Lerrtratur jießen, eht zur Em⸗ von Morgens uches wird von t zu 24 Stun⸗ ntgegennahme hende Summe zurückerſtattet werden und 6 Bücher: 2 Mk.— Pf. ——„ Zurückſendung ſt zu ſorgen. berlorene und zc.) muß der mutzte, ver⸗ Verkes, ſo iſt zt und wird iterverleihen welche die⸗ —— Schillers ſämmtliche Werke 2 in zwoͤlf Baänuden. Zehnter Band. Stuttgart und Tübingen. Verlag der J. G. Cotta⸗ſchen Buchhandlung. 1838. Inhalt. Proſaiſche Schriften. Erſte Periode. Ueber den Zuſammenhang der thieriſchen Natur des Menſchen mit ſeiner geiſtigen o „.„„,„,. Ueber das gegenwaͤrtige deutſche Theater. e„.„„. Der Spaziergang unter den Linden„... Eine großmuͤthige Handlung aus der neueſten Geſchichte*. Die Schaubuͤhne als eine moraliſche Anſtalt betrachtet. . Zweite Periode. Der Verbrecher aus verlorner Ehre. Eine wahre Geſchichte. Spiel des Schickſals, Ein Bruchſtuͤck aus einer wahren Geſchichte Der Geiſterſeher. Aus den Papieren des Grafen von Oees.. Philoſophiſche Briefe.......„„.„„ Briefe uͤber Don Carlos. .„„„:„.. Seite Seite Was heißt und zu welchem Ende ſtudirt man Univerſalgeſchichte? Eine akademiſche Antrittsredde„ 362 Etwas uͤber die erſte Menſchengeſehſchaft nach dem Leitfaden der 387 * Moſaiſchen Urkunde.. ℳ...... Die Sendung Moſteteess.s.„ Die Geſetzgebung des Lykurgus und Solon... Proſaiſche Schriften. Erſte Periode. Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. Ueber den Buſammenhang der thieriſchen Natur des Menſchen mit ſeiner geiſtigen.*) Einleitung. §. 1. Schon mehrere Philoſophen haben behauptet, daß der Koͤrper gleichſam der Kerker des Geiſtes ſey, daß er ſolchen allzuſehr an das Irdiſche hefte und ſeinen ſogenannten Flug zur Voll⸗ kommenheit hemme. Wiederum iſt von manchem Philoſophen mehr oder weniger beſtimmt die Meinung gehegt worden, daß Wiſſenſchaft und Tugend nicht ſowohl Zweck, als Mittel zur Gluͤckſeligkeit ſeyen, daß ſich alle Vollkommenheit des Menſchen in der Verbeſſerung ſeines Koͤrpers verſammle. *) Dieſer Verſuch, bisher in die ſaͤmmtlichen Werke Schillers nicht aufgenommen, nun aber von ſeinen Soͤhnen hiefuͤr veſtimmt, erſchien ſchon im Jahre 1780 im Drucke und zwar als:„Eine Abhandlung, welche in hoͤchſter Gegenwart Seiner berzoglichen Durchlaucht, waͤhrend den oͤffentlichen akademiſchen Pruͤfungen, vertheidigen wird Johann Chriſtoph Friedrich Schiller, Candidat der Mediein in der herzoglichen Militaͤr⸗Akademie.“ Mich daͤucht, es iſt dieß von beiden Theilen gleich einſeitig geſagt. Letzteres Syſtem wird beinahe voͤllig aus unſeren Moralen und Philoſophien verwieſen ſeyn, und iſt, ſcheint es mir, nicht ſelten mit allzu fanatiſchem Eifer verworfen worden, — es iſt gewiß der Wahrheit nichts ſo gefaͤhrlich, als wenn einſeitige Meinungen einſeitige Widerleger finden.—— Das Erſtere iſt wohl im Ganzen am mehrſten geduldet worden, in⸗ dem es am faͤhigſten iſt, das Herz zur Tugend zu erwaͤrmen, und ſeinen Werth an wahrhaftig großen Seelen ſchon gerechtfertiget hat. Wer bewundert nicht den Starkſinn eines Cato, die hohe Tugend eines Brutus und Aurels, den Gleichmuth eines Epiktets und Seneca? Aber deſſen ungeachtet iſt es doch nichts mehr als eine ſchoͤne Verirrung des Verſtandes, ein wirkliches Ertremum, das den einen Theil des Menſchen allzu enthuſiaſtiſch herabwuͤrdigt, und uns in den Rang idealiſcher Weſen erheben will, ohne uns zugleich unſerer Menſchlichkeit zu entladen; ein Syſtem, das Allem, was wir von der Evolution des einzelnen Menſchen und des geſammten Geſchlechts hiſtoriſch wiſſen und philoſophiſch erklaͤren koͤnnen, ſchnurgerade zuwiderlaͤuft und ſich durchaus nicht mit der Eingeſchraͤnktheit der menſchlichen Seele vertraͤgt. Es iſt demnach hier, wie uͤberall, am rath⸗ ſamſten, das Gleichgewicht zwiſchen beiden Lehrmeinungen zu halten, um die Mittellinie der Wahrheit deſto gewiſſer zu tref⸗ fen. Da aber gewöhnlicher Weiſe mehr darin gefehlt worden iſt, daß man zu viel auf die eigene Rechnung der Geiſteskraft, inſofern ſie außer Abhaͤngigkeit von dem Koͤrper gedacht wird, mit Hintanſetzung dieſes letztern geſchrieben hat, ſo wird ſich gegenwaͤrtiger Verſuch mehr damit beſchaͤftigen, den merkwuͤrdi⸗ gen Beitrag des Koͤrpers zu den Actionen der Seele, den gro— ßen und reellen Einfluß des thieriſchen Empfindungsſyſtemes auf das Geiſtige in ein helleres Licht zu ſetzen. Aber darum iſt 5 das noch gar nicht die Philoſophie des Epikurus, ſo wenig es Stoicismus iſt, die Tugend fuͤr das hoͤchſte Gut zu halten. * Ehe wir die hoͤheren moraliſchen Zwecke, die mit Beihuͤlfe der thieriſchen Natur erreicht werden, zu erforſchen ſuchen, muͤſſen wir zuerſt ihre phyſiſche Nothwendigkeit feſtſetzen und in einigen Grundbegriffen einig werden. Darum der erſte Geſichtspunkt, aus welchem wir den Zuſammenhang der bei⸗ den Naturen betrachten. Phyſiſcher Zuſammenhang. Thieriſche Natur befeſtigt die Thätigkeit des Geiſtes. §. 2. Organismus der Seelenwirkungen— der Ernährung — der Zeugung. Alle Anſtalten, die wir in der ſittlichen und koͤrperlichen Welt zur Vollkommenheit des Menſchen gewahrnehmen, ſcheinen ſich zuletzt in den Elementarſatz zu vereinigen: Vollkommenheit des Menſchen liegt in der Uebung ſeiner Kraͤfte durch Be⸗ trachtung des Weltplans; und da zwiſchen dem Maße der Kraft und dem Zweck, auf den ſie wirket, die genaueſte Harmonie ſeyn muß, ſo wird Vollkommenheit in der hoͤchſtmoͤglichſten Thaͤtigkeit ſeiner Kraͤfte und ihrer wechſelſeitigen Unterordnung beſtehen. Aber die Thaͤtigkeit der menſchlichen Seele iſt— aus einer Nothwendigkeit, die ich noch nicht erkenne, und auf eine 6 Art, die ich noch nicht begreife— an die Thaͤtigkeit der Materie gebunden. Die Veraͤnderungen in der Koͤrperwelt muͤſſen durch eine eigene Claſſe mittlerer organiſcher Kraͤfte, die Sinne, modificirt und ſo zu ſagen verfeinert werden, ehe ſie vermoͤgend ſind, in mir eine Vorſtellung zu erwecken; ſo muͤſſen wiederum andere organiſche Kraͤfte, die Maſchinen der willkuͤrlichen Be⸗ wegung, zwiſchen Seele und Welt treten, um die Veraͤnderung der erſteren auf die letztere fortzupflanzen; ſo muͤſſen endlich ſelbſt die Operationen des Denkens und Empfindens gewiſſen Bewegungen des innern Senſoriums correſpondiren. Alles dieſes macht den Organismus der Seelenwirkungen aus. Aber die Materie iſt ein Raub des ewigen Wechſels und reibt ſich ſelbſt auf, ſo wie ſie wirket, unter der Bewegung wird das Element aus ſeinen Fugen getrieben, verjagt und verloren. Weil nun im Gegentheil das einfache Weſen die Seele Dauer und Beſtandheit in ſich ſelber hat, und in ihrem Weſen weder gewinnet noch verliert, ſo kann die Materie nicht gleichen Schritt mit der Geiſtesthaͤtigkeit halten, und bald wuͤrde alſo der Organismus des geiſtigen Lebens, mit ihm alle Wirkſamkeit der Seele, dahin ſeyn. Dieß nun zu verhuͤten, mußte ein neues Syſtem organiſcher Kraͤfte zu dem erſten gleichſam angereihet werden, das ſeine Conſumtionen erſetzt und ſeinen ſinkenden Flor durch eine ſtetig aneinander haͤngende Kette neuer Schoͤpfungen erhaͤlt. Dieß iſt der Organismus der Ernaͤhrung. Noch mehr. Nach einem kurzen Zeitraum von Wirkung, nach dem aufgehobenen Gleichgewicht zwiſchen Verluſt und Erneuerung tritt der Menſch von der Buͤhne des Lebens, und das Geſetz der Sterblichkeit entvoͤlkert die Erde. Auch hat die Anzahl empfindender Weſen, die die ewige Liebe und Weisheit in ein gluͤckliches Daſeyn wollte gerufen haben, nicht Raum 7 genug, in den engen Graͤnzen dieſer Welt zumal zu exiſtiren, und das Leben dieſer Generation ſchließt das Leben einer andern aus. Darum ward es nothwendig, daß neue Menſchen an die Stelle der weggeſchiedenen alten treten und das Leben durch ununterbrochene Succeſſionen erhalten wuͤrde. Aber geſchaffen wird nichts mehr, und was nun Neues wird, wird es nur durch Entwicklung. Die Entwicklung des Menſchen mußte durch Menſchen geſchehen, wenn ſie mit der Con⸗ ſumtion im Verhaͤltniß ſtehen, wenn der Menſch zum Men⸗ ſchen gebildet werden ſollte. Aus dieſem Grund wurde ein neues Syſtem organiſcher Kräfte den zwei vorhergehenden zu⸗ geordnet, das die Belebung und Entwicklung des Menſchen⸗ keims zur Abſicht hatte. Dieß iſt der Organismus der Zeu⸗ gung. Dieſe drei Organismi in den genaueſten Local⸗ und Realzuſammenhang gebracht, bilden den menſchlichen Koͤrper. . 3. Der Körper. Die organiſchen Kraͤfte des menſchlichen Koͤrpers theilen ſich von ſelbſt in zwei Hauptelaſſen, die erſte enthaͤlt diejenige, die wir nach keinen bekannten Geſetzen und Phaͤnomenen der phy⸗ ſiſchen Welt begreifen können, und dahin gehoͤren die Empfind⸗ lichkeit der Nerven und die Reizbarkeit des Muskels. Da es bisher unmoͤglich war, in die Oekonomie des Unſichtbaren ein⸗ zudringen, ſo hat man die unbekannte Mechanik durch die bekannte zu erklaͤren geſucht, und den Nerven als einen Canal betrachtet, der ein aͤußerſt feines fluͤchtiges und wirkſames Fluidum fuhret, das an Geſchwindigkeit und Feinheit Aether und elektriſche Materie uͤbertreffen ſoll, und hat dieſes als das Principium der Empfindlichkeit und Beweglichkeit angeſehen und 8 ihm daher den Namen der Lebensgeiſter gegeben. So hat man ferner die Reizbarkeit der Muskelfaſer in einen gewiſſen Niſum geſetzt, ſich auf Veranlaſſung eines fremden Reizes zu ver⸗ kurzen und beide Endpunkte naͤher zu bringen. Dieſe zweierlei Principien machen den ſpecifiſchen Charakter des thieriſchen Organismus. Die zweite Claſſe begreift diejenige, die wir den allgemein bekannten Geſetzen der Phyſik unterordnen koͤnnen. Hieher rechne ich die Mechanik der Bewegung und die Chemie des menſchlichen Koͤrpers, woraus das vegetabiliſche Leben erwaͤchst. Vegetation alſo und thieriſche Mechanik auf das genaueſte ver⸗ miſcht, bilden eigentlich das phyſiſche Leben des menſchlichen Koͤrpers. S. 4. Thieriſches Leben. Noch iſt das nicht Alles. Da der Verluſt mehr oder we⸗ niger in der Willkuͤr des Geiſtes liegt, ſo mußte es auch noth⸗ wendig der Erſatz ſeyn. Ferner, da der Koͤrper allen Folgen der Zuſammenſetzung unterworfen und im Kreis der um ihn wirkenden Dinge unzaͤhligen feindlichen Wirkungen bloßgeſtellt iſt, ſo mußte es in der Gewalt der Seele ſtehen, ihn wider den ſchaͤdlichen Einfluß dieſer letztern zu beſchuͤtzen und ihn mit der phyſiſchen Welt in diejenigen Verhaͤltniſſe zu bringen, die ſeiner Fortdauer am zutraͤglichſten ſind; ſie mußte daher von dem gegenwaͤrtigen ſchlimmen oder guten Zuſtand ihrer Organe unterrichtet werden; ſie mußte aus ſeinem ſchlimmen Zuſtand Mißvergnuͤgen, aus ſeinem Wohlſtand Vergnuͤgen ſchoͤpfen, um ihn entweder zu verlaͤngern oder zu entfernen, zu ſuchen oder zu fliehen. Hier alſo wird ſchon der Organismus an das 9 Empfindungsvermoͤgen gleichſam angeknuͤpft und die Seele in das Intereſſe ihres Koͤrpers gezogen. Jetzt iſt es etwas mehr als Vegetation, etwas mehr als todter Model und Nerven⸗ und Muskel⸗Mechanik, jetzt iſt es thieriſches Leben.*) Der Flor des thieriſchen Lebens iſt, wie wir wiſſen, fuͤr den Flor der Seelenwirkungen aͤußerſt wichtig, und darf ohne die Totalaufhebung dieſer letztern niemals aufgehoben werden. Er muß alſo einen feſten Grund haben, der ihm nicht ſo leicht ſchwanke, das heißt, die Seele muß durch eine unwiderſtehliche Macht zu den Handlungen des phyſiſchen Lebens beſtimmt werden. Konnten alſo wohl die Empfindungen des thieriſchen Wohl⸗- oder Uebelſtands geiſtige Empfindungen ſeyn und durch das Denken erzeugt werden? Wie oft wuͤrde ſie das uͤber⸗ waltende Licht der Leidenſchaften verdunkeln, wie oft Traͤgheit oder Dummheit begraben, wie oft Geſchaͤftigkeit und Zer⸗ ſtreuung uͤberſehen? Ferner, wurde nicht von dem Thiermen⸗ ſchen die vollkommenſte Kenntniß ſeiner Oekonomie gefordert, muͤßte das Kind nicht in demjenigen Meiſter ſeyn, in dem unſere *) Aber auch etwas mehr als thieriſches Leben des Thieres. Das Thier lebt das thieriſche Leben, um angenehm zu empfinden. Es empfindet angenehm, um das thieriſche Leben zu erhalten. Alſo es lebt jetzt, um morgen wieder zu leben. Es iſt jetzt gluͤcklich, um morgen gluͤcklich zu ſeyn. Aber ein einfaches, ein unſicheres Gluͤck, das die Perioden des Organismus nachmacht, das dem Zufall, dem blinden Ungefaͤhr preisgegeben iſt, weil es nur allein in der Em⸗ pfindung beruht. Der Menſch lebt auch das thieriſche Leben, und empfindet ſeine Vergnuͤgungen und leidet ſeine Schmerzen. Aber warum? Er empfindet und leidet, daß er ſein thieriſches Leben erhalte. Er erhaͤlt ſein thieriſches Leben, um ein geiſtiges laͤnger leben zu koͤnnen. Kier iſt alſo Mittel verſchieden vom Zweck, dort ſchienen Zweck und Mittel zu coincidiren. Dieß iſt eine von den Graͤnzſcheiden zwiſchen Menſch und Thier. 10 Harvey, Boerhave und Haller nach einer fuͤnfzigjaͤhrigen Unter⸗ ſuchung noch Anfaͤnger geblieben ſind?— Die Seele konnte alſo ſchlechterdings keine Idee von dem Zuſtand haben, den ſie veraͤndern ſoll. Wie wird ſie ihn erfahren, wie wird ſie in Thaͤtigkeit kommen? §. 5. Thieriſche Empfindungen. Noch kennen wir keine andern Empfindungen als ſolche, die aus einer vorgaͤngigen Operation des Verſtandes entſpringen; aber jetzt ſollen Empfindungen entſtehen, bei denen der Ver⸗ ſtand ganz exuliren muß. Dieſe Empfindungen ſollen die gegen⸗ waͤrtige Beſchaffenheit meiner Werkzeuge wo nicht ausdruͤcken, doch gleichſam ſpecifiſch bezeichnen, oder beſſer, begleiten. Dieſe Empfindungen ſollen den Willen raſch und lebhaft zu Abſcheu oder Begierde beſtimmen, dieſe Empfindungen ſollen aber doch nur auf der Oberflaͤche der Seele ſchweben und niemals in das Gebiet der Vernunft reichen. Was alſo bei der geiſtigen Em⸗ Pfindund das Denken gethan hat, das thut hier diejenige Modification in den thieriſchen Theilen, die entweder ihre Aufloͤſung droht, oder ihre Fortdauer ſichert, das heißt, mit demjenigen Zuſtand der Maſchine, der ihren Flor befeſtiget, iſt eine angenehme, und im Gegentheil mit demjenigen, der ihren Wohlſtand untergraͤbt und ihren Ruin beſchleunigt, eine ſchmerz⸗ hafte Ruͤhrung der Seele durch ein ewiges Geſetz der Weisheit verbunden, und ſo, daß die Empfindung ſelbſt nicht die ge— ringſte Aehnlichkeit mit der Beſchaffenheit der Organe hat, die ſie bezeichnet. So entſtehen thieriſche Empfindungen. Thieri⸗ ſche Empfindungen haben demnach einen zweifachen Grund: 11 1) in dem gegenwaͤrtigen Zuſtand der Maſchine, 2) im Em⸗ pfindungsvermoͤgen. Nun laͤßt ſich begreifen, warum thieriſche Empfindungen mit unwiderſtehlicher und gleichſam tyranniſcher Macht die Seele zu Leidenſchaften und Handlungen fortreißen, und uͤber die geiſtigſten ſelbſt nicht ſelten die Oberhand bekommen. Dieſe naͤmlich hat ſie vermittelſt des Denkens hervorgebracht, dieſe alſo kann ſie wiederum durch das Denken aufloͤſen und gar vernichten. Dieß iſt die Gewalt der Abſtraction und uͤberhaupt der Philoſophie uͤber die Leidenſchaften, uͤber die Meinungen, kurz uͤber alle Situationen des Lebens, jene aber ſind ihr durch eine blinde Nothwendigkeit, durch das Geſetz des Me⸗ chanismus aufgedrungen worden; der Verſtand, der ſie nicht ſchuf, kann ſie auch nicht aufloͤſen, ob er dieſelben ſchon durch eine entgegengeſetzte Richtung der Aufmerkſamkeit um Vieles ſchwaͤchen und verdunkeln kann. Der hartnaͤckigſte Stoiker, der an Steinſchmerzen darniederliegt, wird ſich niemals ruͤhmen koͤnnen, keinen Schmerz empfunden zu haben; aber er wird, in Betrachtungen uͤber ſeine Endurſachen verloren, die Empfin⸗ dungskraft theilen, und das uͤberwiegende Vergnuͤgen der gro⸗ ßen Vollkommenheit, die auch den Schmerz der allgemeinen Gluͤckſeligkeit unterordnet, wird uͤber die Unluſt ſiegen. Nicht Mangel der Empfindung war es, nicht Vernichtung derſelben, daß Mucius, die Hand in lohen Flammen bratend, den Feind mit dem römiſchen Blick der ſtolzen Ruhe anſtarren konnte, ſondern der Gedanke des großen ihn bewundernden Roms, der in ſeiner Seele herrſchte, hielt ſie gleichſam innerhalb ihrer ſelbſt gefangen, daß der heftige Reiz des thieriſchen Uebels zu wenig war, ſie aus dem Gleichgewicht zu heben. Aber darum war der Schmerz des Roͤmers nicht geringer als der des weichſten Wolluͤſtlings. Freilich wohl wird derjenige, der ge⸗ 12 wohnt iſt, in einem Zuſtand dunkler Ideen zu exiſtiren, weni⸗ ger faͤhig ſeyn, ſich in dem kritiſchen Augenblick des ſinnlichen Schmerzes zu ermannen, als der, der beſtaͤndig in hellen deutlichen Ideen lebt; aber dennoch ſchuͤtzt weder die hoͤchſte Tu⸗ gend, noch die tiefſte Philoſophie, noch ſelbſt die goͤttliche Re⸗ ligion vor dem Geſetz der Nothwendigkeit, ob ſie ſchon ihre Anbeter auf dem einſtuͤrzenden Holzſtoß beſeligen kann. Eben dieſe Macht der thieriſchen Fuͤhlungen auf die Em⸗ pfindungskraft der Seele hat die weiſeſte Abſicht zum Grunde. Der Geiſt, wenn er einmal in den Geheimniſſen einer hoͤhern Wolluſt eingeweiht worden iſt, wuͤrde mit Verachtung auf die Bewegungen ſeines Gefaͤhrten herabſehen und den niedrigen Beduͤrfniſſen des phyſiſchen Lebens nicht leicht mehr opfern wollen, wenn ihn nicht das thieriſche Gefuͤhl dazu zwaͤnge. Den Mathematiker, der in den Regionen des Unendlichen ſchweifte und in der Abſtractionswelt die wirkliche vertraͤumte, jagt der Hunger aus ſeinem intellectuellen Schlummer empor; den Phyſiker, der die Mechanik des Sonnenſyſtems zergliedert und den irrenden Planeten durchs Unermeßliche begleitet, reißt ein Nadelſtich zu ſeiner muͤtterlichen Erde zuruͤck; den Philo⸗ ſophen, der die Natur der Gottheit entfaltet, und waͤhnet, die Schranken der Sterblichkeit durchbrochen zu haben, kehrt ein kalter Nordwind, der durch ſeine baufaͤllige Huͤtte ſtreicht, zu ſich ſelbſt zuruͤck, und lehrt ihn, daß er das unſelige Mittel⸗ ding von Vieh und Engel iſt. Wider die uͤberhandnehmenden thieriſchen Fuͤhlungen ver⸗ mag endlich die hoͤchſte Anſtrengung des Geiſtes nichts mehr, die Vernunft wird, ſo wie ſie wachſen, mehr und mehr uͤber⸗ taͤubt und die Seele gewaltſam an den Organismus gefeſſelt. Hunger und Durſt zu loͤſchen wird der Menſch Thaten thun, 13 woruͤber die Menſchlichkeit ſchauert, er wird wider Willen Ver⸗ raͤther und Moͤrder, er wird Cannibal— „Tiger! In deiner Mutterbuſen wollteſt du deine Zaͤhne ſetzen?“ So heftig wirket die thieriſche Fuͤhlung auf den Geiſt. So wachſam hat der Schoͤpfer fuͤr die Erhaltung der Maſchine ge⸗ ſorgt, die Pfeiler, auf denen ſie ruht, ſind die feſteſten, und die Erfahrung hat gelehrt, daß mehr das Uebermaß, als der Mangel der thieriſchen Empfindung verdorben hat. Thieriſche Empfindungen befeſtigen alſo den Wohlſtand der thieriſchen Natur, ſo wie die moraliſchen und intellectuellen den Wohlſtand der geiſtigen oder die Vollkommenheit. Das Syſtem thieriſcher Empfindungen und Bewegungen erſchoͤpft den Begriff der thieriſchen Natur. Dieſe iſt der Grund, auf dem die Beſchaffenheit der Seelenwerkzeuge beruht, und die Beſchaffenheit dieſer letztern beſtimmt die Leichtigkeit und Fort⸗ dauer der Seelenthaͤtigkeit ſelbſt. Hier alſo iſt ſchon das erſte Glied des Zuſammenhangs der beiden Naturen. §. 6. Entwürfe wider den Zuſammenhang der beiden Naturen aus der Moral. Aber man wird dieſes einraͤumen und weiter ſagen: hier endet ſich auch die Beſtimmung des Koͤrpers. Ueber dieſe hinaus iſt er ein traͤger Gefaͤhrte der Seele, mit dem ſie ewig zu kaͤmpfen hat, deſſen Beduͤrfniſſe ihr alle Muße zum Denken rauben, deſſen Anfechtungen den Faden der vertiefteſten Spe⸗ culation zerreißen und den Geiſt von ſeinen deutlichſten und hellſten Begriffen in ſinnliche Verworrenheit ſtuͤrzen; deſſen Luͤſte den groͤßten Theil unſerer Mitgeſchoͤpfe von ihrem hohen 14 Urbild entfernen und in die Claſſe der Thiere erniedern, kurz, der ſie in eine Sklaverei verſtrickt, woraus der Tod ſie endlich befreien muß. Iſt es nicht widerſinnig und ungerecht, duͤrfte man fortfahren zu klagen, das einfache, nothwendige, fuͤr ſich Beſtand habende Weſen mit einem andern Weſen zu verwickeln, das in ewigem Wirbel umhergerollt, jedem Ungefaͤhr preis⸗ gegeben, eder Nothwendigkeit zum Opfer wird?— Vielleicht ſehen wir bei kaͤlterem Nachdenken aus dieſer anſcheinenden Ver⸗ wirrung und Planloſigkeit eine große Schoͤnheit hervorgehen. Philoſophiſcher Zuſammenhang. Thieriſche Triebe wechen und entwickeln die geiſtigen. §. 7. Methode. Die ſicherſte Methode, einiges Licht auf dieſe Materie zu werfen, mag vielleicht folgende ſeyn: man denkt ſich vom Men⸗ ſchen Alles weg, was Organiſation heißt, das iſt, man trennt den Koͤrper vom Geiſt, ohne ihm jedoch die Möglichkeit, zu Vorſtellungen zu gelangen und Handlungen in der Koͤrperwelt hervorzubringen, abzuſchneiden, und unterſucht dann, wie er in Wirkung gekommen, wie er ſeine Kraͤfte entwickelt, was fuͤr Schritte er wohl zu ſeiner Vollkommenheit wuͤrde gethan ha⸗ ben; das Reſultat dieſer Unterſuchung muß durch Facta be⸗ ſtaͤtigt werden. Man uͤberſieht alſo die wirkliche Bildung des einzelnen Menſchen und wirft einen Blick uͤber die Entwicklung des geſammten Geſchlechts. Zuerſt alſo den abſtracten Fall: es iſt Vorſtellungskraft und Wille da, es iſt Kreis der Wir⸗ 15 kung da, und freier Uebergang von Seele zu Welt, von Welt zu Seele. Fragt ſich nun, wie wird er wirken? f. 8. Die Seele außer Verbindung mit dem Körper. Wir koͤnnen keinen Begriff ſetzen, ohne einen vorhergehenden Willen, ihn zu machen; keinen Willen, ohne die Erfahrung unſers durch dieſe Handlung verbeſſerten Zuſtandes, ohne Em⸗ pfindung. Keine Empfindung ohne vorhergehende Idee(denn wir ſchloſſen ja zugleich mit dem Koͤrper auch die koͤrperlichen Empfindungen aus), alſo keine Idee ohne Idee. Nun betrachte man das Kind, das hieße nach der Voraus⸗ ſetzung einen Geiſt, der die Faͤhigkeit Ideen zu formiren in ſich begreift, aber dieſe Faͤhigkeit jetzt zum erſten Mal in Uebung bringen ſoll. Was wird ihn zum Denken beſtimmen, wenn es nicht die daraus entſpringende angenehme Empfindung iſt, was kann ihm die Erfahrung dieſer angenehmen Empfindung ver⸗ ſchafft haben? Wir ſahen ja eben, daß dieß wieder nichts als Denken ſeyn konnte, und er ſoll nun zum erſten Mal denken. Ferner, was kann ihn zur Betrachtung der Welt einladen? nichts Anderes als die Erfahrung ihrer Vollkommenheit, inſt ofern ſie ſeinen Trieb zur Activitaͤt befriedigt und dieſe Befriedigung ihm Vergnügen gewaͤhret; was kann ihn zu Uebung ſeiner Kraͤfte determiniren? nichts als die Erfahrung ihres Daſeyns, aber alle dieſe Erfahrungen ſoll er ja zum erſten Mal machen. — Er muͤßte alſo von Ewigkeit her thaͤtig geweſen ſeyn, und dieſes iſt wider den angenommenen Fall, oder er wird ewig niemals in Thaͤtigkeit kommen, gleichwie die Maſchine ohne den Stoß von außen traͤg und ruhig bleibt. 16 §. 9. In Verbindung. Jetzt ſetze man zu dem Geiſte das Thier. Man verflechte dieſe beiden Naturen ſo innig, als ſie wirklich verflochten ſind, und laſſe ein unbekanntes Etwas, aus der Oekonomie des thieriſchen Leibes geboren, die Empfindungskraft anfallen,— man verſetze die Seele in den Zuſtand des phyſiſchen Schmer⸗ zens. Das war der erſte Stoß, der erſte Lichtſtrahl in die Schlummernacht der Kraͤfte, toͤnender Goldklang auf die Laute der Natur. Jetzt iſt Empfindung da, und Empfin⸗ dung war es ja auch nur allein, was wir vorhin vermißten. Dieſe Art von Empfindung ſcheint mit Abſicht recht dazu ge⸗ macht zu ſeyn, alle jene Schwierigkeiten zu heben. Dort konn⸗ ten wir keine herausbringen, weil wir keine Idee vorausſetzen durften; hier vertritt die Modification in dem koͤrperlichen Werkzeug die Stelle der Ideen, und ſo hilft thieriſche Empfin⸗ dung das innere Uhrwerk des Geiſtes, wenn ich ſo ſagen darf, in den Gang bringen. Der Uebergang von Schmerz zu Ab⸗ ſcheu iſt Grundgeſetz der Seele. Der Wille iſt thaͤtig, und die Thaͤtigkeit einer einzigen Kraft iſt hinlaͤnglich, alle uͤbrigen in Wirkung zu ſetzen. Die nachfolgenden Operationen entwickeln ſich von ſelbſt und gehoͤren auch nicht in dieſes Capitel. §. 10. Aus der Geſchichte des Individuums. Nun verfolge man das Seelenwachsthum des einzelnen Menſchen in Beziehung auf den zu erweiſenden Satz, und gebe Acht, wie ſich alle ſeine Geiſtesfaͤhigkeiten aus ſinnlichen Trieben entwickeln. —— — 2) b) 17 Das Kind. Noch ganz Thier, oder beſſer: mehr oder auch weniger als Thier; menſchliches Thier.(Denn das⸗ jenige Weſen, das einmal Menſch heißen ſollte, darf nie⸗ malen nur Thier geweſen ſeyn.) Elender als ein Thier, weil es auch nicht einmal Inſtinct hat. Die Thiermutter darf ihr Junges eher verlaſſen, als die Mutter ihr Kind. Der Schmerz mag ihm wohl Geſchrei auspreſſen, aber er wird es niemals auf die Quelle desſelben aufmerk⸗ ſam machen. Die Milch mag ihm wohl Vergnuͤgen ge⸗ waͤhren, aber ſie wird niemals von ihm geſucht werden. Es iſt ganz leidend— „Sein Denken ſteigt nur noch bis zum Empfinden, „Sein ganzes Kenntniß iſt Schmerz, Hunger und die Binden.“ Der Knabe. Hier iſt ſchon Reflexion, aber immer nur in Bezug auf Stillung thieriſcher Triebe.„Er lernt,“ wie Garve ſagt“),„die Dinge anderer Menſchen und ſeine „Handlungen gegen ſie erſtlich dadurch ſchaͤtzen, weil ſie „ihm(ſinnliches) Vergnuͤgen gewaͤhren.“ Liebe zur Arbeit, Liebe zu den Eltern, zu Freunden, ja ſelbſt Liebe zur Gottheit geht durch den Weg der Sinnlichkeit in ſeine Seele.„Die allein iſt die Sonne,“ wie Garve an einem andern Orte anmerkt“*),„die durch ſich ſelbſt leuchtet und „waͤrmt, alle uͤbrigen Gegenſtaͤnde ſind dunkel und kalt; naber ſie koͤnnen auch erleuchtet und erwaͤrmt werden, „wenn ſie mit ihr in eine ſolche Verbindung treten, daß „ſie die Strahlen derſelben bekommen koͤnnen.“ Die Guter des Geiſtes erhalten beim Knaben nur durch Uebertragung *) Anmerkungen zu Ferguſons Moralphiloſophie. S. 319. **) Ebendaſelbſt. S. 5953. Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 2 18 einigen Werth, ſie ſind geiſtiges Mittel zu thieriſchem Zweck. 0) Juͤngling und Mann. Oftmalige Wiederholung dieſer Schluͤſſe macht ſie nach und nach zur Fertigkeit, und Uebertragung will in dem Rittel ſelbſt Schoͤn⸗ heit gefunden haben. Er wird gerner darauf ver⸗ weilen, ohne zu wiſſen warum? Er wird unvermerkt hin⸗ gezogen werden, daruͤber zu denken. Jetzt koͤnnen ſchon die Strahlen der geiſtigen Schoͤnheit ſelbſt ſeine offene Seele ruͤhren; das Gefuͤhl ſeiner Kraftaͤußerung ergöͤtzt ihn und floͤßt ihm Neigung zu dem Gegenſtand ein, der bisher nur Mittel war; der erſte Zweck iſt vergeſſen. Auf⸗ klaͤrung und Ideenbereicherung decken ihm zuletzt die ganze Wuͤrde geiſtiger Vergnuͤgungen auf— das Mittel iſt hoͤchſter Zweck worden. Dieß lehrt mehr oder weniger die Individualgeſchichte jedes Menſchen, der nur einige Bildung hat, und einen beſſern Weg konnte wohl die Weisheit nicht waͤhlen, den Menſchen zu fuͤh⸗ ren; wird nicht auch jetzt noch der Poͤbel gegaͤngelt wie unſer Knabe? Und hat uns nicht der Prophet aus Medina ein auf⸗ fallend deutliches Beiſpiel zuruͤckgelaſſen, wie man den rohen Sinn der Saracenen im Zuͤgel halten ſollte? (Hieruͤber kann nichts Vortrefflicheres geſagt werden, als was Garve in ſeinen Anmerkungen zu dem Capitel uͤber die natuͤrlichen Triebe in Ferguſons Moralphiloſophie auf folgende Art entwickelt hat:„Der Trieb der Erhaltung und der Reiz „der ſinnlichen Luſt ſetzt zuerſt den Menſchen wie das Thier in „Chaͤtigkeit; er lernt die Dinge anderer Menſchen und ſeine „Handlungen gegen ſie erſtlich dadurch ſchaͤtzen, weil ſie ihm „Vergnuͤgen verſchaffen. So wie ſich die Anzahl der Dinge „erweitert, deren Wirkungen er erfaͤhrt, ſo breiten ſich ſeine 19 „Begierden aus; ſo wie ſich der Weg verlaͤngert, auf welchem „er zu dieſen Wirkungen gelangt, ſo werden ſeine Begierden „kunſtlicher. Hier iſt die erſte Graͤnzſcheidung zwiſchen Menſch „und Thier, und hier findet ſich ſelbſt ein Unterſchied zwiſchen „einer Thierart und der andern. Bei wenig Thieren folgt die „Handlung des Freſſens unmittelbar auf die Begierde des Hun⸗ „gers; die Hitze der Jagd oder der Fleiß des Sammelns geht „vorher. Aber bei keinem Thiere erfolgt die Befriedigung der „Begierde ſo ſpaͤt auf die Anſtalten, die es zu dieſem Ende „macht, als bei dem Menſchen; bei keinem wird die Beſtrebung „des Thiers durch eine ſo lange Kette von Mitteln und Ab⸗ „ſichten fortgefuͤhrt, ehe ſie bis an dieſes letzte Glied gelangt. „Wie weit ſind die Arbeiten des Handwerksmannes oder des „Ackerbauers, wenn ſie gleich alle auf nichts weiter abzielen, „als ihm Brod oder ein Kleid zu verſchaffen, doch von dieſem „Ziele entfernt? Aber das iſt noch nicht Alles. Wenn die „Mittel der Erhaltung fuͤr den Menſchen, durch Errichtung der „Geſellſchaft, reichlicher werden; wenn er Ueberfluß fuͤr ſich „findet, zu deſſen Herbeiſchaffung er nicht ſeine ganze Zeit und „raͤfte braucht; wenn er zugleich durch die Mittheilung der „Ideen aufgeklaͤrt wird: dann faͤngt er an, einen Endzweck ſei⸗ „ner Handlung in ſich ſelbſt zu finden; dann bemerkt er, daß, „wenn er auch voͤllig ſatt, bekleidet, unter einem guten Dach, „mit allem Hausgeraͤthe verſehen iſt, doch noch fuͤr ihn etwas „zu thun uͤbrig bleibe.— Er geht noch einen Schritt weiter; „er wird gewahr, daß in dieſen Handlungen ſelbſt, wodurch „der Menſch ſich Nahrung und Bequemlichkeit verſchafft hat, „inſofern ſie aus gewiſſen Kraͤften eines Geiſtes entſtehen, „inſofern ſie dieſe Kraͤfte uͤben, ein hoͤheres Gut liege, als in „den aͤußern Endzwecken ſelbſt, die durch ſie erreicht werden. „Von dieſem Augenblick an arbeitet er zwar in Geſellſchaft mit 20 „dem uͤbrigen menſchlichen Geſchlecht und mit dem Reich aller „lebendigen Weſen, dazu, ſich zu erhalten, und ſich und ſeinen „Freunden die Huͤlfsmittel des phyſiſchen Lebens zu verſchaffen; „— denn was wollte er anders thun? welche andere Sphaͤre „von Thaͤtigkeit koͤnnte er ſich ſchaffen, wenn er aus dieſer „herausginge? Aber er weiß nun, daß die Natur nicht ſo⸗ „wohl dieſe vielen Triebe im Menſchen erweckt hat, um ihm „jene Bequemlichkeiten zu gewaͤhren, als ihm vielmehr den Reiz „jener Vergnuͤgen und Vortheile aufſtelle, um dieſe Triebe „in Bewegung zu ſetzen; um einem denkenden Weſen Materie „zu Vorſtellungen, einem empfindlichen Geiſte Stoff zu Em⸗ „pfindungen, einem wohlwollenden Geiſte Mittel der Gutthaͤ⸗ „tigkeit, einem thaͤtigen Gelegenheit zu Beſchaͤftigungen zu ge⸗ „ben.— Dann nimmt jede Sache, lebloſe und lebendige, eine „andere Geſtalt fuͤr ihn an. Die Gegenſtaͤnde und Veraͤnde⸗ „rungen wurden zuerſt von ihm nur angeſehen, inſofern ſie „ihm nur Vergnuͤgen oder Verdruß machen; jetzo, inſofern „ſie Handlungen und Aeußerungen ſeiner Vollkommenheit ver⸗ „anlaſſen. In jener Betrachtung ſind die Vorfaͤlle bald gut, „bald boͤſe; in dieſer ſind ſie alle auf gleiche Weiſe gut. Denn „es iſt keiner, wo nicht die Ausuͤbung einer Tugend oder die „Beſchaͤftigung einer beſondern Faͤhigkeit moͤglich waͤre.— Zuerſt „liebte er die Menſchen, weil er glaubte, daß ſie ihm nutzen „koͤnnen; jetzo liebt er ſie noch mehr, weil er das Wohlwollen „fuͤr den Zuſtand eines vollkommenen Geiſtes haͤlt.“) S. 41. Aus der Geſchichte des Menſchengeſchlechts. Nun noch ein gewagterer Blick uͤber die Univerſalgeſchichte des ganzen menſchlichen Geſchlechts— von ſeiner Wiege an bis 21 zu ſeinem maͤnnlichen Alter— und die Wahrheit des bisher Geſagten wird in ihrem volleſten Lichte ſtehen. Hunger und Bloͤße haben den Menſchen zuerſt zum Jaͤger, Fiſcher, Viehhirten, Ackermann und Baumeiſter gemacht. Wolluſt ſtiſtete Familien, und Wehrloſigkeit der Einzelnen zog Horden zuſammen. Hier ſchon die erſten Wurzeln der geſelli⸗ gen Pflichten. Bald mußte der anwachſenden Menſchenmenge der Acker zu arm werden, der Hunger zerſtreute ſie in ferne Klimate und Lande, die dem forſchenden Bedurfniß ihre Pro⸗ ducte enthuͤllten, und ſie neue Naffinements ſie zu bearbeiten und ihrem ſchaͤdlichen Einfluß zu begegnen lehrten. Dieſe ein⸗ zelnen Erfahrungen gingen durch Tradition vom Großvater zum Urenkel uͤber und wurden erweitert. Man lernte die Kraͤfte der Natur wider ſie ſelbſt benutzen, man brachte ſie in neue Verhaͤltniſſe, und erfand— hier ſchon die erſten Wurzeln der einfachen und heilſamen Kuͤnſte. Zwar immer nur Kunſt und Erfindung fuͤr das Wohl des Thieres, aber doch Uebung der Kraft, doch Gewinn an Kenntniß, und— an eben dem Feuer, woran der rohe Naturmenſch ſeine Fiſche bratete, ſpaͤhte nachher Boerhave in die Miſchungen der Koͤrper; aus eben dem Meſſer, mit dem der Wilde ſein Wildpret zerlegte, erfand Lionet das⸗ jenige, womit er die Nerven der Inſecten aufdeckte; mit eben dem Cirkel, mit dem man anfangs nur Hufen maß, mißt Newton Himmel und Erde. So zwang der Koͤrper den Geiſt, auf die Erſcheinungen um ihn her zu achten, ſo machte er ihm die Welt intereſſant und wichtig, weil er ſie ihm unentbehrlich machte. Der Drang einer innern thaͤtigen Natur, verbunden mit der Durftigkeit der mutterlichen Gegend, lehrte unſere Stammvaͤter kuͤhner denken, und erfand ihnen ein Haus, worin ſie im Geleit der Geſtirne auf Fluͤſſen und Oceanen ſicher da⸗ hinglitten und neuen Zonen entgegenſchifften.— 22 Fluctibus ignotis insultavere carinæ. Hier wiederum neue Producte, neue Gefahren, neue Be⸗ duͤrfniſſe, neue Anſtrengungen des Geiſtes. Die Colliſion der thieriſchen Triebe ſtoͤßt Horden wider Horden, ſchmiedet das rohe Erz zum Schwert, zeugt Abenteurer, Helden und Deſpo⸗ ten. Staͤdte werden befeſtiget, Staaten errichtet, mit den Staaten entſtehen buͤrgerliche Pflichten und Rechte, Kuͤnſte, Ziffern, Geſetzbuͤcher, ſchlaue Prieſter— und Goͤtter. und nun die Beduͤrfniſſe ausgeartet in Lurus— welch un⸗ ermeßliches Feld eroͤffnet ſich unſerm Auge! Jetzt werden die Adern der Erde durchwuͤhlt, jetzt wird der Grund des Meeres betreten, Handel und Wandel bluͤhen— Latet sub classibus æquor. Der Oſt wird in Weſt, der Weſt in Oſt bewundert, die Ge⸗ burten des Auslandes gewoͤhnen ſich unter kuͤnſtlichen Himmeln, und die Gartenkunſt bringt die Producte von drei Welttheilen in Einem Garten zuſammen. Kuͤnſtler lernen der Natur ihre Werke ab, Toͤne ſchmelzen die Wilden, Schoͤnheit und Har⸗ monie veredeln Sitten und Geſchmack, und die Kunſt geleitet zu Wiſſenſchaft und Tugend hinuͤber.„Der Menſch,“ ſagt Schloͤzer,*)„dieſer maͤchtige Untergott, raͤumt Felſen aus der „Bahn, graͤbt Seen ab und pfluͤget, wo man ſonſten ſchiffte. „Durch Canaͤle trennt er Welttheile und Provinzen von ein⸗ „ander, leitet Stroͤme zuſammen und fuͤhret ſie in Sand⸗ „wuͤſten hin, die er dadurch in lachende Fluren verwandelt; „er pluͤndert dreien Welttheilen ihre Producte ab und verſetzt „ſie in den vierten. Selbſt Klima, Luft und Witterung ge⸗ „horchen ſeiner Macht. Indem er Waͤlder ausreutet und *) Siehe Schloͤzers Vorſtellung ſeiner Univerſalhiſtorie§. 6. 23 „Suͤmpfe austrocknet, ſo wird ein heiterer Himmel uͤber ihm, „Naͤſſe und Nebel verlieren ſich, die Winter werden ſanfter „und kuͤrzer, die Fluͤſſe frieren nicht mehr zu.“— Und der Geiſt verfeinert ſich mit dem feinern Klima. Der Staat beſchaͤftiget den Buͤrger fuͤr die Beduͤrfniſſe und Beguemlichkeiten des Lebens. Arbeitſamkeit gibt dem Staat Sicherheit und Ruhe von außen und innen, die dem Denker und Kuͤnſtler jene fruchtbare Muße gewaͤhrt, wodurch das Zeit⸗ alter des Auguſts zum goldenen Alter geworden. Jetzt neh⸗ men die Kuͤnſte einen kuͤhneren ungehinderten Schwung, jetzt gewinnen die Wiſſenſchaften ein reines gelaͤutertes Licht, Na⸗ turgeſchichte und Phyſik ſtuͤrzen den Aberglauben, die Geſchichte reicht den Spiegel der Vorwelt, und die Philoſophie lacht uͤber die Thorheit der Menſchen. Wie aber nun der Luxus in Weich⸗ lichkeit und Schwelgerei ausgeartet, in den Gebeinen der Men⸗ ſchen zu toben anfaͤngt und Seuchen ausbruͤtet, und die At⸗ moſphaͤre verpeſtet, da eilt der bedraͤngte Menſch von einem Reich der Natur zum andern, die lindernden Mittel auszu⸗ ſpaͤhen, da findet er die goͤttliche Rinde der China, da graͤbt er aus den Eingeweiden der Berge den maͤchtig wirkenden Mercur und preßt den koſtbaren Saft aus dem orientaliſchen Mohn. Die verhohlenſten Winkel der Natur werden durch⸗ ſucht, die Scheidekunſt zertruͤmmert die Producte in ihre letzten Elemente und ſchafft ſich eigene Welten, Goldmacher bereichern die Naturgeſchichte, der mikroſkopiſche Blick eines Swammer⸗ dam ertappt die Natur bei ihren geheimſten Proceſſen. Der Menſch geht noch weiter. Noth und Neugierde uͤberſpringen die Schranken des Aberglaubens, er ergreift muthig das Meſ⸗ ſer— und hat das groͤßte Meiſterſtuͤck der Natur, den Men⸗ ſchen, entdeckt. So mußte das Schlimmſte das Groͤßte errei⸗ chen helfen, ſo mußte uns Krankheit und Tod draͤngen zum 24 pyονονι σςαντον. Die Peſt bildete unſere Hippokrate und Sy⸗ denhame, wie der Krieg Generale gebar, und der einreißenden Luſtſeuche haben wir eine totale Reformation des mediciniſchen Geſchmacks zu verdanken. Wir wollten den rechtmaͤßigen Genuß der Sinnlichkeit auf die Vollkommenheit der Seele zuruͤckfuͤhren, und wie wunderbar drehte ſich der Stoff unter unſern Haͤnden! Wir fanden, daß auch ihr Uebermaß, ihr Mißbrauch im Ganzen die Realitaͤten der Menſchheit befoͤrdert hat. Die Verirrungen vom erſten Zwecke der Natur, Kaufleute, Eroberer und Luxus haben un⸗ ſtreitig die Schritte dahin unendlich beſchleunigt, die eine ein⸗ fachere Lebensart regelmaͤßiger wohl, aber auch langſam genug wuͤrde gemacht haben. Man halte die alte Welt gegen die neue! Dort waren die Begierden einfach und ihre Befriedigung leicht; aber wie abſcheulich wurde auch uͤber die Natur und ihre Geſetze geurtheilt! Jetzt iſt ſie durch tauſend Kruͤmmun⸗ gen erſchwert, aber welch volles Licht hat ſich uͤber alle Be⸗ griffe verbreitet! Noch einmal alſo: der Menſch mußte Thier ſeyn, ehe er wußte, daß er ein Geiſt war; er mußte am Staube kriechen, ehe er den Newtoniſchen Flug durchs Univerſum wagte. Der Koͤrper alſo dererſte Sporn zur Thaͤtigkeit; Sinn⸗ lichkeit die erſte Leiter zur Vollkommenheit. Thieriſche Empfindungen begleiten die geiſtigen. §. 12. Geſetz. Der Verſtand des Menſchen iſt aͤußerſt beſchraͤnkt, und darum muͤſſen es auch nothwendig alle Empfindungen ſeyn, die aus 25. ſeiner Thaͤtigkeit reſultiren. Dieſen alſo einen groͤßeren Schwung zu geben, und den Willen mit gedoppelter Kraft zum Voll⸗ kommenen hinzuziehen und vom Uebel zuruͤck zu reißen, wur⸗ den beide Naturen, geiſtige und thieriſche, alſo eng in einan⸗ der verſchlungen, daß ihre Modificationen ſich wechſelsweiſe mittheilen und verſtaͤrken. Daraus erwaͤchst nun ein Funda⸗ mentalgeſetz der gemiſchten Naturen, das, in ſeine letzten Grund⸗ theile aufgeloͤst, ungefaͤhr alſo lautet: Die Thaͤtigkeiten des Koͤrpersentſprechen den Thaͤtigkeiten des Gei⸗ ſtes; d. h. jede Ueberſpannung von Geiſtesthaͤtig⸗ keit hat jederzeit eine Ueberſpannung gewiſſer koͤrperlicher Actionen zur Folge, ſo wie das Gleich⸗ gewicht dererſtern, oder die harmoniſche Thaͤtigkeit der Geiſteskraͤfte mit der vollkommenſten Ueber⸗ einſtimmung der letztern vergeſellſchaftet iſt. Fer⸗ ner: Traͤgheit der Seele macht die koͤrperlichen Be⸗ wegungen traͤg, Nichtthaͤtigkeit der Seele hebt ſie gar auf. Da nun Vollkommenheit jederzeit mit Luſt, Un⸗ vollkommenheit mit Unluſt verbunden iſt, ſo kann man dieſes Geſetz auch alſo ausdruͤcken: Geiſtige Luſt hat jederzeit eine thieriſche Luſt, geiſtige Unluſt jederzeit eine thieriſche Unluſt zur Begleiterin. §. 413. Geiſtiges Vergnügen befördert das Wohl der Maſchine. Alſo eine Empfindung, die das ganze Seelenweſen einnimmt, erſchuͤttert in eben dem Grade den ganzen Bau des organiſchen Koͤrpers, Herz, Adern und Blut, Muskelfaſern und Nerven, von jenen maͤchtigen wichtigen, die dem Herzen den lebendigen Schwung der Bewegung geben, bis hinaus zu jenen unbedeu⸗ tenden geringen, die die Haͤrchen der Haut ſpannen, nehmen 26 daran Theil. Alles geraͤth in heftigere Bewegung. War die Empfindung angenehm, ſo werden alle jene Theile einen hoͤhern Grad harmoniſcher Thaͤtigkeit haben, das Herz wird frei, leb⸗ haft und gleichfoͤrmig ſchlagen, das Blut wird ungehemmt, mild, oder feurig raſch, je nachdem der Affect von der ſanften oder heftigen Art iſt, durch die weichen Canaͤle fließen, Coction, Secretion und Excretion wird frei und ungehindert von ſtat⸗ ten gehen, die reizbaren Faſern werden im milden Dampfbad geſchmeidig ſpielen, ſo Reizbarkeit als Empfindlichkeit wird durchaus erhoͤht ſeyn. Darum iſt der Zuſtand der groͤßten augenblicklichen Seelenluſt augenblicklich auch der Zuſtand des groͤßten koͤrperlichen Wohls. So viel dieſer Partialthaͤtigkeiten ſind(und iſt nicht jeder Puls das Reſultat von vielleicht Tauſenden), ſo viel dunkle Senſationen werden ſich zumal vor die Seele draͤngen, wovon jede Vollkommenheit anzeigt. Aus der Verworrenheit dieſer aller bildet ſich nun die Totalempfindung der thieriſchen Harmonien, d. h. die hoͤchſtzuſammengeſetzte Empfindung von thieriſcher Luſt, die ſich an die urſpruͤngliche intellectuelle oder moraliſche gleichſam anreiht und ſolche durch dieſen Zutritt unendlich ver⸗ groͤßert. So iſt demnach jeder angenehme Affect die Quelle unzaͤhliger koͤrperlicher Luͤſte. Dieſes beſtaͤtigen am augenſcheinlichſten die Beiſpiele der Kranken, die die Freude curirt hat. Man bringe einen, den das fuͤrchterliche Heimweh bis zum Skelet verdorren gemacht hat, in ſein Vaterland zuruͤck, er wird ſich in bluͤhender Ge⸗ ſundheit verjuͤngen. Man trete in die Gefangenhaͤuſer, wo Ungluͤckliche ſeit zehn und zwanzig Jahren im faulen Dampf ihres Unraths wie begraben liegen und kaum noch Kraft fin⸗ den, von der Stelle zu gehen, und verkuͤndige ihnen auf ein⸗ mal Erloͤſung. Das einzige Wort wird jugendliche Kraft durch 27 ihre Glieder gießen, die erſtorbenen Augen werden Leben und Feuer funkeln. Die Seefahrer, die der Brod⸗ und Waſſer⸗ mangel auf der ungewiſſen See ſiech und elend niedergeworfen hat, werden durch das einzige Wort: Land! das der Steuer⸗ mann vom Verdeck erſpaͤht, halb geſund, und gewiß wuͤrde der ſehr irren, der hier den friſchen Lebensmitteln alle Wirkung zuſchreiben wollte. Der Anblick einer geliebten Perſon, nach der er lange geſchmachtet hat, haͤlt die fliehende Seele des Ago⸗ nizanten noch auf, er wird kraͤftiger und augenblicklich beſſer. Wahr iſt es, daß die Freude das Nervenſyſtem in lebhaftere Wirkſamkeit ſetzen kann, als alle Herzſtaͤrkungen, die man aus Apotheken holen muß, und ſelbſt inveterirte Stockungen in den labyrinthiſchen Gaͤngen der Eingeweide, die weder die Rubia durchdringt, noch ſelbſt der Mercur durchreißt, durch ſie zertheilt worden ſind. Wer begreift nun nicht, daß diejenige Verfaſſung der Seele, die aus jeder Begebenheit Vergnuͤgen zu ſchoͤpfen und jeden Schmerz in die Vollkommenheit des Univerſums aufzuloͤſen weiß, auch den Verrichtungen der Maſchine am zu⸗ raͤglichſten ſeyn muß? Und dieſe Verfaſſung iſt die Tugend. §. 14. Geiſtiger Schmerz untergräbt das Wohl der Maſchine. Auf eben dieſe Weiſe erfolget das Gegentheil beim unan⸗ genehmen Affect; die Ideen, die ſich beim Zornigen oder Er⸗ ſchrockenen ſo intenſiv ſtark herausheben, koͤnnte man mit eben dem Recht, als Plato die Leidenſchaften Fieber der Seele nannte, als Convulſionen des Denkorgans betrachten. Dieſe Con⸗ vulſionen pflanzen ſich ſchnell durch den ganzen Umriß des Ner⸗ vengebaͤudes fort, bringen die Kraͤfte des Lebens in jene Miß⸗ ſtimmung, die ſeinen Flor zernichtet und alle Actionen der Ma⸗ 28 ſchine aus dem Gleichgewicht bringt. Das Herz ſchlaͤgt un⸗ gleich und ungeſtuͤm; das Blut wird in die Lungen gepreßt, wenn in den Extremitaͤten kaum ſo viel uͤbrig bleibt, den ver⸗ lornen Puls zu erhalten. Alle Proceſſe der thieriſchen Chemie durchkreuzen einander. Die Scheidungen uͤberſtuͤrzen ſich, die gutartigen Saͤfte verirren und wirken feindlich in fremden Ge⸗ bieten, wenn zu gleicher Zeit die boͤsartigen, die im Unrath dahingeſchwemmt werden ſollten, in den Kern der Maſchine zuruͤckfallen. Mit Einem Wort: der Zuſtand des groͤßten Seelenſchmerzens iſt zugleich der Zuſtand der groͤßten koͤrper⸗ lichen Krankheit. Die Seele wird durch tauſend dunkle Senſationen vom drohen⸗ den Ruin ihrer Werkzeuge unterrichtet, und von einer ganzen Schmerzempfindung uͤbergoſſen, die ſich an die urſpruͤngliche geiſtige anheftet und ſolcher einen deſto ſchaͤrfern Stachel gibt. §. 15. Beiſpiele. Tiefe chroniſche Seelenſchmerzen, beſonders wenn ſie von einer Anſtrengung des Denkens begleitet ſind, worunter ich vorzuͤglich denjenigen ſchleichenden Zorn, den man Indigna⸗ tion heißt, rechne, nagen gleichſam an den Grundfeſten des Korpers und trocknen die Saͤfte des Lebens aus. Dieſe Leute ſehen abgezehrt und bleich, und der innere Gram verraͤth ſich aus den hohlen, tiefliegenden Augen.„Ich muß Leute um mich haben, die fett ſind,“ ſagt Caͤſar,„Leute mit runden Backen, und die des Nachts ſchlafen. Der Caſſius dort hat ein hageres, hungriges Geſicht; er denkt zu viel; dergleichen Leute ſind ge⸗ faͤhrlich.“ Furcht, Unruhe, Gewiſſensangſt, Verzweiflung wirken nicht viel weniger als die hitzigſten Fieber. Dem in Angſt ge⸗ 29 jagten Richard fehlt die Munterkeit, die er ſonſt hat, und er waͤhnt ſie mit einem Glas Wein wieder zu gewinnen. Es iſt nicht Seelenleiden allein, das ihm ſeine Munterkeit verſcheucht, es iſt eine ihm aus dem Kern der Maſchine aufgedrungene Empfindung von Unbehaglichkeit, es iſt eben diejenige Empfin⸗ dung, welche die boͤsartigen Fieber verkuͤndigt. Der von Fre⸗ veln ſchwer gedruͤckte Moor, der ſonſt ſpitzfindig genug war, die Empfindungen der Menſchlichkeit durch Skeletiſirung der Begriffe in Nichts aufzuloͤſen, ſpringt eben jetzt bleich, athem⸗ los, den kalten Schweiß auf ſeiner Stirne, aus einem ſchreck⸗ lichen Traum auf. Alle die Bilder zukuͤnftiger Strafgerichte, die er vielleicht in den Jahren der Kindheit eingeſaugt und als Mann obſopirt hatte, haben den umnebelten Verſtand unter dem Traum uͤberrumpelt. Die Senſationen ſind allzu verworren, als daß der langſamere Gang der Vernunft ſie einholen und noch einmal zerfaſern koͤnnte. Noch kaͤmpfet ſie mit der Phantaſie, der Geiſt mit den Schrecken des Me⸗ chanismus.—*) Moor. Nein, ich zittere nicht. War's doch ledig ein Traum — Die Todten ſtehen noch nicht auf— Wer ſagt, daß ich zittere und bleich bin? Es iſt mir ja ſo leicht, ſo wohl. Bed. Ihr ſeyd todesbleich, Eure Stimme iſt bang und lallend. Moor. Ich habe das Fieber. Ich will morgen zur Ader laſſen. Sage du nur, wenn der Prieſter kommt, ich habe das Fieber. Bed. O, Ihr ſeyd ernſtlich krank. 3 Moor. Ja freilich, freilich, das iſt Alles; und Krankheit ver⸗ ſtoͤret das Gehirn und bruͤtet tolle wunderliche Traͤume— Traͤume bedeuten nichts— Pfui, pfui der weiblichen Feigheit!— Traͤume kommen aus dem Bauch, und Traͤume bedeuten nichts— Ich hatte ſo eben einen luſtigen Traum— (Er ſinkt ohnmaͤchtig nieder.) *) Liſe of Moor. Tragedy by Krake. Act. V. Sc. 1, 30 Hier bringt das ploͤtzlich auffahrende Integralbild des Traums das ganze Syſtem der dunkeln Ideen in Bewegung und ruͤttelt gleichſam den ganzen Grund des Denkorgans auf. Aus der Summe aller entſpringt eine ganze aͤußerſt zuſammengeſetzte Schmerzempfindung, die die Seele in ihren Tiefen erſchuͤttert und den ganzen Bau der Nerven per Consensum laͤhmt. Die Schauer, die denjenigen ergreifen, der auf eine laſter⸗ hafte That ausgeht, oder eben eine ausgefuͤhrt hat, ſind nichts Anderes, als eben der Horror, der den Febricitanten ſchuͤttelt, und welcher auch auf eingenommene widerwaͤrtige Arzneien empfunden wird. Die naͤchtlichen Jactationen derer, die von Gewiſſensbiſſen gequaͤlt werden, und die immer mit einem febrili⸗ ſchen Aderſchlag begleitet ſind, ſind wahrhaftige Fieber, die der Conſens der Maſchine mit der Seele veranlaßt, und wenn Lady Macbeth im Schlaf geht, ſo iſt ſie eine phrenitiſche De⸗ lirantin. Ja ſchon der nachgemachte Affect macht den Schau⸗ ſpieler augenblicklich krank, und wenn Garrick ſeinen Lear oder Othello geſpielt hatte, ſo brachte er einige Stunden in gichte⸗ riſchen Zuckungen auf dem Bette zu. Auch die Illuſion des Zuſchauers, die Sympathie mit kuͤnſtlichen Leidenſchaften, hat Schauer, Gichter und Ohnmachten gewirkt. Iſt alſo nicht derjenige, der mit der boͤſen Laune geplagt iſt, und aus allen Situationen des Lebens Gift und Galle zieht; iſt nicht der Laſterhafte, der in einem ſteten chroniſchen Zorn dem Haß lebt, der Neidiſche, den jede Vollkommenheit ſeines Mitmenſchen martert, ſind nicht alle dieſe die groͤßten Feinde ihrer Geſundheit? Sollte das Laſter noch nicht genug Abſchreckendes haben, wenn es mit der Gluͤckſeligkeit auch die Geſundheit zernichtet? 31 §. 16. Ausnahmen. Aber auch der angenehme Affect hat getoͤdtet, auch der un⸗ angenehme hat Wundercuren gethan?— Beides lehrt die Erfahrung, ſollte das die Graͤnzen des aufgeſtellten Geſetzes verruͤcken? Die Freude toͤdtet, wenn ſie zur Ekſtaſi hinaufſteigt, die Natur ertraͤgt den Schwung nicht, in den in einem Moment das ganze Nervengebaͤnde geraͤth, die Bewegung des Gehirns iſt nicht Harmonie mehr, ſie iſt Convulſion; ein hoͤchſter augen⸗ blicklicher Vigor, der aber auch gleich in den Ruin der Ma⸗ ſchine uͤbergeht, weil er uͤber die Graͤnzlinie der Geſundheit ge⸗ wichen iſt(denn ſchon in die Idee der Geſundheit iſt die Idee einer gewiſſen Temperatur der natuͤrlichen Bewegungen weſent⸗ lich eingeflochten); auch die Freude der endlichen Weſen hat ihre Schranken, ſo wie der Schmerz, dieſe darf ſie nicht uͤber⸗ ſchreiten, oder ſie muß untergehen. Was den zweiten Fall betrifft, ſo hat man viele Beiſpiele, daß ein maͤßiger Grad des Zorns, der Gewalt hat, frei auszu⸗ brauſen, die langwierigſten Verſtopfungen durchriſſen, daß der Schrecken, z. E. über eine Feuersbrunſt, alte Gliederſchmerzen und unheilbare Laͤhmungen ploͤtzlich gehoben hat.— Aber auch die Dyſenterie hat Verſtopfungen der Pfortader geſchmolzen, auch die Kraͤtze hat Melancholien und Tobſuchten geheilt— iſt die Kraͤtze darum weniger Krankheit, oder die Ruhr darum Geſundheit? 3²2 §. 17. Trägheit der Seele macht die Bewegungen der Ma⸗ ſchine träger. Da die Wirkſamkeit des Geiſtes waͤhrend den Geſchaͤften des Tages nach dem Zeugniß des Herrn von Haller den abend⸗ lichen Puls zu beſchleunigen vermag, wird ihre Traͤgheit ihn nicht ſchwaͤchen, wird ihre Nichtthaͤtigkeit ihn vielleicht nicht gar aufheben muͤſſen? Denn obſchon die Bewegung des Bluts nicht ſo ſehr von der Seele abhaͤngig zu ſeyn ſcheint, ſo laͤßt ſich doch nicht ohne allen Grund ſchließen, daß das Herz, welches doch immerhin den groͤßten Theil ſeiner Kraft vom Gehirn ent⸗ lehnt, nothwendig, wenn die Seele die Bewegung des Gehirns nicht mehr unterhaͤlt, einen großen Kraftverluſt erleiden muͤſſe?— Das Phlegma fuͤhrt einen traͤgen lang⸗ ſamen Puls, das Blut iſt waͤſſericht und ſchleimicht, der Kreis⸗ lauf durch den Unterleib leidet Noth. Die Stupiden, die uns Muzell*) beſchrieben hat, athmeten langſam und ſchwer, hat⸗ ten weder Trieb zum Eſſen und Trinken, noch zu den natuͤr⸗ lichen Excretionen, der Aderſchlag war ſelten, alle Verrichtun⸗ gen des Koͤrpers waren ſchlaͤfrig und matt. Die Erſtarrung der Seele unter dem Schrecken, dem Erſtaunen u. ſ. w. wird zuweilen von einer allgemeinen Aufhebung aller phyſiſchen Thaͤ⸗ tigkeit begleitet. War die Seele die Urſache dieſes Zuſtandes, oder war es der Koͤrper, der die Seele in dieſe Erſtarrung ver⸗ ſetzte? Aber dieſe Materie fuͤhrt uns auf Spitzfindigkeiten, und muß ja auch gerade hier nicht entwickelt werden. .*) Muzells mediciniſche und chirurgiſche Wahrnehmungen. 33 §. 18. Zweites Geſetz. Nun iſt das, was von Uebertragung der geiſtigen Empfin⸗ dungen auf thieriſche geſagt worden, auch vom umgekehrten Fall, von Uebertragung der thieriſchen auf die geiſtige guͤltig. Krankheiten des Koͤrpers, mehrentheils die natuͤrlichen Folgen der Unmaͤßigkeit, ſtrafen an ſich ſchon durch ſinnlichen Schmerz, aber auch hier mußte die Seele in ihrem Grundweſen angegrif⸗ fen werden, daß der gedoppelte Schmerz ihr die Einſchraͤnkung der Begierden deſto dringender einſchaͤrfe. Eben ſo mußte zu dem ſinnlichen Wohlgefuͤhl der koͤrperlichen Geſundheit auch die feinere Empfindung einer geiſtigen Realverbeſſerung treten, daß der Menſch um ſo mehr geſpornet werde, ſeinen Koͤrper im gu⸗ ten Zuſtand zu erhalten. So iſt es alſo ein zweites Geſetz der gemiſchten Naturen, daß mit der freien Thaͤtigkeit der Organe auch ein freier Fluß der Empfindungen und Ideen, daß mit der Zerruͤttung derſelben auch eine Zerruͤttung des Denkens und Empfindens ſollte verbunden ſeyn. Alſo kuͤrzer: daß die allge⸗ meine Empfindung thieriſcher Harmonie die Quelle geiſtiger Luſt, und die thieriſche Unluſt die Quelle geiſtiger Unluſt ſeyn ſollte. Man kann in dieſen verſchiedenen Ruͤckſichten Seele und Koͤrper nicht gar unrecht zweien gleichgeſtimmten Saiteninſtru⸗ menten vergleichen, die neben einander geſtellt ſind. Wenn man eine Saite auf dem einen ruͤhret und einen gewiſſen Ton angibt, ſo wird auf dem andern eben dieſe Saite freiwillig anſchlagen und eben dieſen Ton, nur etwas ſchwaͤcher, an⸗ geben. So weckt, vergleichungsweiſe zu reden, die froͤhliche Saite des Koͤrpers die froͤhliche in der Seele, ſo der trau⸗ Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 3 34 rige Ton des erſten den traurigen in der zweiten. Dieß iſt die wunderbare und merkwuͤrdige Sympathie, die die hetero⸗ genen Principien des Menſchen gleichſam zu einem Weſen macht, der Menſch iſt nicht Seele und Koͤrper, der Menſch iſt die innigſte Vermiſchung dieſer beiden Subſtanzen. §. 19. Die Stimmungen des Geiſtes folgen den Stimmungen des Körpers. Daher die Schwere, die Gedankenloſigkeit, das muͤr⸗ riſche Weſen, auf Ueberladungen des Magens, auf Exceſſe in allen ſinnlichen Luͤſten; daher die wunderthaͤtigen Wirkun⸗ gen des Weins bei denen, die ihn mit Maͤßigkeit trinken. „Wenn ihr Wein getrunken habt,“ ſagt Bruder Martin,„ſo ſeyd ihr alles doppelt, noch einmal ſo leicht denkend, noch ein⸗ mal ſo leicht unternehmend, noch einmal ſo ſchnell ausfuͤhrend.“ Daher die gute Laune, die Behaglichkeit bei heiterem und ge⸗ ſundem Wetter, die zwar einestheils auch in der Aſſociation der Begriffe, mehrentheils aber in dem dadurch erleichterten Gang der natuͤrlichen Actionen ihren Grund hat. Dieſe Leute pflegen ſich gemeiniglich des Ausdrucks zu bedienen: ich ſpuͤre, daß mir wohl iſt, und zu dieſer Zeit ſind ſie auch zu allen Ar⸗ beiten des Geiſtes mehr aufgelegt und haben ein offeneres Herz fuͤr die Empfindungen der Menſchlichkeit und die Ausuͤbung moraliſcher Pflichten. Eben dieſes gilt von dem National⸗ charakter der Voͤlker. Die Bewohner duͤſterer Gegenden trau⸗ ren mit der ſie umgebenden Natur; der Menſch verwildert in wilden ſtuͤrmiſchen Zonen, lacht in freundlichen Luͤften, und fuͤhlt Sympathie in gereinigten Atmoſphaͤren. Nur unter dem feinen griechiſchen Himmel gab es einen Homer, einen Plato und Phidias; dort nur ſtanden Muſen und Grazien auf, wenn das neblichte Lappland kaum Menſchen, ewig niemals ein Genie gebiert. Als unſer Deutſchland noch waldicht, rauh und ſumpficht war, war der Deutſche ein Jaͤger, roh wie das Wild, deſſen Fell er um ſeine Schultern ſchlug. Sobald die Arbeitſamkeit die Geſtalt ſeines Vaterlandes umaͤnderte, fing die Epoche ſeiner Sittlichkeit an. Ich will nicht behaupten, daß das Klima die einzige Quelle des Charakters ſey, aber gewiß muß, um ein Volk aufzuklaͤren, eine Hauptruͤckſicht dahin genommen werden, ſeinen Himmel zu verfeinern. Zerruͤttungen im Koͤrper koͤnnen auch das ganze Syſtem der moraliſchen Empfindungen in Unordnung bringen und den ſchlimmſten Leidenſchaften den Weg bahnen. Ein durch Wol⸗ luͤſte ruinirter Menſch wird leichter zu Ertremis gebracht wer⸗ den koͤnnen, als der, der ſeinen Koͤrper geſund erhaͤlt. Dieß eben iſt ein abſcheulicher Kunſtgriff derer, die die Jugend ver⸗ derben, und jener Banditenwerber muß den Menſchen genau gekannt haben, wenn er ſagt:„Man muß Leib und Seele ver⸗ derben.“ Catilina war ein Wolluͤſtling, eh er ein Mordbrenner wurde; und Doria hatte ſich gewaltig geirret, wenn er den wolluͤſtigen Fiesco nicht fürchten zu duͤrfen glaubte. Ueber⸗ haupt beobachtet man, daß die Boͤsartigkeit der Seele gar oft in kranken Koͤrpern wohnt. In den Krankheiten iſt dieſe Sympathie noch auffallender. Alle Krankheiten von Bedeutung, diejenigen vorzuͤglich, die man die bösartigen nennt, und die aus der Oekonomie des Unter⸗ leibs hervorgehen, kuͤndigen ſich mehr oder weniger mit einer ſonderbaren Revolution im Charakter an. Damals, wenn ſie im Stillen noch in den verborgenen Winkeln der Maſchine ſchleichen und die Lebenskraft der Nerven untergraben, faͤngt die Seele an, den Fall ihres Gefaͤhrten in dunkeln Ahndungen —᷑—ÿ—ℳ 36 voraus zu empfinden. Das iſt mit ein großes Ingrediens zu demjenigen Zuſtand, den uns ein großer Arzt unter dem Na⸗ men der Vorſchauer(NHorrores) mit Meiſterzuͤgen geſchildert hat. Daher die Moroſitaͤt dieſer Leute, davon Niemand die Urſache weiß anzugeben, die Aenderung ihrer Neigungen, der Ekel an Allem, was ihnen ſonſt das Liebſte war. Der Sanft⸗ muͤthige wird zaͤnkiſch, der Lacher muͤrriſch, und der ſich vorher im Geraͤuſch der geſchaͤftigen Welt verlor, flieht den Anblick der Menſchen und entweicht in duͤſtere melancholiſche Stille. Unter dieſer heimtuͤckiſchen Ruhe ruͤſtet ſich die Krankheit zum toͤdtlichen Ausbruch. Der allgemeine Tumult der Maſchine, wenn die Krankheit mit offener Wuth hervorbricht, gibt uns den redendſten Beweis von der erſtaunlichen Abhaͤngigkeit der Seele vom Koͤrper an die Hand. Die aus tauſend Schmerz⸗ gefuͤhlen zuſammengeronnene Empfindung des allgemeinen Um⸗ ſturzes der Organe richtet im Syſtem ihrer geiſtigen Empfin⸗ dungen eine fuͤrchterliche Zerruͤttung an. Die ſchrecklichſten Ideen leben wieder auf. Der Boͤſewicht, den nichts geruͤhrt hat, unterliegt der Uebermacht thieriſcher Schrecken. Der ſterbende Wincheſter heult in wuͤthender Verzweiflung. Die Seele ſcheint mit Fleiß nach Allem zu haſchen, was ſie in noch tiefere Verfinſterung ſtuͤrzt und vor allen Troſtgruͤnden mit raſendem Widerwillen zuruͤckzuſchaudern. Der Ton der un⸗ angenehmen Empfindung iſt herrſchend, und wie dieſer tiefe Schmerz der Seele aus den Zerruͤttungen der Maſchine ent⸗ ſprungen iſt, ſo hilft er ruͤckwaͤrts dieſe Zerruͤttungen heftiger und allgemeiner machen. §. 20. Einſchränkung des Vorigen. Aber man hat tagliche Beiſpiele von Kranken, die ſich voll Muth uͤber die Leiden des Koͤrpers erheben, von Sterbenden, 37 die mitten in den Bedraͤngniſſen der kaͤmpfenden Maſchine fra⸗ gen: wo iſt dein Stachel, Tod? Sollte die Weisheit, duͤrfte man einwenden, nicht vermoͤgend ſeyn, wider die blinden Schrecken des Organismus zu waffnen? Sollte, was noch mehr iſt als Weisheit, ſollte die Religion ihre Freunde ſo wenig gegen die Anfechtungen des Staubes beſchuͤtzen koͤnnen? Oder, welches eben ſo viel heißt, kommt es nicht auch auf den vorhergehenden Zuſtand der Seele an, wie ſie die Alterationen. der Lebensbewegungen aufnimmt?. Dieſes nun iſt eine unlaͤugbare Wahrheit. Philoſophie und noch weit mehr ein muthiger und durch die Religion erhobener Sinn ſind faͤhig, den Einfluß der thieriſchen Senſationen, die das Gemuͤth des Kranken beſtuͤrmen, durchaus zu ſchwaͤchen und die Seele gleichſam aus aller Cohaͤrenz mit der Materie zu reißen. Der Gedanke an die Gottheit, die, wie durchs Uni⸗ verſum, ſo auch im Tode webet, die Harmonie des vergangenen Lebens und die Vorgefuͤhle einer ewig gluͤcklichen Zukunft brei⸗ ten ein volles Licht uͤber alle ihre Begriffe, wenn die Seele des Thoren und Unglaͤubigen von allen jenen dunkeln Fuͤhlun⸗ gen des Mechanismus umnachtet wird. Wenn auch unwillkuͤr⸗ liche Schmerzen dem Chriſten und Weiſen ſich aufdraͤngen (denn iſt er weniger Menſch?), ſo wird er ſelbſt das Gefuͤhl ſeiner zerfallenden Maſchine in Wolluſt aufloͤſen.— The Soul, secur'd in her existence, smiles At the drawn dagger, and defies its point, The stars shall fade away, the sun himself Grow dim with age, and nature sink in years, But thou shalt flourish in immortal youth, Unhurt amidst the war of Elements, The wreck of Matter, and the Crush of worlds. Eben dieſe ungewoͤhnliche Heiterkeit der toͤdtlich Kranken hat. mehrmalen auch eine phyſiſche Urfache zum Grunde und iſt 38 aͤußerſt wichtig fuͤr den praktiſchen Arzt. Man findet ſie oft in Geſellſchaft der toͤdtlichſten Zeichen des Hippokrates, und ohne ſie aus irgend einer vorgaͤngigen Kriſis begreifen zu koͤn⸗ nen; dieſe Heiterkeit iſt boͤsartig. Die Nerven, welche waͤhrend der Hoͤhe des Fiebers auf das ſchaͤrfſte waren angeſochten wor⸗ den, haben jetzt ihre Empfindlichkeit verloren, die entzuͤndeten Theile, weiß man wohl, hoͤren auf zu ſchmerzen, ſobald ſie bran⸗ dig werden, aber es waͤre ein ungluͤcklicher Gedanke, ſich Gluͤck zu wuͤnſchen, daß die Entzuͤndungsperiode nunmehr uͤberſtanden ſey. Der Reiz weicht von den todten Nerven zuruͤck, und eine toͤdtliche Indolenz luͤgt baldige Geneſung. Die Seele befindet ſich in der Illuſion einer angenehmen Empfindung, weil ſie einer lang anhaltenden ſchmerzhaften los iſt. Sie iſt ſchmerzenfrei, nicht weil der Ton ihrer Werkzeuge wieder hergeſtellt iſt, ſondern weil ſie den Mißton nicht mehr empfindet. Die Sympathie hoͤrt auf, ſobald der Zuſammenhang wegfaͤllt. §. 21. Weitere Ausſichten in den Zuſammenhang. Wenn ich nun erſt tiefer hineingehen— wenn ich vom Wahn⸗ ſinn ſelbſt, vom Schlummer, vom Stupor, von der fallenden Sucht und der Katalepſis u. ſ. f. ſprechen duͤrfte, wo der freie und vernuͤnftige Geiſt dem Deſpotismus des Unterleibs unter⸗ worfen wird, wenn ich mich uͤberhaupt in das große Feld der Hyſterie und Hypochondrie ausbreiten duͤrfte, wenn es mir er⸗ laubt waͤre, von Temperamenten, Idioſynkraſien und Conſenſus zu reden, welches fuͤr Aerzte und Philoſophen ein Abgrund iſt,— mit einem Wort: wenn ich die Wahrheit des Bisherigen von dem Krankenbett aus beweiſen wollte, welches immerhin eine Hauptſchule des Pſychologen iſt, ſo wuͤrde mein Stoff ſich ins 39 Unendliche dehnen. Genug, daͤucht es mich, iſt es nunmehr be⸗ wieſen, daß die thieriſche Natur mit der geiſtigen ſich durchaus vermiſchet, und daß dieſe Vermiſchung Vollkommenheit iſt. Körperliche Phännmene verrathen die Vewegungen des Geiſts. 2 S. 22. Phyſiognomik der Empfindungen. Eben dieſe innige Correſpondenz der beiden Naturen ſtutzt auch die ganze Lehre der Phyſiognomik. Durch eben dieſen Nervenzuſammenhang, welcher, wie wir hoͤren, bei der Mitthei⸗ lung der Empfindungen zum Grunde liegt, werden die geheimſten Ruͤhrungen der Seele auf der Außenſeite des Koͤrpers geoffen⸗ bart, und die Leidenſchaft dringt ſelbſt durch den Schleier des Heuchlers. Jeder Affect hat ſeine ſpeciſiken Aeußerungen und, ſo zu ſagen, ſeinen eigenthuͤmlichen Dialekt, an dem man ihn kennt. Und zwar iſt dieß ein bewundernswuͤrdiges Geſetz der Weisheit, daß jeder edle und wohlwollende den Koͤrper ver⸗ ſchoͤnert, den der niedertraͤchtige und gehaͤſſige in viehiſche Formen zerreißt. Je mehr ſich der Geiſt vom Ebenbild der Gott⸗ heit entfernet, deſto naͤher ſcheint auch die aͤußere Bildung dem Viehe zu kommen, und immer demjenigen am naͤchſten, das dieſen Haupthang mit ihm gemein hat. So ladet das ſanfte Außenbild des Menſchenfreunds den Huͤlfsbeduͤrftigen ein, wenn der trotzige Blick des Zornigen Jeden zuruͤckſcheucht. Dieß iſt der unentbehrlichſte Leitfaden im geſellſchaftlichen Leben. Es iſt merkwuͤrdig, wie viel Aehnlichkeit die koͤrperlichen Erſcheinungen mit den Affecten haben, Heldenmuth und Unerſchrockenheit ſtroͤmen Leben und Kraft durch Adern und Muskeln, Funken ſpruͤhen aus den Augen, die Bruſt ſteigt, alle Glieder ruͤſten ſich gleichſam zum Streit, der Menſch hat das Anſehen des Roſſes. Schrecken und Furcht erloͤſchen das Feuer der Augen, die Glieder ſinken kraftlos und ſchwer, das Mark ſcheint in den Knochen er⸗ froren zu ſeyn, das Blut faͤllt dem Herzen zur Laſt, allgemeine Ohnmacht laͤhmt die Inſtrumente des Lebens. Ein großer, kuͤhner, erhabener Gedanke zwingt uns, auf die Zehen zu ſtehen, das Haupt empor zu richten, Naſe und Mund weit aufzuſperren. Das Gefuͤhl der Unendlichkeit, die Ausſicht in einen weiten offenen Horizont, das Meer und dergleichen dehnt unſere Arme aus, wir wollen ins Unendliche ausfließen. Mit Bergen wollen wir gen Himmel wachſen, auf Stuͤrmen und Wellen dahin⸗ brauſen; gaͤhe Abgruͤnde ſtürzen uns ſchwindelnd hinunter; der Haß aͤußert ſich im Koͤrper gleichſam durch eine zuruͤckſtoßende Kraft, wenn im Gegentheil ſelbſt unſer Koͤrper durch jeden Haͤndedruck, jede Umarmung in den Koͤrper des Freundes uͤber⸗ gehen will, gleichwie die Seelen harmoniſch ſich miſchen; der Stolz richtet den Koͤrper auf, ſo wie die Seele ſteigt; Kleinmuth ſenket das Haupt, die Glieder hangen; knechtiſche Furcht ſpricht aus dem kriechenden Gang; die Idee des Schmerzens verzerret unſer Geſicht, wenn wolluͤſtige Vorſtellungen eine Grazie uͤber den ganzen Koͤrper verbreiten; ſo hat ferner der Zorn die ſtaͤrk⸗ ſten Bande zerriſſen, und die Noth beinahe die Unmoͤglichkeit uͤberwunden.— Durch was fuͤr eine Mechanik, moͤcht' ich nun fragen, geſchieht es, daß gerade dieſe Bewegungen auf dieſe Em⸗ pfindungen erfolgen, gerade dieſe Organe bei dieſen Affecten intereſſirt werden? Iſt dieß nicht eben ſo viel, als wollt' ich wiſſen, warunm gerade eine ſolche Verletzung der Bandhaut die untere Kinnlade erſtarren mache? Wird der Affect, der dieſe Bewegungen der Maſchine ſym⸗ pathetiſch erweckte, oͤfters erneuert, wird dieſe Empfindungsart 41 der Seele habituell, ſo werden es auch dieſe Bewegungen dem Koͤrper. Wird der zur Fertigkeit gewordene Affect dauern⸗ der Charakter, ſo werden auch die conſenſuellen Zuͤge der Maſchine tiefer eingegraben, ſie bleiben, wenn ich das Wort von dem Pathologen entlehnen darf, deuteropathiſch zu⸗ ruͤck, und werden endlich organiſch. So formirt ſich endlich die feſte perennirende Phyſiognomie des Menſchen, daß es bei⸗ nahe leichter iſt, die Seele nachher noch umzuaͤndern als die Bildung. In dieſem Verſtande alſo kann man ſagen, die Seele bildet den Koͤrper, ohne ein Stahlianer zu ſeyn, und die erſten Jugendjahre beſtimmen vielleicht die Geſichtszuͤge des Men⸗ ſchen durch ſein ganzes Leben, ſo wie ſie uͤberhaupt die Grund⸗ lage ſeines moraliſchen Charakters ſind. Eine unthaͤtige und ſchwache Seele, die niemals in Leidenſchaften uͤberwallt, hat gar keine Phyſiognomie, wenn nicht eben der Mangel derſelben die Phyſiognomie der Simpel iſt. Die Grundzuͤge, die die Natur ihnen anerſchuf und die Nutrition vollendete, dauern unangetaſtet fort. Das Geſicht iſt glatt, denn keine Seele hat darauf geſpielt. Die Augbraunen behalten einen vollkom⸗ menen Bogen, denn kein wilder Affect hat ſie zerriſſen. Die ganze Bildung behaͤlt eine Runde, denn das Fett hat Ruhe in ſeinen Zellen; das Geſicht iſt regelmaͤßig, vielleicht auch ſogar ſchoͤn, aber ich bedaure die Seele. Eine Phyſiognomik organiſcher Theile, z. E. der Figur und Groͤße der Naſe, der Augen, des Mundes, der Ohren u. ſ. w., der Farbe der Haare, der Hoͤhe des Halſes u. ſ. f. iſt vielleicht nicht unmoͤglich, duͤrfte aber wohl ſobald nicht erſcheinen, wenn auch Lavater noch durch zehn Quartbaͤnde ſchwaͤrmen ſollte. Wer die launichten Spiele der Natur, die Bildungen, mit denen ſie ſtiefmuͤtterlich beſtraft und muͤtterlich beſchenkt hat, unterClaſſen bringen wollte, wuͤrde mehr wagen, als Linné, und duͤrfte ſich 42 ſehr in Acht nehmen, daß er uͤber der ungeheuren kurzweili⸗ gen Mannichfaltigkeit der ihm vorkommenden Originale nicht ſelbſt eins werde. (Noch eine Art von Sympathie verdieut bemerkt zu wer⸗ den, indem ſie in der Phyſiologie von großer Erheblichkeit iſt; ich meine die Sympathie gewiſſer Empfindungen mit den Or⸗ ganen, aus denen ſie kamen. Ein gewiſſer Krampf des Ma⸗ gens erregte in uns die Empfindung von Ekel; die Repro⸗ duction dieſer Empfindung bringt ruͤckwaͤrts dieſen Krampf hervor. Wie geſchieht das?) Auch der NMachlaß der thieriſchen Natur iſt eine Guelle von Vollkommenheit. §. 23. Scheint ſie zu hindern. Noch kann man ſagen, wenn auch der thieriſche Theil des Menſchen ihm alle die großen Vortheile gewaͤhrt, von denen bisher geſprochen worden, ſo bleibt er doch immer noch in einer andern Ruͤckſicht verwerflich. Naͤmlich die Seele iſt alſo ſklaviſch an die Thaͤtigkeit ihrer Werkzeuge gefeſſelt, daß die periodiſche Ab⸗ ſpannung dieſer letztern ihr eine thatenloſe Pauſe vorſchreibt und ſie gleichſam periodiſch vernichtet. Ich meine den Schlaf, der, wie man nicht laͤugnen kann, uns wenigſtens den dritten Theil unſers Daſeyns raubt. Ferner iſt unſere Denkkraft von den Ge⸗ ſetzen der Maſchine aͤußerſt abhaͤngig, daß der Nachlaß dieſer letz⸗ tern dem Gang der Gedanken ploͤtzliches Halt auferlegt, wenn wir eben auf dem geraden offenen Pfade zur Wahrheit begriffen ſind. Der Verſtand darf kaum ein wenig auf einer Idee gehaftet haben, ſo verſagt ihm die traͤge Materie; die Saiten des Denkorganes 43 erſchlaffen, wenn ſie kaum ein wenig angeſtrengt worden; der Koͤrper verlaͤßt uns, wo wir ſein am meiſten beduͤrfen. Welch erſtaunliche Schritte, duͤrfte man einwenden, wuͤrde der Menſch in Bearbeitung ſeiner Faͤhigkeiten machen, wenn er in einem Zuſtand ununterbrochener Intenſitaͤt fortdenken koͤnnte? Wie wuͤrde er jede Idee in ihre letzten Elemente zerfaſern, wie wuͤrde er jede Erſcheinung bis zu ihren verhohlenſten Quellen verfolgen, wenn er ſie unaufhoͤrlich vor ſeiner Seele feſt hal⸗ ten koͤnnte?— Aber es iſt nun einmal nicht ſo; warum iſt es nicht ſo? §. 24. Nothwendigkeit des Nachlaſſes. Folgendes wird uns auf die Spur der Wahrheit leiten. 1. Die angenehme Empfindung war nothwendig, den Men⸗ ſchen zur Vollkommenheit zu fuͤhren, und er iſt ja nur darum vollkommen, daß er angenehm empfinde. 2. Die Natur eines endlichen Weſens macht die unangenehme Empfindung unvermeidlich. Das Uebel exulirt nicht aus der beſten Welt, und die Weltweiſen wollen ja darin Vollkommenheit finden. 3. Die Natur eines gemiſchten Weſens bringt ſie noth⸗ wendig mit ſich, weil ſie groͤßtentheils darauf ruhet. Alſo: Schmerz und Luſt ſind nothwendig. Schwerer ſcheint es, aber es iſt dennoch nicht wahr. 2 4. Jeder Schmerz waͤchst ſeiner Natur nach, ſo wie jede Luſt ins Unendliche. 5. Jeder Schmerz und jede Luſt eines gemiſchten Weſens zielt auf ſeine Aufloͤſung. 44 §. 25. Erklärung. Naͤmlich das will ſo viel ſagen: Es iſt ein bekanntes Geſetz der Ideenverbindung, daß eine jede Empfindung, welcher Art ſie auch immer ſey, alſogleich eine andere ihrer Art ergreife und ſich durch dieſen Zuwachs vergroͤßere. Je groͤßer und viel⸗ faͤltiger ſie wird, deſto mehr gleichartige weckt ſie nach allen Directionen des Denkorgans auf, bis ſie nach und nach allgemein herrſchend wird und die ganze Flaͤche der Seele einnimmt. So waͤchst demnach jede Empfindung durch ſich ſelbſt; jeder gegen⸗ waͤrtige Zuſtand des Empfindungsvermoͤgens enthaͤlt den Grund eines nachfolgenden aͤhnlichen heftigern. Dieß iſt an ſich klar. Nun iſt, wie wir wiſſen, jede geiſtige Empfindung mit einer aͤhnlichen thieriſchen vergeſellſchaftet, d. i. mit andern Worten: jede iſt mit mehr oder wenigern Nervenbewegungen verknuͤpft, die ſich nach dem Grad ihrer Staͤrke und Ausbreitung richten. Alſo: ſo wie die geiſtigen Empfindungen wachſen, muͤſſen auch die Bewegungen im Nervenſyſtem zunehmen. Dieß iſt nicht minder deutlich. Aber nun lehrt uns die Pathologie, daß keine Nerve jemals allein leide, und ſagen: hie iſt Uebermaß von Kraft, eben ſo viel heiße als: dort iſt Mangel der Kraft. Alſo waͤchst zugleich noch jede Nervenbewegung durch ſich ſelbſt. Ferner iſt oben geſagt worden, daß die Bewegungen des Nerven⸗ ſoſtems auf die Seele zuruͤckwirken und die geiſtigen Empfin⸗ dungen verſtaͤrken; die verſtaͤrkten Empfindungen des Geiſtes vermehren und verſtaͤrken wiederum die Bewegungen der Ner⸗ ven. Alſo iſt hier ein Cirkel, und die Empfindung muß ſtets wach⸗ ſen, und die Nervenbewegungen muͤſſen in jedem Moment allge⸗ meiner und heftiger werden. Nun wiſſen wir, daß die Bewegun⸗ gen der Maſchine, welche die Empfindung des Schmerzens ver⸗ 45 urſachen, dem harmoniſchen Ton zuwiderlaufen, durch den ſie er⸗ halten wird, das heißt, daß ſie Krankheit ſind. Aber Krankheit kann nicht ins Unendliche wachſen, alſo endigen ſie ſich mit der totalen Deſtruction der Maſchine. In Abſicht auf den Schmerz iſt es alſo erwieſen, daß er auf den Tod des Subjects abzielt. Aber die Bewegungen der Nerven unter dem Zuſtand des angenehmen Affects ſind ja ſo harmoniſch, der Fortdauer der Maſchine ſo guͤnſtig; der Zuſtand der größten Seelenluſt iſt ja der Zuſtand des groͤßten koͤrperlichen Wohls;— ſollte nicht vielmehr umgekehrt der angenehme Affect den Flor des Koͤrpers ins Unendliche verlaͤngern?— dieſer Schluß iſt ſehr uͤbereilt. In einem gewiſſen Grade der Moderation ſind dieſe Nerven⸗ bewegungen heilſam und wirklich Geſundheit. Wachſen ſie uͤber dieſen Grad hinaus, ſo koͤnnen ſie wohl hoͤchſte Activitaͤt, hoͤchſte augenblickliche Vollkommenheit ſeyn, aber dann ſind ſie Exceß der Geſundheit, dann ſind ſie nicht mehr Geſundheit. Nur diejenige gute Beſchaffenheit der natuͤrlichen Actionen heißen wir Geſundheit, in denen der Grund zukünftiger aͤhnlicher liegt, d. h. die die Vollkommenheit der darauf folgenden Actionen befeſtigen; alſo gehoͤrt die Beſtimmung des Fort⸗ dauernden neſentlich mit in den Begriff der Geſundheit. So hat z. E. der Koͤrper des entkraͤftetſten Wolluͤſtlings im Momente der Ausſchweifung ſeine hoͤchſte Harmonie erreicht; aber ſie iſt nur augenblicklich und ein deſto tieferer Nachlaß lehrt zur Genuͤge, daß Ueberſpannung nicht Geſundheit war. So kann man denn mit Recht behaupten, daß der uͤbertriebene Vigor der phyſiſchen Actionen den Tod ſo ſehr beſchleunigt als die hoͤchſte Disharmonie oder die heftigſte Krankheit. Und alſo reißen uns beide, Schmerz und Vergnuͤgen, einem unver⸗ meidlichen Tod entgegen, wenn nicht etwas vorhanden iſt, das ihr Wachsthum beſchraͤnket, 46 §. 26. Vortrefflichkeit dieſes Nachlaſſes. und eben dieſes leiſtet nun der Nachlaß der thieriſchen Natur. Eben dieſe Einſchraͤnkung unſerer zerbrechlichen Ma⸗ ſchine, die unſern Gegnern einen ſo ſtarken Einwurf wider ihre Vollkommenheit ſchien geliehen zu haben, mußte es auch ſeyn, die alle die uͤbeln Folgen verbeſſerte, die der Mechanismus anderwaͤrts unvermeidlich macht. Eben dieſes Hinſinken, die⸗ ſes Erſchlaffen der Organe, woruͤber die Denker ſo klagen, ver⸗ hindert, daß uns unſere eigene Kraft nicht in kurzer Zeit auf⸗ reibt, und laͤßt es nicht zu, daß unſere Affecte in immer ſtei⸗ genden Graden zu unſerm Verderben fortwachſen. Sie zeichnet jedem Affect die Perioden ſeines Wachsthums, ſeiner Hoͤhe und ſeiner Deferveſcenz, wenn er nicht gar in einer totalen Relaration des Koͤrpers erſtirbt, die den empoͤrten Geiſtern Zeit laͤßt, wiederum ihren harmoniſchen Ton zu nehmen, und den Organen, ſich wiederum zu erholen. Daher die hoͤchſten Grade des Entzuͤckens, des Schreckens und des Zorns eben die⸗ ſelben ſind, naͤmlich Ermattung, Schwaͤche oder Ohnmacht.— „Jetzo mußt' er entweder ohnmaͤchtig niederſinken“— Noch mehr gewaͤhrt der Schlaf, der, wie unſer Shakſpeare ſagt, „den verworrenen Knaͤuel der Sorgen auseinander loͤst, das „Bad der wunden Arbeit, die Geburt von jedes Tages Leben, „der zweite Gang der großen Natur iſt.“ Unter dem Schlaf ordnen ſich die Lebensgeiſter wiederum in jenes heilſame Gleich⸗ gewicht, das die Fortdauer unſers Daſeyns ſo ſehr verlangt; alle jene krampfichten Ideen und Empfindungen, alle jene uͤber⸗ ſpannten Thaͤtigkeiten, die uns den Tag durch gepeinigt haben, werden jetzo in der allgemeinen Erſchlaffung des Senſoriums aufgeloͤst, die Harmonie der Seelenwirkungen wird wiederum 47 hergeſtellt und ruhiger gruͤßt der neuerwachte Menſch den kommenden Morgen. Auch in Hinſicht auf die Einrichtung des Ganzen koͤnnen wir den Werth und die Wichtigkeit dieſes Nachlaſſes nicht genug bewundern. Eben dieſe Einrichtung brachte es noth⸗ wendig mit ſich, daß Manche, die nicht minder gluͤcklich ſeyn ſollten, der allgemeinen Ordnung aufgeopfert wurden und das Loos der Unterdruͤckung davon trugen. Eben ſo mußten wie⸗ derum Viele, die wir vielleicht mit Unrecht zu beneiden pflegen, ihre Geiſtes⸗ und Leibeskraft in raſtloſer Anſtrengung foltern, damit die Ruhe des Ganzen erhalten werde. So ferner die Kranken, ſo das unvernuͤnftige Vieh. Der Schlaf verſiegelt gleichſam das Auge des Kummers, gießt Lebenskraft in die Adern des Kranken und Ruhe in ſeine zerriſſene Seele; er nimmt dem Fuͤrſten und Staatsmann die ſchwere Buͤrde der Regierung ab; auch der Tagloͤhner hoͤrt die Stimme des Draͤngers nicht mehr, und das mißhandelte Vieh entflieht den Tyranneien der Menſchen. Alle Sorgen und Laſten der Ge⸗ ſchoͤpfe begraͤbt der Schlaf, ſetzt Alles ins Gleichgewicht, ruͤſtet Jeden mit neugebornen Kraͤften aus, die Freuden und Leiden des folgenden Tages zu ertragen. G. 27. Trennung des Zuſammenhangs. Endlich dann, auf den Zeitpunkt, wo der Geiſt den Zweck ſeines Daſeyns in dieſem Kreiſe erfuͤllt hat, hat zugleich eine inwendige unbegreifliche Mechanik auch ſeinen Koͤrper unfaͤhig gemacht, weiter ſein Werkzeug zu ſeyn. Alle Anordnungen zur Aufrechthaltung des koͤrperlichen Flors ſcheinen nur bis auf dieſe Epoche zu reichen; die Weisheit, kommt es mir vor, hat bei Gruͤndung unſrer phyſiſchen Natur eine ſolche Spar⸗ ſamkeit beobachtet, daß, ungeachtet der ſteten Compenſationen, doch die Conſumtion immer das Uebergewicht behalte, daß die Freiheit den Mechanismus mißbrauche, und der Tod aus dem Leben, wie aus ſeinem Keime, ſich entwickle. Die Materie zerfaͤllt in ihre letzten Elemente wieder, die nun in andern Formen und Verhaͤltniſſen durch die Reiche der Natur wandern, andern Abſichten zu dienen. Die Seele faͤhret fort, in andern Kreiſen ihre Denkkraft zu uͤben und das Univerſum von andern Seiten zu beſchauen. Man kann freilich ſagen, daß ſie dieſe Sphaͤre im geringſten noch nicht erſchoͤpft hat, daß ſie ſolche vollkommener haͤtte ver⸗ laſſen koͤnnen; aber weiß man denn, daß dieſe Sphaͤre fuͤr ſie verloren iſt? Wir legen jetzo manches Buch weg, das wir nicht verſtehen, aber vielleicht verſtehen wir es in einigen Jahren beſſer. Ueber das gegenwärtige deutſche Theater. (Aus dem wuüͤrtembergiſchen Repertorium der Literatur 1782.) Der Geiſt des gegenwaͤrtigen Jahrzehnts in Deutſchland zeichnet ſich auch vorzuͤglich dadurch von den vorigen aus, daß er dem Drama beinah in allen Provinzen des Vaterlandes einen lebhaftern Schwung gab; und es iſt merkwuͤrdig, daß man noch nie ſo oft Seelengroͤße zu beklatſchen und Schwachheiten aus⸗ zupfeifen gefunden hat, als eben in dieſer Epoche.— Schade, daß dieß nur auf der Buͤhne iſt. Die Aegyptier beſtellten fuͤr jedes Glied einen eigenen Arzt, und der Kranke ging unter dem Gewicht ſeiner Aerzte zu Grunde.— Wir halten jeder Leiden⸗ ſchaft ihren eigenen Henker, und haben taͤglich irgend ein un⸗ gluͤckliches Opfer derſelben zu beweinen. Jede Tugend findet bei uns ihren Lobredner, und wir ſcheinen ſie uͤber ihrer Be⸗ wunderung zu vergeſſen. Mich daͤucht, es verhalte ſich damit, wie mit den unterirdiſchen Schaͤtzen in den Geſpenſtermaͤhrchen: Beſchreiet den Geiſt nicht, iſt die ewige Bedingung des Beſchwoͤrers.— Mit Stillſchweigen erhebt man das Gold— ein Laut uͤber die Zunge, und hinunter ſinkt zehntauſend Klafter die Kiſte. Allerdings ſollte man denken, ein offener Spiegel des menſch⸗ lichen Lebens, auf welchem ſich die geheimſten Winkelzuͤge des Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 4 50 Herzens illuminirt und fresco zuruͤckwerfen, wo alle Evolutio⸗ nen von Tugend und Laſter, alle die verworrenſten Intriguen des Gluͤcks, die merkwuͤrdige Oekonomie der oberſten Fuͤrſicht, die ſich im wirklichen Leben oft in langen Ketten unabſehbar verliert, wo, ſage ich, dieſes Alles in kleinern Flaͤchen und For⸗ men aufgefaßt, auch dem ſtumpfeſten Auge uͤberſehbar zu Ge⸗ ſichte liegt;— ein Tempel, wo der wahre natuͤrliche Apoll, wie einſt zu Dodona und Delphos, goldne Orakel muͤndlich zum Herzen redet— eine ſolche Anſtalt, moͤchte man erwarten, ſollte die reinern Begriffe von Gluͤckſeligkeit und Elend um ſo nach⸗ druͤcklicher in die Seele praͤgen, als die ſinnliche Anſchauung le⸗ bendiger iſt, denn nur Tradition und Sentenzen. Sollte, ſage ich— und was ſollten die Waaren nicht, wenn man den Verkaͤufer hoͤrt? Was ſollten jene Tropfen und Pulver nicht, wenn nur der Magen des Patienten ſie verdaute, wenn nur ſeinem Gaum nicht davor ekelte?— So viele Don Quixo⸗ tes ſehen ihren eigenen Narrenkopf aus dem Savoyardenkaſten der Komoͤdie gucken, ſo viele Tartuffes ihre Masken, ſo viele Fallſtaffe ihre Hoͤrner; und doch deutet einer dem andern ein Eſelsohr und beklatſcht den witzigen Dichter, der ſeinem Nach⸗ bar eine ſolche Schlappe anzuhaͤngen gewußt hat. Gemaͤlde voll Ruͤhrung, die einen ganzen Schauplatz in Thraͤnen aufloͤſen — Gruppen des Entſetzens, unter deren Anblick die zarten Spinneweben eines hyſteriſchen Nervenſyſtems reißen;— Situa⸗ tionen voll ſchwankender Erwartung, die den leiſern Odem feſ⸗ ſelt und das beklommene Herz in ungewiſſen Schlaͤgen wiegt— alles dieſes, was wirkt es denn mehr, als ein buntes Farben⸗ ſpiel auf der Flaͤche, gleich dem lieblichen Zittern des Sonnen⸗ lichts auf der Welle.— Der ganze Himmel ſcheint in der Fluth zu liegen,— ihr ſtuͤrzt euch wonnetrunken hinein und— tappt in kalt Waſſer. Wenn der teufliſche Macbeth, die kalten Schweißtropfen auf der Stirne, bebenden Fußes, mit hin⸗ ſchauerndem Auge aus der Schlafkammer wanket, wo er die That gethan hat,— welchem Zuſchauer laufen nicht eiskalte Schauer durch die Gebeine?— Und doch welcher Macbeth unter dem Volke laͤßt ſeinen Dolch aus dem Kleide fallen, eh' er die That thut? oder ſeine Larve, wenn ſie gethan iſt?— Es iſt ja eben Koͤnig Dunkan nicht, den er zu verderben eilet. Wer⸗ den darum weniger Maͤdchen verfuͤhrt, weil Sara Samſon ihren Fehltritt mit Gift buͤßet? Eifert ein einziger Ehemann weniger, weil der Mohr von Venedig ſich ſo tragiſch uͤbereilte? Tyranniſirt etwa die Convenienz die Natur darum weniger, weil jene unnatuͤrliche Mutter, nach der That reuig, vor euren Ohren das raſende Gelaͤchter trillert?— Gluͤcklich genug, wenn eure Emilia, wenn ſie ſo verfuͤhreriſch jammert, ſo nachlaͤſſig ſchoͤn dahin ſinkt, ſo voll Delicateſſe und Grazie ausroͤchelt, nicht noch mit ſterbenden Reizen die wolluͤſtige Lunte entzuͤndet, und eurer tragiſchen Kunſt aus dem Stegreif hinter den Couliſſen ein demuͤthigendes Opfer gebracht wird. Beinahe moͤchte man den Marionetten wieder das Wort reden, und die Machiniſten ermuntern, die Garrickiſchen Kuͤnſte in ihre hoͤlzernen Helden zu verpflanzen, ſo wuͤrde doch die Aufmerkſamkeit des Publicums, die ſich gewoͤhnlichermaßen in den Inhalt, den Dichter und Spieler drittheilt, von dem letztern zuruͤcktreten und ſich mehr auf dem erſten verſammeln. Eine abgefeimte italieniſche Iphi⸗ genia, die uns vielleicht durch ein gluͤckliches Spiel nach Aulis gezaubert hatte, weiß mit einem ſchelmiſchen Blick durch die Maske ihr eigenes Zauberwerk wohlbedacht wieder zu zerſtoͤren, Iphigenia und Aulis ſind weggehaucht, die Sympathie ſtirbt in der Bewunderung ihrer Erweckerin. Wir ſollten ja die Nei⸗ gungen des ſchoͤnen Geſchlechts aus ſeiner Meiſterin kennen? Die hohe Eliſabeth haͤtte eher eine Verletzung ihrer Majeſtaͤt 5² als einen Zweifel gegen ihre Schoͤnheit vergeben.— Sollte eine Actrice philoſophiſcher denken? Sollte dieſe— wenn der Fall der Aufopferung kaͤme— mehr auf ihren Ruhm außerhalb der Couliſſen, als hinter denſelben bedacht ſeyn? Ich zweifle ge⸗ waltig. So lange die Schlachtopfer der Wolluſt durch die Toͤchter der Wolluſt geſpielt werden, ſo lange die Scenen des Jam⸗ mers, der Furcht und des Schreckens mehr dazu dienen, den ſchlanken Wuchs, die netten Fuͤße, die Grazienwendungen der Spielerin zu Markte zu tragen, mit Einem Wort, ſo lange die Tragoͤdie mehr die Gelegenheitsmacherin verwoͤhnter Wolluͤſte ſpielen muß— ich will weniger ſagen— ſo lange das Schau⸗ ſpielhaus weniger Schule, als Zeitvertreib iſt— mehr dazu ge⸗ braucht wird, die eingaͤhnende Langeweile zu beleben, un⸗ freundliche Winternaͤchte zu betruͤgen, und das große Heer un⸗ ſerer ſuͤßen Muͤßiggaͤnger mit dem Schauer der Weisheit, dem Papiergeld der Empfindung und galanten Zoten zu bereichern,— ſo lange es mehr fuͤr die Toilette und die Schenke arbeitet: ſo lange moͤgen immer unſere Theaterſchriftſteller der patriotiſchen Eitelkeit entſagen, Lehrer des Volks zu ſeyn. Bevor das Publicum fuͤr ſeine Buͤhne gebildet iſt, duͤrfte wohl ſchwerlich die Buͤhne ihr Publicum bilden. Aber daß wir auch hier nicht zu weit gehen— daß wir dem Publicum nicht die Fehler des Dichters zur Laſt legen. Ich bemerke zwei vorzuͤgliche Moden im Drama, die zwei aͤußer⸗ ſten Enden, zwiſchen welchen Wahrheit und Natur inne liegen. Die Menſchen des Peter Corneille ſind froſtige Behorcher ihrer Leidenſchaft— altkluge Pedanten ihrer Empfindung. Den be⸗ draͤngten Roderich hoͤr' ich auf offener Buͤhne uͤber ſeine Ver⸗ legenheit Vorleſung halten, und ſeine Gemuͤthsbewegungen ſorgfaͤltig, wie eine Pariſerin ihre Grimaſſen vor dem Spiegel, durchmuſtern. Der leidige Anſtand in Frankreicch 5³ hat den Naturmenſchen verſchnitten.— Ihr Kothurn iſt in einen niedlichen Tanzſchuh verwandelt. In England und Deutſchland(doch auch hier nicht fruͤher, als bis Goethe die Schleichhaͤndler des Geſchmacks uͤber den Rhein zuruͤckgejagt hatte) deckt man der Natur ihre Bloͤße auf, vergroͤßert ihre Finnen und Leberflecken unter dem Hohlſpiegel eines unbaͤndigen Witzes, die muthwillige Phantaſie gluͤhender Poeten luͤgt ſie zum Ungeheuer und trommelt von ihr die ſchaͤndlichſten Anekdoten aus. Zu Paris liebt man die glatten zierlichen Puppen, von denen die Kunſt alle kuͤhne Natur hinwegſchliff. Man waͤgt die Empfin⸗ dung nach Granen und ſchneidet die Speiſen des Geiſtes diaͤ⸗ tetiſch vor, den zaͤrtlichen Magen einer ſchmaͤchtigen Marquiſin zu ſchonen; wir Deutſche muthen uns, wie die ſtarkherzigen Britten, kuͤhnere Doſen zu, unſere Helden gleichen einem Goliath auf alten Tapeten, grob und gigantiſch, fuͤr die Entfernung ge⸗ malt. Zu einer guten Copie der Natur gehoͤrt Beides, eine edelmuͤthige Kuͤhnheit, ihr Mark auszuſaugen und ihre Schwungkraft zu erreichen, aber zugleich auch eine ſchuͤchterne Bloͤdigkeit, um die großen Zuͤge, die ſie ſich in großen Wand⸗ ſtuͤcken erlaubt, bei Miniaturgemaͤlden zu mildern. Wir Men⸗ ſchen ſtehen vor dem Univerſum wie die Ameiſe vor einem großen majeſtaͤtiſchen Palaſte. Es iſt ein ungeheures Gebaͤude, unſer Inſectenblick verweilet auf dieſem Fluͤgel und findet viel⸗ leicht dieſe Saͤulen, dieſe Statuen uͤbel angebracht; das Auge eines beſſern Weſens umfaßt auch den gegenuͤberſtehenden Fluͤgel und nimmt dort Statuen und Saͤulen gewahr, die ihren Came⸗ raͤdinnen hier ſymmetriſch entſprechen. Aber der Dichter male fuͤr Ameiſenaugen, und bringe auch die andere Haͤlfte in unſern Geſichtskreis verkleinert heruͤber; er bereite uns von der Har⸗ monie des Kleinen auf die Harmonie des Großen; von der Symmetrie des Theils auf die Symmetrie des Ganzen, und 54 kaſſe uns letztere in der erſtern bewundern. Ein Verſehen in dieſem Punkt iſt eine Ungerechtigkeit gegen das ewige Weſen, das nach dem unendlichen Umriß der Welt, nicht nach ein⸗ zelnen herausgehobenen Fragmenten, beurtheilt ſeyn will. Bei der getreueſten Copie der Natur, ſo weit unſere Augen ſie verfolgen, wird die Vorſehung verlieren, die auf das angefangene Werk in dieſem Jahrhundert vielleicht erſt im folgenden das Siegel druͤckt. Aber auch der Dichter kann ſchuldlos ſeyn, wenn der Zweck des Drama mißlinget. Man trete auf die Buͤhne ſelbſt und gebe Acht, wie ſich die Geſchoͤpfe der Phantaſie im Spieler verkoͤrpern. Es ſind dieſem zwei Dinge ſchwer, aber nothwendig. Einmal muß er ſich ſelbſt und die horchende Menge vergeſſen, um in der Rolle zu leben; dann muß er wiederum ſich ſelbſt und den Zuſchauer gegenwaͤrtig denken, auf den Geſchmack des letztern reflectiren und die Natur maͤßigen. Zehnmal finde ich das Erſte dem Zweiten aufgeopfert, und doch— wenn das Genie des Acteurs nicht Beides ausreichen kann— moͤchte er immer⸗ hin gegen dieſes zum Vortheil jenes verſtoßen. Von Empfin⸗ dung zum Ausdruck der Empfindung herrſcht eben die ſchnell und ewig beſtimmte Succeſſion, als von Wetterleuchten zu Donnerſchlag, und bin ich des Affectes voll, ſo darf ich ſo wenig den Koͤrper nach ſeinem Tone ſtimmen, daß es mir vielmehr ſchwer, ja unmoͤglich werden duͤrfte, den freiwilligen Schwung des letztern zuruͤckzuhalten. Der Schauſpieler befindet ſich eini⸗ germaßen im Fall eines Nachtwandlers, und ich beobachte zwiſchen beiden eine merkwuͤrdige Aehnlichkeit. Kann der letztere bei einer anſcheinenden ooèlligen Abweſenheit des Bewußtſeyns, in der Grabesruhe der aͤußern Sinne auf ſeinem mitternaͤchtlichen Pfade, mit der unbegreiflichſten Beſtimmtheit jeden Fußtritt gegen die Gefahr abwaͤgen, die die groͤßeſte Geiſtesgegenwart des 5⁵ Wachenden auffordern wuͤrde;— kann die Gewohnheit ſeine Tritte ſo wunderbar ſichern; kann— wenn wir doch, um das Phaͤnomen zu erklaͤren, zu etwas mehr unſere Zuflucht nehmen muͤſſen— kann eine Sinnesdaͤmmerung, eine ſuperficielle und fluͤchtige Bewegung der Sinne ſo viel zu Stande bringen: warum ſollte der Koͤrper, der doch ſonſt die Seele in allen ihren Veraͤnderungen ſo getreulich begleitet, in dieſem Fall ſo zuͤgellos uͤber ſeine Linien ſchweifen, daß er ihren Ton mißſtimmte? Erlaubt ſich die Leidenſchaft keine Extra⸗ vagation(und das kann ſie nicht, wenn ſie aͤcht iſt, und das ſoll ſie nicht in einer gebildeten Seele), ſo weiß ich gewiß, daß auch die Organe ſich in kein Monſtrum verirren. Sollte dann bei der groͤßeſten Abweſenheit der Perception, deren die Illuſion den Spieler nur faͤhig macht, nicht eben ſo gut wie dort eine unmerkliche Wahrnehmung des Gegenwaͤrtigen fortdauern, die den Spieler eben ſo leicht an dem Ueberſpannten und Unan⸗ ſtaͤndigen vorbei uͤber die ſchmale Bruͤcke der Wahrheit und Schoͤnheit fuͤhrt? Ich ſehe die Unmoͤglichkeit nicht. Hingegen welcher Uebelſtand auf der andern Seite, wenn der Spieler das Bewußtſeyn ſeiner gegenwaͤrtigen Lage ſorgſam und aͤngſtlich unterhaͤlt, und das kuͤnſtliche Traumbild durch die Idee der wirklich ihn umgebenden Welt zernichtet. Schlimm fuͤr ihn, wenn er weiß, daß vielleicht tauſend und mehr Augen an jeder ſeiner Gebärden hangen, daß eben ſo viel Ohren jeden Laut ſei⸗ nes Mundes verſchlingen.— Ich war einſt zugegen, als dieſer ungluͤckliche Gedanke: Man beobachtet mich! den zaͤrtlichen Ro⸗ meo mitten aus dem Arme der Entzuͤckung ſchleuderte.— Es war gerade der Sturz des Nachtwandlers, den ein warnender Zuruf auf gaͤher Dachſpitze ſchwindelnd packt.— Die verborgene Gefahr war ihm keine, aber der ſteilen Höhe ploͤtzlicher Anblick warf ihn toͤdtlich herunter. Der erſchrockene Spieler ſtand ſteif 56 und albern— die natuͤrliche Grazie der Stellung entartete in eine Beugung— als ob er ſich ein Kleid wollte anmeſſen laſſen.— Die Sympathie der Zuſchauer verpuffte in ein Ge⸗ laͤchter. Gewoͤhnlich haben unſere Spieler fuͤr jede Gattung von Leidenſchaft eine aparte Leibesbewegung einſtudirt, die ſie mit einer Fertigkeit, die zuweilen gar— dem Affecte vorſpringt, an den Mann zu bringen wiſſen. Dem Stolz fehlt das Kopf⸗ drehen auf eine Achſel und das Anſtemmen des Ellenbogens ſelten.— Der Zorn ſitzt in einer geballten Fauſt und im Knirſchen der Zaͤhne.— Die Verachtung habe ich auf einem gewiſſen Theater ordentlicherweiſe durch einen Stoß mit dem Fuße charakteriſiren geſehen;— die Traurigkeit der Theater⸗ heldinnen retiriret ſich hinter ein weiß gewaſchenes Schnupf⸗ tuch, und der Schrecken, der noch am kurzeſten weg kommt, wirft ſich auf dem naͤchſten dem beſten Block ſeine Buͤrde, und dem Publicum einen— Stuͤmper vom Halſe. Die Spieler ſtarker tragiſcher Rollen— und dieß ſind gewoͤhnlich die Baſ⸗ ſiſten, die Matadore der Buͤhne, pflegen ihre Empfindung murrkoͤpfiſch herzuzanken, und ihre ſchlechte Bekanntſchaft mit dem Affect, den ſie wie einen Miſſethaͤter von unten auf raͤdern, mit einem Gepolter der Stimme und der Glieder zu uͤber⸗ laͤrmen, wenn im Gegentheil die ſanften ruͤhrenden Spieler ihre Zaͤrtlichkeit und Wehmuth in einem monotoniſchen Gewimmer ſchleifen, das die Ohren zum Ekel ermuͤdet. Declamation iſt immer die erſte Klippe, woran unſere mehrſten Schauſpieler ſcheitern, und Declamation wirkt immer zwei Drittheile der ganzen Illuſion. Der Weg des Ohrs iſt der gangbarſte und naͤchſte zu unſern Herzen— Muſik hat den rauhen Eroberer Bagdads bezwungen, wo Mengs und Correggio alle Malerkraft vergebens erſchoͤpft haͤtten. Auch kommt es uns leichter an, die 57 beleidigten Augen zu ſchließen, als die mißhandelten Ohren mit Baumwolle zu verſtopfen.*) Wenn denn nun freilich Dichter, Spieler und Publicum falliren, ſo duͤrfte leicht von der vollwichtigen Summe, die ein patriotiſcher Verfechter der Buͤhne auf dem Papiere erhebt, ein garſtiger Bruch zuruͤckbleiben. Sollte das dieſer verdienſtvollen Anſtalt einen Augenblick unſere Aufmerkſamkeit entziehen? Das Theater troͤſte ſich mit ſeinen wuͤrdigern Schweſtern, der Moral und— furchtſam wage ich die Vergleichung— der Religion, die, ob ſie ſchon im heiligen Kleide kommen, uͤber die Befleckung des bloͤden und ſchmutzigen Haufens nicht erhaben ſind. Ver⸗ dienſt genug, wenn hie und da ein Freund der Wahrheit und geſunden Natur hier ſeine Welt wieder findet, ſein eigen Schick⸗ ſal in fremdem Schickſal vertraͤumt, ſeinen Muth an Scenen des Leidens erhaͤrtet und ſeine Empfindung an Situationen des Ungluͤcks uͤbet.— Ein edles unverfaͤlſchtes Gemuͤth faͤngt neue belebende Waͤrme vor dem Schauplatz— beim rohen Haufen ſummt doch zum mindeſten eine verlaſſene Saite der Menſchheit verloren noch nach. *⁵) Es iſt noch die Frage, ob eine Rolle durch einen bloßen Liebhaber nicht mehr als durch einen Schauſpieler gewinne? Bei dem letzten wenigſtens geht die Empfindung ſo bald, als bei einem occupirten Praktikus in der Heilkunſt das Indicium uͤber die Krankveit, ver⸗ loren. Es bleibt nichts zuruͤck als eine mechaniſche Fertigkeit, eine Affectation, eine Koketterie mit den Grimaſſen der Leidenſchaft. Der Spaziergang unter den Ainden. (Aus dem wuͤrtembergiſchen Repertorium 1782.) Wollmar und Edwin waren Freunde und wohnten in einer friedlichen Einſiedelei beiſammen, in welche ſie ſich aus dem Ge⸗ raͤuſch der geſchaͤftigen Welt zuruͤckgezogen hatten, hier in aller philoſophiſchen Muße die merkwuͤrdigen Schickſale ihres Lebens zu entwickeln. Edwin, der gluͤckliche, umfaßte die Welt mit frohherziger Waͤrme, die der truͤbere Wollmar in die Trauer⸗ farbe ſeines Mißgeſchicks kleidete. Eine Allee von Linden war der Lieblingsplatz ihrer Betrachtungen. Einſt an einem lieb⸗ lichen Maientage ſpazierten ſie wieder; ich erinnere mich fol⸗ gendes Geſpraͤches: Edwin. Der Tag iſt ſo ſchoͤn— die ganze Natur hat ſich aufgeheitert, und Sie ſo nachdenkend, Wollmar? Wollmar. Laſſen Sie mich. Sie wiſſen, es iſt meine Art, daß ich ihr ihre Launen verderbe. 1 Edwin. Aber iſt es denn moͤglich, den Becher der Freude ſo anzuekeln? 4 Wollmar. Wenn man eine Spinne darin findet— war⸗ um nicht? Sehen Sie, Ihnen malt ſich jetzt die Natur wie ein rothwangiges Maͤdchen an ſeinem Brauttag. Mir erſcheint ſie als eine abgelebte Matrone, rothe Schminke auf ihren gruͤn⸗ 59 gelben Wangen, geerbte Demanten in ihrem Haar. Wie ſie ſich in dieſem Sonntagsaufputz belaͤchelt! Aber es ſind ab⸗ getragene Kleider und ſchon hunderttauſendmal gewandt. Eben dieſen gruͤnen wallenden Schlepp trug ſie ſchon vor Deukalion, eben ſo parfuͤmirt und eben ſo bunt verbraͤmt. Jahrtauſende lang verzehrt ſie nur den Abtrag von der Tafel des Todes, kocht ſich Schminke aus den Gebeinen ihrer eigenen Kinder und ſtutzt die Verweſung zu blendenden Flittern. Junger Menſch, weißt du wohl auch, in welcher Geſellſchaft du vielleicht jetzo ſpaziereſt? Dachteſt du je, daß dieſes unendliche Rund das Grabmal deiner Ahnen iſt, daß dir die Winde, die dir die Wohlgeruͤche der Linden herunterbringen, vielleicht die zerſtobene Kraft des Arminius in die Naſe blaſen, daß du in der er⸗ friſchenden Quelle vielleicht die zermalmten Gebeine unſrer großen Heinriche koſteſt?— Der Atom, der in Plato's Gehirne dem Gedanken der Gottheit bebte, der im Herzen des Titus der Erbarmung zitterte, zuckt vielleicht jetzo der viehiſchen Brunſt in den Adern der Sardanapale, oder wird in dem Aas eines gehenkten Gaudiebs von den Raben zerſtreut. Sie ſcheinen das luſtig zu finden, Edwin? Edwin. Vergeben Sie! Ihre Betrachtungen eroͤffnen mir komiſche Scenen. Wie? wenn unſre Koͤrper nach eben den Geſetzen wanderten, wie man von unſern Geiſtern be⸗ hauptet? Wenn ſie nach dem Tod der Maſchine eben das Amt fortſetzen muͤßten, das ſie unter den Befehlen der Seele verwalteten; gleichwie die Geiſter der Abgeſchiedenen die Be⸗ ſchaͤftigungen ihres vorigen Lebens wiederholen, quae cura fuit vivis, eadem sequitur tellure repostos. 3 Wollmar. So mas die Aſche des Lykurgus noch bis jetzt und ewig im Ocean liegen! Edwin. Hoͤren Sie dort die zaͤrtliche Philomele ſchlagen? 60 Wie? wenn ſie die Urne von Tibulls Aſche waͤre, der zaͤrtlich wie ſie ſang? Steigt vielleicht der erhabene Pindar in jenem Adler zum blauen Schirmdach des Horizonts? flattert vielleicht in jenem buhlenden Zephyr ein Atom Anakreons? Wer kann es wiſſen, ob nicht die Koͤrper der Suͤßlinge in zarten Puder⸗ flöckchen in die Locken ihrer Gebieterinnen fliegen? ob nicht die Ueberbleibſel der Wucherer im hundertjaͤhrigen Roſt an die ver⸗ ſcharrten Müͤnzen gefeſſelt liegen? Ob nicht die Leiber der Polygraphen verdammt ſind, zu Lettern geſchmolzen oder zu Papier gewalkt zu werden, ewig nun unter dem Druck der Preſſe zu aͤchzen und den Unſinn ihrer Collegen verewigen zu helfen? Sehen Sie, Wollmar! Aus eben dem Kelche, wor⸗ aus Sie die bittere Galle ſchoͤpfen, ſchoͤpft meine Laune luſtige Scherze. Wollmar. Edwin! Edwin! Wie Sie den Ernſt wieder mit laͤchelndem Witz uͤbertuͤnchen?— Laſſen Sie mich fort⸗ fahren. Die gute Sache ſcheut die Beſichtigung nicht. Edwin. Wollmar beſichtige, wenn er gluͤcklicher iſt. Wollmar. O pſui! Da bohren Sie gerade in die ge⸗ faͤhrlichſte Wunde. Die Weisheit waͤre alſo eine waſchhafte Maͤklerin, die in jedem Hauſe ſchmarutzen geht und geſchmeidig in jede Laune plaudert, bei dem Ungluͤcklichen die Gnade ſelbſt verleumdet, bei dem Gluͤcklichen auch das Uebel verzuckert. Ein verdorbener Magen verſchwaͤtzt dieſen Planeten zur Hölle, ein Glas Wein kann ſeine Teufel vergoͤttern. Wenn unſre Lau⸗ nen die Modelle unſrer Philoſophien ſind,— ſagen Sie mir doch, Edwin, in welcher wird die Wahrheit gegoſſen? Ich fuͤrchte, Edwin, Sie werden weiſe ſeyn, wenn Sie erſt finſter werden. Edwin. Das moͤcht' ich nicht, um weiſe zu werden! Wollmar. Sie haben das Wort„gluͤcklich“ genannt, Wie 61 wird man das, Edwin? Arbeit iſt die Bedingung des Lebens, das Ziel Weisheit, und Gluͤckſeligkeit, ſagen Sie, iſt der Preis. Tauſend und abermal tauſend Segel fliegen ausgeſpannt, die gluͤckliche Inſel zu ſuchen im geſtadloſen Meere, und dieſes gol⸗ dene Vließ zu erobern. Sage mir doch, du Weiſer, wie viel ſind ihrer, die es finden? Ich ſehe hier eine Flotte im ewigen Ringe des Beduͤrfniſſes herumgewirbelt, ewig von dieſem Ufer ſtoßend, um ewig wieder daran zu landen, ewig landend, um wieder davon zu ſtoßen. Sie tummelt ſich in den Vorhoͤfen ihrer Beſtimmung, kreuzt furchtſam laͤngs dem Ufer, Proviant zu holen, um das Takelwerk zu flicken, und ſteuert ewig nie auf die Hohe des Meeres. Es ſind diejenigen, die heute ſich abmuͤden, auf daß ſie ſich morgen wieder abmuͤden koͤnnen. Ich ziehe ſie ab, und die Summe iſt um die Haͤlfte geſchmolzen. Wieder Andere reißt der Strudel der Sinnlichkeit in ein ruhmloſes Grab.— Es ſind diejenigen, die die ganze Kraft ihres Da⸗ ſeyns verſchwenden, den Schweiß der vorigen zu genießen. Man rechne ſie weg, und ein armes Viertheil bleibt noch zu⸗ ruͤck. Bang und ſchuͤchtern ſegelt es ohne Compaß, im Geleit der betruͤglichen Sterne, auf dem furchtbaren Ocean fort; ſchon flimmt wie weißes Gewoͤlk am Rande des Horizonts die gluͤck⸗ liche Kuͤſte, Land ruft der Steuermann, und ſiehe! ein elendes Brettchen berſtet, das lecke Schiff verſinkt hart am Geſtade. Apparent rari nantes in gurgite vasto. Ohnmaͤchtig kaͤmpft ſich der geſchickteſte Schwimmer zum Lande, ein Fremdling in der aͤtheriſchen Zone irrt er einſam umher und ſucht thraͤnenden Auges ſeine nordiſche Heimath. So ziehe ich von der großen Summe eurer freigebigen Syſteme eine Million nach der an⸗ dern ab.— Die Kinder freuen ſich auf den Harniſch der Maͤnner, und dieſe weinen, daß ſie nimmermehr Kinder ſind. Der Strom unſers Wiſſens ſchlaͤngelt ſich ruͤckwaͤrts zu ſeiner 62 Muͤndung, der Abend iſt daͤmmerig wie der Morgen, in der naͤmlichen Nacht umarmen ſich Aurora und Heſperus, und der Weiſe, der die Mauern der Sterblichkeit durchbrechen wollte, ſinkt abwaͤrts und wird wieder zum taͤndelnden Knaben. Nun, Edwin! rechtfertigen Sie den Toͤpfer gegen den Topf; ant⸗ worten Sie, Edwin! Edwin. Der Toͤpfer iſt ſchon gerechtfertigt, wenn der Topf mit ihm rechten kann. Wollmar. Antworten Sie! Edwin. Ich ſage, wenn ſie auch die Inſel verfehlt, ſo iſt doch die Fahrt nicht verloren. Wollmar. Etwa das Auge an den maleriſchen Land⸗ ſchaften zu weiden, die zur Rechten und Linken vorbei fliegen? Edwin? Und darum in Stuͤrmen herumgeworfen zu werden, darum an ſpitzigen Klippen vorbei zu zittern, darum in der wogenden Wuͤſte einem dreifachen Tode um den Rachen zu ſchwanken! Reden Sie nichts mehr, mein Gram iſt beredter als Ihre Zufriedenheit. Sdwin. Und ſoll ich darum das Veilchen unter die Fuͤße treten, weil ich die Noſe nicht erlangen kann? Oder ſoll ich dieſen Maitag verlieren, weil ein Gewitter ihn verfinſtern kann? Ich ſchoͤpfe Heiterkeit unter der wolkenloſen Blaͤue, die mir hernach ſeine ſtuͤrmiſche Langeweile verkuͤrzt. Soll ich die Blume nicht brechen, weil ſie morgen nicht mehr riechen wird? Ich werfe ſie weg, wenn ſie welk iſt, und pfluͤcke ihre junge Schweſter, die ſchon reizend aus der Knoſpe bricht.— Wollmar. Umſonſt! Vergebens! Wohin nur ein Samen⸗ korn des Vergnuͤgens fiel, ſproſſen ſchon tauſend Keime des Jammers. Wo nur eine Thraͤne der Freude liegt, liegen tau⸗ ſend Thraͤnen der Verzweiflung begraben. Hier an der Stelle, wo der Menſch jauchzte, kruͤmmten ſich tauſend ſterbende In⸗ 63 ſecten. In eben dem Augenblick, wo unſer Entzuͤcken zum Himmel wirbelt, heulen tauſend Fluͤche der Verdammniß em⸗ por. Es iſt ein betruͤgliches Lotto, die wenigen armſeligen Treffer verſchwinden unter den zahlloſen Nieten. Jeder Tropfe Zeit iſt eine Sterbeminute der Freuden, jeder wehende Staub der Leichenſtein einer begrabenen Wonne. Auf jeden Punkt im ewigen Univerſum hat der Tod ſein monarchiſches Siegel ge⸗ druͤckt. Auf jedem Atome leſe ich die troſtloſe Aufſchrift: Vergangen! Edwin. Und warum nicht geweſen? Mag jeder Laut der Sterbegeſang einer Seligkeit ſeyn— er iſt auch die Hymne der allgegenwaͤrtigen Liebe— Wollmar, an dieſer Linde kuͤßte mich meine Juliette zum erſtenmal. Wollmar(heftig davon gehend). Junger Menſch! Unter dieſer Linde hab' ich meine Laura verloren. Eine großmüthige Handlung ans der neueſten Geſchichte. 4(Aus dem wuͤrtembergiſchen Repertorium der Literatur.) Schauſpiele und Romane eroͤffnen uns die glaͤnzendſten Zuͤge des menſchlichen Herzens; unſre Phantaſie wird entzuͤn⸗ det; unſer Herz bleibt kalt; wenigſtens iſt die Gluth, worein es auf dieſe Weiſe verſetzt wird, nur augenblicklich und erfriert fuͤrs praktiſche Leben. In dem naͤmlichen Augenblick, da uns die ſchmuckloſe Gutherzigkeit des ehrlichen Puffs bis beinahe zu Thraͤnen ruͤhrt, zanken wir vielleicht einen anklopfenden Bettler mit Ungeſtuͤm ab. Wer weiß, ob nicht eben dieſe ge⸗ kuͤnſtelte Exiſtenz in einer idealiſchen Welt unſere Erxiſtenz in der wirklichen untergraͤbt? Wir ſchweben hier gleichſam um die zwei aͤußerſten Enden der Moralitaͤt, Engel und Teufel, und die Mitte— den Menſchen— laſſen wir liegen. Gegenwaͤrtige Anekdote von zwei Deutſchen— mit ſtolzer Freude ſchreib' ich das nieder— hat ein unabſtreitbares Ver⸗ dienſt— ſie iſt wahr. Ich hoffe, daß ſie meine Leſer waͤrmer zuruͤcklaſſen werde, als alle Baͤnde des Grandiſon und der Pamela. Zwei Bruͤder— Baronen von Wrmb, hatten ſich beide in ein junges vortreffliches Fraͤulein von Wrthr verliebt, ohne daß der eine um des andern Leidenſchaft wußte. Beider Liebe war 65 zaͤrtlich und ſtark, weil ſie die erſte war. Das Fraulein war ſchön und zur Empfindung geſchaffen. Beide ließen ihre Nei⸗ gung zur ganzen Leidenſchaft aufwachſen, weil keiner die Gefahr kannte, die für ſein Herz die ſchrecklichſte war— ſeinen Bruder zum Nebenbuhler zu haben. Beide verſchonten das Mädchen mit einem frühen Geſtändniß, und ſo hintergingen ſich beide, bis ein unerwartetes Begegniß ihrer Empfindungen das ganze Geheimniß entdeckte. Schon war die Liebe eines jeden bis auf den höchſten Grad geſtiegen, der unglückſeligſte Affect, der im Geſchlechte der Men⸗ ſchen beinahe ſo grauſame Verwüſtungen angerichtet hat, als ſein abſcheuliches Gegentheil, hatte ſchon die ganze Flaͤche ihres Herzens eingenommen, daß wohl von keiner Seite eine Aufopfe⸗ rung möglich war. Das Fraͤulein, voll Gefühl für die traurige Lage dieſer beiden Unglücklichen, wagte es nicht, ausſchließend für einen zu entſcheiden, und unterwarf ihre Neigung dem Urtheil der brüderlichen Liebe. Sieger in dieſem zweifelhaften Kampfe der Pflicht und Em⸗ pfindung, den unſre Philoſophen ſo allezeit fertig entſcheiden, und der praktiſche Menſch ſo langſam unternimmt, ſagte der altere Bruder zum jüngern:„Ich weiß, daß du mein Madchen liebſt, feurig wie ich. Ich will nicht fragen, fuͤr wen ein aälteres Recht entſcheidet.— Bleibe du hier, ich ſuche die weite Welt, ich will ſtreben, daß ich ſie vergeſſe. Kann ich das— Bruder, dann iſt ſie dein, und der Himmel ſegne deine Liebe!— Kann ich es nicht— nun dann, ſo geh' auch du hin,— und thu' ein Gleiches.“ Er verließ gaͤhlings Deutſchland und eilte nach Holland— aber das Bild ſeines Madchens eilte ihm nach. Fern von dem Himmelsſtrich ſeiner Liebe, aus einer Gegend verbannt, die ſeines Herzens ganze Seligkeit einſchloß, in der er allein zu Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 5 66 leben vermochte, erkrankte der Unglückliche, wie die Pflanze dahin ſchwindet, die'der gewaltthatige Europäer aus dem mutter⸗ lichen Aſien entführt und fern von der milderen Sonne in rauhere Beete zwingt. Er erreichte verzweifelnd Amſterdam, dort warf ihn ein hitziges Fieber auf ein gefährliches Lager. Das Bild ſeiner Einzigen herrſchte in ſeinen wahnſinnigen Traumen, ſeine Geneſung hing an ihrem Beſitze. Die Aerzte zweifelten fuͤr ſein Leben, nur die Verſicherung, ihn ſeiner Ge⸗ liebten wieder zu geben, riß ihn mühſam aus den Armen des Todes. Ein wandelndes Gerippe, das erſchrecklichſte Bild des zehrenden Kummers, kam er in ſeiner Vaterſtadt an,— ſchwindelte er über die Treppe ſeiner Geliebten, ſeines Bruders. „Bruder, hier bin ich wieder. Was ich meinem Herzen zumuthete, weiß der im Himmel— Mehr kann ich nicht.“ Ohnmachtig ſank er in die Arme des Fräuleins. Der jüngere Bruder war nicht minder entſchloſſen. In wenigen Wochen ſtand er reiſefertig da: „Bruder, du trugſt deinen Schmerz bis nach Holland.— Ich will verſuchen, ihn weiter zu tragen. Führe ſie nicht zum Altar, bis ich dir weiter ſchreibe. Nur dieſe Bedingung erlaubt ſich die bruderliche Liebe. Bin ich glücklicher als du! — In Gottes Namen, ſo ſey ſie dein, und der Himmel ſegne eure Liebe. Bin ich es nicht!— Nun dann, ſo moͤge der Himmel weiter über uns richten! Lebe wohl. Behalte dieſes verſiegelte Päckchen, erbrich es nicht, bis ich von hinnen bin⸗ — Ich geh' nach Batavia.“ Hier ſprang er in den Wagen. Halb entſeelt ſtarrten ihm die Hinterbleibenden nach. Er hatte den Bruder an Edelmuth übertroffen. Auf den Zuruck⸗ bleibenden ſtürmte die Liebe und zugleich der Schmerz über den Verluſt des edelſten Mannes. Das Gerauſch des fliehen⸗ 67 den Wagens durchdonnerte ſein Herz. Man beſorgte für ſein Leben. Das Fraͤulein— doch nein! Davon wird das Ende reden. Man erbrach das Paket. Es war eine vollgültige Ver⸗ ſchreibung aller ſeiner deutſchen Beſitzungen, die der Bruder erheben ſollte, wenn es dem Fliehenden in Batavia gluͤckte. Der Ueberwinder ſeiner ſelbſt ging mit hollaändiſchen Kauffahrern unter Segel und kam gluͤcklich in Batavig an. Wenige Wochen, ſo überſandte er dem Bruder folgende Zeilen: „Hier, wo ich Gott dem Allmäͤchtigen danke, hier auf der neuen Erde denk' ich deiner und unſerer Lieben mit aller Wonne eines Martyrers. Die neuern Scenen und Schick⸗ ſale haben meine Seele erweitert, Gott hat mir Kraft ge⸗ ſchenkt, der Freundſchaft das höchſte Opfer zu bringen, dein iſt— Gott! hier fiel eine Thräne— die letzte— Ich hab' überwunden— Dein iſt das Fraulein. Bruder, ich habe ſie nicht beſitzen ſollen, das heißt, ſie waͤre mit mir nicht glücklich geweſen. Wenn ihr je der Gedanke käme— ſie wäre es mit mir geweſen— Bruder!— Bruder!— Schwer wäaͤlze ich ſie auf deine Seele. Vergiß nicht, wie ſchwer ſie dir erworben werden mußte— Behandle den Engel immer, wie es jetzt deine junge Liebe dich lehrt— Behandle ſie als ein theures Vermaͤchtniß eines Bruders, den deine Arme nimmer umſtricken werden. Lebe wohl! Schreibe mir nicht, wenn du deine Brautnacht feierſt. Meine Wunde blutet noch immer. Schreibe mir, wie glück⸗ lich du biſt. Meine That iſt mir Bürge, daß auch mich Gott in der fremden Welt nicht verlaſſen wird.“ Die Vermählung wurde vollzogen. Ein Jahr dauerte die ſeligſte der Ehen— Dann iſtarb die Frau. Sterbend erſt 68 bekannte ſie ihrer Vertrauteſten das ungluͤckſeligſte Geheimniß ihres Buſens: ſie hatte den Entflohenen ſtärker geliebt. Beide Bruder leben noch wirklich. Der altere auf ſeinen Gütern in Deutſchland, aufs neue vermaͤhlt. Der jüngere blieb in Batavia, und gedieh zum glücklichen glänzenden Mann. Er that ein Gelübde, niemals zu heirathen, und hat es gehalten. Die Schaubühne als eine moraliſche Anſtalt betrachtet. (Vorgeleſen bei einer oͤffentlichen Sitzung der kurfuͤrſtlichen deut⸗ ſchen Geſellſchaft zu Mannheim im Jahr 1784.) Ein allgemeiner unwiderſtehlicher Hang nach dem Neuen und Außerordentlichen, ein Verlangen, ſich in einem leiden⸗ ſchaftlichen Zuſtande zu fühlen, hat, nach Sulzers Bemerkung, der Schaubühne die Entſtehung gegeben. Erſchöpft von den höhern Anſtrengungen des Geiſtes, ermattet von den ein⸗ förmigen, oft niederdrückenden Geſchaften des Berufs, und von Sinnlichkeit geſättigt, mußte der Menſch eine Leerheit in ſeinem Weſen fühlen, die dem ewigen Trieb nach Thaͤtigkeit zu⸗ wider war. Unſere Natur, gleich unfähig, länger im Zuſtande des Thieres fortzudauern, als die feinern Arbeiten des Ver⸗ ſtandes fortzuſetzen, verlangte einen mittleren Zuſtand, der beide widerſprechende Enden vereinigte, die harte Spannung zu ſanf⸗ ter Harmonie herabſtimmte und den wechſelweiſen Uebergang eines Zuſtandes in den andern erleichterte. Dieſen Nutzen leiſtet überhaupt nur der äſthetiſche Sinn oder das Gefühl für das Schöne. Da aber eines weiſen Geſetzgebers erſtes Augen⸗ merk ſeyn muß, unter zwo Wirkungen die höchſte heraus zu leſen, ſo wird er ſich nicht begnügen, die Neigungen ſeines Volkes nur entwaffnet zu haben; er wird ſie auch, wenn es irgend nur möglich iſt, als Werkzeuge höherer Plane gebrauchen 70 und in Quellen von Glückſeligkeit zu verwandeln bemüht ſeyn, und darum wählte er vor allen andern die Bühne, die dem nach Thatigkeit duͤrſtenden Geiſt einen unendlichen Kreis eroͤff⸗ net, jeder Seelenkraft Nahrung gibt, ohne eine einzige zu überſpannen, und die Bildung des Verſtandes und Herzens mit der edelſten Unterhaltung vereinigt. Derjenige, welcher zuerſt die Bemerkung machte, daß eines Staates feſteſte Säule Religion ſey— daß ohne ſie die Ge⸗ ſetze ſelbſt ihre Kraft verlieren, hat vielleicht, ohne es zu wollen oder zu wiſſen, die Schaubühne von ihrer edelſten Seite ver⸗ theidigt. Eben dieſe Unzulänglichkeit, dieſe ſchwankende Eigen⸗ ſchaft der politiſchen Geſetze, welche dem Staat die Religion unentbehrlich macht, beſtimmt auch den ſittlichen Einfluß der Bühne. Geſetze, wollte er ſagen, drehen ſich nur um vernei⸗ nende Pflichten— Religion dehnt ihre Forderungen auf wirk⸗ liches Handeln aus. Geſetze hemmen nur Wirkungen, die den Zuſammenhang der Geſellſchaft auflöſen— Religion befiehlt ſolche, die ihn inniger machen. Jene herrſchen nur über die offenbaren Aeußerungen des Willens, nur Thaten ſind ihnen unnterthan— dieſe ſetzt ihre Gerichtsbarkeit bis in die verbor⸗ genſten Winkel des Herzens fort und verfolgt den Gedanken bis an die innerſte Quelle. Geſetze ſind glatt und geſchmeidig, wandelbar wie Laune und Leidenſchaft— Religion bindet ſtreng und ewig. Wenn wir nun aber auch vorausſetzen wollten, was nimmermehr iſt— wenn wir der Religion dieſe große Gewalt über jedes Menſchen Herz einraäumen, wird ſie oder kann ſie die ganze Bildung vollenden?— Religion(ich trenne hier ihre politiſche Seite von ihrer göttlichen), Religion wirkt im Gan⸗ zen mehr auf den ſinnlichen Theil des Volks— ſie wirkt viel⸗ leicht durch das Sinnliche allein ſo unfehlbar. Ihre Kraft iſt dahin, wenn wir ihr dieſes nehmen— und wodurch wirkt die 71 Buhne? Religion iſt dem größern Theile der Menſchen nichts mehr, wenn wir ihre Bilder, ihre Probleme vertilgen, wenn wir ihre Gemaͤlde von Himmel und Hölle zernichten— und doch ſind es nur Gemalde der Phantaſie, Raͤthſel ohne Auf⸗ löſung, Schreckbilder und Lockungen aus der Ferne. Welche Verſtarkung fuͤr Religion und Geſetze, wenn ſie mit der Schau⸗ bühne in Bund treten, wo Anſchauung und lebendige Gegen⸗ wart iſt, wo Laſter und Tugend, Gluͤckſeligkeit und Elend, Thor⸗ heit und Weisheit in tauſend Gemaͤlden faßlich und wahr an dem Menſchen vorubergehen, wo die Vorſehung ihre Raͤthſel auflöst, ihren Knoten vor ſeinen Augen entwickelt, wo das menſchliche Herz auf den Foltern der Leidenſchaft ſeine leiſeſten Regungen beichtet, alle Larven fallen, alle Schminke verfliegt und die Wahrheit unbeſtechlich wie Rhadamanthus Gericht hält. Die Gerichtsbarkeit der Bühne fangt an, wo das Gebiet der weltlichen Geſetze ſich endigt. Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und im Solde der Laſter ſchwelgt, wenn die Frevel der Machtigen ihrer Unmacht ſpotten und Menſchenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reißt die Laſter vor einen ſchrecklichen Richter⸗ ſtuhl. Das ganze Reich der Phantaſie und Geſchichte, Ver⸗ gangenheit und Zukunft ſtehen ihrem Wink zu Gebot. Kühne Verbrecher, die laͤngſt ſchon im Staub vermodern, werden durch den allmächtigen Ruf der Dichtkunſt jetzt vorgeladen und wie⸗ derholen zum ſchauervollen Unterricht der Nachwelt ein ſchänd⸗ liches Leben. Ohnmachtig, gleich den Schatten in einem Hohl⸗ ſpiegel, wandeln die Schrecken ihres Jahrhunderts vor unſern Augen vorbei, und mit wollüſtigem Entſetzen verfluchen wir ihr Gedachtniß. Wenn keine Moral mehr gelehrt wird, keine Re⸗ ligion mehr Glauben findet, wenn kein Geſetz mehr vorhanden iſt, wird uns Medea noch anſchauern, wenn ſie die Treppe 72 des Palaſtes herunter wankt und der Kindermord jetzt geſchehen iſt. Heilſame Schauer werden die Menſchheit ergreifen, und in der Stille wird jeder ſein gutes Gewiſſen preiſen, wenn Lady Macbeth, eine ſchreckliche Nachtwandlerin, ihre Hande waſcht und alle Wohlgerüche Arabiens herbeiruft, den haßlichen Mordgeruch zu vertilgen. So gewiß ſichtbare Darſtellung mach⸗ tiger wirkt, als todter Buchſtab und kalte Erzählung, ſo gewiß wirkt die Schaubühne tiefer und dauernder als Moral und Geſetze. 5 Aber hier unterſtützt ſie die weltliche Gerechtigkeit nur — ihr iſt noch ein weiteres Feld geöffnet. Tauſend Laſter, die jene ungeſtraft duldet, ſtraft ſie; tauſend Tugenden, wovon jene ſchweigt, werden von der Bühne empfohlen. Hier begleitet ſie die Weisheit und die Religion. Aus dieſer reinen Quelle ſchöpft ſie ihre Lehren und Muſter, und kleidet die ſtrenge Pflicht in ein reizendes, lockendes Gewand. Mit welch herr⸗ lichen Empfindungen, Entſchlüſſen, Leidenſchaften ſchwellt ſie unſere Seele, welche göttliche Ideale ſtellt ſie uns zur Nach⸗ eiferung auf!— Wenn der gütige Auguſt dem Verräther Cinna, der ſchon den tödtlichen Spruch auf ſeinen Lippen zu leſen meint, groß wie ſeine Götter, die Hand reicht:„Laſſ' uns Freunde ſeyn, Cinna!“— wer unter der Menge wird in dem Augenblick nicht gern ſeinem Todfeind die Hand drücken wollen, dem göttlichen Römer zu gleichen?— wenn Franz von Sickingen, auf dem Wege einen Fürſten zu zuͤchtigen und für fremde Rechte zu kämpfen, unverſehens hinter ſich ſchaut, und den Rauch aufſteigen ſieht von ſeiner Veſte, wo Weib und Kind hülflos zurückblieben, und er— weiter zieht, Wort zu halten— wie groß wird mir da der Menſch, wie klein und verächtlich das gefürchtete unüberwindliche Schickſal! Eben ſo haͤßlich, als liebenswuͤrdig die Tugend, malen ſich 73 die Laſter in ihrem furchtbaren Spiegel ab. Wenn der hülfloſe kindiſche Lear in Nacht und Ungewitter vergebens an das Haus ſeiner Tochter pocht, wenn er ſein weißes Haar in die Lüfte ſtreut, und den tobenden Elementen erzählt, wie unnatür⸗ lich ſeine Regan geweſen, wenn ſein wüthender Schmerz zuletzt in den ſchrecklichen Worten von ihm ſtroͤmt:„Ich gab euch Alles!“— Wie abſcheulich zeigt ſich uns da der Undank? Wie feierlich geloben wir Ehrfurcht und kindliche Liebe!— Aber der Wirkungskreis der Bühne dehnt ſich noch weiter aus. Auch da, wo Religion und Geſetze es unter ihrer Würde achten, Menſchenempfindungen zu begleiten, iſt ſie fuͤr unſere Bildung noch geſchaͤftig. Das Glück der Geſellſchaft wird eben ſo ſehr durch Thorheit als durch Verbrechen und Laſter geſtoͤrt. Eine Erfahrung lehrt es, die ſo alt iſt als die Welt, daß im Gewebe menſchlicher Dinge oft die größten Gewichte an den kleinſten und zärteſten Fäden hangen, und, wenn wir Hand⸗ lungen zu ihrer Quelle zurück begleiten, wir zehnmal laͤcheln müſſen, ehe wir uns einmalentſetzen. Mein Verzeichniß von Böſewichtern wird mit jedem Tage, den ich aͤlter werde, kürzer, und mein Regiſter von Thoren vollzähliger und länger. Wenn die ganze moraliſche Verſchuldung des einen Geſchlechtes aus einer und eben der Quelle hervorſpringt, wenn alle die unge⸗ heuern Extreme von Laſtern, die es jemals gebrandmarkt haben, nur veranderte Formen, nur höhere Grade einer Eigenſchaft ſind, die wir zuletzt alle einſtimmig belaͤcheln und lieben, warum ſollte die Natur bei einem andern Geſchlechte nicht die näm⸗ lichen Wege gegangen ſeyn? Ich kenne nur ein Geheimniß, den Menſchen vor Verſchlimmerung zu bewahren, und dieſes iſt— ſein Herz gegen Schwächen zu ſchützen. Einen großen Theil dieſer Wirkung können wir von der Schaubühne erwarten. Sie iſt es, die der großen Claſſe von 74 Thoren den Spiegel vorhalt und die tauſendfachen Formen der⸗ ſelben mit heilſamem Spott beſchämt. Was ſie oben durch Rührung und Schrecken wirkte, leiſtet ſie hier(ſchneller viel⸗ leicht und unfehlbarer) durch Scherz und Saͤtyre. Wenn wir es unternehmen wollten, Luſtſpiel und Trauerſpiel nach dem Maß der erreichten Wirkung zu ſchätzen, ſo wuͤrde vielleicht die Erfahrung dem erſten den Vorrang geben. Spott und Ver⸗ achtung verwunden den Stolz des Menſchen empfindlicher, als Verabſcheuung ſein Gewiſſen foltert. Vor dem Schrecklichen verkriecht ſich unſere Feigheit, aber eben dieſe Feigheit uber⸗ liefert uns dem Stachel der Satyre. Geſetz und Gewiſſen ſchuͤtzen uns oft vor Verbrechen und Laſtern— Lacherlichkeiten verlangen einen eigenen feinern Sinn, den wir nirgends mehr als vor dem Schauplatz üben. Vielleicht, daß wir einen Freund bevollmächtigen, unſere Sitten und unſer Herz anzugreifen, aber es koſtet uns Mühe, ihm ein einziges Lachen zu vergeben. Unſere Vergehungen ertragen einen Aufſeher und Richter, un⸗ ſere Unarten kaum einen Zeugen.— Die Schaubühne allein kann unſere Schwachen belachen, weil ſie unſerer Empfindlich⸗ keit ſchont und den ſchuldigen Thoren nicht wiſſen will. Ohne roth zu werden, ſehen wir unſere Larve aus ihrem Spiegel fallen, und danken insgeheim für die ſanfte Ermahnung. Aber ihr großer Wirkungskreis iſt noch lange nicht geendigt. Die Schaubühne iſt mehr als jede andere öffentliche Anſtalt des Staats eine Schule der praktiſchen Weisheit, ein Wegweiſer durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüſſel zu den geheimſten Zugängen der menſchlichen Seele. Ich gebe zu, daß Eigenliebe und Abhartung des Gewiſſens nicht ſelten ihre beſte Wirkung vernichten, daß ſich noch tauſend Laſter mit frecher Stirne vor ihrem Spiegel behaupten, tauſend gute Gefühle vom kalten Herzen des Zuſchauers fruchtlos zurückfallen— ich 75 ſelbſt bin der Meinung, daß vielleicht Molière's Harpagon noch keinen Wucherer beſſerte, daß der Selbſtmoͤrder Beverley noch wenige ſeiner Brüder von der abſcheulichen Spielſucht zurückzog, daß Karl Moors ungluͤckliche Räubergeſchichte die Landſtraßen nicht viel ſicherer machen wird— aber wenn wir auch dieſe große Wirkung der Schaubuhne einſchränken, wenn wir ſo un⸗ gerecht ſeyn wollen, ſie gar aufzuheben— wie unendlich viel bleibt noch von ihrem Einfluß zurück? Wenn ſie die Summe der Laſter weder tilgt noch vermindert, hat ſie uns nicht mit denſelben bekannt gemacht?— Mit dieſen Laſterhaften, dieſen Thoren müſſen wir leben. Wir müſſen ihnen ausweichen oder begegnen; wir müſſen ſie untergraben oder ihnen unterliegen. Jetzt aber üͤberraſchen ſie uns nicht mehr. Wir ſind auf ihre Anſchläge vorbereitet. Die Schaubühne hat uns das Geheimniß verrathen, ſie ausfindig und unſchädlich zu machen. Sie zog dem Heuchler die kunſtliche Maske ab, und entdeckte das Netz, womit uns Liſt und Cabale umſtrickten. Betrug und Falſch⸗ heit riß ſie aus krummen Labyrinthen hervor, und zeigte ihr ſchreckliches Angeſicht dem Tag. Vielleicht, daß die ſterbende Sara nicht einen Wolluſtling ſchreckt, daß alle Gemälde ge⸗ ſtrafter Verführung ſeine Gluth nicht erkälten, und daß ſelbſt die verſchlagene Spielerin dieſe Wirkung ernſtlich zu verhüten bedacht iſt— glücklich genug, daß die argloſe Unſchuld jetzt ſeine Schlingen kennt, daß die Bühne ſie lehrte, ſeinen Schwü⸗ ren mißtrauen und vor ſeiner Anbetung zittern. Nicht bloß auf Menſchen und Menſchencharakter, auch auf Schickſale macht uns die Schaubühne aufmerkſam, und lehrt uns die große Kunſt, ſie zu ertragen. Im Gewebe unſers Lebens ſpielen Zufall und Plan eine gleich große Rolle; den letztern lenken wir, dem erſtern müſſen wir uns blind unter⸗ werfen. Gewinn genug, wenn unausbleibliche Verhaͤngniſſe 76 uns nicht ganz ohne Faſſung finden, wenn unſer Muth, unſere Klugheit ſich einſt ſchon in ähnlichen übten, und unſer Herz zu dem Schlag ſich gehärtet hat. Die Schaubühne führt uns eine mannichfaltige Scene menſchlicher Leiden vöor. Sie zieht uns künſtlich in fremde Bedraͤngniſſe, und belohnt uns das augen⸗ blickliche Leiden mit wollüſtigen Thraͤnen und einem herrlichen Zuwachs an Muth und Erfahrung. Mit ihr folgen wir der verlaſſenen Ariadne durch das widerhallende Naxos, ſteigen mit ihr in den Hungerthurm ugolino's hinunter, betreten mit ihr das entſetzliche Blutgeruſt und behorchen mit ihr die feier⸗ liche Stunde des Todes. Hier hören wir, was unſere Seele in leiſen Ahnungen fühlte, die überraſchte Natur laut und un⸗ widerſprechlich bekräftigen. Im Gewoͤlbe des Towers verläßt den betrogenen Liebling die Gunſt ſeiner Königin.— Jetzt, da er ſterben ſoll, entfliegt dem geanſtigten Moor ſeine treuloſe ſophiſtiſche Weisheit. Die Ewigkeit entläßt einen Todten, Ge⸗ heimniſſe zu offenbaren, die kein Lebendiger wiſſen kann, und der ſichere Böſewicht verliert ſeinen letzten gräßlichen Hinter⸗ halt, weil auch Graber noch ausplaudern. Aber nicht genug, daß uns die Bühne mit Schickſalen der Menſchheit bekannt macht, ſie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglücklichen ſeyn und nachſichtsvoller über ihn richten. Dann nur, wenn wir die Tiefe ſeiner Bedrangniſſe ausmeſſen, durfen wir das Urtheil über ihn ausſprechen. Kein Verbrechen iſt ſchandender, als das Verbrechen des Diebs— aber miſchen wir nicht Alle eine Thraͤne des Mitleids in unſern Verdam⸗ mungsſpruch, wenn wir uns in den ſchrecklichen Drang ver⸗ lieren, worin Eduard R uhberg die That vollbringt?— Selbſtmord wird allgemein als Frevel verabſcheut; wenn aber, beſtürmt von den Drohungen eines wuͤthenden Vaters, beſtürmt von Liebe, von der Vorſtellung ſchrecklicher Kloſtermauern, 77 Mariane das Gift trinkt, wer von uns will der Erſte ſeyn, der über dem beweinenswürdigen Schlachtopfer einer verruchten Maxime den Stab bricht?— Menſchlichkeit und Duldung fangen an, der herrſchende Geiſt unſrer Zeit zu werden; ihre Strahlen ſind bis in die Gerichtsſäle und noch weiter— in das Herz unſerer Füͤrſten gedrungen. Wie viel Antheil an die⸗ ſem goͤttlichen Werk gehört unſern Bühnen? Sind ſie es nicht, die den Menſchen mit dem Menſchen bekannt machten und das geheime Räderwerk aufdeckten, nach welchem er handelt? Eine merkwürdige Claſſe von Menſchen hat Urſache, dank⸗ barer als alle übrigen gegen die Bühne zu ſeyn. Hier nur hören die Großen der Welt, was ſie nie oder ſelten hören— Wahrheit, was ſie nie oder ſelten ſehen, ſehen ſie hier— den Menſchen. 2 So groß und vielfach iſt das Verdienſt der beſſern Bühne um die ſittliche Bildung; kein geringeres gebührt ihr um die ganze Aufflarung des Verſtandes. Eben hier in dieſer höͤhern Sphaͤre weiß der große Kopf, der feurige Patriot ſie erſt ganz zu gebrauchen. Er wirft einen Blick durch das Menſchengeſchlecht, vergleicht Völker mit Völkern, Jahrhunderte mit Jahrhunderten, und findet, wie ſklaviſch die groͤßere Maſſe des Volks an Ketten des Vorurtheils und der Meinung gefangen liegt, die ſeiner Glückſeligkeit ewig entgegen arbeiten— daß die reinen Strah⸗ len der Wahrheit nur wenige einzelne Köpfe beleuchten, welche den kleinen Gewinn vielleicht mit dem Aufwand eines ganzen Lebens erkauften. Wodurch kann der weiſe Geſetzgeber die Nation derſelben theilhaftig machen? Die Schaubühne iſt der gemeinſchaftliche Canal, in welchen von dem denkenden, beſſern Theile des Volks das Licht der Weisheit herunter ſtroͤmt, und von da aus in mildern Strah⸗ 78 len durch den ganzen Staat ſich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundſätze, reinere Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finſtern Aberglaubens verſchwindet, die Nacht weicht dem ſiegenden Licht. Unter ſo vielen herrlichen Früchten der beſſern Bühne will ich nur zwei auszeichnen. Wie allgemein iſt nur ſeit we⸗ nigen Jahren die Duldung der Religionen und Secten gewor⸗ den?— Noch ehe uns Nathan der Jude und Saladin der Saracene beſchämten und die göttliche Lehre uns predigten, daß Ergebenheit in Gott von unſerm Waͤhnen über Gott ſo gar nicht abhangig ſey— ehe noch Joſeph der Zweite die fürchter⸗ liche Hyder des frommen Haſſes bekaͤmpfte, pflanzte die Schau⸗ bühne Menſchlichkeit und Sanftmuth in unſer Herz, die ab⸗ ſcheulichen Gemaͤlde heidniſcher Pfaffenwuth lehrten uns Re⸗ ligionshaß vermeiden— in dieſem ſchrecklichen Spiegel wuſch das Chriſtenthum ſeine Flecken ab. Mit eben ſo glücklichem Erfolge würden ſich von der Schaubühne Irrthümer der Er⸗ ziehung bekaͤmpfen laſſen; das Stück iſt noch zu hoffen, wo dieſes merkwürdige Thema behandelt wird. Keine Angelegen⸗ heit iſt dem Staat durch ihre Folgen ſo wichtig als dieſe, und doch iſt keine ſo preisgegeben, keine dem Wahne, dem Leichtſinn des Bürgers ſo uneingeſchränkt anvertraut, wie es dieſe iſt. Nur die Schaubühne könnte die ungluͤcklichen Schlachtopfer ver⸗ nachlaſſigter Erziehung in rührenden, erſchütternden Gemalden an ihm vorüberführen; hier könnten unſere Vaͤter eigenſinnigen Maximen entſagen, unſere Mütter vernünftiger lieben lernen. Falſche Begriffe führen das beſte Herz des Erziehers irre; deſto ſchlimmer, wenn ſie ſich noch mit Methode brüſten und den zarten Schoͤßling in Philanthropinen und Gewaͤchshaͤuſern ſyſte⸗ matiſch zu Grunde richten. Nicht weniger ließen ſich— verſtünden es die Oberhaͤupter 79 und Vormünder des Staats— von der Schaubuhne aus die Meinungen der Nation üͤber Regierung und Regenten zurecht⸗ weiſen. Die geſetzgebende Macht ſpraͤche hier durch fremde Symbole zu dem Unterthan, verantwortete ſich gegen ſeine Klagen, noch ehe ſie laut würden und beſtäche ſeine Zweifelſucht, ohne es zu ſcheinen. Sogar Induſtrie und Erfindungsgeiſt könnten und würden vor dem Schauplatze Feuer fangen, wenn die Dichter es der Mühe werth hielten, Patrioten zu ſeyn, und der Staat ſich herablaſſen wollte, ſie zu hören. Unmoglich kann ich hier den großen Einfluß übergehen, den eine gute ſtehende Bühne auf den Geiſt der Nation haben würde. Nationalgeiſt eines Volks nenne ich die Aehnlichkeit und Uebereinſtimmung ſeiner Meinungen und Neigungen bei Gegenſtänden, worüber eine andere Nation anders meint und empfindet. Nur der Schaubühne iſt es möglich, dieſe Ueber⸗ einſtimmung in einem hohen Grad zu bewirken, weil ſie das ganze Gebiet des menſchlichen Wiſſens durchwandert, alle Si⸗ tuationen des Lebens erſchöpft und in alle Winkel des Herzens hinunter leuchtet; weil ſie alle Stande und Claſſen in ſich ver⸗ einigt und den gebahnteſten Weg zum Verſtand und zum Herzen hat. Wenn in allen unſern Stuͤcken ein Hauptzug herrſchte, wenn unſere Dichter unter ſich einig werden und einen feſten Bund zu dieſem Endzweck errichten wollten— wenn ſtrenge Auswahl ihre Arbeiten leitete, ihr Pinſel nur Volksgegenſtaͤnden ſich weihte— mit einem Wort, wenn wir es erlebten, eine Nationalbuhne zu haben, ſo wuͤrden wir auch eine Nation. Was kettete Griechenland ſo feſt an einander? Was zog das Volk ſo unwiderſtehlich nach ſeiner Bühne?— Nichts Anderes als der vaterlaͤndiſche Inhalt der Stücke, der griechiſche Geiſt, das große uͤberwaltigende Intereſſe des Staats, der beſſeren Menſchheit, das in denſelbigen athmete. 80 Noch ein Verdienſt hat die Bühne— ein Verdienſt, das ich jetzt um ſo lieber in Anſchlag bringe, weil ich vermuthe, daß ihr Rechtshandel mit ihren Verfolgern ohnehin ſchon ge⸗ wonnen ſeyn wird. Was bis hieher zu beweiſen unternommen worden, daß ſie auf Sitten und Aufklarung weſentlich wirke, war zweifelhaft— daß ſie unter allen Erfindungen des Luxus, und allen Anſtalten zur geſellſchaftlichen Ergötzlichkeit den Vor⸗ zug verdiene, haben ſelbſt ihre Feinde geſtanden. Aber was ſie hier leiſtet, iſt wichtiger, als man gewohnt iſt zu glauben. Die menſchliche Natur erträͤgt es nicht, ununterbrochen und ewig auf der Folter der Geſchaͤfte zu liegen, die Reize der Sinne ſterben mit ihrer Befriedigung. Der Menſch, überladen von thieriſchem Genuß, der langen Anſtrengung müde, vom ewigen Triebe nach Thaͤtigkeit gequalt, durſtet nach beſſern aus⸗ erleſenern Vergnügungen, oder ſtürzt zügellos in wilde Zer⸗ ſtreuungen, die ſeinen Hinfall beſchleunigen und die Ruhe der Ge⸗ ſellſchaft zerſtören. Bacchantiſche Freuden, verderbliches Spiel, tauſend Raſereien, die der Mußiggang ausheckt, ſind unvermeid⸗ lich, wenn der Geſetzgeber dieſen Hang des Volks nicht zu len⸗ ken weiß. Der Mann von Geſchaͤften iſt in Gefahr, ein Leben, das er dem Staate ſo großmüthig hinopferte, mit dem un⸗ ſeligen Spleen abzubußen— der Gelehrte zum dumpfen Pe⸗ danten herabzuſinken— der Pöbel zum Thier. Die Schau⸗ bühne iſt die Stiftung, wo ſich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anſtrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachtheil der andern geſpannt, kein Ver⸗ gnügen auf Unkoſten des Ganzen genoſſen wird. Wenn Gram an dem Herzen nagt, wenn truͤbe Laune unſere einſamen Stun⸗ den vergiftet, wenn uns Welt und Geſchaͤfte anekeln, wenn tauſend Laſten unſere Seele drücken und unſere Reizbarkeit unter Arbeiten des Berufs zu erſticken droht, ſo empfaͤngt uns 81 die Bühne— in dieſer künſtlichen Welt traͤumen wir die wirk⸗ liche hinweg, wir werden uns ſelbſt wieder gegeben, unſre Empfindung erwacht, heilſame Leidenſchaften erſchüttern unſre ſchlummernde Natur und treiben das Blut in friſcheren Wal⸗ lungen. Der Unglückliche weint hier mit fremdem Kummer ſeinen eigenen aus.— Der Glückliche wird nüchtern und der Sichere beſorgt. Der empfindſame Weichling härtet ſich zum Manne, der rohe Unmenſch fängt hier zum erſtenmal zu em⸗ pfinden an. Und dann endlich— welch ein Triumph für dich, Natur!— ſo oft zu Boden getretene, ſo oft wieder auferſtehende Natur!— wenn Menſchen aus allen Kreiſen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Feſſel der Kuͤnſtelei und der Mode, herausgeriſſen aus jedem Drange des Schickſals, durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in ein Geſchlecht wieder aufgelöst, ihrer ſelbſt und der Welt vergeſſen, und ihrem himm⸗ liſchen Urſprung ſich nähern. Jeder Einzelne genießt die Ent⸗ zuckungen Aller, die verſtärkt und verſchönert aus hundert Au⸗ gen auf ihn zurückfallen, und ſeine Bruſt gibt jetzt nur einer Empfindung Raum— es iſt dieſe: ein Menſch zu ſeyn. Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. Proſaiſche Schriften. Zweite Periode. Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geſchichte. In der ganzen Geſchichte des Menſchen iſt kein Capitel unterrichtender für Herz und Geiſt, als die Annalen ſeiner Verirrungen. Bei jedem großen Verbrechen war eine verhält⸗ nißmäßig große Kraft in Bewegung. Wenn ſich das geheime Spiel der Begehrungskraft bei dem mattern Licht gewöhnlicher Affecte verſteckt, ſo wird es im Zuſtand gewaltſamer Leiden⸗ ſchaft deſto hervorſpringender, koloſſaliſcher, lauter; der feinere Menſchenforſcher, welcher weiß, wie viel man auf die Mechanik der gewöhnlichen Willensfreiheit eigentlich rechnen darf, und wie weit es erlaubt iſt, analogiſch zu ſchließen, wird manche Erfahrung aus dieſem Gebiete in ſeine Seelenlehre heruber⸗ tragen und für das ſittliche Leben verarbeiten. Es iſt etwas ſo Einförmiges und doch wieder ſo Zuſammen⸗ geſetztes, das menſchliche Herz. Eine und eben dieſelbe Fertig⸗ keit oder Begierde kann in tauſenderlei Formen und Richtun⸗ gen ſpielen, kann tauſend widerſprechende Phaänomene bewirken, kann in tauſend Charakteren anders gemiſcht erſcheinen, und tauſend ungleiche Charaktere und Handlungen können wieder aus einerlei Neigung geſponnen ſeyn, wenn auch der Menſch, on welchem die Rede iſt, nichts weniger denn eine ſolche 86 Verwandtſchaft ahnet. Stunde einmal, wie für die übrigen Reiche der Natur, auch für das Menſchengeſchlecht ein Linnaus auf, welcher nach Trieben und Neigungen claſſificirte, wie ſehr würde man erſtaunen, wenn man ſo Manchen, deſſen Laſter in einer engen bürgerlichen Sphare und in der ſchmalen Um⸗ zaäunung der Geſetze jetzt erſticken muß, mit dem Ungeheuer Borgia in einer Ordnung beiſammen faͤnde! Von dieſer Seite betrachtet, läͤßt ſich Manches gegen die gewöhnliche Behandlung der Geſchichte einwenden, und hier, vermuthe ich, liegt auch die Schwierigkeit, warum das Stu⸗ dium derſelben für das bürgerliche Leben noch immer ſo frucht⸗ os geblieben. Zwiſchen der heftigen Gemüthsbewegung des handelnden Menſchen und der ruhigen Stimmung des Leſers, welchem dieſe Handlung vorgelegt wird, herrſcht ein ſo widriger Contraſt, liegt ein ſo breiter Zwiſchenraum, daß es dem Letz⸗ tern ſchwer, ja unmöglich wird, einen Zuſammenhang nur zu ahnen. Es bleibt eine Lücke zwiſchen dem hiſtoriſchen Subject und dem Leſer, die alle Möglichkeit einer Vergleichung oder Anwendung abſchneidet, und ſtatt jenes heilſamen Schreckens, der die ſtolze Geſundheit warnet, ein Kopfſchütteln der Be⸗ fremdung erweckt. Wir ſehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, no er die That beging, ſo wie in der, wo er dafür büßet, Menſch war wie wir, für ein Geſchöpf frem⸗ der Gattung an, deſſen Blut anders umläuft, als das unſrige, deſſen Wille andern Regeln gehorcht, als der unſrige; ſeine Schickſale rühren uns wenig, denn Ruhrung gründet ſich ja nur auf ein dunkles Bewußtſeyn ähnlicher Gefahr, und wir ſind weit entfernt, eine ſolche Aehnlichkeit auch nur zu traͤu⸗ men. Die Belehrung geht mit der Beziehung verloren, und die Geſchichte, anſtatt eine Schule der Bildung zu ſeyn, muß ſich mit einem armſeligen Verdienſte um unſere Neugier 87 begnugen. Soll ſie uns mehr ſeyn und ihren großen Endzweck erreichen, ſo muß ſie nothwendig unter dieſen beiden Metho⸗ den wahlen— Entweder der Leſer muß warm werden wie der Held, oder der Held wie der Leſer erkalten. Ich weiß, daß von den beſten Geſchichtſchreibern neuerer Zeit und des Alterthums manche ſich an die erſte Methode ge⸗ halten und das Herz ihres Leſers durch hinreißenden Vortrag beſtochen haben. Aber dieſe Manier iſt eine Uſurpation des Schriftſtellers und beleidigt die republicaniſche Freiheit des leſenden Publicrums, dem es zukommt, ſelbſt zu Gericht zu ſitzen; ſie iſt zugleich eine Verletzung der Graͤnzen⸗Gerechtig⸗ keit, denn dieſe Methode gehöort ausſchließend und eigenthüm⸗ lich dem Redner und Dichter. Dem Geſchichtſchreiber bleibt nur die letztere übrig. Der Held muß kalt werden, wie der Leſer, oder, was hier eben ſo viel ſagt, wir muſſen mit ihm bekannt werden, eh' er handelt; wir muſſen ihn ſeine Handlung nicht bloß vollbrin⸗ gen, ſondern auch wollen ſehen. An ſeinen Gedanken liegt uns unendlich mehr, als an ſeinen Thaten, und noch weit mehr an den Quellen ſeiner Gedanken, als an den Folgen jener Thaten. Man hat das Erdreich des Veſuvs unterſucht, ſich die Entſtehung ſeines Brandes zu erklären; warum ſchenkt man einer moraliſchen Erſcheinung weniger Aufmerkſamkeit als einer phyſiſchen? Warum achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beſchaffenheit und Stellung der Dinge, welche einen ſolchen Menſchen umgaben, bis der geſammelte Zunder in ſei⸗ nem Inwendigen Feuer fing? Den Traͤumer, der das Wun⸗ derbare liebt, reizt eben das Seltſame und Abenteuerliche einer ſolchen Erſcheinung; der Freund der Wahrheit ſucht eine Mut⸗ ter zu dieſen verlorenen Kindern. Er ſucht ſie in der unver⸗ änderlichen Structur der menſchlichen Seele und in den ver⸗ 88 anderlichen Bedingungen, welche ſie von außen beſtimmten, und in dieſen beiden findet er ſie gewiß. Ihn überrafcht es nun nicht mehr, in dem naͤmlichen Beete, wo ſonſt überall heilſame Kraͤuter blühen, auch den giftigen Schierling gedeihen zu ſehen, Weisheit und Thorheit, Laſter und Tugend in ei⸗ ner Wiege beiſammen zu finden. Wenn ich auch keinen der Vortheile hier in Anſchlag bringe, welche die Seelenkunde aus einer ſolchen Behandlungsart der Geſchichte zieht, ſo behalt ſie ſchon allein darum den Vorzug, weil ſie den grauſamen Hohn und die ſtolze Sicherheit aus⸗ rottet, womit gemeiniglich die ungepruͤfte aufrechtſtehende Tu⸗ gend auf die gefallene herunterblickt; weil ſie den ſanften Geiſt der Duldung verbreitet, ohne welchen kein Fluchtling zuruck⸗ kehrt, keine Ausſöhnung des Geſetzes mit ſeinem Beleidiger ſtattfindet, kein angeſtecktes Glied der Geſellſchaft von dem gänzlichen Brande gerettet wird. Ob der Verbrecher, von dem ich jetzt ſprechen werde, auch noch ein Recht gehabt hatte, an jenen Geiſt der Duldung zu appelliren? Ob er wirklich ohne Rettung für den Körper des Staats verloren war?— Ich will dem Ausſpruche des Leſers nicht vorgreifen. Unſere Gelindigkeit fruchtet ihm nichts mehr, denn er ſtarb durch des Henkers Hand— aber die Leichenöffnung ſeines Laſters unterrichtet vielleicht die Menſch⸗ heit und— es iſt möͤglich, auch die Gerechtigkeit. Chriſtian Wolf war der Sohn eines Gaſtwirths in ei⸗ ner.. ſchen Landſtadt(deren Namen man, aus Gründen, die ſich in der Folge aufklären, verſchweigen muß) und half ſeiner Mutter, denn der Vater war todt, bis in ſein zwan⸗ zigſtes Jahr die Wirthſchaft beſorgen. Die Wirthſchaft war ſchlecht, und Wolf hatte müßige Stunden. Schon von der Schule her war er fuͤr einen loſen Buben bekannt. Erwachſene 89 Maͤdchen fuͤhrten Klagen über ſeine Frechheit, und die Jungen des Städtchens huldigten ſeinem erfinderiſchen Kopfe. Die Natur hatte ſeinen Körper verabſäumt. Eine kleine unſchein⸗ bare Figur, krauſes Haar von einer unangenehmen Schwaͤrze, eine plattgedrückte Naſe und eine geſchwollene Oberlippe, welche noch überdieß durch den Schlag eines Pferdes aus ihrer Rich⸗ tung gewichen war, gaben ſeinem Anblick eine Widrigkeit, welche alle Weiber von ihm zuruͤckſcheuchte und dem Witz ſeiner Cameraden eine reichliche Nahrung darbot. Er wollte ertrotzen, was ihm verweigert war; weil er miß⸗ fiel, ſetzte er ſich vor, zu gefallen. Er war ſinnlich, und be⸗ redete ſich, daß er liebe. Das Madchen, das er waͤhlte, miß⸗ handelte ihn; er hatte Urſache zu fürchten, daß ſeine Neben⸗ buhler gluͤcklicher waären; doch das Mädchen war arm. Ein Herz, das ſeinen Betheurungen verſchloſſen blieb, öffnete ſich vielleicht ſeinen Geſchenken; aber ihn ſelbſt drückte Mangel, und der eitle Verſuch, ſeine Außenſeite geltend zu machen, ver⸗ ſchlang noch das Wenige, was er durch eine ſchlechte Wirth⸗ ſchaft erwarb. Zu bequem und zu unwiſſend, ſeinem zerrütte⸗ ten Hausweſen durch Speculation aufzuhelfen; zu ſtolz, auch zu weichlich, den Herrn, der er bisher geweſen war, mit dem Bauern zu vertauſchen und ſeiner angebeteten Freiheit zu ent⸗ ſagen, ſah er nur einen Ausweg vor ſich— den Tauſende vor ihm und nach ihm mit beſſerm Glücke ergriffen haben— den Ausweg, honnet zu ſtehlen. Seine Vaterſtadt gränzte an eine landesherrliche Waldung, er wurde Wilddieb, und der Ertrag ſeines Raubes wanderte treulich in die Hande ſeiner Geliebten. Unter den Liebhabern Hannchens war Robert, ein Jägerburſche des Förſters. Fruhzeitig merkte dieſer den Vor⸗ theil, den die Freigebigkeit ſeines Nebenbuhlers über ihn ge⸗ wonnen hatte, und mit Schelſucht forſchte er nach den Quellen 90 dieſer Veränderung. Er zeigte ſich fleißiger in der Sonne— dieß war das Schild zu dem Wirthshauſe— ſein lauerndes Auge, von Ciferſucht und Neid geſchaͤrft, entdeckte ihm bald, woher dieſes Geld floß. Nicht lange vorher war ein ſtrenges Edict gegen die Wildſchützen erneuert worden, welches den Uebertreter zum Zuchthauſe verdammte. Robert war uner⸗ müdet, die geheimen Gaͤnge ſeines Feindes zu beſchleichen: endlich gelang es ihm auch, den Unbeſonnenen über der That zu ergreifen. Wolf wurde eingezogen, und nur mit Aufopfe⸗ rung ſeines ganzen kleinen Vermoͤgens brachte er es mühſam dahin, die zuerkannte Strafe durch eine Geldbuße abzuwenden. Robert triumphirte. Sein Nebenbuhler war aus dem Felde geſchlagen, und Hannchens Gunſt für den Bettler verloren. Wolf kannte ſeinen Feind, und dieſer Feind war der glückliche Beſitzer ſeiner Johanne. Drückendes Gefühl des Mangels geſellte ſich zu beleidigtem Stolze. Noth und Eiferſucht ſturmen vereinigt auf ſeine Empfindlichkeit ein, der Hunger treibt ihn hinaus in die weite Welt, Rache und Leiden⸗ ſchaft halten ihn feſt. Er wird zum zweiten Mal Wilddieb; aber Roberts verdoppelte Wachſamkeit überliſtet ihn zum zweiten Mal wieder. Jetzt erfäͤhrt er die ganze Schärfe des Geſetzes: denn er hat nichts mehr zu geben, und in wenigen Wochen wird er in das Zuchthaus der Reſidenz abgeliefert. Das Strafjahr war uͤberſtanden, ſeine Leidenſchaft durch die Entfernung gewachſen, und ſein Trotz unter dem Gewicht des Unglücks geſtiegen. Kaum erlangt er die Freiheit, ſo eilt er nach ſeinem Geburtsort, ſich ſeiner Johanne zu zeigen. Er erſcheint; man flieht ihn. Die dringende Noth hat endlich ſeinen Hochmuth gebeugt und ſeine Weichlichkeit überwunden— er bietet ſich den Reichen des Orts an, und will für den Taglohn dienen. Der Bauer zuckt uͤber den ſchwachen Zartling die 91 Achſel; der derbe Knochenbau ſeines handfeſten Mitbewerbers ſticht ihn bei dieſem fühlloſen Gönner aus. Er wagt einen letzten Verſuch. Ein Amt iſt noch ledig, der äußerſte verlorne Poſten des ehrlichen Namens— er meldet ſich zum Hirten des Städtchens, aber der Bauer will ſeine Schweine keinem Tauge⸗ nichts anvertrauen. In allen Entwurfen getäuſcht, an allen Orten zurückgewieſen, wird er zum dritten Mal Wilddieb, und zum dritten Mal trifft ihn das Unglück, ſeinem wachſamen Feinde in die Hände zu fallen. Der doppelte Rückfall hatte ſeine Verſchuldung erſchwert. Die Richter ſahen in das Buch der Geſetze, aber nicht einer in die Gemüthsfaſſung des Beklagten. Das Mandat gegen die Wilddiebe bedurfte einer ſolennen und exemplariſchen Genug⸗ thuung, und Wolf wurde verurtheilt, das Zeichen des Galgens auf den Rücken gebrannt, drei Jahre auf der Feſtung zu arbeiten. Auch dieſe Periode verlief, und er ging von der Feſtung— aber ganz anders, als er dahin gekommen war. Hier faͤngt eine neue Epoche in ſeinem Leben an; man höre ihn ſelbſt, wie er nachher gegen ſeinen geiſtlichen Beiſtand und vor Gerichte bekannt hat.„Ich betrat die Feſtung,“ ſagt er,„als ein Ver⸗ irrter und verließ ſie als ein Lotterbube. Ich hatt noch etwas in der Welt gehabt, das mir theuer war, und mein Stolz kruͤmmte ſich unter der Schande. Wie ich auf die Feſtung ge⸗ bracht war, ſperrte man mich zu dreiundzwanzig Gefangenen ein, unter denen zwei Mörder und die übrigen alle berüchtigte Diebe und Vagabunden waren. Man verhöhnte mich, wenn ich von Gott ſprach, und ſetzte mir zu, ſchändliche Läſterungen gegen den Erlöſer zu ſagen. Man ſang mir Hurenlieder vor, die ich, ein liederlicher Bube, nicht ohne Ekel und Entſetzen hörte; aber was ich ausüben ſah, emporte meine Schamhaftigkeit noch 9²2 mehr. Kein Tag verging, wo nicht irgend ein ſchaͤndlicher Lebenslauf wiederholt, irgend ein ſchlimmerAnſchlag geſchmiedet ward. Anfangs floh ich dieſes Volk und verkroch mich vor ihren Geſpraͤchen, ſo gut mir's möglich war; aber ich brauchte ein Geſchöpf, und die Barbarei meiner Waͤchter hatte mir auch meinen Hund abgeſchlagen. Die Arbeit war hart und tyran⸗ niſch, mein Körper kränklich; ich brauchte Beiſtand, und wenn ich's aufrichtig ſagen ſoll, ich brauchte Bedaurung, und dieſe mußte ich mit dem letzten Ueberreſte meines Gewiſſens erkaufen. So gewoͤhnte ich mich endlich an das Abſcheulichſte, und im letzten Vierteljahr hatte ich meine Lehrmeiſter uͤbertroffen. „Von jetzt an lechzte ich nach dem Tage meiner Freiheit, wie ich nach Rache lechzte. Alle Menſchen hatten mich beleidigt, denn alle waren beſſer und gluͤcklicher als ich. Ich betrachtete mich als den Martyrer des natürlichen Rechts und als ein Schlachtopfer der Geſetze. Zaͤhneknirſchend rieb ich meine Ketten, wenn die Sonne hinter meinem Feſtungsberg herauf⸗ kam; eine weite Ausſicht iſt zweifache Hölle für einen Gefan⸗ genen. Der freie Zugwind, der durch die Luftlöcher meines Thurmes pfiff, und die Schwalbe, die ſich auf dem eiſernen Stab meines Gitters niederließ, ſchienen mich mit ihrer Frei⸗ heit zu necken und machten mir meine Gefangenſchaft deſto gräßlicher. Damals gelobte ich unverſöhnlichen glühenden Haß Allem, was dem Menſchen gleicht, und was ich gelobte, habe ich redlich gehalten.* „Mein erſter Gedanke, ſobald ich mich frei ſah, war meine Vaterſtadt. So wenig auch für meinen kuͤnftigen Unterhalt da zu hoffen war, ſo viel verſprach ſich mein Hunger nach Rache. Mein Herz klopfte wilder, als der Kirchthurm von weitem aus dem Gehoͤlze ſtieg. Es war nicht mehr das herzliche Wohlbe⸗ hagen, wie ich's bei meiner erſten Wallfahrt empfunden hatte 93 — das Andenken alles Ungemachs, aller Verfolgungen, die ich dort einſt erlitten hatte, erwachte mit Einemmale aus einem ſchrecklichen Todesſchlaf; alle Wunden bluteten wieder, alle Narben gingen auf. Ich verdoppelte meine Schritte, denn es erquickte mich im voraus, meine Feinde durch meinen plötz⸗ lichen Anblick in Schrecken zu ſetzen, und ich dürſtete jetzt eben ſo ſehr nach neuer Erniedrigung, als ich damals davor gezittert hatte. „Die Glocken läuteten zur Veſper, als ich mitten auf dem Markte ſtand. Die Gemeinde wimmelte zur Kirche. Manker⸗ kannte mich ſchnell; Jedermann, der mir aufſtieß, trat ſcheu zurück. Ich hatte von jeher die kleinen Kinder ſehr lieb gehabt, und auch jetzt uͤbermannte mich's unwillkürlich, daß ich einem Knaben, der neben mir vorbei hupfte, einen Groſchen bot. Der Knabe ſah mich einen Augenblick ſtarr an und warf mir den Groſchen ins Geſicht. Ware mein Blut nur etwas ruhiger geweſen, ſo haͤtte ich mich erinnert, daß der Bart, den ich noch von der Feſrung mitbrachte, meine Geſichtszüge bis zum Gräß⸗ lichen entſtellte— aber mein böſes Herz hatte meine Vernunft angeſteckt. Thraͤnen, wie ich ſie nie geweint hatte, liefen uͤber meine Backen. „Der Knabe weiß nicht, wer ich bin, noch woher ich komme, ſagte ich halblaut zu mir ſelbſt, und doch meidet er mich wie ein ſchaͤndliches Thier. Bin ich denn irgendwo auf der Stirn gezeichnet, oder habe ich aufgehoͤrt, einem Menſchen aͤhnlich zu ſehen, weil ich fuͤhle, daß ich keinen mehr lieben kann? Die Verachtung dieſes Knaben ſchmerzte mich bitterer, als drei⸗ jaͤhriger Galiotendienſt, denn ich hatte ihm Gutes gethan und konnte ihn keines perſönlichen Haſſes beſchuldigen. „Ich ſetzte mich auf einen Zimmerplatz, der Kirche gegenuͤber; was ich eigentlich wollte, weiß ich nicht; doch ich weiß noch, 94 daß ich mit Erbitterung aufſtand, als von allen meinen vor⸗ übergehenden Bekannten keiner mich nur eines Grußes gewür⸗ digt hatte, auch nicht Einer. Unwillig verließ ich meinen Stand⸗ ort, eine Herberge aufzuſuchen; als ich an der Ecke einer Gaſſe umlenkte, rannte ich gegen meine Johanne.„Sonnen⸗ wirth!“ ſchrie ſie laut auf, und machte eine Bewegung, mich zu umarmen.„Du wieder da, lieber Sonnenwirth! Gott ſey Dank, daß du wieder kommſt!“ Hunger und Elend ſprach aus ihrer Bedeckung, eine ſchändliche Krankheit aus ihrem Geſichte; ihr Anblick verkündete die verworfenſte Creatur, zu der ſie er⸗ niedrigt war. Ich ahnete ſchnell, was hier geſchehen ſeyn mochte, einige fürſtliche Dragoner, die mir eben begegnet waren, ließen mich errathen, daß Garniſon in dem Staͤdtchen lag. „Soldatendirne!“ rief ich und drehte ihr lachend den Rücken zu. Es that mir wohl, daß noch ein Geſchöpf unter mir war im Rang der Lebendigen. Ich hatte ſie niemals geliebt. „Meine Mutter war todt. Mit meinem kleinen Hauſe hat⸗ ten ſich meine Creditoren bezahlt gemacht. Ich hatte Niemand und nichts mehr. Alle Welt floh mich, wie einen Giftigen, aber ich hatte endlich verlernt, mich zu ſchämen. Vorher hatte ich mich dem Anblick der Menſchen entzogen, weil Verachtung mir unertraͤglich war. Jetzt drang ich mich auf, und ergötzte mich, ſie zu verſcheuchen. Es war mir wohl, weil ich nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu hüten hatte. Ich brauchte keine gute Eigenſchaft mehr, weil man keine mehr bei mir vermuthete. „Die ganze Welt ſtand mir offen, ich hätte vielleich in einer fremden Provinz für einen ehrlichen Mann gegolten, aber ich hatte den Muth verloren, es auch nur zu ſcheinen. Verzweif⸗ lung und Schande hatten mir endlich dieſe Sinnesart aufge⸗ zwungen. Es war die letzte Ausflucht, die mir uͤbrig war, die 9⁵ Ehre entbehren zu lernen, weil ich an keine mehr Anſpruch machen durfte. Hätten meine Eitelkeit und mein Stolz meine Erniedrigung erlebt, ſo hätte ich mich ſelber entleiben müſſen. „Was ich nunmehr eigentlich beſchloſſen hatte, war mir ſel⸗ ber noch unbekannt. Ich wollte Böſes thun, ſo viel erinnerte ich mich noch dunkel. Ich wollte mein Schickſal verdienen. Die Geſetze, meinte ich, waren Wohlthaten für die Welt, alſo faßte ich den Vorſatz, ſie zu verletzen: ehemals hatte ich aus Noth⸗ wendigkeit und Leichtſinn geſündigt, jetzt that ich's aus freier Wahl zu meinem Vergnügen. „Mein Erſtes war, daß ich mein Wildſchießen fortſetzte. Die Jagd überhaupt war mir nach und nach zur Leidenſchaft ge⸗ worden, und außerdem mußte ich ja leben. Aber dieß war es nicht allein; es kitzelte mich, das fürſtliche Ediet zu verhoͤhnen und meinem Landesherrn nach allen Kraͤften zu ſchaden. Er⸗ griffen zu werden, beſorgte ich nicht mehr, denn jetzt hatte ich eine Kugel für meinen Entdecker bereit, und das wußte ich, daß mein Schuß ſeinen Mann nicht fehlte. Ich erlegte alles Wild, das mir aufſtieß, nur weniges machte ich auf der Gränze zu Gelde, das meiſte ließ ich verweſen. Ich lebte kümmerlich, um nur den Aufwand an Blei und Pulver zu beſtreiten. Meine Verheerungen in der großen Jagd wurden ruchtbar, aber mich drückte kein Verdacht mehr. Mein Anblick löſchte ihn aus. Mein Name war vergeſſen. „Dieſe Lebensart trieb ich mehrere Monate. Eines Morgens hatte ich nach meiner Gewohnheit das Holz durchſtrichen, die Fährte eines Hirſches zu verfolgen. Zwei Stunden hatte ich mich vergeblich ermüdet, und ſchon fing ich an, meine Beute verloren zu geben, als ich ſie auf einmal in ſchußgerechter Ent⸗ fernung entdeckte. Ich will anſchlagen und abdrücken— aber plötzlich erſchreckt mich der Anblick eines Hutes, der wenige 96 Schritte vor mir auf der Erde liegt. Ich forſche genauer, und erkenne den Jäger Robert, der hinter dem dicken Stamme einer Eiche auf eben das Wild anſchlaͤgt, dem ich den Schuß beſtimmt hatte. Eine toͤdtliche Käͤlte faͤhrt bei dieſem Anblick durch meine Gebeine. Juſt das war der Menſch, den ich un⸗ ter allen lebendigen Dingen am graͤßlichſten haßte, und dieſer Menſch war in die Gewalt meiner Kugel gegeben. In dieſem Augenblick dünkte mich's, als ob die ganze Welt in meinem Flintenſchuß lage, und der Haß meines ganzen Lebens in die einzige Fingerſpitze ſich zuſammendrangte, womit ich den moͤr⸗ deriſchen Druck thun ſollte. Eine unſichtbare, fürchterliche Hand ſchwebte über mir, der Stundenweiſer meines Schickſals zeigte unwiderruflich auf dieſe ſchwarze Minute. Der Arm zitterte mir, da ich meiner Flinte die ſchreckliche Wahl erlaubte— meine Zaͤhne ſchlugen zuſammen wie im Fieberfroſt, und der Odem ſperrte ſich erſtickend in meiner Lunge. Eine Minute lang blieb der Lauf meiner Flinte ungewiß zwiſchen dem Men⸗ ſchen und dem Hirſch mitten inne ſchwanken— eine Minute — und noch eine— und wieder eine. Rache und Gewiſſen rangen hartnäckig und zweifelhaft, aber die Nache gewann's, und der Jaͤger lag todt am Boden. „Mein Gewehr fiel mit dem Schuſſe..... Mör⸗ der.... ſtammelte ich langſam— der Wald war ſtill wie ein Kirchhof— ich hörte deutlich, daß ich Mörder ſagte. Als ich naͤher ſchlich, ſtarb der Mann. Lange ſtand ich ſprach⸗ los vor dem Todten, ein helles Gelächter endlich machte mir Luft.„Wirſt du jetzt reinen Mund halten, guter Freund!“ ſagte ich und trat keck hin, indem ich zugleich das Geſicht des Ermordeten auswaͤrts kehrte. Die Augen ſtanden ihm weit auf. Ich wurde ernſthaft und ſchwieg plöͤtzlich wieder ſtille. Es fing mir an, ſeltſam zu werden. 5 97 „Bis hieher hatte ich auf Rechnung meiner Schande gefre⸗ velt; jetzt war etwas geſchehen, wofür ich noch nicht gebüßt hatte. Eine Stunde vorher, glaube ich, hätte mich kein Menſch überredet, daß es noch etwas Schlechteres, als mich, unter dem Himmel gebe; jetzt fing ich an zu muthmaßen, daß ich vor einer Stunde wohl gar zu beneiden war. „Gottes Gerichte fielen mir nicht ein— wohl aber eine, ich weiß nicht welche? verwirrte Erinnerung an Strang und Schwert, und die Execution einer Kindermörderin, die ich als Schuljunge mit angeſehen hatte. Etwas ganz beſonders Schreck⸗ bares lag für mich in dem Gedanken, daß von jetzt an mein Leben verwirkt ſey. Auf Mehreres beſinne ich mich nicht mehr. Ich wünſchte gleich darauf, daß er noch lebte. Ich that mir Gewalt an, mich lebhaft an alles Böſe zu erinnern, das mir der Todte im Leben zugefügt hatte, aber ſonderbar! mein Ge⸗ dächtniß war wie ausgeſtorben. Ich konnte nichts mehr von allem dem hervorrufen, was mich vor einer Viertelſtunde zum Naſen gebracht hatte. Ich begriff gar nicht, wie ich zu dieſer Mordthat gekommen war. „Noch ſtand ich vor der Leiche, noch immer. Das Knallen einiger Peitſchen, und das Geknarre von Frachtwagen, di durchs Holz fuhren, brachte mich zu mir ſelbſt. Es war kaum eine Viertelmeile abſeits der Heerſtraße, wo die That geſchehen war. Ich mußte auf meine Sicherheit denken. „Unwillkürlich verlor ich mich tiefer in den Wald. Auf dem Wege fiel mir ein, daß der Entleibte ſonſt eine Taſchenuhr be⸗ ſeſſen hätte. Ich brauchte Geld, um die Gränze zu erreichen — und doch fehlte mir der Muth, nach dem Platze umzuwen⸗ den, wo der Todte lag. Hier erſchreckte mich ein Gedanke an den Teufel und an eine Allgegenwart Gottes. Ich raffte meine ganze Kühnheit zuſammen; entſchlollen, es mit der ganzen ſaämmtl. Werke. X 7 98 Höͤlle aufzunehmen, ging ich nach der Stelle zuruck. Ich fand, was ich erwartet hatte, und in einer grünen Vörſe noch etwas Weniges über einen Thaler an Gelde. Eben, da ich Beides zu mir ſtecken wollte, hielt ich plotzlich ein und überlegte. Es war keine Anwandlung von Scham, auch nicht Furcht, mein Verbrechen durch Pluͤnderung zu verarößern— Trotz, glaube ich, war es, daß ich die Uhr wieder von mir warf, und von dem Gelde nur die Hälfte behielt. Ich wollte für einen per⸗ ſönlichen Feind des Erſchoſſenen, aber nicht für ſeinen Rauber gehalten ſeyn. „Jetzt floh ich waldeinwärts. Ich wußte, daß das Holz ſich vier deutſche Meilen nordwärts erſtreckte, und dort an die Granzen des Landes ſtieß. Bis zum hohen Mittage lief ich athemlos. Die Eilfertigkeit meiner Flucht hatte meine Gewiſ⸗ ſensangſt zerſtreut; aber ſie kam ſchrecklicher zurück, wie meine Krafte mehr und mehr ermatteten. Tauſend graͤßliche Geſtal⸗ ten gingen an mir vorüber, und ſchlugen wie ſchneidende Meſ⸗ ſer in meine Bruſt. Zwiſchen einem Leben voll raſtloſer Todes⸗ furcht und einer gewaltſamen Entleibung war mir jetzt eine ſchreckliche Wahl gelaſſen, und ich mußte wählen. Ich hatte das Herz nicht, durch Selbſtmord aus der Welt zu gehen, und entſetzte mich vor der Ausſicht, darin zu bleiben. Geklemmt zwiſchen die gewiſſen Qualen des Lebens und die ungewiſſen Schrecken der Ewigkeit, gleich unfaͤhig zu leben und zu ſterben, brachte ich die ſechste Stunde meiner Flucht dahin, eine Stunde, vollgepreßt von Qualen, wovon noch kein lebendiger Menſch zu erzählen weiß. „In mich gekehrt und langſam, ohne mein Wiſſen den Hut tief ins Geſicht gedrückt, als ob mich dieß vor dem Auge der lebloſen Natur hätte unkenntlich machen können, hatte ich un⸗ vermerkt einen ſchmalen Fußſreig verfolgt, der mich durch das 99 dunkelſte Dickicht führte— als plötzlich eine rauhe befehlende Stimme vor mir her:„Halt!“ rufte. Die Stimme war ganz nahe, meine Zerſtreuung und der heruntergedrückte Hut hatten mich verhindert, um mich herumzuſchauen. Ich ſchlug die Augen auf und ſah einen wilden Mann auf mich zukommen, der eine große knotige Keule trug. Seine Figur ging ins Rieſenmaßige— meine erſte Beſtuͤrzung wenigſtens hatte mich dieß glauben ge⸗ macht— und die Farbe ſeiner Haut war von einer gelben Mulattenſchwärze, woraus das Weiße eines ſchielenden Auges bis zum Graſſen hervortrat. Er hatte, ſtatt eines Gurts, ein dickes Seil zweifach um einen grünen wollenen Rock geſchlagen, worin ein breites Schlachtmeſſer bei einer Piſtole ſtack. Der Ruf wurde wiederholt, und ein kräftiger Arm hielt mich feſt. Der Laut eines Menſchen hatte mich in Schrecken gejagt, aber der Anblick eines Böſewichts gab mir Herz. In der Lage, worin ich jetzt war, hatte ich Urſache vor jedem redlichen Manne, aber keine mehr, vor einem Räuber zu zittern. „Wer da?“ ſagte dieſe Erſcheinung. „Deinesgleichen,“ war meine Antwort,„wenn du der wirk⸗ lich biſt, dem du gleich ſiehſt!“ „Dahinaus geht der Weg nicht. Was haſt du hier zu ſuchen?“ „Was haſt du hier zu fragen?“ verſetzte ich trotzig. „Der Mann betrachtete mich zweimal vom Fuß bis zum Wirbel. Es ſchien, als ob er meine Figur gegen die ſeinige und meine Antwort gegen meine Figur halten wollte— Du ſprichſt brutal, wie ein Bettler,“ ſagte er endlich. „Das mag ſeyn. Ich bin's noch geſtern geweſen.“ „Der Mann lachte.„Man ſollte darauf ſchwoͤren.“ rief er, „du wollteſt auch noch jetzt fuͤr nichts Beſſeres gelten.“ „Für etwas Schlechteres alſo“— Ich wollte weiter 100 „Sachte, Freund! Was jagt dich denn ſo? Was haſt du für Zeit zu verlieren?“ „Ich beſann mich einen Augenblick. Ich weiß nicht, wie mir das Wort auf die Zunge kam,„das Lebén iſt kurz,“ ſagte ich langſam,„und die Hölle waͤhrt ewig.“ „Er ſah mich ſtier an.„Ich will verdammt ſeyn,“ ſagte er endlich,„oder du biſt irgend an einem Galgen hart vorbei⸗ geſtreift.“. „Das mag wohl noch kommen. Alſo auf Wiederſehen, Camerad!“ „Topp, Camerade!“ ſchrie er, indem er eine zinnerne Flaſche aus ſeiner Jagdtaſche hervorlangte, einen kräftigen Schluck dar⸗ aus that, und mir ſie reichte. Flucht und Beängſtigung hatten meine Kraͤfte aufgezehrt, und dieſen ganzen entſetzlichen Tag war noch nichts über meine Lippen gekommen. Schon fürchtete ich, in dieſer Waldgegend zu verſchmachten, wo auf drei Meilen in ſder Runde kein Labſal für mich zu hoffen war. Man ur⸗ theile, wie froh ich auf dieſe angebotene Geſundheit Beſcheid that. Neue Kraft floß mit dieſem Erquicktrunk in meine Ge⸗ beine und friſcher Muth in mein Herz, und Hoffnung und Liebe zum Leben. Ich fing an zu glauben, daß ich doch wohl nicht ganz elend waͤre; ſo viel konnte dieſer willkommene Trank. Ja, ich bekenne es, mein Zuſtand graͤnzte wieder an einen glück⸗ lichen, denn endlich, nach tauſend fehlgeſchlagenen Hoffnungen, hatte ich eine Creatur gefunden, die mir aͤhnlich ſchien. In dem Zuſtand, worein ich verſunken war, hätte ich mit dem höl⸗ liſchen Geiſte Cameradſchaft getrunken, um einen Vertrauten zu haben. 4 „Der Mannhatte ſich aufs Gras hingeſtreckt, ich that ein Gleiches. 101 „Dein Trunk hat mir wohlgethan!“ ſagte ich.„Wir müſſen bekannter werden.“ „Er ſchlug Feuer, ſeine Pfeife zu zünden. „Treibſt du das Handwerk ſchon lange?“ „Er ſah mich feſt an.„Was willſt du damit ſagen?“ „War das ſchon oft blutig?“ Ich zog das Meſſer aus ſeinem Guͤrtel. „Wer biſt du?“ ſagte er ſchrecklich, und legte die Pfeife von ſich. „Ein Mörder, wie du— aber nur erſt ein Anfänger.“ „Der Menſch ſah mich ſteif an und nahm ſeine Pfeife wieder. „Du biſt nicht hier zu Hauſe?“ ſagte er endlich. „Drei Meilen von hier. Der Sonnenwirth in L..., wenn du von mir gehört haſt.“ Der Mann ſprang auf, wie ein Beſeſſener.„Der Wild⸗ ſchütze Wolf?“ ſchrie er haſtig. „Der nämliche.“ 1 „Willkommen, Camerad! Willkommen!“ rief er und ſchuͤt⸗ telte mir kraͤftig die Haͤnde.„Das iſt brav, daß ich dich endlich habe, Sonnenwirth! Jahr und Tag ſchon ſinn' ich darauf, dich zu kriegen. Ich kenne dich recht gut. Ich weiß um Alles. Ich habe lange auf dich gerechnet.“ „Auf mich gerechnet? Wozu denn?“ „Die ganze Gegend iſt voll von dir. Du haſt Feinde, ein Amtmann hat dich gedrückt, Wolf! Man hat dich zu Grunde gerichtet, himmelſchreiend iſt man mit dir umgegangen.“ „Der Mann wurde hitzig—„Weil du ein paar Schweine geſchoſſen haſt, die der Fürſt auf unſern Aeckern und Feldern füttert, haben ſie dich Jahre lang im Zuchthauſe und auf der Feſtung herumgezogen, haben ſie dich um Haus und Wirth⸗ 10²2 ſchaft beſtohlen, haben ſie dich zum Bettler gemacht. Iſt es da⸗ hin gekommen, Bruder, daß der Menſch nicht mehr gelten ſoll, als ein Haſe? Sind wir nicht beſſer, als das Vieh auf dem Felde?— Und ein Kerl, wie du, konnte das dulden?“ „Konnt' ich's ändern?“ „Das werden wir ja wohl ſehen. Aber ſage mir doch, woher kommſt du denn jetzt und was führſt du im Schilde?“ „Ich erzählte ihm meine ganze Geſchichte. Der Mann, ohne abzuwarten, bis ich zu Ende war, ſprang mit froher Ungeduld auf und mich zog er nach.„Komm, Bruder Sonnenwirth,“ ſagte er,„jetzt biſt du reif, jetzt hab' ich dich, wo ich dich brauchte. Ich werde Ehre mit dir einlegen. Folge mir!“ „Wo willſt du mich hinführen?“ „Frage nicht lange. Folge!“— Er ſchleppte mich mit Ge⸗ walt fort. „Wir waren eine kleine Viertelmeile gegangen. Der Wald wurde immer abſchüſſiger, unwegſamer und wilder, keiner von uns ſprach ein Wort, bis mich endlich die Pfeife meines Füh⸗ rers aus meinen Betrachtungen aufſchreckte. Ich ſchlug die Augen auf, wir ſtanden am ſchroffen Abſturz eines Felſen, der ſich in eine tiefe Kluft hinunterbuͤckte. Eine zweite Pfeife ant⸗ wortete aus dem innerſten Bauche des Felſens, und eine Leiter kam, wie von ſich ſelbſt, langſam aus der Tiefe geſtiegen. Mein Führer kletterte zuerſt hinunter, mich hieß er warten, bis er wieder käme. Erſt muß ich den Hund an Ketten legen laſſen, ſetzte er hinzu, du biſt hier fremd, die Beſtie wuͤrde dich zerreißen. Damit ging er. „Jetzt ſtand ich allein vor dem Abgrund, und ich wußte recht gut, daß ich allein war. Die Unvorſichtigkeit meines Führers entging meiner Aufmerkſamkeit nicht. Es hätte mir nur einen beherzten Entſchluß gekoſtet, die Leiter heraufzuziehen, ſo war ich 103 frei, und meine Flucht war geſichert. Ich geſtehe, daß ich das einſah. Ich ſah in den Schlund hinab, der mich jetzt aufneh⸗ men ſollte; es erinnerte mich dunkel an den Abgrund der Hölle, woraus keine Erlöſung mehr iſt. Mir fing an, vor der Lauf⸗ bahn zu ſchaudern, die ich nunmehr betreten wollte; nur eine ſchnelle Flucht konnte mich retten. Ich beſchließe dieſe Flucht — ſchon ſtreckte ich den Arm nach der Leiter aus— aber auf einmal donnert's in meinen Ohren, es umhallt mich wie Hohn⸗ gelächter der Höͤlle:„Was hat ein Mörder zu wagen 2“— und mein Arm fällt gelähmt zuruͤck. Meine Rechnung war völlig, die Zeit der Reue war dahin, mein begangener Mord lag hin⸗- ter mir aufgethuͤrmt, wie ein Fels, und ſperrte meine Ruͤckkehr auf ewig. Zugleich erſchien auch mein Führer wieder und kündigte mir an, daß ich kommen ſolle. Jetzt war ohnehin keine Wahl mehr. Ich kletterte hinunter. „Wir waren wenige Schritte unter der Felsmauer weggegan⸗ gen, ſo erweiterte ſich der Grund und einige Hutten wurden ſichtbar. Mitten zwiſchen dieſen offnete ſich ein runder Raſen⸗ platz, auf welchem ſich eine Anzahl von achtzehn bis zwanzig Menſchen um ein Kohlfeuer gelagert hatte.„Hier, Cameraden,“ ſagte mein Führer und ſtellte mich mitten in den Kreis;„unſer Sonnenwirth! heißt ihn willkommen 4 „Sonnenwirth!“ ſchrie Alles zugleich, und Alles fuhr auf und draͤngte ſich um mich her, Maͤnner und Weiber. Soll ich's geſtehen? Die Freude war ungeheuchelt und herzlich. Vertrauen, Achtung ſogar erſchien auf jedem Geſichte; dieſer drückte mir die Hand, jener ſchuttelte mich vertraulich am Kleide, der ganze Auftritt war wie das Wiederſehen eines alten Be⸗ kannten, der einem werth iſt. Meine Ankunft hatte den Schmaus unterbrochen, der eben anfangen ſollte. Man ſetzte ihn ſogleich fort und nöthigte mich, den Willkomm zu trinken. 104 Wildpret aller Art war die Mahlzeit, und die Weinflaſche wan⸗ derte unermüdet von Nachbar zu Nachbar. Wohlleben und Einigkeit ſchien die ganze Bande zu beſeelen, und Alles wett— eiferte, ſeine Freude über mich zügelloſer an den Tag zu legen. „Man hatte mich zwiſchen zwei Weibsperſonen ſitzen laſſen, welches der Ehrenplatz an der Tafel war. Ich erwartete den Auswurf ihres Geſchlechts, aber wie groß war meine Ver⸗ wunderung, als ich unter dieſer ſchandlichen Rotte die ſchoͤnſten weiblichen Geſtalten entdeckte, die mir jemals vor Augen ge⸗ kommen. Margarethe, die aͤlteſte und ſchönſte von beiden, ließ ſich Jungfer nennen, und konnte kaum fünfundzwanzig ſeyn. Sie ſprach ſehr frech, und ihre Gebärden ſagten noch mehr. Marie, die jüngere, war verheirathet, aber einem Mann entlaufen, der ſie mißhandelt hatte. Sie war feiner ge⸗ bildet, ſah aber blaß aus und ſchmächtig, und fiel weniger ins Auge, als ihre feurige Nachbarin. Beide Weiber eiferten auf einander, meine Begierden zu entzunden; die ſchöne Mar⸗ garethe kam meiner Blöoͤdigkeit durch freche Scherze zuvor, aber das ganze Weib war mir zuwider, und mein Herz hatte die ſchüchterne Marie auf immer gefangen. „Du ſiehſt, Bruder Sonnenwirth,“ fing der Mann jetzt an, der mich hergebracht hatte,„du ſiehſt, wie wir untereinander leben, und jeder Tag iſt dem heutigen gleich. Nicht wahr, Cameraden?“ „Jeder Tag, wie der heutige!“ wiederholte die ganze Bande. „Kannſt du dich alſo entſchließen, an unſerer Lebensart Gefallen zu finden, ſo ſchlag' ein und ſey unſer Anführer. Bis jetzt bin ich es geweſen, aber dir will ich weichen. Seyd ihr's zufrieden, Cameraden?“ „Ein froͤhliches„Ja!“ antwortete aus allen Kehlen. „Mein Kopf glühte, mein Gehirn war betaͤubt, von Wein 105 und Begierden ſiedete mein Blut. Die Welt hatte mich aus⸗ geworfen, wie einen Verpeſteten— hier fand ich brüderliche Aufnahme, Wohlleben und Ehre. Welche Wahl ich auch treffen wollte, ſo erwartete mich Tod; hier aber konnte ich wenigſtens mein Leben für einen höhern Preis verkaufen. Wolluſt war meine wüthendſte Neigung; das andere Geſchlecht hatte mir bis jetzt nur Verachtung bewieſen, hier erwarteten mich Gunſt und zügelloſe Vergnügungen. Mein Entſchluß koſtete mir we⸗ nig.„Ich bleibe bei euch, Cameraden,“ rief ich laut mit Ent⸗ ſchloſſenheit und trat mitten unter die Bande;„ich bleibe bei euch,“ rief ich nochmals,„wenn ihr mir meine ſchöne Nach⸗ barin abtretet!“— Alle kamen überein, mein Verlangen zu bewilligen, ich war erklärter Eigenthümer einer Heeer und das Haupt einer Diebesbande.“ Den folgenden Theil der Geſchichte übergehe ich ganz; das bloß Abſcheuliche hat nichts Unterrichtendes für den Leſer. Ein Unglücklicher, der bis zu dieſer Tiefe herunterſank, mußte ſich endlich Alles erlauben, was die Menſchheit empört— aber einen zweiten Mord beging er nicht mehr, wie er ſelbſt auf der Folter bezeugte. Der Ruf dieſes Menſchen verbreitete ſich in kurzem durch die ganze Provinz. Die Landſtraßen wurden unſicher, nächt⸗ liche Einbruͤche beunruhigten den Buͤrger, der Name des Sonnenwirths wurde der Schrecken des Landvolks, die Gerech⸗ tigkeit ſuchte ihn auf, und eine Prämie wurde auf ſeinen Kopf geſetzt. Er war ſo gluͤcklich, jeden Anſchlag auf ſeine Freiheit zu vereiteln und verſchlagen genug, den Aberglauben des wun⸗ derſüchtigen Bauern zu ſeiner Sicherheit zu benutzen. Seine Gehülfen mußten ausſprengen, er habe einen Bund mit dem Teufel gemacht und konne hexren. Der Diſtrict, auf welchem er ſeine Rolle ſpielte, gehörte damals noch weniger als jetzt zu 106 den aufgeklaͤrten Deutſchlands; man glaubte dieſem Gerüchte, und ſeine Perſon war geſichert. Niemand zeigte Luſt, mit dem ge⸗ fährlichen Kerl anzubinden, dem der Teufel zu Dienſten ſtünde. Ein Jahr ſchon hatte er das traurige Handwerk getrieben, als es anfing ihm unertraͤglich zu werden. Die Rotte, an deren Spitze er ſich geſtellt hatte, erfüllte ſeine glänzenden Er⸗ wartungen nicht. Eine verführeriſche Außenſeite hatte ihn da⸗ mals im Taumel des Weines geblendet; jetzt wurde er mit Schrecken gewahr, wie abſcheulich er hintergangen worden. Hunger und Mangel traten an die Stelle des Ueberfluſſes, womit man ihn eingewiegt hatte; ſehr oft mußte er ſein Leben an eine Mahlzeit wagen, die kaum hinreichte, ihn vor dem Verhungern zu ſchützen. Das Schattenbild jener brüder⸗ lichen Eintracht verſchwand; Neid, Argwohn und Eiferſucht wutheten im Innern dieſer verworfenen Bande. Die Gerechtig⸗ keit hatte demjenigen, der ihn lebendig ausliefern würde, Be⸗ lohnung, und, wenn es ein Mitſchuldiger waͤre, noch eine feier⸗ liche Begnadigung zugeſagt— eine mächtige Verſuchung für den Auswurf der Erde! Der Unglückliche kannte ſeine Gefahr. Die Redlichkeit derjenigen, die Menſchen und Gott verriethen, war ein ſchlechtes Unterpfand ſeines Lebens. Sein Schlaf war von jetzt an dahin; ewige Todesangſt zerfraß ſeine Ruhe; das gräßliche Geſpenſt des Argwohns raſſelte hinter ihm, wo er hinfloh, peinigte ihn, wenn er wachte, bettete ſich neben ihm, wenn er ſchlafen ging, und ſchreckte ihn in entſetzlichen Träͤu⸗ men. Das verſtummte Gewiſſen gewann zugleich ſeine Sprache wieder, und die ſchlafende Natter der Reue wachte bei dieſem allgemeinen Sturme ſeines Buſens auf. Sein ganzer Haß wandte ſich jetzt von der Menſchheit und kehrte ſeine ſchreckliche Schneide gegen ihn ſelber. Er vergab jetzt der ganzen Natur, und fand Niemand, als ſich allein zu verfluchen. 107 Das Laſter hatte ſeinen unterricht an dem Unglücklichen vollendet; ſein natürlich guter Verſtand ſiegte endlich ͤber die traurige Täuſchung. Jetzt fuͤhlte er, wie tief er gefallen war, ruhigere Schwermuth trat an die Stelle knirſchender Verzweif⸗ lung. Er wünſchte mit Thränen die Vergangenheit zurück; zetzt wußte er gewiß⸗ daß er ſie ganz anders wiederholen würde. Er fing an zu hoffen, daß er noch rechtſchaffen werden dürfe, weil er bei ſich empfand, daß er es könne. Auf dem hoͤchſten Gipfel ſeiner Verſchlimmerung war er dem Guten näher, als er vielleicht vor ſeinem erſten Fehltritt geweſen war. Um eben dieſe Zeit war der ſiebenjährige Krieg ausgebrochen, und die Werbungen gingen ſtark. Der Ungluͤckliche ſchopfte Hoffnung von dieſem Umſtand, und ſchrieb einen Brief an ſeinen Landesherrn, den ich auszugsweiſe hier einrücke: „Wenn Ihre fürſtliche Huld ſich nicht ekelt, bis zu mir herunter zu ſteigen, wenn Verbrecher meiner Art nicht außer⸗ halb Ihrer Erbarmung liegen, ſo goͤnnen Sie mir Gehör, durchlauchtigſter Oberherr! Ich bin Mörder und Dieb, das Geſetz verdammt mich zum Tode, die Gerichte ſuchen mich auf — und ich biete mich an, mich freiwillig zu ſtellen. Aber ich bringe zugleich eine ſeltſame Bitte vor Ihren Thron. Ich verabſcheue mein Leben und fürchte den Tod nicht, aber ſchreck⸗ lich iſt mir's zu ſterben, ohne gelebt zu haben. Ich möchte leben, um einen Theil des Vergangenen gut zu machen; ich moͤchte leben, um den Staat zu verſöhnen, den ich beleidigt habe. Meine Hinrichtung wird ein Beiſpiel ſeyn fuͤr die Welt, aber kein Erſatz meiner Thaten. Ich haſſe das Laſter und ſehne mich feurig nach Rechtſchaffenheit und Tugend. Ich habe Fähigkeiten gezeigt, meinem Vaterlande furchtbar zu werden; ich hoffe, daß mir noch einige übrig geblieben ſind, ihm zu nutzen. 108 „Ich weiß, daß ich etwas Unerhörtes begehre. Mein Leben iſt verwirkt, mir ſteht es nicht an, mit der Gerechtigkeit Unter⸗ handlung zu pflegen. Aber ich erſcheine nicht in Ketten und Banden vor Ihnen— noch bin ich frei— und meine Furcht hat den kleinſten Antheil an meiner Bitte. „Es iſt Gnade, um was ich flehe. Einen Anſpruch auf Gerechtigkeit, wenn ich auch einen hätte, wage ich nicht mehr geltend zu machen.— Doch an etwas darf ich meinen Richter erinnern. Die Zeitrechnung meiner Verbrechen fängt mit dem Urtheilſpruch an, der mich auf immer um meine Ehre brachte. Wäre mir damals die Billigkeit minder verſagt worden, ſo würde ich jetzt vielleicht keiner Gnade bedürfen. „Laſſen Sie Gnade für Recht ergehen, mein Fürſt! Wenn es in Ihrer fürſtlichen Macht ſteht, das Geſetz für mich zu erbitten, ſo ſchenken Sie mir das Leben. Es ſoll Ihrem Dienſte von nun an gewidmet ſeyn. Wenn Sie es können, ſo laſſen Sie mich Ihren gnädigſten Willen aus oͤffentlichen Blät⸗ tern vernehmen, und ich werde mich auf Ihr fürſtliches Wort in der Hauptſtadt ſtellen. Haben Sie es anders mit mir be⸗ ſchloſſen, ſo thue die Gerechtigkeit denn das Ihrige, ich muß das Meinige thun.“ Dieſe Bittſchrift blieb ohne Antwort, wie auch eine zweite und dritte, worin der Supplicant um eine Reiterſtelle im Dienſte des Fürſten bat. Seine Hoffnung zu einem Pardon erloſch gänzlich, er faßte alſo den Entſchluß, aus dem Lande zu fliehen, und im Dienſte des Konigs von Preußen als ein bra⸗ ver Soldat zu ſterben. Er entwiſchte glücklich ſeiner Bande und trat dieſe Reiſe an. Der Weg führte ihn durch eine kleine Landſtadt, wo er übernachten wollte. Kurze Zeit vorher waren durch das ganze Land geſchärftere Mandate zu ſtrenger Unterſuchung der Rei⸗ 109 ſenden ergangen, weil der Landesherr, ein Reichsfürſt, im Kriege Partei genommen hatte. Einen ſolchen Befehl hatte auch der Thorſchreiber dieſes Städtchens, der auf einer Bank vor dem Schlage ſaß, als der Sonnenwirth geritten kam. Der Aufzug dieſes Mannes hatte etwas Poſſierliches, und zugleich etwas Schreckliches und Wildes. Der hagre Klepper, den er ritt, und die burleske Wahl ſeiner Kleidungsſtücke, wobei wahr⸗ ſcheinlich weniger ſein Geſchmack, als die Chronologie ſeiner Ent⸗ wendungen zu Rathe gezogen war, contraſtirte ſeltſam genug mit einem Geſicht, worauf ſo viele wüthende Affecte, gleich den verſtummelten Leichen auf einem Wahlplatz, verbreitet lagen. Der Thorſchreiber ſtutzte beim Anblick dieſes ſeltſamen Wan⸗ derers. Er war am Schlagbaum grau geworden, und eine vierzigjährige Amtsführung hatte in ihm einen unfehlbaren Phyſiognomen aller Landſtreicher erzogen. Der Falkenblick die⸗ ſes Spürers verfehlte auch hier ſeinen Mann nicht. Er ſperrte ſogleich das Stadtthor und forderte dem Reiter den Paß ab, indem er ſich ſeines Zügels verſicherte. Wolf war auf Fälle dieſer Art vorbereitet, und führte auch wirklich einen Paß bei ſich, den er unlaͤngſt von einem geplünderten Kaufmann er⸗ beutet hatte. Aber dieſes einzelne Zeugniß war nicht genug, eine vierzigjährige Obſervanz umzuſtoßen und das Orakel am Schlagbaum zu einem Widerruf zu bewegen. Der Thorſchrei⸗ ber glaubte ſeinen Augen mehr als dieſem Papiere, und Wolf war genöthigt, ihm nach dem Amthauſe zu folgen. Der Oberamtmann des Orts unterſuchte den Paß und er⸗ klaͤrte ihn fuͤr richtig. Er war ein ſtarker Anbeter der Neuig⸗ keit und liebte beſonders, bei einer Bouteille über die Zeitung zu plaudern. Der Paß ſagte ihm, daß der Befitzer gerades⸗ wegs aus den feindlichen Ländern käme, wo der Schauplatz des Krieges war. Er hoffte Privatnachrichten aus dem Fremden 110 herauszulocken und ſchickte einen Secretaͤr mit dem Paß zuruͤck, ihn auf eine Flaſche Wein einzuladen. Unterdeſſen hält der Sonnenwirth vor dem Amthauſe; das lächerliche Schauſpiel hat den Janhagel des Staͤdtchens ſchaaren⸗ weiſe um ihn her verſammelt. Man murmelt ſich in die Ohren, deutet wechſelsweiſe auf das Roß und den Reiter; der Muthwille des Pöbels ſteigt endlich bis zu einem lauten Tu⸗ mult. Unglücklicherweiſe war das Pferd, worauf jetzt Alles mit Fingern wies, ein geraubtes; er bildet ſich ein, das Pferd ſey in Steckbriefen beſchrieben und erkannt. Die unerwartete Gaſtfreundlichkeit des Ober⸗Amtmanns vollendet ſeinen Ver⸗ dacht. Jetzt hält er's für ausgemacht, daß die Betrügerei ſeines Paſſes verrathen und dieſe Einladung nur die Schlinge ſey, ihn lebendig und ohne Widerſetzung zu fangen. Böſes Gewiſſen macht ihn zum Dummkopf, er gibt ſeinem Pferde die Sporen und rennt davon, ohne Antwort zu geben. Dieſe plötzliche Flucht iſt die Loſung zum Aufſtand. „Ein Spitzbube!“ ruft Alles, und Alles ſtürzt hinter ihm her. Dem Reiter gilt es um Leben und Tod, er hat ſchon den Vorſprung, ſeine Verfolger keuchen athemlos nach, er iſt ſeiner Rettung nahe— aber eine ſchwere Hand drückt unſicht⸗ bar gegen ihn, die Uhr ſeines Schickſals iſt abgelaufen, die unerbittliche Nemeſis halt ihren Schuldner an. Die Gaſſe, der er ſich anvertraute, endigt in einem Sack, er muß rück⸗ wärts gegen ſeine Verfolger umwenden. Der Larm dieſer Begebenheit hat unterdeſſen das ganze Stäaͤdtchen in Aufruhr gebracht, Haufen ſammeln ſich zu Haufen, alle Gaſſen ſind geſperrt, ein Heer von Feinden kommt im Anmarſch gegen ihn her. Er zeigt eine Piſtole, das Volk weicht, er will ſich mit Macht einen Weg durchs Gedränge bahnen.„Dieſer Schuß,“ ruft er,„ſoll dem Toll⸗ 111 kühnen, der mich halten will—“ Die Furcht gebietet eine allgemeine Pauſe— ein beherzter Schloſſergeſelle endlich fäͤllt ihm von hinten her in den Arm und faßt den Finger, womit der Raſende eben losdrücken will, und drückt ihn aus dem Gelenke. Die Piſtole fällt, der wehrloſe Mann wird vom Pferde herabgeriſſen, und im Triumphe nach dem Amthauſe zurück geſchleppt. „Wer ſeyd Ihr?“ fragt der Richter mit ziemlich bruta⸗ lem Ton. „Ein Mann, der entſchloſſen iſt, auf keine Frage zu ank⸗ worten, bis man ſie hoflicher einrichtet.“ „Wer ſind Sie?“ „Für was ich mich ausgab. Ich habe ganz Deutſchland durchreist, und die Unverſchämtheit nirgends, als hier, zu Hauſe gefunden.“ „Ihre ſchnelle Flucht macht Sie ſehr verdächtig. Warum flohen Sie?“ „Weil ich's müde war, der Spott Ihres Pöbels zu ſeyn.“ „Sie drohten, Feuer zu geben.“ 3 „Meine Piſtole war nicht geladen.“ Man unterſuchte das Gewehr, es war keine Kugel darin. „Warum führen Sie heimliche Waffen bei ſich?“ „Weil ich Sachen von Werth bei mir trage, und weil man mich vor einem gewiſſen Sonnenwirth gewarnt hat, der in dieſen Gegenden ſtreifen ſoll.“ „Ihre Antworten beweiſen ſehr viel für Ihre Dreiſtigkeit, aber nichts für Ihre gute Sache. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen, ob Sie mir die Wahrheit entdecken wollen.“ „Ich werde bei meiner Ausſage bleiben.“ „Man führe ihn nach dem Thurm.“ „Nach dem Thurm?— Herr Ober⸗Amtmann, ich hoffe⸗ 1¹1² es gibt noch Gerechtigkeit in dieſem Lande. Ich werde Genug⸗ thuung fordern.“ „Ich werde ſie Ihnen geben, ſobald Sie gerechtfertigt ſind.“. 3 Den Morgen darauf überlegte der Ober⸗Amtmann, der Fremde möchte doch wohl unſchuldig ſeyn; die befehlshaberiſche Sprache würde nichts über ſeinen Starrſinn vermögen, es wäre vielleicht beſſer gethan, ihm mit Anſtand und Maͤßigung zu begegnen. Er verſammelte die Geſchwornen des Orts und ließ den Gefangenen vorführen. „Verzeihen Sie es der erſten Aufwallung, mein Herr, wenn ich Sie geſtern etwas hart anließ.“ „Sehr gern, wenn Sie mich ſo faſſen.“ „Unſere Geſetze ſind ſtreng, und Ihre Begebenheit machte Lärm. Ich kann Sie nicht frei geben, ohne meine Pflicht zu verletzen. Der Schein iſt gegen Sie. Ich wünſchte, Sie ſag⸗ ten mir etwas, wodurch er widerlegt werden könnte. „Wenn ich nun nichts wüßte?“ „So muß ich den Vorfall an die Regierung berichten, und Sie bleiben ſo lange in feſter Verwahrung.“ „Und dann?“ „Dann laufen Sie Gefahr, als ein Landſtreicher über die Granze gepeitſcht zu werden, oder wenn's gnadig geht, unter die Werber zu fallen.“ Er ſchwieg einige Minuten, und ſchien einen heftigen Kampf zu kämpfen; dann drehte er ſich raſch zu dem Richter. „Kann ich auf eine Viertelſtunde mit Ihnen allein ſeyn?“ Die Geſchwornen ſahen ſich zweideutig an, entfernten ſich aber auf einen gebietenden Wink ihres Herrn. „Nun, was verlangen Sie?“ „Ihr geſtriges Betragen, Herr Ober⸗Amtmann, haͤtte mich 113 mimmermehr zu einem Geſtaͤndniß gebracht, denn ich trotze der Gewalt. Die Beſcheidenheit, womit Sie mich heute be⸗ handeln, hat mir Vertrauen und Achtung gegen Sie gegeben. Ich glaube, daß Sie ein edler Mann ſind.“ „Was haben Sie mir zu ſagen?“ „Ich ſehe, daß Sie ein edler Mann ſind. Ich habe mir längſt einen Mann gewünſcht, wie Sie. Erlauben Sie mir Ihre rechte Hand.“ „Wo will das hinaus?“ „Dieſer Kopf iſt grau und ehrwürdig. Sie ſind lange in der Welt geweſen— haben der Leiden wohl viele gehabt— Nicht wahr? und ſind menſchlicher worden.“ „Mein Herr— Wozu ſoll das?“ „Sie ſtehen noch einen Schritt von der Ewigkeit, bald— bald brauchen Sie Barmherzigkeit bei Gott. Sie werden ſie Menſchen nicht verſagen—— Ahnen Sie nichts? Mit wem glauben Sie, daß Sie reden?“ „Was iſt das? Sie erſchrecken mich.“ „Ahnen Sie noch nicht— Schreiben Sie es Ihrem Fuͤr⸗ ſten, wie Sie mich fanden, und daß ich ſelbſt aus freier Wahl mein Verräther war— daß ihm Gott einmal gnädig ſeyn werde, wie er jetzt mir es ſeyn wird— Bitten Sie für mich, alter Mann, und laſſen Sie dann auf Ihren Bericht eine Thrane fallen: ich bin der Sonnenwirth.“ Schillers ſaͤmmtl. Werke, X. 8 Spiel des Schickſals. Ein Bruchſtuͤck aus einer wahren Geſchichte. Aloyſius von Ge war der Sohn eines Buͤrgerlichen von Stande in*»erſchen Dienſten, und die Keime ſeines glück⸗ lichen Genie's wurden durch eine liberale Erziehung frühzeitig entwickelt. Noch ſehr jung, aber mit gründlichen Kenntniſſen verſehen, trat er in Militardienſte bei ſeinem Landesherrn, dem er als ein junger Mann von großen Verdienſten und noch groͤßeren Hoffnungen nicht lange verborgen blieb. Grier war in vollem Feuer der Jugend, der Fürſt war es auch; Geir war raſch, unternehmend; der Füͤrſt, der es auch war, liebte ſolche Charaktere. Durch eine reiche Ader von Witz und eine Fülle von Wiſſenſchaft wußte Grir ſeinen Umgang zu be⸗ ſeelen, jeden Cirkel, in den er ſich miſchte, durch eine immer gleiche Jovialität aufzuheitern, und uͤber Alles, was ſich ihm darbot, Reiz und Leben auszugießen; und der Fürſt verſtand ſich darauf, Tugenden zu ſchätzen, die er in einem hohen Grade ſelbſt beſaß. Alles, was er unternahm, ſeine Spielereien ſelbſt⸗ hatten einen Anſtrich von Größe; Hinderniſſe ſchreckten ihn nicht, und kein Fehlſchlag konnte ſeine Beharrlichkeit beſiegen. Den Werth dieſer Eigenſchaften erhöhte eine empfehlende Ge⸗ ſtalt, das volle Bild blühender Geſundheit und herculiſcher Stärke, durch das beredte Spiel eines regen Geiſtes beſeelt; im Blick, Gang und Weſen eine anerſchaffene natürliche Maje⸗ ſtat, durch eine edle Beſcheidenheit gemildert. Warder Prinz von 115 dem Geiſte ſeines jungen Geſellſchafters bezaubert, ſo riß dieſe verfuͤhreriſche Außenſeite ſeine Sinnlichkeit unwiderſtehlich hin. Gleichheit des Alters, Harmonie der Neigungen und der Charak⸗ tere ſtifteten in kurzem ein Verhältniß zwiſchen Beiden, das alle Stärke von der Freundſchaft und von der leidenſchaftlichen Liebe alles Feuer und alle Heftigkeit beſaß. Grirr flog von einer Beförderung zur andern; aber dieſe äußerlichen Zeichen ſchienen ſehr weit hinter dem, was er dem Fürſten in der That war, zurückzubleiben. Mit erſtaunlicher Schnelligkeit bluͤhte ſein Glück empor, weil der Schöpfer desſelben ſein An⸗ beter, ſein leidenſchaftlicher Freund war. Noch nicht zwei und zwanzig Jahre alt, ſah er ſich auf einer Höhe, womit die Glücklichſten ſonſt ihre Laufbahn beſchließen. Aber ſein thäti⸗ ger Geiſt konnte nicht lange im Schoße müßiger Eitelkeit ra⸗ ſten, noch ſich mit dem ſchimmernden Gefolge einer Größe be⸗ gnügen, zu deren gründlichem Gebrauch er ſich Muth und Kräfte genug fuͤhlte. Während daß der Fürſt nach dem Ringe des Vergnügens flog, vergrub ſich der junge Günſtling unter Acten und Büchern, und widmete ſich mit laſttragendem Fleiß den Geſchaͤften, deren er ſich endlich ſo geſchickt und ſo voll⸗ kommen bemächtigte, daß jede Angelegenheit, die nur einiger⸗ maßen von Belang war, durch ſeine Hande ging. Aus einem Geſpielen ſeiner Vergnügen wurde er bald erſter Rath und Miniſter, und endlich Beherrſcher ſeines Fürſten. Bald war kein Weg mehr zu dieſem, als durch ihn. Er vergab alle Aemter und Würden; alle Belohnungen wurden aus ſeinen Häaͤnden empfangen. Gerr war in zu früher Jugend und mit zu raſchen Schrit⸗ ten zu dieſer Groͤße emporgeſtiegen, um ihrer mit Mäßigung zu genießen. Die Höhe, worauf er ſich erblickte, machte ſeinen Ehrgeiz ſchwindeln; die Beſcheidenheit verließ ihn, ſobald das 116 letzte Ziel ſeiner Wünſche erſtiegen war. Die demuthsvolle Unterwürfigkeit, welche von den Erſten des Landes, von Allen, die durch Geburt, Anſehen und Glücksgüter ſo weit uͤber ihn erhoben waren, welche, von Greiſen ſelbſt, ihm, einem Jüng⸗ linge, gezollt wurde, berauſchte ſeinen Hochmuth, und die un⸗ umſchränkte Gewalt, von der er Beſitz genommen, machte bald eine gewiſſe Härte in ſeinem Weſen ſichtbar, die von jeher als Charakterzug in ihm gelegen hatte und ihm auch durch alle Abwechſelungen ſeines Glückes geblieben iſt. Keine Dienſt⸗ leiſtung war ſo muhevoll und groß, die ihm ſeine Freunde nicht zumuthen durften; aber ſeine Feinde mochten zittern: denn ſo ſehr er auf der einen Seite ſein Wohlwollen übertrieb, ſo wenig Maß hielt er in ſeiner Rache. Er gebrauchte ſein Anſehen weniger, ſich ſelbſt zu bereichern, als viele Glückliche zu machen, die ihm, als dem Schöpfer ihres Wohlſtandes, huldigen ſollten; aber Laune, nicht Gerechtigkeit, wahlte die Subjecte. Durch ein hochfahrendes, gebieteriſches Weſen entfremdete er ſelbſt die Herzen derjenigen von ſich, die er am meiſten verpflichtet hatte, indem er zugleich alle ſeine Ne⸗ benbuhler und heimlichen Neider in eben ſo viele unverſöhn⸗ liche Feinde verwandelte. unter denen, welche jeden ſeiner Schritte mit Augen der Eiferſucht und des Neides bewachten, und in der Stille ſchon die Werkzeuge zu ſeinem Untergange zurichteten, war ein piemonteſiſcher Graf, Joſeph Martinengo, von der Suite des Fuͤrſten, den Ger* ſelbſt, als eine unſchädliche und ihm er⸗ gebene Creatur, in dieſen Poſten eingeſchoben hatte, um ihn bei den Vergnügungen ſeines Herrn den Platz ausfüllen zu laſſen, deſſen er ſelbſt uͤberdrüſſig zu werden anfing, und den er lieber mit einer gründlichern Beſchäftigung vertauſchte. Da er dieſen Menſchen als ein Werk ſeiner Haͤnde betrachtete, das 117 er, ſobald es ihm nur einfiele, in das Nichts wieder zuruͤckwer⸗ fen könnte, woraus er es gezogen: ſo hielt er ſich desſelben, durch Furcht ſowohl, als durch Dankbarkeit, verſichert, und ver⸗ fiel dadurch in eben den Fehler, den Richelien beging, da er Ludwig dem Dreizehnten den jungen le Grand zum Spielzeug überließ. Aber, ohne dieſen Fehler mit Richelieu's Geiſte ver⸗ beſſern zu können, hatte er es mit einem verſchlagenern Feinde zu thun, als der franzöſiſche Miniſter zu bekämpfen gehabt hatte. Anſtatt ſich ſeines guten Glücks zu überheben, und ſei⸗ nen Wohlthäter fühlen zu laſſen, daß man ſeiner nun entuͤbrigt ſey, war Martinengo vielmehr aufs ſorgfältigſte bemüht, den Schein dieſer Abhängigkeit zu unterhalten und ſich mit ver⸗ ſtellter Unterwürfigkeit immer mehr und mehr an den Schopfer ſeines Glücks anzuſchließen. Zu gleicher Zeit aber unterließ er nicht, die Gelegenheit, die ſein Poſten ihm verſchaffte, oͤf⸗ ters um den Fürſten zu ſeyn, in ihrem ganzen Umfange zu benutzen und ſich dieſem nach und nach nothwendig und un⸗ entbehrlich zu machen. In kurzer Zeit wußte er das Gemüth ſeines Herrn auswendig, alle Zugänge zu ſeinem Vertrauen hatte er ausgeſpaht und ſich unvermerkt in ſeine Gunſt ein⸗ geſtohlen. Alle jene Künſte, die ein edler Stolz und eine na⸗ türliche Erhabenheit der Seele den Miniſter verachten gelehrt hatte, wurden von dem Italiener in Anwendung gebracht, der zur Erreichung ſeines Zwecks auch das niedrigſte Mittel nicht verſchmaͤhte. Da ihm ſehr gut bewußt war, daß der Menſch nir⸗ gends mehr eines Fuͤhrers und Gehülfen bedarf, als auf dem Wege des Laſters, und daß nichts zu kühnern Vertraulichkeiten berechtigt, als eine Mitwiſſenſchaft geheimgehaltener Blößen: ſo weckte er Leidenſchaften bei dem Prinzen, die bis jetzt noch in ihm geſchlummert hatten, und dann drang er ſich ihm ſelbſt zum Ver⸗ trauten und Helfershelfer dabei auf. Er riß ihn zu ſolchen 118 Ausſchweifungen hin, die die wenigſten Zeugen und Mitwiſſer dulden; und dadurch gewöhnte er ihn unvermerkt, Geheimniſſe bei ihm niederzulegen, wovon jeder Dritte ausgeſchloſſen war. So gelang es ihm endlich, auf die Verſchlimmerung des Für⸗ ſten ſeinen ſchaͤndlichen Glücksplan zu gründen und eben dar⸗ um, weil das Geheimniß ein weſentliches Mittel dazu war, ſo war das Herz des Fürſten ſein, ehe ſich Grrr auch nur träumen ließ, daß er es mit einem Andern theilte. Man duͤrfte ſich wundern, daß eine ſo wichtige Veränderung der Aufmerkſamkeit des Letztern entging; aber Grrr war ſeines eignen Werthes zu gewiß, um ſich einen Mann, wie Marti⸗ nengo, als Nebenbuhler auch nur zu denken, und dieſer ſich ſelbſt zu gegenwärtig, zu ſehr auf ſeiner Hut, um durch irgend eine Unbeſonnenheit ſeinen Gegner aus dieſer ſtolzen Sicherheit zu reißen. Was Tauſende vor ihm auf dem glatten Grunde der Fürſtengunſt ſtraucheln gemacht hatte, brachte auch Grrr zum Falle— zu große Zuverſicht zu ſich ſelbſt. Die geheimen Vertraulichkeiten zwiſchen Martinengo und ſeinem Herrn be⸗ unruhigten ihn nicht. Gern gönnte er einem Aufkömmling ein Glück, das er ſelbſt im Herzen verachtete und das nie das Ziel ſeiner Beſtrebungen geweſen war. Nur weil ſie allein ihm den Weg zu der hoͤchſten Gewalt bahnen konnte, hatte die Freund⸗ ſchaft des Fürſten einen Reiz für ihn gehabt, und leichtſinnig ließ er die Leiter hinter ſich fallen, ſobald ſie ihm auf die er⸗ wünſchte Höhe geholfen hatte. Martinengo war nicht der Mann, ſich mit einer ſo unter⸗ geordneten Rolle zu begnügen. Mit jedem Schritte, den er in der Gunſt ſeines Herrn vorwärts that, wurden ſeine Wünſche kühner, und ſein Ehrgeiz fing an, nach einer gründlichern Be⸗ friedigung zu ſtreben. Die kunſtliche Rolle von Unterwürfigkeit, die er bis jetzt noch immer gegen ſeinen Wohlthaͤter beibehalten 119 hatte, wurde immer drückender für ihn, je mehr das Wachs⸗ thum ſeines Anſehens ſeinen Hochmuth weckte. Da das Be⸗ tragen des Miniſters gegen ihn ſich nicht nach den ſchnellen Fortſchritten verfeinerte, die er in der Gunſt des Fürſten machte, im Gegentheil oft ſichtbar genug darauf eingerichtet ſchien, ſeinen aufſteigenden Stolz durch eine heilſame Rückerin⸗ nerung an ſeinen Urſprung niederzuſchlagen: ſo wurde ihm die⸗ ſes gezwungene und widerſprechende Verhäͤltniß endlich ſo lä⸗ ſtig, daß er einen ernſtlichen Plan entwarf, es durch den Unter⸗ gang ſeines Nebenbuhlers auf einmal zu endigen. Unter dem undurchdringlichſten Schleier der Verſtellung brütete er dieſen Plan zur Reife. Noch durfte er es nicht wagen, ſich mit ſeinem Nebenbuhler in offenbarem Kampfe zu meſſen; denn obgleich die erſte Blüthe von Grris Favoritſchaft dahin war„ſo hatte ſie doch zu früͤhzeitig angefangen, und zu tiefe Wurzeln im Gemüthe des jungen Fürſten geſchlagen, um ſo ſchnell daraus verdraͤngt zu werden. Der kleinſte Umſtand konnte ſie in ihrer erſten Starke zurückbringen; darum begriff Martinengo wohl, daß der Streich, den er ihm beibringen wollte, ein toͤdtender Streich ſeyn müſſe. Was Geer an des Fürſten Liebe vielleicht verloren haben mochte, hatte er an ſeiner Ehrfurcht ge⸗ wonnen; je mehr ſich Letzterer den Regierungsgeſchäften ent⸗ zog, deſto weniger konnte er des Mannes entrathen, der, ſelbſt auf Unkoſten des Landes, mit der gewiſſenhafteſten Er⸗ gebenheit und Treue ſeinen Nutzen beſorgte— und ſo theuer er ihm ehedem als Freund geweſen war, ſo wichtig war er ihm jetzt als Miniſter. Was für Mittel es eigentlich geweſen, wodurch der Italiener zu ſeinem Zwecke gelangte, iſt ein Geheimniß zwiſchen den Wenigen geblieben, die der Schlag traf und die ihn führten. Man muthmaßt, daß er dem Fürſten die Originalien einer 120 heimlichen und ſehr verdächtigen Correſpondenz vorgelegt, welche Gerr mit einem benachbarten Hofe ſoll unterhalten ha⸗ ben; ob acht oder unterſchoben, daruͤber ſind die Meinungen getheilt. Wie dem aber auch geweſen ſeyn moge, ſo erreichte er ſeine Abſicht in einem fürchterlichen Grade. Gees erſchien in den Augen des Fürſten als der undankbarſte und ſchwär⸗ zeſte Verrather, deſſen Verbrechen ſo außer allen Zweifel ge⸗ ſetzt war, daß man ohne fernere Unterſuchung ſogleich gegen ihn verfahren zu dürfen glaubte. Das Ganze wurde unter dem tiefſten Geheimniß zwiſchen Martinengo und ſeinem Herrn verhandelt, daß Gerr auch nicht einmal von ferne das Gewit⸗ ter merkte, das über ſeinem Haupte ſich zuſammenzog. In dieſer verderblichen Sicherheit verharrte er bis zu dem ſchreck⸗ lichen Augenblick, wo er von einem Gegenſtande der allgemei⸗ nen Anbetung und des Neides zu einem Gegenſtande der höchſten Erbarmung herunter ſinken ſollte. Als dieſer entſcheidende Tag erſchienen war, beſuchte G'rr nach ſeiner Gewohnheit die Wachparade. Vom Fähndrich war er in einem Zeitraum von wenigen Jahren bis zum Rang eines Obriſten hinaufgerückt; und auch dieſer Poſten war nur ein beſcheidener Name für die Miniſterwürde, die er in der That bekleidete, und die ihn über die Erſten im Lande hinaus⸗ ſetzte. Die Wachparade war der gewöhnliche Ort, wo ſein Stolz die allgemeine Huldigung einnahm, wo er in einer kur⸗ zen Stunde einer Größe und Herrlichkeit genoß, für die er den ganzen Tag über Laſten getragen hatte. Die Erſten vom Range nahten ſich ihm hier nicht anders als mit ehrerbietiger Schüch⸗ ternheit und die ſich ſeiner Wohlgewogenheit nicht ganz ſicher wußten, mit Zittern. Der Fürſt ſelbſt, wenn er ſich je zu⸗ weilen hier einfand, ſah ſich neben ſeinem Vezier vernachlaͤſſigt, weil es weit gefährlicher war, dieſem Letztern zu mißfallen, als 121 es Nutzen brachte, jenen zum Freunde zu haben. Und eben dieſer Ort, wo er ſich ſonſt als einem Gotte hatte huldigen laſſen, war jetzt zu dem ſchrecklichen Schauplatz ſeiner Erniedri⸗ gung erkoren. Sorglos trat er in den wohlbekannten Cirkel, der ſich eben ſo unwiſſend über das, was kommen ſollte, als er ſelbſt, heute, wie immer, ehrerbietig vor ihm aufthat, ſeine Befehle erwar⸗ tend. Nicht lange, ſo erſchien in Begleitung einiger Adjutanten, Martinengo, nicht mehr der geſchmeidige, tiefgebückte, lächelnde Höfling— frech und bauernſtolz, wie ein zum Herrn geworde⸗ ner Lakai, mit trotzigem feſtem Tritte ſchreitet er ihm entgegen, und mit bedecktem Haupte ſteht er vor ihm ſtill, im Namen des Fürſten ſeinen Degen fordernd. Man reicht ihm dieſen mit einem Blicke ſchweigender Beſtürzung, er ſtemmt die ent⸗ blößte Klinge gegen den Boden, ſprengt ſie durch einen Fuß⸗ tritt entzwei und läßt die Splitter zu Grers Füßen fallen. Auf dieſes gegebene Signal fallen beide Adjutanten uͤber ihn her, der eine beſchäftigt, ihm das Ordenskreuz von der Bruſt zu ſchneiden, der andere, beide Achſelbänder, nebſt den Auf⸗ ſchlägen der Uniform, abzulöſen, und Cordon und Federbuſch von dem Hute zu reißen. Während dieſer ganzen ſchrecklichen Operation, die mit unglaublicher Schnelligkeit von ſtatten geht, hört man von mehr als fünfhundert Menſchen, die dicht umher ſtehen, nicht einen einzigen Laut, nicht einen einzigen Athemzug in der ganzen Verſammlung. Mit bleichen Geſichtern, mit klopfenden Herzen und in todtenähnlicher Erſtarrung ſteht die erſchrockene Menge im Kreis um ihn herum, der in dieſer ſon⸗ derbaren Ausſtaffirung— ein ſeltſamer Anblick von Lächerlich⸗ keit und Entſetzen!— einen Augenblick durchlebt, den man ihm nur auf dem Hochgerichte nachempfindet. Tauſend Andere au ſeinem Platze würde die Gewalt des erſten Schreckens ſinnlos 12²2 zu Boden geſtreckt haben; ſein robuſter Nervenbau und ſeine ſtarke Seele dauerten dieſen fürchterlichen Zuſtand aus und ließen ihn alles Graͤßliche desſelben erſchöpfen. Kaum iſt dieſe Operation geendigt, ſo führt man ihn durch die Reihen zahlloſer Zuſchauer bis ans äußerſte Ende des Pa⸗ radeplatzes, wo ein bedeckter Wagen ihn erwartet. Ein ſtummer Wink befiehlt ihm, in denſelben zu ſteigen; eine Escorte von Huſaren begleitet ihn. Das Gerücht dieſes Vorgangs hat ſich unterdeſſen durch die ganze Reſidenz verbreitet, alle Fenſter öffnen ſich, alle Straßen ſind von Neugierigen erfüllt, die ſchreiend dem Zuge folgen, und unter abwechſelnden Ausrufun⸗ gen des Hohns, der Schadenfreude, und einer noch weit krän⸗ kendern Bedauerniß, ſeinen Namen wiederholen. Endlich ſieht er ſich im Freien, aber ein neuer Schrecken wartet hier auf ihn. Seitab von der Heerſtraße lenkt der Wagen, einen wenig befahrnen menſchenleeren Weg— den Weg nach dem Hoch⸗ gerichte, gegen welches man ihn, auf einen ausdrücklichen Be⸗ fehl des Fürſten, langſam heranfährt. Hier nachdem man ihm alle Qualen der Todesangſt zu empfinden gegeben, lenkt man wieder nach einer Straße ein, die von Menſchen beſucht wird. In der ſengenden Sonnenhitze ohne Labung, ohne menſchlichen Zuſpruch, bringt er ſieben ſchreckliche Stunden in dieſem Wa⸗ gen zu, der endlich mit Sonnenuntergang an dem Ort ſeiner Beſtimmung— der Feſtung— ſtille hält. Des Bewußtſeyns beraubt, in einem mittlern Zuſtande zwiſchen Leben und Tod (ein zwölfſtündiges Faſten und der brennende Durſt hatten endlich ſeine Rieſennatur überwältigt) zieht man ihn aus dem Wagen— und in einer ſcheußlichen Grube unter der Erde wacht er wieder auf. Das Erſte, was ſich, als er die Augen zum neuen Leben wieder aufſchlägt, ihm darbietet, iſt eine grauenvolle Kerkerwand, durch einige Mondesſtrahlen matt 123 erleuchtet, die in einer Höhe von neunzehn Klaftern durch ſchmale Ritzen auf ihn herunter fallen.— An ſeiner Seite findet er ein dürftiges Brod nebſt einem Waſſerkrug, und daneben eine Schutte Stroh zu ſeinem Lager. In dieſem Zu⸗ ſtande verharrt er bis zum folgenden Mittag, wo endlich in 4 Mitte des Thurmes ein Laden ſich aufthut und zwei Hände ſichtbar werden, von welchen in einem hängenden Korbe dieſelbe Koſt, die er geſtern hier gefunden, heruntergelaſſen wird. Jetzt, ſeit dieſem ganzen fürchterlichen Glückswechſel zum erſten⸗ mal, entriſſen ihm Schmerz und Sehnſucht einige Fragen: wie er hieher komme? und was er verbrochen habe? Aber keine Antwort von oben; die Hände verſchwinden, und der Laden geht wieder zu. Ohne das Geſicht eines Menſchen zu ſehen, ohne auch nur eines Menſchen Stimme zu hoͤren, ohne irgend einen Aufſchluß über dieſes entſetzliche Schickſal, uͤber Künftiges und Vergangenes in gleich fürchterlichen Zweifeln, von keinem warmen Lichtſtrahl erquickt, von keinem geſunden Lüftchen erfriſcht, aller Hüͤlfe unerreichbar und vom allgemeinen Mitleid vergeſſen, zählt er in dieſem Orte der Verdammniß vierhundert und neunzig gräßliche Tage an den kümmerlichen Broden ab, die ihm von einer Mittagsſtunde zur andern in trauriger Einförmigkeit hinunter gereicht werden. Aber eine Entdeckung, die er ſchon in den erſten Tagen ſeines Hierſeyns macht, vollendet das Maß ſeines Elends. Er kennt dieſen Ort— er ſelbſt war es, der ihn, von einer niedrigen Rach⸗ gier getrieben, wenige Monate vorher neu⸗ erbaute, um einen verdienten Officier darin verſchmachten zu laſſen, der das Un⸗ lück gehabt hatte, ſeinen Unwillen auf ſich zu laden. Mit Arfnderiſcher Grauſamkeit hatte er ſelbſt die Mittel angegeben, den Aufenthalt in dieſem Kerker grauenvoller zu machen. Er hatte vor nicht gar langer Zeit in eigener Perſon eine Reiſe 124 hieher gethan, den Bau in Augenſchein zu nehmen, und die Vollendung desſelben zu beſchleunigen. Um ſeine Marter aufs Aeußerſte zu treiben, muß es ſich fügen, daß derſelbe Officier, für den dieſer Kerker zugerichtet worden, ein alter würdiger Oberſter, dem eben verſtorbenen Commandanten der Feſtung im Amte nachfolgt, und aus einem Schlachtopfer ſeiner Rache der Herr ſeines Schickſals wird. So floh ihn auch der letzte traurige Troſt, ſich ſelbſt zu bemitleiden, und das Schickſal, ſo hart es ihn auch behandelte, einer Ungerechtigkeit zu zeihen. Zu dem ſinnlichen Gefühl ſeines Elends geſellte ſich noch eine wüthende Selbſtverachtung, und der Schmerz, der für ſtolze Herzen der bitterſte iſt, von der Großmuth eines Feindes ab⸗ zuhängen, dem er keine gezeigt hatte. Aber dieſer rechtſchaffene Mann war für eine niedre Rache zu edel. Unendlich viel koſtete ſeinem menſchenfreundlichen Herzen die Strenge, die ſeine Inſtruction ihm gegen den Ge⸗ fangenen auflegte; aber als ein alter Soldat gewöhnt, den Buchſtaben ſeiner Ordre mit blinder Treue zu befolgen, konnte er weiter nichts, als ihn bedauern. Einen thatigern Helfer fand der Unglückliche an dem Garniſonprediger der Feſtung, der, von dem Elend des gefangenen Mannes gerührt, wovon er nur ſpät und nur durch dunkle unzuſammenhaͤngende Gerüchte Wiſſenſchaft bekam, ſogleich den feſten Entſchluß faßte, etwas zu ſeiner Erleichterung zu thun. Dieſer achtungswürdige Geiſt⸗ liche, deſſen Namen ich ungern unterdrücke, glaubte ſeinem⸗ Hirtenberufe nicht beſſer nachkommen zu können, als wenn er ihn jetzt zum Beſten eines unglücklichen Mannes geltend machte, dem auf keinem andern Weg mehr zu helfen war. Da er von dem Commandanten der Feſtung nicht erhalten konnte, zu dem Gefangenen gelaſſen zu werden, ſo machte er ſich in eigener Perſon auf den Weg nach der Hauptſtadt, ſein 125 Geſuch dort unmittelbar bei dem Fuürſten zu betreiben. Er that einen Fußfall vor demſelben und flehte ſeine Erbarmung für den ungluͤcklichen Menſchen an, der ohne die Wohlthaten des Chriſtenthums, von denen auch das ungeheuerſte Verbrechen nicht ausſchließen könne, hülflos verſchmachte und der Ver⸗ zweiflung vielleicht nahe ſey. Mit aller Unerſchrockenheit und Wuͤrde, die das Bewußtſeyn erfüllter Pflicht verleiht, forderte er einen freien Zutritt zu dem Gefangenen, der ihm als Beicht⸗ kind angehöre und für deſſen Seele er dem Himmel verant⸗ wortlich ſey. Die gute Sache, für die er ſprach, machte ihn beredt, und den erſten Unwillen des Fürſten hatte die Zeit ſchon in etwas gebrochen. Er bewilligte ihm ſeine Bitte, den Ge⸗ fangenen mit einem geiſtlichen Beſuche erfreuen zu dürfen. Das erſte Menſchenantlitz, das der unglückliche Grir nach einem Zeitraume von ſechzehn Monaten erblickte, war das Geſicht ſeines Helfers. Den einzigen Freund, der ihm in der Welt lebte, dankte er ſeinem Elende; ſein Wohlſtand hatte ihm keinen erworben. Der Beſuch des Predigers war für ihn eines Engels Erſcheinung. Ich beſchreibe ſeine Empfindungen nicht. Aber von dieſem Tag an floſſen ſeine Thränen gelinder, weil er ſich von einem menſchlichen Weſen beweint ſah. Entſetzen hatte den Geiſtlichen ergriffen, da er in die Mord⸗ grube hineintrat. Seine Augen ſuchten einen Menſchen— und ein Grauen erweckendes Scheuſal kroch aus einem Winkel ihm entgegen, der mehr dem Lager eines wilden Thieres, als dem Wohnorte eines menſchlichen Geſchöpfes glich. Ein blaſſes todtenähnliches Gerippe, alle Farbe des Lebens aus ſeinem Angeſicht verſchwunden, in welches Gram und Verzweiflung tiefe Furchen geriſſen hatten, Bart und Naͤgel durch eine ſo lange Vernachläſſigung bis zum Scheußlichen gewachſen, vom langen Gebrauche die Kleidung halb vermodert, und aus gaͤnz⸗ 126 lichem Mangel der Reinigung die Luft um ihn verpeſtet— ſo fand er dieſen Liebling des Gluͤcks, und dieſem Allem hatte ſeine eiſerne Geſundheit widerſtanden! Von dieſem Anblick noch mehr außer ſich geſetzt, eilte der Prediger auf der Stelle zu dem Gouverneur, um auch noch die zweite Wohlthat für den armen Unglücklichen auszuwirken, ohne welche die erſte für keine zu rechnen war. Da ſich dieſer abermals mit dem ausdruͤcklichen Buchſtaben ſeiner Inſtruction entſchuldigt, entſchließt er ſich großmüthig zu einer zweiten Reiſe nach der Reſidenz, die Gnade des Für⸗ ſten noch einmal in Anſpruch zu nehmen. Er erklärt, daß er ſich, ohne die Würde des Sacraments zu verletzen, nimmer⸗ mehr entſchließen könne, irgend eine heilige Handlung mit ſeinem Gefangenen vorzunehmen, wenn ihm nicht zuvor die Aehnlichkeit mit Menſchen zurückgegeben würde. Auch dieſes wird bewilligt, und erſt von dieſem Tage an lebte der Gefan⸗ gene wieder. Noch viele Jahre brachte Ger auf dieſer Feſtung zu, aber in einem weit leidlichern Zuſtande, nachdem der kurze Sommer des neuen Günſtlings verblüht war und Andere an ſeinem Poſten wechſelten, welche menſchlicher dachten, oder doch keine Rache an ihm zu ſättigen hatten. Endlich, nach einer zehn⸗ jährigen Gefangenſchaft, erſchien ihm der Tag der Erlöſung— aber keine gerichtliche Unterſuchung, keine förmliche Losſpre⸗ chung. Er empfängt ſeine Freiheit als ein Geſchenk aus den Häͤnden der Gnade; zugleich ward ihm auferlegt, das Land auf ewig zu räumen. Hier verlaſſen mich die Nachrichten, die ich, bloß aus münd⸗ lichen Ueberlieferungen, über ſeine Geſchichte habe ſammeln konnen; und ich ſehe mich gezwungen über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hinwegzuſchreiten. Waͤhrend desſelben 127 fing Grrr in fremden Kriegsdienſten von neuem ſeine Lauf⸗ bahn an, die ihn endlich auch dort auf eben den glänzenden Gipfel führte, wovon er in ſeinem Vaterlande ſo ſchrecklich her⸗ untergeſtürzt war. Die Zeit endlich, die Freundin der Unglück⸗ lichen, die eine langſame, aber unausbleibliche Gerechtigkeit übet, nahm endlich auch dieſen Rechtshandel über ſich. Die Jahre der Leidenſchaften waren bei dem Fürſten vorüber, und die Menſchheit fing allgemach an, einen Werth bei ihm zu erlan⸗ gen, wie ſeine Haare ſich bleichten. Noch am Grabe erwachte in ihm eine Sehnſucht nach dem Lieblinge ſeiner Jugend. Um, wo möglich, dem Greiſe die Kränkungen zu vergüten, die er auf den Mann gehäuft hatte, lud er den Vertriebenen freund⸗ lich in ſeine Heimath zurück, nach welcher auch in Gerrs Her⸗ zen ſchon langſt eine ſtille Sehnſucht zurückgekehrt war. Rüh⸗ rend war dieſes Wiederſehen, warm und täuſchend der Empfang, als hatte man ſich geſtern erſt getrennt. Der Fürſt ruhte mit einem nachdenkenden Blicke auf dem Geſichte, das ihm ſo wohl bekannt und doch wieder ſo fremd war; es war, als zählte er die Furchen, die er ſelbſt darein gegraben hatte. Forſchend ſuchte er in des Greiſes Geſicht die geliebten Züge des Jüng⸗ lings wieder zuſammen, aber was er ſuchte, fand er nicht mehr. Man zwang ſich zu einer froſtigen Vertraulichkeit. Beider Herzen hatten Scham und Furcht auf immer und ewig ge⸗ trennt. Ein Anblick, der ihm ſeine ſchwere Uebereilung wieder in ſeine Seele rief, konnte dem Fürſten nicht wohl thun! Grer konnte den Urheber ſeines Unglücks nicht mehr lieben. Doch getröſtet und ruhig ſah er in die Vergangenheit, wie man ſich eines überſtandenen ſchweren Traumes erfreuet. Nicht lange⸗ ſo erblickte man Grer wieder im vollkommenen Beſitz aller ſeiner vorigen Würden, und der Fürſt bezwang ſojn Nßnofg 3 2. ſeine innere Abneigung, um ihm für das Vergangne einen 128 glänzenden Erſatz zu geben. Aber konnte er ihm auch das Herz dazu wiedergeben, das er auf immer für den Genuß des Lebens verſtümmelte? Konnte er ihm die Jahre der Hoffnungen wiedergeben, oder für den abgelebten Greis ein Glück erdenken, das auch nur von weitem den Raub erſetzte, den er an dem Manne begangen hatte? Noch neunzehn Jahre genoß Geer dieſen heitern Abend ſeines Lebens. Nicht Schickſale, nicht die Jahre hatten das Feuer der Leidenſchaft bei ihm aufzehren, noch die Jovialität ſeines Geiſtes ganz bewoͤlken können. Noch in ſeinem ſieben⸗ zigſten Jahre haſchte er nach dem Schatten eines Guts, das er im zwanzigſten wirklich beſeſſen hatte. Er ſtarb endlich— gls Befehlshaber von der Feſtung*rr, wo Staatsgefangene aufbewahrt wurden. Man wird erwarten, daß er gegen dieſe eine Menſchlichkeit geübt, deren Werth er an ſich ſelbſt hatte ſchaͤtzen lernen muſſen; aber er behandelte ſie hart und launiſch und eine Aufwallung des Zorns gegen einen derſelben ſtreckte ihn auf den Sarg in ſeinem achtzigſten Jahre. Der Geiſterſeher. Aus den Papieren des Grafen von O*. Erſtes Buch. Ich erzähle eine Begebenheit, die Vielen unglaublich ſchei⸗ nen wird, und von der ich großentheils ſelbſt Augenzeuge war. Den Wenigen, welche von einem gewiſſen politiſchen Vorfalle unterrichtet ſind, wird ſie— wenn anders dieſe Blätter ſie noch am Leben finden— einen willkommenen Aufſchluß darüber geben; und auch ohne dieſen Schlüſſel wird ſie den Uebrigen, als ein Beitrag zur Geſchichte des Betrugs und der Verirrun⸗ gen des menſchlichen Geiſtes, vielleicht wichtig ſeyn. Man wird uͤber die Kühnheit des Zwecks erſtaunen, den die Bosheit zu entwerfen und zu verfolgen im Stande iſt; man wird über die Mittel erſtaunen, die ſie aufzubieten vermag, um ſich dieſes Zwecks zu verſichern. Reine, ſtrenge Wahrheit wird meine Feder leiten; denn wenn dieſe Blaͤtter an die Welt treten, bin ich nicht mehr, und nie werde ich ihr Schick⸗ ſal erfahren. Es war auf meiner Zurückreiſe nach Kurland im Jahr 17**† um die Carnevalszeit, als ich den Prinzen von** in Venedig Schillers ſämmtl. Werke. X. 9 130 beſuchte. Wir hatten uns in rſchen Kriegsdienſten kennen lernen, und erneuerten hier eine Bekanntſchaft, die der Friede unterbrochen hatte. Weil ich ohnedieß wünſchte, das Merk⸗ wuͤrdige dieſer Stadt zu ſehen, und der Prinz nur noch Wech⸗ ſel erwartete, um nach** zuruckzureiſen, ſo beredete er mich leicht, ihm Geſellſchaft zu leiſten und meine Abreiſe ſo lange zu verſchieben. Wir kamen überein, uns nicht von einander zu trennen, ſo lange unſer Aufenthalt in Venedig dauern würde, und der Prinz war ſo gefällig, mir ſeine eigne Woh⸗ nung im Mohren anzubieten. Er lebte hier unter dem ſtrengſten Incognito, weil er ſich ſelbſt leben wollte, und ſeine geringe Apanage ihm auch nicht verſtattet haͤtte, die Hoheit ſeines Ranges zu behaupten. Zwei Cavaliere, auf deren Verſchwiegenheit er ſich vollkommen ver⸗ laſſen konnte, waren, nebſt einigen treuen Bedienten, ſein gan⸗ zes Gefolge. Den Aufwand vermied er mehr aus Temperament als aus Sparſamkeit. Er floh die Vergnügungen; bis zu ſei⸗ nem fuͤnf und dreißigſten Jahre hatte er allen Reizungen dieſer wollüſtigen Stadt widerſtanden. Das ſchoͤne Geſchlecht war ihm gleichgültig. Tiefer Ernſt und eine ſchwarmeriſche Me⸗ lancholie herrſchte in ſeiner Gemüthsart. Seine Neigungen waren ſtill, aber hartnäckig bis zum Uebermaß, ſeine Wahl langſam und ſchüchtern, ſeine Anhaͤnglichkeit warm und ewig; mitten in einem geräuſchvollen Gewühle von Menſchen ging er einſam. In ſeine eigene Phantaſienwelt verſchloſſen, war er ſehr oft ein Fremdling in der wirklichen— und weil er wohl wußte, wie ſchlecht er beobachtete, ſo verbot er ſich jedes Urtheit und übertrieb die Gerechtigkeit gegen fremdes. Niemand war mehr dazu geboren, ſich beherrſchen zu laſſen, ohne ſchwach zu ſeyn. Dabei war er unerſchrocken und zuverläſſig, ſobald er einmal überzeugt war, und beſaß gleich großen Muth, ein 131 erkanntes Vorurtheil zu bekämpfen und für ein anderes zu ſterben. Als der dritte Prinz ſeines Hauſes hatte er keine wahr⸗ ſcheinliche Ausſicht zur Regierung. Sein Ehrgeiz war nie erwacht. Seine Leidenſchaften hatten eine andere Richtung genommen. Zufrieden, von keinem fremden Willen abzuhängen, drang er den ſeinigen Niemand zum Geſetze auf; die geräuſchloſe Ruhe eines zwangloſen Privatlebens begränzte alle ſeine Wün⸗ ſche. Er las viel, doch ohne Wahl. Eine nachlaͤſſige Erziehung und frühe Kriegsdienſte hatten ſeinen Geiſt nicht zur Reife kommen laſſen. Alle Kenntniſſe, die er nachher ſchöpfte, ver⸗ mehrten nur das verworrene Chaos ſeiner Begriffe, weil ſie auf keinen feſten Grund gebaut waren. Er war Proteſtant, wie ſeine ganze Familie— durch Ge⸗ burt, nicht nach Unterſuchung, die er nie angeſtellt hatte, ob er gleich in einer Epoche ſeines Lebens Schwärmer darin ge⸗ weſen war. Macon iſt er, ſo viel ich weiß, nie geworden. Eines Abends, als wir nach Gewohnheit in tiefer Maske und abgeſondert auf dem Platze St. Marcus ſpazieren gingen — es fing an, ſpaͤt zu werden, und das Gedraͤnge hatte ſich verloren— bemerkte der Prinz, daß eine Maske uns überall folgte. Die Maske war ein Armenier und ging allein. Wir beſchleunigten unſere Schritte und ſuchten ſie durch oͤftere Ver⸗ anderung unſeres Weges irre zu machen— umſonſt, die Maske blieb immer dicht hinter uns.„Sie haben doch keine Intrigue hier gehabt?“ ſagte endlich der Prinz zu mir.„Die Che⸗ maͤnner in Venedig ſind gefährlich.“— Ich kenne keine ein⸗ zige Dame, gab ich zur Antwort.„Laſſen Sie uns hier nieder⸗ ſitzen und deutſch ſprechen,“ fuhr er fort.„Ich bilde mir ein, man verkennt uns.“ Wir ſetzten uns auf eine ſteinerne Bank und erwarteten, daß die Maske vorübergehen ſollte. Sie kam gerade auf uns zu und nahm ihren Platz dicht an der Seite des Prinzen. Er zog die Uhr heraus, und ſagte mir laut auf franzoſiſch, indem er aufſtund:„Neun Uhr vorbei. Kommen Sie. Wir vergeſſen, daß man uns im Louvre erwartet.“ Dieß erdichtete er nur, um die Maske von unſerer Spur zu entfernen.„Neun Uhr,“ wiederholte ſie in eben der Sprache nachdrücklich und langſam.„Wünſchen Sie ſich Glück, Prinz kindem ſie ihn bei ſeinem wahren Namen nannte). Um neun Uhr iſt er geſtorben.“ Damit ſtand ſie auf und ging. Wir ſahen uns beſtürzt an.—„Wer iſt geſtorben?“ ſagte endlich der Prinz nach einer langen Stille.„Laſſen Sie uns ihr nachgehen,“ ſagte ich, und eine Erklärung fordern.“ Wir durchkrochen alle Winkel des Marcus— die Maske war nicht mehr zu finden. Unbefriedigt kehrten wir nach unſerm Gaſt⸗ hofe zurück. Der Prinz ſagte mir unterwegs nicht ein Wort, ſondern ging ſeitwärts und allein, und ſchien einen gewalt⸗ ſamen Kampf zu kämpfen, wie er mir auch nachher geſtanden hat. Als wir zu Hauſe waren, öffnete er zum erſten Male wieder den Mund.„Es iſt doch lacherlich,“ ſagte er,„daß ein Wahnſinniger die Ruhe eines Mannes mit zwei Worten ſo erſchüttern ſoll.“ Wir wünſchten uns eine gute Nacht, und ſobald ich auf meinem Zimmer war, merkte ich mir in meiner Schreibtafel den Tag und die Stunde, wo es geſche⸗ hen war. Es war ein Donnerſtag. Am folgenden Abend ſagte mir der Prinz:„Wollen wir nicht einen Gang über den Marcusplatz machen, und unſern geheimnißvollen Armenier aufſuchen? Mich verlangt doch nach der Entwicklung dieſer Komödie.“ Ich war's zufrieden. Wir 133 blieben bis eilf Uhr auf dem Platze. Der Armenier war nirgends zu ſehen. Das Näͤmliche wiederholten wir die vier folgenden Abende und jedesmal mit demſelben ſchlechten Erfolge. 4 Als wir am ſechsten Abend unſer Hotel verließen, hatte ich den Einfall— ob unwillkürlich, oder aus Abſicht, beſinne ich mich nicht mehr— den Bedienten zu hinterlaſſen, wo wir zu finden ſeyn würden, wenn nach uns gefragt werden ſollte. Der Prinz bemerkte meine Vorſicht und lobte ſie mit einer lachelnden Miene. Es war ein großes Gedränge auf dem Marcusplatze, als wir da ankamen. Wir hatten kaum dreißis Schritte gemacht, ſo bemerkte ich den Armenier wieder, der ſich mit ſchnellen Schritten durch die Menge arbeitete, und mit den Augen Jemand zu ſuchen ſchien. Eben waren wir im Begriff, ihn zu erreichen, als der Baron von F. aus der Suite des Prinzen athemlos auf uns zukam, und dem Prin⸗ zen einen Brief uͤberbrachte.„Er iſt ſchwarz geſiegelt,“ ſetzte er hinzu.„Wir vermutheten, daß es Eile hätte.“ Das ſiel auf mich wie ein Donnerſchlag. Der Prinz war zu einem Flambeau getreten und fing an zu leſen.„Mein Couſin iſt geſtorben!“ rief er.„Wann?“ ſtürzte ich ihm heftig ins Wort. Er ſah noch einmal in den Brief.„Vorigen Don⸗ nerſtag, Abends um neun Uhr.“ Wir hatten nicht Zeit, von unſerm Erſtaunen zurückzukom⸗ men, ſo ſtand der Armenier unter uns.„Sie ſind hier er⸗ kannt, gnädigſter Herr,“ ſagte er zu dem Prinzen.„Eilen Sie nach dem Mohren. Sie werden die Abgeordneten des Senats dort finden. Tragen Sie kein Bedenken, die Ehre anzunehmen, die man Ihnen erweiſen will. Der Baron von F. vergaß, Ihnen zu ſagen, daß Ihre Wechſel angekom⸗ men ſind.“ Er verlor ſich in dem Gedränge. 134 Wir eilten nach unſerm Hotel. Alles fand ſich, wie der Armenier es verkündet hatte. Drei Nobili der Republikſtanden bereit, den Prinzen zu bewillkommen und ihn mit Pracht nach der Aſſemblee zu begleiten, wo der hohe Adel der Stadt ihn er⸗ wartete. Er hatte kaum ſo viel Zeit, mir durch einen flüchtigen Wink zu verſtehen zu geben, daß ich für ihn wach bleiben möchte. Nachts gegen eilf kam er wieder. Ernſt und gedankenvoll trat er ins Zimmer, und ergriff meine Hand, nachdem er die Bedienten entlaſſen hatte.„Graf,“ ſagte er mit den Worten Hamlets zu mir,„es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wir in unſern Philoſophien träumen.“ „Gnaͤdigſter Herr,“ antwortete ich,„Sie ſcheinen zu ver⸗ geſſen, daß Sie um eine große Hoffnung reicher zu Bette gehen.“ (Der Verſtorbene war der Erbprinz.) „Erinnern Sie mich nicht daran,“ ſagte der Prinz.„Und wenn eine Krone für mich ware gewonnen worden, ich haͤtte jetzt mehr zu thun, als dieſer Kleinigkeit nachzudenken.—— Wenn dieſer Armenier nicht bloß errathen hat“—— „Wie iſt das möglich, Prinz?“ ſiel ich ein.— „So will ich Ihnen alle meine fürſtlichen Hoffnungen für eine Mönchskutte abtreten.“ Ich führe dieſes mit Fleiß hier an, weil ich glaube, daß es zu einem Beweiſe dienen kann, wie entfernt er noch damals von jeder herrſchſüchtigen Abſicht geweſen iſt. Den folgenden Abend fanden wir uns zeitiger, als ge⸗ wöhnlich, auf dem Marcusplatze ein. Ein ploͤtzlicher Regenguß nöthigte uns, in ein Kaffeehaus einzukehren, wo geſpielt wurde. Der Prinz ſtellte ſich hinter den Stuhl eines Spaniers und beobachtete das Spiel. Ich war in ein anſtoßendes Zimmer gegangen, wo ich Zeitungen las. Eine Weile darauf hörte ich Laͤrmen. Vor der Ankunft des Prinzen war der Spanier unauf⸗ 135 hörlich im Verluſte geweſen, jetzt gewann er auf alle Karten. Das ganze Spiel ward auffallend veraͤndert, und die Bank war in Gefahr, von dem Pointeur, den dieſe glückliche Wendung küh⸗ ner gemacht hatte, aufgefordert zu werden. Ein Venetianer, der ſie hielt, ſagte dem Prinzen mit beleidigendem Tone, er ſtoͤre das Glück, und er ſolle den Tiſch verlaſſen. Dieſer ſah ihn kalt an und blieb; dieſelbe Faſſung behielt er, als der Venetianer ſeine Beleidigung franzöſiſch wiederholte. Der Letz⸗ tere glaubte, daß der Prinz beide Sprachen nicht verſtehe, und wandte ſich mit verachtungsvollem Lachen zu den Uebrigen: „Sagen Sie mir doch, meine Herren, wie ich mich dieſem Ba⸗ lordo verſtändlich machen ſoll?“ Zugleich ſtand er auf und wollte den Prinzen beim Arme ergreifen; dieſen verließ hier die Ge⸗ duld, er packte den Venetianer mit ſtarker Hand und warf ihn unſanft zu Boden. Das ganze Haus kam in Bewegung. Auf das Gerauſch ſtürzte ich herein, unwillkürlich rief ich ihn bei ſeinem Namen.„Nehmen Sie ſich in Acht, Prinz,“ ſetzte ich mit Unbeſonnenheit hinzu,„wir ſind hier in Venedig.“ Der Name des Prinzen gebot eine allgemeine Stille, woraus bald ein Gemurmel wurde, das mir gefährlich ſchien. Alle anweſen⸗ den Italiener rotteten ſich zu Haufen und traten bei Seite. Einer um den Andern verließ den Saal, bis wir uns beide mit dem Spanier und einigen Franzoſen allein fanden.„Sie ſind verloren, gnäͤdigſter Herr,“ ſagten dieſe,„wenn Sie nicht ſogleich die Stadt verlaſſen. Der Venetianer, den Sie ſo übel behandelt haben, iſt reich genug, einen Bravo zu dingen. Es koſtet ihm nur fuͤnfzig Zechinen, Sie aus der Welt zu ſchaffen.“ Der Spanier bot ſich an, zur Sicherheit des Prin⸗ zen Wache zu holen und uns ſelbſt nach Hauſe zu begleiten. Dasſelbe wollten auch die Franzoſen. Wir ſtanden noch und überlegten, was zu thun wäre, als die Thür ſich oͤffnete und 136 einige Bedienten der Staatsinquiſition hereintraten. Sie zeig⸗ ten uns eine Ordre der Regierung, worin uns Beiden befoh⸗ len ward, ihnen ſchleunig zu folgen. Unter einer ſtarken Be⸗ deckung führte man uns bis zum Canal. Hier erwartete uns eine Gondel, in die wir uns ſetzen mußten. Ehe wir aus⸗ ſtiegen, wurden uns die Augen verbunden. Man führte uns eine große ſteinerne Treppe hinauf und dann durch einen langen gewundenen Gang über Gewölber, wie ich aus dem vielfachen Echo ſchloß, das unter unſern Füßen hallte. End⸗ lich gelangten wir vor eine andere Treppe, welche uns ſechs und zwanzig Stufen in die Tiefe hinunter führte. Hier öͤffnete ſich ein Saal, wo man uns die Binde wieder von den Au⸗ gen nahm. Wir befanden uns in einem Kreiſe ehrwürdiger alter Männer, alle ſchwarz gekleidet, der ganze Saal mit ſchwarzen Tüchern behangen und ſparſam erleuchtet, eine Tod⸗ tenſtille in der ganzen Verſammlung, welches einen ſchreck⸗ haften Eindruck machte. Einer von dieſen Greiſen, wahrſchein⸗ lich der oberſte Staatsinquiſitor, naherte ſich dem Prinzen und fragte ihn mit einer feierlichen Miene, während man ihm den Venetianer vorführte: „Erkennen Sie dieſen Menſchen für den nämlichen, der Sie auf dem Kaffeehauſe beleidigt hat?“ „Ja,“ antwortete der Prinz. Darauf wandte Jener ſich zu dem Gefangenen:„Iſt das die⸗ ſelbe Perſon, die Sie heute Abend wollten ermorden laſſen?“ Der Gefangene antwortete mit Ja. Sogleich öffnete ſich der Kreis, und mit Entſetzen ſahen wir den Kopf des Venetianers vom Rumpfe trennen.„Sind Sie mit dieſer Genugthuung zufrieden?“ fragte der Staats⸗ inquiſitor.— Der Prinz lag ohnmaͤchtig in den Armen ſei⸗ ner Begleiter—„Gehen Sie nun,“ fuhr Jener mit einer 137 ſchrecklichen Stimme fort, indem er ſich gegen mich wandte, „und urtheilen Sie künftig weniger vorſchnell von der Gerech⸗ tigkeit in Venedig.“ Wer der verborgene Freund geweſen, der uns durch den ſchnellen Arm der Juſtiz von einem gewiſſen Tode errettet hatte, konnten wir nicht errathen. Starr von Schrecken er⸗ reichten wir unſere Wohnung. Es war nach Mitternacht. Der Kammerjunker von Zerr erwartete uns mit Ungeduld an der Treppe. „Wie gut war es, daß Sie geſchickt haben!“ ſagte er zum Prinzen, indem er uns leuchtete.—„Eine Nachricht, die der Baron von Fr' gleich nachher von dem St. Marcusplatze nach Hauſe brachte, hatte uns wegen Ihrer in die toͤdtlichſte Angſt geſetzt.“ „Geſchickt hätte ich? Wann? Ich weiß nichts davon.“ „Dieſen Abend nach acht Uhr. Sie ließen uns ſagen, daß wir ganz außer Sorgen ſeyn dürften, wenn Sie heute ſpaͤter nach Hauſe kämen.“ Hier ſah der Prinz mich an.„Haben Sie vielleicht, ohne mein Wiſſen, dieſe Sorgfalt gebraucht?“ Ich wußte von gar nichts. „Es muß doch wohl ſo ſeyn, Ihro Durchlaucht,“ ſagte der Kammerjunker—„denn hier iſt ja Ihre Repetiruhr, die Sie zur Sicherheit mitſchickten.“ Der Prinz griff nach der Uhrtaſche. Die Uhr war wirklich fort, und er erkannte jene für die ſeinige.„Wer brachte ſie?“ fragte er mit Beſtürzung. „Eine unbekannte Maske, in armeniſcher Kleidung, die ſich ſogleich wieder entfernte.“ Wir ſtanden und ſahen uns an.—„Was halten Sie da⸗ von?“ ſagte endlich der Prinz nach einem langen Stillſchwei⸗ gen.„Ich habe hier einen verborgenen Aufſeher in Venedig.“ 138 Der ſchreckliche Auftritt dieſer Nacht hatte dem Prinzen ein Fieber zugezogen, das ihn acht Tage nöthigte, das Zimmer zu hüten. In dieſer Zeit wimmelte unſer Hotel von Ein⸗ heimiſchen und Fremden, die der entdeckte Stand des Prinzen herbeigelockt hatte. Man wetteiferte unter einander, ihm Dienſte anzubieten, und wir bemerkten mit Vergnügen, wie immer der Naͤchſtfolgende den Weggehenden verdächtig machte. Liebesbriefe und Arkana überſchwemmten uns von allen Seiten. Jeder ſuchte nach ſeiner Art ſich geltend zu machen. Des ganzen Vorgangs in der Staatsinquiſition wurde nicht mehr erwaähnt. Weil der Hof zu** die Abreiſe des Prinzen noch aufgeſchoben wünſchte, ſo erhielten einige Bankiers in Venedig Anweiſung, ihm beträchtliche Summen auszuzahlen. So ward er wider Willen in den Stand geſetzt, ſeinen Aufenthalt in Italien zu verlängern, und auf ſein Bitten entſchloß ich mich auch, meine Abreiſe noch zu verſchieben. Sobald er ſo weit geneſen war, um das Zimmer wieder verlaſſen zu können, beredete ihn der Arzt, eine Spazierfahrt auf der Brenta zu machen, um die Luft zu verändern. Das Wetter war hell, und die Partie ward angenommen. Als wir eben im Begriff waren, in die Gondel zu ſteigen, vermißte der Prinz den Schluͤſſel zu einer kleinen Schatulle, die ſehr wichtige Papiere enthielt. Sogleich kehrten wir um, ihn zu ſuchen. Er beſann ſich auf das genaueſte, die Schatulle noch den vorigen Tag verſchloſſen zu haben, und ſeit dieſer Zeit war er nicht aus dem Zimmer gekommen. Aber alles Suchen war umſonſt, wir mußten davon abſtehen, um die Zeit nicht zu verlieren. Der Prinz, deſſen Seele über jeden Argwohn er⸗ haben war, erklarte ihn für verloren und bat uns, nicht wei⸗ ter davon zu ſprechen. Die Fahrt war die angenehmſte. Eine maleriſche Land⸗ 139 ſchaft, die mit jeder Krummung des Fluſſes ſich an Reichthum und Schönheit zu übertreffen ſchien— der heiterſte Himmel, der mitten im Hornung einen Maientag bildete— reizende Gärten und geſchmackvolle Landhäuſer ohne Zahl, welche beide Ufer der Brenta ſchmuͤcken— hinter uns das majeſtaͤtiſche Venedig, mit hundert aus dem Waſſer ſpringenden Thürmen und Maſten, alles dieß gab uns das herrlichſte Schauſpiel von der Welt. Wir überließen uns ganz dem wohlthatigen Zau⸗ ber dieſer ſchönen Natur, unſere Laune war die heiterſte, der Prinz ſelbſt verlor ſeinen Ernſt und wetteiferte mit uns in fröhlichen Scherzen. Eine luſtige Muſik ſchallte uns entgegen, als wir, zwei italieniſche Meilen von der Stadt, ans Land ſtiegen. Sie kam aus einem kleinen Dorfe, wo eben Jahr⸗ markt gehalten wurde; hier wimmelte es von Geſellſchaft aller Art. Ein Trupp junger Mädchen und Knaben, alle theatra⸗ liſch gekleidetz, bewillkommte uns mit einem pantomimiſchen Tanz. Die Erfindung war neu, Leichtigkeit und Grazie be⸗ ſeelten jede Bewegung. Eh' der Tanz noch völlig zu Ende war, ſchien die Anfuhrerin desſelben, welche eine Konigin vor⸗ ſtellte, ploͤtzlich wie von einem unſichtbaren Arme gehalten. Leblos ſtand ſie und Alles. Die Muſik ſchwieg. Kein Odem war zu hören in der ganzen Verſammlung, und ſie ſtand da, den Blick auf die Erde geheftet, in einer tiefen Erſtarrung. Auf einmal fuhr ſie mit Wuth der Begeiſterung in die Höhe, blickte wild um ſich her.„Ein König iſt unter uns,“ rief ſie, riß ihre Krone vom Haupte und legte ſie— zu den Füßen des Prinzen. Alles, was da war, richtete hier die Augen auf ihn, lange Zeit ungewiß, ob Bedeutung in dieſem Gaukelſpiel wäre, ſo ſehr hatte der affectvolle Ernſt dieſer Spielerin ge⸗ taͤuſcht.— Ein allgemeines Haͤndeklatſchen des Beifalls unter⸗ brach endlich dieſe Stille. Meine Augen ſuchten den Prinzen. 140 Ich bemerkte, daß er nicht wenig betroffen war und ſich Muhe gab, den forſchenden Blicken der Zuſchauer auszuweichen. Er warf Geld unter dieſe Kinder und eilte aus dem Gewühle zu kommen. Wir hatten nur wenige Schritte gemacht, als ein ehrwür⸗ diger Barfüßer ſich durch das Volk arbeitete und dem Prinzen in den Weg trat.„Herr,“ ſagte der Moͤnch,„gib der Ma⸗ donna von deinem Gelde! Du wirſt ihr Gebet brauchen.“ Er ſprach dieß mit einem Tone, der uns betreten machte. Das Gedränge riß ihn weg. Unſer Gefolge war unterdeſſen gewachſen. Ein engliſcher Lord, den der Prinz ſchon in Nizza geſehen hatte, einige Kauf⸗ leute aus Livorno, ein deutſcher Domherr, ein franzöſiſcher Abbé mit einigen Damen und ein ruſſiſcher Officier geſellten ſich zu uns. Die Phyſiognomie des Letztern hatte etwas ganz Ungewöhn⸗ liches, das unſere Aufmerkſamkeit an ſich zog. Nie in meinem Leben ſah ich ſo viele Züge und ſo wenig Charakter, ſo viel anlockendes Wohlwollen mit ſo viel zurückſtoßendem Froſt in Einem Menſchengeſichte beiſammen wohnen. Alle Leiden⸗ ſchaften ſchienen darin gewühlt und es wieder verlaſſen zu haben. Nichts war übrig, als der ſtille, durchdringende Blick eines vollendeten Menſchenkenners, der jedes Auge verſcheuchte, worauf er traf. Dieſer ſeltſame Menſch folgte uns von wei⸗ tem, ſchien aber an Allem, was vorging, nur einen nachlaͤſſigen Antheil zu nehmen. Wir kamen vor eine Bude zu ſtehen, wo Lotterie gezogen wurde. Die Damen ſetzten ein, wir Andern folgten ihrem Beiſpiel; auch der Prinz forderte ein Loos. Es gewann eine Tabatiere. Als er ſie aufmachte, ſah ich ihn blaß zurückfahren. — Der Schluſſel lag darin. „Was iſt das?“ ſagte der Prinz zu mir, als wir einen 141 Augenblick allein waren.„Eine höhere Gewalt jagt mich. Allwiſſenheit ſchwebt um mich. Ein unſichtbares Weſen, dem ich nicht entfliehen kann, bewacht alle meine Schritte. Ich muß den Armenier aufſuchen und muß Licht von ihm haben.“ „Die Sonne neigte ſich zum Untergang, als wir vor dem Luſthauſe ankamen, wo das Abendeſſen ſervirt war. Der Name des Prinzen hatte unſere Geſellſchaft bis zu ſechszehn Per⸗ ſonen vergrößert. Außer den oben erwähnten waren noch ein Virtuoſe aus Rom, einige Schweizer und ein Aventurier aus Palermo, der Uniform trug und ſich für einen Capitän aus⸗ gab, zu uns geſtoßen. Es ward beſchloſſen, den ganzen Abend hier zuzubringen, und mit Fackeln nach Hauſe zu fahren. Die unterhaltung bei Tiſche war ſehr lebhaft, und der Prinz konnte nicht umhin, die Begebenheit mit dem Schlüſſel zu erzählen, welche eine allgemeine Verwunderung erregte. Es wurde heftig über dieſe Materie geſtritten. Die meiſten aus der Geſellſchaft behaupteten dreiſt weg, daß alle dieſe geheimen Künſte auf eine Taſchenſpielerei hinausliefen; der Abbé, der ſchon viel Wein bei ſich hatte, forderte das ganze Geiſterreich in die Schranken heraus, der Engländer ſagte Blasphemien, der Muſikus machte das Kreuz vor dem Teufel. Wenige, worunter der Prinz war, hielten dafür, daß man ſein Urtheil uͤber dieſe Dinge zurück⸗ halten muſſe; wahrend deſſen unterhielt ſich der ruſſiſche Officier mit den Frauenzimmern und ſchien das ganze Geſpräch nicht zu achten. In der Hitze des Streits hatte man nicht bemerkt, daß der Sicilianer hinausgegangen war. Nach Verfluß einer kleinen halben Stunde kam er wieder, in einen Mantel gehüllt, und ſtellte ſich hinter den Stuhl des Franzoſen.„Sie haben vorhin die Bravour geaußert, es mit allen Geiſtern aufzuneh⸗ men— wollen Sie es mit einem verſuchen?“ 14²2 „Topp!“ ſagte der Abbé—„wenn Sie es auf ſich nehmen wollen, mir einen herbeizuſchaffen.“ „Das will ich,“ antwortete der Sicilianer(indem er ſich gegen uns kehrte), wenn dieſe Herren und Damen uns werden verlaſſen haben.“ „Warum das?“ rief der Englaͤnder.„Ein herzhafter Geiſt fürchtet ſich vor keiner luſtigen Geſellſchaft.“ „Ich ſtehe nicht für den Ausgang,“ ſagte der Sicilianer. „Um des Himmels willen! Nein!“ ſchrien die Frauen⸗ zimmer an dem Tiſche und fuhren erſchrocken von ihren Stühlen. „Laſſen Sie Ihren Geiſt kommen,“ ſagte der Abbé trotzig, „aber warnen Sie ihn vorher, daß es hier ſpitzige Klingen gibt!“(indem er einen von den Gaͤſten um ſeinen Degen bat). „Das moögen Sie alsdann halten, wie Sie wollen,“ antwor⸗ tete der Sicilianer kalt,„wenn Sie nachher noch Luſt dazu haben.“ Hier kehrte er ſich zum Prinzen.„Gnadigſter Herr,“ ſagte er zu dieſem,„Sie behaupten, daß Ihr Schluͤſſel in fremden Häanden geweſen— Koͤnnen Sie vermuthen, in welchen?“ „Nein.“ „Rathen Sie auch auf Niemand?“ „Ich hatte freilich einen Gedanken—“ „Würden Sie die Perſon erkennen, wenn Sie ſie vor ſich ſähen?“ „Ohne Zweifel.“ Hier ſchlug der Sicilianer ſeinen Mantel zuruͤck und zog einen Spiegel hervor, den er dem Prinzen vor die Augen hielt. „Iſt es dieſe?“ 143 Der Prinz trat mit Schrecken zuruͤck. „Was haben Sie geſehen?“ fragte ich. „Den Armenier.“ Der Sicilianer verbarg ſeinen Spiegel wieder unter den Mantel.„War es dieſelbe Perſon, die Sie meinen?“ fragte die ganze Geſellſchaft. „Die nämliche.“ Hier veraͤnderte ſich jedes Geſicht, man hoͤrte auf zu lachen Alle Augen hingen neugierig an dem Sicilianer. „Monsieur l'Abbé, das Ding wird ernſthaft,“ ſagte der Engländer,„ich rath' Ihnen, auf den Ruͤckzug zu denken.“ „Der Kerl hat den Teufel im Leibe!“ ſchrie der Franzoſe und flog aus dem Hauſe— die Frauenzimmer ſtuͤrzten mit Geſchrei aus dem Saale— der Virtuoſe folgte ihnen— der deutſche Domherr ſchnarchte in einem Seſſel— der Ruſſe blieb, wie bisher, gleichgültig ſitzen. „Sie wollten vielleicht nur einen Großſprecher zum Ge⸗ lächter machen,“ fing der Prinz wieder an, nachdem jene hinaus waren—„oder haͤtten Sie wohl Luſt, uns Wort zu halten?“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Sicilianer.„Mit dem Abbé war es mein Ernſt nicht. Ich habe ihn beim Wort genommen, weil ich wohl wußte, daß die Memme es nicht ſo weit wuͤrde kommen laſſen. Die Sache ſelbſt iſt uͤbrigens zu ernſthaft um bloß einen Scherz damit auszuführen.“ „Sie raͤumen alſo doch ein, daß ſie in Ihrer Gewalt iſt?“ Der Magier ſchwieg eine lange Zeit und ſchien den Prinzen ſorgfaltig mit den Augen zu prüfen. „Ja,“ antwortete er endlich. Die Neugierde des Prinzen war bereits auf den hoͤchſten Grad geſpannt. Dieß war jederzeit ſeine Lieblingsſchwärmerei geweſen, und ſeit jener erſten Erſcheinung des Armeniers hat⸗ 144 ten ſich alle Ideen wieder bei ihm gemeldet, die ſeine reifere Vernunft und eine beſſere Lecture ſo lange abgewieſen hatten. Er ging mit dem Sicilianer bei Seite, und ich hoͤrte ihn ſehr angelegentlich mit ihm unterhandeln. „Sie haben hier einen Mann vor ſich,“ fuhr er fort,„der von Ungeduld brennt, in dieſer wichtigen Materie es zu einer Ueberzeugung zu bringen. Ich würde denjenigen als meinen Wohlthäter, als meinen erſten Freund umarmen, der hier meine Zweifel zerſtreute und die Decke von meinen Augen zöge.— Wollen Sie ſich dieſes großes Verdienſt um mich erwerben?“ „Was verlangen Sie von mir?“ ſagte der Magier mit Bedenken. „Für jetzt nur eine Probe Ihrer Kunſt. Laſſen Sie mich eine Erſcheinung ſehen.“ „Wozu ſoll das führen?“ „Dann mögen Sie aus meiner nahern Bekanntſchaft ur⸗ theilen, ob ich eines höhern Unterrichts werth bin.“ „Ich ſchaͤtz Sie über Alles, durchlauchtigſter Prinz. Eine geheime Gewalt in Ihrem Angeſichte, die Sie ſelbſt noch nicht kennen, hat mich beim erſten Anblick unwiderſtehlich an Sie gebunden. Sie ſind mächtiger, als Sie ſelbſt wiſſen. Sie haben unumſchraͤnkt über meine ganze Gewalt zu gebieten— aber— 4 „Alſo laſſen Sie mich eine Erſcheinung ſehen.“ „Aber ich muß erſt gewiß ſeyn, daß Sie dieſe Forderung nicht aus Neugierde an mich machen. Wenn gleich die un⸗ ſichtbaren Krafte mir einigermaßen zu Willen ſind, ſo iſt es unter der heiligen Bedingung, daß ich meine Gewalt nicht mißbrauche.“ „Meine Abſichten ſind die reinſten. Ich will Wahrheit.“ Hier verließen ſie ihren Platz und traten zu einem ent⸗ 145 fernten Fenſter, wo ich ſie nicht weiter hören konnte. Der Engländer, der dieſe Unterredung gleichfalls mit angehöͤrt hatte, zog mich auf die Seite. „Ihr Prinz iſt ein edler Mann; es thut mir leid um ihn. Ich verwette meine Seele, daß er mit einem Schurken zu thun hat.“. „Es wird darauf ankommen,“ ſagte ich,„wie er ſich aus dem Handel zieht.“ „Wiſſen Sie was?“ ſagte der Englander:„Jetzt macht der arme Teufel ſich koſtbar. Er wird ſeine Kunſt nicht aus⸗ kramen, bis er Geld klingen hört. Es ſind unſer Neune. Wir wollen eine Collecte machen. Das bricht ihm den Hals und öffnet vielleicht Ihrem Prinzen die Augen.“ „Ich bin's zufrieden.“ Der Englaͤnder warf ſechs Guineen auf einen Teller und ſammelte in der Reihe herum. Jeder gab einige Louis; dem Ruſſen gefiel unſer Vorſchlag ungemein, er legte eine Bank⸗ note von hundert Zechinen auf den Teller— eine Verſchwen⸗ dung, über welche der Engländer erſchrack. Wir brachten die Collecte dem Prinzen.„Haben Sie die Güte,“ ſagte der Eng⸗ länder,„bei dieſem Herrn für uns fürzuſprechen, daß er uns eine Probe ſeiner Kunſt ſehen laſſe und dieſen kleinen Beweis unſerer Erkenntlichkeit annehme.“ Der Prinz legte noch einen koſtbaren Ring auf den Teller, und reichte ihn dem Sicilianer. Dieſer bedachte ſich einige Secunden—„Meine Herren,“ fing er darauf an,„dieſe Großmuth erniedrigt mich— aber ich gebe Ihrem Verlangen nach. Ihr Wunſch ſoll erfüllt werden (indem er eine Glocke zog). Was dieſes Gold betrifft, worauf ich ſelber kein Recht habe, ſo werden Sie mir erlauben, daß ich es in dem naͤchſten Benedictinerkloſter für milde Stiftungen Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 10 niederlege. Dieſen Ring behalte ich als ein ſchatzbares Denk⸗ mal, das mich an den wurdigſten Prinzen erinnern ſoll.“ Hier kam der Wirth, dem er das Geld ſogleich uberlieferte. „Und er iſt dennoch ein Schurke,“ ſagte mir der Engländer ins Ohr.„Das Geld ſchlägt er aus, weil ihm jetzt mehr an dem Prinzen gelegen iſt.“ „Was verlangen Sie?“ fragte jetzt der Magier den Letztern. Der Prinz beſann ſich einen Augenblick—„Lieber gleich einen großen Mann,“ rief der Lord.„Fordern Sie den Papſt Ganganelli. Dem Herrn wird das gleich wenig koſten.“ Der Sicilianer biß ſich in die Lippen—„Ich darf keinen citiren, der die Weihung empfangen hat.“ „Das iſt ſchlimm,“ ſagte der Englaͤnder.„Vielleicht hatten wir von ihm erfahren, an welcher Krankheit er geſtorben iſt.“ „Der Marquis von Lanoy,“ nahm der Prinz jetzt das Wort,„war franzöͤſiſcher Brigadier im vorigen Kriege und mein vertrauteſter Freund. In der Bataille bei Haſtinbeck empfing er eine tödtliche Wunde, man trug ihn nach meinem Zelte, wo er bald darauf in meinen Armen ſtarb. Als er ſchon mit dem Tode rang, winkte er mich noch zu ſich.„Prinz,“ fing er an,„ich werde mein Vaterland nicht wieder ſehen, er⸗ fahren Sie alſo ein Geheimniß, wozu Niemand, als ich, den Schluſſel hat. In einem Kloſter auf der flandriſchen Gränze lebt eine——“ Hier verſchied er. Die Hand des Todes zertrennte den Faden ſeiner Rede, ich moͤchte ihn hier haben und di Fortſetzung hören.“ „Viel gefordert, bei Gott!“ rief der Engländer.„Ich er⸗ kläre Sie für den größten Künſtler des Erdbodens, wenn Sie dieſe Aufgabe löſen.“ Wir bewunderten die ſinnreiche Wahl des Prinzen und gaben ihr einſtimmig unſern Beifall. Unterdeſſen ging der 147 Magier mit ſtarken Schritten auf und nieder und ſchien un⸗ entſchloſſen mit ſich ſelbſt zu kämpfen. „Und das war Alles, was der Sterbende Ihnen zu hinter⸗ laſſen hatte?“ „Alles.“ „Thaten Sie keine weitern Nachfragen deßwegen in ſeinem Vaterlande?“ „Sie waren alle vergebens.“ „Der Marquis von Lanoy hatte untadelhaft gelebt?— Ich darf nicht jeden Todten rufen.“ „Er ſtarb mit Reue über die Ausſchweifungen ſeiner Ju⸗ gend. 72 „Tragen Sie irgend etwa ein Andenken von ihm bei ſich?“ „Ja“—(Der Prinz führte wirklich eine Tabatiere bei ſich, worauf das Miniaturbild des Marquis in Email war und die er bei der Tafel neben ſich hatte liegen gehabt.) „Ich verlange es nicht zu wiſſen—— laſſen Sie mich allein. Sie ſollen den Verſtorbenen ſehen.“ Wir wurden gebeten, uns ſo lange in den andern Pavillon zu begeben, bis er uns rufen wuͤrde. Zugleich ließ er alle Meubeln aus dem Saale räumen, die Fenſter ausheben, und die Laͤden auf das genaueſte verſchließen. Dem Wirth, mit dem er ſchon vertraut zu ſeyn ſchien, befahl er, ein Gefaͤß mit glühenden Kohlen zu bringen, und alle Feuer im Hauſe ſorgfältig mit Waſſer zu loͤſchen. Ehe wir weggingen nahm er von Jedem insbeſondere das Ehrenwort, ein ewiges Stillſchweigen über das zu beobachten, was wir ſehen und hören würden. Hinter uns wurden alle Zimmer auf dieſem Pavillon verriegelt. Es war nach eilf Uhr, und eine Todtenſtille herrſchte im ganzen Hauſe. Beim Hinausgehen fragte mich der Ruſſe, ob wir geladne Piſtolen bei uns hätten?—„Wozu?“ ſagte ich— 148 „Es iſt auf alle Faͤlle,“ verſetzte er.„Warten Sie einen Augenblick, ich will mich darnach umſehen.“ Er entfernte ſich. Der Baron von F. und ich öffneten ein Fenſter, das jenem Pavillon gegenüber ſah, und es kam uns vor, als hörten wir zwei Menſchen zuſammen fluͤſtern, und ein Geraäuſch, als ob man eine Leiter anlegte. Doch war das nur eine Muth⸗ maßung, und ich getraute mir nicht, ſie für wahr auszugeben. Der Ruſſe kam mit einem paar Piſtolen zurück, nachdem er eine halbe Stunde ausgeblieben war. Wir ſahen ſie ihn ſcharf laden. Es war beinahe zwei Uhr, als der Magier wieder er⸗ ſchien, und uns ankündigte, daß es Zeit waͤre. Ehe wir hinein traten, ward uns befohlen, die Schuhe auszuziehen, und im bloßen Hemde, Strümpfen und Unterkleidern zu erſcheinen. Hinter uns wurde, wie das erſte Mal, verriegelt. Wir fanden, als wir in den Saal zuruͤckkamen, mit einer Kohle einen weiten Kreis beſchrieben, der uns alle zehn be⸗ quem faſſen konnte. Ringsherum, an allen vier Waͤnden des Zimmers waren die Dielen weggehoben, daß wir gleichſam auf einer Inſel ſtanden. Ein Altar, mit ſchwarzem Tuch behan⸗ gen, ſrand mitten im Kreiſe errichtet, unter welchen ein Tep⸗ pich von rothem Atlaß gebreitet war. Eine chaldaäiſche Bibel lag bei einem Todtenkopf aufgeſchlagen auf dem Altar, und ein ſilbernes Crucifir war darauf feſt gemacht. Statt der Kerzen brannte Spiritus in einer ſilbernen Capſel. Ein dicker Rauch von Olibanum verfinſterte den Saal, davon das Licht beinahe erſtickte. Der Beſchwoͤrer war entkleidet, wie wir, aber bar⸗ fuß; um den bloßen Hals trug er ein Amulet an einer Kette von Menſchenhaaren, um die Lenden hatte er eine weiße Schuͤrze geſchlagen, die mit geheimen Chiffren und ſymboliſchen Figuren bezeichnet war. Er hieß uns einander die Hande reichen, und eine tiefe Stille beobachten; vorzuͤglich empfahl er 149 uns, ja keine Frage an die Erſcheinung zu thun. Den Eng⸗ länder und mich(gegen uns Beide ſchien er das meiſte Miß⸗ trauen zu hegen) erſuchte er, zwei bloße Degen unverruͤckt und kreuzweiſe, einen Zoll hoch, uͤber ſeinem Scheitel zu halten, ſo lange die Handlung dauern wuͤrde. Wir ſtanden in einem halben Mond um ihn herum, der ruſſiſche Officier draͤngte ſich dicht an den Englander und ſtand zunaͤchſt an dem Altar. Das Geſicht gegen Morgen gerichtet, ſtellte ſich der Magier jetzt auf den Teppich, ſprengte Weihwaſſer nach allen vier Weltgegen⸗ den, und neigte ſich dreimal gegen die Bibel. Eine halbe Vier⸗ telſtunde dauerte die Beſchwörung, von welcher wir nichts ver⸗ ſtanden; nach Endigung derſelben gab er denen, die zunaͤchſt hinter ihm ſtanden, ein Zeichen, daß ſie ihn jetzt feſt bei den Haaren faſſen ſollten. Unter den heftigſten Zuckungen rief er den Verſtorbenen dreimal mit Namen, und das drittemal ſtreckte er nach dem Crucifixe die Hand aus—— Auf einmal empfanden wir alle zugleich einen Streich, wie vom Blitze, daß unſere Hande auseinander flogen; ein plotz⸗ licher Donnerſchlag erſchütterte das Haus, alle Schlöſſer klan⸗ gen, alle Thuͤren ſchlugen zuſammen, der Deckel an der Capſel fiel zu, das Licht löſchte aus, und an der entgegenſtehenden Wand uber dem Kamine zeigte ſich eine menſchliche Figur in blutigem Hemde, bleich und mit dem Geſicht eines Sterbenden. „Wer ruft mich?“ ſagte eine hohle, kaum hoͤrbare Stimme. „Dein Freund,“ antwortete der Beſchwörer,„der dein An⸗ denken ehret und für deine Seele betet,“ zugleich nannte er den Namen des Prinzen. Die Antworten erfolgten immer nach einem ſehr großen Zwiſchenraume. „Was verlangt er?“ fuhr dieſe Stimme fort. 150 „Dein Bekenntniß will er zu Ende horen, das du in dieſer Welt angefangen und nicht beſchloſſen haſt.“ „In einem Kloſter auf der flandriſchen Gränze lebt———* Hier erzitterte das Haus von neuem. Die Thür ſprang freiwillig unter einem heftigen Donnerſchlag auf, ein Blitz er⸗ leuchtete das Zimmer, und eine andere körperliche Geſtalt, blutig und blaß, wie die erſte, aber ſchrecklicher, erſchien an der Schwelle. Der Spiritus fing von ſelbſt an wieder zu brennen, und der Saal wurde hell wie zuvor.„Wer iſt unter uns?“ rief der Magier erſchrocken und warf einen Blick des Ent⸗ ſetzens durch die Verſammlung—„Dich hab' ich nicht ge⸗ wollt.“ Die Geſtalt ging mit majeſtäͤtiſchem, leiſem Schritt gerade auf den Altar zu, ſtellte ſich auf den Teppich, und uns gegenüber und faßte das Crucifir. Die erſte Figur ſahen wir nicht mehr. „Wer ruft mich?“ fragte dieſe zweite Erſcheinung. Der Magier fing an, heftig zu zittern. Schrecken und Er⸗ Faunen hatten uns gefeſſelt. Ich griff nach einer Piſtole, der Magier riß ſie mir aus der Hand und druͤckte ſie auf die Ge⸗ ſtalt ab. Die Kugel rollte langſam auf dem Altar, und die Geſtalt trat unverändert aus dem Rauche. Jetzt ſank der Magier ohnmächtig nieder. „Was wird das?“ rief der Englander voll Erſtaunen und wollte einen Streich mit dem Degen nach ihr thun. Die Ge⸗ ſtalt beruhrte ſeinen Arm, und die Klinge fiel zu Boden. Hier trat der Angſtſchweiß auf meine Stirn. Baron F. geſtand uns nachher, daß er gebetet habe. Dieſe ganze Zeit uͤber ſtand der Prinz furchtlos und ruhig, die Augen ſtarr auf die Er⸗ ſcheinung gerichtet. „Ja, ich erkenne dich!“ rief er endlich voll Rührung aus, hu biſt Lanoy, du biſt mein Freund—— Woher kommſt du?, 9 151 „Die Ewigkeit iſt ſtumm. Frage mich aus dem vergange⸗ nen Leben.“ „Wer lebt in dem Kloſter, das du mir bezeichnet haſt?“ „Meine Tochter.“ „Wie? Du biſt Vater geweſen?“ „Weh mir, daß ich es nicht war!“ „Biſt du nicht glücklich, Lanvy?“ „Gott hat gerichtet.“ „Kann ich dir auf dieſer Welt noch einen Dienſt erzeigen?“ „Keinen, als an dich ſelbſt zu denken.“ „Wie muß ich das?“ „In Rom wiſt du es erfahren.“ Hier erfolgte ein neuer Donnerſchlag— eine ſchwarze Rauchwolke erfüllte das Zimmer; als ſie zerfloſſen war, fanden wir keine Geſtalt mehr. Ich ſtieß einen Fenſterladen auf. Es war Morgen. Jetzt kam auch der Magier aus ſeiner Betaubung zurück. „Wo ſind wir?“ rief er aus, als er Tageslicht erblickte. Der ruſſiſche Officier ſtand dicht hinter ihm und ſah ihm über die Schulter.„Taſchenſpieler,“ ſagte er mit ſchrecklichem Blick zu ihm:„Du wirſt keinen Geiſt mehr rufen.“ Der Sicilianer drehte ſich um, ſah ihm genauer ins Ge⸗ ſicht, that einen lauten Schrei und ſtürzte zu ſeinen Füßen. Jetzt ſahen wir alle auf einmal den vermeintlichen Ruſſen an. Der Prinz erkannte in ihm ohne Mühe die Züge ſeines Armeniers wieder, und das Wort, das er eben hervorſtottern wollte, erſtarb auf ſeinem Munde. Schrecken und Ueberraſchung hatten uns alle wie verſteinert. Lautlos und unbeweglich ſtarr⸗ ten wir dieſes geheimnißvolle Weſen an, das uns mit einem Blicke ſtiller Gewalt und Groͤße durchſchaute. Eine Minute 152 dauerte dieß Schweigen— und wieder eine. Kein Odem war in der ganzen Verſammlung. Einige kraͤftige Schläge an die Thuͤr brachten uns endlich wieder zu uns ſelbſt. Die Thür fiel zertruͤmmert in den Saal, und herein drangen Gerichtsdiener mit Wache.„Hier finden wir ſie ja beiſammen!“ rief der Anführer und wandte ſich zu ſeinen Begleitern.„Im Namen der Regierung!“ rief er uns zu.„Ich verhafte euch.“ Wir hatten nicht ſo viel Zeit, uns zu beſinnen; in wenig Augenblicken waren wir umringt. Der ruſſiſche Officier, den ich jetzt wieder den Armenier nenne, zog den Anführer der Haͤſcher auf die Seite, und ſo viel mir dieſe Verwirrung zuließ, bemerkte ich, daß er ihm einige Worte heim⸗ lich ins Ohr ſagte und etwas Schriftliches vorzeigte. Sogleich verließ ihn der Häſcher mit einer ſtummen und ehrerbietigen Verbeugung, wandte ſich darauf zu uns und nahm ſeinen Hut ab.„Vergeben Sie, meine Herren,“ ſagte er,„daß ich Sie mit dieſem Betrüger vermengen konnte. Ich will nicht fragen, wer Sie ſind— aber dieſer Herr verſichert mich, daß ich Manner von Ehre vor mir habe.“ Zugleich winkte er ſei⸗ nen Begleitern, von uns abzulaſſen. Den Sicilianer befahl er, wohl zu bewachen und zu binden.„Der Burſche da iſt überreif,“ ſetzte er hinzu.„Wir haben ſchon ſieben Monate auf ihn gelauert.“ Dieſer elende Menſch war wirklich ein Gegenſtand des Jam⸗ mers. Das doppelte Schrecken der zweiten Geiſtererſcheinung und dieſes unerwarteten Ueberfalls hatte ſeine Beſinnungskraft uͤberwaltigt. Er ließ ſich binden wie ein Kind; die Augen la⸗ gen weit aufgeſperrt und ſtier in einem todtenähnlichen Ge⸗ ſicht, und ſeine Lippen bebten in ſtillen Zuckungen, ohne einen Laut auszuſtoßen. Jeden Augenblick erwarteten wir einen Aus⸗ bruch von Convulſionen. Der Prinz fuͤhlte Mitleid mit ſeinem 153 Zuſtand, und unternahm es, ſeine Loslaſſung bei dem Gerichts⸗ diener auszuwirken, dem er ſich zu erkennen gab. „Gnaͤdigſter Herr,“ ſagte dieſer,„wiſſen Sie auch, wer der Menſch iſt, für welchen Sie ſich ſo großmuͤthig verwenden? Der Betrug, den er Ihnen zu ſpielen gedachte, iſt ſein ge⸗ ringſtes Verbrechen. Wir haben ſeine Helfershelfer. Sie ſagen abſcheuliche Dinge von ihm aus. Er mag ſich noch glück⸗ lich preiſen, wenn er mit der Galeere davon kommt.“ Unterdeſſen ſahen wir auch den Wirth nebſt ſeinen Haus⸗ genoſſen mit Stricken gebunden uͤber den Hof fuͤhren—„Auch dieſer?“ rief der Prinz.„Was hat denn dieſer verſchuldet?“ —„Er war ſein Mitſchuldiger und Hehler,“ antwortete der Anführer der Häſcher,„der ihm zu ſeinen Taſchenſpielerſtück⸗ chen und Diebereien behuͤlflich geweſen und ſeinen Raub mit ihm getheilt hat. Gleich ſollen Sie überzeugt ſeyn, gnaͤdigſter Herr(indem er ſich zu ſeinen Begleitern kehrte). Man durch⸗ ſuche das ganze Haus und bringe mir ſogleich Nachricht, was man gefunden hat.“ Jetzt ſah ſich der Prinz nach dem Armenier um— aber er war nicht mehr vorhanden; in der allgemeinen Verwirrung, welche dieſer Ueberfall anrichtete, hatte er Mittel gefunden, unbemerkt zu entkommen. Der Prinz war untröſtlich; gleich wollte er ihm alle ſeine Leute nachſchicken, er ſelbſt wollte ihn aufſuchen und mich mit ſich fortreißen. Ich eilte ans Fenſter; das ganze Haus war von Neugierigen umringt, die das Ge⸗ rucht dieſer Begebenheit herbeigeführt hatte. Unmöglich war es, durch das Gedraͤnge zu kommen. Ich ſtellte dem Prinzen dieſes vor.„Wenn es dieſem Armenier ein Ernſt iſt, ſich vor uns zu verbergen, ſo weiß er unfehlbar die Schliche beſſer als wir, und alle unſere Nachforſchungen werden vergebens ſeyn. Lieber laſſen Sie uns noch hier bleiben, gnaͤdigſter Prinz. Viel⸗ 154 leicht kann uns dieſer Gerichtsdiener etwas Naheres von ihm ſagen, dem er ſich, wenn ich anders recht geſehen, entdeckt hat.“’ Jetzt erinnerten wir uns, daß wir noch ausgekleidet waren. Wir eilten nach unſerm Zimmer, uns in der Geſchwindigkeit in unſere Kleider zu werfen. Als wir zurückkamen, war die Hausſuchung geſchehen. Nachdem man den Altar weggeräumt und die Dielen des Saals aufgebrochen, entdeckte man ein geraͤumiges Gewölbe, worin ein Menſch gemachlich aufrecht ſitzen konnte, mit einer Thür verſehen, die durch eine ſchmale Treppe nach dem Keller führte. In dieſem Gewölbe fand man eine Elektriſirmaſchine, eine Uhr und eine kleine ſilberne Glocke, welche letztere, ſo wie die Elektriſirmaſchine, mit dem Altar und dem darauf befeſtig⸗ ten Crucifixe Communication hatte. Ein Fenſterladen, der dem Kamine gerade gegenüberſtand, war durchbrochen und mit einem Schieber verſehen, um, wie wir nachher erfuhren, eine magiſche Laterne in ſeine Oeffnung einzupaſſen, aus welcher die verlangte Geſtalt auf die Wand über dem Kamine gefallen war. Vom Dachboden und aus dem Keller brachte man ver⸗ ſchiedene Trommeln, woran große bleierne Kugeln an Schnü⸗ ren befeſtigt hingen, wahrſcheinlich um das Geräuſch des Don⸗ ners hervorzubringen, das wir gehört hatten. Als man die Kleider des Sicilianers durchſuchte, fand man in einem Etui verſchiedene Pulver, wie auch lebendigen Mercur in Phiolen und Büchſen, Phosphorus in einer glaͤſernen Flaſche, einen Ring, den wir gleich für einen magnetiſchen erkannten, weil er an einem ſtählernen Knopfe hängen blieb, dem er von un⸗ gefähr nahe gebracht worden, in den Rocktaſchen ein Paternoſter, einen Judenbart, Terzerole und einen Dolch.„Laſſ' doch ſehen, ob fie geladen ſind,“ ſagte einer von den Haͤſchern, indem er 155 eines von den Terzerolen nahm und ins Kamin abſchoß.„Je⸗ ſus Maria!“ rief eine hohle menſchliche Stimme, eben die, welche wir von der erſten Erſcheinung gehört hatten— und in demſelben Augenblicke ſahen wir einen blutenden Körper aus dem Schlot herunterſtüͤrzen.—„Noch nicht zur Ruhe, armer Geiſt?“ rief der Engländer, waͤhrend daß wir Andern mit Schrecken zurückfuhren.„Gehe heim zu deinem Grabe. Du haſt geſchienen, was du nicht warſt; jetzt wirſt du ſeyn, was du ſchieneſt.“ „Jeſus Maria! Ich bin verwundet,“ wiederholte der Menſch im Kamine. Die Kugel hatte ihm das rechte Bein zerſchmet⸗ tert. Sogleich beſorgte man, daß die Wunde verbunden wurde. „Aber wer biſt du denn und was für ein böſer Dämon muß dich hieher führen?“ „Ein armer Barfüßer,“ antwortete der Verwundete.„Ein fremder Herr hier hat mir eine Zechine geboten, daß ich—“ „Eine Formel herſagen ſollte. Und warum haſt du dich denn nicht gleich wieder davon gemacht?“ „Er wollte mir ein Zeichen geben, wenn ich fortfahren ſollte; aber das Zeichen blieb aus, und wie ich hinausſteigen wollte, war die Leiter weggezogen.“ „Und wie heißt denn die Formel, die er dir eingelernt hat?“ Der Menſch bekam hier eine Ohnmacht, daß nichts weiter aus ihm herauszubringen war. Unterdeſſen hatte ſich der Prinz zu dem Anführer der Häſcher gewendet. „Sie haben uns,“ ſagte er, indem er ihm zugleich einige Goldſtucke in die Hand drückte,„Sie haben uns aus den Hän⸗ den eines Betrügers gerettet und uns, ohne uns noch zu ken⸗ nen, Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Wollen Sie nun unſere Verbindlichkeit vollkommen machen, und uns entdecken, wer 156 der Unbekannte war, dem es nur ein paar Worte koſtete, uns in Freiheit zu ſetzen?“ „Wen meinen Sie?“ fragte der Anfuͤhrer der Haͤſcher mit einer Miene, die deutlich zeigte, wie unnöthig dieſe Frage war. „Den Herrn in ruſſiſcher Uniform meine ich, der Sie vor⸗ hin bei Seite zog, Ihnen etwas Schriftliches vorwies und einige Worte ins Ohr ſagte, worauf Sie uns ſogleich wieder losgaben.“ „Sie kennen dieſen Herrn alſo nicht?“ fragte der Haͤſcher wieder.„Er war nicht von Ihrer Geſellſchaft?“ „Nein,“ ſagte der Prinz—„und aus ſehr wichtigen Ur⸗ ſachen wünſchte ich naͤher mit ihm bekannt zu werden.“ „Naͤher,“ antwortete der Haſcher,„kenn' ich ihn auch nicht. Sein Name ſelbſt iſt mir unbekannt, und heute habe ich ihn zum erſten Male in meinem Leben geſehen.“ „Wie? und in ſo kurzer Zeit, durch ein paar Worte konnte er ſo viel üͤber Sie vermögen, daß Sie ihn ſelbſt und uns Alle für unſchuldig erklärten?“ „Allerdings, durch ein einziges Wort.“ „Und dieſes war?— Ich geſtehe, daß ich es wiſſen mochte.“ „Dieſer Unbekannte, gnadigſter Herr“— indem er die Zechinen in ſeiner Hand wog—„Sie ſind zu großmüthig gegen mich geweſen, um Ihnen laͤnger ein Geheimniß daraus zu machen— dieſer Unbekannte war— ein Officier der Staatsinquiſition.“ „Der Staatsinquiſition!— Dieſer!— „Nicht anders, gnadigſter Herr— und davon uberzeugte mich das Papier, welches er mir vorzeigte.“ „Dieſer Menſch, ſagten Sie? Es iſt nicht moglich.“ „Ich will Ihnen noch mehr ſagen, gnadigſter Herr. Eben dieſer war es, auf deſſen Denunciation ich hieher geſchickt worden bin, den Geiſterbeſchwoͤrer zu verhaften.“ 157 Wir ſahen uns mit noch größerm Erſtaunen an. „Da hätten wir es ja heraus,“ rief endlich der Englander, „warum der arme Teufel von Beſchwörer ſo erſchrocken zu⸗ ſammenfuhr, als er ihm naͤher ins Geſicht ſah. Er erkannte ihn für einen Spion, und darum that er jenen Schrei und ſtürzte zu ſeinen Füßen—“ „Nimmermehr!“ rief der Prinz.„Dieſer Menſch iſt Alles, was er ſeyn will, und Alles, was der Augenblick will, daß er ſeyn ſoll. Was er wirklich iſt, hat keines Menſchen Sohn erfahren. Sahen Sie den Sicilianer zuſammenſinken, als er ihm die Worte ins Ohr ſchrie: Du wirſt keinen Geiſt mehr rufen? Dahinter iſt mehr. Daß man vor etwas Menſch⸗ lichem ſo zu erſchrecken pflegt, ſoll mich Niemand überreden.“ „Daruͤber wird uns der Magier ſelbſt wohl am beſten zurechtweiſen können,“ ſagte der Lord,„wenn uns dieſer Herr (ſich zu dem Anführer der Gerichtsdiener wendend) Gelegenheit verſchaffen will, ſeinen Gefangenen zu ſprechen.“ Der Anführer der Haͤſcher verſprach es uns, und wir redeten mit dem Engländer ab, daß wir ihn gleich den andern Morgen aufſuchen wollten. Jetzt begaben wir uns nach Ve⸗ nedig zurück. Mit dem früheſten Morgen war Lord Seymour da(dieß war der Name des Englaͤnders), und bald nachher erſchien eine vertraute Perſon, die der Gerichtsdiener abgeſchickt hatte, uns nach dem Gefängniſſe zu führen. Ich habe vergeſſen, zu er⸗ zäͤhlen, daß der Prinz ſchon ſeit etlichen Tagen einen ſeiner Jager vermißte, einen Bremer von Geburt, der ihm viele Jahre redlich gedient und ſein ganzes Vertrauen beſeſſen hatte. Ob er verunglückt oder geſtohlen, oder auch entlaufen war, wußte Niemand. Zu dem Letztern war gar kein wahrſcheinlicher Grund vorhanden, weil er jederzeit ein ſtiller und ordentlicher Menſch 158 geweſen und nie ein Tadel an ihm gefunden war. Alles, worauf ſeine Cameraden ſich beſinnen konnten, war, daß er in der letz⸗ ten Zeit ſehr ſchwermuͤthig geweſen und, wo er nur einen Augenblick erhaſchen konnte, ein gewiſſes Minoritenkloſter in der Giudecca beſucht habe, wo er auch mit einigen Brudern öfters Umgang gepflegt. Dieß brachte uns auf die Vermuthung, daß er vielleicht in die Hände der Pfaffen gerathen ſeyn möchte und ſich katholiſch gemacht hätte; und weil der Prinz über dieſen Artikel damals noch ſehr tolerant oder ſehr gleichgültig dachte, ſo ließ er's, nach einigen fruchtloſen Nachforſchungen, dabei bewenden. Doch ſchmerzte ihn der Verluſt dieſes Menſchen, der ihm auf ſeinen Feldzügen immer zur Seite geweſen, im⸗ mer treu an ihm gehangen und in einem fremden Lande ſo leicht nicht wieder zu erſetzen war. Heute nun, als wir eben im Begriff ſtanden, auszugehen, ließ ſich der Bankier des Prinzen melden, an den der Auftrag ergangen war, für einen neuen Bedienten zu ſorgen. Dieſer ſtellte dem Prinzen einen gut gebildeten und wohlgekleideten Menſchen in mittlern Jahren vor, der lange Zeit in Dienſten eines Procurators als Secretär geſtanden, Franzöſiſch und auch etwas Deutſch ſprach, übrigens mit den beſten Zeugniſſen verſehen war. Seine Phyſiognomie gefiel, und da er ſich übrigens erklärte, daß ſein Gehalt von der Zufriedenheit des Prinzen mit ſeinen Dienſten abhaͤngen ſollte, ſo ließ er ihn ohne Verzug eintreten. Wir fanden den Sicilianer in einem Privatgefängniſſe, wo⸗ hin er, dem Prinzen zu Gefallen, wie der Gerichtsdiener ſagte, einſtweilen gebracht worden war, ehe er unter die Bleidächer geſetzt wurde, zu denen kein Zugang mehr offen ſteht. Dieſe Bleidacher ſind das fürchterlichſte Gefangniß in Venedig, unter dem Dache des St. Marcuspalaſtes, worin die unglücklichen Verbrecher von der dörrenden Sonnenhitze, die ſich auf der 159 Bleiflaͤche ſammelt, oft bis zum Wahnwitze leiden. Der Sici⸗ lianer hatte ſich von dem geſtrigen Zufalle wieder erholt, und ſtand ehrerbietig auf, als er den Prinzen anſichtig wurde. in Bein und eine Hand waren gefeſſelt, ſonſt aber konnte er frei durch das Zimmer gehen. Bei unſerm Eintritt entfernte ſich die Wache vor die Thür. „Ich komme,“ ſagte der Prinz,„über zwei Punkte eine Er⸗ klärung von Ihnen zu verlangen. Die eine ſind Sie mir ſchuldig, und es wird Ihr Schade nicht ſeyn, wenn Sie mich über den andern befriedigen.“ „Meine Rolle iſt ausgeſpielt,“ verſeite der Sicilianer. „Mein Schickſal ſteht in Ihren Haͤnden.“ „Ihre Aufrichtigkeit allein iſt es, die es erleichtern kann.“ „Fragen Sie, gnaͤdigſter Herr. Ich bin bereit zu antwor⸗ ten, denn ich habe nichts mehr zu verlieren.“ „Sie haben mich das Geſicht des Armeniers in Ihrem Spiegel ſehen laſſen. Wodurch bewirkten Sie dieſes?“ „Es war kein Spiegel, was Sie geſehen haben. Ein bloßes Paſtellgemalde hinter einem Glaſe, das einen Mann in armeni⸗ ſcher Kleidung vorſtellte, hat Sie getaäuſcht. Meine Geſchwin⸗ digkeit, die Däammerung, Ihr Erſtaunen unterſtützten dieſen Betrug. Das Bild ſelbſt wird ſich unter den übrigen Sachen finden, die man in dem Gaſthofe in Beſchlag genommen hat.“ „Aber wie konnten Sie meine Gedanken ſo gut wiſſen und gerade auf den Armenier rathen?“ „Dieſes war gar nicht ſchwer, gnädigſter Herr. Ohne Zwei⸗ fel haben Sie ſich bei Tiſche, in Gegenwart ihrer Bedienten, über die Begebenheit öfters herausgelaſſen, die ſich zwiſchen Ihnen und dieſem Armenier ereignet hat. Einer von meinen Leuten machte mit einem Jäger zufälliger Weiſe in der Giu⸗ 160 decca Bekanntſchaft, aus welchem er nach und nach ſo viel zu ziehen wußte, als mir zu wiſſen noͤthig war.“ „Wo iſt dieſer Jaͤger?“ fragte der Prinz.„Ich vermiſſe ihn, und ganz gewiß wiſſen Sie um ſeine Entweichung.“ „Ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht das Geringſte davon weiß, gnaͤdigſter Herr. Ich ſelbſt hab' ihn nie geſehen und nie eine andere Abſicht mit ihm gehabt, als die eben gemeldete.“ „Fahren Sie fort,“ ſagte der Prinz. „Auf dieſem Wege nun erhielt ich uͤberhaupt auch die erſte Nachricht von Ihrem Aufenthalt und Ihren Begebenheiten in Venedig, und ſogleich entſchloß ich mich, ſie zu nützen. Sie ſehen, gnadigſter Herr, daß ich aufrichtig bin. Ich wußte von Ihrer vorhabenden Spazierfahrt auf der Brenta; ich hatte mich darauf verſehen, und ein Schlüſſel, der Ihnen von ungefahr entfiel, gab mir die erſte Gelegenheit, meine Kunſt an Ihnen zu verſuchen.“ „Wie? So haͤtte ich mich geirrt? Das Stuͤckchen mit dem Schluſſel war Ihr Werk und nicht des Armeniers? Der Schluͤſſel, ſagen Sie, waͤre mir entfallen?“ „Als Sie die Börſe zogen— und ich nahm den Augen⸗ blick wahr, da mich Niemand beobachtete, ihn ſchnell mit dem Fuße zu verdecken. Die Perſon, bei der Sie die Lotterielooſe nahmen, war im Verſtändniß mit mir. Sie ließ Sie aus dem Gefäße ziehen, wo keine Niete zu holen war, und der Schlüſſel lag längſt in der Doſe, ehe ſie von Ihnen gewonnen wurde.“ Nunmehr begreif' ich's. Und der Barfüßermonch, der ſich mir in den Weg warf und mich ſo feierlich anredete?“ „War der nämliche, den man, wie ich hore, verwundet aus dem Kamine gezogen. Es iſt einer von meinen Cameraden, 161 der mir unter dieſer Verhüllung ſchon manche gute Dienſte geleiſtet.“ „Aber zu welchem Ende ſtellten Sie dieſes an?“ „Um Sie nachdenkend zu machen— um einen Gemüths⸗ zuſtand in Ihnen vorzubereiten, der Sie für das Wunderbare, das ich mit Ihnen im Sinne hatte, empfanglich machen ſollte.“ „Aber der pantomimiſche Tanz, der eine ſo überraſchende, ſeltſame Wendung nahm— dieſer war doch wenigſtens nicht von Ihrer Erfindung?“ „Das Madchen, welches die Konigin vorſtellte, war von mir unterrichtet und ihre ganze Rolle mein Werk. Ich vermuthete, daß es Eure Durchlaucht nicht wenig befremden würde, an dieſem Orte bekannt zu ſeyn, und, verzeihen Sie mir, gnadig⸗ ſter Herr, das Abenteuer mit dem Armenier ließ mich hoffen, daß Sie bereits ſchon geneigt ſeyn würden, natürliche Aus⸗ legungen zu verſchmahen und nach hohern Quellen des Außer⸗ ordentlichen zu ſpüren.“ „In der That!“ rief der Prinz mit einer Miene zugleich des Verdruſſes und der Verwunderung, indem er mir beſonders einen bedeutenden Blick gab,„in der That,“ rief er aus,„das habe ich nicht erwartet!“*) 2) Und wahrſcheinlich auch die wenigſten meiner Leſer. Dieſe zu den Fuͤßen des Prinzen ſo unerwartet und ſo feierlich niedergelegte Krone, mit der vorhergehenden Propyezenung des Armeniers zuſammen ge⸗ nommen, ſcheint ſo natuͤrlich und ungezwungen auf einen gewiſſen Zweck zu zielen, daß mir beim erſten Leſen dieſer Memoires ſogteich die verfaͤngliche Anrede der Zauberſchweſtern in Macheth: Heil dir, Than von Glamis, der einſt König ſeyn wird! dabei eingefallen iſt; und vermuthlich iſt es Mehrern ſo ergangen Wenn eine gewiſſe Vorſtellung auf eine feierliche und ungewoͤhnliche Art in die Seele gebracht worden, ſo kann es nicht fehlen, daß alle darauf fol⸗ genden, welche nur der geringſten Beziehung auf ſie faͤhig ſind, ſich an Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 11 „Aber,“ fuhr der Prinz nach einem langen Stillſchweigen wieder fort,„wie brachten Sie die Geſtalt hervor, die an der Wand über dem Kamine erſchien?“ 3 „Durch die Zauberlaterne, welche an dem gegenüberſtehenden Fenſterladen angebracht war, wo Sie auch die Oeffnung dazu bemerkt haben werden.“ „Aber wie kam es denn, daß kein einziger unter uns ſie gewahr wurde?“ fragte Lord Seymour. „Sie erinnern ſich, gnadigſter Herr, daß ein dicker Rauch von Olibanum den ganzen Saal verfinſterte, als Sie zuruͤck⸗ gekommen waren. Zugleich hatte ich die Vorſicht gebraucht, die Dielen, welche man weggehoben, neben demjenigen Fenſter anlehnen zu laſſen, wo die Laterna magica eingefügt war; dadurch verhinderte ich, daß Ihnen dieſer Fenſterladen nicht ſo⸗ gleich ins Geſicht fiel. Uebrigens blieb die Laterne auch ſo lange durch einen Schieber verdeckt, bis Sie alle ihre Platze genommen hatten, und keine Unterſuchung im Zimmer mehr von Ihnen zu fürchten war.“ „Mir kam vor,“ fiel ich ein,„als hoͤrte ich in der Naͤhe des Saals eine Leiter anlegen, als ich in dem andern Pavillon aus dem Fenſter ſah. War dem wirklich ſo?“ 8 „Ganz recht. Eben dieſe Leiter, auf welcher mein Gehuͤlfe dieſelbe anſchließen und in einen gewiſſen Rapport mit ihr ſetzen. Der Sicilianer, der, wie es ſcheint, mit der ganzen Sache nicht mehr und nicht weniger gewollt vat als den Prinzen dadurch zu uͤverraſchen⸗ daß er ihn merken ließ, ſein Stand ſey entdeckt, hat dem Armenier, ohne daran zu denken, in die Hand gearbeitet: aber ſo ſehr die Sache auch an Intereſſe verliert, wenn man den hoͤhern Sweck zuruͤcknimmt, auf welchen ne anfangs angetegt ſchien, ſo wenig darf ich doch der hiſtoriſchen Wabrbeit zu nahe treten, und ich erzaͤhle das Factum, wie ich es gefunden. A. d. H. 163 zu dem bewußten Fenſter emporkletterte, um die Zauberlaterne zu dirigiren.“ „Die Geſtalt,“ fuhr der Prinz fort,„ſchien wirklich eine fluͤchtige Aehnlichkeit mit meinem verſtorbenen Freunde zu ha⸗ ben; beſonders traf es ein, daß ſie ſehr blond war. War dieſes bloßer Zufall, oder woher ſchöpften Sie dieſelbe?“ „Eure Durchlaucht erinnern ſich, daß Sie über Tiſche eine Doſe neben ſich hatten liegen gehabt, auf welcher das Portrait eines Officiers in*rſcher Uniform in Email war. Ich fragte Sie, ob Sie von Ihrem Freunde nicht irgend ein Andenken bei ſich führten? worauf Sie mit Ja antworteten; daraus ſchloß ich, daß es vielleicht die Doſe ſeyn moͤchte. Ich hatte das Bild über Tiſche gut ins Auge gefaßt, und weil ich im Zeichnen ſehr geübt, auch im Treffen ſehr glücklich bin, ſo war es mir ein Leichtes, dem Bilde dieſe flüchtige Aehnlichkeit zu geben, die Sie wahrgenommen haben; und um ſo mehr, da die Geſichtszüge des Marquis ſehr ins Auge fallen.“ „Aber die Geſtalt ſchien ſich doch zu bewegen.—“ „So ſchien es— aber es war nicht die Geſtalt, ſondern der Rauch, der von ihrem Scheine beleuchtet war.“ „Und der Menſch, welcher aus dem Schlot herabſtürzte, antwortete alſo für die Erſcheinung?“ „Eben dieſer.“ „Aber er konnte ja die Fragen nicht wohl hoͤren.“ „Dieſes brauchte er auch nicht. Sie beſinnen ſich, gnadig⸗ ſter Prinz, daß ich Ihnen allen auf das ſtrengſte verbot, ſelbſt eine Frage an das Geſpenſt zu richten. Was ich ihn fragen würde und er mir antworten ſollte, war abgeredet; und damit ja kein Verſehen vorfiele, ließ ich ihn große Pauſen beobachten, die er an Schlagen einer Uhr abzählen mußte.“ 1. „Sie gaben dem Wirthe Befehl, alle Feuer im Hauſe 164 ſorgfaltig mit Waſſer löſchen zu laſſen; dieß geſchah ohne Zweifel—“ „Um meinen Mann im Kamine außer Gefahr des Er⸗ ſtickens zu ſetzen, weil die Schornſteine im Hauſe ineinander laufen, und ich vor Ihrer Suite nicht ſo recht ſicher zu ſeyn glaubte.“ „Wie kam es aber,“ fragte Lord Seymour,„daß Ihr Geiſt weder fruͤher noch ſpäter da war, als Sie ihn brauchten?“ „Mein Geiſt war ſchon eine gute Weile im Zimmer, ehe ich ihn citirte; aber ſo lange der Spiritus brannte, konnte man dieſen matten Schein nicht ſehen. Als meine Beſchwö⸗ rungsformel geendigt war, ließ ich das Gefaß, worin der Spi⸗ ritus flammte, zuſammenfallen, es wurde Nacht im Saal, und jetzt erſt wurde man die Figur an der Wand gewahr, die ſich ſchon längſt darauf reflectirt hatte.“ „Aber in eben dem Moment, als der Geiſt erſchien, em— pfanden wir Alle einen elektriſchen Schlag. Wie bewirkten Sie dieſen?“ „Die Maſchine unter dem Altar haben Sie entdeckt. Sie ſahen auch, daß ich auf einem ſeidenen Fußteppich ſtand. Ich licß Sie in einem halben Mond um mich herumſtehen und einander die Häͤnde reichen; als es nahe dabei war, winkte ich einem von Ihnen, mich bei den Haaren zu faſſen. Das ſil⸗ berne Crucifir war der Conductor, und Sie empfingen den chlag, als ich es mit der Hand berührte.“ „Sie befahlen uns, dem Grafen von O' und mir,“ ſagte Lord Seymour,„zwei bloße Degen kreuzweiſe über ihrem Scheitel zu halten, ſo lange die Beſchwoͤrung dauern würde. Wozu nun dieſes?“ „Zu nichts weiter, als um Sie beide, denen ich am wenig⸗ ſten traute, waͤhrend des ganzen Actus zu beſchaäftigen. Sie 8 erinnern ſich, daß ich Ihnen ausdrücklich einen Zoll hoch be⸗ ſtimmte; dadurch, daß Sie dieſe Entfernung immer in Acht nehmen mußten, waren Sie verbindert, Ihre Blicke dahin zu richten, wo ich ſie nicht gern haben wollte. Meinen ſchlimm⸗ ſten Feind hatte ich damals noch gar nicht ins Auge gefaßt.“ „Ich geſtehe,“ rief Lord Seymour,„daß dieß vorſichtig ge⸗ handelt heißt— aber warum mußten wir ausgekleidet ſeyn?“ „Bloß um der Handlung eine Feierlichkeit mehr zu geben, und durch das Ungewöhnliche Ihre Einbildungskraft zu ſpannen.“ „Die zweite Erſcheinung ließ Ihren Geiſt nicht zum Worte kommen,“ ſagte der Prinz.„Was hatten wir eigentlich von ihm erfahren ſollen?“ „Beinahe dasſelbe, was Sie nachher gehört haben. Ich fragte Eure Durchlaucht nicht ohne Abſicht, ob Sie mir auch Alles geſagt, was Ihnen der Sterbende aufgetragen, und ob Sie keine weiteren Nachfragen wegen ſeiner in ſeinem Vaterlande gethan; dieſes fand ich nöthig, um nicht gegen Thatſachen an⸗ zuſtoßen, die der Ausſage meines Geiſtes hätten widerſprechen können. Ich fragte, gewiſſer Jugendfünden wegen, ob der Ver⸗ ſtorbene untadelhaft gelebt; und auf die Antwort, welche Sie mir gaben, gründete ich alsdann meine Erfindung.“ „Ueber dieſe Sache,“ fing der Prinz nach einigem Stillſchwei⸗ gen an,„haben Sie mir einen befriedigenden Aufſchluß gegeben. Aber ein Hauptumſtand iſt noch zuruͤck, worüber ich Licht von Ihnen verlange.“ „Wenn es in meiner Gewalt ſteht, und—“ „Keine Bedingungen. Die Gerechtigkeit, in deren Haͤnden Si nd, dürfte ſo beſcheiden nicht fragen. Wer war dieſer Unbekannte, vor dem wir Sie niederſtürzen ſahen? Was wiſſen Sie von ihm? Woher kennen Sie ihn? Und was hat es für eine Bewandtniß mit dieſer zweiten Erſcheinung?“ „Gnaͤdigſter Prinz—“ „Als Sie ihm genauer ins Geſicht ſahen, ſtießen Sie einen lauten Schrei aus und ſtuͤrzten nieder. Warum das? Was bedeutete das?“ 4 „Dieſer Unbekannte, gnädigſter Prinz“—— Er hielt inne, wurde ſichtbarlich unruhiger und ſah uns alle in der Reihe herum mit verlegenen Blicken an—„Ja, bei Gott, gnädigſter Prinz, dieſer Unbekannte iſt ein ſchreckliches Weſen.“ „Was wiſſen Sie von ihm? Wie ſteht er mit Ihnen in Verbindung?— Hoffen Sie nicht, uns die Wahrheit zu ver⸗ hehlen.“ „Davor werd' ich mich wohl hüten— denn wer ſteht mir dafür, daß er nicht in dieſem Augenblicke mitten unter uns ſteht?“ „Wo? Wer?“ riefen wir alle zugleich, und ſchauten uns halb lachend, halb beſtürzt im Zimmer um—„Das iſt ja nicht möglich.“. „Ol dieſem Menſchen— oder wer er ſeyn mag— ſind Dinge möglich, die noch weit weniger zu begreifen ſind.“ „Aber wer iſt er denn? Woher ſtammt er? Armenier oder Ruſſe? Was iſt das Wahre an dem, wofür er ſich ausgibt?“ „Keines von Allem, was er ſcheint. Es wird wenige Stände und Nationen geben, davon er nicht ſchon die Maske getragen. Wer er ſey? Woher er gekommen? Wohin er gehe? weiß Niemand. Daß er lange in Aegypten geweſen, wie Viele behaupten, und dort aus einer Katakombe ſeine verborgene Weisheit geholt habe, will ich weder bejahen noch verneinen. Bei uns kennt man ihn nur unter dem Namen des Uner⸗ gründlichen. Wie alt, zum Veiſpiel, ſchätzen Sie ihn?“ „Nach dem außern Anſchein zu urtheilen, kann er kaum vierzig zurückgelegt haben.“ „Und wie alt denken Sie, daß ich ſey?“ 67 „Nicht weit von fünfzig.“ 1 „Ganz recht— und wenn ich Ihnen nun ſage, daß ich noch ein Burſche von ſiebenzehn Jahren war, als mir mein Großvater von dieſem Wundermanne erzählte, der ihn ungefahr in eben dem Alter, worin er jetzt zu ſeyn ſcheint, in Famaguſta geſehen hat.“— „Das iſt lächerlich, unglaublich und übertrieben.“ „Nicht um einen Zug. Hielten mich dieſe Feſſeln nicht ab, ich wollte Ihnen Buͤrgen ſtellen, deren ehrwuͤrdiges Anſehen Ihnen keinen Zweifel mehr uͤbrig laſſen ſollte. Es gibt glaubwürdige Leute, die ſich erinnern, ihn in verſchiedenen Weltgegenden zu gleicher Zeit geſehen zu haben. Keines Degens Spitze kann ihn durchbohren, kein Gift ihm etwas anhaben, kein Feuer ſengt ihn, kein Schiff geht unter, worauf er ſich befindet. Die Zeit ſelbſt ſcheint an ihm ihre Macht zu verlieren, die Jahre trocknen ſeine Säfte nicht aus, und das Alter kann ſeine Haare nicht bleichen. Niemand iſt, der ihn Speiſe nehmen ſah, nie iſt ein Weib von ihm berührt worden, kein Schlaf beſucht ſeine Augen, von allen Stunden des Tages weiß man nur eine einzige, uͤber die er nicht Herr iſt, in welcher Niemand ihn geſehen, in welcher er kein irdiſches Geſchaft verrichtet hat.“ „So?“ ſagte der Prinz.„Und was iſt dieß für eine Stunde?“ „Die zwoͤlfte in der Nacht. Sobald die Glocke den zwölften Schlag thut, gehört er den Lebendigen nicht mehr. Wo er auch ſeyn mag, er muß fort, welches Geſchäft er auch verrichtet, er muß es abbrechen. Dieſer ſchreckliche Glockenſchlag reißt ihn aus den Armen der Freundſchaft, reißt ihn ſelbſt vom Altar und würde ihn auch aus dem Todeskampf abrufen. Niemand weiß, wo er dann hingehet, noch was er da verrichtet. Niemand wagt es, ihn darum zu befragen, noch weniger, ihm zu folgen, denn ſeine Geſichtszüge ziehen ſich auf einmal, ſobald dieſe ge⸗ fuͤrchtete Stunde ſchlaͤgt, in einen ſo finſtern und ſchreckhaften 168 Ernſt zuſammen, daß Jedem der Muth entfällt, ihm ins Geſicht zu blicken oder ihn anzureden. Eine tiefe Todesſtille endigt dann plötzlich das lebhafteſte Geſpräch, und, Alle, die um ihn ſind, erwarten mit ehrerbietigem Schaudern ſeine Wiederkunft, ohne es nur zu wagen, ſich von der Stelle zu heben, oder die Thür zu öffnen, durch die er gegangen iſt.“ „Aber,“ fragte einer von uns,„bemerkt man nichts Au⸗ ßerordentliches an ihm bei ſeiner Zurückkunft?“ „Nichts, als daß er bleich und abgemattet ausſieht, un⸗ gefähr wie ein Menſch, der eine ſchmerzhafte Operation aus⸗ geſtanden, oder eine ſchreckliche Zeitung erhaͤlt. Einige wol⸗ len Blutstropfen auf ſeinem Hemde geſehen haben; dieſes aber laſſe ich dahingeſtellt ſeyn.“ „Und hat man es zum wenigſten nie verſucht, ihm dieſe Stunde zu verbergen, oder ihn ſo in Zerſtreuung zu ver⸗ wickeln, daß er ſie üͤberſehen mußte?“ „Ein einziges Mal, ſagt man, überſchritt er den Termin. Die Geſellſchaft war zahlreich, man verſpätete ſich bis tief in die Nacht, alle Uhren waren mit Fleiß falſch gerichtet, und das Feuer der Unterredung riß ihn dahin. Als die geſetzte Stunde da war, verſtummte er plötzlich und wurde ſtarr, alle ſeine Gliedmaßen verharrten in derſelben Richtung, worin dieſer Zu⸗ fall ſie überraſchte, ſeine Augen ſtanden, ſein Puls ſchlug nicht mehr, alle Mittel, die man anwendete, ihn wieder zu erwecken, waren fruchtlos; und dieſer Zuſtand hielt an, bis die Stunde verſtrichen war. Dann belebte er ſich plötzlich von ſelbſt wie⸗ der, ſchlug die Augen auf und fuhr in der nämlichen Sylbe fort, worin er war unterbrochen worden. Die allgemeine Be⸗ ſtuͤrzung verrieth ihm, was geſchehen war, und da erklaͤrte er mit einem fürchterlichen Ernſte, daß man ſich gluͤcklich preiſen dürfte, mit dem bloßen Schrecken davon gekommen zu ſeyn. 169 Aber die Stadt, worin ihm dieſes begegnet war, verließ er noch an demſelben Abend auf immer. Der allgemeine Glaube iſt, daß er in dieſer geheimnißvollen Stunde Unterredungen mit ſeinem Genius halte. Einige meinen gar, er ſey ein Verſtor⸗ bener, dem es verſtattet ſey, dreiundzwanzig Stunden vom Tage unter den Lebenden zu wandeln; in der letzten aber müſſe ſeine Seele zur Unterwelt heimkehren, um dort ihr Gericht auszu⸗ halten. Viele halten ihn auch für den berühmten Apollonius von Tyana und Andere gar für den Jünger Johannes, von dem es heißt, daß er bleiben würde bis zum letzten Gericht.“ „Ueber einen ſo außerordentlichen Mann kann es freilich nicht an abenteuerlichen Muthmaßungen fehlen. Alles Bis⸗ herige aber haben Sie bloß von Hörenſagen; und doch ſchien mir ſein Benehmen gegen Sie und das Ihrige gegen ihn auf eine genauere Bekanntſchaft zu deuten. Liegt hier nicht ir⸗ gend eine beſondere Geſchichte zum Grunde, bei der Sie ſelbſt mit verwickelt geweſen? Verhehlen Sie uns nichts!“ Der Sicilianer ſah uns mit einem zweifelhaften Blicke an und ſchwieg. „Wenn es eine Sache betrifft,“ fuhr der Prinz fort,„die Sie nicht gern laut machen wollen, ſo verſichere ich Sie, im Namen dieſer beiden Herren, der unverbrüchlichſten Verſchwie⸗ genheit. Aber reden Sie aufrichtig und unverhohlen.“ „Wenn ich hoffen kann,“ fing der Mann nach einem lan⸗ gen Stillſchweigen endlich an,„daß Sie ſolche nicht gegen mich zeugen laſſen wollen, ſo will ich Ihnen wohl eine merkwürdige Begebenheit mit dieſem Armenier erzählen, von der ich Augen⸗ zeuge war und die Ihnen über die verborgene Gewalt dieſes Menſchen keinen Zweifel mehr übrig laſſen wird. Aber es muß mir erlaubt ſeyn,“ ſetzte er hinzu,„einige Namen dabei zu verſchweigen.“ 170 „Kann es nicht auch ohne dieſe Bedingung geſchehen?“ „Nein, gnadigſter Herr. Es iſt eine Familie darein ver⸗ wickelt, die ich Urſache habe zu ehren.“ „Laſſen Sie uns hören!“ ſagte der Prinz. „Es mögen nun fünf Jahre ſeyn,“ fing der Sicilianer an, „daß ich in Neapel, wo ich mit ziemlichem Glücke meine Künſte trieb, mit einem gewiſſen Lorenzo del Meente, Chevalier des Ordens von St. Stephan, Bekanntſchaft machte, einem jungen und reichen Cavalier aus einem der erſten Hauſer des Königs⸗ reichs, der mich mit Verbindlichkeiten überhäufte und für meine Geheimniſſe gr ß⸗ Achtung zu tragen ſchien. Er entdeckte mir, daß der Marcheſe del Mernte, ſein Vater, ein eifriger Ver⸗ ehrer der Kabbala wäre und ſich glücklich ſchätzen würde, einen Weltweiſen(wie er mich zu nennen beliebte) unter ſeinem Dache zu wiſſen. Der Greis wohnte auf einem ſeiner Land⸗ güter an der See, ungefähr ſieben Meilen von Neapel, wo er beinahe in gänzlicher Abgeſchiedenheit von Menſchen das An⸗ denken eines theuren Sohnes beweinte, der ihm durch ein ſchreckliches Schickſal entriſſen ward. Der Chevalier ließ mich merken, daß er und ſeine Familie in einer ſehr ernſthaften An⸗ gelegenheit meiner wohl gar einmal beduͤrfen könnten, um von meiner geheimen Wiſſenſchaft vielleicht einen Aufſchluß über et⸗ was zu erhalten, wobei alle natürlichen Mittel fruchtlos erſchöpft worden wären. Er insbeſondere, ſetzte er bedeutungsvoll hinzu, würde einſt vielleicht Urſache haben, mich als den Schöpfer ſeiner Ruhe und ſeines ganzen irdiſchen Glücks zu betrachten. Die Sache ſelbſt aber verhielt ſich folgendergeſtalt. Dieſer Lorenzo war der jüngere Sohn des Marcheſe, weßwegen er auch zu dem geiſtlichen Stande beſtimmt war; die Güter der Familie ſollten an ſeinen ältern Bruder fallen. Jeronymo, ſo hieß dieſer ältere Bruder, hatte mehrere Jahre auf Reiſen zugebracht und kam ungefahr 171 ſieben Jahre vor der Begebenheit, die jetzt erzaͤhlt wird, in ſein Vaterland zurück, um eine Heirath mit der einzigen Tochter eines benachbarten gräflichen Hauſes, von Crestti, zu vollziehen, worüber beide Familien ſchon ſeit der Geburt dieſer Kinder übereingekommen waren, um ihre anſehnlichen Güter dadurch zu vereinigen. Ungeachtet dieſe Verbindung bloß das Werk der elterlichen Convenienz war und die Herzen beider Verlobten bei der Wahl nicht um Rath gefragt wurden, ſo hatten ſie ſie doch ſtillſchweigend ſchon beſchworen. Jeronymo del Mernte und Antonie Cwertti waren mit einander auferzogen worden, und der wenige Zwang, den man dem Umgange zweier Kinder auflegte, die man ſchon damals gewohnt war, als ein Paar zu betrachten, hatte frühzeitig ein zärtliches Verſtändniß zwiſchen beiden entſtehen laſſen, das durch die Harmonie ihrer Charak⸗ tere noch mehr befeſtigt ward und ſich in reifern Jahren leicht zur Liebe erhöhte. Eine vierjährige Entfernung hatte es viel⸗ mehr angefeuert, als erkaltet, und Jeronymo kehrte eben ſo treu und eben ſo feurig in die Arme ſeiner Braut zurück, als wenn er ſich niemals daraus geriſſen hätte. „Die Entzückungen des Wiederſehens waren noch nicht vor⸗ über, und die Anſtalten zur Vermaͤhlung wurden auf das leb⸗ hafteſte betrieben, als der Braͤutigam— verſchwand. Er pflegte oͤfters ganze Abende auf einem Landhauſe zuzubringen, das die Ausſicht aufs Meer hatte und ſich da zuweilen mit einer Waſſerfahrt zu vergnügen. Nach einem ſolchen Abende geſchah es, daß er ungewöhnlich lange ausblieb. Man ſchickte Boten nach ihm aus, Fahrzeuge ſuchten ihn auf der See; Niemand wollte ihn geſehen haben; von ſeinen Bedienten wurde keiner vermißt, daß ihn alſo keiner begleitet haben konnte. Es wurde Nacht, und er erſchien nicht. Es wurde Morgen— es wurde Mittag und Abend und noch kein Jeronymo. Schon fing 172 man an, den ſchrecklichſten Muthmaßungen Raum zu geben, als die Nachricht einlief, ein algieriſcher Corſar habe vorigen Tages an dieſer Küſte gelandet, und verſchiedene von den Einwohnern ſeyen gefangen weggeführt worden. Sogleich werden zwei Ga⸗ leeren bemannt, die eben ſegelfertig liegen; der alte Marcheſe beſteigt ſelbſt die erſte, entſchloſſen, ſeinen Sohn mit Gefahr ſeines eigenen Lebens zu befreien. Am dritten Morgen er⸗ blicken ſie den Corſaren, vor weſchem ſie den Vortheil des Win⸗ des voraus haben; ſie haben ihn bald erreicht, ſie kommen ihm ſo nahe, daß Lorenzo, der ſich auf der erſten Galeere befindet, das Zeichen ſeines Bruders auf dem feindlichen Verdecke zu erkennen glaubt, als plötzlich ein Sturm ſie wieder von einander trennt. Mit Mühe ſtehen ihn die beſchädigten Schiffe aus; aber die Priſe iſt verſchwunden, und die Noth zwingt ſie, auf Malta zu landen. Der Schmerz der Familie iſt ohne Grän⸗ zen; troſtlos rauft ſich der alte Marcheſe die eisgrauen Haare aus; man fürchtet für das Leben der jungen Grafin. „Fünf Jahre gehen in fruchtloſen Erkundigungen hin. Nach⸗ fragen geſchehen laͤngs der ganzen barbariſchen Küſte; un⸗ geheure Preiſe werden für die Freiheit des jungen Marcheſe geboten; aber Niemand meldet ſich, ſie zu verdienen. End⸗ lich blieb es bei der wahrſcheinlichen Vermuthung, daß jener Sturm, welcher beide Fahrzeuge trennte, das Raäͤuberſchiff zu Grunde gerichtet habe, und daß ſeine ganze Mannſchaft in den Fluthen umgekommen ſey. „So ſcheinbar dieſe Vermuthung war, ſo fehlte ihr doch noch viel zur Gewißheit, und nichts berechtigte, die Hoffnung ganz aufzugeben, daß der Verlorne nicht einmal wieder ſichtbar werden könnte. Aber geſetzt nun, er würde es nicht mehr, ſo erloſch mit ihm zugleich die Familie, oder der zweite Bruder mußte dem geiſtlichen Stande entſagen und in die Rechte des 173 Erſtgebornen eintreten. So wenig dieſes die Gerechtigkeit gegen den Letztern zu erlauben ſchien, ſo wenig durfte auf der andern Seite die Familie, durch eine zu weit getriebene Gewiſſenhaftig⸗ keit, der Gefahr des Ausſterbens ausgeſetzt werden. Gram und Alter näherten den alten Marcheſe dem Grabe; mit jedem neu vereitelten Verſuche ſank die Hoffnung, den Verſchwundenen wiederzufinden; er ſah den Untergang ſeines Hauſes, der durch eine kleine Ungerechtigkeit zu verhüten war, wenn er ſich nämlich nur entſchließen wollte, den jüngern Bruder auf Unkoſten des altern zu begünſtigen. Um ſeine Verbindung mit dem gräflichen Hauſe von Crertti zu erfüllen, brauchte nur ein Name geandert zu werden; der Zweck beider Familien war auf gleiche Art er⸗ reicht, Gräafin Antonie mochte nun Lorenzo's oder Jeronymo's Gattin heißen. Die ſchwache Möglichkeit einer Wiedererſchei⸗ nung des Letztern kam gegen das gewiſſe und dringende Uebel, den gänzlichen Untergang der Familie, in keine Betrachtung, und der alte Marcheſe, der die Annäherung des Todes mit jedem Tage ſtärker fühlte, wuͤnſchte mit Ungeduld, von dieſer Unruhe wenigſtens frei zu ſterben. „Wer dieſen Schritt allein verzögerte und am hartnäckigſten bekämpfte, war derjenige, der das Meiſte dabei gewann— Lorenzo. Ungerührt von dem Reiz unermeßlicher Güter, un⸗ empfindlich ſelbſt gegen den Beſitz des liebenswürdigſten Ge⸗ ſchöpfes, das ſeinen Armen uͤberliefert werden ſollte, weigerte er ſich mit der edelmüthigſten Gewiſſenhaftigkiet, einen Bruder zu berauben, der vielleicht noch am Leben ware und ſein Eigen⸗ thum zurückfordern könnte. Iſt das Schickſal meines theuern Jeronymo, ſagte er, durch dieſe lange Gefangenſchaft nicht ſchon ſchrecklich genug, daß ich es noch durch einen Diebſtahl verbittern ſollte, der ihn um Alles bringt, was ihm das Theuerſte war? Mit welchem Herzen würde ich den Himmel um ſeine 174 Wiederkunft anflehen, wenn ſein Weib in meinen Armen liegt? Mit welcher Stirn ihm, wenn endlich ein Wunder ihn uns zuruckbringt, entgegen eilen? Und geſetzt, er iſt uns auf ewig entriſſen, wodurch können wir ſein Andenken beſſer ehren, als wenn wir die Lucke ewig unausgefüllt laſſen, die ſein Tod in unſern Cirkel geriſſen hat? als wenn wir alle unſre Hoffnungen auf ſeinem Grabe opfern, und das, was ſein war, gleich einem Heiligthume unberührt laſſen? „Aber alle Gründe, welche die brüderliche Delicateſſe aus⸗ fand, waren nicht vermögend, den alten Marcheſe mit der Idee auszuſöhnen, einen Stamm erlöſchen zu ſehen, der bereits neun Jahrhunderte geblüht. Alles, was Lorenzo ihm abgewann, war noch eine Friſt von zwei Jahren, ehe er die Braut ſeines Bru⸗ ders zum Altare führte. Während dieſes Zeitraums wurden die Nachforſchungen aufs eifrigſte fortgeſetzt. Lorenzo ſelbſt that verſchiedene Seereiſen, ſetzte ſeine Perſon manchen Gefahren aus; keine Mühe, keine Koſten wurden geſpart, den Verſchwun⸗ denen wiederzufinden. Aber auch dieſe zwei Jahre verſtrichen fruchtlos, wie alle vorigen.“ 3 „Und Gräfin Antonie?“ fragte der Prinz.„Von ihrem Zuſtande ſagen Sie uns nichts. Sollte ſie ſich ſo gelaſſen in ihr Schickſal ergeben haben? Ich kann es nicht glauben.“ „Antoniens Zuſtand war der ſchrecklichſte Kampf zwiſchen Pflicht und Neigung, Haß und Bewunderung. Die uneigen⸗ nützige Großmuth der brüderlichen Liebe rührte ſie; ſie fuͤhlte ſich hingeriſſen, den Mann zu verehren, den ſie nimmermehr lieben konnte; zerriſſen von widerſprechenden Gefühlen blutete ihr Herz. Aber ihr Widerwille gegen den Chevalier ſchien in eben dem Grade zu wachſen, wie ſich ſeine Anſprüche auf ihre Achtung vermehrten. Mit tiefem Leiden bemerkt er den ſtillen Gram, der ihre Jugend verzehrte. Ein zartliches Mitleid trat 175 unvermerkt an die Stelle der Gleichgültigkeit, mit der er ſie bisher betrachtet hatte; aber dieſe verraͤtheriſche Empfindung hinterging ihn, und eine wuͤthende Leidenſchaft fing an, ihm die Ausübung einer Tugend zu erſchweren, die bis jetzt ohne Beiſpiel geweſen war. Doch ſelbſt noch auf Unkoſten der Liebe gab er den Eingebungen ſeines Edelmuths Gehör: er allein war es, der das unglückliche Opfer gegen die Willkür der Fa⸗ milie in Schutz nahm. Aber alle ſeine Bemühungen mißlangen; jeder Sieg, den er über ſeine Leidenſchaft davon trug, zeigte ihn ihrer um ſo würdiger, und die Großmuth, mit der er ſie ausſchlug, diente nur dazu, ihre Widerſetzlichkeit jeder Ent⸗ ſchuldigung zu berauben. „So ſtanden die Sachen, als der Chevalier mich beredete, ihn auf ſeinem Landgute zu beſuchen. Die warme Empfehlung meines Gänners bereitete mir da einen Empfang, der alle meine Wünſche übertraf. Ich darf nicht vergeſſen, hier noch anzuführen, daß es mir durch einige merkwürdige Operationen gelungen war, meinen Namen unter den dortigen Logen be⸗ ruͤhmt zu machen, welches mit dazu beitragen mochte, das Vertrauen des alten Marcheſe zu vermehren und ſeine Erwar⸗ tungen von mir zu erhöhen. Wie weit ich es mit ihm gebracht und welche Wege ich dabei gegangen, erlaſſen Sie mir zu er⸗ zählen; aus den Geſtandniſſen, die ich Ihnen bereits gethan, können Sie auf alles Uebrige ſchließen. Da ich mir alle myſti⸗ ſchen Bucher zu Nutze machte, die ſich in der ſehr anſehnlichen Bibliothek des Marcheſe befanden, ſo gelang es mir bald, in ſeiner Sprache mit ihm zu reden, und mein Syſtem von der unſichtbaren Welt mit den abenteuerlichſten Erfindungen aufzu⸗ ſtutzen. In kurzem glaubte er, was ich wollte, und häͤtte eben ſo zuverſichtlich auf die Begattungen der Philoſophen mit Sala⸗ mandrinnen und Sylphiden als auf einen Artikel des Kanons 176 geſchworen. Da er uͤberdieß ſehr religiös war, und ſeine An⸗ lage zum Glauben in dieſer Schule zu einem hohen Grade aus⸗ gebildet hatte, ſo fanden meine Maͤhrchen bei ihm deſto leichter Eingang, und zuletzt hatte ich ihn mit Myſticitat ſo umſtrickt und umwunden, daß nichts mehr bei ihm Credit hatte, ſobald es natürlich war. In kurzem war ich der angebetete Apoſtel des Hauſes. Der gewöhnliche Inhalt meiner Vorleſungen war die Eraltation der menſchlichen Natur und der Umgang mit höhern Weſen, mein Gewaͤhrsmann der untrügliche Graf von Gabalis. Die junge Grafin, die ſeit dem Verluſte ihres Ge⸗ liebten ohnehin mehr in der Geiſterwelt als in der wirklichen lebte und überdieß eine große Miſchung von Melancholie in ihrem Charakter hatte, fing meine hingeworfenen Winke mit ſchauderndem Wohlbehagen auf; ja ſogar die Bedienten des Hauſes ſuchten ſich im Zimmer zu thun zu machen, wenn ich redete, um hier und da eins meiner Worte aufzuhaſchen, welche Bruchſtücke ſie alsdann nach ihrer Art an einander reihten. „Ungefähr zwei Monate mochte ich ſo auf dieſem Ritterſitze zugebracht haben, als eines Morgens der Chevalier auf mein Zimmer trat. Tiefer Gram malte ſich auf ſeinem Geſichte, alle ſeine Züge waren zerſtört, er warf ſich in einen Stuhl mit allen Gebärden der Verzweiflung. „Capitäan,“ ſagte er,„mit mir iſt es vorbei. Ich muß fort. Ich kann es nicht länger hier aushalten.“ „Was iſt Ihnen, Chevalier? Was haben Sie?“ „O dieſe fürchterliche Leidenſchaft!(Hier fuhr er mit Heftig⸗ keit von dem Stuhle auf und warf ſich in meine Arme.)— Ich habe ſie bekämpft, wie ein Mann— Jetzt kann ich nicht mehr.“ 4 „Aber an wem liegt es denn, liebſter Freund, als an Ihnen? Steht nicht Alles in Ihrer Gewalt? Vater, Familie—“ 177 „Vater! Familie! Was iſt mir das?— Will ich eine erzwungene Hand, oder eine freiwillige Neigung?— Hab' ich nicht einen Nebenbuhler?— Ach! Und welchen?— Einen Nebenbuhler vielleicht unter den Todten! O laſſen Sie mich! Laſſen Sie mich! Ging es auch bis ans Ende der Welt. Ich muß meinen Bruder finden.“ „Wie? Nach ſo viel fehlgeſchlagenen Verſuchen koͤnnen Sie noch Hoffnung—“ „Hoffnung!— In meinem Herzen ſtarb ſie läͤngſt. Aber auch in jenem?— Was liegt daran, ob ich hoffe?— Bin ich glücklich, ſo lange noch ein Schimmer dieſer Hoffnung in Antoniens Herzen glimmt? Zwei Worte, Freund, koͤnnten meine Marter enden— Aber umſonſt! Mein Schickſal wird elend bleiben, bis die Ewig eit ihr langes Schweigen bricht, und Gräͤber für mich zeugen.“ „Iſt es dieſe Gewißheit alſo, die Sie glücklich machen kann?“ „Glücklich? O ich zweifle, ob ich es je wieder ſeyn kann! — Aber Ungewißheit iſt die ſchrecklichſte Verdammniß!(Nach einigem Stillſchweigen mäßigte er ſich und fuhr mit Wehmuth fort.) Daß er meine Leiden ſähe!— Kann ſie ihn glücklich machen, dieſe Treue, die das Elend ſeines Bruders macht? Soll ein Lebendiger eines Todten wegen ſchmachten, der nicht mehr genießen kann?— Wüßte er meine Qual—(hier fing er an, heftig zu weinen, und drückte ſein Geſicht auf meine Bruſt) vielleicht— ja vielleicht wuͤrde er ſie ſelbſt in meine Arme führen.“ „Aber ſollte dieſer Wunſch ſo ganz unerfüllbar ſeyn?“ „Freund! Was ſagen Sie?“ Er ſah mich erſchrocken an. „Weit geringere Anläſſe,“ fuhr ich fort,„haben die Abge⸗ ſchiedenen in das Schickſal der Lebenden verflochten. Sollte das ganze zeitliche Glück eines Menſchen— eines Bruders—“ Schillers ſammtliche Werke. X. 12 178 „Das ganze zeitliche Gluck! O das fühl' ich! Wie wahr haben Sie geſagt! Meine ganze Glückſeligkeit!“ „Und die Ruhe einer trauernden Familie keine wuͤrdige Aufforderung ſeyn? Gewiß! wenn je eine irdiſche Angelegenheit dazu berechtigen kann, die Ruhe der Seligen zu ſtören— von einer Gewalt Gebrauch zu machen—“ „uUm Gotteswillen, Freund!“ unterbrach er mich,„nichts mehr davon! Ehemals wohl, ich geſteh' es, hegte ich einen ſol⸗ chen Gedanken— mir daͤucht, ich ſagte Ihnen davon— aber ich habe ihn längſt als ruchlos und abſcheulich verworfen.“ „Sie ſehen nun ſchon,“ fuhr der Sicilianer fort,„wohin uns dieſes führte. Ich bemühte mich, die Bedenklichkeiten des Ritters zu zerſtreuen, welches mir endlich auch gelang. Es ward beſchloſſen, den Geiſt des Verſtorbenen zu citiren, wobei ich mir nur vierzehn Tage Friſt ausbedingte, um mich, wie ich vorgab⸗ würdig darauf vorzubereiten. Nachdem dieſer Zeitraum ver⸗ ſtrichen und meine Maſchinen gehörig gerichtet waren, benutzte ich einen ſchauerlichen Abend, wo die Familie auf die gewoͤhnliche Art um mich verſammelt war, ihr die Einwilligung dazu abzu⸗ locken, oder ſie vielmehr unvermerkt dahin zu leiten, daß ſie ſelbſt dieſe Bitte an mich that. Den ſchwerſten Stand hatte man bei der jungen Gräfin, deren Gegenwart doch ſo weſentlich war; aber hier kam uns der ſchwärmeriſche Flug ihrer Leidenſchaft zu Hülfe, und vielleicht mehr noch ein ſchwacher Schimmer von Hoffnung, daß der Todtgeglaubte noch lebe und auf den Ruf nicht erſcheinen werde. Mißtrauen in die Sache ſelbſt, Zweifel in meine Kunſt war das einzige Hinderniß, welches ich nicht zu bekampfen hatte. „Sobald die Einwilligung der Familie da war, wurde der dritte Tag zu dem Werke angeſetzt. Gebete, die bis in die Mitternacht verlängert werden mußten, Faſten, Wachen, Ein⸗ ſamkeit und myſtiſcher Unterricht waren, verbunden mit dem 179 Gebrauch eines gewiſſen noch unbekannten muſikaliſchen In⸗ ſtruments, das ich in ahnlichen Fallen ſehr wirkſam fand, die Vorbereitungen zu dieſem feierlichen Acte, welche auch ſo ſehr nach Wunſche einſchlugen, daß die fanatiſche Begeiſterung meiner Zuhoͤrer meine e gene Phantaſie erhitzte, und die Illuſion nicht 58 wenig vermehrte, zu der ich mich bei dieſer Gelegenheit an⸗ ſtrengen mußte. Endlich kam die erwartete Stunde—“ „Ich errathe,“ rief der Prinz,„wen Sie uns jetzt auf⸗ fuhren werden— Aber fahren Sie nur fort— fahren Sie nur fort—. „Nein, gnaͤdigſter Herr. Die Beſchwörung ging nach Wunſche vorüber.“ „Aber wie? wo bleibt denn der Armenier 2“ „Fürchten Sie nicht,“ antwortete der Sicilianer,„der Ar⸗ 2 menier wird nur zu zeitig erſcheinen.“ „Ich laſſe mich in keine Beſchreibung des Gaukelſpiels ein, die mich ohnehin auch zu weit führen würde. Genug, es erfüllte alle meine Erwartungen. Der alte Marcheſe, die junge Grafin nebſt ihrer Mutter, der Chevalier und noch einige Ver⸗ wandte waren zugegen. Sie können leicht denken, daß es mir in der langen Zeit, die ich in dieſem Hauſe zugebracht, nicht an Gelegenheit werde gemangelt haben, von Allem, was den Verſtorbenen anbetraf, die genaueſte Erkundigung einzuziehen. . Verſchiedene Gemäalde, die ich da von ihm vorfand, ſetzten mich in den Stand„ der Erſcheinung die täuſchendſte Aehnlich⸗ keit zu geben, und weil ich den Geiſt nur durch Zeichen ſprechen ließ, ſo konnte auch ſeine Stimme keinen Verdacht erwecken. Der Todte ſelbſt erſchien in barbariſchem Sklavenkleide, eine tiefe Wunde am Halſe. Sie bemerken,“ ſagte der Sicilianer, „daß ich hierin von der allgemeinen Muthmaßung abging, die ihn in den Wellen hatte umkommen laſſen; weil ich Urſache 180 hatte, zu hoffen, daß gerade das Unerwartete dieſer Wendung die Glaubwürdigkeit der Viſion ſelbſt nicht wenig vermehren würde; ſo wie mir im Gegentheil nichts gefährlicher ſchien, als eine zu gewiſſenhafte Annäherung an das Natürliche.“ „Ich glaube, daß dieß ſehr richtig geurtheilt war,“ ſagte der Prinz.„In einer Reihe außerordentlicher Erſcheinungen mußte, daͤucht mir, juſt die wahrſcheinlichere ſtoͤren, die Leichtigkeit, die erhaltene Entdeckung zu begreifen, würde hier nur das Mittel, durch welches man dazu gelangt war, herab⸗ gewuͤrdigt haben; die Leichtigkeit, ſie zu erfinden, dieſes wohl gar verdächtig gemacht haben; denn wozu einen Geiſt bemühen, wenn man nichts Weiteres von ihm erfahren ſoll, als was auch ohne ihn, mit Hülfe der bloß gewöhnlichen Vernunft, her⸗ auszubringen war? Aber die überraſchende Neuheit und Schwie⸗ rigkeit der Entdeckung iſt hier gleichſam eine Gewaͤhrleiſtung des Wunders, wodurch ſie erhalten wird— denn wer wird nun das Uebernatürliche einer Operation in Zweifel ziehen, wenn das, was ſie leiſtete, durch natürliche Krafte nicht geleiſtet werden kann?— Ich habe Sie unterbrochen,“ ſetzte der Prius hinzu,„vollenden Sie Ihre Erzaͤhlung.“ „Ich ließ,“ fuhr dieſer fort,„die Frage an den Geiſt er⸗ gehen, ob er nichts mehr ſein nenne auf dieſer Welt, und nichts darauf hinterlaſſen habe, was ihm theuer waͤre? Der Geiſt ſchüttelte dreimal das Haupt und ſtreckte eine ſeiner Hände gen Himmel. Ehe er wegging, ſtreifte er noch einen Ring vom Finger, den man nach ſeiner Verſchwindung auf dem Fußboden liegen fand. Als die Gräfin ihn genauer ins Geſicht faßte, war es ihr Trauring.“ „Ihr Trauring!“ rief der Prinz mit Befremdung.„Ihr Trauring! Aber wie gelangten Sie zu dieſem?“ 181 „Ich——— Es war nicht der rechte, gnadigſter Prinz —— Ich hatte ihn—— Es war nur ein nachgemachter.“— „Ein nachgemachter!“ wiederholte der Prinz.„Zum Nach⸗ machen brauchten Sie ja den rechten, und wie kamen Sie zu dieſem, da ihn der Verſtorbene gewiß nie vom Finger brachte?— „Das iſt wohl wahr,“ ſagte der Sicilianer, nicht ohne Zeichen der Verwirrung—„aber aus einer Beſchreibung, die man mir von dem wirklichen Trauringe gemacht hatte—“ „Die Ihnen wer gemacht hatte?“ „Schon vor langer Zeit,“ ſagte der Sicilianer——„Es war ein ganz einfacher goldner Ring, mit dem Namen der jungen Grafin, glaub' ich,—— aber Sie haben mich ganz aus der Ordnung gebracht—“ „Wie erging es weiter?“ ſagte der Prinz mit ſehr un⸗ befriedigter und zweideutiger Miene. „Jetzt hielt man ſich für überzeugt, daß Jeronymo nicht mehr am Leben ſey. Die Familie machte von dieſem Tage an ſeinen Tod öffentlich bekannt und legte förmlich die Trauer um ihn an. Der Umſtand mit dem Ringe erlaubte auch Antonien keinen Zweifel mehr und gab den Bewerbungen des Chevaliers einen größern Nachdruck. Aber der heftige Eindruck, den dieſe Erſcheinung auf ſie gemacht, ſturzte ſie in eine ge⸗ fährliche Krankheit, welche die Hoffnungen ihres Liebhabers bald auf ewig vereitelt hätte. Als ſie wieder geneſen war, beſtand ſie darauf, den Schleier zu nehmen, wovon ſie nur durch die nachdruͤcklichſten Gegenvorſtellungen ihres Beicht⸗ vaters, in welchen ſie ein unumſchranktes Vertrauen ſetzte, abzubringen war. Endlich gelang es den vereinigten Bemühun⸗ gen dieſes Mannes und der Familie, ihr das Jawort abzuang⸗ ſtigen. Der letzte Tag der Trauer ſollte der glückliche Tag ſeyn, den der alte Marcheſe durch Abtretung aller ſeiner Güter 182 an den rechtmäͤßigen Erben noch feſtlicher zu machen geſon⸗ nen war. „Es erſchien dieſer Tag, und Lorenzo empfing ſeine bebende Braut am Altare. Der Tag ging unter; ein prächtiges Mahl erwartete die frohen Gaͤſte im hellerleuchteten Hochzeitſaale, und eine lärmende Muſik begleitete die ausgelaſſene Freude. Der glückliche Greis hatte gewollt, daß alle Welt ſeine Froͤhlichkeit theilte; alle Zugänge zum Palaſte waren geöffnet, und will⸗ kommen war Jeder, der ihn glücklich pries. Unter dieſem Gedränge nun— Der Sicilianer hielt hier inne, und ein Schauder der Er⸗ wartung hemmte unſern Odem—— „Unter dieſem Gedränge alſo,“ fuhr er fort,„ließ mich derjenige, welcher zunächſt an mir ſaß, einen Francis⸗ canermoͤnch bemerken, der unbeweglich, wie eine Säule, ſtand, langer hagerer Statur und aſchbleichen Angeſichts, einen ernſten und traurigen Blick auf das Brautpaar geheftet. Die Freude, welche ringsum auf allen Geſichtern lachte, ſchien an dieſem Einzigen vorüberzugehen; ſeine Miene blieb unwandelbar dieſelbe, wie eine Büſte unter lebenden Figuren. Das Außer⸗ ordentliche dieſes Anblicks, der, weil er mich mitten in der Luſt überraſchte und gegen Alles, was mich in dieſem Augen⸗ blick umgab, auf eine ſo grelle Art abſtach, um ſo tiefer auf mich wirkte, ließ einen unausloͤſchlichen Eindruck in meiner Seele zurück, daß ich dadurch allein in den Stand geſetzt worden bin, die Geſichtszüge dieſes Moͤnchs in der Phyſiog⸗ nomie des Ruſſen(denn Sie begreifen wohl ſchon, daß er mit dieſem und Ihrem Armenier eine und dieſelbe Perſon war) wieder zu erkennen, welches ſonſt ſchlechterdings unmöglich würde geweſen ſeyn. Oft verſucht' ich's, die Augen von dieſer ſchreckhaften Geſtalt abzuwenden, aber unfreiwillig fielen ſie 183 wieder darauf und fanden ſie jedesmal unveraͤndert. Ich ſtieß meinen Nachbar an, dieſer den ſeinigen; dieſelbe Neugierde, dieſelbe Befremdung durchlief die ganze Tafel, das Geſpraͤch ſtockte, eine allgemeine plötzliche Stille, den Mönch ſtörte ſie nicht. Der Mönch ſtand unbeweglich und immer derſelbe, einen ernſten und traurigen Blick auf das Brautpaar geheftet. Einen Jeden entſetzte dieſe Erſcheinung; die junge Graͤfin allein fand ihren eigenen Kummer im Geſichte dieſes Fremdlings wieder, und hing mit ſtiller Wolluſt an dem einzigen Gegen⸗ ſtande in der Verſammlung, der ihren Gram zu verſtehen, zu theilen ſchien. Allgemach verlief ſich das Gedränge, Mitternacht war vorüber, die Muſik fing an ſtiller und verlorner zu toͤnen, die Kerzen dunkler und endlich nur einzeln zu brennen, das Geſpräch leiſer und immer leiſer zu flüſtern— und öder ward es und immer oder im trüͤb erleuchteten Hochzeitſaale; der Moͤnch ſtand unbeweglich und immer derſelbe, einen ſtillen und traurigen Blick auf das Brautpaar geheftet. Die Tafel wird aufgehoben, die Gäͤſte zerſtreuen ſich dahin und dorthin, die Familie tritt in einen engern Kreis zuſammen, der Moͤnch bleibt ungeladen in dieſem engern Kreiſe. Ich weiß nicht, woher es kam, daß Niemand ihn anreden wollte; Niemand redete ihn an. Schon drängen ſich ihre weiblichen Bekannten um die zitternde Braut herum, die einen bittenden, Huͤlfe ſuchenden Blick auf den ehrwürdigen Fremdling richtet; der Fremdling erwiedert ihn nicht. Die Maͤnner ſammeln ſich auf gleiche Art um den Bräutigam— Eine gepreßte erwartungs⸗ volle Stille—„Daß wir unter einander da ſo glücklich ſind,“ hub endlich der Greis an, der allein unter uns Allen den Un⸗ bekannten nicht zu bemerken, oder ſich doch nicht uͤber ihn zu verwundern ſchien:„Daß wir ſo glücklich ſind,“ ſagte er, und mein Sohn Jeronymo muß fehlen!“—„Haſt du ihn denn 184 geladen, und er iſt ausgeblieben?“ fragte der Mönch. Es war das erſte Mal, daß er den Mund oͤffnete. Mit Schrecken ſahen wir ihn an. „Ach! er iſt hingegangen, wo man auf ewig ausbleibt,“ verſetzte der Alte.„Ehrwürdiger Herr, Ihr verſteht mich unrecht. Mein Sohn Jeronymo iſt todt.“ „Vielleicht fürchtet er ſich auch nur, ſich in ſolcher Geſell⸗ ſchaft zu zeigen,“ fuhr der Moͤnch fort—„Wer weiß, wie er ausſehen mag, dein Sohn Jeronymo!— Laſſ' ihn die Stimme hören, die er zum letzten Male horte!— Bitte deinen Sohn Lorenzo, daß er ihn rufe!“ „Was ſoll das bedeuten?“ murmelte Alles. Lorenzo ver⸗ änderte die Farbe. Ich laͤugne nicht, daß mir das Haar anfing zu ſteigen. „Der Möoͤnch war unterdeſſen zum Schenktiſche getreten, wo er ein volles Weinglas ergriff und an die Lippen ſetzte— „Das Andenken unſers theuren Jeronymo!“ rief er.„Wer den Verſtorbenen lieb hatte, thue mir's nach.“ „Woher Ihr auch ſeyn moͤgt, ehrwürdiger Herr,“ rief endlich der Marcheſe,„Ihr habt einen theuren Namen genannt. Seyd mir willkommen!— Kommt, mein Freunde!(indem er ſich gegen uns kehrte und die G'äſer herumgehen ließ)— laßt einen Fremdling uns nicht beſchamen!— Dem Andenken meines Sohues Jeronymo!“ „Nie glaube ich, ward eine Geſundheit mit ſo ſchlimmem Muthe getrunken. „Ein Glas ſteht noch voll da— Warum weigert ſich mein Sohn Lorenzo, auf dieſen freundlichen Trunk Beſcheid zu thun?“ „Bebend empfing Lorenzo das Glas aus des Franciscaners Hand— bebend brachte er es an den Mund—„Meinem .½ 185 vielgeliebten Bruder Jeronymo!“ ſtammelte er, und ſchauernd ſetzte er's nieder. „Das iſt meines Möͤrders Stimme,“ rief eine fürchterliche Geſtalt, die auf einmal in unſerer Mitte ſtand, mit bluttriefen⸗ dem Kleide und entſtellt von gräßlichen Wunden.—— „Aber um das Weitere frage man mich nicht mehr,“ ſagte der Sicilianer, alle Zeichen des Entſetzens in ſeinem Angeſichte. „Meine Sinne hatten mich von dem Augenblicke an verlaſſen, als ich die Augen auf die Geſtalt warf, ſo wie Jeden, der zu⸗ gegen war. Da wir wieder zu uns ſelber kamen, rang Lorenzo mit dem Tode; Mönch und Erſcheinung waren verſchwunden. Den Ritter brachte man unter ſchrecklichen Zuckungen zu Bette; Niemand, als der Geiſtliche, war um den Sterbenden, und der jammervolle Greis, der ihm, wenige Wochen nachher, im Tode folgte. Seine Geſtandniſſe liegen in der Bruſt des Pa⸗ ters verſenkt, der ſeine letzte Beichte hörte, und kein lebendiger Menſch hat ſie erfahren. Nicht lange nach dieſer Begebenheit geſchah es, daß man einen Brunnen auszuräumen hatte, der im Hinterhofe des Landhauſes unter wildem Geſtrauche ver⸗ ſteckt und viele Jahre lang verſchüttet war; da man den Schutt durcheinander ſtörte, entdeckte man ein Todtengerippe. Das Haus, wo ſich dieſes zutrug, ſteht nicht mehr; die Fa⸗ milie del Mernte iſt erloſchen, und in einem Kloſter, unweit Salerno, zeigt man Ihnen Antoniens Grab. „Sie ſehen nun,“ fuhr der Sicilianer fort, als er ſah, daß wir noch Alle ſtumm und betreten ſtanden und Niemand das Wort nehmen wollte,„Sie ſehen nun, worauf ſich meine Be⸗ kanntſchaft mit dieſem ruſſiſchen Officiere, oder dieſem Fran⸗ ciscanermoͤnch, oder dieſem Armenier grundet. urtheilen Sie jetzt, ob ich Urſache gehabt habe, vor einem Weſen zu zittern, 186 das ſich mir zweimal auf eine ſo ſchreckliche Art in den Weg warf.“ „Beantworten Sie mir noch eine einzige Frage,“ ſagte der Prinz und ſtand auf.„Sind Sie in Ihrer Erzählung uͤber Alles, was den Ritter betraf, immer aufrichtig geweſen?“ „Ich weiß nicht anders,“ verſetzte der Sicilianer. „Sie haben ihn alſo wirklich für einen rechtſchaffenen Mann gehalten?“ „Das hab' ich, bei Gott, das hab' ich,“ antwortete jener. „Auch da noch, als er Ihnen den bewußten Ring gab?“ „Wie?— Er gab mir keinen Ring— Ich habe ja nicht geſagt, daß er mir den Ring gegeben.“ „Gut,“ ſagte der Prinz, an der Glocke ziehend, und im Begriff wegzugehen.„Und den Geiſt des Marquis von Lanoy (fragte er, indem er noch einmal zurückkam), den dieſer Ruſſe geſtern auf den Ihrigen folgen ließ, halten Sie alſo für einen wahren und wirklichen Geiſt?“ ———„Ich kann ihn für nichts anders halten,“ ant⸗ wortete jener. 5 „Kommen Sie,“ ſagte der Prinz zu uns. Der Schließer trat herein.„Wir ſind fertig,“ ſagte er zu dieſem.„Sie, mein Herr, ſollen weiter von mir hoͤren.“ Die Frage, gnaͤdigſter Herr, welche Sie zuletzt an den Gaukler gethan haben, möchte ich an Sie ſelbſt thun, ſagte ich zu dem Prinzen, als wir wieder allein waren. Halten Sie dieſen zweiten Geiſt fuͤr den wahren und ächten? „Ich? Nein, wahrhaftig, das thue ich nicht mehr.“ „Nicht mehr? Alſo haben Sie es doch gethan?“ „Ich läugne nicht, daß ich mich einen Augenblick habe hin⸗ reißen laſſen, dieſes Blendwerk für etwas mehr zu halten.“ Und ich will den ſehen, rief ich aus, der ſich unter dieſen 187 Umſtaͤnden einer aͤhnlichen Vermuthung erwehren kann. Aber was für Gründe haben Sie nun, dieſe Meinung zurückzuneh⸗ men? Nach dem, was man uns eben von dieſem Armenier erzäͤhlt hat, ſollte ſich der Glaube an ſeine Wundergewalt eher vermehrt als vermindert haben. „Was ein Nichtswürdiger uns von ihm erzählt hat?“ fiel mir der Prinz mit Ernſthaftigkeit ins Wort.„Denn hoffent⸗ lich zweifeln Sie nun nicht mehr, daß wir mit einem ſolchen zu thun gehabt haben?—“ Nein, ſagte ich. Aber ſollte deßwegen ſein Zeugniß—— „Das Zeugniß eines Nichtswürdigen— geſetzt, ich hätte auch weiter keinen Grund, es in Zweifel zu ziehen— kann gegen Wahrheit und geſunde Vernunft nicht in Anſchlag kom⸗ men. Verdient ein Menſch, der mich mehrmal betrogen, der den Betrug zu ſeinem Handwerke gemacht, in einer Sache ge⸗ hort zu werden, wo die aufrichtigſte Wahrheitsliebe ſelbſt ſich erſt reinigen muß, um Glauben zu verdienen? Verdient ein ſolcher Menſch, der vielleicht nie eine Wahrheit um ihrer ſelbſt willen geſagt hat, da Glauben, wo er als Zeuge gegen Men⸗ ſchenvernunft und ewige Naturordnung auftritt? Das klingt eben ſo, als wenn ich einen gebrandmarkten Böſewicht bevoll⸗ mächtigen wollte, gegen die nie befleckte und nie beſcholtene Unſchuld zu klagen.“ Aber was für Gründe ſollte er haben, einem Manne, den er ſo viele Urſache hat zu haſſen, wenigſtens zu fürchten, ein ſo glorreiches Zeugniß zu geben? „Wenn ich dieſe Gründe auch nicht einſehe, ſoll er ſie deß⸗ wegen weniger haben? Weiß ich, in weſſen Sold er mich be⸗ log? Ich geſtehe, daß ich das ganze Gewebe ſeines Betrugs noch nicht ganz durchſchaue; aber er hat der Sache, für die er ſtreitet, einen ſehr ſchlechten Dienſt gethan, daß er ſich mir als einen 188 Betrüger— und vielleicht als etwas noch Schlimmeres— entlarvte.“. Der Umſtand mit dem Ringe ſcheint mir freilich etwas verdächtig. „Er iſt mehr als das,“ ſagte der Prinz,„er iſt entſchei⸗ dend. Dieſen Ring empfing er von dem Mörder, und er mußte in demſelben Augenblicke gewiß ſeyn, daß es der Mörder war. Wer, als der Moͤrder, konnte dem Verſtorbenen einen Ring abgezogen haben, den dieſer gewiß nie vom Finger ließ? Uns ſuchte er die ganze Erzahlung hindurch zu uͤberreden, als ob er ſelbſt von dem Ritter getauſcht worden, und als ob er geglaubt häͤtte, ihn zu täuſchen. Wozu dieſen Winkelzug, wenn er nicht ſelbſt bei ſich fühlte, wie viel er verloren gab, wenn er ſein Verſtändniß mit dem Mörder einräumte? Seine ganze Erzählung iſt offenbar nichts als eine Reihe von Erfin⸗ dungen, um die wenigen Wahrheiten an einander zu hängen, die er uns preiszugeben für gut fand. Und ich ſollte größeres Bedenken tragen, einen Nichtswurdigen, den ich auf zehn Luüg n ertappte, lieber auch noch der eilften zu beſchuldigen, als die Grundordnung der Natur unterbrechen zu laſſen, die ich noch auf keinem Mißklange betrat?“ Ich kann Ihnen darauf nichts antworten, ſagte ich. Aber die Erſcheinung, die wir geſtern ſahen, bleibt mir darum nicht weniger unbegreiflich. „Auch mir,“ verſetzte der Prinz,„ob ich gleich in Verſuchung gerathen bin, einen Schlüſſel dazu ausfindig zu machen.“ Wie? ſagte ich. „Erinnern Sie ſich nicht, daß die zweite Geſtalt, ſobald ſie herein war, auf den Altar zuging, das Crucifix in die Hand faßte und auf den Teppich trat?“ So ſchien mir's. Ja. 189 „Und das Crucifix, ſagt uns der Sicilianer, war ein Con⸗ duckor. Daraus ſehen Sie alſo, daß ſie eilte ſich elektriſch zu machen. Der Streich, den Lord Seymour mit dem Degen nach ihr that, konnte alſo nicht anders als unwirkſam bleiben, weil der elektriſche Schlag ſeinen Arm lähmte.“ Mit dem Degen hätte dieſes ſeine Richtigkeit. Aber die Kugel, die der Sicilianer auf ſie abſchoß, und welche wir lang⸗ ſam auf dem Altar rollen hörten? „Wiſſen Sie auch gewiß, daß es die abgeſchoſſene Kugel war, die wir rollen hörten?— Davon will ich gar nicht einmal reden, daß die Marionette, oder der Menſch, der den Geiſt vorſtellte, ſo gut umpanzert ſeyn konnte, daß er ſchuß⸗ und degenfeſt war— Aber denken Sie doch ein wenig nach, wer es war, der die Piſtolen geladen.“ Es iſt wahr, ſagte ich— und ein plötzliches Licht ging mir auf— der Ruſſe hatte ſie geladen. Aber dieſes geſchah vor unſern Augen, wie hätte da ein Betrug vorgehen koͤnnen? „Und warum hätte er nicht ſollen vorgehen koͤnnen? Setz⸗ ten Sie denn ſchon damals ein Mißtrauen in dieſen Men⸗ ſchen, daß Sie es für nöthig befunden hätten, ihn zu beobach⸗ ten? Unterſuchten Sie die Kugel, eh' er ſie in den Lauf brachte, die eben ſo gut eine queckſilberne oder auch nur eine bemalte Thonkugel ſeyn konnte? Gaben Sie Acht, ob er ſie auch wirklich in den Lauf der Piſtole oder nicht nebenbei in ſeine Hand fallen ließ? Was überzeugt Sie— geſetzt, er hätte ſie auch wirklich ſcharf geladen— daß er gerade die geladenen in den andern Pavillon mit hinuͤber nahm und nicht vielmehr ein anderes Paar unterſchob, welches ſo leicht anging, da es Niemand einfiel, ihn zu beobachten, und wir überdieß mit dem Auskleiden beſchäftigt waren? Und konnte die Geſtalt nicht in dem Augenblicke, da der Pulverrauch ſie uns entzog, 190* eine andere Kugel, womit ſie auf den Nothfall verſehen war, auf den Altar fallen laſſen? Welcher von allen dieſen Fällen iſt der unmoͤgliche?“ Sie haben Recht. Aber dieſe treffende Aehnlichkeit der Ge⸗ ſtalt mit Ihrem verſtorbenen Freunde— Ich habe ihn ja auch ſehr oft bei Ihnen geſehen, und in dem Geiſte hab' ich ihn auf der Stelle wieder erkannt. 4 „Auch ich— und ich kann nicht anders ſagen, als daß die Taͤuſchung aufs höchſte getrieben war. Wenn aber nun dieſer Sicilianer, nach einigen wenigen verſtohlnen Blicken, die er auf meine Tabatiere warf, auch in ſein Gemälde eine Aehnlichkeit zu bringen wußte, die Sie und mich hinterging, warum nicht um ſo viel mehr der Ruſſe, der waͤhrend der ganzen Tafel den freien Gebrauch meiner Tabatiere hatte, der den Vorthei! genoß, immer und durchaus unbeobachtet zu bleiben, und dem* ich noch außerdem im Vertrauen entdeckt hatte, wer mit dem Bilde auf der Doſe gemeint ſey?— Setzen Sie hinzu— was auch der Sicilianer anmerkte— daß das Charakteriſtiſche des Marquis in lauter ſolchen Geſichtszugen liegt, die ſich auch im Groben nachahmen laſſen— wo bleibt dann das Unerklaͤr⸗ bare in dieſer ganzen Erſcheinung?“ Aber der Inhalt ſeiner Worte? Der Aufſchluß über Ihren Freund? „Wie? ſagte uns denn der Sicilianer nicht, daß er aus 1 dem Wenigen, was er mir abfragte, eine ahnliche Geſchichte zuſammengeſetzt habe? Beweist dieſes nicht, wie natürlich ge⸗ rade auf dieſe Erfindung zu fallen war? Ueberdieß klangen die Antworten des Geiſtes ſo orakelmäßig dunkel, daß er gar nicht Gefahr laufen konnte, auf einem Widerſpruche betreten zu werden. Setzen Sie, daß die Creatur des Gauklers, die 6 den Geiſt machte, Scharfſinn und Beſonnenheit beſaß und von 191 den Umſtänden nur ein wenig unterrichtet war— wie weit häͤtte dieſe Gaukelei nicht noch geführt werden koͤnnen?“ Aber überlegen Sie, gnädigſter Herr, wie weitläufig die Anſtalten zu einem ſo zuſammengeſetzten Betrug von Seiten des Armeniers hätten ſeyn muſſen! Wie viele Zeit dazu ge⸗ hoͤrt haben würde! Wie viele Zeit nur, einen menſchlichen Kopf einem andern ſo getreu nachzumalen, als hier voraus⸗ geſetzt wird! Wie viele Zeit, dieſen untergeſchobenen Geiſt ſo gut zu unterrichten, daß man vor einem groben Irrthum geſichert war! Wie viele Aufmerkſamkeit die kleinen unnennbaren Ne⸗ bendinge würden erfordert haben, welche entweder mithelfen, oder denen, weil ſie ſtören konnten, auf irgend eine Art doch begegnet werden mußte! Und nun erwäͤgen Sie, daß der Ruſſe nicht über eine halbe Stunde abweſend war. Konnte wohl in nicht mehr als einer halben Stunde Alles angeordnet werden, was hier nur das Unentbehrlichſte war?— Wahrlich, gnadig⸗ ſter Herr, ſelbſt nicht einmal ein dramatiſcher Schriftſteller, der um die unerkittlichen drei Einheiten ſeines Ariſtoteles verlegen war, würde einem Zwiſchenact ſo viel Handlung auf⸗ gelaſtet, noch ſeinem Parterre einen ſo ſtarken Glauben zu⸗ gemuthet haben. „Wie? Sie halten es alſo ſchlechterdings für unmoͤglich, daß in dieſer kleinen halben Stunde alle dieſe Anſtalten hät⸗ ten getroffen werden können?“ In der That rief ich, für ſo gut als unmöglich.— „Dieſe Redensart verſtehe ich nicht. Widerſpricht es allen Geſetzen der Zeit, des Raums und der phyſiſchen Wirkungen, daß ein ſo gewandter Kopf, wie doch unwiderſprechlich dieſer Armenier iſt, mit Hülfe ſeiner vielleicht eben ſo gewandten Creaturen, in der Hülle der Nacht, von Niemand beobachtet, mit allen Hülfsmitteln ausgeruſtet, von denen ſich ein, Mann 192 dieſes Handwerks ohnehin niemals trennen wird, daß ein ſol⸗ cher Menſch, von ſolchen Umſtänden begünſtigt, in ſo weniger Zeit ſo viel zu Stande bringen koͤnnte? Iſt es geradezu un⸗ denkbar und abgeſchmackt, zu glauben, daß er mit Hülfe we⸗ niger Worte, Befehle oder Winke, ſeinen Helfershelfern weit⸗ läufige Aufträge geben, weitlaͤufige und zuſammengeſetzte Ope⸗ rationen mit wenigem Wortaufwande bezeichnen könne?— Und darf etwas anders, als eine hell eingeſehene Unmöglichkeit gegen die ewigen Geſetze der Natur aufgeſtellt werden? Wollen Sie lieber ein Wunder glauben, als eine Unwahrſcheinlichkeit zugeben? Lieber die Kräfte der Natur umſtürzen, als eine künſtliche und weniger gewöhnliche Combination dieſer Kräfte ſich gefallen laſſen?“ Wenn die Sache auch eine ſo kühne Folgerung nicht recht⸗ fertigt, ſo müſſen Sie mir doch eingeſtehen, daß ſie weit über unſere Begriffe geht. „Beinahe hätte ich Luſt, Ihnen auch dieſes abzuſtreiten,“ ſagte der Prinz mit ſchalkhafter Munterkeit.„Wie, lieber Graf? wenn es ſich, zum Beiſpiel, ergäbe, daß nicht bloß waͤhrend und nach dieſer halben Stunde, nicht bloß in der Eile und nebenher, ſondern den ganzen Abend und die ganze Nacht für dieſen Armenier gearbeitet worden? Denken Sie nach, daß der Sicilianer beinahe drei volle Stunden zu ſeinen Zuruſtun⸗ gen verbrauchte.“ Der Sicilianer, gnäͤdigſter Herr! „Und womit beweiſen Sie mir denn, daß der Sicilianer an dem zweiten Geſpenſte nicht eben ſo vielen Antheil gehabt habe, als an dem erſten?“ Wie, gnädigſter Herr? „Daß er nicht der vornehmſte Helfershelfer des Armeniers 193 war— kurz— daß Beide nicht miteinander unter einer Decke liegen?“ Das moͤchte ſchwer zu erweiſen ſeyn, rief ich mit nicht ge⸗ ringer Verwunderung. „Nicht ſo ſchwer, lieber Graf, als Sie wohl meinen. Wie? Es waͤre Zufall, daß ſich dieſe beiden Menſchen in einem ſo ſeltſamen, ſo verwickelten Anſchlag auf dieſelbe Perſon, zu der⸗ ſelben Zeit und an demſelben Orte begegneten, daß ſich unter ihren beiderſeitigen Operationen eine ſo auffallende Harmonie, ein ſo durchdachtes Einverſtaͤndniß fände, daß einer dem an⸗ dern gleichſam in die Haͤnde arbeitete? Setzen Sie, er habe ſich des groͤbern Gaukelſpiels bedient, um dem feinern eine Folie unterzulegen. Er ſchuf ſich einen Hektor, um ſein Achil⸗ les zu ſeyn. Setzen Sie, er habe jenes vorausgeſchickt, um den Grad von Glauben auszufinden, worauf er bei mir zu rechnen hatte; um die Zugänge zu meinem Vertrauen aus⸗ zuſpähen; um ſich durch dieſen Verſuch, der, unbeſchadet ſeines übrigen Planes, verunglücken konnte, mit ſeinem Subjecte zu familiariſiren; kurz, um ſein Inſtrument damit anzuſpielen. Setzen Sie, er habe es gethan, um eben dadurch, daß er meine Aufmerkſamkeit auf einer Seite vorſätzlich aufforderte und wach erhielt, ſie auf einer andern, die ihm wichtiger war, einſchlum⸗ mern zu laſſen. Setzen Sie, er habe einige Erkundigungen einzuziehen gehabt, von denen eer wünſchte, daß ſie auf Rech⸗ nung des Taſchenſpielers geſchrieben würden, um den Arg⸗ wohn von der wahren Spur zu entfernen.“ Wie meinen Sie das? „Laſſen Sie uns annehmen, er habe einen meiner Leute be⸗ ſtochen, um durch ihn gewiſſe geheime Nachrichten— vielleicht gar Documente— zu erhalten, die zu ſeinem Zwecke dienen. Ich vermiſſe meinen Jäger. Was hindert mich, zu glauben, Schilleis ſämmrl. Aterke. X. 1³ 194 daß der Armenier bei der Entweichung dieſes Menſchen mit im Spiele ſey? Aber der Zufall kann es fügen, daß ich hinter dieſe Schliche komme; ein Brief kann aufgefangen werden, ein Bedienter plaudern. Sein ganzes Anſehen ſcheitert, wenn ich die Quellen ſeiner Allwiſſenheit entdecke. Er ſchiebt alſo dieſen Taſchenſpieler ein, der dieſen oder jenen Anſchlag auf mich ha⸗ ben muß. Von dem Daſeyn und den Abſichten dieſes Men⸗ ſchen unterlaͤßt er nicht, mir frühzeitig einen Wink zu geben. Was ich alſo auch entdecken mag, ſo wird mein Verdacht auf Nie⸗ mand anders, als auf dieſen Gaukler, fallen; und zu den Nachforſchungen, welche ihm, dem Armenier, zu gute kom⸗ men, wird der Sicilianer ſeinen Namen geben. Dieſes war die Puppe, mit der er mich ſpielen laßt, waͤhrend daß er ſelbſt, unbeobachtet und unverdaͤchtig, mit unſichtbaren Seilen mich umwindet.“ Sehr gut! Aber wie läßt es ſich mit dieſen Abſichten rei⸗ men, daß er ſelbſt dieſe Taͤuſchung zerſtören hilft und die Geheimniſſe ſeiner Kunſt profanen Augen preisgibt? „Was ſind es für Geheimniſſe, die er mir preisgibt? Kei⸗ nes von denen zuverläſſig, die er Luſt hat, bei mir in Aus⸗ übung zu bringen. Er hat alſo durch ihre Profanation nichts verloren— Aber wie viel hat er im Gegentheil gewonnen, wenn dieſer vermeintliche Triumph uͤber Betrug und Taſchen⸗ ſpielerei mich ſich er und zuverſichtlich macht, wenn es ihm da⸗ durch gelang, meine Wachſamkeit nach einer entgegengeſetzten Richtung zu lenken, meinen noch unbeſtimmt umherſchwei⸗ fenden Argwohn auf Gegenſtände zu firiren, die von dem eigent⸗ lichen Orte des Angriffs am weiteſten entlegen ſind?— Er konnte erwarten, daß ich, früher oder ſpaͤter, aus eignem Miß⸗ trauen oder fremdem Antriebe, den Schluͤſſel zu ſeinen Wun⸗ dern in der Taſchenſpielerkunſt aufſuchen würde.— Was konnte 195 er Beſſeres thun, als daß er ſie ſelbſt neben einander ſtellte, daß er mir gleichſam den Maßſtab dazu in die Hand gab, und, indem er der letztern eine künſtliche Gränze ſetzte, meine Be⸗ griffe von den erſtern deſto mehr erhöhte oder verwirrte. Wie viele Muthmaßungen hat er durch dieſen Kunſtgriff auf einmal abgeſchnitten! Wie viele Erklärungsarten im voraus widerlegt, auf die ich in der Folge vielleicht hätte fallen mögen!“ So hat er wenigſtens ſehr gegen ſich ſelbſt gehandelt, daß er die Augen derer, die er taͤuſchen wollte, ſcharfte und ihren Glauben an Wunderkraft durch Entzifferung eines ſo künſt⸗ lichen Betrugs überhaupt ſinken machte. Sie ſelbſt, gnadig⸗ ſter Herr, ſind die beſte Widerlegung ſeines Planes, wenn er ja einen gehabt hat. „Er hat ſich in mir vielleicht geirrt— aber er hat darum nicht weniger ſcharfſinnig raiſonnirt. Konnte er vorausſehen, daß mir gerade dasjenige im Gedachtniſſe bleiben würde, wel⸗ ches der Schluͤſſel zu dem Wunder werden könnte? Lag es in ſeinem Plane, daß mir die Creatur, deren er ſich bediente, ſolche Blößen geben ſollte? Wiſſen wir, ob dieſer Sicilianer ſeine Vollmacht nicht weit uͤberſchritten hat?— Mit dem Ringe gewiß— und doch iſt es hauptſaͤchlich dieſer einzige Umſtand, der mein Mißtrauen gegen dieſen Menſchen entſchieden hat. Wie leicht kann ein ſo zugeſpitzter feiner Plan durch ein grö⸗ beres Organ verunſtaltet werden? Sicherlich war es ſeine Mei⸗ nung nicht, daß uns der Taſchenſpieler ſeinen Ruhm im Markt⸗ ſchreiertone vorpoſaunen ſollte— daß er uns jene Mahrchen auf⸗ ſchüſſeln ſollte, die ſich beim leichteſten Nachdenken widerlegen. So zum Beiſpiel— mit welcher Stirn kann dieſer Charlatan behaupten, daß ſein Wunderthaͤter auf den Glockenſchlag Zwoölfe in der Nacht jeden Umgang mit Menſchen aufheben müſſe? 196 Haben wir ihn nicht ſelbſt um dieſe Zeit in unſerer Mitte geſehen?“ Das iſt wahr, rief ich. Das muß er vergeſſen haben! „Aber es liegt im Charakter dieſer Art Leute, daß ſie ſolche Auftraͤge übertreiben und durch das Zuviel Alles ver⸗ ſchlimmern, was ein beſcheidener und maßiger Betrug vor⸗ trefflich gemacht hätte.“ Ich kann es deßungeachtet noch nicht uͤber mich gewinnen, gnädigſter Herr, dieſe ganze Sache für nichts mehr, als ein angeſtelltes Spiel zu halten. Wie? Der Schrecken des Si⸗ cilianers, die Zuckungen, die Ohnmacht, der ganze klägliche Zuſtand dieſes Menſchen, der uns ſelbſt Erbarmen einfloͤßte— alles dieſes waͤre nur eine eingelernte Rolle geweſen? Zuge⸗ geben, daß ſich das theatraliſche Gaukelſpiel auch noch ſo weit treiben laſſe, ſo kann die Kunſt des Acteurs doch nicht über die Organe ſeines Lebens gebieten. 1 „Was das anbetrifft, Freund— Ich habe Richard den Dritten von Garrick geſehen— Und waren wir in dieſem Augenblicke kalt und müßig genug, um unbefangene Beob⸗ achter abzugeben? Konnten wir den Affect dieſes Menſchen prüͤfen, da uns der unſerige übermeiſterte? Ueberdieß iſt die entſcheidende Kriſe, auch ſogar eines Betrugs, für den Be⸗ trüger ſelbſt eine ſo wichtige Angelegenheit, daß bei ihm die Erwartung gar leicht ſo gewaltſame Symptome erzeugen kann, als die Ueberraſchung bei dem Betrogenen. Rechnen Sie dazu noch die unvermuthete Erſcheinung der Häſcher—“ Eben dieſe, gnadigſter Herr— Gut, daß Sie mich daran erinnern— Würde er es wohl gewagt haben, einen ſo ge⸗ fährlichen Plan dem Auge der Gerechtigkeit bloß zu ſtellen? Die Treue ſeiner Creatur auf eine ſo bedenkliche Probe zu bringen?— Und zu welchem Ende? 197 „Dafuͤr laſſen Sie ihn ſorgen, der ſeine Leute kennen muß. Wiſſen wir, was für geheime Verbrechen ihm für die Ver⸗ ſchwiegenheit dieſes Menſchen haften?— Sie haben gehört, welches Amt er in Venedig bekleidet— Wie viel wird es ihm wohl koſten, dieſem Kerl durchzuhelfen, der keinen andern Ankläger hat als ihn?“ (nd in der That hat der Ausgang den Verdacht des Prin⸗ zen in dieſem Stücke nur zu ſehr gerechtfertigt. Als wir uns einige Tage darauf nach unſerm Gefangenen erkundigen ließen, erhielten wir zur Antwort, daß er unſichtbar geworden ſey.) „Und zu welchem Ende, fragen Sie? Auf welchem andern Wege, als auf dieſem gewaltſamen, konnte er dem Sicilianer eine ſo unwahrſcheinliche und ſchimpfliche Beichte abfordern laſſen, worauf es doch ſo weſentlich ankam? Wer, als ein verzweifelter Menſch, der nichts mehr zu verlieren hat, wird ſich entſchließen können, ſo erniedrigende Aufſchlüſſe über ſich ſelbſt zu geben? Unter welchen andern Umſtaͤnden hatten wir ſie ihm geglaubt?“ Alles zugegeben, gnadigſter Prinz, ſagte ich endlich. Beide Erſcheinungen ſollen Gaukelſpiele geweſen ſeyn; dieſer Sicilia⸗ ner ſoll uns meinethalben nur ein Maͤhrchen aufgeheftet ha⸗ ben, das ihn ſein Principal einlernen ließ, beide ſollen zu einem Zwecke, mit einander einverſtanden, wirken, und aus dieſem Einverſtaͤndniſſe ſollen alle jene wunderbaren Zufälle ſich erklären laſſen, die uns im Laufe dieſer Begebenheit in Erſtaunen geſetzt haben. Jene Prophezeyung auf dem Marcus⸗ platze, das erſte Wunder, welches alle übrigen eröffnet hat, bleibt nichtsdeſtoweniger unerklärt; und was hilft uns der Schluͤſſel zu allen übrigen, wenn wir an der Auflͤſung dieſes einzigen verzweifeln?. „Kehren Sie es vielmehr um, lieber Graf,“ gab mir der 198 Prinz hierauf zur Antwort.„Sagen Sie, was beweiſen alle jene Wunder, wenn ich herausbringe, daß auch nur ein einziges Taſchenſpiel darunter war? Jene Prophezeyung— ich bekenn“ es Ihnen— geht über alle meine Faſſungskraft. Stuünde ſie einzeln da, haͤtte der Armenier ſeine Rolle mit ihr beſchloſſen, wie er ſie damit eröffnete— ich geſtehe Ihnen, ich weiß nicht, wie weit ſie mich noch haͤtte führen können. In dieſer niedri⸗ gen Geſellſchaft iſt ſie mir ein klein wenig verdächtig.— Die Zeit wird ſie aufflären, oder auch nicht aufklären— aber glau⸗ ben Sie mir, Freund(indem er ſeine Hand auf die meinige legte und eine ſehr ernſthafte Miene annahm), ein Menſch, dem höhere Kraͤfte zu Gebote ſtehen, wird keines Gaukelſpiels bedürfen, oder er wird es verachten.“ So endigte ſich eine Unterredung, die ich darum ganz hie⸗ her geſetzt habe, weil ſie die Schwierigkeiten zeigt, die bei dem Prinzen zu beſiegen waren; und weil ſie, wie ich hoffe, ſein An⸗ denken von dem Vorwurfe reinigen wird, daß er ſich blind und unbeſonnen in die Schlinge geſtuͤrzt habe, die eine unerhoͤrte Teufelei ihm bereitete. Nicht Alle— fahrt der Graf von O*r fort— die in dem Augenblicke, wo ich dieſes ſchreibe, vielleicht mit Hohngelächter auf ſeine Schwachheit herabſehen, und im ſtolzen Duͤnkel ihrer nie angefochtenen Vernunft ſich für berech⸗ tigt halten, den Stab der Verdammung über ihn zu brechen, nicht Alle, fürchte ich, würden dieſe erſte Probe ſo maͤnnlich be⸗ ſtanden haben. Wenn man ihn nunmehr auch nach dieſer glücklichen Vorbereitung deſſen ungeachtet fallen ſieht; wenn„ man den ſchwarzen Anſchlag, vor deſſen entfernteſter Annähe⸗ rung ihn ſein guter Genius warnte, nichtsdeſtoweniger an ihm* in Erfüllung gegangen findet, ſo wird man weniger über ſeine Thorheit ſpotten, als über die Große des Bubenſtuͤcks erſtaunen, dem eine ſo wohl vertheidigte Vernunft erlag. Weltliche Rück⸗ 199 ſichten können an meinem Zeugniſſe keinen Antheil haben, denn er, der es mir danken ſoll, iſt nicht mehr. Sein ſchreckliches Schickſal iſt geendigt, längſt hat ſich ſeine Seele am Thron der Wahrheit gereinigt, vor dem auch die meinige laͤngſt ſteht, wenn die Welt dieſes liest— aber man verzeihe mir die Thrane, die dem Andenken meines theuerſten Freundes unfreiwillig fallt— doch zur Steuer der Gerechtigkeit ſchreib' ich es nieder: er war ein edler Menſch, und gewiß waͤr' er eine Zierde des Thrones geworden, den er durch ein Berbrechen erſteigen zu wollen ſich bethören ließ.* 9 Zweites Buch. Nicht lange nach dieſen letztern Begenheiten— faͤhrt der Graf von O'r zu erzaͤhlen fort— fing ichtan, in dem Ge⸗ muthe des Prinzen eine wichtige Veranderung zu bemerken, die theils eine unmittelbare Folge des letztern Vorfallszwar, theils auch durch den Zuſammenfluß mehrerer zufälliger Umſtande her⸗ vorgebracht worden. Bis jetzt nämlich hatte der Prinz jede ſtrengere Prüfung ſeines Glaubens vermieden und ſich damit begnügt, die rohen und ſinnlichen Religionsbegriffe, in denen er auferzogen worden, durch die beſſern Ideen, die ſich ihm nachher aufdrangen, zu reinigen, oder mit dieſen auszugleichen, ohne die Fundamente ſeines Glaubens zu unterſuchen. Reli⸗ gionsgegenſtände überhaupt, geſtand er mir mehrmals, ſeyen ihm jederzeit wie ein bezaubertes Schloß vorgekommen, in das man nicht ohne Grauen ſeinen Fuß ſetze, und man thue weit beſſer, man gehe mit ehrerbietiger Reſignation daran vorüber, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, ſich in ſeinen Labyrinthen zu ver⸗ irren. Eine bigotte, knechtiſche Erziehung war die Quelle dieſer Furcht; dieſe hatte ſeinem zarten Gehirne Schreckbilder einge⸗ drückt, von denen er ſich wahrend ſeines ganzen Lebens nie ganz losmachen konnte. Religiöſe Melancholie war eine Erb⸗ krankheit in ſeiner Familie; die Erziehung, welche man ihm und ſeinen Brüdern geben ließ, war dieſer Dispoſition angemeſſen, 201 die Menſchen, denen man ſie anvertraute, aus dieſem Ge⸗ ſichtspunkte gewaͤhlt, alſo entweder Schwarmer oder Heuchler. Alle Lebhaftigkeit des Knaben in einem dumpfen Geiſteszwange zu erſticken, war das einzige Mittel, ſich der höchſten Zufrieden⸗ heit der fürſtlichen Eltern zu verſichern. Dieſe ſchwarze naͤcht⸗ liche Geſtalt hatte die ganze Jugendzeit unſers Prinzen, ſelbſt aus ſeinen Spielen war die Freude verbannt. Alle ſeine Vor⸗ ſtellungen von Religion hatten etwas Fürchterliches an ſich, und eben das Grauenvolle und Derbe war es, was ſich ſeiner lebhaften Einbildungskraft zuerſt bemachtigte und ſich auch am längſten darin erhielt. Sein Gott war ein Schreckbild, ein ſtrafendes Weſen; ſeine Gottesverehrung knechtiſches Zittern oder blinde, alle Kraft und Kühnheit erſtickende Ergebung. Auf allen ſeinen kindiſchen und jugendlichen Neigungen, denen ein derber Körper und eine blühende Geſundheit um ſo kraftvollere Erploſionen gab, ſtand ihm die Religion im Wege; mit Allem, woran ſein jugendliches Herz ſich hing, lag ſie im Streite; er lernte ſie nie als eine Wohlthat, nur als eine Geißel ſeiner Leidenſchaften kennen. So entbrannte allmahlich eine ſtille Indignation gegen ſie in ſeinem Herzen, welche, mit einem reſpectvollen Glauben und blinder Furcht in ſeinem Kopfe und Herzen, die bizarreſte Miſchung machte— einen Wider⸗ willen gegen einen Herrn, vor welchem er zitterte. Kein Wunder, daß er die erſte Gelegenheit ergriff, einem ſo ſtrengen Joche zu entfliehen— aber er entlief ihm, wie ein leibeigener Sklave ſeinem harten Herrn, der auch mitten in der Freiheit das Gefühl ſeiner Knechtſchaft herumträgt. Eben darum, weil er dem Glauben ſeiner Jugend nicht mit ruhiger Wahl entſagt, weil er nicht gewartet hatte, bis ſeine reife, ge⸗ reinigte Vernunft ſich gemachlich davon abgelöst hatte, weil er ihm als ein Fluchtling entſprnngen war, auf den die Eigen⸗ 202 thumsrechte ſeines Herrn immer noch fortdauern— ſo mußte er auch, nach ſo großen Distractionen, immer wieder zu ihm zurückkehren. Er war mit der Kette entſprungen, und eben darum mußte er der Raub eines jeden Betrügers werden, der ſie entdeckte und zu gebrauchen verſtand. Daß ſich ein ſolcher fand, wird, wenn man es noch nicht errathen hat, der Ver⸗ folg dieſer Geſchichte ausweiſen. Die Geſtandniſſe des Sicilianers ließen in ſeinem Gemüthe wichtigere Folgen zurück, als dieſer ganze Gegenſtand werth war, und der kleine Sieg, den ſeine Vernunft über dieſe ſchwache Täuſchung davon getragen, hatte die Zuverſicht zu ſeiner Vernunft überhaupt merklich erhöht. Die Leichtigkeit, mit der es ihm gelungen war, dieſen Betrug aufzuloͤſen, ſchien ihn ſelbſt uüberraſcht zu haben; in dieſem Kopfe hatten ſich Wahrheit und Irrthum noch nicht ſo genau von einander geſondert, daß es ihm nicht oft begegnet wäre, die Stützen der einen mit den Stützen des andern zu verwechſeln; daher kam es, daß der Schlag, der ſeinen Glauben an Wunder ſtürzte, das ganze Gebaude ſeines Glaubens zugleich zum Wanken brachte. Es erging ihm hier, wie einem unerfahr⸗ nen Menſchen, der in der Freundſchaft oder Liebe hintergan⸗ gen worden, weil er ſchlecht gewahlt hatte, und der nun ſei⸗ nen Glauben an dieſe Empfindungen überhaupt ſinken läßt, weil er bloße Zufaäͤlligkeiten für weſentliche Kennzeichen der⸗ ſelben aufnimmt. Ein entlarvter Betrug machte ihm auch die Wahrheit verdachtig, weil er ſich die Wahrheit unglück⸗ licherweiſe durch gleich ſchlechte Gründe bewieſen hatte. Dieſer vermeintliche Triumph gefiel ihm um ſo mehr, je ſchwerer der Druck geweſen, wovon er ihn zu befreien ſchien. Von dieſem Zeitpunkt an regte ſich eine Zweifelſucht in ihm, die auch das Ehrwürdigſte nicht verſchonte. 203 Es halfen mehrere Dinge zuſammen, ihn in dieſer Gemuͤths⸗ lage zu erhalten und noch mehr darin zu befeſtigen. Die Zu⸗ rückgezogenheit, in der er bisher gelebt hatte, hörte jetzt auf und mußte einer zerſtreuungsvollen Lebensart Platz machen. Sein Stand war entdeckt. Aufmerkſamkeiten, die er erwiedern mußte, Etikette, die er ſeinem Range ſchuldig war, riſſen ihn unvermerkt in den Wirbel der großen Welt. Sein Stand ſo⸗ wohl, als ſeine perſönlichen Eigenſchaften, öffneten ihm die geiſt⸗ volleſten Cirkel in Venedig; bald ſah er ſich mit den hellſten Köpfen der Republik, Gelehrten ſowohl als Staatsmännern, in Verbindung. Dieß zwang ihn, den einförmigen, engen Kreis zu erweitern, in welchem ſein Geiſt ſich bisher bewegt hatte. Er fing an, die Armuth und Beſchranktheit ſeiner Begriffe wahrzunehmen, und das Bedürfniß höherer Bildung zu fühlen. Die altmodiſche Form ſeines Geiſtes, von ſo vielen Vorzuͤgen ſie auch ſonſt begleitet war, ſtand mit den gangbaren Begriffen der Geſellſchaft in einem nachtheiligen Contraſte, und ſeine Fremdheit in den bekannteſten Dingen ſetzte ihn zuweilen dem Lächerlichen aus; nichts fürchtete er ſo ſehr, als das Lächerliche. Das ungünſtige Vorurtheil, das auf ſeinem Geburtslande haf⸗ tete, ſchien ihm eine Aufforderung zu ſeyn, es in ſeiner Perſon zu widerlegen. Dazu kam noch die Sonderbarkeit in ſeinem Charakter, daß ihn jede Aufmerkſamkeit verdroß, die er ſeinem Stande und nicht ſeinem perſönlichen Werthe danken zu müſſen glaubte. Vorzüglich empfand er dieſe Demüuthigung in Gegen⸗ wart ſolcher Perſonen, die durch ihren Geiſt glänzten, und durch perſoͤnliche Verdienſte gleichſam uͤber ihre Geburt trium⸗ phirten. In einer ſolchen Geſellſchaft ſich als Prinz unter⸗ ſchieden zu ſehen, war jederzeit eine tiefe Beſchaͤmung für ihn, weil er unglücklicherweiſe glaubte, durch dieſen Namen ſchon von jeder Concurrenz ausgeſchloſſen zu ſeyn. Alles dieſes zu⸗ 204 ſammengenommen, uberfuͤhrte ihn von der Nothwendigkeit, ſeinem Geiſte die Bildung zu geben, die er bisher verabſaäumt hatte, um das Jahrfünftel der witzigen und der denkenden Welt einzuholen, hinter welchem er ſo weit zurückgeblieben war. Er wahlte dazu die modernſte Lecture, der er ſich nun mit allem dem Ernſte hingab, womit er Alles, was er vornahm, zu be⸗ handeln pflegte. Aber die ſchlimme Hand, die bei der Wahl dieſer Schriften im Spiele war, ließ ihn unglücklicherweiſe immer auf ſolche ſtoßen, bei denen ſeine Vernunft und ſein Herz wenig gebeſſert waren. Und auch hier waltete ſein Lieb⸗ lingshang vor, der ihn immer zu Allem, was nicht begriffen werden ſoll, mit unwiderſtehlichem Reize hingezogen hatte. Nur für dasjenige, was damit in Beziehung ſtand, hatte er Auf⸗ merkſamkeit und Gedachtniß; ſeine Vernunft und ſein Herz blieben leer, waͤhrend ſich dieſe Faͤcher ſeines Gehirns mit ver⸗ worrenen Begriffen anfüͤllten. Der blendende Styl des Einen riß ſeine Imagination dahin, indem die Spitzfindigkeiten des Andern ſeine Vernunft verſtrickten. Beiden wurde es leicht, ſich einen Geiſt zu unterjochen, der ein Raub eines Jeden war, der ſich ihm mit einer gewiſſen Dreiſtigkeit aufdrang. Eine Lecture, die langer als ein Jahr mit Leidenſchaft fortgeſetzt wurde, hatte ihn beinahe mit gar keinem wohlthaͤtigen Begriffe bereichert, wohl aber ſeinen Kopf mit Zweifeln angefüllt, die, wie es bei dieſem conſequenten Charakter unausbleiblich folgte, bald einen unglücklichen Weg zu ſeinem Herzen fanden. Daß ich es kurz ſage— er hatte ſich in dieſes Labyrinth begeben als ein glaubenreicher Schwaͤrmer, und er verließ es als Zweifler, und zuletzt als ein ausgemachter Freigeiſt. Unter den Cirkeln, in die man ihn zu ziehen gewußt hatte, war eine gewiſſe geſchloſſene Geſellſchaft, der Bucentauro genannt, die unter dem außerlichen Scheine einer edeln ver⸗ 205 nünftigen Geiſtesfreiheit die zuͤgelloſeſte Licenz der Meinungen wie der Sitten begünſtigte. Da ſie unter ihren Mitgliedern viele Geiſtliche zählte und ſogar die Namen einiger Cardinaͤle an ihrer Spitze trug, ſo wurde der Prinz um ſo leichter be⸗ wogen, ſich darin einführen zu laſſen. Gewiſſe gefährliche Wahrheiten der Vernunft, meinte er, könnten nirgends beſſer aufgehoben ſeyn, als in den Haͤnden ſolcher Perſonen, die ihr Stand ſchon zur Mäͤßigung verpflichtete, und die den Vortheil haͤtten, auch die Gegenpartei gehört und geprüft zu haben. Der Prinz vergaß hier, daß Libertinage des Geiſtes und der Sitten bei Perſonen dieſes Standes eben darum weiter um ſich greift, weil ſie hier einen Zügel weniger findet. Und dieſes war der Fall bei dem Bucentauro, deſſen mehrſte Mitglieder durch eine verdammliche Philoſophie, und durch Sitten, die einer ſolchen Führerin würdig waren, nicht ihren Stand allein, ſondern ſelbſt die Menſchheit beſchimpften. Die Geſellſchaft hatte ihre geheimen Grade, und ich will, zur Ehre des Prinzen, glauben, daß man ihn des innerſten Heiligthums nie gewürdigt habe. Jeder, der in dieſe Geſellſchaft eintrat, mußte, wenig⸗ ſtens ſo lange er ihr lebte, ſeinen Rang, ſeine Nation, ſeine Re⸗ ligionspartei, kurz alle conventionellen Unterſcheidungszeichen ablegen und ſich in einen gewiſſen Stand univerſeller Gleichheit begeben. Die Wahl der Mitglieder war in der That ſtreng, weil nur Vorzüge des Geiſtes einen Weg dazu bahnten. Die Geſellſchaft rühmte ſich des feinſten Tons und des ausgebildet⸗ ſten Geſchmacks, und in dieſem Rufe ſtand ſie auch wirklich in ganz Venedig. Dieſes ſowohl, als der Schein von Gleich⸗ heit, der darin herrſchte, zog den Prinzen unwiderſtehlich an. Ein geiſtvoller, durch feinen Witz aufgeheiterter Umgang, unter⸗ richtende Unterhaltungen, das Beſte aus der gelehrten und poli⸗ tiſchen Welt, das hier, wie in ſeinem Mittelpunkte, zuſammen⸗ 206 floß, verbargen ihm lange Zeit das Gefaͤhrliche dieſer Verbindung. Wie ihm nach und nach der Geiſt des Inſtituts durch die Maske hindurch ſichtbarer wurde, oder man es auch müde war, länger gegen ihn auf ſeiner Hut zu ſeyn, war der Rückweg gefahrlich, und falſche Scham ſowohl, als Sorge fur ſeine Sicherheit zwangen ihn, ſein inneres Mißfallen zu verbergen. Aber ſchon durch bloße Vertraulichkeit mit dieſer Menſchenclaſſe und ihren Geſinnungen, wenn ſie ihn auch nicht zur Nachahmung hin⸗ riſſen, ging die reine, ſchöne Einfalt ſeines Charakters und die Zartheit ſeiner moraliſchen Gefühle verloren. Seine durch ſo wenig gründliche Kenntniſſe unterſtützte Vernunft konnte, ohne fremde Beihuͤlfe, die feinen Trugſchluͤſſe nicht loͤſen, womit man ſie hier verſtrickt hatte, und unvermerkt hatte dieſes ſchreckliche Corroſiy Alles— beinahe Alles verzehrt, worauf ſeine Moralitaͤt ruhen ſollte. Die natürlichen und noth⸗ wendigen Stiützen ſeiner Glückſeligkeit gab er für Sophis⸗ men hinweg, die ihn im entſcheidenden Augenblicke verließen, und ihn dadurch zwangen, ſich an den erſten beſten Willkür⸗ lichen zu halten, den man ihm zuwarf. Vielleicht ware es der Hand eines Freundes gelungen, ihn noch zur rechten Zeit von dieſem Abgrunde zurückzuziehen— aber, außerdem daß ich mit dem Innern des Bucentauro erſt lange nachher bekannt worden bin, als das Uebel ſchon geſchehen war, ſo hatte mich ſchon zu Anfang dieſer Periode ein dringen⸗ der Vorfall aus Venedig abgerufen. Auch Mylord Seymour, eine ſchätzbare Bekanntſchaft des Prinzen, deſſen kalter Kopf jeder Art von Tauſchung unzugänglich war, und der ihm unfehl⸗ bar zu einer ſichern Stutze hatte dienen koͤnnen, verließ uns in dieſer Zeit, um in ſein Vaterland zuruckzukehren. Diejenigen, in deren Handen ich den Prinzen ließ, waren zwar redliche, aber unerfahrne und in ihrer Religion außerſt beſchraͤnkte Men⸗ 207 ſchen, denen es ſowohl an der Einſicht in das Uebel, als an Anſehen bei dem Prinzen fehlte. Seinen verfaͤnglichen Sophis⸗ men wußten ſie nichts, als die Machtſprüche eines blinden, ungeprüften Glaubens entgegenzuſetzen, die ihn entweder auf⸗ brachten oder beluſtigten; er überſah ſie gar zu leicht, und ſein überlegner Verſtand brachte dieſe ſchlechten Vertheidiger der gu⸗ ten Sache bald zum Schweigen, wie aus einem Beiſpiele, das ich in der Folge anführen werde, erhellen wird. Den Andern, die ſich in der Folge ſeines Vertrauens bemachtigten, war es vielmehr darum zu thun, ihn immer tiefer darein zu verſen⸗ ken. Als ich im folgenden Jahre wieder nach Venedig zurück⸗ kam— wie anders fand ich da ſchon Alles! Der Einfluß dieſer neuen Philoſophie zeigte ſich bald in des Prinzen Leben. Je mehr er zuſehends in Venedig Glück machte und neue Freunde ſich erwarb, deſto mehr fing er an, bei ſeinen ältern Freunden zu verlieren. Mir gefiel er von Tag zu Tag weniger; auch ſahen wir uns ſeltener, und überhaupt war er weniger zu haben. Der Strom der großen Welt hatte ihn gefaßt. Nie wurde ſeine Schwelle leer, wenn er zu Hauſe war. Eine Luſtbarkeit drängte die andere, ein Feſt das andere, eine Glückſeligkeit die andere. Er war die Schöne, um welche Alles buhlt, der König und der Abgott aller Cirkel. So ſchwer er ſich in der vorigen Stille ſeines beſchränkten Lebens den großen Welt⸗ lauf gedacht hatte, ſo leicht fand er ihn nunmehr zu ſeinem Erſtaunen. Es kam ihm Alles ſo entgegen, Alles war trefflich, was von ſeinen Lippen kam, und wenn er ſchwieg, ſo war es ein Raub an der Geſellſchaft. Man verſtand die Kunſt, ihm die Gedanken mit einer angenehmen Leichtigkeit von der Seele gleichſam abzulöſen, und durch eine feine Nachhulfe ihn ſelbſt damit zu uͤberraſchen. Auch machte ihn dieſes ihn uͤberall ver⸗ folgende Glück, dieſes allgemeine Gelingen, wirklich zu etwas 208 mehr, als er in der That war, weil es ihm Muth und Zu⸗ verſicht zu ihm ſelbſt gab. Die erhoͤhte Meinung, die er dadurch von ſeinem eigenen Werthe erlangte, gab ihm Glauben an die übertriebene und beinahe abgöttiſche Veréhrung, die man ſeinem Geiſte widerfahren ließ, die ihm, ohne dieſes vergrößerte und gewiſſermaßen gegruͤndete Selbſtgefühl, nothwendig hätte ver⸗ dachtig werden müſſen. Jetzt aber war dieſe allgemeine Stimme nur die Bekräftigung deſſen, was ſein ſelbſtzufriedener Stolz ihm im Stillen ſagte— ein Tribut, der ihm von Rechtswegen gebuhrte. Unfehlbar würde er dieſer Schlinge entgangen ſeyn, hätte man ihn zu Athem kommen laſſen, hätte man ihm nur ruhige Muße gegönnt, ſeinen eigenen Werth mit dem Bilde zu vergleichen, das ihm in einem ſo lieblichen Spiegel vor⸗ gehalten wurde. Aber ſeine Exiſtenz war ein fortdauernder Zuſtand von Trunkenheit, von ſchwebendem Taumel. Je hö⸗ her man ihn geſtellt hatte, deſto mehr hatte er zu thun, ſich auf dieſer Höhe zu erhalten; dieſe immerwährende Anſpannung verzehrte ihn langſam; ſelbſt aus ſeinem Schlafe war die Ruhe geflohen. Man hatte ſeine Blößen durchſchaut und die Leiden⸗ ſchaft gut berechnet, die man in ihm entzündet hatte. Bald mußten es ſeine redlichen Cavaliers entgelten, daß ihr Herr zum großen Kopfe geworden war. Ernſthafte Empfin⸗ dungen und ehrwürdige Wahrheiten, an denen ſein Herz ſonſt mit aller Wärme gehangen, fingen nun an, Gegenſtände ſeines Spotts zu werden. An den Wahrheiten der Religion rachte er ſich für den Druck, worunter ihn Wahnbegriffe ſo lange gehalten hatten; aber weil eine nicht zu verfälſchende Stimme ſeines Herzens die Taumeleien ſeines Kopfes bekaͤmpfte, ſo war mehr Bitterkeit, als fröhlicher Muth in ſeinem Witze. Sein Naturell fing an, ſich zu andern, Launen ſtellten ſich ein. Die ſchoͤnſte Zierde ſeines Charakters, ſeine Beſcheidenheit, verſchwand; 209 Schmeichler hatten ſein treffliches Herz vergiftet. Die ſchonende Delicateſſe des Umgangs, die es ſeine Cavaliers ſonſt ganz ver⸗ geſſen gemacht hatte, daß er ihr Herr war, machte jetzt nicht ſelten einem gebieteriſchen, entſcheidenden Tone Platz, der um ſo empfindlicher ſchmerzte, weil er nicht auf den außerlichen Abſtand, worüber man ſich mit leichter Mühe tröſtet, und den er ſelbſt wenig achtete, ſondern auf eine beleidigende Voraus⸗ ſetzung ſeiner perſönlichen Erhabenheit gegründet war. Weil er zu Hauſe doch öfters Betrachtungen Raum gab, die ihn im Taumel der Geſellſchaft nicht hatten angehen dürfen, ſo ſahen ihn ſeine eigenen Leute ſelten anders als finſter, mürriſch und unglücklich, wahrend daß er fremde Cirkel mit einer erzwungenen Fröhlichkeit beſeelte. Mit theilnehmenden Leiden ſahen wir ihn auf dieſer gefaährlichen Bahn hinwandeln, aber in dem Tu⸗ mult, durch den er geworfen wurde, hörte er die ſchwache Stimme der Freundſchaft nicht mehr, und war jetzt auch noch zu glücklich, um ſie zu verſtehen. Schon in den erſten Zeiten dieſer Epoche forderte mich eine wichtige Angelegenheit an den Hof meines Souveräns, die ich auch dem feurigſten Intereſſe der Freundſchaft nicht nachſetzen durfte. Eine unſichtbare Hand, die ſich mir erſt lange nachher entdeckte, hatte Mittel gefunden, meine Angelegenheiten dort zu verwirren und Gerüchte von mir auszubreiten, die ich eilen mußte, durch meine perſönliche Gegenwart zu widerlegen. Der Abſchied vom Prinzen ward mir ſchwer, aber ihm war er deſto leichter. Schon ſeit geraumer Zeit waren die Bande gelöst, die ihn an mich gekettet hatten. Aber ſein Schickſal hatte meine ganze Theilnehmung erweckt; ich ließ mir deßwegen von dem Baron von Frrrverſprechen, mich durch ſchriftliche Nachrichten damit in Verbindung zu erhalten, was er auch aufs gewiſſenhafteſte gehal⸗ ten hat. Von jetzt an bin ich alſo auf lange Zeit kein Augenzeuge Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 14 210 dieſer Begebenheiten mehr; man erlaube mir, den Baron von Ferr an meiner Statt aufzuführen, und dieſe Lücke durch Aus⸗ züge aus ſeinen Briefen zu ergänzen. Ungeachtet die Vor⸗ ſtellungsart meines Freundes Fuer nicht immer die meinige iſt, ſo habe ich dennoch an ſeinen Worten nichts ändern wollen, aus denen der Leſer die Wahrheit mit wenig Mühe heraus⸗ finden wird. Varon von Feuz an den Grafen von Orrs. Erſter Brief. Mai 17**. Dank Ihnen, ſehr verehrter Freund, daß Sie mir die Er⸗ laubniß ertheilt haben, auch abweſend den vertrauten Umgang mit Ihnen fortzuſetzen, der waͤhrend Ihres Hierſeyns meine beſte Freude ausmachte. Hier, das wiſſen Sie, iſt Niemand, gegen den ich es wagen dürfte, mich über gewiſſe Dinge her⸗ auszulaſſen.— Was Sie mir auch dagegen ſagen moͤgen, die⸗ ſes Volk iſt mir verhaßt. Seitdem der Prinz einer davon ge⸗ worden iſt und ſeitdem vollends Sie uns entriſſen ſind, bin ich mitten in dieſer volkreichen Stadt verlaſſen. Zrr nimmt es leichter, und die Schoͤnen in Venedig wiſſen ihm die Krän⸗ kungen vergeſſen zu machen, die er zu Hauſe mit mir theilen muß. Und was hätte er ſich auch darüber zu grämen? Er ſieht und verlangt in dem Prinzen nichts als einen Herrn, den er überall findet— aber ich! Sie wiſſen, wie nahe ich das Wohl und Weh unſers Prinzen an meinem Herzen fühls 211 und wie ſehr ich Urſache dazu habe. Sechszehn Jahre ſind's, daß ich um ſeine Perſon lebe, daß ich nur für ihn lebe. Als ein neunjahriger Knabe kam ich in ſeine Dienſte, und ſeit dieſer Zeit hat mich kein Schickſal von ihm getrennt. Unter ſeinen Augen bin ich geworden; ein langer Umgang hat mich ihm zugebildet; alle ſeine großen und kleinen Abenteuer hab' ich mit ihm beſtanden. Ich lebe in ſeiner Glückſeligkeit. Bis auf dieſes unglückliche Jahr hab' ich nur meinen Freund, meinen ältern Bruder in ihm geſehen; wie in einem heitern Sonnen⸗ ſcheine hab' ich in ſeinen Augen gelebt— keine Wolke truͤbte mein Glück, und alles dieß ſoll mir nun in dieſem unſeligen Venedig zu Truͤmmern gehen! Seitdem Sie von uns ſind, hat ſich allerlei bei uns ver⸗ ändert. Der Prinz von*rder iſt vorige Woche mit einer zahlreichen und glänzenden Suite hier angelangt und hat un⸗ ſerm Cirkel ein neues tumultuariſches Leben gegeben. Da er und unſer Prinz ſo nahe verwandt ſind und jetzt auf einem ziemlich guten Fuß zuſammen ſtehen, ſo werden ſie ſich waͤhrend ſeines hieſigen Aufenthalts, der, wie ich hoͤre, bis zum Himmel⸗ fahrtsfeſt dauern ſoll, wenig von einander trennen. Der An⸗ fang iſt ſchon beſtens gemacht; ſeit zehn Tagen iſt der Prinz kaum zu Athem gekommen. Der Prinz von»**d'r hat es gleich ſehr hoch angefangen, und das mochte er immer, da er ſich bald wieder entfernt; aber das Schlimme dabei iſt, er hat unſern Prinzen damit angeſteckt, weil er ſich nicht wohl davon ausſchließen konnte und bei dem beſondern Verhältniſſe, das zwiſchen beiden Häuſern obwaltet, dem beſtrittenen Range des ſeinigen hier etwas ſchuldig zu ſeyn glaubte. Dazu kommt, daß in wenigen Wochen auch unſer Abſchied von Venedig herannaht, wodurch er ohnehin uͤberhoben wird, dieſen außerordentlichen Aufwand in die Laͤnge fortzuführen. 212 Der Prinz von*rder, wie man ſagt, iſt in Geſchaͤften des rrr Ordens hier, wobei er ſich einbildet, eine wichtige Rolle zu ſpielen. Daß er von allen Bekanntſchaften unſers Prinzen ſogleich Beſitz genommen haben werde, können Sie ſich leicht einbilden. In den Bucentauro beſonders iſt er mit Pomp eingeführt worden, da es ihm ſeit einiger Zeit beliebt hat, den witzigen Kopf und den ſtarken Geiſt zu ſpielen, wie er ſich denn auch in ſeinen Correſpondenzen, deren er in allen Welt⸗ gegenden unterhaͤlt, nur den Prince philosophe nennen laͤßt. Ich weiß nicht, ob Sie je das Glück gehabt haben, ihn zu ſehen. Ein vielverſprechendes Aeußere, beſchaͤftigte Augen, eine Miene voll Kunſtverſtändigkeit, viel Prunk von Lecture, viel erworbene Natur(vergoͤnnen Sie mir dieſes Wort), und eine fürſtliche Herablaſſung zu Menſchengefühlen, dabei eine heroiſche Zuyerſicht auf ſich ſelbſt und eine Alles niederſprechende Bered⸗ ſamkeit. Wer koͤnnte, bei ſo glänzenden Eigenſchaften, einer K. H. ſeine Huldigung verſagen? Wie indeſſen der ſtille wortarme und gründliche Werth unſers Prinzen neben dieſer ſchreienden Vortrefflichkeit auskommen wird, muß der Aus⸗ gang lehren. In unſerer Einrichtung ſind ſeit der Zeit viele und große Veraͤnderungen geſchehen. Wir haben ein neues prächtiges Haus, der neuen Procuratie gegenüber, bezogen, weil es dem Prinzen im Mohren zu eng wurde. Unſere Suite hat ſich um zwoͤlf Köpfe vermehrt, Pagen, Mohren, Heiducken u. dgl. m. — Alles geht jetzt ins Große. Sie haben wäͤhrend Ihres Hierſeyns über Aufwand geklagt— jetzt ſollten Sie erſt ſehen! Unſere innern Verhaltniſſe ſind noch die alten— außer, daß der Prinz, der durch Ihre Gegenwart nicht mehr in Schranken gehalten wird, wo moglich, noch einſylbiger und 213 froſtiger gegen uns geworden iſt, und daß wir ihn jetzt, außer dem An⸗ und Auskleiden, wenig haben. Unter dem Vorwande, daß wir das Franzöſiſche ſchlecht und das Italieniſche gar nicht reden, weiß er uns von ſeinen mehrſten Geſellſchaften auszu⸗ ſchließen, wodurch er mir für meine Perſon eben keine große Krankung anthut; aber ich glaube, das Wahre davon einzu⸗ ſehen: er ſchämt ſich unſerer— und das ſchmerzt mich, das haben wir nicht verdient. Von unſern Leuten(weil Sie doch alle Kleinigkeiten wiſſen wollen) bedient er ſich jetzt faſt ganz allein des Biondello, den er, wie Sie wiſſen, nach Entweichung unſers Jägers, in ſeine Dienſte nahm und der ihm jetzt, bei dieſer neuen Lebensart, ganz unentbehrlich geworden iſt. Der Menſch kennt Alles in Venedig, und Alles weiß er zu gebrauchen. Es iſt nicht an⸗ ders, als wenn er tauſend Augen hätte, tauſend Haͤnde in Be⸗ wegung ſetzen könnte. Er bewerkſtellige dieſes mit Hüͤlfe der Gondoliers, ſagt er. Dem Prinzen kommt dadurch ungemein zu ſtatten, daß er ihn vorlaufig mit allen neuen Geſichtern bekannt macht, die dieſem in ſeinen Geſellſchaften vorkommen, und die geheimen Notizen, die er gibt, hat der Prinz immer richtig befunden. Dabei ſpricht und ſchreibt er das Italieniſche und das Franzöſiſche vortrefflich, wodurch er ſich auch bereits zum Secretaͤr des Prinzen aufgeſchwungen hat. Einen Zug von uneigennütziger Treue muß ich Ihnen doch erzäͤhlen, der bei einem Menſchen dieſes Standes in der That ſelten iſt. Neu⸗ lich ließ ein angeſehener Kaufmann aus Rimini bei dem Prin⸗ zen um Gehör anſuchen. Der Gegenſtand war eine ſonderbare Beſchwerde uͤber Biondello. Der Procurator, ſein voriger Herr, der ein wunderlicher Heiliger geweſen ſeyn mochte, hatte mit ſeinen Verwandten in unverſöhnlicher Feindſchaft gelebt, die ihn auch, wo möglich, noch uüberleben ſollte. Sein ganzes aus⸗ 214 ſchließendes Vertrauen hatte Biondello, bei dem er alle Ge⸗ heimniſſe niederzulegen pflegte; dieſer mußte ihm noch am Tod⸗ bette angeloben, ſie heilig zu bewahren, und, zum Vortheil der Verwandten, niemals Gebrauch davon zu machen; ein anſehn⸗ liches Legat ſollte ihn für dieſe Verſchwiegenheit belohnen. Als man ſein Teſtament eroͤffnete und ſeine Papiere durchſuchte, fan⸗ den ſich große Lücken und Verwirrungen, worüber Biondello allein den Aufſchluß geben konnte. Dieſer laͤugnete hartnaͤckig, daß er etwas wiſſe, ließ den Erben das ſehr beträͤchtliche Legat und be⸗ hielt ſeine Geheimniſſe. Große Erbietungen wurden ihm von Seiten der Verwandten gethan, aber alle vergeblich; endlich, um ihrem Zudringen zu entgehen, weil ſie drohten, ihn recht⸗ lich zu belangen, begab er ſich bei dem Prinzen in Dienſte. An dieſen wandte ſich nun der Haupterbe, dieſer Kaufmann, und that noch größere Erbietungen, als die ſchon geſchehen waren, wenn Biondello ſeinen Sinn ändern wollte. Aber auch die Fürſprache des Prinzen war umſonſt. Dieſem geſtand er zwar, daß ihm wirklich dergleichen Geheimniſſe anvertraut waäͤ⸗ ren; er laͤugnete auch nicht, daß der Verſtorbene im Haſſe gegen ſeine Familie vielleicht zu weit gegangen ſey, aber, ſetzte er hinzu, er war mein guter Herr und mein Wohlthäter, und im feſten Vertrauen auf meine Redlichkeit ſtarb er hin. Ich war der einzige Freund, den er auf der Welt verließ— um ſo we⸗ niger darf ich ſeine einzige Hoffnung hintergehen. Zugleich ließ er merken, daß dieſe Eröffnungen dem Andenken ſeines verſtorbe⸗ nen Herrn nicht ſehr zur Ehre gereichen dürften. Iſt das nicht fein gedacht und edel? Auch können Sie leicht denken, daß der Prinz nicht ſehr darauf beharrte, ihn in einer ſo löblichen Geſin⸗ nung wankend zu machen. Dieſe ſeltene Treue, die er gegen einen Todten bewies, hat ihm einen Lebenden gewonnen! Leben Sie gluͤcklich— liebſter Freund. Wie ſehne ich mich nach dem ſtillen Leben zuruͤck, in welchem Sie uns hier fanden und wofür Sie uns ſo angenehm entſchädigten! Ich fürchte, meine guten Zeiten in Venedig ſind vorbei, und Gewinn ge⸗ nug, wenn von dem Prinzen nicht das Nämliche wahr iſt. Das Element, worin er jetzt lebt, iſt dasjenige nicht, worin er in die Laͤnge glücklich ſeyn kann, oder eine ſechszehnjährige Er⸗ fahrung müͤßte mich betrügen. Baron von Frus an den Grafen von Orersr. Zweiter Brief. 18 Mai. Hätt' ich doch nicht gedacht, daß unſer Aufenthalt in Ve⸗ nedig noch zu irgend etwas gut ſeyn würde! Er hat einem Menſchen das Leben gerettet, ich bin mit ihm ausgeſöhnt. Der Prinz ließ ſich neulich, bei ſpater Nacht, aus dem Bucentauro nach Hauſe tragen; zwei Bediente, unter denen Biondello war, begleiteten ihn. Ich weiß nicht, wie es zugeht, die Saͤnfte, die man in der Eile aufgerafft hatte, geht entzwei, und der Prinz ſieht ſich genöthigt, den Reſt des Weges zu Fuße zu machen. Biondello geht voran, der Weg führte durch einige dunkle, abgelegene Straßen, und da es nicht weit mehr von Tages Anbruch war, ſo brannten die Lampen dunkel, oder waren ſchon ausgegangen. Eine Viertelſtunde mochte man gegangen ſeyn, als Biondello die Entdeckung machte, daß er verirrt ſey. Die Aehnlichkeit der Brucken hatte ihn getäuſcht, und anſtatt in St. Marcus uͤberzuſetzen, befand man ſich im Seſtiere von Caſtello. Es war in einer der abgelegenſten Gaſſen 216 und nichts Lebendes weit und breit, man mußte umkehren, um ſich in einer Hauptſtraße zu orientiren. Sie ſind nur we⸗ nige Schritte gegangen, als nicht weit von ihnen in einer Gaſſe ein Mordgeſchrei erſchallt. Der Prinz, unbewaffnet wie er war, reißt einem Bedienten den Stock aus den Häͤnden und mit dem entſchloſſenen Muthe, den Sie an ihm kennen, nach der Gegend zu, woher dieſe Stimme erſchallte. Drei fürchterliche Kerle ſind eben im Begriff, einen Vierten niederzuſtoßen, der ſich mit ſeinem Begleiter nur noch ſchwach vertheidigt; der Prinz er⸗ ſcheint noch eben zu rechter Zeit, um den tödtlichen Stich zu hindern. Sein und der Bedienten Rufen beſtürzt die Mörder, die ſich an einem ſo abgelegenen Orte auf keine Ueberraſchung verſehen hatten, daß ſie nach einigen leichten Dolchſtichen von ihrem Manne ablaſſen und die Flucht ergreifen. Halb ohn⸗ mäͤchtig und vom Ringen erſchöpft, ſinkt der Verwundete in den Arm des Prinzen; ſein Begleiter entdeckt dieſem, daß er den Marcheſe von Civitella, den Neffen des Cardinals Areei, gerettet habe. Da der Marcheſe viel Blut verlor, ſo machte Biondello, ſo gut er konnte, in der Eile den Wundarzt, und der Prinz trug Sorge, daß er nach dem Palaſte ſeines Oheims ge⸗ ſchafft wurde, der am naͤchſten gelegen war, und wohin er ihn ſelbſt begleitete. Hier verließ er ihn in der Stille und ohne ſich zu erkennen gegeben zu haben. Aber durch einen Bedienten, der Biondello erkannt hatte, ward er verrathen. Gleich den folgenden Morgen erſchien der Cardinal, eine alte Bekanntſchaft aus dem Bucentauro. Der Beſuch dauerte eine Stunde, der Cardinal war in großer Be⸗ wegung, als ſie herauskamen, Thranen ſtanden in ſeinen Augen, auch der Prinz war geruhrt. Noch an demſelben Abend wurde bei dem Kranken ein Beſuch abgeſtattet, von dem der Wundarzt übrigens das Beſte verſichert. Der Mantel, in den er gehüllt 217 war, hatte die Stöße unſicher gemacht und ihre Staͤrke gebro⸗ chen. Seit dieſem Vorfalle verſtrich kein Tag, an welchem der Prinz nicht im Hauſe des Cardinals Beſuche gegeben oder em⸗ pfangen haͤtte, und eine ſtarke Freundſchaft fängt an, ſich zwi⸗ ſchen ihm und dieſem Hauſe zu bilden. Der Cardinal iſt ein ehrwürdiger Sechsziger, majeſtaͤtiſch von Anſehen, voll Heiterkeit und friſcher Geſundheit. Man haͤlt ihn für einen der reichſten Prälaten im ganzen Gebiete der Republik. Sein unermeßliches Vermögen ſoll er noch ſehr ju⸗ gendlich verwalten und bei einer vernünftigen Sparſamkeit keine Weltfreude verſchmahen. Dieſer Neffe iſt ſein einziger Erbe, der aber mit ſeinem Oheim nicht immer im beſten Vernehmen ſtehen ſoll. So wenig der Alte ein Feind des Vergnügens iſt, ſo ſoll doch die Auffuͤhrung des Neffen auch die höchſte Tole⸗ ranz erſchöpfen. Seine freien Grundſätze und ſeine zugelloſe Lebensart, unglücklicherweiſe durch Alles unterſtützt, was Laſter ſchmücken und die Sinnlichkeit hinreißen kann, machen ihn zum Schrecken aller Väter und zum Fluch aller Ehemänner; auch dieſen letzten Angriff ſoll er ſich, wie man laut behauptet, durch eine Intrigue zugezogen haben, die er mit der Gemahlin des *rſchen Geſandten angeſponnen hatte: anderer ſchlimmen Hän⸗ del nicht zu gedenken, woraus ihn das Anſehen und das Geld des Cardinals nur mit Mühe hat retten können. Dieſes ab⸗ gerechnet, wäre Letzterer der beneidetſte Mann in ganz Italien, weil er Alles beſitzt, was das Leben wünſchenswerth machen kann. Mit dieſem einzigen Familienleiden nimmt das Glück alle ſeine Gaben zuruͤck und vergällt ihm den Genuß ſeines Vermögens durch die immerwaͤhrende Furcht, keinen Erben dazu zu finden. 3 Alle dieſe Nachrichten habe ich von Biondello. In dieſem Menſchen hat der Prinz einen wahren Schatz erhalten. Mit 218 jedem Tage macht er ſich unentbehrlicher, mit jedem Tage ent⸗ decken wir irgend ein neues Talent an ihm. Neulich hatte ſich der Prinz erhitzt und konnte nicht einſchlafen. Das Nachtlicht war ausgelöſcht, und kein Klingeln konnte den Kammerdiener erwecken, der außer dem Hauſe bei einer Operiſtin ſchlafen ge⸗ gangen war. Der Prinz entſchließt ſich alſo, ſelbſt aufzuſtehen, um einen ſeiner Leute zu errufen. Er iſt noch nicht weit ge⸗ gangen, als ihm von ferne eine liebliche Muſik entgegenſchallt. Er geht wie bezaubert dem Schalle nach und findet Biondello auf ſeinem Zimmer auf der Flöte blaſend, ſeine Cameraden um ihn her. Er will ſeinen Augen, ſeinen Ohren nicht trauen und befiehlt ihm fortzufahren. Mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit ertemporirt dieſer nun dasſelbe ſchmelzende Adagio mit den gluͤcklichſten Variationen und allen Feinheiten eines Virtuoſen. Der Prinz, der ein Kenner iſt, wie Sie wiſſen, behauptet, daß er ſich getroſt in der beſten Capelle hören laſſen dürfte. „Ich muß dieſen Menſchen entlaſſen,“ ſagte er mir den Morgen darauf,„ich bin unvermögend, ihn nach Verdienſt zu belohnen.“ Biondello, der dieſe Worte aufgefangen hatte, trat herzu. Gnadigſter Herr, ſagte er, wenn Sie das thun, ſo rau⸗ ben Sie mir meine beſte Belohnung. „Du biſt zu etwas Beſſerm beſtimmt, als zu dienen,“ ſagte mein Herr.„Ich darf dir nicht vor deinem Glücke ſeyn.“ Dringen Sie mir doch kein anderes Glück auf, gnaͤdigſter Herr, als das ich mir ſelbſt gewaͤhlt habe. „Und ein ſolches Talent vernachlaſſigen— Nein! Ich darf es nicht zugeben.“ So erlauben Sie mir gnaͤdigſter Herr, daß ich es zuweilen in Ihrer Gegenwart übe. Und dazu wurden auch ſogleich die Anſtalten getroffen. 219 Biondello erhielt ein Zimmer zunachſt am Schlafgemach ſeines Herrn, wo er ihn mit Muſik in den Schlummer wiegen und mit Muſik daraus erwecken kann. Seinen Gehalt wollte der Prinz verdoppeln, welches er aber verbat, mit der Erklaͤrung: der Prinz moͤchte ihm erlauben, dieſe zugedachte Gnade als ein Capital bei ihm zu deponiren, welches er vielleicht in kurzer Zeit nöthig haben würde zu erheben. Der Prinz erwartet nunmehr, daß er nächſtens kommen werde, um etwas zu bitten; und was es auch ſeyn moͤge, es iſt ihm zum voraus gewährt. Leben Sie wohl, liebſter Freund. Ich erwarte mit Ungeduld Nachrichten aus Kerrn. x Baron von Firu an den Grafen von Oieer⸗ Dritter Brief. 4 Junius. Der Marcheſe von Civitella, der von ſeinen Wunden nun ganz wieder hergeſtellt iſt, hat ſich vorige Woche durch ſeinen Onkel, den Cardinal, bei dem Prinzen einführen laſſen, und ſeit dieſem Tage folgt er ihm, wie ſein Schatten. Von dieſem Marcheſe hat mir Biondello doch nicht die Wahrheit geſagt, wenigſtens hat er ſie weit übertrieben. Ein ſehr liebenswür⸗ diger Menſch von Anſehen und unwiderſtehlich im Umgange. Es iſt nicht möglich, ihm gram zu ſeyn, der erſte Anblick hat mich erobert. Denken Sie ſich die bezauberndſte Figur, mit Würde und Anmuth getragen, ein Geſicht voll Geiſt und Seele, eine offene einladende Miene, einen einſchmeichelnden Ton der Stimme, die fließendſte Beredſamkeit, die bluͤhendſte Jugend, 2²0 mit allen Grazien der ſeinſten Erziehung vereinigt. Er hat gar nichts von dem geringſchaͤtzigen Stolze, von der feierlichen Steifheit, die uns an den übrigen Nobili ſo unertraglich fällt. Alles an ihm athmet jugendliche Frohherzigkeit, Wohlwollen, Warme des Gefühls. Seine Ausſchweifungen muß man mir weit üͤbertrieben haben; nie ſah ich ein vollkommneres, ſchöneres Bild der Geſundheit. Wenn er wirklich ſo ſchlimm iſt, als mir Biondello ſagt, ſo iſt es eine Sirene, der kein Menſch widerſtehen kann. 4 Gegen mich war er gleich ſehr offen. Er geſtand mir mit der angenehmſten Treuherzigkeit, daß er nicht am beſten bei ſeinem Onkel angeſchrieben ſtehe und es auch wohl verdient haben möge. Er ſey aber ernſtlich entſchloſſen, ſich zu beſſern, und das Verdienſt davon würde ganz dem Prinzen zufallen. Zugleich hoffe er, durch dieſen mit ſeinem Onkel wieder aus⸗ geſöhnt zu werden, weil der Prinz Alles uüber den Cardinal vermöge. Es habe ihm bis jetzt nur an einem Freunde und Füh⸗ rer gefehlt, und beides hoffe er ſich in dem Prinzen zu erwerben. Der Prinz bedient ſich auch aller Rechte eines Führers gegen ihn, und behandelt ihn mit der Wachſamkeit und Strenge eines Mentors. Aber eben dieſes Verhaltniß gibt auch ihm gewiſſe Rechte an den Prinzen, die er ſehr gut geltend zu machen weiß. Er kommt ihm nicht mehr von der Seite, er iſt bei allen Partien, an denen der Prinz Theil nimmt; für den Bucentauro iſt er— und das iſt ſein Gluck! bis jetzt nur zu jung geweſen. Ueberall, wo er ſich mit dem Prinzen einfindet, entführt er dieſen der Geſellſchaft durch die feine Art, womit er ihn zu beſchaftigen und auf ſich zu ziehen weiß. Niemand, ſagen ſie, habe ihn bandigen können, und der Prinz verdiene eine Legende, wenn ihm dieſes Rieſenwerk aufbehalten ſey. Ich fürchte aber ſehr, das Blatt moͤchte ſich vielmehr wenden, und 221 der Führer bei ſeinem Zöglinge in die Schule gehen, wozu ſich auch bereits alle Umſtande anzulaſſen ſcheinen. Der Prinz von»rdes iſt nun abgereist, und zu unſerm allerſeitigen Vergnügen, auch meinen Herrn nicht ausgenommen. Was ich voraus geſagt habe, liebſter O*er, iſt auch richtig ein⸗ getroffen. Bei ſo entgegengeſetzten Charakteren, bei ſo unver⸗ meidlichen Colliſionen konnte dieſes gute Vernehmen auf die Dauer nicht beſtehen. Der Prinz von»rder war nicht lange in Venedig, ſo entſtand ein bedenkliches Schisma in der ſpiri⸗ tuellen Welt, das unſern Prinzen in Gefahr ſetzte, die Halfte ſeiner bisherigen Bewunderer zu verlieren. Wo er ſich nur ſehen ließ, fand er dieſen Nebenbuhler in ſeinem Wege, der gerade die gehörige Doſis kleiner Liſt und ſelbſtgefälliger Eitel⸗ keit beſaß, um jeden noch ſo kleinen Vortheil geltend zu machen, den ihm der Prinz über ſich gab. Weil ihm zugleich alle klein⸗ lichen Kunſtgriffe zu Gebote ſtanden, deren Gebrauch dem Prin⸗ zen ein edlesSelbſtgefühl unterſagte, ſo konnte es nicht fehlen, daß er nicht in kurzer Zeit die Schwachköpfe auf ſeiner Seite hatte, und an der Spitze einer Partie prangte, die ſeiner würdig war.*) Das Vernünftigſte ware freilich wohl geweſen, mit einem Gegner dieſer Art ſich in gar keinen Wettkampf einzulaſſen, und einige Monate früͤher ware dieß gewiß die Partie geweſen, welche der Prinz ergriffen hatte. Jetzt aber war er ſchon zu weit in den Strom geriſſen, um das Ufer ſo ſchnell wieder erreichen zu kön⸗ *) Das harte Urtheil, welches ſich der Baron von Fr*r*r hier und in einigen Stellen des erſten Br laubt, w mit mir uͤbertrieben fin 8 uͤber einen geiſtreichen Prinzen er⸗ ück hat, dieſen Prinzen naͤher zu kennen, den, und es dem eingenommenen Kopfe dieſes des Grafen v. Oun. 222 nen. Dieſe Nichtigkeiten hatten, wenn auch nur durch die Um⸗ ſtaͤnde, einen gewiſſen Werth bei ihm erlangt, und hatte er ſie auch wirklich verachtet, ſo erlaubte ihm ſein Stolz nicht, ihnen in einem Zeitpunkte zu entſagen, wo ſein Nachgeben weniger für einen freiwilligen Entſchluß, als für ein Geſtaͤndniß ſeiner Nie⸗ derlage würde gegolten haben. Das unſelige Hin⸗ und Wieder⸗ bringen vernachläſſigter, ſchneidender Reden von beiden Seiten kam dazu, und der Geiſt von Rivalitaͤt, der ſeine Anhanger erhitzte, hatte auch ihn ergriffen. Um alſo ſeine Eroberungen zu bewahren und ſich auf dem ſchluͤpfrigen Platze zu erhalten, den ihm die Meinung der Welt einmal angewieſen hatte, glaubte er die Gelegenheiten häufen zu müſſen, wo er glaͤnzen und ver⸗ binden konnte, und dieß konnte nur durch einen fürſtlichen Aufwand erreicht werden; daher ewige Feſte und Gelage, koſt⸗ bare Concerte, Präſente und hohes Spiel. Und weil ſich dieſe ſeltſame Raſerei bald auch der beiderſeitigen Suite und Diener⸗ ſchaft mittheilte, die, wie Sie wiſſen, uͤber den Artikel der Ehre noch weit wachſamer zu halten pflegt, als ihre Herrſchaft, ſo mußte er dem guten Willen ſeiner Leute durch ſeine Freigebig⸗ keit zu Hlfe kommen. Eine ganze lange Kette von Armſelig⸗ keiten, Alles unvermeidliche Folgen einer einzigen ziemlich ver⸗ zeihlichen Schwachheit, von der ſich der Prinz in einem unglück⸗ lichen Augenblick überſchleichen ließ! Den Nebenbuhler ſind wir zwar nun los, aber, was er verdorben hat, iſt nicht ſo leicht wieder gut zu machen. Des Prinzen Schatulle iſt erſchöpft; was er durch eine weiſe Oeko⸗ nomie ſeit Jahren erſpart hat, iſt dahin; wir müſſen eilen, aus Venedig zu kommen, wenn er ſich nicht in Schulden ſtür⸗ zen ſoll, wovor er ſich bis jetzt auf das ſorgfaltigſte gehütet hat. Die Abreiſe iſt auch feſt beſchloſſen, ſobald nur erſt friſche Wechſel da ſind. 223 Möchte indeß aller dieſer Aufwand gemacht ſeyn, wenn mein Herr nur eine einzige Freude dabei gewonnen hätte! Aber nie war er weniger glücklich, als jetzt! Er fühlt, daß er nicht iſt, was er ſonſt war— er ſucht ſich ſelbſt— er iſt unzufrie⸗ den mit ſich ſelbſt, und ſtuͤrzt ſich in neue Zerſtreuungen, um den Folgen der alten zu entfliehen. Eine neue Bekanntſchaft folgt auf die andere, die ihn immer tiefer hinein reißt. Ich ſehe nicht, wie das noch werden ſoll. Wir müſſen fort— hier iſt keine andere Rettung— wir müſſen fort aus Venedig. Aber, liebſter Freund, noch immer keine Zeile von Ihnen! Wie muß ich dieſes lange hartnackige Schweigen mir erklären? BVaron von Frun an den Grafen von Orres⸗ Vierter Brief. 12 Junius. Haben Sie Dank, liebſter Freund, für das Zeichen Ihres Andenkens, das mir der junge Beerhl von Ihnen überbrachte. Aber was ſprechen Sie darin von Briefen, die ich erhalten ha⸗ ben ſoll? Ich habe keinen Brief von Ihnen erhalten, nicht eine Zeile. Welchen weiten Umweg muſſen die genommen haben! Künftig, liebſter Orrr, wenn Sie mich mit Briefen beehren, ſenden Sie ſolche uͤber Trient und unter der Adreſſe meines Herrn. Endlich haben wir den Schritt doch thun müſſen, liebſter Freund, den wir bis jetzt ſo glücklich vermieden haben.— Die Wechſel ſind ausgeblieben, jetzt in dieſem dringenden Bedürf⸗ niſſe zum erſten Mal ausgeblieben, und wir waren in die Noth⸗ 224 wendigkeit geſetzt, unſere Zuflucht zu einem Wucherer zu neh⸗ men, weil der Prinz das Geheimniß gern etwas theuer be⸗ zahlt. Das Schlimmſte an dieſem unangenehmen Vorfall iſt, daß es unſere Abreiſe verzögert. Bei dieſer Gelegenheit kam es zu einigen Erläuterungen zwiſchen mir und dem Prinzen. Das ganze Geſchaft war durch Biondello's Hände gegangen, und der Ebräer war da, eh' ich etwas davon ahnete. Den Prinzen zu dieſer Ertremitaͤt ge⸗ bracht zu ſehen, preßte mir das Herz, und machte alle Erinne⸗ rungen der Vergangenheit, alle Schrecken füͤr die Zukunft in mir lebendig, daß ich freilich etwas graͤmlich und düſter aus⸗ geſehen haben mochte, als der Wucherer hinaus war. Der Prinz, den der vorhergehende Auftritt ohnehin ſehr reizbar ge⸗ macht hatte, ging mit Unmuth im Zimmer auf und nieder, die Rollen lagen noch auf dem Tiſche, ich ſtand am Fenſter und beſchäaͤftigte mich, die Scheiben in der Procuratie zu zählen, es war eine lange Stille, endlich brach er los. „Frrr!“ fing er an:„Ich kann keine finſtern Geſichter um mich leiden.“ Ich ſchwieg. „Warum antworten Sie mir nicht?— Seh' ich nicht, daß es Ihnen das Herz abdrüͤcken will, Ihren Verdruß aus⸗ zugießen? und ich will haben, daß Sie reden. Sie duͤrften ſonſt Wunder glauben, was für weiſe Dinge Sie verſchwiegen.“ Wenn ich finſter bin, gnaͤdigſter Herr, ſagte ich, ſo iſt es nur, weil ich Sie nicht heiter ſehe. „Ich weiß⸗“ fuhr er fort,„daß ich Ihnen nicht recht bin— ſchon ſeit geraumer Zeit— daß alle meine Schritte mißbilligt werden— daß— Was ſchreibt der Graf von O*? Der Graf von Orer hat mir nichts geſchrieben. „Nichts? Warum wollen Sie es läugnen? Sie haben Her⸗ 225 zensergießungen zuſammen— Sie und der Graf. Ich weiß es recht gut. Aber geſtehen Sie mir's immer. Ich werde mich nicht in Ihre Geheimniſſe eindringen.“ Der Graf von O'rr, ſagte ich, hat mir von drei Briefen, die ich ihm ſchrieb, noch den erſten zu beantworten. „Ich habe Unrecht gethan,“ fuhr er fort.„Nicht wahr? (eine Rolle ergreifend) Ich haͤtte das nicht thun ſollen?“ Ich ſehe wohl ein, daß dieß nothwendig war. „Ich hätte mich nicht in die Nothwendigkeit ſetzen ſollen?“ Ich ſchwieg. „Freilich! Ich hatte mich mit meinen Wünſchen nie über das hinaus wagen ſollen und daruber zum Greiſe werden, wie ich zum Manne geworden bin! Weil ich aus der trauri⸗ gen Einförmigkeit meines bisherigen Lebens einmal heraus⸗ gehe und herumſchaue, ob nicht irgend anderswo eine Quelle des Genuſſes für mich ſpringt— weil ich—“ Wenn es ein Verſuch war, gnaͤdigſter Herr, dann hab' ich nichts mehr zu ſagen— dann ſind die Erfahrungen, die er ihnen verſchafft haben wird, noch mit Dreimal ſo viel nicht zu theuer erkauft. Es thut mir weh, ich geſtehe es, daß die Meinung der Welt über eine Frage, wie Sie glücklich ſeyn ſollen, zu entſcheiden haben ſollte. „Wohl Ihnen, daß Sie verachten können die Meinung der Welt! Ich bin ihr Geſchöpf, ich muß ihr Sklave ſeyn. Was ſind wir anders, als Meinung? Alles an uns Fürſten iſt Mei⸗ nung. Die Meinung iſt unſere Amme und Erzieherin in der Kindheit, unſere Geſetzgeberin und Geliebte in maͤnnlichen Jah⸗ ren, unſere Krücke im Alter. Nehmen Sie uns, was wir von der Meinung haben, und der Schlechteſte aus den unterſten Claſſen iſt beſſer daran als wir, denn ſein Schickſal hat ihm doch eine Philoſophie ſeines Schickſals geſchaffen. Ein Fürſt, Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 15 226 der die Meinung verlacht, hebt ſich ſelbſt auf, wie der Prie⸗ ſter, der das Daſeyn eines Gottes laugnet.“ Und dennoch, gnädigſter Prinz— „Ich weiß, was Sie ſagen wollen. Ich kann den Kreis überſchreiten, den meine Geburt um mich gezogen hat— aber kann ich auch alle Wahnbegriffe aus meinem Gedachtniſſe her ausreißen, die Erziehung und frühe Gewohnheit darin gepflanzt, und hunderttauſend Thoren von euch immer feſter und feſter darin gegründet haben? Jeder will doch gern ganz ſeyn, was er iſt, und unſere Exiſtenz iſt nun einmal, glücklich ſchei⸗ nen. Weil wir es nicht ſeyn können auf eure Weiſe, ſollen wir es darum gar nicht ſeyn? Wenn wir die Freude aus ihrem reinen Quell unmittelbar nicht mehr ſchöpfen dürfen, ſollen wir uns auch nicht mit einem künſtlichen Genuſſe hintergehen, nicht von eben der Hand, die uns beraubte, eine ſchwache Entſchädigung empfangen dürfen?“ Sonſt fanden Sie dieſe in Ihrem Herzen. „Wenn ich ſie nun nicht mehr darin finde?— O wie kom⸗ men wir darauf? Warum mußten Sie dieſe Erinnerungen in mir aufwecken?— Wenn ich nun eben zu dieſem Sinnen⸗ tumult meine Zuflucht nahm, um eine innere Stimme zu be⸗ tauben, die das Unglück meines Lebens macht— um dieſe grübelnde Vernunft zur Ruhe zu bringen, die wie eine ſchnei⸗ dende Sichel in meinem Gehirne hin und her faͤhrt, und mit jeder neuen Forſchung einen neuen Zweig meiner Glüͤckſelig⸗ keit zerſchneidet?“ Mein beſter Prinz!— Er war aufgeſtanden und ging im Zimmer herum in ungewöͤhnlicher Bewegung.*) *) Ich habe mir Muͤhe gegeben, liebſter Orre, das wichtige Geſpraͤch, das ſich jetzt zwiſchen uns entſpann, Ihnen ganz ſo, wie es vorfiel, 227 „Wenn Alles vor mir und hinter mir verſinkt— die Ver⸗ gangenheit im traurigen Einerlei, wie ein Reich der Verſtei⸗ nerung, hinter mir liegt— wenn die Zukunft mir nichts bie⸗ tet— wenn ich meines Daſeyns ganzen Kreis im ſchmalen Raume der Gegenwart beſchloſſen ſehe— wer verargt es mir, daß ich dieſes magere Geſchenk der Zeit, feurig und unerſatt⸗ lich, wie einen Freund, den ich zum letzten Male ſehe, in meine Arme ſchließe? Wenn ich mit dieſem flüchtigen Gute zu wuchern eile, wie der achtzigjahrige Greis mit ſeiner Tiare?— O ich hab' ihn ſchätzen lernen, den Augenblick! Der Augenblick iſt unſere Mutter, und wie eine Mutter laßt uns ihn lieben!“ Gnaͤdigſter Herr, ſonſt glaubten Sie an ein bleibenderes Gut— „ machen Sie, daß mir das Wolkenbild halte, und ich will meine glühenden Arme darum ſchlagen. Was für Freude kann es mir geben, Erſcheinungen zu beglücken, die morgen da⸗ hin ſeyn werden, wie ich?— Iſt nicht Alles Flucht um mich⸗ herum? Alles ſtößt ſich und draͤngt ſeinen Nachbar weg, aus dem Quell des Daſeyns einen Tropfen eilend zu trinken und lechzend davon zu gehen. Jetzt, in dem Augenblicke, wo ich meiner Kraft mich freue, iſt ſchon ein werdendes Leben an getreu zu uͤberlieſern; aber dieß war mir unmoͤglich, ob ich mich gleich noch an demſelbigen Abend daran machte. Um meinem eige⸗ nen Gedaͤchtniſſe nachzuhelfen, mußte ich die hingeworfenen Ideen des Prinzen in eine gewiſſe Drdnung binden, die ſie nicht hatten; und ſo entſtand denn dieſes Mittelding von freiem Geſpraͤch und philoſophiſcher Vorleſung, das beſſer und ſchlechter iſt als die Quelle, aus der ich es ſchoͤpfe; doch verſichere ich Ihnen, daß ich dem Prin⸗ zen eher genommen, als gegeben habe, und daß nichts davon mein iſt, als die Anordnung— und einige Anmerkungen, die Sie an itz⸗ rer Albernheit ſchon erkennen werden. Anm. des Barons v. Fre 228 meine Verweſung angewieſen. Zeigen Sie mir ein Weſen, das dauert, ſo will ich tugendhaft ſeyn.“ Was hat denn die wohlthätigen Empfindungen verdrangt, die einſt der Genuß und die Richtſchnur Ihres Lebens waren? Saaten für die Zukunft zu pflanzen, einer hohen, ewigen Ordnung zu dienen— „Zukunft! ewige Ordnung!— Nehmen wir hinweg, was der Menſch aus ſeiner eigenen Bruſt genommen, und ſeiner eingebildeten Gottheit als Zweck, der Natur als Geſetz unter⸗ geſchoben hat.— Was bleibt uns dann übrig? „Was mir vorherging und was mir folgen wird, ſehe ich als zwei ſchwarze undurchdringliche Decken an, die an beiden Graͤnzen des menſchlichen Lebens herunterhängen, und welche noch kein Lebender aufgezogen hat. Schon viele hundert Gene⸗ rationen ſtehen mit der Fackel davor, und rathen und rathen, was etwa dahinter ſeyn moͤchte. Viele ſehen ihren eigenen Schatten, die Geſtalten ihrer Leidenſchaft, vergrößert auf der Decke der Zukunft ſich bewegen, und fahren ſchaudernd vor ihrem eigenen Bilde zuſammen. Dichter, Philoſophen und Staaten⸗ ſtifter haben ſie mit ihren Traͤumen bemalt, lachender oder finſterer, wie der Himmel über ihnen trüber oder heiterer war; und von weitem taͤuſchte die Perſpective. Auch manche Gauk⸗ ler nützten dieſe allgemeine Neugier, und ſetzten durch ſeltſame Vermummungen die geſpannten Phantaſien in Erſtaunen. Eine tiefe Stille herrſcht hinter dieſer Decke; keiner, der einmal dahinter iſt, antwortet hinter ihr hervor; Alles, was man hoͤrte, war ein hohler Widerſchall der Frage, als ob man in eine Gruft gerufen haͤtte. Hinter dieſe Decke müſſen Alle, und mit Schaudern faſſen ſie ſie an, ungewiß, wer wohl dahinter ſtehe und ſie in Empfang nehmen werde; quid sit id, quod tantum morituri vident. Freilich gab es auch Ungläubige darunter, die 229 behaupteten, daß die Decke die Menſchen nur narre, und daß man nichts beobachtet hätte, weil auch nichts dahinter ſey; aber um ſie zu uͤberweiſen, ſchickte man ſie eilig dahinter.“ Ein raſcher Schluß war es immer, wenn ſie keinen beſſern Grund hatten, als weil ſie nichts ſahen. „Sehen Sie nun, lieber Freund, ich beſcheide mich gern, nicht hinter dieſe Decke blicken zu wollen— und das Weiſeſte wird doch wohl ſeyn, mich von aller Neugier zu entwöhnen. Aber indem ich dieſen unüberſchreitbaren Kreis um mich ziehe und mein ganzes Seyn in die Schranken der Gegenwart ein⸗ ſchließe, wird mir dieſer kleine Fleck deſto wichtiger, den ich ſchon, uͤber eiteln Eroberungsgedanken, zu vernachläſſigen in Gefahr war. Das, was Sie den Zweck meines Daſeyns nen⸗ nen, geht mich jetzt nichts mehr an. Ich kann mich ihm nicht entziehen; ich kann ihm nicht nachhelfen; ich weiß aber und glaube feſt, daß ich einen ſolchen Zweck erfüllen muß und erfülle. Aber das Mittel, das die Natur erwaͤhlt hat, um ihren Zweck mit mir zu erfüllen, iſt mir deſto heiliger— es iſt Alles, was mein iſt, meine Moralitaͤt nämlich, meine Gluͤckſeligkeit. Alles Uebrige werde ich niemals erfahren. Ich bin einem Boten gleich, der einen verſiegelten Brief an den Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung tragt. Was er enthalt, kann ihm einerlei ſeyn— er hat nichts als ſein Botenlohn dabei zu verdienen.“ O wie arm laſſen Sie mich ſtehen! „Aber wohin haben wir uns verirret?“ rief jetzt der Prinz aus, indem er laͤchelnd auf den Tiſch ſah, wo die Rollen lagen. „Und doch nicht ſo ſehr verirret!“ ſetzte er hinzu—„denn vielleicht werden Sie mich jetzt in dieſer neuen Lebensart wieder finden. Auch ich konnte mich nicht ſo ſchnell von dem einge⸗ bildeten Reichthum entwöhnen, die Stüͤtzen meiner Moralitaͤt und meiner Gluckſeligkeit nicht ſo ſchnell von dem lieblichen 230 Traume abloͤſen, mit welchem Alles, was bis jetzt in mir gelebt hatte, ſo feſt verſc=hlungen war. Ich ſehnte mich nach dem Leichtſinne, der das Daſeyn der mehrſten Menſchen um mich her erträglich macht. Alles, was mich mir ſelbſt ent⸗ führte, war mir willkommen. Soll ich es Ihnen geſtehen? Ich wunſchte zu ſinken, um dieſe Quelle meines Leidens auch mit der Kraft dazu zu zerſtoren.“ Hier unterbrach uns ein Beſuch— Kunftig werde ich Sie von einer Neuigkeit unterhalten, die Sie wohl ſchwerlich auf ein Geſpräch, wie das heutige, erwarten durften. an den Grafen von O'e. Baron von 1 Fünfter Brief. Julius. Da unſer Abſchied von Venedig nunmehr mit ſtarken Schritten herannaht, ſo ſollte dieſe Woche noch dazu angewandt werden, alles Sehenswürdige an Gemaͤlden und Gebäuden noch nachzuholen, was man bei einem langen Aufenthalte immer verſchiebt. Beſonders hatte man uns mit vieler Bewunderung von der Hochzeit zu Cana des Paul Verone ſe geſprochen, die auf der Inſel St. Georg in einem dortigen Benedictiner⸗ kloſter zu ſehen iſt. Erwarten Sie von mir keine Beſchreibung dieſes außerordentlichen Kunſtwerks, das mir im Ganzen zwar einen ſehr überraſchenden, aber nicht ſehr genußreichen Anblick gegeben hat. Wir häͤtten ſo viele Stunden als Minuten ge⸗ braucht, um eine Compoſition von hundert und zwanzig Figuren zu umfaſſen, die uͤber dreißig Fuß in der Breite hat. Welches — — 231 menſchliche Auge kann ein ſo zuſammengeſetztes Ganze erreichen, und die ganze Schönheit, die der Künſtler darin verſchwendet hat, in Einem Eindruck genießen! Schade iſt es indeſſen, daß ein Werk von dieſem Gehalte, das an einem öffentlichen Orte glänzen und von Jedermann genoſſen werden ſollte, keine beſſere Beſtimmung hat, als eine Anzahl Moͤnche in ihrem Refectorium zu vergnügen. Auch die Kirche dieſes Kloſters verdient nicht weniger geſehen zu werden. Sie iſt eine der ſchoͤnſten in dieſer Stadt. Gegen Abend ließen wir uns in die Giudecca uberfahren, um dort in den reizenden Gaͤrten einen ſchönen Abend zu ver⸗ leben. Die Geſellſchaft, die nicht ſehr groß war, zerſtreute ſich bald, und mich zog Civitella, der ſchon den ganzen Tag über Gelegenheit geſucht hatte, mich zu ſprechen, mit ſich in eine Boscage. „Sie ſind der Freund des Prinzen,“ fing er an,„vor dem er keine Geheimniſſe zu haben pflegt, wie ich von ſehr guter Hand weiß. Als ich heute in ſein Hotel trat, kam ein Mann heraus, deſſen Gewerbe mir bekannt iſt— und auf des Prinzen Stirn ſtanden Wolken, als ich zu ihm hereintrat“— Ich wollte ihn unterbrechen—„Sie können es nicht läugnen,“ fuhr er fort,„ich kannte meinen Mann, ich hab' ihn ſehr gut ins Auge gefaßt— und waͤr' es möglich? Der Prinz haͤtte Freunde in Venedig, Freunde, die ihm mit Blut und Leben verpflichtet ſind, und ſollte dahin gebracht ſeyn, in einem dringenden Falle ſich ſolcher Creaturen zu bedienen? Sey'n Sie aufrichtig, Baron!— Iſt der Prinz in Verlegenheit?— Sie bemühen ſich umſonſt, es zu verbergen. Was ich von Ihnen nicht erfahre, iſt mir bei einem Manne gewiß, dem iedes Ge⸗ heimniß feil iſt.“ Herr Marcheſe— 23² „Verzeihen Sie. Ich muß indiscret ſcheinen, um nicht ein Undankbarer zu werden. Dem Prinzen dank' ich Leben, und, was mir weit über das Leben geht, einen vernünftigen Gebrauch des Lebens. Ich ſollte den Prinzen Schritte thun ſehen, die ihm koſten, die unter ſeiner Würde ſind? Es ſtünde in meiner Macht, ſie ihm zu erſparen, und ich ſollte mich leidend dabei verhalten?“ Der Prinz iſt nicht in Verlegenheit, ſagte ich. Einige Wechſel, die wir uͤber Trient erwarteten, ſind uns unvermuthet ausgeblieben. Zufallig ohne Zweifel— oder weil man, in Un⸗ gewißheit wegen ſeiner Abreiſe, noch eine nahere Weiſung von ihm erwartete. Dieß iſt nun geſchehen, und bis dahin— Er ſchüttelte den Kopf.„Verkennen Sie meine Abſicht nicht,“ ſagte er.„Es kann hier nicht davon die Rede ſeyn, meine Verbindlichkeit gegen den Prinzen dadurch zu vermin⸗ dern— würden alle Reichthumer meines Onkels dazu hin⸗ reichen? Die Rede iſt davon, ihm einen einzigen unangeneh⸗ men Augenblick zu erſparen. Mein Oheim beſitzt ein großes Vermögen, worüber ich ſo gut als über mein Eigenthum dis⸗ poniren kann. Ein gluͤcklicher Zufall führt mir den einzigen moͤglichen Fall entgegen, daß dem Prinzen von Allem, was in meiner Gewalt ſteht, etwas nutzlich werden kann. Ich weiß,“ fuhr er fort,„was die Delicateſſe dem Prinzen auflegt— aber ſie iſt auch gegenſeitig— und es ware großmüthig von dem Prinzen gehandelt, mir dieſe kleine Genugthuung zu gönnen, geſchäh' es auch nur zum Scheine— um mir die Laſt von Verbindlichkeit, die mich niederdruckt, weniger fühlbar zu machen.“ Er ließ nicht nach, bis ich ihm verſprochen hatte, mein Möglichſtes dabei zu thun; ich kannte den Prinzen und hoffte darum wenig. Alle Bedingungen wollte er ſich von dem Letztern 233 gefallen laſſen, wiewohl er geſtand, daß es ihn empfindlich kräanken würde, wenn ihn der Prinz auf den Fuß eines Frem⸗ den behandelte. Wir hatten uns in der Hitze des Geſprachs weit von der übrigen Geſellſchaft verloren, und waren eben auf dem Rück⸗ wege, als Z**r uns entgegen kam. „Ich ſuche den Prinzen bei Ihnen— Iſt er nicht hier?—“ Eben wollen wir zu ihm. Wir vermutheten, ihn bei der übrigen Geſellſchaft zu finden— „Die Geſellſchaft iſt beiſammen, aber er iſt nirgends anzu⸗ treffen. Ich weiß gar nicht, wie er uns aus den Augen ge⸗ kommen iſt.“ Hier erinnerte ſich Civitella, daß ihm vielleicht eingefallen ſeyn könnte, die anſtoßende Kirche zu beſuchen, auf die er ihn kurz vorher ſehr aufmerkſam gemacht hatte. Wir machten uns ſogleich auf den Weg, ihn dort aufzuſuchen. Schon von wei⸗ tem entdeckten wir Biondello, der am Eingang der Kirche wartete. Als wir naher kamen, trat der Prinz etwas haſtig aus einer Seitenthür; ſein Geſicht gluhte, ſeine Augen ſuchten Biondello, den er herbeirief. Er ſchien ihm etwas ſehr ange⸗ legentlich zu befehlen, wobei er immer die Augen auf die Thür richtete, die offen geblieben war. Biondello eilte ſchnell von ihm in die Kirche— der Prinz, ohne uns gewahr zu werden, drückte ſich an uns vorbei, durch die Menge, und eilte zur Geſellſchaft zurück, wo er noch vor uns anlangte. Es wurde beſchloſſen, in einem offenen Pavillon dieſes Gar⸗ tens das Souper einzunehmen, wozu der Marcheſe, ohne unſer Wiſſen, ein kleines Concert veranſtaltet hatte, das ganz auser⸗ leſen war. Beſonders ließ ſich eine junge Saͤngerin dabei hören, die uns Alle durch ihre liebliche Stimme, wie durch ihre reizende Figur, entzuckte. Auf den Prinzen ſchien nichts Ein⸗ 234 druck zu machen; er ſprach wenig und antwortete zerſtreut; ſeine Augen waren unruhig nach der Gegend gekehrt, woher Biondello kommen mußte; eine große. Bewegung ſchien in ſei⸗ nem Innern vorzugehen. Civitella fragte, wie ihm die Kirche gefallen hatte; er wußte nichts davon zu ſagen. Man ſprach von einigen vorzuüglichen Gemaͤlden, die ſie merkwürdig machten; er hatte kein Gemaͤlde geſehen. Wir merkten, daß unſere Fra⸗ gen ihn belaͤſtigten und ſchwiegen. Eine Stunde verging nach der andern, und Biondello kam immer noch nicht. Des Prin⸗ zen Ungeduld ſtieg aufs höchſte; er hob die Tafel frühzeitig auf und ging in einer abgelegenen Allee ganz allein mit ſtarken Schritten auf und nieder. Niemand begriff, was ihm begegnet ſeyn mochte. Ich wagte es nicht, ihn um die Urſache einer ſo ſeltſamen Veraͤnderung zu befragen; es iſt ſchon lange, daß ich mir die vorigen Vertraulichkeiten nicht mehr bei ihm heraus⸗ nehme. Mit deſto mehr Ungeduld erwartete ich Biondello's Zuruckkunft, der mir dieſes Räthſel aufklaren ſollte. Es war nach zehn Uhr, als er wieder kam. Die Nachrichten, die er dem Prinzen mitbrachte, trugen nichts dazu bei, dieſen geſprächiger zu machen. Mißmuthig trat er zur Geſellſchaft, die Gondel wurde beſtellt, und bald darauf fuhren wir nach Hauſe. Den ganzen Abend konnte ich keine Gelegenheit finden, Biondello zu ſprechen; ich mußte mich alſo mit meiner unbe⸗ friedigten Neugierde ſchlafen legen. Der Prinz hatte uns früh⸗ zeitig entlaſſen, aber tauſend Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, erhielten mich munter. Lange hört' ich ihn uͤber meinem Schlafzimmer auf⸗ und niedergehen; endlich überwaltigte mich der Schlaf. Spaͤt nach Mitternacht erweckte mich eine Stimme — eine Hand fuhr über mein Geſicht; wie ich aufſah, war es der Prinz, der, ein Licht in der Hand, vor meinem Bette ſtand. 235 Er könne nicht einſchlafen, ſagte er, und bat mich, ihm die Nacht verkürzen zu helfen. Ich wollte mich in meine Kleider werfen— er befahl mir, zu bleiben und ſetzte ſich zu mir vor das Bette. „Es iſt mir heute etwas vorgekommen,“ fing er an,„davon der Eindruck aus meinem Gemüthe nie mehr verloͤſchen wird. Ich ging von Ihnen, wie Sie wiſſen, in die**r Kirche, worauf mich Civitella neugierig gemacht und die ſchon von ferne meine Augen auf ſich gezogen hatte. Weil weder Sie noch er mir gleich zur Hand waren, ſo machte ich die wenigen Schritte allein; Biondello ließ ich am Eingange auf mich warten. Die Kirche war ganz leer— eine ſchaurigkühle Dunkelheit umfing mich, als ich aus dem ſchwülen blendenden Tageslicht hineintrat. Ich ſah mich einſam in dem weiten Gewölbe, worin eine feierliche Grabſtille herrſchte. Ich ſtellte mich in die Mitte des Doms und überließ mich der ganzen Fülle dieſes Eindrucks; allmaͤhlich traten die großen Verhältniſſe dieſes majeſtätiſchen Baues meinen Augen bemerkbarer hervor, ich verlor mich in ernſter ergötzender Betrachtung. Die Abend⸗ glocke toͤnte über mir, ihr Ton verhallte ſanft in dieſem Ge⸗ wölbe, wie in meiner Seele. Einige Altarſtücke hatten von weitem meine Aufmerkſamkeit erweckt; ich trat naher, ſie zu betrachten; unvermerkt hatte ich dieſe ganze Seite der Kirche, bis zum entgegenſtehenden Ende, durchwandert. Hier lenkt man um einen Pfeiler einige Treppen hinauf in eine Neben⸗ capelle, worin mehrere kleinere Altare und Statuen von Hei⸗ ligen in Niſchen angebracht ſtehen. Wie ich in die Capelle zur Rechten hineintrete— höͤre ich nahe an mir ein zartes Wiſpern, wie wenn Jemand leiſe ſpricht— ich wende mich nach dem Tone und— zwei Schritte von mir faͤllt mir eine weibliche Geſtalt in die Augen—— Nein! ich kann ſie nicht nachſildern, 236 dieſe Geſtalt!— Schrecken war meine erſte Empfindung, die aber bald dem ſußeſten Hinſtaunen Platz machte.“ Und dieſe Geſtalt, gnadigſter Herr?— Wiſſen Sie auch gewiß, daß ſie etwas Lebendiges war, etwas Wirkliches, kein bloßes Gemaͤlde, kein Geſicht Ihrer Phantaſie? „Hören Sie weiter— Es war eine Dame— Nein! Ich hatte bis auf dieſen Augenblick dieß Geſchlecht nie geſehen!— Alles war duſter rings herum, nur durch ein einziges Fenſter fiel der untergehende Tag in die Capelle, die Sonne war nir⸗ gends mehr, als auf dieſer Geſtalt. Mit unausſprechlicher Anmuth— halb knieend, halb liegend— war ſie vor einem Altar hingegoſſen— der gewagteſte, lieblichſte, gelungenſte Umriß, einzig und unnachahmlich, die ſchönſte Linie in der Natur. In ſchwarzen Mohr war ſie gekleidet, der ſich ſpan⸗ nend um den reizendſten Leib, um die niedlichſten Arme ſchloß und in weiten Falten, wie eine ſpaniſche Robe, um ſie brei⸗ tete; ihr langes lichtblondes Haar, in zwei breite Flechten geſchlungen, die durch ihre Schwere losgegangen und unter dem Schleier hervorgedrungen waren, floß in reizender Unord⸗ nung weit uͤber den Rücken hinab— eine Hand lag an dem Crucifire, und ſanft hinſinkend ruhte ſie auf der andern. Aber wo finde ich Worte, Ihnen das himmelſchoͤne Angeſicht zu beſchreiben, wo eine Engelſeele, wie auf ihrem Thronſitze, die ganze Fülle ihrer Reize ausbreitete? Die Abendſonne ſpielte darauf, und ihr luftiges Gold ſchien es mit einer kuͤnſtlichen Glorie zu umgeben. Können Sie ſich die Madonna unſers Florentiners zurückrufen?— Hier war ſie ganz, ganz bis auf die unregelmaßigen Eigenheiten, die ich an jenem Bilde ſo anziehend, ſo unwiderſtehlich fand.“ Mit der Madonna, wovon der Prinz hier ſpricht, verhalt es ſich ſo. Kurz nachdem Sie abgereist waren, lernte er 237 einen florentiniſchen Maler hier kennen, der nach Venedig be⸗ rufen worden war, um fuͤr eine Kirche, deren ich mich nicht mehr entſinne, ein Altarblatt zu malen. Er hatte drei andere Gemaͤlde mitgebracht, die er für die Galerie im Cornari'ſchen Palaſte beſtimmt hatte. Die Gemäͤlde waren eine Madonna, eine Heloiſe und eine faſt ganz unbekleidete Venus— alle drei von ausnehmender Schoͤnheit, und, bei der höchſten Verſchieden⸗ heit, am Werthe einander ſo gleich, daß es beinahe unmöglich war, ſich für eins von den dreien ausſchließend zu entſcheiden. Nur der Prinz blieb nicht einen Augenblick unſchlüſſig; man hatte ſie kaum vor ihm ausgeſtellt, als das Madonnaſtuͤck ſeine ganze Aufmerkſamkeit an ſich zog; in den beiden uͤbrigen wurde das Genie des Künſtlers bewundert, bei dieſem vergaß er den Künſtler und ſeine Kunſt, um ganz im Anſchauen ſeines Werks zu leben. Er war ganz wunderbar davon gerührt; er konnte ſich von dem Stücke kaum losreißen. Der Kunſtler, dem man wohl anſah, daß er das Urtheil des Prinzen im Herzen be⸗ kraftigte, hatte den Eigenſinn, die drei Stücke nicht trennen zu wollen und forderte fünfzehnhundert Zechinen für alle. Die Halfte bot ihm der Prinz für dieſes einzige an— der Künſtler beſtand auf ſeiner Bedingung, und wer weiß, was noch geſchehen wäre, wenn ſich nicht ein entſchloſſener Kaäufer gefunden häͤtte. Zwei Stunden darauf waren alle drei Stücke weg; wir haben ſie nicht mehr geſehen. Dieſes Gemaͤlde kam dem Prinzen jetzt in Erinnerung. „Ich ſtand,“ fuhr er fort,„ich ſtand in ihren Anblick ver⸗ loren. Sie bemerkte mich nicht, ſie ließ ſich durch meine Dazwiſchenkunft nicht ſtören, ſo ganz war ſie in ihrer Andacht vertieft. Sie betete zu ihrer Gottheit, und ich betete zu ihr— Ja, ich betete ſie an— Alle dieſe Bilder der Heiligen, dieſe Altäre, dieſe brennenden Kerzen hatten mich nicht darin erinnert; 238 jetzt zum erſten Male ergriff mich's, als ob ich in einem Heilig⸗ thume ware. Soll ich es Ihnen geſtehen? Ich glaubte in dieſem Augenblicke felſenfeſt an den, den ihre ſchöne Hand umfaßt hielt. Ich las ja ſeine Antwort in ihren Augen. Dank ihrer reizenden Andacht! Sie machte mir ihn wirklich — ich folgte ihr nach durch alle ſeine Himmel. „Sie ſtand auf, und jetzt erſt kam ich wieder zu mir ſelbſt. Mit ſchuͤchterner Verwirrung wich ich auf die Seite; das Gerauſch, das ich machte, entdeckte mich ihr. Die unvermuthete Naͤhe eines Mannes mußte ſie überraſchen, meine Dreiſtigkeit konnte ſie beleidigen; keines von beiden war in dem Blicke, womit ſie mich anſah. Ruhe, unausſprechliche Ruhe war darin, und ein gütiges Lächeln ſpielte um ihre Wangen. Sie kam aus ihrem Himmel— und ich war das erſte gluckliche Geſchöpf⸗ das ſich ihrem Wohlwollen anbot. Sie ſchwebte noch auf der letzten Sproſſe des Gebets— ſie hatte die Erde noch nicht berührt. „In einer andern Ecke der Capelle regte es ſich nun auch. Eine ältliche Dame war es, die dicht hinter mir von einem Kirchſtuhl aufſtand. Ich hatte ſie bis jetzt nicht wahrgenommen. Sie war nur wenige Schritte von mir, ſie hatte alle meine Bewegungen geſehen. Dieß beſtürzte mich— ich ſchlug die Augen zu Boden, und man rauſchte an mir vorüber.“ Ueber das Letzte glaubte ich den Prinzen beruhigen zu können. 4 „Sonderbar!“ fuhr der Prinz nach einem tiefen Stillſchwei⸗ gen fort.„Kann man etwas nie gekannt, nie gemißt haben und einige Augenblicke ſpaͤter nur in dieſem Einzigen leben? Kann ein einziger Moment den Menſchen in zwei ſo ungleichartige Weſen zertrennen? Es ware mir eben ſo unmöglich, zu den Freuden und Wünſchen des geſtrigen Morgens, als zu den 239 Spielen meiner Kindheit zurückzukehren, ſeit ich das ſah, ſeit⸗ dem dieſes Bild hier wohnet— dieſes lebendige, machtige Ge⸗ fühl in mir: du kannſt nichts mehr lieben, als das, und in dieſer Welt wird nichts mehr auf dich wirken!“ Denken Sie nach, gnaͤdigſter Herr, in welcher reizbaren Stimmung Sie waren, als dieſe Erſcheinung Sie überraſchte und wie Vieles zuſammen kam, Ihre Einbildungskraft zu ſpannen. Aus dem hellen blendenden Tageslichte, aus dem Gewühle der Straße plötzlich in dieſe ſtille Dunkelheit verſetzt — ganz den Empfindungen hingegeben, die, wie Sie ſelbſt geſtehen, die Stille, die Majeſtät dieſes Orts in Ihnen rege machte— durch Betrachtung ſchöner Kunſtwerke für Schönheit überhaupt empfaͤnglicher gemacht— zugleich allein und einſam, Ihrer Meinung nach— und nun auf einmal— in der Nähe von einer Maͤdchengeſtalt uͤberraſcht, wo Sie ſich keines Zeugen verſahen— von einer Schönheit, wie ich Ihnen gern zugebe, die durch eine vortheilhafte Beleuchtung, eine gluckliche Stel⸗ lung, einen Ausdruck begeiſterter Andacht noch mehr erhoben ward— was war natürlicher, als daß Ihre entzündete Phan⸗ taſie ſich etwas Idealiſches, etwas Ueberirdiſchvollkommenes daraus zuſammenſetzte? „Kann die Phantaſie etwas geben, was ſie nie empfangen hat?— und im ganzen Gebiete meiner Darſtellung iſt nichts, was ich mit dieſem Bilde zuſammenſtellen könnte. Ganz und unverändert, wie im Augenblicke des Schauens, liegt es in meiner Erinnerung; ich habe nichts, als dieſes Bild,— aber Sie könnten mir eine Welt dafür bieten!“ Gnaͤdigſter Prinz, das iſt Liebe. „Muß es denn nothwendig ein Name ſeyn, unter welchem ich glücklich bin? Liebe!— Erniedrigen Sie meine. Empfindung nicht mit einem Namen, den tauſend ſchwache Seelen miß⸗ — brauchen! Welcher Andere hat gefühlt, was ich fühle? Ein ſolches Weſen war noch nicht vorhanden, wie kann der Name fruͤher da ſeyn, als die Empfindung? Es iſt ein neues einziges Gefühl, neu entſtanden mit dieſem neuen einzigen Weſen und für dieſes Weſen nur möglich!— Liebe! Vor der Liebe bin ich ſicher!“ 1 Sie verſchickten Biondello— ohne Zweifel, um die Spur Ihrer Unbekannten zu verfolgen, um Erkundigungen von ihr einzuziehen? Was für Nachrichten brachte er Ihnen zuruͤck? „Biondello hat nichts entdeckt— ſo viel als gar nichts. Er fand ſie noch an der Kirchthuͤr. Ein bejahrter, anſtaͤndig ge⸗ kleideter Mann, der eher einem hieſigen Bürger, als einem Be⸗ dienten gleich ſah, erſchien, ſie nach der Gondel zu begleiten. Eine Anzahl Armer ſtellte ſich in Reihen, wie ſie voruͤberging und verließ ſie mit ſehr vergnügter Miene. Bei dieſer Gelegen⸗ heit, ſagt Biondello, wurde eine Hand ſichtbar, woran einige koſtbare Steine blitzten. Mit ihrer Begleiterin ſprach ſie Eini⸗ ges, das Biondello nicht verſtand; er behauptet, es ſey Griechiſch geweſen. Da ſie eine ziemliche Strecke nach dem Canale zu gehen hatten, ſo fing ſchon etwas Volk an, ſich zu ſammeln; das Außer⸗ ordentliche des Anblicks brachte alle Vorübergehenden zum Ste⸗ hen. Niemand kannte ſie— aber die Schönheit iſt eine geborne Königin. Alles machte ihr ehrerbietig Platz. Sie ließ einen ſchwarzen Schleier über das Geſicht fallen, der das halbe Ge⸗ wand bedeckte und eilte in die Gondel. Längs dem ganzen Canale der Giudecca behielt Biondello das Fahrzeug im Geſicht, aber es weiter zu verfolgen, unterſagte ihm das Gedrange.“ Aber den Gondolier hat er ſich doch gemerkt, um dieſen wenigſtens wieder zu erkennen? „Den Gondolier getraut er ſich ausfindig zu machen; doch iſt es keiner von denen, mit denen er Verkehr hat. Die Ar⸗ 241 men, die er ausfragte, konnten ihm weiter keinen Beſcheid geben, als daß Signora ſich ſchon ſeit einigen Wochen, und immer Sonnabends, hier zeige und noch allemal ein Goldſtück unter ſie vertheilt habe. Es war ein holländiſcher Ducaten, den er eingewechſelt und mir uͤberbracht hat.“ Eine Griechin alſo und von Stande, wie es ſcheint, von Vermoͤgen wenigſtens und wohlthatig. Das wäre fürs erſte genug, gnadigſter Herr— genug und faſt zu viel! Aber eine Griechin und in einer katholiſchen Kirche! „Warum nicht? Sie kann ihren Glauben verlaſſen haben. Ueberdieß— etwas Geheimnißvolles iſt hier immer— Warum die Woche nur Einmal? Warum nur Sonnabends in dieſe Kirche, wo dieſe gewöhnlich verlaſſen ſeyn ſoll, wie mir Bion⸗ dello ſagt?— Spaͤteſtens der kommende Sonnabend muß dieß entſcheiden. Aber bis dahin, lieber Freund, helfen Sie mir dieſe Kluft von Zeit überſpringen! Aber umſonſt! Stunden gehen ihren gelaſſenen Schritt, und meine Seele glühet! Und wenn dieſer Tag nun erſcheint— was dann, gnaͤdig⸗ ſter Herr? Was ſoll dann geſchehen? „Was geſchehen ſoll?— Ich werde ſie ſehen. Ich werde ihren Aufenthalt erforſchen. Ich werde erfahren, wer ſie iſt? — Was kann mich dieſes bekümmern? Was ich ſah, machte mich glücklich; alſo weiß ich ja ſchon Alles, was mich gluͤcklich machen kann!“ Und unſere Abreiſe aus Venedig, die auf den Anfang kom⸗ menden Monats feſtgeſetzt iſt? „Konnte ich im voraus wiſſen, daß Venedig noch einen ol⸗ chen Schatz fuͤr mich einſchließe?— Sie fragen mich aus mei⸗ nem geſtrigen Leben. Ich ſage Ihnen, daß ich nur von heute an bin und ſeyn will.“ Jetzt glaubte ich die Gelegenheit gefunden zu haben, dem Schillers ſaͤmmtl. Werke. N. 16 242 Marcheſe Wort zu halten. Ich machte dem Prinzen begreiflich, daß ſein langeres Bleiben in Venedig mit dem geſchwächten Zuſtande ſeiner Caſſe durchaus nicht beſtehen koͤnne und daß, im Falle er ſeinen Aufenthalt über den zugeſtandenen Termin verlängerte, auch von ſeinem Hofe nicht ſehr auf Unterſtützung würde zu rechnen ſeyn. Bei dieſer Gelegenheit erfuhr ich, was mir bis jetzt ein Geheimniß geweſen, daß ihm von ſeiner Schweſter, der regierenden wn von er, ausſchließend, vor ſei⸗ nen üͤbrigen Brudern und heimlich, anſehnliche Zuſchuſſe bezahlt werden, die ſie gern bereit ſeyn würde zu verdoppeln, wenn ſein Hof ihn im Stiche ließe. Dieſe Schweſter, eine fromme Schwarmerin, wie Sie wiſſen, glaubt die großen Erſparniſſe, die ſie bei einem ſehr eingeſchränkten Hofe macht, nirgends beſſer aufgehoben, als bei einem Bruder, deſſen weiſe Wohl⸗ thatigkeit ſie kennt und den ſie enthuſiaſtiſch verehrt. Ich wußte zwar ſchon längſt, daß zwiſchen Beiden ein ſehr genaues Verhältniß ſtatt findet, auch viele Briefe gewechſelt werden, aber weil ſich der bisherige Aufwand des Prinzen aus den be⸗ kannten Quellen hinläͤnglich beſtreiten ließ, ſo war ich auf die verborgene Hülfsquelle nie gefallen. Es iſt alſo klar, daß der Prinz Ausgaben gehabt hat, die mir ein Geheimniß waren und es noch jetzt ſind; und wenn ich aus ſeinem übrigen Cha⸗ rakter ſchließen darf, ſo ſind es gewiß keine andern, als die ihm zur Ehre gereichen. Und ich konnte mir einbilden, ihn ergruͤn⸗ det zu haben?— Um ſo weniger glaubte ich, nach dieſer Ent⸗ deckung, anſtehen zu dürfen, ihm das Anerbieten des Marcheſe zu offenbaren— welches, zu meiner nicht geringen Verwunde⸗ rung, ohne alle Schwierigkeit angenommen wurde. Er gab mir Vollmacht, dieſe Sache mit dem Marcheſe auf die Art, welche ich für die beſte hielt, abzuthun und dann ſogleich mit 243 dem Wucherer aufzuheben. An ſeine Schweſter ſollte unver⸗ züglich geſchrieben werden. Es war Morgen, als wir auseinander gingen. So un⸗ angenehm mir dieſer Vorfall, aus mehr als einer Urſache iſt und ſeyn muß, ſo iſt doch das Allerverdrießlichſte daran, daß er unſern Aufenthalt in Venedig zu verlaͤngern droht. Von dieſer anfangenden Leidenſchaft erwarte ich vielmehr Gu⸗ tes, als Schlimmes. Sie iſt vielleicht das kraftigſte Mittel, den Prinzen von ſeinen metaphyſiſchen Träumereien wieder zur ordinaren Menſchheit herabzuziehen: ſie wird die gewöhn⸗ liche Kriſe haben, und, wie eine künſtliche Krankheit, auch die alte mit ſich hinwegnehmen. Leben Sie wohl, liebſter Freund. Ich habe Ihnen alles dieß nach friſcher That hingeſchrieben. Die Poſt geht ſo⸗ gleich; Sie werden dieſen Brief mit dem vorhergehenden an Einem Tage erhalten. Barou von Ferzes an den Grafen von Oeses⸗ Sechster Brief. 20 Junius. Dieſer Civitella iſt doch der dienſtfertigſte Menſch von der Welt. Der Prinz hatte mich neulich kaum verlaſſen, als ſchon ein Billet von dem Marcheſe erſchien, worin mir die Sache aufs dringendſte empfohlen wurde. Ich ſchickte ihm ſogleich eine Ver⸗ ſchreibung in des Prinzen Namen, auf ſechstauſend Zechinen: in weniger als einer halben Stunde folgtelſie zuruͤck, nebſt der doppelten Summe, in Wechſeln ſowohl als baarem Golde. In die Erhöhung der Summe willigte endlich der Prinz; die Ver⸗ 244 ſchreibung aber, die nur auf ſechs Wochen geſtellt war, mußte angenommen werden. Dieſe ganze Woche ging in Erkundigungen nach der geheim⸗ nißvollen Griechin hin. Biondello ſetzte alle ſeine Maſchinen in Bewegung, bis jetzt aber war Alles vergeblich. Den Gondolier machte er zwar ausfindig; aus dieſem war aber nichts weiter herauszubringen, als daß er beide Damen auf der Inſel Murano ausgeſetzt habe, wo zwei Sanften auf ſie gewartet haͤtten, in die ſie geſtiegen ſeyen. Er machte ſie zu Englaͤnderinnen, weil ſie eine fremde Sprache geſprochen und ihn mit Gold bezahlt hatten. Auch ihren Begleiter kenne er nicht; er komme ihm vor, wie ein Spiegelfabricant aus Murano. Nun wußten wir wenigſtens, daß wir ſie nicht in der Giudecca zu ſuchen häͤtten, und daß ſie, aller Wahrſcheinlichkeit nach, auf der Inſel Murano zu Hauſe ſey; aber das Unglück war, daß die Beſchreibung, welche der Prinz von ihr machte, ſchlechterdings nicht dazu taugte, ſie einem Drit⸗ ten kenntlich zu machen. Gerade die leidenſchaftliche Aufmerkſam⸗ keit, womit er ihren Anblick gleichſam verſchlang, hatte ihn ge⸗ hindert, ſie zu ſehen; für alles das, worauf andere Menſchen ihr Augenmerk vorzüglich würden gerichtet haben, war er ganz blind geweſen; nach ſeiner Schilderung war man eher verſucht, ſie im Petrarch oder Taſſo, als auf einer venetianiſchen Inſel zu ſuchen. Außerdem mußte dieſe Nachfrage ſelbſt mit groͤßter Vorſicht geſchehen, um weder die Dame auszuſetzen, noch ſonſt ein anſtoßiges Aufſehen zu erregen. Weil Biondello, außer dem Prinzen, der Einzige war, der ſie, durch den Schleier wenig⸗ ſtens, geſehen hatte, und alſo wieder erkennen konnte, ſo ſuchte er, wo moͤglich, an allen Orten, wo ſie vermuthet werden konnte, zu gleicher Zeit zu ſeyn; das Leben des armen Menſchen war dieſe ganze Woche über nichts, als ein beſtändiges Rennen durch alle Straßen von Venedig. In der griechiſchen Kirche beſonders wurde keine Nachforſchung geſpart, aber Alles mit gleich ſchlech⸗ tem Erfolg; und der Prinz, deſſen Ungeduld mit jeder fehl⸗ geſchlagenen Erwartung ſtieg, mußte ſich endlich doch noch auß den nachſten Sonnabend vertröſten. Seine Unruhe war ſchrecklich. Nichts zerſtreute ihn, nichts vermochte ihn zu feſſeln. Sein ganzes Weſen war in fieberiſcher Bewegung, für alle Geſellſchaft war er verloren, und das Uebel wuchs in der Einſamkeit. Nun wurde er nie mehr von Be⸗ ſuchen belagert, als eben in dieſer Woche. Sein naher Abſchied war angekündigt, Alles drangte ſich herbei. Man mußte dieſe Menſchen beſchaftigen, um ihre argwöhniſche Aufmerkſamkeit von ihm abzuziehen; man mußte ihn beſchäftigen, um ſeinen Geiſt zu zerſtreuen. In dieſem Bedrangniſſe verfiel Civitella auf das Spiel, und um die Menge wenigſtens zu entfernen, ſollte hoch geſpielt werden. Zugleich hoffte er, bei dem Prinzen einen vorübergehenden Geſchmack an dem Spiele zu erwecken, der dieſen romanhaften Schwung ſeiner Leidenſchaft bald erſticken, und den man immer in der Gewalt haben wuͤrde, ihm wieder zu benehmen. „Die Karten,“ ſagte Civitella,„haben mich vor mancher Thorheit bewahrt, die ich im Begriff war zu begehen, manche wieder gut gemacht, die ſchon begangen war. Die Ruhe, die Vernunft, um die mich ein Paar ſchoͤne Augen brachten, habe ich oft am Pharo⸗ tiſch wiedergefunden, und nie hatten die Weiber mehr Gewalt über mich, als wenn mir's an Geld gebrach, um zu ſpielen.“ Ich laſſe dahingeſtellt ſeyn, in wie weit Civitella Recht hatte— aber das Mittel, worauf wir gefallen waren, fing bald an, noch gefaͤhrlicher zu werden, als das Uebel, dem es abhelfen ſollte. Der Prinz, der dem Spiele nur allein durch hohes Wagen einen fluͤchtigen Reiz zu geben wußte, fand bald keine Granzen mehr darin. Er war einmal aus ſeiner Achſe. Alles, was er that, nahm eine leidenſchaftliche Geſtalr an; Alles geſchah mit der 246 ungeduldigen Heftigkeit, die jetzt in ihm herrſchte. Sie kennen ſeine Gleichgültigkeit gegen das Geld; hier wurde ſie zur ganzlichen Unempfindlichkeit. Goldſtücke zerrannen wie Waſſer⸗ tropfen in ſeinen Händen. Er verlor faſt ununterbrochen, weil er ganz und gar ohne Aufmerkſamkeit ſpielte. Er verlor un⸗ geheure Summen, weil er wie ein verzweifelter Spieler wagte.— Liebſter Or*er, mit Herzklopfen ſchreib' ich es nie⸗ der— in vier Tagen waren die zwölftauſend Zechinen— und noch darüber verloren. Machen Sie mir keine Vorwürfe. Ich klage mich ſelbſt genug an. Aber konnt' ich es hindern? Hoͤrte mich der Prinz? Konnte ich etwas anders, als ihm Vorſtellung thun? Ich that, was in meinem Vermögen ſtand. Ich kann mich nicht ſchuldig finden. Auch Civitella verlor beträchtlich; ich gewann gegen ſechs⸗ hundert Zechinen. Das beiſpielloſe Unglück des Prinzen machte Aufſehen; um ſo weniger konnte er jetzt das Spiel verlaſſen. Civitella, dem man die Freude anſieht, ihn zu verbinden, ſtreckte ihm ſogleich die Summe vor. Die Lücke iſt zugeſtopft, aber der Prinz iſt dem Marcheſe vierundzwanzigtauſend Zechi⸗ nen ſchuldig. O wie ſehne ich mich nach dem Spargelde der frommen Schweſter!— Sind alle Fürſten ſo, liebſter Freund? Der Prinz betragt ſich nicht anders, als wenn er dem Marcheſe noch eine große Ehre erwieſen hatte, und dieſer ſpielt ſeine Rolle wenigſtens gut. Civitella ſuchte mich damit zu beruhigen, daß gerade dieſe Uebertreibung, dieſes außerordentliche Unglück das kraftigſte Mittel ſey, den Prinzen wieder zur Vernunft zu bringen. Mit dem Gelde habe es keine Noth. Er ſelbſt fühle dieſe Lücke gar nicht, und ſtehe dem Prinzen jeden Augenblick mit goch dreimal ſo viel zu Dienſten. Auch der Cardinal gab mir 247 die Verſicherung, daß die Geſinnung ſeines Neffen aufrichtig ſey, und daß er ſelbſt bereit ſtehe, für ihn zu gewahren. Das Traurigſte war, daß dieſe ungeheuern Aufopferungen ihre Wirkung nicht einmal erreichten. Man ſollte meinen, der Prinz habe wenigſtens mit Theilnehmung geſpielt? Nichts we⸗ niger. Seine Gedanken waren weit weg, und die Leidenſchaft, die wir unterdrücken wollten, ſchien von ſeinem Unglücke im Spiele nur mehr Nahrung zu erhalten. Wenn ein entſcheiden⸗ der Streich geſchehen ſollte und Alles ſich voll Erwartung um ſeinen Spieltiſch herum draͤngte, ſuchten ſeine Augen Biondello, um ihm die Neuigkeit, die er etwa mitbrächte, von dem An⸗ geſichte zu ſtehlen. Biondello brachte immer nichts— und das Blatt verlor immer. Das Geld kam übrigens in ſehr bedürftige Hände. Einige Excellenza, die, wie die böſe Welt ihnen nachſagt, ihr frugales Mittagsmahl in der Senatormütze ſelbſt von dem Markte nach Hauſe tragen, traten als Bettler in unſer Haus, und verließen es als wohlhabende Leute. Civitella zeigte ſie mir.„Sehen Sie,“ ſagte er,„wie vielen armen Teufeln es zu gute kommt, daß es einem geſcheidten Kopf einfällt, nicht bei ſich ſelbſt zu ſeyn! Aber das gefällt mir. Das iſt furſtlich und königlich! Ein großer Menſch muß auch in ſeinen Verirrungen noch Glückliche machen, und wie ein übertretender Strom die be⸗ nachbarten Felder befeuchten. Civitella denkt brav und edel— aber der Prinz iſt ihm vierundzwanzigtauſend Zechinen ſchuldig! Der ſo ſehnlich erwartete Sonnabend erſchien endlich, und mein Herr ließ ſich nicht abhalten, ſich gleich nach Mittag in der»er Kirche einzufinden. Der Platz wurde in eben der Capelle genommen, wo er ſeine Unbekannte das erſte Mal ge⸗ ſehen hatte, doch ſo, daß er ihr nicht ſogleich in die Augen 248 fallen konnte. Biondello hatte Befehl, an der Kirchthür Wache zu ſtehen und dort mit dem Begleiter der Dame Bekannt⸗ ſchaft anzuknüpfen. Ich hatte auf mich genommen, als ein unverdachtiger Vorübergehender bei der Rückfahrt in derſelben Gondel Platz zu nehmen, um die Spur der Unbekannten wei⸗ ter zu verfolgen, wenn das Uebrige mißlingen ſollte. An dem⸗ ſelben Orte, wo ſie ſich, nach des Gondoliers Ausſage, das vorige Mal hatte ausſetzen laſſen, wurden zwei Sanften ge⸗ miethet; zum Ueberfluſſe hieß der Prinz noch den Kammer⸗ junker von Z*rr in einer beſondern Gondel nachfolgen. Der Prinz ſelbſt wollte ganz ihrem Anblicke leben, und, wenn es anginge, ſein Glück in der Kirche verſuchen. Civitella blieb ganz weg, weil er bei dem Frauenzimmer in Venedig in zu übelm Rufe ſtand, um durch ſeine Einmiſchung die Dame nicht mißtrauiſch zu machen. Sie ſehen, libeſter Graf, daß es an unſern Anſtalten nicht lag, wenn die ſchöne Unbekannte uns entging. Nie ſind wohl in einer Kirche warmere Wünſche gethan worden, als in dieſer, und nte wurden ſie grauſamer getauſcht. Bis nach Sonnenuntergang harrte der Prinz aus, von jedem Geraäuſch, das ſeiner Capelle nahe kam, von jedem Knarren der Kirchthür in Erwartung geſetzt— ſieben volle Stunden— und keine Griechin! Ich ſage Ihnen nichts von ſeiner Ge⸗ müthslage. Sie wiſſen, was eine fehlgeſchlagene Hoffnung iſt — und eine Hoffnung, von der man ſieben Tage und ſieben Nachte faſt einzig gelebt hat. 249 Varon von Fei an den Grafen von Oreesr. Siebenter Brief. Julius. Die geheimnißvolle Unbekannte des Prinzen erinnerte den Marcheſe Civitella an eine romantiſche Erſcheinung, die ihm ſelbſt vor einiger Zeit vorgekommen war, und, um den Prinzen zu zerſtreuen, ließ er ſich bereit finden, ſie uns mitzutheilen. Ich erzähle ſie Ihnen mit ſeinen eigenen Worten. Aber der muntere Geiſt, womit er Alles, was er ſpricht, zu beleben weiß, geht freilich in meinem Vortrage verloren. (Hierauf folgt nachſtehendes Fragment, das früher im achten Hefte der Thalia erſchien und anfanglich für den zweiten Band des Geiſterſehers beſtimmt war. Es fand hier eine Stelle, da Schiller die Vollendung des Geiſterſehers aufgegeben hatte.) „Voriges Frühjahr,“ erzaͤhlte Civitella,„hatte ich das Un⸗ glück, den ſpaniſchen Ambaſſadeur gegen mich aufzubringen, der in ſeinem ſiebenzigſten Jahre die Thorheit begangen hatte, eine achtzehnjährige Römerin für ſich allein heirathen zu wollen. Seine Rache verfolgte mich, und meine Freunde riethen mir an, mich durch eine zeitige Flucht den Wirkungen derſelben ſzu entziehen, bis mich entweder die Hand der Natur oder eine gütliche Beilegung von dieſem gefahrlichen Feind befreit haben würde. Weil es mir aber doch zu ſchwer fiel, Venedig ganz zu entſagen, ſo nahm ich meinen Aufenthalt in einem entlegenen Quartier von Murano, wo ich unter einem fremden Namen ein einſames Haus bewohnte, den Tag über mich verborgen hielt, und die Nacht meinen Freunden und dem Vergnugen lebte. 250 „Meine Fenſter wieſen auf einen Garten, der von der Abendſeite an die Ringmauer eines Kloſters ſtieß, gegen Mor⸗ gen aber wie eine kleine Halbinſel in die Laguna hineinlag. Der Garten hatte die reizendſte Anlage, ward aber wenig beſucht. Des Morgens, wenn mich meine Freunde verließen, hatte ich die Gewohnheit, ehe ich mich ſchlafen legte, noch einige Augenblicke am Fenſter zuzubringen, die Sonne über dem Golf aufſteigen zu ſehen und ihr dann gute Nacht zu ſagen. Wenn Sie ſich dieſe Luſt noch nicht gemacht haben, gnäͤdigſter Prinz, ſo empfehle ich Ihnen dieſen Standort, den ausgeſuchteſten vielleicht in ganz Venedig, dieſe herrliche Erſcheinung zu ge⸗ nießen. Eine purpurne Nacht liegt über der Tiefe, und ein goldener Rauch verkündigt ſie von fern am Saum der Lagung. Erwartungsvoll ruhen Himmel und Meer. Zwei Winke, ſo ſteht ſie da, ganz und vollkommen und alle Wellen brennen— Es iſt ein entzückendes Schauſpiel! „Eines Morgens, als ich mich nach Gewohnheit der Luſt dieſes Anblicks überlaſſe, entdecke ich auf einmal, daß ich nicht der einzige Zeuge desſelben bin. Ich glaube Menſchenſtimmen im Garten zu vernehmen, und als ich mich nach dem Schall wende, nehme ich eine Gondel wahr, die an der Waſſerſeite landet. Wenige Augenblicke, ſo ſehe ich Menſchen im Garten hervorkommen, und mit langſamen Schritten, Spaziergehenden gleich, die Allee herauf wandeln. Ich erkenne, daß es eine Mannsperſon und ein Frauenzimmer iſt, die einen kleinen Neger bei ſich haben. Das Frauenzimmer iſt weiß gekleidet, und ein Brillant ſpielt an ihrem Finger; mehr läßt mich die Daͤmmerung noch nicht unterſcheiden. „Meine Neugier wird rege. Ganz gewiß ein Rendezvons und ein liebendes Paar— aber an dieſem Ort und zu einer ſo ganz ungewoͤhnlichen Stunde! denn kaum war es drei Uhr, und Alles lag noch in trübe Dämmernng verſchleiert. Der Einfall ſchien mir neu, und zu einem Roman die Anlage gemacht. Ich wollte das Ende erwarten. „In den Laubgewölben des Gartens verlier' ich ſie bald aus dem Geſicht, und es wird lange, bis ſie wieder erſcheinen. Ein angenehmer Geſang erfüllt unterdeſſen die Gegend. Er kam von dem Gondolier, der ſich auf dieſe Weiſe die Zeit in ſeiner Gondel verkürzte, und dem von einem Cameraden aus der Nachbarſchaft geantwortet wurde. Es waren Stanzen aus dem Taſſo; Zeit und Ort ſtimmten harmoniſch dazu, und die Melodie verklang lieblich in der allgemeinen Stille. „Nittlerweile war der Tag angebrochen, und die Gegen⸗ ſtande ließen ſich deutlicher erkennen. Ich ſuche meine Leute. Hand in Hand gehen ſie jetzt eine breite Allee hinauf und blei⸗ ben öͤfters ſtehen, aber ſie haben den Rücken gegen mich ge⸗ kehrt, und ihr Weg entfernt ſie von meiner Wohnung. Der Anſtand ihres Ganges läßt mich auf einen vornehmen Stand, und ein edler, engelſchöner Wuchs auf eine ungewöhnliche Schönheit ſchließen. Sie ſprachen wenig, wie mir ſchien, die Dame jedoch mehr, als ihr Begleiter. An dem Schauſpiel des Sonnenaufgangs, das ſich jetzt eben in höchſter Pracht uͤber ihnen verbreitete, ſchienen ſie gar keinen Antheil zu nehmen. „Indem ich meinen Tubus herbeihole und richte, um mir dieſe ſonderbare Erſcheinung ſo nahe zu bringen als möglich, verſchwinden ſie ploͤtzlich wieder in einem Seitenwege, und eine lange Zeit vergeht, ehe ich ſie wieder erblicke. Die Sonne iſt nun ganz aufgegangen, ſie kommen dicht unter mir vor und ſehen mir gerade entgegen.—— Welche himmliſche Geſtalt erblicke ich!— War es das Spiel meiner Einbildung, war es die Magie der Beleuchtung? Ich glaubte ein überirdiſches Weſen zu ſehen, und mein Auge floh zurück, geſchlagen von 25² dem blendenden Licht.— So viel Anmuth bei ſo viel Majeſtat! So viel Geiſt und Adel bei ſo viel blühender Jugend!— Um⸗ ſonſt verſuch' ich, es Ihnen zu beſchreiben. Ich kannte keine Schönheit vor dieſem Augenblick. „Das Intereſſe des Geſprächs verweilt ſie in meiner Nahe, und ich habe volle Muße, mich in dem wundervollen Anblick zu verlieren. Kaum aber ſind meine Blicke auf ihren Begleiter gefallen, ſo iſt ſelbſt dieſe Schoͤnheit nicht mehr im Stande, ſie zurüͤckzurufen. Er ſchien mir ein Mann zu ſeyn in ſeinen beſten Jahren, etwas hager und von großer, edler Statur— aber von keiner Menſchenſtirn ſtrahlte mir noch ſo viel Geiſt, ſo viel Hohes, ſo viel Göttliches entgegen. Ich ſelbſt, obgleich vor aller Entdeckung geſichert, vermochte es nicht, dem durch⸗ bohrenden Blick Stand zu halten, der unter den finſtern Augen⸗ brauen blitzewerfend hervorſchoß. Um ſeine Augen lag eine ſtille, ruͤhrende Traurigkeit, und ein Zug des Wohlwollens um die Lippen milderte den trüben Ernſt, der das ganze Geſicht überſchattete. Aber ein gewiſſer Schnitt des Geſichts, der nicht europaiſch war, verbunden mit einer Kleidung, die aus den verſchiedenſten Trachten, aber mit einem Geſchmacke, den Nie⸗ mand ihm nachahmen wird, kühn und glücklich gewäͤhlt war, gaben ihm eine Miene von Sonderbarkeit, die den außerordent⸗ lichen Eindruck ſeines ganzen Weſens nicht wenig erhöhte. Etwas Irres in ſeinem Blicke konnte einen Schwaͤrmer ver⸗ muthen laſſen, aber Gebärden und außerer Anſtand verkundigten einen Mann, den die Welt ausgebildet hat.“ „S**r, der, wie Sie wiſſen, Alles herausſagen muß, was er denkt, konnte hier nicht länger an ſich halten. Unſer Ar⸗ menier! rief er aus. Unſer ganzer Armenier, Niemand anders! 253 Was für ein Armenier, wenn man fragen darf? ſagte Ci⸗ vitella. Hat man Ihnen die Farce noch nicht erzählt? ſagte der Prinz. Aber keine Unterbrechung! Ich fange an, mich für Ihren Mann zu intereſſiren. Fahren Sie fort in Ihrer Erzahlung. „Etwas Unbegreifliches war in ſeinem Betragen. Seine Blicke ruhten mit Bedeutung, mit Leidenſchaft auf ihr, wenn ſte weg ſah, und ſie fielen zu Boden, wenn ſie auf die ihrigen trafen. Iſt dieſer Menſch von Sinnen? dachte ich. Eine Ewig⸗ keit wollt' ich ſtehen und nichts Anderes betrachten. „Das Gebüſche raubte ſie mir wieder. Ich wartete lange, lange, ſie wieder hervorkommen zu ſehen, aber vergebens. Aus einem andern Fenſter endlich entdeck' ich ſie aufs neue. „Vor einem Baſſin ſtanden ſie, in einer gewiſſen Entfer⸗ nung von einander, beide in tiefes Schweigen verloren. Sie mochten ſchon ziemlich lange in dieſer Stellung geſtanden ha⸗ ben. Ihr offnes, ſeelenvolles Auge ruhte forſchend auf ihm und ſchien jeden aufkeimenden Gedanken von ſeiner Stirn zu neh⸗ men. Er, als ob er nicht Muth genug in ſich fühlte, es aus der erſten Hand zu empfangen, ſuchte verſtohlen ihr Bild in der ſpiegelnden Fluth, oder blickte ſtarr auf den Delphin, der das Waſſer in das Becken ſpritzte. Wer weiß, wie lange dieſes ſtumme Spiel noch gedauert haben würde, wenn die Dame es hätte aushalten köͤnnen? Mit der liebenswürdigſten Holdſelig⸗ keit ging das ſchoͤne Geſchoͤpf auf ihn zu, faßte, den Arm um ſeinen Nacken flechtend, eine ſeiner Hande und führte ſie zum Munde. Gelaſſen ließ der kalte Menſch es geſchehen, und ihre Liebkoſung blieb unerwiedert. Aber es war etwas an dieſem Auftritte, was mich ruͤhrte. Der Mann war es, was mich rührte. Ein heftiger Affect ſchien in ſeiner Bruſt zu arbeiten, eine unwiderſtehliche Ge⸗ 254 walt ihn zu ihr hinzuziehen, ein verborgener Arm ihn zurück⸗ zureißen. Still, aber ſchmerzhaft war dieſer Kampf, und die Gefahr ſo ſchön an ſeiner Seite. Nein, dachte ich, er unter⸗ nimmt zu viel. Er wird, er muß unterliegen. „Auf einen heimlichen Wink von ihm verſchwindet der kleine Neger. Ich erwarte nun einen Auftritt von empfindſamer Art, eine knieende Abbitte, eine mit tauſend Küſſen beſiegelte Verſöhnung. Nichts von dem Allem. Der unbegreifliche Menſch nimmt aus einem Portefeuille ein verſiegeltes Paquet und gibt es in die Hande der Dame. Trauer überzieht ihr Geſicht, da ſie es anſieht, und eine Thraͤne ſchimmert in ihrem Auge. „Nach einem kurzen Stillſchweigen brechen ſie auf. Aus einer Seiten⸗Allee tritt eine bejahrte Dame zu ihnen, die ſich die ganze Zeit über entfernt gehalten hatte und die ich jetzt erſt entdecke. Langſam gehen ſie hinab, beide Frauenzimmer in Geſprach mit einander, wäaͤhrend deſſen er der Gelegenheit wahr⸗ nimmt, unvermerkt hinter ihnen zurückzubleiben. Unſchlüſſig und mit ſtarrem Blicke nach ihr hingewendet ſteht er und geht und ſteht wieder. Auf einmal iſt er weg im Gebuſche. „Vorn ſieht man ſich endlich um. Man ſcheint unruhig, ihn nicht mehr zu finden und ſteht ſtille, wie es ſcheint, ihn zu erwarten. Er kommt nicht! Die Blicke irren angſtlich umher, die, Schritte verdoppeln ſich. Meine Augen helfen den ganzen Garten durchſuchen. Er bleibt aus. Er iſt nirgends. „Auf einmal höͤr' ich am Canal etwas rauſchen, und eine Gondel ſtoͤßt vom Ufer. Er iſt's, und mit Mühe enthalt' ich mich, es ihr zuzuſchreien. Jetzt alſo war's am Tage— es war eine Abſchiedsſcene. „Sie ſchien zu ahnen, was ich wußte. Schneller, als die Andere ihr folgen kann, eilt ſie nach dem Ufer. Zu ſpat. Pfeilſchnell fliegt die Gondel dahin, und nur ein weißes Tuch 25⁵ flattert noch fern in den Lüͤften. Bald darauf ſeh' ich auch die Frauenzimmer uberfahren. „Als ich von einem kurzen Schlummer erwachte, mußte ich über meine Verblendung lachen. Meine Phantaſie hatte dieſe Begebenheit im Traume fortgeſetzt, und nun wurde mir auch die Wahrheit zum Traume. Ein Maͤdchen, reizend wie eine Houri, die vor Tagesanbruch in einem abgelegenen Garten vor meinem Fenſter mit ihrem Liebhaber luſtwandelt, ein Liebhaber, der von einer ſolchen Stunde keinen beſſern Gebrauch zu ma⸗ chen weiß, dieß ſchien mir eine Compoſition zu ſeyn, welche höchſtens die Phantaſie eines Traäumenden wagen und entſchul⸗ digen konnte. Aber der Traum war zu ſchön geweſen, um ihn nicht ſo oft als möglich zu erneuern, und auch der Garten war mir jetzt lieber geworden, ſeitdem ihn meine Phantaſie mit ſo reizenden Geſtalten bevölkert hatte. Einige unfreundliche Tage, die auf dieſen Morgen folgten, verſcheuchten mich von dem Fen⸗ ſter, aber der erſte heitere Abend zog mich unwillkürlich dahin. Urtheilen Sie von meinem Erſtaunen, als mir nach kurzem Suchen das weiße Gewand meiner Unbekannten entgegenſchim⸗ merte. Sie war es ſelbſt. Sie war's wirklich. Ich hatte nicht bloß geträumt. „Die vorige Matrone war bei ihr, die einen kleinen Kna⸗ ben füͤhrte; ſie ſelbſt aber ging in ſich gekehrt und ſeitwarts. Alle Plätze wurden beſucht, die ihr noch vom vorigen Male her durch ihren Begleiter merkwürdig waren. Beſonders lange verweilte ſie an dem Baſſin, und ihr ſtarr hingeheftetes Auge ſchien das geliebte Bild vergebens zu ſuchen. „Hatte mich dieſe hohe Schönheit das erſtemal hingeriſſen, ſo wirkte ſie heute mit einer ſanftern Gewalt auf mich, die nicht weniger ſtark war. Ich hatte jetzt vollkommen Freiheit, das himmliſche Bild zu betrachten; das Erſtaunen des erſten 256 Anblicks machte unvermerkt einer ſüßen Empfindung Platz. Die Glorie um ſie verſchwindet, und ich ſehe in ihr nichts mehr, als das ſchönſte aller Weiber, das meine Sinne in Gluth ſetzt. In dieſem Augenblick iſt es beſchloſſen. Sie muß mein ſeyn. „Indem ich bei mir ſelbſt überlege, ob ich hinunter gehe und mich ihr naͤhere, oder eh' ich dieſes wage, erſt Erkundigun⸗ gen von ihr einziehe, oͤffnet ſich eine kleine Pforte an der Klo⸗ ſtermauer, und ein Carmelitermönch tritt aus derſelben. Auf das Geraͤuſch, das er macht, verlaͤßt die Dame ihren Platz, und ich ſehe ſie mit lebhaften Schritten auf ihn zugehen. Er zieht ein Papier aus dem Buſen, wornach ſie begierig haſcht, und eine lebhafte Freude ſcheint in ihr Angeſicht zu fliegen. „In eben dieſem Augenblick treibt mich mein gewöhnlicher Abendbeſuch von dem Fenſter. Ich vermeide es ſorgfaltig, weil ich keinem Andern dieſe Eroberung gönne. Eine ganze Stunde muß ich in dieſer peinlichen Ungeduld aushalten, bis es mir endlich gelingt, dieſen Ueberläſtigen zu entfernen. Ich eile an mein Fenſter zurück, aber verſchwunden iſt Alles. „Der Garten iſt ganz leer, als ich hinuntergehe. Kein Fahrzeug mehr im Canal. Nirgends eine Spur von Men⸗ ſchen. Ich weiß weder, aus welcher Gegend ſie kam, noch wo⸗ hin ſie gegangen iſt. Indem ich, die Augen aller Orten her⸗ umgewandt, vor mich hinwandle, ſchimmert mir von fern etwas Weißes im Sand entgegen. Wie ich hinzutrete, iſt es ein Pa⸗ pier in Form eines Briefs geſchlagen. Was konnte es Anderes ſeyn, als der Brief, den der Carmeliter ihr uͤberbracht hatte. Glücklicher Fund! rief ich aus. Dieſer Brief wird mirz das ganze Geheimniß aufſchließen; er wird mich zum Herrn ihres Schickſals machen. „Der Brief war mit einer Sphinr geſtegelt, ohne Ueber⸗ ſchrift und in Chiffren verfaßt; dieß ſchreckte mich aber nicht 257 ab, weil ich mich auf das Dechiffriren verſtehe. Ich copire ihn geſchwind, denn es war zu erwarten, daß ſie ihn bald vermiſſen und zurückkommen wurde, ihn zu ſuchen. Fand ſie ihn nicht mehr, ſo mußte ihr dieß ein Beweis ſeyn, daß der Garten von mehreren Menſchen beſucht wuͤrde, und dieſe Entdeckung konnte ſie leicht auf immer daraus verſcheuchen. Was konnte meiner Hoffnung Schlimmeres begegnen? „Was ich vermuthet hatte, geſchah. Ich war mit meiner Copie kaum zu Ende, ſo erſchien ſie wieder mit ihrer vorigen Begleiterin, Beide angſtlich ſuchend. Ich befeſtige den Brief an einen Schiefer, den ich vom Dache losmache, und laſſe ihn an einen Ort herabfallen, an dem ſie vorbei muß. Ihre ſchöne Freude, als ſie ihn findet, belohnt mich für meine Großmuth. Mit ſcharfem, pruͤfendem Blick, als wollte ſie die unheilige Hand daran ausſpahen, die ihn berührt haben konnte, muſterte ſie ihn von allen Seiten; aber die zufriedene Miene, mit der ſie ihn einſteckte, bewies, daß ſie ganz ohne Arges war. Sie ging, und ein zurückfallender Blick ihres Auges nahm einen dankbaren Abſchied von den Schutzgöttern des Gartens, die das Geheimniß ihres Herzens ſo treu gehütet hatten. „Jetzt eilte ich, den Brief zu entziffern. Ich verſuchte es mit mehreren Sprachen; endlich gelang es mir mit der eng⸗ liſchen. Sein Inhalt war mir ſo merkwurdig, daß ich ihn auswendig behalten habe.“—, Ich werde unterbrochen, den Schluß ein andermal. Schillers ſämmtl. Werke. X. 17 258 ee Baron von Fre an den Grafen von Orwe⸗ Achter Brief. Auguft. Nein, liebſter Freund. Sie thun dem guten Biondello Unrecht. Gewiß, Sie hegen einen falſchen Verdacht. Ich gebe Ihnen alle Italiener Preis, aber dieſer iſt ehrlich. Sie finden es ſonderbar, daß ein Menſch von ſo glaͤnzenden Talenten und einer ſo exemplariſchen Aufführung ſich zum Dienen herabſetze, wenn er nicht geheime Abſichten dabei habe, und daraus ziehen Sie den Schluß, daß dieſe Abſichten ver⸗ dachtig ſeyen. Wie? Iſt es denn ſo etwas Neues, daß ein Menſch von Kopf und Verdienſten ſich einem Fuͤrſten gefäͤllig zu machen ſucht, der es in der Gewalt hat, ſein Gluͤck zu ma⸗ chen? Iſt es etwa entehrend, ihm zu dienen? Laͤßt Biondelle nicht deutlich genug merken, daß ſeine Anhaͤnglichkeit an den Prinzen perſönlich ſey? Er hat ihm ja geſtanden, daß er eine Bitte an ihn auf dem Herzen habe. Dieſe Bitte wird uns ohne Zweifel das ganze Geheimniß erklaren. Geheime Abſichten mag er immer haben, aber koͤnnen dieſe nicht unſchuldig ſeyn? Es befremdet Sie, daß dieſer Biondello in den erſten Mo⸗ naten, und das waren die, in denen Sie uns Ihre Gegenwart noch ſchenkten, alle die großen Talente, die er jetzt an den Tag kommen laſſe, verborgen gehalten und durch gar nichts die Auf⸗ merkſamkeit auf ſich gezogen habe. Das iſt wahr; aber wo hätte er damals die Gelegenheit gehabt, ſich auszuzeichnen? Der Prinz bedurfte ſeiner ja noch nicht, und ſeine übrigen Talente mußte der Zufall uns entdecken. Aber er hat uns ganz kürzlich einen Beweis ſeiner Erge⸗ 259 benheit und Redlichkeit gegeben, der alle Ihre Zweifel zu Bo⸗ den ſchlagen wird. Man beobachtet den Prinzen. Man ſucht geheime Erkundigungen von ſeiner Lebensart, von ſeinen Be⸗ kanntſchaften und Verhältniſſen einzuziehen. Ich weiß nicht, wer dieſe Nengierde hat. Aber horen Sie an. Es iſt hier in St. Georg ein oͤffentliches Haus, wo Bion⸗ dello öfters aus⸗ und eingeht; er mag da etwas Liebes haben, ich weiß es nicht. Vor einigen Tagen iſt er auch da, er findet eine Geſellſchaft beiſammen, Advocaten und Officianten der Regierung, luſtige Bruder und alte Bekannte von ihm. Man verwundert ſich, man iſt erfreut, ihn wieder zu ſehen. Die alte Bekanntſchaft wird erneuert, Jeder erzählt ſeine Geſchichte bis auf dieſen Augenblick, Biondello ſoll auch die ſeinige zum Beſten geben. Er thut es mit wenig Worten. Man wünſcht ihm Glück zu ſeinem neuen Etabliſſement; man hat von der glänzenden Lebensart des Prinzen von ver ſchon erzäͤhlen hö⸗ ren, von ſeiner Freigebigkeit gegen Leute beſonders, die ein Ge⸗ heimniß zu bewahren wiſſen; ſeine Verbindung mit dem Car⸗ dinal Arrri iſt weltbekannt, er liebt das Spiel u. ſ. f. Bion⸗ dello ſtutzt— man ſcherzt mit ihm, daß er den Geheimniß⸗ vollen mache, man wiſſe doch, daß er der Geſchaftstraͤger des Prinzen von er ſey. Die beiden Adpocaten nehmen ihn in die Mitte; die Flaſche leert ſich fleißig, man noͤthigt ihn zu trinken; er entſchuldigt ſich, weil er keinen Wein vertrage, trinkt aber doch, um ſich zum Schein zu betrinken. „Ja,“ ſagte endlich der eine Advocat,„Biondello verſteht ſein Handwerk, aber ausgelernt hat er noch nicht. Er iſt nur ein Halber.“ Was fehlt mir noch? fragte Biondello. „Er verſteht die Kunſt,“ ſagte der Andere,„ein Geheimniß 260 bei ſich zu behalten, aber die andere noch nicht, es mit Vor⸗ theil wieder los zu werden.“ Sollte ſich ein Kaͤufer dazu finden? fragte Biondello. Die übrigen Gäͤſte zogen ſich hier aus dem Zimmer, er blieb Tete a Tete mit ſeinen beiden Leuten, die nun mit der Sprache herausgingen. Daß ich es kurz mache, er ſollte ihnen uüber den Umgang des Prinzen mit dem Cardinal und ſeinem Neffen Aufſchlüſſe verſchaffen, ihnen die Quelle angeben, woraus der Prinz Geld ſchoͤpfe, und ihnen die Briefe, die an den Grafen von Oerr geſchrieben würden, in die Häͤnde ſpielen. Biondello beſchied ſie auf ein andermal, aber wer ſie angeſtellt habe, konnte er nicht aus ihnen herausbringen. Nach den glänzenden Offerten, die ihm gethan wurden, zu ſchließen, mußte die Nachfrage von einem ſehr reichen Manne her⸗ rühren. Geſtern Abend entdeckte er meinem Herrn den ganzen Vorfall. Dieſer war anfangs Willens, die Unterhändler kurz und gut beim Kopf nehmen zu laſſen, aber Biondello machte Einwendungen. Auf freien Fuß wuͤrde man ſie doch wieder ſtellen muͤſſen, und dann habe er ſeinen ganzen Credit unter dieſer Claſſe, vielleicht ſein Leben ſelbſt in Gefahr geſetzt. Alle dieſes Volk hange unter ſich zuſammen, Alle ſtehen für Einen; er wolle lieber den hohen Rath in Venedig zum Feinde haben, als unter ihnen für einen Verräͤther verſchrien werden. Er würde dem Prinzen auch nicht mehr nützlich ſeyn können, wenn er das Vertrauen dieſer Volksclaſſe verloren haͤtte. Wir haben hin und her gerathen, von wem dieß wohl kommen moͤchte. Wer iſt in Venedig, dem daran liegen kann, zu wiſſen, was mein Herr einnimmt und ausgibt, was er mit dem Cardinal erri zu thun hat und was ich Ihnen 261 ſchreibe? Sollte es gar noch ein Vermachtniß von dem Prinzen von*rder ſeyn? Oder regt ſich etwa der Armenier wieder? Varon von Fuer an den Grafen von Oies. Neunter Brief. Auguſt. Der Prinz ſchwimmt in Wonne und Liebe. Er hat ſeine Griechin wieder. Hoͤren Sie, wie dieß zugegangen iſt. Ein Fremder, der über Chiozza gekommen war und von der ſchönen Lage dieſer Stadt am Golf viel zu erzählen wußte, machte den Prinzen neugierig, ſie zu ſehen. Geſtern wurde dieß ausgeführt, und um allen Zwang und Aufwand zu ver⸗ meiden, ſollte Niemand ihn begleiten, als Zerr und ich, nebſt Biondello, und mein Herr wollte unbekannt bleiben. Wir fanden ein Fahrzeug, das eben dahin abging und mietheten uns darauf ein. Die Geſellſchaft war ſehr gemiſcht, aber un⸗ bedeutend, und die Hinreiſe hatte nichts Merkwürdiges. Chiozza iſt auf eingerammten Pfählen gebaut, wie Venedig, und ſoll gegen vierzigtauſend Einwohner zaͤhlen. Adel findet man wenig, aber bei jedem Tritte ſtößt man auf Fiſcher oder Matroſen. Wer eine Perrücke und einen Mantel traͤgt, heißt ein Reicher; Muͤtze und Ueberſchlag ſind das Zeichen eines Armen. Die Lage der Stadt iſt ſchön, doch darf man Venedig nicht geſehen haben. Wir verweilten uns nicht lange. Der Patron, der noch mehr Paſſagiers hatte, mußte zeitig wieder in Venedig ſeyn, und den Prinzen feſſelte nichts in Chiozza. Alles hatte ſeinen 262 Platz ſchon im Schiffe genommen, als wir ankamen. Weil ſich die Geſellſchaft auf der Herfahrt ſo beſchwerlich gemacht hatte, ſo nahmen wir dießmal ein Zimmer für uns allein. Der Prinz erkundigte ſich, wer noch mehr da ſey. Ein Domini⸗ caner, war die Antwort, und einige Damen, die retour nach Venedig gingen. Mein Herr war nicht neugierig, ſie zu ſehen, und nahm ſogleich ſein Zimmer ein. Die Griechin war der Gegenſtand unſers Geſprachs auf der Herfahrt geweſen, und ſie war es auch auf der Rückfahrt. Der Prinz wiederholte ſich ihre Erſcheinung in der Kirche mit Feuer; Plane wurden gemacht und verworfen; die Zeit ver⸗ ſtrich, wie ein Augenblick; ehe wir es uns verſahen, lag Venedig vor uns. Einige von den Paſſagiers ſtiegen aus, der Domi⸗ nicaner war unter dieſen. Der Patron ging zu den Damen, die, wie wir jetzt erſt erfuhren, nur durch ein dünnes Brett von uns geſchieden waren, und fragte ſie, wo er anlegen ſollte. Auf der Inſel Murano, war die Antwort, und das Haus wurde genannt.— Inſel Murano! rief der Prinz, und ein Schauer der Ahnung ſchien durch ſeine Seele zu fliegen. Eh' ich ihm antworten konnte, ſtürzte Biondello herein. „Wiſſen Sie auch, in welcher Geſellſchaft wir reiſen?“— Der Prinz ſprang auf—„Sie iſt hier! Sie ſelbſt!“ fuhr Biondello fort.„Ich komme eben von ihrem Begleiter.“ Der Prinz drang hinaus. Das Zimmer ward ihm zu enge, die ganze Welt war' es ihm in dieſem Augenblicke geweſen. Tauſend Empfindungen ſtürmten in ihm, ſeine Kniee zitterten, Röthe und Bläſſe wechſelten in ſeinem Geſichte. Ich zitterte erwartungsvoll mit ihm. Ich kann Ihnen dieſen Zuſtand nicht beſchreiben. In Murano ward angehalten. Der Prinz ſprang ans ufer. Sie kam. Ich las im Geſicht des Prinzen, daß ſie's 263 war. Ihr Anblick ließ mir keinen Zweifel uͤbrig. Eine ſchoͤnere Geſtalt hab' ich nie geſehen; alle Beſchreibungen des Prinzen waren unter ihr geblieben. Eine gluühende Röthe überzog ihr Geſicht, als ſie den Prinzen anſichtig wurde. Sie hatte unſer ganzes Geſprach hören müſſen, ſie konnte auch nicht zweifeln, daß ſie der Gegenſtand desſelben geweſen ſey. Mit einem be⸗ deutenden Blicke ſah ſie ihre Begleiterin an, als wollte ſie ſagen, das iſt er! und mit Verwirrung ſchlug ſie ihre Augen nieder. Ein ſchmales Brett ward vom Schiffe an das Ufer gelegt, uͤber welches ſie zu gehen hatte. Sie ſchien aͤngſtlich es zu betreten— aber weniger, wie mir vorkam, weil ſie aus⸗ zugleiten fürchtere, als weil ſie es ohne fremde Hülfe nicht konnte, und der Prinz ſchon den Arm ausſtreckte, ihr beizuſtehen. Die Noth ſtegte uͤber die Bedenklichkeit. Sie nahm ſeine Hand an, und war am Ufer. Die heftige Gemüthsbewegung, in der der Prinz war, machte ihn unhoͤflich; die andere Dame, die auf den nämlichen Dienſt wartete, vergaß er— was haͤtte er in dieſem Augenblick nicht vergeſſen? Ich erwies ihr end⸗ lich dieſen Dienſt, und dieß brachte mich um das Vorſpiel einer Unterredung, die ſich zwiſchen meinem Herrn und der Dame angefangen hatte. Er hielt noch immer ihre Hand in der ſeinigen— aus Zerſtreuung, denke ich, und ohne daß er es ſelbſt wußte. Es iſt nicht das erſte Mal, Signora, daß—— daß—— Er konnte es nicht herausſagen. „„Ich ſollte mich erinnern,““ liſpelte ſie— „In der**»Kirche,“ ſagte er— „In der**rKirche war es,““ ſagte ſie— „Und konnte ich mir heute vermuthen—— Ihnen ſo nahe— 264 Hier zog ſie ihre Hand leiſe aus der ſeinigen— Er ver⸗ wirrte ſich augenſcheinlich. Biondello, der indeß mit dem Bedienten geſprochen hatte, kam ihm zu Hülfe. Signor, fing er an, die Damen haben Sänften hierher beſtellt. Aber wir ſind fruͤher zurückgekommen, als ſie ſich's vermutheten. Es iſt hier ein Garten in der Nahe, wo Sie ſo lange eintreten können, um dem Gedräange auszuweichen. Der Vorſchlag ward angenommen, und Sie können denken, mit welcher Bereitwilligkeit des Prinzen. Man blieb in dem Garten, bis es Abend wurde. Es gelang uns, Z*rr und mir, die Matrone zu beſchaftigen, daß der Prinz ſich mit der jungen Dame ungeſtoͤrt unterhalten konnte. Daß er dieſe Augenblicke gut zu benutzen gewußt habe, können Sie daraus abnehmen, daß er die Erlaubniß empfangen hat, ſie zu beſuchen. Eben jetzt, da ich Ihnen ſchreibe, iſt er dort. Wenn er zurückkommt, werde ich mehr erfahren. Geſtern, als wir nach Hauſe kamen, fanden wir endlich auch die erwarteten Wechſel von unſerm Hofe, aber von einem Briefe begleitet, der meinen Herrn ſehr in Flammen ſetzte. Man ruft ihn zurück und in einem Tone, wie er ihn gar nicht gewohnt iſt. Er hat ſogleich in einem ähnlichen geant⸗ wortet und wird bleiben. Die Wechſel ſind eben hinreichend, um die Zinſen von dem Capitale zu bezahlen, das er ſchuldig iſt. Einer Antwort von ſeiner Schweſter ſehen wir mit Ver⸗ langen entgegen. 265 Varon von Fuser an den Grafen von Oreees. Zehnter Brief. Septemver. Der Prinz iſt mit ſeinem Hofe zerfallen, alle unſere Reſ⸗ ſourcen von daher abgeſchnitten. Die ſechs Wochen, nach deren Verfluß mein Herr den Marcheſe bezahlen ſollte, waren ſchon um einige Tage ver⸗ ſtrichen, und noch keine Wechſel, weder von ſeinem Couſin, von dem er aufs neue und aufs dringendſte Vorſchuß verlangt hatte, noch von ſeiner Schweſter. Sie koͤnnen wohl denken, daß Civitella nicht mahnte; ein deſto treueres Gedaͤchtniß aber hatte der Prinz. Geſtern Mittag endlich kam eine Ant⸗ wort vom regierenden Hofe. Wir hatten kurz vorher einen neuen Contract, unſers Ho⸗ tels wegen, abgeſchloſſen, und der Prinz hatte ſein längeres Bleiben ſchon öffentlich declarirt. Ohne ein Wort zu ſagen, gab mein Herr mir den Vrief. Seine Augen funkelten, ich las den Inhalt ſchon auf ſeiner Stirne. Können Sie ſich vorſtellen, lieber Orrr? Man iſt in** von allen hieſigen Verhäͤltniſſen meines Herrn unterrichtet, und die Verleumdung hat ein abſcheuliches Gewebe von Luͤgen dar⸗ aus geſponnen.„Man habe mißfällig vernommen,“ heißt es unter Anderm,„daß der Prinz ſeit einiger Zeit angefangen habe, ſeinen vorigen Charakter zu verlaͤugnen und ein Betragen anzunehmen, das ſeiner bisherigen lobenswürdigen Artzu denken ganz entgegengeſetzt ſey. Man wiſſe, daß er ſich dem Frauen⸗ zimmer und dem Spiele aufs ausſchweifendſte ergebe, ſich in Schulden ſtürze, Viſionnaͤrs und Geiſterbannern ſein Ohr leihe, 266 mit katholiſchen Prälaten in verdachtigen Verhaltniſſen ſtehe, und einen Hofſtaat fuͤhre, der ſeinen Rang ſowohl als ſeine Einkunfte uͤberſchreite. Es heiße ſogar, daß er im Begriff ſtehe, dieſes hoͤchſt anſtoͤßige Betragen durch eine Apoſtaſie zur roͤmi⸗ ſchen Kirche vollkommen zu machen. Um ſich von der letztern Beſchuldigung zu reinigen, erwarte man von ihm eine unge⸗ fäumte Zurückkunft. Ein Bankier in Venedig, dem er den Etat ſeiner Schulden uͤbergeben ſolle, habe Anweiſung, ſo⸗ gleich nach ſeiner Abreiſe ſeine Glaͤubiger zu befriedi⸗ gen, denn unter dieſen Umſtänden finde man nicht fuͤr gut, das Geld in ſeine Hande zu geben.“ Was für Beſchuldigungen und in welchem Tone! Ich nahm den Brief, durchlas ihn noch einmal, ich wollte etwas darin aufſuchen, das ihn mildern konnte; ich fand nichts, es war mir ganz unbegreiflich. Zerrerinnerte mich jetzt an die geheime Nachfrage, die vor einiger Zeit an Biondello ergangen war. Die Feit, der In⸗ halt, alle Umſtande kamen uͤberein. Wir hatten ſie fälſchlich dem Armenier zugeſchrieben. Jetzt war's am Tage, von wem ſie herrührte. Apoſtaſie!— Aber weſſen Intereſſe kann es ſeyn, meinen Herrn ſo abſcheulich und ſo platt zu verleumden? Ich fürchte, es iſt ein Stückchen von dem Prinzen von wrd'r, der es durchſetzen will, unſern Herrn aus Venedig zu entfernen. Dieſer ſchwieg noch immer, die Augen ſtarr vor ſich hinge⸗ worfen. Sein Stillſchweigen angſtigte mich. Ich warf mich zu ſeinen Fuͤßen. Um Gotteswillen, gnadigſter Prinz, rief ich aus, beſchließen Sie nichts Gewaltſames! Sie ſollen, Sie werden die vollſtändigſte Genugthuung haben. Ueberlaſſen Sie mir dieſe Sache! Senden Sie mich hin! Es iſt unter Ihrer Würde, ſich gegen ſolche Beſchuldigungen zu verantworten, aber 267 mir erlauben Sie, es zu thun. Der Verleumder muß ge⸗ nannt und dem** die Augen geöffnet werden. In dieſer Lage fand uns Eivitella, der ſich mit Erſtaunen nach der Urſache unſerer Beſtürzung erkundigte. Zerr und ich ſchwiegen. Der Prinz aber, der zwiſchen ihm und uns ſchon lange keinen Unterſchied mehr zu machen gewohnt iſt, auch noch in zu heftiger Wallung war, um in dieſem Augenblick der Klugheit Gehör zu geben, befahl uns, ihm den Brief mitzu⸗ theilen. Ich wollte zögern, aber der Prinz riß ihn mir aus der Hand und gab ihn ſelbſt dem Marcheſe. „Ich bin Ihr Schuldner, Herr Marcheſe,“ fing der Prinz an, nachdem dieſer den Brief mit Erſtaunen durchleſen hatte, „aber laſſen Sie ſich das keine Unruhe machen. Geben Sie mir nur noch zwanzig Tage Friſt, und Sie ſollen befriedigt werden.“ „Gunaͤdigſter Prinz,“ rief Civitella heftig bewegt,„verdien' ich dieſes?“ „Sie haben mich nicht dringen wollen, ich erkenne Ihre Delicateſſe und danke Ihnen. In zwanzig Tagen, wie geſagt, ſollen Sie völlig befriedigt werden.“ „Was iſt das?“ fragte Civitella mich mit Beſtürzung. „Wie hangt dieß zuſammen? Ich faſſ' es nicht.“ Wir erklärten ihm, was wir wußten. Er kam außer ſich. Der Prinz, ſagte er, muſſe auf Genugthuung dringen, die Be⸗ leidigung ſey unerhört. Unterdeſſen beſchwöre er ihn, ſich ſei⸗ nes ganzen Vermoͤgens und Credits unumſchraͤnkt zu bedienen. Der Marcheſe hatte uns verlaſſen und der Prinz noch im⸗ mer kein Wort geſprochen. Er ging mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und nieder, etwas Außerordentliches arbeitete in ihm. Endlich ſtand er ſtill und murmelte vor ſich zwiſchen den 268 Zahnen.„Wunſchen Sie ſich Gluͤck“— ſagte er—„um neun Uhr iſt er geſtorben.“ Wir ſahen ihn erſchrocken an. „Wunſchen Sie ſich Gluͤck,“ fuhr er fort;„Gluͤck— Ich ſoll mir Glück wünſchen— Sagte er nicht ſo? Was wollte er damit ſagen?“ Wie kommen Sie jetzt darauf? rief ich. Was ſoll das hier? „Ich habe damals nicht verſtanden, was der Menſch wollte. Jetzt verſtehe ich ihn— O es iſt unertraͤglich hart, einen Herrn über ſich haben!“ Mein theuerſter Prinz! „Der es uns fühlen laſſen kann!— Ha! Es muß ſuͤß ſeyn!“ 3 Er hielt wieder inne. Seine Miene erſchreckte mich. Ich hatte ſie nie an ihm geſehen. „Der Elendeſte unter dem Volke,“ fing er wieder an,„oder der nächſte Prinz am Throne! Das iſt ganz dasſelbe. Es gibt nur einen Unterſchied unter den Menſchen— Gehorchen und Herrſchen!“ Er ſah noch einmal in den Brief. „Sie haben den Menſchen geſehen,“ fuhr er fort,„der ſich unterſtehen darf, mir dieſes zu ſchreiben. Würden Sie ihn auf der Straße gruͤßen, wenn ihn das Schickſal nicht zu Ihrem Herrn gemacht hatte? Bei Gott! Es iſt etwas Großes um eine Krone!“ In dieſem Tone ging es weiter, und es fielen Reden, die ich keinem Briefe anvertrauen darf. Aber bei dieſer Gelegen⸗ heit entdeckte mir der Prinz einen Umſtand, der mich in nicht geringes Erſtaunen und Schrecken ſetzte und der die gefäͤhrlich⸗ 269 ſten Folgen jhaben kann. Ueber die Familienverhaltniſſe am er Hofe ſind wir bisher in einem großen Irrthum geweſen. Der Prinz beantwortete den Brief auf der Stelle, ſo ſehr ich mich auch dagegenſetzte, und die Art, wie er es gethan hat, läßt keine gütliche Beilegung mehr hoffen. Sie werden nun auch begierig ſeyn, liebſter Osrr, von der Griechin endlich etwas Poſitives zu erfahren; aber eben dieß iſt es, worüber ich Ihnen noch immer keinen befriedigenden Aufſchluß geben kann. Aus dem Prinzen iſt nichts herauszu⸗ bringen, weil er in das Geheimniß gezogen iſt, und ſich, wie ich vermuthe, hat verpflichten müſſen, es zu bewahren. Daß ſie aber die Griechin nicht iſt, fur die wir ſie hielten, iſt heraus. Sie iſt eine Deutſche und von der edelſten Abkunft. Ein ge⸗ wiſſes Geruͤcht, dem ich auf die Spur gekommen bin, gibt ihr eine ſehr hohe Mutter und macht ſie zu der Frucht einer un⸗ gluͤcklichen Liebe, wovon in Europa viel geſprochen worden iſt. Heimliche Nachſtellungen von mächtiger Hand haben ſie, laut dieſer Sage, gezwungen, in Venedig Schutz zu ſuchen, und eben dieſe ſind auch die Urſache ihrer Verborgenheit, die es dem Prinzen unmoͤglich gemacht hat, ihren Aufenthalt zu erforſchen. Die Ehrerbietung, womit der Prinz von ihr ſpricht, und ge⸗ wiſſe Ruckſichten, die er gegen ſie beobachtet, ſcheinen dieſer Vermuthung Kraft zu geben. Er iſt mit einer fürchterlichen Leidenſchaft an ſie gebunden, die mit jedem Tage wachst. In der erſten Zeit wurden die Beſuche ſparſam zugeſtanden; doch ſchon in der zweiten Woche verkuͤrzte man die Trennungen, und jetzt vergeht kein Tag, wo der Prinz nicht dort wäre. Ganze Abende verſchwinden, ohne daß wir ihn zu Geſicht bekommen; und iſt er auch nicht in ihrer Geſellſchaft, ſo iſt ſie es doch allein, was ihn beſchaftigt. Sein ganzes Weſen ſcheint verwandelt. Er geht wie ein Trau⸗ 270 mender umher, und nichts von Allem, was ihn ſonſt intereſ⸗ ſirt hatte, kann ihm jetzt nur eine fluͤchtige Aufmerkſamkeit abgewinnen. Wohin wird das noch kommen, liebſter Freund? Ich zittere fuͤr die Zukunft. Der Bruch mit ſeinem Hofe hat meinen Herrn in eine erniedrigende Abhängigkeit von einem einzigen Menſchen, von dem Marcheſe Civitella, geſetzt. Dieſer iſt jetzt Herr unſerer Geheimniſſe, unſers ganzen Schickſals. Wird er immer ſo edel denken, als er ſich uns jetzo noch zeigt? Wird dieſes gute Vernehmen auf die Dauer beſtehen, und iſt es wohlgethan, einem Menſchen, auch dem vortrefflichſten, ſo viel Wichtigkeit und Macht einzuraäumen? An die Schweſter des Prinzen iſt ein neuer Brief abge⸗ gangen. Den Erfolg hoffe ich Ihnen in meinem naͤchſten Briefe melden zu koͤnnen. Der Graf von Ouun zur Fortſetzung. Aber dieſer nachſte Brief blieb aus. Drei ganze Monate, vergingen, ehe ich Nachrichten aus Venedig erhielt— eine Unterbrechung, deren Urſache ſich in der Folge nur zu ſehr auf⸗ kläarte. Alle Briefe meines Freundes an mich waren zurüuckbe⸗ halten und unterdrückt worden. Man urtheile von meiner Be⸗ ſturzung, als ich endlich im December dieſes Jahres folgendes Schreiben erhielt, das bloß ein glücklicher Zufall(weil Bion⸗ dello, der es zu beſtellen hatte, ploͤtzlich krank wurde) in meine Haͤnde brachte,— „Sie ſchreiben nicht, Sie antworten nicht. Kommen „Sie— o kommen Sie auf Flügeln der Freundſchaft! 271 „Unſere Hoffnung iſt dahin! Leſen Sie dieſen Ein⸗ „ſchluß. Alle unſere Hoffnung iſt dahin!„ „Die Wunde des Marcheſe ſoll tödtlich ſeyn. Der „Cardinal brütet Rache, und ſeine Meuchelmoͤrder „ſuchen den Prinzen. Mein Herr— o mein ungluͤck⸗ „licher Herr!— Iſt es dahin gekommen? Unwürdiges, nentſetzliches Schickſal! Wie Nichtswurdige muͤſſen wir „uns vor Moͤrdern und Glaäubigern verbergen. „Ich ſchreibe Ihnen aus dem ⸗rr Kloſter, wo der Prinz „eine Zuflucht gefunden hat. Eben ruht er auf einem „harten Lager neben mir und ſchlaft—ach! den Schlum⸗ mer der todtlichſten Erſchöpfung, der ihn nur zu neuem „Gefühle ſeiner Leiden ſtaͤrken wird. Die zehn Tage, daß ſie krank war, kam kein Schlaf in ſeine Augen. Ich „war bei der Leichenöffnung. Man fand Spuren von „Vergiftung. Heute wird man ſie begraben. „Ach, liebſter Orrr, mein Herz iſt zerriſſen. Ich habe neinen Auftritt erlebt, der nie aus meinem Gedäͤchtniß „verloͤſchen wird. Ich ſtand vor Ihrem Sterbebette. Wie neine Heilige ſchied ſie dahin, und ihre letzte ſterbende „Beredſamkeit erſchöpfte ſich, ihren Geliebten auf den „Weg zu leiten, den ſie zum Himmel wandelte— Alle „unſere Standhaftigkeit war erſchuͤttert, der Prinz allein „ſtand feſt, und ob er gleich ihren Tod dreifach mit er⸗ „litt, ſo behielt er doch Stärke des Geiſtes genug, der frommen Schwaͤrmerin ihre letzte Bitte zu verweigern.“ In dieſem Briefe lag folgender Einſchluß: An den Prinzen von eer. Von ſeiner Schweſter. „Die allein ſeligmachende Kirche, die an dem Prinzen von**⸗ neine ſo glanzende Eroberung gemacht hat, wird es ihm auch 272 n‚nicht an Mitteln fehlen laſſen, die Lebensart fortzuſetzen, „der ſie dieſe Eroberung verdankt. Ich habe Thränen und „Gebet für einen Verirrten, aber keine Wohlthaten mehr für „einen Unwürdigen! 2— Henriette*rr.“ Ich nahm ſogleich Poſt, reiste Tag und Nacht, und in der dritten Woche war ich in Venedig. Meine Eilfertigkeit nutzte mir nichts mehr. Ich war gekommen, einem Ungluͤcklichen Troſt und Hulfe zu bringen; ich fand einen Gluͤcklichen, der meines ſchwachen Beiſtandes nicht mehr benöthigt war. Frrr lag krank und war nicht zu ſprechen, als ich anlangte; folgen⸗ des Billet uͤberbrachte man mir von ſeiner Hand: „Reiſen Sie zurück, liebſter Oern, wo Sie hergekommen ſind. Der Prinz bedarf Ihrer nicht mehr, auch nicht meiner. Seine Schulden ſind bezahlt, der Cardinal ver⸗ ſöhnt, der Marcheſe wieder hergeſtellt. Erinnern Sie ſich des Armeniers, der uns voriges Jahr ſo zu verwirren wußte? In ſeinen Armen finden Sie den Prinzen, der ſeit fünf Tagen—— die erſte Meſſe hörte.“ Ich drangte mich nichtsdeſtoweniger zum Prinzen, ward aber abgewieſen. An dem Bette meines Freundes erfuhr ich endlich die unerhoͤrte Geſchichte. Ende des erſten Bandes. Philoſophiſche Vriefe Vorerinnerung. Die Vernunft hat ihre Epochen, ihre Schickſale, wie das Herz, aber ihre Geſchichte wird weit ſeltener behandelt. Man ſcheint ſich damit zu begnügen, die Leidenſchaften in ihren Er⸗ tremen, Verirrungen und Folgen zu entwickeln, ohne Ruͤck⸗ ſicht zu nehmen, wie genau ſie mit dem Gedankenſyſteme des Individuums zuſammenhängen. Die allgemeine Wurzel der moraliſchen Verſchlimmerung iſt eine einſeitige und ſchwankende Philoſophie, um ſo gefahrlicher, weil ſie die umnebelte Ver⸗ nunft durch einen Schein von Rechtmaͤßigkeit, Wahrheit und Ueberzeugung blendet, und eben deßwegen von dem eingebor⸗ nen ſittlichen Gefuͤhle weniger in Schranken gehalten wird. Ein erleuchteter Verſtand hingegen veredelt auch die Geſinnun⸗ gen— der Kopf muß das Herz bilden. In einer Epoche, wie die jetzige, wo die Erleichterung und Ausbreitung der Lecture den denkenden Theil des Publicums ſo erſtaunlich vergroͤßert, wo die glückliche Reſignation der Un⸗ wiſſenheit einer halben Aufklarung Platz zu machen anfängt, und nur Wenige mehr da ſtehen bleiben wollten, wo der Zufall Schillers ſaͤmmtl. Werke. N. 18 274 der Geburt ſie hingeworfen, ſcheint es nicht ſo ganz unwichtig zu ſeyn, auf gewiſſe Perioden der erwachenden und fortſchrei⸗ tenden Vernunft aufmerkſam zu machen, gewiſſe Wahrheiten und Irrthuͤmer zu berichtigen, welche ſich an die Moralität anſchließen und eine Quelle von Glückſeligkeit und Elend ſeyn können, und wenigſtens die verborgenen Klippen zu zeigen, an denen die ſtolz Vernunft ſchon geſcheitert hat. Wir ge⸗ langen nur ſelten anders, als durch Ertreme, zur Wahrheit — wir müſſen den Irrthum— und oft den Unſinn— zuvor erſchoͤpſen, ehe wir uns zu dem ſchoͤnen Ziele der ruhigen Weisheit hinaufarbeiten. Einige Freunde, von gleicher Warme fuͤr die Wahrheit und die ſittliche Schoͤnheit beſeelt, welche ſich auf ganz ver⸗ ſchiedenen Wegen in derſelben Ueberzeugung vereinigt haben, und nun mit ruhigerm Blicke die zurückgelegte Bahn über⸗ ſchauen, haben ſich zu dem Entwurfe verbunden, einige Revo⸗ lutionen und Epochen des Denkens, einige Ausſchweifungen der grübelnden Vernunft in dem Gemalde zweier Jünglinge von ungleichen Charakteren zu entwickeln und in Form eines Briefwechſels der Welt vorzulegen. Folgende Briefe ſind der Anfang dieſes Verſuches. Meinungen, welche in dieſen Briefen vorgetragen werden, können auch alſo nur beziehungsweiſe wahr oder falſch ſeyn, gerade ſo, wie ſich die Welt in dieſer Seele, und keiner an⸗ dern, ſpiegelt. Die Fortſetzung des Briefwechſels wird es ausweiſen, wie dieſe einſeitigen, oft uͤberſpannten, oft wider⸗ ſprechenden Behauptungen endlich in eine allgemeine, geläu⸗ terte und feſtgegründete Wahrheit ſich aufloͤſen. Skepticismus und Freidenkrei ſind die Fieberparorysmen des menſchlichen Geiſtes, und müſſen durch eben die unnatür⸗ liche Erſchütterung, die ſie in gut organiſirten Seelen ver⸗ ——— ——— 275 urſachen, zuletzt die Geſundheit befeſtigen helfen. Je blenden⸗ der, je verführender der Irrthum, deſto mehr Triumph für die Wahrheit; je quälender der Zweifel, deſto größer die Aufforderung zu Ueberzeugung und feſter Gewißheit. Aber dieſe Zweifel, dieſe Irrthümer vorzutragen, war nothwendig; die Kenntniß der Krankheit mußte der Heilung vorangehen. Die Wahrheit verliert nichts, wenn ein heftiger Jüngling ſie verfehlt, eben ſo wenig als die Tugend und die Religion, wenn ein Laſterhafter ſie verlaͤugnet. Dieß mußte vorausgeſetzt werden, um den Geſichtspunkt anzugeben, aus welchem wir den folgenden Briefwechſel ge⸗ leſen und beurtheilt wünſchen. Julius an Naphael. Im Octobev. Du biſt fort, Raphael— und die ſchoͤne Natur geht unter, die Blatter fallen gelb von den Baͤumen, ein trüber Herbſt⸗ nebel liegt, wie ein Bahrtuch, uͤber dem ausgeſtorbenen Ge⸗ filde. Einſam durchirre ich die melancholiſche Gegend, rufe laut deinen Namen aus, und zürne, daß mein Raphael mir nicht antwortet. Ich hatte deine letzten Umarmungen uüͤberſtanden. Das traurige Rauſchen des Wagens, der dich von hinnen führte, war endlich in meinem Ohre verſtummt. Ich Glüͤcklicher hatte ſchon einen wohlthätigen Hügel von Erde über den Freuden der Vergangenheit aufgehauft, und jetzt ſteheſt du, gleich deinem abgeſchiedenen Geiſte, von neuem in dieſen Gegenden auf und 276 meldeſt dich mir auf jedem Lieblingsplatz unſerer Spaziergaͤnge wieder. Dieſen Felſen habe ich an deiner Seite erſtiegen, an deiner Seite dieſe unermeßliche Perſpective durchwandert. Im ſchwarzen Heiligthume dieſer Buchen erſannen wir zuerſt das kühne Ideal unſerer Freundſchaft. Hier war's, wo wir den Stammbaum der Geiſter zum erſtenmal auseinander rollten, und Julius einen ſo nahen Verwandten in Raphael fand. Hier iſt keine Quelle, kein Gebüſch, kein Huͤgel, wo nicht irgend eine Erinnerung entflohener Seligkeit auf meine Ruhe zielte. Alles, Alles hat ſich gegen meine Geneſung verſchworen. Wohin ich nur trete, wiederhole ich den bangen Auftritt unſerer Trennung. Was haſt du aus mir gemacht, Raphael? Was iſt ſeit kurzem aus mir geworden! Gefahrlicher großer Menſch! daß ich dich niemals gekannt haͤtte, oder niemals verloren! Eile zurück, auf den Flugeln der Liebe komm' wieder, oder deine zarte Pflanzung iſt dahin. Konnteſt du mit deiner ſanften Seele es wagen, dein angefangenes Werk zu verlaſſen, noch ſo ferne von ſeiner Vollendung? Die Grundpfeiler deiner ſtolzen Weisheit wanken in meinem Gehirn und Herzen, alle die praͤch⸗ tigen Paläſte, die du bauteſt, ſtürzen ein, und der erdrückte Wurm waͤlzt ſich wimmernd unter den Ruinen. Selige paradieſiſche Zeit, da ich noch mit verbundenen Au⸗ gen durch das Leben taumelte, wie ein Trunkener— da all mein Fürwitz und alle meine Wünſche an den Graͤnzen meines väterlichen Horizonts wieder umkehrten— da mich ein heiterer Sonnenuntergang nichts Hoͤheres ahnen ließ, als einen ſchönen morgenden Tag— da mich nur eine politiſche Zeitung an die Welt, nur die Leichenglocke an die Ewigkeit, nur Geſpenſter⸗ maͤhrchen an eine Rechenſchaft nach dem Tode erinnerten, da ich noch vor einem Teufel bebte und deſto herzlicher an der Gottheit hing. Ich empfand und war glücklich. Raphael hat 277 mich denken gelehrt, und ich bin auf dem Wg, meine Er⸗ ſchaffung zu beweinen. Erſchaffung?— Nein, das iſt ja nur ein Klang ohne Sinn, den meine Vernunft nicht geſtatten darf. Es gab eine Zeit, wo ich von nichts wußte, wo von mir Niemand wußte, alſo ſagt man, ich war nicht. Jene Zeit iſt nicht mehr, alſo ſagt man, daß ich erſchaffen ſey. Aber auch von den Millionen, die vor Jahrhunderten da waren, weiß man nun nichts mehr, und doch ſagt man, ſie ſind. Worauf gründen wir das Recht, den Anfang zu bejahen und das Ende zu verneinen? Das Aufhoͤren denkender Weſen, behauptet man, widerſpricht der unendlichen Güte. Entſtand denn dieſe unendliche Guͤte erſt mit der Schöpfung der Welt?— Wenn es eine Periode ge⸗ geben hat, wo noch keine Geiſter waren, ſo war die unendliche Guüte ja eine ganze vorhergehende Ewigkeit unwirkſam? Wenn das Gebaͤude der Welt eine Vollkommenheit des Schöpfers iſt, ſo fehlte ihm ja eine Vollkommenheit vor Erſchaffung der Welt? Aber eine ſolche Vorausſetzung widerſpricht der Idee des vollendeten Gottes, alſo war keine Schöpfung— Wo bin ich hingerathen, mein Raphael?— Schrecklicher Irrgang meiner Schlüſſe! Ich gebe den Schoͤpfer auf, ſobald ich an einen Gott glaube. Wozu brauche ich einen Gott, wenn ich ohne den Schöpfer ausreiche? Du haſt mir den Glauben geſtohlen, der mir Frieden gab. Du haſt mich verachten gelehrt, wo ich anbetete. Tauſend Dinge waren mir ſo ehrwürdig, ehe deine traurige Weisheit ſie mir entkleidete. Ich ſah eine Volksmenge nach der Kirche ſtrömen, ich hoͤrte ihre begeiſterte Andacht zu einem brüder⸗ lichen Gebete ſich vereinigen— zweimal ſtand ich vor dem Bette des Todes, ſah zweimal— maͤchtiges Wunderwerk der Religion!— die Hoffnung des Himmels uͤber die Schreckniſſe 278 der Vernichtung ſiegen und den friſchen Lichtſtrahl der Freude im gebrochenen Auge des Sterbenden ſich entzünden. Goͤttlich, ja goͤttlich muß die Lehre ſeyn, rief ich aus, die die Beſten unter den Menſchen bekennen, die ſo machtig ſiegt und ſo wunderbar tröſtet. Deine kalte Weisheit loͤſchte meine Begeiſterung. Eben ſo Viele, ſagteſt du mir, drängten ſich einſt um die Irmenſäule und zu Jupiters Tempel, eben ſo Viele haben eben ſo freudig, ihrem Brama zu Ehren, den Holzſtoß beſtiegen. Was du am Heidenthume ſo abſcheulich findeſt, ſoll das die Goͤttlichkeit deiner Lehre beweiſen? Glaube Niemand als deiner eigenen Vernunft, ſagteſt du weiter. Es gibt nichts Heiliges, als die Wahrheit. Was die Vernunft erkennt, iſt die Wahrheit. Ich habe dir gehorcht, habe alle Meinungen aufgeopfert, habe, gleich jenem ver⸗ zweifelten Eroberer, alle meine Schiffe in Brand geſteckt, da ich an dieſer Inſel landete, und alle Hoffnung zur Rückkehr vernichtet. Ich kann mich nie mehr mit einer Meinung ver⸗ ſöͤhnen, die ich einmal belachte. Meine Vernunft iſt mir jetzt Alles, meine einzige Gewahrleiſtung für Gottheit, Tugend, Unſterblichkeit. Wehe mir von nun an, wenn ich dieſem ein⸗ zigen Bürgen auf einem Widerſpruche begegne! wenn meine * Achtung vor ihren Schlüſſen ſinkt! wenn ein zerriſſener Fa⸗ den in meinem Gehirn ihren Gang verrückt!— Meine Gluͤck⸗ ſeligkeit iſt von jetzt an dem harmoniſchen Tacte meines Sen⸗ ſoriums anvertraut. Wehe mir, wenn die Saiten dieſes Inſtruments in den bedenklichen Perioden meines Lebens falſch angeben— wenn meine Ueberzeugungen mit meinem Ader⸗ ſchlage wanken! 279 Inlins an Raphael. Deine Lehre hat meinem Stolze geſchmeichelt. Ich war ein Gefangener. Du haſt mich herausgeführt an den Tag; das goldene Licht und die unermeßliche Freie haben meine Augen entzuͤckt. Vorhin genuͤgte mir an dem beſcheidenen Ruhme, ein guter Sohn meines Hauſes, ein Freund meiner Freunde, ein nutzliches Glied der Geſellſchaft zu heißen: du haſt mich in einen Buͤrger des Univerſums verwandelt. Meine Wuͤnſche hatten noch keinen Eingriff in die Rechte der Großen gethan. Ich duldete dieſe Gluͤcklichen, weil Bettler mich duldeten. Ich erroͤthete nicht, einen Theil des Menſchengeſchlech⸗ tes zu beneiden, weil noch ein größerer uͤbrig war, den ich be⸗ klagen mußte. Jetzt erfuhr ich zum erſtenmale, daß meine Anſpruche auf Genuß ſo vollwichtig waren, als die meiner übrigen Brüder. Jetzt ſah ich ein, daß eine Schicht uͤber dieſer Atmoſphare ich gerade ſo viel und ſo wenig gelte, als die Be⸗ herrſcher der Erde. Raphael ſchnitt alle Bande der Ueber⸗ einkunft und der Meinung entzwei. Ich fuͤhlte mich ganz frei— denn die Vernunft, ſagte mir Raphael, iſt die einzige Monarchie in der Geiſterwelt, ich trug meinen Kaiſerthron in meinem Gehirne. Alle Dinge, im Himmel und auf Er⸗ den, haben keinen Werth, keine Schaͤtzung, als ſo viel meine Vernunft ihnen zugeſteht. Die ganze Schöpfung iſt mein, denn ich beſitze eine unwiderſprechliche Vollmacht, ſie ganz zu ge⸗ nießen. Alle Geiſter— eine Stufe tiefer unter dem vollkommen⸗ ſten Geiſte— ſind meine Mitbruder, weil wir alle einer Regel gehorchen, einem Oberherrn huldigen. Wie erhaben und praͤchtig klingt dieſe Verkuͤndigung! Welcher Vorrath für meinen Durſt nach Erkenntniß! aber — ungluͤckſeliger Widerſpruch der Natur!—— dieſer freie 280 emporſtrebende Geiſt iſt in das ſtarre unwandelbare Uhrwerk eines ſterblichen Körpers geflochten, mit ſeinen kleinen Be⸗ dürfniſſen vermengt, ſeinen kleinen Schickſalen angejocht— dieſer Gott iſt in eine Welt von Würmern verwieſen. Der ungeheure Raum der Natur iſt ſeiner Thaͤtigkeit aufgethan, aber er darf nur nicht zwei Jeen zugleich denken. Seine Au⸗ gen tragen ihn bis zu dem Sonnenziele der Gottheit, aber er ſelbſt muß erſt traäge und mühſam durch die Elemente der Zeit ihm entgegenkriechen. Einen Genuß zu erſchoͤpfen, muß er jeden andern verloren geben; zwei unumſchraͤnkte Begierden ſind ſeinem kleinen Herzen zu groß. Jede neu erworbene Freude koſtet ihm die Summe aller vorigen. Der jetzige Augen⸗ blick iſt das Grabmal aller vergangenen. Eine Schaͤferſtunde der Liebe iſt ein ausſetzender Aderſchlag in der Freundſchaft. Wohin ich nur ſehe, Raphael, wie beſchränkt iſt der Menſch! Wie groß der Abſtand zwiſchen ſeinen Anſpruͤchen und ihrer Erfüllung!— O, beneide ihm doch den wohlthaͤtigen Schlaf! Wecke ihn nicht! Er war ſo glücklich, bis er anfing zu fragen, wohin er gehen müſſe, und woher er gekommen ſey. Die Ver⸗ nunft iſt eine Fackel in einem Kerker. Der Gefangene wußte nichts von dem Lichte, aber ein Traum der Freiheit ſchien über ihm, wie ein Blitz in der Nacht, der ſie finſterer zurück⸗ läßt. Unſere Philoſophie iſt die unglückſelige Neugier des Oedipus, der nicht nachließ zu forſchen, bis das entſetzliche Orakel ſich aufloͤste: „Möochteſt du nimmer erfahren, wer du biſt!“ Erſetzt mir deine Weisheit, was ſie mir genommen hat? Wenn du keinen Schlüſſel zum Himmel hatteſt, warum muß⸗ teſt du mich der Erde entführen? Wenn du voraus wußteſt, daß der Weg zu der Weisheit durch den ſchrecklichen Abgrund der Zweifel führt, warum wagteſt du die ruhige Unſchuld deines Julius auf dieſen bedenklichen Wurf? 281 — Wenn an das Gute, Das ich zu thun vermeine, allzu nah Was gar zu Schlimmes graͤnzt, ſo thus ich lieber Das Gute nicht— Du haſt eine Huͤtte niedergeriſſen, die bewohnt war und einen prachtigen todten Palaſt auf die Stelle gegruͤndet. Naphael, ich fordre meine Seele von dir. Ich bin nicht gluͤcklich. Mein Muth iſt dahin. Ich verzweifle an meinen eigenen Kraften. Schreibe mir bald! Nur deine heilende Hand kann Balſam in meine brennende Wunde gießen. Naphael an Iulius. Ein Gluͤck, wie das unſrige, Julius, ohne Unterbrechung, ware zu viel für ein menſchliches Loos. Mich verfolgte ſchon oft dieſer Gedanke im vollen Genuſſe unſerer Freundſchaft. Was damals meine Seligkeit verbitterte, war heilſame Vor⸗ bereitung, mir meinen jetzigen Zuſtand zu erleichtern. Abge⸗ härtet in der ſtrengen Schule der Reſignation, bin ich noch empfanglicher fuͤr den Troſt, in unſerer Trennung ein leichtes Opfer zu ſehen, um die Freuden der künftigen Vereinigung dem Schickſal abzuverdienen. Du wußteſt bis jetzt noch nicht, was Entbehrung ſey. Du leideſt zum erſtenmale.— Und doch iſt's vielleicht Wohlthat fuͤr dich, daß ich gerade jetzt von deiner Seite geriſſen bin. Du haſt eine Krankheit zu üͤberſtehen, von der du nur allein durch dich ſelbſt geneſen kannſt, um vor jedem Rückfalle ſicher zu ſeyn. Je verlaſſener du dich fühlſt, deſto mehr wirſt du alle Heilkräfte in dir ſelbſt aufbieten; je weniger augenblickliche Linderung du von tauſchen⸗ 282 den Palliativen empfängſt, deſto ſicherer wird es dir gelingen, das Uebel aus dem Grunde zu heben. Daß ich aus deinem ſuͤßen Traum dich erweckt habe, reut mich noch nicht, wenn gleich dein jetziger Zuſtand peinlich iſt. Ich habe nichts gethan, als eine Kriſis beſchleunigt, die ſolchen Seelen, wie die deinige, früher oder ſpäter unaus⸗ bleiblich bevorſteht und bei der Alles darauf ankommt, in welcher Periode des Lebens ſie ausgehalten wird. Es gibt Lagen, in denen es ſchrecklich iſt, an Wahrheit und Tugend zu verzweifeln. Wehe dem, der im Sturme der Leidenſchaft noch mit den Spitzfindigkeiten einer klügelnden Vernunft zu kämpfen hat. Was dieß heiße, habe ich in ſeinem ganzen Umfange empfunden, und dich vor einem ſolchen Schickſale zu bewahren, blieb mir nichts übrig, als dieſe unvermeidliche Seuche durch Einimpfung unſchäͤdlich zu machen. Und welchen günſtigern Zeitpunkt konnte ich dazu waͤhlen, mein Julius? In voller Jugendkraft ſtandſt du vor mir, Korper und Geiſt in der herrlichſten Bluͤthe, durch keine Sor⸗ gen gedrückt, durch keine Leidenſchaft gefeſſelt, frei und ſtark, den großen Kampf zu beſtehen, wovon die erhabene Ruhe der Ueberzeugung der Preis iſt. Wahrheit und Irrthum waren noch nicht in dein Intereſſe verwebt. Deine Genüſſe und deine Tugenden waren unabhangig von beiden. Du bedurfteſt keine Schreckbilder, dich von niedrigen Ausſchweifungen zu⸗ ruckzureißen. Gefuͤhl für edlere Freuden hatte ſie dir verekelt. Du warſt gut aus Inſtinct, aus unentweihter ſittlicher Grazie. Ich hatte nichts zu fürchten für deine Moralitat, wenn ein Gebaͤude einſtürzte, auf welchem ſie nicht gegruͤndet war. Und noch ſchrecken mich deine Beſorgniſſe nicht. Was dir auch immer eine melancholiſche Laune eingeben mag, ich kenne dich beſſer, Julius! —,— —,— 283 Undankbarer! Du ſchmahſt die Vernunft, du vergiſſeſt, was ſie dir ſchon fuͤr Freuden geſchenkt hat. Haͤtteſt du auch für dein ganzes Leben den Gefahren der Zweifelſucht ent⸗ gehen können, ſo war es Pflicht für mich, dir Genuſſe nicht vorzuenthalten, deren du fähig und würdig warſt. Die Stufe, worauf du ſtandeſt, war deiner nicht werth. Der Weg, auf dem du emporklimmteſt, bot dir Erſatz für Alles, was ich dir raubte. Ich weiß noch, mit welcher Entzückung du den Augenblick ſegneteſt, da die Binde von deinen Augen fiel. Jene Warme, mit der du die Wahrheit auffaßteſt, hat deine Alles verſchlingende Phantaſie vielleicht an Abgründe gefuhrt, wovor du erſchrocken zurückſchauderſt. Ich muß dem Gange deiner Forſchungen nachſpüren, um die Quellen deiner Klagen zu entdecken. Du haſt ſonſt die Reſultate deines Nachdenkens aufgeſchrieben. Schicke mir dieſes Papier, und dann will ich dir antworten.—— Julius an Naphael. Dieſen Morgen durchſtore ich meine Papiere. Ich finde einen verlornen Aufſatz wieder, entworfen in jenen gluͤck⸗ lichen Stunden meiner ſtolzen Begeiſterung. Raphael, wie ganz anders finde ich jetzo das Alles! Es iſt das hölzerne Gerüſte der Schaubüͤhne, wenn die Beleuchtung dahin iſt. Mein Herz ſuchte ſich eine Philoſophie, und die Phantaſie unterſchob ihre Träume. Die warmſte war mir die wahre. Ich forſche nach den Geſetzen der Geiſter— ſchwinge mich bis zu dem Unendlichen, aber ich vergeſſe zu erweiſen, daß ſie 284 wirklich vorhanden ſind. Ein kühner Angriff des Materialis⸗ mus ſtürzt meine Schöpfung.. Du wirſt dieß Fragment durchleſen, mein Raphael. 3Möchte es dir gelingen, den erſtorbenen Funken meines Enthuſias⸗ mus wieder anzuflammen, mich wieder auszuſöhnen mit meinem Genius— aber mein Stolz iſt ſo tief geſunken, daß auch Raphaels Beifall ihn kaum mehr emporraffen wird. CTheoſophie des Julins. Die Welt und das denkende Weſen. Das Univerſum iſt ein Gedanke Gottes. Nachdem dieſes idealiſche Geiſtesbild in die Wirklichkeit hinübertrat und die geborne Welt den Riß ihres Schöpfers erfuͤllte— erlaube mir dieſe menſchliche Vorſtellung— ſo iſt der Beruf aller denkenden Weſen, in dieſem vorhandenen Ganzen die erſte Zeichnung wiederzufinden, die Regel in der Maſchine, die Einheit in der Zuſammenſetzung, das Geſetz in dem Phaͤ⸗ nomen aufzuſuchen und das Gebaͤude ruckwaͤrts auf ſeinen Grundriß zu übertragen. Alſo gibt es für mich nur eine einzige Erſcheinung in der Natur, das denkende Weſen. Die große Zuſammenſetzung, die wir Welt nennen, bleibt mir jetzo nur merkwuͤrdig, weil ſie vorhanden iſt, mir die mannich⸗ faltigen Aeußerungen jenes Weſens ſymboliſch zu bezeichnen. Alles in mir und außer mir iſt nur Hieroglyphe einer Kraft, die mir aͤhnlich iſt. Die Geſetze der Natur ſind die Chiffren, welche das denkende Weſen zuſammenfuͤgt, ſich dem 285 denkenden Weſen verſtaͤndlich zu machen— das Alphabet, ver⸗ mittelſt deſſen alle Geiſter mit dem vollkommenſten Geiſte und mit ſich ſelbſt unterhandeln. Harmonie, Wahrheit, Ordnung, Schoͤnheit, Vortrefflichkeit geben mir Freude, weil ſie mich in den thatigen Zuſtand ihres Erfinders, ihres Beſitzers verſetzen, weil ſie mir die Gegenwart eines vernunftig empfindenden We⸗ ſens verrathen und meine Verwandtſchaft mit dieſem Weſen mich ahnen laſſen. Eine neue Erfahrung in dieſem Reiche der Wahrheit, die Gravitation, der entdeckte Umlauf des Blutes, das Naturſyſtem des Linnaus, heißen mir urſprünglich eben das, was eine Antike, in Herculanum hervorgegraben— beides nur Widerſchein eines Geiſtes, neue Bekanntſchaft mit einem mir ähnlichen Weſen. Ich beſpreche mich mit dem Unendlichen durch das Inſtrument der Natur, durch die Weltgeſchichte— ich leſe die Seele des Künſtlers in ſeinem Apollo. Willſt du dich uͤberzeugen, mein Raphael, ſo forſche ruͤckwaͤrts. Jeder Zuſtand der menſchlichen Seele hat irgend eine Parabel in der phyſiſchen Schopfung, wodurch er bezeichnet wird, und nicht allein Künſtler und Dichter, auch ſelbſt die abſtracteſten Denker haben aus dieſem reichen Magazine geſchöpft. Lebhafte Thäͤtig⸗ keit nennen wir Feuer, die Zeit iſt ein Strom, der reißend von hinnen rollt; die Ewigkeit iſt ein Eirkel; ein Geheimniß hüllt ſich in Mitternacht, und die Wahrheit wohnt in der Sonne. Ja, ich fange an zu glauben, daß ſogar das künftige Schickſal des menſchlichen Geiſtes im dunkelnOrakel der körperlichen Schoͤpfung vorher verkündigt liegt. Jeder kommende Frühling, der die Sproͤßlinge der Pflanzen aus dem Schooße der Erde treibt, gibt mir Erlaͤuterung uͤber das bange Räthſel des Todes und wider⸗ legt meine angſtliche Beſorgniß eines ewigen Schlafs. Die Schwalbe, die wir im Winter erſtarrt finden und im Lenze wie⸗ der aufleben ſehen, die todte Raupe, die ſich als Schmetterling 286 neu verjüngt in die Luft erhebt, reichen uns ein treffendes Sinn⸗ bild unſerer Unſterblichkeit. Wie merkwürdig wird mir nun Alles!— Jetzt, Raphael, iſt Alles bevölkert um mich herum. Es gibt für mich keine Einoͤde in der ganzen Natur mehr. Wo ich einen Körper ent⸗ decke, da ahne ich einen Geiſt— Wo ich Bewegung merke, da rathe ich auf einen Gedanken: Wo kein Todter begraben liegt, wo kein Auferſtehn ſeyn wird, redet ja noch die Allmacht durch ihre Werke zu mir, und ſo ver⸗ ſtehe ich die Lehre von einer Allgegenwart Gottes. Idee. Alle Geiſter werden angezogen von Vollkommenheit. Alle — es gibt hier Verirrungen, aber keine einzige Ausnahme— alle ſtreben nach dem Zuſtande der höͤchſten freien Aeußerung ihrer Krafte, alle beſitzen den gemeinſchaftlichen Trieb, ihre Thaͤ⸗ tigkeit auszudehnen, Alles an ſich zu ziehen, in ſich zu verſam⸗ meln, ſich eigen zu machen, was ſie als gut, als vortrefflich, als reizend erkennen. Anſchauung des Schonen, des Wahren, des Vortrefflichen, iſt augenblickliche Beſitznehmung dieſer Eigen⸗ ſchaften. Welchen Zuſtand wir wahrnehmen, in dieſen treten wir ſelbſt. In dem Augenblicke, wo wir ſie uns denken, ſind wir Eigenthümer einer Tugend, Urheber einer Handlung, Er⸗ finder einer Wahrheit, Inhaber einer Glückſeligkeit. Wir ſelber werden das empfundene Object. Verwirre mich hier durch kein zweideutiges Lächeln, mein Raphael— dieſe Vorausſetzung iſt der Grund, worauf ich alles Folgende gründe, und einig muͤſ⸗ ſen wir ſeyn, ehe ich Muth habe, meinen Bau zu vollenden. Etwas Aehnliches ſagt einem Jeden ſchon das innere Gefühl. Wenn wir z. B. eine Handlung der Großmuth, der Tapferkeit, der Klugheit bewundern, reat ſich da nicht ein geheimes Bewußt⸗ 287 ſeyn in unſerm Herzen, daß wir faͤhig waren, ein Gleiches zu thun? Verraͤth nicht ſchon die hohe Röthe, die bei Anhöͤrung einer ſolchen Geſchichte unſere Wangen färbt, daß unſere Be⸗ ſcheidenheit vor der Bewunderung zittert? daß wir über dem Lobe verlegen ſind, welches uns die Veredlung unſers Weſens erwerben muß? Ja, unſer Koͤrper ſelbſt ſtimmt ſich in dieſem Augenblicke in die Gebärden des handelnden Menſchen und zeigt offenbar, daß unſere Seele in dieſen Zuſtand übergegangen ſey. Wenn du zugegen warſt, Raphael, wo eine große Begebenheit vor einer zahlreichen Verſammlung erzählt wurde, ſaheſt du es da dem Erzäͤhler nicht an, wie er ſelbſt auf den Weihrauch war⸗ tete, er ſelbſt den Beifall aufzehrte, der ſeinem Helden geopfert wurde— und wenn du der Erzaͤhler warſt, uͤberraſchteſt du dein Herz niemals auf dieſer glücklichen Täuſchung? Du haſt Bei⸗ ſpiele, Raphael, wie lebhaft ich ſogar mit meinem Herzens⸗ freunde um die Vorleſung einer ſchönen Anekdote, eines vor⸗ trefflichen Gedichtes mich zanken kann, und mein Herz hat mir's leiſe geſtanden, daß es dir dann nur den Lorbeer mißgönnte, der von dem Schöpfer auf den Vorleſer uͤbergeht. Schnelles und inniges Kunſtgefühl für die Tugend gilt darum allgemein für ein großes Talent zu der Tugend, wie man im Gegentheile kein Bedenken tragt, das Herz eines Mannes zu bezweifeln, deſſen Kopf die moraliſche Schönheit ſchwer und langſam faßt. Wende mir nicht ein, daß bei lebendiger Erkenntniß einer Vollkommenheit nicht ſelten das entgegenſtehende Gebrechen ſich finde, daß ſelbſt den Böſewicht oft eine hohe Begeiſterung für das Vortreffliche anwandle, ſelbſt den Schwachen zuweilen ein Enthuſiasmus hoher herculiſcher Größe durchflamme. Ich weiß z. B., daß unſer bewunderter Haller, der das geſchätzte Nichts der eiteln Ehre ſo männlich entlarvte, deſſen philoſophiſcher Groͤße ich ſo viel Bewunderung zollte, daß eben dieſer das noch eitlere 288 Nichts eines Ritterſternes, der ſeine Größe beleidigte, nicht zu verachten im Stande war. Ich bin üͤberzeugt, daß in dem glücklichen Momente des Ideals der Künſtler, der Philoſoph und der Dichter die großen und guten Menſchen wirklich ſind, deren Bild ſie entwerfen— aber dieſe Veredlung des Geiſtes iſt bei Vielen nur ein unnatuͤrlicher Zuſtand, durch eine lebhaftere Wallung des Bluts, einen raſchern Schwung der Phantaſie ge⸗ waltſam hervorgebracht, der aber auch eben deßwegen ſo fluchtig, wie jede andere Bezauberung, dahin ſchwindet und das Herz der deſpotiſchen Willkür niedriger Leidenſchaften deſto ermatteter uͤberliefert. Deſto ermatteter, ſage ich— denn eine allgemeine Erfahrung lehrt, daß der rückfaͤllige Verbrecher immer der wüthendere iſt, daß die Renegaten der Tugend ſich von dem läſtigen Zwange der Reue in den Armen des Laſters nur deſto ſüßer erholen. Ich wollte erweiſen, mein Raphael, daß es unſer eigener Zuſtand iſt, wenn wir einen fremden empfinden, daß die Voll⸗ ommenheit auf den Augenblick unſer wird, worin wir uns eine Vorſtellung von ihr erwecken, daß unſer Wohlgefallen an Wahr⸗ heit, Schönheit und Tugend ſich endlich in das Bewußtſeyn eigner Veredlung, eigner Bereicherung auflöst, und ich glaube, ich habe es erwieſen. Wir haben Begriffe von der Weisheit des höchſten Weſens, von ſeiner Güte, von ſeiner Gerechtigkeit— aber keinen von ſeiner Allmacht. Seine Allmacht zu bezeichnen, helfen wir uns mit der ſtückweiſen Vorſtellung dreier Succeſſionen: Nichts, ſein Wille, und Etwas. Es iſt wüſte und finſter— Gott ruft: Licht— und es wird Licht. Hattn wir eine Realidee ſeiner wirkenden Allmacht, ſo waͤren wir Schöpfer, wie er. Jede Vollkommenheit alſo, die ich wahrnehme, wird mein eigen, ſie gibt mir Freude, weil ſie mein eigen iſt, ich begehre ſie⸗ 289 weil ich mich ſelbſt liebe. Vollkommenheit in der Natur iſt keine Eigenſchaft der Materie, ſondern der Geiſter. Alle Gei⸗ ſter ſind gluͤcklich durch ihre Vollkommenheit. Ich begehre das Gluͤck aller Geiſter, weil ich mich ſelbſt liebe. Die Gluͤckſelig⸗ keit, die ich mir vorſtelle, wird meine Gluͤckſeligkeit, alſo liegt mir daran, dieſe Vorſtellungen zu erwecken, zu vervielfaͤltigen, zu erhoͤhen— alſo liegt mir daran, Gluͤckſeligkeit um mich her zu verbreiten. Welche Schoͤnheit, welche Vortrefflichkeit, welchen Genuß ich außer mir hervorbringe, bringe ich in mir hervor; welchen ich vernachlaͤſſige, zerſtoͤre, vernachlaͤſſige ich mir— Ich begehre fremde Gluͤckſeligkeit, weil ich meine eigene begehre. Begierde nach fremder Gluͤckſeligkeit nennen wir Wohlwollen. Liebe. Jetzt, beſter Raphael, laſſ' mich herumſchauen. Die Hoͤhe iſt erſtiegen, der Nebel iſt gefallen, wie in einer bluͤhenden Landſchaft ſtehe ich mitten im Unermeßlichen. Ein reineres Sonnenlicht hat alle meine Begriffe gelaͤutert. Liebe alſo— das ſchoͤnſte Phaͤnomen in der beſeelten Schoͤpfung, der allmaͤchtige Magnet in der Geiſterwelt, die Quelle der Andacht und der erhabenſten Tugend— Liebe iſt nur der Widerſchein dieſer einzigen Kraft, eine Anziehung des Vortrefflichen, gegruͤndet auf einen augenblicklichen Tauſch der Perſönlichkeit, eine Verwechſelung der Weſen. Wenn ich haſſe, ſo nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, ſo werde ich um das reicher, was ich liebe. Verzeihung iſt das Wiederfinden eines veraͤußerten Eigenthums— Menſchen⸗ haß ein verlaͤngerter Selbſtmord; Egoismus die hoͤchſte Ar⸗ muth eines erſchaffenen Weſens. Als Raphael ſich meiner letzten Umarmung. entwand, da zer⸗ riß meine Seele, und ich weine um den Verluſt meiner ſchoͤnern Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 19 290 Haͤlfte. An jenem ſeligen Abend— du kennſt ihn— da unſere Seelen ſich zum erſten Male feurig beruͤhrten, wurden alle deine großen Empfindungen mein, machte ich nur mein ewiges Eigenthumsrecht auf deine Vortrefflichkeit gelten— ſtolzer darauf, dich zu lieben, als von dir geliebt zu ſeyn, denn das Erſte hatte mich zu Raphael gemacht. „War's nicht dieß allmaͤchtige Getriebe, „Das zum ew'gen Jubelbund der Liebe „Unſre Herzen an einander zwang? „Raphael, an deinem Arm— o Wonne! „Wag' auch ich zur Geiſterſonne „Freudig den Vollendungsgang. „Gluͤcklich! Gluͤcklich! Dich hab' ich gefunden, „Hab' aus Millionen dich umwunden, „Und aus Millionen mein biſt du. Laſſ' das wilde Chaos wiederkehren, „Durch einander die Atomen ſtoͤren, „Ewig fliehn ſich unſre Herzen zu. „Muß ich nicht aus deinen Flammenaugen „Meiner Wolluſt Widerſtrahlen ſaugen? „Nur in dir beſtaun' ich mich. „Schoͤner malt ſich mir die ſchoͤne Erde, „Heller ſpiegelt in des Freunds Gebaͤrde, „Neizender der Himmel ſich. „Schwermuth wirft die bangen Thraͤnenlaſten, „Suͤßer von des Leidens Sturm zu raſten, „In der Liebe Buſen ab. „Sucht nicht ſelbſt das folternde Entzuͤcken „Raphael, in deinen Seelenblicken „Ungeduldig ein wolluͤſt'ges Grab? 291 „Stuͤnd' im All der Schoͤpfung ich alleine, „Seelen traͤumt' ich in die Felſenſteine „Und umarmend kuͤßt' ich ſie. „Meine Klagen ſtoͤhnt' ich in die Luͤfte, „Freute mich, antworteten die Kluͤfte, „Thor genug, der ſuͤßen Sympathie.“— Liebe findet nicht ſtatt unter gleichtoͤnenden Seelen, aber unter harmoniſchen. Mit Wohlgefallen erkenne ich meine Empfindun⸗ gen wieder in dem Spiegel der deinigen, aber mit feuriger Sehn⸗ ſucht verſchlinge ich die hoͤhern, die mir mangeln. Eine Regel leitet Freundſchaft und Liebe. Die ſanfte Desdemona liebt ihren Othello wegen der Gefahren, die er beſtanden; der maͤnnliche Othello liebt ſie um der Thraͤnen willen, die ſie ihm weinte. Es gibt Augenblicke im Leben, wo wir aufgelegt ſind, jede Blume und jedes entlegene Geſtirn, jeden Wurm und jeden geahnten hoͤhern Geiſt an den Buſen zu druͤcken— ein Umarmen der ganzen Natur, gleich unſrer Geliebten. Du verſtehſt mich, mein Raphael. Der Menſch, der es ſo weit gebracht hat, alle Schoͤnheit, Groͤße, Vortrefflichkeit im Kleinen und Großen der Natur aufzuleſen, und zu dieſer Mannichfaltigkeit die große Einheit zu finden, iſt der Gottheit ſchon ſehr viel naͤher ge⸗ ruͤckt. Die ganze Schoͤpfung zerfließt in ſeine Perſoͤnlichkeit. Wenn jeder Menſch alle Menſchen liebte, ſo beſaͤße jeder Ein⸗ zelne die Welt. Die Philoſophie unſerer Zeiten— ich befuͤrchte es— wider⸗ ſpricht dieſer Lehre. Viele unſerer denkenden Koͤpfe haben es ſich angelegen ſeyn laſſen, dieſen himmliſchen Trieb aus der menſchlichen Seele hinwegzuſpotten, das Gepraͤge der Gottheit zu verwiſchen, und dieſe Energie, dieſen edeln Enthuſiasmus im kalten toͤdtenden Hauch einer kleinmuͤthigen Indifferenz aufzuloͤſen. Im Knechtsgefuͤhle ihrer eigenen Entwuͤrdigung 29²2 haben ſie ſich mit dem gefaͤhrlichen Feinde des Wohlwollens, dem Eigennutz, abgefunden, ein Phaͤnomen zu erklaͤren, das ihren begraͤnzten Herzen zu goͤttlich war. Aus einem durftigen Egoismus haben ſie ihre troſtloſe Lehre geſponnen, und ihre eigene Beſchraͤnkung zum Maßſtab des Schoͤpfers gemacht— entartete Sklaven, die unter dem Klange ihrer Ketten die Freiheit verſchreien. Swift, der den Tadel der Thorheit bis zur Infamie der Menſchheit getrieben, und an den Schand⸗ pfahl, den er dem ganzen Geſchlechte baute, zuerſt ſeinen eigenen Namen ſchrieb, Swift ſelbſt konnte der menſchlichen Natur keine ſo toͤdtliche Wunde ſchlagen, als dieſe gefaͤhrlichen Denker, die mit allem Aufwande des Scharfſinnes und des Genie's den Eigennutz ausſchmuͤcken, und zu einem Syſteme veredeln. Warum ſoll es die ganze Gattung entgelten, wenn einige Glieder an ihrem Werthe verzagen? Ich bekenne es freimuͤthig, ich glaube an die Wirklichkeit einer uneigennuͤtzigen Liebe. Ich bin verloren, wenn ſie nicht iſt; ich gebe die Gottheit auf, die Unſterblichkeit und die Tu⸗ gend. Ich habe keinen Beweis fuͤr dieſe Hoffnungen mehr uͤbrig, wenn ich aufhoͤre, an die Liebe zu glauben. Ein Geiſt, der ſich allein liebt, iſt ein ſchwimmender Atom im unermeß⸗ lichen leeren Raume. Aufopferung. Aber die Liebe hat Wirkungen hervorgebracht, die ihrer Natur zu widerſprechen ſcheinen. Es iſt denkbar, daß ich meine eigene Gluͤckſeligkeit durch ein Opfer vermehre, das ich fremder Gluͤckſeligkeit bringe— aber auch noch dann, wenn dieſes Opfer mein Leben iſt? Und die Geſchichte hat Beiſpiele ſolcher Opfer— und ich fuͤhle es leb⸗ 293 haft, daß es mich nichts koſten ſollte, fuͤr Raphaels Rettung zu ſterben. Wie iſt es moͤglich, daß wir den Tod fuͤr ein Mittel halten, die Summe unſerer Genuͤſſe zu vermehren? Wie kann das Aufhoͤren meines Daſeyns ſich mit Bereicherung meines Weſens vertragen? Die Vorausſetzung von einer unſterblichkeit hebt dieſen Widerſpruch— aber ſie entſtellt auch auf immer die hohe Grazie dieſer Erſcheinung. Nuͤckſicht auf eine belohnende Zu⸗ kunft ſchließt die Liebe aus. Es muß eine Tugend geben, die auch ohne den Glauben an unſterblichkeit auslangt, die, auch auf Gefahr der Vernichtung, das naͤmliche Opfer wirkt. Zwar iſt es ſchon Veredlung einer menſchlichen Seele, den gegenwaͤrtigen Vortheil dem ewigen aufzuopfern— es iſt die edelſte Stufe des Egoismus— aber Egoismus und Liebe ſcheiden die Menſchheit in zwei hoͤchſt unaͤhnliche Geſchlechter, deren Graͤnzen nie in einander fließen. Egoismus errichtet ſeinen Mittelpunkt in ſich ſelber; Liebe pflanzt ihn außerhalb ihrer in die Achſe des ewigen Ganzen. Liebe zielt nach Einheit; Egoismus iſt Einſamkeit. Liebe iſt die mitherrſchende Buͤrgerin eines bluͤhenden Freiſtaats, Egoismus ein Deſpot in einer verwuͤſteten Schoͤpfung. Egoismus ſaͤet fuͤr die Dankbarkeit, Liebe fuͤr den Undank. Liebe verſchenkt, Egoismus leiht— Einerlei vor dem Throne der richtenden Wahrheit, ob auf den Genuß des naͤchſtfolgenden Augenblicks, oder die Ausſicht einer Maͤrtyrerkrone— einerlei, ob die Zinſen in dieſem Leben oder im andern fallen! Denke dir eine Wahrheit, mein Raphael, die dem ganzen Menſchengeſchlechte auf entfernte Jahrhunderte wohl thut— ſetze hinzu, dieſe Wahrheit verdammt ihren Bekenner zum Tode, dieſe Wahrheit kann nur erwieſen werden, nur geglaubt werden, wenn er ſtirbt. Denke dir dann den Mann mit dem 294 hellen umfaſſenden Sonnenblicke des Genie's, mit dem Flam⸗ menrade der Begeiſterung, mit der ganzen erhabnen Anlage zu der Liebe. Laſſ' in ſeiner Seele das vollſtaͤndige Ideal jener großen Wirkung emporſteigen—— laſſ' in dunkler Ahnung voruͤber gehen an ihm alle Gluͤcklichen, die er ſchaffen ſoll— laſſ' die Gegenwart und die Zukunft zugleich in ſeinem Geiſte ſich zuſammendraͤngen— und nun beantworte dir, be⸗ darf dieſer Menſch der Anweiſung auf ein anderes Leben? Die Summe aller dieſer Empfindungen wird ſich verwirren mit ſeiner Perſoͤnlichkeit, wird mit ſeinem Ich in Eins zu⸗ ſammenfließen. Das Menſchengeſchlecht, das er jetzt ſich denkt, iſt er ſelbſt. Es iſt ein Koͤrper, in welchem ſein Leben, ver⸗ geſſen und entbehrlich, wie ein Blutstropfe ſchwimmt— wie ſchnell wird er ihn fuͤr ſeine Geſundheit verſpritzen! Gott. Alle Vollkommenheiten im Univerſum ſind vereinigt in Gott. Gott und Natur ſind zwei Groͤßen, die ſich vollkommen gleich ſind. Die ganze Summe von harmoniſcher Thaͤtigkeit, die in der gottlichen Subſtanz beiſammen exiſtirt, iſt in der Natur, dem Abbilde dieſer Subſtanz, zu unzaͤhligen Graden und Maßen und Stufen vereinzelt. Die Natur(erlaube mir dieſen bild⸗ lichen Ausdruck), die Natur iſt ein unendlich getheilter Gott. Wie ſich im prismatiſchen Glaſe ein weißer Lichtſtreif in 3 ſieben dunklere Strahlen ſpaltet, hat ſich das goͤttliche Ich in 3 zahlloſe empfindende Subſtanzen gebrochen. Wie ſieben dunk⸗ lere Strahlen in einen hellen Lichtſtreif wieder zuſammenſchmel⸗ zen, wuͤrde aus der Vereinigung aller dieſer Subſtanzen ein goͤttliches Weſen hervorgehen. Die vorhandene Form des Natur⸗ gebaͤudes iſt das optiſche Glas, und alle Thaͤtigkeiten der Geiſter nur ein unendliches Farbenſpiel jenes einfachen goͤttlichen Strah⸗ 295 les. Gefiel es der Allmacht dereinſt, dieſes Prisma zu zer⸗ ſchlagen, ſo ſtuͤrzte der Damm zwiſchen ihr und der Welt ein, alle Geiſter wuͤrden in einem Unendlichen untergehen, alle Accorde in einer Harmonie in einander fließen, alle Baͤche in einem Ocean aufhoͤren. Die Anziehung der Elemente brachte die koͤrperliche Form der Natur zu Stande. Die Anziehung der Geiſter, ins Un⸗ endliche vervielfaͤltigt und fortgeſetzt, muͤßte endlich zu Auf⸗ hebung jener Trennung fuͤhren, oder(darf ich es ausſprechen, Raphael?) Gott hervorbringen. Eine ſolche Anziehung iſt Liebe. Alſo Liebe, mein Raphael, iſt die Leiter, worauf wir em⸗ porklimmen zur Gottaͤhnlichkeit. Ohne Anſpruch, uns ſelbſt unbewußt, zielen wir dahin. „Todte Gruppen ſind wir, wenn wir haſſen, „Gotter, wenn wir liebend uns umfaſſen, „Lechzen nach dem ſuͤßen Feſſelzwang. „Aufwaͤrts, durch die tauſendfachen Stufen „Zahlenloſer Geiſter, die nicht ſchufen, „Waltet goͤttlich dieſer Drang. „Arm in Arme, hoͤher ſtets und hoͤher, „Vom Barbaren bis zum griech'ſchen Seher, „Der ſich an den letzten Seraph reiht, „Wallen wir einmuͤth'gen Ringeltanzes, „ Bis ſich dort im Meer des ewegen Glanzes „Sterbend untertauchen Maß und Zeit. „Freundlos war der große Weltenmeiſter, „Fuͤhlte Mangel, darum ſchuf er Geiſter, „Sel'’ge Spiegel ſeiner Seligkeit. „Fand das hoͤchſte Weſen ſchon kein Gleiches, „Aus dem Kelch des ganzen Weſenreiches „Schaͤumt ihm die Unendlichkeit.“ 296 Liebe, mein Raphael, iſt das wuchernde Arkan, den entadelten Koͤnig des Goldes aus dem unſcheinbaren Kalke wieder herzu⸗ ſtellen, das Ewige aus dem Vergaͤnglichen, und aus dem zer⸗ ſtoͤrenden Brande der Zeit das große Orakel der Dauer zu retten. Was iſt die Summe von allem Bisherigen? Laßt uns Vortrefflichkeit einſehen, ſo wird ſie unſer. Laßt uns vertraut werden mit der hohen idealiſchen Einheit, ſo werden wir uns mit Bruderliebe anſchließen an einander. Laßt uns Schoͤnheit und Freude pflanzen, ſo ernten wir Schönheit und Freude. Laßt uns hell denken, ſo werden wir feurig lieben. Seyd vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen iſt, ſagt der Stifter unſers Glaubens. Die ſchwache Menſchheit erblaßte bei dieſem Gebote, darum erklaͤrt er ſich deutlicher: liebet euch unter einander: „Weisheit mit dem Sonnenblick, „Große Göttin, tritt zuruͤck, „Weiche vor der Liebe! „Wer die ſteile Sternenbahn „Ging dir heldenkuͤhn voran „Zu der Gottheit Sitze? „Wer zerriß das Heiligthum, „Zeigte dir Elyſium „Durch des Grabes Ritze? „Lockte ſie uns nicht hinein, „Moͤchten wir unſterblich ſeyn? „Suchten auch die Geiſter „Ohne ſie den Meiſter? „Liebe, Liebe leitet nur „Zu dem Vater der Natur, „Liebe nur die Geiſter.“ Hier, mein Raphael, haſt du das Glaubensbekenntniß meiner Vernunft, einen fuuͤchtigen umriß meiner unternommenen Schoͤpfung. So wie du hier findeſt, ging der Samen auf, den 297 du ſelber in meine Seele ſtreuteſt. Spotte nun oder freue dich oder erroͤthe uͤber deinen Schuͤler. Wie du willſt— aber dieſe Philoſophie hat mein Herz geadelt und die Perſpective meines Lebens verſchoͤnert. Moͤglich, mein Beſter, daß das ganze Ge⸗ ruͤſte meiner Schluͤſſe ein beſtandloſes Traumbild geweſen.— Die Welt, wie ich ſie hier malte, iſt vielleicht nirgends, als im Gehirne deines Julius wirklich—— vielleicht, daß nach Ablauf der tauſend tauſend Jahre jenes Richters, wo der verſprochene weiſere Mann auf dem Stuhle ſitzt, ich bei Erblickung des wah⸗ ren Originals meine ſchuͤlerhafte Zeichnung ſchamroth in Stuͤcken reiße— Alles dieß mag eintreffen, ich erwarte es; dann aber, wenn die Wirklichkeit meinem Traume auch nicht einmal aͤhnelt, wird mich die Wirklichkeit um ſo entzuͤckender, um ſo majeſtaͤti⸗ ſcher uͤberraſchen. Sollten meine Ideen wohl ſchoͤner ſeyn, als die Ideen des ewigen Schoͤpfers? Wie? Sollte der es wohl dul⸗ den, daß ſein erhabenes Kunſtwerk hinter den Erwartungen eines ſterblichen Kenners zuruͤckbliebe?— Das eben iſt die Feuerprobe ſeiner großen Vollendung und der ſuͤßeſte Triumph fuͤr den hoͤchſten Geiſt, daß auch Fehlſchluͤſſe und Taͤuſchung ſeiner An⸗ erkennung nicht ſchaden, daß alle Schlangenkruͤmmungen der aus⸗ ſchweifenden Vernunft in die gerade Richtung der ewigen Wahr⸗ heit zuletzt einſchlagen, zuletzt alle abtruͤnnigen Arme ihres Stromes nach der naͤmlichen Muͤndung laufen. Raphael— welche Idee erweckt mir der Kuͤnſtler, der in tauſend Copien anders entſtellt, in allen Tauſenden dennoch ſich aͤhnlich bleibt, dem ſelbſt die verwuͤſtende Hand eines Stuͤmpers die Anbetung nicht entziehen kann! Uebrigens koͤnnte meine Darſtellung durchaus verfehlt, durch⸗ aus unaͤcht ſeyn— noch mehr, ich bin uͤberzeugt, daß ſie es nothwendig ſeyn muß, und dennoch iſt es moͤglich, daß alle Re⸗ ſultate daraus eintreffen. Unſer ganzes Wiſſen läuft endlich, 298 wie alle Weltweiſen uͤbereinkommen, auf eine conventionelle Taͤuſchung hinaus, mit welcher jedoch die ſtrengſte Wahrheit beſtehen kann. Unſre reinſten Begriffe ſind keineswegs Bilder der Dinge, ſondern bloß ihre nothwendig beſtimmten und co⸗ exiſtirenden Zeichen. Weder Gott, noch die menſchliche Seele, noch die Welt, ſind das wirklich, was wir davon halten. Un⸗ ſere Gedanken von dieſen Dingen ſind nur die endemiſchen For⸗ men, worin ſie uns der Planet uͤberliefert, den wir bewohnen — unſer Gehirn gehoͤrt dieſem Planeten, folglich auch die Idiome unſerer Begriffe, die darin aufbewahrt liegen. Aber die Kraft der Seele iſt eigenthuͤmlich, nothwendig, und immer ſich ſelbſt gleich; das Willkuͤrliche der Materialien, woran ſie ſich aͤußert, aͤndert nichts an den ewigen Geſetzen, wornach ſie ſich aͤußert, ſo lange dieſes Willkuͤrliche mit ſich ſelbſt nicht im Widerſpruche ſteht, ſo lange das Zeichen dem Bezeichneten durchaus getreu bleibt. So wie die Denkkraft die Verhaͤltniſſe der Idiome ent⸗ wickelt, muͤſſen dieſe Verhaͤltniſſe in den Sachen auch wirklich vorhanden ſeyn. Wahrheit iſt alſo keine Eigenſchaft der Idiome, ſondern der Schluͤſſe; nicht die Aehnlichkeit des Zeichens mit dem Bezeichneten, des Begriffs mit dem Gegenſtande, ſondern die Uebereinſtimmung dieſes Begriffs mit den Geſetzen der Denkkraft. Eben ſo bedient ſich die Groͤßenlehre der Chiffren, die nirgends, als auf dem Papiere, vorhanden ſind, und findet damit, was vorhanden iſt in der wirklichen Welt. Was fuͤr eine Aehnlichkeit haben z. B. die Buchſtaben A und B, die Zeichen: und=,+ und— mit dem Factum, das gewonnen werden ſoll?— und doch ſteigt der vor Jahrhunderten ver⸗ kuͤndigte Komet am entlegenen Himmel auf, doch tritt der erwartete Planet vor die Scheibe der Sonne! Auf die Unfehl⸗ barkeit ſeines Calculs geht der Weltentdecker Columbus die be⸗ denkliche Wette mit einem unbefahrnen Meere ein, die fehlende 299 zweite Haͤlfte zu der bekannten Hemiſphaͤre, die große Inſel At⸗ lantis zu ſuchen, welche die Luͤcke auf ſeiner geographiſchen Karte ausfuͤllen ſollte. Er fand ſie, dieſe Inſel ſeines Papiers, und ſeine Rechnung war richtig. Waͤre ſie es etwa minder geweſen, wenn ein feindlicher Sturm ſeine Schiffe zerſchmettert oder ruͤckwaͤrts nach ihrer Heimath getrieben haͤtte?— Einen aͤhn⸗ lichen Calcul macht die menſchliche Vernunft, wenn ſie das Unſinnliche, mit Huͤlfe des Sinnlichen, ausmißt und die Ma⸗ thematik ihrer Schluͤſſe auf die verborgene Phyſik des Ueber⸗ menſchlichen anwendet. Aber noch fehlt die letzte Probe zu ihren Rechnungen, denn kein Reiſender kam aus jenem Lande zuruͤck, ſeine Entdeckung zu erzaͤhlen. Ihre eignen Schranken hat die menſchliche Natur, ſeine eigene jedes Individuum. Ueber jene wollen wir uns wechſels⸗ weiſe troͤſten; dieſe wird Raphael dem Knabenalter ſeines Ju⸗ lius vergeben. Ich bin arm an Begriffen, ein Fremdling in manchen Kenntniſſen, die man bei Unterſuchungen dieſer Art als unenkbehrlich vorausſetzt. Ich habe keine philoſophiſche Schule gehoͤrt und wenig gedruckte Schriften geleſen. Es mag ſeyn, daß ich dort und da meine Phantaſien ſtrengern Ver⸗ nunftſchluͤſſen unterſchiebe, daß ich Wallungen meines Blutes, Ahnungen und Beduͤrfniſſe meines Herzens fuͤr nuͤchterne Weis⸗ heit verkaufe; auch das, mein Guter, ſoll mich dennoch den ver⸗ lornen Augenblick nicht bereuen laſſen. Es iſt wirklicher Gewinn fuͤr die allgemeine Vollkommenheit, es war die Vorherſehung des weiſeſten Geiſtes, daß die verirrende Vernunft auch ſelbſt das chaotiſche Land der Traͤume bevoͤlkern und den kahlen Boden des Widerſpruchs urbar machen ſollte. Nicht der me⸗ chaniſche Kuͤnſtler nur, der den rohen Demant zum Brillanten ſchleift— auch der Andere iſt ſchaͤtzbar, der gemeinere Steine bis zur ſcheinbaren Wuͤrde des Demants veredelt. Der Fleiß . 300 in den Formen kann zuweilen die maſſive Wahrheit des Stof⸗ fes vergeſſen laſſen. Iſt nicht jede Uebung der Denkkraft, jede feine Schaͤrfe des Geiſtes eine kleine Stufe zu ſeiner Vollkom⸗ menheit, und jede Vollkommenheit mußte Daſeyn erlangen in der vollſtaͤndigen Welt. Die Wirklichkeit ſchraͤnkt ſich nicht auf das abſolut Nothwendige ein; ſie umfaßt auch das bedingungs⸗. weiſe Nothwendige; jede Geburt des Gehirns, jedes Gewebe des Witzes hat ein unwiderſprechliches Buͤrgerrecht in dieſem groͤßeren Sinne der Schoͤpfung. Im unendlichen Riſſe der Natur durfte keine Thaͤtigkeit ausbleiben, zur allgemeinen Gluͤck⸗ ſeligkeit kein Grad des Genuſſes fehlen. Derjenige große Haus⸗ halter ſeiner Welt, der ungenuͤtzt keinen Splitter fallen, keine Luͤcke unbevoͤlkert laͤßt, wo noch irgend ein Lebensgenuß Raum hat, der mit dem Gifte, das den Menſchen anfeindet, Nattern und Spinnen ſaͤttigt, der in das todte Gebiet der Verweſung noch Pflanzen ſendet, die kleine Bluͤthe von Wolluſt, die im Wahnwitze ſproſſen kann, noch wirthſchaftlich ausſpendet, der Laſter und Thorheit zur Vortrefflichkeit noch endlich verarbeitet und die große Idee des weltbeherrſchenden Roms aus der Luͤ⸗ ſternheit des Tarquinius Sextus zu ſpinnen wußte— dieſer erfinderiſche Geiſt ſollte nicht auch den Irrthum zu ſeinen gro⸗ ßen Zwecken verbrauchen, und dieſe weitlaͤufige Weltſtrecke in der Seele des Menſchen verwildert und freudenleer liegen laſ⸗ ſen? Jede Fertigkeit der Vernunft, auch im Irrthume, ver⸗ mehrt ihre Fertigkeit zur Empfaͤngniß der Wahrheit. Laſſ“, theurer Freund meiner Seele, laſſ' mich immerhin zu dem weitlaͤufigen Spinngewebe der menſchlichen Weisheit auch das Meinige tragen. Anders malt ſich das Sonnenbild in den Thautropfen des Morgens, anders im majeſtaͤtiſchen Spiegel des erdumguͤrtenden Oceans! Schande aber dem truͤben wolkigen Sumpfe, der es niemals empfaͤngt und niemals zuruͤckgibt! 301 Millionen Gewaͤchſe trinken von den vier Elementen der Natur. Eine Vorrathskammer ſteht offen fuͤr alle; aber ſie miſchen ihren Saft millionenfach anders, geben ihn millionenfach anders wieder. Die ſchoͤne Mannichfaltigkeit verkuͤndigt einen reichen Herrn dieſes Hauſes. Vier Elemente ſind es, woraus alle Geiſter ſchoͤpfen: ihr Ich, die Natur, Gott und die Zukunft. Alle mi⸗ ſchen ſie millionenfach anders, geben ſie millionenfach anders wieder, aber eine Wahrheit iſt es, die, gleich einer feſten Achſe, gemeinſchaftlich durch alle Religionen und alle Syſteme geht— „Naͤhert euch dem Gotte, den ihr meinet!“ Naphael an Juliuns. Das waͤre nun freilich ſchlimm, wenn es kein anderes Mittel gaͤbe, dich zu beruhigen, Julius, als den Glauben an die Erſt⸗ linge deines Nachdenkens bei dir wieder herzuſtellen. Ich habe dieſe Ideen, die ich bei dir aufkeimen ſah, mit innigem Vergnuͤ⸗ gen in deinen Papieren wiedergefunden. Sie ſind einer Seele, wie die deinige werth, aber hier konnteſt und durfteſt du nicht ſtehen bleiben. Es gibt Freuden fuͤr jedes Alter und Genuͤſſe fuͤr jede Stufe der Geiſter. Schwer mußte es dir wohl werden, dich von einem Syſteme zu trennen, das ſo ganz fuͤr die Bedurfniſſe deines Herzens ge⸗ ſchaffen war. Kein anderes, ich wette darauf, wird je wieder ſo tiefe Wurzeln bei dir ſchlagen, und vielleicht duͤrfteſt du nur ganz dir ſelbſt uͤberlaſſen ſeyn, um fruͤher oder ſpaͤter mit deinen Lieblingsideen wieder ausgeſoͤhnt zu werden. Die Schwaͤchen der entgegengeſetzten Syſteme wuͤrdeſt du bald bemerken, und als⸗ dann, bei gleicher Unerweislichkeit, das Wuͤnſchenswertheſte vor⸗ 3⁰² ziehen, oder vielleicht neue Beweisgruͤnde auffinden, um wenig⸗ ſtens das Weſentliche davon zu retten, wenn du auch einige gewagtere Behauptungen preisgeben muͤßteſt. Aber dieß Alles iſt nicht in meinem Plane. Du ſollſt zu einer hoͤhern Freiheit des Geiſtes gelangen, wo du ſolcher Behelfe nicht mehr bedarfſt. Freilich iſt dieß nicht das Werk eines Augenblicks. Das gewoͤhnliche Ziel der fruͤheſten Bildung iſt Unterjochung des Geiſtes, und von allen Erziehungskunſt⸗ ſtuͤcken gelingt dieß faſt immer am erſten. Selbſt du, bei aller Elaſticitaͤt deines Charakters, ſchienſt zu einer willigen Unter⸗ werfung unter die Herrſchaft der Meinungen vor tauſend An⸗ dern beſtimmt, und dieſer Zuſtand der Unmuͤndigkeit konnte bei dir deſto langer dauern, je weniger du das Druͤckende davon fuͤhlteſt. Kopf und Herz ſtehen bei dir in der engſten Verbin⸗ dung. Die Lehre wurde dir werth durch den Lehrer. Bald gelang es dir, eine intereſſante Seite daran zu entdecken, ſie nach den Beduͤrfniſſen deines Herzens zu veredeln und uͤber die Punkte, die dir auffallen mußten, dich durch Reſignation zu beruhigen. Angriffe gegen ſolche Meinungen verachteteſt du als buͤbiſche Rache einer Sklavenſeele an der Ruthe ihres Zuchtmeiſters. Du prangteſt mit deinen Feſſeln, die du aus freier Wahl zu tragen glaubteſt. So fand ich dich, und es war mir ein trauriger Anblick, wie du ſo oft mitten im Genuſſe deines bluͤhendſten Lebens und in Aeußerung deiner edelſten Kraͤfte durch aͤngſtliche Ruͤckſichten ge⸗ hemmt wurdeſt. Die Conſequenz, mit der du nach deinen Ueber⸗ zeugungen handelteſt, und die Staͤrke der Seele, die dir jedes Opfer erleichterte, waren doppelte Beſchraͤnkungen deiner Thaͤtig⸗ keit und deiner Freuden. Damals beſchloß ich, jene ſtuͤmperhaften Bemuͤhungen zu vereiteln, wodurch man einen Geiſt, wie den deinigen, in die Form alttaͤglicher Kopfe zu zwingen geſucht hatte. 303 Alles kam darauf an, dich auf den Werth des Selbſtdenkens aufmerkſam zu machen und dir Zutrauen zu deinen eigenen Kraͤften einzuftoͤßen. Der Erfolg deiner erſten Verſuche beguͤn⸗ ſtigte meine Abſicht. Deine Phantaſie war freilich mehr dabei beſchaͤftigt, als dein Scharfſinn. Ihre Ahnungen erſetzten dir ſchneller den Verluſt deiner theuerſten Ueberzeugungen, als du es vom Schneckengange der kaltbluͤtigen Forſchung, die vom Be⸗ kannten zum Unbekannten ſtufenweiſe fortſchreitet, erwarten konnteſt. Aber eben dieß begeiſternde Syſtem gab dir den erſten Genuß in dieſem neuen Felde von Thaͤtigkeit, und ich huͤtete mich ſehr, einen willkommenen Enthuſiasmus zu ſtoͤren, der die Ent⸗ wickelung deiner trefflichſten Anlagen befoͤrderte. Jetzt hat ſich die Scene geaͤndert. Die Ruͤckkehr unter die Vormundſchaft deiner Kindheit iſt auf immer verſperrt. Dein Weg geht vor⸗ waͤrts, und du bedarfſt keiner Schonung mehr. Daß ein Syſtem, wie das deinige, die Probe einer ſtrengen Kritik nicht aushalten konnte, darf dich nicht befremden. Alle Verſuche dieſer Art, die dem deinigen an Kuͤhnheit und Weite des Umfangs gleichen, hatten kein anderes Schickſal. Auch war nichts natuͤrlicher, als daß deine philoſophiſche Laufbahn bei dir im Einzelnen eben ſo begann, als bei dem Menſchengeſchlechte im Ganzen. Der erſte Gegenſtand, an dem ſich der menſch⸗ liche Forſchungsgeiſt verſuchte, war von jeher— das Univerſum. Hypotheſen uͤber den Uurſprung des Weltalls und den Zuſammen⸗ hang ſeiner Theile hatten Jahrhunderte lang die groͤßten Denker beſchaͤftigt, als Sokrates die Philoſophie ſeiner Zeiten vom Him⸗ mel zur Erde herabrief. Aber die Graͤnzen der Lebensweisheit waren fuͤr die ſtolze Wißbegierde ſeiner Nachfolger zu enge. Neue Syſteme entſtanden aus den Truͤmmern der alten. Der Scharfſinn ſpaͤterer Zeitalter durchſtreifte das unermeßliche Feld moͤglicher Antworten auf jene immer von neuem ſich aufdringen⸗ 304 den Fragen uͤber das geheimnißvolle Innere der Natur, das durch keine menſchliche Erfahrung enthuͤllt werden konnte. Einigen gelang es ſogar, den Reſultaten ihres Nachdenkens einen Anſtrich von Beſtimmtheit, Vollſtaͤndigkeit und Evidenz zu geben. Es gibt mancherlei Taſchenſpielerkuͤnſte, wodurch die eitle Vernunft der Beſchaͤmung zu entgehen ſucht, in Erweiterung ihrer Kennt⸗ niſſe die Graͤnzen der menſchlichen Natur nicht uͤberſchreiten zu koͤnnen. Bald glaubt man neue Wahrheiten entdeckt zu haben, wenn man einen Begriff in die einzelnen Beſtandtheile zerlegt, aus denen er erſt willkuͤrlich zuſammengeſetzt war. Bald dient eine unmerkliche Vorausſetzung zur Grundlage einer Kette von Schluͤſſen, deren Luͤcken man ſchlau zu verbergen weiß, und die erſchlichenen Folgerungen werden als hohe Weisheit ange⸗ ſtaunt. Bald haͤuft man einſeitige Erfahrungen, um eine Hypo⸗ theſe zu begruͤnden und verſchweigt die entgegengeſetzten Phaͤno⸗ mene, oder man verwechſelt die Bedeutung der Worte nach den Beduͤrfniſſen der Schlußfolge. Und dieß ſind nicht etwa bloß Kunſtgriffe fuͤr den philoſophiſchen Charlatan, um ſein Publicum zu taͤuſchen. Auch der redlichſte, unbefangenſte Forſcher gebraucht oft, ohne es ſich bewußt zu ſeyn, aͤhnliche Mittel, um ſeinen Durſt nach Kenntniſſen zu ſtillen, ſobald er einmal aus der Sphaͤre heraustritt, in welcher allein ſeine Vernunft ſich mit Recht des Erfolgs ihrer Thaͤtigkeit freuen kann. Nach dem, was du ehemals von mir gehoͤrt haſt, Julius, muͤſſen dich dieſe Aeußerungen nicht wenig uͤberraſchen. Und gleichwohl ſind ſie nicht das Product einer zweifelſuͤchtigen Laune. Ich kann dir Rechenſchaft von den Gruͤnden geben, worauf ſie beruhen, aber hierzu muͤßte ich freilich eine etwas trockne Unter⸗ ſuchung uͤber die Natur der menſchlichen Erkenntniß voraus⸗ ſchicken, die ich lieber auf eine Zeit verſpare, da ſie fuͤr dich ein Beduͤrfniß ſeyn wird. Noch biſt du nicht in derjenigen Stimmung, 30⁵ wo die demuͤthigenden Wahrheiten von den Graͤnzen des menſchlichen Wiſſens dir intereſſant werden koͤnnen. Mache zuerſt einen Verſuch an dem Syſteme, welches bei dir das deinige verdraͤngte. Pruͤfe es mit gleicher Unparteilichkeit und Strenge. Verfahre eben ſo mit andern Lehrgebaͤuden, die dir neuerlich bekannt worden ſind; und wenn keines von allen deine Forderungen vollkommen befriedigt, dann wird ſich dir die Frage aufdringen: ob dieſe Forderungen auch wirklich ge⸗ recht waren?. „Ein leidiger Troſt, wirſt du ſagen. Reſignation iſt alſo meine ganze Ausſicht nach ſo viel glaͤnzenden Hoffnungen? War es da wohl der Muͤhe werth, mich zum vollen Gebrauch meiner Vernunft aufzufordern, um ihm gerade da Graͤnzen zu ſetzen, wo er mir am fruchtbarſten zu werden anfing? Mußte ich einen hoͤhern Genuß nur deßwegen kennen lernen, um das Peinliche meiner Beſchraͤnkung doppelt zu fuͤhlen?“ und doch iſt es eben dieß niederſchlagende Gefuͤhl, was ich bei dir ſo gern unterdruͤcken moͤchte. Alles zu entfernen, was dich im vollen Genuß deines Daſeyns hindert, den Keim jeder hoͤhern Begeiſterung— das Bewußtſeyn des Adels deiner Seele— in dir zu beleben, dieß iſt mein Zweck. Du biſt aus dem Schlummer erwacht, in den dich die Knechtſchaft unter fremden Meinungen wiegte. Aber das Maß von Groͤße, wozu du beſtimmt biſt, wuͤrdeſt du nie erfuͤllen, wenn du im Streben nach einem unerreichbaren Ziele deine Kraͤfte verſchwendeteſt. Bis jetzt mochte dieß hingehen und war auch eine natuͤrliche Folge deiner neuerworbenen Freiheit. Die Ideen, welche dich vorher am meiſten beſchaͤftigt hatten, mußten nothwendig der Thaͤtigkeit deines Geiſtes die erſte Richtung geben. Ob dieſe unter allen moͤglichen die fruchtbarſte ſey, wuͤrden dich deine eigenen Erfahrungen fruͤher oder ſpaͤter belehrt haben. Mein Schillers ſammtl. Werke. N. 20 306 Geſchaͤft war bloß, dieſen Zeitpunkt, wo moͤglich, zu be⸗ ſchleunigen. Es iſt ein gewoͤhnliches Vorurtheil, die Groͤße des Men⸗ ſchen nach dem Stoffe zu ſchaͤtzen, womit er ſich beſchaͤftigt, nicht nach der Art, wie er ihn bearbeitet. Aber ein hoͤhe⸗ res Weſen ehrt gewiß das Gepraͤge der Vollendung auch in der kleinſten Sphaͤre, wenn es dagegen auf die eiteln Verſuche, mit Inſectenblicken das Weltall zu uͤberſchauen, mit⸗ leidig herabſieht. Unter allen Ideen, die in deinem Aufeatze enthalten ſind, kann ich dir daher am wenigſten den Satz ein⸗ raͤumen, daß es die hoͤchſte Beſtimmung des Menſchen ſey, den Geiſt des Weltſchoͤpfers in ſeinem Kunſtwerke zu ahnen. Zwar weiß auch ich fuͤr die Thaͤtigkeit des vollkommenſten We⸗ ſens kein erhabeneres Bild, als die Kunſt. Aber eine wichtige Verſchiedenheit ſcheinſt du uͤberſehen zu haben. Das Univerſum iſt kein reiner Abdruck eines Ideals, wie das vollendete Werk eines menſchlichen Kuͤnſtlers. Dieſer herrſcht deſpotiſch uͤber den todten Stoff, den er zur Verſinnlichung ſeiner Ideen ge⸗ braucht. Aber in dem goͤttlichen Kunſtwerke iſt der eigenthuͤm⸗ liche Werth jedes ſeiner Beſtandtheile geſchont, und dieſer er⸗ haltende Blick, deſſen er jeden Keim von Energie, auch in dem kleinſten Geſchoͤpf, wuͤrdigt, verherrlicht den Meiſter eben ſo ſehr, als die Harmonie des unermeßlichen Ganzen. Leben und Freiheit, im groͤßten moͤglichen Umfange, iſt das Ge⸗ praͤge der goͤttlichen Schoͤpfung. Sie iſt nie erhabener, als da, wo ihr Ideal am meiſten verfehlt zu ſeyn ſcheint. Aber eben dieſe hoͤhere Vollkommenheit kann in unſerer jetzigen Beſchraͤn⸗ kung von uns nicht gefaßt werden. Wir uͤberſehen einen zu kleinen Theil des Weltalls, und die Aufloͤſung der groͤßern Menge von Mißtoͤnen iſt unſerm Ohre unerreichbar. Jede Stufe, die wir auf der Leiter der Weſen emporſteigen, wird 307 uns fuͤr dieſen Kunſtgenuß empfaͤnglicher machen, aber auch alsdann hat er gewiß ſeinen Werth nur als Mittel, nur inſofern er uns zu aͤhnlicher Thaͤtigkeit begeiſtert. Traͤges Anſtaunen fremder Groͤße kann nie ein hoͤheres Verdienſt ſeyn. Dem edlern Menſchen fehlt es weder an Stoff zur Wirkſam⸗ keit, noch an Kraͤften, um ſelbſt in ſeiner Sphaͤre Schoͤpfer zu ſeyn. Und dieſer Beruf iſt auch der deinige, Julius. Haſt du ihn einmal erkannt, ſo wird es dir nie wieder einfallen, uͤber die Schranken zu klagen, die deine Wißbegierde nicht uͤberſchreiten kann. und dieß iſt der Zeitpunkt, den ich erwarte, um dich voll⸗ kommen mit mir ausgeſoͤhnt zu ſehen. Erſt muß dir der Umfang deiner Kraͤfte voͤllig bekannt werden, ehe du den Werth ihrer freieſten Aeußerung ſchaͤtzen kannſt. Bis dahin zuͤrne immer mit mir, nur verzweifle nicht an dir ſelbſt. Briefe über Don Carlos. Erſter Brief. Sie ſagen mir, lieber Freund, daß Ihnen die bisherigen Beurtheilungen des Don Carlos noch wenig Befriedigung ge⸗ geben, und halten dafuͤr, daß der groͤßte Theil derſelben den eigentlichen Geſichtspunkt des Verfaſſers fehlgegangen ſey. Es daͤucht Ihnen noch wohl moͤglich, gewiſſe gewagte Stellen zu retten, welche die Kritik fuͤr unhaltbar erklaͤrte; manche Zweifel, die dagegen rege gemacht worden, finden Sie in dem Zuſammen⸗ hange des Stuͤcks— wo nicht voͤllig beantwortet, doch vorher⸗ geſehen und in Anſchlag gebracht. Bei den meiſten Einwuͤrfen faͤnden Sie weit weniger die Sagacitaͤt der Beurtheiler, als die Selbſtzufriedenheit zu bewundern, mit der ſie ſolche als hohe Entdeckungen vortragen, ohne ſich durch den natuͤrlichſten Ge⸗ danken ſtoͤren zu laſſen, daß Uebertretungen, die dem Bloͤdſich⸗ tigſten ſogleich ins Auge fallen, auch wohl dem Verfaſſer, der unter ſeinen Leſern ſelten der am wenigſten Unterrichtete iſt, duͤrften ſichtbar geweſen ſeyn, und daß Sie es alſo weniger mit der Sache ſelbſt, als mit den Gruͤnden zu thun haben, die ihn dabei beſtimmten. Dieſe Gruͤnde koͤnnen allerdings unzu⸗ laͤnglich ſeyn, koͤnnen auf einer einſeitigen Vorſtellungsart be⸗ 309 ruhen: aber die Sache des Beurtheilers waͤre es geweſen, dieſe Unzulaͤnglichkeit, dieſe Einſeitigkeit zu zeigen, wenn er anders in den Augen desjenigen, dem er ſich zum Richter aufdringt, oder zum Rathgeber anbietet, einen Werth erlangen will. Aber, lieber Freund, was geht es am Ende den Autor an, ob ſein Beurtheiler Beruf gehabt hat, oder nicht, wie viel oder wenig Scharfſinn er bewieſen hat? Mag er das mit ſich ſelbſt ausmachen. Schlimm fuͤr den Autor und ſein Werk, wenn er die Wirkung desſelben auf die Divinationsgabe und Bilkigkeit ſeiner Kritiker ankommen ließ, wenn er den Ein⸗ druck desſelben von Eigenſchaften abhaͤngig machte, die ſich nur in ſehr wenigen Koͤpfen vereinigen. Es iſt einer der fehler⸗ hafteſten Zuſtaͤnde, in welchem ſich ein Kunſtwerk befinden kann, wenn es in die Willkuͤr des Betrachters geſtellt worden, welche Auslegung er davon machen will, und wenn es einer Nachhuͤlfe bedarf, ihn in den rechten Standpunkt zu ruͤcken. Wollten Sie mir andeuten, daß das meinige ſich in dieſem Falle befaͤnde, ſo haben Sie etwas ſehr Schlimmes davon geſagt, und Sie veranlaſſen mich, es aus dieſem Geſichtspunkte noch einmal genauer zu pruͤfen. Es kaͤme alſo, daͤucht mir, vorzuͤglich dar⸗ auf an, zu unterſuchen, ob in dem Stuͤcke Alles enthalten iſt, was zum Verſtaͤndniſſe desſelben dient, und ob es in ſo klaren Ausdruͤcken angegeben iſt, daß es dem Leſer leicht war, es zu erkennen. Laſſen Sie ſich's alſo gefallen, lieber Freund, daß ich Sie eine Zeitlang von dieſem Gegenſtande unterhalte. Das Stuͤck iſt mir fremder geworden, ich finde mich jetzt glei am in der Mitte zwiſchen dem Küͤnctla⸗—„nd weinrm errachter, woourch er mir vielleicht moͤglich wird, des Erſtern vertraute Bekanntſchaft mit ſeinem Gegenſtande mit der Unbefangenheit des Letztern zu verbinden. Es kann mir uͤberhaupt— und ich finde noͤthig, dieſes 310 vorauszuſchicken— es kann mir begegnet ſeyn, daß ich in den erſten Acten andere Erwartungen erregt habe, als ich in den letzten erfuͤllte. St. Reals Novelle, vielleicht auch meine eignen Aeußerungen daruͤber im erſten Stuͤcke der Thalia, moͤgen dem Leſer einen Standpunkt angewieſen haben, aus dem es jetzt nicht mehr betrachtet werden kann. Waͤhrend der Zeit naͤmlich, daß ich es ausarbeitete, welches, mancher Unterbrechungen wegen, eine ziemlich lange Zeit war, hat ſich— in mir ſelbſt Vieles veraͤndert. An den verſchiedenen Schickſalen, die waͤhrend dieſer Zeit uͤber meine Art zu denken und zu empfinden ergangen ſind, mußte nothwendig auch dieſes Werk Theil nehmen. Was mich zu Anfange vorzuͤglich in demſelben gefeſſelt hatte, that dieſe Wirkung in der Folge ſchon ſchwaͤcher und am Ende nur kaum noch. Neue Jdeen, die indeß bei mir aufkamen, ver⸗ draͤngten die fruͤhern; Carlos ſelbſt war in meiner Gunſt ge⸗ fallen, vielleicht aus keinem andern Grunde, als weil ich ihm in Jahren zu weit vorausgeſprungen war, und aus der ent⸗ gegengeſetzten Urſache hatte Marquis Poſa ſeinen Platz einge⸗ nommen. So kam es denn, daß ich zu dem vierten und fuͤnften Acte ein ganz anderes Herz mitbrachte. Aber die erſten drei Acte waren in den Haͤnden des Publicums, die Anlage des Ganzen war nicht mehr umzuſtoßen— Ich haͤtte alſo das Stuͤck entweder ganz unterdruͤcken muͤſſen(und das haͤtte mir doch wohl der kleinſte Theil meiner Leſer gedankt), oder ich mußte die zweite Haͤlfte der erſten ſo gut anpaſſen, als ich konnte. e dies nicht u. Rn ie tlbenenere nienhie ue aiheen Hand, als der meinigen, nicht viel beſſer wuͤrde gelungen ſeyn. Der Hauptfehler war, ich hatte mich zu lange mit dem Stuͤcke getragen; ein dramatiſches Werk aber kann und ſoll nur die Bluͤthe eines einzigen Sommers ſeyn. Auch der Plan war fuͤr 311 die Graͤnzen und Regeln eines dramatiſchen Werks zu weit⸗ laͤufig angelegt. Dieſer Plan z. B. forderte, daß Marquis Poſa das uneingeſchraͤnkteſte Vertrauen Philipps davon trug; aber zu dieſer außerordentlichen Wirkung erlaubte mir die Oekonomie des Stuͤcks nur eine einzige Scene. Bei meinem Freunde werden mich dieſe Aufſchluͤſſe vielleicht rechtfertigen, aber nicht bei der Kunſt. Moͤchten ſie indeſſen doch nur die vielen Declamationen beſchließen, womit von dieſer Seite her von den Kritikern gegen mich iſt Sturm gelaufen worden. 4 Zweiter Brief. Der Charakter des Marquis Poſa iſt faſt durchgaͤngig fuͤr zu idealiſch gehalten worden; in wie fern dieſe Behauptung Grund hat, wird ſich dann am beſten ergeben, wenn man die eigenthuͤm⸗ liche Handlungsart dieſes Menſchen auf ihren wahren Gehalt zuruͤckgefuͤhrt hat. Ich habe es hier, wie Sie ſehen, mit zwei entgegengeſetzten Parteien zu thun. Denen, welche ihn aus der Claſſe natuͤrlicher Weſen ſchlechterdings verwieſen haben wollen, muͤßte alſo dargethan werden, in wie fern er mit der Menſchennatur zuſammenhaͤngt, in wie fern ſeine Geſinnungen, wie ſeine Handlungen, aus ſehr menſchlichen Trieben fließen, und in der Verkettung aͤußerlicher Umſtaͤnde gegruͤndet ſind; diejenigen, welche ihm den Namen eines goͤttlichen Menſchen geben, brauche ich nur auf einige Bloͤßen an ihm aufmerkſam zu machen, die gar ſehr menſchlich ſind. Die Geſinnungen, die der Marquis aͤußert, die Philoſophie, die ihn leitet, die Lieblingsgefuͤhle, die ihn beſeelen, ſo ſehr ſie ſich auch uͤber das taͤgliche Leben erheben, koͤnnen, als bloße Vorſtellungen betrachtet, 312 es nicht wohl ſeyn, was ihn mit Recht aus der Claſſe natuͤrlicher Weſen verbannte. Denn was kann in einem menſchlichen Kopfe nicht Daſeyn empfangen, und welche Geburt des Ge⸗ hirns kann in einem gluͤhenden Herzen nicht zur Leidenſchaft reifen? Auch ſeine Handlungen koͤnnen es nicht ſeyn, die, ſo ſelten dieß auch geſchehen mag, in der Geſchichte ſelbſt ihres Gleichen gefunden haben; denn die Aufopferung des Marquis fuͤr ſeinen Freund hat wenig oder nichts vor dem Heldentode eines Curtius, Regulus und Anderer voraus. Das Unrichtige und Unmoͤgliche muͤßte alſo entweder in dem Widerſpruche dieſer Geſinnungen mit dem damaligen Zeitalter, oder in ihrer Ohn⸗ macht und ihrem Mangel an Lebendigkeit liegen, zu ſolchen Handlungen wirklich zu entzuͤnden. Ich kann alſo die Einwen⸗ dungen, welche gegen die Naturlichkeit dieſes Charakters ge⸗ macht werden, nicht anders verſtehen, als daß in Philipps des Zweiten Jahrhundert kein Menſch ſo, wie Marquis Poſa, ge⸗ dacht haben konnte,— daß Gedanken dieſer Art nicht ſo leicht, wie hier geſchieht, in den Willen und in die That uͤbergehen, — und daß eine idealiſche Schw rmerei nicht mit ſolcher Con⸗ ſequenz realiſirt, nicht von ſolcher Energie im Handeln begleitet zu werden pflege. Was man gegen dieſen Charakter aus dem Zeitalter ein⸗ wendet, in welchem ich ihn auftreten laſſe, duͤnkt mir vielmehr fuͤr als wider ihn zu ſprechen. Nach dem Beiſpiele aller großen Koͤpfe entſteht er zwiſchen Finſterniß und Licht, eine hervorragende iſolirte Erſcheinung. Der Zeitpunkt, wo er ſich bildet, iſt allgemeine Gaͤhrung der Koͤpfe, Kampf der Vor⸗ urtheile mit der Vernunft, Anarchie der Meinungen, Morgen⸗ daͤmmerung der Wahrheit— von jeher die Geburtsſtunde außerordentlicher Menſchen. Die Ideen von Freiheit und Menſchenadel, die ein gluͤcklicher Zufall, vielleicht eine guͤnſtige 313 Erziehung in dieſe rein organiſirte empfaͤngliche Seele warf, machen ſie durch ihre Neuheit erſtaunen und wirken mit aller Kraft des Ungewohnten und Ueberraſchenden auf ſie; ſelbſt das Geheimniß, unter welchem ſie ihr wahrſcheinlich mitgetheilt wurden, mußte die Staͤrke ihres Eindrucks erhoͤhen. Sie ha⸗ ben durch einen langen abnuͤtzenden Gebrauch das Triviale noch nicht, das heutzutage ihren Eindruck ſo ſtumpf macht; ihren großen Stempel hat weder das Geſchwäͤtz der Schulen, noch der Witz der Weltleute abgerieben. Seine Seele fuͤhlt ſich in dieſen Ideen gleichſam wie in einer neuen und ſchoͤnen Region, die mit allem ihrem blendenden Lichte auf ſie wirkt und ſie in den lieblichſten Traum entzuͤckt. Das entgegen⸗ geſetzte Elend der Sklaverei und des Aberglaubens zieht ſie immer feſter und feſter an dieſe Lieblingswelt; die ſchoͤnſten Traͤume von Freiheit werden ja im Kerker getraͤumt. Sagen Sie ſelbſt, mein Freund— das kuͤhnſte Ideal einer Menſchen⸗ republik, allgemeiner Duldung und Gewiſſensfreiheit, wo konnte es beſſer und wo natuͤrlicher zur Welt geboren werden, als in der Naͤhe Philipps des Zweiten und ſeiner Inguiſition? Alle Grundſaͤtze und Lieblingsgefuͤhle des Marquis drehen ſich um republicaniſche Tugend. Selbſt ſeine Aufopferung fuͤr ſeinen Freund beweist dieſes, denn Aufopferungsfaͤhigkeit iſt der Inbegriff aller republicaniſchen Tugend. Der Zeitpunkt, worin er auftrat, war gerade derjenige, worin ſtaͤrker als je von Menſchenrechten und Gewiſſensfreiheit die Rede war. Die vorhergehende Reformation hatte dieſe Ideen zuerſt in Umlauf gebracht, und die flandriſchen Unruhen erhielten ſie in Uebung. Seine Unabhaͤngigkeit von außen, ſein Stand als Maltheſerritter ſelbſt, ſchenkten ihm die gluͤck⸗ liche Muße, dieſe ſpeculative Schwaͤrmerei zur Reife zu bruͤten. In dem Zeitalter und in dem Staate, worin der Marquis 314 auftritt, und in den Außendingen, die ihn umgeben, liegt alſo der Grund nicht, warum er dieſer Philoſophie nicht haͤtte faͤhig ſeyn, nicht mit ſchwaͤrmeriſcher Anhaͤnglichkeit ihr haͤtte ergeben ſeyn koͤnnen. Wenn die Geſchichte reich an Beiſpielen iſt, daß man fuͤr Meinungen alles Irdiſche hintanſetzen kann, wenn man dem grundloſeſten Wahne die Kraft beilegt, die Gemuͤther der Menſchen auf einen ſolchen Grad einzunehmen, daß ſie aller Aufopferungen faͤhig gemacht werden: ſo waͤre es ſonderbar, der Wahrheit dieſe Kraft abzuſtreiten. In einem Zeitpunkte vollends, der ſo reich, wie jener, an Beiſpielen iſt, daß Men⸗ ſchen Gut und Leben um Lehrſaͤtze wagen, die an ſich ſo wenig Begeiſterndes haben, ſollte, daͤucht mir, ein Charakter nicht auffallen, der fuͤr die erhabenſte aller Ideen etwas Aehnliches wagt; man muͤßte denn annehmen, daß Wahrheit minder faͤhig ſey, das Menſchenherz zu ruͤhren, als der Wahn. Der Mar⸗ quis iſt außerdem als Held angekuͤndigt. Schon in fruͤher Jugend hat er mit ſeinem Schwerte Proben eines Muths ab⸗ gelegt, den er nachher füͤr eine ernſthaftere Angelegenheit aͤußern ſoll. Begeiſternde Wahrheiten und eine ſeelenerhebende Philo⸗ ſophie muͤßten, daͤucht mir, in einer Heldenſeele zu etwas ganz Anderm werden, als in dem Gehirn eines Schulgelehrten, oder in dem abgenuͤtzten Herzen eines weichlichen Weltmannes. Zwei Handlungen des Marquis ſind es vorzuͤglich, an denen man, wie Sie mir ſagen, Anſtoß genommen hat: ſein Ver⸗ halten gegen den Koͤnig in der zehnten Scene des dritten Auf⸗ zugs, und die Aufopferung fuͤr ſeinen Freund. Aber es koͤnnte ſeyn, daß die Freimuͤthigkeit, mit der er dem Koͤnige ſeine Ge⸗ ſinnungen vortraͤgt, weniger auf Rechnung ſeines Muths, als ſeiner genauen Kenntniß von Jenes Charakter kaͤme, und mit aufgehobener Gefahr wuͤrde ſonach auch der Haupteinwurf ge⸗ 315 gen dieſe Scene gehoben. Daruͤber ein andermal, wenn ich Sie von Philipp dem Zweiten unterhalte; jetzt haͤtte ich es bloß mit Poſa's Aufopferung fuͤr den Prinzen zu thun, woruͤber ich Ihnen im naͤchſten Briefe einige Gedanken mittheilen will. Dritter Brief. Sie wollten neulich im Don Carlos den Beweis gefunden haben, daß leidenſchaftliche Freundſchaft ein eben ſo ruͤhrender Gegenſtand fuͤr die Tragoͤdie ſeyn koͤnne, als leiden⸗ ſchaftliche Liebe, und meine Antwort, daß ich mir das Ge⸗ maͤlde einer ſolchen Freundſchaft fuͤr die Zukunft zuruͤckgelegt haͤtte, befremdete Sie. Alſo auch Sie nehmen es, wie die mei⸗ ſten meiner Leſer, als ausgemacht an, daß es ſchwaͤrmeriſche Freundſchaft geweſen, was ich mir in dem Verhaͤltniſſe zwi⸗ ſchen Carlos und Marquis Poſa zum Ziel geſetzt habe? Und aus dieſem Standpunkte haben Sie folglich dieſe beiden Charaktere und vielleicht das ganze Drama bisher betrachtet? Wie aber, lieber Freund, wenn Sie mir mit dieſer Freundſchaft wirk⸗ lich zu viel gethan haͤtten? Wenn es aus dem ganzen Zu⸗ ſammenhange deutlich erhellte, daß ſie dieſes Ziel nicht ge⸗ weſen und auch ſchlechterdings nicht ſeyn konnte? Wenn ſich der Charakter des Marquis, ſo wie er aus dem Total ſeiner Handlungen hervorgeht, mit einer ſolchen Freundſchaft durch⸗ aus nicht vertruͤge, und wenn ſich gerade aus ſeinen ſchoͤnſten Handlungen, die man auf ihre Rechnung ſchreibt, der beſte Beweis fuͤr das Gegentheil fuͤhren ließe? 3 Die erſte Ankuͤndigung des Verhaͤltniſſes zwiſchen dieſen beiden koͤnnte irre gefuͤhrt haben; aber dieß auch nur ſcheinbar, 316 und eine geringe Aufmerkſamkeit auf das abſtechende Benehmen beider haͤtte hingereicht, den Irrthum zu heben. Dadurch, daß der Dichter von ihrer Jugendfreundſchaft ausgeht, hat er ſich nichts von ſeinem hoͤheren Plane vergeben; im Gegentheile konnte dieſer aus keinem beſſern Faden geſponnen werden. Das Verhaͤltniß, in welchem beide zuſammen auftreten, war Reminiſcenz ihrer fruͤheren akademiſchen Jahre. Harmonie der Gefuͤhle, eine gleiche Liebhaberei fuͤr das Große und Schoͤne, ein gleicher Enthuſiasmus fuͤr Wahrheit, Freiheit und Tugend hatte ſie damals an einander geknuͤpft. Ein Charakter, wie Poſa's, der ſich nachher ſo, wie es in dem Stuͤcke geſchieht, ent⸗ faltet, mußte fruͤhe angefangen haben, dieſe lebhafte Empfin⸗ dungskraft an einem fruchtbaren Gegenſtande zu uͤben: ein Wohlwollen, das ſich in der Folge uͤber die ganze Menſchheit erſtrecken ſollte, mußte von einem engern Bande ausgegangen ſeyn. Dieſer ſchoͤpferiſche und feurige Geiſt mußte bald einen Stoff haben, auf den er wirkte; konnte ſich ihm ein ſchoͤnerer anbieten, als ein zart und lebendig fuͤhlender, ſeiner Ergießun⸗ gen empfaͤnglicher, ihm freiwillig entgegeneilender Fuͤrſten⸗ ſohn? Aber auch ſchon in dieſen fruͤheren Zeiten iſt der Ernſt dieſes Charakters in einigen Zuͤgen ſichtbar; ſchon hier iſt Poſa der kaͤltere, der ſpaͤtere Freund, und ſein Herz, jetzt ſchon zu weit umfaſſend, um ſich fuͤr ein einziges Weſen zuſammen⸗ zuziehen, muß durch ein ſchweres Opfer errungen werden. „Da fing ich an mit Zaͤrtlichkeiten „Und inniger Bruderliebe dich zu quaͤlen: „Du ſtolzes Herz gabſt ſie mir kalt zuruͤck. „— Verſchmaͤhen konnteſt du mein Herz, doch nie „Von dir entfernen. Dreimar wieſeſt bu „Den Fuͤrſten von dir, dreimal ſtand er wieder „Als Bettler da, um Liebe dich zu flehn, u. ſ. f. ———— Miein koͤnigliches Blut 317 „Floß ſchaͤndlich unter unbarmherzgen Streichen; „So hoch kam mir der Eigenſinn zu ſtehn, „Von Rodrigo geliebt zu ſeyn.“ Hier ſchon ſind einige Winke gegeben, wie wenig die Anhaͤng⸗ lichkeit des Marquis an den Prinzen auf perſ oͤnliche Ueber⸗ einſtimmung ſich gruͤndet. Fruͤhe denkt er ſich ihn als Koͤnigs⸗ ſohn, fruͤhe draͤngt ſich dieſe Idee zwiſchen ſein Herz und ſei⸗ nen bittenden Freund. Carlos oͤffnet ihm ſeine Arme; der junge Weltbuͤrger kniet vor ihm nieder. Gefuͤhle fuͤr Freiheit und Menſchenadel waren fruͤher in ſeiner Seele reif, als Freund⸗ ſchaft fuͤr Carlos; dieſer Zweig wurde erſt nachher auf dieſen ſtaͤrkern Stamm gepfropft. Selbſt in dem Augenblicke, wo ſein Stolz durch das große Opfer ſeines Freundes bezwungen iſt, verliert er den Fuͤrſtenſohn nicht aus den Augen.„Ich will bezahlen,“ ſagt er,„wenn du— Koͤnig biſt.“ Iſt es moͤglich, daß ſich in einem ſo jungen Herzen, bei dieſem lebendigen und immer gegenwaͤrtigen Gefuͤhle der Ungleichheit ihres Standes, Freundſchaft erzeugen konnte, deren weſentliche Bedingung doch Gleichheit iſt? Alſo auch damals ſchon war es weniger Liebe als Dankbarkeit, weniger Freundſchaft als Mitleid, was den Marquis dem Prinzen gewann. Die Gefuͤhle, Ahnungen, Traͤume, Entſchluͤſſe, die ſich dunkel und verworren in dieſer Knabenſeele draͤngten, mußten mitgetheilt, in einer andern Seele angeſchaut werden, und Carlos war der Einzige, der ſie mit ahnen, mit traͤumen konnte und der ſie erwiederte. Ein Geiſt, wie Poſa's, mußte ſeine Ueberlegenheit fruͤhzeitig zu ge⸗ nießen ſtreben, und der liebevolle Karl ſchmiegte ſich ſo unter⸗ wuͤrfig, ſo gelehrig an ihn an! Poſa ſah in dieſem ſchoͤnen Spiegel ſich ſelbſt und freute ſich ſeines Bildes. So entſtand dieſe akademiſche Freundſchaft. Aber jetzt werden ſie von einander getrennt, und Alles wird 318 anders. Carlos kommt an den Hof ſeines Vaters, und Poſa wirft ſich in die Welt. Jener, durch ſeine fruͤhe Anhaͤnglichkeit an den edelſten und feurigſten Juͤngling verwoͤhnt, findet in dem ganzen Umkreiſe eines Deſpotenhofes nichts, was ſein Herz be⸗ friedigte. Alles um ihn her iſt leer und unfruchtbar. Mitten im Gewuͤhle ſo vieler Hoͤflinge einſam, von der Gegenwart ge⸗ druͤckt, labt er ſich an ſuͤßen Ruͤckerinnerungen der Vergangen⸗ heit. Bei ihm alſo dauern dieſe fruͤhen Eindruͤcke warm und lebendig fort, und ſein zum Wohlwollen gebildetes Herz, dem ein wuͤrdiger Gegenſtand mangelt, verzehrt ſich in nie befriedigten Traͤumen. So verſinkt er allmaͤhlich in einen Zuſtand muͤßiger Schwaͤrmerei, unthaͤtiger Betrachtung. In dem fort⸗ waͤhrenden Kampfe mit ſeiner Lage nuͤtzen ſich ſeine Kraͤfte ab, die unfreundlichen Begegnungen eines ihm ſo ungleichen Vaters verbreiten eine duͤſtere Schwermuth uͤber ſein Weſen— den zehrenden Wurm jeder Geiſtesbluͤthe, den Tod der Begeiſterung. Zuſammengedruͤckt, ohne Energie, geſchaͤftlos, hinbruͤtend in ſich ſelbſt, von ſchweren fruchtloſen Kaͤmpfen ermattet, zwiſchen ſchreckhaften Extremen herumgeſcheucht, keines eigenen Auf⸗ ſchwungs mehr maͤchtig— ſo findet ihn die erſte Liebe. In dieſem Zuſtande kann er ihr keine Kraft mehr entgegenſetzen; alle jene fruͤhern Ideen, die ihr allein das Gleichgewicht haͤtten halten koͤnnen, ſind ſeiner Seele fremder geworden; ſie beherrſcht ihn mit deſpotiſcher Gewalt; ſo verſinkt er in einen ſchmerzhaft wolluͤſtigen Zuſtand des Leidens. Auf einen einzigen Gegen⸗ ſtand ſind jetzt alle ſeine Kraͤfte zuſammengezogen. Ein nie ge⸗ ſtilltes Verlangen haͤlt ſeine Seele innerhalb ihrer ſelbſt gefeſſelt. — Wie ſollte ſie ins Univerſum ausſtroͤmen? Unfaͤhig, dieſen Wunſch zu befriedigen, unfaͤhiger noch, ihn durch innere Kraft zu beſiegen, ſchwindet er halb lebend, halb ſterbend, in ſichtbarer Zehrung hin; keine Zerſtreuung fuͤr den brennenden Schmerz 319 ſeines Buſens, kein mitfuͤhlendes, ſich ihm oͤffnendes Herz, in das er ihn ausſtroͤmen koͤnnte. „Ich habe Niemand— Niemand „Auf dieſer großen weiten Erde, Niemand. „So weit das Scepter meines Vaters reicht, „So weit die Schifffahrt unſre Flaggen ſendet, „Iſt keine Stelle, keine, keine, wo „Ich meiner Thraͤnen mich entlaſten kann.“ Hulfloſigkeit und Armuth des Herzens fuͤhren ihn jetzt auf eben den Punkt zuruͤck, wo Fuͤlle des Herzens ihn hatte aus⸗ gehen laſſen. Heftiger fuͤhlt er das Beduͤrfniß der Sympathie, weil er allein iſt und ungluͤcklich. So findet ihn ſein zuruͤckkommender Freund. Ganz anders iſt es unterdeſſen dieſem ergangen. Mit offenen Sinnen, mit allen Kraͤften der Jugend, allem Drange des Genie's, aller Waͤrme des Herzens in das weite Univerſum geworfen, ſieht er den Menſchen, im Großen wie im Kleinen, handeln; er findet Gelegenheit, ſein mitgebrachtes Ideal an den wirkenden Kraͤften der ganzen Gattung zu pruͤfen. Alles, was er hoͤrt, was er ſieht, wird mit lebendigem Enthuſiasmus von ihm ver⸗ ſchlungen, Alles in Beziehung auf jenes Ideal empfunden, gedacht und verarbeitet. Der Menſch zeigt ſich ihm in mehrern Varietaͤten; in mehrern Himmelsſtrichen, Verfaſſungen, Graden der Bildung und Stufen des Gluͤcks lernt er ihn kennen. So erzeugt ſich in ihm allmaͤhlich eine zuſammengeſetzte und erhabene Vorſtellung des Menſchen im Großen und Ganzen, gegen welche jedes einengende kleinere Verhaͤltniß verſchwindet. Aus ſich ſelbſt tritt er jetzt heraus, im großen Weltraume dehnt ſich ſeine Seele ins Weite.— Merkwuͤrdige Menſchen, die ſich in ſeine Bahn werfen, zerſtreuen ſeine Aufmerkſamkeit, theilen ſich in ſeine Achtung und Liebe,— An die Stelle eines Indiyiduums 320 tritt bei ihm jetzt das ganze Geſchlecht; ein voruͤbergehender jugendlicher Affect erweitert ſich in eine allumfaſſende unendliche Philanthropie. Aus einem muͤßigen Enthuſiaſten iſt ein thaͤtiger handelnder Menſch geworden. Jene ehemaligen Traͤume und Ahnungen, die noch dunkel und unentwickelt in ſeiner Seele lagen, haben ſich zu klaren Begriffen gelaͤutert, muͤßige Entwuͤrfe in Handlung geſetzt, ein allgemeiner unbeſtimmter Drang zu wirken iſt in zweckmaͤßige Thaͤtigkeit uͤbergegangen. Der Geiſt der Voͤlker wird von ihm ſtudirt, ihre Kraͤfte, ihre Huͤlfsmittel abgewogen, ihre Verfaſſungen gepruͤft; im Umgange mit ver⸗ wandten Geiſtern gewinnen ſeine Ideen Vielſeitigkeit und Form; gepruͤfte Weltleute, wie ein Wilhelm von Oranien, Co⸗ ligny u. A. nehmen ihnen das Romantiſche und ſtimmen ſie allmaͤhlich zu pragmatiſcher Brauchbarkeit herunter. Bereichert mit tauſend neuen fruchtbaren Begriffen, voll ſtrebender Kraͤfte, ſchoͤpferiſcher Triebe, kuͤhner und weitumfaſſen⸗ der Entwuͤrfe, mit geſchaͤftigem Kopfe, gluͤhendem Herzen, von den großen begeiſternden Ideen allgemeiner menſchlicher Kraft und menſchlichen Adels durchdrungen, und feuriger fuͤr die Gluͤck⸗ ſeligkeit dieſes großen Ganzen entzuͤndet, das ihm in ſo vielen Individuen vergegenwaͤrtigt war,*) ſo kommt er jetzt von der *) In ſeiner nachherigen Unterredung mit dem Koͤnige kommen dieſe Lieblingsideen an den Tag. Ein Federzug von Ihrer Hand, ſagt er ihm, und neuerſchaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit! Laſſen Sie „Großmuͤthig wie der Starke, Menſchengluͤck „Aus Ihrem Fuͤllhorn ſtroͤmen, Geiſter reifen „In Ihrem Weltgebaͤude. „Stellen Sie der Menſchheit „Verlornen Adel wieder her. Der Buͤrger „Sey wiederum, was er zuvor geweſen, „Der Krone Zweck, ihn binde keine Pflicht, 321 großen Ernte zuruͤck, brennend von Sehnſucht, einen Schau⸗ platz zu finden, auf welchem er dieſe Ideale realiſiren, dieſe geſammelten Schaͤtze in Anwendung bringen koͤnnte. Flanderns Zuſtand bietet ſich ihm dar. Alles findet er hier zu einer Revolution zubereitet. Mit dem Geiſte, den Kraͤften und Huͤlfsquellen dieſes Volks bekannt, die er gegen die Macht ſeines Unterdruͤckers berechnet, ſieht er das große Unternehmen ſchon als geendigt an. Sein Ideal republicaniſcher Freiheit kann kein guͤnſtigeres Moment und keinen empfaͤnglichern Boden finden. 3„So viele reiche bluͤhende Provinzen! „Ein kraͤftiges und großes Volk, und auch „Ein gutes Volk, und Vater dieſes Volks, „Das, dacht' ich, das muß goͤttlich ſeyn.“ Je elender er dieſes Volk findet, deſto naͤher draͤngt ſich dieſes Verlangen an ſein Herz, deſto mehr eilt er, es in Erfuͤllung zu bringen. Hier, und hier erſt erinnert er ſich lebhaft des Freundes, den er, mit gluͤhenden Gefuͤhlen fuͤr Menſchenglück, in Alcala verließ. Ihn denkt er ſich jetzt als Retter der unterdruͤckten Nation, als das Werkzeug ſeiner hohen Ent⸗ wuͤrfe. Voll unausſprechlicher Liebe, weil er ihn mit der Lieblingsangelegenheit ſeines Herzens zuſammendenkt, eilt er nach Madrid in ſeine Arme, jene Samenkoͤrner von Humani⸗ taͤt und heroiſcher Tugend, die er einſt in ſeine Seele geſtreut, „Als ſeiner Bruͤder gleichehrwuͤrd'ge Rechte. „Der Landmann ruͤhme ſich des Pfluas, und goͤnne „Dem Koͤnig, der nicht Landmann iſt, die Krone. „In ſeiner Werkſtatt traͤume ſich der Kuͤnſtler „Zum Bildner einer ſchoͤnern Welt. Den Flug „Des Denters bemme keine Schranke mehr, „Als die Bedingung endlicher Naturen.“ Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 21 322 jetzt in vollen Saaten zu finden, und in ihm den Befreier der Niederlande, den kuͤnftigen Schoͤpfer ſeines getraͤumten Staats zu umarmen. Leidenſchaftlicher als jemals, mit ſieberiſcher Heftigkeit ſtuͤrzt ihm dieſer entgegen. „Ich druͤck' an meine Seele dich, ich fuͤhle „Die deinige allmaͤchtig an mir ſchlagen. „O, jetzt iſt Alles wieder gut. Ich liege „Am Halſe meines Rodrigo!“ Der Empfang iſt der feurigſte: aber wie beantwortet ihn Poſa? Er, der ſeinen Freund in voller Bluͤthe der Jugend verließ, und ihn jetzt einer wandelnden Leiche gleich wiederfindet, ver⸗ weilt er bei dieſer traurigen Veraͤnderung? Forſcht er lange und aͤngſtlich nach ihren Quellen? Steigt er zu den kleineren Angelegenheiten ſeines Freundes herunter? Beſtuͤrzt und ernſt⸗ haft erwiedert er dieſen unwillkommenen Empfang. „So war es nicht, wie ich Don Philipps Sohn „Erwartete—— Das iſt „Der loͤwenkuͤhne Juͤngling nicht, zu dem „Ein unterdruͤcktes Heldenvolk mich ſendet— „Denn jetzt ſteh' ich als Rodrigo nicht hier, „Nicht als des Knaben Carlos Spielgeſelle— „Ein Abgeorͤneter der ganzen Menſchheit „Umarm ich Sie— es ſind die flandriſchen „Provinzen, die an Ihrem Halſe weinen“ u. ſ. f. unfreiwillig entwiſcht ihm ſeine herrſchende Idee gleich in den erſten Augenblicken des ſo lang entbehrten Wiederſehens, wo man ſich doch ſonſt ſo viel wichtigere Kleinigkeiten zu ſa⸗ gen hat, und Carlos muß alles Nuͤhrende ſeiner Lage auf⸗ bieten, muß die entlegenſten Scenen der Kindheit hervorrufen, um dieſe Lieblingsidee ſeines Freundes zu verdraͤngen, ſein Mitgefuͤhl zu wecken und ihn auf ſeinen eigenen traurigen 323 Zuſtand zu heften. Schrecklich ſieht ſich Poſa in den Hoffnun⸗ gen getaͤuſcht, mit denen er ſeinem Freunde zueilte. Einen Heldencharakter hatte er erwartet, der ſich nach Thaten ſehnte, wozu er ihm jetzt den Schauplatz eroͤffnen wollte. Er rech⸗ nete auf jenen Vorrath von erhabener Menſchenliebe, auf das Geluͤbde, das er ihm in jenen ſchwaͤrmeriſchen Tagen auf die entzweigebrochene Hoſtie gethan, und findet Leidenſchaft fuͤr die Gemahlin ſeines Vaters— „Das iſt der Karl nicht mehr, „Der in Alcala von dir Abſchied nahm. „Der Karl nicht mehr, der ſich beherzt getraute, „Das Paradies dem Schoͤpfer abzuſehn, „Und dermaleinſt, als unumſchraͤnkter Fuͤrſt, „In Spanien zu pflanzen. O: der Einfall „War kindiſch, aber göttlich ſchoön. Vorbei „Sind dieſe Traͤume!“— Eine hoffnungsloſe Leidenſchaft, die alle ſeine Kraͤfte verzehrt, die ſein Leben ſelbſt in Gefahr ſetzt. Wie wuͤrde ein ſorg⸗ ſamer Freund des Prinzen, der aber ganz nur Freund allein, und mehr nicht geweſen waͤre, in dieſer Lage gehan⸗ delt haben? Und wie hat Poſa, der Weltburger, gehandelt? Poſa, des Prinzen Freund und Vertrauter, haͤtte viel zu ſehr fuͤr die Sicherheit ſeines Carlos gezittert, als daß er es haͤtte wagen ſollen, zu einer gefaͤhrlichen Zuſammenkunft mit ſeiner Koͤnigin die Hand zu bieten. Des Freundes Pflicht waͤre es geweſen, auf Erſtickung dieſer Leidenſchaft und keineswegs auf ihre Befriedigung zu denken. Poſa, der Sachwalter Flan⸗ derns, handelt ganz anders. Ihm iſt nichts wichtiger, als dieſen hoffnungsloſen Zuſtand, in welchem die thaͤtigen Kraͤfte ſeines Freundes verſinken, auf das ſchnellſte zu endigen, ſollte es auch ein kleines Wageſtuͤck koſten. So lange ſein Freund in unbefriedigten Wuͤnſchen verſchmachtet, kann er fremdes 324 Leiden nicht fuͤhlen; ſo lange ſeine Kraͤfte von Schwermuth niedergedruͤckt ſind, kann er ſich zu keinem heroiſchen Entſchluß erheben. Von dem ungluͤcklichen Carlos hat Flandern nichts zu hoffen, aber vielleicht von dem gluͤcklichen. Er eilt alſo, ſeinen heißeſten Wunſch zu befriedigen, er ſelbſt fuͤhrt ihn zu den Fuͤßen ſeiner Koͤnigin; und dabei allein bleibt er nicht ſtehen. Er findet in des Prinzen Gemuͤth die Motive nicht mehr, die ihn ſonſt zu heroiſchen Entſchluͤſſen erhoben hatten: was kann er anders thun, als dieſen erloſchenen Heldengeiſt an fremdem Feuer entzünden und die einzige Leidenſchaft nu⸗ tzen, die in der Seele des Prinzen vorhanden iſt? An dieſe muß er die neuen Ideen anknuͤpfen, die er jetzt bei ihr herr⸗ ſchend machen will. Ein Blick in der Koͤnigin Herz uͤberzeugt ihn, daß er von ihrer Mitwirkung Alles erwarten darf. Nur der erſte Enthuſiasmus iſt es, den er von dieſer Leidenſchaft entlehnen will. Hat ſie dazu geholfen, ſeinem Freunde dieſen heilſamen Schwung zu geben, ſo bedarf er ihrer nicht mehr, und er kann gewiß ſeyn, daß ſie durch ihre eigene Wirkung zerſtoͤrt werden wird. Alſo ſelbſt dieſes Hinderniß, das ſich ſeiner großen Angelegenheit entgegenwarf, ſelbſt dieſe un⸗ gluͤckliche Liebe, wird jetzt in ein Werkzeug zu jenem wich⸗ tigern Zweck umgeſchaffen, und Flanderns Schickſal muß durch den Mund der Liebe an das Herz ſeines Freundes reden. „— In dieſer hoffnungsloſen Flamme „Erkannt' ich fruͤh' der Hoffnung goldnen Strahl. „Ich wollt' ihn fuͤhren zum Vortrefflichen; „Die ſtolze koͤnigliche Frucht, woran „Nur Menſchenalter langſam pflanzen, ſollte „Ein ſchneller Lenz der wunderthaͤt gen Liebe „Beſchleunigen. Mir ſollte ſeine Tugend „An dieſem kraͤft'gen Sonnenblicke reifen.“ Au den Haͤnden der Koͤnigin empfaͤngt jetzt Carlos die Briefe, welche Poſa aus Flandern fuͤr ihn mitbrachte. Die Koͤnigin ruft ſeinen entflohenen Genius zuruͤck. Noch ſichtbarer zeigt ſich dieſe Unterordnung der Freund⸗ ſchaft unter das wichtigere Intereſſe bei der Zuſammenkunft im Kloſter. Ein Entwurf des Prinzen auf den Koͤnig iſt fehl⸗ geſchlagen; dieſes und eine Entdeckung, welche er zum Vor⸗ theile ſeiner Leidenſchaft glaubt gemacht zu haben, ſtuͤrzen ihn heftiger in dieſe zuruͤck, und Poſa glaubt zu bemerken, daß ſich Sinnlichkeit in dieſe Leidenſchaft miſche. Nichts konnte ſich we⸗ niger mit ſeinem hoͤhern Plane vertragen. Alle Hoffnungen, die er auf Carlos' Liebe zur Koͤnigin fuͤr ſeine Niederlande ge⸗ gruͤndet hat, ſtuͤrzten dahin, wenn dieſe Liebe von ihrer Hoͤhe herunterſank. Der Unwille, den er daruͤber empfindet, bringt ſeine Geſinnungen an den Tag. „O, ich fuͤhle, „Wovon ich mich entwoͤhnen muß. Ja, einſt, „Einſt war's ganz anders Da warſt du ſo reich, „So warm, ſo reich! Ein ganzer Welttreis hatte „In deinem weiten Buſen Raum. Das Alles „Iſt nun dahin, von einer Leidenſchaft, „Von einem kleinen Eigennutz verſchlungen. „Dein Herz iſt ausgeſtorben. Keine Thraͤne, „Dem ungeheuern Schickſal der Provinzen, „Nicht einmal eine Thraͤne mehr! O, Karl, „Wie arm biſt du, wie bettelarm geworden, „Seitdem du Niemand liebſt, als dich!“ Bang' vor einem aͤhnlichen Ruckfalle, glaubt er einen gewalt⸗ ſamen Schritt wagen zu muͤſſen. So lange Karl in der Naͤhe der Koͤnigin bleibt, iſt er fuͤr die Angelegenheit Flanderns ver⸗ loren. Seine Gegenwart in den Niederlanden kann dort den Dingen eine ganz andere Wendung geben, er ſteht alſo keinen Augenblick an, ihn auf die gewaltſamſte Art dahin zu bringen. 326 „Er ſoll „Dem Koͤnig ungehorſam werden, ſoll „Nach Bruͤſſel heimlich ſich begeben, wo „Mit offnen Armen die Flamaͤnder ihn „Erwarten. Alle Niederlande ſtehen „Auf ſeine Loſung auf. Die gute Sache „Wird ſtark durch einen Koͤnigsſohn.“ Wuͤrde der Freund des Carlos es uͤber ſich vermocht haben, ſo verwegen mit dem guten Namen, ja ſelbſt mit dem Leben ſeines Freundes zu ſpielen? Aber Poſa, dem die Befreiung eines unterdruͤckten Volks eine weit dringendere Aufforderung war, als die kleinen Angelegenheiten eines Freundes, Poſa, der Weltbuͤrger, mußte gerade ſo und nicht anders handeln. Alle Schritte, die im Verlaufe des Stuͤcks von ihm unternom⸗ men werden, verrathen eine wagende Kuͤhnheit, die ein heroiſcher Zweck allein einzufloͤßen im Stande iſt; Freundſchaft iſt oft verzagt und immer beſorglich. Wo iſt bis jetzt im Cha⸗ rakter des Marquis auch nur eine Spur dieſer aͤngſtlichen Pflege eines iſolirten Geſchoͤpfs, dieſer Alles ausſchließenden Neigung, worin doch allein der eigenthuͤmliche Charakter der leidenſchaftlichen Freundſchaft beſteht? Wo iſt bei ihm das In⸗ tereſſe fuͤr den Prinzen nicht dem hoͤhern Intereſſe fuͤr die Menſchheit untergeordnet? Feſt und beharrlich geht der Mar⸗ quis ſeinen großen kosmopolitiſchen Gang, und Alles, was um ihn herum vorgeht, wird ihm nur durch die Verbindung wich⸗ tig, in der es mit dieſem hoͤhern Gegenſtande ſteht. Vierter Brief. Um einen großen Theil ſeiner Bewunderer duͤrfte ihn die⸗ ſes Geſtaͤndniß bringen, aber er wird ſich mit dem kleinen 327 Theile der neuen Verehrer troͤſten, die es ihm zuwendet, und zum allgemeinen Beifall uͤberhaupt konnte ſich ein Charakter, wie der ſeinige, niemals Hoffnung machen. Hohes, wirkendes Wohlwollen gegen das Ganze ſchließt keineswegs die zaͤrtliche Theilnahme an den Freuden und Leiden eines einzelnen We⸗ ſens aus. Daß er das Menſchengeſchlecht mehr liebt, als Karln, thut ſeiner Freundſchaft fuͤr ihn keinen Eintrag. Im⸗ mer wuͤrde er ihn, haͤtte ihn auch das Schickſal auf keinen Thron gerufen, durch eine beſondere zaͤrtliche Bekuͤmmerniß vor allen Uebrigen unterſchieden haben; im Herzen ſeines Her⸗ zens wuͤrde er ihn getragen haben, wie Hamlet ſeinen Horatio. Man haͤlt dafuͤr, daß das Wohlwollen um ſo ſchwaͤcher und lau⸗ lichter werde, je mehr ſich ſeine Gegenſtaͤnde haͤufen: aber die⸗ ſer Fall kann auf den Marquis nicht angewandt werden. Der Gegenſtand ſeiner Liebe zeigt ſich ihm im vollſten Lichte der Begeiſterung; herrlich und verklaͤrt ſteht dieſes Bild vor ſei⸗ ner Seele, wie die Geſtalt einer Geliebten. Da es Carlos iſt, der dieſes Ideal von Menſchengluͤck wirklich machen ſoll, ſo traͤgt er es auf ihn uͤber, ſo faßt er zuletzt Beides in Einem Gefuͤhl unzertrennlich zuſammen. In Carlos allein ſchaut er ſeine feurig geliebte Menſchheit jetzt an; ſein Freund iſt der Brennpunkt, in welchem alle ſeine Vorſtellungen von jenem zu⸗ ſammengeſetzten Ganzen ſich ſammeln. Es wirkt alſo doch nur in Einem Gegenſtande auf ihn, den er mit allem Enthuſiasmus und allen Kraͤften ſeiner Seele umfaßt. „Mein Herz, „Nur einem Einzigen geweiht, umſchloß „Die ganze Welt. In meines Carlos Seele „Schuf ich ein Paradies fuͤr Millionen.“ Hier iſt alſo Liebe zu Einem Weſen, ohne Hintanſetzung der allgemeinen— ſorgſame Pflege der Freundſchaft, ohne das 328 Unbillige, das Ausſchließende dieſer Leidenſchaft. Hier all⸗ gemeine, Alles umfaſſende Philanthropie, in einen einzigen Feuerſtrahl zuſammengedraͤngt. und ſollte eben das dem Intereſſe geſchadet haben, was es veredelt hat? Dieſes Gemaͤlde von Freundſchaft ſollte an Ruͤh⸗ rung und Anmuth verlieren, was es an Umfang gewann? Der Freund des Carlos ſollte darum weniger Anſpruch auf unſere Thraͤnen und unſere Bewunderung haben, weil er mit der beſchraͤnkteſten Aeußerung des wohlwollenden Affects ſeine weiteſte Ausdehnung verbindet und das Göͤttliche der univer⸗ ſellen Liebe durch ihre menſchlichſte Anwendung mildert? Mit der neunten Scene des dritten Aufzugs oͤffnet ſich ein ganz neuer Spielraum fuͤr dieſen Charakter. Fünfter Brief. Leidenſchaft fuͤr die Konigin hat endlich den Prinzen bis an den Rand des Verderbens gefuͤhrt. Beweiſe ſeiner Schuld ſind in den Haͤnden ſeines Vaters, und ſeine unbeſonnene Hitze ließ ihn dem lauernden Argwohne ſeiner Feinde die ge⸗ faͤhrlichſten Bloͤßen geben; er ſchwebt in augenſcheinlicher Ge⸗ fahr, ein Opfer ſeiner wahnſinnigen Liebe, der vaͤterlichen Ei⸗ ferſucht, des Prieſterhaſſes, der Rachgier eines beleidigten Feindes und einer verſchmaͤhten Buhlerin zu werden. Seine Lage von außen fordert die dringendſte Huͤlfe, noch mehr aber fordert ſie der innere Zuſtand ſeines Gemuths, der alle Er⸗ wartungen und Entwuͤrfe des Marquis zu vereiteln droht. Von jener Gefahr muß der Prinz befreit, aus dieſem Seelen⸗ zuſtande muß er geriſſen werden, wenn jene Entwurfe zu Flanderns Befreiung in Erfuͤllung gehen ſollen; und der Mar⸗ 329 quis iſt es, von dem wir Beides erwarten, der uns auch ſelbſt dazu Hoffnung macht. Aber auf eben dem Wege, woher dem Prinzen Gefahr kommt, iſt auch bei dem Koͤnige ein Seelenzuſtand hervor⸗ gebracht worden, der ihn das Beduͤrfniß der Mittheilung zum erſten Male fuͤhlen laͤßt. Die Schmerzen der Eiferſucht haben ihn aus dem unnatuͤrlichen Zwange ſeines Standes in den urſpruͤnglichen Stand der Menſchheit zuruͤck verſetzt, haben ihn das Leere und Gekuͤnſtelte ſeiner Deſpotengroͤße fuͤhlen und Wuͤnſche in ihm aufſteigen laſſen, die weder Macht noch Ho⸗ heit befriedigen kann. „Koͤnig!— Koͤnig nur, „Und wieder Koͤnig!— Keine beſſ're Antwort, „Als leeren hohlen Widerhall! Ich ſchlage „An dieſen Felſen und will Waſſer, Waſſer „Fuͤr meinen heißen Fieberdurſt. Er gibt „Mir gluͤhend Gold—“ Gerade ein Gang der Begebenheiten, wie der bisherige, daͤucht mir, oder keiner, konnte bei einem Monarchen, wie Philipp der Zweite war, einen ſolchen Zuſtand erzeugen, und gerade ſo ein Zuſtand mußte in ihm erzeugt werden, um die nachfolgende Handlung vorzubereiten und den Marquis ihm nahe bringen zu koͤnnen. Vater und Sohn ſind auf ganz ver⸗ ſchiedenen Wegen auf den Punkt gefuͤhrt worden, wo der Dich⸗ ter ſie haben muß; auf ganz verſchiedenen Wegen wurden beide zu dem Marquis von Poſa hingezogen, in welchem Ein⸗ zigen das bisher getrennte Intereſſe ſich nunmehr zuſammen⸗ draͤngt. Durch Carlos' Leidenſchaft fuͤr die Königin und de⸗ ren unausbleibliche Folgen bei dem Koͤnige wurde dem Mar⸗ quis ſeine ganze Laufbahn geſchaffen; darum war es noͤthig, daß auch das ganze Stuͤck mit jener eroͤffnet wurde. Gegen ſie mußte der Marquis ſelbſt ſo lange in Schatten geſtellt 330 werden, und ſich, bis er von der ganzen Handlung Beſitz nehmen konnte, mit einem untergeordneten Intereſſe begnuͤ⸗ gen, weil er von ihr allein alle Materialien zu ſeiner kuͤnf⸗ tigen Thaͤtigkeit empfangen konnte. Die Aufmerkſamkeit des Zuſchauers durfte alſo durchaus nicht vor der Zeit davon ab⸗ gezogen werden, und darum war es noͤthig, daß ſie bis hieher als Haupthandlung beſchaͤftigte, das Intereſſe hingegen, das nachher das herrſchende werden ſollte, nur durch Winke von ferne angekuͤndigt wurde. Aber ſobald das Gebaͤude ſteht, faͤllt das Geruͤſte. Die Geſchichte von Carlos' Liebe, als die bloß vorbereitende Handlung, weicht zuruͤck, um derjenigen Platz zu machen, fuͤr welche allein ſie gearbeitet hatte. Naͤmlich jene verborgenen Motive des Marquis, welche keine andern ſind, als Flanderns Befreiung und das kuͤnftige Schickſal der Nation— Motive, die man unter der Huͤlle ſei⸗ ner Freundſchaft bloß geahnet hat— treten jetzt ſichtbar hervor und fangen an, ſich der ganzen Aufmerkſamkeit zu bemaͤch⸗ tigen. Carlos, wie aus dem Bisherigen zur Genuͤge erhellet, wurde von ihm nur als das einzige unentbehrliche Werkzeug zu jenem feurig und ſtandhaft verfolgten Zwecke betrachtet und als ein ſolches mit eben dem Enthuſiasmus, wie der Zweck ſelbſt, umfaßt. Aus dieſem univerſellern Mo⸗ tive mußte eben der aͤngſtliche Antheil an dem Wohl und Wehe ſeines Freundes, eben die zaͤrtliche Sorgfalt fuͤr dieſes Werkzeug ſeiner Liebe fließen, als nur immer die ſtaͤrkſte perſoͤnliche Sympathie haͤtte hervorbringen koͤnnen. Carlos' Freundſchaft gewaͤhrt ihm den vollſſtaͤndigſten Genuß ſeines Ideals. Sie iſt der Vereinigungspunkt aller ſeiner Wuͤnſche und Thaͤtigkeiten. Noch kennt er keinen andern und kuͤrzern Weg, ſein hohes Ideal von Freiheit und Menſchengluͤck wirk⸗ lich zu machen, als der ihm in Carlos geoͤffnet wird. Es 331 ſiel ihm gar nicht ein, dieß auf einem andern Wege zu ſu⸗ chen; am allerwenigſten fiel es ihm ein, dieſen Weg unmit⸗ telbar dur h den Koͤnig zu nehmen. Als er daher zu die⸗ ſem gefuͤhrt wird, zeigt er die hoͤchſte Gleichguͤltigkeit. „Mich will er haben?— Mich?— Ich bin ihm nichts, „Ich wal rlich nichts!— Mich hier in dieſen Zimmern! „Wie zwecklos und wie ungereimt!— Was kann „Ihm viel dran liegen, ob ich bin?— Sie ſehen, „Es fuͤhrt zu nichts.“ Aber nicht lange uͤberlaͤßt er ſich dieſer muͤßigen, dieſer kindiſchen Verwunderung. Einem Geiſte, gewohnt, wie es dieſer iſt, jedem Umſtande ſeine Nutzbarkeit abzumerken, auch den Zufall mit bildender Hand zum Plan zu geſtalten, jedes Ereigniß in Beziehung auf ſeinen Lieblingszweck ſich zu den⸗ ken, bleibt der hohe Gebrauch nicht lange verborgen, der ſich von dem jetzigen Augenblicke machen laͤßt. Auch das kleinſte Element der Zeit iſt ihm ein heilig anvertrautes Pfund, wo⸗ mit gewuchert werden muß. Noch iſt es nicht klarer, zuſam⸗ menhaͤngender Plan, was er ſich denkt; bloße dunkle Ahnung, und auch dieſe kaum; bloß fluͤchtig aufſteigender Einfall iſt es, ob hier vielleicht gelegenheitlich etwas zu wirken ſeyn moͤchte? Er ſoll vor denjenigen treten, der das Schickſal ſo vieler Mil⸗ lionen in der Hand hat. Man muß den Augenblick nutzen, ſagt er zu ſich ſelbſt, der nur einmal kommt. Waͤr's auch nur ein Feuerfunke Wahrheit, in die Seele dieſes Menſchen geworfen, der noch keine Wahrheit gehoͤrt hat! Wer weiß, wie wichtig ihn die Vorſicht bei ihm verarbeiten kann?— Mehr deukt er ſich nicht dabei, als einen zufaͤlligen Umſtand auf die beſte Art, die er kennt, zu benutzen. In dieſer Stimmung erwartet er den Koͤnig. 332 Sechster Brief. Ich behalte mir auf eine andere Gelegenheit vor, mich uͤber den Ton, auf welchen ſich Poſa gleich zu Anfang mit dem Koͤnige ſtimmt, wie uͤberhaupt uͤber ſein ganzes Verfahren in dieſer Scene und die Art, wie dieſes von dem Koͤnige auf⸗ genommen wird, naͤher gegen Sie zu erklaͤren, wenn Sie Luſt haben, mich zu hoͤren. Jetzt begnuͤge ich mich bloß, bei dem⸗ jenigen ſtehen zu bleiben, was mit dem Charakter des Mar⸗ quis in der unmittelbarſten Verbindung ſteht. Alles, was der Marquis nach ſeinem Begriffe von dem Koͤnige vernuͤnftigerweiſe hoffen konnte, bei ihm hervorzubrin⸗ gen— war ein mit Demuͤthigung verbundenes Erſtaunen, daß ſeine große Idee von ſich ſelbſt und ſeine geringe Mei⸗ nung von Menſchen doch wohl einige Ausnahmen leiden duͤrfte; alsdann die natuͤrliche unausbleibliche Verlegenheit eines klei⸗ nen Geiſtes vor einem großen Geiſte. Dieſe Wirkung konnte wohlthaͤtig ſeyn, wenn ſie auch bloß dazu diente, die Vorur⸗ theile dieſes Menſchen auf einen Augenblick zu erſchuͤttern; wenn ſie ihn fuͤhlen ließ, daß es noch jenſeits ſeines gezoge⸗ nen Kreiſes Wirkungen gebe, von denen er ſich nichts haͤtte traͤumen laſſen. Dieſer einzige Laut konnte noch lange nach⸗ hallen in ſeinem Leben, und dieſer Eindruck mußte deſto laͤn⸗ ger bei ihm haften, je mehr er ohne Beiſpiel war. Aber Poſa hatte den Koͤnig wirklich zu flach, zu obenhin beurtheilt, oder wenn er ihn auch gekannt haͤtte, ſo war er doch von der damagligen Gemuͤthslage desſelben zu we⸗ nig unterrichtet, um ſie mit in Berechnung zu bringen. Dieſe Gemuͤthslage war außerſt guͤnſtig fuͤr ihn und bereitete ſeinen hingeworfenen Reden eine Aufnahme, die er mit keinem 333 Grunde der Wahrſcheinlichkeit hatte erwarten koͤnnen. Dieſe unerwartete Entdeckung gibt ihm einen lebhaftern Schwung und dem Stuͤcke ſelbſt eine ganz neue Wendung. Kuͤhn ge⸗ macht durch einen Erfolg, der all ſein Hoffen uͤbertraf und durch einige Spuren von Humanitaͤt, die ihn an dem Koͤ⸗ nig uͤberraſchen, in Feuer geſetzt, verirrt er ſich auf einen Augenblick bis zu der ausſchweifenden Idee, ſein herrſchendes Ideal von Flanderns Gluͤck u. ſ. w. unmittelbar an die Per⸗ ſon des Koͤnigs anzuknuͤpfen, es unmittelbar durch dieſen in Erfuͤllung zu bringen. Dieſe Vorausſetzung ſetzt ihn in eine Leidenſchaft, die den ganzen Grund ſeiner Seele eroͤffnet, alle Geburten ſeiner Phantaſie, alle Reſultate ſeines ſtillen Den⸗ kens ans Licht bringt und deutlich zu erkennen gibt, wie ſehr ihn dieſe Ideale beherrſchen. Jetzt, in dieſem Zuſtande der Leidenſchaft, werden alle die Triebfedern ſichtbar, die ihn bis jetzt in Handlung geſetzt haben; jetzt ergeht es ihm, wie je⸗ dem Schwaͤrmer, der von ſeiner herrſchenden Idee uͤberwaͤl⸗ tigt wird. Er kennt keine Graͤnzen mehr; im Feuer ſeiner Begeiſterung veredelt er ſich den Koͤnig, der mit Er⸗ ſtaunen ihm zuhoͤrt, und vergißt ſich ſo weit, Hoffnungen auf ihn zu gruͤnden, woruͤber er in den näͤchſten ruhigen Augen⸗ blicken erroͤthen wird. An Carlos wird jetzt nicht mehr ge⸗ dacht. Was fuͤr ein langer Umweg, erſt auf dieſen zu war⸗ ten! Der Koͤnig bietet ihm eine weit naͤhere und ſchnellere Befriedigung dar. Warum das Gluͤck der Menſchheit bis auf ſeinen Erben verſchieben? Wurde ſich Carlos' Buſenfreund ſo weit vergeſſen, wuͤrde eine andere Leidenſchaft, als die herrſchende, den Marquis ſo weit hingeriſſen haben? Iſt das Intereſſe der Freundſchaft ſo beweglich, daß man es mit ſo weniger Schwierigkeit auf einen andern Gegenſtand uͤbertragen kann! Aber Alles iſt 334 erklaͤrt, ſobald man die Freundſchaft jener herrſchenden Leiden⸗ ſchaft unterordnet. Dann iſt es natuͤrlich, daß dieſe, bei dem naͤchſten Anlaſſe, ihre Rechte reclamirt und ſich nicht lange bedenkt, ihre Mittel und Werkzeuge umzutauſchen. Das Feuer und die Freimuͤthigkeit, womit Poſa ſeine Lieblingsgefuͤhle, die bis jetzt zwiſchen Carlos und ihm Ge⸗ heimniſſe waren, dem Koͤnige vortrug; und der Wahn, daß dieſer ſie verſtehen, ja gar in Erfuͤllung bringen koͤnnte, war eine offenbare Untreue, deren er ſich gegen ſeinen Freund Karl ſchuldig machte. Poſa, der Weltbuͤrger, durfte ſo handeln, und ihm allein kann es vergeben werden; an dem Buſenfreunde Karls waͤre es eben ſo verdammlich, als es unbegreiflich ſeyn wuͤrde. Laͤnger als Augenblicke freilich ſollte dieſe Verblendung nicht dauern. Der erſten Ueberraſchung der Leidenſchaft ver⸗ gibt man ſie leicht: aber wenn er auch noch nuͤchtern fort⸗ fuͤhre, daran zu glauben, ſo wuͤrde er billig in unſern Augen zum Traͤumer herabſinken. Daß ſie aber wirklich Eingang bei ihm gefunden, erhellt aus einigen Stellen, wo er daruͤber ſcherzt, oder ſich ernſthaft davon reinigt.„Geſetzt,“ ſagt er der Koͤnigin,„ich ginge damit um, meinen Glauben auf den Thron zu ſetzen?“ Koͤnigin. „Nein, Marquis, „Auch nicht einmal im Scherze moͤcht' ich dieſer „Unreifen Einbildung Sie zeihn. Sie ſind „Der Traͤumer nicht, der etwas unternaͤhme, „Was nicht geendigt werden kann.“ Marquis. 1„Das eben Waͤr' noch die Frage, denk' ich.“ 335 Carlos ſelbſt hat tief genng in die Seele ſeines Freundes geſehen, um einen ſolchen Entſchluß in ſeiner Vorſtellungsart gegruͤndet zu finden, und das, was er ſelbſt bei dieſer Ge⸗ legenheit uͤber ihn ſagt, koͤnnte allein hinreichen, den Geſichts⸗ punkt des Verfaſſers außer Zweifel zu ſetzen.„Du ſelbſt,“ ſagt er ihm, noch immer im Wahne, daß der Marquis ihn aufgeopfert, „Du ſelbſt wirſt jetzt vollenden, „Was ich geſollt und nicht gekonnt— du wirſt „Den Spaniern die goldnen Tage ſchenken, „Die ſie von mir umſonſt gehofft. Mit mir „Iſt es ja aus, auf immer aus. Das haſt „Du eingeſehn. O dieſe fuͤrchterliche Liebe „Hat alle fruͤhen Bluͤthen meines Geiſts „Unwiederbringlich hingerafft. Ich bin „Fuͤr deine großen Hoffnungen geſtorben. „Vorſehung oder Zufall fuͤhren dir „Den Koͤnig zu— Es koſtet mein Geheimniß, „Und er iſt dein! Du kannſt ſein Engel werden; „Fuͤr mich iſt keine Rettung mehr. Vielleicht „Fuͤr Spanien!“ u. ſ. f. Und an einem andern Orte ſagt er zum Grafen von Lerma, um die vermeintliche Treuloſigkeit ſeines Freundes zu ent⸗ ſchuldigen. „„— Er hat „Mich lieb gehabt, ſehr lieb. Ich war ihm theuer, „Wie ſeine eigne Seele. O, das weiß ich! „Das haben tauſend Proben mir erwieſen, „Doch ſollen Millionen ihm, ſoll ihm „Das Vaterland nicht theurer ſeyn, als Einer? „Sein Buſen war fuͤr Einen Freund zu groß,- „Und Carlos' Gluͤck zu klein fuͤr ſeine Liebe. „Er opferte mich ſeiner Tugend.“ 336 Siebenter Brief. Poſa empfand es recht gut, wie viel ſeinem Freunde Carlos dadurch entzogen worden, daß er den Koͤnig zum Vertrauten ſeiner Lieblingsgefuͤhle gemacht, und einen Ver⸗ ſuch auf deſſen Herz gethan hatte. Eben weil er fuͤhlte, daß dieſe Lieblingsgefuͤhle das eigentliche Band ihrer Freund⸗ ſchaft waren, ſo wußte er auch nicht anders, als daß er dieſes in eben dem Augenblicke gebrochen hatte, wo er jene bei dem Köonige profanirte. Das wußte Carlos nicht, aber Poſa wußte es recht gut, daß dieſe Philoſophie und dieſe Entwuͤrfe fuͤr die Zukunft das heilige Palladium ihrer Freund⸗ ſchaft und der wichtige Titel waren, unter welchem Carlos ſein Herz beſaß; eben weil er das wußte, und im Herzen vorausſetzte, daß es auch Karl nicht unbekannt ſeyn koͤnnte— wie konnte er es wagen, ihm zu bekennen, daß er dieſes Palladium veruntreut haͤtte? Ihm geſtehen, was zwiſchen ihm und dem Koͤnige vorgegangen war, mußte in ſeinen Ge⸗ danken eben ſo viel heißen, als ihm ankuͤndigen, daß es eine Zeit gegeben, wo er ihm nichts mehr war. Hatte aber Carlos' kuͤnftiger Beruf zum Throne, hatte der Koͤnigsſohn keinen Antheil an dieſer Freundſchaft, war ſie etwas fuͤr ſich Be⸗ ſtehendes und durchaus nur Perſönliches, ſo konnte ſie durch jene Vertraulichkeit gegen den Koͤnig zwar beleidigt, aber nicht verrathen, nicht zerriſſen worden ſeyn; ſo konnte dieſer zufaͤllige Umſtand ihrem Weſen nichts anhaben. Es war Delicateſſe, es war Mitleid, daß Poſa, der Weltbuͤrger, dem kuͤnftigen Monarchen die Erwartungen verſchwieg, die er auf den jetzigen gegruͤndet hatte; aber Poſa, Carlos Freund, konnte ſich durch nichts ſchwerer vergehen, als durch dieſe Zuruͤckhaltung ſelbſt. 337 Zwar ſind die Gruͤnde, welche Poſa ſowohl ſich ſelbſt, als nachher ſeinem Freunde, von dieſer Zuruͤckhaltung, der ein⸗ zigen Quelle aller nachfolgenden Verwirrungen, angibt, von ganz anderer Art. 4. Act, 6 Auftritt. „Der Koͤnig glaubte dem Gefaͤß, dem er „Sein heiliges Geheimniß uͤbergeben, „Und Glauben fordert Dankbarkeit. Was waͤre „Geſchwaͤtzigkeit, wenn mein Verſtummen dir „Nicht Leiden bringt? vielleicht erſpart?— Warum „Dem Schlafenden die Wetterwolke zeigen, „Die uͤber ſeinem Scheitel haͤngt?“ Und in der dritten Scene des fuͤnften Acts. —— Doch ich, von falſcher Zaͤrtlichkeit beſtochen, „Von ſtolzem Wahn geblendet, ohne dich „Das Wageſtuͤck zu enden, unterſchlage „Der Freundſchaft mein gefaͤhrliches Geheimniß. Aber Jedem, der nur wenige Blicke in das Menſchenherz gethan, wird es einleuchten, daß ſich der Marquis mit dieſen eben angefuͤhrten Gruͤnden(die an ſich ſelbſt bei weitem zu ſchwach ſind, um einen ſo wichtigen Schritt zu motiviren) nur ſelbſt zu hintergehen ſucht— weil er ſich die eigentliche Urſache nicht zu geſtehen wagt. Einen weit wahrern Auf⸗ ſchluß uͤber den damaligen Zuſtand ſeines Gemuͤths gibt eine andere Stelle, woraus deutlich erhellt, daß es Augenblicke muͤſſe gegeben haben, in denen er mit ſich zu Rathe ging, ob er ſeinen Freund nicht geradezu aufopfern ſollte? Es ſtand bei mir, ſagt er zu der Koͤnigin, — einen neuen Morgen „Heraufzufuͤhren uͤber dieſe Reiche. „Der Koͤnig ſchenkte mir ſein Herz. Er nannte „Mich ſeinen Sohn. Ich fuͤhre ſeine Siegel, „Und ſeine Alba ſind nicht mehr u. ſ. f. Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 22 338 „Doch geb' ich „Den Koͤnig auf. In dieſem ſtarren Boden „Bluͤht keine meiner Roſen mehr. Das waren „Nur Gaukelſpiele kindiſcher Vernunft, „Vom reifen Manne ſchamroth widerrufen. „Den nahen hoffnungsvollen Lenz ſollt' ich „Vertilgen, einen lauen Sonnenblick „Im Norden zu erkuͤnſteln? Eines muͤden „Tyrannen letzten Ruthenſtreich zu mildern, „Die große Freiheit des Jahrhunderts wagen? „Elender Ruhm! Ich mag ihn nicht. Europens „Verhaͤngniß reift in meinem großen Freunde, „Auf ihn verweiſ' ich Spanien. Doch wehe! „Weh' mir und ihm, wenn ich bereuen ſollte! „Wenn ich das Schlimmere gewaͤhlt? Wenn ich „Den großen Wink der Vorſicht mißverſtanden, „Der mich, nicht ihn, auf dieſem Thron gewollt.“— Alſo hat er doch gewaͤhlt, und um zu waͤhlen, mußte er alſo ja den Gegenſatz ſich als moͤglich gedacht haben. Aus allen dieſen angeführten Faͤllen erkennt man offenbar, daß das Intereſſe der Freundſchaft einem Hoͤhern nachſteht, und daß ihr nur durch dieſes Letztere ihre Richtung beſtimmt wird. Niemand im ganzen Stuͤcke hat dieſes Verhaͤltniß zwiſchen beiden Freunden richtiger beurtheilt, als Philipp ſelbſt, von dem es auch am erſten zu erwarten war. Im Munde dieſes Menſchenkenners legte ich meine Apologie und mein eignes Urtheil von dem Helden des Stuͤcks nieder, und mit ſei⸗ nen Worten moͤge denn auch dieſe Unterſuchung beſchloſſen werden. „Und wem bracht' er dieß Opfer? „Dem Knaben, meinem Sohne? Nimmermehr. „Ich glaub' es nicht. Fuͤr einen Knaben ſtirbt „Ein Poſa nicht. Der Freundſchaft arme Flamme „Fuͤllt eines Poſa Herz nicht aus. Das ſchlug 339 „Der ganzen Menſchheit. Seine Neigung war „Die Welt, mit allen kommenden Geſchlechtern.“ Achter Brief. Aber, werden Sie ſagen, wozu dieſe ganze Unterſuchung? Gleichviel, ob es unfreiwilliger Zug des Herzens, Harmonie der Charaktere, wechſelſeitige perſoͤnliche Nothwendigkeit fuͤr einander, oder von außen hinzugekommene Verhaͤltniſſe und freie Wahl geweſen, was das Band der Freundſchaft zwiſchen dieſen Beiden geknuͤpft hat— die Wirkungen bleiben dieſelben, und im Gange des Stuͤcks ſelbſt wird dadurch nichts veraͤndert. Wozu daher dieſe weit ausgeholte Muͤhe, den Leſer aus einem Irrthume zu reißen, der ihm vielleicht angenehmer als die Wahrheit iſt? Wie wuͤrde es um den Reiz der meiſten moraliſchen Erſcheinungen ſtehen, wenn man jedesmal in die innerſte Tiefe des Menſchenherzens hineinleuchten, und ſie gleichſam werden ſehen muͤßte? Genug fuͤr uns, daß Alles, was Marquis Poſa liebt, in dem Prinzen verſammelt iſt, durch ihn repraͤſentirt wird, oder wenigſtens durch ihn allein zu erhalten ſteht, daß er dieſes zufaͤllige, bedingte, ſeinem Freunde nur geliehene Intereſſe mit dem Weſen des⸗ ſelben zuletzt unzertrennlich zuſammenfaßt, und daß Alles, was er fuͤr ihn empfindet, ſich in einer perſoͤnlichen Neigung aͤußert. Wir genießen dann die reine Schoͤnheit dieſes Freund⸗ ſchaftsgemaͤldes als ein einfaches moraliſches Element, un⸗ bekuͤmmert, in wie viele Theile es auch der Philoſoph noch zergliedern mag. Wie aber, wenn die Berichtigung dieſes Unterſchieds fuͤr das ganze Stuͤck wichtig waͤre?— Wird naͤmlich das letzte 340 Ziel von Poſa's Beſtrebungen uͤber den Prinzen hinaus ge⸗ ruͤckt, iſt ihm dieſer nur als Werkzeug zu einem hoͤhern Zwecke ſo wichtig, befriedigt er durch ſeine Freundſchaft fuͤr ihn einen andern Trieb, als nur dieſe Freundſchaft, ſo kann dem Stuͤcke ſelbſt nicht wohl eine engere Graͤnze geſteckt ſeyn — ſo muß der letzte Endzweck des Stuͤcks mit dem Zwecke des Marquis wenigſtens zuſammenfallen. Das große Schickſal eines ganzen Staats, das Gluͤck des menſchlichen Geſchlechts auf viele Generationen hinunter, worauf alle Beſtrebungen des Marquis, wie wir geſehen haben, hinauslaufen, kann nicht wohl Epiſode zu einer Handlung ſeyn, die den Ausgang einer Liebesgeſchichte zum Zweck hat. Haben wir einander alſo uͤber Poſa's Freundſchaft mißverſtanden, ſo fuͤrchte ich, wir haben es auch uͤber den letzten Zweck der ganzen Tragoͤdie. Laſſen Sie mich ſie Ihnen aus dieſem neuen Standpunkte zeigen; vielleicht, daß manche Mißverhaͤltniſſe, an denen Sie bisher Anſtoß genommen, ſich unter dieſer neuen Anſicht verlieren. Und was waͤre alſo die ſogenannte Einheit des Stuͤcks, wenn es Liebe nicht ſeyn ſoll und Freundſchaft nie ſeyn konnte? Von jener handeln die drei erſten Acte, von dieſer die zwei uͤbrigen; aber keine von beiden beſchaͤftigt das Ganze. Die Freundſchaft opfert ſich auf, und die Liebe wird auf⸗ geopfert, aber weder dieſe, noch jene iſt es, der dieſes Opfer von der andern gebracht wird. Alſo muß noch etwas Drittes vorhanden ſeyn, das verſchieden iſt von Freundſchaft und Liebe, fuͤr welches beide gewirkt haben, und welchem beide auf⸗ geopfert worden— und wenn das Stuͤck eine Feinheit hat, wo anders, als in dieſem Dritten, koͤnnte ſie liegen? Rufen Sie ſich, lieber Freund, eine gewiſſe Unterredung zuruͤck, die uͤber einen Lieblingsgegenſtand unſers Jahrzehnts 341 — uͤber Verbreitung reinerer ſanfterer Humanitaͤt, uͤber die hoͤchſtmoͤgliche Freiheit der Individuen bei des Staats hoͤchſter Bluͤthe, kurz, uͤber den vollendetſten Zuſtand der Menſchheit, wie er in ihrer Natur und ihren Kraͤften als erreichbar angegeben liegt— unter uns lebhaft wurde, und unſere Phantaſie in einen der lieblichſten Traͤume entzuͤckte, in denen das Herz ſo angenehm ſchwelgt. Wir ſchloſſen da⸗ mals mit dem romanhaften Wunſche, daß es dem Zufalle, der wohl groͤßere Wunder ſchon gethan, in dem naͤchſten Julianiſchen Cyklus gefallen moͤchte, unſere Gedankenreihe, unſere Traͤume und Ueberzeugungen mit eben dieſer Lebendig⸗ keit, und mit eben ſo gutem Willen befruchtet, in dem erſt⸗ gebornen Sohne eines kuͤnftigen Beherrſchers von— oder von — auf dieſer oder der andern Hemiſphaͤre wieder zu erwecken. Was bei einem ernſthaften Geſpraͤche bloßes Spielwerk war, duͤrfte ſich, wie mir vorkam, bei einem ſolchen Spielwerke, als die Tragoͤdie iſt, zu der Wuͤrde des Ernſtes und der Wahrheit erheben laſſen. Was iſt der Phantaſie nicht moͤg⸗ lich? Was iſt einem Dichter nicht erlaubt? Unſere Unter⸗ redung war laͤngſt vergeſſen, als ich unterdeſſen die Bekannt⸗ ſchaft des Prinzen von Spanien machte; und bald merkte ich dieſem geiſtvollen Juͤnglinge an, daß er wohl gar derjenige ſeyn duͤrfte, mit dem wir unſern Entwurf zur Ausfuͤhrung bringen koͤnnten. Gedacht, gethan! Alles fand ich mir, wie durch einen dienſtbaren Geiſt, dabei in die Haͤnde gearbeitet; Freiheitsſinn mit Deſpotismus im Kampfe, die Feſſeln der Dummheit zerbrochen, tauſendjaͤhrige Vorurtheile erſchuͤttert, eine Nation, die ihre Menſchenrechte wieder fordert, republi⸗ caniſche Tugenden in Ausuͤbung gebracht, hellere Begriffe im Umlauf, die Koͤpfe in Gaͤhrung, die Gemuͤther von einem begeiſterten Intereſſe gehoben— und nun, um die gluͤckliche 342 Conſtellation zu vollenden, eine ſchoͤn organiſirte Juͤnglings⸗ ſeele am Throne, in einſamer unangefochtener Bluͤthe unter Druck und Leiden hervorgegangen. Ungluͤcklich— ſo machten wir aus— muͤßte der Koͤnigsſohn ſeyn, an dem wir unſer Ideal in Erfuͤllung bringen wollten. „Sey'n Sie „Ein Menſch auf Koͤnig Philipps Thron! Sie haben „Auch Leiden kennen lernen—“ Aus dem Schooße der Sinnlichkeit und des Gluͤcks durfte er nicht genommen werden; die Kunſt durfte noch nicht Hand an ſeine Bildung gelegt, die damalige Welt ihm ihren Stem⸗ pel noch nicht aufgedruͤckt haben. Aber wie ſollte ein koͤnig⸗ licher Prinz aus dem ſechszehnten Jahrhundert— Philipps des Zweiten Sohn— ein Zoͤgling des Moͤnchsvolks, deſſen kaum aufwachende Vernunft von ſo ſtrengen und ſo ſcharf⸗ ſichtigen Huͤtern bewacht wird, zu dieſer liberalen Philoſophie gelangen? Sehen Sie, auch dafuͤr war geſorgt. Das Schickſal ſchenkte ihm einen Freund— einen Freund in den entſcheidenden Jahren, wo des Geiſtes Blume ſich entfaltet, Ideale empfangen werden und die moraliſche Empfindung ſich laͤutert— einen geiſtreichen, gefuͤhlvollen Juͤngling, uͤber deſſen Bildung ſelbſt,— was hindert mich, dieſes anzunehmen?— ein guͤnſtiger Stern gewacht, ungewöoͤhnliche Gluͤcksfaͤlle ſich ins Mittel geſchlagen, und den irgend ein verborgner Weiſer ſeines Jahrhunderts dieſem ſchoͤnen Geſchaͤfte zugebildet hat. Eine Geburt der Freundſchaft alſo iſt dieſe heitere menſchliche Philoſophie, die der Prinz auf dem Throne in Ausuͤbung bringen will. Sie kleidet ſich in alle Reize der Jugend, in die ganze Anmuth der Dichtung; mit Licht und Waͤrme wird ſie in ſeinem Herzen niedergelegt, ſie iſt die erſte Bluͤthe ſeines Weſens, 3¹3 ſie iſt ſeine erſte Liebe. Dem Maranis liegt aͤußerſt viel daran, ihr dieſe jugendliche Lebendigkeit zu erhalten, ſie als einen Gegenſtand der Leidenſchaft bei ihm fortdauern zu laſſen, weil nur Leidenſchaft ihm die Schwierigkeiten beſiegen helfen kann, die ſich ihrer Ausuͤbung entgegenſetzen werden. Sagen Sie ihm, traͤgt er der Koͤnigin auf: „Daß er fuͤr die Traͤume ſeiner Jugend „Soll Achtung tragen, wenn er Mann ſeyn wird, „Nicht oͤffnen ſoll dem toͤdtenden Inſecte „Geruͤhmter beſſerer Vernunft das Herz „Der zarten Goͤtterblume; daß er nicht „Soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit „Begeiſterung, die Himmelstochter, laͤſtert. „Ich hab' es ihm zuvor geſagt—“ unter beiden Freunden bildet ſich alſo ein enthuſiaſtiſcher Entwurf, den gluͤcklichſten Zuſtand hervorzubrin⸗ gen, der der menſchlichen Geſellſchaft erreichbar iſt, und von dieſem enthuſiaſtiſchen Entwurfe, wie er naͤmlich im Conflict mit der Leidenſchaft erſcheint, handelt das gegenwaͤrtige Drama. Die Rede war alſo davon, einen Fuͤrſten außzuſtellen, der das hoͤchſte moͤg⸗ liche Ideal buͤrgerlicher Gluͤckſeligkeit fuͤr ſein Zeitalter wirklich machen ſollte— nicht dieſen Fuͤrſten erſt zu dieſem Zwecke zu erziehen; denn dieſes mußte laͤngſt vorhergegangen ſeyn, und konnte auch nicht wohl zum Gegenſtand eines ſolchen Kunſt⸗ werks gemacht werden; noch weniger ihn zu dieſem Werke wirklich Hand anlegen zu laſſen, denn wie ſehr wuͤrde dieſes die engen Graͤnzen eines Trauerſpiels uͤberſchritten haben?— Die Rede war davon, dieſen Fuͤrſten nur zu zeigen, den Gemuͤthszuſtand in ihm herrſchend zu machen, der einer ſolchen Wirkung zum Grunde liegen muß, und ihre ſubjective 344 Moͤglichkeit auf einen hohen Grad der Wahrſcheinlichkeit zu erheben, unbekuͤmmert, ob Gluͤck und Zufall ſie wirklich machen wollen. Neunter Brief. Ich will mich uͤber das Vorige naͤher erklaͤren. Der Juͤngling naͤmlich, zu dem wir uns dieſer außerordent⸗ lichen Wirkung verſehen ſollen, mußte zuvor Begierden uͤber⸗ meiſtert haben, die einem ſolchen Unternehmen gefaͤhrlich werden koͤnnen; gleich jenem Roͤmer mußte er ſeine Hand uͤber Flam⸗ men halten, um uns zu uͤberfuͤhren, daß er Manns genug ſey, uͤber den Schmerz zu ſiegen; er mußte durch das Feuer einer fuͤrchterlichen Pruͤfung gehen, und in dieſem Feuer ſich be⸗ waͤhren. Dann nur, wenn wir ihn gluͤcklich mit einem inner⸗ lichen Feinde haben ringen ſehen, koͤnnen wir ihm den Sieg uͤber die aͤußerlichen Hinderniſſe zuſagen, die ſich ihm auf der kuͤhnen Reformantenbahn entgegen werfen werden; dann nur, wenn wir ihn in den Jahren der Sinnlichkeit, bei dem heftigen Blute der Jugend, der Verſuchung haben Trotz bieten ſehen, koͤnnen wir ganz ſicher ſeyn, daß ſie dem reifen Manne nicht gefaͤhrlich mehr ſeyn wird. Und welche Leidenſchaft konnte mir dieſe Wirkung in groͤßerem Maße leiſten, als die maͤchtigſte von allen, die Liebe? Alle Leidenſchaften, von denen fuͤr den großen Zweck, wozu ich ihn aufſparte, zu fuͤrchten ſeyn koͤnnte, dieſe einzige aus⸗ genommen, ſind aus ſeinem Herzen hinweggeraͤumt, oder haben nie darin gewohnt. An einem verderbten ſittenloſen Hofe hat er die Reinigkeit der erſten Unſchuld erhalten; nicht ſeine Liebe⸗ 345 auch nicht Anſtrengung durch Grundſaͤtze, ganz allein ſein moraliſcher Inſtinct hat ihn vor dieſer Befleckung bewahrt. „Der Wolluſt Pfeil zerbrach an dieſer Bruſt, „Lang' ehe noch Eliſabeth hier herrſchte.“ Der Prinzeſſin von Eboli gegenuͤber, die ſich aus Leidenſchaft und Plan ſo oft gegen ihn vergißt, zeigt er eine Unſchuld, die der Einfalt ſehr nahe kommt. Wie Viele, die dieſe Scene leſen, wuͤrden die Prinzeſſin weit ſchneller verſtanden haben! Meine Abſicht war, in ſeine Natur eine Reinigkeit zu legen, der keine Verfuͤhrung etwas anhaben kann. Der Kuß, den er der Prinzeſſin gibt, war, wie er ſelbſt ſagt, der erſte ſeines Lebens, und dieß war doch gewiß ein ſehr tugendhafter Kuß! Aber auch uͤber eine feinere Verfuͤhrung ſollte man ihn er⸗ haben ſehen; daher die ganze Epiſode der Prinzeſſin von Eboli, deren buhleriſche Kuͤnſte an ſeiner beſſeren Liebe ſcheitern. Mit dieſer Liebe allein haͤtte er alſo zu thun, und ganz wird ihn die Tugend haben, wenn es ihm gelungen ſeyn wird, auch noch dieſe Liebe zu beſiegen; und davon handelt nun das Stuͤck. Sie begreifen nun auch, warum der Prinz gerade ſo und nicht anders gezeichnet worden; warum ich es zugelaſſen habe, daß die edle Schoͤnheit dieſes Charakters durch ſo viel Heftigkeit, ſo viel unſtaͤte Hitze, wie ein klares Waſſer durch Wallungen, getruͤbt wird. Ein weiches wohlwollendes Herz, Enthuſiasmus fuͤr das Große und Schoͤne, Delicateſſe, Muth, Standhaftig⸗ keit, uneigennuͤtzige Großmuth ſollte er beſitzen, ſchoͤne und helle Blicke des Geiſtes ſollte er zeigen, aber weiſe ſollte er nicht ſeyn. Der kuͤnftige große Mann ſollte in ihm ſchlummern, aber ein feuriges Blut ſollte ihm jetzt noch nicht erlauben, es wirklich zu ſeyn. Alles, was den trefflichen Regenten macht, Alles, was die Erwartungen ſeines Freundes und die Hoff⸗ nungen einer auf ihn harrenden Welt rechtfertigen kann, Alles, 346 was ſich vereinigen muß, ſein vorgeſetztes Ideal von einem kuͤnftigen Staate auszufuͤhren, ſollte ſich in dieſem Charakter beiſammen finden: aber entwickelt ſollte es noch nicht ſeyn, noch nicht von Leidenſchaft geſchieden, noch nicht zu reinem Golde gelautert. Darauf kam es ja eigentlich erſt an, ihn dieſer Vollkommenheit naͤher zu bringen, die ihm jetzt noch mangelt; ein mehr vollendeter Charakter des Prinzen haͤtte mich des ganzen Stuͤcks uͤberhoben. Eben ſo begreifen Sie nunmehr, warum es noͤthig war, den Charakteren Philipps und ſeiner Geiſtesverwandten einen ſo großen Spielraum zu geben— ein nicht zu entſchuldigender Fehler, wenn dieſe Charaktere weiter nichts, als die Maſchinen haͤtten ſeyn ſollen, eine Liebesgeſchichte zu verwickeln und aufzuloͤſen— und warum uͤberhaupt dem geiſtlichen, politiſchen und haͤus⸗ lichen Deſpotismus ein ſo weites Feld gelaſſen worden. Da aber mein eigentlicher Vorwurf war, den kuͤnftigen Schoͤpfer des Menſchengluͤcks aus dem Stuͤcke gleichſam hervor⸗ gehen zu laſſen; ſo war es ſehr an ſeinem Orte, den Schoͤpfer des Elends neben ihm außzufuͤhren, und durch ein vollſtaͤndiges ſchauderhaftes Gemaͤlde des Deſpotismus ſein reizendes Gegentheil deſto mehr zu erheben. Wir ſehen den Deſpoten auf ſeinem traurigen Throne, ſehen ihn mitten unter ſeinen Schaͤtzen darben, wir erfahren aus ſeinem Munde, daß er unter allen ſeinen Millionen allein iſt, daß die Furien des Argwohns ſeinen Schlaf anfallen, daß ihm ſeine Creaturen geſchmolzenes Gold ſtatt eines Labetrunks bieten; wir folgen ihm in ſein einſames Gemach, ſehen da den Beherrſcher einer halben Welt um ein— menſchliches Weſen bitten, und ihn dann, wenn das Schickſal ihm dieſen Wunſch gewaͤhrt hat, gleich einem Raſenden, ſelbſt das Geſchenk zerſtoͤren, deſſen er nicht mehr wuͤrdig war. Wir ſehen ihn unwiſſend den nie⸗ 347 drigſten Leidenſchaften ſeiner Sklaven dienen; ſind Augen⸗ zeugen, wie ſie die Seile drehen, woran ſie den, der ſich einbildet, der alleinige Urheber ſeiner Thaten zu ſeyn, einem Knaben gleich, lenken. Ihn, vor welchem man in fernen Welttheilen zittert, ſehen wir vor einem herriſchen Prieſter eine erniedrigende Rechenſchaft ablegen, und eine leichte Uebertretung mit einer ſchimpflichen Zuͤchtigung buͤßen. Wir ſehen ihn gegen Natur und Menſchheit ankaͤmpfen, die er nicht ganz beſiegen kann, zu ſtolz, ihre Macht zu erkennen, zu ohnmaͤchtig, ſich ihr zu entziehen; von allen ihren Genuͤſſen ge⸗ flohen, aber von ihren Schwaͤchen und Schreckniſſen verfolgt; herausgetreten aus ſeiner Gattung, um als ein Mittelding von Geſchoͤpf und Schoͤpfer— unſer Mitleiden zu erregen. Wir verachten dieſe Groͤße, aber wir trauern uͤber ſeinen Miß⸗ verſtand, weil wir auch ſelbſt aus dieſer Verzerrung noch Zuͤge von Menſchheit herausleſen, die ihn zu einem der Unſrigen machen, weil er auch bloß durch die übrig gebliebenen Reſte der Menſchheit elend iſt. Je mehr uns aber dieſes ſchreckhafte Gemaͤlde zuruͤckſtoͤßt, deſto ſtaͤrker werden wir von dem Bilde ſanfter Humanitaͤt angezogen, die ſich in Carlos, in ſeines Freundes und in der Koͤnigin Geſtalt vor unſern Augen verklaͤrt. und nun, lieber Freund, uͤberſehen Sie das Stuͤck aus dieſem neuen Standorte noch einmal. Was Sie fuͤr Ueber⸗ ladung gehalten, wird es jetzt vielleicht weniger ſeyn; in der Einheit, woruüͤber wir uns jetzt verſtaͤndigt haben, werden ſich alle einzelnen Beſtandtheile desſelben aufloͤſen laſſen. Ich koͤnnte den angefangenen Faden noch weiter fortfuͤhren, aber es ſey mir genug, Ihnen durch einige Winke angedeutet zu haben, woruͤber in dem Stuͤcke ſelbſt die beſte Auskunft enthalten iſt. Es iſt moͤglich, daß, um die Hauptidee des Stuͤcks heraus⸗ 348 zufinden, mehr ruhiges Nachdenken erfordert wird, als ſich mit der Eilfertigkeit vertraͤgt, womit man gewohnt iſt, der⸗ gleichen Schriften zu durchlaufen; aber der Zweck, worauf der Kuͤnſtler gearbeitet hat, muß ſich ja am Ende des Kunſtwerks erfuͤllt zeigen. Womit die Tragoͤdie beſchloſſen wird, damit muß ſie ſich beſchaͤftigt haben, und nun hoͤre man, wie Carlos von uns und ſeiner Koͤnigin ſcheidet. „— Ich habe „In einem langen ſchweren Traum gelegen. „Ich liebte— Jetzt bin ich erwacht. Vergeſſen „Sey das Vergangne. Endlich ſeh' ich ein, es gibt „Ein hoͤher, wuͤnſchenswerther Gut, als dich „Beſitzen— Kier ſind Ihre Briefe „Zuruͤck. Vernichten Sie die meinen! Fuͤrchten „Sie keine Wallung mehr von mir. Es iſt „Vorbei. Ein reiner Feuer hat mein Weſen „Gelaͤutert— Einen Leichenſtein will ich „Ihm ſetzen, wie noch keinem Koͤnige zu Theil „Geworden— Ueber ſeiner Aſche bluͤhe „Ein Paradies!“ Koͤnigin. „—— So hab' ich Sie gewollt! „Das war die große Meinung ſeines Todes.“ Zehnter Brief. Ich bin weder Illuminat noch Maurer, aber wenn beide Verbruͤderungen einen moraliſchen Zweck mit einander gemein haben, und wenn dieſer Zweck fuͤr die menſchliche Geſellſchaft der wichtigſte iſt, ſo muß er mit demjenigen, den Marquis Poſa ſich vorſetzte, wenigſtens ſehr nahe verwandt ſeyn. Was jene durch eine geheime Verbindung mehrerer durch die Welt 3⁴9 zerſtreuter thaͤtiger Glieder zu bewirken ſuchen, will der Letz⸗ tere, vollſtaͤndiger und kuͤrzer, durch ein einziges Subject aus⸗ fuͤhren: durch einen Fuͤrſten naͤmlich, der Anwartſchaft hat, den groͤßten Thron der Welt zu beſteigen, und durch dieſen erhabenen Standpunkt zu einem ſolchen Werke faͤhig gemacht wird. In dieſem einzigen Subjecte macht er die Ideenreihe und Empfindungsart herrſchend, woraus jene wohlthaͤtige Wir⸗ kung als eine nothwendige Folge fließen muß. Vielen duͤrfte dieſer Gegenſtand fuͤr die dramatiſche Behandlung zu abſtract und zu ernſthaft ſcheinen, und wenn ſie ſich auf nichts, als das Gemaͤlde einer Leidenſchaft gefaßt gemacht haben, ſo haͤtte ich freilich ihre Erwartung getaͤuſcht; aber es ſchien mir ei⸗ nes Verſuchs nicht ganz unwerth,„Wahrheiten, die Jedem, „der es gut mit ſeiner Gattung meint, die heiligſten ſeyn „muͤſſen, und die bis jetzt nur das Eigenthum der Wiſſen⸗ „ſchaften waren, in das Gebiet der ſchoͤnen Kuͤnſte heruͤber⸗ „zuziehen, mit Licht und Waͤrme zu beſeelen, und, als leben⸗ „dig wirkende Motive, in das Menſchenherz gepflanzt, in ei⸗ „nem kraftvollen Kampfe mit der Leidenſchaft zu zeigen.“ Hat ſich der Genius der Tragoͤdie fuͤr dieſe Graͤnzenverletzung an mir gerochen, ſo ſind deßwegen einige nicht ganz unwich⸗ tige Ideen, die hier niedergelegt ſind, fuͤr— den redlichen Finder nicht verloren, den es vielleicht nicht unangenehm uͤber⸗ raſchen wird, Bemerkungen, deren er ſich aus ſeinem Mon⸗ tesquieu erinnert, in einem Trauerſpiele angewandt und be⸗ ſtaͤtigt zu ſehen. Eilfter Brief. Ehe ich mich auf immer von unſerm Freunde Poſa ver⸗ abſchiede, noch ein paar Worte uͤber ſein raͤthſelhaftes Beneh⸗ men gegen den Prinzen, und über ſeinen Tod. Viele naͤmlich haben ihm vorgeworfen, daß er, der von der Freiheit ſo hohe Begriffe hegt und ſie unaufhoͤrlich im Munde fuͤhrt, ſich doch ſelbſt einer deſpotiſchen Willkuͤr uͤber ſeinen Freund anmaße, daß er ihn blind, wie einen Unmuͤn⸗ digen, leite, und ihn eben dadurch an den Rand des Unter⸗ gangs fuͤhre. Womit, ſagen Sie, laͤßt es ſich entſchuldigen, daß Marquis Poſa, anſtatt dem Prinzen gerade heraus das Verhaͤltniß zu entdecken, worin er jetzt mit dem Koͤnige ſteht, anſtatt ſich auf eine vernuͤnftige Art mit ihm uͤber die noͤthi⸗ gen Maßregeln zu bereden, und, indem er ihn zum Mitwiſſer ſeines Planes macht, auf einmal allen Uebereilungen vorzu⸗ beugen, wozu Unwiſſenheit, Mißtrauen, Furcht und unbeſon⸗ nene Hitze den Prinzen ſonſt hinreißen koͤnnten, und auch wirklich nachher hingeriſſen haben, daß er, anſtatt dieſen ſo unſchuldigen, ſo natuͤrlichen Weg einzuſchlagen, lieber die aͤu⸗ ßerſte Gefahr laͤuft, lieber dieſe ſo leicht zu verhuͤtenden Fol⸗ gen erwartet, und ſie alsdann, wenn ſie wirklich eingetroffen, durch ein Mittel zu verbeſſern ſucht, das eben ſo ungluͤcklich ausſchlagen kann, als es bruͤkal und unnatuͤrlich iſt, naͤmlich durch die Verhaftnehmung des Prinzen? Er kannte das lenk⸗ ſame Herz ſeines Freundes. Noch kürzlich ließ ihn der Dich⸗ ter eine Probe der Gewalt ablegen, mit der er ſolches be⸗ herrſchte. Zwei Worte haͤtten ihm dieſen widrigen Behelf er⸗ ſpart. Warum nimmt er ſeine Zuflucht zur Intrigue, wo er durch ein gerades Verfahren ungleich ſchneller und un⸗ gleich ſicherer zum Ziele wuͤrde gekommen ſeyn? 351 Weil dieſes gewaltthaͤtige und fehlerhafte Betragen des Maltheſers alle nachfolgenden Situationen und vorzuͤglich ſeine Aufopferung herbeigefuͤhrt hat, ſo ſetzte man, ein wenig raſch, voraus, daß ſich der Dichter von dieſem unbedeutenden Ge⸗ winn habe hinreißen laſſen, der innern Wahrheit dieſes Cha⸗ rakters Gewalt anzuthun, und den natuͤrlichen Lauf der Hand⸗ lung zu verlenken. Da dieſes allerdings der bequemſte und kuͤrzeſte Weg war, ſich in dieſes ſeltſame Betragen des Mal⸗ theſers zu finden, ſo ſuchte man in dem ganzen Zuſammen⸗ hange dieſes Charakters keinen naͤhern Aufſchluß mehr; denn das waͤre zu viel von einem Kritiker verlangt, mit ſeinem Ur⸗ theile bloß darum zuruͤckzuhalten, weil der Schriftſteller uͤbel dabei faͤhrt. Aber einiges Recht glaubte ich mir doch auf dieſe Billigkeit erworben zu haben, weil in dem Stuͤcke mehr als einmal die glaͤnzendere Situation der Wahrheit nach⸗ geſetzt worden iſt. unſtreitig! der Charakter des Marquis von Poſa haͤtte an Schoͤnheit und Reinigkeit gewonnen, wenn er durchaus gerader gehandelt haͤtte, und uͤber die unedlen Huͤlfsmittel der Intri⸗ gue immer erhaben geblieben waͤre. Auch geſtehe ich, dieſer Charakter ging mir nahe, aber, was ich fuͤr Wahrheit hielt, ging mir naͤher. Ich halte fuͤr Wahrheit:„daß Liebe zu ei⸗ „mem wirklichen Gegenſtande und Liebe zu einem Ideale „ſich in ihren Wirkungen eben ſo ungleich ſeyn muͤſſen, als ſie „in ihrem Weſen von einander verſchieden ſind— daß der un⸗ „eigennuͤtzigſte, reinſte und edelſte Menſch aus enthuſiaſtiſcher „Anhaͤnglichkeit an ſeine Vorſtellung von Tugend und her⸗ „vorzubringendem Gluͤcke ſehr oft ausgeſetzt iſt, eben ſo will⸗ „kuͤrlich mit den Individuen zu ſchalten, als nur immer der „ſelbſtſuͤchtigſte Deſpot, weil der Gegenſtand von Beider Be⸗ „ſtrebungen in ihnen, nicht außer ihnen wohnt, und weil 35² „jener, der ſeine Handlungen nach einem innern Geiſtesbilde „modelt, mit der Freiheit Anderer beinahe eben ſo im Streite „liegt, als dieſer, deſſen letztes Ziel ſein eignes Ich iſt.“ Wahre Groͤße des Gemuͤths fuͤhrt oft nicht weniger zu Ver⸗ letzungen fremder Freiheit, als der Egoismus und die Herrſch⸗ ſucht, weil ſie um der Handlung, nicht um des einzelnen Sub⸗ jects willen handelt. Eben weil ſie in ſtaͤter Hinſicht auf das Ganze wirkt, verſchwindet nur allzuleicht das kleinere Intereſſe des Individuums in dieſem weiten Proſpecte. Die Tugend handelt groß, um des Geſetzes willen, die Schwaͤrmerei um ihres Ideals willen, die Liebe um des Gegenſtandes willen. Aus der erſten Claſſe wollen wir uns Geſetzgeber, Richter, Koͤ⸗ nige, aus der zweiten Helden, aber nur aus der dritten unſern Freund erwaͤhlen. Dieſe erſte verehren, die zweite bewundern, die dritte lieben wir. Carlos hat Urſache gefunden, es zu bereuen, daß er dieſen Unterſchied außer Acht ließ, und einen großen Mann zu ſeinem Buſenfreunde machte. „Was geht die Koͤnigin dich an? Liebſt du 4 „Die Koͤnigin? Soll deine ſtrenge Tugend „Die kleinen Sorgen meiner Liebe fragen? ———— Ach, hier iſt nichts verdammlich, „Nichts, nichts, als meine raſende Verblendung, „Bis dieſen Tag nicht eingeſehn zu haben, „Daß du ſo— groß als zartlich biſt.“ Geraͤuſchlos, ohne Gehuͤlfen, in ſtiller Groͤße zu wirken, iſt des Marquis Schwaͤrmerei. Still, wie die Vorſicht fuͤr einen Schlafenden ſorgt, will er ſeines Freundes Schickſal aufloͤſen, er will ihn retten, wie ein Gott— und eben dadurch richtet er ihn zu Grunde. Daß er zu ſehr nach ſeinem Ideal von Tugend in die Hoͤhe und zu wenig auf ſeinen Freund herunter⸗ blickte, wurde Beider Verderben. Carlos verungluͤckte, weil 3⁵³ ſein Freund ſich nicht begnuͤgte, ihn auf eine gemeine Art zu erloͤſen. Und hier, daͤucht mir, treffe ich mit einer nicht unmerkwuͤr⸗ digen Erfahrung aus der moraliſchen Welt zuſammen, die Kei⸗ nem, der ſich nur einigermaßen Zeit genommen hat, um ſich herumzuſchauen, oder dem Gange ſeiner eigenen Empfindungen zuzuſehen, ganz fremd ſeyn kann. Es iſt dieſe: daß die mora⸗ liſchen Motive, welche von einem zu erreichenden Ideale von Vortrefflichkeit hergenommen ſind, nicht natuͤrlich im Menſchenherzen liegen, und eben darum, weil ſie erſt durch Kunſt in dasſelbe hineingebracht worden, nicht immer wohl⸗ thaͤtig wirken, gar oft aber durch einen ſehr menſchlichen Ueber⸗ gang einem ſchaͤdlichen Mißbrauch ausgeſetzt ſind. Durch prak⸗ tiſche Geſetze, nicht durch gekuͤnſtelte Geburten der theoretiſchen Vernunft, ſoll der Menſch bei ſeinem moraliſchen Handeln ge⸗ leitet werden. Schon allein dieſes, daß jedes ſolche moraliſche Ideal oder Kunſtgebaͤude doch nie mehr iſt, als eine Idee, die, gleich allen andern Ideen, an dem eingeſchraͤnkten Geſichts⸗ punkte des Individuums Theil nimmt, dem ſie angehoͤrt, und in ihrer Anwendung alſo auch der Allgemeinheit nicht faͤhig ſeyn kann, in welcher der Menſch ſie zu gebrauchen pflegt, ſchon dieſes allein, ſage ich, muͤßte ſie zu einem aͤußerſt gefaͤhr⸗ lichen Inſtrumente in ſeinen Haͤnden machen: aber noch weit gefaͤhrlicher wird ſie durch die Verbindung, in die ſie nur allzu ſchnell mit gewiſſen Leidenſchaften tritt, die ſich mehr oder we⸗ niger in allen Menſchenherzen finden; Herrſchſucht meine ich, Eigenduͤnkel und Stolz, die ſie augenblicklich ergreifen und ſich unzertrennbar mit ihr vermengen. Nennen Sie mir, lieber Freund— um aus unzaͤhligen Beiſpielen nur eins auszuwaͤh⸗ len— nennen Sie mir den Ordensſtifter, oder auch die Or⸗ densverbruͤderung ſelbſt, die ſich— bei den reinſten Zwecken Schillers ſammtl. Werke. X. 23 3⁵4 und bei den edelſten Trieben— von Willkuͤrlichkeit in der An⸗ wendung, von Gewaltthaͤtigkeit gegen fremde Freiheit, von dem Geiſte der Heimlichkeit und der Herrſchſucht immer rein erhalten haͤtte? Die bei Durchſetzung eines, von jeder unreinen Beimiſchung auch noch ſo freien moraliſchen Zwecks, inſofern ſie ſich nämlich dieſen Zweck als etwas fuͤr ſich Beſtehendes denken und ihn in der Lauterkeit erreichen woll⸗ ten, wie er ſich ihrer Vernunft dargeſtellt hatte, nicht unver⸗ merkt waͤren fortgeriſſen worden, ſich an fremder Freiheit zu vergreifen, die Achtung gegen Anderer Rechte, die ihnen ſonſt immer die heiligſten waren, hintanzuſetzen, und nicht ſelten den willkuͤrlichſten Deſpotismus zu uͤben, ohne den Zweck ſelbſt umgetauſcht, ohne in ihren Motiven ein Verderbniß erlitten zu haben. Ich erklaͤre mir dieſe Erſcheinung aus dem Beduͤrf⸗ niſſe der beſchraͤnkten Vernunft, ſich ihren Weg abzukuͤrzen, ihr Geſchaͤft zu vereinfachen, und Individualitaͤten, die ſie zer⸗ ſtreuen und verwirren, in Allgemeinheit zu verwandeln; aus der allgemeinen Hinneigung unſers Gemuͤths zur Herrſch⸗ begierde, oder dem Beſtreben, Alles wegzudraͤngen, was das Spiel unſerer Kraͤfte hindert. Ich waͤhlte deßwegen einen ganz wohlwollenden, ganz uͤber jede ſelbſtſuͤchtige Begierde erha⸗ benen Charakter, ich gab ihm die hoͤchſte Achtung fuͤr Ande⸗ rer Rechte, ich gab ihm die Hervorbringung eines allgemei⸗ nen Freiheitsgenuſſes ſogar zum Zwecke, und ich glaube mich auf keinem Widerſpruche mit der allgemeinen Erfahrung zu befinden, wenn ich ihn, ſelbſt auf dem Wege dahin, in De⸗ ſpotismus verirren ließ. Es lag in meinem Plane, daß er ſich in dieſer Schlinge verſtricken ſollte, die Allen gelegt iſt, die ſich auf einerlei Wege mit ihm befinden. Wie viel haͤtte es mir auch gekoſtet, ihn wohlbehalten davon vorbeizubringen, und dem Leſer, der ihn lieb gewann, den unvermiſchten Genuß aller 355 uͤbrigen Schoͤnheiten ſeines Charakters zu geben, wenn ich es nicht fuͤr einen ungleich groͤßern Gewinn gehalten haͤtte, der menſchlichen Natur zur Seite zu bleiben, und eine nie genug zu beherzigende Erfahrung durch ſein Beiſpiel zu beſtaͤtigen. Dieſe meine ich, daß man ſich in moraliſchen Dingen nicht ohne Gefahr von dem natuͤrlichen praktiſchen Gefuͤhle entfernt, um ſich zu allgemeinen Abſtractionen zu erheben, daß ſich der Menſch weit ſicherer den Eingebungen ſeines Herzens, oder dem ſchon gegenwaͤrtigen und individuellen Gefuͤhle von Recht und Un⸗ recht vertraut, als der gefaͤhrlichen Leitung univerſeller Ver⸗ nunftideen, die er ſich kuͤnſtlich erſchaffen hat— denn nichts fuͤhrt zum Guten, was nicht natuͤrlich iſt. Zwölfter Brief. Es iſt nur noch uͤbrig, ein paar Worte uͤber ſeine Auf⸗ opferung zu ſagen. Man hat es naͤmlich getadelt, daß er ſich muthwillig in einen gewaltſamen Tod ſtuͤrze, den er haͤtte vermeiden koͤnnen. Alles, ſagt man, war ja noch nicht verloren. Warum haͤtte er nicht eben ſo gut fliehen koͤnnen als ſein Freund? War er ſchaͤrfer bewacht als dieſer? Machte es ihm nicht ſelbſt ſeine Freundſchaft fuͤr Carlos zur Pflicht, ſich dieſem zu erhalten? Und konnte er ihm mit ſeinem Leben nicht weit mehr nuͤtzen, als wahrſcheinlicherweiſe mit ſeinem Tode, ſelbſt wenn Alles ſeinem Plane gemaͤß eingetroffen waͤre? Konnte er nicht— Freilich! Was haͤtte der ruhige Zuſchauer nicht gekonnt, und wie viel weiſer und kluͤger wuͤrde dieſer mit ſeinem Leben ge⸗ wirthſchaftet haben! Schade nur, daß ſich der Marzuis we⸗ der dieſer gluͤcklichen Kaltbluͤtigkeit, noch der Muße zu erfreuen 3⁵⁶ ‚hatte, die zu einer ſo vernuͤnftigen Berechnung nothwendig war. Aber, wird man ſagen, das gezwungene und ſogar ſpitz⸗ findige Mittel, zu welchem er ſeine Zuflucht nimmt, um zu ſterben, konnte ſich ihm doch unmoͤglich aus freier Hand und im erſten Augenblicke anbieten, warum haͤtte er das Nachdenken und die Zeit, die es ihm koſtete, nicht eben ſo gut anwenden roͤnnen, einen vernuͤnftigen Rettungsplan auszudenken, oder lieber gleich denjenigen zu ergreifen, der ihm ſo nahe lag, der auch dem kurzſichtigſten Leſer ſogleich ins Auge ſpringt? Wenn er nicht ſterben wollte, um geſtorben zu ſeyn, oder(wie einer meiner Recenſenten ſich ausdruͤckt) wenn er nicht des Maͤr⸗ tyrthums wegen ſterben wollte, ſo iſt es kaum zu be⸗ greifen, wie ſich ihm die ſo geſuchten Mittel zum Untergange fruͤher, als die weit natuͤrlichern Mittel zur Rettung haben darbieten koͤnnen. Es iſt viel Schein in dieſem Vorwurfe, und um ſo mehr iſt es der Muͤhe werth, ihn auseinander zu ſetzen. Die Aufloͤſung iſt dieſe: Erſtlich gruͤndet ſich dieſer Einwurf auf die falſche und durch das Vorhergehende genugſam widerlegte Vorausſetzung, daß der Marquis nur fuͤr ſeinen Freund ſterbe, welches nicht wohl mehr Statt haben kann, nachdem bewieſen worden, daß er nicht fuͤr ihn gelebt, und daß es mit dieſer Freund⸗ ſchaft eine ganz andere Bewandtniß habe. Er kann alſo nicht wohl ſterben, um den Prinzen zu retten; dazu duͤrften ſich auch ihm ſelbſt vermuthlich noch andere, und weniger gewalt⸗ thaͤtige Auswege gezeigt haben, als der Tod—„er ſtirbt, um „fuͤr ſein— in des Prinzen Seele niedergelegtes— Ideal „Alles zu thun und zu geben, was ein Menſch fuͤr etwas thun „und geben kann, das ihm das Theuerſte iſt; um ihm auf „die nachdruͤcklichſte Art, die er in ſeiner Gewalt hat, zu zei⸗ „en, wie ſehr er an die Wahrheit und Schoͤnheit dieſes Ent⸗ 35⁵7 „wurfes glaube, und wie wichtig ihm die Erfuͤllung desſelben „ſey;“ er ſtirbt dafuͤr, warum mehrere große Menſchen fuͤr eine Wahrheit ſtarben, die ſie von Vielen befolgt und beherzigt haben wollten, um durch ſein Beiſpiel darzuthun, wie ſehr ſie es werth ſey, daß man Alles fuͤr ſie leide. Als der Geſetz⸗ geber von Sparta ſein Werk vollendet ſah, und das Orakel zu Delphi den Ausſpruch gethan hatte, die Republik wuͤrde bluͤhen und dauern, ſo lange ſie Lykurgus' Geſetze ehrte, rief er das Volk von Sparta zuſammen, und forderte einen Eid von ihm, die neue Verfaſſung ſo lange wenigſtens unangefochten zu laſſen, bis er von einer Reiſe, die er eben vorhabe, wuͤrde zuruͤckgekehrt ſeyn. Als ihm dieſes durch einen feierlichen Eidſchwur ange⸗ lobt worden, verließ Lykurgus das Gebiet von Sparta, hoͤrte von dieſem Augenblicke an auf, Speiſe zu nehmen, und die Republik harrte ſeiner Ruͤckkehr vergebens. Vor ſeinem Tode verordnete er noch ausdruͤcklich, ſeine Aſche ſelbſt in das Meer zu ſtreuen, damit auch kein Atom ſeines Weſens nach Sparta zuruͤckkehren und ſeine Mitbuͤrger auch nur mit einem Schein von Recht ihres Eides entbinden moͤchte. Konnte Lykurgus im Ernſte geglaubt haben, das lacedaͤmoniſche Volk durch dieſe Spitzfindigkeit zu binden und ſeine Staatsverfaſſung durch ein ſolches Spielwerk zu ſichern? Iſt es auch nur denkbar, daß ein ſo weiſer Mann fuͤr einen ſo romanhaften Einfall ein Le⸗ ben ſollte hingegeben haben, das ſeinem Vaterlande ſo wichtig war? Aber ſehr denkbar und ſeiner wuͤrdig ſcheint es mir, daß er es hingab, um durch das Große und Außerordentliche dieſes Todes einen unausloͤſchlichen Eindruck ſeiner ſelbſt in das Herz ſeiner Spartaner zu graben, und eine hoͤhere Ehr⸗ wuͤrdigkeit uͤber das Werk auszugießen, indem er den Schoͤpfer desſelben zu einem Gegenſtande der Ruͤhrung und Bewun⸗ derung machte. 338 Zweitens kommt es hier, wie man leicht einſieht, nicht darauf an, wie nothwendig, wie natuͤrlich und wie nuͤ tz⸗ lich dieſe Auskunft in der That war, ſondern wie ſie dem⸗ jenigen vorkam, der ſie zu ergreifen hatte, und wie leicht oder ſchwer er darauf verfiel. Es iſt alſo weit weniger die Lage der Dinge, als die Gemuͤthsverfaſſung deſſen, auf den dieſe Dinge wirken, was hier in Betrachtung kommen muß. Sind die Ideen, welche den Marzuis zu dieſem Heldenent⸗ ſchluſſe fuͤhren, ihm gelaͤufig, und bieten ſie ſich ihm leicht und mit Lebhaftigkeit dar, ſo iſt der Entſchluß auch weder ge⸗ ſucht, noch gezwungen; ſind dieſe Ideen in ſeiner Seele gar die vordringenden und herrſchenden, und ſtehen diejenigen da⸗ gegen im Schatten, die ihn auf einen gelindern Ausweg fuͤhren konnten, ſo iſt der Entſchluß, den er faßt, nothwendig; haben diejenigen Empfindungen, welche dieſen Entſchluß bei jedem Andern bekaͤmpfen wuͤrden, wenig Macht uͤber ihn, ſo kann ihm auch die Ausfuͤhrung desſelben ſo gar viel nicht koſten. Und dieß iſt es, was wir nun unterſuchen muͤſſen. Zuerſt: Unter welchen Umſtaͤnden ſchreitet er zu dieſem Entſchluſſe?— In der drangvollſten Lage, worin je ein Menſch ſich befunden, wo Schrecken, Zweifel, Unwille uͤber ſich ſelbſt, Schmerz und Verzweiflung zugleich ſeine Seele be⸗ ſtuͤrmen. Schrecken: er ſieht ſeinen Freund im Begriffe, derjenigen Perſon, die er als deſſen fuͤrchterlichſte Feindin kennt, ein Geheimniß zu offenbaren, woran ſein Leben haͤngt. Zweifel: er weiß nicht, ob dieſes Geheimniß heraus iſt oder nicht? Weiß es die Prinzeſſin, ſo muß er gegen ſie als eine Mitwiſſerin verfahren; weiß ſie es noch nicht, ſo kann ihn eine einzige Sylbe zum Verraͤther, zum Moͤrder ſeines Freundes machen. Unwille über ſich ſelbſt: er allein hat durch ſeine ungluͤckliche Zuruͤckhaltung den Prinzen zu dieſer Ueber⸗ 359 eilung hingeriſen. Schmerz und Verzweiflungt er ſieht ſeinen Freund verloren, er ſieht in ſeinem Freunde alle Hoff⸗ nungen verloren, die er auf denſelben gegruͤndet hat. „Verlaſſen von dem Einzigen wirfſt du „Der Fuͤrſtin Eboli dich in die Arme— „Ungluͤcklicher! in eines Teufels Arme, „Denn dieſe war's, die dich verrieth— Ich ſehe— „Dich dahin eilen. Eine ſchlimme Ahnung „Fliegt durch mein Herz. Ich folge dir. Zu ſpaͤt. „Du liegſt zu ihren Fuͤßen. Das Geſtaͤndniß „Floh uͤber deine Lippen ſchon. Fuͤr dich „FIſt keine Rettung mehr— Da wird es Nacht vor meinen — Sinnen „Nichts! Nichts! Kein Ausweg! Keine Kuͤlfe! Keine „Im ganzen Umkreis der Natur!—“ In dieſem Augenblicke nun, wo ſo verſchiedene Gemuͤths⸗ bewegungen in ſeiner Seele ſtuͤrmen, ſoll er aus dem Steg⸗ reif ein Rettungsmittel fuͤr ſeinen Freund erdenken. Welches wird es ſeyn? Er hat den richtigen Gebrauch ſeiner Urtheils⸗ kraft verloren, und mit dieſem den Faden der Dinge, den nur die ruhige Vernunft zu verfolgen im Stande iſt. Er iſt nicht mehr Meiſter ſeiner Gedankenreihe— er iſt alſo in die Ge⸗ walt derjenigen Ideen gegeben, die das meiſte Licht und die groͤßte Gelaͤufigkeit bei ihm erlangt haben. und von welcher Art ſind nun dieſe? Wer entdeckt nicht in dem ganzen Zuſammenhange ſeines Lebens, wie er es hier in dem Stuͤcke vor unſern Augen lebt, daß ſeine ganze Phan⸗ taſie von Bildern romantiſcher Groͤße angefuͤllt und durch⸗ drungen iſt, daß die Helden des Plutarch in ſeiner Seele leben, und daß ſich alſo unter zwei Auswegen immer der heroiſche zuerſt und zunaͤchſt ihm darbieten muß? Zeigte uns nicht ſein vorhergegangener Auftritt mit dem Koͤnige, 360 was und wie viel dieſer Menſch fuͤr das, was ihm wahr, ſchoͤn und vortrefflich duͤnkt, zu wagen im Stande ſey?— Was iſt wiederum natuͤrlicher, als daß der Unwille, den er in dieſem Augenblicke uͤber ſich ſelbſt empfindet, ihn unter den⸗ jenigen Rettungsmitteln zuerſt ſuchen laͤßt, die ihm etwas koſten; daß er es der Gerechtigkeit gewiſſermaßen ſchuldig zu ſeyn glaubt, die Rettung ſeines Freundes auf ſeine Unkoſten zu bewirken, weil ſeine Unbeſonnenheit es war, die jenen in dieſe Gefahr ſtuͤrzte? Bringen Sie dabei in Betrachtung, daß er nicht genug eilen kann, ſich aus dieſem leidenden Zuſtande zu reißen, ſich den freien Genuß ſeines Weſens und die Herr⸗ ſchaft uͤber ſeine Empfindungen wieder zu verſchaffen. Ein Geiſt, wie dieſer aber, werden Sie mir eingeſtehen, ſucht in ſich, nicht außer ſich, Huͤlfe; und wenn der bloß kluge Menſch ſein Erſtes haͤtte ſeyn laſſen, die Lage, in der er ſich befindet, von allen Seiten zu pruͤfen, bis er ihr endlich einen Vortheil abgewonnen: ſo iſt es im Gegentheil ganz im Cha⸗ rakter des heldenmuͤthigen Schwaͤrmers gegruͤndet, ſich dieſen Weg zu verkuͤrzen, ſich durch irgend eine außerordentliche That, durch eine augenblickliche Erhoͤhung ſeines Weſens, bei ſich ſelbſt wieder in Achtung zu ſetzen. So waͤre denn der Entſchluß des Marquis gewiſſermaßen ſchon als ein heroiſches Palliativ erklaͤrbar, wodurch er ſich einem augenblicklichen Gefuͤhle von Dumpfheit und Verzagung, den ſchrecklichſten Zuſtande fuͤr einen ſolchen Geiſt, zu entreißen ſucht. Setzen Sie dann noch hinzu, daß ſchon ſeit ſeinem Knabenalter, ſchon von dem Tage an, da ſich Carlos freiwillig fuͤr ihn einer ſchmerzhaften Strafe darbot, das Verlangen, ihm dieſe großmuͤthige That zu erſtatten, ſeine Seele beunruhigte, ihn gleich einer unbezahlten Schuld marterte, und das Gewicht der vorhergehenden Gruͤnde in dieſem Augenblicke alſo nicht wenig verſtaͤrken muß. Daß ihm 361 dieſe Erinnerung wirklich vorgeſchwebt, beweist eine Stelle, wo ſie ihm unwillkuͤrlich entwiſchte. Carlos dringt darauf, daß er fliehen ſoll, ehe die Folgen ſeiner kecken That eintreffen.„War ich auch ſo gewiſſenhaft, Carlos,“ gibt er ihm zur Antwort,„da du, ein Knabe, für mich geblutet haſt?“ Die Koͤnigin, von ihrem Schmerze hingeriſſen, beſchuldigt ihn ſogar, daß er dieſen Entſchluß laͤngſt ſchon mit ſich herumgetragen— „Sie ſtuͤrzten ſich in dieſe That, die Sie „Erhaben nennen. Laͤugnen Sie nur nicht. „Ich kenne Sie. Sie haben laͤngſt darnach —„Geduͤrſtet!“ 3 Endlich will ich ja den Marquis von Schwaͤrmerei durchaus nicht freigeſprochen haben. Schwaͤrmerei und Enthuſiasmus beruͤhren einander ſo nahe, ihre Unterſcheidungslinie iſt ſo fein, daß ſie im Zuſtande leidenſchaftlicher Erhitzung nur allzu leicht üͤberſchritten werden kann. Und der Marzuis hat nur wenige Augenblicke zu dieſer Wahl! Dieſelbe Stellung des Gemuͤths, worin er die That beſchließt, iſt auch dieſelbe, worin er den unwiderruflichen Schritt zu ihrer Ausfuͤhrung thut. Es wird ihm nicht ſo gut, ſeinen Entſchluß in einer andern Seelenlage noch einmal anzuſchauen, ehe er ihn in Erfuͤllung bringt— wer weiß, ob er ihn dann nicht anders gefaßt haͤtte! Eine ſolche andere Seelenlage z. B. iſt die, worin er von der Koͤnigin geht. O! ruft er aus, das Leben iſt doch ſchoͤn!— Aber dieſe Ent⸗ deckung macht er zu ſpaͤt. Er huͤllt ſich in die Groͤße ſeiner That, um keine Reue daruͤber zu empfinden. Was heißt und zu welchem Ende ſtudirt man Univerſalgeſchichte? Eine akademiſche Antrittsrede.*) Erfreuend und ehrenvoll iſt mir der Auftrag, meine h. HH., an Ihrer Seite künftig ein Feld zu durchwandern, das dem denkenden Betrachter ſo viele Gegenſtaͤnde des Unter⸗ richts, dem thaͤtigen Weltmann ſo herrliche Muſter zur Nach⸗ ahmung, dem Philoſophen ſo wichtige Aufſchluͤſſe und Jedem ohne Unterſchied ſo reiche Quellen des edelſten Vergnuͤgens eroͤffnet— das große weite Feld der allgemeinen Geſchichte. Der Anblick ſo vieler vortrefflichen jungen Maͤnner, die eine edle Wißbegierde um mich her verſammelt und in deren Mitte ſchon manches wirkſame Genie fuͤr das kommende Zeitalter aufbluͤht, macht mir meine Pflicht zum Vergnuͤgen, laͤßt mich aber auch die Strenge und Vichtigkeit derſelben in ihrem ganzen Umfang empfinden. Je groͤßer das Geſchenk iſt, das ich Ihnen zu uͤbergeben habe— und was hat der Menſch dem Menſchen Groͤßeres zu geben, als Wahrheit?— deſto *) Anmerkung des Herausgebers. Mit dieſer Rede eroͤff⸗ nete der Verfaſſer ſeine hiſtoriſchen Vorteſungen in Jena. Sie er⸗ ſchien zuerſt im deutſchen Mercur 1789, im November. 363 mehr muß ich Sorge tragen, daß ſich der Werth desſelben unter meiner Hand nicht verringere. Je lebendiger und reiner Ihr Geiſt in dieſer gluͤcklichſten Epoche ſeines Wirkens em⸗ pfaͤngt, und je raſcher ſich Ihre jugendlichen Gefuͤhle entflam⸗ men, deſto mehr Aufforderung fuͤr mich, zu verhuͤten, daß ſich dieſer Enthuſiasmus, den die Wahrheit allein das Recht hat zu erwecken, an Betrug und Taͤuſchung nicht unwuͤrdig ver⸗ ſchwende. Fruchtbar und weit umfaſſend iſt das Gebiet der Geſchichte; in ihrem Kreiſe liegt die ganze moraliſche Welt. Durch alle Zuſtaͤnde, die der Menſch erlebte, durch alle abwechſelnden Geſtalten der Meinung, durch ſeine Thorheit und ſeine Weis⸗ heit, ſeine Verſchlimmerung und ſeine Veredlung, begleitet ſie ihn; von Allem, was er ſich nahm und gab, muß ſie Rechenſchaft ablegen. Es iſt Keiner unter Ihnen Allen, dem Geſchichte nicht etwas Wichtiges zu ſagen haͤtte; alle noch ſo verſchiedenen Bahnen Ihrer künftigen Beſtimmung verknuͤpfen ſich irgendwo mit derſelben; aber eine Beſtimmung theilen Sie Alle auf gleiche Weiſe mit einander, diejenige, welche Sie auf die Welt mitbrachten— ſich als Menſchen auszubilden— und zu dem Menſchen eben redet die Geſchichte. Ehe ich es aber unternehmen kann, meine HH., Ihre Er⸗ wartungen von dieſem Gegenſtande Ihres Fleißes genauer zu beſtimmen, und die Verbindung anzugeben, worin derſelbe mit dem eigentlichen Zweck Ihrer ſo verſchiedenen Studien ſteht, wird es nicht uͤberfluͤſſig ſeyn, mich uͤber dieſen Zweck Ihrer Studien ſelbſt vorher mit ihnen einzuverſtehen. Eine vorlaͤufige Berichtigung dieſer Frage, welche mir paſſend und wuͤrdig genug ſcheint, unſere kuͤnftige akademiſche Verbin⸗ dung zu eroͤffnen, wird mich in den Stand ſetzen, Ihre Auf⸗ 364 merkſamkeit ſogleich auf die wuͤrdigſte Seite der Weltgeſchichte hinzuweiſen. Anders iſt der Studierplan, den ſich der Brodgelehrte, anders derjenige, den der philoſophiſche Kopf ſich vorzeichnet. Jener, dem es bei ſeinem Fleiß einzig und allein darum zu thun iſt, die Bedingungen zu erfuͤllen, unter denen er zu einem Amte faͤhig und der Vortheile desſelben theilhaftig werden kann, der nur darum die Kraͤfte ſeines Geiſtes in Bewegung ſetzt, um dadurch ſeinen ſinnlichen Zuſtand zu verbeſſern und eine kleinliche Ruhmſucht zu befriedigen, ein ſolcher wird beim Eintritt in ſeine akademiſche Laufbahn keine wichtigere Ange⸗ legenheit haben, als die Wiſſenſchaften, die er Brodſtudien nennt, von allen uͤbrigen, die den Geiſt nur als Geiſt ver⸗ gnuͤgen, auf das ſorgfaͤltigſte abzuſondern. Alle Zeit, die er dieſen letztern widmete, wuͤrde er ſeinem kuͤnftigen Berufe zu entziehen glauben, und ſich dieſen Raub nie vergeben. Seinen ganzen Fleiß wird er nach den Forderungen einrichten, die von dem künftigen Herrn ſeines Schickſals an ihn gemacht werden, und Alles gethan zu haben glauben, wenn er ſich faͤhig ge⸗ macht hat, dieſe Inſtanz nicht zu fuͤrchten. Hat er ſeinen Curſus durchlaufen und das Ziel ſeiner Wuͤnſche erreicht, ſo entlaͤßt er ſeine Fuͤhrerinnen— denn wozu noch weiter ſie be⸗ muhen? Seine groͤßte Angelegenheit iſt jetzt, die zuſammen⸗ gehaͤuften Gedaͤchtnißſchaͤtze zur Schau zu tragen, und ja zu verhuͤten, daß ſie in ihrem Werthe nicht ſinken. Jede Er⸗ weiterung ſeiner Brodwiſſenſchaft beunruhigt ihn, weil ſie ihm neue Arbeit zuſendet, oder die vergangene unnuͤtz macht; jede wichtige Neuerung ſchreckt ihn auf, denn ſie zerbricht die alte Schulform, die er ſich ſo muͤhſam zu eigen machte, ſie ſetzt ihn in Gefahr, die ganze Arbeit ſeines vorigen Lebens zu verlieren. Wer hat uͤber Reformatoren mehr geſchrien, als 36⁵ der Haufe der Brodgelehrten? Wer haͤlt den Fortgang nuͤtz⸗ licher Revolutionen im Reich des Wiſſens mehr auf, als eben dieſe? Jedes Licht, das durch ein gluͤckliches Genie, in welcher Wiſſenſchaft es ſey, angezuͤndet wird, macht ihre Duͤrftigkeit ſichtbar; ſie fechten mit Erbitterung, mit Heimtuͤcke, mit Verzweiflung, weil ſie bei dem Schulſyſtem, das ſie vertheidi⸗ gen, zugleich fuͤr ihr ganzes Daſeyn fechten. Darum kein unverſoͤhnlicherer Feind, kein neidiſcherer Amtsgehuͤlfe, kein bereitwilligerer Ketzermacher, als der Brodgelehrte. Je we⸗ niger ſeine Kenntniſſe durch ſich ſelbſt ihn belohnen, deſto groͤßere Vergeltung heiſcht er von außen; fuͤr das Verdienſt der Handarbeiter und das Verdienſt der Geiſter hat er nur einen Maßſtab, die Muͤhe. Darum hoͤrt man Niemand uͤber Undank mehr klagen als den Brodgelehrten; nicht bei ſeinen Gedankenſchaͤtzen ſucht er ſeinen Lohn, ſeinen Lohn er⸗ wartet er von fremder Anerkennung, von Ehrenſtellen, von Verſorgung. Schlaͤgt ihm dieſes fehl, wer iſt ungluͤcklicher als der Brodgelehrte? Er hat umſonſt gelebt, gewacht, gear⸗ beitet; er hat umſonſt nach Wahrheit geforſcht, wenn ſich Wahrheit fuͤr ihn nicht in Gold, in Zeitungslob, in Fuͤrſten⸗ gunſt verwandelt. Beklagenswerther Menſch, der mit dem edelſten aller Werk⸗ zeuge, mit Wiſſenſchaft und Kunſt, nichts Hoͤheres will und ausrichtet, als der Tagloͤhner mit dem Schlechteſten! der im Reiche der vollkommenſten Freiheit eine Sklavenſeele mit ſich herum traͤgt!— Noch beklagenswerther aber iſt der junge Mann von Genie, deſſen natuͤrlich ſchoͤner Gang durch ſchaͤd⸗ liche Lehren und Muſter auf dieſen traurigen Abweg verlenkt wird, der ſich uͤberreden ließ, fuͤr ſeinen kuͤnftigen Beruf mit dieſer kuͤmmerlichen Genauigkeit zu ſammeln. Bald wird ſeine Berufswiſſenſchaft als ein Stuͤckerk ihn anekeln; Wuͤnſche 366 werden in ihm aufwachen, die ſie nicht zu befriedigen vermag, ſein Genie wird ſich gegen ſeine Beſtimmung auflehnen. Als Bruchſtuͤck erſcheint ihm jetzt Alles, was er thut, er ſieht kei⸗ nen Zweck ſeines Wirkens, und doch kann er Zweckloſigkeit nicht ertragen. Das Muͤhſelige, das Geringfuͤgige in ſeinen Berufsgeſchaͤften druͤckt ihn zu Boden, weil er ihm den frohen Muth nicht entgegenſetzen kann, der nur die helle Einſicht, nur die geahnete Vollendung begleitet. Er fuͤhlt ſich abge⸗ ſchnitten, herausgeriſſen aus dem Zuſammenhang der Dinge, weil er unterlaſſen hat, ſeine Thaͤtigkeit an das große Ganze der Welt anzuſchließen. Dem Rechtsgelehrten entleidet ſeine Rechtswiſſenſchaft, ſobald der Schimmer beſſerer Cultur ihre Bloͤßen ihm beleuchtet, anſtatt daß er jetzt ſtreben ſollte, ein neuer Schoͤpfer derſelben zu ſeyn, und den entdeckten Mangel aus innerer Fuͤlle zu verbeſſern. Der Arzt entzweiet ſich mit ſeinem Beruf, ſobald ihm wichtige Fehlſchlaͤge die Unzuver⸗ laͤſſigkeit ſeiner Syſteme zeigen; der Theolog verliert die Ach⸗ tung fuͤr den ſeinigen, ſobald ſein Glaube an die Unfehlbarkeit ſeines Lehrgebaͤudes wankt. Wie ganz anders verhaͤlt ſich der philoſophiſche Kopf!— Eben ſo ſorgfaͤltig, als der Brodgelehrte ſeine Wiſſenſchaft von allen uͤbrigen abſondert, beſtrebt ſich jener, ihr Gebiet zu erweitern, und ihren Bund mit den uͤbrigen wieder herzuſtellen — herzuſtellen, ſage ich, denn nur der abſtrahirende Ver⸗ ſtand hat jene Graͤnzen gemacht, hat jene Wiſſenſchaften von einander geſchieden. Wo der Brodgelehrte trennt, vereinigt der philoſophiſche Geiſt. Fruͤhe hat er ſich uͤberzeugt, daß im Gebiete des Verſtandes, wie in der Sinnenwelt, Alles in einander greife, und ſein reger Trieb nach Uebereinſtimmung kann ſich mit Bruchſtuͤcken nicht begnuͤgen. Alle ſeine Beſtre⸗ bungen ſind auf Vollendung ſeines Gewiſſens gerichtet; ſeine 367 edle Ungeduld kann nicht ruhen, bis alle ſeine Begriffe zu einem harmoniſchen Ganzen ſich geordnet haben, bis er im Mittelpunkt ſeiner Kunſt, ſeiner Wiſſenſchaften ſteht, und von hier aus ihr Gebiet mit befriedigtem Blick uͤberſchauet. Neue Entdeckungen im Kreiſe ſeiner Thaͤtigkeit, die den Brod⸗ gelehrten niederſchlagen, entzuͤcken den philoſophiſchen Geiſt. Vielleicht fuͤllen ſie eine Luͤcke, die das werdende Ganze ſeiner Begriffe noch verunſtaltet hatte, oder ſetzen den letzten noch fehlenden Stein an ſein Ideengebaͤude, der es vollendet. Sollten ſie es aber auch zertruͤmmern, ſollte eine neue Ge⸗ dankenreihe, eine neue Naturerſcheinung, ein neu entdecktes Geſetz in der Koͤrperwelt den ganzen Bau ſeiner Wiſſenſchaft umſtuͤrzen: ſo hat er die Wahrheit immer mehr ge⸗ liebt, als ſein Syſtem, und gerne wird er die alte man⸗ gelhafte Form mit einer neuern und ſchoͤnern vertauſchen. Ja, wenn kein Streich von außen ſein Ideengebaͤude erſchuͤt⸗ tert, ſo iſt er ſelbſt, von einem ewig wirkſamen Trieb nach Verbeſſerung gezwungen, er ſelbſt iſt der erſte, der es unbe⸗ friedigt auseinander legt, um es vollkommener wieder herzu⸗ ſtellen. Durch immer neue und immer ſchoͤnere Gedanken⸗ formen ſchreitet der philoſophiſche Geiſt zu hoͤherer Vortreff⸗ lichkeit fort, wenn der Brodgelehrte in ewigem Geiſtesſtillſtande das unfruchtbare Einerlei ſeiner Schulbegriffe huͤtet. Kein gerechterer Beurtheiler fremden Verdienſtes als der philoſophiſche Kopf. Scharfſichtig und erfinderiſch genug, um jede Thaͤtigkeit zu nutzen, iſt er auch billig genug, den Urheber auch der kleinſten zu ehren. Fuͤr ihn arbeiten alle Koͤpfe— alle Koͤpſe arbeiten gegen den Brodgelehrten. Jener weiß Alles, was um ihn geſchieht und gedacht wird, in ſein Eigen⸗ thum zu verwandeln— zwiſchen denkenden Koͤpfen gilt eine innige Gemeinſchaft aller Guͤter des Geiſtes; was Einer im 368 Reiche der Wahrheit erwirbt, hat er Allen erworben.— Der Brodgelehrte verzaͤunet ſich gegen alle ſeine Nachbarn, denen er neidiſch Licht und Sonne mißgoͤnnt, und bewacht mit Sorge die baufaͤllige Schranke, die ihn nur ſchwach gegen die ſiegende Vernunft vertheidigt. Zu Allem, was der Brod⸗ gelehrte unternimmt, muß er Reiz und Aufmunterung von außen her borgen: der philoſophiſche Geiſt findet in ſeinem Gegenſtand, in ſeinem Fleiße ſelbſt, Reiz und Belohnung. Wie viel begeiſterter kann er ſein Werk angreifen, wie viel lebendiger wird ſein Eifer, wie viel ausdauernder ſein Muth und ſeine Thaͤtigkeit ſeyn, da bei ihm die Arbeit ſich durch die Arbeit verjuͤnget! Das Kleine ſelbſt gewinnt Groͤße un⸗ ter ſeiner ſchoͤpferiſchen Hand, da er dabei immer das Große im Auge hat, dem es dienet, wenn der Brodgelehrte in dem Großen ſelbſt nur das Kleine ſieht. Nicht was er treibt, ſondern wie er das, was er treibt, behandelt, unterſcheidet den philoſophiſchen Geiſt. Wo er auch ſtehe und wirke, er ſteht immer im Mittelpunkt des Ganzen; und ſo weit ihn auch das Object ſeines Wirkens von ſeinen uͤͤbrigen Bruͤdern entferne, er iſt ihnen verwandt und nahe durch einen har⸗ moniſch wirkenden Verſtand; er begegnet ihnen, wo alle hellen Koͤpfe einander finden. Soll ich dieſe Schilderung noch weiter fortfuͤhren, oder darf ich hoffen, daß es bereits bei Ihnen entſchieden ſey, welches von den beiden Gemaͤlden, die ich Ihnen hier vor— gehalten habe, Sie ſich zum Muſter nehmen wollen? Von der Wahl, die Sie zwiſchen beiden getroffen haben, haͤngt es ab, ob Ihnen das Studium der Univerſalgeſchichte empfohlen oder erlaſſen werden kann. Mit dem Zweiten allein habe ich es zu thun; denn bei dem Beſtreben, ſich dem Erſten nuͤtzlich zu machen, moͤchte ſich die Wiſſenſchaft ſelbſt allzu weit 369 von ihrem hoͤhern Endzweck entfernen, und einen kleinen Ge⸗ winn mit einem zu großen Opfer erkaufen. Ueber den Geſichtspunkt mit Ihnen einig, aus welchem der Werth einer Wiſſenſchaft zu beſtimmen iſt, kann ich mich dem Begriff der Univerſalgeſchichte ſelbſt, dem Gegenſtande der heutigen Vorleſung, naͤhern. Die Entdeckungen, welche unſere europaͤiſchen Seefahrer in fernen Meeren und auf entlegenen Kuͤſten gemacht haben, geben uns ein eben ſo lehrreiches als unterhaltendes Schau⸗ ſpiel. Sie zeigen uns Völkerſchaften, die auf den mannich⸗ faltigſten Stufen der Bildung um uns herum gelagert ſind, wie Kinder verſchiedenen Alters um einen Erwachſenen herum ſtehen, und durch ihr Beiſpiel ihm in Erinnerung bringen, was er ſelbſt vormals geweſen, und wovon er ausgegangen iſt. Eine weiſe Hand ſcheint uns dieſe rohen Voͤlkerſtaͤmme bis auf den Zeitpunkt aufgeſpart zu haben, wo wir in unſerer eigenen Cultur weit genug wuͤrden fortgeſchritten ſeyn, um von dieſer Entdeckung eine nuͤtzliche Anwendung auf uns ſelbſt zu machen, und den verlornen Anfang unſers Geſchlechts aus dieſem Spiegel wieder herzuſtellen. Wie beſchaͤmend und trau⸗ rig aber iſt das Bild, das uns dieſe Völker von unſerer Kind⸗ heit geben! und doch iſt es nicht einmal die erſte Stufe mehr, auf der wir ſie erblicken. Der Menſch fing noch ver⸗ aͤchtlicer an. Wir finden jene doch ſchon als Voͤlker, als po⸗ litiſche Koͤrper: aber der Menſch mußte ſich erſt durch eine außerordentliche Anſtrengung zur politiſchen Geſellſchaft er⸗ heben. Was erzaͤhlen uns die Reiſebeſchreiber nun von die⸗ ſen Wilden? Manche fanden ſie ohne Bekanntſchaft mit den unentbehrlichſten Kuͤnſten, ohne das Eiſen, ohne den Pflug, einige ſogar ohne den Beſitz des Feuers. Manche Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 24 370 rangen noch mit wilden Thieren um Speiſe und Wohnung, bei vielen hatte ſich die Sprache noch kaum von thieriſchen Toͤnen zu verſtaͤndlichen Zeichen erhoben. Hier war nicht ein⸗ mal das ſo einfache Band der Ehe, dort noch keine Kenntniß des Eigenthums; hier konnte die ſchlaffe Seele noch nicht einmal eine Erfahrung feſthalten, die ſie doch taͤglich wieder⸗ holte; ſorglos ſah man den Wilden das Lager hingeben, wor⸗ auf er heute ſchlief, weil ihm nicht einfiel, daß er morgen wieder ſchlafen wuͤrde. Krieg hingegen war bei Allen, und das Fleiſch des uͤberwundenen Feindes nicht ſelten der Preis des Sieges. Andere, die, mit mehreren Gemaͤchlichkeiten des Lebens vertraut, ſchon eine hoͤhere Stufe der Bildung er⸗ ſtiegen hatten, zeigten von Knechtſchaft und Deſpotismus ein ſchauderhaftes Bild. Dort ſah man einen Deſpoten Afrika's ſeine Unterthanen fuͤr einen Schluck Branntwein ver⸗ handeln:— hier wurden ſie auf ſeinem Grabe abgeſchlachtet, ihm in der Unterwelt zu dienen. Dort wirft ſich die fromme Einfalt vor einem laͤcherlichen Fetiſch, und hier vor einem grauſenvollen Scheuſal nieder; in ſeinen Goͤttern malt ſich der Menſch. So tief ihn dort Sklaverei, Dummheit und Aberglauben niederbeugen, ſo elend iſt er hier durch das an⸗ dere Extrem geſetzloſer Freiheit. Immer zum Angriff und zur Vertheidigung geruͤſtet, von jedem Geraͤuſch aufgeſcheucht, reckt der Wilde ſein ſcheues Ohr in die Wuͤſte; Feind heißt ihm Alles, was neu iſt, und wehe dem Fremdling, den das Ungewitter an ſeine Kuͤſte ſchleudert! Kein wirthlicher Herd wird ihm rauchen, kein ſuͤßes Gaſtrecht ihn erfreuen. Aber ſelbſt da, wo ſich der Menſch von einer feindſeligen Einſam⸗ keit zur Geſellſchaft, von der Noth zum Wohlleben, von der Furcht zu der Freude erhebt— wie abenteuerlich und un⸗ geheuer zeigt er ſich unſern Augen! Sein roher Geſchmack 371 ſucht Froͤhlichkeit in der Betaͤubung, Schoͤnheit in der Ver⸗ zerrung, Ruhm in der Uebertreibung; Entſetzen erweckt uns ſelbſt ſeine Tugend, und das, was er ſeine Gluͤckſeligkeit nennt, kann uns nur Ekel oder Mitleid erregen. So waren wir. Nichht viel beſſer fanden uns Caͤſar und Tacitus vor achtzehnhundert Jahren. Was ſind wir jetzt?— Laſſen Sie mich einen Augenblick bei dem Zeitalter ſtille ſtehen, worin wir leben, bei der gegen⸗ waͤrtigen Geſtalt der Welt, die wir bewohnen. Der menſchliche Fleiß hat ſie angebaut, und den wider⸗ ſtrebenden Boden durch ſein Beharren und ſeine Geſchicklich⸗ keit uͤberwunden. Dort hat er dem Meere Land abgewonnen, hier dem duͤrren Lande Stroͤme gegeben. Zonen und Jahres⸗ zeiten hat der Menſch durch einander gemengt, und die weich⸗ lichen Gewaͤchſe des Orients zu ſeinem rauhern Himmel ab⸗ gehaͤrtet. Wie er Europa nach Weſtindien und dem Suͤd⸗ meere trug, hat er Aſien in Europa auferſtehen laſſen. Ein heiterer Himmel lacht jetzt uͤber Germaniens Waͤlder, welche die ſtarke Menſchenhand zerriß und dem Sonnenſtrahl auf⸗ that, und in den Wellen des Rheins ſpiegeln ſich Aſiens Re⸗ ben. An ſeinen Ufern erheben ſich volkreiche Staͤdte, die Genuß und Arbeit in munterm Leben durchſchwaͤrmen. Hier finden wir den Menſchen in ſeines Erwerbes friedlichem Beſitz ſicher unter einer Million, ihn, dem ſonſt ein einziger Nachbar den Schlummer raubte. Die Gleichheit, die er durch ſeinen Eintritt in die Geſellſchaft verlor, hat er wieder gewonnen durch weiſe Geſetze. Von dem blinden Zwang des Zufalls und der Noth hat er ſich unter die ſanftere Herrſchaft der Vertraͤge gefluͤchtet, und die Freiheit des Raubthiers hin⸗ gegeben, um die edlere Freiheit des Menſchen zu retten. Wohlthaͤtig haben ſich ſeine Sorgen getrennt, ſeine Thaͤtigkeiten 372 vertheilt. Jetzt noͤthigt ihn das gebieteriſche Beduͤrfniß nicht mehr an die Pflugſchar, jetzt fordert ihn kein Feind mehr von dem Pflug auf das Schlachtfeld, Vaterland und Herd zu vertheidigen. Mit dem Arme des Landmannes fuͤllt er ſeine Scheunen, mit den Waffen des Kriegers ſchuͤtzt er ſein Gebiet. Das Geſetz wacht uͤber ſein Eigenthum— und ihm bleibt das unſchaͤtzbare Recht, ſich. ſelbſt ſeine Pflicht auszu⸗ leſen. Wie viele Schoͤpfungen der Kunſt, wie viele Wunder des Fleißes, welches Licht in allen Feldern des Wiſſens, ſeitdem der Menſch in der traurigen Selbſtvertheidigung ſeine Kraͤfte nicht mehr unnuͤtz verzehrt, ſeitdem es in ſeine Willkuͤr ge⸗ ſtelt worden, ſich mit der Noth abzufinden, der er nie ganz entfliehen ſoll; ſeitdem er das koſtbare Vorrecht errungen hat, uber ſeine Faͤhigkeit frei zu gebieten, und dem Ruf ſeines Genius zu folgen! Welche rege Thaͤtigkeit uͤberall, ſeitdem die vervielfaͤltigten Begierden dem Erfindungsgeiſt neue Fluͤgel gaben, und dem Fleiß neue Raͤume aufthaten! — Die Schranken ſind durchbrochen, welche Staaten und Na⸗ tionen in feindſeligem Egoismus abſonderten. Alle denkenden Koͤpfe verknuͤpft jetzt ein weltburgerliches Band, und alles Licht ſeines Jahrhunderts kann nunmehr den Geiſt eines neuern Galilei und Erasmus beſcheinen. Seitdem die Geſetze zu der Schwaͤche des Menſchen her⸗ unterſtiegen, kam der Menſch auch den Geſetzen entgegen. Mit ihnen iſt er ſanfter geworden, wie er mit ihnen ver⸗ wilderte; ihren barbariſchen Strafen folgen die barbariſchen Verbrechen allmaͤhlich in die Vergeſſenheit nach. Ein großer Schritt zur Veredlung iſt geſchehen, daß die Geſetze tugend⸗ haft ſind, wenn auch gleich noch nicht die Menſchen. Wo die Zwangspflichten von dem Menſchen ablaſſen, uͤbernehmen ihn 2 373 die Sitten. Den keine Strafe ſchreckt und kein Gewiſſen zuͤgelt, halten jetzt die Geſetze des Anſtandes und der Ehre in Schranken. Wahr iſt es, auch in unſer Zeitalter haben ſich noch manche barbariſche Ueberreſte aus den vorigen eingedrungen, Geburten des Zufalls und der Gewalt, die das Zeitalter der Vernunft nicht verewigen ſollte. Aber wie viel Zweckmaͤßigkeit hat der Verſtand des Menſchen auch dieſem barbariſchen Nachlaß der aͤltern und mittlern Jahrhunderte gegeben! Wie unſchaͤblich, ja wie nuͤtzlich hat er oft gemacht, was er umzuſtuͤrzen noch nicht wagen konnte! Auf dem rohen Grunde der Lehen⸗ Anarchie fuͤhrte Deutſchland das Syſtem ſeiner politiſchen und kirchlichen Freiheit auf. Das Schattenbild des roͤmiſchen Im⸗ perators, das ſich dieſſeits der Apenninen erhalten, leiſtet der Welt jetzt unendlich mehr Gutes, als ſein ſchreckhaftes Urbild im alten Rom— denn es haͤlt ein nützliches Staats⸗ ſyſtem durch Eintracht zuſammen: jenes druͤckte die thaͤtig⸗ ſten Kraͤfte der Menſchheit in einer ſklaviſchen Einfoͤrmig⸗ keit darnieder. Selbſt unſere Religion— ſo ſehr entſtellt durch die untreuen Haͤnde, durch welche ſie uns uͤberliefert worden— wer kann in ihr den veredelnden Einfluß der beſſern Philoſophie verkennen? Unſere Leibnitze und Locke machten ſich um das Dogma und um die Moral des Chriſten⸗ thums eben ſo verdient, als— der Pinſel eines Raphael und Correggio um die heilige Geſchichte. Endlich unſere Staaten— mit welcher Innigkeit, mit welcher Kunſt ſind ſie in einander verſchlungen! Wie viel dauerhafter durch den wohlthaͤtigen Zwang der Noth als vormals durch die feierlichſten Vertraͤge verbruͤdert! Den Frieden huͤtet jetzt ein ewig geharniſchter Krieg, und die Selbſtliebe eines Staats ſetzt ihn zum Waͤchter uͤber den 374 Wohlſtand des andern. Die europaͤiſche Staatengeſellſchaft ſcheint in eine große Familie verwandelt. Die Hausgenoſſen koͤnnen einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zer⸗ fleiſchen. Welche entgegengeſetzte Gemaͤlde! Wer ſollte in dem vverfeinerten Europaͤer des achtzehnten Jahrhunderts nur einen fortgeſchritttenen Bruder des neuern Canadiers, des alten Celten vermuthen? Alle dieſe Fertigkeiten, Kunſttriebe, Er⸗ fahrungen, alle dieſe Schoͤpfungen der Vernunft ſind im Raume von wenigen Jahrtauſenden in dem Menſchen an⸗ gepflanzt und entwickelt worden; alle dieſe Wunder der Kunſt, dieſe Rieſenwerke des Fleißes ſind aus ihm herausgerufen worden. Was weckte jene zum Leben, was lockte dieſe heraus? Welche Zuſtaͤnde durchwanderte der Menſch, bis er von jenem Aeußerſten zu dieſem Aeußerſten, vom ungeſelligen Hoͤhlenbewohner— zum geiſtreichen Denker, zum gebildeten Weltmann hinaufſtieg?— Die allgemeine Weltgeſchichte gibt Antwort auf dieſe Frage. So unermeßlich ungleich zeigt ſich uns das naͤmliche Volk auf dem naͤmlichen Landſtriche, wenn wir es in verſchiedenen Zeitraͤumen anſchauen! Nicht weniger auffallend iſt der Un⸗ terſchied, den uns das gleichzeitige Geſchlecht, aber in ver⸗ ſchiedenen Laͤndern, darbietet. Welche Mannichfaltigkeit in Gebraͤuchen, Verfaſſungen und Sitten! Welcher raſche Wechſel von Finſterniß und Licht, von Anarchie und Ordnung, von Gluͤckſeligkeit und Elend, wenn wir den Menſchen auch nur in dem kleinen Welttheil Europa aufſuchen! Frei an der Themſe, und fuͤr dieſe Freiheit ſein eigener Schuldner; hier unbezwingbar zwiſchen ſeinen Alpen, dort zwiſchen ſeinen Kunſtfluͤſſen und Suͤmpfen unuͤberwunden. An der Weichſel kraftlos und elend durch ſeine Zwietracht; jenſeits der Py⸗ 375 renaͤen durch ſeine Ruhe kraftlos und elend. Wohlhabend und geſegnet in Amſterdam ohne Ernte; duͤrftig und un⸗ gluͤcklich an des Ebro unbenutztem Paradieſe. Hier zwei ent⸗ legene Voͤlker durch ein Weltmeer getrennt, und zu Nachbarn gemacht durch Beduͤrfniß, Kunſtfleiß und politiſche Bande; dort die Anwohner Eines Stroms durch eine andere Liturgie unermeßlich geſchieden! Was fuͤhrte Spaniens Macht uͤber den atlantiſchen Ocean in das Herz von Amerika, und nicht einmal uͤber den Tajo und Guadiana hinuͤber? Was erhielt in Italien und Deutſchland ſo viele Throne, und ließ in Frank⸗ reich alle, bis auf Einen verſchwinden?— Die Univerſal⸗ geſchichte loͤst dieſe Frage. Selbſt daß wir uns in dieſem Augenblicke hier zuſammen fanden, uns mit dieſem Grade von Nationalcultur, mit dieſer Sprache, dieſen Sitten, dieſen buͤrgerlichen Vortheilen, dieſem Maß von Geviſſensfreiheit zuſammen fanden, iſt das Reſul⸗ tat vielleicht aller vorhergegangenen Weltbegebenheiten: die ganze Weltgeſchichte wuͤrde wenigſtens noͤthig ſeyn, dieſes einzige Moment zu erklaͤren; daß wir uns als Chriſten zu⸗ ſammen fanden, mußte dieſe Religion, durch unzaͤhlige Revo⸗ lutionen vorbereitet, aus dem Judenthum hervorgehen, mußte ſie den roͤmiſchen Staat genau ſo finden, als ſie ihn fand, um ſich mit ſchnellem, ſiegendem Lauf uͤber die Welt zu verbreiten, und den Thron der Caͤſaren endlich ſelbſt zu beſteigen. Unſere rauhen Vorfahren in den thuͤringiſchen Waͤldern mußten der Uebermacht der Franken unterliegen, um ihren Glauben anzu⸗ nehmen. Durch ſeine wachſenden Reichthuͤmer, durch die Un⸗ wiſſenheit der Voͤlker und durch die Schwaͤche ihrer Beherrſcher mußte der Klerus verfuͤhrt und beguͤnſtigt werden, ſein An- ſehen zu mißbrauchen, und ſeine ſtile Gewiſſensmacht in ein weltliches Schwert umzuwandeln. Die Hierarchie mußte 376 in einem Gregor und Innocenz alle ihre Graͤuel auf das Menſchengeſchlecht ausleeren, damit das uͤberhandnehmende Sittenverderbniß und des geiſtlichen Deſpotismus ſchreiendes Skandal einen unerſchrockenen Auguſtinermoͤnch auffordern konnte, das Zeichen zum Abfall zu geben, und dem roͤmiſchen Hierarchen eine Haͤlfte Europens zu entreißen,— wenn wir uns als proteſtantiſche Chriſten hier verſammeln ſollten. Wenn dieß geſchehen ſollte, ſo mußten die Waffen unſerer Fuͤrſten Karln V einen Religionsfrieden abnoͤthigen; ein Guſtav Adolph mußte den Bruch dieſes Friedens raͤchen, ein neuer allgemei⸗ ner Friede ihn auf Jahrhunderte begründen. Staͤdte mußten ſich in Italien und Deutſchland erheben, dem Fleiß ihre Thore oͤffnen, die Ketten der Leibeigenſchaft zerbrechen, unwiſſenden Tyrannen den Richterſtab aus den Haͤnden ringen, und durch eine kriegeriſche Hanſa ſich in Achtung ſetzen, wenn Gewerbe und Handel bluͤhen, und der Ueberfluß den Kuͤnſten der Freude rufen, wenn der Staat den nuͤtzlichen Landmann ehren, und in dem wohlthaͤtigen Mittelſtande, dem Schoͤpfer unſerer ganzen Cultur, ein dauerhaftes Gluͤck fuͤr die Menſchheit heranreifen ſollte. Deutſchlands Kaiſer mußten ſich in Jahr⸗ hunderte langen Kaͤmpfen mit den Paͤpſten, mit ihren Vaſal⸗ len, mit eiferſuͤchtigen Nachbarn entkraͤften— Europa ſich ſeines gefaͤhrlichen Ueberfluſſes in Aſiens Graͤbern entladen, und der trotzige Lehenadel in einem moͤrderiſchen Fauſtrecht, Roͤmerzuͤgen und heiligen Fahrten ſeinen Empoͤrungsgeiſt aus⸗ bluten— wenn das verworrene Chaos ſich ſondern und die ſtreitenden Maͤchte des Staats in dem geſegneten Gleichge⸗ wichte ruhen ſollten, wovon unſere jetzige Muße der Preis iſt. Wenn ſich unſer Geiſt aus der Unwiſſenheit herausringen ſollte, worin geiſtlicher und weltlicher Zwang ihn gefeſſelt hielt: ſo mußte der lang erſtickte Keim der Gelehrſamkeit unter 377 ihren wuͤthendſten Verfolgern aufs neue hervorbrechen, und ein Al Mamun den Wiſſenſchaften den Raub verguͤten, den ein Omar an ihnen veruͤbt hatte. Das unertraͤgliche Elend der Barbarei mußte unſere Vorfahren von den blutigen Ur⸗ theilen Gottes zu menſchlichen Richterſtuͤhlen treiben, ver⸗ heerende Seuchen die verirrte Heilkunſt zur Betrachtung der Natur zuruͤckrufen; der Muͤßiggang der Moͤnche mußte fuͤr das Boͤſe, das ihre Werkthaͤtigkeit ſchuf, von ferne einen Er⸗ ſatz zubereiten, und der profane Fleiß in den Kloͤſtern die zerruͤtteten Reſte des Auguſtiſchen Weltalters bis zu den Zei⸗ ten der Buchdruckerkunſt hinhalten. An griechiſchen und roͤ⸗ miſchen Muſtern mußte der niedergedruͤckte Geiſt nordiſcher Barbaren ſich aufrichten, und die Gelehrſamkeit einen Bund mit den Muſen und Grazien ſchließen, wenn ſie einen Weg zu dem Herzen finden, und den Namen einer Menſchenbilderin ſich verdienen ſollte.— Aber haͤtte Griechenland wohl einen Thucydides, einen Plato, einen Ariſtoteles, haͤtte Rom einen Horaz, einen Cicero, einen Virgil und Livius geboren, wenn dieſe beiden Staaten nicht zu derjenigen Hoͤhe des politiſchen Wohlſtands emporgedrungen waͤren, welche ſie wirklich erſtie⸗ gen haben? Mit Einem Wort— wenn nicht ihre ganze Ge⸗ ſchichte vorhergegangen waͤre? Wie viele Erfindungen, Ent⸗ deckungen, Staats⸗ und Kirchen⸗Revolutionen mußten zuſam⸗ mentreffen, dieſen neuen, noch zarten Keimen von Wiſſenſchaft und Kunſt Wachsthum und Ausbreitung zu geben! Wie viele Kriege mußten gefuͤhrt, wie viele Buͤndniſſe ge⸗ knuͤpft, zerriſſen und aufs neue geknuͤpft werden, um endlich Europa zu dem Friedensgrundſatz zu bringen, welcher allein den Staaten wie den Buͤrgern vergoͤnnt, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt zu richten, und ihre Kraͤfte zu einem verſtaͤndi⸗ gen Zwecke zu verſammeln! 378 Selbſt in den alltaͤglichſten Verrichtungen des buͤrgerlichen Lebens koͤnnen wir es nicht vermeiden, die Schuldner vergan⸗ gener Jahrhunderte zu werden; die ungleichartigſten Perioden der Menſchheit ſteuern zu unſerer Cultur, wie die entlegen⸗ ſten Welttheile zu unſerem Lurus. Die Kleider, die wir tra⸗ gen, die Wuͤrze an unſern Speiſen, und der Preis, um den wir ſie kaufen, viele unſerer kraͤftigſten Heilmittel, und eben ſo viele neue Werkzeuge unſeres Verderbens— ſetzen ſie nicht einen Columbus voraus, der Amerika entdeckte, einen Vasco de Gama, der die Spitze von Afrika umſchiffte? Es zieht ſich alſo eine lange Kette von Begebenheiten von dem gegenwaͤrtigen Augenblicke bis zum Anfange des Menſchengeſchlechts hinauf, die wie Urſache und Wirkung in einander greifen. Ganz und vollzaͤhlig uͤberſchauen kann ſie nur der unendliche Verſtand; dem Menſchen ſind engere Graͤnzen geſetzt. I. unzaͤhlig viele dieſer Ereigniſſe haben entweder keinen menſchlichen Zeugen und Beobachter gefunden, oder ſie ſind durch kein Zeichen feſtgehalten worden. Dahin gehoͤren alle, die dem Menſchengeſchlechte ſelbſt und der Erfindung der Zeichen vorhergegangen ſind. Die Quelle aller Geſchichte iſt Tradition und das Organ der Tradition iſt die Sprache. Die ganze Epoche vor der Sprache, ſo fol⸗ genreich ſie auch fuͤr die Welt geweſen, iſt fuͤr die Welt⸗ geſchichte verloren. II. Nachdem aber auch die Sprache erfunden, und durch ſie die Moͤglichkeit vorhanden war, ge⸗ ſchehene Dinge auszudruͤcken und weiter mitzutheilen, ſo ge⸗ ſchah dieſe Mittheilung anfangs durch den unſichern und wandelbaren Weg der Sagen. Von Munde zu Munde pflanzte ſich eine ſolche Begebenheit durch eine lange Folge von Geſchlechtern fort, und da ſie durch Media ging, die ver⸗ aͤndert werden und veraͤndern, ſo mußte ſie dieſe Veraͤnderungen 379 mit erleiden. Die lebendige Tradition oder die muͤndliche Sage iſt daher eine ſehr unzuverlaͤſſige Quelle fuͤr die Ge⸗ ſchichte; daher ſind alle Begebenheiten vor dem Gebrauche der Schrift fuͤr die Weltgeſchichte ſo gut als verloren. III. Die Schrift iſt aber ſelbſt nicht unvergaͤnglich; unzaͤhlig viele Denkmaͤler des Alterthums haben Zeit und Zufaͤlle zer⸗ ſtört, und nur wenige Truͤmmer haben ſich aus der Vorwelt in die Zeiten der Buchdruckerkunſt gerettet. Bei weitem der groͤßere Theil iſt mit den Aufſchluͤſſen, die er uns geben ſollte, fuͤr die Weltgeſchichte verloren. IV. Unter den Wenigen end⸗ lich, welche die Zeit verſchonte, i*ſt die groͤßere Anzahl durch die Leidenſchaft, durch den Unverſtand, und oft ſelbſt durch das Genie ihrer Beſchreiber verunſtaltet und unkenn- bar gemacht. Das Mißrauen erwacht bei dem aͤlteſten⸗ hiſtori⸗ ſchen Denkmal, und es verlaͤßt uns nicht einmal bei einer Chronik des heutigen Tages. Wenn wir uͤber eine Begeben⸗ heit, die ſich heute erſt, und unter Menſchen, mit denen wir leben, und in der Stadt, die wir bewohnen, ereignet, die Zeugen abhoͤren und aus ihren widerſprechenden Berichten Muͤhe haben, die Wahrheit zu entraͤthſeln: welchen Muth können wir zu Nationen und Zeiten mitbringen, die durch Fremdartigkeit der Sitten weiter als durch ihre Jahrtauſende von uns entlegen ſind?— Die kleine Summe von Begeben⸗ heiten, die nach allen bisher geſchehenen Abzuͤgen zuruͤckbleibt, iſt der Stoff der Geſchichte in ihrem weiteſten Verſtande. Was und wie viel von dieſem hiſtoriſchen Stoff gehoͤrt nun der Univerſalgeſchichte? Aus der ganzen Summe dieſer Begebenheiten hebt der Uni⸗ verſalhiſtoriker diejenigen heraus, welche auf die heutige Geſtalt der Welt und den Zuſtand der jetzt lebenden Genera⸗ tion einen weſentlichen unwiderſprechlichen und leicht zu ver⸗ 380 folgenden Einfluß gehabt haben. Das Verhaͤltniß eines hiſtori⸗ ſchen Datums zu der heutigen Weltverfaſſung iſt es alſo, worauf geſehen werden muß, um Materialien fuͤr die Welt⸗ geſchichte zu ſammeln. Die Weltgeſchichte geht alſo von einem Princip aus, das dem Anfang der Welt gerade entgegenſtehet. Die wirkliche Folge der Begebenheiten ſteigt von dem Urſprung der Dinge zu ihrer neueſten Ordnung herab; der Univerſal⸗ hiſtoriker ruͤckt von der neueſten Weltlage aufwaͤrts dem Ur⸗ ſprunge der Dinge entgegen. Wenn er von dem laufenden Jahr und Jahrhundert zu dem naͤchſt vorhergegangenen in Ge⸗ danken hinaufſteigt, und unter den Begebenheiten, die das letztere ihm darbietet, diejenigen ſich merkt, welche den Auf⸗ ſchluß uͤber die naͤchſtfolgenden enthalten— wenn er die en Gang ſchrittweiſe fortgeſetzt hat bis zum Anfange— nicht der Welt, denn dahin fuͤhrt ihn kein Wegweiſer— bis zum An⸗ fang der Denkmaͤler; dann ſteht es bei ihm, auf dem gemach⸗ ten Weg umzukehren, und an dem Leitfaden dieſer bezeichneten Facten, ungehindert und leicht, vom Anfang der Denkmaͤler bis zu dem neueſten Zeitalter herunter zu ſteigen. Dieß iſt die Weltgeſchichte, die wir haben, und die Ihnen wird vorgetragen werden. Weil die Weltgeſchichte von dem Reichthum und der Ar⸗ muth an Quellen abhaͤngig iſt, ſo muͤſſen eben ſo viele Luͦcken in der Weltgeſchichte entſtehen, als es leere Strecken in der Ueberlieferung gibt. So gleichfoͤrmig, nothwendig und be⸗ ſtimmt ſich die Weltveraͤnderungen aus einander entwickeln, ſo unterbrochen und zufaͤllig werden ſie in der Geſchichte in einan⸗ der gefügt ſeyn. Es iſt daher zwiſchen dem Gange der Welt und dem Gange der Weltgeſchichte ein merkliches Miß⸗ verhaͤltniß ſichtbar. Jenen moͤchte man mit einem ununterbro⸗ chen fortfließenden Strom vergleichen, woyon aber in der Welt⸗ 381 geſchichte nur hier und da eine Welle beleuchtet wird. Da es ferner leicht geſchehen kann, daß der Zuſammenhang einer ent⸗ fernten Weltbegebenheit mit dem Zuſtande des laufenden Jah⸗ res fruͤher in die Augen faͤllt, als die Verbindung, worin ſie mit Ereigniſſen ſteht, die ihr vorhergingen oder gleichzeitig waren, ſo iſt es ebenfalls unvermeidlich, daß Begebenheiten, die ſich mit dem neueſten Zeitalter aufs genaueſte binden, in dem Zeitalter, dem ſie eigentlich angehoͤren, nicht ſelten iſolirt erſcheinen. Ein Factum dieſer Art waͤre z. B. der Urſprung des Chriſtenthums und beſonders der chr ſtlichen Sittenlehre. Die chriſtliche Religion hat an der gegenwaͤrtigen Geſtalt der Welt einen ſo vielfaͤltigen Antheil, daß ihre Erſcheinung das wichtigſte Factum fuͤr die Weltgeſchichte wird: aber weder in der Zeit, wo ſie ſich zeigte, noch in dem Volke, bei dem ſie aufkam, liegt(aus Mangel der Quellen) ein befriedigender Erklaͤrungsgrund ihrer Erſcheinung. So wuͤrde denn unſere Weltgeſchichte nie etwas anders, als ein Aggregat von Bruchſtuͤcken werden, und nie den Namen einer Wiſſenſchaft verdienen. Jetzt alſo kommt ihr der philo⸗ ſophiſche Verſtand zu Huͤlfe, und indem er dieſe Bruchſtuͤcke durch kuͤnſtliche Bindungsglieder verkettet, erhebt er das Aggre⸗ gat zum Syſtem, zu einem vernunftmaͤßig zuſammenhaͤngenden Ganzen. Seine Beglaubigung dazu liegt in der Gleichfoͤrmig⸗ keit und unveraͤnderlichen Einheit der Naturgeſetze und des menſchlichen Gemuͤths, welche Einheit Urſache iſt, daß die Er⸗ eigniſſe des entfernteſten Alterthums, unter dem Zuſammen⸗ fluß aͤhnlicher Umſtaͤnde von außen, in den neueſten Zeitlaͤufen wiederkehren; daß alſo von den neueſten Erſcheinungen, die im Kreiſe unſerer Beobachtung liegen, auf diejenigen, welche ſich in geſchichtloſen Zeiten verli eren, ruͤckwaͤrts ein Schluß ge⸗ zogen und einiges Licht verbreitet werden kann. Die Methode, 382 nach der Analogie zu ſchließen, iſt, wie uͤberall, ſo auch in der Geſchichte, ein maͤchtiges Huͤlfsmittel: aber ſie muß durch ei⸗ nen erheblichen Zweck gerechtfertigt, und mit eben ſo viel Vor⸗ ſicht als Beurtheilung in Ausuͤbung gebracht werden. Nicht lange kann ſich der philoſophiſche Geiſt bei dem Stoffe der Weltgeſchichte verweilen, ſo wird ein neuer Trieb in ihm geſchaͤftig werden, der nach Uebereinſtimmung ſtrebt— der ihn unwiderſtehlich reizt, Alles um ſich herum ſeiner eigenen ver⸗ nuͤnftigen Natur zu aſſimiliren, und jede ihm vorkommende Erſcheinung zu der hoͤchſten Wirkung, die er erkannt, zum Ge⸗ danken zu erheben. Je oͤfter alſo und mit je gluͤcklicherem Erfolg er den Verſuch erneuert, das Vergangene mit dem Ge⸗ genwaͤrtigen zu verknuͤpfen: deſto mehr wird er geneigt, was er als Urſache und Wirkung in einander greifen ſieht, als Mittel und Abſicht zu verbinden. Eine Erſcheinung nach der andern faͤngt an, ſich dem blinden Ungefaͤhr, der geſetzloſen Freiheit zu entziehen, und ſich einem uͤbereinſtimmenden Gan⸗ zen(das freilich nur in ſeiner Vorſtellung vorhanden iſt) als ein paſſendes Glied anzureihen. Bald faͤllt es ihm ſchwer, ſich zu uͤberreden, daß dieſe Folge von Erſcheinungen, die in ſeiner Vorſtellung ſo viel Regelmaͤßigkeit und Abſicht annahm, dieſe Eigenſchaften in der Wirklichkeit verlaͤugne; es faͤllt ihm ſchwer, wieder unter die blinde Herrſchaft der Nothwendigkeit zu ge⸗ ben, was unter dem geliehenen Lichte des Verſtandes angefan⸗ gen hatte, eine ſo heitere Geſtalt zu gewinnen. Er nimmt alſo dieſe Harmonie aus ſich ſelbſt heraus, und verpflanzt ſie außer ſich in die Ordnung der Dinge, d. i. er bringt einen vernuͤnf⸗ tigen Zweck in den Gang der Welt, und ein teleologiſches Prin⸗ cip in die Weltgeſchichte. Mit dieſem durchwandert er ſie noch einmal, und haͤlt es pruͤfend gegen jede Erſcheinung, welche dieſer große Schauplatz ihm darbietet. Er ſieht es durch tau⸗ 383 ſend beiſtimmende Facta beſtaͤtigt, und durch eben ſo viele andere widerlegt; aber ſo lange in der Reihe der Welt⸗ veraͤnderungen noch wichtige Bindungsglieder fehlen, ſo lange das Schickſal uͤber ſo viele Begebenheiten den letzten Aufſchluß noch zuruͤckhaͤlt, erklaͤrt er die Frage fuͤr unentſchieden, und diejenige Meinung ſiegt, welche dem Verſtande die hoͤhere Befriedigung und dem Herzen die groͤßere Gluͤckſeligkeit anzu⸗ bieten hat. Es bedarf wohl keiner Erinnerung, daß eine Weltgeſchichte nach letzterm Plane in den ſpaͤteſten Zeiten erſt zu erwarten ſteht. Eine vorſchnelle Anwendung dieſes großen Maßes koͤnnte den Geſchichtsforſcher leicht in Verſuchung fuͤhren, den Begeben⸗ heiten Gewalt anzuthun, und dieſe gluͤckliche Epoche fuͤr die Weltgeſchichte immer weiter zu entfernen, indem er ſie be⸗ ſchleunigen will. Aber nicht zu fruͤhe kann die Aufmerkſamkeit auf dieſe lichtvolle und doch ſo ſehr vernachlaͤſſigte Seite der Weltgeſchichte gezogen werden, wodurch ſie ſich an den hoͤchſten Gegenſtand aller menſchlichen Beſtrebungen anſchließt. Schon der ſtille Hinblick auf dieſes, wenn auch nur moͤlliche Ziel, muß dem Fleiß des Forſchers einen belebenden Sporn und eine ſuͤße Erholung geben. Wichtig wird ihm auch die kleinſte Be⸗ muͤhung ſeyn, wenn er ſich auf dem Wege ſieht, oder auch nur einen ſpaͤten Nachfolger darauf leitet, das Problem der Welt⸗ ordnung aufzuloͤſen, und dem hoͤchſten Geiſt in ſeiner ſchoͤnſten Wirkung zu begegnen. Und auf ſolche Art behandelt, m. HH., wird Ihnen das Studium der Weltgeſchichte eine eben ſo anziehende als nütz⸗ liche Beſchaͤftigung gewaͤhren. Licht wird ſie in Ihrem Ver⸗ ſtande, und eine wohlthaͤtige Begeiſterung in Ihrem Herzen entzuͤnden. Sie wird Ihren Geiſt von der gemeinen und klein⸗ lichen Anſicht moraliſcher Dinge entwoͤhnen, und, indem ſie vor 384 Ihren Augen das große Gemaͤlde der Zeiten und Voͤlker aus einander breitet, wird ſie die vorſchnellen Entſcheidungen des Augenblicks und die beſchraͤnkten Urtheile der Selbſtſucht ver⸗ beſſern. Indem ſie den Menſchen gewoͤhnt, ſich mit der gan⸗ zen Vergangenheit zuſammen zu faſſen, und mit ſeinen Schluͤſ⸗ ſen in die ferne Zukunft voraus zu eilen: ſo verbirgt ſie die Graͤnzen von Geburt und Tod, die das Leben des Menſchen ſo eng und ſo druͤckend umſchließen, ſo breitet ſie optiſch taͤuſchend ſein kurzes Daſeyn in einen unendlichen Raum aus, und fuͤhrt das Individuum unvermerkt in die Gattung hinuͤber. Der Menſch verwandelt ſich und flieht von der Buͤhne; ſeine Meinungen fliehen und verwandeln ſich mit ihm: die Ge⸗ ſchichte allein bleibt unausgeſetzt auf dem Schauplatz eine un⸗ ſterbliche Buͤrgerin aller Nationen und Zeiten. Wie der Home⸗ riſche Zeus ſieht ſie mit gleich heiterm Blick auf die blutigen Arbeiten des Kriegs, und auf die friedlichen Voͤlker herab, die ſich von der Milch ihrer Heerden ſchuldlos ernaͤhren. Wie re⸗ gellos auch die Freiheit des Menſchen mit dem Weltlauf zu ſchalten ſcheine, ruhig ſieht ſie dem verworrenen Spiele zu; denn ihr weitreichender Blick entdeckt ſchon von ferne, wo dieſe regellos ſchweifende Freiheit am Bande der Nothwendigkeit ge⸗ leitet wird. Was ſie dem ſtrafenden Gewiſſen eines Gregors und Cromwells geheim haͤlt, eilt ſie der Menſchheit zu offen⸗ baren:„daß der ſelbſtſuͤchtige Menſch niedrige Zwecke zwar ver⸗ folgen kann, aber unbewußt vortreffliche befoͤrdert.“ Kein falſcher Schimmer wird ſie blenden, kein Vorurtheil der Zeit ſie dahinreißen, denn ſie erlebt das letzte Schickſal aller Dinge. Alles, was aufhoͤrt, hat fuͤr ſie gleich kurz gedauert: ſie haͤlt den verdienten Olivenkranz friſch, und zerbricht den Obelisken, den die Eitelkeit thuͤrmte. Indem ſie das feine Ge⸗ triebe aus einander legt, wodurch die ſtille Hand der Natur 385 ſchon ſeit dem Anfange der Welt die Kraͤfte des Menſchen plan⸗ voll entwickelt, und mit Genauigkeit andeutet, was in jedem Zeitraume fuͤr dieſen großen Naturplan gewonnen worden iſt: ſo ſtellt ſie den wahren Maßſtab fuͤr Gluͤckſeligkeit und Ver⸗ dienſt wieder her, den der herrſchende Wahn in jedem Jahr⸗ hundert anders verfaͤlſchte. Sie heilt uns von der uͤbertriebe⸗ nen Bewunderung des Alterthums, und von der kindiſchen Sehnſucht nach vergangenen Zeiten; und indem ſie uns auf un⸗ ſere eigenen Beſitzungen aufmerkſam macht, laͤßt ſie uns die geprieſenen goldenen Zeiten Alexanders und Auguſts nicht zu⸗ ruͤckwuͤnſchen. unſer menſchliches Jahrhundert herbeizufuͤhren, haben ſich— ohne es zu wiſſen oder zu erzielen— alle vorhergehen⸗ den Zeitalter angeſtrengt. Unſer ſind alle Schaͤtze, welche Fleiß und Genie, Vernunft und Erfahrung im langen Alter der Welt endlich heimgebracht haben. Aus der Geſchichte erſt wer⸗ den Sie lernen, einen Werth auf die Guͤter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Beſitz ſo gern unſere Dank⸗ barkeit rauben: koſtbare theure Guͤter, an denen das Blut der Beſten und Edelſten klebt, die durch die ſchwere Arbeit ſo vie⸗ ler Generationen haben errungen werden muͤſſen! Und wel⸗ cher unter Ihnen, bei dem ſich ein heller Geiſt mit einem em⸗ pfindenden Herzen gattet, koͤnnte dieſer hohen Verpflichtung ein⸗ gedenk ſeyn, ohne daß ſich ein ſtiller Wunſch in ihm regte, an das kommende Geſchlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergangenen nicht mehr abtragen kann? Ein edles Ver⸗ langen muß in uns entgluͤhen, zu dem reichen Vermaͤchtniß von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vor⸗ welt uͤberkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben muͤſſen, auch aus unſern Mitteln einen Beitrag zu legen, und an dieſer unvergaͤnglichen Kette, die durch alle Men⸗ Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 25 4 386 ſchengeſchlechter ſich windet, unſer fliehendes Daſeyn zu befeſti⸗ gen. Wie verſchieden auch die Beſtimmung ſey, die in der buͤr⸗ gerlichen Geſellſchaft Sie erwartet— etwas dazu ſteuern koͤn⸗ nen Sie Alle! Jedem Verdienſt iſt eine Bahn zur Unſterb⸗ lichkeit aufgethan, zu der wahren Unſterblichkeit meine ich, wo die That lebt und weiter eilt, wenn auch der Name ihres urhebers hinter ihr zuruͤckbleiben ſollte! Etwas über die erſte Menſchengeſellſchaft nach dem Leitfaden der Moſaiſchen Urkunde.*) Uebergang des Menſchen zur Freiheit und Humanität. An dem Leitbande des Inſtincts, woran ſie noch jetzt das vernunftloſe Thier leitet, mußte die Vorſehung den Menſchen in das Leben einfuͤhren, und, da ſeine Vernunft noch unent⸗ wickelt war, gleich einer wachſamen Amme hinter ihm ſtehen. Durch Hunger und Durſt zeigte ſich ihm das Beduͤrfniß der Nahrung an; was er zu Befriedigung desſelben brauchte, hatte ſie in reichlichem Vorrath um ihn herum gelegt, und durch Ge⸗ ruch und Geſchmack leitete ſie ihn im Waͤhlen. Durch ein ſanftes Klima hatte ſie ſeine Nacktheit geſchont, und durch einen allgemeinen Frieden um ihn her ſein wehrloſes Leben geſichert. Fuͤr die Erhaltung ſeiner Gattung war durch den Geſchlechts⸗ trieb geſorgt. Als Pflanze und Thier war der Menſch alſo vollendet. Auch ſeine Vernunft hatte ſchon von fern angefangen, ſich zu entfalten. Weil naͤmlich die Natur noch fuͤr ihn dachte, *) Anmerkung des Herausgebers. Dieſer Aufſatz gehoͤrt, ſo wie die beiden folgenden, zu den univerſalhiſtoriſchen Vorleſungen des Verfaſſers auf der Univerſitaͤt Jena. Im 14ten Heft der Thalig erſchien er zuerſt. N 388 ſorgte und handelte, ſo konnten ſich ſeine Kraͤfte deſto leichter und ungehinderter auf die ruhige Anſchauung richten, ſeine Ver⸗ nunft, noch von keiner Sorge zerſtreut, konnte ungeſtoͤrt an ihrem Werkzeuge der Sprache bauen und das zarte Gedanken⸗ ſpiel ſtimmen. Mit dem Auge eines Gluͤcklichen ſah er jetzt noch herum in der Schoͤpfung; ſein frohes Gemuͤth faßte alle Er⸗ ſcheinungen uneigennuͤtzig und rein auf, und legte ſie rein und lauter in einem regen Gedaͤchtniß nieder. Sanft und lachend war alſo der Anfang des Menſchen, und dieß mußte ſeyn, wenn er ſich zu dem Kampfe ſtaͤrken ſollte, der ihm bevorſtand. Setzen wir alſo, die Vorſehung waͤre auf dieſer Stufe mit ihm ſtill geſtanden, ſo waͤre aus dem Menſchen das gluͤcklichſte und geiſtreichſte aller Thiere geworden,— aber aus der Vor⸗ mundſchaft des Naturtriebs waͤr' er niemals getreten, frei und alſo moraliſch waͤren ſeine Handlungen niemals geworden, uͤber die Graͤnze der Thierheit waͤr' er niemals geſtiegen. In einer wolluͤſtigen Ruhe haͤtte er eine ewige Kindheit verlebt— und der Kreis, in welchem er ſich bewegt haͤtte, waͤre der kleinſt⸗ moͤglichſte geweſen, von der Begierde zum Genuß, vom Genuß zu der Ruhe, und von der Ruhe wieder zur Begierde. Aber der Menſch war zu ganz etwas Anderm beſtimmt, und die Kraͤfte, die in ihm lagen, riefen ihn zu einer ganz andern Gluͤckſeligkeit. Was die Natur in ſeiner Wiegenzeit fuͤr ihn uͤbernommen hatte, ſollte er jetzt ſelbſt fuͤr ſich uͤbernehmen, ſobald er muͤndig war. Er ſelbſt ſollte der Schoͤpfer ſeiner Gluͤckſeligkeit werden, und nur der Antheil, den er daran haͤtte, ſollte den Grad dieſer Gluͤckſeligkeit beſtimmen. Er ſollte den Stand der unſchuld, den er jetzt verlor, wieder auf⸗ ſuchen lernen durch ſeine Vernunft, und als ein freier, vernuͤnftiger Geiſt dahin zuruͤck kommen, wovon er als Pflanze und als eine Creatur des Inſtincts ausgegangen war; aus 389 einem Paradies der Unwiſſenheit und Knechtſchaft ſollte er ſich, waͤre es auch nach ſpaͤten Jahrtauſenden, zu einem Paradies der Erkenntniß und der Freiheit hinauf arbeiten, einem ſolchen naͤmlich, wo er dem moraliſchen Geſetze in ſeiner Bruſt eben ſo unwandelbar gehorchen wuͤrde, als er anfangs dem Inſtincte gedient hatte, als die Pflanze und die Thiere dieſem noch die⸗ nen. Was war alſo unvermeidlich? Was mußte geſchehen, wenn er dieſem weitgeſteckten Ziele entgegen ruͤcken ſollte? Sobald ſeine Vernunft ihre erſten Kraͤfte nur gepruͤft hatte, verſtieß ihn die Natur aus ihren pflegenden Armen, oder, rich⸗ tiger geſagt, er ſelbſt, von einem Triebe gereizt, den er ſelbſt noch nicht kannte, und unwiſſend, was er in dieſem Augenblicke Großes that, er ſelbſt riß ab von dem leitenden Bande, und mit ſeiner noch ſchwachen Vernunft von dem Inſtincte nur von ferne begleitet, warf er ſich in das wilde Spiel des Lebens, machte er ſich auf den gefaͤhrlichen Weg zur moraliſchen Freiheit. Wenn wir alſo jene Stimme Gottes in Eden, die ihm den Baum der Erkenntniß verbot, in eine Stimme ſeines Inſtincts verwandeln, der ihn von dieſem Baume zuruͤckzog, ſo iſt ſein vermeintlicher Ungehorſam gegen jenes goͤttliche Gebot nichts anders, als— ein Abfall von ſeinem Inſtincte— alſo erſte Aeußerung ſeiner Selbſtthaͤtigkeit, erſtes Wageſtuͤck ſeiner Ver⸗ nunft, erſter Anfang ſeines moraliſchen Daſeyns. Dieſer Ab⸗ fall des Menſchen vom Inſtincte, der das moraliſche Uebel zwar in die Schoͤpfung brachte, aber nur um das moraliſche Gute dar⸗ in moͤglich zu machen, iſt ohne Widerſpruch die gluͤcklichſte und groͤßte Begebenheit in der Menſchengeſchichte; von dieſem Augen⸗ blick her ſchreibt ſich ſeine Freiheit, hier wurde zu ſeiner Mora⸗ litaͤt der erſte entfernte Grundſtein gelegt. Der Volkslehrer hat ganz recht, wenn er dieſe Begebenheit als einen Fall des erſten Menſchen behandelt, und, wo es ſich thun laͤßt, nuͤtzlichs 390 moraliſche Lehren daraus zieht; aber der Philoſoph hat nicht weni⸗ ger recht, der menſchlichen Natur im Großen zu dieſem wichtigen Schritt zur Vollkommenheit Gluͤck zu wuͤnſchen. Der erſte hat recht, es einen Fall zu nennen— denn der Menſch wurde aus einem unſchuldigen Geſchoͤpf ein ſchuldiges, aus einem voll⸗ kommenen Zoͤgling der Natur ein unvollkommenes moraliſches Weſen, aus einem gluͤcklichen Inſtrumente ein ungluͤcklicher Kuͤnſtler.. Der Philoſoph hat recht, es einen Rieſenſchritt der Menſch⸗ heit zu nennen, denn der Menſch wurde dadurch aus einem Sklaven des Naturtriebs ein freihandelndes Geſchoͤpf, aus einem Automat ein ſittliches Weſen, und mit dieſem Schritt trat er zuerſt auf die Leiter, die ihn nach Verlauf von vielen Jahrtauſenden zur Selbſtherrſchaft fuͤhren wird. Jetzt wurde der Weg laͤnger, den er zum Genuß nehmen mußte. Anfangs durfte er nur die Hand ausſtrecken um die Befriedigung ſo⸗ gleich auf die Begierde folgen zu laſſen; jetzt aber mußte er ſchon Nachdenken, Fleiß und Muͤhe zwiſchen die Begierde und ihre Befriedigung einſchalten. Der Friede war aufgehoben zwi⸗ ſchen ihm und den Thieren. Die Noth trieb ſie jetzt gegen ſeine Pflanzungen, ja gegen ihn ſelbſt an, und durch ſeine Vernunft mußte er ſich Sicherheit und eine Ueberlegenheit der Kraͤfte, die ihm die Natur verſagt hatte, kuͤnſtlich uͤber ſie verſchaffen: er mußte Waffen erfinden, und ſeinen Schlaf durch feſte Woh⸗ nungen vor dieſem Feinde ſicher ſtellen. Aber hier ſchon er⸗ ſetzte ihm die Natur an Freuden des Geiſtes, was ſie ihm an Pflanzengenuͤſſen genommen hatte. Das ſelbſt gepflanzte Kraut uͤberraſchte ihn mit einer Schmackhaftigkeit, die er vorher nicht kennen gelernt hatte; der Schlaf beſchlich ihn nach der ermuͤden⸗ den Arbeit und unter ſelbſtgebautem Dache ſuͤßer, als in der traͤgen Ruhe ſeines Paradieſes. Im Kampfe mit dem TDiger, 391 der ihn anfiel, freuete er ſich ſeiner entdeckten Gliederkraft und Liſt, und mit jeder uͤberwundenen Gefahr konnte er ſich ſelbſt fuͤr das Geſchenk ſeines Lebens danken. Jetzt war er fuͤr das Paradies ſchon zu edel, und er kannte ſich ſelbſt nicht, wenn er im Drange der Noth und unter der Laſt der Sorgen ſich in dasſelbe zuruͤckwuͤnſchte. Ein innerer ungeduldiger Trieb, der erwachte Trieb ſeiner Selbſtthaͤtigkeit, haͤtte ihn bald in ſeiner muͤßigen Gluͤckſeligkeit verfolgt, und ihm die Freuden verekelt, die er ſich nicht ſelbſt geſchaffen hatte. Er wuͤrde das Paradies in eine Wildniß verwandelt und dann die Wildniß zum Paradies gemacht haben. Aber gluͤcklich fuͤr das Menſchengeſchlecht, wenn es keinen ſchlimmern Feind zu bekaͤmpfen gehabt haͤtte, als die Traͤgheit des Ackers, den Grimm wilder Thiere und eine ſtuͤrmiſche Natur!— Die Noth draͤngte ihn, Leidenſchaften wachten auf, und waffneten ihn bald gegen ſeines Gleichen. Mit dem Menſchen mußte er um ſein Da⸗ ſeyn kaͤmpfen, einen langen, laſterreichen, noch jetzt nicht geen⸗ digten Kampf, aber in dieſem Kampfe allein konnte er ſeine Vernunft und Sittlichkeit ausbilden. Häusliches Leben. Die erſten Soͤhne, welche die Mutter der Menſchen gebar, hatten vor ihren Eltern einen ſehr wichtigen Vortheil voraus: ſie wurden von Menſ chen erzogen. Alle Fortſchritte, welche die letztern durch ſich ſelbſt, und alſo weit langſamer, hatten thun muͤſſen, kamen ihren Kindern zu gut, und wurden dieſen ſchon in ihrem zaͤrteſten Alter ſpielend und mit der Herzlichkeit elter⸗ licher Liebe uͤbergeben. Mit dem erſten Sohn alſo, der vom Weibe geboren war, faͤngt das große Werkzeug an, wirkſam zu werden— das Werkzeug, durch welches das ganze Menſchen⸗ geſchlecht ſeine Bildung erhalten hat, und fortfahren wird, zu 392 erhalten— naͤmlich die Tradition oder die Ueberlieferung der Begriffe. Die moſaiſche Urkunde verlaͤßt uns hier und uͤberſpringt einen Zeitraum von fuͤnfzehn und mehrern Jahren, um uns die beiden Bruͤder als ſchon erwachſen aufzufuͤhren. Aber dieſe Zwiſchenzeit iſt fuͤr die Menſchengeſchichte wichtig, und wenn die Uͤrkunde uns verlaͤßt, ſo muß die Vernunft die Luͤcke er⸗ gaͤnzen. Die Geburt eines Sohnes, ſeine Ernaͤhrung, Wartung und Erziehung vermehrten die Kenntniſſe, Erfahrungen und Pflichten der erſten Menſchen mit einem wichtigen Zuwachs, den wir ſorgfaͤltig aufzeichnen muͤſſen. Von den Thieren lernte die erſte Mutter ohne Zweifel ihre nothwendigſte Mutterpflicht, ſo wie ſie die Huͤlfsmittel bei der. Geburt wahrſcheinlich von der Noth gelernt hatte. Die Sorg⸗ falt fuͤr Kinder machte ſie auf unzaͤhlige kleine Bequemlichkeiten aufmerkſam, die ihr bis jetzt unbekannt geweſen; die Anzahl der Dinge, von denen ſie Gebrauch machen lernte, vermehrte ſich, und die Mutterliebe wurde ſinnreich im Erfinden. Bis jetzt hatten Beide nur ein geſellſchaftliches Verhaͤltniß, nur eine Gattung von Liebe erkannt, weil Jedes in dem An⸗ dern nur Einen Gegenſtand vor ſich hatte. Jetzt lernten ſie mit einem neuen Gegenſtande eine neue Gattung von Liebe, ein neues moraliſches Verhaͤltniß kennen— elterl iche Liebe. Dieſes neue Gefuͤhl von Liebe war von reinerer Art, als das erſte, es war ganz uneigennutzig, da jenes erſte bloß auf Ver⸗ gnuͤgen, auf wechſelſeitiges Beduͤrfniß des Umgangs gegruͤndet geweſen war. Sie betraten alſo mit dieſer neuen Erfahrung ſchon eine hoͤhere Stufe der Sittlichkeit— ſie wurden veredelt. Aber die elterliche Liebe, in welcher ſich Beide fuͤr ihr Kind 393 vereinigten, bewirkte nun auch eine nicht geringe Veraͤnderung in dem Verhaͤltniß, worin ſie bisher zu einander ſelbſt geſtan⸗ den hatten. Die Sorge, die Freude, die zaͤrtliche Theilnahme, worin ſie ſich fuͤr den gemeinſchaftlichen Gegenſtand ihrer Liebe begegneten, knuͤpfte unter ihnen ſelbſt neue und ſchoͤnere Bande an. Jedes entdeckte bei dieſer Gelegenheit in dem andern neue, ſittlich ſchoͤne Zuͤge, und eine jede ſolcher Entdeckungen erhoͤhte und verfeinerte ihr Verhaͤltniß. Der Mann liebte in dem Weibe die Mutter, die Mutter ſeines geliebten Sohnes. Das Weib ehrte und liebte in dem Mann den Vater, den Ernaͤhrer ihres Kindes. Das bloß ſinnliche Wohlgefallen an einander erhob ſich zur Hochachtung, aus der eigennuͤtzigen Geſchlechts⸗ liebe erwuchs die ſchoͤne Erſcheinung der ehelichen Liebe. Bald wurden dieſe moraliſchen Erfahrungen mit neuen be⸗ reichert. Die Kinder wuchſen heran, und auch unter ihnen knuͤpfte ſich allmaͤhlich ein zaͤrtliches Band an. Das Kind hielt ſich am liebſten zum Kinde, weil jedes Geſchoͤpf ſich in ſeines Gleichen nur liebt. An zarten, unmerklichen Faͤden erwuchs die Geſchwiſterliebe— eine neue Erfahrung fuͤr die erſten Eltern. Sie ſahen nun ein Bild der Geſelligkeit, des Wohlwollens, zum erſten Mal außer ihnen, ſie erkannten ihre eigenen Gefuͤhle nur in einem jugendlichern Spiegel wieder. Bis jetzt hatten Beide, ſo lange ſie allein waren, nur in der Gegenwart undin der Vergangenheit gelebt, aber nun fing die ferne Zukunft an, ihnen Freuden zu zeigen. So wie ſie ihre Kinder neben ſich aufwachſen ſahen und jeder Tag eine neue Faͤhigkeit in dieſen entwickelte, thaten ſich ihnen lachende Ausſichten fuͤr die Zukunft auf, wenn dieſe Kinder nun einmal Maͤnner und ihnen gleich werden wuͤrden— in ihren Herzen erwachte ein neues Gefuͤhl, die Hoffnung. Welch ein unendliches Gebiet aber wird dem Menſchen durch die Hoffnung geoͤffnet! Vorher 394 hatten ſie jedes Vergnuͤgen nur einma ‚nur in der Gegenwart genoſſen— in der Erwartung wurde jede kunftige Freude mit zahlloſer Wiederholung voraus empfunden! Als die Kinder nun wirklich heranreiften, welche Mannich⸗ faltigkeit kam auf einmal in dieſe erſte Menſchengeſellſchaft! Jeder Begriff, den ſie ihnen mitgetheilt hatten, hatte ſich in jeder Seele anders gebildet und uͤberraſchte ſie jetzt durch Neuheit. Jetzt wurde der Umlauf der Gedanken lebendig, das moraliſche Gefuͤhl in Uebung geſetzt und durch Uebung entwickelt, die Sprache wurde ſchon reicher, malte ſchon beſtimmter, und wagte ſich ſchon an feinere Gefuͤhle; neue Erfahrungen in der Natur um ſie her, neue Anwendung der ſchon bekannten. Jetzt be⸗ ſchaͤftigte der Menſch ihre Aufmerkſamkeit ſchon ganz. Jetzt war eine Gefahr mehr vorhanden, daß ſie zur Nachahmung der Thiere herabſinken wuͤrden! — Verſchiedenheit der Lebensweiſe. Der Fortſchritt der Cultur aͤußerte ſich ſchon bei der erſten Generation. Adam baute den Acker; einen ſeiner Soͤhne ſehen wir ſchon einen neuen Nahrungszweig, die Viehzucht, ergreifen. Das Menſchengeſchlecht ſcheidet ſich alſo hier ſchon in zwei ver⸗ ſchiedene Conditionen, in Feldbauer und Hirten. Bei der Natur ging der erſte Menſch in die Schule, und ihr hat er alle nuͤtzlichen Kuͤnſte des Lebens abgelernt. Bei einer aufmerkſamen Betrachtung konnte ihm die Ordnung nicht lange verborgen bleiben, nach welcher die Pflanzen ſich wieder erzeugen. Er ſah die Natur ſelbſt ſaͤen und begießen, ſein Nachahmungs⸗ trieb erwachte, und bald ſpornte ihn die Noth, der Natur ſeinen Arm zu leihen und ihrer freiwilligen Ergiebigkeit durch Kunſt nachzuhelfen. Man muß aber nicht glauben, daß der erſte Anbau gleich 395 Getreidebau geweſen, wozu ſchon ſehr große Zuruͤſtungen noͤthig ſind, und es iſt dem Gang der Natur gemaͤß, ſtets von dem Einfachern zu dem Zuſammengeſetztern fortzuſchreiten. Wahr⸗ ſcheinlich war der Reis eines der erſten Gewaͤchſe, die der Menſch bauete; die Natur lud ihn dazu ein, denn der Reis waͤchst in Indien wild, und die aͤlteſten Geſchichtſchreiber ſpre⸗ chen von dem Reisbau als einer der aͤlteſten Arten des Feld⸗ baues. Der Menſch bemerkte, daß bei einer anhaltenden Duͤrre die Pflanzen ermatten, nach einem Regen aber ſich ſchnell wieder erholten. Er bemerkte ferner, daß da, wo ein uͤbertretender Strom einen Schlamm zuruͤckgelaſſen, die Frucht⸗ barkeit groͤßer war. Er benutzte dieſe beiden Entdeckungen, er gab ſeinen Pflanzungen einen kuͤnſtlichen Regen, und brachte Schlamm auf ſeinen Acker, wenn kein Fluß in der Naͤhe war, der ihm ſolchen geben konnte. Er lernte begießen und duͤngen. Schwerer ſcheint der Schritt zu ſeyn, den er zum Gebrauch der Thiere machte; aber auch hier fing er, wie uͤberall, bei dem Natuͤrlichen und unſchuldigen zuerſt an; und er begnuͤgte ſich vielleicht viele Menſchenalter lang mit der Milch des Thieres, ehe er Hand an deſſen Leben legte. Ohne Zweifel war es die Muttermilch, die ihn zu dem Verſuche einlud, ſich der Thier⸗ milch zu bedienen. Nicht ſobald aber hatte er dieſe neue Nahrung kennen lernen, als er ſich ihrer auf immer verſicherte. Um dieſe Speiſe jederzeit bereit und im Vorrath zu haben, durfte es nicht dem Zufall uͤberlaſſen werden, ob ihm dieſer gerade, wenn er hungerte, ein ſolches Thier entgegen fuͤhren wollte. Er verfiel alſo darauf, eine gewiſſe Anzahl ſolcher Thiere immer um ſich zu verſammeln, er verſchaffte ſich eine Heerde; dieſe mußte er aber unter denjenigen Thieren ſuchen, die geſellig leben, und er mußte ſie aus dem Stande wilder Freiheit in den Stand der Dienſtbarkeit und friedlichen Ruhe 396 verſetzen, d. i. er mußte ſie zaͤhmen. Ehe er ſich aber an die⸗ jenigen wagte, die von wilderer Natur und ihm an natuͤrlichen Waffen und Kraͤften uͤberlegen waren, verſuchte er es zuerſt mit denjenigen, denen er ſelbſt an Kraft uͤberlegen war, und welche von Natur weniger Wildheit beſaßen. Er huͤtete alſo fruͤher Schafe, als er Schweine, Ochſen und Pferde huͤtete. Sobald er ſeinen Thieren ihre Freiheit geraubt hatte, war er in die Nothwendigkeit geſetzt, ſie ſelbſt zu ernaͤhren und fuͤr ſie zu ſorgen. So wurde er alſo zum Hirten, und ſo lange die Geſellſchaft noch klein war, konnte die Natur ſeiner kleinen Heerde Nahrung im Ueberfluß darbieten. Er hatte keine andere Muͤhe, als die Weide aufzuſuchen, und ſie, wenn ſie abgewei⸗ det war, mit einer andern zu vertauſchen. Der reichſte Ueber⸗ fluß lohnte ihm fuͤr dieſe leichte Beſchaͤftigung, und der Ertrag ſeiner Arbeit war keinem Wechſel, weder der Jahrszeit noch der Witterung, unterworfen. Ein gleichfoͤrmiger Genuß war das Loos des Hirtenſtandes, Freiheit und ein froͤhlicher Muͤßiggang ſein Charakter. Ganz anders verhielt es ſich mit dem Feldbauer. Sklaviſch war dieſer an den Boden, den er bepflanzt hatte, gebunden, und mit der Lebensart, die er ergriff, hatte er jede Freiheit ſeines Aufenthalts aufgegeben. Sorgfaͤltig mußte er ſich nach der zaͤrtlichen Natur des Gewaͤchſes richten, das er zog, und dem Wachsthum desſelben durch Kunſt und Arbeit zu Huͤlfe kommen, wenn der andere ſeine Heerde ſelbſt fuͤr ſich ſorgen ließ. Mangel an Werkzeugen machte ihm anfaͤnglich jede Arbeit ſchwerer, und doch war er ihr mit zwei Haͤnden kaum ge⸗ wachſen. Wie muͤhſam mußte ſeine Lebensart ſeyn, ehe die Pflugſchar ſie ihm erleichterte, ehe er den gebaͤndigten Stier zwang, die Arbeit mit ihm zu theilen. Das Aufreißen des Erdreichs, Ausſaat und Waͤſſerung, die 397 Ernte ſelbſt, wie viele Arbeiten erforderte dieſes Alles! und welche Arbeit erſt nach der Ernte, bis die Frucht ſeines Fleißes ſo weit gebracht war, von ihm genoſſen zu werden! Wie oft mußte er ſich gegen wilde Thiere, die ſie anfielen, fuͤr ſeine Pflanzungen wehren, ſie huͤten oder verzaͤunen, oft vielleicht gar mit Gefahr ſeines Lebens dafuͤr kaͤmpfen! Und wie unſicher war ihm dabei noch immer die Frucht ſeines Fleißes, in die Gewalt der Witterung und der Jahreszeit gegeben! Ein uͤber⸗ tretender Strom, ein fallender Hagel war genug, ſie ihm am Ziel noch zu rauben, und ihn dem haͤrteſten Mangel aus⸗ zuſetzen. Hart alſo, ungleich und zweifelhaft war das Loos des Ackermanns gegen das gemaͤchliche ruhige Loos des Hirten, und ſeine Seele mußte in einem durch ſo viele Arbeit ge⸗ haͤrteten Koͤrper verwildern. 3 Fiel es ihm nun ein, dieſes harte Schickſal mit dem gluͤck⸗ lichen Leben des Hirten zu vergleichen, ſo mußte ihm dieſe Ungleichheit auffallen, er mußte— nach ſeiner ſinnlichen Vor⸗ ſtellungsart— jenen fuͤr einen vorgezogenen Guͤnſtling des Himmels halten. Der Neid erwachte in ſeinem Buſen; dieſe ungluͤckliche Leidenſchaft mußte, bei der erſten Ungleichheit unter Menſchen, erwachen. Mit Schelſucht blickte er jetzt den Segen des Hirten an, der ihm ruhig gegenuͤber im Schatten weidete, wenn ihn ſelbſt die Sonnenhitze ſtach, und die Arbeit ihm den Schweiß aus der Stirne preßte. Die ſorgloſe Froͤhlichkeit des Hirten that ihm wehe. Er haßte ihn wegen ſeines Gluͤcks und verachtete ihn ſeines Muͤßiggangs wegen. So bewahrte er einen ſtillen Unwillen gegen ihn in ſeinem Herzen, der bei dem naͤchſten Anlaß in Gewaltthaͤtigkeit ausbrechen mußte. Dieſer Anlaß aber konnte nicht lange ausbleiben. Die Gerecht⸗ ſame eines Jeden hatte zu dieſer Zeit noch keine beſtimmten 398 Graͤnzen, und keine Geſetze waren noch vorhanden, die das Mein und Dein auseinander geſetzt haͤtten. Jeder glaubte, noch einen gleichen Anſpruch auf die ganze Erde zu haben, denn die Vertheilung in Eigenthum ſollte erſt durch eintretende Col⸗ liſionen herbei gefuͤhrt werden. Geſetzt nun, der Hirte hatte alle Gegenden umher mit ſeiner Heerde abgeweidet, und fuͤhlte doch auch keine Luſt dazu, ſich weit von der Familie in fernen Gegenden zu verlieren— was that er alſo? worauf mußte er natuͤrlicher Weiſe verfallen? Er trieb ſeine Heerde in die Pflanzungen des Ackermanns, oder ließ es wenigſtens geſchehen, daß ſie ſelbſt dieſen Weg nahm. Hier war reicher Vorrath fuͤr ſeine Schafe, und kein Geſetz war noch da, es ihm zu wehren. Alles, wornach er greifen konnte, war ſein— ſo raiſonnirte die kindiſche Menſchheit. Jetzt alſo zum erſten Male kam der Menſch in Colliſion mit dem Menſchen; an die Stelle der wilden Thiere, mit denen es der Ackermann bis jetzt zu thun gehabt hatte, trat nun der Menſch. Dieſer erſchien jetzt gegen ihn als ein feindſeliges Raubthier, das ſeine Pflanzungen verwuͤſten wollte. Kein Wunder, daß er ihn auf eben die Art empfing, wie er das Raubthier empfangen hatte, dem der Menſch jetzt nachahmte. Der Haß, den er ſchon lange Jahre in ſeiner Bruſt herum getragen, wirkte mit, ihn zu erbittern; und ein moͤrderiſcher Schlag mit der Keule raͤchte ihn auf einmal an dem langen Gluͤck ſeines beneideten Nachbars. So traurig endigte die erſte Colliſion der Menſchen. Aufgehobene Standesgleichheit. Einige Worte der Urkunde laſſen uns ſchließen, daß die Polygamie in jenen fruͤhen Zeiten etwas Seltenes, und alſo damals ſchon Herkommen geweſen ſey, ſich in Ehen einzuſchraͤn⸗ 399 ken, und mit Einer Gattin zu begnuͤgen. Ordentliche Ehen aber ſcheinen ſchon eine gewiſſe Sittlichkeit und Verfeinerung anzuzeigen, die man in jenen fruͤhen Zeiten kaum erwarten ſollte. Meiſtens gelangen die Menſchen nur durch die Folgen der Unordnung zur Einfuͤhrung der Ordnung, und Geſetzloſigkeit fuͤhrt gewoͤhnlich erſt zu Geſetzen. Dieſe Einfüͤhrung ordentlicher Ehen ſcheint alſo nicht ſowohl auf Geſetzen, als auf dem Herkommen beruht zu haben. Der Menſch konnte nicht anders, als in der Ehe leben, und das Beiſpiel des erſten hatte fuͤr den zweiten ſchon einige Kraft des Geſetzes. Mit einem einzigen Paar hatte das Menſchen⸗ geſchlecht angefangen. Die Natur hatte alſo ihren Willen in dieſem Beiſpiel gleichſam verkuͤndigt. Nimmt man alſo an, daß in den allererſten Zeiten das Verhaͤltniß der Anzahl zwiſchen beiden Geſchlechtern gleich geweſen ſey, ſo ordnete ſchon die Natur, was der Menſch nicht geordnet haͤtte. Jeder nahm nur eine Gattin, weil nur eine fuͤr ihn uͤbrig war. Wenn ſich nun endlich in der Anzahl beider Geſchlechter auch ein merkliches Mißverhaͤltniß zeigte, und Wahlen ſtatt fanden, ſo war dieſe Ordnung durch Obſervanz einmal befeſtigt, und Niemand wagte es ſo leicht, die Weiſe der Vaͤter durch eine Neuerung zu verletzen. Eben ſo, wie die Ordnung der Ehen, richtete ſich auch ein gewiſſes natuͤrliches Regiment in der Geſellſchaft von ſelbſt ein. Das vaͤterliche Anſehn hatte die Natur gegruͤndet, weil ſie das huͤlfloſe Kind von dem Vater abhaͤngig machte, und es vom zarten Alter an gewoͤhnte, ſeinen Willen zu ehren. Dieſe Empfindung mußte der Sohn ſein ganzes Leben hindurch bei⸗ behalten. Wurde er nun auch ſelbſt Vater, ſo konnte ſein Sohn denjenigen nicht ohne Ehrfurcht anſehen, dem er von 400 ſeinem Vater ſo ehrerbietig begegnet ſah, und ſtillſchweigend mußte er dem Vater ſeines Vaters ein hoͤheres Anſehn zu⸗ geſtehen. Dieſes Anſehn des Stammherrn mußte ſich in gleichem Grade mit jeder Vermehrung der Familie, und mit jeder hoͤhern Stufe ſeines Alters vermehren, und die groͤßere Erfahrenheit, die Frucht eines ſo langen Lebens, mußte ihm ohnehin uͤber Jeden, der juͤnger war, eine natuͤrliche Ueber⸗ legenheit geben. In jeder ſtrittigen Sache war der Stamm⸗ herr alſo die letzte Inſtanz, und durch die lange Beobachtung dieſes Gebrauchs gruͤndete ſich endlich eine natuͤrliche ſanfte Obergewalt, die Patriarchenregierung, welche aber die all⸗ gemeine Gleichheit darum nicht aufhob, ſondern vielmehr be⸗ feſtigte. Aber dieſe Gleichheit konnte nicht immer Beſtand haben. Einige waren weniger arbeitſam, einige weniger von dem Gluͤck und ihrem Erdreich begunſtigt, einige ſchwaͤchlicher ge⸗ boren als die andern; es gab alſo Starke und Schwache, Herz⸗ loſe und Verzagte, Wohlhabende und Arme. Der Schwache und Arme mußte bitten, der Wohlhabende konnte geben und verſagen. Die Abhaͤngigkeit der Menſchen von Menſchen fing an. Die Natur der Dinge hatte es einfuͤhren muͤſſen, daß das hohe Alter von der Arbeit befreite, und der Juͤngling fuͤr den Greis, der Sohn fuͤr den grauen Vater die Geſchaͤfte uͤber⸗ nahm. Bald wurde dieſe Pflicht der Natur von der Kunſt nachgeahmt. Manchem mußte der Wunſch aufſteigen, die be⸗ queme Ruhe des Greiſen mit den Genuͤſſen des Juͤnglings zu verbinden, und ſich kuͤnftig Jemand zu verſchaffen, der fuͤr ihn die Dienſte eines Sohnes uͤbernaͤhme. Sein Auge fiel auf den Armen oder Schwaͤchern, der ſeinen Schutz aufforderte, oder ſeinen Ueberfluß in Anſpruch nahm. Der Arme und 401 Schwache bedurfte ſeines Beiſtandes, er hingegen brauchte den Fleiß des Armen. Das Eine alſo wurde die Bedingung des Andern. Der Arme und Schwache diente und empfing, der Starke und Reiche gab und ging muͤßig. Der erſte Unterſchied der Stände. Der Reiche wurde reicher durch des Armen Fleiß; ſeinen Reichthum zu vermehren, vermehrte er alſo die Zahl ſeiner Knechte; Viele alſo ſah er um ſich, die minder gluͤcklich als er waren, Viele hingen von ihm ab. Der Reiche fuͤhlte ſich und wurde ſtol Er fing an, die Werkzeuge ſeines Gluͤcks mit Werkzeugen ſeines Willens zu verwechſeln. Die Ar⸗ beit Vieler kam ihm, dem Einzigen, zu gut; alſo ſchloß er, dieſe Vielen ſeyen des Einzigen wegen da— Er hatte nur einen kleinen Schritt zum Deſpoten. Der Sohn des Reichen fing an, ſich beſſer zu duͤnken, als die Soͤhne von ſeines Vaters Knechten. Der Himmel hatte ihn mehr beguͤnſtigt als dieſe; er war dem Himmel alſo lieber. Er nannte ſich Sohn des Himmels, wie wir Guͤnſt⸗ linge des Gluͤcks Soͤhne des Gluͤcks nennen. Gegen ihn, den Sohn des Himmels, war der Knecht nur ein Menſchenſohn. Daher in der Geneſis der unterſchied zwiſchen Kindern Elo⸗ hims und Kindern der Menſchen. Das Gluͤck fuͤhrte den Reichen zum Muͤßiggang, der Muͤßig⸗ gang fuͤhrte ihn zur Luͤſternheit und endlich zum Laſter. Sein Leben auszufuͤllen, mußte er die Zahl ſeiner Genuͤſſe vermeh⸗ ren; ſchon reichte das gewoͤhnliche Maß der Natur nicht mehr hin, den Schwelger zu befriedigen, der in ſeiner traͤgen Ruhe auf Ergoͤtzungen ſann. Er mußte Alles beſſer und Alles in reicherem Maße ha⸗ Schillers ſaͤmmtl. Werke. N. 26 40²2 ben als der Knecht. Der Knecht begnuͤgte ſich noch mit einer Gattin. Er erlaubte ſich mehrere Weiber. Immerwaͤhrender Genuß ſtumpft aber ab und ermuͤdet. Er mußte darauf den⸗ ken, ihn durch kuͤnſtliche Reize zu erheben. Ein neuer Schritt. Er nahm nicht mehr vorlieb mit dem, was den ſinnlichen Trieb nur befriedigte; er wollte in einen Genuß mehrere und feinere Freuden gelegt haben. Erlaubte Vergnuͤgungen ſaͤttigten ihn nicht mehr; ſeine Begierde verfiel nun auf heim⸗ liche. Das Weib allein reizte ihn nicht mehr. Er verlangte jetzt ſchon Schoͤnheit von ihr. Unter den Toͤchtern ſeiner Knechte entdeckte er ſchoͤne Weiber. Sein Gluͤck hatte ihn ſtolz gemacht; Stolz und Sicherheit machten ihn trotzig. Er uberredete ſich leicht, daß Alles ſein ſey, was ſeinen Knechten gehoͤre. Weil ihm Alles hinging, ſo erlaubte er ſich Alles. Die Tochter ſeines Knechts war ihm zur Gattin zu niedrig, aber zur Befriedigung ſeiner Luͤſte war ſie doch zu gebrauchen. Ein neuer wichtiger Schritt der Verfeinerung zur Verſchlimmerung. Sobald aber nun das Beiſpiel einmal gegeben war, ſo mußte die Sittenverderbniß bald allgemein werden. Je we⸗ niger Zwangsgeſetze ſie naͤmlich vorfand, die ihr haͤtten Ein⸗ halt thun koͤnnen, je naͤher die Geſellſchaft, in welcher dieſe Sittenloſigkeit aufkam, noch dem Stande der Unſchuld war, deſto reißender mußte ſie ſich verbreiten. Das Recht der Staͤrkern kam auf, Macht berechtigte zur Unterdruͤckung, und zum erſten Male zeigen ſich Tyrannen. Die Urkunde gibt ſie als Soͤhne der Freude an, als die unaͤchten Kinder, die in geſetzwidriger Vermiſchung erzeugt wurden. Kann man dieſes fuͤr buchſtaͤblich wahr halten, ſo liegt eine große Feinheit in dieſem Zug, die man meines Wiſſens noch nicht auseinander geſetzt hat. Dieſe Baſtard⸗ 403 Soͤhne erbten den Stolz des Vaters, aber nicht ſeine Guͤter. Vielleicht liebte ſie der Vater und zog ſie bei ſeinen Lebzeiten vor, aber von ſeinen rechtmaͤßigen Erben wurden ſie aus⸗ geſchloſſen und vertrieben, ſobald er todt war. Hinausgeſtoßen aus einer Familie, der ſie durch einen unrechten Weg auf⸗ gedrungen worden, ſahen ſie ſich verlaſſen und einſam in der weiten Welt, ſie gehoͤrten Niemand an, und nichts gehoͤrte ihnen; damals aber war keine andere Lebensweiſe in der Welt, als man mußte entweder Herr oder eines Herrn Knecht ſeyn. Ohne das Erſte zu ſeyn, duͤnkten ſie ſich zu dem Letztern zu ſtolz; auch waren ſie zu bequem erzogen, um dienen zu lernen. Was ſollten ſie alſo thun? Der Duͤnkel auf ihre Geburt und feſte Glieder war Alles, was ihnen geblieben war; nur die Erinnerung an ehemaligen Wohlſtand, und ein Herz, das auf die Geſellſchaft erbittert war, begleitete ſie ins Elend. Der Hunger machte ſie zu Raͤubern, und Raͤuber⸗ gluͤck zu Abenteurern, endlich gar zu Helden. Bald wurden ſie dem friedlichen Feldbauer, dem wehrloſen Hirten fuͤrchterlich, und erpreßten von ihm, was ſie wollten. Ihr Gluͤck und ihre Siegesthaten machten ſie weit umher be⸗ ruͤchtigt, und der bequeme neberfluß dieſer neuen Lebens⸗ weiſe mochte wohl Mehrere zu ihrer Bande ſchlagen. So wurden ſie gewaltig, wie die Schrift ſagt, und beruͤhmte Leute. Dieſe uͤberhandnehmende Unordnung in der erſten Geſell⸗ ſchaft wuͤrde ſich endlich wahrſcheinlich mit Ordnung geendigt, und die einmal aufgehobene Gleichheit unter den Menſchen von dem patriarchaliſchen Regiment zu Monarchien gefuͤhrt haben— Einer dieſer Abenteurer, maͤchtiger und kuͤhner als die andern, wuͤrde ſich zu ihrem Herrn aufgeworfen, eine feſt 404 Stadt gebaut, und den erſten Staat gegruͤndet haben— aber dieſe Erſcheinung kam dem Weſen, das das Schickſal der Welt lenkt, noch zu fruͤhe, und eine fuͤrchterliche Naturbegebenheit hemmte ploͤtzlich alle Schritte, welche das Menſchengeſchlecht zu ſeiner Verfeinerung zu thun im Begriffe war. 1 Der erſte König. Aſien, durch die Ueberſchwemmung von ſeinen menſchlichen Bewohnern verlaſſen, mußte bald wilden Thieren zum Raub werden, die ſich auf einem ſo fruchtbaren Erdreich, als auf die Ueberſchwemmung folgte, ſchnell und in großer Anzahl ver⸗ mehrten, und ihre Herrſchaft da ausbreiteten, wo der Menſch zu ſchwach war, ihr Einhalt zu thun. Jeder Strich Landes alſo, den das neue Menſchengeſchlecht bebauete, mußte den wilden Thieren erſt abgerungen und mit Liſt und Gewalt ferner gegen ſie vertheidigt werden. Unſer Europa iſt jetzt von dieſen wilden Bewohnern gereinigt, und kaum koͤnnen wir uns einen Begriff von dem Elend machen, das jene Zei⸗ ten gedruͤckt hat; aber wie fuͤrchterlich dieſe Plage geweſen ſeyn muͤſſe, laſſen uns, außer mehrern Stellen der Schrift, die Gewohnheiten der aͤlteſten Voͤlker und beſonders der Griechen ſchließen, die den Bezwingern wilder Thiere Unſterblichkeit und die Goͤtterwuͤrde zuerkannt haben. So wurde der Thebaner Oedipus Koͤnig, weil er die ver⸗ heerende Sphinx ausgerottet; ſo erwarben ſich Perſeus, Her⸗ cules, Theſeus und viele Andere ihren Nachruhm und ihre Apotheoſe. Wer alſo an Vertilgung dieſer allgemeinen Feinde arbeitete, war der groͤßte Wohlthaͤter der Menſchen, und um gluͤcklich darin zu ſeyn, mußte er auch wirklich ſeltene Gaben in ſich vereinigen. Die Jagd gegen dieſe Thiere war, ehe der 40⁵ Krieg unter Menſchen ſelbſt zu wuͤthen begann, das eigentliche Werk der Helden. Wahrſcheinlich wurde dieſe Jagd in großen Haufen angeſtellt, die immer der Tapferſte anfuͤhrte, derjenige naͤmlich, dem ſein Muth und ſein Verſtand eine natuͤrliche Ueberlegenheit uͤber die Andern verſchafften. Dieſer gab dann zu dem wichtigſten dieſer Kriegesthaten ſeinen Namen, und dieſer Name lud viele Hunderte ein, ſich zu ſeinem Gefolge zu ſchlagen, um unter ihm Thaten der Tapferkeit zu thun. Weil dieſe Jagden nach gewiſſen planmaͤßigen Dispoſitionen vorgenommen werden mußten, die der Anfuͤhrer entwarf und dirigirte, ſo ſetzte er ſich dadurch ſtillſchweigend in den Be⸗ ſitz, den uͤbrigen ihre Rollen zuzutheilen, und ſeinen Willen zu dem ihrigen zu machen. Man wurde unvermerkt gewohnt, ihm Folge zu leiſten, und ſich ſeinen beſſern Einſichten zu unterwerfen. Hatte er ſich durch Thaten perſoͤnlicher Tapfer⸗ keit, durch Kuͤhnheit der Seele und Staͤrke des Arms hervor⸗ gethan, ſo wirkten Furcht und Bewunderung zu ſeinem Vor⸗ theil, daß man ſich zuletzt blindlings ſeiner Fuͤhrung unter⸗ warf. Entſtanden nun Zwiſtigkeiten unter ſeinen Jagdgenoſſen, die unter einem ſo zahlreichen, rohen Jaͤgerſchwarm nicht lange ausbleiben konnten, ſo war er, den Alle fuͤrchteten und ehrten, der natuͤrlichſte Richter des Streits, und die Ehrfurcht und Furcht vor ſeiner perſoͤnlichen Tapferkeit war genug, ſeinen Ausſpruͤchen Kraft zu geben. So wurde aus einem Anfuͤhrer der Jagden ſchon ein Befehlshaber und Richter. Wurde der Raub nun getheilt, ſo mußte billigerweiſe die groͤßere Portion ihm, dem Anfuͤhrer, zufallen, und da er ſolche fuͤr ſich ſelbſt nicht verbrauchte, ſo hatte er etwas, womit er ſich Andere verbinden, und ſich alſo Anhaͤnger und Freunde erwerben konnte. Bald ſammelte ſich eine Anzahl der Tapfer⸗ ſten, die er immer durch neue Wohlthaten zu vermehren 406 ſuchte, um ſeine Perſon, und unvermerkt hatte er ſich eine Art von Leibwache, eine Schaar von Mamelucken, daraus gebildet, die ſeine Anmaßungen mit wildem Eifer unterſtuͤtzte, und Jeden, der ſich ihm widerſetzen mochte, durch ihre Anzahl in Schrecken ſetzte. Da ſeine Jagden allen Gutsbeſitzern und Hirten, deren Graͤnzen er dadurch von verwuͤſtenden Feinden reinigte, nuͤtzlich wurden, ſo mochte ihm anfaͤnglich ein freiwilliges Geſchenk in Fruͤchten des Feldes und der Heerde fuͤr dieſe nuͤtzliche Muͤhe gereicht worden ſeyn, das er ſich in der Folge als einen ver⸗ dienten Tribut fortſetzen ließ, und endlich als eine Schuld und als eine pflichtmaͤßige Abgabe erpreßte. Auch dieſe Erwerbun⸗ gen vertheilte er unter die Tuͤchtigſten ſeines Haufens, und vergroͤßerte dadurch immer mehr die Zahl ſeiner Creaturen. Weil ihn ſeine Jagden oͤfters durch Flur und Felder fuͤhrten, die bei dieſen Durchzuͤgen Schaden litten, ſo fanden es viele Gutsbeſitzer fuͤr gut, dieſe Laſt durch ein freiwilliges Geſchenk abzukaufen, welches er gleichfalls nachher von allen Andern, denen er haͤtte ſchaden koͤnnen, einforderte. Durch ſolche und aͤhnliche Mittel vermehrte er ſeinen Reichthum, und durch dieſen— ſeinen Anhang, der endlich zu einer kleinen Armee anwuchs, die um ſo fuͤrchterlicher war, weil ſie ſich im Kampf mit dem Loͤwen und Tiger zu jeder Gefahr und Arbeit ab⸗ gehaͤrtet hatte, und durch ihr rauhes Handwerk verwildert war. Der Schrecken ging jetzt vor ſeinem Namen her, und Niemand durfte es mehr wagen, ihm eine Bitte zu verweigern. Fielen zwiſchen einem aus ſeiner Begleitung und einem Fremden Streitigkeiten vor, ſo appellirte der Jaͤger natuͤrlicherweiſe an ſeinen Anfuͤhrer und Beſchuͤtzer, und ſo lernte dieſer ſeine Gerichtsbarkeit auch uͤber Dinge, die ſeine Jagd nichts an⸗ gingen, verbreiten. Nun fehlte ihm zum Koͤnige nichts mehr, 407 als eine feierliche Anerkennung, und konnte man ihm dieſe wohl an der Spitze ſeiner gewaffneten und gebieteriſchen Schaa⸗ ren verſagen? Er war der Tuchtigſte zu herrſchen, weil er der Maͤchtigſte war, ſeine Befehle durchzuſetzen. Er war der allgemeine Wohlthaͤter Aller, weil man ihm Ruhe und Sicher⸗ heit vor dem gemeinſchaftlichen Feind verdankte. Er war ſchon im Beſitz der Gewalt, weil ihm die Maͤchtigſten zu Ge⸗ bote ſtanden. Auf eine aͤhnliche Art wurden die Vorfahren des Alarich, des Attila, des Meroveus Koͤnige ihrer Voͤlker. Eben ſo iſt's mit den griechiſchen Koͤnigen, die uns Homer in der Ilias auf⸗ fuͤhrt. Alle waren zuerſt Anfuͤhrer eines kriegeriſchen Haufens, Ueberwinder von Ungeheuern, Wohlthaͤter ihrer Nation. Aus kriegeriſchen Anfuͤhrern wurden ſie allmaͤhlich Schiedsmaͤnner und Richter; mit dem gemachten Raube erkauften ſie ſich einen Anhang, der ſie maͤchtig und fuͤrchterlich machte. Durch Ge⸗ walt endlich ſtiegen ſie auf den Thron. Man fuͤhrt das Beiſpiel des Dejoces in Medien an, dem das Volk die koͤnigliche Wuͤrde freiwillig uͤbertrug, nachdem er ſich demſelben als Richter nuͤtzlich gemacht hatte. Aber man that Unrecht, dieſes Beiſpiel auf die Entſtehung des erſten Koͤnigs anzuwenden. Als die Meder den Dejoces zu ihrem Koͤnige machten, waren ſie ſchon ein Volk, ſchon eine formirte politiſche Geſellſchaft; in dem vorliegenden Falle hingegen ſollte durch den erſten König die erſte politiſche Geſellſchaft entſtehen. Die Meder hatten das druͤckende Joch der aſſyri⸗ ſchen Monarchen getragen; der Koͤnig, von dem jetzt die Rede iſt, war der erſte in der Welt, und das Volk, das ſich ihm unterwarf, eine Geſellſchaft freigeborner Menſchen, die noch keine Gewalt uͤber ſich geſehen hatten. Eine ſchon ehemals geduldete Gewalt laͤßt ſich ſehr gut auf dieſem ruhigen Weg 408 wieder herſtellen, aber auf dieſem ruhigen Weg laͤßt ſich eine ganz neue und unbekannte nicht einſetzen. Es ſcheint alſo dem Gang der Dinge gemaͤßer, daß der erſte König ein Uſurpator war, den nicht ein freiwilliger, ein⸗ ſtimmiger Ruf der Nation(denn damals war noch keine Na⸗ tion), ſondern Gewalt und Gluͤck und eine ſchlagfertige Miliz auf den Thron ſetzten. Die Sendung Moſes.*) Die Gruͤndung des juͤdiſchen Staats durch Moſes iſt eine der denkwuͤrdigſten Begebenheiten, welche die Geſchichte auf⸗ bewahrt hat, wichtig durch die Staͤrke des Verſtandes, wodurch ſie ins Werk gerichtet worden, wichtiger noch durch ihre Folgen auf die Welt, die noch bis auf dieſen Augenblick fortdauern. Zwei Religionen, welche den groͤßten Theil der bewohnten Erde beherrſchen, das Chriſtenthum und der Islamismus, ſtuͤtzen ſich beide auf die Religion der Hebraͤer, und ohne dieſe wuͤrde es niemals weder ein Chriſtenthum noch einen Koran gegeben haben. Ja, in einem gewiſſen Sinne iſt es unwiderleglich wahr, daß wir der Moſaiſchen Religion einen großen Theil der Auf⸗ klaͤrung danken, deren wir uns heutiges Tags erfreuen. Denn durch ſie wurde eine koſtbare Wahrheit, welche die ſich ſelbſt uͤberlaſſene Vernunft erſt nach einer langſamen Entwickelung wuͤrde gefunden haben, die Lehre von dem einigen Gott, vor⸗ laͤufig unter dem Volke verbreitet, und als ein Gegenſtand des blinden Glaubens ſo lange unter demſelben erhalten, biszſie endlich in den hellern Koͤpfen zu einem Vernunftbegriff reifen konnte. Dadurch wurden einem großen Theil des Menſchen⸗ 8) Anmerk. des Herausgebers. Im 10ten Heft der Thalia wurde dieſer Aufſatz zuerſt gedruckt. 4¹1⁰ geſchlechts alle die traurigen Irrwege erſpart, worauf der Glaube an Vielgoͤtterei zuletzt fuͤhren muß, und die hebraͤiſche Verfaſſung erhielt den ausſchließenden Vorzug, daß die Religion der Wei⸗ ſen mit der Volksreligion nicht im directem Widerſpruche ſtand, wie es doch bei den aufgeklaͤrten Heiden der Fall war. Aus dieſem Standpunkte betrachtet, muß uns die Nation der Hebraͤer als ein wichtiges univerſalhiſtoriſches Volk erſcheinen, und alles Boͤſe, welches man dieſem Volke nachzuſagen gewohnt iſt, alle Bemuͤhungen witziger Koͤpfe, es zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasſelbe zu ſeyn. Die Unwuͤrdigkeit und Verworfenheit der Nation kann das erhabene Verdienſt ihres Geſetzgebers nicht vertilgen, und eben ſo wenig den großen Ein⸗ fluß vernichten, den dieſe Nation mit Recht i in der Weltgeſchichte behauptet. Als ein unreines und gemeines Gefaͤß, worin aber etwas ſehr Koſtbares aufbewahrt worden, muͤſſen wir ſie ſchaͤtzen; wir muͤſſen in ihr den Canal verehren, den, ſo unrein er auch war, die Vorſicht erwaͤhlte, uns das edelſte aller Guͤter, die Wahrheit, zuzufuͤhren; den ſie aber auch zerbrach, ſobald er ge⸗ leiſtet hatte, was er ſollte. Auf dieſe Art werden wir gleich weit entfernt ſeyn, dem hebraͤiſchen Volk einen Werth aufzu⸗ dringen, den es nie gehabt hat, und ihm ein Verdienſt zu rau⸗ ben, das ihm nicht ſtreitig gemacht werden kann. Die Hebraͤer kamen, wie bekannt iſt, als eine einzige No⸗ madenfamilie, die nicht uͤber ſiebenzig Seelen begriff, nach Aegypten, und wurden erſt in Aegypten zum Volk. Waͤhrend eines Zeitraums von ungefaͤhr vierhundert Jahren, die ſie in dieſem Lande zubrachten, vermehrten ſie ſich beinahe bis zu zwei Millionen, unter welchen ſechshunderttauſend ſtreitbare Maͤnner gezaͤhlt wurden, als ſie aus dieſem Koͤnigreiche zogen. Waͤh⸗ rend ihres langen Aufenthalts lebten ſie abgeſondert von den Aegyptern, abgeſondert ſowohl durch den eigenen Wohnplatz, 411 den ſie einnahmen, als auch durch ihren nomadiſchen Stand, der ſie allen Eingebornen des Landes zum Abſcheu machte, und von allem Antheil an den buͤrgerlichen Rechten der Aegypter ausſchloß. Sie regierten ſich nach nomadiſcher Art fort, der Hausvater die Familie, der Stammfuͤrſt die Staͤmme, und machten auf dieſe Art einen Staat im Staate aus, der endlich durch ſeine ungeheure Vermehrung die Beſorgniß der Koͤnige erweckte. Eine ſolche abgeſonderte Menſchenmenge im Herzen des Reichs, durch ihre nomadiſche Lebensart muͤßig, die unter ſich ſehr genau zuſe ammenhielt, mit dem Staat aber gar kein Intereſſe gemein hatte, konnte bei einem feindlichen Einfall gefaͤhrlich werden, und leicht in Verſuchung gerathen, die Schwaͤche des Staats, deren muͤßige Zuſchauerin ſie war, zu benutzen. Die Staatsklugheit rieth alſo, ſie ſcharf zu bewachen, zu beſchaͤftigen und auf Verminderung ihrer Anzahl zu denken. Man druͤckte ſie alſo mit ſchwerer Arbeit, und wie man auf dieſem Wege gelernt hatte, ſie dem Staat ſogar nuͤtzlich zu machen, ſo ver⸗ einigte ſich nun auch der Eigennutz mit der Politik, um ihre Laſten zu vermehren. Unmenſchlich zwang man ſie zu oͤffent⸗ lichem Frohndienſt, und ſtellte beſondere Voͤgte an, ſie anzutrei⸗ ben und zu mißhandeln. Dieſe barbariſche Behandlung hinderte aber nicht, daß ſie ſich nicht immer ſtaͤrker ausbreiteten. Eine geſunde Politik wuͤrde alſo natuͤrlich darauf gefuͤhrt haben, ſie unter den uͤbrigen Einwohnern zu vertheilen und ihnen gleiche Rechte mit dieſen zu geben; aber dieß erlaubte der allgemeine Abſcheu nicht, den die Aegypter gegen ſie hegten. Dieſer Ab⸗ ſcheu wurde noch durch die Folgen vermehrt, die er nothwendig haben mußte. Als der Koͤnig der Aegypter der Familie Jacobs die Provinz Goſen(an der Oſtſeite des untern Nils) zum Wohnplatz einraͤumte, hatte er ſchwerlich auf eine Nachkommen⸗ 412 ſchaft von zwei Millionen gerechnet, die darin Platz haben ſollte; die Provinz war alſo wahrſcheinlich nicht von beſonderm Umfang, und das Geſchenk war immer ſchon großmuͤthig genug, wenn auch nur auf den hundertſten Theil dieſer Nachkommenſchaft dabei Ruͤckſicht genommen worden. Da ſich nun der Wohnplatz der Hebraͤer nicht in gleichem Verhaͤltniß mit ihrer Bevoͤlkerung erweiterte, ſo mußten ſie mit jeder Generation immer enger und enger wohnen, bis ſie ſich zuletzt, auf eine der Geſundheit hoͤchſt nachtheilige Art, in dem engſten Raume zuſammendraͤng⸗ ten. Was war natuͤrlicher, als daß ſich nun eben die Folgen einſtellten, welche in einem ſolchen Fall unausbleiblich ſind?— die hoͤchſte Unreinlichkeit und anſteckende Seuchen. Hier alſo wurde ſchon der erſte Grund zu dem Uebel gelegt, welches dieſer Nation bis auf die heutigen Zeiten eigen geblieben iſt; aber 4 amals mußte es in einem fuͤrchterlichen Grade wuͤthen. Die ſchrecklichſte Plage dieſes Himmelſtrichs, der Ausſatz, riß unter ihnen ein und erbte ſich durch viele Generationen hinunter. Die Quellen des Lebens und der Zengung wurden langſam durch ihn vergiftet, und aus einem zufaͤlligen Uebel entſtand endlich eine erbliche Stammesconſtitution. Wie allgemein dieſes Uebel geweſen, erhellt ſchon aus der Menge der Vorkehrungen, die der Geſetzgeber dagegen gemacht hat; und das einſtimmige Zeug⸗ niß der Profanſcribenten, des Aegypters Manetho, des Diodor von Sicilien, des Tacitus, des Lyſimachus, Strabo und vieler Andern, welche von der juͤdiſchen Nation faſt gar nichts, als dieſe Volkskrankheit des Ausſatzes, kennen, beweist, wie allge⸗ mein und wie tief der Eindruck davon bei den Aegyptern ge⸗ weſen ſey. Dieſer Ausſatz alſo, eine natuͤrliche Folge ihrer engen Woh⸗ nung, ihrer ſchlechten und kaͤrglichen Nahrung und der Miß⸗ handlung, die man gegen ſie ausuͤbte, wurde wieder zu einer 3 413 neuen Urſache derſelben. Die man anfangs als Hirten ver⸗ achtete und als Fremdlinge mied, wurden jetzt als Verpeſtete geflohen und verabſcheut. Zu der Furcht und dem Widerwillen alſo, welche man in Aegypten von jeher gegen ſie gehegt, geſellte ſich noch Ekel und eine tiefe zuruͤckſtoßende Verachtung. Gegen Menſchen, die der Zorn der Goͤtter auf eine ſo ſchreckliche Art ausgezeichnet, hielt man ſich Alles fuͤr erlaubt, und man trug kein Bedenken, ihnen die heiligſten Menſchenrechte zu entziehen. Kein Wunder, daß die Barbarei gegen ſie in eben dem Grade ſtieg, als die Folgen dieſer barbariſchen Behandlung ſichtbarer wurden, und daß man ſie immer haͤrter fuͤr das Elend ſtrafte, welches man ihnen doch ſelbſt zugezogen hatte. Die ſchlechte Politik der Aegypter wußte den Fehler, den ſie gemacht hatte, nicht anders, als durch einen neuen und groͤbern Fehler zu verbeſſern. Da es ihr, alles Drucks ungeachtet, nicht gelang, die Quellen der Bevoͤlkerung zu verſtopfen, ſo verfiel ſie auf einen eben ſo unmenſchlichen als elenden Ausweg, die neugebornen Soͤhne ſogleich durch die Hebammen erwuͤrgen zu laſſen. Aber Dank der beſſern Natur des Menſchen! Deſpoten ſind nicht immer gut befolgt, wenn ſie Abſcheulichkeiten gebieten. Die Hebammen in Aegypten wußten dieſes unnatuͤrliche Gebot zu verhoͤhnen, und die Regierung konnte ihre gewaltthaͤtigen Maßregeln nicht anders als durch gewaltſame Mittel durch⸗ ſetzen. Beſtellte Moͤrder durchſtreiften auf koͤniglichen Befehl die Wohnungen der Hebraͤer, und ermordeten in der Wiege Alles, was maͤnnlich war. Auf dieſem Wege freilich mußte die aͤgyptiſche Regierung doch zuletzt ihren Zweck durchſetzen, und, wenn kein Retter ſich ins Mittel ſchlug, die Nation der Juden in wenigen Generationen gaͤnzlich vertilgt ſehen. Woher ſollte aber nun den Hebraͤern dieſer Retter kommen? Schwerlich aus der Mitte der Aegypter ſelbſt, denn wie ſollte ſich 414 einer von dieſen fuͤr eine Nation verwenden, die ihm fremd war, deren Sprache er nicht einmal verſtand, und ſich gewiß nicht die Muͤhe nahm, zu erlernen, die ihm eines beſſern Schickſals eben ſo unfaͤhig als unwuͤrdig ſcheinen mußte. Aus ihrer eignen Mitte aber noch viel weniger, denn was hat die Unmenſchlichkeit der Aegypter im Verlauf einiger Jahrhunderte aus dem Volk der Hebraͤer endlich gemacht? Das roheſte, das boͤsartigſte, das verworfenſte Volk der Erde, durch eine drei⸗ hundertjaͤhrige Vernachlaͤſſigung verwildert, durch einen ſo langen knechtiſchen Druck verzagt gemacht und erbittert, durch eine erblich auf ihm haftende Infamie vor ſich ſelbſt erniedrigt, entnervt und gelaͤhmt zu allen heroiſchen Entſchluͤſſen, durch eine ſo lang anhaltende Dummheit endlich faſt bis zum Thier herunter geſtoßen. Wie ſollte aus einer ſo verwahrlosten Menſchenrace ein freier Mann, ein erleuchteter Kopf, ein Held oder ein Staatsmann hervorgehen? Wo ſollte ſich ein Mann unter ihnen finden, der einem ſo tief verachteten Skla⸗ venpoͤbel Anſehen, einem ſo lang gedruͤckten Volke Gefuͤhl ſeiner ſelbſt, einem ſo unwiſſenden rohen Hirtenhaufen Ueberlegenheit uͤber ſeine verfeinerten Unterdruͤcker verſchaffte? Unter den damaligen Hebraͤern konnte eben ſo wenig, als unter der ver⸗ worfenen Kaſte der Parias unter den Hindu, ein kuͤhner und heldenmuͤthiger Geiſt entſtehen. Hier muß uns die große Hand der Vorſicht, die den ver⸗ worrenſten Knoten durch die einfachſten Mittel loͤſ't, zur Bewunderung hinreißen— aber nicht derjenigen Vorſicht, welche ſich auf dem gewaltſamen Wege der Wunder in die Oekonomie der Natur einmengt, ſondern derjenigen, welche der Natur ſelbſt eine ſolche Oekonomie vorgeſchrieben hat, außerordentliche Dinge auf dem ruhigſten Wege zu bewirken. Einem gebornen Aegypter fehlte es an der noͤthigen Auffor⸗ 415 derung, an dem Nationalintereſſe fuͤr die Hebraͤer, um ſich zu ihrem Erretter aufzuwerfen. Einem bloßen Hebraͤer mußte es an Kraft und Geiſt zu dieſer Unternehmung gebrechen. Was fuͤr einen Ausweg erwaͤhlte alſo das Schickſal? Es nahm einen Hebraͤer, entriß ihn aber fruͤhzeitig ſeinem rohen Volk, und verſchaffte ihm den Genuß aͤgyptiſcher Weisheit; und ſo wurde ein Hebraͤer, aͤgyptiſch erzogen, das Werkzeug, wodurch dieſe Nation aus der Knechtſchaft entkam. Eine hebraͤiſche Mutter aus dem levitiſchen Stamme hatte ihren neugebornen Sohn drei Monate lang vor den Moͤrdern verborgen, die aller maͤnnlichen Leibesfrucht unter ihrem Volke nachſtellten; endlich gab ſie die Hoffnung auf, ihm laͤnger eine Freiſtatt bei ſich zu gewaͤhren. Die Noth gab ihr eine Liſt ein, wodurch ſie ihn vielleicht zu erhalten hoffte. Sie legte ihren Saͤugling in eine kleine Kiſte von Papyrus, welche ſie durch Pech gegen das Eindringen des Waſſers verwahrt hatte, und wartete die Zeit ab, wo die Tochter des Pharao gewoͤhnlich zu baden pflegte. Kurz vorher mußte die Schweſter des Kindes die Kiſte, worin es war, in das Schilf legen, an welchem die Koͤnigstochter vorbei kam, und wo es dieſer alſo in die Augen fallen mußte. Sie ſelbſt aber blieb in der Naͤhe, um das fernere Schickſal des Kindes abzuwarten. Die Tochter des Pharao wurde es bald gewahr, und da der Knabe ihr gefiel, ſo beſchloß ſie, ihn zu retten. Seine Schweſter wagte es nun, ſich zu naͤhern, und erbot ſich, ihm eine hebraͤiſche Amme zu bringen, welches ihr von der Prinzeſſin bewilligt wird. Zum zweiten Male erhaͤlt alſo die Mutter ihren Sohn, und nun darf ſie ihn ohne Gefahr und oͤffentlich erziehen. So erlernte er denn die Sprache ſeiner Nation, und wurde bekannt mit ihren Sitten, waͤhrend daß ſeine Mutter wahrſcheinlich nicht verſaͤumte, ein recht ruͤhrendes Bild des allgemeinen Elendes 416 in ſeine zarte Seele zu pflanzen. Als er die Jahre erreicht hatte, wo er der muͤtterlichen Pflege nicht mehr bedurfte, und wo es noͤthig wurde, ihn dem allgemeinen Schickſal ſeines Volks zu entziehen, brachte ihn ſeine Mutter der Koͤnigstochter wieder, und uͤberließ ihr nun das fernere Schickſal des Knaben. Die Tochter des Pharav adoptirte ihn, und gab ihm den Namen Moſes, weil er aus dem Waſſer gerettet worden. So wurde er denn aus einem Sklavenkinde und einem Schlachtopfer des Todes der Sohn einer Koͤnigstochter, und als ſolcher aller Vor⸗ theile theilhaftig, welche die Kinder der Koͤnige genoſſen. Die Prieſter, zu deren Orden er in dem Augenblicke gehoͤrte, als er der koͤniglichen Familie einverleibt wurde, uͤbernahmen jetzt ſeine Erziehung, und unterrichteten ihn in aller aͤgyptiſchen Weisheit, die das ausſchließende Eigenthum ihres Standes war. Ja, es iſt wahrſcheinlich, daß ſie ihm keines ihrer Ge⸗ heimniſſe vorenthalten haben, da eine Stelle des aͤgyptiſchen Geſchichtſchreibers N Manetho⸗ worin er den Moſes zu einem Apoſtaten der ägyptiſchen eligion und einem aus Heliopolis entflohenen Prieſter macht, uns vermuthen laͤßt, daß er zum prieſterlichen Stand beſtimmt geweſen. Um alſo zu beſtimmen, was Moſes in dieſer Schule em⸗ pfangen haben konnte, und welchen Antheil die Erziehung, die er unter den aͤgyptiſchen Prieſtern empfing, an ſeiner nach⸗ herigen Geſetzgebung gehabt hat, muͤſſen wir uns in eine naͤhere Unterſuchung dieſes Inſtituts einlaſſen, und uͤber das, was darin gelehrt und getrieben wurde, das Zeugniß alter Schrift⸗ ſteller hoͤren. Schon der Apoſtel Stephanus laͤßt ihn in aller Weisheit der Aegypter unterrichtet ſeyn. Der Geſchichtſchreiber Philo ſagt, Moſes ſey von den aͤgyptiſchen Prieſtern in der Philoſophie der Symbole und Hieroglyphen, wie auch in den Geheimniſſen der heiligen Thiere eingeweiht worden. Eben 417 dieſes Zeugniß beſtaͤtigen Mehrere, und wenn man erſt einen Blick auf das, was man aͤgyptiſche Moyſterien nannte, geworfen hat, ſo wird ſich zwiſchen dieſen Myſterien und dem, was Moſes nachher gethan und verordnet hat, eine merkwuͤrdige Aehnlichkeit ergeben. 4 Die Gottesverehrung der aͤlteſten Voͤlker ging, wie bekannt iſt, ſehr bald in Vielgoͤtterei und Aberglauben uͤber, und ſelbſt bei denjenigen Geſchlechtern, die uns die Schrift als Verehrer des wahren Gottes nennt, waren die Ideen vom hoͤchſten Weſen weder rein noch edel, und auf nichts weniger als eine helle, vernuͤnftige Einſicht gegruͤndet. Sobald aber durch beſſere Ein⸗ richtung der buͤrgerlichen Geſellſchaft und durch Gruͤndung eines ordentlichen Staats die Staͤnde getrennt und die Sorge fuͤr goͤttliche Dinge das Eigenthum eines beſondern Standes ge⸗ worden, ſobald der menſchliche Geiſt durch Befreiung von allen zerſtreuenden Sorgen Muße empfing, ſich ganz allein der Be⸗ trachtung ſeiner ſelbſt und der Natur hinzugeben, ſobald end⸗ lich auch hellere Blicke in die phyſiſche Oekonomie der Natur gethan worden, mußte die Vernunft endlich uͤber jene groben Irrthuͤmer ſiegen, und die Vorſtellung von dem hoͤchſten Weſen mußte ſich veredeln. Die Idee von einem allgemeinen Zu⸗ ſammenhang der Dinge mußte unausbleiblich zum Begriff eines einzigen hoͤchſten Verſtandes fuͤhren, und jene Idee, wo eher haͤtte ſie aufkeimen ſollen, als in dem Kopf eines Prieſters? Da Aegypten der erſte cultivirte Staat war, den die Geſchichte kennt, und die aͤlteſten Myſterien ſich urſpruͤnglich aus Aegypten herſchreiben, ſo war es auch aller Wahrſcheinlichkeit nach hier, wo die erſte Idee von der Einheit des hoͤchſten Weſens zuerſt in einem menſchlichen Gehirne vorgeſtellt wurde. Der gluͤck⸗ liche Finder dieſer ſeelenerhebenden Idee ſuchte ſich nun unter denen, die um ihn waren, faͤhige Subjecte aus, denen er ſie Schillers ſaͤmmtl. Werke. N.— 27 418 als einen heiligen Schatz uͤbergab, und ſo erbte ſie ſich von einem Denker zum andern durch, wer weiß wie viele Gene⸗ rationen fort, bis ſie zuletzt das Eigenthum einer ganz kleinen Geſellſchaft wurde, die faͤhig war, ſie zu faſſen und weiter aus⸗ zubilden. Da aber ſchon ein gewiſſes Maß von Kenntniſſen und eine gewiſſe Ausbildung des Verſtandes erfordert wird, die Idee eines einzigen Gottes recht zu faſſen und anzuwenden, da der Glaube an die goͤttliche Einheit Verachtung der Vielgoͤtterei, welches doch die herrſchende Religion war, nothwendig mit ſich bringen mußte, ſo begriff man bald, daß es unvorſichtig, ja gefaͤhrlich ſeyn wuͤrde, dieſe Idee oͤffentlich und allgemein zu verbreiten. Ohne vorher die hergebrachten Goͤtter des Staats zu ſtuͤrzen, und ſie in ihrer laͤcherlichen Bloͤße zu zeigen, konnte man dieſer neuen Lehre keinen Eingang verſprechen. Aber man konnte ja weder vorausſehen noch hoffen, daß Jeder von denen, welchen man den alten Aberglauben laͤcherlich machte, auch ſogleich faͤhig ſeyn wuͤrde, ſich zu der reinen und ſchweren Idee des Wahren zu erheben. Ueberdem war ja die ganze buͤr⸗ gerliche Verfaſſung auf jenen Aberglauben gegruͤndet; ſtuͤrzte man dieſen ein, ſo ſtuͤrzte man zugleich alle Saͤulen, von welchen das ganze Staatsgebaͤude getragen wurde, und es war noch ſehr ungewiß, ob die neue Religion, die man an ſeinen Platz ſtellte, auch ſogleich feſt genug ſtehen wuͤrde, um jenes Gebaͤude zu tragen. Mißlang hingegen der Verſuch, die alten Goͤtter zu ſtuͤrzen, ſo hatte man den blinden Fanatismus gegen ſich bewaffnet, und ſich einer tollen Menge zum Schlachtopfer preisgegeben. Man fand alſo für beſſer, die neue gefaͤhrliche Wahrheit zum ausſchließenden Eigenthum einer kleinen geſchloſſenen Geſell⸗ ſchaft zu machen, diejenigen, welche das gehoͤrige Maß von ¹ 419 Faſſungskraft dafuͤr zeigten, aus der Menge hervorzuziehen und in den Bund aufzunehmen, und die Wahrheit ſelbſt, die man den unreinen Augen entziehen wollte, mit einem geheim⸗ nißvollen Gewand zu umkleiden, das nur derjenige wegziehen koͤnnte, den man ſelbſt dazu faͤhig gemacht haͤtte.— Man waͤhlte dazu die Hieroglyphen, eine ſprechende Bilder⸗ ſchrift, die einen allgemeinen Begriff in einer Zuſammen⸗ ſtellung ſinnlicher Zeichen verbarg, und auf einigen willkuͤrlichen Regeln beruhte, woruͤber man uͤbereingekommen war. Da es dieſen erleuchteten Maͤnnern von dem Goͤtzendienſt her noch bekannt war, wie ſtark auf dem Wege der Einbildungskraft und der Sinne auf jugendliche Herzen zu wirken ſey, ſo trugen ſie kein Bedenken, von dieſem Kunſtgriffe des Betrugs auch zum Vortheil der Wahrheit Gebrauch zu machen. Sie brachten alſo die neuen Begriffe mit einer gewiſſen ſinnlichen Feierlich⸗ keit in die Seele, und durch allerlei Anſtalten, die dieſem Zweck angemeſſen waren, ſetzten ſie das Gemuͤth ihres Lehr⸗ lings vorher in den Zuſtand leidenſchaftlicher Bewegung, der es fuͤr die neue Wahrheit empfaͤnglich machen ſollte. Von dieſer Art waren die Reinigungen, die der Einzuweihende vor⸗ nehmen mußte, das Waſchen und Beſprengen, das Einhuͤllen in leinene Kleider, Enthaltung von allen ſinnlichen Genuͤſſen, Spannung und Erhebung des Gemuͤths durch Geſang, ein bedeutendes Stillſchweigen, Abwechſelung zwiſchen Finſterniß und Licht und dergleichen. Dieſe Ceremonien, mit jenen geheimnißvollen Bildern und Hieroglyphen verbunden, und die verborgenen Wahrheiten, welche in dieſen Hieroglyphen verſteckt lagen und durch jene Gebraͤuche vorbereitet wurden, wurden zuſammengenommen unter dem Namen der Myſterien begriffen. Sie hatten ihren Sitz in den Tempeln der Iſis und des Serapis, und waren das 420 Vorbild, wornach in der Folge die Myſtexien in Eleuſis und Samothracien, und in neuern Zeiten der Orden der Freimaurer ſich gebildet hat. Es ſcheint außer Zweifel geſetzt, daß der Inhalt der aller⸗ aͤlteſten Myſterien in Heliopolis und Memphis, waͤhrend ihres unverdorbenen Zuſtandes, Einheit Gottes und Widerlegung des Paganismus war, und daß die unſterblichkeit der Seele darin vorgetragen wurde. Diejenigen, welche dieſer wichtigen Auf⸗ ſchluͤſſe theilhaftig waren, nannten ſich Anſchauer oder Epop⸗ ten, weil die Erkennung einer vorher verborgenen Wahrheit mit dem Uebertritt aus der Finſterniß zum Lichte zu verglei⸗ chen iſt, vielleicht auch darum, weil ſie die neuerkannten Wahr⸗ heiten in ſinnlichen Bildern wirklich und eigentlich anſchauten. Zu dieſer Anſchauung konnten ſie aber nicht auf einmal ge⸗ langen, weil der Geiſt erſt von manchen Irrthuͤmern gereinigt, erſt durch mancherlei Vorbereitungen gegangen ſeyn mußte, ehe er das volle Licht der Wahrheit ertragen konnte. Es gab alſo Stufen oder Grade, und erſt im innern Heiligthume fiel die Decke ganz von ihren Augen. Die Epopten erkannten eine einzige hoͤchſte Urſache aller Dinge, eine Urkraft der Natur, das Weſen aller Weſen, wel⸗ ches einerlei war mit dem Demiurgos der griechiſchen Weiſen. Nichts iſt erhabener als die einfache Groͤße, mit der ſie von dem Weltſchoͤpfer ſprachen. Um ihn auf eine recht entſcheidende Art auszuzeichnen, gaben ſie ihm gar keinen Namen. Ein Name, ſagten ſie, iſt bloß ein Beduͤrfniß der Unterſcheidung; wer allein iſt, hat keinen Namen noͤthig, denn es iſt keiner da, mit dem er verwechſelt werden koͤnnte. Unter einer alten Bild⸗ ſaͤule der Iſis las man die Worte:„Ich bin, was da iſt,“ und auf einer Pyramide zu Sais fand man die uralte merk⸗ wuͤrdige Inſchrift:„Ich bin Alles, was iſt, was war, 421 und was ſeyn wird; kein ſterblicher Menſch hat meinen Schleier aufgehoben.“ Keiner durfte den Tempel des Serapis betreten, der nicht den Namen Jao oder J⸗ha⸗ho— ein Name, der mit dem hebraͤiſchen Jehovah faſt gleichlautend, auch vermuthlich von dem naͤmlichen Inhalt iſt— an der Bruſt oder Stirn trug; und kein Name wurde in Aegypten mit mehr Ehrfurcht ausgeſprochen, als dieſer Name Jao. In dem Hymnus, den der Hierophant oder Vorſteher des Heiligthums dem Einzuweihenden vorſang, war dieß der erſte Aufſchluß, der uͤber die Natur der Gottheit gegeben wurde. „Er iſt einzig und von ihm ſelbſt, und dieſem Einzigen ſind alle Dinge ihr Daſeyn ſchuldig.“ Eine vorlaͤufige, nothwendige Ceremonie vor jeder Einwei⸗ hung war die Beſchneidung, der ſich auch Pythagoras vor ſeiner Aufnahme in die aͤgyptiſchen Myſterien unterwerfen mußte. Dieſe Unterſcheidung von Andern, die nicht beſchnitten waren, ſollte eine engere Bruͤderſchaft, ein naͤheres Verhaͤltniß zu der Gottheit anzeigen, wozu auch Moſes ſie bei den Hebraͤern nach⸗ her gebrauchte. In dem Innern des Tempels ſtellten ſich dem Einzuweihen⸗ den verſchiedene heilige Geraͤthe dar, die einen geheimen Sinn ausdruͤckten. Unter dieſen war eine heilige Lade, welche man den Sarg des Serapis nannte, und die ihrem Urſprung nach vielleicht ein Sinnbild verborgener Weisheit ſeyn ſollte, ſpaͤter⸗ hin aber, als das Inſtitut ausartete, der Geheimnißkraͤmerei und elenden Prieſterkuͤnſten zum Spiele diente. Dieſe Lade herumzutragen war ein Vorrecht der Prieſter oder einer eige⸗ nen Claſſe von Dienern des Heiligthums, die man deßhalb auch Kiſtophoren nannte. Keinem als dem Hierophanten war es erlaubt, dieſen Kaſten aufzudecken, oder ihn auch nur zu beruͤh⸗ ren. Von einem, der die Verwegenheit gehabt hatte, ihn zu 4²² eroͤffnen, wird erzaͤhlt, daß fer ploͤtzlich wahnſinnig gewor⸗ den ſey. In den aͤgyptiſchen Myſterien ſtieß man ferner auf gewiſſe hieroglyphiſche Goͤtterbilder, die aus mehreren Thiergeſtalten zuſammengeſetzt waren. Das bekannte Sphinx iſt von dieſer Art; man wollte dadurch die Eigenſchaften bezeichnen, welche ſich in dem hoͤchſten Weſen vereinigen, oder auch das Maͤch⸗ tigſte aus allen Lebendigen in einen Koͤrper zuſammen werfen. Man nahm etwas von dem maͤchtigſten Vogel oder dem Adler, von dem maͤchtigſten wilden Thier oder dem Loͤwen, von dem maͤchtigſten zahmen Thier oder dem Stier, und endlich von dem maͤchtigſten aller Thiere, dem Menſchen. Beſonders wurde das Sinnbild des Stiers oder des Apis als das Em⸗ blem der Staͤrke gebraucht, um die Allmacht des hoͤchſten We⸗ ſens zu bezeichnen, der Stier aber heißt in der Urſprache Cherub. Dieſe myſtiſchen Geſtalten, zu denen Niemand als die Epopten den Schluͤſſel hatten, gaben den Myſterien ſelbſt eine ſinnliche Außenſeite, die das Volk taͤuſchte, und ſelbſt mit dem Goͤtzendienſt etwas gemein hatte. Der Aberglaube erhielt alſo durch das aͤußerliche Gewand der Myſterien eine immerwaͤh⸗ rende Nahrung, waͤhrend daß man im Heiligthume ſelbſt ſeiner ſpottete. Doch iſt es begreiflich, wie dieſer reine Deismus mit dem Goͤtzendienſt vertraͤglich zuſammenleben konnte, denn indem er ihn von innen ſtuͤrzte, befoͤrderte er ihn von außen. Dieſer Widerſpruch der Prieſterreligion und der Volksreligion wurde bei den erſten Stiftern der Myſterien durch die Nothwendig⸗ keit entſchuldigt; es ſchien unter zwei Uebeln das geringere zu ſeyn, weil mehr Hoffnung vorhanden war, die uͤbeln Folgen der verhehlten Wahrheit als die ſchaͤdlichen Wirkungen der zur Un⸗ 423 zeit entdeckten Wahrheit zu hemmen. Wie ſich aber nach und nach unwuͤrdige Mitglieder in den Kreis der Eingeweihten draͤngten, wie das Inſtitut von ſeiner erſten Reinheit verlor, ſo machte man das, was anfangs nur bloße Nothhuͤlfe geweſen, naͤmlich das Geheimniß, zum Zweck des Inſtituts, und anſtatt den Aberglauben allmaͤhlich zu reinigen, und das Volk zur Auf⸗ nahme der Wahrheit geſchickt zu machen, ſuchte man ſeinen Vortheil darin, es immer mehr irre zu fuͤhren, und immer tie⸗ fer in den Aberglauben zu ſtuͤrzen. Prieſterkuͤnſte traten nun an die Stelle jener unſchuldigen lautern Abſichten, und eben das Inſtitut, welches Erkenntniß des wahren und einzigen Got⸗ tes erhalten, aufbewahren und mit Behutſamkeit verbreiten ſollte, fing an, das kraͤftigſte Befoͤrderungsmittel des Gegen⸗ theils zu werden, und in eine eigentliche Schule des Goͤtzen⸗ dienſtes auszuarten. Hierophanten, um die Herrſchaft uͤber die Gemuͤther nicht zu verlieren, und die Erwartung immer geſpannt zu halten, fanden es fuͤr gut, immer laͤnger mit dem letzten Aufſchluß, der alle falſchen Erwartungen auf immer aufheben mußte, zuruͤckzuhalten, und die Zugaͤnge zu dem Hei⸗ ligthume durch allerlei theatraliſche Kunſtgriffe zu erſchweren. Zuletzt verlor ſich der Schluͤſſel zu den Hieroglyphen und ge⸗ heimen Figuren ganz, und nun wurden dieſe fuͤr die Wahrheit ſelbſt genommen, die ſie anfaͤnglich nur umhuͤllen ſollten. Es iſt ſchwer zu beſtimmen, ob die Erziehungsjahre des Moſes in die blühenden Zeiten des Inſtituts oder in den An⸗ fang ſeiner Verderbniß fallen; wahrſcheinlich aber naͤherte es ſich damals ſchon ſeinem Verfalle, wie uns einige Spielereien ſchließen laſſen, die ihm der hebraͤiſche Geſetzgeber abborgte, und einige weniger ruͤhmliche Kunſtgriffe, die er in Ausuͤbung prachte. Aber der Geiſt der erſten Stifter war noch nicht dar⸗ 424 aus verſchwunden, und die Lehre von der Einheit des Welt⸗ ſchoͤpfers belohnte noch die Erwartung der Eingeweihten. Dieſe Lehre, welche die entſchiedenſte Verachtung der Viel⸗ goͤtterei zu ihrer unausbleiblichen Folge hatte, verbunden mit der Unſterblichkeitslehre, welche man ſchwerlich davon trennte, war der reiche Schatz, den der junge Hebraͤer aus den Myſte⸗ rien der Iſis herausbrachte. Zugleich wurde er darin mit den Naturkraͤften bekannter, die man damals auch zum Gegen⸗ ſtande geheimer Wiſſenſchaften machte; welche Kenntniſſe ihn nachher in den Stand ſetzten, Wunder zu wirken, und im Bei⸗ ſeyn des Pharao es mit ſeinen Lehrern ſelbſt oder den Zaube⸗ rern aufzunehmen, die er in einigen ſogar übertraf. Sein kuͤnftiger Lebenslauf beweist, daß er ein aufmerkſamer und faͤ⸗ higer Schuͤler geweſen, und zu dem letzten hoͤchſten Grad der Anſchauung gekommen war. In eben dieſer Schule ſammelte er auch einen Schatz von Hieroglyphen, myſtiſchen Bildern und Ceremonien, wovon ſein erfinderiſcher Geiſt in der Folge Gebrauch machte. Er hatte das ganze Gebiet aͤgyptiſcher Weisheit durchwandert, das ganze Syſtem der Prieſter durchdacht, ſeine Gebrechen und Vorzuͤge, ſeine Staͤrke und Schwaͤche gegen einander abgewogen, und große wichtige Blicke in die Regierungskunſt dieſes Volks gethan. Es iſt unbekannt, wie lange er in der Schule der Prieſter verweilte, aber ſein ſpaͤter politiſcher Auftritt, der erſt gegen ſein achtzigſtes Jahr erfolgte, macht es wahrſcheinlich, daß er vielleicht zwanzig und mehrere Jahre dem Studium der Myſte⸗ rien und des Staats gewidmet habe. Dieſer Aufenthalt bei den Prieſtern ſcheint ihn aber keineswegs von dem Umgang mit ſeinem Volk ausgeſchloſſen zu haben, und er hatte Gelegen⸗ 425 heit genug, ein Zeuge der Unmenſchlichkeit zu ſeyn, worunter es ſeufzen mußte. Die aͤgyptiſche Erziehung hatte ſein Nationalgefuͤhl nicht verdraͤngt. Die Mißhandlung ſeines Volks erinnerte ihn, daß auch er ein Hebraer ſey, und ein gerechter Unwille grub ſich, ſo oft er es leiden ſah, tief in ſeinen Buſen. Je mehr er an⸗ fing, ſich ſelbſt zu fuͤhlen, deſto mehr mußte ihn die unwuͤrdige Behandlung der Seinigen empoͤren. Einſt ſah er einen Hebraͤer unter den Streichen eines aͤgyp⸗ tiſchen Frohnvogts mißhandelt; dieſer Anblick uͤberwaͤltigte ihn, er ermordete den Aegypter. Bald wird die That ruchtbar, ſein Leben iſt in Gefahr, er muß Aegypten meiden und flieht nach der arabiſchen Wuͤſte. Viele ſetzen dieſe Flucht in ſein vierzig⸗ ſtes Lebensjahr, aber ohne alle Beweiſe. Uns iſt es genug zu wiſſen, daß Moſes nicht ſehr jung mehr ſeyn konnte, als ſie erfolgte. Mit dieſem Exilium beginnt eine neue Epoche ſeines Le⸗ bens, und wenn wir ſeinen kuͤnftigen politiſchen Auftritt in Aegypten recht beurtheilen wollen, ſo muͤſſen wir ihn durch ſeine Einſamkeit in Arabien begleiten. Einen blutigen Haß gegen die Unterdruͤcker ſeiner Nation, und alle Kenntniſſe, die er in den Myſterien geſchoͤpft hatte, trug er mit ſich in die arabiſche Wuͤſte. Sein Geiſt war voll von Ideen und Entwuͤrfen, ſein Herz voll Erbitterung, und nichts zerſtreute ihn in dieſer men⸗ ſchenleeren Wuͤſte. Die Urkunde laͤßt ihn die Schafe eines arabiſchen Beduinen Jethro huͤten.— Dieſer tiefe Fall von allen ſeinen Ausſichten und Hoffnungen in Aegypten zum Viehhirten in Arabien! vom kuͤnftigen Menſchenherrſcher zum Lohnknecht eines Nomaden! Wie ſchwer mußte er ſeine Seele verwunden! 4²26 In dem Kleid eines Hirten traͤgt er einen feurigen Regen⸗ tengeiſt, einen raſtloſen Ehrgeiz mit ſich herum. Hier in die⸗ ſer romantiſchen Wuͤſte, wo ihm die Gegenwart nichts dar⸗ bietet, ſucht er Huͤlfe bei der Vergangenheit und Zukunft, und beſpricht ſich mit ſeinen ſtillen Gedanken. Alle Scenen der Un⸗ terdruͤckung, die er ehemals mit angeſehen hatte, gehen jetzt in der Erinnerung an ihm voruͤber, und nichts hindert ſie jetzt, ih⸗ ren Stachel tief in ſeine Seele zu druͤcken. Nichts iſt einer großen Seele unertraͤglicher, als Ungerechtigkeit zu dulden; dazu kommt, daß es ſein eigenes Volk iſt, welches leidet. Ein edler Stolz erwacht in ſeiner Bruſt, und ein heftiger Trieb zu handeln und ſich hervorzuthun, geſellt ſich zu dieſem beleidigten Stolze. Alles, was er in langen Jahren geſammelt, Alles, was er Schoͤnes und Großes gedacht und entworfen hat, ſoll in dieſer Wuͤſte mit ihm ſterben, ſoll er umſonſt gedacht und entworfen haben? Dieſen Gedanken kann ſeine feurige Seele nicht aus⸗ halten. Er erhebt ſich uͤber ſein Schickſal; dieſe Wuͤſte ſoll nicht die Graͤnze ſeiner Thaͤtigkeit werden; zu etwas Großem hat ihn das hohe Weſen beſtimmt, das er in den Myſterien kennen lernte. Seine Phantaſie durch Einſamkeit und Stille entzuͤndet, ergreift, was ihr am naͤchſten liegt, die Partei der Unterdruͤckten. Gleiche Empfindungen ſuchen einander, und der Ungluͤckliche wird ſich am liebſten auf des Ungluͤcklichen Seite ſchlagen. In Aegypten waͤre er ein Aegypter, ein Hie⸗ rophant, ein Feldherr geworden; in Arabien wird er zum He⸗ braͤer. Groß und herrlich ſteigt ſie auf vor ſeinem Geiſte, die Idee:„Ich will dieſes Volk erloͤſen.“ Aber welche Moͤglichkeit, dieſen Entwurf auszufuͤhren? Unuͤberſehlich ſind die Hinderniſſe, die ſich ihm dabei aufdringen, und diejenigen, welche er bei ſeinem eigenen Volke ſelbſt zu 427 bekaͤmpfen hat, ſind bei weitem die ſchrecklichſten von allen. Da iſt weder Eintracht noch Zuverſicht, weder Selbſtgefuͤhl noch Muth, weder Gemeingeiſt noch eine kuͤhne Thaten weckende Begeiſterung vorauszuſetzen; eine lange Sklaverei, ein vier⸗ hundertjaͤhriges Elend hat alle dieſe Empfindungen erſtickt.— Das Volk, an deſſen Spitze er treten ſoll, iſt dieſes kuͤhnen Wageſtucks eben ſo wenig faͤhig als wuͤrdig. Von dieſem Volke ſelbſt kann er nichts erwarten, und doch kann er ohne dieſes Volk nichts ausrichten. Was bleibt ihm alſo uͤbrig? Ehe er die Befreiung desſelben unternimmt, muß er damit anfangen, es dieſer Wohlthat faͤhig zu machen. Er muß es wieder in die Menſchenrechte einſetzen, die es entaͤußert hat. Er muß ihm die Eigenſchaften wieder geben, die eine lange Verwilderung in ihm erſtickt hat, das heißt, er muß Hoffnung, Zuverſicht, Heldenmuth, Enthuſiasmus in ihm entzuͤnden. Aber dieſe Empfindungen koͤnnen ſich nur auf ein(wahres oder taͤuſchendes) Gefuͤhl eigener Kraͤfte ſtuͤtzen, und wo ſollen die Sklaven der Aegypter dieſes Gefuͤhl hernehmen? Geſetzt, daß es ihm auch gelaͤnge, ſie durch ſeine Beredſamkeit auf einen Augenblick fortzureißen— wird dieſe erkuͤnſtelte Begeiſterung ſie nicht bei der erſten Gefahr im Stich laſſen? Werden ſie nicht, muthloſer als jemals, in ihr Knechtsgefuͤhl zuruͤckfallen? Hier kommt der aͤgyptiſche Prieſter und Staatskundige dem Hebraͤer zu Huͤlfe. Aus ſeinen Myſterien, aus ſeiner Prieſter⸗ ſchule zu Heliopolis erinnert er ſich jetzt des wirkſamen Inſtru⸗ ments, wodurch ein kleiner Prieſterorden Millionen roher Menſchen nach ſeinem Gefallen lenkte. Dieſes Inſtrument iſt kein anderes, als das Vertrauen auf uͤberirdiſchen Schutz, Glaube an uͤbernatuͤrliche Kraͤfte. Da er alſo in der ſichtbaren Welt, im natuͤrlichen Lauf der Dinge, nichts entdeckt, wodurch er ſeiner unterdruͤckten Nation Muth machen koͤnnte, da er ihr 428 Vertrauen an nichts Irdiſches anknuͤpfen kann, ſo knuͤpft er es an den Himmel. Da er die Hoffnung aufgibt, ihr das Gefuͤhl eigener Kraͤfte zu geben, ſo hat er nichts zu thun, als ihr einen Gott zuzufuͤhren, der dieſe Kraͤfte beſitzt. Gelingt es ihm, ihr Vertrauen zu dieſem Gott einzuftoͤßen, ſo hat er ſie ſtark ge⸗ macht und kuͤhn, und das Vertrauen auf dieſen hoͤhern Arm iſt die Flamme, an der es ihm gelingen muß, alle andern Tugen⸗ den und Kraͤfte zu entzuͤnden. Kann er ſich ſeinen Mitbruͤdern als das Organ und den Geſandten dieſes Gottes legitimiren, ſo ſind ſie ein Ball in ſeinen Haͤnden; er kann ſie leiten, wie er will. Aber nun fragt ſich's: welchen Gott ſoll er ihnen ver⸗ kuͤndigen, und wodurch kann er ihm Glauben bei ihnen ver⸗ ſchaffen? Soll er ihnen den wahren Gott, den Demiurgos oder den Jao, verkuͤndigen, an den er ſelbſt glaubt, den er in den My⸗ ſterien kennen gelernt hat? Wie konnte er einem unwiſſenden Sklavenpoͤbel, wie ſeine Nation iſt, auch nur von ferne Sinn fuͤr eine Wahrheit zu⸗ trauen, die das Erbtheil weniger aͤgyptiſcher Weiſen iſt, und ſchon einen hohen Grad von Erleuchtung vorausſetzt, um be⸗ griffen zu werden? Wie koͤnnte er ſich mit der Hoffnung ſchmei⸗ cheln, daß der Auswurf Aegyptens etwas verſtehen wuͤrde, was von den Beſten dieſes Landes nur die Wenigſten faßten? Aber geſetzt, es gelaͤnge ihm auch, den Hebraͤern die Kennt⸗ niß des wahren Gottes zu verſchaffen— ſo konnten ſie dieſen Gott in ihrer Lage nicht einmal brauchen, und die Erkenntniß desſelben wuͤrde ſeinen Entwurf vielmehr untergraben als be⸗ foͤrdert haben. Der wahre Gott bekuͤmmerte ſich um die Hebraͤer ja nicht mehr, als um irgend ein anderes Volk.— Der wahre Gott konnte nicht fuͤr ſie kaͤmpfen, ihnen zu Gefallen die Ge⸗ ſetze der Natur nicht umſtuͤrzen.— Er ließ ſie ihre Sache 429 mit den Aegyptern ausfechten, und mengte ſich durch kein Wunder in ihren Streit; wozu ſollte ihnen alſo dieſer? Soll er ihnen einen falſchen und fabelhaften Gott verkuͤn⸗ digen, gegen welchen ſich doch ſeine Vernunft empoͤrt, den ihm die Myſterien verhaßt gemacht haben? Dazu iſt ſein Verſtand zu ſehr erleuchtet, ſein Herz zu aufrichtig und zu edel. Auf eine Luͤge will er ſeine wohlthaͤtige Unternehmung nicht gruͤn⸗ den. Die Begeiſterung, die ihn jetzt beſeelt, wuͤrde ihm ihr wohlthaͤtiges Feuer zu einem Betrug nicht borgen, und zu einer ſo veraͤchtlichen Rolle, die ſeinen innern Ueberzeugungen ſo ſehr widerſpraͤche, wuͤrde es ihm bald an Muth, an Freude, an Beharrlichkeit gebrechen. Er will die Wohlthat vollkommen machen, die er auf dem Wege iſt, ſeinem Volke zu erweiſen; er will ſie nicht bloß unabhaͤngig und frei, auch gluͤcklich will er ſie machen und erleuchten. Er will ſein Werk fuͤr die Ewigkeit gruͤnden. Alſo darf es nicht auf Betrug— es muß auf Wahrheit gegruͤndet ſeyn. Wie vereinigt er aber dieſe Widerſpruͤche? Den wahren Gott kann er den Hebraͤern nicht verkuͤndigen, weil ſie unfaͤhig ſind, ihn zu faſſen; einen fabelhaften will er ihnen nicht verkuͤndigen, weil er dieſe widrige Rolle verachtet. Es bleibt ihm alſo nichts uͤbrig, als ihnen ſeinen wahren Gott auf eine fabelhafte Art zu verkuͤndigen. Jetzt pruͤft er alſo ſeine Vernunftreligion, und unterſucht, was er ihr geben und nehmen muß, um ihr eine guͤnſtige Auf⸗ nahme bei ſeinen Hebraͤern zu verſichern. Er ſteigt in ihre Lage, in ihre Beſchraͤnkung, in ihre Seele hinunter, und ſpaͤht da die verborgenen Faͤden aus, an die er ſeine Wahrheit anknuͤpfen koͤnnte. Er legt alſo ſeinem Gott diejenigen Eigenſchaften bei, welche die Faſſungskraft der Hebraͤer und ihr jetziges Beduͤrfniß eben 430 jetzt von ihm fordern. Er paßt ſeinen Jao dem Volke an, dem er ihn verkuͤndigen will; er paßt ihn den Umſtaͤnden an, unter welchen er ihn verkuͤndiget, und ſo entſteht ſein Jehovah. In den Gemuͤthern ſeines Volks findet er zwar Glauben an goͤttliche Dinge, aber dieſer Glaube iſt in den roheſten Aber⸗ glauben ausgeartet. Dieſen Aberglauben muß er ausrotten, aber den Glauben muß er erhalten. Er muß ihn bloß von ſei⸗ nem jetzigen unwuͤrdigen Gegenſtand abloͤſen, und ſeiner neuen Gottheit zuwenden. Der Aberglaube ſelbſt gibt ihm die Mittel dazu in die Haͤnde. Nach dem allgemeinen Wahn jener Zeiten ſtand jedes Volk unter dem Schutz einer beſondern National⸗ gottheit, und es ſchmeichelte dem Nationalſtolz, dieſe Gottheit uͤber die Goͤtter aller andern Voͤlker zu ſetzen. Dieſen letztern wurde aber darum keineswegs die Gottheit abgeſprochen; ſie wurde gleichfalls anerkannt, nur uͤber den Nationalgott durften ſie ſich nicht erheben. An dieſen Irrthum knuͤpfte Moſes ſeine Wahrheit an. Er machte den Demiurgos in den Myſterien zum Nationalgott der Hebraͤer, aber er ging noch einen Schritt weiter. Er begnuͤgte ſich nicht bloß, dieſen Nationalgott zum maͤch⸗ tigſten aller Goͤtter zu machen, ſondern er machte ihn zum Einzigen, und ſtuͤrzte alle Goͤtter um ihn her in ihr Nichts zuruͤck. Er ſchenkte ihn zwar den Hebraͤern zum Eigenthum, um ſich ihrer Vorſtellungsart zu bequemen, aber zugleich unter⸗ warf er ihm alle andern Voͤlker und alle Kraͤfte der Natur. So rettete er in dem Bild, worin er ihn den Hebraͤern vor⸗ ſtellte, die zwei wichtigſten Eigenſchaften ſeines wahren Gottes, die Einheit und die Allmacht, und machte ſie wirkſamer in dieſer menſchlichen Huͤlle. Der eitle kindiſche Stolz, die Gottheit ausſchließend beſitzen zu wollen, mußte nun zum Vortheil der Wahrheit geſchaͤftig 431 ſeyn, und ſeiner Lehre vom einzigen Gott Eingang verſchaffen. Freilich iſt es nur ein neuer Irrglaube, wodurch er den alten ſtuͤrzt; aber dieſer neue Irrglaube iſt der Wahrheit ſchon um Vieles naͤher, als derjenige, den er verdraͤngte; und dieſer kleine Zuſatz von Irrthum iſt es im Grunde allein, wodurch ſeine Wahrheit ihr Gluͤck macht, und Alles, was er dabei ge⸗ winnt, dankt er dieſem vorhergeſehenen Mißverſtaͤndniß ſeiner Lehre. Was haͤtten ſeine Hebraͤer mit einem philoſophiſchen Gott machen koͤnnen? Mit dieſem Nationalgott hingegen muß er Wunderdinge bei ihnen ausrichten.— Man denke ſich einmal in die Lage der Hebraͤer. Unwiſſend, wie ſie ſind, meſſen ſie die Staͤrke der Goͤtter nach dem Gluͤck der Voͤlker ab, die in ihrem Schutze ſtehen. Verlaſſen und unterdruͤckt von Menſchen, glauben ſie ſich auch von allen Goͤttern ver⸗ geſſen; eben das Verhaͤltniß, das ſie ſelbſt gegen die Aegypter haben, muß nach ihren Begriffen auch ihr Gott gegen die Goͤtter der Aegypter haben; er iſt alſo ein kleines Licht neben dieſen, oder ſie zweifeln gar, ob ſie wirklich einen haben. Auf einmal wird ihnen verkuͤndigt, daß ſie auch einen Beſchuͤtzer im Sternenkreis haben, und daß dieſer Beſchützer erwacht ſey aus ſeiner Ruhe, daß er ſich umguͤrte und aufmache, gegen ihre Feinde große Thaten zu verrichten. Dieſe Verkuͤndigung Gottes iſt nunmehr dem Ruf eines Feldherrn gleich, ſich unter ſeine ſiegreiche Fahne zu begeben. Gibt nun dieſer Feldherr zugleich auch Proben ſeiner Staͤrke, oder kennen ſie ihn gar noch aus alten Zeiten her, ſo reißt der Schwindel der Begeiſterung auch den Furchtſamſten dahin; und auch dieſes brachte Moſes in Rechnung bei ſeinem Entwurfe. Das Geſpraͤch, welches er mit der Erſcheinung in dem brennen⸗ den Dornbuſch haͤlt, legt uns die Zweifel vor, die er ſich ſelbſt 432 aufgeworfen, und auf die Art und Weiſe, wie er ſich ſolche be⸗ antwortet hat. Wird meine ungluͤckliche Nation Vertrauen zu einem Gott gewinnen, der ſie ſo lange vernachlaͤſſigt hat, der jetzt auf einmal wie aus den Wolken faͤllt, deſſen Namen ſie nicht einmal nennen hoͤrte— der ſchon Jahrhunderte lang ein muͤßiger Zuſchauer der Mißhandlung war, die ſie von ihren Unterdruͤckern erleiden mußte? Wird ſie nicht vielmehr den Gott ihrer gluͤcklichen Feinde fuͤr den Maͤchtigern halten? Dieß war der naͤchſte Gedanke, der in dem neuen Propheten jetzt auf⸗ ſteigen mußte. Wie hebt er aber nun dieſe Bedenklichkeit? Er macht ſeinen Jao zum Gott ihrer Vaͤter, er knuͤpft ihn alſo an ihre alten Volksſagen an, und verwandelt ihn dadurch in einen einheimiſchen, in einen alten und wohlbekannten Gott. Aber um zu zeigen, daß er den wahren und einzigen Gott dar⸗ unter meine, um aller Verwechſelung mit irgend einem Geſchoͤpf des Aberglaubens vorzubeugen um gar keinem Mißverſtaͤndniß Naum zu geben, gibt er ihm den heiligen Namen, den er wirk⸗ lich in den Myſterien fuͤhrt. Ich werde ſeyn, der ich ſeyn werde. Sage zu dem Volk Iſrael, legt er ihm in den Mund, ich werde ſeyn, der hat mich zu euch geſendet. In den Myſterien fuͤhrte die Gottheit wirklich dieſen Namen. Dieſer Name mußte aber dem dummen Volke der Hebraͤer durchaus unverſtaͤndlich ſeyn. Sie konnten ſich unmoͤglich etwas dabei denken, und Moſes haͤtte alſo mit einem andern Namen weit mehr Gluͤck machen koͤnnen; aber er wollte ſich lieber die⸗ ſem Uebelſtand ausſetzen, als einen Gedanken aufgeben, woran ihm Alles lag, und dieſer war: die Hebraͤer wirklich mit dem Gott, den man in den Myſterien der Iſis lehrte, bekannt zu machen. Da es ziemlich ausgemacht iſt, daß die aͤgyptiſchen Myſterien ſchon lange gebluͤht haben, ehe Jehovah dem Moſes in dem Dornbuſch erſchien, ſo iſt es wirklich auffallend, daß er 433 ſich gerade denſelben Namen gibt, den er vorher in den Myſterien der Iſis fuͤhrte. 4 Es war aber noch nicht genug, daß ſich Jehovah den He⸗ braͤern als einen bekannten Gott, als den Gott ihrer Vaͤter an⸗ kuͤndigte, er mußte ſich auch als einen maͤchtigen Gott legitimiren, wenn ſie anders Herz zu ihm faſſen ſollten; und dieß war um ſo noͤthiger, da ihnen ihr bisheriges Schickſal in Aegypten eben keine große Meinung von ihrem Beſchuͤtzer geben konnte. Da er ſich ferner bei ihnen nur durch einen Dritten einfuͤhrte, ſo mußte er ſeine Kraft auf dieſen legen, und ihn durch außer⸗ ordentliche Handlungen in den Stand ſetzen, ſowohl ſeine Sen⸗ dung ſelbſt, als die Macht und Groͤße deſſen, der ihn ſandte, darzuthun. Wollte alſo Moſes ſeine Sendung rechtfertigen, ſo mußte er ſie durch Wunderthaten unterſtützen. Daß er dieſe Thaten wirklich verrichtet habe, iſt wohl kein Zweifel. Wie er ſie ver⸗ richtet habe, und wie man ſie uͤberhaupt zu verſtehen habe, uͤber⸗ laͤßt man dem Nachdenken eines Jeden. Die Erzaͤhlung endlich, in welche Moſes ſeine Sendung kleidet, hat alle Requiſite, die ſie haben mußte, um den Hebraͤern Glauben daran einzufloͤßen, und dieß war Alles, was ſie ſollte— bei uns braucht ſie dieſe Wirkung nicht mehr zu haben. Wir wiſſen jetzt zum Beiſpiel, daß es dem Schoͤpfer der Welt, wenn er ſich je entſchließen ſollte, einem Menſchen in Feuer oder in Wind zu erſcheinen, gleichguͤltig ſeyn koͤnnte, ob man barfuß oder nicht barfuß vor ihm erſchiene.— Moſes aber legt ſeinem Jehovah den Befehl in den Mund: daß er die Schuhe von den Fuͤßen ziehen ſolle; denn er wußte ſehr gut, daß er dem Begriffe der goͤttlichen Heiligkeit bei ſeinen Hebraͤern durch ein ſinnliches Zeichen zu Huͤlfe kommen muͤſſe— und ein ſolches Zeichen hatte er aus den Einweihungsceremonien noch behalten. Schillers ſaͤmmtl. Werke. N. 28 So bedachte er ohne Zweifel auch, daß z. B. ſeine ſchwere Zunge ihm hinderlich ſeyn koͤnnte— er kam alſo dieſem Uebel⸗ ſtand zuvor, er legte die Einwurfe, die er zu fuͤrchten hatte, ſchon in ſeine Erzaͤhlung, und Jehovah ſelbſt mußte ſie heben. Er unterzieht ſich ferner ſeiner Sendung nur nach einem langen Widerſtand— deſto mehr Gewicht mußte alſo in den Befehl Gottes gelegt werden, der ihm dieſe Sendung abnoͤthigte. Ueberhaupt malt er das am ausfuͤhrlichſten und am individuell⸗ ſten aus in ſeiner Erzaͤhlung, was den Iſraeliten, ſo wie uns, am allerſchwerſten eingehen mußte zu glauben, und es iſt kein Zweifel, daß er ſeine guten Gruͤnde dazu gehabt hatte. Wenn wir das Bisherige kurz zuſammenfaſſen, was war eigentlich der Plan, den Moſes in der arabiſchen Wuͤſte aus⸗ dachte? Er wollte das iſraelitiſche Volk aus Aegypten fuͤhren, und ihm zum Beſitz der Unabhaͤngigkeit und einer Staatsverfaſſung in einem eigenen Lande helfen. Weil er aber die Schwierig⸗ keiten recht gut kannte, die ſich ihm bei dieſem Unternehmen entgegen ſtellen wuͤrden; weil er wußte, daß auf die eignen Kraͤfte dieſes Volks ſo lange nicht zu rechnen ſey, bis man ihm Selbſtvertrauen, Muth, Hoffnung und Begeiſterung gegeben; weil er vorausſah, daß ſeine Beredſamkeit auf den zu Boden gedruͤckten Sklavenſinn der Hebraͤer gar nicht wirken wuͤrde; ſo begriff er, daß er ihnen einen hoͤhern, einen uͤberirdiſchen Schutz ankuͤndigen muͤſſe, daß er ſie gleichſam unter die Fahne eines goͤttlichen Feldherrn verſammeln muͤſſe. Er gibt ihnen alſo einen Gott, um ſie fuͤrs erſte aus Aegypten zu befreien. Weil es aber damit noch nicht gethan iſt, weil er ihnen fuͤr das Land, das er ihnen nimmt, ein anderes geben muß, und weil ſie dieſes andere erſt mit gewaffneter Hand erobern und ſich darin erhalten muͤſſen, ſo iſt noͤthig, daß er ihre vereinigten 435 Kraͤfte in einem Staatskoͤrper zuſammenhalte, ſo muß er ihnen alſo Geſetze und eine Verfaſſung geben. Als ein Prieſter und Staatsmann aber weiß er, daß die ſtaͤrkſte und unentbehrlichſte Stuͤtze aller Verfaſſung Religion iſt; er muß alſo den Gott, den er ihnen anfaͤnglich nur zur Be⸗ freiung aus Aegypten, als einen bloßen Feldherrn, gegeben hat, auch bei der bevorſtehenden Geſetzgebung brauchen; er muß ihn alſo auch gleich ſo ankuͤndigen, wie er ihn nachher gebrauchen will. Zur Geſetzgebung und zur Grundlage des Staats braucht er aber den wahren Gott, denn er iſt ein großer und edler Menſch, der ein Werk, das dauern ſoll, nicht auf eine Luͤge gruͤnden kann. Er will die Hebraͤer durch die Verfaſſung, die er ihnen zugedacht hat, in der That gluͤcklich und dauernd gluͤck⸗ lich machen, und dieß kann nur dadurch geſchehen, daß er ſeine Geſetzgebung auf Wahrheit gruͤndet. Fuͤr dieſe Wahrheit ſind aber ihre Verſtandeskraͤfte noch zu ſtumpf; er kann ſie alſo nicht auf dem reinen Weg der Vernunft in ihre Seele bringen. Da er ſie nicht uͤberzeugen kann, ſo muß er ſie uͤberreden, hin⸗ reißen, beſtechen. Er muß alſo dem wahren Gott, den er ihnen ankuͤndigt, Eigenſchaften geben, die ihn den ſchwachen Koͤpfen faßlich und empfehlungswuͤrdig machen; er muß ihm ein heid⸗ niſches Gewand umhuͤllen, und muß zufrieden ſeyn, wenn ſie an ſeinem wahren Gott gerade nur dieſes Heidniſche ſchaͤtzen, und auch das Wahre bloß auf eine heidniſche Art aufnehmen. Und dadurch gewinnt er ſchon unendlich, er gewinnt— daß der Grund ſeiner Geſetzgebung wahr iſt, daß alſo ein kuͤnftiger Re⸗ formator die Grundverfaſſung nicht einzuſtuͤrzen braucht, wenn er die Begriffe verbeſſert, welches bei allen falſchen Religionen die unausbleibliche Folge iſt, ſobald die Fackel der Vernunft ſie beleuchtet. Alle andern Staaten jener Zeit und auch der folgenden 436 Zeiten ſind auf Betrug und Irrthum, auf Vieelgoͤtterei ge⸗ gruͤndet, obgleich, wie wir geſehen haben, in Aegypten ein kleiner Cirkel war, der richtige Begriffe von dem hoͤchſten Weſen hegte. Moſes, der ſelbſt aus dieſem Cirkel iſt, und nur dieſem Cirkel ſeine beſſere Idee von dem hochſten Weſen zu danken hat, Moſes iſt der Erſte, der es wagt, dieſes geheimgehaltene Re⸗ ſultat der Myſterien nicht nur laut, ſondern ſogar zur Grund⸗ lage eines Staats zu machen. Er wird alſo, zum Beſten der Welt und der Nachwelt, ein Verraͤther der Myſterien, und laͤßt eine ganze Nation an einer Wahrheit Theil nehmen, die bis jetzt nur das Eigenthum weniger Weiſen war. Freilich konnte er ſeinen Hebraͤern mit dieſer neuen Religion nicht auch zugleich den Verſtand mitgeben, ſie zu faſſen, und darin hatten die aͤgyp⸗ tiſchen Epopten einen großen Vorzug vor ihnen voraus. Die Epopten erkannten die Wahrheit durch ihre Vernunft; die Hebraͤer konnten hoͤchſtens nur blind daran glauben.*) *) Ich muß die Leſer dieſes Aufſatzes auf eine Schrift von aͤhnlichem Inhalt: Ueber die aͤlteſten hebraͤiſchen Myſterien von Br. Decius, verweiſen, welche einen beruͤhmten und verdienſt⸗ vollen Schriftſteller zum Verfaſſer hat, und woraus ich verſchiedene der hier zum Grund legten Ideen und Daten genommen habe. Die Geſetzgebung des Lykurgus und Solon.*) um den Lykurgiſchen Plan gehoͤrig wuͤrdigen zu koͤnnen, muß man auf die damalige politiſche Lage von Sparta zuruͤck⸗ ſehen, und die Verfaſſung kennen lernen, worin er Lacedaͤmon fand, als er ſeinen neuen Entwurf zum Vorſchein brachte. Zwei Koͤnige, beide mit gleicher Gewalt verſehen, ſtanden an der Spitze des Staats; jeder eiferſuchtig auf den andern, jeder geſchaͤftig, ſich einen Anhang zu machen, und dadurch die Ge⸗ walt ſeines Throngehuͤlfen zu beſchraͤnken. Dieſe Eiferſucht hatte ſich von den zwei erſten Koͤnigen Prokles und Euryſthen auf ihre beiderſeitigen Linien bis auf Lykurg dergeſtalt fort⸗ geerbt, daß Sparta waͤhrend dieſes langen Zeitraums unauf⸗ hoͤrlich von Factionen beunruhigt wurde. Jeder Koͤnig ſuchte durch Bewilligung großer Freiheiten das Volk zu beſtechen, und dieſe Bewilligungen fuͤhrten das Volk zur Frechheit und endlich zum Aufruhr. Zwiſchen Monarchie und Demokratie ſchwankte der Staat hin und wieder, und ging mit ſchnellem Wechſel von einem Extrem auf das andere uͤber. Zwiſchen den Rechten des Volks und der Gewalt der Koͤnige waren noch *) Anmerk. des Herausgebers. Dieſe Vorleſungen wurden in das 10te Heft der Thalia eingeruͤckt. 438 keine Graͤnzen gezeichnet, der Reichthum floß in wenigen Fa⸗ milien zuſammen. Die reichen Buͤrger tyranniſirten die armen, und die Verzweiflung der letztern aͤußerte ſich in Empoͤrung. Von innerer Zwietracht zerriſſen, mußte der ſchwache Staat die Beute ſeiner kriegeriſchen Nachbarn werden, oder in meh⸗ rere kleinere Tyrannien zerfallen. So fand Lykurgus Sparta; unbeſtimmte Graͤnzen der koͤniglichen und Volksgewalt, un⸗ gleiche Austheilung der Gluͤcksguͤter unter den Buͤrgern, Man⸗ gel an Gemeingeiſt und Eintracht und eine gaͤnzliche politiſche Entkraͤftung waren die Uebel, die ſich dem Geſetzgeber am dringendſten darſtellten, auf die er alſo bei ſeiner Geſetzgebung vorzuͤglich Ruͤckſicht nahm. Als der Tag erſchien, wo Lykurgus ſeine Geſetze bekannt machen wollte, ließ er dreißig der vornehmſten Buͤrger, die er vorher zum Beſten ſeines Planes gewonnen hatte, bewaffnet auf dem Marktplatz erſcheinen, um denen, die ſich etwa wider⸗ ſetzen wuͤrden, Furcht einzujagen. Der Koͤnig Charilaus, von dieſen Anſtalten in Schrecken geſetzt, entfloh in den Tempel der Minerva, weil er glaubte, daß die ganze Sache gegen ihn ge⸗ richtet ſey. Aber man benahm ihm dieſe Furcht, und brachte ihn ſogar dahin, daß er ſelbſt den Plan des Lykurgus thaͤtig unterſtuͤtzte. Die erſte Einrichtung betraf die Regierung. Um kuͤnftig auf immer zu verhindern, daß die Republik zwiſchen koͤniglicher Tyrannei und anarchiſcher Demokratie hin⸗ und hergeworfen wuͤrde, legte Lykurgus eine dritte Macht, als Gegengewicht, in die Mitte; er gruͤndet einen Senat. Die Senatoren, achtundzwanzig an der Zahl und alſo dreißig mit den Koͤnigen, ſollten auf die Seite des Volks treten, wenn die Koͤnige ihre Gewalt mißbrauchten, und, wenn im Gegentheil die Gewalt 439 des Volks zu groß werden wollte, die Konige gegen dasſelbe in Schutz nehmen. Eine vortreffliche Anordnung, wodurch Sparta auf immer allen den gewaltſamen innern Stuͤrmen entging, die es bisher erſchuͤttert hatten. Dadurch wurde es jedem Theil unmoͤglich gemacht, den andern unter die Fuͤße zu treten; ge⸗ gen Senat und Volk konnten die Koͤnige nichts ausrichten, und eben ſo wenig konnte das Volk das Uebergewicht erhalten, wenn der Senat mit den Koͤnigen gemeine Sache machte. Aber einem dritten Falle hatte Lykurgus nicht begegnet— wenn naͤmlich der Senat ſelbſt ſeine Macht mißbrauchte. Der Senat konnte ſich als ein Mittelglied, ohne Gefahr der oͤffent⸗ lichen Ruhe, gleich leicht mit den Koͤnigen wie mit dem Volke verbinden, aber ohne große Gefahr des Staats durften ſich die Koͤnige nicht mit dem Volke gegen den Senat vereinigen. Dieſer letzte fing daher bald an, dieſe vortheilhafte Lage zu be⸗ nutzen, und einen ausſchweifenden Gebrauch von ſeiner Gewalt zu machen, welches um ſo mehr gelang, da die geringe Anzahl der Senatoren es ihnen leicht machte, ſich mit einander ein⸗ zuverſtehen. Der Nachfolger des Lykurgus ergaͤnzte deßwegen dieſe Luͤcke, und fuͤhrte die Ephoren ein, welche der Macht des Senats einen Zaum anlegten. Gefaͤhrlicher und kuͤhner war die zweite Anordnung, welche Lykurgus machte. Dieſe war: das ganze Land in gleichen Thei⸗ len unter den Buͤrgern zu vertheilen, und den unterſchied zwi⸗ ſchen Reichen und Armen auf immerdar aufzuheben. Ganz La⸗ konien wurde in dreißigtauſend Felder, der Acker um die Stadt Sparta ſelbſt in neuntauſend Felder getheilt, jedes groß ge⸗ nug, daß eine Familie reichlich damit auskommen konnte. Sparta gab jetzt einen ſchoͤnen, reizenden Anblick, und Lykur⸗ gus ſelbſt weidete ſich an dieſem Schauſpiel, als er in der Folge 44* das Land durchreiste. Ganz Lakonien, rief er aus, gleicht ei⸗ nem Acker, den Bruͤder bruͤderlich unter ſich theilten. Eben ſo gern, wie die Aecker, haͤtte Lykurgus auch die be⸗ weglichen Guter vertheilt, aber dieſem Vorhaben ſtellten ſich unuͤberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Er verſuchte alſo durch Umwege zu dieſem Ziele zu gelangen, und das, was er nicht durch ein Machtwort aufheben konnte, von ſich ſelbſt fal⸗ len zu machen. Er fing damit an, alle goldnen und ſilbernen Muͤnzen zu verbieten, und an ihrer Statt eiſerne einzufuͤhren. Zugleich gab er einem großen und ſchweren Stuͤck Eiſen einen ſehr ge⸗ ringen Werth, daß man einen großen Raum brauchte, um eine kleine Geldſumme aufzubewahren, und viele Pferde, um ſie fortzuſchaffen. Ja, damit man nicht einmal verſucht werden moͤchte, dieſes Geld des Eiſens wegen zu ſchaͤtzen und zuſam⸗ menzuſcharren, ſo ließ er das Eiſen, welches dazu genommen wurde, vorher gluͤhend in Eſſig loͤſchen und haͤrten, wodurch es zu jedem andern Gebrauch untuͤchtig wurde. Wer ſollte nun ſtehlen oder ſich beſtechen laſſen, oder Reich⸗ thuͤmer aufzuhaͤufen trachten, da der kleine Gewinn weder ver⸗ hehlt noch genutzt werden konnte? Nicht genng, daß Lykurg ſeinen Mithuͤrgern dadurch die Mittel zur Ueppigkeit entzog— er ruͤckte ihnen auch die Ge⸗ genſtaͤnde derſelben aus den Augen, die ſie dazu haͤtten reizen koͤnnen. Sparta's eiſerne Muͤnze konnte kein fremder Kauf⸗ mann brauchen, und eine andere hatten ſie ihm nicht zu geben. Alle Kuͤnſtler, die fuͤr den Luxus arbeiteten, verſchwanden jetzt aus Lakonien, kein auswaͤrtiges Schiff erſchien mehr in ſeinen Haͤfen, kein Abenteurer zeigte ſich mehr, ſein Gluͤck in dieſem Lande zu ſuchen, kein Kaufmann kam, die Eitelkeit und Wol⸗ luſt zu brandſchatzen, denn ſie konnten nichts mit ſich hinweg⸗ 441 nehmen, als eiſerne Muͤnzen, die in allen andern Laͤndern ver⸗ achtet wurden. Der Lurus hoͤrte auf, weil Niemand da war, der ihn unterhalten haͤtte. Lykurg arbeitete noch auf eine andere Art der Ueppigkeit entgegen. Er verordnete, daß alle Buͤrger an einem oͤffent⸗ lichen Orte in Gemeinſchaft zuſammen ſpeiſen, und alle dieſelbe vorgeſchriebene Koſt mit einander theilen ſollten. Es war nicht erlaubt, zu Hauſe der Weichlichkeit zu dienen, und ſich durch eigene Koͤche koſtbare Speiſen zurichten zu laſſen. Jeder mußte monatlich eine gewiſſe Summe an Lebensmitteln zu der oͤffent⸗ lichen Mahlzeit geben, und dafuͤr erhielt er die Koſt von dem Staate. Fünfzehn ſpeisten gewoͤhnlich an einem Tiſche zuſam⸗ men, und jeder Tiſchgenoſſe mußte alle uͤbrigen Stimmen fuͤr ſich haben, um an die Tafel aufgenommen zu werden. Weg⸗ bleiben durfte keiner ohne eine guͤltige Entſchuldigung; dieſes Gebot wurde ſo ſtreng gehalten, daß ſelbſt Agis, einer der fol⸗ genden Koͤnige, als er aus einem ruͤhmlich gefuͤhrten Kriege nach Sparta zurückkam und mit ſeiner Gemahlin allein ſpeiſen wollte, eine abſchlaͤgige Antwort von den Ephoren erhielt. Un⸗ ter den Speiſen der Spartaner iſt die ſchwarze Suppe be⸗ ruͤhmt; ein Gericht, zu deſſen Lobe geſagt wurde, die Sparta⸗ ner haͤtten gut tapfer ſeyn, weil es kein ſo großes Uebel waͤre, zu ſterben, als ihre ſchwarze Suppe zu eſſen. Ihre Mahlzeit wuͤrzten ſie mit Luſtigkeit und Scherz, denn Lykurg ſelbſt war ſo ſehr ein Freund der geſelligen Freude, daß er dem Gott des Lachens in ſeinem Hauſe einen Altar errichtete. Durch die Einfuͤhrung dieſer gemeinſchaftlichen Speiſung gewann Lykurgus fuͤr ſeinen Zweck ſehr viel. Aller Lurus an koſtbarem Tafelgeraͤthe hoͤrte auf, weil man an dem oͤffentlichen Tiſche keinen Gebrauch davon machen konnte. Der Schwelgerei wurde auf immer Einhalt gethan; geſunde und ſtarke Koͤrper 44⁴² waren die Folge dieſer Maͤßigung und Ordnung, und geſunde Vaͤter konnten dem Staate ſtarke Kinder zeugen. Die gemein⸗ ſchaftliche Speiſung gewoͤhnte die Buͤrger, mit einander zu le⸗ ben, und ſich als Glieder desſelben Staatskoͤrpers zu betrach⸗ ten— nicht einmal zu gedenken, daß eine ſo gleiche Lebens⸗ weiſe auch auf die gleiche Stimmung der Gemuͤther Einfluß haben mußte. Ein anderes Geſetz verordnete, daß kein Haus ein anderes Dach haben duͤrfte, als welches mit der Art verfertigt worden, und keine andere Thuͤr, als die bloß mit Huͤlfe einer Saͤge ge⸗ macht worden ſey. In ein ſo ſchlechtes Haus konnte ſich Nie⸗ mand einfallen laſſen, koſtbare Moͤbel zu ſchaffen; Alles mußte ſich harmoniſch zu dem Ganzen ſtimmen. Lykurgus begriff wohl, daß es nicht damit gethan ſey, Ge⸗ ſetze fuͤr ſeine Mitbuͤrger zu ſchaffen; er mußte auch Buͤrger fuͤr dieſe Geſetze erſchaffen. In den Gemuͤthern der Spartaner mußte er ſeiner Verfaſſung die Ewigkeit ſichern, in dieſen mußte er die Empfaͤnglichkeit fuͤr fremde Eindruͤcke ertoͤdten. Der wichtigſte Theil ſeiner Geſetzgebung war daher die Er⸗ ziehung, und durch dieſe ſchloß er gleichſam den Kreis, in wel⸗ chem der ſpartaniſche Staat ſich um ſich ſelbſt bewegen ſollte. Die Erziehung war ein wichtiges Werk des Staats, und der Staat ein fortdauerndes Werk dieſer Erziehung. Seine Sorgfalt fuͤr die Kinder erſtreckte ſich bis auf die Quellen der Zeugung. Die Koͤrper der Jungfrauen wurden durch Leibesuͤbungen gehaͤrtet, um ſtarke geſunde Kinder leicht zu gebaͤren. Sie gingen ſogar unbekleidet, um alle Unfaͤlle der Witterung auszuhalten. Der Braͤutigam mußte ſie rauben, und durfte ſie auch nur des Nachts und verſtohlen beſuchen. Dadurch blieben Beide in den erſten Jahren der Ehe einander immer noch fremd, und Liebe blieb neu und lebendig. 443 Aus der Ehe ſelbſt wurde alle Eiferſucht verbannt. Alles, auch die Schamhaftigkeit, ordnete der Geſetzgeber ſeinem Haupt⸗ zweck unter. Er opferte die weibliche Treue auf, um geſunde Kinder fuͤr den Staat zu gewinnen. Sobald das Kind geboren war, gehoͤrte es dem Staat.— Vater und Mutter hatten es verloren. Es wurde von den Aelteſten beſichtigt; wenn es ſtark und wohlgebildet war, uͤber⸗ gab man es einer Waͤrterin; war es ſchwaͤchlich und miß⸗ geſtaltet, ſo warf man es in einen Abgrund an dem Berge Taygetus. Die ſpartaniſchen Waͤrterinnen wurden wegen der harten Erziehung, die ſie den Kindern gaben, in ganz Griechenland be⸗ ruͤhmt und in entfernte Laͤnder berufen. Sobald ein Knabe das ſiebente Jahr erreicht hatte, wurde er ihnen genommen, und mit Kindern ſeines Alters gemeinſchaftlich erzogen, ernaͤhrt und unterrichtet. Fruͤhe lehrte man ihn Beſchwerlichkeiten Trotz bieten, und durch Leibesuͤbungen eine Herrſchaft uͤber ſeine Glieder erlangen. Erreichten ſie die Juͤnglingsjahre, ſo hatten die edelſten unter ihnen Hoffnung, Freunde unter den Erwachſenen zu erhalten, die durch eine begeiſterte Liebe an ſie gebunden waren. Die Alten waren bei ihren Spielen zugegen, beobachteten das aufkeimende Genie, und ermunterten die Ruhmbegierde durch Lob oder Tadel. Wenn ſie ſich ſatt eſſen wollten, ſo mußten ſie die Lebensmittel dazu ſtehlen, und wer ſich ertappen ließ, hatte eine harte Zuͤchtigung und Schande zu erwarten. Lykurgus waͤhlte dieſes Mittel, um ſie fruͤhe an Liſt und Raͤnke zu gewoͤhnen— Eigenſchaften, die er fuͤr den kriegeriſchen Zweck, zu dem er ſie bildete, eben ſo wichtig glaubte, als Leibesſtaͤrke und Muth. Wir haben ſchon oben geſehen, wie wenig gewiſſenhaft Lykurgus in Betreff der Sittlichkeit war, wenn es darauf ankam, ſeinen politiſchen Zweck zu verfolgen. 4314 Uebrigens muß man in Betrachtung ziehen, daß weder die Entweihung der Ehen, noch dieſer befohlene Diebſtahl in Sparta den politiſchen Schaden anrichten konnten, den ſie in jedem andern Staate wuͤrden zur Folge gehabt haben. Da der Staat die Erziehung der Kinder uͤbernahm, ſo war ſie unabhaͤngig von dem Gluͤck und der Reinigkeit der Ehen; da in Sparta wenig Werth auf dem Eigenthume ruhte und faſt alle Guͤter gemeinſchaftlich waren, ſo war die Sicherheit des Eigenthums kein ſo wichtiger Punkt, und ein Angriff darauf— beſonders wenn der Staat ihn lenkte und Abſichten dadurch erreichte— kein buͤrgerliches Verbrechen. Den jungen Spartanern war es verboten, ſich zu ſchmuͤcken, ausgenommen, wenn ſie in das Treffen oder in ſonſt eine große Gefahr gingen. Dann erlaubte man ihnen, ihre Haare ſchoͤn aufzuputzen, ihre Kleider zu ſchmuͤcken und Zierrathen an den Waffen zu tragen. Das Haar, ſagte Lykurg, mache ſchoͤne Leute ſchoͤner und haͤßliche fuͤrchterlich. Es war gewiß ein fei⸗ ner Kunſtgriff des Geſetzgebers, etwas Lachendes und Feſtliches mit Gelegenheiten der Gefahr zu verbinden, und ihnen dadurch das Schreckliche zu benehmen. Er ging noch weiter. Er ließ im Kriege von der ſtrengen Disciplin etwas nach, die Lebens⸗ art war dann freier, und Vergehungen wurden weniger hart geahndet. Daher kam es, daß der Krieg den Spartanern allein eine Art von Erholung war, und daß ſie ſich darauf, wie auf eine froͤhliche Gelegenheit, freuten. Ruͤckte der Feind an, ſo ließ der ſpartaniſche Koͤnig das Kaſtoriſche Lied anſtimmen, die Soldaten ruͤckten in feſtgeſchloſſenen Reihen unter Floͤten⸗ geſang fort, und gingen freudig und unerſchrocken, nach dem Klange der Muſik, der Gefahr entgegen. Der Plan des Lykurgus brachte es mit ſich, daß die An⸗ haͤnglichkeit an das Eigenthum der Anhaͤnglichkeit an das Va⸗ 445 terland durchaus nachſtand, und daß die Gemuther, durch keine Privatſorge zerſtreut, nur dem Staate lebten. Darum fand er fuͤr gut und nothwendig, ſeinen Mitbuͤrgern auch die Geſchaͤfte des gewöhnlichen Lebens zu erſparen, und dieſe durch Fremd⸗ linge verrichten zu laſſen, damit auch nicht einmal die Sorge der Arbeit oder die Freude an haͤuslichen Geſchaͤften ihren Geiſt von dem Intereſſe des Vaterlands abzoͤge. Die Aecker und das Haus wurden deßwegen von Sklaven beſorgt, die in Sparta dem Vieh gleich geachtet wurden. Man nennt ſie Heloten, weil die erſten Sklaven der Spartaner Einwohner der Stadt Helos in Lakonien geweſen, welche ſie bekriegt und zu Gefangenen gemacht hatten. Von dieſen Heloten fuͤhrten nachher alle ſpartaniſchen Sklaven, die ſie in ihren Kriegen er⸗ beuteten, den Namen. Abſcheulich war der Gebrauch, den man in Sparta von die⸗ ſen ungluͤcklichen Menſchen machte. Man betrachtete ſie als ein Geraͤthe, von dem man zu politiſchen Abſichten, wie man wollte, Gebrauch machen koͤnnte, und die Menſchheit wurde auf eine wirklich empoͤrende Art in ihnen verſpottet. Um der ſpartaniſchen Jugend ein abſchreckendes Bild von der Unmaͤßig⸗ keit im Trinken zu geben, zwang man dieſe Heloten, ſich zu betrinken, und ſtellte ſie dann in dieſem Zuſtande oͤffentlich zur Schau aus. Man ließ ſie ſchaͤndliche Lieder ſingen und laͤcher⸗ iche Taͤnze tanzen, die Taͤnze der Freigebornen waren ihnen verboten. Man gebrauchte ſie zu einer noch weit unmenſchlichern Ab⸗ ſicht. Es war dem Staate darum zu thun, den Muth ſeiner kuͤhnſten Juͤnglinge auf ſchwere Proben zu ſetzen, und ſie durch blutige Vorſpiele zum Kriege vorzubereiten. Der Senat ſchickte alſo zu gewiſſen Zeiten eine gewiſſe Anzahl dieſer Juͤnglinge auf das Land; nichts als ein Dolch und etwas Speiſe wurde 446 ihnen auf die Reiſe mitgegeben. Am Tage war ihnen auf⸗ erlegt, ſich verborgen zu halten; bei Nachtzeit aber zogen ſie auf die Straßen und ſchlugen die Heloten todt, die ihnen in die Haͤnde fielen. Dieſe Anſtalt nannte man die Kryptia oder den Hinterhalt; aber ob Lykurgus der Stifter derſelben war, iſt noch im Zweifel. Wenigſtens folgt ſie ganz aus ſeinem Princip. Wie die Republik Sparta in ihren Kriegen gluͤcklich war, ſo vermehrte ſich auch die Anzahl dieſer Heloten, daß ſie anfingen, der Republik ſelbſt gefaͤhrlich zu werden, und auch wirklich durch eine ſo barbariſche Behandlung zur Verzweiflung gebracht, Empoͤrungen entſpannen. Der Senat faßte einen unmenſchlichen Entſchluß, den er durch die Nothwendigkeit ent⸗ ſchuldigt glaubte. Unter dem Vorwand, ihnen die Freiheit zu ſchenken, wurden einmal waͤhrend des peloponneſiſchen Kriegs zweitauſend der tapferſten Heloten verſammelt und, mit Kraͤn⸗ zen geſchmuͤckt, in einer feierlichen Proceſſion in die Tempel begleitet. Hier aber verſchwanden ſie ploͤtzlich, und Niemand erfuhr, was mit ihnen geworden war. So viel iſt uͤbrigens ge⸗ wiß, und in Griechenland zum Spruͤchwort geworden, daß die ſpartaniſchen Sklaven die ungluͤckſeligſten aller andern Sklaven, ſo wie die ſpartaniſchen freien Buͤrger die freieſten aller Buͤr⸗ ger geweſen. Weil den Letztern alle Arbeiten durch die Heloten abgenom⸗ men waren, ſo brachten ſie ihr ganzes Leben muͤßig zu; die Jugend uͤbte ſich in kriegeriſchen Spielen und Geſchicklichkeiten, und die Alten waren die Zuſchauer und Richter bei dieſen Uebungen. Einem ſpartaniſchen Greiſe gereichte es zur Schande, von dem Orte wegzubleiben, wo die Jugend erzogen wurde. Auf dieſe Art kam es, daß jeder Spartaner mit dem Staate lebte, alle Handlungen wurden dadurch oͤffentliche Handlungen. Unter den Augen der Nation reifte die Jugend heran und ver⸗ 447 bluͤhte das Alter. unaufhoͤrlich hatte der Spartaner Sparta vor Augen und Sparta ihn. Er war Zeuge von Allem, und Alles war Zeuge ſeines Lebens. Die Ruhmbegierde erhielt ei⸗ nen immerwaͤhrenden Sporn, der Nationalgeiſt eine unaufhoͤr⸗ liche Nahrung; die Idee von Vaterland und vaterlaͤn⸗ diſchem Intereſſe verwuchs mit dem innerſten Leben aller ſeiner Buͤrger. Noch andere Gelegenheiten, dieſe Triebe zu entflammen, gaben die oͤffentlichen Feſte, welche in dem muͤ⸗ ßigen Sparta ſehr zahlreich waren. Kriegeriſche Volkslieder wurden dabei geſungen, welche den Ruhm der fuͤrs Vaterland gefallenen Buͤrger, oder Ermunterungen zur Tapferkeit zum gewoͤhnlichen Inhalt hatten. Sie erſchienen an dieſen Feſten in drei Choͤren nach dem Alter eingetheilt. Der Chor der Al⸗ ten fing an zu ſingen: In der Vorzeit waren wir Hel⸗ den. Der Chor der Maͤnner antwortete: Helden ſind wir jetzt! Komme, wer will, es zu erproben! Der dritte Chor der Knaben fiel ein: Helden werden wir einſt, und euch durch Thaten verdunkeln. Werfen wir einen bloß fluͤchtigen Blick auf die Geſetzgebung des Lykurgus, ſo befaͤllt uns wirklich ein angenehmes Erſtau⸗ nen. Unter allen aͤhnlichen Inſtituten des Alterthums iſt ſie unſtreitig die vollendetſte, die Moſaiſche Geſetzgebung aus⸗ genommen, der ſie in vielen Stuͤcken, und vorzuͤglich in dem Principium gleicht, das ihr zum Grunde liegt. Sie iſt wirklich in ſich ſelbſt vollendet. Alles ſchließt ſich darin aneinander an. Eines wird durch Alles, und Alles durch Eines gehalten. Beſ⸗ ſere Mittel konnte Lykurgus wohl nicht waͤhlen, den Zweck zu erreichen, den er vor Augen hatte, einen Staat naͤmlich, der von allen ubrigen iſolirt, ſich ſelbſt genug und faͤhig waͤre, durch innern Kreislauf und eigene lebendige Kraft ſich ſelbſt zu er⸗ halten. Kein Geſetzgeber hat je einem Staate dieſe Einheit, 448 dieſes Nationalintereſſe, dieſen Gemeingeiſt gegeben, den Ly⸗ kurgus dem ſeinigen gab. Und wodurch hat Lykurgus dieſes bewirkt?— Dadurch, daß er die Thaͤtigkeit ſeiner Mitbuͤrger in den Staat zu leiten wußte, und ihnen alle anderen Wege zu⸗ ſchloß, die ſie haͤtten davon abziehen koͤnnen. Alles, was Menſchenſeelen feſſelt und Leidenſchaften ent⸗ zuͤndet, Alles, außer dem politiſchen Intereſſe, hatte er durch ſeine Geſetzgebung entfernt. Reichthum und Wolluͤſte, Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt, hatten keinen Zugang zu den Gemuͤthern der Spartaner. Durch die gleiche gemeinſchaftliche Armuth fiel die Vergleichung der Gluͤcksumſtaͤnde weg, die in den meiſten Menſchen die Gewinnſucht entzuͤndet; der Wunſch nach Beſitz⸗ thuͤmern fiel mit der Gelegenheit hinweg, ſie zu zeigen und zu nutzen. Durch die tiefe Unwiſſenheit in Kunſt und Wiſſenſchaft, welche alle Koͤpfe in Sparta auf gleiche Art verfinſterte, ver⸗ wahrte er es vor Eingriffen, die ein erleuchteter Geiſt in die Verfaſſung gethan haben wuͤrde; eben dieſe Unwiſſenheit, mit dem rauhen Nationaltrotz verbunden, der jedem Spartaner eigenthuͤmlich war, ſtand ihrer Vermiſchung mit andern grie⸗ chiſchen Voͤlkern unaufhoͤrlich im Wege. In der Wiege ſchon waren ſie zu Spartanern geſtempelt, und je mehr ſie andern Nationen entgegen ſtießen, deſto feſter mußten ſie an ihrem Mittelpunkt halten. Das Vaterland war das erſte Schauſpiel, das ſich dem ſpartaniſchen Knaben zeigte, wenn er zum Denken erwachte. Er erwachte im Schooß des Staats; Alles, was um ihn lag, war Nation, Staat und Vaterland. Es war der erſte Eindruck in ſeinem Gehirne, und ſein ganzes Leben war eine ewige Erneuerung dieſes Eindrucks. Zu Hauſe fand der Spartaner nichts, das ihn haͤtte feſſeln koͤnnen; alle Reize hatte der Geſetzgeber ſeinen Augen entzogen. Nur im Schooße des Staats fand er Beſchaͤftigung, Ergoͤtzung, 449 Ehre, Belohnung; alle ſeine Triebe und Leidenſchaften waren nach dieſem Mittelpunkt hingeleitet. Der Staat hatte alſo die ganze Energie, die Kraft aller ſeiner einzelnen Buͤrger, und an dem Gemeingeiſt, der alle zuſammen entflammte, mußte ſich der Nationalgeiſt jedes einzelnen Buͤrgers entzuͤnden. Daher iſt es kein Wunder, daß die ſpartaniſche Vaterlands⸗ tugend einen Grad von Staͤrke erreichte, der uns unglaublich ſcheinen muß. Daher kam es, daß bei dem Buͤrger dieſer Republik gar kein Zweifel ſtatt finden konnte, wenn es darauf ankam, zwiſchen Selbſterhaltung und Rettung des Vaterlandes eine Wahl zu treffen. Daher iſt es begreiflich, wie ſich der ſpartaniſche Koͤnig Leonidas mit ſeinen dreihundert Helden die Grabſchrift verdienen konnte, die ſchoͤnſte ihrer Art und das erhabenſte Denkmal politiſcher Tugend.„Erzaͤhle, Wandrer, wenn du nach Sparta kommſt, daß wir, ſeinen Geſetzen gehorſam, hier gefallen ſind.“ Man muß alſo eingeſtehen, daß nichts zweckmaͤßiger, nichts durchdachter ſeyn kann, als dieſe Staatsverfaſſung, daß ſie in ihrer Art ein volle. detes Kunſtwerk vorſtellt, und in ihrer ganzen Strenge befolgt, nothwendig auf ſich ſelbſt haͤtte ruhen muͤſſen. Waͤre aber meine Schilderung hier zu Ende, ſo wuͤrde ich mich eines ſehr großen Irrthums ſchuldig gemacht haben. Dieſe bewunderungswuͤrdige Verfafung iſt im hoͤchſten Grade verwerflich, und nichts Traurigeres onnte der Menſch⸗ heit begegnen, als wenn alle Staaten nach dieſem Muſter waͤren gegruͤndet worden. Es wird uns nicht ſchwer fallen, uns von dieſer Behauptung zu uͤberzeugen. Gegen ſeinen eigenen Zweck gehalten, iſt die Geſetzgebung des Lykurgus ein Meiſterſtuͤck der Staats⸗ und Menſchenkunde. Er wollte einen maͤchtigen, in ſich ſelbſt gegruͤndeten, unzerſtoͤr⸗ baren Staat; politiſche Staͤrke und Dauerhaftigkeit waren das Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 5 29 450 Ziel, wornach er ſtrebte, und dieſes Ziel hat er ſo weit erreicht, als unter ſeinen Umſtaͤnden moͤglich war. Aber haͤlt man den Zweck, welchen Lykurgus ſich vorſetzte, gegen den Zweck der Menſchheit, ſo muß eine tiefe Mißbilligung an die Stelle der Bewunderung treten, die uns der erſte fluͤchtige Blick ab⸗ gewonnen hat. Alles darf dem Beſten des Staats zum Opfer gebracht werden, nur dasjenige nicht, dem der Staat ſelbſt nur als ein Mittel dient. Der Staat ſelbſt iſt niemals Zweck, er iſt nur wichtig als eine Bedingung, unter welcher der Zweck der Menſchheit erfuͤllt werden kann, und dieſer Zweck der Menſchheit iſt kein anderer, als Ausbildung aller Kraͤfte des Menſchen, Fortſchreitung. Hindert eine Staatsverfaſſung, daß alle Kraͤfte, die im Menſchen liegen, ſich entwickeln; hindert ſie die Fortſchreitung des Geiſtes: ſo iſt ſie verwerflich und ſchaͤdlich, ſie mag uͤbrigens noch ſo durchdacht, und in ihrer Art noch ſo vollkommen ſeyn. Ihre Dauerhaftigkeit ſelbſt gereicht ihr alsdann vielmehr zum Vorwurf, als zum Ruhme— ſie iſt dann nur ein verlaͤngertes Uebel; je laͤnger ſie Beſtand hat, um ſo ſchaͤdlicher iſt ſie. Ueberhaupt koͤnnen wir bei Beurtheilung politiſcher Anſtalten als eine Regel feſtſetzen, daß ſie nur gut und lobenswuͤrdig ſind, inſofern ſie alle Kraͤfte, die im Menſchen liegen, zur Ausbildung bringen, inſofern ſie Fortſchreitung der Cultur befoͤrdern, oder wenigſtens nicht hemmen. Dieſes gilt von Religions⸗, wie von politiſchen Geſetzen; beide ſind verwerflich, wenn ſie eine Kraft des menſchlichen Geiſtes feſſeln, wenn ſie ihm in irgend etwas einen Stillſtand auferlegen. Ein Geſetz z. B., wodurch eine Nation verbunden wuͤrde, bei dem Glau⸗ bensſchema beſtaͤndig zu verharren, das ihr in einer gewiſſen Periode als das vortrefflichſte erſchienen, ein ſolches Geſetz waͤre ein Attentat gegen die Menſchheit, und keine noch ſo 451 ſcheinbare Abſicht wuͤrde es rechtfertigen koͤnnen. Es waͤre unmittelbar gegen das hoͤchſte Gut, gegen den hoͤchſten Zweck der Geſellſchaft gerichtet. Mit dieſem allgemeinen Maßſtab verſehen, koͤnnen wir nicht lange zweifelhaft ſeyn, wie wir den Lykurgiſchen Staat beurtheilen ſollen. Eine einzige Tugend war es, die in Sparta mit Hint⸗ anſetzung aller andern geübt wurde, Vaterlandsliebe. Dieſem kuͤnſtlichen Triebe wurden die natuͤrlichſten ſchoͤnſten Gefuͤhle der Menſchheit zum Opfer gebracht. Auf Unkoſten aller ſittlichen Gefuͤhle wurde das politiſche Verdienſt errungen, und die Faͤhigkeit dazu ausgebildet. In Sparta gab es keine eheliche Liebe, keine Mutterliebe, keine kindliche Liebe, keine Freundſchaft— es gab nichts als Buͤrger, nichts als buͤrgerliche Tugend. Lange Zeit hatte man jene ſpartaniſche Mutter bewundert, die ihren aus dem Treffen entkommenen Sohn mit Unwillen von ſich ſtoͤßt, und nach dem Tempel eilt, den Goͤttern fuͤr den Gefallenen zu danken. Zu einer ſolchen unnatuͤrlichen Staͤrke des Geiſtes haͤtte man der Menſchheit nicht Gluͤck wuͤnſchen ſollen. Eine zaͤrtliche Mutter iſt eine weit ſchoͤnere Erſcheinung in der moraliſchen Welt, als ein heroiſches Zwittergeſchoͤpf, das die natuͤrliche Empfindung verlaugnet, um kuͤnſtliche Pflicht zu befeiedigen. Welch ſchoͤneres Schauſpiel gibt der rauhe Krieger Corio⸗ lanus in ſeinem Lager vor Rom, der Rache und Sieg auf⸗ opfert, weil er die Thraͤnen der Mutter nicht fließen ſehen kann! Dadurch, daß der Staat der Vater ſeines Kindes wurde, hoͤrte der natuͤrliche Vater desſelben auf, es zu ſeyn. Das Kind lernte nie ſeine Mutter, ſeinen Vater lieben, weil es ſchon in dem zarteſten Alter von ihnen geriſſen, ſeine Eltern nicht an ihren Wohlthaten, nur von Hoͤrenſagen erfuhr. 45² Auf eine noch empoͤrendere Art wurde das allgemeine Men⸗ ſchengefuͤhl in Sparta ertoͤdtet, und die Seele aller Pflichten, die Achtung gegen die Gattung, ging unwiederbringlich ver⸗ loren. Ein Staatsgeſetz machte den Spartanern die Unmenſch⸗ lichkeit gegen ihre Sklaven zur Pflicht; in dieſen ungluͤcklichen Schlachtopfern wurde die Menſchheit beſchimpft und mißhandelt. In dem ſpartaniſchen Geſetzbuche ſelbſt wurde der gefaͤhrliche Grundſatz gepredigt, Menſchen als Mittel und nicht als Zwecke zu betrachten— dadurch wurden die Grundfeſten des Natur⸗ rechts und der Sittlichkeit geſetzmaͤßig eingeriſſen. Die ganze Moralitaͤt wurde preisgegeben, um etwas zu erhalten, das doch nur als ein Mittel zu dieſer Moralitaͤt einen Werth haben kann. Kann etwas widerſprechender ſeyn, und kann ein Wider⸗ ſpruch ſchrecklichere Folgen haben, als dieſer? Nicht genug, daß Lykurgus auf den Ruin der Sittlichkeit ſeinen Staat gruͤndete, er arbeitete auf eine andere Art gegen den hoͤchſten Zweck der Menſchheit, indem er durch ſein fein durchdachtes Staatsſyſtem den Geiſt der Spartaner auf derjenigen Stufe feſt hielt, worauf er ihn fand, und auf ewig alle Fortſchritte hemmte. Aller Kunſtfleiß war aus Sparta verbannt, alle Wiſſen⸗ ſchaften wurden vernachlaͤſſigt, aller Handelsverkehr mit frem⸗ den Voͤlkern verboten, alles Auswaͤrtige wurde ausgeſchloſſen. Dadurch wurden alle Canaͤle geſperrt, wodurch ſeiner Nation helle Begriffe zufließen konnten; in einer ewigen Einfoͤrmigkeit, in einem traurigen Egoismus ſollte ſich der ſpartaniſche Staat ewig nur um ſich ſelbſt bewegen. Das Geſchaͤft aller ſeiner vereinigten Buͤrger war, ſich zu er⸗ halten, was ſie beſaßen, und zu bleiben, was ſie waren, nicht Neues zu erwerben, nicht auf eine hoͤhere Stufe zu ſteigen. Un⸗ erbittliche Geſetze mußten daruͤber wachen, daß keine Neuerung 453 in das Uhrwerk des Staates griff, daß ſelbſt der Fortſchritt der Zeit an der Form der Geſetze nichts veraͤnderte. Um dieſe locale, dieſe temporaͤre Verfaſſung dauerhaft zu machen, mußte man den Geiſt des Volks auf derjenigen Stelle feſt halten, worauf er bei ihrer Gruͤndung geſtanden. Wir haben aber geſehen, daß Fortſchreitung des Geiſtes das Ziel des Staats ſeyn ſoll. Der Staat des Lykurgus konnte nur unter der einzigen Bedingung fortdauern, wenn der Geiſt des Volkes ſtille ſtuͤnde; er konnte ſich alſo nur dadurch erhalten, daß er den hoͤchſten und einzigen Zweck eines Staats verfehlte. Was man alſo zum Lobe des Lykurgus angefuͤhrt hat, daß Sparta nur ſo lange bluͤhen wuͤrde, als es dem Buchſtaben ſeines Geſetzes folgte, iſt das Schlimmſte, was von ihm geſagt werden konnte. Eben dadurch, daß es die alte Staatsform nicht verlaſſen durfte, die Lykurg ihm gegeben, ohne ſich dem gaͤnzlichen Untergang auszuſetzen, daß es bleiben mußte, was es war, daß es ſtehen mußte, wo ein einziger Mann es hingeworfen, eben dadurch war Sparta ein ungluͤcklicher Staat— und kein traurigeres Geſchenk haͤtte ihm ſein Geſetzgeber machen koͤnnen, als dieſe geruͤhmte ewige Dauer einer Verfaſſung, die ſeiner wahren Groͤße und Gluͤckſeligkeit ſo ſehr im Wege ſtand. Nehmen wir dieß zuſammen, ſo verſchwindet der falſche Glanz, wodurch die einzige hervorſtechende Seite des ſparta⸗ niſchen Staats ein unerfahrnes Auge blendet— wir ſehen nichts mehr, als einen ſchuͤlerhaften unvollkommenen Verſuch — das erſte Exercitium des jugendlichen Weltalters, dem es noch an Erfahrung und hellen Einſichten fehlte, die wahren Verhaͤltniſſe der Dinge zu erkennen. So fehlerhaft dieſer erſte Verſuch ausgefallen iſt, ſo wird und muß er einem philo⸗ ſophiſchen Forſcher der Menſchengeſchichte immer ſehr merk⸗ 454 wuͤrdig bleiben. Immer war es ein Rieſenſchritt des menſch⸗ lichen Geiſtes, dasjenige als ein Kunſtwerk zu behandeln, was bis jetzt dem Zufall und der Leidenſchaft uͤberlaſſen geweſen war. Unvollkommen mußte nothwendig der erſte Verſuch in der ſchwerſten aller Kuͤnſte ſeyn, aber ſchaͤtzbar bleibt er immer, weil er in der wichtigſten aller Kuͤnſte angeſtellt worden iſt. Die Bildhauer fingen mit Hermesſäulen an, ehe ſie ſich zu der vollkommenen Form eines Antinous, eines vaticaniſchen Apolls erhoben; die Geſetzgeber werden ſich noch lange in rohen Verſuchen uͤben, bis ſich ihnen endlich das gluͤckliche Gleich⸗ gewicht der geſellſchaftlichen Kraͤfte von ſelbſt darbietet. Der Stein leidet geduldig den bildenden Meißel, und die Saiten, die der Tonkuͤnſtler anſchlaͤgt, antworten ihm, ohne ſeinem Finger zu widerſtreben.— Der Geſetzgeber allein bearbeitet einen ſelbſtthaͤtigen wider⸗ ſtrebenden Stoff— die menſchliche Freiheit. Nur unvollkom⸗ men kann er das Ideal in Erfuͤllung bringen, das er in ſeinem Gehirne noch ſo rein entworfen hat; aber hier iſt der Verſuch allein ſchon alles Lobes werth, wenn er mit uneigennuͤtzigem Wohlwollen unternommen und mit Zweckmaͤßigkeit vollendet wird. Solon. Von der Geſetzgebung des Lykurgus in Sparta war die Geſetzgebung Solons in Athen faſt durchaus das Widerſpiel — und da die beiden Republiken Sparta und Athen die Haupt⸗ rollen in der griechiſchen Geſchichte ſpielen, ſo iſt es ein an⸗ ziehendes Geſchaͤft, ihre verſchiedenen Staatsverfaſſungen neben einander zu ſtellen, und ihre Gebrechen und Vorzuͤge gegen ein⸗ ander abzuwaͤgen. 45⁵ „ Nach dem Tode des Kodrus wurde die koͤnigliche Wuͤrde in Athen abgeſchafft, und einer Obrigkeit, die den Namen Archon fuͤhrte, die hoͤchſte Gewalt auf Lebenslang uͤber⸗ tragen. In einem Zeitraum von mehr als dreihundert Jahren herrſchten dreizehn ſolcher Archonten in Athen, und aus dieſem Zeitraum hat uns die Geſchichte nichts Merkwuͤrdiges von der neuen Republik aufbehalten. Aber der Geiſt der Demokratie, der den Athenienſern ſchon zu Homers Zeiten eigenthuͤmlich war, regte ſich am Schluß dieſer Periode wieder. Eine lebenslaͤngliche Dauer des Archontats war ihnen doch ein allzulebhaftes Bild der koͤniglichen Wuͤrde, und vielleicht hatten die vorhergegangenen Archonten ihre große und dauerhafte Macht mißbraucht. Man ſetzte alſo die Dauer der Archonten auf zehn Jahre. Ein wichtiger Schritt zur künftigen Freiheit; denn dadurch, daß es alle zehn Jahre einen neuen Beherrſcher waͤhlte, erneuerte das Volk den Act ſeiner Souveraͤnetaͤt, es nahm alle zehn Jahre ſeine weggegebene Gewalt zuruͤck, um ſie nach Gutbefinden von neuem wegzugeben. Dadurch blieb ihm immer in friſchem Gedaͤchtniß, was die Unterthanen erb⸗ licher Monarchien zuletzt ganz vergeſſen, daß es ſelbſt die Quelle der hoͤchſten Gewalt, daß der Fuͤrſt nur das Geſchoͤpf der Nation iſt. Dreihundert Jahre hatte das athenienſiſche Volk einen lebenslaͤnglichen Archon uͤber ſich geduldet, aber der zehn⸗ jaͤhrigen Archonten wurde es ſchon im ſiebenzigſten Jahre muͤde. Dieß war ganz natuͤrlich, denn waͤhrend dieſer Zeit hatte es ſiebenmal die Archontenwahl erneuert, es war alſo ſiebenmal an ſeine Souveraͤnetaͤt erinnert worden. Der Geiſt der Freiheit hatte ſich alſo in der zweiten Periode weit leb⸗ hafter regen muͤſſen, weit ſchneller entwickeln muͤſſen, als in der erſten. 456 Der ſiebente der zehnjaͤhrigen Archonten war auch der letzte. von dieſer Gattung. Das Volk wollte alle Jahre den Genuß ſeiner Obergewalt haben, es hatte die Erfahrung gemacht, daß eine auf zehn Jahre verliehene Gewalt noch immer lang genug daure, um zum Mißbrauch zu verfuͤhren. Kuͤnftig alſo war die Archontenwuͤrde auf ein einziges Jahr eingeſchraͤnkt, nach deſſen Verfluß eine neue Wahl vorgenommen wurde. Es that noch einen Schritt weiter. Weil auch eine noch ſo kurz dauernde Gewalt in den Haͤnden eines Einzigen der Monarchie ſchon ſehr nahe kommt, ſo ſchwaͤchte es dieſe Gewalt, indem es dieſelbe unter neun Archonten vertheilte, die zugleich regierten. Drei dieſer neun Archonten hatten Vorzuͤge vor den ſechs uͤbrigen. Der erſte Archon, Eponymus genannt, fuͤhrte den Vorſitz bei der Verſammlung; ſein Name ſtand unter den öffentlichen Acten; nach ihm nannte man das Jahr. Der zweite, Baſileus oder Koͤnig genannt, hatte uͤber die Neligion zu wachen, und den Gottesdienſt zu beſorgen; dieß war aus fruͤhern Zeiten beibehalten, wo die Aufſicht uͤber den Gottes⸗ dienſt ein weſentliches Stuͤck der Koͤnigswuͤrde geweſen. Der dritte, Polemarch, war Anfuͤhrer im Kriege. Die ſechs uͤbrigen fuͤhrten den Namen Thesmotheten, weil ſie die Conſtitution zu bewahren, und die Geſetze zu erhalten und auszulegen hatten. Die Archonten wurden aus den vornehmſten Familien ge⸗ waͤhlt, und in ſpaͤtern Zeiten erſt drangen ſich auch Perſonen aus dem Volk in dieſe Wuͤrde. Die Verfaſſung war daher einer Ariſtokratie weit naͤher als einer Volksregierung, und das letzte hatte alſo noch nicht ſehr viel dabei gewonnen. Die Anordnung, daß jedes Jahr neun neue Archonten ge⸗ waͤhlt wurden, hatte neben ihrer guten Seite, naͤmlich Miß⸗ brauch der hoͤchſten Gewalt zu verhuͤten, auch eine ſehr ſchlimme, und dieſe war, daß ſie Factionen im Staat hervorbrachte. Denn 457 nun gab es viele Buͤrger im Staat, welche die hoͤchſte Gewalt bekleidet und wieder abgegeben hatten. Mit Niederlegung ihrer Wuͤrde konnten ſie nicht ſo leicht auch den Geſchmack an dieſer Wuͤrde, nicht ſo leicht das Vergnuͤgen am Herrſchen ablegen, das ſie zu koſten angefangen hatten. Sie wuͤnſchten alſo wieder zu werden, was ſie waren, ſie machten ſich alſo einen Anhang, ſie erregten innere Stuͤrme in der Republik. Die ſchnellere Abwechslung und die groͤßere Anzahl der Archonten machten ferner jedem angeſehenen und reichen Athenienſer Hoffnung, zum Archontat zu gelangen, eine Hoffnung, die er vorher, als nur Einer dieſe Wuͤrde bekleidete und nicht ſo bald wieder darin abgeloͤst wurde, wenig oder nicht gekannt hatte. Dieſe Hoff⸗ nung wurde endlich bei ihnen zur ungeduld, und dieſe Ungeduld fuͤhrte ſie zu gefaͤhrlichen Anſchlaͤgen. Beide alſo, ſowohl die, welche ſchon Archonten geweſen, als die, welche ſich ſehnten, es zu wer⸗ den, wurden der buͤrgerlichen Ruhe auf gleiche Art gefaͤhrlich. Das Schlimmſte dabei war, daß die obrigkeitliche Macht, durch Vertheilung unter Mehrere, und durch ihre kurze Dauer, mehr als jemals gebrochen war. Es fehlte daher an einer ſtar⸗ ken Hand, die Factionen zu baͤndigen und die aufruͤhreriſchen Koͤpfe im Zaum zu halten. Maͤchtige und verwegene Buͤrger ſtuͤrzten den Staat in Verwirrung und ſtrebten nach Unab⸗ haͤngigkeit. Man warf endlich, um dieſen Unruhen zu ſteuern, die Augen auf einen unbeſcholtenen und allgemein gefuͤrchteten Buͤrger, dem die Verbeſſerung der Geſetze, die bis jetzt nur in mangel⸗ haften Traditionen beſtanden, uͤbertragen ward. Drako hieß dieſer gefuͤrchtete Buͤrger— ein Mann ohne Menſchengefuͤhl, der der menſchlichen Natur nichts Gutes zutraute, alle Hand⸗ lungen bloß in dem finſtern Spiegel ſeiner eigenen truͤben Seele ſah, und ganz ohne Schonung war fuͤr die Schwaͤchen der 458 Menſchheit; ein ſchlechter Philoſoph und ein noch ſchlechterer Kenner der Menſchen, mit kaltem Herzen, beſchraͤnktem Kopf und unbiegſam in ſeinen Vorurtheilen. Solch ein Mann war vortrefflich, Geſetze zu vollziehen; aber ſie zu geben, konnte man keine ſchlimmere Wahl treffen. Es iſt uns wenig von den Geſetzen des Drako uͤbrig geblie⸗ ben, aber dieſes Wenige ſchildert uns den Mann und den Geiſt ſeiner Geſetzgebung. Alle Verbrechen ſtrafte er ohne Unter⸗ ſchied mit dem Tode, den Muͤßiggang wie den Mord, den Diebſtahl eines Kohls oder eines Schafs wie den Hochverrath und die Mordbrennerei. Als man ihn daher fragte, warum er die kleinen Vergehungen eben ſo ſtreng beſtrafe, als die ſchwer⸗ ſten Verbrechen, ſo war ſeine Antwort:„Die kleinſten Ver⸗ brechen ſind des Todes wuͤrdig; fuͤr die groͤßern weiß ich keine andere Strafe als den Tod— darum muß ich beide gleich behandeln.“ Drako's Geſetze ſind der Verſuch eines Anfaͤngers in der Kunſt, Menſchen zu regieren. Schrecken iſt das einzige In⸗ ſtrument, wodurch er wirkt. Er ſtraft nur begangenes Uebel, er verhindert es nicht, er bekuͤmmert ſich nicht darum, die Quellen desſelben zu verſtopfen und die Menſchen zu verbeſſern. Einen Menſchen aus den Lebendigen vertilgen, weil er etwas Boͤſes begangen hat, heißt eben ſo viel, als einen Baum um⸗ hauen, weil eine ſeiner Fruͤchte faul iſt. Seine Geſetze ſind doppelt zu tadeln, weil ſie nicht allein die heiligen Gefuͤhle und Rechte der Menſchheit wider ſich haben, ſondern auch, weil ſie auf das Volk, dem er ſie gab, nicht be⸗ rechnet waren. War ein Volk in der Welt ungeſchickt, durch ſolche Geſetze zu gedeihen, ſo war es das athenienſiſche. Die Sklaven der Pharaonen, oder des Koͤnigs der Koͤnige, wuͤrden 459 ſich endlich vielleicht darein gefunden haben— aber wie konnten Athenienſer unter ein ſolches Joch ſich beugen! Auch blieben ſie kaum ein halbes Jahrhundert in Kraft, ob er ihnen gleich den unbeſcheidenen Titel unwandelbarer Ge⸗ ſetze gab. Drako hatte alſo ſeinen Auftrag ſehr ſchlecht erfuͤllt, und anſtatt zu nuͤtzen, ſchadeten ſeine Geſetze. Weil ſie naͤmlich nicht befolgt werden konnten, und doch keine anderen ſogleich da waren, ihre Stelle zu erſetzen, ſo war es eben ſo viel, als wenn Athen gar kein Geſetz gehabt hatte, und die traurigſte Anarchie riß ein. Damals war der Zuſtand des athenienſiſchen Volks aͤußerſt zu beklagen. Eine Claſſe des Volks beſaß Alles, die andere hingegen gar nichts; die Reichen unterdruͤckten und pluͤnderten aufs unbarmherzigſte die Armen. Es entſtand eine unermeß⸗ liche Scheidewand zwiſchen beiden. Die Noth zwang die aͤrme⸗ ren Buͤrger, zu den Reichen ihre Zuflucht zu nehmen, zu eben den Blutegeln, die ſie ausgeſogen hatten; aber ſie fanden nur eine grauſame Huͤlfe bei dieſen. Fuͤr die Summen, die ſie auf⸗ nahmen, mußten ſie ungeheure Zinſen bezahlen, und, wenn ſie nicht Termin hielten, ihre Laͤndereien ſelbſt an die Glaͤubiger abtreten. Nachdem ſie nichts mehr zu geben hatten, und doch leben mußten, waren ſie dahin gebracht, ihre eignen Kinder als Sklaven zu verkaufen, und endlich, als auch dieſe Zuflucht erſchoͤpft war, borgten ſie auf ihren eigenen Leib, und mußten ſich gefallen laſſen, von ihren Creditoren als Sklaven verkauft zu werden. Gegen dieſen abſcheulichen Menſchenhandel war noch kein Geſetz in Attika gegeben, und nichts hielt die grau⸗ ſame Habſucht der reichen Buͤrger in Schranken. So ſchrecklich war der Zuſtand Athens. Wenn der Staat nicht zu Grunde 460 gehen ſollte, ſo mußte man dieſes zerſtoͤrte Gleichgewicht der Guͤter auf eine gewaltſame Art wieder herſtellen. Zu dieſem Ende waren unter dem Volk drei Factionen ent⸗ ſtanden. Die eine, welcher die armen Buͤrger beſonders bei⸗ traten, forderte eine Demokratie, eine gleiche Vertheilung der Aecker, wie ſie Lykurgus in Sparta eingefuͤhrt hatte; die andere, welche die Reichen ausmachten, ſtritt fuͤr die Ariſto⸗ kratie; die dritte wollte beide Staatsformen mit einander verbunden wiſſen, und ſetzte ſich den beiden andern entgegen, daß keine durchdringen konnte. Es war keine Hoffnung, dieſen Streit auf eine ruhige Art beizulegen, ſo lange man nicht einen Mann fand, dem ſich alle drei Parteien auf gleiche Weiſe unterwarfen, und ihn zum Schiedsrichter uͤber ſich anerkannten. Gluͤcklicher Weiſe fand ſich ein ſolcher Mann, und ſeine Ver⸗ dienſte um die Republik, ſein ſanfter billiger Charakter, und der Ruf ſeiner Weisheit hatten laͤngſt ſchon die Augen der Na⸗ tion auf ihn gezogen. Dieſer Mann war Solon, von koͤnig⸗ licher Abkunft, wie Lykurgus, denn er zaͤhlte den Kodrus unter ſeinen Ahnherrn. Solons Vater war ein ſehr reicher Mann ge⸗ weſen, aber durch Wohlthun hatte er ſein Vermoͤgen geſchwaͤcht, und der junge Solon mußte in ſeinen erſten Jahren die Kauf⸗ mannſchaft ergreifen. Durch Reiſen, welche ihm dieſe Lebens⸗ art nothwendig machte, und durch den Verkehr mit auswaͤrtigen Voͤlkern bereicherte ſich ſein Geiſt, und ſein Genie entwickelte ſich im Umgang mit fremden Weiſen. Fruͤhe ſchon legte er ſich auf die Dichtkunſt, und die Fertigkeit, die er darin erlangte, kam ihm in der Folge ſehr gut zu ſtatten, moraliſche Wahr⸗ heiten und politiſche Regeln in dieſes gefaͤllige Gewand zu klei⸗ den. Sein Herz war empfindlich fuͤr Freude und Liebe; einige Schwachheiten ſeiner Jugend machten ihn um ſo nachſichtiger 461 gegen die Menſchheit, und gaben ſeinen Geſetzen das Gepraͤge von Sanftmuth und Milde, das ſie von den Satzungen des Drako und Lykurgus ſo ſchoͤn unterſcheidet. Er war ferner noch ein tapferer Heerfuͤhrer geweſen, hatte der Republik den Beſitz der Inſel Salamine erworben, und noch andere wichtige Kriegsdienſte geleiſtet. Damals war das Studium der Weis⸗ heit noch nicht wie jetzt von politiſcher und kriegeriſcher Wirk⸗ ſamkeit getrennt; der Weiſe war der beſte Staatsmann, der erfahrenſte Feldherr, der tapferſte Soldat; ſeine Weisheit floß in alle Geſchaͤfte ſeines buͤrgerlichen Lebens. Solons Ruf war durch ganz Griechenland erſchollen, und in die allgemeinen An⸗ gelegenheiten des Peloponnes hatte er einen ſehr großen Einfluß. Solon war der Mann, der allen Parteien in Athen gleich lieb war. Die Reichen hatten große Hoffnungen von ihm, weil er ſelbſt ein beguͤterter Mann war. Die Armen vertrau⸗ ten ihm, weil er ein rechtſchaffener Mann war. Der verſtaͤn⸗ dige Theil der Athenienſer wuͤnſchte ſich ihn zum Herrſcher, weil die Monarchie das ſicherſte Mittel ſchien, die Factionen zu unterdruͤcken; ſeine Verwandten wuͤnſchten dieß gleichfalls, aber aus eigennuͤtzigen Abſichten, um die Herrſchaft mit ihm zu theilen. Solon verſchmaͤhte dieſen Rath:„die Monarchie,“ ſagte er,„ſey ein ſchoͤner Wohnplatz, aber er habe keinen Aus⸗ gang.“ Er begnuͤgte ſich, ſich zum Archon und Geſetzgeber ernennen zu laſſen, und uͤbernahm dieſes große Amt ungern, und nur aus Achtung fuͤr das Wohl der Buͤrger. Das Erſte, womit er ſein Werk eroͤffnete, war das beruͤhmte Edict, Seiſachtheia, oder Erledigung genannt, wodurch alle Schulden aufgehoben und zugleich verboten wurde, daß kuͤnftig Keiner dem Andern auf ſeinen Leib etwas leihen durfte. 46²2 Dieſes Edict war allerdings ein gewaltſamer Angriff auf das Eigenthum, aber die hoͤchſte Noth des Staats machte einen gewaltſamen Schritt nothwendig. Er war unter zwei Uebeln das kleinere, denn die Claſſe des Volks, welche dadurch litt, war weit geringer, als die, welche dadurch gluͤcklich wurde. Durch dieſes wohlthaͤtige Edict waͤlzte er auf einmal die ſchweren Laſten ab, welche die arme Buͤrgerclaſſe ſeit Jahr⸗ hunderten niedergedruͤckt hatten; die Reichen machte er dadurch nicht elend, denn er ließ ihnen, was ſie hatten; er nahm ihnen nur die Mittel, ungerecht zu ſeyn. Nichtsdeſtoweniger erntete er von den Armen ſo wenig Dank als von den Reichen. Die Armen hatten auf eine voͤllig gleiche Laͤndervertheilung gerech⸗ net, davon in Sparta das Beiſpiel gegeben war, und murrten deßwegen gegen ihn, daß er ihre Erwartungen hintergangen hatte. Sie vergaßen, daß der Geſetzgeber den Reichen eben ſo gut als den Armen Gerechtigkeit ſchuldig ſey, und daß die An⸗ ordnung des Lykurgus eben darum nicht nachahmungswuͤrdig ſey, weil ſie ſich auf eine Unbilligkeit gruͤndete, die zu vermeiden geweſen waͤre. Der Undank des Volks preßte dem Geſetzgeber eine beſchei⸗ dene Klage aus.„Ehemals,“ ſagte er,„rauſchte mir von allen Seiten mein Lob entgegen; jetzt ſchielt Alles mit feindlichen Blicken auf mich.“ Bald aber zeigten ſich in Attika die wohl⸗ thaͤtigen Folgen ſeiner Verfuͤgung. Das Land, das vorher Sklavendienſte that, war jetzt frei; der Buͤrger bearbeitete den Acker jetzt als ſein Eigenthum, den er vorher als Tagloͤhner fuͤr ſeinen Creditor bearbeitet hatte. Viele ins Ausland verkaufte Buͤrger, die ſchon angefangen hatten, ihre Mutterſprache zu verlernen, ſahen als freie Menſchen ihr Vaterland wieder. Das Vertrauen in den Geſetzgeber kehrte zuruͤk. Man uͤbertrug ihm die Reformation des Staats und unumſchraͤnkte Gewalt, uͤber das Eigenthum und die Rechte der Buͤrger zu verfuͤgen. Der erſte Gebrauch, den er davon machte, war, daß er alle Geſetze des Drako abſchaffte— diejenigen ausgenommen, welche gegen den Mord und Ehebruch gerichtet waren. Nun uͤbernahm er das große Werk, der Republik eine neue Conſtitution zu geben. Alle athenienſiſchen Buͤrger mußten ſich einer Schaͤtzung des Vermoͤgens unterwerfen, und nach dieſer Schaͤtzung wurden ſie in vier Claſſen oder Zuͤnfte getheilt. Die erſte begriff diejenigen in ſich, welche jaͤhrlich fuͤnfhun⸗ dert Maß von trockenen und flüͤſſigen Dingen Einkommen hatten. Die zweite enthielt diejenigen, welche dreihundert Maß Einkommen hatten, und ein Pferd halten konnten. Die dritte diejenigen, welche nur die Haͤlfte davon hatten, und wo alſo immer zwei zuſammentreten mußten, um dieſe Summe herauszubringen. Man nannte ſie deßwegen die Zwei⸗ geſpannten. In der vierten waren die, welche keine liegenden Gruͤnde beſaßen, und bloß von ihrer Handarbeit lebten, Handwerker, Tagloͤhner und Kuͤnſtler. Die drei erſten Claſſen konnten oͤffentliche Aemter bekleiden; die aus der letzten waren davon ausgeſchloſſen; doch hatten ſie bei der Nationalverſammlung eine Stimme, wie die uͤbrigen, und dadurch allein genoſſen ſie einen großen Antheil an der Re⸗ gierung. Vor die Nationalverſammlung, Scceleſia genannt, wurden alle großen Angelegenheiten gebracht, und durch dieſelbe entſchieden: die Wahl der Obrigkeiten, die Beſetzung der Aem⸗ ter, wichtige Rechtshaͤndel, Finanzangelegenheiten, Krieg und Frieden. Da ferner die Solowyſchen Geſetze mit einer gewiſſen Dunkelheit behaftet waren, ſo mußte in jedem Fall, wo der Nichter uͤber ein Geſetz, das er auszulegen hatte, zweifelhaft 464 war, an die Eccleſia appellirt werden, welche dann in letzter Inſtanz entſchied, wie das Geſetz zu verſtehen ſey. Von allen Tribunalen konnte man an das Volk appelliren. Vor dem dreißigſten Jahre hatte Niemand Zutritt zur National⸗ verſammlung; aber ſobald einer das erforderliche Alter hatte, ſo konnte er ungeſtraft nicht mehr wegbleiben, denn Solon haßte und bekaͤmpfte nichts ſo ſehr, als Lauigkeit gegen das gemeine Weſen. Athens Verfaſſung war auf dieſe Art in eine vollkommene Demokratie verwandelt; im ſtrengſten Verſtande war das Volk ſouveraͤn, und nicht bloß durch Repraͤſentanten herrſchte es, ſondern in eigener Perſon und durch ſich ſelbſt. Bald aber zeigten ſich nachtheilige Folgen dieſer Einrichtung. Das Volk war zu ſchnell maͤchtig geworden, um ſich dieſes Vor⸗ rechts mit Maͤßigung zu bedienen; Leidenſchaft miſchte ſich in die oͤffentliche Verſammlung, und der Tumult, den eine ſo große Volksmenge erregte, erlaubte nicht immer, reif zu uͤberlegen und weiſe zu entſcheiden. Dieſem Uebel zu begegnen, ſchuf So⸗ lon einen Senat, zu welchem, aus jedem der vier Zuͤnfte, hun⸗ dert Mitglieder genommen wurden. Dieſer Senat mußte ſich vorher uͤber die Punkte berathſchlagen, welche der Eccleſia vorgelegt werden ſollten. Nichts, was nicht vorher vom Senat in Ueberlegung genommen worden, durfte vor das Volk gebracht werden, aber das Volk allein behielt die Entſcheidung. War eine Angelegenheit von dem Senat dem Volke vorgetragen, ſo traten die Redner auf, die Wahl desſelben zu lenken. Dieſe Menſchenclaſſe hatte ſich in Athen ſehr viel Wichtigkeit erwor⸗ ben, und durch den Mißbrauch, den ſie von ihrer Kunſt und dem leicht beweglichen Sinn der Athenienſer machte, der Republik en ſo viel geſchadet, als ſie ihr haͤtte nuͤtzen koͤnnen, wenn ſie von Privatabſichten rein, das wahre Intereſſe des Staats immer 465 vor Augen gehabt haͤtte. Alle Kunſtgriffe der Beredſamkeit bot der Redner auf, dem Volk diejenige Seite einer Sache annehm⸗ lich zu machen, wozu er es gern bringen wollte; und verſtand er ſeine Kunſt, ſo waren alle Herzen in ſeinen Haͤnden. Durch dieſe Redner wurde dem Volk eine ſanfte und erlaubte Feſſel angelegt. Sie herrſchten durch Ueberredung, und ihre Herr⸗ ſchaft war darum nicht weniger groß, weil ſie der freien Wahl etwas uͤbrig ließ. Das Volk behielt voͤllige Freiheit, zu waͤhlen und zu verwerfen; aber durch die Kunſt, womit man ihm die Dinge vorzulegen wußte, lenkte man dieſe Freiheit. Eine vor⸗ treffliche Einrichtung, wenn die Function der Redner immer in reinen und treuen Haͤnden geblieben waͤre. Bald aber wurden aus dieſen Rednern Sophiſten, die ihren Nuhm darein ſetzten, das Schlimnie gut und das Gute ſchlimm zu machen. Mitten in Athen war ein großer, oͤffentlicher Platz von Bildſaulen der Goͤtter und Helden umgeben, das Prytaneum genannt. Auf dieſem Platz war die Verſammlung des Senats, und die Senatoren erhielten davon den Namen der Prytanen. Von einem Prytanen wurde ein untadelhaftes Leben verlangt. Keinem Verſchwender, Keinem, der ſeinem Vater unehrerbietig begegnete, Keinem, welcher ſich nur einmal betrunken hatte, durfte es in den Sinn kommen, ſich zu dieſem Amte zu melden. Als ſich in der Folge die Bevöͤlkerung in Athen vermehrte, und anſtatt der vier Zuͤnfte, welche Solon eingeführt hatte, zehn Zuͤnfte gemacht wurden, wurde auch die Zahl der Prytanen von vierhundert bis tauſend geſetzt. Aber von dieſen tauſend Prytanen waren jaͤhrlich nur fuͤnfhundert in Function, und auch dieſe fuͤnfhundert nie auf einmal. Fuͤnfzig derſelben regierten immer fuͤnf Wochen lang, und zwar ſo, daß in jeder Woche nur zehn im Amte ſtanden. So war es ganz unmoͤglich, will⸗ kuͤrlich zu verfahren, denn Jeder hatte eben ſo viele Zeugen und Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 30 466 Huͤter ſeiner Handlungen, als er Amtsgenoſſen hatte, und der Nachfolgende konnte immer die Verwaltung ſeines Vorgaͤngers muſtern. Alle fuͤnf Wochen wurden vier Volksverſammlungen gehalten, die außerordentlichen nicht mitgerechnet; eine Ein⸗ richtung, wodurch es ganz unmoͤglich gemacht ward, daß eine Angelegenheit lange unentſchieden blieb und der Gang der Ge⸗ ſchaͤfte verzoͤgert wurde. Außer dem Senat der Prytanen, den er nun erſchuf, brachte Solon auch den Areopagus wieder in Anſehen, den Drako erniedrigt hatte, weil er ihm zu menſchlich dachte. Er machte ihn zum oberſten Aufſeher und Schutzgeiſt der Geſetze, und be⸗ feſtigte, wie Plutarch ſagt, an dieſen beiden Gerichten, dem Senat naͤmlich und dem Areopagus, wie an zwei Ankern die Republik.— Dieſe zwei Gerichtshoͤfe waren eingeſetzt, uͤber die Erhaltung des Staats und ſeiner Geſetze zu wachen. Zehn andere Tri⸗ bunale beſchaͤftigten ſich mit Anwendung der Geſetze, mit der Gerechtigkeitspflege. Ueber Mordthaten erkannten vier Gerichts⸗ hoͤfe, das Palladium, das Delphinium, die Phreattys und He⸗ liaͤn. Die zwei erſtern beſtaͤtigte Solon nur, ſie waren ſchon unter den Koͤnigen geſtiftet. Unvorſaͤtzliche Mordthaten wurden vor dem Palladium gerichtet. Vor dem Delphinium ſtellten ſich die, welche ſich zu einem fuͤr erlaubt gehaltenen Todtſchlag be⸗ kannten. Das Gericht Phreattys wurde eingeſetzt, um uͤber diejenigen zu erkennen, welche eines vorſaͤtzlichen Todtſchlags wegen angeklagt wurden, nachdem ſie bereits eines unvorſaͤtzlichen Mordes wegen außer Landes gefluͤchtet waren. Der Beklagte erſchien auf einem Schiffe, und am Ufer ſtanden ſeine Richter. War er unſchuldig, ſo kehrte er ruhig an ſeinen Verbannungsort zuruͤck, in der froͤhlichen Hoffnung, einſt wieder heimkehren zu duͤrfen. Wurde er ſchuldig befunden, ſo kehrte er zwar auch 467 unverſehrt zuruͤck, aber ſein Vaterland hatte er auf ewig ver⸗ loren. Das vierte Criminalgericht war die Heliaͤa, die ihren Namen von der Sonne hatte, weil ſie ſich gleich nach Aufgang der Sonne und an einem Orte, den die Sonne beſtrahlt, zu ver⸗ ſammeln pflegte. Die Heliaͤg war eine außerordentliche Com⸗ miſſion der andern großen Tribunale; ihre Mitglieder waren zugleich Richter und Magiſtrate. Sie hatten nicht bloß Geſetze anzuwenden und zu vollziehen, ondern auch zu verbeſſern und ihren Sinn zu beſtimmen. Ihre Verſammlung war feierlich, und ein furchtbarer Eid verband ſie zur Wahrheit. Sobald ein Todesurtheil gefällt war, und der Beklagte hatte ſich nicht durch eine freiwillige Verbannung demſelben entzogen, ſo uͤberlieferte man ihn den eilf Maͤnnern; dieſen Namen fuͤhrte die Commiſſion, wozu jede der zehn Zuͤnfte einen Mann hergab, die mit dem Blutrichter eilf ausmachten. Dieſe eilf Maͤnner hatten die Aufſicht uͤber die Gefaͤngniſſe und vollzogen die Todesurtheile. Der Todesarten, welche man den Ver⸗ brechern in Athen zuerkannte, waren dreierlei. Entweder man ſtuͤrzte ihn in einen Schlund, auch in das Meer hinunter, oder man richtete ihn mit dem Schwert hin, oder gab ihm Schier⸗ ling zu trinken. Zunaͤchſt der Todesſtrafe kam die Verweiſung. Dieſe Strafe iſt ſchrecklich in gluͤckſeligen Laͤndern; es gibt Staaten, aus denen es kein Ungluͤck iſt, verwieſen zu werden. Daß es die Verweiſung zunaͤchſt an die Todesſtrafe, und, wenn ſie ewig war, dieſer letztern gleich ſetzte, iſt ein ſchoͤnes Selbſtgefuͤhl des athenienſiſchen Volks. Der Athenienſer, der ſein Vaterland verloren, konnte in der ganzen uͤbrigen Welt kein Athen mehr finden. 468 Die Verbannung war mit einer Confiscation aller Guͤter verbunden, den Oſtracismus allein ausgenommen. Buͤrger, welche durch außerordentliche Verdienſte oder Gluͤck zu einem groͤßern Einfluß und Anſehen gelangt waren, als ſich mit der republicaniſchen Gleichheit vertrug, und die alſo an⸗ fingen, der buͤrgerlichen Freiheit gefaͤhrlich zu werden, verbannte man zuweilen,— ehe ſie dieſe Verbannung verdienten. Um den Staat zu retten, war man ungerecht gegen einen einzelnen Buͤrger. Die Idee, welche dieſem Gebrauche zum Grund liegt, iſt an ſich zu loben; aber das Mittel, welches man er⸗ waͤhlte, zeugt von einer kindiſchen Politik. Man nannte dieſe Art der Verbannung den Oſtracismus, weil die Vota auf Scherben geſchrieben wurden. Sechstauſend Stimmen waren noͤthig, einen Buͤrger mit dieſer Strafe zu belegen. Der Oſtracismus mußte ſeiner Natur nach meiſtens den verdienteſten Buͤrger treffen; er ehrte alſo mehr, als er ſchaͤndete— aber darum war er doch nicht weniger ungerecht und grauſam, denn er nahm dem Wurdigſten, was ihm das Theuerſte war, die Hei⸗ math. Eine vierte Art von Strafen bei Criminalverbrechen war die Strafe der Saͤule. Die Schuld des Verbrechers wurde auf eine Saͤule geſchrieben, und dieß machte ihn ehrlos mit ſeinem ganzen Geſchlechte. Geringere buͤrgerliche Haͤndel zu entſcheiden, waren ſechs Tribunale feſtgeſetzt, die aber niemals wichtig wurden, weil dem Verurtheilten von Allen die Appellation an die hoͤhern Ge⸗ richte und an die Eccleſia offen ſtand. Jeder fuͤhrte ſeine Sache ſelbſt, Weiber, Kinder und Sklaven ausgenommen. Eine Waſſeruhr beſtimmte die Dauer von ſeiner und ſeines Anklaͤgers Rede. Die wichtigſten buͤrgerlichen Haͤndel mußten in vierund⸗ zwanzig Stunden entſchieden ſeyn. 469 So viel von den buͤrgerlichen und politiſchen Anordnungen Solons; aber darauf allein ſchraͤnkte ſich dieſer Geſetzgeber nicht ein. Es iſt ein Vorzug, den die alten Geſetzgeber vor den neuern haben, daß ſie ihre Menſchen den Geſetzen zubilden, die ſie ihnen ertheilen, daß ſie auch die Sittlichkeit, den Charakter, den geſellſchaftlichen umgang mitnehmen, und den Buͤrger nie von dem Menſchen trennen, wie wir. Bei uns ſtehen die Ge⸗ ſetze nicht ſelten in directem Widerſpruche mit den Sitten. Bei den Alten ſtanden Geſetze und Sitten in einer viel ſchoͤnern Harmonie. Ihre Staatskoͤrper haben daher auch eine ſo le⸗ bendige Waͤrme, die den unſrigen ganz fehlt; mit unzerſtoͤr⸗ baren Zuͤgen war der Staat in die Seelen der Buͤrger ge⸗ graben. Indeſſen muß man auch hier in Anpreiſung des Alterthums ſehr behutſam ſeyn. Faſt durchgaͤngig kann man behaupten, daß die Abſichten der alten Geſetzgeber weiſe und lobenswuͤr⸗ dig waren, daß ſie aber in den Mitteln fehlten. Dieſe Mittel zeugen oft von unrichtigen Begriffen und einer einſeitigen Vor⸗ ſtellungsart. Wo wir zu weit zuruͤckbleiben, eilten ſie zu weit vor. Wenn unſere Geſetzgeber Unrecht gethan haben, daß ſie moraliſche Pflichten und Sitten ganz vernachlaͤſſigten, ſo hatten die Geſetzgeber der Griechen darin Unrecht, daß ſie moraliſche Pflichten mit dem Zwange der Geſetze einſchaͤrften. Zur mo⸗ raliſchen Schoͤnheit der Handlungen iſt Freiheit des Willens die erſte Bedingung, und dieſe Freiheit iſt dahin, ſobald man moraliſche Tugend durch geſetzliche Strafen erzwingen will. Das edelſte Vorrecht der menſchlichen Natur iſt, ſich ſelbſt zu beſtimmen, und das Gute um des Guten willen zu thun. Kein buͤrgerliches Geſetz darf Treue gegen den Freund, Großmuth gegen den Feind, Dankbarkeit gegen Vater und Mutter zwangs⸗ maͤßis gebieten; denn ſobald es dieſes thut, wird eine freie 470 moraliſche Empfindung in ein Werk der Furcht, in eine fkla⸗ viſche Regung verwandelt. Aber wieder auf unſern Solon zuruͤckzukommen. Ein Solon'ſches Geſetz verordnet, daß jeder Buͤrger die Be⸗ leidigung, die einem andern widerfuͤhre, als ſich ſelbſt angethan betrachten, und nicht ruhen ſolle, bis ſie an dem Beleidiger ge⸗ rochen ſey. Das Geſetz iſt vortrefflich, wenn man ſeine Abſicht dabei betrachtet. Seine Abſicht war, jedem Buͤrger warmen Antheil an allen Uebrigen einzufloͤßen, und Alle mit einander daran zu gewoͤhnen, ſich als Glieder eines zuſammenhaͤngen⸗ den Ganzen anzuſehen. Wie angenehm wuͤrden wir uͤberraſcht werden, wenn wir in ein Land kaͤmen, wo uns jeder Voruͤber⸗ gehende ungerufen gegen einen Beleidiger in Schutz naͤhme! Aber wie ſehr wuͤrde unſer Vergnuͤgen verlieren, wenn uns zugleich dabei geſagt wuͤrde, daß er ſo ſchoͤn habe handeln muͤſſen! Ein anderes Geſetz, welches Solon gab, erklaͤrt denjenigen fuͤr ehrlos, der bei einem buͤrgerlichen Aufruhr neutral bleibe. Auch bei dieſem Geſetze lag eine unverkennbare gute Abſicht zum Grunde. Dem Geſetzgeber war es darum zu thun, ſeinen Buͤrgern das innigſte Intereſſe an dem Staat einzufloͤßen. Kaͤlte gegen das Vaterland war ihm das Haſſenswuͤrdigſte an einem Buͤrger. Neutralität kann oft eine Folge dieſer Kaͤlte ſeyn; aber er vergaß, daß oft das feurigſte Intereſſe am Va⸗ terland dieſe Neutralitaͤt gebietet— alsdann naͤmlich, wenn beide Parteien Unrecht haben, und das Vaterland bei beiden gleichviel zu verlieren haben wuͤrde. Ein anderes Geſetz des Solon verbietet, von den Todten uͤbel zu reden; ein anderes, an oͤffentlichen Oertern, wie vor Gericht, im Tempel oder im Schauſpiel, einem Lebenden Boͤſes nachzuſagen. Einen Baſtard ſpricht er von kindlichen Pflichten ——————4.ͤ— — 471 los, denn der Vater, ſagt er, habe ſich ſchon durch die genoſſene ſinnliche Luſt bezahlt gemacht; eben ſo ſprach er den Sohn von der Pflicht frei, ſeinen Vater zu ernaͤhren, wenn dieſer ihn keine Kunſt haͤtte lernen laſſen. Er erlaubte, Teſtamente zu machen, und ſein Vermoͤgen nach Willkuͤr zu verſchenken, denn Freunde, die man ſich waͤhlt, ſagte er, ſind mehr werth als bloße Verwandte. Die Ausſteuer ſchaffte er ab, weil er wollte, daß die Liebe, und nicht der Eigennutz, Ehen ſtiftete. Noch ein ſchoͤner Zug von Sanftmuth in ſeinem Charakter iſt, daß er verhaßten Dingen mildere Namen gab. Abgaben hießen Beitraͤge; Beſatzungen Waͤchter der Stadt; Gefaͤngniſſe Ge⸗ maͤcher, und die Schuldenvernichtung nannte er Erleichterung. Den Aufwand, zu dem der athenienſiſche Geiſt ſich ſo ſehr neigte, maͤßigte er durch weiſe Verordnungen; ſtrenge Geſetze wachten über die Sitten des Frauenzimmers, uͤber den Um⸗ gang beider Geſchlechter, und die Heiligkeit der Ehen. Dieſe Geſetze, verordnete er, ſollten nur auf hundert Jahre guͤltig ſeyn— wie viel weiter ſah er als Lykurgus. Er be⸗ griff, daß Geſetze nur Dienerinnen der Bildung ſind, daß Na⸗ tionen in ihrem maͤnnlichen Alter eine andere Fuͤhrung noͤthig haben, als in ihrer Kindheit. Lykurgus verewigte die Geiſtes⸗ kindheit der Spartaner, um dadurch ſeine Geſetze bei ihnen zu verewigen, aber ſein Staat iſt verſchwunden mit ſeinen Ge⸗ ſetzen. Solon verſprach den ſeinigen nur eine hundertjaͤhrige Dauer, und noch heutiges Tages ſind viele derſelben im roͤ⸗ miſchen Geſetzbuch in Kraft. Die Zeit iſt eine gerechte Richte⸗ rin aller Verdienſte. Man hat dem Solon zum Vorwurfe gemacht, daß er dem Volke zu große Gewalt gegeben habe, und dieſer Vorwurf iſt nicht ungegruͤndet. Indem er eine Klippe, die Oligarchie, zu ſehr vermied, iſt er einer andern, der Anarchie, zu nahe ge⸗ 472 kommen— aber doch auch nur nahe gekommen, denn der Se⸗ nat der Prytanen und das Gericht des Areopagus waren ſtarke Zuͤgel der demokratiſchen Gewalt. Die Uebel, welche von einer Demokratie unzertrennlich ſind, tumultuariſche und leidenſchaft⸗ liche Entſcheidungen und der Geiſt der Faction, konnten freilich in Athen nicht vermieden werden— aber dieſe Uebel ſind doch weit mehr der Form, die er waͤhlte, als dem Weſen der De⸗ mokratie zuzuſchreiben. Er fehlte darin ſehr, daß er das Volk nicht durch Repraͤſentanten, ſondern in Perſon entſcheiden ließ⸗ welches wegen der ſtarken Menſchenmenge nicht ohne Verwir⸗ rung und Tumult, und wegen der uͤberlegenen Anzahl der un⸗ bemittelten Buͤrger nicht immer ohne Beſtechung abgehen konnte. Der Oſtracismus, wobei ſechstauſend Stimmen zum wenigſten erfordert wurden, laͤßt uns abnehmen, wie ſtuͤrmiſch es bei der⸗ gleichen Volksverſammlungen mag zugegangen ſeyn. Wenn man auf der andern Seite bedenkt, wie gut auch der gemeinſte Athenienſer mit dem gemeinen Weſen bekannt war, wie maͤch⸗ tig der Nationalgeiſt in ihm wirkte, wie ſehr der Geſetzgeber dafuͤr geſorgt hatte, daß dem Buͤrger das Vaterland uͤber Al⸗ les ging, ſo wird man einen beſſern Begriff von dem politi⸗ ſchen Verſtande des athenienſiſchen Poͤbels bekommen, und ſich wenigſtens huͤten, von dem gemeinen Volke bei uns voreilig auf jenes zu ſchließen. Alle großen Verſammlungen haben im⸗ mer eine gewiſſe Geſetzloſigkeit in ihrem Gefolge— alle klei⸗ nern aber haben Muͤhe, ſich von ariſtokratiſchem Deſpotismus ganz rein zu erhalten. Zwiſchen beiden eine glückliche Mitte zu treffen, iſt das ſchwerſte Problem, das die kommenden Jahrhunderte erſt aufloͤſen ſollen. Bewunderungswerth bleibt mir immer der Geiſt, der den Solon bei ſeiner Geſetzgebung beſeelte, der Geiſt der geſunden und aͤchten Staatskunſt, die das Grundprincipium, worauf alle Staaten ruhen muͤſſen, nie aus den Augen verlor: ſich ſelbſt die Geſetze zu geben, denen man gehorchen ſoll, und die Pflichten des Buͤrgers aus Einſicht und aus Liebe zum Vaterlande, nicht aus ſklaviſcher Furcht vor der Strafe, nicht aus blinder und ſchlaffer Ergebung in den Willen eines Obern, zu erfuͤllen. Schoͤn und trefflich war es von Solon, daß er Achtung hatte fuͤr die menſchliche Natur, und nie den Menſchen dem Staate, nie den Zweck dem Mittel aufopferte, ſondern den Staat dem Menſchen dienen ließ. Seine Geſetze waren laxe Baͤnder, an denen ſich der Geiſt der Buͤrger frei und leicht nach allen Richtungen bewegte, und nie empfand, daß ſie ihn lenkten; die Geſetze des Lykurgus waren eiſerne Feſſeln, an denen der kuͤhne Muth ſich wund rieb, die durch ihr druͤckendes Gewicht den Geiſt niederzogen. Alle moͤglichen Bahnen ſchloß der athenien⸗ ſiſche Geſetzgeber dem Genie und dem Fleiß ſeiner Buͤrger auf; der ſpartaniſche Geſetzgeber vermauerte den ſeinigen alle bis auf eine einzige— das politiſche Verdienſt. Lykurgus befahl den Muͤßiggang durch Geſetze, Solon ſtrafte ihn ſtreng. Dar⸗ um reiften in Athen alle Tugenden, bluͤhten alle Gewerbe und Kuͤnſte, regten ſich alle Sehnen des Fleißes; darum wurden alle Felder des Wiſſens dort bearbeitet. Wo findet man in Sparta einen Sokrates, einen Thucydides, einen Sophokles und Plato? Sparta konnte nur Herrſcher und Krieger,— keine Kuͤnſtler, keine Dichter, keine Denker, keine Weltbuͤrger erzeugen. Beide, Solon wie Lykurg, waren große Maͤnner, beide waren rechtſchaffene Maͤnner, aber wie verſchieden haben ſie gewirkt, weil ſie von entgegengeſetzten Principien ausgin⸗ gen. Um den athenienſiſchen Geſetzgeber ſteht die Freiheit und die Freude, der Fleiß und der Ueberfluß— ſtehen alle Kuͤnſte und Tugenden, alle Grazien und Muſen herum, ſehen dankbar zu ihm auf, und nennen ihn ihren Vater und Schoͤpfer. Um 474 den Lykurgus ſieht man nichts als Tyrannei und ihr ſchreck⸗ liches Gegentheil, die Knechtſchaft, die ihre Ketten ſchuͤttelt und dem Urheber ihres Elends flucht. Der Charakter eines ganzen Volks iſt der treueſte Abdruck ſeiner Geſetze, und alſo auch der ſicherſte Richter ihres Werths oder Unwerths. Beſchraͤnkt war der Kopf des Spartaners und unempfindlich ſein Herz. Er war ſtolz und hochfahrend gegen ſeine Bundesgenoſſen, hart gegen ſeine Ueberwunde⸗ nen, unmenſchlich gegen ſeine Sklaven und knechtiſch gegen ſeine Obern; in ſeinen Unterhandlungen war er ungewiſſen⸗ haft und treulos, in ſeinen Entſcheidungen deſpotiſch, und ſeiner Groͤße, ſeiner Tugend ſelbſt fehlte es an der gefaͤlli⸗ gen Anmuth, welche allein die Herzen gewinnt. Der Athenienſer hingegen war weichmuͤthig und ſanft im Um⸗ gang, hoͤflich, aufgeweckt im Geſpraͤch, leutſelig gegen den Geringen, gaſtfrei und gefaͤllig gegen den Fremden. Er liebte zwar Weichlichkeit und Putz, aber dieß hinderte nicht, daß er im Treffen nicht wie ein Loͤwe kaͤmpfte. Gekleidet in Purpur und mit Wohlgeruͤchen geſalbt, brachte er die Mil⸗ lionen des Perxes und die rauhen Spartaner auf gleiche Weiſe zum Zittern. Er liebte die Vergnuͤgungen der Tafel, und konnte nur ſchwer dem Reiz der Wolluſt widerſtehen; aber Voͤllerei und ſchamloſes Betragen machten ehrlos in Athen; Delicateſſe und Wohlanſtaͤndigkeit wurden bei keinem Volke des Alterthums ſo getrieben als bei dieſem; in einem Kriege mit dem macedoniſchen Philipp hatten die Athenienſer einige Briefe dieſes Koͤnigs aufgefangen, unter denen auch einer an ſeine Gemahlin war; die uͤbrigen alle wurden geoͤffnet, dieſen einzigen ſchickten ſie unerbrochen zuruͤck. Der Athenienſer war großmuͤthig im Gluͤck, und im Ungluͤck ſtandhaft— dann koſtete es ihn nichts, fuͤr das Vaterland Alles zu wagen. 475 Seine Sklaven behandelte er menſchlich, und der mißhandelte Knecht durfte ſeinen Tyrannen verklagen. Selbſt die Thiere erfuhren die Großmuth dieſes Volks; nach vollendetem Bau des Tempels Hecatonpedon wurde verordnet, alle Laſtthiere, welche dabei geſchaͤftig geweſen, frei zu laſſen und auf ihr gan⸗ zes kuͤnftiges Leben auf den beſten Weiden umſonſt zu er⸗ naͤhren. Eins dieſer Thiere kam nachher von freien Stuͤcken zur Arbeit, und lief mechaniſch vor den uͤbrigen her, welche Laſten zogen. Dieſer Anblick ruͤhrte die Athenienſer ſo ſehr, daß ſie verordneten, dieſes Thier auf Unkoſten des Staats ins⸗ zuͤnftige beſonders zu unterhalten. Indeſſen bin ich es der Gerechtigkeit ſchuldig, auch die Fehler der Athenienſer nicht zu verſchweigen, denn die Ge⸗ ſchichte ſoll keine Lobrednerin ſeyn. Dieſes Volk, das wir ſeiner feinen Sitten, ſeiner Sanftmuth, ſeiner Weisheit wegen be⸗ wundert haben, befleckte ſich nicht ſelten mit dem ſchaͤndlichſten Undank gegen ſeine groͤßten Maͤnner, mit Grauſamkeit gegen ſeine uͤberwundenen Feinde. Durch die Schmeicheleien ſeiner Red⸗ ner verdorben, trotzig auf ſeine Freiheit und auf ſo viele glaͤnzende Vorzuͤge eitel, druͤckte es ſeine Bundesgenoſſen und Nachbarn oft mit unertraͤglichem Stolze, und ließ ſich bei oͤffentlichen Berathſchlagungen von einem leichtſinnigen Schwindelgeiſt leiten, der oft die Bemuͤhungen ſeiner weiſeſten Staatsmaͤnner zu nichte machte, und den Staat an den Rand des Verderbens riß. Jeder einzelne Athenienſer war lenkſam und weichmuͤthig; aber in oͤffentlichen Verſammlungen war er der vorige Mann nicht mehr. Daher ſchildert uns Ariſtophanes ſeine Landsleute als vernuͤnftige Greiſe zu Hauſe und als Narren in Verſamm⸗ lungen. Die Liebe zum Ruhme und der Durſt nach Neuheit beherrſchte ſie bis zur Ausſchweifung; an den Ruhm ſeßzte der Athenienſer oft ſeine Gluͤcksguͤter, ſein Leben und nicht ſelten 476 — ſeine Tugend. Eine Krone von Oelzweigen, eine Inſchrift auf einer Saͤule, die ſein Verdienſt ankuͤndigte, war ihm ein feurigerer Sporn zu großen Thaten, als dem Perſer alle Schaͤtze des großen Koͤnigs. So ſehr das athenienſiſche Volk ſeinen Undank uͤbertrieb, ſo ausſchweifend war es wieder in ſeiner Dankbarkeit. Von einem ſolchen Volke im Triumph aus der Verſammlung heimbegleitet zu werden, es auch nur Einen Tag zu beſchaͤftigen, war ein hoͤherer Genuß fuͤr die Ruhmſucht des Athenienſers, und auch ein wahrerer Genuß,⸗ als ein Monarch ſeinem geliebteſten Sklaven gewaͤhren kann; denn es iſt ganz etwas Anderes, ein ganzes ſtolzes, zartempfin⸗ dendes Volk zu ruͤhren, als einem einzigen Menſchen zu ge⸗ fallen. Der Athenienſer mußte in immerwaͤhrender Bewegung ſeyn; unaufhoͤrlich haſchte ſein Sinn nach neuen Eindruͤcken, neuen Genuͤſſen. Dieſer Sucht nach Neuheit mußte man taͤg⸗ lich neue Nahrung reichen, wenn ſie ſich nicht gegen den Staat ſelbſt kehren ſollte. Darum rettete ein Schauſpiel, das man zu rechter Zeit gab, oft die oͤffentliche Ruhe, welche der Auf⸗ ruhr bedrohte— darum hatte oft ein Uſurpator gewonnen Spiel, wenn er nur dieſem Hange des Volks durch eine Reihe von Luſtbarkeiten opferte. Aber eben darum wehe dem ver⸗ dienteſten Buͤrger, wenn er die Kunſt nicht verſtand, taͤglich neu zu ſeyn und ſein Verdienſt zu verjuͤngen! Der Abend von Solons Leben war nicht ſo heiter, als ſein Leben es verdient haͤtte. Um den Zudringlichkeiten der Athe⸗ nienſer zu entgehen, die ihn taͤglich mit Fragen und Vor⸗ ſchlaͤgen heimſuchten, machte er, ſobald ſeine Geſetze im Gange waren, eine Reiſe durch Kleinaſien, nach den Inſeln und nach Aegypten, wo er ſich mit den Weiſeſten ſeiner Zeit beſprach, den koͤniglichen Hof des Croͤſus in Lydien, und den zu Sais in Aegypten beſuchte. Was von ſeiner Zuſammenkunft mit 477 Thales von Milet und mit Croͤſus erzaͤhlt wird, iſt zu bekannt, um hier noch wiederholt zu werden. Bei ſeiner Zuruͤckkunft nach Athen fand er den Staat von drei Parteien zerruͤttet, welche zwei gefaͤhrliche Maͤnner, Megakles und Piſiſtratus, zu Anfuͤhrern hatten. Megakles machte ſich maͤchtig und furcht⸗ bar durch ſeinen Reichthum, Piſiſtratus durch ſeine Staats⸗ klugheit und ſein Genie. Dieſer Piſiſtratus, Solons ehe⸗ maliger Liebling und der Julius Caͤſar von Athen, erſchien einſtmals bleich, auf ſeinem Wagen ausgeſtreckt, vor der Volks⸗ verſammlung, und beſpritzt mit dem Blut einer Wunde, die er ſich ſelbſt in den Arm geritzt hatte. So, ſagte er, haben mich meine Feinde um euretwillen mißhandelt. Mein Leben iſt in ewiger Gefahr, wenn ihr nicht Anſtalten trefft, es zu ſchuͤzen. Alsbald trugen ſeine Freunde, wie er ſie ſelbſt unter⸗ richtet hatte, darauf an, daß ihm eine Leibwache gehalten wurde, die ihn begleiten ſollte, ſo oft er oͤffentlich ausging. Solon errieth den betruͤgeriſchen Sinn dieſes Vorſchlags, und ſetzte ſich eifrig, aber fruchtlos dagegen. Der Vorſchlag ging durch. Piſiſtratus erhielt eine Leibwache, und nicht ſobald ſah er ſich an ihrer Spitze, als er die Citadelle von Athen in Beſitz nahm. Jetzt fiel die Decke von den Augen des Volks, aber zu ſpaͤt. Der Schrecken ergriff Athen; Megakles und ſeine An⸗ haͤnger entwichen aus der Stadt und uͤberließen ſie dem Uſur⸗ pator. Solon, der ſich allein nicht hatte taͤuſchen laſſen, war jetzt auch der Einzige, der den Muth nicht verlor; ſo viel er angewandt hatte, ſeine Mitbuͤrger von ihrer Uebereilung zuruͤck zu halten, als es noch Zeit war, ſo viel wandte er jetzt an, ihren ſinkenden Muth zu beleben. Als er nirgends Eingang fand, ging er nach Hauſe, legte ſeine Waffen vor ſeine Hausthuͤr und rief:„Nun hab' ich gethan, was ich konnte, zum Beſten des Vaterlandes.“ Er dachte auf keine Flucht, ſondern fuhr fort, Schillers ſaͤmmtl. Werke. X. 4 51 478 die Thorheit der Athenienſer und die Geyiſſenloſigkeit des Tyrannen heftig zu tadeln. Als ihn ſeine Freunde fragten, was ihn ſo muthig mache, dem Maͤchtigen zu trotzen, ſo ant⸗ wortete er:„Mein Alter gibt mir dieſen Muth.“ Er ſtarb, und ſeine letzten Blicke ſahen ſein Vaterland nicht frei. Aber Athen war in keines Barbaren Haͤnde gefallen. Piſi⸗ ſtratus war ein edler Menſch, und ehrte die Solon'ſchen Geſetze. Als er in der Folge zweimal von ſeinem Nebenbuhler vertrieben und zweimal wieder Meiſter von der Stadt wurde, bis er end⸗ lich im ruhigen Beſitz ſeiner Herrſchaft blieb, machte er ſeine uſurpation durch wahre Verdienſte um den Staat und glaͤnzende Tugenden vergeſſen. Niemand bemerkte unter ihm, daß Athen nicht mehr frei war, ſo gelind und ſtill. floß ſeine Regierung, und nicht er, ſondern Solons Geſetze herrſchten. Piſiſtratus eröffnete das goldene Alter von Athen; unter ihm daͤmmerte der ſchoͤne Morgen der griechiſchen Kuͤnſte auf. Er ſtarb, wie ein Vater bedauert. Sein angefangenes Werk wurde von ſeinen Soͤhnen Hip⸗ parch und Hippias fortgeſetzt. Beide Bruͤder regierten mit Eintracht, und gleiche Liebe zur Viſſenſchaft beſeelte beide. unter ihnen bluͤhten ſchon Simonides und Anakreon, und die Akademie wurde geſtiftet. Alles eilte dem herrlichen Zeitalter des Perikles entgegen. * 4½ b ——— ſſſſſiiſniſſiiſſſſiſſſſſſſſſſſſſfſſſitſſniſinnſſnnnnſinnſſht 12 13 14 15 ſſſſſſſſſſnſinnſinnſtſfiſiniiſ 8 9 10 11 8 1 16 17 1 9