1“ Leihbibliothek 1—.F deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von. 4 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Jhinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet w L. ird.— 3 J 125 Abonnemen. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 8—. (für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8.„—————— —auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 88 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, ſerriſſens, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Landenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 Jeih- und Jeſebedingungen. 3 — 5 *— Schillers ſämmtliche Werke in zwoͤlf Baͤnden. Neunter Band. Stuttgart und Tübingen. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 1838. Geſchichte des dreißigjährigen Kriegs. Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 1 2* 5 ——— ———. .————;— — — Erſter Theil. Erſtes Buch. „Seit dem Anfange des Religionskriegs in Deutſchland bis zum Münſteriſchen Frieden iſt in der politiſchen Welt Europens kaum etwas Großes und Merkwürdiges geſchehen, woran die Reformation nicht den vornehmſten Antheil gehabt hätte. Alle Weltbegebenheiten, welche ſich in dieſem Zeitraume ereignen, ſchließen ſich an die Glaubensverbeſſerung an, wo ſie nicht ur⸗ ſprünglich daraus herfloſſen, und jeder noch ſo große und noch ſo kleine Staat hat mehr oder weniger, mittelbarer oder un⸗ mittelbarer, den Einfluß derſelben empfunden. Beinahe der ganze Gebrauch, den das ſpaniſche Haus von ſei⸗ nen ungeheuren politiſchen Kraften machte, war gegen die neuen Meinungen oder ihre Bekenner gerichtet. Durch die Reforma⸗ tion wurde der Bürgerkrieg entzündet, welcher Frankreich unter vier ſtürmiſchen Regierungen in ſeinen Grundfeſten erſchütterte, ausländiſche Waffen in das Herz dieſes Königreichs zog, und es ein halbes Jahrhundert lang zu einem Schauplatze der trau⸗ rigſten Zerrüttung machte. Die Reformation machte den Nie⸗ derländern das ſpaniſche Joch unerträͤglich, und weckte bei dieſem Volke das Verlangen und den Muth, dieſes Joch zu zerbrechen, ſo wie ſie ihm größtentheils auch die Kräfte dazu gab. Alles Böſe, welches Philipp der Zweite gegen die Königin Eli⸗ ſabethvon England beſchloß, war Rache, die er dafür nahm, 6 daß ſie ſeine proteſtantiſchen Unterthanen gegen ihn in Schutz genommen, und ſich an die Spitze einer Religionspartei ge⸗ ſtellt hatte, die er zu vertilgen ſtrebte. Die Trennung in der Kirche hatte in Deutſchland eine fortdauernde politiſche Trennung zur Folge, welche dieſes Land zwar länger als ein Jahrhundert der Verwirrung dahingab, aber auch zu⸗ gleich gegen politiſche Unterdrückung einen bleibenden Damm aufthuͤrmte. Die Reformation war es großentheils, was die nordiſchen Machte, Daͤnemark und Schweden, zuerſt in das Staatsſyſtem von Europa zog, weil ſich der proteſtantiſche Staatenbund durch ihren Beitritt verſtärkte, und weil dieſer Bund ihnen ſelbſt unentbehrlich ward. Staaten, die vorher kaum für einander vorhanden geweſen„fingen an, durch die Reformation einen wichtigen Berührungspunkt zu erhalten, und ſich in einer neuen politiſchen Sympathie an einander zu ſchließen. So wie Bürger gegen Bürger, Herrſcher gegen ihre Unter⸗ thanen durch die Reformation in andere Verhaͤltniſſe kamen, rückten durch ſie auch ganze Staaten in neue Stellungen gegen einander. Und ſo mußte es durch einen ſeltſamen Gang der Dinge die Kirchentr ennung ſeyn, was die Staaten unter ſich zu einer engern Ver einigung führte. Schrecklich zwar und verderblich war die erſte Wirkung, durch welche dieſe all⸗ gemeine politiſche Sympathie ſich verkündigte— ein dreißig⸗ jaͤhriger verheerender Krieg, der von dem Innern des Böhmer⸗ landes bis an die Mündung der Schelde, von den Ufern des Po bis an die Kuſten der Oſtſee, Länder entvölkerte, Ernten zertrat, Stadte und Doͤrfer in die Aſche legte; ein Krieg, in welchem viele Taufend Streiter ihren untergang fanden, der den aufglimmenden Funken der Cultur in Deutſchland auf ein halbes Jahrhundert verlöſchte, und die kaum auflebenden beſſern Sitten der alten barbariſchen Wildheit zurückgab. Aber Europa ging unnnterdruckt und frei aus dieſem fürchterlichen Kriege, in welchem es ſich zum erſren Mal als eine zuſammenhängende Staatengeſellſchaft erkannt hatte; und dieſe Theilnehmung der Staaten an einander, welche ſich in dieſem Kriege eigentlich erſt bildete, wäre allein ſchon Gewinn genug, den Weltburger mit ſeinen Schrecken zu verſöhnen. Die Hand des Fleißes hat un⸗ vermerkt alle verderblichen Spuren dieſes Kriegs wieder aus⸗ gelöſcht; aber die wohlthätigen Folgen, von denen er begleitet war, ſind geblieben. Eben dieſe allgemeine Staatenſympathie, welche den Stoß in Böhmen dem halben Europa⸗ mittheilte, bewacht jetzt den Frieden, der dieſem Kriege ein Ende machte. So wie die Flamme der Verwüſtung aus dem Innern Böh⸗ mens, Mahrens und Oeſterreichs einen Weg fand, Deutſchland, Frankreich, das halbe Europa zu e utzünden, ſo wird die Fackel der Cultur von dieſen Staaten aus einen Weg ſich öffnen, jene Länder zu erleuchten. 15 lc. Die Religion wirkte dieſes Alles. Durch ſie allein wurde möglich, was geſchah, aber es fehlte wiel, daß es für ſie und ihrentwegen unternommen worden ware. Hätte nicht der Privatvortheil, nicht das Staatsintereſſe ſich ſchnell damit ver⸗ einigt, nie würde die Stimme der Theologen und des Volks ſo bereitwillige Fürſten, nie die neue Lehre ſozahlreiche, ſo tapfere, ſo beharrliche Verfechter gefunden haben. Ein großer Antheil an der Kirchenrevolution gebührt unſtreitig der, ſiegenden Ge⸗ walt der Wahrheit, oder deſſen, was mit Wahrheit verwechſelt wurde. Die Mißbraͤuche in der alten Kirche, das Abgeſchmackte mancher ihrer Lehren, das Uebertriebene in ihren Forderungen,. mußte nothwendig ein Gemüth empören, das von der Ahnung eines beſſern Lichts ſchon gewonnen war, mußte es geneigt machen, die verbeſſerte Religion zu umfaſſen. Der Reiz der unabhangigkeit, die reiche Beute der geiſtlichen Stifter, mußte 8 die Regenten nach einer Religionsveraänderung lüſtern machen, und das Gewicht der innern Ueberzeugung nicht wenig bei ihnen verſtärken; aber die Staatsraiſon allein konnte ſie dazu dran⸗ gen. Hätte nicht Karl der Fünfte im Uebermuth ſeines Glücks an die Reichsfreiheit der deutſchen Stande gegriffen, ſchwerlich hätte ſich ein proteſtantiſcher Bund für die Glaubens⸗ freiheit bewaffnet. Ohne die Herrſchbegierde der Guiſen hätten die Calviniſten in Frankreich nie einen Condé oder Coli gny an ihrer Spitze geſehen; ohne die Auflage des zehnten und zwanzigſten Pfennigs hatte der Stuhl zu Rom nie die vereinig⸗ ten Niederlande verloren. Die Regenten kampften zu ihrer Selbſtvertheidigung oder Vergroͤßerung; der Religionsenthu⸗ ſiasmus warb ihnen die Armeen, und oͤffnete ihnen die Schäte ihres Volks. Der gtroße Haufe, wo ihn nicht Hoffnung der Beute unter ihre Fahnen lockte, glaubte für die Wahrheit ſein Blut zu vergießen, indem er es zum Vortheile ſeines Fürſten verſpritzte. n irh Und Wohlthat genug für die Völker, daß dießmal der Vor⸗ theil der Fürſten Hand in Hand mit dem ihrigen ging! Dieſem Zufalle allein haben ſie ihre Befreiung vom Papſithum zu danken. Glück genug für die Fürſten, daß der Unterthan für ſeine eigene Sache ſtritt, indem er für die ihrige kämpfte! In dem Zeitalter, wovon jetzt die Rede iſt, regierte in Europa kein Fürſt ſo abſolut, um uͤber den guten Willen ſeiner Unter⸗ thanen hinweggeſetzt zu ſeyn, wenn er ſeine politiſchen Ent⸗ würfe verfolgte. Aber wie ſchwer hielt es, dieſen guten Willen der Nation für ſeine politiſchen Entwürfe zu gewinnen und in Handlung zu ſetzen! Die nachdrucklichſten Beweggründe, welche von der Staatsraiſon entlehnt ſind, laſſen den Unterthan kalt, der ſie ſelten einſieht, und den ſie noch ſeltener intereſſiren. In dieſem Falle bleibt einem ſtaatsklugen Regenten nichts 9 übrig, als das Intereſſe des Cabinets an irgend ein anderes Intereſſe, das dem Volke näher liegt, anzuknüpfen, wenn etwa ein ſolches ſchon vorhanden iſt, oder, wenn es nicht iſt, es zu erſchaffer. 1K2 Dieß war der Fall, worin ſich ein großer Theil derjenigen Regenten befand, die für die Reformation handelnd aufgetreten ſind. Durch eine ſonderbare Verkettung der Dinge mußte es ſich fügen, daß die Kirchentrennung mit zwei politiſchen Um⸗ ſtänden zuſammentraf, ohne welche ſie vermuthlich eine ganz andere Entwicklung gehabt haben würde. Dieſe waren: die auf einmal hervorſpringende Uebermacht des Hauſes Oeſterreich, welche die Freiheit Europens bedrohte, und der thätige Eifer dieſes Hauſes für die alte Religion. Das Erſte weckte die Regenten, das Zweite bewafſnete ihnen die Nationen. Die Aufhebung einer fremden Gerichtsbarkeit in ihren Staaten, die höchſte Gewalt in geiſtlichen Dingen, der gehemmte Abfluß des Geldes nach Rom, die reiche Beute der geiſtlichen Stifter, waren Vortheile, die für jeden Souverän auf gleiche Art verführeriſch ſeyn mußten; warum, könnte man fragen, wirkten ſie, nicht eben ſo gut auf die Prinzen des Hauſes Oeſterreich? Was hinderte dieſes Haus, und insbeſondere die deutſcheLinie desſelben, den dringenden Aufforderungen ſo vieler ſeiner Unterthanen Gebör zu geben, und ſich nach dem Beiſpiele Anderer auf Unkoſten einer wehrloſen Geiſtlichkeit zu verbeſſern? Es iſt ſchwer zu glauben, daß die Ueberzeugung von der Unfehl⸗ barkeit der römiſchen Kirche an der frommen Standhaftigkeit dieſes Hauſes einen groͤßern Antheil gehabt haben ſollte, als die Ueberzeugung vom Gegentheile an dem Abfalle der prote⸗ ſtantiſchen Fuͤrſten. Mehrere Grunde vereinigten ſich, die öſterreichiſchen Prinzen zu Stützen des Papſtthums zu machen. Spanien und Italien, aus welchen Ländern die öſterreichiſche 10 Macht einen wroßen Theil ihrer Starke zog, waren, dem Stuhle zu Rom mit blinder Anhanglichkeit ergeben, welche die Spanier insbeſondere ſchoͤn zu den Zeiten der gothiſchen Herrſchaft aus⸗ gezeichnet hat. Die geringſte Annaͤherung an die verabſcheuten Lehren Luthers und Calvins mußte dem Beherrſcher von Spanien die Herzen ſeiner Unterthanen unwiederbringlich ent⸗ reißen; der Abfall von dem Papſtthum konnte ihn dieſes König⸗ reich koſten. Ein ſpaniſcher Konig mußte ein rechtglaubiger Prinz ſeyn, oder er mußte von dieſem Throne ſteigen. Den naͤmlichen Zwang legten ihm ſeine italieniſchen Staaten auf, die er faſt noch mehr ſchonen mußte, als ſeine Spanier, weil ſie das auswärtige Joch am ungeduldigſten trugen, und es am leichteſten abſchütteln konnten. Dazu kam, daß ihm dieſe Staaten Frankreich zum Mitbewerber und den Papſt zum Nachbar gaben; Gründe genug, die ihn hinderten, ſich für eine Partei zu erklaͤren, welche das Anſehen des Papſtes zernichtete— die ihn aufforderten, ſich letztern durch den thatigſten Eifer fuͤr die alte Religion zu verpflichten. Dieſe allgemeinen Gründe, welche bei jedem ſpaniſchen Monarchen von gleichem Gewichte ſeyn mußten, wurden bei jedem insbeſondere noch durch beſondere Gruͤnde unterſtutzt. Karl der Funfte hatte in Italien einen gefährlichen Nehen⸗ huhler an dem Könige von Frankreich, dem dieſes Land ſich in eben dem Augenblicke in die Arme warf, wo Karl ſich ketzeri⸗ „ lelai o ſcher Grundſätze verdachtig machte. Gerade an denjenigen Ent⸗ wuͤrfen, welche Karl mit der meiſten Hitze verfolgte, würde das Mißtrauen der Katholiſchen und der Streit mit der Kirche ihm durchaus hinderlich geweſen ſeyn. Als Karl d er Fünfte in den Fall kam, zwiſchen beiden Religionsparteien zu waͤhlen, hatte ſich die neue Religion noch nicht bei ihm in Achtung ſetzen können, und überdem war zu einer gütlichen Vergleichung 11 beider Kirchen damals noch die wahrſcheinlichſte Hoffnung vor⸗ handen. Bei ſeinem Sohne und Nachfolger, Philipp dem Zweiten, vereinigte ſich eine moͤnchiſche Erziehung mit einem deſpotiſchen finſtern Charakter, einen unverſöhnlichen Haß aller Neuerungen in Glaubensſachen bei dieſem Fuͤrſten zu unterhalten, den der Umſtand, daß ſeine ſchlimmſten politiſchen Gegner auch zugleich Feinde ſeiner Religion waren, nicht wohl vermindern konnte. Da ſeine europäͤiſchen Länder, durch ſo viele fremde Staaten zerſtreut, dem Einfluſſe fremder Mei⸗ nungen uberall offen lagen, ſo konnte er dem Fortgange der Reformation in andern Ländern nicht gleichgültig zuſehen, und ſein eigener naherer Staatsvortheil forderte ihn auf, ſich der alten Kirche überhaupt anzunehmen, um die Quellen der ketzeriſchen Anſteckung zu verſtopfen. Der natürlichſte Gang der Dinge ſtellte alſo dieſen Fürſten an die Spitze des katho⸗ liſchen Glaubens und des Bundes, den die Papiſten gegen die Neuerer ſchloſſen. Was unter Karls des Fünften und Philipps des Zweiten langen und thatenvollen Regie⸗ rungen beobachtet wurde, blieb fuͤr die folgenden Geſetz; und je mehr ſich der Riß in der Kirche erweiterte, deſto feſter mußte Spanien an dem Katholicismus halten. Freier ſchien die deutſche Linie des Hauſes Oeſterreich ge⸗ weſen zu ſeyn; aber wenn bei dieſer auch mehrere von jenen Hinderniſſen wegfielen, ſo wurde ſie durch andere Verhaͤltniſſe in Feſſeln gehalten. Der Beſitz der Kaiſerkrone, die auf einem proteſtantiſchen Haupte ganz undenkbar war(denn wie konnte ein Apoſtat der römiſchen Kirche die römiſche Kaiſerkrone tra⸗ gen), knupfte die Nachfolger Ferdinands des Erſten an den päpſtlichen Stuhl; Ferdinand ſelbſt war dieſem Stuhle aus Gründen des Gewiſſens und aufrichtig ergeben. Ueberdem waren die deutſch⸗öſterreichiſchen Prinzen nicht mächtig genug, 12 der ſpaniſchen Unterſtützung zu entbehren, die aber durch eine Begünſtigung der neuen Religion durchaus verſcherzt war. Auch forderte die Kaiſerwuͤrde ſie auf, das deutſche Reichs⸗ ſyſtem zu beſchützen, wodurch ſie ſelbſt ſich als⸗Kaiſer behaup⸗ teten, und welches der proteſtantiſche Reichstheil zu ſtürzen ſtrebte. Rechnet man dazu die Kaͤlte der Proteſtanten gegen die Bedrängniſſe der Kaiſer und gegen die gemeinſchaftlichen Gefahren des Reichs, ihre gewaltſamen Eingriffe in das Zeit⸗ liche der Kirche, und ihre Feindſeligkeiten, wo ſie ſich als die Stäarkern fühlten; ſo begreift man, wie ſo viele zuſammen⸗ wirkende Gründe die Kaiſer auf der Seite des Papſtthums er⸗ halten, wie ſich ihr eigener Vortheil mit dem Vortheile der katholiſchen Religion aufs genaueſte vermengen mußte. Da vielleicht das ganze Schickſal dieſer Religion von dem Entſchluſſe abhing, den das Haus Oeſterreich ergriff, ſo mußte man die öſterreichiſchen Prinzen durch ganz Europa als die Saulen des Papſtthums betrachten. Der Haß der Proteſtanten gegen letzteres kehrte ſich darum auch einſtimmig gegen Oeſterreich, und ver⸗ mengte nach und nach den Beſchützer mit der Sache, die er beſchuͤtzte. Aber eben dieſes Haus Oeſterreich, der unverſöhnliche Gegner der Reformation, ſetzte zugleich durch ſeine ehrgeizigen Entwüͤrfe, die von einer überlegenen Macht unterſtützt waren, die politiſche Freiheit der europaiſchen Staaten, und beſonders der deutſchen Stände, in nicht geringe Gefahr. Dieſer Umſtand mußte letztere aus ihrer Sicherheit aufſchrecken und auf ihre Selbſt⸗ vertheidigung aufmerkſam machen. Ihre gewöhnlichen Hülfs⸗ mittel würden nimmermehr hingereicht haben, einer ſo dro⸗ henden Macht zu widerſtehen. Außerordentliche Anſtren⸗ gungen mußten ſie von ihren Unterthanen verlangen, und, da auch dieſe bei weitem nicht hinreichten, von ihren Nach⸗ 13 barn Kraͤfte entlehnen, und durch Bün dniſſe unter einander eine Macht aufzuwägen ſuchen, gegen welche ſie einzeln nicht beſtanden. Aber die großen politiſchen Aufforderungen, welche die Re⸗ genten hatten, ſich den Fortſchritten Oeſterreichs zu widerſetzen, hatten ihre Unterthanen nicht. Nur gegenwartige Vortheile oder gegenwaͤrtige Uebel ſind es, welche das Volk in Handlung ſetzen; und dieſe darf eine gute Staatskunſt nicht abwarten. Wie ſchlimm alſo fuͤr dieſe Fürſten, wenn nicht zum Glück ein anderes wirkſames Motiy ſich ihnen dargeboten hätte, das die Nationen in Leidenſchaft ſetzte, und einen Enthuſiasmus in ihnen entflammte, der gegen die politiſche Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem naͤmlichen Gegenſtande mit derſelben zuſammentraf! Dieſes Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion„ gelche das Haus Oeſterreich beſchützte, die ſchwärmeriſche Anhanglichkeit an eine Lehre, welche dieſes Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen ſtrebte. Dieſe Anhanglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte; Schwärmerei 1 berechnet nie, was ſie aufopfert. Was die entſchiedenſte Gefahr des Staats nicht über ſeine Burger vermocht hätte, bewirkte die religiöſe Begeiſterung. Fuͤr den Staat, für das Intereſſe des Fürſten würden ſich wenig freiwillige Arme bewaffnet ha⸗ ben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künſtler, der Landbauer freudig zum Gewehr. Für den Staat oder den Fürſten würde man ſich auch der kleinſten außerordentlichen Abgabe zu entziehen geſucht haben; an die Religion ſetzte man Gut und Blut, alle ſeine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach ſtärkere Summen ſtroͤmen jetzt in den Schatz des Fürſten; dreifach ſtärkere Heere rücken in das Feld; und in der hefti⸗ gen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemuͤther 14 verſetzte, fühlte der Unterthan die Anſtrengungen nicht, von denen er in einer ruhigern Gemuüthslage erſchöpft wurde niedergeſunken ſeyn. Die Furcht vor der ſpaniſchen Inqui⸗ ſition, vor Bar tholomaͤusnaͤchten eroffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der brittiſchen Konigin Eliſabeth, den proteſtantiſchen Fuͤrſten Deutſchlands Huͤlfs⸗ auellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich ſind. — Mit noch ſo großen eigenen Anſtrengungen aber würde . man gegen eine Macht wenig ausgerichtet haben, die auch dem machtigſten Fürſten, wenn er einzeln ſtand, überlegen war. In den Feiten einer noch wenig ausgebildeten Politik konnten aber nur zufällige Umſtaͤnde entfernte Staaten zu einer wechſelſeitigen Huͤlfleiſtung vermoͤgen. Die Verſchiedenheit der Verfaffung, der Geſetze, der Sprache, der Sitten, des Natjonal⸗ charakters, welche die Nationen und Länder in eben ſo viele verſchiedene Ganze abſonderte, und eine fortdauernde Scheide⸗ wand zwiſchen ſie ſtellte, machte den einen Staat unempfindlich. gegen die Bedrangniſſe des andern, wo ihn nicht gar die b Nationaleiferſucht zu einer feindſeligen Schadenfreude reizte. Die Reformation ſtürzte dieſe Scheidewand. Ein lebhafteres, naͤher liegendes Intereſſe als der Nationalvortheil oder die . Vaterlandsliebe, und welches von bürgerlichen Verhäͤltniſſen durchaus unabhaͤngig war, fing an, die einzelnen Bürger und ganze Staaten zu beſeelen. Dieſes Intereſſe konnte mehrere und ſelbſt die entlegenſten Staaten mit einander verbinden, und bei Unterthanen des naͤmlichen Staats konnte dieſes Band wegfallen. Der franzöſiſche Calviniſt hatte alſo mit dema refor⸗ mirten Genfer, Engländer, Deutſchen oder Hollaͤnder einen Berührungspunkt, den er mit ſeinem eigenen katholiſchen Mit⸗ 4 bürger nicht hatte. Er hörte alſo in einem ſehr wichtigen Punkte auf, Buͤrger eines einzelnen Staats zu ſeyn, ſeine 15 Aufmerkſamkeit und Theilnahme auf dieſen einzelnen Staat einzuſchraͤnken. Sein Kreis erweitert ſich; er fängt an, aus dem Schickſale fremder Länder, die ſeines Glaubens ſind, ſich ſein eigenes zu weiſſagen und ihre Sache zu der ſeinigen zu machen. Nun erſt dürfen die Regenten es wagen, auswärtige Angelegenheiten vor die Verſammlung ihrer Landſtände zu bringen, nun erſt hoffen, ein williges Ohr und ſchuelle Hülfe zu finden. Dieſe auswärtigen Angelegenheiten ſind jetzt zu einheimiſchen geworden, und gern reicht man den Glaubens⸗ verwandten eine hülfreiche Hand, die man dem bloßen Nach⸗ bar, und noch mehr dem fernen Auslander verweigert hätte. Jetzt verläßt der Pfälzer ſeine Heimath, um für ſeinen franzö⸗ ſiſchen Glaubensbruder gegen den gemeinſchaftlichen Religions⸗ feind zu fechten. Der franzoͤſiſche Unterthan zieht das Schwert gegen ein Vaterland, das ihn mißhandelt, und geht hin, für Hollands Freiheit zu bluten. Jetzt ſieht man Schweizer gegen Schweizer, Deutſche gegen Deutſche im Streit gerüſtet, um an den Ufern der Loire und der Seine die Thronfolge in Frank⸗ reich zu entſcheiden. Der Daͤne geht über die Eider, der Schwede über den Belt, um die Ketten zu zerbrechen, die für Deutſchland geſchmiedet ſind. Es iſt ſehr ſchwer zu ſagen, was mit der Reformation, was mit der Freiheit des deutſchen Reichs wohl geworden ſeyn würde, wenn das gefürchtete Haus Oeſterreich nicht Partei gegen ſie genommen hätte. So viel aber ſcheint erwieſen, daß ſich die oͤſterreichiſchen Prinzen auf ihrem Wege zur Univerfal⸗ Monarchie durch nichts mehr gehindert haben, als durch den hartnäckigen Krieg, den ſie gegen die neuen Meinungen führ⸗ ten. In keinem andern Falle, als unter dieſem, war es den ſchwaͤchern Fürſten möglich, die außerordentlichen Anſtrengun⸗ gen von ihren Staͤnden zu erzwingen, wodurch ſie der öſter⸗ 16 reichiſchen Macht widerſtanden; in keinem andern Falle den Staaten möglich, ſich gegen einen gemeinſchaftlichen Feind zu vereinigen. e a. 129, e Hoͤher war die öſterreichiſche Macht nie geſtanden, als nach dem Siege Karls des Fünften bei Mühlberg, nachdem er Frieden. da Ka b, L9 2.nn 252 H2ni Deutſchland zerriß auf dieſem Reichstage zu Augsburg in zwei Religionen und in zwei politiſche Parteien; jetzt erſt zerriß es, weil die Trennung jetzt erſt geſetzlich war. Bis hierher n die Proteſtanten als Rebellen angeſehen worden; jetzt beſchloß man, ſie als Bruder zu behandeln, nicht als ob man ſie dafür anerkannt haͤtte, ſondern weil man dazu genoͤthigt war. Die Augsburgiſche Confeſſion durfte ſich von jetzt an neben den katholiſchen Glauben ſtellen, doch nur als eine gedul⸗ dete Nachbarin, mit einſtweiligen ſchweſterlichen Rechten. Jedem weltlichen Reichsſtande ward das Rechtzugeſtanden, die Religion, zu der er ſich bekannte, auf ſeinem Grund und Boden zur herrſchenden und einzigen zu machen, und die entgegengeſetzte der freien Ausübung zu berauben; jedem Unterthan vergönnt, das Land zu verlaſſen, wo ſeine Religion unterdrückt war. poſitiven Sanction, und wenn ſie auch in Bayern oder in Oeſterreich im Staube lag, ſo konnte ſie ſich damit troͤſten, daß ſie in Sachſen und in Thuͤringen thronte. Den Regenten 17 war es aber nun doch allein uͤberlaſſen, welche Religion in ihren Landen gelten, und welche darnieder liegen follte; füͤr den Unterthan, der auf dem Reichstage keinen Repräſentanten hatte, war in dieſem Frieden gar wenig geſorgt. Bloß allein in geiſtlichen Landern, in welchen die katholiſche Religion un⸗ widerruflich die herrſchende blieb, wurde den proteſtantiſchen Unterthanen(welche es damals ſchon waren) die freie Reli⸗ gionsubung ausgewirkt; aber auch dieſe nur durch eine per⸗ ſönliche Verſicherung des roͤmiſchen Königs Ferdinand, der dieſen Frieden zu Stande brachte; eine Verſicherung, die von dem katholiſchen Reichstheile widerſprochen, und, mit dieſem Widerſpruche in das Keladensiſtenhsen eingetragen, keine Geſetzeskraft erhielt. 1L Waͤren es übrigens unr Meinungen geweſen, was die Ge⸗ müther trennte— wie gleichguͤltig hatte man dieſer Trennung zugeſehen! Aber an dieſen Meinungen hingen Reichthümer, Würden und Rechte: ein Umſtand, der die Scheidung un⸗ endlich erſchwerte. Von zwei Brudern, die das vaterliche Ver⸗ mögen bis hierher gemeinſchaftlich genoſſen, verließ jetzt einer das vaterliche Haus, und die Nothwendigkeit trat ein, mit dem daheimbleibenden Bruder abzutheilen. Der Pater hatte für den Fall der Trennung nichts beſtimmt, weil ihm von dieſer Trennung nichts ahnen konnte. Aus den wohlthatigen Stif⸗ tungen der Voreltern war der Reichthum der Kirche innerhalb eines Jahrtauſends zuſammengefloſſen, und dieſe Voreltern ge⸗ hörten dem Weggehenden eben ſo gut an, als dem, der zurück⸗ blieb. Haftete nun das Erbrecht bloß an dem vaterlichen Hauſe, oder haftete es an dem Blute? Die Stiftungen waren an die katholiſche Kirche geſchehen, weil damals noch keine andere vorhanden war; an den erſtgebornen Bruder, weil er damals noch der einzige Sohn war. Galt nun in der Kirche ein Recht Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 2 18 3 a LA449⸗ der Erſtgeburt, wie in adeligen Geſchlechtern? Galt die Be⸗ nuſſe dieſer Guͤter ausgeſchloſſen ſeyn, an denen doch ihre Vor⸗ fahren mitſtiften halfen, bloß allein deßwegen ausgeſchloſſen ſeyn, weil zu den Zeiten der Stiftung noch kein Unterſchied zwi⸗ ſchen Lutheranern und Katholiſchen ſtattfand? Beide Religions⸗ parteien haben über dieſe Streitſachen mit ſcheinbaren Grün⸗ den gegen einander gerechtet, und rechten noch immer; aber es dürfte dem einen Theile ſo ſchwer fallen, als dem andern, ſein Recht zu erweiſen. Das Recht hat nur Entſcheidungen für denkbare Falle, und vielleicht gehören geiſtliche Stiftun⸗ gen nicht unter dieſe; zum wenigſten dann nicht, wenn man die Forderungen ihrer Stifter auch auf dogmatiſche Saͤtze er⸗ ſtreckt— wie iſt es denkbar, eine ewige Schenkung an eine wandelbare Meinung zu machen? 1 au Wenn das Recht nicht entſcheiden kann, ſo thut es die Staͤrke, und ſo geſchah es hier. Der eine Theil behielt, was ihm nicht mehr zu nehmen war; der andere vertheidigte, was er noch hatte. Alle vor dem Frieden weltlich gemachten Bis⸗ thümer und Abteien verblieben den Proteſtanten; aber die Papiſten verwahrten ſich in einem eigenen Vorbehalte, daß künftig keine mehr weltlich gemacht würden. Jeder Beſitzer eines geiſtlichen Stiftes, das dem Reiche unmittelbar unter⸗ worfen war, Kurfürſt, Biſchof oder Abt, hat ſeine Beneficien und Würden verwirkt, ſobald er zur proteſtantiſchen Kirche ab⸗ fällt. Sogleich muß er ſeine Beſitzungen raumen, und das Capitel ſchreitet zu einer neuen Wahl, gleich als ware ſeine Stelle durch einen Todesfall erledigt worden./ An dieſem heili⸗ gen Anker des geiſtlichen Vorbehalts, der die ganze zeit⸗ liche Exiſtenz eines geiſtlichen Fürſten von ſeinem Glaubens⸗ 1 guünſtigung des einen Theils, wenn ihm der andere noch nicht gegenüberſtehen konnte? Konnten die Lutheraner von dem Ge⸗ 19 bekenntniſſe abhangig machte, iſt noch bis heute die katholiſche Kirche in Deutſchland befeſtigt— und was würde aus ihr werden, wenn dieſer Anker zerriſſe? Der geiſtliche Vorbehalt erlitt einen hartnäckigen Widerſpruch von Seiten der prote⸗ ſtantiſchen Stande, und obgleich ſie ihn zuletzt noch in das Friedensinſtrument mit aufnahmen, ſo geſchah es mit dem aus⸗ drücklichen Beiſatze, daß beide Parteien ſich über dieſen Punkt nicht verglichen haͤtten. Konnte er für den proteſtantiſchen Theil mehr verbindlich ſeyn, als jene Verſicherung Ferdi⸗ nands zum Vortheile der proteſtantiſchen Unterthanen in geiſtlichen Stiftern es für die katholiſchen war? Zwei Streit⸗ punkte blieben alſo in dem Frieden zurück, und an dieſen entzundete ſich auch der Krieg. So war es mit der Religionsfreiheit und mit den geiſtlichen Gütern; mit den Rechten und Wuͤrden war es nicht an⸗ ders. Auf eine einzige Kirche war das deutſche Reichsſyſtem berechnet, weil nur eine da war, als es ſich bildete. Die Kirche hat ſich getrennt, der Reichstag ſich in zwei Religions⸗ parteien geſchieden— und doch ſoll das ganze Reichsſyſtem ausſchließend einer einzigen folgen? Alle bisherigen Kaiſer waren Söhne der römiſchen Kirche geweſen, weil die römiſche Kirche in Deutſchland bis jetzt ohne Nebenbuhlerin war. War es aber das Verhältniß mit Rom, was den Kaiſer der Deut⸗ ſchen ausmachte, oder war es nicht vielmehr Deutſchland, welches ſich in ſeinem Kaiſer repraſentirte? Zu dem ganzen Deutſchland gehört aber auch der proteſtantiſche Theil—— und wie repraͤſentirt ſich nun dieſer in einer ununterbrochenen Reihe katholiſcher Kaiſer?— In dem höchſten Reichsgerichte rich⸗ ten die deutſchen Stande ſich ſelbſt, weil ſie ſelbſt die Richter dazuſtellen; daß ſie ſich ſelbſt richteten, daß eine gleiche Gerech⸗ tigkeit Allen zu ſtatten käme, war der Sinn ſeiner Stiftung 20 kann dieſer Sinn erfuͤllt werden, wenn nicht beide Religionen darin ſitzen? Daß zur Zeit der Stiftung in Deutſchland noch ein einziger Glaube herrſchte, war Zufall, daß— kein Stand den andern auftrechtlichem Wege unterdrucken ſollte, war der weſent⸗ liche Zweck dieſer Stiftung. Dieſer Zweck aber iſt verfehlt, wenn ſein Religionstheil im ausſchließenden Beſitze iſt, den andern zu richten— darf nun ein Zweck aufgeopfert werden, wenn ſich ein Zu fall verandert?— Endlich und mit Mühe erfochten die Proteſtanten ihrer Religion einen Sitz im Kammergerichte, aber noch immer keine ganz gleiche Stimmenzahl.— Zur Kaiſerkrone hat noch kein proteſtantiſches Haupt ſich erhoben. Was man auch von der Gleichheit ſagen mag, welche der Religionsfriede zu Augsburg zwiſchen beiden deutſchen Kir⸗ chen einfuͤhrte, ſo ging die katholiſche doch unwiderſprechlich als Siegerin davon. Alles, was die lutheriſche erhielt, war— Duldung; Alles, was die katholiſche hingab, opferte ſie der Noth und nicht der Gerechtigkeit. Immer war es noch kein Friede zwiſchen zwei gleichgeachteten Machten, bloß ein Vertrag zwiſchen dem Herrn und einem unüberwundenen Rebellen! Aus dieſem Princip ſcheinen alle Proceduren der katholiſchen Kirche gegen die proteſtantiſche hergefloſſen zu ſeyn und noch herzufließen. Immer noch war es ein Verbrechen, zur proteſtantiſchen Kirche⸗ abzufallen, weil es mit einem ſo ſchweren Verluſte geahndet wurde, als der geiſtliche Vorbehalt uber abtrünnige geiſtliche Fürſten verhängt. Auch in den folgenden Zeiten ſetzte ſich die katholiſche Kirche lieber aus, Alles durch Gewalt zu verlieren, als einen kleinen Vortheil freiwillig und rechtlich aufzugeben; denn einen Raub zurücknehmen, war noch Hoffnung, und immer war es nur ein zufalliger Verluſt; aber ein aufgege⸗ bener Anſpruch, ein den Proteſtanten zugeſtandenes Recht er⸗ ſchuͤtterte die Grundpfeiler der katholiſchen Kirche./ Bei dem 218„ Religionsfrieden ſelbſt ſetzte man dieſen Grundſatz nicht aus den Augen. Was man in dieſem Frieden den Chan zenſchenu Preis gab, war nicht unbedingt aufgegeben. Alles, hieß es. ausdruͤcklich, ſollte nur bis auf die näͤchſte allgemeine Krchene verſammlung gelten, welche ſich beſchaftigen würde, beide Kir⸗ chen wieder zu vereinigen. Dann erſt, wenn dieſer letzte Ver⸗ ſuch mißlänge, ſollte der Religionsfriede eine abſolute Gültig⸗ keit haben. So wenig Hoffnung zu dieſer Wiedervereinigung da war, ſo wenig es vielleicht den Katholiſchen ſelbſt damit Ernſt war, ſo viel hatte man deſſen ungeachtet ſchon gewonnen, daß man den Frieden durch dieſe Bedingung beſchrankte. Dieſer Religionsfriede alſo, der die Flamme des Bürger⸗ kriegs auf ewige Zeiten erſticken ſollte, war im Grunde nur eine temporare Auskunft, ein Werk der Noth und der Ge⸗ walt, nicht vom Geſetz der Gerechtigkeit dictirt, nicht die Frucht berichtigter Ideen uͤber Religion und Religionsfreiheit. 1 Einen Religionsfrieden von der letzten Art konnten die Ka⸗ tholiſchen nicht geben, und wenn man aufrichtig ſeyn will, ei⸗ nen ſolchen vertrugen die Evangeliſchen noch nicht. Weit ent⸗ e fernt, gegen die Katholiſchen eine uneingeſchraͤnkte Billigkeit⸗ zu beweiſen, unterdruckten ſie, wo es in ihrer Macht ſtand, die Calviniſten, welche freilich eben ſo wenig eine Duldung in jenem beſſern Sinne verdienten, da ſie eben ſo weit entferntetee 8 ea waren, ſie ſelbſt auszuüben. Zu einem Religionsfrieden von dieſer Natur waren jene Zeiten noch nicht reif, und die Koͤpfe noch zu trübe. Wie konnte ein Theil von dem andern fordern, was er ſelbſt zu leiſten unvermögend war? Was eine jede Religionspartei in dem Augsburger Frieden rettete oder ge⸗ wann, verdankte ſie dem zufaͤlligen Machtverhaͤltniſſe, in wel⸗ chem beide bei Gründung des Friedens zu einander geſtanden. Was durch Gewalt gewonnen wurde, mußte behauptet werden 22 durch Gewalt; jenes Machtverhäaltniß mußte alſo auch fuͤrs kuͤnftige fortdauern, oder der Friede verlor ſeine Kra t. Mit An M G 8 ba ₰ 8 ̈ ₰ = 8 S — 5 — — . π᷑ — . R̈ ⁸Nπ ‿ ̈ α — ̈̈ — πᷣ — war vorbei. So genau der Friede die Rechtsgränzen beider Theile beſtimmt zu haben ſchien, ſo ungleichen Auslegungen blieb er nichtsdeſtoweniger unterworfen. Mitten in ihrem hitzigſten Kampfe hatte er den ſtreitenden Parteien Stillſtand auferlegt, er hatte den Feuerbrand zugedeckt, nicht gelöſcht, L A und unbefriedigte Anſprüche blieben auf beiden Seiten zurück. Die Katholiſchen glaubten zu viel verloren, die Evangeliſchen zu wenig errungen zu haben; beide halfen ſich damit, den Frieden, den ſie jetzt noch nicht zu verletzen wagten, nach ih⸗ ren Abſichten zu erklären. acee wir Dasſelbe maͤchtige Motiv, welches ſo manche proteſtantiſche Füͤrſten ſo geneigt gemacht hatte, Luthers Lehre zu umfaſ⸗ ſen, die Beſitznehmung von den geiſtlichen Stiftern, war nach geſchloſſenem Frieden nicht weniger wirkſam als vorher, und was von mittelbaren Stiftern noch nicht in ihren Haͤnden war, mußte bald in dieſelben wandern. Ganz Niederdeutſchland war in kurzer Zeit weltlich gemacht; und wenn es mit Ober⸗ deutſchland anders war, ſo lag es an dem lebhafteſten Wi⸗ 4 23 derſtande der Katholiſchen, die hier das Uebergewicht hatten. Jede Partei druͤckte oder unterdruͤckte, wo ſie die mäͤchtigere war, die Anhänger der andern; die geiſtlichen Fürſten be⸗ ſonders, als die wehrloſeſten Glieder des Reichs, wurden unaufhörlich durch die Vergroͤßerungsbegierde ihrer unkatho⸗ liſchen Nachbarn geängſtigt. Wer zu unmächtig war, Gewalt— durch Gewalt abzuwenden, flüchtete ſich unter die Flügel der Juſtiz, und die Spolienklagen gegen proteſtantiſche Staͤnde haͤuften ſich auf dem Reichsgerichte an, welches bereitwillig genug war, den angeklagten Theil mit Sentenzen zu verfol⸗ gen, aber zu wenig unterſtützt, um ſie geltend zu machen. Der Friede, welcher den Staͤnden des Reichs die vollkom⸗ mene Religionsfreiheit einräumte, hatte doch einigermaßen auch für den Unterthan geſorgt, indem er ihm das Recht aus⸗ bedung, das Land, in welchem ſeine Religion unterdrückt war, unangefochten zu verlaſſen. Aber vor den Gewalttha⸗ tigkeiten, womit der Landesherr einen gehaßten Unterthan drücken, vor den namenloſen Drangſalen, wodurch er den Auswandernden den Abzug erſchweren, vor den künſtlich ge⸗ legten Schlingen, worein die Argliſt, mit der Stärke verbun⸗ den, die Gemüther verſtricken kann, konnte der todte Buch⸗ ſtabe dieſes Friedens ihn nicht ſchützen. Der katholiſche Un⸗ terthan proteſtantiſcher Herren klagte laut über Verletzung des Religionsfriedens— der evangeliſche noch lauter über die Bedrückungen, welche ihm von ſeiner katholiſchen Obrigkeit widerfuhren. Die Erbitterung und Streitſucht der Theolo⸗ gen vergiftete jeden Vorfall, der an ſich unbedeutend war, und ſetzte die Gemüther in Flammen; glücklich genug, wenn ſich dieſe theologiſche Wuth an dem gemeinſchaftlichen Reli⸗ gionsfeinde erſchöpft hatte, ohne gegen die eigenen Religions⸗ 3 A⁵ iAAA verwandten ihr Gift auszuſpritzen. 2 24 Die Einigkeit der Prokeſtanten unter ſich ſelbſt wuͤrde doch endlich hingereicht haben, beide ſtreitenbe Parteien in einer gleichen Schwankung zu erhalten, und dadurch den Frieden zu verlängern; aber, um die Verwirrung vollkomimen zu machen, verſchwand dieſe Eintracht bald. Die Lehre, welche Zwingli in Zuͤrich und Calvin in Genf verbreitet hatten, fing bald auch in Deutſchland an, feſten Boden zu gewinnen, und die Proteſtanten unter ſich ſelbſt zu entzweien, daß ſie einander kaum mehr an etwas Anderm als dem gemeinſchaftlichen Haſſe gegen das Papſtthum erkannten. Die Proteſtanten in dieſem Zeitraume glichen denjenigen nicht mehr, welche fünfzig Jahre vorher ihr Bekenntniß zu Augsburg uübergeben hatten, und die Urfache dieſer Veranderung iſt— in eben dieſem Augsburgi⸗ ſchen Bekenntniſſe zu ſuchen. Dieſes Bekenntniß ſetzte dem pro⸗ teſtantiſchen Glauben eine poſitive Graͤnze, ehe noch der er⸗ wachte Forſchungsgeiſt ſich dieſe Graͤnze gefallen ließ, und die Proteſtanten verſcherzten unwiſſend einen Theil des Gewinns, den ihnen der Abfall von dem Papſtthnm verſicherte. Gleiche Beſchwerden gegen die roͤmiſche Hierarchie und gegen die Mißſe braͤuche in dieſer Kirche, eine gleiche Mißbilligung der katholi⸗ ſchen Lehrbegriffe würden hinreichend geweſen ſeyn, den Ver⸗ einigungspunkt für die proteſtantiſche Kirche abzugeben; aber ſie ſuchten dieſen Verinigungspunkt in einem neuen poſitiven Glaubensſyſteme, ſetzten in dieſes das Unterſcheidungszeichen, 1,9 den Vorzug, das Weſen ihrer Kirche) und bezogen auf dieſes.⸗ den Vertrag, den ſie mit den Katholiſchen ſchloſſen. Bloß als 4 Anhanger der Confeſſion gingen ſie den Religionsfrieden ein; die Confeffionsverwandten allein hatten Theil an der Wohlthat dieſes Friedens. Tie alſo auch der Erfolg ſeyn mochte, ſo ſtand es gleich ſchlimm um die Confeſſionsverwandten. Dem Geiſte der Forſchung war eine bleibende Schranke geſetzt, wenn 2 25 den Vorſchriften der Confeſſion ein blinder Gehorſam gelei⸗ ſtet wurde; der Vereinigungspunkt aber war verloren, wenn man ſich über die feſtgeſetzte Formel entzweite. Zum Unglück ereignete ſich beides, und die ſchlimmen Folgen von beiden ſtellten ſich ein. Eine Partei hielt ſtandhaft feſt an dem er⸗ ſten Bekenntniſſe; und wenn ſich die Calviniſten davon ent⸗ fernten, ſo geſchah es nur, um ſich auf aͤhnliche Art in einen neuen Lehrbegriff einzuſchließen. 4 31 Keinen ſcheinbarern Vorwand haͤtten die Proteſranten ihrem gemeinſchaftlichen Feinde geben können, als dieſe Uneinigkeit unter ſich ſelbſt, kein erfreuenderes Schauſpiel, als die Erbit⸗ terung, womit ſie einander wechſelſeitig verfolgten. Werkonnte es nun den Katholiſchen zum Verbrechen machen, wenn ſie die Dreiſtigkeit läͤcherlich fanden, mit welcher die Glaubensverbeſ⸗ ſerer ſich angemaßt hatten, das einzige wahre Religionsſyſtem zu verkündigen? wenn ſie von Proteſtanten ſelbſt die Waffen gegen Proteſtanten entlehnten? wenn ſie ſich bei dieſem Wider⸗ ſpruche der Meinungen an die Autorität ihres Glaubens feſt⸗ hielten, für welchen zum Theil doch ein ehrwürdiges Alterthum und eine noch ehrwürdigere Stimmenmehrheit ſprach? Aber die Proteſtanten kamen bei dieſer Trennung auf eine noch ernſt⸗ haftere Art ins Gedränge. Auf die Confeſſionsverwandten al⸗ lein war der Religionsfriede geſtellt, und die Katholiſchen dran⸗ gen nun auf Erklärung: wen dieſe fuͤr ihren Glaubensgenoſſen erkannt wiſſen wollten. Die Evangeliſchen konnten die Refor⸗ mirten in ihren Bund nicht einſchließen, ohne ihr Gewiſſen zu beſchweren; ſie konnten ſie nicht davon ausſchließen, ohne einen nützlichen Freund in einen gefährlichen Feind zu verwandeln. So zeigte dieſe unſelige Trennung den Machinationen der Je⸗ ſuiten einen Weg, Mißtrauen zwiſchen beide Parteien zu pflan⸗ zen, und die Eintracht ihrer Maßregeln zu zerſtoͤren. Durch 26 die doppelte Furcht vor den Katholiken und vor ihren eigenen proteſtantiſchen Gegnern gebunden, verſaumten die Proteſtan⸗ ten den nimmer wiederkehrenden Moment, ihrer Kirche ein durchaus gleiches Recht mit der römiſchen zu erfechten. Und allen dieſen Verlegenheiten wären ſie entgangen, der Abfall der Reformirten waͤre für die gemeine Sache ganz unſchaͤdlich geweſen, wenn man den Vereinigungspunkt allein in der Ent⸗ fernung von dem Papſtthum, nicht in Augsburgiſchen Con⸗ feſſionen, nicht in Concordienwerken geſucht hatte. So ſehr man aber auch in allem Andern getheilt war, ſo begriff man doch einſtimmig, daß eine Sicherheit, die man bloß der Machtgleichheit zu danken gehabt hatte, auch nur durch dieſe Machtgleichheit allein erhalten werden könne. Die fortwaährenden Reformationen der einen Partei, die Gegen⸗ bemühungen der andern unterhielten die Wachſamkeit auf bei⸗ den Seiten, und der Inhalt des Religionsfriedens war die Loſung eines ewigen Streits. Jeder Schritt, den der andere Theil that, mußte zu Kraͤnkung dieſes Friedens abzielen; jeder, den man ſich ſelbſt erlaubte, geſchah zur Aufrechthaltung dieſes Friedens. Nicht alle Bewegungen der Katholiſchen hatten eine angreifende Abſicht, wie ihnen von der Gegenpartei Schuld ge⸗ geben wird; Vieles, was ſie thaten, machte ihnen die Selbſt⸗ vertheidigung zur Pflicht. Die Proteſtanten hatten auf eine nicht zweideutige Art gezeigt, wozu die Katholiſchen ſich zu verſehen hatten, wenn ſie das Unglück haben ſollten, der un⸗ terliegende Theil zu ſeyn. Die Lüſternheit der Proteſtanten nach den geiſtlichen Gütern ließ ſie keine Schonung, ihr Haß keine Großmuth, keine Duldung erwarten. Aber auch den Proteſtanten war es zu verzeihen, wenn ſie 1 zu der Redlichkeit der Papiſten wenig Vertrauen zeigten. Durch die treuloſe und barbariſche Behandlungsart, welche man ſich 8 9 4egn 27 in Spanien, Frankreich und den Niederlanden gegen ihre Glaubensgenoſſen erlaubte, durch die ſchaͤndliche Ausflucht ka⸗ tholiſcher Fürſten, ſich von den heiligſten Eiden durch den Papſt S losſprechen zu laſſen, durch den abſcheulichen Grundſatz, daß gegen Ketzer kein Treu und Glaube zu beobachten ſey, hatte d die katholiſche Kirche in den Augen aller Redlichen ihre Ehre verloren. Keine Verſicherung, kein noch ſo fürchterlicher Eid konnte aus dem Munde eines Papiſten den Proteſtanten be⸗ ruhigen. Wie hätte der Religionsfriede es gekonnt, den die Jeſuiten durch ganz Deutſchland nur als eine einſtweilige Con⸗ venienz abſchilderten, der in Rom ſelbſt feierlich verworfen ward? Jeeee avddt, ⸗ Die allgemeine Kirchenverſammlung, auf welche in dieſem Frieden hingewieſen worden, war unterdeſſen in der Stadt Tri⸗ dent vor ſich gegangen; aber, wie man nicht anders erwartet hatte, ohne die ſtreitenden Religionen vereinigt, ohne auch nur einen Schritt zu dieſer Vereinigung gethan zu haben, ohne von den Proteſtanten auch nur beſchickt worden zu ſeyn. Feier⸗ lich waren dieſe nunmehr von der Kirche verdammt, für deren Repräſentanten ſich das Concilium ausgab.— Konnte ihnen ein profaner, und noch dazu durch die Waffen erzwungener Ver⸗ trag vor dem Bann der Kirche eine hinlaͤngliche Sicherbeit geben— ein Vertrag, der ſich auf eine Bedingung ſtützte, welche der Schluß des Conciliums aufzuheben ſchien? An einem Scheine des Rechts fehlte es alſo nicht mehr, wenn ſich die Katholiſchen ſonſt mächtig genug fühlten, den Religionsfrieden zu verletzen— von jetzt an alſo ſchutzte die Proteſtanten nichts mehr, als der Reſpect vor ihrer Macht. Mehreres kam dazu, das Mißtrauen zu vermehren. Spa⸗ nien, an welche Macht das katholiſche Deutſchland ſich lehnte, lag damals mit den Niederlandern in einem heftigen Kriege, 28 der den Kern der ſpaniſchen Macht an die Graͤnzen Deutſchlands gezogen hatte. Wie ſchnell ſtanden dieſe Truppen im Reiche, wenn ein entſcheidender Streich ſie hier nothwendig machte! Deutſchland war damals eine Vorrathskammer des Kriegs für faſt alle eurvpaiſchen Machte. Der Religionskrieg hatte Sol⸗ daten darin angehaͤuft, die der Friede außer Brod ſetzte. So vielen von einander unabhangigen Fuürſten war es leicht, Kriegs⸗ heere zuſammenzubringen, welche ſie alsdann, ſey's aus Gewinn⸗ ſucht oder aus Parteigeiſt, an fremde Maͤchte verliehen. Mit deutſchen Truppen bekriegte Philipp der Zweite die Nie⸗ derlande, und mit deutſchen Truppen vertheidigten ſie ſich. Eine jede ſolche Truppenwerbung in Deutſchland ſchreckte im⸗ mer eine von beiden Religionsparteien auf; ſie konnte zu ihrer Unterdruckung abzielen. Ein herumwandernder Ge⸗ ſandter, ein außerordentlicher papſtlicher Legat, eine Zuſam⸗ menkunft von Fürſten, jede ungewöhnliche Erſcheinung mußte dem einen oder dem andern Theile Verderben bereiten. So ſtand Deutſchland gegen ein halbes Jahrhundert, die Hand an dem Schwerte; jedes rauſchende Blatt erſchreckte. Ferdinand der Erſte, König von Ungarn, und ſein vortrefflicher Sohn, Marimilian der Zweite, hielten in dieſer bedenklichen Epoche die Züͤgel des Reichs. Mit einem Herzen voll Aufrichtigkeit, mit einer wirklich heroiſchen Geduld hatte Ferdinand den Religionsfrieden zu Augsburg vermit⸗ telt, und an den undankbaren Verſuch, beide Kirchen auf dem Concilium zu Trident zu vereinigen, eine vergebliche Mühe verſchwendet. Von ſeinem Neffen, dem ſpaniſchen Philipp, im Stiche gelaſſen, zugleich in Siebenbürgen und Ungarn von den ſiegreichen Waffen der Türken vedrängt, wie hätte ſich die⸗ ſer Kaiſer ſollen in den Sinn kommen laſſen, den Religions⸗ frieden zu verletzen, und ſein eigenes muͤhevolles Werk zu ver⸗ 29 nichten? Der große Aufwand des immer ſich erneuernden Türkenkriegs konnte von den ſparſamen Beiträgen ſeiner er⸗ ſchöpften Erblande nicht beſtritten werden; er brauchte alſo den Beiſtand des Reichs, und der Religionsfriede allein hielt das getheilte Reich, noch in einem Körper zuſammen. Das ökonomiſche Bedürfniß machte ihm die Proteſtanten nicht we⸗ niger nöthig, als die Katholiſchen und legte ihm alſo auf, beide Theile mit gleicher Gerechtigkeit zu behandeln, welches bei ſo ſehr widerſtreitenden Forderungen ein wahres Rieſenwerkwar. Auch fehlte viel, daß der Erfolg ſeinen Wünſchen entſprochen hätte: ſeine Nachgiebigkeit gegen die Proteſtanten hatte bloß dazu ge⸗ dient, ſeinen Enkeln den Krieg aufzuheben, der ſein ſterbendes Auge verſchonte. Nicht viel glücklicher war ſein Sohn Maxi⸗ milian, den vielleicht nur der Zwang der Umſtände hinderte, dem vielleicht nur ein längeres Leben fehlte, um die neue Re⸗ ligion auf den Kaiſerthron zu erheben. Den Vater hatte die Nothwendigkeit Schonung gegen die Proteſtanten gelehrt; die Nothwendigkeit und die Billigkeit dictirten ſie ſeinem Sohne. Der Enkel bußte es theuer, daß er weder die Billigkeit hörte, noch der Nothwendigkeit gehorchte. Sechs Söhnehinterließ Marimi lian, aber nur der älteſte von dieſen, Erzherzog Rudolph, erbte ſeine Staaten und be⸗ ſtieg den kaiſerlichen Thron; die übrigen Brüder wurden mit ſchwachen Apanagen abgefunden. Wenige Nebenlaͤnder gehörten einer Seitenlinie an, welche Karl von Steyermark, ihr Oheim, fortführte; doch wurden auch dieſe ſchon unter Ferdi⸗ nand dem Zwei ten, ſeinem Sohne, mit der übrigen Erb⸗ ſchaft vereinigt. Dieſe Lander alſo ausgenommen, verſam⸗ melte ſich nunmehr die ganze anſehnliche Macht des Hauſes Oeſterreich in einer einzigen Hand, aber zum Ungluck in einer ſchwachen. 30 Rudolph der Zweite war nicht ohne Tugenden, die ihm die Liebe der Menſchen haͤtten erwerben müſſen, wenn ihm das Loos eines Privatmanns gefallen ware. Sein Charakter war mild, er liebte den Frieden, und den Wiſſenſchaften— beſonders der Aſtronomie, Naturlehre, Chemie und dem Studium der Antiquitaten— ergab er ſich mit einem leidenſchaftlichen Hange, der ihn aber zu einer Zeit, wo die bedenkliche Lage der Dinge die angeſtrengteſte Aufmerkſamkeit heiſchte, und ſeine erſchopften Finanzen die höchſte Sparſamkeit nöthig machten, von Regie⸗ rungsgeſchaften zurückzog, und zu einer hoͤchſt ſchaͤdlichen Ver⸗ ſchwendung reizte. Sein Geſchmack an der Sternkunſt verirrte ſich in aſtrologiſche Traumereien, denen ſich ein melancholiſches und furchtſames Gemuth, wie das ſeinige war, ſo leicht überliefert. Dieſes und eine in Spanien zugebrachte Jugend öffnete ſein Ohr den ſchlimmen Rathſchlaägen der Jeſuiten und den Einge⸗ bungen des ſpaniſchen Hofes, die ihn zuletzt unumſchrankt be⸗ herrſchten. Von Liebhabereien angezogen, die ſeines großen Poſtens ſo wenig würdig waren, und von lächerlichen Wahr⸗ ſagungen geſchreckt, verſchwand er nach ſpaniſcher Sitte vor ſeinen Unterthanen, um ſich unter ſeinen Gemmen und Anti⸗ ken, in ſeinem Laboratorium, in ſeinem Marſtalle zu verbergen, wahrend daß die gefahrlichſte Zwietracht alle Bande des deut⸗ ſchen Staatskörpers auflöste, und die Flamme der Empoͤrung ſchon anfing, an die Stufen ſeines Throns zu ſchlagen. Der Zugang zu ihm war Jedem, ohne Ausnahme, verſperrt; unaus⸗ gefertigt lagen die dringendſten Geſchafte; die Ausſicht auf die reiche ſpaniſche Erbſchaft verſchwand, weil er unſchlüſſig blieb, der Infantin Iſabella ſeine Hand zu geben; dem Reiche drohte die fürchterlichſte Anarchie, weil er, obgleich ſelbſt ohne Erben, nicht dahin zu bringen war, einen römiſchen König erwahlen zu laſſen. Die öſterreichiſchen Landſtande ſagten ihm 31 den Gehorſam auf, Ungarn und Siebenbürgen entriſſen ſich ſeiner Hoheit, und Böhmen ſäumte nicht lange, dieſem Bei⸗ ſpiele zu folgen.“ Die Nachkommenſchaft des ſo gefürchteten Karls des Fünften ſchwebte in Gefahr, einen Theil ihrer Beſitzungen an die Türken, den andern an die Proteſtanten zu verlieren, und unter einem furchtbaren Fürſtenbunde, den ein großer Monarch in Europa gegen ſie zuſammenzog, ohne Ret⸗ tung zu erliegen. In dem Innern Deutſchlands geſchah, was⸗ von jeher geſchehen war, wenn es dem Thront an einem Kaiſer, oder dem Kaiſer an einem Kaiſerſinne fehlte. Gekrankt oder im Stiche gelaſſen von dem Reichsoberhaupte, helfen die Stände ſich ſelbſt, und Bündniſſe müſſen ihnen die fehlende Auto⸗ rität des Kaiſers erſetzen. Deutſchland theilt ſich in zwei Unio⸗ nen, die einander gewaffnet gegenüberſtehen; Rudolph, ein verachteter Gegner der einen und ein unmachtiger Beſchützer der andern, ſteht müßig und überflüſſig zwiſchen beiden, gleich unfähig, die erſte zu zerſtreuen und über die andre zu herr⸗ ſchen. Was haͤtte auch das deutſche Reich von einem Fürſten erwarten ſollen, der nicht einmal vermoögend war, ſeine eige⸗ nen Erbländer gegen einen innerlichen Feind zu behaupten? Den ganzlichen Ruin desoͤſterreichiſchen Geſchlechts aufzuhalten, tritt ſein eigenes Haus gegen ihn zuſammen, und eine mäch⸗ tige Faction wirft ſich ſeinem Bruder in die Arme. Aus allen ſeinen Erbſtaaten vertrieben, bleibt ihm nichts mehr zu ver⸗ lieren, als der Kaiſerthron, und der Tod reißt ihn noch eben zeitig genug weg, um ihm dieſe letzte Schande zu eyſpgren. Deutſchlands ſchlimmer Genius war es, der ihm gerade in dieſer bedenklichen Epoche, wo nur eine geſchmeidige Klugheit 1 und ein mächtiger Arm den Frieden des Reichs retten konnte, einen Rudolph zum Kaiſer gab. In einem ruhigern Zeit⸗ punkte häͤtte der deutſche Staatskörper ſich ſelbſt geholfen, und 3²2 in einer myſtiſchen Dunkelheit hatte Rudolph,, wie ſo viele Andere ſeines Ranges, ſeine Bloͤtzen verſteckt. Das dringende Bedurfniß der Tugenden, die ihm fehlten, riß ſeine Unfähig⸗ keit ans Licht. Deutſchlands Lage forderte einen Kaiſer, der durch eigene Huͤlfsmittel ſeinen Entſcheidungen Gewicht geben konnte, und die Erbſtaaten Rudolphs, ſo anſehnlich ſie auch waren, befanden ſich in einer Lage, die den Regenten in die äußerſte Verlegenheit ſetzte. Die oͤſterreichiſchen Prinzen waren zwar katholiſche Fürſten, und noch dazu Stützen des Papſtthums: aber es fehlte viel, daß ihre Lander katholiſche Länder geweſen waren. Auch in dieſe Gegenden waren die neuen Meinungen eingedrungen, und, begünſtigt von Ferdinands Bedraͤngniſſen und Maxi⸗ milians Gute, hatten ſie ſich mit ſchnellem Glücke in den⸗ ſelben verbreitet. Die oͤſterreichiſchen Lander zeigten im Kleinen, was Deutſchland im Großen war. Der größere Theil des Herren⸗ und Ritterſtandes war evangeliſch, und in den Städten hatten die Proteſtanten bei weitem das Uebergewicht errungen. Nachdem es ihnen geglückt war, Einige aus ihrem Mittel in die Landſchaft zu bringen, ſo wurde unvermerkt eine landſchaft⸗ liche Stelle nach der andern, ein Collegium nach dem andern, mit Proteſtanten beſetzt und die Katholiken daraus verdrängt. Gegen den zahlreichen Herren⸗ und Ritterſtand und die Ab⸗ geordneten der Stadte war die Stimme weniger Pralaten zu ſchwach, welche das ungezogene Geſpötte und die krankende Ver⸗ achtung der Uebrigen noch vollends von dem Landtage ver⸗ ſcheuchte. So war unvermerkt der ganze öſterreichiſche Landtag proteſtantiſch, und die Reformation that von jetzt an die ſchnell⸗ ſten Schritte zu einer öffentlichen Eriſtenz. Von den Land⸗ ſtänden war der Regent abhaͤngig, weil ſie es waren, die ihm die Steuern abſchlagen und bewilligen konnten. Sie benutzten 33 die Geldbedürfniſſe, in denen ſich Ferdinand und ſein Sohn befanden, eine Religionsfreiheit nach der andern von dieſen Fürſten zu erpreſſen. Dem Herren⸗ und Ritterſtande geſtattete endlich Maximilian die freie Ausuͤbung ihrer Religion, doch nur auf ihren eigenen Territorien und Schloͤſſern. Der unbe⸗ ſcheidene Schwärmereifer der evangeliſchen Prediger überſchritt dieſes von der Weisheit geſteckte Ziel. Dem ausdruͤcklichen Ver⸗ bot zuwider ließen ſich mehrere derſelben in den Landſtädten und ſelbſt zu Wien öffentlich hören, und das Volk draͤngte ſich ſchaarenweiſe zu dieſem neuen Evangelium, deſſen beſte Würze Anzüglichkeiten und Schimpfreden ausmachten. So wurde dem Fanatismus eine immerwährende Nahrung gegeben, und der Haß beider einander ſo naheſtehenden Kirchen durch den Stachel ihres unreinen Eifers vergiftet. Unter den Erbſtaaten des Hauſes Oeſterreich war Ungarn nebſt Siebenbürgen die unſicherſte und am ſchwerſten zu be⸗ hauptende Beſitzung. Die Unmöglichkeit, dieſe beiden Länder gegen die nahe und überlegene Macht der Türken zu behaupten, hatte ſchon Ferdinanden zu dem unruͤhmlichen Schritte ver⸗ mocht, der Pforte durch einen jährlichen Tribut die oberſte Hoheit über Siebenbürgen einzugeſtehen— ein ſchädliches Be⸗ kenntniß der Unmacht und eine noch gefahrlichere Anreizung für den unruhigen Adel, wenn er Urſache zu haben glaubte, ſich über ſeinen Herrn zu beſchweren. Die Ungarn hatten ſich dem Hauſe Oeſterreich nicht unbedingt unterworfen. Sie behaupte⸗ ten die Wahlfreiheit ihre Krone und forderten trotzig alle ſtan-e diſchen Rechte, welche von dieſer Wahlfreiheit unzertrennlich ſind. Die nahe Nachbarſchaft des türkiſchen Reichs und die Leichtig⸗— keit, ungeſtraft ihren Herrn zu wechſeln, beſtärkte die Magna⸗ ten noch mehr in dieſem Trotze; unzufrieden mit der öſter⸗ reichiſchen Regierung, warfen ſie ſich den Osmanen in die Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 3 34 Arme; unbefriedigt von dieſen, kehrten ſie unter deutſche Hoheit zuruck. Der öͤftere und raſche Uebergang von einer Herrſchaft zur andern hatte ſich auch ihrer Denkungsart mitgetheilt; un⸗ gewiß, wie ihr Land zwiſchen deutſcher und ottomaniſcher Hoheit ſchwebtch ſchwankte auch ihr Sinn zwiſchen Abfall und Unterwerfung. Je ungluͤcklicher beide Laͤnder ſich fuͤhlten, zu Provinzen einer auswaͤrtigen Monarchie herabgeſetzt zu ſeyn, deſto unüberwindlicher war ihr Beſtreben, einem Herrn aus ihrer Mitte zu gehorchen; und ſo wurde es einem unternehmen⸗ den Edelmanne nicht ſchwer, ihre Huldigung zu erhalten. Voll Bereitwilligkeit reichte der naͤchſte tuͤrkiſche Baſſa einem Rebellen gegen Oeſterreich Scepter und Krone; eben ſo bereitwillig be⸗ ſtätigte man in Oeſterreich einem andern den Beſitz der Pro⸗ vinzen, die er der Pforte entriſſen hatte, zufrieden, auch nur einen Schatten von Hoheit gerettet und eine Vormauer gegen die Türken dadurch gewonnen zu“haben. Mehrere ſolcher Magnaten, Bathory, Boſchkai, Ragoczy, Bethlen, ſtanden auf dieſe Art nach einander in Siebenbürgen und Ungarn als zinsbare Koͤnige auf, welche ſich durch keine andere Staatskunſt erhielten, als dieſe: ſich an den Feind anzuſchlie⸗ ßen, um ihrem Herrn deſto furchtbarer zu ſeyn. Ferdinand, Maximilian und Rudolph, alle drei Be⸗ herrſcher von Siebenbürgen und Ungarn, erſchoͤpften das Mark ihrer übrigen Länder, um dieſe beiden gegen die Ueberſchwem⸗ mungen der Tuͤrken und gegen innere Rebellionen zu behaupten. Vexheerende Kriege wechſelten auf dieſem Boden mit kurzen Waͤffenſtillſtänden ab, die nicht viel beſſer waren. Verwuſtet lag weit und breit das Land, und der gemißhandelte Unterthan führte gleich große Beſchwerden über ſeinen Feind und ſeinen Beſchützer. Auch in dieſe Laͤnder war die Reformation einge⸗ drungen, wo ſie unter dem Schutze der ſtändiſchen Freiheit, unter der Decke des Tumults, merkliche Fortſchritte machte. Auch dieſe taſtete man jetzt unvorſichtig an, und der politiſche Factionsgeiſt wurde gefährlicher durch religiöſe Schwarmerei. Der ſiebenbürgiſche und ungariſche Adel erhebt, von einem kühnen Rebellen, Boſchkai, angefuhrt, die Fahne der Em⸗ pörung. Die Aufruͤhrer in Ungarn ſind im Begriffe, mit den mißvergnügten Proteſtanten in Oeſterreich, Mähren und Böh⸗ men gemeine Sache zu machen und alle dieſe Laͤnder in einer furchtbaren Rebellion fortzureißen. Dann war der Untergang des Papſtthums in dieſen Ländern unvermeidlich. 1 Längſt ſchon hatten die Erzherzoge von Oeſterreich, des Kaiſers Brüder, dem Verderben ihres Hauſes mit ſtillem Un⸗ willen zugeſehen; dieſer letzte Vorfall beſtimmte ihren Entſchluß. Erzherzog Matthias, Maximilians zweiter Sohn, Statt⸗ halter in Ungarn und Rudolphs vermuthlicher Erbe, trat hervor, Habsburgs ſinkendem Hauſe ſich zur Stütze anzu⸗ bieten. In jugendlichen Jahren, und von einer falſchen Ruhm⸗ begierde übereilt, hatte dieſer Prinz, dem Intereſſe ſeines Hau⸗ ſes zuwider, den Einladungen einiger niederländiſchen Rebellen Gehor gegeben, welche ihn in ihr Vaterland riefen, um die eiheiten de r Nation gegen ſeinen eigenen Anverwandten, den Zweiten, zu vertheidigen. Matthias, der Beiume einer einze inen Faction die Stimme des ganzen Wiſchen Volks zu vernehmen glaubte, erſchien auf dieſen erlanden. Aber der Erfolg entſprach eben ſo werf den Wunſch en der Brabanter, als ſeinen eigenen Er⸗ wartungen, und ruhmlos zog er ſich aus einer unweiſen Unter⸗ nehmung. Deſto ehrenvoller war ſeine zweite Erſcheinung in der politiſchen Welt. Nachdem ſeine wiederholteſten Aufforderungen an den Kaiſer ohne Wirkung geblieben, berief er die Erzherzoge, ſeine Brüder und Vettern, nach Preßburg, und pflog Rath mit ihnen uͤber des Hauſes wachſende Gefahr. Einſtimmig uͤbertragen die Bru⸗ der ihm, als dem Aelteſten, die Vertheidigung ihres Erbtheils, das ein blödſinniger Bruder verwahrloste. Alle ihre Gewalt und Rechte legen ſie in die Hand dieſes Aelteſten, und bekleiden ihn mit ſouveräner Vollmacht, uüber das gemeine Beſte nach Einſicht zu verfügen. Alſobald eröffnet Matthias Unter⸗ handlungen mit der Pforte und mit den ungariſchen Rebellen, und ſeiner Geſchicklichkeit gelingt es, den Ueberreſt Ungarns durch einen Frieden mit den Türken, und durch einen Vertrag mit den Rebellen Oeſterreichs Anſprüche auf die verlorenen Provinzen zu retten. Aber Rudolph, eben ſo eiferſüchtig auf ſeine landesherrliche Gewalt, als nachlaͤſſig, ſie zu behaupten, haͤlt mit der Beſtätigung dieſes Friedens zurück, den er als einen ſtrafbaren Eingriff in ſeine Hoheit betrachtet. Er be⸗ ſchuldigt den Erzherzog eines Verſtaͤndniſſes mit dem Feinde und verraͤtheriſcher Abſichten auf die ungariſche Krone. Die Geſchaftigkeit des Matthias war nichts weniger als frei von eigennützigen Entwürfen geweſen; aber das Betragen des Kaiſers beſchleunigte die Ausführung dieſer Entwürfe. Der Zuneigung der Ungarn, denen er kürzlich den Frieden ge⸗ ſchenkt hatte, durch Dankbarkeit, durch ſeine Unterhandler der Ergebenheit des Adels verſichert, und in Oeſterreich ſelbſt eines zahlreichen Anhangs gewiß, wagt er es nun, mit ſeinen Ab⸗ ſichten lauter hervorzutreten und die Waffen in der Hand mit dem Kaiſer zu rechten. Die Proteſtanten in Oeſterreich und Mähren, lange ſchon zum Aufſtande bereit, und jetzt von dem Erzherzoge durch die verſprochene Religionsfreiheit gewonnen, nehmen laut und öffentlich ſeine Partei, und ihre laͤngſt ge⸗ drohte Verbindung mit den rebelliſchen Ungarn kommt wirklich zu Stande. Eine furchtbare Verſchworung hat ſich auf Einman 37 gegen den Kaiſer gebildet. Zu ſpät entſchließt er ſich, den begangenen Fehler zu verbeſſern; umſonſt verſucht er, dieſen verderblichen Bund aufzulöſen. Schon hat Alles die Waffen in der Hand; Ungarn, Oeſterreich und Mahren haben dem Matthias gehuldigt, welcher ſchon auf dem Wege nach Böh⸗ men iſt, um dort den Kaiſer in ſeiner Burg aufzuſuchen und die Nerven ſeiner Macht zu zerſchneiden. Das Königreich Böhmen war fur Oeſterreich eine nicht viel ruhigere Beſitzung als Ungarn, nur mit dem Unterſchiede, daß hier mehr politiſche Urſachen, dort mehr die Religion die Zwie⸗ tracht unterhielten. In Boöhmen war ein Jahrhundert vor Luthern das erſte Feuer der Religionskriege ausgebrochen, in Boͤhmen entzündete ſich ein Jahrhundert nach Luthern die Flamme des dreißigjährigen Kriegs. Die Secte, welcher Jo⸗ hann Huß die Entſtehung gegeben, lebte ſeitdem noch fort in Böhmen, einig mit der roͤmiſchen Kirche in Ceremonie und Lehre, den einzigen Artikel des Abendmahls ausgenommen, welches der Huſſite in beiden Geſtalten genoß. Dieſes Vor⸗ recht hatte die Baſel'ſche Kirchenverſammlung in einem eigenen Vertrage(den böhmiſchen Compactaten) Huſſens Anhaͤngern zugeſtanden, und wiewohl ihm nachher von den Päpſten wider⸗ ſprochen wurde, ſo fuhren ſie dennoch fort, es unter dem Schutze der Geſetze zu genießen. Da der Gebrauch des Kelchs das ein⸗ zige erhebliche Unterſcheidungszeichen dieſer Secte ausmachte, ſo bezeichnete man ſie mit dem Namen der Utraquiſten(der in beider lei Geſtalt Communicirenden), und ſie gefielen ſich in dieſem Namen, weiler ſie an ihr ſo theures Vorrecht erinnerte. Aber in dieſem Namen verbarg ſich auch die weit ſtrengere Secte der böhmiſchen und mähriſchen Brüder, welche in weit bedeutendern Punkten von der herrſchenden Kirche abwichen und mit den deutſchen Proteſtanten ſehr viel Aehnliches hatten, 38 Bei beiden machten die deutſchen ſowohl als die ſchweizeriſchen Religionsneuerungen ein ſchnelles Glück, und der Name der Utraquiſten, womit ſie ihre veränderten Grundſaͤtze noch immer zu bedecken wußten, ſchützte ſie vor der Verfolgung. Im Grunde war es nichts mehr als der Name, was ſie mit jenen Utraquiſten gemein hatten; dem Weſen nach waren ſie ganz Proteſtanten. Voll Zuverſicht auf ihren mächtigen Anhang und auf des Kaiſers Toleranz, wagten ſie ſich unter Maximilians Regierung mit ihren wahren Geſinnungen an das Licht. Sie ſetzten nach dem Beiſpiel der Deutſchen eine eigene Confeſſion auf, in welcher ſowohl Lutheraner als Refor⸗ mirte ihre Meinungen erkannten, und wollten alle Privilegien der ehemaligen utraquiſtiſchen Kirche auf dieſe neue Confeſſion übertragen haben. Dieſes Geſuch fand Widerſpruch bei ihren katholiſchen Mitſtänden, und ſie mußten ſich mit einem bloßen Worte der Verſicherung aus dem Munde der Kaiſers begnügen. So lange Marimilian lebcte, genoſſen ſie einer vollkom⸗ menen Duldung auch in ihrer neuen Geſtalt; unter ſeinem Nachfolger anderte ſich die Scene. Ein kaiſerliches Edict er⸗ ſchien, welches den ſogenannten böhmiſchen Brüdern die Reli⸗ gionsfreiheit abſprach. Die böhmiſchen Bruͤder unterſchieden ſich in nichts von den übrigen Utraquiſten; das Urtheil ihrer Ver⸗ dammung mußte daher alle böhmiſchen Confeſſionsverwandten auf gleiche Art treffen. Alle ſetzten ſich deßwegen dem kaiſer⸗ lichen Mandate auf dem Landtage entgegen, aber ohne es um⸗ ſtoßen zu können. Der Kaiſer und die katholiſchen Stäͤnde ſtützten ſich auf die Compactaten und auf das bohmiſche Land⸗ recht, worin ſich freilich zum Vortheile einer Religion noch nichts fand, die damals die Stimme der Nation noch nicht für ſich hatte. Aber wie viel hatte ſich ſeitdem verändert! Was damals bloß eine unbedeutende Secte war, war jetzt herrſchende Kirche geworden— und war es nun etwas anders, als Chicane, die Graͤnzen einer neu aufgekommenen Religion durch alte Ver⸗ trage beſtimmen zu wollen? Die boͤhmiſchen Proteſtanten be⸗ riefen ſich auf die mündliche Verſicherung Marimilians und auf die Religionsfreiheit der Deutſchen, denen ſie in keinem Stuücke nachgeſetzt ſeyn wollten. Umſonſt, ſie wurden abgewieſen.— So ſtanden die Sachen in Böhmen, als Matthias, bereits Herr von Ungarn, Oeſterreich und Mahren, bei Kollin erſchien, auch die bohmiſchen Landſtaͤnde gegen den Kgiſer zu empören. Des Letztern Verlegenheit ſtieg aufs höchſte. Von allen ſeiner⸗ übrigen Erbſtaaten verlaſſen, ſetzte er ſeine letzte Hoffnung auf die böhmiſchen Stande, von denen vorauszuſehen war, daß ſie ſeine N di⸗ zu Durchſetzung ihrer Forderungen, mißbrauchen würden. Nach langen Jahren erſchien er zu Prag wieder öffentlich auf dem Landtage, und um auch dem Volke zu zeigen, daß er wirklich noch lebe, mußten alle Fenſterladen auf dem Hofgange geöffnet werden, den er paſſirte; Beweis genug, wie weit es mit ihm gekommen war. Was er befürchtet hatte, geſchah. Die Staͤnde, welche ihre Wichtigkeit fühlten, wollten ſich nicht eher zu einem Schritte verſtehen, bis man ihnen über ihre ſtaͤndiſchen Privilegien und die Religionsfreiheit voll⸗ kommene Sicherheit geleiſtet hatte./ Es war vergeblich, ſich jetzt noch hinter die alten Ausfluͤchte zu verkriechen; des Kaiſers Schickſal war in ihrer Gewalt, und er mußte ſich in die Noth⸗ wendigkeit fügen. Doch geſchah dieſes nur in Betreff ihrer übrigen Forderungen; die Religionsangelegenheiten behielt er ſich vor, auf dem naͤchſten Landtage zu berichtigen. Nun ergriffen die Boͤhmen die Waffen zu ſeiner Verthei⸗ digung, und ein blutiger Buürgerkrieg ſollte ſich nun zwiſchen beiden Brüdern entzünden. Aber Rudolph, der nichts ſo 40 ſehr fürchtete, als in dieſer ſklaviſchen Abhangigkeit von den Standen zu bleiben, erwartete dieſen nicht, ſondern eilte, ſich mit dem Erzherzoge, ſeinem Bruder, auf einem friedlichen Wege abzufinden. In einer förmlichen Entſagungsacte uüber⸗ ließ er demſelben, was ihm nicht mehr zu nehmen war, Oeſter⸗ reich und das Königreich Ungarn, und erkannte ihn als ſeinen Nachfolger auf dem böhmiſchen Throne. Theuer genug hatte ſich der Kaiſer aus dieſem Bedraͤng⸗ niſſe gezogen, um ſich unmittelbar darauf in einem neuen zu verwickeln. Die Religionsangelegenheiten der Boͤhmen waren auf den nachſten Landtag verwieſen worden; dieſer Landtag erſchien 1609. Sie forderten dieſelbe freie Religionsübung, wie unter dem vorigen Kaiſer, ein eigenes Conſiſtorium, die Ein⸗ raumung der Prager Akademie, und die Erlaubniß, Defenſoren oder Freiheitsbeſchützer aus ihrem Mittel aufzuſtellen. Es blieb bei der erſten Antwort; denn der katholiſche Theil hatte alle Entſchließungen des furchtſamen Kaiſers gefeſſelt. So oft und in ſo drohender Sprache auch die Stande ihre Vorſtellungen erneuerten, Rudolph beharrte auf der erſten Erklarung, nichts über die alten Vertrage zu bewilligen. Der Landtag ging un⸗ verrichteter Dinge auseinander, und die Stände, aufgebracht über den Kaiſer, verabredeten unter ſich eine eigenmachtige Zuſammenkunft zu Prag, um ſich ſelbſt zu helfen. ⸗ In großer Anzahl erſchienen ſie zu Prag. Des kaiſerlichen Verbots ungeachtet, gingen die Berathſchlagungen vor ſich, und faſt unter den Augen des Kaiſers. Die Nachgiebigkeit, die er anfing zu zeigen, bewies ihnen nur, wie ſehr ſie gefürchtet waren, und vermehrte ihren Trotz; in der Hauptſache blieb er unbeweglich. Sie erfüllten ihre Drohungen und faßten ernſt⸗ lich den Entſchluß, die freie Ausübung ihrer Religion an allen Orten von ſelbſt anzuſtellen und den Kaiſer ſo lange in ſeinen 41 Bedurfniſſen zu verlaſſen, bis er dieſe Verfügung beſtatigt haͤtte. Sie gingen weiter und gaben ſich ſelbſt die Defen⸗ ſoren, die der Kaiſer ihnen verweigerte. Zehn aus jedem der drei Stände wurden ernannt; man beſchloß, auf das ſchleu⸗ nigſte eine militaͤriſche Macht zu errichten, wobei der Haupt⸗ beförderer dieſes Aufftandes, der Graf von Thurn, als Generalwachtmeiſter angeſtellt wurde. Dieſer Ernſt brachte end⸗ lich den Kaiſer zum Nachgeben, wozu jetzt ſogar die Spanier ihm riethen. Aus Furcht, daß die aufs Aeußerſte gebrachten Stände ſich endlich gar dem Könige von Ungarn in die Arme werfen möchten, unterzeichnete er den merkwürdigen Maje⸗ ſtätsbrief der Böhmen, durch welchen ſie unter den Nach⸗ folgern dieſes Kaiſers ihren Aufruhr gerechtfertigt haben. Die böhmiſche Confeſſion, welche die Stände dem Kaiſer Maximilian vorgelegt hatten, erhielt in dieſem Majeſtaͤts⸗ briefe vollkommen gleiche Rechte mit der katholiſchen Kirche. Den Utraquiſten, wie die böhmiſchen Proteſtanten noch immer fortfuhren ſich zu nennen, wird die Prager Univerſität und ein eigenes Conſiſtorium zugeſtanden, welches von dem erzbiſchof⸗ lichen Stuhle zu Prag durchaus unabhängig iſt. Alle Kirchen, die ſie zur Zeit der Ausſtellung dieſes Briefes in Städten, Dörfern und Mäarkten bereits inne haben, ſollen ihnen bleiben, und wenn ſie über dieſe Zahl noch neue erbauen laſſen wollten, ſo ſoll dieſes dem Herren⸗ und Ritterſtande und allen Staͤdten unverboten ſeyn. Dieſe letzte Stelle im Majeſtätsbriefe iſt es, über welche ſich nachher der unglückliche Streit entſpann, der Europa in Flammen ſetzte. Der Majeſtatsbrief machte das proteſtantiſche Böhmen zu einer Art von Republik. Die Stande hatten die Macht kennen lernen, die ſie durch Standhaftigkeit, Eintracht und Harmonie in ihren Maßregeln gewannen. Dem Kaiſer blieb nicht viel 42 mehr, als ein Schatten ſeiner landesherrlichen Gewalt; in der Perſon der ſogenannten Freiheitsbeſchützer wurde dem Geiſte des Aufruhrs eine gefährliche Aufmunterung gegeben. Böh⸗ mens Beiſpiel und Glück war ein verführeriſcher Wink füͤr die üͤbrigen Erbſtaaten Oeſterreichs, und alle ſchickten ſich an, ähnliche Privilegien auf einem ähnlichen Wege zu erpreſſen. Der Geiſt der Freiheit durchlief eine Provinz nach der andern; und da es vorzuüͤglich die Uneinigkeit zwiſchen den öſterreichiſchen Prinzen war, was die Proteſtanten ſo gluücklich zu benutzen ge⸗ wußt hatten, ſo eilte man, den Kaiſer mit dem Könige von Ungarn zu verſöhnen. Aber dieſe Verſöhnung konnte nimmermehr aufrichtig ſeyn. Die Beleidigung war zu ſchwer, um vergeben zu werden, und Rudolph fuhr fort, einen unauslöſchlichen Haß gegen Mat⸗ thias in ſeinem Herzen zu näaͤhren. Mit Schmerz und Un⸗ willen verweilte er bei dem Gedanken, daß endlich auch das böhmiſche Scepter in eine ſo verhaßte Hand kommen ſollte; und die Ausſicht war nicht viel troͤſtlicher für ihn, wenn Mat⸗ thias ohne Erben abginge. Alsdann war Ferdinand, Erz⸗ herzog von Graͤtz, das Haupt der Familie, den er eben ſo wenig liebte. Dieſen ſowohl, als den Matthias, von der böhmiſchen Thronfolge auszuſchließen, verfiel er auf den Ent⸗ wurf, Ferdinands Bruder, dem Erzherzoge Leopold, Bi⸗ ſchof von Paſſau, der ihm unter allen ſeinen Agnaten der liebſte und der verdienteſte um ſeine Perſon war, dieſe Erbſchaft zuzu⸗ wenden. Die Begriffe der Boͤhmen von der Wahlfreiheit ihres Königreichs und ihre Neigung zu Leopolds Perſon, ſchienen dieſen Entwurf zu begünſtigen, bei welchem Rudolph mehr ſeine Parteilichkeit und Rachgier, als das Beſte ſeines Hauſes zu Rathe gezogen hatte. Aber um dieſes Project durchzu⸗ ſetzen, bedurfte es einer militariſchen Macht, welche Ru⸗ 43 dolph auch wirklich im Bisthum Paſſau zuſammenzog. Die Beſtimmung dieſes Corps wußte Niemand; aber ein unver⸗ ſehener Einfall, den es, aus Abgang des Soldes und ohne Wiſſen des Kaiſers, in Böhmen that, und die Ausſchweifun⸗ gen, die es da verübte, brachte dieſes ganze Konigreich in Aufruhr gegen den Kaiſer. umſonſt verſicherte dieſer die böhmiſchen Stände von ſeiner Unſchuld; ſie glaubten ihm nicht; umſonſt verſuchte er den eigenmäc chtigen Gewaltthatig⸗ keiten ſeiner Soldaten Einhalt zu thun; ſie hoͤrten ihn nicht. In der Vorausſetzung, daß es auf Vernichtung des Majeſtaͤts⸗ briefes abgeſehen ſey, bewaffneten die Freiheitsbeſchützer das ganze proteſtantiſche Böhmen, und Matthias wurde ins Land gerufen. Nach Verjagung ſeiner Paſſauiſchen Truppen blieb der Kaiſer, entblößt von aller Hülfe, zu Prag, wo man ihn, gleich einem Gefangenen, in ſeinem eigenen Schloſſe be⸗ wachte und alle ſeine Rathe von ihm entfernte. Matthias war unterdeſſen unter allgemeinem Frohlocken in Prag einge⸗ zogen, wo Rudolph kurz nachher kleinmüthig genug war, ihn als König von Böhmen anzuerkennen. So hart ſtrafte dieſen Kaiſer das Schickſal, daß er ſeinem Feinde noch lebend einen Thron uberlaſſen mußte, den er ihm nach ſeinem Tode nicht gegoͤnnt hatte. Seine Demuthigung zu vollenden, noͤthigte man ihn, ſeine Unterthanen in Böhmen, Schleſien und der Lauſitz durch eine eigenhandige Entſagungsacte aller ihrer Pflich⸗ ten zu entlaſſen; und er that dieſes mit zerriſſener Seele, Alles, auch die er ſich am meiſten verpflichtet zu haben glaubte⸗ hatte ihn verlaſſen. Als die Unterzeichnung geſchehen war, warf er den Hut zur Erde und zerbiß die Feder, die ihm einen ſo ſchimpflichen Dienſt geleiſtet hatte. Note Indem Rudolph eines ſeiner Erblaͤnder nach dem andern verlor, wurde die Kaiſerwuͤrde nicht viel beſſer von ihm be⸗ 44 hauptet. Jede der Religionsparteien, unter welche Deutſchland vertheilt war, fuhr in ihrem Beſtreben fort, ſich auf Unkoſten der andern zu verbeſſern, oder gegen ihre Angriffe zu ver⸗ wahren. Je ſchwacher die Hand war, welche das Scepter des 5 NRieichs hielt, und je mehr ſich Proteſtanten und Katholiken ſich ſelbſt uͤberlaſſen fühlten, deſto mehr mußte ihre Aufmerkſamkeit auf einander geſpannt werden, deſto mehr das gegenſeitige Mißtrauen wachſen. Es war genug, daß der Kaiſer durch Jeſuiten regiert und durch ſpaniſche Rathſchläge geleitet wurde, um den Proteſtanten Urſache zur Furcht und einen Vorwand zu Feindſeligkeiten zu geben. Der unbeſonnene Eifer der Je⸗ 6 ſuiten, welche in Schriften und auf der Kanzel die Gültigkeit des Religionsfriedens zweifelhaft machten, ſchürte ihr Miß⸗ trauen immer mehr, und ließ ſie in jedem gleichguͤltigen Schritte der Katholiſchen gefährliche Zwecke vermuthen. Alles, was in den kaiſerlichen Erblanden zu Einſchrankung der evangeliſchen Religion unternommen wurde, machte die Aufmerkſamkeit des ganzen proteſtantiſchen Deutſchlands rege; und eben dieſer mächtige Rückhalt, den die evangeliſchen Unterthanen Oeſter⸗ reichs an ihren Religionsverwandten im übrigen Deutſchland fanden oder zu finden erwarteten, hatte einen großen Antheil an ihrem Trotze und an dem ſchnellen Glücke des Matthias. Man glaubte in dem Reiche, daß man den längern Genuß des Religionsfriedens nur den Verlegenheiten zu danken hatte, worein den Kaiſer die innerlichen Unruhen in ſeinen Ländern verſetzten, und eben darum eilte man nicht, ji aus dieſen, Verlegenheiten zu reißen. Faſt.⸗ alle An gelegenheiten des Reichstags, Niieben entweder aus Saumſeligkeit des Kaiſers, oder durch die Schuld der pro⸗ teſtantiſchen Reichsſtände liegen, welche es ſich zum Geſetze ge⸗ macht hatten, nicht eher zu den gemeinſchaftlichen Bedurfniſſen HMAM 1 9. 45 des Reichs etwas beizutragen, bis ihre Beſchwerden gehoben waren. Dieſe Beſchwerden wurden vorzüglich über das ſchlechte Regiment des Kaiſers, uͤber Kränkung des Religtonsfriedens, und über die neuen Anmaßungen des Reichshofraths ge⸗ führt, welcher unter dieſer Regierung angefangen hatte, zum Nachtheile des Kammergerichts ſeine Gerichtsbarkeit zu erwei⸗ tern. Sonſt hatten die Kaiſer in unwichtigen Fällen für ſich allein, in wichtigen mit Zuziehung der Fürſten, alle Rechtshandel zwi⸗ ſchen den Ständen, die das Fauſtrecht nicht ohne ſie ausmachte, in hoͤchſter Inſtanz entſchieden, oder durch kaiſerliche Richter, die ihrem Hoflager folgten, entſcheiden laſſen. Dieſes obrigkeitliche Amt hatten ſie am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts einem regelmäßigen, fortdauernden und ſtehenden Tribunale, dem Kammergerichte zu Speier, übertragen, zu welchem die Stände des Reichs, um nicht durch die Willkür des Kaiſers unterdrückt zu werden, ſich vorbehielten, die Beiſitzer zu ſtellen, auch die Ausſprüche des Gerichts durch periodiſche Reviſtonen zu unterſuchen. Durch den Religionsfrieden war dieſes Recht der Staͤnde, das Präſentations⸗ und Viſitationsrecht genannt, auch auf die Lutheriſchen ausgedehnt worden, ſo daß nunmehr ſprachen, und ein ſcheinbares Gleichgewicht beider Religioneni in dieſem höchſten Reichsgerichte ſtatt fand.. Aber die Feinde der Reformation und der ſtaͤndiſchen Frei⸗ heit, wachſam auf jeden Umſtand, der ihre Zwecke begünſtigte, fanden bald einen Ausweg, den Nutzen dieſer Einrichtung zu zerſtören. Nach und nach kam es auf, daß ein Privatgerichts⸗ hof des Kaiſers, der Reichshofrath in Wien, anfaͤnglich zu nichts Anderm beſtimmt, als dem Kaiſer in Ausuͤbung ſeiner unbezweifelten perſönlichen Kaiſerrechte mit Rath an die Hand zu gehen— ein Tribunal, deſſen Mitglieder, von Qenan auch proteſtantiſche Richter in proteſtantiſchen Rechtshaͤndeln⸗ — dem Kaiſer allein willkurlich aufgeſtellt und von i ihm allein be⸗ foldet, den Vortheil ihres Herrn zu ihrem hoͤchſten Geſetze, und das Beſte der katholiſchen Religion, zu welcher ſie ſich bekann⸗ ten, zu ihrer einzigen Richtſchnur machen mußten— die hoͤchſte Juſtiz über die Reichsſtande ausubte. Vor den Reichshofrath wurden nunmehr viele Recht ndeeh ſhenedn dde ungleicher Religion gezogen, über welche zu ſprechen nur dem Kammer⸗ gericht gebuhrte, und vor Entſteh hung desſelben dem Fürſten⸗ rathe gebührt hatte. Kein Wunder, wenn die Ausſprüche dieſes Gerichtshofs ihren Urſprung verriethen, wenn von katholiſchen Richtern und von Creaturen des K Kaiſers dem Intereſſe der ka⸗ tholiſchen Religipn und des Kaiſe die Gerechtigkeit gufgeopfert wurde. Obgl eich alle Reich hsſtaͤnde Deutſchlands Urſache zu ha⸗ ben ſchienen, einem ſo gefaͤhrlichen Mißbrauche in Zeiten zu be⸗ gegnen, ſo ſtellten ſich doch bloß allein die Proteſtanten, welche 2* er am emrfindlichſton drückte, und unter dieſen nicht einna alle, als Verthſeldiger der deutſchen Freiheit auf, die ein ſo wilttriihes Inſtitut an ihrer heil igſten Stelle, an der Gerech⸗ ege, ve erote ehedein noch eine willkürliche kalſerliche Gerichtsbar⸗ keit ſtakt finden durfte. Die deutſchen Reichsſtar nde würden ſich gegen jene Zeiten der Varbarei gar wenig verb eſſert haben, wenn das Kammergericht, wo ſie zugleich mit dem Kai ſer zu Gerichte ſaßen, für welches ſie doch das ehemalige Furſtenrecht aufgege⸗ ben hatten, auf fhören ſollte, ein nothwendige I nſtanz zu ſeyn. Aber in den Köpfen dieſes Zeitalters wurden oft die ſeltſamſten Widerſpruͤche vereinigt. Dem Namen Kaiſer, einem Vermaͤcht⸗ niſſe des deſpotiſchen Roms, klebte damals noch ein Begriff von Machtvollkommenheit an, der gegen das übrige Staatsrecht der In er u pürde Deutſch land n hen ung des Fauſtrechts, 2 Pdericht ts Glc zu wunſchen, woͤnt 28 47 Deutſchen den lächerlichſten Abſtich machte, aber nichtsdeſto⸗ weniger von den Juriſten in Schutz genommen, von den Be⸗ förderern des Deſpotismus verbreitet und von den Schwachen geglaubt wurde. 1ᷣ en An dieſe allgemeinen Beſchwerden ſchloß ſich nach und nach eine Reihe von beſondern Vorfällen an, welche die Beſorg⸗ lichkeit der Proteſtanten zuletzt bis zu dem höchſten Mißtrauen ſpannten. Wahrend der ſpaniſchen Religionsverfolgungen in den Niederlanden hatten ſich einige proteſtantiſche Familien in die katholiſche Reichsſtadt Aachen geflüchtet, wo ſie ſich bleibend niederließen und unvermerkt ihren Anhang vermehrten. Nach⸗ dem es ihnen duͤrch Liſ. gelungen war, einige ihres Glaubens in den Staatsrath, zu pringen ſo forderten ſie eine eigene Kirche und einen offentlichen Go ötkesdienſt, wekchen ſie ſich/ da ſis eine abſchlägige Antwort erhielten, nebſt dem ganzen Stadt⸗ regimente, auf einem gewaltſamen Wege verſchafften. Eine ſo anſehnliche Stadt in proteſtantiſchen Händen zu ſehen, war ein harter Schlag für den Kaiſer und die ganze katholiſche 3e Partei. Nachdem alle kaiſerlichen Ermahnungen und zu Wiederherſtellung des vorig uſtandes fruchtlos dehlieben⸗ erklärte ein Schluß des Reichshofraths die Stadt in die Reichs⸗ acht, welche aber erſt unter der folgenden Regierung vollzogen fehle wurde. Von groͤßerer Bedeutung waren zwei andere Verſuc Proteſtanten, ihr Gebiet und ihre Macht zu erweitern. fürſt Gebhard zu Köln, geborner Truchſeß von Waldburg, empfand für die junge Grafin Agnes von Mannsfeld, Ka⸗ noniſſin zu Gerresheim, eine heftige Liebe, die nicht unerwie⸗ dert blieb. Da die Augen von and Deutſchland auf dieſes Verſtandniß gerichtet waren, ſo forderten die Brüder Grafin, zwei eifrige Calviniſten, Genugthuung für die belei⸗ 8 digte Ehre ihres Hauſes, die, ſo lange der Kurfürſt ein ka⸗ tholiſcher Biſchof blieb, durch keine Heirath gerettet werden konnte. Sie drohten dem Kurfürſten, in ſeinem und ihrer Schweſter Blute dieſe Schande zu tilgen, wenn er nicht ſogleich allem Umgange mit der Graͤfin entſagte, oder ihre Ehre vor dem Altare wiederherſtellte. Der Kurfürſt, gleichguͤltig gegen alle Folgen dieſes Schrittes, hörte nichts, als die Stimme der Liebe. Sey es, daß er der reformirten Religion überhaupt ſchon geneigt war, oder daß die Reize ſeiner Geliebten allein dieſes Wunder wirkten— er ſchwur den katholiſchen Glauben ab und führte die ſchöne Agnes zum Altare. Der Fall war von der höchſten Bedenklichkeit. Nach dem Buchſtaben des geiſtlichen Vorbehalts hatte der Kurfürſt durch dieſe Apoſtaſie alle Rechte an ſein Erzſtift verloren, und wenn es den Katholiken bei irgend einer Gelegenheit wichtig war, den geiſtlichen Vorbehalt durchzuſetzen, ſo war es bei Kur⸗ fürſtenthümern wichtig. Auf der andern Seite war die Schei⸗ dung von der höchſten Gewalt ein ſo harter Schritt, und um ſo härter fuͤr einen ſo zaͤrtlichen Gemahl, der den Werth ſeines Herzens und ſeiner Hand durch das Geſchenk eines Fürſten⸗ thums ſo gern zu erhoͤhen gewünſcht haͤtte. Der geiſtliche Vor⸗ behalt war ohnehin ein beſtrittener Artikel des Augsburger Friedens, und dem ganzen proteſtantiſchen Deutſchland ſchien es von außerſter Wichtigkeit zu ſeyn, dem katholiſchen Theile dieſe vierte Kur zu entreißen. Das Beiſpiel ſelbſt war ſchon in mehrern geiſtlichen Stiftern Niederdeutſchlands gegeben und glüͤcklich durchgeſetzt worden. Mehrere Domcapitularen aus Köln waren bereits Proteſtanten und auf des Kurfürſten Seite; in der Stadt ſelbſt war ihm ein zahlreicher proteſtan⸗ tiſcher Anhang gewiß. Alle dieſe Grunde, denen das Zureden ſeiner Freunde und Verwandten und die Verſprechungen vieler AL 49 a„ 2 1 8 95. deutſchen Hoͤfe noch mehr Starke gaben, brachten den Kur⸗ fürſten zu dem Entſchluſſe, auch bei veranderter Religion ſein„ 3 Erzſtift beizubehalten.—. Aeo Aber bald genug zeigte ſich's, daß er einen Kampf unternom⸗ men hatte, den er nicht endigen konnte. Schon die Freigebung des d. proteſtantiſchen Gottesdienſtes in den Kölniſchen Landen hatte bei den katholiſchen Landſtänden und Domcapitularen den hef⸗ tigſten Widerſpruch gefunden. Die Dazwiſchenkunft des Kai⸗ ſers und ein Bannſtrahl aus Rom, der ihn als einen Apo⸗ ſtaten verfluchte und aller ſeiner ſowohl geiſtlichen, als welt⸗ lichen Würden entſetzte, bewaffnete gegen ihn ſeine Landſtaͤnde und ſein Capitel. Der Kurfurſt ſammelte eine militariſche Macht; die Capitularen thaten ein Gleiches. Um ſich ſchnell eines maͤchtigen Arms zu verſichern, eilten ſie zu einer neuen Kurfuͤrſtenwahl, welche für den Biſchof von Lüttich, einen bayeriſchen Prinzen, entſchieden wurde. Ein bürgerlicher Krieg fing jetzt an, der, bei dem großen Antheile, den beide Religionsparteien in Deutſchland an die⸗ ſem Vorfalle nothwendig nehmen mußten, leicht in eine all⸗ gemeine Auflöſung des Reichsfriedeus endigen konnte. Am meiſten emporte es die Proteſtanten, daß der Papſt ſich hatte herausnehmen dürfen, aus angemaßter apoſtoliſcher Gewalt e einen Reichsfürſten ſeiner Reichswürden zu entkleiden. Noch in den goldenen Zeiten ihrer geiſtlichen Herrſchaft war den Päpſten dieſes Recht widerſprochen worden; wie vielmehr in einem Jahrhundert, wo ihr Anſehen bei einem Theile gänzlich geſtürzt war und bei dem andern auf ſehr ſchwachen Pfeilern ruhte! Alle proteſtantiſchen Höfe Deutſchlands nahmen ſich dieſer Sache nachdrücklich bei dem Kaiſer an; Heinrich der Vierte von Frankreich, damals noch König von Navarra, ließ keinen Weg der Unterhandlung unverſucht, den deutſchen Fürſten die Hand⸗ Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 4 habung ihrer Rechte kraftig zu empfehlen. Der Fall war ent⸗ ſcheidend fuür Deutſchlands Freiheit. Vier proteſtantiſche Stim⸗ men gegen drei katholiſche im Kurfürſtenrathe mußten das Uebergewicht der Macht auf proteſtantiſche.Seite neigen und dem öͤſterreichiſchen Hauſe den Weg zum Kaiſerthrone auf ewig verſperren. Aber Kurfürſt Gebhard hatte die reformirte und nicht die lutheriſche Religion ergriffen, dieſer einzige Umſtand machte ſein Unglück. Die Erbitterung dieſer beiden Kirchen gegen einander ließ es nicht zu, daß die evangeliſchen Reichsſtande den Kurfurſten als den Ihrigen anſahen und als einen ſol⸗ chen mit Nachdruck unterſtüͤtzten. Alle hatten ihm zwar Muth zugeſprochen und Hülfe zugeſagt; aber nur ein apanagirter Prinz des pfälziſchen Hauſes, Pfalzgraf Johann Caſimir, ein calviniſcher Eiferer, hielt ihm Wort. Dieſer eilte, des kaiſerlichen Verbots ungeachtet, mit ſeinem kleinen Heer ins Kölniſche, doch ohne etwas Erhebliches auszurichten, weil ihn der Kurfürſt, ſelbſt von dem Nothwendigſten entblößt, ganz und gar ohne Hülfe ließ. Deſto ſchnellere Fortſchritte machte der neupoſtulirte Kurfurſt, den ſeine bayeriſchen Verwandten und die Spanier von den Niederlanden aus aufs kraftigſte unterſtützten. Die Gebhardiſchen Truppen, von ihrem Herrn ohne Sold gelaſſen, lieferten dem Feinde einen Platz nach dem andern aus; andere wurden zur Uebergabe gezwungen. Geb⸗ hard hielt ſich noch etwas laͤnger in ſeinen weſtphaliſchen Lan⸗ den, bis er guch hier der Uebermacht zu weichen gezwungen war. Nachdem er in Holland und England mehrere vergebliche Verſuche zu ſeiner Wiederherſtellung gethan, zog er ſich in das Stift Straßburg zurück, um dort als Domdechant zu ſterben; das erſte Opfer des aeiſtlichen Vorbehalts, oder vielmehr der ſchlechten Harmonie unter den deutſchen Proteſtanten. 51 An dieſe Kölniſche Streitigkeit knupfte ſich kurz nachher eine neue in Straßburg an. Mehrere proteſtantiſche Domcapitula⸗ ren aus Koln, die der päpſtliche Bannſtrahl zugleich mit dem Kurfuͤrſten getroffen hatte, hatten ſich in dieſes Bisthum ge⸗ fluchtet, wo ſie gleichfalls Praͤbenden beſaßen. Da die katholi⸗ ſchen Capitularen in dem Straßburger Stifte Bedenken trugen, ihnen als Geächteten den Genuß ihrer Prabenden zu geſtatten, ſo ſetzten ſie ſich eigenmachtig und gewaltſam in Beſitz, und ein mächtiger proteſtantiſcher Anhang unter den Bürgern von Straßburg verſchaffte ihnen bald die Oberhand in dem Stifte. Die katholiſchen Domherren entwichen nach Elſaß⸗Zabern, wo ſie unter dem Schutze ihres Biſchofs ihr Capitel als das einzig rechtmaͤßige fortfüͤhrten und die in Straßburg Zuruckgebliebenen für unaͤcht erklärten. Unterdeſſen hatten ſich dieſe Letztern durch Aufnahme mehrerer proteſtantiſcher Mitglieder von hohem Range verſtärkt, daß ſie ſich nach dem Abſterben des Biſchofs herausnehmen konnten, in der Perſon des Prinzen Johann Georg von Brandenburyg einen neuen proteſtantiſchen Biſchof zu poſtuliren. Die katholiſchen Domherren, weit ent⸗ fernt, dieſe Wahl zu genehmigen, poſtulirten den Biſchof von Metz, einen Prinzen von Lothringen, zu dieſer Würde, der ſeine Erhebung ſogleich durch Feindſeligkeiten gegen das Gebiet von Straßburg verkündigte. Da die Stadt Straßburg fur das proteſtantiſche Capitel und den Prinzen von Brandenburg zu den Waffen griff, die Gegenpartei aber mit Huͤlfe lothringiſcher Truppen die Stifts⸗ guter an ſich zu reißen ſuchte, ſo kam es zu einem langwieri⸗ gen Kriege, der, nach dem Geiſte jener Zeiten, von einer bar⸗ bariſchen Verheerung begleitet war. Umſonſt trat der Kaiſer mit ſeiner höchſten Autoritat dazwiſchen, den Streit zu ent⸗ 8 ſcheiden: die Stiftsguter blieben noch lange Zeit zwiſchen beiden 5²2 Parteien getheilt, bis endlich der proteſtantiſche Prinz für ein maͤßiges Aequivalent an Gelde ſeinen Anſprüchen entſagte, und glſo auch hier die katholiſche Kirche ſiegreich davon ging. NRoch bedenklicher war für das ganze proteſtantiſche Deutſch⸗ land, was ſich, bald nach Schlichtung des vorigen Streits, mit Donauwörth, einer ſchwabiſchen Reichsſtadt, ereignete. In dieſer ſonſt katholiſchen Stadt war unter Ferdinands und ſeines Sohnes Regierung die proteſtantiſche Religionspartei auf dem gewöhnlichen Wege ſo ſehr die herrſchende geworden, daß ſich die katholiſchen Einwohner mit einer Nebenkirche im Kloſter des heiligen Kreuzes begnugen, und dem Aergerniß der Prote⸗ ſtanten ihre meiſten gottesdienſtlichen Gebraͤuche entziehen muß⸗ ten. Endlich wagte es ein fanatiſcher Abt dieſes Kloſters, der Volksſtimme zu trotzen, und eine öffentliche Proceſſion mit Vor⸗ tragung des Kreuzes und fliegenden Fahnen anzuſtellen; aber man zwang ihn bald, von dieſem Vorhaben abzuſtehen. Als dieſer nämliche Abt, durch eine gunſtige kaiſerliche Erklärung ermuntert, ein Jahr darauf die Proceſſion wiederholte, ſchritt man zu offenbarer Gewalt. Der fanatiſche Pöbel ſperrte den zuruͤckkommenden Kloſterbrüdern das Thor, ſchlug ihre Fahnen zu Boden, und begleitete ſie unter Schreien und Schimpfen nach Hauſe. Eine kaiſerliche Citation war die Folge dieſer Ge⸗ waltthaͤtigkeit; und als das aufgebrachte Volk ſogar Miene machte, ſich an den kaiſerlichen Commiſſarien zu vergreifen, als alle Verſuche einer gütlichen Beilegung von dem fanatiſchen Haufen ruͤckgangig gemacht wurden, ſo erfolgte endlich die förm⸗ liche Reichsacht gegen die Stadt, welche zu vollſtrecken dem Herzoge Marimilian von Bayern übertragen wurde. Kleinmuth ergriff die ſonſt ſo trotzige Bürgerſchaft bei An⸗ naͤherung des bayeriſchen Heers, und ohne Widerſtand ſtreckte ſte die Waffen. Die ganzliche Abſchaffung der proteſtantiſchen Religion in ihren Mauern war die Strafe ihres Vergehens. Die Stadt verlor ihre Privilegien, und wurde aus einer ſchwabiſchen Reichsſtadt in eine bayeriſche Landſtadt ver⸗ wandelt. Zwei Umſtaͤnde begleiteten dieſen Vorgang, welche die höchſte Aufmerkſamkeit der Proteſtanten erregen mußten, wenn auch das Intereſſe der Religion weniger wirkſam bei ihnen gewe⸗ ſen ware. Der Reichshofrath, ein willkürliches und durch⸗ aus katholiſches Tribungl, deſſen Gerichtsbarkeit ohnehin ſo heftig von ihnen beſtritten wurde, hatte das Urtheil gefallt, und dem Herzoge von Bayern, dem Chef eines fremden Kreiſes, hatte man die Vollſtreckung desſelben übertragen. So conſtitutionswidrige Schritte kündigten ihnen von katho⸗ liſcher Seite gewaltthatige Maßregeln an, welche ſich leicht auf geheime Verabredungen und einen gefäͤhrlichen Plan ſtützen und mit der gaͤnzlichen Unterdruͤckung ihrer Religionsfreiheit endigen konnten. In einem Zuſtande, wo das Recht der Stärke gebietet, und auf der Macht allein alle Sicherheit beruht, wird immer der ſchwächſte Theil der geſchäftigſte ſeyn, ſich in Vertheidigungs⸗ ſtand zu ſetzen. Dieſes war jetzt der Fall auch in Deutſchland. Wenn von den Katholiken wirklich etwas Schlimmes gegen die Proteſtanten beſchloſſen war, ſo mußte, der vernünftigſten Be⸗ rechnung nach, der erſte Streich vielmehr in das ſüdliche als in das nördliche Deutſchland ſchlagen, weil die niederdeutſchen Proteſtanten in einer langen ununterbrochenen Laͤnderſtrecke mit einander zuſammenhingen, und ſich alſo ſehr leicht unterſtützen onnten, die oberdeutſchen aber, von den uͤbrigen abgetrennt, und um und um von katholiſchen Staaten umlagert, jedem Einfalle bloßgeſtellt waren. Wenn ferner, wie zu vermuthen war, die Katholiken die innern Trennungen der Proteſtanten benutzen und ihren Angriff gegen eine einzelne Religionspartei richten wurden, ſo waren die Calviniſten, als die Schwachern, und welche ohnehin vom Religionsfrieden ausgeſchloſſen waren, augenſcheinlich in einer nahern Gefahr, und auf ſie mußte der erſte Streich niederfallen. Beides traf in den kurpfaͤlziſchen Landen zuſammen, welche an dem Herzoge von Bayern einen ſehr bedenklichen Nachbar hatten, wegen ihres Rückfalls zum Calvinismus aber von dem Religionsfrieden keinen Schutz und von den evangeliſchen Stän⸗ den wenig Beiſtand hoffen konnten. Kein deutſches Land hat in ſo kurzer Zeit ſo ſchnelle Religionswechſel erfahren, als die Pfalz in damaligen Zeiten. In dem kurzen Zeitraume von ſechzig Jahren ſah man dieſes Land, ein unglückliches Spiel⸗ werk ſeiner Beherrſcher, zweimal zu Luthers Glaubenslehre ſchwören, und dieſe Lehre zweimal für den Calvinismus ver⸗ laſſen. Kurfürſt Friedrich der Dritte war der Augs⸗ burgiſchen Confeſſion zuerſt untreu geworden, welche ſein erſt⸗ geborner Sohn und Nachfolger, Ludwig, ſchnell und gewalt⸗ ſam wieder zur herrſchenden machte. Im ganzen Lande wurden die Calviniſten ihrer Kirchen beraubt, ihre Prediger und ſelbſt die Schullehrer ihrer Religion aus den Graͤnzen verwieſen, und auch noch in ſeinem Teſtamente verfolgte ſie der eifrig evange⸗ liſche Fürſt, indem er nur ſtrengorthodore Lutheraner zu Vor⸗ mündern ſeines minderjahrigen Prinzen ernannte. Aber dieſes geſetzwidrige Teſtament vernichtete Pfalzgraf Johann Caſi⸗ mir, ſein Bruder, und nahm, nach den Vorſchriften der golde⸗ nen Bulle, Beſitz von der Vormundſchaft und der ganzen Verwal⸗ tung des Landes. Dem neunjahrigen Kurfürſten(Friedrich dem Vierten) gab man Calviniſche Lehrer, denen aufgetragen war, den lutheriſchen Ketzerglauben, ſelbſt, wenn es ſeyn muͦßte, mit Schlägen aus der Seele ihres Zöglings herauszutreiben. 5⁵ Wenn man ſo mit dem Herrn verfuhr, ſo läßt ſich leicht auf die Behandlung des Unterthans ſchließen. Unter dieſem Friedrich dem Vierten war es, wo ſich der pfälziſche Hof ganz beſonders geſchäftig zeigte, die proteſtan⸗ tiſchen Stände Deutſchlands zu einträchtigen Maßregeln gegen das Haus Oeſterreich zu vermögen, und wo möͤglich einen all⸗ gemeinen Zuſammentritt derſelben zu Stande zu bringen. Nebendem, daßdieſer Hof durch franzöſiſche Rathſchlage geleitet wurde, von denen immer der Haß gegen Oeſterreich die Seele war, zwang ihn die Sorge für ſeine eigene Sicherheit, ſich ge⸗ gen einen nahen und überlegenen Feind des ſo zweifelhaften Schutzes der Cvangeliſchen bei Zeiten zu verſichern. Große Schwierigkeiten ſetzten ſich dieſer Vereinigung entgegen; weil die Abneigung der Evangeliſchen gegen die Reformirten kaum geringer war, als ihr gemeinſchaftlicher Abſcheu vor den Papiſten. Man verſuchte alſo zuerſt, die Religionen zu vereinigen, um dadurch die politiſche Verbindung zu erleichtern, aber alle dieſe Verſuche ſchlugen fehl, und endigten gewöhnlich damit, daß ſich jeder Theil nur deſto mehr in ſeiner Meinung befeſtigte. Nichts blieb alſo übrig, als die Furcht und das Mißtrauen der Evan⸗ geliſchen zu vermehren, und dadurch die Nothwendigkeit einer ſolchen Vereinigung zu fühlen. Man vergroͤßerte die Macht der Katholiſchen; man übertrieb die Gefahr; zufaͤllige Ereigniſſe wurden einem überdachten Plane zugeſchrieben, unſchuldige Vor⸗ fälle durch gehäſſige Auslegungen entſtellt, und dem ganzen Betragen der Katholiſchen eine Uebereinſtimmung und Plan⸗ mäßigkeit geliehen, wovon ſie wahrſcheinlich weit entfernt ge⸗ weſen ſind. Der Reichstag zu Regensburg, auf welchem die Proteſtanten ſich Hoffnung gemacht hatten, die Erneuerung des Religions⸗ friedens durchzuſetzen, hatte ſich fruchtlos zerſchlagen, und zu 56 ihren bisherigen Beſchwerden war noch die neuerliche Unter⸗ druͤckung von Donauwoͤrth hinzugekommen. Unglaublich ſchnell kam die ſo lange geſuchte Vereinigung zu Stande. Zu Anhauſen in Franken traten(1608) der Kurfürſt Friedrichder Vierte von der Pfalz, der Pfalzgraf von Neuburg, zwei Markgrafen von Brandenburg, der Markgraf von Baden und Herzog Johann Friedrichvon Würtemberg— alſo Lutheraner mit Calviniſten— für ſich und ihre Erben in ein enges Bünd⸗ niß, die evangeliſche Union genannt, zuſammen. Der Inhalt derſelben war, daß die unirten Fürſten, in Angelegenheiten der Religion und ihrer ſtaͤndiſchen Rechte, einander wechſelsweiſe gegen jeden Beleidiger mit Rath und That unterſtützen und Alle für Einen Mann ſtehen ſollten; daß einem jeden mit Krieg überzogenen Mitgliede der Union von den übrigen ſogleich mit einer kriegeriſchen Macht ſollte beigeſprungen, jedem im Noth⸗ falle fuͤr ſeine Truppen die Landereien, die Staͤdte und Schlöſſer der mitunirten Stände geöffnet, was erobert würde aber, nach Verhaltniß des Beitrags, den ein Jedes dazu gegeben, unter ſämmtliche Glieder vertheilt werden ſollte. Die Direction des ganzen Bundes wurde in Friedenszeiten Kur⸗Pfalz überlaſſen, doch mit eingeſchränkter Gewalt, zu Beſtreitung der Unkoſten Vorſchüͤſſe gefordert und ein Fonds niedergelegt. Die Religions⸗ verſchiedenheit(zwiſchen Lutheranern und Calviniſten) ſollte auf den Bund keinen Einfluß haben, das ganze auf zehn Jahre gelten. Jedes Mitglied der Union hatte ſich zugleich anheiſchig machen muſſen, neue Mitglieder anzuwerben. Kur⸗Branden⸗ burg ließ ſich bereitwillig finden; Kur⸗Sachſen mißbillgte den Bund. Heſſen konnte keine freie Entſchließung faſſen; die Her⸗ zoge von Braunſchweig und Lüneburg hatten gleichfalls Bedenk⸗ lichkeiten. Aber die drei Reichsſtadte Straßburg, Nürnberg und Ulm waren keine unwichtige Eroberung für den Bund, 57 weil man ihres Geldes ſehr bedurftig war, und ihr Beiſpiel von mehrern andern Reichsſtädten nachgeahmt werden konnte. Die unirten Staͤnde, einzeln muthlos und wenig gefürchtet, führten nach geſchloſſener Vereinigung eine kühnere Sprache. Sie brachten durch den Fürſten Chriſtian von An halt ihre gemeinſchaftlichen Beſchwerden und Forderungen vor den Kaiſer, unter denen die Wiederherſtellung Donauwörths, die Aufhebung der kaiſerlichen Hofproceſſe und die Reformen ſeines eigenen Regiments und ſeiner Rathgeber den oberſten Platz einnahmen. Zu dieſen Vorſtellungen hatten ſie gerade die Zeit gewaählt, wo der Kaiſer von den Unruhen in ſeinen Erblandern kaum zu Athem kommen konnte; wo er Oeſterreich und Ungarn kürzlich an Matthias verloren, und ſeine böhmiſche Krone bloß durch Bewilligung des Majeſtatsbriefs gerettet hatte; wo endlich durch die jülichiſche Succeſſion ſchon von ferne ein neues Kriegsfeuer zubereitet wurde. Kein Wunder, daß dieſer langſame Fürſt ſich jetzt weniger als je in ſeinen Entſchließungen uͤbereilte, und die Union fruͤher zu dem Schwerte griff, als der Kaiſer ſich beſonnen hatte. Die Katholiken bewachten mit Blicken voll Argwohn die Union; die Union hütete eben ſo mißtrauiſch die Katholiken und den Kaiſer; der Kaiſer beide; und auf allen Seiten waren Furcht und Erbitterung aufs Hoͤchſte geſtiegen.— Und gerade in dieſem bedenklichen Zeitpunkte mußte ſich durch den Tod des Herzogs Johann Wilhelm von Jülich eine höchſt ſtrei⸗ tige Erbfolge in den julich⸗cleviſchen Landen eroͤffnen. Acht Competenten meldeten ſich zu dieſer Erbſchaft, deren Unzertrennlichkeit durch ſolenne Verträge feſtgeſetzt worden war; und der Kaiſer, der Luſt bezeigte, ſie als ein erledigtes Reichs⸗ lehen einzuziehen, konnte für den neunten gelten. Vier von dieſen, der Kurfürſt von Brandenburg, der Pfalzgraf 58 von Neuburg, der Pfalzgraf von Zweibruͤcken und der Markgraf von Burgau, ein öͤſterreichiſcher Prinz, forderten es als ein Weiberlehen, im Namen von vier Prinzeſſinnen, Schweſtern des verſtorbenen Herzogs. Zwei andere, der Kur⸗ fürſt von Sachſen, Albertiniſcher, und die Herzoge von Sachſen, Erneſtiniſcher Linie, beriefen ſich auf eine frühere Anwartſchaft, welche ihnen Kaiſer Friedrich der Dritte auf dieſe Erbſchaft ertheilt, und Maximili an der Erſte beiden ſachſiſchen Haͤu⸗ ſern beſtaͤtigt hatte. Auf die Anſprüche einiger auswärtigen Prinzen wurde nicht geachtet. Das naͤchſte Recht war vielleicht auf der Seite Brandenburgs und Neuburgs, und es ſchien beide Theile ziemlich gleich zu begünſtigen. Beide Höoͤfe ließen auch ſogleich nach Eroͤffnung der Erbſchaft Beſitz ergreifen; den Anfang machte Brandenburg, und Neuburg folgte. Beide fingen ihren Streit mit der Feder an, und würden ihn wahrſcheinlich mit dem Degen geendigt haben; aber die Dazwiſchenkunft des Kaiſers, der dieſen Rechtshandel vor ſeinen Thron ziehen, einſt⸗ weilen aber die ſtreitigen Länder in Sequeſter nehmen wollte, brachte beide ſtreitende Parteien zu einem ſchnellen Vergleich, um die gemeinſchaftliche Gefahr abzuwenden. Man kam über⸗ ein, das Herzogthum in Gemeinſchaft zu regieren. Umſonſt, daß der Kaiſer die Landſtände auffordern ließ, ihren neuen Herren die Huldigung zu verweigern, umſonſt, daß er ſeinen eigenen Anverwandten, den Erzherzog Leopo ld, Biſchof von Paſſau und Straßburg, ins Jülichiſche ſchickte, um dort durch ſeine perſönliche Gegenwart der kaiſerlichen Partei aufzuhelfen. Das ganze Land, außer Jülich, hatte ſich den proteſtantiſchen Prinzen unterworfen, und die kaiſerliche Partei wurde in dieſer Hauptſtadt belagert. 3 Die juülichiſche Streitigkeit war dem ganzen deutſchen Reiche wichtig, und erregte ſogar die Aufmerkſamkeit mehrerer euro⸗ päiſchen Höfe. Es war nicht ſowohl die Frage: wer das juͤ⸗ lichiſche Herzogthum beſitzen, und wer es nicht beſitzen ſollte? — die Frage war: welche von beiden Parteien in Deutſchland, die katholiſche oder die proteſtantiſche, ſich um eine ſo anſehn⸗ liche Beſitzung vergrößern, für welche von beiden Religionen dieſer Landſtrich gewonnen oder verloren werden ſollte? Die Frage war: ob Oeſterreich abermals in ſeinen Anmaßungen durchdringen, und ſeine Landerſucht mit einem neuen Raube vergnugen, oder ob Deutſchlands Freiheit und das Gleichge⸗ wicht ſeiner Macht gegen die Anmaßungen Oeſterreichs behaup⸗ tet werden ſollte? Der julichiſche Erbfolgeſtreit war alſo eine Angelegenheit für alle Machte, welche Freiheit beguͤnſtigten und Oeſterreich anfeindeten. Die evangeliſche Union, Holland, Eng⸗ land, und vorzüglich Heinrich der Vierte von Frankreich, wurden darein gezogen. Dieſer Monarch, der die ſchönſte Haͤlfte ſeines Lebens an das Haus Oeſterreich und Spanien verloren, der nur mit ausdauernder Heldenkraft endlich alle Berge erſtiegen, welche dieſes Haus zwiſchen ihn und den franzöſiſchen Thron gewaͤlzt hatte, war bis hierher kein müßiger Zuſchauer der Unruhen in Deutſchland geweſen. Eben dieſer Kampf der Stände mit dem Kaiſer ſchenkte und ſicherte ſeinem Frankreich den Frieden. Die Proteſtanten und Türken waren die zwei heilſamen Ge⸗ wichte, welche die öſterreichiſche Macht im Oſten und Weſten darniederzogen, aber in ihrer ganzen Schreckbarkeit ſtand ſie wieder auf, ſobald man ihr vergoͤnnte, dieſen Zwang abzu⸗ werfen. Heinrich der Vierte hatte ein halbes Menſchen⸗ alter lang das ununterbrochene Schauſpiel von öſterreichi⸗ ſcher Herrſchbegierde und oͤſterreichiſchem Lander⸗ durſt vor Augen, den weder Widerwaͤrtigkeit, noch ſelbſt Geiſtesarmuth, die doch ſonſt alle Leidenſchaft maͤßigt, in einer 60 Bruſt loͤſchen konnten, worin nur ein Tropfen von dem Blute Ferdinands des Arragoniers floß. Die öſterreichiſche Länderſucht hatte ſchon ſeit einem Jahrhundert Europa aus einem glücklichen Frieden geriſſen, und in dem Innern ſeiner vornehmſten Staaten eine gewaltſame Veraͤnderung bewirkt. Sie hatte die Aecker von Pfluͤgern, die Werkſtaͤtten von Künſt⸗ lern entblößt, um die Länder mit ungeheuern, nie geſehenen Heeresmaſſen, kaufmaͤnniſche Meere mit feindſeligen Flotten zu bedecken. Sie hatte den europaiſchen Fürſten die Nothwendig⸗ keit auferlegt, den Fleiß ihrer Unterthanen mit nie erhörten * Schatzungen zu beſchweren, und die beſte Kraft ihrer Staaten, für die Glückſeligkeiten ihrer Bewohner verloren, in einer noth⸗ gedrungenen Vertheidigung zu erſchöpfen. Für Europa war kein Friede, fur ſeine Staaten kein Gedeihen, kein Plan von Dauer fuͤr der Völker Glüͤck, ſo lange es dieſem gefahrlichen Geſchlechte uͤberlaſſen blieb, nach Gefallen die Ruhe dieſes Welttheils zu ſtoren. ae Betrachtungen dieſer Art umwoͤlkten Heinrichs Gemuth am Abend eines glorreich gefuͤhrten Lebens. Was hatte es ihm nicht gekoſtet, das trübe Chaos zu ordnen, worein der Tumult eines langwierigen Bürgerkriegs, von eben dieſem Oeſterreich angefacht und unterhalten, Frankreich geſtürzt hatte? Jeder große Menſch will fur die Ewigkeit gearbeitet haben, und wer bürgte dieſem Könige für die Dauer des Wohlſtandes, worin er Frankreich verließ, ſo lange Oeſterreich und Spanien eine einzige Macht blieben, die jetzt zwar entkraͤftet darniederlag, V aber nur ein einziges gluͤckliches Ungefähr brauchte, um ſich ſchnell wieder in Einen Körper zuſammenzuziehen und in ihrer ganzen Furchtbarkeit wieder aufzuleben? Wollte er ſeinem Nachfolger einen feſt gegrͤndeten Thron, ſeinem Volke einen dauerhaften Frieden zurücklaſſen, ſo mußte dieſe gefährliche 61 Macht auf immer entwaffnet werden. Aus dieſer Quelle floß der unverſöhnliche Haß, welchen Heinrich der Vierte dem Hauſe Oeſterreich geſchworen— unauslöſchlich, glühend und gerecht, wie Hannibals Feindſchaft gegen Romulus Volk, aber durch einen edlern Urſprung geadelt. Alle Maͤchte Europens hatten dieſe große Aufforderung mit Heinrich gemein; aber nicht alle dieſe lichtvolle Politik, nicht alle den uneigennutzigen Muth, nach einer ſolchen Aufforderung ſich in Handlung zu ſetzen. Jeden ohne Unterſchied reizt der nahe Gewinn, aber nur große Seelen wird das entfernte Gute bewegen. So lange die Weisheit bei ihrem Vorhaben auf Weisheit rechnet, oder ſich auf ihre eigenen Kraͤfte verlaͤßt, entwirft ſie keine andern als chimariſche Plane, und die Weis⸗ heit lauft Gefahr, ſich zum Gelaͤchter der Welt zu machen; aber ein gluͤcklicher Erfolg iſt ihr gewiß, und ſie kann auf Bei⸗ fall und Bewunderung zaͤhlen, ſobald ſie in ihren geiſtreichen Planen eine Rolle für Barbarei, Habſucht und Aberglauben hat, und die Umſtaͤnde ihr vergönnen, eigennützige Leiden⸗ ſchaften zu Vollſtreckern ihrer ſchönen Zwecke zu machen. In dem erſtern Falle haͤtte Heinrichs bekanntes Project, das öſterreichiſche Haus aus allen ſeinen Beſitzungen zu ver⸗ jagen, und unter die europaͤiſchen Mächte ſeinen Raub zu ver⸗ theilen, den Namen einer Chimaͤre wirklich verdient, womit man immer ſo freigebig gegen dasſelbe geweſen iſt; aber verdiente es ihn auch in dem andern? Dem vortrefflichen Könige war es wohl nie eingefallen, bei den Vollſtreckern ſeines Projects auf einen Beweggrund zu zaͤhlen, welcher demjenigen ahnlich ge⸗ weſen waͤre, der ihn ſelbſt und eißhen Sully bei dieſer Un⸗ ternehmung beſeelte. Alle Staaten, deren Mitwirkung dabei nöthig war, wurden durch die ſtaͤrkſten Motive, die eine poli⸗ tiſche Macht nur immer in Handlung ſetzen konnen, zu der 62 Rolle vermocht, die ſie dabei zu uͤbernehmen hatten. Von den Proteſtanten im Oeſterreichiſchen verlangte man nichts, als was ohnehin das Ziel ihres Beſtrebens ſchien, die Abwerfung des öſterreichiſchen Joches; von den Niederlandern nichts, als einen ähnlichen Abfall von dem ſpaniſchen. Dem Papſte und allen Republiken Italiens war keine Angelegenheit wichtiger, als die ſpaniſche Tyrannei auf immer von ihrer Halbinſel zu verjagen; fuͤr England konnte nichts wunſchenswürdiger ſeyn, als eine Revolution, welche es von ſeinem abgeſagteſten Feinde befreite. Jede Macht gewann bei dieſer Theilung des öſterreichiſchen Raubes entweder Land oder Freiheit, neues Eigenthum oder Sicherheit für das alte; und weil Alle gewannen, ſo blieb das Gleichgewicht unverletzt. Frankreich konnte großmüthig jeden Antheil an der Beute verſchmaͤhen, weil es durch Oeſterreichs Un⸗ tergang ſich ſelbſt wenigſtens zweifach gewann, und am machtig⸗ ſten war, wenn es nicht mächtiger wurde. Endlich um den Preis, daß ſie Europa von ihrer Gegenwart befreiten, gab man den Nachkömmlingen von Habsburg die Freiheit, in allen übri⸗ gen entdeckten und noch zu entdeckenden Welten ſich auszu⸗ breiten. Ravaillac's Meſeerſtiche retteten Oeſterreich, um die Ruhe von Europa noch um einige Jahrhunderte zu verſpaten. Die Augen auf einen ſolchen Entwurf geheftet, mußte Heinrich die evangeliſche Union in Deutſchland und den Erb⸗ folgeſtreit wegen Jülich nothwendig als die wichtigſten Ereigniſſe mit ſchnellem, thaͤtigem Antheile ergreifen. Seine Unterhaͤnd⸗ ler waren an allen proteſtantiſchen Höfen Deutſchlands geſchaͤf⸗ tig, und das Wenige, was ſie von dem großen politiſchen Ge⸗ heimniſſe ihres Monarchen preisgaben oder ahnen ließen, war hinlaͤnglich, Gemüther zu gewinnen, die ein ſo feuriger Haß gegen Oeſterreich beſeelte, und die Vergrößerungsbegierde ſo machtig heherrſchte. Heinrichs ſtaatskluge Bemühungen zogen 63 die Union noch enger zuſammen, und der mächtige Beiſtand, wozu er ſich anheiſchig machte, erhob den Muth der Verbun⸗ denen zur feſteſten Zuverſicht. Eine zahlreiche franzöſiſche Armee, von dem Könige in Perſon angeführt, ſollte den Trup⸗ pen der Union am Rheine begegnen, und zuerſt die Eroberung der juͤlich⸗cleviſchen Lande vollenden helfen; ſalsdann in Ver⸗ bindung mit den Deutſchen nach Italien ruͤcken(wo Savoyen, Venedig und der Papſt ſchon einen mäͤchtigen Beiſtand bereit hielten), um dort alle ſpaniſchen Throne umzuſtuͤrzen. Dieſe ſiegreiche Armee ſollte dann, von der Lombardei aus, in das Habsburgiſche Erbtheil eindringen, und dort, von einem all⸗ gemeinen Aufſtande der Proteſtanten begunſtigt, in allen ſei⸗ nen deutſchen Landen, in Bohmen, Ungarn und Siebenbürgen, das oͤſterreichiſche Scepter zerbrechen. Die Brabanter und Holländer, durch franzöſiſchen Beiſtand geſtärkt, häͤtten ſich unterdeſſen ihrer ſpaniſchen Tyrannen gleichfalls entledigt, und dieſer fürchterlich uͤber ſeine Ufer getretene Strom, der noch kürzlich gedroht hatte, Europens Freiheit unter ſeinen trüben Strudeln zu begraben, rollte dann ſtill und vergeſſen hinter den pyrenäiſchen Bergen. Die Franzoſen rühmten ſich ſonſt der Geſchwindigkeit; dieß⸗ mal wurden ſie von den Deutſchen übertroffen. Eine Armee der Union war im Elſaß, ehe noch Heinrich ſich dort zeigte, und ein öͤſterreichiſches Heer, welches der Biſchof von Straßburg und Paſſau in dieſer Gegend zuſammengezogen hatte, um es ins Julichiſche zu führen, wurde zerſtreut. Heinrich der Vierte hatte ſeinen Plan als Staatsmann und König entworfen, aber er hatte ihn Raäubern zur Ausführung über⸗ geben. Seiner Meinung nach ſollte keinem katholiſchen Reichs⸗ ſtande ürſache gegeben werden, dieſe Ruſtung auf ſich zu deuten und die Sache Oeſterreichs zu der ſeinigen zu machen; die 64 Religion ſollte ganz und gar nicht in dieſe Angelegenheit gemiſcht werden. Aber wie ſollten die deutſchen Furſten uͤber Hein⸗ richs Entwurfen ihre eigenen Zwecke vergeſſen? Von Ver⸗ größerungsbegierde, von Religionshaß gingen ſie ja aus— ſoll⸗ ten ſie nicht für ihre herrſchende Leidenſchaft unterwegs ſo viel mitnehmen, als ſie konnten? Wie Raubadler legten ſie ſich über die Länder der geiſtlichen Fuͤrſten, und erwahlten ſich, koſtete es auch einen noch ſo großen Umweg, dieſe fetten Trif⸗ ten zu ihren Lagerpläatzen. Als waͤre es in Feindeslande, ſchrieben ſie Brandſchatzungen darin ans, bezogen eigenmaͤchtig die Landesgefälle, und nahmen, was gutwillig nicht gegeben wurde, mit Gewalt. Um ja die Katholiken uber die wahren Triebfedern ihrer Ausruſtung nicht in Zweifel zu laſſen, ließen ſie laut und deutlich genug hoͤren, was für ein Schickſal den geiſtlichen Stiftern von ihnen bereitet ſey. So wenig hatten ſich Heinrich der Vierte und die deutſchen Prinzen in die⸗ ſem Operationsplane verſtanden; ſo ſehr hatte der vortreff⸗ liche König in ſeinen Werkzeugen ſich geirrt. Es bleibt eine ewige Wahrheit, daß eine Gewaltthätigkeit, wenn die Weis⸗ heit ſie gebietet, nie dem Gewaltthaͤtigen darf aufgetragen werden; daß nur demfenigen anvertraut werden darf, die Ordnung zu verletzen, dem ſie heilig iſt. Das Betragen der Union, welches ſelbſt für mehrere evan⸗ geliſche Stände empörend war, und die Furcht einer noch ſchlimmern Begegnung bewirkte bei den Katholiken etwas mehr, als eine muͤßige Entruſtung. Das tiefgefallene Anſehen des Kaiſers konnte ihnen gegen einen ſolchen Feind keinen Schutz gewähren. Ihr Bund war es, was die Unirten ſo gefuͤrchtet und trotzig machte; einen Bund mußte man ihnen wieder entgegenſtellen. Der Biſchof von Würzburg entwarf den Plan zu dieſer 65 katholiſchen Union, die durch den Namen der Ligue von der evangeliſchen unterſchieden wurde. Die Punkte, woruüͤber man überein kam, waren ungefähr dieſelben, welche die Union zum Grund legte, Biſchoͤfe ihre mehrſten Glieder; an die Spitze des Bundes ſtellte ſich der Herzog Marimilian von Bayern, aber als das einzige weltliche Bundesglied von Bedeutung, mit einer ungleich groͤßeren Gewalt, als die Unir⸗ ten ihrem Vorſteher eingeraumt hatten. Außer dieſem Um⸗ ſtande, daß der einzige Herzog von Bayern Herr der ganzen liguiſtiſchen Kriegsmacht war, wodurch die Operationen der Ligue eine Schnelligkeit und einen Nachdruck bekommen muß⸗ ten, die bei der Union nicht ſo leicht möglich waren, hatte die Ligue noch den Vortheil, daß die Geldbeitraäge von den reichen Prälaten weit richtiger einfloſſen, als bei der Union von den armen evangeliſchen Standen. Ohne dem Kaiſer, als einem katholiſchen Reichsſtande, einen Antheil an ihrem Bunde anzubieten, ohne ihm, als Kaiſer, davon Rechenſchaft zu geben, ſtand die Ligue auf einmal üͤberraſchend und drohend da, mit hinlänglicher Kraft ausgerüſtet, um endlich die Union zu begraben und unter drei Kaiſern fortzudauern. Die Ligue ſtritt zwar für Oeſterreich, weil ſie gegen proteſtantiſche Für⸗ ſten gerichtet war; aber Oeſterreich ſelbſt mußte bald vor ihr zittern. Unterdeſſen waren die Waffen der Unirten im Jülichiſchen und im Elſaß ziemlich glücklich geweſen; Jülich war eng ein⸗ geſchloſen, und das ganze Bisthum Straßburg in ihrer „Gewalt. Jetzt aber war es mit ihren glänzenden Verrichtungen auch am Ende. Kein franzoͤſiſches Heer erſchien am Rhein; denn der es anführen ſollte, der überhaupt die ganze Unter⸗ nehmung beſeelen ſollte— Heinrich der Vierte war nicht mehr. Ihr Geld ging auf die Neige; neues zuzuſchießen Schillers ſaͤmmtl. Werke. IXN. 5 3 66 weigerten ſich ihre Landſtaͤnde, und die mitunirten Reichs⸗ ſtände hatten es ſehr übel aufgenommen, daß man immer nur ihr Geld, und nie ihren Rath verlangt hatte. Beſon⸗ ders brachte es ſie auf, daß ſie ſich wegen der jülichiſchen Streitſache in Unkoſten geſetzt haben ſollten, die doch aus⸗ drücklich von den Angelegenheiten der Union war ausgeſchloſ⸗ ſen worden; daß ſich die unirten Fürſten aus der gemeinen Caſſe große Penſionen zulegten; und vor allen Dingen, daß ihnen über die Anwendung der Gelder keine Rechnung von den Fürſten abgelegt wurde. Die Union neigte ſich alſo zu ihrem Falle, eben als die Ligue mit neuen und friſchen Kraͤften ſich ihr entgegenſtellte. Länger im Felde zu bleiben, erlaubte den Unirten der ein⸗ reißende Geldmangel nicht; und doch war es gefährlich, im Angeſicht eines ſtreitfertigen Feindes die Waffen wegzulegen. Um ſich von einer Seite wenigſtens ſicher zu ſtellen, verglich man ſich ſchnell mit dem ältern Feinde, dem Erzherzog Leo⸗ pold, und beide Theile kamen überein, ihre Truppen aus dem Elſaß zu führen, die Gefangenen loszugeben, und das Geſchehene in Vergeſſenheit zu begraben. In ein ſolches Nichts zerrann dieſe vielverſprechende Rüſtung. Eben die gebieteriſche Sprache, womit ſich die Union, im Vertrauen auf ihre Kraͤfte, dem katholiſchen Deutſchland an⸗ gekündigt hatte, wurde jetzt von der Ligue gegen die Union und ihre Truppen geführt. Man zeigte ihnen die Fußſtapfen ihres Zugs, und brandmarkte ſie rund heraus mit den härteſten Namen, die ſie verdienten. Die Stifter von Würzburg, Bam⸗ berg, Straßburg, Mainz, Trier, Köln und viele andere hatten ihre verwüſtende Gegenwart empfunden. Allen dieſen ſollte der zugefügte Schaden vergütet, der Paß zu Waſſer und zu Lande(denn auch der rheiniſchen Schifffahrt hatten ſie ſich 67 bemächtigt) wieder freigegeben, Alles in ſeinen vorigen Stand geſtellt werden. Vor Allem aber verlangte man von den Unionsverwandten eine runde und feſte Erklaͤrung, weſſen man ſich zu verſehen habe? Die Reihe war jetzt an den Unir⸗ ten, der Stärke nachzugeben. Auf einen ſo wohlgeruͤſteten Feind waren ſie nicht gefaßt; aber ſie ſelbſt hatten den Katho⸗ liſchen das Geheimniß ihrer Stärke verrathen. Zwar belei⸗ digte es ihren Stolz, um den Frieden zu betteln; aber ſie durf⸗ ten ſich glücklich preiſen, ihn zu erhalten. Der eine Theil verſprach Erſatz, der andere Vergebung. Man legte die Waf⸗ fen nieder. Das Kriegsgewitter verzog ſich noch Einmal, und eine augenblickliche Stille erfolgte. Der Aufſtand in Böhmen brach jetzt aus, der dem Kaiſer das letzte ſeiner Erblaͤnder koſtete; aber weder die Union noch die Ligue miſchten ſich in dieſen böhmiſchen Streit. 9* 3 Endlich ſtarb der Kaiſer(1612), eben ſo wenig vermißt im Sarge, als wahrgenommen auf dem Throne. Lange, nachdem 4 79 4. das Elend der folgenden Regierung das Elend der ſeinigen ue vergeſſen gemacht hatte, zog ſich eine Glorie um ſein Andenken, und eine ſo ſchreckliche Nacht legte ſich jetzt über Deutſchlann, daß man einen ſolchen Kaiſer mit blutigen Thränen ſich zurückwünſchte.. Nie hatte man von Rudolph erhalten konnen, ſeinen Nachfolger im Reiche wählen zu laſſen, und Alles erwartete daher mit bangen Sorgen die nahe Erledigung des Kaiſer⸗ throns; doch uber alle Hoffnung ſchnell und ruhig beſtieg ihn Matthias. Die Katholiken gaben ihm ihre Stimmen, weil ſie von der friſchen Thaͤtigkeit dieſes Fuͤrſten das Beſte hofften; die Proteſtanten gaben ihm die ihrigen, weil ſie Alles von ſeiner Hinfalligkeit hofften. Es iſt nicht ſchwer, dieſen Wider⸗ 68 ſpruch zu vereinigen. Jene verließen ſich auf das, was er gezeigt hatte; dieſe urtheilten nach dem, was er zeigte. Der Augenblick einer neuen Thronbeſetzung iſt immer ein wichtiger Ziehungstag für die Hoffnung, der erſte Reichstag eines Koͤnigs in Wahlreichen gewöhnlich ſeine härteſte Prü⸗ fung. Jede alte Beſchwerde kommt da zur Sprache, und neue werden aufgeſucht, um ſie der gehofften Reform mit theilhaf⸗ tig zu machen; eine ganz neue Schöpfung ſoll mit dem neuen Koͤnige beginnen. Die großen Dienſte, welche ihre Glaubens⸗ bruͤder in Oeſterreich dem Matthias bei ſeinem Aufruhr geleiſtet, lebten bei den proteſtantiſchen Reichsſtaͤnden noch in friſcher Erinnerung, und beſonders ſchien die Art, wie ſich jene für dieſe Dienſte bezahlt gemacht hatten, auch ihnen jetzt zum Muſter zu dienen.. Durch Begünſtigung der proteſtantiſchen Staͤnde in Oeſter⸗ reich und Mahren hatte Matthias den Weg zu ſeines Bru⸗ ders Thronen geſucht und auch wirklich gefunden; aber, von ſeinen ehrgeizigen Entwürfen hingeriſſen, hatte er nicht bedacht, daß auch den Ständen dadurch der Weg war geoͤffnet worden, ihrem Herrn Geſetze vorzuſchreiben. Dieſe Entdeckung riß ihn frühzeitig aus der Trunkenheit ſeines Gluͤcks. Kaum zeigte er ſich triumphirend nach dem böhmiſchen Zuge ſeinen öſter⸗ reichiſchen Unterthanen wieder, ſo wartete ſchon ein gehor⸗ ſamſtes Anbringen auf ihn, welches hinreichend war, ihm ſeinen ganzen Triumph zu verleiden. Man forderte, ehe zur Huldigung geſchritten würde, eine uneingeſchränkte Religions⸗ freiheit in Städten und Maͤrkten, eine vollkommene Gleichheit gller Rechte zwiſchen Katholiken und Proteſtanten, und einen vollig gleichen Zutritt der Letztern zu allen Bedienungen. An mehreren Orten nahm man ſich dieſe Freiheit von ſelbſt, und ſtellte, voll Zuyerſicht auf die veranderte Regierung, den eyan⸗ 69 geliſchen Gottesdienſt eigenmaͤchtig wieder her, wo ihn der Kai⸗ ſer aufgehoben hatte. Matthias hatte zwar nicht verſchmaͤht, die Beſchwerden der Proteſtanten gegen den Kaiſer zu benutzen; aber es konnte ihm nie eingefallen ſeyn, ſie zu heben. Durch einen feſten und entſchloſſenen Ton hoffte er dieſe Anmaßungen gleich am Anfange niederzuſchlagen. Er ſprach von ſeinen erblichen Anſprüchen auf das Land, und wollte von keinen Bedingungen vor der Huldigung hoͤren. Eine ſolche unbedingte Huldigung hatten ihre Nachbarn, die Staͤnde von Steyermark, dem Erzherzoge Ferdinand geleiſtet; aber ſie hatten bald Urſache gehabt, es zu bereuen. Von dieſem Beiſpiele gewarnt, beharrten die oͤſterreichiſchen Staͤnde auf ihrer Weigerung; ja, um nicht gewaltſam zur Huldigung gezwungen zu werden, verließen ſie ſogar die Hauptſtadt, boten ihre katholiſchen Mit⸗ ſtaͤnde zu einer aͤhnlichen Widerſetzung auf, und fingen an, Truppen zu werben. Sie thaten Schritte, ihr altes Bündniß mit den Ungarn zu erneuern, ſie zogen die proteſtantiſchen Reichsfürſten in ihr Intereſſe, und ſchickten ſich in vollem Ernſte an, ihr Geſuch mit den Waffen durchzuſetzen. Matthias hatte keinen Anſtand genommen, die weit hoͤhern Forderungen der Ungarn zu bewilligen. Aber Ungarn war ein Wahlreich, und die republicaniſche Verfaſſung dieſes Landes rechtfertigte die Forderungen der Staͤnde vor ihm ſelbſt⸗ und ſeine Nachgiebigkeit gegen die Stande vor der ganzen katholiſchen Welt. In Oeſterreich hingegen hatten ſeine Vor⸗ ganger weit groͤßere Souveraͤnetaͤtsrechte ausgeübt, die er, ohne ſich vor dem ganzen katholiſchen Europa zu beſchimpfen, ohne den Unwillen Spaniens und Roms, ohne die Verachtung ſeiner eigenen katholiſchen Unterthanen auf ſich zu laden, nicht an die Staͤnde verlieren konnte. Seine ſtreng katholiſchen Raͤthe, unter denen der Biſchof von Wien, Melchior Kieſel, ihn 70 am meiſten beherrſchte, munterten ihn auf, eher alle Kirchen gewaltſam von den Proteſtanten ſich entreißen zu laſſen, als ihnen eine einzige rechtlich einzuräumen. Aber unglücklicher Weiſe betraf ihn dieſe Verlegenheit in einer Zeit, wo Kaiſer Rudolph noch lebte und ein Zuſchauer dieſes Auftritts war— wo dieſer alſo leicht verſucht werden konnte, ſich der näͤmlichen Waffen gegen ſeinen Bruder zu be⸗ dienen, womit dieſer uͤber ihn geſiegt hatte— eines Verſtand⸗ niſſes naͤmlich mit ſeinen aufrühreriſchen Unterthanen. Die⸗ ſem Streiche zu entgehen, nahhm Matthias den Antrag der mähriſchen Landſtaͤnde bereitwillig an, welche ſich zwiſchen den öſterreichiſchen und ihm zu Mittlern anboten. Ein Aus⸗ ſchuß von beiden verſammelte ſich in Wien, wo von den öſter⸗ reichiſchen Deputirten eine Sprache gehört wurde, die ſelbſt im Londner Parlament überraſcht haben würde.„Die Proteſtanten, hieß es am Schluſſe, wollten nicht ſchlechter geachtet ſeyn, als die Handvoll Katholiken in ihrem Vaterlande. Durch ſeinen proteſtantiſchen Adel habe Matthias den Kaiſer zum Nachgeben gezwungen; wo man achtzig Papiſten fände, würde man dreihundert evangeliſche Barone zahlen. Das Beiſpiel Rudolphs ſollte dem Matthias eine Warnung ſeyn. Er moͤge ſich hüten, daß er das Irdiſche nicht verliere, um Er⸗ oberungen für den Himmel zu machen.“ Da die maͤhriſchen Staͤnde, anſtatt ihr Mittleramt zum Vortheil des Kaiſers zu erfüͤllen, endlich ſelbſt zur Partei ihrer öſterreichiſchen Glau⸗ bensbrüder übertraten, da die Union in Deutſchland ſich aufs nachdrücklichſte für dieſe ins Mittel ſchlug, und die Furcht vor Repreſſalien des Kaiſers den Matthias in die Enge trieb, ſo ließ er ſich endlich die gewünſchte Erklaͤrung zum Vortheil der Evangeliſchen entreißen. Dieſes Betragen der öſterreichiſchen Landſtande gegen ihren 71 Erzherzog nahmen ſich nun die proteſtantiſchen Reichsſtaͤnde in Deutſchland zum Muſter gegen ihren Kaiſer, und ſie ver⸗ ſprachen ſich denſelben gluͤcklichen Erfolg. Auf ſeinem erſten Reichstage zu Regensburg(1613), wo die dringendſten Angele⸗ genheiten auf Entſcheidung warteten, wo ein Krieg gegen die Türken und gegen den Furſten Bethlen Gabor von Sie⸗ benbürgen, der ſich unterdeſſen mit türkiſchem Beiſtand zum Herrn dieſes Landes aufgeworfen hatte und ſogar Ungarn bedroh⸗ te, einen allgemeinen Geldbeitrag nothwendig machte, uͤberraſch⸗ ten ſie mit einer ganz neuen Forderung. Die katholiſchen Stim⸗ men waren noch immer die zahlreichern im Fuͤrſtenrath; und weil Alles nach der Stimmenmehrheit entſchieden wurde, ſo pflegten die Evangeliſchen, auch wenn ſie noch ſo ſehr unter ſich einig waren, gewöhnlich in keine Betrachtung zu kommen. Dieſes Vortheils der Stimmenmehrheit ſollten ſich nun die Katholiſchen begeben, und keiner einzelnen Religionspartei ſollte es künftig erlaubt ſeyn, die Stimmen der andern durch ihre unwandelbare Mehrheit nach ſich zu ziehen. Und in Wahrheit, wenn die evan⸗ geliſche Religion auf dem Reichstage repräſentirt werden ſollte, ſo ſchien es ſich von ſelbſt zu verſtehen, daß ihr durch die Verfaſ⸗ ſung des Reichstags ſelbſt nicht die Möglichkeit abgeſchnitten würde, von dieſem Rechte Gebrauch zu machen. Beſchwerden uͤber die angemaßte Gerichtsbarkeit des Reichshofraths und über Unterdruͤckung der Proteſtanten begleiteten dieſe Forderung, und die Bevollmaͤchtigten der Staͤnde hatten Befehl, ſo lange von allen gemeinſchaftlichen Berathſchlagungen wegzubleiben, bis eine günſtige Antwort auf dieſen vorlaͤufigen Punkt erfolgte. Dieſe gefahrliche Trennung zerriß den Reichstag, und drohte auf immer alle Einheit der Berathſchlagungen zu zerſtören. So aufrichtig der Kaiſer gewünſcht hatte, nach dem Beiſpiele Marimilians, ſeines Vaters, zwiſchen beiden Religionen 72 eine ſtaatskluge Mitte zu halten, ſo ließ ihm das jetzige Be⸗ tragen der Proteſtanten nur eine bedenkliche Wahl zwiſchen bei⸗ den. Zu ſeinen dringenden Bedurfniſſen war ihm ein allge⸗ meiner Beitrag der Reichsſtände unentbehrlich; und doch konnte er ſich die eine Partei nicht verpflichten, ohne die Huͤlfe der andern zu verſcherzen. Da er in ſeinen eigenen Erblanden ſo wenig befeſtigt war, ſo mußte er ſchon vor dem entfernten Gedanken zittern, mit den Proteſtanten in einen oͤffentlichen Krieg zu gerathen. Aber die Augen der ganzen katholiſchen Welt, die auf ſeine jetzige Entſchließung geheftet waren, die Vorſtellungen der katholiſchen Staͤnde, des roͤmiſchen und ſpa⸗ niſchen Hofes, erlaubten ihm eben ſo wenig, die Proteſtanten zum Nachtheil der katholiſchen Religion zu begünſtigen. Eine ſo mißliche Situation mußte einen größern Geiſt, als Matthias war, niederſchlagen, und ſchwerlich hätte er ſich mit eigener Klugheit daraus gezogen. Der Vortheil der Katho⸗ liſchen war aber aufs engſte mit dem Anſehen des Kaiſers verflochten; und ließen ſie dieſes ſinken, ſo hatten beſonders die geiſtlichen Fürſten gegen die Eingriffe der Proteſtanten keine Schutzwehre mehr. Jetzt alſo, wie ſie den Kaiſer unſchluſſig wanken ſahen, glaubten ſie, daß die hoͤchſte Zeit vorhanden ſey, ſeinen ſinkenden Muth zu ſtaͤrken. Sie ließen ihn einen Blick in das Geheimniß der Ligue thun, und zeigten ihm die ganze Ir. Verfaſſung derſelben, ihre Hülfsmittel und Kräfte. So wenig troͤſtlich dieſe Entdeckung für den Kaiſer ſeyn mochte, ſo ließ ihn doch die Ausſicht auf einen ſo mäͤchtigen Schutz etwas mehr Muth gegen die Evangeliſchen faſſen. Ihre Forderungen wur⸗ den abgewieſen, und der Reichstag endigte ſich ohne Entſchei⸗ dung. Aber Matthias wurde das Opfer dieſes Streits. Die Proteſtanten verweigerten ihm ihre Geldhülfe, und ließen es. V Zihm entgelten, daß die Katholiſchen unbeweglich geblieben waren. 73 Die Turken ſelbſt zeigten ſich indeſſen geneigt, den Waffen⸗ ſtillſtand zu verlängern, und den Fuͤrſten Bethlen Gabor ließ man im ruhigen Beſitz von Siebenbürgen. Vor auswaͤr⸗ tiger Gefahr war das Reich jetzt gedeckt, und auch im Innern desſelben herrſchte, bei allen noch ſo gefahrlichen Spaltungen, dennoch Friede. Dem jülichiſchen Erbfolgeſtreit hatte ein ſehr unerwarteter Zufall eine üͤberraſchende Wendung gegeben. Noch immer wurde dieſes Herzogthum von dem Kurhauſe Bran⸗ denburg und dem Pfalzgrafen von Neuburg in Gemein⸗ ſchaft beſeſſen; eine Heirath zwiſchen dem Prinzen von Neu⸗ burg und einer brandenburgiſchen Prinzeſſin ſollte das In⸗- tereſſe beider Haͤuſer unzertrennlich verknüpfen. Dieſen ganzen Plan zerſtoͤrte eine— Ohrfeige, welche der Kurfürſt von Brandenburg das Unglück hatte, ſeinem Eidam im Wein⸗ rauſch zu geben. Von jetzt an war das gute Vernehmen zwi⸗ ſchen beiden Hauſern dahin. Der Prinz von Neuburg trat zu dem Papſtthum über. Eine Prinzeſſin von Bayern belohnte ihn für dieſe Apoſtaſie, und der maͤchtige Schutz Bayerns und Spaniens war die natürliche Folge von Beidem. Um dem Pfalzgrafen zum ausſchließenden Beſitz der jülichiſchen Lande zu verhelfen, wurden die ſpaniſchen Waffen von den Nieder⸗ landen auch in das Herzogthum gezogen. Um ſich dieſer Gäͤſte zu entladen, rief der Kurfürſt von Brandenburg die Hollaͤnder in das Land, denen er durch Annahme der reformir⸗ ten Religion zu gefallen ſuchte. Beide, die ſpaniſchen und holländiſchen Truppen, erſchienen; aber, wie es ſchien, bloß um für ſich ſelbſt zu erobern. 3 Der nahe niederlaͤndiſche Krieg ſchien ſich nun auf deutſchen Boden ſpielen zu wollen, und welch ein unerſchöpflicher Zunder lag hier für ihn bereit! Mit Schrecken ſah das proteſtantiſche 74 Deutſchland die Spanier an dem Unterrhein feſten Fuß ge⸗ winnen— mit noch groͤßerem das katholiſche die Hollaͤnder über die Reichsgraͤnzen hereinbrechen. Im Weſten ſollte ſich die Mine entzünden, welche laͤngſt ſchon das ganze Deutſch⸗ land unterhöhlte— nach den weſtlichen Gegenden waren Furcht und Erwartung hingeneigt— und aus Oſten kam der Schlag, der ſie in Flammen ſetzte. Die Ruhe, welche der Majeſtaͤtsbrief Rudolphs des Zweiten Böhmen gegeben hatte, dauerte auch unter Mat⸗ thias' Regierung noch eine Zeitlang fort, bis in der Perſon Ferdinands von Graͤtz ein neuer Thronfolger in dieſem Königreich ernannt wurde. Dieſer Prinz, den man in der Folge unter dem Namen Kaiſer Ferdinand der Zweite naͤher kennen lernen wird, hatte ſich durch gewaltſame Ausrottung der proteſtantiſchen Religion in ſeinen Erbläͤndern als einen unerbittlichen Eiferer für das Papſtthum angekündigt, und wurde deßwegen von dem katholiſchen Theile der böhmiſchen Nation als die künftige Stütze dieſer Kirche betrachtet. Die hinfäͤllige Geſundheit des Kaiſers rückte dieſen Zeitpunkt nahe herbei, und im Vertrauen auf einen ſo maͤchtigen Beſchützer, fingen die böͤhmiſchen Papiſten an, den Proteſtanten mit weniger Schonung zu begegnen. Die evangeliſchen Unterthanen katholiſcher Gutsherren beſonders er⸗ fuhren die harteſte Behandlung. Zugleich begingen mehrere von den Katholiken die Unvorſichtigkeit, etwas laut von ihren Hoff⸗ nungen zu reden, und durch hingeworfene Drohworte bei den Proteſtanten ein ſchlimmes Mißtrauen gegen ihren kuͤnftigen Herrn zu erwecken. Aber nie würde dieſes Mißtrauen in Thaͤt⸗ lichkeiten ausgebrochen ſeyn, wenn man nur im Allgemeinen geblieben ware, und nicht durch beſondere Angriffe auf einzelne 75 Glieder dem Murren des Volks unternehmende Anführer gegeben hätte. Heinrich Matthias, Graf von Thurn, kein geborner Böhme, aber Beſitzer einiger Güter in dieſem Königreiche, hatte ſich durch Eifer für die proteſtantiſche Religion, und durch eine ſchwarmeriſche Anhaͤnglichkeit an ſein neues Vaterland, des ganzen Vertrauens der Utraquiſten bemaächtigt, welches ihm den Weg zu den wichtigſten Poſten bahnte.] Seinen Degen hatte⸗ er gegen die Türken mit vielem Ruhme geführt; durch ein einſchmeichelndes Betragen gewann er ſich die Herzen der Menge. Ein heißer, ungeſtuͤmer Kopf, der die Verwirrung liebte, weil ſeine Talente darin glanzten; unbeſonnen und tolldreiſt genug, Dinge zu unternehmen, die eine kalte Klugheit und ein ruhi⸗ geres Blut nicht wagen; ungewiſſenhaft genug, wenn es die Befriedigung ſeiner Leidenſchaften galt, mit dem Schickſale von Tauſenden zu ſpielen, und eben fein genug, eine Nation, wie damals die böhmiſche war, an ſeinem Gaͤngelbande zu führen. Schon an den Unruhen unter Rudolphs Regierung hatte er den thätigſten Antheil genommen, und der Majeſtätsbrief, den die Stände von dieſem Kaiſer erpreßten, war vorzuüglich ſein Verdienſt. Der Hof hatte ihm, als Burggrafen von Karl⸗ ſtein, die böhmiſche Krone und die Freiheitsbriefe des König⸗ reichs zur Verwahrung anvertraut; aber etwas weit Wichtigeres — ſich ſelbſt— hatte ihm die Nation mit der Stelle eines Defenſors oder Glaubensbeſchützers übergeben. Die Ariſtokra⸗ ten, welche den Kaiſer beherrſchten, entriſſen ihm unklug die Aufſicht über das Todte, um ihm den Einfluß auf das Leben⸗ dige zu laſſen. Sie nahmen ihm die Burggrafenſtelle, die ihn von der Hofgunſt abhaͤngig machte, um ihm die Augen über die Wichtigkeit der andern zu öͤffnen, die ihm übrig blieb, und kräͤnkten ſeine Eitelkeit, die doch ſeinen Ehr⸗ 76 geiz unſchaͤdlich machte. Von dieſer Zeit an beherrſchte ihn die Begierde nach Rache, und die Gelegenheit fehlte nicht lange, ſie zu befriedigen. Im Majeſtätsbriefe, welchen die Böhmen von Rudolph dem Zweiten erpreßt hatten, war eben ſo, wie in dem Religionsfrieden der Deutſchen, ein Hauptartikel unausgemacht geblieben. Alle Rechte, welche der letztere den Proteſtanten be⸗ willigte, kamen nur den Sta nden, nicht den Unterthanen zu gute; bloß fuͤr die Unterthanen geiſtlicher Länder hatte man eine ſchwankende Gewiſſensfreiheit ausbedungen. Auch der boͤh⸗ miſche Majeſtaͤtsbrief ſprach nur von den Ständen und von den königlichen Städten, deren Magiſtrate ſich gleiche Rechte mit den Staͤnden zu erringen gewußt hatten. Dieſen allein wurde die Freiheit eingeräumt, Kirchen und Schulen zu errich⸗ ten, und ihren proteſtantiſchen Gottesdienſt oͤffentlich auszu⸗ üben; in allen uͤbrigen Staͤdten blieb es dem Landſtande uͤber⸗ laſſen, dem ſie angehoͤrten, welche Religionsfreiheit er den Unter⸗ thanen vergoͤnnen wollte. Dieſes Rechts hatten ſich die deutſchen Reichsſtaͤnde in ſeinem ganzen Umfange bedient, und zwar die weltlichen ohne Widerſpruch; die geiſtlichen, denen eine Erklaͤ⸗ rung Kaiſer Ferdinands dasſelbe ſtreitig machte, hatten nicht ohne Grund die Verbindlichkeit dieſer Erklarung beſtritten. Was im Religionsfrieden ein beſtrittener Punkt war, war ein unbeſtimmter im Majeſtätsbriefe; dort war die Auslegung nicht zweifelhaft, aber es war zweifelhaft, ob man zu gehorchen hätte; hier war die Deutung den Ständen überlaſſen. Die Unterthanen geiſtlicher Landſtaͤnde in Boͤhmen glaubten daher eben das Recht zu beſitzen, das die Ferdinandiſche Erklärung den Unterthanen deutſcher Biſchöfe einraumte; ſie achteten ſich den Unterthanen in den koͤniglichen Stadten gleich, weil ſie die geiſtlichen Guͦter unter die Krongüter zaͤhlten. In 77 der kleinen Stadt Kloſtergrab, die dem Erzbiſchof zu Prag, und in Braunau, welches dem Abt dieſes Kloſters angehörte, wurden von den proteſtantiſchen Unterthanen eigenmaͤchtig Kirchen aufgefuͤhrt und, ungeachtet des Widerſpruchs ihrer Gutsherren und ſelbſt der Mißbilligung des Kaiſers, der Bau derſelben vollendet. Unterdeſſen hatte ſich die Wachſamkeit der Defenſoren in etwas gemindert, und der Hof glaubte, einen ernſtlichen Schritt wagen zu können. Auf Befehl des Kaiſers wurde die Kirche zu Kloſtergrab niedergeriſſen, die zu Braunau gewaltſam ge⸗ ſperrt, und die unruhigſten Köpfe unter den Buͤrgern ins Gefängniß geworfen. Eine allgemeine Bewegung unter den Proteſtanten war die Folge dieſes Schrittes; man ſchrie uͤber Verletzung des Majeſtätsbriefes, und der Graf von Thurn, von Rachgier beſeelt und durch ſein Defenſoramt noch mehr aufgefordert, zeigte ſich beſonders geſchaͤftig, die Gemuͤther zu erhitzen. Aus allen Kreiſen des Königreichs wurden auf ſeinen Antrieb Deputirte nach Prag gerufen, um, dieſer gemeinſchaft⸗ lichen Gefahr wegen, die noͤthigen Maßregeln zu nehmen. Man kam uͤberein, eine Supplik an den Kaiſer aufzuſetzen, und auf Loslaſſung der Gefangenen zu dringen. Die Antwort des Kai⸗ ſers, ſchon darum von den Staͤnden ſehr uͤbel aufgenommen, weil ſie nicht an ſie ſelbſt, ſondern an ſeine Statthalter ge⸗ richtet war, verwies ihnen ihr Betragen als geſetzwidrig und rebelliſch, rechtfertigte den Vorgang in Kloſtergrab und Brau⸗ nau durch einen kaiſerlichen Befehl, und enthielt einige Stel⸗ len, welche drohend gedeutet werden konnten. Der Graf von Thurn unterließ nicht, den ſchlimmen Eindruck zu vermehren, den dieſes kaiſerliche Schreiben unter den verſammelten Staͤnden machte. Er zeigte ihnen die Ge⸗ fahr, worin alle Theilnehmer an dieſer Bittſchrift ſchwebten, 78 und wußte ſie durch Erbitterung und Furcht zu gewaltſamen Entſchließungen hinzureißen. Sie unmittelbar gegen den Kaiſer zu empoͤren, waͤre jetzt noch ein zu gewagter Schritt geweſen. Nur von Stufe zu Stufe führte er ſie an dieſes unvermeid⸗ liche Ziel. Er fand daher für gut, ihren Unwillen zuerſt auf die Rathe des Kaiſers abzuleiten, und verbreitete zu dem Ende die Meinung, daß das kaiſerliche Schreiben in der Statthalterei zu Prag aufgeſetzt und nur zu Wien unter⸗ ſchrieben worden ſey. Unter den kaiſerlichen Statthaltern waren der Kammerpraͤſident Slawata und der an Thurns Statt zum Burggrafen von Karlſtein erwaͤhlte Freiherr von Martinitz das Ziel des allgemeinen Haſſes. Beide hatten den proteſtantiſchen Ständen ſchon ehedem ihre feind⸗ ſeligen Geſinnungen dadurch ziemlich laut an den Tag gelegt, daß ſie allein ſich geweigert hatten, der Sitzung beizuwohnen, in welcher der Majeſtatsbrief in das böhmiſche Landrecht ein⸗ getragen ward. Schon damals drohte man ihnen, ſie für jede künftige Verletzung des Majeſtätsbriefes verantwortlich zu machen, und was von dieſer Zeit an den Proteſtanten Schlimmes widerfuhr, wurde, und zwar nicht ohne Grund, auf ihre Rechnung geſchrieben. Unter allen katholiſchen Guts⸗ beſitzern waren dieſe Beiden gegen ihre proteſtantiſchen Unter⸗ thanen am haͤrteſten verfahren. Man beſchuldigte ſie, daß ſie dieſe mit Hunden in die Meſſe hetzen ließen, und durch Ver⸗ ſagung der Taufe, der Heirathen und Begraͤbniſſe zum Papſt⸗ thum zu zwingen ſuchten. Gegen zwei ſo verhaßte Häaupter war der Zorn der Nation leicht entflammt, und man beſtimmte ſie dem allgemeinen Unwillen zum Opfer. Am 23ſten Mai 1618 erſchienen die Deputirten bewaffnet und in zahlreicher Begleitung auf dem köoͤniglichen Schloß, und drangen mit Ungeſtum in den Saal, wo die Statthalter 79 Sternberg, Martinitz, Lobkowitz und Slawata verſammelt waren. Mit drohendem Tone verlangten ſie eine Erklaͤrung von jedem Einzelnen, ob er an dem kaiſerlichen Schreiben einen Antheil gehabt und ſeine Stimme dazu ge⸗ geben? Mit Maͤßigung empfing ſie Sternberg; Martinitz und Slawata antworteten trotzig. Dieſes beſtimmte ihr Ge⸗ ſchick. Sternberg und Lobkowitz, weniger gehaßt und mehr gefürchtet, wurden beim Arme aus dem Zimmer geführt, und nun ergriff man Slawata und Martinitz, ſchleppte ſie an ein Fenſter und ſtürzte ſie achtzig Fuß tief in den Schloßgraben hinunter. Den Secretär Fabricius, eine Creatur von Beiden, ſchickte man ihnen nach. Ueber eine ſo ſeltſame Art zu exequiren, verwunderte ſich die ganze geſittete Welt, wie billig; die Böhmen entſchuldigten ſie als einen landüblichen Gebrauch, und fanden an dieſem ganzen Vorfalle nichts wunderbar, als daß man von einem ſo hohen Sprunge ſo geſund wieder aufſtehen konnte. Ein Miſthaufen, auf den die kaiſerliche Statthalterſchaft zu liegen kam, hatte ſie vor Beſchaͤdigung gerettet. Es war nicht zu erwarten, daß man ſich durch dieſe raſche Erecution in der Gnade des Kaiſers ſehr verbeſſert haben würde; aber eben dahin hatte der Graf von Thurn die Staͤnde gewollt. Hatten ſich dieſe, aus Furcht einer noch ungewiſſen Gefahr, eine ſolche Gewaltthaͤtigkeit erlaubt, ſo mußte jetzt die gewiſſe Erwartung der Strafe und das drin⸗ gender gewordene Bedurfniß der Sicherheit ſie noch tiefer hin⸗ einreißen. Durch dieſe brutale Handlung der Selbſthülfe war der Unentſchloſſenheit und Reue jeder Ruͤckweg verſperrt, und ein einzelnes Verbrechen ſchien nur durch eine Kette von Ge⸗ waltthaten ausgeſoͤhnt werden zu können. Da die That ſelbſt nicht ungeſchehen zu machen war, ſo mußte man die ſtrafende 80 Macht entwaffnen. Dreißig Directoren wurden ernannt, den Aufſtand geſetzmaͤßig fortzufuhren. Man bemachtigte ſich aller Regierungsgeſchafte und aller königlichen Gefälle, nabm alle königlichen Beamten und Soldaten in Pflichten, und ließ ein Aufgebot an die ganze böhmiſche Nation ergehen, ſich der ge⸗ meinſchaftlichen Sache anzunehmen. Die Jeſuiten, welche der allgemeine Haß als die Urheber aller bisherigen Unterdrüͤckun⸗ gen anklagte, wurden aus dem ganzen Königreiche verbannt, und die Staͤnde fanden für nöthig, ſich dieſes harten Schluſſes wegen in einem eigenen Manifeſt zu verantworten. Alle dieſe Schritte geſchahen zur Aufrechthaltung der königlichen Macht und der Geſetze— die Sprache aller Rebellen, bis ſich das Gluck für ſie entſchieden hat. Die Bewegungen, welche die Zeitung des böhmiſchen Auf⸗ ſtandes am kaiſerlichen Hofe verurſachte, waren bei weitem nicht ſo lebhaft, als eine ſolche Aufforderung es verdient hätte. Kaiſer Matthias war der entſchloſſene Geiſt nicht mehr, der ehedem ſeinen König und Herrn mitten im Schooße ſeines Volks aufſuchen und von drei Thronen herunterſtürzen konnte. Der zuverſichtliche Muth, der ihn bei einer Uſurpation beſeelt hatte, verließ ihn bei einer rechtmäßigen Vertheidigung. Die böhmiſchen Rebellen hatten ſich zuerſt bewaffnet, und die Natur der Dinge brachte es mit ſich, daß er folgte. Aber er konnte nicht hoffen, den Krieg in Böhmen einzuſchließen. In allen Ländern ſeiner Herrſchaft hingen die Proteſtanten durch eine gefährliche Sympathie zuſammen— die gemeinſchaftliche Reli⸗ gionsgefahr konnte alle mit einander ſchnell zu einer furchtbaren Republik verknuͤpfen. Was hatte er einem ſolchen Feinde ent⸗ gegen zu ſetzen, wenn der proteſtantiſche Theil ſeiner Unter⸗ thanen ſich von ihm trennte? Und erſchöpften ſich nicht beide Theile in einem ſo verderblichen Bürgerkriege? Was war 81 nicht Alles auf dem Spiele, wenn er unterlag, und wen an⸗ ders als ſeine eigenen Unterthanen hatte er zu Grunde ge⸗ richtet, wenn er ſiegte? Ueberlegungen dieſer Art ſtimmten den Kaiſer und ſeine Räthe zur Nachgiebigkeit und zu Gedanken des Friedens; aber eben in dieſer Nachgiebigkeit wollten Andere die Urſache des Uebels gefunden haben. Erzherzog Ferdinand von Grätz wuͤnſchte dem Kaiſer vielmehr zu einer Begebenheit Glück, die jede Gewaltthat gegen die boͤhmiſchen Proteſtanten vor ganz Europa rechtfertigen würde.„Der Ungehorſam, hieß es, die Geſetzloſigkeit und der Aufruhr ſeyen immer Hand in Hand mit dem Proteſtantismus gegangen. Alle Freiheiten, welche von ihm ſelbſt und dem vorigen Kaiſer den Ständen bewilligt worden, hätten keine andere Wirkung gehabt, als ihre Forde⸗ rungen zu vermehren. Gegen die landesherrliche Gewalt ſeyen alle Schritte der Ketzer gerichtet; ſtufenweiſe ſeyen ſie von Trotz zu Trotz bis zu dieſem letzten Angriffe hinauf geſtiegen; in kurzem wurden ſie auch an die noch einzig uͤbrige Perſon des Kaiſers greifen. In den Waffen allein ſey Hülfe gegen einen ſolchen Feind— Ruhe und Unterwerfung nur über den Trümmern ihrer gefaͤhrlichen Privilegien— nur in dem voͤl⸗ ligen Untergange dieſer Secte Sicherheit fuͤr den katholiſchen Glauben. Ungewiß zwar ſey der Ausgang des Krieges, aber gewiß das Verderben bei Unterlaſſung desſelben. Die einge⸗ zogenen Güter der Rebellen wurden die Unkoſten reichlich er⸗ ſtatten, und der Schrecken der Hinrichtungen den übrigen Land⸗ ſtänden künftig einen ſchnellen Gehorſam lehren.“— War es den böhmiſchen Proteſtanten zu verdenken, wenn ſie ſich gegen die Wirkungen ſolcher Grundſätze in Zeiten verwahrten?— Und auch nur gegen den Thronfolger des Kaiſers, nicht gegen ihn ſelbſt, der nichts gethan hatte, die Beſorgniſſe der Prote⸗ Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 6 82 ſtanten zu rechtfertigen, war der böhmiſche Aufſtand gerichtet. Jenem den Weg zu dem böhmiſchen Throne zu verſchließen, ergriff man die Waffen ſchon unter Matthias; doch ſo lange dieſer Kaiſer lebte, wollte man ſich in den Schranken einer ſcheinbaren Unterwurfigkeit halten. Aber die Boͤhmen hatten zu den Waffen gegriffen, und unbewaffnet durfte ihnen der Kaiſer nicht einmal den Frie⸗ den anbieten. Spanien ſchoß Geld zur Rüſtung her, und ver⸗ ſprach Truppen von Italien und den Niederlanden aus zu ſchicken. Zum Generaliſſimus ernannte man den Grafen von Boucquoi, einen Niederlaͤnder, weil keinem Eingebornen zu trauen war, und Graf Dampierre, ein anderer Auslander, commandirte unter ſeinen Befehlen. Ehe ſich dieſe Armee in Bewegung ſetzte, verſuchte der Kaiſer den Weg der Guͤte durch ein vorausgeſchicktes Manifeſt. In dieſem erklärte er den Boͤhmen:„daß der Majeſtätsbrief ihm heilig ſey, daß er nie etwas gegen ihre Religion oder ihre Privilegien beſchloſſen, daß ſelbſt ſeine jetzige Rüſtung ihm durch die ihrige ſey abgedrun⸗ gen worden. Sobald die Nation die Waffen von ſich lege, würde auch Er ſein Heer verabſchieden.“ Aber dieſer gnädige Brief verfehlte ſeine Wirkung— weil die Haäͤupter des Auf⸗ ruhrs für rathſam fanden, den guten Willen des Kaiſers dem Volke zu verbergen. Anſtatt desſelben verbreiteten ſie auf den Kanzeln und in fliegenden Blättern die giftigſten Gerüchte, und ließen das hintergangene Volk vor Bartholomäusnachten zit⸗ tern, die nirgends als in ihrem Kopfe exiſtirten. Ganz Boͤh⸗ men, mit Ausnahme dreier Städte, Budweiß, Krummau und Pilſen, nahm Theil an dem Aufruhr. Dieſe drei Staͤdte, groͤßtentheils katholiſch, hatten allein den Muth, bei dieſem all⸗ gemeinen Abfalle dem Kaiſer getreu zu bleiben, der ihnen Huͤlfe verſprach. Aber dem Grafen von Thurn konnte es nicht ent⸗ 1 83 gehen, wie gefährlich es waͤre, drei Pläͤtze von ſolcher Wich⸗ tigkeit in feindlichen Haͤnden zu laſſen, die den kaiſerlichen Waffen zu jeder Zeit den Eingang in das Königreich offen hiel⸗ ten. Mit ſchneller Entſchloſſenheit erſchien er vor Budweiß und Krummau, und hoffte beide Plätze durch Schrecken zu uͤberwaltigen. Krummau ergab ſich ihm, aber von Budweiß wurden alle ſeine Angriffe ſtandhaft zurückgeſchlagen. Und nun fing auch der Kaiſer an, etwas mehr Ernſt und Thätigkeit zu zeigen. Boucquoi und Dampierre fielen mit zwei Heeren ins böhmiſche Gebiet, und fingen an, es feindſelig zu behandeln. Aber die kaiſerlichen Generale fanden den Weg nach Prag ſchwerer, als ſie erwartet hatten. Jeder Paß, jeder nur irgend haltbare Ort mußte mit dem Degen geoͤffnet werden, und der Widerſtand mehrte ſich mit jedem neuen Schritte, den ſie machten, weil die Ausſchweifungen ihrer Truppen, meiſtens Ungarn und Wallonen, den Freund zum Abfalle und den Feind zur Verzweiflung brachten. Aber auch noch dann, als ſeine Truppen ſchon in Boͤhmen vordrangen, fuhr der Kaiſer fort, den Staͤnden den Frieden zu zeigen und zu einem gütlichen Vergleiche die Haͤnde zu bieten. Neue Aus⸗ ſichten, die ſich ihnen aufthaten, erhoben den Muth der Re⸗ bellen. Die Staͤnde von Maͤhren ergriffen ihre Partei, und aus Deutſchland erſchien ihnen in der Perſon des Grafen von Mannsfeld ein eben ſo unverhoffter als tapferer Beſchützer. Die Haͤupter der evangeliſchen Union hatten den bisherigen Bewegungen in Boͤhmen ſchweigend, aber nicht müßig, zuge⸗ ſehen. Beide kaͤmpften ſuͤr dieſelbe Sache, gegen denſelben Feind. In dem Schickſale der Boͤhmen ließen ſie ihre Bun⸗ desverwandten ihr eigenes Schickſal leſen, und die Sache die⸗ ſes Volks wurde von ihnen als die heiligſte Angelegenheit des deutſchen Bundes abgeſchildert. Dieſem Grundſatze, getreu, 84 ſtaͤrkten ſie den Muth der Rebellen durch Beiſtandsverſpre⸗ chungen, und ein glüͤcklicher Zufall ſetzte ſie in Stand, die⸗ ſelben unverhofft in Erfüllung zu bringen. Graf Peter Ernſt von Mannsfeld, der Sohn eines verdienſtvollen öͤſterreichiſchen Dieners, Ernſt von Manns⸗ feld, der die ſpaniſche Armee in den Niederlanden eine Zeit⸗ lang mit vielem Ruhme befehligt hatte, wurde das Werkzeug, das oͤſterreichiſche Haus in Deutſchland zu demüthigen. Er ſelbſt hatte dem Dienſte dieſes Hauſes ſeine erſten Feldzuͤge ge⸗ widmet, und unter den Fahnen Erzherzog Leopolds, in Juͤ⸗ lich und im Elſaß, gegen die proteſtantiſche Religion und die deutſche Freiheit gefochten. Aber unvermerkt für die Grund⸗ ſätze dieſer Religion gewonnen, verließ er einen Chef, deſſen Eigennutz ihm die geforderte Entſchadigung für den in ſeinem Dienſte gemachten Aufwand verſagte, und widmete der evan⸗ geliſchen Union ſeinen Eifer und einen ſiegreichen Degen. Es fügte ſich eben, daß der Herzog von Savoyen, ein Alliirter der Union, in einem Kriege gegen Spanien ihren Beiſtand verlangte. Sie überließ ihm ihre neue Eroberung, und Mannsfeld bekam den Auftrag, ein Heer von viertauſend Mann, zum Gebrauch und auf Koſten des Herzogs, in Deutſch⸗ land bereit zu halten. Dieſes Heer ſtand eben marſchfertig da, als das Kriegsfeuer in Böhmen aufloderte, und der Herzog, der gerade jetzt keiner Verſtärkung bedurfte, überließ es der Union zu freiem Gebrauche. Nichts konnte dieſer willkomme⸗ ner ſeyn, als ihren Bundesgenoſſen in Boͤhmen auf fremde Koſten zu dienen. Sogleich erhielt Graf Mannsfeld Befehl, dieſe viertauſend Mann in das Königreich zu führen, und eine vorgegebene böhmiſche Beſtallung mußte den Augen der Welt die wahren Urheber ſeiner Rüſtung verbergen. Dieſer Nannsfeld zeigte ſich jetzt in Böhmen, und faßte durch Einnahme der feſten und kaiſerlich geſinnten Stadt Pilſen in dieſem Königreiche feſten Fuß. Der Muth der Re⸗ bellen wurde noch durch einen andern Succurs aufgerichtet, den die ſchleſiſchen Stände ihnen zu Hülfe ſchickten. Zwiſchen dieſen und den kaiſerlichen Truppen kam es nun zu wenig entſcheidenden, aber deſto verheerendern Gefechten, welche ei⸗ nem ernſtlicheren Kriege zum Vorſpiele dienten. Um die Lebhaftigkeit ſeiner Kriegsoperationen zu ſchwaͤchen, unter⸗ handelte man mit dem Kaiſer, und ließ ſich ſogar die angebo⸗ tene ſaͤchſiſche Vermittelung gefallen. Aber ehe der Ausgang beweiſen konnte, wie wenig aufrichtig man verfuhr, raffte der Tod den Kaiſer von der Scene. Was hatte Matthias nun gethan, um die Erwartungen der Welt zu rechtfertigen, die er durch den Sturz ſeines Vor⸗ gangers herausgefordert hatte? War es der Mühe werth, den Thron Rudolphs durch ein Verbrechen zu beſteigen, um ihn ſo ſchlecht zu beſitzen und mit ſo wenig Ruhm zu verlaſſen? So lange Matthias König war, büßte er für die Unklug⸗ heit, durch die er es geworden. Einige Jahre früher ſie zu tragen, hatte er die ganze Freiheit ſeiner Krone verſcherzt. Was ihm die vergrößerte Macht der Staͤnde an Selbſtthatigkeit noch übrig ließ, hielten ſeine eignen Agnaten unter einem ſchimpflichen Zwange. Krank und kinderlos ſah er die Auf⸗ merkſamkeit der Welt einem ſtolzen Erben entgegeneilen, der ungeduldig dem Schickſale vorgriff, und in des Greiſen ab⸗ ſterbender Regierung ſchon die ſeinige eröffnete. Mit Matthias war die regierende Linie des deutſchen Hauſes Oeſterreich ſo gut als erloſchen; denn von allen Söhnen Maximilians lebte nur noch der einzige kinderloſe und ſchwaͤchliche Erzherzog Albrecht in den Niederlanden, der aber ſeine naͤhern Rechte auf dieſe Erbſchaft an die Graͤtziſche Linie 86 abgetreten hatte. Auch das ſpaniſche Haus hatte ſich in einem geheimen Reverſe aller ſeiner Anſpruͤche auf die oͤſterreichiſchen Beſitzungen zum Vortheile des Erzherzogs Ferdinand von Steyermark begeben, in welchem nunmehr der Habsburgiſche Stamm in Deutſchland friſche Zweige treiben, und die ehema⸗ lige Groͤße Oeſterreichs wieder aufleben ſollte. Ferdinand hatte den jungſten Bruder Kaiſer Maximi⸗ lians des Zweiten, Erzherzog Karl von Krain, Kaͤrnthen und Steyermark, zum Vater, zur Mutter eine Prinzeſſin von Bayern. Da er den erſten ſchon im zwoͤlften Jahre verlor, ſo übergab ihn die Erzherzogin der Aufſicht ihres Bruders, des Herzogs Wilhelm von Bayern, unter deſſen Augen er auf der Alademie zu Ingolſtadt durch Jeſuiten erzogen und unterrichtet wurde. Was für Grundſaͤtze er aus dem Umgange eines Fürſten ſchopfen mußte, der ſich Andachts wegen der Re⸗ gierung entſchlagen, iſt nicht ſchwer zu begreifen. Man zeigte ihm auf der einen Seite die Nachſicht der Marimilianiſchen Prinzen gegen die Anhänger der neuen Lehre, und die Ver⸗ wirrung in ihren Landen; auf der andern den Segen Bayerns und den unerbittlichen Religionseifer ſeiner Beherrſcher; zwi⸗ ſchen dieſen beiden Muſtern ließ man ihn waͤhlen. In dieſer Schule zu einem mannhaften Streiter fur Gott, zu einem rüſtigen Werkzeuge der Kirche zubereitet, verließ er Bayern nach einem fünfjahrigen Aufenthalte, um die Regierung ſeiner Erbländer zu uͤbernehmen. Die Stande von Krain, Kärnthen und Steyermark, welche vor Ablegung ihres Huldi⸗ gungseides die Beſtäͤtigung ihrer Religionsfreiheit forderten, erhielten zur Antwort, daß die Religionsfreiheit mit der Huldi⸗ gung nichts zu thun habe. Der Eid wurde ohne Bedingung gefordert, und auch wirklich geleiſtet. Mehrere Jahre gingen hin, ehe die Unternehmung, wozu in Ingolſtadt der Entwurf 87 gemacht worden, zur Ausfuͤhrung reif ſchien. Ehe Ferdi⸗ nand mit derſelben ans Licht trat, holte er ſelbſt in Perſon zu Loretto die Gnade der Jungfrau Maria, und zu den Füßen Clemens des Achten in Rom den apoſtoliſchen Segen. Es galt aber auch nichts Geringeres, als den Proteſtantis⸗ mus aus einem Diſtricte zu vertreiben, wo er die uͤberlegene Anzahl auf ſeiner Seite hatte, und durch eine foͤrmliche Dul⸗ dungsacte, welche Ferdinands Vater dem Herren⸗ und Ritterſtande dieſer Lander bewilligt hatte, geſetzmaͤßig geworden war. Eine ſo feierlich ausgeſtellte Bewilligung konnte ohne Gefahr nicht zuruͤckgenommen werden; aber den frommen Zögling der Jeſuiten ſchreckte keine Schwierigkeit zurück. Das Beiſpiel der uͤbrigen, ſowohl katholiſchen als proteſtantiſchen Reichsſtande, welche das Reformationsrecht in ihren Landern ohne Widerſpruch ausgeuͤbt, und die Mißbrauche, welche die ſteyeriſchen Staͤnde von ihrer Religionsfreiheit gemacht hatten, mußten dieſer Gewaltthaͤtigkeit zur Rechtfertigung dienen. Unter dem Schutze eines ungereimten poſitiven Geſetzes glaubte man ohne Scheu das Geſetz der Vernunft und Bllligkeit ver⸗ hoͤhnen zu dürfen. Bei dieſer ungerechten Unternehmung zeigte Ferdinand ubrigens einen bewundernswürdigen Muth, eine lobenswerthe Standhaftigkeit. Ohne Geräuſch, und man darf hinzuſetzen, ohne Grauſamkeit, unterdruͤckte er den proteſtanti⸗ ſchen Gottesdienſt in einer Stadt nach der andern, und in wenigen Jahren war dieſes gefahrvolle Werk zum Erſtaunen des ganzen Deutſchlands vollendet. Aber indem die Katholiſchen den Helden und Ritter ihrer Kirche in ihm bewunderten, ſingen die Proteſtanten an, ſich gegen ihn, als ihren gefahrlichſten Feind, zu ruüſten. Nichtsdeſto⸗ weniger fand das Geſuch des Matthias, ihm die Nachfolge zuzuwenden, in den Wahlſtaaten Oeſterreichs keinen oder nur 88 einen ſehr geringen Widerſpruch, und ſelbſt die Boͤhmen kroͤnten ihn, unter ſehr annehmlichen Bedingungen, zu ihrem kunftigen Könige. Später erſt, nachdem ſie den ſchlimmen Einfluß ſeiner Rathſchläge auf die Regierung des Kaiſers erfahren hatten, wachten ihre Beſorgniſſe auf; und verſchiedene handſchriftliche Aufſaͤtze von ihm, die ein böſer Wille in ihre Haͤnde ſpielte, und die ſeine Geſinnungen nur zu deutlich verriethen, trieben ihre Furcht aufs Hoͤchſte. Beſonders entruſtete ſie ein geheimer Familienvertrag mit Spanien, worin Ferdinand dieſer Krone, nach Abgang mannlicher Erben, das Koͤnigreich Boͤhmen ver⸗ ſchrieben hatte, ohne die Nation erſt zu hoͤren, ohne die Wahl⸗ freiheit ihrer Krone zu achten. Die vielen Feinde, welche ſich dieſer Prinz durch ſeine Reformation in Steyermark unter den Proteſtanten überhaupt gemacht hatte, thaten ihm bei den Böhmen die ſchlimmſten Dienſte; und beſonders zeigten ſich einige dahin geflüchtete ſteyermaͤrkiſche Emigranten, welche ein racherfülltes Herz in ihr neues Vaterland mitbrachten, geſchaftig, das Feuer der Empörung zu naͤhren. In ſo widriger Stimmung fand König Ferdinand die böhmiſche Nation, als Kaiſer Matthias ihm Platz machte. Ein ſo ſchlimmes Verhaͤltniß zwiſchen der Nation und dem Throncandidaten würde auch bei der ruhigſten Thronfolge Stürme erweckt haben— wie vielmehr aber jetzt im vollen Feuer des Aufruhrs, jetzt, da die Nation ihre Majeſtaäͤt zuruͤckgenommen hatte, und in den Zuſtand des natürlichen Rechts zurückgetreten war, jetzt, da ſie die Waffen in Haͤnden hatte, da durch das Gefuhl ihrer Einigkeit ein begeiſterndes Selbſtvertrauen in ihr erwacht, ihr Muth durch die glücklichſten Erfolge, durch fremde Beiſtandsverſprechungen und ſchwindlige Hoffnungen zur feſte⸗ ſten Zuverſicht erhoben war. Uneingedenk des an Ferdinand bereits übertragenen Rechts, erklarten die Staͤnde ihren Thron 89 fuͤr erledigt, ihre Wahl fuͤr voͤllig ungebunden. Zu einer fried⸗ lichen Unterwerfung war kein Anſchein vorhanden, und wollte ſich Ferdinand im Beſitz der böhmiſchen Krone ſehen, ſo hatte er die Wahl, ſie entweder mit allem dem zu erkaufen, was eine Krone wünſchenswerth macht, oder mit dem Schwerte in der Hand zu erobern. Aber mit welchen Hulfsmitteln ſie erobern? Auf welches ſeiner Länder er ſeine Augen kehrte, ſtand Alles in hellen Flam⸗ men. Schleſien war in den böhmiſchen Aufſtand zugleich mit hineingeriſſen; Maͤhren war im Begriffe, dieſem Beiſpiele zu folgen. In Ober⸗ und Unterdſterreich regte ſich, wie unter Rudolph, der Geiſt der Freiheit, und kein Landſtand wollte huldigen. Ungarn bedrohte der Fürſt Bethlen Gabor von Siebenbürgen mit einem Ueberfalle; eine geheimnißvolle Rüſtung der Türken erſchreckte alle öſtlich gelegenen Provinzen; damit das Bedräͤngniß vollkommen würde, ſo mußten auch, von dem allgemeinen Beiſpiele geweckt, die Proteſtanten in ſeinen väterlichen Erbſtaaten ihr Haupt erheben. In dieſen Ländern war die Zahl der Proteſtanten überwiegend; in den meiſten hatten ſie die Einkünfte im Beſitz, mit denen Ferdinand ſeinen Krieg führen ſollte. Die Neutralen fingen an zu wan⸗ ken, die Getreuen zu verzagen, nur die Schlimmgeſinnten hatten Muth; die eine Haͤlfte von Deutſchland winkte den Rebellen Ermunterung, die andere erwartete müßig den Ausſchlag; ſpa⸗ niſche Hülfe ſtand noch in fernen Landen. Der Augenblick, der ihm Alles brachte, drohte ihm Alles zu entreißen. Was er auch jetzt, von dem harten Geſetz der Noth unter⸗ jocht, den boͤhmiſchen Rebellen anbietet— alle ſeine Vorſchläge zum Frieden werden mit Uebermuth verſchmaht. An der Spitze eines Heers zeigt ſich der Graf von Thurn ſchon in Mähren, dieſe einzige noch wankende Provinz zur Entſcheidung zu bringen. 90 Die Erſcheinung der Freunde gibt den mahriſchen Proteſtanten das Signal der Empörung. Bruͤnn wird erobert; das übrige Land folgt freiwillig nach; in der ganzen Provinz aͤndert man Religion und Regierung. Wachſend in ſeinem Laufe, ſtuͤrzt der Rebellenſtrom in Oberoͤſterreich, wo eine gleichgeſinnte Partei ihn mit freudigem Beifalle empfaͤngt.„Kein Unterſchied der Religion ſoll mehr ſeyn, gleiche Rechte fuͤr alle chriſtlichen Kirchen.— Man habe gehoͤrt, daß fremdes Volk in dem Lande geworben werde, die Boͤhmen zu unterdrücken. Dieſes ſuche man auf, und bis nach Jeruſalem werde man den Feind der Freiheit verfolgen.“— Kein Arm wird geruͤhrt, den Erzherzog zu vertheidigen; endlich lagern ſich die Rebellen vor Wien, ihren Herrn zu belagern. Seine Kinder hatte Ferdinand von Gratz, wo ſie ihm nicht mehr ſicher waren, nach Tyrol geflüchtet; er ſelbſt erwartete in ſeiner Kaiſerſtadt den Aufruhr. Eine Handvoll Soldaten war Alles, was er dem wuͤthenden Schwarme entgegenſtellen konnte. Dieſen Wenigen fehlte der gute Wille, weil es an Sold und ſelbſt an Brod fehlte. Auf eine lange Belagerung war Wien nicht bereitet. Die Partei der Proteſtanten, jeden Augenblick bereit, ſich an die Boͤhmen anzuſchließen, war in der Stadt die uͤberwiegende; die auf dem Lande zogen ſchon Truppen gegen ihn zuſammen. Schon ſah der proteſtantiſche Poͤbel den Erzherzog in einem Moͤnchskloſter eingeſperrt, ſeine Staaten getheilt, ſeine Kinder proteſtantiſch erzogen. Heim⸗ lichen Feinden anvertraut, und von oͤffentlichen umgeben, ſah er jeden Augenblick den Abgrund ſich öffnen, der alle ſeine Hoffnungen, der ihn ſelbſt verſchlingen ſollte. Die boͤhmiſchen Kugeln flogen in die kaiſerliche Burg, wo ſechzehn öͤſterreichiſche Barone ſich in ſein Zimmer draͤngten, mit Vorwuͤrfen in ihn ſtuͤrmten, und zu einer Confoͤderation mit den Boͤhmen ſeine 91 Einwilligung zu ertrotzen ſtrebten. Einer von dieſen ergriff ihn bei den Knopfen ſeines Wamms.„Ferdinand!“ ſchnaubte er ihn an,„wirſt Du unterſchreiben?“ Wem haͤtte man es nicht verziehen, in dieſer ſchrecklichen Lage gewankt zu haben?— Ferdinand dachte nach, wie er römiſcher Kaiſer werden wollte. Nichts ſchien ihm uͤbrig zu ſeyn, als ſchnelle Flucht oder Nachgiebigkeit; zu jener riethen Maͤnner— zu dieſer katholiſche Prieſter. Verließ er die Stadt, ſo fiel ſie in Feindes Hände; mit Wien war Oeſterreich, mit Oeſterreich der Kaiſerthron verloren. Ferdinand verließ ſeine Hauptſtadt nicht, und wollte eben ſo wenig von Bedingungen hoͤren. Der Erzherzog war noch im Wortwechſel mit den deputirten Baronen, als auf einmal Trompetenſchall den Burgplatz er⸗ füllte. Unter den Anweſenden wechſeln Furcht und Erſtaunen — ein erſchreckendes Geruͤcht durchlaͤuft die Burg— ein Depu⸗ tirter nach dem andern verſchwindet. Viele vom Adel und der Buͤrgerſchaft hoͤrte man eilfertig in das Thurniſche Lager fliehen. Dieſe ſchnelle Veraͤnderung wirkte ein Regiment Dam⸗ pierriſcher Cuiraſſiere, welches in dieſem wichtigen Augenblicke in die Stadt einruͤckte, den Erzherzog zu vertheidigen, bald folgte auch Fußvolk nach; viele katholiſche Bürger, durch dieſe Erſcheinung mit neuem Muthe belebt, und die Studirenden ſelbſt, ergriffen die Waffen. Eine Nachricht, die ſo eben aus Boͤhmen einlief, vollendete ſeine Errettung. Der niederläͤndiſche General Boucquoi hatte den Grafen Mannsfeld bei Budweiß aufs Haupt geſchlagen, und war im Anzuge gegen Prag. Eilfertig brachen die Boͤhmen ihre Gezelte ab, um ihre Hauptſtadt zu entſetzen. Und jetzt waren auch die Paͤſſe wieder frei, die der Feind beſetzt gehalten, um Ferdinanden den Weg nach Frankfurt 92 zur Kaiſerwahl zu verlegen. Wenn es dem Koͤnige von Ungarn für ſeinen ganzen Plan wichtig war, den deutſchen Thron zu beſteigen, ſo war es jetzt um ſo wichtiger, da ſeine Ernennung zum Kaiſer das unverdachtigſte und entſcheidendſte Zeugniß fuͤr die Würdigkeit ſeiner Perſon und die Gerechtigkeit ſeiner Sache ablegte, und ihm zugleich zu einem Beiſtande des Reichs Hoff⸗ nung machte. Aber dieſelbe Cabale, welche ihn in ſeinen Erb⸗ ſtaaten verfolgte, arbeitete ihm auch bei ſeiner Bewerbung um die Kaiſerwürde entgegen. Kein öſterreichiſcher Prinz ſollte den deutſchen Thron mehr beſteigen, am wenigſten aber Ferdi⸗ nand, der entſchloſſene Verfolger ihrer Religion, der Sklave Spaniens und der Jeſuiten. Dieſes zu verhindern, hatte man noch bei Lebzeiten des Matthias dem Herzoge von Bayern, und nach der Weigerung desſelben dem Herzoge von Sla⸗ voyen die Krone angetragen. Da man mit dem Letztern über die Bedingungen nicht ſo leicht einig werden konnte, ſo ſuchte man wenigſtens die Wahl aufzuhalten, bis ein entſchei⸗ dender Streich in Böhmen oder Oeſterreich alle Hoffnungen Ferdinands zu Grunde gerichtet und ihn zu dieſer Wuͤrde unfähig gemacht haͤtte. Die Unirten ließen nichts unverſucht, Kurſachſen, welches an das öſterreichiſche Intereſſe gefeſſelt war, gegen Ferdinand einzunehmen, und dieſem Hofe die Gefahr vorzuſtellen, womit die Grundſätze dieſes Fürſten und ſeine ſpaniſchen Verbindungen die proteſtantiſche Religion und die Reichsverfaſſung bedrohten. Durch Erhebung Ferdinands auf den Kaiſerthron, ſtellten ſie weiter vor, würde ſich Deutſch⸗ land in die Privatangelegenheiten dieſes Prinzen verflochten ſehen, und die Waffen der Böhmen gegen ſich reizen. Aber aller Gegenbemhungen ungeachtet wurde der Wahltag aus⸗ geſchrieben, Ferdinand als rechtmaͤßiger König von Boͤhmen dazu berufen, und ſeine Kurſtimme, mit vergeblichem Widerſpruche 93 der boͤhmiſchen Staͤnde, fuͤr guͤltig erkannt. Die drei geiſtlichen Kurſtimmen waren ſein, auch die ſächſiſche war ihm gunſtig, die brandenburgiſche nicht entgegen, und die entſchiedenſte Mehrheit erklaͤrte ihn 1619 zum Kaiſer. So ſah er die zweifel⸗ hafteſte von allen ſeinen Kronen zuerſt auf ſeinem Haupte, um wenige Tage nachher diejenige zu verlieren, welche er ſchon unterzſeine gewiſſen Beſitzungen zählte. Waͤhrend daß man ihn in Frankfurt zum Kaiſer machte, ſtürzte man ihn in Prag von dem böhmiſchen Throne. Faſt alle ſeine deutſchen Erblaͤnder hatten ſich unterdeſſen in einer allgemeinen furchtbaren Conföderation mit den Böhmen vereinigt, deren Trotz jetzt alle Schranken durchbrach. Am 17ten Auguſt 1619 erklärten ſie den Kaiſer, auf einer Reichs⸗ verſammlung, für einen Feind der boͤhmiſchen Religion und Freiheit, der durch ſeine verderblichen Rathſchlage den verſtorbe⸗ nen König gegen ſie aufgewiegelt, zu ihrer Unterdruͤckung Trup⸗ pen geliehen, Auslaͤndern das Königreich zum Raube gegeben, und es zuletzt gar, mit Verſpottung ihrer Volksmajeſtaͤt, in einem heimlichen Vertrage an die Spanier verſchrieben hatte, aller Anſpruche auf ihre Krone verluſtig und ſchritten ohne Aufſchub zu einer neuen Wahl. Da Proteſtanten dieſen Ausſpruch thaten, ſo konnte dieſe Wahl nicht wohl auf einen katholiſchen Prinzen fallen, obgleich zum Scheine für Bayern und Savoyen einige Stimmen gehoͤrt wurden. Aber der bittere Religionshaß, wel⸗ cher die Evangeliſchen und Reformirten unter einander ſelbſt entzweite, machte eine Zeitlang auch die Wahl eines proteſtan⸗ tiſchen Königs ſchwer, bis endlich die Feinheit und Thätigkeit der Calviniſten uͤber die überlegene Anzahl der Lutheraner den Sieg davon trug. Unter allen Prinzen, welche zu dieſer Wuͤrde in Vorſchlag kamen, hatte ſich Kurfürſt Friedrich der Funfte von der 94 Pfalz die gegründetſten Anſprüche auf das Vertrauen und die Dankbarkeit der Böhmen erworben, und unter allen war keiner, bei welchem das Privatintereſſe einzelner Stände und die Zuneigung des Volks durch ſo viele Staatsvortheile gerecht⸗ fertigt zu werden ſchienen. Friedrich der Fuͤnfte war von einem freien und aufgeweckten Geiſte, vieler Herzensgute, einer koͤniglichen Freigebigkeit. Er war das Haupt der Reformirten in Deutſchland, der Anfuhrer der Union, deren Kraͤfte ihm zu Gebote ſtanden, ein naher Anverwandter des Herzogs von Bayern, ein Eidam des Koͤnigs von Großbritannien, der ihn mächtig unterſtützen konnte. Alle dieſe Vorzuͤge wurden von der calviniſtiſchen Partei mit dem beſten Erfolge geltend gemacht, und die Reichsverſammlung zu Prag erwaͤhlte Frie⸗ drich den Fuͤnften unter Gebet und Freudenthraͤnen zum Könige. Alles, was auf dem Prager Reichstage geſchah, war ein vorbereitetes Werk, und Friedrich ſelbſt war bei der ganzen Verhandlung zu thaͤtig geweſen, als daß er von dem Antrage der Boͤhmen haͤtte uͤberraſcht werden ſollen. Dennoch erſchreckte ihn der gegenwaͤrtige Glanz dieſer Krone, und die zweifache Groͤße des Verbrechens und des Glücks brachte ſeinen Klein⸗ muth zum Zittern. Nach der gewoͤhnlichen Art ſchwacher Seelen wollte er ſich erſt durch fremdes Urtheil zu ſeinem Vorhaben ſtärken; aber es hatte keine Gewalt uͤber ihn, wenn es gegen ſeine Leidenſchaft ausfiel. Sachſen und Bayern, wo er Rath verlangt hatte, alle ſeine Mitkurfürſten, Alle, welche dieſe Unternehmung mit ſeinen Faͤhigkeiten und Kraͤften abwogen, warnten ihn vor dem Abgrunde, in den er ſich ſtuͤrzte. Selbſt Koͤnig Jacob von England wollte ſeinem Eidam lieber eine Krone entriſſen ſehen, als die geheiligte Majeſtaͤt der Koͤnige durch ein ſo ſchlimmes Beiſpiel verletzen helfen. Aber 1 95 was vermochte die Stimme der Klugheit gegen den verführeri⸗ ſchen Glanz einer Königskrone? Im Augenblicke ihrer höchſten Kraftaͤußerung, wo ſie den geheiligten Zweig eines zweihundert⸗ jährigen Regentengeſchlechts von ſich ſtoͤßt, wirft ſich ihm eine freie Nation in die Arme; auf ſeinen Muth vertrauend, waͤhlt ſte ihn zu ihrem Fuͤhrer auf der gefährlichen Bahn des Ruhms und der Freiheit; von ihm, ihrem gebornen Beſchützer, erwartet eine unterdruͤckte Religion Schutz und Schirm gegen ihren Verfolger— ſoll er kleinmuͤthig ſeine Furcht bekennen, ſoll er feigherzig Religion und Freiheit verrathen? Eben dieſe Religion zeigt ihm die Ueberlegenheit ihrer Kräfte und die Unmacht ihres Feindes— zwei Drittheile der öſterreichiſchen Macht gegen Oeſterreich bewaffnet, und einen ſtreitbaren Bundes⸗ genoſſen von Siebenbürgen aus bereit, den ſchwachen Ueberreſt dieſer Macht noch durch einen feindlichen Angriff zu theilen. Jene Aufforderungen ſollten ſeinen Ehrgeiz nicht wecken? dieſe Hoffnungen ſeinen Muth nicht entzuͤnden? Wenige Augenblicke gelaſſenen Nachdenkens wuͤrden hin⸗ gereicht haben, ihm die Groͤße des Wageſtuͤcks und den geringen Werth des Preiſes zu zeigen— aber die Aufmunterung ſprach zu ſeinen Sinnen, und die Warnung nur zu ſeiner Vernunft. Es war ſein Ungluͤck, daß die zunäͤchſt ihn umgebenden und horbarſten Stimmen die Partei ſeiner Leidenſchaft nahmen. Dieſe Machtvergroͤßerung ihres Herrn oͤffnete dem Ehrgeize und der Gewinnſucht aller ſeiner pfalziſchen Diener ein unermeß⸗ liches Feld der Befriedigung. Dieſer Triumph ſeiner Kirche mußte jeden calviniſchen Schwaͤrmer erhitzen. Konnte ein ſo ſchwacher Kopf den Vorſpiegelungen ſeiner Räͤthe widerſtehen, die ſeine Hülfsmittel und Kraͤfte eben ſo unmaͤßig uͤbertrieben, als ſie die Macht des Feindes herunterſetzten? den Auffor⸗ derungen ſeiner Hofprediger, die ihm die Eingebungen ihres 96 fanatiſchen Eifers als den Willen des Himmels verkuͤndigten? Aſtrologiſche Träumereien erfüllten ſeinen Kopf mit chimaͤriſchen Hoffnungen; ſelbſt durch den unwiderſtehlichen Mund der Liebe beſtürmte ihn die Verführung.„Konnteſt du dich vermeſſen,“ ſagte die Kurfürſtin zu ihm,„die Hand einer Konigstochter „anzunehmen, und dir bangt vor einer Krone, die man frei⸗ „willig dir entgegenbringt? Ich will lieber Brod eſſen an „deiner koͤniglichen Tafel, als an deinem kurfuͤrſtlichen Tiſche „ſchwelgen.“ Friedrich nahm die boͤhmiſche Krone. Mit beiſpielloſem Pompe geſchah zu Prag die königliche Kroͤnung; die Nation ſtellte alle ihre Reichthumer aus, ihr eigenes Werk zu ehren, Schleſien und Maͤhren, Nebenlaͤnder Böhmens, folgten dem Beiſpiele des Hauptſtaats, und huldigten. Die Reformation thronte in allen Kirchen des Königreichs, das Frohlocken war ohne Graͤnzen, die Freude an dem neuen König ging bis zur Anbetung. Daͤnemark und Schweden, Holland und Venedig, mehrere deutſche Staaten erkannten ihn als rechtmaͤßigen Koͤnig; und Friedrich ſchickte ſich nun an, ſeinen neuen Thron zu behaupten. Auf den Fuͤrſten Bethlen Gabor von Siebenbuͤrgen war ſeine groͤßte Hoffnung gerichtet. Dieſer furchtbare Feind Oeſterreichs und der katholiſchen Kirche, nicht zufrieden mit ſeinem Fürſtenthume, das er ſeinem rechtmaͤßigen Herrn, Ga⸗ briel Bathori, mit Hülfe der Trken entriſſen hatte, er⸗ griff mit Begierde dieſe Gelegenheit, ſich auf Unkoſten der oöͤſterreichiſchen Prinzen zu vergrößern, die ſich geweigert hat⸗ ten, ihn als Herrn von Siebenbürgen anzuerkennen. Ein Angriff auf Ungarn und Oeſterreich war mit den boͤhmiſchen Rebellen verabredet, und vor der Haupſtadt ſollten beide Heere zuſammenſtoßen. Unterdeſſen verbarg Bethlen Gabor unter 97 der Maske der Freundſchaft den wahren Zweck ſeiner Kriegs⸗ rüſtung, und verſprach voll Argliſt dem Kaiſer, durch eine verſtellte Hülfleiſtung die Boͤhmen in die Schlinge zu locken, und ihre Anführer ihm lebendig zu überliefern. Auf einmal aber ſtand er als Feind in Ober⸗Ungarn; der Schrecken ging vor ihm her, hinter ihm die Verwüſtung; Alles unterwarf ſich; zu Preßburg empfing er die ungariſche Krone. Des Kaiſers Bruder, Statthalter in Wien, zitterte für die Haupt⸗ ſtadt. Eilfertig rief er den General Boucquoi zu Hülfe; der Abzug der Kaiſerlichen zog die böhmiſche Armee zum zweiten Male vor Wien. Durch zwölftauſend Siebenbuürger verſtärkt und bald darauf mit dem ſiegreichen Heere Bethlen Gabors vereinigt, drohte ſie aufs Neue, dieſe Hauptſtadt zu überwältigen. Alles um Wien ward verwüſtet, die Donau geſperrt, alle Zufuhr abgeſchnitten, die Schrecken des Hun⸗ gers ſtellten ſich ein. Ferdinand, den dieſe dringende Ge⸗ fahr eiligſt in ſeine Hauptſtadt zurückgeführt hatte, ſah ſich zum zweiten Male am Rand des Verderbens. Mangel und rauhe Witterung zogen endlich die Böhmen nach Hauſe; ein Verluſt in Ungarn rief Bethlen Gabor zurück; zum zwei⸗ ten Male hatte das Gluck den Kaiſer gerettet. In wenigen Wochen aͤnderte ſich nun Alles, und durch ſeine ſtaatskluge Thaͤtigkeit verbeſſerte Ferdinand ſeine Sache in eben dem Maße, als Friedrich die ſeine durch Saumſeligkeit und ſchlechte Maßregeln herunterbrachte. Die Stände von Niederoͤſterreich wurden durch Beſtatigung ihrer Privilegien zur Huldigung gebracht, und die Wenigen, welche ausblieben, der beleidigten Majeſtaͤt und des Hochverraths ſchuldig erklärt. So faßte der Kaiſer in einem ſeiner Erblande wieder feſten Fuß, und zugleich wurde Alles in Bewegung geſetzt, ſich auswartiger Hülfe zu verſichern. Schon bei der Schillers ſammtl. Werke. IX. 7 98 Kaiſerwahl in Frankfurt war es ihm durch mündliche Vorſtel⸗ lungen gelungen, die geiſtlichen Kurfürſten und zu München den Herzog Maximilian von Bayern für ſeine Sache zu gewinnen. Auf dem Antheile, den die Union und die Ligue an dem böhmiſchen Kriege nahmen, beruhte der ganze Ausſchlag des Krieges, das Schickſal Friedrichs und des Kaiſers. Dem ganzen proteſtantiſchen Deutſchland ſchien es wichtig zu ſeyn, den Koͤnig von Böhmen zu unterſtützen; den Kaiſer nicht unterliegen zu laſſen, ſchien das Intereſſe der katholiſchen Religion zu erheiſchen. Siegten die Proteſtanten in Böhmen, ſo hatten alle katholiſchen Prinzen in Deutſch⸗ land für ihre Beſitzungen zu zittern; unterlagen ſie, ſo konnte der Kaiſer dem proteſtantiſchen Deutſchland Geſetze vorſchreiben. Ferdinand ſetzte alſo die Ligne, Friedrich die Union in Bewegung. Das Band der Verwandtſchaft und perſönliche Anhänglichkeit an den Kaiſer, ſeinen Schwager, mit dem er in Ingolſtadt aufgewachſen war, Eifer für die katholiſche Religion, die in der augenſcheinlichſten Gefahr zu ſchweben ſchien, die Eingebungen der Jeſuiten, verbunden mit den verdaͤchtigen Bewegungen der Union, bewogen den Herzog von Bayern und alle Fürſten der Ligue, die Sache Ferdi⸗ nands zu der ihrigen zu machen. Nach einem mit dem Letztern geſchloſſenen Vertrage, welcher ihm den Erſatz aller Kriegsunkoſten und aller zu erleidenden Verluſte verſicherte, übernahm Maximilian mit unein⸗ geſchränkter Gewalt das Commando der liguiſtiſchen Truppen, welche dem Kaiſer gegen die böhmiſchen Rebellen zu Hülfe eilen ſollten. Die Haupter der Union, anſtatt dieſe gefährliche Ver⸗ einigung der Ligue mit dem Kaiſer zu hintertreiben, wendeten vielmehr Alles an, ſie zu beſchleunigen. Konnten ſie die ka⸗ tloliſche Ligue zu einem erklaͤrten Antheile an dem boͤhmiſchen 99 Kriege vermögen, ſo hatten ſie ſich von allen Mitgliedern und Alliirten der Union das Nämliche zu verſprechen. Ohne einen öffentlichen Schritt der Katholiſchen gegen die Union war keine Machtvereinigung unter den Proteſtanten zu hoffen. Sie erwaͤhlten alſo den bedenklichſten Zeitpunkt der böhmiſchen Unruhen, eine Abſtellung aller bisherigen Beſchwerden und eine vollkommene Religionsverſicherung von den Katholiſchen zu fordern. Dieſe Forderung, welche in einem drohenden Tone abgefaßt war, richteten ſie an den Herzog von Bayern, als das Haupt der Katholiſchen, und drangen auf eine ſchnelle unbedingte Erklärung. Maximilian mochte ſich nun für oder wider ſie entſcheiden, ſo war ihre Abſicht erreicht: ſeine Nachgiebigkeit beraubte die katholiſche Partei ihres mäͤchtigſten Beſchützers; ſeine Widerſetzung bewaffnete die ganze prote⸗- ſtantiſche Partei, und machte den Krieg unvermeidlich, durch welchen ſie zu gewinnen hofften. Maximilian, durch ſo viele andere Beweggründe ohnehin auf die entgegengeſetzte Seite gezogen, nahm die Aufforderung der Union als eine förmliche Kriegserklarung auf, und die Rüſtung wurde be⸗ ſchleunigt. Waͤhrend daß Bayern und die Ligue ſich für den Khevenhuller, glücklich. Außer einem Geldvorſchuſſe von einer Million Gulden, welche man dieſem Hofe nach und nach zu entlocken wußte, ward noch zugleich ein Angriff auf die untere Pfalz, von den ſpaniſchen Niederlanden aus, beſchloſſen. — Indem man alle katholiſchen Maͤchte in das Bündniß zu ziehen ſuchte, arbeitete man zu gleicher Zeit dem Gegenbünd⸗ niſſe der proteſtantiſchen auf das nachdrücklichſte entgegen. Es 100 kam darauf an, dem Kurfürſten von Sachſen und mehreren evangeliſchen Ständen die Beſorgniſſe zu benehmen, welche die Union ausgeſtreut hatte, daß die Ruͤſtung der Ligue darauf abgeſehen ſey, ihnen die ſäculariſirten Stifter wieder zu ent⸗ reißen. Eine ſchriftliche Verſicherung des Gegentheils beru⸗ higte den Kurfürſten von Sachſen, den die Privateiferſucht gegen die Pfalz, die Eingebungen ſeines Hofpredigers, der von Oeſterreich erkauft war, und der Verdruß, von den Böhmen bei der Königswahl üͤbergangen worden zu ſeyn, ohnehin ſchon auf Oeſterreichs Seite neigten. Nimmer konnte es der luthe⸗ riſche Fanatismus dem reformirten vergeben, daß ſo viele edle Lander, wie man ſich ausdrückte, dem Calvinismus in den Rachen fliegen und der römiſche Antichriſt nur dem helve⸗ tiſchen Platz machen ſollte. Indem Ferdinand Alles that, ſeine mißlichen Umſtände zu verbeſſern, unterließ Friedrich nichts, ſeine gute Sache zu verſchlimmern. Durch ein anſtößiges enges Buͤndniß mit dem Fürſten von Siebenbürgen, dem offenbaren Alliirten der Pforte, ärgerte er die ſchwachen Gemüther, und das allge⸗ meine Gerücht klagte ihn an, daß er auf Unkoſten der Chriſten⸗ heit ſeine eigene Vergrößerung ſuche, daß er die Türken gegen Deutſchland bewaffnet habe. Sein unbeſonnener Eifer für die reformirte Religion brachte die Lutheraner in Böhmen, ſein Angriff auf die Bilder die Papiſten dieſes Königsreichs gegen ihn auf. Neue drückende Auflagen entzogen ihm die Liebe des Volks. Die fehlgeſchlagene Erwartung der böhmiſchen Großen erkältete ihren Eifer, das Ausbleiben fremden Beiſtandes ſtimmte ihre Zuverſicht herab. Anſtatt ſich mit unermüdetem Eifer der Reichsverwaltung zu widmen, verſchwendete Fried⸗ rich ſeine Zeit mit Ergoͤtzlichkeiten; anſtatt durch eine weiſe Sparſamkeit ſeinen Schatz zu vergroͤßern, zerſtreute er in 101 unnützem theatraliſchem Prunke und übel angewandter Frei⸗ gebigkeit die Einkünfte ſeiner Länder. Mit ſorgloſem Leicht⸗ ſinn beſpiegelte er ſich in ſeiner neuen Würde, und über dem unzeitigen Beſtreben, ſeiner Krone froh zu werden, vergaß er die dringenbere Sorge, ſie auf ſeinem Haupte zu befeſtigen. So ſehr man ſich in ihm geirrt hatte, ſo unglücklich hatte ſich Friedrich in ſeinen Erwartungen von auswärtigem Bei⸗ ſtande verrechnet. Die meiſten Mitglieder der Union trennten die böhmiſchen Angelegenheiten von dem Zwecke ihres Bundes; andere ihm ergebene Reichsſtände feſſelte blinde Furcht vor dem Kaiſer. Kurſachſen und Heſſen⸗Darmſtadt hatte Ferdi⸗ nand für ſich gewonnen; Niederöſterreich, von wo aus man eine nachdrückliche Diverſion erwartete, hatte dem Kaiſer ge⸗ huldigt, Bethlen Gabor einen Waffenſtillſtand mit ihm geſchloſſen. Danemark wußte der Wiener Hof durch Geſandt⸗ ſchaften einzuſchläfern, Schweden durch einen Krieg mit Polen zu beſchäftigen. Die Republik Holland hatte Mühe, ſich der ſpaniſchen Waffen zu erwehren; Venedig und Savoyen blieben unthätig; König Jacob von England wurde von der ſpani⸗ ſchen Argliſt betrogen. Ein Freund nach dem andern zog ſich zurück, eine Hoffnung nach der andern verſchwand.— So ſchnell hatte ſich Alles in wenigen Monaten veraͤndert! Indeſſen verſammelten die Haäupter der Union eine Kriegs⸗ macht; der Kaiſer und die Ligue thaten ein Gleiches. Die Macht der letztern ſtand unter Maximilians Fahnen bei Donauwörth verſammelt; die Macht der Unirten bei Ulm, unter dem Markgrafen von Ansbach. Der entſcheidende Augenblick ſchien endlich herbeigekommen zu ſeyn, der dieſe lange Zwiſtigkeit durch einen Hauptſtreich endigen und das Verhältniß beider Kirchen in Deutſchland unwiderruflich be⸗ ſtimmen ſollte. Aengſtlich war auf beiden Seiten die Erwartung 10² gefpannt. Wie ſehr aber erſtaunte man, als auf Einmal die Botſchaft des Friedens kam und beide Armeen ohne Schwert⸗ ſchlag auseinander gingen. Frankreichs Dazwiſchenkunft hatte dieſen⸗Frieden bewirkt, welchen beide Theile mit gleicher Bereitwilligkeit umfaßten. Das franzoͤſiſche Miniſterium, durch keinen Heinrich den Großen mehr geleitet, deſſen Staatsmaxime vielleicht auch auf die damalige Lage des Königreichs nicht mehr anzuwenden war, fürchtete jetzt das Wachsthum des öͤſterreichiſchen Hauſes viel weniger, als die Machtvergroͤßerung der Calviniſten, wenn ſich das pfaͤlziſche Haus auf dem böhmiſchen Throne behaupten ſollte. Mit ſeinen eigenen Calviniſten eben damals in einen gefährlichen Streit verwickelt, hatte es keine dringendere Angelegenheit, als die proteſtantiſche Faction in Böhmen ſo ſchnell als möglich unterdrückt zu ſehen, ehe die Faction der Hugenotten in Frankreich ſich ein gefährliches Muſter daran nähme. Um alſo dem Kaiſer gegen die Böhmen geſchwind freie Hände zu machen, ſtellte es ſich zwiſchen der Union und Ligue als Mittelsperſon dar und verglich jenen unerwarteten Frieden, deſſen wichtigſter Artikel war,„daß die Union ſich jedes Antheils an den böhmiſchen Händeln begeben und den Beiſtand, welchen ſie Friedrich dem Fünften leiſten würde, nicht über die pfälziſchen Länder desſelben erſtrecken ſollte.“ Maximilians Entſchloſſenheit und die Furcht, zwiſchen den liguiſtiſchen Truppen und einem neuen kaiſerlichen Heere, welches aus den Niederlanden im Anmarſch war, ins Ge⸗ dränge zu gerathen, bewog die Union zu dieſem ſchimpflichen Frieden. Die ganze Macht Bayerns und die Ligue ſtand jetzt dem Kaiſer gegen die Böhmen zu Gebote, welche der Ulmiſche Ver⸗ gleich ihrem Schickſale überließ. Schneller, als das Gerücht 103 den Vorgang zu Ulm dort verbreiten konnte, erſchien Maxi⸗ milian in Oberöoſterreich, wo die beſtürzten Stände, auf keinen Feind gefaßt, die Gnade des Kaiſers mit einer ſchnellen und unbedingten Huldigung erkauften. In Niederöſterreich zog der Herzog die niederländiſchen Truppen des Grafen von Boucquoi an ſich, und dieſe kaiſerlich⸗bayeriſche Armee, nach ihrer Vereinigung zu fünfzigtauſend Mann angewachſen, drang ohne Zeitverluſt in das böhmiſche Gebiet. Alle böhmiſchen Geſchwader, welche in Niederoͤſterreich und Maͤhren zerſtreut waren, trieb ſie fliehend vor ſich her, alle Städte, welche es wagten, Widerſtand zu thun, wurden mit ſtuͤrmender Hand erobert; andere, durch das Gerücht ihrer Züchtigung erſchreckt, öffneten freiwillig ihre Thore; nichts hinderte den reißenden Lauf Maximilians. Weichend zog ſich die böhmiſche Armee, welche der tapfere Fürſt Chriſtian von Anhalt comman⸗ dirte, in die Nachbarſchaft von Prag, wo ihr Maximilian an den Mauern dieſer Hauptſtadt ein Treffen lieferte. Die ſchlechte Verfaſſung, in welcher er die Armee der Rebellen zu überraſchen hoffte, rechtfertigte die Schnelligkeit des Herzogs und verſicherte ihm den Sieg. Nicht dreißig⸗ tauſend Mann hatte Friedrich beiſammen; achttauſend hatte der Fürſt von Anhalt ihm zugeführt, zehntauſend Ungarn ließ Bethlen Gabor zu ſeinen Fahnen ſtoßen. Ein Ein⸗ fall des Kurfürſten von Sachſen in die Lauſitz hatte ihm alle Hülfe abgeſchnitten, welche er von dieſem Lande und von Schleſien her erwartete, die Beruhigung Oeſterreichs alle, welche er ſich von dorther verſprach, Bethlen Gabor, ſein wichtigſter Bundesgenoſſe, verhielt ſich ruhig; die Union hatte ihn an den Kaiſer verrathen. Nichts blieb ihm übrig, als ſeine Böhmen, und dieſen fehlte es an gutem Willen, Ein⸗ tracht und Muth. Die böhmiſchen Magnaten ſahen ſich mit 104 Verdruß gegen deutſche Generale zurückgeſetzt, Graf Manns⸗ feld blieb, von dem böhmiſchen Hauptlager getrennt, in Pilſen zurück, um nicht unter Anhalt und Hohenlohe zu dienen. Dem Soldaten, welchem auch das Nothwendigſte fehlte, ent⸗ fiel aller frendige Muth, und die ſchlechte Mannszucht unter dem Heere gab dem Landmann Urſache zu den bitterſten Klagen. Umſonſt zeigte ſich Friedrich in dem Lager, den Muth der Soldaten durch ſeine Gegenwart, die Nacheiferung des Adels durch ſein Beiſpiel zu ermuntern. Auf dem weißen Berge, unweit Prag, fingen die Bohmen an, ſich zu verſchanzen, als von der vereinigten kaiſerlich⸗ bayeriſchen Armee(am 8. November 1620) der Angriff ge⸗ ſchah. Am Anfange des Treffens wurden einige Vortheile von der Reiterei des Prinzen von Anhalt erfochten; aber die Uebermacht des Feindes vernichtete ſie bald. Unwider⸗ ſtehlich drangen die Bayern und Wallonen vor, und die un⸗ gariſche Reiterei war die erſte, welche den Rücken wandte. Das boͤhmiſche Fußvolk folgte bald ihrem Beiſpiele, und in der allgemeinen Flucht wurden endlich auch die Deutſchen mit fortgeriſſen. Zehn Kanonen, welche die ganze Artillerie Fried⸗ richs ausmachten, fielen in Feindes Hände. Viertauſend Böhmen blieben auf der Flucht und im Treffen, kaum etliche Hundert von den Kaiſerlichen und Liguiſten. In weniger als einer Stunde war dieſer entſcheidende Sieg erfochten. Friedrich ſaß zu Prag bei der Mittagstafel, als ſeine Armee an den Mauern ſich für ihn niederſchießen ließ. Ver⸗ muthlich hatte er an dieſem Tage noch keinen Angriff erwartet, weil er eben heute ein Gaſtmahl beſtellte. Ein Eilbote zog ihn endlich vom Tiſche, und von dem Wall herab zeigte ſich ihm die ganze ſchreckliche Scene. Um einen überlegten Ent⸗ ſchluß zu faſſen, erbat er ſich einen Stillſtand von vier und 105 zwanzig Stunden; achte waren Alles, was der Herzog ihm bewilligte. Friedrich benutzte ſie, ſich mit ſeiner Gemahlin und den Vornehmſten der Armee des Nachts aus der Haupt⸗ ſtadt zu fluchten. Die Flucht geſchah in ſolcher Eilfertigkeit, daß der Fürſt von Anhalt ſeine geheimſten Papiere und Friedrich ſeine Krone zurückließ.„Ich weiß nun, wer ich bin,“ ſagte dieſer unglückliche Fürſt zu Denen, welche ihm Troſt zuſprachen.„Es gibt Tugenden, welche nur das Un⸗ glück uns lehren kann, und nur in der Widerwaͤrtigkeit er⸗ fahren wir Fürſten, wer wir ſind.“ 4 Prag war noch nicht ohne Rertung verloren, als Friedrichs Kleinmuth es aufgab. Mannsfelds fliegendes Commando ſtand noch in Pilſen und hatte die Schlacht nicht geſehen. Bethlen Gabor konnte jeden Augenblick ſich feindſelig erkla⸗ ren und die Macht des Kaiſers nach der ungariſchen Graͤnze abrufen. Die geſchlagenen Böhmen konnten ſich erholen, Krankheit, Hunger und rauhe Witterung den Feind aufreiben — alle dieſe Hoffnungen verſchwanden vor der gegenwärtigen Furcht. Friedrich fürchtete den Unbeſtand der Böhmen, welche leicht der Verſuchung unterliegen konnten, mit Aus⸗ lieferung ſeiner Perſon die Verzeihung des Kaiſers zu erkaufen. Thurn und die in gleicher Verdammniß mit ihm waren, fanden es eben ſo wenig rathſam, in den Mauern von Prag ihr Schickſal zu erwarten. Sie entwichen nach Mäaͤhren, um bald darauf ihre Rettung in Siebenbürgen zu ſuchen. Fried⸗ rich entfloh nach Breslau, wo er aber nur kurze Zeit ver⸗ weilte, um an dem Hofe des Kurfürſten von Brandenburg und endlich in Holland eine Zuflucht zu finden. Das Treffen bei Prag hatte das ganze Schickſal Böhmens entſchieden. Prag ergab ſich gleich den andern Tag an den Sie⸗ ger; die übrigen Staͤdte folgten dem Beiſpiele der Hauptſtadt. 106 Die Staͤnde huldigten ohne Bedingung; das Nämliche thaten die Schleſier und Mährer. Drei Monate ließ der Kaiſer verſtreichen, ehe er eine Unterſuchung uͤber das Vergangene anſtellte. Viele von denen, welche im erſten Schrecken flüchtig geworden, zeigten ſich, voll Vertrauen auf die ſcheinbare Mäßigung, wieder in der Hauptſtadt. Aber an Einem Tage und zu derſelben Stunde brach das Ungewitter aus. Acht⸗ undvierzig der thätigſten Beförderer des Aufſtandes wurden gefangen genommen und vor eine außerordentliche Commiſſion gezogen, die aus gebornen Böhmen und Oeſterreichern nieder⸗ geſetzt war. Siebenundzwanzig von ihnen ſtarben auf dem Blutgerüſte; von dem gemeinen Volke eine unzaͤhlige Menge. Die Abweſenden wurden vorgeladen, zu erſcheinen, und da keiner ſich meldete, als Hochverräther und Beleidiger der katholiſchen Majeſtät zum Tode verurtheilt, ihre Güter confis⸗ cirt, ihre Namen an den Galgen geſchlagen. Auch die Güter ſchon verſtorbener Rebellen zog man ein. Dieſe Tyrannei war zu ertragen, weil ſie nur einzelne Privatperſonen traf, und der Raub des Einen den Andern bereicherte; deſto ſchmerzhafter aber war der Druck, der ohne Unterſchied über das ganze Königreich erging. Alle proteſtantiſchen Prediger wurden des Landes verwieſen; die böhmiſchen ſogleich, etwas ſpäter die deutſchen. Den Majeſtätsbrief durchſchnitt Ferdi⸗ nand mit eigner Hand, und verbrannte das Siegel. Sieben Jahre nach der Prager Schlacht war alle Religionsduldung gegen die Proteſtanten in dem Königreiche aufgehoben. Die Gewaltthätigkeiten, welche ſich der Kaiſer gegen die Religions⸗ privilegien der Böhmen erlaubte, unterſagte er ſich gegen ihre politiſche Conſtitution, und indem er ihnen die Freiheit des Denkens nahm, ließ er ihnen großmüthig noch das Recht, ſich ſelbſt zu kariren. 107 Der Sieg auf dem weißen Berge ſetzte Ferdinanden in den Beſitz aller ſeiner Staaten; ja, er gab ſie ihm ſogar mit einer größern Gewalt zurück, als ſein Vorganger darin beſeſſen hatte, weil die Huldigung ohne Bedingung geleiſtet wurde, und kein Majeſtaͤtsbrief ſeine landesherrliche Hoheit mehr beſchränkte. Das Ziel aller ſeiner gerechten Wüͤnſche war alſo erfüllt, und uͤber alle ſeine Erwartungen. Jetzt konnte er ſeine Bundesgenoſſen entlaſſen, und ſeine Armeen zurückrufen. Der Krieg war geendigt, wenn er auch nichts als gerecht war; wenn er großmüthig und gerecht war, ſo war's auch die Strafe. Das ganze Schickſal Deutſchlands lag jetzt in ſeiner Hand, und vieler Millionen Glück und Elend beruhte auf dem Entſchluſſe, den er faßte. Nie lag eine ſo große Entſcheidung in eines Menſchen Hand; nie ſtiftete eines Menſchen Verblendung ſo viel Verderben. Bweites Buch. Der Entſchluß, welchen Ferdinand jetzt faßte, gab dem Kriege eine ganz andere Richtung, einen andern Schauplatz und andere Spieler. Aus einer Rebellion in Böhmen und einem Executionszuge gegen Rebellen ward ein deutſcher und bald ein europaiſcher Krieg. Jetzt alſo iſt es Zeit, einen Blick auf Deutſchland und das übrige Europa zu werfen. So ungleich der Grund und Boden des deutſchen Reichs und die Vorrechte ſeiner Glieder unter Katholiken und Prote⸗ ſtanten vertheilt waren, ſo durfte jede Partei nur ihre eigen⸗ thümlichen Vortheile nutzen, nur in ſtaatskluger Eintracht zuſammenhalten, um ihrer Gegenpartei gewachſen zu bleiben. Wenn die katholiſche die uͤberlegene Zahl für ſich hatte, und von der Reichsconſtitution mehr begünſtigt war, ſo be⸗ ſaß die proteſtantiſche eine zuſammenhaͤngende Strecke volkreicher Länder, ſtreitbare Fürſten, einen kriegeriſchen Adel, zahlreiche Armeen, wohlhabende Reichsſtadte, die Herr⸗ ſchaft des Meers, und auf den ſchlimmſten Fall einen zuver⸗ läſſigen Anhang in den Ländern katholiſcher Fürſten. Wenn die katholiſche Spanien und Italien zu ihrem Beiſtand be⸗ waffnen konnte, ſo öffneten die Republiken Venedig, Holland und England der proteſtantiſchen ihre Schätze, ſo fand ſie die Staaten des Nordens und die furchtbare türkiſche Macht zu ſchneller Hülfe bereit. Brandenburg, Sachſen und Pfalz ſetzten 109 den drei geiſtlichen Stimmen im Kurfürſtenrathe drei bedeu⸗ tende proteſtantiſche Stimmen entgegen, und für den Kur⸗ fürſten von Böhmen, wie für den Erzherzog von Oeſterreich, war die Kaiſerwürde eine Feſſel, wenn die proteſtantiſchen Reichsſtände ihre Wichtigkeit zu benutzen verſtanden. Das Schwert der Union konnte das Schwert der Ligue in der Scheide halten, oder doch den Ausſchlag des Krieges, wenn es wirklich dazu kam, zweifelhaft machen. Aber Privatver⸗ hältniſſe zerriſſen leider das allgemeine politiſche Band, welches die proteſtantiſchen Reichsglieder zuſammenhalten ſollte. Der große Zeitpunkt fand nur mittelmäßige Geiſter auf der Bühne, und unbenutzt blieb der entſcheidende Moment, weil es den Muthigen an Macht, den Mächtigen an Einſicht, Muth und Entſchloſſenheit fehlte. Das Verdienſt ſeines Anherrn Moritz, der Umfang ſeiner Laͤnder und das Gewicht ſeiner Stimme, ſtellten den Kurfürſten von Sachſen an die Spitze des proteſtantiſchen Deutſchlands. Von dem Entſchluſſe, den dieſer Prinz faßte, hing es ab, welche von beiden ſtreitenden Parteien den Sieg behalten ſollte; auch war Johann Georg nicht unempfind⸗ lich gegen die Vortheile, welche ihm dieſes wichtige Verhaͤltniß verſchaffte. Eine gleich bedeutende Eroberung für den Kaiſer und für den proteſtantiſchen Bund, vermied er ſorgfaͤltig, ſich an einen von beiden ganz zu ‚verſchenken, und durch eine unwiderrufliche Erklärung, ſich entweder der Dankbarkeit des Kaiſers anzuvertrauen, oder die Vortheile aufzugeben, welche von der Furcht dieſes Fürſten zu gewinnen waren. Unange⸗ ſteckt von dem Schwindel ritterlicher oder religiöſer Begei⸗ ſterung, welcher einen Souverän nach dem andern dahinriß, Krone und Leben an das Glücksſpiel des Kriegs zu wagen, ſtrebte Johann Georg dem ſolidern Ruhme nach, das 110 Seinige zu Rath zu halten und zu verbeſſern. Wenn ſeine Zeitgenoſſen ihn anklagten, daß er mitten im Sturme die proteſtantiſche Sache verlaſſen; daß er der Vergrößerung ſeines Hauſes die Errettung des Vaterlandes nachgeſetzt; daß er die ganze evangeliſche Kirche in Deutſchland dem Untergange bloß⸗ geſtellt habe, um nur für die reformirte den Arm nicht zu erheben; wenn ſie ihn anklagten, daß er der gemeinen Sache als ein unzuverläſſiger Freund nicht viel weniger ge⸗ ſchadet habe, als ihre erklärteſten Feinde: ſo war es die Schuld dieſer Fuͤrſten, welche ſich JFohann Georgs weiſe Politik nicht zum Muſter nahmen. Wenn, dieſer weiſen Politik ungeachtet, der ſächſiſche Landmann, wie jeder andere, über die Gräuel der kaiſerlichen Durchzüge ſeufzte; wenn ganz Deutſchland Zeuge war, wie Ferdinand ſeinen Bundes⸗ genoſſen täuſchte und ſeiner Verſprechungen ſpottete— wenn Johann Georng dieſes endlich ſelbſt zu bemerken glaubte— deſto mehr Schande für den Kaiſer, der ein ſo redliches Ver⸗ trauen ſo grauſam hinterging. Wenn übertriebenes Vertrauen auf Oeſterreich und Hoff⸗ nung, ſeine Laͤnder zu vermehren, dem Kurfürſten von Sach⸗ ſen die Haͤnde banden, ſo hielten Furcht vor Oeſterreich und Angſt, ſeine Länder zu verlieren, den ſchwachen Georg Wil⸗ helm von Brandenburg in veit ſchimpflichern Feſſeln. Was man dieſen beiden Fürſten zum Vorwurf machte, haͤtte dem Kurfurſten von der Pfalz ſeinen Ruhm und ſeine Länder gerettet. Raſches Vertrauen auf ungeprüfte Kräfte, der Ein⸗ fluß franzoͤſiſcher Rathſchläge und der verführeriſche Glanz einer Krone hatten dieſen unglücklichen Fürſten zu einem Wagſtücke hingeriſſen, dem weder ſein Genie noch ſeine politiſche Ver⸗ faſſung gewachſen war. Durch Zertheilung ſeiner Lande und die ſchlechte Harmonie ſeiner Beherrſcher wurde die Macht des 111 pfaͤlziſchen Hauſes geſchwacht, welche, in einer einzigen Hand verſammelt, den Ausſchlag des Kriegs noch lange Zeit häͤtte zweifelhaft machen können. Eben dieſe Zerſtückelung der Lande entkräftete auch das Fürſtenthum Heſſen, und die Verſchiedenheit der Religion unterhielt zwiſchen Darmſtadt und Kaſſel eine verderbliche Trennung. Die Linie Darmſtadt, der Augsburgiſchen Con⸗ feſſion zugethan, hatte ſich unter die Flügel des Kaiſers ge⸗ flüchtet, der ſie auf Unkoſten der reformirten Linie Kaſſel begünſtigte. Waͤhrend daß ſeine Religionsverwandten für Glauben und Freiheit ihr Blut verſpritzten, zog Landgraf Georg von Darmſtadt Sold von dem Kaiſer. Aber ganz ſeines Ahnherrn werth, der hundert Jahre früher unternommen hatte, Deutſchlands Freiheit gegen den furchtbaren Karl zu vertheidigen, erwählte Wilhelm von Kaſſel die Partei der Gefahr und Ehre. Ueber den Kleinmuth erhaben, der ungleich mächtigere Fürſten unter Ferdinands Allgewalt beugte, war Landgraf Wilhelm der Erſte, der ſeinen Heldenarm frei⸗ willig dem ſchwediſchen Helden brachte, und Deutſchlands Fürſten ein Beiſpiel gab, mit welchem keiner den Anfang machen wollte. So viel Muth ſein Entſchluß verrieth, ſo viel Standhaftigkeit zeigte ſeine Beharrung, ſo viel Tapferkeit ſeine Thaten. Mit kühner Entſchloſſenheit ſtellte er ſich vor ſein blutendes Land, und empfing einen Feind mit Spott, deſſen Hände noch von dem Mordbrande zu Magdeburg rauchten. Landgraf Wilhelm iſt es werth, neben dem heldenreichen Stamme der Erneſtinen zur Unſterblichkeit zu gehen. Lang⸗ ſam erſchien dir der Tag der Rache, unglücklicher Johann Friedrich, edler, unvergeßlicher Fürſt! Langſam, aber glor⸗ reich ging er auf. Deine Zeiten kamen wieder, und auf deine Enkel ſtieg dein Heldengeiſt herab. Ein tapferes Geſchlecht 112 von Fürſten geht hervor aus Thüringens Wäldern, durch un⸗ ſterbliche Thaten das Urtheil zu beſchämen, das den Kurhut von deinem Haupte ſtieß, durch aufgehäufte blutige Todtenopfer deinen zürnenden Schatten zu verſöhnen. Deine Länder konnte der Spruch des Siegers ihnen rauben; aber nicht die patrio⸗ tiſche Tugend, wodurch du ſie verwirkteſt, nicht den ritterlichen Muth, der, ein Jahrhundert ſpaͤter, den Thron ſeines Enkels wanken machen wird. Deine und Deutſchlands Rache ſchliff ihnen gegen Habsburgs Geſchlecht einen heiligen Degen, und von einer Heldenhand zur andern erhebt ſich der unbeſiegte Stahl. Als Männer vollführen ſie, was ſie als Herrſcher nicht vermögen, und ſterben einen glorreichen Tod— als die tapferſten Soldaten der Freiheit. Zu ſchwach an Läandern, um mit eigenen Heeren ihren Feind anzufallen, richten ſie fremde Donner gegen ihn und führen fremde Fahnen zum Siege. Deutſchlands Freiheit, aufgegeben von den mächtigen Stän⸗ den, auf welche doch allein ihre Wohlthat zuruckfloß, wurde von einer kleinen Anzahl Prinzen vertheidigt, für welche ſie kaum einen Werth beſaß. Der Beſitz von Ländern und Würden ertödtete den Muth; Mangel an beiden machte Helden. Wenn Sachſen, Brandenburg u. a. m. ſich ſchüchtern zurückzogen, ſo ſah man die Anhalt, die Mannsfeld, die Prinzen von Weimar u. a. ihr Blut in möͤrderiſchen Schlachten ver⸗ ſchwenden. Die Herzoge von Pommern, von Mecklenburg, von Luneburg, von Würtemberg, die Reichsſtädte in Oberdeutſchland, denen das Reichsoberhaupt von jeher ein gefürchteter Name war, entzogen ſich furchtſam dem Kampfe mit dem Kaiſer, und beugten ſich murrend unter ſeine zermalmende Hand. Oeſterreich und das katholiſche Deutſchland hatten an dem Herzoge Maximilian von Bayern einen eben ſo mäch⸗ tigen, als ſtaatsklugen und tapfern Beſchützer. Im ganzen Laufe 113 dieſes Kriegs einem einzigen überlegten Plane getren, nie ungewiß zwiſchen ſeinem Staatsvortheile und ſeiner Religion, nie Sklave Oeſterreichs, das für ſeine Größe arbeitete und vor ſeinem rettenden Arme zitterte, hätte Maximilian es verdient, die Würden und Länder, welche ihn belohnten, von einer beſſern Hand, als der Willkür, zu empfangen. Die übrigen katholiſchen Stände, größtentheils geiſtliche Fürſten, zu unkriegeriſch, um den Schwaͤrmen zu widerſtehen, die der Wohlſtand ihrer Länder anlockte, wurden nach einander Opfer des Kriegs, und begnügten ſich, im Cabinet und auf ihren Kanzeln einen Feind zu verfolgen, vor welchem ſie ſich im Felde nicht zu ſtellen wagten. Alle, entweder Sklaven Oeſter⸗ reichs oder Bayerns, wichen neben Maximilian in Schat⸗ ten zurück; erſt in den Händen dieſes Fürſten wurde ihre verſammelte Macht von Bedeutung. Die furchtbare Monarchie, welche Karl der Fünfte und ſein Sohn aus den Niederlanden, aus Mailand und beiden Sicilien, aus den weitläufigen oſt⸗ und weſtindiſchen Landern unnatürlich zuſammen zwangen, neigte ſich ſchon unter Phi⸗ lipp dem Dritten und Vierten zu ihrem Falle. Von unfruchtbarem Golde zu einer ſchnellen Größe geblaͤht, ſah man dieſe Monarchie an einer langſamen Zehrung ſchwinden, weil ihr die Milch der Staaten, der Feldbau, entzogen wurde. Die weſtindiſchen Eroberungen hatten Spanien in Armuth geſtürzt, um alle Märkte Europens zu bereichern, und Wechsler zu Ant⸗ werpen, Venedig und Genua wucherten laͤngſt mit dem Golde, das noch in den Schachten von Peru ſchlief. Indiens wegen hatte man die ſpaniſchen Laͤnder entvölkert, Indiens Schaͤtze an die Wiedereroberung Hollands, an das chimaͤriſche Project, die franzoͤſiſche Thronfolge umzuſtoßen, an einen verunglüͤckten An⸗ griff auf England verſchwendet. Aber der Stolz dieſes Hofes 8 Schillers ſaͤmmtl. Werke. 17 114 hatte den Zeitpunkt ſeiner Groͤße, der Haß ſeiner Feinde ſeine Furchtbarkeit überlebt, und der Schrecken ſchien noch um die verlaſſene Höhle des Löwen zu ſchweben. Das Mißtrauen der Proteſtanten lieh dem Miniſterium Philipps⸗des Dritten die gefahrliche Staatskunſt ſeines Vaters, und bei den deutſchen Katholiken beſtand noch immer das Vertrauen auf ſpaniſche Hülfe, wie der Wunderglaube an die Knochen der Märtyrer. Aeußerliches Gepraͤnge verbarg die Wunden, an denen dieſe Monarchie ſich verblutete, und die Meinung von ihren Kraften blieb, weil ſie den hohen Ton ihrer goldenen Tage fortführte. Sklaven zu Hauſe und Fremdlinge auf ihrem eigenen Throne, gaben die ſpaniſchen Schattenkönige ihren deutſchen Verwandten Geſetze; und es iſt erlaubt, zu zweifeln, ob der Beiſtand, den ſie leiſteten, der ſchimpflichen Abhängigkeit werth war, womit die deutſchen Kaiſer denſelben erkaufen mußten. Hinter den Pyrenaen wurde von unwiſſenden Möͤnchen und rankevollen Günſtlingen Enropens Schickſal geſponnen. Aber auch in ihrem tiefſten Verfalle mußte eine Macht furchtbar bleiben, die den erſten an Umfang nicht wich, die, wo nicht aus ſtandhafter Politik, doch aus Gewohnheit demſelben Staatsſyſtem unver⸗ ändert getreu blieb, die geübte Armeen und treffliche Generale beſaß, die, wo der Krieg nicht zureichte, zu dem Dolche der Banditen griff, und ihre oͤffentlichen Geſandten als Mord⸗ brenner zu gebrauchen wußte. Was ſie gegen drei Weltgegen⸗ den einbüßte, ſuchte ſie gegen Oſten wieder zu gewinnen, und Europa lag in ihrer Schlinge, wenn ihr der lange vorberei⸗ tete Anſchlag gelang, zwiſchen den Alpen und dem adriatiſchen Meere mit den Erblanden Oeſterreichs zuſammenzufließen. Zu großer Beunruhigung der dortigen Staaten hatte ſich dieſe beſchwerliche Macht in Italien eingedrungen, wo ihr kortgeſetztes Streben nach Vergrößerung alle benachbarten 115 Souveraͤns für ihre Beſitzungen zittern machte. In der gefäͤhr⸗ lichſten Lage befand ſich der Papſt, den die ſpaniſchen Vicekönige zwiſchen Neapel und Mailand in die Mitte nahmen. Die Republik Venedig ſah ſich zwiſchen dem öſterreichiſchen Tyrol und dem ſpaniſchen Mailand gepreßt; Savoyen kam zwiſchen eben dieſem Lande und Frankreich ins Gedrange. Daher die wandelbare und zweideutige Politik, welche ſeit Karls des Fünften Tagen von den Staaten Italiens beobachtet wurde. Die doppelte Perſon, welche die Päpſte vorſtellten, erhielt ſie ſchwankend zwiſchen zwei ganz widerſprechenden Staatsſyſtemen. Wenn der Nachfolger Petri in den ſpaniſchen Prinzen ſeine folgſamſten Söhne, die ſtandhafteſten Vertheidiger ſeines Stuhls verehrte, ſo hatte der Fürſt des Kirchenſtaats in eben dieſen Prinzen ſeine ſchlimmſten Nachbarn, ſeine gefährlichſten Gegner zu fürchten. Wenn dem Erſtern keine Angelegenheit näher ging, als die Proteſtanten vertilgt und die öſterreichiſchen Waf⸗ fen ſiegreich zu ſehen, ſo hatte der Letztere Urſache, die Waffen der Proteſtanten zu ſegnen, die ſeinen Nachbar außer Stand ſetzten, ihm gefährlich zu werden. Das Eine oder das Andere behielt die Oberhand, je nachdem die Papſte mehr um ihre weltliche Macht, oder um ihre geiſtliche Herrſchaft bekümmert waren; im Ganzen aber richtete ſich die roͤmiſche Staatskunſt nach der dringendern Gefahr— und es iſt bekannt, wie viel maͤchtiger die Furcht, ein gegenwaͤrtiges Gut zu verlieren, das Gemüth zu beſtimmen pflegt, als die Begierde, ein langſt verlornes wieder zu gewinnen. So wird es begreiflich, wie ſich der Statthalter Chriſti mit dem öſterreichiſchen Hauſe zum Untergange der Ketzer, und wie ſich eben dieſer Statt⸗ halter Chriſti mit eben dieſen Ketzern zum Untergange des öͤſterreichiſchen Hauſes verſchwoͤren konnte. Bewundernswür⸗ dig verflochten iſt der Faden der Weltgeſchichte! Was moͤchte 116 wohl aus der Reformation— was aus der Freiheit der deut⸗ ſchen Fürſten geworden ſeyn, wenn der Biſchof zu Rom und der Fürſt zu Rom beſtaͤndig ein Intereſſe gehabt hätten? Frankreich hatte mit ſeinem vortrefflichen Heinrich ſeine ganze Größe und ſein ganzes Gewicht auf der politiſchen Wage Europens verloren. Eine ſtürmiſche Minderjahrigkeit zernich⸗ tete alle Wohlthaten der vorhergehenden kraftvollen Regierung. Unfähige Miniſter, Geſchöpfe der Gunſt und Intrigue, zerſtreu⸗ ten in wenigen Jahren die Schätze, welche Sully's Oekonomie und Heinrichs Sparſamkeit aufgehäauft hatten. Kaum ver⸗ mögend, ihre erſchlichene Gewalt gegen innere Factionen zu be⸗ haupten, mußten ſie es aufgeben, das große Steuer Europens zu lenken. Der nämliche Bürgerkrieg, welcher Deutſchland gegen Deutſchland bewaffnete, brachte auch Frankreich gegen Frankreich in Aufruhr, und Ludwig der Dreizehnte tritt ſeine Volljährigkeit nur an, um ſeine eigene Mutter und ſeine proteſtantiſchen Unterthanen zu bekriegen. Dieſe, durch Hein⸗ richs erleuchtete Politik in Feſſeln gehalten, greifen jetzt, durch die Gelegenheit aufgeweckt und von einigen unternehmenden Führern ermuntert, zum Gewehr, ziehen ſich im Staat zu einem eignen Staat zuſammen, und beſtimmen die feſte und mächtige Stadt Rochelle zum Mittelpunkt ihres werdenden Reichs. Zu wenig Staatsmann, um durch eine weiſe Toleranz dieſen Bürgerkrieg in der Geburt zu erſticken, und doch viel zu wenig Herr über die Kräfte ſeines Staats, um ihn mit Nachdruck zu führen, ſieht ſich Ludwig der Dreizehnte bald zu dem erniedrigenden Schritte gebracht, die Unterwer⸗ fung der Rebellen durch große Geldſummen zu erkaufen. So ſehr ihm auch die Staatsklugheit rathen mochte, die Rebellen in Böhmen gegen Oeſterreich zu unterſtützen, ſo unthatig mußte Heinrichs des Vierten Sohn für ietzt noch ihrem 117 Untergange zuſehen, gluͤcklich genug, wenn ſich die Calviniſten in ſeinem Reiche ihrer Glaubensgenoſſen jenſeits des Rheins nicht zur Unzeit erinnerten. Ein großer Geiſt am Ruder des Staats würde die Proteſtanten in Frankreich zum Ge⸗ horſam gebracht, und ihren Brüdern in Deutſchland die Frei⸗ heit erfochten haben; aber Heinrich der Vierte war nicht mehr, und erſt Richelieu ſollte ſeine Staatskunſt wieder hervorrufen. Indem Frankreich von der Hoͤhe ſeines Ruhms wieder herunterſank, vollendete das freigewordene Holland den Bau ſeiner Größe. Noch war der begeiſterte Muth nicht verraucht, der, von dem Geſchlecht der Oranier entzündet, dieſe kauf⸗ männiſche Nation in ein Heldenvolk verwandelt, und ſie fähig gemacht hatte, ihre Unabhaͤngigkeit in einem mörderiſchen Kriege gegen das ſpaniſche Haus zu behaupten. Eingedenk, wie viel ſie ſelbſt bei ihrer Befreiung fremdem Beiſtande ſchul⸗ dig waren, brannten dieſe Republikaner vor Begierde, ihren deutſchen Bruͤdern zu einem ähnlichen Schickſale zu verhelfen, und dieß um ſo mehr, da beide gegen den näͤmlichen Feind ſtritten, und Deutſchlands Freiheit der Freiheit Hollands zur beſten Bruſtwehr diente. Aber eine Republik, die noch um ihr eigenes Daſeyn kämpfte, die mit den bewundernswürdig⸗ ſten Anſtrengungen einem überlegenen Feinde in ihrem eige⸗ nen Gebiete kaum gewachſen blieb, durfte ihre Kraͤfte der nothwendigen Selbſtvertheidigung nicht entziehen, um ſie mit großmüthiger Politik für fremde Staaten zu verſchwenden. Auch England, obgleich unterdeſſen durch Schottland ver⸗ größert, hatte unter ſeinem ſchwachen Jacob in Europa das Gewicht nicht mehr, welches ihm der Herrſchergeiſt ſeiner Eliſabeth zu verſchaffen gewußt hatte. Ueberzeugt, daß die Wohlfahrt ihrer Inſel an der Sicherheit der Proteſtanten 118 befeſtigt ſey, hatte ſich dieſe ſtaatskluge Koͤnigin nie von dem Grundſatze entfernt, jede Unternehmung zu befördern, die auf Verringerung der öſterreichiſchen Macht abzielte. Ihrem Nach⸗ folger fehlte es ſowohl an Geiſt, dieſen Grundſatz zu faſſen, als an Macht, ihn in Ausübung zu bringen. Wenn die ſpar⸗ ſame Eliſabeth ihre Schätze nicht ſchonte, um den Nieder⸗ derlanden gegen Spanien, Heinrich dem Vierten gegen die Wuth der Ligue beizuſpringen, ſo überließ Jacob— Tochter, Enkel und Eidam der Willkür eines unverſöhnlichen Siegers. Während daß dieſer Koͤnig ſeine Gelehrſamkeit erſchoͤpfte, um den Urſprung der königlichen Majeſtat im Himmel aufzuſuchen, ließ er die ſeinige auf Erden verfallen. Indem er ſeine Bered⸗ ſamkeit auſtrengte, das unumſchraͤnkte Recht der Könige zu erweiſen, erinnerte er die engliſche Nation an das ihrige, und verſcherzte durch eine unnütze Geldverſchwendung ſein wichtigſtes Regal, das Parlament zu entbehren und der Freiheit ihre Stimme zu nehmen. Ein angebornes Grauen vor jeder bloßen Klinge ſchreckte ihn auch von dem gerechteſten Kriege zuruͤck; ſein Liebling, Buckingham, ſpielte mit ſei⸗ nen Schwaͤchen, und ſeine ſelbſtgefäͤllige Eitelkeit machte es der ſpaniſchen Argliſt leicht, ihn zu betrügen. Waͤhrend daß man ſeinen Eidam in Deutſchland zu Grunde richtete und das Erbtheil ſeiner Enkel an Andere verſchenkte, ſog dieſer bloͤd⸗ ſinnige Füͤrſt mit glüͤckſeligem Wohlgefallen den Weihrauch ein, den ihm Oeſterreich und Spanien ſtreuten. Um ſeine Aufmerkſamkeit von dem deutſchen Kriege abzulenken, zeigte man ihm eine Schwiegertochter in Madrid, und der ſpaß⸗ hafte Vater rüſtete ſeinen abenteuerlichen Sohn ſelbſt zu dem Gaukelſpiele aus, mit welchem dieſer ſeine ſpaniſche Braut uͤberraſchte. Die ſpaniſche Braut verſchwand ſeinem Sohne, wie die böhmiſche Krone und der pfaͤlziſche Kurhut ſeinem 119 Eidam, und nur der Tod entriß ihn der Gefahr, ſeine friedfertige Regierung mit einem Kriege zu beſchließen, bloß weil er den Muth nicht gehabt hatte, ihn von weitem zu zeigen. Die bürgerlichen Stuͤrme, durch ſein ungeſchicktes Regiment vorbereitet, erwachten unter ſeinem unglücklichen Sohne, und noͤthigten dieſen bald, nach einigen unerheblichen Verſuchen, jedem Antheile an dem deutſchen Kriege zu entſagen, um die Wuth der Factionen in ſeinem eigenen Reiche zu löſchen, von denen er endlich ein beklagenswerthes Opfer ward. - Zwei verdienſtvolle Könige, an perſönlichem Ruhme einander zwar bei weitem nicht gleich, aber gleich an Macht und Ruhm⸗ begierde, ſetzten damals den europaiſchen Norden in Achtung. Unter der langen und thätigen Regierung Chriſtians des Vierten wuchs Daͤnemark zu einer bedeutenden Macht empor. Die perſönlichen Eigenſchaften dieſes Fürſten, eine vortreffliche Marine, auserleſene Truppen, wohlbeſtellte Finanzen und ſtaatskluge Bundniſſe vereinigten ſich, dieſem Staate einen blühenden Wohlſtand von innen, und Anſehen von außen zu verſchaffen. Schweden hatte Guſtav Waſa aus der Knecht⸗ ſchaft geriſſen, durch eine weiſe Geſetzgebung umgeſtaltet, und den neugeſchaffenen Staat zuerſt an den Tag der Weltgeſchichte hervorgezogen. Was dieſer große Prinz nur im rohen Grund⸗ riſſe andeutete, wurde durch ſeinen groͤßern Enkel, Gu ſtav Adolph, vollendet. Beide Reiche, vormals in eine einzige Monarchie unnatürlich zuſammengezogen, und kraftlas in dieſer Vereinigung, hatten ſich zu den Zeiten der Reformation gewaltſam von einander ge⸗ trennt, und dieſe Trennung war die Epoche ihres Gedeihens. So ſchaͤdlich ſich jene gezwungene Vereinigung für beide Reiche erwieſen, ſo nothwendig war den getrennten Staaten 120 nachbarliche Freundſchaft und Harmonie. Auf beide ſtützte ſich die evangeliſche Kirche, beide hatten dieſelben Meere zu bewachen; ein Intereſſe hätte ſie gegen denſelben Feind vereinigen ſollen. Aber der Haß, welcher die Verbindung beider Monarchien aufgelöst hatte, fuhr fort, die längſt getrennten Nationen feind⸗ ſelig zu entzweien. Noch immer konnten die däniſchen Könige ihren Anſprüchen auf das ſchwediſche Reich nicht entſagen, Schweden das Andenken der vormaligen däniſchen Tyrannei nicht verbannen. Die zuſammenfließenden Granzen beider Reiche boten der Nationalfeindſchaft einen ewigen Zunder dar; die wachſame Eiferſucht beider Könige und unvermeidliche? O9 Handelscolliſtonen in den nordiſchen Meeren ließen die Slel⸗ 52, 0 des Streits nie verſiegen. Unter den Hülfsmitteln, wodurch Guſtav Waſa, der⸗ 9 Stifter des ſchwediſchen Reichs, ſeiner neuen Schöpfung Feſtig⸗ keit zu geben geſucht hatte, war die Kirchenreformation einen 7. der wirkſamſten geweſen. Ein Reichsgrundgeſetz ſchloß die An-⸗ hänger des Papſtthums von allen Staatsamtern aus, und verbot jedem künftigen Beherrſcher Schwedens, den Religions⸗ zuſtand des Reichs abzuandern. Aber ſchon Guſtavs zweiter Sohn und zweiter Nachfolger, Johann, trat zu dem Papſt⸗ thum zuruck, und deſſen Sohn, Sigismund, zugleich König von Polen, erlaubte ſich Schritte, welche zum Untergange der Verfaſſung und der herrſchenden Kirche abzielten. Karln, Herzog von Südermannland, Guſtavs dritten Sohn, an ihrer Spitze, thaten die Stände einen herzhaften Widerſtand, woraus zuletzt ein offenbarer Bürgerkrieg zwiſchen dem Oheim und Neffen, zwiſchen dem Könige und der Nation ſich entzundete. Herzog Karl, wahrend der Abweſenheit des Königs Verweſer des Reichs, benutzte Sigismunds lange Reſidenz in Polen anb den gerechten Unwillen der Stäͤnde, die Nation ſich aufs 121 Engſte zu verbinden und ſeinem eigenen Hauſe unvermerkt den Weg zum Throne zu bahnen. Die ſchlechten Maaßregeln Sigismunds beförderten ſeine Abſicht nicht wenig. Eine allgemeine Reichsverſammlung erlaubte ſich, zum Vortheile des Reichsverweſers von dem Rechte der Erſtgeburt abzuweichen, welches Guſtav Waſa in der ſchwediſchen Thronfolge ein⸗ geführt hatte, und ſetzte den Herzog von Südermannland auf den Thron, von welchem Sigismund mit ſeiner ganzen Nachkommenſchaft feierlich ausgeſchloſſen wurde. Der Sohn des neuen Königs, der unter dem Namen Karls des Neunten regierte, war Guſtav Adolph, dem aus eben dieſem Grunde die Anhänger Sigismunds, als dem Sohne eines Thron⸗ räubers, die Anerkennung verſagten. Aber wenn die Verbind⸗ lichkeit zwiſchen König und Volk gegenſeitig iſt, wenn ſich Staaten nicht wie eine todte Waare von einer Hand zur andern forterben, ſo muß es einer ganzen einſtimmig han⸗ delnden Nation erlaubt ſeyn, einem eidbrüchigen Beherrſcher ihre Pflicht aufzukündigen und ſeinen Platz durch einen Würdi⸗ gern zu beſetzen. Guſtav Adolph hatte das ſiebzehnte Jahr noch nicht vollendet, als der ſchwediſche Thron durch den Tod ſeines Vaters erledigt wurde; aber die frühe Reife ſeines Geiſtes vermochte die Stände, den geſetzmaßigen Zeitraum der Minderjaͤhrigkeit zu ſeinem Vortheile zu verkürzen. Mit einem glorreichen Siege über ſich ſelbſt eröffnete er eine Regierung, die den Sieg zum beſtändigen Begleiter haben und ſiegend endigen ſollte. Die junge Grafin von Brahe, eine Tochter ſeines Unterthans, hatte die Erſtlinge ſeines großen Herzens, und ſein Entſchluß war aufrichtig, den ſchwediſchen Thron mit ihr zu theilen. Aber von Zeit und Umſtänden bezwungen, unterwarf ſich ſeine Neigung der höhern Regentenpflicht, und die Heldentugend 122 gewann wieder ausſchließend ein Herz, das nicht beſtimmt war, ſich auf das ſtille häusliche Gluͤck einzuſchraͤnken. Chriſtian der Vierte von Danemark, König ſchon, ehe Guſtav das Licht der Welt erblickte, hatte die ſchwediſchen Gränzen angefallen, und über den Vater dieſes Helden wichtige Vortheile errungen. Gu ſtav Adolph eilte, dieſen verderb⸗ lichen Krieg zu endigen, und erkaufte durch weiſe Aufopferungen den Frieden, um ſeine Waffen gegen den Czaar von Moskau zu kehren. Nie verſuchte ihn der zweideutige Ruhm eines Eroberers, das Blut ſeiner Völker in ungerechten Kriegen zu verſpritzen; aber ein gerechter wurde nie von ihm verſchmaͤht. Seine Waffen waren glücklich gegen Rußland, und das ſchwediſche Reich ſah ſich mit wichtigen Provinzen gegen Oſten vergrößert. Unterdeſſen ſetzte Koͤnig Sigismund von Polen gegen den Sohn die feindſeligen Geſinnungen fort, wozu der Vater ihn berechtigt hatte, und ließ keinen Kunſtgriff unverſucht, die Unterthanen Guſtav Adolphs in ihrer Treue wankend, ſeine Freunde kaltſinnig, ſeine Feinde unverſöhnlich zu machen. Weder die großen Eigenſchaften ſeines Gegners, noch die gehäufteſten Merkmale von Ergebenheit, welche Schweden ſei⸗ nem angebeteten Koͤnige gab, konnten jenen verblendeten Für⸗ ſten von der thoͤrichten Hoffnung heilen, den verlornen Thron wieder zu beſteigen. Alle Friedensvorſchläge Gu ſtavs wurden mit Uebermuth verſchmaht. Unwillkürlich ſah ſich dieſer fried⸗ liebende Held in einen langwierigen Krieg mit Polen verwickelt, in welchem nach und nach ganz Livland und Polniſch⸗Preußen der ſchwediſchen Herrſchaft unterworfen wurden. Immer Sie⸗ ger, war Guſtav Adolph immer der Erſte bereit, die Hand zum Frieden zu bieten. Dieſer ſchwediſch⸗ polniſche Krieg fällt in den Anfang des dreißigjährigen in Deutſchland, mit welchem er in Verbindung 123 ſteht. Es war genug, daß König Sigismund, ein Katholik, die ſchwediſche Krone einem proteſtantiſchen Prinzen ſtreitig machte, um ſich der thaͤtigſten Freundſchaft Spaniens und Oeſterreichs verſichert halten zu können; eine doppelte Ver⸗ wandtſchaft mit dem Kaiſer gab ihm noch ein naheres Recht an ſeinen Schutz. Das Vertrauen auf eine ſo maͤchtige Stütze war es auch vorzüglich, was den König von Polen zur Fort⸗ ſetzung eines Kriegs aufmunterte, der ſich ſo ſehr zu ſeinem Nachtheile erklärte; und die Höfe zu Madrid und Wien unter⸗ ließen nicht, ihn durch prahleriſche Verſprechungen bei gutem Muthe zu erhalten. Indem Sigismund in Livland, Kur⸗ land und Preußen einen Platz nach dem andern verlor, ſah er ſeinen Bundsgenoſſen in Deutſchland zu der nämlichen Zeit von Sieg zu Sieg der unumſchränkten Herrſchaft entgegeneilen — kein Wunder, wenn ſeine Abneigung gegen den Frieden in gleichem Verhaͤltniſſe mit ſeinen Niederlagen ſtieg. Die Heftig⸗ keit, mit der er ſeine chimaͤriſche Hoffnung verfolgte, verblendete ihm die Augen gegen die argliſtige Politik ſeines Bundsgenoſſen, der auf ſeine Unkoſten nur den ſchwediſchen Helden beſchäftigte, um deſto ungeſtoͤrter die Freiheit des deutſchen Reichs um⸗ zuſtürzen, und alsdann den erſchöpften Norden als eine leichte Eroberung an ſich zu reißen. Ein Umſtand, auf den man allein nicht gerechnet hatte— Guſtavs Heldengroͤße, zerriß das Gewebe dieſer betrügeriſchen Staatskunſt. Dieſer acht⸗ jährige polniſche Krieg, weit entfernt, die ſchwediſche Macht zu erſchöpfen, hatte bloß dazu gedient, das Feldherrngenie Guſtav Adolphs zu zeitigen, in einer langen Fechtuͤbung die ſchwediſchen Heere zu ſtählen, und unvermerkt die neue Kriegskunſt in Gang zu bringen, durch welche ſie nachher auf deutſchem Boden Wunder thun ſollten. 3 Nach dieſer nothwendigen Digreſſion uͤber den damaligen 124 Zuſtand der europaͤiſchen Staaten ſey mir erlaubt, den Faden der Geſchichte wieder aufzunehmen. Seine Staaten hatte Ferdinand wieder, aber noch nicht den Aufwand, den ihre Wiedereroberung ihm gekoſtet hatte. Eine Summe von vierzig Millionen Gulden, welche die Con⸗ fiscationen in Böhmen und Mäͤhren in ſeine Hände brachten, wuͤrde hinreichend geweſen ſeyn, ihm und ſeinen Alliirten alle Unkoſten zu vergüten; aber dieſe unermeßliche Summe war bald in den Häͤnden der Jeſuiten und ſeiner Günſtlinge zerronnen. Herzog Maximilian von Bay ern, deſſen ſieg⸗ reichem Arme der Kaiſer faſt allein den Beſitz ſeiner Staaten verdankte, der, um ſeiner Religion und ſeinem Kaiſer zu die⸗ nen, einen nahen Verwandten aufgeopfert hatte, Maximi⸗ lian hatte die gegründetſten Anſprüche auf ſeine Dankbarkeit; und in einem Vertrage, den der Herzog noch vor dem Aus⸗ bruche des Kriegs mit dem Kaiſer ſchloß, hatte er ſich aus⸗ drücklich den Erſatz aller Unkoſten ausbedungen. Ferdinand fühlte die ganze Verbindlichkeit, welche dieſer Vertrag und jene Dienſte ihm auflegten; aber er hatte nicht Luſt, ſie mit eigenem Verluſte zu erfüllen. Seine Abſicht war, den Herzog auf das Glänzendſte zu belohnen, aber ohne ſich ſelbſt zu be⸗ rauben. Wie konnte dieſes beſſer geſchehen, als auf Unkoſten desjenigen Fürſten, gegen welchen ihm der Krieg dieſes Recht zu geben ſchien, deſſen Vergehungen ſchwer genug abgeſchil⸗ dert werden konnten, um jede Gewaltthätigkeit durch das An⸗ ſehen der Geſetze zu rechtfertigen? Friedrich mußte alſo weiter verfolgt, Friedrich zu Grunde gerichtet werden, da⸗ mit Maximilian belohnt werden koͤnnte, und ein neuer Krieg ward eroͤffnet, um den alten zu bezahlen. Aber ein ungleich wichtigerer Beweggrund kam hinzu, das Gewicht dieſes erſtern zu verſtärken. Bis hierher hatte 125 Ferdinand bloß für ſeine Exiſtenz gefochten, und keine an⸗ dere Pflichten, als die der Selbſtvertheidigung, erfüllt. Jetzt aber, da der Sieg ihm Freiheit zu handeln gab, gedachte er ſeiner vermeintlichen höhern Pflichten, und erinnert ſich an das Gelübde, das er zu Loretto und Rom ſeiner Genera⸗ liſſima, der heiligen Jungfrau, gethan, mit Gefahr ſeiner Krone und ſeines Lebens ihre Verehrung auszubreiten. Die Unterdrückung der Proteſtanten war mit dieſem Gelübde un⸗ zertrennlich verknüpft. Günſtigere Umſtände konnten ſich zu Erfüllung desſelben nicht vereinigen, als ſich jetzt nach Endi⸗ gung des böhmiſchen Kriegs beiſammen fanden. Die pfalzi⸗ ſchen Lande in katholiſche Haͤnde zu bringen, fehlte es ihm weder an Macht, noch an einem Schein des Rechts, und un⸗ überſehlich wichtig waren die Folgen dieſer Veranderung für das ganze katholiſche Deutſchland. Indem er den Herzog von Bayern mit dem Raube ſeines Verwandten belohnte, befrie⸗ digte er zugleich ſeine niedrigſten Begierden und erfüllte ſeine erhabenſte Pflicht: er zermalmte einen Feind, den er haßte; er erſparte ſeinem Eigennutze ein ſchmerzhaftes Opfer, indem er ſich die himmliſche Krone verdiente. Friedrichs untergang war längſt im Cabinet des Kaiſers beſchloſſen, ehe das Schickſal ſich gegen ihn erklärte; aber erſt, nachdem dieſes Letzte geſchehen war, wagte man es, dieſen Donner der willkürlichen Gewalt gegen ihn zu ſchleudern. Ein Schluß des Kaiſers, dem alle Formalitäten fehlten, welche die Reichsgeſetze in einem ſolchen Falle nothwendig machen, erklaͤrte den Kurfürſten und drei andere Prinzen, welche in Schleſien und Böhmen für ihn die Waffen gefuͤhrt hatten, als Beleidiger der kaiſerlichen Majeſtät und Störer des Landfriedens, in die Reichsacht, und aller ihrer Würden und Lander verluſtig. Die Vollſtreckung dieſer Sentenz gegen Friedrich, namlich die 126 Eroberung ſeiner Länder, wurde, mit einer ähnlichen Ver⸗ ſpottung der Reichsgeſetze, der Krone Spanien, als Beſitzerin des burgundiſchen Kreiſes, dem Herzoge von Bayern und der Ligue aufgetragen. Waͤre die evangeliſche Union des Namens werth geweſen, den ſie trug, und der Sache, die ſie vertheidigte, ſo würde man bei Vollſtreckung der Reichsacht unüberwindliche Hinderniſſe gefunden haben; aber eine ſo veraͤchtliche Macht, die den ſpaniſchen Truppen in der Unterpfalz kaum gewachſen war, mußte es aufgeben, gegen die vereinigte Macht des Kai⸗ ſers, Bayerns und der Ligue zu ſtreiten. Das Urtheil der Reichs⸗ acht, welches über den Kurfürſten ausgeſprochen war, ſcheuchte ſogleich alle Reichsſtädte von dem Bündniſſe hinweg, und die Fürſten folgten bald ihrem Beiſpiele. Glücklich genug, ihre eigenen Laͤnder zu retten, überließen ſie den Kurfürſten, ihr ehemaliges Oberhaupt, der Willkür des Kaiſers, ſchwuren die Union ab, und gelobten, ſie nie wieder zu erneuern. Unrühmlich hatten die deutſchen Fürſten den unglücklichen Friedrich verlaſſen, Böhmen, Schleſien und Maͤhren der furchtbaren Macht des Kaiſers gehuldigt; ein einziger Mann, ein Glucksrittter, deſſen ganzer Reichthum ſein Degen war, Ernſt Graf von Mannsfeld, wagte es, in der böhmiſchen Stadt Pilſen der ganzen Macht des Kaiſers zu trotzen. Von dem Kurfürſten, dem er ſeine Dienſte gewidmet hatte, nach der Prager Schlacht ohne alle Hülfe gelaſſen, unwiſſend ſogar, ob ihm Friedrich ſeine Beharrlichkeit dankte, hielt er noch eine Zeitlang allein gegen die Kaiſerlichen Stand, bis ſeine Truppen, von der Geldnoth getrieben, die Stadt Pilſen an den Kaiſer verkauften; von dieſem Schlage nicht erſchüttert, ſah man ihn bald darauf in der Oberpfalz neue Werbeplätze anlegen, um die Truppen an ſich zu ziehen, welche die Union verabſchiedet hatte./ Ein neues, zwanzigtauſend Mann ſtarkes 127 Heer entſtand in kurzem unter ſeinen Fahnen, um ſo furcht⸗ barer fuͤr alle Provinzen, auf die es ſich warf, weil es durch Raub allein ſich erhalten konnte. Unwiſſend, wohin dieſer Schwarm ſtürzen wurde, zitterten ſchon alle benachbarten Bis⸗ thuͤmer, deren Reichthum ihn anlocken konnte. Aber ins Ge⸗ drange gebracht von dem Herzoge von Bayern, der als Voll⸗ ſtrecker der Reichsacht in die Oberpfalz eindrang, mußte Mannsfeld aus dieſer Gegend entweichen. Durch einen glücklichen Betrug dem nacheilenden bayeriſchen General Till entſprungen, erſchien er auf Einmal in der. Unterpfalz, und übte dort an den rheiniſchen Bisthümern die Mißhandlungen aus, die er den fraͤnkiſchen zugedacht hatte. Waͤhrend daß die kaiſerlich⸗bayeriſche Armee Boͤhmen überſchwemmte, war der ſpaniſche General Ambros Spinola von den Niederlanden aus mit einem anſehnlichen Heere in die Unterpfalz einge⸗ fallen, welche der Ulmer Vergleich der Union zu vertheidigen, erlaubter Aber die Maaßregeln waͤren ſo ſchlecht genommen, daß ein Platz nach dem andern in ſpaniſche Hände fiel, und endlich, als die Union auseinander gegangen war, der groͤßte Theil des Landes von ſpaniſchen Truppen beſetzt blieb.) Der ſpaniſche General Cordu ba, welcher dieſe Truppen nach dem Abzuge des Spinola befehligte, hob eiligſt die Belagerung Frankenthals auf, als Mannsfeld in die Unterpfalz eintrat. Aber anſtatt die Spanier aus dieſer Provinz zu vertreiben, eilte dieſer uͤber den Rhein, um ſeinen bedürftigen Truppen in dem Elſaß ein Feſt zu bereiten. Zur fürchterlichſten Einöde wurden alle offenen Lander, uͤber welche ſich dieſer Raͤuber⸗ ſchwarm ergoß, und nur durch ungeheure Summen konnten ſich die Städte von der Plünderung loskaufen. Geſtaͤrkt von dieſem Zuge, zeigte ſich Mannsfeld wieder am Rhein, die Unterpfalz zu decken. 128 So lange ein ſolcher Arm für ihn ſtritt, war Kurfürſt Friedrich nicht unrettbar verloren. Neue Ausſichten fingen an, ſich ihm zu zeigen, und das Unglück weckte ihm Freunde auf, die ihm in ſeinem Glücke geſchwiegen, hatten. König Jacob von England, der gleichgültig zugeſehen hatte, wie ſein Eidam die böhmiſche Krone verlor, erwachte aus ſeiner e Fühlloſigkeit, da es die ganze Exiſtenz ſeiner Tochter und ſeiner Enkel galt, und der ſiegreiche Feind einen Angriff auf die Kurlande wagte. Spat genug öffnete er jetzt ſeine Schätze, und eilte, die Union, die damals die Unterpfalz noch ver⸗ theidigte, und, als dieſe dahin war, den Grafen von Manns⸗ feld mit Geld und Truppen zu unterſtützen. Durch ihn wurde guch ſein naher Anverwandter, König Chriſtian von Dänemark, zu thätiger Hülfe aufgefordert. Der ablaufende⸗ Stillſtand zwiſchen Spanien und Holland beraubte zugleich den⸗ Kaiſer alles Beiſtandes, den er von den Niederlanden aus zu erwarten gehabt hätte. Wichtiger als alles dieſes war die h Hülfe, die dem Pfalzgrafen von Siebenbürgen und Ungarn aus erſchien. Der Stillſtand Gabors mit dem Kaiſer war kaum zu Ende, als dieſer furchtbare alte Feind Oeſterreichs Ungarn aufs neue überſchwemmte und ſich in Preßburg zum Könige krönen ließ. Reißend ſchnell waren ſeine Fortſchritte, ſo daß Boucquoi Böhmen verlaſſen mußte, um Ungarn und Oeſterreich gegen Gaborn zu vertheidigen. Dieſer tapfere General fand bei dey Belagerung von Neuhaͤuſel ſeinen Tod; ſchon vorher war der eben ſo tapfere Dampierre voͤr Preß⸗ burg geblieben. Unaufgehalten drang Gabor an die öſter⸗ reichiſche Gränze vor; der alte Graf von Thurn und meh⸗ rere geächtete Bohmen hatten ihren Haß und ihren Arm mit dieſem Feinde ihres Feindes vereinigt. Ein nachdrücklicher An⸗ griff von deutſcher Seite, waͤhrend daß Gabor den Kaiſer von 7 129 Ungarn aus bedraͤngte, haͤtte Friedrichs Gluͤck ſchnell wie⸗ der herſtellen können; aber immer hatten die Böhmen und die Deutſchen die Waffen aus den Händen gelegt, wenn Gabor ins Feld ruͤckte; immer hatte ſich dieſer Letztere erſchöpft, wenn jene aͤnfingen ſich zu erholen. 6 Ar, ee Friedrich hatte indeſſen nicht geſäumt, ſich ſeinem neuen Beſchuͤtzer, Mannsfeld, in die Arme zu werfen. Verkleidet erſchien er in der Unterpfalz, um welche Mannsfeld und der bayeriſche General Tilly ſich riſſen; die Oberpfalz hatte man längſt überwältigt. Ein Strahl von Hoffnung ging ihm auf⸗ als aus den Trümmern der Union neue Freunde für ihn erſtanden. Markgraf Georg Friedrich von Baden, ein ehemaliges Mitglied derſelben, fing ſeit einiger Zeit an, eine Kriegsmacht zuſammen zu ziehen, welche ſich bald zu einem anſehnlichen Heere vermehrte. Niemand wußte, wem es galt, als er unverſehens ins Feld rückte und ſich mit dem Grafen Mannsfeld vereinigte. Seine Markgrafſchaft hatte er, ehe er in den Krieg zog, ſeinem Sohne abgetreten, um ſie durch dieſen Kunſtgriff der Rache des Kaiſers zu entziehen, wenn das Gluck etwas Menſchliches über ihn verhängen ſollte.) Auch der benachbarte Herzog von Württemberg fing an, ſeine Kriegs⸗ macht zu verſtaͤrken. Dem Pfalzgrafen wuchs dadurch der Muth, und er arbeitete mit allem Ernſte daran, die Union wieder ins Leben zu rufen. Jetzt war die Reihe an Tilly, auf ſeine Sicherheit zu denken. In groͤßter Eile zog er die Truppen des ſpaniſchen Generals Corduba an ſich. Aber indem der Feind ſeine Macht vereinigte, trennten ſich Mannsfeld und der Markgraf von Baden, und der Letztere wurde von dem bayeriſchen General bei Wimpfen geſchlagen(1622). Ein Aventurier ohne Geld, dem man ſelbſt die rechtmaßige Geburt ſtreitig machte, hatte ſich zum Vertheidiger eines Königs Schillers ſämmtl. Werke. 1X 9 9 aufgeſtellt, den einer ſeiner nächſten Verwandten zu Grunde richtete und der Vater ſeiner Gemahlin im Stiche ließ. Ein regierender Prinz begab ſich ſeiner Laͤnder, die er ruhig be⸗ l herrſchte, um fuͤr einen Andern, der ihm fremd war, das ungewiſſe Glück des Krieges zu verſuchen. Ein neuer Glücks⸗ ritter, an Staaten arm, deſto reicher an glorreichen Ahnen, 8 übernimmt nach ihm die Vertheidigung einer Sache, welche jener auszufühten derzweifelte Herzog Chriſtian von Braunſchweig, Adminiſtrator von Halberſtadt, glaubte dem Grafen von Mannsfeld das Geheimniß abgelernt zu haben, eine Armee von zwanzigtauſend Mann ohne Geld auf den Beinen zu erhalten. Von jugendlichem Uebermuthe getrieben und poll Begierde, ſich auf Koſten der katholiſchen Geiſtlichkeit, e die er ritterlich haßte, einen Namen zu machen und Beute zu Adu 3 Aaue A., 4 2 4 Le „erwerben, verſammelte er in Niederſachſen ein beträchtliches“ Heer, welchem die Vertheidigung Friedrichs und der deut⸗ ſchen Freiheit ſer Naen leihen mußte. Gottes Freund und der Pfa ffen Feind war der Wahlſpruch, den er auf ſeinen Münzen von eingeſchmolzenem Kirchenſilber führte,—= und dem er durch ſeine Thaten keine Schande machte. Der Weg, den dieſe Räuberbande nahm, war wie gewöhn⸗ lich mit der ſchrecklichſten Verheerung bezeichnet. Durch Plün⸗ derung der niederſächſiſchen und weſtphäliſchen Stifter ſammelte- ſie Kräfte, die Bisthümer am Oberrhein zu pluͤndern. Von Freund und Feind dort vertrieben, naͤherte ſich der Admini⸗ ſtrator bei der Mainziſchen Stadt Höchſt dem Mainſtrome, den 2 er nach einem moͤrderiſchen Gefechte mit Tilly, der ihm den mus, Uebergang ſtreitig machen wollte, paſſirte. Mit Verluſt ſeines 9 7 halben Heers erreichte er das jenſeitige Ufer, wo er den Ueber⸗„ reſt ſeiner Truppen ſchnell wieder ſammelte und mit demſelben 4 zu dem Grafen von Mannsfeld ſtieß. Verfolgt von Tilly, 131 ſtürzte ſich dieſer vereinigte Schwarm zum zweiten Mal über das Elſaß, um die Verwüſtungen nachzuholen, die bei dem erſten Einfalle unterblieben waren. Waͤhrend daß der Kur⸗ fürſt Friedrich, nicht viel anders als ein flüchtiger Bettler, mit dem Heere herumzog, das ihn als ſeinen Herrn erkannte und mit ſeinem Namen ſich ſchmückte, waren ſeine Freunde geſchäftig, ihn mit dem Kaiſer zu verſöhnen. Ferdinand wollte dieſen noch nicht alle Hoffnung benehmen, den Pfalz⸗ grafen wieder eingeſetzt zu ſehen. Voll Argliſt und Verſtellung, zeigte er ſich bereitwillig zu Unterhandlungen, wodurch er ihren Eifer im Felde zu erkälten und das Aeußerſte zu verhindern hoffte. König Jacob, das Spiel der öͤſterreichiſchen Argliſt, wie immer, trug durch ſeine thöͤrichte Geſchaͤftigkeit nicht wenig dazu bei, die Maßregeln des Kaiſers zu unterſtützen. Vor Allem verlangte Ferdinand, daß Friedrich die Waffen von ſich legte, wenn er an die Gnade des Kaiſers appellirte, und Jacob fand dieſe Forderung äußerſt billig. Auf ſein Ge⸗ heiß ertheilte der Pfalzgraf ſeinen einzigen wahren Beſchützern, dem Grafen von Mannsfeld und dem Adminiſtrator, den Abſchied und erwartete in Holland ſein Schickſal von der Barm⸗ herzigkeit des Kaiſers. Mannsfeld und Herzog Chriſtian waren bloß eines neuen Namens wegen verlegen; die Sache des Pfalzgrafen hatte ſie nicht in Rüſtung geſetzt, alſo konnte ſein Abſchied ſie nicht entwaffnen. Der Krieg war ihr Zweck, gleich viel, für weſſen Sache ſie kriegten. Nach einem vergeblichen Verſuche des Grafen von Mannsfeld, in die Dienſte des Kaiſers zu treten, zogen ſich Beide nach Lothringen, wo die Ausſchwei⸗ fungen ihrer Truppen bis in das innerſte Frankreich Schrecken verbreiteten. Eine Zeit lang harrten ſie hier vergebens auf einen Herrn, der ſie dingen ſollte, als die Hollander, von dem 13² ſpaniſchen General Spinola bedraͤngt, ihnen Dienſte anboten. Nach einem moͤrderiſchen Gefechte bei Fleurus mit den Spa⸗ niern, die ihnen den Weg verlegen wollten, erreichten ſie Holland, wo ihre Erſcheinung den ſpaniſchen. General ſogleich vermochte, die Belagerung von Bergen op Zoom aufzuheben. Aber auch Holland war dieſer ſchlimmen Gaͤſte bald müde und benutzte den erſten Augenblick von Erholung, ſich ihres gefähr⸗ lichen Beiſtandes zu entledigen. Mannsfeld ließ ſeine Truppen in der fetten Provinz Oſtfriesland zu neuen Thaten ſich ſtärken. Herzog Chriſtian, voll Leidenſchaft fuͤr die Pfalz⸗ gräfin, die er in Holland hatte kennen lernen, und kriegs⸗ luſtiger als je, führte die Seinigen nach Niederſachſen zurück, den Handſchuh dieſer Prinzeſſin auf ſeinem Hute, und die De⸗ viſe: Alles für Gott und ſie, auf ſeinen Fahnen. Beide hatten ihre Rolle in dieſem Kriege noch lange nicht geendigt. 17 4 84 Alle kaiſerlichen Staaten waren jetzt endlich von Feinden gereinigt, die Union aufgelöst, der Markgraf von Baden Graf Mannsfeld und Herzog Chriſtian aus dem Felde geſchlagen und die pfaͤlziſchen Lande von Truppen der Reichs⸗ erecution uͤberſchwemmt. Mannheim und Heidelberg hatten die Bayern im Beſitze, und bald wurde auch Frankenthal den Spaniern geraͤumt. In einem Winkel von Holland harrte der Pfalzgraf auf die ſchimpfliche Erlaubniß, durch einen Fußfall den Zorn des Kaiſers verſöhnen zu duͤrfen; und ein ſoge⸗ nannter Kurfürſtentag zu Regensburg ſollte endlich ſein Schick⸗ ſal beſtimmen. Langſt war dieſes am Hofe des Kaiſers ent⸗ ſchieden; aber jetzt erſt waren die Umſtaͤnde günſtig genug, mit dieſer ganzen Entſcheidung an das Licht hervorzutreten. Nach allem Dem, was bis jetzt von dem Kaiſer gegen den Kur⸗ fürſten geſchehen war, glaubte Ferdinand keine aufrichtige Verſöhnung mehr hoffen zu können. Nur indem man die A 2 9 133 Gewaltthätigkeit vollendete, glaubte man ſie unſchädlich zu machen. Verloren mußte alſo bleiben, was verloren war; Friedrich durfte ſeine Laͤnder nicht wieder ſehen, und ein Fürſt ohne Land und Volk konnte den Kurhut nicht mehr tragen. So ſchwer ſich der Pfalzgraf gegen das Haus Oeſter⸗ reich verſchuldet hatte, ſo ein herrliches Verdienſt hatte ſich der Herzog um daſſelbe erworben. So viel das Haus Oeſter⸗ reich und die katholiſche Kirche von der Rachbegierde und dem Religionshaſſe des pfäalziſchen Hauſes zu fürchten haben moch⸗ ten, ſo viel hatten Beide von der Dankbarkeit und dem Reli⸗ gionseifer des bayeriſchen zu hoffen. Endlich wurde, durch Uebertragung der pfälziſchen Kurwürde an Bayern, der katho⸗ liſchen Religion das entſchiedenſte Uebergewicht im Kurfuͤr⸗ ſtenrathe und ein bleibender Sieg in Deutſchland verſichert. Dieſes Letzte war genug, die drei geiſtlichen Kurfürſten digſer Neuerung günſtig zu machen; unter den proteſtantiſchen war nur die einzige Stimme Kurſachſens wichtig. Konnte aber Johann Georg dem Kaiſer ein Necht ſtreitig machen, ohne welches er ſein eigenes an den Kurhut dem Zweifel ausſetzte? Einem Fürſten zwar, den ſeine Abkunft, ſeine Würde und ſeine Macht an die Spitze der proteſtantiſchen Kirche in Deutſch⸗ land ſtellten, hatte, wie es ſchien, nichts heiliger ſeyn ſollen, als die Rechte dieſer Kirche gegen alle Angriffe der katholiſchen zu behaupten; aber die Frage war jetzt nicht ſowohl, wie man das Intereſſe der proteſtantiſchen Religion gegen die Katholiken wahrnehmen, ſondern welcher von zwei gleich gehaßten Reli⸗ gionen, der calviniſchen oder der papſtlichen, man den Sieg⸗ über die andere goͤnnen, welchem von zwei gleich ſchlimmen Feinden man die pfaͤlziſche Kur zuſprechen ſollte; und im Ge⸗ dränge zwiſchen zwei entgegengeſetzten Pflichten war es ja wohl natürlich— dem Privathaſſe und dem Privatnutzen den 134 Ausſchlag heimzuſtellen. Der geborene Beſchützer der deutſchen Freiheit und der proteſtantiſchen Religion ermunterte den Kai⸗ ſer, uͤber die pfälziſche Kur nach kaiſerlicher Machtvollkom⸗ menheit zu verfügen, und ſich im Geringſten nicht irren zu laſſen, wenn man von Seiten Kurſachſens, der Form wegen, ſich ſeinen Maßregeln entgegenſetzen ſollte. Wenn Johann Georg in der Folge mit ſeiner Einwilligung zuruͤckhielt, ſo hatte Ferdinand ſelbſt durch Vertreibung der evangeliſchen Prediger aus Boͤhmen zu dieſer Sinnesanderung Anlaß gegeben; und die Belehnung Bayerns mit der pfaͤlziſchen Kur hörte auf, eine geſetzwidrige Handlung zu ſeyn, ſobald der Kaiſer ſich dazu verſtand, dem Kurfürſten von Sachſen fuͤr eine Rechnung von ſechs Millionen Thaler Kriegskoſten die Lauſitz einzuraͤumen. Ferdinand belehnte alſo, mit Widerſpruch des ganzen proteſtantiſchen Deutſchlands, mit Verſpottung der Reichs⸗ grundgeſetze, die er in der Wahlcapitulation beſchworen, den Herzog von Bayern zu Regensburg feierlich mit der pfälziſchen Kur, doch, wie es hieß, unbeſchadet der Anſpruche, welche die Agnaten und Nachkommen Friedrichs darauf geltend machen moͤchten, Dieſer unglückliche Fürſt ſah ſich jetzt un⸗ widerruflich aus dem Beſitze ſeiner Staaten vertrieben, ohne von dem Gerichte, das ihn verdammte, zuvor gehört worden zu ſeyn, eine Gerechtigkeit, welche die Geſetze auch dem gering⸗ ſten Unterthan, auch dem ſchwärzeſten Verbrecher vergoͤnnen. Dieſer gewaltſame Schritt oͤffnete endlich dem Könige von England die Augen, und da um eben dieſe Zeit die Unterhand⸗ lungen zerriſſen wurden, welche wegen einer Heirath ſeines Sohnes mit einer ſpaniſchen Tochter angeſponnen waren, ſo nahm endlich Jacob mit Lebhaftigkeit die Partei ſeines Eidams. Eine Revolution im franzoſiſchen Miniſterium hatte den Car⸗ dinal Richelien zum Herrn der Geſchaͤfte gemacht, und dieſes 135 tiefgeſunkene Königreich fing bald an zu fühlen, daß ein Mann an ſeinem Ruder ſaß. Die Bewegungen des ſpaniſchen Statt⸗ halters in Mailand, ſich des Veltlins zu bemächtigen, um von hier aus einen Vereinigungspunkt mit den Erbſtaaten Oeſter⸗ reichs zu finden, erweckten wieder die alte Furcht vor dieſer Macht, und mit ihr die Staatsmaximen Heinrichs des Großen. Eine Heirath des Prinzen von Wallis mit Henrietten von Frankreich ſtiftete zwiſchen dieſen beiden Kronen eine engere Vereinigung, zu welcher auch Holland, Dänemark und einige Staaten Italiens traten. Der Entwurf wurde gemacht, Spanien mit gewaffneter Hand zur Herausgabe des Veltlins, und Oeſterreich zu Wiederherſtellung Friedrichs zu zwingen; aber nur für das Erſte wurde einige Thätigkeit gezeigt. Jacob der Erſte ſtarb, und Karl der Erſte, im Streit mit ſeinem Parlamente, konnte den Angelegenheiten Deutſchlands keine Aufmerkſamkeit mehr ſchenken. Savoyen und Venedig hielten ihren Beiſtand zurück, und der franzöͤſiſche⸗ Miniſter glaubte die Hugenotten in ſeinem Vaterlande erſt unterwerfen zu müſſen, ehe er es wagen durfte, die Proteſtan⸗ ten in Deutſchland gegen den Kaiſer zu beſchützen. So große Hoffnungen man von dieſer Allianz geſchopft hatte, ſo wenig entſprach ihnen der Erfolg. Graf Mannsfeld, von aller Hülfe entblößt, ſtand un⸗ thätig am Unterrhein, und Herzog Chriſtian von Braun⸗ ſchweig ſah ſich nach einem verunglückten Feldzug aufs Neue vom deutſchen Boden vertrieben. Ein abermaliger Einfall Bethlen Gabors in Maͤhren hatte ſich, weil er von Deutſch⸗ land aus nicht unterſtützt wurde, fruchtlos, wie alle vorigen, in einem foͤrmlichen Frieden mit dem Kaiſer geendigt. Die Union war nicht mehr, kein proteſtantiſcher Furſt mehr unter den Waffen, und an den Graͤnzen von Niederdeutſchland ſtand 136 der bayeriſche General Tilly mit einem ſieggewohnten Heere auf proteſtantiſchem Boden. Die Bewegungen Herzog Chri⸗ ſtians von Braun ſchweig hatten ihn nach dieſer Gegend, und einmal ſchon in den niederfäͤchſiſchen Kreis gezogen, wo er Lippſtadt, den Waffenplatz des Adminiſtrators, überwältigte. Die Nothwendigkeit, dieſen Feind zu beobachten und von neuen Einfällen abzuhalten, ſollte auch noch jetzt ſeinen Aufenthalt auf dieſem Boden rechtfertigen. Aber Mannsfeld und Chriſtian hatten aus Geldmangel ihre Heere entlaſſen, und die Armee des Grafen Tilly ſah weit und breit keinen Feind mehr. Warum beläſtigte ſie nach das Land, in dem ſie ſtand 2 Schwer iſt es, aus dem Geſchrei erhitzter Parteien die Stimme der Wahrheit zu unterſcheiden— aber bedenklich war es, daß die Ligue ſich nicht entwaffnete. Das voreilige Froh⸗ locken der Katholiken mußte die Beſtürzung vermehren. Der Kaiſer und die Ligue ſtanden gewaffnet und ſiegreich in Deutſch⸗ land, und nirgends eine Macht, die ihnen Widerſtand leiſten konnte, wenn ſie einen Verſuch wagen ſollten, die proteſtan⸗ tiſchen Stande anzufallen, oder gar den Religionsfrieden um⸗„MGu zuſtürzen. Wenn Kaiſer Ferdinand auch wirklich von dem Gedanken weit entfernt war, ſeine Siege zu mißbrauchen, ſo mußte die Wehrloſtgkeit der Proteſtanten den erſten Gedanken in ihm aufwecken. Veraltete Verträͤge konnten keine Zügel fuͤr einen Fürſten ſeyn, der ſeiner Religion Alles ſchuldig zu ſeyn glaubte, und jede Gewaltthatigkeit durch die religiöſe Ab⸗ ſicht für geheiligt hielt. Oberdeutſchland war überwältigt, und Niederdeutſchland r konnte ſeiner ntrhwefe noch im Wege ſtehen. Hier waͤren di Proteſtanten die herrſchende, Macht, hier waren der katholiſchen Kirche die meiſten Stifter entriſſen worden, und der Zeitpunkt ſchien jetzt gekommen zu ſeyn, dieſe verlorenen Beſitzungen wieder an die Kirche 137 zuruͤckzubringen. In dieſen von den niederdeutſchen Fürſten eingezogenen, Stiftern beſtand zugleich ein nicht geringer Theil ihrer Macht, und der Kirche zu dem Ihrigen zu verhelfen, gab zugleich einen trefflichen Vorwand her, dieſe Fürſten zu ſchwachen. ⁸ e s 42 Lars A Unverzeihliche Sorgloſigkeit wurde es geweſen ſeyn, in dieſer gefahrvollen Lage ſich müßig zu verhalten. Das Andenken an die Gewaltthaͤtigkeiten, die das Tilly'ſche Heer in Nieder⸗ ſachſen ausgeübt hatte, war noch zu neu, um die Staͤnde nicht zu ihrer Selbſtvertheidigung zu ermuntern. In möglichſter Eilfertigkeit bewaffnete ſich der niederſachſiſche Kreis. Außerordentliche Kriegsſteuern wurden erhoben, Truppen ge⸗ worben und Magazine angefuͤllt.) Man unterhandelte mit Venedig, mit Holland, mit England wegen Subſidien. Man berathſchlagte, welche Macht man an die Spitze des Bundes ſtellen ſollte. Die Könige des Sundes und des baltiſchen Meeres, natürliche Bundesgenoſſen dieſes Kreiſes, konnten nicht gleich⸗ gültig zuſehen, wenn ihn der Kaiſer als Eroberer betreten, und an den Kuſten der nordiſchen Meere ihr Nachbar werden ſollte. Das doppelte Intereſſe der Religion und der Staats⸗ klugheit forderte ſie auf, die Fortſchritte dieſes Monarchen in Niederdeutſchland zu begränzen. Chriſtian der Vierte, König von Danemark, zählte ſich als Herzog von Holſtein ſelbſt zu den Ständen dieſes Kreiſes; durch gleich ſtarke Gründe wurde Guſtav Adolph von Schweden zu einem Antheil an dieſem Bündniſſe bewogen. Beide Könige bewarben ſich wetteifernd um die Ehre, den niederſächſiſchen Kreis zu vertheidigen, und die furchtbare öſterreichiſche Macht zu bekriegen. Jeder bot ſich an, eine wohl⸗ geruͤſtete Armee aufzuſtellen und in eigener Perſon anzufüh⸗ ren. Siegreiche Feldzüge gegen Moskau und Polen gaben dem 138 Verſprechen des ſchwediſchen Königs Nachdruck; die ganze baltiſche Kuͤſte war von dem Namen Gu ſtav Adolphs erfllt. Aber der Ruhm dieſes Nebenbuhlers nagte am Herzen des daͤniſchen Königs, und je mehr Lorbeern er ſich ſelbſt in die⸗ ſem Feldzuge verſprach, deſto weniger konnte Chriſtian der Vierte es von ſich erhalten, ſie ſeinem beneideten Nachbar zu goͤnnen. Beide brachten ihre Vorſchläge und Bedingungen vor das engliſche Miniſterium, wo es endlich Chriſtian dem Vierten gelang, ſeinen Mitwerber zu überbieten. Guſtav Adolph forderte zu ſeiner Sicherheit die Einräumung einiger feſten Plaͤtze in Deutſchland, wo er ſelbſt keinen Fuß breit Landes beſaß, um ſeinen Truppen im Fall eines Un⸗ glücks die noͤthige Zuflucht zu gewähren. Chriſtian der Vierte hatte Holſtein und Jütland, durch welche Laͤnder er ſich nach einer verlornen Schlacht ſicher zurückziehen konnte. Um ſeinem Nebenbuhler den Rang abzulaufen, eilte der König von Daͤnemark, ſich im Felde zu zeigen. Zum Oberſten des niederſaͤchſiſchen Kreiſes ernannt, hatte er in kurzem ein ſechzigtauſend Mann ſtarkes Heer auf den Beinen; der Admini⸗ ſtrator von Magdeburg, die Herzoge von Braunſchweig, die Herzoge von Mecklenburg traten mit ihm in Verbindung. Der Beiſtand, zu welchem England Hoffnung gemacht hatte, er⸗ höhte ſeinen Muth, und mit einer ſolchen Macht ausgerüſtet, ſchmeichelte er ſich, dieſen Krieg in Einem Feldzuge zu endigen. Nach Wien berichtete man, daß die Bewaffnung nur zur Abſicht habe, den Kreis zu vertheidigen und die Ruhe in dieſer Gegend aufrecht zu erhalten. Aber die Unterhandlungen mit Holland, mit England, ſelbſt mit Frankreich, die außerordent⸗ lichſten Anſtrengungen des Kreiſes und die furchtbare Armee, welche man aufſtellte, ſchienen etwas mehr als bloße Ver⸗ theidigung, ſchienen die gänzliche Wiederherſtellung des 139 Kurfürſten von der Pfalz und die Demuͤthigung des zu maͤch⸗ tig gewordenen Kaiſers zum Endzweck zu haben. Nachdem der Kaiſer Unterhandlungen, Ermahnungen, Dro⸗ hungen und Befehle fruchtlos erſchöpft hatte, den König von Danemark und den niederſächſiſchen Kreis zu Niederlegung der Waffen zu vermoͤgen, fingen die Feindſeligkeiten an, und Niederdeutſchland wurde nun der Schauplatz des Kriegs. Graf Tilly folgte dem linken Ufer des Weſerſtroms, und bemächtigte ſich aller Paͤſſe bis Minden; nach einem fehlgeſchlagenen An⸗ griff auf Nienburg und ſeinem Uebergange über den Strom, überſchwemmte er das Fürſtenthum Kalemberg, und ließ es durch ſeine Truppen beſetzen. Am rechten Ufer der Weſer agirte der König, und verbreitete ſich in den braunſchweigiſchen Landen. Aber durch zu ſtarke Detachements hatte er ſein Haupt⸗ heer ſo geſchwächt, daß er mit dem Ueberreſte nichts Erhebliches ausrichten konnte. Der Ueberlegenheit ſeines Gegners bewußt, vermied er eben ſo ſorgfältig eine entſcheidende Schlacht, als der liguiſtiſche Feldherr ſie ſuchte. Bisher hatte der Kaiſer bloß mit den Waffen Bayerns und der Ligue in Deutſchland geſtritten, wenn man die ſpaniſch⸗ niederländiſchen Hülfsvölker ausnimmt, welche die Unterpfalz überfielen. Marimilian führte den Krieg als Oberſter der Reichsexecution, und Tilly, der ſie befehligte, war ein bgyeri⸗ ſcher Diener. Alle ſeine Ueberlegenheit im Felde hatte der Kaiſer den Waffen Bayerns und der Ligue zu danken; dieſe hatten alſo ſein ganzes Glück und Anſehen in Haͤnden. Dieſe Abhangigkeit von dem guten Willen Bayerns und der Ligue vertrug ſich nicht mit den weit ausſehenden Entwürfen, denen man nach einem ſo glänzenden Anfange am kaiſerlichen Hofe Raum zu geben begann. So bereitwillig die Ligue ſich gezeigt hatte, die Vertheidigung 140 des Kaiſers zu übernehmen, an welcher ihre eigene Wohlfahrt befeſtigt war, ſo wenig war zu erwarten, daß ſie dieſe Bereit⸗ willigkeit auch auf die kaiſerlichen Eroberungsplane erſtrecken würde. Oder wenn ſie auch ihre Armeen künftig zu Eroberun⸗ gen hergab, ſo war zu fürchten, daß ſie mit dem Kaiſer nichts als den allgemeinen Haß theilen würde, um für ſich allein alle Vortheile davon zu ernten. Nur eine anſehnliche Heeresmacht, von ihm ſelbſt aufgeſtellt, konnte ihn dieſer drückenden Ab⸗ hängigkeit von Bayern üͤberheben, und ihm ſeine bisherige Ueberlegenheit in Deutſchland behaupten helfen. Aber der Krieg hatte die kaiſerlichen Lande viel zu ſehr erſchöpft, um die unermeßlichen Koſten einer ſolchen Kriegsrüſtung beſtreiten zu koͤnnen. Unter dieſen Umſtaͤn den konnte dem Kaiſer nichts willkommener ſeyn, als der Antrag, womit einer ſeiner Officiere ihn überraſchte. Graf Wallenſtein war es, ein verdienter Officier, der reichſte Edelmann in Böhmen. Er hatte dem aiſerlichen Hauſe von früher Jugend an gedient, und ſich in mehreren Feldzügen gegen Türken, Venetianer, Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen auf das Rühmlichſte ausgezeichnet. Der Prager Schlacht hatte er als Oberſter beigewohnt, und nachher als Generalmajor eine ungariſche Armee in Mähren geſchlagen. Die Dankbarkeit des Kaiſers kam dieſen Dienſten gleich, und ein beträchtlicher Theil der nach dem böhmiſchen Aufruhr confiscirten Güter war ſeine Belohnung. Im Beſitz eines unermeßlichen Vermögens, von ehrgeizigen Entwürfen erhitzt, voll Zuverſicht auf ſeine glück⸗ lichen Sterne, und noch mehr auf eine gründliche Berechnung der Zeitumſtände, erbot er ſich, für den Kaiſer, auf eigene und ſeiner Freunde Koſten, eine Armee auszurüſten und völlig zu be⸗ kleiden, ja ſelbſt die Sorge für ihren Unterhalt dem Kaiſer zu erſparen, wenn ihm geſtattet wuͤrde, ſie bis auf fünfzigtauſend 141 Mann zu vergroͤßern. Niemand war, der dieſen Vorſchlag nicht als die chimäriſche Geburt eines brauſenden Kopfes ver⸗ lachte— aber der Verſuch war noch immer reichlich belohnt, wenn auch nur ein Theil des Verſprechens erfüllt wurde. Man überließ ihm einige Kreiſe in Böhmen zu Muſterplätzen, und fügte die Erlaubniß hinzu, Officiersſtellen zu vergeben. Wenige Monate, ſo ſtanden zwanzigtauſend Mann unter den Waffen, mit welchen er die öſterreichiſchen Graͤnzen verließ; bald darauf erſchien er ſchon mit dreißigtauſend an der Gränze von Niederſachſen. Der Kaiſer hatte zu der ganzen Ausrü⸗ ſtung nichts gegeben, als ſeinen Namen. Der Ruf des Feld⸗ herrn, Ausſicht auf glänzende Beförderung und Hoffnung der Beute lockten aus allen Gegenden Deutſchlands Abenteurer unter ſeine Fahnen, und ſogar regierende Fürſten, von Ruhm⸗ begierde oder Gewinnſucht gereizt, erboten ſich jetzt, Regi⸗ menter für Oeſterreich aufzuſtellen. Jetzt alſo— zum erſten Mal in dieſem Kriege— erſchien eine kaiſerliche Armee in Deutſchland; eine ſchreckenvolle Erſchei⸗ nung für die Proteſtanten, eine nicht viel erfreulichere für die Katholiſchen. Wallenſtein hatte Befehl, ſeine Armee mit den Truppen der Ligue zu vereinigen, und in Gemeinſchaft mit dem bayeriſchen General den König von Daͤnemark anzugreifen. Aber längſt ſchon eiferſüchtig auf Tilly's Kriegsruhm, bezeigte er keine Luſt, die Lorbeern dieſes Feldzugs mit ihm zu theilen, und im Schimmer von Tilly's Thaten den Ruhm der ſeinigen zu verlieren. Sein Kriegsplan unterſcützte zwar die Operatio⸗ nen des Letztern, aber ganz unabhaͤngig von denſelben führte er ihn aus. Da ihm die Quellen fehlten, aus welchen Tilly die Bedürfniſſe ſeines Heers beſtritt, ſo mußte er das ſeinige in wohlhabende Läander führen, die von dem Kriege noch nicht gelitten hatten. Ohne alſo, wie ihm befohlen war, zu dem 14²2 liguiſtiſchen Feldherrn zu ſtoßen, ruckte er in das Halberſtadtiſche und Magdeburgiſche Gebiet, und bemaͤchtigte ſich bei Deſſan der Elbe. Alle Läander an beiden Ufern dieſes Stroms lagen nun ſeinen Erpreſſungen offen; er konnte von da dem Könige von Danemark in den Rüuͤcken fallen, ja, wenn es nöthig war, in die eigenen Laͤnder desſelben einen Weg ſich bahnen. Chriſtian der Vierte fühlte die ganze Gefahr ſeiner Lage zwiſchen zwei ſo furchtbaren Heeren. Er hatte ſchon vor⸗ her den Adminiſtrator von Halberſtadt, der kürzlich aus Hol⸗ land zurückgekehrt war, an ſich gezogen; jetzt erklärte er ſich auch öffentlich für den Grafen von Mannsfeld, den er bis⸗ her verläugnet hatte, und unterſtützte ihn nach Vermögen. Reichlich erſtattete ihm Mannsfeld dieſen Dienſt. Er ganz allein beſchäftigte die Wallenſteiniſche Macht an der Elbe, und verhinderte ſie, in Gemeinſchaft mit Tilly den König aufzu⸗ reiben. Dieſer muthige General naherte ſich ſogar, der feind⸗ lichen Ueberlegenheit ungeachtet, der Deſſauer Brücke, und wagte es, den kaiſerlichen Schanzen gegenüber, ſich gleichfalls zu verſchanzen. Aber von der ganzen feindlichen Macht im Rücken angefallen, mußte er der überlegenen Anzahl weichen, und mit einem Verluſte von dreitauſend Todten ſeinen Poſten verlaſſen. Nach dieſer Niederlage zog ſich Mannsfeld in die Mark Brandenburg, wo er ſich nach einer kurzen Erholung mit neuen Truppen verſtärkte, und dann plötzlich nach Schle⸗ ſien drehte, um von dort aus in Ungarn einzudringen und in Verbindung mit Bethlen Gaborn den Krieg in das Herz der öſterreichiſchen Staaten zu verſetzen. Da die kaiſer⸗ lichen Erblande gegen einen ſolchen Feind unvertheidigt waren, ſo erhielt Wallenſtein ſchleunigen Befehl, den König von Dänemark für jetzt ganz aus den Augen zu laſſen, um Manns⸗ felden, wo möglich, den Weg durch Schleſien zu verlegen. 143 Die Diverſion, welche den Wallenſteiniſchen Truppen durch Mannsfeld gemacht wurde, erlaubte dem Könige, einen Theil ſeines Heeres in das Weſtphaliſche zu ſchicken, um dort die Bisthümer Muünſter und Osnabruck zu beſetzen. Dies zu ver⸗ hindern, verließ Tilly eilig den Weſerſtrom; aber die Be⸗ wegungen Herzog Chriſtians, welcher Miene machte, durch Heſſen in die liguiſtiſchen Laͤnder einzudringen und dahin den Krieg zu verſetzen, riefen ihn aufs Schnellſte wieder aus Weſt⸗ phalen zuruck. Um nicht von dieſen Laͤndern abgeſchnitten zu werden, und eine gefäahrliche Vereinigung des Landgrafen von Heſſen mit dem Feinde zu verhuͤten, bemächtigte ſich Tilly eiligſt aller haltbaren Plätze an der Werra und Fuld, und verſicherte ſich der Stadt Minden am Eingange der heſſiſchen Gebirge, wo beide Ströme in die Weſer zuſammenfließen. Er eroberte kurz darauf Goͤttingen, den Schlüſſel zu Braunſchweig und Heſſen, und hatte Nordheim dasſelbe Schickſal zugedacht, welches aber zu verhindern der König mit ſeiner ganzen Armee herbeieilte. Nachdem er dieſen Ort mit allem Nöthigen ver⸗ ſehen, um eine lange Belagerung auszuhalten, ſuchte er ſich durch das Eichsfeld und Thüringen einen neuen Weg in die liguiſtiſchen Laͤnder zu eröffnen. Schon war er Duderſtadt vorbei; aber durch ſchnelle Mäͤrſche hatte ihm Graf Tilly den Vorſprung abgewonnen. Da die Armee des Letztern, durch einige Wallenſteiniſche Regimenter verſtärkt, der ſeinigen an Zahl weit überlegen war, ſo wendete ſich der König in das Braunſchweigiſche zurück, um eine Schlacht zu vermeiden. Aber auf eben dieſem Ruͤckzuge verfolgte ihn Tilly ohne Un⸗ terlaß, und nach einem dreitägigen Scharmützel mußte er end⸗ lich bei dem Dorfe Lutter, am Barenberge, dem Feinde ſtehen. Die Daͤnen thaten den Angriff mit vieler Tapferkeit, und dreimal führte ſie der muthvolle König gegen den Feind; endlich 144 aber mußte der ſchwaͤchere Theil der uͤberlegenen Anzahl und beſſern Kriegsübung des Feindes weichen, und ein vollkomme⸗ ner Sieg wurde von dem liguiſtiſchen Feldherrn erfochten. Sechzig Fahnen und die ganze Artillerie, Bagage und Munition gingen verloren; viele edle Officiere blieben todt auf dem Platze, gegen viertauſend von den Gemeinen; mehrere Compagnien Fußvolk, die ſich auf der Flucht in das Amthaus zu Lutter geworfen, ſtreckten das Gewehr und ergaben ſich dem Sieger. Der König entfloh mit ſeiner Reiterei, und ſammelte ſich nach dieſem empfindlichen Schlage bald wieder. Tilly ver⸗ folgte ſeinen Sieg, bemachtigte ſich der Weſer und der braun⸗ ſchweigiſchen Lande, und trieb den König bis in das Bremiſche zuruͤck. Durch ſeine Niederlage ſchuchtern gemacht, wollte dieſer nur vertheidigungsweiſe verfahren, beſonders aber dem Feinde den Uebergang über die Elbe verwehren. Aber indem er in alle haltbaren Plätze Beſatzungen warf, blieb er unthätig mit einer getheilten Macht; die zerſtreuten Corps wurden nach einander von dem Feinde zerſtreut oder aufgerieben. Die liguiſtiſchen Truppen, des ganzen Weſerſtroms maͤchtig, ver⸗ breiteten ſich uͤber die Elbe und Havel, und die däniſchen ſahen ſich aus einem Poſten nach dem andern verjagt. Tilly ſelbſt war über die Elbe gegangen, und hatte bis weit in das Brandenburgiſche ſeine ſiegreichen Waffen verbreitet, indem Wallenſtein von der andern Seite in Holſtein eindrang, den Krieg in die eigenen Laͤnder des Königs zu ſpielen. Dieſer General kam eben aus Ungarn zurück, bis wohin er dem Grafen Mannsfeld gefolgt war, ohne ſeinen Marſch ufhalten oder ſeine Vereinigung mit Bethlen Gaborn verhindern zu können. Immer von dem Schickſale verfolgt, und immer größer als ſein Schickſal, hatte ſich dieſer unter unendlichen Schwierigkeiten gluͤcklich durch Schleſien und Ungarn 145 zu dem Fürſten von Siebenbürgen hindurchgeſchlagen, wo er aber nicht ſehr willkommen war. Im Vertrauen auf engliſchen Beiſtand, und auf eine machtige Diverſion in Niederſachſen, hatte Gabor aufs Neue den Waffenſtillſtand mit dem Kaiſer gebrochen, und anſtatt dieſer gehofften Diverſion brachte ihm jetzt Mannsfeld die ganze Wallenſteiniſche Macht mit, und forderte Geld von ihm, anſtatt es zu bringen. Dieſe wenige Uebereinſtimmung unter den proteſtantiſchen Fürſten erkältete Gabors Eifer, und er eilte, wie gewoͤhnlich, ſich der über⸗ legenen Macht des Kaiſers durch einen geſchwinden Frieden zu entledigen. Feſt entſchloſſen, denſelben bei dem erſten Strahle von Hoffnung wieder zu brechen, wies er den Grafen von Mannsfeld an die Republik Venedig, um dort vor allem Andern Geld aufzubringen. Von Deutſchland abgeſchnitten, und ganz außer Stande, den ſchwachen Ueberreſt ſeiner Truppen in Ungarn zu ernaͤhren, verkaufte Mannsfeld Geſchütz und Heergerathe, und ließ ſeine Soldaten auseinandergehen. Er ſelbſt nahm mit einem kleinen Gefolge den Weg durch Bosnien und Dalmatien nach Venedig; neue Entwürfe ſchwellten ſeinen Muth; aber ſein Lauf war vollendet. Das Schickſal, das ihn im Leben ſo unſtät herumwarf, hatte ihm ein Grab in Dalmatien bereitet. Nicht weit von Zarg übereilte ihn der Tod(1626). Kurz vorher war ſein treuer Schickſalsgenoſſe, Herzog Chriſtian von Braunſchweig geſtorben— zwei Männer, der Unſterb⸗ lichkeit werth, häͤtten ſie ſich eben ſo über ihr Zeitalter als über ihr Schickſal erhoben. Der König von Danemark hatte mit einer vollzahligen Macht dem einzigen Tilly nicht Stand halten können; wie viel weniger jetzt beiden kaiſerlichen Generalen mit einer geſchwächten! Die Daͤnen wichen aus allen ihren Poſten an der Schillers ſaͤmmtl. Werke. 1X. 10 146 Weſer, Elbe und Havel, und die Armee Wallenſteins ergoß ſich über Brandenburg, Mecklenburg, Holſtein und Schleswig wie ein reißender Strom. Dieſer General, allzu übermüthig, um mit einem Andern gemeinſchaftlich zu agiren, hatte den liguiſtiſchen Feldherrn über die Elbe geſchickt, um dort die Hollaänder zu beobachten; eigentlich aber, damit er ſelbſt den Krieg mit dem König endigen, und die Fruͤchte der von Tilly erfochtenen Siege für ſich allein ernten möchte. Alle feſten Plätze in ſeinen deutſchen Staaten, Glückſtadt allein ausgenom⸗ men, hatte Chriſtian verloren, ſeine Heere waren geſchlagen oder zerſtreut, von Deutſchland aus keine Hülfe, von England wenig Troſt, ſeine Bundesgenoſſen in Niederſachſen der Wuth des Siegers preisgegeben. Den Landgrafen von Heſſen⸗Kaſſel hatte Tilly gleich nach dem Siege bei Lutter gezwungen, der daniſchen Allianz zu entſagen. Wallenſteins furchtbare Er⸗ ſcheinung vor Berlin brachte den Kurfürſten von Brandenburg zur Unterwerfung, und zwang ihn, Maximilian von Bayern als rechtmäßigen Kurfürſten anzuerkennen. Der größte Theil Mecklenburgs ward jetzt von den kaiſerlichen Truppen über⸗ ſchwemmt, beide Herzoge, als Anhänger des Königs von Däne⸗ mark, in die Reichsacht erklaärt und aus ihren Staaten ver⸗ trieben. Die deutſche Freiheit gegen widerrechtliche Eingriffe vertheidigt zu haben, wurde als ein Verbrechen behandelt, das den Verluſt aller Würden und Laͤnder nach ſich zog. Und doch war alles dies nur das Vorſpiel ſchreiender Gewaltthatig⸗ keiten, welche bald darauf folgen ſollten. Jetzt kam das Geheimniß an den Tag, auf welche Art Wallenſtein ſeine ausſchweifenden Verſprechungen zu erfüllen meinte. Dem Grafen Man nsfeld war es abgelernt; aber der Schüler übertraf ſeinen Meiſter. Dem Grundſatze gemäß, daß der Krieg den Krieg ernähren muſſe, hatten Mannsfeld 147 und Herzog Chriſtian mit den Brandſchatzungen, die ſie von Freund und Feind ohne Unterſchied erpreßten, die Bedürfniſſe ihrer Truppen beſtritten; aber dieſe räuberiſche Lebensart waa auch von allem Ungemach und aller Unſicherheit des Raͤuber⸗ lebens begleitet. Gleich flüchtigen Dieben mußten ſie ſich durch wachſame und erbitterte Feinde ſtehlen, von einem Ende Deutſch⸗ lands zum andern fliehen, angſtlich auf die Gelegenheit lauern, und gerade die wohlhabendſten Länder meiden, weil eine ſtärkere Macht dieſe vertheidigte. Hatten Mannsfeld und Herzog Chriſtian, im Kampfe mit ſo furchtbaren Hinderniſſen, doch ſo erſtaunlich viel gethan, was mußte ſich dann nicht ausrichten laſſen, wenn man aller dieſer Hinderniſſe überhoben war,— wenn die Armee, die man aufſtellte, zahlreich genng war, auch den machtigſten einzelnen Reichsſtand in Furcht zu ſetzen,— wenn der Name des Kaiſers allen Gewaltthatigkeiten die Straf⸗ loſigkeit verſicherte,— kurz— wenn man unter der höͤchſten Autorität im Reiche, und an der Spitze eines überlegenen Heeres, denſelben Kriegsplan befolgte, welchen jene beiden Abenteurer auf eigene Gefahr und mit einer zuſammen⸗ gelaufenen Bande in Ausübung gebracht hatten! Dies hatte Wallenſtein im Auge, da er dem Kaiſer ſein kühnes Anerbieten that, und jetzt wird es Niemand mehr übertrieben finden. Je mehr man das Heer verſtaͤrkte, deſto weniger durfte man um den Unterhalt desſelben bekümmert ſeyn, denn deſto mehr brachte es die widerſetzlichen Stände zum Zittern; je ſchreiender die Gewaltthatigkeiten, deſto ungeſtrafter konnte man ſie veruben. Gegen feindlich geſinnte Reichsſtaͤnde hatten ſis einen Schein des Rechts; gegen getreue konnte die vorgeſchützte Nothwendigkeit ſie entſchuldigen. Die ungleiche Vertheilung dieſes Druckes verhinderte eine gefahrliche Einigkeit unter den Staͤnden; die Erſchöpfung ihrer Laͤnder entzog ihnen 148 zugleich die Mittel, ſie zu ruͤgen. Ganz Deutſchland wurde auf dieſe Art ein Proviantmagazin für die Heere des Kaiſers, und er konnte mit allen Territorien wie mit ſeinen Erblanden ſchalten. Allgemein war das Geſchrei um Gerechtigkeit am Throne des Kaiſers; aber man war vor der Selbſtrache der gemißhandelten Fuͤrſten ſicher, ſo lange ſie um Gerechtigkeit riefen. Der allgemeine Unwillen zertheilte ſich zwiſchen dem Kaiſer, der ſeinen Namen zu dieſen Gräneln gab, und dem Feldherrn, der ſeine Vollmacht üͤberſchritt, und offenbar die Autoritat ſeines Herrn mißbrauchte. Durch den Kaiſer nahm man den Weg, um gegen ſeinen Feldherrn Schutz zu erhalten; aber ſobald er ſich durch ſeine Truppen allmaͤchtig wußte, hatte Wallenſtein auch den Gehorſam gegen den Kaiſer ab⸗ geworfen. Die Erſchoͤpfung des Feindes ließ einen nahen Frieden mit Wahrſcheinlichkeit erwarten; dennoch fuhr Wallenſtein fort, die kaiſerlichen Heere immer mehr, zuletzt bis auf hundert⸗ tauſend Mann, zu verſtaͤrken. Oberſten⸗ und Officierspatente ohne Zahl, ein königlicher Staat des Generals, unmaͤßige Ver⸗ ſchwendung an ſeine Creaturen(nie ſchenkte er unter tauſend Gulden), unglaubliche Summen für Beſtechungen am Hofe des Kaiſers, um dort ſeinen Einfluß zu erhalten— alles dieſes ohne den Kaiſer zu beſchweren. Aus den Brandſchatzungen der niederdeutſchen Provinzen wurden alle dieſe unermeßlichen Summen gezogen; kein Unterſchied zwiſchen Freund und Feind, gleich eigenmachtige Durchzüge und Einquartierungen in aller Herren Ländern, gleiche Erpreſſungen und Gewaltthätigkeiten. Dürfte man einer ausſchweifenden Angabe aus jenen Zeiten trauen, ſo hätte Wallenſtein in einem ſiebenjahrigen Commando ſechzigtauſend Millionen Thaler aus einer Halfte Deutſchlands an Contributionen erhoben. Je ungeheurer die 149 Erpreſſungen, deſto mehr Vorrath für ſeine Heere, deſto ſtärker alſo der Zulauf zu ſeinen Fahnen; alle Welt fliegt nach dem Glücke. Seine Armeen ſchwollen an, indem alle Laͤnder welkten, durch die ſie zogen. Was küͤmmerte ihn nun der Fluch der Provinzen und das Klaggeſchrei der Fuͤrſten? Sein Heer betete ihn an, und das Verbrechen ſelbſt ſetzte ihn in den Stand, alle Folgen desſelben zu verlachen. Man wuüͤrde dem Kaiſer Unrecht thun, wenn man alle die Ausſchweifungen ſeiner Armeen auf ſeine Rechnung ſetzen wollte. Wußte es Ferdinand vorher, daß er ſeinem Feld⸗ herrn alle deutſchen Staaten zum Raube gab, ſo hätte ihm nicht verborgen bleiben koͤnnen, wie viel er ſelbſt bei einem ſo unumſchränkten Feldherrn Gefahr lief. Je enger ſich das Band zwiſchen der Armee und ihrem Anfuͤhrer zuſammenzog, von dem allein alles Glück, alle Beförderung ausfloß, deſto mehr mußte es zwiſchen Beiden und dem Kaiſer erſchlaffen. Zwar geſchah Alles im Namen des Letztern; aber die Majeſtaͤt des Reichsoberhaupts wurde von Wallenſtein nur gebraucht, um jede andere Autorität in Deutſchland zu zermalmen. Daher der überlegte Grundſatz dieſes Mannes, die deutſchen Reichs⸗ fürſten ſichtbar zu erniedrigen, alle Stufen und Ordnungen zwiſchen dieſen Füͤrſten und dem Reichsoberhaupte zu zerbrechen, und das Anſehen des Letztern uüber alle Vergleichung zu er⸗ höhen. War der Kaiſer die einzige geſetzgebende Macht in Deutſchland, wer reichte alsdann hinauf an den Vezier, den er zum Vollzieher ſeines Willens gemacht hatte? Die Hoͤhe, auf welche Wallenſtein ihn ſtellte, uͤberraſchte ſogar den Kaiſer; aber eben weil dieſe Groͤße des Herrn das Werk ſeines Dieners war, ſo ſollte dieſe Wallenſteiniſche Schöpfung wieder in ihr Nichts zurückſinken, ſobald ihr die Hand ihres Schöpfers fehlte. Nicht umſonſt empörte er alle Reichsfürſten Deutſchlands gegen 150 den Kaiſer— je heftiger ihr Haß gegen Ferdinand, deſto nothwendiger mußte ihm derjenige Mann bleiben, der allein ihren ſchlimmen Willen unſchädlich machte. Seine Abſicht ging unverkennbar dahin, daß ſein Oberherr in ganz Deutſchland keinen Menſchen mehr zu fürchten haben ſollte, als— den Einzigen, dem er dieſe Allmacht verdankte. Ein Schritt zu dieſem Ziele war, daß Wallenſtein das eben eroberte Mecklenburg zum einſtweiligen Unterpfande für ſich verlangte, bis die Geldvorſchüſſe, welche er dem Kaiſer in dem bisherigen Feldzuge gethan, erſtattet ſeyn wuͤrden. Schon vorher hatte ihn Ferdinand, wahrſcheinlich, um ſeinem General einen Vorzug mehr vor dem bayeriſchen zu geben, zum Herzoge von Friedland erhoben; aber eine gewöhnliche Beloh⸗ nung konnte den Ehrgeiz eines Wallenſtein nicht erſättigen. Vergebens erhoben ſich ſelbſt in dem kaiſerlichen Rathe unwil⸗ lige Stimmen gegen dieſe neue Beförderung, die auf Unkoſten zweier Reichsfürſten geſchehen ſollte; umſonſt widerſetzten ſich ſelbſt die Spanier, welche laͤngſt ſchon ſein Stolz beleidigt hatte, ſeiner Erhebung. Der maͤchtige Anhang, welchen ſich Wallen⸗ ſtein unter den Rathgebern des Kaiſers erkauft hatte, behielt die Oberhand; Ferdinand wollte ſich, auf' welche Art es auch ſeyn moͤchte, dieſen unentbehrlichen Diener verpflichten. Man ſtieß eines leichten Vergehens wegen die Nachkoͤmmlinge eines der älteſten deutſchen Fürſtenhaͤuſer aus ihrem Erbtheil, um eine Creatur der kaiſerlichen Gnade mit ihrem Raube zu bekleiden(1628). Bald darauf fing Wallenſtein an, ſich einen Generaliſ⸗ ſimus des Kaiſers zu Waſſer und zu Lande zu nennen. Die Stadt Wismar wurde erobert, und feſter Fuß an der Oſtſee gewonnen. Von Polen und den Hanſeſtädten wurden Schiffe gefordert, um den Krieg jenſeits des baltiſchen Meeres zu ſpielen, 151 die Danen in das Innerſte ihres Reichs zu verfolgen, um einen Frieden zu erzwingen, der zu größern Eroberungen den Weg bahnen ſollte. Der Zuſammenhang der niederdeutſchen Stäͤnde mit den nordiſchen Reichen war zerriſſen, wenn es dem Kaiſer gelang, ſich in die Mitte zwiſchen beiden zu lagern, und von dem adriatiſchen Meere bis an den Sund(das da⸗ zwiſchen liegende Polen ſtand in ſeiner Abhängigkeit) Deutſch⸗ land mit einer fortlaufenden Landerkette zu umgeben. Wenn dies die Abſicht des Kaiſers war, ſo hatte Wallenſtein ſeine beſondere, den nämlichen Plan zu befolgen. Beſitzungen an der Oſtſee ſollten den Grundſtein zu einer Macht abgeben, womit ſich ſchon längſt ſeine Ehrſucht trug, und welche ihn in den Stand ſetzen ſollte, ſeinen Herrn zu entbehren. Dieſe Zwecke zu erreichen, war es von aͤußerſter Wichtigkeit, die Stadt Stralſund am baltiſchen Meere in Beſitz zu be⸗ kommen. Ihr vortrefflicher Hafen, die leichte Ueberfahrt von da nach den ſchwediſchen und däniſchen Küſten machte ſie vor⸗ züglich geſchickt, in einem Kriege mit beiden Kronen einen Waffenplatz abzugeben. Dieſe Stadt, die ſechste des Hanſeati⸗ ſchen Bundes, genoß unter dem Schutze des Herzogs von Pommern die wichtigſten Pripilegten, und, völlig außer aller Verbindung mit Daͤnemark, hatte ſie an dem bisherigen Kriege auch nicht den entfernteſten Antheil genommen. Aber weder dieſe Neutralitat noch ihre Privilegien konnten ſie vor den Anmaßungen Wallen ſteius ſchützen, der ſeine Abſicht auf ſie gerichtet hatte. Einen Antrag dieſes Generals, kaiſerliche Beſatzung anzu⸗ nehmen, hatte der Magiſtrat von Stralſund mit rühmlicher Standhaftigkeit verworfen, auch ſeinen Truppen den grgliſtig verlangten Durchmarſch verweigert. Jetzt ſchickte Wallen⸗ ſtein ſich an, die Stadt zu belagern. 4 152 Für beide nordiſche Könige war es von gleicher Wichtigkeit, Stralſund bei ſeiner Unabhaͤngigkeit zu ſchutzen, ohne welche die freie Schifffahrt auf dem Belte nicht behauptet werden konnte. Die gemeinſchaftliche Gefahr beſiegte endlich die Privat⸗ eiferſucht, welche ſchon längſt beide Könige entzweite. In einem Vertrage zu Kopenhagen(1628) verſprachen ſie einander, Stralſund mit vereinigten Kraͤften aufrecht zu erhalten, und gemeinſchaftlich jede fremde Macht abzuwehren, welche in feind⸗ licher Abſicht in der Oſtſee erſcheinen würde. Chriſtian der Vierte warf ſogleich eine hinreichende Beſatzung in Stralſund, und ſtärkte durch ſeinen perſönlichen Beſuch den Muth der Bürger. Einige Kriegsſchiffe, welche König Sigismund von Polen dem kaiſerlichen Feldherrn zu Hülfe ſchickte, wurden von der daniſchen Flotte in Grund gebohrt, und da ihm nun auch die Stadt Lubeck die ihrigen abſchlug, ſo hatte der kaiſer⸗ liche Generaliſſimus zur See nicht einmal Schiffe genug, den Hafen einer einzigen Stadt einzuſchließen. Nichts ſcheint abenteuerlicher zu ſeyn, als einen Seeplatz, der aufs Vortrefflichſte befeſtigt war, erobern zu wollen, ohne ſeinen Hafen einzuſchließen. Wallenſtein, der noch nie einen Widerſtand erfahren, wollte nun auch die Natur über⸗ winden und das Unmöͤgliche beſiegen. Stralſund, von der Seeſeite frei, fuhr ungehindert fort, ſich mit Lebensmitteln zu verſehen, und mit neuen Truppen zu verſtarken; nichts deſto⸗ weniger umzingelte es Wallenſtein zu Lande, und ſuchte durch prahleriſche Drohungen den Mangel gründlicher Mittel zu erſetzen.„Ich will,“ ſagte er,„dieſe Stadt wegnehmen, und ware ſie mit Ketten an den Himmel gebunden.“ Der Kaiſer ſelbſt, welcher eine Unternehmung bereuen mochte, wo⸗ von er ſich keinen rühmlichen Ausgang verſprach, ergriff mit Begierde die ſcheinbare Unterwurfigkeit und einige annehmliche 5 153 Erbietungen der Stralſunder, ſeinem General den Abzug von der Stadt zu befehlen. Wallenſtein verachtete dieſen Befehl und fuhr fort, den Belagerten durch unabläſſige Stuͤrme zuzu⸗ ſetzen. Da die daniſche Beſatzung ſchon ſtark geſchmolzen, der Ueberreſt der raſtloſen Arbeit nicht gewachſen war, und der Koͤnig ſich außer Stand befand, eine groͤßere Anzahl von Trup⸗ pen an dieſe Stadt zu wagen, ſo warf ſich Stralſund, mit Chriſtians Genehmigung, dem König von Schweden in die Arme. Der daniſche Commandant verließ die Feſtung, um einem ſchwediſchen Platz zu machen, der ſie mit dem glück⸗ lichſten Erfolge vertheidigte. Wallenſteins Glück ſcheiterte vor dieſer Stadt, und zum erſten Male erlebte ſein Stolz die Kraͤnkung, nach mehreren verlorenen Monaten, nach einem Verluſte von zwölftauſend Todten, ſeinem Vorhaben zu ent⸗ ſagen. Aber die Nothwendigkeit, in welche er dieſe Stadt ge⸗ ſetzt hatte, den ſchwediſchen Schutz anzurufen, veranlaßte ein enges Bündniß zwiſchen Guſtav Adolph und Stralſund, welches in der Folge den Eintritt der Schweden in Deutſch⸗ land nicht wenig erleichterte. Bis hierher hatte das Gluͤck die Waffen der Ligue und des Kaiſers begleitet, und Chriſtian der Vierte, in Deutſch⸗ land üͤberwunden, mußte ſich in ſeinen Inſeln verbergen; aber die Oſtſee ſetzte dieſen Eroberungen eine Gränze. Der Abgang der Schiffe hinderfe nicht nur, den König weiter zu verfolgen, ſondern ſetzte auch den Sieger noch in Gefahr, die gemachten Eroberungen zu verlieren. Am meiſten hatte man von der Vereinigung beider nordiſchen Monarchen zu fuͤrchten, welche es, wenn ſie Beſtand hatte, dem Kaiſer und ſeinem Feldherru unmoͤglich machte, auf der Oſtſee eine Rolle zu ſpielen, oder gar eine Landung in Schweden zu thun. Gelang es aber, die Sache dieſer beiden Fuͤrſten zu trennen und ſich der Freundſchaft des däniſchen Königs insbeſondere zu verſichern, ſo konnte man die einzelne ſchwediſche Macht deſto leichter zu überwaltigen hoffen. Furcht vor Einmiſchung fremder Maͤchte, aufrühreriſche Bewegungen der Proteſtanten in ſeinen eigenen Staaten, die ungeheuern Koſten des bisher geführten Kriegs, und noch mehr der Sturm, den man im ganzen proteſtanti⸗ ſchen Deutſchland im Begriff war zu erregen, ſtimmten das Gemüth des Kaiſers zum Frieden, und aus ganz entgegenge⸗ ſetzten Gründen beeiferte ſich ſein Feldherr, dieſen Wunſch zu erfüllen. Weit entfernt, einen Frieden zu wünſchen, der ihn aus dem Mittagsglanze der Größe und Gewalt in die Dunkel⸗ heit des Privatſtandes herunterſtuͤrzte, wollte er nur den Schauplatz des Kriegs verändern, und durch dieſen einſeitigen Frieden die Verwirrung verlängern. Die Freundſchaft Däne⸗ marks, deſſen Nachbar er als Herzog von Mecklenburg gewor⸗ den, war ihm für ſeine weit ausſehenden Entwürfe ſehr wich⸗ tig, und er beſchloß, ſelbſt mit Hintanſetzung der Vortheile ſeines Herrn, ſich dieſen Monarchen zu verpflichten. Chriſtian der Vierte hatte ſich in dem Vertrage von Kopenhagen verbindlich gemacht, ohne Zuziehung Schwedens keinen einſeitigen Frieden mit dem Kaiſer zu ſchließen. Deſſen ungeachtet wurde der Antrag, den ihm Wallenſtein that, mit Bereitwilligkeit angenommen. Auf einem Congreſſe zu Lübeck(1629), von welchem Wallenſtein die ſchwediſchen Geſandten, die für Mecklenburg zu intercediren kamen, mit ausſtudirter Geringſchätzung abwies, wurden von kaiſerlicher Seite alle den Dänen weggenommenen Lander zurückgegeben. Man legte dem Koͤnige auf, ſich in die Angelegenheiten Deutſchlands fernerhin nicht weiter einzumengen, als ihm der Name eines Herzogs von Holſtein geſtattete, ſich der nieder⸗ deutſchen Stifter unter keinem Namen mehr anzumaßen und — 155 die mecklenburgiſchen Herzoge ihrem Schickſale zu überlaſſen. Chriſtian ſelbſt hatte dieſe beiden Fürſten in den Krieg mit dem Kaiſer verwickelt; jetzt opferte er ſie auf, um ſich den Räuber ihrer Staaten zu verpflichten. Unter den Beweggrün⸗ den, welche ihn zum Kriege gegen den Kaiſer veranlaßten, war die Wiederherſtellung des Kurfürſten von der Pfalz, ſeines Verwandten, nicht die unerheblichſte geweſen— auch dieſes Fürſten wurde in dem Lübecker Frieden mit keiner Sylbe ge⸗ dacht, und in einem Artikel desſelben ſogar die Rechtmäßig⸗ keit der bayeriſchen Kurwürde eingeſtanden. Mit ſo wenig Ruhm trat Chriſtian der Vierte vom Schauplatze. Zum zweiten Male hatte Ferdinand jetzt die Ruhe Deutſchlands in Händen, und es ſtand nur bei ihm, den Frie⸗ den mit Daͤnemark in einen allgemeinen zu verwandeln. Aus allen Gegenden Deutſchlands ſchallte ihm das Jammern der Unglücklichen entgegen, die um das Ende ihrer Drangſale flehten; die Graͤuel ſeiner Soldaten, die Habſucht ſeiner Feld⸗ herren hatten alle Gränzen uͤberſtiegen. Deutſchland, von den verwüſtenden. Schwärmen Mannsfelds und Chriſtians von Braunſchweig, von den ſchrecklichern Heerſchaaren Tilly's und Wallenſteins durchzogen, lag erſchöpft, blu⸗ tend, verödet und ſeufzte nach Erholung. Machtig war der Wunſch des Friedens bei allen Ständen des Reichs, mächtig ſelbſt bei dem Kaiſer, der, in Oberitalien mit Frankreich in Krieg verwickelt, durch den bisherigen in Deutſchland entkräͤftet und vor den Rechnungen bange war, die ſeiner warteten. Aber unglücklicherweiſe widerſprachen ſich die Bedingungen, unter welchen beide Religionsparteien das Schwert in die Scheide ſtecken wollten. Die Katholiſchen wollten mit Vortheil aus die⸗ ſem Kriege gehen; die Proteſtanten wollten nicht ſchlimmer daraus gehen— der Kaiſer, anſtatt beide Theile mit kluger 156 Mäßigung zu vereinigen, nahm Partei; und ſo ſtürzte Deutſchland aufs Neue in die Schrecken eines entſetzlichen Kriegs. Schon ſeit Endigung der boͤhmiſchen Unruhen hatte Fer⸗ dinand die Gegenreformation in ſeinen Erbſtaaten angefan⸗ gen; wobei jedoch aus Rückſicht gegen einige evangeliſche Staͤnde mit Mäßigung verfahren wurde. Aber die Siege, welche ſeine Feldherren in Niederdeutſchland erfochten, machten ihm Muth, allen bisherigen Zwang abzuwerfen. Allen Proteſtanten in ſeinen Erbländern wurde, dieſem Entſchluſſe gemaͤß, angeküͤn⸗ digt, entweder ihrer Religion oder ihrem Vaterlande zu entſagen— eine bittere, ſchreckliche Wahl, welche die fuͤrch⸗ terlichſten Empoͤrungen unter den Landleuten in Oeſterreich erregte. In den pfalziſchen Landen wurde gleich nach Vertrei⸗ bung Friedrichs des Funften der reformirte Gottesdienſt aufgehoben, und die Lehrer dieſer Religion von der hohen Schule zu Heidelberg vertrieben. Dieſe Neuerungen waren nur das Vorſpiel zu größern. Auf einem Kurfuͤrſtenconvent zu Muhlhauſen forderten die Ka⸗ tholiken den Kaiſer auf, alle ſeit dem Religionsfrieden zu Augs⸗ burg von den Proteſtanten eingezogenen Erzbisthuͤmer, Bisthü⸗ mer, mittelbaren und unmittelbaren Abteien und Klöſter wieder an die katholiſche Kirche zurückzubringen, und dadurch die ka⸗ tholiſchen Stände für die Verluſte und Bedruüͤckungen zu ent⸗ ſchädigen, welche ſie in dem bisherigen Kriege erlitten hätten. Bei einem ſo ſtreng katholiſchen Fürſten, wie es Ferdinand war, konnte ein ſolcher Wink nicht zur Erde fallen; aber noch ſchien es ihm zu fruͤhe, das ganze proteſtantiſche Deutſchland durch einen ſo entſcheidenden Schritt zu empoören. Kein einziger proteſtantiſcher Fürſt war, dem dieſe Zurückforderung der geiſt⸗ lichen Stifter nicht einen Theil ſeiner Lande nahm. Wo man die Einkuͤnfte derſelben auch nicht ganz zu weltlichen Zwecken 157 beſtimmt hatte, hatte man ſie zum Nutzen der proteſtantiſchen Kirche verwendet. Mehrere Fürſten dankten dieſen Erwer⸗ bungen einen großen Theil ihrer Einkünfte und Macht. Alle ohne Unterſchied mußten durch Zurückforderung derſelben in Aufruhr gebracht werden. Der Religionsfriede ſprach ihnen das Recht an dieſe Stifter nicht ab, obgleich er es eben ſo wenig außer Zweifel ſetzte. Aber ein langer, bei Vielen faſt ein Jahr⸗ hundert langer Beſitz, das Stillſchweigen von vier bisherigen Kaiſern, das Geſetz der Billigkeit, welches ihnen an den Stif⸗ tungen ihrer Vorältern einen gleichen Antheil mit den Katho⸗ liſchen zuſprach, konnte als ein vollguͤltiger Grund des Rechts von ihnen angefuührt werden. Außer dem wirklichen Verluſte, den ſie durch Zurückgabe dieſer Stifter an ihrer Macht und Ge⸗ richtsbarkeit erlitten, außer den unüberſehlichen Verwirrungen, welche die Folge davon ſeyn mußten, war dies kein geringer Nachtheil für ſie, daß die wieder eingeſetzten katholiſchen Biſchöfe die katholiſche Partei auf dem Reichstage mit eben ſo viel neuen Stimmen verſtaͤrken ſollten. So empfindliche Ver⸗ luſte auf Seiten der Evangeliſchen ließen den Kaiſer die heftigſte Widerſetzung befürchten, und ehe das Kriegsfeuer in Deutſch⸗ land gedampft war, wollte er eine ganze, in ihrer Vereinigung furchtbare Partei, welche an dem Kurfürſten von Sachſen eine mächtige Stütze hatte, nicht zur Unzeit gegen ſich reizen. Er verſuchte es alſo vorerſt im Kleinen, um zu erfahren, wie man es im Großen aufnehmen würde. Einige Reichsſtädte in Ober⸗ deutſchland und der Herzog von Wuürttemberg erhielten Man⸗ date, verſchiedene ſolcher eingezogenen Stifter herauszugeben. Die Lage der Umſtaͤnde in Sachſen ließ ihn dort noch einige kühnere Verſuche wagen. In den Bisthümern Magdeburg und Halberſtadt hatten die proteſtantiſchen Domherrn keinen Anſtand genommen, Biſchöfe von ihrer Religion aufzuſtellen. 158 Beide Bisthümer, die Stadt Magdeburg allein ausgenommen, hatten Wallenſteiniſche Truppen jetzt uͤberſchwemmt. Zufälliger⸗ weiſe war Halberſtadt durch den Tod des Adminiſtrators, Herzogs Chriſtian von Braunſchweig, das Erzſtift Magdeburg durch Abſetzung Chriſtian Wilhelms, eines brandenburgiſchen Prinzen, erledigt. Ferdinand benutzte dieſe beiden Umſtaͤnde, um das halberſtaͤdtiſche Stift einem katho⸗ liſchen Biſchofe, und noch dazu einem Prinzen aus ſeinem eigenen Hauſe, zuzuwenden. Um nicht einen ahnlichen Zwang zu erleiden, eilte das Capitel zu Magdeburg, einen Sohn des Kurfürſten von Sachſen zum Erzbiſchofe zu erwahlen. Aber der Papſt, der ſich aus angemaßter Gewalt in dieſe Ange⸗ legenheit mengte, ſprach dem öſterreichiſchen Prinzen auch das Magdeburgiſche Erzſtift zu; und man konnte ſich nicht ent⸗ halten, die Geſchicklichkeit Ferdinands zu bewundern, der über dem heiligſten Eifer für ſeine Religion nicht vergaß, fuͤr das Beſte ſeines Hauſes zu ſorgen. Endlich, als der Lübecker Friede den Kaiſer von Seiten Dänemarks außer alle Furcht geſetzt hatte, die Proteſtanten in Deutſchland gaͤnzlich darniederzuliegen ſchienen, die Forde⸗ rungen der Ligne aber immer lauter und dringender wurden, unterzeichnete Ferdinand das durch ſo viel Unglück berüch⸗ tigte Reſtitutionsedict(1629), nachdem er es vorher jedem der vier katholiſchen Kurfürſten zur Genehmigung vor⸗ gelegt hatte. In dem Eingange ſpricht er ſich das Recht zu, den Sinn des Religionsfriedens, deſſen ungleiche Deutung zu allen bisherigen Irrungen Anlaß gegeben, vermittelſt kaiſer⸗ licher Machtvollkommenheit zu erklären und als oberſter Schieds⸗ mann und Richter zwiſchen beide ſtreitende Parteien zu treten. Dieſes Recht gruͤndete er auf die Obſervanz ſeiner Vorfahren und auf die ehemals geſchehene Einwilligung ſelbſt proteſtantiſcher 159 Stande. Kurſachſen hatte dem Kaiſer wirklich dieſes Recht zu⸗ geſtanden; jetzt ergab es ſich, wie großen Schaden dieſer Hof durch ſeine Anhaͤnglichkeit an Oeſterreich der proteſtantiſchen Sache zugefugt hatte. Wenn aber der Buchſtabe des Reli⸗ gionsfriedens wirklich einer ungleichen Auslegung unterworfen war, wie der ein Jahrhundert lange Zwiſt beider Religions⸗ parteien es genugſam bezeugte, ſo konnte doch auf keine Weiſe der Kaiſer, der entweder ein katholiſcher oder ein proteſtan⸗ tiſcher Reichsfuͤrſt und alſo ſelbſt Partei war, zwiſchen katho⸗ liſchen und proteſtantiſchen Standen einen Religionsſtreit ent⸗ ſcheiden— ohne den weſentlichen Artikel des Religionsfriedens zu verletzen. Er konnte in ſeiner eigenen Sache nicht Richter ſeyn, ohne die Freiheit des deutſchen Reichs in einen leeren Schall zu verwandeln. Und nun in Kraft dieſes angemaßten Rechts den Reli⸗ gionsfrieden auszulegen, gab Ferdinand die Entſcheidung: „daß jede nach dem Datum dieſes Friedens von den Prote⸗ ſtanten geſchehene Einziehung ſowohl mittelbarer als unmit⸗ telbarer Stifter dem Sinne dieſes Friedens zuwiderlaufe und als eine Verletzung desſelben widerrufen ſey.“ Er gab ferner die Entſcheidung:„daß der Religionsfriede keinem katholiſchen Landesherrn auflege, proteſtantiſchen Unterthanen etwas mehr als freien Abzug aus ſeinen Landen zu bewilligen.“ Dieſem Ausſpruche gemaͤß wurde allen unrechtmäßigen Beſitzern geiſt⸗ licher Stifter— alſo allen proteſtantiſchen Reichsſtänden ohne Unterſchied— bei Strafe des Reichsbannes anbefohlen, dieſes unrechte Gut an die kaiſerlichen Commiſſarien unverzüͤglich herauszugeben. Nicht weniger als zwei Ersbisthümer und zwölf Bisthümer ſtanden auf der Liſte; außer dieſen eine unüberſehliche Anzahl von Klöſtern, welche die Proteſtanten ſich zugeeignet hatten. 160 Dieſes Edict war ein Donnerſchlag für das ganze proteſtan⸗ tiſche Deutſchland; ſchrecklich ſchon an ſich ſelbſt durch das, was es wirklich nahm, ſchrecklicher noch durch das, was es für die Zukunft befürchten ließ, und wovon man es nur als einen Vorläufer betrachtete. Jetzt ſahen es die Proteſtanten als ausgemacht an, daß der Untergang ihrer Religion von dem Kaiſer und der katholiſchen Ligue beſchloſſen ſey, und daß der Untergang deutſcher Freiheit ihr bald nachfolgen werde. Auf keine Gegenvorſtellung wurde geachtet, die Commiſſarien wurden ernannt und eine Armee zuſammengezogen, ihnen Gehorſam zu verſchaffen. Mit Augsburg, wo der Friede ge⸗ ſchloſſen worden, machte man den Anfang; die Stadt mußte unter die Gerichtsbarkeit ihres Biſchofs zurücktreten, und ſechs proteſtantiſche Kirchen wurden darin geſchloſſen. Ebenſo mußte der Herzog von Wuͤrttemberg ſeine Kloͤſter herausgeben. Dieſer Ernſt ſchreckte alle evangeliſchen Reichsſtände auf, aber ohne ſie zu einem thätigen Widerſtande begeiſtern zu können. Die Furcht vor des Kaiſers Macht wirkte zu mächtig; ſchon fing ein großer Theil an, ſich zur Nachgiebigkeit zu neigen. Die Hoffnung, auf einem friedlichen Wege zu Erfüllung ihres Wunſches zu gelangen, bewog deßwegen die Katholiſchen, mit Vollſtreckung des Edicts noch ein Jahr lang zu zögern, und dies rettete die Proteſtanten. Ehe dieſe Friſt um war, hatte das Glück der ſchwediſchen Waffen die ganze Geſtalt der Dinge veraͤndert. Auf einer Kurfürſtenverſammlung zu Regensburg, welcher Ferdinand in Perſon beiwohnte(1630), ſollte nun mit allem Ernſte an der gänzlichen Beruhigung Deutſchlands und an Hebung aller Beſchwerden gearbeitet werden. Dieſe waren von Seiten der Katholiſchen nicht viel geringer, als von Seiten der Evangeliſchen, ſo ſehr auch Ferdinand ſich uͤberredete⸗ 161 alle Mitglieder der Ligue durch das Reſtitutionsedict, und den Anführer derſelben durch Ertheilung der Kurwürde und durch Einraͤumung des größten Theils der pfälziſchen Lande ſich verpflichtet zu haben. Das gute Verſtaͤndniß zwiſchen dem Kaiſer und den Fürſten der Ligue hatte ſeit Wallenſteins Erſcheinung unendlich gelitten. Gewohnt, den Geſetzgeber in Deutſchland zu ſpielen, und ſelbſt uͤber das Schickſal des Kai⸗ ſers zu gebieten, ſah ſich der ſtolze Kurfürſt von Bayern durch den kaiſerlichen Feldherrn auf einmal entbehrlich gemacht, und ſeine ganze bisherige Wichtigkeit zugleich mit dem Anſehn der Ligue verſchwunden. Ein Anderer trat jetzt auf, die Früchte ſeiner Siege zu ernten und alle ſeine vergangenen Dienſte in Vergeſſenheit zu ſtürzen. Der übermüthige Charakter des Herzogs von Friedland, deſſen füßeſter Triumph war, dem Anſehn der Fürſten Hohn zu ſprechen und der Autorität ſei⸗ nes Herrn eine verhaßte Ausdehnung zu geben, trug nicht wenig dazu bei, die Empfindlichkeit des Kurfürſten zu ver⸗ mehren. Unzufrieden mit dem Kaiſer und voll Mißtrauen gegen ſeine Geſinnungen, hatte er ſich in ein Bundniß mit Frankreich eingelaſſen, deſſen ſich auch die üͤbrigen Fürſten der Ligue verdächtig machten. Die Furcht vor den Vergrößerungs⸗ planen des Kaiſers, der Unwille über die gegenwaͤrtigen ſchreien⸗ den Uebel hatten bei dieſen jedes Gefühl der Dankbarkeit erſtickt. Wallenſteins Erpreſſungen waren bis zum Unerträͤglichen gegangen. Brandenburg gab den erlittenen Schaden auf zwan⸗ zig, Pommern auf zehn, Heſſen auf ſieben Millionen an, die Uebrigen nach Verhaltniß. Allgemein, nachdrücklich, heftig var das Geſchrei um Hulfe, umſonſt alle Gegenvorſtellungen, kein Unterſchied zwiſchen Katholiken und Proteſtanten, Alles über dieſen Punkt nur eine einzige Stimme. Mit Fluthen von Bittſchriften, alle wider Wallen ſtein gerichtet, ſtürmte Schillers ſämmtl. Werke. IX. 11 162 man auf den erſchrockenen Kaiſer ein, und erſchütterte ſein Ohr durch die ſchauderhafteſten Beſchreibungen der erlittenen Gewaltthätigkeiten. Ferdinand war kein Barbar. Wenn auch nicht unſchuldig an den Abſcheulichkeiten, die ſein Name in Deutſchland verübte, doch unbekannt mit dem Uebermaße derſelben, beſann er ſich nicht lange, den Forderungen der Fürſten zu willfahren, und von ſeinen im Felde ſtehenden Heeren ſogleich achtzehntauſend Mann Reiterei abzudanken. Als dieſe Truppenverminderung geſchah, ruüſteten ſich die Schweden ſchon lebhaft zu ihrem Einmarſche in Deutſchland, und der großte Theil der entlaſſenen kaiſerlichen Soldaten eilte unter ihre Fahnen. Dieſe Nachgiebigkeit Ferdinands diente nur dazu, den Kurfürſten von Bayern zu kühnern Forderungen zu ermuntern. Der Triumph über das Anſehn des Kaiſers war unvollkommen, ſo lange der Herzog von Friedland das oberſte Commando behielt. Schwer rächten ſich jetzt die Fürſten an dem Ueber⸗ muthe dieſes Feldherrn, den ſie alle ohne Unterſchied hatten fühlen müſſen. Die Abſetzung desſelben wurde daher von dem ganzen Kurfürſtencollegium, ſelbſt von den Spaniern, mit einer Einſtimmigkeit und Hitze gefordert, die den Kaiſer in Erſtau⸗ nen ſetzte. Aber ſelbſt dieſe Einſtimmigkeit, dieſe Heftigkeit, mit welcher die Neider des Kaiſers auf Wallenſteins Ab⸗ ſetzung drangen, mußte ihn von der Wichtigkeit dieſes Dieners überzeugen. Wallenſtein, von den Cabalen unterrichtet, welche in Regensburg gegen ihn geſchmiedet wurden, verab⸗ ſaäumte nichts, dem Ksiſer über die wahren Abſichten des Kurfuͤrſten von Bayern die Augen zu öffnen. Er erſchien ſelbſt in Regensburg, aber mit einem Prunke, der ſelbſt den Kaiſer verdunkelte und dem Haſſe ſeiner Gegner nur neue Nah⸗ rung gab. 163 Lange Zeit konnte der Kaiſer ſich nicht entſchließen. Schmerz⸗ lich war das Opfer, das man von ihm forderte. Seine ganze Ueberlegenheit hatte er dem Herzoge von Friedland zu danken; er fühlte, wie viel er hingab, wenn er ihn dem Haſſe der Füͤr⸗ ſten aufopferte. Aber zum Unglück bedurfte er gerade jetzt den guten Willen der Kurfürſten. Er ging damit um, ſeinem Sohne Ferdinand, erwahltem Koͤnige von Ungarn, die Nach⸗ folge im Reiche zuzuwenden, wozu ihm die Einwilligung Maxi⸗ milians unentbehrlich war. Dieſe Angelegenheit war ihm die dringendſte, und er ſcheute ſich nicht, ſeinen wichtigſten Die⸗ ner aufzuopfern, um den Kurfürſten von Bayern zu verpflichten. Auf eben dieſem Kurfürſtentage zu Regensburg befanden ſich auch Abgeordnete aus Frankreich, bevollmaͤchtigt, einen Krieg beizulegen, der ſich zwiſchen dem Kaiſer und ihrem Herrn in Italien zu entzünden drohte. Herzog Vincenz von Mantua und Montferrat war geſtorben, ohne Kinder zu hinterlaſſen. Sein naͤchſter Anverwandter, Karl Herzog von Nevers, hatte ſogleich von dieſer Erbſchaft Beſitz genommen, ohne dem Kaiſer, als oberſtem Lehnsherrn dieſer Fürſtenthuͤmer, die ſchuldige Pllicht zu erweiſen. Auf franzoͤſiſchen und vene⸗ tianiſchen Beiſtand geſtützt, beharrte er auf ſeiner Weigerung, dieſe Länder bis zur Entſcheidung ſeines Rechts in die Hände der kaiſerlichen Commiſerien zu uͤbergeben. Ferdinand, in Feuer geſetzt von den Spaniern, denen, als Beſitzern von Malland, die nahe Nachbarſchaft eines franzoͤſiſchen Vaſallen äußerſt bedenklich und die Gelegenheit willkommen war, mit Hülfe des Kaiſers Eroberungen in dieſem Theile Italiens zu machen, griff zu den Waffen. Aller Gegenbemuͤhungen Papſt Urbans des Achten ungeachtet, der den Krieg äͤngſtlich von Aren Begenden zu entfernen ſuchte, ſchickte er eine deutſche über die Alpen, deren unerwartete Erſcheinung alle 164 italieniſchen Staaten in Schrecken ſetzte. Seine Waffen waren ſiegreich durch ganz Deutſchland, als dies in Italien geſchah, und die Alles vergroͤßernde Furcht glaubte nun, die alten Entwürfe Oeſterreichs zur Univerſalmonarchie auf einmal wie⸗ der aufleben zu ſehen. Die Schrecken des deutſchen Kriegs verbreiteten ſich nun auch über die geſegneten Fluren, welche der Po durchſtrömt; die Stadt Mantua wurde mit Sturm erobert, und alles Land umher mußte die verwüſtende Gegen⸗ wart geſetzloſer Schaaren empfinden. Zu den Verwünſchungen, welche weit und breit durch ganz Deutſchland wider den Kaiſer erſchollen, geſellten ſich nunmehr auch die Flüche Italiens, und im Conclave ſelbſt ſtiegen von jetzt an ſtille Wünſche für das Glück der proteſtantiſchen Waffen zum Himmel. Abgeſchreckt durch den allgemeinen Haß, welchen dieſer italieniſche Feldzug ihm zugezogen, und durch das dringende Anliegen der Kurfürſten ermudet, die das Geſuch der franzoͤſi⸗ ſchen Miniſter mit Eifer unterſtützten, gab der Kaiſer den Vorſchlägen Frankreichs Gehör, und verſprach dem neuen Herzog von Mantua die Belehnung. 3 Dieſer wichtige Dienſt von Seiten Bayerns war von fran⸗ zöſiſcher Seite einen Gegendienſt werth. Die Schließung des Tractats gab den Bevollmaͤchtigten Richelieu's eine ge⸗ wünſchte Gelegenheit, den Kaiſer waͤhrend ihrer Anweſenheit zu Regensburg mit den gefaͤhrlichſten Intriguen zu umſpin⸗ nen, die mißvergnügten Fürſten der Ligne immer mehr gegen ihn zu reizen, und alle Verhandlungen dieſes Kurfürſtentages zum Nachtheile des Kaiſers zu leiten. Zu dieſem Geſchäfte hatte ſich Richelieu in der Perſon des Capucinerpaters Joſeph, der dem Geſandten als ein ganz unverdächtiger Begleiter an die Seite gegeben war, ein treffliches Werkzeug auserleſen. Eine ſeiner erſten Inſtructionen war, die Abſetzung 165 4 Wallenſteins mit Eifer zu betreiben. Mit dem General, der ſie zum Siege geführt hatte, verloren die öſterreichiſchen Armeen den größten Theil ihrer Starke; ganze Heere konnten den Verluſt dieſes einzigen Mannes nicht erſetzen. Ein Haupt⸗ ſtreich der Politik war es alſo, zu eben der Zeit, wo ein ſieg⸗ reicher Koͤnig, unumſchränkter Herr ſeiner Kriegsoperationen, ſich gegen den Kaiſer ruſtete, den einzigen Feldherrn, der ihm an Kriegserfahrung und an Anſehen gleich war, von der Spitze der kaiſerlichen Armeen wegzureißen. Pater Joſeph, mit dem Kurfürſten von Bayern einverſtanden, unternahm es, die Unentſchloſſenheit des Kaiſers zu beſiegen, der von den Spaniern und dem ganzen Kurfürſtenrathe wie belagert war.„Es würde gut gethan ſeyn, meinte er, den Fürſten in dieſem Stücke zu gefallen zu leben, um deſto eher zu der römiſchen Königswahl ſeines Sohnes ihre Stimme zu erhalten. Würde nur dieſer Sturm erſt vorüber ſeyn, ſo fände ſich Wallenſtein alsdann ſchnell genug wieder, um ſeinen vori⸗ gen Platz einzunehmen.“— Der liſtige Capuciner war ſeines Mannes zu gewiß, um bei dieſem Troſtgrunde etwas zu wagen. Die Stimme eines Moͤnchs war für Ferdinand den Zweiten die Stimme Gottes.„Nichts auf Erden,“ ſchreibt ſein eigener Beichtvater,„war ihm heiliger, als ein prieſter⸗ liches Haupt. Geſchaͤhe es, pflegte er oft zu ſagen, daß ein Engel und ein Ordensmann zu Einer Zeit und an Einem Orte ihm begegneten, ſo würde der Ordensmann die erſte und der Engel die zweite Verbeugung von ihm erhalten.“ Wallenſteins Abſetzung wurde beſchloſſen. Zum Danke für dieſes fromme Vertrauen arbeitete ihm der Capuciner mit ſolcher Geſchicklichkeit in Regensburg ent⸗ gegen, daß ſeine Bemühungen, dem Könige von Ungarn die roͤmiſche Koͤnigswürde zu verſchaffen, gaͤnzlich mißlangen. In 166 einem eigenen Artikel des eben geſchloſſenen Vertrags hatten ſich die franzoͤſiſchen Miniſter im Namen dieſer Krone ver⸗ bindlich gemacht, gegen alle Feinde des Kaiſers die vollkom⸗ menſte Neutralitaͤt zu beobachten— während daß Richelieu mit dem Könige von Schweden bereits in Tractaten ſtand, ihn zum Kriege aufmunterte und ihm die Allianz ſeines Herrn aufdrang. Auch nahm er dieſe Lüge zurück, ſobald ſie ihre Wirkung gethan hatte, und Pater Joſeph mußte in einem Kloſter die Verwegenheit büßen, ſeine Vollmacht uberſchritten zu haben. Zu ſpät wurde Ferdinand gewahr, wie ſehr man ſeiner geſpottet hatte.„Ein ſchlechter Capuciner,“ hörte man ihn ſagen,„hat mich durch ſeinen Roſenkranz entwaffnet, und nicht weniger als ſechs Kurhüte in ſeine enge Capuze geſchoben.“— Betrug und Liſt triumphirten alſo uͤber dieſen Kaiſer zu einer Zeit, wo man ihn in Deutſchland allmächtig glaubte und wo er es durch ſeine Waffen wirklich war. Um fünfzehntauſend Mann aͤrmer, armer um einen Feldherrn, der ihm den Verluſt eines Heeres erſetzte, verließ er Regensburg, ohne den Wunſch erfüllt zu ſehen, um deſſentwillen er alle dieſe Opfer brachte. Ehe ihn die Schweden im Felde ſchlugen, hatten ihn Maxi⸗ milian von Bayern und Pater Joſeph unheilbar ver⸗ wundet. Auf eben dieſer merkwürdigen Verſammlung zu Regensburg wurde der Krieg mit Schweden entſchieden und der in Mantua geendet. Fruchtlos hatten ſich auf demſelben die Fürſten für die Herzoge von Mecklenburg bei dem Kaiſer verwendet, engliſche Geſandte eben ſo fruchtlos um einen Jahrgehalt für den Pſalzgrafen Friderich gebettelt. Wallenſtein hatte über eine Armee von beinahe hundert⸗ tauſend Mann zu gebieten, von denen er angebetet wurde, als das Urtheil der Abſetzung ihm verkündigt werden ſollte. 167 Die meiſten Officiere waren ſeine Geſchöpfe, ſeine Winke Aus⸗ ſprüche des Schickſals für den gemeinen Soldaten. Gränzenlos war ſein Ehrgeiz, unbeugſam ſein Stolz, ſein gebieteriſcher Geiſt nicht fähig, eine Kränkung ungerochen zu erdulden. Ein Augen⸗ blick ſollte ihn jetzt von der Fülle der Gewalt in das Nichts des Privatſtandes herunterſtürzen. Eine ſolche Sentenz gegen einen ſolchen Verbrecher zu vollſtrecken, ſchien nicht viel we⸗ niger Kunſt zu koſten, als es gekoſtet hatte, ſie dem Richter zu entreißen. Auch hatte man deßwegen die Vorſicht gebraucht, zwei von Wallenſteins genaueſten Freunden zu Ueberbrin⸗ gern dieſer ſchlimmen Botſchaft zu wählen, welche durch die ſchmeichelhafteſten Zuſicherungen der fortdauernden kaiſerlichen Gnade ſo ſehr als moͤglich gemildert werden ſollte. Wallenſtein wußte längſt den ganzen Inhalt ihrer Sen⸗ dung, als die Abgeſandten des Kaiſers ihm vor die Augen traten. Er hatte Zeit gehabt, ſich zu ſammeln, und ſein Ge⸗ ſicht zeigte Heiterkeit, waͤhrend daß Schmerz und Wuth in ſeinem Buſen ſtürmten. Aber er hatte beſchloſſen, zu gehorchen. Dieſer Urtheilsſpruch überraſchte ihn, ehe zu einem kühnen Schritte die Umſtande reif und die Anſtalten fertig waren. Seine weitlaͤufigen Guter waren in Böhmen und Maͤhren zer⸗ ſtreut; durch Einziehung derſelben konnte der Kaiſer ihm den Nerven ſeiner Macht zerſchneiden. Von der Zukunft erwartete er Genugthuung, und in dieſer Hoffnung beſtärkten ihn die Prophezeiungen eines italieniſchen Aſtrologen, der dieſen unge⸗ bändigten Geiſt, gleich einem Knaben, am Gaͤngelbande fuͤhrte. Seni, ſo hieß er, hatte es in den Sternen geleſen, daß die glänzende Laufbahn ſeines Herrn noch lange nicht geendigt ſey, daß ihm die Zukunft noch ein ſchimmerndes Glück aufbewahre. Man brauchte die Sterne nicht zu bemühen, um mit Wahr⸗ ſcheinlichkeit vorherzuſagen, daß ein Feind wie Guſtav 168 Adolph einen General wie Wallen ſtein nicht lange ent⸗ behrlich laſſen würde. „Der Kaiſer iſt verrathen,“ antwortete Wallenſtein den Geſandten;„ich bedaure ihn, aber ich vergeb' ihm. Es iſt klar, daß ihn der hochfahrende Sinn des Bayern dominirt. Zwar thut mir's wehe, daß er mich mit ſo wenigem Widerſtande hin⸗ gegeben hat, aber ich will gehorchen.“ Die Abgeordneten ent⸗ ließ er fürſtlich beſchenkt, und den Kaiſer erſuchte er in einem demüthigen Schreiben, ihn ſeiner Gunſt nicht zu berauben und bei den erworbenen Würden zu ſchützen. Allgemein war das Murren der Armee, als die Abſetzung ihres Feldherrn bekannt wurde, und der beſte Theil ſeiner Officiere trat ſogleich aus dem kaiſerlichen Dienſte. Viele folgten ihm auf ſeine Güter nach Böhmen und Maͤhren; andere feſſelte er durch beträchtliche Penſionen, um ſich ihrer bei Gelegenheit ſogleich bedienen zu können. Sein Plan war nichts weniger als Ruhe, da er in die Stille des Privatſtandes zurücktrat. Der Pomp eines Koͤnigs umgab ihn in dieſer Einſamkeit, und ſchien dem Urtheilsſpruche ſeiner Erniedrigung Hohn zu ſprechen. Sechs Pforten führten zu dem Palaſte, den er in Prag bewohnte, und hundert Haͤuſer mußten niedergeriſſen werden, um dem Schloßhofe Raum zu machen. Aehnliche Palaͤſte wurden auf ſeinen übrigen zahlreichen Guͤtern erbaut. Cavaliere aus den edelſten Hauſern wetteiferten um die Ehre, ihn zu bedienen, und man ſah kaiſerliche Kammer⸗ herrn den goldenen Schluͤſſel zurückgeben, um bei Wallen⸗ ſtein eben dieſes Amt zu bekleiden. Er hielt ſechzig Pagen, die von den trefflichſten Meiſtern unterrichtet wurden; ſein Vorzimmer wurde ſtets durch fünfzig Trabanten bewacht. Seine gewohnliche Tafel war nie unter hundert Gäͤngen, ſein Haushofmeiſter eine vornehme Standesperſon. Reiste er uͤber 169 Land, ſo wurde ihm Geräthe und Gefolge auf hundert ſechs⸗ und vierſpännigen Wagen nachgefahren; in ſechzig Caroſſen mit fünfzig Handpferden folgte ihm ſein Hof. Die Pracht der Livereien, der Glanz der Equipage und der Schmuck der Zimmer war dem uübrigen Aufwande gemaͤß. Sechs Barone und eben ſo viele Ritter mußten beſtändig ſeine Perſon um⸗ geben, um jeden Wink zu vollziehen— zwölf Patrouillen die Runde um ſeinen Palaſt machen, um jeden Lärm abzuhalten. Sein immer arbeitender Kopf brauchte Stille; kein Geraſſel der Wagen durfte ſeiner Wohnung nahe kommen, und die Straßen wurden nicht ſelten durch Ketten geſperrt. Stumm, wie die Zugäͤnge zu ihm, war auch ſein Umgang. Finſter, verſchloſſen, unergründlich, ſparte er ſeine Worte mehr als ſeine Geſchenke, und das Wenige, was er ſprach, wurde mit einem widrigen Tone ausgeſtoßen. Er lachte niemals, und den Verfuͤhrungen der Sinne widerſtand die Kalte ſeines Bluts. Immer ge⸗ ſchäftig und von großen Entwürfen bewegt, entſagte er allen leeren Zerſtreuungen, wodurch Andere das koſtbare Leben ver⸗ geuden. Einen durch ganz Europa ausgebreiteten Briefwechſel beſorgte er ſelbſt; die meiſten Aufſaͤtze ſchrieb er mit eigener Hand nieder, um der Verſchwiegenheit Anderer ſo wenig als möglich anzuvertrauen. Er war von großer Statur und hager, von gelblicher Geſichtsfarbe, röthlichen kurzen Haaren, kleinen, aber funkelnden Augen. Ein furchtbarer, zurückſchreckender Ernſt ſaß auf ſeiner Stirn, und nur das Uebermaß ſeiner Beloh⸗ nungen konnte die zitternde Schaar ſeiner Diener feſthalten. In dieſer prahleriſchen Dunkelheit erwartete Wallenſtein ſtille, doch nicht müßig, ſeine glanzende Stunde und der Rache aufgehenden Tag; bald ließ ihn Guſtav Adolphs reißender Siegeslauf ein Vorgefühl desſelben genießen. Von ſeinen hoch⸗ fliegenden Planen ward kein einziger aufgegeben; der Undank 170 des Kaiſers hatte ſeinen Ehrgeiz von einem laͤſtigen Zügel befreit. Der blendende Schimmer ſeines Privatlebens verrieth den ſtolzen Schwung ſeiner Entwürfe, und verſchwenderiſch, wie ein Monarch, ſchien er die Güter ſeiner Hoffnung ſchon unter ſeine gewiſſen Beſitzungen zu zaͤhlen. Nach Wallenſteins Abdankung und Guſtav Adolphs Landung mußte ein neuer Generaliſſimus aufgeſtellt werden; zugleich ſchien es nöthig zu ſeyn, das bisher getrennte Com⸗ mando der kaiſerlichen und liguiſtiſchen Truppen in einer ein⸗ zigen Hand zu vereinigen. Maximilian von Bayern trachtete nach dieſem wichtigen Poſten, der ihn zum Herrn des Kaiſers machen konnte; aber eben dies bewog Letztern, ſich für den König von Ungarn, ſeinen älteſten Sohn, darum zu be⸗ werben. Endlich, um beide Competenten zu entfernen und keinen Theil ganz unbefriedigt zu laſſen, übergab man das Com⸗ mando dem liguiſtiſchen General Tilly, der nunmehr den bayeriſchen Dienſt gegen den oͤſterreichiſchen vertauſchte. Die Armeen, welche Ferdinand auf deutſchem Boden ſtehen hatte, beliefen ſich, nach Abgang der Wallenſteiniſchen Truppen, auf etwa vierzigtauſend Mann; nicht viel ſchwaͤcher war die ligui⸗ ſtiſche Kriegsmacht; beide durch treffliche Officiere befehligt, durch viele Feldzüge geübt und ſtolz auf eine lange Reihe von Siegen. Mit dieſer Macht glaubte man um ſo weniger Urſache zu haben, vor der Annaͤherung des Königs von Schwe⸗ den zu zittern, da man Pommern und Mecklenburg inne hatte, die einzigen Pforten, durch welche er in Deutſchland hereinbrechen konnte. Nach dem unglücklichen Verſuch des Königs von Daͤnemark, die Progreſſen des Kaiſers zu hemmen, war Guſtav Adolph der einzige Fürſt in Europa, von welchem die unterliegende Freiheit Rettung zu hoffen hatte, der einzige zugleich, der durch 171 die ſtarkſten politiſchen Gruͤnde dazu aufgefordert, durch erlittene Beleidigungen dazu berechtigt, und durch perſönliche Faͤhigkeiten dieſer gewagten Unternehmung gewachſen war. Wichtige Staats⸗ gründe, welche er mit Daͤnemark gemein hatte, hatten ihn, ſchon vor dem Ausbruche des Kriegs in Niederſachſen, bewogen, ſeine Perſon und ſeine Heere zur Vertheidigung Deutſchlands anzu⸗ bieten; damals hatte ihm der König von Dänemark zu ſeinem eigenen Unglücke verdrangt. Seit dieſer Zeit hatte der Ueber⸗ muth Wallenſteins und der deſpotiſche Stolz des Kaiſers es nicht an Aufforderungen fehlen laſſen, die ihn perſönlich erhitzen und als König beſtimmen mußten. Kaiſerliche Trup⸗ pen waren dem polniſchen Koͤnige Sigis mund zu Hülfe ge⸗ ſchickt worden, um Preußen gegen die Schweden zu vertheidigen. Dem Könige, welcher ſich über die Feindſeligkeit gegen Wal⸗ lenſtein beklagte, wurde geantwortet:„Der Kaiſer habe der Soldaten zu viel. Er müſſe ſeinen guten Freunden damit aus⸗ helfen.“ Von dem Congreſſe mit Daͤnemark zu Lübeck hatte eben dieſer Wallenſtein die ſchwediſchen Geſandten mit be⸗ leidigendem Trotze abgewieſen, und, da ſie ſich dadurch nicht abſchrecken ließen, mit einer Behandlung gedroht, welche das Völkerrecht verletzte. Ferdinand hatte die ſchwediſchen Flag⸗ gen inſultiren, und Depeſchen des Königs nach Siebenbürgen auffangen laſſen. Er fuhr fort, den Frieden zwiſchen Polen und Schweden zu erſchweren, die Anmaßungen Sigismunds uf den ſchwediſchen Thron zu unterſtützen, und Guſtav Adol⸗ phen den königlichen Titel zu verweigern. Die wiederholteſten Gegenvorſtellungen Guſtavs hatte er keiner Aufmerkſamkeit gewürdigt, und neue Beleidigungen hinzugefügt, anſtatt die verlangte Genugthuung für die alten zu leiſten. So viele perſönliche Aufforderungen, durch die wichtigſten Staats⸗ und Gewiſſensgründe unterſtützt und verſtarkt durch 172 die dringendſten Einladungen aus Deutſchland, mußten auf das Gemüth eines Fürſten Eindruck machen, der auf eine könig⸗ liche Ehre deſto eiferſüchtiger war, je mehr man geneigt ſeyn konnte, ſie ihm ſtreitig zu machen; der ſich durch den Ruhm, die Unterdrückten zu beſchützen, unendlich geſchmeichelt fand und den Krieg, als das eigentliche Element ſeines Genie's, mit Leidenſchaft liebte. Aber ehe ein Waffenſtillſtand oder Friede mit Polen ihm freie Hände gab, konnte an einen neuen und gefahrvollen Krieg mit Ernſt nicht gedacht werden. Der Cardinal Richelieu hatte das Verdienſt, dieſen Waffen⸗ ſtillſtand mit Polen herbeizuführen. Dieſer große Staatsmann, das Steuer Europens in der einen Hand, indem er die Wuth der Factionen und den Dünkel der Großen in dem Innern Frankreichs mit der andern darniederbeugte, verfolgte mitten unter den Sorgen einer ſtürmiſchen Staatsverwaltung uner⸗ ſchütterlich ſeinen Plan, die anwachſende Macht Oeſterreichs in ihrem ſtolzen Laufe zu hemmen. Aber die Umſtäͤnde, welche ihn umgaben, ſetzten dieſen Entwürfen nicht geringe Hinderniſſe in der Ausfuͤhrung entgegen; denn auch dem größten Geiſte moͤchte es ungeſtraft nicht hingehen, den Wahnbegriffen ſeiner Zeit Hohn zu ſprechen. Miniſter eines katholiſchen Königs und durch den Purpur, den er trug, ſelbſt Fürſt der römiſchen Kirche, durfte er es jetzt noch nicht wagen, im Bündniſſe mit dem Feinde ſeiner Kirche öffentlich eine Macht anzugreifen, welche die Anmaßungen ihres Ehrgeizes durch den Namen der Religion vor der Menge zu heiligen gewußt hatte. Die Schonung, welche Riche lieu den eingeſchraͤnkten Begriffen ſeiner Zeitgenoſſen ſchuldig war, ſchränkte ſeine politiſche Thätigkeit auf die behut⸗ ſamen Verſuche ein, hinter der Decke verborgen zu wirken und die Entwürfe ſeines erleuchteten Geiſtes durch eine fremde Hand zu vollſtrecken. Nachdem er ſich umſonſt bemüht hatte, den 173 Frieden Daͤnemarks mit dem Kaiſer zu hindern, nahm er ſeine Zuflucht zu Guſtav Adolph, dem Helden ſeines Jahrhun⸗ derts. Nichts wurde geſpart, dieſen König zur Entſchließung zu bringen, und ihm zugleich die Mittel zur Ausführung zu erleichtern. Charnaſſe, ein unverdaͤchtiger Unterhaͤndler des Cardinals, erſchien in Polniſchpreußen, wo Guſtav Adolph gegen Sigismund Krieg führte, und wanderte von einem der beiden Könige zum andern, um einen Waffenſtillſtand oder Frieden zwiſchen ihnen zu Stande zu bringen. Guſtav Adolph war längſt dazu bereit, und endlich gelang es dem franzöſiſchen Miniſter, auch dem Könige Sigismund uber ſein wahres Intereſſe und die betrügeriſche Politik des Kaiſers die Augen zu öffnen. Ein Waffenſtillſtand wurde auf ſechs Jahre zwiſchen bei⸗ den Königen geſchloſſen, durch welchen Guſtav im Beſitz aller ſeiner Eroberungen blieb, und die lang gewünſchte Freiheit er⸗ hielt, ſeine Waffen gegen den Kaiſer zu kehren. Der franzöſi⸗ ſche Unterhaͤndler bot ihm zu dieſer Unternehmung die Allianz ſeines Königs und betraͤchtliche Hülfsgelder an, welche nicht zu verachten waren. Aber Guſtav Adolph fürchtete nicht ohne Grund, ſich durch Annehmung derſelben in eine Abhaͤngigkeit von Frankreich zu ſetzen, die ihm vielleicht mitten im Laufe ſeiner Siege Feſſeln anlegte, und durch das Bündniß mit einer katholiſchen Macht Mißtrauen bei den Proteſtanten zu erwecken. So dringend und gerecht dieſer Krieg war, ſo vielverſprechend waren die Umſtände, unter welchen Guſtav Adolph ihn un⸗ ternahm. Furchtbar zwar war der Name des Kaiſers, uner⸗ ſchöpflich ſeine Huͤlfsquellen, unüberwindlich bisher ſeine Macht; jeden Andern, als Guſtav, wuͤrde ein ſo gefahrvolles Spiel zurückgeſchreckt haben. Guſtav überſah alle Hinderniſſe und Gefahren, welche ſich ſeinem Unternehmen entgegenſtellten; aber er kannte auch die Mittel, wodurch er ſie zu beſiegen hoffte. 174 Nicht beträchtlich, aber wohl disciplinirt war ſeine Kriegsmacht, durch ein ſtrenges Klima und anhaltende Feldzüge abgehäͤrtet, in dem polniſchen Kriege gebildet. Schweden, obgleich arm an Geld und an Menſchen, und durch einen achtjahrigen Krieg über Vermögen angeſtrengt, war ſeinem Konige mit einem Enthuſtasmus ergeben, der ihn die bereitwilligſte Unterſtützung von ſeinen Reichsſtänden hoffen ließ. In Deutſchland war der Name des Kaiſers wenigſtens eben ſo ſehr gehaßt, als gefürch⸗ tet. Die proteſtantiſchen Fürſten ſchienen nur die Ankunft eines Befreiers zu erwarten, um das unleidliche Joch der Tyrannei abzuwerfen und ſich oͤffentlich für Schweden zu erklaͤren. Selbſt den katholiſchen Ständen konnte die Erſcheinung eines Gegners nicht unwillkommen ſeyn, der die üͤberwiegende Macht des Kai⸗ ſers beſchrankte. Der erſte Sieg, auf deutſchem Boden erfochten, mußte für ſeine Sache entſcheidend ſeyn, die noch zweifelnden Fürſten zur Erklärung bringen, den Muth ſeiner Anhaͤnger ſtärken, den Zulauf zu ſeinen Fahnen vermehren und zur Fort⸗ ſetzung des Kriegs reichliche Hülfsquellen eröffnen. Hatten. gleich die mehrſten deutſchen Länder durch die bisherigen Be⸗ drückungen unendlich gelitten, ſo waren doch die wohlhabenden hanſeatiſchen Staͤdte bis jetzt davon frei geblieben, die kein Be⸗ denken tragen konnten, mit einem freiwilligen maͤßigen Opfer einem allgemeinen Ruin vorzubeugen. Aus je mehreren Län⸗ dern man die Kaiſerlichen verjagte, deſto mehr mußten ihre Heere ſchmelzen, die nur allein von den Laͤndern lebten, in denen ſie ſtanden. Unzeitige Truppenverſendungen nach Italien und den Niederlanden hatten ohnehin die Macht des Kaiſers vermindert; Spanien, durch den Verluſt ſeiner amerikaniſchen Silberſlotte geſchwächt und durch einen ernſtlichen Krieg in en Niederlanden beſchaftigt, konnte ihm wenig Unterſtützung gewahren. Dagegen machte Großbritannien dem Könige von 175 Schweden zu betraͤchtlichen Subſidien Hoffnung, und Frank⸗ reich, welches eben jetzt mit ſich ſelbſt Frieden machte, kam ihm mit den vortheilhafteſten Anerbietungen bei ſeiner Un⸗ ternehmung entgegen. Aber die ſicherſte Buͤrgſchaft fur den glücklichen Erfolg ſeiner Unternehmung fand Guſtav Adolph— in ſich ſelbſt. Die Klugheit erforderte es, ſich aller äußerlichen Huͤlfsmittel zu verſichern und dadurch ſein Unternehmen vor dem Vorwurfe der Verwegenheit zu ſchützen; aus ſeinem Buſen allein nahm er ſeine Zuverſicht und ſeinen Muth. Guſtav Adolph war ohne Widerſpruch der erſte Feldherr ſeines Jahrhunderts und der tapferſte Soldat in ſeinem Heere, das er ſich ſelbſt erſt geſchaf⸗ fen hatte. Mit der Taktik der Griechen und Römer vertraut, hatte er eine beſſere Kriegskunſt erfunden, welche den groͤßten Feldherren der folgenden Zeiten zum Muſter diente. Die un⸗ behülflichen großen Escadrons verringerte er, um die Bewegun⸗ gen der Reiterei leichter und ſchneller zu machen; zu eben dem Zwecke rückte er die Bataillons in weitere Entfernung aus ein⸗ ander. Er ſtellte ſeine Armee, welche gewöhnlich nur eine einzige Linie einnahm, in einer gedoppelten Linie in Schlachtordnung, daß die zweite anruͤcken konnte, wenn die erſte zum Weichen gebracht worden war. Den Mangel an Reiterei wußte er da⸗ durch zu erſetzen, daß er Fußgänger zwiſchen die Reiter ſtellte, welches ſehr oft den Sieg entſchied; die Wichtigkeit des Fuß⸗ volks in Schlachten lernte Europa erſt von ihm. Ganz Deutſch⸗ land hat die Mannszucht bewundert, durch welche ſich die ſchwediſchen Heere auf deutſchem Boden in den erſten Zeiten ſo rühmlich unterſchieden. Alle Ausſchweifungen wurden aufs Strengſte geahndet; am ſtrengſten Gottesläſterung, Naub, Spiel und Duelle. In den ſchwediſchen Kriegsgeſetzen wurde die Maßigkeit befohlen; auch erblickte man in dem ſchwediſchen 176 Lager, das Gezelt des Königs nicht ausgenommen, weder Sil⸗ ber noch Gold. Das Auge des Feldherrn wachte mit eben der Sorgfalt uͤber die Sitten des Soldaten, wie über die kriege⸗ riſche Tapferkeit. Jedes Regiment muß zum Morgen⸗ und Abendgebet einen Kreis um ſeinen Prediger ſchließen und unter freiem Himmel ſeine Andacht halten. In allem dieſem war der Geſetzgeber zugleich Muſter. Eine ungekünſtelte leben⸗ dige Gottesfurcht erhöhte den Muth, der ſein großes Herz beſeelte. Gleich frei von dem rohen Unglauben, der den wil⸗ den Begierden des Barbaren ihren nothwendigen Zügel nimmt, und von der kriechenden Andachtelei eines Ferdinand, die ſich vor der Gottheit zum Wurm erniedrigt und auf dem Nacken der Menſchheit trotzig einherwandelt, blieb er auch in der Trunkenheit ſeines Glücks noch Menſch und noch Chriſt, aber auch in ſeiner Andacht noch Held und noch König. Alles Ungemach des Kriegs ertrug er gleich dem Geringſten aus dem Heere, mitten in dem ſchwaͤrzeſten Dunkel der Schlacht war es licht in ſeinem Geiſte; allgegenwaͤrtig mit ſeinem Blicke, ver⸗ gaß er den Tod, der ihn umringte; ſtets fand man ihn auf dem Wege dee furchtbarſten Gefahr. Seine natürliche Herz⸗ haftigkeit ließ ihn nur allzuoft vergeſſen, was er dem Feldherrn ſchuldig war, und dieſes königliche Leben endigte der Tod eines 3 Gemeinen. Aber einem ſolchen Führer folgte der Feige wie der Muthige zum Siege, und ſeinem beleuchtenden Adlerblick entging keine Heldenthat, die ſein Beiſpiel geweckt hatte. Der Ruhm ihres Beherrſchers entzundete in der Nation ein begei⸗ ſterndes Selbſtgefühl; ſtolz auf dieſen König, gab der Bauer in Finnland und Gothland freudig ſeine Armuth hin, ver⸗ ſpritzte der Soldat freudig ſein Blut, und der hohe Schwung, den der Geiſt dieſes einzigen Mannes der Nation gegeben, überlebte noch lange Zeit ſeinen Schöpfer. 177 So wenig man über die Nothwendigkeit des Kriegs in Zweifel war, ſo ſehr war man es über die Art, wie er geführt werden ſollte, Ein angreifender Krieg ſchien ſelbſt dem muth⸗ vollen Kanzler Oxenſtierna zu gewagt, die Krafte ſeines geldarmen und gewiſſenhaften Königs zu ungleich den uner⸗ meßlichen Hülfsmitteln eines Deſpoten, der mit ganz Deutſch⸗ land wie mit ſeinem Eigenthum ſchaltete. Dieſe furchtſamen Bedenklichkeiten des Miniſters widerlegte die ſehende Klugheit des Helden. „Erwarten wir den Feind in Schweden,“ ſagte Guſtav, „ſo iſt Alles verloren, wenn eine Schlacht verloren iſt; Alles iſt gewonnen, wenn wir in Deutſchland einen glücklichen An⸗ fang machen. Das Meer iſt groß, und wir haben in Schweden weitlaͤufige Küſten zu bewachen. Entwiſchte uns die feindliche Flotte, oder würde die unſrige geſchlagen, ſo waͤre es dann um⸗ ſonſt, die feindliche Landung zu verhindern. An der Erhaltung Stralſunds muß uns Alles liegen. So lange dieſer Hafen uns offen ſteht, werden wir unſer Anſehen auf der Oſtſee behaupten, und einen freien Verkehr mit Deutſchland unterhalten. Aber um Stralſund zu beſchützen, dürfen wir uns nicht in Schweden verkriechen, ſondern muſſen mit einer Armee nach Pommern hinübergehen. Redet mir alſo nichts mehr von einem Ver⸗ theidigungskriege, durch den wir unſere herrlichſten Vortheile verſcherzen. Schweden ſelbſt darf keine feindliche Fahne ſehen; und werden wir in Deutſchland beſiegt, ſo iſt es alsdann noch Zeit, Euern Plan zu befolgen.“ Beſchloſſen wurde alſo der Uebergang nach Deutſchland und der Angriff des Kaiſers. Die Zurüſtungen wurden aufs Leb⸗ hafteſte betrieben, und die Vorkehrungen, welche Guſtav traf, verriethen nicht weniger Vorſicht, als der Entſchluß Kühnheit und Größe zeigte. Vor Allem war es nöthig, in einem ſo weit Schillers ſaͤmmtl, Werke. IX. 12² . 178 entlegenen Kriege Schweden ſelbſt gegen die zweideutigen Geſinnungen der Nachbarn in Sicherheit zu ſetzen. Auf einer perſönlichen Zuſammenkunft mit dem Könige von Daͤnemark zu Markaroͤd verſicherte ſich Guſtav der Freundſchaft dieſes Mon⸗ archen; gegen Moskau wurden die Gränzen gedeckt; Polen konnte man von Deutſchland aus in Furcht erhalten, wenn es Luſt bekommen ſollte, den Waffenſtillſtand zu verletzen. Ein ſchwediſcher Unterhandler, von Falkenberg, welcher Holland und die deutſchen Hoͤfe bereiste, machte ſeinem Herrn, von Seiten mehrerer proteſtantiſchen Furſten, die ſchmeichelhafte⸗ ſten Hoffnungen, obgleich noch keiner Muth und Verläͤugnung genug hatte, ein foͤrmliches Bündniß mit ihm einzugehen. Die Stäͤdte Luͤbeck und Hamburg zeigten ſich bereitwillig, Geld vorzu⸗ ſchießen und an Zahlungsſtatt ſchwediſches Kupfer anzunehmen. Auch an den Fuͤrſten von Siebenbürgen wurden vertraute Perſonen abgeſchickt, dieſen unverſöhnlichen Feind Oeſterreichs gegen den Kaiſer in Waffen zu bringen. Unterdeſſen wurden in den Niederlanden und Deutſchland ſchwediſche Werbungen eröffnet, die Regimenter vollzählig ge⸗ macht, neue errichtet, Schiffe herbeigeſchafft, die Flotte gehörig ausgerüſtet, Lebensmittel, Kriegsbedürfniſſe und Geld ſo viel nur moglich herbeigetrieben. Dreißig Kriegsſchiffe waren in kurzer Zeit zum Auslaufen fertig, eine Armee von fünfzehn⸗ tauſend Mann ſtand bereit, und zweihundert Transportſchiffe waren beſtimmt, ſie uüberzuſetzen. Eine größere Macht wollte Guſtav Adolph nicht nach Deutſchland hinüberfüͤhren, und der Unterhalt derſelben hätte auch bis jetzt die Kräfte ſeines Königreichs überſtiegen. Aber ſo klein dieſe Armee war, ſo vor⸗ trefflich war die Auswahl ſeiner Truppen in Disciplin, kriege⸗ riſchem Muthe und Erfahrung, die einen feſten Kern zu einer groöͤßern Kriegsmacht abgeben konnte, wenn er den deutſchen Boden erſt erreicht und das Glück ſeinen erſten Anfang erſt begünſtigt haben würde. DOrenſtierna, zugleich General und Kanzler, ſtand mit etwa zehntauſend Mann in Preußen, dieſe Provinz gegen Polen zu vertheidigen. Einige reguläre Truppen und ein anſehnliches Corps Landmiliz, welches der Haupt⸗ armee zur Pflanzſchule diente, blieb in Schweden zurück, damit ein bundbrüͤchiger Nachbar bei einem ſchnellen Ueberfalle das Königreich nicht unvorbereitet fände. Dadurch war für die Vertheidigung des Reichs geſorgt. Nicht weniger Sorgfalt bewies Gu ſtav Adolph bei Anord⸗ nung der innern Regierung. Die Regentſchaft wurde dem Reichsrathe, das Finanzweſen dem Pfalzgrafen Johann Caſimir, dem Schwager des Königs, übertragen; ſeine Ge⸗ mahlin, ſo zärtlich er ſie liebte, von allen Regierungsgeſchaͤften entfernt, denen ihre eingeſchrankten Fähigkeiten nicht gewachſen waren. Gleich einem Sterbenden beſtellte er ſein Haus. Am 20 ſten Mai 1630, nachdem alle Vorkehrungen getroffen und Alles zur Abfahrt in Bereitſchaft war, erſchien der König in Stock⸗ holm in der Reichsverſammlung, den Ständen ein feierliches Lebewohl zu ſagen. Er nahm hier ſeine vierjährige Tochter Chriſtina, die in der Wiege ſchon zu ſeiner Nachfolgerin erklärt war, auf⸗ die Arme, zeigte ſie den Staͤnden als ihre künftige Beherrſcherin, ließ ihr auf den Fall, daß er ſelbſt nimmer wiederkehrte, den Eid der Treue erneuern, und darauf die Verordnung ableſen, wie es waͤhrend ſeiner Abweſenheit oder der Minderjaͤhrigkeit ſeiner Tochter mit der Regentſchaft des Reichs gehalten werden ſollte. In Thranen zerfloß die ganze Verſammlung, und der König ſelbſt brauchte Zeit, um zu ſeiner Abſchiedsrede an die Staͤnde die nöthige Faſſung zu erhalten. „Nicht leichtſinniger Weiſe,“ fing er an,„ſtürze ich mich und euch in dieſen neuen gefahrvollen Krieg. Mein Zeuge 180 iſt der allmächtige Gott, daß ich nicht aus Vergnuͤgen fechte. Der Kaiſer hat mich in der Perſon meiner Geſandten aufs Grauſamſte beleidigt, er hat meine Feinde unterſtützt, er verfolgt meine Freunde und Brüder, tritt meine Religion in den Staub, und ſtreckt die Hand aus nach meiner Krone. Dringend flehen uns die unterdrückten Stände Deutſchlands um Huͤlfe, und wenn es Gott gefäͤllt, ſo wollen wir ſie ihnen geben. „Ich kenne die Gefahren, denen mein Leben ausgeſetzt ſeyn wird. Nie habe ich ſie gemieden, und ſchwerlich werde ich ihnen ganz entgehen. Bis jetzt zwar hat mich die All⸗ macht wunderbar behütet; aber ich werde doch endlich ſterben in der Vertheidigung meines Vaterlandes. Ich übergebe euch dem Schutze des Himmels. Seyd gerecht, ſeyd gewiſſenhaft, wandelt unſträflich, ſo werden wir uns in der Ewigkeit wie⸗ der begegnen. „An euch, meine Reichsraͤthe, wende ich mich zuerſt. Gott erleuchte euch und erfüͤlle euch mit Weisheit, meinem König⸗ reiche ſtets das Beſte zu rathen. Euch, tapferer Adel, empfehle ich dem göttlichen Schutze. Fahft fort, euch als würdige Nach⸗ kommen jener heldenmuͤthigen Gothen zu erweiſen, deren Tapferkeit das alte Rom in den Staub ſtürzte. Euch, Diener der Kirche, ermahne ich zur Vertraͤglichkeit und Eintracht; ſeyd ſelbſt Muſter der Tugenden, die ihr predigt, und mißbraucht nie eure Herrſchaft uͤber die Herzen meines Volks. Euch, Deputirte des Büͤrger⸗ und Bauernſtandes, wünſche ich den Segen des Himmels, eurem Fleiße eine erfreuende Ernte, Fülle euren Scheunen, Ueberfluß an allen Gütern des Lebens. Für auch alle, Abweſende und Gegenwartige, ſchicke ich auf⸗⸗ richtige Wuͤnſche zum Himmel. Ich ſage euch allen mein zaͤrtliches Lebewohl. Ich ſage es vielleicht auf ewig.“ 181 Zu Elfsnaben, wo die Flotte vor Anker lag, erfolgte die Einſchiffung der Truppen; eine unzählige Menge Volks war herbeigeſtrömt, dieſes eben ſo prachtige als ruͤhrende Schauſpiel zu ſehen. Die Herzen der Zuſchauer waren von den, verſchie⸗ denſten Empfindungen bewegt, je nachdem ſie bei der Groͤße des Wageſtücks oder bei der Größe des Mannes verweilten. Unter den hohen Officieren, welche bei dieſem Heere comman⸗ dirten, haben ſich Guſtav Horn, Rheingraf Otto Ludwig, Heinrich Matthias Graf von Thurn, Drtenburg, Baudiſſen, Banner, Teufel, Tott, Mutſenfahl, Falkenberg, Kniphauſen und Andere mehr, einen glän⸗ zenden Namen erworben. Die Flotte, von widrigen Winden aufgehalten, konnte erſt im Junius unter Segel gehen, und erreichte am 24ſten dieſes Monats die Inſel Rügen an der Küſte von Pommern. Guſtav Adolph war der Erſte, der hier ans Land ſtieg. Im Angeſichte ſeines Volkes kniete er nieder auf Deutſchlands Erde, und dankte der Allmacht füͤr die Erhaltung ſeiner Armee und ſeiner Flotte. Auf den Inſeln Wollin und Uſedom ſetzte er ſeine Truppen ans Land; die kaiſerlichen Beſatzungen ver⸗ ließen ſogleich bei ſeiner Annaherung ihre Schanzen und ent⸗ flohen. Mit Blitzesſchnelligkeit erſchien er vor Stettin, ſich dieſes wichtigen Platzes zu verſichern, ehe die Kaiſerlichen ihm zuvorkämen. Bogisla der Vierzehnte, Herzog von Pom⸗ mern, ein ſchwacher und alternder Prinz, war lange ſchon der Mißhandlungen müde, welche die Kaiſerlichen in ſernem Lande. ausgeübt hatten und fortfuhren ausznuͤben; aber zu kraftlos, ihnen Widerſtand zu thun, hatte er ſich mit ſtillem Murren unter die Uebermacht gebeugt. Die Erſcheinung ſeines Retters, anſtatt ſeinen Muth zu beleben, erfüllte ihn mit Furcht und Zweifeln. So ſehr ſein Land noch von den Wunden blutete, 18² welche die Kaiſerlichen ihm geſchlagen, ſo wenig konnte dieſer Fürſt ſich entſchließen, durch offenbare Begünſtigung der Schwe⸗ den die Rache des Kaiſers gegen ſich zu reizen. Guſtav Adolph, unter den Kanonen von Stettin gelagert, forderte dieſe Stadt auf, ſchwediſche Garniſon einzunehmen. Bogisla erſchien ſelbſt im Lager des Koͤnigs, ſich dieſe Einquartirung zu verbitten.„Ich komme als Freund und nicht als Feind zu Ihnen,“ antwortete Guſtav;„nicht mit Pommern, nicht mit dem deutſchen Reiche, nur mit den Feinden desſelben füͤhre ich Krieg. In meinen Handen ſoll dieſes Herzogthum heilig auf⸗ gehoben ſeyn, und ſicherer als von jedem Andern werden Sie es nach geendigtem Feldzuge von mir zurückerhalten. Sehen Sie die Fußtapfen der kaiſerlichen Truppen in Ihrem Lande, ſehen Sie die Spuren der meinigen in Uſedom, und wählen Sie, ob Sie den Kaiſer oder mich zum Freunde haben wollen. Was erwarten Sie, wenn der Kaiſer ſich Ihrer Haupt⸗ ſtadt bemächtigen ſollte? Wird er gnädiger damit verfahren, als ich? Oder wollen Sie meinen Siegen Gränzen ſetzen? Die Sache iſt dringend, faſſen Sie einen Entſchluß, und nöthigen Sie mich nicht, wirkſamere Mittel zu ergreifen.“ Die Wahl war ſchmerzlich für den Herzog von Pommern. Hier der König von Schweden mit einer furchtbaren Armee vor den Thoren ſeiner Hauptſtadt; dort die unausbleibliche Nache des Kaiſers und das ſchreckenvolle Beiſpiel ſo vieler deutſcher Fürſten, welche als Opfer dieſer Rache im Elende herumwanderten. Die dringendere Gefahr beſtimmte ſeinen Entſchluß. Die Thore von Stettin wurden dem Koͤnige ge⸗ öffnet, ſchwediſche Truppen rückten ein, und den Kaiſerlichen, die ſchon in ſtarken Märſchen herbeieilten, wurde der Vor⸗ ſprung abgewonnen. Stettins Einnahme verſchaffte dem Könige in Pommern feſten Fuß, den Gebrauch der Oder und einen 183 Waffenplatz für ſeine Armee. Herzog Bogisla ſaumte nicht, den gethanen Schritt bei dem Kaiſer durch die Nothwendigkeit zu entſchuldigen, und dem Vorwurfe der Verrätherei im voraus zu begegnen; aber von der Unverſöhnlichkeit dieſes Monarchen überzeugt, trat er mit ſeinem neuen Schutzherrn in eine enge Verbindung, um durch die ſchwediſche Freundſchaft ſich gegen die Rache Oeſterreichs in Sicherheit zu ſetzen. Der König ge⸗ wann durch dieſe Allianz mit Pommern einen wichtigen Freund auf deutſchem Boden, der ihm den Rücken deckte und den Zuſammenhang mit Schweden offen hielt. 3 3 Guſtav Adolph glaubte ſich gegen Ferdinand, der ihn in Preußen zuerſt feindlich angegriffen hatte, der hergebrachten Formalitaͤten überhoben, und fing ohne Kriegserklärung die Feindſeligkeiten an. Gegen die europäiſchen Fürſten rechtfertigte er ſein Betragen in einem eigenen Manifeſte, in welchem alle ſchon angeführten Gründe, die ihn zur Ergreifung der Waffen bewogen, hererzaͤhlt wurden. Unterdeſſen ſetzte er ſeine Pro⸗ greſſen in Pommern fort und ſah mit jedem Tage ſeine Heere ſich vermehren. Von den Truppen, welche unter Mannsfeld, Herzog Chriſtian von Braunſchweig, dem Könige von Daͤnemark und unter Wallenſtein gefochten, ſtellten ſich Officiere ſowohl als Soldaten ſchagrenweiſe dar, unter ſeinen ſiegreichen Fahnen zu ſtreiten. Der Einfall des Königs von Schweden wurde am kaiſer⸗ lichen Hofe der Aufmerkſamkeit bei weitem nicht gewürdigt, welche er bald darauf zu verdienen ſchien. Der öſterreichiſche Stolz, durch das bisherige unerhörte Glück auf den höͤchſten Gipfel getrieben, ſah mit Geringſchätzung auf einen Fürſten herab, der mit einer Handvoll Menſchen aus einem verachteten Winkel Europens hervorkam, und, wie man ſich einbiidete, ſeinen bisher erlangten Kriegsruhm bloß der Ungeſchicklichkeit 184 eines noch ſchwächern Feindes verdankte. Die herabſetzende Schilderung, welche Wallenſtein, nicht ohne Abſicht, von der ſchwediſchen Macht entworfen, vermehrte die Sicherheit des Kaiſers; wie hätte er einen Feind achten ſollen, den ſein Feld⸗ herr ſich getraute mit Ruthen aus Deutſchland zu verjagen? Selbſt die reißenden Fortſchritte Guſtav Adolphs in Pom⸗ mern konnten dieſes Vorurtheil nicht ganz beſiegen, welchem der Spott der Hoͤflinge ſtets neue Nahrung gab. Man nannte ihn in Wien nur die Schneemajeſtät, welche die Kaͤlte des Nords jetzt zuſammenhalte, die aber zuſehends ſchmelzen würde, je naͤher ſie gegen Süden rückte. Die Kurfürſten ſelbſt, welche in Regensburg verſammelt waren, wuürdigten ſeine Vorſtel⸗ lungen keiner Aufmerkſamkeit, und verweigerten ihm aus blinder Gefälligkeit gegen Ferdinand, ſogar den Titel eines Königs. Waͤhrend man in Regensburg und in Wien ſeiner ſpottete, ging in Pommern und Mecklenburg ein feſter Ort nach dem andern an ihn verloren. Dieſer Geringſchätzung ungeachtet, hatte ſich der Kaiſer doch bereitwillig finden laſſen, die Mißhelligkeiten mit Schweden durch Unterhandlungen beizulegen, auch zu dieſem Ende Be⸗ vollmächtigte nach Danzig geſendet. Aber aus ihren Inſtruc⸗ tionen erhellte deutlich, wie wenig es ihm damit Ernſt war, da er Guſtaven noch immer den königlichen Titel verweigerte. Seine Abſicht ſchien bloß dahin zu gehen, das Verhaßte des Angriffs von ſich ſelbſt auf den König von Schweden abzu⸗ wälzen, um ſich dadurch auf den Beiſtand der Reichsſtande deſto eher Rechnung machen zu koͤnnen. Fruchtlos, wie zu erwarten geweſen war, zerſchlug ſich alſo dieſer Congreß zu Danzig, und die Erbitterung beider Theile wurde durch einen heftigen Briefwechſel aufs Höchſte getrieben. Ein kaiſerlicher General, Torquato Conti, der die Armee in Pommern commandirte, hatte ſich unterdeſſen ver⸗ geblich bemüht, den Schweden Stettin wieder zu entreißen. Aus einem Platze nach dem andern wurden die Kaiſerlichen vertrieben: Damm, Stargard, Camin, Wolaaſt fielen ſchnell nach einander in des Königs Hand. Um ſich an dem Herzoge von Pommern zu rachen, ließ der kaiſerliche General auf dem Rückzuge ſeine Truppen die ſchreiendſten Gewalthätigkeiten gegen die Einwohner Pommerns verüben, welche ſein Geiz längſt ſchon aufs Grauſamſte gemißhandelt hatte. Unter dem Vorwande, den Schweden alle Lebensmittel zu entziehen, wurde Alles verheert und geplündert, und oft, wenn die Kaiſerlichen einen Platz nicht länger zu behaupten wußten, ließen ſie ihn in Rauch aufgehen, um dem Feinde nichts als den Schutt zurück⸗ zulaſſen. Aber dieſe Barbareien dienten nur dazu, das ent⸗ gegengeſetzte Betragen der Schweden in ein deſto glänzenderes Licht zu ſetzen, und dem menſchenfreundlichen Könige alle Herzen zu gewinnen. Der ſchwediſche Soldat bezahlte Alles, was er brauchte, und von fremdem Eigenthum wurde auf ſeinem Durchmarſche nichts berührt. In Stadt und Land empfing man daher die ſchwediſchen Heere mit offenen Armen; alle kaiſerlichen Soldaten, welche dem pommerſchen Landvolk in die Haͤnde ſielen, wurden ohne Barmherzigkeit ermordet. Viele Pommern traten in ſchwediſchen Dienſt, und die Stände dieſes ſo ſehr erſchöpften Landes ließen es ſich mit Freuden gefallen, dem König eine Contribution von hunderttauſend Gulden zu bewilligen. Torquato Conti, bei aller Härte ſeines Charakters ein vortrefflicher General, ſuchte dem Könige von Schweden den Beſitz von Stettin wenigſtens unnütz zu machen, da er ihn nicht von dieſem Orte zu vertreiben vermochte. Er verſchanzte ſich zu Garz, oberhalb Stettin, an der Oder, um dieſen Fluß 186 zu beherrſchen und jener Stadt die Communication zu Waſſer mit dem übrigen Deutſchland abzuſchneiden. Nichts konnte ihn dahin bringen, mit dem Könige von Schweden zu ſchlagen, der ihm an Mannſchaft überlegen war; noch weniger wollte es dieſem gelingen, die feſten kaiſerlichen Verſchanzungen zu ſtür⸗ men. Torquato, von Truppen und Geld allzuſehr entblößt, um angriffsweiſe gegen den König zu agiren, gedachte mit Huͤlfe dieſes Operationsplans dem Grafen Tilly geit zu ver⸗ ſchaffen, zur Vertheidigung Pommerns herbeizueilen und als⸗ dann in Vereinigung mit dieſem General auf den König von Schweden loszugehen. Er benutzte ſogar einmal die Entfernung des Koͤnigs, um ſich durch einen unvermutheten Ueberfall Stettins zu bemachtigen. Aber die Schweden ließen ſich nicht unvorbereitet finden. Ein lebhafter Angriff der Kaiſerlichen wurde mit Standhaftigkeit zurückgeſchlagen, und Torqugto verſchwand mit einem großen Verluſte. Nicht zu läugnen iſt es, daß Guſtav Adolph bei dieſem günſtigen Anfange eben ſo viel dem Glücke als ſeiner Kriegserfahrenheit dankte. Die kaiſerlichen Truppen in Pommern waren ſeit Wallenſteins Abdankung aufs Tiefſte heruntergekommen. Grauſam raͤchten ſich ihre Ausſchweifungen jetzt an ihnen ſelbſt: ein ausgezehrtes verödetes Land konnte ihnen keinen Unterhalt mehr darbieten. Alle Mannszucht war dahin, keine Achtung mehr für die Befehle der Officiere; zuſehends ſchmolz ihre Anzahl durch haͤufige De⸗ ſertionen und durch ein allgemeines Sterben, welches die ſchnei⸗ dende Kalte in dieſem ungewohnten Klima verurſachte. Unter dieſen uUmſtänden ſehnte ſich der kaiſerliche General nach Ruhe, um ſeine Truppen durch die Winterquartiere zu erquicken; aber er hatte mit einem Feinde zu thun, für den unter deutſchem Himmel gar kein Winter war. Zur Vorſorge hatte Guſtav ſeine Soldaten mit Schafspelzen verſehen laſſen, um auch die 1 4 187 rauheſte Jahreszeit über im Felde zu bleiben. Die kaiſerlichen Bevollmächtigten, welche wegen eines Waffenſtillſtandes zu unterhandeln kamen, erhielten daher die troſtloſe Antwort: „Die Schweden ſeyen im Winter wie im Sommer Soldaten, und nicht geneigt, den armen Landmann noch mehr auszu⸗ ſaugen. Die Kaiſerlichen möchten es mit ſich halten, wie ſie wollten; ſie aber gedachten nicht, ſich müßig zu verhalten.“ Torquato Conti legte bald darauf ſein Commando, wobei wenig Ruhm und nun auch kein Geld mehr zu gewinnen war, nieder. Bei dieſer Ungleichheit mußte ſich der Vortheil nothwendiger Weiſe auf ſchwediſcher Seite befinden. Unaufhörlich wurden die Kaiſerlichen in ihren Winterquartieren beunruhigt, Greifen⸗ hagen, ein wichtiger Platz an der Oder, mit Sturm erobert, zuletzt auch die Städte Garz und Piritz von den Feinden ver⸗ laſſen. Von ganz Pommern waren nur noch Greifswalde, Dem⸗ min und Kolberg in ihren Haͤnden, zu deren Belagerung der König ungeſaͤumt die nachdrücklichſten Anſtalten machte. Der fliehende Feind nahm ſeinen Weg nach der Mark Brandenburg, nicht ohne großen Verluſt an Artillerie, Bagage und Mann⸗ ſchaft, welche den nacheilenden Schweden in die Hände fielen. Durch Einnahme der Paͤſſe bei Ribnitz und Damgarten hatte ſich Guſtay den Eingang in das Herzogthum Mecklen⸗ burg eröffnet, deſſen Unterthanen durch ein vorangeſchicktes Manifeſt aufgefordert wurden, unter die Herrſchaft ihrer recht⸗ maßigen Regenten zurückzukehren und alles, was Wallenſtei⸗ niſch wäre, zu verjagen. Durch Betrug bekamen aber die Kgiſerlichen die wichtige Stadt Roſtock in ihre Gewalt, welches den König, der ſeine Macht nicht gern theilen wollte, an fer⸗ nerem Vorrücken hinderte. Vergebens hatten indeſſen dee ver⸗ triebenen Herzoge von Mecklenburg, durch die zu Regensburg . d 188 verſammelten Fürſten bei dem Kaiſer fuͤrſprechen laſſen; ver⸗ gebens hatten ſie, um den Kaiſer durch Unterwuürfigkeit zu ge⸗ winnen, das Bündniß mit Schweden und jeden Weg der Selbſt⸗ hülfe verſchmäht. Durch die hartnäckige Weigernng des Kaiſers zur Verzweiflung gebracht, ergriffen ſie jetzt öffentlich die Partei des Koͤnigs von Schweden, warben Truppen und übertrugen das Commando darüber dem Herzoge Franz Karl von Sachſen⸗Lauenburg. Dieſer bemächtigte ſich auch wirklich einiger feſten Pläͤtze an der Elbe, verlor ſie aber bald wieder an den kaiſerlichen General Pappenheim, der gegen ihn geſchickt wurde. Bald darauf, in der Stadt Ratzeburg von Letzterem belagert, ſah er ſich, nach einem vergeblichen Verſuche zu entfliehen, genöthigt, ſich mit ſeiner ganzen Mannſchaft zu Gefangenen zu ergeben. So verſchwand denn aufs Neue die Hoffnung dieſer unglücklichen Fürſten zum Wiedereintritt in ihre Lande, und dem ſiegreichen Arme Guſtav Adolphs allein war es aufbehalten, ihnen dieſe glaͤnzende Gerechtigkeit zu erzeigen. Die fluͤchtigen kaiſerlichen Schaaren hatten ſich in die Mark Brandenburg geworfen, welche ſie jetzt zum Schauplatze ihrer Gräuelthaten machten. Nicht zufrieden, die willkürlichſten Schatzungen einzufordern und den Bürger durch Einquartie⸗ rungen zu drücken, durchwühlten dieſe Unmenſchen auch noch das Innere der Haäuſer, zerſchlugen, erbrachen Alles, was verſchloſſen war, raubten allen Vorrath, den ſie fanden, mißhandelten auf das Entſetzlichſte, wer ſich zu widerſetzen wagte, entehrten das Frauenzimmer, ſelbſt an heiliger Stätte. Und alles dies geſchah nicht in Feindes Land— es geſchah gegen die Unter⸗ thanen eines Fürſten, von welchem der Kaiſer nicht beleidigt war, dem er trotz dieſem allen noch zumuthete, die Waffen gegen den König von Schweden zu ergreifen. Der Anblick 189 dieſer entſetzlichen Ausſchweifungen, welche ſie aus Mangel an Anſehn und aus Geldnoth geſchehen laſſen mußten, erweckte ſelbſt den Unwillen der kaiſerlichen Generale, und ihr oberſter Chef, Graf von Schaumburg, wollte ſchamroth das Com⸗ mando niederlegen. Zu arm an Soldaten, um ſein Land zu vertheidigen, und ohne Hülfe gelaſſen von dem Kaiſer, der zu den beweglichſten Vorſtellungen ſchwieg, befahl endlich der Kurfürſt von Brandenburg ſeinen Unterthanen in einem Edicte, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben und jeden kaiſerlichen Sol⸗ daten, der über der Plünderung ergriffen würde, ohne Scho⸗ nung zu ermorden. Zu einem ſolchen Grade war der Graäuel der Mißhandlung und das Elend der Regierung geſtiegen, daß dem Landesherrn nur das verzweifelte Mittel uͤbrig blieb, die Selbſtrache zu befehlen. Die Kaiſerlichen hatten die Schweden in die Mark Bran⸗ denburg nachgezogen, und nur die Weigerung des Kurfürſten, ihm die Feſtung Küſtrin zum Durchmarſche zu öffnen, hatte den König abhalten können, Frankfurt an der Oder zu belagern. Er ging zurück, die Eroberung Pommerns durch Einnahme von Demmin und Kolberg zu vollenden; unterdeſſen war der Feldmarſchall Tilly im Anzuge, die Mark Brandenburg zu vertheidigen. Dieſer General, der ſich rühmen konnte, noch keine Schlacht verloren zu haben, der Ueberwinder Mannsfelds, Chri⸗ ſtians von Braunſchweig, des Markgrafen von Baden und des Königs von Daͤnemark, ſollte an dem Könige von Schweden einen würdigen Gegner finden. Tilly ſtammte aus einer edlen Familie in Lüttich und hatte in dem nieder⸗ landiſchen Kriege, der damaligen Feldherrnſchule, ſeine Talente ausgebildet. Bald darauf fand er Gelegenheit, ſeine erlangten Fähigkeiten unter Kaiſer Rudolph dem Zweiten in Ungarn 190 zu zeigen, wo er ſich ſchnell von einer Stufe zur andern empor⸗ ſchwang. Nach geſchloſſenem Frieden trat er in die Dienſte Maximilians von Bayern, der ihn zum Oberfeldherrn mit unumſchränkter Gewalt ernannte. Tilly wurde durch ſeine vortrefflichen Einrichtungen der Schöpfer der bayeriſchen Kriegsmacht, und ihm vorzüglich hatte Maximilian ſeine bisherige Ueberlegenheit im Felde zu danken. Nach geendigtem böhmiſchen Kriege wurde ihm das Commando der liguiſtiſchen Truppen, und jetzt, nach Wallenſteins Abgang, das Ge⸗ neralat über die ganze kaiſerliche Armee übertragen. Eben ſo ſtreng gegen ſeine Truppen, eben ſo blutduͤrſtig gegen den Feind, von eben ſo finſterer Gemüthsart als Wallenſtein, ließ er dieſen an Beſcheidenheit und Uneigennützigkeit weit hinter ſich zuruͤck. Ein blinder Religionseifer und ein blutdürſtiger Ver⸗ folgungsgeiſt vereinigten ſich mit der natüͤrlichen Wildheit ſei⸗ nes Charakters, ihn zum Schrecken der Proteſtanten zu machen. Ein bizarres und ſchreckhaftes Aeußere entſprach dieſer Ge⸗ muthsart. Klein, hager, mit eingefallenen Wangen, langer Naſe, breiter gerunzelter Stirn, ſtarkem Knebelbarte und unten zugeſpitztem Geſichte, zeigte er ſich gewöhnlich in einem ſpa⸗ niſchen Wamms von hellgrünem Atlas mit aufgeſchlitzten Aer⸗ meln, auf dem Kopfe einen kleinen, hoch aufgeſtutzten Hut, mit einer rothen Straußfeder geziert, die bis auf den Rücken niederwallte. Sein ganzer Anblick erinnerte an den Herzog von Alba, den Zuchtmeiſter der Flamänder, und es fehlte viel, daß ſeine Thaten dieſen Eindruck auslöſchten. So war der Feld⸗ herr beſchaffen, der ſich dem nordiſchen Helden entgegenſtellte. Tilly war weit entfernt, ſeinen Gegner gering zu ſchätzen. „Der König von Schweden,“ erklärte er auf der Kurfürſten⸗ verſammlung zu Regensburg,„iſt ein Feind von eben ſo großer Klugheit als Tapferkeit, abgehärtet zum Kriege, in der beſten 3 191 Bluͤthe ſeiner Jahre. Seine Anſtalten ſind vortrefflich, ſeine Hülfsmittel nicht gering; die Staͤnde ſeines Reichs ſind außerſt willfahrig gegen ihn geweſen. Seine Armee, aus Schweden, Deutſchen, Liplandern, Finnlandern, Schotten und Englaͤndern zuſammengefloſſen, iſt zu einer einzigen Nation gemacht durch blinden Gehorſam. Dies iſt ein Spieler, gegen welchen nicht verloren zu haben ſchon uberaus viel gewonnen iſt.“ Die Fortſchritte des Königs von Schweden in Brandenburg und Pommern ließen den neuen Generaliſſimus keine Zeit ver⸗ lieren, und dringend forderten die dort commandirenden Feld⸗ herren ſeine Gegenwart. In moglichſter Schnelligkeit zog er die kaiſerlichen Truppen, die durch ganz Deutſchland zerſtreut waren, an ſich; aber es koſtete viel Zeit, aus den veroͤdeten und verarmten Provinzen die nothigen Kriegsbedürfniſſe zu⸗ ſammenzubringen. Endlich erſchien er in der Mitte des Win⸗ ters an der Spitze von zwanzigtauſend Mann vor Frankfurt an der Oder, wo er ſich mit dem Ueberreſte der Schaumburgiſchen Truppen vereinigte. Er übergab dieſem Feldherrn die Verthei⸗ digung Frankfurts mit einer hinlaͤnglich ſtarken Beſatzung, und er ſelbſt wollte nach Pommern eilen, um Demmin zu retten und Kolberg zu entſetzen, welche Stadt von den Schweden ſchon aufs Aeußerſte gebracht war. Aber noch eh' er Brandenburg verließ, hatte ſich demmin, von dem Herzoge Savelli außerſt ſchlecht vertheidigt, an den Köuig ergeben, und auch Kolberg ging wegen Hungersnoth nach fünfmonatlicher Belagerung über. Da die Paͤſſe nach Vorpommern aufs Beſte beſetzt waren und das Lager des Königs bei Schwedt jedem Angriffe Trotz bot, ſo entſagte Tilly ſeinem erſten angreifenden Plane und zog ſich rückwarts nach der Elbe— um Magdeburg zu belagern. Durch Wegnahme von Demmin ſtand es dem Könige frei, unaufgehalten ins Mecklenburgiſche zu dringen; aber ein * 19² wichtigeres Unternehmen zog ſeine Waffen nach einer andern Gegend. Tilly hatte kaum ſeinen Rückmarſch angetreten, als er ſein Lager zu Schwedt plöͤtzlich aufhob und mit ſeiner ganzen Macht gegen Frankfurt an der Oder anrückte. Dieſe Stadt war ſchlecht befeſtigt, aber durch eine achttauſend Mann ſtarke Beſatzung vertheidigt, größtentheils Ueberreſt jener wüthenden Banden, welche Pommern und Brandenburg gemißhandelt hatten. Der Angriff geſchah mit Lebhaftigkeit, und ſchon am dritten Tage wurde die Stadt mit ſtuͤrmender Hand erobert. Die Schweden, des Sieges gewiß, verwarfen, obgleich die Feinde zweimal Schamade ſchlugen, die Capitulation, um das ſchreck⸗ liche Recht der Wiedervergeltung auszuüben. Tilly hatte nämlich gleich nach ſeiner Ankunft in dieſen Gegenden eine ſchwediſche Beſatzung, die ſich verſpaàtet hatte, in Neubran⸗ denburg aufgehoben und, durch ihren lebhaften Widerſtand gereizt, bis auf den letzten Mann niederhauen laſſen. Dieſer Grauſamkeit erinnerten ſich jetzt die Schweden, als Frankfurt erſtiegen ward. Neubrandenburgiſch Quartier!l ant⸗ wortete man jedem kaiſerlichen Soldaten, der um ſein Leben bat, und ſtieß ihn ohne Barmherzigkeit nieder. Einige tauſend wurden erſchlagen oder gefangen, Viele ertranken in der Oder, der Ueberreſt floh nach Schleſien, die ganze Artillerie gerieth in ſchwediſche Hände. Dem Ungeſtüm ſeiner Soldaten nach⸗ zugeben, mußte Guſtay Adolph eine dreiſtündige Plünde⸗ rung erlauben. Indem dieſer Koͤnig von einem Siege zum andern forteilte, der Muth der proteſtantiſchen Stände dadurch wuchs und ihr Widerſtand lebhafter wurde, fuhr der Kaiſer noch unveraͤndert fort, durch Vollſtreckung des Reſtitutionsedicts und durch über⸗ triebene Zumuthungen an die Stäͤnde ihre Geduld aufs Aeußerſte zu treiben. Nothgedrungen ſchritt er jetzt auf den gewaltthaͤtigen 193 Wegen fort, die er anfangs aus Uebermuth betreten hatte; den Verlegenheiten, in welche ihn ſein willkürliches Verfahren ge⸗ ſtürzt hatte, wußte er jetzt nicht anders als durch eben ſo will⸗ kuͤrliche Mittel zu entgehen. Aber in einem ſo künſtlich orga⸗ niſirten Staatskoͤrper, wie der deutſche iſt und immer war, mußte die Hand des Deſpotismus die unuberſehlichſten Zer⸗ rüttungen anrichten. Mit Erſtaunen ſahen die Fürſten unver⸗ merkt die ganze Reichsverfaſſung umgekehrt, und der eintretende Zuſtand der Natur führte ſie zur Selbſthülfe, dem einzigen Rettungsmittel in dem Zuſtande der Natur. Endlich hatten doch die offenbaren Schritte des Kaiſers gegen die evangeliſche Kirche von den Augen Johann Georgs die Binde weg⸗ gezogen, welche ihm ſo lange die betrügeriſche Politik dieſes Prinzen verbarg. Durch Ausſchließung ſeines Sohnes von dem Erzſtifte zu Magdeburg hatte ihn Ferdinand perſönlich be⸗ leidigt, und der Feldmarſchall von Arnheim, ſein neuer Günſtling und Miniſter, verabſaͤumte nichts, die Empfindlichkeit ſeines Herrn aufs Höchſte zu treiben. Vormals kaiſerlicher General unter Wallenſteins Commando, und noch immer deſſen eifrig ergebener Freund, ſuchte er ſeinen alten Wohlthaͤter und ſich ſelbſt an dem Kaiſer zu rächen und den Kurfürſten von Sachſen von dem öſterreichiſchen Intereſſe abzuziehen. Die Erſcheinung der Schweden in Deutſchland mußte ihm die Mittel dazu darbieten. Guſtav Adolph war unüberwindlich, ſobald ſich die proteſtantiſchen Stände mit ihm vereinigten, und nichts beunruhigte den Kaiſer mehr. Kurſachſens Beiſpiel konnte die Erklärung aller Uebrigen nach ſich ziehen, und das Schickſal des Kaiſers ſchien ſich gewiſſermaßen in den Haͤnden Johann Georgs zu befinden. Der liſtige Günſtling machte dem Ehe⸗ geize ſeines Herrn dieſe ſeine Wichtigkeit fühlbar, und ertheilte ihm den Rath, den Kaiſer durch ein angedrohtes Bündniß Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 13 194 mit Schweden in Schrecken zu ſetzen, um von der Furcht die⸗ ſes Prinzen zu erhalten, was von der Dankbarkeit desſelben nicht zu erwarten ſey. Doch hielt er dafür, die Allianz mit Schweden nicht wirklich abzuſchließen, um immer wichtig zu ſeyn und immer freie Hand zu behalten. Er begeiſterte ihn für den ſtolzen Plan(dem nichts als eine verſtaͤndigere Hand zur Vollſtreckung fehlte), die ganze Partei der Proteſtanten an ſich zu ziehen, eine dritte Macht in Deutſchland aufzu⸗ ſtellen, und in der Mitte zwiſchen Schweden und Oeſterreich die Entſcheidung in den Haͤnden zu tragen. Dieſer Plan mußte der Eigenliebe Johauͤn Georgs um ſo mehr ſchmeicheln, da es ihm gleich unertraͤglich war, in die Abhaͤngigkeit von Schweden zu gerathen, und langer unter der Tyrannei des Kaiſers zu bleiben. Nicht mit Gleichgultigkeit konnte er ſich die Führung der deutſchen Angelegenheiten von einem fremden Prinzen entriſſen ſehen, und ſo wenig Faͤhigkeit er auch beſaß, die erſte Rolle zu ſpielen, ſo wenig ertrug es ſeine Eitelkeit, ſich mit der zweiten zu begnügen. Er beſchloß alſo, von den Progreſſen des ſchwediſchen Königs die moͤglichſten Vortheile fuͤr ſeine eigene Lage zu ziehen, aber unabhängig von dieſem ſeinen eigenen Plan zu verfolgen. Zu dieſem Ende beſprach er ſich mit dem Kurfürſten von Brandenburg, der aus ahnlichen Urſachen gegen den Kaiſer entrüſtet und auf Schweden mißtrauiſch war. Nachdem er ſich auf einem Land⸗ tage zu Torgau ſeiner eigenen Landſtäͤnde verſichert hatte, deren Beiſtimmung ihm zur Ausführung ſeines Planes un⸗ entbehrlich war, ſo lud er alle evangeliſchen Staͤnde des Reichs zu einem Generalconvent ein, welcher am 6ten Februar 1631 zu Leipzig eröffnet werden ſollte. Brandenburg, Heſſen⸗Kaſſel, mehrere Fürſten, Grafen, Reichsſtände, proteſtantiſche Biſchöfe erſchienen entweder ſelbſt oder durch Bevollmächtigte auf dieſer 195 Verſammlung, welche der ſaächſiſche Hofprediger, Dr. Hoe von Hohenegg, mit einer heftigen Kanzelrede eröffnete. Vergebens hatte ſich der Kaiſer bemüht, dieſe eigenmaͤchtige Zuſammenkunft, welche augenſcheinlich auf Selbſthulfe zielte und bei der Anweſenheit der Schweden in Deutſchland höchſt bedenklich war, zu hintertreiben. Die verſammelten Fuͤrſten, von den Fortſchritten Guſtav Adolphs belebt, behaupteten ihre Rechte und gingen nach Verlauf zweier Monate mit einem merkwürdigen Schluſſe auseinander, der den Kaiſer in nicht geringe Verlegenheit ſetzte. Der Inhalt desſelben war, den Kaiſer in einem gemeinſchaftlichen Schreiben um Aufhebung des Reſtitutionsedictes, Zuruckziehung ſeiner Truppen aus ihren Reſidenzen und Feſtungen, Einſtellung der Execution und Abſtellung aller bisherigen Mißbraͤuche nachdruͤcklich zu erſuchen— einſtweilen aber eine vierzigtauſend Mann ſtarke Armee zuſammenzubringen, um ſich ſelbſt Recht zu ſchaffen, wenn der Kaiſer es ihnen verweigerte. Ein Umſtand kam noch dazu, der nicht wenig dazu beitrug, die Entſchloſſenheit der proteſtantiſchen Fürſten zu vermehren. Endlich hatte der Koͤnig von Schweden die Bedenklichkeiten be⸗ ſiegt, welche ihn bisher von einer naͤhern Verbindung mit Frankreich zuruͤckſchreckten, und war am 13ten Jaͤnner dieſes 163 1ſten Jahres in eine foͤrmliche Allianz mit dieſer Krone ge⸗ treten. Nach einem ſehr ernſthaften Streite uͤber die künftige Behandlungsart der katholiſchen Reichsfürſten, welche Frank⸗ reich in Schutz nahm, Guſtav hingegen das Recht der Wie⸗ dervergeltung empfinden laſſen wollte, und nach einem minder wichtigen Zanke üͤber den Titel Majeſtät, den der franzöſiſche Hochmuth dem ſchwediſchen Stolze verweigerte, gab endlich Richelien in dem zweiten, Guſtav Adolph in dem erſten Artikel nach, und zu Berwald in der Neumark wurde der 196 Allianztractat unterzeichnet. Beide Maͤchte verpflichteten ſich in demſelben, ſich wechſelſeitig und mit gewaffneter Hand zu beſchutzen, ihre gemeinſchaftlichen Freunde zu vertheidigen, den vertriebenen Reichsfürſten wieder zu ihren ⸗Ländern zu helfen, und an den Graͤnzen, wie in dem Innern Deutſchlands, Alles eben ſo wieder herzuſtellen, wie es vor dem Ausbruche des Kriegs geweſen war. Zu dieſem Ende ſollte Schweden eine Armee von dreißigtauſend Mann auf eigene Koſten in Deutſchland unterhalten, Frankreich hingegen viermalhundert⸗ tauſend Thaler jaͤhrlicher Huͤlfsgelder den Schweden entrichten. Würde das Glück die Waffen Guſtays begünſtigen, ſo ſollten in den eroberten Plätzen die katholiſche Religion und die Reichs⸗ geſetze ihm heilig ſeyn und gegen beide nichts unternommen werden, allen Ständen und Fuͤrſten in und außer Deutſch⸗ land, ſelbſt den katholiſchen, der Zutritt zu dieſem Bundniſſe offen ſtehen, kein Theil ohne Wiſſen und Willen des andern einen einſeitigen Frieden mit dem Feinde ſchließen, das Bündniß ſelbſt fünf Jahre dauern. So großen Kampf es dem Könige von Schweden gekoſtet hatte, von Frankreich Sold anzunehmen und ſeiner unge⸗ bundenen Freiheit in Führung des Kriegs zu entſagen, ſo entſcheidend war dieſe franzöſiſche Allianz für ſeine Angelegen⸗ heiten in Deutſchland. Jetzt erſt, nachdem er durch die an⸗ ſehnlichſte Macht in Europa gedeckt war, fingen die deutſchen Reichsſtände an, Vertrauen zu ſeiner Unternehmung zu faſſen, für deren Erfolg ſie bisher nicht ohne Urſache gezittert hatten. Jetzt erſt wurde er dem Kaiſer fürchterlich. Selbſt die katho⸗ liſchen Fürſten, welche Oeſterreichs Demüthigung wünſchten, ſahen ihn jetzt mit weniger Mißtrauen in Deutſchland Fort⸗ ſchritte machen, weil ihm das Bundniß mit einer katholiſchen Macht Schonung gegen ihre Religion auferlegte. So wie 197 Guſtav Adolphs Erſcheinung die evangeliſche Religion und deutſche Freiheit gegen die Uebermacht des Kaiſers Ferdi⸗ nand beſchuͤtzte, eben ſo konnte nunmehr Frankreichs Dazwi⸗ ſchenkunft die katholiſche Religion und deutſche Freiheit gegen eben dieſen Guſtav Adolph in Schutz nehmen, wenn ihn die Trunkenheit des Glücks über die Schranken der Maͤßigung hinwegführen ſollte. Der König von Schweden ſaumte nicht, die Fuͤrſten des Leipziger Bundes von dem mit Frankreich geſchloſſenen Tractate zu unterrichten und ſie zugleich zu einer nähern Verbindung mit ihm einzuladen. Auch Frankreich unterſtützte ihn in dieſem Geſuche, und ſparte keine Vorſtellungen, den Kurfürſten von Sachſen zu bewegen. Guſtav Adolph wollte ſich mit einer heimlichen Unterſtützung begnügen, wenn die Fürſten es jetzt noch für zu gewagt halten ſollten, ſich öffentlich fuͤr ſeine Partei zu erklären. Mehrere Fürſten machten ihm zu Anneh⸗ mung ſeiner Vorſchläge Hoffnung, ſobald ſie nur Luft bekom⸗ men ſollten; Johann Georg, immer voll Eiferſucht und Mißtrauen gegen den König von Schweden, immer ſeiner eigennüͤtzigen Politik getreu, konnte ſich zu keiner entſcheiden⸗ den Erklärung entſchließen. Der Schluß des Leipziger Convents und das Bündniß zwi⸗ ſchen Frankreich und Schweden waren zwei gleich ſchlimme Zei⸗ tungen für den Kaiſer. Gegen jenen nahm er die Donner ſeiner kaiſerlichen Machtſprüche zu Hülfe, und bloß eine Armee fehlte ihm, um Frankreich wegen dieſer ſeinen ganzen Unwillen empfinden zu laſſen. Abmahnungsſchreiben ergingen an alle Theilnehmer des Leipziger Bundes, welche ihnen die Truppen⸗ werbung aufs Strengſte unterſagten. Sie antworteten mit heftigen Widerklagen, rechtfertigten ihr Betragen durch das natuͤrliche Recht und fuhren fort, ſich in Rüſtung zu ſetzen. 198 Die Generale des Kaiſers ſahen ſich unterdeſſen aus Mangel an Truppen und an Geld zu der mißlichen Wahl gebracht, entweder den Koͤnig von Schweden oder die deutſchen Reichs⸗ ſtaände außer Augen zu laſſen, da ſie mit einer getheilten Macht beiden zugleich nicht gewachſen waren. Die Bewegungen der Proteſtanten zogen ihre Aufmerkſamkeit nach dem Innern des Reichs; die Progreſſen des Koͤnigs in der Mark Brandenburg, welcher die kaiſerlichen Erblande ſchon in der Nahe bedrohte, forderten ſie dringend auf, dorthin ihre Waffen zu kehren. Nach Frankfurts Eroberung hatte ſich der Koͤnig gegen Landsberg an der Wartha gewendet, und Tilly kehrte nun, nach einem zu ſpaten Verſuche, jene Stadt zu retten, nach Magdeburg zurüͤck, die angefangene Belagerung mit Ernſt fortzuſetzen. Das reiche Erzbisthum, deſſen Hauptſitz die Stadt Magde⸗ burg war, hatten ſchon ſeit geraumer Zeit evangeliſche Prinzen aus dem brandenburgiſchen Hauſe beſeſſen, welche ihre Religion darin einführten. Chriſtian Wilhelm, der letzte Admini⸗ ſtrator, war durch ſeine Verbindung mit Dänemark in die Reichsacht verfallen, wodurch das Domcapitel ſich bewogen ſah, um nicht die Rache des Kaiſers gegen das Erzſtift zu reizen, ihn foͤrmlich ſeiner Würde zu entſetzen. An ſeiner Statt poſtu⸗ lirte es den Prinzen Johann Auguſt, zweiten Sohn des Kurfürſten von Sachſen, den aber der Kaiſer verwarf, um ſeinem eigenen Sohne, Leopold, dieſes Erzbisthum zuzu⸗ wenden. Der Kurfürſt von Sachſen ließ daruber unmächtige Klagen an dem kaiſerlichen Hofe erſchallen; Chriſtian Wil⸗ helm von Brandenburg ergriff thätigere Maßregeln. Der Zuneigung des Volks und Magiſtrats zu Magdeburg verſichert und von chimäriſchen Hoffnungen erhitzt, glaubte er ſich im Stande, alle Hinderniſſe zu beſiegen, welche der Ausſpruch des Capitels, die Concurrenz mit zwei mäͤchtigen 199 Mitbewerbern und das Reſtitutionsedict ſeiner Wiederher⸗ ſtellung entgegenſetzten. Er that eine Reiſe nach Schweden und ſuchte ſich, durch das Verſprechen einer wichtigen Diver⸗ ſion in Deutſchland, der Unterſtützung Guſtavs zu ver⸗ ſichern. Dieſer Koͤnig entließ ihn nicht ohne Hoffnung ſeines nachdrücklichen Schutzes, ſchaͤrfte ihm aber dabei ein, mit Klugheit zu verfahren. Kaum hatte Chriſtian Wilhelm die Landung ſeines Beſchutzers in Pommern erfahren, ſo ſchlich er ſich, mit Huͤlfe einer Verkleidung, in Magdeburg ein. Er erſchien plöͤtzlich in der Rathsverſammlung, erinnerte den Magiſtrat an alle Drang⸗ ſale, welche Stadt und Land ſeitdem von den kaiſerlichen Truppen erfahren, an die verderblichen Anſchläage Ferdinands, an die Gefahr der evangeliſchen Kirche. Nach dieſem Eingange entdeckte er ihnen, daß der Zeitpunkt ihrer Befreiung erſchienen ſey und daß ihnen Guſtav Adolph ſeine Allianz und allen Beiſtand an⸗ biete. Magdeburg, eine der wohlhabendſten Staͤdte Deutſchlands, genoß unter der Regierung ſeines Magiſtrats einer republikani⸗ ſchen Freiheit, welche ſeine Buͤrger mit einer heroiſchen Kühn⸗ heit beſeelte. Davon hatten ſie bereits gegen Wallenſtein, der, von ihrem Reichthum angelockt, die übertriebenſten Forde⸗ rungen an ſie machte, ruͤhmliche Proben abgelegt, und in einem muthigen Widerſtande ihre Rechte behauptet. Ihr ganzes Ge⸗ biet hatte zwar die zerſtörende Wuth ſeiner Truppen erfahren, aber Magdeburg ſelbſt entging ſeiner Rache. Es war alſo dem Adminiſtrator nicht ſchwer, Gemuͤther zu gewinnen, denen die erlittenen Mißhandlungen noch in friſchem Andenken waren. Zwiſchen der Stadt und dem Könige von Schweden kam ein Bündniß zu Stande, in welchem Magdeburg dem Könige ungehinderten Durchzug durch ihr Gebiet und ihre Thore, und die Werbefreiheit auf ihrem Grund und Boden verſtattete, 200 und die Gegenverſicherung erhielt, bei ihrer Religion und ihren Privilegien aufs Gewiſſenhafteſte geſchutzt zu werden. Sogleich zog der Adminiſtrator Kriegsvölker zuſammen, und fing die Feindſeligkeiten voreilig an, ehe Guſtav Adolph nahe genug war, ihn mit ſeiner Macht zu unterſtützen. Es glückte ihm, einige kaiſerliche Corps in der Nachbarſchaft auf⸗ zuheben, kleine Eroberungen zu machen und ſogar Halle zu überrumpeln. Aber die Annaherung eines kaiſerlichen Heeres nothigte ihn bald, in aller Eilfertigkeit und nicht ohne Verluſt den Ruckweg nach Magdeburg zu nehmen. Guſtav Adolph, obgleich unzufrieden über dieſe Voreiligkeit, ſchickte ihm in der Perſon Dietrichs von Falkenberg einen erfahrenen Officier, um die Kriegsoperationen zu leiten und dem Admini⸗ ſtrator mit ſeinem Rathe beizuſtehen. Eben dieſen Falken⸗ berg ernannte der Magiſtrat zum Commandanten der Stadt, ſo lange dieſer Krieg dauern würde. Das Heer des Prinzen ſah ſich von Tag zu Tag durch den Zulauf aus den benach⸗ barten Städten vergrößert, erhielt mehrere Vortheile über die kaiſerlichen Regimenter, welche dagegen geſchickt wurden, und konnte mehrere Monate einen kleinen Krieg mit vielem Glück unterhalten. Endlich näherte ſich der Graf von Pappenheim, nach beendigtem Zuge gegen den Herzog von Sachſen⸗Lauenburg, der Stadt, vertrieb in kurzer Zeit die Truppen des Admini⸗ ſtrators aus allen umliegenden Schanzen, hemmte dadurch alle Communication mit Sachſen, und ſchickte ſich ernſtlich an, die Stadt einzuſchließen. Bald nach ihm kam auch Tilly, forderte den Adminiſtrator in einem drohenden Schreiben auf, ſich dem Reſtitutionsedict nicht länger zu widerſetzen, den Befehlen des Kaiſers ſich zu unterwerfen und Magdeburg zu übergeben. Die Antwort des Prinzen war lebhaft und 201 kühn, und beſtimmte den kaiſerlichen Feldherrn, ihm den Ernſt der Waffen zu zeigen. Indeſſen wurde die Belagerung wegen der Fortſchritte des Königs von Schweden, die den kaiſerlichen Feldherrn von der Stadt abriefen, eine Zeit lang verzogert, und die Eiferſucht der in ſeiner Abweſenheit commandirenden Generale verſchaffte Magdeburg noch auf einige Monate Friſt. Am 30ſten März 1631 erſchien endlich Tilly wieder, um von jetzt an die Be⸗ lagerung mit Eifer zu betreiben. In kurzer Zeit waren die Außenwerke erobert, und Fal⸗ kenberg ſelbſt hatte die Beſatzungen, welche nicht mehr zu retten waren, zurückgezogen und die Elbbrücke abwerfen laſſen. Da es an hinläͤnglichen Truppen fehlte, die weit⸗ läufige Feſtung mit den Vorſtädten zu vertheidigen, ſo wur⸗ den auch die Vorſtaͤdte Sudenburg und Neuſtadt dem Feinde preisgegeben, der ſie ſogleich in Aſche legte. Pappenheim trennte ſich von Tilly, ging bei Schönebeck über die Elbe, um von der andern Seite die Stadt anzugreifen. Die Beſatzung, durch die vorhergehenden Gefechte in den Außenwerken geſchwacht, belief ſich nicht üͤber zweitauſend Mann Fußvolks und einige Hundert Reiterei: eine ſehr ſchwache An⸗ zahl für eine ſo große und noch dazu unregelmäßige Feſtung. Dieſen Mangel zu erſetzen, bewaffnete man die Bürger; ein verzweifelter Ausweg, der größern Schaden anrichtete, als er verhuͤtete. Die Bürger, an ſich ſelbſt ſchon ſehr mittelmaͤßige Soldaten, ſtuͤrzten durch ihre Uneinigkeit die Stadt ins Ver⸗ derben. Dem Aermern that es weh, daß man ihm allein alle Laſt aufwaͤlzte, ihn allein allem Ungemach, allen Gefahren bloßſtellte, wahrend der Reiche ſeine Dienerſchaft ſchickte und ſich in ſeinem Hauſe gütlich that. Der Unwille brach zuletzt in ein allgemeines Murren aus; Gleichgültigkeit trat an die 20²2 Stelle des Eifers, Ueberdruß und Nachläſſigkeit im Dienſte an die Stelle der wachſamen Vorſicht. Dieſe Trennung der Gemuͤther, mit der ſteigenden Noth verbunden, gab nach und nach einer kleinmüthigen Ueberlegung Raum, daß Mehrere ſchon anfingen, uͤber die Verwegenheit ihres Unternehmens aufgeſchreckt zu werden und vor der Allmacht des Kaiſers zu erbeben, gegen welchen man im Streite begriffen ſey. Aber der Religionsfanatismus, die feurige Liebe der Freiheit, der unüberwindliche Widerwille gegen den kaiſerlichen Namen, die wahrſcheinliche Hoffnung eines nahen Entſatzes entfernten jeden Gedanken an Uebergabe; und ſo ſehr man in allem An⸗ dern getrennt ſeyn mochte, ſo einig war man, ſich bis aufs Aeußerſte zu vertheidigen. Die Hoffnung der Belagerten, ſich entſetzt zu ſehen, war auf die hoͤchſte Wahrſcheinlichkeit gegrundet. Sie wußten um die Bewaffnung des Leipziger Bundes, ſie wußten um die Annäherung Guſtav Adolphs; beiden war die Erhaltung Magdeburgs gleich wichtig, und wenige Tagemärſche konnten den König von Schweden vor ihre Mauern bringen. Alles dieſes war dem Grafen Tilly nicht unbekannt, und eben darum eilte er ſo ſehr, ſich, auf welche Art es auch ſeyn moͤchte, von Magdeburg Meiſter zu machen. Schon hatte er, der Uebergabe wegen, einen Trompeter mit verſchiedenen Schreiben an den Adminiſtrator, Commandanten und Magiſtrat abge⸗ ſendet, aber zur Antwort erhalten, daß man lieber ſterben als ſich ergeben würde. Ein lebhafter Ausfall der Bürger zeigte ihm, daß der Muth der Belagerten nichts weniger als erkaltet ſey, und die Ankunft des Königs zu Potsdam, die Streifereien der Schweden ſelbſt bis vor Zerbſt mußten ihn mit Unruhe, ſo wie die Einwohner Magdeburgs mit den froheſten Hoffnun⸗ gen erfüllen. Ein zweiter Trompeter, den er an ſie abſchickte, 203 und der gemäßigtere Ton ſeiner Schreibart beſtärkte ſie noch mehr in ihrer Zuverſicht— aber nur, um ſie in eine deſto tiefere Sorgloſigkeit zu ſturzen. Die Belagerer waren unterdeſſen mit ihren Approchen bis an den Stadtgraben vorgedrungen, und beſchoſſen von den aufgeworfenen Batterien aufs Heftigſte Wall und Thürme. Ein Thurm wurde ganz eingeſtürzt, aber ohne den Angriff zu erleichtern, da er nicht in den Graben fiel, ſondern ſich ſeit⸗ waͤrts an den Wall anlehnte. Des anhaltenden Bombardements ungeachtet, hatte der Wall nicht viel gelitten, und die Wirkung der Feuerkugeln, welche die Stadt in Brand ſtecken ſollten, wurde durch vortreffliche Gegenanſtalten vereitelt. Aber der Pulvervorrath der Belagerten war bald zu Ende, und das Geſchuͤtz der Feſtung hoͤrte nach und nach auf, den Belagernden zu antworten. Ehe neues Pulver bereitet war, mußte Magde⸗ burg entſetzt ſeyn, oder es war verloren. Jetzt war die Hoff⸗ nung in der Stadt aufs Hoͤchſte geſtiegen, und mit heftiger Sehnſucht alle Blicke nach der Gegend hingekehrt, von welcher die ſchwediſchen Fahnen wehen ſollten. Guſtav Adolph hielt ſich nahe genug auf, um am dritten Tage vor Magdeburg zu ſtehen. Die Sicherheit ſteigt mit der Hoffnung, und Alles traägt dazu bei, ſie zu verſtärken. Am 9. Mai fängt unerwartet die feindliche Kanonade an zu ſchweigen, von mehreren Batte⸗ rien werden die Stüͤcke abgeführt. Todte Stille im kaiſerlichen Lager. Alles überzeugt die Belagerten, daß ihre Rettung nahe ſey. Der größte Theil der Buͤrger⸗ und Soldatenwache verläßt früh Morgens ſeinen Poſten auf dem Walle, um endlich einmal nach langer Arbeit des ſüßen Schlafs ſich zu erfreuen — aber ein theurer Schlaf und ein entſetzliches Erwachen! Tilly hatte endlich der Hoffnung entſagt, auf dem bisheri⸗ gen Wege der Belagerung ſich noch vor Ankunft der Schweden der 204 Stadt bemeiſtern zu koͤnnen; er beſchloß alſo, ſein Lager auf⸗ zuheben, zuvor aber noch einen Generalſturm zu wagen. Die Schwievigkeiten waren groß, da keine Breſche noch geſchoſſen und die Feſtungswerke kaum beſchädigt waren. Aber der Kriegs⸗ rath, den er verſammelte, erklärte ſich für den Sturm und ſtützte ſich dabei auf das Beiſpiel von Maeſtricht, welche Stadt fruh Morgens, da Bürger und Soldaten ſich zur Ruhe begeben, 3 mit ſtürmender Hand überwältigt worden ſey. An vier Orten zugleich ſollte der Angriff geſchehen; die ganze Nacht zwiſchen dem gten und 10ten wurde mit den nöthigen Anſtalten zuge⸗ bracht. Alles war in Bereitſchaft und erwartete, der Abrede gemäß, früh um fünf Uhr das Zeichen mit den Kanonen. Dieſes erfolgte, aber erſt zwei Stunden ſpater, indem Tilly, noch immer zweifelhaft wegen des Erfolgs, noch einmal den Kriegsrath verſammelte. Pappenheim wurde beordert, auf die neuſtädtiſchen Werke den Angriff zu thun; ein abhängiger Wall und ein trockener, nicht allzu tiefer Graben kamen ihm dabei zu Statten. Der größte Theil der Bürger und Soldaten hatte die Wälle verlaſſen, und die wenigen Zurückgebliebenen feſſelte der Schlaf. So wurde es dieſem General nicht ſchwer, der Erſte den Wall zu erſteigen. Falkenberg, aufgeſchreckt durch das Knallen des Mus⸗ ketenfeuers, eilte von dem Rathhauſe, wo er eben beſchäftigt war, den zweiten Trompeter des Tilly abzufertigen, mit einer zuſammengerafften Mannſchaft nach dem neuſtädtiſchen Thore, das der Feind ſchon überwältigt hatte. Hier zurück⸗ geſchlagen, flog dieſer tapfere General nach der andern Seite, wo eine zweite feindliche Partei ſchon im Begriff war, die Werke zu erſteigen. Umſonſt iſt ſein Widerſtand; ſchon zu An⸗ fang des Geſechts ſtreckten die feindlichen Kugeln ihn zu Boden. Das heftige Musketenfeuer, das Lärmen der Sturmglocken, 205 das uͤberhandnehmende Getöſe machen endlich den erwachenden Buͤrgern die drohende Gefahr bekannt. Eilfertig werfen ſie ſich in ihre Kleider, greifen zum Gewehr, ſtürzen in blinder Betäubung dem Feinde entgegen. Noch war Hoffnung übrig, ihn zuruͤckzutreiben, aber der Commandant getödtet, kein Plan im Angriff, keine Reiterei, in ſeine verwirrten Glieder ein⸗ zubrechen, endlich kein Pulver mehr, das Feuer fortzuſetzen. Zwei andere Thore, bis jetzt noch unangegriffen, werden von Vertheidigern entblößt, um der dringendern Noth in der Stadt zu begegnen. Schnell benutzt der Feind die dadurch entſtandene Verwirrung, um auch dieſe Poſten anzugreifen. Der Wider⸗ ſtand iſt lebhaft und hartnäckig, bis endlich vier kaiſerliche Regimenter, des Walles Meiſter, den Magdeburgern in den Ruͤcken fallen und ſo ihre Niederlage vollenden. Ein tapferer Capitän, Namens Schmidt, der in dieſer allgemeinen Ver⸗ wirrung die Entſchloſſenſten noch einmal gegen den Feind führt und glücklich genug iſt, ihn bis an das Thor zurückzu⸗ treiben, fällt toͤdtlich verwundet, Magdeburgs letzte Hoffnung mit ihm. Alle Werke ſind noch vor Mittag erobert, die Stadt in Feindes Händen. Zwei Thore werden jetzt von den Stürmenden der Haupt⸗ armee geöffnet, und Tilly laßt einen Theil ſeines Fußvolks einmarſchiren. Er beſetzt ſogleich die Hauptſtraßen, und das aufgepflanzte Geſchütz ſcheucht alle Bürger in ihre Wohnungen, dort ihr Schickſal zu erwarten. Nicht lange läßt man ſie im Zweifel; zwei Worte des Grafen Tilly beſtimmen Magde⸗ burgs Geſchick. Ein nur etwas menſchlicher Feldherr würde ſolchen Truppen vergeblich Schonung anbefohlen haben; Tilly gab ſich auch nicht die Muhe, es zu verſuchen. Durch das Stillſchweigen ſeines Generals zum Herrn über das Leben aller Bürger gemacht, ſturzte der Soldat in das Innere der Häuſer, 206 um ungebunden alle Begierden einer viehiſchen Seele zu kühlen. Vor manchem deutſchen Ohre fand die flehende Unſchuld Erbarmen, keines vor dem tauben Grimme der Wallonen aus Pappenheims Heer. Kaum hatte dieſes Blutbad ſeinen Anfang genommen, als alle uͤbrigen Thore aufgingen, die ganze Reiterei und der Croaten fürchterliche Banden gegen die ungluckliche Stadt losgelaſſen wurden. Die Würgeſcene fing jetzt an, fuͤr we lche die Geſchichte keine Sprache und die Dichtkunſt keinen Pinſel hat. Nicht die ſchuldfreie Kindheit, nicht das huͤlfloſe Alter, nicht Jugend, nicht Geſchlecht, nicht Stand, nicht Schoͤnheit können die Wuth des Siegers entwaffnen. Frauen werden in den Armen ihrer Maͤnner, Toͤchter zu den Fuͤßen ihrer Vaͤter mißhandelt, und das wehrloſe Geſchlecht hat nur das Vorrecht, einer gedoppelten Wuth zum Opfer zu dienen. Keine noch ſo verborgene, keine noch ſo geheiligte Stätte konnte vor der Alles durchforſchenden Habſucht ſichern. Dreiundfünfzig Frauensperſonen fand man in einer Kirche enthauptet. Croaten vergnügten ſich, Kinder in die Flammen zu werfen— Pappenheims Wallonen, Saͤuglinge an den Bruͤſten ihrer Mutter zu ſpießen. Einige liguiſtiſche Officiere, von dieſem grauſenvollen Anblick emport, unterſtanden ſich, den Grafen Tilly zu erinnern, daß er dem Blutbade moͤchte Einhalt thun laſſen.„Kommt in einer Stunde wieder,“ war ſeine Antwort,„ich werde dann ſehen, was ich thun werde. Der Soldat muß für ſeine Gefahr und Arbeit Etwas haben.“ In ununterbrochener Wuth dauerten dieſe Gräuel fort, bis endlich Rauch und Flammen der Raub⸗ ſucht Graͤnzen ſetzten. Um die Verwirrung zu vermehren und den Widerſtand der Bürger zu brechen, hatte man gleich An⸗ fangs an verſchiedenen Orten Feuer angelegt. Jetzt erhob ſich ein Sturmwind, der die Flammen mit reißender Schnelligkeit 207 durch die ganze Stadt verbreitete und den Brand allgemein machte. Furchterlich war das Gedrange durch Qualm und Leichen, durch gezuͤckte Schwerter, durch ſtuͤrzende Trümmer, durch das ſtrömende Blut. Die Atmoſphäͤre kochte, und die unertraͤgliche Glut zwang endlich ſelbſt dieſe Wuͤrger, ſich in das Lager zu flüchten. In weniger als zwölf Stunden lag dieſe volkreiche, feſte, große Stadt, einer der ſchoͤnſten Deutſch⸗ lands, in der Aſche, zwei Kirchen und einige Huͤtten ausge⸗ nommen. Der Adminiſtrator, Chriſtian Wilhelm, ward mit drei Buͤrgermeiſtern nach vielen empfangenen Wunden gefangen; viele tapfere Officiere und Magiſtrate hatten fech⸗ tend einen beneideten Tod gefunden. Vierhundert der reichſten Bürger entriß die Habſucht der Officiere dem Tode, um ein theures Löſegeld von ihnen zu erpreſſen. Noch dazu waren es meiſtens Officiere der Ligue, welche dieſe Menſchlichkeit zeigten, und die blinde Mordbegier der kaiſerlichen Soldaten ließ ſie als rettende Engel betrachten. Kaum hatte ſich die Wuth des Brandes gemindert, als die kaiſerlichen Schaaren mit erneuertem Hunger zuruͤckkehrten, um unter Schutt und Aſche ihren Raub aufzuwühlen. Manche erſtickte der Dampf; Viele machten große Beute, da die Bür⸗ ger ihr Beſtes in die Keller gefluchtet hatten. Am 13ten Mai erſchien endlich Tilly ſelbſt in der Stadt, nachdem die Haupt⸗ ſtraßen von Schutt und Leichen gereinigt waren. Schauder⸗ haft, gräßlich, empoͤrend war die Scene, welche ſich jetzt der Menſchlichkeit darſtellte! Lebende, die unter den Leichen hervor⸗ krochen, herumirrende Kinder, die mit herzzerſchneidendem Ge⸗ ſchrei ihre Eltern ſuchten, Säuglinge, die an den todten Brüſten ihrer Mütter ſaugten! Mehr als ſechstauſend Leichen mußte man in die Elbe werfen, um die Gaſſen zur raͤumen; eine un⸗ gleich größere Menge von Lebenden und Leichen hatte das Feuer⸗ 208 verzehrt; die ganze Zahl der Getodteten wird auf dreißig⸗ tauſend angegeben. Der Einzug des Generals, welcher am 14ten erfolgte, machte der Pluͤnderung ein Ende, und was bis dahin gerettet war, blieb leben. Gegen tauſend Menſchen wurden aus der Dom⸗ kirche gezogen, wo ſie drei Tage und zwei Näͤchte in beſtän⸗ diger Todesfurcht und ohne Nahrung zugebracht hatten. Tilly ließ ihnen Pardon ankündigen und Brod unter ſie vertheilen. Den Tag darauf ward in dieſer Domkirche feierliche Meſſe gehalten und unter Abfeuerung der Kanonen das Te Deum angeſtimmt. Der kaiſerliche General durchſchritt die Straßen, um als Augenzeuge ſeinem Herrn berichten zu koͤnnen, daß ſeit Troja's und Jeruſalems Zerſtörung kein ſolcher Sieg geſehen worden ſey. Und in dieſem Vorgeben war nichts Uebertrie⸗ benes, wenn man die Große, den Wohlſtand und die Wichtig⸗ keit der Stadt, welche unterging, mit der Wuth ihrer Zer⸗ ſtörer zuſammendenkt. Das Gerücht von Magdeburgs grauſenvollem Schickſale verbreitete Frohlocken durch das ganze katholiſche, Entſetzen und Furcht durch das ganze proteſtantiſche Deutſchland. Aber Schmerz und Unwillen klagten allgemein den König von Schwe⸗ den an, der, ſo nahe und ſo mächtig, dieſe bundesverwandte Stadt huͤlflos gelaſſen hatte. Auch der Billigſte fand dieſe Unthatigkeit des Königs unerklärbar, und Guſtav Adolph, um nicht unwiderbringlich die Herzen des Volks zu verlieren, zu deſſen Befreiung er erſchienen war, ſah ſich gezwungen, in einer eigenen Schutzſchrift die Gründe ſeines Betragens der Welt vorzulegen. Er hatte eben Landsberg angegriffen und am 16ten April erobert, als er die Gefahr vernahm, in welcher Magdeburg ſchwebte. Sogleich war ſein Entſchluß gefaßt, dieſe bedrangte 209 Stadt zu befreien, und er ſetzte ſich deßwegen mit ſeiner gan⸗ zen Reiterei und zehn Regimentern Fußvolk nach der Spree in Bewegung. Die Situation, in welcher ſich dieſer Koͤnig auf deutſchem Boden befand, machte ihm zum unverbruchlichen Klugheitsgeſetze, keinen Schritt vorwarts zu thun, ohne den Rucken frei zu haben. Mit mißtraniſcher Behutſamkeit mußte er ein Land durchziehen, wo er von zweideutigen Freunden und mäachtigen offenbaren Feinden umgeben war, wo ein einziger übereilter Schritt ihn von ſeinem Königreich abſchneiden konnte. Der Kurfuͤrſt von Brandenburg hatte vormals ſchon ſeine Feſtung Kuͤſtrin den flüchtigen Kaiſerlichen aufgethan und den nacheilenden Schweden verſchloſſen. Sollte Guſtav jetzt gegen Tilly verunglücken, ſo konnte eben dieſer Kurfürſt den Kaiſerlichen ſeine Feſtungen oͤffnen, und dann war der Köͤnig, Feinde vor und hinter ſich, ohne Rettung verloren. Dieſem Zufalle bei gegenwärtiger Unternehmung nicht aus⸗ geſetzt zu ſeyn, verlangte er, ehe er ſich zu der Befreiung Masdeburgs aufmachte, daß ihm von dem Kurfurſten die bei⸗ den Feſtungen Küſtrin und Spandau eingeraumt wurden, bis er Magdeburg in Freiheit geſetzt hätte. Nichts ſchien gerechter zu ſeyn, als dieſe Forderung. Der große Dienſt, welchen Guſtav Adolph dem Kurfürſten kürz⸗ lich erſt durch Vertreibung der Kaiſerlichen aus den branden⸗ burgiſchen Landen geleiſtet, ſchien ihm ein Recht an ſeine Dankbarkeit, das bisherige Betragen der Schweden in Deutſch⸗ land einen Anſpruch auf ſein Vertrauen zu geben. Aber durch Uebergabe ſeiner Feſtungen machte der Kurfuͤrſt den König von Schweden gewiſſermaßen zum Herrn ſeines Landes, nicht zu gedenken, daß er eben dadurch zugleich mit dem Kaiſer brach, und ſeine Staaten der ganzen künftigen Rache der kaiſerlichen Heere bloßſtellte. Georg Wilhelm kampfte lange Schillers ſämmtl. Werie. IX. 14 210 Zeit einen grauſamen Kampf mit ſich ſelbſt, aber Kleinmuth und Eigennutz ſchienen endlich die Oberhand zu gewinnen. Ungeruͤhrt von Magdeburgs Schickſal, kalt gegen Religion und deutſche Freiheit, ſah er nichts, als ſeine eigene Gefahr, und dieſe Beſorglichkeit wurde durch ſeinen Miniſter von Schwarzenberg, der einen heimlichen Sold von dem Kaiſer zog, aufs Höchſte getrieben. Unterdeſſen näherten ſich die ſchwediſchen Truppen Berlin, und der König nahm bei dem Kurfürſten ſeine Wohnung. Als er die furchtſame Bedenk⸗ lichkeit dieſes Prinzen wahrnahm, konnte er ſich des Unwillens nicht enthalten.„Mein Weg geht auf Magdeburg,“ ſagte er,„nicht mir, ſondern den Evangeliſchen zum Beſten. Will Niemand mir beiſtehen, ſo nehme ich ſogleich meinen Rückzug, biete dem Kaiſer einen Vergleich an und ziehe wieder nach Stockholm. Ich bin gewiß, der Kaiſer ſoll einen Frieden mit mir eingehen, wie ich ihn immer nur verlangen kann— aber geht Magdeburg verloren und iſt der Kaiſer der Furcht vor mir erſt entledigt, ſo ſehet zu, wie es euch ergehen wird.“ Dieſe zu rechter Zeit hingeworfene Drohung, vielleicht auch der Blick auf die ſchwediſche Armee, welche maͤchtig genug war, dem Könige mit Gewalt zu verſchaffen, was man ihm auf dem Wege der Guͤte verwergerte, brachte endlich den Kurfürſten zum Entſchluß, Spandau in ſeine Haͤnde zu übergeben. Nun ſtanden dem Koͤnig zwei Wege nach Magdeburg offen, wovon der eine gegen Abend durch ein erſchoͤpftes Land und mitten durch feindliche Truppen fuͤhrte, die ihm den Uebergang über die Elbe ſtreitig machen konnten. Der andere, gegen Mittag, ging uber Deſſau oder Wittenberg, wo er Brücken fand, die Elbe zu paſſiren, und aus Sachſen Lebensmittel ziehen konnte. Aber dies konnte ohne Einwilligung des Kurfürſten von Sachſen nicht geſchehen, in welchen Guſtav ein gegründetes 211 Mißtrauen ſetzte. Ehe er ſich alſo in Marſch ſetzte, ließ er dieſen Prinzen um einen freien Durchzug und um das Nö⸗ thige für ſeine Truppen gegen baare Bezahlung erſuchen. Sein Verlangen wurde ihm abgeſchlagen, und keine Vorſtellung konnte den Kurfürſten bewegen, ſeinem Neutralitätsſyſteme zu entſagen. Indem man noch im Streit darüber begriffen war, kam die Nachricht von Magdeburgs entſetzlichem Schickſale. Tilly verkündigte ſie mit dem Ton eines Siegers allen proteſtantiſchen Fürſten, und verlor keinen Augenblick, den all⸗ gemeinen Schrecken aufs Beſte zu benutzen. Das Anſehen des Kaiſers, durch die bisherigen Progreſſen Guſtavs merklich heruntergebracht, erhob ſich furchtbarer als je nach dieſem ent⸗ ſcheidenden Vorgang, und ſchnell offenbarte ſich dieſe Veranderung in der gebieteriſchen Sprache, welche er gegen die proteſtantiſchen Reichsſtände führte. Die Schlüſſe des Leipziger Bundes wur⸗ den durch einen Machtſpruch vernichtet, der Bund ſelbſt durch ein kaiſerliches Decret aufgehoben, allen widerſetzlichen Ständen Magdeburgs Schickſal angedroht. Als Vollzieher dieſes kaiſer⸗ lichen Schluſſes, ließ Tilly ſogleich Truppen gegen den Biſchof von Bremen marſchiren, der ein Mitglied des Leipziger Bundes war und Soldaten geworben hatte. Der in Furcht geſetzte Bi⸗ ſchof uͤbergab die letztern ſogleich in die Hände des Tilly und unterzeichnete die Caſſation der Leipziger Schlüſſe. Eine kaiſer⸗ liche Armee, welche unter dem Commando des Grafen von Fürſtenberg zu eben der Zeit aus Italien zurückkam, verfuhr auf gleiche Art gegen den Adminiſtrator von Württemberg. Der Herzog mußte ſich dem Reſtitutionsedict und allen Decre⸗ ten des Kaiſers unterwerfen, ja noch außerdem zu Unterhal⸗ tung der kaiſerlichen Truppen einen monatlichen Geldbeitrag von hunderttauſend Thalern erlegen. Aehnliche Laſten wurden der Stadt Ulm und Nuürnberg, dem ganzen fränkiſchen und 21²2 ſchwaͤbiſchen Kreiſe auferlegt. Schrecklich war die Hand des Kaiſers uber Deutſchland. Die ſchnelle Uebermacht, welche er durch dieſen Vorfall erlangte, mehr ſcheinbar als in der Wirklichkeit gegründet, fuͤhrte ihn uͤber die Gränzen der bisherigen Mäßigung hinweg, und verleitete ihn zu einem ge⸗ waltſamen übereilten Verfahren, welches endlich die Unentſchloſ⸗ ſenheit der deutſchen Furſten zum Vortheil Guſtav Adolphs beſiegte. So unglücklich alſo die nächſten Folgen von Magde⸗ burgs Untergang fuͤr die Proteſtanten auch ſeyn mochten, ſo wohl⸗ thätig waren die ſpatern. Die erſte Ueberraſchung machte bald einem thätigen Unwillen Platz; die Verzweiflung gab Kraͤfte, und die deutſche Freiheit erhob ſich aus Magdeburgs Aſche. Unter den Fürſten des Leipziger Bundes waren der Kur⸗ fuͤrſt von Sachſen und der Landgraf von Heſſen bei wei⸗ tem am meiſten zu fuͤrchten, und die Herrſchaft des Kaiſers war in dieſen Gegenden nicht befeſtigt, ſo lange er dieſe Bei⸗ den nicht entwaffnet ſah. Gegen den Landgrafen richtete Tilly ſeine Waffen zuerſt, und brach unmittelbar von Magdeburg nach Thüringen auf. Die ſächſiſch⸗erneſtiniſchen und ſchwarz⸗ burgiſchen Lande wurden auf dieſem Zuge äußerſt gemißhandelt, Frankenhauſen, ſelbſt unter den Augen des Tilly, von ſeinen Soldaten ungeſtraft geplündert und in die Aſche gelegt; ſchreck⸗ lich mußte der unglückliche Landmann dafür buͤßen, daß ſein Landesherr die Schweden begünſtigte. Erfurt, der Schlüſſel zwiſchen Sachſen und Franken, wurde mit einer Belagerung bedroht, wovon es ſich aber durch eine freiwillige Lieferung von Proviant und einer Geldſumme loskaufte. Von da ſchickte Tilly ſeinen Abgeſandten an den Landgrafen von Kaſſel, mit der Forderung, ungeſäumt ſeine Truppen zu entlaſſen, dem Leipziger Bunde zu entſagen, kaiſerliche Regimenter in ſein Land und ſeine Feſtungen aufzunehmen, Contributionen zu entrichten, 213 und ſich entweder als Freund oder Feind zu erklären. So mußte ſich ein deutſcher Reichsfürſt von einem kaiſerlichen Diener behandelt ſehen. Aber dieſe ausſchweifende Forderung bekam ein furchtbares Gewicht durch die Heeresmacht, von der ſie begleitet wurde, und das noch friſche Andenken von Magdeburgs ſchau⸗ derhaftem Schickſal mußte den Nachdruck desſelben vergroͤßern. Um ſo mehr Lob verdient die Unerſchrockenheit, mit welcher der Landgraf dieſen Antrag beantwortete:„Fremde Soldaten in ſeine Feſtungen und in ſeine Reſidenz aufzunehmen, ſey er ganz und gar nicht geſonnen— Seine Truppen brauche er ſelbſt — Gegen einen Angriff wuͤrde er ſich zu vertheidigen wiſſen. Fehlte es dem General Tilly an Geld und an Lebensmitteln, ſo möchte er nur nach Munchen aufbrechen, wo Vorrath an beiden ſey.“ Der Einbruch zweier kaiſerlichen Schaaren in Heſſen war die nächſte Folge dieſer herausfordernden Antwort; aber der Landgraf wußte ihnen ſo gut zu begegnen, daß nichts Erhebliches ausgerichtet wurde. Nachdem aber Tilly ſelbſt im Begriff ſtand, ihnen mit ſeiner ganzen Macht nachzufol⸗ gen, ſo würde das unglückliche Land für die Standhaftigkeit ſeines Fürſten theuer genug haben büßen müſſen, wenn nicht die Bewegungen des Königs von Schweden dieſen General noch zu rechter Zeit zurückgerufen häͤtten. Guſtav Adolph hatte den Untergang Magdeburgs mit dem empfindlichſten Schmerz erfahren, der dadurch vergroßert wurde, daß Georg Wilhelm nun, dem Vertrage gemaͤß, die Feſtung Spandau zurück verlangte. Der Verluſt von Magde⸗ burg hatte die Gründe, um derentwillen dem König der Beſitz dieſer Feſtung ſo wichtig war, eher vermehrt, als vermindert; und je naher die Nothwendigkeit einer entſcheidenden Schlacht zwiſchen ihm und Tilly heranrückte, deſto ſchwerer ward es ihm, der einzigen Zuflucht zu entſagen, welche nach einem 214 unglücklichen Ausgange für ihn uͤbrig war. Nachdem er Vorſtellungen und Bitten bei dem Kurfürſten von Branden⸗ burg fruchtlos erſchöpft hatte, und die Kaltſinnigkeit desſelben vielmehr mit jedem Tage ſtieg, ſo ſchickte er endlich ſeinem Commandanten den Befehl zu, Spandau zu räumen, erklärte aber zugleich, daß von demſelben Tage an der Kurfürſt als Feind behandelt werden ſollte. Dieſer Erklarung Nachdruck zu geben, erſchien er mit ſeiner ganzen Armee vor Berlin.„Ich will nicht ſchlechter behandelt ſeyn, als die Generale des Kaiſers,“ antwortete er den Abge⸗ ſandten, die der beſtürzte Kurfürſt in ſein Lager ſchickte.„Euer Herr hat ſie in ſeine Staaten aufgenommen, mit allen Be⸗ dürfniſſen verſorgt, ihnen alle Plätze, welche ſie nur wollten, übergeben, und durch alle dieſe Gefälligkeiten nicht erhalten können, daß ſie menſchlicher mit ſeinem Volke verfahren waren. Alles, was ich von ihm verlange, iſt Sicherheit, eine maͤßige Geldſumme und Brod für meine Truppen; dagegen verſpreche ich ihm, ſeine Staaten zu beſchüͤtzen und den Krieg von ihm zu entfernen. Auf dieſen Punkten aber muß ich beſtehen, und mein Bruder, der Kurfürſt, entſchließe ſich eilends, ob er mich zum Freunde haben, oder ſeine Hauptſtadt geplündert ſehen will.“ Dieſer entſchloſſene Ton machte Eindruck, und die Richtung der Kanonen gegen die Stadt beſiegte alle Zweifel Georg Wilhelms. In wenigen Tagen ward eine Allianz unter⸗ zeichnet, in welcher ſich der Kurfürſt zu einer monatlichen Zah⸗ lung von dreißigtauſend Thalern verſtand, Spandau in den Haͤnden des Königs ließ, und ſich anheiſchig machte, auch Kuſtrin ſeinen Truppen zu allen Zeiten zu öffnen. Dieſe nunmehr ent⸗ ſchiedene Verbindung des Kurfürſten von Brandenburg mit den Schweden fand in Wien keine beſſere Aufnahme, als der ähn⸗ liche Entſchluß des Herzogs von Pommern vormals gefunden 215 hatte; aber der ungünſtige Wechſel des Gluͤcks, den ſeine Waffen bald nachher erfuhren, erlaubte dem Kaiſer nicht, ſeine Empfindlichkeit anders als durch Worte zu zeigen. Das Vergnuͤgen des Königs über dieſe glückliche Begebenheit wurde bald durch die angenehme Botſchaft vergrößert, daß Greifswalde, der einzige feſte Platz, den die Kaiſerlichen noch in Pommern beſaßen, übergegangen und nunmehr das ganze Land von dieſen ſchlimmen Feinden gereinigt ſey. Er erſchien ſelbſt wieder in dieſem Herzogthum, und genoß das entzuckende Schauſpiel der allgemeinen Volksfreude, deren Schöpfer er war. Ein Jahr war jetzt verſtrichen, daß Guſtav Deutſchland betreten hatte, und dieſe Begebenheit wurde in dem ganzen Herzogthume Pommern durch ein allgemeines Dankfeſt gefeiert. Kurz vorher hatte ihn der Czaar von Mos⸗ kau durch Geſandte begrüßen, ſeine Freundſchaft erneuern und ſogar Huͤlfstruppen antragen laſſen. Zu dieſen friedfertigen Geſinnungen der Ruſſen durfte er ſich um ſo mehr Glück wün⸗ ſchen, je wichtiger es ihm war, bei dem gefahrvollen Kriege, dem er entgegenging, durch keinen feindſeligen Nachbar beun⸗ ruhigt zu werden. Nicht lange darauf landete die Königin Maria Eleonora, ſeine Gemahlin, mit einer Verſtärkung von achttauſend Schweden in Pommern; und die Ankunft von ſechstauſend Engländern unter der Anführung des Marquis von Hamilton darf um ſo weniger übergangen werden, da ihre Ankunft Alles iſt, was die Geſchichte von den Thaten der Engländer in dem dreißigjährigen Kriege zu berichten hat. Pappenheim behauptete während des thüringiſchen Zugs des Tilly das Magdeburgiſche Gebiet, hatte aber nicht ver⸗ hindern können, daß die Schweden nicht mehrmalen die Elbe paſſirten, einige kaiſerliche Detachements niederhieben und meh⸗ rere Plätze in Beſitz nahmen. Er ſelbſt, von der Annaherung 216 des Koͤnigs geaͤngſtigt, rief den Grafen Tilly auf das Drin⸗ gendſte zurück, und bewog ihn auch wirklich, in ſchnellen Maͤr⸗ ſchen nach Magdeburg umzukehren. Tilly nahm ſein Lager dieſſeits des Fluſſes zu Wolmirſtadt; Guſtav Adolph hatte das ſeinige auf eben dieſer Seite bei Werben, unweit dem Ein⸗ fluß der Havel in die Elbe, bezogen. Gleich ſeine Ankunft in dieſen Gegenden verkündete dem Tilly nichts Gutes. Die Schweden zerſtreuten drei ſeiner Regimenter, welche entfernt von der Hauptarmee in Doͤrfern poſtirt ſtanden, nahmen die eine Hälfte ihrer Bagage hinweg und verbrannten die übrige. Umſonſt naͤherte ſich Tilly mit ſeiner Armee auf einen Ka⸗ nonenſchuß weit dem Lager des Königs, um ihm eine Schlacht anzubieten; Guſtav, um die Häͤlfte ſchwächer als Tilly, vermied ſie mit Weisheit; ſein Lager war zu feſt, um dem Feinde einen gewaltſamen Angriff zu erlauben. Es blieb bei einer bloßen Kanonade und einigen Scharmützeln, in welchen allen die Schweden die Oberhand behielten. Auf ſeinem Ruͤck⸗ wege nach Wolmirſtädt verminderte ſich die Armee des Tilly durch häufige Deſertionen. Seit dem Blutbade zu Magdeburg floh ihn das Gluck.“ Deſto ununterbrochener begleitete es von nun an den König von Schweden. Während er zu Werben im Lager ſtand, wurde das ganze Mecklenburg, bis auf wenige Plätze, durch ſeinen General Tott und den Herzog Adolph Friedrich erobert, und er genoß die königliche Luſt, beide Herzoge in ihren Staaten wieder einzuſetzen. Er reiste ſelbſt nach Guͤſtrow, wo die Ein⸗ ſetzung vor ſich ging, um durch ſeine Gegenwart den Glanz dieſer Handlung zu erheben. Von beiden Herzogen wurde, ihren Erretter in der Mitte und ein glänzendes Gefolge von Fürſten um ſich her, ein feſtlicher Einzug gehalten, den die Freude der Unterthanen zu dem rührendſten Feſte machte. 217 Bald nach ſeiner Zurückkunft nach Werben erſchien der Land⸗ graf von Heſſen⸗Kaſſel in ſeinem Lager, um ein enges Buͤnd⸗ niß auf Vertheidigung und Angriff mit ihm zu ſchließen; der erſte regierende Fürſt in Deutſchland, der ſich von freien Stuͤcken und offentlich gegen den Kaiſer erklärte, aber auch durch die triftigſten Gründe dazu aufgefordert war. Landgraf Wilhelm machte ſich verbindlich, den Feinden des Königs als ſeinen eigenen zu begegnen, ihm ſeine Staͤdte und ſein ganzes Lager aufzuthun, Proviant und alles Nothwendige zu liefern. Dagegen erklärte ſich der König zu ſeinem Freunde und Be⸗ ſchuͤtzer und verſprach, keinen Frieden einzugehen, ohne dem Landgrafen völlige Genugthuung von dem Kaiſer verſchafft zu haben. Beide Theile hielten redlich Wort. Heſſen⸗Kaſſel be⸗ harrte in dieſem langen Kriege bei der ſchwediſchen Allianz bis ans Ende, und es hatte Urſache, ſich im weſtphäliſchen Frieden der ſchwediſchen Freundſchaft zu rühmen. Tilly, dem dieſer kühne Schritt des Landgrafen nicht lange verborgen blieb, ſchickte den Grafen Fugger mit einigen Regimentern gegen ihn; zugleich verſuchte er, die heſſiſchen Unterthanen durch aufrühreriſche Briefe gegen ibren Herrn zu empören. Seine Briefe fruchteten eben ſo wenig, als ſeine Regimenter, welche ihm nachher in der Breitenfelder Schlacht ſehr zur Unzeit fehlten— und die heſſiſchen Land⸗ ſtände konnten keinen Augenblick zweifelhaft ſeyn, ob ſie den Beſchützer ihres Eigenthums dem Raͤuber desſelben vorziehen ſollten. 3 Aber weit mehr als Heſſen⸗Kaſſel beunruhigte den kaiſer⸗ lichen General die zweideutige Geſinnung des Kurfürſten von Sachſen, der, des kaiſerlichen Verbots ungeachtet, ſeine Rü⸗ ſtungen fortſetzte und den Leipziger Bund aufrechthielt. Jetzt, in dieſer Nahe des Königs von Schweden, da es in kurzer 218 Zeit zu einer entſcheidenden Schlacht kommen mußte, ſchien es ihm außerſt bedenklich, Kurſachſen in Waffen ſtehen zu laſſen, jeden Augenblick bereit, ſich fuͤr den Feind zu erklären. Eben hatte ſich Tilly mit fuͤnfundzwanzigtauſend Mann alter Truppen verſtarkt, welche ihm Fuͤrſtenberg zufuhrte, und, voll Zuverſicht auf ſeine Macht, glaubte er, den Kurfürſten entweder durch das bloße Schrecken ſeiner Ankunft entwaffnen, oder doch ohne Mühe überwinden zu können. Ehe er aber ſein Lager bei Wolmirſtädt verließ, forderte er ihn durch eine eigene Geſandtſchaft auf, ſein Land den kaiſerlichen Truppen zu oͤffnen, ſeine eigenen zu entlaſſen, oder mit der kaiſerlichen Armee zu vereinigen und in Gemeinſchaft mit ihr den König von Schweden aus Deutſchland zu verjagen. Er brachte ihm in Erinnerung, daß Kurſachſen bisher unter allen deutſchen Län⸗ dern am meiſten geſchont worden ſey, und bedrohte ihn im Weigerungsfalle mit der ſchrecklichſten Verheerung. Tilly hatte zu dieſem gebieteriſchen Antrage den ungünſtig⸗ ſten Zeitpunkt gewählt. Die Mißhandlung ſeiner Religions⸗ und Bundesverwandten, Magdeburgs Zerſtörung, die Ausſchwei⸗ fungen der Kaiſerlichen in der Lauſitz, Alles kam zuſammen, den Kurfürſten gegen den Kaiſer zu entrüſten. Guſt av Adolphs Naͤhe, wie wenig Recht er auch an den Schutz dieſes Furſten haben mochte, belebte ihn mit Muth. Er verbat ſich die kai⸗ ſerlichen Einquartierungen, und erklarte ſeinen ſtandhaften Entſchluß, in Rüſtung zu bleiben.„So ſehr es ihm auch auf⸗ fallen müſſe(ſetzte er hinzu), die kaiſerliche Armee zu einer Zeit gegen ſeine Lande im Anmarſch zu ſehen, wo dieſe Armee genng zu thun hätte, den Koͤnig von Schweden zu verfolgen, ſo erwarte er dennoch nicht, anſtatt der verſprochenen und wohlverdienten Belohnungen mit Undank und mit dem Ruin ſeines Landes bezahlt zu werden.“ Den Abgeſandten des 219 Tilly, welche prächtig bewirthet wurden, gab er noch eine verſtändlichere Antwort auf den Weg.„ Meine Herren,“ ſagte er,„ich ſehe wohl, daß man geſonnen iſt, das lange geſparte ſächſiſche Confect endlich auch auf die Tafel zu ſetzen. Aber man pflegt dabei auch allerlei Nüſſe und Schaueſſen aufzutragen, die hart zu beißen ſind, und ſehen ſie ſich wohl vor, daß ſie ſich die Zaͤhne nicht daran ausbeißen.“ Jetzt brach Tilly aus ſeinem Lager auf, rückte vor bis nach Halle unter fuͤrchterlichen Verheerungen, und ließ von hier aus ſeinen Antrag an den Churfurſten in noch dringenderm und drohenderm Ton erneuern. Erinnert man ſich der ganzen bisherigen Denkungsart dieſes Fürſten, der durch eigene Neigung und durch die Eingebungen ſeiner beſtochenen Miniſter dem Intereſſe des Kaiſers, ſelbſt auf Unkoſten ſeiner heiligſten Pflich⸗ ten, ergeben war, den man bisher mit ſo geringem Aufwand von Kunſt in Unthatigkeit erhalten, ſo muß man über die Verblendung des Kaiſers oder ſeiner Miniſter ſtaunen, ihrer bisherigen Politik gerade in dem bedenklichſten Zeitpunkte zu entſagen und durch ein gewaltthätiges Verfahren dieſen ſo leicht zu lenkenden Fürſten aufs Aeußerſte zu bringen. Oder war eben dieſes die Abſicht des Tilly? War es ihm darum zu thun, einen zweideutigen Freund in einen offenbaren Feind zu verwandeln, um dadurch der Schonung überhoben zu ſeyn, welche der geheime Befehl des Kaiſers ihm bisher gegen die Länder dieſes Fürſten aufgelegt hatte? War es vielleicht gar die Abſicht des Kaiſers, den Kurfürſten zu einem feindſeligen Schritt zu reizen, um ſeiner Verbindlichkeit dadurch quitt zu ſeyn und eine beſchwerliche Rechnung mit guter Art zerreißen zu können? ſo müͤßte man nicht weniger über den verwegenen Uebermuth des Tilly erſtaunen, der kein Bedenken trug, im Angeſicht eines furchtbaren Feindes ſich einen neuen zu machen, 220 und uüͤber die Sorgloſigkeit eben dieſes Feldherrn, die Ver⸗ einigung beider ohne Widerſtand zu geſtatten. Johann Georg, durch den Eintritt des Tilly in ſeine Staaten zur Verzweiflung gebracht, warf ſich, nicht ohne großes Widerſtreben, dem Koͤnig von Schweden in die Arme. Gleich nach Abfertigung der erſten Geſandtſchaft des Tilly, hatte er ſeinen Feldmarſchall von Arnheim aufs Eilfertigſte in Guſtavs Lager geſendet, dieſen lange vernachlaͤſſigten Mon⸗ archen um ſchleunige Huͤlfe anzugehen. Der König verbarg die innere Zufriedenheit, welche ihm dieſe ſehnlich gewünſchte Entwicklung gewahrte.„Mir thut es leid um den Kurfuͤrſten,“ gab er dem Abgeſandten mit verſtelltem Kaltſinn zur Antwort. „Hätte er meine wiederholten Vorſtellungen geachtet, ſo wuͤrde ſein Land keinen Feind geſehen haben und auch Magdeburg wurde noch ſtehen. Jetzt, da die höchſte Noth ihm keinen andern Ausweg mehr übrig läßt, jetzt wendet man ſich an den Konig von Schweden. Aber melden ſie ihm, daß ich weit entfernt ſey, um des Kurfurſten von Sachſen willen mich und meine Bundesgenoſſen ins Verderben zu ſturzen. Und wer leiſtet mir fuͤr die Treue jenes Prinzen Gewaͤhr, deſſen Miniſter in öſterreichiſchem Solde ſtehen, und der mich verlaſſen wird, ſobald ihm der Kaiſer ſchmeichelt und ſeine Armee von den Graͤnzen zurückzieht? Tilly hat ſeitdem durch eine anſehnliche Verſtarkung ſein Heer vergrößert, welches mich aber nicht hindern ſoll, ihm herzhaft entgegen zu gehen, ſobald ich nur meinen Ruͤcken gedeckt weiß.“ Der ſaͤchſiſche Miniſter wußte auf dieſe Vorwürfe nichts zu antworten, als daß es am beſten gethan ſey, geſchehene Dinge in Vergeſſenheit zu begraben. Er drang in den König, ſich über die Bedingungen zu erklaren, unter welchen er Sachſen zu Hülfe kommen wollte, und verbürgte ſich im voraus fuͤr 221 die Gewährung derſelben.„Ich verlange,“ erwiderte Guſtav, „daß mir der Kurfurſt die Feſtung Wittenberg einraäume, mir ſeinen älteſten Prinzen als Geiſel uͤbergebe, meinen Truppen einen dreimonatlichen Sold auszahle und mir die Verraͤther in ſeinem Miniſterium ausliefere. Unter dieſen Bedingungen bin ich bereit, ihm Beiſtand zu leiſten.“ „Nicht nur Wittenberg,“ rief der Kurfürſt, als ihm dieſe Antwort hinterbracht wurde, und trieb ſeinen Miniſter in das ſchwediſche Lager zurück;„nicht bloß Wittenberg, auch Torgau, ganz Sachſen ſoll ihm offen ſtehen; meine ganze Familie will ich ihm als Geiſel uͤbergeben; und wenn ihm das noch nicht genug iſt, ſo will ich mich ſelbſt ihm darbieten. Eilen Sie zurüͤck und ſagen ihm, daß ich bereit ſey, ihm die Verräther, die er mir nennen wird, auszuliefern, ſeiner Armee den ver⸗ langten Sold zu bezahlen, und Leben und Vermoöͤgen an die gute Sache zu ſetzen.“ Der Koͤnig hatte die neuen Geſinnungen Johanm Georgs nur auf die Probe ſtellen wollen; von dieſer Aufrichtigkeit gerührt, nahm er ſeine harten Forderungen zurück.„Das Mißtrauen,“ ſagte er,„welches man in mich ſetzte, als ich Magdeburg zu Huͤlfe kommen wollte, hat das meinige erweckt; das jetzige Vertrauen des Kurfürſten verdient, daß ich es erwidere. Ich bin zufrieden, wenn er meiner Armee einen monatlichen Sold entrichtet, und ich hoffe, ihn auch für dieſe Ausgabe ſchadlos zu halten.“ Gleich nach geſchloſſener Allianz ging der König über die Elbe, und vereinigte ſich ſchon am folgenden Tage mit den Sachſen. Anſtatt dieſe Vereinigung zu hindern, war Tilly gegen Leipzig vorgerückt, welches er aufforderte, kaiſerliche Beſatzung einzunehmen. In Hoffnung eines ſchleunigen Ent⸗ ſatzes machte der Commandant, Hans von der Pforta, 222 Anſtalt, ſich zu vertheidigen, und ließ zu dem Ende d— gl⸗ liſche Vorſtadt in die Aſche legen. Aber der ſchlechte ad der Feſtungswerke machte den Widerſtand vergeblich,, on am zweiten Tage wurden die Thore geoffnet. Im K eines Todtengräbers, dem einzigen, welches in der halliſchen Vorſtadt ſtehen geblieben war, hatte Tilly ſein Quartier genommen; hier unterzeichnete er die Capitulation, und hier wurde auch der Angriff des Koͤnigs von Schweden beſchloſſen. Beim An⸗ blick der abgemalten Schaͤdel und Gebeine, mit denen der Beſitzer ſein Haus geſchmüͤckt hatte, entfärbte ſich Tilly. Leipzig erfuhr eine uͤber alle Erwartung gnadige Behandlung. Unterdeſſen wurde zu Torgau von dem Koͤnig von Schweden und dem Kurfürſten von Sachſen, in Beiſeyn des Kurfürſten von Brandenburg, großer Kriegsrath gehalten. Eine Entſchlieſ⸗ ſung ſollte jetzt gefaßt werden, welche das Schickſal Deutſch⸗ lands und der evangeliſchen Religion, das Glück vieler Voͤlker, und das Loos ihrer Fürſten unwiderruflich beſtimmte. Die Bangigkeit der Erwartung, die auch die Bruſt des Helden vor jeder großen Entſcheidung beklemmt, ſchien jetzt die Seele Guſtav Adolphs in einem Augenblick zu umwölken.„Wenn wir uns jetzt zu einer Schlacht entſchließen,“ ſagte er, ſo ſteht nicht we⸗ niger als eine Krone und zwei Kurhüte auf dem Spiele. Das Glück iſt wandelbar, und der unerforſchliche Rathſchluß des Himmels kann, unſerer Sünden wegen, dem Feinde den Sieg verleihen. Zwar möchte meine Krone, wenn ſie meine, Armee und mich auch ſelbſt verlöre, noch eine Schanze zum Beſten haben. Weit entlegen, durch eine anſehnliche Flotte beſchützt, in ihren Graͤnzen wohl verwahrt, und durch ein ſtreit⸗ bares Volk vertheidigt, würde ſie wenigſtens vor dem Aergſten geſichert ſyn. Wo aber Rettung für euch, denen der Feind auf dem Nacken liegt, wenn das Treffen verunglucken ſollte?“ 223 Guſtav Adolph zeigte das beſcheidene Mißtrauen eines Helden, den das Bewußtſeyn ſeiner Staäͤrke gegen die Groͤße der Gefahr nicht verblendet; Johann Georg die Zuverſicht eines Schwachen, der einen Helden an ſeiner Seite weiß. Voll Ungeduld, ſeine Lande von zwei beſchwerlichen Armeen baldmöglichſt befreit zu ſehen, brannte er nach einer Schlacht, in welcher keine alten Lorbeern für ihn zu verlieren waren. Er wollte mit ſeinen Sachſen allein gegen Leipzig vorrücken und ſich mit Tilly ſchlagen. Endlich trat Guſtav Adolph ſeiner Meinung bei, und beſchloſſen war es, ohne Aufſchub den Feind anzugreifen, ehe er die Verſtaͤrkungen, welche die Generale Altringer und Tiefenbach ihm zufuͤhrten, an ſich gezogen haͤtte. Die vereinigte ſchwediſch⸗ſächſiſche Armee fetzte uͤber die Mulde: der Kurfuͤrſt von Brandenburg reiste wieder in ſein Land. Früh Morgens am 7ten September 16831 bekamen die feind⸗ lichen Armeen einander zu Geſichte. Tilly, entſchloſſen, die herbeieilenden Huͤlfstruppen zu erwarten, nachdem er verſäumt hatte, die ſaͤchſiſche Armee vor ihrer Vereinigung mit den Schweden niederzuwerfen, hatte unweit Leipzig ein feſtes und vortheilhaftes Lager bezogen, wo er hoffen konnte, zu keiner Schlacht gezwungen zu werden. Das ungeſtuͤme Anhalten Pappenheims vermochte ihn endlich doch, ſobald die feind⸗ lichen Armeen im Anzug begriffen waren, ſeine Stellung zu veraͤndern und ſich linker Hand gegen die Hügel hin zu ziehen, welche ſich vom Dorfe Wabern bis nach Lindenau erheben. Am Fuß dieſer Anhoͤhen war ſeine Armee in einer einzigen Linie ausgebreitet; ſeine Artillerie, auf den Hugeln vertheilt, konnte die ganze große Ebene von Breitenfeld beſtreichen. Von daher naͤherte ſich in zwei Colonnen die ſchwediſch⸗ſächſiſche Armee, und hatte bei Podelwitz, einem vor der Tilly'ſchen 224 Fronte liegenden Dorfe, die Lober zu paſſiren. Um ihr den Uebergang über dieſen Bach zu erſchweren, wurde Pappen⸗ heim mit zweitauſend Cüraſſieren gegen ſie beordert, doch erſt nach langem Widerſtreben des Tilly, und mit dem ausdrück⸗ lichen Befehl, ja keine Schlacht anzufangen. Dieſes Verbots ungeachtet wurde Pappenheim mit dem ſchwediſchen Vor⸗ trabe handgemein, aber nach einem kurzen Widerſtand zum Rückzug genoͤthigt. Um den Feind aufzuhalten, ſteckte er Podel⸗ witz in Brand, welches jedoch die beiden Armeen nicht hin⸗ derte, vorzuruͤcken und ihre Schlachtordnung zu machen. Zur Rechten ſtellten ſich die Schweden, in zwei Treffen abgetheilt, das Fußvolk in der Mitte, in kleine Bataillons zer⸗ ſtückelt, welche leicht zu bewegen, und ohne die Ordnung zu ſtören, der ſchnellſten Wendungen fähig waren; die Reiterei auf den Flugeln, auf ahnliche Art in kleine Schwadronen ab⸗ geſondert und durch mehrere Haufen Musketiers unterbrochen, welche ihre ſchwache Anzahl verbergen und die feindlichen Reiter herunter ſchießen ſollten. In der Mitte commandirte der Oberſt Teufel, auf dem linken Flugel Guſtay Horn, der König ſelbſt auf dem rechten, dem Grafen Pappenheim gegenuͤber. Die Sachſen ſtanden durch einen breiten Zwiſchenraum von den Schweden getrennt; eine Veranſtaltung Guſtavs, welche der Ausgang rechtfertigte. Den Plan der Schlachtordnung hatte der Kurfürſt ſelbſt mit ſeinem Feloͤmarſchall entworfen, und der König ſich bloß begnügt, ihn zu genehmigen. Sorg fältig, ſchien es, wollte er die ſchwediſche Tapferkeit von der ſächſiſchen abſondern, und das Gluͤck vermengte ſie nicht. Unter den Anhöhen gegen Abend breitete ſich der Feind aus in einer langen unüberſehbaren Linie, welche weit genug reichte, das ſchwediſche Heer zu überflügeln; das Fußvolk in große Bataillons abgetheilt, die Reiterei in eben ſo große unbehülfliche Schwadronen. Sein Geſchütz hatte er hinter ſich auf den Anhöhen, und ſo ſtand er unter dem Gebiet ſeiner eigenen Kugeln, die über ihn hinweg ihren Bogen machten. Aus dieſer Stellung des Geſchützes, wenn anders dieſer ganzen Nachricht zu trauen iſt, ſollte man beinahe ſchließen, daß Tilly's Abſicht vielmehr geweſen ſey, den Feind zu erwarten, als anzugreifen, da dieſe Anordnung es ihm unmöglich machte, in die feindlichen Glieder einzubrechen, ohne ſich in das Feuer ſeiner eigenen Kanonen zu ſturzen. Tilly ſelbſt befehligte das Mittel, Pappenheim den linken Flugel, den rechten der Graf von Fürſtenberg. Saͤmmtliche Truppen des Kaiſers und der Ligue betrugen an dieſem Tage nicht über vierund⸗ dreißig bis fuͤnfunddreißigtauſend Mann; von gleicher Stärke war die vereinigte Armee der Schweden und Sachſen. Aber wäre auch eine Million der andern gegenüber ge⸗ ſtanden— es haͤtte dieſen Tag blutiger, nicht wichtiger, nicht entſcheidender machen können. Dieſer Tag war es, um deſſentwillen Guſtav das baltiſche Meer durchſchiffte, auf ent⸗ legener Erde der Gefahr nachjagte, Krone und Leben dem untreuen Glück anvertraute. Die zwei groͤßten Heerführer ihrer Zeit, beide bisher unüberwunden, ſollen jetzt in einem lange vermiedenen Kampfe mit einander ihre letzte Probe be⸗ ſtehen; einer von beiden muß ſeinen Ruhm auf dem Schlacht⸗ felde zurücklaſſen. Beide Haͤlften von Deutſchland haben mit Furcht und Zittern dieſen Tag herannahen ſehen; bang erwartet die ganze Mitwelt den Ausſchlag desſelben, und die ſpäte Nach⸗ welt wird ihn ſegnen oder beweinen. Die Entſchloſſenheit, welche den Grafen Tilly ſonſt nie verließ, fehlte ihm an dieſem Tage. Kein feſter Vorſatz, mit dem Köonige zu ſchlagen, eben ſo wenig Standhaftigkeit, es zu vermeiden. Wider ſeinen Willen riß ihn Pappenheim dahin. Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 15 226 Nie gefuͤhlte Zweifel kaäͤmpften in ſeiner Bruſt, ſchwarze Ahnun⸗ gen umwoͤlkten ſeine immer freie Stirn. Der Geiſt von Magdeburg ſchien über ihm zu ſchweben. Ein zweiſtuͤndiges Kanonenfeuer eröffnete die Schlacht Der Wind wehte von Abend, und trieb aus dem friſch beacker⸗ ten ausgedorrten Gefilde dicke Wolken von Stanb und Pulver⸗ rauch den Schweden entgegen. Dieß bewog den König, ſich unvermerkt gegen Norden zu ſchwenken, und die Schnelligkeit, mit der ſolches ausgeführt war, ließ dem Feinde nicht Zeit, es zu verhindern. Endlich verließ Tilly ſeine Hügel, und wagte den erſten Angriff auf die Schweden; aber von der Heftigkeit ihres Feuers wendete er ſich zur Rechten, und fiel in die Sachſen mit ſolchem Ungeſtüm, daß ihre Glieder ſich trennten und Verwirrung das ganze Heer ergriff. Der Kurfürſt ſelbſt beſann ſich erſt in Eilenburg wieder; wenige Regimenter hielten noch eine Zeitlang auf dem Schlachtfelde Stand, und retteten durch ihren männlichen Widerſtand die Ehre der Sachſen. Kaum ſah man dieſe in Unordnung gerathen, ſo ſtürzten die Croaten zur Plünderung, und Eilboten wurden ſchon abgefertigt, die Zeitung des Siegs zu München und Wien zu verkündigen. Auf den rechten Flügel der Schweden ſtürzte ſich Graf appenheim mit der ganzen Staͤrke ſeiner Reiterei, aber ohne ihn zum Wanken zu bringen. Hier commandirte der König ſelbſt, und unter ihm der General Banner. Siebenmal er⸗ neuerte Pappenheim ſeinen Angriff, und ſiebenmal ſchlug man ihn zurück. Er entfloh mit einem großen Verluſt und üͤberließ das Schlachtfeld dem Sieger. Unterdeſſen hatte Tilly den Ueberreſt der Sachſen nieder⸗ geworfen, und brach nunmehr in den linken Flügel der Schwe⸗ den mit ſeinen ſiegenden Truppen. Dieſem Flügel hatte der 227 König, ſobald ſich die Verwirrung unter dem ſaͤchſiſchen Heere entdeckte, mit ſchneller Beſonnenheit drei Regimenter zur Verſtärkung geſendet, um die Flanke zu decken, welche die Flucht der Sachſen entblößte. Guſtav Horn, der hier das Com⸗ mando führte, leiſtete den feindlichen Cuiraſſiers einen herz⸗ haften Widerſtand, den die Vertheilung des Fußvolks zwi⸗ ſchen den Schwadronen nicht wenig unterſtützte. Schon fing der Feind an, zu ermatten, als Guſtav Adolph erſchien, dem Treffen den Ausſchlag zu geben. Der linke Fluͤgel der Kaiſerlichen war geſchlagen, und ſeine Truppen, die jetzt keinen Feind mehr hatten, konnten anderswo beſſer gebraucht werden. Er ſchwenkte ſich alſo mit ſeinem rechten F ügel und dem Hauptcorps zur Linken, und griff die Hugel an, auf welche das feindliche Geſchütz gepflanzt war. In kurzer Zeit war es in ſeinen Händen, und der Feind mußte jetzt das Feuer ſeiner eigenen Kanonen erfahren. Auf ſeiner Flanke das Feuer des Geſchutzes, von vorne den fürchterlichen Andrang der Schweden, trennte ſich das nie uͤber⸗ wundene Heer. Schneller Rückzug war Alles, was dem Tilly nun übrig blieb; aber der Rückzug ſelbſt mußte mitten durch den Feind genommen werden. Verwirrung ergriff jetzt die ganze Armee, vier Regimenter ausgenommen grauer verſuchter Soldaten, welche nie von einem Schlachtfeide geflohen waren, und es auch jetzt nicht wollten. In geſchloſſenen G iedern drangen ſie mitten durch die ſiegende Armee, und erreichten fechtend ein kleine; Gehoölz, wo ſie aufs neue Fronte gegen die Schweden machten und bis zu einbrechender Nacht, bis ſie auf ſechshundert geſchmolzen waren, Widerſtand leiſteten. Mit ihnen entfloh der ganze Ueberreſt des Tilly'ſchen Heers, und die Schlacht war entſchieden. Mitten unter Verwundeten und Todten warf Guſtav 228 Adolph ſich nieder, und die erſte feurigſte Siegesfreude ergoß ſich in einem gluͤhenden Gebete. Den flüchtigen Feind ließ er, ſo weit das tiefe Dunkel der Nacht es verſtattete, durch ſeine Reiterei verfolgen. Das Geläute der Sturmglocken brachte in allen umliegenden Doͤrfern das Landvolk in Bewegung, und verloren war der Unglückliche, der dem ergrimmten Bauer in die Hände ſiel. Mit dem übrigen Heere lagerte ſich der König zwiſchen dem Schlachtfeld und Leipzig, da es nicht möglich war, die Stadt noch in derſelben Nacht anzugreifen. Siebentauſend waren von den Feinden auf dem Platze geblieben, über fünf⸗ tauſend theils gefangen, theils verwundet. Ihre ganze Artillerie, ihr ganzes Lager war erobert, über hundert Fahnen und Stan⸗ darten erbentet. Von den Sachſen wurden zweitauſend, von den Schweden nicht uber ſiebenhundert vermißt. Die Nieder⸗ lage der Kaiſerlichen war ſo groß, daß Tilly auf ſeiner Flucht nach Halle und Halberſtadt nicht uber ſech hundert Mann, Pappenheim nicht über vierzehnhundert zuſammenbringen konnte. So ſchnell war dieſes furchtbare Heer zergangen, welches noch kürzlich ganz Italien und Deutſchland in Schrecken geſetzt hatte. Tilly ſelbſt dankte ſeine Rettung nur dem Ungefähr. Ob⸗ gleich von vielen Wunden ermattet, wollte er ſich einem ſchwe⸗ diſchen Rittmeiſter, der ihn einholte, nicht gefangen geben, und ſchon war dieſer im Begriff, ihn zu tödten, als ein Piſtolen⸗ ſchuß ihn noch zu xechter Zeit zu Boden ſtreckte. Aber ſchreck⸗ licher a's Todesgefahr und Wunden war ihm der Schmerz, ſeinen Ruhm zu uͤberleben und an einem einzigen Tage die Arbeit eines ganzen langen Lebens zu verlieren. Nichts waren jetzt alle ſeine vergangenen Siege, da ihm der einzige entging, der jenen allen erſt die Krone aufſetzen ſollte. Nichts blieb ihm übrig von ſeinen glänzenden Kriegsthaten, als die Flüche der 229 Menſchheit, von denen ſie begleitet waren. Von dieſem Tage an gewann Tilly ſeine Heiterkeit nicht wieder, und das Glück kehrte nicht mehr zu ihm zuruck. Selbſt ſeinen letzten Troſt, die Rache, entzog ihm das ausdruͤckliche Verbot ſeines Herrn, kein entſcheidendes Treffen mehr zu wagen.— Drei Fehler ſind es vorzüglich, denen das Unglück dieſes Tages beigemeſſen wird: daß er ſein Geſchütz hinter die Armee auf die Hügel pflanzte, daß er ſich nachher von dieſen Hügeln entfernte, und daß er den Feind ungehindert ſich in Schlachtordnung ſtellen ließ. Aber wie bald waren dieſe Fehler, ohne die kaltblütige Beſonnenheit, ohne das überlegene Genie ſeines Gegners, ver⸗ beſſert! Tilly entfloh eilig von Halle nach Halberſtadt, wo er ſich kaum Zeit nahm, die Heilung von ſeinen Wunden ab⸗ zuwarten, und gegen die Weſer eilte, ſich mit den kaiſerlichen Beſatzungen in Niederſachſen zu verſtärken. Der Kurfürſt von Sachſen hatte nicht geſaͤumt, ſogleich nach überſtandener Gefahr im Lager des Königs zu erſcheinen. Der König dankte ihm, daß er zur Schlacht gerathen hätte, und Johann Georg, überraſcht von dieſem gütigen Em⸗ pfang, verſprach ihm in der erſten Freude— die römiſche Koͤ⸗ nigskrone. Gleich den folgenden Tag rückte Guſtav gegen Merſeburg, nachdem er es dem Kurfürſten uͤberlaſſen hatte, Leipzig wieder zu erobern. Fünftauſend Kaiſerliche, welche ſich wieder zuſammengezogen hatten und ihm unterwegs in die Hände fielen, wurden theils niedergehauen, theils gefangen, und die meiſten von dieſen traten in ſeinen Dienſt. Merſeburg ergab ſich ſogleich; bald darauf wurde Halle erobert, wo ſich der Kurfürſt von Sachſen nach der Einnahme von Leipzig bei dem Könige einfand, um über den künftigen Operations⸗ plan das Weitere zu berathſchlagen. Erfochten war der Sieg, aber nur eine weiſe Benutzung 230 konnte ihn entſcheidend machen. Die kaiſerliche Armee war aufgerieben, Sachſen ſah keinen Feind mehr, und der flüchtige Tilly hatte ſich nach Braunſchweig gezogen. Ihn bis dahin zu verfolgen, haͤtte den Krieg in Niederſachſen erneuert, welches von den Drangſalen des vorhergehenden Kriegs kaum erſtanden war. Es wurde alſo beſchloſſen, den Krieg in die feindlichen Lande zu wälzen, welche, unvertheidigt und offen bis nach Wien, den Sieger einluden. Man konnte zur Rechten in die Lander der katholiſchen Fürſten fallen, man konnte zur Linken in die kaiſerlichen Erbſtaaten dringen und den Kaiſer ſelbſt in ſeiner Reſidenz zittern machen. Beides wurde erwählt, und jetzt war die Frage, wie die Rollen vertheilt werden ſollten. Guſtav Adolph, an der Spitze einer ſiegenden Armee, hätte von Leipzig bis Prag, Wien und Preßburg wenig Widerſtand gefunden. Böhmen, Mähren, Oeſterreich, Ungarn waren von Vertheidigern entblößt, die unterdrückten Proteſtanten dieſer Länder nach einer Veranderung lüſtern; der Kaiſer ſelbſt nicht mehr ſicher in ſeiner Burg; in dem Schrecken des erſten Ueber⸗ falls hatte Wien ſeine Thore geöffnet. Mit den Staaten, die er dem Feind entzog, vertrockneten dieſem auch die Quellen, aus denen der Krieg beſtritten werden ſollte, und bereitwillig häͤtte ſich Ferdinand zu einem Frieden verſtanden, der einen furchtbaren Feind aus dem Herzen ſeiner Staaten entfernte. Einem Eroberer hatte dieſer kühne Kriegsplan geſchmeichelt, und vielleicht auch ein glücklicher Erfolg ihn gerechtfertigt. Guſtav Adolph, eben ſo vorſichtig als kühn, und mehr Staatsmann als Eroberer, verwarf ihn, weil er einen hoͤhern Zweck zu verfolgen fand, weil er dem Glück und der Tapferkeit allein den Ausſchlag nicht anvertrauen wollte. Erwählte Guſtav den Weg nach Böhmen, ſo mußte Fran⸗ ken und der Oberrhein dem Kurfürſten von Sachſen uͤberlaſſen 231 werden. Aber ſchon fing Tilly an, aus den Truͤmmern ſei⸗ ner geſchlagenen Armee, aus den Beſatzungen in Niederſachſen und den Verſtärkungen, die ihm zugeführt wurden, ein neues Heer an der Weſer zuſammen zu ziehen, an deſſen Spitze er wohl ſchwerlich lange ſäumen konnte, den Feind aufzuſuchen. Einem ſo erfahrnen General durfte kein Arnheim entgegen geſtellt werden, von deſſen Fähigkeiten die Leipziger Schlacht ein ſehr zweideutiges Zeugniß ablegte. Was halfen aber dem König noch ſo raſche und glänzende Fortſchritte in Boͤhmen und Oeſterreich, wenn Tilly in den Reichslanden wieder maͤchtig wurde, wenn er den Muth der Katholiſchen durch neue Siege belebte und die Bundesgenoſſen des Königs ent⸗ waffnete? Wozu diente es ihm, den Kaiſer aus ſeinen Erb⸗ ſtaaten vertrieben zu haben, wenn Tilly eben dieſem Kaiſer Deutſchland eroberte? Konnte er hoffen, den Kaiſer mehr zu bedraͤngen, als vor zwoͤlf Jahren der böhmiſche Aufruhr gethan hatte, der doch die Standhaftigkeit dieſes Prinzen nicht er⸗ ſchütterte, der ſeine Hülfsquellen nicht erſchoͤpfte, aus dem er nur deſto furchtbarer erſtand? Weniger glänzend, aber weit gründlicher, waren die Vor⸗ theile, welche er von einem perſönlichen Einfall in die liguiſti⸗ ſchen Länder zu erwarten hatte. Entſcheidend war hier ſeine gewaffnete Ankunft. Eben waren die Fuͤrſten, des Reſtitutions⸗ edictes wegen, auf einem Reichstage zu Frankfurt verſammelt, wo Ferdinand alle Künſte ſeiner argliſtigen Politik in Bewe⸗ gung ſetzte, die in Furcht geſetzten Proteſtanten zu einem ſchnel⸗ len und nachtheiligen Vergleich zu bereden. Nur die Annäherung ihres Beſchüͤtzers konnte ſie zu einem ſtandhaften Widerſtand ermuntern und die Anſchlaͤge des Kaiſers zernichten. Guſtav Adolph konnte hoffen, alle dieſe mißvergnügten Fürſten durch ſeine ſiegreiche Gegenwart zu vereinigen, die uͤbrigen durch das 232 Schrecken ſeiner Waffen von dem Kaiſer zu trennen. Hier, im Mittelpun Deutſchlands, zerſchnitt er die Nerven der kaiſerlichen Macht, die ſich ohne den Beiſtand der Ligue nicht behaupten konnte. Hier konnte er Frankreich, einen zweideu⸗ tigen Bundesgenoſſen, in der Naͤhe bewachen; und wenn ihm zu Erreichung eines geheimen Wunſches die Freundſchaft der katholiſchen Kurfürſten wichtig war, ſo mußte er ſich vor allen Dingen zum Herrn ihres Schickſals machen, um durch eine großmuthige Schonung ſich einen Anſpruch auf ihre Dankbar⸗ keit zu erwerben. Er erwahlte alſo für ſich ſelbſt den Weg nach Franken und dem Rhein, und überließ dem Kurfürſten von Sachſen die Eroberung Boͤhmens. — 3 3 6 Drittes Buch. Die glorreiche Schlacht Guſtav Adolphs bei Leipzig hatte in dem ganzen nachfolgenden Betragen dieſes Monarchen, ſo wie in der Denkart ſeiner Feinde und Freunde, eine große Veraͤn⸗ derung gewirkt. Er hatte ſich jetzt mit dem groͤßten Heerfuͤhrer ſeiner Zeit gemeſſen, er hatte die Kraft ſeiner Taktik und den Muth ſeiner Schweden an dem Kern der kaiſerlichen Truppen, den geübteſten Europens, verſucht, und in dieſem Wettkampf uͤberwunden. Von dieſem Augenblicke an ſchöpfte er eine feſte Zuverſicht zu ſich ſelbſt, und Zuverſicht iſt die Mutter großer Thaten. Man bemerkte fortan in allen Kriegsunternehmungen des ſchwediſchen Königs einen kühnern und ſicherern Schritt, mehr Entſchloſſenheit auch in den mißlichſten Lagen, eine ſtolzere Sprache gegen ſeine Feinde, mehr Selbſtgefühl gegen ſeine Bundesgenoſſen, und in ſeiner Milde ſelbſt mehr die Herab⸗ laſſung des Gebieters. Seinem natuͤrlichen Muth kam der an⸗ dächtige Schwung ſeiner Einbildung zu Hülfe; gern verwechſelte er ſeine Sache mit der Sache des Himmels, erblickte in Til⸗ ly's Niederlage ein entſcheidendes Urtheil Gottes zum Nachtheil ſeiner Gegner, in ſich ſelbſt aber ein Werkzeug der göͤttlichen Rache. Seine Krone, ſeinen vaterländiſchen Boden weit hinter ſich, drang er jetzt auf den Flügeln des Siegs in das Innere von Deutſchland, das ſeit Jahrhunderten keinen auswaͤrtigen 236 Eroberer in ſeinem Schooße geſehen hatte. Der kriegeriſche Muth ſeiner Bewohner, die Wachſamkeit ſeiner zahlreichen Fürſten, der künſtliche Zuſammenhang ſeiner Staaten, die Menge ſeiner feſten Schlöſſer, der Lauf ſeiner⸗vielen Ströme, hatten ſchon ſeit undenklichen Zeiten die Landerſucht der Nach⸗ barn in Schranken gehalten; und ſo oft es auch an den Gränzen dieſes weitläufigen Staatskörpers geſturmt hatte, ſo war doch ſein Inneres von jedem fremden Einbruch verſchont geblieben. Von jeher genoß dieſes Reich das zweideutige Vor⸗ recht, nur ſein eigener Feind zu ſeyn, und von außen unüber⸗ wunden zu bleiben. Auch jetzt war es bloß die Uneinigkeit ſeiner Glieder und ein unduldſamer Glaubenseifer, was dem ſchwediſchen Eroberer die Brücke in ſeine innerſten Staaten baute. Aufgelöst war längſt ſchon das Band unter den Stäͤn⸗ den, wodurch allein das Reich unbezwinglich war, und von Deutſchland ſelbſt entlehnte Guſtav Adolph die Kraäfte, wo⸗ mit er Deutſchland ſich unterwürfig machte. Mit ſo viel Klugheit und Muth benutzte er, was ihm die Gunſt des Augenblicks darbot, und gleich geſchickt im Cabinet, wie im Felde, zerriß er die Fallſtricke einer hinterliſtigen Staats⸗ kunſt, wie er die Mauern der Städte mit dem Donner ſeines Geſchützes zu Boden ſtürzte. Unaufgehalten verfolgte er ſeine Siege von einer Gränze Deutſchlands zur andern, ohne den Ariadniſchen Faden zu verlieren, der ihn ſicher zurückleiten konnte, und an den Ufern des Rheins, wie an der Mündung des Lechs hörte er niemals auf, ſeinen Erbländern nahe zu bleiben. Die Beſtuͤrzung des Kaiſers und der katholiſchen Ligue üͤber die Niederlage des Tilly bei Leipzig konnte kaum groͤßer ſeyn, als das Erſtaunen und die Verlegenheit der ſchwediſchen Bundesgenoſſen uüber das unerwartete Glück des Koͤnigs. Es 237 war größer, als man berechnet, groͤßer als man gewünſcht hatte. Vernichtet war auf einmal das furchtbare Heer, das ſeine Fortſchritte gehemmt, ſeinem Ehrgeiz Schranken geſetzt, ihn von ihrem guten Willen abhängig gemacht hatte. Einzig, ohne Nebenbuhler, ohne einen ihm gewachſenen Gegner, ſtand er jetzt da in der Mitte von Deutſchland; nichts konnte ſeinen Lauf aufhalten, nichts ſeine Anmaßungen beſchraͤnken, wenn die Trunkenheit des Glucks ihn zum Mißbrauch verſuchen ſollte. Hatte man anfangs vor der Uebermacht des Kaiſers gezittert, ſo war jetzt nicht viel weniger Grund vorhanden, von dem Un⸗ geſtüm eines fremden Exroberers Alles für die Reichsverfaſſung, von dem Religionseifer eines proteſtantiſchen Koͤnigs Alles fur die katholiſche Kirche Deutſchlands zu fürchten. Das Mißtrauen und die Eiferſucht einiger von den verbundenen Maͤchten, durch die größere Furcht vor dem Kaiſer auf eine Zeitlang einge⸗ ſchläfert, erwachte bald wieder, und kaum hatte Guſtav Adolph durch ſeinen Muth und ſein Glück ihr Vertrauen gerechtfertigt, ſo wurde von ferne ſchon an dem Umſturz ſeiner Entwürfe gearbeitet. In beſtändigem Kampfe mit der Hinterliſt der Feinde und dem Mißtrauen ſeiner eigenen Bundesverwandten mußte er ſeine Siege erringen; aber ſein entſchloſſener Muth, ſeine tiefdringende Klugheit machte ſich durch alle dieſe Hinder⸗ niſſe Bahn. Indem der glüͤckliche Erfolg ſeiner Waffen ſeine maͤchtigern Alliirten, Frankreich und Sachſen, beſorglich machte, belebte er den Muth der Schwachern, die ſich jetzt erſt erdrei⸗ ſteten, mit ihren wahren Geſinnungen an das Licht zu treten und öffentlich ſeine Partei zu ergreifen. Sie, welche weder mit Guſtav Adolphs Groͤße wetteifern, noch durch ſeine Ehr⸗ begier leiden konnten, erwarteten deſto mehr von der Großmuth dieſes maͤchtigen Freundes, der ſie mit dem Raub ihrer Feinde bereicherte und gegen die Unterdrückung der Maͤchtigen in Schutz 238 nahm. Seine Staͤrke verbarg ihre Unmacht, und unbedeutend für ſich ſelbſt, erlangten ſie ein Gewicht durch ihre Vereinigung mit dem ſchwediſchen Helden. Dieß war der Fall mit den meiſten Reichsſtädten und überhaupt mit den ſchwächern pro⸗ teſtantiſchen Staͤnden. Sie waren es, die den König in das Innere von Deutſchland führten und die ihm den Ruͤcken deckten, die ſeine Heere verſorgten, ſeine Truppen in ihre Feſtungen aufnahmen, in ſeinen Schlachten ihr Blut für ihn verſpritzten. Seine ſtaatskluge Schonung des deutſchen Stolzes, ſein leutſeliges Betragen, einige glänzende Handlungen der Ge⸗ rechtigkeit, ſeine Achtung für die Geſetze, waren eben ſo viele Feſſeln, die er dem beſorglichen Geiſte der deutſchen Proteſtanten anlegte, und die ſchreienden Barbareien der Kaiſerlichen, der Spanier und der Lothringer wirkten kräftig mit, ſeine und ſeiner Truppen Maͤßigung in das guünſtigſte Licht zu ſetzen. Wenn Guſtav Adolph ſeinem eigenen Genie das Meiſte zu danken hatte, ſo darf man doch nicht in Abrede ſeyn, daß das Glück und die Lage der Umſtände ihn nicht wenig begün⸗ ſtigten. Er hatte zwei große Vortheile auf ſeiner Seite, die ihm ein entſcheidendes Uebergewicht über den Feind verſchafften. Indem er den Schauplatz des Kriegs in die liguiſtiſchen Lander verſetzte, die junge Mannſchaft derſelben an ſich zog, ſich mit Beute bereicherte und über die Einkünfte der geflüchteten Fürſten als über ſein Eigenthum ſchaltete, entzog er dem Feinde alle Hülfsmittel, ihm mit Nachdruck zu widerſtehen, und ſich ſelbſt machte er es dadurch moͤglich, einen koſtbaren Krieg mit wenigem Aufwand zu unterhalten. Wenn ferner ſeine Gegner, die Für⸗ ſten der Ligue, unter ſich ſelbſt getheilt, von ganz verſchiedenem, oft ſtreitendem Intereſſe geleitet, ohne Einſtimmigkeit und eben darum auch ohne Nachdruck handelten; wenn es ihren Feldherren an Vollmacht, ihren Truppen an Gehorſam, ihren zerſtreuten 239 Heeren an Zuſammenhang fehlte; wenn der Heerfuͤhrer von dem Geſetzgeber und Staatsmann getrennt war: ſo war hingegen in Guſtav Adolph Beides vereinigt, er die einzige Quelle, aus welcher alle Autoritaͤt floß, das einzige Ziel, auf welches der handelnde Krieger die Augen richtete, er allein die Seele ſeiner ganzen Partei, der Schöpfer des Kriegsplans und zugleich der Vollſtrecker desſelben. In ihm erhielt alſo die Sache der Pro⸗ teſtanten eine Einheit und Harmonie, welche durchaus der Gegenpartei mangelte. Kein Wunder, daß, von ſolchen Vor⸗ theilen begünſtigt, an der Spitze einer ſolchen Armee, mit einem ſolchen Genie begabt, ſie zu gebrauchen, und von einer ſolchen politiſchen Klugheit geleitet, Guſtav Adolph un⸗ widerſtehlich war. In der einen Hand das Schwert, in der andern die Gnade, ſieht man ihn jetzt Deutſchland, von einem Ende zum andern, als Eroberer, Geſetzgeber und Richter durchſchreiten, in nicht viel mehr Zeit durchſchreiten, als ein Anderer gebraucht haͤtte, es auf einer Luſtreiſe zu beſehen; gleich dem gebornen Landes⸗ herrn werden ihm von Staͤdten und Feſtungen die Schlüſſel entgegen getragen. Kein Schloß iſt ihm unerſteiglich, kein Strom hemmt ſeine ſiegreiche Bahn, oft ſiegt er ſchon durch ſeinen gefürchteten Namen. Langs dem ganzen Mainſtrom ſieht man die ſchwediſchen Fahnen aufgepflanzt, die untere Pfalz iſt frei, die Spanier und Lothringer ſind über den Rhein und die Moſel gewichen. Ueber die kurmainziſchen, würzbur⸗ giſchen und bambergiſchen Lande haben ſich Schweden und Heſſen wie eine reißende Fluth ergoſſen, und drei flüchtige Biſchöfe büßen, ferne von ihren Sitzen, ihre unglückliche Er⸗ gebenheit gegen den Kaiſer. Die Reihe trifft endlich auch den Anfuͤhrer der Ligue, Marimilian, auf ſeinem eigenen Boden das Elend zu erfahren, das er Andern bereitet hatte. 240 Weder das abſchreckende Schickſal ſeiner Bundesgenoſſen, noch die gütlichen Anerbietungen Guſtavs, der mitten im Laufe ſeiner Eroberungen die Haͤnde zum Frieden bot, hatten die Hartnäckigkeit dieſes Prinzen beſiegen können, Ueber den Leich⸗ nam des Tilly, der ſich wie ein bewachender Cherub vor den Eingang derſelben ſtellt, waͤlzt ſich der Krieg in die bayeriſchen Lande. Gleich den Ufern des Rheins, wimmeln jetzt die Ufer des Lechs und der Donau von ſchwediſchen Kriegern; in ſeine feſten Schlöſſer verkrochen, uͤberläßt der geſchlagene Kurfürſt ſeine entblößten Staaten dem Feinde, den die geſegneten, von keinem Krieg noch verheerten Fluren zum Raube, und die Re⸗ ligionswuth des bayeriſchen Landmanns zu gleichen Gewalt⸗ thaten einladen. Munchen ſelbſt öffnet ſeine Thore dem un⸗ uberwindlichen König, und der flüchtige Pfalzgraf Friedrich der Fünfte troͤſtet ſich einige Augenblicke in der verlaſſenen Reſidenz ſeines Nebenbuhlers über den Verluſt ſeiner Laͤnder. Indem Guſtav Adolph in den ſüdlichen Gränzen des Reichs ſeine Eroberungen ausbreitet und mit unaufhaltſamer Gewalt jeden Feind vor ſich niederwirft, werden von ſeinen Bundesgenoſſen und Feldherren aͤhnliche Triumphe in den übrigen Provinzen erfochten. Niederſachſen entzieht ſich dem kaiſerlichen Joche; die Feinde verlaſſen Mecklenburg; von allen Ufern der Weſer und der Elbe weichen die oͤſterreichiſchen Gar⸗ niſonen. In Weſtphalen und am obern Rhein macht ſich Landgraf Wilhelm von Heſſen, in Thuringen die Herzoge von Weimar, in Kur⸗Trier die Franzoſen furchtbar; oſtwaͤrts wird beinahe das ganze Koͤnigreich Boͤhmen von den Sachſen bezwungen. Schon ruͤſten ſich die Türken zu einem Angriff auf Ungarn, und in dem Mittelpunkt der oͤſterreichiſchen Lande will ſich ein gefahrlicher Aufruhr eutzünden. Troſtlos blickt Kaiſer Ferdinand an allen Hoͤfen Europens umher, ſich ge⸗ 241 gen ſo zahlreiche Feinde durch fremden Beiſtand zu ſtaͤrken. Umſonſt ru er die Waffen der Spanier herbei, welche die niederländiſche Tapferkeit jenſeits des Rheins beſchaͤftiget; um⸗ ſonſt ſtrebt er, den römiſchen Hof und die ganze katholiſche Kirche zu ſeiner Rettung aufzubieten. Der beleidigte Papſt ſpottet mit gepraͤngvollen Proceſſionen und eiteln Anathemen der Verlegenheit Ferdinands, und ſtatt des geforderten Geldes zeigt man ihm Mantua's verwüſtete Fluren. Von allen Enden ſeiner weitlaäufigen Monarchie umfangen ihn feindliche Waffen; mit den voran liegenden liguiſtiſchen Staaten, welche der Feind uberſchwemmt hat, ſind alle Bruſt⸗ wehren eingeſtürzt, hinter welchen ſich die öſterreichiſche Macht ſo lange Zeit ſicher wußte, und das Kriegsfeuer lodert ſchon nahe an den unvertheidigten Graͤnzen. Entwaffnet ſind ſeine eifrigſten Bundesgenoſſen; Maximilian von Bayern, ſeine maͤchtigſte Stütze, kaum noch fähig, ſich ſelbſt zu vertheidigen. Seine Armeen, durch Deſertion und wiederholte Niederlagen geſchmolzen und durch ein langes Mißgeſchick muthlos, haben unter geſchlagenen Generalen jenes kriegeriſche Ungeſtum ver⸗ lernt, das, eine Frucht des Siegs, im voraus den Sieg ver⸗ ſichert. Die Gefahr iſt die höchſte; nur ein außerordentliches Mittel kann die kaiſerliche Macht aus ihrer tiefen Erniedrigung reißen. Das dringendſte Bedürfniß iſt ein Feldherr, und den Einzigen, von dem die Wiederherſtellung des vorigen Ruhms zu erwarten ſteht, hat die Cabale des Neides von der Spitze der Armee hinweggeriſſen. So tief ſank der ſo furchtbare Kaiſer herab, daß er mit ſeinem beleidigten Diener und Unter⸗ than beſchämende Vertrage errichten, und dem hochmͤthigen Friedland eine Gewalt, die er ihm ſchimpflich raubte, ſchimpflicher jetzt aufdringen muß. Ein neuer Geiſt fangt jetzt an, den halb erſtorbenen Körper der oͤſterreichiſchen Macht z Schillers ſaͤmmtl. Werke, IX. 16 242 beſeelen, und die ſchnelle Umwandlung der Dinge verraͤth die feſte Hand, die ſie leitet. Dem unumſchräͤnkten Koͤnig von Schweden ſteht jetzt ein gleich unumſchränkter Feldherr gegen⸗ uͤber, ein ſiegreicher Held dem ſiegreichen Helden. Beide Kraͤfte ringen wieder in zweifelhaftem Streit, und der Preis des Krie⸗ ges, zur Haͤlfte ſchon von Guſtav Adolph erfochten, wird einem neuen und ſchwerern Kampfe unterworfen. Im Angeſicht Nürnbergs lagern ſich zwei Gewitter tragende Wolken, beide kämpfende Armeen drohend gegen einander; beide ſich mit fürchtender Achtung betrachtend, beide nach dem Au⸗ genblick dürſtend, beide vor dem Augenblick zagend, der ſie im Sturme mit einander vermengen wird. Europens Augen hef⸗ ten ſich mit Furcht und Neugier auf dieſen wichtigen Schau⸗ platz, und das geaͤngſtigte Nürnberg erwartet ſchon, einer noch entſcheidendern Feldſchlacht, als ſie bei Leipzig geliefert ward, den Namen zu geben. Auf einmal bricht ſich das Gewölke, das Kriegsgewitter verſchwindet aus Franken, um ſich in Sachſens Ebenen zu entladen. Unweit Lützen fallt der Donner nieder, der Nürnberg bedrohte, und die ſchon halb verlorne Schlacht wird durch den koͤniglichen Leichnam gewonnen. Das Glück, das ihn auf ſeinem ganzen Laufe nie verlaſſen hatte, begnadigte den König auch im Tode noch mit der ſeltenen Gunſt, in der Fülle ſeines Ruhms und in der Reinigkeit ſeines Namens zu ſterben. Durch einen zeitigen Tod fluͤchtete ihn ſein ſchützender Genius vor dem unvermeidlichen Schickſal der Menſchheit, auf der Höhe des Glücks die Beſcheidenheit, in der Fuͤlle der Macht die Gerechtigkeit zu verlernen. Es iſt uns erlaubt, zu zweifeln, ob er bei längerm Leben die Thrä⸗ nen verdient hätte, welche Deutſchland an ſeinem Grabe weinte, die Bewunderuug verdient hätte, welche die Nachwelt dem erſten und einzigen gerechten Eroberer zollt. Bei dem frühen Fall 243 ihres großen Führers fürchtet man den Untergang der ganzen Partei— aber der weltregierenden Macht iſt kein einzelner Mann unerſetzlich. Zwei große Staatsmaänner, Axel Oxenſtierna in Deutſchland und in Frankreich Richelieu, übernehmen das Steuer des Krieges, das dem ſterbenden Hel⸗ den entfällt; üͤber ihn hinweg wandelt das unempfindliche Schickſal, und noch ſechzehn volle Jahre lodert die Kriegsflamme über dem Staube des laͤngſt Vergeſſenen. Man erlaube mir, in einer kurzen Ueberſicht den ſiegrei⸗ chen Marſch Guſtav Adolphs zu verfolgen, den ganzen Schauplatz, auf welchem er allein handelnder Held iſt, mit ſchnellen Blicken zu durcheilen, und dann erſt, wenn, durch das Glück der Schweden aufs Aeußerſte gebracht und durch eine Reihe von Unglücksfällen gebeugt, Oeſterreich von der Hoͤhe ſeines Stolzes zu erniedrigenden und verzweifelten Hülfsmitteln herab ſteigt, den Faden der Geſchichte zu dem Kaiſer zurück zu führen. Nicht ſobald ward der Kriegsplan zwiſchen dem König von Schweden und dem Kurfürſten von Sachſen zu Halle entwor⸗ fen, und fuüͤr den letztern der Angriff auf Böhmen, für Guſtav Adolph der Einfall in die liguiſtiſchen Lander beſtimmt, nicht ſobald die Allianzen mit den benachbarten Fürſten von Weimar und von Anhalt geſchloſſen, und zu Wiedereroberung des Mag⸗ deburgiſchen Stiftes die Vorkehrungen gemacht, als ſich der König zu ſeinem Einmarſch in das Reich in Bewegung ſetzte. Keinem veräͤchtlichen Feinde ging er jetzt entgegen. Der Kaiſer war noch machtig im Reich; durch ganz Franken, Schwaben und die Pfalz waren kaiſerliche Beſatzungen ausgebreitet, denen jeder bedeutende Ort erſt mit dem Schwert in der Hand ent⸗ riſſen werden mußte. Am Rhein erwarteten ihn die Spanier, welche alle Lande des vertriebenen Pfalzgrafen überſchwemmt hatten, alle feſten Plätze beſetzt hielten, ihm jeden Uebergang 244 über dieſen Strom ſtreitig machten. Hinter ſeinem Rücken war Tilly, der ſchon neue Kräfte ſammelte; bald ſollte auch ein lothringiſches Huͤlfsheer zu deſſen Fahnen ſtoßen. In der Bruſt jedes Papiſten ſetzte ſich ihm ein erbitterter Feind, Re⸗ ligionshaß, entgegen; und doch ließen ihn ſeine Verhäͤltniſſe mit Frankreich nur mit halber Freiheit gegen die Katholiſchen handeln. Guſtav Adolph uberſah alle dieſe Hinderniſſe, aber auch die Mittel, ſie zu beſtegen. Die kaiſerliche Kriegsmacht lag in Beſatzungen zerſtreut, und er hatte den Vortheil, ſie mit vereinigter Macht anzugreifen. War ihm der Religions⸗ fanatismus der Römiſchkatholiſchen und die Furcht der kleinern Reichsſtande vor dem Kaiſer entgegen, ſo konnte er von der Freundſchaft der Proteſtanten und von ihrem Haß gegen die öſterreichiſche Unterdrückung thätigen Beiſtaud erwarten. Die Ausſchweifungen der kaiſerlichen und ſpaniſchen Truppen hatten ihm in dieſen Gegenden nachdrücklich vorgearbeitet; laͤngſt ſchon ſchmachteten der mißhandelte Lan mann und Bürger nach einem Befreier, und manchem ſchien es ſchon Erleichterung, das Joch umzutauſchen. Einige Agenten waren bereits vorangeſchickt worden, die wichtigern Reichsſtädte, vorzuglich Nuͤrnberg und Frankfurt, auf ſchwediſche Seite zu neigen. Erfurt war der erſte Platz, an deſſen Beſitze dem König gelegen war und den er nicht unbeſetzt hinter dem Rucken laſſen durfte. Ein güt⸗ licher Vertrag mit der proteſtantiſch geſinnten Buͤrgerſchaft öff⸗ nete ihm ohne Schwertſtreich die Thore der Stadt und der Feſtung. Hier, wie in jedem wichtigen Platze, der nachher in ſeine Hände fiel, ließ er ſich von den Einwohnern Treue ſchwö⸗ ren, und verſicherte ſich derſelben durch eine hinlaͤngliche Be⸗ ſatzung. Seinem Alliirten, dem Herzog Wilhelm von Weimar, wurde das Commando eines Heeres übergeben, das in Thuͤringen geworben werden ſollte. Der Stadt Erfurt wollte er auch ſeine Gemahlin anvertrauen, und verſprach, ihre Freiheiten zu vermehren. In zwei Colonnen durchzog nun die ſchwediſche Armee über Gotha und Arnſtadt den Thüringer Wald, entriß im Vorübergehen die Grafſchaft Henneberg den Handen der Kaiſerlichen und vereinigte ſich am dritten Tage vor Königshofen, an der Granze von Franken. Franz, Biſchof von Würzburg, der erbittertſte Feind der Proteſtanten und das eifrigſte Mitglied der katholiſchen Ligue, war auch der Erſte, der die ſchwere Hand Guſtav Adolphs fühlte. Einige Drohworte waren genug, ſeine Gränzfeſtung Königshofen, und mit ihr den Schlüſſel zu der ganzen Provinz den Schweden in die Haͤnde zu liefern. Beſtürzung ergriff auf ie Nachricht dieſer ſchnellen Eroberung alle katholiſchen Stände des Kreiſes; die Biſchoͤfe von Würzburg und Bamberg zagten in ihrer Burg. Schon ſahen ſie ihre Stühle wanken, ihre Kirchen entweihet, ihre Neligion im Staube. Die Bosheit ſeiner Feinde hatte von dem Verfolgungsgeiſt und der Kriegs⸗ manier des ſchwediſchen Königs und ſeiner Truppen die ſchreck⸗ lichſten Schilderungen verbreitet, welche zu widerlegen weder die wiederholteſten Verſicherungen des Königs, noch die glän⸗ zendſten Beiſpiele der Menſchlichkeit und Duldung nie ganz vermögend geweſen ſind. Man fürchtete, von einem Andern zu leiden, was man in ahnlichem Fall ſelbſt auszuüben ſich be⸗ wußt war. Viele der reichſten Katholiken eilten ſchon jetzt, ihre Güter, ihre Gewiſſen und Perſonen vor dem blutduͤrſtigen Fa⸗ natismus der Schweden in Sicherheit zu bringen. Der Biſchof ſelbſt gab ſeinen Unterthanen das Beiſpiel. Mitten in dem Feuerbrande, den ſein bigotter Eifer entzündet hatte, ließ er ſeine Lander im Stich und flüchtete nach Paris, um wo moͤglich das franzoͤſiſche Miniſterium gegen den gemeinſchaft ichen Reli⸗ gionsfeind zu empoͤren. 246 Die Fortſchritte, welche Guſtav Adolph unterdeſſen in dem Hochſtifte machte, waren ganz dem glücklichen Anfange gleich. Von der kaiſerlichen Beſatzung verlaſſen, ergab ſich ihm Schweinfurt und bald darauf Wuͤrzburg; der Marien⸗ berg mußte mit Sturm erobert werden. In dieſen unüber⸗ windlich geglaubten Ort hatte man einen großen Vorrath von Lebensmitteln und Kriegsmunition geflüchtet, welches Alles dem Feind in die Hände ſiel. Ein ſehr angenehmer Fund war fuͤr den König die Bücherſammlung der Jeſuiten, die er nach Upſala bringen ließ, ein noch weit angenehmerer für ſeine Soldaten der reichlich gefüllte Weinkeller des Prälaten. Seine Schätze hatte der Biſchof noch zu rechter Zeit geflüchtet. Dem Bei⸗ ſpiele der Hauptſtadt folgte bald das ganze Bisthum; Alles unterwarf ſich den Schweden. Der König ließ ſich von allen Unterthanen des Biſchofs die Huldigung leiſten, und ſtellte wegen Abweſenheit des rechtmaͤßigen Regenten eine Landesre⸗ gierung auf, welche zur Halfte mit Proteſtanten beſetzt wurde. An jedem katholiſchen Orte, den Guſtav Adolph unter ſeine Botmaͤßigkeit brachte, ſchloß er der proteſtantiſchen Religion die Kirchen auf, doch ohne den Papiſten den Druck zu ver⸗ gelten, unter welchem ſie ſeine Glaubensbrüder ſo lange ge⸗ halten hatten. Nur an denen, die ſich ihm mit dem Degen in der Hand widerſetzten, wurde das ſchreckliche Recht des Kriegs ausgeübt; für einzelne Gräuelthaten, welche ſich eine geſetzloſe Soldateska in der blinden Wuth des erſten Angriffs erlaubt, kann man den menſchenfreundlichen Führer nicht ver⸗ antwortlich machen. Dem Friedfertigen und Wehrloſen wider⸗ fuhr eine gnädige Behandlung. Es war Guſtav Adolphs heiligſtes Geſetz, das Blut der Feinde, wie der Seinigen, zu ſparen. 3 Gleich auf die erſte Nachricht des ſchwediſchen Einbruchs 247 hatte der Biſchof von Würzburg, unangeſehen der Tractate, die er, um Zeit zu gewinnen, mit dem König von Schweden anknüpfte, den Feldherrn der Ligue flehentlich aufgefordert, dem bedrängten Hochſtift zu Hülfe zu eilen. Dieſer geſchlagene General hatte unterdeſſen die Trümmer ſeiner zerſtreuten Armee an der Weſer zuſammengezogen, durch die kaiſerlichen Garni⸗ ſonen in Niederſachſen verſtarkt und ſich in Heſſen mit ſeinen beiden Untergeneralen Altringer und Fuggervereinigt. An der Spitze dieſer anſehnlichen Kriegsmacht brannte Graf Tilly vor Ungeduld, die Schande ſeiner erſten Niederlage durch einen glänzenden Sieg wieder auszuloͤſchen. In ſeinem Lager bei Fulda, wohin er mit dem Heere geruckt war, harrte er ſehn⸗ ſuchtsvoll auf Erlaubniß von dem Herzog von Bayern, mit Guſtav Adolph zu ſchlagen. Aber die Liguen hatte außer der Armee des Tilly keine zweite mehr zu verlieren, und Maximilian war viel zu behutſam, das ganze Schickſal ſei⸗ ner Partei auf den Glückswurf eines neuen Treffens zu ſetzen. Mit Thraͤnen in den Augen empfing Tilly die Befehle ſeines Herrn, welche ihn zur Unthaͤtigkeit zwangen. So wurde der Marſch dieſes Generals nach Franken verzoͤgert, und Guſtav Adolph gewann Zeit, das ganze Hochſtift zu uͤberſchwemmen. Umſonſt, daß ſich Tilly nachher zu Aſchaffenburg durch zwölf⸗ tauſend Lothringer verſtärkte und mit einer überlegenen Macht zum Entſatze der Stadt Wuͤrzburg herbei eilte. Stadt und Citadelle waren bereits in der Schweden Gewalt, und Maxi⸗ milian von Bayern wurde, vieleeicht nicht ganz unver⸗ dienter Weiſe, durch die allgemeine Stimme beſchuldigt, den Ruin des Hochſtifts durch ſeine Bedenklichkeiten beſchleunigt zu haben. Gezwungen, eine Schlacht zu vermeiden, begnuͤgtez ſich Tilly, den Feind am fernern Vorrücken zu verhindern; aber nur ſehr wenig Plätze konnte er dem Ungeſtum der Schweden 248 entreißen. Nach einem vergeblichen Verſuch, eine Truppen⸗ verſtaͤrkung in die von den Kaiſerlichen ſchwach beſetzte Stadt Hanau zu werfen, deren Beſitz dem König einen zu großen Vortheil gab, ging er bei Seligenſtadt über den Main, und richtete ſeinen Lauf nach der Bergſtraße, um die pfaͤlziſchen Lande gegen den Andrang des Siegers zu ſchützen. Graf Tilly war nicht der einzige Feind, den Guſtav Adolph in Franken auf ſeinem Wege fand und vor ſich her trieb. Auch Herzog Karl von Lothringen, durch den Unbeſtand ſeines Charakters, ſeine eiteln Entwuͤrfe und ſein ſchlechtes Glück in den Jahrbuͤchern des damaligen Europens beruchtigt, hatte ſeinen kleinen Arm gegen den ſchwediſchen Helden aufgehoben, um ſich bei Kaiſer Ferdinand dem Zweiten den Kurhut zu verdienen. Taub gegen die Vor⸗ ſchriften einer vernünftigen Staatskunſt, folgte er bloß den Eingebungen einer ſtürmiſchen Ehrbegierde, reizte durch Unter⸗ ſtützung des Kaiſers Frankreich, ſeinen furchtbaren Nachbar, und entblößte, um auf fernem Boden ein ſchimmerndes Phan⸗ tom, das ihn doch immer floh, zu verfolgen, ſeine Erblande, welche ein franzöſiſches Kriegsheer gleich einer reißenden Fluth uberſchwemmte. Gern goͤnnte man ihm in Oeſterreich die Ehre, ſich, gleich den übrigen Fürſten der Ligue, für das Wohl des Erzhauſes zu Grunde zu richten. Von eiteln Hoffnungen trunken, brachte dieſer Prinz ein Heer von ſiebzehntauſend Mann zuſammen, das er in eigener Perſon gegen die Schwe⸗ den ins Feld führen wollte. Wenn es gleich dieſen Truppen an Mannszucht und Tapferkeit gebrach, ſo reizten ſie doch durch einen glänzenden Aufputz die Augen; und ſo ſehr ſie im Angeſicht des Feindes ihre Bravour verbargen, ſo freigebig ließen ſie ſolche an dem wehrloſen Bürger und Landmann aus, zu deren Vertheidigung ſie gernfen waren. Gegen den kühnen 249 Muth und die furchtbare Disciplin der Schweden konnte dieſe zierlich geputzte Armee nicht lange Stand halten. Ein pani⸗ ſcher Schrecken ergriff ſie, als die ſchwediſche Reiterei gegen ſie anſprengte, und mit leichter Mühe waren ſie aus ihren Quartieren im Würzburgiſchen verſcheucht. Das Unglück einiger Regimenter verurſachte ein allgemeines Ausreißen unter den Truppen, und der ſchwache Ueberreſt eilte, ſich in einigen Städten jenſeits des Rheins vor der nordiſchen Tapferkeit zu verbergen. Ein Spott der Deutſchen und mit Schande bedeckt, ſprengte ihr Anführer uͤber Straßburg nach Hauſe, mehr als zu glücklich, den Zorn ſeines Ueberwinders, der ihn vorher aus dem Felde ſchlug, und dann erſt wegen ſeiner Feindſeligkeiten zu Rechenſchaft ſetzte, durch einen demu⸗ thigen Entſchuldigungsbrief zu beſaͤnftigen. Ein Bauer aus einem rheiniſchen Dorfe, ſagt man, erdreiſtete ſich, dem Pferde des Herzogs, als er auf ſeiner Flucht vorbeigeritten kam, einen Schlag zu verſetzen.„Friſch zu, Herr,“ ſagte der Bauer,„ihr müßt ſchneller laufen, wenn ihr vor dem großen Schweden⸗ König ausreißt.“ Das unglückliche Beiſpiel ſeines Nachbars hatte dem Biſcho von Bamberg klügere Maßregeln eingegeben. Um die Plün⸗ derung ſeiner Lande zu verhüten, kam er dem König mit Anerbietungen des Friedens entgegen, welche aber bloß dazu dienen ſollten, den Lauf ſeiner Waffen ſo lange, bis Hülfe herbei kaäͤme, zu verzögern. Guſtav Adolph, ſelbſt viel zu redlich, um bei einem Andern Argliſt zu befürchten, nahm bereitwillig die Erbietungen des Biſchofs an, und nannte ſchon die Bedingungen, unter welchen er das Hochſtift mit jeder feindlichen Behandlung verſchonen wollte. Er zeigte ſich um ſo mehr dazu geneigt, da ohnehin ſeine Abſicht nicht war, mit Bambergs Eroberung die Zeit zu verlieren, und ſeine 250 übrigen Entwuͤrfe ihn nach den Rheinländern riefen. Die Eilfertigkeit, mit der er die Ausführung dieſer Entwurfe ver⸗ folgte, brachte ihn um die Geldſummen, welche er durch ein längeres Verweilen in Franken dem unmaͤchtigen Biſchof leicht hätte abaͤngſtigen koͤnnen; denn dieſer ſchlaue Praͤlat ließ die Unterhandlung fallen, ſobald ſich das Kriegsgewitter von ſeinen Gräanzen entfernte. Kaum hatte ihm Guſtav Adolph den Ruͤcken zugewendet, ſo warf er ſich dem Grafen Tilly in die Arme, und nahm die Truppen des Kaiſers in die naͤmlichen Städte und Feſtungen auf, welche er kurz zuvor dem Koͤnige zu öffnen ſich bereitwillig gezeigt hatte. Aber er hatte den Ruin ſeines Bisthums durch dieſen Kunſtgriff nur auf kurze Zeit verzögert; ein ſchwediſcher Feldherr, der in Franken zu⸗ ruͤckgelaſſen ward, üͤbernahm es, den Biſchof dieſer Treuloſig⸗ keit wegen zu zuͤchtigen, und das Bisthum wurde eben dadurch zu einem unglücklichen Schauplatz des Kriegs, welchen Freund und Feind auf gleiche Weiſe verwuͤſteten. Die Flucht der Kaiſerlichen, deren drohende Gegenwart den Entſchließungen der fränkiſchen Stände bisher Zwang angethan hatte, und das menſchenfreundliche Betragen des Königs mach⸗ ten dem Adel ſowohl als den Bürgern dieſes Kreiſes Muth, ſich den Schweden günſtig zu bezeigen. Nürnberg übergab ſich feierlich dem Schutze des Königs; die fränkiſche Ritterſchaft wurde von ihm durch ſchmeichelhafte Manifeſte gewonnen, in denen er ſich herabließ, ſich wegen ſeiner feindlichen Erſcheinung in ihrem Lande zu entſchuldigen. Der Wohlſtand Frankens, und die Gewiſſenhaftigkeit, welche der ſchwediſche Krieger bei ſeinem Verkehr mit Eingebornen zu beobachten pflegte, brachte den Ueberfluß in das königliche Lager. Die Gunſt, in welche ſich Guſtav Adolph bei dem Adel des ganzen Kreiſes zu ſetzen gewußt hatte, die Bewunderung und Ehrfurcht, welche 251 ihm ſeine glänzenden Thaten ſelbſt bei dem Feind erweckten, die reiche Beute, die man ſich im Dienſt eines ſtets ſiegreichen Königs verſprach, kamen ihm bei der Truppenwerbung ſehr zu Statten, die der Abgang ſo vieler Beſatzungen von dem Haupt⸗ heere nothwendig machte. Aus allen Gegenden des Franken⸗ landes eilte man haufenweiſe herbei, ſobald nur die Trommel gerührt wurde. Der Koͤnig hatte auf die Einnahme Frankens nicht viel mehr Zeit verwenden können, als er überhaupt gebraucht haͤtte, es zu durcheilen; die Unterwerfung des ganzen Kreiſes zu vollenden und das Eroberte zu behaupten, wurde Guſtav Horn, einer ſeiner tüchtigſten Generale, mit einem achttau⸗ ſend Mann ſtarken Kriegsheere zuruͤckgelaſſen. Er ſelbſt eilte mit der Hauptarmee, die durch die Werbungen in Franken verſtaͤrkt war, gegen den Rhein, um ſich dieſer Gränze des Reichs gegen die Spanier zu verſichern, die geiſtlichen Kur⸗ fürſten zu entwaffnen, und in dieſen wohlhabenden Ländern neue Hülfsquellen zur Fortſetzung des Kriegs zu eroͤffnen. Er folgte dem Lauf des Mainſtroms; Aſchaffenburg, Seligen⸗ ſtadt, Steinheim, alles Land an beiden Ufern des Fluſſes ward auf dieſem Zuge zur Unterwerfung gebracht; ſelten erwarteten die kaiſerlichen Beſatzungen ſeine Ankunft, niemals behaupteten ſie ſich. Schon einige Zeit vorher war es einem ſeiner Ober⸗ ſten geglückt, die Stadt und Citadelle Hanau, auf deren Er⸗ haltung Graf Tilly ſo bedacht geweſen war, den Kaiſerlichen durch einen Ueberfall zu entreißen; froh, von dem unertraͤg⸗ lichen Druck dieſer Soldateska befreit zu ſeyn, unterwarf ſich der Graf bereitwillig dem gelindern Joche des ſchwediſchen Königs. Auf die Stadt Frankfurt war jetzt das vorzuglichſte Augenmerk Guſtav Adolphs gerichtet, deſſen Marime es 25²2 uͤberhaupt auf deutſchem Boden war, ſich durch die Freund⸗ ſchaft und den Beſitz der wichtigern Städte den Rücken zu decken. Frankfurt war eine von den erſten Reichsſtädten ge⸗ weſen, die er ſchon von Sachſen aus zu ſeinem Empfange hatte vorbereiten laſſen, und nun ließ er es von Offenbach aus durch neue Abgeordnete abermals auffordern, ihm den Durchzug zu geſtatten und Beſatzung einzunehmen. Gern wäre dieſe Reichs⸗ ſtadt mit der bedenklichen Wahl zwiſchen dem König von Schwe⸗ den und dem Kaiſer verſchont geblieben; denn welche Partei ſte auch ergriff, ſo hatte ſie für ihre Privilegien und ihren Handel zu fürchten. Schwer konnte der Zorn des Kaiſers auf ſie fallen, wenn ſie ſich voreilig dem König von Schweden unterwarf, und dieſer nicht mächtig genug bleiben ſollte, ſeine Anhänger in Deutſchland zu ſchützen. Aber noch weit verderb⸗ licher für ſie war der Unwille eines unwiderſtehlichen Siegers, der mit einer furchtbaren Armee ſchon gleichſam vor ihren Thoren ſtand, und ſie auf Unkoſten ihres ganzen Handels und Wohlſtandes für ihre Widerſetzlichkeit züchtigen konnte. Umſonſt führte ſie durch ihre Abgeordneten zu ihrer Entſchuldigung die Gefahren an, welche ihre Meſſen, ihre Privilegien, vielleicht ihre Reichsfreiheit ſelbſt bedrohten, wenn ſie durch Ergreifung der ſchwediſchen Partei den Zorn des Kaiſers auf ſich laden ſollte. Guſtav Adolph ſtellte ſich verwundert, daß die Stadt Frankfurt in einer ſo äußerſt wichtigen Sache, als die Freiheit des ganzen Deutſchlands und das Schickſal der proteſtantiſchen Kirche ſey, von ihren Jahrmaͤrkten ſpreche, und für zeitliche Vortheile die große Angelegenheit des Vaterlandes und ihres Gewiſſens hintanſetze. Er habe, ſetzte er drohend hinzu, von der Inſel Rügen an bis zu allen Feſtungen und Städten am Main den Schluſſel gefunden, und werde ihn auch zu der Stadt Frankfurt zu finden wiſſen. Das Beſte Deutſchlands F 253 und die Freiheit der proteſtantiſchen Kirche ſeyen allein der Zweck ſeiner gewaffneten Ankunft, und bei dem Bewußtſeyn einer ſo gerechten Sache ſey er ſchlechterdings nicht geſonnen, ſich durch irgend ein Hinderniß in ſeinem Lauf aufhalten zu laſſen. Er ſehe wohl, daß ihm die Frankfurter nichts als die Finger reichen wollten, aber die ganze Hand müſſe er haben, um ſich daran halten zu können. Den Deputirten der Stadt, welche dieſe Antwort zuruͤck brachten, folgte er mit ſeiner ganzen Armee auf dem Fuße nach, und erwartete in voͤlliger Schlacht⸗ ordnung vor Sachſenhauſen die letzte Erklarung des Raths. Wenn die Stadt Frankfurt Bedenken getragen hatte, ſich den Schweden zu unterwerfen, ſo war es bloß aus Furcht vor dem Kaiſer geſchehen; ihre eigene Neigung ließ die Bürger keinen Augenblick zweifelhaft zwiſchen dem Unterdrücker der deutſchen Freiheit und dem Beſchützer derſelben. Die drohenden Zurüſtungen, unter welchen Guſtav Adolph ihre Erklarung jetzt forderte, konnten die Strafbarkeit ihres Abfalls in den Augen des Kaiſers vermindern, und den Schritt, den ſie gern thaten, durch den Schein einer erzwungenen Handlung beſchönigen. Jetzt alſo öffnete man dem König von Schweden die Thore, der ſeine Armee in prachtvollem Zuge und bewundernswürdiger Ordnung mitten durch dieſe Kaiſerſtadt führte. Sechshundert Mann blieben in Sachſenhauſen zur Beſatzung zurück; der König ſelbſt ruͤckte mit der übrigen Armee noch an demſelben Abend gegen die Mainziſche Stadt Höͤchſt an, welche vor ein⸗ brechender Nacht ſchon erobert war. Wahrend daß Guſtav Adolph laͤngs dem Mainſtrom Eroberungen machte, kroͤnte das Glück die Unternehmungen ſeiner Generale und Bundesverwandten auch im noͤrdlichen Deutſchland. Roſtock, Wismar und Doͤmitz, die einzigen noch uͤbrigen feſten Oerter im Herzogthum Mecklenburg, welche 254 noch unter dem Joche kaiſerlicher Beſatzungen ſeufzten, wurden von dem rechtmäßigen Beſitzer, Herzog Johann Albrecht, unter der Leitung des ſchwediſchen Feldherrn Achatius Tott, bezwungen. Umſonſt verſuchte es der kaiſerliche General Wolf, Graf von Mannsfeld, den Schweden das Stift Halberſtadt, von welchem ſie ſogleich nach dem Leipziger Siege Beſitz genom⸗ men, wieder zu entreißen; er mußte bald darauf auch das Stift Magdeburg in ihren Haͤnden laſſen. Ein ſchwediſcher General, Banner, der mit einem achttauſend Mann ſtarken Heere an der Elbe zurückgeblieben war, hielt die Stadt Magdeburg auf das engſte eingeſchloſſen, und hatte ſchon mehrere kaiſer⸗ liche Regimenter niedergeworfen, welche zum Entſatz dieſer Stadt herbei geſchickt worden. Der Graf von Mannsfeld vertheidigte ſie zwar in Perſon mit ſehr vieler Herzhaftigkeit; aber zu ſchwach an Mannſchaft, um dem zahlreichen Heere der Belagerer lange Widerſtand leiſten zu können, dachte er ſchon auf die Bedingungen, unter welchen er die Stadt übergeben wollte, als der General Pappenheim zu ſeinem Entſatz herbei⸗ kam und die feindlichen Waffen anderswo beſchaftigte. Dennoch wurde Magdeburg, oder vielmehr die ſchlechten Hütten, die aus den Ruinen dieſer großen Stadt traurig hervorblickten, in der Folge von den Kaiſerlichen freiwillig geraäumt, und gleich darauf von den Schweden in Beſitz genommen. Auch die Stände des niederſachſiſchen Kreiſes wagten es, nach den glücklichen Unternehmungen des Königs ihr Haupt wieder von dem Schlage zu erheben, den ſie in dem unglücklichen daäniſchen Kriege durch Wallenſtein und Tilly erlitten hatten. Sie hielten zu Hamburg eine Zuſammenkunft, auf welcher die Errichtung von drei Regimentern verabredet wurde, mit deren Hülfe ſie ſich der aͤußerſt druckenden kaiſer⸗ lichen Beſatzungen zu entledigen hofften. Dabei ließ es der 255 Biſchof von Bremen, ein Verwandter des Königs von Schweden, noch nicht bewenden; er brachte auch für ſich be⸗ ſonders Truppen zuſammen, und angſtigte mit denſelben wehr⸗ loſe Pfaffen und Moͤnche, hatte aber das Unglück, durch den kaiſerlichen General, Grafen von Grousfeld, hald ent⸗ waffnet zu werden. Auch Georg, Herzog von Lüneburg, vormals Oberſter in Ferdinands Dienſten, ergriff jetzt Guſtav Adolphs Partei, und warb einige Regimenter für dieſen Monarchen, wodurch die kaiſerlichen Truppen in Nieder⸗ ſachſen zu nicht geringem Vortheil des Königs beſchaͤftigt wurden. Noch weit wechtegere Dienſte aber leiſtete dem Koͤnig Land⸗ graf Wilhelmvon Heſſen⸗Kaſſel, deſſen ſiegreiche Waffen einen großen Theil von Weſtphalen und Niederſachſen, das Stift Fulda und ſelbſt das Kurfürſtenthum Köln zittern machten. Man erinnert ſich, daß unmittelbar nach dem Bündniß, welches der Landgraf im Lager zu Werben mit Guſtav Adolph geſchloſſen hatte, zwei kaiſerliche Generale, von Fugger und Altringer, von dem Grafen Tilly nach Heſſen beordert wurden, den Landgrafen wegen ſeines Abfalls vom Kaiſer zu züchtigen. Aber mit mannlichem Muth hatte dieſer Fürſt den Waffen des Feindes, ſo wie ſeine Landſtaände den Aufruhr predigenden Manifeſten des Grafen Tilly wider⸗ ſtanden, und bald befreite ihn die Leipziger Schlacht von dieſen verwüſtenden Schaaren. Er benutzte ihre Entfernung mit eben ſo viel Muth als Entſchloſſenheit, eroberte in kurzer Zeit Vach, Münden und Hoͤrter, und angſtigte durch ſeine ſchleunigen Forſchritte das Stift Fulda, Paderborn und alle an Heſſen gränzenden Stifter. Die in Furcht geſetzten Staaten eilten, durch eine zeitige Unterwerfung ſeinen Fortſchritten Granzen zu ſetzen, und entgingen der Plünderung durch betraͤchtliche Geld⸗ 256 ſummen, die ſie ihm freiwillig entrichteten. Nach dieſen gluͤck⸗ lichen Unternehmungen vereinigte der Landgraf ſein ſiegreiches Heer mit der Hauptarmee Guſtav Adolphs, und er ſelbſt fand ſich zu Frankfurt bei dieſem Monarchen ein, um den fernern Operationsplan mit ihm zu verabreden. Mehrere Prinzen und auswärtige Geſandte waren mit ihm in dieſer Stadt erſchienen, um der Größe Guſtav Adolphs zu huldigen, ſeine Gunſt anzuflehen, oder ſeinen Zorn zu beſänftigen. Unter dieſen war der merkwurdigſte der vertriebene König von Böhmen und Pfalzgraf Friedrich der Fuünfte, der aus Holland dahin geeilt war, ſich ſeinem Raͤcher und Beſchutzer in die Arme zu werfen. Guſtav Adolph erwies ihm die unfruchtbare Ehre, ihn als ein gekröntes Haupt zu begrüßen, und bemühte ſich, ihm durch eine edle Theilnahme ſein Ungluck zu erleichtern. Aber ſo viel ſich auch Friedrich von der Macht und dem Glück ſeines Beſchützers verſprach, ſo viel er auf die Gerechtigkeit und Großmuth desſelben baute, ſo weit entfernt war dennoch die Hoffnung zur Wiederherſtellung dieſes Unglücklichen in ſeinen verlornen Laͤndern. Die Unthätig⸗ keit und die widerſinnige Politik des engliſchen Hofes hatte den Eifer Guſtav Adolphs erkaͤltet, und eine Empfindlichkeit, über die er nicht ganz Meiſter werden konnte, ließ ihn hier den glorreichen Beruf eines Beſchützers der Unterdrückten ver⸗ geſſen, den er bei ſeiner Erſcheinung im deutſchen Reiche ſo laut angekündigt hatte. Auch den Landgrafen Georg von Heſſen⸗Darmſtadt hatte die Furcht vor der unwiderſteh⸗ lichen Macht und der nahen Rache des Koͤnigs herbei gelockt, und zu einer zeitigen Unterwerfung bewogen. Die Verbindungen, in welchen dieſer Fürſt mit dem Kaiſer ſtand, und ſein geringer Eifer für die proteſtantiſche Sache waren dem Köͤnig kein Ge⸗ heimniß; aber er begnügte ſich, einen ſo unmaͤchtigen Feind 2⁵57 zu verſpotten. Da der Landgraf ſich ſelbſt und die politiſche Lage Deutſchlands wenig genug kannte, um ſich, eben ſo unwiſſend als dreiſt, zum Mittler zwiſchen beiden Parteien aufzuwerfen, ſo pflegte ihn Guſtav Adolph ſpottweiſe nur den Friedensſtifter zu nennen. Oft hörte man ihn ſagen, wenn er mit dem Landgrafen ſpielte, und ihm Geld abgewann: „Er freue ſich doppelt des gewonnenen Geldes, weil es kaiſer⸗ liche Münze ſey.“ Landgraf Geor g dankte es bloß ſeiner Verwandtſchaft mit dem Kurfurſten von Sachſen„den Guſtavy Adolph zu ſchonen Urſache hatte, daß ſich dieſer Monarch mit Uebergabe ſeiner Feſtung Rüſſelsheim und mit der Zuſage begnügte, eine ſtrenge Neutralitat in dieſem Kriege zu beobach⸗ ten. Auch die Grafen des Weſterwaldes und der Wetterau waren in Frankfurt bei dem König erſchienen, um ein Bündniß mit ihm zu errichten und ihm gegen die Spanier ihren Beiſtand anzubieten, der ihm in der Folge ſehr nützlich war. Die Stadt Frankfurt ſelbſt hatte alle Urſache, ſich der Gegenwart des Monarchen zu rühmen, der durch ſeine königliche Autoritaͤt ihren Handel in Schutz nahm, und die Sicherheit der Meſſen, die der Krieg ſehr geſtort hatte, durch die nachdruͤcklichſten Vorkehrungen wieder herſtellte. Die ſchwediſche Armee war jetzt durch zehntauſend Heſſen verſtärkt, welche Landgraf Wilhelm von Kaſſel dem Koͤnig zugeführt hatte. Schon hatte Guſtav Adolph Köoͤnigſtein angreifen laſſen, Koſtheim und Flörsheim ergaben ſich ihm nach einer kurzen Belagerung, er beherrſchte den ganzen Main⸗ ſtrom, und zu Höchſt wurden in aller Eile Fahrzeuge gezimmert, um die Truppen über den Rhein zu ſetzen. Dieſe Anſtalten erfüllten den Kurfürſten von Mainz, Anſelm Caſimir, mit Furcht, und er zweifelte keinen Augenblick mehr, daß er der nächſte ſey, den der Sturm des Krieges bedrohte. Als Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 17 258 ein Anhaͤnger des Kaiſers und eines der thaͤtigſten Mitglieder der katholiſchen Ligue, hatte er kein beſſeres Loos zu hoffen, als ſeine beiden Amtsbrüder, die Biſchöfe von Würzburg und Bamberg, bereits betroffen hatte. Die Lage ſeiner Laͤnder am Rheinſtrom machte es dem Feinde zur Nothwendigkeit, ſich ihrer zu verſichern, und überdem war dieſer geſegnete Strich Landes für das bedürftige Heer eine unüberwindliche Reizung. Aber zu wenig mit ſeinen Kräften und dem Gegner bekannt, den er vor ſich hatte, ſchmeichelte ſich der Kurfürſt, Gewalt durch Gewalt abzutreiben, und durch die Feſtigkeit ſeiner Walle die ſchwediſche Tapferkeit zu ermüden. Er ließ in aller Eile die Feſtungswerke ſeiner Reſidenzſtadt ausbeſſern, verſah ſie mit Allem, was ſie faͤhig machte, eine lange Belagerung auszuhalten, und nahm noch überdieß zweitauſend Spanier in ſeine Mauern auf, welche ein ſpaniſcher General, Don Philippvon Sylva, commandirte. Um den ſchwediſchen Fahrzeugen die Annäherung unmöglich zu machen, ließ er die Mündung des Mains durch viele eingeſchlagene Pfahle verrammeln, auch große Steinmaſ⸗ ſen und ganze Schiffe in dieſer Gegend verſenken. Er ſelbſt fluchtete ſich, in Begleitung des Biſchofs von Worms, mit ſeinen beſten Schätzen nach Köln, und überließ Stadt und Land der Raubgier einer tyranniſchen Beſatzung. Alle dieſe Vorkehrungen, welche weniger wahren Muth als unmächtigen Trotz verriethen, hielten die ſchwediſche Armee nicht ab, gegen Mainz vorzurücken und die ernſtlichſten Anſtalten zum Angriff der Stadt zu machen. Waͤhrend daß ſich ein Theil der Truppen in dem Rheingau verbreitete, Alles, was ſich von Spaniern dort fand, niedermachte, und übermaßige Contributionen erpreßte, ein anderer die katholiſchen Oerter des Weſterwaldes und der Wetterau brandſchatzte, hatte ſich die Hauptarmee ſchon bei Caſtel, Mainz gegenüber, gelagert, und Herzog 259 Bernhard von Weimar ſogar am jenſeitigen Rheinufer den Mauſethurm und das Schloß Ehrenfels erobert. Schon beſchäftigte ſich Guſtav Adolphernſtlich damit, den Rhein zu paſſtren und die Stadt von der Landſeite einzuſchließen, als ihn die Fortſchritte des Grafen Tilly in Franken eilfertig von dieſer Belagerung abriefen, und dem Kurfürſten eine, obgleich nur kurze, Ruhe verſchafften. Die Gefahr der Stadt Nürnberg, welche Graf Tilly während der Abweſenheit Guſtav Adolphs am Rheinſtrom Miene machte zu belagern, und im Fall eines Widerſtandes mit dem ſchrecklichen Schickſal Magdeburgs bedrohte, hatte den König von Schweden zu dieſem ſchnellen Aufbruch von Mainz bewogen. Um ſich nicht zum zweiten Male vor ganz Deutſch⸗ land den Vorwürfen und der Schande auszuſetzen, eine bundes⸗ verwandte Stadt der Willküͤr eines grauſamen Feindes geopfert zu haben, machte er ſich in beſchleunigten Marſchen auf, dieſe wichtige Reichsſtadt zu entſetzen; aber ſchon zu Frankfuͤrt er⸗ fuhr er den herzhaften Widerſtand der Nürnberger und den Abzug des Tilly, und ſaumte jetzt keinen Augenblick, ſeine Abſichten auf Mainz zu verfolgen. Da es ihm bei Caſtel mißlungen war, unter den Kanonen der Belagerten den Ueber⸗ gang über den Rhein zu gewinnen, ſo richtete er jetzt, um von einer andern Seite der Stadt beizukommen, ſeinen Lauf nach der Bergſtraße, bemaͤchtigte ſich auf dieſem Wege jedes wichtigen Platzes, und erſchien zum zweiten Mal an den Ufern des Rheins bei Stockſtadt zwiſchen Gernsheim und Oppen⸗ heim. Die ganze Bergſtraße hatten die Spanier verlaſſen, aber das jenſeitige Rheinufer ſuchten ſie noch mit vieler Hart⸗ naͤckigkeit zu vertheidigen. Sie hatten zu dieſem Ende alle Fahr⸗ zeuge aus der Nachbarſchaft zum Theil verbrannt, zum Theil in die Tiefe verſenkt, und ſtanden jenſeits des Stroms zum 260 furchtbarſten Angriff gerüſtet, wenn etwa der Koönig an dieſem Ort den Uebergang wagen würde. Der Muth des Königs ſetzte ihn bei dieſer Gelegenheit einer ſehr großen Gefahr aus, in feindliche Hande zu gerathen. Um das jenſeitige Ufer zu beſichtigen, hatte er ſich in einem kleinen Nachen uͤber den Fluß gewagt; kaum aber war er ge⸗ landet, ſo überfiel ihn ein Haufen ſpaniſcher Reiter, aus deren Haͤnden ihn nur die eilfertigſte Rückkehr befreite. Endlich ge⸗ lang es ihm, durch Vorſchub etlicher benachbarten Schiffer ſich einiger Fahrzeuge zu bemächtigen, auf deren zweien er den Grafen von Brahe mit dreihundert Schweden überſetzen ließ. Nicht ſo bald hatte dieſer Zeit gewonnen, ſich am jenſeitigen ufer zu verſchanzen, als er von vierzehn Compagnien ſpaniſcher Dragoner und Cuiraſſiers überfallen wurde. So groß die Ueber⸗ legenheit des Feindes war, ſo tapfer wehrte ſich Brahe mit ſeiner kleinen Schaar, und ſein heldenmüthiger Widerſtand verſchaffte dem König Zeit, ihn in eigener Perſon mit friſchen Truppen zu unterſtützen. Nun ergriffen die Spanier, nach einem Verluſt von ſechshundert Todten, die Flucht; einige eilten, die feſte Stadt Oppenheim, andere Mainz zu gewinnen. Ein marmorner Löwe auf einer hohen Saäͤule, in der rechten Klaue ein bloßes Schwert, auf dem Kopf eine Sturmhaube tra⸗ gend, zeigte noch ſiebenzig Jahre nachher dem Wanderer dieStelle, wo der unſterbliche Koͤnig den Hauptſtrom Germaniens paſſirte. Gleich nach dieſer glücklichen Action ſetzte Guſtav Adolph das Geſchutz und den groͤßten Theil der Truppen über den Fluß und belagerte Oppenheim, welches nach einer verzweifelten Gegenwehr am 8 December 1631 mit ſtürmender Hand erſtie⸗ gen ward. Füͤnfhundert Spanier, welche dieſen Ort ſo herzhaft vertheidigt hatten, wurden insgeſammt ein Opfer der ſchwedi⸗ ſchen Furie. Die Nachricht von Guſtavs Uebergang über den 261 Rheinſtrom erſchreckte alle Spanier und Lothringer, welche das jenſeitige Land beſetzt und ſich hinter dieſem Fluſſe vor der Rache der Schweden geborgen geglaubt hatten. Schnelle Flucht war jetzt ihre einzige Sicherheit; jeder nicht ganz haltbare Ort ward aufs eilfertigſte verlaſſen. Nach einer langen Reihe von Gewaltthaͤtigkeiten gegen den wehrloſen Bürger räumten die Lothringer die Stadt Worms, welche ſie noch vor ihrem Abzuge mit muthwilliger Grauſamkeit mißhandelten. Die Spanier eilten, ſich in Frankenthal einzuſchließen, in welcher Stadt ſie ſich Hoffnung machten, den ſiegreichen Waffen Gu⸗ ſtav Adolphs zu trotzen.. Der König verlor nunmehr keine Zeit, ſeine Abſichten auf die Stadt Mainz auszufuhren, in welche ſich der Kern der ſpaniſchen Truppen geworfen hatte. Indem er jenſeits des Rheinſtroms gegen dieſe Stadt anrückte, hatte ſich der Land⸗ graf von Heſſen⸗Kaſſel dieſſeits des Fluſſes derſelben genähert und auf dem Wege dahin mehrere feſte Plätze unter ſeine Bot⸗ maͤßigkeit gebracht. Die belagerten Spanier, obgleich von beiden Seiten eingeſchloſſen, zeigten anfänglich viel Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit, das Aeußerſte zu erwarten, und ein ununterbrochenes heftiges Bombenfeuer regnete mehrere Tage lang in das ſchwe⸗ diſche Lager, welches dem Könige manchen braven Soldaten koſtete. Aber dieſes muthvollen Widerſtandes ungeachtet gewan⸗ nen die Schweden immer mehr Boden, und waren dem Stadt⸗ graben ſchon ſo nahe gerückt, daß ſie ſich ernſtlich zum Sturm anſchickten. Jetzt ſank den Belagerten der Muth. Mit Recht zitterten ſie vor dem wilden Ungeſtuͤm des ſchwediſchen Solda⸗ ten, wovon der Marienberg bei Würzburg ein ſchreckhaftes Zeugniß ablegte. Ein fürchterliches Loos erwartete die Stadt Mainz, wenn ſie im Sturm erſtiegen werden ſollte, und leicht konnte der Feind ſich verſucht fühlen, Magdeburgs ſchauderhaftes 26²2 Schickſal an dieſer reichen und prachtvollen Reſidenz eines katho⸗ liſchen Fürſten zu rächen. Mehr um die Stadt, als um ihr eigenes Leben zu ſchonen, capitulirte am vierten Tage die ſpa⸗ niſche Beſatzung, und erhielt von der Großmuth des Königs ein ſicheres Geleite bis nach Luxemburg; doch ſtellte ſich der größte Theil derſelben, wie bisher ſchon von mehreren geſchehen war, unter ſchwediſche Fahnen. Am 15 December 1651 hielt der König von Schweden ſeinen Einzug in die eroberte Stadt, und nahm im Palaſt des Kurfürſten ſeine Wohnung. Achtzig Kanonen fielen als Beute in ſeine Hände, und mit achtzigtauſend Gulden mußte die Bürgerſchaft die Plünderung abkaufen. Von dieſer Schatzung waren die Juden und die Geiſtlichkeit ausgeſchloſſen, welche noch für ſich beſonders große Summen zu entrichten hatten. Die Bibliothek des Kurfürſten nahm der König als ſein Eigenthum zu ſich, und ſchenkte ſie ſeinem Reichskanzler Oxenſtierna, der ſie dem Gymnaſium zu Weſterahs abtrat; aber das Schiff, das ſie nach Schweden bringen ſollte, ſcheiterte, und die Oſtſee verſchlang dieſen unerſetzlichen Schatz. Nach dem Verluſt der Stadt Mainz hoͤrte das Unglück nicht auf, die Spanier in den Gegenden des Rheins zu verfolgen. Kurz vor Eroberung jener Stadt hatte der Landgraf von Heſſen⸗ Kaſſel Falkenſtein und Reifenberg eingenommen; die Feſtung Königſtein ergab ſich den Heſſen; der Rheingraf Otto Lud⸗ wig, einer von den Generalen des Königs, hatte das Glück, neun ſpaniſche Schwadronen zu ſchlagen, die gegen Frankenthal im Anzuge waren, und ſich der wichtigſten Städte am Rhein⸗ ſtrom von Boppart bis Bacharach zu bemächtigen. Nach Ein⸗ nahme der Feſtung Braunfels, welche die wetterauiſchen Grafen mit ſchwediſcher Hülfe zu Stande brachten, verloren die Spanier 263 jeden Platz in der Wetterau, und in der ganzen Pfalz konnten ſie, außer Frankenthal, nur ſehr wenige Stadte retten. Landau und Kronweißenburg erklärten ſich laut für die Schweden. Speyer bot ſich an, Truppen zum Dienſt des Königs zu werben. Mannheim ging durch die Beſonnenheit des jungen Herzogs Bernhard von Weimar und durch die Nachlaͤſſigkeit des dortigen Commandanten verloren, der auch dieſes Ungluͤcks wegen zu Heidelberg vor das Kriegsgericht gefordert und enthauptet ward. Der König hatte den Feldzug bis tief in den Winter ver⸗ längert, und wahrſcheinlich war ſelbſt die Rauhigkeit der Jahres⸗ zeit mit eine Urſache der Ueberlegenheit geweſen, welche der ſchwediſche Soldat ͤber den Feind behauptete. Jetzt aber be⸗ durften die erſchöpften Truppen der Erholung in den Winter⸗ quartieren, welche ihnen Guſtav Adolph auch bald nach Eroberung der Stadt Mainz in der umliegenden Gegend be⸗ willigte. Er ſelbſt benutzte die Ruhe, welche die Jahreszeit ſeinen kriegeriſchen Operationen auflegte, dazu, die Geſchaäfte des Cabinets mit ſeinem Reichskanzler abzuthun, der Neu⸗ tralität wegen mit dem Feind Unterhandlungen zu pflegen, und einige politiſche Streitigkeiten mit einer bundesverwand⸗ ten Macht zu beendigen, zu denen ſein bisheriges Betragen den Grund gelegt hatte. Zu ſeinem Winteraufenthalt und zum Mittelpunkt dieſer Staatsgeſchäfte erwählte er die Stadt Mainz, gegen die er uͤberhaupt eine größere Neigung blicken ließ, als ſich mit dem Intereſſe der deutſchen Fuͤrſten und mit dem kurzen Beſuche vertrug, den er dem Reiche hatte abſtatten wol⸗ len. Nicht zufrieden, die Stadt auf das ſtäͤrkſte befeſtigt zu haben, ließ er auch ihr gegenüber, in dem Winkel, den der Main mit dem Rheine macht, eine neue Citadelle anlegen, die nach ihrem Stifter Guſtavsburg genannt, aber unter 264 dem Namen Pfaffenraub, Pfaffenzwang bekannter geworden iſt. Indem Guſtav Adolph ſich Meiſter vom Rhein machte, und die drei angränzenden Kurfürſtenthuͤmer mit ſeinen ſieg⸗ reichen Waffen bedrohte, wurde in Paris und Saint Germain von ſeinen wachſamen Feinden jeder Kunſtgriff der Politik in Bewegung geſetzt, ihm den Beiſtand Frankreichs zu entziehen, und ihn, wo moͤglich, mit dieſer Macht in Krieg zu verwickeln. Er ſelbſt hatte durch die unerwartete und zweideutige Wendung ſeiner Waffen gegen den Rheinſtrom ſeine Freunde ſtutzen ge⸗ macht, und ſeinen Gegnern die Mittel dargereicht, ein gefaͤhr⸗ liches Mißtrauen in ſeine Abſichten zu erregen. Nachdem er das Hochſtift Würzburg und den groͤßten Theil Frankens ſeiner Macht unterworfen hatte, ſtand es bei ihm, durch das Hochſtift Bamberg und durch die obere Pfalz in Bayern und Oeſterreich einzubrechen; und die Erwartung war ſo allgemein als natürlich, daß er nicht ſäumen wurde, den Kaiſer und den Herzog von Bayernim Mittelpunkt ihrer Macht anzugreifen, und durch Ueberwaͤltigung dieſer beiden Hauptfeinde den Krieg auf das ſchnellſte zu endigen. Aber zu nicht geringem Erſtau⸗ nen beider ſtreitenden Theile verließ Guſt av Adolph die von der allgemeinen Meinung ihm vorgezeichnete Bahn, und anſtatt ſeine Waffen zur Rechten zu kehren, wendete er ſie zur Linken, um die minder ſchuldigen und minder zu fürchtenden Fürſten des Kurrheins ſeine Macht empfinden zu laſſen, indem er ſei⸗ nen zwei wichtigſten Gegnern Friſt gab, neue Kraͤfte zu ſammeln. Nichts als die Abſicht, durch Vertreibung der Spanier vor allen Dingen den unglüͤcklichen Pfalzgrafen Friedrich den Fünf⸗ ten wieder in den Beſitz ſeiner Laͤnder zu ſetzen, konnte dieſen überraſchenden Schritt erklärlich machen, und der Glaube an die nahe Wiederherſtellung Friedrichs brachte anfangs auch 265 wirklich den Argwohn ſeiner Freunde und die Verleumdungen ſeiner Gegner zum Schweigen. Jetzt aber war die untere Pfalz faſt durchgängig von Feinden gereinigt, und Guſtav Adolph fuhr fort, neue Eroberungsplane am Rhein zu ent⸗ werfen; er fuhr fort, die eroberte Pfalz dem rechtmaäͤßigen Be⸗ ſitzer zurückzuhalten. Vergebens erinnerte der Abgeſandte des Königs von England den Eroberer an das, was die Gerechtig⸗ keit von ihm forderte, und ſein eigenes feierlich ausgeſtelltes Verſprechen ihm zur Ehrenpflicht machte. Guſtav Adolph beantwortete dieſe Aufforderung mit bittern Klagen über die Unthaͤtigkeit des engliſchen Hofes, und rüſtete ſich lebhaft, ſeine ſiegreichen Fahnen mit nächſtem in Elſaß und ſelbſt in Lothringen auszubreiten. Jetzt wurde das Mißtrauen gegen den ſchwediſchen Monarchen laut, und der Haß ſeiner Gegner zeigte ſich äußerſt geſchäftig, die nachtheiligſten Gerüchte von ſeinen Abſichten zu verbreiten. Schon längſt hatte der Miniſter Ludwigs des Dreizehn⸗ ten, Rich elieu, der Annäherung des Koͤnigs gegen die fran⸗ zöſiſchen Gränzen mit Unruhe zugeſehen, und das mißtrauiſche Gemüth ſeines Herrn öffnete ſich nur allzuleicht den ſchlimmen Muthmaßungen, welche daruͤber angeſtellt wurden. Frankreich war um eben dieſe Zeit in einen bürgerlichen Krieg mit dem proteſtantiſchen Theil ſeiner Bürger verwickelt, und die Furcht war in der That nicht ganz grundlos, daß die Annaͤherung eines ſiegreichen Koͤnigs von ihrer Partei ihren geſunkenen Muth neu beleben und ſie zu dem gewaltſamſten Widerſtande aufmuntern möchte. Dießkonnte geſchehen, auch wenn Guſtav Adolph auf das weiteſte davon entfernt war, ihnen Hoffnung zu machen, und an ſeinem Bundesgenoſſen, dem König von Frankreich, eine wirkliche Untreue zu begehen. Aber der rachgierige Sinn des Biſchofs von Würzburg, der den Verluſt ſeiner Länder am 266 franzoͤſiſchen Hofe zu verſchmerzen ſuchte, die giftvolle Bered⸗ ſamkeit der Jeſuiten und der geſchaftige Eifer des bayeriſchen Miniſters ſtellten dieſes gefährliche Verſtändniß zwiſchen den Hugenotten und dem König von Schweden als ganz erwieſen dar, und wußten den furchtſamen Geiſt Ludwigs mit den ſchrecklichſten Beſorgniſſen zu beſtürmen. Nicht bloß thörichte Politiker, auch manche nicht unverſtändige Katholiken, glaubten in vollem Ernſt, der König werde mit nachſtem in das innerſte Frankreich eindringen, mit den Hugenotten gemeine Sache machen und die katholiſche Religion in dem Königreich umſtür⸗ zen. Fanatiſche Eiferer ſahen ihn ſchon mit einer Armee über die Alpen klimmen und den Statthalter Chriſti ſelbſt in Italien entthronen. So leicht ſich Träumereien dieſer Art von ſelbſt widerlegten, ſo war dennoch nicht zu läugnen, daß Guſtav durch ſeine Kriegsunternehmungen am Rhein dem Argwohn ſeiner Gegner eine gefährliche Blöße gab, und einigermaßen den Verdacht rechtfertigte, als ob er ſeine Waffen weniger gegen den Kaiſer und den Herzog von Bayern, als gegen die katholiſche Religion überhaupt habe richten wollen. Das allgemeine Geſchrei des Unwillens, welches die katho⸗ liſchen Höfe, von den Jeſuiten aufgereizt, gegen Frankreichs Verbindungen mit den Feinden der Kirche erhoben, bewog end⸗ lich den Cardinal von Richelieu, für die Sicherſtellung ſeiner Religion einen entſcheidenden Schritt zu thun, und die katho⸗ liſche Welt zugleich von dem ernſtlichen Religionseifer Frank⸗ reichs und von der eigennützigen Politik der geiſtlichen Reichs⸗ ſtände zu überführen. Ueberzeugt, daß die Abſichten des Kö⸗ nigs von Schweden, ſo wie ſeine eigenen, nur auf die De⸗ müthigung des Hauſes Oeſterreich gerichtet ſeyen, trug er kein Bedenken, den liguiſtiſchen Fürſten von Seiten Schwedens eine vollkommene Neutralitaͤt zu verſprechen, ſobald ſie ſich der 267 Allianz mit dem Kaiſer entſchlagen und ihre Truppen zurück⸗ ziehen würden. Welchen Entſchluß nun die Fürſten faßten, ſo hatte Richelieu ſeinen Zweckerreicht. Durch ihre Trennung von der öͤſterreichiſchen Partei wurde Ferdinand denvereinig⸗ ten Waffen Frankreichs und Schwedens wehrlos bloßgeſtellt, und Guſtav Adolph, von allen ſeinen uͤbrigen Feinden in Deutſchland befreit, konnte ſeine ungetheilte Macht gegen die kaiſerlichen Erbländer kehren. Unvermeidlich war dann der Fall des öſterreichiſchen Hauſes, und dieſes letzte große Ziel aller Beſtrebungen Richelieu's ohne Nachtheil der Kirche er⸗ rungen. Ungleich mißlicher hingegen war der Erfolg, wenn die Fürſten der Ligue auf ihrer Weigerung beſtehen und dem öſter⸗ reichiſchen Bündniß noch fernerhin getreu bleiben ſollten. Dann aber hatte Frankreich vor dem ganzen Europa ſeine katholiſche Geſinnung erwieſen und ſeinen Pflichten als Glied der römi⸗ ſchen Kirche ein Genüge gethan. Die Fürſten der Ligue er⸗ ſchienen dann allein als die Urheber alles Unglücks, welches die Fortdauer des Kriegs über das katholiſche Deutſchland unaus⸗ bleiblich verhängen mußte; ſie allein waren es, die durch ihre eigenſinnige Anhänglichkeit an den Kaiſer die Maßregeln ihres Beſchützers vereitelten, die Kirche in die außerſte Gefahr und ſich ſelbſt ins Verderben ſtürzten. Richelieu verfolgte dieſen Plan um ſo lebhafter, je mehr er durch die wiederholten Aufforderungen des Kurfürſten von Bayern um franzöſiſche Hülfe ins Gedränge gebracht wurde. Man erinnert ſich, daß dieſer Fürſt ſchon ſeit der Zeit, als er Urſache gehabt hatte, ein Mißtrauen in die Geſinnungen des Kaiſers zu ſetzen, in ein geheimes Bündniß mit Frankreich getreten war, wodurch er ſich den Beſitz der pfälziſchen Kur⸗ würde gegen eine künftige Sinnesänderung Ferdinands zu verſichern hoffte. So deutlich auch ſchon der Urſprung dieſes 268 Tractats zu erkennen gab, gegen welchen Feind er errichtet worden, ſo dehnte ihn Maximilian jetzt, willkürlich genug, auch auf die Angriffe des Königs von Schweden aus, und trug kein Bedenken, dieſelbe Hülfleiſtung, welche man ihm bloß gegen O erreich zugeſagt hatte, auch gegen Guſtav Adolph, den Alliirten der franzöſiſchen Krone, zu fordern. Durch dieſe widerſprechende Allianz mit zwei einander entgegengeſetzten Mächten in Verlegenheit geſetzt, wußte ſich Richelieu nur da⸗ durch zu helfen, daß er den Feindſeligkeiten zwiſchen beiden ein ſchleuniges Ende machte; und eben ſo wenig geneigt, Bayern preiszugeben, als durch ſeinen Vertrag mit Schweden außer Stand geſetzt, es zu ſchützen, verwendete er ſich mit ganzem Eifer für die Neutralität, als das einzige Mittel, ſeinen doppelten Verbindungen ein Genüge zu leiſten. Ein eigener Bevollmäch⸗ tigter, Marquis von Breze, wurde zu dieſem Ende an den Konig von Schweden nach Mainz abgeſchickt, ſeine Ge⸗ ſinnungen über dieſen Punkt zu erforſchen und für die alliirten Fürſten günſtige Bedingungen von ihm zu erhalten. Aber ſo wichtige Urſachen Ludwig der Dreizehnte hatte, dieſe Neu⸗ tralität zu Stande gebracht zu ſehen, ſo triftige Gründe hatte Guſtav Adolph, das Gegentheil zu wuͤnſchen. Durch zahl⸗ reiche Proben uͤberzeugt, daß der Abſcheu der liguiſtiſchen Für⸗ ſten vor der proteſtantiſchen Religion unüberwindlich, ihr Haß gegen die auslaͤndiſche Macht der Schweden unauslöſchlich, ihre Anhänglichkeit an das Haus Oeſterreich unvertilgbar ſey, fürchtete er ihre offenbare Feindſchaft weit weniger, als er einer Neutralitaͤt mißtraute, die mit ihrer Neigung ſo ſehr im Wi⸗ derſpruche ſtand. Da er ſich überdieß durch ſeine Lage auf deutſchem Boden genöthigt ſah, auf Koſten der Feinde den Krieg fortzuſetzen, ſo verlor er augenſcheinlich, wenn er, ohne neue Freunde dadurch zu gewinnen, die Zahl ſeiner öffentlichen 269 Feinde verminderte. Kein Wunder alſo, wenn Guſtav Adolph wenig Neigung blicken ließ, die Neutralität der ka⸗ tholiſchen Fürſten, wodurch ihm ſo wenig geholfen war, durch Aufopferung ſeiner errungenen Vortheile zu erkaufen! Die Bedingungen, unter welchen er dem Kurfürſten von Bayern die Neutralität bewilligte, waren drückend und dieſen Geſinnungen gemäß. Er forderte von der katholiſchen Ligue eine gänzliche Unthatigkeit, Zurückziehung ihrer Truppen von der kaiſerlichen Armee, aus den eroberten Plätzen, aus allen proteſtantiſchen Ländern. Noch außerdem wollte er die li⸗ guiſtiſche Kriegsmacht auf eine geringe Anzahl herabgeſetzt wiſſen. Alle ihre Lander ſollten den kaiſerlichen Armeen ver⸗ ſchloſſen ſeyn, und dem Haus Oeſterreich weder Mannſchaft noch Lebensmittel und Munition aus denſelben geſtattet wer⸗ den. So hart das Geſetz war, welches der Ueberwinder den Ueberwundenen auflegte, ſo ſchmeichelte ſich der franzöſiſche Mediateur noch immer, den Kurfürſten von Bayern zu An⸗ nehmung desſelben vermögen zu können. Dieſes Geſchaft zu erleichtern, hatte ſich Guſt av Adolph bewegen laſſen, dem letztern einen Waffenſtillſtand anf vierzehn Tage zu bewilligen. Aber zur nämlichen Zeit, als dieſer Monarch durch den fran⸗ zoͤſiſchen Agenten wiederholte Verſicherungen von dem guten Fortgang dieſer Unterhandlung erhielt, entdeckte ihm ein auf⸗ gefangener Brief des Kurfürſten-an den General Pappenheim in Weſtphalen die Treuloſigkeit dieſes Prinzen, der bei der ganzen Negociation nichts geſucht hatte, als Zeit zur Ver⸗ theidigung zu gewinnen. Weit davon entfernt, ſich durch einen Vergleich mit Schweden in ſeinen Kriegsunternehmungen Feſſeln anlegen zu laſſen, beſchleunigte vielmehr der hinterliſtige Fürſt ſeine Rüſtung, und benutzte die Muße, die ihm der Feind ließ, deſto nachdrücklichere Anſtalten zur Gegenwehr zu treffen. 270 Dieſe ganze Neutralitaͤts⸗Unterhandlung zerriß alſo fruchtlos, und hatte zu nichts gedient, als die Feindſeligkeit zwiſchen Bayern und Schweden mitdeſto größererErbitterungzu erneuern. Tilly's vermehrte Macht, womit dieſer Feldherr Franken zu uͤberſchwemmen drohte, forderte den König dringend nach dieſem Kreiſe; zuvor aber mußten die Spanier von dem Rhein⸗ ſtrom vertrieben und ihnen der Weg verſperrtwerden, von den Niederlanden aus die deutſchen Provinzen zu bekriegen. In dieſer Abſicht hatte Guſtav Adolph bereits dem Kur⸗ fürſten von Trier, Philipp von Zeltern, die Neutralitaͤt unter der Bedingung angeboten, daß ihm die Trieriſche Feſtung Hermannſtein eingeraͤumt und den ſchwediſchen Truppen ein freier Durchzug durch Koblenz bewilligt würde. Aber ſo un⸗ gern der Kurfürſt ſeine Lander in ſpaniſchen Handen ſah, ſo viel weniger konnte er ſich entſchließen, ſie dem verdaͤchtigen Schutz eines Ketzers zu übergeben, und den ſchwediſchen Er⸗ oberer zum Herrn ſeines Schickſals zu machen. Da er ſich jedoch außer Stand ſah, gegen zwei ſo furchtbare Mitbewerber ſeine Unabhangigkeit zu behaupten, ſo ſuchte er unter den mächtigen Fluͤgeln Frankreichs Schutz gegen beide. Mit ge⸗ wohnter Staatsklugheit hatte Richelien die Verlegenheit die⸗ ſes Fürſten benutzt, Frankreichs Macht zu vergrößern und ihm einen wichtigen Alliirten an Deutſchlands Graͤnze zu er⸗ werben. Eine zahlreiche franzoͤſiſche Armee ſollte die Trieriſchen Lande decken und die Feſtung Ehrenbreitſtein franzöſiſche Be⸗ ſatzung einnehmen. Aber die Abſicht, welche den Kurfürſten zu dieſem gewagten Schritte vermocht hatte, wurde nicht ganz erfüllt, denn die gereizte Empfindlichkeit Guſt av Adolphs ließ ſich nicht eher beſanftigen, als bis auch den ſchwediſchen Truppen ein freier Durchzug durch die Trieriſchen Lande ge⸗ ſtattet wurde. 271 Indem dieſes mit Trier und Frankreich verhandelt wurde, hatten die Generale des Königs das ganze Erzſtift Mainz von dem Ueberreſte der ſpaniſchen Garniſonen gereinigt, und Gu⸗ ſtav Adolph ſelbſt durch die Einnahme von Kreuznach die Eroberung dieſes Landſtrichs vollendet. Das Eroberte zu be⸗ ſchutzen, mußte der Reichskanzler Oxenſtierna mit einem Theile der Armee an dem mittleren Rheinſtrome zurückbleiben, und das Hauptheer ſetzte ſich unter Anführung des Königs in Marſch, auf frankiſchem Boden den Feind aufzuſuchen. Um den Beſitz dieſes Kreiſes hatten unterdeſſen der Graf Tilly und der ſchwediſche General von Horn, den Guſtav Adolph mit achttauſend Mann darin zuruͤckließ, mit ab⸗ wechſelndem Kriegsglück geſtritten, und das Hochſtift Bamberg beſonders war zugleich der Preis und der Schauplatz ihrer Verwuͤſtungen. Von ſeinen übrigen Entwürfen an den Rhein⸗ ſtrom gerufen, überließ der König ſeinem Feldherrn die Züch⸗ tigung des Biſchofs, der durch ſein treuloſes Betragen ſeinen Zorn gereizt hatte, und die Thaäftigkeit des Generals recht⸗ fertigte die Wahl des Monarchen. In kurzer Zeit unterwarf er einen großen Theil des Bisthums den ſchwediſchen Waffen, und die Hauptſtadt ſelbſt, von der kaiſerlichen Beſatzung im Stich gelaſſen, lieferte ihm ein ſtürmender Angriff in die Hande. Dringend forderte nun der verjagte Biſchof den Kurfürſten von Bayern zum Beiſtand auf, der ſich endlich bewegen ließ Tilly's Unthätigkeit zu verkurzen. Durch den Befehl ſeines Herrn zur Wiedereinſetzung des Biſchofs bevollmächtigt, zog dieſer General ſeine durch die Oberpfalz zerſtreuten Truppen zuſammen und näͤherte ſich Bamberg mit einem zwanzigtauſend Mann ſtarken Heere. Guſtav Horn, feſt entſchloſſen, ſeine Eroberung gegen dieſe üͤberlegene Macht zu behaupten, erwar⸗ tete hinter den Wällen Bambergs den Feind, mußte ſich aber 8 272 durch den bloßen Vortrab des Tilly entreißen ſehen, was er der ganzen verſammelten Armee gehofft hatte ſtreitig zu machen. Eine Verwirrung unter ſeinen Truppen, die keine Geiſtesgegenwart des Feldherrn zu verbeſſern vermochte, öff⸗ nete dem Feinde die Stadt, daß Truppen, Bagage und Geſchütz nur mit Mühe gerettet werden konnte. Bambergs Wieder⸗ eroberung war die Frucht dieſes Sieges; aber den ſchwediſchen General, der ſich in guter Ordnung über den Mainſtrom zurückzog, konnte Graf Tilly, aller angewandten Geſchwindig⸗ keit ungeachtet, nicht mehr einholen. Die Erſcheinung des Konigs in Franken, welchem Guſtav Horn den Reſt ſeiner Truppen bei Kitzingen zuführte, ſetzte ſeinen Eroberungen ein ſchnelles Ziel, und zwang ihn, durch einen zeitigen Ruͤckzug für ſeine eigene Rettung zu ſorgen. Zu Aſchaffenburg hatte der König allgemeine Heerſchau über ſeine Truppen gehalten, deren Anzahl nach der Vereinigung mit Guſtav Horn, Banner und Herzog Wilhelm von Weimar au f beinahe vierzigtauſend ſtieg. Nichts hemmte ſei⸗ nen Marſch durch Franken; denn Graf Tilly, viel zu ſchwach, einen ſo ſehr uͤberlegenen Feind zu erwarten, hatte ſich in ſchnellen Märſchen gegen die Donau gezogen. Böhmen und Bayern lagen jetzt dem Koͤnige gleich nahe, und in der Unge⸗ wißheit, wohin dieſer Eroberer ſeinen Lauf richten würde, konnte Maximilian nicht ſogleich eine Entſchließung faſſen. Der Weg, welchen man Tilly jetzt nehmen ließ, mußte die Wahl des Königs und das Schickſal beider Provinzen entſcheiden. Gefährlich war es, bei der Annäherung eines ſo furchtbaren Feindes Bayern unvertheidigt zu laſſen, um Oeſterreichs Grän⸗ zen zu ſchirmen; gefäͤhrlicher noch, durch Aufnahme des Tilly in Bayern zugleich auch den Feind in dieß Land zu rufen und es zum Schauplatz eines verwüſtenden Kampfes zu machen. 273 2* Die Sorge des Landesvaters ſiegte endlich über die Bedenklich⸗ keiten des Staatsmanns, und Tilly erhielt Befehl, was auch daraus erfolgen möchte, Bayerns Graͤnzen mit ſeiner Macht zu vertheidigen. Mit triumphirender Freude empfing die Reichsſtadt Nurn⸗ berg den Beſchützer proteſtantiſcher Religion und deutſcher Freiheit, und der ſchwärmeriſche Enthuſiasmus der Bürger ergoß ſich bei ſeinem Anblick in rührende Aeußerungen des Jubels und der Bewunderung. Guſtav ſelbſt konnte ſein Erſtaunen nicht unterdruͤcken, ſich hier in dieſer Stadt, im Mittelpunkt Deutſchlands, zu ſehen, bis wohin er nie gehofft hatte, ſeine Fahnen auszubreiten. Der edle ſchöne Anſtand ſeiner Perſon vollendete den Eindruck ſeiner glorreichen Thaten, und die Herablaſſung, womit er die Begrüßungen dieſer Reichs⸗ ſtadt erwiederte, hatte ihm in wenig Augenblicken alle Herzen erobert. In Perſon beſtätigt er jetzt das Bündniß, das er noch an den Ufern des Belts mit derſelben errichtet hatte, und verband alle Burger zu einem glühenden Thateneifer und brü⸗ derlicher Eintracht gegen den gemeinſchaftlichen Feind. Nach einem kurzen Aufenthalt in Nuͤrnbergs Mauern folgte er ſeiner Armee gegen die Donau, und ſtand vor der Gränzfeſtung Donauwörth, ehe man einen Feind da vermuthete. Eine zahlreiche bayeriſche Beſatzung vertheidigte dieſen Platz, und der Anführer derſelben, Rudolph⸗Maximilian, Herzog von Sachſen⸗Lauenburg, zeigte anfangs die muthigſte Entſchloſſen⸗ heit, ſich bis zur Ankunft des Tilly zu halten. Bald aber zwang ihn der Ernſt, mit welchem Guſtav Adolph die Be⸗ lagerung anfing, auf einen ſchnellen und ſichern Abzug zu den⸗ ken, den er auch unter dem heftigſten Feuer des ſchwediſchen Geſchützes glücklich ins Werk richtete. Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 18 274 Die Einnahme Donauwörths öffnete dem König das jen⸗ ſeitige Ufer der Donau, und nur der kleine Lechſtrom trennte ihn noch von Bayern. Dieſe nahe Gefahr ſeiner Laͤnder weckte die ganze Thatigkeit Narimilians, und ſo leicht er es bis jetzt dem Feind gemacht hatte, bis an die Schwelle ſeiner Staaten zu dringen, ſo entſchloſſen zeigte er ſich nun, ihm den letzten Schritt zu erſchweren. Jenſeits des Lechs, bei der klei⸗ nen Stadt Rain, bezog Tilly ein wohlbefeſtigtes Lager, welches, von drei Flüſſen umgeben, jedem Angriffe Trotz bot. Alle Brucken über den Lech hatte man abgeworfen, die ganze Länge des Stroms bis Augsburg durch ſtarke Beſatzungen ver⸗ theidigt, und ſich dieſer Reichsſtadt ſelbſt, welche längſt ſchon ihre Ungeduld blicken ließ, dem Beiſpiel Nürnbergs und Frankfurts zu folgen, durch Einführung einer bayeriſchen Garniſon und Entwaffnung der Buͤrger verſichert. Der Kurfürſt ſelbſt ſchloß ſich mit allen Truppen, die er hatte aufbringen können, in das Tilly'ſche Lager ein, gleich als ob an dieſem einzigen Poſten alle ſeine Hoffnungen hafteten und das Glück der Schweden an dieſer aͤußerſten Gränzmauer ſcheitern ſollte. Bald erſchien Guſtav Adolph am ufer, den bayeriſchen Verſchanzungen gegenüber, nachdem er ſich das ganze Augs⸗ burgiſche Gebiet dieſſeits des Lechs unterworfen und ſeinen Truppen eine reiche Zufuhr aus dieſem Landſtrich geoffnet hatte. Es war im Märzmonat, wo dieſer Strom von häufigen Regenguſſen und von dem Schnee der tyroliſchen Gebirge zu einer ungewöhnlichen Höhe ſchwillt, und zwiſchen ſteilen Ufern mit reißender Schnelligkeit fluthet. Ein gewiſſes Grab öffnete ſich dem waghaͤlſigen Stürmer in ſeinen Wellen, und am ent⸗ gegenſtehenden Ufer zeigten ihm die feindlichen Kanonen ihre mörderiſchen Schlünde. Ertrotzt er dennoch mitten durch die Wuth des Waſſers und des Feuers den faſt unmöglichen Ueber⸗ 275 gang, ſo erwartet die ermatteten Truppen ein friſcher und muthiger Feind in einem unüberwindlichen Lager, und nach Erholung ſchmachtend, finden ſie eine Schlacht. Mit erſchöpfter Kraft müſſen ſie die feindlichen Schanzen erſteigen, deren Feſtigkeit jedes Angriffs zu ſpotten ſcheint. Eine Niederlage, an dieſem Ufer erlitten, führt ſie unvermeidlich zum Untergang; denn derſelbe Strom, der ihnen die Bahn zum Siege erſchwert, verſperrt ihnen alle Wege zur Flucht, wenn das Glück ſie ver⸗ laſſen ſollte. Der ſchwediſche Kriegsrath, den der Monarch jetzt verſam⸗ melte, machte das ganze Gewicht dieſer Gründe gelten, um die Ausführung eines ſo gefahrvollen Unternehmens zu hindern. Auch die Tapferſten zagten, und eine ehrwurdige Schaar im Dienſte graugewordener Krieger erröthete nicht, ihre Beſorg⸗ niſſe zu geſtehen. Aber der Entſchluß des Koͤnigs war gefaßt. „Wie?“ ſagte er zu Guſtav Horn, der das Wo für die Uebrigen führte:„Ueber die Oſtſee, über ſo viele große Strom „Deutſchlands hätten wir geſetzt, und vor einem Bache, vor „dieſem Lech hier, ſollten wir ein Unternehmen aufgeben?“ Er hatte bereits bei Beſichtigung der Gegend, die er mit mancher Lebensgefahr anſtellte, die Entdeckung gemacht, daß das dieſſeitige Ufer über das jenſeitige hervorrage, und die Wirkung des ſchwediſchen Geſchützes vorzugsweiſe vor dem des Feindes begünſtige. Mit ſchneller Beſonnenheit wußte er dieſen Um⸗ ſtand zu nützen. Unverzuglich ließ er an der Stelle, wo ſich das linke Ufer des Lechs gegen das rechte zu krümmte, drei Batterien aufwerfen, von welchen zweiundſiebenzig Feldſtücke ein kreuzweiſes Feuer gegen den Feind unterhielten. Waͤhrend daß dieſe wüthende Kanonade die Bayern von dem jenſeitigen Ufer entfernte, ließ er in groͤßter Eilfertigkeit über den Lech eine Bruͤcke ſchlagen; ein dicker Dampf, aus angezündetem Holz und 276 naſſem Stroh in Einem fort unterhalten, entzog das aufſtei⸗ gende Werk lange Zeit den Augen der Feinde, indem zugleich der faſt ununterbrochene Donner des Geſchützes das Getöſe der Zimmerarte unhörbar machte. Er ſelbſt ermunterte durch ſein eigenes Beiſpiel den Eifer der Truppen und brannte mit eige⸗ ner Hand über ſechzig Kanonen ab. Mit gleicher Lebhaftigkeit wurde dieſe Kanonade zwei Stunden lang von den Bayern, wiewohl mit ungleichem Vortheil, erwiedert, da die hervor⸗ ragenden Batterien der Schweden das jenſeitige niedere Ufer beherrſchten und die Höhe des ihrigen ihnen gegen das feind⸗ liche Geſchütz zur Bruſtwehr diente. Umſonſt ſtrebten die Bayern, die feindlichen Werke vom Ufer aus zu zerſtoͤren; das überlegene Geſchütz der Schweden verſcheuchte ſie, und ſie mußten die Bruͤcke, faſt unter ihren Augen, vollendet ſehen. Tilly that an dieſem ſchrecklichen Tage das Aeußerſte, den Muth der Seinigen zu entflammen, und keine noch ſo drohende Gefahr konnte ihn von dem Ufer abhalten. Endlich fand ihn der Tod, den er ſuchte. Eine Falconetkugel zerſchmetterte ihm das Bein, und bald nach ihm ward auch Altringer, ſein gleich tapferer Streitgenoſſe, am Kopfe gefäaͤhrlich verwundet. Von der begeiſternden Gegenwart dieſer beiden Führer ver⸗ laſſen, wankten endlich die Bayern, und wider ſeine Neigung wurde ſelbſt Naximilian zu einem kleinmuthigen Entſchluß fortgeriſſen. Von den Vorſtellungen des ſterbenden Tilly beſiegt, deſſen gewohnte Feſtigkeit der annahernde Tod über⸗ wältigt hatte, gab er voreilig ſeinen unüberwindlichen Poſten verloren, und eine von den Schweden entdeckte Furt, durch welche die Reiterei im Begriff war, den Uebergang zu wagen, beſchleunigte ſeinen muthloſen Abzug. Noch in derſelben Nacht brach er, ehe noch ein feindlicher Soldat über den Lechſtrom ge⸗ ſetzt hatte, ſein Lager ab, und ohne dem Könige Zeit zu laſſen⸗ 277 ihn auf ſeinem Marſch zu beunruhigen, hatte er ſich in beſter Ordnung nach Neuburg und Ingolſtadt gezogen. Mit Befrem⸗ dung ſah Guſtav Adolph, der am folgenden Tage den Uebergang vollführte, das feindliche Lager leer, und die Flucht des Kurfürſten erregte ſeine Verwunderung noch mehr, als er die Feſtigkeit des verlaſſenen Lagers entdeckte.„Waͤr' ich der „Bayer geweſen,“ rief er erſtaunt aus,„nimmermehr— und „hätte mir auch eine Stuͤckkugel Bart und Kinn weggenommen „— nimmermehr würde ich einen Poſten, wie dieſer da, ver⸗ „laſſen und dem Feinde meine Staaten geöffnet haben.“ Jetzt alſo lag Bayern dem Sieger offen, und die Kriegs⸗ fluth, die bis jetzt nur an den Graͤnzen dieſes Landes geſtürmt hatte, waͤlzte ſich zum erſten Male uͤber ſeine lang verſchonten geſegneten Fluren. Bevor ſich aber der König an Eroberung dieſes feindlich geſinnten Landes wagte, entriß er erſt die Reichsſtadt Augsburg dem bayeriſchen Joche, nahm ihre Bürger in Pflichten, und verſicherte ſich ihrer Treue durch eine zurück⸗ gelaſſene Beſatzung. Darauf ruͤckte er in beſchleunigten Mär⸗ ſchen gegen Ingolſtadt an, um durch Einnahme dieſer wichtigen Feſtung, welche der Kurfürſt mit einem großen Theile ſeines Heeres deckte, ſeine Eroberungen in Bayern zu ſichern und feſten Fuß an der Donau zu faſſen. Bald nach ſeiner Ankunft vor Ingolſtadt beſchloß der ver⸗ wundete Tilly in den Mauern dieſer Stadt ſeine Laufbahn, nachdem er alle Launen des untreuen Glucks erfahren hatte. Von der überlegenen Feldherrngröße Guſtav Adolphs zer⸗ malmt, ſah er am Abend ſeiner Tage alle Lorbeern ſeiner fruͤhern Siege dahinwelken, und befriedigte durch eine Kette von Widerwärtigkeiten die Gerechtigkeit des Schickſals und Magde⸗ burgs zürnende Manen. In ihm verlor die Armee des Kai⸗ ſers und der Ligue einen unerſetzlichen Führer, die katholiſche 278 Religion den eifrigſten ihrer Vertheidiger, und Maximilia von Bayern den treueſten ſeiner Diener, der ſeine Treue durch den Tod verſiegelte und die Pflichten des Feldherrn auch noch ſterbend erfüllte. Sein letztes Vermächtniß an den Kur⸗ fürſten war die Ermahnung, die Stadt Regensburg zu beſetzen, um Herr der Donau und mit Boͤhmen in Verbindung zu bleiben. 3 Mit der Zuverſicht, welche die Frucht ſo vieler Siege zu ſeyn pflegt, unternahm Guſtav Adolph die Belagerung der Stadt, und hoffte durch das Ungeſtüͤm des erſten Angriffs ihren Widerſtand zu beſiegen. Aber die Feſtigkeit ihrer Werke und die Tapferkeit der Beſatzung ſetzten ihm Hinderniſſe ent⸗ gegen, die er ſeit der Breitenfelder Schlacht nicht zu bekaͤmpfen gehabt hatte, und wenig fehlte, daß die Waͤlle von Ingolſtadt nicht das Ziel ſeiner Thaten wurden. Beim Recognoſciren der Feſtung ſtreckte ein Vierundzwanzigpfünder ſein Pferd unter ihm in den Staub, daß er zu Boden ſtürzte, und kurz darauf ward ſein Liebling, der junge Markgraf von Baden, durch eine Stückkugel von ſeiner Seite weggeriſſen. Mit ſchneller Faſſung erhob ſich der König wieder, und beruhigte ſein erſchrockenes Volk, indem er ſogleich auf einem andern Pferde ſeinen Weg fortſetzte. Die Beſitznehmung der Bayern von Regensburg, welche Reichsſtadt der Kurfürſt, dem Rath des Tilly gemaͤß, durch Liſt uͤberraſchte und durch eine ſtarke Beſatzung in ſeinen Feſ⸗ ſeln hielt, anderte ſchnell den Kriegsplan des Königs. Er ſelbſt hatte ſich mit der Hoffnung geſchmeichelt, dieſe proteſtantiſch ge⸗ ſinnte Reichsſtadt in ſeine Gewalt zu bekommen, und an ihr eine nicht minder ergebene Bundesgenoſſin als an Nürnberg, Augs⸗ burg und Frankfurt zu finden. Die unterjochung derſelben durch die Bayern entfernte auf lange Zeit die Erfüllung ſeines 279 vornehmſten Wunſches, ſich der Donau zu bemächtigen und ſeinem Gegner alle Hulfe von Böhmen aus abzuſchneiden. Schnell verließ er Ingolſtadt, an deſſen Wällen er Zeit und Volk fruchtlos verſchwendete, und drang in das Innerſte von Bayern, um den Kurfuͤrſten zur Beſchuͤtzung ſeiner Staaten herbeizulocken, und ſo die Ufer der Donau von ihren Ver⸗ theidigern zu entblößen. Das ganze Land bis München lag dem Eroberer offen. Landshut, Moosburg, das ganze Stift Freiſing unterwarfen ſich ihm; nichts konnte ſeinen Waffen widerſtehen. Fand er aber gleich keine ordentliche Kriegsmacht auf ſeinem Wege, ſo hatte er in der Bruſt jedes Bayern einen deſto unverſöhnlichern Feind, den Religionsfanatismus, zu bekämpfen. Soldaten, die nicht an den Papſt glaubten, waren auf dieſem Boden eine neue, eine unerhörte Erſcheinung; der blinde Eifer der Pfaffen hatte ſie dem Landmann als Ungeheuer, als Kinder der Hoͤlle, und ihren Anführer als den Antichriſt abgeſchildert. Kein Wunder, wenn man ſich von allen Pflichten der Natur und der Menſchlichkeit gegen dieſe Satansbrut losſprach und zu den ſchrecklichſten Gewaltthaten ſich berechtigt glaubte. Wehe dem ſchwediſchen Soldaten, der einem Haufen dieſer Wilden einzeln in die Haͤnde fiel! Alle Martern, welche die erfinderiſche Wuth nur erdenken mag, wurden an dieſen unglücklichen Schlacht⸗ opfern ausgeubt, und der Anblick ihrer verſtümmelten Körper entflammte die Armee zu einer ſchrecklichen Wiedervergeltung. Nur Guſtav Adolph befleckte durch keine Handlung der Rache ſeinen Heldencharakter, und das ſchlechte Vertrauen der Bayern zu ſeinem Chriſtenthum, weit entfernt, ihn von den Vorſchriften der Menſchlichkeit gegen dieſes unglückliche Volk zu entbinden, machte es ihm vielmehr zu der heiligſten Pflicht, durch eine deſto ſtrengere Maͤßigung ſeinen Glauben zu ehren. 280 Die Annaͤherung des Königs verbreitete Schrecken und Furcht in der Hauptſtadt, die, von Vertheidigern entblößt und von den vornehmſten Einwohnern verlaſſen, bei der Großmuth des Siegers allein ihre Rettung ſuchte. Durch eine unbedingte freiwillge Unterwerfung hoffte ſie ſeinen Zorn zu beſänftigen, und ſchickte ſchon bis Freiſing Deputirte voraus, ihm ihre Thorſchlüſſel zu Füßen zu legen. Wie ſehr auch der König durch die Unmenſchlichkeit der Bayern und durch die feindſelige Geſinnung ihres Herrn zu einem grauſamen Gebrauch ſeiner Eroberungsrechte gereizt, wie dringend er, ſelbſt von Deutſchen beſtürmt wurde, Magdeburgs Schickſal an der Reſidenz ihres Zerſtörers zu ahnden, ſo verachtete doch ſein großes Herz dieſe uiedrige Rache, und die Wehrloſigkeit des Feindes entwaffnete ſeinen Grimm. Zufrieden mit dem edleren Triumph, den Pfalzgrafen Friedrich mit ſiegreichem Pomp in die Reſidenz desſelben Fürſten zu führen, der das vornehmſte Werkzeug ſeines Falls und der Rauber ſeiner Staaten war, erhöhte er die Pracht ſeines Einzugs durch den ſchönern Glanz der Maͤßigung und der Milde. Der König fand in München nur einen verlaſſenen Palaſt, denn die Schatze des Kurfürſten hatte man nach Werfen ge⸗ flüchtet. Die Pracht des kurfürſtlichen Schloſſes ſetzte ihn in Erſtaunen, und er fragte den Aufſeher, der ihm die Zimmer zeigte, nach dem Namen des Baumeiſters.„Es iſt kein ande⸗ rer,“ verſetzte dieſer,„als der Kurfuͤrſt ſelbſt.“—„Ich moͤchte ihn haben, dieſen Baumeiſter,“ erwiederte der König,„um ihn nach Stockholm zu ſchicken.“—„Davor,“ antwortete jener, „wird ſich der Baumeiſter zu hüten wiſſen.“— Als man das Zeughaus durchſuchte, fanden ſich bloße Laffetten, zu denen die Kanonen fehlten. Die letztern hatte man ſo künſtlich unter dem Fußboden eingeſcharrt, daß ſich keine Spur davon zeigte, 281 und ohne die Verräͤtherei eines Arbeiters hatte man den Be⸗ trug nie erfahren.„Stehet auf von den Todten,“ rief der König,„und kommet zum Gericht!“— Der Boden ward auf⸗ geriſſen, und man entdeckte gegen hundert und vierzig Stücke, manche von außerordentlicher Größe, welche größtentheils aus der Pfalz und aus Böhmen erbeutet waren. Ein Schatz von dreißigtauſend Ducaten in Gold, der in einem der größern verſteckt war, machte das Vergnügen vollkommen, womit dieſer koſtbare Fund den Koͤnig überraſchte. Aber eine weit willkommnereErſcheinung würde die bayeriſche Armee ſelbſt ihm geweſen ſeyn, welche aus ihren Verſchanzungen hervorzulocken, er ins Herz von Bayern gedrungen war. In dieſer Erwartung ſah ſich der König betrogen. Kein Feind erſchien, keine noch ſo dringende Aufforderung ſeiner Untertha⸗ nen konnte den Kurfürſten vermögen, den letzten Ueberreſt ſei⸗ ner Macht in einer Feldſchlacht aufs Spiel zu ſetzen. In Re⸗ gensburg eingeſchloſſen, harrte er auf die Hülfe, welche ihm der Herzog von Friedland von Böhmen aus zuführen ſollte, und verſuchte einſtweilen, bis der erwartete Beiſtand erſchien, durch Erneuerung der Neutralitaͤts⸗Unterhandlungen ſeinen Feind außer Thäaͤtigkeit zu ſetzen. Aber das zu oft gereizte Miß⸗ trauen des Monarchen vereitelte dieſen Zweck, und die vorſätz⸗ liche Zögerung Wallenſteins ließ Bayern unterdeſſen den Schweden zum Raub werden. So weit war Guſtav Adolph von Sieg zu Sieg, von Eroberung zu Eroberung fortgeſchritten, ohne auf ſeinem Weg einen Feind zu finden, der ihm gewachſen geweſen wäre. Ein Theil von Bayern und Schwaben, Frankens Bisthümer, die untere Pfalz, das Erzſtift Mainz lagen bezwungen hinter ihm; bis an die Schwelle der öſterreichiſchen Monarchie hatte ein nie unterbrochenes Glück ihn begleitet, und ein glaͤnzender Erfolg 282 den Operationsplan gerechtfertigt, den er ſich nach dem Breiten⸗ felder Siege vorgezeichnet hatte. Wenn es ihm gleich nicht, wie er wunſchte, gelungen war, die gehoffte Vereinigung unter den proteſtantiſchen Reichsſtänden durchzuſetzen, ſo hatte er doch die Glieder der katholiſchen Ligue entwaffnet oder geſchwächt, den Krieg groͤßtentheils auf ihre Koſten beſtritten, die Huüͤlfs⸗ quellen des Kaiſers vermindert, den Muth der ſchwaͤchern Stände geſtärkt und durch die gebrandſchatzten Länder der kaiſer⸗ lichen Alliirten einen Weg nach den öſterreichiſchen Staaten gefunden. Wo er durch die Gewalt der Waffen keinen Gehorſam erpreſſen konnte, da leiſtete ihm die Freundſchaft der Reichs⸗ ſtädte, die er durch die vereinigten Bande der Politik und Religion an ſich zu feſſeln gewußt hatte, die wichtigſten Dienſte, und er konnte, ſo lange er die Ueberlegenheit im Felde behielt, Alles von ihrem Eifer erwarten. Durch ſeine Eroberungen am Rhein waren die Spanier von der Unterpfalz abgeſchnitten, wenn ihnen der niederländiſche Krieg auch noch Kraͤfte ließ, Theil an dem deutſchen zu nehmen; auch der Herzog von Lo⸗ thringen hatte nach ſeinem verunglückten Feldzuge die Neutra⸗ lität vorgezogen. Noch ſo viele längs ſeines Zuges durch Deutſchland zurüͤckgelaſſene Beſatzungen hatten ſein Heer nicht vermindert, und noch eben ſo friſch, als es dieſen Zug ange⸗ treten hatte, ſtand es jetzt mitten in Bayern, entſchloſſen und gerüſtet, den Krieg in das Innerſte von Oeſterreich zu wälzen. Während daß Guſtav Adolph den Krieg im Reiche mit ſolcher Ueberlegenheit führte, hatte das Glück ſeinen Bundes⸗ genoſſen, den Kurfürſten von Sachſen, auf einem andern Schau⸗ platz nicht weniger begünſtigt. Man erinnert ſich, daß bei der Berathſchlagung, welche nach der Leipziger Schlacht zwiſchen beiden Fürſten zu Halle angeſtellt worden, die Eroberung Boͤh⸗ mens dem Kurfürſten von Sachſen zum Antheil fiel, indem der 283 König für ſich ſelbſt den Weg nach den liguiſtiſchen Landern erwahlte. Die erſte Frucht, welche der Kurfürſt von dem Siege bei Breitenfeld erntete, war die Wiedereroberung von Leipzig, worauf in kurzer Zeit die Befreiung des ganzen Kreiſes von den kaiſerlichen Beſatzungen folgte. Durch die Mannſchaft verſtärkt, welche von der feindlichen Garniſon zu ihm übertrat, richtete der ſächſiſche General von Arnheim ſeinen Marſch nach der Lauſitz, welche Provinz ein kaiſerlicher General, Ru⸗ dolph von Tiefenbach, mit einer Armee überſchwemmt hatte, den Kurfürſten von Sachſen wegen ſeines Uebertritts zu der Partei des Feindes zu züchtigen. Schon hatte er in dieſer ſchlecht vertheidigten Provinz die gewoͤhnlichen Verwüſtungen angefangen, mehrere Staͤdte erobert und Dresden ſelbſt durch ſeine drohende Annaherung erſchreckt. Aber dieſe reißenden Fortſchritte hemmte plötzlich ein ausdrücklicher wiederholter Befehl des Kaiſers, alle ſächſiſchen Beſitzungen mit Krieg zu verſchonen. Zu ſpaͤt erkannte Ferdinand die fehlerhafte Politik, die ihn verleitet hatte, den Kurfürſten von Sachſen aufs Aeußerſte zu bringen, und dem König von Schweden dieſen wichtigen Bundes⸗ genoſſen gleichſam mit Gewalt zuzuführen. Was er durch einen unzeitigen Trotz verdarb, wollte er jetzt durch eine eben ſo übel angebrachte Mäßigung wieder gut machen, und er beging einen zweiten Fehler, indem er den erſten verbeſſern wollte. Seinem Feinde einen ſo mächtigen Alliirten zu rauben, erneuerte er durch Vermittelung der Spanier die Unterhandlungen mit dem Kurfürſten, und, den Fortgang derſelben zu erleichtern, mußte Tiefenbach ſogleich alle ſächſiſchen Laänder verlaſſen. Aber dieſe Demuthigung des Kaiſers, weit entfernt, die gehoffte Wirkung hervorzubringen, entdeckte dem Kurfürſten nur die Verlegenheit ſeines Feindes und ſeine eigene Wichtigkeit, und 284 ermunterte ihn vielmehr, die errungenen Vortheile deſto leb⸗ hafter zu verfolgen. Wie konnte er auch, ohne ſich durch den ſchandlichſten Undank verächtlich zu machen, einem Alliirten entſagen, dem er die heiligſten Verſicherungen ſeiner Treue gegeben, dem er für die Rettung ſeiner Staaten, ja ſelbſt ſeines Kurhuts verpflichtet war? Die ſächſiſche Armee, des Zugs nach der Lauſitz überhoben, nahm alſo ihren Weg nach Böhmen, wo ein Zuſammenfluß günſtiger Ereigniſſe ihr im voraus den Sieg zu verſichern ſchien. Noch immer glimmte in dieſem Königreiche, dem erſten Schauplatz dieſes verderblichen Kriegs, das Feuer der Zwietracht unter der Aſche, und durch den fortgeſetzten Druck der Tyrannei wurde dem Unwillen der Nation mit jedem Tage neue Nahrung gegeben. Wohin man die Augen richtete, zeigte dieſes unglückliche Land Spuren der traurigſten Veraͤnderung. Ganze Laͤndereien hatten ihre Beſitzer gewechſelt und ſeufzten unter dem verhaßten Joche katholiſcher Herren, welche die Gunſt des Kaiſers und der Jeſuiten mit dem Raube der vertriebenen Proteſtanten bekleidet hatte. Andere hatten das oͤffentliche Elend benutzt, die eingezogenen Güter der Verwieſenen um geringe Preiſe an ſich zu kaufen. Das Blut der vornehmſten Freiheits⸗ verfechter war auf Henkerbuhnen verſpritzt worden, und welche durch eine zeitige Flucht dem Verderben entrannen, irrten ferne von ihrer Heimath im Elend umher, während daß die geſchmei⸗ digen Sklaven des Deſpotismus ihr Erbe verſchwelgten. Uner⸗ träglicher als der Druck dieſer kleinen Tyrannen war der Gewiſſenszwang, welcher die ganze proteſtantiſche Partei dieſes Koͤnigreichs ohne Unterſchied belaſtete. Keine Gefahr von außen, keine noch ſo ernſtliche Widerſetzung der Nation, keine noch ſo abſchreckende Erfahrung hatte dem Bekehrungseifer der Jeſuiten ein Ziel ſetzen können: wo der Weg der Güte nichts fruchtete, 28⁵ bediente man ſich ſoldatiſcher Hülfe, die Verirrten in den Schafſtall der Kirche zurück zu ängſtigen. Am harteſten traf dieſes Schickſal die Bewohner des Joachimthals, im Graͤnz⸗ gebirge zwiſchen Böhmen und Meißen. Zwei kaiſerliche Com⸗ miſſarien, durch eben ſo viele Jeſuiten und fünfzehn Musketiere unterſtützt, zeigten ſich in dieſem friedlichen Thale, das Evan⸗ gelium den Ketzern zu predigen. Wo die Beredſamkeit der erſtern nicht zulangte, ſuchte man durch gewaltſame Einquar⸗ tierung der letztern in die Hauſer, durch angedrohte Verban⸗ nung, durch Geldſtrafen ſeinen Zweck durchzuſetzen. Aber für dießmal ſiegte die gute Sache, und der herzhafte Widerſtand dieſes kleinen Volks nöthigte den Kaiſer, ſein Bekehrungs⸗ mandat ſchimpflich zuruckzunehmen. Das Beiſpiel des Hofes diente den Katholiken des Königreichs zur Richtſchnur ihres Betragens und rechtfertigte alle Arten der Unterdrückung, welche ihr Uebermuth gegen die Proteſtanten auszuuüben ver⸗ ſucht war. Kein Wunder, wenn dieſe ſchwer verfolgte Partei einer Veränderung günſtig wurde, und ihrem Befreier, der ſich jetzt an der Granze zeigte, mit Sehnſucht entgegen ſah. Schon war die ſächſiſche Armee im Anzuge gegen Prag. Aus allen Plätzen, vor denen ſie erſchien, waren die kaiſerlichen Beſatzungen gewichen. Schlöckenau, Tetſchen, Außig, Leut⸗ meritz fielen ſchnell nach einander in Feindes Hand, jeder katholiſche Ort wurde der Plünderung preisgegeben. Schrecken ergriff alle Papiſten des Königreichs, und eingedenk der Miß⸗ handlung, welche ſie an den Evangeliſchen ausgeübt hatten, wagten ſie es nicht, die raͤchende Ankunft eines proteſtantiſchen Heeres zu erwarten. Alles, was katholiſch war und etwas zu verlieren hatte, eilte vom Lande nach der Hauptſtadt, um auch die Hauptſtadt eben ſo ſchnell wieder zu verlaſſen. Prag ſelbſt war auf keinen Angriff bereitet, und an Mannſchaft zu 286 arm, um eine lange Belagerung aushalten zu können. Zu ſpät hatte man ſich am Hofe des Kaiſers entſchloſſen, den Feldmarſchall Tiefenbach zu Vertheidigung dieſer Hauptſtadt herbei zu rufen. Ehe der kaiſerliche Befehl die Standquartiere dieſes Generals in Schleſien erreichte, waren die Sachſen nicht ferne mehr von Prag, die halb proteſtantiſche Bürgerſchaft verſprach wenig Eifer, und die ſchwache Garniſon ließ keinen langen Widerſtand hoffen. In dieſer ſchrecklichen Bedraängniß erwarteten die katholiſchen Einwohner ihre Rettung von Wal⸗ lenſtein, der in den Mauern dieſer Stadt als Privatmann lebte. Aber weit entfernt, ſeine Kriegserfahrung und das Gewicht ſeines Anſehens zu Erhaltung der Stadt anzuwenden, ergriff er vielmehr den willkommenen Augenblick, ſeine Rache zu befriedigen. Wenn er es auch nicht war, der die Sachſen nach Prag lockte, ſo war es doch gewiß ſein Betragen, was ihnen die Einnahme dieſer Stadt erleichterte. Wie wenig dieſe auch zu einem langen Widerſtande geſchickt war, ſo fehlte es ihr dennoch nicht an Mitteln, ſich bis zur Ankunft eines Entſatzes zu behaupten; und ein kaiſerlicher Obriſter, Graf Maradas, bezeigte wirklich Luſt, ihre Vertheidigung zu übernehmen. Aber ohne Commando, und durch nichts als ſeinen Eifer und ſeine Tapferkeit zu dieſem Wageſtuͤck auf⸗ gefordert, unterſtand er ſich nicht, es auf eigene Gefahr, ohne die Beiſtimmung eines Hoöhern, ins Werk zu ſetzen. Er ſuchte alſo Rath bei dem Herzog von Friedland deſſen Billigung den Mangel einer kaiſerlichen Vollmacht erſetzte, und an den die böhmiſche Generalität durch einen ausdrücklichen Befehl vom Hofe in dieſer Ertremitaͤt angewieſen war. Aber argliſtig hüllte ſich dieſer in ſeine Dienſtloſigkeit und ſeine gänzliche Zurück⸗ ziehung von der politiſchen Bühne, und ſchlug die Entſchloſſen⸗ heit des Subalternen durch die Bedenklichkeit darnieder, die er, 287 als der Mäachtige, blicken ließ. Die Muthloſigkeit allgemein und vollkommen zu machen, verließ er endlich gar mit ſeinem ganzen Hofe die Stadt, ſo wenig er auch bei Einnahme der⸗ ſelben von dem Feinde zu fürchten hatte; und ſie ging eben dadurch verloren, daß er ſie durch ſeinen Abzug verloren gab. Seinem Beiſpiel folgte der ganze katholiſche Adel, die Gene⸗ ralitat mit den Truppen, die Geiſtlichkeit, alle Beamten der Krone; die ganze Nacht brachte man damit zu, ſeine Perſon, ſeine Güter zu fluͤchten. Alle Straßen bis nach Wien waren mit Fliehenden angefuͤllt, die ſich nicht eher als in der Kaiſer⸗ ſtadt von ihrem Schrecken erholten. Maradas ſelbſt, an Prags Errettung verzweifelnd, folgte den Uebrigen, und führte ſeine kleine Mannſchaft bis Tabor, wo er den Ausgang er⸗ warten wollte. Tiefe Stille herrſchte in Prag, als die Sachſen am andern Morgen davor erſchienen; keine Anſtalt zur Vertheidigung, nicht ein einziger Schuß von den Waͤllen, der eine Gegenwehr der Bewohner verkündigte. Vielmehr ſammelte ſich eine Menge von Zuſchauern um ſie her, welche die Neugier aus der Stadt gelockt hatte, das feindliche Heer zu betrachten; und die fried⸗ liche Vertraulichkeit, womit ſie ſich näherten, glich vielmehr einer freundſchaftlichen Begruͤßung, als einem feindlichen Em⸗ pfange. Aus dem übereinſtimmenden Berichte dieſer Leute er⸗ fuhr man, daß die Stadt leer an Soldaten und die Regierung nach Budweiß geflüchtet ſey. Dieſer unerwartete, unerklärbare Mangel an Widerſtand erregte Arnheims Mißtrauen um ſo mehr, da ihm die eilfertige Annaͤherung des Entſatzes aus Schleſien kein Geheimniß, und die ſaͤchſiſche Armee mit Be⸗ lagerungs⸗Werkzeugen zu wenig verſehen, auch an Anzahl bei weitem zu ſchwach war, um eine ſo große Stadt zuzbeſtürmen. Vor einem Hinterhalt bange, verdoppelte er ſeine Wachſamkeit; 288 und er ſchwebte in dieſer Furcht, bis ihm der Haushofmei⸗ ſter des Herzogs von Friedland, den er unter dem Haufen entdeckte, dieſe unglaubliche Nachricht bekraͤftigte.„Die Stadt iſt ohne Schwertſtreich unſer,“ rief er jetzt voll Verwunderung ſeinen Oberſten zu, und ließ ſie unverzüglich durch einen Trompeter auffordern. Die Bürgerſchaft von Prag, von ihren Vertheidigern ſchimpflich im Stich gelaſſen, hatte ihren Entſchluß läͤngſt gefaßt, und es kam bloß darauf an, Freiheit und Eigenthum durch eine vortheilhafte Capitulation in Sicherheit zu ſetzen. Sobald dieſe von dem ſchſiſchen General im Namen ſeines Herrn unterzeichnet war, öffnete man ihm ohne Widerſetzung die Thore, und die Armee hielt am 14ten November des Jahrs 1631 ihren triumphirenden Einzug. Bald folgte der Kurfürſt ſelbſt nach, um die Huldigung ſeiner neuen Schutz⸗ befohlenen in Perſon zu empfangen; denn nur unter dieſem Namen hatten ſich ihm die drei Prager Staädte ergeben; ihre Verbindung mit der öſterreichiſchen Monarchie ſollte durch dieſen Schritt nicht zerriſſen ſeyn. So übertrieben groß die Furcht der Papiſten vor den Repreſſalien der Sachſen geweſen war, ſo angenehm überraſchte ſie die Maßigung des Kurfürſten und die gute Mannszucht der Truppen. Beſonders legte der Feld⸗ marſchall von Arnheim ſeine Ergebenheit gegen den Herzog von Friedland bei dieſer Gelegenheit an den Tag. Nicht zu⸗ frieden, alle Landereien desſelben auf ſeinem Hermarſch ver⸗ ſchont zu haben, ſtellte er jetzt noch Wachen an ſeinen Palaſt⸗ damit ja nichts daraus entwendet würde. Die Katholiken der Stadt erfreuten ſich der vollkommenſten Gewiſſensfreiheit, und von allen Kirchen, welche ſie den Proteſtanten entriſſen hatten, wurden dieſen nur vier zurückgegeben. Die Jeſuiten allein, welchen die allgemeine Stimme alle bisherigen Bedruckungen 289 Schuld gab, waren von dieſer Duldung ausgeſchloſſen und mußten das Königreich meiden. Johann Georg verlaͤugnete ſelbſt als Sieger die Demuth und Unterwuͤrfigkeit nicht, die ihm der kaiſerliche Name ein⸗ floͤßte, und was ſich ein kaiſerlicher General, wie Tilly und Wallenſtein, zu Dresden gegen ihn unfehlbar würde herausgenommen haben, erlaubte er ſich zu Prag nicht gegen den Kaiſer. Sorgfältig unterſchied er den Feind, mit dem er Krieg führte, von dem Reichsoberhaupt, dem er Ehrfurcht ſchuldig war. Er unterſtand ſich nicht, das Hausgeräth des letztern zu berühren, indem er ſich ohne Bedenken die Kanonen des erſtern als gute Beute zueignete und ſie nach Dresden bringen ließ. Nicht im kaiſerlichen Palaſt, ſondern im Lichten⸗ ſteiniſchen Hauſe nahm er ſeine Wohnung, zu beſcheiden, die Zimmer desjenigen zu beziehen, dem er ein Königreich entriß. Würde uns dieſer Zug von einem großen Mann und einem Helden berichtet, er würde uns mit Recht zur Be⸗ wunderung hinreißen. Der Charakter des Fürſten, bei dem er gefunden wird, berechtigt uns zu dem Zweifel, ob wir in dieſer Enthaltung mehr den ſchoͤnen Sieg der Beſcheidenheit ehren, oder die kleinliche Geſinnung des ſchwachen Geiſtes bemitleiden ſollen, den das Gluck ſelbſt nie kühn macht und die Freiheit ſelbſt nie der gewohnten Feſſeln entledigt. Die Einnahme von Prag, uuf welche in kurzer Zeit die Unterwerfung der mehrſten Staͤdte folgte, bewirkte eine ſchnelle und große Veraͤnderung in dem Königreiche. Viele von dem proteſtantiſchen Adel, welche bisher im Elend herumgeirrt waren, fanden ſich wieder in ihrem Vaterlande ein, und der Graf von Thurn, der berüchtigte Urheber des böhmiſchen Aufruhrs, erlebte die Herrlichkeit, auf dem ehemaligen Schau⸗ platze ſeines Verbrechens und ſeiner Verurtheilung ſich als Schillers ſämmtl. Werke. IX. 19 290 Sieger zu zeigen. Ueber dieſelbe Bruͤcke, wo ihm die auf⸗ geſpießten Köpfe ſeiner Anhanger das ihn ſelbſt erwartende Schickſal furchtbar vor Augen malten, hielt er jetzt ſeinen triumphirenden Einzug, und ſein erſtes Geſchäft war, dieſe Schreckbilder zu entfernen. Die Verwieſenen ſetzten ſich ſogleich in Beſitz ihrer Güter, deren jetzige Eigenthümer die Flucht ergriffen hatten. Unbekümmert, wer dieſen die aufgewandten Summen erſtatten wuͤrde, riſſen ſie Alles, was ihre geweſen war, an ſich, auch wenn ſie ſelbſt den Kaufpreis dafür gezogen hatten, und Mancher unter ihnen fand Urſache, die gute Wirthſchaft der bisherigen Verwalter zu rühmen. Felder und Heerden hatten unterdeſſen in der zweiten Hand vor⸗ trefflich gewuchert. Mit dem koſtbarſten Hausrath waren die Zimmer geſchmuͤckt, die Keller, welche ſie leer verlaſſen hatten, reichlich gefüllt, die Staͤlle bevölkert, die Magazine beladen. Aber mißtrauiſch gegen ein Glück, das ſo unverhofft auf ſie hereinſtuͤrmte, eilten ſie, dieſe unſichern Beſitzungen wieder loszuſchlagen und den unbeweglichen Segen in bewegliche Guͤter zu verwandeln. Die Gegenwart der Sachſen belebte den Muth aller Prote⸗ ſtantiſchgeſinnten des Königreichs, und auf dem Lande wie in der Hauptſtadt ſah man ganze Schaaren zu den neu eröffneten evangeliſchen Kirchen eilen. Viele, welche nur die Furcht im Gehorſam gegen das Papſtthum erhalten hatte, wandten ſich jetzt oͤffentlich zu der neuen Lehre, und manche der neubekehrten Katholiken ſchwuren freudig ein erzwungenes Bekenntniß ab, um ihren fruͤhern Ueberzeugungen zu folgen. Alle bewieſene Duldſamkeit der neuen Regierung konnte den Ausbruch des gerechten Unwillens nicht verhindern, den dieſes mißhandelte Volk die Unterdrücker ſeiner heiligſten Freiheit empfinden ließ. Fürchterlich bediente es ſich ſeiner wieder erlangten Rechte, und ſeinen Haß gegen die aufgedrungene Religion ſtillte an manchen Orten nur das Blut ihrer Verkündiger. Unterdeſſen war der Succurs, den die kaiſerlichen Generale von Götz und von Tiefenbach, aus Schleſten herbeiführ⸗ ten, in Boͤhmen angelangt, wo einige Regimenter des Gra⸗ fen Tilly aus der obern Pfalz zu ihm ſtießen. Ihn zu zerſtreuen, ehe ſich ſeine Macht vermehrte, rückte Arnheim mit einem Theil der Armee aus Prag ihm entgegen und that bei Limburg an der Elbe einen muthigen Angriff auf ſeine Verſchanzungen. Nach einem hitzigen Gefechte ſchlug er end⸗ lich, nicht ohne großen Verluſt, die Feinde aus ihrem befeſtig⸗ ten Lager, und zwang ſie durch die Heftigkeit ſeines Feuers, den Ruͤckweg über die Elbe zu nehmen und die Brücke abzu⸗ brechen, die ſie herüber gebracht hatte. Doch konnte er nicht verhindern, daß ihm die Kaiſerlichen nicht in mehrern kleinen Gefechten Abbruch thaten und die Kroaten ſelbſt bis an die Thore von Prag ihre Streifereien erſtreckten. Wie glanzend und viel verſprechend auch die Sachſen den böhmiſchen Feldzug eröffnet hatten, ſo rechtfertigte der Erfolg doch keineswegs Guſtav Adolphs Erwartungen. Anſtatt mit unaufhaltſamer Gewalt die errungenen Vortheile zu verfolgen, durch das be⸗ zwungene Böhmen ſich zu der ſchwediſchen Armee durchzu⸗ ſchlagen und in Vereinigung mit ihr den Mittelpunkt der kaiſerlichen Macht anzugreifen, ſchwächten ſie ſich in einem anhaltenden kleinen Krieg mit dem Feinde, wobei der Vortheil nicht immer auf ihrer Seite war und die Zeit für eine größere Unternehmung fruchtlos verſchwendet wurde. Aber Johann Georgs nachfolgendes Betragen deckte die Triebfedern auf, welche ihn abgehalten hatten, ſich ſeines Vortheils über den Kaiſer zu bedienen und die Entwürfe des Koͤnigs von Schweden durch eine zweckmaͤßige Wirkſamkeit zu befordern. 29²2 Der groͤßte Theil von Boͤhmen war jetzt fuͤr den Kaiſer verloren und die Sachſen von dieſer Seite her gegen Oeſterreich im Anzug, während daß der ſchwediſche Monarch durch Franken, Schwaben und Bayern nach den kaiſerlichen Erbſtaaten einen Weg ſich bahnte. Ein langer Krieg hatte die Krafte der öſterreichiſchen Monarchie verzehrt, die Länder erſchöpft, die Armeen vermindert. Dahin war der Ruhm ihrer Siege, das Vertrauen auf Unüberwindlichkeit, der Gehorſam, die gute Mannszucht der Truppen, welche dem ſchwediſchen Heerführer eine ſo entſchiedene Ueberlegenheit im Felde verſchaffte. Ent⸗ waffnet waren die Bundesgenoſſen des Kaiſers, oder die auf ſie ſelbſt hereinſtürmende Gefahr hatte ihre Treue erſchuͤttert. Selbſt Marimilian von Bayern, Oeſterreichs machtigſte Stütze, ſchien den verführeriſchen Einladungen zur Neutralitaͤt nachzugeben, die verdächtige Allianz dieſes Fürſten mit Frank⸗ reich hatte den Kaiſer längſt ſchon mit Beſorgniſſen erfüllt. Die Biſchöfe von Würzburg und Bamberg, der Kurfürſt von Mainz, der Herzog von Lothringen, waren aus ihren Ländern vertrieben, oder doch gefäͤhrlich bedroht; Trier ſtand im Be⸗ griff, ſich unter franzoͤſiſchen Schutz zu begeben. Spaniens Waffen beſchäftigte die Tapferkeit der Hollaͤnder in den Nieder⸗ landen, waͤhrend daß Guſtav Adolph ſie vom Rheinſtrom zuruͤckſchlug; Polen feſſelte noch der Stillſtand mit dieſem Furſten. Die ungariſchen Graͤnzen bedrohte der ſiebenbürgiſche Fürſt Ragotzy, ein Nachfolger Bethlen Gabors und der Erbe ſeines unruhigen Geiſtes; die Pforte ſelbſt machte bedenk⸗ liche Zurüſtungen, den günſtigen Zeitpunkt zu nutzen. Die mehrſten proteſtantiſchen Reichsſtande, kühn gemacht durch das Waffenglück ihres Beſchützers, hatten öffentlich und thaͤtlich gegen den Kaiſer Partei ergriffen. Alle Huͤlfsquellen, welche ſich die Frechheit eines Tilly und Wallenſtein durch ge⸗ 293 waltſame Erpreſſungen in dieſen Laͤndern geoͤffnet hatte, waren nunmehr vertrocknet, alle dieſe Werbeplätze, dieſe Magazine, dieſe Zufluchtsörter für den Kaiſer verloren, und der Krieg konnte nicht mehr wie vormals auf fremde Koſten beſtritten werden. Seine Bedrängniſſe vollkommen zu machen, entzuͤndet ſich im Lande ob der Enns ein gefährlicher Aufruhr; der un⸗ zeitige Bekehrungseifer der Regierung bewaffnet das proteſtan⸗ tiſche Landvolk, und der Fanatismus ſchwingt ſeine Fackel, in⸗ dem der Feind ſchon an den Pforten des Reichs ſtürmt. Nach einem ſo langen Glücke, nach einer ſo glänzenden Reihe von Siegen, nach ſo herrlichen Eroberungen, nach ſo viel unnütz verſpritztem Blute, ſieht ſich der öſterreichiſche Monarch zum zweiten Mal an denſelben Abgrund geführt, in den er beim Antritt ſeiner Regierung zu ſtürzen drohte. Ergriff Bayern die Neutralität, widerſtand Kurſachſen der Verführung, und entſchloß ſich Frankreich, die ſpaniſche Macht zugleich in den Niederlanden, in Italien und Catalonien anzufallen, ſo ſtürzte der ſtolze Bau von Oeſterreichs Groͤße zuſammen, die alliirten Kronen theilten ſich in ſeinen Raub, und der deutſche Staats⸗ körper ſah einer gänzlichen Verwandlung entgegen. Die ganze Reihe dieſer Unglücksfälle begann mit der Breiten⸗ felder Schlacht, deren unglücklicher Ausgang den läͤngſt ſchon entſchiedenen Verfall der öſterreichiſchen Macht, den bloß der täuſchende Schimmer eines großen Namens verſteckt hatte, ſichtbar machte. Ging man zu den Urſachen zurück, welche den Schweden eine furchtbare Ueberlegenheit im Felde verſchaff⸗ ten, ſo fand man ſie groͤßtentheils in der unumſchraͤnkten Gewalt ihres Anfüͤhrers, der alle Kräfte ſeiner Partei in einem einzigen Punkt vereinigte, und, durch keine höhere Autorität in ſeinen Unternehmungen gefeſſelt, vollkommener Herr jedes guͤnſtigen Augenblicks, alle Mittel zu ſeinem Zwecke 294 beherrſchte, und von Niemand als ſich ſelbſt Geſetze empfing. Aber ſeit Wallenſteins Abdankung und Tilly's Niederlage zeigte ſich auf Seiten des Kaiſers und der Ligue von dieſem Allem gerade das Widerſpiel. Den Generalen gebrach es an Anſehen bei den Truppen und an der ſo nöthigen Freiheit zu handeln, den Soldaten an Gehorſam und Mannszucht, den zerſtreuten Corps an übereinſtimmender Wirkſamkeit, den Stän⸗ den an gutem Willen, den Oberhäuptern an Eintracht, an Schnelligkeit des Entſchluſſes und an Feſtigkeit bei Vollſtreckung desſelben. Nicht ihre groͤßere Macht, nur der beſſere Ge⸗ brauch, den ſie von ihren Kräften zu machen wußten, war es, was den Feinden des Kaiſers ein ſo entſchiedenes Uebergewicht gab. Nicht an Mitteln, nur an einem Geiſte, der, ſie anzu⸗ wenden, Fähigkeit und Vollmacht beſaß, fehlte es der Ligue und dem Kaiſer. Hätte Graf Tilly auch nie ſeinen Ruhm verloren, ſo ließ das Mißtrauen gegen Bayern doch nicht zu, das Schickſal der Monarchie in die Hände eines Mannes zu geben, der ſeine Anhäͤnglichkeit an das bayeriſche Haus nie verläugnete. Ferdinands dringendſtes Bedurfniß war alſo ein Feldherr, der gleich viel Erfahrenheit beſaß, eine Armee zu bilden und anzuführen, und der ſeine Dienſte dem öſterreichi⸗ ſchen Hauſe mit blinder Ergebenheit widmete. Die Wahl eines ſolchen war es, was nunmehr den geheimen Rath des Kaiſers beſchäftigte und die Mitglieder desſelben un⸗ ter einander entzweite. Einen König dem andern gegenüber zu ſtellen und durch die Gegenwart ihres Herrn den Muth der Truppen zu entflammen, ſtellte ſich Ferdinand im erſten Feuer des Affects ſelbſt als den Führer ſeiner Armee dar; aber es koſtete wenig Mühe, einen Entſchluß umzuſtoßen, den nur Verzweiflung eingab und das erſte ruhige Nachdenken wider⸗ legte. Doch was dem Kaiſer ſeine Würde und die Laſt des 295 Regentenamts verbot, erlaubten die Umſtaͤnde ſeinem Sohne, einem Jüngling von Fahigkeit und Muth, auf den die öſter⸗ reichiſchen Unterthanen mit frohen Hoffnungen blickten. Schon durch ſeine Geburt zur Vertheidigung einer Monarchie aufge⸗ fordert, von deren Kronen er zwei ſchon auf ſeinem Haupte trug, verband Ferdinand der Dritte, Koͤnig von Böhmen und Ungarn, mit der natürlichen Würde des Thronfolgers die Achtung der Armeen und die volle Liebe der Völker, deren Beiſtand ihm zur Führung des Kriegs ſo unentbehrlich war. Der geliebte Thronfolger allein durfte es wagen, dem hart be⸗ ſchwerten Unterthan neue Laſten aufzulegen; nur ſeiner perſön⸗ lichen Gegenwart bei der Armee ſchien es aufbehalten zu ſeyn, die verderbliche Eiferſucht der Häupter zu erſticken und die erſchlaffte Mannszucht der Truppen durch die Kraft ſeines Namens zu der vorigen Strenge zurückzuführen. Gebrach es auch dem Jünglinge noch an der nöthigen Reife des Ur⸗ theils, Klugheit und Kriegserfahrung, welche nur durch Uebung erworben wird, ſo konnte man dieſen Mangel durch eine glück⸗ liche Wahl von Rathgebern und Gehülfen erſetzen, die man unter der Hülle ſeines Namens mit der höchſten Autoritat bekleidete. So ſcheinbar die Gruünde waren, womit ein Theil der Miniſter dieſen Vorſchlag unterſtützte, ſo große Schwierigkeiten ſetzte ihm das Mißtrauen, vielleicht auch die Eiferſucht des Kaiſers und die verzweifelte Lage der Dinge entgegen. Wie gefährlich war es, das ganze Schickſal der Monarchie einem Jüngling anzuvertrauen, der fremder Führung ſelbſt ſo bedürf⸗ tig war! Wie gewagt, dem größten Feldherrn ſeines Jahr⸗ hunderts einen Anfänger entgegen zu ſtellen, deſſen Faͤhigkeit zu dieſem wichtigen Poſten noch durch keine Unternehmung ge⸗ prüft, deſſen Name, von dem Ruhme noch nie genannt, viel 296 zu kraftlos war, um der muthloſen Armee im voraus den Sieg zu verbuͤrgen! Welche neue Laſt zugleich für den Unter⸗ than, den koſtbaren Staat zu beſtreiten, der einem königlichen Heerführer zukam, und den der Wahn des Zeitalters mit ſeiner Gegenwart beim Heere unzertrennlich verknupfte! Wie bedenk⸗ lich endlich für den Prinzen ſelbſt, ſeine politiſche Laufbahn mit einem Amte zu eroͤffnen, das ihn zur Geißel ſeines Volks und zum unterdruͤcker der Länder machte, die er künftig beherr⸗ ſchen ſollte! Und dann war es noch nicht damit gethan, den Feldherrn für die Armee aufzuſuchen; man mußte auch die Armee für den Feldherrn finden. Seit Wallenſteins gewaltſamer Ent⸗ fernung hatte ſich der Kaiſer mehr mit liguiſtiſcher und bayeri⸗ ſcher Hülfe als durch eigene Armeen vertheidigt, und eben dieſe Abhängigkeit von zweideutigen Freunden war es ja, der man durch Aufſtellung eines eigenen Generals zu entfliehen ſuchte. Welche Moͤglichkeit aber, ohne die Alles zwingende Macht des Goldes und ohne den begeiſternden Namen eines ſiegreichen Feldherrn eine Armee aus dem Nichts hervorzu⸗ rufen— und eine Armee, die es an Mannszucht, an kriegeri⸗ ſchem Geiſt und an Fertigkeit mit den geübten Schaaren des nordiſchen Eroberers aufnehmen konnte? In ganz Europa war nur ein einziger Mann, der ſolch eine That gethan, und dieſem Einzigen hatte man eine toͤdtliche Kränkung bewieſen. Jetzt endlich war der Zeitpunkt herbeigerückt, der dem be⸗ leidigten Stolze des Herzogs von Friedland eine Genugthuung ohne Gleichen verſchaffte. Das Schickſal ſelbſt hatte ſich zu ſeinem Rächer aufgeſtellt, und eine ununterbrochene Reihe von Unglücksfällen, die ſeit dem Tage ſeiner Abdankung über Oeſterreich hereinſtürmte, dem Kaiſer ſelbſt das Geſtandniß ent⸗ riſſen, daß mit dieſem Feldherrn ſein rechter Arm ihm abge⸗ 297 hauen worden ſey. Jede Niederlage ſeiner Truppen erneuerte dieſe Wunde, jeder verlorne Platz warf dem betrogenen Mon⸗ archen ſeine Schwäche und ſeinen Undank vor. Glücklich genug, häͤtte er in dem beleidigten General nur einen Anfuührer ſeiner Heere, nur einen Vertheidiger ſeiner Staaten verloren— aber er fand in ihm einen Feind, und den gefäͤhrlichſten von allen, weil er gegen den Streich des Verräthers am wenigſten vertheidigt war. Entfernt von der Kriegsbühne und zu einer folternden Un⸗ thäͤtigkeit verurtheilt, während daß ſeine Nebenbuhler auf dem Felde des Ruhms ſich Lorbeern ſammelten, hatte der ſtolze Herzog dem Wechſel des Glücks mit verſtellter Gelaſſenheit zu⸗ geſehen, und im ſchimmernden Gepränge eines Theaterhelden die düſtern Entwürfe ſeines arbeitenden Geiſtes verborgen. Von einer gluͤhenden Leidenſchaft aufgerieben, während daß eine froͤh⸗ liche Außenſeite Ruhe und Maͤßigung log, brutete er ſtill die ſchreckliche Geburt der Rachbegierde und Ehrſucht zur Reife, und naherte ſich langſam, aber ſicher dem Ziele. Erloſchen war Alles in ſeiner Erinnerung, was er durch den Kaiſer geworden war; nur was er für den Kaiſer gethan hatte, ſtand mit glühenden Zügen in ſein Gedächtniß geſchrieben. Seinem uner⸗ ſättlichen Durſt nach Größe und Macht war der Undank des Kaiſers willkommen, der ſeinen Schuldbrief zu zerreißen und ihn jeder Pflicht gegen den Urheber ſeines Glücks zu entbinden ſchien. Entſündigt und gerechtfertigt erſchienen ihm jetzt die Entwürfe ſeiner Ehrſucht im Gewand einer rechtmäßigen Wie⸗ dervergeltung. In eben dem Maß, als ſein äußerer Wir⸗ kungskreis ſich verengte, erweiterte ſich die Welt ſeiner Hoff⸗ nungen, und ſeine ſchwärmende Einbildungskraft verlor ſich in unbegränzten Entwürfen, die in jedem andern Kopf als dem ſeinigen nur der Wahnſinn erzeugen kann. So hoch, als der 298 Menſch nur immer durch eigene Kraft ſich zu erheben vermag, hatte ſein Verdienſt ihn emporgetragen; nichts von allem dem, was dem Privatmann und Bürger innerhalb ſeiner Pflichten erreichbar bleibt, hatte das Glück ihm verweigert. Bis auf den Augenblick ſeiner Entlaſſung hatten ſeine Anſprüche keinen Widerſtand, ſein Ehrgeiz keine Gränzen erfahren; der Schlag, der ihn auf dem Regensburger Reichstag zu Boden ſtreckte, zeigte ihm den Unterſchied zwiſchen urſprünglicher und übertragener Gewalt, und den Alſtand des Unterthans von dem Gebieter. Aus dem bisherigen Taumel ſeiner Herr⸗ ſchergroͤße durch dieſen überraſchenden Glückswechſel aufgeſchreckt, verglich er die Macht, die er beſeſſen, mit derjenigen, durch welche ſie ihm entriſſen wurde, und ſein Ehrgeiz bemerkte die Stufe, die auf der Leiter des Glücks noch für ihn zu erſteigen war. Erſt nachdem er das Gewicht der höchſten Gewalt mit ſchmerzhafter Wahrheit erfahren, ſtreckte er lüſtern die Hände darnach aus; der Naub, der an ihm ſelbſt verübt wurde, machte ihn zum Raͤuber. Durch keine Beleidigung gereizt, haͤtte er folgſam ſeine Bahn um die Majeſtat des Thrones beſchrieben, zufrieden mit dem Ruhme, der glänzendſte ſeiner Trabanten zu ſeyn; erſt nachdem man ihn gewaltſam aus ſeinem Kreiſe ſtieß, verwirrte er das Syſtem, dem er angehörte, und ſtuͤrzte ſich zermalmend auf ſeine Sonne. 5 Guſtav Adolph durchwanderte den deutſchen Norden mit ſtegendem Schritte; ein Platz nach dem andern ging an ihn verloren, und bei Leipzig fiel der Kern der kaiſerlichen Macht. Das Gerücht dieſer Niederlage drang bald auch zu Wallen⸗ ſteins Ohren, der, zu Prag in die Dunkelheit des Privat⸗ ſtandes zurückgeſchwunden, aus ruhiger Ferne den tobenden Kriegsſturm betrachtete. Was die Bruſt aller Katholiken mit Unruhe erfüllte, verkündigte ihm Größe und Glück; nur für 299 ihn arbeitete Guſtav Adolph. Kaum hatte der letztere an⸗ gefangen, ſich durch ſeine Kriegsthaten in Achtung zu ſetzen, ſo verlor der Herzog von Friedland keinen Augenblick, ſeine Freundſchaft zu ſuchen und mit dieſem glücklichen Feinde Oeſter⸗ reichs gemeine Sache zu machen. Der vertriebene Graf von Thurn, der dem Köͤnige von Schweden ſchon laͤngſt ſeine Dienſte gewidmet, uͤbernahm es, dem Monarchen Wallen⸗ ſteins Glückwünſche zu überbringen und ihn zu einem engern Bündniſſe mit dem Herzoge einzuladen. Fuͤnfzehntauſend Mann begehrte Wallenſtein von dem Konige, um mit Hülfe der⸗ ſelben und mit den Truppen, die er ſelbſt zu werben ſich an⸗ heiſchig machte, Böhmen und Maͤhren zu erobern, Wien zu überfallen, und den Kaiſer, ſeinen Herrn, bis nach Italien zu verjagen. So ſehr das Unerwartete dieſes Antrags und das Uebertriebene der gemachten Verſprechungen das Mißtrauen Guſtav Adolphs erregte, ſo war er doch ein zu gurer Kenner des Verdienſtes, um einen ſo wichtigen Freund mit Kaltſinn zurückzuweiſen. Nachdem aber Wallenſtein, durch die gün⸗ ſtige Aufnahme dieſes erſten Verſuches ermuntert, nach der Breitenfelder Schlacht ſeinen Antrag erneuerte und auf eine beſtimmte Erklärung drang, trug der vorſichtige Monarch Bedenken, an die chimariſchen Entwürfe dieſes verwegenen Kopfs ſeinen Ruhm zu wagen, und der Redlichkeit eines Man⸗ nes, der ſich ihm als Verräther ankündigte, eine ſo zahlreiche Mannſchaft anzuvertrauen. Er entſchuldigte ſich mit der Schwaͤche ſeiner Armee, die auf ihrem Zug in das Reich durch eine ſo ſtarke Verminderung leiden würde, und verſcherzte aus übergroßer Vorſicht vielleicht die Gelegenheit, den Krieg auf das ſchnellſte zu endigen. Zu ſpät verſuchte er in der Folge die zerriſſenen Unterhandlungen zu erneuern; der günſtige Mo⸗ 300 ment war voruͤber, und Wallenſteins beleidigter Stolz vergab ihm dieſe Geringſchätzung nie. Aber dieſe Weigerung des Koͤnigs beſchleunigte wahr⸗ ſcheinlich nur den Bruch, den die Form dieſer beiden Charak⸗ tere ganz unvermeidlich machte. Beide geboren, Geſetze zu ge⸗ ben, nicht ſie zu empfangen, konnten nimmermehr in einer Unternehmung vereinigt bleiben, die mehr als jede andere Nachgiebigkeit und gegenſeitige Opfer nothwendig macht. Wal⸗ lenſtein war Nichts, wo er nicht Alles war; er mußte entweder gar nicht oder mit vollkommenſter Freiheit handeln. Eben ſo herzlich haßte Guſtav Adolph jede Abhaͤngigkeit, und wenig fehlte, daß er ſelbſt die ſo vortheilhafte Verbindung mit dem franzoͤſiſchen Hofe nicht zerriſſen hatte, weil die An⸗ maßungen desſelben ſeinem ſelbſtſtändigen Geiſte Feſſeln an⸗ legten. Jener war für die Partei verloren, die er nicht lenken durfte; dieſer noch weit weniger dazu gemacht, dem Gängel⸗ bande zu folgen. Waren die gebieteriſchen Anmaßungen dieſes Bundesgenoſſen dem Herzog von Friedland bei ihren gemein⸗ ſchaftlichen Operationen ſchon ſo laͤſtig, ſo mußten ſie ihm un⸗ erträglich ſeyn, wenn es dazu kam, ſich in die Beute zu thei⸗ len. Der ſtolze Monarch konnte ſich herablaſſen, den Beiſtand eines rebelliſchen Unterthans gegen den Kaiſer anzunehmen und dieſen wichtigen Dienſt mit königlicher Großmuth belohnen; aber nie konnte er ſeine eigene und aller Könige Majeſtät ſo ſehr aus den Augen ſetzen, um den Preis zu beſtätigen, den die ausſchweifende Ehrſucht des Herzogs darauf zu ſetzen wagte; nie eine nützliche Verratherei mit einer Krone bezahlen. Von ihm alſo war, auch wenn ganz Europa ſchwieg, ein furchtbarer Widerſpruch zu fürchten, ſobald Wallenſtein nach dem boͤhmiſchen Scepter die Hand ausſtreckte— und er war auch in ganz Europa der Mann, der einem ſolchen Veto 301 Kraft geben konnte. Durch den eigenen Arm Wallenſteins zum Dictator von Deutſchland gemacht, konnte er gegen dieſen ſelbſt ſeine Waffen kehren und ſich von jeder Pflicht der Er⸗ kenntlichkeit gegen einen Verraͤther für losgezahlt halten. Neben einem ſolchen Alliirten hatte alſo kein Wallenſtein Raum; und wahrſcheinlich war es dieß, nicht ſeine vermeintliche Ab⸗ ſicht auf den Kaiſerthron, worauf er anſpielte, wenn er nach dem Tode des Königs in die Worte ausbrach:„ein Glück für „mich und ihn, daß er dahin iſt! Das deutſche Reich konnte „nicht zwei ſolche Häupter brauchen.“ Der erſte Verſuch zur Rache an dem Hauſe Oeſterreich war fehlgeſchlagen; aber feſt ſtand der Vorſatz, und nur die Wahl der Mittel erlitt eine Veränderung. Was ihm bei dem König von Schweden mißlungen war, hoffte er mit minder Schwie⸗ rigkeit und mehr Vortheil bei dem Kurfürſten von Sachſen zu erreichen, den er eben ſo gewiß war, nach ſeinem Willen zu lenken, als er bei Guſtaph Adolph daran verzweifelte. In fortdauerndem Einverſtändniß mit Arnheim, ſeinem alten Freunde, arbeitete er von jetzt an an einer Verbindung mit Sachſen, wodurch er dem Kaiſer und dem Könige von Schwe⸗ den gleich fürchterlich zu werden hoffte. Er konnte ſich von ei⸗ nem Entwurfe, der, wenn er einſchlug, den ſchwediſchen Mon⸗ archen um ſeinen Einfluß in Deutſchland brachte, deſto leichter Eingang bei Johann Georg verſprechen, je mehr die eifer⸗ ſüchtige Gemüthsart dieſes Prinzen durch die Macht Guſtav Adolphs gereizt und ſeine ohnehin ſchwache Neigung zu dem⸗ ſelben durch die erhöhten Anſpruche des Königs erkaltet ward. Gelang es ihm, Sachſen von dem ſchwediſchen Bündniß zu trennen, und in Verbindung mit demſelben eine dritte Par⸗ tei im Reiche zu errichten, ſo lag der Ausſchlag des Krieges in ſeiner Hand, und er hatte durch dieſen einzigen Schritt zu⸗ 302 gleich ſeine Rache an dem Kaiſer befriedigt, ſeine verſchmaͤhte Freundſchaft an dem ſchwediſchen König gerächt und auf dem Ruin von Beiden den Bau ſeiner eigenen Groöße gegründet. Aber auf welchem Wege er auch ſeinen Zweck verfolgte, ſo konnte er denſelben ohne den Beiſtand einer ihm ganz ergebenen Armee nicht zur Ausführung bringen. Dieſe Armee konnte ſo geheim nicht geworben werden, daß am kaiſerlichen Hof nicht Verdacht geſchöpft und der Anſchlag gleich in ſeiner Entſtehung vereitelt wurde. Dieſe Armee durfte ihre geſetzwidrige Be⸗ ſtimmung vor der Zeit nicht erfahren, indem ſchwerlich zu er⸗ warten war, daß ſie dem Ruf eines Verräͤthers gehorchen und gegen ihren rechtmaͤßigen Oberherrn dienen würde. Wallen⸗ ſtein mußte alſo unter kaiſerlicher Autoritat und öffentlich werben, und von dem Kaiſer ſelbſt zur unumſchrankten Herr⸗ ſchaft über die Truppen berechtigt ſeyn. Wie konnte dieß aber anders geſchehen, als wenn ihm das entzogene Generalat aufs neue uͤbertragen und die Führung des Kriegs unbedingt über⸗ laſſen ward? Dennoch erlaubte ihm weder ſein Stolz noch ſein Vortheil, ſich ſelbſt zu dieſem Poſten zu drangen und als ein Bittender von der Gnade des Kaiſers eine beſchrankte Macht zu erflehen, die von der Furcht desſelben uneingeſchränkt zu ertrotzen ſtand. Um ſich zum Herrn der Bedingungen zu machen, unter welchen das Commando von ihm übernommen würde, mußte er abwarten, bis es ihm von ſeinem Herrn aufgedrungen ward.— Dieß war der Rath, den ihm Arn⸗ heim ertheilte, und dieß das Ziel, wornach er mit tiefer Politik und raſtloſer Thaͤtigkeit ſtrebte. Ueberzeugt, daß nur die außerſte Noth die Unentſchloſſenheit des Kaiſers beſiegen, und den Widerſpruch Bayerns und Spa⸗ niens, ſeiner beiden eifrigſten Gegner, unkräftig machen könne, bewies er ſich von jetzt an geſchäftig, die Fortſchritte des Fein⸗ 303 des zu befördern und die Bedraͤngniſſe ſeines Herrn zu ver⸗ mehren. Sehr wahrſcheinlich geſchah es auf ſeine Einladung und Ermunterung, daß die Sachſen, ſchon auf dem Wege nach der Lauſitz und Schleſien, ſich nach Böhmen wandten und die⸗ ſes unvertheidigte Reich mit ihrer Macht üͤberſchwemmten; ihre ſchnellen Eroberungen in demfelben waren nicht weniger ſein Werk. Durch den Kleinmuth, den er heuchelte, erſtickte er jeden Gedanken an Widerſtand, und überlieferte die Hauptſtadt durch ſeinen voreiligen Abzug dem Sieger. Bei einer Zuſam⸗ menkunft mit dem ſaͤchſiſchen General zu Kaunitz, wozu eine Friedensunterhandlung ihm den Vorwand darreichte, wurde wahrſcheinlich das Siegel auf die Verſchwörung gedrückt, und Boͤhmens Eroberung war die erſte Frucht dieſer Verabredung. Indem er ſelbſt nach Vermögen dazu beitrug, die Unglücksfälle uͤber Oeſterreich zu häufen, und durch die raſchen Fortſchritte der Schweden am Rheinſtrom aufs nachdrücklichſte dabei unterſtützt wurde, ließ er ſeine freiwilligen und gedungenen Anhaͤnger in Wien über das öffentliche Unglück die heftigſten Klagen führen, und die Abſetzung des vorigen Feldherrn als den einzigen Grund der erlittenen Verluſte abſchildern.„Dahin haͤtte Wallen⸗ ſtein es nicht kommen laſſen, wenn er am Ruder geblieben wäre!“ riefen jetzt taufend Stimmen, und ſelbſt im geheimen Rathe des Kaiſers fand dieſe Meinung feurige Verfechter. Es bedurfte ihrer wiederholten Beſtuͤrmung nicht, dem be⸗ drängten Monarchen die Augen über die Verdienſte ſeines Ge⸗ nerals und die begangene Uebereilung zu öffnen. Bald genug ward ihm die Abhängigkeit von Bayern und der Ligue uner⸗ träglich; aber eben dieſe Abhangigkeit verſtattete ihm nicht, ſein Mißtrauen zu zeigen, und durch Zuruckberufung des Herzogs von Friedland den Kurfürſten aufzubringen. Jetzt aber, da die Noth mit jedem Tage ſtieg, und die Schwaͤche des bayeri⸗ 304 ſchen Beiſtandes immer ſichtbarer wurde, bedachte er ſich nicht länger, den Freunden des Herzogs ſein Ohr zu leihen, und ihre Vorſchläge wegen Zurückberufung dieſes Feldherrn in Ueber⸗ legung zu nehmen. Die unermeßlichen Reichthuͤmer, die der Letztere beſaß, die allgemeine Achtung, in der er ſtand, die Schnelligkeit, womit er ſechs Jahre vorher ein Heer von vierzig⸗ tauſend Streitern ins Feld geſtellt, der geringe Koſtenaufwand, womit er dieſes zahlreiche Heer unterhalten, die Thaten, die er an der Spitze desſelben verrichtet, der Eifer endlich und die Treue, die er fuͤr des Kaiſers Ehre bewieſen hatte, lebten noch in dauerndem Andenken bei dem Monarchen, und ſtellten ihm den Herzog als das ſchicklichſte Werkzeug dar, das Gleichgewicht der Waffen zwiſchen den kriegführenden Mächten wieder herzu⸗ ſtellen, Oeſterreich zu retten und die katholiſche Religion auf⸗ recht zu erhalten. Wie empfindlich auch der kaiſerliche Stolz die Erniedrigung fühlte, ein ſo unzweideutiges Geſtaͤndniß ſei⸗ ner ehemaligen Uebereilung und ſeiner gegenwärtigen Noth ab⸗ zulegen, wie ſehr es ihn ſchmerzte, von der Höhe ſeiner Herrſcherwürde zu Bitten herabzuſteigen, wie verdachtig auch die Treue eines ſo bitter beleidigten und ſo unverſöhnlichen Mannes war, wie laut und nachdrücklich endlich auch die ſpa⸗ niſchen Miniſter und der Kurfurſt von Bayern ihr Mißfallen über dieſen Schritt zu erkennen gaben, ſo ſiegte jetzt die drin⸗ gende Noth über jede andere Betrachtung, und die Freunde des Herzogs erhielten den Auftrag, ſeine Geſinnungen zu er⸗ forſchen, und ihm die Möglichkeit ſeiner Wiederherſtellung von ferne zu zeigen. unterrichtet von Allem, was im Cabinet des Kaiſers zu ſei⸗ nem Vortheil verhandelt wurde, gewann dieſer Herrſchaft genug über ſich ſelbſt, ſeinen innern Triumph zu verbergen und die Rolle des Gleichgültigen zu ſpielen. Die Zeit der Rache war 305 gekommen, und ſein ſtolzes Herz frohlockte, die erlittene Kraͤn⸗ kung dem Kaiſer mit vollen Zinſen zu erſtatten. Mit kunſt⸗ voller Beredſamkeit verbreitete er ſich uber die gluͤckliche Ruhe des Privatlebens, die ihn ſeit ſeiner Entfernung von dem politiſchen Schauplatze beſelige. Zu lange, erklarte er, habe er die Reize der Unabhangigkeit und Muße gekoſtet, um ſie dem nichtigen Phantom des Ruhms und der unſichern Für⸗ ſtengunſt aufzuopfern. Alle ſeine Begierden nach Größe und Macht ſeyen ausgelöſcht, und Ruhe das einzige Ziel ſeiner Wuͤnſche. Um ja keine Ungeduld zu verrathen, ſchlug er die Einladung an den Hof des Kaiſers aus, ruͤckte aber doch bis nach Znaim in Mahren vor, um die Unterhandlungen mit dem Hofe zu erleichtern. Anfangs verſuchte man, die Groͤße der Gewalt, welche ihm eingeräumt werden ſollte, durch die Gegenwart eines Aufſehers zu beſchranken, und durch dieſe Auskunft den Kurfüͤrſten von Bayern um ſo eher zum Stillſchweigen zu bringen. Die Ab⸗ geordneten des Kaiſers, von Queſtenberg und von Wer⸗ denberg, die, als alte Freunde des Herzogs, zu dieſer ſchlüpf⸗ rigen Unterhandlung gebraucht wurden, hatten den Befehl, in ihrem Antrage an ihn des Königs von Ungarn zu erwäh⸗ nen, der bei der Armee zugegen ſeyn, und unter Wallen⸗ ſteins Führung die Kriegskunſt erlernen ſollte. Aber ſchon die bloße Nennung dieſes Namens drohte die ganze Unter⸗ handlung zu zerreißen.„Nie und nimmermehr,“ erklarte der Herzog,„würde er einen Gehülfen in ſeinem Amte dulden, und wenn es Gott ſelbſt ware, mit dem er das Commando theilen ſollte.“ Aber auch noch dann, als man von dieſem verhaßten Punkt abgeſtanden war, erſchöpfte der kaiſerliche Günſtling und Miniſter, Fürſt von Eggenberg, Wallenſteins ſtand⸗ hafter Freund und Verfechter, den man in Perſon an ihn ab⸗ Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 20 306 geſchickt hatte, lange Zeit ſeine Beredſamkeit vergeblich, die verſtellte Abneigung des Herzogs zu beſiegen.„Der Monarch,“ geſtand der Miniſter,„habe mit Wallenſte in den koſtbarſten Stein aus ſeiner Krone verloren; aber nur gezwungen und widerſtrebend habe er dieſen, genug bereuten, Schritt gethan, und ſeine Hochachtung für den Herzog ſey unverändert, ſeine Gunſt ihm unverloren geblieben. Zum entſcheidenden Beweiſe davon diene das ausſchließende Vertrauen, das man jetzt in ſeine Treue und Faͤhigkeit ſetze, die Fehler ſeiner Vorgänger zu verbeſſern und die ganze Geſtalt der Dinge zu verwandeln. Groß und edel würde es gehandelt ſeyn, ſeinen gerechten Un⸗ willen dem Wohl des Vaterlandes zum Opfer zu bringen; groß und ſeiner würdig, die übeln Nachreden ſeiner Gegner durch die verdoppelte Warme ſeines Eifers zu widerlegen. Dieſer Sieg uͤber ſich ſelbſt,“ ſchloß der Fürſt,„würde ſeinen übrigen unerreichbaren Verdienſten die Krone aufſetzen, und ihn zum groͤßten Manne ſeiner Zeit erklären.“ So beſchaͤmende Geſtaͤndniſſe, ſo ſchmeichelhafte Verſicherun⸗ gen ſchienen endlich den Zorn des Herzogs zu entwaffnen; doch nicht eher, als bis ſich ſein volles Herz aller Vorwürfe gegen den Kaiſer entladen, bis er den ganzen Umfang ſeiner Verdienſte in prahleriſchem Pomp ausgebreitet, und den Monarchen, der jetzt ſeine Hulfe brauchte, aufs tiefſte erniedrigt hatte, oͤffnete er ſein Ohr den lockenden Anträgen des Miniſters. Als ob er nur der Kraft dieſer Gründe nachgebe, bewilligte er mit ſtolzer Großmuth, was der feurigſte Wunſch ſeiner Seele war, und be⸗ gnadigte den Abgeſandten mit einem Strahle von Hoffnung. Aber weit entfernt, die Verlegenheit des Kaiſers durch eine un⸗ bedingte volle Gewahrung auf Einmal zu endigen, erfullte er bloß einen Theil ſeiner Forderung, um einen deſto größern Preis auf die übrige wichtigere Häͤlfte zu ſetzen. Er nahm das 307 Commando an, aber nur auf drei Monate; nur um eine Armee auszurüſten, nicht ſie ſelbſt anzuführen. Bloß ſeine Faͤhigkeit und Macht wollte er durch dieſen Schöpfungsact kund thun, und dem Kaiſer die Groͤße der Hülfe in der Naͤhe zeigen, deren Gewährung in Wallenſteins Handen ſtande. Ueberzeugt, daß eine Armee, die ſein Name allein aus dem Nichts gezogen, ohne ihren Schöpfer in ihr Nichts zuruͤckkehren würde, ſollte ſie ihm nur zur Lockſpeiſe dienen, ſeinem Herrn deſto wichtigere Bewilligungen zu entreißen; und doch wünſchte Ferdinand ſich Gluck, daß auch nur ſo viel gewonnen war. Nicht lange ſäumte Wallenſtein, ſeine Zuſage wahr zu machen, welche ganz Deutſchland als chimäriſch verlachte, und Guſtav Adolph ſelbſt übertrieben fand. Aber lange ſchon war der Grund zu dieſer Unternehmung gelegt, und er ließ jetzt nur die Maſchinen ſpielen, die er ſeit mehreren Jahren zu dieſem Endzweck in Gang gebracht hatte. Kaum verbreitete ſich das Gerücht von Wallenſteins Rüſtung, als von allen En⸗ den der öſterreichiſchen Monarchie Schaaren von Kriegern her⸗ beeilten, unter dieſem erfahrenen Feldherrn ihr Glück zu ver⸗ ſuchen. Viele, welche ſchon ehedem unter ſeinen Fahnen gefochten, ſeine Große als Augenzeugen bewundert und ſeine Großmuth erfahren hatten, traten bei dieſem Rufe aus der Dunkelheit her⸗ vor, zum zweiten Male Ruhm und Beute mit ihm zu theilen. Die Groͤße des verſprochenen Soldes lockte Tauſende herbei, und die reichliche Verpflegung, welche dem Soldaten auf Koſten des Landmanns zu Theil wurde, war fur den letztern eine unüber⸗ windliche Reizung, lieber ſelbſt dieſen Stand zu ergreifen, als unter dem Druck desſelben zu erliegen. Alle öſterreichiſchen Provinzen ſtrengte man an, zu dieſer koſtbaren Rüſtung beizu⸗ tragen; kein Stand blieb von Taren verſchont; von der Kopf⸗ ſteuer befreite keine Würde, kein Privilegium. Der ſpaniſche 308 Hof, wie der Koͤnig von Ungarn, verſtanden ſich zu einer beträcht⸗ lichen Summe; die Miniſter machten anſehnliche Schenkungen, und Wallenſtein ſelbſt ließ es ſich zweimalhunderttauſend Thaler von ſeinem eigenen Vermoͤgen koſten, die Ausruſtung zu beſchleunigen. Die armeren Officiere unterſtützte er aus ſeiner eigenen Caſſe, und durch ſein Beiſpiel, durch glänzende Beförderungen und noch glänzendere Verſprechungen reizte er die Vermögenden, auf eigene Koſten Truppen anzuwerben. Wer mit eigenem Geld ein Corps aufſtellte, war Commandeur desſelben. Bei Anſtellung der Officiere machte die Religion keinen Unterſchied; mehr als der Glaube galten Reichthum, Tapferkeit und Erfahrung. Durch dieſe gleichförmige Gerech⸗ tigkeit gegen die verſchiedenen Religionsverwandten, und mehr noch durch die Erklärung, daß die gegenwaͤrtige Ruͤſtung mit der Religion nichts zu ſchaffen habe, wurde der proteſtantiſche Unterthan beruhigt und zu gleicher Theilnahme an den öffent⸗ lichen Laſten bewogen. Zugleich verſäumte der Herzog nicht, wegen Mannſchaft und Geld in eigenem Namen mit auswär⸗ tigen Staaten zu unterhandeln. Den Herzog von Lothringen gewann er, zum zweiten Male für den Kaiſer zu ziehen; Polen mußte ihm Koſaken, Italien Kriegsbedürfniſſe liefern. Noch ehe der dritte Monat verſtrichen war, belief ſich die Armee, welche in Maͤhren verſammelt wurde, auf nicht weniger als vierzigtauſend Köpfe, größtentheils aus dem Ueberreſte Böh⸗ mens, aus Maͤhren, Schleſien und den deutſchen Provinzen des Hauſes Oeſterreich gezogen. Was Jedem unausfuͤhrbar geſchie⸗ nen, hatte Wallenſtein, zum Erſtaunen von ganz Europa, in dem kürzeſten Zeitraume vollendet. So viele Tauſende, als man vor ihm nicht Hunderte gehofft hatte zuſammen zu bringen, hatte die Zauberkraft ſeines Namens, ſeines Goldes und ſeines Genie's unter die Waffen gerufen. Mit allen Erforderniſſen 309 1 bis zum Ueberfluß ausgerüſtet, von kriegsverſtändigen Officie⸗ ren befehligt, von einem ſiegverſprechenden Enthuſiasmus entflammt, erwartete dieſe neugeſchaffene Armee nur den Wink ihres Anführers, um ſich durch Thaten der Kühnheit ſei⸗ ner würdig zu zeigen. Sein Verſprechen hatte der Herzog erfüllt, und die Armee ſtand fertig im Felde; jetzt trat er zurück und überließ dem Kaiſer, ihr einen Führer zu geben. Aber es würde eben ſo leicht geweſen ſeyn, noch eine zweite Armee, wie dieſe war, zu errichten, als einen andern Chef, außer Wallenſtein, für ſie aufzufinden. Dieſes vielverſprechende Heer, die letzte Hoff⸗ nung des Kaiſers, war nichts als ein Blendwerk, ſobald der Zauber ſich löste, der es ins Daſeyn rief; durch Wallen⸗ ſtein ward es, ohne ihn ſchwand es, wie eine magiſche Schöpfung, in ſein voriges Nichts dahin. Die Officiere waren ihm entweder als ſeine Schuldner verpflichtet oder als ſeine läubiger aufs engſte an ſein Intereſſe, an die Fortdauer ſeiner Macht geknüpft; die Regimenter hatte er ſeinen Verwandten, ſeinen Geſchöpfen, ſeinen Günſtlingen untergeben. Er und kein Anderer war der Mann, den Truppen die ausſchweifenden Ver⸗ ſprechungen zu halten, wodurch er ſie in ſeinen Dienſt gelockt hatte. Sein gegebenes Wort war die einzige Sicherheit für die kühnen Erwartungen Aller; blindes Vertrauen auf ſeine All⸗ gewalt das einzige Band, das die verſchiedenen Antriebe ihres Eifers in einem lebendigen Gemeingeiſt zuſammen hielt. Ge⸗ ſchehen war es um das Gluck jedes Einzelnen, ſobald derjenige zurucktrat, der ſich für die Erfüllung desſelben verbürgte. So wenig es dem Herzog mit ſeiner Weigerung Ernſt war, ſo gluͤcklich bediente er ſich dieſes Schreckmittels, dem Kaiſer die Genehmigung ſeiner ubertriebenen Bedingungen abzuaͤng⸗ ſtigen. Die Fortſchritte des Feindes machten die Gefahr mit 310 jedem Tage dringender, und die Hülfe war ſo nahe; von einem Einzigen hing es ab, der allgemeinen Noth ein geſchwindes Ende zu machen. Zum dritten und letzten Mal erhielt alſo der Fürſt von Eggenberg Befehl, ſeinen Freund, welch har⸗ tes Opfer es auch koſten möchte, zur Uebernehmung des Com⸗ mando's zu bewegen. Zu Znaim in Maͤhren fand er ihn, von den Truppen, nach deren Beſitz er den Kaiſer lüſtern machte, prahleriſch umgeben. Wie einen Flehenden empfing der ſtolze Unterthan den Abge⸗ ſandten ſeines Gebieters.„ Nimmermehr,“ gab er zur Antwort, „könne er einer Wiederherſtellung trauen, die er einzig nur der Ertremität, nicht der Gerechtigkeit des Kaiſers verdanke. Jetzt zwar ſuche man ihn auf, da die Noth aufs höchſte geſtiegen und von ſeinem Arme allein noch Rettung zu hoffen ſey; aber der geleiſtete Dienſt werde ſeinen Urheber bald in Ver⸗ geſſenheit bringen und die vorige Sicherheit den vorigen Undank zurückführen. Sein ganzer Ruhm ſtehe auf dem Spiele, wenn er die von ihm geſchöpften Erwartungen taͤuſche, ſein Glück und ſeine Ruhe, wenn es ihm gelaͤnge, ſie zu befriedigen. Bald wuͤrde der alte Neid gegen ihn aufwachen, und der abhängige Monarch kein Bedenken tragen, einen entbehrlichen Diener zum zweiten Male der Convenienz aufzuopfern. Beſſer für ihn, er verlaſſe gleich jetzt und aus freier Wahl einen Poſten, von wel⸗ chem früher oder ſpäter die Cabalen ſeiner Gegner ihn doch herabſtürzen würden. Sicherheit und Zufriedenheit erwarte er nur im Schooße des Privatlebens, und, bloß um den Kaiſer zu verbinden, habe er ſich auf eine Zeitlang, ungern genug, ſeiner glücklichen Stille entzogen.“ 1 Des langen Gaukelſpiels müde, nahm der Miniſter jetzt einen ernſthaften Ton an und bedrohte den Hal ſtarrigen mit dem ganzen Zorne des Monarchen, wenn er auf ſeiner Widerſetzung 311 beharren würde.„Tief genug,“ erklarte er,„habe ſich die Ma⸗ jeſtät des Kaiſers erniedrigt, und, anſtatt durch ihre Herab⸗ laſſung ſeine Großmuth zu rühren, nur ſeinen Stolz gekitzelt, nur ſeinen Starrſinn vermehrt. Sollte ſie dieſes große Opfer vergeblich gebracht haben, ſo ſtehe er nicht dafuͤr, daß ſich der Flehende nicht in den Herrn verwandle und der Monarch ſeine beleidigte Würde nicht an dem rebelliſchen Unterthan rache. Wie ſehr auch Ferdinand gefehlt haben möge, ſo könne der Kai⸗ ſer Unterwuͤrfigkeit fordern; irren könne der Menſch, aber der Herrſcher nie ſeinen Fehltritt bekennen. Habe der Herzog von Friedland durch ein unverdientes urtheil gelitten, ſo gebe es einen Erſatz für jeden Verluſt, und Wunden, die ſie ſelbſt geſchlagen, könne die Majeſtäat wieder heilen. Fordere er Sicher⸗ heit fuͤr ſeine Perſon und ſeine Würden, ſo werde die Billigkeit des Kaiſers ihm keine gerechte Forderung verweigern. Die verachtete Majeſtät allein laſſe ſich durch keine Büßung verſöh⸗ nen, und der Ungehorſam gegen ihre Befehle vernichte auch das glänzendſte Verdienſt. Der Kaiſer bedürfe ſeiner Dienſte, und als Kaiſer fordere er ſie. Welchen Preis er auch dar⸗ auf ſetzen moͤge, der Kaiſer werde ihn eingehen. Aber Gehor⸗ ſam verlange er, oder das Gewicht ſeines Zorns werde den widerſpänſtigen Diener zermalmen.“ Wallenſtein, deſſen weitlaufige Beſitzungen, in die öſter⸗ reichiſche Monarchie eingeſchloſſen, der Gewalt des Kaiſers jeden Augenblick bloßgeſtellt waren, füͤhlte lebhaft, daß dieſe Drohung nicht eitel ſey; aber nicht Furcht war es, was ſeine verſtellte Hartnackigkeit endlich beſiegte. Gerade dieſer gebieteriſche Ton verrieth ihm nur zu deutlich die Schwäche und Verzweiflung, woraus er ſtammte, und die Willfaͤhrigkeit des Kaiſers, jede ſeiner Forderungen zu genehmigen, überzeugte ihn, daß er am Ziel ſeiner Wünſche ſey. Jetzt alſo gab er ſich der Beredſam⸗ 312 keit Eggenbergs überwunden, und verließ ihn, um ſeine Forderungen aufzuſetzen. Nicht ohne Bangigkeit ſah der Miniſter einer Schrift ent⸗ gegen, worin der ſtolzeſte der Diener dem ſtolzeſten der Fürſten Geſetze zu geben ſich erdreiſtete. Aber wie klein auch das Ver⸗ trauen war, das er in die Beſcheidenheit ſeines Freundes ſetzte, ſo überſtieg doch der ausſchweifende Inhalt dieſer Schrift bei weitem ſeine baͤngſten Erwartungen. Eine unumſchrankte Oberherrſchaft verlangte Wallenſtein über alle deutſchen Armeen des öſterreichiſchen und ſpaniſchen Hauſes, und unbe⸗ gräͤnzte Vollmacht, zu ſtrafen und zu belohnen. Weder dem Könige von Ungarn, noch dem Kaiſer ſelbſt ſolle es vergönnt ſeyn, bei der Armee zu erſcheinen, noch weniger eine Handlung der Autorität darin auszuüben. Keine Stelle ſolle der Kaiſer bei der Armee zu vergeben, keine Belohnung zu verleihen haben, kein Gnadenbrief desſelben ohne Wallenſteins Beſtätigung gültig ſeyn. Ueber Alles, was im Reiche confiscirt und erobert werde, ſolle der Herzog von Friedland allein, mit Ausſchließung aller kaiſerlichen und Reichsgerichte, zu verfügen haben. Zu ſeiner ordentlichen Belohnung müſſe ihm ein kaiſerliches Erb⸗ land und noch ein anderes der im Reiche eroberten Länder zum außerordentlichen Geſchenk uͤberlaſſen werden. Jede öſter⸗ reichiſche Provinz ſolle ihm, ſobald er derſelben bedürfen würde, zur Zuflucht geöffnet ſeyn. Außerdem verlangte er die Ver⸗ ſicherung des Herzogthums Mecklenburg bei einem künftigen Frieden, und eine förmliche frühzeitige Aufkündigung, wenn man für nöthig finden ſollte, ihn zum zweiten Mal des Gene⸗ ralats zu entſetzen. Umſonſt beſtürmte ihn der Miniſter, dieſe Forderungen zu mäßigen, durch welche der Kaiſer aller ſeiner Souveränetäts⸗ rechte über die Truppen beraubt und zu einer Creatur ſeines * 313 Feldherrn erniedrigt würde. Zu ſehr hatte man ihm die Unent⸗ behrlichkeit ſeiner Dienſte verrathen, um jetzt noch des Preiſes Meiſter zu ſeyn, womit ſie erkauft werden ſollten. Wenn der Zwang der Umſtände den Kaiſer nöthigte, dieſe Forderungen einzugehen, ſo war es nicht bloßer Antrieb der Rachſucht und des Stolzes, der den Herzog veranlaßte, ſie zu machen. Der Plan zur künftigen Empörung war entworfen, und dabei konnte keiner der Vortheile gemißt werden, deren ſich Wallen⸗ ſtein in ſeinem Vergleich mit dem Hofe zu bemachtigen ſuchte. Dieſer Plan erforderte, daß dem Kaiſer alle Autorität in Deutſchland entriſſen und ſeinem General in die Haͤnde geſpielt würde; dieß war erreicht, ſobald Ferdinand jene Bedingungen unterzeichnete. Der Gebrauch, den Wallenſtein von ſeiner Armee zu machen geſonnen war— von dem Zwecke freilich unendlich verſchieden, zu welchem ſie ihm untergeben ward— erlaubte keine getheilte Gewalt, und noch weit weniger eine höhere Autorität bei dem Heere, als die ſeinige war. Um der alleinige Herr ihres Willens zu ſeyn, mußte er den Truppen als der alleinige Herr ihres Schickſals erſcheinen; um ſeinem Oberhaupte unvermerkt ſich ſelbſt unterzuſchieben und auf ſeine eigene Perſon die Souveranetaͤtsrechte überzutragen, die ihm von der hoͤchſten Gewalt nur geliehen waren, mußte er die letztere ſorgfältig aus den Augen der Truppen entfernen. Daher ſeine hartnäckige Weigerung, keinen Prinzen des Hauſes Oeſterreich bei dem Heere zu dulden. Die Freiheit, über alle im Reiche eingezogenen und eroberten Güter nach Gutdünken zu verfügen, reichte ihm furchtbare Mittel dar, ſich Anhaͤnger und dienſtbare Werkzeuge zu erkaufen, und mehr, als je ein Kaiſer in Friedenszeiten ſich herausnahm, den Dictator in Deutſchland zu ſpielen. Durch das Recht, ſich der öſterreichiſchen Lander im Nothfall zu einem Zufluchtsort zu bedienen, erhielt er freie 314 Gewalt, den Kaiſer in ſeinem eigenen Reich und durch ſeine eigene Armee ſo gut als gefangen zu halten, das Mark dieſer Länder auszuſaugen und die öſterreichiſche Macht in ihren Grundfeſten zu unterwühlen. Wie das Loos nun auch fallen mochte, ſo hatte er durch die Bedingungen, die er von dem Kaiſer erpreßte, gleich gut für ſeinen Vortheil geſorgt. Zeigten ſich die Vorfälle ſeinen verwegenen Entwürfen günſtig, ſo machte ihm dieſer Vertrag mit dem Kaiſer ihre Ausführung leichter; widerriethen die Zeitlaͤufte die Vollſtreckung derſelben, ſo hatte dieſer nämliche Vertrag ihn aufs glänzendſte entſchaͤdigt. Aber wie konnte er einen Vertrag für gültig halten, der ſeinem Ober⸗ herrn abgetrotzt und auf ein Verbrechen gegründet war? Wie konnte er hoffen, den Kaiſer durch eine Vorſchrift zu binden, welche denjenigen, der ſo vermeſſen war, ſie zu geben, zum Tode verdammte? Doch dieſer todeswürdige Verbrecher war jetzt der unentbehrlichſte Mann in der Monarchie, und Ferdinand, im Verſtellen geübt, bewilligte ihm Alles, was er verlangte. Endlich alſo hatte die kaiſerliche Kriegsmacht ein Oberhaupt, das dieſen Namen verdiente. Alle andere Gewalt in der Armee, ſelbſt des Kaiſers, hoͤrte in demſelben Augenblicke auf, da Wallenſtein den Commandoſtab in die Hand nahm, und ungültig war Alles, was von ihm nicht ausfloß. Von den Ufern der Donau bis an die Weſer und den Oderſtrom empfand man den belebenden Aufgang des neuen Geſtirns. Ein neuer Geiſt fängt an, die Soldaten des Kaiſers zu beſeelen, eine neue Epoche des Krieges beginnt. Friſche Hoffnungen ſchöpfen die Papiſten, und die proteſtantiſche Welt blickt mit Unruhe dem veränderten Lauf der Dinge entgegen. Je groͤßer der Preis war, um den man den neuen Feld⸗ herrn hatte erkaufen muſſen, zu ſo größern Erwartungen glaubte 315 man ſich am Hofe des Kaiſers berechtigt; aber der Herzog übereilte ſich nicht, dieſe Erwartungen in Erfüllung zu bringen. In der Nähe von Böhmen mit einem furchtbaren Heere, durfte er ſich nur zeigen, um die geſchwachte Macht der Sachſen zu überwältigen, und mit der Wiedereroberung dieſes Koͤnigreichs ſeine neue Laufbahn glaͤnzend zu eröffnen. Aber zufrieden, durch nichts entſcheidende Kroatengefechte den Feind zu beun⸗ ruhigen, ließ er ihm den beſten Theil dieſes Reichs zum Raube, und ging mit abgemeſſenem ſtillen Schritte ſeinem ſelbſtiſchen Ziel entgegen. Nicht die Sachſen zu bezwingen— ſich mit ihnen zu vereinigen, war ſein Plan. Einzig mit dieſem wichtigen Werke beſchäftigt, ließ er vor der Hand ſeine Waffen ruhen, um deſto ſicherer auf dem Wege der Unterhandlung zu ſiegen. Nichts ließ er unverſucht, den Kurfürſten von der ſchwediſchen Allianz loszureißen, und Ferdinand ſelbſt, noch immer zum Frieden mit dieſem Prinzen geneigt, billigte dieß Verfahren. Aber die große Verbindlichkeit, die man den Schwe⸗ den ſchuldig war, lebte noch in zu friſchem Andenken bei den Sachſen, um eine ſo ſchaͤndliche Untreue zu erlauben; und haͤtte man ſich auch wirklich dazu verſucht gefühlt, ſo ließ der zwei⸗ deutige Charakter Wallenſteins und der ſchlimme Ruf der oͤſterreichiſchen Politik zu der Aufrichtigkeit ſeiner Verſprechungen kein Vertrauen faſſen. Zu ſehr als betrügeriſcher Staatsmann bekannt, fand er in dem einzigen Falle keinen Glauben, wo er es wahrſcheinlich redlich meinte; und noch erlaubten ihm die Zeitumſtaͤnde nicht, die Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnung durch Aufdeckung ſeiner wahren Beweggründe außer Zweifel zu ſetzen. Ungern alſo entſchloß er ſich, durch die Gewalt der Waffen zu erzwingen, was auf dem Wege der unterhandlung mißlungen war. Schnell zog er ſeine Truppen zuſammen und ſtand vor Prag, ehe die Sachſen dieſe Hauptſtadt entſetzen konnten. Nach 3¹16 einer kurzen Gegenwehr der Belagerten, eroͤffnete die Verräͤtherei der Capuziner einem von ſeinen Regimentern den Eingang, und die ins Schloß geflüchtete Beſatzung ſtreckte unter ſchimpf⸗ lichen Bedingungen das Gewehr. Meiſter von der Hauptſtadt, verſprach er ſeinen Unterhandlungen am ſächſiſchen Hofe einen günſtigern Eingang, verſäumte aber dabei nicht, zu eben der Zeit, als er ſie bei dem General von Arnheim erneuerte, den Nachdruck derſelben durch einen entſcheidenden Streich zu verſtärken. Er ließ in aller Eile die engen Paͤſſe zwiſchen Außig und Pirna beſetzen, um der ſaͤchſiſchen Armee den Ruckzug in ihr Land abzuſchneiden, aber Arnheims Geſchwindigkeit entriß ſie noch glücklich der Gefahr. Nach dem Abzuge dieſes Gene⸗ rals ergaben ſich die letzten Zufluchtsörter der Sachſen, Eger und Leutmeritz, an den Sieger, und ſchneller, als es verloren gegangen war, war das Koͤnigreich wieder ſeinem rechtmaͤßigen Herrn unterworfen. Weniger mit dem Vortheile ſeines Herrn, als mit Aus⸗ führung ſeiner eigenen Entwürfe beſchäftigt, gedachte jetzt Wallenſtein den Krieg nach Sachſen zu ſpielen, um den Kurfürſten durch Verheerung ſeines Landes zu einem Privat⸗ vergleich mit dem Kaiſer, oder vielmehr mit dem Herzog von Friedland zu nöthigen. Aber wie wenig er auch ſonſt gewohnt war, ſeinen Willen dem Zwang der Umſtände zu unterwerfen, ſo begriff er doch jetzt die Nothwendigkeit, ſeinen Lieblingsentwurf einem dringendern Geſchafte nachzuſetzen. Waͤhrend daß er die Sachſen aus Boͤhmen ſchlug, hatte Guſtav Adolph die bisher erzaͤhlten Siege am Rhein und an der Donau erfochten, und durch Franken und Schwaben den Krieg ſchon an Bayerns Graͤnzen gewalzt. Am Lechſtrom geſchlagen, und durch den Tod des Grafen Tillv ſeiner beſten Stütze beraubt, lag Maximilian dem Kaiſer dringend an, ihm den Herzog von 317 Friedland aufs ſchleunigſte von Böhmen aus zu Huͤlfe zu ſchicken, und durch Bayerns Vertheidigung von Oeſterreich ſelbſt die Ge⸗ fahr zu entfernen. Er wandte ſich mit dieſer Bitte an Wal⸗ lenſtein ſelbſt, und forderte ihn aufs angelegentlichſte auf, ihm, bis er ſelbſt mit der Hauptarmee nachkäme, einſtweilen nur einige Regimenter zum Beiſtand zu ſenden. Ferdinand unterſtützte mit ſeinem ganzen Anſehen dieſe Bitte, und ein Eilbote nach dem andern ging an Wallenſtein ab, ihn zum Marſch nach der Donau zu vermögen. Aber jetzt ergab es ſich, wie viel der Kaiſer von ſeiner Autoritaͤt aufgeopfert hatte, da er die Gewalt über ſeine Trup⸗ pen und die Macht zu befehlen aus ſeinen Handen gab. Gleich⸗ gültig gegen Maximilians Bitten, taub gegen die wieder⸗ holten Befehle des Kaiſers, blieb Wallenſtein müßig in Böhmen ſtehen, und uberließ den Kurfürſten ſeinem Schickſale. Das Andenken der ſchlimmen Dienſte, welche ihm Maximili ian ehedem auf dem Regensburger Reichstage bei dem Kaiſer ge⸗ leiſtet, hatte ſich tief in das unverſöͤhnliche Gemüth des Herzogs geprägt, und die neuerlichen Bemühungen des Kurfürſten, ſeine Wiedereinſetzung zu verhindern, waren ihm kein Geheimniß geblieben. Jetzt war der Augenblick da, dieſe Krankung zu rächen, und ſchwer empfand es der Kurfürſt, daß er den rach⸗ gierigſten der Menſchen ſich zum Feinde gemacht hatte. Böhmen, erklarte dieſer, duͤrfe nicht unvertheidigt bleiben, und Oeſterreich konne nicht beſſer geſchützt werden, als wenn ſich die ſchwediſche Armee vor den bayeriſchen Feſtungen ſchwache. So züchtigte er durch den Arm der Schweden ſeinen Feind, und waͤhrend daß ein Platz nach dem andern in ihre Häͤnde fiel, ließ er den Kurfürſten zu Regensburg vergebens nach ſeiner Ankunft ſchmach⸗ ten. Nicht eher, als bis die völlige Unterwerfung Boͤhmens ihm keine Entſchuldigungsgruͤnde mehr ubrig ließ und die Eroberun⸗ 318 gen Guſtav Adolphs in Bayern Oeſterreich ſelbſt mit naher Gefahr bedrohten, gab er den Beſtürmungen des Kurfürſten und des Kaiſers nach, und entſchloß ſich zu der lange gewünſchten Vereinigung mit dem Erſtern, welche, nach der allgemeinen Erwartung der Katholiſchen, das Schickſal des ganzen Feldzugs entſcheiden ſollte. Guſtav Adolph ſelbſt, zu ſchwach an Truppen, um es auch nur mit der Wallenſteiniſchen Armee allein aufzunehmen, fürchtete die Vereinigung zweier ſo maͤchtigen Heere, und mit Recht erſtaunt man, daß er nicht mehr Thatigkeit bewieſen hat, ſie zu hindern. Zu ſehr, ſcheint es, rechnete er auf den Haß, der beide Anführer unter ſich entzweite, und keine Ver⸗ bindung ihrer Waffen zu einem gemeinſchaftlichen Zwecke hoffen ließ; und es war zu ſpät, dieſen Fehler zu verbeſſern, als der Erfolg ſeine Muthmaßung widerlegte. Zwar eilte er auf die erſte ſichere Nachricht, die er von ihren Abſichten erhielt, nach der Oberpfalz, um dem Kurfürſten den Weg zu verſperren; aber ſchon war ihm dieſer zuvorgekommen, und die Vereinigung bei Eger geſchehen. Dieſen Graͤnzort hatte Wallenſtein zum Schauplatz des Triumphes beſtimmt, den er im Begriff war, über ſeinen ſtolzen Gegner zu feiern. Nicht zufrieden, ihn, einem Flehenden gleich, zu ſeinen Fuͤßen zu ſehen, legte er ihm noch das harte Geſetz auf, ſeine Länder hülflos hinter ſich zu laſſen, aus weiter Entfernung ſeinen Beſchützer einzuholen, und durch dieſe weite Entgegenkunft ein erniedrigendes Geſtandniß ſeiner Noth und Bedürftigkeit abzulegen. Auch dieſer Demüthigung unterwarf ſich der ſtolze Fürſt mit Gelaſſenheit. Einen harten Kampf hatte es ihm gekoſtet, demjenigen ſeine Rettung zu verdanken, der, wenn es nach ſeinem Wunſche ging, nimmermehr dieſe Macht haben ſollte; aber, einmal entſchloſſen, war er auch 319 Mann genng, jede Krankung zu ertragen, die von ſeinem Ent⸗ ſchluß unzertrennlich war, und Herr genug ſeiner ſelbſt, um kleinere Leiden zu verachten, wenn es darauf ankam, einen großen Zweck zu verfolgen. Aber ſo viel es ſchon gekoſtet hatte, dieſe Vereinigung nur moͤglich zu machen, ſo ſchwer ward es, ſich über die Bedingungen zu vergleichen, unter welchen ſie ſtatt finden und Beſtand haben ſollte. Einem Einzigen mußte die vereinigte Macht zu Gebote ſteben, wenn der Zweck der Vereinigung erreicht werden ſollte, und auf beiden Seiten war gleich wenig Neigung da, ſich der höhern Autoritat des andern zu unterwerfen. Wenn ſich Marimilian auf ſeine Kurfürſtenwürde, auf den Glanz ſeines Geſchlechts, auf ſein Anſehn im Reiche ſtützte, ſo gründete Wallenſtein nicht geringere Anſprüche auf ſeinen Kriegsruhm und auf die uneingeſchränkte Macht, welche der Kaiſer ihm übergeben hatte. So ſehr es den Fürſtenſtolz des Erſtern emporte, unter den Befehlen eines kaiſerlichen Dieners zu ſtehen, ſo ſehr fand ſich der Hochmuth des Herzogs durch den Gedanken geſchmeichelt, einem ſo gebieteriſchen Geiſte Geſetze vorzuſchreiben. Es kam daruͤber zu einem hartnaͤckigen Streite, der ſich aber durch eine wechſelſeitige Uebereinkunft zu Wallen⸗ ſteins Vortheil endigte. Dieſem wurde das Obercommando über beide Armeen, beſonders am Tage einer Schlacht, ohne Einſchraänkung zugeſtanden, und dem Kurfürſten alle Gewalt abgeſprochen, die Schlachtordnung oder auch nur die Marſchroute der Armee abzuandern. Nichts behielt er ſich vor, als das Recht der Strafen und Belohnungen uüber ſeine eigenen Solda⸗ ten, und den freien Gebrauch derſelben, ſobald ſie nicht mit den kaiſerlichen Truppen vereinigt agirten. Nach dieſen Vorbereitungen wagte man es endlich, einander unter die Augen zu treten, doch nicht eher, als bis eine 320 gänzliche Vergeſſenheit alles Vergangenen zugeſagt, und die aͤußern Formalitäten des Verſöhnungsacts aufs genaueſte be⸗ richtigt waren. Der Verabredung gemaͤß umarmten ſich beide Prinzen im Angeſicht ihrer Truppen und gaben einander gegen⸗ ſeitige Verſicherungen der Freundſchaft, indeß die Herzen von Haß überfloſſen. Maximilianzwar, in der Verſtellungskunſt ausgelernt, beſaß Herrſchaft genug uͤber ſich ſelbſt, um ſeine wahren Gefühle auch nicht durch einen einzigen Zug zu ver⸗ rathen; aber in Wallenſteins Augen funkelte eine haͤmiſche Siegesfreude, und der Zwang, der in allen ſeinen Bewegungen ſichtbar war, entdeckte die Macht des Affects, der ſein ſtolzes Herz übermeiſterte. Die vereinigten kaiſerlich⸗bayeriſchen Truppen machten nun eine Armee von beinahe ſechzigtauſend großtentheils bewaͤhrten Soldaten aus, vor welcher der ſchwediſche Monarch es nicht wagen durfte, ſich ihm Felde zu zeigen. Eilfertig nahm er alſo, nachdem der Verſuch, ihre Vereinigung zu hindern, mißlungen war, ſeinen Rückzug nach Franken, und erwartete nunmehr eine entſcheidende Bewegung des Feindes, um ſeine Entſchließung zu faſſen. Die Stellung der vereinigten Armee zwiſchen der ſächſiſchen und bayeriſchen Graͤnze ließ es eine Zeitlang noch ungewiß, ob ſie den Schauplatz des Kriegs nach dem erſtern der beiden Länder verpflanzen, oder ſuchen würde, die Schweden von der Donau zurückzutreiben und Bayern in Freiheit zu ſetzen. Sachſen hatte Arnheim von Truppen entblößt, um in Schleſien Eroberungen zu machen; nicht ohne die geheime 3 Abſicht, wie ihm von Vielen Schuld gegeben wird, dem Herzog von Friedland den Eintritt in das Kurfürſtenthum zu erleichtern, und dem unentſchloſſenen Geiſte Johann Georss einen drin⸗ gendern Sporn zum Vergleich mit dem Kaiſer zu geben. Guſtav Adolph ſelbſt, in der gewiſſen Erwartung, daß die Abſichten 321 Wallenſteins gegen Sachſen gerichtet ſeyen, ſchickte eilig, um ſeinen Bundesgenoſſen nicht hulflos zu laſſen, eine anſehn⸗ liche Verſtärkung dahin, feſt entſchloſſen, ſobald die Umſtaͤnde es erlaubten, mit ſeiner ganzen Macht nachzufolgen. Aber bald entdeckten ihm die Bewegungen der Friedlaͤndiſchen Armee, daß ſie gegen ihn ſelbſt im Anzug begriffen ſey, und der Marſch des Herzogs durch die Oberpfalz ſetzte ſie außer Zweifel. Jetzt galt es, auf ſeine eigene Sicherheit zu denken, weniger um die Oberherrſchaft als um ſeine Exiſtenz in Deutſchland zu fechten, und von der Fruchtbarkeit ſeines Genie's Mittel zur Rettung zu entlehnen. Die Annaherung des Feindes uͤberraſchte ihn, ehe er Zeit gehabt hatte, ſeine durch ganz Deutſchland zerſtreuten Truppen an ſich zu ziehen und die alliirten Fürſten zum Beiſtand herbeizurufen. An Mannſchaft viel zu ſchwach, um den anrückenden Feind damit aufhalten zu können, hatte er keine andere Wahl, als ſich entweder in Nürnberg zu werfen, und Gefahr zu laufen, von der Wallenſteiniſchen Macht in dieſer Stadt eingeſchloſſen und durch Hunger beſiegt zu werden— oder dieſe Stadt aufzuopfern und unter den Kandnen von Donauwoͤrth eine Verſtarkung an Truppen zu erwarten. Gleichgultig gegen alle Beſchwerden und Gefahren, wo die Menſchlichkeit ſprach und die Ehre gebot, erwaͤhlte er ohne Bedenken das Erſte, feſt entſchloſſen, lieber ſich ſelbſt mit ſeiner ganzen Armee unter den Trümmern Nürnbergs zu begraben, als auf den Untergang dieſer bundesverwandten Stadt ſeine Rettung zu gründen. Sogleich ward Anſtalt gemacht, die Stadt mit allen Vor⸗ ſtädten in eine Verſchanzung einzuſchließen, und innerhalb der⸗ ſelben ein feſtes Lager aufzuſchlagen. Viele tauſend Hafnde ſetzten ſich alsbald zu dieſem weitlaͤufigen Werk in Bewegung, und alle Einwohner Nürnbergs beſeelte ein heroiſcher Eifer, Schillers ſoͤmmtl. Werke. IX. 21 322 für die gemeine Sache Blut, Leben und Eigenthum zu wagen. Ein acht Fuß tiefer und zwoͤlf Fuß breiter Graben umſchloß die ganze Verſchanzung; die Linien wurden durch Redouten und Baſtionen, die Eingange durch halbe Monde beſchützt. Die Pegnitz, welche Nürnberg durchſchneidet, theilte das ganze Lager in zwei Hauptzirkel ab, die durch viele Brüͤcken zuſammen⸗ hingen. Gegen dreihundert Stücke ſpielten von den Wäͤllen der Stadt und von den Schanzen des Lagers. Das Landvolk auf den benachbarten Dörfern und die Bürger von Nürnberg legten mit den ſchwediſchen Soldaten gemeinſchaftlich Hand an, daß ſchon am ſiebenten Tage die Armee das Lager beziehen konnte, und am vierzehnten die ganze ungeheure Arbeit voll⸗ endet war. Indem dieß außerhalb der Mauern vorging, war der Ma⸗ giſtrat der Stadt Nuͤrnberg beſchäftigt, die Magazine zu füllen und ſich mit allen Kriegs⸗ und Mundbeduͤrfniſſen für eine langwierige Belagerung zu verſehen. Dabei unterließ er nicht, für die Geſundheit der Einwohner, die der Zuſammenfluß ſo vieler Menſchen leicht in Gefahr ſetzen konnte, durch ſtrenge Reinlichkeits⸗Anſtalten Sorge zu tragen. Den König auf den Nothfall unterſtützen zu können, wurde aus den Bürgern der Stadt die junge Mannſchaft ausgehoben und in den Waffen geübt, die ſchon vorhandene Stadtmiliz beträchtlich verſtärkt und ein neues Regiment von vier und zwanzig Namen nach den Buchſtaben des alten Alphabets ausgerüſtet. Guſtav ſelbſt hatte unterdeſſen ſeine Bundesgenoſſen, den Herzog Wilhelm von Weimar und den Landgrafen von Heſſen⸗ Kaſſel, zum Beiſtand aufgeboten, und ſeine Generale am Rheinſtrom, in Thüringen und Niederſachſen beordert, ſich ſchleunig in Marſch zu ſetzen und mit ihren Truppen bei Nürnberg zu ihm zu ſtoßen. Seine Armee, welche innerhalb 323 der Linien dieſer Reichsſtadt gelagert ſtand, betrug nicht vier über ſechzehntauſend Mann, alſo nicht einmal den dritter Theil des feindlichen Heeres. Dieſes war unterdeſſem in langſamem Zuge bis gegen Ren⸗ markt herangerückt, wo der Herzog von Friedland eine allgemeine Muſterung anſtellte. Vom Anblick dieſer furchtbaren Macht hingeriſſen, konnte er ſich einer jugendlichen Prahlerei nicht enthalten.„Binnen vier Tagen ſoll ſich ausweiſen,“ rief er⸗ „wer von uns beiden, der König von Schweden oder ich, Herr der Welt ſeyn wird.“ Dennoch that er, ſeiner großen Ueber legenheit ungeachtet, nichts, dieſe ſtolze Verſicherung wahr zu machen, und vernachläͤſſigte ſogar die Gelegenheit, ſeinen Feind auf das Haupt zu ſchlagen, als dieſer verwegen genug war⸗ ſich außerhalb ſeiner Linien ihm entgegenzuſtellen.„Schlachten hat man genug geliefert,“ antwortete er denen, welche ihn zum Angriff ermunterten,„es iſt Zeit, einmal einer andern Methode zu folgen.“ Hier ſchon entdeckte ſich, wie viel mehr bei einem Feldherrn gewonnen worden, deſſen ſchon gegrün⸗ deter Ruhm der gewagten Unternehmungen nicht benoͤthigs war, wodurch andere eilen müſſen, ſich einen Namen zu machen. Ueberzeugt, daß der verzweifelte Muth des Feindes den Sieg auf das theuerſte verkaufen, eine Niederlage aber, in dieſen Gegenden erlitten, die Angelegenheiten des Kaiſers un⸗ wiederbringlich zu Grunde richten würde, begnügte er ſich damit, die kriegeriſche Hitze ſeines Gegners durch eine lang⸗ wierige Belagerung zu verzehren, und, indem er demſelben ae Gelegenheit abſchnitt, ſich dem Umgeſtüm ſeines Muths z⸗ überlaſſen, ihm gerade denjenigen Vortheil zu rauben, wodure er bisher ſo unuͤberwindlich geweſen war. Ohne alſo das Geringſte zu unternehmen, bezog er jenſeits der Rednis Nürnberg gegenüber, ein ſtark befeſtigtes Lager, und entzes 324 durch dieſe wohlgewäahlte Stellung der Stadt ſowohl, als dem Lager, jede Zufuhr aus Franken, Schwaben und Thüringen. So hielt er den König zugleich mit der Stadt belagert, und ſchmeichelte ſich, den Muth ſeines Gegners, den er nicht lüſtern war in offener Schlacht zu erproben, durch Hunger und Seuchen langſam, aber deſto ſicherer, zu ermüden. Aber zu wenig mit den Hülfsquellen und Kräften ſeines Gegners bekannt, hatte er nicht genugſam dafür geſorgt, ſich ſelbſt vor dem Schickſal zu bewahren, das er jenem bereitete. Aus dem ganzen benachbarten Gebiet hatte ſich das Landvolk mit ſeinen Vorraͤthen weggeflüchtet, und um den wenigen Ueberreſt mußten ſich die Friedländiſchen Fouragirer mit den ſchwediſchen ſchlagen. Der Koͤnig ſchonte die Magazine der Stadt, ſo lange noch Möglichkeit da war, ſich aus der Nach⸗ barſchaft mit Proviant zu verſehen, und dieſe wechſelſeitigen Streifereien unterhielten einen immerwaͤhrenden Kriegzwiſchen den Kroaten und dem ſchwediſchen Volke, davon die ganze um⸗ liegende Landſchaft die traurigſten Spuren zeigte. Mit dem Schwert in der Hand mußte man ſich die Bedürfniſſe des Le⸗ bens erkämpfen, und ohne zahlreiches Gefolge durften ſich die Parteien nicht mehr aufs Fouragiren wagen. Dem König zwar öffnete, ſobald der Mangel ſich einſtellte, die Stadt Nürn⸗ berg ihre Vorrathshaͤuſer, aber Wallenſrein mußte ſeine Truppen aus weiter Ferne verſorgen. Ein großer, in Bayern aufgekaufter, Transport war an ihn auf dem Wege, und tau⸗ ſend Mann wurden algeſchickt, ihn ſicher ins Lager zu geleiten. Guſtav Adolph, davon benachrichtigt, ſandte ſogleich ein Ca⸗ vallerie⸗Regiment aus, ſich dieſer Lieferung zu bemächtigen, und die Dunkelheit der Nacht begünſtigte die Unternehmung. Der ganze Transport fiel mit der Stadt, worin er hielt, in der Schweden Hande; die kaiſerliche Bedeckung wurde nieder⸗ 325 gehauen, gegen zwölfhundert Stuck Vieh hinweg getrieben, und tauſend mit Brod bepackte Wagen, die nicht gut fortgebracht werden konnten, in Brand geſteckt. Sieben Regimenter, welche der Herzog von Friedland gegen Altdorf vorrücken ließ, dem ſehnlich erwarteten Transport zur Bedeckung zu dienen, wurden von dem Könige, der ein Gleiches gethan hatte, den Rückzug der Seinigen zu decken, nach einem hartnäckigen Gefechte aus⸗ einander geſprengt, und mit Hinterlaſſung von vierhundert Todten in das kaiſerliche Lager zurückgetrieben. So viele Widerwärtigkeiten und eine ſo wenig erwartete Standhaftigkeit des Königs ließen den Herzog von Friedland bereuen, daß er die Gelegenheit zu einem Treffen ungenützt hatte vorbeiſtreichen laſſen. Jetzt machte die Feſtigkeit des ſchwediſchen Lagers jeden Angriff unmöglich, und Nürnbergs bewaffnete Jugend diente dem Monarchen zu einer furchtbaren Kriegerſchule, woraus er jeden Verluſt an Mannſchaft auf das ſchnellſte erſetzen konnte. Der Mangel an Lebensmitteln, der ſich im kaiſerlichen Lager nicht weniger als im ſchwediſchen einſtellte, machte es zum mindeſten ſehr ungewiß, welcher von beiden Theilen den au⸗ dern zuerſt zum Aufbruche zwingen würde. Fünfzehn Tage ſchon hatten beide Armeen, durch gleich unerſteigliche Verſchanzungen gedeckt, einander im Geſichte ge⸗ ſtanden, ohne etwas mehr als leichte Streifereien und un⸗ bedeutende Scharmützel zu wagen. Auf beiden Seiten hatten anſteckende Krankheiten, natürliche Folgen der ſchlechten Nah⸗ rungsmittel und der eng zuſammengepreßten Volksmenge, mehr als das Schwert des Feindes die Mannſchaft vermin⸗ dert, und mit jedem Tage ſtieg dieſe Noth. Endlich erſchien der läangſt erwartete Succurs im ſchwediſchen Lager, und die betrachtliche Machtverſtärkung des Königs erlaubte ihm jetzt, 3²6 ſinem natürlichen Muth zu gehorchen und die Feſſel zu zer⸗ prechen, die ihn bisher gebunden hielt. Seiner Aufforderung gemaͤß, hatte Herzog Wilhelm von Weimar aus den Beſatzungen in Niederſachſen und Thürin⸗ zen in aller Eilfertigkeit ein Corps aufgerichtet, welches bei Schweinfurt in Franken vier ſachſiſche Regimenter, und bald darauf bei Kitzingen die Truppen vom Rheinſtrom an ſich zog, die Landgraf Wilhelm von Heſſen⸗Kaſſel und der Pfalz⸗ graf von Birkenfeld dem König zu Hülfe ſchickten. Der Reichskanzler Oxenſtierna übernahm es, dieſe vereinigte Armee an den Ort ihrer Beſtimmung zu führen. Nachdem er ſch zu Windsheim noch mit dem Herzog Bernhard von Weimar und den ſchwediſchen General Banner vereinigt hatte, rückte er in beſchleunigten Märſchen bis Pruck und Eitersdorf, wo er die Rednitz paſſirte und glücklich in das ſchwediſche Lager kam. Dieſer Succurs zäͤhlte beinahe fünfzig⸗ tauſend Mann, und führte ſechzig Stücke Geſchütz und vier⸗ tauſend Bagagewagen bei ſich. So ſah ſich denn Guſtav Adolphan der Spitze von beinahe ſiebenzigtauſend Streitern, ehne noch die Miliz der Stadt Nuͤrnberg zu rechnen, welche im Nothfalle dreißigtauſend ruͤſtige Bürger ins Feld ſtellen konnt; Eine furchtbare Macht, die einer andern nicht minder Wechtbaren gegenüberſtand! Der ganze Krieg ſchien jetzt zu⸗ ſammengepreßt in eine einzige Schlacht, um hier endlich ſeine letzte Entſcheidung zu erhalten. Angſtvoll blickte das getheilte Europa auf dieſen Kampfplatz hin, wo ſich die Kraft beider Kreitenden Mächte, wie in einem Brennpunkt, fürchterlich zammelte. Aber hatte man ſchon vor der Ankunft des Suceurſes mit Brodmangel kämpfen müſſen, ſo wuchs dieſes Uebel nunmehr 327 in beiden Lagern(denn auch Wallenſtein hatte neue Ver⸗ ſtärkungen aus Bayern an ſich gezogen) zu einem ſchrecklichen Grade an. Außer den hundert und zwanzigtauſend Kriegern, die einander bewaffnet gegenüber ſtanden, außer einer Menge von mehr als fünfzigtauſend Pferden in beiden Armeen, außer den Bewohnern Nürnbergs, welche das ſchwediſche Heer an Anzahl weit übertrafen, zaͤhlte man allein in dem Wallen⸗ ſtein'ſchen Lager fünfzehntauſend Weiber und eben ſo viel Fuhrleute und Knechte, nicht viel weniger in dem ſchwediſchen. Die Gewohnheit jener Zeiten erlaubte dem Soldaten, ſeine Fa⸗ milie mit in das Feld zu führen. Bei den Kaiſerlichen ſchloß ſich eine unzaͤhlige Menge gutwilliger Frauensperſonen an den Heereszug an, und die ſtrenge Wachſamkeit uber die Sitten im ſchwediſchen Lager, welche keine Ausſchweifung duldete, beförderte eben darum die rechtmaͤßigen Ehen. Für die junge Generation, welche dieß Lager zum Vaterland hatte, waren ordentliche Feldſchulen errichtet und eine treffliche Zucht von Kriegern daraus gezogen, daß die Armeen bei einem lang⸗ wierigen Kriege ſich durch ſich ſelbſt recrutiren konnten. Kein Wunder, wenn dieſe wandelnden Nationen jeden Landſtrich aushungerten, auf dem ſie verweilten, und die Bedürfniſſe des Lebens durch dieſen entbehrlichen Troß übermaͤßig im Preiſe geſteigert wurden. Alle Mühlen um Nürnberg reichten nicht zu, das Korn zu mahlen, das jeder Tag verſchlang, und fünfzigtauſend Pfund Brod, welche die Stadt taͤglich ins Lager lieferte, reizten den Hunger bloß, ohne ihn zu befriedigen. Die wirklich bewundernswerthe Sorgfalt des Nürnberger Ma⸗ giſtrats konnte nicht verhindern, daß nicht ein großer Theil der Pferde aus Mangel an Fütterung umfiel, und die zu⸗ nehmende Wuth der Seuchen mit jedem Tag uͤber hundert Menſchen ins Grab ſtreckte. 328 Dieſer Noth ein Ende zu machen, verließ endlich Guſtav Adolph, voll Zuverſicht auf ſeine uͤberlegene Macht, am fünf⸗ undfuͤnfzigſten Tage ſeine Linien, zeigte ſich in voller Bataille dem Feind und ließ von drei Batterien, welche am Ufer der Rednitz errichtet waren, das Friedländiſche Lager beſchießen. Aber unbeweglich ſtand der Herzog in ſeinen Verſchanzungen, und begnugte ſich, dieſe Ausforderung durch das Feuer der Musketen und Kanonen von Ferne zu beantworten. Den König durch Unthätigkeit aufzureiben und durch die Macht des Hungers ſeine Beharrlichkeit zu beſiegen, war ſein überlegter Entſchluß, und keine Vorſtelung Maximilians, keine Un⸗ geduld der Armee, kein Spott des Feindes konnte dieſen Vorſatz erſchüttern. In ſeiner Hoffnung getäuſcht und von der wachſenden Noth gedrungen, wagte ſich Guſtav Adolph nun an das Unmögliche, und der Entſchluß wurde gefaßt, das durch Natur und Kunſt gleich unbezwingliche Lager zu ſtürmen. Nachdem er das ſeinige dem Schutz der Nürnbergiſchen Miliz übergeben, ruckte er am Bartholomaustage, dem achtund⸗ fünfzigſten, ſeitdem die Armee ihre Verſchanzungen bezogen, in voller Schlachtordnung heraus und paſſirte die Rednitz bei Fürth, wo er die feindlichen Vorpoſten mit leichter Mühe zum Weichen brachte. Auf den ſteilen Anhöhen zwiſchen der Biber und Rednitz, die alte Veſte und Altenberg genannt, ſtand die Hauptmacht des Feindes, und das Lager ſelbſt, von dieſen Hügeln beherrſcht, breitete ſich unabſehbar durch das Gefilde. Die ganze Starke des Geſchützes war auf dieſen Hügeln ver⸗ ſammelt. Tiefe Graͤben umſchloſſen unerſteigliche Schanzen, dichte Verhacke und ſtachelige Palliſaden verrammelten die Zu⸗ gänge zu dem ſteil anlaufenden Berge, von deſſen Gipfel Wallenſtein, ruhig und ſicher wie ein Gott, durch ſchwarze Rauchwolken ſeine Blitze verſendete. Hinter den Bruſtwehren 329 lauerte der Musketen tückiſches Feuer, und ein gewiſſer Tod blickte aus hundert offenen Kanonenſchlünden dem verwegenen⸗ Stürmer entgegen. Auf dieſen gefahrvollen Poſten richtete Guſtav Adolph den Angriff, und fünfhundert Musketiere, durch weniges Fußvolk unterſtützt(mehrere zugleich konnten auf dem engen Kampfboden nicht zum Fechten kommen), hatten dem unbeneideten Vorzug, ſich zuerſt in den offenen Rachen des Todes zu werfen. Wuthend war der Andrang, der Wider⸗ ſtand fürchterlich; der ganzen Wuth des feindlichen Geſchützes ohne Bruſtwehr dahin gegeben, grimmig durch den Anblick des unvermeidlichen Todes, laufen dieſe entſchloſſenen Krieger ge⸗ gen den Hügel Sturm, der ſich in Einem Moment in den flammenden Hekla verwandelt und einen eiſernen Hagel donnernd⸗ auf ſie herunter ſpeit. Zugleich dringt die ſchwere Cavallerie in die Lücken ein, welche die feindlichen Ballen in die gedrängte Schlachtordnung reißen, die feſtgeſchloſſenen Glieder trennen ſich, und die ſtandhafte Heldenſchaar, von der gedoppelten Macht der Natur und der Menſchen bezwungen, wendet ſich nach hun⸗ dert zurückgelaſſenen Todten zur Flucht. Deutſche waren es, denen Guſtavs Parteilichkeit die tödtliche Ehre des erſten Angriffs beſtimmte; über ihren Rückzug ergrimmt, führte er jetzt ſeine Finnlaäͤnder zum Sturm, durch ihren nordiſchen Muth die deutſche Feigheit zu beſchämen. Auch ſeine Finn⸗ lander, durch einen aͤhnlichen Feuerregen empfangen, weichen der überlegenen Macht, und ein friſches Regiment tritt an ihre⸗ Stelle, mit gleich ſchlechtem Erfolge den Angriff zu erneuern. Dieſes wird von einem vierten und fünften und ſechsten ab⸗ gelöst, daß während des zehnſtündigen Gefechtes alle Regimen⸗ ter zum Angriff kommen und alle blutend und zerriſſen von. dem Kampfplatz zuruͤᷣckkehren. Tauſend verſtümmelte Körper be⸗ 330 Hecken das Feld, und unbeſiegt ſetzt Guſtav den Angriff fort, und unerſchuͤtterlich behauptet Wallenſtein ſeine Veſte. Indeſſen hat ſich zwiſchen der kaiſerlichen Reiterei und dem linken Flügel der Schweden, der in einem Buſch an der Rednitz poſtirt war, ein heftiger Kampf entzuͤndet, wo mit abwechſeln⸗ dem Gluͤck der Feind bald Beſiegter, bald Sieger bleibt, und auf beiden Seiten gleich viel Blut fließt, gleich tapfere Thaten geſchehen. Dem Herzog von Friedland und dem Prinzen Bernhardvon Weimar werden die Pferde unter dem Leibe erſchoſſen; dem Koͤnig ſelbſt reißt eine Stückkugel die Sohle von dem Stiefel. Mit ununterbrochener Wuth erneuern ſich An⸗ griff und Widerſtand, bis endlich die eintretende Nacht das Schlachtfeld verfinſtert und die erbitterten Kämpfer zur Ruhe winkt. Jetzt aber ſind die Schweden ſchon zu weit vorgedrun⸗ gen, um den Ruͤckzug ohne Gefahr unternehmen zu können. Indem der Köͤnig einen Officier zu entdecken ſucht, den Regi⸗ mentern durch ihn den Befehl zum Ruͤckzug zu überſenden, ſtellt ſich ihm der Obriſt Hebron, ein tapferer Schottlander, dar, den bloß ſein natürlicher Muth aus dem Lager getrieben hatte, die Gefahr dieſes Tages zu theilen. Ueber den Koͤnig erzürnt, der ihm unlangſt bei einer gefahrvollen Action einen jüngern Obriſten vorgezogen, hatte er das raſche Gelübde ge⸗ than, ſeinen Degen nie wieder für den König zu ziehen. An ihn wendet ſich jetzt Guſtav Adolph, und, ſeinen Heldenmuth lobend, erſucht er ihn, die Regimenter zum Rückzug zu comman⸗ diren.„Sire,“ erwiedert der tapfere Soldat,„das iſt der einzige Dienſt, den ich Eurer Majeſtaͤt nicht verweigern kann, denn es iſt etwas dabei zu wagen;“ und ſogleich ſprengt er davon, den erhaltenen Auftrag ins Werk zu richten. Zwar hatte ſich Her⸗ zog Bernhard von Weimar in der Hitze des Gefechts 331 einer Anhoͤhe über der alten Veſte bemächtigt, von wo aus man den Berg und das ganze Lager beſtreichen konnte. Aber ein heftiger Platzregen, der in derſelben Nacht einfiel, machte den Abhang ſo ſchluͤpfrig, daß es unmoͤglich war, die Kanonen hinaufzubringen, und ſo mußte man von freien Stuͤcken dieſen mit Strömen Bluts errungenen Poſten verloren geben. Miß⸗ trauiſch gegen das Glück, das ihn an dieſem entſcheidenden Tage verlaſſen hatte, getraute der König ſich nicht, mit er⸗ ſchöpften Truppen am folgenden Tage den Sturm fortzuſetzen, und zum erſten Male uüberwunden, weil er nicht Ueberwinder war, führte er ſeine Truppen über die Renitz zuruͤck. Zwei⸗ tauſend Todte, die er auf dem Wahlplatz zurückließ, bezeugten ſeinen Verluſt, und unuͤberwunden ſtand der Herzog von Fried⸗ land in ſeinen Linien. Noch ganze vierzehn Tage nach dieſer Action blieben die Armeen einander gegenüber gelagert, jede in der Erwartung, die andere zum Aufbruch zu nöthigen. Je mehr mit jedem Tage der kleine Vorrath an Lebensmitteln ſchmolz, deſto ſchreck⸗ licher wuchſen die Drangſale des Hungers, deſto mehr verwil⸗ derte der Soldat, und das Landvolk umher ward das Opfer ſeiner thieriſchen Raubſucht. Die ſteigende Noth löste alle Bande der Zucht und der Ordnung im ſchwediſchen Lager auf, und beſonders zeichneten ſich die deutſchen Regimenter durch die Gewaltthatigkeiten aus, die ſie gegen Freund und Feind ohne Unterſchied verübten. Die ſchwache Hand eines Einzigen ver⸗ mochte nicht einer Geſetzloſigkeit zu ſteuern, die durch das Still⸗ ſchweigen der untern Befehlshaber eine ſcheinbare Billigung und oft durch ihr eigenes verderbliches Beiſpiel Ermunterung erhielt. Tief ſchmerzte den Monarchen dieſer ſchimpfliche Verfall der Kriegszucht, in die er bis jetzt einen ſo gegründeten Stolz geſetzt hatte, und der Nachdruck, womit er den deutſchen Offi⸗ 332 cieren ihre Nachlaſſigkeit verweist, bezeugt die Heftigkeit ſeiner Empfindungen.„Ihr Deutſchen,“ rief er aus,„ihr, ihr ſelbſt ſeyd es, die ihr euer eigenes Vaterland beſtehlt, und gegen eure eigenen Glaubensgenoſſen wüthet. Gott ſey mein Zeuge⸗ ich verabſcheue euch, ich habe einen Ekel an euch, und das Herz gällt mir im Leibe, wenn ich euch anſchaue. Ihr über⸗ tretet meine Verordnungen, ihr ſeyd Urſache, daß die Welt mich verflucht, daß mich die Thränen der ſchuldloſen Armuth verfolgen, daß ich öffentlich hören muß: der Konig, unſer Freund, thut uns mehr Uebels an, als unſere grimmigſten Feinde. Euretwegen habe ich meine Krone ihres Schatzes ent⸗ blößt und über vierzig Tonnen Goldes aufgewendet; von eurem deutſchen Reich aber nicht erhalten, wovon ich mich ſchlecht be⸗ kleiden könnte. Euch gab ich Alles, was Gott mir zutheilte, und hättet ihr meine Geſetze geachtet, Alles, was er mir künftig noch geben mag, würde ich mit Freuden unter euch ausgetheilt haben. Eure ſchlechte Mannszucht überzeugt mich, daß ihr's böſe meint, wie ſehr ich auch Urſache haben mag, eure Tapferkeit zu loben.“ Nürnberg hatte ſich über Vermogen angeſtrengt, die unge⸗ heure Menſchenmenge, welche in ſeinem Gebiet zuſammenge⸗ preßt war, eilf Wochen lang zu ernahren; endlich aber verſieg⸗ ten die Mittel, und der Koͤnig als der zahlreichere Theil, mußte ſich eben darum zuerſt zum Abzug entſchließen. Mehr als zehn⸗ tauſend ſeiner Einwohner hatte Nürnberg begraben, und Guſtav Adolph gegen zwanzigtauſend ſeiner Soldaten durch Krieg und Seuchen eingebüßt. Zertreten lagen alle umliegenden Felder⸗ die Dörfer in Aſche, das beraubte Landvolk verſchmachtete auf den Straßen, Modergeruͤche verpeſteten die Luft, verheerende Seuchen, durch die kümmerliche Nahrung, durch den Qualm eines ſo bevoͤlkerten Lagers und ſo vieler verweſenden Leichname, 333 durch die Gluth der Hundstage ausgebrütet, wütheten unter Menſchen und Thieren, und noch lange nach dem Abzug der Armeen druͤckten Mangel und Elend das Land. Gerührt von dem allgemeinen Jammer, und ohne Hoffnung, die Beharrlich⸗ keit des Herzogs von Friedland zu beſiegen, hob der König am achten September ſein Lager auf und verließ Nürnberg, nach⸗ dem er es zur Furſorge mit einer hinlaͤnglichen Beſatzung ver⸗ ſehen hatte. In völliger Schlachtordnung zog er an dem Feinde vorüber, der unbeweglich blieb, und nicht das Geringſte unter⸗ nahm, ſeinen Abzug zu ſtoͤren. Er richtete ſeinen Marſch nach Neuſtadt an der Aiſch und Windsheim, wo er fünf Tage ſtehen blieb, um ſeine Truppen zu erquicken und Nurnberg nahe zu ſeyn, wenn der Feind etwas gegen dieſe Stadt unternehmen ſollte. Aber Wallenſtein, der Erholung nicht weniger be⸗ dürftig, hatte auf den Abzug der Schweden nur gewartet, um den ſeinigen antreten zu können. Fünf Tage ſpater verließ auch er ſein Lager bei Zirndorf und übergab es den Flammen. Hundert Rauchſaͤulen, die aus den eingeaſcherten Döͤrfern in der ganzen Runde zum Himmel ſtiegen, verkündigten ſeinen Abſchied, und zeigten der getroͤſteten Stadt, welchem Schickſale ſie ſelbſt entgangen war. Seinen Marſch, der gegen Forchheim gerichtet war, bezeichnete die ſchrecklichſte Verheerung; doch war er ſchon zu weit vorgerückt, um von dem König noch eingeholt zu werden. Dieſer trennte nun ſeine Armee, die das erſchöpfte Land nicht ernähren konnte, um mit einem Theile derſelben Franken zu behaupten, und mit dem andern ſeine Eroberun⸗ gen in Bayern in eigener Perſon fortzuſetzen. Unterdeſſen war die kaiſerlich⸗bayeriſche Armee in das Bis⸗ thum Bamberg gerückt, wo der Herzog von Friedland eine zweite Muſterung darüber anſtellte. Er fand dieſe ſechzigtau⸗ ſend Mann ſtarke Macht durch Deſertion, Krieg und Seuchen 334 bis auf vierundzwanzigtauſend Mann vermindert, von denen der vierte Theil aus bayeriſchen Truppen beſtand. Und ſo hatte das Lager vor Nürnberg beide Theile mehr als zwei ver⸗ lorne große Schlachten entkräftet, ohne den Krieg ſeinem Ende auch nur um etwas genaͤhert, oder die geſpannten Erwartungen der europaiſchen Welt durch einen einzigen entſcheidenden Vor⸗ fall befriedigt zu haben. Den Eroberungen des Koͤnigs in Bayern wurde zwar auf eine Zeit lang durch die Diverſion bei Nürnberg ein Ziel geſteckt und Oeſterreich ſelbſt vor einem feindlichen Einfall geſichert; aber durch den Abzug von dieſer Stadt gab man ihm auch die völlige Freiheit zurück, Bayern aufs neue zum Schauplatz des Krieges zu machen. Unbeküm⸗ mert um das Schickſal dieſes Landes, und des Zwanges müde, den ihm die Verbindung mit dem Kurfürſten auferlegte, ergriff der Herzog von Friedland begierig die Gelegenheit, ſich von dieſem läſtigen Gefährten zu trennen und ſeine Lieblingsent⸗ würfe mit erneuertem Ernſt zu verfolgen. Noch immer ſeiner erſten Maxime getreu, Sachſen von Schweden zu trennen, be⸗ ſtimmte er dieſes Land zum Winteraufenthalt ſeiner Trup⸗ pen, und hoffte, durch ſeine verderbliche Gegenwart den Kur⸗ fürſten um ſo eher zu einem beſondern Frieden zu zwingen. Kein Zeitpunkt konnte dieſem Unternehmen günſtiger ſeyn. Die Sachſen waren in Schleſien eingefallen, wo ſie, in Ver⸗ einigung mit brandenburgiſchen und ſchwediſchen Hülfsvölkern, einen Vortheil nach dem andern über die Truppen des Kaiſers erfochten. Durch eine Diverſion, welche man dem Kurfürſten in ſeinen eigenen Staaten machte, rettete man Schleſien; und das Unternehmen war deſto leichter, da Sachſen durch den ſchleſiſchen Krieg von Vertheidigern entblößt und dem Feinde von allen Seiten geöffnet war. Die Nothwendigkeit, ein öſter⸗ reichiſches Erbland zu retten, ſchlug alle Einwendungen des Kurfuͤrſten von Bayern darnieder, und unter der Maske eines patriotiſchen Eifers für das Beſte des Kaiſers konnte man ihn mit um ſo weniger Bedenklichkeit aufopfern. Indem man dem Koͤnig von Schweden das reiche Bayern zum Raube ließ, hoffte man in der Unternehmung auf Sachſen von ihm nicht geſtoͤrt zu werden, und die zunehmende Kaltſinnigkeit zwiſchen dieſem Monarchen und dem ſächſiſchen Hofe ließ ohnehin von ſeiner Seite wenig Eifer zur Befreiung Johann Georgs befuͤrch⸗ ten. Aufs neue alſo von ſeinem argliſtigen Beſchuͤtzer im Stich gelaſſen, trennte ſich der Kurfürſt zu Bamberg von Wallen⸗ ſtein, um mit dem kleinen Ueberreſt ſeiner Truppen ſein hülfloſes Land zu vertheidigen, und die kaiſerliche Armee rich⸗ tete unter Friedlands Anführung ihren Marſch durch Baireuth und Koburg nach dem Thuringer Walde. Ein kaiſerlicher General, von Holk, war bereits mit ſechs⸗ tauſend Mann in das Voigtland voraus geſchickt worden, dieſe wehrloſe Provinz mit Feuer und Schwert zu verheeren. Ihm wurde bald darauf Gallas nachgeſchickt, ein zweiter Feldherr des Herzogs und ein gleich treues Werkzeug ſeiner unmenſch⸗ lichen Befehle. Endlich wurde auch noch Graf Pappenheim aus Niederſachſen herbeigerufen, die geſchwächte Armee des Herzogs zu verſtärken und das Elend Sachſens vollkommen zu⸗ machen. Zerſtoͤrte Kirchen, eingeaſcherte Dörfer, verwüſtete Ernten, beraubte Familien, ermordete Unterthanen bezeichne⸗ ten den Marſch dieſer Barbarenheere; das ganze Thüringen, Voigtland und Meißen erlagen unter dieſer dreifachen Geißel. Aber ſie waren nur die Vorläufer eines größern Elends, mit wel⸗ chem der Herzog ſelbſt, an der Spitze der Hauptarmee, das un⸗ glückliche Sachſen bedrohte. Nachdem dieſer auf ſeinem zuge durch Franken und Thüringen die ſchauderhafteſten Denkmäler ſeiner Wuth hinterlaſſen, erſchien er mit ſeiner ganzen Macht in dem 336 Leipziger Kreiſe und zwang nach einer kurzen Belagerung die Stadt Leipzig zur Uebergabe. Seine Abſicht war, bis nach Dres⸗ den vorzudringen, und durch Unterwerfung des ganzen Landes dem Kurfuͤrſten Geſetze vorzuſchreiben. Schon naͤherte er ſich der Mulda, um die ſaͤchſiſche Armee, die bis Torgau ihm ent⸗ gegen gerückt war, mit ſeiner überlegenen Macht aus dem Felde zu ſchlagen, als die Ankunft des Königs von Schweden zu Erfurt ſeinen Eroberungsplanen eine unerwartete Gränze ſetzte. Im Gedränge zwiſchen der ſächſiſchen und ſchwediſchen Macht, welche Herzog Georg von Lüneburg von Nieder⸗ ſachſen aus noch zu verſtärken drohte, wich er eilfertig gegen Merſeburg zuruͤck, um ſich dort mit dem Grafen von Pappen⸗ heim zu vereinigen und die eindringenden Schweden mit Nachdruck zurückzutreiben. Nicht ohne große Unruhe hatte Guſtav Adolphden Kunſtgriffen zugeſehen, welche Spanien und Oeſterreich verſchwendeten, um ſeinen Alliirten von ihm abtrünnig zu machen. So wichtig ihm das Bündniß mit Sachſen war, ſo viel mehr Urſache hatte er, vor dem unbe⸗ ſtandigen Gemüthe Johann Georgs zu zittern. Nie hatte zwiſchen ihm und dem Kurfürſten ein aufrichtiges freundſchaft⸗ liches Verhältniß ſtatt gefunden. Einem Prinzen, der auf ſeine politiſche Wichtigkeit ſtolz, und gewohnt war, ſich als das Haupt ſeiner Partei zu betrachten, mußte die Einmiſchung einer fremden Macht in die Reichsangelegenheiten bedenklich und druͤckend ſeyn, und den Widerwillen, womit er die Fort⸗ ſchritte dieſes unwillkommenen Fremdlings betrachtete, hatte nur die aͤußerſte Noth ſeiner Staaten auf eine Zeit lang beſiegen können. Das wachſende Anſehen des Königs in Deutſchland, ſein uͤberwiegender Einfluß auf die proteſtantiſchen Staͤnde, die nicht ſehr zweidentigen Beweiſe ſeiner ehrgeizigen Abſichten, bedenklich genug, die ganze Wachſamkeit der Reichsſtaͤnde auf⸗ —O—O—QO˖ñ——Q—᷑QO.—— 337 zufordern, machten bei dem Kurfuͤrſten tauſend Beſorgniſſe rege, welche die kaiſerlichen Unterhaͤndler geſchickt zu naͤhren und zu vergroͤßern wußten. Jeder eigenmachtige Schritt des Königs, jede auch noch ſo billige Forderung, die er an die Reichsfürſten machte, gaben dem Kurfürſten Anlaß zu bittern Beſchwerden, die einen nahen Bruch zu verkündigen ſchienen. Selbſt unter den Generalen beider Theile zeigten ſich, ſo oft ſie vereinigt agiren ſollten, vielfache Spuren der Eiferſucht, welche ihre Beherrſcher entzweite. Johann Georss naturliche Abneigung vor dem Krieg, und ſeine noch immer nicht unterdrückte Er⸗ gebenheit gegen Oeſterreich, begünſtigte Arnhe ims Bemühun⸗ gen, der, in beſtändigem Einverſtändniſſe mit W allenſtein, unermuͤdet daran arbeitete, ſeinen Herrn zu einem Privatver⸗ gleich mit dem Kaiſer zu vermögen; und fanden ſeine Vor⸗ ſtellungen auch lange Zeit keinen Eingang, ſo lehrte doch zuletzt der Erfolg, daß ſie nicht ganz ohne Wirkung geblieben waren. Guſtav Adolph, mit Recht vor den Folgen bange, die der Abfall eines ſo wichtigen Bundesgenoſſen von ſeiner Partei für ſeine ganze künftige Eriſtenz in Deutſchland haben mußte, ließ kein Mittel unverſucht, dieſen bedenklichen Schritt zu ver⸗ hindern, und bis jetzt hatten ſeine Vorſtellungen ihren Eindruck auf den Kurfürſten nicht ganz verfehlt. Aber die fürchterliche Macht, womit der Kaiſer ſeine verführeriſchen Vorſchläge unter⸗ ſtützte, und die Drangſale, die er bei längerer Weigerung über Sachſen zu häufen drohte, konnten endlich doch, wenn man ihn ſeinen Feinden hülflos dahingab, die Standhaftigkeit des Kurfürſten überwinden, und dieſe Gleichgultigkeit gegen einen ſo wichtigen Bundesgenoſſen das Vertrauen aller uͤbrigen Alliir⸗ ten Schwedens zu ihrem Beſchützer auf immer darnieder ſchla⸗ gen. Dieſe Betrachtung bewog den König, den dringenden 4 Einladungen, welche der hart bedrohte Kurfürſt an ihm ergehen Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 22 338 ließ, zum zweiten Male nachzugeben, und der Rettung dieſes Bundesgenoſſen alle ſeine glänzenden Hoffnungen aufzuopfern, Schon hatte er einen zweiten Angriff auf Ingolſtadt beſchloſſen und die Schwaͤche des Kurfürſten von Bayern rechtfertigte ſeine Hoffnung, dieſem erſchöpften Feinde doch endlich noch die Neu⸗ tralität aufzudringen. Der Aufſtand des Landvolks in Ober⸗ öſterreich offnete ihm dann den Weg in dieſes Land, und der Sitz des Kaiſerthrons konnte in ſeinen Händen ſeyn, ehe Wal⸗ lenſtein Zeit hatte, mit Hülfe herbeizueilen. Alle dieſe ſchim⸗ mernden Hoffnungen ſetzte er dem Wohl eines Alliirten nach, den weder Verdienſte noch guter Wille dieſes Opfers werth mach⸗ ten; der, bei den dringendſten Aufforderungen des Gemein⸗ geiſtes, nur ſeinem eigenen Vortheil mit kleinlicher Selbſtſucht diente; der nicht durch die Dienſte, die man ſich von ihm ver⸗ ſprach, nur durch den Schaden, den man von ihm beſorgte, bedeutend war. Und wer erwehrt ſich nun des Unwillens, wenn er hoͤrt, daß auf dem Wege, den Guſtav Adolph jetzt zur Befreiung dieſes Fürſten antritt, der große König das Ziel ſeiner Thaten findet? Schnell zog er ſeine Truppen im fränkiſchen Kreiſe zuſam⸗ men, und folgte dem Wallenſtein' ſchen Heere durch Thü⸗ ringen nach. Herzog Bernhard von Weimar, der gegen Pappenheim war vorausgeſchickt worden, ſtieß bei Arnſtadt zu dem Könige, der ſich jetzt an der Spitze von zwanzigtauſend Mann geübter Truppen erblickte. Zu Erfurt trennte er ſich von ſeiner Gemahlin, die ihn nicht eher als zu Weißenfels— im Sarge wieder ſehen ſollte; der bange gepreßte Abſchied deu⸗ tete auf eine ewige Trennung. Er erreichte Naumburg am erſten November des Jahrs 1632, ehe die dahin detaſchirten Corps des Herzogs von Friedland ſich dieſes Platzes bemaͤch⸗ tigen konnten. Schaarenweiſe ſtroͤmte alles Volk aus der um⸗ 339 liegenden Gegend herbei, den Helden, den Racher, den großen König anzuſtaunen, der ein Jahr vorher auf eben dieſem Bo⸗ den als ein rettender Engelerſchienen war. Stimmen der Freude umtönten ihn, wo er ſich ſehen ließ; anbetend ſtürzte ſich Alles vor ihm auf die Kniee; man ſtritt ſich um die Gunſt, die Scheide ſeines Schwerts, den Saum ſeines Kleides zu berühren. Den beſcheidenen Helden empörte dieſer unſchuldige Tribut, den ihm die aufrichtigſte Dankbarkeit und Bewunderung zollte.„Iſt es nicht, als ob dieſes Volk mich zum Gott mache?“ ſagte er zu ſeinen Begleitern.„Unſere Sachen ſtehen gut; aber ich fürchte, die Rache des Himmels wird mich für dieſes verwegene Gaukelſpiel ſtrafen, und dieſem thörichten Haufen meine ſchwache ſterbliche Menſchheit früh genug offenbaren.“ Wie lie⸗ benswürdig zeigt ſich uns Guſtav, eh' er auf ewig von uns Abſchied nimmt! Auch in der Fülle ſeines Glücks die richtende Nemeſis ehrend, verſchmaht er eine Huldigung, die nur den Unſterblichen gebührt, und ſein Recht auf unſere Thraͤnen ver⸗ doppelt ſich, eben da er dem Augenblick nahe iſt, ſie zu er⸗ regen. Unterdeſſen war der Herzog von Friedland dem anrücken⸗ den König bis Weißenfels entgegen gezogen, entſchloſſen, die Winterquartiere in Sachſen, auch wenn es eine Schlacht koſten ſollte, zu behaupten. Seine Unthatigkeit vor Nürnberg hatte ihn dem Verdacht ausgeſetzt, als ob er ſich mit dem nordi⸗ ſchen Helden nicht zu meſſen wagte, und ſein ganzer Ruhm war in Gefahr, wenn er die Gelegenheit zu ſchlagen zum zwei⸗ ten Male entwiſchen ließ. Seine Ueberlegenheit an Truppen⸗ wiewohl weit geringer, als ſie in der erſten Zeit des Nürn⸗ bergiſchen Lagers geweſen, machte ihm die wahrſcheinlichſte Hoffnung zum Sieg, wenn er den König, vor der Vereinigung desſelben mit den Sachſen, in ein Treffen verwickeln konnte. 340 Wber ſeine jetzige Zuverſicht war nicht ſowohl auf ſeine groͤßere Truppenzahl, als auf die Verſicherungen ſeines Aſtrologen Seni gegründet, welcher in den Sternen geleſen hatte, daß 92s Glück des ſchwediſchen Monarchen im November unter⸗ gehen würde. Ueberdieß waren zwiſchen Kamburg und Weißen⸗ zels enge Paͤſſe, von einer fortlaufenden Bergkette und der nahe ſtrömenden Saale gebildet, welche es der ſchwediſchen Armee aͤußerſt ſchwer machten, vorzudringen, und mit Huͤlfe weniger Truppen ganzlich geſchloſſen werden konnten. Dem König blieb dann keine andere Wahl, als ſich mit groͤßter Ge⸗ fohr durch die Defileen zu winden, oder einen beſchwerlichen Ruckzug durch Thüringen zu nehmen, und in einem verwüſte⸗ ten Lande, wo es an jeder Nothdurft gebrach, den größten Theil jeiner Truppen einzubußen. Die Geſchwindigkeit, mit der Buſtav Adolph von Naumburg Beſitz nahm, vernichtete dieſen Plan. und jetzt war es Wallenſtein ſelbſt, der den Ingriff erwartete. Aber in dieſer Erwartung ſah er ſich getäuſcht, als der König, anſtatt ihm bis Weißenfels entgegen zu rücken, alle Anſtalten traf, ſich bei Naumburg zu verſchanzen, und hier die Verſtärkungen zu erwarten, welche der Herzog von Lüne⸗ burg im Begriff war ihm zuzuführen. Unſchlüſſig, ob er dem König durch die engen Päſſe zwiſchen Weißenfels und Naum⸗ zurg entgegen gehen, oder in ſeinem Lager unthäͤtig ſtehen blei⸗ ben ſollte, verſammelte er ſeinen Kriegsrath, um die Meinung ſeiner erfahrenſten Generale zu vernehmen. Keiner von allen fand es rathſam, den Koͤnig in ſeiner vortheilhaften Stellung anzugreifen, und die Vorkehrungen, welche dieſer zu Befeſtigung ſeines Lagers traf, ſchienen deutlich anzuzeigen, daß er gar gicht Willens ſey, es ſo bald zu verlaſſen. Aber eben ſo wenig wlaubte der eintretende Winter, den Feldzug zu verlaͤngern, 341 und eine der Ruhe ſo ſehr bedurftige Armee durch fortgeſesee Campirung zu ermüden. Alle Stimmen erklärten ſich für die Endigung des Feldzugs, um ſo mehr, da die wichtige Stade Köln am Rhein von hollandiſchen Truppen gefaͤhrlich bedrohe war, und die Fortſchritte des Feindes in Weſtphalen und am unterrhein die nachdruͤcklichſte Huͤlfe in dieſen Gegenden er⸗ heiſchten. Der Herzog von Friedland erkannte das Gewich dieſer Gründe, und beinahe überzeugt, daß von dem König fur dieſe Jahrszeit kein Angriff mehr zu befürchten ſey, bewilligte er ſeinen Truppen die Winterquartiere, doch ſo, daß ſie aufs ſchnellſte verſammelt waren, wenn etwa der Feind gegen acle Erwartung noch einen Angriff wagte. Graf Pappenheim wurde mit einem großen Theile des Heers entlaſſen, um de⸗ Stadt Köln zu Hülfe zu eilen, und auf dem Wege dahin die Feſtung Morizburg bei Halle in Beſitz zu nehmen. Einzela⸗ Corps bezogen in den ſchicklichſten Städten umher ihre Winter⸗ quartiere, um die Bewegungen des Feindes von allen Seiter beobachten zu können. Graf Colloredo bewachte das Schloß zu Weißenfels, und Wallenſtein ſelbſt blieb mit dem Ueber⸗ reſte unweit Merſeburg zwiſchen dem Floßgraben und der Saale ſtehen, von wo er geſonnen war, ſeinen Marſch über Leipzis zu nehmen und die Sachſen von dem ſchwediſchen Herre abzu⸗ ſchneiden. Kaum aber hatte Guſtav Adolph Pappenheims Abzug vernommen, ſo verließ er plötzlich ſein Lager bei Naum⸗ burg, und eilte, den um die Häaͤlfte geſchwächten Feind mit ſeiner ganzen Macht anzufallen. In beſchleunigtem Marſche rückte er gegen Weißenfels vor, von wo aus ſich das Gerücht von ſeiner Ankunft ſchnell bis zum Feinde verbreitete und den Herzog von Friedland in die höchſte Verwunderung ſetzte. Aber es galt jetzt einen ſchnellen Entſchluß, und der Herzog hatte 34² ſeine Maßregeln bald genommen. Obgleich man dem zwanzig⸗ tauſend Mann ſtarken Feinde nicht viel über zwolftauſend ent⸗ gegenzuſetzen hatte, ſo konnte man doch hoffen, ſich bis zu Pappenheims Rückkehr zu behaupten, der ſich höchſtens fünf Meilen weit, bis Halle, entfernt haben konnte. Schnell flogen Eilboten ab, ihn zurückzurufen, und zugleich zog ſich Wallen⸗ ſtein in die weite Ebene zwiſchen dem Floßgraben und Lützen, wo er in völliger Schlachtordnung den König erwartete, und ihn durch dieſe Stellung von Leipzig und den ſaͤchſiſchen Völ⸗ kern trennte. Drei Kanonenſchüſſe, welche Graf Colloredo von dem Schloſſe zu Weißenfels abbrannte, verkündigten den Marſch des Königs, und auf dieſes verabredete Signal zogen ſich die Friedlandiſchen Vortruppen unter dem Commando des Kroaten⸗ Generals Iſolani zuſammen, die an der Rippach gelegenen Doͤrfer zu beſetzen. Ihr ſchwacher Widerſtand hielt den an⸗ rückenden Feind nicht auf, der bei dem Dorfe Rippach über das Waſſer dieſes Namens ſetzte, und ſich unterhalb Lützen der kaiſerlichen Schlachtordnung gegenüber ſtellte. Die Landſtraße, welche von Weißenfels nach Leipzig führt, wird zwiſchen Lützen und Markranſtädt von dem Floßgraben durchſchnitten, der ſich von Zeitz nach Merſeburg erſtreckt und die Elſter mit der Saale verbindet. An dieſen Canal lehnte ſich der linke Flügel der Kaiſerlichen und der rechte des Königs von Schweden, doch ſo, daß ſich die Reiterei beider Theile noch jenſeits desſelben ver⸗ breitete. Nordwärts hinter Lutzen hatte ſich Wallenſteins rechter Flugel, und ſüdwarts von dieſem Staͤdtchen der linke Flügel des ſchwediſchen Heeres gelagert. Beide Armeen kehrten der Landſtraße ihre Fronte zu, welche mitten durch ſie hinging, und eine Schlachtordnung von der andern abſonderte. Aber eben dieſer Landſtraße hatte ſich Wallenſtein am Abend vor 343 der Schlacht zum großen Nachtheil ſeines Gegners bemachtigt, die zu beiden Seiten derſelben fortlaufenden Graben vertiefen und durch Musketiere beſetzen laſſen, daß der Uebergang ohne Be⸗ ſchwerlichkeit und Gefahr nicht zu wagen war. Hinter denſelben ragte eine Batterie von ſieben großen Kanonen hervor, das Musketenfeuer aus den Graͤben zu unterſtützen, und an den Windmühlen, nahe hinter Lutzen, waren vierzehn kleinere Feld⸗ ſtücke auf einer Anhöhe aufgepflanzt, von der man einen großen Theil der Ebene beſtreichen konnte. Die Infanterie, in nicht mehr als fünf große und unbehülfliche Brigaden vertheilt, ſtand in einer Entfernung von dreihundert Schritten hinter der Land⸗ ſtraße in Schlachtordnung, und die Reiterei bedeckte die Flan⸗ ken. Alles Gepacke ward nach Leipzig geſchickt, um die Bewe⸗ gungen des Heeres nicht zu hindern, und bloß die Munitions⸗ wagen hielten hinter dem Treffen. Um die Schwaͤche der Armee zu verbergen, mußten alle Troßjungen und Knechte zu Pferde ſitzen, und ſich an den linken Flügel anſchließen; doch nur ſo lange, bis die Pappenheim'ſchen Völker anlangten. Dieſe ganze Anordnung geſchah in der Finſterniß der Nacht, und ehe der Tag graute, war Alles zum Empfang des Feindes bereitet. Noch an eben dieſem Abend erſchien Guſtav Adolph auf der gegenüberliegenden Ebene, und ſtellte ſeine Völker zum Treffen. Die Schlachtordnung war dieſelbe, wodurch er das Jahr vorher bei Leipzig geſiegt hatte. Durch das Fußvolk wur⸗ den kleine Schwadronen verbreitet, unter die Reiterei hin und wieder eine Anzahl Musketiere vertheilt. Die ganze Armee ſtand in zwei Linien, den Floßgraben zur Rechten und hinter ſich, vor ſich die Landſtraße, und die Stadt Lützen zur Linken. In der Mitte hielt das Fußvolk unter des Grafen von Brahe Befehlen, die Reiterei auf den Flügeln, und vor der Fronte das 344 Geſchutz. Einem deutſchen Helden, dem Herzog Bernhard von Weimar, war die deutſche Reiterei des linken Flügels unter⸗ geben, und auf dem rechten führte der Koͤnig ſelbſt ſeine Schwe⸗ den an, die Eiferſucht beider Völker zu einem edeln Wettkampfe zu erhitzen. Auf ahnliche Art war das zweite Treffen geordnet, und hinter demſelben hielt ein Reſervecorps unter Hender⸗ ſons, eines Schottländers, Commando. Alſo gerüſtet erwartete man die blutige Morgenrothe, um einen Kampf zu beginnen, den mehr der lange Aufſchub als die Wichtigkeit der möglichen Folgen, mehr die Auswahl als die Anzahl der Truppen furchtbar und merkwurdig machten. Die geſpannten Erwartungen Europens, die man im Lager vor Nürnberg hinterging, ſollten nun in den Ebenen Lützens be⸗ friedigt werden. Zwei ſolche Feldherren, ſo gleich an Anſehen, an Ruhm und an Fähigkeit, hatten im ganzen Laufe dieſes Krieges noch in keiner offenbaren Schlacht ihre Kräfte gemeſſen, eine ſo hohe Wette noch nie die Kühnheit geſchreckt, ein ſo wich⸗ tiger Preis noch nie die Hoffnung begeiſtert. Der morgende Tag ſollte Europa ſeinen erſten Kriegsfürſten kennen lehren und einen Ueberwinder dem nie Ueberwundenen geben. Ob am Lechſtrom und bei Leipzig Guſtav Adolphs Genie, oder nur die Ungeſchicklichkeit ſeines Gegners den Ausſchlag be⸗ ſtimmte, mußte der morgende Tag außer Zweifel ſetzen. Mor⸗ gen mußte Friedlands Verdienſt die Wahl des Kaiſers rechtfertigen, und die Groͤße des Mannes die Größe des Preiſes aufwaͤgen, um den er erkauft worden war. Eiferſüchtig theilte jeder einzelne Mann im Heere ſeines Führers Ruhm, und unter jedem Harniſche wechſelten die Gefühle, die den Buſen der Generale durchflammten. Zweifelhaft war der Sieg, gewiß die Arbeit und das Blut, das er dem Ueberwinder wie dem Ueberwundenen koſten mußte. Man kannte den Feind vollkommen, dem man jetzt gegenüber ſtand, und die Bangig⸗ keit, die man vergeblich bekämpfte, zeugte glorreich für ſeine Stärke. Endlich erſcheint der gefürchtete Morgen; aber ein undurch⸗ dringlicher Nebel, der über das ganze Schlachtfeld verbreitet liegt, verzögert den Angriff noch bis zur Mittagsſtunde. Vor der Fronte knieend hält der König ſeine Andacht; die ganze Armee, auf die Kniee hingeſtuͤrzt, ſtimmt zu gleicher Zeit ein. rührendes Lied an, und die Feldmuſik begleitet den Geſang. Dann ſteigt der König zu Pferde, und bloß mit einem ledernen Koller und einem Tuchrock bekleidet(eine vormals empfangene Wunde erlaubte ihm nicht mehr, den Harniſch zu tragen). durchreitet er die Glieder, den Muth der Truppen zu einer frohen Zuverſicht zu entflammen, die ſein eigner ahnungsvoller Buſen verlaͤugnet.„Gott mit uns!“ war das Wort der Schweden; das der Kaiſerlichen:„Jeſus Maria.“ Gegen eilf Uhr fängt der Nebel an, ſich zu zertheilen, und der Feind wird ſichtbar. Zugleich ſieht man Lutzen in Flammen ſtehen, auf Befehl des Herzogs in Brand geſteckt, damit er von dieſer Seite nicht überflügelt wurde. Jetzt tönt die Loſung, die Reiteret ſprengt gegen den Feind, und das Fußvolk iſt im Anmarſch gegen die Gräben. Von einem furchterlichen Feuer der Musketen und des da⸗ hinter gepflanzten groben Geſchützes empfangen, ſetzen dieſe tapfern Bataillons mit unerſchrockenem Muth ihren Angriff fort, die feindlichen Musketiere verlaſſen ihren Poſten, die Gräben ſind uberſprungen, die Batterie ſelbſt wird erobert und ſogleich gegen den Feind gerichtet. Sie dringen weiter mit un⸗ aufhaltſamer Gewalt, die erſte der fuͤnf Friedlaͤndiſchen Brigaden wird niedergeworfen, gleich darauf die zweite, und ſchon wendet ſich die dritte zur Flucht; aber hier ſtellt ſich der ſchnell gegen⸗ 346 3 wartige Geiſt des Herzogs ihrem Andrang entgegen. Mit Blitzesſchnelligkeit iſt er da, der Unordnung ſeines Fußvolkes zu ſteuern, und ſeinem Machtwort gelingt's, die Fliehenden zum Stehen zu bewegen. Von drei Cavallerie⸗Regimentern unter⸗ ſtützt, machen die ſchon geſchlagenen Brigaden aufs neue Fronte gegen den Feind, und dringen mit Macht in ſeine zerriſſenen Glieder. Ein mörderiſcher Kampf erhebt ſich, der nahe Feind gibt dem Schießgewehr keinen Raum, die Wuth des Angriffs keine Friſt mehr zur Ladung, Mann ſicht gegen Mann, das unnütze Feuerrohr macht dem Schwert und der Pike Platz, und die Kunſt der Erbitterung. Ueberwaltigt von der Menge weichen endlich die ermatteten Schweden über die Graͤben zurück, und die ſchon eroberte Batterie geht bei dieſem Rückzug ver⸗ loren. Schon bedecken tauſend verſtümmelte Leichen das Land, und noch iſt kein Fuß breit Erde gewonnen. Indeſſen hat der rechte Flügel des Königs, von ihm ſelbſt angeführt, den linken des Feindes angefallen. Schon der erſte machtvolle Andrang der ſchweren finnlandiſchen Cuiraſſiere zer⸗ ſtreute die leicht berittenen Polen und Kroaten, die ſich an die⸗ ſen Flügel anſchloſſen, und ihre unordentliche Flucht theilte auch der übrigen Reiterei Furcht und Verwirrung mit. In dieſem Augenblick hinterbringt man dem Koͤnig, daß ſeine Infanterie uber die Graͤben zurückweiche und auch ſein linker Flügel durch das feindliche Geſchütz von den Windmühlen aus furchtbar ge⸗ kngſtigt und ſchon zum Weichen gebracht werde. Mit ſchneller Beſonnenheit übertragt er dem General von Horn, den ſchon geſchlagenen linken Flügel des Feindes zu verfolgen, und er ſelbſt eilt an der Spitze des Stenbock'ſchen Regiments da⸗ von, der Unordnung ſeines eigenen linken Flügels abzuhelfen. Sein edles Roß traͤgt ihn pfeilſchnell über die Graͤben; aber ſchwerer wird den nachfolgenden Schwadronen der Uebergang,⸗ 347 und nur wenige Reiter, unter denen Franz Albert, Herzog von Sachſen⸗Lauenburg, genannt wird, waren behend genug, ihm zur Seite zubleiben. Er ſprengte geraden Weges demjenigenOrte zu, wo ſein Fußvolk am gefahrlichſten bedrängt war, und indem er ſeine Blicke umherſendet, irgend eine Blöße des feindlichen Heeres auszuſpahen, auf die er den Angriff richten könnte, führt ihn ſein kurzes Geſicht zu nah an dasſelbe. Ein kaiſer⸗ licher Gefreiter bemerkt, daß dem Vorüberſprengenden Alles ehrfurchtsvoll Platz macht, und ſchnell befiehlt er einem Mus⸗ ketier, auf ihn anzuſchlagen.„Auf den dort ſchieße,“ ruft er, „das muß ein vornehmer Mann ſeyn.“ Der Soldat drückt ab, und dem König wird der linke Arm zerſchmettert. In dieſem Augenblicke kommen ſeine Schwadronen dahergeſprengt, und ein verwirrtes Geſchrei:„Der König blutet!— Der König iſt erſchoſſen!“ breitet unter den Ankommenden Schrecken und Entſetzen aus.„Es iſt nichts— folgt mir!“ ruft der König, ſeine ganze Stärke zuſammenraffend; aber über⸗ wältigt von Schmerz und der Ohnmacht nahe, bittet er in franzö⸗ ſiſcher Sprache den Herzog von Lauenburg, ihn ohne Aufſehen aus dem Gedraͤnge zu ſchaffen. Indem der Letztere auf einem weiten Umweg, um der muthloſen Infanterie dieſen niederſchlagenden Anblick zu entziehen, nach dem rechten Fluͤgel mit dem Könige umwendet, erhaͤlt dieſer einen zweiten Schuß durch den Rücken, der ihm den letzten Reſt ſeiner Krafte raubt.„Ich habe genug, Bruder!“ ruft er mit ſterbender Stimme;„ſuche du nur dein Leben zu retten.“ Zugleich ſank er vom Pferde, und von noch meh⸗ rern Schüſſen durchbohrt, von allen ſeinen Begleitern verlaſſen, verhauchte er unter den raͤuberiſchen Handen der Kroaten ſein Leben. Bald entdeckte ſein ledig fliehendes, in Blut gebadetes Roß der ſchwediſchen Reiterei ihres Koͤnigs Fall, und wuthend dringt ſie herbei, dem gierigen Feind dieſe heilige Beute zu ent⸗ 348 reißen. Um ſeinen Leichnam entbrennt ein mörderiſches Ge⸗ fecht, und der entſtellte Körper wird unter einem Hügel von Todten begraben. Die Schreckenspoſt durcheilt in kurzer Zeit das ganze ſchwe⸗ diſche Heer; aber anſtatt den Muth dieſer tapfern Schaaren zu ertoͤdten, entzündet ſie ihn vielmehr zu einem neuen, wilden, verzehrenden Feuer. Das Leben fällt in ſeinem Preiſe, da das heiligſte aller Leben dahin iſt, und der Tod hat für den Nie⸗ drigen keine Schrecken mehr, ſeitdem er das gekrönte Haupt nicht verſchonte. Mit Löwengrimm werfen ſich die uplaͤndiſchen, ſmalaͤndiſchen, finniſchen, oſt⸗ und weſtgothiſchen Regimenter zum zweiten Male auf den linken Flügel des Feindes, der dem General von Horn nur noch ſchwachen Widerſtand leiſtet und jetzt voͤllig aus dem Felde geſchlagen wird. Zugleich gibt Herzog Bernhard von Weimar dem verwaisten Heere der Schwe⸗ den in ſeiner Perſon ein fähiges Oberhaupt, und der Geiſt Guſtav Adolphs führt von neuem ſeine ſiegreichen Schaaren. Schnell iſt der linke Flügel wieder geordnet, und mit Macht dringt er auf den rechten der Kaiſerlichen ein. Das Geſchutz an den Windmuͤhlen, das ein ſo mörderiſches Feuer auf die Schweden geſchleudert hatte, fällt in ſeine Hand, und auf die Feinde ſelbſt werden jetzt dieſe Donner gerichtet. Auch der Mittel⸗ punkt des ſchwediſchen Fußvolks ſetzt unter Bernhards und Kniephauſens Anführung aufs neue gegen die Gräben an, über die er ſich glücklich hinwegſchwingt und zum zweiten Male die Batterie der ſieben Kanonen erobert. Auf die ſchweren Bataillons des feindlichen Mittelpunkts wird jetzt mit gedop⸗ pelter Wuth der Angriff erneuert, immer ſchwaͤcher und ſchwächer widerſtehen ſie, und der Zufall ſelbſt verſchwort ſich mit der ſchwediſchen Tapferkeit, ihre Niederlage zu vollenden⸗ Feuer ergreift die kaiſerl chen Pulverwagen, und unter ſchreck⸗ 349 lichem Donnerknalle ſieht man die aufgehaͤuften Granaten und Bomben in die Lufte fliegen. Der in Beſtuͤrzung geſetzte Feind wäͤhnt ſich von hinten angefallen, indem die ſchwediſchen Bri⸗ gaden von vorn ihm entgegenſtürmen. Der Muth entfallt ihm. Er ſieht ſeinen linken Flugel geſchlagen, ſeinen rechten im Be⸗ griff zu erliegen, ſein Geſchütz in des Feindes Hand. Es neigt ſich die Schlacht zu ihrer Entſcheidung, das Schickſal des Tages hangt nur noch an einem einzigen Augenblick— da erſcheint Pappenheim auf dem Schlachtfelde mit Cuiraſſieren und Dragonern; alle erhaltenen Vortheile ſind verloren, und eine ganz neue Schlacht fängt an. Der Befehl, welcher dieſen General nach Lützen zurückrief, hatte ihn zu Halle erreicht, eben da ſeine Völker mit Plünde⸗ rung dieſer Stadt noch beſchäftigt waren. Unmöglich war's, das zerſtreute Fußvolk mit der Schnelligkeit zu ſammeln, als die dringende Ordre und die Ungeduld dieſes Kriegers ver⸗ langten. Ohne es zu erwarten, ließ er acht Regimenter Caval⸗ lerie aufſitzen, und eilte an der Spitze derſelben ſpornſtreichs auf Lützen zu, an dem Feſte der Schlacht Theil zu nehmen. Er kam noch eben recht, um die Flucht des kaiſerlichen linken Flügels, den Guſtav Horn aus dem Felde ſchlug, zu bezeu⸗ gen, und ſich anfänglich ſelbſt darein verwickelt zu ſehen. Aber mit ſchneller Gegenwart des Geiſtes ſammelt er dieſe flüchtigen Völker wieder, und fuͤhrt ſte aufs neue gegen den Feind. Fort⸗ geriſſen von ſeinem wilden Muth, und voll Ungeduld, dem König ſelbſt, den er an der Spitze dieſes Flügels vermuthet, gegenuber zu fechten, bricht er fürchterlich in die ſchwediſchen Schaaren, die, ermattet vom Sieg und an Anzahl zu ſchwach, dieſer Fluth von Feinden nach dem maͤnnlichſten Widerſtand unterliegen. Auch den erlöſchenden Muth des kaiſerlichen Fuß⸗ volks ermuntert Pappenheims nicht mehr gehoffte Erſchei⸗ 350 nung, und ſchnell benutzt der Herzog von Friedland den günſtigen Augenblick, das Treffen aufs neue zu formiren. Die dicht geſchloſſenen ſchwediſchen Bataillons werden unter einem mörderiſchen Gefechte über die Gräben zurückgetrieben und die zweimal verlornen Kanonen zum zweiten Mal ihren Händen entriſſen. Das ganze gelbe Regiment, als das trefflichſte von allen, die an dieſem blutigen Tage Beweiſe ihres Heldenmuths gaben, lag todt dahin geſtreckt, und bedeckte noch in derſelben ſchönen Ordnung den Wahlplatz, den es lebend mit ſo ſtand⸗ haftem Muthe behauptet hatte. Ein aͤhnliches Loos traf ein anderes blaues Regiment, welches Graf Piccolomini mit der kaiſerlichen Reiterei nach dem wüthendſten Kampfe zu Boden warf. Zu ſieben verſchiedenen Malen wiederholte dieſer treffliche General den Angriff; ſieben Pferde wurden unter ihm erſchoſſen, und ſechs Musketenkugeln durchbohrten ihn. Den⸗ noch verließ er das Schlachtfeld nicht eher, als bis ihn der Rückzug des ganzen Heeres mit fortriß. Den Herzog ſelbſt ſah man, mitten unter dem feindlichen Kugelregen, mit kuͤhler Seele ſeine Truppen durchreiten, dem Nothleidenden nahe mit Hülfe, dem Tapfern mit Beifall, dem Verzagten mit ſeinem ſtrafenden Blick. Um und neben ihm ſtürzten ſeine Völker ent⸗ ſeelt dahin, und ſein Mantel wird von vielen Kugeln durch⸗ löchert. Aber die Rachegötter beſchützen heute ſeine Bruſt⸗ für die ſchon ein anderes Eiſen geſchliffen iſt; auf dem Bette, wo Guſtav erblaßte, ſollte Wallenſte in den ſchuldbefleckten Geiſt nicht verhauchen.. Nicht ſo glücklich war Pappenheim, der Telamonier des Heers, der furchtbarſte Soldat des Hauſes Oeſterreich und der Kirche. Glühende Begier, dem König ſelbſt im Kampfe zu begegnen, riß den Wüthenden mitten in das blukigſte Schlacht⸗ gewuhl, wo er ſeinen edeln Feind am wenigſten zu verfehlen 351 hoffte. Auch Guſtav hatte den feurigſten Wunſch gehegt, die⸗ ſen geachteten Gegner von Angeſicht zu ſehen, aber die feind⸗ ſelige Sehnſucht blieb ungeſtillt, und erſt der Tod führte die ver⸗ ſöhnten Helden zuſammen. Zwei Musketenkugeln durchbohrten Pappenheims narbenvolle Bruſt, und gewaltſam mußten ihn die Seinen aus dem Mordgewühl tragen. Indem man beſchäftigt war, ihn hinter das Treffen zu bringen, drang ein⸗ Gemurmel zu ſeinen Ohren, daß der, den er ſuchte, entſeelt auf dem Wahlplatz liege. Als man ihm die Wahrheit dieſes Geruͤchtes bekraͤftigte, erheiterte ſich ſein Geſicht und das letzte Feuer blitzte in ſeinen Augen.„So hinterbringe man denn dem Herzog von Friedland,“ rief er aus,„daß ich ohne Hoffnung zum Leben darnieder liege, aber fröhlich dahin ſcheide⸗ da ich weiß, daß dieſer unverſöhnliche Feind meines Glaubens an Einem Tage mit mir gefallen iſt.“ Mit Pappenheim verſchwand das Gluͤck der Kaiſerlichen⸗ von dem Schlachtfelde. Nicht ſobald vermißte die ſchon einmal⸗ geſchlagene und durch ihn allein wieder hergeſtellte Reiterei des linken Fluͤgels ihren ſieghaften Führer, als ſie Alles verloren. gab und mit muthloſer Verzweiflung das Weite ſuchte. Gleiche Beſtürzung ergriff auch den rechten Flügel, wenige Regimenter ausgenommen, welche die Tapferkeit ihrer Obriſten, Götz, Terzky, Colloredo und Piccolomini, nöthigte, Stand zu halten. Die ſchwediſche Infanterie benutzt mit ſchneller Entſchloſſenheit die Beſtürzung des Feindes. Um die Lucken zu ergänzen, welche der Tod in ihr Vordertreffen geriſſen, zie⸗ hen ſich beide Linien in Eine zuſammen, die den letzten ent⸗ ſcheidenden Angriff wagt. Zum dritten Male ſetzt ſie über die Gräben und zum dritten Male werden die dahinter gepflanzten Stüͤcke erobert. Die Sonne neigt ſich eben zum Untergang, indem beide Schlachtordnungen auf einander treffen. Heftiger 35² erhitzt ſich der Streit an ſeinem Ende, die letzte Kraft ringt mit der letzten Kraft, Geſchicklichkeit und Wuth thun ihr Aeußerſtes, in den letzten theuren Minuten den ganzen ver⸗ lorenen Tag nachzuholen. Umſonſt, die Verzweiflung erhebt jede über ſich ſelbſt, keine verſteht zu ſiegen, keine zu weichen, und die Taktik erſchöpft hier ihre Wunder nur, um dort neue, nie gelernte, nie in Uebung gebrachte Meiſtterſtüͤcke der Kunſt zu entwickeln. Endlich ſetzten Nebel und Nacht dem Gefecht eine Graͤnze, dem die Wuth keine ſetzen will, und der Angriff hört auf, weil man ſeinen Feind nicht mehr findet. Beide Kriegsheere ſcheiden mit ſtillſchweigender Uebereinkunft aus einander, die erfreuenden Trompeten ertoͤnen, und jedes, für unbeſiegt ſich erklärend, verſchwindet aus dem Gefilde. Die Artillerie beider Theile blieb, weil die Roſſe ſich ver⸗ laufen, die Nacht über auf dem Wahlplatze verlaſſen ſtehen— zugleich der Preis und die Urkunde des Sieges für den, der die Wahlſtatt eroberte. Aber über der Eilfertigkeit, mit der er von Leipzig und Sachſen Abſchied nahm, vergaß der Herzog von Friedland, ſeinen Antheil daran von dem Schlachtfelde abzuholen Nicht lange nach geendigtem Treffen erſchien das Pappenheim'ſche Fußvolk, das ſeinem vorauseilenden Gene⸗ ral nicht ſchnell genug hatte folgen koͤnnen, ſechs Regimenter ſtark, auf dem Wahlplatz; aber die Arbeit war gethan. We⸗ nige Stunden früher würde dieſe beträͤchtliche Verſtaͤrkung die Schlacht wahrſcheinlich zum Vortheil des Kaiſers entſchieden, und ſelbſt noch jetzt durch Eroberung des Schlachtfeldes die Artillerie des Herzogs gerettet und die ſchwediſche erbeutet haben. Aber keine Ordre war da, ihr Verhalten zu beſtimmen, und zu ungewiß uͤber den Ausgang der Schlacht, nahm ſie ihren Weg nach Leipzig, wo ſie das Hauptheer zu finden hoffte. Dahin hatte der Herzog von Friedland ſeinen Rückzug genommen, und ohne Geſchütz, ohne Fahnen und beinahe ohne alle Waffen folgte ihm am andern Morgen der zerſtreute Ueberreſt ſeines Heers. Zwiſchen Lützen und Weißenfels, ſcheint es, ließ Herzog Bernhard die ſchwediſche Armee von den Anſtrengungen dieſes blutigen Tages ſich erholen, nahe genug an dem Schlachtfeld, um jeden Verſuch des Feindes zu Erobe⸗ rung desſelben ſogleich vereiteln zu können. Von beiden Ar⸗ meen lagen über neuntauſend Mann todt auf dem Wahlplatze; noch weit größer war die Zahl der Verwundeten, und unter den Kaiſerlichen beſonders fand ſich kaum Einer, der unverletzt aus dem Treffen zurückgekehrt wäre. Die ganze Ebene von Lützen bis an den Floßgraben war mit Verwundeten, mit Ster⸗ benden, mit Todten bedeckt. Viele von dem vornehmſten Adel waren auf beiden Seiten gefallen; auch der Abt von Fulda, der ſich als Zuſchauer in die Schlacht gemiſcht hatte, büßte ſeine Neugier und ſeinen unzeitigen Glaubenseifer mit dem Tode. Von Gefangenen ſchweigt die Geſchichte; ein Beweis mehr für die Wuth der Armeen, die keinen Pardon gab oder keinen verlangte. Pappenheim ſtarb gleich am folgenden Tage zu Leipzig an ſeinen Wunden; ein unerſetzlicher Verluſt für das kaiſerliche Heer, das dieſer treffliche Krieger ſo oft zum Siege geführt hatte. Die Prager Schlacht, der er zugleich mit Wallen⸗ ſtein als Obriſter beiwohnte, öffnete ſeine Heldenbahn. Ge⸗ fährlich verwundet, warf er durch das Ungeſtüͤm ſeines Muths mit wenigen Truppen ein feindliches Regiment darnieder, und lag viele Stunden lang, mit andern Todten verwechſelt, unter der Laſt ſeines Pferdes auf der Wahlſtatt, bis ihn die Seinigen bei Plünderung des Schlachtfelds entdeckten. Mit wenigem Volk überwand er die Rebellen in Oberöſterreich, vierzigtauſend an der Zahl, in drei verſchiedenen Schlachten, hielt in dem Treffen Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 23 354 bei Leipzig die Niederlage des Tilly lange Zeit durch ſeine Tapferkeit auf, und machte die Waffen des Kaiſers an der Elbe und an dem Weſerſtrom ſiegen. Das wilde ſtͤrmiſche Feuer ſeines Muths, den auch die entſchiedenſte Gefahr nicht ſchreckte, und kaum das Unmöͤgliche bezwang, machte ihn zum furchtbarſten Arm des Feldherrn, aber untüchtig zum Ober⸗ haupt des Heers; das Treffen bei Leipzig ging, wenn man dem Ausſpruch Tilly's glauben darf, durch ſeine ungeſtüme Hitze verloren. Auch er tauchte bei Magdeburgs Zerſtörung ſeine Hand in Blut; ſein Geiſt, durch frühen jugendlichen Fleiß und vielfältige Reiſen zur ſchönſten Blüthe entfaltet, ver⸗ wilderte unter den Waffen. Auf ſeiner Stirn erblickte man zwei rothe Striemen, Schwertern ahnlich, womit die Natur ſchon bei der Geburt ihn gezeichnet hatte. Auch noch in ſpaͤtern Jahren erſchienen dieſe Flecken, ſo oft eine Leidenſchaft ſein Blut in Bewegung brachte, und der Aberglaube uͤberredete ſich leicht, daß der künftige Beruf des Mannes ſchon auf der Stirn des Kindes angedeutet worden ſey. Ein ſolcher Diener hatte auf die Dankbarkeit beider öſterreichiſchen Linien den ge⸗ gründetſten Anſpruch; aber den glänzendſten Beweis derſelben erlebte er nicht mehr. Schon war der Eilbote auf dem Wege, der ihm das goldene Vließ von Madrid überbringen ſollte, als der Tod ihn zu Leipzig dahinraffte. Ob man gleich in allen öͤſterreichiſchen und ſpaniſchen Landen über den erfochtenen Sieg das Te Deum anſtimmte, ſo geſtand doch Wallenſtein ſelbſt durch die Eilfertigkeit, mit der er Leipzig und bald darauf ganz Sachſen verließ, und auf die Winterquartiere in dieſem Lande Verzicht that, öffentlich und laut ſeine Niederlage. Zwar that er noch einen ſchwachen Ver⸗ ſuch, die Ehre des Siegs gleichſam im Fluge wegzuhaſchen, und ſchickte am andern Morgen ſeine Kroaten aus, das 3⁵⁵ Schlachtgefilde zu umſchwaärmen; aber der Anblick des ſchwe⸗ diſchen Heers, das in Schlachtordnung daſtand, verſcheuchte im Augenblick dieſe fluͤchtigen Schaaren, und Herzog Bern⸗ hard nahm durch Eroberung der Wahlſtatt, auf welche bald nachher die Einnahme Leipzigs folgte, unbeſtrittenen Beſitz von allen Rechten des Siegers. Aber ein theurer Sieg, ein trauriger Triumph! Jetzt erſt, nachdem die Wuth des Kampfes erkaltet iſt, empfindet man die ganze Groͤße des erlittenen Verluſtes, und das Jubelgeſchrei der Ueberwinder erſtirbt in einer ſtummen, finſtern Verzweif⸗ lung. Er, der ſie in den Streit herausgeführt hatte, iſt nicht mit zurückgekehrt. Draußen liegt er in ſeiner gewonnenen. Schlacht, mit dem gemeinen Haufen niedriger Todten ver⸗ wechſelt. Nach langem vergeblichen Suchen entdeckt man end⸗ lich den königlichen Leichnam, unfern dem großen Steine, der ſchon hundert Jahre vorher zwiſchen dem Floßgraben und Lützen geſehen worden, aber von dem merkwürdigen Ungluͤcksfalle dieſes Tages den Namen des Schwedenſteins führt. Von Blut und Wunden bis zum Unkenntlichen entſtellt, von den Hufen der Pferde zertreten, und durch raͤuberiſche Haͤnde ſei⸗ nes Schmucks, ſeiner Kleider beraubt, wird er unter einem Hügel von Todten hervorgezogen, nach Weißenfels gebracht, und dort dem Wehklagen ſeiner Truppen, den letzten Umar⸗ mungen der Königin überliefert. Den erſten Tribut hatte die Rache geheiſcht, und Blut mußte dem Monarchen zum Sühnopfer ſtrömen; jetzt tritt die Liebe in ihre Rechte ein, und milde Thraͤnen fließen um den Menſchen. Der allgemeine Schmerz verſchlingt jedes einzelne Leiden. Von dem betäu⸗ benden Schlag noch beſinnungslos, ſtehen die Anführer in dumpfer Erſtarrung um ſeine Bahre, und keiner getraut ſich noch, den ganzen Umfang dieſes Verluſtes zu denken. 356 Der Kaiſer, erzaͤhlt uns Khevenhiller, zeigte beim Aunblick des blutigen Kollers, den man dem König in der Schlacht abgenommen und nach Wien geſchickt hatte, eine anſtandige Rührung, die ihm wahrſcheinlich auch von Herzen ging.„Gern,“ rief er aus,„hätte ich dem Unglücklichen ein langeres Leben und eine froͤhliche Rückkehr in ſein Königreich gegoͤnnt, wenn nur in Deutſchland Frieden geworden wäre!“ Aber wenn ein neuerer katholiſcher Schriftſteller von anerkanntem Verdienſt dieſen Beweis eines nicht ganz unterdrückten Menſchengefühls, den ſelbſt ſchon der aͤußere Anſtand fordert, den auch die bloße Selbſtliebe dem fühlloſeſten Herzen abnöthigt, und deſſen Ge⸗ gentheil nur in der roheſten Seele möglich werden kann, der hoͤchſten Lobpreiſung würdig findet, und gar dem Edelmuth Alexanders gegen das Andenken des Darius an die Seite ſetzt, ſo erweckt er uns ein ſchlechtes Vertrauen zu dem übrigen Werth ſeines Helden, oder, was noch ſchlimmer wäre, zu ſeinem eigenen Ideale von ſittlicher Würde. Aber auch ein ſolches Lob iſt bei demjenigen ſchon viel, den man von dem Verdacht eines Königsmordes zu reinigen ſich genöthigt findet! Es war wohl kaum zu erwarten, daß der mächtige Hang der Menſchen zum Außerordentlichen dem gewöhnlichen Laufe der Natur den Ruhm laſſen würde, das wichtige Leben eines Guſtav Adolph geendigt zu haben. Der Tod dieſes furcht⸗ baren Gegners war für den Kaiſer eine zu wichtige Begebenheit, um nicht bei einer feindſeligen Partei den ſo leicht ſich darbie⸗ tenden Gedanken zu erregen, daß das, was ihm nützte, von ihm veranlaßt worden ſey. Aber der Kaiſer bedurfte zu Aus⸗ führung dieſer ſchwarzen That eines fremden Armes, und auch dieſen glaubte man in der Perſon Franz Alberts, Herzogs von Sachſen⸗Lauenburg, gefunden zu haben. Dieſem erlaubte 357 ſein Rang einen freien unverdächtigen Zutritt zu dem Monar⸗ chen, und eben dieſe ehrenvolle Würde diente dazu, ihn über den Verdacht einer ſchaͤndlichen Handlung hinweg zu ſetzen. Es braucht nun gezeigt zu werden, daß dieſer Prinz einer ſol⸗ chen Abſcheulichkeit fahig, und daß er hinlaͤnglich dazu aufge⸗ fordert war, ſie wirklich zu verüben. FranzAlbert, der jüngſte von vier Soͤhnen Franz des Zweiten, Herzogs von Lauenburg, und durch ſeine Mutter verwandt mit dem Waſa'ſchen Furſtengeſchlechte, hatte in juͤngern Jahren am ſchwediſchen Hofe eine freundſchaftliche Aufnahme gefunden. Eine Unanſtandigkeit, die er ſich im Zimmer der Königin Mutter gegen Guſtav Adolpherlaubte, wurde, wie man ſagt, von dieſem feurigen Jüngling mit einer Ohrfeige geahndet, die, obgleich im Augenblick bereut und durch die vollſtändigſte Genugthuung geküßt, in dem rachgierigen Gemuth des Herzogs den Grund zu einer unverſöhnlichen Feindſchaft legte. Franz Albert trat in der Folge in kaiſer⸗ liche Dienſte, wo er ein Regiment anzufuhren bekam, mit dem Herzog von Friedland in die engſte Verbindung trat, und ſich zu einer heimlichen Unterhandlung am ſächſiſchen Hofe ge⸗ brauchen ließ, die ſeinem Range wenig Ehre machte. Ohne eine erhebliche Urſache davon angeben zu können, verläßt er unvermuthet die oͤſterreichiſchen Fahnen und erſcheint zu Nürn⸗ berg im Lager des Koͤnigs, ihm ſeine Dienſte als Volontair anzubieten. Durch ſeinen Eifer für die proteſtantiſche Sache und ein zuvorkommendes einſchmeichelndes Betragen gewinnt er des Königs Herz, der, von Oxenſtierna vergeblich gewarnt, ſeine Gunſt und Freundſchaft an den verdachtigen Ankömmling verſchwendet. Bald darauf kommt es bei Lützen zur Schlacht, in welcher Franz Albert dem Monarchen wie ein böſer Damon beſtandig zur Seite bleibt, und erſt, nachdem der Koͤni 358 ſchon gefallen iſt, von ihm ſcheidet. Mitten unter den Kugeln der Feinde bleibt er unverletzt, weil er eine grüne Binde, die Farbe der Kaiſerlichen, um den Leib traͤgt. Er iſt der Erſte, der dem Herzog von Friedland, ſeinem Freunde, den Fall des Koͤnigs hinterbringt. Er vertauſcht gleich nach dieſer Schlacht die ſchwediſchen Dienſte mit den ſächſiſchen, und, bei der Ermor⸗ dung Wallenſteins als ein Mitſchuldiger dieſes Generals eingezogen, entgeht er nur durch Abſchwörung ſeines Glau⸗ bens dem Schwerte des Nachrichters. Endlich erſcheint er aufs neue als Befehlshaber einer kaiſerlichen Armee in Schleſien und ſtirbt vor Schweidnitz an empfangenen Wunden. Es erfor⸗ dert wirklich einige Selbſtüberwindung, ſich der Unſchuld eines Menſchen anzunehmen, der einen Lebenslauf, wie dieſen, gelebt hat; aber wenn die moraliſche und phyſiſche Möglichkeit einer ſo verabſcheuenswerthen That auch noch ſo ſehr aus den ange⸗ führten Gründen erhellte, ſo zeigt ſchon der erſte Blick, daß ſie auf die wirkliche Begehung derſelben keinen rechtmäßigen Schluß erlauben. Es iſt bekannt, daß Guſtav Adolph, wie der gemeinſte Soldat in ſeinem Heere, ſich der Gefahr bloßſtellte, und wo Tauſende fielen, konnte auch er ſeinen Untergang finden. Wie er ihn fand, bleibt in undurchdringliches Dun⸗ kel verhuͤllt: aber mehr als irgendwo gilt hier die Marime, da, wo der natürliche Lauf der Dinge zu einem vollkommenen Erklarungsgrunde hinreicht, die Würde der menſchlichen Natur durch keine moraliſche Beſchuldigung zu entehren. Aber durch welche Hand er auch mag gefallen ſeyn, ſo muß uns dieſes außerordentliche Schickſal als eine That der großen Natur erſcheinen. Die Geſchichte, ſo oft nur auf das freuden⸗ loſe Geſchäft eingeſchrankt, das einfoͤrmige Spiel der menſchli⸗ chen Leidenſchaft aus einander zu legen, ſieht ſich zuweilen durch Erſcheinungen belohnt, die gleich einem kuͤhnen Griff aus den 359 Wolken in das berechnete Uhrwerk der menſchlichen Unterneh⸗ mungen fallen und den nachdenkenden Geiſt auf eine höhere Ordnung der Dinge verweiſen. So ergreift uns Guſtav Adolphs ſchnelle Verſchwindung vom Schauplatz, die das ganze Spiel des politiſchen Uhrwerks mit einem Male hemmt und alle Berechnungen der menſchlichen Klugheit vereitelt. Geſtern noch der belebende Geiſt, der große und einzige Beweger ſeiner Schöpfung— heute in ſeinem Adlerfluge unerbittlich dahingeſtürzt, herausgeriſſen aus einer Welt voll Entwürfe, von der reifenden Saat ſeiner Hoffnungen ungeſtuͤm abgerufen, läßt er ſeine verwaiste Partei troſtlos hinter ſich, und in Truͤm⸗ mern faͤllt der ſtolze Bau ſeiner vergänglichen Größe. Schwer entwöhnt ſich die proteſtantiſche Welt von den Hoffnungen, die ſie auf dieſen unuberwindlichen Anführer ſetzte, und mit ihm fürchtet ſie ihr ganzes voriges Glück zu begraben. Aber es war nicht mehr der Wohlthäter Deutſchlands, der bei Lützen ſank; die wohlthätige Hälfte ſeiner Laufbahn hatte Guſtav Adolph geendigt, und der groͤßte Dienſt, den er der Freiheit . des deutſchen Reichs noch erzeigen kann, iſt— zu ſterben. Die Alles verſchlingende Macht des Einzigen zerfällt, und Viele verſuchen ihre Kraͤfte; der zweideutige Beiſtand eines üͤbermächtigen Beſchützers macht der ruhmlichen Selbſthulfe der Stände Platz, und, vorher nur die Werkzeuge zu ſeiner Vergroͤßerung, fangen ſie jetzt erſt an, für ſich ſelbſt zu ar⸗ beiten. In ihrem eigenen Muͤthe ſuchen ſie nunmehr die Rettungsmittel auf, die von der Hand des Maͤchtigen ohne Gefahr nicht empfangen werden, und die ſchwediſche Macht, außer Stand geſetzt, in eine Unterdrückerin auszuarten, tritt in die beſcheidenen Gränzen einer Alliirten zurück. Unverkennbar ſtrebte der Ehrgeiz des ſchwediſchen Monarchen 360 nach einer Gewalt in Deutſchland, die mit der Freiheit der Stände unvereinbar war, und nach einer bleibenden Beſitzung im Mittelpunkte dieſes Reiches. Sein Ziel war der Kaiſer⸗ thron; und dieſe Würde, durch ſeine Macht unterſtützt, und geltend gemacht durch ſeine Thaͤtigkeit, war in ſeiner Hand einem weit größern Mißbrauch ausgeſetzt, als man von dem öſterreichiſchen Geſchlechte zu befürchten hatte. Geboren im Ausland, in den Maximen der Alleinherrſchaft auferzogen, und aus frommer Schwärmerei ein abgeſagter Feind der Pa⸗ piſten, war er nicht wohl geſchickt, das Heiligthum deutſcher Verfaſſung zu bewahren und vor der Freiheit der Stände Ach⸗ tung zu tragen. Die anſtoößige Huldigung, welche außer meh⸗ rern andern Städten die Reichsſtadt Augsburg der ſchwedi⸗ ſchen Krone zu leiſten vermocht wurde, zeigte weniger den Beſchützer des Reichs, als den Eroberer; und dieſe Stadt, ſtolzer auf den Titel einer Königsſtadt, als auf den rühmlichern Vorzug der Reichsfreiheit, ſchmeichelte ſich ſchon im voraus, der Sitz ſeines neuen Reichs zu werden. Seine nicht genug verhehlten Abſichten auf das Erzſtift Mainz, welches er anfangs dem Kurprinzen von Brandenburg als Mitgift ſeiner Tochter Chriſtina, und nachher ſeinem Kanzler und Freund Oxen⸗ ſtierna beſtimmte, legte deutlich an den Tag, wie viel er ſich gegen die Verfaſſung des Reichs zu erlauben fähig war. Die mit ihm verbundenen proteſtantiſchen Fürſten machten Anſprüche an ſeine Dankbarkeit, die nicht anders, als auf Un⸗ koſten ihrer Mitſtande, und beſonders der unmittelbaren geiſt⸗ lichen Stifter, zu befriedigen waren; und vielleicht war der Entwurf ſchon gemacht, die eroberten Provinzen, nach Art jener alten barbariſchen Horden, die das alte Römerreich über⸗ ſchwemmten, unter ſeine deutſchen und ſchwediſchen Kriegs⸗ 361 genoſſen, wie einen gemeinſchaftlichen Raub, zu vertheilen. In ſeinem Betragen gegen den Pfalzgrafen Friedrich ver⸗ laugnete er ganz die Großmuth des Helden und den heiligen Charakter eines Beſchützers. Die Pfalz war in ſeinen Händen, und die Pflichten ſowohl der Gerechtigkeit als der Ehre forder⸗ ten ihn auf, dieſe den Spaniern entriſſene Provinz ihrem rechtmäßigen Eigenthuͤmer in vollkommenem Stande zurück⸗ zugeben. Aber durch eine Spitzfindigkeit, die eines großen Mannes nicht wuͤrdig iſt und den ehrwuͤrdigen Namen eines Vertheidigers der Unterdrüͤckten ſchandet, wußte er dieſer Ver⸗ bindlichkeit zu entſchlupfen. Er betrachtete die Pfalz als eine Eroberung, die aus Feindeshanden an ihn gekommen ſey, und glaubte daraus ein Recht abzuleiten, nach Willkür darüber zu verfügen. Aus Gnade alſo, und nicht aus Pflichtgefuhl, trat er ſie dem Pfalzgrafen ab, und zwar als ein Lehen der ſchwe⸗ diſchen Krone, unter Bedingungen, die den Werth derſelben um die Halfte verringerten und dieſen Fürſten zu einem ver⸗ achtlichen Vaſallen Schwedens herabſetzten. Eine dieſer Be⸗ dingungen, welche dem Pfalzgrafen vorſchreibt:„nach geendig⸗ tem Kriege einen Theil der ſchwediſchen Kriegsmacht, dem Bei⸗ ſpiel der uͤbrigen Fürſten gemäß⸗ unterhalten zu helfen,“ laͤßt uns einen ziemlich hellen Blick in das Schickſal thun, welches Deutſchland bei fortdauerndem Glück des Königs erwartete. Sein ſchneller Abſchied von der Welt ſicherte dem deutſchen Reiche die Freiheit, und ihm ſelbſt ſeinen ſchoͤnſten Ruhm, wenn er ihm nicht gar die Kränkung erſparte, ſeine eigenen Bundesgenoſſen gegen ihn gewaffnet zu ſehen und alle Früchte ſeiner Siege in einem nachtheiligen Frieden zu verlieren. Schon neigte ſich Sachſen zum Abfall von ſeiner Partei; Daͤnemark betrachtete ſeine Groͤße mit Unruhe und Neid; und ſelbſt Frank⸗ 362 reich, ſein wichtiger Alliirter, aufgeſchreckt durch das furchtbare Wachsthum ſeiner Macht und durch den ſtolzern Ton, den er führte, ſah ſich ſchon damals, als er den Lechſtrom paſſirte, nach fremden Buͤndniſſen um, den ſieghaften Lauf des Go⸗ then zu hemmen und das Gleichgewicht der Macht in Europa wieder herzuſtellen. 4 Viertes Buch. Das ſchwache Band der Eintracht, wodurch Guſtav Adolph die proteſtantiſchen Glieder des Reichs mühſam zuſammenhielt, zerriß mit ſeinem Tode; die Verbundenen traten in ihre vorige Freiheit zuruck, oder ſie mußten ſich in einem neuen Bunde verknüpfen. Durch das Erſte verloren ſie alle Vortheile, welche ſie mit ſo vielem Blut errungen hatten, und ſetzten ſich der unvermeidlichen Gefahr aus, der Raub eines Feindes zu wer⸗ den, dem ſie durch ihre Vereinigung allein gewachſen und uber⸗ legen geweſen waren. Einzeln konnte es weder Schweden, noch irgend ein Reichsſtand mit der Ligue und dem Kaiſer auf⸗ nehmen, und bei einem Frieden, den man unter ſolchen Um⸗ ſtänden ſuchte, würde man gezwungen geweſen ſeyn, von dem Feinde Geſetze zu empfangen. Vereinigung war alſo die gleich nothwendige Bedingung, ſowohl um einen Frieden zu ſchließen, als um den Krieg fortzuſetzen. Aber ein Friede, in der gegen⸗ waͤrtigen Lage geſucht, konnte nicht wohl anders, als zum Nachtheil der verbundenen Machte geſchloſſen werden. Mit dem Tode Guſtav Adolphs ſchöpfte der Feind neue Hoff⸗ nung, und wie nachtheilig auch ſeine Lage nach dem Treffen bei Lützen ſeyn mochte, ſo war dieſer Tod ſeines gefährlichſten Gegners eine zu nachtheilige Begebenheit für die Verbundenen und eine zu glückliche für den Kaiſer, um ihn nicht zu den glänzendſten Erwartungen zu berechtigen und zu Fortſetzung des Kriegs einzuladen. Die Trennung unter den Allirrten 364 mußte, für den Augenblick wenigſtens, die unvermeidliche Folge desſelben ſeyn; und wie viel gewann der Kaiſer, gewann die Ligue bei einer ſolchen Trennung der Feinde! So große Vor⸗ theile, als ihm die jetzige Wendung der Dinge verſprach, konnte er alſo nicht wohl fuͤr einen Frieden aufopfern, bei dem er nicht das Meiſte gewann; und einen ſolchen Frieden konnten die Verbundenen nicht zu ſchließen wuünſchen. Der natuͤrlichſte Schluß fiel alſo auf Fortſetzung des Krieges, ſo wie Vereini⸗ gung für das unentbehrlichſte Mittel dazu erkannt wurde. Aber wie dieſe Vereinigung erneuern, und wo zu Fort⸗ ſetzung des Kriegs die Kräfte hernehmen? Nicht die Macht des ſchwediſchen Reiches, nur der Geiſt und das perſönliche Anſehen ſeines verſtorbenen Beherrſchers hatten ihm den uͤber⸗ wiegenden Einfluß in Deutſchland und eine ſo große Herrſchaft über die Gemüther erworben; und auch ihm war es erſt nach unendlichen Schwierigkeiten gelungen, ein ſchwaches und un⸗ ſicheres Band der Vereinigung unter den Staͤnden zu knüpfen. Mit ihm verſchwand Alles, was nur durch ihn, durch ſeine perſönlichen Eigenſchaften möglich geworden, und die Verbind⸗ lichkeit der Stande hoͤrte zugleich mit den Hoffnungen auf, auf die ſie gegründet worden war. Mehrere unter den Stäͤnden warfen ungeduldig das Joch ab, das ſie nicht ohne Widerwellen trugen; andere eilen, ſich ſelbſt des Ruders zu bemächtigen, das ſie ungern genug in Guſtavs Haͤnden geſehen, aber nicht Macht gehabt hatten, ihm bei ſeinen Lebzeiten ſtreitig zu machen. Andere werden von dem Kaiſer durch verführeriſche Verſprechungen in Verſuchung geführt, den allgemeinen Bund zu verlaſſen; andere, von den Drangſalen des vierzehnjährigen Krieges zu Boden gedrückt, ſehnen ſich kleinmuthig nach einem, wenn auch verderblichen, Frieden. Die Anführer der Armeen, zum Theil deutſche Fuͤrſten, erkennen kein gemeinſchaftliches 365 Oberhaupt, und keiner will ſich erniedrigen, von dem andern Befehle zu empfangen. Die Eintracht verſchwindet aus dem Cabinet und aus dem Felde, und das gemeine Weſen iſt in Gefahr, durch dieſen Geiſt der Trennung ins Verderben zu ſinken. Guſtav hatte dem ſchwediſchen Reich keinen männlichen Nachfolger hinterlaſſen; ſeine ſechsjährige Tochter Chriſtina war die natürliche Erbin ſeines Throns. Die unvermeidlichen Gebrechen einer vormundſchaftlichen Regierung vertrugen ſich mit dem Nachdruck und der Entſchl ſſenheit nicht gut, welche Schweden in dieſem mißlichen Zeitlaufe zeigen ſollte. Guſtav Adolphs hochfliegender Geiſt hatte dieſem ſchwachen und un⸗ berühmten Staat unter den Mächten von Europa einen Platz angewieſen, den er ohne das Glück und den Geiſt ſeines Ur⸗ hebers nicht wohl behaupten und von dem er doch ohne das ſchimpflichſte Geſtändniß der Unmacht nicht mehr herabſteigen konnte. Wenn gleich der deutſche Krieg größtentheils mit Deutſchlands Kraͤften beſtritten wurde, ſo drückte doch ſchon der kleine Zuſchuß, welchen Schweden aus ſeinen eigenen Mit⸗ teln an Geld und Mannſchaft dazu gab, dieſes duͤrfrige König⸗ reich zu Boden, und der Landmann erlag unter den Laſten, die man auf ihn zu haufen gezwungen war. Die in Deutſch⸗ land gemachte Kriegsbeute bereicherte bloß Einzelne vom Adel und vom Soldatenſtand, und Schweden ſelbſt blieb arm wie zuvor. Eine Zeitlang zwar ſöhnte der Nationalruhm den ge⸗ ſchmeichelten Unterthan mit dieſen Bedruckungen aus, und man konnte die Abgaben, die man entrichtete, als ein Dar⸗ lehn betrachten, das in der glücklichen Hand Guſtav Adolphs herrliche Zinſen trug, und von dieſem dankbaren Monarchen nach einem glorreichen Frieden mit Wucher erſtattet werden würde. Aber dieſe Hoffnung verſchwand mit dem Tode des 366 Königs, und das getauſchte Volk forderte nun mit furchtbarer Einhelligkeit Erleichterung von ſeinen Laſten. Aber der Geiſt Guſtav Adolphs ruhte noch auf den Maͤnnern, denen er die Verwaltung des Reichs anvertraute. Wie ſchrecklich auch die Poſt von ſeinem Tode ſie überraſchte, ſo beugte ſie doch ihren männlichen Muth nicht, und der Geiſt des alten Roms unter Brennus und Hanniba l eſeelt dieſe edle Verſammlung. Je theurer der Preis war, womit man die errungenen Vortheile erkauft hatte, deſto weniger konnte man ſich entſchließen, ihnen freiwillig zu entſagen; nicht um⸗ ſonſt will man einen König eingebüßt haben. Der ſchwediſche Reichsrath, gezwungen, zwiſchen den Drangſalen eines zweifel⸗ haften erſchöpfenden Kriegs und einem nützlichen, aber ſchimpf⸗ lichen Frieden zu wählen, ergreift muthig die Partei der Ge⸗ fahr und der Ehre, und mit angenehmem Erſtaunen ſieht man dieſen ehrwürdigen Senat ſich mit der ganzen Rüſtigkeit eines Jünglings erheben. Von innen und außen mit wachſamen Feinden umgeben, und an allen Graͤnzen des Reichs von Ge⸗ fahren umſtuͤrmt, waffnet er ſich gegen Alle mit ſo viel Klug⸗ heit als Heldenmuth, und arbeitet an Erweiterung des Reichs, wahrend daß er Muͤhe hat, die Eriſtenz desſelben zu be⸗ haupten. Das Ableben des Königs und die Minderjahrigkeit ſeiner Tochter Chriſtina erweckte aufs neue die alten Anſpruͤche Polens auf den ſchwediſchen Thron, und König Ladis laus, Sigismunds Sohn, ſparte die Unterhandlungen nicht, ſich eine Partei in dieſem Reiche zu erwerben. Die Regenten ver⸗ lieren aus dieſem Grunde keinen Augenblick, die ſechsjährige Königin in Stockholm als Beherrſcherin auszurufen und die vormundſchaftliche Verwaltung anzuordnen. Alle Beamten des Reichs werden angehalten, der neuen Fuͤrſtin zu huldigen, aller 367 Briefwechſel nach Polen gehemmt, und die Placate der vorher⸗ gehenden Koͤnige gegen die Sigismundiſchen Erben durch eine feierliche Acte bekraftigt. Die Freundſchaft mit dem Czaar von Moskau wird mit Vorſicht erneuert, um. durch die Waffen dieſes Fürſten das feindſelige Polen deſto beſſer im Zaum zu halten. Die Eiferſucht Danemarks hatte der Tod Guſtav Adolphs gebrochen, und die Beſorgniſſe weggeraͤumt, welche dem guten Vernehmen zwiſchen dieſen beiden Nachbarn im Wege ſtanden. Die Bemühungen der Feinde, Chriſtian den Vierten gegen das ſchwediſche Reich zu bewaffnen, fanden jetzt keinen Eingang mehr, und der lebhafte Wunſch, ſeinen Prinzen Ulrich mit der jungen Koͤnigin zu vermählen, ver⸗ einigte ſich mit den Vorſchriften einer beſſern Staatskunſt, ihn neutral zu erhalten. Zugleich kommen England, Holland und Frankreich dem ſchwediſchen Reichsrath mit den erfreulichſten Verſicherungen ihrer fortdauernden Freundſchaft und Unter⸗ ſtützung entgegen und ermunterten ihn mit vereinigter Stimme zu lebhafter Fortſetzung eines ſo rühmlich gefuͤhrten Krieges. So viel Urſache man in Frankreich gehabt hatte, ſich zu dem Tode des ſchwediſchen Eroberers Glück zu wünſchen, ſo ſehr empfand man die Nothwendigkeit eines fortgeſetzten Bünd⸗ niſſes mit den Schweden. Ohne ſich ſelbſt der größten Gefahr auszuſetzen, durfte man dieſe Macht in Deutſchland nicht ſinken laſſen. Mangel an eigenen Kraͤften nöthigte ſie ent⸗ weder zu einem ſchnellen und nachtheiligen Frieden mit Oeſter⸗ reich, und dann waren alle Bemuͤhungen verloren, die man angewendet hatte, dieſe gefährliche Macht zu beſchranken; oder Roth und Verzweiflung lehrten die Armeen in den Ländern der katholiſchen Reichsfürſten die Mittel zu ihrem Unterhalt finden, und Frankreich wurde dann zum Verraͤther an dieſen Staaten, die ſich ſeinem mächtigen Schutz unterworfen hatten. * 368 Der Fall Guſtav Adolphs, weit entfernt, die Verbindungen Frankreichs mit dem ſchwediſchen Reiche zu vernichten, hatte ſie vielmehr für beide Staaten nothwendiger und für Frankreich um Vieles nützlicher gemacht. Jetzt erſt, nachdem derjenige dahin war, der ſeine Hand über Deutſchland gehalten und die Gränzen dieſes Reichs gegen die franzöſiſche Raubſucht geſichert hatte, konnte es ſeine Entwürfe auf das Elſaß ungehindert verfolgen und den deutſchen Proteſtanten ſeinen Beiſtand um einen deſto höhern Preis verkaufen. Durch dieſe Allianzen geſtärkt, geſichert von innen, von außen durch gute Graͤnzbeſatzungen und Flotten vertheidigt, blieben die Regenten keinen Augenblick unſchlüſſig, einen Krieg fortzuführen, bei welchem Schweden wenig Eigenes zu verlieren, und, wenn das Glüͤck ſeine Waffen krönte, irgend eine deutſche Provinz, ſey es als Koſtenerſatz oder als Eroberung, zu ge⸗ winnen hatte. Sicher in ſeinen Waſſern, wagte es nicht viel mehr, wenn ſeine Armeen aus Deutſchland herausgeſchlagen wurden, als wenn ſie ſich freiwillig daraus zurüͤckzogen; und jenes war eben ſo ruhmlich, als dieſes entehrend war. Je mehr Herzhaftigkeit man zeigte, deſto mehr Vertrauen floͤßte man den Bundesgenoſſen, deſto mehr Achtung den Feinden ein, deſto günſtigere Bedingungen waren bei einem Frieden zu erwarten. Fände man ſich auch zu ſchwach, die weit ausſehenden Entwuͤrfe Guſtavs zu vollführen, ſo war man doch ſeinem erhabenen Muſter ſchuldig, das Aeußerſte zu thun, und keinem andern Hinderniß als der Nothwendigkeit zu weichen. Schade, daß die Triebfeder des Eigennutzes an dieſem rühmlichen Ent⸗ ſchluſſe zu viel Antheil hat, um ihn ohne Einſchränkung be⸗ wundern zu können! Denen, welche von den Drangſalen des Kriegs für ſich ſelbſt nichts zu leiden hatten, ja ſich vielmehr dabei bereicherten, war es freilich ein Leichtes, für die Fortdauer 369 desſelben zu ſtimmen— denn endlich war es doch nur das deutſche Reich, das den Krieg bezahlte, und die Provinzen, auf die man ſich Rechnung machte, waren mit den wenigen Truppen, die man von jetzt an daran wendete, mit den Feld⸗ herren, die man an die Spitze der groͤßtentheils deutſchen Armeen ſtellte, und mit der ehrenvollen Aufſicht über den Gand der Waffen und unterhandlungen wohlfeil genug er⸗ worben. Aber eben dieſe Aufſicht vertrug ſich nicht mit der Entlegenheit der ſchwediſchen Regentſchaft von dem Schauplatze des Kriegs, und mit der Langſamkeit, welche die collegialiſche Geſchaftsform nothwendig macht. Einem einzigen vielumfaſſenden Kopfe mußte die Macht übertragen werden, in Deutſchland ſelbſt das Intereſſe des ſchwediſchen Reichs zu beſorgen, und nach eigener Einſicht über Krieg und Frieden, über die nöthigen Bündniſſe, wie über die gemachten Erwerbungen zu verfügen. Mit dictatoriſcher Gewalt und mit dem ganzen Anſehn der Krone, die er re⸗ praͤſentirt, mußte dieſer wichtige Magiſtrat bekleidet ſeyn, um die Würde derſelben zu behaupten, um die gemeinſchaftlichen Operationen in Uebereinſtimmung zu bringen, um ſeinen Anordnungen Nachdruck zu geben, und ſo den Monarchen, dem er folgte, in jeder Rückſicht zu erſetzen. Ein ſolcher Mann fand ſich in dem Reichskanzler Oxenſtierna, dem erſten Miniſter, und, was mehr ſagen will, dem Freunde des verſtdrbenen Königs, der, eingeweiht in alle Geheimniſſe ſeines Herrn, vertraut mit den deutſchen Geſchäften, und aller europaiſchen Staatsverhaltniſſe kundig, ohne Widerſpruch das tüchtigſte Werkzeug war, den Plan Guſtav Adolphs in ſeinem ganzen Umfange zu verfolgen. Oxrenſtierna hatte eben eine Reiſe nach Oberdeutſchland angetreten, um die vier obern Kreiſe zu verſammeln, als ihn Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 24 370 die Poſt von des Königs Tode zu Hanau überraſchte. Dieſer ſchreckliche Schlag, der das gefühlvolle Herz des Freundes durchbohrte, raubte dem Staatsmann alle Beſinnungskraft; Alles war ihm genommen, woran ſeine Seele hing. Schweden hatte nur einen König, Deutſchland nur einen Beſchützer, Oxenſtierna den Urheber ſeines Glücks, den Freund ſeiner Seele, den Schöpfer ſeiner Ideale verloren. Aber, von dem allgemeinen Unglück am haͤrteſten getroffen, war er auch der Erſte, der ſich aus eigener Kraft darüber erhob, ſo wie er der Einzige war, der es wieder gut machen konnte. Sein durche dringender Blick uͤberſah alle Hinderniſſe, welche ſich der Aus⸗ führung ſeiner Entwürfe entgegenſtellten, die Muthloſigkeit der Stande, die Intriguen der feindlichen Höfe, die Trennung der Bundesgenoſſen, die Eiferſucht der Haupter, die Abneigung der Reichsfürſten, ſich fremder Führung zu unterwerfen. Aber eben dieſer tiefe Blick in die damalige Lage der Dinge, der ihm die ganze Größe des Uebels aufdeckte, zeigte ihm auch die Mittel, es zu beſiegen. Es kam darauf an, den geſunkenen Muth der ſchwächern Reichsſtaͤnde aufzurichten, den geheimen Machinationen der Feinde entgegen zu wirken, die Eiferſucht der mächtigern Alliirten zu ſchonen, die befreundeten Maͤchte, Frankreich beſonders, zu thatiger Hulfleiſtung zu ermuntern, vor Allem aber die Trümmer des deutſchen Bundes zu ſam⸗ meln und die getrennten Kräfte der Partei durch ein enges, dauerhaftes Band zu vereinigen. Die Beſtuͤrzung, in welche der Verluſt ihres Oberhauptes die deutſchen Proteſtanten ver⸗ ſetzte, konnte ſie eben ſo gut zu einem feſten Bundniſſe mit Schweden, als zu einem übereilten Frieden mit dem Kaiſer antreiben, und nur von dem Betragen, das man beobachtete, hing es ab, welche von dieſen beiden Wirkungen erfolgen ſollte. Verloren war Alles, ſobald man Muthloſigkeit blicken ließ; 371 nur die Zuverſicht, die man ſelbſt zeigte, konnte ein edles Selbſtvertrauen bei den Deutſchen entflammen. Alle Verſuche des öſterreichiſchen Hofs, die letztern von der ſchwediſchen Allianz abzuziehen, verfehlten ihren Zweck, ſobald man ihnen die Augen über ihren wahren Vortheil eroͤffnete und ſie zu einem öffent⸗ lichen und förmlichen Bruch mit dem Kaiſer vermochte. Freilich ging, ehe dieſe Maßregeln genommen und die nöthigen Punkte zwiſchen der Regierung und ihrem Miniſter berichtigt waren, eine koſtbare Zeit für die Wirkſamkeit der ſchwediſchen Armee verloren, die von den Feinden aufs beſte benutzt wurde. Damals ſtand es bei dem Kaiſer, die ſchwediſche Macht in Deutſchland zu Grunde zu richten, wenn die weiſen Rathſchläge des Herzogs von Friedland Eingang bei ihm gefunden haͤtten. Wallenſtein rieth ihm an, eine unein⸗ geſchränkte Amneſtie zu verkündigen und den proteſtantiſchen Staͤnden mit gunſtigen Bedingungen entgegen zu kommen. In dem erſten Schrecken, den Guſtav Adolphs Fall bei der ganzen Partei verbreitete, wurde eine ſolche Erklaͤrung die entſchiedenſte Wirkung gethan und die geſchmeidigern Stände zu den Füßen des Kaiſers zurückgefuͤhrt haben. Aber, durch den unerwarteten Gluͤcksfall verblendet und von ſpaniſchen Ein⸗ gebungen bethört, erwartete er von den Waffen einen glänzen⸗ dern Ausſchlag, und anſtatt den Mediations⸗ Vorſchlägen Gehör zu ſchenken, eilte er, ſeine Macht zu vermehren. Spanien, durch den Zehnten der geiſtlichen Guter bereichert, den der Papſt ihm bewilligte, unterſtützte ihn mit betrachtlichen Vor⸗ ſchüſſen, unterhandelte für ihn an dem ſächſiſchen Hofe, und ließ in Italien eilfertig Truppen werben, die in Deutſchland gebraucht werden ſollten. Auch der Kurfuͤrſt von Bayern ver⸗ ſtärkte ſeine Kriegsmacht betraͤchtlich, und dem Herzog von Lothringen erlaubte ſein unruhiger Geiſt nicht, bei dieſer glůck⸗ 372 lichen Wendung des Schickſals ſich müßig zu verhalten. Aber indem der Feind ſich ſo geſchaftig bewies, den Unfall der Schweden zu benützen, verſäumte Oxenſtierna nichts, die ſchlimmen Folgen desſelben zu vereiteln. Weniger bange vor dem öffentlichen Feind, als vor der Eiferſucht befreundeter Mächte, verließ er das obere Deutſchland, deſſen er ſich durch die gemachten Eroberungen und Allianzen verſichert hielt, und machte ſich in Perſon auf den Weg, die Stände von Niederdeutſchland von einem völligen Abfall oder einer Privatverbindung unter ſich ſelbſt, die fuͤr Schweden nicht viel weniger ſchlimm war, zurückzuhalten. Durch die Anmaß⸗ lichkeit beleidigt, mit der ſich der Kanzler die Führung der Geſchäfte zueignete, und im Innerſten empört von dem Ge⸗ danken, von einem ſchwediſchen Edelmann Vorſchriften an⸗ zunehmen, arbeitete der Kurfürſt von Sachſen aufs neue an einer gefahrlichen Abſonderung von den Schweden, und die Frage war bloß, ob man ſich völlg mit dem Kaiſer vergleichen, oder ſich zum Haupte der Proteſtanten aufwerfen und mit ihnen eine dritte Partei in Deutſchland errichten ſollte. Aehnliche Geſinnungen hegte der Herzog Ulrich von Braunſchweig, und er legte ſie laut genug an den Tag, indem er den Schweden die Werbungen in ſeinem Lande unterſagte und die nieder⸗ ſächſiſchen Staͤnde nach Lüneburg einlud, ein Bündniß unter ihnen zu ſtiften. Der Kurfürſt von Brandenburg allein, über den Einfluß neidiſch, den Kurſachſen in Niederdeutſchland gewinnen ſollte, zeigte einigen Eifer für das Intereſſe der ſchwediſchen Krone, die er ſchon auf dem Haupte ſeines Sohnes zu erblicken glaubte. Oxenſtierna fand zwar die ehrenvollſte Aufnahme am Hofe Johann Georss, aber ſchwankende Zuſagen von fortdauernder Freundſchaft waren Alles, wa er, der perſoͤnlichen Verwendung Kurbrandenburgs ungeachtet, von dieſem Fürſten 373 erhalten konnte. Glücklicher war er bei dem Herzog von Braun⸗ ſchweig, gegen den er ſich eine kühnere Sprache erlaubte. Schweden hatte damals das Erzſtift Magdeburg im Beſitz, deſſen Biſchof die Befugniß hatte, den niederſäͤchſiſchen Kreis zu verſammeln. Der Kanzler behauptete das Recht ſeiner Krone, und durch dieſes gluͤckliche Machtwort vereitelte er fur dießmal dieſe bedenkliche Verſammlung. Aber die allgemeine Proteſtanten⸗Verbindung, der Hauptzweck ſeiner gegenwaͤrtigen Reiſe und aller künftigen Bemühungen, mißlang ihm für jetzt und für immer, und er mußte ſich mit einzelnen unſicheren Bündniſſen in den ſächſiſchen Kreiſen und mit der ſchwächern Hülfe des obern Deutſchlands begnügen. Weil die Bayern an der Donau zu machtig waren, ſo verlegte man die Zuſammenkunft der vier obern Kreiſe, die zu Ulm hatte vor ſich gehen ſollen, nach Heilbronn, wo über zwölf Reichsſtädte und eine glänzende Menge von Doctoren, Grafen und Fürſten ſich einfanden. Auch die auswärtigen Machte, Frankreich, England und Holland, beſchickten dieſen Convent, und Orenſtierna erſchien auf demſelben mit dem ganzen Pompe der Krone, deren Majeſtäͤt er behaupten ſollte. Er ſelbſt fuͤhrte das Wort, und der Gang der Berathſchlagungen wurde durch ſeine Vorträge geleitet. Nachdem er von allen ver⸗ ſammelten Staͤnden die Verſicherung einer unerſchütterlichen Treue, Beharrlichkeit und Eintracht erhalten, verlangte er von ihnen, daß ſie den Kaiſer und die Ligue förmlich und feierlich als Feinde erklären ſollten. Aber ſo viel den Schweden daran gelegen war, das uͤble Vernehmen zwiſchen dem Kaiſer und den Ständen zu einem förmlichen Bruch zu erweitern, ſo wenig Luſt bezeigten die Staͤnde, ſich durch dieſen entſcheidenden Schritt alle Möoglichkeit einer Ausſoͤhnung abzuſchneiden und eben dadurch den Schweden ihr ganzes Schickſal in die Hände zu geben. 374 Sie fanden, daß eine förmliche Kriegserklärung, da die That ſelbſt ſpreche, unnuͤtz und überfluͤſſig ſey, und ihr ſtandhafter Widerſtand brachte den Kanzler zum Schweigen. Heftigere Kampfe erregte der dritte und vornehmſte Punkt der Be⸗ rathſchlagungen, durch welchen die Mittel zu Fortſetzung des Kriegs und die Beitraͤge der Stande zur Unterhaltung der Armeen beſtimmt werden ſollten. Oxenſtierna's Maxime, von den allgemeinen Laſten ſo viel als möglich war auf die Stande zu waͤlzen, vertrug ſich nicht mit dem Grnndſatz der Stände, ſo wenig als möglich zu geben. Hier erfuhr der ſchwe⸗ diſche Kanzler, was dreißig. Kaiſer vor ihm mit herber Wahr⸗ heit empfunden, daß unter allen mißlichen Unternehmungen die allermißlichſte ſey, von den Deutſchen Geld zu erheben. An⸗ ſtatt ihm die noͤthigen Summen für die neu zu errichtenden Armeen zu bewilligen, zahlte man ihm mit beredter Zunge alles Unheil auf, welches die ſchon vorhandenen angerichtet, und forderte Erleichterung von den vorigen Laſten, wo man ſich neuen unterziehen ſollte. Die üble Laune, in welche die Geld⸗ forderung des Kanzlers die Stände verſetzt hatte, brütete tau⸗ ſend Beſchwerden aus, und die Ausſchweifungen der Truppen bei Durchmärſchen und Quartieren wurden mit ſchauderhafter Wahrheit gezeichnet. Oxenſtierna hatte im Dienſt von zwei unumſchränkten Füͤrſten wenig Gelegenheit gehabt, ſich an die Förmlichkeiten und den bedächtigen Gang republicaniſcher Verhandlungen zu gewöhnen und ſeine Geduld am Widerſpruch zu uͤben. Fertig zum Handeln, ſobald ihm die Nothwendigkeit einleuchtete, und eiſern in ſeinem Entſchluß, ſobald er ihn einmal gefaßt hatte begriff er die Inconſequenz der mehrſten Menſchen nicht, den Zweck zu begehren und die Mittel zu haſſen. Durchfahrend und heftig von Natur, war er es bei dieſer Gelegenheit noch aus 375 Grundſatz; denn jetzt kam Alles darauf an, durch eine feſte zuverſichtliche Sprache die Unmacht des ſchwediſchen Reichs zu bedecken und durch den angenommenen Ton des Gebieters wirklich Gebieter zu werden. Kein Wunder alſo, wenn er bei ſolchen Geſinnungen unter deutſchen Doctoren und Ständen ganz und gar nicht in ſeiner Sphare war, und durch die um⸗ ſtändlichkeit, welche den Charakter der Deutſchen in allen ihren öffentlichen Verhandlungen ausmacht, zur Verzweiflung gebracht wurde. Ohne Schonung gegen eine Sitte, nach der ſich auch die mäͤchtigſten Kaiſer hatten bequemen müſſen, verwarf er alle ſchriftlichen Deliberationen, welche der deutſchen Langſamkeit ſo zutraͤglich waren; er begriff nicht, wie man zehn Tage über einen Punkt ſich beſprechen konnte, der ihm ſchon durch den bloßen Vortrag ſo gut als abgethan war. So hart er aber auch die Stande behandelte, ſo gefällig und bereitwillig fand er ſie, ihm ſeine vierte Motion, die ihn ſelbſt betraf, zu be⸗ willigen. Als er auf die Nothwendigkeit kam, dem errichteten Bund einen Vorſteher und Director zu geben, ſprach man Schweden einſtimmig dieſe Ehre zu, und erſuchte ihn unter⸗ thaͤnig, der gemeinen Sache mit ſeinem erleuchteten Verſtande zu dienen und die Laſt der Oberaufſicht auf ſeine Schultern zu nehmen. Um ſich aber doch gegen einen Mißbrauch der großen Gewalt, die man durch dieſe Beſtallung in ſeine Hände gab, zu verwahren, ſetzte man ihm, nicht ohne franzöoͤſiſchen Einfluß, unter dem Namen von Gehulfen eine beſtimmte Anzahl von Aufſehern an die Seite, die die Caſſe des Bundes verwalten und uber die Werbungen, Durchzüge und Einquartierungen der Truppen mitzuſprechen haben ſollten. Oxenſtiernawehrte ſich lebhaft gegen dieſe Einſchraänkung ſeiner Macht, wodurch man ihm die Ausfuhrung jedes, Schnelligkeit oder Geheimniß fordern⸗ den, Entwurfes erſchwerte, und errang ſich endlich mit Muͤhe 376 die Freiheit, in Kriegsſachen ſeiner eigenen Einſicht zu folgen. Endlich berührte der Kanzler auch den kitzlichen Punkt der Ent⸗ ſchaͤdigung, welche ſich Schweden nach geendigtem Kriege von der Dankbarkeit ſeiner Alliirten zu verſprechen hätte, und er ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, auf Pommern angewieſen zu werden, worauf das Hauptaugenmerk Schwedens gerichtet war, und von den Ständen die Verſicherung ihres kräftigen Beiſtands zu Erwerbung dieſer Provinz zu erhalten. Aber es blieb bei einer allgemeinen und ſchwankenden Verſicherung, daß man einander bei einem kuünftigen Frieden nicht im Stiche laſſen wuͤrde. Daß es nicht die Ehrfurcht für die Verfaſſung des Reichs war, was die Stände uͤber dieſen Punkt ſo behut⸗ ſam machte, zeigte die Freigebigkeit, die man auf Unkoſten der heiligſten Reichsgeſetze gegen den Kanzler beweiſen wollte. Wenig fehlte, daß man ihm nicht das Erzſtift Mainz, welches er ohne⸗ hin als Eroberung inne hatte, zur Belohnung anbot, und nur mit Muͤhe hintertrieb der franzoͤſiſche Abgeſandte dieſen eben ſo unpolitiſchen als entehrenden Schritt. Wie weit nun auch die Erfüllung hinter den Wünſchen Oxenſtierna's zurückblieb, ſo hatte er doch ſeinen vornehmſten Zweck, die Direction des Ganzen, für ſeine Krone und für ſich ſelbſt erreicht, das Band zwiſchen den Standen der vier obern Kreiſe enger und feſter zuſammengezogen, und zu Unterhaltung der Krieg macht einen jährlichen Beitrag von dritthalb Millionen Thalern errungen. So viel Nachgiebigkeit von Seiten der Staͤnde war von Seiten Schwedens eine Erkenntlichkeit werth. Wenig Wochen nach Guſtav Adolphs Tod hatte der Gram das unglückliche Leben des Pfalzgrafen Friedrich geendigt, nachdem dieſer be⸗ klagenswerthe Fürſt acht Monate lang den Hofſtaat ſeines Be⸗ ſchützers vermehrt und im Gefolge desſelben den kleinen Ueber⸗ reſt ſeines Vermoͤgens verſchwendet hatte. Endlich naͤherte er 377 ſich dem Ziele ſeiner Wünſche, und eine freudigere Zukunft that ſich vor ihm auf, als der Tod ſeinen Beſchützer dahin raffte. Was er als das höchſte Unglück betrachtete, hatte die günſtigſten Folgen für ſeinen Erben. Guſtav Adolph durfte ſich herausnehmen, mit der Zurückgabe ſeiner Länder zu zögern und dieſes Geſchenk mit drückenden Bedingungen zu erſchwe⸗ ren; Oxenſtierna, dem die Freundſchaft Englands, Hol⸗ lands und Brandenburgs, und die gute Meinung der refor⸗ mirten Stände überhaupt ungleich wichtiger war, mußte die Pflicht der Gerechtigkeit befolgen. Er übergab daher auf eben dieſer Verſammlung zu Heilbronn ſowohl die ſchon eroberten als die noch zu erobernden pfälziſchen Lande den Nachkommen Friedrichs, Mannheim allein ausgenommen, welches bis zu geſchehener Koſtenerſtattung von den Schweden beſetzt bleiben ſollte. Der Kanzler ſchränkte ſeine Gefäͤlligkeit nicht bloß auf das pfälziſche Haus ein; auch die andern alliirten Reichsfürſten erhielten, wiewohl einige Zeit ſpäter, Beweiſe von der Dankbarkeit Schwedens, welche dieſer Krone eben ſo wenig von ihrem Eigenen koſteten. Die Pflicht der Unparteilichkeit, die heiligſte des Geſchicht⸗ ſchreibers, verbindet ihn zu einem Geſtandniß, das den Ver⸗ fechtern der deutſchen Freiheit eben nicht ſehr zur Ehre gereicht. Wie viel ſich auch die proteſtantiſchen Fürſten mit der Gerech⸗ tigkeit ihrer Sache und mit der Reinigkeit ihres Eifers wußten, ſo waren es doch groͤßtentheils ſehr eigennützige Triebfedern, aus denen ſie handelten; und die Begierde zu rauben hatte wenigſtens eben ſo viel Antheil an den angefangenen Feind⸗ ſeligkeiten, als die Furcht, ſich beraubt zu ſehen. Bald ent⸗ deckte Guſtav Adolph, daß er ſich von dieſer unreinen Triebfeder weit mehr, als von ihren patriotiſchen Empfindun⸗ gen zu verſprechen habe, und er unterließ nicht, ſie zu benutzen. 378 Jeder der mit ihm verbundenen Fürſten erhielt von ihm die Zuſicherung irgend einer dem Feinde ſchon entriſſenen oder noch zu entreißenden Beſitzung, und nur der Tod hinderte ihn, ſeine Zuſagen wahr zu machen. Was dem König die Klugheit rieth, gebot die Nothwendigkeit ſeinem Nachfolger; und wenn dieſem daran gelegen war, den Krieg zu verlängern, ſo mußte er die Beute mit den verbundenen Fürſten theilen, und ihnen von der Verwirrung, die er zu nahren ſuchte, Vortheile verſprechen. Und ſo ſprach er dem Landgrafen von Heſſen die Stifter Paderborn, Corvey, Münſter und Fulda, dem Herzog Bern⸗ hard von Weimar die fraͤnkiſchen Bisthümer, dem Herzog von Würtemberg die in ſeinem Lande gelegenen geiſtlichen Gü⸗ ter und öſterreichiſchen Grafſchaften zu, Alles unter dem Na⸗ men ſchwediſcher Lehen. Den Kanzler ſelbſt befremdete dieſes widerſinnige, den Deutſchen ſo wenig Ehre bringende Schau⸗ ſpiel, und kaum konnte er ſeine Verachtung verbergen.„Man lege es in unſerm Archiv nieder,“ ſagte er einesmals,„zum ewigen Gedaͤchtniß, daß ein deutſcher Reichsfürſt von einem ſchwediſchen Edelmann ſo etwas begehrte, und daß der ſchwe⸗ diſche Edelmann dem deutſchen Reichsfuͤrſten auf deutſcher Erde ſo etwas zutheilte.“ Nach ſo wohl getroffenen Anſtalten konnte man mit Ehren im Feld erſcheinen und den Krieg mit friſcher Lebhaftigkeit erneuern. Bald nach dem Siege bei Lützen vereinigen ſich die ſächſiſchen und lüneburgiſchen Truppen mit der ſchwediſchen Hauptmacht, und die Kaiſerlichen werden in kurzer Zeit aus ganz Sachſen herausgetrieben. Nunmehr trennt ſich dieſe vereinigte Armee. Die Sachſen ruͤcken nach der Lauſitz und Schleſien, um dort in Gemeinſchaft mit dem Grafen von Thurn gegen die Oeſterreicher zu agiren; einen Theil der ſchwediſchen Armee führt Herzog Bernhard nach Franken, 379 den andern Herzog Georg von Braunſchweig nach Weſt⸗ phalen und Niederſachſen. Die Eroberungen am Lechſtrom und an der Donau wur⸗ den, waͤhrend daß Guſtav Adolph den Zug nach Sachſen unternahm, von dem Pfalzgrafen von Birkenfeld und dem ſchwediſchen General Banner gegen die Bayern verthei⸗ digt. Aber zu ſchwach, den ſiegreichen Fortſchritten der letz⸗ tern, die von der Kriegserfahrung und Tapferkeit des kaiſer⸗ lichen Generals von Altringerunterſtützt wurden, hinläng⸗ lichen Widerſtand zu thun, mußten ſie den ſchwediſchen Gene⸗ ral von Horn aus dem Elſaß zu Hülfe rufen. Nachdem die⸗ ſe kriegserfahrne Feldherr die Stadte Benfeld, Schlettſtadt, Colmar und Hagenau der ſchwediſchen Herrſchaft unterworfen, übergab er dem Rheingrafen Otto Ludwig die Vertheidigung derſelben und eilte über den Rhein, um das Banner'ſche Heer zu verſtärken. Aber ungeachtet dieſes nunmehr ſechzehn⸗ tauſend Mann ſtark war, konnte es doch nicht verhindern, daß der Feind nicht an der ſchwäbiſchen Graͤnze feſten Fuß gewann, Kempten eroberte und ſieben Regimenter aus Böhmen an ſich zog. Um die wichtigen Ufer des Lech und der Donau zu be⸗ haupten, entblößte man das Elſaß, wo Rheingraf Otto Lud⸗ wig nach Horns Abzug Mühe gehabt hatte, ſich gegen das aufgebrachte Landvolk zu vertheidigen. Auch er mußte mit ſeinen Truppen das Heer an der Donau verſtaͤrken; und da auch dieſer Succurs nicht hinreichte, ſo forderte man den Herzog Bernhard von Weimar dringend auf, ſeine Waf⸗ fen nach dieſer Gegend zu kehren. Bernhard hatte ſich bald nach Eröffnung des Feldzugs im Jahre 1655 der Stadt und des ganzen Hochſtifts Bamberg bemachtigt und Würzburg ein ahnliches Schickſal zugedacht. Auf die Einladung Guſtav Horns ſetzte er ſich ungeſaͤumt in 380 Marſch gegen die Donau, ſchlug unterwegs ein bayeriſches Heer unter Johann von Werth aus dem Felde, und vereinigte ſich bei Donauwörth mit den Schweden. Dieſe zahlreiche, von den trefflichſten Generalen befehligte Armee bedroht Bayern mit einem furchtbaren Einfall. Das ganze Bisthum Eichſtädt wird uͤberſchwemmt, und Ingolſtadt ſelbſt verſpricht ein Ver⸗ räther den Schweden in die Hände zu ſpielen. Altringers Thätigkeit wird durch die ausdrückliche Vorſchrift des Herzogs von Friedland gefeſſelt, und, von Böhmen aus ohne Huͤlfe gelaſſen, kann er ſich dem Andrang des feindlichen Heers nicht entgegen ſetzen. Die günſtigſten Umſtände vereinigen ſich, die Waffen der Schweden in dieſen Gegenden ſiegreich zu machen, als die Thaͤtigkeit der Armee durch eine Empörung der Offi⸗ ciere auf einmal gehemmt wird. Den Waffen dankte man Alles, was man in Deutſchland erworben hatte; ſelbſt Guſtav Adolphs Größe war das Werk der Armee, die Frucht ihrer Disciplin, ihrer Tapferkeit, ihres ausdauernden Muths in unendlichen Gefahren und Müh⸗ ſeligkeiten. Wie künſtlich man auch im Cabinet ſeine Plane anlegte, ſo war doch zuletzt die Armee allein die Vollzieherin, und die erweiterten Entwuͤrfe der Anführer vermehrten immer nur die Laſten derſelben. Alle großen Entſcheidungen in dieſem Kriege waren durch eine wirklich barbariſche Hinopferung der Soldaten in Winterfeldzügen, Märſchen, Sturmen undoffenen Schlachten gewaltſam erzwungen worden, und es war Guſtav Adolphs Marime, nie an einem Siege zu verzagen, ſobald er ihm mehr nicht-als Menſchen koſtete. Dem Soldaten konnte ſeine Wichtigkeit nicht lange verborgen bleiben, und mit Recht verlangte er ſeinen Antheil an einem Gewinn, der mit ſeinem Blute errungen war. Aber mehrentheils konnte man ihm kaum den gebührenden Sold bezahlen, und die Gierigkeit der einzelnen Häupter, oder das Bedürfniß des Staats verſchlang gewoͤhnlich den beſten Theil der erpreßten Summen und der erworbenen Beſitzungen. Für alle Mühſeligkeiten, die er über⸗ nahm, blieb ihm nichts, als die zweifelhafte Ausſicht auf Raub oder auf Beförderung; und in beiden mußte er ſich nur zu oft hintergangen ſehen. Furcht und Hoffnung unterdrückten zwar jeden gewaltſamen Ausbruch der Unzufriedenheit, ſo lange Gu⸗ ſtav Adolph lebte; aber nach ſeinem Hintritt wurde der all⸗ gemeine Unwille laut, und der Soldat ergriff gerade den ge⸗ fahrlichſten Augenblick, ſich ſeiner Wichtigkeit zu erinnern. Zwei Officiere, Pfuhl und Mitſchefal, ſchon bei Lebzeiten des Königs als unruhſtiftende Koöpfe berüchtigt, geben im Lager an der Donau das Beiſpiel, das in wenigen Tagen unter den Of⸗ ficieren der Armee eine faſt allgemeine Nachahmung findet. Man verbindet ſich unter einander durch Wort und Handſchlag, keinem Commando zu gehorchen, bis der ſeit Monaten und Jahren noch ruͤckſtaändige Sold entrichtet, und noch außerdem jedem Einzelnen eine verhältnißmäßige Belohnung an Geld oder liegenden Gründen bewilligt ſey.„Ungeheure Summen,“ hoͤrte man ſie ſagen,„würden taͤglich durch Brandſchatzungen erpreßt, und all dieſes Geld zerrinne in wenigen Händen. In Schnee und Eis treibe man ſie hinaus, und nirgends ein Dank für dieſe unendliche Arbeit. Zu Heilbronn ſchreie man über den Muthwillen der Soldaten, aber niemand denke an ihr Ver⸗ dienſt. Die Gelehrten ſchreiben in die Welt hinein von Erobe⸗ rungen und Siegen, und alle dieſe Victorien habe man doch nur durch ihre Fauſte erfochten.“ Das Heer der Mißvergnügten mehrt ſich mit jedem Tage, und durch Briefe, die zum Glück aufgefangen werden, ſuchten ſie nun auch die Armeen am Ryein und in Sachſen zu empören. Weder die Vorſtellungen Bernhards von Weimar, noch die harten Verweiſe ſeines 38² ſtrengern Gehuͤlfen waren vermoͤgend, dieſe Gahrung zu un⸗ terdrücken, und die Heftigkeit des Letztern vermehrte vielmehr den Trotz der Empörer. Sie beſtanden darauf, daß jedem Regiment gewiſſe Städte zu Erhebung des rückſtändigen Sol⸗ des angewieſen würden. Eine Friſt von vier Wochen wurde dem ſchwediſchen Kanzler vergoͤnnt, zu Erfüllung dieſer For⸗ derungen Rath zu ſchaffen; im Weigerungsfall, erklärten ſie, würden ſie ſich ſelbſt bezahlt machen, und nie einen Degen mehr für Schweden entblößen. Die ungeſtüme Mahnung, zu einer Zeit gethan, wo die Kriegscaſſe erſchöpft und der Credit gefallen war, mußte den Kanzler in das höchſte Bedraͤngniß ſtürzen; und ſchnell mußte die Hülfe ſeyn, ehe derſelbe Schwindel auch die übrigen Trup⸗ pen anſteckte, und man ſich von allen Armeen auf einmal mitten unter Feinden verlaſſen ſah. Unter allen ſchwediſchen Heerführern war nur Einer, der bei den Soldaten Anſehen und Achtung genug beſaß⸗ dieſen Streit beizulegen. Herzog Bern⸗ hard war der Liebling der Armee, und ſeine kluge Maͤßigung hatte ihm das Vertrauen der Soldaten, wie ſeine Kriegs⸗ erfahrung ihre hoͤchſte Bewunderung erworben. Er übernahm es jetzt, die ſchwierige Armee zu beſänftigen; aber, ſeiner Wich⸗ tigkeit ſich bewußt, ergriff er den guͤnſtigen Augenblick, zuvor für ſich ſelbſt zu ſorgen, und der Verlegenheit des ſchwediſchen Kanzlers die Erfüllung ſeiner eigenen Wünſche abzuaͤngſtigen. Schon Guſtav Adolph hatte ihm mit einem Herzogthum Franken geſchmeichelt, das aus den beiden Hochſtiftern Bam⸗ berg und Würzburg erwachſen ſollte; jetzt drang Herzog Bern⸗ hard auf Haltung dieſes Verſprechens. Zugleich forderte er das Obercommando im Kriege als ſchwediſcher Generaliſſimus. Dieſer Mißbrauch, den der Herzog von ſeiner unentbehrlichkeit machte, entruͤſtete Oxenſtierna ſo ſehr, daß er ihm im erſten 383 Unwillen den ſchwediſchen Dienſt aufkuͤndigte. Bald aber be⸗ ſann er ſich eines Beſſern, und ehe er einen ſo wichtigen Feld⸗ herrn aufopferte, entſchloß er ſich lieber, ihn, um welchen Preis es auch ſey, an das ſchwediſche Intereſſe zu feſſeln. Er übergab ihm alſo die frankiſchen Bisthümer als Lehen der ſchwediſchen Krone, doch mit Vorbehalt der beiden Feſtungen Wüͤrzburg und Königshofen, welche von den Schweden beſetzt bleiben ſoll⸗ ten; zugleich verband er ſich im Namen ſeiner Krone, den Her⸗ zog im Beſitz dieſer Länder zu ſchüͤtzen. Das geſuchte Ober⸗ commando uber die ganze ſchwediſche Macht wurde unter einem anſtaͤndigen Vorwande verweigert. Nicht lange ſäumte Herzog Bernhard, ſich für dieſes wichtige Opfer dankbar zu erzei⸗ gen; durch ſein Anſehen und ſeine Thaͤtigkeit ſtillte er in kur⸗ zem den Aufruhr der Armee. Große Summen baaren Geldes wurden unter die Officiere vertheilt, und noch weit größere an Laͤndereien, deren Werth gegen funf Millionen Thaler be⸗ trug, und an die man kein anderes Recht hatte, als das der Eroberung. Indeſſen war der Moment zu einer großen Un⸗ ternehmung verſtrichen, und die vereinigten Anführer trenn⸗ ten ſich, um dem Feind in andern Gegenden zu widerſtehen. Nachdem Guſtav Horn einen kurzen Einfall in die obere Pfalz unternommen und Neumarkt erobert hatte, richtete er ſeinen Marſch nach der ſchwaͤbiſchen Gränze, wo ſich die Kaiſer⸗ lichen unterdeſſen beträchtlich verſtärkt hatten und Wuͤrtemberg mit einem verwuſtenden Einfall bedrohten. Durch ſeine An⸗ näherung verſcheucht, ziehen ſie ſich an den Bodenſee— aber nur, um auch den Schweden den Weg in dieſe noch nie beſuchte Gegend zu zeigen. Eine Beſitzung am Eingange der Schweiz war von äußerſter Wichtigkeit für die Schweden, und die Stadt Koſtnitz ſchien beſonders geſchickt zu ſeyn, ſie mit den Eidge⸗ noſſen in Verbindung zu ſetzen. Guſtav Horn unternahm 384 daher ſogleich die Belagerung derſelben; aber entbloͤßt von Geſchütz, das er erſt von Würtemberg mußte bringen laſſen, konnte er dieſe Unternehmung nicht ſchnell genug fördern, um den Feinden nicht eine hinlangliche Friſt zum Entſatze dieſer Stadt zu vergönnen, die ohnehin von dem See aus ſo leicht zu verſorgen war. Er verließ alſo nach einem vergeblichen Ver⸗ ſuche die Stadt und ihr Gebiet, um an den Ufern der Donau einer dringenden Gefahr zu begegnen.. Aufgefordert von dem Kaiſer, hatte der Cardinal Infant, Bruder Philipps des Vierten von Spanien und Statt⸗ halter in Mailand, eine Armee von vierzehntauſend Mann aus⸗ gerüſtet, welche beſtimmt war, unabhängig von Wallenſteins Befehlen an dem Rhein zu aziren und das Elſaß zu verthei⸗ digen. Dieſe Armee erſchien jetzt unter dem Commando des Herzogs von Feria, eines Spaniers, in Bayern; und um ſie ſogleich gegen die Schweden zu benutzen, wurde Altringer beordert, ſogleich mit ſeinen Truppen zu ihr zu ſtoßen. Gleich auf die erſte Nachricht von ihrer Erſcheinung hatte Guſtav Horn den Pfalzgrafen von Birkenfeld von dem Rhein⸗ ſtrom zu ſeiner Verſtärkung herbeigerufen, und nachdem er ſich zu Stockach mit demſelben vereinigt hatte, rückte er kühn dem dreißigtauſend Mann ſtarken Feind entgegen. Dieſer hatte ſei⸗ nen Weg über die Donau nach Schwaben genommen, wo Gu⸗ ſtav Horn ihm einmal ſo nahe kam, daß beide Armeen nur durch eine halbe Meile von einander geſchieden waren. Aber anſtatt das Anerbieten der Schlacht anzunehmen, zogen ſich die Kaiſerlichen über die Waldſtädte nach dem Breisgau und Elſaß⸗ wo ſie noch zeitig genug anlangten, um Breiſach zu entſetzen und den ſiegreichen Fortſchritten des Rheingrafen Otto Lud⸗ wig eine Gränze zu ſetzen. Dieſer hatte kurz vorher die Wald⸗ ſtädte erobert, und, unterſtützt von dem Pfalzgrafen von Bir⸗ 385 kenfeld, der die Unterpfalz befreite und den Herzog von Lothringen aus dem Felde ſchlug, den ſchwediſchen Waffen in dieſen Gegenden aufs neue das Uebergewicht errungen. Jetzt zwar mußte er der Ueberlegenheit des Feindes weichen; aber bald rücken Horn und Birkenfeld zu ſeinem Beiſtande herbei, und die Kaiſerlichen ſehen ſich nach einem kurzen Triumphe wieder aus dem Elſaß vertrieben. Die rauhe Herbſt⸗ zeit, welche ſie auf dieſem unglucklichen Rückzuge überfällt, richtet den größten Theil der Italiener zu Grunde, und ihren Anführer ſelbſt, den Herzog von Feria, toͤdtet der Gram über die mißlungene Unternehmung. Unterdeſſen hatte Herzog Bernhard von Weimar mit achtzehn Regimentern Fußvolk und hundert und vierzig Cor⸗ netten Reitern ſeine Stellung an der Donau genommen, um ſowohl Franken zu decken, als die Bewegungen der kaiſerlich⸗ bayeriſchen Armee an dieſem Strome zu beobachten. Nicht ſo bald hatte Altringer dieſe Graͤnzen entblößt, um zu den italieniſchen Truppen des Herzogs von Feria zu ſtoßen, als Bernhard ſeine Entfernung benutzte, über die Donau eilte und mit Blitzesſchnelligkeit vor Regensburg ſtand. Der Beſitz dieſer Stadt war für die Unternehmungen der Schweden auf Bayern und Oeſterreich entſcheidend; er verſchaffte ihnen feſten Fuß an dem Donauſtrom und eine ſichere Zuflucht bei jedem Unglücksfall, ſo wie er ſie allein in den Stand ſetzte, eine dauerhafte Eroberung in dieſen Ländern zu machen. Regens⸗ burg zu bewahren, war der letzte dringende Rath, den der ſter⸗ bende Tilly dem Kurfürſten von Bayern ertheilte, und Gu⸗ ſrav Adolph beklagte als einen nicht zu erſetzenden Verluſt, daß ihm die Bayern in Beſetzung dieſes Platzes zuvorgekommen waren. Unbeſchreiblich groß war daher Maximilians Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 25 386 Schrecken, als Herzog Bernhard dieſe Stadt uͤberraſchte und ſich ernſtlich anſchickte, ſie zu belagern. Nicht mehr als fünfzehn Compagnien größtentheils neuge⸗ worbener Truppen machten die Beſatzung derſelben aus; eine mehr als hinreichende Anzahl, um auch den uͤberlegenſten Feind zu ermüden, ſobald ſie von einer gutgeſinnten und kriegeriſchen Bürgerſchaft unterſtützt wurde. Aber gerade dieſe war der ge⸗ fährlichſte Feind, den die bayeriſche Garniſon zu bekaͤmpfen hatte. Die proteſtantiſchen Einwohner Regensburgs, gleich eiferſüchtig auf ihren Glauben und ihre Reichsfreiheit, hatten ihren Nacken mit Widerwillen unter das bayeriſche Joch ge⸗ beugt und blickten längſt ſchon mit Ungeduld der Erſcheinung eines Retters entgegen. Bernhards Ankunft vor ihren Mauern erfuͤllte ſie mit lebhafter Freude, und es war ſehr zu fuͤrchten, daß ſie die Unternehmungen der Belagerer durch einen innern Tumult unterſtützen würden. In dieſer großen Verlegenheit läßt der Kurfürſt die beweglichſten Schreiben an den Kaiſer, an den Herzog von Friedland ergehen, ihm nur mit fünftau⸗ ſend Mann auszuhelfen. Sieben Eilboten nach einander ſendet Ferdinand mit dieſem Auftrag an Wallenſtein, der die ſchleunigſte Hülfe zuſagt und auch wirklich ſchon dem Kur⸗ fürſten die nahe Ankunft von zwölftauſend Mann durch Gal⸗ las berichten laßt, aber dieſem Feldherrn bei Lebensſtrafe ver⸗ bietet, ſich auf den Weg zu machen. Unterdeſſen hatte der bayeriſche Commandant von Regensburg, in Erwartung eines nahen Entſatzes, die beſten Anſtalten zur Vertheidigung ge⸗ troffen, die katholiſchen Bauern wehrhaft gemacht, die prote⸗ ſtantiſchen Bürger hingegen entwaffnet und aufs Sorgfältigſte bewacht, daß ſie nichts Gefäͤhrliches gegen die Garniſon unter⸗ nehmen konnten. Da aber kein Entſatz erſchien und das feindliche Geſchütz mit ununterbrochener Heftigkeit die Werke 387 beſtürmte, ſorgte er durch eine anſtaͤndige Capitulation fuͤr ſich ſelbſt und die Beſatzung, und überließ die bayeriſchen Beamten und Geiſtlichen der Gnade des Siegers.— Mit dem Beſitze von Regensburg erweitern ſich Herzog Bernhards Entwurfe, und ſeinem kühnen Muth iſt Bayern ſelbſt eine zu enge Schranke geworden. Bis an die Gränzen von Oeſterreich will er dringen, das proteſtantiſche Landvolk gegen den Kaiſer bewaffnen und ihm ſeine Religionsfreiheit wieder geben. Schon hat er Straubing erobert, während daß ein anderer ſchwediſcher Feldherr die nördlichen Ufer der Donau ſich unterwuͤrfig macht. An der Spitze ſeiner Schweden dem Grimm der Witterung Trotz bietend, erreicht er die Mündung des Iſarſtroms und ſetzt im Angeſicht des bayeriſchen Generals von Werth, der hier gelagert ſteht, ſeine Truppen über. Jetzt zittern Paſſau und Linz, und der beſtürzte Kaiſer verdoppelt an Wallenſtein ſeine Mahnungen und Befehle, dem bedräng⸗ ten Bayern aufs Schleunigſte zu Hulfe zu eilen. Aber hier ſetzt der ſiegende Bernhard ſeinen Eroberungen ein freiwilliges Ziel. Vor ſich den Inn, der durch viele feſte Schlöſſer beſchützt wird, hinter ſich zwei feindliche Heere, ein übelgeſinntes Land und die Iſar, wo kein haltbarer Ort ihm den Rücken deckt, und der gefrorne Boden keine Verſchanzung geſtattet, von der gan⸗ zen Macht Wallenſteins bedroht, der ſich endlich entſchloſſen hat, an die Donau zu rücken, entzieht er ſich durch einen zei⸗ tigen Rückzug der Gefahr, von Regensburg abgeſchnitten und von Feinden umzingelt zu werden. Er eilt uͤber die Iſar und Donau, um die in der Oberpfalz gemachten Eroberungen gegen Wallen ſtein zu vertheidigen und ſelbſt eine Schlacht mit die⸗ ſem Feldherrn nicht auszuſchlagen. Aber Wallenſtein, dem es nie in den Sinn gekommen war, große Thaten an der Donau zu verrichten, wartet ſeine Annäherung nicht ab, und 388 ehe die Bayern recht anfangen ſeiner froh zu werden, iſt er ſchon nach Böhmen verſchwunden. Bernhard endigt alſo jetzt ſeinen glorreichen Feldzug und vergoͤnnt ſeinen Truppen die wohlverdiente Raſt in den Winterquartieren auf feindlicher Erde. Indem Guſtav Horn in Schwaben, der Pfalzgraf von Birkenfeld, General Baudiſſin und Rheingraf Otto Ludwig am Ober⸗ und Niederrhein, und Herzog Bernhard an der Donau den Krieg mit ſolcher Ueberlegenheit führten, wurde der Ruhm der ſchwediſchen Waffen in Niederſachſen und Weſtphalen von dem Herzog von Lüneburg und dem Land⸗ grafen von Heſſen⸗Kaſſel nicht weniger glorreich behauptet. Die Feſtung Hameln eroberte Herzog Georg nach der tapfer⸗ ſten Gegenwehr, und uͤber den kaiſerlichen General von Grons⸗ feld, der an dem Weſerſtrom commandirte, wurde von der vereinigten Armee der Schweden und Heſſen bei Oldendorf ein glänzender Sieg erfochten. Der Graf von Waſaburg, ein natürlicher Sohn Guſtav Adolphs, zeigte ſich in dieſer Schlacht ſeines Urſprungs werth. Sechzehn Kanonen, das ganze Gepäcke der Kaiſerlichen und vierundſiebenzig Fahnen fielen in ſchwediſche Hände, gegen dreitauſend ven den Fein⸗ den blieben auf dem Platze, und faſt eben ſo viele wurden zu Gefangenen gemacht. Die Stadt Osnabrück zwang der ſchwediſche Oberſt Knyphauſen, und Paderborn der Land⸗ graf von Heſſen⸗Kaſſel zur Uebergabe; dafür aber ging Bücke⸗ burg, ein ſehr vichtiger Ort für die Schweden, an die Kaiſerlichen verloren. Beinahe an allen Enden Deutſchlands ſah man die ſchwediſchen Waffen ſiegreich, und das naͤchſte Jahr nach Guſtav Adolphs Tode zeigte keine Spur des Verluſtes, den man an dieſem großen Führer erlitten hatte. Bei Erwähnung der wichtigen Vorfälle, welche den Feldzug des 1633ſten Jahres auszeichneten, muß die Unthaͤtigkeit eines 389 Mannes, der bei weitem die höchſten Erwartungen rege machte, ein gerechtes Erſtaunen erwecken. Unter allen Generalen, deren Thaten uns in dieſem Feldzuge beſchaͤftigt haben, war keiner, der ſich an Erfahrung, Talent und Kriegsruhm mit W allen⸗ ſtein meſſen durfte, und gerade dieſer verliert ſich ſeit dem Treffen bei Lutzen aus unſern Augen. Der Fall ſeines großen Gegners läͤßt ihm allein jetzt den ganzen Schauplatz des Ruhmes frei; die ganze Aufmerkſamkeit Europa's iſt auf die Thaten ge⸗ ſpannt, die das Andenken ſeiner Niederlage ausloͤſchen und ſeine Ueberlegenheit in der Kriegskunſt der Welt verkuͤndigen ſollen. Und doch liegt er ſtill in Boͤhmen, indeß die Verluſte des Kaiſers in Bayern, in Niederſachſen, am Rhein ſeine Gegen⸗ wart dringend fordern; ein gleich undurchdringliches Geheimniß für Freund und Feind, der Schrecken und doch zugleich die letzte Hoffnung des Kaiſers. Mit unerklaͤrbarer Eilfertigkeit hatte er ſich nach dem verlorenen Treffen bei Lützen in das Königreich Boͤhmen gezogen, wo er uͤber das Verhalten ſeiner Officiere in dieſer Schlacht die ſtrengſten Unterſuchungen anſtellte. Die das Kriegsgericht für ſchuldig erkannte, wurden mit unerbittlicher Strenge zum Tode verurtheilt, die ſich brav gehalten hatten, mit königlicher Großmuth belohnt, und das Andenken der Ge⸗ bliebenen durch herrliche Monumente verewigt. Den Winter uber drückte er die kaiſerlichen Provinzen durch übermäßige Contributionen und durch die Winterquartiere, die er abſicht⸗ lich nicht in feindlichen Laäͤndern nahm, um das Mark der oͤſterreichiſchen Länder auszuſaugen. Anſtatt aber mit ſeiner wohl gepflegten und auserleſenen Armee beim Anbruch des Frühlings 1633 den Feldzug vor allen Andern zu eröffnen und ſich in ſeiner ganzen Feldherrnkraft zu erheben, war er der Letzte, der im Felde erſchien, und auch jetzt war es ein kaiſer⸗ liches Erbland, das er zum Schauplatz des Kriegs machte. 390 Unter allen Provinzen Oeſterreichs war Schleſien der groͤßten Gefahr ausgeſetzt. Drei verſchiedene Armeen, eine ſchwediſche unter dem Grafen von Thurn, eine ſachſiſche un⸗ ter Arnheim und dem Herzog von Lauenburg, und eine brandenburgiſche unter Borgsdorf, hatten dieſe Provinz zu gleicher Zeit mit Krieg überzogen. Schon hatten ſie die wich⸗ tigſten Plätze in Beſitz, und ſelbſt Breslau hatte die Partei der Alliirten ergriffen. Aber gerade dieſe Menge von Generalen und Armeen rettete dem Kaiſer dieſes Land; denn die Eifer⸗ ſucht der Generale und der gegenſeitige Haß der Schweden und Sachſen ließ ſie nie mit Einſtimmigkeit verfahren. Arn⸗ heim und Thurn zankten ſich um die Oberſtelle; die Bran⸗ denburger und Sachſen hielten eifrig gegen die Schweden zuſammen, die ſie als überläſtige Fremdlinge anſahen und, wo es nur immer thunlich war, zu verkuͤrzen ſuchten. Hin⸗ gegen lebten die Sachſen mit den Kaiſerlichen auf einem viel vertraulichern Fuß, und oft geſchah es, daß die Officiere bei⸗ der feindlichen Armeen einander Beſuche abſtatteten und Gaſt⸗ maͤhler gaben. Man ließ die Kaiſerlichen ungehindert ihre Guͤ⸗ ter fortſchaffen, und Viele verhehlten es gar nicht, daß ſie von Wien große Summen gezogen. Unter ſo zweideutig geſinnten Alliirten ſahen ſich die Schweden verkauft und verrathen, und an große Unternehmungen war bei einem ſo ſchlechten Ver⸗ ſtändniß nicht zu denken. Auch war der General von Arnheim den groͤßten Theil der Zeit abweſend, und als er endlich wieder bei der Armee anlangte, naͤherte ſich Wallenſtein ſchon mit einer furchtbaren Kriegsmacht den Gränzen. Vierzigtauſend Mann ſtark ruͤckte er ein, und nicht mehr als vierundzwanzigtauſend hatten ihm die Alliirten entgegen zu ſetzen. Nichtsdeſtoweniger wollten ſie eine Schlacht ver⸗ ſuchen, und erſchienen bei Münſterberg, wo er ein verſchanztes 391 Lager bezogen hatte. Aber Wallenſtein ließ ſie acht Tage lang hier ſtehen, ohne nur die geringſte Bewegung zu machen⸗ dann verließ er ſeine Verſchanzungen, und zog mit ruhigem ſtolzen Schritt an ihrem Lager vorüͤber. Auch nachdem er auf⸗ gebrochen war und die muthiger gewordenen Feinde ihm be⸗ ſtaͤndig zur Seite blieben, ließ er die Gelegenheit unbenutzt. Die Sorgfalt, mit der er die Schlacht vermied, wurde als Furcht ausgelegt; aber einen ſolchen Verdacht durfte Wal⸗ lenſtein auf ſeinen verjährten Feldherrnruhm wagen. Die Eitelkeit der Alliirten ließ ſie nicht bemerken, daß er ſein Spiel mit ihnen trieb, und daß er ihnen die Niederlage großmuͤthig ſchenkte, weil ihm— mit einem Sieg über ſie für jetzt nicht gedient war. Um ihnen jedoch zu zeigen, daß er der Herr ſey, und daß nicht die Furcht vor ihrer Macht ihn in Unthä⸗ tigkeit erhalte, ließ er den Commandanten eines Schloſſes, das in ſeine Haͤnde fiel, niederſtoßen, weil er einen unhalt⸗ baren Platz nicht gleich übergeben hatte. Neun Tage lang ſtanden beide Armeen einander einen Musketenſchuß weit im Geſichte, als der Graf Terzky aus dem Wallenſteinſchen Heere mit einem Trompeter vor dem Lager der Alliirten erſchien, den General von Arnheim zu einer Conferenz einzuladen. Der Inhalt derſelben war, daß Wallenſtein, der doch an Macht der überlegene Theil war, einen Waffenſtillſtand von ſechs Wochen in Vorſchlag brachte.„Er ſey gekommen,“ ſagte er,„mit Schweden und mit den Reichsfürſten einen ewigen Frieden zu ſchließen, die Soldaten zu bezahlen und Jedem Genugthuung zu verſchaffen. Alles dies ſtehe in ſeiner Hand, und wenn man in Wien Anſtand nehmen ſollte, es zu beſtätigen, ſo wolle er ſich mit den Alliirten vereinigen, und(was er Arnheimen zwar ins Ohr fluſterte) den Kaiſer zum Teufel jagen.“ Bei einer 392 zweiten Zuſammenkunft ließ er ſich gegen den Grafen von Thurn noch deutlicher heraus.„Alle Privilegien,“ erkläͤrte er,„ſollten aufs Neue beſtaͤtigt, alle böhmiſchen Exulanten zuruckberufen und in ihre Güter wieder eingeſetzt werden, und er ſelbſt wolle der Erſte ſeyn, ſeinen Antheil an denſel⸗ ben herauszugeben. Die Jeſuiten, als die Urheber aller bis⸗ herigen Unterdrückungen, ſollten verjagt, die Krone Schweden durch Zahlungen auf beſtimmte Termine abgefunden, alles überfluͤſſige Kriegsvolk von beiden Theilen gegen die Türken geführt werden.“ Der letzte Punkt enthielt den Aufſchluß des ganzen Räthſels.„Wenn er die böͤhmiſche Krone davon trüge, ſo ſollten alle Vertriebenen ſich ſeiner Großmuth zu ruhmen haben, eine vollkommene Freiheit der Religion ſollte dann in dem Königreich herrſchen, das pfälziſche Haus in alle ſeine vorigen Rechte zurücktreten und die Markgrafſchaft Mähren ihm für Mecklenburg zur Entſchadigung dienen. Die alliirten Armeen zögen dann unter ſeiner Anführung nach Wien, dem Kaiſer die Genehmigung des Tractats mit ge⸗ waffneter Hand abzunoͤthigen.“ Jetzt alſo war die Decke von dem Plan weggezogen, worüber er ſchon Jahre lang in geheimnißvoller Stille gebrütet hatte. Auch lehrten alle Umſtaͤnde, daß zu Vollſtreckung desſelben keine Zeit zu verlieren ſey. Nur das blinde Vertrauen zu dem Kriegsglück und dem uͤberlegenen Genie des Herzogs von Friedland hatte dem Kaiſer die Feſtigkeit eingeflößt, allen Vorſtellungen Bayerns und Spaniens entgegen und auf Koſten ſeines eigenen Anſehens dieſem gebieteriſchen Manne ein ſo uneingeſchränktes Commando zu übergeben. Aber dieſer Glaube an die Unüberwindlichkeit Wallenſteins war durch ſeine lange Unthätigkeit laͤngſt erſchüttert worden und nach dem verunglückten Treffen bei Lutzen beinahe gaͤnzlich gefallen. 393 Aufs Neue erwachten jetzt ſeine Gegner an Ferdinands Hofe, und die Unzufriedenheit des Kaiſers über den Fehl⸗ ſchlag ſeiner Hoffnungen verſchaffte ihren Vorſtellungen den gewuͤnſchten Eingang bei dieſem Monarchen. Das ganze Be⸗ tragen des Herzogs wurde mit beißender Kritik von ihnen gemuſtert, ſein hochfahrender Trotz und ſeine Widerſetzlichkeit gegen des Kaiſers Befehle dieſem eiferſüchtigen Fürſten in Erinnerung gebracht, die Klagen der öſterreichiſchen Untertha⸗ nen über ſeine graͤnzenloſen Bedruͤckungen zu Hülfe gerufen, ſeine Treue verdächtig gemacht und über ſeine geheimen Ab⸗ ſichten ein ſchreckhafter Wink hingeworfen. Dieſe Anklagen, durch das ganze übrige Betragen des Herzogs nur zu ſehr gerechtfertigt, unterließen nicht, in Ferdinands Gemüth tiefe Wurzeln zu ſchlagen; aber der Schritt war einmal ge⸗ ſchehen, und die große Gewalt, womit man den Herzog be⸗ kleidet hatte, konnte ihm ohne große Gefahr nicht entriſſen werden. Sie unmerklich zu vermindern, war Alles, was dem Kaiſer übrig blieb, und um dies mit einigem Erfolg zu kön⸗ nen, mußte man ſie zu theilen, vor allen Dingen aber ſich außer Abhäͤngigkeit von ſeinem guten Willen zu ſetzen ſuchen. Aber ſelbſt dieſes Rechtes hatte man ſich in dem Vertrage begeben, den man mit ihm errichtete, und gegen jeden Ver⸗ ſuch, ihm einen andern General an die Seite zu ſetzen, oder einen unmittelbaren Einfluß auf ſeine Truppen zu haben, ſchützte ihn die eigenhaͤndige Unterſchrift des Kaiſers. Da man dieſen nachtheiligen Vertrag weder halten noch vernich⸗ ten konnte, ſo mußte man ſich durch einen Kunſtgriff heraus⸗ helfen. Wallenſtein war kaiſerlicher Generaliſſimus in Deutſchland; aber weiter erſtreckte ſich ſich ſein Gebiet nicht, und über eine auswärtige Armee konnte er ſich keine Herrſchaft anmaßen. Man läßt alſo in Mailand eine ſpaniſche Armee 394 errichten und unter einem ſpaniſchen General in Deutſchland fechten. Wallenſtein iſt alſo der Unentbehrliche nicht mehr, weil er aufgehoͤrt hat, der Einzige zu ſeyn, und im Nothfall hat man gegen ihn ſelbſt eine Stütze. Der Herzog fuͤhlte es ſchnell und tief, woher dieſer Streich kam und wohin er zielte. Umſonſt proteſtirte er bei dem Cardinal⸗Infanten gegen dieſe vertragswidrige Neuerung; die italieniſche Armee ruͤckte ein und man zwang ihn, ihr den General Altringer mit Verſtärkung zuzuſenden. Zwar wußte er dieſem durch ſtrenge Verhaktungsbefehle die Hände ſo ſehr zu binden, daß die italieniſche Armee in dem Elſaß und in Schwaben wenig Ehre einlegte; aber dieſer eigenmaͤchtige Schritt des Hofes hatte ihn aus ſeiner Sicherheit aufgeſchreckt und ihm über die näher kommende Gefahr einen warnenden Wink gegeben. Um nicht zum zweiten Male ſein Commando und mit demſelben die Frucht aller ſeiner Bemühungen zu verlieren, mußte er mit der Ausführung ſeines Anſchlags eilen. Durch Entfernung der verdächtigen Officiere und durch ſeine Freigebigkeit gegen die andern, hielt er ſich der Treue ſeiner Truppen verſichert. Alle andern Stände des Staats, alle Pflichten der Gerechtigkeit und Menſchlichkeit hatte er dem Wohl der Armee aufgeopfert, alſo rechnete er auf die Erkenntlichkeit derſelben. Im Begriff, ein nie erleb⸗ tes Beiſpiel des Undanks gegen den Schöpfer ſeines Glücks aufzuſtellen, baute er ſeine ganze Wohlfahrt auf die Dank⸗ barkeit, die man ihm erweiſen ſollte. Die Anführer der ſchleſiſchen Armeen hatten von ihren Principalen keine Vollmacht, ſo etwas Großes, als Wallen⸗ ſtein in Vorſchlag brachte, für ſich allein abzuſchließen, und ſelbſt den verlangten Waffenſtillſtand getrauten ſie ſich nicht länger als auf vierzehn Tage zu bewilligen. Ehe ſich der 395 Herzog gegen die Schweden und Sachſen herausließ, hatte er noch fuür rathſam gefunden, ſich bei ſeiner kühnen Unterneh⸗ mung des franzöſiſchen Schutzes zu verſichern. Zu dem Ende wurden durch den Grafen von Kinsky bei dem franzoͤſiſchen Bevollmächtigten Feuquières zu Dresden geheime Unter⸗ handlungen, wiewohl mit ſehr mißtrauiſcher Vorſicht, ange⸗ knüpft, welche ganz ſeinem Wunſche gemäͤß ausfielen. Feu⸗ quidres erhielt Beſehl von feinem Hofe, allen Vorſchub von Seiten Frankreichs zu verſprechen, und dem Herzog, wenn er deren benothigt waͤre, eine beträchtliche Geldhuͤlfe anzubieten. Aber gerade dieſe überkluge Sorgfalt, ſich von allen Seiten zu decken, gereichte ihm zum Verderben. Der franzoͤſiſche Be⸗ vollmächtigte entdeckte mit großem Erſtaunen, daß ein Anſchlag, der mehr als jeder andere des Geheimniſſes bedurfte, den Schweden und den Sachſen mitgetheilt worden ſey. Das ſäch⸗ ſiſche Miniſterium war, wie man allgemein wußte, im Intereſſe des Kaiſers, und die den Schweden angebotenen Bedingungen blieben allzuweit hinter den Erwartungen derſelben zurück, um je ihren Beifall erhalten zu können. Feuquieres fand es daher unbegreiflich, wie der Herzog in vollem Ernſte auf die Unterſtützung der Erſtern und auf die Verſchwiegenheit der Letztern haͤtte Rechnung machen ſollen. Er entdeckte ſeine Zweifel und Beſorgniſſe dem ſchwediſchen Kanzler, der in die Abſichten Wallenſteins ein gleich großes Mißtrauen ſetzte, und noch weit weniger Geſchmack an ſeinen Vorſchlaͤgen fand. Wiewohl es ihm kein Geheimniß war, daß der Herzog ſchon ehedem mit Guſtav Adolph in ähnlichen Tractaten geſtan⸗ den, ſo begriff er doch die Möglichkeit nicht, wie er die ganze Armee zum Abfall bewegen, und ſeine uͤbermaͤßigen Ver⸗ ſprechungen wuͤrde wahr machen koͤnnen. Ein ſo ausſchweifender Plan und ein ſo unbeſonnenes Verfahren ſchien ſich mit der 396 verſchloſſenen und mißtrauiſchen Gemuͤthsart des Herzogs nicht wohl zu vertragen, und lieber erklärte man Alles für Maske und Betrug, weil es eher erlaubt war an ſeiner Redlichkeit als an ſeiner Klugheit zu zweifeln. Oxenſtierna's Be⸗ denklichkeiten ſteckten endlich ſelbſt Arnheimen an, der in vollem Vertrauen auf Wallenſteins Aufrichtigkeit zu dem Kanzler nach Gelnhauſen gereist war, ihn dahin zu vermögen, daß er dem Herzog ſeine beſten Regimenter zum Gebrauch überlaſſen möchte. Man fing an zu argwohnen, daß der ganze Antrag nur eine kuͤnſtlich gelegte Schlinge ſey, die Alliirten zu entwaffnen und den Kern ihrer Kriegsmacht dem Kaiſer in die Hände zu ſpielen. Wallenſteins bekannter Charakter widerlegte dieſen ſchlimmen Verdacht nicht, und die Wider⸗ ſprüche, in die er ſich nachher verwickelte, machten, daß man endlich ganz und gar an ihm irre ward. Indem er die Schweden in ſein Bündniß zu ziehen ſuchte und ihnen ſogar ihre beſten Truppen abforderte, äußerte er ſich gegen Arnheim, daß man damit anfangen müſſe, die Schweden aus dem Reiche zu verjagen; und während daß ſich die ſaͤchſiſchen Officiere, im Vertrauen auf die Sicherheit des Waffenſtillſtandes, in großer Menge bei ihm einfanden, machte er einen verunglückten Ver⸗ ſuch, ſich ihrer Perſonen zu bemächtigen. Er brach zuerſt den Stillſtand, den er doch einige Monate darauf, nicht ohne große Mühe, erneuerte. Aller Glaube an ſeine Wahrhaftigkeit ver⸗ ſchwand, und endlich glaubte man in ſeinem ganzen Benehmen nichts als ein Gewebe von Betrug und niedrigen Kniffen zu ſehen, um die Alliirten zu ſchwächen und ſich ſelbſt in Ver⸗ faſſung zu ſetzen. Dieſes erreichte er zwar wirklich, indem ſeine Macht ſich mit jedem Tage vermehrte, die Alliirten aber durch Deſertion und ſchlechten Unterhalt über die Halfte ihrer Truppen einbuͤßten. Aber er machte von ſeiner Ueberlegenheit 397 den Gebrauch nicht, den man in Wien erwartete. Wenn man einem entſcheidenden Vorfall entgegenſah, erneuerte er plötzlich die Unterhandlungen; und wenn der Waffenſtillſtand die Alliir⸗ ten in Sicherheit ſtuͤrzte, ſo erhob er ſich plötzlich, um die Feindſeligkeiten zu erneuern. Alle dieſe Widerſprüche floſſen aus dem doppelten und ganz unvereinbaren Entwurf, den Kaiſer und die Schweden zugleich zu verderben und mit Sach⸗ ſen einen beſondern Frieden zu ſchließen. Ueber den ſchlechten Fortgang ſeiner Unterhandlungen un⸗ geduldig, beſchloß er endlich, ſeine Macht zu zeigen, da ohnehin die dringende Noth in dem Reiche und die ſteigende Unzufrie⸗ denheit am kaiſerlichen Hofe keinen laͤngern Aufſchub geſtatteten. Schon vor dem letzten Stillſtand war der General von Holk von Boͤhmen aus in das Meißniſche eingefallen, hatte Alles, was auf ſeinem Wege lag, mit Feuer und Schwert verwüſtet, den Kurfürſten in ſeine Feſtungen gejagt und ſelbſt die Stadt Leipzig erobert. Aber der Stillſtand in Schleſien ſetzte ſeinen Verwüſtungen ein Ziel, und die Folgen ſeiner Ausſchweifungen ſtreckten ihn zu Adorf auf die Bahre. Nach aufgehobenem Stillſtand machte Wallenſtein aufs Neue eine Bewegung, als ob er durch die Lauſitz in Sachſen fallen wollte, und ließ ausſprengen, daß Piccolomini ſchon dahin aufgebrochen ſey. Sogleich verläßt Arnheim ſein Lager in Schleſien, um ihm nachzufolgen und dem Kurfürſtenthum zu Hülfe zu eilen. Da⸗ durch aber wurden die Schweden entbloßt, die unter dem Com⸗ mando des Grafen von Thurn in ſehr kleiner Anzahl bei Steinau an der Oder gelagert ſtanden; und gerade dies war es, was der Herzog gewollt hatte. Er ließ den ſächſiſchen General ſechzehn Meilen voraus in das Meißniſche eilen und wendete ſich dann auf einmal rückwärts gegen die Oder, wo er die ſchwediſche Armee in der tiefſten Sicherheit üͤberraſchte. Ihre 398 Reiterei wurde durch den vorangeſchickten General Schafgotſch geſchlagen und das Fußvolk von der nachfolgenden Armee des Herzogs bei Steinau völlig eingeſchloſſen. Wallenſtein gab dem Grafen von Thurn eine halbe Stunde Bedenkzeit, ſich mit dritthalbtauſend Mann gegen mehr als zwanzigtauſend zu wehren, oder ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Bei ſolchen Umſtänden konnte keine Wahl ſtattfinden. Die ganze Armee gibt ſich gefangen, und ohne einen Tropfen Blut iſt der voll⸗ kommenſte Sieg erfochten. Fahnen, Bagage und Geſchütz fallen in des Siegers Hand, die Officiere werden in Verhaft genom⸗ men, die Gemeinen untergeſteckt. Und jetzt endlich war nach einer vierzehnjährigen Irre, nach unzähligen Glückswechſeln, der Anſtifter des böhmiſchen Aufruhrs, der entfernte Urheber dieſes ganzen verderblichen Krieges, der berüchtigte Graf von Thurn, in der Gewalt ſeiner Feinde. Mit blutdurſtiger Un⸗ geduld erwartet man in Wien die Ankunft dieſes großen Ver⸗ brechers, und genießt ſchon im Voraus den ſchrecklichen Triumph, der Gerechtigkeit ihr vornehmſtes Opfer zu ſchlachten. Aber den Jeſuiten dieſe Luſt zu verderben, war ein viel ſuüßerer Triumph, und Thurn erhielt ſeine Freiheit. Ein Glück für ihn, daß er mehr wußte, als man in Wien erfahren durfte, und daß Wallenſteins Feinde auch die ſeinigen waren. Eine Nieder⸗ lage hätte man dem Herzog in Wien verziehen; dieſe getaͤuſchte Hoffnung vergab man ihm nie.„Was aber hätte ich denn ſonſt mit dieſem Raſenden machen ſollen?“ ſchreibt er mit boshaftem Spotte an die Miniſter, die ihn über dieſe unzeitige Großmuth zu Rede ſtellen.„Wollte der Himmel, die Feinde hätten lau⸗ ter Generale, wie dieſer iſt! An der Spitze der ſchwediſchen Heere wird er uns weit beſſere Dienſte thun als im Gefängniß.“ Auf den Sieg bei Steinau folgte in kurzer Zeit die Einnahme von Liegnitz, Groß⸗Glogau und ſelbſt von Frankfurt 399 an der Oder. Schafgotſch, der in Schleſien zuruͤckblieb, um die unterwerfung dieſer Provinz zu vollenden, blockirte Brieg und bedraͤngte Breslau vergebens, weil dieſe freie Stadt über ihre Privilegien wachte und den Schweden ergeben blieb. Die Oberſten Illo und Goͤtz ſchickte Wallenſtein nach der Wertha, um bis in Pommern und an die Küſte der Oſtſee zu dringen, und Landsberg, der Schlüſſel zu Pommern, wurde wirklich auch von ihnen erobert. Indem der Kurfürſt von Brandenburg und der Herzog von Pommern für ihre Länder zittern, brach Wallenſtein ſelbſt mit dem Reſt der Armee in die Lauſitz, wo er Goͤrlitz mit Sturm eroberte und Bautzen zur Uebergabe zwang. Aber es war ihm nur darum zu thun, den Kurfuͤrſten von Sachſen zu ſchrecken, nicht die erhaltenen Vortheile zu verfolgen; auch mit dem Schwert in der Hand ſetzte er bei Brandenburg und Sachſen ſeine Friedensantraͤge fort, wie⸗ wohl mit keinem beſſern Erfolg, da er. durch eine Kette von Widerſprüchen alles Vertrauen verſcherzt hatte. Jetzt würde er ſeine ganze Macht gegen das unglückliche Sachſen gewen⸗ det und ſeinen Zweck durch die Gewalt der Waffen doch end⸗ lich noch durchgeſetzt haben, wenn nicht der Zwang der Um⸗ ſtände ihn genoͤthigt hatte, dieſe Gegenden zu verlaſſen. Die Siege Herzog Bernhards am Donauſtrom, welche Oeſterreich ſelbſt mit naher Gefahr bedrohten, forderten ihn dringend nach Bayern, und die Vertreibung der Sachſen und Schwe⸗ den aus Schleſien raubte ihm jeden Vorwand, ſich den kaiſer⸗ lichen Befehlen noch länger zu widerſetzen und den Kurfürſten von Bayern hulflos zu laſſen. Er zog ſich alſo mit der Haupt⸗ macht gegen die Oberpfalz, und ſein Rückzug befreite Ober⸗ ſachſen auf immer von dieſem furchtbaren Feinde. 3 So lange es nur möglich war, hatte er Bayerns Rettung verſchoben und durch die geſuchteſten Ausflüchte die Ordonnanzen 400 des Kaiſers verhoͤhnt. Auf wiederholtes Bitten ſchickte er endlich zwar dem Grafen von Altringer, der den Lech und die Donau gegen Horn und Bernhard zu behaupten ſuchte, einige Regimenter aus Böhmen zu Hulfe, jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, ſich bloß vertheidigungs⸗ weiſe zu verhalten. Den Kaiſer und den Kurfürſten wies er, ſo oft ſie ihn um Huͤlfe anflehten, an Altringer, der, wie er öffentlich vorgab, eine unumſchraͤnkte Vollmacht von ihm erhalten habe, in Geheim aber band er demſelben durch die ſtrengſten Inſtruktionen die Häande und bedrohte ihn mit dem Tode, wenn er ſeine Befehle überſchreiten würde. Nachdem Herzog Bernhard vor Regensburg gerückt war und der Kaiſer ſowohl als der Kurfürſt ihre Aufforde⸗ rung um Hülfe dringender erneuerten, ſtellte er ſich an, als ob er den General Gallas mit einem anſehnlichen Heere an die Donau ſchicken würde; aber auch dies unterblieb, und ſo gingen, wie vorher das Bisthum Eichſtädt, jetzt auch Re⸗ gensburg, Straubing, Cham an die Schweden verloren. Als er endlich ſchlechterdings nicht mehr vermeiden konnte, den ernſtlichen Befehlen des Hofs zu gehorſamen, rückte er ſo langſam als er konnte an die bayeriſche Gränze, wo er das von den Schweden eroberte Cham berennte. Er vernahm aber nicht ſo bald, daß man von ſchwediſcher Seite daran arbeite, ihm durch die Sachſen eine Diverſion in Böhmen zu machen, ſo benutzte er dieſes Geruͤcht, um aufs Schleunigſte und ohne das Geringſte verrichtet zu haben, nach Böhmen zurückzukehren. Alles Andere, gab er vor, müſſe der Verthei⸗ digung und Erhaltung der kaiſerlichen Erblande nachſtehen; und ſo blieb er in Böhmen wie angefeſſelt ſtehen und hutete dieſes Koͤnigreich, als ob es jetzt ſchon ſein Eigenthum ware. Der Kaiſer wiederholte in noch dringenderem Tone ſeine 401 Mahnung, daß er ſich gegen den Donauſtrom ziehen ſolle, die gefahrliche Niederlaſſung des Herzogs von Weimar an Oeſter⸗ reichs Granzen zu hindern.— Er aber endigte den Feldzug für dieſes Jahr und ließ ſeine Truppen aufs Neue ihre Win⸗ terquartiere in dem erſchöpften Königreiche nehmen. 3 Ein ſo fortgeführter Trotz, eine ſo beiſpielloſe Geringſchätzung aller kaiſerlichen Befehle, eine ſo vorſätzliche Vernachlaäͤſſigung des allgemeinen Beſten, verbunden mit einem ſo außerſt zwei⸗ deutigen Benehmen gegen den Feind, mußten endlich den nach⸗ theiligen Gerüchten, wovon längſt ſchon ganz Deutſchland er⸗ fuͤllt war, Glauben bei dem Kaiſer verſchaffen. Lange Zeit war es ihm gelungen, ſeinen ſtrafbaren Unterhandlungen mit dem Feinde den Schein der Rechtmäßigkeit zu geben und den noch immer für ihn gewonnenen Monarchen zu überreden, daß der Zweck jener geheimen Zuſammenkünfte kein anderer ſey, als Deutſchland den Frieden zu ſchenken. Aber wie undurchdring⸗ lich er ſich auch glaubte, ſo rechtfertigte doch der ganze Zuſam⸗ menhang ſeines Betragens die Beſchuldigungen, womit ſeine Gegner unaufhörlich das Ohr des Kaiſers beſtürmten. Um ſich an Ort und Stelle von dem Grund oder Ungrund derſelben zu belehren, hatte Ferdinand ſchon zu verſchiedenen Zeiten Kundſchafter in das Wallenſtein'ſche Lager geſchickt, die aber, da der Herzog ſich hütete, etwas Schriftliches von ſich zu ge⸗ ben, bloße Muthmaßungen zurückbrachten. Da aber endlich die Miniſter ſelbſt, ſeine bisherigen Verfechter am Hofe, deren Güter Wallenſtein mit gleichen Laſten gedrückt hatte, ſich zur Partei ſeiner Feinde ſchlugen; da der Kurfürſt von Bayern die Drohung fallen ließ, ſich, bei laͤngerer Beibehaltung dieſes Generals, mit den Schweden zu vergleichen; da endlich auch der ſpaniſche Abgeſandte auf ſeiner Abſetzung beſtand und im Weigerungsfall die Subſidiengelder ſeiner Krone zurückzuhalten Schillers ämmtl. Werke. IX, 40²2 drohte: ſo ſah ſich der Kaiſer zum zweitenmale in die Noth⸗ wendigkeit geſetzt, ihn vom Commando zu entfernen. Die eigenmächtigen und unmittelbaren Verfügungen des Kaiſers bei der Armee belehrten den Herzog bald, daß der Vertrag mit ihm bereits als zerriſſen betrachtet und ſeine Abdankung unvermeidlich ſey. Einer ſeiner Unterfeldherren in Oeſterreich, dem Wallenſtein bei Strafe des Beils unter⸗ ſagt hatte, dem Hofe zu gehorſamen, empfing von dem Kaiſer unmittelbaren Befehl, zu dem Kurfürſten von Bayern zu ſtoßen; und an Wallenſtein ſelbſt erging die gebieteriſche Weiſung, dem Cardinal⸗Infanten, der mit einer Armee aus Italien unterwegs war, einige Regimenter zur Verſtärkung entgegen zu ſenden. Alle dieſe Anſtalten ſagten ihm, daß der Plan unwiderruflich gemacht ſey, ihn nach und nach zu entwaffnen, um ihn alsdann ſchwach und wehrlos auf Einmal zu Grunde zu richten. Zu ſeiner Selbſtvertheidigung mußte er jetzt eilen, einen Plan auszuführen, der aufangs nur zu ſeiner Vergrößerung beſtimmt war. Lafnger, als die Klugheit rieth, hatte er mit der Ausführung desſelben gezögert, weil ihm noch immer die günſtigen Conſtellationen fehlten, oder, wie er gewöhnlich die Ungeduld ſeiner Freunde abfertigte, we ildie Zeit nochnicht gekommen war. Die Zeit war auch jetzt noch nicht gekom⸗ men, aber die dringende Noth verſtattete nicht mehr, die Gunſt der Sterne zu erwarten. Das Erſte war, ſich der Geſinnun⸗ gen der vornehmſten Anführer zu verſichern und alsdann die Treue der Armee zu erproben, die er ſo freigebig vorausgeſetzt hatte. Drei derſelben, die Oberſten Kinsky, Terzky und Illo, waren ſchon längſt in das Geheimniß gezogen, und die beiden erſten durch das Band der Verwandtſchaft an ſein In⸗ tereſſe geknuͤpft. Eine gleiche Ehrſucht, ein gleicher Haß gegen 403 die Regierung und die Hoffnung uͤberſchwenglicher Belohnun⸗ gen verband ſie aufs engſte mit Wallenſtein, der auch die niedrigſten Mittel nicht verſchmäht hatte, die Zahl ſeiner An⸗ hänger zu vermehren. Den Oberſten Illo hatte er einſtmals uͤberredet, in Wien den Grafentitel zu ſuchen und ihm daber ſeine kraͤftigſte Fuͤrſprache zugeſagt. Heimlich aber ſchrieb er an die Miniſter, ihm ſein Geſuch abzuſchlagen, weil ſich ſonſt Mehrere melden duürften, die gleiche Verdienſte haͤtten und 3 auf gleiche Belohnungen Anſpruch machten. Als Illo hernach zur Armee zurückkam, war ſein Erſtes, ihn nach dem Erfolg ſeiner Bewerbungen zu fragen; und da ihm dieſer von dem ſchlechten Ausgange derſelben Nachricht gab, ſo fing er an, die bitterſten Klagen gegen den Hof auszuſtoßen.„Das alſo haͤtten wir mit unſern treuen Dienſten verdient,“ rief er,„daß meine Verwendung ſo gering geachtet und Euren Verdienſten eine ſo unbedeutende Belohnung verweigert wird! Wer wollte noch länger einem ſo undankbaren Herrn ſeine Dienſte wid⸗ men? Nein, was mich angeht, ich bin von nun an der ab⸗ geſagte Feind des Hauſes Oeſterreich.“ Illo ſtimmte bei, und ſo wurde zwiſchen beiden ein enges Bündniß geſtiftet. Aber was dieſe drei Vertrauten des Herzogs wußten, war lange Zeit ein undurchdringliches Geheimniß für die Uebrigen, und die Zuverſicht, mit der Wallenſtein von der Ergebenheit ſeiner Officiere ſprach, gründete ſich einzig nur auf die Wohl⸗ thaten, die er ihnen erzeigt hatte, und auf die Unzufriedenheit mit dem Hofe. Aber dieſe ſchwankende Vermuthung mußte ſich in Gewißheit verwandeln, ehe er ſeine Maske abwarf und ſich einen öffentlichen Schritt gegen den Kaiſer erlaubte. Graf Piccolomini, derſelbe, der ſich in dem Treffen bei Lützen durch einen beiſpielloſen Muth ausgezeichnet hatte, war der Erſte, deſſen Treue er auf die Probe ſtellte. Er hatte ſich 404 dieſen General durch große Geſchenke verpflichtet, und er gab ihm den Vorzug vor allen andern, weil Piccolomini unter einerlei Conſtellation mit ihm geboren war. Dieſem erklärte er, daß er, durch den Undank des Kaiſers und ſeine nahe Gefahr gezwungen, unwiderruflich entſchloſſen ſey, die öͤſter⸗ reichiſche Partei zu verlaſſen, ſich mit dem beſten Theile der Armee auf feindliche Seite zu ſchlagen und das Haus Oeſter⸗ reich in allen Graͤnzen ſeiner Herrſchaft zu bekriegen, bis es von der Wurzel vertilgt ſey. Auf Piecolomini habe er bei dieſer Unternehmung vorzüglich gerechnet und ihm ſchon im Voraus die glänzendſten Belohnungen zugedacht.— Als dieſer, um ſeine Beſtuͤrzung über dieſen uberraſchenden Antrag zu verbergen, von den Hinderniſſen und Gefahren ſprach, die ſich einem ſo gewagten Unternehmen entgegenſetzen würden, ſpottete Wallenſtein ſeiner Furcht.„Bei ſolchen Wageſtuͤcken,“ rief er aus,„ſey nur der Anfang ſchwer; die Sterne ſeyen ihm gewogen, die Gelegenheit, wie man ſie nur immer verlangen könne, auch dem Glücke müſſe man etwas vertrauen. Sein Entſchluß ſtehe feſt, und er wuͤrde, wenn es nicht anders geſchehen koͤnnte, an der Spitze von tauſend Pferden ſein Heil verſuchen.“ Piccolomini huͤtete ſich ſehr, durch einen längern Widerſpruch das Mißtrauen des Herzogs zu reizen und ergab ſich mit anſcheinender Ueberzeugung dem Gewicht ſeiner Gruͤnde. So weit ging die Verblendung des Herzogs,⸗ daß es ihm, aller Warnungen des Grafen Terzky ungeachtet, gar nicht einfiel, an der Aufrichtigkeit dieſes Mannes zu zweifeln, der keinen Augenblick verlor, die jetzt gemachte merkwürdige Entdeckung nach Wien zu berichten. Um endlich den entſcheidenden Schritt zum Ziele zu thun, berief er im Janner 1634 alle Commandeurs der Armee nach Pilſen zuſammen, wohin er ſich gleich nach ſeinem Rückzug 40⁵ aus Buyern gewendet hatte. Die neueſten Forderungen des Kai ſers, die Erblande mit Winterquartieren zu verſchonen, Regensburg noch in der rauhen Jahreszeit wieder zu erobern und die Armee zur Verſtärkung des Cardinal⸗Infanten um ſechstauſend Mann Reiterei zu vermindern, waren erheblich genug, um vor dem ganzen verſammelten Kriegsrath in Er⸗ wägung gezogen zu werden, und dieſer ſcheinbare Vorwand verbarg den Nengierigen den wahren Zweck der Zuſammen⸗ berufung. Auch Schweden und Sachſen wurden heimlich dahin geladen, um mit dem Herzog von Friedland über den Frieden zu tractiren; mit den Befehlshabern entlegener Heere ſollte ſchriftliche Abrede genommen werden. Zwanzig von den berufenen Commandeurs erſchienen; aber gerade die wichtig⸗ ſten, Gallas, Colloredo und Altringer blieben aus. Der Herzog ließ ſeine Einladung an ſie dringend wiederholen, einſtweilen aber, in Erwartung ihrer nahen Ankunft, zu der Hauptſache ſchreiten. Es war nichts Geringes, was er jetzt auf dem Wege war zu unternehmen. Einen ſtolzen, tapfern, auf ſeine Ehre wachſam haltenden Adel der ſchaͤndlichſten Untreue fähig zu erklären, und in den Augen derjenigen, die bis jetzt nur gewohnt waren, in ihm den Abglanz der Majeſtät, den Richter ihrer Handlungen, den Bewahrer der Geſetze zu verehren, auf Einmal als ein Niederträchtiger, als Verführer, als Rebell zu erſcheinen. Nichts Geringes war es, eine rechtmäßige, durch lange Ver⸗ jährung befeſtigte, durch Religion und Geſetze geheiligte Gewalt in ihren Wurzeln zu erſchüttern; alle jene Bezauberungen der Einbildungskraft und der Sinne, die furchtbaren Wachen eines rechtmaͤßigen Throns, zu zerſtören; alle jene unvertilgbaren Gefühle der Pflicht, die in der Bruſt des Unterthans für den gebornen Beherrſcher ſo laut und ſo mächtig ſprechen, mit 406 gewaltſamer Hand zu vertilgen. Aber geblendet von dem Glanz einer Krone, bemerkte Wallenſtein den Abgrund nicht, der zu ſeinen Füßen ſich oͤffnete, und im vollen lebendigen Gefühl ſeiner Kraft verſäumte er— das gewöhnliche Loos ſtarker und kühner Seelen— die Hinderniſſe gehörig zu würdigen und in Berechnung zu bringen. Wallenſtein ſah nichts, als eine gegen den Hof theils gleichgültige, theils erbitterte Armee— eine Armee, die gewohnt war, ſeinem Anſehn mit blinder Unterwerfung zu huldigen, vor ihm, als ihrem Geſetzgeber und Richter, zu beben, ſeine Befehle, gleich den Ausſpruchen des Schickſals, mit zitternder Ehrfurcht zu befolgen. In den uͤbertriebenen Schmeicheleien, womit man ſeiner Allgewalt huldigte, in den frechen Schmähungen gegen Hof und Regierung, die eine zügelloſe Soldateska ſich erlaubte und die wilde Licenz des Lagers entſchuldigte, glaubte er die wahren Geſinnungen der Armee zu vernehmen, und die Kühnheit, mit der man ſelbſt die Handlungen des Monarchen zu tadeln wagte, bürgte ihm für die Bereitwilligkeit der Truppen, einem ſo ſehr verach⸗ teten Oberherrn die Pflicht aufzukundigen. Aber, was er ſich als etwas ſo Leichtes gedacht hatte, ſtand als der furcht⸗ barſte Gegner wider ihn auf: an dem Pflichtgefühl ſeiner Truppen ſcheiterten alle ſeine Berechnungen. Berauſcht von dem Anſehn, das er uber ſo meiſterloſe Schaaren behauptete, ſchrieb er alles auf Rechnung ſeiner perſönlichen Größe, ohne ¹zu unterſcheiden, wie viel er ſich ſelbſt und wie viel er der Wuͤrde dankte, die er bekleidete. Alles zitterte vor ihm, weil er eine rechtmäßige Gewalt ausübte, weil der Gehorſam gegen ihn Pflicht, weil ſein Anſehen an die Majeſtaͤt des Thrones befeſtigt war. Größe für ſich allein kann wohl Bewunderung und Schrecken, aber nur die legale Groͤße Ehrfurcht und Unterwerfung erzwingen. Und dieſes entſcheidenden Vortheils 407 7 beraubte er ſich ſelbſt in dem Augenblicke, da er ſich als einen Verbrecher entlarvte. Der Feldmarſchall von Illo übernahm es, die Geſinnungen der Commandeurs zu erforſchen, und ſie auf den Schritt, den man von ihnen erwartete, vorzubereiten. Er machte den Anfang damit, ihnen die neueſten Forderungen des Hofes an den General und die Armee vorzutragen, und durch die gehäſſige Wendung, die er denſelben zu geben wußte, war es ihm leicht, den Zorn der ganzen Verſammlung zu entflammen. Nach dieſem wohlgewählten Eingang verbreitete er ſich mit vieler Beredſamkeit üͤber die Verdienſte der Armee und des Feldherrn, und über den Undank, womit der Kaiſer ſie zu belohnen pflege. „Spaniſcher Einfluß,“ behauptete er,„leite alle Schritte des Hofes; das Miniſterium ſtehe in ſpaniſchem Solde; nur der Herzog von Friedland habe bis jetzt dieſer Tyrannei wider⸗ ſtanden, und deswegen den tödtlichſten Haß der Spanier auf ſich geladen. Ihn vom Commando zu entfernen, oder ganz und gar wegzuräumen, fuhr er fort, war längſt ſchon das eifrigſte Ziel ihrer Beſtrebungen, und bis es ihnen mit einem von beiden gelingt, ſucht man ſeine Macht im Felde zu unter⸗ graben. Aus keinem andern Grunde iſt man bemüht, dem Koͤnig von Ungarn das Commando in die Haͤnde zu ſpielen, bloß damit man dieſen Prinzen, als ein williges Organ fremder Eingebungen, nach Gefallen im Felde herumführen, die ſpa⸗ niſche Macht aber deſto beſſer in Deutſchland befeſtigen könne. Bloß um die Armee zu vermindern, begehrt man ſechstauſend Mann fuͤr den Cardinal⸗Infanten; bloß um ſie durch einen Winterfeldzug aufzureiben, dringt man auf die Wiedereroberung Regensburgs in der feindlichen Jahreszeit. Alle Mittel zum Unterhalt erſchwert man der Armee, waͤhrend daß ſich die Je⸗ ſuiten und Miniſter mit dem Schweiß der Provinzen bereichern 408 und die für die Truppen beſtimmten Gelder verſchwenden. Der General bekennt ſein Unvermögen, der Armee Wort zu halten, weil der Hof ihn im Stiche läßt. Für alle Dienſte, die er innerhalb zweiundzwanzig Jahren dem Hauſe Oeſterreich geleiſtet, fuͤr alle Mühſeligkeiten, die er übernommen, für alle Reichthümer, die er in kaiſerlichem Dienſte von dem Seinigen zugeſetzt, erwartet ihn eine zweite ſchimpfliche Entlaſſung.— Aber er erklärt, daß er es dazu nicht kommen laſſen will. Von freien Stücken entſagt er dem Commando, ehe man es ihm mit Gewalt aus den Haͤnden windet. Dies iſt es, fuhr der Redner fort, was er den Obriſten durch mich entbietet. Jeder frage ſich nun ſelbſt, ob es rathſam iſt, einen ſolchen General zu verlieren. Jeder ſehe nun zu, wer ihm die Summen erſetze, die er im Dienſte des Kaiſers aufgewendet und wo er den verdienten Lohn ſeiner Tapferkeit ernte— wenn er dahin iſt, unter deſſen Augen er ſie bewieſen hat.“ Ein allgemeines Geſchrei, daß man den General nicht ziehen laſſen duͤrfe, unterbrach den Redner. Vier der Vornehmſten werden abgeordert, ihm den Wunſch der Verſammlung vor⸗ zutragen und ihn flehentlich zu bitten, daß er die Armee nicht verlaſſen moͤchte. Der Herzog weigerte ſich zum Schein und ergab ſich erſt nach einer zweiten Geſandtſchaft. Dieſe Nachgiebigkeit von ſeiner Seite ſchien einer Gegengefällig⸗ keit von der ihrigen werth. Da er ſich anheiſchig machte, ohne Wiſſen und Willen der Commandeurs nicht aus dem Dienſte zu treten, ſo forderte er von ihnen ein ſchriftliches Gegenverſprechen, treu und feſt an ihm zu halten, ſich nimmer von ihm zu trennen oder trennen zu laſſen und für ihn den letzten Blutstropfen auszuſetzen. Wer ſich von dem Bunde abſondern wuͤrde, ſollte füͤr einen treuvergeſſeuen Verraͤther gelten und von den übrigen als ein gemeinſchaftlicher Feind betrachtet 409 werden. Die ausdrüͤckliche angeführte Bedingung:„So lange Wallenſtein die Armee zum Dienſte des Kaiſers gebrauchen würde,“ entfernte jede Mißdeutung, und keiner der verſammelten Commandeurs trug Bedenken, einem ſo unſchuldig ſcheinenden und ſo billigen Begehren ſeinen vollen Beifall zu ſchenken. Die Vorleſung dieſer Schrift geſchah unmittelbar vor einem Gaſtmahl, welches der Feldmarſchall Illo ausdrücklich in die⸗ ſer Abſicht veranſtaltet hatte; nach aufgehobener Tafel ſollte die Unterzeichnung vor ſich gehen. Der Wirth that das Seinige, die Beſinnungskraft ſeiner Gäſte durch ſtarke Ge⸗ tränke abzuſtumpfen, und nicht eher, als bis er ſie von Wein⸗ düͤnſten taumeln ſah, gab er ihnen die Schrift zur Unterzeich⸗ nung. Die mehrſten malten leichtſinnig ihren Namen hin, ohne zu wiſſen, was ſie unterſchrieben; nur einige Wenige, welche neugieriger oder mißtrauiſcher waren, durchliefen das Blatt noch einmal, und entdeckten mit Erſtaunen, daß die Clauſel:„So lange Wallenſtein die Armee zum Beſten des Kaiſers gebrauchen würde,“ hinweggelaſſen ſey. Illo nämlich hatte mit einem geſchickten Taſchenſpielerkniff das erſte Eremplar mit einem andern ausgetauſcht, in dem jene Clauſel fehlte. Der Betrug wurde laut, und Viele weigerten ſich nun, ihre Unterſchrift zu geben. Piccolomini, der den ganzen Betrug durchſchaute und bloß in der Abſicht, dem Hofe davon Nachricht zu geben, an dieſem Auftritte Theil nahm, vergaß ſich in der Trunkenheit ſo, daß er die Geſund⸗ heit des Kaiſers aufbrachte. Aber jetzt ſtand Graf Terzky auf und erklärte alle für meineidige Schelmen, die zurück⸗ treten würden. Seine Drohungen, die Vorſtellung der unver⸗ meidlichen Gefahr, der man bei längerer Weigerung ausgeſetzt war, das Beiſpiel der Menge und Illo's Beredſamkeit 410 uͤberwanden endlich ihre Bedenklichkeiten, und das Blatt wurde von jedem ohne Ausnahme nnterzeichnet. Wallenſtein hatte nun zwar ſeinen Zweck erreicht, aber die ganz unerwartete Widerſetzung der Commandeurs riß ihn auf Einmal aus dem lieblichen Wahne, in dem er bisher geſchwebt hatte. Zudem waren die mehrſten Namen ſo un⸗ leſerlich gekritzelt, daß man eine unredliche Abſicht dahinter vermuthen mußte. Anſtatt aber durch dieſen warnenden Wink des Schickſals zum Nachdenken gebracht zu werden, ließ er ſeine gereizte Empfindlichkeit in unwuͤrdigen Klagen und Ver⸗ wünſchungen überſtroͤmen. Er berief die Commandeurs am folgenden Morgen zu ſich und übernahm es in eigener Per⸗ ſon, den ganzen Inhalt des Vortrags zu wiederholen, welchen Illo den Tag vorher an ſie gehalten hatte. Nachdem er ſeinen Unwillen gegen den Hof in den bitterſten Vorwürfen und Schmäahungen ausgegoſſen, erinnerte er ſie an ihre geſtrige Widerſetzlichkeit und erklärte, daß er durch dieſe Entdeckung bewogen worden ſey, ſein Verſprechen zurück zu nehmen. Stumm und betreten eutfernten ſich die Obriſten, erſchienen aber, nach einer kurzen Berathſchlagung im Vorzimmer, aufs Neue, den Vorfall von geſtern zu entſchuldigen und ſich zu einer neuen Unterſchrift anzubieten. Jetzt fehlte nichts mehr, als auch von den ausgebliebenen Generalen entweder eine gleiche Verſicherung zu erhalten, oder ſich im Weigerungsfalle ihrer Perſonen zu bemaͤchtigen. Wal⸗ leuſtein ernenerte daher ſeine Einladung und trieb ſie drin⸗ gend an, ihre Ankunft zu beſchleunigen. Aber noch ehe ſie eintrafen, hatte ſie der Ruf bereits von dem Vorgange zu Pilſen unterrichtet und ihre Eilfertigkeit plötzlich gehemmt. Altringer blieb unter dem Vorwand einer Krankheit in dem feſten Schloß Frauenberg liegen. Gallas fand ſich zwar ein, 411 aber bloß um als Augenzeuge den Kaiſer von der drohenden Gefahr deſto beſſer unterrichten zu können. Die Aufſchlüſſe, welche er und Piecolomini gaben, verwandelten die Beſorg⸗ niß des Hofs auf Einmal in die ſchrecklichſte Gewißheit. Aehn⸗ liche Entdeckungen, welche man zugleich an andern Orten machte, ließen keinem Zweifel mehr Raum, und die ſchnelle Veränderung der Commandanten⸗Stellen in Schleſien und Oeſterreich ſchien auf eine hoͤchſt bedenkliche Unternehmung zu deuten. Die Gefahr war dringend und die Hülfe mußte ſchnell ſeyn. Dennoch wollte man nicht mit Vollziehung des Urtheils beginnen, ſondern ſtreng nach Gerechtigkeit verfahren. Man erließ alſo an die vornehmſten Befehlshaber, deren Treue man ſich verſichert hielt, geheime Befehle, den Herzog von Fried⸗ land nebſt ſeinen beiden Anhängern, Illo und Terzky, auf was Art es auch ſeyn moͤchte, zu verhaften und in ſichere Ver⸗ wahrung zu bringen, damit ſie gehört werden und ſich verant⸗ worten könnten. Sollte dies aber auf ſo ruhigem Wege nicht zu bewirken ſein, ſo fordere die öffentliche Gefahr, ſie todt oder lebendig zu greifen. Zugleich erhielt General Gallas ein offenes Patent, worin allen Oberſten und Officieren dieſe kaiſer⸗ liche Verfügung bekannt gemacht, die ganze Armee ihrer Pflich⸗ ten gegen den Verraͤther entlaſſen, und, bis ein neuer Gene⸗ raliſſimus aufgeſtellt ſeyn wuͤrde, an den Generallieutenant von Gallas verwieſen wurde. Um den Verführten und Abtrünnigen die Rückkehr zu ihrer Pflicht zu erleichtern und die Schuldigen nicht in Verzweiflung zu ſtürzen, bewilligte man eine gaͤnzliche Amneſtie über Alles, was zu Pilſen gegen die Majeſtaͤt des Kaiſers begangen worden war. Dem General von Gallas war nicht wohl zu Muthe bei der Ehre, die ihm widerfuhr. Er befand ſich zu Pilſen, unter den Augen desjenigen, deſſen Schickſal er bei ſich trug, in der 41²2 Gewalt ſeines Feindes, der hundert Augen hatte, ihn zu beob⸗ „achten. Entdeckte aber Wallenſtein das Geheimniß ſeines Auftrags, ſo konnte ihn nichts vor den Wirkungen ſeiner Rache und Verzweiflung ſchützen. War es ſchon bedenklich, einen ſolchen Auftrag auch nur zu verheimlichen, ſo war es noch weit mißlicher, ihn zur Vollziehung zu bringen. Die Ge⸗ jſinnungen der Commandeurs waren ungewiß, und es ließ ſich wenigſtens zweifeln, ob ſie ſich bereitwillig würden finden laſſen, nach dem einmal gethanen Schritt den kaiſerlichen Verſicherun⸗ gen zu trauen und allen glänzenden Hoffnungen, die ſie auf Wallenſtein gebaut hatten, auf einmal zu entſagen. Und dann, welch ein gefaͤhrliches Wageſtück, Hand an die Perſon eines Mannes zu legen, der bis jetzt für unverletzlich geachtet, durch lange Ausübung der höchſten Gewalt, durch einen zur Gewohnheit gewordenen Gehorſam zum Gegenſtand der tiefſten Ehrfurcht geworden, und mit Allem, was äußere Majeſtät und ennere Groͤße verleihen kann, bewaffnet war— deſſen Anblick ſchon ein knechtiſches Zittern einjagte, der mit einem Winke über Leben und Tod entſchied! Einen ſolchen Mann, mitten unter den Wachen, die ihn umgaben, in einer Stadt, die ihm gänzlich ergeben ſchien, wie einen gemeinen Verbrecher zu greifen, und den Gegenſtand einer ſo langgewohnten tiefen Verehrung auf Einmal in einen Gegenſtand des Mitleidens oder des Spottes zu verwandeln, war ein Auftrag, der auch den Muthigſten zagen machte. So tief hatte ſich Furcht und Achtung vor ihm in die Bruſt ſeiner Soldaten gegraben, daß ſelbſt das ungeheure Verbrechen des Hochverraths dieſe Em⸗ pfindungen nicht ganz entwurzeln konnte. Gallas begriff die Unmöglichkeit, unter den Augen des Herzogs ſeinen Auftrag zu vollziehen, und ſein ſehnlichſter Wunſch war, ſich, eh' er einen Schritt zur Ausführung wagte, 413 vorher mit Altringern zu beſprechen. Da das lange Außen⸗ bleiben des Letztern ſchon anfing Verdacht bei dem Herzog zu erregen, ſo erbot ſich Gallas, ſich in eigener Perſon nach Frauenberg zu verfügen und Altringern, als ſeinen Ver⸗ wandten, zur Herreiſe zu bewegen. Wallenſtein nahm dieſen Beweis ſeines Eifers mit ſo großem Wohlgefallen auf, daß er ihm ſeine eigene Equipage zur Reiſe hergab. Froh uͤber die gelungene Liſt, verließ Gallas ungeſaͤumt Pilſen und üuͤberließ es dem Grafen Piccolomini, Wallenſteins Schritte zu bewachen; er ſelbſt aber zögerte nicht, von dem kaiſerlichen Patente, wo es nur irgend anging, Gebrauch zu machen, und die Erklärung der Truppen fiel günſtiger aus, als er je hatte erwarten können. Anſtatt ſeinen Freund nach Pilſen mit zuruckzubringen, ſchickte er ihn vielmehr nach Wien, um den Kaiſer gegen einen gedrohten Angriff zu ſchützen, und er ſelbſt ging nach Ober⸗Oeſterreich, wo man von der Nähe des Herzogs Bernhard von Weimar die groͤßte Gefahr beſorgte. In Böhmen wurden die Städte Budweiß und Tabor aufs Neue fuͤr den Kaiſer beſetzt und alle Anſtalten getroffen, den Unternehmungen des Verräthers ſchnell und mit Nach⸗ druck zu begegnen. Da auch Gallas an keine Rückkehr zu denken ſchien, ſo wagte es Piccolomini, die Leichtglaͤubigkeit des Herzogs noch Einmal auf die Probe zu ſtellen. Er bat ſich von ihm die Erlaubniß aus, den Gallas zuruͤckzuholen, und Wallen⸗ ſtein ließ ſich zum zweitenmal überliſten. Dieſe unbegreifliche Blindheit wird uns nur als eine Tochter ſeines Stolzes er⸗ klaͤrbar, der ſein Urtheil uber eine Perſon nie zurücknahm, und die Moglichkeit zu irren auch ſich ſelbſt nicht geſtehen wollte. Auch den Grafen Piccolomini ließ er in ſeinem eigenen Wagen nach Linz bringen, wo dieſer ſogleich dem 414 Beiſpiel des Gallas folgte, und noch einen Schritt weiter ging. Er hatte Wallenſtein verſprochen, zuruͤckzukehren; dieſes that er, aber an der Spitze einer Armee, um den Her⸗ zog in Pilſen zu überfallen. Ein anderes Heer eilte unter dem General von Suys nach Prag, um dieſe Hauptſtadt in kaiſerliche Pflichten zu nehmen und gegen einen Angriff der Rebellen zu vertheidigen. Zugleich küͤndigt ſich Gallas allen zerſtreuten Armeen Oeſterreichs als den einzigen Chef an, von dem man nunmehr Befehle anzunehmen habe. In allen kai⸗ ſerlichen Lagern werden Placate ausgeſtreut, die den Herzog nebſt vier ſeiner Vertrauten für vogelfrei erklären und die Armeen ihrer Pflichten gegen den Verräther entbinden. Das zu Linz gegebene Beiſpiel findet allgemeine Nachah⸗ mung; man verflucht das Andenken des Verraͤthers, alle Ar⸗ meen fallen von ihm ab. Endlich, nachdem auch Piecolomini ſich nicht wieder ſehen läßt, fallt die Decke von Wallenſteins Augen und ſchrecklich erwacht er aus ſeinem Traume. Doch auch jetzt glaubt er noch an die Wahrhaftigkeit der Sterne und an die Treue der Armee. Gleich auf die Nachricht von Picco⸗ lomini's Abfall laͤßt er den Befehl bekannt machen, daß man ins künftige keiner Ordre mehr zu gehorchen habe, die nicht unmittelbar von ihm ſelbſt oder von Terzky und Illo herrühre. Er rüſtet ſich in aller Eile, um nach Prag aufzu⸗ brechen, wo er Willens iſt, endlich ſeine Maske abzuwerfen und ſich oͤffentlich gegen den Kaiſer zu erklären. Vor Prag ſollten alle Truppen ſich verſammeln, und von da aus mit Blitzesſchnelligkeit uͤber Oeſterreich herſtürzen. Herzog Bern⸗ hard, der in die Verſchwörung gezogen worden, ſollte die Operationen des Herzogs mit ſchwediſchen Truppen unterſtützen und eine Diverſion an der Donau machen. Schon eilte Terzky nach Prag voraus, und nur Mangel an Pferden hinderte den 415 Herzog, mit dem Re der treugebliebenen Regimenter nach⸗ zufolgen. Aber indem er mit der geſpannteſten Erwartung den Nachrichten von Prag entgegenſieht, erfahrt er den Ver⸗ luſt dieſer Stadt, erfährt er den Abfall ſeiner Generale, die Deſertion ſeiner Truppen, die Enthüllung ſeines ganzen Com⸗ plots, den eilfertigen Anmarſch des Piccolomini, der ihm den Untergang geſchworen. Schnell und ſchrecklich ſtuͤrzen alle ſeine Entwürfe zuſammen, täuſchen ihn alle ſeine Hoffnungen. Einſam ſteht er da, verlaſſen von Allen, auf die er baute. Aber ſolche Lagen ſind es, die den großen Charakter erproben. In allen ſeinen Erwartungen hintergangen, entſagt er keinem einzigen ſeiner Entwurfe; nichts gibt er verloren, weil er ſich ſelbſt noch übrig bleibt. Jetzt war die Zeit gekommen, wo er des ſo oft verlangten Beiſtandes der Schweden und der Sachſen bedurfte, und wo aller Zweifel in die Aufrichtigkeit ſeiner Ge⸗ ſinnungen verſchwand. Und jetzt, nachdem Oxenſtierna und Arnheim ſeinen ernſtlichen Vorſatz und ſeine Noth erkannten, bedachten ſie ſich auch nicht länger, die günſtige Gelegenheit zu benützen und ihm ihren Schutz zuzuſagen. Von ſächſtſcher Seite ſollte ihm Herzog Franz Albert von Sachſen⸗Lauen⸗ burg viertauſend, von ſchwediſcher Herzog Bernhard und Pfalzgraf Chriſtian von Birkenfeld ſechstauſend Mann geprüfter Truppen zuführen. Wallenſte in verließ Pilſen mit dem Terzky'ſchen Regiment und den Wenigen, die ihm treu geblieben waren, oder ſich doch ſtellten, es zu ſeyn, und eilte nach Eger an die Gränze des Königreichs, um der Oberpfalz naher zu ſeyn und die Vereinigung mit Herzog Bernhard zu erleichtern. Noch war ihm das urtheil nicht bekannt, das ihn als einen öffentlichen Feind und Verräther erklärte; erſt zu Eger ſollte ihn dieſer Donnerſtrahl treffen. Noch rechnete er auf eine Armee, die General Schafgotſch in Schleſien für 416 ihn bereit hielt, und ſchmeichelte ſich noch immer mit der Hoffnung, daß Viele, ſelbſt von denen, die längſt von ihm abgefallen waren, beim erſten Schimmer ſeines wieder auf⸗ lebenden Glückes zu ihm umkehren wuͤrden. Selbſt auf der Flucht nach Eger— ſo wenig hatte die niederſchlagende Er⸗ fahrung ſeinen verwegenen Muth gebändigt— beſchaͤftigte ihn noch der ungeheuere Entwurf, den Kaiſer zu entthronen. Unter dieſen Umſtaͤnden geſchah es, daß einer aus ſeinem Gefolge ſich die Erlaubniß ausbat, ihm einen Rath zu ertheilen. „Beim Kaiſer,“ fing er an,„ſind Eure fürſtliche Gnaden ein gewiſſer, ein großer und hoch äſtimirter Herr; beim Feinde ſind Sie noch ein ungewiſſer Koͤnig. Es iſt aber nicht weiſe gehandelt, das Gewiſſe zu wagen für das Ungewiſſe. Der Feind wird ſich Eurer Gnaden Perſon bedienen, weil die Ge⸗ legenheit günſtig iſt; Ihre Perſon aber wird ihm immer ver⸗ daͤchtig ſeyn, und ſtets wird er fürchten, daß Sie auch ihm einmal thun möͤchten, wie jetzt dem Kaiſer. Deßwegen kehren Sie um, dieweil es noch Zeit iſt.“—„Und wie iſt da noch zu helfen?“ fiel der Herzog ihm ins Wort.—„Sie haben,“ er⸗ wiederte Jener,„vierzigtauſend Armirte(Ducaten mit ge⸗ harniſchten Maͤnnern) in der Truhen. Die nehmen Sie in die Hand und reiſen gergden Wegs damit an den kaiſerlichen Hof. Dort erklaͤren Sis, vaß Sie alle bisherigen Schritte bloß ge⸗ than, die Treue dee kaiſerlichen Diener auf die Probe zu ſtellen und die Redlichgeſinnten von den Verbächtigen zu unterſcheiden. Und da nun die Meiſten ſich zum Abfall geneigt bewieſen, ſo ſeyen Sie jetzt gekommen, Seine kaiſerliche Majeſtät vor dieſen gefährlichen Menſchen zu warnen. So werden Sie Jeden zum Verräther machen, der Sie jetzt zum Schelm machen will. Am kaiſerlichen Hof wird man Sie mit den vierzigtauſend Ar⸗ mirten gewißlich willkommen heißen, und Sie werden wieder 417 der erſte Friedländer werden.“—„Der Vorſchlag iſt gut,“ antwortete Wallenſtein nach einigem Nachdenken,„aber der Teufel traue!“ Indem der Herzog, von Eger aus, die Unterhandlungen mit dem Feinde lebhaft betrieb, die Sterne befragte und friſchen Hoffnungen Raum gab, wurde beinahe unter ſeinen Augen der Dolch geſchliffen, der ſeinem Leben ein Ende machte. Der kaiſerliche Urtheilsſpruch, der ihn für vogelfrei erklärte, hatte ſeine Wirkung nicht verfehlt, und die rächende Nemeſis wollte, daß der Undankbare unter den Streichen des Un⸗ danks erliegen ſollte. Unter ſeinen Officieren hatte Wal⸗ lenſtein einen Irländer, Namens Leßlie, mit vorzüglicher Gunſt beehrt und das ganze Glück dieſes Mannes gegrün⸗ det. Eben dieſer war es, der ſich beſtimmt und berufen fuͤhlte, das Todesurtheil an ihm zu vollſtrecken und den blu⸗ tigen Lohn zu verdienen. Nicht ſobald war dieſer Leßlie im Gefolge des Herzogs zu Eger angelangt, als er dem Com⸗ mandanten dieſer Stadt, Obriſten Buttler, und dem Obriſt⸗ lieutenant Gordon, zweien proteſtantiſchen Schottländern, alle ſchlimmen Anſchläge des Herzogs entdeckte, welche ihm dieſer Unbeſonnene auf der Herreiſe vertraut hatte. Leßlie fand hier zwei Maͤnner, die eines Entſchluſſes fähig waren. Man hatte die Wahl zwiſchen Verrätherei und Pflicht, zwiſchen dem rechtmäßigen Herrn und einem flüchtigen, allgemein verlaſſenen Rebellen; wiewohl der letztere der gemeinſchaftliche Wohlthäter war, ſo konnte die Wahl doch keinen Augenblick zweifelhaft bleiben. Man verbindet ſich feſt und feierlich zur Treue gegen den Kaiſer, und dieſe fordert die ſchnellſten Maß⸗ regeln gegen den oͤffentlichen Feind. Die Gelegenheit iſt gun⸗ ſtig, und ſein böſer Genius hat ihn von ſelbſt in die Hande der Rache geliefert. Um jedoch der Gerechtigkeit nicht in ihr Schillers ſämmtl. Werie. 1X. 27 418 Amt zu greifen, beſchließt man, ihr das Opfer lebendig zuzu⸗ führen, und man ſcheidet von einander mit dem gewagten Entſchluß, den Feldherrn gefangen zu nehmen. Tiefes Ge⸗ heimniß umhüllt dieſes ſchwarze Complot, und Wallenſtein, ohne Ahnung des ihm ſo nahe ſchwebenden Verderbens, ſchmei⸗ chelt ſich vielmehr, in der Beſatzung von Eger ſeine tapferſten und treueſten Verfechter zu finden. 1 um eben dieſe Zeit werden ihm die kaiſerlichen Patente überbracht, die ſein Urtheil enthalten und in allen Lagern gegen ihn bekannt gemacht ſind. Er erkennt jetzt die ganze Größe der Gefahr, die ihn umlagert, die gänzliche Unmög⸗ lichkeit der Ruͤckkehr, ſeine furchterlich verlaſſene Lage, die Nothwendigkeit, ſich auf Treu und Glauben dem Feinde zu überliefern. Gegen Leß lie ergießt ſich der ganze Unmuth ſei⸗ ner verwundeten Seele, und die Heftigkeit des Affects entreißt ihm das letzte noch uͤbrige Geheimniß. Er entdeckte dieſem Officier ſeinen Entſchluß, Eger und Elnbogen, als die Päſſe des Koͤnigreichs, dem Pfalzgrafen von Birkenfeld einzu⸗ raͤumen, und unterrichtet ihn zugleich von der nahen Ankunft des Herzogs Bernhard in Eger, wovon er noch in eben dieſer Nacht durch einen Eilboten benachrichtigt worden. Dieſe Entdeckung, welche Leßlie ſeinen Mitverſchwornen aufs ſchleu⸗ nigſte mittheilt, ändert ihren erſten Entſchluß. Die dringende Gefahr erlaubt keine Schonung mehr. Eger konnte jeden Augenblick in feindliche Haͤnde fallen und eine ſchnelle Revo⸗ lution ihren Gefangenen in Freiheit ſetzen. Dieſem Unglück zuvorzukommen, beſchließen ſie, ihn ſammt ſeinen Vertrau⸗ ten in der folgenden Nacht zu ermorden. Damit dieß mit um ſo weniger Geräuſch geſchehen möchte, ſollte die That bei einem Gaſtmahle vollzogen werden, welches der Obriſt Buttler auf dem Schloſſe zu Eger veranſtaltete. 419 Die Andern alle erſchienen; nur Wallenſtein, der viel zu bewegt war, um in froͤhliche Geſellſchaft zu taugen, ließ ſich entſchuldigen. Man mußte alſo, in Anſehung ſeiner, den Plan abändern; gegen die Andern aber beſchloß man der Abrede gemäß zu verfahren. In ſorgloſer Sicherheit erſchie— nen die drei Obriſten Illo, Terzky und Wilhelm Kinsky, und mit ihnen Rittmeiſter Neumann, ein Officier voll Fähigkeit, deſſen ſich Terzky bei jedem verwickelten Geſchäfte, welches Kopf erforderte, zu bedienen pflegte. Man hatte vor ihrer Ankunft die zuverläſſigſten Soldaten aus der Beſatzung, welche mit in das Complot gezogen war, in das Schloß ein⸗ genommen, alle Ausgänge aus demſelben wohl beſetzt und in einer Kammer neben dem Speiſeſaal ſechs Buttler'ſche Dra⸗ goner verborgen, die auf ein verabredetes Signal hervorbrechen und die Verraͤther niederſtoßen ſollten. Ohne Ahnung der Gefahr, die uͤber ihrem Haupte ſchwebte, uberließen ſich die ſorgloſen Gaͤſte den Vergnügungen der Mahlzeit, und Wal⸗ lenſteins, nicht mehr des kaiſerlichen Dieners, ſondern des ſouveränen Fürſten, Geſundheit wurde aus vollen Bechern ge⸗ trunken. Der Wein oͤffnete ihnen die Herzen, und Illo entdeckte mit vielem Uebermuth, daß in drei Tagen eine Armee daſtehen werde, dergleichen Wallenſtein niemals angeführt habe.— „Ja,“ fiel Neumann ein,„und dann hoffe er, ſeine Haͤnde in der Oeſterreicher Blut zu waſchen.“ Unter dieſen Reden wird das Deſſert aufgetragen, und nun gibt Leßlie das ver⸗ abredete Zeichen, die Aufzugbrücke zu ſperren, und nimmt ſelbſt alle Thorſchluſſel zu ſich. Auf Einmal füllt ſich der Speiſeſaal mit Bewaffneten an, die ſich mit dem unerwarteten Gruße: Vivat Ferdinandus! hinter die Stühle der bezeich⸗ neten Gaͤſte pflanzen. Beſtürzt und mit einer uͤblen Ahnung ſpringen alle vier zugleich von der Tafel auf. Kinsky und 420 Terzky werden ſogleich erſtochen, ehe ſie ſich zur Wehr ſetzen können; Neumann allein findet Gelegenheit, während der Verwirrung in den Hof zu entwiſchen, wo er aber von den Wachen erkannt und ſogleich niedergemacht wird. Nur Illo hatte Gegenwart des Geiſtes genug, ſich zu vertheidigen. Er ſtellte ſich an ein Fenſter, von wo er dem Gordon ſeine Verrätherei unter den bitterſten Schmähungen vorwarf und ihn aufforderte, ſich ehrlich und ritterlich mit ihm zu ſchlagen. Erſt nach der tapferſten Gegenwehr, nachdem er zwei ſeiner Feinde todt dahin geſtreckt, ſank er, überwaͤltigt von der Zahl und von zehn Stichen durchbohrt, zu Boden. Gleich nach vollbrachter That eilte Leßlie nach der Stadt, um einem Auflauf zuvorzukommen. Als die Schildwachen am Schloß⸗ thor ihn außer Athem daher rennen ſahen, feuerten ſie, in dem Wahne, daß er mit zu den Rebellen gehoͤre, ihre Flinten auf ihn ab, doch ohne ihn zu treffen. Aber dieſe Schuͤſſe brachten die Wachen in der Stadt in Bewegung, und Leßlie's ſchnelle Gegenwart war noͤthig, ſie zu beruhigen. Er ent⸗ deckte ihnen nunmehr umſtandlich den ganzen Zuſammenhang der Friedlaͤndiſchen Verſchwörung, und die Maßregeln, die dagegen bereits getroffen worden, das Schickſal der vier Re⸗ bellen, ſo wie dasjenige, welches den Anführer ſelbſt erwartete. Als er ſie bereitwillig fand, ſeinem Vorhaben beizutreten, nahm er ihnen aufs neue einen Eid ab, dem Kaiſer getreu zu ſeyn und für die gute Sache zu leben und zu ſterben. Nun wurden hundert Buttler'ſche Dragoner von der Burg aus in die Stadt eingelaſſen, die alle Straßen durchreiten mußten, um die Anhaͤnger des Herzogs im Zaum zu halten und jedem Tumult vorzubeugen. Zugleich beſetzte man alle Thore der Stadt Eger und jeden Zugang zum Friedländiſchen Schloſſe, das an den Markt ſtieß, mit einer zahlreichen und 421 zuverläſſigen Mannſchaft, daß der Herzog weder entkommen, noch Hülfe von außen erhalten konnte. Bevor man aber zur Ausführung ſchritt, wurde von den Verſchwornen auf der Burg noch eine lange Berathſchlagung gehalten, ob man ihn wirklich ermorden oder ſich nicht lieber begnügen ſollte, ihn gefangen zu nehmen. Beſpritzt mit Blut und gleichſam auf den Leichen ſeiner erſchlagenen Genoſſen, ſchauderten dieſe wilden Seelen zuruͤck vor der Graͤuelthat, ein ſo merkwürdiges Leben zu enden. Sie ſahen ihn, den Fuͤhrer in der Schlacht, in ſeinen glücklichen Tagen, umgeben von ſeiner ſiegenden Armee, im vollen Glanz ſeiner Herrſcher⸗ groͤße; und noch einmal ergriff die langgewohnte Furcht ihre zagenden Herzen. Doch bald erſtickt die Vorſtellung der dringen⸗ den Gefahr dieſe flüchtige Regung. Man erinnert ſich der Drohungen, welche Neumann und Illo bei der Tafel ausgeſtoßen, man ſieht die Sachſen und Schweden ſchon in der Naͤhe von Eger mit einer furchtbaren Armee, und keine Rettung als in dem ſchleunigen Untergange des Verräthers. Es bleibt alſo bei dem erſten Entſchluß, und der ſchon bereit gehaltene Moͤrder, Hauptmann Deverour, ein Irlaͤnder, erhält den blutigen Befehl. Waͤhrend daß jene drei auf der Burg von Eger ſein Schick⸗ ſal beſtimmten, beſchaͤftigte ſich Wallen ſtein in einer Un⸗ terredung mit Seni, es in den Sternen zu leſen.„Die Gefahr iſt noch nicht voruͤber,“ ſagte der Aſtrolog mit pro⸗ phetiſchem Geiſte.„Sie iſt es,“ ſagte der Herzog, der an dem Himmel ſelbſt ſeinen Willen wollte durchgeſetzt haben. „Aber daß Du mit nächſtem wirſt in den Kerker geworfen werden,“ fuhr er mit gleich prophetiſchem Geiſte fort,„das, Freund Seni, ſteht in den Sternen geſchrieben“ Der Aſtro⸗ log hatte ſich beurlaubt, und Wallenſtein war zu Bette, 422 als Hauptmann Deverour mit ſechs Hellebardierern vor ſeiner Wohnung erſchien, und von der Wache, der es nichts Außerordentliches war, ihn zu einer ungewöͤhnlichen Zeit bei dem General aus⸗ und eingehen zu ſehen, ohne Schwie⸗ rigkeit eingelaſſen wurde. Ein Page, der ihm auf der Treppe begegnet und Laͤrm machen will, wird mit einer Pike durch⸗ ſtochen. In dem Vorzimmer ſtoßen die Moͤrder auf einen Kammerdiener, der aus dem Schlafgemach ſeines Herrn tritt und den Schlüſſel zu demſelben ſo eben abgezogen hat. Den Finger auf den Mund legend, bedeutet ſie der erſchrockene Sklav, keinen Laͤrm zu machen, weil der Herzog eben einge⸗ ſchlafen ſey.„Freund,“ ruft Deverour ihn an,„jetzt iſt es Zeit zu laͤrmen!“ Unter dieſen Worten rennt er gegen die verſchloſſene Thür, die auch von innen verriegelt iſt, und ſprengt ſie mit einem Fußtritte. Wallenſtein war durch den Knall, den eine losgehende Flinte erregte, aus dem erſten Schlaf aufgeweckt worden und ans Fenſter geſprungen, um der Wache zu rufen. In die⸗ ſem Augenblick hoͤrte er aus den Fenſtern des anſtoßenden Gebäͤudes das Heulen und Wehklagen der Grafinnen Terzky und Kinsky, die ſo eben von dem gewaltſamen Tod ihrer Maͤnner benachrichtigt worden. Ehe er Zeit hatte, dieſem ſchrecklichen Vorfalle nachzudenken, ſtand Deverour mit ſei⸗ nen Mordgehülfen im Zimmer. Er war noch in bloßem Hemde, wie er aus dem Bette geſprungen war, zunaͤchſt an dem Fen⸗ ſter an einen Tiſch gelehnt.„Biſt Du der Schelm,“ ſchreit Deveroux ihn an,„der des Kaiſers Volk zu dem Feind üͤberführen und Seiner Majeſtaͤt die Krone vom Haupte herunter reißen will? Jetzt mußt du ſterben.“ Er haͤlt einige Augenblicke inne, als ob er eine Antwort erwartete; aber Ueberraſchung und Trotz verſchließen Wallenſteins Mund. 423 Die Arme weit auseinander breitend, empfaͤngt er vorn in der Bruſt den tödtlichen Stoß der Partiſane, und faͤllt dahin in ſeinem Blut, ohne einen Laut auszuſtoßen. Den Tag darauf langt ein Expreſſer von dem Herzog von Lauenburg an, der die nahe Ankunft dieſes Prinzen berichtet. Man verſichert ſich ſeiner Perſon, und ein anderer Lakai wird in Friedländiſcher Livree an den Herzog abgeſchickt, ihn nach Eger zu locken. Die Liſt gelingt, und Franz Albert über⸗ liefert ſich ſelbſt den Handen ſeiner Feinde. Wenig fehlte, daß Herzog Bernhard von Weimar, der ſchon auf der Reiſe nach Eger begriffen war, nicht kein ähnliches Schickſal erfahren hätte. Zum Glück erhielt er von Wallenſteins uUntergang noch früh genug Nachricht, um ſich durch einen zeitigen Rückzug der Gefahr zu entreißen. Ferdinand weihte dem Schickſale ſeines Generals eine Thraͤne und ließ für die Ermordeten zu Wien dreitauſend Seelenmeſſen leſen; zugleich aber vergaß er nicht, die Mörder mit goldenen Gna⸗ denketten, Kammerherrnſchlüſſeln, Dignitaͤten und Ritter⸗ gütern zu belohnen. So endigte Wallenſtein, in einem Alter von fuͤnfzig Jahren, ſein thatenreiches und außerordentliches Leben; durch Ehrgeiz emporgehoben, durch Ehrſucht geſtürzt, bei allen ſei⸗ nen Maͤngeln noch groß und bewundernswerth, unübertreff⸗ lich, wenn er Maß gehalten häͤtte. Die Tugenden des Herr⸗ ſchers und Helden, Klugheit, Gerechtigkeit, Feſtigkeit und Muth, ragen in ſeinem Charakter koloſſaliſch hervor; aber ihm fehlten die ſanfteren Tugenden des Menſchen, die den Helden zieren und dem Herrſcher Liebe erwerben. Furcht war der Talisman, durch den er wirkte; ausſchweifend im Strafen wie im Belohnen, wußte er den Eifer ſeiner Unter⸗ gebenen in immerwahrender Spannung zu erhalten, und 424 gehorcht zu ſeyn wie er, konnte kein Feldherr in mittlern und neuern Zeiten ſich rühmen. Mehr als Tapferkeit galt ihm die Unterwürfigkeit gegen ſeine Befehle, weil durch jene nur der Soldat, durch dieſe der Feldherr handelt. Er übte die Folgſam⸗ keit der Truppen durch eigenſinnige Verordnungen, und lohnte die Willigkeit, ihm zu gehorchen, auch in Kleinigkeiten, mit Verſchwendung, weil er den Gehorſam höher als den Gegen⸗ ſtand ſchätzte. Einsmals ließ er bei Lebensſtrafe verbieten, daß in der ganzen Armee keine andere als rothe Feldbinden getragen werden ſollten. Ein Rittmeiſter hatte dieſen Befehl kaum vernommen, als er ſeine mit Gold durchwirkte Feldbinde abnahm und mit Füßen trat. Wallenſtein, dem man es hinterbrachte, machte ihn auf der Stelle zum Obriſten. Stets war ſein Blick auf das Ganze gerichtet, und bei allem Scheine der Willkür verlor er doch nie den Grundſatz der Zweckmäßig⸗ keit aus den Augen. Die Räubereien der Soldaten in Freun⸗ des Land hatten geſchärfte Verordnungen gegen die Marodeurs veranlaßt, und der Strang war Jedem gedroht, den man auf einem Diebſtahl betreten wuͤrde. Da geſchah es, daß Wallen⸗ ſtein ſelbſt einem Soldaten auf dem Felde begegnete, den er ununterſucht als einen Uebertreter des Geſetzes ergreifen ließ und mit dem gewoͤhnlichen Donnerwort, gegen welches keine Einwendung ſtattfand:„Laßt die Beſtie haängen!“ zum Galgen verdammte. Der Soldat betheuert und beweist ſeine Unſchuld— aber die unwiderrufliche Sentenz iſt heraus. „So häͤnge man dich unſchuldig,“ ſagte der Unmenſchliche; deſto gewiſſer wird der Schuldige zittern.“ Schon macht man die Anſtalten, dieſen Befehl zu vollziehen, als der Soldat, der ſich ohne Rettung verloren ſieht, den verzweifelten Ent⸗ ſchluß faßt, nicht ohne Rache zu ſterben. Wuüthend fällt er ſeinen Richter an, wird aber, ehe er ſeinen Vorſatz ausführen kann, von der überlegenen Anzahl entwaffnet.„Jetzt laßt ihn laufen,“ ſagte der Herzog,„es wird Schrecken genug erregen.“— Seine Freigebigkeit wurde durch unermeßliche Einkünfte unterſtuͤtzt, welche jährlich auf drei Millionen ge⸗ ſchatzt wurden, die ungehenern Summen nicht gerechnet, die er unter dem Namen von Brandſchatzungen zu erpreſſen wußte. Sein freier Sinn und heller Verſtand erhob ihn über die Religionsvorurtheile ſeines Jahrhunderts, und die Jeſuiten vergaben es ihm nie, daß er ihr Syſtem durchſchaute und in dem Papſte nichts als einen römiſchen Biſchof ſah. Aber, wie ſchon ſeit Samuels des Propheten Tagen Keiner, der ſich mit der Kirche entzweite, ein glückliches Ende nahm, ſo vermehrte auch Wallenſtein die Zahl ihrer Opfer. Durch Moͤnchsintriguen verlor er zu Regensburg den Com⸗ mandoſtab und zu Eger das Leben; durch moͤnchiſche Künſte verlor er vielleicht, was mehr als Beides, ſeinen ehrlichen Namen und ſeinen guten Ruf vor der Nachwelt. Denn end⸗ lich muß man zur Steuer der Gerechtigkeit geſtehen, daß es nicht ganz treue Federn ſind, die uns die Geſchichte dieſes außerordentlichen Mannes überliefert haben; daß die Ver⸗ rätherei des Herzogs und ſein Entwurf auf die boͤhmiſche Krone ſich auf keine ſtreng bewieſene Thatſache, bloß auf wahrſchein⸗ liche Vermuthungen gründen. Noch hat ſich das Document nicht gefunden, das uns die geheimen Triebfedern ſeines Handelns mit hiſtoriſcher Zuverlaßigkeit aufdeckte, und unter ſeinen öffentlichen, allgemein beglaubigten Thaten iſt keine, die nicht endlich aus einer unſchuldigen Quelle könnte gefloſſen ſeyn. Viele ſeiner getadeltſten Schritte beweiſen bloß ſeine ernſtliche Neigung zum Frieden; die meiſten andern erklart und entſchuldigt das gerechte Mißtrauen gegen den Kaiſer und das verzeihliche Beſtreben, ſeine Wichtigkeit zu behaupten. 426 7 Zwar zeugt ſein Betragen gegen den Kurfürſten von Bayern von einer unedeln Rachſucht und einem unverſöhnlichen Geiſte; aber keine ſeiner Thaten berechtigt uns, ihn der Verrä⸗ therei für uͤberwieſen zu halten. Wenn endlich Noth und Verzweiflung ihn antreiben, das Urtheil wirklich zu verdienen, das gegen den Unſchuldigen gefällt war, ſo kann dieſes dem urtheil ſelbſt nicht zur Rechtfertigung gereichen. So fiel Wallenſtein, nicht weil er Rebell war, ſondern er rebellirte, weil er fiel. Ein Unglück für den Lebenden, daß er eine ſiegende Partei ſich zum Feinde gemacht hatte— ein Unglück für den Todten, daß ihn dieſer Feind überlebte und ſeine Geſchichte ſchrieb. Fünftes Buch. Wallenſteins Tod machte einen neuen Generaliſſimus nothwendig, und der Kaiſer gab nun endlich dem Zureden der Spanier nach, ſeinen Sohn Ferdinand, Koͤnig von Ungarn, zu dieſer Würde zu erheben. Unter ihm führte der Graf von Gallas das Commando, der die Functionen des Feldherrn ausübt, waͤhrend daß der Prinz dieſen Poſten eigent⸗ lich nur mit ſeinem Namen und Anſehen ſchmückt. Bald ſammelt ſich eine beträchtliche Macht unter Ferdinands Fahnen, der Herzog von Lothringen führt ihm in Perſon Hülfsvölker zu, und aus Italien erſcheint der Cardinal⸗Infant mit zehntauſend Mann, ſeine Armee zu verſtärken. Um den Feind von der Donau zu vertreiben, unternimmt der neue Feldherr, was man von ſeinem Vorgänger nicht hatte erhalten können, die Belagerung der Stadt Regensburg. Umſonſt dringt Herzog Bernhard von Weimar in das Innerſte von Bayern, um den Feind von dieſer Stadt wegzulocken; Ferdinand betreibt die Belagerung mit ſtandhaftem Ernſt, und die Reichsſtadt öffnet ihm, nach der hartnäckigſten Gegen⸗ wehr, die Thore. Donauwoͤrth betrifft bald darauf ein ähn⸗ liches Schickſal, und nun wird Noͤrdlingen in Schwaben belagert. Der Verluſt ſo vieler Reichsſtädte mußte der ſchwe⸗ diſchen Partei um ſo empfindlicher fallen, da die Freund⸗ ſchaft dieſer Städte für das Gluͤck ihrer Waffen bis jetzt ſo 428 entſcheidend war, alſo Gleichgültigkeit gegen das Schickſal derſelben um ſo weniger verantwortet werden konnte. Es gereichte ihnen zur unauslöſchlichen Schande, ihre Bundes⸗ genoſſen in der Noth zu verlaſſen und der Rachſucht eines unverſöhnlichen Siegers preiszugeben. Durch dieſe Gründe bewogen, ſetzt ſich die ſchwediſche Armee, unter Anführung Horns und Bernhards von Weimar, nach Nördlingen in Bewegung, entſchloſſen, wenn es eine Schlacht koſten ſollte, die Stadt zu entſetzen. Das Unternehmen war mißlich, da die Macht des Feindes der ſchwediſchen merklich überlegen war, und die Klugheit rieth um ſo mehr, unter dieſen Umſtäͤnden nicht zu ſchlagen, da die feindliche Macht ſich in kurzer Zeit trennen mußte und die Beſtimmung der italieniſchen Truppen ſie nach den Niederlanden rief. Man konnte indeſſen eine ſolche Stellung erwahlen, daß Noͤrdlingen gedeckt und dem Feinde die Zufuhr genommen wurde. Alle dieſe Gründe machte Guſtav Horn in dem ſchwediſchen Kriegsrathe geltend; aber ſeine Vorſtel⸗ lungen fanden keinen Eingang bei Gemüthern, die, von einem langen Kriegsglücke trunken, in den Rathſchlägen der Klugheit nur die Stimme der Furcht zu vernehmen glaubten. Von dem höhern Anſehen Herzog Bernhards überſtimmt, mußte ſich Guſtav Horn wider Willen zu einer Schlacht ent⸗ ſchließen, deren unglücklichen Ausgang ihm eine ſchwarze Ahnung vorher ſchon verkuͤndigte. Das ganze Schickſal des Treffens ſchien von Beſetzung einer Anhöhe abzuhängen, die das kaiſerliche Lager beherrſchte. Der Verſuch, dieſelbe noch in der Nacht zu erſteigen, war mißlun⸗ gen, weil der mühſame Transport des Geſchützes durch Hohl⸗ wege und Gehölze den Marſch der Truppen verzögerte. Als man gegen die Mitternachtsſtunde davor erſchien, hatte der Feind 429 die Anhöhe ſchon beſetzt und durch ſtarke Schanzen vertheidigt. Man erwartete alſo den Anbruch des Tages, um ſie im Sturme zu erſteigen. Die ungeſtuͤme Tapferkeit der Schweden machte ſich durch alle Hinderniſſe Bahn, die mondförmigen Schanzen werden von jeder der dazu commandirten Brigaden glücklich erſtiegen; aber da beide zu gleicher Zeit von entgegengeſetzten Seiten in die Verſchanzungen eindringen, ſo treffen ſie gegen einander und verwirren ſich. In dieſem unglücklichen Augen⸗ blick geſchieht es, daß ein Pulverfaß in die Luft fliegt und unter den ſchwediſchen Voͤlkern die groͤßte Unordnung an⸗ richtet. Die kaiſerliche Reiterei bricht in die zerriſſenen Glieder und die Flucht wird allgemein. Kein Zureden ihres Generals kann die Fliehenden bewegen, den Angriff zu erneuern. Er entſchließt ſich alſo, um dieſen wichtigen Poſten zu be⸗ haupten, friſche Völker dagegen anzuführen; aber indeſſen haben einige ſpaniſche Regimenter ihn beſetzt, und jeder Verſuch, ihn zu erobern, wird durch die heldenmuͤthige Tapferkeit dieſer Truppen vereitelt. Ein von B ernhard herbeigeſchicktes Regi⸗ ment ſetzt ſiebenmal an, und ſiebenmal wird es zurückgetrieben. Bald empfindet man den Nachtheil, ſich dieſes Poſtens nicht bemächtigt zu haben. Das Feuer des feindlichen Geſchützes von der Anhöhe richtet auf dem angränzenden Flügel der Schweden eine fürchterliche Niederlage an, daß Guſtav Horn, der ihn anführt, ſich zum Rückzug entſchließen muß. Anſtatt dieſen Rückzug ſeines Gehülfen decken und den nachſetzenden Feind aufhalten zu können, wird Herzog Bernhard ſelbſt von der überlegenen Macht des Feindes in die Ebene herabgetrieben, wo ſeine fluͤchtige Reiterei die Horn'ſchen Völker mit in Ver⸗ wirrung bringt und Niederlage und Flucht allgemein macht. Beinahe die ganze Infanterie wird gefangen oder niedergehauen; mehr als zwölftauſend Mann bleiben todt auf dem Wahlplatze; 430 achtzig Kanonen, gegen viertauſend Wagen und dreihundert Standarten und Fahnen fallen in kaiſerliche Haͤnde. Guſtav Horn ſelbſt gerath nebſt drei andern Generalen in die Ge⸗ fangenſchaft. Herzog Bernhard rettete mit Mühe einige ſchwache Truͤmmer der Armee, die ſich erſt zu Frankfurt wie⸗ der unter ſeine Fahnen verſammeln. Die Noͤrdlinger Niederlage koſtete dem Reichskanzler die zweite ſchlafloſe Nacht in Deutſchland. Unüberſehbar groß war der Verluſt, den ſie nach ſich zog. Die Ueberlegenheit im Felde war nun auf Einmal fuͤr die Schweden verloren, und mit ihr das Vertrauen aller Bundesgenoſſen, die man ohne⸗ hin nur dem bisherigen Kriegsglücke verdankte. Eine gefähr⸗ liche Trennung drohte dem ganzen proteſtantiſchen Bunde den Untergang. Furcht und Schrecken ergriffen die ganze Partei, und die katholiſche erhob ſich mit uͤbermüthigem Triumph aus ihrem tiefen Verfalle. Schwaben und die nächſten Kreiſe empfanden die erſten Folgen der Nördlinger Niederlage, und Württemberg beſonders wurde von der ſiegenden Armee über⸗ ſchwemmt. Alle Mitglieder des Heilbronn'ſchen Bundes zit⸗ terten vor der Rache des Kaiſers; was fliehen konnte, rettete ſich nach Straßburg, und die hülfloſen Reichsſtädte erwarteten mit Bangigkeit ihr Schickſal. Etwas mehr Mäßigung gegen die Beſiegten würde alle dieſe ſchwächern Stäaͤnde unter die Herrſchaft des Kaiſers zurückgeführt haben. Aber die Härte, die man auch gegen diejenigen bewies, welche ſich freiwillig unterwarfen, brachte die uͤbrigen zur Verzweiflung und er⸗ munterte ſie zu dem thatigſten Widerſtande. Alles ſuchte in dieſer Verlegenheit Rath und Hülfe bei Oxrenſtierna; Oxenſtierna ſuchte ſie bei den deutſchen Ständen. Es fehlte an Armeen; es fehlte an Geld, neue auf⸗ zurichten, und den alten die ungeſtüm geforderten Rückſtände 431 zu bezahlen. Oxenſtierna wendet ſich an den Kurfürſten von Sachſen, der die ſchwediſche Sache verläßt, um mit dem Kaiſer zu Pirna über den Frieden zu tractiren. Er ſpricht die niederſächſiſchen Stände um Beiſtand an; dieſe, ſchon längſt der ſchwediſchen Geldforderungen und Anſprüche müde, ſorgen jetzt bloß für ſich ſelbſt, und Herzog Georg von Lüneburg, anſtatt dem obern Deutſchland zu Hülfe zu eilen, belagert Minden, um es fur ſich ſelbſt zu behalten. Von ſeinen deutſchen Allüirten hülflos gelaſſen, bemüht ſich der Kanzler um den Beiſtand auswaͤrtiger Mächte. England, Holland, Venedig werden um Geld, um Truppen angeſpro⸗ chen, und von der äußerſten Noth getrieben, entſchließt er ſich endlich zu dem lange vermiedenen ſauern Schritt, ſich Frankreich in die Arme zu werfen. Endlich war der Zeitpunkt erſchienen, welchem Richelieu längſt mit ungeduldiger Sehnſucht entgegenblickte. Nur die völlige Unmöglichkeit, ſich auf einem andern Wege zu retten, konnte die proteſtantiſchen Staͤnde Deutſchlands vermögen, die Anſprüche Frankreichs auf das Elſaß zu unterſtützen. Dieſer außerſte Nothfall war jetzt vorhanden; Frankreich war unent⸗ behrlich, und es ließ ſich den lebhaften Antheil, den es von jetzt an an dem deutſchen Kriege nahm, mit einem theuern Preiſe bezahlen. Voll Glanz und Ehre betrat es jetzt den politiſchen Schauplatz. Schon hatte Oxenſtierna, dem es wenig koſtete, Deutſchlands Rechte und Beſitzungen zu ver⸗ ſchenken, die Reichsſtadt Philippsburg und die noch übrig ver⸗ langten Plaͤtze an Richelien abgetreten; jetzt ſchickten die oberdeutſchen Proteſtanten auch in ihrem Namen eine eigene Geſandtſchaft ab, das Elſaß, die Feſtung Breiſach(die erſt erobert werden ſollte) und alle Plaͤtze am Oberrhein, die der Schlüſſel zu Deutſchland waren, unter franzöſiſchen Schutz zu 43² geben. Was der franzöſiſche Schutz bedeute, hatte man an den Bisthümern Metz, Tull und Verdun geſehen, welche Frankreich ſchon ſeit Jahrhunderten, ſelbſt gegen ihre recht⸗ mäͤßigen Eigenthümer beſchützte. Das Trieriſche Gebiet hatte ſchon franzöſiſche Beſatzungen; Lothringen war ſo gut als er⸗ obert, da es jeden Augenblick mit einer Armee überſchwemmt werden und ſeinem furchtbaren Nachbar durch eigene Kraft nicht widerſtehen konnte. Jetzt war die wahrſcheinlichſte Hoff⸗ nung für Frankreich vorhanden, auch das Elſaß zu ſeinen weitlaufigen Beſitzungen zu ſchlagen, und, da man ſich bald darauf mit den Holländern in die ſpaniſchen Niederlande theilte, den Rhein zu ſeiner natürlichen Gränze gegen Deutſch⸗ land zu machen. So ſchimpflich wurden Deutſchlands Rechte von deutſchen Stäͤnden an dieſe treuloſe, habſüchtige Macht verkauft, die unter der Larve einer uneigennützigen Freund⸗ ſchaft nur nach Vergrößerung ſtrebte, und, indem ſie mit frecher Stirn die ehrenvolle Benennung einer Beſchutzerin annahm, bloß darauf bedacht war, ihr Netz auszuſpannen und in der allgemeinen Verwirrung ſich ſelbſt zu verſorgen. Für dieſe wichtigen Ceſſionen machte Frankreich ſich anhei⸗ ſchig, den ſchwediſchen Waffen durch Bekriegung der Spanier eine Diverſion zu machen, und, wenn es mit dem Kaiſer ſelbſt zu einem öffentlichen Bruch kommen ſollte, dieſſeits des Rheins eine Armee von zwölftauſend Mann zu unterhalten, die dann in Verbindung mit den Schweden und Deutſchen gegen Oeſter⸗ reich agiren würde. Zu dem Kriege mit den Spaniern wurde von dieſen ſelbſt die erwünſchte Veranlaſſung gegeben. Sie überfielen von den Niederlanden aus die Stadt Trier, hieben die franzoͤſiſche Beſatzung, die in derſelben befindlich war, nie⸗ der, bemaͤchtigten ſich, gegen alle Rechte der Völker, der Perſon des Kurfürſten, der ſich unter franzöſiſchen Schutz begeben hatte⸗ 433 und führten ihn gefangen nach Flandern. Als der Cardinal⸗ Infant, als Statthalter der ſpaniſchen Niederlande, dem König von Frankreich die geforderte Genugthuung abſchlug und ſich weigerte, den gefangenen Fürſten in Freiheit zu ſetzen, kün⸗ digte ihm Richelien, nach altem Brauche durch einen Waf⸗ fenherold, zu Brüſſel förmlich den Krieg an, der auch wirklich von drei verſchiedenen Armeen, in Mailand, in dem Veltlin und in Flandern, eroͤffnet wurde. Weniger Ernſt ſchien es dem franzöſiſchen Miniſter mit dem Kriege gegen den Kaiſer zu ſeyn, wobei weniger Vortheile zu ernten und größere Schwierigkeiten zu beſiegen waren. Dennoch wurde unter der Anführung des Cardinals von la Valette eine vierte Armee uͤber den Rhein nach Deutſchland geſendet, die in Vereinigung mit Herzog Bernhard, ohne vorhergegangene Kriegserklä⸗ rung, gegen den Kaiſer zu Felde zog. Ein weit empfindlicherer Schlag, als ſelbſt die Noͤrdlinger Niederlage, war für die Schweden die Ausſöhnung des Kur⸗ fürſten von Sachſen mit dem Kaiſer, welche, nach wiederholten wechſelſeitigen Verſuchen, ſie zu hindern und zu befördern, end⸗ lich im Jahr 1634 zu Pirna erfolgte und im Mai des darauf folgenden Jahres zu Prag in einem foͤrmlichen Frieden befeſtigt wurde. Nie hatte der Kurfürſt von Sachſen die Anmaßungen der Schweden in Deutſchland verſchmerzen konnen, und ſeine Abneigung gegen dieſe ausländiſche Macht, die in dem deut⸗ ſchen Reiche Geſetze gab, war mit jeder neuen Forderung, welche Oxenſtierna an die deutſchen Reichsſtaͤnde machte, geſtiegen. Dieſe üble Stimmung gegen Schweden unterſtützte aufs Kräf⸗ tigſte die Bemuͤhungen des ſpaniſchen Hofs, einen Frieden zwi⸗ ſchen Sachſen und dem Kaiſer zu ſtiften. Ermüdet von den Un⸗ fällen eines ſo langen und verwüſtenden Krieges, der die ſäch⸗ ſiſchen Länder vor allen andern zu ſeinem traurigen Schauplatze Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 28 434 machte, gerührt von dem allgemeinen und ſchrecklichen Elende, das Freund und Feind ohne Unterſchied uͤber ſeine Unterthanen häuften, und durch die verführeriſchen Anträge des Hauſes Oeſterreich gewonnen, ließ endlich der Kurfürſt die gemeine Sache imStich, und, weniger beſorgt um das Los ſeiner Mitſtande und um deutſche Freiheit, dachte er nur darauf, ſeine eigenen Vortheile, wär's auch auf Unkoſten des Ganzen, zu befoͤrdern. Und wirklich war das Elend in Deutſchland zu einem ſo ausſchweifenden Grade geſtiegen, daß das Gebet um Frieden von tauſendmaltauſend Zungen ertönte, und auch der nachtheiligſte noch immer für eine Wohlthat des Himmels galt. Wuſten lagen da, wo ſonſt tauſend frohe und fleißige Menſchen wimmelten, wo die Natur ihren herrlichſten Segen ergoſſen und Wohlleben und Ueberfluß geherrſcht hatte. Die Felder, von der fleißigen Hand des Pflügers verlaſſen, lagen ungebaut und verwildert, und wo eine junge Saat aufſchoß oder eine lachende Ernte winkte, da zerſtörte ein einziger Durchmarſch den Fleiß eines ganzen Jahres, die letzte Hoffnung des ſchmachtenden Volks. Verbrannte Schlöſſer, verwuͤſtete Felder, eingeäſcherte Dörfer lagen meilenweit herum in grauenvoller Zerſtörung, während daß ihre verarmten Bewohner hingingen, die Zahl jener Mord⸗ brennerheere zu vermehren und was ſie ſelbſt erlitten hatten ihren verſchonten Mitbürgern ſchrecklich zu erſtatten. Kein Schutz gegen Unterdrückung, als ſelbſt unterdrücken zu helfen. Die Städte ſeufzten unter der Geißel zügelloſer und räuberi⸗ ſcher Beſatzungen, die das Eigenthum des Bürgers verſchlangen und die Freiheiten des Krieges, die Licenz ihres Standes und die Vorrechte der Noth mit dem grauſamſten Muthwillen gel⸗ tend machten. Wenn ſchon unter dem kurzen Durchzug einer Armee ganze Landſtrecken zur Einoͤde wurden, wenn andere durch Winterquartiere verarmten, oder durch Brandſchatzungen 435 ausgeſogen wurden, ſo litten ſie doch nur vorubergehende Pla⸗ gen, und der Fleiß eines Jahres konnte die Drangſale einiger Monate vergeſſen machen. Aber keine Erholung wurde denjeni⸗ gen zu Theil, die eine Beſatzung in ihren Mauern oder in ihrer Nachbarſchaft hatten, und ihr unglückliches Schickſal konnte ſelbſt der Wechſel des Gluücks nicht verbeſſern, da der Sieger an den Platz und in die Fußſtapfen des Beſiegten trat, und Freund und Feind gleich wenig Schonung bewieſen. Die Ver⸗ nachläſſigung der Felder, die Zerſtörung der Saaten und die Vervielfältigung der Armeen, die uͤber die ausgeſogenen Laͤnder daherſtürmten, hatten Hunger und Theurung zur unausbleib⸗ lichen Folge, und in den letzten Jahren vollendete noch Miß⸗ wachs das Elend. Die Anhäufung der Menſchen in Lagern und Quartieren, Mangel auf der einen Seite und Völlerei auf der andern, brachten peſtartige Seuchen hervor, die mehr als Schwert und Feuer die Läͤnder verödeten. Alle Bande der Ordnung lösten in dieſer langen Zerrüttung ſich auf, die Achtung für Menſchenrechte, die Furcht vor Geſetzen, die Rein⸗ heit der Sitten verlor ſich, Treu und Glaube verfiel, indem die Stärke allein mit eiſernem Scepter herrſchte; üppig ſchoſſen unter dem Schirme der Anarchie und der Strafloſigkeit alle Laſter auf, und die Menſchen verwilderten mit den Laͤndern. Kein Stand war dem Muthwillen zu ehrwürdig, kein fremdes Eigenthum der Noth und der Raubſucht heilig. Der Soldat (um das Elend jener Zeit in ein einziges Wort zu preſſen) der Soldat herrſchte, und dieſer brutalſte der Deſpoten ließ ſeine eigenen Führer nicht ſelten ſeine Obermacht fühlen. Der Befehlshaber einer Armee war eine wichtigere Perſon in dem Lande, worin er ſich ſehen ließ, als der rechtmaͤßige Regent, der oft dahin gebracht war, ſich vor ihm in ſeinen Schlöſſern zu verkriechen. Ganz Deutſchland wimmelte von 436 ſolchen kleinen Tyrannen, und die Laͤnder litten gleich hart von dem Feinde und von ihren Vertheidigern. Alle dieſe Wunden ſchmerzten um ſo mehr, wenn man ſich erinnerte, daß es fremde Machte waren, welche Deutſchland ihrer Hab⸗ ſucht aufopferten und die Drangſale des Krieges vorſatzlich verlängerten, um ihre eigennützigen Zwecke zu erreichen. Da⸗ mit Schweden ſich bereichern und Eroberungen machen konnte, mußte Deutſchland unter der Geißel des Krieges bluten; damit Richelieu in Frankreich nothwendig blieb, durfte die Fackel der Zwietracht im deutſchen Reiche nicht erlöſchen. Aber es waren nicht lauker eigennuͤtzige Stimmen, die ſich gegen den Frieden erklärten, und wenn ſowohl Schweden als deutſche Reichsſtände die Fortdauer des Kriegs aus unreiner Abſicht wünſchten, ſo ſprach eine geſunde Staatskunſt für ſie. Konnte man nach der Nördlinger Niederlage einen billigen Frieden von dem Kaiſer erwarten? Und wenn man dies nicht konnte, ſollte man ſiebzehn Jahre lang alles Ungemach des Krieges erduldet, alle Kräfte verſchwendet haben, und am Ende nichts gewonnen oder gar noch verloren zu haben? Wofür ſo viel Blut vergoſſen, wenn Alles blieb, wie es geweſen, wenn man in ſeinen Rechten und Anſprüchen um gar nichts gebeſſert war? wenn man Alles, was ſo ſauer errungen worden, in einem Frieden wieder herausgeben mußte? War es nicht wün⸗ ſchenswerther, die lange getragene Laſt noch zwei oder drei Jahre länger zu tragen, um für zwanzigjährige Leiden endlich doch einen Erſatz einzuernten? Und an einem vortheilhaften Frieden war nicht zu zweifeln, ſobald nur Schweden und deutſche Proteſtanten, im Felde wie im Cabinet, ſtandhaft zuſammen hielten und ihr gemeinſchaftliches Intereſſe mit wechſelſeitigem Antheil, mit vereinigtem Eifer beſorgten. Ihre Trennung allein machte den Feind mächtig und entfernte 437 die Hoffnung eines dauerhaften und allgemein beglückenden Friedens. Und dieſes größte aller Uebel fügte der Kurfürſt von Sachſen der proteſtantiſchen Sache zu, indem er ſich durch einen Separatvergleich mit Oeſterreich verſöhnte. Schon vor der Nördlinger Schlacht hatte er die Unterhand⸗ lungen mit dem Kaiſer eröffnet; aber der unglückliche Ausgang der erſtern beſchleunigte die Abſchließung des Vergleichs. Das Vertrauen auf den Beiſtand der Schweden war gefallen, und man zweifelte, ob ſie ſich von dieſem harten Schlage je wieder aufrich⸗ ten würden. Die Trennung unter ihren eigenen Anführern, die ſchlechte Subordination der Armee und die Entkräftung des ſchwediſchen Reichs ließ keine große Thaten mehr von ihnen er⸗ warten. Um ſo mehr glaubte man eilen zu müſſen, ſich die Großmuth des Kaiſers zu Nutze zu machen, der ſeine Auerbie⸗ tungen auch nach dem Nördlinger Siege nicht zurücknahm. Oxenſtierna, der die Stände in Frankfurt verſammelte, for⸗ derte; der Kaiſer hingegen gab: und ſo bedurfte es keiner langen Ueberlegung, welchem von Beiden man Gehöͤr geben ſollte. Indeſſen wollte man doch den Schein vermeiden, als ob man die gemeine Sache hintanſetzte und bloß auf ſeinen eigenen Nutzen bedacht wäre. Alle deutſchen Reichsſtande, ſelbſt die Schweden, waren eingeladen worden, zu dieſem Frieden mitzu⸗ wirken und Theil daran zu nehmen, obgleich Kurſachſen und der Kaiſer die einzigen Mäͤchte waren, die ihn ſchloſſen und ſich eigenmaͤchtig zu Geſetzgebern uͤber Deutſchland aufwarfen. Die Beſchwerden der proteſtantiſchen Stände kamen in dem⸗ ſelben zur Sprache, ihre Verhältniſſe und Rechte wurden vor dieſem willkürlichen Tribunale entſchieden, und ſelbſt das Schick⸗ ſal der Religionen ohne Zuziehung der dabei ſo ſehr intereſ⸗ ſirten Glieder beſtimmt. Es ſollte ein allgemeiner Friede, ein Reichsgeſetz ſeyn; als ein ſolches bekannt gemacht und durch 438 ein Reichsexecutionsheer, wie ein förmlicher Reichsſchluß, voll⸗ zogen werden. Wer ſich dagegen auflehnte, war ein Feind des Reiches, und ſo mußte er, allen ſtändiſchen Rechten zuwider, ein Geſetz anerkennen, das er nicht ſelbſt mit gegeben hatte. Der Prager Friede war alſo, ſchon ſeiner Form nach, ein Werk der Willkür; und er war es nicht weniger durch ſeinen Inhalt. Das Reſtitutionsedict hatte den Bruch zwiſchen Kurſachſen und dem Kaiſer vorzüglich veranlaßt; alſo mußte man auch bei der Wiederausſoͤhnung zuerſt darauf Rückſicht nehmen. Ohne es ausdrücklich und förmlich aufzuheben, ſetzte man in dem Prager Frieden feſt, daß alle unmittelbaren Stifter, und unter den mittelbaren diejenigen, welche nach dem Paſſauiſchen Vertrage von den Proteſtanten eingezogen und beſeſſen wor⸗ den, noch vierzig Jahre, jedoch ohne Reichstagsſtimme, in demjenigen Stande bleiben ſollten, in welchem das Reſtitu⸗ tionsedict ſie gefunden habe. Vor Ablauf dieſer vierzig Jahre ſollte dann eine Commiſſion von beiderlei Religionsverwandten gleicher Anzahl friedlich und geſetzmäßig darüber verfügen, und wenn es auch dann zu keinem Endurtheil käme, jeder Theil in den Beſitz aller Rechte zurücktreten, die er vor Er⸗ ſcheinung des Reſtitutionsedicts ausgeübt habe. Dieſe Aus⸗ kunft alſo, weit entfernt, den Samen der Zwietracht zu er⸗ ſticken, ſuspendirte nur auf eine Zeit lang ſeine verderblichen Wirkungen, und der Zunder eines neuen Krieges lag ſchon in dieſem Artikel des Prager Friedens. Das Erzſtift Magdeburg bleibt dem Prinzen Auguſt von Sachſen, und Halberſtadt dem Erzherzog Leopold Wil⸗ helm. Von dem Magdeburgiſchen Gebiet werden vier Aemter abgeriſſen und an Kurſachſen verſchenkt; der Adminiſtrator von Magdeburg, Chriſtian Wilhelm von Brandenburg, wird auf anderk Art abgefunden. Die Herzoge von Mecklenburg 439 empfangen, wenn ſie dieſem Frieden beitreten, ihr Land zurück, das ſie glücklicherweiſe längſt ſchon durch Guſtav Adolphs Großmuth beſitzen; Donauwoͤrth erlangt ſeine Reichsfreiheit wieder. Die wichtige Forderung der pfälziſchen Erben bleibt, wie wichtig es auch dem proteſtantiſchen Reichstheile war, dieſe Kurſtimme nicht zu verlieren, gänzlich unberuührt, weil — ein lutheriſcher Fürſt einem reformirten keine Gerechtigkeit ſchuldig iſt. Alles, was die proteſtantiſchen Stände, die Ligue und der Kaiſer in dem Kriege von einander erobert haben, wird zurückgegeben; Alles, was die auswärtigen Mächte, Schweden und Frankreich, ſich zugeeignet, wird ihnen mit geſammter Hand wieder abgenommen. Die Kriegsvölker aller contrahirenden Theile werden in eine einzige Reichsmacht ver⸗ einigt, welche, vom Reiche unterhalten und bezahlt, dieſen Frieden mit gewaffneter Hand zu vollſtrecken hat. Da der Prager Friede als ein allgemeines Reichsgeſetz gelten ſollte, ſo wurden diejenigen Punkte, welche mit dem Reiche nichts zu thun hatten, in einem Nebenvertrage beige⸗ füͤgt. In dieſem wurde dem Kurfürſten von Sachſen die Lauſitz als ein böhmiſches Lehen zuerkannt und über die Religions⸗ freiheit dieſes Landes und Schleſien noch beſonders gehandelt. Alle evangeliſchen Stände waren zu Annahme des Prager Friedens eingeladen und unter dieſer Bedingung der Amneſtie theilhaftig gemacht; bloß die Fürſten von Württemberg und Baden— deren Laͤnder man inne hatte und nicht geneigt war, ſo ganz unbedingt wieder herzugeben— die eigenen Unter⸗ thanen Oeſterreichs, welche die Waffen gegen ihren Landesherrn geführt, und diejenigen Stäaͤnde, die unter Oxenſtierna's Direction den Rath der oberdeutſchen Kreiſe ausmachten, ſchloß man aus; nicht ſowohl um den Krieg gegen ſie fort⸗ zuſetzen, als vielmehr, um ihnen den nothwendig gewordenen 440 Frieden deſto theurer zu verkaufen. Man behielt ihre Lande als ein Unterpfand, bis Alles herausgegeben und Alles in ſeinen vorigen Stand zurückgeſtellt ſeyl! würde. Eine gleiche Gerechtigkeit gegen Alle häͤtte vielleicht das wechſelſeitige Zu⸗ trauen zwiſchen Haupt und Gliedern, zwiſchen Proteſtanten und Papiſten, zwiſchen Reformirten und Lutheranern zurückgeführt, und, verlaſſen von allen ihren Bundesgenoſſen, hatten die Schweden einen ſchimpflichen Abſchied aus dem Reiche nehmen müſſen. Jetzt beſtärkte dieſe ungleiche Behandlung die harter gehaltenen Stände in ihrem Mißtrauen und Widerſetzungs⸗ geiſt und erleichterte es den Schweden, das Feuer des Kriegs zu nähren und einen Anhang in Deutſchland zu behalten. Der Prager Friede fand, wie vorher zu erwarten geweſen war, eine ſehr ungleiche Aufnahme in Deutſchland. Ueber dem Beſtreben, beide Parteien einander zu nähern, hatte man ſich von beiden Vorwürfe zugezogen. Die Proteſtanten klagten uͤber die Einſchraͤnkungen, die ſie in dieſem Frieden erleiden ſollten; die Katholiken fanden dieſe verwerfliche Secte, auf Koſten der wahren Kirche, viel zu günſtig behandelt. Nach dieſen hatte man der Kirche von ihren unveräußerlichen Rechten vergeben, indem man den Cvangeliſchen den vierzigjährigen Genuß der geiſtlichen Güter bewilligte; nach jenen hatte man eine Ver⸗ rätherei an der proteſtantiſchen Kirche begangen, weil man ſeinen Glaubensbrüdern in den oͤſterreichiſchen Ländern die Religionsfreiheit nicht errungen hatte. Aber Niemand wurde bitterer getadelt, als der Kurfürſt von Sachſen, den man als einen treuloſen Ueberläufer, als einen Verraͤther der Religion und Reichsfreiheit und als einen Mitverſchwornen des Kaiſers in öffentlichen Schriften darzuſtellen ſuchte. Indeſſen tröſtete er ſich mit dem Triumph, daß ein großer Theil der evangeliſchen Stande ſeinen Frieden nothgezwungen 441 annahm. Der Kurfurſt von Brandenburg, Herzog Wilhelm von Weimar, die Fürſten von Anhalt, die Herzoge von Mecklenburg, die Herzoge von Braunſchweig⸗Lüneburg, die Hanſeſtädte und die mehrſten Reichsſtädte traten demſelben bei. Landgraf Wilhelm von Heſſen ſchien eine Zeit lang un⸗ ſchlüſſig oder ſtellte ſich vielmehr nur, es zu ſeyn, um Zeit zu gewinnen und ſeine Maßregeln nach dem Erfolg einzu⸗ richten. Er hatte mit dem Schwert in der Hand ſchoͤne Laͤn⸗ der in Weſtphalen errungen, aus denen er ſeine beſten Kräfte zu Führung des Kriegs zog, und welche alle er nun, dem Frieden gemäß, zurückgeben ſollte. Herzog Bernhard von Weimar, deſſen Staaten noch bloß auf dem Papier exiſtirten, kam nicht als kriegführende Macht, deſto mehr aber als krieg⸗ führender General in Betrachtung, und in beiderlei Rück⸗ ſicht konnte er den Prager Frieden nicht anders als mit Ab⸗ ſcheu verwerfen. Sein ganzer Reichthum war ſeine Tapferkeit, und in ſeinem Degen lagen alle ſeine Länder. Nur der Krieg machte ihn groß und bedeutend; nur der Krieg konnte die Entwurfe ſeines Ehrgeizes zur Zeitigung bringen. Aber unter Allen, welche ihre Stimme gegen den Prager Frieden erhoben, erklärten ſich die Schweden am heftigſten dagegen, und Niemand hatte auch mehr Urſache dazu. Von den Deutſchen ſelbſt in Deutſchland hereingerufen, Retter der pro⸗ teſtantiſchen Kirche und der ſtaͤndiſchen Freiheit, die ſie mit ſo vielem Blute, mit dem heiligen Leben ihres Koͤnigs erkauften, ſahen ſie ſich jetzt auf einmal ſchimpflich im Stiche gelaſſen, auf einmal in allen ihren Planen getäuſcht, ohne Lohn, ohne Dankbarkeit aus dem Reiche gewieſen, für welches ſie bluteten, und von den nämlichen Fürſten, die ihnen Alles verdankten, dem Hohngelächter des Feindes preisgegeben. An eine Genug⸗ thuung für ſie, an einen Erſatz ihrer aufgewandten Koſten 44²2 an ein Aequivalent für die Eroberungen, welche ſie im Stiche laſſen ſollten, war in dem Prager Frieden mit keiner Sylbe gedacht worden. Nackter, als ſie gekommen waren, ſollten ſie nun entlaſſen und, wenn ſie ſich dagegen ſtraubten, durch die⸗ ſelben Hände, welche ſie hereingerufen, aus Deutſchland hinaus⸗ gejagt werden. Endlich ließ zwar der Kurfürſt von Sachſen ein Wort von einer Genugthuung fallen, die in Geld beſtehen und die Summe von dritthalb Millionen Gulden betragen ſollte. Aber die Schweden hatten weit mehr von ihrem Eigenen zugeſetzt; eine ſo ſchimpfliche Abfindung mit Geld mußte ihren Eigennutz kraͤnken und ihren Stolz empören.„Die Kurfürſten von Bayern und Sachſen,“ antwortete Oxenſtierna,„ließen ſich den Beiſtand, den ſie dem Kaiſer leiſteten und als Va⸗ ſallen ihm ſchuldig waren, mit wichtigen Provinzen bezahlen, und uns Schweden, uns, die wir unſern König für Deutſch⸗ land dahingegeben, will man mit der armſeligen Summe von dritthalb Millionen Gulden nach Hauſe weiſen?“ Die ge⸗ tauſchte Hoffnung ſchmerzte um ſo mehr, je gewiſſer man darauf gerechnet hatte, ſich mit dem Herzogthume Pommern, deſſen gegenwärtiger Beſitzer alt und ohne Succeſſion war, be⸗ zahlt zu machen. Aber die Anwartſchaft auf dieſes Land wurde in dem Prager Frieden dem Kurfürſten von Brandenburg zugeſagt, und gegen die Feſtſetzung der Schweden in dieſen Gränzen des Reichs empörten ſich alle benachbarten Mächte. Nie in dem ganzen Kriege hatte es ſchlimmer um die Schweden geſtanden, als in dieſem 1635ſten Jahre, unmittel⸗ bar nach Bekanntmachung des Prager Friedens. Viele ihrer Alliirten, unter den Reichsſtänden beſonders, verließen ihre Partei, um der Wohlthat des Friedens theilhaftig zu werden; andere wurden durch die ſiegreichen Waffen des Kaiſers dazu gezwungen. Augsburg, durch Hunger beſiegt, unterwarf ſich 443 unter harten Bedingungen; Würzburg und Coburg gingen an die Oeſterreicher verloren. Der Heilbronniſche Bund wurde förmlich getrennt. Beinahe ganz Oberdeutſchland, der Hauptſitz der ſchwediſchen Macht, erkannte die Herrſchaft des Kaiſers. Sachſen, auf den Prager Frieden ſich ſtutzend, verlangte die Raͤumung Thüringens, Halberſtadts und Magdeburgs. Phi⸗ lippsburg, der Waffenplatz der Franzoſen, war mit allen Vorräͤthen, die darin niedergelegt waren, von den Oeſterreichern uͤberrumpelt worden, und dieſer große Verluſt hatte die Thaͤtig⸗ keit Frankreichs geſchwaͤcht. Um die Bedrängniſſe der Schwe⸗ den vollkommen zu machen, mußte gerade jetzt der Stillſtand mit Polen ſich ſeinem Ende nähern. Mit Polen und mit dem deutſchen Reiche zugleich Krieg zu führen, überſtieg bei Weitem die Krafte des ſchwediſchen Staats, und man hatte die Wahl, welches von dieſen beiden Feinden man ſich ent⸗ ledigen ſollte. Stolz und Ehrgeiz entſchieden für die Fort⸗ ſetzung des deutſchen Kriegs, welch ein hartes Opfer es auch gegen Polen koſten moͤchte; doch eine Armee koſtete es immer, um ſich bei den Polen in Achtung zu ſetzen und bei den Unter⸗ handlungen um einen Stillſtand oder Frieden ſeine Freiheit nicht ganz und gar zu verlieren. Allen dieſen Unfällen, welche zu gleicher Zeit über Schwe⸗ den hereinſtuͤrmten, ſetzte ſich der ſtandhafte, an Hülfsmitteln unerſchöpfliche Geiſt Oxenſtierna's entgegen, und ſein durchdringender Verſtand lehrte ihn, ſelbſt die Widerwärtig⸗ keiten, die ihn trafen, zu ſeinem Vortheile kehren. Der Ab⸗ fall ſo vieler deutſchen Reichsſtande von der ſchwediſchen Partei beraubte ihn zwar eines großen Theils ſeiner bisherigen Bun⸗ desgenoſſen, aber er überhob ihn auch zugleich aller Schonung gegen ſie; und je größer die Zahl ſeiner Feinde wurde, über deſto mehr Lander konnten ſich ſeine Armeen verbreiten, deſto 444 mehr Magazine oͤffeten ſich ihm. Die ſchreiende Undankbarkeit der Stände und die ſtolze Verachtung, mit der ihm von dem Kaiſer begegnet wurde(der ihn nicht einmal würdigte, un⸗ mittelbar mit ihm über den Frieden zu tractiren), entzündete in ihm den Muth der Verzweiflung und einen edlen Trotz, es bis aufs Aeußerſte zu treiben. Ein noch ſo unglücklich geführter Krieg konnte die Sache der Schweden nicht ſchlim⸗ mer machen, als ſie war, und wenn man das deutſche Reich raͤumen ſollte, ſo war es wenigſtens anſtändiger und rühm⸗ licher, es mit dem Schwert in der Hand zu thun, und der Macht, nicht der Furcht zu unterliegen. In der großen Extremität, worin die Schweden ſich durch die Deſertion ihrer Alliirten befanden, warfen ſie ihre Blicke zuerſt auf Frankreich, welches ihnen mit den ermunterndſten Anträgen entgegen eilte. Das Intereſſe beider Kronen war aufs Engſte an einander gekettet, und Frankreich handelte gegen ſich ſelbſt, wenn es die Macht der Schweden in Deutſchland gaͤnzlich verfallen ließ. Die durchaus hülfloſe Lage der letztern war vielmehr eine Aufforderung für dasſelbe, ſich feſter mit ihnen zu verbinden und einen thäͤtigern Antheil an dem Kriege in Deutſchland zu nehmen. Schon ſeit Abſchließung des Allianz⸗ tractats mit den Schweden zu Beerwalde im Jahr 1632 hatte Frankreich den Kaiſer durch die Waffen Guſtav Adolphs befehdet, ohne einen öffentlichen und förmlichen Bruch, bloß durch die Geldhülfe, die es den Gegnern desſelben leiſtete, und durch ſeine Geſchaftigkeit, die Zahl der letztern zu vermehren. Aber, beunruhigt von dem unerwartet ſchnellen und außeror⸗ dentlichen Glück der ſchwediſchen Waffen, ſchien es ſeinen erſten Zweck eine Zeit lang aus den Augen zu verlieren, um das Gleichgewicht der Macht wieder herzuſtellen, das durch die Ueberlegenheit der Schweden gelitten hatte. Es ſuchte die 415 katholiſchen Reichsfürſten durch Neutralitaͤtsverträge gegen den ſchwediſchen Eroberer zu ſchützen, und war ſchon im Begriff, da dieſe Verſuche mißlangen, ſich gegen ihn ſelbſt zu bewaffnen. Nicht ſobald aber hatte Guſtav Adolphs Tod und die Hülf⸗ loſigkeit der Schweden dieſe Furcht zerſtreut, als es mit friſchem Eifer zu ſeinem erſten Entwurf zurückkehrte und den Unglüuck⸗ lichen in vollem Maße den Schutz angedeihen ließ, den es den Glücklichen entzogen hatte. Befreit von dem Widerſtande, den Guſtav Adolphs Ehrgeiz und Wachſamkeit ſeinen Ver⸗ größerungsentwürfen entgegen ſetzten, ergreift es den guͤnſtigen Augenblick, den das Nördlinger Unglück ihm darbietet, ſich die Herrſchaft des Kriegs zuzueignen, und denen, die ſeines mäch⸗ tigen Schutzes beduͤrftig ſind, Geſetze vorzuſchreiben. Der Zeit⸗ punkt begünſtigt ſeine kühnſten Entwürfe, und was vorher nur eine ſchöne Chimäre war, laͤßt ſich von jetzt an als ein über⸗ legter, durch die Umſtände gerechtfertigter Zweck verfolgen. Jetzt alſo widmet es dem deutſchen Kriege ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit, und ſobald es durch ſeinen Tractat mit den Deutſchen ſeine Privatzwecke ſicher geſtellt ſieht, erſcheint es als handelnde und herrſchende Macht auf der politiſchen Buhne. Waͤhrend daß ſich die kriegführenden Maͤchte in einem langwierigen Kampf erſchöpften, hatte es ſeine Kraͤfte geſchont und zehn Jahre lang den Krieg bloß mit ſeinem Gelde geführt; jetzt, da die Zeit⸗ umſtände es zur Thaͤtigkeit rufen, greift es zum Schwert und ſtrengt ſich zu Unternehmungen an, die ganz Europa in Ver⸗ wunderung ſetzen. Es läßt zu gleicher Zeit zwei Flotten im Meere kreuzen und ſchickt ſechs verſchiedene Heere aus, während daß es mit ſeinem Gelde noch eine Krone und mehrere deutſche Fürſten beſoldet. Belebt durch die Hoffnung ſeines mächtigen Schutzes, raffen ſich die Schweden und Deutſchen aus ihrem tiefen Verfall empor und getrauen ſich, mit dem Schwert in 446 der Hand einen rühmlichern Frieden als den Prager zu er⸗ fechten. Von ihren Mitſtänden verlaſſen, die ſich mit dem Kaiſer verſöhnen, ſchließen ſie ſich nur deſto enger an Frank⸗ reich an, das mit der wachſenden Noth ſeinen Beiſtand ver⸗ doppelt, an dem deutſchen Krieg immer größern, wiewohl noch immer verſteckten Antheil nimmt, bis es zuletzt ganz ſeine Maske abwirft und den Kaiſer unmittelbar unter ſeinem eigenen Namen befehdet. Um den Schweden vollkommen freie Hand gegen Oeſterreich zu geben, machte Frankreich den Anfang damit, es von dem polniſchen Kriege zu befreien. Durch den Grafen von Avaux, ſeinen Geſandten, brachte es beide Theile dahin, daß zu Stummsdorf in Preußen der Wafefenſtillſtand auf ſechsund⸗ zwanzig Jahre verlängert wurde, wiewohl nicht ohne großen Verluſt für die Schweden, welche beinahe das ganze polniſche Preußen, Guſtav Adolphs theuer erkämpfte Eroberung, durch einen einzigen Federzug einbüßten. Der Beerwalder Tractat wurde mit einigen Veränderungen, welche die Um⸗ ſtände noͤthig machten, anfangs zu Compiegne, dann zu Wis⸗ mar und Hamburg auf entferntere Zeiten erneuert. Mit Spanien hatte man ſchon im Mai des Jahrs 1635 gebrochen und durch den lebhaften Angriff dieſer Macht dem Kaiſer ſeinen wichtigſten Beiſtand aus den Niederlanden entzogen; jetzt verſchaffte man, durch Unterſtuͤtzung des Landgrafen Wilhelm von Kaſſel und Herzogs Bernhard von Weimar, den ſchwediſchen Waffen an der Elbe und Donau eine größere Freiheit und nöthigte den Kaiſer, durch eine ſtarke Diverſion am Rhein, ſeine Macht zu theilen. Heftiger entzündete ſich alſo der Krieg, und der Kaiſer hatte durch den Prager Frieden zwar ſeine Gegner im deutſchen Reiche vermindert, aber zugleich auch den Eifer und die Thätigkeit 447 ſeiner auswaͤrtigen Feinde vermehrt. Er hatte ſich in Deutſch⸗ land einen unumſchraͤnkten Einfluß erworben und ſich, mit Ausnahme weniger Stäͤnde, zum Herrn des ganzen Reichs⸗ körpers und der Kräfte desſelben gemacht, daß er von jetzt an wieder als Kaiſer und Herr handeln konnte. Die erſte Wir⸗ kung davon war die Erhebung ſeines Sohnes Ferdinand des Dritten zur römiſchen Königswurde, die, ungeachtet des Widerſpruchs von Seiten Triers und der pfälziſchen Er⸗ ben, durch eine entſcheidende Stimmenmehrheit zu Stande kam. Aber die Schweden hatte er zu einer verzweifelten Gegen⸗ wehr gereizt, die ganze Macht Frankreichs gegen ſich bewaffnet und in die innerſten Angelegenheiten Deutſchlands gezogen. Beide Kronen bilden von jetzt an mit ihren deutſchen Alliirten eine eigene feſt geſchloſſene Macht, der Kaiſer mit den ihm anhängenden deutſchen Staaten die andere. Die Schweden beweiſen von jetzt an keine Schonung mehr, weil ſie nicht mehr für Deutſchland, ſondern für ihr eigenes Daſeyn fechten. Sie handeln raſcher, unumſchränkter und kühner, weil ſie es über⸗ hoben ſind, bei ihren deutſchen Alliirten herum zu fragen und Rechenſchaft von ihren Entwürfen zu geben. Die Schlachten werden hartnäckiger und blutiger, aber weniger entſcheidend. Größere Thaten der Tapferkeit und der Kriegskunſt geſchehen; aber es ſind einzelne Handlungen, die, von keinem überein⸗ ſtimmenden Plane geleitet, von keinem Alles lenkenden Geiſte benutzt, für die ganze Partei ſchwache Folgen haben und an dem Laufe des Kriegs nur wenig verändern. Sachſen hatte ſich in dem Prager Frieden verbindlich gemacht, die Schweden aus Deutſchland zu verjagen; von jetzt an alſo vereinigen ſich die ſachſiſchen Fahnen mit den kaiſer⸗ lichen, und zwei Bundesgenoſſen haben ſich in zwei unverſöhn⸗ liche Feinde verwandelt. Das Erzſtift Magdeburg, welches der 448 Prager Friede dem ſächſiſchen Prinzen zuſprach, war noch in ſchwediſchen Händen, und alle Verſuche, ſie auf einem fried⸗ lichen Wege zu Abtretung desſelben zu bewegen, waren ohne Wirkung geblieben. Die Feindſeligkeiten fangen an, und der Kurfürſt von Sachſen eröffnet ſie damit, durch ſogenannte Avocatorien alle ſächſiſchen Unterthanen von der Banner'ſchen Armee abzurufen, die an der Elbe gelagert ſteht. Die Officiere, laͤngſt ſchon wegen des rückſtändigen Soldes ſchwierig, geben dieſer Aufforderung Gehör und räumen ein Quartier nach dem andern. Da die Sachſen zugleich eine Bewegung gegen Meck⸗ lenburg machten, um Dömitz wegzunehmen und den Feind von Pommern und von der Oſtſee abzuſchneiden, ſo zog ſich Ban⸗ ner eilfertig dahin, entſetzte Dömitz und ſchlug den ſächſiſchen General Baudiſſin mit ſiebentauſend Mann aufs Haupt, daß gegen tauſend blieben und eben ſo viel gefangen wurden. Verſtarkt durch die Truppen und Artillerie, welche bisher in polniſch Preußen geſtanden, nunmehr aber durch den Vertrag zu Stummsdorf in dieſem Lande entbehrlich wurden, brach dieſer tapfere und ungeſtüme Krieger im folgenden 1636ſten Jahr in das Kurfürſtenthum Sachſen ein, wo er ſeinem alten Haſſe gegen die Sachſen die blutigſten Opfer brachte. Durch vieljährige Beleidigungen aufgebracht, welche er und ſeine Schweden während ihrer gemeinſchaftlichen Feldzüge von dem Uebermuth der Sachſen hatten erleiden müſſen, und jetzt durch den Abfall des Kurfürſten aufs Aeußerſte gereizt, ließen ſie die unglücklichen Unterthanen desſelben ihre Rachſucht und Erbitterung fühlen. Gegen Oeſterreich und Bayern hatte der ſchwediſche Soldat mehr aus Pflicht gefochten; gegen die Sach⸗ ſen kämpfte er aus Privathaß und mit perſönlicher Wuth, weil er ſie als Abtrünnige und Verräther verabſcheute, weil der Haß zwiſchen zerfallenen Freunden gewöhnlich der grimmigſte und 449 unverſöhnlichſte iſt. Die nachdrückliche Diverſion, welche dem Kaiſer unterdeſſen von dem Herzog von Weimar und dem Landgrafen von Heſſen am Rhein und in Weſtphalen gemacht wurde, hinderte ihn, den Sachſen eine hinlängliche Unter⸗ ſtuͤtzung zu leiſten, und ſo mußte das ganze Kurfürſtenthum von Banners ſtreifenden Horden die ſchrecklichſte Behandlung erleiden. Endlich zog der Kurfürſt den kaiſerlichen General von Hatzfeld an, ſich und rückte vor Magdeburg, welches der herbeieilende Banner umſonſt zu entſetzen ſtrebte. Nun verbreitete ſich die vereinigte Armee der Kaiſerlichen und Sach⸗ ſen durch die Mark Brandenburg, entriß den Schweden viele Städte und war im Begriff, ſie bis an die Oſtſee zu treiben. Aber gegen alle Erwartungen griff der ſchon verloren gegebene Banner die alliirte Armee am 24ſten September 1636 bei Wittſtock an, und eine große Schlacht wurde geliefert. Der Angriff war fürchterlich, und die ganze Macht des Feindes fiel auf den rechten Flügel der Schweden, den Banner ſelbſt anführte. Lange Zeit kämpfte man auf beiden Seiten mit glelcher Hartnäckigkeit und Erbitterung, und unter den Schwe⸗ den war keine Schwadron, die nicht zehnmal angerückt und zehnmal geſchlagen worden wäre. Als endlich Banner der Uebermacht der Feinde zu weichen genöthigt war, ſetzte ſein linker Flügel das Treffen bis zum Einbruch der Nacht fort, und das ſchwediſche Hintertreffen, welches noch gar nicht ge⸗ fochten hatte, war bereit, am folgenden Morgen die Schlacht zu erneuern. Aber dieſen zweiten Angriff wollte der Kurfürſt von Sachſen nicht abwarten. Seine Armee war durch das Treffen des vorhergehenden Tages erſchöpft, und die Knechte hatten ſich mit allen Pferden davon gemacht, daß die Artillerie nicht gebraucht werden konnte. Er ergriff alſo mit dem Grafen von Hatzfeld noch in derſelben Nacht die Flucht und uberließ Schillers ſämmtl. Werck. IX. 29 450 das Schlachtfeld den Schweden. Gegen fünftauſend von den Alliirten waren auf der Wahlſtatt geblieben, Diejenigen nicht gerechnet, welche von den nachſetzenden Schweden erſchlagen wurden oder dem ergrimmten Landmann in die Hande fielen. Hundertundfünfzig Standarten und Fahnen, dreiundzwanzig Kanonen, die ganze Bagage, das Silbergeſchirr des Kurfürſten mitgerechnet, wurden erbeutet und noch außerdem gegen zwei⸗ tauſend Gefangene gemacht. Dieſer glänzende Sieg, über einen weit überlegenen und vortheilhaft poſtirten Feind erfochten, ſetzte die Schweden auf einmal wieder in Achtung; die Feinde zagten, ihre Freunde fingen an, friſchen Muth zu ſchöpfen. Banner benutzte das Glück, das ſich ſo entſcheidend für ihn erklart hatte, eilte über die Elbe und trieb die Kaiſerlichen durch Thüringen und Heſſen bis nach Weſtphalen. Dann kehrte er zurück und bezog die Winterquartiere auf ſächſiſchem Boden. Aber ohne die Erleichterung, welche ihm durch die Thätigkeit Herzog Bernhards und der Franzoſen am Rhein verſchafft wurde, würde es ihm ſchwer geworden ſeyn, dieſe herrlichen Victorien zu erfechten. Herzog Bernhard hatte nach der Nördlinger Schlacht die Trümmer der geſchlagenen Armee in der Wetterau verſammelt; aber verlaſſen von dem Heilbronni⸗ ſchen Bunde, dem der Prager Friede bald darauf ein völliges Ende machte, und von den Schweden zu wenig unterſtützt, ſah er ſich außer Stand geſetzt, die Armee zu unterhalten und große Thaten an ihrer Spitze zu thun. Die Noͤrdlinger Nie⸗ derlage hatte ſein Herzogthum Franken verſchlungen, und die Unmacht der Schweden raubte ihm alle Hoffnung, ſein Glück durch dieſe Krone zu machen. Zugleich auch des Zwanges müde, den ihm das gedieteriſche Betragen des ſchwediſchen Reichskanz⸗ lers auferlegte, richtete er ſeine Augen auf Frankreich, welches ihm mit Geld, dem Einzigen, was er brauchte, aushelfen konnte 451 1 und ſich bereitwillig dazu finden ließ. Richelieu wuünſchte nichts ſo ſehr, als den Einfluß der Schweden auf den deutſchen Krieg zu vermindern und ſich ſelbſt unter fremdem Namen die Führung desſelben in die Hände zu ſpielen. Zu Erreichung dieſes Zwecks konnte er kein beſſeres Mittel erwählen, als daß er den Schweden ihren tapferſten Feldherrn abtrünnig machte, ihn aufs Genaueſte in Frankreichs Intereſſe zog und ſich, zu Ausführung ſeiner Entwuͤrfe, ſeines Armes verſicherte. Von einem Fürſten wie Bernhard, der ſich ohne den Beiſtand einer fremden Macht nicht behaupten konnte, hatte Frankreich nichts zu beſorgen, da auch der glücklichſte Erfolg nicht hin⸗ reichte, ihn außer Abhängigkeit von dieſer Krone zu ſetzen. Bernhard kam ſelbſt nach Frankreich und ſchloß im October 1635 zu St. Germain en Laye, nicht mehr als ſchwediſcher General, ſondern in eigenem Namen, einen Vergleich mit dieſer Krone, worin ihm eine jährliche Penſion von anderthalb Mil⸗ lionen Livres für ihn ſelbſt und vier Millionen zu Unterhal⸗ tung einer Armee, die er unter königlichen Befehlen comman⸗ diren ſollte, bewilligt wurden. Um ſeinen Eifer deſto lebhafter anzufeuern und die Eroberung von Elſaß durch ihn zu beſchleu⸗ nigen, trug man kein Bedenken, ihm in einem geheimen Artikel dieſe Provinz zur Belohnung anzubieten; eine Großmuth, von der man ſehr weit entfernt war und welche der Herzog ſelbſt nach Würden zu ſchätzen wußte. Aber Bernhard ver⸗ traute ſeinem Glück und ſeinem Arme und ſetzte der Argliſt Verſtellung entgegen. War er einmal mächtig genug, das Elſaß dem Feinde zu entreißen, ſo verzweifelte er nicht daran, es im Nothfall auch gegen einen Freund behaupten zu können. Jetzt alſo erſchuf er ſich mit franzöſiſchem Geld eine eigene Armee, die er zwar unter franzöſiſcher Hoheit, aber doch ſo gut als unumſchränkt commandirte, ohne jedoch ſeine Verbindung —õõ———— 452 mit den Schweden ganz und gar aufzuheben. Er eroͤffnete ſeine Operationen am Rheinſtrom, wo eine andere franzöſiſche Armee unter dem Cardinal La Valette die Feindſeligkeiten gegen den Kaiſer ſchon im Jahr 1635 eröffnet hatte. Gegen dieſe hatte ſich das oͤſterreichiſche Hauptheer, welches den großen Sieg bei Nördlingen erfochten hatte, nach Unter⸗ werfung Schwabens und Frankens unter der Anführung des Gallas gewendet und ſie auch glucklich bis Metz zurückge⸗ ſcheucht, den Rheinſtrom befreit und die von den Schweden beſetzten Städte Mainz und Frankenthal erobert. Aber die Hauptabſicht dieſes Generals, die Winterquartiere in Frank⸗ reich zu beziehen, wurde durch den thaͤtigen Widerſtand der Franzoſen vereitelt, und er ſah ſich genöthigt, ſeine Truppen in das erſchöpfte Elſaß und Schwaben zurückzufuͤhren. Bei Eröffnung des Feldzugs im folgenden Iahre paſſirte er zwar bei Breiſach den Rhein und rüſtete ſich, den Krieg in das innere Frankreich zu ſpielen. Er fiel wirklich in die Graf⸗ ſchaft Burgund ein, waͤhrend daß die Spanier von den Nieder⸗ landen aus in der Picardie gluͤckliche Fortſchritte machten und Johann von Werth, ein gefürchteter General der Ligue und berühmter Parteigänger, tief in die Champagne ſtreifte und Paris ſelbſt mit ſeiner drohenden Ankunft erſchreckte. Aber die Tapferkeit der Kaiſerlichen ſcheiterte vor einer ein⸗ zigen unbeträchtlichen Feſtung in Franche Comté, und zum zweiten Male mußten ſie ihre Entwürfe aufgeben. Dem thätigen Geiſte Herzog Bernhards hatte die Ab⸗ hängigkeit von einem franzöſiſchen General, der ſeinem Prieſter⸗ rock mehr als ſeinem Commandoſtab Ehre machte, bisher zu enge Feſſeln angelegt, und ob er gleich in Verbindung mit demſelben Elſaß⸗Zabern eroberte, ſo hatte er ſich doch in den Jahren 1636 und 37 am Rhein nicht behaupten können. 453 Der ſchlechte Fortgang der franzoͤſiſchen Waffen in den Nieder⸗ landen hatte die Thatigkeit der Operationen im Elſaß und Breisgau gehemmt; aber im Jahr 1638 nahm der Krieg in dieſen Gegenden eine deſto glänzendere Wendung. Seiner bisherigen Feſſeln entledigt und jetzt vollkommener Herr ſeiner Truppen, verließ Herzog Bernhard ſchon am Anfange des Februars die Ruhe der Winterquartiere, die er im Bisthum Baſel genommen hatte, und erſchien gegen alle Erwartung am Rhein, wo man in dieſer rauhen Jahreszeit nichts weniger als einen Angriff vermuthete. Die Waldſtädte Laufenburg, Waldshut und Seckingen werden durch Ueberfall weggenommen und Rheinfelden belagert. Der dort commandirende kaiſerliche General, Herzog von Savelli, eilt mit beſchleunigten Maͤrſchen dieſem wichtigen Orte zu Hülfe, entſetzt ihn auch wirklich und treibt den Herzog von Weimar nicht ohne großen Verluſt zurück. Aber gegen aller Menſchen Vermuthen er⸗ ſcheint dieſer am dritten Tage(den 2iſten Februar 1638) wieder im Geſicht der Kaiſerlichen, die in voller Sicherheit uͤber den erhaltenen Sieg bei Rheinfelden ausruhen, und ſchlägt ſie in einer großen Schlacht, worin die kaiſerlichen Generale Savelli, Johann von Werth, Enkeford und Sperreuter, nebſt zweitauſend Mann zu Gefangenen gemacht werden. Zwei derſelben, von Werth und von Enkeford, ließ Richelieu in der Folge nach Frankreich abführen, um der Eitelkeit des franzoͤſiſchen Volks durch den Anblick ſo berühmter Gefangenen zu ſchmeicheln und das öffent⸗ liche Elend durch das Schaugepränge der erfochtenen Siege zu hintergehen. Auch die eroberten Standarten und Fahnen wurden in dieſer Abſicht unter einer feierlichen Proceſſion in die Kirche de notre Dame gebracht, dreimal vor dem Altar geſchwungen und dem Heiligthum in Verwahrung gegeben. 454 Die Einnahme von Rheinfelden, Röteln und Freiburg war die nächſte Folge des durch Bernhard erfochtenen Sieges. Sein Heer wuchs beträchtlich, und ſo wie das Glück ſich für ihn erklärte, erweiterten ſich ſeine Entwürfe. Die Feſtung Breiſach am Oberrhein wurde als die Beherrſcherin dieſes Stromes und als der Schlüſſel zum Elſaß betrachtet. Kein Ort war dem Kaiſer in dieſen Gegenden wichtiger, auf keinen hatte man ſo große Sorgfalt verwendet. Breiſach zu behaup⸗ ten, war die vornehmſte Beſtimmung der italieniſchen Armee unter Feria geweſen; die Feſtigkeit ſeiner Werke und der Vortheil ſeiner Lage boten jedem gewaltſamen Angriffe Trotz, und die kaiſerlichen Generale, welche in dieſen Gegenden com⸗ mandirten, hatten Befehl, Alles für die Rettung dieſes Platzes zu wagen. Aber Bernhard vertraute ſeinem Glück und beſchloß den Angriff auf dieſe Feſtung. Unbezwingbar durch Gewalt, konnte ſie nur durch Hunger beſiegt werden; und die Sorgloſigkeit ihres Commandanten, der, keines Angriffs ge⸗ wärtig, ſeinen aufgehäuften Getreidevorrath zu Gelde gemacht hatte, beſchleunigte dieſes Schickſal. Da ſie unter dieſen Umſtänden nicht vermögend war, eine lange Belagerung aus⸗ zuhalten, ſo mußte man eilen, ſie zu entſetzen oder mit Pro⸗ viant zu verſorgen. Der kaiſerliche General von Götz näherte ſich daher aufs Eilfertigſte an der Spitze von zwölftauſend Mann, von dreitauſend Proviantwagen begleitet, die er in die Stadt werfen wollte. Aber von Herzog Bernhard bei Witteweyer angegriffen, verlor er ſein ganzes Corps bis auf dreitauſend Mann, und die ganze Fracht, die er mit ſich führte. Ein äahnliches Schickſal widerfuhr auf dem Ochſen⸗ feld bei Thann dem Herzog von Lothringen, der mit fuͤnf⸗ bis ſechstauſend Mann zum Entſatz der Feſtung heranrückte. Nachdem auch ein dritter Verſuch des Generals von Götz zu Breiſachs Rettung mißlungen war, ergab ſich dieſe Feſtung, von der ſchrecklichſten Hungersnoth geängſtigt, nach einer vier⸗ monatlichen Belagerung, am 7ten December 1638 ihrem eben ſo menſchlichen als beharrlichen Sieger. Breiſachs Eroberung eröffnete dem Ehrgeiz des Herzogs von Weimar ein gränzenloſes Feld, und jetzt fangt der Ro⸗ man ſeiner Hoffnungen an, ſich der Wahrheit zu nähern. Weit entfernt, ſich der Früchte ſeines Schwerts zu Frankreichs Vortheil zu begeben, beſtimmt er Breiſach für ſich ſelbſt und kündigt dieſen Entſchluß ſchon in der Huldigung an, die er, ohne einer andern Macht zu erwähnen, in ſeinem eigenen Namen von den Ueberwundenen fordert. Durch die bisherigen glänzenden Erfolge berauſcht und zu den ſtolzeſten Hoffnungen hingeriſſen, glaubt er von jetzt an ſich ſelbſt genug zu ſeyn, und die gemachten Eroberungen, ſelbſt gegen Frankreichs Willen, behaupten zu koͤnnen. Zu einer Zeit, wo Alles um Tapferkeit feil war, wo perſönliche Kraft noch etwas galt, und Heere und Heerführer höher als Laͤnder geachtet wurden, war es einem Helden, wie Bernhard, erlaubt, ſich ſelbſt etwas zuzutrauen, und an der Spitze einer trefflichen Armee, die ſich unter ſeiner Anführung unüberwindlich fühlte, an keiner Unternehmung zu verzagen. Um ſich unter der Menge von Feinden, denen er jetzt entgegen ging, an einen Freund an⸗ zuſchließen, warf er ſeine Augen auf die Landgraäfin Amalie von Heſſen, die Wittwe des kuͤrzlich verſtorbenen Landgrafen Wilhelm, eine Dame von eben ſo viel Geiſt als Entſchloſ⸗ ſenheit, die eine ſtreitbare Armee, ſchöne Eroberungen und ein beträchtliches Fürſtenthum mit ihrer Hand zu verſchenken hatte. Die Eroberungen der Heſſen mit ſeinen eigenen am Rhein in einen einzigen Staat und ihre beiderſeitigen Armeen in eine militariſche Macht verbunden, konnte eine bedeutende 456 Macht und vielleicht gar eine dritte Partei in Deutſchland bilden, die den Ausſchlag des Kriegs in ihren Haͤnden hielt. Aber dieſem vielverſprechenden Entwurf machte der Tod ein frühzeitiges Ende. „Herz gefaßt, Pater Joſeph! Breiſach iſt unſer!“ ſchrie Richelieu dem Capuciner in die Ohren, der ſich ſchon zur Reiſe in jene Welt anſchickte, ſo ſehr hatte ihn dieſe Freuden⸗ poſt berauſcht. Schon verſchlang er in Gedanken das Elſaß, das Breisgau und alle öſterreichiſchen Vorlande, ohne ſich der Zuſage zu erinnern, die er dem Herzog Bernhard gethan hatte. Der ernſtliche Entſchluß des letztern, Breiſach für ſich zu behalten, den er auf eine ſehr unzweidentige Art zu erkennen gab, ſtürzte den Cardinal in nicht geringe Verlegen⸗ heit, und Alles wurde hervorgeſucht, den ſiegreichen Bern⸗ hard im franzöſiſchen Intereſſe zu erhalten. Man lud ihn nach Hof, um Zeuge der Ehre zu ſeyn, womit man dort das Andenken ſeiner Triumphe beginge; Bernhard erkannte und floh die Schlinge der Verführung. Man that ihm die Ehre an, ihm eine Nichte des Cardinals zur Gemahlin an⸗ zubieten; der edle Reichsfürſt ſchlug ſie aus, um das ſächſiſche Blut durch keine Mißheirath zu entehren. Jetzt fing man an, ihn als einen gefäͤhrlichen Feind zu betrachten und auch als ſolchen zu behandeln. Man entzog ihm die Subſidien⸗ gelder; man beſtach den Gouverneur von Breiſach und ſeine vornehmſten Officiere, um wenigſtens nach dem Tode des Herzogs ſich in den Beſitz ſeiner Eroberungen und ſeiner Trup⸗ pen zu ſetzen. Dem letztern blieben dieſe Raͤnke kein Geheim⸗ niß, und die Vorkehrungen, die er in den eroberten Plätzen traf, bewieſen ſein Mißtrauen gegen Frankreich. Aber dieſe Irrungen mit dem franzoſiſchen Hofe hatten den nachtheiligſten Einfluß auf ſeine folgenden Unternehmungen. Die Anſtaiten, 457 welche er machen mußte, um ſeine Eroberungen gegen einen Angriff von franzöſiſcher Seite zu behaupten, noͤthigten ihn, ſeine Kriegsmacht zu theilen, und das Ausbleiben der Sub⸗ ſidiengelder verzögerte ſeine Erſcheinung im Felde. Seine Abſicht war geweſen, über den Rhein zu gehen, den Schweden Luft zu machen und an den Ufern der Donau gegen den Kai⸗ ſer und Bayern zu agiren. Schon hatte er Bannern, der im Begriff war, den Krieg in die öſterreichiſchen Lande zu wälzen, ſeinen Operationsplan entdeckt und verſprochen, ihn abzulöſen— als der Tod ihn zu Neuburg am Rhein(im Julius 1639) im ſechsunddreißigſten Jahre ſeines Alters, mitten in ſeinem Heldenlauf uͤberraſchte. Er ſtarb an einer peſtartigen Krankheit, welche binnen zwei Tagen vierhundert Menſchen im Lager dahin gerafft hatte. Die ſchwarzen Flecken, die an ſeinem Leichnam hervorbrachen, die eigenen Aeußerungen des Sterbenden und die Vortheile, welche Frankreich von ſeinem plötzlichen Hintritt erntete, er⸗ weckten den Verdacht, daß er durch franzöſiſches Gift ſey hin⸗ gerafft worden, der aber durch die Art ſeiner Krankheit hin⸗ länglich widerlegt wird. In ihm verloren die Alliirten den größten Feldherrn, den ſie nach Guſtav Adolph beſaßen, Frankreich einen gefürchteten Nebenbuhler um das Elſaß, der Kaiſer ſeinen gefährlichſten Feind. In der Schule Guſtav Adolphs zum Helden und Feldherrn gebildet, ahmte er dieſem erhabenen Muſter nach, und nur ein längeres Leben fehlte ihm um es zu erreichen, wo nicht gar zu übertreffen. Mit der Tapferkeit des Soldaten verband er den kalten und ruhigen Blick des Feldherrn, mit dem ausdauernden Muth des Man⸗ nes die raſche Entſchloſſenheit des Jünglings, mit dem wilden Feuer des Kriegers die Würde des Fürſten, die Maßigung des Weiſen und die Gewiſſenhaftigkeit des Mannes von Ehre. 458 Von keinem unfall gebeugt, erhob er ſich ſchnell und kraftvoll nach dem härteſten Schlage, kein Hinderniß konnte ſeine Kühn⸗ heit beſchranken, kein Fehlſchlag ſeinen unbezwinglichen Muth beſiegen. Sein Geiſt ſtrebte nach einem großen, vielleicht nie erreichbaren Ziele; aber Männer ſeiner Art ſtehen unter andern Klugheitsgeſetzen, als diejenigen ſind, wornach wir den großen Haufen zu meſſen pflegen; fähig, mehr als Andere zu vollbringen, durfte er auch verwegenere Plane entwerfen. Bernhard ſteht in der neuern Geſchichte als ein ſchoͤnes Bild jener kraftvollen Zeiten da, wo perſönliche Größe noch etwas ausrichtete, Tapferkeit Länder errang und Heldentugend einen deutſchen Ritter ſelbſt auf den Kaiſerthron führte. Das beſte Stück aus der Hinterlaſſenſchaft des Herzogs war ſeine Armee, die er, nebſt dem Elſaß, ſeinem Bruder Wilhelm vermachte. Aber an eben dieſe Armee glaubten Schweden und Frankreich gegründete Rechte zu haben: jenes, weil ſie im Namen dieſer Krone geworben war und ihr gehul⸗ digt hatte; dieſes, weil ſie von ſeinem Geld unterhalten wor⸗ den. Auch der Kurfürſt von der Pfalz trachtete nach dem Beſitz derſelben, um ſich ihrer zu Wiedereroberung ſeiner Staaten zu bedienen, und verſuchte anfangs durch ſeine Agen⸗ ten und endlich in eigener Perſon, ſie in ſein Intereſſe zu ziehen. Selbſt von kaiſerlicher Seite geſchah ein Verſuch, dieſe Armee zu gewinnen; und dies darf uns zu einer Zeit nicht wundern, wo nicht die Gerechtigkeit der Sache, nur der Preis der geleiſteten Dienſte in Betrachtung kam und die Tapferkeit, wie jede andere Waare, dem Meiſtbietenden feil war. Aber Frankreich, vermoͤgender und entſchloſſener, üͤber⸗ bot alle Mitbewerber. Es erkaufte den General von Erlach, den Befehlshaber Breiſachs, und die uͤbrigen Oberhäupter, die ihm Breiſach und die ganze Armee in die Hande ſpielten. 459 Der junge Pfalzgraf Karl Ludwig, der ſchon in den vorher⸗ gehenden Jahren einen unglücklichen Feldzug gegen den Kaiſer gethan hatte, ſah auch hier ſeinen Anſchlag ſcheitern. Im Be⸗ griff, Frankreich einen ſo ſchlimmen Dienſt zu erzeigen, nahm er unbeſonnener Weiſe ſeinen Weg durch dieſes Reich. Dem Cardinal, der die gerechte Sache des Pfalzgrafen fürchtete, war jeder Vorwand willkommen, ſeinen Anſchlag zu vereiteln. Er ließ ihn alſo zu Moulin gegen alles Völkerrecht anhalten und gab ihm ſeine Freiheit nicht eher wieder, als bis der Ankauf der Weimariſchen Truppen berichtigt war. So ſah ſich Frank⸗ reich nun im Beſitz einer beträͤchtlichen und wohlgeübten Kriegs⸗ macht in Deutſchland, und jetzt fing es eigentlich erſt an, den Kaiſer unter ſeinem eigenen Namen zu bekriegen. Aber es war nicht mehr Ferdinand der Zweite, gegen den es jetzt als ein offenbarer Feind aufſtand; dieſen hatte ſchon im Februar 1637, im neunundfünfzigſten Jahre ſeines Alters, der Tod von dem Schauplatz abgerufen. Der Krieg, den ſeine Herrſchſucht entzündet hatte, überlebte ihn; nie hatte er wahrend ſeiner achtzehnjährigen Regierung das Schwert aus der Hand gelegt; nie, ſo lang er das Reichsſcepter führte, die Wohlthat des Friedens geſchmeckt. Mit den Talenten des guten Herrſchers geboren, mit vielen Tugenden geſchmuͤckt, die das Glück der Voͤlker begründen, ſanft und menſchlich von Natur, ſehen wir ihn, aus einem übel verſtandenen Begriff von Monarchenpflicht, das Werkzeug zugleich und das Opfer fremder Leidenſchaften, ſeine wohlthätige Beſtimmung ver⸗ fehlen und den Freund der Gerechtigkeit in einen Unterdrücker der Menſchheit, in einen Feind des Friedens, in eine Geißel ſeiner Völker ausarten. In ſeinem Privatleben liebenswürdig⸗ in ſeinem Regentenamt achtungswerth, nur in ſeiner Politik ſchlimm berichtet, vereinigte er auf ſeinem Haupte den Segen ———CQC——— 460 feiner katholiſchen Unterthanen und die Flüche der proteſtan⸗ tiſchen Welt. Die Geſchichte ſtellt mehr und ſchlimmere De⸗ ſpoten auf, als Ferdinand der Zweite geweſen, und doch hat nur Einer einen dreißigjährigen Krieg entzündet; aber der Ehrgeiz dieſes Einzigen mußte unglücklicherweiſe gerade mit einem ſolchen Jahrhundert, mit ſolchen Vorberei⸗ tungen, mit ſolchen Keimen der Zwietracht zuſammentreffen, wenn er von ſo verderblichen Folgen begleitet ſeyn ſollte. In einer friedlichern Zeitepoche hätte dieſer Funke keine Nahrung gefunden, und die Ruhe des Jahrhunderts hätte den Ehrgeiz des Einzelnen erſtickt; jetzt fiel der unglückliche Strahl in ein hoch aufgethürmtes, lange geſammeltes Brenngeräthe, und Europa entzündete ſich. Sein Sohn, Ferdinand der Dritte, wenige Monate vor ſeines Vaters Hintritt zur Würde eines römiſchen Königs erhoben, erbte ſeine Throne, ſeine Grundſatze und ſeinen Krieg. Aber Ferdinand der Dritte hatte den Jammer der Völker und die Verwuͤſtung der Laͤnder in der Nähe ge⸗ ſehen und das Bedürfniß des Friedens näher und feuriger gefuͤhlt. Weniger abhaͤngig von den Jeſuiten und Spaniern, und billiger gegen fremde Religionen, konnte er leichter als ſein Vater die Stimme der Mäßigung hoören. Er hörte ſie und ſchenkte Europa den Frieden; aber erſt nach einem eilf⸗ jährigen Kampfe mit dem Schwert und der Feder, und nicht eher, als bis aller Widerſtand fruchtlos war und die zwin⸗ gende Noth ihm ihr hartes Geſetz dictirte. Das Hluͤck beguͤnſtigte den Antritt ſeiner Regierung, und ſeine Waffen waren ſiegreich gegen die Schweden. Dieſe hatten unter Banners kraftvoller Anfuͤhrung nach dem Siege bei Wittſtock Sachſen mit Winterquartieren belaſtet und den Feld⸗ zug des 1637ſten Jahrs mit der Belagerung Leipzigs eroffnet. 461 Der tapfere Widerſtand der Beſatzung und die Annäherung der kurfürſtlich⸗kaiſerlichen Voͤlker rettete dieſe Stadt, und Ban⸗ ner, um nicht von der Elbe abgeſchnitten zu werden, mußte ſich nach Torgau zurückziehen. Aber die Ueberlegenheit der Kaiſerlichen verſcheuchte ihn auch hier, und umringt von feind⸗ lichen Schwärmen, aufgehalten von Stroͤmen und von Hunger verfolgt, mußte er einen höchſt gefährlichen Rückzug nach Pom⸗ mern nehmen, deſſen Kühnheit und glücklicher Erfolg ans Romanhafte graͤnzt. Die ganze Armee durchwatete an einer ſeichten Stelle die Oder bei Fürſtenberg, und der Soldat, dem das Waſſer bis an den Hals trat, ſchleppte ſelbſt die Kanonen fort, weil die Pferde nicht mehr ziehen wollten. Banner hatte darauf gerechnet, jenſeits der Oder ſeinen in Pommern ſtehenden Untergeneral Wrangel zu finden, und, durch dieſen Zuwachs verſtaͤrkt, dem Feind alsdann die Spitze zu bieten. Wrangel erſchien nicht, und an ſeiner Statt hatte ſich ein kaiſerliches Heer bei Landsberg poſtirt, den fliehenden Schweden den Weg zu verlegen. Banner entdeckte nun, daß er in eine verderbliche Schlinge gefallen, woraus kein Entkommen war. Hinter ſich ein ausgehungertes Land, die Kaiſerlichen und die Oder; die Oder zur Linken, die, von einem kaiſerlichen General Buche im bewacht, keinen Uebergang geſtattete, vor ſich Lands⸗ berg, Küſtrin, die Wartha und ein feindliches Heer, zur Rech⸗ ten Polen, dem man, des Stillſtandes ungeachtet, nicht wohl vertrauen konnte, ſah er ſich ohne ein Wunder verloren, und ſchon triumphirten die Kaiſerlichen über ſeinen unvermeidlichen Fall. Banners gerechte Empfindlichkeit klagte die Franzoſen als die Urheber dieſes Unglücks an. Sie hatten die verſprochene Diverſion am Rhein unterlaſſen, und ihre Unthatigkeit erlaubte dem Kaiſer, ſeine ganze Macht gegen die Schweden zu ge⸗ brauchen.„Sollten wir einſt,“ brach der aufgebrachte General 46² gegen den franzoͤſiſchen Reſidenten aus, der dem ſchwediſchen Lager folgte,„ſollten wir und die Deutſchen einmal in Geſell⸗ ſchaft gegen Frankreich fechten, ſo werden wir nicht ſo viele Umſtaͤnde machen, ehe wir den Rheinſtrom paſſiren.“ Aber Vorwürfe waren jetzt vergeblich verſchwendet. Entſchluß und That forderte die dringende Noth. Um den Feind vielleicht durch eine falſche Spur von der Oder hinweg zu locken, ſtellte ſich Banner, als ob er durch Polen entkommen wollte, ſchickte auch wirklich den groͤßten Theil der Bagage auf dieſem Wege voran, und ließ ſeine Gemahlin ſammt den übrigen Officiers⸗ frauen dieſer Marſchroute folgen. Sogleich brechen die Kaiſer⸗ lichen gegen die polniſche Gränze auf, ihm dieſen Paß zu verſperren, auch Bucheim verlaͤßt ſeinen Standort, und die Oder wird entblößt. Raſch wendet ſich Banner in der Dun⸗ kelheit der Nacht gegen dieſen Strom zurück und ſetzt ſeine Truppen, ſammt Bagage und Geſchütz, eine Meile oberhalb Küſtrin, ohne Brücken, ohne Schiffe, wie vorher bei Fürſten⸗ berg, über. Ohne Verluſt erreichte er Pommern, in deſſen Vertheidigung er und Hermann Wrangel ſich theilen. Aber die Kaiſerlichen, von Gallas angeführt, dringen bei Ribſes in dieſes Herzogthum und überſchwemmen es mit ihrer uͤberlegenen Macht. Uſedom und Wolgaſt werden mit Sturm, Demmin mit Accord erobert und die Schweden bis tief in Hinterpommern zurück gedrückt. Und jetzt gerade kam es mehr als jemals darauf an, ſich in dieſem Lande zu behaup⸗ ten, da Herzog Bogisla der Vierzehnte in eben dieſem Jahre ſtirbt und das ſchwediſche Reich ſeine Anſprüche auf Pommern geltend machen ſoll. Um den Kurfürſten von Bran⸗ denburg zu verhindern, ſeine auf eine Erbverbrüderung und auf den Prager Frieden gegründeten Rechte an dieſes Herzog⸗ thum geltend zu machen, ſtrengt es jetzt alle ſeine Krafte an 463 und unterſtützt ſeine Generale aufs nachdrücklichſte mit Geld und Soldaten. Auch in andern Gegenden des Reichs gewinnen die Angelegenheiten Schwedens ein günſtigeres Anſehen, und ſie fangen an, ſich von dem tiefen Verfalle zu erheben, worein ſie durch die Unthätigkeit Frankreichs und durch den Abfall ihrer Alliirten verſunken waren. Denn nach ihrem eilfertigen Rück⸗ zuge nach Pommern hatten ſie einen Platz nach dem andern in Oberſachſen verloren; die mecklenburgiſchen Fürſten, von den kaiſerlichen Waffen bedrängt, fingen an, ſich auf die öͤſterreichiſche Seite zu neigen, und ſelbſt Herzog Georg von Lüneburg erklärte ſich feindlich gegen ſie. Ehrenbreitſtein, durch Hunger beſiegt, öffnete dem bayeriſchen General von Werth ſeine Thore, und die Oeſterreicher bemaͤchtigten ſich aller am Rheinſtrom aufgeworfenen Schanzen. Frankreich hatte gegen die Spanier eingebüßt, und der Erfolg entſprach den prahle⸗ riſchen Anſtalten nicht, womit man den Krieg gegen dieſe Krone eröffnet hatte. Verloren war Alles, was die Schweden im innern Deutſchland beſaßen, und nur die Hauptplätze in Pommern behaupteten ſich noch. Ein einziger Feldzug reißt ſie aus dieſer tiefen Erniedrigung, und durch die mächtige Diver⸗ ſion, welche der ſiegende Bernhard den kaiſerlichen Waffen an den Ufern des Rheins macht, wird der ganzen Lage des Kriegs ein ſchneller Umſchwung geg ben. Die Irrungen zwiſchen Frankreich und Schweden waren endlich beigelegt und der alte Tractat zwiſchen beiden Kronen zu Hamburg mit neuen Vortheilen für die Schweden beſtatigt worden. In Heſſen übernahm die ſtaatskluge Landgräfin Amalia mit Bewilligung der Stande, nach dem Abſterben Wilhelms, ihres Gemahls, die Regierung, und behauptet⸗ mit vieler Entſchloſſenheit gegen den Widerſpruch des Kaiſers und der Darmſtadtiſchen Linie ihre Rechte. Der ſchwediſche 464 proteſtantiſchen Partei ſchon allein aus Religionsgrundſätzen eifrig ergeben, erwartete ſie bloß die Gunſt der Gelegenheit, um ſich laut und thätig dafür zu erklären. Unterdeſſen gelang es ihr, durch eine kluge Zurückhaltung und liſtig angeſponnene Tractate den Kaiſer in Unthatigkeit zu erhalten, bis ihr ge⸗ heimes Bündniß mit Frankreich geſchloſſen war und Bern⸗ hards Siege den Angelegenheiten der Proteſtanten eine gün⸗ ſtige Wendung gaben. Da warf ſie auf einmal die Maske ab und erneuerte die alte Freund chaft mit der ſchwediſchen Krone. Auch den Kurprinzen von der Pfalz ermunterten Herzog Bern⸗ hards Triumphe, ſein Glück gegen den gemeinſchaftlichen Feind zu verſuchen. Mit engliſchem Gelde warb er Völker in Holland, errichtete zu Meppen ein Magazin und vereinigte ſich in Weſtphalen mit ſchwediſchen Truppen. Sein Magazin ging zwar verloren, ſeine Armee wurde von dem Grafen Hatz⸗ feld bei Flotha geſchlagen; aber ſeine Unternehmung hatte doch den Feind eine Zeitlang beſchäftigt und den Schweden in andern Gegenden ihre Operationen erleichtert. Noch manche ihrer andern Freunde lebten auf, wie das Glück ſich zu ihrem Vor⸗ theile erklärte und es war ſchon Gewinn genug für ſie, daß die niederſächſiſchen Stände die Neutralitaͤt ergriffen. Von dieſen wichtigen Vortheilen begünſtigt, und durch vier⸗ zehntauſend Mann friſcher Truppen aus Schweden und Liv⸗ land verſtärkt, eröffnete Banner voll guter Hoffnung im Jahr 1638 den Feldzug. Die Kaiſerlichen, welche Vorpommern und Mecklenburg inne hatten, verließen größtent eils ihren Poſten oder liefen ſchaarenweiſe den ſchwediſchen Fahnen zu, um dem Hunger, ihrem grimmigſten Feind in dieſen ausge⸗ plünderten und verarmten G genden, zu entfliehen. So ſchreck⸗ lich hatten die bi herigen Durchzuͤge und Quartiere das ganze Land zwiſchen der Elbe und Oder verödet, daß Banner, um 465 in Sachſen und Boͤhmen einbrechen zu koͤnnen, und auf dem Wege dahin nicht mit ſeiner ganzen Armee zu verhungern, von Hinterpommern aus einen Umweg nach Niederſachſen nahm, und dann erſt durch das Halberſtädtiſche Gebiet in Kurſachſen einruͤckte. Die Ungeduld der niederſächſiſchen Staa⸗ ten, einen ſo hungrigen Gaſt wieder los zu werden, verſorgte ihn mit dem noͤthigen Proviant, daß er für ſeine Armee in Magdeburg Brod hatte,— in einem Lande, wo der Hunger ſchon den Abſcheu an Menſchenfleiſch uͤberwunden hatte. Er erſchreckte Sachſen mit ſeiner verwuſtenden Ankunft; allein nicht auf dieſes erſchöpfte Land, auf die kaiſerlichen Erblaͤnder war ſeine Abſicht gerichtet. Bernhards Siege erhoben ſeinen Muth, und die wohlhabenden Provinzen des Hauſes Oeſter⸗ reich lockten ſeine Raubſucht. Nachdem er den kaiſerlichen General von Salis bei Elſterburg geſchlagen, die ſächſiſche Armee bei Chemnitz zu Grunde gerichtet und Pirna erobert hatte, drang er in Böhmen mit unwiderſtehlicher Macht ein, ſetzte uͤber die Elbe, bedrohte Prag, eroberte Brandeis und Leutmeritz, ſchlug den General von Hofkirchen mit zehn Regimentern, und verbreitete Schrecken und Verwüſtung durch das ganze unvertheidigte Königreich. Beute ward Alles, was ſich fortſchaffen ließ, und zerſtoͤrt wurde, was nicht genoſſen und geraubt werden konnte. Um deſto mehr Korn fortzuſchlep⸗ pen, ſchnitt man die Aehren von den Halmen und verderbte den Ueberreſt. Ueber tauſend Schloͤſſer, Flecken und Dörfer wurden in die Aſche gelegt, und oft ſah man ihrer hundert in einer einzigen Nacht auflodern. Von Böhmen aus that er Streifzuͤge nach Schleſien, und ſelbſt Mahren und Oeſter⸗ reich ſollten ſeine Raubſucht empfinden. Dieß zu verhindern, mußte Graf Hatzfeld aus Weſtphalen und Piccolomini aus den Niederlanden herbeieilen. Erzherzog Leopold, ein 466 Bruder des Kaiſers, erhält den Commandoſtab, um die Un⸗ geſchicklichkeit ſeines Vorgängers Gallas wieder gut zu machen und die Armee aus ihrem tiefen Verfalle zu erheben. Der Ausgang rechtfertigte die getroffene Veränderung, und der Feldzug des 1640ſten Jahres ſchien für die Schweden eine ſehr nachtheilige Wendung zu nehmen. Sie werden aus einem Quartier nach dem andern in Böhmen vertrieben, und nur bemüht, ihren Raub in Sicherheit zu bringen, ziehen ſie ſich eilfertig über das meißniſche Gebirge. Aber auch durch Sachſen von dem nacheilenden Feinde verfolgt und bei Plauen geſchla⸗ gen, müſſen ſie nach Thüringen ihre Zuflucht nehmen. Durch einen einzigen Sommer zu Meiſtern des Feldes gemacht, ſtür⸗ zen ſie eben ſo ſchnell wieder zu der tiefſten Schwäche herab, um ſich aufs neue zu erheben und ſo mit beſtändigem raſchem Wechſel von einem Aeußerſten zum andern zu eilen. Ban⸗ ners geſchwächte Macht, im Lager bei Erfurt ihrem gaänzlichen Untergang nahe, erhebt ſich auf einmal wieder. Die Herzoge von Lüneburg verlaſſen den Prager Frieden und führen ihm jetzt die nämlichen Truppen zu, die ſie wenige Jahre vorher gegen ihn fechten ließen. Heſſen ſchickt Hülfe, und der Her⸗ zog von Longueville ſtößt mit der nachgelaſſenen Armee Herzog Bernhards zu ſeinen Fahnen. Den Kaiſerlichen aufs neue an Macht uͤberlegen, bietet ihnen Banner bei Saalfeld ein Treffen an; aber ihr Führer Piccolomini vermeidet es klüglich, und hat eine zu gute Stellung gewählt, um dazu gezwungen zu werden. Als endlich die Bayern ſich von den Kaiſerlichen trennen und ihren Marſch gegen Franken richten, verſucht Banner auf dieſes getrennte Corps einen Angriff, den aber die Klugheit des bayeriſchen Anführers, von Mercy, und die ſchnelle Annäherung der kaiſerlichen Hauptmacht vereitelt. Beide Armeen ziehen ſich nunmehr in 467 das ausgehungerte Heſſen, wo ſie ſich, nicht weit von einan⸗ der, in ein feſtes Lager einſchließen, bis endlich Mangel und rauhe Jahreszeit ſie aus dieſem verarmten Landſtriche ver⸗ ſcheuchen. Piccolomini erwählt ſich die fetten Ufer der Weſer zu Winterquartieren; aber uͤberflügelt von Bannern muß er ſie den Schweden einraumen und die fraͤnkiſchen Bis⸗ thümer mit ſeinem Beſuche belaͤſtigen. Um eben dieſe Zeit wurde zu Regensburg ein Reichstag gehalten, wo die Klagen der Staͤnde gehört, an der Beruhi⸗ gung des Reichs gearbeitet und uber Krieg und Frieden ein Schluß gefaßt werden ſollte. Die Gegenwart des Kaiſers, die Mehrheit der katholiſchen Stimmen im Kurfürſtenrathe, die üͤberlegene Anzahl der Biſchöfe und der Abgang von mehreren evangeliſchen Stimmen leitete die Verhandlungen zum Vor⸗ theil des Kaiſers, und es fehlte viel, daß auf dieſem Reichstage das Reich repraͤſentirt worden waͤre. Nicht ganz mit Unrecht betrachteten ihn die Proteſtanten als eine Zuſammenverſchwö⸗ rung Oeſterreichs und ſeiner Creaturen gegen den proteſtan⸗ tiſchen Theil, und in ihren Augen konnte es Verdienſt ſcheinen dieſen Reichstag zu ſtoren oder auseinander zu ſcheuchen. Banner entwarf dieſen verwegenen Anſchlag. Der Ruhm ſeiner Waffen hatte bei dem letzten Rückzug aus Böhmen ge⸗ litten, und es bedurfte einer unternehmenden That, um ſeinen vorigen Glanz wieder herzuſtellen. Ohne Jemand zum Ver⸗ trauten ſeines Anſchlags zu machen, verließ er in der ſtrengſten Käalte des Winters im Jahr 1641 ſeine Quartiere in Lüne⸗ burg, ſobald die Wege und Ströme gefroren waren. Begleitet von dem Marſchall von Guebriant, der die franzöſiſche und weimgriſche Armee commandirte, richtete er durch Thuringen und das Voigtland ſeinen Marſch nach der Donau, und ſtand Regensburg gegenüber, ehe der Reichsrag vor ſeiner Ankunft 468 gewarnt werden konnte. Unbeſchreiblich groß war die Beſtür⸗ zung der verſammelten Stäͤnde, und in der erſten Angſt ſchick⸗ ten ſich alle Geſandten zur Flucht an. Nur der Kaiſer erklarte, daß er die Stadt nicht verlaſſen würde, und ſtärkte durch ſein Beiſpiel die andern. Zum Unglück der Schweden fiel Thau⸗ wetter ein, daß die Donau aufging, und weder trocknen Fußes, noch wegen des ſtarken Eisgangs zu Schiffe paſſirt werden konnte. Um doch etwas gethan zu haben und den Stolz des deutſchen Kaiſers zu kraänken, beging Banner die Unhöflich⸗ keit, die Stadt mit fünfhundert Kanonenſchüſſen zu begrüßen, die aber wenig Schaden anrichteten. In dieſer Unternehmung getäuſcht, beſchloß er nunmehr, tiefer in Bayern und in das unvertheidigte Mähren zu dringen, wo eine reiche Beute und bequemere Quartiere ſeine beduͤrftigen Truppen erwarteten. Aber nichts konnte den franzöoͤſiſchen General bewegen, ihm bis dahin zu folgen. Guebriant furchtete, daß die Abſicht der Schweden ſey, die weimariſche Armee immer weiter vom Rhein zu entfernen und von aller Gemeinſchaft mit Frankreich abzu⸗ ſchneiden, bis man ſie entweder gaͤnzlich auf ſeine Seite gebracht oder doch außer Stand geſetzt habe, etwas Eigenes zu unter⸗ nehmen. Er trennte ſich alſo von Bannern, um nach dem Main⸗ ſtrom zurückzukehren, und dieſer ſah ſich auf einmal der ganzen kaiſerlichen Macht bloßgeſtellt, die, zwiſchen Regensburg und Ingolſtadt in aller Eile verſammelt, gegen ihn anrückte. Jetzt galt es, auf einen ſchnellen Ruͤckzug zu denken, der im Ange⸗ ſicht eines an Reiterei uͤberlegenen Heeres, zwiſchen Strömen und Wäaͤldern, in einem weit und breit feindlichen Lande, kaum anders, als durch ein Wunder möoglich ſchien. Eilfertig zog er ſich nach dem Wald, um durch Boͤhmen nach Sachſen zu ent⸗ kommen; aber drei Regimenter mußte er bei Neuburg im Stiche laſſen. Dieſe hielten durch eine ſpartaniſche Gegenwehr hinter 469 einer ſchlechten Mauer die feindliche Macht vier ganze Tage auf, daß Banner den Vorſprung gewinnen konnte. Er ent⸗ kam über Eger nach Annaberg; Piccolomini ſetzte ihm auf einem nähern Weg über Schlackenwald nach, und es kam bloß auf den Vortheil einer kleinen halben Stunde an, daß ihm der kaiſerliche General nicht bei dem Paſſe zu Prisnitz zuvor kam und die ganze ſchwediſche Macht vertilgte. Zu Zwickau vereinigte ſich Guebriant wieder mit dem Banner'ſchen Heer, und Beide richteten ihren Marſch nach Halberſtadt, nachdem ſie umſonſt verſucht hatten, die Saale zu vertheidigen und den Oeſterreichern den Uebergang zu wehren. Zu Halberſtadt fand endlich Banner(im Mai 1641) das Ziel ſeiner Thaten, durch kein anderes als das Gift der Un⸗ maͤßigkeit und des Verdruſſes getoͤdtet. Mit großem Ruhme, obgleich mit abwechſelndem Gluͤck, behauptete er das Anſehen der ſchwediſchen Waffen in Deutſchland und zeigte ſich durch eine Kette von Siegesthaten ſeines großen Lehrers in der Kriegskunſt werth. Er war reich an Anſchlaͤgen, die er ge⸗ heimnißvoll bewahrte und raſch vollſtreckte, beſonnen in Ge⸗ fahren, in der Widerwaͤrtigkeit groͤßer als im Gluͤck und nie mehr furchtbar, als wenn man ihn am Rande des Verderbens glaubte. Aber die Tugenden des Kriegshelden waren in ihm mit allen Unarten und Laſtern gepaart, die das Waffenhand⸗ werk erzeugt oder doch in Schutz nimmt. Eben ſo gebieteriſch im Umgang als vor der Fronte ſeines Heers, rauh wie ſein Gewerbe und ſtolz wie ein Eroberer, druͤckte er die deutſchen Fuͤrſten nicht weniger durch ſeinen Uebermuth als durch ſeine Erpreſſungen ihre Länder. Fuͤr die Beſchwerden des Kriegs entſchädigte er ſich durch die Freuden der Tafel und in den Armen der Wolluſt, die er bis zum Uebermaße trieb und end⸗ lich durch einen fruͤhen Tod buͤßen mußte. Aber uͤppig, wie ein 470 Alexander und Mahomet der Zweite, ſtürzte er ſich mit gleicher Leichtigkeit aus den Armen der Wolluſt in die härteſte Arbeit des Kriegs, und in ſeiner ganzen Feldherrngroͤße ſtand er da, als die Armee über den Weichling murrte. Gegen achtzigtauſend Mann fielen in den zahlreichen Schlachten, die er lieferte, und gegen ſechshundert feindliche Standarten und Fahnen, die er nach Stockholm ſandte, beurkundeten ſeine Siege. Der Verluſt dieſes großen Fuͤhrers wurde von den Schweden bald aufs Empfindlichſte gefühlt, und man fürchtete, daß er nicht zu erſetzen ſeyn wuͤrde. Der Geiſt der Empörung und Zügelloſigkeit, durch das uͤberwiegende Anſehen dieſes ge⸗ fürchteten Generals in Schranken gehalten, erwachte, ſobald er dahin war. Die Officiere fordern mit furchtbarer Ein⸗ ſtimmigkeit ihre Rückſtände, und keiner der vier Generale, die ſich nach Bannern in das Commando theilen, beſitzt Anſehen genug, dieſen ungeſtümen Mahnern Genüge zu leiſten oder Stillſchweigen zu gebieten. Die Kriegszucht erſchlafft; der zunehmende Mangel und die kaiſerlichen Abrufungs⸗ ſchreiben vermindern mit jedem Tage die Armee; die franzoͤſiſch⸗ weimariſchen Völker beweiſen wenig Eifer; die Lüneburger verlaſſen die ſchwediſchen Fahnen, da die Fürſten des Hauſes Braunſchweig nach dem Tode Herzogs Georg ſich mit dem Kaiſer vergleichen; und endlich ſondern ſich auch die Heſſen von ihnen ab, um in Weſtphalen beſſere Quartiere zu ſuchen. Der Feind benutzt dieſes verderbliche Zwiſchenreich, und, ob⸗ gleich in zwei Actionen aufs Haupt geſchlagen, gelingt es ihm, beträchtliche Fortſchritte in Niederſachſen zu machen. Endlich erſchien der neu ernannte ſchwediſche Generaliſſimus mit friſchem Geld und Soldaten. Bernhard Torſtenſohn war es, ein Zögling Guſtav Adolphs und der gluͤcklichſte Nachfolger dieſes Helden, dem er ſchon in dem polniſchen —— —; 471 Kriege als Page zur Seite ſtand. Von dem Podagra gelähmt und an die Saͤnfte geſchmiedet, beſiegte er alle ſeine Gegner durch Schnelligkeit, und ſeine Unternehmungen hatten Flügel, während daß ſein Koͤrper die ſchrecklichſten aller Feſſeln trug. Unter ihm verandert ſich der Schauplatz des Krieges, und neue Maximen herrſchen, die die Noth gebietet und der Erfolg rechtfertigt. Erſchöpft ſind alle Länder, um die man bisher geſtritten hatte, und, in ſeinen hinterſten Landen un⸗ angefochten, fühlt das Haus Oeſterreich den Jammer des Krie⸗ ges nicht, unter welchem ganz Deutſchland blutet. Torſten⸗ ſohn verſchafft ihm zuerſt dieſe bittere Erfahrung, ſättigt ſeine Schweden an dem fetten Tiſch Oeſterreichs und wirft den Feuerbrand bis an den Thron des Kaiſers. In Schleſien hatte der Feind beträchtliche Vortheile über den ſchwediſchen Anführer Stahlhantſch erfochten und ihn nach Neumark gejagt. Torſtenſohn, der ſich im Lünebur⸗ giſchen mit der ſchwediſchen Hauptmacht vereinigt hatte, zog ihn an ſich und brach im Jahr 1642 durch Brandenburg, das unter dem großen Kurfürſten angefangen hatte, eine gewaffnete Neutralität zu beobachten, plötzlich in Schleſien ein. Glogau wird ohne Approche, ohne Breſche, mit dem Degen in der Fauſt erſtiegen, der Herzog Franz Albrecht von Lauen⸗ burg bei Schweidnitz geſchlagen und ſelbſt erſchoſſen, Schweid⸗ nitz, wie faſt das ganze dieſſeits der Oder gelegene Schleſien, erobert. Nun drang er mit unaufhaltſamer Gewalt bis in das Innerſte von Mähren, wohin noch kein Feind des Hauſes Oeſterreich gekommen war, bemeiſterte ſich der Stadt Olmütz und machte ſelbſt die Kaiſerſtadt beben. Unterdeſſen hatte Piccolomini und Erzherzog Leopold eine uͤberlegene Macht verſammelt, die den ſchwediſchen Eroberer aus Mahren und bald auch, nach einem vergeblichen Verſuch auf Brieg, aus 472² Schleſien verſcheuchte. Durch Wrangel verſtärkt, wagte er ſich zwar aufs Neue dem überlegenen Feind entgegen und entſetzte Großglogau; aber er konnte weder den Feind zum Schlagen bringen, noch ſeine Aſicht auf Böhmen ausfuͤhren. Er überſchwemmte nun die Lauſitz, wo er im Angeſichte des Feindes Zittau wegnahm und nach einem kurzen Aufenthalt ſeinen Marſch durch Meißen an die Elbe richtete, die er bei Torgau paſſirte. Jetzt bedrohte er Leipzig mit einer Belage⸗ rung und machte ſich Hoffnung, in dieſer wohlhabenden, ſeit zehn Jahren verſchont gebliebenen Stadt einen reichlichen Vor⸗ rath an Lebensmitteln und ſtarke Brandſchatzungen zu erheben. Sogleich eilen die Kaiſerlichen unter Leopold und Picco⸗ lomini über Dresden zum Entſatz herbei, und Torſtenſohn, um nicht zwiſchen der Armee und der Stadt eingeſchloſſen zu werden, rückt ihnen beherzt und in voller Schlachtordnung entgegen. Durch einen wunderbaren Kreislauf der Dinge traf man jetzt wieder auf dem naͤmlichen Boden zuſammen, den Guſtav Adolph eilf Jahre vorher durch einen entſcheidenden Sieg merkwürdig gemacht hatte, und der Vorfahren Helden⸗ tugend erhitzte ihre Nachfolger zu einem edeln Wettſtreit auf dieſer heiligen Erde. Die ſchwediſchen Generale Stahlhantſch und Sillenberg werfen ſich auf den noch nicht ganz in Ordnung geſtellten linken Flügel der Oeſterreicher mit ſolchem Ungeſtüm, daß die ganze ihn bedeckende Reiterei über den Haufen gerannt und zum Treffen unbrauchbar gemacht wird. Aber auch dem linken der Schweden droht ein ahnliches Schick⸗ ſal, als ihm der ſiegende rechte zu Hülfe kam, dem Feind in den Rücken und in die Flanken fiel und ſeine Linien treunte. Die Infanterie beider Theile ſtand einer Mauer gleich und wehrte ſich, nachdem alles Pulver verſchoſſen war, mit umge⸗ kehrten Musketen, bis endlich die Kaiſerlichen, von allen Seiten 473 umringt, nach einem dreiſtuͤndigen Gefechte das Feld raͤumen mußten. Die Anführer beider Armeen hatten ihr Aeußerſtes gethan, ihre fliehenden Voͤlker aufzuhalten, und Erzherzog Leopold war mit ſeinem Regimente der Erſte beim Angriff und der Letzte auf der Flucht. Ueber dreitauſend Mann und zwei ihrer beſten Generale, Schlangen und Lilienhoek, koſtete den Schweden dieſer blutige Sieg. Von den Kaiſer⸗ lichen blieben fünftauſend auf dem Platze, und beinahe eben ſo viele wurden zu Gefangenen gemacht. Ihre ganze Artillerie von ſechsundvierzig Kanonen, das Silbergeſchirr und die Kanzlei des Erzherzogs, die ganze Bagage der Armee fiel in der Sieger Hände. Torſtenſohn, zu ſehr geſchwaͤcht durch ſeinen Sieg, um den Feind verfolgen zu koͤnnen, rückte vor Leipzig, die geſchlagene Armee nach Boͤhmen, wo die fluchtigen Regimenter ſich wieder ſammelten. Erzherzog Leopold konnte dieſe verlorne Schlacht nicht verſchmerzen, und das Cavallerie⸗ Regiment, das durch ſeine frühe Flucht dazu Anlaß gegeben, erfuhr die Wirkungen ſeines Grimms. Zu Rackowitz in Boͤh⸗ men erklarte er es im Angeſicht der übrigen Truppen für ehrlos, beraubte es aller ſeiner Pferde, Waffen und Inſignien, ließ ſeine Standarten zerreißen, mehrere ſeiner Officiere und von den Gemeinen den zehnten Mann zum Tode verurtheilen. Leipzig ſelbſt, welches drei Wochen nach dem Treffen be⸗ zwungen wurde, war die ſchoͤnſte Beute des Siegers. Die Stadt mußte das ganze ſchwediſche Heer neu bekleiden und ſich mit drei Tonnen Goldes, wozu auch die fremden Handlungs⸗ haͤuſer, die ihre Waarenlager darin hatten, mit Taxen beſchwert wurden, von der Pluͤnderung loskaufen. Torſtenſohn ruͤckte noch im Winter vor Freiberg, trotzte vor dieſer Stadt mehrere Wochen lang dem Grinim der Witrerung und hoffte durch ſeine Beharrlichkeit den Muth der Belagerten zu ermuͤden. Aber er 474 opferte nur ſeine Truppen auf, und die Annäherung des kai⸗ ſerlichen Generals Piccolomini nöthigte ihn endlich, mit ſeiner geſchwächten Armee ſich zurückzuziehen. Doch achtete er es ſchon für Gewinn, daß auch der Feind die Ruhe der Winterquartiere, deren er ſich freilich beraubte, zu entbehren genöthigt ward und in dieſem ungünſtigen Winterfeldzug über dreitauſend Pferde einbüßte. Er machte nun eine Bewegung gegen die Oder, um ſich durch die Garniſonen aus Pommern und Schleſien zu verſtarken; aber mit Blitzesſchnelligkeit ſtand er wieder an der boͤhmiſchen Gränze, durchflog dieſes Konig⸗ reich und— entſetzte Olmütz in Mähren, das von den Kai⸗ ſerlichen hart geängſtigt wurde. Aus ſeinem Lager bei Dobit⸗ ſchau, zwei Meilen bei Olmütz, beherrſchte er ganz Mähren, drückte es mit ſchweren Erpreſſungen und ließ bis an die Brücken von Wien ſeine Schaaren ſtreifen. Umſonſt bemühte ſich der Kaiſer, zu Vertheidigung dieſer Provinz den ungari⸗ ſchen Adel zu bewaffnen; dieſer berief ſich auf ſeine Privilegien und wollte außerhalb ſeinem Vaterlande nicht dienen. Ueber dieſer fruchtloſen Unterhandlung verlor man die Zeit fuüͤr einen thätigen Widerſtand und ließ die ganze Provinz Mäh⸗ ren den Schweden zum Raube werden. Während daß Bernhard Torſtenſohn durch ſeine Märſche und Siege Freund und Feind in Erſtaunen ſetzte, hatten ſich die Armeen der Alliirten in andern Theilen des Reichs nicht unthätig verhalten. Die Heſſen und Weimariſchen unter dem Grafen von Eberſtein und dem Marſchall von Guebriant waren in das Erzſtift Köln eingefallen, um dort ihre Winterquartiere zu beziehen. Um ſich dieſer räuberiſchen Gaſte zu erwehren, rief der Kurfürſt den kaiſerlichen General von Hatzfeld herbei und verſammelte ſeine eigenen Truppen unter dem General Lamboy. Dieſen griffen die Alliirten(im 475 Jänner 1642) bei Kempen an und ſchlugen ihn in einer großen Schlacht, daß zweitauſend blieben und noch einmal ſo viel zu Gefangenen gemacht wurden. Dieſer wichtige Sieg oͤffnete ihnen das ganze Kurfuͤrſtenthum und die angränzen⸗ den Lande, daß ſie nicht nur ihre Winterquartiere darin be⸗ haupteten, ſondern auch große Verſtaͤrkungen an Soldaten und Pferden daraus zogen. Guebriant überließ den heſſiſchen Völkern ihre Eroberun⸗ gen am Niederrhein gegen den Grafen von Hatzfeld zu ver⸗ theidigen und naͤherte ſich Thüringen, um Torſtenſohns Unternehmungen in Sachſen zu unterſtützen. Aber anſtatt ſeine Macht mit der ſchwediſchen zu vereinigen, eilte er zurück nach dem Main⸗ und Rheinſtrom, von dem er ſich ſchon weiter, als er ſollte, entfernt hatte. Da ihm die Bayern unter Mercy und Johann von Werth in der Markgrafſchaft Baden zu⸗ vorgekommen waren, ſo irrte er viele Wochen lang, dem Grimm der Witterung preisgegeben, ohne Obdach umher, und mußte gewöhnlich auf dem Schnee campiren, bis er im Breisgau endlich ein kummerliches Unterkommen fand. Zwar zeigte er ſich im folgenden Sommer wieder im Felde und beſchaftigte in Schwaben das bayeriſche Heer, daß es die Stadt Thionville in den Niederlanden, welche Condé belagerte, nicht entſetzen ſollte. Aber bald ward er von dem überlegenen Feind in das Elſaß zuruckgedruckt, wo er eine Verſtärkung erwartete. Der Tod des Cardinals Richelieu, der im November des Jahrs 1642 erfolgt war, und der Thron⸗ und Miniſterwechſel, den das Abſterben Ludwigs des Dreizehnten im Mat 1643 nach ſich zog, hatte die Aufmerkſamkeit Frankreichs eine Zeitlang von dem deutſchen Krieg abgezogen und dieſe Un⸗ thätigkeit im Felde bewirkt. Aber Mazarin, der Erbe von Richelieu's Macht, Grundſaͤtzen und Entwürfen, verfolgte 476 den Plan ſeines Vorgängers mit erneuertem Eifer, wie theuer auch der franzöſiſche Unterthan dieſe politiſche Größe Frank⸗ reichs bezahlte. Wenn Richelieu die Hauptſtärke der Armeen gegen Spanien gebrauchte, ſo kehrte ſie Mazarin gegen den Kaiſer und machte durch die Sorgfalt, die er dem Kriege in Deutſchland widmete, ſeinen Ausſpruch wahr, daß die deutſche Armee der rechte Arm ſeines Konigs und der Wall der fran⸗ zöſiſchen Staaten ſey. Er ſchickte dem Feldmarſchall von Gue⸗ briant, gleich nach der Einnahme von Thionville, eine be⸗ trächtliche Verſtärkung ins Elſaß; und damit dieſe Truppen ſich den Mühſeligkeiten des deutſchen Kriegs deſto williger unterziehen moͤchten, mußte der berühmte Sieger bei Rocroy, Herzog von Enghien, nachheriger Prinz von Condés, ſie in eigener Perſon dahin führen. Jetzt fühlte ſich Guebriant ſtark genug, um in Deutſchland wieder mit Ehren auftreten zu können. Er eilte über den Rhein zurück, um ſich in Schwaben beſſere Winterquartiere zu ſuchen, und machte ſich guch wirklich Meiſter von Rottweil, wo ihm ein bayeriſches Magazin in die Haͤnde fiel. Aber dieſer Platz wurde theurer bezahlt, als er werth war, und ſchneller, als er gewonnen worden, wieder verloren. Guebriant erhielt eine Wunde im Arm, welche die ungeſchickte Hand ſeines Wundarztes tödtlich machte, und die Größe ſeines Verluſtes wurde noch ſelbſt an dem Tage ſeines Todes kund. Die franzoͤſiſche Armee, durch die Expedition in einer ſo rauhen Jahreszeit merklich vermindert, hatte ſich nach der Einnahme von Rottweil in die Gegend von Tuttlingen gezogen, wo ſie, ohne alle Ahnung eines feindlichen Beſuchs, in tiefer Sicherheit raſtet. Unterdeſſen verſammelt der Feind eine große Macht, die bedenkliche Feſtſetzung der Franzoſen jenſeits des Rheins und in einer ſo großen Nähe von Bayern 477 zu hindern, und dieſe Gegend von ihren Erpreſſungen zu be⸗ freien. Die Kaiſerlichen, von Hatzfeld angeführt, verbinden ſich mit der bayeriſchen Macht, welche Mercy befehligt, und auch der Herzog von Lothringen, den man in dieſem ganzen Krieg uͤberall, nur nicht in ſeinem Herzogthum findet, ſtößt mit ſeinen Truppen zu ihren vereinigten Fahnen. Der Anſchlag wird gefaßt, die Quartiere der Franzoſen in Tuttlingen auf⸗ zuſchlagen, d. i. ſie unvermuthet zu überfallen; eine in die⸗ ſem Kriege ſehr beliebte Art von Expeditionen, die, weil ſie immer und nothwendig mit Verwirrung verknüpft war, ge⸗ wöhnlich mehr Blut koſtete, als geordnete Schlachten. Hier war ſie um ſo mehr an ihrem Platze, da der franzöſiſche Soldat, in dergleichen Unternehmungen unerfahren, von einem deut⸗ ſchen Winter ganz andere Begriffe hegte, und durch die Strenge der Jahreszeit ſich gegen jede Ueberraſchung für hinlanglich ge⸗ ſichert hielt. Johann von Werth, ein Meiſter in dieſer Art Krieg zu fuͤhren, der ſeit einiger Zeit gegen Guſtav Horn war ausgewechſelt worden, führte die Unternehmung an und brachte ſie auch uͤber alle Erwartung glüͤcklich zu Stande. Man that den Angriff von einer Seite, wo er der vielen engen Päſſe und Waldungen wegen am wenigſten erwartet werden konnte, und ein ſtarker Schnee, der an eben dieſem Tage(den 24ſten des Novembers 1643) fiel, verbarg die An⸗ näherung des Vortrabs, bis er im Angeſichte von Tuttlingen Halt machte. Die ganze außerhalb des Orts verlaſſen ſtehende Artillerie wird, ſo wie das nghe liegende Schloß Honberg, ohne Widerſtand erobert, ganz Tuttlingen von der nach und nach eintreffenden Armee umzingelt und aller Zuſammenhaug der in den Doͤrfern umher zerſtreuten feindlichen Quartiere ſtill und plötzlich gehemmt. Die Franzoſen waren alſo ſchon beſiegt, ehe man eine Kanone abbrannte. Die Reiterei dankte 478 ihre Rettung der Schnelligkeit ihrer Pferde und den wenigen Minuten, welche ſie vor dem nachſetzenden Feinde voraus hatte. Das Fußvolk ward zuſammengehauen oder ſtreckte frei⸗ willig das Gewehr. Gegen zweitauſend bleiben, ſiebentauſend geben ſich mit fünfundzwanzig Stabsofficieren und neunzig Capitäns gefangen. Dieß war wohl in dieſem ganzen Kriege die einzige Schlacht, welche auf die verlierende und die ge⸗ winnende Partei ungefähr den nämlichen Eindruck machte; beide waren Deutſche, und die Franzoſen hatten ſich beſchimpft. Das Andenken dieſes unholden Tages, der hundert Jahre ſpäter bei Roßbach erneuert ward, wurde in der Folge zwar durch die Heldenthaten eines Türenne und Condé wieder⸗ ausgelöſcht, aber es war den Deutſchen zu gönnen, wenn ſie ſich für das Elend, das die franzöſiſche Politik uͤber ſie häufte, mit einem Gaſſenhauer auf die franzöſiſche Tapferkeit bezahlt machten. Dieſe Niederlage der Franzoſen hätte indeſſen den Schweden ſehr verderblich werden können, da nunmehr die ganze unge⸗ theilte Macht des Kaiſers gegen ſie losgelaſſen wurde, und die Zahl ihrer Feinde in dieſer Zeit noch um einen vermehrt wor⸗ den war. Torſtenſohn hatte Maͤhren im September 1643 plötzlich verlaſſen und ſich nach Schleſien gezogen. Niemand wußte die Urſache ſeines Aufbruchs, und die oft veränderte Richtung ſeines Marſches trug dazu bei, die Ungewißheit zu vermehren. Von Schleſien aus naͤherte er ſich unter mancherlei Krümmungen der Elbe, und die Kaiſerlichen folgten ihm bis in die Lauſitz nach. Er ließ bei Torgau eine Brücke über die Elbe ſchlagen und ſprengte aus, daß er durch Meißen in die obere Pfalz und in Bayern dringen würde. Auch bei Barby ſtellte er ſich an, als wollte er dieſen Strom paſſiren, zog ſich aber immer weiter die Elbe hinab, bis Havelberg, wo er ſeiner ——— 479 erſtaunten Armee bekannt machte, daß er ſie nach Holſtein ge⸗ gen die Daͤnen führe. Längſt ſchon hatte die Parteilichkeit, welche König Chri⸗ ſtiander Vierte bei dem von ihm uͤbernommenen Mittler⸗ amte gegen die Schweden blicken ließ, die Eiferſucht, womit er dem Fortgang ihrer Waffen entgegen arbeitete, die Hinderniſſe, die er der ſchwediſchen Schifffahrt im Sund entgegenſetzte, und die Laſten, mit denen er ihren aufbluͤhenden Handel beſchwerte, den Unwillen dieſer Krone gereizt, und endlich, da der Kran⸗ kungen immer mehrere wurden, ihre Rache aufgefordert. Wie gewagt es auch ſchien, ſich in einen neuen Krieg zu verwickeln, waͤhrend daß man unter der Laſt des alten, mitten unter ge⸗ wonnenen Siegen, beinahe zu Boden ſank, ſo erhob doch die Rachbegierde und ein verjährter Nationalhaß den Muth der Schweden uüber alle dieſe Bedenklichkeiten, und die Verlegen⸗ heiten ſelbſt, in welche man ſich durch den Krieg in Deutſch⸗ land verwickelt ſah, waren ein Beweggrund mehr, ſein Glück gegen Danemark zu verſuchen. Es war endlich ſo weit gekom⸗ men, daß man den Krieg nur fortſetzte, um den Truppen Arbeit und Brod zu verſchaffen, daß man faſt bloß um den Vortheil der Winterquartiere ſtritt, und, die Armee gut unter⸗ gebracht zu haben, höher als eine gewonnene Hauptſchlacht ſchätzte. Aber faſt alle Provinzen des deutſchen Reichs waren veroͤdet und ausgezehrt; es fehlte an Proviant, an Pferden und Menſchen, und an allem dieſem hatte Holſtein Ueberfluß. Gewann man auch weiter nichts, als daß man die Armee in dieſer Provinz recrutirte, Pferde und Soldaten ſattigte, und die Reit rei beſſer beritten machte— ſo war der Erfolg ſchon der Mühe und Gefahr des Verſuches werth. Auch kam jetzt bei Eröffnung des Friedensgeſchäftes Alles darauf an, den nach⸗ theiligen daniſchen Einfluß auf die Friedensunterhandlungen zu 480 hemmen, den Frieden ſelbſt, der die ſchwediſche Krone nicht ſehr zu begunſtigen ſchien, durch Verwirrung der Intereſſen möglichſt zu verzögern, und, da es auf Beſtimmung einer Genugthuung ankam, die Zahl ſeiner Eroberungen zu vermeh⸗ ren, um die einzige, welche man zu behalten wünſchte, deſto gewiſſer zu erlangen. Die ſchlechte Verfaſſung des daniſchen Reichs berechtigte zu noch groͤßeren Hoffnungen, wenn man nur den Anſchlag ſchnell und verſchwiegen ausfuͤhrte. Wirklich beobachtete man in Stockholm das Geheimniß ſo gut, daß die däniſchen Miniſter nicht das Geringſte davon argwohnten, und weder Frankreich noch Holland wurde in das Geheimniß gezo⸗ gen. Der Krieg ſelbſt war die Kriegserklärung, und Torſten⸗ ſohn ſtand in Holſtein, ehe man eine Feindſeligkeit ahnete. Durch keinen Widerſtand aufgehalten, ergießen ſich die ſchwe⸗ diſchen Truppen wie eine Ueberſchwemmung durch dieſes Her⸗ zogthum, und bemächtigen ſich aller feſten Plätze desſelben, Rensburg und Glückſtadt ausgenommen. Eine andere Armee bricht in Schonen ein, welches gleich wenig Widerſtand lei⸗ ſtet, und nur die ſtuͤrmiſche Jahrszeit verhindert die Anführer, den kleinen Belt zu paſſiren, und den Krieg ſelbſt nach Fuͤhnen und Seeland zu walzen. Die daniſche Flotte verungluckt bei Femern, und Chriſtian ſelbſt, der ſich auf derſelben befin⸗ det, verliert durch einen Splitter ſein rechtes Auge. Abge⸗ ſchnitten von der weit entlegenen Macht des Kaiſers, ſeines Bundesgenoſſen, ſteht dieſer König auf dem Punkte, ſein gan⸗ zes Reich von der chwediſchen Macht uͤberſchwemmt zu ſehen, und es ließ ſich in allem Ernſt zu Erfuͤllung der Wahrſagung an, die man ſich von dem berühmten Tycho Brahe erzahlte, daß Chriſtian der Vierte im Jahr 1644 mit einem bloßen Stecken aus ſeinem Reiche würde wandern müſſen. Aber der Kaiſer durfte nicht gleichguͤltig zuſehen, daß Daͤne⸗ 481 mark den Schweden zum Opfer wurde, und der Raub dieſes Koͤnigreichs ihre Macht vermehrte. Wie groß auch die Schwie⸗ rigkeiten waren, die ſich einem ſo weiten Marſch durch lauter ausgehungerte Lander entgegenſetzten, ſo ſaumte er doch nicht, den Grafen von Gallas, dem nach dem Austritt des Pic⸗ colomini das Obercommando über die Truppen aufs neue war anvertraut worden, mit einer Armee nach Holſtein zu ſenden. Gallas erſchien auch wirklich in dieſem Herzogthum, eroberte Kiel, und hoffte, nach der Vereinigung mit den Dä⸗ nen, die ſchwediſche Armee in Jütland einzuſchließen. Zugleich wurden die Heſſen und der ſchwediſche General von Koͤnigs⸗ mark durch Hatzfeld und durch den Erzbiſchof von Bremen, den Sohn Chriſtians des Vierten, beſchäͤftigt, und der Letztere durch einen Angriff auf Meißen nach Sachſen gezogen. Aber Torſtenſohn drang durch den unbeſetzten Paß zwi⸗ ſchen Schleswig und Stapelholm, ging mit ſeiner neugeſtärkten Armee dem Gallas entgegen, und drückte ihn den ganzen Elbſtrom hinauf bis Bernburg, wo die Kaiſerlichen ein feſtes Lager bezogen. Torſtenſohn paſſirte die Saale, und nahm eine ſolche Stellung, daß er den Feinden in den Ruͤcken kam, und ſie von Sachſen und Böhmen abſchnitt. Da riß der Hun⸗ ger in ihrem Lager ein und richtete den größten Theil der Armee zu Grunde; der Ruͤckzug nach Magdeburg verbeſſerte nichts an dieſer verzweifelten Lage. Die Cavallerie, welche nach Schleſten zu entkommen ſuchte, wird von Torſtenſohn bei Jüterbock eingeholt und zerſtreut, die übrige Armee, nach einem vergeblichen Verſuch, ſich mit dem Schwert in der Hand durch⸗ zuſchlägen, bei Magdeburg faſt ganz aufgerieben. Von ſeiner großen Macht brachte Gallas bloß einige tauſend Mann und den Ruhm zuruͤck, daß kein groͤßerer Meiſter zu finden ſey, eine Armee zu ruiniren. Nach dieſem verunglückten Verſuch Schiulers ſaͤmmtl. Werke. IX. 31 4 482 zu ſeiner Befreiung ſuchte der König von Danemark den Frie⸗ den, und erhielt ihn zu Bremſeboor im Jahre 1645 unter harten Bedingungen. Torſtenſohn verfolgte ſeinen Sieg. Wahrend daß einer ſeiner Untergenerale, Axel Lilienſtern, Kurſachſen ängſtigte, und Königsmark ganz Bremen ſich unterwürfig machte, brach er ſelbſt an der Spitze von ſechzehntauſend Mann und mit achzig Kanonen in Böhmen ein, und ſuchte nun den Krieg aufs neue in die Erbſtaaten Oeſterreichs zu verpflanzen. Ferdinand eilte auf dieſe Nachricht ſelbſt nach Prag, um durch ſeine Gegenwart den Muth ſeiner Völker zu entflammen, und, da es ſo ſehr an einem tüchtigen General und den vielen Befehlshabern an Uebereinſtimmung fehlte, in der Nähe der Kriegsſcenen deſto ſchneller und nachdrücklicher wirken zu kön⸗ nen. Auf ſeinen Befehl verſammelte Hatzfeld die ganze öſterreichiſche und bayeriſche Macht, und ſtellte ſie— das letzte Heer des Kaiſers und der letzte Wall ſeiner Staaten— wider ſeinen Rath und Willen, dem eindringenden Feinde bei Jan⸗ kau oder Jankowitz am 24 Februar 1645 entgegen. Ferdi⸗ nand verließ ſich auf ſeine Reiterei, welche dreitauſend Pferde mehr als die feindliche zaählte, und auf die Zuſage der Jung⸗ frau Maria, die ihm im Traum erſchienen und einen gewiſſen Sieg verſprochen hatte. Die Ueberlegenheit der Kaiſerlichen ſchreckte Torſtenſohn nicht ab, der nie gewohnt war, ſeine Feinde zu zahlen. Gleich beim erſten Angriff wurde der linke Flügel, den der liguiſtiſche General von Götz in eine ſehr unvortheilhafte Gegend zwi⸗ ſchen Teichen und Wäaͤldern verwickelt hatte, völlig in Unord⸗ nung gebracht, der Anführer ſelbſt mit dem größten Theil ſei⸗ ner Völker erſchlagen und beinahe die ganze Kriegsmunition der Armee erbeutet. Dieſer unglückliche Anfang entſchied das 483 Schickſal des ganzen Treffens. Die Schweden bemaͤchtigten ſich, immer vorwärts dringend, der wichtigſten Anhöhen, und nach einem achtſtuͤndigen blutigen Gefechte, nach einem wuͤthen⸗ den Anlauf der kaiſerlichen Reiterei und dem tapferſten Wider⸗ ſtand des Fußvolks, waren ſie Meiſter vom Schlachtfelde. Zweitauſend Oeſterreicher blieben auf dem Platze, und Hatz⸗ feld ſelbſt mußte ſich mit dreitauſend gefangen geben. Und ſo war denn an Einem Tage der beſte General und das letzte Heer des Kaiſers verloren. Dieſer entſcheidende Sieg bei Jankowitz öffnete auf einmal dem Feinde alle öſterreichiſchen Lande. Ferdinand entfloh eilig nach Wien, um für die Vertheidigung dieſer Stadt zu ſorgen, und ſich ſelbſt, ſeine Schaͤtze und ſeine Familie in Sicherheit zu bringen. Auch währte es nicht lange, ſo brachen die ſiegenden Schweden in Mähren und Oeſterreich wie eine Waſſerfluth herein. Nachdem ſie beinahe das ganze Mähren erobert, Bruͤnn eingeſchloſſen, von allen feſten Schlöſſern und Städten bis an die Donau Beſitz genommen, und endlich ſelbſt die Schanze an der Wolfsbrücke, unfern von Wien, er⸗ ſtiegen, ſtehen ſie endlich im Geſicht dieſer Kaiſerſtadt, und die Sorgfalt, mit der ſie die eroberten Plätze befeſtigen, ſcheint keinen kurzen Beſuch anzudeuten. Nach einem langen ver⸗ derblichen Umweg durch alle Provinzen des deutſchen Reiches krümmt ſich endlich der Kriegesſtrom rückwärts zu ſeinem An⸗ fang, und der Knall des ſchwediſchen Geſchützes erinnert die Einwohner Wiens an jene Kugeln, welche die boͤhmiſchen Re⸗ bellen vor ſiebenundzwanzig Jahren in die Kaiſerburg warfen. Dieſelbe Kriegsbühne führt auch dieſelben Werkzeuge des An⸗ griffs zurück. Wie Bethlen Gabor von den rebelliſchen Böhmen, ſo wird jetzt ſein Nachfolger, Ragotzy, von Torſten⸗ ſohn zum Beiſtand herbei gerufen; ſchon iſt Ober⸗Ungarn von 48⁴ ſeinen Truppen überſchwemmt und taͤglich fürchtet man ſeine Vereinigung mit den Schweden. Johann Georg von Sachſen, durch die ſchwediſchen Einquartierungen in ſeinem Lande aufs Aeußerſte gebracht, hülflos gelaſſen von dem Kaiſer, der ſich nach dem Jankauiſchen Treffen ſelbſt nicht beſchützen kann, ergreift endlich das letzte und einzige Rettungsmittel, einen Stillſtand mit den Schweden zu ſchließen, der von Jahr zu Jahr bis zum allgemeinen Frieden verlängert wird. Der Kaiſer verliert einen Freund, indem an den Thoren ſeines Reichs ein neuer Feind gegen ihn aufſteht, indem ſeine Kriegs⸗ heere ſchmelzen und ſeine Bundesgenoſſen an andern Enden Deutſchlands geſchlagen werden. Denn auch die franzöſiſche Armee hatte den Schimpf der Tuttlinger Niederlage durch einen glänzenden Feldzug wieder ausgelöſcht, und die ganze Macht Bayerns am Rhein und in Schwaben beſchäftigt. Mit neuen Truppen aus Frankreich verſtärkt, die der große und jetzt ſchon durch ſeine Siege in Italien verherrlichte Turenne dem Herzog von Enghien zuführte, erſchienen ſie am 3 Auguſt 1644 vor Freiburg, welches Mercy kurz vorher erobert hatte, und mit ſeiner ganzen, aufs beſte verſchanzten Armee bedeckte. Das Ungeſtüm der franzöſiſchen Tapferkeit ſcheiterte zwar an der Standhaftigkeit der Bayern, und der Herzog von Enghien mußte ſich zum Rückzug entſchließen, nachdem er bei ſechs⸗ tauſend ſeiner Leute umſonſt hingeſchlachtet hatte. Mazarin vergoß Thraͤnen über dieſen großen Verluſt, den aber der herz⸗ loſe, für den Ruhm allein empfindliche Condé nicht achtete. „Eine einzige Nacht in Paris,“ hörte man ihn ſagen, gibt mehr Menſchen das Leben, als dieſe Action getödtet hat.“ Indeſſen hatte doch dieſe moͤrderiſche Schlacht die Bayern ſo ſehr entkraftet, daß ſie, weit entfernt, das bedräͤngte Oeſterreich zu entſetzen, nicht einmal die Rheinufer vertheidigen konnten. 485 Speyer, Worms, Mannheim ergeben ſich, das feſte Philipps⸗ burg wird durch Mangel gezwungen, und Mainz ſelbſt eilt, durch eine zeitige Unterwerfung den Sieger zu entwaffnen. Was Oeſterreich und Maͤhren am Anfange des Krieges gegen die Böhmen gerettet hatte, rettete es auch jetzt gegen Torſtenſohn. Ragotzy war zwar mit ſeinen Völkern, fünf und zwanzigtanſend an der Zahl, bis an die Donau in die Naͤhe des ſchwediſchen Lagers gedrungen; aber dieſe undiscipli⸗ nirten und rohen Schaaren verwüſteten nur das Land, und vermehrten den Mangel im Lager der Schweden, anſtatt daß ſie die unternehmungen Torſtenſo hns durch eine zweckmaͤßige Wirkſamkeit hätten befördern ſollen. Dem Kaiſer Tribut, dem Unterthan Geld und Gut abzuaͤngſtigen, war der Zweck, der den Ragotzy wie Bethlen Gaborn ins Feld rief, und beide gingen heim, ſobald ſie dieſe Abſicht erreicht hatten. Ferdinand, um ſeiner los zu werden, bewilligte dem Bar⸗ baren, was er nur immer forderte, und befreite durch ein ge⸗ ringes Opfer ſeine Staaten von dieſem furchtbaren Feinde. unterdeſſen hatte ſich die Hauptmacht der Schweden in einem langwierigen Lager vor Brünn aufs äußerſte geſchwächt. Torſtenſohn, der ſelbſt dabei commandirte, erſchöpfte vier Monate lang umſonſt ſeine ganze Belagerungskunſt; der Widerſtand war dem Angriff gleich, und Verzweiflung er⸗ höͤhte den Muth des Commandanten de Souches, eines ſchwediſchen Ueberlaufers, der keinen Pardon zu hoffen hatte. Die Wuth der Seuchen, welche Mangel, unreinlichkeit und der Genuß unreifer Fruͤchte in ſeinem langwierigen verpeſteten Lager erzeugte, und der ſchnelle Abzug des Siebenbürgers nothigten endlich den ſchwediſchen Befehlshaber, die Belagerung aufzu⸗ heben. Da alle Paſſe an der Donau beſetzt, ſeine Armee aber durch Krankheit und Hunger ſchon ſehr geſchmolzen war, ſo 486 entſagte er ſeiner Unternehmung auf Oeſterreich und Mähren, begnügte ſich, durch Zurücklaſſung ſchwediſcher Beſatzungen in den eroberten Schlöſſern, einen Schluſſel zu beiden Provinzen zu behalten, und nahm ſeinen Weg nach Böhmen, wohin ihm die Kaiſerlichen unter dem Erzherzog Leopoldfolgten. Welche der verlorenen Plätze von dem letztern noch nicht wieder erobert waren, wurden nach ſeinem Abzuge von dem kaiſerlichen Gene⸗ ral Bucheim bezwungen, ſo daß die oſterreichiſche Graͤnze in dem folgenden Jahr wieder völlig von Feinden gereinigt war, und das zitternde Wien mit dem bloßen Schrecken davon kam. Auch in Böhmen und Schleſien behaupteten ſich die Schweden nur mit ſehr abwechſelndem Gluͤck, und durchirrten beide Lander, ohne ſich darin behaupten zu koͤnnen. Aber wenn auch der Er⸗ folg der Torſtenſohn'ſchen Unternehmung ihrem vielverſprechen⸗ den Anfang nicht ganz gemäß war, ſo hatte ſie doch für die ſchwediſche Partei die entſcheidendſten Folgen. Daänemark wurde dadurch zum Frieden, Sachſen zum Stillſtand genöthigt, der Kaiſer bei dem Friedenscongreſſe nachgiebiger, Frankreich gefalli⸗ ger, und Schweden ſelbſt in ſeinem Betragen gegen die Kronen zuverſichtlicher und kühner gemacht. Seiner großen Pflicht ſo gläanzend entledigt, trat der Urheber dieſer Vortheile, mit Lor⸗ beern geſchmückt, in die Stille des Privatſtandes zurück, um gegen die Qualen ſeiner Krankheit Linderung zu ſuchen. Von der böhmiſchen Seite zwar ſah ſich der Kaiſer nach Torſtenſohns Abzug vor einem feindlichen Einbruch geſichert; aber bald näherte ſich von Schwaben und Bayern her eine neue Gefahr den öſterreichiſchen Gränzen. Turenne, der ſich von Condé getrennt und nach Schwaben gewendet hatte, war im Jahr 1645 unweit Mergentheim von Mercy aufs Haupt geſchlagen worden, und die ſiegenden Bayern drangen unter ihrem tapfern Anführer in Heſſen ein. Aber der Herzog von —— ——-—— ———— 487 Enghien eilte ſogleich mit einem beträchtlichen Succurs aus dem Elſaß, Königsmark aus Mäͤhren, die Heſſen von dem Rheinſtrom herbei, das geſchlagene Heer zu verſtärken, und die Bayern wurden bis an das äußerſte Schwaben zurück gedraͤngt. Bei dem Dorf Allersheim unweit Noͤrdlingen hielten ſie endlich Stand, die Granze von Bayern zu vertheidigen. Aber der ungeſtüme Muth des Herzogs von Enghien ließ ſich durch kein Hinderniß ſchrecken. Er führte ſeine Vöͤlker gegen die feindlichen Schanzen, und eine große Schlacht geſchah, die der heldenmüthige Widerſtand der Bayern zu einer der harknackig⸗ ſten und blutigſten machte, und endlich der Tod des vortreff⸗ lichen Mercy, Turenne's Beſonnenheit und die felſenfeſte Standhaftigkeit der Heſſen zum Vortheil der Alliirten entſchied. Aber auch dieſe zweite barbariſche Hinopferung von Menſchen hatte auf den Gang des Kriegs und der Friedensunterhand⸗ lungen wenig Einfluß. Das franzöſiſche Heer, durch dieſen blutigen Sieg entkräftet, verminderte ſich noch mehr durch den Abzug der Heſſen, und den Bayern führte Leopold kaiſerliche Hülfsvölker zu, daß Turenne aufs eilfertigſte nach dem Rhein zurückfliehen mußte. Der Rückzug der Franzoſen erlaubte dem Feind, ſeine ganze Macht jetzt nach Böhmen gegen die Schweden zu kehren. Guſtav Wrangel, kein unwürdiger Nachfolger Banners und Torſtenſohns, hatte im Jahre 1646 das Obercommando über die ſchwediſche Macht erhalten, die außer Königsmarks fliegendem Corps und den vielen im Reiche zerſtreuten Beſatzun⸗ gen, ungefähr noch achttauſend Pferde und fünfzehntauſend Mann Fußvolk zählte. Nachdem der Erzherzog ſeine vier und zwanzigtauſend Mann ſtarke Macht durch zwölf bayeriſche Cavallerie⸗ und achtzehn Infanterie⸗Regimenter verſtarkt hatte, ging er auf Wrangeln los, und hoffte ihn, ehe Königs⸗ 488 mark zu ihm ſtieße, oder die Franzoſen eine Diverſion mach⸗ ten, mit ſeiner uͤberlegenen Macht zu erdrücken. Aber dieſer erwartete ihn nicht, ſondern eilte durch Oberſachſen an die Weſer, wo er Höoͤxter und Paderborn wegnahm. Von da wen⸗ dete er ſich nach Heſſen, um ſich mit Turenne zu vereinigen, und zog in ſeinem Lager zu Wetzlar die fliegende Armee des Königsmark an ſich. Aber Turenne, gefeſſelt durch Mazarins Befehle, der dem Kriegsglück und dem immer wachſenden Uebermuth Schwedens gern eine Gränze geſetzt ſah, entſchuldigte ſich mit dem dringendern Bedürfniß, die nieder⸗ ländiſchen Gränzen des franzöſiſchen Reichs zu vertheidigen, weil die Ho aͤnder ihre verſprochene Diverſion in dieſem Jahre unterlaſſen hätten. Da aber Wrangel fortfuhr, auf ſeiner gerechten Forderung mit Nachdruck zu beſtehen, da eine laͤngere Widerſetzlichkeit bei den Schweden Verdacht erwecken, ja ſie vielleicht gar zu einem Privatfrieden mit Oeſterreich geneigt machen konnte, ſo erhielt endlich Turenne die erwuͤnſchte Erlaubniß, das ſchwediſche Heer zu verſtärken. Die Vereinigung geſchah bei Gießen, und jetzt fühlte man ſich mächtig genug, dem Feinde die Stirn zu bieten. Er war den Schweden bis Heſſen nachgeeilt, wo er ihnen die Lebens⸗ mittel abſchneiden und die Vereinigung mit Turenne ver⸗ hindern wollte. Beides mißlang, und die Kaiſerlichen ſahen ſich nun ſelbſt von dem Main abgeſchnitten und nach dem Verluſt ihrer Magazine dem größten Mangel ausgeſetzt. Wrangel benutzte ihre Schwache, um eine Unternehmung auszuführen, die dem Krieg eine ganz andere Wendung geben ſollte. Auch er hatte die Maxime ſeines Vorgängers adoptirt, den Krieg in die öſterreichiſchen Staaten zu ſpielen; aber von dem ſchlechten Fortgange der Torſtenſohn'ſchen Unternehmung abgeſchreckt, hoffte er denſelben Zweck auf einem andern Wege — 489 ſicherer und gruͤndlicher zu erreichen. Er entſchloß ſich, dem Laufe der Donau zu folgen und mitten durch Bayern gegen die öſterreichiſchen Gränzen hereinzubrechen. Einen ahnlichen Plan hatte ſchon Guſtav Adolph entworfen, aber nicht zur Ausführung bringen können, weil ihn die Wallenſtein'ſche Macht und Sachſens Gefahr von ſeiner Siegesbahn zu fruͤh⸗ zeitig abriefen. In ſeine Fußſtapfen war Herzog B ernhard getreten, und, glüͤcklicher als Guſtav Adolph, hatte er ſchon zwiſchen der Iſar und dem Inn ſeine ſiegreichen Fahnen aus⸗ gebreitet; aber auch ihn zwang die Menge und die Nähe der feindlichen Armeen, in ſeinem Heldenlaufe ſtill zu ſtehen und ſeine Völker zurückzuführen. Was dieſen beiden mißlungen war, hoffte Wrangel jetzt um ſo mehr zu einem glücklichen Ende zu führen, da die kaiſerlich⸗bayeriſchen Voͤlker weit hinter ihm an der Lahn ſtanden, und erſt nach einem ſehr weiten Marſch durch Franken und die Oberpfalz in Bayern eintreffen konnten. Eilfertig zog er ſich an die Donau, ſchlug ein Corps Bayern bei Donauwörth und paſſirte dieſen Strom, ſo wie den Lech, ohne Widerſtand. Aber durch die fruchtloſe Belagerung von Augsburg verſchaffte er den Kaiſerlichen Zeit, ſowohl dieſe Stadt zu entſetzen, als ihn ſelbſt bis Lauingen zurückzutreiben. Nachdem ſie ſich aber aufs neue, um den Krieg von den baye⸗ riſchen Gräͤnzen zu entfernen, gegen Schwaben gewendet hatten, erſah er die Gelegenheit, den unbeſetzt gelaſſenen Lech zu paſſi⸗ ren, den er nunmehr den Kaiſer ichen ſelbſt verſperrte. Und jetzt lag Bayern offen und unvertheidigt vor ihm da; Franzoſen und Schweden überſchwemmten es wie eine reißende Fluth, und der Soldat belohnte ſich durch die ſchrecklichſten Gewaltthaten, Räubereien und Erxpreſſungen für die überſtandenen Gefahren. Die Ankunft der kaiſerlich⸗bayeriſchen Völker, welche endlich bei Thierhaupten den Uebergang über den Lechſtrom vollbrachten, — 490 vermehrte bloß das Elend des Landes, welches Freund und Feind ohne Unterſchied plünderten. Jetzt endlich— jetzt in dieſem ganzen Kriege zum erſten Male, wankte der ſtandhafte Muth Maximilians, der acht und zwanzig Jahre lang bei den haͤrteſten Proben un⸗ erſchüttert geblieben. Ferdinand der Zweite, ſein Ge⸗ ſpiele zu Ingolſtadt und der Freund ſeiner Jugend, war nicht mehr; mit dem Tode dieſes Freundes und Wohlthaͤters war eins der ſtärkſten Bande zerriſſen, die den Kurfürſten an Oeſterreichs Intereſſe gefeſſelt hatten. An den Vater hatte iyn Gewohnheit, Neigung und Dankkarkeit gekettet; der Sohn war ſeinem Herzen fremd, und nur das Staats⸗ intereſſe konnte ihn in der Treue gegen dieſen Fürſten erhalten. Und eben dieſes letztere war es, was die franzöſiſche Argliſt jetzt wirken ließ, um ihn von der öſterreichiſchen Allianz ab⸗ zulocken und zu Niederlegung der Waffen zu bewegen. Nicht ohne eine große Abſicht hatte Mazarin ſeiner Eiferſucht gegen die wachſende Macht Schwedens Stillſchweigen auferlegt und den franzöſiſchen Völkern geſtattet, die Schweden nach Bayern zu begleiten. Bayern ſollte alle Schreckniſſe des Krieges erleiden, damit endlich Noth und Verzweiflung die Standhaftigkeit Naximilians beſiegten, und der Kaiſer den erſten und letzten ſeiner Alliirten verlöre. Brandenburg hatte unter ſeinem großen Regenten die Neutralität erwahlt, Sachſen aus Noth ſie ergreifen muͤſſen, den Spaniern unterſagte der franzöſiſche Krieg jeden Antheil an dem deutſchen; Daänemark hatte der Friede mit Schweden von der Kriegsbühne abgerufen, Polen ein langer Stillſtand entwaffnet. Gelang es auch noch, den Kurfuͤrſten von Bayern von dem öſterreichiſchen Bündniß loszureißen, ſo hatte der — 491 Kaiſer im ganzen Deutſchland keinen Verfechter mehr, und ſchutzlos ſtand er da, der Willkür der Kronen preisgegeben. Ferdinand der Dritte erkannte die Gefahr, worin er ſchwebte, und ließ kein Mittel unverſucht, ſie abzuwenden. Aber man hatte dem Kurfürſten von Bayern die nachtheilige Meinung beigebracht, daß nur die Spanier dem Frieden ent⸗ gegen ſtänden, und daß bloß ſpaniſcher Einfluß den Kaiſer vermöge, ſich gegen den Stillſtand der Waffen zu erklären: Maximilian aber haßte die Spanier und hatte es ihnen nie vergeben, daß ſie ihm bei ſeiner Bewerbung um die pfälziſche Kur entgegen geweſen waren. Und dieſer feindſeligen Macht zu gefallen ſollte er jetzt ſein Volk aufgeopfert, ſeine Lande verwüſtet, ſich ſelbſt zu Grunde gerichtet ſehen, da er ſich durch einen Stillſtand aus allen Bedraͤngniſſen reißen, ſeinem Volke die ſo nöthige Erholung verſchaffen und durch dieſes Mittel zugleich den allgemeinen Frieden vielleicht beſchleunigen konnte? Jede Bedenklichkeit verſchwand, und, von der Noth⸗ wendigkeit dieſes Schrittes überzeugt, glaubte er ſeinen Pflich⸗ ten gegen den Kaiſer genug zu thun, wenn er auch ihn der Wohlthat des Waffenſtillſtandes theilhaftig machte. Zu Ulm verſammelten ſich die Deputirten der drei Kronen und Bayerns, um die Bedingungen des Stillſtands in Richtig⸗ keit zu bringen. Aus der Inſtruction der öſterreichiſchen Abgeſandten ergab ſich aber bald, daß der Kaiſer den Congreß nicht beſchickt hatte, um die Abſchließung desſelben zu befördern, ſondern vielmehr, um ſie rückgängig zu machen. Es kam darauf an, die Schweden, die im Vortheile waren und von der Fortſetzung des Kriegs mehr zu hoffen als zu fürchten hatten, für den Stillſtand zu gewinnen, nicht ihnen denſelben durch harte Bedingungen zu erſchweren. Sie waren ja die Sieger; und doch maßte der Kaiſer ſich an, ihnen Ge⸗ 49²2 ſetze vorzuſchreiben. Auch fehlte wenig, daß ihre Geſandten nicht im erſten Zorn den Congreß verließen, und um ſie zu⸗ ruckzuhalten, mußten die Franzoſen zu Drohungen ihre Zu⸗ flucht nehmen. Nachdem es dem guten Willen des Kurfürſten von Bayern auf dieſe Weiſe mißlungen war, den Kaiſer mit in den Still⸗ ſtand einzuſchließen, ſo hielt er ſich nunmehr für berechtigt, für ſich ſelbſt zu ſorgen. So theuer auch der Preis war, um welchen man ihn den Stillſtand erkaufen ließ, ſo bedachte er ſich doch nicht lange, denſelben einzugehen. Er überließ den Schweden, ihre Quartiere in Franken und Schwaben aus⸗ zubreiten, und war zufrieden, die ſeinigen auf Bayern und auf die pfälziſchen Lande einzuſchränken. Was er in Schwaben erobert hatte, mußte den Alliirten geraumt werden, die ihm ihrerſeits, was ſie von Bayern inne hatten, wieder auslieferten. Inden Stillſtand war auch Köln und Heſſen⸗Kaſſel eingeſchloſſen. Nach Abſchließung dieſes Tractats, am 14 März 1697, ver⸗ ließen die Franzoſen und Schweden Bayern, und wäͤhlten ſich, um ſich ſelbſt nicht im Wege zu ſtehen, verſchiedene Quartiere, jene im Herzogthum Würtemberg, dieſe in Oberſchwaben, in der Naͤhe des Bodenſees. An dem außerſten nördlichen Ende dieſes Sees und Schwabens ſüdlichſter Spitze trotzte die öſter⸗ reichiſche Stadt Bregenz durch ihren engen und ſteilen Paß jedem feindlichen Anfall, und aus der ganzen umliegenden Gegend hatte man ſeine Güter und Perſonen in dieſe natürliche Feſtung geflüchtet. Die reiche Beute, die der aufgehäaufte Vorrath darin erwarten ließ, und der Vortheil, einen Paß gegen Tyrol, die Schweiz und Italien zu beſitzen, reizte den ſchwediſchen General, einen Angriff auf dieſe fur unüberwindlich gehaltene Clauſe und die Stadt ſelbſt zu verſuchen. Beides gelang ihm, des Widerſtands der Landleute ungeachtet, die, ſechstauſend an 493 der Zahl, den Paß zu vertheidigen ſtrebten. Unterdeß hatte ſich Turenne, der getroffenen Uebereinkunft gemaͤß, nach dem Würtembergiſchen gewendet, von wo aus er den Land⸗ grafen von Darmſtadt und den Kurfürſten von Mainz durch die Gewalt ſeiner Waffen zwang, nach dem Beiſpiel Bayerns die Neutralität zu ergreifen. und jetzt endlich ſchien das große Ziel der franzöſiſchen Staatskunſt erreicht zu ſeyn, den Kaiſer, alles Beiſtands der Ligue und ſeiner proteſtantiſchen Alliirten beraubt, den ver⸗ einigten Waffen der beiden Kronen ohne Vertheidigung bloß zu ſtellen und ihm mit dem Schwert in der Hand den Frieden zu dic⸗ tiren. Eine Armee von höchſtens zwölftauſend Mann war Alles, was ihm von ſeiner Furchtbarkeit übrig war, und über dieſe mußte er, weil der Krieg alle ſeine faͤhigen Generale da⸗ hin gerafft hatte, einen Calviniſten, den heſſiſchen Ueberlaufer Melander, zum Befehlshaber ſetzen. Aber wie dieſer Krieg mehrmals die überraſchendſten Gluͤckswechſel aufſtellte, und oft durch einen plotzlichen Zwiſchenfall alle Berechnungen der Staats⸗ kunſt zu Schanden machte, ſo ſtrafte auch hier der Erfolg die Erwartung Lügen, und die tief geſunkene Macht Oeſterreichs arbeitete ſich nach einer kurzen Kriſe aufs neue zu einer drohen⸗ den Ueberlegenheit empor. Frankreichs Eiferſucht gegen die Schweden erlaubte dieſer Krone nicht, den Kaiſer zu Grunde zu richten und die ſchwediſche Macht in Deutſchland dadurch zu einem Grade zu erheben, der für Frankreich ſelbſt zuletzt ver⸗ derblich werden konnte. Oeſterreichs hülfloſe Lage wurde daher von dem franzöſiſchen Miniſter nicht benutzt, die Armee des Turenne von Wrangeln getrennt und an die niederlän⸗ diſchen Gränzen gezogen. Zwar verſuchte Wrangel, nachdem er ſich von Schwaben nach Franken gewendet, Schweinfurt erobert und die dortige kaiſerliche Beſatzung unter ſeine Armee 494 geſteckt hatte, für ſich ſelbſt in Böhmen einzudringen, und be⸗ lagerte Eger, den Schluüſſel zu dieſem Koͤnigreich. Um dieſe Feſtung zu entſetzen, ließ der Kaiſer ſeine letzte Armee mar⸗ ſchiren und fand ſich in eigener Perſon bei derſelben ein. Aber ein weiter Umweg, den ſie nehmen mußte, um die Guͤter des Kriegs⸗ rathspräſidenten von Schlick nicht zu betreten, verzögerte ihren Marſch, und ehe ſie anlangte, war Eger ſchon verloren. Beide Armeen naherten ſich jetzt einander, und man erwartete mehr als einmal eine entſcheidende Schlacht, da beide der Man⸗ gel drückte, die Kaiſerlichen die größere Zahl für ſich hatten, und beide Lager und Schlachtordnungen oft nur durch die aufgewor⸗ fenen Werke von einander geſchieden waren. Aber die Kaiſer⸗ lichen begnügten ſich, dem Feind zur Seite zu bleiben und ihn durch kleine Angriffe, Hunger und ſchlimme Marſche zu er⸗ müden, bis die mit Bayern eröffneten Unterhandlungen das gewünſchte Ziel erreicht haben würden. Bayerns Neutralität war eine Wunde, die der kaiſerliche Hof nicht verſchmerzen konnte, und nachdem man umſonſt ver⸗ ſucht hatte, ſie zu hindern, ward beſchloſſen, den einzig möglichen Vortheil davon zu ziehen. Mehrere Officiere der bayeriſchen Armee waren über dieſen Schritt ihres Herrn entrüſtet, der ſie auf einmal in Unthätigkeit verſetzte und ihrem Hange zur Un⸗ gebundenheit eine läſtige Feſſel anlegte. Selbſt der tapfere Johann von Werth ſtand an der Spitze der Mißvergnüg⸗ ten, und, aufgemuntert von dem Kaiſer, entwarf er das Com⸗ plot, die ganze Armee von dem Kurfürſten abtrünnig zu machen und dem Kaiſer zuzuführen. Ferdinand erröthete nicht, dieſe Verraͤtherei gegen den treueſten Alliirten ſeines Vaters heimlich in Schutz zu nehmen. Er ließ an die kurfürſtlichen Völker förmliche Abrufungsbriefe ergehen, worin er ſie erinnerte, daß ſie Reichstruppen ſeyen, die der Kurfürſt bloß in kaiſerlichem 495 Namen befehligt habe. Zum Glück entdeckte Marimilian das angeſponnene Comp'ot noch zeitig genug, um durch ſchnelle und zweckmäßige Anſtalten der Au⸗führung desſelben zuvor zu kommen. Der unwuͤrdige Schritt des Kaiſers hatte ihn zu Repreſſaien berechtigt; aber Maximilian war ein zu grauer Staats⸗ mann, um, wo die Klugheit allein ſprechen durfte, die Leiden⸗ ſchaft zu hören. Er hatte von dem Waffenſtillſtand die Vor⸗ theile nicht geerntet, die er ſich davon verſprochen hatte. Weit entfernt, zu der Beſchleunigung des allgemeinen Friedens bei⸗ zutragen, hatte dieſer einſeitige Stillſtand vielmehr den Ne⸗ gociationen zu Munſter und Osnabrück eine ſchaͤdliche Wendung gegeben und die Alliirten in ihren Forderungen dreiſter gemacht. Die Franzoſen und Schweden waren au Bayern entfernt worden; aber durch den Verluſt der Quartiere im ſchwabiſchen Kreiſe ſah er ſich nun ſelbſt dahin gebracht, mit ſeinen Truppen ſein eignes Land auszuſaugen, wenn er ſich nicht entſchließen wollte, ſie ganz und gar abzudanken, und in dieſer Zeit des Fauſtrechts unbeſonnen Schwert und Schild wegzulegen. Ehe er eins dieſer beiden gewiſſen Uebel erwählte, entſchloß er ſich lieber zu einem dritten, das zum wenigſten noch ungewiß war, den Stillſtand aufzukündigen und aufs neue zu den Waffen zu greifen. Sein Entſchluß und die ſchnelle Hülfe, die er dem Kaiſer nach Böhmen ſchickte, drohte den Schweden höͤchſt verderblich zu werden, und Wrangel mußte ſich aufs eilfertigſte aus Böhmen zurückziehen. Er ging durch Thüringen nach Weſt⸗ phalen und Lüneburg, um die franzöſiſche Armee unter Turenne an ſich zu ziehen, und unter Melander und Gronsfeld folgte ihm die kaiſerlich⸗bayeriſche Armee bis an den Weſerſtrom. Sein Untergang war unvermeidlich, wenn Schillers ſaͤmmtl. Werke. IX. 32 496 der Feind ihn erreichte, ehe Turenne zu ihm ſtieß; aber was den Kaiſer zuvor gerettet hatte, erhielt jetzt auch die Schweden. Mitten unter der Wuth des Kampfes leitete kalte Klugheit den Lauf des Krieges, und die Wachſamkeit der Höfe vermehrte ſich, je naͤher der Friede herbei rückte. Der Kur⸗ fürſt von Bayern durfte es nicht geſchehen laſſen, daß ſich das Uebergewicht der Macht ſo entſcheidend auf die Seite des Kai⸗ ſers neigte und durch dieſen ploͤtzlichen Umſchwung der Dinge der Friede verzögert würde. So nahe an Abſchließung der Tractaten war jede einſeitige Gluͤcksveranderung äußerſt wichtig, und die Aufhebung des Gleichgewichts unter den tractirenden Kronen konnte auf einmal das Werk vieler Jahre, die theure Frucht der ſchwierigſten Unterhandlungen zerſtören und die Ruhe des ganzen Europa verzögern. Wenn Frankreich ſeine Alliirte, die Krone Schweden, in heilſamen Feſſeln hielt, und ihr, nach Maßgabe ihrer Vortheile und Verluſte, ſeine Hülfe zuzählte, ſo übernahm der Kurfürſt von Bayern ſtillſchweigend dieſes Geſchäft bei ſeinem Alliirten, dem Kaiſer, und ſuchte durch eine weiſe Abwaͤgung ſeines Beiſtandes Meiſter von Oeſterreichs Größe zu bleiben. Jetzt droht die Macht des Kaiſers auf einmal zu einer gefährlichen Höhe zu ſteigen, und Maximilian haäͤlt ploͤtzlich inne, die ſchwediſche Armee zu verfolgen. Auch fürchtete er die Repreſſalien Frankreichs, welches ſchon gedroht hatte, die ganze Macht Turenne's gegen ihn zu ſenden, wenn er ſeinen Truppen erlauben würde, über die Weſer zu ſetzen. Melander, durch die Bayern gehindert, Wrangeln weiter zu verfolgen, wendete ſich über Jena und Erfurt gegen Heſſen, und erſcheint jetzt als ein furchtbarer Feind in dem⸗ ſelben Lande, das er ehemals vertheidigt hatte. Wenn es wirklich Rachbegierde gegen ſeine ehemalige Gebieterin war, 497 was ihn antrieb, Heſſen zum Schauplatz ſeiner Verwüſtung zu erwaͤhlen, ſo befriedigte er dieſe Luſt auf das ſchrecklichſte. Heſſen blutete unter ſeiner Geißel, und das Elend dieſes ſo hart mitgenommenen Landes wurde durch ihn aufs Aeußerſte getrieben. Aber bald hatte er Urſache zu bereuen, daß ihn bei der Wahl der Quartiere die Rachgier ſtatt der Klugheit ge⸗ leitet hatte. In dem verarmten Heſſen druͤckte der außerſte Mangel die Armee, waͤhrend daß Wrangel in Lüneburg friſche Kraͤfte ſammelte und ſeine Regimenter beritten machte. Viel zu ſchwach, ſeine ſchlechten Quartiere zu behaupten, als der ſchwediſche General im Winter des 1648ſten Jahres den Feldzug eröffnete und gegen Heſſen anrückte, mußte er mit Schanden entweichen und an den Ufern der Donau ſeine Ret⸗ tung ſuchen. Frankreich hatte die Erwartungen der Schweden aufs neue getäuſcht, und die Armee des Turenne, aller Aufforderun⸗ gen Wrangels ungeachtet, am Rheinſtrom zurückgehalten. Der ſchwediſche Heerführer hatte ſich dadurch gerächt, daß er die Weimariſche Reiterei an ſich zog, die dem franzöſiſchen Dienſt entſagte, durch eben dieſen Schritt aber der Eiferſucht Frankreichs neue Nahrung gegeben. Endlich erhielt Turenne die Erlaubniß, zu den Schweden zu ſtoßen, und nun wurde von beiden vereinigten Armeen der letzte Feldzug in dieſem Kriege eröffnet. Sie trieben Melandern bis an die Donau vor ſich her, warfen Lebensmittel in Eger, das von den Kaiſer⸗ lichen belagert war, und ſchlugen jenſeits der Donau das kaiſerlich⸗bayeriſche Heer, das bei Zusmarshauſen ſich ihnen entgegenſtellte. Melander erhielt in dieſer Action eine tödtliche Wunde, und der bayeriſche General von Gronsfeld poſtirte ſich mit der üͤbrigen Armee jenſeits des Lechſtroms, um Bayern vor einem feindlichen Einbruche zu ſchützen. 498 Aber Gronsfeld war nicht glucklicher als Tilly, der an eben dieſem Poſten für Bayerns Rettung ſein Leben hin⸗ geopfert hatte. Wrangel und Turenne waͤhlten dieſelbe Stelle zum Uebergang, welche durch den Sieg Guſtav Adolphs bezeichnet war, und vollendeten ihn mit Hulfe des⸗ ſelben Vortheils, welcher jenen begünſtigt hatte. Jetzt wurde Bayern aufs neue uͤberſchwemmt, und der Bruch des Still⸗ ſtandes durch die grauſamſte Behandlung des bayperiſchen Unterthans geahndet. Maximilian verkroch ſich in Salz⸗ burg, indem die Schweden über die Jſar ſetzten und bis an den Inn vordrangen. Ein anhaltender ſtarker Regen, der dieſen nicht ſehr betraͤchtlichen Fluß in wenigen Tagen in einen reißenden Strom verwandelte, rettete Oeſterreich noch einmal aus der drohenden Gefahr. Zehnmal verſuchte der Feind, eine Schiffbrücke uͤber den Inn zu ſchlagen, und zehnmal vernichtete ſie der Strom. Nie im ganzen Kriege war das Schrecken der Katholiſchen ſo groß geweſen als jetzt, da die Feinde mitten in Bayern ſtanden und kein General mehr vorhanden war, den man einem Turenne, Wrangel und Königsmark gegenüber ſtellen durfte. Endlich erſchien der tapfere Held Piccolomini aus den Niederlanden, den ſchwachen Reſt der kaiſerlichen Heere anzuführen. Die Alliirten hatten durch ihre Verwüſtungen in Bayern ſich ſelbſt den längern Aufenthalt in dieſem Lande erſchwert, und der Mangel nöthigte ſie, ihren Rückzug nach der Oberpfalz zu nehmen, wo die Friedenspoſt ihre Thaͤtigkeit endigt. Mit ſeinem fliegenden Corps hatte ſich Koͤnigsmark nach Boͤhmen gewendet, wo Ernſt Odowalsky, ein abgedankter Rittmeiſter, der im kaiſerlichen Dienſt zum Krüppel geſchoſſen und dann ohne Genugthuung verabſchiedet ward, ihm einen Plan angab, die kleine Seite von Prag zu uberrumpeln. 499 Koönigsmar k volluͤhrte ihn glücklich, und erwarb ſich dadurch den Ruhm, den dreißigiaͤhrigen Krieg durch die letzte glänzende Action beſchloſſen zu haben. Nicht mehr als Einen Todten koſtete den Schweden dieſer entſcheidende Streich, der endlich die Unentſchloſſenbeit des Kaiſers beſiegte. Die Altſtadt aber, Prags großere Hälfte, die durch die Moldau davon getrennt war, ermüdete durch ihren lebhaften Widerſtand auch den Pfalzgrafen Karl Guſtav, den Thronfolger der C hriſtina, der mit friſchen Voͤlkern aus Schweden angelangt war und die ganze ſchwediſche Macht aus Boͤhmen und Schleſien vor ihren Mauern verſammelte. Der eintretende Winter nöthigte endlich die Belagerer in die Winterquartiere, und in dieſen erreichte ſie die Botſchaft des zu Osnabruͤck und Münſter am vierundzwanzigſten October unterzeichneten Friedens. Was für ein Rieſenwerk es war, dieſen unter dem Namen des weſtphaliſchen berüͤhmten, unverletzlichen und heiligen Frie⸗ den zu ſchließen, welche unendlich ſcheinenden Hinderniſſe zu be⸗ kaͤmpfen, welche ſtreitenden Intereſſen zu vereinigen waren, welche Reihe von Zufällen zuſammen wirken mußte, dieſes mühſame, theure und dauernde Werk der Staatskunſt zu Stande zu bringen, was es koſtete, die Unterhandlungen auch nur zu eroͤffnen, was es koſtete, die ſchon eröffneten unter den wechſelnden Spielen des immer fortgeſetzten Krieges im Gange zu erhalten, was es koſtete, dem wirklich vollendeten das Siegel aufzudrücken und den feierlich abgekündigten zur wirklichen Vollziehung zu bringen— was endlich der Inhalt dieſes Friedens war, was durch dreißigjahrige Anſtrengungen und Leiden von jedem einzelnen Kämpfer gewonnen oder ver⸗ loren worden iſt, und welchen Vortheil oder Nachtheil die europaͤiſche Geſellſchaft im Großen und im Ganzen dabei mag geerntet haben— muß einer andern Feder vorbehalten bleiben. 500 So ein großes Ganze die Kriegsgeſchichte war, ſo ein großes und eigenes Ganze iſt auch die Geſchichte des weſtphäͤliſchen Friedens. Ein Abriß davon würde das intereſſanteſte und charaktervollſte Werk der menſchlichen Weisheit und Leiden⸗ ſchaft zum Skelet entſtellen, und ihr gerade dasjenige rauben, wodurch ſie die Aufmerkſamkit desjenigen Publicums feſſeln könnte, für das ich ſchrieb, und von dem ich hier Abſchied nehme. 882 ſſſſſſſſſſſſſnſiinſiſſſſſſſinſnſſſiſſnnſſiiinſſinſſnnſſſnſnſſſſſſſſſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18