitstrieb er⸗ muntert, und durch die verzoͤgerte Befriedigung ihn nur deſto heftiger entflammt. Gegen die Leiden der Sinnlichkeit findet das Gemuͤth nirgends als in der Sittlichkeit Huͤlfe. Dieſe alſo deſto dringender aufzufordern, muß der tragiſche Kuͤnſtler 470 die Martern der Sinnlichkeit verlaͤngern; aber auch dieſer muß er Befriedigungen zeigen, um jener den Sieg deſto ſchwerer und ruͤhmlicher zu machen. Beides iſt nur durch eine Reihe von Handlungen moͤglich, die mit weiſer Wahl zu dieſer Abſicht werbunden ſind. Die Tragoͤdie iſt viertens poetiſche Nachahmung einer mit⸗ leidswuͤrdigen Handlung, und dadurch wird ſie der hiſtoriſchen entgegengeſetzt. Das Letztere wuͤrde ſie ſeyn, wenn ſie einen hiſtoriſchen Zweck verfolgte, wenn ſie darauf ausginge, von ge⸗ ſchehenen Dingen und von der Art ihres Geſchehens zu unter⸗ richten. In dieſem Falle muͤßte ſie ſich ſtreng an hiſtoriſche Richtigkeit halten, weil ſie einzig nur durch treue Darſtellung des wirklich Geſchehenen ihre Abſicht erreichte. Aber die Tra⸗ goͤdie hat einen poetiſchen Zweck, d. i. ſie ſtellt eine Handlung dar, um zu ruͤhren, und durch Ruͤhrung zu ergoͤtzen. Behan⸗ delt ſie alſo einen gegebenen Stoff nach dieſem ihrem Zwecke, ſo wird ſie eben dadurch in der Nachahmung frei; ſie erhaͤlt Macht, ja Verbindlichkeit, die hiſtoriſche Wahrheit den Geſetzen der Dichtkunſt unterzuordnen, und den gegebenen Stoff nach ihrem Beduͤrfniſſe zu bearbeiten. Da ſie aber ihren Zweck, die Ruͤh⸗ rung, nur unter der Bedingung der hoͤchſten Uebereinſtimmung mit den Geſetzen der Natur zu erreichen im Stande iſt, ſo ſteht ſie, ihrer hiſtoriſchen Freiheit unbeſchadet, unter dem ſtrengen Geſetz der Naturwahrheit, welche man im Gegenſatz von der hiſtoriſchen die poetiſche Wahrheit nennt. So laͤßt ſich begreifen, wie bei ſtrenger Beobachtung der hiſtoriſchen Wahr⸗ heit nicht ſelten die poetiſche leiden, und umgekehrt bei grober Verletzung der hiſtoriſchen die poetiſche nur um ſo mehr ge⸗ winnen kann. Da der tragiſche Dichter, ſo wie uͤberhaupt jeder Dichter, nur unter dem Geſetz der poetiſchen Wahrheit ſteht, ſo kann die gewiſſenhafteſte Beobachtung der hiſtoriſchen ihn nie 471 von ſeiner Dichterpflicht losſprechen, nie einer Uebertretung der poetiſchen Wahrheit, nie einem Mangel des Intereſſes zur Ent⸗ ſchuldigung gereichen. Es verraͤth daher ſehr beſchraͤnkte Be⸗ griffe von der tragiſchen Kunſt, ja von der Dichtkunſt über⸗ haupt, den Tragoͤdiendichter vor das Tribunal der Geſchichte zu ziehen, und unterricht von demjenigen zu fordern, der ſich ſchon vermoͤge ſeines Namens bloß zu Ruͤhrung und Ergoͤtzung verbindlich macht. Sogar dann, wenn ſich der Dichter ſelbſt durch eine aͤngſtliche Unterwurfigkeit gegen hiſtoriſche Wahrheit ſeines Kuͤnſtlervorrechts begeben, und der Geſchichte eine Ge⸗ richtsbarkeit uͤber ſein Product ſtillſchweigend eingeraͤumt haben ſollte, fordert die Kunſt ihn mit allem Rechte vor ihren Richter⸗ ſtuhl, und ein Tod Hermanns, eine Minona, ein Fuſt von Stromberg wuͤrden, wenn ſie hier die Prüfung nicht aushielten, bei noch ſo puͤnktlicher Befolgung des Coſtume's, des Volks⸗ und des Zeitcharakters mittelmaͤßige Tragoͤdien heißen. Die Tragoͤdie iſt fuͤnftens Nachahmung einer Handlung, welche uns Menſchen im Zuſtand des Leidens zeigt. Der Ausdruck„Menſchen“ iſt hier nichts weniger als muͤßig, und dient dazu, die Graͤnzen genau zu bezeichnen, in welche die Tragoͤdie in der Wahl ihrer Gegenſtaͤnde eingeſchraͤnkt iſt. Nur das Leiden ſinnlich moraliſcher Weſen, dergleichen wie wir ſelbſt ſind, kann unſer Mitleid erwecken. Weſen alſo, die ſich von aller Sittlichkeit losſprechen, wie ſich der Aberglaube des Volks, oder die Einbildungskraft der Dichter die boͤſen Daͤmonen malt, und Menſchen, welche ihnen gleichen,— Weſen ferner, die von dem Zwange der Sinnlichkeit befreit ſind, wie wir uns die reinen Intelligenzen denken, und Menſchen, die ſich in hoͤherm Grade, als die menſchliche Schwachheit erlaubt, dieſem Zwange entzogen haben, ſind gleich untauglich fuͤr die Tragoͤdie. Ueber⸗ haupt beſtimmt ſchon der Begriff des Leidens, und eines Lei⸗ 472 dens, an dem wir Theil nehmen ſollen, daß nur Menſchen im vollen Sinne dieſes Worts der Gegenſtand desſelben ſeyn koͤn⸗ nen. Eine reine Intelligenz kann nicht leiden, und ein menſch⸗ liches Subject, das ſich dieſer reinen Intelligenz in ungewoͤhn⸗ lichem Grade naͤhert, kann, weil es in ſeiner ſittlichen Natur einen zu ſchnellen Schutz gegen die Leiden einer ſchwachen Sinnlichkeit findet, nie einen großen Grad von Pathos erwecken. Ein durchaus ſinnliches Subject ohne Sittlichkeit, und ſolche, die ſich ihm naͤhern, ſind zwar des fürchterlichſten Grades von Leiden faͤhig, weil ihre Sinnlichkeit in uͤberwiegendem Grade wirkt, aber von keinem ſittlichen Gefuͤhl aufgerichtet, werden ſie dieſem Schmerz zum Raube— und von einem Leiden, von einem durchaus huͤlfloſen Leiden von einer abſoluten Unthaͤtig⸗ keit der Vernunft wenden wir uns mit Unwillen und Abſcheu hinweg. Der tragiſche Dichter gibt alſo mit Recht den ge⸗ miſchten Charakteren den Vorzug, und das Ideal ſeines Helden liegt in gleicher Entfernung zwiſchen dem ganz Verwerflichen und dem Vollkommenen. Die Tragoͤdie endlich vereinigt alle dieſe Eigenſchaften, um den mitleidigen Affert zu erregen. Mehrere von den Anſtalten, welche der tragiſche Dichter macht, ließen ſich ganz fuͤglich zu einem andern Zweck, z. B. einem moraliſchen, einem hiſtori⸗ ſchen u. a. benutzen; daß er aber gerade dieſen und keinen an⸗ dern ſich vorſetzt, befreit ihn von allen Forderungen, die mit dieſem Zweck nicht zuſammenhaͤngen, verpflichtet ihn aber auch zugleich, bei jeder beſondern Anwendung der bisher aufgeſtell⸗ ten Regeln ſich nach dieſem letzten Zwecke zu richten. Der letzte Grund, auf den ſich alle Regeln fuͤr eine be⸗ ſtimmte Dichtungsart beziehen, heißt der Zweck dieſer Dich⸗ tungsart; die Verbindung der Mittel, wodurch eine Dichtungs⸗ art ihren Zweck erreicht, heißt ihre Form. Zweck und Form 473 ſtehen alſo mit einander in dem genaueſten Verhaͤltniß. Dieſe wird durch jenen beſtimmt und als nothwendig vorgeſchrieben, und der erfuͤllte Zweck wird das Reſultat der gluͤcklich beobach⸗ teten Form ſeyn. Da jede Dichtungsart einen ihr eigenthuͤmlichen Zweck ver⸗ folgt, ſo wird ſie ſich eben deßwegen durch eine eigenthuͤmliche Form von den übrigen unterſcheiden, denn die Form iſt das Mittel, durch welches ſie ihren Zweck erreicht. Eben das, was ſie ausſchließend vor den uͤbrigen leiſtet, muß ſie vermoͤge der⸗ jenigen Beſchaffenheit leiſten, die ſie vor den uͤbrigen aus⸗ ſchließend beſitzt. Der Zweck der Tragoͤdie iſt: Nuͤhrung; ihre Form: Nachahmung einer zum Leiden fuͤhrenden Hand⸗ lung. Mehrere Dichtungsarten koͤnnen mit der Tragoͤdie einerlei Handlung zu ihrem Gegenſtand haben. Mehrere Dichtungsarten koͤnnen den Zweck der Tragoͤdie, die Ruͤhrung wenn gleich nicht als Hauptzweck, verfolgen. Das Unterſchei⸗ dende der letztern beſteht alſo im Verhaͤltniß der Form zu dem Zwecke, d. i. in der Art und Weiſe, wie ſie ihren Gegenſtand in Ruͤckſicht auf ihren Zweck behandelt, wie ſie ihren Zweck durch ihren Gegenſtand erreicht. Wenn der Zweck der Tragoͤdie iſt, den mitleidigen Affect zu erregen, ihre Form aber das Mittel iſt, durch welches ſie die⸗ ſen Zweck erreicht, ſo muß Nachahmung einer tuͤhrenden Hand⸗ lung der Inbegriff aller Bedingungen ſeyn, unter welchen der mitleidige Affect am ſtaͤrkſten erregt wird. Die Form der Tra⸗ goͤdie iſt alſo die guͤnſtigſte, um den mitleidigen Affect zu erregen. Das Product einer Dichtungsart iſt vollkommen, in welchem die eigenthuͤmliche Form dieſer Dichtungsart zu Erreichung ihres Zweckes am beſten benutzt worden iſt. Eine Tragoͤdie alſo iſt vollkommen, in welcher die tragiſche Form, naͤmlich die Nach⸗ ahmung einer ruͤhrenden Handlung, am beſten benutzt worden 474 iſt, den mitleidigen Affect zu erregen. Diejenige Tragoͤdie wuͤrde alſo die vollkommenſte ſeyn, in welcher das erregte Mitleid weniger Wirkung des Stoffs, als der am beſten be⸗ nutzten tragiſchen Form, iſt. Dieſe mag fuͤr das Ideal der Tragoͤdie gelten. Viele Trauerſpiele, ſonſt voll hoher poetiſcher Schoͤnheit, ſind dramatiſch tadelhaft, weil ſie den Zweck der Tragoͤdie nicht durch die beſte Benutzung der tragiſchen Form zu erreichen ſuchen; andere ſind es, weil ſie durch die tragiſche Form einen andern Zweck als den der Tragöͤdie erreichen. Nicht wenige unſrer beliebteſten Stuͤcke ruͤhren uns einzig des Stoffes wegen, und wir ſind großmuthig oder unaufmerkſam genug, dieſe Eigenſchaft der Materie dem ungeſchickten Kuͤnſtler als Verdienſt anzurechnen. Bei andern ſcheinen wir uns der Ab⸗ ſicht gar nicht zu erinnern, in welcher uns der Dichter im Schauſpielhauſe verſammelt hat, und, zufrieden, durch glaͤn⸗ zende Spiele der Einbildungskraft und des Witzes angenehm unterhalten zu ſeyn, bemerken wir nicht einmal, daß wir ihn mit kaltem Herzen verlaſſen. Soll die ehrwuͤrdige Kunſt (denn das iſt ſie, die zu dem goͤttlichen Theil unſers Weſens ſpricht) ihre Sache durch ſolche Kaͤmpfer vor ſolchen Kampf⸗ richtern fuͤhren?— Die Genuͤgſamkeit des Publicums iſt nur ermunternd fuͤr die Mittelmaͤßigkeit, aber beſchimpfend und abſchreckend fuͤr das Genie. Berſtrente Betrachtungen über verſchiedene äſthetiſche Gegenſtände. 22) Alle Eigenſchaften der Dinge, wodurch ſie aͤſthetiſch werden können, laſſen ſich unter vielerlei Claſſen bringen, die ſowohl nach ihrer objectiven Verſchiedenheit, als nach ihrer ver⸗ ſchiedenen ſ ubjectiven Beziehung, auf unſer leidendes oder thaͤtiges Vermoͤgen ein nicht bloß der Staͤrke, ſondern auch dem Werth nach verſchiedenes Wohlgefallen wirken, und fuͤr den Zweck der ſchoͤnen Kuͤnſte auch von ungleicher Brauchbar⸗ keit ſind; naͤmlich das Angenehme, das Gute, das Er⸗ habene und das Schoͤne. Unter dieſen iſt das Erhabene und Schoͤne allein der Kunſt eigen. Das Angenehme iſt ih⸗ rer nicht würdig, und das Gute iſt wenigſtens nicht ihr Zweck; denn der Zweck der Kunſt iſt, zu vergnuͤgen, und das Gute, ſey es theoretiſch oder praktiſch, kann und darf der Sinnlichkeit nicht als Mittel dienen. Das Angenehme vergnuͤgt bloß die Sinne, und unter⸗ ſcheidet ſich darin von dem Guten, welches der bloßen Ver⸗ nunft gefaͤllt. Es gefaͤllt durch ſeine Materie, denn nur der —— 2) Anmerkung des Herausgebers. Dieſer Aufſatz erſchien zuerſt im fuͤnſten Stück der Neuen Thalia vom Jahr 4795 476 Stoff kann den Sinn afficiren, und Alles, was Form iſt, nur der Vernunft gefallen. Das Schoͤne gefaͤllt zwar durch das Medium der Sinne, wodurch es ſich vom Guten unterſcheidet, aber es gefaͤllt durch ſeine Form der Vernunft, wodurch es ſich vom Angenehmen unterſcheidet. Das Gute, kann man ſagen, gefaͤllt durch die bloße vernunftgemaͤße Form, das Schoͤne durch vernunft⸗ aͤhnliche Form, das Angenehme durch gar keine Form. Das Gute wird gedacht, das Schoͤne betrachtet, das Angenehme bloß gefuͤhlt. Jenes gefaͤllt im Begriff, das zweite in der Anſchauung, das dritte in der materiellen Empfindung. Der Abſtand zwiſchen dem Guten und dem Angenehmen fallt am meiſten in die Augen. Das Gute erweitert unſere Erkenntniß, weil es einen Begriff von ſeinem Object verſchafft und vorausſetzt; der Grund unſers Wohlgefallens liegt in dem Gegenſtand, wenn gleich das Wohlgefallen ſelbſt ein Zuſtand iſt, in dem wir uns befinden. Das Angenehme hingegen bringt gar kein Erkenntniß ſeines Objects hervor und gruͤndet ſich auch auf keines. Es iſt bloß dadurch angenehm, daß es em⸗ pfunden wird, und ſein Begriff verſchwindet gaͤnzlich, ſobald wir uns die Affectibilitaͤt der Sinne hinwegdenken oder ſie auch nur veraͤndern. Einem Menſchen, der Froſt empfindet, iſt eine warme Luft angenehm; eben dieſer Menſch aber wird in der Sommerhitze einen kuͤhlenden Schatten ſuchen. In beiden Faͤllen aber wird man geſtehen, hat er richtig geurtheilt. Das Objective iſt von uns voͤllig unabhaͤngig, und was uns heute wahr, zweckmaͤßig, vernuͤnftig vorkommt, wird uns(voraus⸗ geſetzt, daß wir heute richtig geurtheilt haben) auch in zwanzig Jahren eben ſo erſcheinen. Unſer Urtheil uͤber das Angenehme aͤndert ſich ab, ſo wie ſich unſere Lage gegen ſein Object ver⸗ aͤndert. Es iſt alſo keine Eigenſchaft des Objects, ſondern ent⸗ 477 ſteht erſt aus dem Verhaͤltniß eines Objects zu unſern Sin⸗ nen— denn die Beſchaffenheit des Sinnes iſt eine nothwen⸗ dige Bedingung desſelben. Das Gute hingegen iſt ſchon gut, ehe es vorgeſtellt und empfunden wird. Die Eigenſchaft, durch die es gefaͤllt, beſteht vollkommen fuͤr ſich ſelbſt, ohne unſer Subject nothig zu ha⸗ ben, wenn gleich unſer Wohlgefallen an demſelben auf einer Empfänglichkeit unſers Weſens ruht. Das Angenehme, kann man daher ſagen, iſt nur, weil es empfunden wird; das Gute hingegen wird empfunden, weil es iſt. Der Abſtand des Schoͤnen von dem Angenehmen faͤllt, ſo groß er auch uͤbrigens iſt, weniger in die Augen. Es iſt darin dem Angenehmen gleich, daß es immer den Sinnen muß vorgehalten werden, daß es nur in der Erſcheinung gefaͤllt. Es iſt ihm ferner darin gleich, daß es keine Erkenntniß von ſeinem Object verſchafft noch vorausſetzt. Es unterſcheidet ſich aber wieder ſehr von dem Angenehmen, weil es durch die Form ſeiner Erſcheinung, nicht durch die materielle Empfindung gefaͤllt. Es gefaͤllt zwar dem vernuͤnftigen Subject bloß, inſofern dasſelbe zugleich ſinnlich iſt; aber es gefaͤllt auch dem Sinnlichen nur, inſofern dasſelbe zu⸗ gleich vernunftig iſt. Es gefaͤllt nicht bloß dem Individuum, ſon⸗ dern der Gattung, und ob es gleich nur durch ſeine Beziehung auf ſinnlich⸗vernuͤnftige Weſen Exiſtenz erhaͤlt, ſo iſt es doch von allen empiriſchen Beſtimmungen der Sinnlichkeit unabhaͤngig, und es bleibt dasſelbe, auch wenn ſich die Privatbeſchaffenheit der Subjecte veraͤndert. Das Schoͤne alſo hat eben das mit dem Gu⸗ ten gemein, worin es von dem Angenehmen abweicht, und geht eben da von dem Guten ab, wo es ſich dem Angenehmen naͤhert. Unter dem Guten iſt dasjenige zu verſtehen, worin die Ver⸗ nunft eine Angemeſſenheit zu ihren, theoretiſchen oder praktiſchen, Geſetzen erkennt. Es kann aber der naͤmliche Gegenſtand mit der 478 theoretiſchen Vernunft vollkommen zuſammenſtimmen, und doch der praktiſchen im hoͤchſten Grad widerſprechend ſeyn. Wir koͤn⸗ nen den Zweck einer Unternehmung mißbilligen, und doch die Zweckmaͤßigkeit in derſelben bewundern. Wir koͤnnen die Genuͤſſe verachten, die der Wolluͤſtling zum Ziel ſeines Lebens macht, und doch ſeine Klugheit in der Wahl der Mittel und die Conſequenz ſeiner Grundſaͤtze loben. Was uns bloß durch ſeine Form gefaͤllt, iſt gut, und es iſt abſolut und ohne Bedingung gut, wenn ſeine Form zugleich auch ſein Inhalt iſt. Auch das Gute iſt ein Object der Empfindung, aber keiner unmittelbaren, wie das Angenehme, und auch keiner gemiſchten, wie das Schoͤne. Es erregt nicht Begierde, wie das erſte, und nicht Neigung, wie das zweite. Die reine Vorſtellung des Guten kann nur Achtung einfloͤßen. Nach Feſtſetzung des Unterſchiedes zwiſchen dem Angenehmen, dem Guten und dem Schoͤnen leuchtet ein, daß ein Gegenſtand haͤßlich, unvollkommen, ja ſogar moraliſch verwerflich und doch angenehm ſeyn, doch den Sinnen gefallen koͤnne; daß ein Ge⸗ genſtand die Sinne empoͤren und doch gut ſeyn, doch der Ver⸗ nunft gefallen koͤnne; daß ein Gegenſtand ſeinem innern Weſen nach das moraliſche Gefuͤhl empoͤren und doch in der Betrach⸗ tung gefallen, doch ſchoͤn ſeyn koͤnne. Die Urſache iſt, weil bei allen dieſen verſchiedenen Vorſtellungen ein anderes Vermoͤgen des Gemuͤths und auf eine andere Art intereſſirt iſt. Aber hiermit iſt die Claſſification der aͤſthetiſchen Praͤdicate noch nicht erſchoͤpft; denn es gibt Gegenſtaͤnde, die zugleich haͤßlich, den Sinnen widrig und ſchrecklich, unbefriedigend fuͤr den Verſtand und in der moraliſchen Schaͤtzung gleichguͤltig ſind, und die doch gefallen, ja, die in ſo hohem Grad gefallen, daß wir gern das Vergnuͤgen der Sinne und des Verſtandes auf⸗ opfern, um uns den Genuß derſelben zu verſchaffen. Nichts iſt reizender in der Natur als eine ſchoͤne Landſchaft 479 in der Abendroͤthe. Die reiche Mannichfaltigkeit und der milde Umriß der Geſtalten, das unendlich wechſelnde Spiel des Lichts, der leichte Flor, der die fernen Objecte umkleidet— Alles wirkt zuſammen, unſere Sinne zu ergotzen. Das ſanfte Geraͤuſch eines Waſſerfalls, das Schlagen der Nachtigallen, eine ange⸗ nehme Muſik ſoln dazu kommen, unſer Vergnuͤgen zu vermeh⸗ ren. Wir ſind aufgeloͤst in ſuͤße Empfindungen von Ruhe, und indem unſere Sinne von der Harmonie der Farben, der Geſtalten und Toͤne auf das angenehmſte geruͤhrt werden, er⸗ goͤtzt ſich das Gemuth an einem leichten und geiſtreichen Ideen⸗ gang und das Herz an einem Strom von Gefuͤhlen. Auf einmal erhebt ſich ein Sturm, der den Himmel und die ganze Landſchaft verfinſtert, der alle andern Toͤne uͤberſtimmt oder ſchweigen macht, und uns alle jene Vergnuͤgungen ploͤtzlich raubt. Pechſchwarze Wolken umziehen den Horizont, betaͤubende Donnerſchlaͤge fallen nieder, Blitz folgt auf Blitz, und unſer Geſicht wie unſer Gehoͤr wird auf das widrigſte geruͤhrt. Der Blitz leuch⸗ tet nur, um uns das Schreckliche der Nacht deſto ſichtbarer zu machen; wir ſehen, wie er einſchlaͤgt, ja wir fangen an zu fuͤrchten, daß er auch uns treffen moͤchte. Nichtsdeſtoweniger werden wir glauben, bei dem Tauſch eher gewonnen als verlo⸗ ren zu haben, diejenigen Perſonen ausgenommen, denen die Furcht alle Freiheit des Urtheils raubt. Wir werden von die⸗ ſem furchtbaren Schauſpiel, das unſere Sinne zuruͤckſtoͤßt, von einer Seite mir Macht angezogen, und verweilen uns bei dem⸗ ſelben mit einem Gefuͤhl, das man zwar nicht eigentliche Luſt nennen kann, aber der Luſt oft weit vorzieht. Nun iſt aber dieſes Schauſpiel der Natur eher verderblich als gut(we⸗ nigſtens hat man gar nicht noöͤthig an die Nutzbarkeit eines Ge⸗ wirters zu denken, um an dieſer Naturerſcheinung Gefallen zu finden), es iſt eher haͤßlich als ſchoͤn, denn Finſterniß kann als 480 Beraubung aller Vorſtellungen, die das Licht verſchafft, nie ge⸗ fallen, und die ploͤtzliche Lufterſchuͤtterung durch den Donner, ſo wie die ploͤtzliche Lufterleuchtung durch den Blitz, wider⸗ ſprechen einer nothwendigen Bedingung aller Schoͤnheit, die nichts Abruptes, nichts Gewaltſames vertraͤgt. Ferner iſt dieſe Naturerſcheinung den bloßen Sinnen eher ſchmerzhaft als an⸗ nehmlich, weil die Nerven des Geſichts und des Gehoͤrs durch die plötzliche Abwechslung von Dunkelheit und Licht, von dem Knallen des Donners zur Stille peinlich angeſpannt und dann eben ſo gewaltſam wieder erſchlafft werden. Und trotz allen dieſen Urſachen des Mißfallens iſt ein Gewitter fuͤr den, der es nicht fuͤrchtet, eine anziehende Erſcheinung. Ferner. Mitten in einer gruͤnen und lachenden Ebene ſoll ein unbewachſener wilder Huͤgel hervorragen, der dem Auge einen Theil der Ausſicht entzieht. Jeder wird dieſen Erdhaufen hinweg wuͤnſchen, als etwas, das die Schoͤnheit der ganzen Landſchaft verunſtaltet. Nun laſſe man in Gedanken dieſen Huͤgel immer hoͤher und hoͤher werden, ohne das Geringſte in ſeiner uͤbrigen Form zu veraͤndern, ſo daß dasſelbe Verhaͤltniß zwiſchen ſeiner Breite und Hoͤhe auch noch im Großen beibe⸗ halten wird. Anfangs wird das Mißvergnugen uber ihn zu⸗ nehmen, weil ihn ſeine zunehmende Groͤße nur bemerkbarer, nur ſtörender macht. Man fahre aber fort, ihn bis uͤber die dop⸗ pelte Hoͤhe eines Thurmes zu vergroͤßern, ſo wird das Miß⸗ vergnuͤgen uͤber ihn ſich unmerklich verlieren und einem ganz andern Gefuͤhle Platz machen. Iſt er endlich ſo hoch hinauf⸗ geſtiegen, daß es dem Auge beinahe unmoglich wird, ihn in ein einziges Bild zuſammen zu faſſen, ſo iſt er uns mehr werth, als die ganze ſchoͤne Ebene um ihn her, und wir wuͤrden den Eindruck, den er auf uns macht, ungern mit einem andern noch ſo ſchoͤnen vertauſchen. Nun gebe man in Gedanken die⸗ 481 ſem Berg eine ſolche Neigung, daß es ausſieht, als wenn er alle Augenblicke herabſtuͤrzen wollte, ſo wird das vorige Gefuͤhl ſich mit einem andern vermiſchen; Schrecken wird ſich damit verbinden, aber der Gegenſtand ſelbſt wird nur deſto anziehen⸗ der ſeyn. Geſetzt aber, man koͤnnte dieſen ſich neigenden Berg durch einen andern unterſtuͤtzen, ſo wuͤrde ſich der Schrecken und mit ihm ein großer Theil unſers Wohlgefallens verlieren. Geſetzt ferner, man ſtellte dicht an dieſen Berg vier bis fuͤnf andere, davon jeder um den vierten oder fuͤnften Theil niedri⸗ ger waͤre als der zunaͤchſt auf ihn folgende, ſo wuͤrde das erſte Gefuͤhl, das uns ſeine Groͤße einfloͤßte, merklich geſchwaͤcht wer⸗ den— etwas Aehnliches wuͤrde geſchehen, wenn man den Berg ſelbſt in zehn oder zwoͤlf gleichfoͤrmige Abſäͤtze theilte; auch wenn man ihn durch kuͤnſtliche Anlagen verzierte. Mit dieſem Berge haben wir nun anfangs keine andere Operation vorgenommen, als daß wir ihn, ganz wie er war, ohne ſeine Form zu ver⸗ aͤndern, groͤßer machten, und durch dieſen einzigen Umſtand wurde er aus einem gleichguͤltigen, ja ſogar widerwaͤrtigen Ge⸗ genſtand in einen Gegenſtand des Wohlgefallens verwandelt. Bei der zweiten Operation haben wir dieſen großen Gegenſtand zugleich in ein Object des Schreckens verwandelt, und dadurch das Wohlgefallen an ſeinem Anblick vermehrt. Bei den uͤbrigen damit vorgenommenen Operationen haben wir das Schrecken⸗ erregende ſeines Anblicks vermindert, und dadurch das Ver⸗ gnuͤgen geſchwaͤcht. Wir haben die Vorſtellung ſeiner Groͤße ſubjectiv verringert, theils dadurch, daß wir die Aufmerk⸗ ſamkeit des Auges zertheilten, theils dadurch, daß wir demſelben in den daneben geſtellten kleinern Bergen ein Maß verſchaff⸗ ten, womit es die Groͤße des Berges deſto leichter beherrſchen konnte. Groͤße und Schreckbarkeit koͤnnen alſo in gewiſ⸗ ſen Fäͤllen fuͤr ſich allein eine Quelle von Vergnuͤgen abgeben. Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 314 482 Es gibt in der griechiſchen Fabellehre kein fuͤrchterlicheres und zugleich haͤßlicheres Bild als die Furien oder Erinnyen, wenn ſie aus dem Orcus hervorſteigen, einen Verbrecher zu ver⸗ folgen. Ein ſcheußlich verzerrtes Geſicht, hagere Figuren, ein Kopf, der ſtatt der Haare mit Schlangen bedeckt iſt, empoͤren unſere Sinne eben ſo ſehr, als ſie unſern Geſchmack beleidigen. Wenn aber dieſe Ungeheuer vorgeſtellt werden, wie ſie den Muttermoͤrder Oreſtes verfolgen, wie ſie die Fackel in ihren Haͤnden ſchwingen und ihn raſtlos von einem Orte zum andern jagen, bis ſie endlich, wenn die zuͤrnende Gerechtigkeit verſoͤhnt iſt, in den Abgrund der Hoͤlle verſchwinden, ſo verweilen wir mit einem angenehmen Grauſen bei dieſer Vorſtellung. Aber nicht bloß die Gewiſſensangſt eines Verbrechers, welche durch die Furien verſinnlicht wird, ſelbſt ſeine pflichtwidrigen Hand⸗ lungen, der wirkliche Actus eines Verbrechers, kann uns in der Darſtellung gefallen. Die Medea des griechiſchen Trauerſpiels Klytemneſtra, die ihren Gemahl ermordet, Oreſt, der ſeine Mutter toͤdtet, erfuͤllen unſer Gemuͤth mit einer ſchauerlichen Luſt. Selbſt im gemeinen Leben entdecken wir, daß uns gleich⸗ guͤltige, ja ſelbſt widrige und abſchreckende Gegenſtaͤnde zu in⸗ tereſſiren anfangen, ſobald ſie ſich entweder dem Ungeheuren oder dem Schrecklichen naͤhern. Ein ganz gemeiner und un⸗ bedeutender Menſch faͤngt an, uns zu gefallen, ſobald eine hef⸗ tige Leidenſchaft, die ſeinen Werth nicht im Geringſten erhoͤht, ihn zu einem Gegenſtand der Furcht und des Schreckens macht; ſo wie ein gemeiner, nichts ſagender Gegenſtand fuͤr uns eine Quelle der Luſt wird, ſobald wir ihn ſo vergroͤßern, daß er unſer Faſſungsvermoͤgen zu uͤberſchreiten droht. Ein haͤßlicher Menſch wird noch haͤßlicher durch den Zorn, und doch kann er im Ausbruch dieſer Leidenſchaft, ſobald ſie nicht ins Laͤcherliche, ſondern ins Furchtbare verfaͤllt, gerade noch den meiſten Reiz 483 fuͤr uns haben. Selbſt bis zu den Thieren herab gilt dieſe Bemerkung. Ein Stier am Pfluge, ein Pferd am Karren, ein Hund ſind gemeine Gegenſtaͤnde; reizen wir aber den Stier zum Kampfe, ſetzen wir das ruhige Pferd in Wuth, oder ſehen wir einen wuͤthenden Hund, ſo erheben ſich dieſe Thiere zu aͤſthetiſchen Gegenſtaͤnden, und wir fangen an, ſie mit einem Gefuͤhle zu betrachten, das an Vergnuͤgen und Achtung graͤnzt. Der allen Menſchen gemeinſchaftliche Hang zum Leidenſchaftlichen, die Macht der ſympathetiſchen Gefuͤhle, die uns in der Natur zum Anblick[des Leidens, des Schreckens, des Entſetzens hintreibt, die in der Kunſt ſo viel Reiz fuͤr uns hat, die uns in das Schauſpielhaus lockt, die uns an den Schilderungen großer Ungluͤcksfaͤlle ſo viel Ge⸗ ſchmack ſinden laͤßt— alles dieß beweist fuͤr eine vierte Quelle von Luſt, die weder das Angenehme, noch das Gute, noch das Schoͤne zu erzeugen im Stande ſind. Alle bisher angefuͤhrten Beiſpiele haben etwas Objectives in der Empfindung, die ſie bei uns erregen, mit einander gemein. In allen empfangen wir eine Vorſtellung von etwas, „das entweder unſere ſinnliche Faſſungskraft oder unſere ſinnliche „Widerſtehungskraft uͤberſ chreitet, oder zu uͤberſchreiten „droht,“ jedoch ohne dieſe Ueberlegenheit bis zur Unterdruͤckung jener beiden Kraͤfte zu treiben, und ohne die Beſtrebung zum Er⸗ kenntniß oder zum Widerſtand in uns niederzuſchlagen. Ein Mannichfaltiges wird uns dort gegeben, welches in Einheit zuſam⸗ men zu faſſen unſer anſchauendes Vermoͤgen bis an ſeine Graͤnzen treibt. Eine Kraft wird uns hier vorgeſtellt, gegen welche die unſrige verſchwindet, die wir aber doch damit zu vergleichen genothigt werden. Entweder iſt es ein Gegenſtand, der ſich unſerm Anſchauungsvermoͤgen zugleich darbietet und entzieht, und das Beſtreben zur Vorſtellung weckt, ohne es Befriedigung 484 hoffen zu laſſen; oder es iſt ein Gegenſtand, der gegen unſer Daſeyn ſelbſt feindlich aufzuſtehen ſcheint, uns gleichſam zum Kampf herausfordert und fuͤr den Ausgang beſorgt macht. Eben ſo iſt in allen angefuͤhrten Faͤllen die naͤmliche Wirkung auf das Empfindungsvermoͤgen ſichtbar. Alle ſetzen das Gemuͤth in eine unruhige Bewegung und ſpannen es an. Ein gewiſſer Ernſt, der bis zur Feierlichkeit ſteigen kann, bemaͤchtigt ſich unſerer Seele, und indem ſich in den ſinnlichen Organen deut⸗ liche Spuren von Beaͤngſtigung zeigen, ſinkt der nachdenkende Geiſt in ſich ſelbſt zuruͤck, und ſcheint ſich auf ein erhoͤhtes Be⸗ wußtſeyn ſeiner ſelbſtſtaͤndigen Kraft und Wuͤrde zu ſtuͤtzen. Dieſes Bewußtſeyn muß ſchlechterdings uͤberwiegend ſeyn, wenn das Große oder das Schreckliche einen aͤſthetiſchen Werth fuͤr uns haben ſoll. Weil ſich nun das Gemuͤth bei ſolchen Vor⸗ ſtellungen begeiſtert und uͤber ſich ſelbſt gehoben fuͤhlt, ſo be⸗ zeichnet man ſie mit dem Namen des Erhabenen, obgleich den Gegenſtaͤnden ſelbſt objectiv nichts Erhabenes zukommt, und es alſo wohl ſchicklicher waͤre, ſie erhebend zu nennen. Wenn ein Object erhaben heißen ſoll, ſo muß es ſich unſern ſinnlichen Vermoͤgen entgegenſetzen. Es laſſen ſich aber uͤberhaupt zwei verſchiedene Verhaͤltniſſe denken, in welchen die Dinge zu unſerer Sinnlichkeit ſtehen koͤnnen, und dieſen gemaͤß muß es auch zwei verſchiedene Arten des Widerſtandes geben. Entweder werden ſie als Objecte betrachtet, von denen wir uns eine Erkenntniß verſchaffen wollen, oder ſie werden als eine Macht angeſehen, mit der wir die unſrige vergleichen. Nach dieſer Eintheilung gibt es auch zwei Gattungen des Erhabenen, das Erhabene der Erkenntniß und das Erhabene der Kraft. Nun tragen aber die ſinnlichen Vermoͤgen nichts weiter zur Erkenntniß bei, als daß ſie den gegebenen Stoff auffaſſen und das Mannichfaltige desſelben im Raum und in der geit aneinander ſetzen. Dieſes Mannichfaltige zu unterſcheiden und zu ſortiren, iſt das Geſchaͤft des Verſtandes, nicht der Ein⸗ bildungskraft. Fuͤr den Verſtand allein gibt es ein Ver⸗ ſchiedenes, fuͤr die Einbildungskraft(als Sinn) bloß ein Gleichartiges, und es iſt alſo bloß die Menge des Gleich⸗ artigen(die Quantitaͤt, nicht die Qualitaͤt), was bei der ſinn⸗ lichen Auffaſſung der Erſcheinungen einen Unterſchied machen kann. Soll alſo das ſinnliche Vorſtellungsvermoͤgen an einem Gegenſtand erliegen, ſo muß dieſer Gegenſtand durch ſeine Quantitaͤt fuͤr die Einbildungskraft uͤberſteigend ſeyn. Das Erhabene der Erkenntniß beruht demnach auf der Zahl oder der Groͤße, und kann darum auch das mathematiſche heißen.*) Von der äſthetiſchen Größenſchätzung. Ich kann mir von der Quantitaͤt eines Gegenſtandes vier, von einander ganz verſchiedene, Vorſtellungen machen. Der Thurm, den ich vor mir ſehe, iſt eine Groͤße. Er iſt zweihundert Ellen hoch. Er iſt hoch. Er iſt ein hoher(erhabener) Gegenſtand. Es leuchtet in die Augen, daß durch jedes dieſer viererlei urtheile, welche ſich doch ſaͤmmtlich auf die Quantitaͤt des Thurms beziehen, etwas ganz Verſchiedenes ausgeſagt wird. In den beiden erſten Urtheilen wird der Thurm bloß als ein Quantum(als eine Groͤße), in den zwei uͤbrigen wird er als ein Magnum(als etwas Großes) betrachtet. Alles, was Theile hat, iſt ein Quantum. Jede Anſchauung, jeder Verſtandesbegriff hat eine Groͤße, ſo gewiß dieſer eine *) Siehe Kants Kritik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft. 486 Sphaͤre und jene einen Inhalt hat. Die Quantitaͤt uͤber⸗ haupt kann alſo nicht gemeint ſeyn, wenn man von einem Groͤßenunterſchied unter den Objecten redet. Die Rede iſt hier von einer ſolchen Quantitaͤt, die einem Gegenſtande vor⸗ zugsweiſe zukommt, d. h. die nicht bloß ein Quantum, ſon⸗ dern zugleich ein Magnum iſt. Bei jeder Groͤße denkt man ſich eine Einheit, zu welcher mehrere gleichartige Theile verbunden ſind. Soll alſo ein Unterſchied zwiſchen Groͤße und Groͤße ſtatt finden, ſo kann er nur darin liegen, daß in der einen mehr, in der andern we⸗ niger Theile zur Einheit verbunden ſind, oder daß die eine nur einen Theil in der andern ausmacht. Dasjenige Quan⸗ tum, welches ein anderes Quantum als Theil in ſich enthaͤlt, iſt gegen dieſes Quantum ein Magnum. Unterſuchen, wie oft ein beſtimmtes Ouantum in einem andern enthalten iſt, heißt dieſes Quantum meſſen(wenn es ſtetig), oder es zaͤhlen(wenn es nicht ſtetig iſt). Auf die zum Maß genommene Einheit kommt es alſo jederzeit an, ob wir einen Gegenſtand als ein Magnum betrachten ſollen, d. h. alle Groͤße iſt ein Verhaͤltnißbegriff. Gegen ihr Maß gehalten, iſt jede Groͤße ein Magnum, und noch mehr iſt ſie es gegen das Maß ihres Maßes, mit welchem verglichen dieſes ſelbſt wieder ein Magnum iſt. Aber ſo, wie es herabwaͤrts geht, geht es auch aufwaͤrts. Jedes Magnum iſt wieder klein, ſobald wir es uns in einem andern enthalten denken; und wo gibt es hier eine Graͤnze, da wir jede noch ſo große Zahlreihe mit ſich ſelbſt wieder multipli⸗ ciren koͤnnen? Auf dem Wege der Meſſung koͤnnen wir alſo zwar auf die comparative, aber nie auf die abſolute Groͤße ſtoßen, auf diejenige naͤmlich, welche in keinem andern Quantum mehr 487 enthalten ſeyn kann, ſondern alle andern Groͤßen unter ſich befaßt. Nichts wuͤrde uns ja hindern, daß dieſelbe Verſtandes⸗ handlung, die uns eine ſolche Groͤße lieferte, uns auch das Duplum derſelben lieferte, weil der Verſtand ſucceſſiv ver⸗ faͤhrt, und, von Zahlbegriffen geleitet, ſeine Syntheſe ins Un⸗ endliche fortſetzen kann. So lange ſich noch beſtimmen laͤßt, wie groß ein Gegenſtand ſey, iſt er noch nicht(ſchlechthin) groß, und kann durch dieſelbe Operation der Vergleichung zu einem ſehr kleinen herabgewuͤrdigt werden. Dieſem nach koͤnnte es in der Natur nur eine einzige Groͤße per excellentiam geben, naͤmlich das unendliche Ganze der Natur ſelbſt, dem aber nie eine Anſchauung entſprechen, und deſſen Syntheſis in keiner Zeit vollendet werden kann. Da ſich das Reich der Zahl nie erſchopfen laͤßt, ſo muͤßte es der Verſtand ſeyn, der ſeine Sontheſis endigt. Er ſelbſt muͤßte irgend eine Einheit als hoͤchſtes und aͤußerſtes Maß aufſtellen, und was daruͤber hin⸗ ausragt, ſchlechthin fuͤr groß erklaͤren. Dieß geſchieht auch wirklich, wenn ich von dem Thurm, der vor mir ſteht, ſage, er ſey hoch, ohne ſeine Hoͤhe zu beſtimmen. Ich gebe hier kein Maß der Vergleichung, und doch kann ich dem Thurm die abſolute Groͤße nicht zuſchreiben, da mich gar nichts hindert, ihn noch groͤßer anzunehmen. Mir muß alſo ſchon durch den bloßen Anblick des Thurmes ein aͤußerſtes Maß gegeben ſeyn, und ich muß mir einbilden koͤnnen, durch meinen Ausdruck: dieſer Thurm iſt hoch, auch jedem andern dieſes aͤußerſte Maß vorgeſchrieben zu haben. Dieſes Maß liegt alſo ſchon in dem Begriffe eines Thurmes, und es iſt kein anderes als der Begriff ſeiner Gattu ngsgroͤße. Jedem Ding iſt ein gewiſſes Maximum der Groͤße entweder durch ſeine Gattung(wenn es ein Werk der Natur iſt), oder (wenn es ein Werk der Freiheit iſt) durch die Schranken 488 der ihm zu Grunde liegenden Urſache und durch ſeinen Zweck vorgeſchrieben. Bei jeder Wahrnehmung von Gegenſtaͤnden wenden wir, mit mehr oder weniger Bewußtſeyn, dieſes Groͤßen⸗ maß an; aber unſere Empfindungen ſind ſehr verſchieden, je nachdem das Maß, welches wir zum Grund legen, zufaͤlliger oder nothwendiger iſt. Ueberſchreitet ein Object den Begriff ſeiner Gattungsgroͤße, ſo wird es uns gewiſſermaßen in Ver⸗ wunderung ſetzen. Wir werden uͤberraſcht, und unſere Er⸗ fahrung erweitert ſich; aber inſofern wir an dem Gegenſtand ſelbſt kein Intereſſe nehmen, bleibt es bloß bei dieſem Gefuͤhle einer uͤbertroffenen Erwartung. Wir haben jenes Maß nur aus einer Reihe von Erfahrungen abgezogen, und es iſt gar keine Nothwendigkeit vorhanden, daß es immer zutreffen muß. Ueberſchreitet hingegen ein Erzeugniß der Freiheit den Begriff, den wir uns von den Schranken ſeiner Urſache machten, ſo werden wir ſchon eine gewiſſe Bewunderung empfinden. Es iſt hier nicht bloß die uͤbertroffene Erwartung, es iſt zugleich eine Entledigung von Schranken, was uns bei einer ſolchen Erfahrung uͤberraſcht. Dort blieb unſere Aufmerkſamkeit bloß bei dem Producte ſtehen, das an ſich ſelbſt gleichguͤltig war; hier wird ſie auf die hervorbringende Kraft hingezogen, welche moraliſch oder doch einem moraliſchen Weſen angehoͤrig iſt, und uns alſo nothwendig intereſſiren muß. Dieſes Intereſſe wird in eben dem Grade ſteigen, als die Kraft, welche das wirkende Principium ausmachte, edler und wichtiger, und die Schranke, welche wir uͤberſchritten finden, ſchwerer zu uͤber⸗ winden iſt. Ein Pferd von ungewoͤhnlicher Groͤße wird uns angenehm befremden, aber noch mehr der geſchickte und ſtarke Reiter, der es baͤndigt. Sehen wir ihn nun gar mit dieſem Pferd uͤber einen breiten und tiefen Graben ſetzen, ſo erſtaunen wir; und iſt es eine feindliche Fronte, gegen welche wir ihn 489 losſprengen ſehen, ſo geſellt ſich zu dieſem Erſtaunen Achtung, und es geht in Bewunderung uͤber. In dem letztern Fall be⸗ handeln wir ſeine Handlung als eine dynamiſche Groͤße, und wenden unſern Begriff von menſchlicher Tapferkeit als Maßſtab darauf an, wo es nun darauf ankommt, wie wir uns ſelbſt fuͤhlen, und was wir als aͤußerſte Graͤnze der Herz⸗ haftigkeit betrachten. Ganz anders hingegen verhaͤlt es ſich, wenn der Groͤßen⸗ begriff des Zwecks uͤberſchritten wird. Hier legen wir keinen empiriſchen und zufaͤlligen, ſondern einen rationalen und alſo nothwendigen Maßſtab zum Grunde, der nicht uͤberſchritten werden kann, ohne den Zweck des Gegenſtandes zu vernichten. Die Groͤße eines Wohnhauſes iſt einzig durch ſeinen Zweck beſtimmt; die Groͤße eines Thurmes kann bloß durch die Schranken der Architektur beſtimmt ſeyn. Finde ich daher das Wohnhaus fuͤr ſeinen Zweck zu groß, ſo muß es mir noth⸗ wendig mißfallen. Finde ich hingegen den Thurm meine Idee von Thurmhoͤhen uͤberſteigend, ſo wird er mich nur deſto mehr ergoͤtzen. Warum? Jenes iſt ein Widerſpruch, dieſes nur eine unerwartete Uebereinſtimmung mit dem, was ich ſuche. Ich kann es mir ſehr wohl gefallen laſſen, daß eine Schranke er⸗ weitert, aber nicht, daß eine Abſicht verfehlt wird. Wenn ich nun von einem Gegenſtande ſchlechtweg ſage, er ſey groß, ohne hinzuzuſetzen, wie groß er ſey, ſo erklaͤre ich ihn dadurch gar nicht fuͤr etwas abſolut Großes, dem kein Maßſtab gewachſen iſt; ich verſchweige bloß das Maß, dem ich ihn unterwerfe, in der Vorausſetzung, daß es in ſeinem bloßen Begriff ſchon enthalten ſey. Ich beſtimme ſeine Groͤße zwar nicht ganz, nicht gegen alle denkbaren Dinge, aber doch zum Theil, und gegen eine gewiſſe Claſſe von Dingen, alſo doch 490 immer objectiv und logiſch, weil ich ein Verhaͤltniß aus⸗ ſage, und nach einem Begriffe verfahre. Dieſer Begriff kann aber empiriſch, alſo zufaͤllig ſeyn, und mein Urtheil wird in dieſem Fall nur ſubjective Guͤltigkeit haben. Ich mache vielleicht zur Gattungsgroͤße, was nur die Groͤße gewiſſer Arten iſt; ich erkenne vielleicht fuͤr eine objective Graͤnze, was nur die Graͤnze meines Subjects iſt, ich lege vielleicht der Beurtheilung meinen Privatbegriff von dem Ge⸗ brauch und dem Zweck eines Dinges unter. Der Materie nach kann alſo meine Groͤßenſchaͤtzung ganz ſubjectiv ſeyn, ob ſie gleich der Form nach objectiv, d. i. wirkliche Ver⸗ haͤltnißbeſtimmung iſt. Der Europaͤer haͤlt den Patagonen fuͤr einen Rieſen, und ſein Urtheil hat auch volle Guͤltigkeit bei demjenigen Voͤlkerſtamm, von dem er ſeinen Begriff menſch⸗ licher Groͤße entlehnt; in Patagonien hingegen wird er Wider⸗ ſpruch finden. Nirgends wird man den Einfluß ſubjectiver Gruͤnde auf die Urtheile der Menſchen mehr gewahr, als bei ihrer Groͤßenſchaͤtzung, ſowohl bei koͤrperlichen als bei unkoͤrper⸗ lichen Dingen. Jeder Menſch, kann man annehmen, hat ein gewiſſes Kraft⸗ und Tugendmaß in ſich, wornach er ſich bei der Groͤßenſchaͤtzung moraliſcher Handlungen richtet. Der Geizhals wird das Geſchenk eines Guldens fuͤr eine ſehr große Anſtrengung ſeiner Freigebigkeit halten, wenn der Groß⸗ muͤthige mit der dreifachen Summe noch zu wenig zu geben glaubt. Der Menſch von gemeinem Schlag haͤlt ſchon das Nichtbetruͤgen fuͤr einen großen Beweis ſeiner Ehrlichkeit; ein Anderer von zartem Gefuͤhl traͤgt manchmal Bedenken, einen erlaubten Gewinn zu nehmen. Obgleich in allen dieſen Faͤllen das Maß ſubjectiv iſt, ſo iſt die Meſſung ſelbſt immer objectiv; denn man darf nur das Maß allgemein machen, ſo wird die Groͤßenbeſtimmung all⸗ 491 gemein eintreffen. So verhaͤlt es ſich wirklich mit den objec⸗ tiven Maßen, die im allgemeinen Gebrauche ſind, ob ſie gleich alle einen ſubjectiven Urſprung haben, und von dem menſch⸗ lichen Koͤrper hergenommen ſind. Alle vergleichende Groͤßenſchaͤtzung aber, ſie mag nun idea⸗ liſch oder koͤrperlich, ſie mag ganz oder nur zum Theil beſtimmend ſeyn, fuͤhrt nur zur relativen und niemals zur abſoluten Groͤße; denn wenn ein Gegenſtand auch wirklich das Maß uͤberſteigt, welches wir als ein hoͤchſtes und aͤußerſtes annehmen, ſo kann ja immer noch gefragt werden, um wie vielmal er es uͤber⸗ ſteige. Es iſt zwar ein Großes gegen ſeine Gattung, aber noch nicht das Groͤßtmoͤgliche, und wenn die Schranke einmal uͤber⸗ ſchritten iſt, ſo kann ſie ins Unendliche fort uͤberſchritten werden. Nun ſuchen wir aber die abſolute Groͤße, weil dieſe allein den Grund eines Vorzugs in ſich enthalten kann, da alle comparativen Groͤßen, als ſolche betrachtet, einander gleich ſind. Weil nichts den Verſtand noͤthigen kann, in ſeinem Ge⸗ ſchaͤfte ſtill zu ſtehen, ſo muß es die Einbildungskraft ſeyn, welche demſelben eine Graͤnze ſetzt. Mit andern Worten: die Groͤßenſchaͤtzung muß aufhoͤren logiſch zu ſeyn, ſie muß aͤſthetiſch verrichtet werden. Wenn ich eine Groͤße logiſch ſchaͤtze, ſo beziehe ich ſie immer auf mein Erkenntnißvermoͤgen; wenn ich ſie aͤſthetiſch ſchaͤtze, ſo beziehe ich ſie auf mein Empfindungsvermoͤgen. Dort erfahre ich etwas von dem Gegenſtand, hier hingegen erfahre ich bloß an mir ſelbſt etwas, auf Veranlaſſung der vorgeſtellten Groͤße des Gegenſtandes. Dort erblicke ich etwas außer mir, hier etwas in mir. Ich meſſe alſo auch eigentlich nicht mehr, ich ſchaͤtze keine Groͤße mehr, ſondern ich ſelbſt werde mir augen⸗ blicklich zu einer Groͤße, und zwar zu einer unendlichen. Der⸗ 49² jenige Gegenſtand, der mich mir ſelbſt zu einer unendlichen Groͤße macht, heißt erhaben. Das Erhabene der Groͤße iſt alſo keine objective Eigen⸗ ſchaft des Gegenſtandes, dem es beigelegt wird; es iſt bloß die Wirkung unſers eigenen Subjects auf Veranlaſſung jenes Gegenſtandes. Es entſpringt einestheils aus dem vorge⸗ ſtellten Unvermoͤgen der Einbildungskraft, die von der Ver⸗ nunft als Forderung aufgeſtellte Totalitaͤt in Darſtellung der Groͤße zu erreichen, anderntheils aus dem vorgeſtellten Vermoͤgen der Vernunft, eine ſolche Forderung aufſtellen zu können. Auf das Erſte gruͤndet ſich die zuruͤckſtoßende, auf das Zweite die anziehende Kraft des Großen und des Sinnlich⸗Unendlichen. Obgleich aber das Erhabene eine Erſcheinung iſt, welche erſt in unſerm Subject erzeugt wird, ſo muß doch in den Objecten ſelbſt der Grund enthalten ſeyn, warum gerade nur dieſe und keine andern Objecre uns zu dieſem Gebrauch Anlaß geben. Und weil wir ferner bei unſerm Urtheil das Praͤdicat des Er⸗ habenen in den Gegenſtand legen(wodurch wir andeuten, daß wir dieſe Verbindung nicht bloß willkuͤrlich vornehmen, ſondern dadurch ein Geſetz fuͤr Jedermann aufzuſtellen meinen), ſo muß in unſerm Subject ein nothwendiger Grund enthalten ſeyn, warum wir von einer gewiſſen Claſſe von Gegenſtaͤnden gerade dieſen und keinen andern Gebrauch machen. Es gibt demnach innere und gibt aͤußere nothwendige Bedingungen des Mathematiſch⸗Erhabenen. Zu jenen gehoͤrt ein gewiſſes beſtimmtes Verhaͤltniß zwiſchen Vernunft und Ein⸗ bildungskraft, zu dieſen ein beſtimmtes Verhaͤltniß des ange⸗ ſchauten Gegenſtandes zu unſerm aͤſthetiſchen Groͤßenmaß. Sowohl die Einbildungskraft als die Vernunft muͤſſen ſich mit einem gewiſſen Grad von Staͤrke aͤußern, wenn das Große 493 uns ruͤhren ſoll. Von der Einbildungskraft wird verlangt, daß ſie ihr ganzes Comprehenſionsvermoͤgen zu Darſtellung der Idee des Abſoluten aufbiete, worauf die Vernunft un⸗ nachlaͤßlich dringt. Iſt die Phantaſie unthaͤtig und traͤge, oder geht die Tendenz des Gemuͤthes mehr auf Begriffe als auf Anſchauungen, ſo bleibt auch der erhabenſte Gegenſtand bloß ein logiſches Object, und wird gar nicht vor das aͤſthe⸗ tiſche Forum gezogen. Dieß iſt der Grund, warum Menſchen von uͤberwiegender Staͤrke des analytiſchen Verſtandes fuͤr das Aeſthetiſch⸗Große ſelten viel Empfaͤnglichkeit zeigen. Ihre Einbildungskraft iſt entweder nicht lebhaft genug, ſich auf Darſtellung des Abſoluten der Vernunft auch nur einzulaſſen, oder ihr Verſtand zu geſchaͤftig, den Gegenſtand ſich zuzueig⸗ nen, und ihn aus dem Felde der Intuition in ſein discurſives Gebiet hinuͤber zu ſpielen. Ohne eine gewiſſe Staͤrke der Phantaſie wird der große Ge⸗ genſtand gar nicht aͤſthetiſch; ohne eine gewiſſe Staͤrke der Ver⸗ nunft hingegen wird der aͤſthetiſche nicht erhaben. Die Idee des Abſoluten erfordert ſchon eine mehr als gewoͤhnliche Entwick⸗ lung des hoͤhern Vernunftvermoͤgens, einen gewiſſen Reichthum an Ideen, und eine genauere Bekanntſchaft des Menſchen mit ſeinem edelſten Selbſt. Weſſen Vernunft noch gar keine Aus⸗ bildung empfangen hat, der wird von dem Großen der Sinne ie einen uͤberſinnlichen Gebrauch zu machen wiſſen. Die Ver⸗ nunft wird ſich in das Geſchaͤft gar nicht miſchen, und es wird der Einbildungskraft allein, oder dem Verſtand allein uͤber⸗ laſſen bleiben. Die Einbildungskraft fuͤr ſich ſelbſt iſt aber weit entfernt, ſich auf eine Zuſammenfaſſung einzulaſſen, die ihr pein⸗ lich wird. Sie begnuͤgt ſich alſo mit der bloßen Auffaſſung, und es faͤllt ihr gar nicht ein, ihren Darſtellungen Allheit ge⸗ ben zu wollen. Daher die ſtupide Unempfindlichkeit, mit der Schillers ſaͤmmtl. Werke. XI. 32 494 der Wilde im Schooß der erhabenſten Natur und mitten unter den Symbolen des Unendlichen wohnen kann, ohne dadurch aus ſeinem thieriſchen Schlummer geweckt zu werden, ohne auch nur von weitem den großen Naturgeiſt zu ahnen, der aus dem Sinnlich⸗Unermeßlichen zu einer fuͤhlenden Seele ſpricht. Was der rohe Wilde mit dummer Gefuͤhlloſigkeit anſtarrt, das flieht der entnervte Weichling als einen Gegenſtand des Grauens, der ihm nicht ſeine Kraft, nur ſeine Ohnmacht zeigt. Sein enges Herz fuͤhlt ſich von großen Vorſtellungen peinlich auseinander geſpannt. Seine Phantaſie iſt zwar reizbar genug, ſich an der Darſtellung des Sinnlich⸗Unendlichen zu verſuchen, aber ſeine Vernunft nicht ſelbſtſtaͤndig genug, dieſes Unterneh⸗ men mit Erfolg zu endigen. Er will es erklimmen, aber auf halbem Wege ſinkt er ermattet hin. Er kaͤmpft mit dem furchtbaren Genius, aber nur mit irdiſchen, nicht mit unſterb⸗ lichen Waffen. Dieſer Schwaͤche ſich bewußt, entzieht er ſich lie⸗ ber einem Anblick, der ihn niederſchlaͤgt, und ſucht Huͤlfe bei der Troͤſterin aller Schwachen, der Regel. Kann er ſich ſelbſt nicht aufrichten zu dem Großen der Natur, ſo muß die Natur zu ſeiner kleinen Faſſungskraft herunterſteigen. Ihre kuͤhnen Formen muß ſie mit kuͤnſtlichen vertauſchen, die ihr fremd, aber ſeinem verzaͤrtelten Sinne Beduͤrfniß ſind. Ihren Willen muß ſie ſeinem eiſernen Joch unterwerfen, und in die Feſſeln mathematiſcher Regelmaͤßigkeit ſich ſchmiegen. So ent⸗ ſteht der ehemalige franzoͤſiſche Geſchmack in Gaͤrten, der end⸗ lich faſt allgemein dem engliſchen gewichen iſt, aber ohne dadurch dem wahren Geſchmack merklich naͤher zu kommen. Denn der Charakter der Natur iſt eben ſo wenig bloße Mannichfaltigkeit als Einfoͤrmigkeit. Ihr geſetzter, ruhiger Ernſt vertraͤgt ſich eben ſo wenig mit dieſen ſchnellen und leichtſinnigen Uebergaͤngen, mit welchen man ſie in dem neuen Gartengeſchmack von einer De⸗ 495 coration zur andern hinuͤber huͤpfen laͤßt. Sie legt, indem ſie ſich verwandelt, ihre harmoniſche Einheit nicht ab; in beſchei⸗ dener Einfalt verbirgt ſie ihre Fuͤlle, und auch in der uͤppigſten Freiheit ſehen wir ſie das Geſetz der Stetigkeit ehren. 5) Zu den objectiven Bedingungen des Mathematiſch⸗Erhabenen gehoͤrt fuͤrs erſte, daß der Gegenſtand, den wir dafuͤr erkennen ſollen, ein Ganzes ausmache und alſo Einheit zeige; fuͤrs zweite, daß er uns das hoͤchſte ſinnliche Maß, womit wir alle Groͤßen zu meſſen pflegen, voͤllig unbrauchbar mache. Ohne das Erſte wuͤrde die Einbildungskraft gar nicht aufgefordert wer⸗ den, eine Darſtellung ſeiner Totalitaͤt zu verſuchen; ohne das Zweite wuͤrde ihr dieſer Verſuch nicht verungluͤcken koͤnnen. Der Horizont uͤbertrifft jede Groͤße, die uns irgend vor Augen kommen kann, denn alle Raumgroͤßen muͤſſen ja in dem⸗ ſelben liegen. Nichtsdeſtoweniger bemerken wir, daß oft ein einziger Berg, der ſich darin erhebt, uns einen weit ſtaͤrkern Eindruck des Erhabenen zu geben im Stande iſt, als der ganze Geſichtskreis, der nicht nur dieſen Berg, ſondern noch tauſend andere Groͤßen in ſich faßt. Das kommt daher, weil uns der Horizont nicht als ein einziges Object erſcheint, und wir alſo nicht eingeladen werden, ihn in ein Ganzes der Darſtellung zu⸗ ſammen zu faſſen. Entfernt man aber aus dem Horizont alle *) Die Gartenkunſt und die dramatiſche Dichtkunſt haben in neueren Zeiten ziemlich dasſelbe Schickſal, und zwar bei denſelben Natio⸗ nen gehabt. Dieſelbe Tyrannei der Regel in den franzoͤſiſchen Gaͤr⸗ ten und in den frandͤſiſchen Tragoͤdien; dieſelbe bunte und wilde Regelloſigkeit in den Parks der Englaͤnder und in ihrem Shak⸗ ſpeare; und ſo wie der deutſche Geſchmack von jeher das Geſetz von den Auslaͤndern empfangen, ſo mußte er auch in dieſem Stuͤck zwiſchen jenen beiden Extremen hin⸗ und herſchwanken. 496 Gegenſtaͤnde, welche den Blick insbeſondere auf ſich ziehen, denkt man ſich auf eine weite und ununterbrochene Ebene oder auf die offenbare See, ſo wird der Horizont ſelbſt zu einem Object, und zwar zu dem erhabenſten, was dem Auge je erſcheinen kann. Die Kreisfigur des Horizonts traͤgt zu dieſem Eindruck beſonders viel bei, weil ſie an ſich ſelbſt ſo leicht zu faſſen iſt, und die Einbildungskraft ſich um ſo weniger erwehren kann, die Vollendung derſelben zu verſuchen. Der aͤſthetiſche Eindruck der Groͤße beruht aber darauf, daß die Einbildungskraft die Totalitaͤt der Darſtellung an dem ge⸗ gebenen Gegenſtande fruchtlos verſucht, und dieß kann nur dadurch geſchehen, daß das hoͤchſte Groͤßenmaß, welches ſie auf einmal deutlich faſſen kann, ſo vielmal zu ſich ſelbſt addirt, als der Verſtand deutlich zuſammen denken kann, fuͤr den Gegen⸗ ſtand zu klein iſt. Daraus aber ſcheint zu folgen, daß Gegen⸗ ſtaͤnde von gleicher Groͤße auch einen gleich erhabenen Eindruck machen muͤßten, und daß der minder große dieſen Eindruck weniger werde hervorbringen koͤnnen, wogegen doch die Erfah⸗ rung ſpricht. Denn nach dieſer erſcheint der Theil nicht ſelten erhabener als das Ganze, der Berg oder der Thurm erhabener als der Himmel, in den er hinaufragt, der Fels erhabener als das Meer, deſſen Wellen ihn umſpuͤlen. Man muß ſich aber hier der vorhin erwaͤhnten Bedingung erinnern, vermoͤge welcher der aͤſthetiſche Eindruck nur dann erfolgt, wenn ſich die Ima⸗ gination auf Allheit des Gegenſtandes einlaͤßt. Unterlaͤßt ſie dieſes bei dem weit groͤßern Gegenſtand und beobachtet es hin⸗ gegen bei dem minder großen, ſo kann ſie von dem letztern aͤſthetiſch geruͤhrt, und doch gegen den erſten unempfindlich ſeyn. Denkt ſie ſich aber dieſen als eine Groͤße, ſo denkt ſie ihn zu⸗ gleich als Einheit, und dann muß er nothwendig einen verhaͤlt⸗ nißmaͤßig ſtaͤrkern Eindruck machen, als er jenen an Groͤße ubertrifft. Alle ſinnlichen Groͤßen ſind entweder im Raum(ausge⸗ dehnte Groͤßen) oder in der Zeit(Zahlgroͤßen). Ob nun gleich jede ausgedehnte Groͤße zugleich eine Zahlgroͤße iſt(weil wir auch das im Raum Gegebene in der Zeit auffaſſen muͤſſen), ſo iſt dennoch die Zahlgroͤße ſelbſt nur inſofern, als ich ſie in eine Raumgroͤße verwandle, erhaben. Die Entfernung der Erde vom Sirius iſt zwar ein ungeheures Quantum in der Zeit, und, wenn ich ſie in Allheit begreifen will, fuͤr meine Phan⸗ taſie uͤberſchwenglich; aber ich laſſe mich auch nimmermehr dar⸗ auf ein, dieſe Zeitgroͤße anzuſchauen, ſondern helfe mir durch Zahlen, und nur alsdann, wenn ich mich erinnere, daß die hoͤchſte Raumgroͤße, die ich in Einheit zuſammenfaſſen kann, z. B. ein Gebirge, dennoch ein viel zu kleines und ganz un⸗ brauchhares Maß fuͤr dieſe Entfernung iſt, erhalte ich den erhabenen Eindruck. Das Maß fuͤr dieſelbe nehme ich alſo doch von ausgedehnten Groͤßen, und auf das Maß kommt es ja eben an, ob ein Object uns groß erſcheinen ſoll. Das Große im Raum zeigt ſich entweder in Laͤngen oder in Hoͤhen(wozu auch die Tiefen gehoͤren: denn die Tiefe iſt nur eine Hoͤhe unter uns, ſo wie die Hoͤhe eine Tiefe uͤber uns genannt werden kann. Daher die lateiniſchen Dichter auch keinen Anſtand nehmen, den Ausdruck profundus auch von Hoͤ⸗ hen zu gebrauchen: ni faceret, maria ac terras coelumque profundum quippe ferant rapidi secum—). Hoͤhen erſcheinen durchaus erhabener als gleich große Laͤn⸗ gen, wovon der Grund zum Theil darin liegt, daß ſich das 498 dynamiſch Erhabene mit dem Anblick der erſtern verbindet. Eine bloße Laͤnge, wie unabſehlich ſie auch ſey, hat gar nichts Furchtbares an ſich, wohl aber eine Hoͤhe, weil wir von dieſer herabſtuͤrzen können. Aus demſelben Grund iſt eine Tiefe noch erhabener als eine Hoͤhe, weil die Idee des Furchtbaren ſie un⸗ mittelbar begleitet. Soll eine große Hoͤhe ſchreckhaft fuͤr uns ſeyn, ſo muͤſſen wir uns erſt hinaufdenken, und ſie alſo in eine Tiefe verwandeln. Man kann dieſe Erfahrung leicht machen, wenn man einen mit Blau untermiſchten bewoͤlkten Himmel in einem Brunnen oder ſonſt in einem dunkeln Waſ⸗ ſer betrachtet, wo ſeine unendliche Tiefe einen ungleich ſchauer⸗ lichern Anblick als ſeine Hoͤhe gibt. Dasſelbe geſchieht in noch hoͤherm Grade, wenn man ihn ruͤcklings betrachtet, als wodurch er gleichfalls zu einer Tiefe wird, und, weil er das einzige Ob⸗ ject iſt, das in das Auge faͤllt, unſere Einbildungskraft zu Dar⸗ ſtellung ſeiner Totalitaͤt unwiderſtehlich noͤthigt. Hoͤhen und Tiefen wirken naͤmlich auch ſchon deßwegen ſtaͤrker auf uns, weil die Schaͤtzung ihrer Groͤße durch keine Vergleichung ge⸗ ſchwaͤcht wird. Eine Laͤnge hat an dem Horizont immer einen Maßſtab, unter welchem ſie verliert, denn ſo weit ſich eine Laͤnge erſtreckt, ſo weit erſtreckt ſich auch der Himmel. Zwar iſt auch das hoͤchſte Gebirge gegen die Hoͤhe des Himmels klein, aber das lehrt bloß der Verſtand, nicht das Auge, und es iſt nicht der Himmel, der durch ſeine Hoͤhe die Berge niedrig macht, ſondern die Berge ſind es, die durch ihre Groͤße die Hoͤhe des Himmels zeigen. Es iſt daher nicht bloß eine vptiſch richtige, ſondern auch eine ſymboliſch wahre Vorſtellung, wenn es heißt, daß der Atlas den Himmel ſtuͤtze. So wie naͤmlich der Himmel ſelbſt auf dem Atlas zu ruhen ſcheint, ſo ruht unſere Vorſtellung 499 von der Hoͤhe des Himmels auf der Hoͤhe des Atlas. Der Berg traͤgt alſo, im figuͤrlichen Sinne, wirklich den Himmel, denn er haͤlt denſelben fuͤr unſere ſinnliche Vorſtellung in der Hoͤhe. Ohne den Berg wuͤrde der Himmel fallen, d. h. er wuͤrde optiſch von ſeiner Hoͤhe ſinken und erniedrigt werden. 6 ſnnnſſſinſſnſſnnſnſſnſſſſi 3 15 16 1 ſſſſſ 14 6 7 18 19 2 8 9 11 12 1