zur Em. „erdens 8 egennahme e Summe zuruckerſtattet * werden und 6 Bicher: — 2 Mk.— Pf. 4 Zurückſendung bſt 3 ſorgen. er lorene und pfern 1 ) muß d b5 An utzte, Vee Werkes, ſo iſt zſtgeſetzt und wird 4 neſeite denſeihe igen, welche die⸗ aben. 4 Schillers ſämmtliche Werke in zwoͤlf Baͤnden. Achter Band. — Stuttgart und Tübingen. Verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung. 1838. Inhalt. Vorrede der erſten Auflage.... Einleitung............. Erſtes Buch. Fruͤhere Geſchichte der Niederlande bis zum ſechzehnten Jahrhundert Die Niederlande unter Karl dem Fuͤnften Philipp der Zweite, Beherrſcher der Niederlandec) Das Inquiſitionsgericht............ Andere Eingriffe in die Conſtitution der Niederlande. Wilhelm von Oranien und Graf von Egmont Margaretha von Parma, Oberſtatthalterin der Niederlande. Zweites Buch. Cardinal Granvellgs............ Der Staatsrath......... Graf Egment in Spanien...„...... Geſchaͤrftere Religionsedicte. Allgemeine Widerſetzung der Nation Drittes Buch. Perſchworung des Adels„.. Die Geuſen....... ⸗„.... Oeſſentliche Predigten.........„. . Seite. 115 156 174 182 199 22² 240 IV Viertes Buch. Der Bilderſiurm.............. Puͤrgerlicher Krieg............. Abdankung Wilhelms von Oranien....... Verfall und Zerſtreuung des Geuſenbundes.... Alba's Rüſtung und Zug nach den Niederlanden. Alba's erſte Anordnungen und Abzug der Herzogin von Parma Beilagen. J. Proceß und Hinrichtung der Grafen von Egmont und von Hoorn MI. Belagerung von Antwerpen durch den Prinzen von Parma in den Jahren 1584 und 15860o Seite. 265 299 525 559 554 375 ſſͤ Schülers faͤmmtl. Werte. VIII. 1 Geſchichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der ſpaniſchen Negierung. Vorrede der erſten Ausgabe. Als ich vor einigen Jahren die Geſchichte der niederlaͤndiſchen Revolution unter Philipp II in Watſons vortrefflicher Beſchreibung las, fuͤhlte ich mich dadurch in eine Begeiſterung geſetzt, zu welcher Staatsactionen nur ſelten erheben. Bei genauerer Pruͤfung glaubte ich zu finden, daß das, was mich in dieſe Begeiſterung geſetzt hatte, nicht ſowohl aus dem Buche in mich uͤbergegangen, als vielmehr eine ſchnelle Wirkung meiner eignen Vorſtellungskraft geweſen war, die dem empfan⸗ genen Stoffe gerade die Geſtalt gegeben, worin er mich ſo vorzuͤglich reizte. Dieſe Wirkung wuͤnſchte ich bleibend zu machen, zu vervielfaͤltigen, zu verſtaͤrken; dieſe erhebenden Empfindungen wuͤnſchte ich weiter zu verbreiten, und auch Andere Antheil daran nehmen zu laſſen. Dieß gab den erſten Anlaß zu dieſer Geſchichte, und dieß iſt auch mein ganzer Beruf⸗ ſie zu ſchreiben. Die Ausfuͤhrung dieſes Vorhahens fuͤhrte mich weiter, als ich anfangs dachte. Eine vertrautere Bekanntſchaft mit meinem Stoffe ließ mich bald Bloͤßen darin gewahr werden, die ich nicht vorausgeſehen hatte, weite leere Strecken, die ich ausfuͤllen, anſcheinende Widerſpruͤche, die ich heben, iſolirte Facta, die ich an die uͤbrigen anknuͤpfen mußte. Weniger, um meine Geſchichte mit vielen neuen Begebenheiten anzufuͤllen, als um zu denen, die ich bereits hatte, einen Schluͤſſel auf⸗ zuſuchen, machte ich mich an die Quellen ſelbſt, und ſo erweiterte ſich zu einer ausgefuͤhrten Geſchichte, was anfangs nur beſtimmt war, ein allgemeiner Umriß zu werden. Gegenwaͤrtiger erſter Theil, der ſich mit dem Abzuge der Herzogin von Parma aus den Niederlanden endigt, iſt nur als die Einleitung zu der eigentlichen Revolution anzuſehen, die erſt unter dem Regiment ihres Nachfolgers zum Ausbruche kam. Ich glaubte, dieſer vorbereitenden Epoche um ſo mehr Sorgfalt und Genauigkeit widmen zu muͤſſen, je mehr ich dieſe Eigenſchaften bei den mehrſten Scribenten vermißte, welche dieſe Epoche vor mir behandelt haben, und je mehr ich mich uͤberzeugte, daß alle nachfolgenden auf ihr beruhen. Findet man daher dieſen erſten Theil zu arm an wichtigen Begeben⸗ heiten, zu ausfuͤhrlich in geringen oder gering ſcheinenden, zu verſchwenderiſch in Wiederholungen, und uͤberhaupt zu langſam im Fertſchritte der Handlung, ſo erinnere man ſich, daß eben aus dieſen geringen Anfaͤngen die ganze Revolution allmaͤhlich hervorging, daß alle nachherigen großen Reſultate aus der Summe unzaͤhlig vieler kleinen ſich ergeben haben. Eine Nation, wie diejenige war, die wir hier vor uns haben, thut die erſten Schritte immer langſam, zuruͤckgezogen und ungewiß, aber die ſolgenden alsdann deſto raſcher; denſelben Gang habe ich mir auch bei Darſtellung dieſer Rebellion vorgezeichnet. Je laͤnger der Leſer bei der Einleitung verweilt worden, je mehr er ſich mit den handelnden Perſonen familiariſirt, und in dem Schau⸗ platze, auf welchem ſie wirken, eingewohnt hat, mit deſto raſchern und ſicherern Schritten kann ich ihn dann durch die folgenden Perioden fuͤhren, wo mir die Anhaͤufung des Stoffes dieſen langſamen Gang und dieſe Ausfuͤhrlichkeit verbieten wird. Ueber Armuth an Quellen laͤßt ſich bei dieſer Geſchichte nicht klagen, vielleicht eher uͤber ihren Ueberfluß— weil man 5 ſie alle geleſen haben mußte, um die Klarheit wieder zu gewin⸗ nen, die durch das Leſen vieler in manchen Stuͤcken leidet. Bei ſo ungleichen, relativen, oft ganz widerſprechenden Dar⸗ ſtellungen derſelben Sache haͤlt es uͤberhaupt ſchon ſchwer, ſich der Wahrheit zu bemaͤchtigen, die in allen theilweiſe verſteckt, in keiner aber ganz und in ihrer reinen Geſtalt vorhanden iſt. Bei dieſem erſten Bande ſind, außer de Thou, Strada, Reyd, Grotius, Meteren, Burgundius, Meurſius, Ventivoglio und einigen neuern, die Memoiren des Staats⸗ raths Hopperus, das Leben und der Briefwechſel ſeines Freun⸗ des Viglius, die Proceßacten der Grafen von Hoorne und von Egmont, die Apologie des Prinzen von Oranien, und wenige Andere meine Führer geweſen. Eine ausfuͤhrliche, mit Fleiß und Kritik zuſammengetragene, und mit ſeltener Billigkeit und Treue verfaßte Compilation, die wirklich noch einen beſſern Namen verdient, hat mir ſehr wichtige Dienſte dabei gethan, weil ſie, außer vielen Actenſtuͤcken, die nie in meine Haͤnde kommen konnten, die ſchaͤtzbaren Werke von B or, Hooft, Brandt, le Clerc, und Andern, die ich theils nicht zur Hand hatte, theils, da ich des Hollaͤndiſchen nicht maͤchtig bin, nicht benutzen konnte, in ſich aufgenommen hat. Es iſt dieß die allgemeine Geſchichte der vereinigten Niederlande, welche in dieſem Jahrhundert in Holland erſchienen iſt. Ein uͤbrigens mittelmaͤßiger Scribent, Richard Dinoth, iſt mir durch Auszuͤge aus einigen Broſchuͤren jener Zeit, die ſich ſelbſt laͤngſt verloren haben, nuͤtzlich geworden. Um den Briefwechſel des Cardinals Granvella, der unſtreitig vieles Licht, auch uͤber dieſe Epoche, wuͤrde verbreitet haben, habe ich mich vergeblich bemuͤht. Die erſt kuͤrzlich erſchienene Schrift meines vortreff⸗ lichen Landsmanns, Herrn Profeſſors Spittler in Soͤttingen, uͤber die ſpaniſche Inquiſition, kam mir zu ſpaͤt zu Geſicht, als daß ich von ihrem ſcharfſinnigen und vollwichtigen Inhalte noch haͤtte Gebrauch machen koͤnnen. Daß cs nicht in meiner Macht geſtanden hat, dieſe reich⸗ haltige Geſchichte ganz, wie ich es wuͤnſchte, aus ihren erſten Quellen und gleichzeitigen Documenten zu ſtudiren, ſie unab⸗ haͤngig von der Form, in welcher ſie mir von dem denkenden Theile meiner Vorgaͤnger uͤberliefert war, neu zu erſchaffen, und mich dadurch von der Gewalt frei zu machen, welche jeder geiſtvolle Schriftſteller mehr oder weniger gegen ſeine Leſer ausuͤbt, beklage ich immer mehr, je mehr ich mich von ihrem Gehalt uͤberzeuge. So aber haͤtte aus einem Werke von etlichen Jahren das Werk eines Menſchenalters werden muͤſſen. Meine Abſicht bei dieſem Verſuche iſt mehr als erreicht, wenn er einen Theil des leſenden Publicums von der Moͤglichkeit uͤberfuͤhrt, daß eine Geſchichte hiſtoriſch treu geſchrieben ſeyn kann, ohne darum eine Geduldprobe fuͤr den Leſer zu ſeyn, und wenn er einem andern das Geſtaͤndniß abgewinnt, daß die Geſchichte von einer verwandten Kunſt etwas borgen kann, ohne deßwegen nothwendig zum Roman zu werden. Weimar, in der Michaelismeſſe 1788. Einleitung. Eine der merkwuͤrdigſten Staatsbegebenheiten, die das ſech⸗ zehnte Jahrhundert zum glaͤnzendſten der Welt gemacht haben, duͤnkt mir die Gruͤndung der niederlaͤndiſchen Freiheit. Wenn die ſchimmernden Thaten der Ruhmſucht und einer verderblichen Herrſchbegierde auf unſere Bewunderung Anſpruch machen, wie viel mehr eine Begebenheit, wo die bedraͤngte Menſchheit um ihre edelſten Rechte ringt, wo mit der guten Sache ungewoͤhnliche Kraͤfte ſich paaren, und die Hülfsmittel entſchloſſener Ver⸗ zweiflung uͤber die furchtbaren Kuͤnſte der Tyrannei in ungleichem Wettkampfe ſiegen. Groß und beruhigend iſt der Gedanke, daß gegen die trotzigen Anmaßungen der Fuͤrſtengewalt endlich noch eine Huͤlfe vorhanden iſt, daß ihre berechnetſten Plane an der menſchlichen Freiheit zu Schanden werden, daß ein herzhafter Widerſtand auch den geſtreckten Arm eines Deſpoten beugen, heldenmuͤthige Beharrung ſeine ſchrecklichen Huͤlfsquellen endlich erſchoͤpfen kann. Nirgends durchdrang mich dieſe Wahrheit ſo lebhaft, als bei der Geſchichte jenes denkwuͤrdigen Aufruhrs, der die vereinigten Niederlande auf immer von der ſpaniſchen Krone trennte— und darum achtete ich es des Verſuchs nicht unwerth, dieſes ſchoͤne Denkmal buͤrgerlicher Staͤrke vor der Welt aufzuſtellen, in der Bruſt meines Leſers ein froͤhliches Gefuͤhl ſeiner ſelbſt zu erwecken, und ein neues unyerwerfliches Beiſpiel zu geben, was Menſchen wagen duͤrfen fuͤr die gute Sache, und ausrichten moͤgen durch Vereinigung. Es iſt nicht das Außerordentliche oder Heroiſche dieſer Be⸗ gebenheit, was mich anreizt, ſie zu beſchreiben. Die Jahr⸗ buͤcher der Welt haben uns aͤhnliche Unternehmungen aufbewahrt, die in der Anlage noch kuͤhner, in der Ausfuͤhrung noch glaͤnzen⸗ der erſcheinen. Manche Staaten ſtuͤrzten mit einer praͤchtigern Erſchuͤtterung zuſammen, mit erhabenerm Schwunge ſtiegen andere auf. Auch erwarte man hier keine hervorragenden koloſſaliſchen Menſchen, keine der erſtaunenswuͤrdigen Thaten, die uns die Geſchichte vergangener Zeiten in ſo reichlicher Fuͤlle darbietet. Jene Heiten ſind vorbei, jene Menſchen ſind nicht mehr. Im weichlichen Schooße der Verfeinerung haben wir die Kraͤfte erſchlaffen laſſen, die jene Zeitalter uͤbten und noth⸗ wendig machten. Mit niedergeſchlagener Bewunderung ſtaunen wir jetzt dieſe Rieſenbilder an, wie ein entnervter Greis die mannhaften Spiele der Jugend. Nicht ſo bei vorliegender Ge⸗ ſchichte. Das Volk, welches wir hier auftreten ſehen, war das friedfertigſte dieſes Welttheils, und weniger, als ſeine Nachbarn, jenes Heldengeiſtes faͤhig, der auch der geringfuͤgigſten Hand⸗ lung einen hoͤhern Schwung gibt. Der Drang der Umſtaͤnde uͤber⸗ raſchte es mit ſeiner eigenen Kraft, und noͤthigte ihm eine vor⸗ uͤbergehende Groͤße auf, die es nie haben ſollte, und vielleicht nie wieder haben wird. Es iſt alſo gerade der Mangel an heroiſcher Groͤ⸗ ße, was dieſe Begebenheit eigenthuͤmlich und unterrichtend macht, und wenn ſich andere zum Zwecke ſetzen, die Ueberlegenheit des Ge⸗ nie's uͤber den Zufall zu zeigen, ſo ſtelle ich hier ein Gemaͤlde auf⸗ wo die Noth das Genie erſchuf, und die Zufaͤlle Helden machten. Waͤre es irgend erlaubt, in menſchliche Dinge eine hoͤhere Vorſicht zu flechten, ſo waͤre es bei dieſer Geſchichte, ſo wieder⸗ ſprechend erſcheint ſie der Vernunft und allen Erfahrungen. 9 Philipp der Zweite, der maͤchtigſte Souveraͤn ſeiner Zeit, deſſen gefuͤrchtete Uebermacht ganz Europa zu verſchlingen droht, deſſen Schaͤtze die vereinigten Reichthuͤmer aller chriſtlichen Koͤnige uͤberſteigen, deſſen Flotten in allen Meeren gebieten; ein Monarch, deſſen gefaͤhrlichen Zwecken zahlreiche Heere dienen, Heere, die durch lange blutige Kriege und eine roͤmiſche Mannszucht ge⸗ haͤrtet, durch einen trotzigen Nationalſtolz begeiſtert, und erhitzt durch das Andenken erfochtener Siege, nach Ehre und Beute duͤrſten, und ſich unter dem verwegenen Genie ihrer Fuͤhrer als folgſame Glieder bewegen— dieſer gefuͤrchtete Menſch, Einem hartnaͤckigen Entwurfe hingegeben, Ein Unternehmen die raſtloſe Arbeit ſeines langen Regentenlaufs, alle dieſe furcht⸗ baren Huͤlfsmittel auf einen einzigen Zweck gerichtet, den er am Abend ſeiner Tage unerfuͤllt aufgeben muß— Philipp der Zweite, mit wenigen ſchwachen Nationen im Kampfe, den er nicht endigen kann! Und gegen welche Nationen? Hier ein friedfertiges Fiſcher⸗ und Hirtenvolk, in einem vergeſſenen Winkel Europens, den es noch muͤhſam der Meeresfluth abgewann; die See ſein Gewerbe, ſein Reichthum und ſeine Plage, eine freie Armuth ſein hoͤchſtes Gut, ſein Ruhm ſeine Tugend. Dort ein gut⸗ artiges, geſittetes Handelsvolk, ſchwelgend von den uͤppigen Fruͤchten eines geſegneten Fleißes, wachſam auf Geſetze, die ſeine Wohlthaͤter waren. In der gluͤcklichen Muße des Wohl⸗ ſtandes verlaͤßt es der Beduͤrfniſſe aͤngſtlichen Kreis, und lernt nach hoͤherer Befriedigung duͤrſten. Die neue Wahrheit, deren erfreuender Morgen jetzt uͤber Europa hervorbricht, wirft einen befruchtenden Strahl in dieſe guͤnſtige Zone, und freudig empfaͤngt der freie Buͤrger das Licht, dem ſich gedruͤckte traurige Sklaven verſchließen. Ein froͤhlicher Muthwille, der gern den Ueberfluß und die Freiheit begleitet, reizt es an, das Anſehen verjaͤhrter 10 Meinungen zu pruͤfen und eine ſchimpfliche Kette zu brechen. Die ſchwere Zuchtruthe des Deſpotismus haͤngt uͤber ihm, eine willkuͤrliche Gewalt droht die Grundpfeiler ſeines Gluͤcks ein⸗ zureißen, der Bewahrer ſeiner Geſetze wird ſein Tyrann. Ein⸗ fach in ſeiner Staatsweisheit, wie in ſeinen Sitten, erkuͤhnt es ſich, einen veralteten Vertrag aufzuweiſen, und den Herrn beider Indien an das Naturrecht zu mahnen. Ein Name entſcheidet den ganzen Ausgang der Dinge. Man nannte Rebellion in Madrid, was in Bruͤſſel nur eine geſetzliche Hand⸗ lung hieß; die Beſchwerden Brabants forderten einen ſtaats⸗ klugen Mittler; Philipp der Zweite aandte ihm einen Henker, und die Loſung des Krieges ward gegeben. Eine Tyrannei ohne Beiſpiel greift Leben und Eigenthum an. Der verzweifelnde Buͤrger, dem zwiſchen einem zweifachen Tode die Wahl gelaſſen wird, erwaͤhlt den edlern auf dem Schlachtfelde. Ein wohlhabendes uͤppiges Volk liebt den Frieden, aber es wird kriegeriſch, wenn es arm wird. Jetzt hoͤrt es auf, fuͤr ein Leben zu zittern, dem Alles mangeln ſoll, warum es wuͤn⸗ ſchenswuͤrdig war. Die Wuth des Aufruhrs ergreift die ent⸗ fernteſten Provinzen; Handel und Wandel liegen darnieder; die Schiffe verſchwinden aus den Haͤfen, der Kuͤnſtler aus ſeiner Werkſtaͤtte, der Landmann aus den verwuͤſteten Feldern. Tau⸗ ſende fliehen in ferne Laͤnder, tauſend Opfer fallen auf dem Blutgeruͤſte und neue Tauſende draͤngen ſich hinzu; denn goͤtt⸗ lich muß eine Lehre ſeyn, fuͤr die ſo freudig geſtorben werden kann. Noch fehlt die letzte vollendende Hand— der erleuchtete unternehmende Geiſt, der dieſen großen politiſchen Augenblick haſchte, und die Geburt des Zufalls zum Plane der Weisheit erzoͤge. Wilhelm der Stille weiht ſich, ein zweiter Brutus, dem großen Anliegen der Freiheit. Ueber eine furchtſame Selbſt⸗ ſucht erhaben, kuͤndigt er dem Throne ſtrafbare Pflichten auf, 11 entkleidet ſich großmuͤthig ſeines fuͤrſtlichen Daſeyns, ſteigt zu einer freiwilligen Armuth herunter, und iſt nichts mehr als ein Buͤrger der Welt. Die gerechte Sache wird gewagt auf das Gluͤcksſpiel der Schlachten; aber zuſammengeraffte Miethlinge und friedliches Landvolk koͤnnen dem furchtbaren Andrange einer geuͤbten Kriegsmacht nicht Stand halten. Zweimal fuͤhrte er ſeine muthloſen Heere gegen den Tyrannen, zweimal verlaſſen ſie ihn, aber nicht ſein Muth. Philipp der Zweite ſendet ſo viele Verſtaͤrkungen, als ſeines Mittlers grauſame Hab⸗ ſucht Bettler machte. Fluͤchtlinge, die das Vaterland auswarf, ſuchen ſich ein neues auf dem Meere, und auf den Schiffen ihres Feindes Saͤttigung ihrer Rache und ihres Hungers. Jetzt werden Seehelden aus Corſaren, aus Raubſchiffen zieht ſich eine Marine zuſammen, und eine Republik ſteigt aus Mo⸗ raͤſten empor. Sieben Provinzen zerriſſen zugleich ihre Bande; ein neuer jugendlicher Staat, maͤchtig durch Eintracht, ſeine Waſſerfluth und Verzweiflung. Ein feierlicher Spruch der Na⸗ tion entſetzt den Tyrannen des Thrones, der ſpaniſche Name verſchwindet aus allen Geſetzen. Jetzt iſt eine That gethan, die keine Vergebung mehr findet; die Republik wird fuͤrchterlich, weil ſie nicht mehr zuruͤck kann; Factionen zerreißen ihren Bund; ſelbſt ihr ſchreckliches Element, das Meer, mit ihrem Unterdruͤcker verſchworen, droht ihrem zarten Anfange ein fruͤhzeitiges Grab. Sie fuͤhlt ihre Kraͤfte der uͤberlegenen Macht des Feindes erliegen, und wirft ſich bit⸗ tend vor Europens maͤchtigſte Throne, eine Souverainetaͤt wegzu⸗ ſchenken, die ſie nicht mehr beſchuͤtzen kann. Endlich und muͤh⸗ ſam— ſo veraͤchtlich begann dieſer Staat, daß ſelbſt die Hab⸗ ſucht fremder Koͤnige ſeine junge Bluͤthe verſchmaͤhte— einem Fremdlinge endlich dringt ſie ihre gefaͤhrliche Krone auf. Neue Hoffnungen erfriſchen ihren ſinkenden Muth, aber einen Ver⸗ 12 raͤther gab ihr in dieſem neuen Landesvater⸗das Schickſal, und in dem drangvollſten Zeitpunkte, wo der unerbittliche Feind vor den Thoren ſchon ſtuͤrmet, taſtet Karl von Anjon die Frei⸗ heit an, zu deren Schutz er gerufen worden. Eines Meuchel⸗ moͤrders Hand reißt noch den Steuermann von dem Ruder, ihr Schickſal ſcheint vollendet, mit Wilhelm von Oranien alle ihre rettenden Engel geflohen— aber das Schiff fliegt im Sturme, und die wallenden Segel beduͤrfen des Ruderers Huͤlfe nicht mehr. Philipp der Zweite ſieht die Frucht einer That verloren, die ihm ſeine fuͤrſtliche Ehre, und wer weiß, ob nicht den heim⸗ lichen Stolz ſeines ſtillen Bewußtſeyns koſtet. Hartnaͤckig und ungewiß ringt mit dem Deſpotismus die Freiheit; moͤrderiſche Schlachten werden gefochten; eine glaͤnzende Heldenreihe wechſelt auf dem Felde der Ehre; Flandern und Brabant war die Schule, die dem kommenden Jahrhundert Feldherren erzog. Ein langer verwuͤſtender Krieg zertritt den Segen des offenen Landes, Sie⸗ ger und Beſiegte verbluten, waͤhrend daß der werdende Waſſer⸗ ſtaat den fliehenden Fleiß zu ſich lockte, und auf den Truͤmmern ſeines Nachbars den herrlichen Bau ſeiner Groͤße erhub. Vierzig Jahre dauerte ein Krieg, deſſen gluͤckliche Endigung Philipps ſterbendes Auge nicht erfreute,— der ein Paradies in Europa vertilgte, und ein neues aus ſeinen Ruinen erſchuf,— der die Bluͤthe der kriegeriſchen Jugend verſchlang, einen ganzen Welt⸗ theil bereicherte, und den Beſitzer des goldreichen Peru zum armen Manne machte. Dieſer Monarch, der, ohne ſein Land zu druͤcken, neunmalhundert Tonnen Goldes verſchwenden durfte, der noch weit mehr durch tyranniſche Kuͤnſte erzwang, haͤufte eine Schuld von hundert und vierzig Millionen Ducaten auf ſein entvoͤlkertes Land. Ein unverſoͤhnlicher Haß der Freiheit ver⸗ ſchlang alle dieſe Schaͤtze und verzehrte fruchtlos ſein koͤnigliches 13 Leben; aber die Reformation gedeihte unter den Verwuͤſtungen ſeines Schwerts, und die neue Republik hob aus Buͤrgerblut ihre ſiegende Fahne. Dieſe unnatuͤrliche Wendung der Dinge ſcheint an ein Wunder zu graͤnzen; aber Vieles vereinigte ſich, die Gewalt dieſes Koͤnigs zu brechen und die Fortſchritte des jungen Staats zu beguͤnſtigen. Waͤre das ganze Gewicht ſeiner Macht auf die vereinigten Provinzen gefallen, ſo war keine Rettung fuͤr ihre Religion, ihre Freiheit. Sein eigner Ehrgeiz kam ihrer Schwaͤche zu Huͤlfe, indem er ihn noͤthigte, ſeine Macht zu theilen. Die koſtbare Politik, in jedem Cabinet Europens Verraͤther zu be⸗ ſolden, die Unterſtuͤtzung der Ligue in Frankreich, der Aufſtand der Mauren in Grenada, Portugals Eroberung und der praͤch⸗ tige Bau von Escurial erſchoͤpften endlich ſeine ſo unermeßlich ſcheinenden Schaͤtze, und unterſagten ihm, mit Lebhaftigkeit und Nachdruck im Felde zu handeln. Die deutſchen und italieniſchen Truppen, die nur die Hoffnung der Beute unter ſeine Fahnen gelockt hatte, empoͤrten ſich jetzt, weil er ſie nicht bezahlen konnte, und verließen treulos ihre Fuͤhrer im entſcheidenden Moment ihrer Wirkſamkeit. Dieſe fuͤrchterlichen Werkzeuge der Unter⸗ druͤckung kehrten jetzt ihre gefaͤhrliche Macht gegen ihn ſelbſt, und wuͤtheten feindlich in den Provinzen, die ihm treu geblieben waren. Jene ungluͤckliche Ausruͤſtung gegen Britannien, an die er, gleich einem raſenden Spieler, die ganze Kraft ſeines Koͤnig⸗ reichs wagte, vollendete ſeine Entnervung; mit der Armada ging der Tribut beider Indien und der Kern der ſpaniſchen Heldenzucht unter. Aber in eben dem Maße, wie ſich die ſpaniſche Macht er⸗ ſchoͤpfte, gewann die Republik friſches Leben. Die Luͤcken, welche die neue Religion, die Tyrannei der Glaubensgerichte, die wuͤ⸗ thende Raubſucht der Soldateska, und die Verheerungen eines 14 langwierigen Kriegs ohne Unterlaß in die Provinzen Brabant, Flandern und Hennegau riſſen, die der Waffenplatz und die Vorrathskammer dieſes koſtbaren Krieges waren, machten es natuͤrlicherweiſe mit jedem Jahre ſchwerer, die Armeen zu unter⸗ halten und zu erneuern. Die katholiſchen Niederlande hatten ſchon eine Million Buͤrger verloren, und die zertretenen Felder naͤhrten ihre Pfluͤger nicht mehr. Spanien ſelbſt konnte wenig Volk mehr entrathen. Dieſe Laͤnder, durch einen ſchnellen Wohl⸗ ſtand uͤberraſcht, der den Muͤßiggang herbeifuͤhrte, hatten ſehr an Bevoͤlkerung verloren, und konnten dieſe Menſchenverſendungen nach der neuen Welt und den Niederlanden nicht lange aushalten. Wenige unter dieſen ſahen ihr Vaterland wieder: dieſe Wenigen hatten es als Junglinge verlaſſen und kamen nun als entkraͤftete Greiſe zuruͤck. Das gemeiner gewordene Gold machte den Sol⸗ daten immer theurer; der uͤberhandnehmende Reiz der Weichlich⸗ keit ſteigerte den Preis der entgegengeſetzten Tugenden. Ganz an⸗ ders verhielt es ſich mit den Rebellen. Alle die Tauſende, welche die Grauſamkeit der koͤniglichen Statthalter aus den ſuͤdlichen Nie⸗ derlanden der Hugenottenkrieg aus Frankreich und der Gewiſſens⸗ zwang aus andern Gegenden Europens verjagten, alle gehoͤrten ihnen. Ihr Werbeplatz war die ganze chriſtliche Welt. Fuͤr ſie ar⸗ beitete der Fanatismus der Verfolger, wie der Verfolgten. Die friſche Begeiſterung einer neu verkuͤndigten Lehre, Rachſucht, Hun⸗ ger und hoffnungsloſes Elend zogen aus allen Diſtricten Europens Abenteurer unter ihre Fahnen. Alles, was fuͤr die neue Lehre gewonnen war, was von dem Deſpotismus gelitten, oder noch kuͤnftig von ihm zu fuͤrchten hatte, machte das Schickſal dieſer neuen Republik gleichſam zu ſeinem eigenen. Jede Kraͤnkung, von einem Tyrannen erlitten, gab ein Buͤrgerrecht in Holland. Man draͤngte ſich nach einem Lande, wo die Freiheit ihre er⸗ freuende Fahne aufſteckte, wo der flaͤchtigen Religion Achtung 15 und Sicherheit und Rache an ihren Unterdruͤckern gewiß war. Wenn wir den Zuſammenfluß aller Voͤlker in dem heutigen Holland betrachten, die beim Eintritt in ſein Gebiet ihre Men⸗ ſchenrechte zuruͤck empfangen, was muß es damals geweſen ſeyn, wo noch das ganze uͤbrige Europa unter einem traurigen Gei⸗ ſtesdruck ſeufzte, wo Amſterdam beinahe der einzige Freihafen aller Meinungen war? Viele hundert Familien retteten ihren Reichthum in ein Land, das der Ocean und die Eintracht gleich maͤchtig beſchirmten. Die republicaniſche Armee war vollzaͤhlig, ohne daß man noͤthig gehabt haͤtte, den Pflug zu entbloͤßen. Mitten unter dem Waffengeraͤuſch bluͤhten Gewerbe und Han⸗ del, und der ruhige Buͤrger genoß im voraus alle Fruͤchte der Freiheit, die mit fremdem Blute erſt erſtritten wurden. Zu eben der Zeit, wo die Republik Holland noch um ihr Daſeyn kaͤmpfte, ruͤckte ſie die Graͤnzen ihres Gebiets uͤber das Welt⸗ meer hinaus, und baute ſtill an ihren oſtindiſchen Thronen. Noch mehr. Spanien fuͤhrte dieſen koſtbaren Krieg mit todtem, unfruchtbarem Golde, das nie in die Hand zuruͤckkehrte, die es weggab, aber den Preis aller Bedurfniſſe erhoͤhte. Die Schatzkammer der Republik waren Arbeitſamkeit und Handel. Jenes verminderte, dieſe vervielfaͤltigte die Zeit. In eben dem Maße, wie ſich die Huͤlfsquellen der Regierung bei der langen Fortdauer des Krieges erſchoͤpften, fing die Republik eigentlich erſt an, ihre Ernte zu halten. Es war eine geſparte dankbare Ausſaat, die ſpaͤt, aber hundertfaͤltig wiedergab; der Baum, von welchem Philipp ſich Fruͤchte brach, war ein umgehauener Stamm und gruͤnte nicht wieder. Philipps widriges Schickſal wollte, daß alle Schaͤtze, die er zum Untergange der Provinzen verſchwendete, ſie ſelbſt noch bereichern halfen. Jene ununterbrochenen Ausfluͤſſe des ſpani⸗ ſchen Goldes hatten Reichthum und Luxus durch ganz Europa 16 verbreitet; Europa aber empfing ſeine vermehrten Beduͤrfniſſe groͤßtentheils aus den Haͤnden der Niederlaͤnder, die den Han⸗ del der ganzen damaligen Welt beherrſchten, und den Preis aller Waaren beſtimmten. Sogar waͤhrend dieſes Krieges konnte Philipp der Republik Holland den Handel mit ſeinen eigenen Unterthanen nicht wehren, ja, er konnte dieſes nicht einmal wuͤnſchen. Er ſelbſt zahlte den Rebellen die Unkoſten ihrer Vertheidigung; denn eben der Krieg, der ſie aufreiben ſollte, vermehrte den Abſatz ihrer Waaren. Der ungeheure Aufwand fuͤr ſeine Flotten und Armeen floß groͤßtentheils in die Schatzkammer der Republik, die mit den flaͤmiſchen und brabantiſchen Handelsplaͤtzen in Verbindung ſtand. Was Phi⸗ lipp gegen die Rebellen in Bewegung ſetzte, wirkte unmittelbar fuͤr ſie. Alle die unermeßlichen Summen, die ein vierzigjaͤh⸗ riger Krieg verſchlang, waren in die Faͤſſer der Danaiden ge⸗ goſſen, und zerrannen in einer bodenloſen Tiefe. Der traͤge Gang dieſes Krieges that dem Koͤnige von Spa⸗ nien eben ſo vielen Schaden, als er den Rebellen Vortheile brachte. Seine Armee war groͤßtentheils aus den Ueberreſten jener ſiegreichen Truppen zuſammengefloſſen, die unter Karl dem Fuͤnften bereits ihre Lorbeern geſammelt hatten. Alter und lange Dienſte berechtigten ſie zur Ruhe; Viele unter ihnen, die der Krieg bereichert hatte, wuͤnſchten ſich ungednldig nach ihrer Heimath zuruͤck, ein muͤhevolles Leben gemaͤchlich zu enden. Ihr vormaliger Eifer, ihr Heldenfeuer und ihre Mannszucht ließen in eben dem Grade nach, als ſie ihre Ehre und Pflicht gelost zu haben glaubten, und die Fruͤchte ſo vieler Feldzuͤge endlich zu ernten anfingen. Dazu kam, daß Truppen, die ge⸗ wohnt waren, durch den Ungeſtuͤm ihres Angriffs jeden Wider⸗ ſtand zu beſtegen, ein Krieg ermuͤden mußte, der weniger mit Menſchen, als mit Elementen gefuͤhrt wurde, der mehr die 17 Geduld uͤbte, als die Ruhmbegierde vergnuͤgte, wobei weniger Gefahr als Beſchwerlichkeit und Mangel zu bekaͤmpfen war. Weder ihr perſoͤnlicher Muth, noch ihre lange kriegeriſche Er⸗ fahrung konnten ihnen in einem Lande zu Statten kommen, deſſen eigenrhuͤmliche Beſchaffenheit oft auch dem Feigſten der Eingebornen uͤber ſie Vortheile gab. Auf einem fremden Boden endlich ſchadete ihnen eine Niederlage mehr, als viele Siege uͤber einen Feind, der hier zu Hauſe war, ihnen nuͤtzen konn⸗ ten. Mit den Rebellen war es gerade der umgekehrte Fall. In einem ſo langwierigen Kriege, wo keine entſcheidende Schlacht geſchah, mußte der ſchwaͤchere Feind zuletzt von dem ſtaͤrkern lernen, kleine Niederlagen ihn an die Gefahr ge⸗ woͤhnen, kleine Siege ſeine Zuverſicht befeuern. Bei Eroͤffnung des Buͤrgerkrieges hatte ſich die republicaniſche Armee vor der ſpaniſchen im Felde kaum zeigen duͤrfen; ſeine lange Dauer ubte und haͤrtete ſie. Wie die koͤniglichen Heere des Schlagens uͤber⸗ druͤſſig wurden, war das Selbſtvertrauen der Rebellen mit ihrer beſſern Kriegszucht und Erfahrung geſtiegen. Endlich, nach einem halben Jahrhundert, gingen Meiſter und Schuͤler, un⸗ uͤberwunden, als gleiche Kaͤmpfer auseinander. Kerner wurde im ganzen Verlaufe dieſes Krieges von Seiten der Rebellen mit mehr Zuſammenhang und Einheit gehandelt, als von Seiten des Koͤnigs. Ehe jene ihr erſtes Oberhaupt verloren, war die Verwaltung der Niederlande durch nicht we⸗ niger als fuͤnf verſchiedene Haͤnde gegangen. Die Unentſchluͤſſig⸗ keit der Herzogin von Parma theilte ſich dem Cabinette zu Madrid mit, und ließ es in kurzer Zeit beinahe alle Staats⸗ maximen durchwandern. Herzog Alba's unbeugſame Haͤrte, die Gelindigkeit ſeines Nachfolgers Requescens, Don Johanns von Oeſterreich Hinterliſt und Tuͤcke, und der lebhafte caͤſariſche Geiſt des Prinzen von Parma gaben dieſem Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 2 18 Kriege eben ſo viel entgegengeſetzte Richtungen, waͤhrend daß der Plan der Rebellion in dem einzigen Kopfe, worin er klar und lebendig wohnte, immer derſelbe blieb. Das groͤßere Uebel war, daß die Marime mehrentheils das Moment verfehlte, in welchem ſie anzuwenden ſeyn mochte. Im Anfange der Un⸗ ruhen, wo das Uebergewicht augenſcheinlich noch auf Seiten des Koͤnigs war, wo ein raſcher Entſchluß und maͤnnliche Stetigkeit die Rebellion noch in der Wiege erdruͤcken konnten, ließ man den Zuͤgel der Regierung in den Haͤnden eines Weibes ſchlaff hin und her ſchwanken. Nachdem die Empoͤrung zum wirklichen Ausbruche gekommen war, die Kraͤfte der Faction und des Koͤnigs ſchon mehr im Gleichgewichte ſtanden, und eine kluge Geſchmeidigkeit allein dem nahen Buͤrgerkriege wehren konnte, fiel die Statthalterſchaft einem Manne zu, dem zu dieſem Poſten gerade dieſe einzige Tugend fehlte. Einem ſo wachſamen Aufſeher, als Wilhelm der Verſchwiegene war, entging keiner der Vortheile, die ihm die fehlerhafte Politik ſeines Gegners gab, und mit ſtillem Fleiße ruͤckte er langſam ſein großes Unternehmen zum Ziele. Aber warum erſchien Philipp der Zweite nicht ſelbſt in den Niederlanden? warum wollte er lieber die unnatuͤrlichſten Mittel erſchoͤpfen, um nur das einzige nicht zu verſuchen, welches nicht fehlſchlagen konnte? Die uͤppige Gewalt des Adels zu brechen, war kein Ausgang natuͤrlicher, als die perſoͤnliche Gegenwart des Herrn. Neben der Majeſtaͤt mußte jede Privat⸗ groͤße verſinken, jedes andere Anſehen erloͤſchen. Anſtatt daß die Wahrheit durch ſo viele unreine Canaͤle langſam und truͤbe nach dem entlegenen Throne floß, daß die verzoͤgerte Gegenwehr dem Werke des Ungefaͤhrs Zeit ließ, zu einem Werke des Ver⸗ ſtandes zu reifen, haͤtte ſein eigner durchdringender Blick Wahr⸗ heit von Irrthum geſchieden; nicht ſeine Menſchlichkeit, kalte 19 Staatskunſt allein haͤtte dem Lande eine Million Burger ge⸗ rettet. Je naͤher ihrer Quelle, deſto nachdruͤcklicher waͤren die Sdicte geweſen; je dichter an ihrem Ziele, deſto unkraͤftiger und verzagter die Streiche des Aufruhrs gefallen. Es koſtet un⸗ endlich mehr, das Boͤſe, deſſen man ſich gegen einen abweſenden Feind wohl getrauen mag, ihm ins Angeſicht zuzufuͤgen. Die Rebellion ſchien anfangs ſelbſt vor ihrem Namen zu zittern, und ſchmuͤckte ſich lange Zeit mit dem kuͤnſtlichen Vorwande, die Sache des Souveraͤns gegen die willkuͤrlichen Anmaßungen ſeines Statthalters in Schutz zu nehmen. Philipps Er⸗ ſcheinung in Bruͤſſel haͤtte dieſes Gaukelſpiel auf einmal ge⸗ endigt. Jetzt mußte ſie ihre Vorſpiegelung erfuͤllen, oder die Larve abwerfen und ſich durch ihre wahre Geſtalt verdammen. Und welche Erleichterung fuͤr die Niederlande, wenn ſeine Gegenwart ihnen auch nur diejenigen Uebel erſpart haͤtte, die ohne ſein Wiſſen und gegen ſeinen Willen auf ſie gehaͤuft wurden! Welcher Gewinn fuͤr ihn ſelbſt, wenn ſie auch zu nichts weiter gedient haͤtte, als uͤber die Anwendung der un⸗ ermeßlichen Summen zu wachen, die zu den Beduͤrfniſſen des Kriegs widerrechtlich gehoben, in den raͤuberiſchen Haͤnden ſeiner Verwalter verſchwanden! Was ſeine Stellvertreter durch den unnatuͤrlichen Behelf des Schreckens erzwingen mußten, haͤtte die Majeſtaͤt in allen Gemuͤthern ſchon vorgefunden. Was jene zu Gegenſtaͤnden des Abſcheu's machte, haͤtte ihm hoͤchſtens Furcht erworben; denn der Mißbrauch angeborner Gewalt druͤckt weniger ſchmerzhaft, als der Mißbrauch empfangener. Seine Gegenwart haͤtte Tauſende gerettet, wenn er auch nichts als ein haushaͤlteriſcher Deſpot war; wenn er auch nicht einmal der war, ſo wuͤrde das Schrecken ſeiner Perſon ihm eine Land⸗ ſchaft erhalten haben, die durch den Haß und die Gering⸗ ſchaͤtzung ſeiner Maſchinen verloren ging. 20 Gleichwie die Bedruͤckung des niederlaͤndiſchen Volks eine Angelegenheit aller Menſchen wurde, die ihre Rechte fuͤhlten, eben ſo, moͤchte man denken, haͤtte der Ungehorſam und Abfall dieſes Volks eine Auffordernng an alle Furſten ſeyn ſollen, in der Gerechtſame ihres Nachbars ihre eigene zu ſchuͤtzen. Aber die Eiferſucht uͤber Spanien gewann es dießmal uͤber dieſe politiſche Sympathie, und die erſten Maͤchte Europens traten, lauter oder ſtiller, auf die Seite der Freiheit. Kaiſer Maxi⸗ milian der Zweite, obgleich dem ſpaniſchen Hauſe durch Bande der Verwandtſchaft verpflichtet, gab ihm gerechten An⸗ laß zu der Beſchuldigung, die Partei der Rebellen ingeheim beguͤnſtigt zu haben. Durch das Anerbieten ſeiner Ver⸗ mittelung geſtand er ihren Beſchwerden ſtillſchweigend einen Grad von Gerechtigkeit zu, welches ſie aufmuntern mußte, deſto ſtandhafter darauf zu beharren. Unter einem Kaiſer, der dem ſpaniſchen Hofe aufrichtig ergeben geweſen waͤre, haͤtte Wilhelm von Oranien ſchwerlich ſo viele Truppen und Gelder aus Deutſchland gezogen. Frankreich, ohne den Frieden offenbar und foͤrmlich zu brechen, ſtellte einen Prinzen vom Gebluͤte an die Spitze der niederlaͤndiſchen Rebellen; die Operationen der Letztern wurden groͤßtentheils mit franzoͤſiſchem Gelde und Truppen vollfuͤhrt. Ekliſabeth von England uͤbte nur eine gerechte Rache und Wiedervergeltung aus, da ſie die Aufruͤhrer gegen ihren rechtmaͤßigen Oberherrn in Schutz nahm, und wenn gleich ihr ſparſamer Beiſtand hoͤchſtens nur hinreichte, den gaͤnzlichen Ruin der Republik abzuwehren, ſo war dieſes in einem Zeitpunkte ſchon unendlich viel, wo ihren erſchoͤpften Muth Hoffnung allein noch hinhalten konnte. Mit dieſen bei⸗ den Maͤchten ſtand Philipp damals noch im Buͤndniſſe des Friedens, und beide wurden zu Verraͤthern an ihm. Zwiſchen dem Starken und Schwachen iſt Redlichkeit oft keine Tugend; 21 dem, der gefuͤrchtet wird, kommen ſelten die feinern Bande zu gut, welche Gleiches mit Gleichem zuſammenhalten. Philipp ſelbſt hatte die Wahrheit aus dem politiſchen Umgange ver⸗ wieſen, er ſelbſt die Sittlichkeit zwiſchen Koͤnigen aufgeloͤst, und die Hinterliſt zur Gottheit des Cabinets gemacht. Ohne ſeiner Ueberlegenheit jemals froh zu werden, mußte er ſein ganzes Leben hindurch mit der Eiferſucht ringen, die ſie ihm bei Andern erweckte. Europa ließ ihn fuͤr den Mißbrauch einer Gewalt buͤßen, von der er in der That nie den ganzen Ge⸗ brauch gehabt hatte. Bringt man gegen die Ungleichheit beider Kaͤmpfer, die auf den erſten Anblick ſo ſehr in Erſtaunen ſetzt, alle Zufaͤlle in Berechnung, welche jenen anfeindeten und dieſen beguͤnſtigten, ſo verſchwindet das Uebernatuͤrliche dieſer Begebenheit, aber das Außerordentliche bleibt— und man hat einen richtigen Maß⸗ ſtab gefunden, das eigene Verdienſt dieſer Republicaner um ihre Freiheit angeben zu koͤnnen. Doch denke man nicht, daß dem Unternehmen ſelbſt eine ſo genaue Berechnung der Kraͤfte vorangegangen ſey, oder daß ſie beim Eintritt in dieſes un⸗ gewiſſe Meer ſchon das Ufer gewußt haben, an welchem ſie nachher landeten. So reif als es zuletzt da ſtand in ſeiner Vollendung, erſchien das Werk nicht in der Idee ſeiner Urheber ſo wenig, als vor Luthers Geiſte die ewige Glaubenstrennung, da er gegen den Ablaßkram aufſtand. Welcher Unterſchied zwiſchen dem beſcheidenen Aufzuge jener Bettler in Bruͤſſel, die um eine menſchlichere Behandlung, als um eine Gnade flehen, und der furchtbaren Majeſtaͤt eines Freiſtaats, der mit Koͤnigen als ſeines Gleichen unterhandelt, und in weniger als einem Jahrhundert den Thron ſeiner vormaligen Tyrannen verſchenkt! Des Fatums unſichtbare Hand fuͤhrte den abgedruͤckten Pfeil in einem hoͤhern Bogen und nach einer ganz andern Richtung 22 fort, als ihm von der Sehne gegeben war. Im Schooße des gluͤcklichen Brabants wird die Freiheit geboren, die, noch ein neugebornes Kind, ihrer Mutter entriſſen, das verachtete Holland begluͤcken ſoll. Aber das Unternehmen ſelbſt darf uns darum nicht kleiner erſcheinen, weil es anders ausſchlug, als es gedacht worden war. Der Menſch verarbeitet, glaͤttet und bildet den rohen Stein, den die Zeiten herbeitragen; ihm gehoͤrt der Augenblick und der Punkt, aber die Weltgeſchichte rollt der Zufall. Wenn die Leidenſchaften, welche ſich bei dieſer Be⸗ gebenheit geſchaͤftig erzeigten, des Werks nur nicht unwuͤrdig waren, dem ſie unbewußt dienten,— wenn die Kraͤfte, die ſie ausfuͤhren halfen, und die einzelnen Handlungen, aus deren Verkettung ſie wunderbar erwuchs, nur an ſich edle Kraͤfte, ſchoͤne und große Handlungen waren, ſo iſt die Begebenheit groß, intereſſant und fruchtbar fuͤr uns, und es ſteht uns frei, uͤber die kuͤhne Geburt des Zufalls zu erſtaunen, oder einem hoͤhern Verſtande unſere Bewunderung zuzutragen. Die Geſchichte der Welt iſt ſich ſelbſt gleich, wie die Geſetze der Natur, und einfach wie die Seele des Menſchen. Dieſelben Bedingungen bringen dieſelben Erſcheinungen zuruͤck. Auf eben dieſem Boden, wo jetzt die Niederlaͤnder ihrem ſpaniſchen Tyrannen die Spitze bieten, haben vor fuͤnfzehnhundert Jahren ihre Stammvaͤter, die Batavier und Belgen, mit ihrem roͤmiſchen gerungen. Eben ſo, wie jene, einem hochmuͤthigen Beherrſcher unwillig unterthan, eben ſo von habſuͤchtigen Sa⸗ trapen mißhandelt, werfen ſie mit aͤhnlichem Trotze ihre Ketten ab, und verſuchen das Gluͤck in eben ſo ungleichem Kampfe. Derſelbe Erobererſtolz, derſelbe Schwung der Nation in dem Spanier des ſechzehnten Jahrhunderts und in dem Noͤmer des erſten, dieſelbe Tapferkeit und Mannszucht in Beider Heeren, dasſelbe Schrecken vor ihrem Schlachtenzuge. Dort, wie hier, 23 ſehen wir Liſt gegen Uebermacht ſtreiten, und Standhaftigkeit, unterſtuͤtzt durch Eintracht, eine ungeheure Macht ermuͤden, die ſich durch Theilung entkraͤftet hat. Dort, wie hier, waffnet Privathaß die Nation; ein einziger Menſch, fuͤr ſeine Zeit ge⸗ boren, deckt ihr das gefaͤhrliche Geheimniß ihrer Kraͤfte auf, und bringt ihren ſtummen Gram zu einer blutigen Erklaͤrung. „Geſtehet, Batavier!“ redet Claudius Civyilis ſeine Mit⸗ buͤrger in dem heiligen Haine an,„wird uns von dieſen Roͤ⸗ mern noch wie ſonſt, als Bundesgenoſſen und Freunden, oder nicht vielmehr als dienſtbaren Knechten begegnet? Ihren Beamten und Statthaltern ſind wir ausgeliefert, die, wenn unſer Raub, unſer Blut ſie geſaͤttigt hat, von andern abgeloͤst werden, welche dieſelbe Gewaltthaͤtigkeit, nur unter andern Namen, erneuern. Geſchieht es ja endlich einmal, daß uns Rom einen Oberaufſeher ſendet, ſo druͤckt er uns mit einem prahleriſchen theuren Gefolge, und noch unertraͤglicherm Stolze. Die Werbungen ſind wieder nahe, welche Kinder von Eltern, Bruͤder von Bruͤdern auf ewig reißen, und eure kraftvolle Jugend der roͤmiſchen Unzucht uͤberliefern. Jetzt, Batavier, iſt der Augenblick unſer. Nie lag Rom darnieder wie jetzt. Laſſet euch dieſe Namen von Legionen nicht in Schrecken jagen; ihre Lager enthalten nichts als alte Maͤnner und Beute. Wir haben Fußvolk und Reiterei, Germanien iſt unſer, und Gallien luͤſtern, ſein Joch abzuwerfen. Mag ihnen Syrien dienen, und Aſten und der Aufgang, der Koͤnige braucht! Es ſind noch unter uns, die geboren wurden, ehe man den Noͤmern Scha⸗ tzung erlegte. Die Goͤtter halten es mit dem Tapferſten.“ Feierliche Sacramente weihen dieſe Verſchwoͤrung, wie den Geuſenbund; wie dieſer, huͤllt ſie ſich hinterliſtig in den Schleier der Unterwuͤrfigkeit, in die Majeſtaͤt eines großen Namens. Die Cohorten des Civilis ſchwoͤren am Rheine dem Veſpaſian 24 in Syrien, wie der Compromiß Philipp dem Zweiten, Derſelbe Kampfplatz erzeugt denſelben Plan der Vertheidigung, dieſelbe Zuflucht der Verzweiflung. Beide vertrauten ihr wankendes Gluͤck einem befreundeten Elemente; in aͤhnlichem Bedraͤngniſſe rettet Civilis ſeine Inſel— wie fuͤnfzehn Jahr⸗ hunderte nach ihm Wilhelm von Oranien die Stadt Leyden — durch eine kuͤnſtliche Waſſerfluth. Die bataviſche Tapferkeit deckt die Unmacht der Weltbeherrſcher auf, wie der ſchoͤne Muth ihrer Enkel den Verfall der ſpaniſchen Macht dem gan⸗ zen Europa zur Schau ſtellt. Dieſelbe Fruchtbarkeit des Geiſtes in den Heerfuͤhrern beider Zeiten laͤßt den Krieg eben ſo hart⸗ naͤckig dauern und beinahe eben ſo zweifelhaft enden; aber einen Unterſchied bemerken wir doch: die Roͤmer und Batavier kriegen menſchlich, denn ſie kriegen nicht fuͤr die Religion ⁴) 1) Tac. Histor. L. WV. V. Frühere Geſchichte der Niederlande bis zum ſechzehnten Jahrhundert. Ehe wir in das Innere dieſer großen Revolution hinein⸗ gehen, muͤſſen wir einige Schritte in die alte Geſchichte des Landes zuruͤckthun, und die Verfaſſung entſtehen ſehen, worin wir es zur Zeit dieſer merkwuͤrdigen Veraͤnderung finden. Der erſte Eintritt dieſes Volkes in die Weltgeſchichte iſt das Moment ſeines Untergangs; von ſeinen Ueberwindern empfing es ein politiſches Leben. Die weitlaͤufige Landſchaft, welche von Deutſchland gegen Morgen, gegen Mittag von Frankreich, gegen Mitternacht und Abend von der Nordſee begraͤnzt wird, und die wir unter dem allgemeinen Namen der Niederlande begreifen, war bei dem Einbruche der Roͤmer in Gallien unter drei Hauptvoͤlkerſchaften vertheilt, alle urſpruͤng⸗ lich deutſcher Abkunft, deutſcher Sitte und deutſchen Geiſtes. ¹) Der Rhein machte ihre Graͤnzen. Zur Linken des Fluſſes wohnten die Belgen, ²) zu ſeiner Rechten die Frieſen, 5) und ¹) J. Caesar de Bello Gall. L. I. Tacit. de Morib. Germ. und Hist. L. IV. ²) In den Landſchaften, die jetzt groͤßtentheils die katholiſchen Nieder⸗ lande und Generalitaͤtslande ausmachen. 3) Im jetzigen Groͤningen, Oſt⸗ und Weſtfriesland, einem Theile von Holland, Geldern, Utrecht und Oberyſſel. 28 die Batavier ⁴) auf der Inſel, die ſeine beiden Arme damals mit dem Ocean bildeten. Jede dieſer einzelnen Nationen wurde fruͤher oder ſpaͤter den Roͤmern unterworfen, aber ihre Ueber⸗ winder ſelbſt legen uns die ruͤhmlichſten Zeugniſſe von ihrer Tapferkeit ab. Die Belgen, ſchreibt Caͤſar,=) waren die ein⸗ zigen unter den galliſchen Voͤlkern, welche die einbrechenden Teutonen und Cimbrer von ihren Graͤnzen abhielten. Alle Voͤl⸗ ker um den Rhein, ſagt uns Tacitus,) wurden an Helden⸗ muth von den Bataviern uͤbertroffen. Dieſes wilde Volk er⸗ legte ſeinen Tribut in Soldaten, und wurde von ſeinen Ueber⸗ windern, gleich Pfeil und Schwert, nur fuͤr Schlachten geſpart. Die bataviſche Reiterei erklaͤrten die Roͤmer ſelbſt fuͤr den beſten Theil ihrer Heere. Lange Zeit machte ſie, wie heutzutage die Schweizer, die Leibwache der roͤmiſchen Kaiſer aus; ihr wilder Muth erſchreckte die Dacier, da ſie in voller Ruͤſtung uͤber die Donau ſchwammen. Die naͤmlichen Batavier hatten den Agri⸗ cola auf ſeinem Zuge nach Britannien begleitet, und ihm dieſe Inſel erobern helfen.*) Unter allen wurden die Frieſen zuletzt uͤberwunden, und ſetzten ſich zuerſt wieder in Freiheit. Die Moraͤſte, zwiſchen welchen ſie wohnten, reizten die Eroberer ſpaͤter, und koſteten ihnen mehr. Der Roͤmer Druſus, der ¹) In dem obern Theile von Holland, Utrecht und Oberyſſel, dem heutigen Cleve u. ſ. f., zwiſchen dem Leck und der Waal. Kleinere Voͤlker, die Kanninefater, Mattiaker, Mareſaten u. ſ. f., die einen Theil von Weſt riesland, Holland und Seeland bewohnten, koͤnnen zu ihnen gerechnet werden. Tacit. Hist. L. WV. c. 45. 56. de Morib. Germ. c. 29. 2) De Bello. Gall. 3) Hist. L. V. c. 12. 4) Dio Cass. L. LXIX. Tacit. Agricol. c. 36. Tacit. Annal, L. II. c. 15. 29 in dieſen Gegenden kriegte, fuͤhrte einen Canal vom Rhein in den Flevo, die jetzige Suͤderſee, durch welchen die roͤmiſche Flotte in die Nordſee drang, und aus dieſer durch die Muͤn⸗ dung der Ems und Weſer einen leichtern Weg in das innere Deutſchland fand. ⁴) Vier Jahrhunderte lang finden wir Batavier in den roͤmi⸗ ſchen Heeren, aber nach den Zeiten des Honorius verſchwin⸗ det ihr Name aus der Geſchichte. Ihre Inſel ſehen wir von den Franken uͤberſchwemmt, die ſich dann wieder in das benach⸗ barte Belgien verlieren. Die Frieſen haben das Joch ihrer entlegenen und unmaͤchtigen Beherrſcher zerbrochen, und erſchei⸗ nen wieder als ein freies und ſogar eroberndes Volk, das ſich durch eigene Gebraͤuche und den Ueberreſt der roͤmiſchen Ge⸗ ſetze regiert, und ſeine Graͤnzen bis über die linken Ufer des Rheins erweitert. Friesland uͤberhaupt hat unter allen Provin⸗ zen der Niederlande am wenigſten von dem Einbruche fremder Voͤlker, von fremden Gebraͤuchen und Geſetzen gelitten, und durch eine lange Reihe von Jahrhunderten Spuren ſeiner Ver⸗ faſſung, ſeines Nationalgeiſtes und ſeiner Sitten behalten, die ſelbſt heutzutage nicht ganz verſchwunden ſind. Die Epoche der Voͤlkerwanderung zernichtet die urſpruͤngliche Form dieſer mehrſten Nationen; andere Miſchungen entſtehen mit andern Verfaſſungen. Die Staͤdte und Lagerplaͤtze der Roͤmer verſchwinden in der allgemeinen Verwuͤſtung, und mit dieſen ſo viele Denkmaͤler ihrer großen Regentenkunſt, durch den Fleiß fremder Haͤnde vollendet. Die verlaſſenen Daͤmme ergeben ſich der Wuth ihrer Stroͤme und dem eindringenden Ocean wieder. Die Wunder der Menſchenhand, die kuͤnſtlichen Canaͤle vertrocknen, die Fluͤſſe aͤndern ihren Lauf, das feſte Land ¹) Tacit. Annal. II. cap. 8. Sueton, in Claudl. Cap. I. n. 3. 30 und die See verwirren ihre Graͤnzen, und die Natur des Bo⸗ dens verwandelt ſich mit ſeinen Bewohnern. Der Zuſammen⸗ hang beider Zeiten ſcheint aufgehoben, und mit einem neuen Menſchengeſchlechte beginnt eine neue Geſchichte. Die Monarchie der Franken, die auf den Truͤmmern des roͤmiſchen Galliens entſtand, hatte im ſechsten und ſiebenten Jahrhundert alle niederlaͤndiſchen Provinzen verſchlungen und den chriſtlichen Glauben in dieſe Laͤnder gepflanzt. Friesland, das letzte unter allen, unterwarf Karl Martel, nach einem hartnaͤckigen Kriege, der fraͤnkiſchen Krone, und bahnte mit ſeinen Waffen dem Evangelium den Weg. Karl der Große vereinigte alle dieſe Laͤnder, die nun einen Theil der weitlaͤufigen Monarchie ausmachten, welche dieſer Eroberer aus Deutſchland, Frankreich und der Lombardei erſchuf. Wie dieſes große Reich unter ſeinen Nachkommen durch Theilung wieder zerriſſen ward, ſo zerfielen auch die Niederlande bald in deutſche, bald in fraͤn⸗ kiſche, bald in lotharingiſche Provinzen, und zuletzt finden wir ſie unter den beiden Namen von Friesland und Nieder⸗ lotharingen. ¹) Mit den Franken kam auch die Geburt des Nordens, die Lehnsverfaſſung, in dieſe Laͤnder, und auch hier artete ſie wie in allen uͤbrigen aus. Die maͤchtigern Vaſallen trennten ſich nach und nach von der Krone, und die koͤniglichen Beamten riſſen die Landſchaften, denen ſie vorſtehen ſollten, als ein erbliches Eigenthum an ſich. Aber dieſe abtruͤnnigen Vaſallen konnten ſich nur mit Huͤlfe ihrer Unterſaſſen gegen die Krone behaupten, und der Beiſtand, den dieſe leiſteten, mußte durch neue Belehnungen wieder erkauft werden. Durch fromme ¹) Allgemeine Geſchichte der vereinigten Niederlande. 1. Theil. Ates, 5tes Buch. 31 Uſurpationen und Schenkungen wurde die Geiſtlichkeit maͤchtig, und errang ſich bald ein eigenes unabhaͤngiges Daſeyn in ihren Abteien und biſchoͤflichen Sitzen. So waren die Niederlande im zehnten, eilften, zwoͤlften und dreizehnten Jahrhundert in mehrere kleine Souveraͤnetaͤten zerſplittert, deren Beſitzer bald dem deutſchen Kaiſerthume, bald den fraͤnkiſchen Koͤnigen hul⸗ digten. Durch Kauf, Heirathen, Vermaͤchtniſſe, oder auch durch Eroberungen wurden oft mehrere derſelben unter Einem Hauptſtamme wieder vereinigt, und im fuͤnfzehnten Jahrhundert ſehen wir das burgundiſche Haus im Beſitze des groͤßten Theils von den Niederlanden.) Philipp der Guͤtige, Herzog von Burgund, hatte mit mehr oder weniger Rechte ſchon eilf Provinzen unter ſeine Herrſchaft verſammelt, die Karl der Kuͤhne, ſein Sohn, durch die Gewalt der Waffen noch mit zwei neuen vermehrte. So entſtand unvermerkt ein neuer Staat in Europa, dem nichts als der Name fehlte, um das bluͤhendſte Koͤnigreich dieſes Welttheils zu ſeyn. Dieſe weit⸗ laͤufigen Beſitzungen machten die burgundiſchen Herzoge zu furchtbaren Graͤnznachbarn Frankreichs, und verſuchten Karls des Kuͤhnen unruhigen Geiſt, den Plan einer Eroberung zu entwerfen, der die ganze geſchloſſene Landſchaft von der Suͤderſee und der Muͤndung des Rheins bis hinauf ins Elſaß begreifen ſollte. Die unerſchoͤpflichen Huͤlfsquellen dieſes Fuͤrſten recht⸗ fertigen einigermaßen dieſe kuͤhne Chimaͤre. Eine furchtbare Heeresmacht droht ſie in Erfuͤllung zu bringen. Schon zitterte die Schweiz fuͤr ihre Freiheit, aber das treuloſe Gluͤck verließ ihn in drei ſchrecklichen Schlachten, und der ſchwindelnde Erobe⸗ rer ging unter den Lebenden und Todten verloren. 2) ¹) Grot. Annal, L. I. p. 2. 3. ²) Ein Page, der ihn fallen geſehen, und die Sieger einige Tage 32 Die einzige Erbin Karls des Kuͤhnen, Maria, die reichſte Fuͤrſtentochter und die unſelige Helena jener Zeit, die das Elend uͤber dieſe Laͤnder brachte, beſchaͤftigte jetzt die Er⸗ wartung der ganzen damaligen Welt. Zwei große Prinzen, Koͤnig Ludwig der Eilfte von Frankreich fuͤr den jungen Dauphin, ſeinen Sohn, und Maximilian von Oeſter⸗ reich, Kaiſer Friedrichs des Dritten Sohn, erſchienen unter ihren Freiern. Derjenige, dem ſie ihre Hand ſchenken wuͤrde, ſollte der maͤchtigſte Fuͤrſt in Europa werden, und hier zum erſten Male fing dieſer Welttheil an, fuͤr ſein Gleichgewicht zu fuͤrchten. Ludwig, der Maͤchtigere von beiden, konnte ſein Geſuch durch die Gewalt der Waffen unterſtuͤtzen; aber das niederlaͤndiſche Volk, das die Hand ſeiner Fuͤrſtin vergab, ging dieſen gefuͤrchteten Nachbar voruͤber, und entſchied fuͤr Maximilian, deſſen entlegenere Staaten und beſchraͤnktere Gewalt die Landesfreiheit weniger bedrohten. Eine treuloſe, ungluͤckliche Politik, die durch eine ſonderbare Fuͤgung des Himmels das traurige Schickſal nur beſchleunigte, welches zu verhindern ſie erſonnen ward. nach der Schlacht zu dem Orte fuͤhrte, rettete ihn noch von einer ſchimpflichen Vergeſſenheit. Man zog ſeinen Leichnam nackt und von Wunden ganz entſtellt aus einem Sumpfe, worein er feſtgefro⸗ ren war, und erkannte ihn mit vieler Muͤhe noch an einigen fehlen⸗ den Zaͤhnen und den Naͤgeln ſeiner Finger, die er laͤnger zu tragen pflegte, als ein anderer Menſch. Aber daß es, dieſer Kennzeichen ungeachtet, noch immer Unglaͤubige gab, die ſeinen Tod bezweifel⸗ ten und ſeiner Wiedererſcheinung entgegen ſahen, beweist eine Stelle aus dem Sendſchreiben, worin Ludwig der Eilfte die burgundiſchen Staͤdte aufforderte, zur Krone Frankreichs zuruͤck⸗ zukehren. Sollte ſich, heißt die Stelle, Herzog Karl noch am Leben finden, ſo ſeyd ihr eures Eides gegen mich wieder ledig. Commines, T. III. Preuves des Mémoires, 495. 497. * 33 Philipp dem Schoͤnen, der Maria und Maximi⸗ lians Sohn, brachte ſeine ſpaniſche Braut dieſe weitlaͤufige Monarchie, welche Ferdinand und Iſabella kuͤrzlich ge⸗ gruͤndet hatten; und Karl von Oeſterreich, ſein Sohn, war geborner Herr der Koͤnigreiche Spanien, beider Sicilien, der neuen Welt und der Niederlande. Das gemeine Volk ſtieg hier fruͤher, als in den uͤbrigen Lehnreichen, aus der Leibeigenſchaft empor, und gewann bald ein eigenes buͤrgerliches Daſeyn. Die guͤnſtige Lage des Landes an der Nordſee und an großen ſchiffbaren Fluͤſſen weckte hier fruͤhzeitig den Handel, der die Menſchen in Staͤdte zuſammen⸗ zog, den Kunſtfleiß ermunterte, Fremdlinge anlockte und Wohl⸗ ſtand und Ueberfluß unter ihnen verbreitete. So veraͤchtlich auch die kriegeriſche Politik jener Zeiten auf jede nuͤtzliche Han⸗ thierung herunterſah, ſo konnten dennoch die Landesherren die weſentlichen Vortheile nicht ganz verkennen, die ihnen daraus zuſtoſſen. Die anwachſende Bevoͤlkerung ihrer Laͤnder, die mancherlei Abgaben, die ſie unter den verſchiedenen Titeln von Zoll, Mauth, Weggeld, Geleite, Bruͤckengeld, Marktſchoß, Heim⸗ fallsrecht u. ſ. f. von Einheimiſchen und Fremden erpreßten, waren zu große Lockungen fur ſie, als daß ſie gegen die Urſachen haͤtten gleichguͤltig bleiben ſollen, denen ſie dieſelben verdankten. Ihre eigene Habſucht machte ſie zu Befoͤrderern des Handels, und die Barbarei ſelbſt, wie es oft geſchieht, half ſo lange aus, bis endlich eine geſunde Staatskunſt an ihre Stelle trat. In der Folge lockten ſie ſelbſt die lombardiſchen Kaufleute an, be⸗ willigten den Staͤdten einige koſtbare Privilegien und eigene Gerichtsbarkeit, wodurch dieſe ungemein viel an Anſehen und Einfluß gewannen. Die vielen Kriege, welche die Grafen und Herzoge unter einander mit ihren Nachbarn fuͤhrten, machten ſie von dem guten Willen der Staͤdte abhaͤngig, die ſich durch Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 3 34 ihren Reichthum Gewicht verſchafften, und fuͤr die Subſidien, welche ſie leiſteten, wichtige Vorrechte zu erringen wußten. Mit der Zeit wuchſen dieſe Privilegien der Gemeinheiten an, wie die Kreuzzuͤge dem Adel eine koſtbare Ausruͤſtung nothwendig machten, wie den Producten des Morgenlandes ein neuer Weg nach Europa geoͤffnet ward, und der einreißende Lurus neue Beduͤrfniſſe fuͤr ihre Fuͤrſten erſchuf. So finden wir ſchon im eilften und zwoͤlften Jahrhundert eine gemiſchte Regierungs⸗ verfaſſung in dieſen Laͤndern, wo die Macht des Souveraͤns durch den Einfluß der Staͤnde, des Adels naͤmlich, der Geiſt⸗ lichkeit und der Staͤdte, merklich beſchraͤnkt iſt. Dieſe, welche man Staaten nannte, kamen ſo oft zuſammen, als das Be⸗ duͤrfniß der Provinz es erheiſchte. Ohne ihre Bewilligung galten keine neuen Geſetze, durften keine Kriege gefuͤhrt, keine Steuern gehoben, keine Veraͤnderung in der Muͤnze gemacht und kein Fremder zu irgend einem Theile der Staatsverwaltung zugelaſ⸗ ſen werden. Dieſe Privilegien hatten alle Provinzen mit ein⸗ ander gemein; andere waren nach den verſchiedenen Landſchaften verſchieden. Die Regierung war erblich, aber der Sohn trat nicht eher, als nach feierlich beſchworner Conſtitution in die Rechte des Vaters. ⁴) Der erſte Geſetzgeber iſt die Noth; alle Beduͤrfniſſe, denen in dieſer Conſtitution begegnet wird, ſind urſpruͤngliche Beduͤrf⸗ niſſe des Handels geweſen. So iſt die ganze Verfaſſung der Republik auf Kaufmannſchaft gegruͤndet, und ihre Geſetze ſind ſpaͤter, als ihre Gewerbe. Der letzte Artikel in dieſer Conſtitu⸗ tion, welcher Auslaͤnder von aller Bedienung ausſchließt, iſt eine natuͤrliche Folge aller vorhergegangenen. Ein ſo verwickeltes und küͤnſtliches Verhaͤltniß des Souveraͤns zu dem Volke, das 1) Grotius. L. 1. 3. ſich in jeder Provinz, und oftmals in einer einzelnen Stadt noch beſonders abaͤnderte, erſorderte Maͤnner, die mit dem lebhafteſten Eifer fuͤr die Erhaltung der Landesfreiheiten auch die gruͤndlichſte Kenntniß derſelben verbanden. Beides konnte bei einem Fremdlinge nicht wohl vorausgeſetzt werden. Dieſes Geſetz galt uͤbrigens von jeder Provinz insbeſondere, ſo daß in Bra⸗ bant kein Flaͤminger, kein Hollaͤnder in Seeland angeſtellt wer⸗ den durfrte, und es erhielt ſich auch in der Folge, nachdem ſchon alle dieſe Provinzen unter Einem Oberhaupte vereinigt waren. Vor allen uͤbrigen genoß Brabant die uppigſte Freiheit. Seine Privilegien wurden fuͤr ſo koſtbar geachtet, daß viele Muͤtter aus den angraͤnzenden Provinzen gegen die Zeit ihrer Entbindung dahin zogen, um da zu gebaͤren und ihre Kinder aller Vorrechte dieſes gluͤcklichen Landes theilhaftig zu machen, eben ſo, ſagt Strada, wie man Gewaͤchſe eines rauhern Him⸗ mels in einem mildern Erdreiche veredelt. ¹) Nachdem das burgundiſche Haus mehrere Provinzen unter ſeine Herrſchaft vereinigt hatte, wurden die einzelnen Provincial⸗ verſammlungen, welche bisher unabhaͤngige Tribunale geweſen, an einen allgemeinen Gerichtshof zu Mecheln gewieſen, der die verſchiedenen Glieder in einen einzigen Koͤrper verband und alle buͤrgerlichen und peinlichen Haͤndel als die letzte Inſtanz entſchied. Die Souveraͤnetaͤt der einzelnen provinzen war aufgehoben, und im Senat zu Mecheln wohnte jetzt die Majeſtaͤt. Nach dem Tode Karls des Kuͤhnen verſaͤumten die Staͤnde nicht, die Verlegenheit ihrer Herzogin zu benutzen, die von den Waffen Frankreichs bedroht und in ihrer Gewalt war. ²) Die Staaten von Holland und Seeland zwangen ſie, 1) De Bel. Belge Dec. I. L. II. 54. Guicciardini Descr. Belg. 2) Mémoires de Philippe de Comines, T. I. 314, 36 einen großen Freiheitsbrief zu unterzeichnen, der ihnen die wichtigſten Souveraͤnetaͤtsrechte verſicherte.“) Der Uebermuth der Genter verging ſich ſo weit, daß ſie die Guͤnſtlinge der Maria, die das Ungluͤck gehabt hatten, ihnen zu mißfallen, eigenmaͤchtig vor ihren Richterſtuhl riſſen, und vor den Augen dieſer Fuͤrſtin enthaupteten. Waͤhrend des kurzen Regiments der Herzogin Maria bis zu ihrer Vermaͤhlung gewann die Gemeinheit eine Kraft, die ſie einem Freiſtaate ſehr nahe brachte. Nach dem Abſterben ſeiner Gemahlin uͤbernahm Maximilian aus eigener Macht, als Vormund ſeines Sohnes, die Regierung. Die Staaten, durch dieſen Eingriff in ihre Rechte beleidigt, er⸗ kannten ſeine Gewalt nicht, und konnten nicht weiter gebracht werden, als ihn auf eine beſtimmte Zeit und unter beſchwornen Bedingungen als Statthalter zu dulden. Maximilian glaubte die Conſtitution uͤbertreten zu duͤr⸗ fen, nachdem er roͤmiſcher Kaiſer geworden war. Er legte den Provinzen außerordentliche Steuern auf, vergab Bedienungen an Burgunder und Deutſche, und fuͤhrte fremde Truppen in die Provinzen. Aber mit der Macht ihres Regenten war auch die Eiferſucht dieſer Republicaner geſtiegen. Das Volk griff zu den Waffen, als er mit einem ſtarken Gefolge von Auslaͤn⸗ dern in Bruͤgges ſeinen Einzug hielt, bemaͤchtigte ſich ſeiner Perſon und ſetzte ihn auf dem Schloſſe gefangen. Ungeachtet der maͤchtigen Fuͤrſprache des kaiſerlichen und roͤmiſchen Ho⸗ fes erhielt er ſeine Freiheit nicht wieder, bis der Nation uͤber die beſtrittenen Punkte Sicherheit gegeben war. Die Sicherheit des Lebens und Eigenthums, die aus mildern Geſetzen und einer gleichen Handhabung der Juſtiz entſprang, hatte die Betriebſamkeit und den Fleiß in dieſen Laͤndern er⸗ ⁴) A. G. d. v. N. II. Th. 37 muntert. In ſtetem Kampfe mit dem Ocean und den Muͤn⸗ dungen reißender Fluͤſſe, die gegen das niedrigere Land wuͤ⸗ theten, und deren Gewalt durch Daͤmme und Canaͤle mußte gebrochen werden, hatte dieſes Volk feuͤhzeitig gelernt, auf die Natur um ſich herum zu merken, einem uͤberlegenen Elemente durch Fleiß und Standhaftigkeit zu trotzen, und, wie der Aegyptier, den ſein Nil unterrichtete, in einer kunſtreichen Gegenwehr ſeinen Erfindungsgeiſt und Scharfſinn zu uͤben. Die natuͤrliche Fruchtbarkeit ſeines Bodens, die den Ackerbau und die Viehzucht beguͤnſtigte, vermehrte zugleich die Bevoͤl⸗ kerung. Seine gluͤckliche Lage an der See und den großen ſchiffbaren Fluͤſſen Deutſchlands und Frankreichs, die zum Theil hier ins Meer fallen, ſo viele kuͤnſtliche Canaͤle, die das Land nach allen Richtungen durchſchneiden, belebten die Schifffahrt, und der innere Verkehr der Provinzen, der dadurch ſo leicht gemacht wurde, weckte bald einen Geiſt des Handels in die⸗ ſen Voͤlkern auf. Die benachbarten britanniſchen und daͤniſchen Kuͤſten waren die erſten, die von ihren Schiffen beſucht wurden. Die engliſche Wolle, die dieſe zuruͤckbrachten, beſchaͤftigte tauſend fleißige Haͤnde in Bruͤgges, Gent und Antwerpen, und ſchon in der Mitte des zwoͤlften Jahrhunderts wurden flandriſche Tuͤcher in Frankreich und Deutſchland getragen. Schon im eilften Jahrhundert fin⸗ den wir frieſiſche Schiffe im Belt und ſogar in der levantiſchen See. Dieſes muthige Volk unterſtand ſich ſogar, ohne Compaß, unter dem Nordpol hindurch bis zu der noͤrdlichen Spitze Ruß⸗ lands zu ſteuern.) Von den wendiſchen Staͤdten empfingen die Niederlande einen Theil des levantiſchen Handels, der damals noch aus dem ſchwarzen Meere durch das ruſſiſche ³) Fiſchers Geſchichte des d. Handels. I. Th. 447. 38 Reich nach der Oſtſee ging. Als dieſer im dreizehnten Jahr⸗ hundert zu ſinken anfing, als die Kreuzzuͤge den indiſchen Waaren einen neuen Weg durch die mittellaͤndiſche See eroͤff⸗ neten, die italieniſchen Staͤdte dieſen fruchtbaren Handelszweig an ſich riſſen, und in Deutſchland die große Hanſa zuſammen⸗ trat, wurden die Niederlande der wichtige Stapelort zwiſchen Norden und Suͤden. Noch war der Gebrauch des Compaſſes nicht allgemein, und man ſegelte noch langſam und um aͤndlich laͤngs den Kuͤſten. Die baltiſchen Seehaͤfen waren in den Wintermonaten mehrentheils zugefroren und jedem Fahrzeuge unzugaͤnglich. ¹) Schiffe alſo, die den weiten Weg von der mittellaͤndiſchen See in den Belt in Einer Jahrszeit nicht wohl beſchließen konnten, waͤhlten gern einen Vereinigungsplatz, der beiden Theilen in der Mitte gelegen war. Hinter ſich ein un⸗ ermeßliches feſtes Land, mit dem ſie durch ſchiffbare Stroͤme zu⸗ ſammenhingen, gegen Abend und Mitternacht dem Ocean durch wirthbare Haͤfen geoͤffnet, ſchienen ſie ausdruͤcklich zu einem Sammelplatze der Voͤlker und zum Mittelpunkte des Handels geſchaffen. In den vornehmſten niederlaͤndiſchen Staͤdten wur⸗ den Stapel errichtet. Portugieſen, Spanier, Italiener, Fran⸗ zoſen, Britten, Deutſche, Daͤnen und Schweden floſſen hier zuſammen mit Producten aus allen Gegenden der Welt. Die Concurrenz der Verkaͤufer ſetzte den Preis der Waaren herunter; die Induſtrie wurde belebt, weil der Markt vor der Thuͤr war. Mit dem nothwendigen Geldumtauſche kam der Wechſelhandel auf, der eine neue fruchtbare Quelle des Reichthums eroͤffnete. Die Landesfuͤrſten, welche mit ihrem wahren Vortheile endlich bekannter wurden, munterten den Kaufmann mit den wichtigſten Freiheiten auf, und wußten ihren Handel durch vortheilhafte 4) Anderſon III. 89. 39 Vertraͤge mit auswaͤrtigen Maͤchten zu ſchuͤtzen. Als ſich im fuͤnfzehnten Jahrhundert mehrere einzelne Provinzen unter Ei⸗ nem Beherrſcher vereinigten, hoͤrten auch ihre ſchaͤdlichen Privat⸗ kriege auf, und ihre getrennten Vortheile wurden jetzt durch eine gemeinſchaftliche Regierung genauer verbunden. Ihr Handel und Wohlſtand gedeihte im Schooß eines langen Friedens, den die uͤberlegene Macht ihrer Fuͤrſten den benachbarten Koͤnigen auferlegte. Die burgundiſche Flagge war gefuͤrchtet in allen Meeren, ¹) das Anſehen ihres Souveraͤns gab ihren Unter⸗ nehmungen Nachdruck, und machte die Verſuche eines Privat⸗ mannes zur Angelegenheit eines furchtbaren Staats. Ein ſo maͤchtiger Schutz ſetzte ſie bald in den Stand, dem Hanſebund ſelbſt zu entſagen, und dieſen trotzigen Feind durch alle Meere zu verfolgen. Die hanſiſchen Kauffahrer, denen die ſpaniſche Kuͤſte verſchloſſen wurde, mußten zuletzt wider Willen die flandri⸗ ſchen Meſſen beſuchen, und die ſpaniſchen Waaren auf nieder⸗ laͤndiſchem Stapel empfangen. Bruͤgges in Flandern war im vierzehnten und fuͤnfzehnten Jahrhundert der Mittelpunkt des ganzen europaͤiſchen Handels, und die große Meſſe aller Nativnen. Im Jahr 1468 wurden hundert und fuͤnfzig Kauffahrteiſchiffe gezaͤhlt, welche auf einmal in den Hafen von Sluys einliefen. ²) Außer der reichen Nieder⸗ lage des Hanſebundes waren hier noch fuͤnfzehn Handelsgeſell⸗ ſchaften mit ihren Comptoirs, viele Factoreien und Kaufmanns⸗ familien aus allen europaͤiſchen Laͤndern. Hier war der Stapel aller nordiſchen Producte fuͤr den Suͤden, und aller ſuͤdlichen und levantiſchen fuͤr den Norden errichtet. Dieſe gingen mit hanſiſchen Schiffen durch den Sund, und auf dem Rheine nach 1) Mémoires de Comines. L. III. chap. V. ²) Anderſon III. 237. 258. 260. 40 Oberdeutſchland, oder wurden auf der Achſe ſeitwaͤrts nach Braunſchweig und Luͤneburg verfahren. Es iſt der ganz natuͤrliche Gang der Menſchheit, daß eine zuͤgelloſe Ueppigkeit dieſem Wohlſtande folgte. Das verfuͤhreriſche Beiſpiel Philipps des Guͤtigen konnte dieſe Epoche nur beſchleunigen. Der Hof der burgundiſchen Herzoge war der wollüſtigſte und praͤchtigſte in Europa, ſelbſt wenn man Italien nicht ausnimmt. Die koſtbare Kleidertracht der Großen, die der ſpaniſchen nachher zum Muſter diente, und mit den bur⸗ gundiſchen Gebraͤuchen an den oͤſterreichiſchen Hof zuletzt uͤber⸗ ging, ſtieg bald zu dem Volke herunter, und der geringſte Buͤrger pflegte ſeines Leibes in Sammt und Seide.)„Dem Ueberfluſſe,“ ſagt uns Comines(ein Schriftſteller, der um die Mitte des fuͤnfzehnten Jahrhunderts die Niederlande durchreiste)„war der Hochmuth gefolgt. Die Pracht und Eitelkeit der Kleidung wurde 1) Philipp der Guͤtige war zu ſehr Verſchwender, um Schaͤtze zu ſammeln; dennoch fand Karl der Kuͤhne in ſeiner Ver⸗ laſſenſchaft an Tafelgeſchirre, Juwelen, Buͤchern, Tapeten und Lein⸗ wand einen groͤßern Vorrath aufgehaͤuft, als drei reiche Fuͤrſten⸗ thuͤmer damals zuſammen beſaßen, und noch uͤberdieß einen Schatz von dreimalhunderttauſend Thalern an baarem Gelde. Der Reichthum dieſes Fuͤrſten und des burgundiſchen Volkes lag auf den Schlachtfeldern bei Granſon, Murten und Nancy aufge⸗ deckt. Hier zog ein ſchweizeriſcher Soldat Karln dem Kuͤhnen den beruͤhmten Diamant vom Finger, der lange Zeit fuͤr den groͤßten von Europa galt, der noch jetzt als der zweite in der franzoͤſiſchen Krone prangt, und den der unwiſſende Finder fuͤr einen Gulden verkaufte. Die Schweizer verhandelten das gefundene Silber fuͤr Zinn, und das Gold gegen Kupfer, und riſſen die koſtbaren Ge⸗ zelte von Goldſioff in Stuͤcken. Der Werth der Beute, die man an Silber, Gold und Edelſteinen machte, wird auf drei Millionen geſchaͤtzt. Karl und ſein Heer waren nicht wie Feinde, die ſchlagen wollen, ſondern wie Ueberwinder, die nach dem Siege ſich ſchmuͤcken, zum Treffen gezogen. Comines I. 255. 259. 265. 41 von beiden Geſchlechtern zu einem ungeheuern Aufwande ge⸗ trieben. Auf einen ſo hohen Grad der Verſchwendung, wie hier, war der Lurus der Tafel bei keinem andern Volke noch geſtiegen. Die unſittliche Gemeinſchaft beider Geſchlechter in Baͤdern und aͤhnlichen Zuſammenkunften, die die Wolluſt erhitzten, hatten alle Schamhaftigkeit verbannt— und hier iſt nicht von der gewoͤhnlichen Ueppigkeit der Großen die Rede; der gemeinſte weibliche Poͤbel uͤberließ ſich dieſen Ausſchweifungen ohne Graͤnze und Maß.“ ¹) Aber wie viel erfreuender iſt ſelbſt dieſes Uebermaß dem Freunde der Menſchheit, als die traurige Genuͤgſamkeit des Mangels, und der Dummheit barbariſche Tugend, die beinahe das ganze damalige Europa daniederdruͤckten! Der burgundiſche Zeitraum ſchimmert wohlthaͤtig hervor aus jenen finſtern Jahr⸗ hunderten, wie ein lieblicher Fruͤhlingstag aus den Schauern des Hornungs. Aber eben dieſer bluͤhende Wohlſtand fuͤhrte endlich dieſe flandriſchen Staͤdte zu ihrem Verfalle. Gent und Bruͤgges, von Freiheit und Ueberfluß ſchwindelnd, kuͤndigen dem Beherr⸗ ſcher von eilf Provinzen, Philipp dem Guten, den Krieg an, der eben ſo ungluͤcklich fuͤr ſie endigt, als vermeſſen er unternommen ward. Gent allein verlor in dem Treffen bei Hayre viele tauſend Mann, und mußte den Zorn des Siegers mit einer Geldbuße von viermalhunderttauſend Goldguͤlden verſoͤhnen. Alle obrigkeitlichen Perſonen und die vornehmſten Buͤrger dieſer Stadt, zweitauſend an der Zahl, mußten im bloßen Hemde, barfuß und mit unbedecktem Haupte, dem Herzoge eine franzoͤſiſche Meile weit entgegen gehen, und ihn 4¹) Mémoires de M. Philippe de Comines. T. I. L. I. c. 2. L. V. c. 9. 291. Fiſchers G. d. d. Handels. II. Bd. 195 u. ſ. f. 4² knieend um Gnade bitten. Bei dieſer Gelegenheit wurden ihnen einige koſtbare Privilegien entriſſen; ein unerſetzlicher Verluſt fuͤr ihren ganzen kuͤnftigen Handel. Im Jahr 1482 kriegten ſie nicht viel gluͤcklicher mit Maximilian von Oeſterreich, ihm die Vormundſchaft uͤber ſeinen Sohn zu entreißen, deren er ſich widerrechtlich angemaßt hatte; die Stadt Bruͤgges ſetzte 1487 den Erzherzog ſelbſt gefangen, und ließ einige ſeiner vornehmſten Miniſter hinrichten. Kaiſer Friedrich der Dritte ruͤckte mit einem Kriegsheere in ihr Gebiet, ſeinen Sohn zu raͤchen, und hielt den Hafen von Sluys zehn Jahre lang geſperrt, wodurch ihr ganzer Handel gehemmt wurde. Hiebei leiſteten ihm Amſterdam und Antwerpen den wichtigſten Beiſtand, deren Eiferſucht durch den Flor der flandriſchen Staͤdte ſchon laͤngſt gereizt worden war. Die Italiener ſingen an, ihre eigenen Seidenzeuge nach Antwerpen zum Verkauf zu bringen, und die flandriſchen Tuchweber, die ſich in England nieder⸗ gelaſſen hatten, ſchickten gleichfalls ihre Waaren dahin, wodurch die Stadt Bruͤgges um zwei wichtige Handelszweige kam. Ihr hochfahrender Stolz hatte laͤngſt ſchon den Hanſebund be⸗ leidigt, der ſie jetzt auch verließ, und ſein Waarenlager nach Antwerpen verlegte. Im Jahr 1516 wanderten alle fremden Kaufleute aus, daß nur einige wenige Spanier blieben; aber ihr Wohlſtand verbluͤhte langſam, wie er aufgebluͤht war. 4) Antwerpen empfing im ſechzehnten Jahrhundert den Handel, den die Ueppigkeit der flandriſchen Saͤdte verjagte, und unter Karls des Fuͤnften Regierung war Antwerpen die lebendigſte und herrlichſte Stadt in der chriſtlichen Welt. Ein Strom, wie die Schelde, deren nahe breite Muͤndung die Ebbe und Fluth mit der Nordſee gemein hat, und geſchickt iſt, die ſchwerſten Schiffe ⁴) Anderſon. III. Theil. 200. 344. 315. 316. 488. *2 43 bis unter ſeine Mauern zu tragen, machte es zum natuͤrlichen Sammelplatze aller Schiffe, die dieſe Kuͤſte beſuchten. Seine Freimeſſen zogen aus allen Laͤndern Negocianten herbei. ¹) Die Induſtrie der Nation war im Anfange dieſes Jahrhunderts zu ihrer hoͤchſten Bluͤthe geſtiegen. Der Acker⸗ und Leinenbau, die Viehzucht, die Jagd und die Fiſcherei bereicherten den Land⸗ mann; Kuͤnſte, Manufacturen und Handlung den Staͤdter. Nicht lange, ſo ſah⸗man Producte des flandriſchen und brabanti⸗ ſchen Fleißes in Arabien, Perſten und Indien. Ihre Schiffe bedeckten den Ocean, und wir ſehen ſie im ſchwarzen Meere mit den Genueſern um die Schutzherrlichkeit ſtreiten.*) Den nieder⸗ laͤndiſchen Seemann unterſchied das Eigenthuͤmliche, daß er zu jeder Zeit des Jahrs unter Segel ging, und nie uͤberwinterte. Nachdem der neue Weg um das afrikaniſche Vorgebirge gefunden war, und der portugieſtſche Oſtindienhandel den levan⸗ tiſchen untergrub, empfanden die Niederlande die Wunde nicht, die den italieniſchen Republiken geſchlagen wurde; die Portugieſen richteten in Brabant ihren Stapel auf, und die Specereien von Calicut prangten jetzt auf dem Markte zu Antwerpen. 5) Hieher floſſen die weſtindiſchen Waaren, womit die ſtolze ſpaniſche Traͤgheit den niederlaͤndiſchen Kunſtfleiß bezahlte. Der oſtindiſche Stapel zog die beruͤhmteſten Handelshaͤuſer von Florenz, Lucca und Genua, und aus Augsburg die Fugger und Welſer hieher. Hieher brachte die Hanſa jetzt ihre nordiſchen Waaren, ¹) Zwei ſolcher Meſſen dauerten vierzig Tage, und jede Waare, die da verkauft wurde, war zollfrei. 2²) Anderſon. III. Theil. 155. 3) Der Werth der Gewuͤrz⸗ und Apothekerwaaren, die von Liſſabon dahingeſchafft wurden, ſoll ſich, nach Guicciardini's Angabe, auf eine Million Kronen belaufen haben. 44 und die engliſche Compagnie hatte hier ihre Niederlage. Kunſt und Natur ſchienen hier ihren ganzen Reichthum zur Schau zu legen. Es war eine praͤchtige Ausſtellung der Werke des Schoͤpfers und der Menſchen. ⁰) 5 Ihr Ruf verbreitete ſich bald durch die ganze Welt. Zu Ende dieſes Jahrhunderts ſuchte eine Societaͤt tuͤrkiſcher Kaufleute um Erlaubniß an, ſich hier niederzulaſſen, und die Producte des Orients uͤber Griechenland hiehzer zu liefern. Mit dem Waaren⸗ handel ſtieg auch der Geldhandel. Ihre Wechſelbriefe galten an allen Enden der Erde. Antwerpen, behauptet man, machte damals innerhalb eines Monats mehr und groͤßere Geſchaͤfte, als in zwei ganzen Jahren Venedig waͤhrend ſeiner glaͤnzendſten Zeiten. 2) Im Jahr 1491 hielt der ganze Hanſebund in dieſer Stadt ſeine feierliche Verſammlung, die ſonſt nur in Luͤbeck geweſen war. Im Jahr 1531 wurde die Boͤrſe gebaut, die praͤchtigſte im ganzen damaligen Europa, und die ihre ſtolze Auſſchrift erfuͤllte. Die Stadt zaͤhlte jetzt einmalhunderttauſend Bewohner. Das fluthende Leben, die Welt, die ſich unendlich hier draͤngte, uͤber⸗ ſteigt allen Glauben. Zwei, drittehalbhundert Maſten erſchienen oͤſters auf einmal in ſeinem Hafen; kein Tag verfloß, wo nicht fuͤnfhundert und mehrere Schiffe kamen und gingen; an den Markttagen lief dieſe Anzahl zu acht⸗ und neunhundert an. Taͤglich fuhren zweihundert und mehrere Kutſchen durch ſeine Thore; uͤber zweitauſend Frachtwagen ſah man in jeder Woche aus Deutſchland, Frankreich und Lothringen anlangen, die Bauer⸗ karren und Getreidefuhren ungerechnet, deren Anzahl gewoͤhnlich auf zehntauſend ſtieg. Dreißigtauſend Haͤnde waren in dieſer ¹) Meteren. I. Theil. I. Bd. 12. 45. ²) Fiſchers G. d. d. Handels. II. 595. u. ſ. f. 45 Stadt allein von der engliſchen Geſellſchaft der wagenden Kauf⸗ leute beſchaͤftigt. An Marktabgaben, Zoll und Acciſe gewann die Regierung jaͤhrlich Millionen. Von den Huͤlfsquellen der Nation koͤnnen wir uns eine Vorſtellung machen, wenn wir hoͤren, daß die außerordentlichen Steuern, die ſie Karl dem Fuͤnften zu ſeinen vielen Kriegen entrichten mußte, auf vierzig Millionen Goldes gerechnet wurden. ¹) Dieſen bluͤhenden Wohlſtand hatten die Niederlande eben ſo ſehr ihrer Freiheit, als der natuͤrlichen Lage ihres Landes zu danken. Schwankende Geſetze und die deſpotiſche Willtuͤr eines raͤuberiſchen Fuͤrſten wuͤrden alle Vortheile zernichtet haben, die eine guͤnſtige Natur in ſo reichlicher Fuͤlle uͤber ſie ausgegoſſen hatte. Nur die unverletzbare Heiligkeit der Gefetze kann dem Buͤrger die Fruͤchte ſeines Fleißes verſichern und ihm jene gluͤck⸗ liche Zuverſicht einfloͤßen, welche die Seele jeder Thaͤtigkeit iſt. Das Genie dieſer Nation, durch den Geiſt des Handels und den Verkehr mit ſo vielen Voͤlkern entwickelt, glaͤnzte in nuͤtz⸗ lichen Erfindungen; im Schooße des Ueberfluſſes und der Frei⸗ heit reiften alle edlern Kuͤnſte. Aus dem erleuchteten Italien, dem Cosmus von Medicis juͤngſt ſein goldnes Alter wieder⸗ gegeben, verpflanzten die Niederlaͤnder die Malerei, die Baukunſt, die Schnitz⸗ und Kupferſtecherkunſt in ihr Vaterland, die hier auf einem neuen Boden eine neue Bluͤthe gewannen. Die niederlaͤndiſche Schule, eine Tochter der italieniſchen, buhlte bald mit ihrer Mutter um den Preis, und gab, gemeinſchaftlich mit dieſer, der ſchoͤnen Kunſt in ganz Europa Geſetze. Die Manufacturen und Kuͤnſte, worauf die Niederlaͤnder ihren Wohlſtand hauptſaͤchlich gegruͤndet haben, und zum Theil noch 1¹) A. G. d. vereinigten Niederlande. II. Theil. 562. Fiſchers G. d. d. Handels, UI. 595 u. ſ. f. 46 gruͤnden, beduͤrfen keiner Erwaͤhnung mehr. Die Tapeten⸗ wirkerei, die Oelmalerei, die Kunſt auf Glas zu malen, die Taſchen⸗ und Sounenuhren ſelbſt, wie Guicciardini be⸗ hauptet, ſind urſpruͤnglich niederlaͤndiſche Erfindungen; ihnen dankt man die Verbeſſerung des Compaſſes, deſſen Punkte man noch jetzt unter niederlaͤndiſchen Namen kennt. Im Jahr 1482 wurde die Buchdruckerkunſt in Haarlem erfunden, und das Schickſal wollte, daß dieſe nuͤtzliche Kunſt ein Jahr⸗ hundert nachher ihr Vaterland mit der Freiheit belohnen ſollte. Mit dem fruchtbarſten Genie zu neuen Erfindungen verban⸗ den ſie ein gluͤckliches Talent, fremde und ſchon vorhandene zu verbeſſern; wenige mechaniſche Kuͤnſte und Manufacturen werden ſeyn, die nicht entweder auf dieſem Boden erzeugt, oder doch zu groͤßerer Vollkommenheit gediehen ſind. Die Niederlande unter Karl dem Fünften. Bis hieher waren dieſe Provinzen der beneidenswuͤrdigſte Staat in Europa. Keiner der burgundiſchen Herzoge hatte ſich einkommen laſſen, die Conſtitution umzuſtoßen; ſelbſt Karls des Kuͤhnen verwegnem Geiſte, der einem auswaͤrtigen Freiſtaate die Knechtſchaft bereitete, war ſie heilig geblieben. Alle dieſe Fuͤrſten wuchſen in keiner hoͤhern Erwartung auf, als uͤber eine Republik zu gebieten, und keines ihrer Laͤnder konnte ihnen eine andere Erfahrung geben. Außerdem beſaßen dieſe Fuͤrſten nichts, als was die Niederlande ihnen gaben, keine Heere, als welche die Nation fuͤr ſie ins Feld ſtellte, keine Reichthuͤmer, als welche die Staͤnde ihnen bewilligten. Jetzt veraͤnderte ſich Alles. Jetzt waren ſie einem Herrn zugefallen, dem andere Werkzeuge und andere Huͤlfsquellen zu Gebote ſtanden, der eine fremde Macht gegen ſie bewaffnen konnte. ¹) 1) Die unnataͤrliche Verbindung zweier ſo widerſprechenden Nationen, wie die Niederlaͤnder und Spanier ſind, konnte nimmermehr gluͤck⸗ lich ausſchlagen. Ich kann mich nicht enthalten, die Parallele hier aufzunehmen, welche Grotius in einer kraftvollen Sprache zwi⸗ ſchen beiden angeſtellt hat.„Mit den anwohnenden Voͤlkern,“ ſagt er,„konnten die Niederlaͤnder leicht ein gutes Vernehmen unterhalten, da jene eines Stammes mit ihnen und auf denſelben Wegen herangewachſen waren. Spanier und Niederlaͤnder aber gehen in den meiſten Dingen von einander ab, und ſtoßen, wo ſie 48 Karl der Fuͤnfte ſchaltete willkuͤrlich in ſeinen ſpaniſchen Staaten; in den Niederlanden war er nichts, als der erſte zuſammentreffen, deſto heftiger gegen einander. Beide hatten ſeit vielen Jahrhunderten im Kriege geglaͤnzt, nur daß letztere jetzt, in einer uͤppigen Ruhe, der Waffen entwoͤhnt, jene aber durch die ita⸗ lieniſchen und afrikaniſchen Feldzuͤge in Uebung erhalten waren. Die Neigung zum Gewinn macht den Niederländer mehr zum Frie⸗ den geneigt, aber nicht weniger empfindlich gegen Beleidigung. Kein Volk iſt von Eroberungsſucht freier, aber keines vertheidigt ſein Eigenthum beſſer. Daher die zahlreichen, in einen engen Erdſtrich zuſammengedraͤngten Staͤdte, durch fremde Ankoͤmmlinge und eigene Bevoͤlkerung vollgepreßt, an der See und den groͤßern Stroͤmen befeſtigt. Daher konnten ihnen, acht Jahrhunderte nach dem nordiſchen Voͤlkerzuge, fremde Waffen nichts anhaben. Spa⸗ nien hingegen wechſelte ſeinen Herrn weit oͤfter; als es zuletzt in die Haͤnde der Gothen ſiel, hatten ſein Charakter und ſeine Sitten mehr oder weniger— ſchon von jedem Sieger gelitten. Am Ende aller dieſer Vermiſchungen beſchreibt man uns dieſes Volk als das geduldigſte bei der Arbeit, das unerſchrockenſte in Gefahren, gleich luͤſtern nach Reichthum und Ehre, ſtolz bis zur Geringſchaͤtzung Anderer, andaͤchtig und fremder Wohlthaten eingedenk, aber auch ſo rachſuͤchtig und ausgelaſſen im Stiege, als ob gegen den Feind weder Gewiſſen noch Ehre gaͤlte. Alles dieſes iſt dem Nieder⸗ laͤnder fremd, der liſtig iſt, aber nicht tuͤckiſch, der, zwiſchen Frank⸗ reich und Deutſchland in die Mitte gepflant, die Gebrechen und Vorzuͤge beider Voͤlker in einer ſanftern Miſchung maͤßigt. Ihn hintergeht man nicht leicht, und nicht ungeſtraft beleidigt man ihn. Auch in Gottesverehrung gibt er dem Spanier nichts nach; von dem Chriſtenthum, wozu er ſich einmal bekannte, konnten ihn die Waffen der Normaͤnner nicht abtruͤnnig machen, keine Mei⸗ nung, welche die Kirche verdammt, hatte bis jetzt die Reinigkeit ſeines Glaubens vergiftet. Ja, ſeine frommen Verſchwendungen gingen ſo weit, daß man der Habſucht ſeiner Geiſtlichen durch Geſetze Einhalt thun mußte. Beiden Voͤlkern iſt eine Ergebenheit gegen ihren Landesherrn angeboren, mit dem Unterſchiede nur, daß der Niederlaͤnder die Geſetze uͤber die Koͤnige ſtellt. Unter den 49 Buͤrger. Die vollkommenſte Unterwerfung im Suͤden ſeines Reichs mußte ihm gegen die Rechte der Individuen Gering⸗ ſchaͤzung geben; hier erinnerte man ihn, ſie zu ehren. Je mehr er dort das Vergnuͤgen der unumſchraͤnkten Gewalt koſtete, und je groͤßer die Meinung war, die ihm von ſeinem Selbſt aufgedrungen wurde, deſto ungerner mußte er hier zu der beſcheidenen Menſchheit herunterſteigen, deſto mehr mußte er gereizt werden, dieſes Hinderniß zu beſiegen. Schon eine große Tugend wird verlangt, die Macht, die ſich unſern liebſten Wuͤnſchen widerſetzt, nicht als eine feindliche zu bekriegen. Das Uebergewicht Karls weckte zu gleicher Zeit das Miß⸗ trauen bei den Niederlaͤndern auf, das ſtets die Unmacht begleitet. Nie waren ſie fuͤr ihre Verfaſſung empfindlicher, nie zweifelhafter uͤber die Rechte des Souveraͤns, nie vor⸗ ſichtiger in ihren Verhandlungen geweſen. Wir finden unter ſeiner Regierung die gewaltthaͤtigſten Ausbruͤche des republi⸗ caniſchen Geiſtes und die Anmaßungen der Nation oft bis zum Mißbrauche getrieben, welches die Fortſchritte der koͤnig⸗ lichen Gewalt mit einem Scheine von Rechtmaͤßigkeit ſchmuͤckte. Ein Souveraͤn wird die buͤrgerliche Freiheit immer als einen veraͤußerten Diſtrict ſeines Gebiets betrachten, den er wieder gewinnen muß. Einem Buͤrger iſt die ſouveraͤne Herrſchaft uͤbrigen Spaniern wollen die Caſtilianer mit der meiſten Vorſicht regiert ſeyn; aber die Freiheiten, worauf ſie ſelbſt Anſpruch machen, goͤnnen ſie Andern nicht gern. Daher die ſo ſchwere Aufgabe fuͤr ihren gemeinſchaftlichen Oberherrn, ſeine Aufmerkſamkeit und Sorg⸗ falt unter beide Nationen ſo zu vertheilen, daß weder der Vor⸗ zug der Caſtilianer den Niederlaͤnder kraͤnke, noch die Gleichſtel⸗ lung des Letztern den caſtilianiſchen Hochmuth beleidige.“ Grotii Annal. Belg. L. I. 4. 5 seq. Schillers ſammtl. Werke. VIII. 4 50 ein reißender Strom, der ſeine Gerechtſame uͤberſchwemmt. Die Niederlaͤnder ſchuͤtzten ſich durch Daͤmme gegen ihren Ocean, und gegen ihre Fuͤrſten durch Conſtitutionen. Die ganze Welt⸗ geſchichte iſt ein ewig wiederholter Kampf der Herrſchſucht und der Freiheit um dieſen ſtreitigen Fleck Landes, wie die Ge⸗ ſchichte der Natur nichts Anderes iſt, als ein Kampf der Ele⸗ mente und Koͤrper um ihren Raum. Die Niederlande empfanden bald, daß ſie die Provinz einer Monarchie geworden waren. So lange ihre vorigen Beherrſcher kein hoͤheres Anliegen hatten, als ihren Wohlſtand abzuwarten, naͤherte ſich ihr Zuſtand dem ſtillen Gluͤcke einer geſchloſſenen Fa⸗ milie, deren Haupt der Regent war, Karl der Fuͤnfte fuͤhrte ſie auf den Schauplatz der politiſchen Welt. Jetzt machten ſie ein Glied des Rieſenkoͤrpers aus, den die Ehrſucht eines Ein⸗ zigen zu ihrem Werkzeuge gebrauchte. Sie hoͤrten auf, ihr eigener Zweck zu ſeyn; der Mittelpunkt ihres Daſeyns war in die Seele ihres Regenten verlegt. Da ſeine ganze Regierung nur eine Bewegung nach außen, oder eine politiſche Handlung war, ſo mußte er vor allen Dingen ſeiner Gliedmaßen maͤchtig ſeyn, um ſich ihrer mit Nachdruck und Schnelligkeit zu bedienen. Unmoͤglich konnte er ſich alſo in die langwierige Mechanik ihres innern buͤrgerlichen Lebens verwickeln, oder ihren eigenthuͤm⸗ lichen Vorrechten die gewiſſenhafte Aufmerkſamkeit widerfahren laſſen, die ihre republicaniſche Umſtaͤndlichkeit verlangte. Mit einem kuͤhnen Monarchenſchritte trat er den kuͤnſtlichen Bau einer Wuͤrmerwelt nieder. Er mußte ſich den Gebrauch ihrer Kraͤfte erleichtern durch Einheit. Das Tribunal zu Mecheln war bis jetzt ein unabhaͤngiger Gerichtshof geweſen; er unter⸗ warf ihn einem koͤniglichen Rathe, den er in Bruͤſfel niederſetzte, und der ein Organ ſeines Willens war. In das Innerſte ihrer Verfaſſung fuͤhrte er Auslaͤnder, denen er die wichtigſten Be⸗ 51 dienungen anvertraute. Menſchen, die keinen Ruͤckhalt hatten, als die koönigliche Gnade, konnten nicht anders, als ſchlimme Huter einer Gerechtſame ſeyn, die ihnen noch dazu wenig be⸗ kannt war. Der wachſende Aufwand ſeiner kriegeriſchen Re⸗ gierung noͤthigte ihn, ſeine Huͤlfsquellen zu vermehren. Mit Hintanſetzung ihrer heiligſten Privilegien legte er den Provinzen ungewoͤhnliche Steuern auf; die Staaten, um ihr Anſehen zu retten, mußten bewilligen, was er ſo beſcheiden geweſen war nicht ertrotzen zu wollen; die ganze Regterungsgeſchichte dieſes Monarchen in den Niederlanden iſt beinahe nur ein fortlaufen⸗ des Verzeichniß eingeforderter, verweigerter und endlich doch be⸗ willigter Steuern. Der Conſtitution zuwider fuͤhrte er fremde Truppen in ihr Gebiet, ließ in den Provinzen fuͤr ſeine Armeen werben, und verwickelte ſie in Kriege, die ihrem Intereſſe gleichguͤltig, wo nicht ſchaͤdlich waren, und die ſie nicht gebilliget hatten. Er beſtrafte die Vergeh angen eines Fr Monarch, und Gents fuͤrchterliche Zuͤchtigung kundigte ihnen die große Veraͤnderung an, die ihre Verfaſſung bereits erlitten hatte. Der Wohlſtand des Landes war in ſo weit geſichert, als er den Staatsentwuͤrfen ſeines Beherrſchers nothwendig war, als Karls vernuͤnftige Politik die Geſundheitsregel des Koͤrpers gewiß nicht verletzte, den er anzuſtrengen ſich genoͤthigt ſah. Gluͤck⸗ licherweiſe fuͤhren die entgegengeſetzten Entwuͤrfe der Herrſch⸗ ſucht und der uneigennutzigſten Menſchenliebe oft auf eins, und die buͤrgerliche Wohlfahrt, die ſich ein Marcus Aurelius zum Ziele ſetzt, wird unter einem Auguſt und Ludwig ge⸗ legentlich befoͤrdert. Karl der Fuͤnſte erkannte vo Ukommen, daß Handel die arke der Nation war, und ihres Handels Grundfeſte— Frei⸗ heit. Er ſchonte ihrer Freiheit, weil er ihrer Staͤrke bedurfte. Staatskundigerer, nicht gerechter, als ſein Sohn, unterwarf er ſeine Maxrimen dem Beduͤrfniſſe des Orts und der Gegen⸗ wart, und nahm in Antwerpen eine Verordnung zuruͤck, die er mit allen Schrecken der Gewalt in Madrid wuͤrde behauptet haben. Was die Regierung Karls des Fuͤnften fuͤr die Nieder⸗ lande beſonders merkwuͤrdig macht, iſt die große Glaubens⸗ revolution, welche unter ihr erfolgte, und welche uns, als die vornehmſte Quelle des nachfolgenden Aufſtandes, etwas um⸗ ſtaͤndlicher beſchaͤftigen ſoll. Sie zuerſt fuͤhrte die willuͤrliche Gewalt in das innerſte Heiligthum ihrer Verfaſſung, lehrte ſie ein ſchreckliches Probeſtuͤck ihrer Geſchicklichkeit ablegen, und machte ſie gleichſam geſetzmaͤßig, indem ſie den republicaniſchen Geiſt auf eine gefaͤhrliche Spitze ſtellte. So wie der letztere in Anarchie und Aufruhr hinuͤber ſchweifte, erſtieg die monarchiſche Gewalt die aͤußerſte Hoͤhe des Deſpotismus. Nichts iſt natuͤrlicher, als der Uebergang buͤrgerlicher Frei⸗ heit in Gewiſſensfreiheit. Der Menſch, oder das Volk, die durch eine gluͤckliche Staatsverſaſſung mit Menſchenwerih einmal bekannt geworden, die das Geſetz das uͤber ſie ſprechen ſoll ein⸗ zuſehen gewoͤhnt worden ſind, oder es auch ſelber erſchaffen ha⸗ hen, deren Geiſt durch Thaͤtigkeit aufgehellt, deren Gefuͤhle durch Lebensgenuß aufgeſchloſſen, deren natuͤrlicher Muth durch innere Sicherheit und Wohlſtand erhoben worden, ein ſolches Volk und ein ſolcher Menſch werden ſich ſchwerer, als andere, in die blinde Herrſchaft eines dumpſen deſpotiſchen Glaubens ergeben, und ſich fruͤher, als andere, wieder davon emporrichten. Noch ein anderer Umſtand mußte das Wachsthum der neuen Religion in dieſen Laͤndern beguͤnſtigen. Italien, damals der Sitz der groͤßten Geiſtesverfeinerung, ein Land, wo ſonſt immer die hef⸗ tigſten politiſchen Factionen gewuͤthet haben, wo ein brennendes 53 Klima das Blut zu den wildeſten Affecten erhitzt, Italien, koͤnnte man einwenden, blieb unter allen europaͤiſchen Laͤndern beinahe am meiſten von dieſer Neuerung frei. Aber einem romanti⸗ ſchen Volke, das durch einen warmen und lieblichen Himmel, durch eine uͤppige, immer junge und immer lachende Natur und die mannichfaltigſten Zaubereien der Kunſt in einem ewigen Sinnengenuſſe erhalten wird, war eine Religion angemeſſener, deren praͤchtiger Pomp die Sinne gefangen nimmt, deren ge⸗ heimnißvolle Raͤthſel der Phantaſie einen unendlichen Raum er⸗ oͤffnen, deren vornehmſte Lehren ſich durch maleriſche Formen in die Seele einſchmeicheln. Einem Volke im Gegentheile, das durch die Geſchaͤfte des gemeinen buͤrgerlichen Lebens zu einer undichteriſchen Wirklichkeit herabgezogen, in deutlichen Begriffen mehr als in Bildern lebt, und auf Unkoſten der Einbildungs⸗ kraft ſeine Menſchenvernunft ausbildet— einem ſolchen Volke wird ſich ein Glaube empfehlen, der die Pruͤfung weniger fuͤrch⸗ tet, der weniger auf Myſtik als auf Sittenlehre dringt, weniger angeſchaut als begriffen werden kann. Mit kuͤrzern Worten: die katholiſche Religion wird im Ganzen mehr fuͤr ein Kuͤnſtler⸗ volk, die proteſtantiſche mehr fuͤr ein Kaufmannvolk taugen. Dieß vorausgeſetzt, mußte die neue Lehre, welche Luther in Deutſchland, und Calvin in der Schweiz verbreiteten, in den Niederlanden das guͤnſtigſte Erdreich finden. Ihre erſten Keime wurden durch die proteſtantiſchen Kaufleute, die ſich in Amſterdam und Antwerpen ſammelten, in die Niederlande ge⸗ worfen. Die deutſchen und ſchweizeriſchen Truppen, welche Karl in dieſe Laͤnder einfuͤhrte, und die große Menge franzoͤ⸗ ſiſcher, deutſcher und engliſcher Fluͤchtlinge, die dem Schwerte der Verfolgung, das in dem Vaterlande ihrer wartete, in den Freiheiten Flanderns zu entſtiehen ſuchten, befoͤrderten ihre Verbreitung. Ein großer Theil des niederlaͤndiſchen Adels ſtu⸗ 54 dirte damals in Genf, weil die Akademie von Loͤwen noch nicht in Aufnahme war, die von Douai aber noch erſt geſtiftet wer⸗ den ſollte; die neuen Religionsbegriffe, die dort oͤffentlich ge⸗ lehrt wurden, brachte die ſtubirende Jugend mit in ihr Vater⸗ land zuruͤck. Bei einem unvermiſchten geſchloſſenen Volke konn⸗ ten dieſe erſten Keime erdruͤckt werden. Der Zuſammenfluß ſo vieler und ſo ungleicher Nationen in den hollaͤndiſchen und bra⸗ hantiſchen Stapelſtaͤdten mußte ihr erſtes Wachsthum dem Auge der Regierung entziehen, und unter der Huͤlle der Verborgen⸗ heit beſchleunigen. Eine Verſchiedenheit in der Meinung konnte leicht Raum gewinnen, wo kein gemeinſchaftlicher Volkscharakter, keine Einheit der Sitten und der Geſetze war. In einem Lande endlich, wo Arbeitſamkeit die geruͤhmteſte Tugend, Bettelei das yeraͤchtlichſte Laſter war, mußte ein Orden des Muͤßiggangs, der Moͤnchſtand, lange anſtoͤßig geweſen ſeyn. Die neue Re⸗ ligion, die dagegen eiferte, gewann daher ſchon unendlich viel, daß ſie in dieſem Stuͤcke die Meinung des Volks ſchon auf ihrer Seite hatte. Fliegende Schriften voll Bitterkeit und Satyre, de⸗ nen die neuerfundene Buchdruckerkunſt in dieſen Laͤndern einen ſchnellern Umlauf gab, und mehrere damals in den Provinzen herumziehende Rednerbanden, Rederyker genannt, welche in theatraliſchen Vorſtellungen oder Liedern die Mißbraͤuche ihrer Zeit verſpotteten, trugen nicht wenig dazu bei, das Anſehen der roͤmiſchen Kirche zu ſtuͤrzen, und der neuen Lehre in den Ge⸗ muͤthern des Volks eine guͤnſtige Aufnahme zu bereiten. ⁴) Ihre erſten Eroberungen gingen zum Erſtaunen geſchwind; die Zahl derer, die ſich in kurzer Zeit, vorzuͤglich in den noͤrd⸗ lichen Provinzen, zu der neuen Secte bekannten, iſt ungeheuer; 4) A. G. d. v. Niederlande. II. Theil. 399; ſiehe die Note. noch aber uͤberwogen hierinnen die Auslaͤnder bei weitem die gebornen Niederlaͤnder. Karl der Fuͤnfte, der bei dieſer großen Glaubenstrennung die Partei genommen hatte, die ein Deſpot nicht verfehlen kann, ſetzte dem zunehmenden Strome der Neuerung die nachdruͤcklichſten Mittel entgegen. Zum Un⸗ gluͤck fuͤr die verbeſſerte Religion war die politiſche Gerechtigkeit auf der Seite ihres Verfolgers. Der Damm, der die menſch⸗ liche Vernunft ſo viele Jahrhunderte lang von der Wahrheit ah⸗ gewehrt hatte, war zu ſchnell weggeriſſen, als daß der los⸗ brechende Strom nicht uͤber ſein angewieſenes Bette haͤtte aus⸗ treten ſollen. Der wiederauflebende Geiſt der Freiheit und der Pruͤfung, der doch nur in den Graͤnzen der Religionsfragen haͤtte verharren ſollen, unterſuchte jetzt auch die Rechte der Koͤ⸗ nige.— Da man anfangs nur eiſerne Feſſeln brach, wollte man zuletzt auch die rechtmaͤßigſten und nothwendigſten Bande zer⸗ reißen. Die Buͤcher der Schrift, die nunmehr allgemeiner ge⸗ worden waren, mußten jetzt dem abenteuerlichſten Fanatismus eben ſo gut Gift, als der aufrichtigſten Wahrheitsliebe Licht und Nahrung borgen. Die gute Sache hatte den ſchlimmen Weg der Rebellion waͤhlen muͤſſen, und jetzt erfolgte, was immer erfolgen wird, ſo lange Menſchen Menſchen ſeyn wer⸗ den. Auch die ſchlimme Sache, die mit jener nichts, als das geſetzwidrige Mittel gemein hatte, durch dieſe Verwandtſchaft dreiſter gemacht, erſchien in ihrer Geſellſchaft und wurde mit ihr verwechſelt. Luther hatte gegen die Anbetung der Hei⸗ ligen geeifert— jeder freche Bube, der in ihre Kirchen und Kloͤſter brach und ihre Altaͤre beraubte, hieß jetzt Luthera⸗ ner. Die Faction, die Raubſucht, der Schwindelgeiſt, die Unzucht kleideten ſich in ſeine Farbe, die ungeheuerſten Ver⸗ brecher bekannten ſich vor den Richtern zu ſeiner Secte. Die Reformation hatte den roͤmiſchen Biſchof zu der fehlenden 56 Menſchheit herabgezogen— eine raſende Bande, vom Hunger begeiſtert, will allen Unterſchied der Staͤnde vernichtet wiſſen. Natuͤrlich, daß eine Lehre, die ſich dem Staate nur von ihrer verderblichen Seite ankuͤndigte, einen Monarchen nicht mit ſich ausſoͤhnen konnte, der ſchon ſo viele Urſache hatte, ſie zu ver⸗ tilgen— und kein Wunder alſo, daß er die Waffen gegen ſie benutzte, die ſie ihm ſelbſt aufgedrungen hatte! Karl mußte ſich in den Niederlanden ſchon als abſoluten Fuͤrſten betrachten, da er die Glaubensfreiheit, die er Deutſch⸗ land angedeihen ließ, nicht auch auf jene Laͤnder ausdehnte. Waͤhrend daß er, von der nachdruͤcklichen Gegenwehr unſerer Fuͤrſten gezwungen, der neuen Religion hier eine ruhige Uebung verſicherte, ließ er ſie dort durch die grauſamſten Edicte ver⸗ folgen. Das Leſen der Evangeliſten und Apoſtel, alle oͤffentlichen oder heimlichen Verſammlungen, zu denen nur irgend die Re⸗ ligion ihren Namen gab, alle Geſpraͤche dieſes Inhalts, zu Hauſe und uͤber Tiſche, waren in dieſen Edicten bei ſtrengen Strafen unterſagt. In allen Provinzen des Landes wurden beſondere Gerichte niedergeſetzt, uͤber die Vollſtreckung der Edicte zu wachen. Wer irrige Meinungen hegte, war, ohne Ruͤckſicht ſeines Ranges, ſeiner Bedienung verluſtig. Wer uͤberwieſen wurde, ketzeriſche Lehren verbreitet, oder auch nur den geheimen Zuſammenkuͤnften der Glaubensverbeſſerer beigewohnt zu haben, war zum Tode verdammt, Mannsperſonen mit dem Schwerte hingerichtet, Weiber aber lebendig begraben. Ruͤckfaͤllige Ketzer uͤbergab man dem Feuer. Dieſe fuͤrchterlichen Urtheilsſpruͤche konnte ſelbſt der Widerruf des Verbrechers nicht aufheben. Wer ſeine Irrthuͤmer abſchwur, hatte nichts dabei gewonnen, als hoͤchſtens eine gelindere Todesart. ¹) — ¹) Thuan. Hist. P. I. L. VI. 500. Grot. L. J. 57 Die Lehensguͤter eines Verurtheilten fielen dem Fiscus zu, gegen alle Privilegien des Landes, nach welchen es dem Erben geſtattet war, ſie mit wenigem Gelde zu loͤſen. Gegen ein ausdruͤckliches koſtbares Vorrecht des hollaͤndiſchen Buͤrgers, nicht außerhalb ſeiner Provinz gerichtet zu werden, wurden die Schuldigen aus den Graͤnzen der vaͤterlichen Gerichtsbarkeit gefuͤhrt und durch fremde Tribunale verurtheilt. So mußte die Religion dem Deſpotismus die Hand fuͤhren, Freiheiten, die dem weltlichen Arme unverletzlich waren, mit heiligem Griffe ohne Gefahr und Widerſpruch anzutaſten.) Karl der Fuͤnfte, durch den gluͤcklichen Fortgang ſeiner Waffen in Deutſchland kuͤhn gemacht, glaubte nun Alles wagen zu duͤrfen, und dachte ernſtlich darauf, die ſpaniſche Inquiſition in die Niederlande zu pflanzen. Schon allein die Furcht dieſes Namens brachte in Antwerpen ploͤtzlich den Handel zum Still⸗ ſtand. Die vornehmſten fremden Kaufleute ſtunden im Begriff, die Stadt zu verlaſſen. Man kaufte und verkaufte nichts mehr. Der Werth der Gebaͤude fiel, die Handwerke ſtunden ſtille. Das Geld verlor ſich aus den Haͤnden des Buͤrgers. Unvermeidlich war der Untergang dieſer bluͤhenden Handelsſtadt, wenn Karl der Fuͤnfte, durch die Vorſtellungen der Statthalterin uͤberfuͤhrt, dieſen gefaͤhrlichen Anſchlag nicht haͤtte fallen laſſen. Dem Tri⸗ bunale wurde alſo gegen auswaͤrtige Kaufleute Schonung em⸗ pfohlen, und der Name der Inquiſition gegen die mildere Be⸗ nennung geiſtlicher Richter vertauſcht. Aber in den uͤbrigen Provinzen fuhr dieſes Tribunal fort, mit dem unmenſchlichen Deſpotismus zu wuͤthen, der ihm eigenthuͤmlich iſt. Man will berechnet haben, daß waͤhrend Karls des Fuͤnften Regierung 4) A. G. d. v. N. II. B. 547. 58 fuͤnfzigtauſend Menſchen, allein der Religion wegen, durch die Hand des Nachrichters gefallen ſind. ¹) Wirft man einen Blick auf das gewaltſame Verfahren dieſes Monarchen, ſo hat man Muͤhe zu begreifen, was den Aufruhr, der unter der folgenden Regierung ſo wuͤthend hervorbrach, waͤhrend der ſeinigen in Schranken gehalten hat. Eine naͤhere Beleuchtung wird dieſen Umſtand aufklaͤren. Karls gefuͤrchtete Uebermacht in Europa hatte den niederlaͤndiſchen Handel zu einer Groͤße erhoben, die ihm vorher niemals geworden war. Die Majeſtaͤt ſeines Namens ſchloß ihren Schiffen alle Haͤfen auf, reinigte fuͤr ſie alle Meere, und bereitete ihnen die guͤnſtigſten Handelsvertraͤge mit auswaͤrtigen Maͤchten. Durch ihn vorzuͤglich richteten ſie die Oberherrſchaft der Hanſa in der Oſtſee zu Grunde. Die neue Welt, Spanien, Italien, Deutſchland, die nunmehr Einen Beherrſcher mit ihnen theilten, waren gleichſam als Provinzen ihres eigenen Vaterlandes zu betrachten, und lagen allen ihren Unternehmungen offen. Er hatte ferner die noch uͤbrigen ſechs Provinzen mit der burgundiſchen Erbſchaft vereinigt, und dieſem Staate einen Umfang, eine politiſche Wich⸗ tigkeit gegeben, die ihn den erſten Monarchien Europens an die Seite ſetzte. 2) Dadurch ſchmeichelte er dem Nationalſtolze dieſes ¹) Meteren. 4. Th. 1. Buch. 56. 57. Grot. Annal. Belg. L. I. 12. Der Letztere nennt hunderttauſend. A. G. d. v. N. Th. II. 519. ²) Er war auch einmal Willens, ihn zu einem Koͤnigreiche zu er⸗ heben; aber die weſentlichen Verſchiedenheiten der Provinzen unter⸗ einander, die ſich von Verfaſſung und Sitte bis zu Maß und Gewicht erſtreckten, brachten ihn von dieſem Vorſatze zuruͤck. Weſentlicher haͤtte der Dienſt werden koͤnnen, den er ihnen durch den burgundiſchen Vertrag leiſtete, worin ihr Verhaͤltniß zu dem deutſchen Reiche feſtgeſetzt wurde. Dieſem Vertrage gemaͤß ſollten die ſiebenzehn Provinzen zu den gemeinſchaftlichen Beduͤrfniſſen des 59 5 Volks. Nachdem Geldern, Utrecht, Friesland und Groͤningen ſeiner Herrſchaft einverleibt waren, hoͤrten alle Privatkriege in dieſen Provinzen auf, die ſo lange Zeit ihren Handel beunruhigt hatten; ein ununterbrochener innerer Friede ließ ſie alle Fruͤchte ihrer Betriebſamkeit ernten. Karl war alſo ein Wohlthaͤter dieſer Voͤlker. Der Glanz ſeiner Siege hatte zugleich ihre Augen geblendet, der Ruhm ihres Souveraͤns, der auch auf ſie zuruͤckfloß, ihre republicaniſche Wachſamkeit beſtochen; der furcht⸗ bare Nimbus von Unuͤberwindlichkeit, der den Bezwinger Deutſchlands, Frankreichs, Italiens und Afrika's umgab, er⸗ ſchreckte die Factionen. Und dann— wem iſt es nicht bekannt, wie viel der Menſch— er heiße Privatmann oder Fuͤrſt— ſich erlauben darf, dem es gelungen iſt, die Bewunderung zu feſſeln! Seine oͤftere perſoͤnliche Gegenwart in dieſen Laͤndern, die er, nach ſeinem eigenen Geſtaͤndniſſe, zu zehn verſchiedenen Malen beſuchte, hielt die Mißvergnuͤgten in Schranken; die wiederholten Aüftritte ſtrenger und fertiger Juſtiz unterhielten das Schrecken der ſouveraͤnen Gewalt. Karl endlich war in den Niederlanden geboren und liebte die Nation, in deren Schooß er erwachſen war. Ihre Sitten gefielen ihm, das Natuͤrliche ihres Charakters und Umgangs gab ihm eine angenehme Erholung von der ſtrengen ſpaniſchen Gravitaͤt. Er redete ihre Sprache, und rich⸗ tete ſich in ſeinem Privatleben nach itren Gebraͤuchen. Das druͤ⸗ ckende Ceremoniell, die unnatuͤrliche Scheidewand zwiſchen Koͤnig deutſchen Reichs zweimal ſo viel als ein Kurfuͤrſt, zu einem Tuͤrkenkriege dreimal ſo viel beitragen, dafuͤr aber den maͤchtigen Schutz dieſes Reichs genießen, und an keinem ihrer beſondern Vorrechte Gewalt leiden. Die Revolution, welche unter ſeinem Sohne die politiſche Verfaſſung der Provinzen umaͤnderte, hob dieſen Vergleich wieder auf, der, des geringen Nutzens wegen, den er geleiſtet, keiner weitern Erwaͤhnung verdient. 60 und Volk, war aus Bruͤſſel verbannt. Kein ſchelſuͤchtiger Fremdling ſperrte ihnen den Zugang zu ihrem Fuͤrſten— der Weg zu ihm ging durch ihre eigenen Landsleute, denen er ſeine Perſon anvertraute. Er ſprach viel und gern mit ihnen; ſein Anſtand war gefaͤllig, ſeine Reden verbindlich. Dieſe klei⸗ nen Kunſtgriffe gewannen ihm ihre Liebe, und waͤhrend daß ſeine Armeen ihre Saatfelder niedertraten, ſeine raͤuberiſchen Haͤnde in ihrem Eigenthum wuͤhlten, waͤhrend daß ſeine Statthalter preßten, ſeine Nachrichter ſchlachteten, verſicherte er ſich ihrer Herzen durch eine freundliche Miene. Gern haͤtte Karl dieſe Zuneigung der Nation auf ſeinen Sohn Philipp forterben geſehen. Aus keinem andern Grunde ließ er ihn noch in ſeiner Jugend aus Spanien kommen, und zeigte ihn in Bruͤſſel ſeinem kuͤnftigen Volke. An dem feier⸗ lichen Tage ſeiner Thronentſagung empfahl er ihm dieſe Länder als die reichſten Steine in ſeiner Krone, und ermahnte ihn ernſtlich, ihrer Verfaſſung zu ſchonen. Philipp der Zweite war in Allem, was menſchlich iſt, das Gegenbild ſeines Vaters. Ehrſuͤchtig, wie dieſer, aber weni⸗ ger bekannt mit Menſchen und Menſchenwerth, hatte er ſich ein Ideal von der koͤniglichen Herrſchaft entworfen, welches Men⸗ ſchen nur als dienſtbare Organe der Willkuͤr behandelt, und durch jede Aeußerung der Freiheit beleidigt wird. In Spanien ge⸗ boren, und unter der eiſernen Zuchtruthe des Moͤnchthums erwachſen, forderte er auch von Andern die traurige Einfoͤrmig⸗ keit und den Zwang, die ſein Charakter geworden waren. Der froͤhliche Muthwille der Niederlaͤnder empoͤrte ſein Temperament und ſeine Gemuͤthsart nicht weniger, als ihre Privilegien ſeine Herrſchſucht verwundeten. Er ſprach keine andere, als die ſpaniſche Sprache, duldete nur Spanier um ſeine Perſon, und hing mit Eigenſinn an ihren Gebraͤuchen. Umſonſt, daß der 61 Erfindungsgeiſt aller flandriſchen Staͤdte, durch die er zog, in koſtbaren Feſten wetteiferte, ſeine Gegenwart zu verherrlichen ¹) — Philipps Auge blieb finſter, alle Verſchwendungen der Pracht, alle lauten uͤppigen Ergießungen der redlichſten Freude konnten kein Laͤcheln des Beifalls in ſeine Mienen locken.*) Karl verfehlte ſeine Abſicht ganz, da er ſeinen Sohn den Flaͤmingern vorſtellte. Weniger druͤckend wuͤrden ſie in der Folge ſein Joch gefunden haben, wenn er ſeinen Fuß nie in ihr Land geſetzt haͤtte. Aber ſein Anblick kuͤndigte es ihnen an; ſein Eintritt in Bruͤſſel hatte ihm alle Herzen verloren. Des Kaiſers freundliche Hingebung an dieß Volk diente jetzt nur dazu, den hochmuͤthigen Ernſt ſeines Sohnes deſto widriger zu erheben. In ſeinem Angeſicht hatten ſie den verderblichen Anſchlag gegen ihre Freiheit geleſen, den er ſchon damals in ſeiner Bruſt auf⸗ und niederwaͤlzte. Sie waren vorbereitet, einen Tyrannen in ihm zu finden, und geruͤſtet, ihm zu be⸗ gegnen. Die Niederlande waren der erſte Thron, von welchem Karl der Fuͤnfte herunterſtieg. Vor einer feierlichen Verſammlung in Bruͤſſel loͤste er die Generalſtaaten ihres Eides, und uͤber⸗ trug ihn auf Koͤnig Philipp, ſeinen Sohn.„Wenn Euch „mein Tod“(beſchloß er endlich gegen dieſen)„in den Beſitz „dieſer Laͤnder geſetzt haͤtte, ſo wuͤrde mir ein ſo koſtbares Ver⸗ „maͤchtniß ſchon einen großen Anſpruch auf Eure Dankbarkeit „geben. Aber jetzt, da ich ſie Euch aus freier Wahl uͤberlaſſe, „a ich zu ſterben eile, um Euch den Genuß derſelben zu be⸗ „ſchleunigen: jetzt verlange ich von Euch, daß Ihr dieſen Voͤlkern 4) Die Stadt Antwerpen allein verſchwendete bei dieſer Gelegenheit 260,000 Goldgulden. Meteren. 1. Theil, 1. B. 21. 22. 2) A. G. d. v. N. II. 512. 62 „bezahlet, was Ihr mir mehr dafuͤr ſchuldig zu ſeyn glaubt. „Andere Fuͤrſten wiſſen ſich gluͤcklich, mit der Krone, die der „Tod ihnen abfordert, ihre Kinder zu erfreuen. Dieſe Freude „will ich noch ſelbſt mit genießen, ich will Euch leben und re⸗ „gieren ſehen. Wenige werden meinem Beiſpiele folgen, We⸗ nige ſind mir darin vorangegangen. Aber meine Handlung „wird lobenswuͤrdig ſeyn, wenn Euer kuͤnftiges Leben meine „Zuverſicht rechtfertigt, wenn Ihr nie von der Weisheit wei⸗ „chet, die Ihr bisher bekannt habt, wenn Ihr in der Reinigkeit „des Glaubens unerſchuͤtterlich verharret, der die feſteſte Saͤule „Eures Thrones iſt. Noch Eines ſetze ich hinzu. Moͤge der „Himmel auch Euch mit einem Sohne beſchenkt haben, dem „Ihr die Herrſchaft abtreten koͤnnet— aber nicht muͤſſet.“ Nachdem der Kaiſer geendigt hatte, kniete Philipp vor ihm nieder, druͤckte ſein Geſicht auf deſſen Hand und empfing den vaͤterlichen Segen. Seine Augen waren feucht zum letzten Male. Es weinte Alles, was herum ſtand. Es war eine un⸗ vergeßliche Stunde. ¹) Dieſem ruͤhrenden Gaukelſpiele folgte bald ein ndergee Philipp nahm von den verſammelten Staaten die Huldigung an; er legte den Eid ab, der ihm in folgenden Worten vorgelegt wurde:„Ich, Philipp, von Gottes Gnaden Prinz von Spa⸗ „nien, beiden Sicilien u. ſ. f., gelobe und ſchwoͤre, daß ich in „den Laͤndern, Grafſchaften, Herzogthuͤmern u. ſ. f. ein guter nund gerechter Herr ſeyn, daß ich alles Edeln, Staͤdte, Gemeinen „und Unterthanen Privilegien und Freiheiten, die ihnen von mei⸗ nuen Vorfahren verliehen worden, und ferner ihre Gewohnheiten, „Herkommen, Gebraͤuche und Rechte, die ſie jetzt uͤberhaupt und ¹) Strada. Dec. I. L. I. 4. 5. Meteren. 1. Buch. 28. Thuan. Hist. P. I. L, XVI. 769. 3 63 ninsbeſondere haben und beſitzen, wohl und getreulich halten und „ihalten laſſen, und ferner alles dasjenige uͤben wolle, was einem „guten und gerechten Prinzen und Herrn von Rechtswegen zu⸗ kommt. So muͤſſe mir Gott helfen und alle ſeine Heiligen!“¹) Die Furcht, welche die willkuͤrliche Regierung des Kaiſers eingefloͤßt hatte, und das M uen der Staͤnde gegen ſeinen Sohn, ſind ſchon in dieſer Eidesformel ſichtbar, die weit behut⸗ ſamer und beſtimmter verfaßt war, als Karl der Fuͤnfte ſelbſt und alle burgundiſchen Herzoge ſie beſchworen haben. Philipp mußte nunmehr auch die Aufrechthaltung ihrer Ge⸗ braͤuche und Gewohnheiten angeloben, welches vor ihm nie ver⸗ langt worden war. In dem Eide, den die Staͤnde ihm leiſteten,2) wird ihm kein anderer Gehorſam verſprochen, als der mit den Privilegien des Landes beſtehen kann. Seine Beamten haben nur dann auf Unterwerfung und Beiſtand zu rechnen, wenn ſie ihr anvertrautes Amt nach Obliegenheit verwalten. Philipp endlich wird in dieſem Huldigungseide der Staͤnde nur der natuͤrliche, der geborne Fuͤrſt, nicht Souveraͤn oder Herr ge⸗ nannt, wie der Kaiſer gewuͤnſcht hatte— Beweiſe genug, wie klein die Erwartungen waren, die man ſich von der Gerechtigkeit und Großmuth des neuen Landesherrn bildete! 1) A. G. d. vereinigten Niederlande. II. Theil. 515. ²) Ebendaſelbſt 546. 4 Philipp der Zweite, Veherrſcher der Nieder- lande. Philipp der Zweite empfing die Niederlande in der hoͤchſten Bluͤthe ihres Wohlſtandes. Er war der erſte ihrer Furſten, der ſie vollzaͤhlig antrat. Sie beſtanden nunmehr aus ſiebenzehn Landſchaften: den vier Herzogthuͤmern Brabant, Limburg, Luxemburg, Geldern, den ſieben Grafſchaften Artois, Hennegau, Flandern, Namur, Zuͤtphen, Holland und Seeland, der Markgrafſchaft Antwerpen, und den fuͤnf Herrlichkeiten Friesland, Mecheln, Utrecht, Oberyſſel und Groͤningen, welche verbunden einen großen und maͤchtigen Staat ausmachten, der mit Koͤnigreichen wetteifern konnte. Hoͤher, als er damals ſtand, konnte ihr Handel nicht mehr ſteigen. Ihre Goldgruben waren uͤber der Erde, aber ſie waren unerſchoͤpflicher und reicher, als alle Minen in Amerika. Dieſe ſiebenzehn Provinzen, die zuſam⸗ mengenommen kaum den fuͤnften Theil Italiens betragen, und ſich nicht uͤber dreihundert flandriſche Meilen erſtrecken, brachten ihrem Beherrſcher nicht viel weniger ein, als ganz Britannien ſei⸗ nen Koͤnigen trug, ehe dieſe noch die geiſtlichen Guͤter zu ihrer Krone ſchlugen. Dreihundert und fuͤnfzig Staͤdte, durch Genuß und Arbeit lebendig, viele darunter ohne Bollwerke feſt, und ohne Mauern geſchloſſen, ſechstauſend dreihundert groͤßere Flecken, ge⸗ ringere Doͤrfer, Maiereien und Bergſchloͤſſer ohne Zahl, vereinigen 65 dieſes Reich in eine einzige bluͤhende Landſchaft.) Eben jetzt ſtand die Nation im Meridian ihres Glanzes; Fleiß und Ueberfluß hatten das Genie des Buͤrgers erhoben, ſeine Begriffe aufgehellt, ſeine Neigungen veredelt; jede Bluͤthe des Geiſtes erſchien mit der Bluͤthe des Landes. Ein ruhigeres Blut, durch einen ſtrengern Himmel gekaͤltet, laͤßt die Leidenſchaften hier weniger ſtuͤrmen; Gleichmuth, Maͤßigkeit und ausdauernde Geduld, Geſchenke dieſer noͤrdlichern Zone; Redlichkeit, Ge⸗ rechtigkeit und Glaube, die nothwendigen Tugenden ſeines Ge⸗ werbes und ſeiner Freiheit liebliche Fruͤchte; Wahrheit, Wohl⸗ wollen und patriotiſcher Stolz ſpielen hier in ſanftern Miſchun⸗ gen mit menſchlichern Laſtern. Kein Volk auf Erden wird leichter beherrſcht durch einen verſtaͤndigen Fuͤrſten und keines ſchwerer durch einen Gaukler oder Tyrannen. Nirgends iſt die Volksſtimme eine ſo unfehlbare Richterin der Regierung, als hier. Wahre Staatskunſt kann ſich in keiner ruͤhmlichern Probe verſuchen, und ſieche gekuͤnſtelte Politik hat keine ſchlim⸗ mere zu fuͤrchten. Ein Staat, wie dieſer, konnte mit Rieſenſtaͤrke handeln und ausdauern, wenn das dringende Beduͤrfniß ſeine Kraft aufbot, wenn eine kluge und ſchonende Verwaltung ſeine Quellen er⸗ oͤffnete. Karl der Fuͤnfte verließ ſeinem Nachfolger eine Gewalt in dieſen Laͤndern, die von einer gemaͤßigten Monarchie wenig verſchieden war. Das koͤnigliche Anſehen hatte ſich merk⸗ lich üͤber die republicaniſche Macht erhoben, und dieſe zuſam⸗ mengeſetzte Maſchine konnte nunmehr beinahe ſo ſicher und ſchnell in Bewegung geſetzt werden, als ein ganz unterwuͤrfiger Staat. Der zahlreiche, ſonſt ſo maͤchtige Adel folgte dem Souveraͤn jetzt willig in ſeinen Kriegen, oder buhlte in Aemtern 1) Strad. Dec. 1. L. I. 17. 18. Thuan. II. 182. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII, 66 des Friedens um das Laͤcheln der Majeſtaͤt. Die verſchlagene Politik der Krone hatte neue Guͤter der Einbildung erſchaffen, von denen ſie allein die Vertheilerin war. Neue Leidenſchaften und neue Meinungen von Gluͤck verdraͤngten endlich die rohe Einfalt republicaniſcher Tugend. Stolz wich der Eitelkeit, Freiheit der Ehre, duͤrftige Unabhäͤngigkeit einer wolluͤſtigen lachenden Sklaverei. Das Vaterland als unumſchraͤnkter Sa⸗ trap eines unumſchraͤnkten Herrn zu druͤcken oder zu pluͤndern, war eine maͤchtigere Reizung fuͤr die Habſucht und den Ehrgeiz der Großen, als den hundertſten Theil der Souveraͤnetaͤt auf dem Reichstage mit ihm zu theilen. Ein großer Theil des Adels war uͤberdieß in Armuth und ſchwere Schulden verſun⸗ ken. Unter dem ſcheinbaren Vorwande von Ehrenbezeugungen hatte ſchon Karl der Fuͤnfte die gefaͤhrlichſten Vaſallen der Krone durch koſtbare Geſandtſchaften an fremde Hoͤfe geſchwaͤcht. So wurde Wilhelm von Oranien mit der Kaiſerkrone nach Deutſchland, und Graf von Egmont nach England geſchickt, die Vermaͤhlung Philipps mit der Koͤnigin Maria zu ſchließen. Beide begleiteten auch nachher den Herzog von Alba nach Frankreich, den Frieden zwiſchen beiden Kronen und die neue Verbindung ihres Koͤnigs mit Madame Eliſabeth zu ſtiften. Die Unkoſten dieſer Reiſe beliefen ſich auf dreihundert⸗ tauſend Gulden, wovon der Koͤnig auch nicht einen Heller er⸗ ſetzte. Als der Prinz von Oranien, an der Stelle des Her⸗ zogs von Savoyen, Feldherr geworden war, mußte er allein alle Unkoſten tragen, die dieſe Wuͤrde nothwendig maͤchte. Wenn fremde Geſandten oder Fuͤrſten nach Bruͤſſel kamen, lag es den niederlaͤndiſchen Großen ob, die Ehre ihres Koͤnigs zu retten, der allein ſpeiste, und niemals oͤffentliche Tafel gab. Die ſpaniſche Politik hatte noch ſinnreichere Mittel erfunden, die reichſten Familien des Landes nach und nach zu entkraͤften. 67 Alle Jahre erſchien einer ven den caſtilianiſchen Großen in Bruͤſſel, wo er eine Pracht verſchwendete, und einen Aufwand machte, der ſein Vermoͤgen weit uͤberſtieg. Ihm darin nach⸗ zuſtehen, haͤtte in Bruͤſſel fuͤr einen unausloͤſchlichen Schimpf gegolten. Alles wetteiferte, ihn zu uͤbertreffen, und erſchoͤpfte in dieſen theuern Wettkaͤmpfen ſein Vermoͤgen, indeſſen der Spanier noch zur rechten Zeit wieder nach Hauſe kehrte, und die Verſchwendung eines einzigen Jahres durch eine vierjaͤhrige Maͤßigkeit wieder gut machte. Mit jedem Ankoͤmmlinge um den Preis des Reichthums zu buhlen, war die Schwaͤche des niederlaͤndiſchen Adels, welche die Regierung recht gut zu nutzen verſtand. Freilich ſchlugen dieſe Kuͤnſte nachher nicht ſo gluͤcklich fuͤr ſie aus, als ſie berechnet hatte; denn eben dieſe druͤckenden Schuldenlaſten machten den Adel jeder Neuerung guͤnſtiger, weil derjenige, welcher Alles verloren, in der allgemeinen Ver⸗ wuͤſtung nur zu gewinnen hat. ¹) Die Geiſtlichkeit war von jeher eine Stuͤtze der koͤniglichen Macht, und mußte es ſeyn. Ihre goldene Zeit fiel immer in die Gefangenſchaft des menſchlichen Geiſtes, und, wie jene, ſehen wir ſie vom Bloͤdſinn und von der Sinnlichkeit ernten. Der buͤrgerliche Druck macht die Religion nothwendiger und theurer; blinde Ergebung in Tyrannengewalt bereitet die Ge⸗ muͤther zu einem blinden, bequemen Glauben, und mit Wucher erſtattet dem Deſpotismus die Hierarchie ſeine Dienſte wieder. Die Biſchoͤfe und Präͤlaten im Parlamente waren eifrige Sach⸗ walter der Majeſtaͤt und immer bereit, dem Nutzen der Kirche und dem Staatsvortheile des Souveraͤns das Intereſſe des Buͤrgers zum Opfer zu bringen. Zahlreiche und tapfere Be⸗ ſatzungen hielten die Staͤdte in Furcht, die zugleich noch durch 1) Reidanus, L. I. 14. 68 Religionsge zänke und Factionen getrennt, und ihrer maͤchtigſten Stuͤtze ſo un igewiß waren. Wie wenig erforderte es alſo, dieſes Bebergewicht zu bewahren, und wie ungeheuer mußte das Ver⸗ ſehen ſeyn, r oodurch es zu Grunde ging! So groß Philipps Einfluß in dieſen Laͤndern war, ſo großes Anſelzen hatte die ſpaniſche Monarchie damals in ganz Europa gewornen. Kein Staat durfte ſich mit ihr auf den Kampfboden wagen. Frankreich, ihr gefaͤhrlichſter Nachbar, durch einen ſchweren Krieg und noch mehr durch innere Factionen entkraͤftet, die unter einer kindiſchen Regierung ihr Haupt er⸗ huben, ging ſchon mit ſchnellen Schritten der ungluͤcklichen Epoche entgegen, die es, beinahe ein halbes Jahrhundert lang, zu einem Schauplatze der Abſcheulichkeit und des Elends gemacht hat. Kaum konnte Eliſabeth von England ihren eigenen noch wankenden Thron gegen die Stuͤrme der Parteien, ihre neue, noch unbefeſtigte Kirche gegen die verdorgenen Verſuche der ver⸗ triebenen ſchuͤtzen. Erſt auf ihren ſchoͤpferiſchen Ruf ſollte dieſer Staat aus einer demuͤthigen Dunkelheit ſteigen, und die leben⸗ dige Kraft, womit er ſeinen Nebenbuhler endlich darniederringt, von der fehlerhaften Politik dieſes Letztern empfangen. Das deutſche Kaiſerhaus war durch die zweifachen Bande des Bluts und des Staatsvortheils an das ſpaniſche geknuͤpft, und das wachſende Kriegsgluͤk Solimans zog ſeine Aufmerkſamkeit mehr auf den Oſten als auf den Weſten von Europa. Dank⸗ barkeit und Furcht verſicherten Philipp die italieniſchen Fuͤrſten, und das Conclave beherrſchten ſeine Geſchoͤpfe. Die Monarchien des Nordens lagen noch in barbariſcher Nacht, oder fingen nur eben an, Geſtalt anzunehmen, und das Staatsſyſtem von Europa kannte ſie nicht. Die geſchickteſten Generale, zahlreiche ſieggewohnte Armeen, eine gefuͤrchtete Marine und der reiche goldene Tribut, der nun erſt anfing, regelmaͤßig und ſicher aus 69 Weſtindien einzulaufen— welche furchtbaren Werkzeuge in der feſten und ſteten Hand eines geiſtreichen Fuͤrſten! Unter ſo gluͤcklichen Sternen eroͤffnete Konig Philipp ſeine Regierung. Ehe wir ihn handeln ſehen, muͤſſen wir einen fluͤchtigen Blick in ſeine Seele thun, und hier einen Schluͤſſel zu ſeinem politiſchen Leben aufſuchen. Freude und Wohlwollen fehlten in dieſem Gemuͤthe. Jene verſagten ihm ſein Blut und ſeine fruͤhen finſteren Kinderjahre; dieſes konnten Menſchen ihm⸗ nicht geben, denen das ſuͤßeſte und maͤchtigſte Band an die Geſellſchaft mangelte. Zwei Begriffe, ſein Ich, und was uͤber dieſem Ich war, fuͤllten ſeinen duͤrftigen Geiſt aus. Egoismus und Religion ſind der Inhalt und die Ueberſchrift ſeines ganzen Lebens. Er war Koͤnig und Chriſt, und war beides ſchlecht; Menſch fuͤr Menſchen war er niemals, weil er von ſeinem Selbſt nur aufwaͤrts, nie abwaͤrts ſtieg Sein Glaube war grauſam und finſter, denn ſeine Gottheit war ein ſchreckliches Weſen. Er hatte nichts mehr von ihr zu empfangen, aber zu fuͤrchten. Dem geringen Manne erſcheint ſie als Troͤſterin, als Erretterin; ihm war ſie ein aufgeſtelltes Angſtbild, eine ſchmerz⸗ hafte, demuͤthigende Schranke ſeiner menſchlichen Allmacht. Seine Ehrfurcht gegen ſie war um ſo tiefer und inniger, je weniger ſie ſich auf andere Weſen vertheilte. Er zitterte knechtiſch vor Gott, weil Gott das Einzige war, wovor er zu zittern hatte. Karl der Fuͤnfte eiſerte fuͤr die Religion, weil die Religion fuͤr ihn arbeitete; Philipp that es, weil er wirklich an ſie glaubte. Jener ließ um des Dogma willen mit Feuer und Schwert gegen Tauſende wuͤthen, und er ſelbſt ver⸗ ſpottete in der Perſon des Papſtes, ſeines Gefangenen, den Lehrſatz, dem er Menſchenblut opferte; Philipp entſchließt ſich zu dem gerechteſten Kriege cegen dieſen nur mit Widerwillen und Gewiſſensfurcht, und begibt ſich aller Fruͤchte ſeines Sieges, 70 wie ein reuiger Miſſethaͤter ſeines Raubes. Der Kaiſer war Barbar aus Berechnung, ſein Sohn aus Empfindung. Der erſte war ein ſtarker und aufgeklaͤrter Geiſt, aber vielleicht ein deſto ſchlimmerer Menſch; der zweite war ein beſchraͤnkter und ſchwacher Kopf, aber er war gerechter. Beide aber, wie mich duͤnkt, konnten beſſere Menſchen ge⸗ weſen ſeyn, als ſie wirklich waren, und im Ganzen nach den⸗ ſelben Maßregeln gehandelt haben. Was wir dem Charakter der Perſon zur Laſt legen, iſt ſehr oft das Gebrechen, die noth⸗ wendige Ausflucht der allgemeinen menſchlichen Natur. Eine Monarchie von dieſem Umfange war eine zu ſtarke Verſuchung fuͤr den menſchlichen Stolz, und eine zu ſchwere Aufgabe fuͤr menſchliche Kraͤfte. Allgemeine Gluͤckſeligkeit mit der hoͤchſten Freiheit des Individuums zu paaren, gehoͤrt fuͤr den unend⸗ lichen Geiſt, der ſich auf alle Theile allgegenwaͤrtig verbreitet. Aber welche Auskunft trifft der Menſch in der Lage des Schoͤpfers? Der Menſch kommt durch Claſſification ſeiner Beſchraͤnkung zu Huͤlfe, gleich dem Naturforſcher ſetzt er Kenn⸗ zeichen und eine Regel feſt, die ſeinem ſchwankenden Blicke die Ueberſicht erleichtert, und wozu ſich alle Individuen bekennen muͤſſen; dieſes leiſtet ihm die Religion. Sie findet Hoffnung und Furcht in jede Menſchenbruſt geſaͤet; indem ſie ſich dieſer Triebe bemaͤchtigt, dieſe Triebe einem Gegenſtande unterjocht, hat ſie Millionen ſelbſtſtaͤndiger Weſen in ein einfoͤrmiges Ab⸗ ſtract verwandelt. Die unendliche Mannichfaltigkeit der menſch⸗ lichen Willkuͤr verwirrt ihren Beherrſcher jetzt nicht mehr— jetzt gibt es ein allgemeines Uebel und ein allgemeines Gut, das er zeigen und entziehen kann, das auch da, wo er nicht iſt, mit ihm einverſtanden wirkt. Jetzt gibt es eine Graͤnze, an welcher die Freiheit ſtille ſteht, eine ehrwuͤrdige heilige Linie, nach welcher alle ſtreitenden Bewegungen des Willens zuletzt ein⸗ 1½ R 8RNNt NK RK 8NR NR N „uõ u—= ͤ ͤd G.* KA..“. 71 lenken muͤſſen. Das gemeinſchaftliche Ziel des Deſpotismus und des Prieſterthums iſt Einfoͤrmigkeit, und Einfoͤrmigkeit iſt ein nothwendiges Huͤlfsmittel der menſchlichen Armuth und Beſchraͤnkung. Philipp mußte um ſo viel mehr Deſpot ſeyn, als ſein Vater, um ſo viel enger ſein Geiſt war; oder mit andern Worten: er mußte ſich um ſo viel aͤngſtlicher an allgemeine Regeln halten, je weniger er zu den Arten und Individuen herabſteigen konnte. Was folgt aus dieſem Al⸗ lem? Philipp der Zweite konnte kein hoͤheres Anliegen haben, als die Gleichfoͤrmigkeit des Glaubens und der Verfaſ⸗ ſung, weil er ohne dieſe nicht regieren konnte. Und doch wuͤrde er ſeine Regierung mit mehr Gelindigkeit und Nachſicht eroͤffnet haben, wenn er ſie fruͤher angetreten haͤtte. In dem Urtheile, das man gewoͤhnlich uͤber dieſen Fuͤrſten faͤllt, ſcheint man auf einen Umſtand nicht genug zu achten, der bei der Geſchichte ſeines Geiſtes und Herzens billig in Betrachtung kommen ſollte. Philipp zaͤhlte beinahe dreißig Jahre, da er den ſpaniſchen Thron beſtieg, und ſein fruͤhe rei⸗ fer Verſtand hatte vor der Zeit ſeine Volljaͤhrigkeit beſchleunigt. Ein Geiſt, wie der ſeinige, der ſeine Reife fuͤhlte, und mit groͤ⸗ ßern Hoffnungen nur allzu vertraut worden war, konnte das Joch der kindlichen Unterwuͤrfigkeit nicht anders, als mit Widerwillen tragen; das uͤberlegene Genie des Vaters, und die Willkuͤr des Alleinherrſchers mußte den ſelbſtzufriedenen Stolz dieſes Sohnes druͤcken. Der Antheil, den ihm jener an der Reichsverwaltung goͤnnte, war eben erheblich genug, ſeinen Geiſt von kleineren Leidenſchaften abzuziehen, und den ſtrengen Ernſt ſeines Charakters zu unterhalten, aber auch gerade ſpar⸗ ſam genug, ſein Verlangen nach der unumſchraͤnkten Gewalt deſto lebhafter zu entzuͤnden. Als er wirklich davon Beſißz nahm, hatte ſie den Reiz der Neuheit fuͤr ihn verloren. Die 72 ſuͤße Trunkenheit eines jungen Monarchen, der von der hoͤch⸗ ſten Gewalt uͤberraſcht wird, jener freudige Taumel, der die Seele jeder ſanftern Regung oͤffnet, und dem die Menſchheit ſchon manche wohlthaͤtige Stiftung abgewann, war bei ihm laͤngſt vorbei, oder niemals geweſen. Sein Charakter war gehaͤrtet, als ihn das Gluͤck auf dieſe wichtige Probe ſtellte, und ſeine befeſtigten Grundſaͤtze widerſtanden dieſer wohlthaͤ⸗ tigen Erſchuͤtterung. Fuͤnfzehn Jahre hatte er Zeit gehabt, ſich zu dieſem Uebergange anzuſchicken, und anſtatt bei den Zeichen ſeines neuen Standes jugendlich zu verweilen, oder den Morgen ſeiner Regierung im Rauſche einer muͤßigen Ei⸗ telkeit zu verlieren, blieb er gelaſſen und ernſthaft genug, ſo⸗ gleich in den gruͤndlichen Beſitz ſeiner Macht einzutreten, um durch ihren vollſtaͤndigſten Gebrauch ihre lange Entbehrung zu raͤchen. S u. Das Inquiſitionsgericht. Philipp der Zweite ſah ſich nicht ſobald durch den Frieden von Chateau⸗Cambreſis im ruhigen Beſitze ſeiner Reiche, als er ſich ganz dem großen Werke der Glaubens⸗ reinigung hingab, und die Furcht ſeiner niederlaͤndiſchen Unter⸗ thanen wahr machte. Die Verordnungen, welche ſein Vater gegen die Ketzer hatte ergehen laſſen, wurden in ihrer ganzen Strenge erneuert, und ſchreckliche Gerichtshoͤfe, denen nichts als der Name der Inquiſition fehlte, wachten uͤber ihre Be⸗ folgung. Aber ſein Werk ſchien ihm kaum zur Haͤlfte voll⸗ endet, ſo lange er die ſpaniſche Inquiſition nicht in ihrer gan⸗ zen Form in dieſe Laͤnder verpflanzen konnte— ein Entwurf, woran ſchon der Kaiſer geſcheitert hatte. Eine Stiftung neuer Art und eigener Gattung iſt dieſe ſpaniſche Inquiſition, die im ganzen Laufe der Zeiten kein Vorbild findet, und mit keinem geiſtlichen, keinem weltlichen Tribunale zu vergleichen ſteht. Inquiſition hat es gegeben, ſeitdem die Vernunft ſich an das Heilige wagte, ſeitdem es Zweifler und Neuerer gab; aber erſt um die Mitte des drei⸗ zehnten Jahrhunderts, nachdem einige Beiſpiele der Abtruͤnnig⸗ keit die Hierarchie aufgeſchreckt hatten, baute ihr Innocentius der Dritte einen eigenen Richterſtuhl, und trennte auf eine unnatuͤrliche Weiſe die geiſtliche Aufſicht und Unterweiſung von der ſtrafenden Gewalt. Um deſto ſicherer zu ſeyn, daß kein 74 Menſchengefuͤhl und keine Beſtechung der Natur die ſtarre Strenge ihrer Statuten aufloͤſe, entzog er ſie den Biſchoͤfen und der ſaͤculariſchen Geiſtlichkeit, die durch die Bande des buͤrgerlichen Lebens noch zu ſehr an der Menſchheit hing, um ſie Moͤnchen zu uͤbertragen, einer Abart des menſchlichen Na⸗ mens, die die heiligen Triebe der Natur abgeſchworen, dienſt⸗ baren Creaturen des roͤmiſchen Stuhls. Deutſchland, Italien, Spanien, Portugal und Frankreich empfingen ſie; ein Francis⸗ canermoͤnch ſaß bei dem fuͤrchterlichen Urtheile uͤber die Tempel⸗ herren zu Gerichte; einigen wenigen Staaten gelang es, ſie auszuſchließen, oder der weltlichen Hoheit zu unterwerfen. Die Niederlande waren bis zur Regierung Karls des Fuͤnften damit verſchont geblieben; ihre Biſchofe uͤbten die geiſtliche Cenſur, und in außerordentlichen Faͤllen pflegte man ſich an fremde Inquiſitionsgerichte, die franzoͤſiſchen Provinzen nach Paris, die deutſchen nach Koͤln zu wenden.) Aber die Inquiſition, welche jetzt gemeint iſt, kam aus dem Weſten von Europa, anders in ihrem Urſprunge und anders an Geſtalt. Der letzte mauriſche Thron war im fuͤnfzehnten Jahrhundert in Grenada gefallen, und der ſaraceniſche Gottes⸗ dienſt endlich dem uͤberlegenen Gluͤcke der Chriſten gewichen. Aber neu und noch wenig befeſtigt war das Evangelium in dieſem juͤngſten chriſtlichen Koͤnigreiche, und in der truͤben Miſchung ungleichartiger Geſetze und Sitten hatten ſich die Religionen noch nicht geſchieden. Zwar hatte das Schwert der Verfolgung viele tauſend Familien nach Afrika getrieben, aber ein weit groͤßerer Theil, von dem geliebten Himmelsſtriche der Heimath gehalten, kaufte ſich mit dem Gaukelſpiel verſtellter Bekehrung von dieſer ſchrecklichen Nothwendigkeit los, und fuhr an chriſt⸗ 4) Hopper Mémoires d. Troubles des Pays-bas in Vita Vigl. 65. sq. lichen Altaͤren fort, ſeinem Mahomed und Moſes zu dienen. So lange es ſeine Gebete nach Mecca richtete, war Grenada nicht unterworfen; ſo lange der neue Chriſt im Innerſten ſeines Hauſes wieder zum Juden und Muſelmann wurde, war er dem Throne nicht gewiſſer, als dem roͤmiſchen Stuhle. Jetzt war es nicht damit gethan, dieſes widerſtrebende Volk in die aͤußer⸗ liche Form eines neuen Glaubens zu zwingen, oder es der ſiegen⸗ den Kirche durch die ſchwachen Bande der Ceremonie anzutrauen; es kam darauf an, die Wurzel einer alten Religion auszureuten, und einen hartnaͤckigen Hang zu beſiegen, der durch die langſam wirkende Kraft von Jahrhunderten in ſeine Sitten, ſeine Sprache, ſeine Geſetze gepflanzt worden, und bei dem fortdauernden Ein⸗ fluſſe des vaterlaͤndiſchen Bodens und Himmels in ewiger Uebung blieb. Wollte die Kirche einen vollſtaͤndigen Sieg uͤber den feindlichen Gottesdienſt feiern, und ihre neue Eroberung vor jedem Ruͤckfalle ſicher ſtellen, ſo mußte ſie den Grund ſelbſt unterwuͤhlen, auf welchen der alte Glaube gebaut war; ſie mußte die ganze Form des ſittlichen Charakters zerſchlagen, an die er aufs innigſte geheftet ſchien. In den verborgenſten Tiefen der Seele mußte ſie ſeine geheimen Wurzeln abloͤſen, alle ſeine Spuren im Kreiſe des haͤuslichen Lebens und in der Buͤrger⸗ welt ausloͤſchen, jede Erinnerung an ihn abſterben laſſen, und wo moͤglich ſelbſt die Empfaͤnglichkeit fuͤr ſeine Eindruͤcke toͤbten. Paterland und Familie, Gewiſſen und Ehre, die heiligen Ge⸗ fuͤhle der Geſellſchaft und der Natur ſind immer die erſten und naͤchſten, mit denen Religionen ſich miſchen, von denen ſie Staͤrke empfangen, und denen ſie ſie geben. Dieſe Verbindung mußte jetzt aufgeloͤst, von den heiligen Gefuͤhlen der Natur mußte die alte Religion gewaltſam geriſſen werden— und ſollte es ſelbſt die Heiligkeit dieſer Empfindungen koſten. So wurde die In⸗ aiſttion, die wir zum Unterſchiede von den menſchlichern Ge⸗ 76 richten, die ihren Namen fuͤhren, die ſpaniſche nennen. Sie hat den Cardinal Eimenes zum Stifter; ein Dominicaner⸗ moͤnch, Torquemada, ſtieg zuerſt auf ihren blutigen Thron, gruͤndete ihre Statuten, und verfluchte mit dieſem Vermaͤchtniſſe ſeinen Orden auf ewig. Schaͤndung der Vernunft und Mord der Geiſter heißt ihr Geluͤbde; ihre Werkzeuge ſind Schrecken und Schande. Jede Leidenſchaft ſteht in ihrem Solde, ihre Schlinge liegt in jeder Freude des Lebens. Selbſt die Einſam⸗ keit iſt nicht einſam fuͤr ſie; die Furcht ihrer Allgegenwart haͤlt ſelbſt in den Tiefen der Seele die Freiheit gefeſſelt. Alle In⸗ ſtinete der Menſchheit hat ſie herabgeſtuͤrzt unter den Glauben; ihm weichen alle Bande, die der Menſch ſonſt am heiligſten achtet. Alle Anſpruͤche auf ſeine Gattung ſind fuͤr einen Ketzer verſcherzt; mit der leichteſten Untreue an der muͤtterlichen Kirche hat er ſein Geſchlecht ausgezogen. Ein beſcheidener Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papſtes wird geahndet wie Vatermord, und ſchaͤndet wie Sodomie; ihre Urtheile gleichen den ſchrecklichen Fermenten der Peſt, die den geſundeſten Koͤrper in ſchnelle Verweſung treiben. Selbſt das Lebloſe, das einem Ketzer angehoͤrt, iſt verflucht; ihre Opfer kann kein Schickſal ihr unterſchlagen: an Leichen und Gemaͤlden werden ihre Sentenzen vollſtreckt; und das Grab ſelbſt iſt keine Zuflucht vor ihrem entſetzlichen Arme. Die Vermeſſenheit ihrer Urtheilsſpruͤche kann nur von der Unmenſchlichkeit uͤbertroffen werden, womit ſie dieſelben voll⸗ ſtreckt. Indem ſie Laͤcherliches mit Fuͤrchterlichem paart, und durch die Seltſamkeit des Aufzugs die Augen beluſtigt, ent⸗ kraͤftet ſie den theilnehmenden Affect durch den Kitzel eines andern; im Spott und in der Verachtung ertraͤnkt ſie die Sympathie. Mit feierlichem Pompe führt man den Verbrecher zur Richtſtatt, eine rothe Blutfahne weht voran, der Zuſammen⸗ 77 klang aller Glocken begleitet den Zug; zuerſt kommen Prieſter im Meßgewande und ſingen ein heiliges Lied. Ihnen folgt der verurtheilte Suͤnder, in ein gelbes Gewand gekleidet, worauf man ſchwarze Teufelsgeſtalten abgemalt ſieht. Auf dem Kopfe traͤgt er eine Muͤtze von Papier, die ſich in eine Menſchenfigur endigt, um welche Feuerflammen ſchlagen, und ſcheußliche Daͤ⸗ monen herumfliegen. Weggekehrt von dem ewig Verdammten wird das Bild des Gekreuzigten getragen; ihm gilt die Erloͤſung nicht mehr. Dem Feuer gehoͤrt ſein ſterblicher Leib, wie den Flammen der Hoͤlle ſeine unſterbliche Seele. Ein Knebel ſperrt ſeinen Mund, und verwehrt ihm, ſeinen Schmerz in Klagen zu lindern, das Mitleid durch ſeine ruͤhrende Geſchichte zu wecken, und die Geheimniſſe des heiligen Gerichts auszuſagen. An ihn ſchließt ſich die Geiſtlichkeit im feſtlichen Ornate, die Obrigkeit und der Adel; die Vaͤter, die ihn gerichtet haben, beſchließen den ſchauerlichen Zug. Man glaubt eine Leiche zu ſehen, die zu Grabe geleitet wird, und es iſt ein lebendiger Menſch, deſſen Qualen jetzt das Volk ſo ſchauderhaft unterhalten ſollen. Ge⸗ woͤhnlich werden dieſe Hinrichtungen auf hohe Feſte gerichtet, wozu man eine beſtimmte Anzahl ſolcher Ungluͤcklichen in den Kerkern des heiligen Hauſes zuſammenſpart, um durch die Menge der Opfer die Handlung zu verherrlichen; und als dann ſind ſelbſt die Koͤnige zugegen. Sie ſitzen mit unbedecktem Haupte auf einem niedrigern Stuhle als der Großinquiſitor, dem ſie an einem ſolchen Tage den Rang uͤber ſich geben— und wer wird nun vor einem Tribunale nicht erzittern, neben welchem die Majeſtaͤt ſelbſt verſinkt?¹) 1) Burgund Histor. Belg. 126. 127. Annal. Belg. L. I. 8. 9. sq. Inquisition. Hopper. 65. 66. 67. Grot. Essay sur les Mæurs. Tom. III. 78 Die große Glaubensrevolution durch Luther und Calvin brachte die Nothwendigkeit wieder zuruͤck, welche dieſem Ge⸗ richte ſeine erſte Entſtehung gegeben; und was anfaͤnglich nur erfunden war, das kleine Koͤnigreich Grenada von den ſchwachen Ueberreſten der Saracenen und Juden zu reinigen, wurde jetzt das Beduͤrfniß der ganzen katholiſchen Chriſtenheit. Alle Inquiſttionen in Portugal, in Italien, Deutſchland und Frankreich nahmen die Form der ſpaniſchen an, ſie folgte den Eurepaͤern nach Indien, und errichtete in Goa ein ſchreckliches Tribunal, deſſen unmenſchliche Proceduren uns noch in der Beſchreibung durchſchauern. Wohin ſie ihren Fuß ſetzte, folgte ihr die Verwuͤſtung; aber ſo, wie in Spanien, hat ſie in keiner andern Weltgegend gewuͤthet. Die Todten vergißt man, die ſie geopfert hat; die Geſchlechter der Menſchen er⸗ neuern ſich wieder, und auch die Laͤnder bluͤhen wieder, die ſie verheert und entvoͤlkert hat; aber Jahrhunderte werden hin⸗ gehen, ehe ihre Spuren aus dem ſpaniſchen Charakter ver⸗ ſchwinden. Eine geiſtreiche treffliche Nation hat ſie mitten auf dem Wege zur Vollendung aufgehalten, aus einem Him⸗ melsſtriche, worin ſie einheimiſch war, das Genie verbannt, und eine Stille, wie ſie auf Graͤbern ruht, in dem Geiſte eines Volks hinterlaſſen, das vor vielen andern, die dieſen Welttheil bewohnen, zur Freude berufen war. Den erſten Inquiſitor ſetzte Karl der Fuͤnfte im Jahre 1522 in Brabant ein. Einige Prieſter waren ihm als Ge⸗ huͤlfen an die Seite gegeben; aber er ſelbſt war ein weltlicher. Nach dem Tode Adrians des Sechsten beſtellte ſein Nachfolger, Clemens der Siebente, drei Inqguiſitoren fuͤr alle niederlaͤndiſchen Provinzen, und Paul der Dritte ſetzte dieſe Zahl wiederum bis auf zwei herunter, welche ſich bis guf den Anfang der Unruhen erhielten. Im Jahre 1530 79 wurden, mit Zuziehung und Genehmigung der Staͤnde, die Sdicte gegen die Ketzer ausgeſchrieben, welche allen folgenden zum Grunde liegen, und worin auch der Inquiſition aus⸗ druͤcklich Meldung geſchieht. Im Jahre 1550 ſah ſich Karl der Fuͤnfte durch das ſchnelle Wachsthum der Secten ge⸗ zwungen, dieſe Edicte zu erneuern und zu ſchaͤrfen, und bei dieſer Gelegenheit war es, wo ſich die Stadt Antwerpen der Inguiſition widerſetzte, und ihr auch gluͤcklich entging. Aber der Geiſt dieſer niederlaͤndiſchen Inquiſition war, nach dem Genius des Landes, menſchlicher, als in den ſpaniſchen Reichen, und noch hatte ſie kein Auslaͤnder, noch weniger ein Domini⸗ caner verwaltet. Zur Richtſchnur dienten ihr die Edicte, welche Jedermann kannte; und eben darum fand man ſie weniger anſtoͤßig, weil ſie, ſo ſtreng ſie auch richtete, doch der Willkuͤr weniger unterworfen ſchien, und ſich nicht, wie die ſpaniſche Inquiſition, in Geheimniß huͤllte. Aber eben dieſer letztern wollte Philipp einen Weg in die Niederlande bahnen, weil ſie ihm das geſchickteſte Werkzeug zu ſeyn ſchien, den Geiſt dieſes Volks zu verderben, und fuͤr eine deſpotiſche Regierung zuzubereiten. Er fing damit an, die Glaubensverordnungen ſeines Vaters zu ſchaͤrfen, die Gewalt der Inquiſitoren je mehr und mehr auszudehnen, ihr Verfahren willkuͤrlicher und von der buͤrgerlichen Gerichtsbarkeit unabhaͤngiger zu machen. Bald fehlte dem Tribunale zu der ſpa⸗ niſchen Inquiſition wenig mehr, als der Name und Dominicaner. Bloßer Verdacht war genug, einen Buͤrger aus dem Schooße der oͤffentlichen Nuhe, aus dem Kreiſe ſeiner Familie heraus⸗ zuſtehlen, und das ſchwaͤchſte Zeugniß berechtigte zur Folterung. Wer in dieſen Schlund hinabſiel, kam nicht wieder. Alle Wohlthaten der Geſetze hoͤrten ihm auf. Ihn meinte die muͤtterliche Sorge der Gerechtigkeit nicht mehr. Jenſeits der 80 Welt richteten ihn Bosheit und Wahnſinn nach Geſetzen, die fuͤr Menſchen nicht gelten. Nie erfuhr der Delinquent ſeinen Klaͤger, und ſehr ſelten ſein Verbrechen; ein ruchloſer teufliſcher Kunſtgriff, der den Ungluͤcklichen zwang, auf ſeine Verſchuldung zu rathen, und im Wahnwitze der Folterpein, oder im Ueber⸗ druſſe einer langen lebendigen Beerdigung, Vergehungen auszu⸗ ſagen, die vielleicht nie begangen, oder dem Richter doch nie bekannt worden waren. Die Guͤter der Verurtheilten wurden eingezogen, und die Angeber durch Gnadenbriefe und Beloh⸗ nungen ermuntert. Kein Privilegium, keine buͤrgerliche Ge⸗ rechtigkeit galt gegen die heilige Gewalt. Wen ſie beruͤhrte, den hatte der weltliche Arm verloren. Dieſem war kein weiterer Antheil an ihrer Gerichtspflege verſtattet, als mit ehrerbietiger Unterwerfung ihre Sentenzen zu vollſtrecken. Die Folgen die⸗ ſes Inſtituts mußten unnatuͤrlich und ſchrecklich ſeyn. Das ganze zeitliche Gluͤck, ſelbſt das Leben des unbeſcholtenen Man⸗ nes, war nunmehr in die Haͤnde eines jeden Nichtswuͤrdigen gegeben. Jeder verborgene Feind, jeder Neider hatte jetzt die gefaͤhrliche Lockung einer unſichtbaren und unfehlbaren Nache. Die Sicherheit des Eigenthums, die Wahrheit des Umgangs war dahin. Alle Bande des Gewinns waren aufgeloͤst, alle des Bluts und der Liebe. Ein anſteckendes Mißtrauen ver⸗ giftete das geſellige Leben; die gefuͤrchtete Gegenwart eines Lauſchers erſchreckte den Blick im Auge und den Klang in der Kehle. Man glaubte an keinen redlichen Mann mehr, und galt auch fuͤr keinen. Guter Name, Landsmannſchaften, Ver⸗ bruͤderungen, Eide ſelbſt, und Alles, was Menſchen für heilig achten, war in ſeinem Werthe gefallen.— Dieſem Schickſale unterwarf man eine große bluͤhende Handelsſtadt, wo hundert⸗ tauſend geſchaͤftige Menſchen durch das einzige Band des Ver⸗ trauens zuſammenhalten. Jeder unentbehrlich fuͤr jeden, und 81 jeder zweideutig, verdaͤchtig. Alle durch den Geiſt der Gewinn⸗ ſucht aneinander gezogen, und auseinander geworfen durch Furcht. Alle Grundſaͤulen der Geſelligkeit umgeriſſen, wo Geſelligkeit der Grund alles Lebens und aller Dauer iſt. ¹) 1) Grotius L. I. 9. 40. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 6 Andere Eingriffe in die Conſtitution der Niederlande. Kein Wunder, daß ein ſo unnatuͤrliches Gericht, das ſelbſt dem duldſamern Geiſte der Spanier unertraͤglich geweſen war, einen Freiſtaat empoͤrte. Aber den Schrecken, den es einfloͤßte, vermehrte die ſpaniſche Kriegsmacht, die auch nach wiederherge⸗ ſtelltem Frieden beibehalten wurde, und, der Reichsconſtitution zuwider, die Graͤnzſtaͤdte anfuͤllte. Karl dem Fuͤnften hatte man dieſe Einfuͤhrung fremder Armeen vergeben, weil man ihre NRothwendigkeit einſah, und mehr auf ſeine guten Geſinnungen baute. Jetzt erblickte man in dieſen Truppen nur die fuͤrchter⸗ lichen Zuruͤſtungen der Unterdruͤckung und die Werkzeuge einer verhaßten Hierarchie. Eine anſehnliche Reiterei, von Einge⸗ bornen errichtet, war zum Schutze des Landes hinreichend, und machte dieſe Auslaͤnder entbehrlich. Die Zuͤgelloſtgkeit und Raubſucht dieſer Spanier, die noch große Ruͤckſtaͤnde zu fordern hatten, und ſich auf Unkoſten des Buͤrgers bezahlt machten, vollendeten die Erbitterung des Volks, und brachten den ge⸗ meinen Mann zur Verzweiflung. Als nachher das allgemeine Murren die Regierung bewog, ſie von den Graͤnzen zuſammen⸗ zuziehen, und in die ſeelaͤndiſchen Inſeln zu verlegen, wo die Schiffe zu ihrer Abfahrt ausgeruͤſtet wurden, ging ihre Ver⸗ meſſenheit ſo weit, daß die Einwohner aufhoͤrten, an den Daͤmmen 83 zu arbeiten, und ihr Vaterland lieber dem Meere uͤberlaſſen wollten, als laͤnger von dem viehiſchen Muthwillen dieſer ra⸗ ſenden Bande leiden. ¹) Sehr gern haͤtte Philipp dieſe Spanier im Lande behal⸗ ten, um durch ſie ſeinen Edicten mehr Kraft zu geben, und die Neuerungen zu unterſtuͤtzen, die er in der niederlaͤndiſchen Ver⸗ faſſung zu machen geſonnen war. Sie waren ihm gleichſam die Gewaͤhrmaͤnner der allgemeinen Ruhe, und eine Kette, an der er die Nation gefangen hielt. Deßwegen ließ er nichts unver⸗ ſucht, dem anhaltenden Zudringen der Reichsſtaͤnde auszuweichen, welche dieſe Spanier entfernt wiſſen wollten, und erſchoͤpfte bei dieſer Gelegenheit alle Hulfsmittel der Chicane und Ueberre⸗ dung. Bald fürchtete er einen ploͤtzlichen Ueberfall Frankreichs, das, von wuͤthenden Factionen zerriſſen, ſich gegen einen ein⸗ heimiſchen Feind kaum behaupten kann, bald ſollen ſie ſeinen Sohn Don Carlos an der Graͤnze in Empfang nehmen, den er nie Willens war, aus Caſtilien zu laſſen. Ihre Unterhaltung ſoll der Nation nicht zur Laſt fallen, er ſelbſt will aus ſeiner eigenen Schatulle alle Koſten davon beſtreiten. Um ſie mit deſto beſſerm Scheine da zu behalten, hielt er ihnen mit Fleiß ihren ruͤckſtaͤndigen Sold zuruͤck, da er ſie doch ſonſt den ein⸗ heimiſchen Truppen, die er voͤllig befriedigte, gewiß wuͤrde vorgezogen haben. Die Furcht der Nation einzuſchlaͤfern, und den allgemeinen Unwillen zu verſoͤhnen, bot er den beiden Lieb⸗ lingen des Volks, dem Prinzen von Oranien und dem Grafen von Egmont, den Oberbefehl uber dieſe Truppen an; beide aber ſchlugen ſeinen Antrag aus, mit der edelmuͤthigen Erklaͤrung, daß ſie ſich nie entſchließen wuͤrden, gegen die Geſetze des Landes *) Allg. Geſchichte der verein. Niederlande. III. Band. 21. Buch S. 25. n. ſ. 84 zu dienen. Je mehr Begierde der Koͤnig blicken ließ, ſeine Spanier im Lande zu laſſen, deſto hartnaͤckiger beſtanden die Staaten auf ihrer Entfernung. In dem darauf folgenden Reichstage zu Gent mußte er mitten im Kreiſe ſeiner Hoͤf⸗ linge eine republicaniſche Wahrheit hoͤren.„Wozu fremde Haͤnde zu unſerm Schutze?“ ſagte ihm der Syndicus von Gent.„Etwa, damit uns die uͤbrige Welt fuͤr zu leichtſinnig oder gar fuͤr zu bloͤdſinnig halte, uns ſelbſt zu vertheidigen? Warum haben wir Frieden geſchloſſen, wenn uns die Laſten des Kriegs auch im Frieden druͤcken? Im Kriege ſchaͤrfte die Nothwendigkeit unſere Geduld, in der Ruhe unterliegen wir ſeinen Leiden. Oder werden wir dieſe ausgelaſſene Bande in Ordnung halten, da deine eigene Gegenwart nicht ſo viel vermocht hat? Hier ſtehen deine Unterthanen aus Cambray und Ant⸗ werpen, und ſchreien uͤber Gewalt. Thionville und Marienburg liegen wuͤſte, und darum haſt du uns doch nicht Frieden gegeben, daß unſere Staͤdte zu Einoͤden werden, wie ſie nothwendig werden muͤſſen, wenn du ſie nicht von dieſen Zerſtoͤrern er⸗ loͤſeſt? Vielleicht willſt du dich gegen Ueberfall unſerer Nach⸗ barn verwahren? Dieſe Vorſicht iſt weiſe, aber das Geruͤcht ihrer Nuͤſtung wird lange Zeit ihren Waffen voran eilen. Warum mit ſchweren Koſten Fremdlinge miethen, die ein Land nicht ſchonen werden, das ſie morgen wieder verlaſſen muͤſſen? Noch ſtehen tapfere Niederlaͤnder zu deinen Dienſten, denen dein Vater in weit ſtuͤrmiſchern Zeiten die Republik anvertraute. Warum willſt du jetzt ihre Treue bezweifeln, die ſie ſo viele Jahrhunderte lang deinen Vorfahren unverletzt ge⸗ halten haben? Sollten ſie nicht vermoͤgend ſeyn, den Krieg ſo lange hinzuhalten, bis deine Bundsgenoſſen unter ihre Fahnen eilen, oder du ſelbſt aus der Nachbarſchaft Huͤlfe ſendeſt?“ Dieſe Sprache war dem Koͤnige zu neu und ihre Wahrheit zu 8⁵ einleuchtend, als daß er ſie ſogleich haͤtte beantworten koͤnnen. „Ich bin auch ein Auslaͤnder!“ rief er endlich,„will man nicht lieber gar mich ſelbſt aus dem Lande jagen?“ Sogleich ſtieg er vom Throne und verließ die Verſammlung, aber dem Spre⸗ cher war ſeine Kuͤhnheit vergeben. Zwei Tage darauf ließ er den Staͤnden die Erklaͤrung thun: wenn er fruͤher gewußt haͤtte, daß dieſe Truppen ihnen zur Laſt fielen, ſo wuͤrde er ſchon Anſtalt gemacht haben, ſie gleich ſelbſt mit nach Spanien zu nehmen. Jetzt waͤre dieſes freilich zu ſpaͤt, weil ſie unbezahlt nicht abrei⸗ ſen wuͤrden; doch verſpreche er ihnen auf das heiligſte, daß dieſe Laſt ſie nicht uͤber vier Monate mehr druͤcken ſollte. Nichts⸗ deſtoweniger blieben dieſe Truppen ſtatt dieſer vier Monate noch achtzehn im Lande, und wuͤrden es vielleicht noch ſpaͤter verlaſſen haben, wenn das Beduͤrfniß des Reichs ſie in einer andern Weltgegend nicht noͤthiger gemacht haͤtte. ¹) Die gewaltthaͤtige Einfuͤhrung Fremder in die wichtigſten Aemter des Landes veranlaßte neue Klagen gegen die Regierung. Von allen Vorrechten der Provinzen war keines den Spaniern ſo anſtoͤßig, als dieſes, welches Fremdlinge von Bedienungen ausſchließt, und keines hatten ſie eifriger zu untergraben ge⸗ ſucht.) Italien, beide Indien und alle Provinzen dieſer un⸗ geheuern Monarchie waren ihrer Habſucht und ihrem Ehrgeize geöffnet; nur von der reichſten unter allen ſchloß ſie ein uner⸗ bittliches Grundgeſetz aus. Man uͤberzeugte den Monarchen, daß die koͤnigliche Gewalt in dieſen Laͤndern nie wuͤrde befeſtigt werden koͤnnen, ſo lange ſie ſich nicht fremder Werkzeuge dazu bedienen duͤrſte. Schon der Biſchof von Arras, ein Bur⸗ 1) Burgund. L. I. p. 58. 39. 40. Reidan. L. I. p. 1. Meteren. 1. Theil. 1. Buch. 47. 2) Reidan. L. I. p. 1. 86 gunder von Geburt, war den Flamaͤndern widerrechtlich aufge⸗ drungen worden, und jetzt ſollte auch der Graf von Feria, ein Caſtilianer, Sitz und Stimme im Staatsrath erhalten. Aber dieſe Unternehmung fand einen herzhaftern Widerſtand, als die Schmeichler des Koͤnigs ihn hatten erwarten laſſen, und ſeine deſpotiſche Allmacht ſcheiterte dießmal an den Kuͤn⸗ ſten Wilhelms von Oranien und der Feſtigkeit der Staaten. ¹) 1) Grot. Annal. L. I. p. 13. Wilhelm von Oranien und Graf von Egmont. So kuͤndigte Philipp den Niederlanden ſeine Regierung an, und dieß waren ihre Beſchwerden, als er im Begriffe ſtand, ſie zu verlaſſen. Lange ſchon ſehnte er ſich aus einem Lande, wo er ein Fremdling war, wo ſo Vieles ſeine Neigun⸗ gen beleidigte, ſein deſpotiſcher Geiſt an den Geſetzen der Frei⸗ heit ſo ungeſtuͤme Erinnerer fand. Der Friede mit Frankreich erlaubte ihm endlich dieſe Entfernung; die Ruͤſtungen Soli⸗ mans zogen ihn nach dem Suͤden, und auch Spanien fing an, ſeinen Herrn zu vermiſſen. Die Wahl eines oberſten Statthalters fuͤr die Niederlande war die Hauptangelegenheit, die ihn jetzt noch beſchaͤftigte. Herzog Emanuel Philibert von Savoyen hatte ſeit der Abdankung der Koͤnigin Maria von Ungarn dieſe Stelle bekleidet, welche aber, ſo lange der Koͤnig in den Niederlanden ſelbſt anweſend war, mehr Ehre als wirklichen Einfluß gab. Seine Abweſenheit machte ſie zu dem wichtigſten Amte in der Monarchie und dem glaͤnzendſten Ziele, wornach der Ehrgeiz eines Buͤrgers nur ſtreben konnte. Jetzt ſtand ſie durch die Entfernung des Herzogs erledigt, den der Friede von Chateau⸗Cambreſis wieder in den Beſitz ſeiner Lande geſetzt hatte. Die beinahe unumſchraͤnkte Gewalt, welche dem Oberſtatthalter verliehen werden mußte, die Faͤhigkeiten und Kenntniſſe, die ein ſo ausgedehnter und delicater Poſten 88 erforderte, vorzuͤglich aber die gewagten Anſchlaͤge der Re⸗ gierung auf die Freiheit des Landes, deren Ausfüͤhrung von ihm abhaͤngen ſollte, mußten nothwendig dieſe Wahl erſchweren. Das Geſetz, welches jeden Auslaͤnder von Bedienungen entfernt, macht bei dem Oberſtatthalter eine Ausnahme. Da er nicht aus allen Provinzen zugleich gebuͤrtig ſeyn kann, ſo iſt es ihm erlaubt, keiner von allen anzugehoͤren, denn die Eiferſucht eines Brabanters wuͤrde einem Flamaͤnder, der eine halbe Meile von ſeiner Graͤnze zu Hauſe waͤre, kein groͤßeres Recht dazu einraͤnmen, als dem Sicilianer, der eine andere Erde und einen andern Himmel hat. Hier aber ſchien der Vortheil der Krone ſelbſt einen niederlaͤndiſchen Buͤrger zu beguͤnſtigen. Ein geborner Brabanter, zum Beiſpiel, deſſen Vaterland ſich mit uneingeſchraͤnkterem Vertrauen ihm uͤberlieferte, konnte, wenn er ein Verraͤther war, den toͤdtlichen Streich ſchon zur Haͤlfte gethan haben, ehe ein Auslaͤnder das Miß⸗ trauen uͤberwand, das uͤber ſeine geringfuͤgigſten Handlungen wachte. Hatte die Regierung in Einer Provinz ihre Abſichten durchgeſetzt, ſo war die Widerſetzung der uͤbrigen eine Kuͤhn⸗ heit, die ſie auf das ſtrengſte zu ahnden berechtigt war. In dem gemeinſchaftlichen Ganzen, welches die Provinzen jetzt ausmachten, waren ihre individuellen Verfaſſungen gleichſam untergegangen; der Gehorſam einer einzigen war ein Geſetz fuͤr jede, und das Vorrecht, welches Eine nicht zu bewahren wußte, war fuͤr alle andern verloren. Unter den niederlaͤndiſchen Großen, die auf die Ober⸗ ſtatthalterſchaft Anſpruch machen konnten, waren die Erwar⸗ tungen und Wuͤnſche der Nation zwiſchen dem Grafen von Egmont und dem Prinzen von Oranien getheilt, welche durch gleich edle Abkunft dazu berufen, durch gleiche Verdienſte dazu berechtigt, und durch gleiche Liebe des Volks zu dieſem 89 Poſten willkommen waren. Beide hatte ein glaͤnzender Rang zunaͤchſt an den Thron geſtellt, und wenn das Auge des Mon⸗ archen zuerſt unter den Wuͤrdigſten ſuchte, ſo mußte es nothwendig auf einen von dieſen beiden fallen. Da wir in der Folge dieſer Geſchichte beide Namen oft werden nennen muͤſſen, ſo kann die Aufmerkſamkeit des Leſers nicht fruͤhe genug auf ſie gezogen werden. Wilhelm der Erſte, Prinz von Oranien, ſtammte aus dem deutſchen Fuͤrſtenhauſe Naſſau, welches ſchon acht Jahr⸗ hunderte gebluͤht, mit dem oͤſterreichiſchen eine Zeitlang um den Vorzug gerungen, und dem deutſchen Reiche einen Kaiſer gegeben hatte. Außer verſchiedenen reichen Laͤndereien in den Niederlanden, die ihn zu einem Buͤrger dieſes Staats und einem gebornen Vaſallen Spaniens machten, beſaß er in Frankreich noch das unabhaͤngige Fuͤrſtenthum Oranien. Wilhelm ward im Jahr 1553 zu Dillenburg, in der Graf⸗ ſchaft Naſſau, von einer Graͤfin Stolberg geboren. Sein Vater, der Graf von Naſſau, desſelben Namens, hatte die proteſtantiſche Religion angenommen, worin er auch ſeinen Sohn erziehen ließ; Karl der Fuͤnfte aber, der dem Knaben ſchon fruͤhzeitig wohl wollte, nahm ihn ſehr jung an ſeinen Hof und ließ ihn in der roͤmiſchen aufwachſen. Dieſer Monarch, der in dem Kinde den kuͤnftigen großen Mann ſchon erkannte, behielt ihn neun Jahre um ſeine Perſon, wuͤrdigte ihn ſeines eigenen Unterrichts in Regierungs⸗ geſchaͤften, und ehrte ihn durch ein Vertrauen, welches uͤber ſeine Jahre ging. Ihm allein war es erlaubt, um den Kaiſer zu bleiben, wenn er fremden Geſandten Audienz gab— ein Beweis, daß er als Knabe ſchon angefangen haben mußte, den ruhmvollen Beinamen des Verſchwiegenen zu verdienen. Der Kaiſer erroͤthete ſogar nicht, einmal oͤffentlich zu geſtehen, 90 daß dieſer junge Menſch ihm oͤfters Anſchlaͤge gebe, die ſeiner eigenen Klugheit wuͤrden entgangen ſeyn. Welche Erwartun⸗ gen konnte man nicht von dem Geiſte eines Mannes hegen, der in einer ſolchen Schule gebildet war! Wilhelm war dreiundzwanzig Jahre alt, als Karl die Regierung niederlegte, und hatte ſchon zwei oͤffentliche Beweiſe der hoͤchſten Achtung von ihm erhalten. Ihm uͤbertrug er, mit Ausſchließung aller Großen ſeines Hofes, das ehrenvolle Amt, ſeinem Bruder Ferdinand die Kaiſerkrone zu uͤberbringen. Als der Herzog von Savoyen, der die kaiſerliche Armee in den Niederlanden commandirte, von ſeinen eigenen Landesangelegen⸗ heiten nach Italien abgerufen ward, vertraute der Kaiſer ihm den Oberbefehl uͤber dieſe Truppen an, gegen die Vorſtellungen ſeines ganzen Kriegsraths, denen es allzu gewagt ſchien, den er⸗ fahrnen franzoͤſiſchen Feldherren einen Jungling entgegen zu ſetzen. Abweſend und von Niemand empfohlen, zog ihn der Monarch der lorbeervollen Schaar ſeiner Helden vor, und der Ausgang ließ ihn ſeine Wahl nicht bereuen. Die vorzuͤgliche Gunſt, in welcher dieſer Prinz bei dem Vater geſtanden hatte, waͤre allein ſchon ein wichtiger Grund geweſen, ihn von dem Vertrauen ſeines Sohnes auszuſchließen. Philipp, ſcheint es, hatte es ſich zum Geſetz gemacht, den ſpaniſchen Adel an dem niederlaͤndiſchen wegen des Vorzugs zu raͤchen, wodurch Karl der Fuͤnfte dieſen letztern ſtets unterſchieden hatte. Aber wichtiger waren die geheimen Be⸗ weggruͤnde, die ihn von dem Prinzen entfernten. Wilhelm von Oranien gehoͤrte zu den hagern und blaſſen Menſchen, wie Caͤſar ſie nennt, die des Nachts nicht ſchlafen, und zu viel denken, vor denen das furchtloſeſte aller Gemuͤther gewankt hat. Die ſtille Ruhe eines immer gleichen Geſichts verbarg eine geſchaͤftige feurige Seele, die auch die Huͤlle, hinter 91 welcher ſie ſchuf, nicht bewegte, und der Liſt und der Liebe gleich unbetretbar war,— einen vielfachen, furchtharen, nie er⸗ muͤdenden Geiſt, weich und bildſam genug, augenblicklich in alle Formen zu ſchmelzen,— bewaͤhrt genug, in keiner ſich ſelbſt zu verlieren,— ſtark genug, jeden Gluͤckswechſel zu ertragen. Menſchen zu durchſchauen und Herzen zu gewinnen, war kein groͤßerer Meiſter, als Wilhelm; nicht daß er, nach der Weiſe des Hofs, ſeine Lippen eine Knechtſchaft bekennen ließ, die das ſtolze Herz Luͤgen ſtrafte, ſondern weil er mit den Merkmalen ſeiner Gunſt und Verehrung weder karg noch verſchwenderiſch war, und durch eine kluge Wirthſchaft mit demjenigen, wodurch man Menſchen verbindet, ſeinen wirk⸗ lichen Vorrath an dieſen Mitteln vermehrte. So langſam ſein Geiſt gebar, ſo vollendet waren ſeine Fruͤchte; ſo ſpaͤt ſein Entſchluß reifte, ſo ſtandhaft und unerſchuͤtterlich ward er vollſtreckt. Den Plan, dem er einmal als dem erſten ge⸗ huldigt hatte, konnte kein Widerſtand ermuden, keine Zu⸗ faͤlle zerſtoͤren, denn alle hatten, noch ehe ſie wirklich eintra⸗ ten, vor ſeiner Seele geſtanden. So ſehr ſein Gemuͤth uͤber Schrecken und Freude erhaben war, ſo unterworfen war es der Furcht; aber ſeine Furcht war fruͤher da, als die Gefahr, und er war ruhig im Tumulte, weil er in der Ruhe gezit⸗ tert hatte. Wilhelm zerſtreute ſein Gold mit Verſchwen⸗ dung, aber er geizte mit Secunden. Die Stunde der Tafel war ſeine einzige Feierſtunde, aber dieſe gehoͤrte ſeinem Herzen auch ganz, ſeiner Familie und der Freundſchaft; ein beſcheidener Abzug, den er dem Vaterlande machte. Hier verklaͤrte ſich ſeine Stirn beim Weine, den ihm froͤhlicher Muth und Enthaltſamkeit wuͤrzten, und die ernſte Sorge durfte hier die Jovialitaͤt ſeines Geiſtes nicht umwoͤlken. Sein Hausweſen war praͤchtig; der Glanz einer zahlreichen 9²2 Dienerſchaft, die Menge und das Anſehen derer, die ſeine Perſon umgaben, machten ſeinen Wohnſitz einem ſouveraͤnen Fuͤrſtenhofe gleich. Eine glaͤnzende Gaſtfreiheit, das große Zaubermittel der Demagogen, war die Goͤttin ſeines Pala⸗ ſtes. Fremde Prinzen und Geſandten fanden hier eine Auf⸗ nahme und Bewirthung, die Alles uͤbertraf, was das uͤppige Belgien ihnen anbieten konnte. Eine demuͤthige Unterwuͤrſig⸗ keit gegen die Regierung kaufte den Tadel und Verdacht wie⸗ der ab, den dieſer Aufwand auf ſeine Abſichten werfen konnte. Aber dieſe Verſchwendungen unterhielten den Glanz ſeines Namens bei dem Volke, dem nichts mehr ſchmeichelt, als die Schaͤtze des Vaterlandes vor Fremdlingen ausgeſtellt zu ſehen, und der hohe Gipfel des Gluͤcks, worauf er geſehen wurde, erhoͤhte den Werth der Leutſeligkeit, zu der er herabſtieg. Niemand war wohl mehr zum Fuͤhrer einer Verſchwoͤrung ge⸗ boren, als Wilhelm der Verſchwiegene. Ein durch⸗ dringender feſter Blick in die vergangene Zeit, die Gegenwart und die Zukunft, ſchnelle Beſitznehmung der Gelegenheit, eine Obergewalt uͤber alle Geiſter, ungeheure Entwuͤrfe, die nur dem weit entlegenen Betrachter Geſtalt und Ebenmaß zeigen⸗ kuͤhne Berechnungen, die an der langen Kette der Zukunſt hinunterſpinnen, ſtanden unter der Aufſicht einer erleuchteten und freiern Tugend, die mit feſtem Tritte auch auf der Graͤnze noch wandelt. Ein Menſch, wie dieſer, konnte ſeinem ganzen Zeitalter undurchdringlich bleiben, aber nicht dem mißtrauiſchſten Geiſte ſeines Jahrhunderts. Philipp der Zweite ſchaute ſchnell und tief in einen Charakter, der, unter den gutartigen, ſei⸗ nem eigenen am aͤhnlichſten war. Haͤtte er ihn nicht ſo voll⸗ kommen durchſchaut, ſo waͤre es unerklaͤrbar, wie er einem 93 Menſchen ſein Vertrauen nicht geſchenkt haben ſollte, in wel⸗ chem ſich beinahe alle Eigenſchaften vereinigten, die er am höchſten ſchaͤtzte und am beſten wuͤrdigen konnte. Aber Wil⸗ helm hatte noch einen andern Beruͤhrungspunkt mit Phi⸗ lipp dem Zweiten, welcher wichtiger war. Er hatte ſeine Staatskunſt bei demſelben Meiſter gelernt, und war, wie zu fuͤrchten ſtand, ein faͤhigerer Schuͤler geweſen. Nicht, weil er den Fuͤrſten des Macchiavell zu ſeinem Studium gemacht, ſondern weil er den lebendigen Unterricht eines Monarchen genoſſen hatte, der jenen in Ausuͤbung brachte, war er mit den gefaͤhrlichen Kuͤnſten bekannt worden, durch welche Throne fallen und ſteigen. Philipp hatte hier mit einem Gegner zu thun, der auf ſeine Staatskunſt geruͤſtet war, und dem bei einer guten Sache auch die Huͤlfsmittel der ſchlimmen zu Gebote ſtanden. Und eben dieſer letztere Umſtand erklaͤrt uns, warum er unter allen gleichzeitigen Sterblichen dieſen am un⸗ verſoͤhnlichſten haßte, und ſo unnatuͤrlich fuͤrchtete. Den Argwohn, welchen man bereits gegen den Prinzen gefaßt hatte, vermehrte die zweideutige Meinung von ſeiner Religion. Wilhelm glaubte an den Papſrt, ſo lange der Kaiſer, ſein Wohlthaͤter, lebte; aber man fuͤrchtete mit Grund, daß ihn die Vorliebe, die ſeinem jungen Herzen ſuͤr die ver⸗ beſſerte Lehre gegeben worden, nie ganz verlaſſen habe. Welche Kirche er auch in gewiſſen Perioden ſeines Lebens mag vor⸗ gezogen haben, ſo haͤtte ſich jede damit beruhigen koͤnnen, daß ihn keine einzige ganz gehabt har. Wir ſehen ihn in ſpaͤtern Jahren beinahe mit eben ſo wenigem Bedenken zum Calvi⸗ nismus uͤbergehen, als er in fruͤher Kindheit die lutheriſche Religion fuͤr die roͤmiſche verließ. Gegen die ſpaniſche Tyran⸗ nei vertheidigte er mehr die Menſchenrechte der Proteſtanten, 94 als ihre Meinungen; nicht ihr Glaube, ihre Leiden hatten ihn zu ihrem Bruder gemacht. ¹) Dieſe allgemeinen Gruͤnde des Mißtrauens ſchienen durch eine Entdeckung gerechtfertigt zu werden, welche der Zufall uͤber ſeine wahren Geſinnungen darbot. Wilhelm war als Geiſel des Friedens von Chateau⸗Cambreſis, an deſſen Stif⸗ tung er mitgearbeitet hatte, in Frankreich zuruͤckgeblieben, und hatte durch die Unvorſichtigkeit Heinrichs des Zweiten, der mit einem Vertrauten des Koͤnigs von Spanien zu ſprechen glaubte, einen heimlichen Anſchlag erfahren, den der franzoͤſiſche Hof mit dem ſpaniſchen gegen die Proteſtanten beider Reiche entwarf. Dieſe wichtige Entdeckung eilte der Prinz, ſeinen Freunden in Bruͤſſel, die ſie ſo nahe anging, mitzutheilen, und die Briefe, die er daruͤber wechſelte, fielen ungluͤcklicherweiſe dem Koͤnige von Spanien in die Haͤnde. ²) Philipp wurde von dieſem entſcheidenden Aufſchluſſe uͤber Wilhelms Geſinnungen weniger uͤberraſcht, als uͤber die Zerſtoͤrung ſeines Anſchlags entruͤſtet; aber die ſpaniſchen Großen, die dem Prinzen jenen Augenblick noch nicht ver⸗ geſſen hatten, wo der groͤßte der Kaiſer im letzten Acte ſeines Lebens auf ſeinen Schultern ruhte, verſaͤumten dieſe guͤnſtige Gelegenheit nicht, den Verraͤther eines Staatsgeheimniſſes endlich ganz in der guten Meinung ihres Koͤnigs zu ſtuͤrzen. Nicht minder edeln Stammes, als Wilhelm, war La⸗ moral, Graf von Egmont und Prinz von Gavre, ein Abkömmling der Herzoge von Geldern, deren kriegeriſcher 1) Strad. Dec. I. L. I. p. 24. und L. III. p. 55. sq. Grot. Annal. I. I. p. 7. Reidan. L. III. 59. Meurs. Guil. Auriac. L. I. p. 2 sd. Burg. 65. 66. 2) Strad. Dec. I. L III. p. 56. Thuan. I. 1010. Reicdan. L. I. p. 2⸗ 95 Muth die Waffen des Hauſes Oeſterreich ermuͤdet hatte. Sein Geſchlecht glaͤnzte in den Annalen des Landes; einer von ſeinen Vorfahren hatte ſchon unter Maxrimilian die Statthalter⸗ ſchaft uͤber Holland verwaltet. Egmonts Vermaͤhlung mit der Herzogin Sabina von Bayern erhöoͤhte noch den Glanz ſeiner Geburt, und machte ihn durch wichtige Verbindungen maͤchtig. Karl der Fuͤnfte hatte ihn im Jahre 1546 in Utrecht zum Ritter des goldenen Vließes geſchlagen; die Kriege dieſes Kaiſers waren die Schule ſeines kuͤnftigen Ruhms, und die Schlachten bei St. Quentin und Gravelingen machten ihn zum Helden ſeines Jahrhunderts. Jede Wohlthat des Frie⸗ dens, den handelnde Voͤlker am dankbarſten fuͤhlen, brachte das Gedaͤchtniß der Siege zuruͤck, durch die er beſchleunigt worden, und der flaͤmiſche Stolz machte ſich, wie eine eitle Mutter, mit dem herrlichen Sohne des Landes groß, der ganz Euroya mit ſeiner Bewunderung erfuͤllte. Neun Kinder, die unter den Augen ſeiner Mitbuͤrger aufbluͤhten, vervielfaͤltigten und verengten die Bande zwiſchen ihm und dem Vaterlande, und die allgemeine Zuneigung gegen ihn uͤbte ſich im An⸗ ſchauen derer, die ihm das Theuerſte waren. Jede oͤffentliche Erſcheinung Egmonts war ein Triumphzug; jedes Auge, das auf ihn geheftet war, erzaͤhlte ſein Leben; in der Ruhmredig⸗ keit ſeiner Kriegsgefaͤhrten lebten ſeine Thaten; ihren Kindern hatten ihn die Muͤtter bei ritterlichen Spielen gezeigt. Hoͤf⸗ lichkeit, edler Anſtand und Leutſeligkeit, die liebenswuͤrdigen Tugenden der Ritterſchaft, ſchmuͤckten mit Grazie ſein Ver⸗ dienſt. Auf einer ſreien Stirn erſchien ſeine freie Seele; ſeine Offenherzigkeit verwaltete ſeine Geheimniſſe nicht beſſer, als ſeine Wohlthaͤtigkeit ſeine Guͤter, und ein Gedanke gehoͤrte Al⸗ len, ſobald er ſein war. Sanft und menſchlich war ſeine Re⸗ ligion, aber wenig gelaͤutert, weil ſie von ſeinem Herzen und 96 nicht von ſeinem Verſtande ihr Licht empfing. Egmont beſaß mehr Gewiſſen, als Grundſaͤtze; ſein Kopf hatte ſich ſein Geſetzbuch nicht ſelbſt gegeben, ſondern nur eingelernt; darum konnte der bloße Name einer Handlung ihm die Handlung verbieten. Seine Menſchen waren boͤſe oder gut, und hatten nichts Boͤſes oder Gutes; in ſeiner Sittenlehre fand zwiſchen Laſter und Tugend keine Vermittelung ſtatt; darum entſchied bei ihm oft eine einzige gute Seite fuͤr den Mann. Egmont vereinigte alle Vorzuͤge, die den Helden bilden; er war ein beſſerer Soldat, als Oranien, aber als Staatsmann tief unter ihm; dieſer ſah die Welt, wie ſie wirklich war, Eg⸗ mont in dem magiſchen Spiegel einer verſchoͤnernden Phan⸗ taſte. Menſchen, die das Gluͤck mit einem Lohn uͤberraſchte, zu welchem ſie keinen natuͤrlichen Grund in ihren Handlungen finden, werden ſehr leicht verſucht, den nothwendigen Zuſam⸗ menhang zwiſchen Urſache und Wirkung uͤberhaupt zu verler⸗ nen, und in die natuͤrliche Folge der Dinge jene hoͤhere Wun⸗ derkraft einzuſchalten, der ſie endlich tolldreiſt, wie Caͤſar ſeinem Gluͤcke, vertranen. Von dieſen Menſchen war Eg⸗ mont. Trunken von Verdienſten, welche die Dankbarkeit ge⸗ gen ihn uͤbertrieben hatte, taumelte er in dieſem fuͤßen Be⸗ wußtſeyn, wie in einer lieblichen Traumwelt, dahin. Er fuͤrchtete nicht, weil er dem unſichern Pfande vertraute, das ihm das Schickſal in der allgemeinen Liebe gegeben, und glaubte an Gerechtigkeit, weil er gluͤcklich war. Selbſt die ſchrecklichſte Er⸗ fahrung des ſpaniſchen Meineids konnte nachher dieſe Zuverſicht nicht aus ſeiner Seele vertilgen, und auf dem Blutgeruͤſte ſelbſt war Hoffnung ſein letztes Gefuͤhl. Eine zaͤrtliche Furcht fuͤr ſeine Familie hielt ſeinen patriotiſchen Muth an kleinern Pflichten ge⸗ fangen. Weil er fuͤr Eigenthum und Leben zu zittern hatte, kounte er fuͤr die Republik nicht viel wagen. Wilhelm von 97 Oranien brach mit dem Thron, weil die willkuͤrliche Gewalt ſeinen Stolz empoͤrte; Egmont mar eitel, darum legte er einen Werth auf Monarchengnade. Jener war ein Buͤrger der Welt, Egmont iſt nie mehr als ein Flaͤminger geweſen. ²) Philipp der Zweite ſtand noch in der Schuld des Sie⸗ gers bei St. Quentin, und die Oberſtatthalterſchaft der Nieder⸗ lande ſchien die einzig wuͤrdige Belohnung ſo glaͤnzender Ver⸗ dienſte zu ſeyn. Geburt und Anſehen, die Stimme der Nation und perſoͤnliche Faͤhigkeiten ſprachen ſo laut fuͤr Egmont als fuͤr Oranien, und wenn dieſer uͤbergangen wurde, ſo konnte jener allein ihn verdraͤngt haben. Zwei Mitbewerber von ſo gleichem Verdienſte haͤtten Phi⸗ lipp bei ſeiner Wahl verlegen machen koͤnnen, wenn es ihm je in den Sinn gekommen waͤre, ſich fuͤr einen von beiden zu beſtimmen. Aber eben die Vorzuͤge, mit welchen ſie ihr Recht darauf unterſtuͤtzten, waren es, was ſie ausſchloß; und gerade durch dieſe feurigen Wuͤnſche der Nation fuͤr ihre Erhebung hatten ſie ihre Anſpruͤche auf dieſen Poſten unwiderruflich ver⸗ wirkt. Philipp konnte in den Niederlanden keinen Statt⸗ halter brauchen, dem der gute Wille und die Kraft des Volks zu Gebote ſtand. Egmonts Abkunft von den geldriſchen Herzogen machte ihn zu einem gebornen Feinde des ſpaniſchen Hauſes, und die hoͤchſte Gewalt ſchien in den Haͤnden eines Mannes gefaͤhrlich, dem es einfallen konnte, die Unterdruͤckung ſeines Ahnherrn an dem Sohne des Unterdruͤckers zu raͤchen. Die Hintanſetzung ihrer Lieblinge konnte weder die Nation, noch ſie ſelbſt beleidigen, denn der Koͤnig, hieß es, uͤbergehe beide, weil er keinen vorziehen moͤge. ²) 1) Grotii Annal. L. I. p. 7. Strad. L. I. 23 und I., III. 84. 2) Strad. Dec. I. L. I. 24. Grot. Annal. p. 12. Schillers ſaͤmmrtl. Werke. VIII. 7 98 Die fehlgeſchlagene Erwartung der Regentſchaft benahm dem Prinzen von Oranien die Hoffnung noch nicht ganz, ſeinen Einfluß in den Niederlanden feſter zu gruͤnden. Unter den Uebrigen, welche zu dieſem Amte in Vorſchlag gebracht wurden, war auch Chriſtina, Herzogin von Lothringen, und Muhme des Koͤnigs, die ſich als Mittlerin des Friedens von Chateau⸗Cambreſis ein glaͤnzendes Verdienſt um die Krone er⸗ worben hatte. Wilhelm hatte Abſichten auf ihre Tochter, die er durch eine thaͤtige Verwendung fuͤr die Mutter zu befoͤrdern hoffte; aber er uͤberlegte nicht, daß er eben dadurch ihre Sache verdarb. Die Herzogin Chriſtina wurde verworfen, nicht ſowohl, wie es hieß, weil die Abhaͤngigkeit ihrer Laͤnder von Frankreich ſie dem ſpaniſchen Hofe verdaͤchtig machte, als viel⸗ mehr deßwegen, weil ſie dem niederlaͤndiſchen Volke und dem Prinzen von Oranien willkommen war. ¹) ¹) Burgund. L. I. 23 sc. Strad. Dec. I. L. I. 2 ½. 25. Margaretha von Parma, Oberſtatthalterin der Niederlande. Indem die allgemeine Erwartung noch geſpannt iſt, wer uͤber das Schickſal der Provinzen kuͤnftig zu gebieten haben wuͤrde, erſcheint an den Graͤnzen des Landes Herzogin Mar⸗ garetha von Parma, von dem Koͤnige aus dem entlege⸗ nen Italien gerufen, um die Niederlande zu regieren. Margaretha war eine natuͤrliche Tochter Karls des Fuͤnften, von einem niederlaͤndiſchen Fraͤulein Vangee ſt 1522 geboren. Um die Ehre ihres Hauſes zu ſchonen, wurde ſie anfangs in der Dunkelheit erzogen; ihre Mutter aber, die mehr Eitelkeit, als Ehre beſaß, war nicht ſehr beſorgt, das Geheimniß ihres Urſprungs zu verwahren, und eine koͤnigliche Erziehung verrieth die Kaiſertochter. Noch als Kind wurde ſie der Statthalterin Margaretha, ihrer Großtante, nach Bruͤſſel zur Erziehung gegeben, welche ſie in ihrem achten Jahre verlor, und mit ihrer Nachfolgerin, der Koͤnigin Ma⸗ ria von Ungarn, einer Schweſter des Kaiſers, ver⸗ tauſchte. Schon in ihrem vierten Jahre hatte ſie ihr Vater mit einem Prinzen von Ferrara verlobt; nachdem aber dieſe Verbindung in der Folge wieder aufgeloͤst worden, be⸗ ſtimmte man ſie Alexandern von Medicis, dem neuen Herzoge von Florenz, zur Gemahlin, welche Vermaͤhlung auch wirklich, nach der ſiegreichen Ruͤckkehr des Kaiſers aus Afrika, 100 in Neapel begangen wurde. Noch im erſten Jahre einer un⸗ gluͤcklichen Ehe entreißt ihr ein gewaltſamer Tod den Gemahl, der ſie nicht lieben konnte, und zum dritten Male muß ihre Hand der Politik ihres Vaters wuchern. Octavius Farneſe, ein dreizehnjaͤhriger Prinz und Nepote Pauls des Dritten, erhaͤlt mit ihrer Perſon die Herzogthuͤmer Parma und Piacenza zum Brautſchatz, und Margaretha wird, durch ein ſeltſames Schickſal, als eine Volljaͤhrige, mit einem Knaben getraut, wie ſie ehemals, als Kind, einem Manne verhandelt worden. Ihr wenig weiblicher Geiſt machte dieſe letzte Verbindung noch un⸗ natuͤrlicher, denn ihre Neigungen waren maͤnnlich, und ihre ganze Lebensweiſe ſpottete ihres Geſchlechts. Nach dem Bei⸗ ſpiele ihrer Erzieherin, der Koͤnigin von Ungarn, und ihrer Urgroßtante, der Herzogin Maria von Burgund, die in dieſer Liebhaberei den Tod fand, war ſie eine leidenſchaftliche Jaͤgerin, und hatte dabei ihren Koͤrper ſo abgehaͤrtet, daß ſie alle Strapazen dieſer Lebensart, trotz einem Manne, aus⸗ dauern konnte. Ihr Gang ſelbſt zeigte ſo wenig Grazie, daß man vielmehr verſucht war, ſie fuͤr einen verkleideten Mann, als fuͤr eine maͤnnliche Frau zu halten, und die Natur, deren ſie durch dieſe Graͤnzenverletzung geſpottet hatte, raͤchte ſich endlich auch an ihr durch eine Maͤnnerkrankheit, das Podagra. Dieſe ſo ſeltenen Eigenſchaften kroͤnte ein derber Moͤnchsglaube, den Ignatius Loyola, ihr Gewiſſensrath und Lehrer, den Ruhm gehabt hatte, in ihre Seele zu pflanzen. Unter den Liebeswerken und Bußuͤbungen, womit ſie ihre Eitelkeit kreu⸗ zigte, iſt eine der merkwuͤrdigſten, daß ſie in der Charwoche jedes Jahrs einer gewiſſen Anzahl Armen, denen auf das ſchaͤrfſte unterſagt war, ſich vorher zu reinigen, eigenhaͤndig die Fuͤße wuſch, ſie bei Tiſche, wie eine Magd, bediente, und znit reichen Geſchenken entließ. 101 Es braucht nicht viel mehr, als dieſen letzten Charakter⸗ zug, um den Vorzug zu begreifen, den ihr der Koͤnig, vor allen ihren Nebenbuhlern, gab; aber ſeine Vorliebe fuͤr ſie wurde zugleich durch die beſten Gruͤnde der Staatskunſt ge⸗ rechtfertigt. Margaretha war in den Niederlanden geboren und auch da erzogen. Sie hatte ihre erſte Jugend unter dieſem Volke verlebt, und viel von ſeinen Sitten angenommen. Zwei Statthalterinnen, unter deren Augen ſie erwachſen war, hatten ſie in den Maximen nach und nach eingeweiht, nach welchen dieſes eigenthuͤmliche Volk am beſten regiert wird, und konnten ihr darin zu einem Vorbilde dienen. Es mangelte ihr nicht an Geiſt und einem beſondern Sinn fuͤr Geſchaͤfte, den ſie ihren Erzieherinnen abgelernt, und nachher in der italieniſchen Schule zu groͤßerer Vollkommenheit gebracht hatte. Die Niederlande waren ſeit mehreren JIahren an weihliche Regierungen gewoͤhnt, und Philipp hoffte wielleicht, daß das ſcharfe Eiſen der Ty⸗ rannei, deſſen er ſich jetzt gegen ſie bedienen wollte, von weib⸗ lichen Haͤnden ſanfter einſchneiden wuͤrde. Einige Ruͤckſicht auf ſeinen Vater, der damals noch lebte, und dieſer Tochter ſehr wohl wollte, ſoll ihn, wie man behauptet, bei dieſer Wahl gleichfalls geleitet haben, ſo wie es auch wahrſchein⸗ lich iſt, daß er den Herzog von Parma, dem er damals eine Bitte abſchlagen mußte, durch dieſe Aufmerkſamkeit fuͤr ſeine Gemahlin verbinden wollte. Da die Laͤndereien der Herzogin von ſeinen italieniſchen Staaten umfangen, und zu jeder Zett ſeinen Waffen bloßgeſtellt waren, ſo konnte er mit um ſo weniger Gefahr die hoͤchſte Gewalt in ihre Haͤnde geben. Zu ſeiner voͤlligen Sicherheit blieb noch Alexander Farneſe, ihr Sohn, als ein Unterpfand ihrer Treue, an ſeinem Hofe. Alle dieſe Gruͤnde zuſammen hatten Gewicht genug, den Koͤniz fuͤr ſie zu beſtimmen; aber ſie wurden ent⸗ 10² ſcheidend, weil der Biſchof von Arras und der Herzog von Al ba ſie unterſtuͤtzten. Letzterer, ſcheint es, weil er alle uͤbri⸗ gen Mitbewerber haßte oder beneidete; jener, weil ſeine Herrſchbegierde wahrſcheinlich ſchon damals die große Befrie⸗ digung ahnete, die in dem ſchwankenden Gemuͤthe dieſer Fuͤr⸗ ſtin fuͤr ſie bereitet lag.) Philipp empfing die neue Regentin mit einem glaͤnzen⸗ den Gefolge an der Graͤnze des Landes, und fuͤhrte ſie in praͤchtigem Pompe nach Gent, wo die Generalſtaaten waren verſammelt worden. Da er nicht Willens war, ſo bald nach den Niederlanden zuruͤckzukehren, ſo wollte er noch, ehe er ſie gaͤnzlich verließ, die Nation durch einen ſolennen Reichstag befriedigen, und den Anordnungen, die er getroffen hatte, eine groͤßere Sanction und geſetzmaͤßige Staͤrke geben. Zum letzten Male zeigte er ſich hier ſeinem niederlaͤndiſchen Volke, das von nun an ſein Schickſal nur aus geheimnißvoller Ferne em⸗ pfangen ſollte. Den Glanz dieſes feierlichen Tages zu er⸗ heben, ſchlug er eilf neue Ritter des goldnen Vließes, ließ ſeine Schweſter auf einem Stuhle neben ſich niederſitzen, und zeigte ſie der Nation als ihre kuͤnftige Beherrſcherin. Alle Beſchwerden des Volks uͤber die Glaubensedicte, die Inqui⸗ ſition, die Zuruͤckhaltung der ſpaniſchen Truppen, die auf⸗ gelegten Steuern und die geſetzwidrige Einfuͤhrung Fremder in die Aemter des Landes kamen auf dieſem Reichstage in Bewegung, und wurden von beiden Theilen mit Heftigkeit verhandelt, einige mit Liſt abgewieſen oder ſcheinbar gehoben, andere durch Machtſpruͤche zuruͤckgeſchlagen. Weil er ein ¹) Burgund ſ.. I. 25 sq. Strad. Dec. I. L. I. 24 bis 30. Meteren II. B. 61. Recueil et Mémorial des Troubles des Pays-bas(autore Hoppero). T. II. Vita Vigl. 18. 19. 103 Fremdling in der Landesſprache war, redete der Koͤnig durch den Mund des Biſchofs von Arras zu der Nation, zaͤhlte ihr mit ruhmredigem Gepraͤnge alle Wohlthaten ſeiner Regie⸗ rung auf, verſicherte ſie ſeiner Gnade fuͤrs Kuͤnftige, und em⸗ pfahl den Staͤnden noch einmal aufs ernſtlichſte die Aufrecht⸗ haltung des katholiſchen Glaubens und die Vertilgung der Ketzerei. Die ſpaniſchen Truppen, verſprach er, ſollten in wenig Monaten die Niederlande raͤumen, wenn man ihm nur noch Zeit goͤnnen wollte, ſich von den vielen Ausgaben des letzten Kriegs zu erholen, um dieſen Truppen ihre Ruͤckſtaͤnde bezah⸗ len zu koͤnnen. Ihre Landesgeſetze ſollten unangefochten blei⸗ ben, die Auflagen ſie nicht uͤber ihre Kraͤfte druͤcken, und die Inquiſition ihr Amt mit Gerechtigkeit und Maͤßigung verwal⸗ ten. Bei der Wahl einer Oberſtatthalterin, ſetzte er hinzu, habe er vorzuͤglich die Wuͤnſche der Nation zu Rathe gezogen, und fuͤr eine Eingeborne entſchieden, die in ihren Sitten und Gewohnheiten eingeweiht und ihnen durch Vaterlandsliebe zu⸗ gethan ſey. Er ermahne ſie alſo, durch ihre Dankbarkeit ſeine Wahl zu ehren, und ſeiner Schweſter, der Herzogin, wie ihm ſelbſt zu gehorchen. Sollten, ſchloß er, unerwartete Hinderun⸗ gen ſich ſeiner Wiederkunft entgegenſetzen, ſo verſpreche er ihnen, an ſeiner Statt den Prinzen Karl, ſeinen Sohn, zu ſenden, der in Bruͤſſel reſidiren ſollte. ¹) Einige beherztere Glieder dieſer Verſammlung wagten noch einen letzten Verſuch fuͤr die Gewiſſensfreiheit. Jedem Volke, meinten ſie, muͤſſe nach ſeinem Nationalcharakter begegnet werden, wie jedem einzelnen Menſchen nach ſeiner Leibes⸗ conſtitution. So koͤnne man zum Beiſpiel den Suͤden unter 1) Burg. L. I. 34. 57. A. G. d. v. N. III. B. 25 26. Strad. L. I. 104 einem gewiſſen Grade des Zwangs noch fuͤr gluͤcklich halten, der dem Norden unertraͤglich fallen wuͤrde. Nimmermehr, ſetzten ſie hinzu, wuͤrden ſich die Flaͤminger zu einem Joche verſtehen, worunter ſich Spanier vielleicht geduldig beugten, und, wenn man es ihnen aufdringen wollte, lieber das Aeußerſte wagen. Dieſe Vorſtellung unterſtützten auch einige Raͤthe des Koͤnigs, und drangen ernſtlich auf Milderung jener ſchrecklichen Glaubensedicte. Aber Philipp blieb unerbittlich. Lieber nicht herrſchen, war ſeine Antwort, als uͤber Ketzer. ¹) Nach einer Einrichtung, die ſchon Karl der Fuͤnfte ge⸗ macht hatte, waren der Oberſtatthalterin drei Rathsverſamm⸗ lungen oder Kammern zugegeben, welche ſich in die Verwaltung der Reichsgeſchaͤfte theilten. So lange Philipp ſelbſt in den Niederlanden anweſend war, hatten dieſe drei Gerichte ſehr viel von ihrer Gewalt verleren und das erſte von ihnen, der Staatsrath, beinahe gaͤnzlich geruht. Jetzt, da er das Heft der Regierung wieder aus den Haͤnden gab, gewannen ſie ihren vorigen Glanz wieder. In dem Staatsrathe, der uͤber Krieg und Frieden und die auswaͤrtige Sicherheit wachte, ſaßen der Biſchof von Arras, der Prinz von Oranien, der Graf von Egmont, der Praͤſident des geheimen Raths, Viglius von Zuichem, von Aytta, und der Graf von Barlai⸗ mont, Praͤſident des Finanzraths. Alle Ritter des goldenen Vließes, alle Geheimeraͤthe und Finanzraͤthe, wie auch die Mit⸗ glieder des großen Senats zu Mecheln, der ſchon durch Kar! den Fuͤnften dem geheimen Rathe in Bruͤſſel untergeben war, hatten im Staatsrathe Sitz und Stimme, wenn ſie von der Oberſtatthalterin ausdruͤcklich dazu geladen wurden. Die Verwaltung der koͤniglichen Einkuͤnfte und Kammerguter gehoͤrte 1) Bentivogl. L. I. p. 10. 105 dem Finanzrath, und der geheime Rath beſchaͤftigte ſich mit dem Gerichtsweſen und der buͤrgerlichen Ordnung des Landes, und fertigte die Begnadigungsſcheine und Freibriefe aus. Die erledigten Statthalterſchaften der Provinzen wurden entweder neu beſetzt, oder die alten beſtaͤtigt. Flandern und Artois er⸗ hielt der Graf von Egmont; Holland, Seeland, Utrecht und Weſtfriesland, mit der Grafſchaft Burgund, der Prinz von Oranien; der Graf von Aremberg Oſtfriesland, Oberyſſel und Groͤningen; der Graf von Mannsfeld Luremburg; Barlaimont Namur; der Marquis von Bergen Henne⸗ gau, Chateau⸗Cambreſis und Palenciennes; der Baron von Montigny Tournay und ſein Gebiet. Andere Provinzen wurden Andern gegeben, welche unſerer Aufmerkſamkeit weniger wuͤrdig ſind. Philipp von Montmorency, Graf von Hoorn, dem der Graf von Megen in der Statthalterſchaft uͤber Geldern und Zuͤtphen gefolgt war, wurde als Admiral der niederlaͤndiſchen Seemacht beſtaͤtigt. Jeder Provinzſtatthalter war zugleich Ritter des Vließes und Mitglied des Staatsraths. Jeder hatte in der Provinz, der er vorſtand, das Commando uͤber das Kriegsvolk, welches ſie deckte, die Oberaufſicht uͤber die buͤrgerliche Regierung und das Gerichtsweſen; nur Flan⸗ dern ausgenommen, wo der Statthalter in Rechtsſachen nichts zu ſagen hatte. Brabant allein ſtand unmittelbar unter der Oberſtatthalterin, welche, dem Herkommen gemaͤß, Bruͤſſel zu ihrem beſtaͤndigen Wohnſitze erwaͤhlte. Die Einſetzung des Prinzen von Oranien in ſeine Statthalterſchaften geſchah eigentlich gegen die Conſtitution des Landes, weil er ein Auslaͤnder war; aber einige Laͤndereien, die er in den Provin⸗ zen zerſtreut beſaß, oder als Vormund ſeines Sohnes verwal⸗ tete, ein langer Aufenthalt in dem Lande, und vorzuͤglich das uneingeſchraͤnkte Vertrauen der Nation in ſeine Geſinnungen, 106 erſetzten an wirklichem Anſpruche, was ihm an einem zufaͤlligen abging. ¹) Die Nationalmacht der Niederlaͤnder, die, wenn ſie vollzaͤh⸗ lig war, aus dreitauſend Pferden beſtehen ſollte, jetzt aber nicht viel uͤber zweitauſend betrug, wurde in vierzehn Escadronen vertheilt, uͤber welche, außer den Statthaltern der Provinzen, noch der Herzog von Arſchot, die Grafen von Hoogſtra⸗ ten, Boſſu, Roeur und Brederode den Oberbefehl fuͤhrten. Dieſe Reiterei, welche durch alle ſiebenzehn Provinzen zerſtreut war, ſollte nur fuͤr ſchnelle Beduͤrfniſſe fertig ſtehen; ſo wenig ſie auch zu groͤßern Unternehmungen hinreichte, ſo war ſie doch zur Aufrechthaltung der innern Ruhe des Landes genug. Ihr Muth war gepruͤft, und die vorigen Kriege hatten den Ruhm ihrer Tapferkeit durch ganz Europa verbreitet. ²) Außer ihr ſollte auch noch Fußvolk angenommen werden, wozu ſich aber die Staaten bis jetzt nicht verſtehen wollten. Von den aus⸗ laͤndiſchen Truppen waren noch einige deutſche Regimenter im Dienſte, welche auf ihre Bezahlung warteten. Die viertauſend Spanier, uͤber welche ſo viel Beſchwerde gefuͤhrt wurde, ſtanden unter zwei ſpaniſchen Anfuͤhrern, Men doza und Romero, und lagen in den Graͤnzſtaͤdten in Beſatzung. Unter den niederlaͤndiſchen Großen, welche der Koͤnig bei dieſer Stellenbeſetzung vorzuͤglich auszeichnete, ſtehen die Namen des Grafen von Egmont und Wilhelms von Oranien oben an. So tief ſchon damals der Haß gegen dieſe Beiden, und gegen den Letztern beſonders, bei ihm Wurzel gefaßt hatte, ſo gab er ihnen dennoch dieſe oͤffentlichen Merkmale ſeiner 1) Meteren I. Band I. Buch 46. Burgund. L. I. p. 7. 25. 50. 54- Strad. L. I. 20 sq. A. G. d. v. N. III. 24. 2) Burgund. L. I. 26. Strad. L. I. 21. sq. Hopper. 18. 19 sq. Thuan. T. II. 489. 107 Gunſt, weil ſeine Rache noch nicht reif war, und das Volk ſie ſchwaͤrmeriſch verehrte. Beider Guͤter wurden ſteuerfrei er⸗ klaͤrt, ¹) die eintraͤglichſten Statthalterſchaften wurden ihnen ge⸗ geben; durch das angebotene Commando uͤber die zuruͤckgelaſſe⸗ nen Spanier ſchmeichelte er ihnen mit einem Vertrauen, das er ſehr entfernt war, wirklich in ſie zu ſetzen. Aber zu eben der Zeit, wo er den Prinzen durch dieſe oͤffentlichen Beweiſe ſeiner Achtung verpflichtete, wußte er ihn ingeheim deſto empfind⸗ licher zu verwunden. Aus Furcht, daß eine Verbindung mit dem maͤchtigen Hauſe Lothringen dieſen verdaͤchtigen Vaſallen zu kuͤhnern Anſchlaͤgen verleiten moͤchte, hintertrieb er die Heirath, die zwiſchen ihm und einer Prinzeſſin dieſes Hauſes zu Stande kommen ſollte, und zernichtete ſeine Hoffnung, die ihrer Er⸗ fuͤllung ſo nahe war; eine Kraͤnkung, welche der Prinz ihm niemals vergeben hat.*) Der Haß gegen dieſen gewann es ſo⸗ gar einmal uͤber ſeine angeborne Verſtellungskunſt, und ver⸗ leitete ihn zu einem Schritte, worin wir Philipp den Zwei⸗ ten gaͤnzlich verkennen. Als er zu Vließingen an Bord ging, und die Großen des Landes ihn am Ufer umgaben, vergaß er ſich ſo weit, den Prinzen rauh anzulaſſen, und ihn oͤffentlich als den Urheber der flandriſchen Unruhen anzuklagen. Der Prinz antwortete mit Maͤßigung, daß nichts geſchehen waͤre, was die Staaten nicht aus eigenem Antriebe und den recht⸗ maͤßigſten Beweggruͤnden gethan. Nein, ſagte Philipp, in⸗ dem er ſeine Hand ergriff, und ſie heftig ſchuͤttelte, nicht die Staaten, ſondern Sie! Sie! Sie! Der Prinz ſtand ver⸗ ſtummt, und ohne des Koͤnigs Einſchiffung abzuwarten, wuͤnſchte er ihm eine gluͤckliche Reiſe, und ging nach der Stadt zuruͤck.) 1) Wie auch des Grafen von Hoorn. A. G. d. v. N. III. B. 8. 2²) Watson. T. I. 137. ³) Vie et Généalogie de Guillaume I., Prince d'Orange. 108 So machte Privathaß die Erbitterung endlich unheilbar, welche Wilhelm gegen den Unterdruͤcker eines freien Volks laͤngſt ſchon im Buſen trug, und dieſe doppelte Aufforderung brachte zuletzt das große Unternehmen zur Reife, das der ſpaniſchen Krone ſieben ihrer edelſten Steine entriſſen hat. Philipp hatte ſeinem wahren Charakter nicht wenig ver⸗ geben, da er die Niederlande noch ſo gnaͤdig entließ. Die geſetz⸗ maͤßige Form eines Reichstags, dieſe Willfaͤhrigkeit, ſeine Spanier aus ihren Graͤnzen zu fuͤhren, dieſe Gefaͤlligkeit, die wichtigſten Aemter des Landes durch die Lieblinge des Volks zu beſetzen, und endlich das Opfer, das er ihrer Reichsverfaſſung brachte, da er den Grafen von Feria aus dem Staatsrathe wieder zuruͤcknahm, waren Aufmerkſamkeiten, deren ſich ſeine Groß⸗ muth in der Folge nie wieder ſchuldig machte. Aber er bedurfte jetzt mehr als jemals den guten Willen der Staaten, um mit ihrem Beiſtande, wo moͤglich, die große Schuldenlaſt zu til⸗ gen, die noch von den vorigen Kriegen her auf den Nieder⸗ landen haftete. Dadurch, daß er ſich ihnen durch kleinere Opfer gefaͤllig machte, hoffte er ihnen vielleicht die Genehmigung ſeiner wichtigen Uſurpationen abzugewinnen. Er bezeichnete ſeinen Abſchied mit Gnade, denn er wußte, in welchen Haͤnden er ſie ließ. Die fuͤrchterlichen Auftritte des Todes, die er dieſem un⸗ gluͤcklichen Volke zugedacht hatte, ſollten den heitern Glanz der Majeſtaͤt nicht verunreinigen die, gleich der Gottheit, nur mit Wohlthun ihre Pfade bezeichnet; jener ſchreckliche Ruhm war ſeinen Stellvertretern beſchieden. Dennoch aber wurde durch Errichtung des Staatsraths dem niederlaͤndiſchen Adel mehr geſchmeichelt, als wirklicher Einfluß gegeben. Der Geſchicht⸗ ſchreiber Strada, der von Allem, was die Oberſtatthalterin betraf, aus ihren eigenen Papieren unterrichtet ſeyn konnte,¹) 4) Strad. L. II. 49. und L. I. 51. 109 hat uns einige Artikel aus der geheimen Inſtruction aufbehal⸗ ten, die ihr das ſpaniſche Miniſterium gab. Wenn ſie merkte, heißt es darin unter Anderm, daß die Raͤthe durch Factionen getheilt, oder was noch weit ſchlimmer waͤre, durch Privat⸗ conferenzen vor der Sitzung geruͤſtet und mit einander ver⸗ ſchworen ſeyen, ſo ſollte ſie die ganze Rathsverſammlung auf⸗ heben, und in einem engern Ausſchuſſe eigenmaͤchtig uͤber den ſtreitigen Artikel verfuͤgen. In dieſem engern Ausſchuſſe, den man die Conſulta nannte, ſaßen der Biſchof von Arras, der Praͤſident Viglius und der Graf von Barlaimont. Eben ſo ſollte ſie verfahren, wenn dringende Faͤlle eine raſchere Entſchließung erforderten. Waͤre dieſe Anſtalt nicht das Werk eines willkuͤrlichen Deſpotismus geweſen, ſo koͤnnte vielleicht die vernuͤnftigſte Staatskunſt ſie rechtfertigen, und ſelbſt die repu⸗ blicaniſche Freiheit fie dulden. Bei großen Verſammlungen, wo viele Privatverhaͤltniſſe und Leidenſchaften mit einwirken, wo die Menge der Hoͤrer der Eitelkeit und dem Ehrgeize des Red⸗ ners einen zu praͤchtigen Spielraum gibt, und die Parteien oft mit ungezogener Heftigkeit durcheinander ſtuͤrmen, kann ſelten ein Rathſchluß mit derjenigen Nuͤchternheit und Reife gefaßt wer⸗ den, wie noch wohl in einem engern Cirkel geſchieht, wenn die Mitglieder gut gewaͤhlt ſind. Nicht zu gedenken, daß bei einer zahlreichern Menge mehr beſchraͤnkte als erleuchtete Koͤpfe vorauszuſetzen ſind, die durch das gleiche Recht der Stimmen die Mehrheit nicht ſelten auf die Seite der Unvernunft lenken. Eine zweite Marime, welche die Statthalterin in Ausuͤbung bringen ſollte, war dieſe: diejenigen Glieder des Raths, welche gegen eine Verordnung geſtimmt haͤtten, nachdruͤcklich anzuhal⸗ ten, dieſe Verordnung, wenn ſie die Oberhand behalten, eben ſo bereitwillig zu befoͤrdern, als wenn ſie ihre eifrigſten Ver⸗ fechter geweſen waͤren. Dadurch wuͤrde ſie nicht nur das Volk 110 uͤber die Urheber eines ſolchen Geſetzes in Unwiſſenheit erhalten, ſondern auch den Privatgezaͤnken der Mitglieder ſteuern, und bei der Stimmengebung eine groͤßere Freiheit einfuͤhren. ¹) Aller dieſer Fuͤrſorge ungeachtet haͤtte Philipp die Nieder⸗ lande niemals ruhig verlaſſen koͤnnen, ſo lange er die Ober⸗ gewalt im Staatsrathe und den Gehorſam der Provinzen in den Haͤnden des verdaͤchtigen Adels wußte; um alſo auch von dieſer Seite ſeine Furcht zu beruhigen, und ſich zugleich der Statthalterin zu verſichern, unterwarf er ſie ſelbſt, und in ihr alle Rechtsangelegenheiten, der hoͤhern Einſicht des Biſchofs von Arras, in welchem einzigen Manne er der furchtbarſten Cabale ein hinreichendes Gegengewicht gab. An dieſen wurde die Herzogin, als an ein untruͤgliches Orakel der Majeſtaͤt, an⸗ gewieſen, und in ihm wachte ein ſtrenger Aufſeher ihrer Ver⸗ waltung. Unter allen gleichzeitigen Sterblichen war Gran⸗ vella die einzige Ausnahme, die das Mißtrauen Philipps des Zweiten erlitten zu haben ſcheint; weil er dieſen in Bruͤſſel wußte, konnte er in Segovien ſchlafen. Er verließ die Niederlande im September des Jahrs 1559; ein Sturm ver⸗ ſenkte ſeine Flotte, da er bei Laredo, in Biscaya, gerettet ans Land ſtieg, und ſeine finſtere Freude dankte dem erhaltenden Gotte durch ein abſcheuliches Geluͤbde. In die Haͤnde eines Prieſters und eines Weibes war das gefaͤhrliche Steuer der Niederlande gegeben, und der feige Tyrann entwiſchte in ſeinem Betſtuhle zu Madrid den Bitten und Klagen und Verwuͤnſchun⸗ gen ſeines Volks.*) ¹1) Strad. Dec. I. L. I. 31. ²) Allg. Geſch. d. v. Niederlande. III. 27. 28. —-— Zweites Buch. Cardinal Granvella. Anton Perenot, Biſchof von Arras, nachheriger Erz⸗ biſchof von Mecheln und Metropolitan der ſaͤmmtlichen Nieder⸗ lande, den uns der Haß ſeiner Zeitgenoſſen unter dem Namen des Cardinals Granvella verewigt hat, wurde im Jahr 1516 zu Beſancon, in der Grafſchaft Burgund, geboren. Sein Vater, Nicolaus Perenot, eines Eiſenſchmieds Sohn, hatte ſich durch eigenes Verdienſt bis zum Geheimſchreiber der Herzogin Margaretha von Savoyen, damaliger Regentin der Niederlande, emporgearbeitet; hier wurde er Karl dem Fuͤnften als ein faͤhiger Geſchaͤftsmann bekannt, der ihn in ſeine Dienſte nahm, und bei den wichtigſten Unterhandlungen gebrauchte. Zwanzig Jahre arbeitete er im Cabinette des Kaiſers, bekleidete die Wuͤrde ſeines Geheimenraths und Siegelbewahrers, theilte alle Staatsgeheimniſſe dieſes Monarchen, und erwarb ſich ein großes Vermoͤgen.¹) Seine Wurden, ſeinen Einfluß und ſeine Staatskunſt erbte Anton Perenot, ſein Sohn, der ſchon in fruͤhen Jahren Proben der großen Faͤhigkeit ablegte, die ihm nachher eine ſo glorreiche Laufbahn geoͤffnet hat. Anton hatte auf verſchiedenen hohen Schulen die Talente ausgebildet, womit ihn die Natur ſo verſchwenderiſch ausgeſtattet hatte, und 1) Meteren 60. Strad. 47. Schillers ſammtl. Werke. VIII.. 8 114 Beides gab ihm einen Vorzug vor ſeinem Vater. Bald zeigte er, daß er ſich durch eigene Kraft auf dem Platze behaupten konnte, worauf ihn fremde Verdienſte geſtellt hatten. Er war vierundzwanzig Jahre alt, als ihn der Kaiſer als ſeinen Be⸗ vollmaͤchtigten auf die Kirchenverſammlung zu Trident ſchickte, und hier ließ er die Erſtlinge ſeiner Beredſamkeit hoͤren, die ihm in der Folge eine ſo große Obergewalt uͤber zwei Koͤnige gab. ¹) Karl bediente ſich ſeiner noch bei verſchiedenen ſchweren Geſandtſchaften, die er mit dem groͤßten Beifalle ſeines Mon⸗ archen beendigte, und als endlich dieſer Kaiſer ſeinem Sohne das Scepter uͤberließ, machte er dieſes koſtbare Geſchenk mit einem Miniſter vollkommen, der es ihm fuͤhren half. Granvella eroͤffnete ſeine neue Laufbahn gleich mit dem groͤßten Meiſterſtuͤcke ſeines politiſchen Genie's, von der Gnade eines ſolchen Vaters in die Gunſt eines ſolchen Sohnes ſo leicht hinuͤberzugleiten. Bald gelang es ihm, ſie in der That zu verdienen. Bei der geheimen Unterhandlung, welche die Herzogin von Lothringen 1558 zwiſchen den franzoͤſiſchen und ſpaniſchen Miniſtern in Peronne vermittelt hatte, entwarf er mit dem Cardinal von Lothringen die Verſchwoͤrung gegen die Proteſtanten, welche nachher zu Chateau⸗Cambreſis, wo auch er an dem Friedensgeſchaͤfte mitarbeitete, zur Reife gebracht, aber eben dort auch verrathen wurde. Ein tiefdringender, vielumfaſſender Verſtand, eine ſeltene Leichtigkeit in verwickelten großen Geſchaͤften, die ausgebreitetſte Gelehrſamkeit war mit laſttragendem Fleiße und nie ermuͤdender Geduld, das unternehmendſte Genie mit dem bedaͤchtlichſten Maſchinengange in dieſem Manne wunderbar vereinigt. Tage und Naͤchte, ſchlaflos und nuͤchtern, fand ihn der Staat; ¹) A. Geſch. d. v. Niederlande. II. Bd. 5 26. 115 Wichtiges und Geringes wurde mit gleich gewiſſenhafter Sorgfalt von ihm gewogen. Nicht ſelten beſchaͤftigte er fuͤnf Secretaͤre zugleich und in verſchiedenen Sprachen, deren er ſieben geredet haben ſoll. Was eine pruͤfende Vernunft langſam zur Reife gebracht hatte, gewann Kraft und Anmuth in ſeinem Munde, und die Wahrheit, von einer maͤchtigen Suade begleitet, riß gewaltſam alle Hoͤrer dahin. Seine Treue war unbeſtechlich, weil keine der Leidenſchaften, welche Menſchen von Menſchen abhaͤngig machen, ſein Gemuͤth verſuchte. Mit bewunderns⸗ wuͤrdiger Schaͤrfe des Geiſtes durchſpaͤhte er das Gemuͤth ſeines Herrn, und erkannte oft in der Miene ſchon die ganze Gedanken⸗ reihe, wie in dem vorangeſchickten Schatten die nahende Geſtalt. Mit huͤlfreicher Kunſt kam er dieſem traͤgern Geiſte entgegen, bildete die rohe Geburt noch auf ſeinen Lippen zum vollendeten Gedanken, und goͤnnte ihm großmuͤthig den Ruhm der Erfin⸗ dung. Die ſchwere und ſo nuͤtzliche Kunſt, ſeinen eigenen Geiſt zu verkleinern, ſein Genie einem andern leibeigen zu machen, verſtand Granvella; ſo herrſchte er, weil er ſeine Herrſchaft verbarg, und nur ſo konnte Philipp der Zweite beherrſcht werden. Zufrieden mit einer ſtillen, aber gruͤnd⸗ lichen Gewalt, haſchte er nicht unerſaͤttlich nach neuen Zeichen derſelben, die ſonſt immer das wuͤnſchenswuͤrdigſte Ziel kleiner Geiſter ſind; aber jede neue Wuͤrde kleidete ihn, als waͤre ſie nie von ihm geſchieden geweſen. Kein Wunder, daß ſo außer⸗ ordentliche Eigenſchaften ihm die Gunſt ſeines Herrn gewannen; aber ein wichtiges Vermaͤchtniß der politiſchen Geheimniſſe und Erfahrungen, welche Karl der Fuͤnfte in einem thatenvollen Leben geſammelt und in dieſem Kopf niedergelegt hatte, machte ihn ſeinem Thronfolger zugleich unentbehrlich. So ſelbſtzufrieden dieſer Letztere auch ſeiner eigenen Vernunft zu vertrauen pflegte, ſo nothwendig war es ſeiner furchtſamen ſchleichenden Politik, 116 ſich an einen uͤberlegenen Geiſt anzuſchmiegen, und ihrer eigenen Unentſchloſſenheit durch Anſehen, fremdes Beiſpiél und Obſervanz machzuhelfen. Keine politiſche Begebenheit des koͤniglichen Hauſes kam, ſo lange Philipp in den Niederlanden war, ohne Zu⸗ ziehung Granvella's zu Stande, und als er die Reiſe nach Spanien antrat, machte er der neuen Statthalterin ein eben ſo wichtiges Geſchenk mit dieſem Miniſter, als ihm ſelbſt von dem Kaiſer, ſeinem Vater, in ihm hinterlaſſen worden war. So gewoͤhnlich wir auch deſpotiſche Fuͤrſten ihr Vertrauen an Creaturen verſchenken ſehen, die ſie aus dem Staube ge⸗ zogen und deren Schoͤpfer ſie gleichſam ſind, ſo vorzuͤgliche Gaben wurden erfordert, die verſchloſſene Selbſtſucht eines Charakters, wie Philipp war, ſo weit zu uͤberwinden, daß ſie in Vertrauen, ja ſogar Vertraulichkeit uͤberging. Das leiſeſte Aufwallen des erlaubteſten Selbſtgefuͤhls, wodurch er ſein Eigenthumsrecht auf einen Gedanken zuruͤckzufordern ge⸗ ſchienen haͤtte, den der Koͤnig einmal zu dem ſeinigen geadelt, haͤtte dem Miniſter ſeinen ganzen Einfluß gekoſtet. Es war ihm vergoͤnnt, den niedrigſten Leidenſchaften der Wolluſt, der Habſucht, der Rachbegierde zu dienen, aber die einzige, die ihn wirklich beſeelte, das ſuͤße Bewußtſeyn eigener Ueberlegenheit und Kraft, mußte er ſorgfaͤltig vor dem argwoͤhniſchen Blicke des Deſpoten verhuͤllen. Freiwillig begab er ſich aller Vorzuͤge, die er eigenthuͤmlich beſaß, um ſie von der Großmuth des Koͤnigs zum zweiten Male zu empfangen. Sein Gluͤck durfte aus keiner andern Quelle, als dieſer, fließen, kein anderer Menſch Anſpruch auf ſeine Dankbarkeit haben. Den Purpur, der ihm von Rom aus geſendet war, legte er nicht eher an, als bis die koͤnigliche Bewilligung aus Spanien anlangte; indem er ihn zu den Stufen des Throns niederlegte, ſchien er ehn gleichſam erſt aus den Haͤnden der Majeſtaͤt zu erhal⸗ 117 ten.¹) Weniger Staatsmann, als er, errichtete ſich Herzog Alba eine Trophaͤe in Antwerpen, und ſchrieb unter die Siege, die er als Werkzeug der Krone gewonnen, ſeinen eige⸗ nen Namen— aber Alba nahm die Ungnade ſeines Herrn mit ins Grab. Er hatte mit frevelnder Hand in das Regale der Krone gegriffen, da er unmittelbar an der Quelle der Unſterblichkeit ſchoͤpfte. Dreimal wechſelte Granvella ſeinen Herrn, und dreimal gelang es ihm, die hoͤchſte Gunſt zu erſteigen. Mit eben der Leichtigkeit, womit er den gegruͤndeten Stolz eines Selbſt⸗ herrſchers und den ſproͤden Egoismus eines Deſpoten geleitet hatte, wußte er die zarte Eitelkeit eines Weibes zu handhaben. Seine Geſchaͤfte mit der Regentin wurden mehrentheils, ſelbſt wenn ſie in einem Hauſe beiſammen waren, durch Billets abgehandelt, ein Gebranch, der ſich noch aus den Zeiten Auguſts und Tibers herſchreiben ſoll. Wenn die Statthalterin ins Gedraͤnge kam, wurden dergleichen Billets zwiſchen dem Miniſter und ihr oft von Stunde zu Stunde gewechſelt. Wahrſcheinlich erwaͤhlte er dieſen Weg, um die wachſame Eiferſucht des Adels zu betruͤgen, der ſeinen Einfluß auf die Regentin nicht ganz kennen ſollte; vielleicht glaubte er auch, durch dieſes Mittel ſeine Rathſchlaͤge fuͤr die Letztere dauerhafter zu machen, und ſich im Nothfalle mit dieſen ſchriftlichen Zeugniſſen gegen Be⸗ ſchuldigung zu decken. Aber die Wachſamkeit des Adels machte dieſe Vorſicht umſonſt, und bald war es in allen Provinzen bekannt, daß nichts ohne den Miniſter geſchehe. Granvella beſaß alle Eigenſchaften eines vollendeten Staatsmannes fuͤr Monarchien, die ſich dem Deſpotismus naͤhern, aber durchaus keine fuͤr Republiken, die Koͤnige haben. 1) Strada, 65. 118 Zwiſchen dem Thron und dem Beichtſtuhl erzogen, kannte er keine andern Verhaͤltniſſe unter Menſchen, als Herrſchaft und Unterwerfung, und das inwohnende Gefuͤhl ſeiner eigenen Ueber⸗ legenheit gab ihm Menſchenverachtung. Seiner Staatskunſt fehlte Geſchmeidigkeit, die einzige Tugend, die ihr hier unent⸗ behrlich war. Er war hochfahrend und frech, und bewaffnete mit der koͤniglichen Vollmacht die natuͤrliche Heftigkeit ſeiner Gemuͤthsart und die Leidenſchaften ſeines geiſtlichen Standes. In das Intereſſe der Krone huͤllte er ſeinen eigenen Ehrgeiz, und machte die Trennung zwiſchen der Nation und dem Koͤnige unheilbar, weil er ſelbſt ihm dann unentbehrlich blieb. An dem Adel raͤchte er ſeine eigene niedrige Abkunft, und wuͤrdigte, nach Art aller derjenigen, die das Gluͤck durch Verdienſte ge⸗ zwungen, die Vorzuͤge der Geburt unter diejenigen herunter, wodurch er geſtiegen war. Die Proteſtanten kannten ihn als ihren unverſoͤhnlichſten Feind; alle Laſten, welche das Land druͤckten, wurden ihm Schuld gegeben, und alle druͤckten deſto unleidlicher, weil ſie von ihm kamen. Ja, man beſchuldigt ihn ſogar, daß er die billigern Geſinnungen, die das dringende An⸗ liegen der Staaten dem Monarchen endlich abgelockt hatte, zur Strenge zuruͤckgefuͤhrt habe. Die Niederlande verfluchten ihn, als den ſchrecklichſten Feind ihrer Freiheiten, und den erſten Urheber alles Elendes, welches nachher uͤber ſie gekom⸗ men iſt. ¹) (4559.) Offenbar hatte Philipp die Provinzen noch zu zeitig verlaſſen. Die neuen Maßregeln der Regierung waren dieſem Volke noch zu fremd, und konnten durch ihn allein Sanction und Nachdruck erhalten; die neuen Maſchinen, die ¹) Strad. Dec. I. L. II. 47. 48, 49. 50. Thuan. L. VI. 501. Bur- gundius. 119 er ſpielen ließ, mußten durch eine gefuͤrchtete ſtarke Hand in Gang gebracht, ihre erſten Bewegungen zuvor abgewartet und durch Obſervanz erſt geſichert werden. Jetzt ſtellte er dieſen Miniſter allen Leidenſchaften bloß, die auf einmal die Feſſeln der koͤniglichen Gegenwart nicht mehr fuͤhlten, und uͤberließ dem ſchwachen Arme eines Unterthans, woran ſelbſt die Maje⸗ ſtaͤt mit ihren maͤchtigſten Stuͤtzen unterliegen konnte. Zwar bluͤhte das Land, und ein allgemeiner Wohlſtand ſchien von dem Gluͤcke des Friedens zu zeugen, deſſen es kuͤrzlich theilhaftig worden war. Die Ruhe des aͤußern Anblicks taͤuſchte das Auge, aber ſie war nur ſcheinbar, und in ihrem ſtillen Schooße loderte die gefaͤhrlichſte Zwietracht. Wenn die Religion in einem Lande wankt, ſo wankt ſie nicht allein; mit dem Heiligen hatte der Muthwille angefangen, und endigte mit dem Profanen. Der gelungene Angriff auf die Hierarchie hatte eine Keckheit und Luͤſternheit erweckt, Autoritaͤt uͤberhaupt anzutaſten, und Geſetze wie Dogmen, Pflichten wie Meinungen zu pruͤfen. Dieſer fanatiſche Muth, den man in Angelegenheiten der Ewigkeit uͤben gelernt, konnte ſeinen Gegenſtand wechſeln; dieſe Gering⸗ ſchaͤtzung des Lebens und Eigenthums furchtſame Buͤrger in tollküͤhne Empoͤrer verwandeln. Eine beinahe vierzig Jahre lange weibliche Regierung hatte der Nation Raum gegeben, ihre Freiheiten geltend zu machen; anhaltende Kriege, welche die Niederlande zu ihrem Schauplatze machten, hatten eine gewiſſe Licenz eingefuͤhrt, und das Recht der Staͤrkern an die Stelle der buͤrgerlichen Ordnung gerufen. Die Provinzen waren von fremden Abenteurern und Fluͤchtlingen angefuͤllt, lauter Menſchen, die kein Vaterland, keine Familie, kein Eigenthum mehr band, und die noch den Samen des Auf⸗ ruhrs aus ihrer ungluͤcklichen Heimath heruͤberbachten. Die wiederholten Schauſpiele der Marter und des Todes hatten 120 die zarten Faͤden der Sittlichkeit zerriſſen, und dem Charak⸗ ter der Nation eine unnatuͤrliche Haͤrte gegeben. Dennoch wuͤrde die Empoͤrung nur ſchuͤchtern und ſtill am Boden gekrochen ſeyn, haͤtte ſie an dem Adel nicht eine Stuͤtze gefunden, woran ſie furchtbar emporſtieg. Karl der Fuͤnfte hatte die niederlaͤndiſchen Großen verwoͤhnt, da er ſie zu Theil⸗ habern ſeines Ruhms machte, ihren Nationalſtolz durch den parteiiſchen Vorzug naͤhrte, den er ihnen vor dem caſtilianiſchen Adel gab, und ihrem Ehrgeize in allen Theilen ſeines Reichs einen Schauplatz aufſchloß. Im letztern franzoͤſiſchen Kriege hatten ſte um ſeinen Sohn dieſen Vorzug wirklich verdient; die Vortheile, die der Koͤnig aus dem Frieden von Chateau⸗Cambreſis erntete, waren groͤßtentheils Werke ihrer Tapferkeit geweſen, und jetzt vermißten ſie mit Empfindlichkeit den Dank, worauf ſie ſo zu⸗ verſichtlich gerechnet hatten. Es kam dazu daß durch den Abgang des deutſchen Kaiſerthums von der ſpaniſchen Monarchie und den minder kriegeriſchen Geiſt der neuen Regierung ihr Wirkungskreis uͤberhaupt verkleinert, und außer ihrem Vaterlande wenig mehr fuͤr ſie zu gewinnen war. Philipp ſtellte jetzt ſeine Spanier an, wo Karl der Fuͤnfte Nieederlaͤnder gebraucht hatte. Alle jene Leidenſchaften, welche die vorhergehende Regierung bei ihnen erweckt und beſchaͤftigt hatte, brachten ſie jetzt in den Frieden mit; und dieſe zuͤgelloſen Triebe, denen ihr rechtmaͤßiger Gegenſtand fehlte, fanden ungluͤcklicherweiſe in den Beſchwer⸗ den des Vaterlandes einen andern. Jetzt zogen ſie die An⸗ ſpruͤche wieder aus der Vergeſſenheit hervor, die auf eine Zeit lang von neuern Leidenſchaften verdraͤngt worden waren. Bei der letzten Stellenbeſetzung hatte der Koͤnig beinahe lauter Mißvergnuͤgte gemacht; denn auch diejenigen, welche Aemter bekamen, waren nicht viel zufriedener, als die, welche man ganz uͤberging, weil ſie auf beſſere gerechnet hatten. Wilhelm 121 von Oranien erhielt vier Statthalterſchaften, andere kleinere nicht einmal gerechnet, die zuſammengenommen den Werth einer fuͤnſten betrugen; aber Wilhelm hatte ſich auf Brabant und Flandern Hoffnung gemacht. Er und Graf Egmont vergaßen, was ihnen wirklich zu Theil geworden, und erinner⸗ ten ſich nur, daß die Regentſchaft fuͤr ſie verloren gegangen war. Der groͤßte Theil des Adels hatte ſich in Schulden ge⸗ ſtuͤrzt, oder von der Regierung dazu hinreißen laſſen. Jetzt, da ihnen die Ausſicht verſchloſſen wurde, ſich in eintraͤglichen Aemtern wieder zu erholen, ſahen ſie ſich auf einmal dem Mangel bloßgeſtellt, der um ſo empfindlicher ſchmerzte, je mehr ihn die glaͤnzende Lebensart des wohlhabenden Buͤrgers ins Licht ſtellte. In dem Extreme, wohin es mit ihnen gekommen war, haͤtten Viele zu einem Verbrechen ſelbſt die Haͤnde ge⸗ boten; wie ſollten ſie alſo den verfuͤhreriſchen Anerbietungen der Calviniſten haben Trotz bieten koͤnnen, die ihre Fuͤrſprache und ihren Schutz mit ſchweren Summen bezahlten. Viele endlich, denen nicht mehr zu helfen war, fanden ihre letzte Zuflucht in der allgemeinen Verwuͤſtung, und ſtunden jeden Augenblick fertig, den Feuerbrand in die Republik zu werfen. ¹) Dieſe gefaͤhrliche Stellung der Gemuͤther wurde noch mehr durch die ungluͤckliche Nachbarſchaft Frankreichs verſchlimmert. Was Philipp fuͤr die Provinzen zu fuͤrchten hatte, war dort bereits in Erfuͤllung gegangen. In dem Schickſale dieſes Reichs konnte er das Schickſal ſeiner Niederlande vorbildlich angekuͤndigt leſen, und der Geiſt des Aufruhrs konnte dort ein verfuͤhreriſches Muſter finden. Aehnliche Zufaͤlle hatten unter Franz dem Erſten und Heinrich dem Andern ¹) Vita Vigl. T. II. vid. Recueil des Troubles des Pays-bas. p. Hopper. 22. Strad. 47. 3 122 den Samen der Neuerung in dieſes Koͤnigreich geſtreut; eine aͤhnliche Raſerei der Verfolgung und ein aͤhnlicher Geiſt der Faction hatte ſein Wachsthum befoͤrdert. Jetzt rangen Huge⸗ notten und Katholiken in gleich zweifelhaftem Kampfe, wuͤthende Parteien trieben die ganze Monarchie aus ihren Fugen, und fuͤhrten dieſen maͤchtigen Staat gewaltſam an den Rand ſeines Untergangs. Hier wie dort konnten ſich Eigennutz, Herrſch⸗ ſucht und Parteigeiſt in Religion und Vaterland huͤllen, und die Leidenſchaften weniger Buͤrger die vereinigte Nation be⸗ waffnen. Die Graͤnze beider Laͤnder zerfließt im walloniſchen Flandern; der Aufruhr kann, wie ein gehobenes Meer, bis hieher ſeine Wellen werfen— wird ihm ein Land den Ueber⸗ gang verſagen, deſſen Sprache, Sitten und Charakter zwiſchen Gallien und Belgien wanken? Noch hat die Regierung keine Muſterung ihrer proteſtantiſchen Unterthanen in dieſen Laͤndern gehalten— aber die neue Secte, weiß ſie, iſt eine zuſammen⸗ haͤngende ungeheure Republik, die durch alle Monarchien der Chriſtenheit ihre Wurzeln breitet, und die leiſeſte Erſchuͤtterung in allen Theilen gegenwaͤrtig fuͤhlt. Es ſind drohende Vulcane, die, durch unterirdiſche Gaͤnge verbunden, in furchtbarer Sym⸗ pathie zu gleicher Zeit ſich entzuͤnden. Die Niederlande mußten allen Voͤlkern geoͤffnet ſeyn, weil ſie von allen Voͤlkern lebten. Konnte er einen handeltreibenden Staat ſo leicht wie ſein Spanien ſchließen? Wenn er dieſe Provinzen von dem Irr⸗ glauben reinigen wollte, ſo mußte er damit anfangen, ihn in Frankreich zu vertilgen. ¹) So fand Grauvella die Niederlande beim Antritt ſeiner Verwaltung(1560). Die Einfoͤrmigkeit des Papſtthums in dieſe Laͤnder zuruͤck⸗ 1) Strad. L. III. 71. 72. 73. 123 zufuͤhren, die mitherrſchende Gewalt des Adels und der Staͤnde zu brechen und auf den Truͤmmern der republicaniſchen Freiheit die koͤnigliche Macht zu erheben, war die große Angelegenheit der ſpaniſchen Politik und der Auftrag des neuen Miniſters. Aber dieſem Unternehmen ſtanden Hinderniſſe entgegen, welche zu beſiegen neue Huͤlfsmittel erdacht, neue Maſchinen in Be⸗ wegung geſetzt werden mußten. Zwar ſchienen die Inquiſition und die Glaubensedicte hinreichend zu ſeyn, der ketzeriſchen Anſteckung zu wehren; aber dieſen fehlte es an Aufſehern und jener an hinlaͤnglichen Werkzeugen ihrer ausgedehnten Gerichts⸗ barkeit. Noch beſtand jene urſpruͤngliche Kirchenverfaſſung aus den fruͤhern Zeiten, wo die Provinzen weniger volkreich waren, die Kirche noch einer allgemeinen Ruhe genoß, und leichter uͤberſehen werden konnte. Eine Reihe mehrerer Jahrhunderte, welche die ganze innere Geſtalt der Provinzen verwandelte, hatte dieſe Form der Hierarchie unveraͤndert gelaſſen, welche außerdem, durch die beſondern Privilegien der Provinzen, vor der Willkuͤr ihrer Beherrſcher geſchuͤtzt war. Alle ſiebenzehn Provinzen waren unter vier Biſchoͤfe vertheilt, welche zu Arras, Tournay, Cambray und Utrecht ihren Sitz hatten, und den Erzſtiften von Rheims und Koͤln untergeben waren. Zwar hatte ſchon Philipp der Guͤtige, Herzog von Burgund, bei zunehmender Bevoͤlkerung dieſer Laͤnder, auf eine Erweiterung der Hierarchie gedacht, dieſen Entwurf aber im Rauſche eines uͤppigen Lebens wieder verloren. Karl den Kuͤhnen entzogen Ehrgeiz und Eroberungsſucht den innern Angelegenheiten ſeiner Laͤnder, und Maximilian hatte ſchon zu viele Kaͤmpfe mit den Staͤnden, um auch noch dieſen zu wagen. Eine ſtuͤrmiſche Regierung unterſagte Karl dem Fuͤnften die Ausfuͤhrung dieſes weitlaͤuſigen Planes, welchen nunmehr Philipp der 124 Zweite als ein Vermaͤchtniß aller dieſer Fuͤrſten uͤbernahm.) Jetzt war der Zeitpunkt erſchienen, wo die dringende Noth der Kirche dieſe Neuerung entſchuldigen, und die Muße des Frie⸗ dens ihre Ausfuͤhrung beguͤnſtigen konnte. Mit der ungeheuern Volksmenge, die ſich aus allen Gegenden Europens in den niederlaͤndiſchen Staͤdten zuſammendraͤngte, war eine Ver⸗ wirrung der Religionen und Meinungen entſtanden, die von ſo wenigen Augen unmoöglich mehr beaufſichtet werden konnte. Weil die Zahl der Biſchoͤfe ſo gering war, ſo mußten ſich ihre Diſtricte nothwendig viel zu weit erſtrecken, und vier Menſchen konnten der Glaubensreinigung durch ein ſo weites Gebiet nicht gewachſen ſeyn. Die Gerichtsbarkeit, welche die Erzbiſchoͤfe von Koͤln und Rheims in den Niederlanden ausuͤbten, war ſchon laͤngſt ein Anſtoß fuͤr die Regierung geweſen, die dieſes Reich noch nicht als ihr Eigenthum anſehen konnte, ſo lange der wichtigſte Zweig der Gewalt noch in fremden Haͤnden war. Ihnen dieſen zu entreißen, die Glaubensunterſuchungen durch neue thaͤtige Werkzeuge zu beleben, und zugleich die Zahl ihrer Anhaͤnger auf dem Reichstage zu verſtaͤrken, war kein beſſeres Mittel als die Biſchoͤfe zuvermehren. Mit dieſem Entwurfe ſtieg Philipp der Zweite auf den Thron; ober eine Neuerung in der Hierarchie mußte den heftigſten Widerſpruch bei den Staaten finden, ohne welche ſie jedoch nicht vorgenommen werden durfte. Nimmermehr, konnte er vorausſehen, wuͤrde der Adel eine Stiftung genehmigen, durch welche die koͤnigliche Partei einen ſo ſtarken Zuwachs bekam, und ihm ſelbſt das Uebergewicht auf dem Reichstage genommen wurde. Die Einkuͤnfte, wovon dieſe neuen Biſchoͤfe leben ſollten, mußten den Aebten und Moͤnchen 1) Burgund. 45. Strad. 22. 125 entriſſen werden, und dieſe machten einen anſehnlichen Theil der Reichsſtaͤnde aus. Nicht zu rechnen, daß er alle Proteſtan⸗ ten zu fuͤrchten hatte, die nicht ermangelt haben wuͤrden, auf dem Reichstag verborgen gegen ihn zu wirken. Die ganze Angelegenheit wurde in Rom auf das heimlichſte betrieben. Franz Sonnoi, ein Prieſter aus der Stadt Loͤwen, Gran⸗ vella's unterrichtete Creatur, tritt vor Paul den Vierten, und berichtet ihm, wie ausgedehnt dieſe Lande ſeyen, wie ge⸗ ſegnet und menſchenreich, wie uͤppig in ihrer Gluͤckſeligkeit. Aber, faͤhrt er fort, im unmaͤßigen Genuß der Freiheit wird der wahre Glaube vernachlaͤſſigt, und die Ketzer kommen auf. Dieſem Uebel zu ſteuern, muß der roͤmiſche Stuhl etwas Außerordentliches thun. Es faͤllt nicht ſchwer, den roͤmiſchen Biſchof zu einer Neuerung zu vermoͤgen, die den Kreis ſei⸗ ner eigenen Gerichtsbarkeit erweitert. Paul der Vierte ſetzt ein Gericht von ſieben Cardinaͤlen nieder, die uͤber dieſe wichtige Angelegenheit berathſchlagen muͤſſen; das Geſchaͤft, wovon der Tod ihn abfordert, vollendet ſein Nachfolger Pius der Vierte. ¹) Die willkommene Botſchaft erreicht den Koͤnig noch in Seeland, ehe er nach Spanien unter Segel geht, und der Miniſter wird in der Stille mit der gefaͤhr⸗ lichen Vollſtreckung belaſtet. Die neue Hierarchie wird be⸗ kannt gemacht(1560); zu den bisherigen vier Bisthuͤmern ſind dreizehn neue errichtet, nach den ſiebenzehn Provinzen des Landes, und vier derſelben zu Erzſtiften erhoben. Sechs ſolcher biſchoͤflichen Sitze, in Antwerpen naͤmlich, Herzogen⸗ buſch, Gent, Bruͤgges, Ypern und Ruͤremonde, ſtehen unter dem Erzſtifte zu Mecheln; fuͤnf andere, Haarlem, Middelburg, Leeuwarden, Deventer und Groͤningen, unter 4) Burgund. 46. Meteren. 57. Vigl. Vit. T. I. 34. 126 dem Erzſtifte von Utrecht; und die vier uͤbrigen, Arras, Tournay, St. Omer und Namur, die Frankreich naͤher lie⸗ gen, und Sprache, Charakter und Sitte mit dieſem Lande gemein haben, unter dem Erzſtifte Cambray. Mecheln, in der Mitte Brabants und aller ſiebenzehn Provinzen gelegen, iſt das Primat aller uͤbrigen, und, nebſt mehrern reichen Abteien, Granvella's Belohnung. Die Einkuͤnfte der neuen Bisthuͤmer werden aus den Schaͤtzen der Kloͤſter und Abteien genommen, welche fromme Wohlthaͤtigkeit ſeit Jahr⸗ hunderten hier aufgehaͤuft hatte. Einige aus den Aebten ſelbſt erlangen die biſchoͤfliche Wuͤrde, die mit dem Beſitze ihrer Kloͤſter und Praͤlaturen auch die Stimme auf dem Reichs⸗ tag beibehalten, die an jene geheftet iſt. Mit jedem Bisthume ſind zugleich neun Praͤbenden verbunden, welche den geſchickte⸗ ſten Rechtsgelehrten und Theologen verliehen werden, um die Inquiſition und den Biſchof in ihrem geiſtlichen Amt zu unter⸗ ſtuͤtzen. Zwei aus dieſen, die ſich durch Kenntniſſe, Erfahrun⸗ gen und unbeſcholtenen Wandel dieſes Vorzugs am wuͤrdigſten gemacht, ſind wirkliche Inquiſitoren und haben die erſte Stimme in den Verſammlungen. Dem Erzbiſchofe von Mecheln, als Metropolitan aller ſiebenzehn Provinzen, iſt die Vollmacht gegeben, Erzbiſchoͤfe und Biſchoͤfe nach Willkuͤr ein⸗ oder abzu⸗ ſetzen, und der roͤmiſche Stuhl gibt nur die Genehmigung. ⁴) Zu jeder andern Zeit wuͤrde die Nation eine ſolche Ver⸗ beſſerung des Kirchenweſens mit dankbarem Beifall auf⸗ genommen haben, da ſie hinreichend durch die Nothwendigkeit entſchuldigt, der Religion befoͤrderlich, und zur Sitten⸗ ¹) Burg. 49. 50. Dinoth. de Bello civil. Belg. L. I. 8. Grot. 15. Vit. Vigl. 3à. Strad. 23. Reid 6. Hopper Recueil des Troubles des Pays-bas in Vit. Vigl. T. II. 23. 28. 127 verbeſſerung der Moͤnche ganz unentbehrlich war. Jetzt gaben ihr die Verhaͤltniſſe der Zeit die verhaßteſte Geſtalt. All⸗ gemein iſt der Unwille, womit ſie empfangen wird. Die Conſtitution, ſchreit man, iſt unter die Fuͤße getreten, die Rechte der Nation ſind verletzt, die Inquiſition iſt vor den Thoren, die ihren blutigen Gerichtshof von jetzt an hier, wie in Spanien, eroͤffnen wird; mit Schaudern betrachtet das Volk dieſe neuen Diener der Willkuͤr und der Verſolgung. Der Adel ſtieht die monarchiſche Gewalt in der Staaten⸗ verſammlung durch vierzehn maͤchtige Stimmen verſtaͤrkt, und die feſteſte Stuͤtze der Nationalfreiheit, das Gleichgewicht der koͤniglichen und buͤrgerlichen Macht, aufgehoben. Die alten Biſchoͤfe beklagen ſich uͤber Verminderung ihrer Guͤter und Einſchraͤnkung ihrer Diſtricte; die Aebte und Moͤnche haben Macht und Einkuͤnfte zugleich verloren, und dafuͤr ſtrenge Aufſeher ihrer Sitten erhalten. Adel und Volk, Laien und Prieſter, treten gegen dieſe gemeinſchaftlichen Feinde zu⸗ ſammen, und indem Alles fuͤr einen kleinen Eigennutz kaͤmpft, ſcheint eine furchtbare Stimme des Patriotismus zu ſchallen. 0) Unter allen Provinzen widerſetzt ſich Brabant am lauteſten. Die Unverletzlichkeit ſeiner Kirchenverfaſſung iſt der wichtigen Vorrechte eines, die es ſich in dem merkwuͤrdigen Freiheits⸗ briefe des froͤhlichen Einzugs vorbehalten— Statuten, die der Souveraͤn nicht verletzen kann, ohne die Nation ihres Gehorſams gegen ihn zu entbinden. Umſonſt behauptete die hohe Schule zu Loͤwen ſelbſt, daß in den ſtuͤrmiſchen Zeiten der Kirche ein Privilegium ſeine Kraft verliere, das in ihren ruhigen Perioden verliehen worden ſey. Durch Einfuͤhrung ¹) Grotius. 15 sq. Vita Vigl. T. II. 28 sq. 128 der neuen Bisthuͤmer ward das ganze Gebaͤude ihrer Freiheit erſchuͤttert. Die Praͤlaturen, welche jetzt zu den Biſchoͤfen uͤber⸗ gingen, mußten von nun an einer andern Regel dienen, als dem Nutzen der Provinz, deren Staͤnde ſie waren. Aus freien patriotiſchen Buͤrgern wurden jetzt Werkzeuge des roͤmi⸗ ſchen Stuhls und folgſame Maſchinen des Erzbiſchofs, der ihnen noch uͤberdieß als erſter Praͤlat von Brabant beſonders zu gebieten hatte. ¹) Die Freiheit der Stimmengebung war dahin, weil ſich die Biſchoͤfe, als dienſtbare Auflaurer der Krone, Jedem fuͤrchterlich machten.„Wer,“ hieß es,„wird es kuͤnftighin wagen, vor ſolchen Aufſehern die Stimme im Parlamente zu erheben, oder die Rechte der Nation in ihrem Beiſeyn gegen die raͤuberiſchen Griffe der Regierung in Schutz zu nehmen? Sie werden die Huͤlfsquellen der Provinzen aus⸗ ſpuͤren, und die Geheimniſſe unſerer Freiheit und unſers Eigenthums an die Krone verrathen. Den Weg zu allen Ehrenaͤmtern werden ſie ſperren; bald werden wir ihnen ſeine Hoͤflinge folgen ſehen; die Kinder der Auslaͤnder werden kuͤnftig das Parlament beſetzen, und der Eigennut ihrer Goͤnner wird ihre gedungenen Stimmen leiten.“„Welche Gewaͤltthaͤtigkeit,“ fuhren die Moͤnche fort,„die heiligen Stiftungen der Andacht umzukehren, den unverletzlichen Willen der Sterbenden zu verhoͤhnen, und, was fromme Mildthaͤtig⸗ keit in dieſen Archiven fuͤr die Ungluͤcklichen niederlegte, der Ueppigkeit dieſer Biſchoͤfe dienen zu laſſen, und mit dem Raube der Armuth ihren ſtolzen Pomp zu verherrlichen?“ Nicht die Aebte und Moͤnche allein, welche das Ungluͤck wirklich traf, durch dieſe Schmaͤlerung zu leiden, alle Familien, welche bis zu den entfernteſten Generationen hinunter mit irgend ¹) Abt von Affligem. 129 einem Scheine von Hoffnung ſich ſchmeicheln konnten, dasſelbe Benefiz dereinſt zu genießen, empfanden dieſen Verluſt ihrer Hoffnung, als wenn ſie ihn wirklich erlitten haͤtten, und der Schmerz einiger Praͤlaten wurde die Angelegenheit ganzer Ge⸗ ſchlechter. ¹) In dieſem allgemeinen Tumulte haben uns die Geſchicht⸗ ſchreiber den leiſen Gang Wilhelms von Oranien wahr⸗ nehmen laſſen, der dieſe durcheinanderſtuͤrmenden Leiden⸗ ſchaften einem Ziele entgegenzufuͤhren bemuͤht iſt. Auf ſein Anſtiften geſchah es, daß die Brabanter ſich von der Regentin einen Wortfuͤhrer und Beſchuͤtzer erbaten, weil ſie allein unter allen ubrigen niederlaͤndiſchen Unterthanen das Ungluͤck haͤtten, in einer und eben der Perſon ihren Sachwalter und ihren Herrn zu vereinigen. Ihre Wahl konnte auf keinen an⸗ dern, als den Prinzen von Oranien fallen. Aber Gran⸗ vella zerriß dieſe Schlinge durch ſeine Beſonnenheit.„Wer dieſes Amt erhaͤlt,“ ließ er ſich im Staatsrathe verlauten, „wird hoffentlich einſehen, daß er Brabant mit dem Koͤnige von Spanien theilt.“ ²) Das lange Ausbleiben der paͤpſtlichen Diplome, die eine Irrung zwiſchen dem roͤmiſchen und ſpa⸗ niſchen Hofe in Rom verzoͤgerte, gab den Mißvergnuͤgten Raum, ſich zu einem Zwecke zu vereinigen. Ganz ingeheim fertigten die Staaten von Brabant einen außerordentlichen Botſchafter an Pius den Vierten ab ihr Geſuch in Rom ſelbſt zu betreiben. Der Geſandte wurde mit wichtigen Em⸗ pfehlungsſchreiben von dem Prinzen von Oranien verſehen, und bekam anſehnliche Summen mit, ſich zu dem Vater der Kirche die Wege zu bahnen. Zugleich ging von der Stadt ¹) Burgundius 55. 56. Vita Vigl. Tom, II. 24. Strad. 56. 2) Strad. III. 80. 81. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 9 Antwerpen ein oͤffentlicher Brief an den Koͤnig von Spanien ab, worin ihm die dringendſten Vorſtellungen geſchahen, dieſe bluͤhende Handelsſtadt mit dieſer Neuerung zu verſchonen. Sie erkenne, hieß es darin, daß die Abſicht des Monarchen die beſte, und die Einſetzung der neuen Biſchoͤfe zu Aufrecht⸗ haltung der wahren Religion ſehr erſprießlich ſey; davon aber koͤnne man die Auslaͤnder nicht uͤberzeugen, von denen doch der Flor ihrer Stadt abhinge. Hier ſeyen die grundloſeſten Geruͤchte eben ſo gefaͤhrlich, als die wahrhafteſten. Die erſte Geſandtſchaft wurde von der Regentin noch zeitig genug ent⸗ deckt und vereitelt; auf die zweite erhielt die Stadt Antwerpen ſo viel, daß ſie bis zur perſoͤnlichen Ueberkunft des Koͤnigs, wie es hieß, mit ihrem Biſchofe verſchont bleiben ſollte. ¹) Antwerpens Beiſpiel und Gluͤck gab allen uͤbrigen Staͤdten, denen ein Biſchof zugedacht war, die Loſung zum Widerſpruche. Es iſt ein merkwuͤrdiger Beweis, wie weit damals der Haß gegen die Inquiſition und die Eintracht der niederlaͤndiſchen Staͤdte gegangen iſt, daß ſie lieber auf alle Vortheile Verzicht thun wollten, die der Sitz eines Biſchofs auf ihr inneres Ge⸗ werbe nothwendig verbreiten mußte, als jenes verhaßte Gericht durch ihre Beiſtimmung befoͤrdern, und dem Vortheile des Ganzen zuwider handeln. Deventer, Ruͤremonde und Leu⸗ warden ſetzten ſich ſtandhaft entgegen, und drangen(1561) auch gluͤcklich durch; den uͤbrigen Staͤdten wurden die Biſchoͤfe, alles Widerſpruchs ungeachtet, mit Gewalt aufgedrungen. Utrecht, Haartem, St. Omer und Middelburg ſind von den erſten, welche ihnen die Thore oͤffneten; ihrem Beiſpiele folgten die uͤbrigen Staͤdte; aber in Mecheln und Herzogenbuſch wird den Biſchoͤfen 1) Burgund. 60. 61. Meteren. 59. Vita Vigl. T. II. 29. 50. Strad. II. 79. Thuan. II. 488. 8 131 mit ſehr wenig Achtung begegnet. Als Granvella in erſterer Stadt ſeinen feſtlichen Einzug hielt, erſchien auch nicht ein einziger Edler, und ſeinem Triumphe mangelte Alles, weil diejenigen ausblieben, uͤber die er gehalten wurde.*) Unterdeſſen war auch der beſtimmte Termin verfloſſen, auf welchen die ſpaniſchen Truppen das Land raͤumen ſollten, und noch war kein Anſchein zu ihrer Entfernung. Mit Schrecken entdeckte man die wahre Urſache dieſer Verzoͤgerung, und der Aegwohn brachte ſie mit der Inquiſition in eine ungluͤckliche Verbindung. Der laͤngere Aufenthalt dieſer Truppen erſchwerte dem Miniſter alle uͤbrigen Neuerungen, weil er die Nation wachſam und mißtrauiſch machte, und doch wollte er ſich nicht gern dieſes maͤchtigen Beiſtandes berauben, der ihm in einem Lande, wo ihn Alles haßte, und bei einem Auftrage, wo ihm Alles widerſprach, unentbehrlich ſchien. Endlich aber ſah ſich die Regentin durch das allgemeine Murren gezwungen, bei de Koͤnige ernſtlich auf die Zuruͤcknahme dieſer Truppen zu dringen. Die Provinzen, ſchreibt ſie nach Madrid, haben ſich einmuͤthig erklaͤrt, daß man ſie nimmermehr dazu vermoͤgen wuͤrde, der Regierung die verlangten außerordentlichen Steuern zu bewilligen, ſo lange man ihnen hierin nicht Wort hielte. Die Gefahr eines Aufſtandes waͤre bei weitem dringender, als eines Ueberfalls der franzoͤſiſchen Proteſtanten, und wenn in den Niederlanden eine Empoͤrung entſtuͤnde, ſo waͤren dieſe Truppen doch zu ſchwach, ihr Einhalt zu thun, und im Schatze nicht Geld genug, um neue zu werben. Noch ſuchte der Koͤnig durch Verzoͤgerung ſeiner Antwort wenigſtens Zeit zu gewinnen, und die wiederholten Vorſtellungen der Regentin ⁴) Vita Vigl. T. II. Recueil des Troubles des pPays-bas p. Hopper 24. 13²2 wuͤrden noch fruchtlos geblieben ſeyn, wenn nicht, zum Gluͤck der Provinzen, ein Verluſt, den er kuͤrzlich von den Tuͤrken erlitten, ihn genoͤthigt haͤtte, dieſe Truppen im mittellaͤndiſchen Meere zu brauchen. Er willigte alſo endlich in ihre Abreiſe; ſie wurden in Seeland eingeſchifft(1564), und das Jubelgeſchrei aller Provinzen begleitete ihre Segel. ¹) Unterdeſſen herrſchte Granvella beinahe unumſchraͤnkt in dem Staatsrathe. Alle Aemter, weltliche und geiſtliche, wur⸗ den durch ihn vergeben; ſein Gutachten galt gegen die ver⸗ einigte Stimme der ganzen Verſammlung. Die Statthalterin ſelbſt ſtand unter ſeinen Geſetzen. Er hatte es einzurichten gewußt, daß ihe Beſtallung nur auf zwei Jahre ausgefertigt wurde, durch welchen Kunſtgriff er ſie immer in ſeiner Gewalt behielt.*) Selten geſchah es, daß man den uͤbrigen Mitgliedern eine Angelegenheit von Belang zur Berathſchlagung vorlegte, und wenn es ja einmal vorkam, ſo waren es laͤngſt ſchon be⸗ ſchloſſene Dinge, wozu man hoͤchſtens nur die unnuͤtze Formali⸗ laͤt ihrer Genehmigung verlangte. Wurde ein koͤniglicher Brief abgeleſen, ſo hatte Viglius Befehl, diejenigen Stellen hinweg⸗ zulaſſen, welche ihm der Miniſter unterſtrichen hatte. Es ge⸗ ſchah naͤmlich oͤfters, daß dieſe Briefwechſel nach Spanien die Bloͤße des Staats, oder die Beſorgniſſe der Statthalterin ſicht⸗ bar machten, wovon man Mitglieder nicht gern unterrichten wollte, in deren Treue ein Mißtrauen zu ſetzen war. Trug es ſich zu, daß die Parteien dem Miniſter uͤberlegen wurden, und mit Nachdruck auf einem Artikel beſtanden, den er nicht wohl mehr abweiſen konnte, ſo ſchickte er ihn an das Mini⸗ ſterium zu Madrid zur Entſcheidung, wodurch er wenigſtens 4) Strad. 61. 62. 63. 2²) Meteren. 61. Burgund. 37. 133 Zeit gewann und ſicher war, Unterſtuͤtzung zu finden.) Den Grafen Barlaimont, den Praͤſtdenten Viglius und wenige Andere ausgenommen, waren alle uͤbrigen Staatsraͤthe ent⸗ behrliche Figuranten im Senate, und ſein Betragen gegen ſie richtete ſich nach dem geringen Werthe, den er auf ihre Freundſchaft und Ergebenheit legte. Kein Wunder, daß Menſchen, deren Stolz durch die ſchmeichelhafteſten Aufmerk⸗ ſamkeiten ſouveraͤner Fuͤrſten ſo aͤußerſt verzaͤrtelt war, und denen die ehrfurchtsvolle Ergebenheit ihrer Mitbuͤrger als Goͤttern des Vaterlandes opferte, dieſen Trotz eines Plebejers mit dem tiefſten Unwillen empfanden. Viele unter ihnen hatte Granvella perſoͤnlich beleidigt. Dem Prinzen von Oranien war es nicht unbekannt, daß er ſeine Heirath mit der Prinzeſſin von Lothringen hintertrieben, und eine andere Verbindung mit der Prinzeſſin von Sachſen ruͤck⸗ gaͤngig zu machen geſucht hatte. Dem Grafen von Hoorn hatte er die Statthalterſchaft uͤber Geldern und Zuͤtphen ent⸗ zogen, und eine Abtei, um die ſich der Graf von Egmont fuͤr einen Verwandten bemuͤhte, fuͤr ſich behalten. Seiner Ueberlegenheit gewiß, hielt er es der Muͤhe nicht einmal werth, dem Adel die Geringſchaͤtzung zu verbergen, welche die Richtſchnur ſeiner ganzen Verwaltung war; Wilhelm von Oranien war der Einzige, den er ſeiner Verſtellung noch wuͤrdigte. Wenn er ſich auch wirklich uͤber alle Geſetze der Furcht und des Anſtands hinweggeruͤckt glaubte, ſo hinter⸗ ging ihn hier dennoch ſein zuverſichtlicher Stolz, und er fehlte gegen die Staatskunſt nicht weniger, als er gegen die Be⸗ ſcheidenheit ſuͤndigte. Schwerlich konnte, bei damaliger Stel⸗ lung der Dinge, eine ſchlimmere Maßregel von der Regierung 1) Meteren. 61. 134 beobachtet werden, als diejenige war, den Adel hintanzuſetzen. Es ſtand bei ihr, ſeinen Neigungen zu ſchmeicheln, ihn hinter⸗ liſtig und unwiſſend fuͤr ihren Plan zu gewinnen, und die Freiheit der Nation durch ihn ſelbſt unterdruͤcken zu laſſen. Jetzt erinnerte ſie ihn, ſehr zur Unzeit, an ſeine Pflichten, ſeine Wuͤrde und ſeine Kraft, noͤthigte ihn ſelbſt, Patriot zu ſeyn, und einen Ehrgeiz, den ſie unuͤberlegt abwies, auf die Seite der wahren Groͤße zu ſchlagen. Die Glaubensverordnungen durchzuſetzen, hatte ſie den thaͤtigſten Beiſtand der Statthalter noͤthig; kein Wunder aber, daß dieſe wenig Eifer bewieſen, ihr dieſen Beiſtand zu leiſten. Vielmehr iſt es hoͤchſt wahrſchein⸗ lich, daß ſie in der Stille daran arbeiteten, die Hinderniſſe des Miniſters zu haͤufen und ſeine Maßregeln umzukehren, und durch ſein ſchlimmes Gluͤck das Vertrauen des Koͤnigs zu wider⸗ legen, und ſeine Verwaltung dem Spotte preiszugeben. Offenbar ſind der Lauigkeit ihres Eifers die ſchnellen Fortſchritte zuzu⸗ ſchreiben, welche die Reſormation, trotz jener ſchrecklichen Edicte, waͤhrend ſeiner Regentſchaft in den Niederlanden gemacht hat. Des Adels verſichert, haͤtte er die Wuth des Poͤbels verachtet, die ſich kraftlos an den gefuͤrchteten Schranken des Thrones bricht. Der Schmerz des Buͤrgers verweilte lange Zeit zwiſchen Thraͤnen und ſtillen Seufzern, bis ihn die Kuͤnſte und das Beiſpiel der Edeln hervorlockten. ¹) Indeſſen wurden bei der Menge der neuen Arbeiter(1561, 1562) die Glaubensunterſuchungen mit neuer Thaͤtigkeit fort⸗ geſetzt, und den Edicten gegen die Ketzer ein fuͤrchterlicher Ge⸗ horſam geleiſtet. Aber dieſes abſcheuliche Heilmittel hatte den Zeitpunkt uͤberlebt, wo es anzuwenden ſeyn mochte; fuͤr eine ſo rohe Behandlung war die Nation ſchon zu edel. Die neue ¹) Grot. 8— 14. Strad. 541. 135 Religion konnte jetzt nicht mehr anders, als durch den Tod aller ihrer Bekenner vertilgt werden. Alle dieſe Hinrichtungen waren jetzt eben ſo viele verfuͤhreriſche Ausſtellungen ihrer Vortrefflichkeit, ſo viele Schauplaͤtze ihres Triumphs und ihrer ſtrahlenden Tugend. Die Heldengroͤße, mit der ſie ſtarben, nahm fuͤr den Glauben ein, fuͤr welchen ſie ſtarben. Aus einem Ermordeten lebten zehn neue Be⸗ kenner wieder auf. Nicht in Staͤdten oder Doͤrfern allein, auch auf Heerſtraßen, auf Schiffen und in Wagen wurde uͤber das Anſehen des Papſtes, uber die Heiligen, uͤber das Fegefeuer, uͤber den Ablaß geſtritten, wurden Predigten gehalten und Men⸗ ſchen bekehrt. Vom Lande und aus Staͤdten ſtuͤrzte der Poͤbel zuſammen, die Gefangenen des heiligen Gerichts aus den Haͤn⸗ den der Sbirren zu reißen, und die Obrigkeit, die ihr Anſehen mit Gewalt zu behaupten wagte, wurde mit Steinen empfangen. Er begleitete ſchaarenweiſe die proteſtantiſchen Prediger, denen die Inquiſition nachſtellte, trug ſie auf den Schultern zur Kirche und aus der Kirche, und verſteckte ſie mit Lebensgefahr vor ihren Verfolgern. Die erſte Provinz, welche von dem Schwindel des Aufruhrs ergriffen wurde, war, wie man gefuͤrchtet hatte, das walloniſche Flandern. Ein franzoͤſiſcher Calviniſt, Namens Launoi, ſtand in Tournay als Wunderthaͤter auf, wo er einige Weiber bezahlte, daß ſie Krankheiten vorgeben, und ſich von ihm heilen laſſen ſollten. Er predigte in den Waͤldern bei der Stadt, zog den Poͤbel ſchaarenweiſe mit ſich dahin, und warf den Zunder der Empörung in die Gemuͤther. Das Naͤmliche geſchah in Lille und Valenciennes, in welcher letztern Stadt ſich die Obrigkeit der Apoſtel bemaͤchtigte. Indeſſen man aber mit ihrer Hinrichtung zauderte, wuchs ihre Partei zu einer ſo furcht⸗ baren Anzahl, daß ſie ſtark genug war, die Gefaͤngniſſe zu erbrechen, und der Juſtiz ihre Opfer mit Gewalt zu entreißen. Endlich brachte die Regierung Truppen in die Stadt, welche die 136 Ruhe wieder herſtellten. Aber dieſer unbedeutende Vorfall hatte auf einen Augenblick die Huͤlle von dem Geheimniſſe hinweg⸗ gezogen, in welchem der Anhang der Proteſtanten bisher ver⸗ ſchleiert lag, und den Miniſter ihre ungeheure Anzahl errathen laſſen. In Tournay allein hatte man ihrer fuͤnftauſend bei einer ſolchen Predigt erſcheinen ſehen, und nicht viel weniger in Valenciennes. Was konnte man nicht von den nordiſchen Provinzen erwarten, wo die Freiheit groͤßer und die Regierung entlegener war, und wo die Nachbarſchaft Deutſchlands und Daͤnemarks die Quellen der Anſteckung vermehrten? Eine ſo furchtbare Menge hatte ein einziger Wink aus der Verborgenheit gezogen.— Wie viel groͤßer war vielleicht die Zahl derer, welche ſich im Herzen zu der neuen Secte bekannten, und nur einem guͤnſtigern Zeitpunkte entgegen ſahen, es laut zu thun? 9) Dieſe Entdeckung beunruhigte die Regentin aufs außerſte. Der ſchlechte Gehorſam gegen die Edicte, das Beduͤrfniß des erſchoͤpften Schatzes, welches ſie noͤthigte, neue Steuern auszu⸗ ſchreiben, und die verdaͤchtigen Bewegungen der Hugenotten an der franzoͤſiſchen Graͤnze, vermehrten noch ihre Bekuͤmmerniſſe. Zu gleicher Zeit erhaͤlt ſie Befehl von Madrid, zweitauſend niederlaͤndiſche Reiter zu dem Heere der Koͤnigin Mutter in Frankreich ſtoßen zu laſſen, die in dem Bedraͤngniſſe des Re⸗ ligionskriegs ihre Zuflucht zu Philipp dem Zweiten ge⸗ nommen hatte. Jede Angelegenheit des Glaubens, welches Land ſie auch betraf, war Philipps eigene Angelegenheit. Er fuͤhlte ſie ſo nahe, wie irgend ein Schickſal ſeines Hauſes, und ſtand in dieſem Falle ſtets bereit, ſein Eigenthum fremdem Beduͤrfniſſe aufzuopfern. Wenn es Eigennutz war, was ihn 1) Burgund. 53. 54. 55. Strad. L. III. 75. 76. 77. Dinoth. de Bello civil. Belgic. L, I. 25. 137 hier leitete, ſo war er wenigſtens koͤniglich und groß, und die kuͤhne Haltung dieſer Marime gewinnt wieder an unſerer Be⸗ wunderung, was ihre Verderblichkeit an unſerer Billigung verloren. Die Statthalterin eroͤffnet dem Staatsrathe den koͤniglichen Willen, wo ſie von Seite des Adels den heftigſten Widerſtand findet. Die Zeit, erklaͤren Graf Egmont und Prinz von Oranien, waͤre jetzt ſehr uͤbel gewaͤhlt, die Niederlande von Truppen zu entbloͤßen, wo vielmehr Alles dazu riethe, neue zu werben. Die nahen Bewegungen Frankreichs drohen jeden Augenblick einen Ueberfall, und die innere Gaͤhrung der Pro⸗ vinzen fordere jetzt mehr, als jemals, die Regierung zur Wach⸗ ſamkeit auf. Bis jetzt, ſagten ſie, haben die deutſchen Pro⸗ teſtanten dem Kampfe ihrer Glaubensbruͤder muͤßig zugeſehen; aber werden ſie es auch noch dann, wenn wir die Macht ihrer Feinde durch unſern Beiſtand verſtaͤrken? Werden wir nicht gegen uns ihre Rache wecken, und ihre Waffen in den Norden der Niederlande rufen? Beinahe der ganze Staatsrath trat dieſer Meinung bei; die Vorſtellungen waren nachdruͤcklich und nicht zu widerlegen. Die Statthalterin ſelbſt, wie der Miniſter, muͤſſen ihre Wahrheit fuͤhlen, und ihr eigener Vor⸗ theil ſcheint ihnen die Vollziehung des koͤniglichen Befehls zu verbieten. Sollten ſie durch Entfernung des groͤßten Theils der Armee der Inquiſition ihre einzige Stuͤtze nehmen, und ſich ſelbſt, ohne Beiſtand, in einem aufruͤhreriſchen Lande, der Willkuͤr eines trotzigen Adels wehrlos uͤberliefern? Indem die Regentin zwiſchen dem koͤniglichen Willen, dem dringenden An⸗ liegen ihrer Raͤthe und ihrer eigenen Furcht getheilt, nichts Entſcheidendes zu beſchließen wagt, ſteht Wilhelm von Oranien auf, und bringt in Vorſchlag, die Generalſtaaten zu verſammeln. Dem koͤniglichen Anſehen konnte kein toͤdtlicherer 138 Streich widerfahren, als dieſe Zuziehung der Nation, eine in dem jetzigen Moment ſo verfuͤhreriſche Erinnerung an ihre Ge⸗ walt und ihre Rechte. Dem Miniſter entging die Gefahr nicht, die ſich uͤber ihm zuſammenzog; ein Wink von ihm erinnert die Herzogin, die Berathſchlagung abzubrechen, und die Sitzung aufzuheben.„Die Regierung,“ ſchreibt er nach Madrid,„kann nicht nachtheiliger gegen ſich ſelbſt handeln, als wenn ſie zugibt, daß die Staͤnde ſich verſammeln. Ein ſolcher Schritt iſt zu allen Zeiten mißlich, weil er die Nation in Verſuchung führt, die Rechte der Krone zu pruͤfen und einzuſchraͤnken; aber jetzt iſt er dreimal verwerflich, jetzt, da der Geiſt des Aufruhrs ſchon weit umher ſich verbreitet hat, jetzt, wo die Aebte, uͤber den Verluſt ihrer Einkuͤnfte aufgebracht, nichts unterlaſſen werden, das Anſehen der Biſchoͤfe zu verringern; wo der ganze Adel und alle Bevollmaͤchtigten der Staͤdte durch die Kuͤnſte des Prinzen von Oranien geleitet werden, und die Mißvergnuͤgten auf den Beiſtand der Nation ſicher zu rechnen haben.“ Dieſe Vorſtellung, der es wenigſtens nicht an Buͤndigkeit gebrach, konnte die erwartete Wirkung auf des Koͤnigs Gemuͤth nicht verfehlen. Die Staatenverſammlung wird einmal fuͤr immer verworfen, die Strafbefehle wider die Ketzer mit aller Schaͤrfe erneuert, und die Statthalterin zu ſchleuniger Abſendung der verlangten Huͤlfstruppen angehalten. Aber dazu war der Staatsrath nicht zu bewegen. Alles, was ſie erhielt, war, ſtatt der Subſidien, Geld an die Koͤnigin Mutter zu ſchicken, welches ihr in dem jetzigen Zeitpunkte noch willkommener war. Um aber doch wenigſtens die Nation mit einem Schattenbilde republicaniſcher Freiheit zu taͤuſchen, beruft ſie die Statthalter der Provinzen und die Ritter des goldenen Vließes zu einer außerordentlichen Verſammlung nach Bruͤſſel, um uͤber die gegenwaͤrtigen Gefahren und Beduͤrfniſſe des 139 Staats zu berathſchlagen. Nachdem ihnen der Praͤſident Vig⸗ lius den Gegenſtand ihrer Sitzung eroͤffnet hat, werden ihnen drei Tage Zeit zur Ueberlegung gegeben. Waͤhrend dieſer Zeit verſammelt ſie der Prinz von Oranien in ſeinem Palaſte, wo er ihnen die Nothwendigkeit vorſtellt, ſich noch vor der Sitzung zu vereinigen, und gemeinſchaftlich die Maßregeln zu beſtimmen, wornach, bei gegenwaͤrtiger Gefahr des Staats, gehandelt werden muͤſſe. Viele ſtimmen dieſem Vorſchlage bei, nur Barlaimont, mit einigen wenigen Anhaͤngern des Cardinals Granvella, hatte den Muth, in dieſer Geſellſchaft zum Vortheile der Krone und des Miniſters zu reden.„Ihnen,“ erklaͤrte er,„gebuͤhre es nicht, ſich in die Sorgen der Regierung zu mengen, und dieſe Vorhervereinigung der Stimmen ſey eine geſetzwidrige, ſtrafbare Anmaßung, deren er ſich nicht ſchuldig machen wolle;“ eine Erklaͤrung, welche die ganze Zu⸗ ſammenkunft fruchtlos endigte. ¹) Die Statthalterin, durch den Grafen Barlaimont von dieſem Vorfalle unterrichtet, wußte die Ritter, waͤhrend ihres Aufenthalts in der Stadt, ſo geſchickt zu beſchaͤftigen, daß ſie zu fernern Verſtaͤndniſſen keine Zeit finden konnten. Indeſſen wurde mit ihrer Bei⸗ ſtimmung doch in dieſer Sitzung beſchloſſen, daß Florenz von Montmorency, Herr von Montigny, eine Reiſe nach Spanien thun ſollte, um den Koͤnig von dem jetzigen Zuſtande der Sachen zu unterrichten. Aber die Regentin ſchickte ihm einen andern geheimen Boten nach Madrid voran, der den Koͤnig vorlaͤufig mit Allem bekannt machte, was bei jener Zuſammenkunft zwiſchen dem Prinzen von Oranien und den Rittern ausgemacht worden war. Dem flaͤmiſchen Bot⸗ ſchafter ſchmeichelte man in Madrid mit leeren Betheuerungen ¹) Burgund. 65. 65. Vita Vigl. T. II. 25. 26. Strada 82. 140 koͤniglicher Huld und vaͤterlicher Geſinnungen fuͤr die Nieder⸗ lande; der Regentin ward anbeſohlen, die geheimen Verbin⸗ dungen des Adels nach allen Kraͤften zu hintertreiben und wo moͤglich Uneinigkeit unter ſeinen vornehmſten Gliedern zu ſtiften. ¹) Eiferſucht, Privatvortheil und Verſchiedenheit der Religion hatte viele von den Großen lange Zeit getrennt; das gemein⸗ ſchaftliche Schickſal ihrer Zuruͤckſetzung und der Haß gegen den Miniſter hatte ſie wieder verbunden. So lange ſich der Graf von Egmont und der Prinz von Oranien um die Oberſtatthalterſchaft bewarben, konnte es nicht fehlen, daß ſie auf den verſchiedenen Wegen, welche jeder dazu erwaͤhlte, nicht zuweilen gegen einander ſtießen. Beide hatten einander auf der Bahn des Ruhms und am Throne begegnet; beide trafen ſich wieder in der Republik, wo ſie um den naͤm⸗ lichen Preis, die Gunſt ihrer Mitbuͤrger, buhlten. So ent⸗ gegengeſetzte Charaktere mußten ſich bald von einander ent⸗ fremden, aber die maͤchtige Sympathie der Noth naͤherte ſie einander eben ſo bald wieber. Jeder war dem Andern jetzt unentbehrlich, und das Beduͤrfniß knuͤpfte zwiſchen dieſen beiden Maͤnnern ein Band, das ihrem Herzen nie gelungen ſeyn wuͤrde. 2) Aber auf eben dieſe Ungleichheit ihrer Gemuͤther gruͤndete die Regentin ihren Plan; und gluͤckte es ihr, ſie zu trennen, ſo hatte ſie zugleich den ganzen niederlaͤndiſchen Adel in zwei Parteien getheilt. Durch Geſchenke und kleine Auf⸗ merkſamkeiten, womit ſie dieſe Beiden ausſchließend beehrte, ſuchte ſie den Neid und das Mißtrauen der Uebrigen gegen ſie zu reizen; und indem ſie dem Grafen von Egmont vor 1) Strada L. III. 83. 2²) Burgund. 45. Strad. 835. 84 141 dem Prinzen von Oranien einen Vorzug zu geben ſchien, hoffte ſie, dem Letztern ſeine Treue verdaͤchtig zu machen. Es traf ſich, daß ſie um eben dieſe Zeit einen außerordentlichen Geſandten nach Frankfurt zur roͤmiſchen Koͤnigswahl ſchicken mußte; ſie erwaͤhlte dazu den Herzog von Arſchot, den er⸗ klaͤrteſten Gegner des Prinzen, um in ihm gleichſam ein Bei⸗ ſpiel zu geben, wie glaͤnzend man den Haß gegen den Letztern belohne.. Die Oraniſche Faction, anſtatt eine Verminderung zu leiden, hatte an dem Grafen von Hoorn einen wichtigen Zuwachs erhalten, der, als Admiral der niederlaͤndiſchen Marine, den Koͤnig nach Biscaya geleitet hatte, und jetzt in den Staatsrath wieder eingetreten war. Hoorns unruhiger republicaniſcher Geiſt kam den verwegenen Entwuͤrfen Oraniens und Eg⸗ monts entgegen, und bhald bildete ſich unter dieſen drei Freunden ein gefaͤhrliches Triumvirat, das die koͤnigliche Macht in den Niederlanden erſchuͤtterte, aber ſich nicht fuͤr alle Drei gleich geendigt hat. (1562.) Unterdeſſen war auch Montigny von ſeiner Geſandtſchaft zuruͤckgekommen, und hinterbrachte dem Staats⸗ rathe die guͤnſtigen Geſinnungen des Monarchen. Aber der Prinz von Oranien hatte durch eigene geheime Canaͤle Nach⸗ richten aus Madrid, welche dieſem Berichte ganz widerſprachen, und weit mehr Glauben verdienten. Durch ſie erfuhr er alle die ſchlimmen Dienſte, welche Granvella ihm und ſeinen Freunden bei dem Koͤnige leiſtete, und die verhaßten Benen⸗ nungen, womit man dort das Betragen des niederlaͤndiſchen Adels belegte. Es war keine Huͤlfe vorhanden, ſo lange der Miniſter nicht vom Ruder der Regierung vertrieben war, und dieſes unternehmen, ſo verwegen und abenteuerlich es ſchien, beſchaͤftigte ihn jetzt ganz. Es wurde zwiſchen ihm und den 142 beiden Grafen von Hoorn und Egmont beſchloſſen, im Namen des ganzen Adels einen gemeinſchaftlichen Brief an den Koͤnig aufzuſetzen, den Miniſter foͤrmlich darin zu verklagen, und mit Nachdruck auf ſeine Entfernung zu dringen. Der Herzog von Arſchot, dem dieſer Vorſchlag vom Grafen von Egmont mintgetheilt wird, verwirft ihn, mit der ſtolzen Er⸗ klärung, daß er von Egmont und Oranien keine Geſetze anzunehmen geſonnen ſey; daß er ſich uͤber Granvella nicht zu beſchweren habe, und es uͤbrigens ſehr vermeſſen finde, dem Koͤnige vorzuſchreiben, wie er ſich ſeiner Miniſter bedienen ſolle. Eine aͤhnliche Antwort erhaͤlt Oranien von dem Grafen von Aremberg. Entweder hatte der Same des Mißtrauens, den die Regentin unter den Adel ausgeſtreut hatte, ſchon Wurzel ge⸗ ſchlagen, oder uͤberwog die Furcht vor der Macht des Miniſters den Abſcheu vor ſeiner Verwaltung; genug, der ganze Adel wich zaghaft und unentſchloſſen vor dieſem Antrage zuruͤck. Dieſe fehlgeſchlagene Erwartung ſchlaͤgt ihren Muth nicht nieder, der Brief wird dennoch geſchrieben, und alle drei unterzeichnen ihn. ¹)(1563.) Granvella erſcheint darin als der erſte Urheber aller Zerruͤttungen in den Niederlanden. So lange die hoͤchſte Gewalt in ſo ſtrafbaren Haͤnden ſey, waͤre es ihnen unmoͤglich, erklaͤren ſie, der Nation und dem Koͤnige mit Nachdruck zu dienen; Alles hingegen wuͤrde in die vorige Ruhe zuruͤcktreten, alle Widerſetzlichkeit aufhoͤren, und das Volk die Regiernng wieder lieb gewinnen, ſobald es Sr. Majeſtaͤt gefiele, dieſen Mann vom Ruder des Staats zu entfernen. In dieſem Falle, ſetzten ſie hinzu, wuͤrde es ihnen weder an Einfluß⸗ noch an Eifer fehlen, das Anſehen des Koͤnigs und die Rei⸗ 1) Strad. 85. 86. 143 nigkeit des Glaubens, die ihnen nicht minder heilig ſey, als dem Cardinal Granvella, in dieſen Laͤndern zu erhalten. ¹) So geheim dieſer Brief auch abging, ſo erhielt doch die Herzogin noch zeitig genug davon Nachricht, um die Wirkung, die er, gegen alles Vermuthen, auf des Koͤnigs Gemuͤth etwa machen duͤrfte, durch einen andern zu entkraͤften, den ſie ihm in aller Eile voranſchickte. Einige Monate verſtrichen, ehe aus Madrid eine Antwort kam. Sie war gelind, aber un⸗ beſtimmt.„Der Koͤnig,“ enthielt ſie,„waͤre nicht gewohnt, ſeine Miniſter auf die Anklage ihrer Feinde ungehoͤrt zu ver⸗ dammen. Bloß die natuͤrliche Billigkeit verlange, daß die Anklaͤger des Cardinals von allgemeinen Beſchuldigungen zu einzelnen Beweiſen herabſtiegen, und wenn ſie nicht Luſt haͤtten, dieſes ſchriftlich zu thun, ſo moͤge Einer aus ihrer Mitte nach Spanien kommen, wo ihm mit aller gebuͤhrenden Achtung ſollte begegnet werden.²) Außer dieſem Briefe, der an alle Drei zugleich gerichtet war, empfing der Graf von Egmont noch ein eigenes Handſchreiben von dem Koͤnige, worin der Wunſch geaͤußert war, von ihm beſonders zu er⸗ fahren, was in jenem gemeinſchaftlichen Briefe nur obenhin beruͤhrt worden ſey. Auch der Regentin ward auf das puͤnkt⸗ lichſte vorgeſchrieben, was ſie allen Dreien zugleich und dem Grafen von Egmont insbeſondere zu antworten habe. Der Koͤnig kannte ſeine Menſchen. Er wußte, wie leicht auf den Grafen von Egmont zu wirken ſey, wenn man es mit ihm allein zu thun haͤtte; darum ſuchte er ihn nach Madrid zu locken, wo er der leitenden Aufſicht eines hoͤhern Verſtandes entzogen war. Indem er ihn durch dieſes ſchmeichelhafte 1) Burg. L. I. 67. Hopper. 30. Strad. 87. Thuan. Pars I. 4 89. 2) Vit. Vigl. T. II. 32. 33. Grot. 16. Burg. 68. 144 Merkmal ſeines Vertrauens vor ſeinen beiden Freunden aus⸗ zeichnete, machte er die Verhaͤltniſſe ungleich, worin alle drei zu dem Throne ſtanden; wie konnten ſie ſich aber noch mit gleichem Eifer zu dem naͤmlichen Zwecke vereinigen, wenn ihre Aufforderungen dazu nicht mehr die naͤmlichen blieben? Dießmal zwar vereitelte Oraniens Wachſamkeit dieſen Plan; aber die Folge dieſer Geſchichte wird zeigen, daß der Same, der hier ausgeſtreut wurde, nicht ganz verloren gegangen war.) (1563.) Den drei Verbundenen that die Antwort des Koͤnigs kein Genuͤge; ſie hatten den Muth, noch einen zweiten Verſuch zu wagen.„Es habe ſie nicht wenig befremdet,“ ſchrieben ſie,„daß Se. Majeſtaͤt ihre Vorſtellungen ſo weniger Aufmerkſamkeit wuͤrdig geachtet. Nicht als Anklaͤger des Mi⸗ niſters, ſondern als Raͤthe Sr. Majeſtaͤt, deren Pflicht es waͤre, ihren Herrn von dem Zuſtande ſeiner Staaten zu be⸗ nachrichtigen, haben ſie jenes Schreiben an ihn ergehen laſſen. Sie verlangen das Ungluͤck des Miniſters nicht, vielmehr ſollte es ſie freuen, ihn an jedem andern Orte der Welt, als hier in den Niederlanden, zufrieden und gluͤcklich zu wiſſen. Davon aber ſeyen ſie auf das vollkommenſte uͤberzeugt, daß ſich die allgemeine Ruhe mit der Gegenwart dieſes Mannes durchaus nicht vertrage. Der jetzige gefahrvolle Zu⸗ ſtand ihres Vaterlandes erlaube keinem unter ihnen, es zu verlaſſen, und um Granvella's willen eine weite Reiſe nach Spanien zu thun. Wenn es alſo Sr. Majeſtaͤt nicht gefiele, ihrer ſchriftlichen Bitte zu willfahren, ſo hofften ſie in Zukunft damit verſchont zu ſeyn, dem Senate beizu⸗ wohnen, wo ſie ſich nur dem Verdruſſe ausſetzten, den Mi⸗ 1) Strada 88. 1 145 niſter zu treffen, und wo ſie weder dem Koͤnige noch dem Staate etwas nuͤtzten, ſich ſelbſt aber nur veraͤchtlich erſchienen. Schließlich baten ſie, Se. Majeſtaͤt moͤchte ihnen die unge⸗ ſchmuͤckte Einfalt zu gute halten, weil Leute ihrer Art mehr Werth darein ſetzten, gut zu handeln, als ſchoͤn zu reden.“¹) Dasſelbe enthielt auch ein beſonderer Brief des Grafen von Egmont, worin er fuͤr das koͤnigliche Handſchreiben dankte. Auf dieſes zweite Schreiben erfolgte die Antwort,„man werde ihre Vorſtellungen in Ueberlegung nehmen; indeſſen erſuche man ſie, den Staatsrath, wie bisher, zu beſuchen.“ Es war augenſcheinlich, daß der Monarch weit davon ent⸗ fernt war, ihr Geſuch ſtattfinden zu laſſen; darum blieben ſie von nun an aus dem Staatsrathe weg, und verließen ſo⸗ gar Bruͤſſel. Den Miniſter geſetzmaͤßig zu entfernen, war ihnen nicht gelungen; ſie verſuchten es auf eine neue Art, wo⸗ von mehr zu erwarten war. Bei jeder Gelegenheit bewieſen ſie und ihr Anhang ihm oͤffentlich die Verachtung, von welcher ſie ſich durchdrungen fuͤhlten, und wußten Allem, was er unternahm, den Anſtrich des Laͤcherlichen zu geben. Durch dieſe niedrige Behandlung hofften ſie den Hochmuth dieſes Prieſters zu martern, und von ſeiner gekraͤnkten Eigenliebe vielleicht zu erhalten, was ihnen auf andern Wegen fehlge⸗ ſchlagen war. Dieſe Abſicht erreichten ſie zwar nicht, aber das Mittel, worauf ſie gefallen waren, fuͤhrte endlich doch den Miniſter zum Sturze. Die Stimme des Volks hatte ſich lauter gegen dieſen er⸗ hoben, ſobald es gewahr geworden war, daß er die aute Meinung des Adels verſcherzt hatte, und daß Maͤnner, denen es blind⸗ lings nachzubeten pflegte, ihm in der Verabſchenung dieſes ¹) vit. Vigl. T. II. 34. 55. Schillers ſaͤmmtl, Werke. VIII. 10 146 Miniſters vorangingen. Das herabwuͤrdigende Betragen des Adels gegen ihn weihte ihn jetzt gleichſam der allgemeinen Verachtung und berollmaͤchtigte die Verleumdung, die auch das Heilige nicht ſchont, Hand an ſeine Ehre zu legen. Die neue Kirchenverfaſſung, die große Klage der Nation, hatte ſein Gluͤck gegruͤndet— dieß war ein Verbrechen, das nicht verziehen werden konnte. Jedes neue Schauſpiel der Hinrichtung, womit die Geſchaͤftigkeit der Inquiſitoren nur allzu freigebig war, erhielt den Abſcheu gegen ihn in ſchrecklicher Uebung, und endlich ſchrieben Herkommen und Gewohnheit zu jedem Drangſale ſeinen Namen. Fremdling in einem Lande, dem er gewaltſam aufge⸗ drungen worden, unter Millionen Feinden allein, aller ſeiner Werkzeuge ungewiß, von der entlegenen Majeſtaͤt nur mit ſchwachem Arme gehalten, mit der Nation, die er gewinnen ſollte, durch lauter treuloſe Glieder verbunden, lauter Menſchen, deren hoͤchſter Gewinn es war, ſeine Handlungen zu verfaͤlſchen, einem Weibe endlich an die Seite geſetzt, das die Laſt des all⸗ gemeinen Fluchs nicht mit ihm theilen konnte— ſo ſtand er, bloßgeſtellt dem Muthwillen, dem Undanke, der Parteiſucht, dem Neide und allen Leidenſchaften eines zuͤgelloſen, aufgeloͤsten Volks. Es iſt merkwuͤrdig, daß der Haß, den er auf ſich lud, die Verſchuldungen weit uͤberſchr eitet, die man ihm zur Laſt legen konnte, daß es ſeinen Anklaͤgern ſchwer, ja unmoͤglich ſiel, durch einzelne Beweisgruͤnde den Verdammungsſpruch zu rechtfertigen, den ſie im Allgemeinen uͤber ihn faͤllten. Vor und nach ihm riß der Fanatismus ſeine Schlachtopfer zum Altare, vor und nach ihm floß Buͤrgerblut, wurden Menſchenrechte verſpottet und Elende ge⸗ macht. Unter Karl dem Fuͤnften haͤtte die Tyrannei durch ihre Neuheit empfindlicher ſchmerzen ſollen— unter dem Herzoge von Alba wurde ſie zu einem weit unnatuͤrlichern Grade ge⸗ trieben, daß Granvella's Verwaltung, gegen die ſeines 147 Nachfolgers, noch barmherzig war, und doch finden wir nirgends, daß ſein Zeitalter den Grad perſoͤnlicher Erbitterung und Ver⸗ achtung gegen den Letztern haͤtte blicken laſſen, die es ſich gegen ſeinen Vorgaͤnger erlaubte. Die Niedrigkeit ſeiner Geburt im Glanze hoher Wuͤrden zu verhuͤllen, und ihn durch einen erhabenern Stand vielleicht dem Muthwillen ſeiner Feinde zu entruͤcken, hatte ihn die Regentin durch ihre Verwendungen in Rom mit dem Purpur zu be⸗ kleiden gewußt; aber eben dieſe Wuͤrde, die ihn mit dem roͤmi⸗ ſchen Hofe naͤher verknuͤpfte, machte ihn deſto mehr zum Fremd⸗ ling in den Provinzen. Der Purpur war ein neues Verbrechen in Bruͤſſel, und eine anſtoͤßige verhaßte Tracht, welche gleichſam die Beweggruͤnde oͤffentlich ausſtellte, aus denen er ins Kuͤnftige handeln wuͤrde. Nicht ſein ehrwuͤrdiger Rang, der allein oft den ſchaͤndlichſten Boͤſewicht heiligt, nicht ſein erhabener Poſten, nicht ſeine Achtung gebietenden Talente, ſelbſt nicht einmal ſeine ſchreckliche Allmacht, die taͤglich in ſo blutigen Proben ſich zeigte, konnten ihn vor dem Gelaͤchter ſchuͤtzen. Schrecken und Spott, Fuͤrchterliches und Belachenswerthes war in ſeinem Beiſpiele unnatuͤrlich vermengt. ¹) Verhaßte Geruͤchte brandmarkten ſeine ¹) Der Adel ließ, auf die Angabe des Grafen von Egmont, ſeine Bedienten eine gemeinſchaftliche Liverei tragen, auf welche eine Narrenkappe geſtickt war. Ganz Bruͤſel legte ſie fuͤr den Cardinalshut aus, und jede Erſcheinung eines ſolchen Bedienten erneuerte das Gelaͤchter; dieſe Narrenkappe wurde nachher, weil ſie dem Hofe anſtoͤßig war, in ein Buͤndel Pfeile verwandelt— ein zufaͤlliger Scherz, der ein ſehr ernſthaftes Ende nahm, und dem Wappen der Republik wahrſcheinlich ſeine Entſtehung gegeben. Vit. Vigl. T. II. 35. Thuan. 489. Das Anſehen des Cardinals ſank endlich ſo weit herab, daß man ihm oͤffentlich einen ſatyriſchen Kupferſtich in die Hand ſteckte, auf welchem er uͤber einem Haufen Eier ſitzend vorgeſtellt war, woraus Biſchoͤfe hervorkrochen. Ueber 148 Ehre; man dichtete ihm meuchelmoͤrderiſche Anſchlaͤge auf das Leben Egmonts und Oraniens an; das Unglaublichſte fand FGlauben; das Ungeheuerſte, wenn es ihm galt, oder von ihm ſtammen ſollte, uͤberraſchte nicht mehr. Die Nation hatte ſchon einen Grad der Verwilderung erreicht, wo die widerſprechend⸗ ſten Empfind ungen ſich gatten, und die feinern Graͤnzſcheiden des Anſtands und ſittlichen Gefuͤhls hinweggeruͤckt ſind. Dieſer Glaube an außerordentliche Verbrechen iſt beinahe immer ein untruͤglicher Vorlaͤufer ihrer nahen Erſcheinung. ¹) Aber eben das ſeltſame Schickſal dieſes Mannes fuͤhrt zu⸗ gleich etwas Großes, etwas Erhabenes mit ſich, das dem un⸗ befangenen Betrachter Freude und Bewunderung gibt. Hier erblickt er eine Nation, die, von keinem Schimmer beſtochen, durch keine Furcht in Schrecken gehalten, ſtandhaft, uner⸗ bittlich und ohne Verabredung einſtimmig, das Ver⸗ brechen ahndet, das durch die gewaltſame Einſetzung dieſes Fremdlings gegen ihre Wuͤrde begangen ward. Ewig unver⸗ mengt und ewig allein ſahen wir ihn, gleich einem fremden, feindſeligen Koͤrper, uͤber der Flaͤche ſchweben, die ihn zu empfan⸗ gen verſchmaͤht. Selbſt die ſtarke Hand des Monarchen, der ſein Freund und ſein Beſchutzer iſt, vermag ihn gegen den Willen der Nation nicht zu halten, welche einmal beſchloſſen hat, ihn von ſich zu ſtoßen. Ihre Stimme iſt ſo furchtbar, daß ſelbſt der Eigennutz auf ſeine gewiſſe Beute Verzicht thut⸗ daß ſeine Wohlthaten geflohen werden, wie die Fruͤchte von einem verfluchten Baume. Gleich einem anſteckenden Hauche haftet die Infamie der allgemeinen Verwerfung auf ihm. Die ihm ſchwebte ein Teufel mit der Randſchrift: Dieſer iſt mein Sohn, den ſollt ihr hoͤren! A. G. d. v. N. III. 40. 1¹) Hopper. L. I. 35. 3 149 Dankbarkeit glaubt ſich ihrer Pflichten gegen ihn ledig, ſeine Anhaͤnger meiden ihn, ſeine Freunde verſtummen. So fuͤrch⸗ terlich raͤchte das Volk ſeine Edeln und ſeine beleidigte Majeſtäͤt an dem groͤßten Monarchen der Erde. Die Geſchichte hat dieſes merkwuͤrdige Beiſpiel nur ein ein⸗ ziges Mal in dem Cardinal Mazarin wiederholt; aber es war, nach dem Geiſte beider Zeiten und Nationen, verſchieden. eide konnte die hoͤchſte Gewalt nicht vor dem Spotte bewah⸗ ren; aber Frankreich fand ſich erleichtert, wenn es uͤber ſeinen Pantalon lachte, und die Niederlande gingen durch das Ge⸗ laͤchter zum Aufruhr. Jenes ſah ſich aus einem langen Zu⸗ ſtande der Knechtſchaft unter Richelieu's Verwaltung in eine ploͤtzliche, ungewohnte Freiheit verſetzt; dieſe traten aus einer langen und angebornen Freiheit in eine ungewohnte Knechtſchaft hinuͤber; es war natuͤrlich, daß die Fronde wieder in Unter⸗ werſung, und die niederlaͤndiſchen Unruhen in republicaniſche Freiheit oder Empoͤrung endigten. Der Aufſtand der Pariſer war die Geburt der Armuth, ausgelaffen, aber nicht kuͤhn, trotzig ohne Nachdruck, niedrig und unedel, wie die Quelle, woraus er ſtammte. Das Murren der Niederlande war die ſtolze und kraͤftige Stimme des Reichthums. Muthwille und Hunger be⸗ geiſterten jene, dieſe Rache, Eigenthum, Leben und Re⸗ ligion. Mazarins Triebfeder war Habſucht, Granvella's Herrſchſucht. Jener war menſchlich und ſanft; dieſer hart, ge⸗ bieteriſch, grauſam. Der franzoͤſiſche Miniſter ſuchte in der Zuneigung ſeiner Koͤnigin eine Zuflucht vor dem Haß der Magnaten und der Wuth des Volks; der niederlaͤndiſche Mi⸗ niſter forderte den Haß einer ganzen Nation heraus, um ei⸗ nem Einzigen zu gefallen. Gegen Mazarin waren nur Par⸗ teien und der Poͤbel, den ſie waffneten; gegen Granvella die Nation. Unter jenem verſuchte das Parlament eine 150 Macht zu erſchleichen, die ihm nicht gebuͤhrte; unter dieſem kaͤmpfte es fuͤr eine rechtmaͤßige Gewalt, die er hinterliſtig zu vertilgen ſtrebte. Jener hatte mit den Prinzen des Gebluͤts und den Pairs des Koͤnigreichs, wie dieſer mit dem eingebor⸗ nen Adel und den Staͤnden zu ringen, aber anſtatt daß die Erſtern ihren gemeinſchaftlichen Feind nur darum zu ſtuͤrzen trachteten, um ſelbſt an ſeine Stelle zu treten, wollten die Letztern die Stelle ſelbſt vernichten, und eine Gewalt zertren⸗ nen, die kein einzelner Menſch ganz beſitzen ſollte. Indem dieß unter dem Volke geſchah, fing der Miniſter an, am Hofe der Regentin zu wanken. Die wiederholten Be⸗ ſchwerden uͤber ſ eine Gewalt mußten ihr endlich doch zu er⸗ kennen gegeben haben, wie wenig man an die ihrige glaube; vielleicht fuͤrchtete ſie auch, daß der allgemeine Abſcheu, der auf ihm haftete, ſie ſelbſt noch ergreifen, oder daß ſein laͤngeres Verweilen den gedrohten Aufſtand doch endlich herbeirufen moͤchte. Der lange Umgang mit ihm, ſein Unterricht und ſein Bei⸗ ſpiet hatten ſie endlich in den Stand geſetzt, ohne ihn zu regieren. Sein Anſehen fing an, ſie zu druͤcken, wie er ihr weniger nothwendig wurde, und ſeine Fehler, denen ihr Wohl⸗ wollen bis jetzt einen Schleier geliehen hatte, wurden ſichtbar, wie es erkaltete. Jetzt war ſie eben ſo geneigt, dieſe zu ſuchen und aufzuzaͤhlen, als ſie es ſonſt geweſen war, ſie zu bedecken. Bei dieſer ſo nachtheiligen Stimmung fuͤr den Cardinal fingen die haͤufigen und dringenden Vorſtellungen des Adels endlich an, bei ihr Eingang zu finden, welches um ſo leichter geſchah, da ſie zugleich ihre Furcht darein zu vermengen wußten.„Man wundere ſich ſehr, ſagte ihr unter andern Graf von Egmont, „daß der Koͤnig, einem Menſchen zu Gefallen, der nicht ein⸗ mal ein Niederlaͤnder ſey, und von dem man alſo wiſſe, daß ſeine Gluͤckſeligkeit mit dem Beſten dieſer Laͤnder nichts zu 151 ſchaffen habe, alle ſeine niederlaͤndiſchen Unterthanen koͤnne lei⸗ den ſehen— einem fremden Menſchen zu Gefallen, den ſeine Geburt zu einem Unterthan des Kaiſers, ſein Purpur zu einem Geſchoͤpfe des roͤmiſchen Hofes machte. Ihm allein, ſetzte der Graf hinzu, habe Granvella es zu danken, daß er bis jetzt noch unter den Lebendigen ſey; kuͤnftighin aber wuͤrde er dieſe Sorge der Statthalterin uͤberlaſſen, und ſie hiemit gewarnt haben.“ Weil ſich der groͤßte Theil des Adels, der Gering⸗ ſchaͤtzung uͤberdruͤſſig, die ihm dort widerfuhr, nach und nach aus dem Staatsrathe zuruͤckzog, ſo verlor das willkuͤrliche Ver⸗ fahren des Miniſters auch ſogar noch den letzten republicaniſchen Schein, der es bisher gemildert hatte, und die Einoͤde im Senate ließ ſeine hochmuͤthige Herrſchaft in ihrer ganzen Widrigkeit ſehen. Die Regentin empfand jetzt, daß ſie einen Herrn uͤber ſich hatte, und von dieſem Augenblicke an war die Verbannung des Miniſters beſchloſſen. Sie fertigte zu dieſem Ende ihren geheimen Secretaͤr, Th o⸗ mas Armenteros, nach Spanien ab, um den Koͤnig uͤber alle Verhaͤltniſſe des Cardinals zu belehren, ihm alle jene Aeuße⸗ rungen des Adels zu hinterbringen, und auf dieſe Art den Ent⸗ ſchluß zu ſeiner Verbannung in ihm ſelbſt entſtehen zu laſſen. Was ſie ihrem Briefe nicht anvertrauen mochte, hatte Ar⸗ menteros Befehl, auf eine geſchickte Art in den muͤndlichen Bericht einzumiſchen, den ihm der Koͤnig wahrſcheinlich abfor⸗ dern wuͤrde. Armenteros erfullte ſeinen Auftrag mit aller Geſchicklichkeit eines vollendeten Hofmannes; aber eine Audienz von vier Stunden konnte das Werk vieler Jahre, die Meinung Philipps von ſeinem Miniſter, in ſeinem Gemuͤthe nicht um⸗ ſtuͤrzen, die fuͤr die Ewigkeit darin gegruͤndet war. Lange ging dieſer Monarch mit der Staatsklugheit und ſeinem Vortheile zu Nathe, bis endlich Granvella ſelbſt ſeinem zaudernden Vor⸗ 15² ſatze zu Huͤlfe kam, und freiwillig um ſeine Entlaſſung bat, der er nicht mehr entgehen zu koͤnnen fuͤrchtete. Was der Abſcheu der ganzen niederlaͤndiſchen Nation nicht vermocht hatte, war dem geringſchaͤtzigen Betragen des Adels gelungen; er war einer Gewalt endlich muͤde, welche nicht mehr gefuͤrchtet war, und ihn weniger dem Neide als der Schande bloßſtellte. Vielleicht zitterte er, wie Einige geglaubt haben, fuͤr ſein Leben, das ge⸗ wiß in einer mehr als eingebildeten Gefahr ſchwebte; vielleicht wollte er ſeine Entlaſſung lieber unter dem Namen eines Ge⸗ ſchenks, als eines Befehls, von dem Koͤnige empfangen, und einen Fall, dem nicht mehr zu entfliehen war, nach dem Bei⸗ ſpiele jener Roͤmer, mit Anſtand thun. Philipp ſelbſt, ſcheint es, wollte der niederlaͤndiſchen Nation lieber jetzt eine Bitte großmuͤthig gewaͤhren, als ihr ſpaͤter in einer For⸗ derung nachgeben, und mit einem Schritte, den ihm die Nothwendigkeit auferlegte, wenigſtens noch ihren Dank verdienen. Seine Furcht war ſeinem Eigenſinne uͤberlegen, und die Klug⸗ heit ſiegte uͤber ſeinen Stolz. Granvellazweifelte keinen Augenblick, wie die Entſcheidung des Koͤnigs ausgefallen ſey. Wenige Tage nach Armenteros“ Zuruͤckkunft ſah er Demuth und Schmeichelei aus den wenigen Geſichtern entwichen, die ihm bis jetzt noch dienſtfertig gelaͤchelt hatten; das letzte kleine Gedraͤnge feiler Augenknechte zerfloß um ſeine Perſon, ſeine Schwelle wurde verlaſſen; er erkannte, daß die befruchtende Waͤrme von ihm gewichen war. Die Laͤſterung, die ihn waͤhrend ſeiner ganzen Verwaltung mißhandelt hatte, ſchonte ihn auch in dem Augenblick nicht, wo er ſie aufgab. Kurz vorher, eh' er ſein Amt niederlegte, unterſteht man ſich zu behaupten, ſoll er eine Ausſoͤhnung mit dem Prinzen von Oranien und dem Grafen von Egmont gewuͤnſcht, und ſich ſogar erhoten haben, ihnen, wenn um dieſen Preis ihre Ver⸗ 153 gebung zu hoffen waͤre, auf den Knieen Abbitte zu thun. 1) Es iſt klein und veraͤchtlich, das Gedaͤchtniß eines außerordentlichen Mannes mit einer ſolchen Nachrede zu beſudeln, aber es iſt noch veraͤchtlicher und kleiner, ſie der Nachwelt zu uͤberliefern. Gran⸗ vella unterwarf ſich dem koͤniglichen Befehle mit anſtaͤndiger Gelaſſenheit. Schon einige Monate vorher hatte er dem Herzog von Alba nach Spanien geſchrieben, daß er ihm, im Falle er die Niederlande wuͤrde raͤumen muͤſſen, einen Zufluchtsort in Madrid bereiten moͤchte. Lange bedachte ſich dieſer, ob es rath⸗ ſam waͤre, einen ſo gefaͤhrlichen Nebenbuhler in der Gunſt ſeines Koͤnigs herbeizurufen, oder einen ſo wichtigen Freund, ein ſo koſtbares Werkzeug ſeines alten Haſſes gegen die niederlaͤndiſchen Großen, von ſich zu weiſen. Die Rache ſiegte uͤber ſeine Furcht, und er unterſtuͤtzte Granvella's Geſuch mit Nachdruck bei dem Monarchen. Aber ſeine Verwendung blieb fruchtlos. Armen⸗ teros hatte den Koͤnig uͤberzeugt, daß der Aufenthalt dieſes Miniſters in Madrid alle Beſchwerden der niederlaͤndiſchen Na⸗ tion, denen man ihn aufgeopfert hatte, heftiger wieder zuruͤck⸗ bringen wuͤrde; denn nunmehr, ſagte er, wuͤrde man die Quelle ſelbſt, deren Ausflͤſſe er bis jetzt nur verdorben haben ſollte, durch ihn vergiftet glauben. Er ſchickte ihn alſo nach der Graf⸗ ſchaft Burgund, ſeinem Vaterlande, wozu ſich eben ein an⸗ ſtaͤndiger Vorwand fand. Der Cardinal gab ſeinem Abzuge aus Bruͤſſel den Schein einer unbedeutenden Reiſe, von der er naͤchſter Tage wieder eintreffen wuͤrde. Zu gleicher Zeit aber erhielten alle Staatsraͤthe, die ſich unter ſeiner Verwaltung freiwillig verbannt hatten, von dem Hofe Befehl, ſich im Se⸗ nate zu Bruͤſſel wieder einzufinden. Ob nun gleich dieſer letz⸗ tere Umſtand ſeine Wiederkunft nicht ſehr glaublich machte, und 1) Reidan. 4. 154 man jene Erfindung nur fuͤr ein trotziges Elend erklaͤrte, ſo ſchlug dennoch die entfernteſte Moͤglichkeit ſeiner Wiederkunft gar ſehr den Triumph nieder, den man uͤber ſeinen Abzug feierte. Die Statthalterin ſelbſt ſcheint ungewiß geweſen zu ſeyn, was ſie an dieſem Geruͤchte fuͤr wahr halten ſollte, denn ſie erneuerte in einem neuen Briefe an den Koͤnig alle Vorſtellungen und Gruͤnde, die ihn abhalten ſollten, dieſen Miniſter zuruͤckkommen zu laſſen. Granvella ſelbſt ſuchte in ſeinem Briefwechſel mit Barlaimont und Vigliuns dieſes Geruͤcht zu unter⸗ halten, und wenigſtens noch durch weſenloſe Traͤume ſeine Feinde zu ſchrecken, die er durch ſeine Gegenwart nicht mehr peinigen konnte. Auch war die Furcht vor dem Einfluſſe dieſes Mannes ſo uͤbertrieben groß, daß man ihn endlich auch aus ſeinem eige⸗ nen Vaterlande verjagte. Nachdem Pius der Vierte geſtorben war, machte Gran⸗ vella eine Reiſe nach Rom, um der neuen Papſtwahl beizu⸗ wohnen, und dort zugleich einige Auftraͤge ſeines Herrn zu be⸗ ſorgen, deſſen Vertrauen ihm unverloren geblieben war. Bald darauf machte ihn dieſer zum Unterkoͤnige von Neapel, wo er den Verfuͤhrungen des Himmelsſtrichs erlag, und einen Geiſt, den kein Schickſal gebeugt hatte, von der Wolluſt uͤbermannen ließ. Er war zweiundſechzig Jahre alt, als ihn der Koͤnig wieder nach Spanien zuruͤcknahm, wo er fortfuhr, die italieni⸗ ſchen Angelegenheiten mit unumſchraͤnkter Vollmacht zu beſor⸗ gen. Ein finſteres Alter und ber ſelbſtzufriedene Stolz einer ſechzigjaͤhrigen Geſchaͤftsverwaltung machte ihn zu einem harten und unbilligen Richter fremder Meinungen, zu einem Sklaven des Herkommens, und einem laͤſtigen Lobredner vergangener Zeiten. Aber die Staatskunſt des untergehenden Jahrhunderts war die Staatskunſt des aufgehenden nicht mehr. Die Jugend des neuen 155 Miniſteriums wurde bald eines ſo gebieteriſchen Aufſehers muͤde, und Philipp ſelbſt fing an, einen Rathgeber zu meiden, der nur die Thaten ſeines Vaters lobenswuͤrdig fand. Nichtsdeſto⸗ weniger vertraute er ihm noch zuletzt ſeine ſpaniſchen Laͤnder an, als ihn die Eroberung Portugals nach Liſſabon forderte. Er ſtarb endlich auf einer italieniſchen Reiſe in der Stadt Mantua im drei und ſiebenzigſten Jahre ſeines Lebens, und im Voll⸗ genuſſe ſeines Ruhms, nachdem er vierzig Jahre ununter⸗ broch en das Vertrauen ſeines Koͤnigs beſeſſen hatte. ¹) ¹) Strad. Dec. I. L. III. IV. p 88— 98. Der Staatsrath. (1564.) Unmittelbar nach dem Abzuge des Miniſters zeigten ſich alle die gluͤcklichen Folgen, die man ſich von ſeiner Entfer⸗ nung verſprochen hatte. Die mißvergnuͤgten Großen nahmen ihre Stelle im Staatsrathe wieder ein, und widmeten ſich den Staatsgeſchaͤften wieder mit gedoppeltem Eifer, um keiner Sehn⸗ ſucht nach dem Vertriebenen Raum zu geben, und durch den gluͤcklichen Gang der Staatsverwaltung ſeine Entbehrlichkeit zu erweiſen. Das Gedraͤnge war groß um die Herzogin. Alles wetteiferte, einander an Bereitwilligkeit, an Unterwerfung, an Dienſteifer zu uͤbertreffen; bis in die ſpaͤte Nacht wurde die Arbeit verlaͤngert; die groͤßte Eintracht unter allen drei Curien, das beſte Verſtaͤndniß zwiſchen dem Hofe und den Staͤnden. Von der Gutherzigkeit des niederlaͤndiſchen Adels war Alles zu er⸗ halten, ſobald ſeinem Eigenſinne und Stolze durch Vertrauen und Willfaͤhrigkeit geſchmeichelt war. Die Statthalterin benutzte die erſte Freude der Nation, um ihr die Einwilligung in einige Steuern abzulocken, die unter der vorigen Verwaltung nicht zu ertrotzen geweſen war. Der große Credit des Adels bei dem Volke unterſtuͤtzte ſie darin auf das nachdruͤcklichſte, und bald lernte ſie dieſer Nation das Geheimniß ab, das ſich auf dem deutſchen Reichstage ſo oft bewaͤhrt hat, daß man nur viel fordern muͤſſe, um inmer etwas von ihr zu erhalten. Sie 1⁵7 ſelbſt ſah ſich mit Vergnuͤgen ihrer langen Knechtſchaft entledigt; der wetteifernde Fleiß des Adels erleichterte ihr die Laſt der Ge⸗ ſchaͤfte, und ſeine einſchmeichelnde Demuth ließ ſie die ganze Suͤßigkeit ihrer Herrſchaft empfinden. ¹) (1564.) Granvella war zu Boden geworfen, aber noch ſtand ſein Anhang. Seine Politik lebte in ſeinen Geſchoͤpfen, die er im geheimen Rathe und im Finanzrathe zuruͤckließ. Der Haß glimmte noch unter den Parteien, nachdem der Anfuͤhrer laͤngſt vertrieben war, und die Namen der Oraniſch⸗ und Koͤniglich⸗Geſinnten, der Patrioten und Cardi⸗ naliſten fuhren noch immer fort, den Senat zu theilen, und das Feuer der Zwietracht zu unterhalten. Viglius von Zuichem von Aytta, Praͤſident des geheimen Raths, Staats⸗ rath und Siegelbewahrer, galt jetzt fuͤr den wichtigſten Mann im Senate, und die maͤchtigſte Stuͤtze der Krone und der Tiare. Dieſer verdienſtvolle Greis, dem wir einige ſchaͤtzbare Beitraͤge zu der Geſchichte des niederlaͤndiſchen Aufruhrs verdanken, und deſſen vertrauter Briefwechſel mit ſeinen Freunden uns in Er⸗ zaͤhlung derſelben mehrmals geleitet hat, war einer der groͤßten Rechtsgelehrten ſeiner Zeit, dabei noch Theolog und Prieſter, und hatte ſchon unter dem Kaiſer die wichtigſten Aemter bekleidet. Der umgang mit den gelehrteſten Maͤnnern, welche jenes Zeit⸗ alter zierten, und an deren Spitze ſich Erasmus von Rotter⸗ dam befand, mit oͤftern Reiſen verbunden, die er in Geſchaͤften des Kaiſers anſtellte, hatten den Kreis ſeiner Kenntniſſe und Erfahrungen erweitert, und ſeine Grundſäͤtze in manchen Stuͤcken uͤber ſeine Zeiten erhoben. Der Ruhm ſeiner Gelehrſamkeit er⸗ fuͤllte ſein ganzes Jahrhundert, und hat ſeinen Namen zur Nachwelt getragen. Als im Jahre 1548 auf dem Reichstage zu ¹) Hopper. 38. Burg. 78. 79. Strad. 95. 98. Grot, 17. 158 Augsburg die Verbindung der Niederlande mit dem deutſchen Reiche feſtgeſetzt werden ſollte, ſchickte Karl der Fuͤnfte die⸗ ſen Staatsmann dahin, die Angelegenheit der Provinzen zu fuͤhren, und ſeine Geſchicklichkeit vorzuͤglich half die Unter⸗ handlungen zum Vortheile der Niederlande lenken. ¹) Nach dem Tode des Kaiſers war Viglius der Vorzuglichſten einer, welche Philipp aus der Verlaſſenſchaft ſeines Vaters empfing, und einer der Wenigen, in denen er ſein Gedaͤchtniß ehrte. Das Gluͤck des Miniſters Granvella, an den ihn eine fruͤhe Bekanntſchaft gekettet hatte, trug auch ihn mit empor; aber er theilte den Fall ſeines Goͤnners nicht, weil er ſeine Herrſchſucht und ſeinen Haß nicht getheilt hatte. Ein zwanzigjaͤhriger Aufenthalt in den Provinzen, wo ihm die wichtigſten Geſchaͤfte anvertraut worden waren, die ge⸗ pruͤfteſte Treue gegen ſeinen Monarchen, und die eifrigſte Anhaͤnglichkeit an den katholiſchen Glauben machten ihn zum vorzuͤglichſten Werkzeuge der Monarchie in den Nieder⸗ landen.) Viglius war ein Gelehrter, aber kein Denker; ein erfahrner Geſchaͤftsmann, aber kein erleuchteter Kopf; nicht ſtarke Seele genug, die Feſſeln des Wahns, wie ſein Freund, Erasmus, zu brechen, und noch viel weniger ſchlimm genug, ſie, wie ſein Vorgaͤnger, Granvella, ſeiner Leidenſchaft dienen zu laſſen. Zu ſchwach und zu verzagt, der kuͤhnern Leitung ſeines eigenen Verſtandes zu folgen, vertraute er ſich lieber dem bequemern Pfade des Gewiſſens an; eine Sache war gerecht, ſobald ſie ihm Pflicht war. Er gehoͤrte zu den rechtſchaffenen Menſchen, die den ſchlimmen unentbehrlich ¹) A. G. d. N. II. Theil. 505 u. folg. 2) Vita Vigl. 159 ſind; auf ſeine Redlichkeit rechnete der Betrug. Ein halbes Jahrhundert ſpaͤter haͤtte er ſeine Unſterblichkeit von der Frei⸗ heit empfangen, die er jetzt unterdruͤcken half. Im geheimen Rathe zu Bruͤſſel diente er der Tyrannei; im Parlamente zu London, oder im Senate zu Amſterdam waͤr' er vielleicht wie Thomas Morus und Olden Barneveldt geſtorben. Einen nicht weniger furchtbaren Gegner, als Viglius war, hatte die Faction an dem Praͤſidenten des Finanzraths, dem Grafen Barlaimont. Es iſt wenig, was uns die Geſchichtſchreiber von dem Verdienſte und den Geſinnungen dieſes Mannes aufbewahrt haben; die blendende Groͤße ſeines Vorgaͤngers, des Cardinals Granvella, verdunkelte ihn; nachdem dieſer von dem Schauplatze verſchwunden war, druͤckte ihn die Ueberlegenheit der Gegenpartei nieder; aber auch nur das Wenige, was wir von ihm auffinden koͤnnen, verbreitet ein guͤnſtiges Licht auf ſeinen Charakter. Mehr als einmal bemuͤht ſich der Prinz von Oranien, ihn von dem Intereſſe des Cardinals abzuziehen, und ſeiner eigenen Partei einzuverleiben — Beweis genug, daß er einen Werth auf dieſe Eroberung legte. Alle ſeine Verſuche ſchlagen fehl, ein Beweis, daß er mit keinem ſchwankenden Charakter zu thun hatte. Mehr als einmal ſehen wir ihn, allein unter allen Mitgliedern des Raths, gegen die uberlegene Faction heraustreten, und das Intereſſe der Krone, das ſchon in Gefahr iſt aufgeopfert zu werden, gegen den allgemeinen Widerſpruch in Schutz nehmen. Als der Prinz von Oranien die Ritter des goldenen Vließes in ſeinem Hauſe verſammelt hatte, um uͤber die Aufhebung der Inquiſttion vorlaͤufig einen Schluß zu faſſen, war Barlai⸗ mont der Erſte, der die Geſetzwidrigkeit dieſes Verfahrens ruͤgte, und der Erſte, der der Regentin davon Unterricht gab. Einige Zeit darauf fragte ihn der Prinz, ob die Regentin um 160 jene Zuſammenkunft wiſſe, und Barlaimont ſtand keinen Augenblick an, ihm die Wahrheit zu geſtehen. Alle Schritte, die von ihm aufgezeichnet ſind, verrathen einen Mann, den weder Beiſpiel, noch Menſchenfarcht verſuchen, der mit feſtem Muthe und unuͤberwindlicher Beharrlichkeit der Partei getreu bleibt, die er einmal gewaͤhlt hat, der aber zugleich zu ſtolz und deſpotiſch dachte, um eine andere als dieſe zu waͤhlen. Noch werden uns unter dem koͤniglichen Anhange zu Bruͤſſel der Herzog von Arſchot, die Grafen von Mannsfeld, Megen und Aremberg genannt— alle drei geborne Nieder⸗ laͤnder, und alſo mit dem ganzen niederländiſchen Adel, we es ſchien, auf gleiche Art aufgefordert, der Hierarchie und der monarchiſchen Gewalt in ihrem Vaterlande entgegen zu arbeiten. Um ſo mehr muß uns der entgegengeſetzte Geiſt ihres Betra⸗ gens befremden, der deſto auffallender iſt, weil wir ſie mit den vornehmſten Gliedern der Faction in freundſchaftlichen Ver⸗ haͤltniſſen finden, und gegen die gemeinſchaftlichen Laſten des Vaterlandes nichts weniger als unempfindlich ſehen. Aber ſie fanden in ihrem Buſen nicht Selbſtvertrauen, nicht Helden⸗ muth genug, einen ungleichen Kampf mit einem ſo uͤberlegenen Gegner zu wagen. Mit feiger Klugheit unterwarfen ſie ihren gerechten Unwillen dem Geſetze der Nothwendigkeit, und legten ihrem Stolze lieber ein hartes Opfer auf, weil ihre verzaͤrtelte Eitelkeit keines mehr zu bringen vermochte. Zu wirthſchaftlich und zu weiſe, um das gewiſſe Gut, das ſie von der ſreiwil⸗ ligen Großmuth ihres Herrn ſchon beſaßen, von ſeiner Gerechtig⸗ keit oder Furcht erſt ertrotzen zu wollen, oder ein wirkliches Gluͤck hinzugeben, um den Schatten eines andern zu retten, nutzten ſie vielmehr den guͤnſtigen Augenblick, einen Wucher ¹) Strad. 82. 83. Burgund. 91. 168. Vit. Vigl. 40. 161 mit ihrer Beſtaͤndigkeit zu treiben, die jetzt, bei dem allgemeinen Abfalle des Adels, im Preiſe geſtiegen war. Wenig empfindlich fuͤr den wahren Ruhm, ließen ſie ihren Ehrgeiz entſcheiden, welche Partei ſie ergreifen ſollten; kleiner Ehrgeiz aber beugt ſich unter das harte Joch des Zwanges weit lieber, als unter die ſanfte Herrſchaft eines uͤberlegenen Geiſtes. Das Geſchenk war klein, wenn ſie ſich dem Prinzen von Oranien gaben, aber das Buͤndniß mit der Majeſtaͤt machte ſie zu ſeinen deſto furchtbarern Gegnern. Dort ging ihr Name unter dem zahl⸗ reichen Anhange und im Glanze ihres Nebenbuhlers verloren; auf der verlaſſenen Seite des Hofes ſtrahlte ihr duͤrftiges Verdienſt. Die Geſchlechter von Naſſau und Croi, welchem letztern der Herzog von Arſchot angehöoͤrte, waren ſeit mehreren Re⸗ gierungen Nebenbuhler an Anſehen und Wuͤrde geweſen, und ihre Eiferſucht hatte zwiſchen ihnen einen alten Familienhaß unterhalten, welchen Trennungen in der Religion zuletzt un⸗ verſoͤhnlich machten. Das Haus Croi ſtand ſeit undenklichen Jahren in einem vorzuͤglichen Rufe der Andacht und papiſtiſchen Heiligkeit; die Grafen von Naſſau hatten ſich der neuen Secte gegeben— Gruͤnde genug, daß Philipp von Croi, Herzog von Arſchot, eine Partei vorzog, die dem Prinzen von Ora⸗ nien am meiſten entgegengeſetzt war. Der Hof unterließ nicht, einen Gewinn aus dieſem Privathaſſe zu ziehen, und dem wach⸗ ſenden Anſehen des naſſauiſchen Hauſes in der Republik einen ſo wichtigen Feind entgegenzuſtellen. Die Grafen von Manns⸗ feld und Megenmaren bis hieher die vertrauteſten Freunde des Grafen von Egmont geweſen. Gemeinſchaftlich hatten ſie mit ihm ihre Stimme gegen den Miniſter erhoben; gemein⸗ ſchaftlich die Inquiſition und die Edicte beſtritten, und redlich Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 11 16² mit ihm zuſammengehalten bis hieher, bis an die letzten Linien ihrer Pflicht.— Dieſe drei Freunde trennten ſich jetzt an dem Scheidewege der Gefahr. Egmonts unbeſonnene Tugend riß ihn unaufhaltſam auf dem Pfade fort, der zum Verderben fuͤhrte; ſeine gewarnten Freunde fingen noch bei guter Zeit an, auf einen vortheilhaften Ruͤckzug zu denken. Es ſind noch Briefe auf uns gekommen, die zwiſchen den Grafen von Eg⸗ mont und Mannsfeld gewechſelt worden, und die uns, ob⸗ gleich in einer ſpaͤtern Epoche geſchrieben, doch eine getreue Schilderung ihrer damaligen Verhaͤltniſſe liefern.„Wenn ich,“ antwortete der Graf von Mannsfeld ſeinem Freunde, der ihm freundſchaftliche Vorwuͤrfe uͤber ſeinen Abfall zum Koͤnige gemacht hatte,„wenn ich ehemals der Meinung geweſen bin, „daß das gemeine Beſte die Aufhebung der Inquiſition, die „Milderung der Edicke und die Entfernung des Cardinals „Granvella nothwendig mache, ſo hat uns der Koͤnig ja „dieſen Wunſch jetzt gewaͤhrt, und die Urſache unſerer Klagen iſt „gehoben. Zu viel haben wir bereits gegen die Majeſtaͤt des „Monarchen und das Anſehen der Kirche unternommen; es iſt „die hoͤchſte Zeit einzulenken, daß wir dem Koͤnige, wenn er „kommt, mit offener Stirn, ohne Bangigkeit entgegen gehen „koͤnnen. Ich fuͤr meine Perſon bin vor ſeiner Ahndung nicht „bange; mit getroſtem Muthe wuͤrde ich mich auf ſeinen Wink in „Spanien ſtellen, und von ſeiner Gerechtigkeit und Guͤte mein „urtheil mit Zuverſicht erwarten. Ich ſage dieſes nicht, als „zweifelte ich, ob Graf Egmont dasſelbe von ſich behaupten „koͤnnte, aber weiſe wird Graf Egmont handeln, wenn er je „mehr und mehr ſeine Sicherheit befeſtigt, und den Verdacht „von ſeinen Handlungen entfernt. Hoͤre ich,“ heißt es am Schluſſe,„daß er meine Warnungen beherzigt, ſo bleibt es bei „unſerer Freund ſchaft; wo nicht, ſo fuͤhle ich mich ſtark genug, —* 163 „meiner Pflicht und der Ehre alle menſchlichen Verhaͤltniſſe zum „Opfer zu bringen.“ ¹) Die erweiterte Macht des Adels ſetzte die Republik beinahe einem groͤßern Uebel aus, als dasjenige war, dem ſie eben durch Vertreibung des Miniſters entronnen war. Durch eine lange Ueppigkeit verarmt, die zugleich ſeine Sitten aufgeloͤst hatte, und mit der er bereits zu ſehr vertraut worden war, um ihr nun erſt entſagen zu koͤnnen, unterlag er der gefaͤhr⸗ lichen Gelegenheit, ſeinem herrſchenden Hange zu ſchmeicheln, und den erloͤſchenden Glanz ſeines Gluͤcks wieder herzuſtellen. Verſchwendungen fuͤhrten die Gewinnſucht herbei, und dieſe den Wucher. Weltliche und geiſtliche Aemter wurden feil; Ehrenſtellen, Privilegien, Patente an den Meiſtbietenden ver⸗ kauft; mit der Gerechtigkeit ſelbſt wurde ein Gewerbe getrieben. Wen der geheime Rath verdammt hatte, ſprach der Staatsrath wieder los; was jener verweigerte, war von dieſem fuͤr Geld zu erlangen. Zwar waͤlzte dee Staatsrath dieſe Beſchuldigung nachher auf die zwei andern Curien zuruͤck; aber ſein eigenes Beiſpiel war es, was dieſe anſteckte. Die erfinderiſche Hab⸗ ſucht eroͤffnete neue Quellen des Gewinns. Leben, Freiheit und Religion wurden, wie liegende Gruͤnde, fuͤr gewiſſe Sum⸗ men verſichert; fuͤr Gold waren Moͤrder und Uebelthaͤter frei, und die Nation wurde durch das Lotto beſtohlen. Ohne Ruͤck⸗ ſicht des Ranges oder Verdienſtes ſah man die Dienſtleute und Creaturen der Staatsraͤthe und Provinzſtatthalter zu den wichtigſten Bedienungen vorgeſchoben; wer etwas von dem Hofe zu erbitten hatte, mußte den Weg durch die Statthalter und ihre unterſten Diener nehmen. Kein Kunſtgriff der Ver⸗ ¹) Strada 159. 164 fuͤhrung wurde geſpart, den Geheimſchreiber der Herzogin, Thomas Armenteros, einen bis jetzt unbeſcholtenen und redlichen Mann, in dieſe Ausſchweifungen mit zu verwickeln. Durch vorgeſpiegelte Betheurung von Ergebenheit und Freund⸗ ſchaft wußte man ſich in ſeine Vertraulichkeit einzudraͤngen, und ſeine Grundſaͤtze durch Wohlleben aufzuloͤſen; das ver⸗ derbliche Beiſpiel ſteckte ſeine Sitten an, und neue Beduͤrfniſſe ſiegten uͤber ſeine bis jetzt unbeſtechliche Tugend. Jetzt ver⸗ blindete er zu Mißbraͤuchen, deren Mitſchuldiger er war, und zog eine Huͤlle uͤber fremde Verbrechen, um unter ihr auch die ſeinigen zu verbergen. Einverſtanden mit ihm, beraubte man den koͤniglichen Schatz, und hinterging durch ſchlechte Verwal⸗ tung ihrer Huͤlfsmittel die Abſichten der Regierung. Unter⸗ deſſen taumelte die Regentin in einem lieblichen Wahne von Herrſchaft und Thaͤtigkeit dahin, den die Schmeichelei der Großen kuͤnſtlich zu naͤhren wußte. Der Ehrgeiz der Par⸗ teien ſpielte mit den Schwaͤchen einer Frau, und kaufte ihr eine wahre Gewalt mit deren weſenloſen Zeichen und einer demuͤthigen Außenſeite der Unterwuͤrfigkeit ab. Bald gehoͤrte ſie ganz der Faction und anderte unvermerkt ihre Maximen. Auf eine ihrem vorigen Verhalten ganz entgegengeſetzte Weiſe brachte ſie jetzt Fragen, die fuͤr die andern Curien gehoͤrten, oder Vorſtellungen, welche ihr Viglius ingeheim gethan, widerrechtlich vor den Staatsrath, den die Faction beherrſchte, ſo wie ſie ihn ehemals unter Granvella's Verwaltung widerrechtlich vernachlaͤſſigt hatte. Beinahe alle Geſchaͤfte und aller Einfluß wendeten ſich jetzt den Statthaltern zu. Alle Bittſchriften kommen an ſie, alle Beneficien werden von ihnen vergeben. Es kam ſo weit, daß ſie den Obrigkeiten der Staͤdte Rechtsſachen entzogen, und vor ihre Gerichtsbarkeit brachten. Das Anſehen der Provincialgerichte nahm ab, wie ſie das 165 ihrige erweiterten, und mit dem Anſehen der Obrigkeit lag die Rechtspflege und buͤrgerliche Ordnung darnieder. Bald folgten die kleinern Gerichtshoͤfe dem Beiſpiel der Landes⸗ regierung. Der Geiſt, der den Staatsrath zu Bruͤſſel be⸗ herrſchte, verbreitete ſich bald durch alle Provinzen. Beſtechun⸗ gen, Indulgenzen, Raͤubereien, Verkaͤuflichkeit des Rechts wurden allgemein auf den Richterſtuͤhlen des Landes, die Sitten fielen, und die neuen Secten benutzten dieſe Licenz, um ihren Kreis zu erweitern. Die duldſamern Religions⸗ geſinnungen des Adels, der entweder ſelbſt auf die Seite der Neuerer hing, oder wenigſtens die Inquiſition als ein Werk⸗ zeug des Deſpotismus verabſcheute, hatten die Strenge der Glaubensedicte aufgeloͤst; durch die Freibriefe, welche man mehreren Proteſtanten ertheilte, wurden dem heiligen Amte ſeine beſten Opfer entzogen. Durch nichts konnte der Adel ſeinen nunmehrigen neuen Antheil an der Landesregierung dem Volke gefaͤlliger ankuͤndigen, als wenn er ihm das ver⸗ haßte Tribunal der Inquiſition zum Opfer brachte— und dazu bewog ihn ſeine Neigung noch mehr, als die Vorſchrift der Politik. Die Nation ging augenblicklich von dem druͤckend⸗ ſten Zwange der Intoleranz in einen Zuſtand der Freiheit uͤber, deſſen ſie bereits zu ſehr entwoͤhnt war, um ihn mit Maͤßigung auszuhalten. Die Inquiſitoren, des obrigkeit⸗ lichen Beiſtandes beraubt, ſahen ſich mehr verlacht, als ge⸗ fuͤrchtet. In Bruͤgges ließ der Stadtrath ſelbſt einige ihrer Diener, die ſich eines Ketzers bemaͤchtigen wollten, bei Waſſer und Brod ins Gefaͤngniß ſetzen. Um eben dieſe Zeit ward in Antwerpen, wo der Poͤbel einen vergeblichen Verſuch gemacht hatte, dem heiligen Amte einen Ketzer zu entreißen, eine mit Blut geſchriebene Schrift auf oͤffentlichem Markte angeſchlagen, welche enthielt, daß ſich eine Anzahl Men⸗ 166 ſchen verſchworen habe, den Tod dieſes Unſchuldigen zu raͤchen. ¹) 3 Von der Verderbniß, welche den ganzen Staatsrath er griffen, hatten ſich der geheime Rath und der Finanzrath, in denen Viglius und Barlaimont den Vorſitz fuͤhrten, noch groͤßtentheils rein erhalten. Da es der Faction nicht gelang, ihre Anhaͤnger in dieſe zwei Curien einzuſchieben, ſo blieb ihr kein anderes Mittel uͤbrig, als beide ganz außer Wirkſamkeit zu ſetzen, und ihre Geſchaͤfte in den Staatsrath zu verpflanzen. Um dieſen Entwurf durchzuſetzen, ſuchte ſich der Prinz von Oranien des Beiſtandes der uͤbrigen Staatsraͤthe zu verſichern.„Man nenne ſie zwar Senatoren,“ ließ er ſich oͤfters gegen ſei⸗ nen Anhang heraus,„aber Andere beſitzen die Gewalt. „Wenn man Geld brauche, um die Truppen zu bezahlen, oder „wenn die Rede davon ſey, der eindringenden Ketzerei zu weh⸗ „ren, oder das Volk in Ordnung zu erhalten, ſo halte man ſich „an ſie, da ſie doch weder den Schatz noch die Geſetze be⸗ „wachten, ſondern nur die Organe waͤren, durch welche die „beiden andern Collegien auf den Staat wirkten. Und doch „wuͤrden ſie allein der ganzen Reichsverwaltung gewachſen „ſeyn, die man unnoͤthiger Weiſe unter drei verſchiedene „Kammern vertheilt haͤtte, wenn ſie ſich nur unter einander „verbinden wollten, dem Staatsrath dieſe entriſſenen Zweige „der Regierung wieder einzuverleiben, damit eine Seele „den ganzen Koͤrper belebe.“ Man entwarf vorlaͤufig und in der Stille einen Plan, welchem zufolge zwoͤlf neue Ritter des Vließes in den Staatsrath gezogen, die Gerechtigkeits⸗ 1) Hopper. 40. Grot. 17. Vita Vigl. 39. Burg. 80. 87. 88. Strad. 99. 100.’ 4 167 pflege an das Tribunal zu Mecheln, dem ſie rechtmaͤßig zugehoͤrte, wieder zuruͤckgegeben, die Gnadenbriefe, Patente u. ſ. w. dem Praͤſidenten Viglius uͤberlaſſen werden, ihnen aber die Verwaltung des Geldes anheimgeſtellt ſeyn ſollte. Nun ſah man freilich alle Schwierigkeiten voraus, welche das Mißtrauen des Hofes und die Eiferſucht uͤber die zunehmende Gewalt des Adels dieſer Neuerung entgegenſetzen wuͤrden; um ſie alſo der Regentin abzunoͤthigen, ſteckte man ſich hinter einige von den vornehmſten Officieren der Armee, welche den Hof zu Bruͤſſel mit ungeſtuͤmen Mahnungen an den ruͤck⸗ ſtaͤndigen Sold beunruhigen und im Verweigerungsfalle mit einer Rebellion drohen mußten. Man leitete es ein, daß die Regentin mit haͤufigen Suppliken und Memorialen ange⸗ gangen wurde, die uͤber verzoͤgerte Gerechtigkeit klagten, und die Gefahr uͤbertrieben, welche von dem taͤglichen Wachs⸗ thume der Ketzerei zu beſorgen ſey. Nichts unterließ man, ihr von dem zerruͤtteten Zuſtande der buͤrgerlichen Ordnung, der Rechtspflege und der Finanzen ein ſo abſchreckendes Gemaͤlde zu geben, daß ſie von dem Taumel, worein ſie bisher gewiegt worden war, mit Schrecken erwachte.¹) Sie beruft alle drei Curien zuſammen, um uͤber die Mittel zu berathſchlagen, wie dieſen Zerruͤttungen zu begegnen ſey. Die Mehrheit der Stimmen geht dahin, daß man einen außerordentlichen Ge⸗ ſandten nach Spanien ſenden muͤſſe, welcher den Koͤnig durch eine umſtaͤndliche und lebendige Schilderung mit dem wahren Zuſtande der Sachen bekannter machen, und ihn vielleicht zu beſſern Maßregeln vermoͤgen koͤnnte. Viglius, dem von dem verborgenen Plane der Faction nicht das Mindeſte ahnete, widerſprach dieſer Meinung.„Das Uebel,“ ſagte er,„woruͤber 4) Burgund. 92— 94. Hopper. 41. Vita Vigl. J. 87. 88. 168 „man klage, ſey allerdings groß und nicht zu vernachlaͤſſigen, „aber unheilbar ſey es nicht. Die Gerechtigkeit werde ſchlecht „verwaltet, aber aus keinem andern Grunde, als weil der „Adel ſelbſt das Anſehen der Obrigkeit durch ſein veraͤchtliches „Betragen gegen ſie herabwuͤrdige, und die Statthalter ſie „nicht genug unterſtuͤtzten. Die Ketzerei nehme uͤberhand, „weil der weltliche Arm die geiſtlichen Richter im Stiche laſſe, „und weil das gemeine Volk nach dem Beiſpiele der Edeln „die Verehrung gegen ſeine Obrigkeit ausgezogen habe. Nicht „ſowohl die ſchlechte Verwaltung der Finanzen, als vielmehr „die vorigen Kriege und die Staatsbeduͤrfniſſe des Koͤnigs „haben die Provinzen mit dieſer Schuldenlaſt beſchwert, von „welcher billige Steuern ſie nach und nach wuͤrden befreien „koͤnnen. Wenn der Staatsrath ſeine Indulgenzen, Freibriefe „und Erlaſſungen einſchraͤnkte, wenn er die Sittenverbeſſerung „bei ſich ſelbſt anfinge, die Geſetze mehr achtete, und die „Dbrigkeit in ihr voriges Anſehen wieder einſetzte, kurz, wenn „nur die Collegien und die Statthalter erſt ihre Pflichten „erfuͤllten, ſo wuͤrden dieſe Klagen bald aufhoͤren. Wozu „alſo einen neuen Geſandten nach Spanien, da doch nichts „Neues geſchehen ſey, um dieſes außerordentliche Mittel zu „rechtfertigen? Beſtuͤnde man aber dennoch darauf, ſo wolle „er ſich dem allgemeinen Gutachten nicht entgegenſetzen; nur „bedinge er ſich aus, daß der wichtigſte Auftrag des Bot⸗ „ſchafters alsdann ſeyn moͤge, den Koͤnig zu einer baldigen „Ueberkunft zu vermoͤgen.“ ¹) Ueber die Wahl des Botſchafters war nur eine Stimme. Unter allen niederlaͤndiſchen Großen ſchien Graf Egmont der einzige zu ſeyn, der beiden Theilen gleich Genuͤge thun konnte. 1) Burg. 95. 96. Hopper. 41. 45 sq. 169 Sein erklaͤrter Haß gegen die Inquiſition, ſeine vaterlaͤndiſchen und freien Geſinnungen, und die unbeſcholtene Rechtſchaffen⸗ heit ſeines Charakters, leiſteten der Republik hinlaͤngliche Buͤrg⸗ ſchaft fuͤr ſein Betragen; aus welchen Gruͤnden er dem Koͤnig willkommen ſeyn mußte, iſt ſchon oben beruͤhrt worden. Da bei Furſten oft ſchon der erſte Anblick das Urtheil ſpricht, ſo konnte Egmonts eianehmende Bildung ſeine Beredſamkeit unterſtuͤtzen, und ſeinem Geſuch eine Huͤlfe geben, deren die gerechteſte Sache bei Koͤnigen nie entuͤbrigt ſeyn kann. Eg⸗ mont ſelbſt wuͤnſchte die Geſandtſchaft, um einige Familien⸗ angelegenheiten mit dem Koͤnige zu berichtigen.”) Die Kirchenverſammlung zu Trient war unterdeſſen auch geendigt, und die Schluͤſſe derſelben der ganzen katholiſchen Chriſtenheit bekannt gemacht worden. Aber dieſe Schluͤſſe, weit entfernt, den Zweck der Synode zu erfuͤllen und die Erwartun⸗ gen der Religionsparteien zu befriedigen, hatten die Kluft zwi⸗ ſchen beiden Kirchen vielmehr erweitert, und die Glaubens⸗ trennung unheilbar und ewig gemacht. Der alte Lehrbegriff, anſtatt gelaͤutert zu ſeyn, hatte jetzt nur mehr Beſtimmtheit und eine groͤßere Wuͤrde erhalten. Alle Spitzfindigkeiten der Lehre, alle Kuͤnſte und Anmaßungen des heiligen Stuhls, die bis jetzt mehr auf der Willkuͤr beruht hatten, waren nunmehr in Geſetze uͤbergegangen, und zu einem Syſtem erhoben. Jene Gebraͤuche und Mißbraͤuche, die ſich in den barbariſchen Zeiten des Aberglaubens und der Dummheit in die Chriſtenheit eingeſchlichen, wurden jetzt fuͤr weſentliche Theile des Gottesdienſtes erklaͤrt, und Bannfluͤche gegen jeden Verwegenen geſchleudert, der ſich dieſen Dogmen widerſetzen, 1) Strada 105, 170 dieſen Gebraͤuchen entziehen wuͤrde. Bannfluͤche gegen den, der an der Wunderkraft der Reliquien zweifeln, der die Knochen der Maͤrtyrer nicht ehren, und die Fuͤrbitte der Heiligen fuͤr unkraͤftig zu halten ſich erdreiſten wuͤrde. Die Kraft der In⸗ dulgenzen, die erſte Quelle des Abfalls von dem roͤmiſchen Stuhle, war jetzt durch einen unumſtoͤßlichen Lehrſatz erwieſen, und das Möoͤnchthum durch einen ausdruͤcklichen Schluß der Synode in Schutz genommen, welcher Mannsperſonen geſtat⸗ tet, im ſechzehnten Jahre, und Maͤdchen im zwoͤlften, Profeß zu thun. Alle Dogmen der Proteſtanten ſind ohne Ausnahme verdammt; nicht ein einziger Schluß iſt zu ihrem Vortheile gefaßt, nicht ein einziger Schritt geſchehen, ſie auf einem ſanf⸗ tern Wege in den Schooß der muͤtterlichen Kirche zuruͤckzu⸗ fuͤhren. Die aͤrgerliche Chronik der Synode und die Unge⸗ reimtheit ihrer Entſcheidungen vermehrte bei dieſen wo moͤglich noch die herzliche Verachtung, die ſie laͤngſt gegen das Papſt⸗ thum hegten, und gab ihren Angriffen neue, bis jetzt noch uͤberſehene Bloͤßen preis. Es war ein ungluͤcklicher Gedanke, die beleuchtende Fackel der Vernunft den Myſterien der Kirche ſo nahe zu bringen, und mit Vernunftſchluͤſſen fuͤr Gegenſtaͤnde des blinden Glaubens zu fechten. Und die Schluͤſſe des Conciliums befriedigten auch nicht einmal alle katholiſchen Maͤchte. Frankreich verwarf ſie ganz, ſowohl den Caloiniſten zu Gefallen, als auch weil die Supe⸗ rioritaͤt, deren ſich der Papſt uͤber das Concilium anmaßte, es beleidigte; auch einige katholiſche Fuͤrſten Deutſchlands er⸗ klaͤrten ſich dagegen. So wenig Philipp der Zweite von gewiſſen Artikeln darin erbaut war, die zu nahe an ſeine eigenen Rechte ſtreiften, woruͤber kein Monarch der Welt mit mehr Eiferſucht wachen konnte, als er; ſo ſehr ihn der große Einfluß des Papſtes auf das Concilium und die willkuͤrliche, 171 uͤbereilte Aufhebung desſelben beleidigt hatte; ſo eine gerechte urſache zur Feindſeligkeit ihm endlich der Papſt durch die Zu⸗ ruͤckſetzung ſeines Geſandten gab, ſo willig zeigte er ſich doch, die Schluͤſſe des Conciliums anzuerkennen, die auch in dieſer Geſtalt ſeinem Lieblingsentwurfe, der Ketzervertilgung, zu Statten kamen. Alle uͤbrigen politiſchen Ruͤckſichten wurden dieſer Angelegenheit nachgeſetzt, und er gab Befehl, ſie in allen ſeinen Staaten abzukuͤndigen.¹) Der Geiſt des Aufruhrs, der alle niederlaͤndiſchen Provinzen bereits ergriffen hatte, bedurfte dieſes neuen Zunders nicht mehr. Die Gemuͤther waren in Gaͤhrung, das Anſehen der roͤmiſchen Kirche bei Vielen ſchon aufs tiefſte geſunken; unter ſolchen Umſtaͤnden konnten die gebieteriſchen und oft abge⸗ ſchmackten Entſcheidungen des Conciliums nicht anders als anſtoͤßig ſeyn; aber ſo ſehr konnte Philipp der Zweite ſeinen Charakter nicht verlaͤugnen, daß er Voͤlkern, die eine andere Sonne, ein anderes Erdreich und andere Geſetze haben, einen andern Glauben erlaubte. Die Regentin empfing den gemeſſenſten Befeyl, in den Niederlanden eben denſelben Ge⸗ horſam gegen die Trientiſchen Schluͤſſe zu erpreſſen, der ihnen in Spanien und Italien geleiſtet ward. ²) Die Schluͤſſe fanden den heftigſten Widerſpruch in dem Staatsrathe zu Bruͤſſel. Die Nation— erklaͤrte Wilhelm von Oranien— wuͤrde und doͤnnte dieſelben nicht aner⸗ kennen, da ſie groͤßtentheils den Grundgeſetzen ihrer Verfaſſung ¹) Hist. de Philippe Il. Watson. T. II. L. V. Thuan. II 29. 491. 5350. Essay sur les Mœurs. T. III. Concile de Trente. Meteren 59. 60. 2) Strada 102. 172 zuwider liefen, und aus aͤhnlichen Gruͤnden von mehreren katholiſchen Fuͤrſten verworfen worden ſeyen. Beinahe der ganze Staatsrath war auf Oraniens Seite; die meiſten Stimmen gingen dahin, daß man den Koͤnig bereden muͤſſe, die Schluͤſſe entweder ganz zuruͤckzunehmen, oder ſie wenigſtens nur unter ge⸗ wiſſen Einſchraͤnkungen bekannt zu machen. Dieſem widerſetzte ſich Viglius und beſtand auf dem Buchſtaben der koͤniglichen Befehle.„Die Kirche,“ ſagte er,„hat zu allen Zeiten die „Reinigkeit ihrer Lehre und die Genauigkeit der Disciplin „durch ſolche allgemeine Concilien erhalten. Den Glaubens⸗ „irrungen, welche unſer Vaterland ſchon ſo lange beunruhigen, „kann kein kraͤftigeres Mittel entgegengeſetzt werden, als eben „dieſe Schluͤſſe, auf deren Verwerfung man jetzt dringt. „Wenn ſie auch hier und da mit den Gerechtigkeiten des Buͤr⸗ „gers und der Conſtitution im Widerſpruche ſtehen, ſo iſt dieß „ein Uebel, dem man durch eine kluge und ſchonende Hand⸗ „habung derſelben leicht begegnen kann. Uebrigens gereicht es „unſerm Herrn, dem Koͤnig von Spanien, ja zur Ehre, daß „er allein vor allen Fuͤrſten ſeiner Zeit nicht gezwungen iſt, „ſein beſſeres Wiſſen der Nothwendigkeit unterzuordnen, und „Maßregeln aus Furcht zu verwerfen, die das Wohl der Kirche „von ihm heiſcht, und das Gluͤck ſeiner Unterthanen ihm zur „Pflicht macht.“ Da die Schluͤſſe Verſchiedenes enthielten, was gegen die Rechte der Krone ſelbſt verſtieß, ſo nahmen Einige davon Veranlaſſung, vorzuſchlagen, daß man dieſe Capitel wenigſtens bei der Bekanntmachung hinweglaſſen ſollte. Damit der Koͤnig dieſer anſtoͤßigen und ſeiner Wuͤrde nachtheiligen Punkte mit guter Art uͤberhoben wuͤrde, ſo wollten ſie die niederlaͤndiſche Nationalfreiheit vorſchuͤtzen, und den Namen der Republik zu dieſem Eingriffe in das Concilium hergeben ⸗ Aber der Koͤnig hatte die Schluͤſſe in ſeinen uͤbrigen Staaten 173 ohne Bedingung aufgenommen und durchſetzen laſſen, und es war nicht zu erwarten, daß er den uͤbrigen katholiſchen Maͤch⸗ ten dieſes Muſter von Widerſetzlichkeit geben, und das Ge⸗ baͤude ſelbſt untergraben werde, das er zu gruͤnden ſo befliſſen geweſen war. ¹) 1¹) Watson. T. I. L. VII. 262. Strad. 102. Burg. 115. Graf Egmont in Spanien. Dem Koͤnige, dieſer Schluͤſſe wegen, Vorſtellungen zu thun, ihm ein milderes Verfahren gegen die Proteſtanten abzugewin⸗ nen, und auf die Einziehung der beiden andern Rathsverſamm⸗ lungen anzutragen, war der Auftrag, der dem Grafen von Egmont von Seite der Mißvergnuͤgten gegeben war; die Widerſetzlichkeit des niederlaͤndiſchen Volks gegen die Edicte vor das Ohr des Monarchen zu bringen, ihn von der Unmoͤg⸗ lichkeit zu uͤberfuͤhren, dieſe Edicte in ihrer ganzen Strenge zu handhaben, ihm uͤber den ſchlechten Zuſtand des Kriegs⸗ weſens und der Finanzen in ſeinen niederlaͤndiſchen Staaten die Augen zu oͤffnen, ward ihm von der Statthalterin em⸗ pfohlen. Die Beſtallung des Grafen wurde von dem Praͤſidenten Viglius entworfen. Sie enthielt große Klagen uͤber den Verfall der Gerechtigkeitspftege, den Anwachs der Ketzerei und die Erſchoͤpfung des Schatzes. Auf die perſonliche Ueberkunft des Koͤnigs wurde nachdruͤcklich gedrungen. Das Uebrige war der Beredſamkeit des Borſchafters vorbehalten, dem die Statt⸗ halterin einen Wink gab, eine ſo ſchoͤne Gelegenheit nicht von der Hand zu ſchlagen, um ſich in der Gunſt ſeines Herrn feſt⸗ zuſetzen. Die Verhaltungsbefehle des Grafen und die Vorſtellungen, welche durch ihn an den Koͤnig ergehen ſollten, fand der Prinz 175 von Oranien in viel zu allgemeinen und ſchwankenden Aus⸗ druͤcken abgefaßt.„Die Schilderung,“ ſagt er,„welche der „Praͤſtdent von unſern Beſchwerden gemacht, iſt weit unter „der Wahrheit geblieben. Wie kann der Koͤnig die ſchicklich⸗ „ſten Heilmittel anwenden, wenn wir ihm die Quellen des „Uebels verhehlen? Laßt uns die Zahl der Ketzer nicht ge⸗ „ringer angeben, als ſie wirklich iſt; laßt uns aufrichtig ein⸗ „geſtehen, daß jede Provinz, jede Stadt, jeder noch ſo kleine „Flecken davon wimmelt; laßt uns auch nicht bergen, daß ſie „die Strafbefehle verachten, und wenig Ehrfurcht gegen die „Obrigkeit hegen. Wozu alſo noch dieſe Zuruͤckhaltung? Auf⸗ „richtig dem Koͤnige geſtanden, daß die Republik in dieſem „Zuſtande nicht verharren kann. Der geheime Rath freilich „wird anders urtheilen, dem eben dieſe allgemeine Zerruͤttung „willkommen heißt. Denn woher ſonſt dieſe ſchlechte Ver⸗ „waltung der Gerechtigkeit, dieſe allgemeine Verderbniß der „Richterſtuͤhle, als von ſeiner Habſucht, die durch nichts zu „erſaͤttigen iſt? Woher dieſe Pracht, dieſe ſchaͤndliche Ueppig⸗ „keit jener Creaturen, die wir aus dem Staube haben ſteigen „ſehen, wenn ſie nicht durch Beſtechung dazu gekommen ſind? „Hoͤren wir nicht taͤglich von dem Volke, daß kein anderer „Schluͤſſel ſie eroͤffnen koͤnne, als Gold, und beweiſen nicht „ihre Trennungen unter einander ſelbſt, wie ſchlecht ſie von „der Liebe zum Ganzen ſich beherrſchen laſſen? Wie koͤnnen „Menſchen zum allgemeinen Beſten rathen, die das Opfer „ihrer eigenen Leidenſchaft ſind? Meinen ſie etwa, daß wir, „die Statthalter der Provinzen, dem Gutbefinden eines in⸗ „famen Lictors mit unſern Soldaten zu Gebote ſtehen ſollen? „Laßt ſie ihren Indulgenzen und Erlaſſungen Graͤnzen ſetzen, „womit ſie gegen diejenigen, denen wir ſie verſagen, ſo ver⸗ „ſchwenderiſch ſind. Niemand kann Verbrechen erlaſſen, ohne 176 „gegen das Ganze zu ſuͤndigen, und das allgemeine Uebel durch „einen Beitrag zu vermehren. Mir, ich geſtehe es, hat es „niemals gefallen, daß die Geheimniſſe des Staats und die „Regierungsgeſchaͤfte ſich unter ſo viele Collegien vertheilen. „Der Staatsrath reicht hin fuͤr alle; mehrere Patrioten haben „dieſes laͤngſt ſchon im Stillen empfunden, und ich erklaͤre es „jetzt laut. Ich erklaͤre, daß ich fuͤr alle Uebel, woruͤber Klage „gefuͤhrt wird, kein anderes Gegenmittel weiß, als jene beiden „Kammern in dem Staatsrathe aufhoͤren zu laſſen. Dieſes „iſt es, was man von dem Koͤnige zu erhalten ſuchen muß, „oder dieſe neue Geſandtſchaft iſt wiederum ganz zwecklos und „unnütz geweſen.“ Und nun theilte der Prinz dem verſammel⸗ ten Senate den Entwurf mit, von welchem oben die Rede war. Viglius, gegen den dieſer neue Vorſchlag eigentlich und am meiſten gerichtet war, und dem die Augen jetzt ploͤtzlich geoͤffnet wurden, unterlag der Heftigkeit ſeines Verdruſſes. Die Ge⸗ muͤthsbewegung war ſeinem ſchwaͤchlichen Koͤrper zu ſtark, und man fand ihn am folgenden Morgen vom Schlage gelaͤhmt und in Gefahr des Lebens. 0) Seine Stelle uͤbernahm Joachim Hopper, aus dem geheimen Rathe zu Bruͤſſel, ein Mann von alter Sitte und unbeſcholtener Redlichkeit, des Praͤſidenten vertrauteſter und wuͤrdigſter Freund. 2) Er machte zu Gunſten der Oraniſchen Partei noch einige Zuſaͤtze zu der Ausfertigung des Geſandten, 4) Vita Vigl. 6§. 88. 89. Burg. 97— 102. 2) Vita Vigl.§. 89. Der Naͤmliche, aus deſſen Mémoires ich viele Aufſchluͤſſe uͤber dieſe Epoche geſchoͤpft habe. Seine nachherige Abreiſe nach Spanien hat den Briefwechſel zwiſchen ihm und dem Praͤſidenten veranlaßt, der eines der ſchaͤtzbarſten Documente fuͤr dieſe Geſchichte iſt.. 177 welche die Abſchaffung der Inquiſition und die Vereinigung der drei Curien betrafen, nicht ſowohl mit Genehmigung der Regentin, als vielmehr, weil ſie es nicht verbot. Als darauf Graf von Egmont von dem Praͤſidenten, der ſich unterdeſſen von ſeinem Zufalle wieder erholt hatte, Abſchied nahm, bhat ihn dieſer, ihm die Entlaſſung von ſeinem Poſten aus Spanien mitzubringen. Seine Zeiten, erklaͤrte er, ſeyen voruͤber; er wolle ſich, nach dem Beiſpiele ſeines Vorgaͤngers und Freundes, Granvella, in die Stille des Privatlebens zuruͤckziehen, und dem Wankelmuthe des Gluͤcks zuvorkommen. Sein Ge⸗ nius warne ihn vor einer ſtuͤrmiſchen Zukunft, womit er ſich nicht gern vermengen wolle. ¹) Der Graf von Egmont trat im Jaͤnner des Jahres 1565 ſeine Reiſe nach Spanien an, und wurde daſelbſt mit einer Guͤte und Achtung empfangen, die keinem ſeines Standes vor ihm widerfahren war. Alle caſtilianiſchen Großen vom Bei⸗ ſpiele ihres Koͤnigs beſiegt, oder vielmehr ſeiner Staatskunſt getreu, ſchienen ihren verjaͤhrten Groll gegen den flaͤmiſchen Adel ausgezogen zu haben, und beeiferten ſich in die Wette, ihn durch ein angenehmes Bezeigen zu gewinnen. Alle ſeine Privatgeſuche wurden ihm von dem Koͤnige bewilligt, js, ſeine Erwartungen hierin ſogar uͤbertroffen, und waͤhrend der ganzen Zeit ſeines dortigen Aufenthalts hatte er Urſache genug, ſich der Gaſtfreiheit des Monarchen zu ruͤhmen. Die ſer gab ihm die nachdruͤcklichſten Verſicherungen von ſeiner Liebe zu dem niederlaͤndiſchen Volke, und machte ihm Hoffnung, daß er nicht ungeneigt ſey, ſich dem allgemeinen Wunſche zu fuͤgen, und von der Strenge der Glaubensverordnungen etwas nachzulaſſen. Zu gleicher Zeit aber ſetzte er in Madrid eine Commiſſion 1) Burgund. 105. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 12 178 von Theologen nieder, denen die Frage aufgelegt wurde, ob es noͤthig ſey, den Provinzen die verlangte Religionsduldung zu bewilligen? Da die mehrſten darunter der Meinung waren, die beſondere Verfaſſung der Niederlande und die Furcht vor einer Empoͤrung duͤrfte hier wohl einen Grad von Nachſicht entſchuldigen, ſo wurde die Frage noch buͤndiger wiederholt: „Er verlange nicht zu wiſſen,“ hieß es,„ob er es duͤrfe, ſon⸗ dern ob er es muͤſſe?“ Als man das Letzte verneinte, ſo erhub er ſich von ſeinem Sitze, und kniete vor einem Erueifixe nieder.„So bitte ich dich denn, Majeſtaͤt des Allmaͤchtigen,“ rief er aus,„daß du mich nie ſo tief moͤgeſt ſinken laſſen, ein Herr derer zu ſeyn, die dich von ſich ſtoßen!“ Und nach dieſem Muſter ungefaͤhr ſielen die Maßregeln aus, die er in den Niederlanden zu treffen geſonnen war. Ueber den Artikel der Religion war die Entſchließung dieſes Monarchen einmal fuͤr ewig gefaßt; die dringendſte Nothwendigkeit konnte ihn vielleicht noͤthigen, bei Durchſetzung der Strafbefehle weniger ſtreng zu ſeyn, aber niemals, ſie geſetzlich zuruͤckzunehmen, oder nur zu beſchraͤnken. Egmont ſtellte ihm vor, wie ſehr ſelbſt dieſe oͤffentlichen Hinrichtungen der Ketzer taͤglich ihren Anhang ver⸗ ſtaͤrken, da die Beiſpiele ihres Muths und ihrer Freudigkeit im Tode die Zuſchauer mit der tiefſten Bewunderung erfuͤllten, und ihnen hohe Meinungen von einer Lehre erweckten, die ihre Bekenner zu Helden machen kann. Dieſe Vorſtellung fiel bei dem Koͤnige zwar nicht auf die Erde, aber ſie wirkte etwas ganz Anderes, als damit gemeint worden war. Um dieſe verfuͤhreriſchen Auftritte zu vermeiden, und der Strenge der Edicte doch nichts dadurch zu vergeben, verfiel er auf einen Ausweg, und beſchloß, daß die Hinrichtungen ins Kuͤnftige— heimlich geſchehen ſollten. Die Antwort des Koͤnigs auf den Inhalt ſeiner Geſandtſchaft wurde dem Grafen ſchriftlich an die Statthalterin mitgegeben. Ehe er ihn entließ, konnte er nicht umhin, ihn uͤber ſein Bezeigen gegen Granvella zur Rechenſchaft zu ziehen, wobei er insbeſondere auch der Spott⸗ liverei gedachte. Egmont betheuerte, daß das Ganze nichts als ein Tafelſcherz geweſen, und nichts damit gemeint worden ſey, was die Achtung gegen den Monarchen verletzte. Wuͤßte er, daß es einem Einzigen unter ihnen eingefallen waͤre, etwas ſo Schlimmes dabei zu denken, ſo wuͤrde er ſelbſt ihn vor ſeinen Degen fordern. ¹) Bei ſeiner Abreiſe machte ihm der Monarch ein Geſchenk von fuͤnfzigtauſend Gulden, und fuͤgte noch die Verſicherung hinzu, daß er die Verſorgung ſeiner Toͤchter uͤber ſich nehmen wuͤrde. Er erlaubte ihm zugleich, den jungen Farneſe von Parma mit ſich nach Bruͤſſel zu nehmen, um der Statt⸗ halterin, ſeiner Mutter, dadurch eine Aufmerkſamkeit zu be⸗ zeigen.*) Die verſtellte Sanftmuth des Koͤnigs, und die Be⸗ theuerungen eines Wohlwollens fuͤr die niederlaͤndiſche Nation, das er nicht empfand, hintergingen die Redlichkeit des Fla⸗ maͤnders. Gluͤcklich durch die Gluͤckſeligkeit, die er ſeinem Vater⸗ lande zu uͤberbringen meinte, und von der es nie weiter entfernt geweſen war, verließ er Madrid uͤber alle Erwartung zufrieden, um alle niederlaͤndiſchen Provinzen mit dem Ruhme ihres guten Koͤnigs zu erfuͤllen. Gleich die Eroͤffnung der koͤniglichen Antwort im Staats⸗ rathe zu Bruͤſſel ſtimmte dieſe angenehmen Hoffnungen ſchon merklich herunter.„Obgleich ſein Entſchluß in Betreff der „GSlaubensedicte,“ lautete ſie,„feſt und unwandelbar ſey, und ner lieber tauſend Leben verlieren, als nur Einen Buchſtaben daran ¹) Grot. VI. Hopper. 45. 4 4. 45. Strad. 104. 105. 106. 2) Strad. 107. 180 „abaͤndern wolle, ſo habe er doch, durch die Vorſtellungen des „Grafen von Egmont bewogen, auf der andern Seite keines „von den gelinden Mitteln unverſucht laſſen wollen, wodurch „das Volk vor der ketzeriſchen Verderbniß bewahrt, und jenen „unabaͤnderlichen Strafen entriſſen werden koͤnnte. Da „er nun aus des Grafen Bericht vernommen, daß die vornehmſte „Urſache der bisherigen Glaubensirrungen in der Sittenverderb⸗ „niß der niederlaͤnbiſchen Geiſtlichkeit, dem ſchlechten Unterrichte „des Volks und der verwahrlosten Erziehung der Jugend zu ſuchen „ſey, ſo trage er ihr hiemit auf, eine beſondere Commiſſion „von drei Biſchoͤfen und einigen der geſchickteſten Theologen „niederzuſetzen, deren Geſchaͤft es waͤre, ſich uͤber die noͤthige „Reform zu berathſchlagen, damit das Volk nicht fernerhin aus „Aergerniß wanke, oder aus Unwiſſenheit in den Irrthum ſtuͤrze. „Weil er ferner gehoͤrt, daß die oͤffentlichen Todesſtrafen der „Ketzer dieſen nur Gelegenheit gaͤben, mit einem tollkuͤhnen „Muthe zu prahlen, und den gemeinen Haufen durch einen „Schein von Maͤrtyrerruhm zu bethoͤren, ſo ſolle die Commiſſion „Mittel in Vorſchlag bringen, wie dieſen Hinrichtungen mehr „Geheimniß zu geben, und den verurtheilten Ketzern die Chre „ihrer Standhaftigkeit zu entreißen ſey.“ Um aber ja gewiß zu ſeyn, daß dieſe Privatſonode ihren Auftrag nicht uͤberſchreite, ſo verlangte er ausdruͤcklich, daß der Biſchof von Ypern, ein verſicherter Mann und der ſtrengſte Eiferer fuͤr den katholiſchen Glauben, von den committirten Raͤthen ſeyn ſollte. Die Be⸗ rathſchlagung ſollte wo moͤglich in der Stille und unter dem Scheine, als ob ſie die Einfuͤhrung der Trientiſchen Schluͤſſe zum Zweck haͤtte, vor ſich gehen; wahrſcheinlich, um den roͤmi⸗ ſchen Hof durch dieſe Prioatſynode nicht zu beunruhigen, und dem Geiſte der Rebellion in den Provinzen keine Aufmunterung dadurch zu geben. Bei der Sitzung ſelbſt ſollte die Herzogin 181 nebſt einigen treugeſinnten Staatsraͤthen anweſend ſeyn, und ſodann ein ſchriftlicher Bericht von dem, was darin ausgemacht worden, an ihn erlaſſen werden. Zu ihren dringendſten Be⸗ durfniſſen ſchickte er ihr einſtweilen einiges Geld. Er machte ihr Hoffnung zu ſeiner perſoͤnlichen Ueberkunft; erſt aber muͤßte der Krieg mit den Tuͤrken geendigt ſeyn, die man eben jetzt vor Malta erwarte. Die vorgeſchlagene Vermehrung des Staats⸗ raths und die Verbindung des geheimen Raths und Finanzraths mit demſelben wurde ganz mit Stillſchweigen uͤbergangen, außer daß der Herzog von Arſchot, den wir als einen eifrigen Royaliſten kennen, Sitz und Stimme in dem letztern bekam. Viglius wurde der Praͤſidentenſtelle im geheimen Rathe zwar entlaſſen, mußte ſte aber deſſen ungeachtet noch ganzer vier Jahre fort verwalten, weil ſein Nachfolger, Karl Tyſſenacque, aus dem Conſeil der niederlaͤndiſchen Angelegenheiten in Madrid, ſo lange dort zuruͤckgehalten wurde. ¹) 1¹) Hopper. 44— 46. 60. Strada 107. 154. Vita Vigl. 45. Not. ad Vit. Vigl. 187. Burgund. 105 s—. 119. Geſchärftere Religions⸗-Edicte. Allgemeine Widerſetzung der Nation. Egmont war kaum zuruͤck als geſchaͤrftere Mandate ge⸗ gen die Ketzer, welche aus Spanien gleichſam hinter ihm hereilten, die frohen Zeitungen Luͤgen ſtraften, die er von der gluͤcklichen Sinnesaͤnderung des Monarchen zuruͤckgebracht hatte. Mit ihnen kam zugleich eine Abſchrift der Trientiſchen Schluͤſſe, wie ſie in Spanien anerkannt worden waren, und jetzt auch in den Niederlanden ſollten geltend gemacht werden; wie auch das Todesurtheil einiger Wiedertaͤufer und noch anderer Ketzer unterſchrieben.„Der Graf,“ hoͤrte man jetzt von Wilhelm dem Stillen,„iſt durch ſpaniſche Kuͤnſte uͤberliſtet worden. „Eigenliebe und Eitelkeit haben ſeinen Scharfſinn geblendet; „uͤber ſeinem eigenen Vortheile hat er das allgemeine Beſte „vergeſſen.“ Die Falſchheit des ſpaniſchen Miniſteriums lag jetzt offen da; dieſes unredliche Verfahren empoͤrte die Be⸗ ſten im Lande. Niemand aber litt empfindlicher dabei, als Graf Egmont, der ſich jetzt als das Spielwerk der ſpani⸗ ſchen Argliſt erkannte, und unwiſſender Weiſe an ſeinem Va⸗ terlande zum Verraͤther geworden war.„Dieſe ſcheinbare „Guͤte alſo,“ beſchwerte er ſich laut und bitter,„war nichts, „als ein Kunſtgriff, mich dem Spotte meiner Mitbuͤrger „preiszugeben, und meinen guten Namen zu Grunde zu rich⸗ 183 „ten. Wenn der Koͤnig die Verſprechungen, die er mir in „Spanien gethan, auf eine ſolche Art zu halten geſonnen iſt, „ſo mag Flandern uͤbernehmen, wer will; ich werde durch „meine Zuruͤckziehung von Geſchaͤften oͤffentlich darthun, daß „ich an dieſer Wortbruͤchigkeit keinen Antheil habe.“ In der That konnte das ſpaniſche Miniſterium ſchwerlich ein ſchick⸗ licheres Mittel waͤhlen, den Credit eines ſo wichtigen Man⸗ nes zu brechen, als daß es ihn ſeinen ihn anbetenden Mit⸗ buͤrgern oͤffentlich als Einen, den es zum Beſten gehabt hatte, zur Schau ſtellte. ¹) Unterdeſſen hatte ſich die Synode im ſolgenden Gutachten vereinigt, welches dem Koͤnige ſogleich uͤberſendet ward:„Fuͤr „den Religionsunterricht des Volks, die Sittenverbeſſerung der „Geiſtlichkeit und die Erziehung der Jugend ſey bereits in den „Trientiſchen Schluͤſſen ſo viel Sorge getragen worden, daß es „jetzt nur darauf ankomme, dieſe Schluͤſſe in die ſchleunigſte „Erfuͤllung zu bringen. Die kaiſerlichen Edicte gegen die Ketzer „duͤrfen durchaus keine Veraͤnderung leiden; doch koͤnne man „den Gerichtshoͤfen ingeheim zu verſtehen geben, nur die „hartnaͤckigen Ketzer und ihre Prediger mit dem Tode zu be⸗ „ſtrafen, zwiſchen den Secten ſelbſt einen Unterſchied zu machen, „und dabei auf Alter, Rang, Geſchlecht und Gemuͤthscharakter „der angeklagten Perſonen zu achten. Wenn es an dem waͤre, „daß oͤffentliche Hinrichtungen den Fanatismus noch mehr in „Flammen ſetzten, ſo wuͤrde vielleicht die unheldenhafte, „weniger in die Augen fallende, und doch nicht minder harte „Strafe der Galeere am angemeſſenſten ſeyn, dieſe hohen „Meinungen von Maͤrtyrerthum herunterzuſtimmen. Vergehun⸗ „gen des bloßen Muthwillens, der Neugierde und des Leicht⸗ 1) Strada 145. 184 „ſinns koͤnnte man durch Geldbußen, Landesverweiſung oder „auch durch Leibesſtrafen ahnden.“ ³) 3 Waͤhrend daß unter dieſen Berathſchlagungen, die nun erſt nach Madrid geſchickt und von da wieder zuruͤck erwartet wer⸗ den mußten, unnutz die Zeit verſtrich, ruhten die Proceduren gegen die Sectirer, oder wurden zum wenigſten ſehr ſchlaͤfrig gefuͤhrt. Seit der Vertreibung des Miniſters Granvella hatte die Anarchie, welche in den obern Curien herrſchte und ſich von da durch die Provincialgerichte verbreitete, verbunden mit den mildern Religionsgeſinnungen des Adels, den Muth der Secten erhoben, und der Bekehrungswuth ihrer Apoſtel freies Spiel gelaſſen. Die Inquiſitions richter waren durch die ſchlechte Unterſtuͤtzung des weltlichen Armes, der an mehreren Orten ihre Schlachtopfer offenbar in Schutz nahm, in Ver⸗ achtung gekommen. Der katholiſche Theil der Nation hatte ſich von den Schluͤſſen der Trientiſchen Kirchenverſammlung, ſo wie von Egmonts Geſandtſchaft nach Spanien, große Er⸗ wartungen gemacht, welche letztere durch die erfreulichen Nachrichten, die der Graf zuruͤckgebracht, und in der Auf⸗ richtigkeit ſeines Herzens zu verbreiten nicht unterlaſſen hatte, gerechtfertigt zu ſeyn ſchienen. Je mehr man die Nation von der Strenge der Glaubensproceduren entwoͤhnt hatte, deſto ſchmerzhafter mußte eine ploͤtzliche und geſchaͤrfrere Erneuerung derſelben empfunden werden. Unter dieſen Umſtaͤnden langte das koͤnigliche Schreiben aus Spanien an, worin das Gut⸗ achten der Biſchoͤfe und die letzte Anfrage der Oberſtatthalterin beantwortet wurde. „Was fuͤr eine Auslegung auch der Graf von Egmont,“ lautete ſie,„den muͤndlichen Aeußerungen des Koͤnigs gegeben ¹) Hopper. 49. 50. Burgund. 110. 414. habe, ſo waͤre ihm nie, auch nicht einmal von weitem, in den Sinn gekommen, nur das Mindeſte an den Strafbefeh⸗ len zu aͤndern, die der Kaiſer, ſein Vater, ſchon vor funf und dreißig Jahren in den Provinzen ausgeſchrieben habe. Dieſe Edicte, befehle er alſo, ſollen fortan auf das ſtrengſte ge⸗ handhabt werden, die Inquiſition von dem weltlichen Arme die thaͤtigſte Unterſtuͤtzung erhalten, und die Schluͤſſe der Trien⸗ tiſchen Kirchenverſammlung unwiderruflich und unbedingt in allen Provinzen ſeiner Niederlande gelten. Das Gutachten der Biſchoͤfe und Theologen billige er vollkommen, bis auf die Milderung, welche ſie darin, in Ruͤckſicht auf Alter, Ge⸗ ſchlecht und Charakter der Individuen, vorgeſchlagen, indem er dafuͤr halte, daß es ſeinen Edicten gar nicht an Maͤßigung fehle. Dem ſchlechten Eifer und der Treuloſigkeit der Rich⸗ ter allein ſeyen die Fortſchritte zuzuſchreiben, welche die Ke⸗ tzerei bis jetzt in dem Lande gemacht. Welcher von dieſen es alſo kuͤnftig an Eifer wuͤrde ermangeln laſſen, muͤſſe ſei⸗ nes Amtes entſetzt, und ein beſſerer an ſeinen Platz geſtellt werden. Die Inqguiſition ſolle, ohne Ruͤckſicht auf etwas Menſchliches, feſt, furchtlos und von Leidenſchaft frei ihren Weg wandeln, und weder vor ſich noch hinter ſich ſchauen. Er genehmige Alles, ſie moͤge ſo weit gehen, als ſie wolle, wenn ſie nur das Aergerniß vermiede.“) Dieſer koͤnigliche Brief, dem die oraniſche Partei alle nach⸗ herigen Leiden der Niederlande zugeſchrieben hat, verurſachte die heftigſten Bewegungen unter den Staatsraͤthen, und die Aeußerungen, welche ihnen zufaͤllig oder mit Abſicht in Ge⸗ ſellſchaft daruͤber entfielen, warfen den Schrecken unter das ¹) Inquisitores praeter me intueri neminem volo. Lacessant scelus securi. Satis est mihi, si scandalum declinaverint. Burgund. 118. 186 Volk. Die Furcht der ſpaniſchen Inquiſition kam erneuert zu⸗ ruͤck, und mit ihr ſah man ſchon die ganze Verfaſſung zuſam⸗ menſtuͤrzen. Schon hoͤrte man Gefaͤngniſſe mauern, Ketten und Halseiſen ſchmieden und Scheiterhaufen zuſammentragen. Alle Geſellſchaften ſind mit dieſen Geſpraͤchen erfuͤllt, und die Furcht haͤlt ſie nicht mehr im Zuͤgel. Es wurden Schrif⸗ ten an die Haͤuſer der Edeln geſchlagen, worin man ſie, wie ehemals Rom ſeinen Brutus, aufforderte, die ſterbende Freiheit zu retten. Beißende Pasquille erſchienen gegen die neuen Biſchoͤfe, Folterknechte, wie man ſie nannte; die Kle⸗ riſei wurde in Komoͤdien verſpottet, und die Laͤſterung ver⸗ ſchonte den Thron ſo wenig, als den roͤmiſchen Stuhl.*) Aufgeſchreckt von dieſen Geruͤchten, laͤßt die Regentin alle Staatsraͤthe und Ritter zuſammenrufen, um ſich ihr Verhalten in dieſer mißlichen Lage von ihnen beſtimmen zu laſſen. Die Meinungen waren verſchieden, und heftig der Streit. Ungewiß zwiſchen Furcht und Pflicht zoͤgerte man, einen Schluß zu faſſen, bis der Greis Viglius zu⸗ letzt aufſtand, und durch ſein Urtheil die ganze Verſammlung uͤberraſchte.—„Jetzt,“ ſagte er,„duͤrfe man gar nicht daran „denken, die koͤnigliche Verordnung bekannt zu machen, ehe „man den Monarchen auf den Empfang vorbereitet habe, den „ſie jetzt, aller Wahrſcheinlichkeit nach, finden wuͤrde; viel⸗ „mehr muͤſſe man die Inqguiſitionsrichter anhalten, ihre Ge⸗ „walt ja nicht zu mißbrauchen, und ja ohne Haͤrte zu ver⸗ „fahren.“ Aber noch mehr erſtaunte man, als der Prinz von Oranien jetzt auftrat und dieſe Meinung bekaͤmpfte. „Der Wille des Koͤnigs,“ ſagte er,„ſey zu klar und zu ⁴) Grot. 19. Burg. 422. Hopper. 61. 187 „beſtimmt vorgetragen, ſey durch zu viele Deliberationen „befeſtigt, als daß man es noch weiterhin wagen koͤnnte, mit „ſeiner Vollſtreckung zuruͤckzuhalten, ohne den Vorwurf der „ſtraͤflichſten Halsſtarrigkeit auf ſich zu laden.“—„Den „nehm' ich auf mich,“ fiel ihm Viglius in die Rede.„Ich „ſtelle mich ſeiner Ungnade entgegen. Wenn wir ihm die „Ruhe ſeiner Niederlande damit erkaufen, ſo wird uns dieſe „Widerſetzlichkeit endlich noch bei ihm Dank erwerben.“ Schon fing die Regentin an, zu dieſer Meinung hinuͤber zu wanken, als ſich der Prinz mit Heftigkeit dazwiſchen warf. „Was,“ fiel er ein,„was haben die vielen Vorſtellungen, die „wir ihm gethan, die vielen Briefe, die wir an ihn geſchrieben, „was hat die Geſandtſchaft ausgerichtet, die wir noch kuͤrzlich „an ihn geſendet haben? Nichts— und was erwarten wir „alſo noch? Wollen wir, ſeine Staatsraͤthe, allein ſeinen „ganzen Unwillen auf uns laden, um ihm auf unſere Gefahr „einen Dienſt zu leiſten, den er uns niemals danken wird?“ unentſchloſſen und ungewiß ſchweigt die ganze Verſammlung; Niemand hat Muth genug, dieſer Meinung beizupflichten, und eben ſo wenig, ſie zu widerlegen; aber der Prinz hat die natuͤrliche Furchtſamkeit der Regentin zu ſeinem Beiſtande ge⸗ rufen, die ihr jede Wahl unterſagt. Die Folgen ihres un⸗ gluͤcklichen Gehorſams werden in die Augen leuchten,— womit aber, wenn ſie ſo gluͤcklich iſt, dieſe Folgen durch einen weiſen Ungehorſam zu verhuͤten, womit wird ſich beweiſen laſſen, daß ſie dieſelben wirklich zu fuͤrchten gehabt habe? Sie erwaͤhlt alſo von beiden Rathſchlaͤgen den traurigſten; es geſchehe daraus, was wolle, die koͤnigliche Verordnung wird der Be⸗ kanntmachung uͤbergeben. Dießmal ſiegte alſo die Faction, und der einzige herzhafte Freund der Regierung, der ſeinem Monarchen zu dienen, ihm zu mißfallen Muth hatte, war 188 aus dem Felde geſchlagen. ¹) Dieſe Sitzung machte der Ruhe der Oberſtatthalterin ein Ende; von dieſem Tage an zaͤhlen die Niederlande alle Stuͤrme, die ohne Unterbrechung von nun an in ihrem Innern gewuͤthet haben. Als die Raͤthe auseinander gingen, ſagte der Prinz von Oranien zu Einem, der zunaͤchſt bei ihm ſtand:„Nun,“ ſagte er,„wird man uns bald ein großes Trauerſpiel geben.“ ²) 1) Burgund. 125. 124. Meteren 76. Vita Vigl. 45. 2) Die Geſchichtſchreiber der ſpaniſchen Partei haben nicht verab⸗ ſaͤumt, Oraniens Betragen in dieſer Sitzung gegen ihn zeugen zu laſſen, und mit dieſem Beweiſe von Unredlichkeit uͤber ſeinen Charakter zu triumphiren. Er, ſagen ſie, der im ganzen bis⸗ herigen Lauf der Dinge die Maßregeln des Hofes mit Worten und Thaten beſtritten hat, ſo lange ſich noch mit einigem Grunde fuͤrchten ließ, das ſie durchgehen moͤchten, tritt jetzt zum erſten Male auf deſſen Seite, da eine gewiſſenhafte Ausrichrung ſeiner Befehle ihm wahrſcheinlicher Weiſe zum Nachtheile gereichen wird. Um den Kdͤnig zu uͤberfuͤhren, wie uͤbel er gethan, daß er ſeine Warnungen in den Wind geſchlagen; um ſich ruͤhmen zu koͤnnen: Das hab' ich vorher geſagt, ſetzt er das Wohl ſeiner Nation aufs Spiel, fuͤr welches allein er doch bis jetzt gekaͤmpft haben wollte. Der ganze Zuſammenhang ſeines vorhergehenden Betragens erwles, daß er die Durchſetzung der Sdicte fuͤr ein Uebel gehalten; gleichwohl wird er jetzt auf einmal ſeinen Ueber⸗ zeugungen untreu, und folgt einem entgegengeſetzten Plane, ob⸗ gleich auf Seite der Nation alle Gruͤnde forrdauern, die ihm den erſten vorgeſchrieben; und bloß deßwegen thut er dieſes, weil die Folgen jetzt anders auf den Koͤnig fallen. Alſo iſt es ja am Tage, fahren ſeine Gegner fort, daß das Beſte ſeines Volks weniger Gewalt uͤber ihn hat, als ſein ſchlimmer Wille gegen den Koͤnig. Um ſeinen Haß gegen dieſen zu befriedigen, kommt es ihm nicht darauf an, jene mit aufzuopfern.. Aber iſt es denn an dem, daß er die Nation durch Befoͤrde⸗ rung dieſer Edicte aufopfert? oder, beſtimmter zu reden, bringt er die Edicte zur Vollſtreckung, wenn er auf ihre Be⸗ 189 Es erging alſo ein Edict an alle Statthalter der Provinzen, worin ihnen befohlen war, die Placate des Kaiſers, wie die⸗ jenigen, welche unter der jetzigen Regierung gegen die Ketzer ausgeſchrieben worden, die Schluͤſſe der Trientiſchen Kirchen⸗ verſammlung, wie die der neulich gehaltenen biſchoͤflichen Synode, in die genaueſte Ausuͤbung zu bringen, der Inquiſition huͤlfreiche Hand zu leiſten, und die ihnen untergebenen Obrig⸗ keiten ebenfalls aufs nachdruͤcklichſte dazu anzuhalten. Zu dem Ende ſolle ein Jeder aus dem ihm untergeordneten Rathe einen tuͤchtigen Mann ausleſen, der die Provinzen fleißig durchreiſe, kanntmachung dringt? Laͤßt ſich nicht im Gegentheile mit weit mehr Wayrſcheinlichkeit darthun, daß er jene allein durch dieſe hintertreiben kann? Die Nation iſt in Gaͤhrung, und die erhitzten Parteien werden, aller Vermuthung nach(denn fuͤrchtet es nicht Viglius ſelbſt?), einen Widerſtand dagegen aͤußern, der den Koͤnig zum Nachgeben zwingen muß. Jetzt, ſagt Ora⸗ nien, hat meine Nation die noͤthige Schwungkraft, um mit Gluͤck gegen die Tyrannei zu kaͤmpfen. Verſaͤume ich dieſen Zeit⸗ punkt, ſo wird dieſe letztere Mittel finden, durch geheime Negocia⸗ tionen und Raͤnke zu erſchleichen, was ihr durch offenbare Gewalt mißlang. Sie wird dasſelbe Ziel, nur mit mehr Be⸗ hutſamkeit und Schonung, verſolgen; aber die Extremitaͤt allein iſt es, was meine Nation zu einem Zwecke vereinigen, zu einem kuͤhnen Schritte fortreißen kann. Alſo iſt es klar, daß der Prinz nur ſeine Sprache in Abſicht auf den Koͤnig veraͤndert, in Abſicht auf das Volk aber mit ſeinem ganzen vor⸗ hergehenden Betragen ſehr zuſammenhaͤngend gehandelt hat. Und welche Pflichten kann er gegen den Koͤnig haben, die von dem, was er der Repubiik ſchuldig iſt, verſchieden ſind? Soll er eine Gewaltthaͤtigkeit gerade in dem Augenblicke verhin dern, wo ſie ihren Urheber ſtraſen wird? Handelt er gut an ſeinem Vater⸗ lande, wenn er dem Unterdruͤcker desſelben eine Uebereilung er⸗ ſpart, durch die ſolches allein ſeinem unvermeidlichen Schickſale entfliehen kann? und ſtrenge unterſachungen anſtelle, ob den gegebenen Ver⸗ ordnungen von den Unterbeamten die gehorige Folge geleiſtet werde, und dann jeden dritten Monat einen genauen Bericht davon in die Reſidenz einſchicken. Den Erzbiſchoͤfen und Biſchoͤ⸗ fen wurde eine Abſchrift der Trientiſchen Schluͤſſe nach dem ſpaniſchen Originale zugeſendet, mit dem Bedeuten, daß, im Falle ſie den Beiſtand der weltlichen Macht brauchten, ihnen die Statthalter ihrer Dioceſen mit Truppen zu Gebote ſtehen ſollten; es ſey denn, daß ſie dieſe lieber von der Oberſtatt⸗ halterin ſelbſt annehmen wollten. Gegen dieſe Schluͤſſe gelte kein Privilegium; der Köoͤnig wolle und befehle, daß den beſon⸗ dern Territorialgerechtigkeiten der Provinzen und Staͤdte durch ihre Vollſtreckung nichts benommen ſeyn ſollte. ⁴) Dieſe Mandate, welche in jeder Stadt öffentlich durch den Herold verleſen wurden, machten eine Wirkung auf das Volk, welche die Furcht des Praͤſidenten Viglius und die Hoffnun⸗ gen des Prinzen von Oranien aufs vollkommenſte recht⸗ fertigte. Beinahe alle Statthalter weigerten ſich, ihnen Folge zu leiſten, und drohten abzudanken, wenn man ihren Gehorſam wuͤrde erzwingen wollen.„Die Verordnung,“ ſchrieben ſie zuruͤck,„ſey auf eine ganz falſche Angabe der Sectirer gegruͤn⸗ „det.) Die Gerechtigkeit entſetze ſich vor der ungeheuren 1) Strada 114. Hopper. 55. 54. Burg. 115. Meteren 77. Grot. 18. 2) Die Anzahl der Ketzer wurde von beiden Parteien ſehr ungleich angegeben, je nachdem es das Intereſſe und die Leidenſchaft einer jeden erheiſchte, ſie zu vermehren oder zu verringern; und die naͤmliche Partei widerſprach ſich oft ſelbſt, wenn ſich ihr Intereſſe abaͤnderte. War die Rede von neuen Anſtalten der Unterdrückung⸗ von Einfuͤhrung der Inquiſitionsgerichte u. ſ. w., ſo mußte der Anhang der Proteſtanten zahllos und unuͤberſehlich ſeyn. War 191 „Menge der Opfer, die ſich taͤglich unter ihren Haͤnden haͤuften; „50 und 60,000 Menſchen aus ihren Diſtricten in den Flam⸗ „men umkommen zu laſſen, ſey kein Auftrag fuͤr ſie.“ Gegen die Trientiſchen Schluͤſſe erklaͤrte ſich beſonders die niedere Geiſtlichkeit, deren Unwiſſenheit und Sittenverderbniß in dieſen Schluͤſſen aufs grauſamſte angegriffen war, und die noch außerdem mit einer ſo verhaßten Reform bedroht wurde. Sie brachte jetzt ihrem Privatnutzen das hoͤchſte Intereſſe ihrer Kirche zum Opfer, griff die Schluͤſſe und das ganze Concilium mit bittern Schmaͤhungen an, und ſtreute den Samen des Auf⸗ ruhrs in die Gemuͤther. Dasſelbe Geſchrei kam jetzt wieder zuruͤck, welches ehemals die Moͤnche gegen die neuen Biſchoͤfe erhoben hatten. Dem Erzbiſchofe von Cambray gelang es endlich, die Schluͤſſe, doch nicht ohne vielen Widerſpruch, ab⸗ kuͤndigen zu laſſeen. Mehr Muͤhe koſtete es in Mecheln und Utrecht, wo die Erzbiſchoͤfe mit ihrer Geiſtlichkeit zerfallen waren, die, wie man ſie beſchuldigte, lieber die ganze Kirche an den Nand des Untergangs fuͤhren, als ſich einer Sitten⸗ verbeſſerung unterziehen wollte.¹) Unter den Provinzen regte ſich Brabants Stimme am laute⸗ ſten. Die Staͤnde dieſer Landſchaft brachten ihr großes Privi⸗ legium wieder in Bewegung, nach welchem es nicht erlaubt war, einen Eingebornen vor einen fremden Gerichtshof zu ziehen. Sie ſprachen laut von dem Eide, den der Koͤnig auf ihre Statuten geſchworen, und von den Bedingungen, unter welchen ſie ihm Unterwerfung gelobt. Löwen, Antwerpen, Bruͤſſel und Herzogen⸗ hingegen die Rede von Nachgiebigkeit gegen ſie, von Verordnungen zu ihrem Beſten, ſo waren ſie wieder in ſo geringer Anzahl vor⸗ handen, daß es der Muͤhe nicht verlohnte, um dieſer wenigen ſchlechten Leute willen eine Neuerung anzufangen. Hopper. 62. ¹) Hopper. 55, 62. Strad, 115. Burg. 115. Meteren 76. 774 19² buſch proteſtirten feierlich in einer eigenen Schrift, die ſie an die Oberſtatthalterin einſchickten. ²) Dieſe, immer ungewiß, immer zwiſchen allen Parteien her⸗ und hinuͤberſchwankend, zu muthlos, dem Koͤnige zu gehorchen, und noch viel muthloſer, ihm nicht zu gehorchen, laͤßt neue Sitzungen halten, hoͤrt dafuͤr und da⸗ wider ſtimmen, und tritt zuletzt immer derjenigen Meinung bei, die fuͤr ſie die allermißlichſte iſt. Man will ſich von neuem an den Koͤnig nach Spanien wenden; man haͤlt gleich darauf dieſes Mittel fuͤr viel zu langſam; die Gefahr iſt dringend, man muß dem Ungeſtuͤm nachgeben, und die koͤnigliche Ver⸗ ordnung aus eigener Macht den umſtaͤnden anpaſſen. Die Statthalterin laͤßt endlich die Annalen von Brabant durch⸗ ſuchen, um in der Inſtruction des erſten Inquiſitors, den Karl der Fuͤnfte der Provinz vorgeſetzt hatte, eine Vor⸗ ſchrift fuͤr den jetzigen Fall zu finden. Dieſe Inſtruction iſt derjenigen nicht gleich, welche jetzt gegeben worden; aber der Koͤnig hat ſich ja erklaͤrt, daß er keine Neuerung einfuͤhre; alſo iſt es erlaubt, die neuen Placate mit jenen alten Ver⸗ ordnungen auszugleichen. Dieſe Auskunft that zwar den hohen Forderungen der brabantiſchen Staͤnde kein Genuͤge, die es auf die voͤllige Aufhebung der Inquiſition angelegt hatten, aber den anderen Provinzen gab ſie das Signal zu aͤhnlichen Prote⸗ ſtationen und gleich tapferm Widorſtande. Ohne der Herzogin Zeit zu laſſen, ſich daruͤber zu beſtimmen, entziehen ſie eigen⸗ maͤchtig der Inquiſition ihren Gehorſam und ihre Huͤlfleiſtung. Die Glaubensrichter, noch kuͤrzlich erſt durch einen ausdruͤck⸗ lichen Befehl zu ſtrenger Amtsfuͤhrung aufgerufen, ſehen ſich auf einmal wieder vom weltlichen Arme verlaſſen, alles An⸗ ſehens und aller Unterſtuͤtzung beraubt, und erhalten auf ihre ¹) Hopper. 65. 6 1. Strad. 445. 193 Klagen am Hofe nur leere Worte zum Beſcheid. Die Statt⸗ halterin, um alle Theile zu befriedigen, hatte es mit allen verdorben.) Waͤhrend daß dieſes zwiſchen dem Hofe, den Curien und den Staͤnden geſchah, durchlief ein allgemeiner Geiſt des Aufruhrs das Volk. Man faͤngt an, die Rechte des Unterthans hervor⸗ zuſuchen und die Gewalt der Koͤnige zu pruͤfen.„So bloͤdſinnig waͤren die Niederlaͤnder nicht,“ hoͤrt man Viele und nicht ſehr heimlich ſagen,„daß ſie nicht recht gut wiſſen ſollten, was der „Unterthan dem Herrn, und der Herr dem Unterthan ſchuldig „ſey; und daß man noch wohl Mittel wuͤrde auffinden koͤnnen, „Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, wenn es auch jetzt noch Meinen Anſchein dazu habe.“ In Antwerpen fand man ſogar an mehreren Orten eine Schrift angeſchlagen, worin der Stadt⸗ rath aufgeſordert war: den Koͤnig von Spanien, weil er ſeinen Eid gebrochen und die Freiheiten des Landes verletzt haͤtte, bei dem Kammergerichte zu Speyer zu verklagen, da Brabant, als ein Theil des burgundiſchen Kreiſes, in dem Religionsfrieden von Paſſau und Augsburg mitbegriffen ſey. Die Calviniſten ſtellten um eben dieſe Zeit ihr Glaubensbekenntniß an das Licht, und erklaͤrten in einer Vorrede, die an den Koͤnig gerichtet war, daß ſie, ob ſie gleich gegen Hunderttauſend ſtark waͤren, den⸗ noch ſich ruhig verhielten, und alle Landesauflagen gleich den Uebrigen truͤgen; woraus erhelle, ſetzten ſie hinzu, daß ſie keinen Aufruhr im Schilde fuͤhrten. Man ſtreut freie, gefaͤhrliche Schriften ins Publicum, die die ſpaniſche Tyrannei mit den 1) Vit. Vigl. 46. Hopper. 64. 65. Strad. 115. 116 Burgund. 150— 154. Schillers ſämmtl. Werke. VIII 1³ 194 gehaͤſſigſten Farben malen, die Nation an ihre Privilegien und gelegenheitlich auch an ihre Kraͤfte erinnern.¹) Die Kriegsruͤſtungen Philipps gegen die Pforte, wie die, welche Erich, Herzog von Braunſchweig, um eben dieſe Zeit (Niemand wußte zu welchem Ende) in der Nachbarſchaft machte, trugen mit dazu bei, den allgemeinen Verdacht zu beſtaͤrken, als ob die Inquiſition den Niederlanden mit Gewalt aufgedrun⸗ gen werden ſollte. Viele von den angeſehenſten Kaufleuten ſprachen ſchon laut davon, ſie wollten ihre Haͤuſer und Guͤter verlaſſen, um die Freiheit, die ihnen hier entriſſen wuͤrde, in einer andern Weltgegend aufzuſuchen; andere ſahen ſich nach einem Anfuͤhrer um, und ließen ſich Winke von gewaltthaͤtiger Widerſetzung und fremder Hulfe entfallen. ²) Um in dieſer drangvollen Lage vollends noch unberathen und ohne Stuͤtze zu ſeyn, mußte die Statthalterin auch von dem Einzigen noch verlaſſen werden, der ihr jetzt unentbehrlich war, und der mit dazu beigetragen hatte, ſie in dieſe Lage zu ſtuͤrzen.„Ohne einen Buͤrgerkrieg zu entzuͤnden,“ ſchrieb ihr Wilhelm von Oranien,„ſey es jetzt ſchlechterdings „unmoͤglich, den Befehlen des Koͤnigs nachzukommen. Wuͤrde 1) Die Regentin nannte dem Koͤnige eine Zahl von 5000 ſolcher Schriften. Strada 117. Es iſt merkwuͤrdig, was fuͤr eine große Rolle die Buchdruckerkunſt und Publicitaͤt uͤberhaupt bei dem nie⸗ derloͤndiſchen Aufruhr geſpielt hat. Durch dieſes Organ ſprach ein einziger unruhiger Kopf zu Millionen. Unter den Schmaͤhſchriften, welche groͤßtentheils mit aller der Niedrigkeit, Rohheit und Bruta⸗ litaͤt abgefaßt waren, welche der unterſcheidende Charakter der mei⸗ ſten damaligen proteſtantiſchen Parteiſchriften war, fanden ſich zu⸗ weilen auch Buͤcher, welche die Religionsfreiheit gruͤndlich verthei⸗ digten. 2) Hopper. 61. 62. Strad. 117. 1418. Meteren 77. A. G. d. v. N. III. 60. 4 195 „aber dennoch darauf beſtanden, ſo muͤſſe er bitten, ſeine „Stelle mit einem Andern zu beſetzen, der den Abſichten Sei⸗ „ner Majeſtaͤt mehr entſpraͤche, und mehr als er uͤber die „Gemuͤther der Nation vermoͤchte. Der Eifer, den er bei jeder anderen Gelegenheit im Dienſte der Krone bewieſen, „werde, wie er hoffe, ſeinen jetzigen Schritt vor jeder ſchlim⸗ „men Auslegung ſicher ſtellen; denn ſo, wie nunmehr die „Sachen ſtuͤnden, bliebe ihm keine andere Wahl, als entweder „dem Koͤnige ungehorſam zu ſeyn, oder ſeinem Vaterlande „und ſich ſelbſt zum Nachtheile zu handeln.“ Von dieſer Zeit an trat Wilhelm von Oranien aus dem Staats⸗ rathe, um ſich in ſeine Stadt Breda zu begeben, wo er in beobachtender Stille, doch ſchwerlich ganz muͤßig, der Ent⸗ wickelung entgegen ſah. Seinem Beiſpiele folgte der Graf von Hoorn;¹) nur Egmont, immer ungewiß zwiſchen der Republik und dem Throne, immer in dem eiteln Verſuche ſich abarbeitend, den guten Buͤrger mit dem gehorſamen Un⸗ terthan zu vereinen; Egmont, dem die Gunſt des Mon⸗ archen weniger entbehrlich, und alſo auch weniger gleichguͤltig war, konnte es nicht von ſich erhalten, die Saaten ſeines Gluͤcks zu verlaſſen, die an dem Hofe der Regentin jetzt eben in voller Bluͤthe ſtanden. Die Entfernung des Prinzen von Oranien, dem die Noth ſowohl, als ſein uͤberlegener Ver⸗ ſtand allen den Einfluß auf die Regentin gegeben, der großen Geiſtern bei kleinen Seelen nicht entſtehen kann, hatte in ihr Vertrauen eine Luͤcke geriſſen, von welcher Graf Egmont, vermoͤge einer Sympathie, die zwiſchen der feigen und gut⸗ herzigen Schwaͤche ſehr leicht geſtiftet wird, einen unum⸗ ſchraͤnkten Beſitz nahm. Da ſie eben ſo ſehr fuͤrchtete, durch ¹) Hopper. 67. 1 d 196 ein ausſchließendes Vertrauen in die Anhaͤnger der Krone das Volk aufzubringen, als ſie bange war, dem Koͤnige durch ein zu enges Verſtaͤndniß mit den erklaͤrten Haͤuptern der Faction zu mißfallen, ſo konnte ſich ihrem Vertrauen jetzt ſchwerlich ein beſſerer Gegenſtand anbieten, als eben Graf von Egmont, von dem es eigentlich nicht ſo recht ausgemacht war, welcher von beiden Parteien er angehoͤrte. Drittes Buch. Verſchwörung des Adels. (1565.) Bis jetzt, ſcheint es, war die allgemeine Ruhe der aufrichtige Wunſch des Prinzen von Oranien, der Grafen von Egmont und Hoorn und ihrer Freunde geweſen. Der wahre Vortheil des Koͤnigs, ihres Herrn, hatte ſie eben ſo ſehr, als das gemeine Beſte geleitet; ihre Beſtrebungen wenig⸗ ſtens und ihre Handlungen hatten eben ſo wenig mit jenem, als mit dieſem geſtritten. Es war noch nichts geſchehen, was ſich nicht mit der Treue gegen ihren Fuͤrſten vertrug, was ihre Abſichten verdaͤchtig machte, oder den Geiſt der Empoͤrung bei ihnen wahrnehmen ließ. Was ſie gethan hatten, hatten ſie als verpflichtete Glieder eines Freiſtaats gethan, als Stellvertreter und Sprecher der Nation, als Rathgeber des Koͤnigs, als Menſchen von Rechtſchaffenheit und Ehre. Die Waffen, mit denen ſie die Anmaßungen des Hofes beſtritten, waren Vor⸗ ſtellungen, beſcheidene Klagen, Bitten geweſen. Nie hatten ſie ſich von dem gerechteſten Eifer fuͤr ihre gute Sache ſo weit hin⸗ reißen laſſen, die Klugheit und Maͤßigung zu verlaͤugnen, welche von der Parteiſucht ſonſt ſo leicht uͤbertreten werden. Nicht alle Edlen der Republik hoͤrten dieſe Stimme der Klugheit, nicht alle verharrten in dieſen Gränzen der Maͤßigung. Waͤhrend dem, daß man im Staatsrathe die große Frage abhandelte, ob die Nation elend werden ſollte, oder nicht, waͤh⸗ rend daß ihre beeidigten Sachwalter alle Gruͤnde der Vernunft und der Billigkeit zu ihrem Beiſtande aufboten, der Buͤrger⸗ 200 ſtand und das Volk aber in eiteln Klagen, Drohungen und Verwuͤnſchungen ſich Luft machten, ſetzte ſich ein Theil der Nation in Handlung, der unter allen am wenigſten dazu aufgefordert ſchien, und auf den man am wenigſten geachtet hatte. Man rufe ſich jene Claſſe des Adels ins Gedaͤchtniß zuruͤck, von welcher oben geſagt worden, daß Philipp bei ſei⸗ nem Regierungsantritt nicht fuͤr noͤthig erachtet habe, ſich ihrer Dienſte und Beduͤrfniſſe zu erinnern. Bei weitem der groͤßte Theil derſelben hatte, einer weit dringendern Urſache als der bloßen Ehre wegen, auf Befoͤrderung gewartet. Viele unter ihnen waren auf Wegen, die wir oben angefuͤhrt haben, tief in Schulden verſunken, aus denen ſie ſich durch eigene Huͤlfe nicht mehr emporzuarbeiten hoffen konnten. Dadurch, daß Philipp ſie bei der Stellenbeſetzung uͤberging, hatte er etwas noch weit Schlimmeres, als ihren Stolz, beleidigt; in dieſen Bettlern hatte er ſich eben ſo viele muͤßige Aufſeher und unbarmherzige Richter ſeiner Thaten, eben ſo viele ſchadenfrohe Sammler und Verpfleger der Neuheit erzogen. Da mit ihrem Wohlſtande ihr Hochmuth ſie nicht zugleich verließ, ſo wucherten ſie jetzt nothgedrungen mit dem einzigen Capitale, das nicht zu ver⸗ aͤußern geweſen war, mit ihrem Adel und mit der republi⸗ caniſchen Wichtigkeit ihrer Namen, und brachten eine Muͤnze in umlauf, die nur in einem ſolchen Zeitlauf, oder in keinem, fuͤr gute Zahlung gelten konnte, ihre Protection. Mit einem Selbſtgefuͤhle, dem ſie um ſo mehr Raum gaben, weil es noch ihre einzige Habe war, betrachteten ſie ſich jetzt als die bedeutende Mittelmacht zwiſchen dem Souveraͤn und dem Buͤrger, und glaubten ſich berufen, der bedraͤngten Republik, die mit Ungeduld auf ſie, als auf ihre letzte Stuͤtze, wartete, zu Huͤlfe zu eilen. Dieſe Idee war nur in ſo weit laͤcherlich, als ihr Eigenduͤnkel daran Antheil hatte; aber die Vortheile, 201 die ſie von dieſer Meinung zu ziehen wußten, waren gruͤndlich genug. Die proteſtantiſchen Kaufleute, in deren Haͤnden ein großer Theil des niederlaͤndiſchen Reichthums ſich befand, und welche die unangefochtene Uebung ihrer Religion fuͤr keinen Preis zu theuer erkaufen zu koͤnnen glaubten, verſaͤumten nicht, den einzig moͤglichen Gebrauch von dieſer Volksclaſſe zu machen, die muͤßig am Markte ſtand, und welche Niemand gedingt hatte. Eben dieſe Menſchen, auf welche ſie zu jeder andern Zeit viel⸗ leicht mit dem Stolze des Reichthums wuͤrden herabgeblickt ha⸗ ben, konnten ihnen nunmehr durch ihre Anzahl, ihre Herzhaf⸗ tigkeit, ihren Credit bei der Menge, durch ihren Groll gegen die Regierung, ja, durch ihren Bettelſtolz ſelbſt und ihre Ver⸗ zweiflung ſehr gute Dienſte leiſten. Aus dieſem Grunde ließen ſie ſich's auf das eifrigſte angelegen ſeyn, ſich genau an ſie anzu⸗ ſchließen, die Geſinnungen des Aufruhrs ſorgfaͤltig bei ihnen zu naͤhren, dieſe hohen Meinungen von ihrem Selbſt in ihnen rege zu erhalten, und, was das Wichtigſte war, durch eine wohlan⸗ gebrachte Geldhuͤlfe und ſchimmernde Verſprechungen ihre Ar⸗ muth zu dingen. ¹1) Wenige darunter waren ſo ganz unwichtig, daß ſie nicht, waͤr' es auch nur durch Verwandtſchaft mit Hoͤhern, einigen Einfluß beſaßen, und alle zuſammen, wenn es gluͤckte ſie zu vereinigen, konnten eine fuͤrchterliche Stimme gegen die Krone erheben. Viele darunter zaͤhlten ſich ſelbſt ſchon zu der neuen Secte, oder waren ihr doch im Stillen ge⸗ wogen; aber auch diejenigen unter ihnen, welche eifrig katholiſch waren, hatten politiſche oder Privatgruͤnde genug, ſich gegen die Trientiſchen Schluͤſſe und die Inquiſition zu erklaͤren. Alle endlich waren durch ihre Eitelkeit allein ſchon aufgefordert genug, den einzigen Moment nicht vorbeiſchwinden zu laſſen, in welchem ſie moͤglicherweiſe in der Republik etwas vorſtellen konnten. 1) Strada 52. 20²2 Aber ſo viel ſich von einer Vereinigung dieſer Menſchen verſprechen ließ, ſo grundlos und laͤcherlich waͤre es geweſen, irgend eine Hoffnung auf einen Einzelnen unter ihnen zu gruͤnden; und es war nicht ſo gar leicht, dieſe Vereinigung zu ſtiften. Sie nur mit einander zuſammenzubringen, mußten ſich ungewoͤhnliche Zufaͤlle ins Mittel ſchlagen; und gluͤcklicher⸗ weiſe fanden ſich dieſe. Die Vermaͤhlungsfeier des Herrn Montigny, eines von den niederlaͤndiſchen Großen, wie auch die des Prinzen Alexander von Parma, welche um dieſe Zeit in Bruͤſſel vor ſich gingen, verſammelten einen großen Theil des niederlaͤndiſchen Adels in dieſer Stadt. Verwandte fanden ſich bei dieſer Gelegenheit zu Verwandten; neue Freund⸗ ſchaften wurden geſchloſſen, und alte erneuert; die allgemeine Noth des Landes iſt das Geſpraͤch; Wein und Froͤhlichkeit ſchließen Mund und Herzen auf; es fallen Winke von Ver⸗ bruͤderung, von einem Bunde mit fremden Maͤchten. Dieſe zufaͤlligen Zuſammenkuͤnfte bringen bald abſichtliche hervor; aus offentlichen Geſpraͤchen werden geheime. Es muß ſich fuͤgen, daß um dieſe Zeit zwei deutſche Barone, ein Graf von Holle und von Schwarzenberg, in den Niederlanden ver⸗ weilen, welche nicht unterlaſſen, hohe Erwartungen von nachbar⸗ lichem Beiſtande zu erwecken. ¹) Schon einige Zeit vorher hatte Graf Ludwig von Naſſau gleiche Angelegenheiten per⸗ ſoͤnlich an verſchiedenen deutſchen Hoͤfen betrieben. ²) Einige wollen ſogar geheime Geſchaͤftstraͤger des Admirals Coligny 1) Burg. 150. Hopper. 67. 68. 2) Und umſonſt war auch der Prinz von Oranien nicht ſo ploͤzlich aus Bruͤſſel verſchwunden, um ſich bei der roͤmiſchen Koͤnigswahl in Frankfurt einzufinden. Eine Zuſammenkunft ſo vieler deutſchen Fuͤrſten mußte eine Negotiation ſehr beguͤnſtigen. Strada. 84. 2⁰³ um dieſe Zeit in Brabant geſehen haben, welches aber billig noch bezweifelt wird. Wenn ein politiſcher Augenblick dem Verſuche einer Neuerung guͤnſtig war, ſo war es dieſer. Ein Weib am Ruder des Staats; die Provinzſtatthalter verdroſſen und zur Nachſicht geneigt; einige Staatsraͤthe ganz außer Wirkſamkeit; keine Armee in den Provinzen; die wenigen Truppen ſchon laͤngſt uͤber die zuruͤckgehaltene Zahlung ſchwierig, und zu oft ſchon durch falſche Verſprechungen betrogen, um ſich durch neue locken zu laſſen; dieſe Truppen noch außerdem von Officieren ange⸗ fuͤhrt, welche die Inquiſition von Herzen verachteten, und er⸗ roͤthet haben wuͤrden, nur das Schwert fuͤr ſie zu heben; kein Geld im Schatze, um geſchwind genug neue Truppen zu wer⸗ ben, und eben ſo wenig, um auswaͤrtige zu miethen. Der Hof zu Bruͤſſel, wie die drei Rathsverſammlungen, durch innere Zwietracht getheilt und durch Sittenloſigkeit verdorben; die Regentin ohne Vollmacht, und der Koͤnig weit entlegen; ſein Anhang gering in den Provinzen, unſicher und muthlos; die Faction zahlreich und maͤchtig; zwei Drittheile des Volks ge⸗ gen das Papſtthum aufgeregt und nach Veraͤnderung luͤſtern— welche ungluͤckliche Bloͤße der Regierung, und wie viel ungluͤck⸗ licher noch, daß dieſe Bloͤße von ihren Feinden ſo gut gekannt war. ¹) Noch fehlte es, ſo viele Koͤpfe zweckmaͤßig zu verbinden, an einem Anfuͤhrer und an einigen bedeutenden Namen, um ihrem Beginnen in der Republik ein Gewicht zu geben. Beides fand ſich in dem Grafen Ludwig von Naſſau, und Hein⸗ rich Brederoden, beide aus dem vornehmſten Adel des Landes, die ſich freiwillig an die Spitze der Unternehmung ſtell⸗ ¹) Grot. 19. Burgund. 154. 204 ten. Ludwig von Naſſau, des Prinzen von Oranien Bruder, vereinigte viele glaͤnzende Eigenſchaften, die ihn wuͤrdig machten, auf einer ſo wichtigen Buͤhne zu erſcheinen. In Genf, wo er ſtudirte, hatte er den Haß gegen die Hierarchie und die Liebe zu der neuen Religion eingeſogen, und bei ſeiner Zuruͤck⸗ kunft nicht verſaͤumt, dieſen Grundſaͤtzen in ſeinem Vaterlande Anhaͤnger zu werben. Der republicaniſche Schwung, den ſein Geiſt in eben dieſer Schule genommen, unterhielt in ihm einen brennenden Haß gegen Alles, was ſpaniſch hieß, der jede ſeiner Handlungen beſeelte, und ihn auch nur mit ſeinem letz⸗ ten Athem verließ. Papſtthum und ſpaniſches Regiment waren in ſeinem Gemuͤthe nur ein einziger Gegenſtand, wie es ſich auch in der That verhielt, und der Abſcheu, den er vor dem einen hegte, half ſeinen Widerwillen gegen das andere ver⸗ ſtaͤrken. So ſehr beide Bruͤder in ihrer Neigung und Abnei⸗ gung uͤbereinſtimmten, ſo ungleich waren die Wege, auf welchen ſie Beides befriedigten. Dem juͤngern Bruder erlaubte das heftige Blut des Temperaments und der Jugend die Kruͤm⸗ mungen nicht, durch welche ſich der aͤltere zu ſeinem Ziele wand. Ein kalter gelaſſener Blick fuͤhrte dieſen langſam, aber ſicher zum Ziele; eine geſchmeidige Klugheit unterwarf ihm die Dinge; durch ein tollkuͤhnes Ungeſtuͤm, das Alles vor ihm her niederwarf, zwang der andere zuweilen das Gluͤck, und be⸗ ſchleunigte noch oͤfter das Ungluͤk. Darum war Wilhelm ein Feldherr, und Ludwig nie mehr als ein Abenteurer; ein zu⸗ verlaͤſſiger nerviger Arm, wenn ein weiſer Kopf ihn regierte. Ludwigs Handſchlag galt fuͤr ewig; ſeine Verbindungen dauerten jedwedes Schickſal aus, weil ſie im Drange der Noth geknuͤpft waren, und weil das Ungluͤck feſter bindet, als die leichtſinnige Freude. Seinen Bruder liebte er, wie ſeine Sache, und fuͤr dieſe iſt er geſtorben. 205 Heinr ich von Brederode, Herr von Viane und Burg⸗ graf von Utrecht, leitete ſeinen Urſprung von den alten hollaͤn⸗ diſchen Grafen ab, welche dieſe Provinz ehemals als ſouveraͤne Fuͤrſten beherrſcht hatten. Ein ſo wichtiger Titel machte ihn einem Volke theuer, unter welchem das Andenken ſeiner vor⸗ maligen Herren noch unvergeſſen lebte, und um ſo werther ge⸗ halten wurde, je weniger man bei der Veraͤnderung gewonnen zu haben fuͤhlte. Dieſer angeerbte Glanz kam dem Eigenduͤnkel eines Mannes zu ſtatten, der den Ruhm ſeiner Vorfahren ſtets auf der Zunge trug, und um ſo lieber unter den verfalle⸗ nen Truͤmmern der vorigen Herrlichkeit wandelte, je troſtloſer der Blick war, den er auf ſeinen jetzigen Zuſtand warf. Von allen Wuͤrden und Bedienungen ausgeſchloſſen, wozu ihm die hohe Meinung von ſich ſelbſt, und der Adel ſeines Geſchlechts einen gegruͤndeten Anſpruch zu geben ſchien(eine Schwadron leichter Reiter war Alles, was man ihm anvertraute), haßte er die Regierung, und erlaubte ſich, ihre Maßregeln mit ver⸗ wegenen Schmaͤhungen anzugreifen. Dadurch gewann er ſich das Volk. Auch er beguͤnſtigte im Stillen das evangeliſche Bekennt⸗ niß; weniger aber, weil ſeine beſſere Ueberzeugung dafuͤr ent⸗ ſchieden, als uͤberhaupt nur, weil es ein Abfall war. Er hatte mehr Mundwerk, als Beredſamkeit, und mehr Dreiſtig⸗ keit, als Muth; herzhaft war er, doch mehr, weil er nicht an Gefahr glaubte, als weil er uͤber ſie erhaben war. Ludwig von Naſſau gluͤhte fuͤr die Sache, die er beſchuͤtzte, Brede⸗ rode fuͤr den Ruhm, ſie beſchuͤtzt zu haben; jener begnuͤgte ſich, fuͤr ſeine Partei zu handeln; dieſer mußte an ihrer Spitze ſtehen. Niemand taugte beſſer zum Vortaͤnzer einer Empoͤ⸗ rung, aber ſchwerlich konnte ſie einen ſchlimmern Fuͤhrer haben. So veraͤchtlich im Grunde ſeine Drohungen waren, ſo viel Nachdruck und Furchtbarkeit konnte der Wahn des großen 206 Haufens ihnen geben, wenn es dieſem einſtel, einen Praͤten⸗ denten in ſeiner Perſon aufzuſtellen. Seine Anſpruͤche auf die Beſitzungen ſeiner Vorfahren waren ein eitler Name; aber dem allgemeinen Unwillen war auch ein Name ſchon ge⸗ nug. Eine Broſchuͤre, die ſich damals unter dem Volke ver⸗ breitete, nannte ihn oͤffentlich den Erben von Holland, und ein Kupferſtich, der von ihm gezeigt wurde, fuͤhrte die prahle⸗ riſche Randſchrift: Sum Brederodus ego, Batavae non infima gentis Gloria, virtutem non vnica pagina claudit. 41) (1565.) Außer dieſen Beiden traten von dem vornehmſten niederlaͤndiſchen Adel noch der junge Graf Karl von Manns⸗ feld, ein Sohn desjenigen, den wir unter den eifrigſten Roya⸗ liſten gefunden haben, der Graf von Kuilemburg, zwei SGrafen von Bergen und von Battenburg, Johann von Marnirx, Herr von Thoulouſe, Philipp von Mar⸗ nix, Herr von St. Aldegonde, nebſt mehreren Andern zu dem Bunde, der um die Mitte des Novembers im Jahr 1565, im Hauſe eines gewiſſen von Hammes, Wappenkoͤnigs vom goldenen Vließe, ²) zu Stande kam. Sechs Menſchen ⁵) waren es, die hier das Schickſal ihres Vaterlandes, wie jene Eid⸗ genoſſen einſt die ſchweizeriſche Freiheit, entſchieden, die Fackel eines vierzigjaͤhrigen Kriegs anzuͤndeten, und den Grund einer Freiheit legten, die ihnen ſelbſt nie zu gute kommen ſollte. 1) Burg. 351. 352. Grot. 20. ²) Eines eifrigen Calviniſten und des fertigſten Werbers fuͤr den Bund, der ſich ruͤhmte, gegen 2000 Edle dazu beredet zu haben. Strada 118. 5) Burgund. 156. Strada nennt ihrer neun. 118. A. G. d. v. N. III. Bd. nennt eilf. 57. 207 Der Zweck der Verbruͤderung war in folgender Eidesformel enthalten, unter welche Philipp von Marnir zuerſt ſeinen Namen ſetzte. „Nachdem gewiſſe uͤbelgeſinnte Perſonen, unter der Larve „eines frommen Eifers, in der That aber nur aus Antrieb „ihres Geizes und ihrer Herrſchbegierde, den Koͤnig, unſern ngnaͤdigſten Herrn, verleitet haben, das verabſcheuungswuͤrdige „Gericht der Inquiſition in dieſen Landſchaften einzufuͤhren(ein „Gericht, das allen menſchlichen und goͤttlichen Geſetzen zuwider⸗ „laͤuft, und alle barbariſchen Anſtalten des blinden Heidenthums mun Unmenſchlichkeit hinter ſich laͤßt, das den Inquiſitoren jede nandere Gewalt unterwuͤrfig macht, die Menſchen zu einer „immerwauͤhrenden Knechtſchaft erniedrigt, und durch ſeine Nach⸗ „ſtellungen den rechtſchaffenen Buͤrger einer ewigen Todesangſt „ausſetzt, ſo daß es einem Prieſter, einem treuloſen Freunde, neinem Spanier, einem ſchlechten Kerl uͤberhaupt frei ſteht, ſo⸗ „bald er nur will, und wen er will, bei dieſem Gerichte anzu⸗ „klagen, gefangenſetzen, verdammen und hinrichten zu laſſen, ohne „Haß es dieſem vergoͤnnt ſey, ſeinen Anklaͤger zu erfahren, oder „Beweiſe von ſeiner Unſchuld zu fuͤhren); ſo haben wir Endes⸗ „unterſchriebene uns verbunden, uber die Sicherheit unſerer „Familien, unſerer Gufter und unſerer eigenen Perſon zu wachen. „Wir verpflichten und vereinigen uns zu dem Ende durch eine heilige Verbruͤderung, und geloben mit einem feierlichen „Schwur, uns der Einfuͤhrung dieſes Gerichts in dieſen Laͤn⸗ „dern nach unſern beſten Kraͤften zu widerſetzen, man verſuche nes heimlich oder oͤffentlich, und unter welchem Namen man „auch wolle. Wir erkläͤren zugleich, daß wir weit entfernt ſind, „gegen den Koͤnig, unſern Herrn, etwas Geſetzwidriges damit zu „meinen; vielmehr iſt es unſer Aller unveraͤnderlicher Vorſatz, „ſein koͤnigliches Regiment zu unterſtuͤtzen und zu vertheidigen, 208 „den Frieden zu erhalten und jeder Empörung nach Vermögen „zu ſteuern. Dieſem Vorſatz gemaͤß haben wir geſchworen und „ſchwoͤren jetzt wieder, die Regierung heilig zu halten, und ihrer „mit Worten und Thaten zu ſchonen, deß Zeuge ſey der all⸗ „maͤchtige Gott! „Weiter geloben und ſchwoͤren wir, uns wechſelsweiſe, Einer „den Andern, zu allen Zeiten, an allen Orten, gegen welchen „Angriff es auch ſey, zu ſchuͤtzen und zu vertheidigen, angehend „die Artikel, welche in dieſem Compromiſſe verzeichnet ſind. „Wir verpflichten uns hiemit, daß keine Anklage unſrer Ver⸗ „folgung, mit welchem Namen ſie auch ausgeſchmuͤckt ſeyn „moͤge, ſie heiße Rebellion, Aufſtand oder auch anders, die „Kraft haben ſoll, unſern Eid gegen den, der beſchuldigt iſt, „aufzuheben, oder uns unſers Verſprechens gegen ihn zu ent⸗ „binden. Keine Handlung, welche gegen die Inquiſition ge⸗ „richtet iſt, kann den Namen der Empoͤrung verdienen. Wer „alſo um einer ſolchen Urſache willen in Verhaft genommen „wird, dem verpflichten wir uns hier, nach unſerm Vermoͤgen „zu helfen, und durch jedes nur immer erlaubte Mittel ſeine „Freiheit wieder zu verſchaffen. Hier, wie in allen uͤbrigen „Regeln unſers Verhaltens, ſonderlich aber gegen das Gericht „der Inquiſition, ergeben wir uns in das allgemeine Gut⸗ „achten des Bundes, oder auch in das Urtheil derer, welche „wir einſtimmig zu unſern Rathgebern und Fuͤhrern ernennen „werden. „Zum Zeugniß deſſen und zu Beſtaͤtigung dieſes Bundes „berufen wir uns auf den heiligen Namen des lebendigen „Gottes, Schoͤpfers von Himmel und Erde, und Allem, was „darinnen iſt, der die Herzen, die Gewiſſen und die Gedanken „pruͤft, und die Reinigkeit der unſrigen kennt. Wir bitten „ihn um den Beiſtand ſeines heiligen Geiſtes, daß Gluͤck und 209 „Ehre unſer Vorhaben kroͤne, zur Verherrlichung ſeines „Namens und unſerm Vaterlande zum Segen und ewigen „Frieden.“) Dieſer Compromiß wurde ſogleich in mehrere Sprachen uͤberſetzt, und ſchnell durch alle Provinzen zerſtreut. Jeder von den Verſchwornen trieb, was er an Freunden, Ver⸗ wandten, Anhaͤngern und Dienſtleuten hatte, zuſammen, um dem Bunde ſchnell eine Maſſe zu geben. Große Gaſtmahle wurden gehalten, welche ganze Tage lang dauerten— un⸗ widerſtehliche Verſuchungen fur eine ſinnliche, lüſterne Men⸗ ſchenart, bei der das tiefſte Elend den Hang zum Wohlleben nicht hatte erſticken koͤnnen. Wer ſich da einfand, und Jeder war willkommen, wurde durch zuvorkommende Freundſchafts⸗ verſicherungen muͤrbe gemacht, durch Wein erhitzt, durch das Beiſpiel fortgeriſſen, und uͤberwaͤltigt durch das Feuer einer wilden Beredſamkeit. Vielen fuͤhrte man die Hand zum Unter⸗ zeichnen, der Zweifelnde wurde geſcholten, der Verzagte be⸗ droht, der Treugeſinnte uͤberſchrien; Manche darunter wuß⸗ ten gar nicht, was es eigentlich war, worunter ſie ihre Na⸗ men ſchrieben, und ſchaͤmten ſich, erſt lange darnach zu fra⸗ gen. Der allgemeine Schwindel ließ keine Wahl uͤbrig Viele trieb bloßer Leichtſinn zu der Partei, eine glaͤnzende Camerad⸗ ſchaft lockte die Geringen, den Furchtſamen gab die große Auzahl ein Herz. Man hatte die Liſt gebraucht, die Na⸗ men und Siegel des Prinzen von Oranien, der Grafen von Egmont, von Hoorn, von Megen und Anderer faͤlſchlich nachzumachen, ein Kunſtgriff, der dem Bunde viele Hunderte gewann. Beſonders war es auf die Officiere der Armee dabei abgeſehen, um ſich auf alle Faͤlle von dieſer Seite ¹) Burgund. 156— 159. Strada 118. 4 Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 14 210 zu decken, wenn es zu Gewaltthaͤtigkeiten kommen ſollte. Es gluͤckte bei Vielen, vorzuͤglich bei Subalternen, und Graf Brederode zog auf einen Faͤhndrich, der ſich bedenken wollte, ſogar den Degen. Menſchen aus allen Claſſen und Staͤnden unterzeichneten. Die Religion machte keinen Unterſchied, ka⸗ tholiſche Prieſter ſelbſt geſellten ſich zu dem Bunde. Die Be⸗ weggruͤnde waren nicht bei Allen dieſelben, aber ihr Vorwand war gleich. Den Katholiken war es bloß um Aufhebung der Inquiſition und Milderung der Edicte zu thun; die Prote⸗ ſtanten zielten auf eine uneingeſchraͤnkte Gewiſſensfreiheit. Einige verwegenere Koͤpfe fuͤhrten nichts Geringeres im Schilde, als einen gaͤnzlichen Umſturz der gegenwaͤrtigen Regierung, und die Duͤrftigſten darunter gruͤndeten niedertraͤchtige Hoff⸗ nungen auf die allgemeine Zerruͤttung. ¹) Ein Abſchiedsmahl, welches um eben dieſe Zeit den Grafen von Schwarzenberg und Holle in Breda, und kurz darauf in Hegſtraten, gegeben wurde, zog Viele vom erſten Adel nach beiden Plaͤtzen, unter denen ſich ſchon Mehrere befanden, die den Compromiß bereits unterſchrieben hatten. Auch der Prinz von Oranien, die Grafen von Egmont, von Hoorn und von Megen fanden ſich bei dieſem Gaſtmahle ein, doch ohne Verabredung und ohne ſelbſt einen Antheil an dem Bunde zu haben, obgleich einer von Egmonts eignen Serretaͤren, und einige Dienſtleute der Andern demſelben oͤffentlich bei⸗ getreten waren. Bei dieſem Gaſtmahle nun erklaͤrten ſich ſchon dreihundert fuͤr den Compromiß, und die Frage kam in Be⸗ wegung, ob man ſich bewaffnet oder unbewaffnet mit einer Rede oder Bittſchrift an die Oberſtatthalterin wenden ſollte. Hoorn und Oranien(Egmont wollte das Unternehmen ¹) Strada 449. Burgund, 459— 101. 211 auf keine Weiſe befoͤrdern) wurden dabei zu Richtern auf gerufen, welche fuͤr den Weg der Beſcheidenheit und Unter⸗ werfung entſchieden, eben dadurch aber der Beſchuldigung Raum gaben, daß ſie das Unterfangen der Verſchwornen auf eine nicht ſehr verſteckte Weiſe in Schutz genommen haͤtten. Man beſchloß alſo, unbewaffnet und mit einer Bittſchrift ein⸗ zukommen, und beſtimmte einen Tag, wo man in Bruͤſſel zu⸗ ſammentreffen wollte. ¹) Der erſte Wink von dieſer Verſchwoͤrung des Adels wurde der Statthalterin durch den Grafen von Megen gleich nach ſeiner Zuruͤckkunft gegeben.„Es werde eine Unternehmung „geſchmiedet,“ ließ er ſich verlauten,„dreihundert vom Adel „ſeyen darein verwickelt, es gelte die Religion, die Theil⸗ „mehmer halten ſich durch einen Eidſchwur verpflichtet, ſie „rechnen ſehr auf auswaͤrtigen Beiſtand, bald werde ſie das „Weitere erfahren.“ Mehr ſagte er ihr nicht, ſo nachdruͤcklich ſie auch in ihn drang.„Ein Edelmann habe es ihm unter dem „Siegel der Verſchwiegenheit anvertraut, und er habe ihm „ſein Ehrenwort verpfaͤndet.“ Eigentlich war es wohl weniger dieſe Delicateſſe der Ehre, als vielmehr der Widerwille gegen die Inquiſition, um die er ſich nicht gern ein Verdienſt machen wollte, was ihn abhalten mochte, ſich weiter zu erklaͤren. Bald nach ihm uͤberreichte Graf Egmont der Regentin eine Ab⸗ ſchrift des Compromiſſes, wobei er ihr auch die Namen der Verſchwornen, bis auf einige wenige, nannte. Faſr zu gleicher Zeit ſchrieb ihr der Prinz von Oranien:„es werde, wie er „hoͤre, eine Armee geworben, vierhundert Officiere ſeyen be⸗ „reits ernannt, und zwanzigtauſend Mann wuͤrden mit naͤch⸗ „ſtem unter den Waffen erſcheinen.“ So wurde das Geruͤcht 1) Burgund. 150, 166. 212 durch immer neue Zuſäͤtze abſichtlich uͤbertrieben, und in jedem Munde vergroͤßerte ſich die Gefahr. ¹) Die Oberſtatthalterin, vom erſten Schrecken dieſer Zeitung betaͤubt, und durch nichts als ihre Furcht geleitet, ruft in aller Eile zuſammen, wer aus dem Staatsrathe ſo eben in Bruͤſſel zugegen war, und ladet zugleich den Prinzen von Oranien nebſt dem Grafen von Hoorn in einem dringen⸗ den Schreiben ein, ihre verlaſſenen Stellen im Senate wieder einzunehmen. Ehe dieſe noch ankommen, berathſchlagt ſie ſich mit Egmont, Megen und Barlaimont, was in dieſer miß⸗ lichen Lage zu beſchließen ſey. Die Frage war, ob man lieber gleich zu den Waffen greifen, oder der Nothwendigkeit weichen und den Verſchwornen ihr Geſuch bewilligen, oder ob man ſie durch Verſprechungen und eine ſcheinbare Nachgiebigkeit ſo lange hinhalten ſolle, bis man Zeit gewonnen haͤtte, Verhaltungs⸗ regeln aus Spanien zu holen, und ſich mit Geld und Truppen zu verſehen. Zu dem Erſten fehlte das noͤthige Geld und das eben ſo noͤthige Vertrauen in die Armee, die von den Ver⸗ ſchwornen vielleicht ſchon gewonnen war. Das Zweite wuͤrde von dem Koͤnige nimmermehr gebilligt werden, und auch eher dazu dienen, den Trotz der Verbundenen zu erheben, als nie⸗ derzuſchlagen da im Gegentheil eine wohlangebrachte Geſchmei⸗ digkeit und eine ſchnelle, unbedingte Vergebung des Geſchehenen den Aufruhr vielleicht noch in der Wiege erſticken wuͤrde. Letztere Meinung wurde von Megen und Egmont behauptet, von Barlaimont aber beſtritten.„DasGeruͤcht habe uͤbertrieben,“ ſagte dieſer;„unmoͤglich koͤnne eine ſo furchtbare Waffenruͤſtung „ſo geheim und mit ſolcher Geſchwindigkeit vor ſich gegangen „ſeyn. Ein Zuſammenlauf etlicher ſchlechten Leute, von zwei ³) Hopper. 69. 70. Burg. 166. 167. 213 noder drei Enthuſtaſten aufgehetzt, nichts weiter. Alls wuͤrde „ruhen, wenn man einige Koͤpfe abgeſchlagen haͤtte.“ Die Oberſtatthalterin beſchließt, das Gutachten des verſammelten Staatsraths zu erwarten; doch verhaͤlt ſie ſich in dieſer Zwiſchen⸗ zeit nicht muͤßig. Die Feſtungswerke in den wichtigſten Plaͤtzen werden beſichtigt, und wo ſie gelitten haben, wieder hergeſtellt; ihre Botſchafter an fremden Hoͤfen erhalten Befehl, ihre Wirk⸗ ſamkeit zu verdoppeln; Eilboten werden nach Spanien abgefertigt. Zugleich bemuͤht ſie ſich, das Geruͤcht von der nahen Ankunft des Koͤnigs aufs neue in Umlauf zu bringen, und in ihrem aͤußerlichen Betragen die Feſtigkeit und den Gleichmuth zu zei⸗ gen, der den Angriff erwartet, und nicht das Anſehen hat, ihm zu erliegen. ¹) Mit Ausgang des Maͤrz, alſo vier volle Monate nach Ab⸗ faſſung des Compromiſſes, verſammelte ſich der ganze Staats⸗ rath in Bruͤſſel. Zugegen waren der Prinz von Oranien, der Herzog von Arſchot, die Grafen von Egmont, von Bergen, von Megen, von Aremberg, von Hoorn, von Hoogſtraten, von Barlaimont und andere, die Herren von Montigny und Hachicourt, alle Ritter vom goldnen Vließe, nebſt dem Praͤſidenten Viglius, dem Staats⸗ rathe Bruxelles und den uͤbrigen Aſſeſſoren des geheimen Conſiliums. ²) Hier brachte man ſchon verſchiedene Briefe zum Vorſchein, die von dem Plane der Verſchwoͤrung naͤhere Nachricht gaben. Die Extremitaͤt, worin die Oberſtatthalterin ſich befand, gab den Mißvergnuͤgten eine Wichtigkeit, von der ſie nicht unterließen jetzt Gebrauch zu machen, und ihre lang unterdruͤckte Empfind⸗ lichkeit bei dieſer Gelegenheit zur Sprache kommen zu laſſen, — ¹) Strad. 120. Burgund. 168. 169. 2²) Hopper. 71. 72. Burg. 173. 214 Man erlaubte ſich bittere Beſchwerden gegen den Hof ſelbſt, und gegen die Regierung.„Erſt neulich,“ ließ ſich der Prinz von Oranien heraus,„ſchickte der Koͤnig vierzigtauſend Goldgulden „an die Koͤnigin von Schottland, um ſie in ihren Unter⸗ „nehmungen gegen England zu unterſtuͤtzen,— und ſeine Nieder⸗ lande laͤßt er unter ihrer Schuldenlaſt erliegen. Aber der „Unzeit dieſer Subſidien und ihres ſchlechten Erfolgs“) nicht „einmal zu gedenken, warum weckt er den Zorn einer Koͤnigin „gegen uns, die uns als Freundin ſo wichtig, als Feindin „aber ſo fuͤrchterlich iſt?“ Auch konnte der Prinz bei dieſer Gelegenheit nicht umhin, auf den verborgenen Haß anzuſpielen, den der Koͤnig gegen die naſſauiſche Familie und gegen ihn insbeſondere hegen ſollte.„Es iſt am Tage,“ ſagt er,„daß er „ſich mit den Erbfeinden meines Hauſes berathſchlagt hat, mich, „auf welche Art es ſey, aus dem Wege zu ſchaffen, und daß er „mit Ungeduld nur auf eine Veranlaſſung dazu wartet.“ Sein Beiſpiel oͤffnete auch dem Grafen von Hoorn und noch vielen Andern den Mund, die ſich mit leidenſchaftlicher Heftigkeit uͤber ihre eigenen Verdienſte und den Undank des Koͤnigs verbreiteten. Die Regentin hatte Muͤhe, den Tumult zu ſtillen und die Aufmerkſamkeit auf den eigentlichen Gegenſtand der Sitzung zuruͤckzufuͤhren. Die Frage war, ob man die Verbundenen, von denen es nun bekannt war, daß ſie ſich mit einer Bittſchrift an den Hof wenden wuͤrden, zulaſſen ſollte, oder nicht? Der Herzog von Arſchot, die Grafen von Aremberg, von Megen und Barlaimont verneinten es.„Wozu fuͤnf⸗ „hundert Menſchen,“ ſagte der Letztere,„um eine kleine Schrift „zu uͤberreichen? Dieſer Gegenſatz der Demuth und des Trotzes „bedeutet nichts Gutes. Laßt ſie einen achtungswuͤrdigen Mann ¹) Das Geld war in die Haͤnde der Koͤnigin Eliſabeth gefallen. 215 naus ihrer Mitte, ohne Pomp, ohne Anmaßung, zu uns „ſchicken, und auf dieſem Wege ihr Anliegen vor uns bringen. „Sonſt verſchließe man ihnen die Thore, oder beobachte ſie, „wenn man ſie doch einlaſſen will, auf das ſtrengſte, und „ſtrafe die erſte Kuͤhnheit, deren ſich einer von ihnen ſchuldig „macht, mit dem Tode.“ Der Graf von Mannsfeld, deſſen eigner Sohn unter den Verſchwornen war, erklaͤrte ſich gegen ihre Partei; ſeinem Sohne hatte er mit Enterbung gedroht, wenn er dem Bunde nicht entſagte. Auch die Grafen von Megen und Aremberg trugen Bedenken, die Bittſchrift anzunehmen; der Prinz von Oranien aber, die Grafen von Egmont, von Hoorn, von Hoogſtraten und Mehrere ſtimmten mit Nachdruck dafuͤr.„Die Verbundenen,“ erklaͤrten ſie,„waͤren ihnen als Menſchen von Rechtſchaffenheit und Ehre „bekannt; ein großer Theil unter denſelben ſtehe mit ihnen in „Verhaͤltniſſen der Freundſchaft und der Verwandtſchaft, und nſie getrauen ſich, fuͤr ihr Betragen zu gewaͤhren. Eine Bitt⸗ „ſchrift einzureichen, ſey jedem Unterthan erlaubt; ohne Ungerech⸗ ntigkeit koͤnne man einer ſo anſehnlichen Geſellſchaft ein Recht nnicht verweigern, deſſen ſich der niedrigſte Menſch im Staate „zu erfreuen habe.“ Man beſchloß alſo, weil die meiſten Stim⸗ men fuͤr dieſe Meinung waren, die Verbundenen zuzulaſſen, vorausgeſetzt, daß ſie unbewaffnet erſchienen, und ſich mit Beſcheidenheit betruͤgen. Die Zaͤnkereien der Rathsglieder hatten den groͤßten Theil der Zeit weggenommen, daß man die fernere Berathſchlagung auf eine zweite Sitzung verſchieben mußte, die gleich den folgenden Tag eroͤffnet ward.¹) Um den Hauptgegenſtand nicht, wie geſtern, unter unnuͤtzen Klagen zu verlieren, eilte die Regentin dießmal ſogleich zum — ¹) Strada 124. 122. 2¹16 Ziele.„Brederode,“ ſagte ſie,„wird, wie unſere Nachrichten lauten, im Namen des Bundes um Aufhebung der Inquiſition und Milderung der Edicte bei uns einkommen. Das Urtheil n„meines Senats ſoll mich beſtimmen, was ich ihm antworten nſoll; aber ehe Sie Ihre Meinungen vortragen, vergoͤnnen Sie „mir, etwas Weniges voranzuſchicken. Man ſagt mir, daß es „Wiele, auch ſelbſt unter Ihnen, gebe, welche die Glaubens⸗ „edicte des Kaiſers, meines Vaters, mit oͤffentlichem Tadel „angreifen, und ſie dem Volke als unmenſchlich und barbariſch nabſchildern. Nun frage ich Sie ſelbſt, Ritter des Vließes, „Raͤthe Sr. Majeſtaͤt und des Staats, ob Sie nicht ſelbſt „Ihre Stimmen zn dieſen Edicten gegeben, ob die Staͤnde des „Reichs ſie nicht als rechtskraͤftig anerkannt haben? Warum ntadelt man jetzt, was man ehemals fuͤr recht erklaͤrte? Etwa „darum, weil es jetzt mehr, als jemals, nothwendig geworden? „Seit wann iſt die Inquiſition in den Niederlanden etwas ſo „Ungewoͤhnliches? Hat der Kaiſer ſie nicht ſchon vor ſechzehn „Jahren errichtet, und worin ſoll ſie grauſamer ſeyn, als die „Edicte? Wenn man zugibt, daß dieſe letzteren das Werk „der Weisheit geweſen, wenn die allgemeine Beiſtimmung „der Staaten ſie geheiligt hat— warum dieſen Widerwillen „gegen jene, die doch weit menſchlicher iſt, als die Edicte, „wenn dieſe nach dem Buchſtaben beobachtet werden? Reden „Sie jetzt frei, ich will ihr Urtheil damit nicht befangen haben; „aber Ihre Sache iſt es, dahin zu ſehen, daß nicht Leidenſchaft „es lenke.“¹*) Der Staatsrath war in zwei Meinungen getheilt, wie immer; aber die Wenigen, welche fuͤr die Inquiſition und die buch⸗ ſtaͤbliche Vollſtreckung der Edicte ſprachen, wurden bei weitem ¹) Strada 123. 424. 217 von der Gegenpartei uͤberſtimmt, die der Prinz von Oranien anfuͤhrte.„Wollte der Himmel,“ fing er an,„man haͤtte „meine Vorſtellungen des Nachdenkens werth geachtet, ſo lange „ſie noch entfernte Befuͤrchtungen waren, ſo wuͤrde man nie „dahin gebracht worden ſeyn, zu den aͤußerſten Mitteln zu „ſchreiten, ſo wuͤrden Menſchen, die im Irrthume lebten, nicht „durch eben die Maßregeln, die man anwendete, ſie aus dem⸗ „ſelben herauszufuͤhren, tiefer darein verſunken ſeyn. Wir „Alle, wie Sie ſehen, ſtimmen in dem Hauptzwecke uͤberein. „Wir Alle wollen die katholiſche Religion außer Gefahr wiſſen; „kann dieſes nicht ohne Huͤlfe der Inquiſition bewerkſtelligt „werden, wohl, ſo bieten wir Gut und Blut zu ihren Dienſten nan; aber eben das iſt es, wie Sie hoͤren, woruͤber die Meiſten „unter uns ganz anders denken. „Es gibt zweierlei Inquiſitionen: der einen maßt ſich „der roͤmiſche Stuhl an, die andere iſt ſchon ſeit undenklichen „Zeiten von den Biſchoͤfen ausgeuͤbt worden. Die Macht des „Vorurtheils und der Gewohnheit hat uns die letztere ertraͤglich „und leicht gemacht. Sie wird in den Niederlanden wenig „Widerſpruch finden, und die vermehrte Anzahl der Biſchoͤfe „wird ſie hinreichend machen. Wozu denn alſo die erſte, deren „bloßer Name alle Gemuther in Aufruhr bringt? So viele „Nationen entbehren ihrer, warum ſoll ſie gerade uns auf⸗ „gedrungen ſeyn? Vor Luthern hat ſie Niemand gekannt; der „Kaiſer war der Erſte, der ſie einfuͤhrte; aber dieß geſchah zu neiner Zeit, als an geiſtlichen Aufſehern Mangel war, die „wenigen Biſchoͤfe ſich noch außerdem laͤſſig zeigten, und die „Sittenloſigkeit der Kleriſei ſie von dem Richteramte ausſchloß. „Jetzt hat ſich Alles veraͤndert; jetzt zaͤhlen wir eben ſo viele „Biſchoͤfe, als Provinzen ſind. Warum ſoll die Regierungskunſt „nicht den Geiſt der Zeiten begleiten? Gelindigkeit brauchen 218 „wir, nicht Haͤrte. Wir ſehen den Widerwillen des Volks, „den wir ſuchen muͤſſen zu beſaͤnftigen, wenn er nicht in Em⸗ „poͤrung ausarten ſoll. Mit dem Tode Pius des Vierten „iſt die Vollmacht der Inquiſitoren zu Ende gegangen; der neue „Papſt hat noch keine Beſtaͤtigung geſchickt, ohne die es doch „ſonſt noch keiner gewagt hat, ſein Amt auszuuͤben. Jetzt alſo „iſt die Zeit, wo man ſie ſuspendiren kann, ohne Jemandes „Rechte zu verletzen. 3 „Was ich von der Inquiſition urtheile, gilt auch von den „Edicten. Das Beduͤrfniß der Zeiten hat ſie erzwungen, naber jene Zeiten ſind ja vorbei. Eine ſo lange Erfahrung ſollte „uns endlich uͤberwieſen haben, daß gegen Ketzerei kein Mittel „weniger fruchtet, als Scheiterhaufen und Schwert. Welche „unglaubliche Fortſchritte hat nicht die neue Religion nur ſeit „wenigen Jahren in den Provinzen gemacht, und wenn wir den „Gruͤnden dieſer Vermehrung nachſpuͤren, ſo werden wir ſie nin der glorreichen Standhaftigkeit derer finden, die als ihre „Schlachtopfer gefallen ſind. Hingeriſſen von Mitleid und von „Bewunderung, faͤngt man in der Stille an zu muthmaßen, „daß es doch wohl Wahrheit ſeyn moͤchte, was mit ſo unuͤber⸗ „windlichem Muthe behauptet wird. In Frankreich und England „ließ man die Proteſtanten dieſelbe Strenge erfahren, aber hat „ſie dort mehr, als bei uns gefruchtet? Schon die erſten „Chriſten beruͤhmten ſich, daß der Same ihrer Kirche Maͤrtyrer⸗ „blut geweſen. Kaiſer Julian, der fuͤrchterlichſte Feind, den „je das Chriſtenthum erlebte, war von dieſer Wahrheit durch⸗ „drungen. Ueberzeugt, daß Verfolgung den Enthuſtasmus nur „mehr anfeure, nahm er ſeine Zuflucht zum Laͤcherlichen und „zum Spott, und fand dieſe Waffen ungleich maͤchtiger, als „Gewalt. In dem griechiſchen Kaiſerthume hatten ſich zu ver⸗ „ſchiedenen Zeiten verſchiedene Secten erhoben, Arius unter 219 „Conſtantin, Astius unter dem Conſtantius, Ne⸗ „ſtorius unter dem Theodos; nirgends aber ſieht man weder „gegen dieſe Irrlehrer ſelbſt, noch gegen ihre Schuͤler Strafen „geuͤbt, die denen gleich kämen, welche unſere Laͤnder verheeren „— und wo ſind jetzt alle dieſe Secten hin, die, ich moͤchte „beinahe ſagen, ein ganzer Weltkreis nicht zu faſſen ſchien? „Aber dieß iſt der Gang der Ketzerei. Ueberſteht man ſie mit „Verachtung, ſo zerfaͤllt ſie in ihr Nichts. Es iſt ein Eiſen, „das, wenn es ruhig liegt, roſtet, und nur ſcharf wird durch „Gebrauch. Man kehre die Augen von ihr, und ſie wird ihren „maͤchtigſten Reiz verlieren, den Zauber des Neuen und des „Verbotenen. Warum wollen wir uns nicht mit Maßregeln „begnuͤgen, die von ſo großen Regenten bewaͤhrt gefunden „worden? Beiſpiele koͤnnen uns am ſicherſten leiten. „Aber wozu Beiſpiele aus dem heidniſchen Alterthume, da „das glorreiche Muſter Karls des Fuͤnften, des groͤßten „der Koͤnige, vor uns liegt, der endlich, beſiegt von ſo vielen „Erfahrungen, den blutigen Weg der Verfolgung verließ, und „viele Jahre vor ſeiner Thronentſagung zur Gelindigkeit uͤber⸗ „ging. Philipp ſelbſt, unſer gnaͤdigſter Herr, ſchien ſich ehemals „zur Schonung zu neigen; die Rathſchlaͤge eines Granvella und nſeines Gleichen belehrten ihn eines Andern; mit welchem Rechte, „moͤgen ſie mit ſich ſelbſt ausmachen. Mir aber hat von jeher „geſchienen, die Geſetze muͤſſen ſich den Sitten und die Marimen „den Zeiten anſchmiegen, wenn der Erfolg ſie beguͤnſtigen ſoll. „Zum Schluſſe bringe ich Ihnen noch das genaue Verſtaͤndniß „in Erinnerung, das zwiſchen den Hugenotten und den flaͤmiſchen „Proteſtanten obwaltet. Wir wollen uns huͤten, ſie noch mehr „aufzubringen, als ſie es jetzt ſchon ſeyn moͤgen. Wir wollen „gegen ſie nicht franzoͤſiſche Katholiken ſeyn, damit es ihnen 220 nila nicht einfalle, die Hugenotten gegen uns zu ſpielen, und „wie dieſe ihr Vaterland in die Schrecken eines Buͤrgerkriegs „zu werfen.“) Nicht ſowohl der Wahrheit und Unwiderlegbarkeit ſeiner Gruͤnde, welche von der entſcheidendſten Mehrheit im Senate unterſtuͤtzt wurden, als vielmehr dem verfallenen Zuſtande der Kriegsmacht und der Erſchoͤpfung des Schatzes, wodurch man verhindert war, das Gegentheil mit gewaffneter Hand durch⸗ zuſetzen, hatte der Prinz von Oranien es zu danken, daß ſeine Vorſtellungen dießmal nicht ganz ohne Wirkung blieben. Um wenigſtens den erſten Sturm abzuwehren, und die noͤthige Zeit zu gewinnen, ſich in eine beſſere Verfaſſung gegen ſie zu ſetzen, kam man uͤberein, den Verbundenen einen Theil ihrer Forderungen zuzugeſtehen. Es wurde beſchloſſen, die Straf⸗ befehle des Kaiſers zu mildern, wie er ſie ſelbſt mildern wuͤrde, wenn er in jetzigen Tagen wieder auferſtaͤnde— wie er einſt ſelbſt, unter aͤhnlichen Umſtänden, ſie zu mildern nicht gegen ſeine Wufrde geachtet. Die Inquiſition ſollte, wo ſie noch nicht eingefuͤhrt ſey, unterbleiben, wo ſie es ſey, auf einen gelindern Fuß geſetzt werden, oder auch gaͤnzlich ruhen, da die Inquiſitoren (ſo druͤckte man ſich aus, um ja den Proteſtanten die kleine Luſt nicht zu goͤnnen, daß ſie gefuͤrchtet wuͤrden, oder daß man ihrem Anſuchen Gerechtigkeit zugeſtaͤnde) von dem neuen Papſte ¹) Burg. 174— 180. Hopper. 72. Strad. 123. 42 ½. Es darf Niemand wundern, ſagt Burgundius, ein hitziger Eiferer für die katholiſche Religion und die ſpaniſche Partei, daß aus der Rede dieſes Prinzen ſo viel Kenntniß der Philoſophie her⸗ vorleuchtet; er hatte ſie aus dem Umgange mit Balduin geſchoͤpft. 180, 221 noch nicht beſtaͤtigt worden waͤren. Dem geheimen Conſilium wurde der Auftrag gegeben, dieſen Schluß des Senats ohne Verzug auszufertigen. So vorbereitet erwartete man die Ver⸗ ſchwoͤrung. ¹) 4) Strad. 124. 125. Die Genſen. Der Senat war noch nicht auseinander, als ganz Bruͤſſel ſchon von der Nachricht erſchallte, die Verbundenen naͤherten ſich der Stadt. Sie beſtanden nur aus zweihundert Pferden, aber das Geruͤcht vergroͤßerte ihre Zahl. Die Regentin, voll Beſtuͤrzung, wirft die Frage auf, ob man den Eintretenden die Thore ſchließen, oder ſich durch die Flucht retten ſollte. Beides wird, als entehrend, verworfen; auch widerlegt der ſtille Einzug der Edlen bald die Furcht eines gewaltſamen Ueberfalls. Den erſten Morgen nach ihrer Ankunft verſammeln ſie ſich i im Kuilemburgiſchen Hauſe, wo ihnen Brederode einen zweiten Eid abfordert, des Inhalts, daß ſie ſich unter einander, mit Hintanſetzung aller andern Pflichten, und mit den Waffen ſelbſt, wenn es noͤthig waͤre, beizuſtehen gehalten ſeyn ſollten⸗ Hier wurde ihnen auch ein Brief aus Spanien vorgezeigt, worin ſtand, daß ein gewiſſer Proteſtant, den ſie alle kannten und ſchaͤtzten, bei langſamem Feuer lebendig dort verbrannt worden ſey. Nach dieſen und aͤhnlichen Praͤliminarien ruft er einen um den andern mit Namen auf, ließ ſie in ihren eignen und in der Abweſenden Namen den neuen Eid ablegen, und den alten erneuern. Gleich der folgende Tag, als der fuͤnfte April 1566, wird zur Ueberreichung der Bittſchrift angeſetzt.*) 1) Strada 126. 223 Ihre Anzahl war jetzt zwiſchen drei⸗ und vierhundert. Un⸗ ter ihnen befanden ſich viele Lehensleute des vornehmen Adels, wie anch verſchiedene Bediente des Koͤnigs ſelbſt, und der Her⸗ zogin. ¹1) Den Grafen von Naſſau und Brederode an ihrer Spitze, traten ſie gliederweiſe, immer vier und vier, ihren Zug nach dem Palaſte an; ganz Bruͤſſel folgte dem ungewoͤhnlichen Schauſpiele in ſtillem Erſtaunen. Es wurde hier Menſchen gewahr, die kuͤhn und trotzig genug auftraten, um nicht Sup⸗ plicanten zu ſcheinen, von zwei Maͤnnern gefuͤhrt, die man nicht gewohnt war, bitten zu ſehen; auf der andern Seite ſo viel Ordnung, ſo viel Demuth und beſcheidene Stille, als ſich mit keiner Rebellion zu vertragen pflegt. Die Oberſtatthalterin empfaͤngt den Zug, von allen ihren Raͤthen und den Rittern des Vließes umgeben.„Dieſe edeln Niederlaͤnder,“ redet Bre⸗ derode ſie mit Ehrerbietung an,„welche ſich hier vor Ew. „Hoheit verſammeln, und noch weit mehrere, welche naͤchſtens weintreffen ſollen, wuͤnſchen Ihnen eine Bitte vorzutragen, von „deren Wichtigkeit, ſo wie von ihrer Demuth dieſer feierliche „Aufzug Sie uͤberfuͤhren wird. Ich, als Wortfuͤhrer der Ge⸗ „ſellſchaft, erſuche Sie, dieſe Bittſchrift anzunehmen, die nichts „enthaͤlt, was ſich nicht mit dem Beſten des Vaterlandes und „mit der Wuͤrde des Koͤnigs vertruͤge.“— „Wenn dieſe Bittſchrift,“ erwiederte M argaretha,„wirk⸗ „lich nichts enthaͤlt, was mit dem Wohl des Vaterlandes und „mit der Wuͤrde des Koͤnigs ſtreitet, ſo iſt kein Zweifel, daß „ſie gebilligt werden wird.”*—„Sie haͤtten,“ fuhr der Sprecher fort,„mit Unwillen und Bekuͤmmerniß vernommen, daß man „ihrer Verbindung verdaͤchtige Abſichten unterlege, und ihnen „bei Ihrer Hoheit nachtheilig zuvorgefommen ſey; darum laͤgen ¹) HNopper. 73. 224 „ſie Ihr an, ihnen die Urheber ſo ſchwerer Beſchuldigungen zu „nennen, und ſolche anzuhalten, ihre Anklage in aller Form „und oͤffentlich zu thun, damit derjenige, welchen man ſchuldig „finden wuͤrde, die verdiente Strafe leide.“—„Allerdings,“ antwortete die Regentin,„koͤnne man ihr nicht verdenken, wenn „ſie auf die nachtheiligen Geruͤchte von den Abſichten und Al⸗ „lianzen des Bundes fuͤr noͤthig erachtet habe, die Statthalter „der Provinzen aufmerkſam darauf zu machen; aber nennen „wuͤrde ſie die Urheber dieſer Nachrichten niemals; Staatsge⸗ „heimniſſe zu verrathen,“ ſetzte ſie mit einer Miene des Un⸗ willens hinzu,„koͤnne mit keinem Rechte von ihr gefordert wer⸗ „den.“ Nun beſchied ſie die Verbundenen auf den folgenden Tag, um die Antwort auf ihre Bittſchrift abzuholen, woruͤber ſie jetzt noch einmal mit den Rittern zu Rathe ging. ¹) „Nie,“ lautete dieſe Bittſchrift(die nach Einigen den be⸗ ruͤhmten Balduin zum Verfaſſer haben ſoll),„nie haͤtten ſie „es an der Treue gegen ihren Koͤnig ermangeln laſſen und „auch jetzt waͤren ſie weit davon entfernt; doch wollten ſie lieber „in die Ungnade ihres Herrn zu fallen Gefahr laufen, als ihn „noch laͤnger in der Unwiſſenheit der uͤbeln Folgen verharren „laſſen, womit die gewaltſame Einſetzung der Inquiſition und „die laͤngere Beharrung auf den Edicten ihr Vaterland bedrohen. „Lange Zeit haͤtten ſie ſich mit der Hoffnung beruhigt, eine „allgemeine Staatenverſammlung wuͤrde dieſen Beſchwerden ab⸗ „helfen; jetzt aber, da auch dieſe Hoffnung erloſchen ſey, hielten „ſie es fuͤr ihre Pflicht, die Statthalterin vor Schaden zu war⸗ „nen. Sie baͤten daher Ihre Hoheit, eine wohlgeſinnte und „wohlunterrichtete Perſon nach Madrid zu ſenden, die den Koͤnig „vermoͤgen koͤnnte, dem einſtimmigen Verlangen der Nation ge⸗ ¹) Hopper. 73. Strad. 126. 127. Burg. 182. 185. 2²5 „maͤß die Inquiſition aufzuheben, die Edicte abzuſchaffen, und „ſtatt ihrer auf einer allgemeinen Staatenverſammlung neue nund menſchlichere verfaſſen zu laſſen. Unterdeſſen aber, bis der „Koͤnig ſeine Entſchließung kund gethan, moͤchte man die Edicte nruhen laſſen und die Inquiſition außer Wirkſamkeit ſetzen. „Gaͤbe man,“ ſchloſſen ſie,„ihrem demuͤthigen Geſuch kein „Gehoͤr, ſo nehmen ſie Gott, den Koͤnig, die Regentin und nalle ihre Raͤthe zu Zeugen, daß ſie das Ihrige gethan, wenn „es ungluͤcklich ginge.“ ⁴) Den folgenden Tag erſchienen die Verbundenen in eben dem⸗ ſelben Aufzuge, aber in noch groͤßerer Anzahl(die Grafen von Bergen und Kuilemburg waren mit ihrem Anhange unter⸗ deſſen zu ihnen geſtoßen), vor der Regentin, um ihre Reſo⸗ lution in Empfang zu nehmen. Sie war an den Rand der Bittſchrift geſchrieben, und enthielt:„Die Inquiſition und die „Edicte ganz ruhen zu laſſen, ſtehe nicht in ihrer Gewalt; doch „wolle ſie, dem Wunſche der Verbundenen gemaͤß, Einen aus „dem Adel nach Spanien ſenden, und ihr Geſuch bei dem Koͤ⸗ „nige nach allen Kraͤften unterſtuͤtzen. Einſtweilen ſolle den In⸗ „quiſitoren empfohlen werden, ihr Amt mit Maͤßigung zu ver⸗ „walten; dagegen aber erwarte ſie von dem Bunde, daß er ſich „aller Gewaltthaͤtigkeiten enthalten, und nichts gegen den ka⸗ „tholiſchen Glauben unternehmen werde.“ So wenig dieſe all⸗ gemeine und ſchwankende Zuſage die Verbundenen befriedigte, ſo war ſie doch Alles, was ſie mit irgend einem Scheine von Wahrſcheinlichkeit fuͤrs erſte hatten erwarten konnen. Die Ge⸗ waͤhrung oder Nichtgewaͤhrung der Bittſchrift hatte mit dem eigentlichen Zwecke des Buͤndniſſes nichts zu ſchaffen. Genug fuͤr jetzt, daß es uͤberhaupt nur errichtet war; daß nunmehr etwas —ę—ę—·———— ¹) Hopper. 74. Burg. 162. 166. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 15 226 vorhanden war, wodurch man die Regierung, ſo oft es noͤthig war, in Furcht ſetzen konnte. Die Verbundenen handelten alſo ihrem Plane gemaͤß, daß ſie ſich mit dieſer Antwort beruhigten und das Uebrige auf die Entſcheidung des Koͤnigs ankommen ließen. Wie uͤberhaupt das ganze Gaukelſpiel dieſer Bittſchrift nur erfunden geweſen war, die verwegenern Plane des Bundes hinter dieſer Supplicantengeſtalt ſo lange zu verbergen, bis er genugſam zu Kraͤften wuͤrde gekommen ſeyn, ſich in ſeinem wahren Lichte zu zeigen; ſo mußte ihnen weit mehr an der Haltbarkeit dieſer Maske, und weit mehr an einer guͤnſtigen Aufnahme der Bittſchrift, als an einer ſchnellen Gewaͤhrung liegen. Sie drangen daher in einer neuen Schrift, die ſie drei Tage darauf uͤbergaben, auf ein ausdruͤckliches Zeugniß der Regentin, daß ſie nichts als ihre Schuldigkeit ge⸗ than, und daß nur Dienſteeifer fuͤr den Koͤnig ſie geleitet habe. Als die Herzogin einer Erklaͤrung auswich, ſchickten ſie noch von der Treppe Jemand an ſie ab, der dieſes Geſuch wiederholen ſollte.„Die Zeit allein und ihr kuͤnftiges „Betragen,“ antwortete ſie dieſem,„wuͤrden ihrer Abſichten „Richter ſeyn.“¹) Gaſtmaͤhler gaben dem Bunde ſeinen Urſprung, und ein Gaſtmahl gab ihm Form und Vollendung. An dem nämlichen Tage, wo die zweite Bittſchrift eingereicht wurde, tractirte Brederode die Verſchwornen im Kuilemburgiſchen Hauſe; gegen 300 Gaͤſte waren zugegen; die Trunkenheit machte ſie muthwillig, und ihre Bravour ſtieg mit ihrer Menge. Hier nun erinnerten ſich Einige, daß ſie den Grafen von Barlai⸗ mont der Regentin, die ſich bei Ueberreichung der Bittſchriften zu entfaͤrben ſchien, auf franzoͤſiſch hatten zuftuſtern hoͤren: ¹) Hopper.§. 94. Strada 127. 227 „Sie ſolle ſich vor einem Haufen Bettler(Gueux) nicht „fürchten.“ Wirklich war auch der groͤßte Theil unter ihnen durch eine ſchlechte Wirthſchaft ſo weit herabgekommen, daß er dieſe Benennung nur zu ſehr rechtfertigte. Weil man eben um einen Namen der Bruͤderſchaft verlegen war, ſo haſchte man dieſen Ausdruck begierig auf, der das Vermeſſene des Unter⸗ nehmens in Demuth verſteckte, und der zugleich am wenigſten von der Wahrheit entfernte. Sogleich trank man einander un⸗ ter dieſem Namen zu, und: es leben die Geuſenl wurde mit allgemeinem Geſchrei des Beifalls gerufen. Nach aufge⸗ hobener Tafel erſchien Brederode mit einer Taſche, wie die herumziehenden Pilger und Bettelmoͤnche ſie damals trugen, hing ſie um den Hals, trank die Geſundheit der ganzen Tafel aus einem hoͤlzernen Becher, dankte Allen fuͤr ihren Beitritt zum Bunde, und verſicherte hoch, daß er fuͤr Jeden unter ihnen bereit ſtehe, Gut und Blut zu wagen. Alle riefen mit lauter Stimme ein Gleiches, der Becher ging in der Runde herum, und ein Jedweder ſprach, indem er ihn an den Mund ſetzte, dasſelbe Geluͤbde nach. Nun empfing Einer nach dem Andern die Bettlertaſche, und hing ſie an einem Nagel auf, den er ſich zugeeignet hatte. Der Laͤrm, den dieſes Poſſenſpiel verurſachte, zog den Prinzen von O ranien, die Grafen von Egmont und von Hoorn, die der Zufall ſo eben vorbei⸗ fuͤhrte, in das Haus, wo ihnen Brederode, als Wirth vom Hauſe, ungeſtuͤm zuſetzte, zu bleiben und ein Glas mitzutrinken. ¹) —— ¹)„Aber,“ verſicherte nachher Egmont in ſeiner Verantwortungs⸗ ſchrift,„wir tranken nur ein einziges kleines Glas, und dabei „ſchrien ſie: es lebe der Koͤnig und es leben die Geuſen! Es „war dieß zum erſtenmal, daß ich dieſe Benennung hoͤrte, und „gewiß, ſie mißfiel mir. Aber die Zeiten waren ſo ſchlimm, daß „man Manches gegen ſeine Neigung mitmachen mußte, und ich + 228 Die Ankunft dieſer drei wichtigen Maͤnner erneuerte den Jubel der Gaͤſte, und ihre Freude fing an bis zur Ausgelaſſenheit zu ſteigen. Viele wurden betrunken; Gaͤſte und Aufwaͤrter ohne Unter⸗ ſchied, Ernſthaftes und Poſſierliches, Sinnentaumel und Ange⸗ legenheit des Staats vermengten ſich auf eine burleske Art mit einander, und die allgemeine Noth des Landes hereitete ein Bacchanal. Hierbei blieb es nicht allein; was man im Rauſche beſchloſſen hatte, fuͤhrte man nuͤchtern aus. Das Daſeyn ſeiner Beſchuͤtzer mußte dem Volke verſinnlicht, und der Eifer der Partei durch ein ſichtbares Zeichen in Athem erhalten werden; dazu war kein beſſeres Mittel, als dieſen Namen der Genſen oͤffentlich zur Schau zu tragen, und die Zeichen der Verbruͤderung davon zu entlehnen. In wenig Tagen wimmelte die Stadt Bruͤſſel von aſchgrauen Kleidern, wie man ſie an Bettelmoͤnchen und Buͤßenden ſah. Die ganze Familie mit dem Hausgeſinde eines Verſchwornen warf ſich in dieſe Ordenstracht. Einige fuͤhrten hoͤlzerne Schuͤſſeln mit duͤnnem Silberblech uͤber⸗ zogen, eben ſolche Becher, oder auch Meſſer, den ganzen Haus⸗ rath der Bettlerzunft, an den Huͤten, oder ließen ſie an dem Guͤrtel herunterhaͤngen. Um den Hals hingen ſie eine goldene oder ſilberne Muͤnze, nachher der Geuſenpfennig genannt, deren eine Seite das Bruſtbild des Koͤnigs zeigte, mit der Inſchrift: Dem Koͤnige getreu. Auf der andern ſah man zwei zu⸗ ſammengefaltete Haͤnde, die eine Provianttaſche hielten, mit den Worten: Bis zum Bettelſack. Daher ſchreibt ſich der Name der Geuſen, den nachher in den Niederlanden alle die⸗ jenigen trugen, welche vom Papſtthum abfielen, und die Waffen gegen den Koͤnig ergriffen. ¹) „glaubte eine unſchuldige Handlung zu thun.“ Procès criminels des Comtes d'Egmont etc. T. I. Egmonts Verantwortung. 1) Hopper.§. 94. Strada 127— 130. Burgund. 185, 187. 229 Ehe die Verbundenen auseinander gingen, um ſich in den Provinzen zu zerſtreuen, erſchienen ſie noch einmal vor der Herzogin, um ſie in der Zwiſchenzeit, bis die Antwort des Koͤnigs aus Spanien anlangte, zu einem gelinden Verfahren gegen die Ketzer zu ermahnen, damit es mit dem Volke nicht aufs Aeußerſte kaͤme. Sollte aber, fuͤgten ſie hinzu, aus einem entgegengeſetzten Betragen Schlimmes entſtehen, ſo wollten ſie als Leute angeſehen ſeyn, die ihre Pflicht gethan haͤtten. Darauf erwiederte die Regentin: ſie hoffe ſolche Maßregeln zu ergreifen, daß keine Unordnung vorfallen koͤnnte; geſchehe dieſes aber dennoch, ſo wuͤrde ſie es Niemand anders als den Verbundenen zuzuſchreiben haben. Sie ermahne ſie alſo ernſtlich, auch ihren Verheißungen gleichfalls nachzukommen, vorzuͤglich aber keine neuen Mitglieder mehr in ihren Bund aufzunehmen, keine Privatzuſammenkuͤnfte mehr zu halten, und uͤberhaupt keine Neuerung anzufangen. Um ſie einſtweilen zu beruhigen, wurde dem Geheimſchreiber Berti befohlen, ihnen die Briefe vorzuzeigen, worin man den Inquiſitoren und weltlichen Rich⸗ tern Maͤßigung gegen alle diejenigen empfahl, die ihre ketzeriſche Verſchuldung durch kein buͤrgerliches Verbrechen erſchwert haben wuͤrden. Vor ihrem Abzug aus Bruͤſſel ernannten ſie noch vier Vorſteher aus lhrer Mitte, ¹) welche die Angelegenheiten des Bundes beſorgen mußten; und noch uͤberdieß eigene Geſchaͤfts⸗ verweſer fuͤr jede Provinz. In Bruͤſſel ſelbſt wurden einige zuruͤckgelaſſen, um auf alle Bewegungen des Hofes ein wachſames Auge zu haben. Brederode, Kuilemburg und Bergen verließen endlich die Stadt, von 550 Reitern begleitet, begruͤßten ſie noch einmal außerhalb der Mauern mit Musketenfeuer, und —— 4) Burgundius gibt zwoͤlf ſolcher Vorſteher an, welche das Volk ſpottweiſe die zwoͤlf Apoſtel genannt haben ſoll. 188. 230 ſchieden dann von einander, Brederode nach Antwerpen, die beiden Andern nach Geldern. Dem Erſten ſchickte die Regentin einen Eilboten nach Antwerpen voran, der den Magiſtrat dieſer Stadt vor ihm warnen ſollte; uͤber tauſend Menſchen draͤngten ſich um das Hotel, wo er abgeſtiegen war. Er zeigte ſich, ein volles Weinglas in der Hand, am Fenſter;„Buͤrger von Ant⸗ „werpen,“ redete er ſie an,„ich bin hier, mit Gefahr meiner „Guͤter und meines Lebens, euch die Laſt der Inguiſition abzu⸗ „nehmen. Wollt ihr dieſe Unternehmung mit mir theilen und „zu eurem Fuͤhrer mich erkennen, ſo nehmt die Geſundbheit „an, die ch euch hier zutrinke, und ſtreckt zum Zeichen eures „Beifalls die Haͤnde empor.“ Damit trank er, und alle Haͤnde flogen unter laͤrmendem Jubelgeſchrei in die Hoͤhe. Nach dieſer Heldenthat verließ er Antwerpen. ¹) Gleich nach Uebergebung der Bittſchrift der Edeln hatte die Regentin durch den geheimen Rath eine neue Formel der Edicte entwerfen laſſen, die zwiſchen den Mandaten des Koͤnigs und den Forderungen der Verbundenen gleichſam die Mitte halten ſollte. Die Frage war nun, ob es rathſamer ſey, dieſe Milde⸗ rung oder Moderation, wie ſie gewoͤhnlich genannt wurde, geradezu abkuͤndigen zu laſſen, oder ſie dem Koͤnige erſt zur Genehmhaltung vorzulegen. ²) Der geheime Rath, der es fuͤr zu gewagt hielt, einen ſo wichtigen Schritt ohne Vorwiſſen, ja gegen die ausdruͤckliche Vorſchrift des Monarchen zu thun, wider⸗ ſetzte ſich dem Prinzen von Oranien, der fuͤr das Erſte ſtimmte. Außerdem hatte man Grund zu fuͤrchten, daß die Nation mit dieſer Moderation nicht einmal zufrieden ſeyn werde, die ohne Zuziehung der Staͤnde, worauf man doch eigentlich 4) Strada 151. 2) Hopper.§. 95.— dringe, verfaßt ſey. Um nun den Staͤnden ihre Bewilligung abzugewinnen, oder vielmehr abzuſtehlen, bediente ſich die Re⸗ gentin des Kunſtgriffs, eine Landſchaft nach der andern ein⸗ zeln, und diejenigen, welche die wenigſte Freiheit hatten, wie Artois, Hennegau, Namur und Luxemburg, zuerſt zu befragen, wodurch ſie nicht nur vermied, daß eine der andern zur Wider⸗ ſetzlichkeit Muth machte, ſondern auch noch ſo viel gewann, daß die freiern Provinzen, wie Flandern und Brabant, die man weislich bis zuletzt aufſparte, ſich durch das Beiſpiel der andern hinreißen ließen.) Zufolge eines aͤußerſt geſetzwidrigen Ver⸗ fahrens uͤberraſchte man die Bevollmaͤchtigten der Staͤdte, ehe ſie ſich noch an ihre Gemeinheiten wenden konnten, und legte ihnen uͤber den ganzen Vorgang ein tiefes Stillſchweigen auf. Dadurch erhielt die Regentin, daß einige Landſchaften die Mo⸗ deration unbedingt, andere mit wenigen Zuſaͤtzen gelten ließen. Luremburg und Namur unterſchrieben ſie ohne Bedenken. Die Staͤnde von Artois machten noch den Zuſatz, daß falſche An⸗ geber dem Rechte der Wiedervergeltung unterworfen ſeyn ſollten; die von Hennegau verlangten, daß ſtatt Einziehung der Guͤter, die ihren Privilegien widerſtreite, eine andere willkuͤrliche Strafe eingefuͤhrt wuͤrde. Flandern forderte die gaͤnzliche Aufhebung der Inquiſition, und wollte den Angeklagten das Recht, an ihre Provinz zu appelliren, geſichert haben. Brabants Staͤnde ließen ſich durch die Raͤnke des Hofs uͤberliſten. Seeland, Holland, Utrecht, Geldern und Friesland, als welche durch die wichtigſten Privilegien geſchuͤtzt waren, und mit der meiſten Eiferſucht dar⸗ uͤber wachten, wurden niemals um ihre Meinung befragt. Auch den Gerichtshoͤfen der Provinzen hatte man ein Bedenken uͤber die neuentworfene Milderung abgefordert, aber es duͤrfte wohl ¹) Grot. 22. Burgund. 196. 197 sq. 23²2 nicht ſehr guͤnſtig gelautet haben, weil es niemals nach Spanien kam. ¹) Aus dem Hauptinhalte dieſer Milderung, die ihren Namen doch in der That verdiente, laͤßt ſich auf die Edicte ſelbſt ein Schluß machen.„Die Schriftſteller der Secten,“ hieß es darin,„ihre Vorſteher und Lehrer, wie auch die, welche einen „won dieſen beherbergten, ketzeriſche Zuſammenkuͤnfte befoͤrderten „und verhehlten, oder irgend ſonſt ein oͤffentliches Aergerniß „gaͤben, ſollten mit dem Galgen beſtraft, und ihre Guͤter(wo „die Landesgeſetze es naͤmlich erlaubten) eingezogen werden; „ſchwuͤren ſie aber ihre Irrthuͤmer ab, ſo ſollten ſie mit der „Strafe des Schwerts davon kommen und ihre Verlaſſenſchaft „ihrer Familie bleiben.“ Eine grauſame Schlinge fuͤr die elter⸗ liche Liebe! Leichten und bußfertigen Ketzern, hieß es ferner, koͤnne Gnade widerfahren; unbußfertige ſollten das Land raͤu⸗ men, jedoch ohne ihre Guͤter zu verlieren, es ſey denn, daß ſie ſich durch Verfuͤhrung Anderer dieſes Vorrechts beraubten. Von dieſer Wohlthat waren jedoch die Wiedertaͤufer aus⸗ geſchloſſen, die, wenn ſie ſich nicht durch die gruͤndlichſte Buße loskauften, ihrer Guͤter verluſtig erklaͤrt, und, wenn ſie Relapſen, d. i. wiederabgefallene Ketzer waͤren, ohne Barmherzigkeit hin⸗ gerichtet werden ſollten. 2) Die mehrere Achtung fuͤr Leben und Eigenthum, die man in dieſen Verordnungen wahrnimmt, und leicht verſucht werden moͤchte, einer anfangenden Sinnes⸗ aͤnderung des ſpaniſchen Miniſteriums zuzuſchreiben, war nichts als ein nothgedrungener Schritt, den ihm die ſtandhafte Wider⸗ ſetzlichkeit des Adels erpreßte. Auch war man in den Nieder⸗ landen von dieſer Moderation, die im Grunde keinen ein⸗ zigen weſentlichen Mißbrauch abſtellte, ſo wenig erbaut, 1) A. G. d. v. N. III. 72. 2) Burg. 190— 193. 233 daß das Volk ſie in ſeinem Unwillen anſtatt Moderation (Milderung) Moorderation, d. i. Moͤrderung, nannte. ¹) Nachdem man auf dieſem Wege den Staͤnden ihre Ein⸗ willigung dazu abgelockt hatte, wurde die Milderung dem Staatsrathe vorgelegt, und, von ihm unterſchrieben, an den Koͤnig nach Spanien geſendet, um nunmehr durch ſeine Ge⸗ nehmigung eine geſetzliche Kraft zu empfangen. ²) Die Geſandtſchaft nach Madrid, woruͤber man mit den Ver⸗ ſchwornen uͤbereingekommen war, wurde anfaͤnglich dem Marquis von Bergen’) aufgetragen, der ſich aber aus einem nur zu gegruͤndeten Mißtrauen in die gegenwaͤrtige Dispoſition des Koͤnigs, und weil er ſich mit dieſem delicaten Geſchaͤfte allein nicht befaſſen wollte, einen Gehuͤlfen ausbat. Er bekam ihn in dem Baron von Montigny, der ſchon ehedem zu demſelben Ge⸗ ſchaͤfte gebraucht worden war, und es ruͤhmlich beendigt hatte. Da ſich aber waͤhrend dieſer Zeit die Umſtaͤnde ſo gar ſehr ver⸗ aͤndert hatten, und er wegen ſeiner zweiten Aufnahme in Madrid in gerechter Beſorgniß war, ſo machte er ſeiner mehrern Sicherheit wegen mit der Herzogin aus: daß ſie vorlaͤufig dar⸗ uͤber an den Monarchen ſchreiben moͤchte, unterdeſſen er mit ſeinem Geſellſchafter langſam genug reiſen wuͤrde, um von der Antwort des Koͤnigs noch unterwegs getroffen zu werden. Sein guter Genius, der ihn, wie es ſchien, von dem ſchrecklichen Schickſale, das in Madrid auf ihn wartete, zuruͤckreißen wollte, ſtoͤrte ſeine Reiſe noch durch ein unvermuthetes Hinderniß, indem 4) A. G. d. v. N. 72. 2) Vigl. ad Hopper. VII. Brief. ³) Dieſer Marquis von Bergen iſt von dem Grafen Wilhelm von Bergen zu unterſcheiden, der von den Erſten geweſen war, die den Compromiß unterſchrieben. Vigl. ad Hopper. VII. Brief. 234 der Marquis von Bergen durch eine Wunde, die er beim Ballſchlagen empfing, außer Stand geſetzt wurde, ſie ſogleich mit ihm anzutreten. Nichtsdeſtoweniger machte er ſich, weil die Regentin ihm anlag, zu eilen, allein auf den Weg, nicht aber, wie er hoffte, die Sache ſeines Volks in Spanien durch⸗ zuſetzen, ſondern dafuͤr zu ſterben. ¹) Die Stellung der Dinge hatte ſich nunmehr ſo veraͤndert, und der Schritt, den der Adel gethau, einen voͤlligen Bruch mit der Regierung ſo nahe herbeigebracht, daß es dem Prinzen von Oranien und ſeinen Freunden fortan unmoͤglich ſchien, das mittlere, ſchonende Verhaͤltniß, das ſie bis jetzt zwiſchen der Republik und dem Hofe beobachtet hatten, noch laͤnger beizubehalten und ſo widerſprechende Pflichten zu vereinigen. So viel Ueberwindung es ihnen bei ihrer Denkart ſchon koſten mußte, in dieſem Streite nicht Partei zu nehmen; ſo ſehr ſchon ihr natuͤrlicher Freiheitsſinn, ihre Vaterlands⸗ liebe und ihre Begriffe von Duldung unter dem Zwange litten, den ihr Poſten ihnen auferlegte: ſo ſehr mußte das Miß⸗ trauen Philipps gegen ſie, die wenige Achtung, womit ihr Gutachten ſchon ſeit langer Zeit pflegte aufgenommen zu wer⸗ den, und das zuruͤckſetzende Betragen, das ihnen von der Her⸗ zogin widerfuhr, ihren Dienſteifer erkaͤlten, und ihnen die Fortſetzung einer Rolle erſchweren, die ſie mit ſo vielem Wider⸗ willen und ſo wenigem Danke ſpielten. Dazu kamen noch ver⸗ ſchiedene Winke aus Spanien, welche den Unwillen des Koͤnigs uͤber die Bittſchrift des Adels und ſeine wenige Zufriedenheit mit ihrem eigenen Betragen bei dieſer Gelegenheit außer Zweifel ſetzten, und Maßregeln von ihm erwarten ließen, zu denen ſie, als Stuͤtzen der vaterlaͤndiſchen Freiheit und groͤßtentheils als 1) Strad. 155. 134. 235 Freunde oder Blutsverwandte der Verbundenen, nie wuͤrden die Hand bieten koͤnnen.) Von dem Namen, den man in Spanien der Verbindung des Adels beilegte, hing es uͤberhaupt nun ab, welche Partei ſie kuͤnftig zu nehmen hatten. Hieß die Vittſchrift Empoͤrung, ſo blieb ihnen keine andere Wahl, als entweder mit dem Hofe vor der Zeit zu einer bedenklichen Er⸗ klaͤrung zu kommen, oder diejenigen feindlich behandeln zu helfen, deren Intereſſe auch das ihrige war, und die nur aus ihrer Seele gehandelt hatten. Dieſer mißlichen Alternative konnten ſie nur durch eine gaͤnzliche Zuruͤckziehung von Geſchaͤften aus⸗ weichen; ein Weg, den ſie zum Theil ſchon einmal erwaͤhlt hatten, und der unter den jetzigen Umſtaͤnden mehr als eine bloße Nothhuͤlfe war. Auf ſie ſah die ganze Nation. Das unumſchraͤnkte Vertrauen in ihre Geſinnungen, und die all⸗ gemeine Ehrfurcht gegen ſie, die nahe an Anbetung graͤnzte, adelte die Sache, die ſie zu der ihrigen machten, und richtete die zu Grunde, die ſie verließen. Ihr Antheil an der Staats⸗ verwaltung, wenn er auch mehr nicht als bloßer Name war, hielt die Gegenpartei im Zuͤgel; ſo lange ſie dem Senate noch beiwohnten, vermied man gewaltſame Wege, weil man noch etwas von dem Wege der Guͤte erwartete. Ihre Mißbilligung, ſelbſt wenn ſie ihnen auch nicht von Herzen ging, machte die Faction muthlos und unſicher, die ſich im Gegentheil in ihrer ganzen Staͤrke aufraffte, ſobald ſie, auch nur entfernt, auf einen ſo wichtigen Beifall rechnen durfte. Dieſelben Maßregeln der Regierung, die, wenn ſie durch ihre Haͤnde gingen, eines guͤnſtigen Erfolgs gewiß waren, mußten ohne ſie verdaͤchtig und unnutz werden; ſelbſt die Nachgiebigkeit des Koͤnigs, wenn ſie nicht das Werk dieſer Volksfreunde war, mußte den beſten — 1) Meteren 81. 236 Theil ihrer Wirkung verfehlen. Außerdem, daß ihre Zuruͤck⸗ ziehung von Geſchaͤften die Regentin zu einer Zeit von Rath entbloͤßte, wo Rath ihr am unentbehrlichſten war, gab dieſe Zuruͤckziehung noch zugleich einer Partei das Uebergewicht, die, von einer blinden Anhaͤnglichkeit an den Hof geleitet, und un⸗ bekannt mit den Eigenheiten des republicaniſchen Charakters, nicht unterlaſſen haben wuͤrde, das Uebel zu verſchlimmern und die Erbitterung der Gemuͤther aufs Aeußerſte zu treiben. Alle dieſe Gruͤnde, unter denen es Jedem freigeſtellt iſt, nach ſeiner guten oder ſchlimmen Meinung von dem Prinzen, denjenigen herauszuſuchen, der bei ihm vorgewaltet haben moͤchte, bewogen ihn jetzt, die Regentin im Stiche zu laſſen und ſich aller Staatsgeſchaͤfte zu begeben. Die Gelegenheit, dieſen Vorſatz ins Werk zu richten, fand ſich bald. Der Prinz hatte fuͤr die ſchleunige Bekanntmachung der neuveraͤnderten Edicte geſtimmt; die Statthalterin folgte dem Gutachten des geheimen Raths, und ſandte ſie zuvor an den Koͤnig.„Ich nſehe nun deutlich,“ brach er mit verſtellter Heftigkeit aus, daß „allen Rathſchlaͤgen, die ich gebe, mißtraut wird. Der Koͤnig „bedarf keiner Diener, deren Treue er bezweifeln muß, und „ferne ſey es von mir, meinem Herrn Dienſte auſzudringen, „die ihm zuwider ſind. Beſſer alſo fuͤr ihn und mich, ich ent⸗ „ziehe mich dem gemeinen Weſen.“ ³) Das Naͤmliche ungefaͤhr — aͤußerte der Graf von Hoorn; Egmont bat um Urlaub, die Baͤder in Aachen zu gebrauchen, die der Arzt ihm verordnet habe, wiewohl er(heißt es in ſeiner Anklage) ausſah wie die Geſundheit. Die Regentin, von den Folgen erſchreckt, die dieſer Schritt unvermeidlich herbeifuͤhren mußte, redete ſcharf mit dem Prinzen.„Wenn weder meine Vorſtellungen, noch das ge⸗ 1¹) Burgund. 189. 237 „meine Beſte ſo viel uͤber Sie vermöͤgen, Sie von dieſem Vor⸗ ſatze zuruͤckzubringen, ſo ſollten Sie wenigſtens Ihres eigenen „Nufes mehr ſchonen. Ludwig von Naſſau iſt Ihr Bruder. „Er und Graf Brederode, die Haͤupter der Verſchwoͤrung, „ſind oͤffentlich Ihre Gaͤſte geweſen. Die Bittſchrift enthaͤlt „dasſelbe, wovon alle Ihre Vorſtellungen im Staatsrathe bis⸗ „iher gehandelt haben. Wenn Sie nun ploͤtzlich die Sache Ihres „Koͤnigs verlaſſen, wird es nicht allgemein heißen, daß Sie die „Verſchwoͤrung beguͤnſtigen?“ Es wird nicht geſagt, ob der Prinz dießmal wirklich aus dem Staatsrathe getreten iſt; iſt er es aber, ſo muß er ſich bald eines Andern beſonnen haben, weil wir ihn kurz nachher wieder in oͤffentlichen Geſchaͤften erblicken. Egmont, ſcheint es, ließ ſich von den Vorſtellungen der Re⸗ gentin beſiegen; Hoorn allein zog ſich wirklich auf eines ſeiner Guter zuruͤck, des Vorſatzes, weder Kaiſern noch Konigen mehr zu dienen. ¹) Unterdeſſen hatten ſich die Geuſen durch alle Provinzen zer⸗ ſtreut, und wo ſie ſich zeigten, die guͤnſtigſten Nachrichten von dem Erfolge ihres Unternehmens verbreitet. Ihren Verſiche⸗ rungen nach war fuͤr die Religionsfreiheit Alles gewonnen, und dieſen Glauben recht zu befeſtigen, halfen ſie ſich, wo die Wahrheit nicht ausreichte, mit Luͤgen. So zeigten ſie zum Beiſpiel eine nachgemachte Schrift der Ritter des Vließes vor, worin dieſe feierlich erklaͤrten, daß kuͤnftighin Niemand weder Gefaͤngniß, noch Landesverweiſung, noch den Tod, der Re⸗ ligion wegen, zu fuͤrchten haben ſollte, er haͤtte ſich denn zu⸗ gleich eines politiſchen Verbrechens ſchuldig gemacht, in welchem Falle gleichwohl die Verbundenen allein ſeine Richter ſeyn wuͤr⸗ ¹) Wo er drei Monate außer Thaͤtigkeit blieb. Hoorns An⸗ klage. 118. 238 den; und dieß ſollte gelten, bis der Koͤnig mit den Staͤnden des Reichs anders daruͤber verfuͤgte. So ſehr es ſich die Ritter, auf die erſte Nachricht von dem geſpielten Betruge, angelegen ſeyn ließen, die Nation aus ihrer Taͤuſchung zu reißen, ſo wichtige Dienſte hatte dieſe Erfindung der Faction in dieſer kurzen Zeit ſchon geleiſtet. Wenn es Wahrheiten gibt, deren Wirkung ſich auf einen bloßen A ugenblick einſchraͤnkt, ſo koͤnnen Erdichtungen, die ſich nur dieſen Augenblick lang halten, gar leicht ihre Stelle vertreten. Außerdem, daß das ausgeſtreute Geruͤcht zwiſchen der Statthalterin und den Rittern Mißtrauen erweckte und den Muth der Proteſtanten durch neue Hoffnungen aufrichtete, ſpielte es denen, welche uͤber Neue⸗ rungen bruͤteten, einen Schein von Recht in die Haͤnde, der, wenn ſie auch ſelbſt nicht daran glaubten, ihrem Verfahren zu einer Beſchoͤnigung diente. Wenn dieſer faͤlſchliche Wahn auch noch ſo bald widerrufen ward, ſo mußte er doch in dem kurzen Zeitraume, wo er Glauben fand, ſo viele Ausſchweifun⸗ gen veranlaßt, ſo viel Zuͤgelloſigkeit und Licenz eingefuͤhrt haben, daß der Ruͤckzug unmoͤglich werden, daß man den Weg, den man einmal betreten, aus Gewohnheit ſowohl, als aus Ver⸗ zweiflung fortzuwandeln ſich genoͤthigt ſehen mußte. ¹) Gleich auf die erſte Zeitung dieſes gluͤcklichen Erfolgs fanden ſich die gefluͤchteten Proteſtanten in ihrer Heimath wieder ein, von der ſie ſich nur ungern geſchieden hatten; die ſich verſteckt hatten, traten aus ihren Schlupfwinkeln heraus; die der neuen Religion bisher nur in ihren Herzen gehul gt hatten, herzhaft gemacht durch dieſe Duldungsacte, ſchenkten ſich ihr jetzt oͤffentlich und laut.) Der Name der Geuſen wurde hochgeruͤhmt in allen 1) Strada 132. 153. ²) Grot. 22. 239 Provinzen; man nannte ſie die Stuͤtzen der Religion und Frei⸗ heit; ihre Partei wuchs mit jedem Tage, und viele Kaufleute fingen an, ihre Inſignien zu tragen. Dieſe letzteren brachten auf dem Geuſenpfennige noch die Veraͤnderung an, daß ſie zwei kreuzweis gelegte Wanderſtaͤbe darauf ſetzten, gleichſam um anzudenten, daß ſie jeden Augenblick fertig und bereit ſtuͤnden, um der Religion willen Haus und Herd zu verlaſſen. Die Errichtung des Geuſenbundes hatte den Dingen eine ganz andere Geſtalt gegeben. Das Murren der Unterthanen, un⸗ maͤchtig und veraͤchtlich bis jetzt, weil es nur Geſchrei der Ein⸗ zelnen war, hatte ſich nunmehr in Einen Koͤrper furchtbar zu⸗ ſammengezogen, und durch Vereingung Kraft, Richtung und Stetigkeit gewonnen. Jeder aufruͤhreriſche Kopf ſah ſich jetzt als das Glied eines ehrwuͤrdigen und furchtbaren Ganzen an, und glaubte ſeine Verwegenheit zu ſichern, indem er ſie in dieſen Verſammlungsplatz des allgemeinen Unwillens niederlegte. Ein wichtiger Gewinn fuͤr den Bund zu heißen, ſchmeichelte dem Eitlen; ſich unbeobachtet und ungeſtraft in dieſem großen Strome zu verlieren, lockte den Feigen. Das Geſicht, welches die Verſchwoͤrung der Nation zeigte, war dem⸗ jenigen ſehr ungleich, welches ſie dem Hofe zugekehrt hatte. Waͤren ihre Abſichten auch die lauterſten geweſen, haͤtte ſie es wirklich ſo gut mit dem Throne gemeint, als ſie aͤußerlich ſcheinen wollte, ſo wuͤrde ſich der große Haufen dennoch nur an das Geſetzwidrige ihres Verfahrens gehalten haben, und ihr beſſerer Zweck gar nicht fuͤr ihn vorhanden geweſen ſeyn. Oeffentliche Predigten. Kein Zeitpunkt konnte den Hugenotten und den deutſchen Proteſtanten guͤnſtiger ſeyn, als dieſer, einen Abſatz ihrer ge⸗ faͤhrlichen Waare in den Niederlanden zu verſuchen. Jetzt wimmelte es in jeder anſehnlichen Stadt von verdaͤchtigen Ankoͤmmlingen, verkappten Kundſchaftern, von Ketzern aller Art und ihren Apoſteln. Drei Religionsparteien waren es, die unter allen, welche von der herrſchenden Kirche abwichen, erhebliche Fortſchritte in den Provinzen gemacht hatten. Friesland und die angraͤnzenden Landſchaften hatten die Wiedertaͤufer uͤberſchwemmt, die aber, als die Duͤrftigſten von Allen, ohne Obrigkeit, ohne Verfaſſung, ohne Kriegsmacht, und noch uͤber⸗ dieß unter ſich ſelbſt im Streite, die wenigſte Furcht erweckten. Von weit mehr Bedeutung waren die Calviniſten, welche die ſuͤdlichen Provinzen, und Flandern insbeſondere, inne hat⸗ ten, an ihren Nachbarn, den Hugenotten, der Republik Genf, den ſchweizeriſchen Kantons und einem Theile von Deutſchland maͤchtige Stuͤtzen fanden, und deren Religion, wenige Abaͤnde⸗ rungen ausgenommen, in England auf dem Throne ſaß. Ihr Anhang war der zahlreichſte von allen, beſonders unter der Kaufmannſchaft und den gemeinen Buͤrgern, und die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten hatten ihm groͤßtentheils die Entſtehung gegeben. An Anzahl und Reichthum wichen ihnen die Lutheraner, denen aber ein deſto groͤßerer Anhang 241 unter dem Adel Gewicht gab. Dieſe hatten vorzuͤglich den oͤſtlichen Theil der Niederlande, der an Deutſchland graͤnzt, in Beſitz; ihr Bekenntniß herrſchte in einigen nordiſchen Reichen; die maͤchtigſten Reichsfuͤrſten waren ihre Bundesgenoſſen, und die Religionsfreiheit dieſes Landes, dem auch die Niederlande durch den burgundiſchen Vergleich angehoͤrten, konnte mit dem beſten Scheine des Rechts von ihnen geltend gemacht werden. In Antwerpen war der Zuſammenfluß dieſer drei Religionen, weil die Volksmenge ſie hier verbarg, und die Vermiſchung aller Nationen in dieſer Stadt die Freiheit beguͤnſtigte. Dieſe drei Kirchen hatten nichts unter ſich gemein, als einen gleich unausloͤſchlichen Haß gegen das Papſtthum, gegen die Inquiſition insbeſondere und gegen die ſpaniſche Regierung, deren Werkzeug dieſe war; aber eben die Eiferſucht, womit ſie einander ſelbſt wechſelſeitig bewachten, erhielt ihren Eifer in Uebung, und ver⸗ hinderte, daß die Gluth des Fanatismus bei ihnen verglimmte. ¹) Die Statthalterin hatte, in Erwartung, daß die entworfene Moderation ſtatt haben wuͤrde, einſtweilen, um die Geuſen zu befriedigen, den Statthaltern und Obrigkeiten der Provinzen in den Proceduren gegen die Ketzer Maͤßigung empfohlen; ein Auftrag, den der groͤßte Theil von dieſen, der das traurige Strafamt nur mit Widerwillen verwaltete, begierig befolgte und in ſeiner weiteſten Bedeutung nahm. Die mehrſten von den vornehmſten Magiſtratsperſonen waren der Inquiſition und der ſpaniſchen Tyrannei von Herzen gram, und viele von ihnen ſogar ſelbſt einer oder der andern Religionspartei heimlich ergeben; die es auch nicht waren, goͤnnten ihren abgeſagten Feinden, den Spaniern, doch die Luſt nicht, ihre Landsleute ¹) Grot. 22. Strad. 156. Burg. 212. Schillers ſsmmtl. Werke. VIII. 16 242 mißhandelt zu ſehen. ¹) Sie verſtanden alſo die Regentin ab⸗ ſichtlich falſch, und ließen die Inquiſition, wie die Edicte, faſt ganz in Verfall gerathen. Dieſe Nachſicht der Regierung, mit den glaͤnzenden Vorſpiegelungen der Geuſen verbunden, lockte die Proteſtanten, die ſich ohnehin zu ſehr angehaͤuft hatten, um laͤnger verſteckt zu bleiben, aus ihrer Dunkelheit hervor. Bis jetzt hatte man ſich mit ſtillen naͤchtlichen Verſammlungen be⸗ gnuͤgt; nunmehr aber glaubte man ſich zahlreich und gefuͤrchtet genug, um dieſe Zuſammenkunfte auch oͤffentlich wagen zu koͤnnen. Dieſe Licenz nahm ihren erſten Anfang zwiſchen Oudenarde und Gent, und ergriff bald das ganze uͤbrige Flandern. Ein gewiſſer Hermann Stricker, aus Oberyſſel gebuͤrtig, vorzeiten Moͤnch und dem Kloſter entſprungen, ein verwegner Enthuſiaſt von faͤhigem Geiſt, impoſanter Figur und fertiger Zunge, iſt der Erſte, der das Volk zu einer Predigt unter freiem Himmel herausfuͤhrt. Die Neuheit des Unternehmens verſammelt einen Anhang von ſiebentauſend Menſchen um ihn her. Ein Richter der Gegend, der, herzhafter als klug, mit gezogenem Degen unter die Menge ſprengt, den Prediger in ihrer Mitte zu verhaften, wird von dem Volke, das in Er⸗ mangelung anderer Waffen nach Steinen greift, ſo uͤbel em⸗ pfangen, daß er, von ſchweren Wunden dahingeſtreckt, noch froh iſt, ſein Leben durch Bitten zu retten. ²) Der erſte gelungene 1) Grot. 29. Burgund 203. 204. 2²) Burgund. 213. 244. Dieſe unerhoͤrte Brutalitaͤt eines einzelnen Menſchen, mitten unter eine Schaar von ſiebentauſend tollkuͤhnen Menſchen, die durch gemeinſchaftliche Andacht noch mehr entzuͤndet ſind, zu dringen, um einen, den ſie anbeten, vor ihren Augen zum Gefangenen zu machen, beweist mehr als Alles, was man uͤber dieſe Materie ſagen kann, mit welch inſolenter Verachtung die damaligen Katholiken auf die ſogenannten Ketzer herabgeſehen habe moͤgen, die ſie als eine ſchlechtere Menſchenart betrachteten. 243 Verſuch macht zu dem zweiten Muth. In der Gegend von Aalſt verſammeln ſie ſich in noch groͤßerer Menge wieder; jetzt aber ſind ſie ſchon mit Rappieren, Feuergewehr und Hellebarden verſehen, ſtellen Poſten aus, und verrammeln die Zugaͤnge durch Karren und Wagen. Wen der Zufall hier voruͤberfuͤhrt, muß, gern oder ungern, an dem Gottesdienſte Theil nehmen, wozu beſondere Aufpaſſer beſtellt ſind. An dem Eingange haben ſich Buchhaͤndler gelagert, welche den proteſtantiſchen Katechismus, Erbauungsſchriften und Pasguille auf die Biſchoͤfe feil bieten. Der Apoſtel, Hermann Stricker, laͤßt ſich von einer Redner⸗ buͤhne hoͤren, die von Karren und Baumſtaͤmmen aus dem Stegreif aufgethuͤrmt worden. Ein daruͤber geſpanntes Segel⸗ tuch ſchutzt ihn vor Sonne und Regen; das Volk ſtellt ſich gegen die Windſeite, um ja nichts von ſeiner Predigt zu ver⸗ lieren, deren beſte Wuͤrze die Schmaͤhungen gegen das Papſt⸗ thum ſind. Man ſchoͤpft Waſſer aus dem naͤchſten Fluſſe, um die neugebornen Kinder, ohne weitere Ceremonie, wie in den erſten Zeiten des Chriſtenthums, von ihm taufen zu laſſen. Hier werden Sacramente auf calviniſche Art empfangen, Braut⸗ paare eingeſegnet und Ehen zerriſſen. Halb Gent war auf dieſe Art aus ſeinen Thoren gezogen; der Zug verbreitete ſich immer weiter und weiter, und hatte in kurzer Zeit ganz Oſtflandern uͤberſchwemmt. Weſtflandern brachte ein anderer abgefallener Moͤnch, Peter Dathen, aus Poperingen, gleichfalls in Be⸗ wegung; fuͤnfzehntauſend Menſchen draͤngten ſich aus Flecken und Doͤrfern zu ſeiner Predigt; ihre Anzahl macht ſie beherzt genug, mit ſtuͤrmender Hand in die Gefangniſſe zu brechen, wo einige Wiedertaͤufer zum Maͤrtyrertode aufgeſpart waren. Die Proteſtanten in Tournay wurden von einem gewiſſen Ambro⸗ ſius Ville, einem franzoͤſiſchen Calviniſten, zu gleichem Ueber⸗ muthe verhetzt. Sie dringen ebenfalls auf eine Losgebung ihrer 244 Gefangenen, und laſſen ſich oͤftere Drohungen entfallen, daß ſie die Stadt den Franzoſen uͤbergeben wuͤrden. Dieſe war ganz von Garniſon entbloͤßt, die der Commandant, aus Furcht vor Verraͤtherei, in das Caſtell gezogen hatte, und welche ſich noch außerdem weigerte, gegen ihre Mitbuͤrger zu agiren. Die Sectirer gingen in ihrem Uebermuthe ſo weit, daß ſie eine eigene oͤffent⸗ liche Kirche innerhalb der Stadt fuͤr ſich verlangten; da man ihnen dieſe verſagte, traten ſie in ein Buͤndniß mit Valenciennes und Antwerpen, um ihren Gottesdienſt nach dem Beiſpiele der uͤbrigen Staͤdte mit oͤffentlicher Gewalt durchzuſetzen. Dieſe drei Staͤdte ſtanden unter einander in dem genaueſten Zuſammen⸗ hange, und die proteſtantiſche Partei war in allen dreien gleich maͤchtig. Weil ſich jedoch keine getraute, den Tumult anzu⸗ fangen, ſo kamen ſie uͤberein, daß ſie zu gleicher Zeit mit den oͤffentlichen Predigten ausbrechen wollten. Brederode's Erſcheinung in Antwerpen machte ihnen endlich Muth. Sechs⸗ tauſend Menſchen brachen an dem naͤmlichen Tag, wo dasſelbe in Tournay und Valenciennes geſchah, aus der Stadt hinaus, Weiber und Maͤnner durcheinander; Muͤtter ſchleppten ihre ganz kleinen Kinder hinter ſich her. Sie ſchloſſen den Platz mit Wagen, die ſie zuſammenbanden, hinter welchen ſich Gewaffnete verſteckt hielten, um die Andacht gegen einen etwaigen Ueberfall zu decken. Die Prediger waren theils Deutſche, theils Huge⸗ notten, und redeten in walloniſcher Sprache; manche darunter waren aus dem gemeinſten Poͤbel, und Handwerker ſogar fuͤhlten ſich zu dieſem heiligen Werke berufen. Kein Anſehen der Obrig⸗ keit, kein Geſetz, keines Haͤſchers Erſcheinung ſchreckte ſie mehr. Viele zog bloße Neugier herbei, um doch zu hoͤren, was fuͤr neue und ſeltſame Dinge dieſe fremden Ankoͤmmlinge, die ſo viel Redens von ſich gemacht, auskramen wuͤrden. Andere lockte de Wohlklang der Pſalmen, die, wie es in Genf gebraͤuchlich 245 war, in franzoͤſiſchen Verſen abgeſungen wurden. Ein großer Theil wurde von dieſen Predigten wie von luſtigen Komoͤdien angezogen, in welchen der Papſt, die Vaͤter der Trientiſchen Kirchenverſammlung, das Fegfeuer und andere Dogmen der herrſchenden Kirche auf eine poſſierliche Art heruntergemacht wurden. Je toller dieſes zuging, deſto mehr kitzelte es die Ohren der Gemeinde, und ein allgemeines Haͤndeklatſchen, wie im Schauſpielhauſe, belohnte den Redner, der es dem andern an abenteuerlicher Uebertreibung zuvorgethan hatte. Aber das Laͤcherliche, das in dieſen Verſammlungen auf die herrſchende Kirche geworfen ward, ging deſſen ungeachtet in dem Gemuͤthe der Zuhoͤrer nicht ganz verloren, ſo wenig, als die wenigen Koͤrner von Vernunft, die gelegentlich mit unter⸗ liefen; und Mancher, der hier nichts weniger als Wahrheit geſucht hatte, brachte ſie vielleicht, ohne es ſelbſt zu wiſſen, mit zuruͤck. ¹) Dieſe Verſammlungen wurden mehrere Tage wiederholt, und mit jeder wuchs die Vermeſſenheit der Sectirer, bis ſie ſich endlich ſogar erlaubten, ihre Prediger nach vollbrachtem Gottesdienſte mit einer Escorte von gewaffneten Reitern im Triumphe heimzufuͤhren, und ſo das Geſetz durch Gepraͤnge zu verhoͤhnen. Der Stadtrath ſendet einen Eilboten nach dem andern an die Herzogin, um ſie zu einer perſoͤnlichen Ueber⸗ kunft, und, wo moͤglich, zur Reſidenz in Antwerpen zu ver⸗ moͤgen, als dem einzigen Mittel, den Trotz der Empoͤrer zu zuͤgeln, und dem gaͤnzlichen Verfalle der Stadt vorzubeugen; denn die vornehmſten Kaufleute, vor Pluͤnderung bange, ſtan⸗ den ſchon im Begriffe, ſie zu raͤumen. Furcht, das koͤnigliche Anſehen auf ein ſo gefaͤhrliches Spiel zu ſetzen, verbietet ihr 1) Strad. 152. Burgund. 220— 252. 246 zwar, dieſem Begehren zu willfahren, aber an ihrer Statt wird der Graf von Megen dahin geſendet, um mit dem Magiſtrate wegen Einfuͤhrung einer Garniſon zu unterhandeln. Der aufruͤhreriſche Poͤbel, dem der Zweck ſeiner Ankunft nicht lange verborgen bleibt, ſammelt ſich unter tumultuariſchem Geſchrei um ihn herum.„Man kenne ihn als einen geſchwore⸗ nen Feind der Geuſen,“ wurde ihm zugeſchrien;„er bringe Knechtſchaft und Inquiſition, und er ſolle unverzuͤglich die Stadt verlaſſen.“ Auch legte ſich der Tumult nicht, bis Megen wieder aus den Thoren war. Nun reichten die Cal⸗ viniſten dieſer Stadt bei dem Magiſtrate eine Schrift ein, worin ſie bewieſen, daß ihre große Menge es ihnen fernerhin unmoͤglich mache, ſich in der Stille zu verſammeln, und ein eignes Gotteshaus innerhalb der Stadt fuͤr ſich begehrten. Der Stadtrath erneuert ſeine Vorſtellungen an die Herzogin, daß ſie der bedraͤngten Stadt doch durch ihre perſoͤnliche Gegen⸗ wart zu Huͤlfe kommen, oder ihr wenigſtens den Prinzen von Oranien ſchicken moͤchte, als den Einzigen, fuͤr den das Volk noch einige Ruͤckſicht habe, und der noch uͤberdieß der Stadt Antwerpen durch den Erbtitel ihres Burggrafen verpflichtet ſey. Um das groͤßere Uebel zu vermeiden, mußte ſie in die zweite Forderung willigen, und dem Prinzen, ſo ſchwer es ihr auch fiel, Antwerpen anvertrauen. Dieſer, nachdem er ſich lange umſonſt hatte bitten laſſen, weil er einmal feſt entſchloſſen ſchien, an den Staatsgeſchaͤften ferner keinen Antheil zu neh⸗ men, ergab ſich endlich dem ernſtlichen Zureden der Regentin und den ungeſtuͤmen Wuͤnſchen des Volks. Brederode kam ihm eine halbe Meile von der Stadt mit großer Begleitung entgegen, und von beiden Seiten begruͤßte man einander mit Abfeuerung von Piſtolen. Antwerpen ſchien alle ſeine Ein⸗ wohner ausgegoſſen zu haben, um ſeinen Erretter zu empfangen. 247 Die ganze Heerſtraße wimmelte von Menſchen; die Daͤcher auf den Landhaͤuſern waren abgedeckt, um mehr Zuſchauer zu faſſen; hinter Zaͤunen, aus Kirchhofmauern, aus Graͤbern ſogar wuchſen Menſchen hervor. Die Zuneigung des Volks gegen den Prinzen zeigte ſich hier in kindiſchen Ergießungen.„Die Geuſen ſollen leben!“ ſchrie Jung und Alt ihm entgegen.— „Sehet hin,“ ſchrien Andere,„das iſt der, der uns Freiheit bringt!“— Der iſt's,“ ſchrien die Lutheraner,„der uns das Augsburgiſche Bekenntniß bringt!“—„Nun brauchen wir fortan keine Geuſen mehr!“ riefen Andere;„wir brauchen den muͤhſamen Weg nach Bruͤſſel nicht mehr. Er allein iſt uns Alles!“ Diejenigen, welche gar nichts zu ſagen wußten, mach⸗ ten ihrer ausgelaſſenen Freude in Pſalmen Luft, die ſie tumul⸗ tuariſch um ihn her anſtimmten. Er indeſſen verlor ſeinen Ernſt nicht, winkte Stillſchweigen um ſich her, und rief endlich, da ihm Niemand gehorchen wollte, zwiſchen Unwillen und Ruͤhrung:„Bei Gott,“ rief er,„ſie ſollten zuſehen, was ſie thaͤten, es wuͤrde ſie einmal reuen, was ſie jetzt gethan.“ ¹) Das Jauchzen mehrte ſich, als er in die Stadt ſelbſt eingeritten war. Gleich das erſte Beſprechen des Prinzen mit den Haͤup⸗ tern der verſchiedenen Religionsparteien, die er einzeln zu ſich kommen ließ und befragte, belehrte ihn, daß die Hauptauelle des Uebels in dem gegenſeitigen Mißtrauen der Parteien unter einander, und in dem Argwohne der Buͤrger gegen die Abſich⸗ ten der Regierung zu ſuchen ſey, und daß ſein erſtes Geſchaͤft alſo ſeyn muͤſſe, die Gemuͤther zu verſichern. Den Reformirten, als den maͤchtigſten an Anzahl, ſuchte er durch Ueberredung und Liſt die Waffen aus den Haͤnden zu winden, welches ihm endlich mit vieler Muͤhe gelang. Da aber bald darauf einige ¹) Strad. 158. 159. Burg. 255. 25/4. 248 Wagen mit Kriegsmunition in Mecheln geladen wurden, und der Droſſard von Brabant ſich in dem Gebiete von Antwerpen oͤfters mit Bewaffneten ſehen ließ, ſo fuͤrchteten die Calviniſten, bei ihrem Gottesdienſte feindlich geſtoͤrt zu werden, und lagen dem Prinzen an, ihnen innerhalb der Mauern einen Platz zu ihren Predigten einzuraͤumen, wo ſie vor einem Ueberfall ſicher ſeyn koͤnnten. ¹) Es gelang ihm noch einmal, ſie zu vertroͤſten, und ſeine Gegenwart hielt den Ausbruch des Tumults, ſogar waͤhrend des Feſtes von Maria Himmelfahrt, das eine Menge Volks nach der Stadt gezogen, und wovon man Alles be⸗ fuͤrchtet hatte, gluͤcklich zuruͤk. Das Marienbild wurde mit dem gewoͤhnlichen Gepraͤnge unangefochten herumgetragen; einige Schimpfworte und ein ganz ſtilles Murmeln von Goͤtzen⸗ dienſt war Alles, was ſich der unkatholiſche Poͤbel gegen die Proceſſion herausnahm.*) (1566). Indem die Regentin aus einer Provinz nach der andern die traurigſten Zeitungen von dem Uebermuthe der Proteſtanten erhaͤlt, und fuͤr Antwerpen zittert, das ſie in Oraniens gefaͤhrlichen Haͤnden zu laſſen gezwungen iſt, wird ſie von einer andern Seite her in nicht geringes Schrecken ge⸗ ſetzt. Gleich auf die erſten Nachrichten von den oͤffentlichen Predigten hatte ſie den Bund aufgerufen, ſeine Zuſagen jetzt zu erfuͤllen und ihr zu Wiederherſtellung der Ordnung huͤlfreiche Hand zu leiſten. Dieſen Vorwand gebrauchte Graf Brede⸗ rode, eine Generalverſammlung des ganzen Bundes auszu⸗ ſchreiben, wozu kein gefaͤhrlicherer Zeitpunkt als der jetzige haͤtte gewaͤhlt werden koͤnnen. Eine ſo prahleriſche Ausſtellung der innern Kraͤfte des Bundes, deſſen Daſeyn und Schutz allein den proteſtantiſchen Poͤbel ermuntert haben konnte, ſo weit zu 1) Meurs. Guil. Aur. Libr. I. 10. 11. 2²) Meteren. 85. Burgund. 234. 249 gehen, als er gegangen war, mußte jetzt in eben dem Grade die Zuverſicht der Sectirer erheben, als ſie den Muth der Regentin darniederſchlug. Der Convent kam in einer Luͤttichi⸗ ſchen Stadt, S. Trupen, zu Stande, wohin ſich Brederode und Ludwig von Naſſau an der Spitze von zweitauſend Verbundenen geworfen hatten. Da ihnen das lange Ausbleiben der koͤniglichen Antwort aus Madrid von dorther nicht viel Gutes zu weiſſagen ſchien, ſo achteten ſie auf alle Faͤlle fuͤr rathſam, einen Sicherheitsbrief fuͤr ihre Perſonen von der Herzogin zu erpreſſen. Diejenigen unter ihnen, die ſich einer unreinen Sympathie mit dem proteſtantiſchen Poͤbel bewußt waren, betrachteten ſeine Ausgelaſſenheit als ein guͤnſtiges Er⸗ eigniß fuͤr den Bund; das ſcheinbare Gluͤck derer, zu deren Gemeinſchaft ſie ſich herabſetzten, verfuͤhrte ſie, ihren Ton zu aͤndern; ihr vorhin ruhmwuͤrdiger Eifer fing an, in Inſolenz und Trotz auszuarten. Viele meinten, man ſolle die allge⸗ meine Verwirrung und die Verlegenheit der Herzogin nutzen, einen kuͤhnern Ton annehmen, und Forderung auf Forderung haͤufen. Die katholiſchen Mitglieder des Bundes, unter denen viele im Herzen noch ſehr koͤniglich dachten, und mehr durch Gelegenheit und Beiſpiel zu einem Antheil an dem Bunde hin⸗ geriſſen worden, als aus innerem Triebe dazu getreten waren, hoͤrten hier zu ihrem nicht geringen Erſtaunen eine allgemeine Religionsfreiheit in Vorſchlag bringen, und wurden jetzt mit Schrecken gewahr, in welch ein gefaͤhrliches Unternehmen ſie ſich uͤbereilter Weiſe verwickelt hatten. Gleich auf dieſe Entdeckung trat der junge Graf Mannsfeld zuruͤck; und eine innere Zwietracht fing jetzt ſchon an, das Werk der Eile zu unter⸗ graben, und die Fugen des Bundes unvermerkt aufzuloͤſen. ¹) —————- ¹1) Burgund. 255. Strada 140. 250 Graf von Egmont und Wilhelm von Oranien werden von der Regentin bevollmaͤchtigt, mit den Verbunde⸗ nen zu unterhandeln. Zwoͤlf von den Letztern, unter denen Ludwig von Naſſau, Brederode und Kuilemburg waren, beſprachen ſich mit ihnen in Duffle, einem Dorfe unweit Mecheln.„Wozu dieſer neue Schritt?“ ließ ihnen die Regentin durch den Mund dieſer Beiden entbieten.„Man „hat Geſandte nach Spanien von mir gefordert; ich habe ſie „dahin geſendet. Man hat die Edicte und Inquiſition allzu „ſtreng gefunden; ich habe beide gemildert. Man hat auf „eine allgemeine Verſammlung der Reichsſtaͤnde angetragen; nich habe dieſe Bitte vor den Koͤnig gebracht, weil ich ſie naus eigener Gewalt nicht bewilligen durfte. Was hab' ich „denn nun unwiſſender Weiſe noch unterlaſſen oder gethan, „was dieſe Zuſammenkunft in S. Truyen nothwendig machte? „Iſt es vielleicht Furcht vor dem Zorn des Koͤnigs und ſeinen „Folgen, was die Verbundenen beunruhigt? Die Beleidigung viſt groß, aber groͤßer iſt ſeine Gnade. Wo bleibt nun das „Verſprechen des Bundes, keine Unruhen unter dem Volke nzu erregen? Wo jene praͤchtig toͤnenden Worte, daß man „bereit ſeyn wuͤrde, lieber zu meinen Fuͤßen zu ſterben, als „dem Koͤnige etwas von ſeinen Rechten zu vergeben? Schon Inehmen ſich die Neuerer Dinge heraus, die ſehr nahe an Auf⸗ „ruhr graͤnzen und die Republik zum Verderben fuͤhren; und „der Bund iſt's, auf den ſie ſich dabei berufen. Wenn er die⸗ „ſes mit Stillſchweigen duldet, ſo klagt er ſich als Mit⸗ „ſchuldigen ihres Frevels an; wenn er es redlich mit ſei⸗ „nem Koͤnige meint, ſo kann er bei dieſer Ausgelaſſenheit „des Poͤbels nicht unthaͤtig feiern. Aber er ſelbſt geht ja „dem raſenden Poͤbel durch ſein gefaͤhrliches Beiſpiel voran, „ſchließt Buͤndniſſe mit den Feinden des Vaterlandes, und 251 „bekraͤftigt dieſe ſchlimmen Geruͤchte durch ſeine jetzige ſtrafbare „Verſammlung.“) Der Bund verantwortete ſich dagegen foͤrmlich in einer Schrift, welche er durch drei deputirte Mitglieder im Staats⸗ rathe zu Bruͤſſel einreichen laͤßt.„Alles,“ lautete dieſe,„was „Ihre Hoheit in Ruͤckſicht auf unſere Bittſchrift gethan, haben „wir mit dem lebhafteſten Danke empfunden; auch koͤnnen wir nuͤber keine Neuerung Klage fuͤhren, welche in dieſer Zeit, „Ihrem Verſprechen zuwider, irgendwo gemacht worden waͤre; „aber wenn wir deſſen ungeachtet jetzt noch immer und aller „Orten her in Erfahrung bringen, und mit eigenen Augen „uns uͤberzeugen, daß man unſere Mitbuͤrger um der Religion „willen vor Gericht ſchleppt und zum Tode fuͤhrt, ſo muͤſſen „wir nothwendig daraus ſchließen, daß die Befehle Ihrer Hoheit „von den Gerichtshoͤfen zum mindeſten— ſehr wenig geachtet „werden. Was der Bund ſeinerſeits verſprochen, hat er redlich „erfuͤllt, auch den oͤffentlichen Predigten hat er nach Vermoͤgen „zu ſteuern geſucht; aber freilich iſt es kein Wunder, wenn „die ſo lange Verzoͤgerung einer Antwort aus Madrid die „Gemuͤther mit Argwohn erfuͤllt, und die getaͤuſchte Hoffnung „einer allgemeinen Staatenverſammlung ſie wenig geneigt „macht, fernern Verſicherungen zu glauben. Nie hat ſich der „Bund mit den Feinden des Landes verbunden; auch nie eine „Verſuchung dazu gefuͤhlt. Sollten ſich franzoͤſiſche Waffen in „den Provinzen ſehen laſſen, ſo werden wir, die Verbundenen, „als die Erſten zu Pferde ſitzen, ſie daraus zu vertreiben; aber „wir wollen aufrichtig gegen Ew. Hoheit ſeyn. Wir glaubten „Zeichen Ihres Unwillens gegen uns in Ihrem Geſichte zu Mleſen; wir ſehen Menſchen im ausſchließenden Beſitze Ihrer ¹) Meteren. 8à. Burg. 258. 259. 25² „Gnade, die durch Ihren Haß gegen uns beruͤchtigt ſind. Taͤg⸗ „lich muͤſſen wir hoͤren, daß vor der Gemeinſchaft mit uns, „wie vor Verpeſteten, gewarnt wird, daß man uns die Ankunft „des Koͤnigs wie den Anbruch eines Gerichtstags verkuͤndigt— „was iſt natuͤrlicher, als daß der Argwohn gegen uns auch den „unſrigen endlich erweckte? daß der Vorwurf der Majeſtaͤts⸗ „verletzung, womit man unſere Verbindung zu ſchwaͤrzen bemuͤht „iſt, daß die Kriegsruͤſtungen des Herzogs von Savoyen „und anderer Fuͤrſten, die, wie das Geruͤcht ſagt, uns gelten „ſollen, die Unterhandlungen des Koͤnigs mit dem franzoͤſiſchen „Hofe, um einer ſpaniſchen Armee, die nach den Niederlanden „beſtimmt ſeyn ſoll, den Durchzug durch dieſes Reich auszu⸗ „wirken, und dergleichen Vorfaͤlle mehr, uns aufgefordert haben, „auf unſere Selbſtvertheidigung zu denken, und uns durch eine „WVerbindung mit unſern auswaͤrtigen Freunden zu verſtaͤrken? „Auf ein allgemeines, unſtetes und ſchwankendes Gerede be⸗ „ſchuldigt man uns eines Antheils an dieſer Zuͤgelloſigkeit des „proteſtantiſchen Poͤbels; aber wen klagt das allgemeine Gerede „nicht an? Wahr iſt es allerdings, daß auch unter uns Prote⸗ „ſtanten ſich befinden, denen eine Duldung der Religionen das „willkommenſte Geſchenk ſeyn wuͤrde; aber auch ſie haben nie⸗ „mals vergeſſen, was ſie ihrem Herrn ſchuldig ſind. Furcht „vor dem Zorne des Koͤnigs iſt es nicht, was uns aufgefordert „hat, dieſe Verſammlung zu halten. Der Koͤnig iſt gut, und „wir wollen hoffen, daß er gerecht iſt. Es kann alſo nicht „Verzeihung ſeyn, was wir bei ihm ſuchen, und eben ſo wenig „fkann es Vergeſſenheit ſeyn, was wir uns uber Hand⸗ „lungen erbitten, die unter den Verdienſten, ſo wir uns um „Se. Majeſtaͤt erworben, nicht die unbetraͤchtlichſten ſind. Wahr „iſt es wieder, daß ſich Abgeordnete der Lutheraner und Cal⸗ „viniſten in S. Truyen bei uns eingefunden; ja noch mehr, ſie 253 „haben uns eine Bittſchrift uͤbergeben, die wir an Ew. Hoheit „hier beilegen. Sie erbieten ſich darin, die Waffen bei ihren „Predigten niederzulegen, wenn der Bund ihnen Sicherheit „leiſten, und ſich fuͤr eine allgemeine Verſammlung der Staͤnde „verbuͤrgen wolle. Beides haben wir geglaubt, Ihnen zuſagen „zu muͤſſen, aber unſere Verſicherung allein hat keine Kraft, „wenn ſie nicht zugleich von Ew. Hoheit und einigen Ihrer „vornehmſten Raͤthe beſtaͤtigt wird. Unter dieſen kann Niemand „von dem Zuſtande unſerer Sachen ſo gut unterrichtet ſeyn, „und es ſo redlich mit uns meinen, als der Prinz von Ora⸗ „nien und die Grafen von Hoorn und von Egmont. „Dieſe drei nehmen wir mit Freuden als Mittler an, wenn „man ihnen dazu die noͤthige Vollmacht gibt, und uns Ver⸗ „ſicherung leiſtet, daß ohne ihr Wiſſen keine Truppen geworben, „und keine Befehlshaber daruͤber ernannt werden ſollen. Dieſe „Sicherheit verlangen wir indeſſen nur auf einen gegebenen „Zeitraum, nach deſſen Verſtreichung es bei dem Koͤnige ſtehen „wird, ob er ſie aufheben oder beſtaͤtigen will. Geſchieht das „Erſte, ſo iſt es der Billigkeit gemaͤß, daß man uns einen Ter⸗ „min ſetze, unſere Perſonen und Guter in Sicherheit zu bringen; „drei Wochen werden dazu genug ſeyn. Endlich und letztens „machen wir uns auch unſrerſeits anheiſchig, ohne Zuziehung „jjener drei Mittelsperſonen nichts Neues zu unternehmen.“ ¹) Eine ſo kuͤhne Sprache konnte der Bund nicht fuͤhren, wenn er nicht einen maͤchtigen Ruͤckhalt hatte, und ſich auf einen gruͤndlichen Schutz verließ; aber die Regentin ſah ſich eben ſo wenig im Stande, ihm die verlangten Punkte zu bewilligen, als ſie unfaͤhig war, ihm Ernſt entgegenzuſetzen. In Bruͤſſel, 1) Meteren. 84. 85. Strad. 144 sq. Burgund. 240— 251. Meursii Guil, Aur. L. I. 11. 12. 254 das jetzt von den meiſten Staatsraͤthen, die entweder nach ihren Provinzen abgegangen, oder unter irgend einem andern Vor⸗ wande ſich den Geſchaͤften entzogen hatten, verlaſſen war, ſowohl von Rath, als von Geld entbloͤßt, deſſen Mangel ſie noͤthigte, die Großmuth der Geiſtlichkeit anzuſprechen, und, da auch dieſes Mittel nicht zureichte, ihre Zuflucht zu einem Lotto zu nehmen, abhaͤngig von Befehlen aus Spanien, die immer erwartet wur⸗ den, und immer nicht kamen, ſah ſie ſich endlich zu der erniedri⸗ genden Auskunft gebracht, mit den Verbundenen in S. Truyen den Vertrag einzugehen, daß ſie noch vier und zwanzig Tage lang auf die Reſolution des Königs warten wollten, bevor ſie einen weitern Schritt unternaͤhmen. Auffallend war es freilich, daß der Koͤnig immer noch fortfuhr, mit einer entſcheidenden Antwort auf die Bittſchrift zuruͤckzuhalten, ungeachtet man all⸗ gemein wußte, daß er weit juͤngere Schreiben beantwortet hatte, und die Regentin deßwegen auf das nachdruͤcklichſte in ihn drang. Auch hatte ſie ſogleich nach dem Ausbruche der oͤffent⸗ lichen Predigten den Marquis von Bergen dem Baron von Montigny nachgeſandt, der, als ein Augenzeuge dieſer neuen Begebenheiten, ihren ſchriftlichen Bericht deſto lebhafter unter⸗ ſtuͤtzen und den Koͤnig um ſo raſcher beſtimmen ſollte. ¹) (1566.) Unterdeſſen war der niederlaͤndiſche Geſandte, Flo⸗ renz von Montigny, in Madrid eingetroffen, wo ihm auf das anſtaͤndigſte begegnet ward. Der Inhalt ſeiner Inſtruction war die Abſchaffung der Inquiſition und Milderung der Placate; die Vermehrung des Staatsraths und Aufhebung der zwei übrigen Curien; das Verlangen der Nation nach einer allge⸗ meinen Staatenverſammlung, und das Anſuchen der Regentin um die perſoͤnliche Ueberkunft des Koͤnigs. Weil dieſer aber ¹) Hopper.§. 117. Burgund. 252. 262. 2⁵⁵ immer nur Zeit zu gewinnen ſuchte, ſo wurde Montigny bis auf die Ankunft ſeines Gehuͤlfen vertroͤſtet, ohne welchen der Koͤnig keinen endlichen Schluß faſſen wollte. Der Flamaͤnder indeſſen hatte jeden Tag und zu jeder ihm beliebigen Stunde Audienz bei dem Koͤnige, der ihm auch jedesmal die Depeſchen der Herzogin und deren Beantwortung mitzucheilen Befehl gab. Oefters wurde er auch in das Conſeil der niederlaͤndiſchen An⸗ gelegenheiten gezogen, wo er nie unterließ, den Koͤnig auf eine Generalverſammlung der Staaten, als auf das einzige Mittel, den bisherigen Verwirrungen zu begegnen, und welches alle uͤbrigen entbehrlich machen wuͤrde, hinzuweiſen. So bewies er ihm auch, daß nur eine allgemeine und uneingeſchraͤnkte Ver⸗ gebung alles Vergangenen das Mißtrauen wurde tilgen koͤnnen, das bei allen dieſen Beſchwerden zum Grunde laͤge, und jeder noch ſo gut gewaͤhlten Maßregel ewig entgegenarbeiten wuͤrde. Auf ſeine gruͤndliche Kenntniß der Dinge und eine genaue Bekanntſchaft mit dem Charakter ſeiner Landsleute wagt er es, dem Koͤnige fuͤr ihre unverbruͤchliche Treue zu buͤrgen, ſobald er ſie durch ein gerades Verfahren von der Redlichkeit ſeiner Abſichten uͤberfuͤhrt haben wuͤrde, da er ihm im Gegentheil, von eben dieſer Kenntniß geleitet, alle Hoffnung dazu abſprach, ſo lange ſie nicht von der Furcht geheilt wuͤrden, das Ziel ſeiner Unterdruͤckung zu ſeyn, und dem Neide der ſpaniſchen Großen zum Opfer zu dienen. Sein Gehuͤlfe erſchien endlich, und der Inhalt ihrer Geſandtſchaft wurde wiederholten Berathſchlagungen unterworfen. ¹) (1566.) Der Koͤnig war damals im Buſch zu Segovien, wo er auch ſeinen Staatsrath verſammelte. Beiſitzer waren: der Herzog von Alba; Don Gomez de Figueroa; Graf ¹) Hopper. 98. 99. 405. 256 von Feria; Don Antonio von Toledo, Großcommendator vom Orden St. Johannes; Don Johann Manriquez von Lara, Oberhofmeiſter der Koͤnigin; Ruy Gomez, Prinz von Eboli und Graf von Melito; Ludwig von Quirada, Ober⸗ ſtallmeiſter des Prinzen; Karl Tyſſenacque, Praͤſident des niederlaͤndiſchen Conſeils; der Staatsrath und Siegelbewahrer Hopper“) und der Staatsrath von Corteville.)) Mehrere Tage wurde die Sitzung fortgeſetzt; beide Abgeſandte wohnten ihr bei, aber der Koͤnig war nicht ſelbſt zugegen. Hier nun wurde das Betragen des niederlaͤndiſchen Adels von ſpaniſchen Augen beleuchtet; man verfolgte es Schritt vor Schritt bis zu ſeiner entlegenſten Quelle; brachte Vorfaͤlle mit einander in Zuſammenhang, die nie einen gehabt hatten, und einen reifen weitausſehenden Plan in Ereigniſſe, die der Augenblick geboren. Alle dieſe verſchiedenen Vorgaͤnge und Verſuche des Adels, die nur der Zufall an einander gereiht, und der natuͤrlichſte Lauf der Dinge ſo und nicht anders gelenkt hatte, ſollten aus dem uͤberdachten Entwurfe geſponnen ſeyn, eine allgemeine Religions⸗ freiheit einzufuͤhren, und das Steuer der Gewalt in die Haͤnde des Adels zu bringen. Der erſte Schritt dazu, hieß es, war die gewaltſame Wegdraͤngung des Miniſters Granvella, an welchem man nichts zu tadeln finden konnte, als daß er im Beſitz einer Macht war, die man lieber ſelbſt ausgeuͤbt haͤtte. Den zweiten Schritt that man durch die Abſendung des Grafen von Egmont nach Spanien, der auf Abſchaffung der Inqui⸗ ſition und Milderung der Strafbefehle dringen, und den Koͤnig zu einer Erweiterung des Staatsraths vermoͤgen ſollte. Da 1) Aus deſſen Mémoires, als einer mithandelnden Perſon, die Reſultate dieſer Sitzung genommen ſind.. ²) Hopper.§. 141. 257 aber dieſes auf einem ſo beſcheidenen Wege nicht zu erſchleichen geweſen, ſo verſuchte man, es durch einen dritten und herzhaf⸗ tern Schritt, durch eine foͤrmliche Verſchwoͤrung, den Geuſen⸗ bund, von dem Hofe zu ertrotzen. Ein vierter Schritt zu dem naͤmlichen Ziele iſt dieſe neue Geſandtſchaft, wo man endlich ungeſcheut die Larve abwirft, und durch die unſinnigen Vor⸗ ſchlaͤge, die man dem Koͤnige zu thun ſich nicht entbloͤdet, deut⸗ lich an den Tag legt, wohin alle jene vorhergegangenen Schritte gezielt haben. Oder, fuhr man fort, kann die Abſchaffung der In⸗ quiſttion zu etwas Geringerem, als zu einer vollkommenen Glaubensfreiheit fuͤhren? Geht mit ihr nicht das Steuer der Gewiſſen verloren? Fuͤhrt dieſe vorgeſchlagene Moderation nicht eine gaͤnzliche Strafloſigkeit aller Ketzereien ein? Was iſt dieſes Project von Erweiterung des Staatsraths und von Unterdruͤckung der zwei uͤbrigen Curien anders, als ein voͤlliger Umguß der Staatsregierung zu Gunſten des Adels? ein General⸗ Gouvernement fuͤr alle Provinzen der Niederlande? Iſt dieſe Zuſammenrottung der Ketzer bei den oͤffentlichen Predigten nicht ſchon bereits die dritte Verbindung, die aus den näͤmlichen Ab⸗ ſichten unternommen wird, da die Ligue der Großen im Staats⸗ rathe, und der Bund der Geuſen nicht wirkſam genug geſchienen haben? ¹) Welches aber auch die Quellen dieſes Uebels ſeyn mochten, ſo geſtand man ein, daß es darum nicht weniger bedenklich und dringend ſey. Die ungeſaͤumte perſoͤnliche Ankunft des Koͤnigs in Bruͤſſel war allerdings das ſouveraͤne Mittel, es ſchnell und gruͤndlich zu heben. Da es aber ſchon ſpaͤt im Jahre war, und die Zuruͤſtungen zu dieſer Reiſe die ſo kurze Zeit vor dem Winter ganz hinwegnehmen mußten; da ſowohl die ſtuͤrmiſche 4) Hopper.§. 104. Schillers ſaͤmmrt. Werke. VIII. 17 258 Jahreszeit, als die Gefahr, von den franzoͤſiſchen und engliſchen Schiffen, die den Ocean unſicher machten, den noͤrdlichen Weg, als den kuͤrzeſten von beiden, nicht zu nehmen erlaubten; da die Rebellen ſelbſt unterdeſſen von der Inſel Walchern Beſitz nehmen, und dem Koͤnige die Landung ſtreitig machen konnten: ſo war vor dem Fruͤhlinge nicht an dieſe Reiſe zu denken, und man mußte ſich in Ermangelung des einzigen gruͤndlichen Mit⸗ tels mit einer mittlern Auskunft begnuͤgen. Man kam alſo uͤberein, dem Koͤnige vorzutragen, erſtlich: daß er die paͤpſt⸗ liche Inquiſition aus den Provinzen zuruͤcknehmen und es bei der biſchoͤflichen bewenden laſſen moͤchte; zweitens, daß ein neuer Plan zu Milderung der Placate entworfen wurde, wobei die Wuͤrde der Religion und des Koͤnigs mehr als in der ein⸗ geſandten Moderation geſchont waͤre; drittens, daß er der Oberſtatthalterin Vollmacht ertheilen moͤchte, allen denjenigen, welche nicht ſchon etwas Verdammliches begangen, oder bereits gerichtlich verurtheilt ſeyen, doch mit Ausnahme der Prediger und ihrer Hehler, Gnade angedeihen zu laſſen, damit die Ge⸗ muͤther verſichert und kein Weg der Menſchlichkeit unverſucht gelaſſen wuͤrde. Alle Liguen, Verbruͤderungen, oͤffentlichen Zu⸗ ſammenkuͤnfte und Predigten muͤßten fortan, bei ſtrenger Ahn⸗ dung, unterſagt ſeyn; wuͤrde dennoch dagegen gehandelt, ſo ſollte die Oberſtatthalterin ſich der ordinaͤren Truppen und Beſatzungen zur gewaltſamen Unterwerſung der Widerſpaͤnſtigen zu bedienen, auch im Nothfalle neue Truppen zu werben, und die Befehlshaber uber dieſelben nach ihrem Gutduͤnken zu er⸗ nennen, Freiheit haben. Endlich wuͤrde es wohlgethan ſeyn, wenn Se. Majeſtaͤt den vornehmſten Staͤdten, Praͤlaten und den Haͤuptern des Adels, einigen eigenhaͤndig, und allen in einem gnaͤdigen Tone ſchrieben, um ihren Dienſteifer zu beleben.“) 1) Hopper.§. 109. 110. 112. 113. 259 Sobald dem Koͤnige dieſe Reſolution ſeines Staatsraths vorgelegt worden, war ſein Erſtes, daß er an den vornehmſten Plaͤtzen des Koͤnigreichs und auch in den Niederlanden öͤffent⸗ liche Umgaͤnge und Gebete anzuſtellen Befehl gab, um die goͤtt⸗ liche Leitung bei ſeinem Entſchluſſe zu erflehen. Er erſchien in eigener Perſon im Staatsrathe, um dieſe Reſolution zu ge⸗ nehmigen und ſogleich ausfertigen zu laſſen. Den allgemeinen Reichstag erklaͤrte er fuͤr unnutz, und verweigerte ihn ganz; verpflichtete ſich aber, einige deutſche Regimenter in ſeinem Solde zu behalten, und ihnen, damit ſie deſto eifriger dienten, die alten Ruͤckſtaͤnde zu bezahlen. Der Regentin befahl er in einem Privatſchreiben, ſich unter der Hand und im Stillen kriegeriſch zu ruͤſten: dreitauſend Mann Reiterei und zehn⸗ tauſend Mann Fußgaͤnger ſollte ſie in Deutſchland zuſammen⸗ ziehen laſſen, wozu er ſie mit den noͤthigen Briefen verſah, und ihr eine Summe von dreihunderttauſend Goldgulden uͤber⸗ machte.¹) Er begleitete dieſe Reſolution mit mehreren Hand⸗ ſchreiben an einzelne Privatperſonen und Staͤdte, worin er ihnen in ſehr gnaͤdigen Ausdruͤcken fuͤr ihren bewieſenen guten Eifer dankte, und ſie auch fuͤrs Kuͤnftige dazu aufforderte. Ungeachtet er uͤber den wichtigſten Punkt, worauf jetzt die Nation haupt⸗ ſaͤchlich geſtellt war, uber die Zuſammenberufung der Staaten, unerbittlich blieb, ungeachtet dieſe eingeſchraͤnkte und zweideutige Begnadigung ſo gut als gar keine war, und viel zu ſehr von der Willkuͤr abhing, als daß ſie die Gemuͤther haͤtte verſichern koͤnnen; ungeachtet er endlich auch die entworfene Modera⸗ tion als zu gelinde verwarf, uͤber deren Haͤrte man ſich doch beklagte— ſo hatte er dießmal doch zu Gunſten der Nation einen ungewoͤhnlichen Schritt gethan: er hatte ihr die paͤpſtliche — ¹) Hopper.§. 118. 424. Burg. 288. 260 4 Inquiſition aufgeopfert, und nur die biſchoͤfliche gelaſſen, woran ſie gewoͤhnt war. Sie hatte in dem ſpaniſchen Conſeil billigere Richter gefunden, als wahrſcheinlicherweiſe zu hoffen geweſen war. Ob dieſe weiſe Nachgiebigkeit zu einer andern Zeit und unter andern Umſtaͤnden die erwartete Wirkung gethan haben wuͤrde, bleibt dahin geſtellt. Jetzt kam ſie zu ſpaͤt; als(1566) die koͤniglichen Briefe in Bruͤſſel anlangten, war die Bilder⸗ ſtuͤrmerei ausgebrochen. Viertes Buch. Der Vilderſturm. Die Triebfedern dieſer außerordentlichen Begebenheit ſind offenbar nicht ſo weit herzuholen, als viele Geſchichtſchreiber ſich Muͤhe geben. Moͤglich allerdings und ſehr wahrſcheinlich, daß die franzoͤſiſchen Proteſtanten emſig daran arbeiteten, in den Niederlanden eine Pflanzſchule fuͤr ihre Religion zu unterhalten, und eine guͤtliche Vergleichung ihrer dortigen Glaubensbruͤder mit dem Koͤnige von Spanien durch jedes Mittel zu verhindern ſtrebten, um dieſem unverſoͤhnlichen Feinde ihrer Partei in ſeinem eigenen Lande zu thun zu geben; ſehr natuͤrlich alſo, daß ihre Unterhaͤndler in den Provinzen nicht unterlaſſen haben werden, die unterdruͤckten Religionsverwandten zu verwegenen Hoffnungen zu ermuntern, ihre Erbitterung gegen die herr⸗ ſchende Kirche auf alle Arten zu naͤhren, den Druck, worunter ſie ſeufzte, zu uͤbertreiben, und ſie dadurch unvermerkt zu Un⸗ thaten fortzureißen. Moͤglich, daß es auch unter den Verbun⸗ denen Viele gab, die ihrer eigenen verlornen Sache dadurch aufzuhelfen meinten, wenn ſie die Zahl ihrer Mitſchuldigen ver⸗ mehrten; die die Rechtmaͤßigkeit ihres Bundes nicht anders retten zu koͤnnen glaubten, als wenn ſie die ungluͤcklichen Folgen wirklich herbeiriefen, wovor ſie den Koͤnig gewarnt hatten, und die in dem allgemeinen Verbrechen ihr eigenes zu verhuͤllen hofften. Daß aber die Bilderſtuͤrmerei die Frucht eines uͤber⸗ 264 legten Planes geweſen, der auf dem Convente zu St. Truyen verabredet worden, daß in einer ſolennen Verſammlung ſo vieler Edlen und Tapfern, unter denen noch bei weitem der groͤßere Theil dem Papſtthum anhing, ein Raſender ſich haͤtte erdreiſten ſollen, den Entwurf zu einer offenbaren Schandtha zu geben, die nicht ſowohl eine abgeſonderte Religionspartei kraͤnkte, als vielmehr alle Achtung fuͤr Religion uͤberhaupt und alle Sittlichkeit mit Fuͤßen trat, und die nur in dem ſchlam⸗ migen Schooße einer verworfenen Poͤbelſeele empfangen werden konnte, waͤre allein ſchon darum nicht glaublich, weil dieſe wuͤ⸗ thende That in ihrer Entſtehung zu raſch, in ihrer Ausfuͤh⸗ rung zu leldenſchaftlich, zu ungeheuer erſcheint, um nicht die Geburt des Augenblicks geweſen zu ſeyn, in welchem ſie ans Licht trat, und weil ſie aus den Umſtaͤnden, die aus ihr her⸗ vorgingen, ſo natuͤrlich fließt, daß es ſo tiefer Nachſuchungen nicht bedarf, um ihre Entſtehung zu erklaͤren. 1 Eine rohe zahlreiche Menge, zuſammengefloſſen aus dem un⸗ terſten Poͤbel, viehiſch durch viehiſche Behandlung, von Mord⸗ befehlen, die in jeder Stadt auf ſie lauern, von Graͤnze zu Graͤnze herumgeſcheucht, und bis zur Verzweiflung gehetzt, ge⸗ noͤthigt, ihre Andacht zu ſtehlen, ein allgemein geheiligtes Men⸗ ſchenrecht, gleich einem Werke der Finſterniß, zu verheimlichen— vor ihren Augen vielleicht die ſtolz aufſteigenden Gotteshaͤuſer der triumphirenden Kirche, wo ihre uͤbermuͤthigen Bruͤder in be⸗ quemer und uͤppiger Andacht ſich pflegen; ſie ſelbſt herausgedraͤngt aus den Mauern, vielleicht durch die ſchwaͤchere Anzahl heraus⸗ gedraͤngt, hier im wilden Walde, unter brennender Mittagshitze, in ſchimpflicher Heimlichkeit, dem naͤmlichen Gott zu dienen— hinausgeſtoßen aus der buͤrgerlichen Geſellſchaft in den Stand der Natur, und in einem ſchrecklichen Augenblicke an die Rechte ieſes Standes erinnert! Je uͤberlegener ihre Zahl, deſto un⸗ 265 natuͤrlicher iſt dieſes Schickſal; mit Verwunderung nehmen ſie es wahr. Freier Himmel, bereit liegende Waffen, Wahnſinn im Gehirne und im Herzen Erbitterung, kommen dem Winke eines fanatiſchen Redners zu Huͤlfe; die Gelegenheit ruft, keine Verabredung iſt noͤthig, wo alle Augen dasſelbe ſagen; der Entſchluß iſt geboren, noch ehe das Wort ausgeſprochen wird; zu einer Unthat bereit, keiner weiß es noch deutlich zu welcher, rennt dieſer wuͤthende Trupp auseinander. Der lachende Wohl⸗ ſtand der feindlichen Religion kraͤnkt ihre Armuth, die Pracht jener Tempel ſpricht ihrem landfluͤchtigen Glauben Hohn; jedes aufgeſtellte Kreuz an den Landſtraßen, jedes Heiligenbild, wor⸗ auf ſie ſtoßen, iſt ein Siegesmal, das uͤber ſie errichtet iſt, und jedes muß von ihren raͤcheriſchen Haͤnden fallen. Fanatismus gibt dem Graͤuel ſeine Entſtehung, aber niedrige Leidenſchaften, denen ſich hier eine reiche Befriedigung aufthut, bringen ihn zur Vollendung. (1566.) Der Anfang des Bilderſturms geſchah in Weſt⸗ flandern und Artois, in den Landſchaften zwiſchen dem Lys und dem Meere. Eine raſende Rotte von Handwerkern, Schiffern und Bauern, mit oͤffentlichen Dirnen, Bettlern und Raubgeſindel untermiſcht, etwa dreihundert an der Zahl, mit Keulen, Aexten, Haͤmmern, Leitern und Straͤngen verſehen, nur wenige darunter mit Feuergewehr und Dolchen bewaffnet, werfen ſich, von fana⸗ tiſcher Wuth begeiſtert, in die Flecken und Doͤrfer bei St. Omer, ſprengen die Pforten der Kirchen und Kloͤſter, die ſie verſchloſſen finden, mit Gewalt, ſtuͤrzen die Altaͤre, zerbrechen die Bilder der Heiligen und treten ſie mit Fuͤßen. Erhitzter durch dieſe ver⸗ dammliche That, und durch neuen Zulauf verſtaͤrkt, dringen ſie geraden Wegs nach Ypern vor, wo ſie auf einen ſtarken Anhang von Calviniſten zu rechnen haben. Unaufgehalten brechen ſie dort in die Hauptkirche ein; die Waͤnde werden mit Leitern 266 erſtiegen, die Gemaͤlde mit Haͤmmern zerſchlagen, Kanzeln und Kirchenſtuͤhle mit Aexten zerhauen, die Altaͤre ihrer Zierrathen entkleidet und die heiligen Gefaͤße geſtohlen. Dieſes Beiſpiel wird ſogleich in Menin, Comines, Verrich, Lille und Oudenar⸗ den nachgeahmt; dieſelbe Wuth ergreift in wenig Tagen ganz Flandern. Eben, als die erſten Zeitungen davon einliefen, wim⸗ melte Antwerpen von einer Menge Volks ohne Heimath, die das Feſt von Maria Himmelfahrt in dieſer Stadt zuſammengedraͤngt hatte. Kaum haͤlt die Gegenwart des Prinzen von Oranien die ausgelaſſene Bande noch im Zuͤgel, die es ihren Bruͤdern in St. Omer nachzumachen brennt; aber ein Befehl des Hofs, der ihn eilfertig nach Bruͤſſel ruft, wo die Regentin eben ihren Staatsrath verſammelt, um ihm die koͤniglichen Briefe vorzu⸗ legen, gibt Antwerpen dem Muthwillen dieſer Bande preis. Seine Entfernung iſt die Loſung zum Tumult. Vor der Aus⸗ gelaſſenheit des Poͤbels bange, die ſich gleich in den erſten Tagen in ſpoͤttiſchen Anſpielungen aͤußerte, hatte man das Marienbild nach wenigen Umgaͤngen auf den Chor gefluͤchtet, ohne es, wie ſonſt, in der Mitte der Kirche aufzurichten. Dieß veranlaßte etliche muthwillige Buben aus dem Volke, ihm dort einen Be⸗ ſuch zu geben und es ſpoͤttiſch zu fragen, warum es ſich neulich ſo bald abſentirt habe? Andere ſtiegen auf die Kanzel, wo ſie dem Prediger nachaͤfften und die Papiſten zum Wettkampf her⸗ ausforderten. Ein katholiſcher Schiffer, den dieſer Spaß ver⸗ droß, wollte ſie von da herunterreißen, und es kam auf dem Peedigtſtuhle zu Schlaͤgen. Aehnliche Auftritte geſchahen am folgenden Abend. Die Anzahl mehrte ſich, und Viele kamen ſchon mit verdaͤchtigen Werkzeugen und heimlichen Waffen ver⸗ ſehen. Endlich faͤllt es einem bei, es leben die Geuſen! zu rufen; gleich ruft die ganze Rotte es nach, und das Marien⸗ bild wird aufgefordert, dasſelbe zu thun. Die wenigen Katholiken, 267 die da waren, und die Hoffnung aufgaben, gegen dieſe Tollkuͤh⸗ nen etwas auszurichten, verlaſſen die Kirche, nachdem ſie alle Thore, bis auf eines, verſchloſſen haben. Sobald man ſich allein ſieht, wird in Vorſchlag gebracht, einen von den Pſalmen nach der neuen Melodie anzuſtimmen, die von der Regierung ver⸗ boten ſind. Noch waͤhrend des Singens werfen ſich alle, wie auf ein gegebenes Signal, wuͤthend auf das Marienbild, durch⸗ ſtechen es mit Schwertern und Dolchen, und ſchlagen ihm das Haupt ab; Huren und Diebe reißen die großen Kerzen von den Altaͤren und leuchten zu dem Werke. Die ſchoͤne Orgel der Kirche, ein Meiſterſtuͤck damaliger Kunſt, wird zertruͤmmert, alle Gemaͤlde ausgeloͤſcht, alle Statuen zerſchmettert. Ein ge⸗ kreuzigter Chriſtus in Lebensgroͤße, der zwiſchen den zwei Schaͤ⸗ chern dem Hochaltar gegenuͤber aufgeſtellt war, ein altes und ſehr werth gehaltenes Stuͤck, wird mit Straͤngen zur Erde ge⸗ riſſen und mit Beilen zerſchlagen, indem man die beiden Moͤrder zu ſeiner Seite ehrerbietig ſchont. Die Hoſtien ſtreut man auf den Boden und tritt ſie mit Fuͤßen; in dem Nachtmahlwein, den man von ungefaͤhr da findet, wird die Geſundheit der Geu⸗ ſen getrunken; mit dem heiligen Oele werden die Schuhe gerie⸗ ben. Graͤber ſelbſt werden durchwuͤhlt, die halbverwesten Leichen hervorgeriſſen und mit Fuͤßen getreten. Alles dieſes geſchah in ſo wunderbarer Ordnung, als haͤtte man einander die Rollen vorher zugetheilt; jeder arbeitete ſeinem Nachbar dabei in die Haͤnde; keiner, ſo halsbrechend auch dieſes Geſchaͤft war, nahm Schaden, ungeachtet der dicken Finſterniß, ungeachtet die groͤß⸗ ten Laſten um und neben ihnen fielen, und Manche auf den oberſten Sproſſen der Leitern handgemein wurden. Ungeachtet der vielen Kerzen, welche ihnen zu ihrem Bubenſtuͤcke leuchteten, wurde kein Einziger erkannt. Mit unglaublicher Geſchwindig⸗ keit ward die That vollendet; eine Anzahl von hoͤchſtens hundert 268 Menſchen verwuͤſtete in wenigen Stunden einen Tempel von ſiebenzig Altaͤren, nach der Peterskirche in Rom einen der groͤßten und praͤchtigſten in der Chriſtenheit. Bei der Hauptkirche blieb es nicht allein; mit Fackeln und Kerzen, die man daraus entwendet, macht man ſich noch in der Mitternacht auf, den uͤbrigen Kirchen, Kloͤſtern und Capellen ein aͤhnliches Schickſal zu bereiten. Die Rotten mehren ſich mit jeder neuen Schandthat, und durch die Gelegenheit werden Diebe gelockt. Man nimmt mit, was man findet, Gefaͤße, Altartuͤcher, Geld, Gewaͤnder; in den Kellern der Kloͤſter be⸗ rauſcht man ſich aufs neue; die Moͤnche und Nonnen laſſen Alles im Stich, um der letzten Beſchimpfung zu entfliehen. Der dumpfe Tumult dieſes Vorgangs hatte die Buͤrger aus dem erſten Schlafe geſchreckt; aber die Nacht machte die Gefahr ſchrecklicher, als ſie wirklich war, und anſtatt ſeinen Kirchen zu Huͤlfe zu eilen, verſchanzte man ſich in ſeinen Haͤuſern, und erwartete mit ungewiſſem Entſetzen den Tag. Die auf⸗ gehende Sonne zeigte endlich die geſchehene Verwuͤſtung— aber das Werk der Nacht war mit ihr nicht geendigt. Einige Kirchen und Kloͤſter ſind noch verſchont geblieben; auch dieſe trifft ein aͤhnliches Schickſal; drei Tage dauert dieſer Graͤuel. Beſorgt endlich, daß dieſes raſende Geſindel, wenn es nichts Heiliges mehr zu zerſtoͤren faͤnde, einen aͤhnlichen Angriff auf das Profane thun und ihren Waarengewoͤlben gefaͤhrlich werden moͤchte, zugleich muthiger gemacht durch die entdeckte geringe Anzahl des Feindes, wagen es die reichern Buͤrger, ſich bewaffnet vor ihren Hausthuͤren zu zeigen. Alle Thore der Stadt waren verſchloſſen, ein einziges ausgenommen, durch welches die Bilder⸗ ſtuͤrmer brechen, um in den angraͤnzenden Gegenden denſelben Graͤuel zu erneuern. Waͤhrend dieſer ganzen Zeit hat es die Obrigkeit nur ein einziges Mal gewagt, ſich ihrer Gewalt zu 269 bedienen; ſo ſehr wurde ſie durch die Uebermacht der Calviniſten in Furcht gehalten, von denen, wie man glaubte, das Raub⸗ geſindel gedungen war. Der Schaden, den dieſe Verwuͤſtung an⸗ richtete, war unermeßlich; bei der Marienkirche allein wird er auf vierhunderttauſend Goldgulden angegeben. Viele ſchaͤtzbare Werke der Kunſt wurden bei dieſer Gelegenheit vernichtet; viele koſtbare Handſchriften, viele Denkmaͤler, wichtig fuͤr Geſchichte und Diplomatik, gingen dabei verloren. Der Magiſtrat gab ſo⸗ gleich Befehl, die geraubten Sachen bei Lebensſtrafe wieder einzuliefern, wobei ihm die reformirten Prediger, die fuͤr ihre Religionspartei erroͤtheten, nachdruͤcklich beiſtanden. Vieles wurde auf dieſe Art gerettet, und die Anfuͤhrer des Geſindels, entweder, weil weniger die Raubſucht, als Fanatismus und Rache ſie beſeelten, oder weil ſie von fremder Hand geleitet wurden, beſchloſſen, um dieſe Ausſchweifung kuͤnftig zu verhuͤten, fortan bandenweis und in beſſerer Ordnung zu ſtuͤrmen. ¹) Die Stadt Gent zitterte indeſſen vor einem aͤhnlichen Schick⸗ ſale. Gleich auf die erſte Nachricht der Bilderſtuͤrmerei in Ant⸗ werpen hatte ſich der Magiſtrat dieſer Stadt mit den vor⸗ nehmſten Buͤrgern durch einen Eid verbunden, die Tempelſchaͤnder gewaltſam zuruͤckzutreiben; als man dieſen Eid auch dem Volke vorlegte, waren die Stimmen getheilt, und Viele erklaͤrten ge⸗ rade heraus, daß ſie gar nicht geneigt waͤren, ein ſo gottesdienſt⸗ liches Werk zu verhindern. Bei ſo geſtalten Sachen fanden es die katholiſchen Geiſtlichen rathſam, die beſten Koſtbarkeiten der Kirchen in die Citadelle zu fluͤchten, und einigen Familien wurde erlaubt, was ihre Vorfahren darein geſchenkt hatten, gleichfalls 1) Meteren 86. Strada 445— 147. Burgund. 294. 295. 300. Hopper. 6. 126. Meurs. Guil. Auriac. E. II. 13. 44. 270 in Sicherheit zu bringen. Mittlerweile waren alle Ceremonien eingeſtellt, die Gerichte machten einen Stillſtand, wie in einer eroberten Stadt, man zitterte in Erwartung deſſen, was kommen ſollte. Endlich wagt es eine tolldreiſte Rotte, mit dem unver⸗ ſchaͤmten Antrage an den Gouverneur der Stadt zu deputiren: „Es ſey ihnen,“ ſagten ſie,„von ihren Obern anbefohlen, nach „dem Beiſpiele der andern Staͤdte die Bilder aus den Kirchen „zu nehmen. Widerſetzte man ſich ihnen nicht, ſo ſollte es „ruhig und ohne Schaden vor ſich gehen; im Gegentheil aber „wuͤrden ſie ſtuͤrmen;“ ja ſie gingen in ihrer Frechheit ſo weit, die Huͤlfe der Gerichtsdiener dabei zu verlangen. Anfangs er⸗ ſtarrte der Gouverneur uͤber dieſe Anmuthung; nachdem er aber in Ueberlegung gezogen, daß die Ausſchweiſungen durch das Anſehen der Geſetze vielleicht mehr im Zaum gehalten werden koͤnnten, ſo trug er kein Bedenken, ihnen die Haͤſcher zu be⸗ willigen. In Tournay wurden die Kirchen, Angeſichts der Garniſon, die man nicht dahin bringen konnte, gegen die Bilderſtuͤrmer zu ziehen, ihrer Zierrathen entkleidet. Da es dieſen hinterbracht worden war, daß man die goldenen und ſilbernen Gefaͤße mit dem uͤbrigen Kirchenſchmucke unter die Erde vergraben, ſo durch⸗ wuͤhlten ſie den ganzen Boden der Kirche, und bei dieſer Ge⸗ legenheit kam der Leichnam des Herzogs Adolph von Geldern wieder ans Tageslicht, der einſt an der Spitze der aufruͤhreriſchen Genter im Treffen geblieben und in Tournay beigeſetzt war. Dieſer Adolph hatte ſeinen Vater mit Krieg uͤberzogen, und den uͤberwundenen Greis einige Meilen weit barfuß zum Ge⸗ faͤngniſſe geſchleppt; ihm ſelbſt aber hatte Karl der Kuͤhne von Burgund Gleiches mit Gleichem vergolten. Jetzt, nach einem halben Jahrhundert, raͤchte das Schickſal ein Verbrechen gegen die Natur durch ein andres gegen die Religion; der Fanatismus 271 mußte das Heilige entweihen, um eines Vatermoͤrders Gebeine noch einmal dem Fluche preiszugeben. ¹) Mit den Bilderſtuͤrmern aus Tournay verbanden ſich andere aus Valenciennes, um alle Kloͤſter des umliegenden Gebiets zu verwuͤſten, wobei eine koſtbare Bibliothek, an welcher ſeit vielen Jahrhunderten geſammelt worden, in den Flammen zu Grunde ging. Auch ins Brabantiſche drang dieſes verderbliche Beiſpiel. Mecheln, Herzogenbuſch, Breda und Bergen op Zoom erlitten das naͤmliche Schickſal. Nur die Provinzen Namur und Luxem⸗ burg, nebſt einem Theile von Artois und von Hennegau, hatten das Gluͤck, ſich von dieſen Schandthaten rein zu erhalten. In einem Zeitraume von vier oder fuͤnf Tagen waren in Brabant und Flandern allein vierhundert Kirchen verwuͤſtet.*) Von der naͤmlichen Raſerei, die den ſuͤblichen Theil der Niederlande durchlief, wurde bald auch der Norden ergriffen. Die hollaͤndiſchen Staͤdte, Amſterdam, Leyden und Gravenhaag, hatten die Wahl, ihre Kirchen entweder freiwillig ihres Schmucks zu berauben, oder ihn mit gewaltſamer Hand daraus weggeriſſen zu ſehen. Delft, Haarlem, Gonda und Rotterdam entgingen durch die Entſchloſſenheit ihres Magiſtrats der Verwuͤſtung. Dieſelben Gewaltthaͤtigkeiten wurden auch auf den Seelaͤndiſchen Inſeln veruͤbt; die Stadt Utrecht, einige Plaͤtze in Oberyſſel und Groͤningen erlitten die naͤmlichen Stuͤrme. Friesland bewahrte der Graf von Aremberyg, und Geldern der Graf von Me⸗ gen vor einem aͤhnlichen Schickſale. 5) Das Geruͤcht dieſer Unordnungen, das aus allen Provinzen vergroͤßert einlief, verbreitete den Schrecken in Bruͤſſel, wo die Oberſtatthalterin eben eine außerordentliche Sitzung des Staats⸗ ¹) Burgund. 315. 516. 2) Meteren 85. 87. Strad. 149. 5) Burgund. 318. 319. Meurs. Guil. Auriac. Lib. II. 15. 272 raths veranſtaltet hatte. Die Schwaͤrme der Bilderſtuͤrmer dringen ſchon weit ins Brabantiſche vor, und drohen ſogar der Hauptſtadt, wo ihnen ein ſtarker Anhang gewiß iſt, hier unter den Augen der Majeſtaͤt denſelben Graͤuel zu erneuern. Die Regentin, fuͤr ihre eigene Perſon in Furcht, die ſie ſelbſt im Herzen des Landes, im Kreiſe der Statthalter und Ritter nicht ſicher glaubt, iſt ſchon im Begriffe, nach Mons, in Hennegau, zu fluͤchten, welche Stadt ihr der Herzog von Arſchot zu einem Zufluchtsorte aufgehoben, um nicht, in die Willkür der Bilderſtuͤrmer gegeben, zu unanſtaͤndigen Bedingungen gezwungen zu werden. Umſonſt, daß die Ritter Leben und Blut fuͤr ihre Sicherheit verpfaͤnden, und ihr auf das dringendſte anliegen, ſie durch eine ſo ſchimpfliche Flucht doch der Schande nicht auszu⸗ ſetzen, als haͤtte es ihnen an Muth oder Eifer gefehlt, ihre Fuͤrſtin zu ſchuͤtzen; umſonſt, daß die Stadt Bruͤſſel ſelbſt es ihr nahe legt, ſie in dieſer Extremitaͤt nicht zu verlaſſen, daß ihr der Staatsrath nachdruͤckliche Vorſtellungen macht, durch einen ſo zaghaften Schritt die Inſolenz der Rebellen nicht noch mehr aufzumuntern; ſie beharrt unbeweglich auf dieſem ver⸗ zweifelten Entſchluſſe, da noch Boten uͤber Boten kamen, ihr zu melden, daß die Bilderſtuͤrmer gegen die Hauptſtadt im Anzuge ſeyen. Sie gibt Befehl, Alles zu ihrer Flucht bereit zu halten, die mit fruͤhem Morgen in der Stille vor ſich gehen ſollte. Mit Anbruch des Tages ſteht der Greis Viglius vor ihr, den ſie, den Großen zu Gefallen, ſchon lange Zeit zu vernach⸗ laͤſſigen gewohnt war. Er will wiſſen, was dieſe Zuruͤſtung be⸗ deute, worauf ſie ihm endlich geſteht, daß ſie fliehen wolle, und daß er wohl thun wuͤrde, wenn er ſich ſelbſt mit zu retten ſuchte.„Zwei Jahre ſind es nun,“ ſagte ihr der Greis,„daß „Sie dieſes Ausgangs der Dinge gewaͤrtig ſeyn konnten. Weil „ich freier geſprochen habe, als Ihre Hoͤflinge, ſo haben Sie mir 273 „Ihr fuͤrſtliches Ohr verſchloſſen, das nur verderblichen Anſchlaͤgen „geoͤffnet war.“ Die Regentin raͤumt ein, daß ſie gefehlt habe, und durch einen Schein von Rechtſchaffenheit geblendet worden ſey; jetzt aber draͤnge ſie die Noth.„Sind Sie geſonnen,“ per⸗ ſetzte Viglius hierauf,„auf den koͤniglichen Mandaten mit „Beharrlichkeit zu beſtehen?“„Das bin ich,“ antwortete ihm die Herzogin.„So nehmen Sie Ihre Zuflucht zu dem großen „Geheimniſſe der Regentenkunſt, zur Verſtellung, und ſchließen „Sie ſich ſcheinbar an die Fuͤrſten an, bis Sie mit ihrer Huͤlfe „dieſen Sturm zuruͤckgeſchlagen haben. Zeigen Sie ihnen ein „Zutrauen, wovon Sie im Herzen weit enrfernt ſind. Laſſen „Sie ſie einen Eid ablegen, daß ſie mit Ihnen gemeine Sache „machen wollen, dieſen Unordnungen zu begegnen. Denjenigen, „die ſich bereitwillig dazu finden laſſen, vertrauen Sie ſich als „Ihren Freunden; aber die Andern huͤten Sie ſich ja durch „Geringſchaͤtzung abzuſchrecken.“ Viglius hielt ſie noch lange durch Worte hin, bis die Fuͤrſten kamen, von denen er wußte, daß ſie die Flucht der Regentin keineswegs zugeben wuͤrden. Als ſie erſchienen, entfernte er ſich in der Stille, um dem Stadtrathe den Befehl zu ertheilen, daß er die Thore ſchließen und Allem, was zum Hofe gehoͤrte, den Ausgang verſagen ſollte. Dieſer letzte Schritt richtete mehr aus, als alle Vorſtellungen gethan hatten.— Die Regentin, die ſich in ihrer eigenen Re⸗ ſidenz gefangen ſah, ergab ſich nun dem Zureden ihres Adels, der ſich anheiſchig machte, bis auf den letzten Blutstropfen bei ihr auszuharren. Sie machte den Grafen von Mannsfeld zum Befehlshaber der Stadt, vermehrte in der Eile die Be⸗ ſazung, und bewaffnete ihren ganzen Hof. ¹) Jetzt wurde der Staatsrath gehalten, deſſen endlicher Schlu 1) Burg. 350. 331. Hopper.§. 128. Vita Vigl. 48. Schillers ſämmtl. Werke. VIII. 18 274 dahin ging, der Nothwendigkeit nachzugeben, die Predigten an den Orten, wo ſie bereits angefangen, zu geſtatten, die Auf⸗ hebung der paͤpſtlichen Inquiſition oͤffentlich bekannt zu machen, die alten Edicte gegen die Ketzer fuͤr abgeſchafft zu erklaͤren, und vor allen Dingen dem verbundenen Adel die verlangte Sicher⸗ heit ohne Einſchraͤnkung zu bewilligen. Sogleich werden der Prinz von Oranien, die Grafen von Egmont, von Hoorn, nebſt einigen Andern dazu ernannt, mit den Depu⸗ tirten des Bundes deßwegen zu unterhandeln. Dieſer wird feierlich und in den unzweideutigſten Ausdruͤcken von aller Ver⸗ antwortung wegen der eingereichten Bittſchrift freigeſprochen, und allen koͤniglichen Beamten und Obrigkeiten anbefohlen, dieſer Verſicherung nachzuleben, und keinem der Verbundenen, weder jetzt noch in kuͤnftigen Zeiten, um jener Bittſchrift willen etwas anzuhaben. Dagegen verpflichten ſich die Verhundenen in einem Reverſe, getreue Diener Sr. Majeſtaͤt zu ſeyn, zu Wiederherſtellung der Ruhe und Beſtrafung der Bilderſtuͤrmer nach allen Kraͤften beizutragen, das Volk zu Niederlegung der Waffen zu vermoͤgen, und dem Koͤnige gegen innere und aͤußere Feinde thaͤtige Huͤlfe zu leiſten. Verſicherung und Gegenverſiche⸗ rung wurden in Form von Inſtrumenten aufgeſetzt, und von den Bevollmaͤchtigten beider Theile unterzeichnet, der Sicherheitsbrief noch beſonders eigenhaͤndig von der Herzogin ſignirt und mit ihrem Siegel verſeben. Nach einem ſchweren Kampfe und mit weinenden Augen hatte die Regentin dieſen ſchmerzlichen Schritt gethan, zund mit Zittern geſtand ſie ihn dem Koͤnige. Sie waͤlzte alle Schäld auf die Großen, die ſie in Bruͤſſel wie gefangen ge⸗ halten und gewaltſam dazu hingeriſſen haͤtten. Beſonders be⸗ ſchwerte ſie ſich bitter uͤber den Prinzen von Oranien.) 1) Meteren 88. 89. 90. Hopper.§. 128. 129— 434. Burgund. 355— 557. Meurs. L. II. 16. 47. 1 b 275 Dieſes Geſchaͤft berichtigt, eilen alle Statthalter nach ihren Provinzen; Egmont nach Flandern, Oranien nach Ant⸗ werpen. Hier hatten die Proteſtanten die verwuͤſteten Kirchen wie eine Sache, die dem erſten Finder gehoͤrt, in Beſitz ge⸗ nommen, und ſich nach Kriegsgebrauch darin feſtgeſetzt. Der Prinz gibt ſie ihren rechtmaͤßigen Beſitzern wieder, veranſtaltet ihre Ausbeſſerung und ſtellt den katholiſchen Gottesdienſt wieder darin her. Drei von den Bilderſtuͤrmern, deren man habhaft geworden, buͤßten ihre Tollkuͤhnheit mit dem Strange, einige Aufruͤhrer werden verwieſen, viele andere ſtehen Zuͤchtigungen aus. Darauf verſammelte er vier Deputirte von jeder Sprache, oder, wie man ſie nannte, von den Nationen, und kommt mit ihnen uͤberein, daß ihnen, weil der herannahende Win⸗ ter die Predigten im freien Felde fortan unmoͤglich machte, drei Plaͤtze innerhalb der Stadt eingeraͤumt werden ſollten, wo ſie entweder neue Kirchen bauen, oder auch Privathaͤuſer dazu einrichten koͤnnten. Darin ſollten ſie jeden Sonn⸗ und Feſttag, und immer zu derſelben Stunde, ihren Gottesdienſt halten; jeder andere Tag aber ſollte ihnen zu dieſem Gebrauche unter⸗ ſagt ſeyn. Fiele kein Feſttag in die Woche, ſo ſollte ihnen der Mittwoch dafuͤr gelten. Mehr als zwei Geiſtliche ſollte keine Religionspartei unterhalten, und dieſe muͤßten geborne Nieder⸗ laͤnder ſeyn, oder wenigſtens von irgend einer angeſehenen Stadt in den Provinzen das Buͤrgerrecht empfangen haben. Alle ſollten einen Eid ablegen, der Obrigkeit der Stadt und dem Prinzen von Oranien in buͤrgerlichen Dingen unterthan zu ſeyn. Alle Auflagen ſollten ſie gleich den uͤbrigen Buͤrgern tragen. Niemand ſollte bewaffnet zur Predigt kom⸗ men, ein Schwert aber ſollte erlaubt ſeyn. Kein Prediger ſollte die herrſchende Religion auf der Kanzel anfechten, noch ſich auf Controverspunkte einlaſſen, ausgenommen, was die 276 Lehre ſelbſt unvermeidlich machte, und was die Sitten anbe⸗ traͤfe. Außerhalb des ihnen angewieſenen Bezirks ſollte kein Pſalm von ihnen geſungen werden. Zu der Wahl ihrer Pre⸗ diger, Vorſteher und Diakonen, ſo wie zu allen ihren uͤbrigen Conſiſtorialverſammlungen ſollte jederzeit eine obrigkeitliche Perſon gezogen werden, die dem Prinzen und Magiſtrate von dem, was darin ausgemacht worden, Bericht abſtattete. Uebri⸗ gens ſollten ſie ſich desſelben Schutzes wie die herrſchende Religion zu erfreuen haben. Dieſe Einrichtung ſollte Beſtand haben, bis der Koͤnig, mit Zuziehung der Staaten, es anders beſchließen wuͤrde; dann aber Jedem frei ſtehen, mit ſeiner Familie und ſeinen Guͤtern das Land zu raͤumen. Von Antwerpen eilte der Prinz nach Holland, Seeland und Utrecht, um dort zu Wiederherſtellung der Ruhe aͤhnliche Einrichtungen zu treffen; Antwerpen aber wurde waͤhrend ſei⸗ ner Abweſenheit der Aufſicht des Grafen von Hoogſtraten anvertraut, der ein ſanfter Mann war, und, unbeſchadet ſei⸗ ner erklaͤrten Anhaͤnglichkeit an den Bund, es nie an Treue gegen den Koͤnig hatte ermangeln laſſen. Es iſt ſichtbar, daß der Prinz bei dieſem Vertrage ſeine Vollmacht weit uͤber⸗ ſchritten, und im Dienſte des Koͤnigs nicht anders als wie ein ſouveraͤner Herr gehandelt hat. Aber er fuͤhrte zu ſeiner Entſchuldigung an, daß es dem Magiſtrate weit leichter ſeyn wuͤrde, dieſe zahlreiche und maͤchtige Secte zu bewachen, wenn er ſich ſelbſt in ihren Gottesdienſt miſchte, und wenn dieſer unter ſeinen Augen vor ſich ginge, als wenn die Sectirer im freien Felde ſich ſelbſt uͤberlaſſen waͤren. ¹) Strenger betrug ſich der Graf von Megen in Geldern, ¹) Meteren 91. Burgundius 3 9— 35 4. Strada 153. Hopper. §. 156. Meurs, Guil. Auriac, L. I. 17. 18. 277 wo er die proteſtantiſche Secte ganz unterdruͤckte und alle ihre Prediger vertrieb. In Bruͤſſel bediente ſich die Regentin des Vortheils, den ihre Gegenwart ihr gab, die oͤffentlichen Predig⸗ ten ſogar außer der Stadt zu verhindern. Als deßhalb der Graf von Naſſau ſie im Namen der Verbundenen an den gemachten Vertrag erinnerte, und die Frage an ſie that, ob die Stadt Bruͤſſel weniger Rechte haͤtte als die uͤbrigen Staͤdte? ſo antwortete ſie: wenn in Bruͤſſel vor dem Vertrage ſchon oͤffentliche Predigten gehalten worden, ſo ſey es ihr Werk nicht, wenn ſie jetzt nicht mehr ſtatt faͤnden. Zugleich aber ließ ſie unter der Hand der Buͤrgerſchaft bedeuten, daß dem Erſten, der es wagen wuͤrde, einer oͤffentlichen Predigt beizuwohnen, der Galgen gewiß ſep. So erhielt ſie wenigſtens die Reſidenz ſich getreu. ¹) Schwerer hielt es, Tournay zu beruhigen, welches Geſchaͤft, an Montigny's Statt, zu deſſen Gouvernement die Stadt gehoͤrte, dem Grafen von Hoorn uͤbertragen war. Hoorn befahl den Proteſtanten, ſogleich die Kirchen zu raͤumen, und ſich außer den Mauern mit einem Gotteshauſe zu begnuͤgen. Dawider wandten ihre Prediger ein, die Kirchen ſeyen zum Gebrauche des Volks errichtet, das Volk aber ſey, nicht wo die Vaͤter, ſondern wo der groͤßere Theil ſey. Verjage man ſie aus den katholiſchen Kirchen, ſo ſey es billig, daß man ihnen das Geld ſchaffe, eigene zu bauen. Darauf antwortete der Magiſtrat: wenn auch die Partei der Katholiken die ſchwaͤchere ſey, ſo ſey ſie zuverlaͤſſig die beſſere. Kirchen zu bauen, ſollte ihnen unverwehrt ſeyn; hoffentlich aber wuͤrden ſie der Stadt nach dem Schaden, den dieſe bereits von ihren Glaubensbruͤdern, den Bilderſtuͤrmern, erlitten, nicht zumuthen, 4) Burgund, 355. 346. 554. 278 ſich ihrer Kirchen wegen noch in Unkoſten zu ſetzen. Nach lan⸗ gem Gezaͤnke von beiden Seiten wußten die Proteſtanten doch im Beſitze einiger Kirchen zu bleiben, die ſie zu mehrerer Sicherheit mit Wache beſetzten. ¹) Auch in Valenciennes woll⸗ ten ſich die Proteſtanten den Bedingungen nicht fuͤgen, die ihnen durch Philipp v. S. Aldegonde, Herrn von Noir⸗ carmes, dem in Abweſenheit des Marquis von Bergen die Statthalterſchaft daruͤber uͤbertragen war, angeboten wurden. Ein reformirter Prediger, la Grange, ein Franzoſe von Geburt, verhetzte die Gemuͤther, die er durch die Gewalt ſeiner Beredſamkeit unumſchraͤnkt beherrſchte, auf eigenen Kirchen innerhalb der Stadt zu beſtehen, und im Verweigerungsfalle mit einer Uebergabe der Stadt an die Hugenotten zu drohen. Die uͤberlegene Anzahl der Calviniſten und ihr Einverſtaͤndniß mit den Hugenotten verboten dem Gouverneur, etwas Gewalt⸗ ſames gegen ſie zu unternehmen. ²) Auch der Graf von Egmont bezwang jetzt die ihm natuͤr⸗ liche Weichherzigkeit, um dem Koͤnige ſeinen Eifer zu beweiſen. Er brachte Beſatzung in die Stadt Gent, und ließ einige von den ſchlimmſten Aufruͤhrern am Leben ſtrafen. Die Kirchen wurden wieder geoͤffnet, der katholiſche Gottesdienſt erneuert, und alle Auslaͤnder erhielten Befehl, die ganze Provinz zu raͤumen. Den Calviniſten, aber nur dieſen, wurde außerhalb der Stadt ein Platz eingeraͤumt, ſich ein Gotteshaus zu bauen; dagegen mußten ſie ſich zum ſtrengſten Gehorſam gegen die Stadtobrigkeit und zu thaͤtiger Mitwirkung bei den Proceduren gegen die Bilderſtuͤrmer verpflichten; aͤhnliche Einrichtungen wurden von ihm durch ganz Flandern und Artois getroffen. 1) Burgund. 356. 557. 2) Burgund. 559. sq. 279 Einer von ſeinen Edelleuten, und ein Anhaͤnger des Bundes, Johann Caſſembrot, Herr von Beckerzeel, verfolgt die Bilderſtuͤrmer an der Spitze einiger buͤndiſchen Reiter, uͤberfiel einen Schwarm von ihnen, der eben im Begriff war, eine Stadt in Hennegau zu uͤberrumpeln, bei Grammont in Flandern, und bekam ihrer dreißig gefangen, wovon auf der Stelle zwei⸗ undzwanzig aufgehaͤngt, die uͤbrigen aber aus dem Lande ge⸗ peitſcht wurden. ¹) Dienſte von dieſer Wichtigkeit, ſollte man denken, haͤtten es nicht verdient, mit der Ungnade des Koͤnigs belohnt zu werden; was Oranien, Egmont und Hoorn bei dieſer Gelegenheit leiſteten, zeugte wenigſtens von eben ſo viel Eifer, und ſchlug eben ſo gluͤcklich aus, als was Noircarmes, Megen und Aremberg vollfuͤhrten, welchen der Koͤnig ſeine Dankbarkeit in Worten und Thaten zu erkennen gab. Aber dieſer Eifer, dieſe Dienſte kamen zu ſpaͤt. Zu laut hatten ſie bereits gegen ſeine Edicte geſprochen, zu heftig ſeinen Maßregeln widerſtrit⸗ ten, zu ſehr hatten ſie ihn in der Perſon ſeines Miniſters Granvella beleidigt, als daß noch Raum zur Vergebung ge⸗ weſen waͤre. Keine Zeit, keine Reue, kein noch ſo vollwichtiger Erſatz konnte dieſe Verſchuldungen aus dem Wemülhe ihres Herrn vertilgen. (1566.) Philipp lag eben krank in Segovien, als die Nachrichten von der Bilderſtuͤrmerei und dem mit den Unka⸗ tholiſchen eingegangenen Vergleiche bei ihm einliefen. Die Re⸗ gentin erneuerte zugleich ihre dringende Bitte um ſeine per⸗ ſoͤnliche Ueberkunft, von welcher auch alle Briefe handelten, die der Praͤſident Viglius mit ſeinem Freunde Hopperus um dieſe Zeit wechſelte. Auch von den niederlaͤndiſchen Großen 4) Meteren. 91. 92. Burgund. 340— 343. 280 legten viele, als z. B. Egmont, Mannsfeld, Megen, Aremberg, Noircarmes und Barlaimont beſondere Schreiben an ihn bei, worin ſie ihm von dem Zuſtande ihrer Provinzen Bericht abſtatteten, und ihre allda getroffenen Ein⸗ richtungen mit den beſten Gruͤnden zu ſchmuͤcken ſuchten. Um eben dieſe Zeit langte auch ein Schreiben vom Kaiſer an, der ihn zu einem gelinden Verfahren gegen ſeine niederlaͤndiſchen Unterthanen ermahnte, und ſich dabei zum Mittler erbot. Er hatte auch deßwegen unmittelbar an die Regentin ſelbſt nach Bruͤſſel geſchrieben, und an die Haͤupter des Adels beſondere Briefe beigelegt, die aber nie uͤbergeben wurden. Des erſten Unwillens mächtig, welchen dieſe verhaßte Begebenheit bei ihm rege machte, uͤbergab es der Koͤnig ſeinem Conſeil, ſich uͤber dieſen dieſen neuen Vorfall zu berathen. Granvella's Partei, die in demſelben die Oberhand hatte, wollte zwiſchen dem Betragen des niederlaͤndiſchen Adels und den Ausſchweifungen der Tempelſchaͤnder einen ſehr genauen Zuſammenhang bemerkt haben, der aus der Aehnlichkeit ihrer beiderſeitigen Forderungen, und vorzuͤglich aus der Zeit erhelle, in welcher letztere ihren Ausbruch genommen. Noch in dem⸗ ſelben Monate, merkten ſie an, wo der Adel ſeine drei Punkte eingereicht, habe die Bilderſtuͤrmerei angefangen; am Abend desſelben Tages, an welchem Oranien die Stadt Antwerpen verlaſſen, ſeyen auch die Kirchen verwuͤſtet worden. Waͤhrend des ganzen Tumults habe ſich kein Finger zu Ergreifung der Waffen gehoben; alle Mittel, deren man ſich bedient, ſeyen zum Vortheile der Secten gewieſen, alle anderen hingegen un⸗ terlaſſen worden, die zu Aufrechthaltung des reinen Glaubens abzielen. Viele von den Bilderſtuͤrmern, hieß es weiter, ſag⸗ ten aus, daß ſie Alles mit Wiſſen und Bewilligung der Fuͤr⸗ ſten gethan; und nichts war natuͤrlicher, als daß jene Nichts⸗ 281 wuͤrdigen ein Verbrechen, das ſie auf eigene Rechnung unter⸗ nommen, mit großen Namen zu beſchoͤnigen ſuchten. Auch eine Schrift brachte man zum Vorſcheine, worin der vornehme Adel den Geuſen ſeine Dienſte verſprach, die Verſammlung der Generalſtaaten durchzuſetzen, welche jener aber hartnaͤckig ver⸗ laͤugnete. Man wollte uͤberhaupt vier verſchiedene Zuſammen⸗ rottirungen in den Niederlanden bemerkt haben, welche alle mehr oder minder genau in einander griffen, und alle auf den naͤmlichen Zweck hinarbeiteten. Eine davon ſollten jene ver⸗ worfenen Rotten ſeyn, welche die Kirchen verwuͤſtet; eine zweite die verſchiedenen Secten, welche jene zu der Schand⸗ that gedungen; die Geuſen, die ſich zu Beſchuͤtzern der Sec⸗ ten aufgeworfen, ſollten die dritte, und die vierte der vornehme Adel ausmachen, der den Geuſen durch Lehns⸗ verhaͤltniſſe, Verwandtſchaft und Freundſchaft zugethan ſey. Alles war demzufolge von gleicher Verderbniß angeſteckt, und Alles ohne Unterſchied ſchuldig. Die Regierung hatte es nicht bloß mit einigen getrennten Gliedern zu thun; ſie hatte mit dem Ganzen zu kaͤmpfen. Wenn man aber in Erwaͤgung zog, daß das Volk nur der verfuͤhrte Theil, und die Aufmunterung zur Empoͤrung von oben herunter gekommen war, ſo wurde man geneigt, den bisherigen Plan zu aͤndern, der in mehrerer Ruͤckſicht fehlerhaft ſchien. Dadurch, daß man alle Claſſen ohne Unterſchied druͤckte, und dem gemeinen Volke eben ſo viel Strenge, als dem Adel Geringſchaͤtzung bewies, hatte man beide gezwungen, einander zu ſuchen; man hatte dem letztern eine Partei, und dem erſtern Anfuͤhrer gegeben. Ein un⸗ gleiches Verfahren gegen beide war ein unfehlbares Mittel, ſie zu trennen; der Poͤbel, ſtets furchtſam und traͤge, wenn die aͤußerſte Noth ihn nicht aufſchreckt, wuͤrde ſeine angebeteten Beſchuͤtzer ſehr bald im Stiche laſſen, und ihr Schickſal als 28² eine verdiente Strafe betrachten lernen, ſobald er es nicht mehr mit ihnen theilte. Man trug demnach bei dem Koͤnig darauf an, den großen Haufen kuͤnftig mit mehr Schonung zu behandeln und alle Schaͤrfe gegen die Haͤupter der Faction zu kehren. Um jedoch nicht den Schein einer ſchimpflichen Nachgiebigkeit zu haben, fand man fuͤr gut, die Fuͤrſprache des Kaiſers dabei zum Vorwande zu nehmen, welche allein, und nicht die Gerechtigkeit ihrer Forderungen, den Koͤnig da⸗ hin vermocht habe, ſie ſeinen niederlaͤndiſchen Unterthanen als ein großmuͤthiges Geſchenk zu bewilligen. ¹) Die Frage wegen der perſönlichen Hinreiſe des Koͤnigs kam jetzt abermals zuruͤck, und alle Bedenklichkeiten, welche ehemals dabei gefunden worden, ſchienen gegen die jetzige dringende Nothwendigkeit zu verſchwinden.„Jetzt,“ ließen ſich Tyſſenacque und Hopperus heraus,„ſey die An⸗ „gelegenheit wirklich vorhanden, an welche der Koͤnig, laut „ſeiner eigenen Erklaͤrung, die er ehemals dem Grafen von „Egmont gethan, tauſend Leben zu wagen bereit ſey. Die neinzige Stadt Gent zu beruhigen, habe ſich Karl der Fuͤnfte veiner beſchwerlichen und gefahrvollen Landreiſe durch feind⸗ „liches Gebiet unterzogen; um einer einzigen Stadt willen, nund jetzt gelte es die Ruhe, vielleicht ſogar den Beſitz aller „vereinigten Provinzen.“ ²) Dieſer Meinung waren die Meiſten, und die Reiſe des Koͤnigs wurde als eine Sache angeſehen, die er ſchlechterdings nicht mehr umgehen koͤnne. Die Frage war nun, mit wie vieler oder weniger Begleitung er ſie antreten ſollte? und hieruͤber waren der Prinz von 4) Burgund. 565. 364. Hopper.§. 138. 159. 440. und§. 152. 155. 2) Hopper.§. 442. Burgund. 366. 283 Eboli und der Graf von Figueroa mit dem Herzoge von Alba verſchiedener Meinung, wie der Privatvortheil eines Je⸗ den dabei verſchieden war. Reiste der Koͤnig an der Spitze einer Armee, ſo war der Herzog von Alba der Unentbehrliche, der im Gegentheil bei einer friedlichen Beilegung, wo man ſeiner weniger bedurfte, ſeinen Nebenbuhlern das Feld raͤumen mußte. „Eine Armee,“ erklaͤrt Figueroa, den die Reihe zuerſt traf, zu reden,„wuͤrde die Fuͤrſten, durch deren Gebiet man ſie fuͤhrte, „beunruhigen, vielleicht gar einen Widerſtand von ihnen zu er⸗ „fahren haben; die Provinzen aber, zu deren Beruhigung ſie „beſtimmt waͤre, unnoͤthig belaͤſtigen, und zu den Beſchwer⸗ „den, welche dieſe bisher ſo weit gebracht, eine neue hinzufuͤ⸗ „gen. Sie wuͤrde alle Unterthanen auf gleiche Art druͤcken, da nim Gegentheile eine friedlich ausgeuͤbte Gerechtigkeit den Un⸗ „ſchuldigen von dem Schuldigen unterſcheide. Das Unge woͤhn⸗ „liche und Gewaltſame eines ſolchen Schrittes wuͤrde die Haͤup⸗ „ter der Faction in Verſuchung fuͤhren, ihr bisheriges Betra⸗ „gen, woran Muthyille und Leichtſinn den groͤßten Antheil ge⸗ „habt, von einer ernſthaftern Seite zu ſehen, und nun erſt mit „Plan und Zuſammenhang fortzufuͤhren; der Gedanke, den „Koͤnig ſo weit gebracht zu haben, wuͤrde ſie in eine Verzweif⸗ „lung ſtuͤrzen, worin ſie das Aeußerſte unternehmen wuͤrden. „Stelle ſich der Koͤnig den Rebellen gewaffnet entgegen, ſo „begebe er ſich des wichtigſten Vortheils, den er uͤber ſie habe, „ſeiner landesherrlichen Wuͤrde, die ihn um ſo maͤchtiger „ſchirme, je mehr er zeige, daß er auf ſie allein ſich verlaſſe. „Er ſetze ſich dadurch gleichſam in Einen Rang mit den Re⸗ „bellen, die auch ihrerſeits nicht verlegen ſeyn wuͤrden, eine „Armee aufzubringen, da ihnen der allgemeine Haß gegen „ſpaniſche Heere bei der Nation vorarbeite. Der Koͤnig ver⸗ „tauſche auf dieſe Art die gewiſſe Ueberlegenheit, die ihm ſein 284 „Verhaͤltniß als Landesfuͤrſt gewaͤhre, gegen den ungewiſſen „Ausgang kriegeriſcher Unternehmungen, die, auf welche Seite „auch der Erfolg falle, nothwendig einen Theil ſeiner eigenen „Unterthanen zu Grunde richten muͤſſen. Das Geruͤcht ſeiner „gewaffneten Ankunft wuͤrde ihm fruͤhe genug in den Provinzen „woraneilen, um Allen, die ſich einer ſchlimmen Sache bewußt „waren, hinreichende Zeit zu verſchaffen, ſich in Vertheidigungs⸗ „ſtand zu ſetzen, und ſowohl ihre innern als auswaͤrtigen Huͤlfs⸗ „quellen wirken zu laſſen. Hierbei wuͤrde ihnen die allgemeine „Furcht große Dienſte leiſten; die Ungewißheit, wem es eigent⸗ „lich gelte, wuͤrde auch den minder Schuldigen zu dem großen „Haufen der Rebellen hinuͤberziehen, und ihm Feinde erzwin⸗ „gen, die es ohne das niemals wuͤrden geworden ſeyn. Wuͤßte „man ihn aber ohne eine ſolche fuͤrchterliche Begleitung im An⸗ „zuge, waͤre ſeine Erſcheinung weniger die eines Blutrichters, „als eines zuͤrnenden Vaters, ſo wuͤrde der Muth aller Guten „ſteigen, und die Schlimmen in ihrer eigenen Sicherheit ver⸗ „derben. Sie wuͤrden ſich uͤberreden, das Geſchehene fuͤr we⸗ „niger bedeutend zu halten; weil es dem Koͤnige nicht wichtig „genug geſchienen, deßwegen einen gewaltſamen Schritt zu thun. „Sie wuͤrden ſich huͤten, durch offenbare Gewaltthaͤtigkeiten „eine Sache ganz zu verſchlimmern, die vielleicht noch zu retten „ſey. Auf dieſem ſtillen friedlichen Wege wuͤrde alſo gerade „das erhalten, was auf dem andern unrettbar verloren ginge; „der treue Unterthan wuͤrde auf keine Art mit dem ſtrafwuͤr⸗ „digen Rebellen vermengt; auf dieſen allein wuͤrde das ganze „Gewicht ſeines Zorns fallen. Nicht einmal zu gedenken, daß „man dadurch zugleich einem ungeheuren Aufwande entginge, „den der Transport einer ſpaniſchen Armee nach dieſen ent⸗ legenen Gegenden der Krone verurſachen wuͤrde.“ ¹) ¹) Burgund. 386. 587. 28⁵ „Aber,“ hub der Herzog von Alba an,„kann das Un⸗ „gemach einiger wenigen Burger in Anſchlag kommen, wenn „das Ganze in Gefahr ſchwebt? Weil einige Treugeſinnte uͤbel „dabei fahren, ſollen darum die Aufruͤhrer nicht gezuͤchtigt wer⸗ „den? Das Vergehen war allgemein, warum ſoll die Strafe „es nicht ſeyn? Was die Rebellen durch ihre Thaten, haben „die Uebrigen durch ihr Unterlaſſen verſchuldet. Weſſen Schuld „iſt es, als die ihrige, daß es jenen ſo weit gelungen iſt?. „Warum haben ſie ihrem Beginnen nicht fruͤhzeitiger wider⸗ „ſtanden? Noch, ſagt man, ſind die Umſtaͤnde ſo verzweifelt „nicht, daß ſie dieſes gewaltſame Mittel rechtfertigen— aber „wer ſteht uns dafuͤr, daß ſie es bei der Ankunft des Koͤnigs „nicht ſeyn werden, da nach jeglichem Berichte der Regentin „Alles mit ſchnellen Schritten zur Verſchlimmerung eilt? Soll „man es darauf wagen, daß der Monarch erſt beim Eintritt „in die Provinzen gewahr werde, wie nothwendig ihm eine „Kriegsmacht geweſen? Es iſt nur allzu gegruͤndet, daß ſich „die Rebellen eines auswaͤrtigen Beiſtandes verſichert haben, „der ihnen auf den erſten Wink zu Gebote ſteht; iſt es aber „dann Zeit, auf eine Kriegsruͤſtung zu denken, wenn der Feind „uͤber die Graͤnzen hereinbricht? Soll man es darauf an⸗ „kommen laſſen, ſich mit den naͤchſten, den beſten nieder⸗ „laͤndiſchen Truppen behelfen zu muͤſſen, auf deren Treue ſo „wenig zu rechnen iſt? und kommt endlich die Regentin ſelbſt „nicht immer darauf zuruͤck, daß nur der Mangel einer ge⸗ „boͤrigen Kriegsmacht ſie bisher gehindert habe, den Edieten „Kraft zu geben und die Fortſchritte der Rebellen zu hemmen? „Nur eine wohldisciplinirte und gefuͤrchtete Armee kann dieſen „die Hoffnung ganz abſchneiden, ſich gegen ihren rechtmaͤfigen „Oberherrn zu behaupten, und nur die gewiſſe Ausſicht ihres „Verderbens ihre Forderungen herabſtimmen. Ohne eine hin⸗ 286 „reichende Kriegsmacht kann der Koͤnig ohnehin ſeine Perſon „nicht in feindliche Laͤnder wagen, ohne ſie kann er mit ſei⸗ „nen rebelliſchen Unterthanen keine Vertraͤge eingehen, die „ſeiner Wuͤrde gemaͤß ſind.“ ⁴) (1566.) Das Anſehen des Redners gab ſeinen Gruͤnden das Uebergewicht, und die Frage war jetzt nur, wie bald der Koͤnig die Reiſe antreten, und was fuͤr einen Weg er neh⸗ men ſollte. Da die Reiſe keineswegs auf dem Ocean fuͤr ihn zu wagen war, ſo blieb ihm keine andere Wahl, als entweder durch die Engen bei Trient uͤber Deutſchland dahin zu gehen, oder von Savoyen aus die appenniniſchen Alpen zu durch⸗ hrechen. Auf dem erſten Wege hatte er von den deutſchen Proteſtanten zu fuͤrchten, denen der Zweck ſeiner Reiſe nicht gleichguͤltig ſeyn konnte; und uͤber die Appenninen war in dieſer ſpaͤten Jahreszeit kein Durchgang zu wagen. Außer⸗ dem mußten die noͤthigen Galeeren erſt aus Italien geholt und ausgebeſſert werden, welches mehrere Monate koſten konnte. Da endlich auch die Verſammlung der Cortes von Caſtilien, wovon er nicht wohl wegbleiben konnte, auf den December bereits ausgeſchrieben war, ſo konnte die Reiſe vor dem Fruͤhjahre nicht unternommen werden.) Indeſſen drang die Regentin auf eine entſcheidende Reſolu⸗ tion, wie ſie ſich aus gegenwaͤrtigem Bedraͤngniſſe ziehen ſollte, ohne dem koͤniglichen Anſehen zu viel dabei zu vergeben; und erwas mußte nothwendig geſchehen, ehe der Koͤnig die Unruhen durch ſeine perſoͤnliche Gegenwart beizulegen unternahm. Es wurden demnach zwei verſchiedene Schreiben an die Herzogin erlaſſen, ein oͤffentliches, das ſie den Staͤnden und den Raths⸗ 4) Burgund. 381— 390. 2²) Happer. 6§. 155. 155. Burg. 390— 392 287 verſammlungen vorlegen durfte, und ein geheimes, das fuͤr ſie allein beſtimmt war. In dem erſten kuͤndigte er ihr ſeine Wiedergeneſung und die gluͤckliche Geburt der Infantin, Clara Iſabella Eugenia, nachheriger Erzherzogin Albert von Oeſterreich und Fuͤrſtin der Niederlande, an. Er erklaͤrte ihr ſeinen nunmehr feſten Entſchluß, die Niederlande in Perſon zu beſuchen, wozu er bereits die noͤthigen Zuruͤſtungen mache. Die Staͤndeverſammlung verwarf er, wie das vorigemal; des Vergleichs, den ſie mit den Proteſtanten und mit dem Bunde eingegangen war, geſchah in dieſem Briefe gar keine Erwaͤh⸗ nung, weil er es noch nicht rathſam fand, ihn entſcheidend zu verwerfen, und noch viel weniger Luſt hatte, ihn fuͤr guͤltig zu erklaͤren. Dagegen befahl er ihr, das Heer zu verſtaͤrken, neue Regimenter aus Deutſchland zuſammenzuziehen und den Wider⸗ ſpaͤnſtigen Gewalt entgegenzuſetzen. Uebrigens, ſchloß er, ver⸗ laſſe er ſich auf die Treue des vornehmen Adels, worunter er Viele kenne, die es aufrichtig mit ihrer Religion und ihrem Koͤnige meinten. In dem geheimen Schreiben wurde ihr noch einmal anbefohlen, die Staatenverſammlung nach allen Kraͤften zu hintertreiben; dann aber, wenn ihr die allgemeine Stimme doch zu maͤchtig werden ſollte und ſie der Gewalt wuͤrde nach⸗ geben muͤſſen, es wenigſtens ſo vorſichtig einzurichten, daß ſeiner Wuͤrde nichts vergeben und ſeine Einwilligung darein Niemand kund wuͤrde. ¹) (1566.) Waͤhrend dem, daß man ſich in Spanien uͤber dieſe Sache berathſchlagte, machten die Proteſtanten in den Niederlanden von den Vorrechten, die man ihnen gezwungener Weiſe bewilligt hatte, den weiteſten Gebrauch. Der Bau der Kirchen kam, wo er ihnen verſtattet war, mit unglaublicher 1) Meteren 92. Hopper. G. 144. 115. 146. Burg. 569. 370. 2 Pp 8 288 Schnelligkeit zu Stande; Jung und Alt, der Adel wie die Geringen, halfen Steine zutragen; Frauen opferten ſogar ihren Schmuck auf, um das Werk zu beſchleunigen. Beide Religions⸗ parteien errichteten in mehreren Staͤdten eigene Conſiſtorien und einen eigenen Kirchenrath, wozu in Antwerpen der Anfang gemacht war, und ſetzten ihren Gottesdienſt auf einen geſetz⸗ maͤßigen Fuß. Man trug auch darauf an, Gelder in einen gemeinſchaftlichen Fonds zuſammenzuſchießen, um gegen un⸗ erwartete Faͤlle, welche die proteſtantiſche Kirche im Ganzen angingen, ſogleich die noͤthigen Mittel zur Hand zu haben. In Antwerpen wurde dem Grafen von Hoogſtraten von den Calviniſten dieſer Stadt eine Schrift uͤbergeben, worin ſie ſich anheiſchig machten, fuͤr die freie Uebung ihrer Religion durch alle niederlaͤndiſchen Provinzen drei Millionen Thaler zu erlegen. Von dieſer Schrift gingen viele Copien in den Nieder⸗ landen herum; um die Uebrigen anzulocken, hatten ſich Viele mit prahleriſchen Summen unterſchrieben. Ueber dieſes aus⸗ ſchweifende Anerbieten ſind von den Feinden der Reformirten verſchiedene Auslegungen gemacht worden, welche alle einigen Schein fuͤr ſich haben. Unter dem Vorwande naͤmlich, die noͤthigen Summen zu Erfuͤllung dieſes Verſprechens zuſammen⸗ zubringen, hoffte man, wie Einige glaubten, mit deſto weniger Verdacht die Beiſteuern einzutreiben, deren man zu einem kriegeriſchen Widerſtande jetzt benoͤthigt war; und wenn ſich die Nation nun doch einmal, ſey es fuͤr oder gegen die Regentin, in Unkoſten ſetzen ſollte, ſo war zu erwarten, daß ſie ſich weit leichter dazu verſtehen wuͤrde, zu Erhaltung des Friedens, als zu einem unterdruͤckenden und verheerenden Kriege beizutragen. Andere ſahen in dieſem Anerbieten weiter nichts, als eine tem⸗ poräre Ausflucht der Proteſtanten, ein Blendwerk, wodurch ſie den Hof einige Augenblicke lang unſchluͤſſig zu machen geſucht haben ſollen, bis ſie Kraͤfte genug geſammelt, ihm die Stirn zu bieten. Andere erklaͤrten es geradezu fuͤr eine Großſprecherei, um die Regentin dadurch in Furcht zu jagen, und den Muth der Partei durch die Eroͤffnung ſo reicher Huͤlfsquellen zu er⸗ heben. Was auch der wahre Grund von dieſem Anerbieten geweſen ſey, ſo gewannen ſeine Urheber dadurch wenig; die Beiſteuern floſſen ſehr ſparſam ein, und der Hof beantwortete den Antrag mit ſtillſchweigender Verachtung. ¹) Aber der Exceß der Bilderſtuͤrmerei, weit entfernt, die Sache des Bundes zu befoͤrdern und die Proteſtanten empor⸗ zubringen, hatte Beiden einen unerſetzlichen Schaden gethan. Der Anblick ihrer zerſtoͤrten Kirchen, die, nach Viglius' Aus⸗ druck, Viehſtaͤllen aͤhnlicher ſahen, als Gotteshaͤuſern, ent⸗ ruͤſtete alle Katholiken, und am meiſten ihre Geiſtlichkeit. Alle, die von dieſer Religion dazu getreten waren, verließen jetzt den Bund, der die Ausſchweifungen der Bilderſtuͤrmer, wenn auch nicht abſichtlich angeſtiftet und befoͤrdert, doch un⸗ ſtreinig von ferne veranlaßt hatte. Die Intoleranz der Cal⸗ viniſten, die an den Plaͤtzen, wo ihre Partei die herrſchende war, die Katholiken aufs grauſamſte bedruͤckten, riß dieſe vollends aus ihrer bisherigen Verblendung, und ſie gaben es auf, ſich einer Partei anzunehmen, von welcher, wenn ſie die Oberhand behielte, fuͤr ihre eigene Religion ſo viel zu befuͤrch⸗ ten ſtand. So verlor der Bund viele ſeiner beſten Glieder; die Freunde und Befoͤrderer, die er bisher unter den gut⸗ geſinnten Buͤrgern gefunden, verließen ihn, und ſein Anſehen in der Republik fing merklich an zu ſinken. Die Strenge, mit der einige ſeiner Mitglieder, um ſich der Regentin gefaͤllig zu ¹) Strad. 165. Burg. 574. 575. Allgem. Geſch. der ver. Niederl⸗ III. Th. 95. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 19 290 bezeigen und den Verdacht eines Verſtaͤndniſſes mit den Uebel⸗ geſinnten zu entfernen, gegen die Bilderſtuͤrmer verfuhren, ſchadete ihnen bei dem Volke, das jene in Schutz nahm, und er war in Gefahr, es mit beiden Parteien zugleich zu verderben. Von dieſer Veraͤnderung hatte die Regentin nicht ſobald Nachricht erhalten, als ſie den Plan entwarf, allmaͤhlich den ganzen Bund zu trennen, oder wenigſtens durch innere Spal⸗ tungen zu entkraͤften. Sie bediente ſich zu dem Ende der Privatbriefe, die der Koͤnig an einige aus dem Adel an ſie bei⸗ geſchloſſen, mit voͤlliger Freiheit, ſie nach Gutbefinden zu ge⸗ brauchen. Dieſe Briefe, welche von Wohlgewogenheit uͤber⸗ floſſen, wurden denen, fuͤr welche ſie beſtimmt waren, mit abſichtlich verungluͤckter Heimlichkeit zugeſtellt, ſo daß jederzeit einer oder der andere von denen, welche nichts dergleichen er⸗ hielten, einen Wink davon bekam; und zu mehrerer Verbrei⸗ tung des Mißtrauens trug man Sorge, daß zahlreiche Abſchrif⸗ ten davon herumgingen. Dieſer Kunſtgriff erreichte ſeinen Zweck. Viele aus dem Bunde fingen an, in die Standhaftig⸗ keit derer, denen man ſo glaͤnzende Verſprechungen gemacht, ein Mißtrauen zu ſetzen; aus Furcht, von ihren wichtigſten Beſchuͤtzern im Stiche gelaſſen zu werden, ergriffen ſie mit Be⸗ gierde die Bedingungen, die ihnen von der Statthalterin an⸗ geboten wurden, und draͤngten ſich zu einer baldigen Ver⸗ ſoͤhnung mit dem Hofe. Das allgemeine Geruͤcht von der nahen Ankunft des Koͤnigs, welches die Regentin aller Orten zu verbreiten Sorge trug, leiſtete ihr dabei große Dienſte; Viele, die ſich von dieſer koͤniglichen Erſcheinung nicht viel Gutes verſprachen, beſannen ſich nicht lange, eine Gnade an⸗ zunehmen, die ihnen vielleicht zum letztenmal angeboten ward.) ¹) Thuan. II. 507. Strad. 164. 165. Meteren 98. Von denen, welche dergleichen Privatſchreiben bekamen, waren auch Egmont und der Prinz von Oranien. Beide hatten ſich bei dem Koͤnig uͤber die uͤbeln Nachreden beſchwert, womit man in Spanien ihren guten Namen zu brandmarken und ihre Abſichten verdaͤchtig zu machen ſuchte; Egmont be⸗ ſonders hatte mit der redlichen Einfalt, die ihm eigen war, den Monarchen aufgefordert, ihm doch nur anzudeuten, was er eigentlich wolle, ihm die Handlungsart zu beſtimmen, wo⸗ durch man ihm gefaͤllig werden und ſeinen Dienſteifer darthun koͤnnte. Seine Verleumder, ließ ihm der Koͤnig durch den Praͤftdenten von Tyſſenacque zuruͤckſchreiben, koͤnne er durch nichts beſſer widerlegen, als durch die vollkommenſte Unter⸗ werfung unter die koͤniglichen Befehle, welche ſo klar und be⸗ ſtimmt abgefaßt ſeyen, daß es keiner neuen Auslegung und keines beſondern Auftrags mehr beduͤrfſe. Dem Souveraͤn komme es zu, zu berathſchlagen, zu pruͤfen und zu verordnen; dem Willen des Souveraͤns unbedingt nachzuleben, gebuͤhre dem Unterthan; in ſeinem Gehorſam beſtehe deſſen Ehre. Es ſtehe einem Gliede nicht gut an, ſich fuͤr weiſer zu halten, als ſein Haupt. Allerdings gebe man ihm Schuld, daß er nicht Alles gethan habe, was in ſeinen Kraͤften geſtanden, um der Aus⸗ gelaſſenheit der Sectirer zu ſteuern; aber auch noch jetzt ſtehe es in ſeiner Gewalt, das Verſaͤumte einzubringen, bis zur wirklichen Aakunft des Koͤnigs wenigſtens Ruhe und Ordnung erhalten zu helfen. Wenn man den Grafen von Egmont wie ein ungehor⸗ ſames Kind mit Verweiſen ſtrafte, ſo behandelte man ihn, wie man ihn kannte; gegen ſeinen Freund mußte man Kunſt und Betrug zu Huͤlfe rufen. Auch Oranien hatte in ſeinem Briefe des ſchlimmen Verdachts erwaͤhnt, den der Koͤnig in ſeine Treue und Ergebenheit ſetze, aber nicht in der eiteln Hoft⸗ 29²2 nung, wie Egmont, ihm dieſen Verdacht zu benehmen, wovon er laͤngſt zuruͤckgekommen war, ſondern um von dieſer Be⸗ ſchwerde den Uebergang auf die Bitte zu nehmen, daß er ihn ſeiner Aemter entlaſſen moͤchte. Oft ſchon hatte er dieſe Bitte an die Regentin gethan, ſtets aber unter den ſtaͤrkſten Betheue⸗ rungen ihrer Achtung eine abſchlaͤgige Antwort von ihr erhalten. Auch der Koͤnig, an den er ſich endlich unmittelbar mit dieſem Anliegen gewendet, ertheilte ihm jetzt die naͤmliche Antwort, die mit eben ſo ſtarken Verſicherungen ſeiner Zufriedenheit und Dankbarkeit ausgeſchmuͤckt war. Beſonders bezeugte er ihm uͤber die Dienſte, die er ihm kuͤrzlich in Antwerpen geleiſtet, ſeine hoͤchſte Zufriedenheit, beklagte es ſehr, daß die Privatumſtaͤnde des Prinzen(von denen der letztere einen Hauptvorwand ge⸗ nommen, ſeine Entlaſſung zu verlangen) ſo ſehr verfallen ſeyn ſollten, endigte aber mit der Erklaͤrung, daß es ihm unmoͤglich ſey, einen Diener von ſeiner Wichtigkeit in einem Zeitpunkte zu entbehren, wo die Zahl der Guten eher einer Vermehrung als einer Verminderung beduͤrfe. Er habe geglaubt, ſetzte er hinzu, der Prinz hege eine beſſere Meinung von ihm, als daß er ihn der Schwachheit faͤhig halten ſollte, dem grundloſen Ge⸗ ee aewiſſer Menſchen zu glauben, die es mit dem Prinzen und mit ihm ſelbſt uͤbel meinten. Um ihm zugleich einen Beweis ſeiner Aufrichtigkeit zu geben, beklagte er ſich im Ver⸗ trauen bei ihm uͤber ſeinen Bruder, den Grafen von Naſſau, bat ſich in dieſer Sache zum Schein ſeinen Rath aus, und aͤußerte zuletzt ſeinen Wunſch, den Grafen eine Zeit lang aus den Niederlanden entfernt zu wiſſen. ¹) Aber Philipp hatte es hier mit einem Kopfe zu thun ¹) Hopper.§. 149. Burgund 597. Apologie- de Guillaume Pr. d'Orange als Beilage. 293 der ihm an Schlauheit uͤberlegen war. Der Prinz von Ora⸗ nien hielt ihn und ſein geheimes Conſeil in Madrid und Segovien ſchon lange Zeit durch ein Heer von Spionen bewacht, die ihm Alles hinterbrachten, was dort Merkwuͤrdiges verhandelt ward. Der Hof dieſes Heimlichſten von allen Deſpoten war ſeiner Liſt und ſeinem Gelde zugaͤnglich geworden; auf dieſem Wege hatte er manche Briefe, welche die Regentin ingeheim nach Madrid geſchrieben, mit ihrer eignen Handſchrift erhalten, und in Bruͤſſel unter ihren Augen gleichſam im Triumph cir⸗ culiren laſſen, daß ſie ſelbſt, die mit Erſtaunen hier in Jeder⸗ manns Haͤnden ſah, was ſie ſo gut aufgehoben glaubte, dem Koͤnige anlag, ihre Depeſchen ins Kuͤnftige ſogleich zu vernichten. Wilhelms Wachſamkeit ſchraͤnkte ſich nicht bloß auf den ſpa⸗ niſchen Hof ein, bis nach Frankreich und noch weiter hatte er ſeine Kundſchafter geſtellt, und Einige beſchuldigen ihn ſogar, daß die Wege, auf welchen er zu ſeinen Erkundigungen gelangte, nicht immer die unſchuldigſten geweſen. Aber den wichtigſten Aufſchluß gab ihm ein aufgefangener Brief des ſpaniſchen Bot⸗ ſchafters in Frankreich, Franz von Alava, an die Herzogin, worin ſich dieſer uͤber die ſchoͤne Gelegenheit verbreitete, welche durch die Verſchuldung des niederlaͤndiſchen Volks dem Koͤnige jetzt gegeben ſey, eine willkuͤrliche Gewalt in dieſem Lande zu gruͤnden. Darum rieth er ihr an, den Adel jetzt durch eben die Kuͤnſte zu hintergehen, deren er ſich bis jetzt gegen ſie bedient, und ihn durch glatte Worte und ein verbindliches Betragen ſicher zu machen. Der Koͤnig, ſchloß er, der die Edelleute als die verborgenen Triebfedern aller bisherigen Un⸗ ruhen kenne, wuͤrde ſie zu ſeiner Zeit wohl zu finden wiſſen, ſo wie die Beiden, die er bereits in Spanien habe, und die ihm nicht mehr entwiſchen wuͤrden, und er habe geſchworen, ein Beiſpiel an ihnen zu geben, woruͤber die ganze Chriſtenheit 294 ſich entſetzen ſolle, muͤßte er auch alle ſeine Erblaͤnder daran wagen. Dieſe ſchlimme Entdeckung empfing durch die Briefe, welche Bergen und Montigny aus Spanien ſchrieben, und worin ſie uͤber die zuruͤckſetzende Begegnung der Grandezza und das veraͤnderte Betragen des Monarchen gegen ſie bittere Beſchwerden fuͤhrten, die hoͤchſte Glaubwuͤrdigkeit; und Ora⸗ nien erkannte nun vollkommen, was er von den ſchoͤnen Ver⸗ ſicherungen des Koͤnigs zu halten habe. ¹) (1566.) Den Brief des Miniſters Alava, nebſt einigen andern, die aus Spanien datirt waren, und von der nahen gewaffneten Ankunft des Koͤnigs und ſeinen ſchlimmen Abſichten wider die Edeln umſtaͤndliche Nachricht gaben, legte der Prinz ſeinem Bruder, dem Grafen Ludwig von Naſſau, dem Grafen von Egmont, von Hoorn und von Hoogſtraten bei einer Zuſammenkunft zu Dendermonde in Flandern, vor, wohin ſich dieſe fuͤnf Ritter begeben hatten, gemeinſchaftlich mit einander die noͤthigen Maßregeln zu ihrer Sicherheit zu treffen. Graf Ludwig, der nur ſeinem Unwillen Gehoͤr gab, behauptete tolldreiſt, daß man ohne Zeitverluſt zu den Waffen greifen und ſich einiger feſten Plaͤtze verſichern muͤſe. Dem Koͤnige muͤſſe man, es koſte auch was es wolle, den gewaffneten Eingang in die Provinzen verſagen. Man muͤſſe die Schweiz, die prote⸗ ſtantiſchen Fuͤrſten Deutſchlands und die Hugenotten unter die Waffen bringen, daß ſie ihm den Durchzug durch ihr Gebiet erſchwerten, und wenn er ſich deſſen ungeachtet durch alle dieſe Hinderniſſe hindurchſchluͤge, ihn an der Graͤnze des Landes mit einer Armee empfangen. Er nehme es auf ſich, in Frank⸗ reich, in der Schweiz und in Deutſchland ein Schutzbuͤndniß zu negociiren, und aus letzterm Reiche viertaufend Reiter nebſt 4) Reidan. 3. Thuan. 507. Burgund. 404. Meteren 94. Strad. 4160. 295 einer verhaͤltnißmaͤßigen Anzahl Fußvolk zuſammenzubringen; an einem Vorwande fehle es nicht, das noͤthige Geld einzu⸗ treiben, und die reformirten Kaufleute wuͤrden ihn, wie er ſich verſichert hielt, nicht im Stiche laſſen. Aber Wilhelm, vor⸗ ſichtiger und weiſer, erklaͤrte ſich gegen dieſen Vorſchlag, der bei der Ausfuͤhrung unendliche Schwierigkeiten finden, und noch durch nichts wuͤrde gerechtfertigt werden koͤnnen. Die Inqui⸗ ſttion, ſtellte er vor, ſey in der That aufgehoben, die Placate beinahe ganz in Vergeſſenheit gekommen, und eine billige Glaubensfreiheit verſtattet. Bis jetzt alſo fehle es ihnen an einem guͤltigen Grunde, dieſen feindlichen Weg einzuſchlagen; indeſſen zweifle er nicht, daß man ihnen zeitig genug einen darreichen werde. Seine Meinung alſo ſey, dieſen gelaſſen zu erwarten, unterdeſſen aber auf Alles ein wachſames Auge zu haben und dem Volke von der drohenden Gefahr einen Wink zu geben, damit es bereit ſey, zu handeln, wenn die Umſtaͤnde es verlangten. Waͤren alle diejenigen, welche die Verſammlung ausmachten, dem Gutachten des Prinzen von Oranien beigetreten, ſo iſt kein Zweifel, daß eine ſo maͤchtige Ligue, furchtbar durch die Macht und das Anſehen ihrer Glieder, den Abſichten des Koͤnigs Hinderniſſe haͤtte entgegenſetzen koͤnnen, die ihn gezwungen haben wuͤrden, ſeinen ganzen Plan aufzugeben. Aber der Muth der verſammelten Ritter wurde gar ſehr durch die Erklaͤrung niedergeſchlagen, womit der Graf von Egmont ſie uͤberraſchte. „Lieber,“ ſagte er,„mag Alles uͤber mich kommen, als daß ich „das Gluͤck ſo verwegen verſuchen ſollte. Das Geſchwaͤtz des „Spaniers Alava ruͤhrt mich wenig,— wie ſollte dieſer „Menſch dazu kommen, in das verſchloſſene Gemuͤth ſeines „Herrn zu ſchauen, und ſeine Geheimniſſe zu entziffern? Die „Nachrichten, welche uns Montigny gibt, beweiſen weiter „nichts, als daß der Konig eine ſehr zweideutige Meinung von 296 „unſerm Dienſteifer hegt, und Urſache zu haben glaubt, ein „Mißtrauen in unſere Treue zu ſetzen; und dazu, daͤucht mir, „haͤtten wir ihm nur allzuviel Anlaß gegeben. Auch iſt es mein „ernſtlicher Vorſatz, durch Verdoppelung meines Eifers ſeine „Meinung von mir zu verbeſſern, und durch mein kuͤnftiges „Verhalten, wo moͤglich, den Verdacht auszuloͤſchen, den meine „bisherigen Handlungen auf mich geworfen haben moͤgen. „Und wie ſollte ich mich auch aus den Armen meiner zahl⸗ „reichen und huͤlfsbedurftigen Familie reißen, um mich an „fremden Hoͤfen als einen Landfluͤchtigen herumzutragen, eine „Laſt fuͤr Jeden, der mich aufnimmt, Jedes Sklave, der ſich „herablaſſen will, mir unter die Arme zu greifen, ein Knecht „von Auslaͤndern, um einem leidlichen Zwange in meiner Hei⸗ „math zu entgehen? Nimmermehr kann der Monarch unguͤtig „an einem Diener handeln, der ihm ſonſt lieb und theuer war, „und der ſich ein gegruͤndetes Recht auf ſeine Dankbarkeit er⸗ „worben. Nimmermehr wird man mich uͤberreden, daß Er, der fuͤr ſein niederländiſches Volk ſo billige, ſo gnaͤdige Geſin⸗ „nungen gehegt, und ſo nachdruͤcklich, ſo heilig mir betheuert „hat, jetzt ſo deſpotiſche Anſchlaͤge dagegen ſchmieden ſoll. Haben „wir dem Lande nur erſt ſeine vorige Ruhe wiedergegeben, die „Rebellen gezuͤchtigt, den katholiſchen Gottesdienſt wieder her⸗ „geſtellt, ſo glauben Sie mir, daß man von keinen ſpaniſchen „Truppen mehr hoͤren wird; und dieß iſt es, wozu ich Sie alle „durch meinen Rath und durch mein Beiſpiel jetzt auffordere, „und wozu auch bereits die mehrſten unſrer Bruͤder ſich neigen. „Ich meines Theils fuͤrchte nichts von dem Zorne des Monarchen. „Mein Gexwiſſen ſpricht mich frei; mein Schickſal ſteht bei ſei⸗ „ner Gerechtigkeit und ſeiner Gnade.“ ¹) ¹) Thuan. 507. Burg. 405. 406. Meteren 95. 297 Umſonſt bemuͤhten ſich Naſſau, Hoorn und Oranien, ſeine Standhaftigkeit zu erſchuͤttern, und ihm uͤber die nahe unausbleibliche Gefahr die Augen zu oͤffnen. Egmont war dem Koͤnige wirklich ergeben; das Andenken ſeiner Wohlthaten und des verbindlichen Betragens, womit er ſie begleitet hatte, lebte noch in ſeinem Gedaͤchtniſſe. Die Aufmerkſamkeiten, wodurch er ihn vor allen ſeinen Freunden ausgezeichnet, hat⸗ ten ihre Wirkung nicht verfehlt. Mehr aus falſcher Scham, als aus Parteigeiſt, hatte er gegen ihn die Sache ſeiner Landsleute verfochten; mehr aus Temperament und natuͤr⸗ licher Herzensguͤte, als aus gepruͤften Grundſätzen, die harten Maßregeln der Regierung bekaͤmpft. Die Liebe der Nation, die ihn als ihren Abgott verehrte, riß ſeinen Ehrgeiz hin. Zu eitel, einem Namen zu entſagen, der ihm ſo angenehm klang, hatte er doch etwas thun muͤſſen, ihn zu verdienen; aber ein einziger Blick auf ſeine Familie, ein harter Name, unter welchem man ihm ſein Betragen zeigte, eine bedenk⸗ liche Folge, die man daraus zog, der bloße Klang von Ver⸗ brechen ſchreckte ihn aus dieſem Selbſtbetruge auf, und ſcheuchte ihn eilfertig zu ſeiner Pflicht zuruͤck. Oraniens ganzer Plan ſcheiterte, als Egmont zuruͤck⸗ trat. Egmont hatte die Herzen des Volks und das ganze Zutrauen der Armee, ohne die es ſchlechterdings unmoͤglich war, etwas Nachdruͤckliches zu unternehmen. Man hatte ſo gewiß auf ihn gerechnet; ſeine unerwartete Erklaͤrung machte die ganze Zuſammenkunft fruchtlos. Man ging auseinander, ohne nur etwas beſchloſſen zu haben. Alle, die in Dendermonde zuſammengekommen waren, wurden im Staatsrathe zu Bruͤſſel erwartet; aber nur Egmont verfuͤgte ſich dahin. Die Regentin wollte ihn uͤber den Inhalt der gehabten Unterredung aus⸗ forſchen; aber ſie brachte weiter nichts aus ihm heraus, als 298 den Brief des Alava, den er in Abſchrift mitgenommen hatte, und unter den bitterſten Vorwuͤrfen ihr vorlegte. An⸗ fangs entfaͤrbte ſie ſich daruͤber, aber ſie faßte ſich bald, und erklaͤrte ihn dreiſtweg fuͤr untergeſchoben.„Wie kann,“ ſagte ſie,„dieſer Brief wirklich von Alava herruͤhren, da ich doch „fkeinen vermiſſe, und derjenige, der ihn aufgefangen haben „will, die andern Briefe gewiß nicht geſchont haben wuͤrde? „Ja, da mir auch nicht ein einziges Paket noch gefehlt hat, „und auch kein Bote ausgeblieben iſt? und wie laͤßt es ſich „denken, daß der Koͤnig einen Alava zum Herrn eines Ge⸗ „cheimniſſes gemacht haben ſollte, das er mir ſelbſt nicht ein⸗ „mal wuͤrde preisgegeben haben?¹) 1¹) Burgund. 408. Meteren 95. Grot. 23. Zürgerlicher Krieg. (1566.) Unterdeſſen eilte die Regentin, den Vortheil zu benutzen, den ihr die Trennung unter dem Adel gab, um den Fall des Bundes, der ſchon durch innere Zwietracht wankte, zu vollenden. Sie zog ohne Zeitverluſt Truppen aus Deutſch⸗ land, die Herzog Erich von Braunſchweig fuͤr ſie in Be⸗ reitſchaft hielt, verſtaͤrkte die Reiterei und errichtete fuͤnf Re⸗ gimenter Wallonen, woruͤber die Grafen von Mannsfeld, von Megen, von Aremberg und Andere den Oberbefehl bekamen. Auch dem Prinzen von Oranien mußten, um ihn nicht aufs empfindlichſte zu beleidigen, Truppen anver⸗ traut werden, und um ſo mehr, da die Provinzen, denen er als Statthalter vorſtund, ihrer am noͤthigſten bedurften; aber man gebrauchte die Vorſicht, ihm einen Oberſten, mit Namen Waldenfinger, an die Seite zu geben, der alle ſeine Schritte bewachte, und ſeine Maßregeln, wenn ſie gefaͤhrlich zu werden ſchienen, ruͤckgaͤngig machen konnte. Dem Grafen von Egmont ſteuerte die Geiſtlichkeit in Flandern vierzig⸗ tauſend Goldgulden bei, um fuͤnfzehnhundert Mann zu unter⸗ halten, davon er einen Theil in die bedenklichſten Plaͤtze ver⸗ theilte. Jeder Statthalter mußte ſeine Kriegsmacht verſtaͤr⸗ ken, und ſich mit Munition verſehen. Alle dieſe Zuruͤſtungen, welche aller Orten und mit Nachdruck gemacht wurden, ließen keinen Zweifel mehr uͤbrig, welchen Weg die Statthalterin kuͤnftig einſchlagen werde. 300 Ihrer Ueberlegenheit verſichert, und dieſes maͤchtigen Bei⸗ ſtandes gewiß, wagt ſie es nun, ihr bisheriges Betragen zu aͤndern und mit den Rebellen eine ganz andere Sprache zu reden. Sie wagt es, die Bewilligungen, welche ſie den Proteſtan⸗ ten nur in der Angſt und aus Nothwendigkeit ertheilt, auf eine ganz willkuͤrliche Art auszulegen, und alle Freiheiten, die ſie ihnen ſtillſchweigend eingeraͤumt, auf die bloße Verguͤnſtigung der Predigten einzuſchraͤnken. Alle ihre uͤbrigen Religions⸗ uͤbungen und Gebraͤuche, die ſich doch, wenn jene geſtattet wurden, von ſelbſt zu verſtehen ſchienen, wurden durch neue Mandate fuͤr unerlaubt erklaͤrt, und gegen die Uebertreter als gegen Beleidiger der Majeſtaͤt verfahren. Man vergoͤnnte den Proteſtanten, anders als die herrſchende Kirche von dem Abendmahle zu denken, aber es anders zu genießen war Frevel; ihre Art zu taufen, zu trauen, zu begraben, wurde bei angedrohten Todesſtrafen unterſagt. Es war grauſamer Spott, ihnen die Religion zu erlauben und die Ausuͤbung zu verſagen: aber dieſer unedle Kunſtgriff, ihres gegebenen Worts wieder los zu werden, war der Zaghaftigkeit wuͤrdig, mit der ſie es ſich hatte abdringen laſſen. Von den geringſten Neuerungen, von den unbedeutendſten Uebertretungen nahm ſie Anlaß, die Predigten zu ſtoͤren; mehreren von den Praͤdicanten wurde unter dem Vorwande, daß ſie ihr Amt an einem andern Platze, als der ihnen angewieſen worden, verwaltet, der Proceß gemacht, und einige von ihnen ſogar aufgehaͤngt. Sie erklaͤrte bei mehreren Gelegenheiten laut, daß die Verbundenen ihre Furcht gemißbraucht, und daß ſie ſich durch einen Vertrag, den man ihr durch Drohungen abgepreßt, nicht fuͤr gebunden halte. ¹) Unter allen niederlaͤndiſchen Staͤdten, welche ſich des bilder⸗ 1) Meteren 95. 9 ½. Thuan. 507. Strada. 166. Meurs. Guil. Auriac. 24. 301 ſtuͤrmeriſchen Aufruhrs theilhaftig machten, hatte die Regentin fuͤr die Stadt Valenciennes in Hennegau am meiſten gezittert. In keiner von allen war die Partei der Calviniſten ſo maͤchtig, als in dieſer, und der Geiſt des Aufruhrs, durch den ſich die Provinz Hennegau vor allen uͤbrigen ſtets ausgezeichnet hatte, ſchien hier einheimiſch zu wohnen.“) Die Naͤhe Frankreichs, dem es ſowohl durch Sprache, als durch Sitten noch weit naͤher als den Niederlanden angehoͤrte, war Urſache geweſen, daß man dieſe Stadt von jeher mit groͤßerer Gelindigkeit, aber auch mit mehr Vorſicht regierte, wodurch ſie nur deſto mehr ihre Wichtigkeit fuͤhlen lernte. Schon bei dem letzten Aufſtande der Tempelſchaͤnder hatte wenig gefehlt, daß ſie ſich nicht den Hugenotten auslieferte, mit denen ſie das genaueſte Verſtaͤndniß unterhielt, und die geringſte Veranlaſſung konnte dieſe Gefahr erneuern. Daher war unter allen niederlaͤndiſchen Staͤdten Valenciennes die erſte, welcher die Regentin eine verſtaͤrkte Beſatzung zudachte, ſobald ſie in die Verfaſſung geſetzt war, ſie ihr zu geben. Philipp von Noircarmes, Herr von S. Aldegonde, Statthalter von Hennegau an der Stelle des abweſenden Marquis von Bergen, hatte dieſen Auftrag er⸗ halten, und erſchien an der Spitze eines Kriegsheers vor ihren Mauern. Aus der Stadt kamen ihm von Seite des Magiſtrats Deputirte entgegen, ſich die Beſatzung zu verbitten, weil die proteſtantiſche Buͤrgerſchaft, als der uͤberlegne Theil, ſich da⸗ wider erklaͤrt habe. Noircarmes machte ihnen den Willen der Regentin kund, und ließ ſie zwiſchen Beſatzung und Be⸗ lagerung waͤhlen. Mehr als vier Schwadronen Reiter und ſechs Compagnien Fußvolk ſollten der Stadt nicht aufgedrungen 4) Es war ein Spruͤchwort in Hennegau, und iſt es vielleicht noch die Provinz ſtehe nur unter Gott und unter der Sonne. Strada 174. 30² werden; daruͤber wolle er ihr ſeinen eignen Sohn zum Geiſel geben. Als dieſe Bedingungen dem Magiſtrate vorgelegt wurden, der fuͤr ſich ſehr geneigt war, ſie zu ergreifen, erſchien der Prediger Peregrine le Grange an der Spitze ſeines Anhangs, der Apoſtel und Abgott ſeines Volks, dem es darum zu thun ſeyn mußte, eine Unterwerfung zu verhindern, von der er das Opfer werden wuͤrde, und verhetzte durch die Gewalt ſeiner Beredſamkeit das Volk, die Bedingungen aus⸗ zuſchlagen. Als man Noircarmes dieſe Antwort zuruͤck⸗ bringt, laͤßt er die Geſandten, gegen alle Geſetze des Voͤlker⸗ rechts, in Feſſeln ſchlagen, und fuͤhrt ſie gefangen mit ſich fort; doch muß er ſie, auf der Regentin Geheiß, bald wieder frei geben. Die Regentin, durch geheime Befehle aus Madrid zu moͤglichſter Schonung angehalten, laͤßt die Stadt noch mehrmalen auffordern, die ihr zugedachte Garniſon einzunehmen; da ſie aber hartnaͤckig auf ihrer Weigerung beſteht, ſo wird ſie durch eine oͤffentliche Acte fuͤr eine Rebellin erklaͤrt, und Noircarmes erhaͤlt Befehl, ſie foͤrmlich zu belagern. Allen uͤbrigen Provinzen wird ver⸗ boten, dieſer aufruͤhreriſchen Stadt mit Rath, Geld oder Waffen beizuſtehen. Alle ihre Guͤter ſind dem iscus zu⸗ geſprochen. Um ihr den Krieg zu zeigen, ehe er ihn wirklich anfing, und zu vernuͤnftigem Nachdenken Zeit zu laſſen, zog Noircarmes aus ganz Hennegau und Cambray Truppen zuſammen(1566), nahm St. Amant in Beſitz und legte Gar⸗ niſon in alle naͤchſtliegenden Plaͤtze. Das Verfahren gegen Valenciennes ließ alle uͤbrigen Staͤdte, die in gleichem Falle waren, auf das Schickſal ſchließen, welches ihnen ſelbſt zugedacht war, und ſetzte ſogleich den ganzen Bund in Bewegung. Ein geuſiſches Heer, zwiſchen drei und viertauſend Mann, das aus landfluͤchtigem Geſindel und den uͤberbliebenen Rotten der Bilderſtuͤrmer in der Eile zuſammengerafft worden, erſcheint 3⁰03 in dem Gebiete von Tournay und Lille, um ſich dieſer beiden Staͤdte zu verſichern, und den Feind vor Valenciennes zu beunruhigen. Der Gouverneur von Lille hat das Gluͤck, ein Detachement davon, das im Einverſtaͤndniß mit den Proteſtanten dieſer Stadt einen Anſchlag gemacht hat, ſich ihrer zu bemaͤch⸗ tigen, in die Flucht zu ſchlagen und ſeine Stadt zu behaupten. Zu der naͤmlichen Zeit wird das geuſiſche Heer, das bei Launoy unnuͤtz die Zeit verdirbt, von Noircarmes uͤberfallen und beinahe ganz aufgerieben. Die Wenigen, welche ſich mit ver⸗ zweifelter Tapferkeit durchgeſchlagen, werfen ſich in die Stadt Tournay, die von dem Sieger ſogleich aufgefordert wird, ihre Thore zu oͤffnen und Beſatzung einzunehmen. Ihr ſchneller Gehorſam bereitet ihr ein leichteres Schickſal. Noircarmes begnaͤgt ſich, das proteſtantiſche Conſiſtorium darin aufzuheben, die Prediger zu verweiſen, die Anfuͤhrer der Rebellen zur Strafe zu ziehen, und den katholiſchen Gottesdienſt, den er beinahe ganz unterdruͤckt findet, wieder herzuſtellen. Nachdem er ihr einen ſichern Katholiken zum Gouverneur gegeben, und eine hinreichende Beſatzung darin zuruͤckgelaſſen, ruͤckt er mit ſeinem ſiegenden Heer wieder vor Valenciennes, um die Belagerung fortzuſetzen. Dieſe Stadt, auf ihre Befeſtigung trotzig, ſchickte ſich lebhaft zur Vertheidigung an, feſt entſchloſſen, es aufs Aeußerſte kommen zu laſſen. Man hatte nicht verſaͤumt, ſich mit Kriegs⸗ munition und Lebensmitteln auf eine lange Belagerung zu verſehen; Alles, was nur die Waffen tragen konnte, die Hand⸗ werker ſelbſt nicht ausgeſchloſſen, wurde Soldat; die Haͤuſer vor der Stadt, und vorzuͤglich die Kloͤſter, riß man nieder, damit der Belagerer ſich ihrer nicht gegen dieStadt bediente. Die wenigen Anhaͤnger der Krone ſchwiegen, von der Menge unterdruͤckt; kein Katholik durfte es wagen, ſich zu ruͤhren. 304 Anarchie und Aufruhr waren an die Stelle der guten Ordnung getreten, und der Fanatismus eines tollkuͤhnen Prieſters gab Geſetze. Die Mannſchaft war zahlreich, ihr Muth verzweifelt, feſt ihr Vertrauen auf Entſatz, und ihr Haß gegen die katho⸗ liſche Religion aufs Aeußerſte geſtiegen. Viele hatten keine Gnade zu erwarten, Alle verabſcheuten das gemeinſchaftliche Joch einer befehlshaberiſchen Beſatzung. Noch einmal verſuchte es Noircarmes, deſſen Heer durch die Huͤlfsvoͤlker, welche ihm von allen Orten her zuſtroͤmten, furchtbar gewachſen und mit allen Erforderniſſen zu einer langen Blocade reichlich ver⸗ ſehen war, die Stadt durch Guͤte zu bewegen, aber vergebens. Er ließ alſo die Laufgraͤben eroͤffnen, und ſchickte ſich an, die Stadt einzuſchließen. ¹) Die Lage der Proteſtanten hatte ſich unterdeſſen in eben dem Grade verſchlimmert, als die Regentin zu Kraͤften ge⸗ kommen war. Der Bund des Adels war allmaͤhlich bis auf den dritten Theil geſchmolzen. Einige ſeiner wichtigſten Be⸗ ſchuͤtzer, wie der Graf von Egmont, waren wieder zu dem Koͤnige uͤbergegangen; die Geldbeitraͤge, worauf man ſo ſicher gerechnet hatte, fielen ſehr ſparſam aus; der Eifer der Partei fing merklich an zu erkalten, und mit der gelinden Jahreszeit mußten nun auch die oͤffentlichen Predigten aufhoͤren, die ihn bis jetzt in Uebung erhalten hatten. Alles dieß zuſammen be⸗ wog die unterliegende Partei, ihre Forderungen maͤßiger einzu⸗ richten, und, ehe ſie das Aeußerſte wagte, alle unſchuldigen Mittel vorher zu verſuchen. In einer Generalſynode der Pro⸗ teſtanten, die zu dem Ende in Antwerpen gehalten wird, und welcher auch einige von den Verbundenen beiwohnen, wird 1¹) Burgund. 579. 414— 418. Meteren 98. 99. Strada 176. Vigl. ad Hopper. Epist. 2. 21. 305 beſchloſſen, an die Regentin zu deputiren, ihr dieſer Wort⸗ bruͤchigkeit wegen Vorſtellungen zu thun, und ſie an ihren Ver⸗ trag zu erinnern. Brederode uͤbernimmt dieſen Auftrag, muß ſich aber auf eine harte und ſchimpfliche Art abgewieſen, und von Bruͤſſel ſelbſt ausgeſchloſſen ſehen. Er nimmt ſeine Zuflucht zu einem ſchriftlichen Aufſatze, worin er ſich im Namen des ganzen Bundes beklagt, daß ihn die Herzogin im Angeſichte aller Proteſtanten, die auf des Bundes Buͤrgſchaft die Waffen niedergelegt, durch ihre Wortbruͤchigkeit Luͤgen ſtrafe, und Alles, was die Verbundenen Gutes geſtiftet, durch Zuruͤcknahme ihrer Bewilligungen wieder zunichte mache; daß ſie den Bund in den Augen des Volks herabzuwuͤrdigen geſucht, Zwietracht unter ſeinen Gliedern erregt, und viele unter ihnen als Verbrecher habe verfolgen laſſen. Er lag ihr an, ihre neuen Verordnungen zu widerrufen, durch welche den Proteſtanten ihre freie Religions⸗ uͤbung benommen ſey, vor allen Dingen aber die Belagerung von Valenciennes auſzuheben, die neugeworbenen Truppen ab⸗ zudanken, unter welcher Bedingung ihr der Bund allein fuͤr die allgemeine Ruhe Sicherheit leiſten koͤnne. Hierauf antwortete die Regentin in einem Tone, der von ihrer bisherigen Maͤßigung ſehr verſchieden war.„Wer dieſe „Verbundenen ſind, die ſich in dieſer Schrift an mich wenden, „iſt mir in der That ein Geheimniß. Die Verbundenen, mit „denen ich zu thun hatte, ſind, wie ich nicht anders weiß, aus⸗ „einander gegangen. Alle wenigſtens koͤnnen an dieſer Klag⸗ „ſchrift nicht Theil haben, denn ich ſelbſt kenne Viele, die, in „allen ihren Forderungen befriedigt, zu ihren Pflichten zuruͤck⸗ „getreten ſind. Wer es aber auch ſey, der ſich hier ohne Fug „und Recht und ohne Namen an mich wendet, ſo hat er mei⸗ „nen Worten wenigſtens eine ſehr falſche Auslegung gegeben, Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 29 306 „wenn er daraus folgert, daß ich den Proteſtanten Religions⸗ „freiheit zugeſichert habe. Niemand kann es unbekannt ſeyn, „wie ſchwer es mir ſchon geworden iſt, die Predigten an den Orten „zuzugeben, wo ſie ſich ſelbſt eingefuͤhrt haben, und dieſes kann „doch wohl nicht fuͤr eine bewilligte Glaubensfreiheit gelten? „Mir haͤtte es einfallen ſollen, dieſe geſetzwidrigen Conſiſtorien in „Schutz zu nehmen, dieſen Staat im Staate zu dulden? Ich „haͤtte mich ſo weit vergeſſen koͤnnen, einer verwerflichen Secte „dieſe geſetzliche Wuͤrde einzuraͤumen, alle Ordnung in der Kirche „und in der Republik umzukehren, und meine heilige Religion „ſo abſcheulich zu laͤſtern? Haltet euch an den, der euch dieſe „Erlaubniß gegeben hat; mit mir aber muͤßt ihr nicht rechten. „Ihr beſchuldigt mich, daß ich den Vertrag verletzt habe, der „euch Strafloſigkeit und Sicherheit gewaͤhre? Das Vergangene „hab' ich euch erlaſſen, nicht aber, was ihr kuͤnftig begehen „wuͤrdet. Eure Bittſchrift vom vorigen April ſollte keinem von „euch Nachtheil bringen, und das hat ſie, meines Wiſſens, auch „nicht gethan; aber wer ſich neuerdings gegen die Majeſtaͤt des „Koͤnigs vergangen, mag die Folgen ſeines Frevels tragen. „Endlich, wie koͤnnt ihr euch unterſtehen, mir einen Vertrag „in Erinnerung zu bringen, den ihr zuerſt gebrochen habt? „Auf weſſen Anſtiften wurden die Kirchen gepluͤndert, die Bil⸗ „der der Heiligen geſtuͤrzt und die Staͤdte zur Rebellion hin⸗ „geriſſen? Wer hat Buͤndniſſe mit fremden Maͤchten errichtet, „unerlaubte Werbungen angeſtellt, und von den Unterthanen „des Koͤnigs geſetzwidrige Steuern eingetrieben? Deßwegen „habe ich Truppen zuſammengezogen, deßwegen die Edicte ge⸗ „ſchaͤrft. Wer mir anliegt, die Waffen wieder niederzulegen, „kann es nimmermehr gut mit ſeinem Vaterlande und dem „Koͤnige meinen, und wenn ihr euch ſelbſt liebt, ſo ſehet zu, 307 „daß ihr eure eigenen Handlungen entſchuldigt, anſtatt die mei⸗ „nigen zu richten.“ ¹) Alle Hoffnung der Verbundenen zu einer guͤtlichen Bei⸗ legung ſank mit dieſer hochtoͤnenden Erklaͤrung. Ohne ſich eines maͤchtigen Ruͤckhalts bewußt zu ſeyn, konnte die Regentin eine ſolche Sprache nicht fuͤhren. Eine Armee ſtand im Felde, der Feind vor Valenciennes, der Kern des Bundes war abgefallen, und die Regentin forderte eine unbedingte Unterwerfung. Ihre Sache war jetzt ſo ſchlimm, daß eine offenbare Widerſetzung ſie nicht ſchlimmer machen konnte. Lieferten ſie ſich ihrem aufge⸗ brachten Herrn wehrlos in die Haͤnde, ſo war ihr Untergang gewiß; aber der Weg der Waffen konnte ihn wenigſtens noch zweifelhaft machen; alſo waͤhlten ſie das letzte, und fingen mit Ernſt an, zu ihrer Vertheidigung zu ſchreiten. Um ſich ein Recht auf den Beiſtand der deutſchen Proteſtanten zu erwer⸗ ben, wollte Ludwig von Naſſau die Staͤdte Amſterdam, Antwerpen, Tournay und Valenciennes bereden, der Augsbur⸗ giſchen Confeſſion beizutreten, und ſich auf dieſe Weiſe enger an ihre Religion anzuſchließen; ein Vorſchlag, der nie in Er⸗ fuͤllung kam, weil der Religionshaß der Calviniſten gegen ihre evangeliſchen Bruͤder den Abſcheu wo moͤglich noch uͤberſtieg, den ſie gegen das Papſtthum trugen. Naſſau fing nun an, in Frankreich, in der Pfalz und in Sachſen ernſtlich wegen Subſidien zu unterhandeln. Der Graf von Bergen befeſtigte ſeine Schloͤſſer; Brederode warf ſich mit einem kleinen Heere in ſeine feſte Stadt Viane an dem Leck, uͤber welche er ſich Souveraͤnetaͤtsrechte anmaßte, und die er eilig in Vertheidigungs⸗ ſtand ſetzte, um hier eine Verſtaͤrkung von dem Bunde und den ¹) Thuan. 523. 52 ½. Strada 167. 168. Burgund. 453. 43 z. 455. Meteren 96. 97. 308 Ausgang von Naſſau's Unterhandlungen abzuwarten. Die Fahne des Kriegs war nun aufgeſteckt; uͤberall ruͤhrte man die Trommel; aller Orten ſah man Truppen marſchiren, wurde Geld eingetrieben, wurden Soldaten geworben. Die Unter⸗ haͤndler beider Theile begegneten ſich oft in demſelben Platze, und kaum hatten die Einnehmer und Werber der Regentin eine Stadt geräaͤumt, ſo mußte ſie von den Maͤklern des Bun⸗ des dieſelbe Gewaltthaͤtigkeit leiden. ¹) (1566.) Von Valenciennes richtete die Regentin ihre Auf⸗ merkſamkeit auf Herzogenbuſch, in welcher Stadt die Bilder⸗ ſtuͤrmer neue Ausſchweifungen begangen und die Jartei der Proteſtanten zu einer ſtarken Ueberlegenhrit gelangt war. Um die Buͤrgerſchaft auf einem friedlichen Wege zur Annahme einer Beſatzung zu vermoͤgen, ſchickte ſie den Kanzler Scheiff von Brabant mit einem Rathsherrn Merode von Petersheim, den ſie zum Gouverneur der Stadt beſtimmt hatte, als Ge⸗ ſandte dahin, welche ſich auf eine gute Art derſelben verſichern und der Burgerſchaft einen neuen Eid des Gehorſams abfordern ſollten. Zugleich wurde der Graf von Megen, der in der Naͤhe mit einem Corps ſtand, befehligt, gegen die Stadt an⸗ zuruͤcken, um den Auftrag beider Geſandten zu unterſtutzen und ſogleich Beſatzung darein werfen zu koͤnnen. Aber Bre⸗ derode, der in Viane davon Nachricht bekam, ſchickte eine ſeiner Creaturen, einen gewiſſen Anton von Bomberg, einen hitzigen Calviniſten, der aber fuͤr einen braven Soldaten bekannt war, dahin, um den Muth ſeiner Partei in dieſer Stadt aufzurichten, und die Anſchlaͤge der Regentin zu hinter⸗ treiben. Dieſem Bomberg gelang es, die Briefe, welche der 4¹) Thuan. 52 ½. Strad. 169. Allg. G. d. v. N. XXII. Bd. 95. Vigl. ad Hopper. Epist, 5. 309 Kanzler von der Herzogin mitgebracht, in ſeine Gewalt zu be⸗ kommen und falſche unterzuſchieben, die durch ihre harte und gebieteriſche Sprache die Buͤrgerſchaft aufbrachten. Zugleich wußte er die beiden Geſandten der Herzogin in Verdacht zu bringen, als ob ſie ſchlimme Anſchlaͤge auf die Stadt haͤtten, welches ihm ſo gut bei dem Poͤbel gluͤckte, daß dieſer ſich in toller Wuth an den Geſandten ſelbſt vergriff und ſie gefangen ſetzte. Er ſelbſt ſtellte ſich an der Spitze von achthundert Mann, die ihn zu ihrem Anfuͤhrer gemacht, dem Grafen von Megen entgegen, der in Schlachtordnung gegen die Stadt anruͤckte, und empfing ihn mit grobem Geſchuͤtz ſo uͤbel, daß Megen unverrichteter Dinge zuruͤckweichen mußte. Die Re⸗ gentin ließ nachher ihre Geſandten durch einen Gerichtsdiener zuruͤckfordern und im Verweigerungsfalle mit einer Belagerung drohen; aber Bomberg beſetzte mit ſeinem Anhange das Rathhaus, und zwang den Magiſtrat, ihm die Schluͤſſel der Stadt auszuliefern. Der Gerichtsdiener wurde mit Spott ab⸗ gewieſen, und der Regentin durch ihn geantwortet, daß man es auf Brederode's Befehl wuͤrde ankommen laſſen, was mit den Gefangenen zu verfuͤgen ſey. Der Herold, der außen vor der Stadt hielt, erſchien nunmehr, ihr den Krieg anzu⸗ kuͤndigen, welches aber der Kanzler noch hintertrieb. ¹) Nach dem vereitelten Verſuche auf Herzogenbuſch warf ſich der Graf von Megen in Utrecht, um einem Anſchlag zuvor⸗ zukommen, den Graf Brederode auf eben dieſe Stadt aus⸗ fuͤhren wollte. Dieſe, welche von dem Heere der Verbundenen, das nicht weit davon bei Viane campirte, viel zu leiden hatte, nahm ihn mit offenen Armen als ihren Beſchuͤtzer auf, und ¹) Thuan. 525. Strada 170. Burgund. 423. 424. 427. 428. Vigl. ad Hopper. Epist. 6. 310 bequemte ſich zu allen Veraͤnderungen, die er in ihrem Got⸗ tesvienſte machte. Er ließ dann ſogleich an dem Ufer des Leck eine Schanze aufwerfen, von wo aus er Viane beſtreichen konnte. Brederode, der nicht Luſt hatte, ihn in dieſer Stadt zu erwarten, verließ mit dem beſten Theile ſeines Heers dieſen Waffenplatz und eilte nach Amſterdam. ¹) So unnuͤtz auch der Prinz von Oranien waͤhrend dieſer Bewegungen in Antwerpen ſeine Zeit zu verlieren ſchien, ſo geſchaͤftig war er in dieſer anſcheinenden Ruhe. Auf ſein An⸗ geben hatte der Bund geworben, und Brederode ſeine Schloͤſſer befeſtigt, wozu er ihm ſelbſt drei Kanonen ſchenkte, die er zu Utrecht hatte gießen laſſen. Sein Auge wachte uͤber alle Bewegungen des Hofs, und der Bund wurde durch ihn vor jedem Anſchlage gewarnt, der auf dieſe oder jene Stadt gemacht wurde. Aber ſeine Hauptangelegenheit ſchien zu ſeyn, die vornehmſten Plaͤtze ſeiner Statthalterſchaft in ſeine Gewalt zu bekommen, zu welchem Ende er Brederode's Anſchlag auf Utrecht und Amſterdam im Stillen nach allen Kraͤften zu befoͤrdern geſucht hatte. ²) Der wichtigſte Platz war die ſeelaͤndiſche Inſel Walchern, wo man eine Landung des Koͤnigs vermuthete; und dieſe zu uͤberrumpeln, wurde jetzt ein Anſchlag von ihm entworfen, deſſen Ausfuͤhrung einer aus dem verbundenen Adel, ein ver⸗ trauter Freund des Prinzen von Oranien, Johann von Marnix, Herr von Thoulouſe, Philipps von S. Alde⸗ gonde Bruder, uͤber ſich nahm(1567). Thoulouſe unterhielt mit dem geweſenen Amtmanne von Middelburg, Peter Haak, 1) Allg. G. d. v. N. 98. 99. Strad. 170. Vigl. ad Hopper. 5. Brief. 2) Grotius/ 5. 311 ein geheimes Verſtaͤndniß, welches ihm Gelegenheit verſchaffen ſollte, in Middelburg und Vließingen Beſatzung zu werfen; aber die Werbung, welche fuͤr dieſes Unternehmen in Antwer⸗ pen angeſtellt wurde, konnte ſo ſtill nicht vor ſich gehen, daß der Magiſtrat nicht Verdacht ſchoͤpfte. Um nun dieſen zu be⸗ ruhigen und ſeinen Anſchlag zugleich zu befoͤrdern, ließ der Prinz allen fremden Soldaten und andern Auslaͤndern, die nicht in Dienſten des Staats waͤren, oder ſonſt Geſchaͤfte trie⸗ ben, öffentlich durch den Herold verkuͤndigen, daß ſie unge⸗ ſaͤumt die Stadt raͤumen ſollten. Er haͤtte ſich, ſagen ſeine Gegner, durch Schließung der Thore aller dieſer verdaͤchtigen Soldaten leicht bemaͤchtigen koͤnnen, aber er jagte ſie aus der Stadt, um ſie deſto ſchneller an den Ort ihrer Beſtimmung zu treiben. Sie wurden dann ſogleich auf der Schelde eingeſchifft und bis vor Rammekens gefahren; da man aber durch das Marktſchiff von Antwerpen, welches kurz vor ihnen einlief, in Vließingen ſchon vor ihrem Anſchlage gewarnt war, ſo verſagte man ihnen hier den Eingang in den Hafen. Die naͤmliche Schwierigkeit fanden ſie bei Arnemuiden, unweit Middelburg, in welcher Stadt ſich die Unkatholiſchen vergebens bemuͤhten, zu ihrem Vortheile einen Aufſtand zu erregen. Thoulouſe ließ alſo unverrichteter Dinge ſeine Schiffe drehen und ſegelte wie⸗ der ruͤckwaͤrts die Schelde bis nach Oſterweel, eine Viertelmeile von Antwerpen, hinunter, wo er ſein Volk ausſetzte und am ufer ein Lager ſchlug, des Vorſatzes, ſich hier von Antwerpen aus zu verſtaͤrken, und den Muth ſeiner Partei, die von dem Magiſtrate unterdruͤckt wurde, durch ſeine Naͤhe friſch zu er⸗ halten. Durch Vorſchub der reformirten Geiſtlichen, die in der Stadt Werbersdienſte fuͤr ihn verrichteten, wuchs mit jedem Tage ſein kleines Heer, das er zuletzt anfing, den Antwerpern fürchterlich zu werden, deren ganzes Gebiet er verwuͤſtete. Der 31²2 aufgebrachte Magiſtrat wollte ihn hier mit der Stadtmiliz uͤber⸗ fallen laſſen, welches aber der Prinz von Oranien, unter dem Vorwande, daß man die Stadt jetzt nicht von Soldaten entbloͤßen duͤrfe, zu verhindern wußte. Unterdeſſen hatte die Regentin in der Eile ein kleines Heer gegen ihn aufgebracht, welches unter Anfuͤhrung Philipps von Launoy in ſtarken Maͤrſchen von Bruͤſſel aus gegen ihn anruͤckte. Zugleich wußte der Graf von Megenn das geuſiſche Heer bei Viane ſo gut einzuſchließen und zu beſchaͤftigen, daß es weder von dieſen Bewegungen hoͤren, noch ſeinen Bundes⸗ verwandten zu Huͤlfe eilen konnte. Launoy uͤberfiel die zer⸗ ſtreuten Haufen, welche auf Pluͤnderung ausgegangen waren, unverſehens, und richtete ſie in einem ſchrecklichen Blutbade zu Grunde. Thoulouſe warf ſich mit dem kleinen Ueber⸗ reſte ſeiner Truppen in ein Landhaus, das ihm zum Haupt⸗ quartier gedient hatte, und wehrte ſich lange mit dem Muthe eines Verzweifelnden, bis Launoy, der ihn auf keine andere Art herauszutreiben vermochte, Feuer in das Haus werfen ließ. Die Wenigen, welche dem Feuer entkamen, ſtuͤrzten in das Schwert des Feindes oder fanden in der Schelde ihren Tod. Thoulouſe ſelbſt wollte lieber in den Flammen ſter⸗ ben, als in die Haͤnde des Siegers fallen. Dieſer Sieg, der uͤber tauſend von den. Feinden aufrieb, war fuͤr den Ueber⸗ winder wohlfeil genug erkauft, denn er vermißte nicht mehr als zwei Mann in ſeinem ganzen Heere. Dreihundert, welche ſich lebendig ergaben, wurden, weil man von Antwerpen aus einen Ausfall befuͤrchtete, ohne Barmherzigkeit ſogleich nieder⸗ geſtochen. ¹) ¹) Meteren 97. 98. Burgund. 140. 154. Strad. 171. 172. Thuan. Libr. 44. 313 Ehe die Schlacht anging, ahnte man in Antwerpen nichts von dem Angriffe. Der Prinz von Oranien, welcher fruͤh⸗ zeitig davon benachrichtigt worden war, hatte die Vorſicht ge⸗ braucht, die Bruͤcke, welche die Stadt mit Oſterweel verbindet, den Tag zuvor abbrechen zu laſſen, damit, wie er vorgab, die Calviniſten der Stadt nicht verſucht werden moͤchten, ſich zu dem Heere des Thoulouſe zu ſchlagen, wahrſcheinlicher aber, damit die Katholiken dem geuſiſchen Feldherrn nicht in den Nuͤcken fielen, oder auch Launoy, wenn er Sieger wuͤrde, nicht in die Stadt eindraͤnge. Aus eben dieſem Grunde wur⸗ den auf ſeinen Befehl auch die Thore verſchloſſen, und die Einwohner, welche von allen dieſen Anſtalten nichts begriffen, ſchwebten ungewiß zwiſchen Neugierde und Furcht, bis der Schall des Geſchuͤtzes von Oſterweel her ihnen verkuͤndigte, was dort vorgehen moͤchte. Mit laͤrmendem Gedraͤnge rennt jetzt Alles nach den Waͤllen und auf die Mauern, wo ſich ihnen, als der Wind den Pulverrauch von den ſchlagenden Heeren zertheilte, das ganze Schauſpiel einer Schlacht darbietet. Beide Heere waren der Stadt ſo nahe, daß man ihre Fahnen unter⸗ ſcheiden, und die Stimmen der Ueberwinder wie der Ueber⸗ wundenen deutlich auseinander erkennen konnte. Schrecklicher als ſelbſt die Schlacht war der Anblick, den dieſe Stadt jetzt gab. Jedes von den ſchlagenden Heeren hatte ſeinen Anhang und ſeinen Feind auf den Mauern. Alles, was unten vor⸗ ging, erweckte hier oben Frohlocken und Entſetzen; der Aus⸗ gang des Treffens ſchien das Schickſal jedes Zuſchauers zu entſcheiden. Jede Bewegung auf dem Schlachtfelde konnte man in den Geſichtern der Antwerper abgemalt leſen: Nieder⸗ lage und Triumph, das Schrecken der Unterliegenden, die Wuth der Sieger. Hier ein ſchmerzhaftes eitles Beſtreben, den Sinkenden zu halten, den Fliehenden zum Stehen zu be⸗ 314 wegen; dort eine gleich vergebliche Begier, ihn einzuholen, ihn aufzureiben, zu vertilgen. Jetzt fliehen die Geuſen, und zehn⸗ tauſend gluͤckliche Menſchen ſind gemacht; Thoulouſe's letz⸗ ter Zufluchtsort ſteht in Flammen, und zwanzigtauſend Buͤr⸗ ger von Antwerpen ſterben den Feuertod mit ihm. Aber bald macht die Erſtarrung des erſten Schreckens, der wuͤthenden Begierde zu helfen, der Nache Platz. Laut ſchreiend, die Haͤnde ringend und mit aufgeloͤstem Haar ſtuͤrzt die Wittwe des geſchlagenen Feldherrn durch die Haufen, um Rache, um Erbarmen zu flehen. Aufgereizt von Hermann, ihrem Apo⸗ ſtel, greifen die Calviniſten zu den Waffen, entſchloſſen, ihre Bruͤder zu raͤchen oder mit ihnen umzukommen; gedankenlos, ohne Plan, ohne Fuͤhrer, durch nichts als ihren Schmerz, ihren Wahnſinn geleitet, ſtuͤrzen ſie dem rothen Thore zu, das zum Schlachtfelde hinausfuͤhrt; aber kein Ausweg! das Thor iſt geſperrt, und die vorderſten Haufen werfen ſich auf die hinterſten zuruͤck. Tauſend ſammeln ſich zu Tauſenden, auf der Meerbruͤcke wird ein ſchreckliches Gedraͤnge. Wir ſind ver⸗ rathen, wir ſind gefangen, ſchrieen Alle. Verderben uber die Papiſten, Verderben uber den, der uns verrathen hat! Ein dumpfes aufruhrverkuͤndendes Murmeln durchlaͤuft den ganzen Haufen. Man faͤngt an zu argwohnen, daß alles Bisherige von den Katholiken angeſtellt geweſen, die Calviniſten zu ver⸗ derben. Ihre Vertheidiger habe man aufgerieben, jetzt wuͤrde man uͤber die Wehrloſen ſelbſt herfallen. Mit ungluͤckſeliger Behendigkeit verbreitet ſich dieſer Argwohn durch ganz Ant⸗ werpen. Jetzt glaubt man uͤber das Vergangene Licht zu ha⸗ ben und fuͤrchtet etwas noch Schlimmeres im Hinterhalte; ein ſchreckliches Mißtrauen bemaͤchtigt ſich aller Gemuͤther. Jede Partei fuͤrchtet von der andern; Jeder ſieht in ſeinem Nachbar ſeinen Feind; das Geheimniß vermehrt dieſe Furcht und dieſes 315 Entſetzen, ein ſchrecklicher Zuſtand fuͤr eine ſo menſchenreiche Stadt, wo jeder zufaͤllige Zuſammenlauf ſogleich zum Tumulte, jeder hingeworfene Einfall zum Geruͤchte, jeder kleine Funke zur lohen Flamme wird, und durch die ſtarke Reibung ſich alle Leidenſchaften heftiger entzunden. Alles, was reformirt heißt, kommt auf dieſes Geruͤcht in Bewegung. Fuͤnfzehn⸗ tauſend von dieſer Partei ſetzen ſich in Beſitz der Meerbruͤcke, und pflanzen ſchweres Geſchuͤtz auf dieſelbe, das gewaltſam aus dem Zeughauſe genommen wird; auf einer andern Bruͤcke ge⸗ ſchieht dasſelbe; ihre Menge macht ſie furchtbar, die Stadt iſt in ihren Haͤnden; um einer eingebildeten Gefahr zu entgehen, fuͤhren ſie ganz Antwerpen an den Rand des Verderbens. Gleich beim Anfange des Tumults war der Prinz von Oranien der Meerbruͤcke zugeeilt, wo er ſich herzhaft durch die wuͤthenden Haufen ſchlug, Friede gebot und um Gehoͤr flehte. Auf der andern Bruͤcke verſuchte der Graf von Hoog⸗ ſtraten, von dem Buͤrgermeiſter Strahlen begleitet, das⸗ ſelbe; weil es ihm aber ſowohl an Anſehen als an Beredſam⸗ keit mangelte, ſo wies er den tollen Haufen, der ihm ſelbſt zu maͤchtig wurde, an den Prinzen, auf welchen jetzt ganz Ant⸗ werpen heranſtuͤrmte. Das Thor, ſuchte er ihnen begreiflich zu machen, waͤre aus keiner andern Urſache geſchloſſen worden, als um den Sieger, wer er auch ſey, von der Stadt abzu⸗ halten, die ſonſt ein Raub der Soldaten wuͤrde geworden ſeyn. uUmſonſt, dieſe raſenden Rotten hoͤren ihn nicht, und einer der Verwegenſten darunter wagt es ſogar ſein Feuergewehr auf ihn anzuſchlagen und ihn einen Verraͤther zu ſchelten. Mit tumul⸗ tuariſchem Geſchrei fordern ſie ihm die Schlüſſel zum rothen Thore ab, die er ſich endlich gezwungen ſieht, in die Hand des Predigers Hermann zu geben. Aber, ſetzte er mit gluͤcklicher Geiſtesgegenwart hinzu, ſie ſollten zuſehen, was ſie thaͤten; in 3¹6 der Vorſtadt warteten ſechshundert feindliche Reiter, ſie zu empfangen. Dieſe Erfindung, welche Noth und Angſt ihm eingaben, war von der Wahrheit nicht ſo ſehr entfernt, als er vielleicht ſelbſt glauben mochte; denn der ſiegende Feldherr hatte nicht ſobald den Tumult in Antwerpen vernommen, als er ſeine ganze Reiterei aufſitzen ließ, um unter Verguͤnſtigung des⸗ ſelben in die Stadt einzubrechen. Ich wenigſtens, fuhr der Prinz von Oranien fort, werde mich bei Zeiten in Sicher⸗ heit bringen, und Reue wird ſich derjenige erſparen, der mei⸗ nem Beiſpiele folgt. Dieſe Worte, zu ihrer Zeit geſagt, und zugleich von friſcher That begleitet, waren von Wirkung. Die ihm zunaͤchſt ſtanden, folgten, und ſo die naͤchſten an dieſen wieder, daß endlich die Wenigen, die ſchon vorausgeeilt, als ſie Niemand nachkommen ſahen, die Luſt verloren, es mit den ſechshundert Reitern allein aufzunehmen. Alles ſetzte ſich nun wieder auf der Meerbruͤcke, wo man Wachen und Vorpoſten ausſtellte, und eine tumultuariſche Nacht unter den Waffen durchwachte. ¹) Der Stadt Antwerpen drohte jetzt das ſchrecklichſte Blutbad und eine gaͤnzliche Pluͤnderung. In dieſer dringenden Noth verſammelt Oranien einen außerordentlichen Senat, wozu die rechtſchaffenſten Buͤrger aus den vier Nationen gezogen werden. Wenn man den Uebermuth der Calviniſten nieder⸗ ſchlagen wolle, ſagte er, ſo muͤſſe man ebenfalls ein Heer gegen ſie aufſtellen, das bereit ſey, ſie zu empfangen. Es wurde alſo beſchloſſen, die katholiſchen Einwohner der Stadt, Inlaͤn⸗ der, Italiener und Spanier eilig unter die Waffen zu bringen, und wo moͤglich auch die Lutheraner noch zu der Partei zu ziehen. Die Herrſchſucht der Calviniſten, die, auf ihren Reich⸗ 1¹) Burgund. 44— 44 7. Strad. 172, 3¹7 thum ſtolz, und trotzig auf ihre uͤberwiegende Anzahl, jeder andern Religionspartei mit Verachtung begegneten, hatte ſchon laͤngſt die Lutheraner zu ihren Feinden gemacht, und die Er⸗ bitterung dieſer beiden proteſtantiſchen Kirchen gegen einander war von einer unverſoͤhnlichern Art, als der Haß, in welchem ſie ſich gegen die herrſchende Kirche vereinigten. Von dieſer gegenſeitigen Eiferſucht hatte der Magiſtrat den weſentlichen Nutzen gezogen, eine Partei durch die andere, vorzuͤglich aber die Reformirten, zu beſchraͤnken, von deren Wachsthum das Meiſte zu fuͤrchten war. Aus dieſem Grunde hatte er die Lutheraner, als den ſchwaͤchern Theil, und die Friedfertigſten von beiden, ſtillſchweigend in ſeinen Schutz genommen, und ihnen ſogar geiſtliche Lehrer aus Deutſchland verſchrieben, die jenen wechſelſeitigen Haß durch Controverspredigten in ſteter Uebung erhalten mußten. Die Lutheraner ließ er in dem Wahne, daß der Koͤnig von ihrem Religionsbekenntniſſe billiger denke, und ermahnte ſie, ja ihre gute Sache nicht durch ein Verſtaͤndniß mit den Reformirten zu beflecken. Es hielt alſo ncht gar ſchwer, zwiſchen den Katholiken und Lutheranern eine Vereinigung fuͤr den Augenblick zu Stande zu bringen, da es darauf ankam, ſo verhaßte Nebenbuhler zu unterdruͤcken. Mit Anbruch des Tages ſtellte ſich den Calviniſten ein Heer ent⸗ gegen, das dem ihrigen weit uͤberlegen war. An der Spitze dieſes Heers fing die Beredſamkeit Oraniens an, eine weit groͤßere Kraft zu gewinnen und einen weit leichtern Eingang zu finden. Die Calviniſten, obgleich im Beſitze der Waffen und des Geſchuͤtzes, durch die uͤberlegene Anzahl ihrer Feinde in Schrecken geſetzt, machten den Anfang, Geſandte zu ſchicken, und einen friedlichen Vergleich anzutragen, der durch Oraniens Kunſt zu allgemeiner Zufriedenheit geſchloſſen ward. Sogleich nach Bekanntmachung desſelben legten die Spanier und Ita⸗ 318 liener in der Stadt ihre Waffen nieder. Ihnen folgten die Reformirten, und dieſen die Katholiken; am allerletzten thaten es die Lutheraner. ¹) Zwei Tage und zwei Naͤchte hatte Antwerpen in dieſem fuͤrchterlichen Zuſtande verharret. Schon waren von den Ka⸗ tholiken Pulvertonnen unter die Meerbruͤcke gebracht, um das ganze Heer der Reformirten, das ſie beſetzt hatte, in die Luft zu ſprengen; eben das war an andern Orten von den Letztern gegen die Katholiken geſchehen. ²) Der Untergang der Stadt hing an einem einzigen Augenblick, und Oraniens Beſonnen⸗ heit war es, was ihn verhuͤtete. (1567.) Noch lag Noircarmes mit ſeinem Heere Wallo⸗ nen vor Valenciennes, das in feſtem Vertrauen auf geuſiſchen Schutz gegen alle Vorſtellungen der Regentin fortfuhr, unbe⸗ weglich zu bleiben, und jeden Gedanken von Uebergabe zu ver⸗ werfen. Ein ausdruͤcklicher Befehl des Hofes verbot dem feind⸗ lichen Feldherrn, mit Nachdruck zu handeln, ehe er ſich mit friſchen Truppen aus Deutſchland verſtaͤrkt haben wuͤrde. Der Koͤnig, ſey es aus Schonung oder Furcht, verabſcheute den ge⸗ waltſamen Weg eines Sturms, wobei nicht vermieden werden koͤnnte, den Unſchuldigen in das Schickſal des Schuldigen zu verflechten, und den treugeſinnten Unterthan wie einen Feind zu behandeln. Da aber mit jedem Tage der Trotz der Be⸗ lagerten ſtieg, die, durch die Unthaͤtigkeit des Feindes kuͤhner gemacht, ſich ſogar vermaßen, ihn durch oͤftere Ausfaͤlle zu beun⸗ ruhigen, einige Kloͤſter vor der Stadt in Brand zu ſtecken, und mit Beute heimzukehren; da die Zeit, die man unnuͤtz vor 4) Thuan. 526. 597. Burgund. 418— 454. Strad. 173. Me- teren 97. 98. ²) Meteren 97. 319 dieſer Stadt verlor, von den Rebellen und ihren Bundesgenoſſen beſſer benutzt werden konnte, ſo lag Noircarmes der Herzogin an, ihm die Erlaubniß zur Stuͤrmung dieſer Stadt beim Koͤnige auszuwirken. Schneller, als man es je von ihm gewohnt war, kam die Antwort zuruͤck: noch moͤchte man ſich begnuͤgen, bloß die Maſchinen zu dem Sturme zuzurichten, und ehe man ihn wirklich anfing, erſt eine Zeitlang den Schrecken davon wirken zu laſſen; wenn auch dann die Uebergabe nicht erfolgte, ſo er⸗ laube er den Sturm, doch mit moͤglichſter Schonung jedes Lebens. Ehe die Regentin zu dieſem aͤußerſten Mittel ſchritt, bevoll⸗ maͤchtigte ſie den Grafen von Egmont, nebſt dem Herzog von Arſchot, mit den Rebellen noch einmal in Guͤte zu unterhandeln. Beide beſprechen ſich mit den Deputirten der Stadt, und unterlaſſen nichts, ſie aus ihrer bisherigen Ver⸗ blendung zu reißen. Sie entdecken ihnen, daß Thoulouſe geſchlagen, und mit ihm die ganze Stuͤtze der Belagerten ge⸗ fallen ſey; daß der Graf von Megen das geuſiſche Heer von der Stadt abgeſchnitten, und daß ſie ſich allein durch die Nach⸗ ſicht des Koͤnigs ſo lange gehalten. Sie bieten ihnen eine gaͤnzliche Vergebung des Vergangenen an. Jedem ſollte es frei ſtehen, ſeine Unſchuld, vor welchem Tribunale er wolle, zu vertheidigen; Jedem, der es nicht wolle, vergoͤnnt ſeyn, inner⸗ halb vierzehn Tagen mit allen ſeinen Habſeligkeiten die Stadt zu verlaſſen. Man verlange nichts, als daß ſie Beſatzung ein⸗ naͤhmen. Dieſen Vorſchlag zu uͤberdenken, wurde ihnen auf drei Tage Waffenſtillſtand bewiligt. Als die Deputirten nach der Stadt zuruͤckkehrten, fanden ſie ihre Mitbuͤrger weniger als jemals zu einem Vergleiche geneigt, weil ſich unterdeſſen falſche Geruͤchte von einer neuen Truppenwerbung der Geuſen darin verbreitet hatten. Thoulouſe, behauptete man, habe obgeſiegt, und ein maͤchtiges Heer ſey im Anzuge, die Stadt 320 zu entſetzen. Dieſe Zuverſicht ging ſo weit, daß man ſich ſogar erlaubte, den Stillſtand zu brechen, und Feuer auf die Belagerer zu geben. Endlich brachte es der Magiſtrat mit vieler Muͤhe noch dahin, daß man zwoͤlf von den Rathsherren mit folgenden Bedingungen in das Lager ſchickte. Das Edict, durch welches Va⸗ lenciennes des Verbrechens der beleidigten Majeſtaͤt angeklagt und zum Feinde erklaͤrt worden, ſollte widerrufen, die gerichtlich eingezogenen Guͤter zuruͤckgegeben, und die Gefangenen von beiden Theilen wieder auf freien Fuß geſtellt werden. Die Be⸗ ſatzung ſollte die Stadt nicht eher betreten, als bis Jeder, der es fuͤr gut faͤnde, ſich und ſeine Guͤter erſt in Sicherheit gebracht; ſie ſollte ſich verbindlich machen, die Einwohner in keinem Stuͤcke zu belaͤſtigen, und der Koͤnig die Unkoſten davon tragen. Noircarmes antwortete auf dieſe Bedingungen mit Ent⸗ ruͤſtung, und war im Begriff, die Abgeordneten zu mißhandeln. Wenn ſie nicht gekommen waͤren, redete er die Abgeordneten an, ihm die Stadt zu uͤbergeben, ſo ſollten ſie auf der Stelle zuruͤckwandern, oder gewaͤrtig ſeyn, daß er ſie, die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, wieder heimſchickte. Sie waͤlzten die Schuld auf die Halsſtarrigkeit der Reformirten, und baten ihn flehentlich, ſie im Lager zu behalten, weil ſie mit ihren rebelliſchen Mitbuͤrgern nichts mehr zu thun haben, und in ihr Schickſal nicht mit vermengt ſeyn wollten. Sie umfaßten ſogar Egmonts Kniee, ſich ſeine Fuͤrſprache zu erwerben, aber Noircarmes blieb gegen ihre Bitten taub, und der Anblick der Ketten, die man herbeibrachte, trieb ſie ungern nach Valenciennes zuruͤck. Die Nothwendigkeit war es, nicht Haͤrte, was dem feindlichen Feldherrn dieſes ſtrenge Betragen auferlegte. Das Zuruͤckhalten der Geſandten hatte ihm ſchon ehemals einen Verweis von der Herzogin zugezogen; ihr jetziges Ausbleiben wuͤrde man in der Stadt nicht ermangelt haben, der naͤmlichen Urſache, wie das 321 erſtere, zuzuſchreiben. Auch durfte er die Stadt nicht von dem kleinen Ueberreſte gutdenkender Buͤrger entbloͤßen, noch zugeben, daß ein blinder, tollkuͤhner Haufe Herr ihres Schick⸗ ſals wuͤrde. Egmont war uͤber den ſchlechten Erfolg ſeiner Geſandtſchaft ſo ſehr entruͤſtet, daß er in der ſolgenden Nacht ſelbſt die Stadt umritt, ihre Feſtungswerke recognoscirte, und ſehr zufrieden heimkehrte, als er ſich uͤberzeugt hatte, daß ſie nicht laͤnger haltbar ſey.) Valenciennes ſtreckt ſich von einer ſanften Erhoͤhung in einer geraden und gleichen Ebene hin, und genießt einer eben ſo feſten als lieblichen Lage. Auf der einen Seite von der Schelde und einem kleinern Fluſſe umfangen, auf der andern durch tiefe Graͤben, ſtarke Mauern und Thuͤrme beſchuͤtzt, ſcheint es jedem Angriffe trotzen zu koͤnnen. Aber Noircar⸗ mes hatte einige Stellen im Stadtgraben bemerkt, die man nachlaͤſſiger Weiſe mit dem uͤbrigen Boden hatte gleich werden laſſen, und dieſe benutzte er. Er zieht alle zerſtreuten Corps, wodurch er die Stadt bisher eingeſchloſſen gebalten, zuſammen, und erobert in einer ſtuͤrmiſchen Nacht die Bergiſche Vorſtadt, ohne einen Mann zu verlieren. Darauf vertheilt er die Stadt unter den Grafen von Boſſu, den jungen Grafen Karl von Mannsfeld und den juͤngern Barlaimont; einer von ſeinen Oberſten naͤhert ſich mit moͤglichſter Schnelligkeit ihren Mauern, von welchen der Feind durch ein fuͤrchterliches Feuer vertrieben wird. Dicht vor der Stadt, und dem Tyore gegenuͤber, wird unter den Augen der Belagerten, und mit ſehr wenigem Verluſte, in gleicher Hoͤhe mit den Feſtungswerken, eine Batterie aufgeworfen, von welcher einundzwanzig Geſchuͤtze die Stadt vier Stunden lang mit unnnterbrochener Kanonade ¹) Thuan. 5 28. Strad. 178. Burgund. 466. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 21 322 beſtuͤrmen. Der Nikolausthurm, auf welchen die Velagerten einiges Geſchuͤtz gepflanzt, iſt von den erſten, welche ſtuͤrzen, und Viele finden unter ſeinen Truͤmmern ihren Tod. Auf alle hervorragenden Gebaͤude wird Geſchuͤtz gerichtet, und eine ſchreckliche Niederlage unter den Einwohnern gemacht. In wenigen Stunden ſind ihre wichtigſten Werke zerſtoͤrt, und an dem Thore ſelbſt eine ſo ſtarke Breſche geſchoſſen, daß die Be⸗ lagerten, an ihrer Rettung verzweifelnd, eilig zwei Trompeter abſenden, um Gehoͤr anzuſuchen. Dieſes wird bewilligt, mit dem Sturme aber ununterbrochen fortgefahren. Deſto mehr foͤrdern ſich die Geſandten, den Vergleich abzuſchließen, um die Stadt auf eben die Bedingungen zu uͤbergeben, welche ſie zwei Tage vorher verworfen hat; aber die Umſtaͤnde hatten ſich jetzt veraͤndert, und von Bedingungen wollte der Sieger nichts mehr hoͤren. Das unausgeſetzte Feuer ließ ihnen keine Zeit, die Mauern auszubeſſern, die den ganzen Stadtgraben mit ihren Truͤmmern anfuͤllten, und dem Feinde uͤberall Wege bahnten, durch die Breſche einzudringen. Ihres gaͤnzlichen Unterganges gewiß, uͤbergeben ſie mit Tagesanbruch die Stadt auf Gnade und Ungnade, nachdem der Sturm ohne Unterbrechung ſechsund⸗ dreißig Stunden gedauert und dreitauſend Bomben in die Stadt geworfen worden. Unter ſtrenger Mannszucht fuͤhrt Noircar⸗ mes ſein ſiegendes Heer ein, von einer Schaar Weiber und kleiner Kinder empfangen, welche ihm gruͤne Zweige entgegen⸗ tragen, und ſeine Barmherzigkeit anflehen. Sogleich werden alle Buͤrger entwaffnet, der Gouverneur der Stadt und ſein Sohn enthauptet; ſechsunddreißig der ſchlimmſten Rebellen⸗ unter denen auch le Grange und Guido de Breſſe, ein anderer reformirter Prediger, ſich befinden, buͤßen ihre Hals⸗ ſtarrigkeit mit dem Strange, alle obrigkeitlichen Perſonen ver⸗ lieren ihre Aemter, und die Stadt alle ihre Privilegien. Der 323 katholiſche Gottesdienſt wird ſogleich in ſeiner ganzen Wuͤrde wiederhergeſtellt, und der proteſtantiſche vernichtet; der Bi⸗ ſchof von Arras muß ſeine Reſidenz in die Stadt verlegen, und fuͤr den kuͤnftigen Gehorſam derſelben haftet eine ſtarke Beſatzung. ¹)— (1567.) Der Uebergang von Valenciennes, auf welchen Platz Aller Augen gerichtet geweſen, war allen uͤbrigen Staͤdten, die ſich auf eine aͤhnliche Weiſe vergangen, eine Schreckenspoſt, und brachte die Waffen der Regentin nicht wenig in Anſehen. Noircarmes verfolgte ſeinen Sieg und ruͤckte ſogleich vor Maſtricht, das ſich ihm ohne Schwertſtreich ergab und Veſatzung empfing. Von da marſchirte er nach Tornhut, die Staͤdte Herzogenbuſch und Antwerpen durch ſeine Naͤhe in Furcht zu ſetzen. Seine Ankunft erſchreckte die geuſiſche Partei, welche unter Bombergs Anfuͤhrung den Magiſtrat noch immer unter ihrem Zwange gehalten, ſo ſehr, daß ſie mit ihrem An⸗ fuͤhrer eilig die Stadt raͤumte. Noircarmes wurde ohne Widerſtand aufgenommen, die Geſandten der Herzogin ſogleich in Freiheit geſetzt und eine ſtarke Beſatzung darein geworfen. Auch Cambray oͤffnete ſeinem Erzbiſchofe, den die herrſchende Partei der Reformirten aus ſeinem Sitze vertrieben gehabt, unter freudigem Zurufe die Thore wieder; und er verdiente dieſen Triumph, weil er ſeinen Einzug nicht mit Blut befleckte. Auch die Staͤdte Gent, Ypern und Oudenarden unterwarfen ſich und empfingen Beſatzung. Geldern hatte der Graf von Me⸗ gen beinahe ganz von den Rebellen gereinigt und zum Gehor⸗ ſam zuruͤckgebracht; das Naͤmliche war dem Grafen von Aremberg in Friesland und Groͤningen gelungen, jedoch etwas 1) Thuan. 528. 529. Meteren 98. 99. Strad. 178— 180. Burgund. 462— 465. 324 ſpaͤter und mit groͤßerer Schwierigkeit, weil ſeinem Betragen Gleichheit und Beharrlichkeit fehlte, weil dieſe ſtreitbaren Re⸗ publicaner ſtrenger auf ihre Privilegien hielten und auf ihre Befeſtigung trotzten. ¹) Aus allen Provinzen, Holland aus⸗ genommen, wird der Anhang der Rebellen vertrieben, Alles weicht den ſiegreichen Waffen der Herzogin. Der Muth der Aufruͤhrer ſank dahin, und nichts blieb ihnen mehr uͤbrig, als Flucht oder unbedingte Unterwerfung. 2) 1) Vigl. ad Hopper. Epist. 1. 21. 2) Burgund. 466. 475— 475. Abdankung Wilhelms von Oranien. Schon ſeit Errichtung des Geuſenbundes, merklicher aber noch ſeit dem Ausbruche der Bilderſtuͤrmerei, hatte in den Provin⸗ zen der Geiſt der Widerſetzlichkeit und der Trennung unter hohen und niedern Staͤnden ſo ſehr uͤberhand genommen, hatten ſich die Parteien ſo in einander verwirrt, daß die Regentin Muͤhe hatte, ihre Anbaͤnger und Gerkzeuge zu erkennen, und zuletzt kaum mehr wußte, in welchen Haͤnden ſie eigentlich war. Das Unterſcheidungszeichen der Verdaͤchtigen und Treuen war allmaͤhlich verloren gegangen, und die Graͤnzſcheiden zwiſchen beiden weniger merklich geworden. Durch die Abaͤnderungen, die ſie zum Vortheil der Proteſtanten in den Geſetzen hatte vornehmen muͤſſen, und welche meiſtens nur Nothmittel und Geburten des Augenblicks waren, hatte ſie den Geſetzen ſelbſt inre Beſtimmtheit, ihre bindende Kraft genommen, und der Willkuͤr eines Jeden, der ſie auszulegen hatte, freies Spiel gegeben. So geſchah es denn endlich, daß unter der Menge und Mannichfaltigkeit der Auslegungen der Sinn der Geſetze verſchwand, und der Zweck des Geſetzgebers hintergangen wurde; daß bei dem genauen Zuſammenhange, der zwiſchen Proteſtan⸗ ten und Katholiken, zwiſchen Geuſen und Royaliſten obwaltete, und ihr Intereſſe nicht ſelten gemeinſchaftlich machte, letztere die Hinterthuͤr benutzten, die ihnen durch das Schwankende in 326 den Geſetzen offen gelaſſen war, und der Strenge ihrer Auftraͤge durch kuͤnſtliche Diſtinctionen entwiſchten. Ihren Gedanken nach war es genug, kein erklaͤrter Rebell, keiner von den Geuſen oder Ketzern zu ſeyn, um ſich befugt zu glauben, ſeine Amts⸗ pflicht nach Gutbefinden zu modeln, und ſeinem Gehorſam gegen den Koͤnig die willkuͤrlichſten Graͤnzen zu ſetzen. Ohne dafuͤr verantwortlich zu ſeyn, waren die Statthalter, die hohen und niedern Beamten, die Stadtobrigkeiten und Befehlshaber der Truppen in ihrem Dienſte ſehr nachlaͤſſig geworden, und uͤbten im Vertrauen auf dieſe Strafloſigkeit eine ſchaͤdliche Indulgenz gegen die Rebellen und ihren Anhang aus, die alle Maß⸗ regeln der Regentin unkraͤftig machte. Dieſe Unzuverlaͤſſigkeit ſo vieler wichtigen Menſchen im Staate hatte die nachtheilige Folge, daß die unruhigen Koͤpfe auf einen weit ſtaͤrkern Schutz rechneten, als ſie wirkliche Urſache dazu hatten, weil ſie Jeden, der die Partei des Hofes nur laulich nahm, zu der ihrigen zaͤhlten. Da dieſer Wahn ſie unternehmender machte, ſo war es nicht viel anders, als wenn er wirklich gegruͤndet geweſen waͤre, und die ungewiſſen Vaſallen wurden dadurch beinahe eben ſo ſchaͤdlich, als die erklaͤrten Feinde des Koͤnigs, ohne daß man ſich einer gleichen Schaͤrfe gegen ſie haͤtte bedienen duͤrfen. Dieß war vorzuͤglich der Fall mit Sr Prinzen von Oranien, den Grafen von Egmont, von Bergen, von Hoogſtraten, von Hoorn und mit mehreren von dem hoͤhern Adel. Die Statthalterin ſah die Nothwendigkeit ein, dieſe zweideutigen Unterthanen zu einer Erklaͤrung zu bringen, um entweder den Rebellen ihre eingebildete Stuͤtze zu rauben, oder die Feinde des Koͤnigs zu entlarven. Dieß war jetzt um ſo dringender, da ſie eine Armee ins Feld ſtellen mußte, und ſich gezwungen ſah, mehreren unter ihnen Truppen anzuver⸗ trauen. Sie ließ zu dieſem Ende einen Eid aufſetzen, durch welchen man ſich anheiſchig machte, den roͤmiſch⸗katholiſchen Glauben befoͤrdern, die Bilderſtuͤrmer verfolgen, und Ketzereien aller Art nach beſtem Vermoͤgen ausrotten zu helfen. Man verband ſich dadurch, jeden Feind des Koͤnigs als ſeinen eigenen zu behandeln, und ſich gegen Jeden, ohne Unterſchied, den die Regentin in des Koͤnigs Namen benennen wuͤrde, gebrauchen zu laſſen. Durch dieſen Eid hoffte ſie nicht ſowohl die Ge⸗ muͤther zu erforſchen, und noch weniger ſie zu binden; aber er ſollte ihr zu einem rechtlichen Vorwande dienen, die Verdaͤchtigen zu entfernen, ihnen eine Gewalt, die ſie mißbrauchen konnten, aus den Haͤnden zu winden, wenn ſie ſich weigerten, ihn zu ſchwoͤren, und ſie zur Strafe zu ziehen, wenn ſie ihn braͤchen. Dieſer Eid wurde allen Rittern des Vließes, allen hohen und niedern Staatsbedienten, allen Beamten und Obrigkeiten, allen Officieren der Armee, Allen ohne Unterſchied, denen in der Republik etwas anvertraut war, von Seiten des Hofs ab⸗ gefordert. Der Graf von Mannsfeld war der Erſte, der ihn im Staatsrathe zu Bruͤſſel oͤffentlich leiſtete; ſeinem Bei⸗ ſpiele folgte der Herzog von Arſchot, der Graf von Egmont, die Grafen von Megen und Barlaimont; Hoogſtraten und Hoorn ſuchten ihn auf eine feine Art abzulehnen. Erſte⸗ rer war uͤber aizen Beweis des Mißtrauens noch empfindlich, den ihm die Regentin vor kurzem bei Gelegenheit ſeiner Statt⸗ halterſchaft von Mecheln gegeben. Unter dem Vorwande, daß Mecheln ſeinen Statthalter nicht laͤnger miſſen koͤnne, Antwerpen aber der Gegenwart des Grafen nicht weniger benoͤthigt ſey, hatte ſie ihm jene Provinz entzogen und an einen Andern vergeben, der ihr ſicherer war. Hoogſtraten erklaͤrte ihr ſeinen Dank, daß ſie ihn einer ſeiner Buͤrden habe entledigen wollen, und ſetzte hinzu, daß ſie ſeine Verbindlichkeit vollkommen machen wuͤrde, wenn ſie ihn auch von der andern befreite. Noch immer 328 lebte der Graf von Hoorn, ſeinem Vorſatze getreu, auf einem ſeiner Guͤter in der feſten Stadt Weerdt in gaͤnzlicher Ab⸗ geſchiedenheit von Geſchaͤften. Weil er aus dem Dienſte des Staats herausgetreten war, und der Republik wie dem Koͤnige nichts mehr ſchuldig zu ſeyn glaubte, ſo verweigerte er den Eid, den man ihm endlich auch ſcheint erlaſſen zu haben.) Dem Grafen von Brederode wurde die Wahl gelaſſen, entweder den verlangten Eid abzulegen, oder ſich des Ober⸗ befehls uͤber die Schwadron zu begeben, dienihm anvertraut war. Nach vielen vergeblichen Ausfluͤchten, die er davon her⸗ nahm, daß er kein oͤffentliches Amt in der Republik bekleide, entſchloß er ſich endlich zu dem letztern, und entging dadurch einem Meineide. 2) Umſonſt hatte man verſucht, den Prinzen von Oranien zu dieſem Eide zu vermoͤgen, der bei dem Verdachte, der laͤngſt auf ihm haftete, mehr als jeder Andere dieſer Reinigung zu beduͤrfen ſchien, und wegen der großen Gewalt, die man in ſeine Haͤnde zu geben gezwungen war, mit dem groͤßten Scheine des Rechts dazu angehalten werden konnte. Gegen ihn konnte man nicht mit der lakoniſchen Kuͤrze, wie gegen einen Brede⸗ rode oder Seinesgleichen, verfahren, und mit der freiwilligen Verzichtleiſtung auf alle ſeine Aemter, wozu er ſich erbot, war der Regentin nicht gedient, die wohl vorausſah, wie gefaͤhrlich ihr dieſer Mann erſt als dann werden wuͤrde, wenn er ſich un⸗ abhaͤngig wiſſen und ſeine wahren Geſinnungen durch keinen aͤußerlichen Anſtand und keine Pflicht mehr gebunden glauben wuͤrde. Aber bei dem Prinzen von Oranien war es ſchon ſeit jener Berathſchlagung in Dendermonde unwiderruflich be⸗ 1) Meteren 99. Strad. 680 sq. Grot. 24. 2²) Burgund. 421. 422. 329 ſchloſſen, aus dem Dienſte des Koͤnigs von Spanien zu treten, und bis auf beſſere Tage aus dem Lande ſelbſt zu entweichen. Eine ſehr niederſchlagende Erfahrung hatte ihn gelehrt, wie unſicher die Hoffnungen ſind, die man gezwungen iſt, auf den großen Haufen zu gruͤnden, und wie bald dieſer vielverſprechende Eifer dahin iſt, wenn Thaten von ihm gefordert-werden. Eine Armee ſtand im Felde, und eine weit ſtaͤrkere naͤherte ſich, wie er wußte, unter Herzog Alba's Befehlen— die Zeit der Vorſtellungen war vorbei, nur an der Spitze eines Heers konnte man hoffen, vortheilhafte Vertraͤge mit der Regentin zu ſchließen, und dem ſpaniſchen Feldherrn den Eintritt in das Land zu verſagen. Aber woher dieſes Heer nehmen, da ihm das noͤthige Geld, die Seele aller Unternehmungen, fehlte, da die Proteſtanten ihre prahleriſchen Verſprechungen zuruͤcknahmen, und ihn in dieſem dringenden Beduͤrniſſe im Stiche ließen?) Eiferſucht und Religionshaß trennten noch dazu beide proteſtan⸗ tiſche Kirchen, und arbeiteten jeder heilſamen Vereinigung gegen den gemeinſchaftlichen Feind ihres Glaubens entgegen. Die Abneigung der Reformirten vor dem Augsburgiſchen Be⸗ kenntniß hatte alle proteſtantiſchen Fuͤrſten Deutſchlands gegen ¹) Wie wacker der Wille und wie ſchlecht die Erfuͤllung war, erhellt unter andern aus folgendem Beiſpiele. In Amſterdam hatten einige Freunde der Nationalfreiheit, Katholiken ſowohl als Luthera⸗ ner, feierlich angelobt, den hundertſten Pfennig ihrer Guͤter in eine Communcaſſe zuſammenzuſchießen, bis eine Summe von eilf⸗ tauſend Gulden beiſammen waͤre, die zum Dienſt der gemeinen Sache verbraucht werden ſollte. Eine Kiſte, mit einer Spalte im Deckel und durch drei Schloͤſſer verwahrt, beſtimmte man zu Einhebung dieſer Gelder. Als man ſie nach abgelaufenem Ter⸗ mine eroͤffnete, entdeckte ſich ein Schatz von— 700 Gulden, welche man der Wirthin des Grafen von Brederode auf Abſchlag ſeiner nicht bezahlten Zeche uͤberließ. A. G. d. v. N. III. Bd. 330 ſie aufgebracht, daß nunmehr auch an den maͤchtigen Schutz dieſes Reichs nicht mehr zu denken war. Mit dem Grafen von Egmont war das treffliche Heer Wallonen verloren, das mit blinder Ergebenheit dem Gluͤcke ſeines Feldherrn folgte, der es bei St. Quentin und Gravelingen ſiegen gelehrt hatte. Die Gewaltthaͤtigkeiten, welche die Bilderſtuͤrmer an Kirchen und Kloͤſtern veruͤbt, hatten die zahlreiche, beguͤterte und maͤch⸗ tige Claſſe der katholiſchen Kleriſei von dem Bunde wiederum abgewandt, fuͤr den ſie, vor dieſem ungluͤcklichen Zwiſchenfalle, ſchon zur Haͤlfte gewonnen war; und dem Bunde ſelbſt wußte die Regentin mit jedem Tage mehrere ſeiner Mitglieder durch eiſt zu entreißen. Alle dieſe Betrachtungen zuſammengenommen bewogen den Prinzen, ein Vorhaben, dem der jetzige Zeitlauf nicht hold war, auf eine gluͤcklichere Stunde zuruͤckzulegen, und ein Land zu verlaſſen, wo ſein laͤngeres Verweilen nichts mehr gutmachen konnte, ihm ſelbſt aber ein gewiſſes Verderben bereitete. Ueber die Geſinnungen Philipps gegen ihn konnte er nach ſo vielen eingezogenen Erkundigungen, ſo vielen Proben ſeines Mißtrauens, ſo vielen Warnungen aus Madrid nicht mehr zweifelhaft ſeyn. Waͤre er es auch geweſen, ſo wuͤrde ihn die furchtbare Armee, die in Spanien ausgeruͤſtet wurde, und nicht den Koͤnig, wie man faͤlſchlich verbreitete, ſondern, wie er beſſer wußte, den Herzog von Alba, den Mann, der ihm am meiſten wider⸗ ſtund, und den er am meiſten zu fuͤrchten Urſache hatte, zum Fuͤhrer haben ſollte, ſehr bald aus ſeiner Ungewißheit geriſſen haben. Der Prinz hatte zu tief in Philipps Seele geſehen, um an eine aufrichtige Verſoͤhnung mit dieſem Fuͤrſten zu glauben, von dem er einmal gefuͤrchtet worden war. Auch beurtheilte er ſein eigenes Betragen zu richtig, um, wie ſein Freund Egmont, bei dem Koͤnige auf einen Dank zu rechnen, 331 den er nicht bei ihm geſaͤet hatte. Er konnte alſo keine anderen, als feindſelige Geſinnungen von ihm erwarten, und die Klugheit rieth ihm an, ſich dem wirklichen Ausbruche derſelben durch eine zeitige Flucht zu entziehen. Den neuen Eid, den man von ihm forderte, hatte er bis jetzt hartnaͤckig verweigert, und alle ſchriftlichen Ermahnungen der Regentin waren fruchtlos geweſen. Endlich ſandte ſie ihren geheimen Secretaͤr Berti nach Antwerpen zu ihm, der ihm nachdruͤcklich ins Gewiſſen reden und alle uͤbeln Folgen zu Gemuͤthe fuͤhren ſollte, die ein ſo raſcher Austritt aus dem doͤniglichen Dienſte fuͤr das Land ſowohl, als fuͤr ſeinen eigenen guten Namen nach ſich ziehen würde. Schon die Verweigerung des verlangten Eides, ließ ſie ihm durch ihren Geſandten ſagen, habe einen Schatten auf ſeine Ehre geworfen, und der allgemeinen Stimme, die ihn eines Verſtaͤndniſſes mit den Rebellen bezichtige, einen Schein von Wahrheit gegeben, den dieſe gewaltſame Abdankung zur voͤlligen Gewißheit erheben wuͤrde. Auch gebuͤhre es nur dem Herrn, ſeinen Diener zu entlaſſen, nicht aber dem Diener, ſeinen Herrn aufzugeben. Der Geſchaͤftstraͤger der Regentin fand den Prinzen in ſeinem Palaſte zu Antwerpen ſchon ganz, wie es ſchien, dem oͤffentlichen Dienſte abgeſtorben und in Privatgeſchaͤfte vergraben. Er habe ſich geweigert, antwortete er ihm, in Hoogſtratens Beiſeyn, den verlangten Eid ab⸗ zulegen, weil er ſich nicht zu entſinnen wiſſe, daß je ein Antrag von dieſer Art an einen Statthalter vor ihm ergangen ſey; weil er ſich dem Koͤnige ſchon einmal fuͤr immer verpflichtet habe, durch dieſen neuen Eid alſo ſtillſchweigend eingeſtehen wuͤrde, daß er den erſten gebrochen habe. Er habe ſich ge⸗ weigert, ihn abzulegen, weil ein aͤlterer Eid ihm gebiete, die Rechte und Privilegien des Landes zu ſchuͤtzen, er aber nicht wiſſen koͤnne, ob dieſer neue Eid ihm nicht Handlungen auf⸗ 33²2 erlege, die jenem erſten entgegenlaufen; weil in dieſem neuen Eide, der ihm zur Pflicht mache, gegen Jeden, ohne Unterſchied, den man ihm nennen wuͤrde, zu dienen, nicht einmal der Kaiſer, ſein Lehnsherr, ausgenommen ſey, den er doch, als ſein Vaſall, nicht bekriegen duͤrfe. Er habe ſich geweigert, ihn zu leiſten, weil ihm dieſer Eid auflegen koͤnnte, ſeine Freunde und Verwandten, ſeine eigenen Soͤhne, ja ſeine Gemahlin ſelbſt, die eine Lutheranerin ſey, zur Schlachtbank zu fuͤhren. Laut dieſes Eides wuͤrde er ſich Allem unterziehen muͤſſen, was dem Koͤnige einfiele, ihm zuzumuthen; aber der Koͤnig koͤnnte ihm ja Dinge zumuthen, wovor ihm ſchaudre, und die Haͤrte, womit man jetzt und immer gegen die Proteſtanten verfahren, habe ſchon laͤngſt ſeine Empfindung empoͤrt. Dieſer Eid widerſtreite ſeinem Menſchengefuͤhl, und er koͤnne ihn nicht ablegen. Am Schluſſe entfuhr ihm der Name des Her⸗ zogs von Alba, mit einem Merkmale von Bitterkeit, und gleich darauf ſchwieg er ſtille.) Alle dieſe Einwendungen wurden Punkt fuͤr Punkt von Berti beantwortet. Man habe noch keinem Statthalter vor ihm einen ſolchen Eid abgefordert, weil ſich die Provinzen noch niemals in einem aͤhnlichen Falle befunden. Man verlange dieſen Eid nicht, weil die Statthalter den erſten gebrochen, ſondern um ihnen jenen erſten Eid lebhafter ins Gedaͤchtniß zu bringen, und in dieſer dringenden Lage ihre Thaͤtigkeit aufzufriſchen. Dieſer Eid wuͤrde ihm nichts auferlegen, was die Rechte und Privilegien des Landes kraͤnke, denn der Koͤnig habe dieſe Privilegien und Rechte ſo gut als der Prinz von Oranien beſchworen. In dieſem Eide ſey ja weder von einem Kriege gegen den Kaiſer, noch gegen irgend einen Fuͤrſten aus 1¹) Burgund. 156— 458. Strad. 182. 18 5. 33³ des Prinzen Verwandtſchaft die Rede, und gern wuͤrde man ihn, wenn er ſich ja daran ſtieße, durch eine eigene Clauſel ausdruͤcklich davon freiſprechen. Mit Auftraͤgen, die ſeinem Menſchengefuͤhle widerſtritten, wuͤrde man ihn zu verſchonen wiſſen, und keine Gewalt auf Erden wuͤrde ihn noͤthigen koͤnnen, gegen Gattin oder gegen Kinder zu handeln. Berti wollte nun zu dem letzten Punkte, der den Herzog von Alba betraf, uͤbergehen, als ihn der Prinz, der dieſen Artikel nicht gern beleuchtet haben wollte, unterbrach.„Der Koͤnig wuͤrde nach den Niederlanden kommen,“ ſagte er,„und er kenne den Koͤnig. „Der Koͤnig wuͤrde es nimmermehr dulden, daß einer von „ſeinen Dienern eine Lutheranerin zur Gemahlin habe, und „darum habe er beſchloſſen, ſich mit ſeiner ganzen Familie „freiwillig zu verbannen, ehe er ſich dieſem Looſe aus Zwang nunterwerfen muͤſſe. Doch,“ ſchloß er,„wuͤrde er ſich, wo er „auch ſeyn moͤge, ſtets als ein Unterthan des Koͤnigs be⸗ „tragen.“ Man ſieht, wie weit der Prinz die Beweggruͤnde zu dieſer Flucht herholte, um den einzigen nicht zu beruͤhren, der ihn wirklich dazu beſtimmte. ⁴) Noch hoffte Berti von Egmonts Beredſamkeit vielleicht zu erhalten, was er aufgab, durch die ſeinige zu bewirken. Er brachte eine Zuſammenkunft mit dem Letztern in Vorſchlag (1567), wozu ſich der Prinz um ſo bereitwilliger finden ließ, da er ſelbſt Verlangen trug, ſeinen Freund Egmont vor ſeinem Abſchiede noch einmal zu umarmen, und den Ver⸗ blendeten, wo moͤglich, von ſeinem gewiſſen Untergange zuruͤck⸗ zureißen. Dieſe merkwuͤrdige Zuſammenkunft, die letzte, welche zwiſchen beiden Freunden gehalten wurde, ging in Villebroeck, einem Dorfe an der Rupel, zwiſchen Bruͤſſel und Antwerpen, ¹) Burgund. 456. 458. Strad. 182. 185. 334 vor ſich; mit dem geheimen Secretaͤr Berti war auch der junge Graf von Mannsfeld dabei zugegen. Die Refor⸗ mirten, deren letzte Hoffnung auf dem Ausſchlage dieſer Unter⸗ redung beruhte, hatten Mittel gefunden, den Inhalt derſelben durch einen Spion zu erfahren, der ſich in dem Schornſteine des Zimmers verſteckt hielt, wo ſie vor ſich ging. ¹) Alle drei beſtuͤrmten hier den Entſchluß des Prinzen mit vereinigter Beredſamkeit, jedoch ohne ihn zum Wanken zu bringen.„Es „wird dir deine Guͤter koſten, Oranien, wenn du auf dieſem „Vorſatze beſtehſt,“ ſagte endlich der Prinz von Gaure, indem er ihm ſeitwaͤrts zu einem Fenſter folgte.„Und dir dein Leben, Egmont, wenn du den deinigen nicht aͤnderſt,“ verſetzte jener.„Mir wenigſtens wird es Troſt ſeyn in jedem „Schickſale, daß ich dem Vaterlande und meinen Freunden „mit Rath und That habe nahe ſeyn wollen in der Stunde „der Noth; du wirſt Freunde und Vaterland in ein Ver⸗ „derben mit dir hinabziehen.“ uUnd jetzt ermahnte er ihn noch einmal dringender, als er je vorher gethan, ſich einem Volke wiederzuſchenken, das ſein Arm allein noch zu retten ver⸗ moͤge; wo nicht, um ſeiner ſelbſt willen wenigſtens dem Gewitter auszuweichen, das aus Spanien her gegen ihn im Anzuge ſey. Aber alle noch ſo lichtvollen Gruͤnde, die eine weitſehende Klugheit ihm an die Hand gab, mit aller Lebendigkeit, mit allem Feuer vorgetragen, das nur immer die zaͤrtliche Be⸗ kuͤmmerniß der Freundſchaft ihnen einhauchen konnte, ver⸗ mochten nicht, die ungluͤckſelige Zuverſicht zu zerſtoͤren, welche Egmonts guten Verſtand noch gebunden hielt. Oraniens Warnung kam aus einer truͤbſinnigen verzagenden Seele, und ¹) Meteren. 33⁵ fuͤr Egmont lachte noch die Welt. Herauszutreten aus dem Schooße des Ueberfluſſes, des Wohllebens und der Pracht, worin er zum Juͤngling und zum Manne geworden war, ven allen den tauſendfachen Gemaͤchlichkeiten des Lebens zu ſcheiden, um derentwillen allein es Werth fuͤr ihn beſaß, und dieß Alles, um einem Uebel zu entgehen, das ſein leichter Muth noch ſo weit hinausruͤckte— nein, das war kein Opfer, das von E g⸗ mont zu verlangen war. Aber auch minder weichlich, als er war,— mit welchem Herzen haͤtte er eine von langem Gluͤcksſtande verzaͤrtelte Fuͤrſtentochter, eine liebende Gattin und Kinder, an denen ſeine Seele hing, mit Entbehrungen be⸗ kannt machen ſollen, an welchen ſein eigener Muth verzagte, die eine erhabene Philoſophie allein der Sinnlichkeit abgewinnen kann.„Nimmermehr wirſt du mich bereden, Oranien,“ ſagte Egmont,„die Dinge in dieſem truͤben Lichte zu ſehen, „worin ſie deiner traurigen Klugheit erſcheinen. Wenn ich es „erſt dahin gebracht haben werde, die oͤffentlichen Predigten „abzuſtellen, die Bilderſtuͤrmer zu zuͤchtigen, die Rebellen zu „Boden zu treten und den Provinzen ihre vorige Ruhe wieder „zu ſchenken— was kann der Koͤnig mir anhaben? Der Koͤnig „iſt guͤtig und gerecht, ich habe mir Anſpruͤche auf ſeine Dank⸗ „barkeit erworben, und ich darf nicht vergeſſen, was ich mir „ſelbſt ſchuldig bin.“—„Wohlan,“ rief Oranien mit un⸗ willen und innerm Leiden,„ſo wage es denn auf dieſe koͤnig⸗ „liche Dankbarkeit! Aber mir ſagt eine traurige Ahnung— „und gebe der Himmel, daß ſie mich betruͤge!— daß du die „Bruͤcke ſeyn werdeſt, Egmont, uͤber welche die Spanier in „das Land ſetzen, und die ſie abbrechen werden, wenn ſie daruͤber „ſind.“ Er zog ihn, nachdem er dieſes geſagt hatte, mit Innigkeit zu ſich, druͤckte ihn feurig und feſt in die Arme. Lange, als waͤr's fuͤr das ganze uͤbrige Leben, hielt er die Augen auf ihn 336 geheftet; Thraͤnen entſielen ihm— ſie ſahen einander nicht wieder. ¹) Gleich den folgenden Tag ſchrieb Oranien der Regentin den Abſchiedsbrief, worin er ſie ſeiner ewigen Achtung verſicherte, und ihr nochmals anlag, ſeinen jetzigen Schritt aufs beſte zu deuten; dann ging er mit ſeinen drei Bruͤdern und ſeiner ganzen Familie nach ſeiner Stadt Breda ab, wo er nur ſo lange verweilte, als noͤthig war, um noch einige Privatgeſchaͤfte in Ordnung zu bringen. Sein aͤlteſter Prinz, Philipp Wil⸗ helm, allein blieb auf der hohen Schule zu Loͤwen zuruͤck, weil er ihn unter dem Schutze der brabantiſchen Freiheiten und den Vorrechten der Akademie hinlaͤnglich ſicher glaubte; eine Un⸗ vorſichtigkeit, die, wenn ſie wirklich nicht abſichtlich war, mit dem richtigen Urtheile kaum zu vereinigen iſt, das er in ſo viel andern Faͤllen von dem Gemuͤthscharakter ſeines Gegners ge⸗ faͤllt hatte. In Breda wandten ſich die Haͤupter der Calvi⸗ niſten noch einmal mit der Frage an ihn, ob noch Hoffnung fuͤr ſie waͤre, oder ob Alles unrettbar verloren ſey?—„Er „habe ihnen ehemals den Rath gegeben,“ antwortete der Prinz, „und komme jetzt abermals darauf zuruͤck, daß ſie dem Augs⸗ „burgiſchen Bekenntniſſe beitreten ſollten; dann waͤre ihnen „Huͤlfe aus Deutſchland gewiß. Wollten ſie ſich aber dazu noch „immer nicht verſtehen, ſo ſollten ſie ihm ſechsmalhunderttauſend „Gulden ſchaffen, oder auch mehr, wenn ſie könnten.“—„Das „Erſte,“ erwiederten ſie,„ſtreite mit ihrer Ueberzeugung und „ihrem Gewiſſen; zu dem Gelde aber koͤnne vielleicht Rath „werden, wenn er ſie nur wiſſen laſſen wollte, wozu er ſolches „gebrauchen wuͤrde.“—„Ja,“ rief er mit Verdruß,„wenn ich ¹) Thuan. 527. Strada 185. Meteren 95. Burgund. 470. 474. Meurs. 28. 4 337 „das wiſſen laſſen muß, ſo iſt es aus mit dem Gebrauche.“ Sogleich brach er das ganze Geſpraͤch ab, und entließ bald dar⸗ auf die Geſandten. Es wurde ihm vorgeworfen, daß er ſein Vermoͤgen verſchwendet, und ſeiner druͤckenden Schulden wegen Neuerungen beguͤnſtigt habe; aber er verſicherte, daß er noch ſechzigtauſend Gulden jaͤhrlicher Renten genieße. Doch ließ er ſich vor ſeiner Abreiſe von den Staaten von Holland noch zwanzigtauſend Gulden vorſchießen, wofuͤr er ihnen einige Herr⸗ ſchaften verpfaͤndete. Man konnte ſich nicht uͤberreden, daß er ſo ganz ohne Widerſtand der Nothwendigkeit unterlegen, und aller fernern Verſuche ſich begeben habe; aber was er im Stil⸗ len mit ſich herumtrug, wußte Niemand, Niemand hatte in ſeiner Seele geleſen. Es fragten ihn Einige, wie er ſich ins⸗ kuͤnftige gegen den Koͤnig von Spanien zu verhalten gedaͤchte. „Ruhig,“ war ſeine Antwort,„es ſey denn, daß er ſich an „meiner Ehre oder meinen Gutern vergreife.“ Gleich darauf verließ er die Niederlande, um ſich in ſeiner Geburtsſtadt Dil⸗ lenburg, im Naſſauiſchen, zur Ruhe zu begeben; viele Hunderte, ſowohl von ſeinen Dienern, als Freiwillige, begleiteten ihn nach Deutſchland; bald folgten ihm die Grafen von Hoogſtraten, von Kuilemburg, von Bergen, die lieber eine ſelbſtge⸗ waͤhlte Verbannung mit ihm theilen, als einem ungewiſſen Schickſale leichtſinnig entgegentreten wollten. Die Nation ſah ihren guten Engel mit ihm weichen; Viele hatten ihn ange⸗ betet, Alle hatten ihn verehrt. Mit ihm ſank der Proteſtanten letzte Stuͤtze; dennoch hofften ſie von dieſem entflohenen Manne mehr, als von allen miteinander, die zuruͤckgeblieben waren. Die Katholiken ſelbſt ſahen ihn nicht ohne Schmerz entweichen. Auch fuͤr ſie hatte er ſich der Tyrannei entgegengeſtellt; nicht ſelten hatte er ſie gegen ihre eigene Kirche in Schutz genom⸗ men; Viele unter ihnen hatte er dem blntduͤrſtigen Eifer der Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 22 338 Secten entriſſen. Wenige arme Seelen unter den Calviniſten, denen die angetragene Verbindung mit den Augsburgiſchen Confeſſionsverwandten ein Aergerniß gegeben, feierten mit ſtil⸗ len Dankopfern den Tag, wo der Feind von ihnen gewichen war ¹)(1567). 1) Meteren 100. Meurs. Guil. Auriac. 34. Reidan. 5. Grotius 26. Verfall und Zerſtreuung des Genſenbundes. Gleich nach genommenem Abſchiede von ſeinem Freunde eilte der Prinz von Gaure nach Bruͤſſel zuruͤck, um an dem Hofe der Regentin die Belohnung fuͤr ſeine Standhaftig⸗ keit in Empfang zu nehmen, und dort im Hofgewuͤhle und im Sonnenſcheine ſeines Gluͤcks die wenigen Wolken zu zerſtreuen, die Oraniens ernſte Warnung uͤber ſein Gemuͤth gezogen hatte. Die Flucht des Letztern uͤberließ ihm allein jetzt den Schauplatz. Jetzt hatte er in der Republik keinen Nebenbuhler mehr, der ſeinen Ruhm verdunkelte. Mit gedoppeltem Eifer fuhr er nunmehr fort, um eine hinfaͤllige Fuͤrſtengunſt zu buh⸗ len, uͤber die er doch ſo weit erhaben war. Ganz Bruͤſſel mußte ſeine Freude mit ihm theilen. Er ſtellte praͤchtige Gaſt⸗ maͤhler und oͤffentliche Feſte an, denen die Regentin ſelbſt oͤfters beiwohnte, um jede Spur des Mißtrauens aus ſeiner Seele zu vertilgen. Nicht zufrieden, den verlangten Eid abgelegt zu haben, that er es den Andaͤchtigſten an Andacht, an Eifer den Eifrigſten zuvor, den proteſtantiſchen Glauben zu vertilgen und die widerſpaͤnſtigen Staͤdte Flanderns durch die Waffen zu un⸗ terwerfen. Dem Grafen von Hoogſtraten, ſeinem alten Freunde, wie auch dem ganzen Ueberreſte der Geuſen, kuͤndigte er auf ewig ſeine Freundſchaft auf, wenn ſie ſich laͤnger beden⸗ ken wuͤrden, in den Schooß der Kirche zuruͤckzutreten und ſich mit ihrem Koͤnige zu verſoͤhnen. Alle vertrauten Briefe, welche 340 beide Theile von einander in Haͤnden hatten, wurden ausgewech⸗ ſelt, und der Bruch zwiſchen Beiden durch dieſen letzten Schritt unheilbar und oͤffentlich gemacht. Egmonts Abfall und die Flucht des Prinzen von Oranien zerſtoͤrte die letzte Hoff⸗ nung der Proteſtanten und loͤste den ganzen Geuſenbund auf. Einer draͤngte ſich dem Andern an Bereitwilligkeit, an Unge⸗ duld vor, den Compromiß abzuſchwoͤren und den neuen Eid zu leiſten, den man ihm vorlegte. Vergebens ſchrieen die pro⸗ teſtantiſchen Kaufleute uͤber dieſe Wortbruͤchigkeit des Adels; ihre ſchwache Stimme wurde nicht mehr gehoͤrt, und verloren waren alle Summen, die ſie an das Unternehmen des Bundes gewendet hatten. ¹) Die wichtigſten Plaͤtze waren unterworfen und hatten Be⸗ ſatzung; die Aufruͤhrer flohen, oder ſtarben durch des Henkers Hand; in den Provinzen war kein Retter mehr vorhanden. Alles wich dem Gluͤcke der Regentin, und ihr ſiegreiches Heer war im Anzuge gegen Antwerpen. Nach einem ſchweren und hartnaͤckigen Kampfe hatte ſich endlich dieſe Stadt von den ſchlimmſten Koͤpfen gereinigt; Hermann und ſein Anhang waren entflohen; ihre innern Stuͤrme hatten ausgetobt. Die Gemuͤther fingen allmaͤhlich an, ſich zu ſammeln und, von kei⸗ nem wuͤthenden Schwaͤrmer mehr verhetzt, beſſern Rathſchlaͤgen Raum zu geben. Der wohlhabende Buͤrger ſehnte ſich ernſt⸗ lich nach Frieden, um den Handel und die Gewerbe wieder aufleben zu ſehen, die durch die lange Anarchie ſchwer gelitten hatten. Alba's gefuͤrchtete Annaͤherung wirkte Wunder; um den Drangſalen zuvorzukommen, die eine ſpaniſche Armee uͤber das Land verhaͤngen wuͤrde, eilte man, in die gelinde Hand der Herzogin zu fallen. Von freien Stuͤcken ſandte man Be⸗ 4) Strada 184 Burgund. 472 341 vollmaͤchtigte nach Bruͤſſel, ihr den Vergleich anzutragen und ihre Bedingungen zu hoͤren. So angenehm die Regentin von dieſem freiwilligen Schritte uͤberraſcht wurde, ſo wenig ließ ſie ſich von ihrer Freude uͤbereilen. Sie erklaͤrte, daß ſie von nichts hoͤren koͤnne, noch wolle, bevor die Stadt Beſatzung eingenom⸗ men haͤtte. Auch dieſes fand keinen Widerſpruch mehr, und der Graf von Mannsfeld zog den Tag darauf mit ſech⸗ zehn Fahnen in Schlachtordnung ein. Jetzt wurde ein feier⸗ licher Vertrag zwiſchen der Stadt uund der Herzogin errichtet, durch welchen jene ſich anheiſchig machte, den reformirten Gottesdienſt ganz aufzuheben, alle Prediger dieſer Kirche zu verbannen, die roͤmiſch⸗katholiſche Religion in ihre vorige Wuͤrde wieder einzuſetzen, die verwuͤſteten Kirchen in ihrem ganzen Schmucke wieder herzuſtellen, die alten Edicte wie vorher zu handhaben, den neuen Eid, den die andern Staͤdte geſchworen, gleichfalls zu leiſten, und Alle, welche die Majeſtaͤt des Koͤnigs beleidigt, die Waffen ergriffen und an Entweihung der Kirchen Antheil gehabt, in die Haͤnde der Gerechtigkeit zu liefern. Dagegen machte ſich die Regentin verbindlich, alles Vergangene zu vergeſſen, und fuͤr die Verbrecher ſelbſt bei dem Koͤnige fuͤrzubitten. Allen denen, welche, ihrer Begna⸗ digung ungewiß, die Verbannung vorziehen wurden, ſollte ein Monat bewilligt ſeyn, ihr Vermoͤgen in Geld zu verwandeln und ihre Perſonen in Sicherheit zu bringen; doch mit Aus⸗ ſchließung aller derer, welche etwas Verdammliches gethan, und durch das Vorige ſchon von ſelbſt ausgenommen waͤren. Gleich nach Abſchließung dieſes Vertrags wurde allen refor⸗ mirten und lutheriſchen Predigern in Antwerpen und dem ganzen umliegenden Gebiet durch den Herold verkuͤndigt, inner⸗ halb vierundzwanzig Stunden das Land zu raͤumen. Alle Straßen, alle Thore waren jetzt von Fluͤchtlingen vollgedraͤngt, „ 342 die ihrem Gott zu Ehren ihr Liebſtes verließen, und fuͤr ihren verfolgten Glauben einen gluͤcklichern Himmelsſtrich ſuchten. Dort nahmen Maͤnner von ihren Weibern, Vaͤter von ihren Kin⸗ dern ein ewiges Lebewohl; hier fuͤhrten ſie ſie mit ſich von dannen. Ganz Antwerpen glich einem Trauerhauſe; wo man hinblickte, bot ſich ein ruͤhrendes Schauſpiel der ſchmerzlichſten Trennung dar. Alle proteſtantiſchen Kirchen waren verſiegelt, die ganze Religion war nicht mehr. Der zehnte April(1567) war der Tag, wo ihre Prediger auszogen. Als ſie ſich noch einmal im Stadthauſe zeigten, um ſich bei dem Magiſtrate zu beurlau⸗ ben, widerſtanden ſie ihren Thraͤnen nicht mehr, und ergoſſen ſich in die bitterſten Klagen. Man habe ſie aufgeopfert, ſchrieen ſie, liederlich habe man ſie verlaſſen. Aber eine Zeit werde kom⸗ men, wo Antwerpen ſchwer genug fuͤr dieſe Niedertraͤchtigkeit buͤßen wuͤrde. Am bitterſten beſchwerten ſich die lutheriſchen Geiſtlichen, die der Magiſtrat ſelbſt in das Land gerufen, um gegen die Calviniſten zu predigen. Unter der falſchen Vor⸗ ſpiegelung, daß der Koͤnig ihrer Religion nicht ungewogen ſey, hatte man ſie in ein Buͤndniß wider die Calviniſten verflochten, und letztere durch ihre Beihuͤlfe unterdruͤckt; jetzt, da man ihrer nicht mehr bedurfte, ließ man beide in einem gemeinſchaftlichen Schickſale ihre Thorheit beweinen.) Wenige Tage darauf hielt die Regentin einen prangenden Einzug in Antwerpen, von tauſend walloniſchen Reitern, von allen Rittern des goldenen Vließes, allen Statthaltern und Raͤthen, von ihrem ganzen Hofe und einer großen Menge obrigkeitlicher Perſonen begleitet, mit dem ganzen Pompe einer Siegerin. Ihr erſter Beſuch war in der Kathedralkirche, die 1) Meurs. 33. 34. Thuan. 527. Reidan. 5. Strada 187. 4188. Meteren 99. 100. Burgund. 477. 478. 343 von der Bilderſtuͤrmerei noch uͤberall klaͤgliche Spuren trug, und ihrer Andacht die bitterſten Thraͤnen koſtete. Gleich darauf werden auf oͤffentlichem Markte vier Rebellen hingerichtet, die man auf der Flucht eingeholt hatte. Alle Kinder, welche die Taufe auf proteſtantiſche Weiſe empfangen, muͤſſen ſie von katholiſchen Prieſtern noch einmal erhalten; alle Schulen der Ketzer werden aufgehoben, alle ihre Kirchen dem Erdboden gleich gemacht. Beinahe alle niederlaͤndiſchen Staͤdte folgten dem Bei⸗ ſpiele von Antwerpen, und aus allen mußten die proteſtan⸗ tiſchen Prediger entweichen. Mit Ende des Aprils waren alle katholiſchen Kirchen wieder herrlicher als jemals geſchmuͤckt, alle proteſtantiſchen Gotteshaͤuſer niedergeriſſen, und jeder fremde Gottesdienſt bis auf die geringſte Spur aus allen ſiebenzehn Provinzen vertrieben. Der gemeine Haufe, der in ſeiner Nei⸗ gung gewoͤhnlich dem Gluͤcke folgt, zeigte ſich jetzt eben ſo geſchaͤftig, den Fall der Ungluͤcklichen zu beſchleunigen, als er kurz vorher wuͤthend fuͤr ſie geſtritten hatte; ein ſchoͤnes Got⸗ teshaus, das die Calviniſten in Gent errichtet, verſchwand in weniger als einer Stunde. Aus den Balken der abgebrochenen Kirchen wurden Galgen fuͤr diejenigen erbaut, die ſich an den katholiſchen Kirchen vergriffen hatten. Alle Hochgerichte waren von Leichnamen, alle Kerker von Todesopfern, alle Landſtraßen von Fluͤchtlingen angefuͤllt. Keine Stadt war ſo klein, worin in dieſem moͤrderiſchen Jahre nicht zwiſchen fuͤnfzig und drei⸗ hundert waͤren zum Tode gefuͤhrt worden, diejenigen nicht ein⸗ mal gerechnet, welche auf offenem Lande den Droſſarten in die Haͤnde fielen, und als Raubgeſindel ohne Schonung und ohne weiteres Verhoͤr ſogleich aufgeknuͤpft wurden. ¹) 4) Thuan. 529. Strada 178. Meteren 99. 1400. Burgund. 482. 484. 3 344 Die Regentin war noch in Antwerpen, als aus Branden⸗ burg, Sachſen, Heſſen, Wuͤrtemberg und Baden Geſandte ſich meldeten, welche fuͤr ihre fluͤchtigen Glaubensbruͤder eine Fuͤr⸗ bitte bei ihr einzulegen kamen. Die verjagten Prediger der Augsburgiſchen Confeſſion hatten den Religionsfrieden der Deutſchen reclamirt, deſſen auch Brabant, als ein Reichsſtand, theilhaftig waͤre, und ſich in den Schutz dieſer Fuͤrſten begeben. Die Erſcheinung der fremden Miniſter beunruhigte die Regen⸗ tin, und vergeblich ſuchte ſie ihren Eintritt in die Stadt zu verhuͤten; doch gelang es ihr, ſie unter dem Scheine von Ehren⸗ bezeugungen ſo ſcharf bewachen zu laſſen, daß fuͤr die Ruhe der Stadt nichts von ihnen zu befuͤrchten war. Aus dem hohen Tone, den ſie ſo ſehr zur Unzeit gegen die Herzogin annahmen, moͤchte man beinahe ſchließen, daß es ihnen mit ihrer Forderung wenig Ernſt geweſen ſey. Billig, ſagten ſie, ſollte das Augsburgiſche Bekenntniß, als das einzige, welches den Sinn des Evange⸗ liums erreiche, in den Niederlanden das herrſchende ſeyn; aber aͤußerſt unnatuͤrlich und unerlaubt ſey es, die Anhaͤnger des⸗ ſelben durch ſo grauſame Edicte zu verfolgen. Man erſuche alſo die Regentin im Namen der Religion, die ihr anvertrau⸗ ten Voͤlker nicht mit ſolcher Haͤrte zu behandeln. Ein Eingang von dieſer Art, antwortete dieſe durch den Mund ihres deutſchen Miniſters, des Grafen von Staremberg, verdiene gar keine Antwort. Aus dem Antheile, welchen die deutſchen Fuͤrſten an den niederlaͤndiſchen Fluͤchtlingen genommen, ſey es klar, daß ſie den Briefen Sr. Majeſtaͤt, worin der Aufſchluß uber ſein Verfahren enthalten ſey, weit weniger Glauben ſchenkten, als dem Anbringen einiger Nichtswuͤrdigen, die ihrer Thaten Ge⸗ daͤchtniß in ſo vielen zerſtoͤrten Kirchen geſtiftet. Sie moͤchten es dem Koͤnige in Spanien uͤberlaſſen, das Beſte ſeiner Voͤlker zu beſorgen, und der unruͤhmlichen Muͤhe entſagen, den Geiſt der Unruhen in fremden Laͤndern zu naͤhren. Die Geſandten verließen Antwerpen in wenigen Tagen wieder, ohne etwas ausgerichtet zu haben; nur der ſaͤchſiſche Miniſter that der Regentin insgeheim die Erklaͤrung, daß ſich ſein Herr dieſem Schritte aus Zwang unterzogen, und dem oſterreichiſchen Hauſe aufrichtig zugethan ſey. ¹) Die deutſchen Geſandten hatten Antwerpen noch nicht verlaſſen, als eine Nachricht aus Holland den Triumph der Regentin vollkommen machte. Der Graf von Brederode hatte ſeine Stadt Viane und alle ſeine neuen Feſtungswerke, aus Furcht vor dem Grafen von Megen, im Stiche gelaſſen, und ſich mit Huͤlfe der Unkatholiſchen in die Stadt Amſterdam geworfen, wo ſeine Gegenwart den Magiſtrat, der kaum vorher einen innern Aufſtand mit Muͤhe geſtillt hatte, aͤußerſt beunruhigte, den Muth der Proteſtanten aber aufs neue belebte. Taͤglich ver⸗ groͤßerte ſich hier ſein Anhang, und aus Utrecht, Friesland und Groͤningen ſtroͤmten ihm viele Edelleute zu, welche Me⸗ gens und Arembergs ſteegreiche Waffen von dort verjagt hatten. Unter allerlei Verkleidung fanden ſie Mittel, ſich in die Stadt einzuſchleichen, wo ſie ſich um die Perſon ihres An⸗ fuͤhrers verſammelten, und ihm zu einer ſtarken Leibwache dienten. Die Oberſtatthalterin, vor einem neuen Aufſtande in Sorgen, ſandte deßwegen einen ihrer geheimen Secretaͤre, Ja⸗ cob de la Torre, an den Rath von Amſterdam, und ließ ihm befehlen, ſich, auf welche Art es auch ſey, des Grafen von Brederode zu entledigen. Weder der Magiſtrat, noch de la Torre ſelbſt, der ihm in Perſon den Willen der Herzogin kund machte, vermochten etwas bei ihm anszurichten; Letzterer 1) Strada 188. Burgund. 487— 189. 346 wurde ſogar von einigen Edelleuten aus Brederode's Gefolge in ſeinem Zimmer uͤberfallen, und alle ſeine Briefſchaften ihm entriſſen. Vielleicht waͤre es ſogar um ſein Leben ſelbſt geſchehen geweſen, wenn er nicht Mittel geſunden haͤtte, eilig aus ihren Haͤnden zu entwiſchen. Noch einen ganzen Monat nach dieſem Vorfalle hing Brederode, ein unmaͤchtiges Idol der Pro⸗ teſtanten und eine Laſt der Katholiken, in Amſterdam, ohne viel mehr zu thun, als eine Wirthsrechnung zu vergroͤßern, waͤh⸗ rend dem, daß ſein in Viane zuruͤckgelaſſenes braves Heer, durch viele Fluͤchtlinge aus den mittaͤglichen Provinzen verſtaͤrkt, dem Grafen von Megen genng zu thun gab, um ihn zu hindern, die Proteſtanten auf ihrer Flucht zu beunruhigen. Endlich ent⸗ ſchließt ſich auch Brederode, nach dem Beiſpiele Oraniens, der Nothwendigkeit zu weichen, und eine Sache aufzugeben, die nicht mehr zu retten war. Er entdeckte dem Stadtrathe ſeinen Wunſch, Amſterdam zu verlaſſen, wenn man ihn durch den Vorſchuß einer maͤßigen Summe dazu in den Stand ſetzen wolle. Um ſeiner los zu werden, eilte man, ihm dieſes Geld zu ſchaffen, und einige Bankiers ſtreckten es auf Buͤrgſchaft des Stadtraths vor. Er verließ dann noch in derſelben Nacht Amſterdam, und wurde von einem mit Geſchuͤtz verſehenen Fahrzeuge bis in das Vlie geleitet, von wo aus er gluͤcklich nach Emden entkam. Das Schickſal behandelte ihn gelinder, als den groͤßern Theil derer, die er in ſein tollkuͤhnes Unternehmen verwickelt hatte; er ſtarb das Jahr nachher, 1568, auf einem ſeiner Schloͤſſer in Deutſchland an den Folgen einer Voͤllerei, worauf er zuletzt ſoll gefallen ſeyn, um ſeinen Gram zu zer⸗ reuen. Ein ſchoͤneres Loos ſiel ſeiner Wittwe, einer gebornen Graͤfin von Moͤrs, welche Friedrich der Dritte, Kur⸗ fuͤrſt von der Pfalz, zu ſeiner Gemahlin machte. Die Sache der Proteſtanten verlor durch Brederode's Hintritt nur 347 wenig; das Werk, das er angefangen, ſtarb nicht mit ihm, ſo wie es auch nicht durch ihn gelebt hatte. ¹) Das kleine Heer, das er durch ſeine ſchimpfliche Flucht ſich ſelbſt uͤberließ, war muthig und tapfer, und hatte einige ent⸗ ſchloſſene Anfuͤhrer. Es war entlaſſen, ſobald derjenige floh, der es zu bezahlen hatte; aber ſein guter Muth und der Hunger hielten es noch eine Zeitlang beiſammen. Einige ruͤckten, unter Anfuͤhrung Dietrichs von Battenburg, vor Amſterdam, in Hoffnung, dieſe Stadt zu berennen; aber der Graf von Megen, der mit dreizehn Fahnen vortrefflicher Truppen zum Entſatz herbeieilte, noͤthigte ſie, dieſem Anſchlage zu entſagen. Sie begnuͤgten ſich damit, die umliegenden Kloͤſter zu pluͤndern, wobei beſonders die Abtei zu Egmont ſehr hart mitgenommen wurde, und brachen alsdann nach Waaterland auf, wo ſie ſich, der vielen Suͤmpfe wegen, vor weitern Verfolgungen ſicher glaubten. Aber auch dahin folgte ihnen Graf von Megen, und noͤthigte ſie, ihre Rettung eilig auf der Suͤderſee zu ſuchen. Die Gebruͤder von Battenburg, nebſt einigen frieſiſchen Edelleuten, Beima und Galama, warfen ſich mit hundert und zwanzig Soldaten und der in den Kloͤſtern gemachten Beute bei der Stadt Hoorne auf ein Schiff, um nach Friesland uͤber⸗ zuſetzen, fielen aber durch die Treuloſigkeit des Steuermanns, der das Schiff bei Harlingen auf eine Sandbank fuͤhrte, einem Arembergiſchen Hauptmanne in die Haͤnde, der Alle lebendig ge⸗ fangen bekam. Dem gemeinen Volke unter der Mannſchaft wurde durch den Grafen von Aremberg ſogleich das Urtheil geſprochen; die dabei befindlichen Edelleute ſchickte er der Re⸗ gentin zu, welche ſieben von ihnen enthaupten ließ. Sieben andere von dem edelſten Gebluͤte, unter denen die Gebruͤder ¹) Meteren 400. Vigl. Vit. N. CV. A. G. d. v. N. 104. 348 Battenburg und einige Frieſen ſich befanden, alle noch in der Bluͤthe der Jugend, wurden dem Herzog von Alba auf⸗ geſpart, um den Antritt ſeiner Verwaltung ſogleich durch eine That verherrlichen zu koͤnnen, die ſeiner wuͤrdig waͤre. Gluͤck⸗ licher waren die vier uͤbrigen Schiffe, die von Medemblick unter Segel gegangen, und durch den Grafen von Megen in kleinen Fahrzeugen verfolgt wurden. Ein widriger Wind hatte ſie von ihrer Fahrt verſchlagen und an die Kuͤſte von Geldern getrieben, wo ſie wohlbehalten ans Land ſtiegen; ſie gingen bei Heuſen uͤber den Rhein, und entkamen gluͤcklich ins Cleviſche, wo ſie ihre Fahnen zerriſſen und auseinander gingen. Einige Ge⸗ ſchwader, die ſich uͤber der Pluͤnderung der Kloͤſter verſpaͤtet hatten, ereilte der Graf von Megen in Nord⸗Holland, und bekam ſie gaͤnzlich in ſeine Gewalt, vereinigte ſich darauf mit Noircarmes und gab Amſterdam Beſatzung. Drei Fahnen Kriegsvolk, den letzten Ueberreſt der geuſiſchen Armee, uͤberfiel Herzog Erich von Braunſchweig bei Viane, wo ſie ſich einer Schanze bemaͤchtigen wollten, ſchlug ſie aufs Haupt und bekam ihren Anfuͤhrer, Renneſſe, gefangen, der bald nachher auf dem Schloſſe Freudenburg in Utrecht enthauptet ward. Als darauf Herzog Erich in Viane einruͤckte, fand er nichts mehr, als todte Straßen und eine menſchenleere Stadt; Einwohner und Beſatzung hatten ſie im erſten Schrecken verlaſſen. Er ließ ſogleich die Feſtungswerke ſchleifen, Mauern und Thore abbrechen, und machte dieſen Waffenplatz der Geuſen zum Dorfe.*) Die erſten Stifter des Bundes hatten ſich auseinan⸗ der verloren; Brederode und Ludwig von Naſſauwaren ¹) Metern 100. 101. Thuan. 550. Burgund. 490— 492. Strad. 189. Meurs. 31. Vigl. ad Hopper. Epistol. 34. A. G. d. v. N. 105. 349 nach Deutſchland geflohen, und die Grafen von Hoogſtra⸗ ten, Bergen und Kuilemburg ihrem Beiſpiele gefolgt; Mannsfeld war abgefallen; die Gebruͤder Battenburg erwarteten im Gefaͤngniſſe ein ſchimpfliches Schickſal, und Thoulouſe hatte einen ehrenvollen Tod auf dem Schlacht⸗ felde gefunden. Welche von den Verbundenen dem Schwerte des Feindes und des Henkers entronnen waren, hatten auch nichts als ihr Leben gerettet, und ſo ſahen ſie endlich mit ei⸗ ner ſchrecklichen Wahrheit den Namen an ſich erfuͤllt, den ſie zur Schau getragen hatten. (1567.) So ein unruͤhmliches Ende nahm dieſer lobens⸗ wuͤrdige Bund, der in der erſten Zeit ſeines Werdens ſo ſchoͤne Hoffnungen von ſich erweckt, und das Anſehen gehabt hatte, ein maͤchtiger Damm gegen die Unterdruͤckung zu werden. Einig⸗ keit war ſeine Staͤrke; Mißtrauen und innere Zwietracht ſein Untergang. Viele ſeltene und ſchoͤne Tugenden hat er ans Licht gebracht und entwickelt; aber ihm mangelten die zwei unent⸗ behrlichſten von allen, Maͤßigung und Klugheit, ohne welche alle Unternehmungen umſchlagen, alle Fruͤchte des muͤhſamſten Fleißes verderben. Waͤren ſeine Zwecke ſo rein geweſen, als er ſie angab, oder auch nur ſo rein geblieben, als ſie bei ſeiner Gruͤndung wirklich waren, ſo haͤtte er den Zufaͤllen getrotzt, die ihn fruͤhzeitig untergruben, und auch ungluͤcklich wuͤrde er ein ruhmvolles Andenken in der Geſchichte verdienen. Aber es leuchtet allzu klar in die Augen, daß der verbundene Adel an dem Unſinne der Bilderſtuͤrmer einen naͤhern Antheil hatte oder nahm, als ſich mit der Wuͤrde und Unſchuld ſeines Zwecks vertrug, und Viele unter ihm haben augenſcheinlich ihre eigene gute Sache mit dem raſenden Beginnen dieſer nichtswuͤrdigen Rotte verwechſelt. Die Einſchraͤnkung der Inquiſition, und eine etwas menſchlichere Form der Edicte war eine von den wohl⸗ 350 thaͤtigen Wirkungen des Bundes; aber der Tod ſo vieler Tauſende, die in dieſer Unternehmung verdarben, die Entbloͤßung des Landes von ſo vielen trefflichen Buͤrgern, die ihren Fleiß in eine andere Weltgegend trugen, die Herbeirufung des Herzogs von Alba und die Wiederkehr der ſpaniſchen Waffen in die Provinzen waren wohl ein zu theurer Preis fuͤr dieſe voruͤbergehende Er⸗ leichterung. Manchen Guten und Friedliebenden im Volke, der ohne dieſe gefaͤhrliche Gelegenheit die Verſuchung nie gekannt haben wuͤrde, erhitzte der Name dieſes Bundes zu ſtrafbaren Unternehmungen, deren gluͤckliche Beendigung er ihn hoffen ließ, und ſtuͤrzte ihn ins Verderben, weil er dieſe Hoffnungen nicht erfuͤllte. Aber es kann nicht gelaͤugnet werden, daß er Vieles von dem, was er ſchlimm gemacht, durch einen gruͤnd⸗ lichen Nutzen wieder verguͤtete. Durch dieſen Bund wurden die Individuen einander naͤher gebracht und aus einer zaghaften Selbſtſucht herausgeriſſen; durch ihn wurde ein wohlthaͤtiger Gemeingeiſt unter dem niederlaͤndiſchen Volke wieder gangbar, der unter dem bisherigen Drucke der Monarchie beinahe gaͤnz⸗ lich erloſchen war, und zwiſchen den getrennten Gliedern der Nation eine Vereinigung eingeleitet, deren Schwierigkeit allein Deſpoten ſo keck macht. Zwar verungluͤckte der Verſuch, und die zu fluͤchtig geknuͤpften Bande loͤsten ſich wieder; aber an mißlingenden Verſuchen lernte die Nation das dauerhafte Band endlich finden, das der Vergaͤnglichleit trotzen ſollte. Die Vernichtung des geuſiſchen Heers brachte nun auch die hollaͤndiſchen Staͤdte zu ihrem vorigen Gehorſam zuruͤck, und in den Provinzen war kein einziger Platz mehr, der ſich den Waffen der Regentin nicht unterworfen haͤtte; aber die zuneh⸗ mende Auswanderung Eingeborner und Fremder drohte dem Lande mit einer verderblichen Erſchoͤpfung. In Amſterdam war die Menge der Fliehenden ſo groß, daß es an Fahrzeugen ge⸗ 351 brach, ſie uͤber die Nord⸗ und Suͤderſee zu bringen, und dieſe bluͤhende Handelsſtadt ſah dem gaͤnzlichen Verfalle ihres Wohl⸗ ſtandes entgegen.*) Erſchreckt von dieſer allgemeinen Flucht, eilte die Regentin, ermunternde Briefe an alle Staͤdte zu ſchreiben, und den ſinkenden Muth der Buͤrger durch ſchoͤne Verheißungen aufzurichten. Allen, die dem Koͤnige und der Kirche gutwillig ſchwoͤren wuͤrden, ſagte ſie in ſeinem Namen eine gaͤnzliche Begnadigung zu, und lud durch oͤffentliche Blaͤtter die Fliehenden ein, im Vertrauen auf dieſe koͤnigliche Huld wieder umzukehren. Sie verſprach der Nation, ſie von dem ſpaniſchen Kriegsheere zu befreien, wenn es auch ſchon an der Graͤnze ſtuͤnde; ja, ſie ging ſo weit, ſich entfallen zu laſſen, daß man wohl noch Mittel finden koͤnnte, dieſem Heere den Eingang in die Provinzen mit Gewalt zu verſagen, weil ſie gar nicht geſonnen ſey, einem Andern den Ruhm eines Frie⸗ dens abzutreten, den ſie ſo muͤhſam errungen habe. Wenige kehrten auf Treu und Glauben zuruͤck, und dieſe Wenigen haben es in der Folge bereut; viele Tauſende waren ſchon voraus, und mehrere Tauſende folgten. Deutſchland und England waren von niederlaͤndiſchen Fluͤchtlingen angefuͤllt, die, wo ſie ſich auch niederließen, ihre Gewohnheiten und Sitten, bis ſelbſt auf die Kleidertracht, beibehielten, weil es ihnen doch zu ſchwer war, ihrem Vaterlande ganz abzuſterben, und ſelbſt von der Hoffnung einer Wiederkehr zu ſcheiden. Wenige brachten noch einige Truͤmmer ihres vorigen Gluͤcksſtandes mit ſich; bei weitem der groͤßte Theil bettelte ſich dahin, und ſchenkte ſeinem neuen Vaterlande nichts, als ſeinen Kunſtfleiß, nuͤtz⸗ liche Haͤnde und rechtſchaffene Buͤrger. ²)„ 1) Allg. G. d. v. N. 105. 2²) Meteren 104. Meurs. 55. Burgund 48 8. Vigl. ad Hopper. Epist. 5. Ep. 34. Grot. 26. 352 Und nun eilte die Regentin, dem Koͤnige eine Botſchaft zu hinterbringen, mit der ſie ihn waͤhrend ihrer ganzen Verwal⸗ tung noch nicht hatte erfreuen koͤnnen. Sie verkuͤndigte ihm, daß es ihr gelungen ſey, allen niederlaͤndiſchen Provinzen die Ruhe wieder zu ſchenken, und daß ſie ſich ſtark genug glaube, ſie darin zu erhalten. Die Secten ſeyen ausgerottet, und der roͤmiſch⸗katholiſche Gottesdienſt prange in ſeinem vorigen Glanze; die Rebellen haben ihre verdienten Strafen empfangen, oder erwarten ſie noch im Gefaͤngniſſe; die Staͤdte ſeyen ihr durch hinlaͤngliche Beſatzung verſichert. Jetzt alſo beduͤrfe es keiner ſpaniſchen Truppen mehr in den Niederlanden, und nichts ſey mehr uͤbrig, was ihren Eintritt rechtfertigen koͤnnte. Ihre Ankunft wuͤrde die Ordnung und Ruhe wieder zerſtoͤren, welche zu gruͤnden ihr ſo viel Kunſt gekoſtet habe, dem Handel und den Gewerben die Erholung erſchweren, deren beide ſo be⸗ duͤrftig ſeyen, und, indem ſie den Buͤrger in neue Unkoſten ſtuͤrze, ihn zugleich des einzigen Mittels zur Herbeiſchaffung derſelben berauben. Schon das bloße Geruͤcht von Ankunft des ſpaniſchen Heers habe das Land von vielen tauſend nuͤtzlichen Buͤrgern entbloͤßt; ſeine wirkliche Erſcheinung wuͤrde es gaͤnzlich zur Einoͤde machen. Da kein Feind mehr zu bezwingen, und keine Rebellion mehr zu daͤmpfen ſey, ſo koͤnnte man zu dieſem Heere keinen andern Grund ausfinden, als daß es zur Zuͤchti⸗ gung heranziehe; unter dieſer Vorausſetzung aber wuͤrde es keinen ſehr ehrenvollen Einzug halten. Nicht mehr durch die Nothwendigkeitsentſchuldigt, wuͤrde dieſes gewaltſame Mittel nur den verhaßten Schein der Unterdruͤckung haben, die Ge⸗ muͤther aufs neue erbittern, die Proteſtanten aufs Aeußerſte treiben, und ihre auswaͤrtigen Glaubensbruͤder zu ihrem Schutze bewaffnen. Sie habe der Nation in ſeinem Namen Zuſage ge⸗ than, daß ſie von dem fremden Kriegsheere befreit ſeyn ſollte, 353 und dieſer Bedingung vorzuͤglich danke ſie jetzt den Frieden, ſie ſtehe ihm alſo nicht fuͤr ſeine Dauer, wenn er ſie Luͤgen ſtrafe. Ihn ſelbſt, ihren Herrn und Koͤnig, wuͤrden die Nieder⸗ lande mit allen Zeichen der Zuneigung und Ehrerbietung em⸗ pfangen; aber er moͤchte als Vater und nicht als ſtrafender Koͤnig kommen. Er moͤchte kommen, ſich der Ruhe zu freuen, die ſie dem Lande geſchenkt, aber nicht, ſie aufs neue zu ſtoͤren. ²) ¹1) Strada. 197. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 23 Alba's Rüſtung und Zug nach den Niederlanden. Aber im Conſeil zu Madrid war es anders beſchloſſen. Der Miniſter Granvella, welcher auch abweſend durch ſeine Anhaͤnger im ſpaniſchen Miniſterium herrſchte, der Cardinal Großinquiſitor, Spinoſa, und der Herzog von Alba, jeder von ſeinem Haſſe, ſeinem Verfolgungsgeiſte oder ſeinem Privat⸗ vortheile geleitet, hatten die gelindern Rathſchlaͤge des Prinzen Ruy Gomes von Eboli, des Grafen von Feria und des koͤniglichen Beichtvaters, Fresneda, uberſtimmt.*) Der Tumult ſey fuͤr jetzt zwar geſtillt, behaupteten ſie, aber nur, weil das Geruͤcht von der gewaffneten Ankunft des Koͤnigs die Rebellen in Schrecken geſetzt habe; der Furcht allein, nicht der Reue, danke man dieſe Ruhe, um die es bald wieder geſchehen ſeyn wuͤrde, wenn man ſie von jener befreite. Da die Ver⸗ gehungen des niederlaͤndiſchen Volks dem Koͤnige eine ſo ſchoͤne und erwuͤnſchte Gelegenheit darboten, ſeine deſpotiſchen Abſich⸗ ten mit einem Scheine von Recht auszufuͤhren, ſo war dieſe ruhige Beilegung, woraus die Regentin ſich ein Verdienſt machte, von ſeinem eigentlichen Zweck ſehr weit entlegen, der kein anderer war, als den Provinzen unter einem geſetzmaͤßigen Vorwande Freiheiten zu entreißen, die ſeinem herrſchſuͤchtigen Geiſte ſchon laͤngſt ein Anſtoß geweſen waren. 11) Strad. 195. sq. Bis jetzt hatte er den allgemeinen Wahn, daß er die Pro⸗ vinzen in Perſon beſuchen wurde, mit der undurchdringlichſten Verſtellung unterhalten, ſo entfernt er vielleicht immer davon geweſen war. Reiſen uͤberhaupt ſchienen ſich mit dem maſchinen⸗ maͤßigen Tacte ſeines geordneten Lebens, mit der Beſchraͤnkung und dem ſtillen Gange ſeines Geiſtes nicht wohl vertragen zu koͤnnen, der von der Mannichfaltigkeit und Neuheit der Er⸗ ſcheinungen, die von außen her auf ihn eindrangen, a lau leicht auf eine unangenehme Arr zerſtreut und darniedergedruͤckt war. Die Schwierigkeiten und Gefahren, womit beſonders dieſe Reiſe begleitet war, mußten alſo ſeine natuͤrliche Verzagtheit und Weichlichkeit um ſo mehr abſchrecken, je weniger er, der nur gewohnt war, aus ſich herauszuwirten, und die Menſchen ſei⸗ nen Maximen, nicht ſeine Maximen den Menſchen anzupaſſen, den Nutzen und die Nothwendigkeit davon einſehen konnte. Da es ihm uͤberdieß unmoͤglich war, ſeine Perſon auch nur einen Augenblick von ſeiner koͤniglichen Wuͤrde zu trennen, die kein Fuͤrſt in der Welt ſo knechtiſch und pedantiſch huͤtete, wie er, ſo waren die Weitläuftigkeiten, die er in Gedanken unum⸗ gaͤnglich mit einer ſolchen Reiſe verband, und der Aufwand, den ſie aus eben dieſem Grunde verurſachen mußte, ſchon für ſich allein hinre cend, idn davon zuruͤckzuſchrecken, daß man gar nicht noͤthig hat, den Einfluß ſeines Guͤnſtlings, Ruy Gomes, der es gern geſehen haben ſoll, ſeinen Nebenbuhler, den Herzog von Alba, von der Perſon des Koͤnigs zu ent⸗ fernen, dabei zu Huͤlfe zu rufen. Aber ſo wenig es ihm auch mit dieſer Reiſe ein Ernſt war, ſo nothwendig fand er es doch, den Schrecken derſelben wirken zu laſſen, um eine gefaͤhr⸗ liche Vereinigung der unruhigen Koͤpfe zu verhindern, um den Muth der Treugeſinnten aufrecht zu erhalten und die fernern Fortſchritte der Rebellen zu hemmen. 356 Am die Verſtellung aufs Aeußerſte zu teeiben, hatte er die mmlänfigſten Anſtalten zu dieſer Reiſe getroffen, und Alles Derdachtet, was in einem ſolchen Falle nur immer erforderlich m Er hatte Schiffe auszuruͤſten befohlen, Officiere ange⸗ Ssn, und ſein ganzes Gefolge beſtimmt. Alle fremden Hoͤfe mden durch ſeine Geſandten von dieſem Vorhaben benachrich⸗ n, um ihnen durch dieſe kriegeriſchen Vorkehrungen keinen Bendacht zu geben. Bei dem Koͤnige von Frankreich ließ er ſen Fch und ſeine Begleitung um einen freien Durchzug durch dinſes Reich anſuchen, und den Herzog von Savoyen um Zad fragen, welcher von beiden Wegen vorzuziehen ſey. Von ann Staͤdten und feſten Plätzen, durch die ihn irgend nur in Weg fuͤhren konnte, ließ er ein Verzeichniß aufſetzen, und Ws Entfernungen von einander aufs genaueſte beſtimmen. Dor ganze Strich Landes von Savoyen bis Burzund ſollte ßenommen und eine eigene Karte davon entworfen werden, sn er ſich von dem Herzoge die noͤthigen Kuͤnſtler und Fridmeſſer ausbat. Er trieb den Betrug ſo weit, daß er der myentin Befehl gab, wenigſters acht Fahrzeuge in Seeland verzir zu halten, um ſie ihm ſogleich entgegenſchicken zu koͤnnen, wann ſie hoͤren wuͤrde, daß er von Spanien abgeſegelt ſev. and wirklich ließ ſie dieſe Schiffe auch ausruͤſten, und in allen Zirchen Gebete anſtellen, daß ſeine Seereiſe gluͤcklich ſevn mäöchte, obgleich Manche ſi in der Stille vermerken ließen, 225 Se. Majeſtaͤt in Ihrem Zimmer zu Madrid von See⸗ Furmen nicht viel zu befahren haben wuͤrden. Er ſpielte dieſe Dlle ſo meiſterlich, daß die niederlaͤndiſchen Geſandten in Ma⸗ id, Bergen und Montigny, welche Alles bis jetzt nur ſir ein Gaukelſpiel gehalten, endlich ſelbſt anfingen, daruber wenhig zu werden, und auch ihre Freunde in Bruͤſfel mit Meſer Furcht anſteckten. Ein Tertianfieber, welches ihn um 357 dieſe Zeit in Segovien befiel, oder auch nur von ihm geheuchet wurde, reichte ihm einen ſcheinbaren Vorwand dar, die A☚ fuͤhrung dieſer Reiſe zu verſchieben, während daß die ⸗ ruͤſtung dazu mit allem Nachdruck betrieben ward. Als icher endlich die dringenden und wiederholten Beſtuͤrmungen üer Schweſter eine beſtimmte Erklaͤrung abnoͤthigten, machte er aus, daß der Herzog von Alba mit der Armee voraugcen ſollte, um die Wege von Rebellen zu reinigen, und ſeiner eige⸗ nen koͤniglichen Ankunft mehr Glanz zu geben. Noch darſte er es nicht wagen, den Herzog als ſeinen eigentlichen Stel⸗ vertreter anzukuͤndigen, weil nicht zu hoffen war, daß Ler niederlaͤndiſche Adel eine Maͤßigung, die er dem Sonterüm nicht verſagen konnte, auch auf einen ſeiner Diener mrbe ausgedehnt haben, den die ganze Nation als einen Barbawer kannte, und als einen Fremdling und Feind ihrer Verſaſceng verabſcheute. Und in der That hielt der allgemeine und lange nach Alba's wirklichem Eintritt feriw hrende Gauke. daß der Koͤnig ſelbſt ihm bald nachkommen wuͤrde, den Aas⸗ bruch von Gewaltthaͤtigkeiten zuruͤck, die der Herzog bel ee grauſamen Eroͤffnung ſeiner Statthalterſchaft gewiß wärte ga erfahren gehabt haben. ¹) Die ſpaniſche Geiſtlichkeit und die Inzuiſttion beſonkers ſteuerte dem Koͤnige zu dieſer niederlaͤndiſchen Cxpedinon cäc⸗ lich, wie zu einem heiligen Kriege, bei. Durch ganz Spanen wurde mit allem Eifer geworben. Seine Vicclönige und Steck⸗ halter von Sardinien, Sicilien, Neapel un) Mailand erhieſter Befehl, den Kern ihrer italieniſchen und ſpaniſchen Traggen aus den Beſatzungen zuſammenzuziehen und nach dem gemeie⸗ ſchaftlichen Verſammlungsplatze im genueſiſchen Gebiete abze 4) Strada 195 200. Meteren 103. 3⁵⁸ ſenden, wo der Herzog von Alba ſie uͤbernehmen und gegen ſaniſche Recruten, die er mitbraͤchte, einwechſeln wuͤrde. Der Regentin wurde zu gleicher Zeit anbefohlen, noch einige deutſche Regimenter Fußvolk unter den Befehlen der Grafen von Eberſtein, Schaumburg und Lodrona in Luxemburg, wie auch einige Geſchwader leichter Reiter in der Grafſchaft Burgund bereit zu halten, damit ſich der ſpaniſche Feldherr ſo⸗ gleich bei ſeinem Eintritte in die Provinzen damit verſtaͤrken könnte. Dem Grafen Barlaimont wurde aufgetragen, die eintretende Armee mit Proviant zu verſorgen, und der Statt⸗ halterin eine Summe von zweimalhunderttauſend Goldgulden ausgezahlt, um dieſe neuen Unkoſten ſowohl, als den Aufwand fuͤr ihre eigene Armee davon zu beſtreiten. ²) Als ſich unterdeſſen der franzoſiſche Hof, unter dem Vor⸗ wande einer von den Hugenotten zu fuͤrchtenden Gefahr, den Durchzug der ganzen ſpaniſchen Armee verbeten hatte, wandte ſich Philipp an die Herzoge von Savoyen und Lotbringen, die in zu großer Abhaͤngigkeit von ihm ſtanden, um ihm dieſes Gzezuch abzuſchlagen. Erſterer machte bloß die Bedingung, zweitauſend Fußgaͤnger und eine Schwadron Reiter auf des Koͤnigs Unkoſten halten zu duͤrfen, um das Land vor dem Un⸗ gemach zu ſchuͤtzen, dem es waͤhrend des Durchzugs der ſpani⸗ ſchen Armee ausgeſetzt ſeyn moͤchte. Zugleich uͤbernahm er es, die Armee mit dem noͤthigen Proviant zu verſorgen.*) Das Geruͤcht von dieſem Durchmarſche brachte die Huge⸗ notten, die Genfer, die Schweizer und Graubuͤndter in Bewegung. Der Prinz von Condé und der Admiral von Coligny lagen Karl dem Neunten an, einen ſo gluͦcklichen Zeitpunkt nicht 4¹) Meteren 104. Burgund. 412. Strada 106. 2) Strada 198. 199. 359 zu verabſaͤumen, wo es in ſeiner Gewalt ſtuͤnde, dem Erb⸗ feinde Frankreichs eine toͤdtliche Wunde zu verſetzen. Mit Huͤlfe der Schweizer, der Genfer und ſeiner eigenen prote⸗ ſtantiſchen Unterthanen wuͤrde es ihm etwas Leichtes ſeyn, die Auswahl der ſpaniſchen Truppen in den engen Paͤſſen des Alpengebirges aufzureiben, wobei ſie ihn mit einer Armee von fuͤnfzigtauſend Hugenotten zu unterſtuͤtzen verſprachen. Dieſes Anerbieten aber, deſſen gefaͤhrliche Abſicht nicht zu verkennen war, wurde von Karl dem Neunten unter einem anſtaͤn⸗ digen Vorwande abgelehnt, und er ſelbſt nahm es uͤber ſich, fuͤr die Sicherheit ſeines Reichs bei dieſem Durchmarſche zu ſorgen. Er ſtellte auch eilfertig Truppen auf, die franzoͤſiſchen Graͤnzen zu decken; dasſelbe thaten auch die Rupubliken Genf, Bern, Zuͤrich und Graubuͤndten, alle bereit, den fuͤrchterlichen Feind ihrer Religion und Freiheit mit der herzhafteſten Ge⸗ genwehr zu empfangen. ¹) Am 5ten Mai 1567 ging der Herzog mit dreißig Galeeren, die Andreas Doria und Herzog Cosmus von Florenz dazu hergeſchafft hatten, zu Carthagena unter Segel, und lan⸗ dete innerhalb acht Tagen in Genua, wo er die fuͤr ihn be⸗ ſtimmten vier Regimenter in Empfang nahm. Aber ein drei⸗ taͤgiges Fieber, wovon er gleich nach ſeiner Ankunft ergriffen wurde, noͤthigte ihn, einige Tage unthaͤtig in der Lombardei zu liegen— eine Verzoͤgerung, welche von den benachbarten Maͤchten zu ihrer Vertheidigung benutzt wurde. Sobald er ſich wieder hergeſtellt ſah, hielt er bei der Stadt Aſti in Montferrat eine Heerſchau uͤber alle ſeine Truppen, die tapferer als zahl⸗ reich waren, und nicht viel uͤber zehntauſend Mann, Reiterei und Fußvolk, betrugen. Er wollte ſich auf einem ſo langen 4) Strada 196. Burgund. 497. 360 und gefaͤhrlichen Zuge nicht mit unnuͤtzem Troß beſchweren, der nur ſeinen Marſch verzoͤgerte, und die Schwierigkeiten des Un⸗ terhalts vermehrte; dieſe zehntauſend Veteranen ſollten gleichſam nur der feſte Kern einer groͤßeren Armee ſeyn, die er nach Maßgabe der Umſtaͤnde und der Zeit in den Niederlanden ſelbſt leicht wuͤrde zuſammenziehen koͤnnen. Aber ſo klein dieſes Heer war, ſo auserleſen war es. Es beſtand aus den Ueberreſten jener ſiegreichen Legionen, an de⸗ ren Spitze Karl der Fuͤnfte Europa zittern gemacht hatte; mordluſtige, undurchbrechliche Schaaren, in denen der alte macedoniſche Phalanx wieder auferſtanden, raſch und gelenkig durch eine lang geuͤbte Kunſt, gegen alle Elemente gehaͤrtet, auf das Gluͤck ihres Fuͤhrers ſtolz, und keck durch eine lange Erfahrung von Siegen, fuͤrchterlich durch Ungebundenheit, fuͤrch⸗ terlicher noch durch Ordnung, mit allen Begierden des waͤr⸗ meren Himmels auf ein mildes, geſegnetes Land losgelaſſen, und unerbittlich gegen einen Feind, den die Kirche verfluchte. Dieſer fanatiſchen Mordbegier, dieſem Ruhmdurſte und ange⸗ ſtammten Muthe kam eine rohe Sinnlichkeit zu Huͤlfe, das ſtaͤrkſte und zuverlaͤſſigſte Band, an welchem der ſpaniſche Heer⸗ fuͤhrer dieſe rohen Banden fuͤhrte. Mit abſichtlicher Indulgenz ließ er Schwelgerei und Wolluſt unter dem Heere einreißen. unter ſeinem ſtillſchweigenden Schutze zogen italieniſche Freuden⸗ maͤdchen hinter den Fahnen her; ſelbſt auf dem Zuge uͤber den Apennin, wo die Koſtbarkeit des Lebensunterhalts ihn noͤ⸗ thigte, ſeine Armee auf die moͤglich kleinſte Zahl einzuſchraͤn⸗ ken, wollte er lieber einige Regimenter weniger haben, als dieſe Werkzeuge der Wolluſt dahinten laſſen. ¹) Aber ſo ſehr 4) Der bacchantiſche Aufzug dieſes Heeres contraſtirte ſeltſam genug mit dem finſtern Ernſte und der vorgeſchuͤtzten Heiligkeit ſeines Zwecks. 361 er von der einen Seite die Sitten ſeiner Soldaten aufzuloͤſen befliſſen war, ſo ſehr preßte er ſie von der andern durch eine uͤbertriebene Mannszucht wieder zuſammen, wovon nur der Sieg eine Ausnahme machte und die Schlacht eine Erleichterung war. Hierin brachte er den Ausſpruch des athenienſiſchen Feldherrn, Iphikrates, in Ausuͤbung, der dem wolluͤſtigen, gierigen Soldaten den Vorzug der Tapferkeit zugeſtand. Je ſchmerzhafter die Begierden unter dem langen Zwange zuſam⸗ mengehalten worden, deſto wuͤthender mußten ſie durch die einzige Pforte brechen, die ihnen offen gelaſſen ward. Das ganze Fußvolk, ungefaͤhr neuntauſend Koͤpfe ſtark und groͤßtentheils Spanier, vertheilte der Herzog in vier Brigaden, denen er vier Spanier als Befehlshaber vorſetzte. Alphons von Ulloa fuͤhrte die neapolitaniſche Brigade, die unter neun Fahnen dreitauſend zweihundert dreißig Mann ausmachte; Sancho von Lodoſo die mallaͤndiſche, zweitauſend zwei⸗ hundert Mann unter zehn Fahnen; die ſicilianiſche Brigade zu eben ſo viel Fahnen und eintauſend ſechshundert Mann commandirte Julian Romero, ein erfahrener Kriegsmann, der ſchon ehedem auf niederlaͤndiſchem Boden gefochten, ¹) und Die Anzahl dieſer oͤffentlichen Dirnen war ſo uͤbermaͤßig groß, daß ſie nothgedrungen ſelbſt darauf verfielen, eine eigene Disciplin unter ſich einzufuͤhren. Sie ſiellten ſich unter beſondere Fahnen, zogen in Reihen und Gliedern in wunderbarer ſoldatiſcher Ordnung hinter jedem Bataillon daher, und ſonderten ſich mit ſtrenger Etikette nach Rang und Gehalt, in Befehlshabersh'ier, Hauptmannsh'te, reiche und arme Soldatenhunn, wie ihnen das Loos gefallen war und⸗ ihre Anſpruͤche ſtiegen oder fielen. Meteren 104. 1) Derſelbe, unter deſſen Befehlen eines von den ſpaniſchen Regi⸗ mentern geſtanden, woruͤber ſieben Jahre vorher von den General⸗ ſtaaten ſo viel Streit erhoben worden. 362 „Gonſalo von Braccamonte die ſardiniſche, die durch drei Fahnen neu mitgebrachter Recruten mit der vorigen gleich⸗ zaͤhlig gemacht wurde. Jeder Fahne wurden noch außerdem fuͤnfzehn ſpaniſche Musketiers zugegeben. Die Reiterei, nicht uüber zwoͤlfhundert Pferde ſtark, beſtand aus drei italieniſchen, Zwei albaniſchen und ſieben ſpaniſchen leichten und ſchwergehar⸗ niſchten Geſchwadern, woruͤber die beiden Soͤhne des Herzogs, Ferdinand und Friedrich von Toledo, den Oberbefehl fuͤhrten. Feldmarſchall war Chiappin Vitelli, Marquis von Cetona, ein beruͤhmter Officier, mit welchem Cosmus von Florenz den Koͤnig von Spanien beſchenkt hatte, und Gabriel Serbellon General des Geſchuͤtzes. Von dem Herzoge von Savoyen wurde ihm ein erfahrener Kriegsbau⸗ meiſter, Franz Paciotto, aus Urbino, uͤberlaſſen, der ihm in den Niederlanden bei Erbauung neuer Feſtungen nuͤtzlich werden ſollte. Seinen Fahnen folgte noch eine große Anzahl Freiwilliger, und die Auswahl des ſpaniſchen Adels, wovon der groͤßte Theil unter Karl dem Fuͤnften in Deutſchland, Ita⸗ lien und vor Tunis gefochten; Chriſtoph Mondragone, einer der zehn ſpaniſchen Helden, die unweit Muͤhlberg, den Degen zwiſchen den Zaͤhnen, uͤber die Elbe geſchwommen, und unter feindlichem Kugelregen von dem entgegengeſetzten Ufer die Kaͤhne heruͤbergezogen, aus denen der Kaiſer nachher eine Schiffbruͤcke ſchlug; Sancho von Avila, den Alba ſelbſt zum Soldaten erzogen, Camillo von Monte, Franz Fer⸗ dugo, Karl Davila, Nikolaus Baſta und Graf Mar⸗ tinengo— alle von edlem Feuer begeiſtert, unter einem ſo trefflichen Fuͤhrer ihre kriegeriſche Laufbahn zu eroͤffnen, oder finen bereits erfochtenen Ruhm durch dieſen glorreichen Feld⸗ Zug zu kroͤnen. ¹) 1) Strada 200. 204. Burgund. 395. Meteren 104. 363 Nach geſchehener Muſterung ruͤckte die Armee, in drei Hau⸗ fen vertheilt, uͤber den Berg Cenis, desſelben Wegs, den achtzehn Jahrhunderte vorher Hannibal ſoll gegangen ſeyn. Der Herzog ſelbſt fuͤhrte den Vortrab, Ferdinand von To⸗ ledo, dem er den Oberſten Lodoſio an die Seite gab, das Mittel, und den Nachtrab der Marquis von Cetona. Voran ſchickte er den Proviantmeiſter Franz von Ibarra, nebſt dem General Serbellon, der Armee Bahn zu machen und den Mundvorrath in den Standquartieren bereit zu halten. Wo der Vortrab des Morgens aufbrach, ruͤckte Abends das Mittel ein, welches am folgenden Tage dem Nachtrabe wieder Platz machte. So durchwanderte das Kriegsheer in maͤßigen Tagereiſen die ſavoyiſchen Alpen, und mit dem vierzehnten Marſche war dieſer gefaͤhrliche Durchgang vollendet. Eine beob⸗ achtende franzoͤſiſche Armee begleitete es ſeitwaͤrts laͤngs der Graͤnze von Dauphiné und dem Laufe der Rhone, und zur Rechten die alliirte Armee der Genfer, an denen es in einer Naͤhe von ſieben Meilen vorbeikam; beide Heere ganz unthaͤtig und nur darauf bedacht, ihre Graͤnze zu decken. Wie es auf den ſteilen abſchuͤſſigen Felſen bergauf und bergunter klimmte, uͤber die reißende Iſer ſetzte, oder ſich Mann fuͤr Mann durch enge Felſenbruͤche wand, haͤtte eine Handvoll Menſchen hinge⸗ reicht, ſeinen ganzen Marſch aufzuhalten und es ruͤckwaͤrts ins Gebirge zu treiben. Hier aber war es ohne Rettung verloren, weil auf jeglichem Lagerplatze immer nur auf einen einzigen Tag, und fuͤr ein einziges Drittheil Proviant beſtellt war. Aber eine unnatuͤrliche Ehrfurcht und Furcht vor dem ſpaniſchen Namen ſchien die Augen der Feinde gebunden zu haben, daß ſie ihren Vortheil nicht wahrnahmen, oder es wenigſtens nicht wagten, ihn zu benutzen. Um ſie ja nicht daran zu erinnern, eilte der ſpaniſche Feldherr, ſich mit moͤglichſter Stille durch 364 dieſen gefaͤhrlichen Paß zu ſtehlen, uͤberzeugt, daß es um ihn geſchehen ſeyn wuͤrde, ſobald er beleidigte; waͤhrend des ganzen Marſches wurde die ſtrengſte Mannszucht beobachtet, nicht eine einzige Bauernhuͤtte, nicht ein einziger Acker litt Gewalt;) und nie iſt vielleicht ſeit Menſchengedenken eine ſo zahlreiche Armee einen ſo weiten Weg in ſo trefflicher Ordnung gefuͤhrt worden. Ein ſchrecklicher Glücksſtern leitete dieſes zum Mord geſandte Heer wohlbehalten durch alle Gefahren, und ſchwer duͤrfte es zu beſtimmen ſeyn, ob die Klugheit ſeines Fuͤhrers, oder die Verblendung ſeiner Feinde mehr unſere Verwunderung verdienen. ²) In der Franche Comté ſtießen vier neugeworbene Geſchwader burgundiſcher Reiter zu der Hauptarmee, und drei deutſche Re⸗ gimenter Fußvolk in Luxemburg, welche die Grafen von Eber⸗ ſtein, Schaumburg und Lodrona dem Herzoge zufuͤhrten. Aus Thionville, wo er einige Tage raſtete, ließ er die Ober⸗ ſtatthalterin durch Franz von Ibarra begruͤßen, dem zu⸗ gleich aufgetragen war, wegen Einquartierung der Truppen Ab⸗ rede mit ihr zu nehmen. Von ihrer Seite erſchienen Noir⸗ carmes und Barlaimont im ſpaniſchen Lager, dem Her⸗ zoge zu ſeiner Ankunft Gluͤck zu wuͤnſchen, und ihm die ge⸗ woͤhnlichen Ehrenbezeugungen zu erweiſen. Zugleich mußten ſie 1¹) Einmal nur wagten es drei Reiter, am Eingange von Lothrin⸗ gen, einige Haͤmmel aus einer Heerde wegzutreiben, wovon der Herzog nicht ſobald Nachricht bekam, als er dem Eigenthuͤmer das Geraubte wieder zuruͤckſchickte, und die Thaͤter zum Strange ver⸗ urtheilte. Dieſes Urtheil wurde auf die Fuͤrbitte des lothringiſchen Generals, der ihn an der Graͤnze zu begruͤßen gekommen war, nur an Einem von den Dreien vollzogen, den das Loos auf der Trom⸗ mel traf. Strada 202. *) Burgund. 496. 497. Strada l. e. 365 ihm die koͤnigliche Vollmacht abfordern, die er ihnen aber nur zum Theil vorzeigte. Ihnen folgten ganze Schaaren aus dem flaͤmiſchen Adel, die nicht genug eilen zu koͤnnen glaubten, die Gunſt des neuen Statthalters zu gewinnen, oder eine Rache, die gegen ſie im Anzuge war, durch eine zeitige Unterwerfung zu verſoͤhnen. Als unter dieſen auch der Graf von Egmont herannahte, zeigte ihn Herzog Alba den Umſtehenden.„Es kommt ein großer Ketzer,“ rief er laut genug, daß Egmont es höoͤrte, der bei dieſen Worten betreten ſtille ſtand und die Farbe veraͤnderte. Als aber der Herzog, ſeine Unbeſonnenheit zu verbeſſern, mit erheitertem Geſicht auf ihn zuging und ihn mit einer Umarmung freundlich begruͤßte, ſchaͤmte ſich der Flamaͤnder ſeiner Furcht und ſpottete dieſes warnenden Winks durch eine leichtſinnige Deutung. Er beſiegelte dieſe neue Freundſchaft mit einem Geſchenk von zwei trefflichen Pferden, das mit herablaſſender Grandezza empfangen ward. ¹) Auf die Verſicherung der Regentin, daß die Provinzen einer vollkommenen Ruhe genöſſen, und von keiner Seite Widerſetzung zu fuͤrchten ſey, ließ der Herzog einige deutſche Regimenter, die bis jetzt Wartgeld gezogen, auseinander gehen. Dreitauſend ſechshundert Mann wurden unter Lodrona's Befehlen in Antwerpen einquartiert, woraus die walloniſche Garniſon, der man nicht recht traute, ſogleich abziehen mußte; eine verhaͤltnißmaͤßig ſtarke Beſatzung warf man in Gent und in andere wichtige Plaͤtze. Alba ſelbſt ruͤckte mit der mallaͤndi⸗ ſchen Brigade nach Bruͤſſel vor, wohin ihn ein glaͤnzendes Ge⸗ folge vom erſten Adel des Landes begleitete. ²) 1¹) Meteren 105. Meurs 57. Strada 202. Watson. Tom II. p 9. 2²) Strada 208. 366 Hier, wie in allen uͤbrigen Staͤdten der Niederlande, waren ihm Angſt und Schrecken vorangeeilt, und wer ſich nur irgend einer Schuld bewußt war, oder wer ſich auch keiner bewußt war, ſah dieſem Einzuge mit einer Bangigkeit wie dem Anbruche eines Gerichtstags entgegen. Wer nur irgend von Familie, Guͤtern und Vaterland ſich losreißen konnte, floh oder war geftohen. Die Annaͤherung der ſpaniſchen Armee hatte die Provinzen, nach der Oberſtatthalterin eigenem Bericht, ſchon um hunderttauſend Buͤrger entvoͤlkert, und dieſe allgemeine Flucht dauerte noch unausgeſetzt fort. 1) Aber die Ankunft des ſpaniſchen Generals konnte den Niederlaͤndern nicht ver⸗ haßter ſeyn, als ſie der Regentin kraͤnkend und niederſchlagend war. Endlich, nach vielen ſorgenvollen Jahren, hatte ſie an⸗ gefangen, die Suͤßigkeiten der Ruhe und einer unbeſtrittenen Herrſchaft zu koſten, die das erſehnte Ziel ihrer achtjaͤhrigen Verwaltung geweſen und bisher immer ein eitler Wunſch geblieben war. Dieſe Frucht ihres aͤngſtlichen Fleißes, ihrer Sorgen und Nachtwachen ſollte ihr jetzt durch einen Fremdling entriſſen werden, der auf einmal in den Beſitz aller Vor⸗ theile geſetzt, die ſie den Umſtaͤnden nur mit langſamer Kunſt abgewinnen konnte, den Preis der Schnelligkeit leicht uͤber ſie davon tragen, und mit raſchern Erfolgen uͤber ihr gruͤndliches, aber weniger ſchimmerndes Verdienſt triumphiren wuͤrde. Seit dem Abzuge des Miniſters Granvella hatte ſie den ganzen Reiz der Unabhaͤngigkeit gekoſtet, und die ſchmeichleriſche Huldigung des Adels, der ihr den Schein der Herrſchaft deſto mehr zu genießen gab, je mehr er ihr von dem Weſen derſelben entzog, hatte ihre Eitelkeit allmaͤhlich zu einem ſolchen Grade verwoͤhnt, daß ſie endlich auch ihren redlichſten 4) Strada. L.. I. c. 367 Diener, den Staatsrath Viglius, der nichts als Wahrheit fuͤr ſie hatte, durch Kaͤlte von ſich entfremdete. Jetzt ſollte ihr auf einmal ein Aufſeher ihrer Handlungen, ein Theilhaber ihrer Gewalt an die Seite geſetzt, wo nicht gar ein Herr auf⸗ gedrungen werden, von deſſen ſtolzem, ſtoͤrrigem und gebieteri⸗ ſchem Geiſte, den keine Hofſprache milderte, ihrer Eigenliebe die toͤdtlichſten Kraͤnkungen bevorſtanden. Vergebens hatte ſie, um ſeine Ankunft zu hintertreiben, alle Gruͤnde der Staats⸗ kunſt aufgeboten, dem Koͤnige vorſtellen laſſen und vorgeſtellt,“ daß der gaͤnzliche Ruin des niederlaͤndiſchen Handels die un⸗ ausbleibliche Folge dieſer ſpaniſchen Einquartierung ſeyn wuͤrde; vergebens hatte ſie ſich auf den bereits wiederhergeſtellten Frie⸗ den des Landes und auf ihre eigenen Verdienſte um dieſen Frieden berufen, die ſie zu einem beſſern Danke berechtigten, als die Fruͤchte ihrer Bemuͤhungen einem fremden Ankoͤmm⸗ linge abzutreten, und alles von ihr geſtiftete Gute durch ein entgegengeſetztes Verfahren wieder vernichtet zu ſehen. Selbſt nachdem der Herzog ſchon den Berg Cenis heruͤber war, hatte ſie noch einen Verſuch gemacht, ihn wenigſtens zu einer Ver⸗ minderung ſeines Heers zu bewegen, aber auch dieſen fruchtlos, wie alle vorigen, weil ſich der Herzog auf ſeinen Auftrag ſtuͤtzte. Mit dem empfindlichſten Verdruſſe ſah ſie jetzt ſeiner Annaͤhe⸗ rung entgegen, und Thraͤnen gekrankter Eigenliebe miſchten ſich unter die, welche ſie dem Vaterlande weinte. ¹) Der 22 Auguſt 1567 war der Tag, an welchem der Herzog⸗ Alba an den Thoren von Bruͤſſel erſchien. Sein Heer wurde ſogleich in den Vorſtaͤdten in Beſatzung gelegt, und er ſelbſt ließ ſein erſtes Geſchaͤft ſeyn, gegen die Schweſter ſeines Koͤnigs⸗ ¹) Meteren 404. Burgund. 4 70. Strada 200. Vigl. ad Hopper- WV. V. XXX. Brief. 368 die Pflicht der Ehrerbietung zu beobachten. Sie empfing ihn als eine Kranke, entweder weil die erlittene Kraͤnkung ſie wirklich ſo ſehr angegriffen hatte, oder wahrſcheinlicher, weil ſie dieſes Mittel erwaͤhlte, ſeinem Hochmuthe weh zu thun, und ſei⸗ nen Triumph in etwas zu ſchmaͤlern. Er uͤbergab ihr Briefe vom Könige, die er aus Spanien fuͤr ſie mitgebracht, und legte ihr eine Abſchrift ſeiner eigenen Beſtallung vor, worin ihm der Oberbefehl uͤber die ganze niederlaͤndiſche Kriegsmacht uͤber⸗ geben war, der Regentin alſo, wie es ſchien, die Verwaltung der buͤrgerlichen Dinge, nach wie vor, anheimgeſtellt blieb. Sobald er ſich aber mit ihr allein ſah, brachte er eine neue Commiſſion zum Vorſchein, die von der vorhergehenden ganz werſchieden lautete. Zufolge dieſer neuen Commiſſion war ihm Macht verliehen, nach eigenem Gutduͤnken Krieg zu fuͤhren, Feſtungen zu bauen, die Statthalter der Provinzen, die Befehls⸗ haber der Staͤdte und die uͤbrigen koͤniglichen Beamten nach Gefallen zu ernennen und abzuſetzen, uͤber die vergangenen Unruhen Nachforſchung zu thun, ihre Urheber zu beſtrafen und die Treugebliebenen zu belohnen. Eine Vollmacht von dieſem Umfange, die ihn beinahe einem Souveraͤn gleich machte, und diejenige weit uͤbertraf, womit ſie ſelbſt verſehen worden war, beſtuͤrzte die Regentin aufs aͤußerſte, und es ward ihr ſchwer, ihre Empfindlichkeit zu verbergen. Sie fragte den Herzog, ob er nicht vielleicht noch eine dritte Commiſſion oder beſondere Befehle im Ruͤckhalte haͤtte, die noch weiter gingen und be⸗ ſtimmter abgefaßt waͤren, welches er nicht undeutlich bejahte, aber dabei zu erkennen gab, daß es fuͤr heute zu weitlaͤufig ſeyn duͤrfte, und nach Zeit und Gelegenheit beſſer wuͤrde ge⸗ ſchehen koͤnnen. Gleich in den erſten Tagen ſeiner Ankunſt ließ er den Rathsverſammlungen und Staͤnden eine Copie jener erſten Inſtruction vorlegen, und befoͤrderte ſie zum Druck, um 369 ſie ſchneller in Jedermanns Haͤnde zu bringen. Weil die Statthalterin den Palaſt inne hatte, bezog er einſtweilen das Kuilemburgiſche Haus, dasſelbe, worin die Geuſenverbruͤderung ihren Namen empfangen hatte, und vor welchem jetzt durch einen wunderbaren Wechſel der Dinge die ſpaniſche Tyrannei ihre Zeichen aufpflanzte ¹) Eine todte Stille herrſchte jetzt in Bruͤſſel, die nur zuweilen das ungewohnte Geraͤuſch der Waffen unterbrach. Der Herzog war wenige Stunden in der Stadt, als ſich ſeine Begleiter, gleich losgelaſſenen Spuͤrhunden, nach allen Gegenden zerſtreuten. Ueberall fremde Geſichter, menſchenleere Straßen, alle Haͤuſer verriegelt, alle Spiele eingeſtellt, alle oͤffentlichen Plaͤtze verlaſſen, die ganze Reſidenz wie eine Landſchaft, welche die Peſt hinter ſich liegen ließ. Ohne, wie ſonſt, geſpraͤchig beiſammen zu ver⸗ weilen, eilten Bekannte an Bekannten voruͤber; man foͤrderte ſeine Schritte, ſobald ein Spanier in den Straßen erſchien. Jedes Geraͤuſch jagte Schrecken ein, als pochte ſchon ein Gerichts⸗ diener an der Pforte; der Adel hielt ſich bang erwartend in ſeinen Haͤuſern; man vermied, ſich oͤffentlich zu zeigen, um dem Gedaͤchtniſſe des neuen Statthalters nicht zu Huͤlfe zu kommen. Beide Nationen ſchienen ihren Charakter umgetauſcht zu haben, der Spanier war jetzt der Redſelige und der Brabanter der Stumme; Mißtrauen und Furcht hatten den Geiſt des Muth⸗ willens und der Froͤhlichkeit verſcheucht, eine gezwungene Gravitaͤt ſogar das Mienenſpiel gebunden. Jede naͤchſte Minute fuͤrchtete man den niederfallenden Streich. Seitdem die Stadt den ſpaniſchen Heerfuͤhrer in ihren Mauern hatte, erging es ihr wie einem, der einen Giftbecher ausgeleert, und mit bebender Angſt jetzt und jetzt die toͤdtliche Wirkung erwartet. 1) Strad. 203. Meteren 105. Meurs. Guil. Auriac. L. IV. 38. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 24 370 Dieſe allgemeine Spannung der Gemuͤther hieß den Herzog zur Vollſtreckung ſeiner Anſchlaͤge eilen, ehe man ihnen durch eine zeitige Flucht zuvorkaͤme. Sein Erſtes mußte ſeyn, ſich der verdaͤchtigſten Großen zu verſichern, um der Faction fuͤr ein und allemal ihre Haͤupter, und dem Volke, deſſen Freiheit unterdruͤckt werden ſollte, ſeine Stuͤtzen zu entreißen. Durch eine verſellte Freundlichkeit war es ihm gelungen, ihre erſte Furcht einzuſchlaͤfern, und den Grafen von Egmont beſonders in ſeine ganze vorige Sicherheit zuruͤckzuwerfen, wobei er ſich auf eine geſchickte Art ſeiner Soͤhne, Ferdinand und Friedrich Toledo, bediente, deren Geſelligkeit und Jugend ſich leichter mit dem flaͤmiſchen Charakter vermiſchten. Durch dieſes kluge Betragen erlangte er, daß auch der Graf von Hoorn, der es bis jetzt fuͤr rathſamer gehalten, den erſten Begruͤßungen von weitem zuzuſehen, von dem guten Gluͤcke ſeines Freundes verfuͤhrt, nach Bruͤſſel gelockt wurde. Einige aus dem Adel, an deren Spitze Graf Egmont ſich befand, fingen ſogar an, zu ihrer vorigen luſtigen Lebensart zuruͤck⸗ zukehren, doch nur mit halbem Herzen und ehne viele Nach⸗ ahmer zu finden. Das Kuilemburgiſche Haus war unauf⸗ hoͤrlich von einer zahlreichen Welt belagert, die ſich dort um die Perſon des neuen Statthalters herumdraͤngte, und auf einem Geſichte, das Furcht und Unruhe ſpannten, eine geborgte Mun⸗ terkeit ſchimmern ließ; Egmont beſonders gab ſich das Anſehen, mit leichtem Muthe in dieſem aus und einzugehen, bewirthete die Soͤhne des Herzogs und ließ ſich wieder von ihnen bewirthen. Mittlerweile uͤberlegte der Herzog, daß eine ſo ſchoͤne Gelegenheit zu Vollſtreckung ſeines Anſchlags nicht zum zweiten Male wiederkommen duͤrfte und eine einzige Unvorſichtigkeit genug ſey, dieſe Sicherheit zu zerſtoͤren, die ihm beide Schlachtopfer von ſelbſt in die Haͤnde lieferte; doch ſollte auch noch Hoog⸗ 371 ſtraten, als der dritte Mann, in derſelben Schlinge ackan gen werden, den er deßwegen, unter einem ſcheinbaren Bee⸗ wande von Geſchaften, nach der Hauptſtadt rief. Zu er namlichen Zeit, wo er ſelbſt ſich in Bruͤſſel der drei Eraes verſichern wollte, ſollte der Oberſt von Lodrona in Antmer⸗ pen den Buͤrgermeiſter Strahlen, einen genauen Freags des Prinzen von Oranien, und der im Verdachte war dir Caloiniſten beguͤnſtigt zu haben; ein anderer den geheieer Secretaͤr und Edelmann des Grafen von Egmont, Iohaaa Caſembrot von Beckerzeel, zugleich mit einigen Schrer⸗ bern des Grafen von Hoorn, in Verhaft nehmen und ihrer Papiere bemaͤchtigen. Als der Tag erſchienen, der zur Ausfuͤhrung dieſes Auſchlage beſtimmt war, ließ er alle Sraatsraͤthe und Ritter, als sb er ſich uͤber die Staatsangelegenheiten mit ihnen beſprechen mußse zu ſich entbieten, bei welcher Gelegenheit von Seiten der Kie derländer dee Herzog von Arſchot, die Grafen von Manas feld, der von Barlaimont, von Aremberg, und ven ſpaniſcher Seite, außer den Soͤhnen des Herzogs, Vitelee, Serbellon und Ibarra zugegen waren. Dem jungen Grafer von Manns ſeld, der gleichfalls bei dieſer Verſammlung er⸗ ſchien, winkte ein Vater, daß er ſich eiligſt wieder un ſichchar machte, und durch eine ſchnelle Flucht dem Verderben eutging. das uͤber ihn, als einen ehemaligen Theilhaber des Genſee⸗ bundes, verhaͤngt war. Der Herzeg ſuchte die Berathſchlageret mit Fleiß in die Laͤnge zu ziehen, um die Couriere aus Am⸗ werpen zuvor abzuwarten, die ihm von der Verhaftneheneng der Uebrigen Nachricht bringen ſollten. Um dieſes mit dee weniger Verdacht zu thun, mußte der Kriegsba meiſter Pe⸗ ciotto bei der Berathſchlagung mit zugegen ſeyn, und ihm Er Riſſe zu einigen Feſtungen vorlegen. Endlich ward ihm höcker 372 hracht, daß Lodrona's Anſchlag guͤcklich von Statten gegan⸗ gen ſey, worauf er die Unterredung mit guter Art abbrach, und die Sraatsraͤthe von ſich ließ. Und nun wollte ſich Graf Egmont nach den Zimmern Don Ferdinands begeben, um ein angefangenes Spiel mit ihm fortzuſetzen, als ihm der Hauptmann von der Leibwache des Herzogs, Sancho von Avila, in den Weg trat und im Namen des Koͤnigs den Degen abforderte. Zugleich ſah er ſich von einer Schaar ſpa⸗ niſcher Soldaten umringt, die, der Abrede gemaͤß, ploͤtzlich aus dem Hintergrunde hervortraten. Dieſer höͤchſt unerwartete Streich griff ihn ſo heftig an, daß er auf einige Augenblicke Sprache und Beſinnung verlor; doch faßte er ſich bald wieder und nahm ſeinen Degen mit gelaſſenem Anſtande von der Seite. „Dieſer Stahl,“ ſagte er, indem er ihn in des Spaniers Haͤnde gab,„hat die Sache des Koͤnigs ſchon einigemal nicht „ohne Gluͤck vertheidigt.“ Zur naͤmlichen Zeit bemaͤchtigte ſich ein anderer ſpaniſcher Officier des Grafen von Hoorn, der ohne alle Ahnung der Gefahr ſo eben nach Hauſe kehren wollte. Hoorns erſte Frage war nach Graf Egmont. Als man ihm antwortete, daß ſeinem Freunde in eben dem Augenblicke das⸗ ſelbe begegne, ergab er ſich ohne Widerſtand.„Von ihm hab' „ich mich leiten laſſen!“ rief er aus,„es iſt billig, daß ich „Ein Schickſal mit ihm theile.“ Beide Grafen wurden in ver⸗ ſchiedenen Zimmern in Verwahrung gebracht. Indem dieſes innen vorging, war die ganze Garniſon ausgeruͤckt und ſtand vor dem Kuilemburgiſchen Haus unter dem Gewehre. Niemand wußte, was drinnen vorgegangen war; ein geheimnißvolles Schrecken durchlief ganz Bruſſel, bis endlich das Geruͤcht dieſe ungluͤckliche Begebenheit verbreitete. Sie ergriff alle Einwohner, gls ob ſie Jedem unter ihnen ſelbſt widerfahren waͤre; bei 8 Vielen uͤberwog der Unwille uüͤber Egmonts Verblendung das 373 Mitleid mit ſeinem Schickſale; Alle frehlockten, daß Oranien entronnen ſey. Auch ſoll die erſte Frage des Cardinals Grau⸗ vella, als man ihm in Rom dieſe Borſchaft brachte, geweſen ſeyn, ob man den Schweigenden auch habe. Da man ihm dieſes verneinte, ſchuͤttelte er den Kopf:„Man hat alſo gar „nichts,“ ſagte er,„weil man den Schweigenden entwiſchen „ließ.“ Beſſer meinte es das Schickſal mit dem Grafen von Hoogſtraten, den das Geruͤcht dieſes Vorfalls unterwegs nach Bruͤſſel noch erreichte, weil er krankheitshalber war ge⸗ noͤthigt worden, langſamer zu reiſen. Er kehrte eilends um und entrann gluͤcklich dem Verderben. ¹) Gleich nach ſeiner Gefangennehmung wurde dem Grafen von Egmont ein Handſchreiben an den Befehlshaber der Citadelle von Gent abgedrungen, worin er dieſem anbefehlen mußte, dem ſpaniſchen Oberſten Alphons von Ulloa die Feſtung zu uͤbergeben. Beide Grafen wurden alsdann, nach⸗ dem ſie einige Wochen lang in Bruͤſſel, jeder an einem beſon⸗ dern Orte, gefangen geſeſſen, unter einer Bedeckung von drei⸗ rauſend ſpaniſchen Soldaten nach Gent abgefuͤhrt, wo ſie weit in das folgende Jahr hinein in Verwahrung blieben. Zugleich hatte man ſich aller ihrer Briefſchaften bemaͤchtigt. Viele aus dem erſten Adel, die ſich von der verſtellten Freundlichkeit des Herzogs von Alba hatten bethoͤren laſſen, zu bleiben, erlitten das naͤmliche Schickſal; und an denjenigen, welche bereits vor des Her,ogs Ankonft mit den Waffen in der Hand gefangen worden, wurde nunmehr ohne laͤngeren Aufſchub das letzte urtheil vollzogen. Auf das Geruͤcht von Egmonts Verhaf⸗ tung ergriffen abermals gegen zwanzigtauſend Einwohner den ¹) Meteren 108. Strada 204. 205. Meurs. Guil. Auriac. 59. Allgem. G. d. v. N. III. Bd. 112. 374 Banderſtab, außer den hunderttauſend, die ſich bereits in Sicyerheit gebracht und die Ankunft des ſpani chen Feldherrn zicht hatten erwarten wollen. Niemand ſchaͤtzte ſich mehr ſcher, nachdem ſoger auf ein ſo edles Leben ein Angriff ge⸗ Wehen war; ¹) aber Viele fanden Urſache, es zu bereuen, daß Fer dieſen heilſamen Entſchluß ſo weit hinausgeſchoben hatten; Denn mit jedem Tage wurde ihnen die Flucht ſchwerer gemacht, weil der Herzog alle Haͤfen ſperren ließ, und auf die Wande⸗ mag Todesſtrafe ſetzte. Jetzt pries man die Bettler gluͤcklich, welche Vaterland und Guͤter im Stiche gelaſſen, um nichts 249 Athem und Freiheit zu retten. ²) ²) Ein großer Theil dieſer Fluͤchtlinge half die Armee der Hugenotten verſtaͤrken, die von dem Durchzuge der ſpaniſchen Armre durch Lotyringen einen Vorwand genommen hatten, ihre Macht zuſammen⸗ zuzzehen, und Karl den Neunten jetztt aufs außerſte bedraͤng⸗ zen. Aus dieſem Grunde glaubte der franzoͤſiſche Hof ein Recht zu haben, bei der Regenrin der Niederlande auf Subſidien zu dringen. Die Hugenotten, fuͤhrte er an, haͤtten den Marſch der ſpaniſchen Armee als eine Folge der Verabredung angeſehen, die zwiſg en beiden Hoͤfen in Baxyonne gegen ſie geſchloſſen worden ſey, aund waͤren dadurch aus ihrem Schlummer geweckt worden. Von Rechtswegen komme es alſo dem ſpaniſchen Hofe zu, den franzoͤ⸗ ſichen Monarchen aus einer Bedraͤngniß ziehen zu helfen, in welche dieſer nur durch den Marſch der Spanier gerathen ſey. Alba ließ auch wirklich den Grafen von Aremberg mit einem anſehnlichen Heere zu der Armee der Koͤnigin Mutter in Frankreich ſtoßen, uno ervot ſich ſogar, es in eigener Perſon zu befehligen, welches Leßztere man ſich aber verbat. Strada 206. Thuan. 5 4 1. 1 Meurs. Guil. Auriac. 40. Tluan. 559. Meteren 108. Allgem. G. d. v. N. 115. Alba's erſte Anordnungen und Abzug der Herzogin von Parma. Alba's erſter Schritt, ſobald er ſich der verdaͤchtigſten Großen verſichert hatte, war, die Inquiſition in ihr voriges An⸗ ſehen wieder einzuſetzen; die Schluͤſſe der Trientiſchen Kirchen⸗ verſammlung wieder geltend zu machen, die Moderation aufzu⸗ heben, und die Placate gegen die Ketzer auf ihre ganze vorige Strenge zuruͤckzufuhren.“) Der Inquiſitionshof in Spanien hatte die geſammte niederlaͤndiſche Nation, Katholiken und Irr⸗ glaͤubige, Treugeſinnte und Rebellen ohne Unterſchied, dieſe, weil ſie ſich durch Thaten, jene, weil ſie ſich durch Unterlaſſen vergangen, einige Wenige ausgenommen, die man namentlich anzugeben ſich vorbehielt, der beleidigten Majeſtaͤt im hoͤchſten Grade ſchuldig erkannt, und dieſes Urtheil hatte der Konig durch eine oͤffentliche Sentenz beſtaͤtigt. Er erklaͤrte ſich zugleich aller ſeiner Verſprechungen quitt und aller Vertraͤge entlaſſen, welche die Oberſtatthalterin in ſeinem Namen mit dem niederlaͤndiſchen Volke eingegangen; und Gnade war alle Ge⸗ rechtigkeit, die es kuͤnftig von ihm zu erwarten hatte. Alle, die zu Vertreibung des Miniſters Granvella beigetragen, an der Bittſchrift des verbundenen Adels Antheil gehabt, oder auch nur Gutes davon geſprochen, Alle, die gegen die Trientiſchen 1) Meurs. Guil. Auriac. 38. Meteren 105. 376 Schluſſe, gegen die Glaubensedicte, oder gegen die Einſetzung der Biſchoͤfe mit einer Supplik eingekommen; Alle, die das oͤffentliche Predigen zugelaſſen, oder nur ſchwach gehindert; Alle, die die Inſignien der Geuſen getragen, Geuſenlieder geſungen oder ſonſt auf irgend eine Weiſe ihre Freude daruͤber an den Tag gelegt; Alle, die einen unkatholiſchen Prediger beherbergt oder verheimlicht, calviniſchen Begraͤbniſſen beigewohnt, oder auch nur von ihren heimlichen Zuſammenkuͤnften gewußt und ſie verſchwiegen; Alle, die von den Privilegien des Landes Einwendungen hergenommen; Alle endlich, die ſich geaͤußert, daß man Gott mehr gehorchen muͤſſe als den Menſchen— Alle, ohne Unterſchied, ſeyen in die Strafe verfallen, die das Geſetz auf Majeſtaͤtsverletzung und Hochverrath lege, und dieſe Strafe ſolle ohne Schonung oder Gnade, ohne Ruͤckſicht auf Rang, Geſchlecht oder Alter, der Nachwelt zum Beiſpiele und zum Schrecken fuͤr alle kuͤnftigen Zeiten, nach der Vorſchrift, die man geben wuͤrde, an den Schuldigen vollzogen werden.:) Nach dieſer Angabe war kein Reiner mehr in allen Provinzen, und der neue Statthalter hatte ein ſchreckliches Ausleſen unter der ganzen Nation. Alle Guͤter und alle Leben waren ſein, und wer eins von beiden, oder gar beides rettete, empfing es von ſeiner Großmuth und Menſchlichkeit zum Geſchenk. Durch dieſen eben ſo fein ausgeſonnenen, als abſcheulichen Kunſtgriff wurde die Nation entwaffnet, und eine Vereinigung der Gemuͤther unmoͤglich gemacht. Weil es naͤmlich bloß von des Herzogs Willkuͤr abhing, an wem er das Urtheil voll⸗ ſtrecken laſſen wollte, das uͤber Alle, ohne Ausnahme, gefaͤllt war, ſo hielt jeder Einzelne ſich ſtille, um, wo moͤglich, der Aufmerkſamkeit des Statthalters zu entwiſchen, und die Todes⸗ 1) Meteren 107. 377 wahl ja nicht auf ſich zu lenken; ſo ſtand Jeder, mit dem es ihm gefiel, eine Ausnahme zu machen, gewiſſermaßen in ſeiner Schuld, und hatte ihm fuͤr ſeine Perſon eine Verbindlichkeit, die dem Werthe des Lebens und des Eigenthums gleichkam. Da dieſes Strafgericht aber bei weitem nur an der kleineren Haͤlfte der Nation vollſtreckt werden konnte, ſo hatte er ſich alſo natuͤrlicherweiſe der groͤßeren durch die ſtaͤrkſten Bande der Furcht und der Dankbarkeit verſichert, und fuͤr Einen, den er zum Schlachtopfer ausſuchte, waren zehn Andere gewonnen, die er voruͤberging. Auch blieb er unter Stroͤmen Bluts, die er fließen ließ, im ruhigen Beſitze ſeiner Herrſchaft, ſo lange er dieſer Staatskunſt getreu blieb, und verſcherzte dieſen Vor⸗⸗ theil nicht eher, als bis ihn Geldmangel zwang, der Nation eine Laſt aufzulegen, die Jeden, ohne Ausnahme, druͤckte. ¹) Um aber nun dieſem blutigen Geſchaͤfte, das ſich taͤglich unter ſeinen Haͤnden haͤufte, mehr gewachſen zu ſeyn, und aus Mangel der Werkzeuge ja kein Opfer zu verlieren; um auf der andern Seite ſein Verfahren von den Staͤnden unabhaͤngig zu machen, mit deren Privilegien es ſo ſehr im Widerſpruche ſtand, und die ihm uberhaupt viel zu menſchlich dachten, ſetzte er einen außerordentlichen Juſtizhof von zwoͤlf Criminalrichtern nieder, der uͤber die vergangenen Unruhen erkennen und nach dem Buchſtaben der gegebenen Vorſchrift Urtheil ſprechen ſollte. Schon die Einſetzung dieſes Gerichtshofs war eine Verletzung der Landesfreiheiten, welche ausdruͤcklich mit ſich brachten, daß kein Buͤrger außerhalb ſeiner Provinz gerichtet werden duͤrfte;. aber er machte die Gewaltthaͤtigkeit vollkommen, indem er, gegen die heiligſten Privilegien des Landes, auch den erklaͤrteſten Feinden der niederlaͤndiſchen Freiheit, ſeinen Spaniern, Sits⸗ 4) Thuan. II. 540. A. G. d. v. N. III. 115. 378 und Stimme darin gab. Praͤſident dieſes Gerichtshofs war Er ſelbſt, und nach ihm ein gewiſſer Licentiat Vargas, ein Spanier von Geburt, den ſein eigenes Vaterland wie eine Peſt⸗ beule ausgeſtoßen, wo er an einem ſeiner Muͤndel Nothzucht veruͤbt hatte, ein ſchamloſer, verhaͤrteter Boͤſewicht, in deſſen Gemuͤth ſich Geiz, Wolluſt und Blutbegier um die Oberherr⸗ ſchaft ſtritten, uͤber deſſen Nichtswuͤrdigkeit endlich die Geſchicht⸗ ſchreiber beider Parteien mit einander einſtimmig ſind.) Die vornehmſten Beiſitzer waren der Graf von Aremberg, Phi⸗ lipp von Noircarmes und Karl von Barlaimont, die jedoch niemals darin erſchienen ſind; Hadrian Nicolai, Kanzler von Geldern; Jacob Mertens und Peter Aſſet, Praͤſidenten von Artois und Flandern; Jacob Heſſelts und Johann de la Porte, Ra⅞ͤthe von Gent; Ludwig del Rio, Doctor der Theologie, und ein geborner Spanier; Johann du Bois, Oberanwalt des Koͤnigs, und de la Torre, Schrei⸗ ber des Gerichts. Auf Viglius' Vorſtellungen wurde der ge⸗ heime Rath mit einem Antheile an dieſem Gerichte verſchont; auch aus dem großen Rathe zu Mecheln wurde Niemand dazu gezogen. Die Stimmen der Mitglieder waren nur rathge⸗ bend, nicht beſchließend, welches Letztere ſich der Herzog allein vorbehielt. Fuͤr die Sitzungen war keine beſondere Zeit beſtimmt; die Raͤthe verſammelten ſich des Mittags, ſo oft es der Herzog fuͤr gut fand. Aber ſchon nach Ablauf des dritten Monats fing dieſer an, bei den Sitzungen ſeltener zu werden und ſeinem Lieblinge Vargas zuletzt ſeinen ganzen Platz ab⸗ zutreten, den dieſer mit ſo abſcheulicher Wuͤrdigkeit beſetzte, 4) Dignum belgico carcinomate cultrum nennt ihn Meurs. Guil. Auriac. 38. Vigl. ad Hopper. XLV. LXVIII. LXXXI. Brief. Meteren 105. 379 daß in kurzer Zeit alle uͤbrigen Mitglieder, der Schandthaten muͤde, wovon ſie Augenzeugen und Gehuͤlfen ſeyn mußten, bis auf den ſpaniſchen Doctor del Rio und den Secretaͤr de la Torre, aus den Verſammlungen wegblieben.¹) Es empoͤrt die Empfindung, wenn man liest, wie das Leben der Edelſten und Beſten in die Haͤnde ſpaniſcher Lotterbuben gegeben war, und wie nahe es dabei war, daß ſie ſelbſt die Heiligthuͤmer der Nation, ihre Privilegien und Patente, durchwuͤhlt, Siegel er⸗ brochen und die geheimſten Contracte zwiſchen dem Landes⸗ herrn und den Staͤnden profanirt und preisgegeben haͤtten. 2) Von dem Rathe der Zooͤlfe, der, ſeiner Beſtimmung nach, der Rath der Unruhen genannt wurde, ſeines Verfahrens wegen aber unter dem Namen des Blutraths, den die aufge⸗ brachte Nation ihm beilegte, allgemeiner bekannt iſt, fand keine Reviſion der Proceſſe, keine Appellation ſtatt. Seine Urtheile waren unwiderruflich und durch keine andere Autoritaͤt gebunden. 4¹) Wie man denn auch wirklich oft die Sentenzen gegen die ange⸗ ſehenſten Maͤnner, z. B. das Todesurtheil uͤber den Buͤrgermeiſter Strahlen von Antwerpen, nur von Vargas, del Rio und de la Torre unterzeichnet fand. Meteren 105. 2) Meteren 106. Zu einem Beiſpiele, mit welchem fuͤhlloſen Leicht⸗ ſinne die wichtigſten Dinge, ſelbſt Entſcheidungen uͤber Leben und Tod, in dieſem Blutrathe behandelt worden, mag dienen, was von dem Rathe Heſſelts erzaͤhlt wird. Er pflegte naͤmlich mehren⸗ theils in der Verſammlung zu ſchlafen, und wenn die Reihe an ihn kam, ſeine Stimme zu einem Todesurtheile zu geben, noch ſchlaf⸗ trunken aufzuſchreien: Ad Patibulum! Ad patibulum! So gelaͤufig war dieſes Wort ſeiner Zunge geworden. Von dieſem Heſſelts iſt noch merkwuͤrdig, daß ihm ſeine Gattin, eine Nichte des Praͤſidenten Viglius, in den Ehepacten ausdruͤcklich vorgeſchrieben hatte, das traurige Amt eines koͤntglichen Anwalts niederzulegen, das ihn der ganzen Nation verhaßt machte. Vigl. ad Hopper. LXVII. Brief. A. G. d. v. N. 114. 380 Kein Gericht des Landes durfte uͤber Rechtsfaͤlle erkennen, welche die letzte Empoͤrung betrafen, ſo daß beinahe alle andern Juſtizhoͤfe ruhten. Der große Rath zu Mecheln war ſo gut als nicht mehr; das Anſehen des Staatsraths fiel gaͤnzlich, daß ſogar ſeine Sitzungen eingingen. Selten geſchah es, daß ſich der Herzog mit einigen Gliedern des letztern uͤber Staats⸗ geſchaͤfte beſprach, und wenn es auch je zuweilen dazu kam, ſo war es in ſeinem Cabinette, in einer Privatunterredung, ohne eine rechtliche Form dabei zu beobachten. Kein Privilegium, kein noch ſo ſorgfaͤltig beſiegelter Freibrief kam vor dem Rathe der Unruhen in Anſchlag.¹) Alle Urkunden und Contracte mußten ihm vorgelegt werden, und oft die gewaltthaͤtigſte Aus⸗ legung und Aenderung leiden. Ließ der Herzog eine Sentenz ausfertigen, die von den Staͤnden Brabants Widerſpruch zu fuͤrchten hatte, ſo galt ſie ohne das brabantiſche Siegel. In die heiligſten Rechte der Perſonen wurden Eingriffe gethan, und eine beiſpielloſe Deſpotie drang ſich ſogar in den Kreis des haͤus⸗ lichen Lebens. Weil die Unkatholiſchen und Rebellen bisher durch Heirathsverbindungen mit den erſten Familien des Lan⸗ des ihren Anhang ſo ſehr zu verſtaͤrken gewußt hatten, ſo gab der Herzog ein Mandat, das allen Niederlaͤndern, weß Stan⸗ des und Wuͤrden ſie auch ſeyn moͤchten, bei Strafe an Leib und Gut unterſagte, ohne vorhergeſchehene Anfrage bei ihm und ohne ſeine Bewilligung eine Heirath zu ſchließen.*) Alle, die der Rath der Unruhen vorzuladen fuͤr gut fand, mußten vor dieſem Tribunale erſcheinen, die Geiſtlichkeit wie 1 In einem ſchlechten Latein richtete V argas die niederlaͤndiſche Freiheit zu Grunde. Non curamus vestros privilegios, antwortete er Einem, der die Freiheiten der hohen Schule zu Loͤwen gegen ihn geltend machen wollte. A. G. d. v. N. 117. ²) Meteren 106. 107. Thuan. 540. 381 die Laien, die ehrwuͤrdigſten Haͤupter der Senate, wie der Bilderſtuͤrmer verworfenes Geſindel. Wer nicht erſchien, wie auch faſt Niemand that, war des Landes verwieſen, und alle ſeine Guͤter dem Fiscus heimgefallen; verloren aber war ohne Rettung, wer ſich ſtellte, oder den man ſonſt habhaft werden konnte. Zwanzig, Vierzig, oft Fuͤnfzig, wurden aus Einer Stadt zugleich vorgefordert, und die Reichſten waren dem Donnerſtrahle immer die Naͤchſten. Geringere Buͤrger, die nichts beſaßen, was ihnen Vaterland und Herd haͤtte lieb machen koͤnnen, wurden ohne vorhergegangene Citation uͤber⸗ raſcht und verhaftet. Manche angeſehene Kaufleute, die uͤber ein Vermoͤgen von ſechzig- bis hunderttauſend Gulden zu ge⸗ bieten gehabt hatten, ſah man hier wie gemeines Geſindel, mit auf den Ruͤcken gebundenen Haͤnden, an einem Pferde⸗ ſchweif zu der Richtſtaͤtte ſchleifen, in Valenciennes zu einer Zeit fünf und fuͤnfzig Haͤupter abſchlagen. Alle Gefaͤngniſſe, deren der Herzog gleich beim Antritt ſeiner Verwaltung eine große Menge hatte neu erbauen laſſen, waren von Delinquenten vollgepreßt; Haͤngen, Koͤpfen, Viertheilen, Verbrennen, waren die hergebrachten und ordentlichen Verrichtungen des Tages; weit ſeltener ſchon hoͤrte man von Galeerenſtrafe und Ver⸗ weiſung, denn faſt keine Verſchuldung war, die man fuͤr Todesſtrafe zu leicht geachtet haͤtte. Unermeßliche Summen fielen dadurch in den Fiscus, die aber den Golddurſt des neuen Statthalters und ſeiner Gehuͤlfen viel mehr reizten, als loͤſchten. Sein raſender Entwurf ſchien zu ſeyn, die ganze Nation zum Bettler zu machen, und alle Reichthuͤmer des Landes in des Koͤnigs und ſeiner Diener Haͤnde zu ſpielen. Der jaͤhrliche Er⸗ traz dieſer Confiscationen wurde den Einkuͤnften eines Koͤnig⸗ reichs vom erſten Range gleich geſchatzt; man ſoll ſie dem Mor⸗ archen, nach einer ganz unglaublichen Angabe,«u’ zwanziz 38²2 Millionen Thaler berechnet haben. Aber dieſes Verfahren war deſto unmenſchlicher, da es gerade die ruhigſten Unterthanen, und die rechtglaͤubigen Katholiken, denen man nicht einmal Leides thun wollte, oft am haͤrteſten traf; denn mit Einziehung der Guͤter ſahen ſich alle Glaͤubiger getaͤuſcht, die darauf zu for⸗ dern gehabt hatten; alle Hoſpitaͤler und oͤffentlichen Stiftungen, die davon unterhalten worden, gingen ein, und die Armuth, die ſonſt einen Nothpfennig davon gezogen, mußte dieſe einzige Nahrungsguelle fuͤr ſich vertrocknet ſehen. Welche es unter⸗ nahmen, ihr gegruͤndetes Recht an dieſe Guͤter vor dem Rathe der Zwoͤlfe zu verfolgen(denn kein anderer Gerichtshof durfte ſich mit dieſen Unterſuchungen befaſſen), verzehrten ſich in langwierigen koſtbaren Rechtshaͤndeln, und waren Bettler, ehe ſie das Ende davon erlebten. ¹) Von einer ſolchen Um⸗ kehrung der Geſetze, ſolchen Gewaltthaͤtigkeiten gegen das Eigen⸗ thum, einer ſolchen Verſchleuderung des Menſchenlebens kann die Geſchichte gebildeter Staaten ſchwerlich mehr als noch ein einziges Beiſpiel aufweiſen; aber Cinna, Sulla und Ma⸗ rius traten in das eroberte Rom als beleidigte Sieger, und uͤbten wenigſtens ohne Huͤlle, was der niederlaͤndiſche Statt⸗ halter unter dem ehrwuͤrdigen Schleier der Geſetze vollfuͤhrte. Bis zum Ablauf dieſes 1567ſten Jahres hatte man noch an die perſönliche Ankunſt des Kenizs geglaubt, und die Be⸗ ſten aus dem Volke hatten ſich auf dieſe letzte Inſtanz ver⸗ troͤſter. Noch immer lagen Schiffe, die er ausdruͤcklich zu dieſem Zwecke hatte ausruͤſten laſſen, im Hafen vor Pließingen bereit, ihm auf den erſten Wink entgegenzuſegeln; und bloß allein, weil er in ihren Mauern reſidiren ſollte, hatte ſich die Stadt Bruͤſſel zu einer ſpaniſchen Beſatzung verſtanden. Aber 1¹) Meteren 109. 383 auch dieſe Hoffnung erloſch allmaͤhlich ganz, da der Koͤnig dieſe Reiſe von einem Vierteljahr aufs andere hinausſchob, und der neue Regent ſehr bald anfing, eine Vollmacht ſehen zu laſſen, die weniger einen Vorlaͤufer der Majeſtaͤt, als einen ſouveraͤnen Miniſter ankuͤndigte, der ſie ganz uͤberfluͤſſig machte. Um die Noth der Provinzen vollkommen zu machen, mußte nun auch in der Perſon der Regentin ihr letzter guter Engel von ihnen ſcheiden. ¹) Schen ſeit der Zeit naͤmlich, wo ihr die ausgedehnte Voll⸗ macht des Herzogs uͤber das Ende ihrer Herrſchaft keinen Zweifel mehr uͤbrig ließ, hatte Margaretha den Entſchluß ge⸗ faßt, auch dem Namen derſelben zu entſagen. Einen lachenden Erben im Beſitze einer Hoheit zu ſehen, die ihr durch einen neunjaͤhrigen Genuß zum Beduͤrfniſſe geworden war, einem Andern die Herrlichkeit, den Ruhm, den Schimmer, die An⸗ betung und alle Aufmerkſamkeiten, die das gewoͤhnliche Ge⸗ folge der hoͤchſten Gewalt ſind, zuwandern zu ſehen, und ver⸗ loren zu fuͤhlen, was ſie beſeſſen zu haben nie vergeſſen konnte, war mehr, als eine Frauenſeele zu verſchmerzen im Stande iſt; aber Herzog Alba war vollends nicht dazu ge⸗ macht, durch einen ſchonenden Gebrauch ſeiner neuerlangten Hoheit ihr die Trennung davon weniger fuͤhlbar zu machen. Die allgemeine Ordnung ſelbſt, die durch dieſe doppelte Herr⸗ ſchaft in Gefahr gerieth, ſchien ihr dieſen Schritt aufzulegen. Viele Provinzſtatthalter weigerten ſich, ohne ein ausdruͤckliches Mandat vom Hofe, Befehle vom Herzoge anzunehmen und ihn als Mitregenten zu erkennen. Der ſchnelle Umtauſch ihrer Pole hatte bei den Hoͤflingen nicht ſo gelaſſen, ſo unmerklich abgehen koͤnnen, daß die Her⸗ zogin die Veraͤnderung nicht aufs bitterſte empfand. Selbſt die ¹) Vigl. ad Hopper. XILV. Brief⸗ 384 Wenigen, die, wie z. B. der Staatsrath Viglius, ſtandhaft bei ihr aushielten, thaten es weniger aus Anhaͤnglichkeit an ihre Perſon, als aus Verdruß, ſich Anfaͤngern und Fremdlingen nachgeſetzt zu ſeben, und weil ſie zu ſtolz dachten, unter dem neuen Regenten ihre Lehrjahre zu wiederholen. ¹) Bei weitem der groͤßte Theil konnte bei allen Beſtrebungen, die Mitte zwiſchen Beiden zu halten, die unterſcheidende Huldigung nicht ver⸗ bergen, die er der aufgehenden Sonne vor der ſinkenden zollte, und der koͤnigliche Palaſt in Bruͤſſel ward immer oͤder und ſtiller, je mehr ſich das Gedraͤnge im Kuilemburgiſchen Hauſe vermehrte. Aber was die Empfindlichkeit der Herzogin zu dem aͤußerſten Grade reizte, war Hoorns und Egmonts Verhaf⸗ tung, die ohne ihr Wiſſen, und als waͤre ſie gar nicht in der Welt geweſen, eigenmaͤchtig von dem Herzoge beſchloſſen und ausgeführt ward. Zwar bemuͤhte ſich Alba, ſie ſogleich nach geſchehener That durch die Erklaͤrung zu beruhigen, daß man dieſen Anſchlag aus keinem andern Grunde vor ihr geheim gehalten, als um bei einem ſo verhaßten Geſchaͤfte ihren Namen zu ſchonen; aber eine Delicateſſe konnte die Wunde nicht zu⸗ ſchließen, die ihrem Stolze geſchlagen war. Um auf einmal allen aͤhnlichen Kraͤnkungen zu entgehen, von denen die gegen⸗ waͤrtige wahrſcheinlich nur ein Vorbote war, ſchickte ſie ihren Geheimſchreiber, Macchiavell, an den Hof ihres Bruders ab, ihre Entlaſſung von der Regentſchaft dort mit allem Ernſte zu betreiben Sie wurde ihr ohne alle Schwierigkeit, doch mit allen Merkmalen ſeiner hoͤchſten Achtung, bewilligt; er ſetze, druͤckte er ſich aus, ſeinen eigenen und der Provinzen Vortheil hintan, um ſeine Schweſter zu verbinden. Ein Geſchenk von dreißig tauſend Thalern begleitete dieſe Bewilligung, und zwanzig tau⸗ 4) Vigl. ad Hopper. XXIII. XL. XLIV. u. XLV. Brief. 385 ſend wurden ihr zum jaͤhrlichen Gehalte angewieſen. ⁷) Zugleich folgte ein Diplom fuͤr den Herzog von Alba, das ihn an ihrer Statt zum Oberſtatthalter der ſaͤmmtlichen Niederlande mit unumſchraͤnkter Vollmacht erklaͤrte. ²) Gar gern haͤtte Margaretha geſehen, daß ihr vergoͤnnt worden waͤre, ihre Statthalterſchaft vor einer ſolennen Staͤnde⸗ verſammlung niederzulegen; ein Wunſch, den ſie dem Koͤnige nicht undeutlich zu erkennen gab, aber nicht die Freude hatte ihn in Erfuͤllung gebracht zu ſehen. Ueberhaupt mochte ſie das Feierliche lieben, und das Beiſpiel des Kaiſers, ihres Vaters, der in eben dieſer Stadt das außerordentliche Schauſpiel ſeiner Kronabdankung gegeben, ſchien unendlich viel Anlockendes fuͤr ſie zu haben. Da es nun doch einmal von der hoͤchſten Ge⸗ walt geſchieden ſeyn mußte, ſo war ihr wenigſtens der Wunſch nicht zu verargen, dieſen Schritt mit moͤglichſtem Glanze zu thun; und da ihr außerdem nicht entging, wie ſehr der allge⸗ meine Haß gegen den Herzog ſie ſelbſt in Vortheil geſetzt hatte, ſo ſah ſie einem ſo ſchmeichelhaften, ſo ruͤhrenden Auftritte ¹) Der ihr aber nicht ſehr gewiſſenhaft ſcheint ausgezahlt worden zu ſeyn, wenn man anders einer Broſchuͤre trauen darf, die noch bei ihren Lebzeiten im Drucke herauskam.(Sie fuͤhrt den Titel: Discours sur la Blessure de Monseigneur Prince d'Orange, 1582, ohne Druckort, und ſteht in der kurfuͤrſtlichen Bibliothek zu Dresden.) Sie ſchmachte, heißt es hier, zu Namur im Elende, ſo ſchlecht unterſtuͤtzt von ihrem Sohne(dem damaligen Gouverneur der Nieder⸗ lande), daß ihr Secretaͤr, Aldobrandin, ſelbſt ihren daſigen Aufenthalt ein Exilium nenne. Aber, heißt es weiter, was konnte ſie auch von einem Sohne Beſſeres erwarten, der ihr, als er ſie noch ſehr jung in Bruͤſſel beſuchte, hinter dem Ruͤcken ein Schnipp⸗ chen ſchlug? 2) Strada 206. 207. 208. Meurs. Guil. Auriac. 40. Thuan. 559. Vigl. ad Hopper. XL. XLlI. XLIV. Brief. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 25 386 ſehnſuͤchtig entgegen. So gern haͤtte ſie die Thraͤnen der Nie⸗ derlaͤnder um die gute Beherrſcherin fließen ſehen, ſo gern auch die ihrigen dazu geweint, und ſanfter waͤre ſie unter dem all⸗ gemeinen Beileid vom Throne geſtiegen. So wenig ſie waͤh⸗ rend ihrer neunjaͤhrigen Verwaltung auch gethan, das allgemeine Wohlwollen zu verdienen, als das Gluͤck ſie noch umlaͤchelte und die Zufriedenheit ihres Herrn alle ihre Wuͤnſche begraͤnzte, ſo viel Werth hatte es jetzt fuͤr ſie erlangt, da es das Einzige war, was ihr fuͤr den Fehlſchlag ihrer uͤbrigen Hoffnungen einigen Erſatz geben konnte; und gern haͤtte ſie ſich uͤberredet, daß ſie ein freiwilliges Opfer ihres guten Herzens und ihrer zu menſch⸗ lichen Geſinnung fuͤr die Niederlaͤnder geworden ſey. Da der Monarch weit davon entfernt war, durch eine Zuſammenrottung der Nation Gefahr zu laufen, um eine Grille ſeiner Schweſter zu befriedigen, ſo mußte ſie ſich mit einem ſchriftlichen Abſchiede von den Staͤnden begnuͤgen, in welchem ſie ihre ganze Ver⸗ waltung durchlief, alle Schwierigkeiten, mit denen ſie zu kaͤm⸗ pfen gehabt, alle Uebel, die ſie durch ihre Gewandtheit ver⸗ huͤtet, nicht ohne Ruhmredigkeit aufzaͤhlte, und endlich damit ſchloß, daß ſie ein geendigtes Werk verlaſſe, und ihrem Nachfolger nichts, als die Beſtrafung der Verbrecher zu uͤber⸗ machen habe. Dasſelbe mußte auch der Koͤnig zu wiederhol⸗ ten Malen von ihr hoͤren, und nichts wurde geſpart, dem Ruhme vorzubeugen, den die gluͤcklichen Erfolge des Herzogs ihm unverdienterweiſe erwerben moͤchten. Ihr eigenes Verdienſt legte ſie als etwas Entſchiedenes, aber zugleich als eine Laſt, die ihre Beſcheidenheit druͤckte, zu den Fuͤßen des Koͤnigs nieder.) Die unbefangene Nachwelt duͤrfte gleichwohl Bedenken tra⸗ gen, dieſes gefaͤllige Urtheil ohne Einſchraͤnkung zu unter⸗ ¹) Meurs. Guil. Auriac. 40. Strada 207. 208. 387 ſchreiben; ſelbſt wenn die vereinigte Stimme ihrer Zeit⸗ genoſſen, wenn das Zeugniß der Niederlande ſelbſt dafuͤr ſpraͤche, ſo wuͤrde einem Dritten das Recht nicht benommen ſeyn, es noch einer genauern Pruͤfung zu unterwerfen. Das leicht bewegliche Gemuͤth des Volks iſt nur allzu ſehr geneigt, einen Fehler weniger fuͤr eine Tugend mehr anzuſchreiben, und unter dem Drucke eines gegenwaͤrtigen Uebels das uͤber⸗ ſtandene zu loben. Die ganze Verabſcheuungskraft der Nieder⸗ laͤnder ſchien ſich an dem ſpaniſchen Namen erſchoͤpft zu haben; die Regentin als Urheberin eines Uebels anklagen, hieß dem Koͤnig und ſeinen Miniſtern Fluͤche entziehen, die man ihnen lieber allein und vollſtaͤndig goͤnnte; und Herzog Alba's Re⸗ giment in den Niederlanden war der rechte Standpunkt wohl nicht, das Verdienſt ſeiner Vorgaͤngerin zu pruͤfen. Das Unternehmen war allerdings nicht leicht, den Erwartungen des Monarchen zu entſprechen, ohne gegen die Rechte des nieder⸗ laͤndiſchen Volks und die Pflichten der Menſchlichkeit anzuſtoßen; aber im Kampfe mit dieſen zwei widerſprechenden Pflichten hat Margaretha keine von beiden erfuͤllt, und der Nation augen⸗ ſcheinlich zu viel geſchadet, um dem Koͤnige ſo wenig zu nuͤtzen. Wahr iſt's, ſie unterdruͤckte endlich den proteſtantiſchen Anhang, aber der zufaͤllige Ausbruch der Bilderſtuͤrmerei that ihr dabei groͤßere Dienſte, als ihre ganze Politik. Durch ihre Feinheit trennte ſie zwar den Bund des Adels, aber erſt nach⸗ dem durch ſeine innere Zwietracht der toͤdtliche Streich ſchon an ſeiner Wurzel geſchehen war. Woran ſie viele Jahre ihre ganze Staatskunſt fruchtlos erſchoͤpft hatte, brachte eine einzige Truppenwerbung zu Stande, die ihr von Madrid aus befohlen wurde. Sie uͤbergab dem Herzog ein beruhigtes Land; aber nicht zu laͤugnen iſt es, daß die Furcht vor ſeiner Ankunft das Beſte dabei gethan hatte. Durch ihre Berichte fuͤhrte ſie das 388 Conſeil in Spanien irre, weil ſie ihm niemals die Krankheit, nur die Zufaͤlle, nie den Geiſt und die Sprache der Nation, nur die Unarten der Parteien bekannt machte; ihre fehlerhafte Verwaltung riß das Volk zu Verbrechen hin, weil ſie erbitterte, ohne genugſam zu ſchrecken; ſie fuͤhrte den verderbenden Herzog von Alba uͤber das Land herbei, weil ſie den Koͤnig auf den Glauben gebracht hatte, daß die Unruhen in den Pro⸗ vinzen weniger der Haͤrte ſeiner Verordnungen, als der Un⸗ zuverlaͤſſigkeit des Werkzeuges, dem er die Vollſtreckung der⸗ ſelben anvertraut hatte, beizumeſſen ſeyen. Margaretha be⸗ ſaß Geſchicklichkeit und Geiſt, eine gelernte Staatskunſt auf einen regelmaͤßigen Fall mit Feinheit anzuwenden, aber ihr fehlte der ſchoͤpferiſche Sinn, fuͤr einen neuen und außerordent⸗ lichen Fall eine neue Maxime zu erfinden, oder eine alte mit Weisheit zu uͤbertreten. In einem Lande, wo die feinſte Staatskunſt Redlichkeit war, hatte ſie den ungluͤcklichen Einfall, ihre hinterliſtige italieniſche Politik zu uͤben, und ſaͤete dadurch ein verderbliches Mißtrauen in die Gemuͤther. Die Nachgiebigkeit, die man ihr ſo freigebig zum Verdienſte an⸗ rechnet, hatte der herzhafte Widerſtand der Nation ihrer Schwaͤche und Zaghaftigkeit abgepreßt; nie hat ſie ſich aus ſelbſtgebornem Entſchluſſe uͤber den Buchſtaben der koͤnig⸗ lichen Befehle erhoben, nie den barbariſchen Sinn ihres Auftrags aus eigener ſchoͤner Menſchlichkeit mißverſtanden. Selbſt die wenigen Bewilligungen, wozu die Noth ſie zwang, gab ſie mit unſicherer zuruͤckgezogener Hand, als haͤtte ſie ge⸗ fuͤrchtet, zu viel zu geben, und ſie verlor die Frucht ihrer Wohl⸗ thaten, weil ſie mit filziger Genauigkeit daran ſtuͤmmelte. Was ſie zu wenig war in ihrem ganzen uͤbrigen Leben, war ſie zu viel auf dem Throne— eine Frau. Es ſtand bei ihr, nach Granvella's Vertreibung die Wohlthaͤterin des nieder⸗ 389 laͤndiſchen Volks zu werden, und ſie iſt es nicht geworden. Ihr hoͤchſtes Gut war das Wohlgefallen ihres Koͤnigs, ihr hoͤchſtes Ungluͤck ſeine Mißbilligung; bei allen Vorzuͤgen ihres Geiſtes bleibt ſie ein gemeines Geſchoͤpf, weil ihrem Herzen der Adel fehlte. Mit vieler Maͤßigung uͤbte ſie eine traurige Gewalt, und befleckte durch keine willkuͤrliche Grauſamkeit ihre Regierung; ja, haͤtte es bei ihr geſtanden, ſie wuͤrde immer menſchlich gehandelt haben. Spaͤt nachher, als ihr Abgott, Philipp der Zweite, ihrer lange vergeſſen hatte, hielt das niederlaͤndiſche Volk ihr Gedaͤchtniß noch in Ehren; aber ſie war der Glorie bei weitem nicht werth, die ihres Nachfolgers Unmenſchlichkeit um ſie verbreitete. Sie verließ Bruͤſſel gegen Ende des Chriſtmonats 1567, und wurde von dem Herzoge bis an die Graͤnze Brabants geleitet, der ſie hier unter dem Schutze des Grafen von Mannsfeld verließ, um deſto ſchneller nach der Hauptſtadt zuruͤckzukehren, und ſich dem nie⸗ derlaͤndiſchen Volke nunmehr als alleinigen Regenten zu zeigen. Beilagen. Proceß und Hinrichtung der Grafen von Egmont und von Hoorn.) Beide Grafen wurden einige Wochen nach ihrer Verhaftung unter einer Escorte von dreitauſend ſpaniſchen Soldaten nach Gent geſchafft, wo ſie laͤnger als acht Monate in der Citadelle verwahrt wurden. Ihr Proceß wurde in aller Form von dem Rathe der Zwoͤlfe, den der Herzog zu Unterſuchungen uͤber die vergangenen Unruhen in Bruͤſſel niedergeſetzt hatte, vorgenom⸗ men, und der Generalprocurator, Johann du Bois, mußte die Anklage aufſetzen. Die, welche gegen Egmont gerichtet war, enthielt neunzig verſchiedene Klagpunkte, und ſechzig die andere, welche den Grafen von Hoorn anging. Es wuͤrde zu weitlaͤufig ſeyn, ſie hier anzufuͤhren; auch ſind oben ſchon ei⸗ nige Muſter davon gegeben worden Jede noch ſo unſchuldige Handlung, jede Unterlaſſung wurde aus dem Geſichtspunkte be⸗ trachtet, den man gleich im Eingange feſtgeſetzt hatte,„daß beide Grafen, in Verbindung mit dem Prinzen von Ora⸗ nien, getrachtet haben ſollten, das koͤnigliche Anſehen in den Niederlanden uͤber den Haufen zu werfen, und ſich ſelbſt die ¹) Dieſer Aufſatz erſchien zuerſt im s8ten Hefte der Thalia. 394 Regierung des Landes in die Haͤnde zu ſpielen.“ Granvel⸗ la's Vertreibung, Egmonts Abſendung nach Madrid, die Confoͤderation der Geuſen, die Bewilligungen, welche ſie in ihren Statthalterſchaften den Proteſtanten ertheilt— alles die⸗ ſes mußte nun in Hinſicht auf jenen Plan geſchehen ſeyn, Alles Zuſammenhang haben. Die nichtsbedeutendſten Kleinigkeiten wurden dadurch wichtig, und eine vergiftete die andere. Nach⸗ dem man zur Vorſorge die meiſten Artikel ſchon einzeln als Verbrechen beleidigter Majeſtaͤt behandelt hatte, ſo konnte man um ſo leichter aus allen zuſammen dieſes Urtheil herausbringen. Jedem der beiden Gefangenen wurde die Anklage zugeſchickt, mit dem Bedeuten, binnen fuͤnf Tagen darauf zu antworten. Nachdem ſie dieſes gethan, erlaubte man ihnen, Defenſoren und Procuratoren anzunehmen, denen freier Zutritt zu ihnen ver⸗ ſtattet wurde. Da ſie des Verbrechens der beleidigten Majeſtaͤt angeklagt waren, ſo war es keinem ihrer Freunde erlaubt, ſie zu ſehen. Graf Egmont bediente ſich eines Herrn von Lan⸗ das und einiger geſchickten Rechtsgelehrten aus Bruͤſſel. Ihr erſter Schritt war, gegen das Gericht zu proteſtiren, das uͤber ſie ſprechen ſollte, da ſie als Ritter des goldenen Vließes nur von dem Koͤnige ſelbſt, als dem Großmeiſter dieſes Ordens, gerichtet werden koͤnnten. Aber dieſe Proteſtation wurde verworfen, und darauf gedrungen, daß ſie ihre Zeugen vorbringen ſollten, widrigenfalls man in oontumaciam gegen ſie fortfahren wuͤrde. Egmont hatte auf zwei und achtzig Punkte mit den befriedigendſten Gruͤnden geantwortet; auch der Graf von Hoorn beantwortete ſeine Anklage Punkt fuͤr Punkt. Klagſchrift und Rechtfertigung ſind noch vorhanden; jedes un⸗ befangene Tribunal wuͤrde ſie auf eine ſolche Vertheidigung frei⸗ geſprochen haben. Der Fiscal drang auf ihre Zeugniſſe, und Herzog Alba ließ wiederholte Decrete an ſie ergehen, damit zu 395 eilen. Sie zoͤgerten von einer Woche zur andern, indem ſie ihre Proteſtationen gegen die Unrechtmaͤßigkeit des Gerichts erneuerten. Endlich ſetzte ihnen der Herzog noch einen Ter⸗ min von neun Tagen, ihre Zeugniſſe vorzubringen; nachdem ſie auch dieſe hatten verſtreichen laſſen, wurden ſie fuͤr uͤber⸗ wieſen und aller Vertheidigung verluſtig erklaͤrt. Waͤhrend daß dieſer Proceß betrieben wurde, verhielten ſich die Verwandten und Freunde der beiden Grafen nicht muͤßig. Egmonts Gemahlin, eine geborne Herzogin von Bayern, wandte ſich mit Bittſchriften an die deutſchen Reichsfuͤrſten, an den Kaiſer, an den Koͤnig von Spanien; ſo auch die Graͤfin von Hoorn, die Mutter des Gefangenen, die mit den erſten fuͤrſtlichen Familien Deutſchlands in Freundſchaft oder Ver⸗ wandtſchaft ſtand. Alle proteſtirten laut gegen dieſes geſetz⸗ widrige Verfahren, und wollten die deutſche Reichsfreiheit, worauf der Graf von Hoorn, als Reichsgraf, noch beſondern Anſpruch machte, die niederlaͤndiſche Freiheit, und die Privi⸗ legien des Ordens vom goldenen Vließe dagegen geltend machen. Die Graͤfin von Egmont brachte faſt alle Hoͤfe fuͤr ihren Gemahl in Bewegung; der Koͤnig von Spanien und ſein Statthalter wurden von Interceſſionen belagert, die von einem zum andern gewieſen, und von beiden verſpottet wurden. Die Graͤfin von Hoorn ſammelte von allen Rittern des Vließes aus Spanien, Deutſchland, Italien Certiſicate zuſammen, die Privilegien des Ordens dadurch zu erweiſen. Alba wies ſie zuruͤck, indem er erklaͤrte, daß ſie in dem jetzigen Falle keine Kraft haͤtten.„Die Verbrechen, deren man die Grafen be⸗ „ſchuldigte, ſeyen in Angelegenheiten der niederlaͤndiſchen Pro⸗ „vinzen begangen, und er, der Herzog, von dem Koͤnige uͤber „alle niederlaͤndiſchen Angelegenheiten zum alleinigen Richter „geſetzt.“ 396 Vier Monate hatte man dem Fiscal zu ſeiner Klagſchrift eingeraͤumt, und fuͤnfe wurden den beiden Grafen zu ihrer Vertheidigung gegeben. Aber anſtatt Zeit und Muͤhe durch Herbeiſchaffung ihrer Zeugniſſe, die ihnen wenig genuͤtzt haben wuͤrden, zu verlieren, verloren ſie ſie lieber durch Proteſtatio⸗ nen gegen ihre Richter, die ihnen noch weniger nuͤtzten. Durch jene haͤtten ſie doch wahrſcheinlich das letzte Urtheil verzoͤ⸗ gert, und in der Zeit, die ſie dadurch gewannen, haͤtten die kraͤftigen Verwendungen ihrer Freunde vielleicht doch noch von Wirkung ſeyn koͤnnen; durch ihr hartnaͤckiges Beharren auf Verwerfung des Gerichts gaben ſie dem Herzoge die Gelegen⸗ heit an die Hand, den Proceß zu verkuͤrzen. Nach Ablauf des letzten aͤußerſten Termins, am Iſten Junius 1568, erklaͤrte ſie der Rath der Zwoͤlfe fuͤr ſchuldig, und am aten dieſes Monats folgte das letzte Urtheil gegen ſie. Die Hinrichtung von fuͤnfundzwanzig edeln Niederlaͤndern, welche binnen drei Tagen auf dem Markte zu Bruͤſſel ent⸗ hauptet wurden, war das ſchreckliche Vorſpiel von dem Schick⸗ ſale, welches beide Grafen erwartete. Johann Caſembrot von Beckerzeel, Secretaͤr bei dem Grafen von Egmont, war einer dieſer Ungluͤcklichen, welcher fuͤr ſeine Treue gegen ſeinen Herrn, die er auch auf der Folter ſtandhaft behauptete, und fuͤr ſeinen Eifer im Dienſte des Koͤnigs, den er gegen die Bilderſtuͤrmer bewieſen, dieſen Lohn erhielt. Die Uebrigen waren entweder bei dem geuſiſchen Aufſtande mit den Waffen in der Hand gefangen, oder wegen ihres ehemaligen Antheils an der Bittſchrift des Adels als Hochverraͤther eingezogen und verurtheilt worden. Der Herzog hatte Urſache, mit Vollſtreckung der Sentenz zu eilen. Graf Ludwig von Naſſau hatte dem Grafen von Aremberg bei dem Kloſter Heiligerlee in Groͤningen ein 397 Treffen geliefert, und das Gluͤck gehabt, ihn zu uͤberwinden. Gleich nach dem Siege war er vor Groͤningen geruͤckt, welches er belagert hielt. Das Gluͤck ſeiner Waffen hatte den Muth ſeines Anhangs erhoben, und der Prinz von Oranien, ſein Bruder, war mit einem Heere nahe, ihn zu unterſtuͤtzen. Alles dieß machte die Gegenwart des Herzogs in dieſen ent⸗ legenen Provinzen nothwendig; aber ehe das Schickſal zweier ſo wichtiger Gefangenen entſchieden war, durfte er es nicht wagen, Bruͤſſel zu verlaſſen. Die ganze Nation war ihnen mit einer enthuſiaſtiſchen Ergebenheit zugethan, die durch ihr ungluͤck⸗ liches Schickſal nicht wenig vermehrt ward. Auch der ſtreng katholiſche Theil goͤnnte dem Herzoge den Triumph nicht, zwei ſo wichtige Maͤnner zu unterdruͤcken. Ein einziger Vortheil, den die Waffen der Rebellen uͤber ihn davontrugen, oder auch nur das bloße erdichtete Geruͤcht davon in Bruͤſſel war genug, eine Revolution in dieſer Stadt zu bewirken, wodurch beide Grafen in Freiheit geſetzt wurden. Dazu kam, daß der Bitt⸗ ſchriften und Interceſſionen, die von Seiten der deutſchen Reichsfuͤrſten bei ihm ſowohl, als bei dem Koͤnige in Spanien, einliefen, taͤglich mehr wurden, ja, daß Kaiſer Maximi⸗ lianll ſelbſt der Graͤfin von Egmont verſichern ließ:„ſie habe fuͤr das Leben ihres Gemahls nichts zu be⸗ ſorgen,“ welche wichtige Verwendungen den Koͤnig endlich doch zum Vortheil der Gefangenen umſtimmen konnten. Ja, der Koͤnig konnte vielleicht, im Vertrauen auf die Schnelligkeit ſeines Statthalters, den Vorſtellungen ſo vieler Fuͤrſten zum Schein nachgeben, und das Todesurtheil gegen die Gefangenen aufheben, weil er ſich verſichert hielt, daß dieſe Gnade zu ſpaͤt kommen wuͤrde. Gruͤnde genug, daß der Herzog mit der Voll⸗ ſtreckung der Sentenz nicht ſaͤumte, ſobald ſte gefaͤllt war. Gleich den andern Tag wurden beide Grafen unter einer 398 Bedeckung von dreitauſend Spaniern aus der Citadelle von Gent nach Bruͤſſel gebracht, und im Brodhauſe auf dem großen Markte gefangen geſetzt. Am andern Morgen wurde der Rath der Unruhen verſammelt; der Herzog erſchien, gegen ſeine Gewohnheit, ſelbſt, und die beiden Urtheile, couvertirt und verſiegelt, wurden von dem Secretaͤr Pranz erbrochen und oͤffentlich abgeleſen. Beide Grafen waren der beleidigten Majeſtaͤt ſchuldig erkannt, weil ſie die abſcheuliche Ver⸗ ſchwoͤrung des Prinzen von Oranien beguͤnſtigt und befoͤrdert, die confoͤderirten Sdelleure in Schutz genommen, und in ihren Statthalter⸗ ſchaften und andern Bedienungen dem Koͤnige und der Kirche ſchlecht gedient haͤtten. Beide ſollten oͤffentlich enthauptet, ihre Koͤpfe auf Spieße geſteckt und ohne ausdruͤcklichen Befehl des Herzogs nicht abgenommen werden. Alle ihre Guͤter, Lehen und Rechte waren dem koͤniglichen Fis⸗ cus zugeſprochen. Das Urtheil war von dem Herzog allein und dem Secretaͤr Pranz unterzeichnet, ohne daß man ſich um die Beiſtimmung der uͤbrigen Criminalraͤthe bemuͤht haͤtte. In der Nacht zwiſchen dem 4 und 5 Junius brachte man ihnen die Sentenz ins Gefaͤngniß, nachdem ſie ſchon ſchlafen gegangen waren. Der Herzog hatte ſie dem Biſchofe von Ypern, Martin Rithor, eingehaͤndigt, den er ausdruͤcklich darum nach Bruͤſſel kommen ließ, um die Gefangenen zum Tode zu bereiten. Als der Biſchof dieſen Auftrag erhielt, warf er ſich dem Her⸗ zoge zu Fuͤßen und flehte mit Thraͤnen in den Augen um Gnade— um Aufſchub wenigſtens fuͤr die Gefangenen; wor⸗ auf ihm mit harter zorniger Stimme geantwortet wurde, daß man ihn nicht von Ypern gerufen habe, um ſich dem Urtheile zu widerſetzen, ſondern um es den ungluͤcklichen Grafen durch ſeinen Zuſpruch zu erleichtern. 399 Dem Grafen von Egmont zeigte er das Todesurtheil zuerſt vor.„Das iſt fuͤrwahr ein ſtrenges Urtheil!“ rief der Graf bleich und mit entſetzter Stimme.„So ſchwer glaubte „ich Se. Majeſtaͤt nicht beleidigt zu haben, um eine ſolche Be⸗ „handlung zu verdienen. Muß es aber ſeyn, ſo unterwerfe „ich mich dieſem Schickſale mit Ergebung. Moͤge dieſer Tod „meine Suͤnden tilgen, und weder meiner Gattin noch meinen „Kindern zum Nachtheile gereichen! Dieſes wenigſtens glaube „ich fuͤr meine vergangenen Dienſte erwarten zu koͤnnen. Den „Tod will ich mit gefaßter Seele erleiden, weil es Gott und „dem Koͤnige ſo gefaͤllt.“— Er drang hierauf in den Biſchof, ihm ernſtlich und aufrichtig zu ſagen, ob keine Gnade zu hoffen ſey. Als ihm mit Nein geantwortet wurde, beichtete er, und empfing das Sacrament von dem Prieſter, dem er die Meſſe mit ſehr großer Andacht nachſprach. Er fragte ihn, welches Gebet wohl das beſte und ruͤhrendſte ſeyn wuͤrde, um ſich Gott in ſeiner letzten Stunde zu empfehlen. Da ihm dieſer ant⸗ wortete, daß kein eindringenderes Gebet ſey, als das, welches Chriſtus, der Herr, ſelbſt gelehrt habe, das Vater Unſer, ſo ſchickte er ſich ſogleich an, es herzuſagen. Der Gedanke an ſeine Familie unterbrach ihn; er ließ ſich Feder und Dinte geben, und ſchrieb zwei Briefe, einen an ſeine Gemahlin, den andern an den Koͤnig nach Spanien, welcher letztere alſo lautete: Sir el Dieſen Morgen habe ich das Urtheil angehoͤrt, welches Ew. Majeſtaͤt gefallen hat, uͤber mich ausſprechen zu laſſen. So weit ich auch immer davon entfernt geweſen bin, gegen die Perſon oder den Dienſt Ew. Majeſtaͤt, oder gegen die einzig wahre, alte und katholiſche Religion etwas zu unternehmen, ſo unterwerfe ich mich dennoch dem Schickſale mit Geduld, welches 400 Gott gefallen hat, uͤber mich zu verhaͤngen. Habe ich waͤhrend der vergangenen Unruhen etwas zugelaſſen, gerathen oder ge⸗ than, was meinen Pflichten zu widerſtreiten ſcheint, ſo iſt es gewiß aus der beſten Meinung geſchehen, und mir durch den Zwang der Umſtaͤnde abgedrungen worden. Darum bitte ich Ew. Majeſtaͤt, es mir zu vergeben, und in Ruͤckſicht auf meine vergangenen Dienſte mit meiner ungluͤcklichen Gattin und mei⸗ nen armen Kindern und Dienſtleuten Erbarmen zu tragen. In dieſer feſten Hoffnung empfehle ich mich der unendlichen Barmherzigkeit Gottes. Bruͤſſel, den 5 Juni 1568, dem letzten Augenblick nahe. E w. Majeſtaͤt treueſter Vaſall und Diener Lamoral, Graf von Egmont. Dieſen Brief empfahl er dem Biſchof aufs dringendſte; um ſicherer zu gehen, ſchickte er noch eine eigenhaͤndige Copie des⸗ ſelben an den Staatsrath Viglius, den billigſten Mann im Senate, und es iſt nicht zu zweifeln, daß er dem Koͤnige wirk⸗ lich uͤbergeben worden. Die Familie des Grafen erhielt nachher alle ihre Guͤter, Lehen und Rechte zuruͤck, die, kraft des Ur⸗ theils, dem koͤniglichen Fiscus heimgefallen waren. Unterdeſſen hatte man auf dem Markte zu Bruͤſſel vor dem Stadthauſe ein Schaffot aufgeſchlagen, auf welchem zwei Stan⸗ gen mit eiſernen Spitzen befeſtigt wurden, Alles mit ſchwarzem Tuche bedeckt. Zweiundzwanzig Fahnen ſpaniſcher Garniſon umgaben das Geruͤſte, eine Vorſicht, die nicht uͤberfluͤſſig war. Zwiſchen zehn und eilf Uhr erſchien die ſpaniſche Wache im Zimmer des Grafen; ſie war mit Straͤngen verſehen, ihm, der Gewohnheit nach, die Haͤnde damit zu binden. Er verbat ſich dieſes, und ertlaͤrte, daß er willig und bereit ſey, zu ſterben. 401 Von ſeinem Wams hatte er ſelbſt den Kragen abgeſchnitten, um dem Nachrichter ſein Amt zu erleichtern. Er trug einen Nachtrock von rothem Damaſt, uͤber dieſem einen ſchwarzen ſpaniſchen Mantel mit goldenen Treſſen verbraͤmt. So erſchien er auf dem Geruͤſte. Don Julian Romero, Mattre de Camp, ein ſpaniſcher Hauptmann, mit Namen Salinas, und der Biſchof von Ypern folgten ihm hinauf. Der Grand⸗Prevot des Hofes, einen rothen Stab in der Hand, ſaß zu Pferde am Fuße des Geruͤſtes; der Nachrichter war unter demſelben verborgen. Egmont hatte anfangs Luſt bezeugt, von dem Schaffot eine Anrede an das Volk zu halten. Als ihm aber der Biſchof vorſtellte, daß er entweder nicht gehoͤrt werden, oder, wenn dieß auch geſchaͤhe, bei der gegenwaͤrtigen gefaͤhrlichen Stimmung des Volks leicht zu Gewaltthaͤtigkeiten Anlaß geben koͤnnte, die ſeine Freunde nur ins Verderben ſtuͤrzen wuͤrden, ſo ließ er dieſes Vorhaben fahren. Er ging einige Augenblicke lang mit edlem Anſtande auf dem Geruͤſte auf und nieder, und beklagte, daß es ihm nicht gegoͤnnt ſey, fuͤr ſeinen Koͤnig und ſein Vaterland einen ruͤhmlichern Tod zu ſterben. Bis auf den letzten Augen⸗ blick hatte er ſich noch nicht uͤberreden koͤnnen, daß es dem Koͤnige mit dieſem ſtrengen Verfahren Ernſt ſey, und daß man es weiter, als bis zum bloßen Schrecken der Execution treiben wuͤrde. Wie der entſcheidende Augenblick herannahte, wo er das letzte Sacrament empfangen ſollte, wie er harrend herumſah und noch immer nichts erfolgte, ſo wandte er ſich an Julian Romero, und fragte ihn noch einmal, ob keine Begnadigung fuͤr ihn zu hoffen ſey? Julian Romero zog die Schultern, ſah zur Erde und ſchwieg. Da biß er die Zaͤhne zuſammen, warf ſeinen Mantel und Nachtrock nieder, kniete auf das Kiſſen und ſchickte ſich zum Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 26 40² letzten Gebet an. Der Biſchof ließ ihn das Crueifix kuͤſſen und gab ihm die letzte Oelung, worauf ihm der Graf ein Zeichen gab, ihn zu verlaſſen. Er zog alsdann eine ſeidene Muͤtze uͤber die Augen und erwartete den Streich.— Ueber den Leichnam und das fließende Blut wurde ſogleich ein ſchwarzes Tuch geworfen. Ganz Bruͤſſel, das ſich um das Schaffot draͤngte, fuͤhlte den toͤdtlichen Streich mit. Laute Thraͤnen unterbrachen die fuͤrchterlichſte Stille. Der Herzog, der der Hinrichtung aus einem Fenſter zuſah, wiſchte ſich die Augen. Bald darauf brachte man den Grafen von Hoorn. Dieſer, von einer heftigern Gemuͤthsart als ſein Freund und durch mehr Gruͤnde zum Haſſe gegen den Koͤnig gereizt, hatte das Urtheil mit weniger Gelaſſenheit empfangen, ob es gleich gegen ihn in einem geringern Grade unrecht war. Er hatte ſich harte Aeußerungen gegen den Koͤnig erlaubt, und mit Muͤhe hatte ihn der Biſchof dahin vermocht, von ſeinen letzten Augen⸗ blicken einen beſſern Gebrauch zu machen, als ſie in Ver⸗ wuͤnſchungen gegen ſeine Feinde zu verlieren. Endlich ſammelte er ſich doch, und legte dem Biſchofe ſeine Beichte ab, die er ihm anfangs verweigern wollte. Unter der naͤmlichen Begleitung, wie ſein Freund, beſtieg er das Geruͤſte. Im Voruͤbergehen begruͤßte er Viele aus ſeiner Bekanntſchaft; er war ungebunden, wie Egmont, in ſchwarzem Wams und Mantel, eine mallaͤndiſche Muͤtze von eben der Farbe auf dem Kopfe. Als er oben war, warf er die Augen auf den Leichnam, der unter dem Tuche lag, und fragte einen der Umſtehenden, ob es der Koͤrper ſeines Freundes ſey. Da man ihm dieß bejaht hatte, ſagte er einige Worte ſpaniſch, warf ſeinen Mantel von ſich und kniete auf das Kiſſen.— Alles ſchrie laut auf, als er den toͤdtlichen Streich empfing. 403 Beide Koͤpfe wurden auf die Stangen geſteckt, die uͤber dem Geruͤſte aufgepflanzt waren, wo ſie bis nach drei Uhr Nach⸗ mittags blieben, alsdann herabgenommen und mit den beiden Koͤrpern in bleiernen Saͤrgen beigeſetzt wurden. Die Gegenwart ſo vieler Auflaurer und Henker, als das Schaffot umgaben, konnte die Buͤrger von Bruͤſeel nicht ab⸗ halten, ihre Schnupftuͤcher in das herabſtroͤmende Blut zu tauchen und dieſe theure Reliquie mit nach Hauſe zu nehmen. II. Belagerung von Antwerpen durch den Prinzen von Parma in den Jahren 1584 und 1585.) Es iſt ein anziehendes Schauſpiel, den menſchlichen Er⸗ findungsgeiſt mit einem maͤchtigen Elemente im Kampfe zu erblicken, und Schwierigkeiten, welche gemeinen Faͤhigkeiten unuͤberſteiglich ſind, durch Klugheit, Entſchloſſenheit und einen ſtandhaften Willen beſiegt zu ſehen. Weniger anziehend, aber deſto belehrender iſt das Schauſpiel des Gegentheils, wo der Mangel jener Eigenſchaften alle Anſtrengungen des Genie's vereitelt, alle Gunſt der Zufaͤlle fruchtlos macht, und weil er ihn nicht zu benutzen weiß, einen ſchon entſchiedenen Erfolg vernichtet. Beiſpiele von Beidem liefert uns die beruͤhmte Blocade der Stadt Antwerpen durch die Spanier beim Ablauf des ſechszehnten Jahrhunderts, welche dieſer bluͤhenden Handels⸗ ſtadt ihren Wohlſtand unwiederbringlich raubte, dem Feldherrn hingegen, der ſie unternahm und ausfuͤhrte, einen unſterblichen Namen erwarb. 1) Dieſer Aufſatz wurde zuerſt in den Horen, Jahrgang 1795, St. 4 und 5 gedruckt. 40⁵ Zwoͤlf Jahre ſchon dauerte der Krieg, durch welchen die noͤrdlichen Provinzen Belgiens anfangs bloß ihre Glaubens⸗ freiheit und ſtaͤndiſchen Privilegien gegen die Eingriffe des ſpani⸗ ſchen Statthalters, zuletzt aber die Unabhaͤngigkeit ihres Staats von der ſpaniſchen Krone zu behaupten ſtrebten. Nie voͤllig Sieger, aber auch nie ganz beſiegt, ermuͤdeten ſie die ſpaniſche Tapferkeit durch langwierige Kriegsoperationen auf einem un⸗ guͤnſtigen Boden, und erſchoͤpften den Herrn beider Indien, indem ſie ſelbſt Bettler hießen und es zum Theil wirklich waren. Zwar hatte ſich der Gentiſche Bund wieder auf⸗ geloͤst, der die ſaͤmmtlichen, ſowohl katholiſchen als proteſtanti⸗ ſchen Niederlande in einen gemeinſchaftlichen und, wenn er haͤtte Beſtand haben koͤnnen, unuͤberwindlichen Koͤrper verband; aber anſtatt dieſer unſichern und unnatuͤrlichen Verbindung waren die noͤrdlichen Provinzen im Jahre 1579 in eine deſto engere Union zu Utrecht getreten, von der ſich eine laͤngere Dauer erwarten ließ, da ſie durch ein gleiches Staats⸗ und Religions⸗Intereſſe geknuͤpft und zuſammengehalten wurde. Was die neue Republik durch dieſe Trennung von den katho⸗ liſchen Provinzen an Umfang verloren, das hatte ſie an Innigkeit der Verbindung, an Einheit der Unternehmungen, an Energie der Ausfuͤhrung gewonnen, und ein Gluͤck war es fuͤr ſie, bei Zeiten zu verlieren, was mit Aufwendung aller Kraͤfte doch niemals haͤtte behauptet werden koͤnnen. Der groͤßte Theil der walloniſchen Provinzen war bald frei⸗ willig, bald durch die Waffen bezwungen, im Jahre 1584 unter die Herrſchaft der Spanier zuruͤckgekehrt; nur in den noͤrd⸗ lichen Gegenden hatte ſie noch immer nicht feſten Fuß faſſen koͤnnen. Selbſt ein betraͤchtlicher Theil von Brabant und Flandern widerſtand noch hartnaͤckig den Waffen des Herzogs Alexander von Parma, der die innere Regierung der 406 Provinzen und das Obercommando der Armee mit eben ſo viel Kraft als Klugheit verwaltete, und durch eine Reihe von Siegen den ſpaniſchen Namen aufs neue in Anſehen gebracht hatte. Die eigenthuͤmliche Organiſation des Landes, welche den Zu⸗ ſammenhang der Staͤdte unter einander und mit der See durch ſo viele Fluͤſſe und Canaͤle beguͤnſtigt, erſchwerte jede Eroberung, und der Beſitz eines Platzes konnte nur durch den Beſitz eines andern errungen werden. So lange dieſe Communication nicht gehemmt war, konnten Holland und Seeland mit leichter Muͤhe ihre Bundesverwandten ſchuͤtzen, und zu Waſſer ſowohl als zu Lande mit allen Beduͤrfniſſen reichlich verſorgen, daß alle Tapfer⸗ keit nichts half, nnd die Truppen des Koͤnigs durch langwierige Belagerungen vergeblich aufgerieben wurden. Unter allen Staͤdten Brabants war Antwerpen die wichtigſte, ſowohl durch ihren Reichthum, ihre Volksmenge und ihre Macht, als durch ihre Lage an dem Ausfluß der Schelde. Dieſe große und menſchenreiche Stadt, die in dieſem Zeitraume uͤber achtzig⸗ tauſend Einwohner zaͤhlte, war eine der thaͤtigſten Theil⸗ nehmerinnen an dem niederlaͤndiſchen Staatenbunde, und hatte ſich im Laufe dieſes Kriegs durch einen unbaͤndigen Freiheitsſinn vor allen Staͤdten Belgiens ausgezeichnet. Da ſie alle drei chriſtlichen Kirchen in ihrem Schooße hegte, und dieſer unein⸗ geſchraͤnkten Religionsfreiheit einen großen Theil ihres Wohl⸗ ſtandes verdankte, ſo hatte ſie auch bei weitem am meiſten von der ſpaniſchen Herrſchaft zu befuͤrchten, welche die Religions⸗ freiheit aufzuheben und durch die Schrecken des Inquiſitions⸗ gerichts alle proteſtantiſchen Kaufleute von ihren Maͤrkten zu verſcheuchen drohte. Die Brutalitaͤt ſpaniſcher Beſatzungen kannte ſie uͤberdieß ſchon aus einer ſchrecklichen Erfahrung, und es war leicht vorherzuſehen, daß ſie ſich dieſes unertraͤglichen 407 Joches, wenn ſie es einmal ſich hatte auflegen laſſen, im ganzen Laufe des Kriegs nicht mehr entledigen wuͤrde. So große Urſachen aber die Stadt Antwerpen hatte, die Spanier aus ihren Mauern entfernt zu halten, ſo wichtige Gruͤnde hatte der ſpaniſche Feldherr ſich derſelben, um welchen Preis es auch ſey, zu bemaͤchtigen. An dem Beſitze dieſer Stadt hing gewiſſermaßen der Beſitz des ganzen brabantiſchen Landes, welches ſich groͤßtentheils durch dieſen Canal mit Ge⸗ treide aus Seeland verſorgte, und durch Einnahme derſelben verſicherte man ſich zugleich die Herrſchaft der Schelde. Dem brabantiſchen Bunde, der in dieſer Stadt ſeine Verſammlungen hielt, wurde mit derſelben ſeine wichtigſte Stuͤtze entzogen, der gefaͤhrliche Einfluß ihres Beiſpiels, ihrer Rathſchlaͤge, ihres Geldes auf die ganze Partei gehemmt, und in den Schaͤtzen ihrer Bewohner den Kriegsbedurfniſſen des Koͤnigs eine reiche Huͤlfsquelle aufgethan. Der Fall derſelben mußte fruͤher oder ſpaͤter den Fall des ganzen Brabants nach ſich ziehen, und das Uebergewicht der Macht in dieſen Gegenden entſcheidend auf die Seite des Koͤnigs neigen. Durch die Staͤrke dieſer Gruͤnde bewogen, zog der Herzog von Parma im Julius 158a ſeine Macht zuſammen, und ruͤckte von Dornick, wo er ſtand, in ihre Nachbarſchaft heran, in der Abſicht, ſie zu belagern. ¹) Aber ſowohl die Lage als die Befeſtigung dieſer Stadt ſchie⸗ nen jedem Angriffe Trotz zu bieten. Von der brabantiſchen Seite mit unerſteiglichen Werken und waſſerreichen Graͤben umſchloſſen, von der flandriſchen durch den breiten und reißenden Strom der Schelde gedeckt, konnte ſie mit ſtuͤrmender Hand nicht bezwungen werden; und eine Stadt von dieſem Umfange einzuſchließen, ſchien eine dreimal groͤßere Landmacht, als der ¹) Thuan. Hist. Tom. HI. 527. Grot. Hist. de rebus Belgicis. 84. 408 Herzog beiſammen hatte, und noch uberdieß eine Flotte zu erfordern, die ihm gaͤnzlich fehlte. Nicht genug, daß ihr der Strom, von Gent aus, alle Beduͤrfniſſe im Ueberfluſſe zufuͤhrte, ſo oͤffnete ihr der naͤmliche Strom noch einen leichten Zuſammen⸗ hang mit dem angraͤnzenden Seeland. Denn da ſich die Fluth der Nordſee bis weit hinein in die Schelde erſtreckt, und den Lauf derſelben periodiſch umkehrt, ſo genießt Antwerpen den ganz eigenthuͤmlichen Vortheil, daß ihr der naͤmliche Fluß zu verſchiedenen Zeiten in zwei entgegengeſetzten Richtungen zu⸗ ſtroͤmt. Dazu kam, daß die umliegenden Staͤdte Bruͤſſel, Mecheln, Gent, Dendermonde und andere dazumal noch alle in den Haͤnden des Bundes waren, und auch von der Landſeite die Zufuhr erleichtern konnten. Es bedurfte alſo zwei verſchiedener Heere an beiden Ufern des Stroms, um die Stadt zu Lande zu blokiren und ihr den Zuſammenhang mit Flandern und Bra⸗ bant abzuſchneiden; es bedurfte zugleich einer hinlaͤnglichen Anzahl von Schiffen, um die Schelde ſperren und alle Ver⸗ ſuche, die von Seeland aus zum Entſatz derſelben unfehlbar gemacht werden wuͤrden, vereiteln zu koͤnnen. Aber die Armee des Herzogs war durch den Krieg, den er noch in andern Diſtricten zu fuͤhren hatte, und durch die vielen Beſatzungen, die er in den Staͤdten und Feſtungen hatte zuruͤcklaſſen muͤſſen, bis auf zehntauſend Mann Fußvolk und ſiebzehnhundert Pferde geſchmolzen, eine viel zu geringe Macht, um zu einer Unternehmung von dieſem Umfange hinzureichen. Noch dazu fehlte es dieſen Truppen an dem Nothwendigſten, und das Ausbleiben des Soldes hatte ſie laͤngſt ſchon zu einem ge⸗ heimen Murren gereizt, welches ſtuͤndlich in eine offenbare Meuterei auszubrechen drohte. Wenn man ſich endlich, trotz aller dieſer Hinderniſſe, an die Belagerung wagte, ſo hatte man Alles von den feindlichen Feſtungen zu befuͤrchten, die 409 man im Ruͤcken ließ, und denen es ein Leichtes ſeyn mußte, durch lebhafte Ausfaͤlle eine ſo ſehr vertheilte Armee zu beun⸗ ruhigen, und durch Abſchneidung der Zufuhr in Mangel zu verſetzen. ¹) Alle dieſe Gruͤnde machte der Kriegsrath geltend, dem der Herzog von Parma ſein Vorhaben jetzt eroͤffnete. So groß auch das Vertrauen war, das man in ſich ſelbſt und in die erprobte Faͤhigkeit eines ſolchen Heerfuͤhrers ſetzte, ſo machten doch die erfahrenſten Generale kein Geheimniß daraus, wie ſehr ſie an einem gluͤcklichen Ausſchlage verzweifelten. Nur zwei ausgenommen, welche die Kuͤhnheit ihres Muths uͤber jede Bedenklichkeit hinwegſetzte, Capizucchi und Mondra⸗ gon, widerriethen alle ein ſo mißliches Wageſtuͤck, wobei man Gefahr lief, die Frucht aller vorigen Siege und allen erworbenen Kriegsruhm zu verſcherzen. Aber Einwuͤrfe, welche er ſich ſelbſt ſchon gemacht und auch ſchon beantwortet hatte, konnten den Herzog von Parma in ſeinem Vorſatze nicht wankend machen. Nicht aus Unwiſſenheit der damit verknuͤpften Gefahren, noch aus leichtſinniger Ueber⸗ ſchaͤtzung ſeiner Kraͤfte hatte er den kuͤhnen Anſchlag gefaßt. Jener genialiſche Inſtinct, der den großen Menſchen auf Bah⸗ nen, die der kleine entweder nicht betritt, oder nicht endigt, mit gluͤcklicher Sicherheit leitet, erhob ihn uͤber alle Zweifel, die eine kalte, aber eingeſchraͤnkte Klugheit ihm entgegenſtellte, und ohne ſeine Generale uͤberzeugen zu koͤnnen, erkannte er die Wahrheit ſeiner Berechnung in einem dunkeln, aber darum nicht weniger ſichern Gefuͤhle. Eine Reihe gluͤcklicher Erfolge hatte ſeine Zuverſicht erhoben, und der Blick auf ſeine Armee, die an Mannszucht, Uebung und Tapferkeit in dem damaligen 1) Strada de Bello Belgico. Dec. II. Lib. V. 410 Europa nicht Ihresgleichen hatte, und von einer Auswahl der trefflichſten Officiere commandirt wurde, erlaubte ihm keinen Augenblick, der Furcht Raum zu geben. Denen, welche ihm die geringe Anzahl ſeiner Truppen entgegenſetzten, gab er zur Antwort, daß an einer noch ſo langen Pike doch nur die Spitze toͤdte, und daß es bei militaͤriſchen Unternehmungen mehr auf die Kraft ankomme, welche bewege, als auf die Maſſe, welche zu bewegen ſey. Er kannte zwar den Mißmuth ſeiner Trup⸗ pen, aber er kannte auch ihren Gehorſam; und dann hoffte er ihren Privatbeſchwerden am beſten dadurch zu begegnen, daß er ſie durch eine wichtige Unternehmung beſchaͤftigte, durch den Glanz derſelben ihre Ruhmbegierde, und durch den hohen Preis, den die Eroberung einer ſo beguͤterten Stadt verſprach, ihre Habſucht erregte. ¹) In dem Plane, den er ſich nun zur Belagerung entwarf, ſuchte er allen jenen mannichfaltigen Hinderniſſen mit Nachdruck zu begegnen. Die einzige Macht, durch welche man hoffen konnte, die Stadt zu bezwingen, war der Hunger; und dieſen furchtbaren Feind gegen ſie aufzuregen, mußten alle Zugaͤnge zu Waſſer und zu Lande verſchloſſen werden. Um ihr fuͤrs erſte jeden Zuftuß von Seeland aus, wenn auch nicht ganz abzuſchneiden, doch zu erſchweren, wollte man ſich aller der Baſteien bemaͤchtigen, welche die Antwerver an beiden Ufern der Schelde zur Beſchuͤtzung der Schifffahrt angelegt hatten, und, wo es anging, neue Schanzen aufwerfen, von denen aus die ganze Laͤnge des Stroms beherrſcht werden koͤnnte. Damit aber die Stadt nicht unterdeſſen von dem innern Lande die Beduͤrfniſſe ziehen moͤchte, die man ihr von der Seeſeite ab⸗ zuſchneiden ſuchte, ſo ſollten alle umliegenden Staͤdte Brabants 1) Strada loc. cit. 553. 411 und Flanderns in den Plan der Belagerung mit verwickelt, und der Fall Antwerpens auf den Fall aller dieſer Plaͤtze ge⸗ gruͤndet werden. Ein kuͤhner, und, wenn man die eingeſchraͤnkte Macht des Herzogs bedenkt, beinahe ausſchweifender Entwurf, den aber das Genie ſeines Urhebers rechtfertigte, und das Gluͤck mit einem glaͤnzenden Ausgange kroͤnte. ¹) Weil aber Zeit erfordert wurde, einen Plan von dieſem Umfange in Erfuͤllung zu bringen, ſo begnuͤgte man ſich einſt⸗ weilen, an den Canaͤlen und Fluͤſſen, welche Antwerpen mit Dendermonde, Gent, Mecheln, Bruͤſſel und andern Plaͤtzen in Verbindung ſetzen, zahlreiche Baſteien anzulegen und dadurch die Zufuhr zu erſchweren. Zugleich wurden in der Naͤhe dieſer Staͤdte, und gleichſam an den Thoren derſelben, ſpaniſche Be⸗ ſatzungen einquartiert, welche das platte Land verwuͤſteten, und durch ihre Streifereien die Gegenden umher unſicher machten. So lagen um Gent allein gegen dreitauſend Mann herum, und nach Verhaͤltniß um die uͤbrigen. Auf dieſe Art, und vermittelſt der geheimen Verſtaͤndniſſe, die er mit den katholiſch⸗geſinnten Einwohnern derſelben unterhielt, hoffte der Herzog, ohne ſich ſelbſt zu ſchwaͤchen, dieſe Staͤdte nach und nach zu erſchoͤpfen, und durch die Drangſale eines kleinen, aber unaufhoͤrlichen Krieges, auch ohne eine foͤrmliche Belage⸗ rung, endlich zur Uebergabe zu bringen. 2) unterdeſſen wurde die Hauptmacht gegen Antwerpen ſelbſt gerichtet, welches der Herzog nunmehr mit ſeinen Truppen gaͤnzlich umzingeln ließ. Er ſelbſt nahm ſeine Stellung zu Bevern in Flandern, wenige Meilen von Antwerpen, wo er ein verſchanztes Lager bezog. Das flandriſche Ufer der Schelde ¹) Strada Dec. II. Lib. VI. 2²) Meteren. Niederl. Hiſtorien XII. Buch. 467 folg. 41² wurde dem Markgrafen von Rysburg, General der Reiterei, das brabantiſche dem Grafen Peter Ernſt von Mannsfeld uͤbergeben, zu welchem noch ein anderer ſpaniſcher Anfuͤhrer, Mondragon, ſtieß. Die beiden letztern paſſirten die Schelde gluͤcklich auf Pontons, ohne daß das Antwerpiſche Admiralſchiff, welches ihnen entgegengeſchickt wurde, es verhindern konnte, kamen hinter Antwerpen herum, und nahmen bei Stabroek, im Lande Bergen, ihren Poſten. Einzelne detaſchirte Corps vertheilten ſich laͤngs der ganzen brabantiſchen Seite, um theils die Daͤmme zu beſetzen, theils die Paͤſſe zu Lande zu verſperren. Einige Meilen unterhalb Antwerpen wird die Schelde durch zwei ſtarke Forts vertheidigt, wovon das eine zu Liefkenshoek, auf der Inſel Doel in Flandern, das andere zu Lillo gerade gegenuͤber auf dem brabantiſchen Ufer liegt. Das letzte hatte Mondragon ſelbſt ehemals auf Befehl des Herzogs von Alba erbauen muͤſſen, als dieſer noch in Antwerpen den Meiſter ſpielte, und eben darum wurde ihm jetzt auch der Angriff desſelben von dem Herzog von Parma anyvertraut. Von dem Beſitze dieſer beiden Forts ſchien der ganze Erfolg der Belagerung abzuhaͤngen, weil alle Schiffe, die von Seeland nach Antwerpen ſegeln, unter den Kanonen derſelben vorbeiziehen muͤſſen. Beide Forts hatten die Antwerper auch kurz vorher befeſtigt, und mit dem erſtern waren ſie noch nicht ganz zu Stande, als der Markgraf von Rysburg es angriff. Die Geſchwindigkeit, mit der man zu Werke ging, uͤberraſchte die Feinde, ehe ſie zur Gegenwehr hinlaͤnglich bereitet waren, und ein Sturm, den man auf Liefkenshoek wagte, brachte dieſe Feſtung in ſpaniſche Haͤnde. Dieſer Verluſt traf die Verbundenen an demſelben ungluͤcklichen Tage, wo der Prinz von Oranien zu Delft durch Moͤrderhaͤnde fiel. Auch die uͤbrigen Schanzen, welche auf der Inſel Doel angelegt waren, wurden theils frei⸗ 413 willig von ihren Vertheidigern verlaſſen, theils durch Ueberfall weggenommen, ſo daß in kurzem das ganze flandriſche Ufer von Feinden gereinigt war. Aber das Fort zu Lillo auf dem brabantiſchen Ufer leiſtete einen deſto lebhaftern Widerſtand, weil man den Antwerpern Zeit gelaſſen hatte, es zu befeſtigen, und mit einer tapfern Beſatzung zu verſehen. Wuͤthende Ausfaͤlle der Belagerten unter der Anfuͤhrung Odets von Teligny vernichteten, von den Kanonen der Feſtung unterſtuͤtzt, alle Werke der Spanier, und eine Ueberſchwemmung, welche man durch Eroͤffnung der Schleußen bewirkte, verjagte ſie endlich nach einer drei Wochen langen Belagerung, und mit einem Verluſte von faſt zweitauſend Todten von dem Platze. Sie zogen ſich nun in ihr feſtes rager bei Stabroek, und begnuͤgten ſich, von den Daͤmmen Beſitz zu nehmen, welche das niedrige Land von Bergen durchſchneiden, und der eindringenden Oſter⸗ Schelde eine Bruſtwehr entgegenſetzen. ¹) Der fehlgeſchlagene Verſuch auf das Fort Lillo veraͤnderte die Maßregeln des Herzogs von Parma. Da es auf dieſem Wege nicht gelingen wollte, die Schifffahrt auf der Schelde zu hindern, wovon doch der ganze Erfolg der Belagerung abhing⸗ ſo beſchloß er, den Strom durch eine Bruͤcke gaͤnzlich zu ſperren. Der Gedanke war kuͤhn, und Viele waren, die ihn fuͤr aben⸗ teuerlich hielten. Sowohl die Breite des Stroms, welche in dieſen Gegenden uͤber zwoͤlfhundert Schritte betraͤgt, als die reißende Gewalt desſelben, die durch die Fluth des nahen Meeres noch verſtaͤrkt wird, ſchienen jeden Verſuch dieſer Art unausfuͤhrbar zu machen; dazu kam der Mangel an Bauholz, an Schiffen, an Werkleuten, und dann die gefaͤhrliche Stellung ¹) Meteren. Niederl. Hiſtorien. XII. Buch. 477. 478, Strada loc. cit. Thuan. Hist. Tom. II. 527. 414 zwiſchen der antwerpiſchen und ſeelaͤndiſchen Flotte, denen es ein Leichtes ſeyn mußte, in Verbindung mit einem ſtuͤrmiſchen Elemente, eine ſo langwierige Arbeit zu ſtoͤren. Aber der Herzog von Parma annte ſeine Kraͤfte, und ſeinen entſchloſſenen Muth konnte nur das Unmoͤgliche bezwingen. Nachdem er ſowohl die Breite als die Tiefe des Stroms hatte ausmeſſen laſſen, und mit zweien ſeiner geſchickteſten Ingenienrs, Barocci und Plato, daruͤber zu Rathe gegangen war, fiel der Schluß dahin aus, die Bruͤcke zwiſchen Calloo in Flandern und Ordam in Brabant zu erbauen. Man erwaͤhlte dieſe Stelle deßwegen, weil der Strom hier die wenigſte Breite hat, und ſich etwas zur Rechten kruͤmmt, welches die Schiffe aufhaͤlt, und ſie noͤthigt den Wind zu veraͤndern. Zu Bedeckung der Bruͤcke wurden an beiden Enden derſelben ſtarke Baſteien aufgefuͤhrt, wovon die eine auf dem flandriſchen Ufer das Fort St. Maria⸗ die andre auf dem brabantiſchen dem Koͤnige zu Ehren das Fort St. Philipp genannt wurde. ⁴) Indem man im ſpaniſchen Lager zu Ausfuͤhrung dieſes Vorhabens die lebhafteſten Anſtalten machte, und die ganze Aufmerkſamkeit des Feindes dahin gerichtet war, that der Herzog einen unerwarteten Angriff auf Dendermonde, eine ſehr feſte Stadt zwiſchen Gent und Antwerpen, wo ſich die Dender mit der Schelde vereinigt. So lange dieſer bedeutende Platz noch in feindlichen Haͤnden war, konnten die Staͤdte Gent und Antwerpen einander gegenſeitig unterſtuͤtzen, und durch ihre leichte Communication alle Bemuͤhungen der Belagerer vereiteln. Die Eroberung derſelben gab dem Herzoge freie Hand gegen beide Staͤdte, und konnte fuͤr das ganze Gluͤck ſeiner Unter⸗ 1) Strada Dec. II. Lib. VI 55⁵7. 415 nehmung entſcheidend werden. Die Schnelligkeit, mit der er ſie uͤberfiel, ließ den Belagerten keine Zeit, ihre Schleußen zu eroͤffnen und das Land umher unter Waſſer zu ſetzen. Die Haupt⸗Baſtei der Stadt, vor dem Bruͤſſeler Thore wurde ſogleich heftig beſchoſſen, aber das Feuer der Belagerten richtete unter den Spaniern eine große Niederlage an. Anſtatt dadurch abgeſchreckt zu werden, wurden ſie nur deſto hitziger, und der Hohn der Beſatzung, welche die Bildſaͤule eines Heiligen vor ihren Augen verſtuͤmmelte, und unter den ſchnoͤdeſten Miß⸗ handlungen von der Bruſtwehr herabſtuͤrzte, ſetzte ſie vollends in Wuth. Sie drangen mit Ungeſtuͤm darauf, gegen die Baſtei gefuͤhrt zu werden, ehe noch hinlaͤnglich Breſche geſchoſſen war, und der Herzog, um dieſes erſte Feuer zu benutzen, erlaubte den Sturm. Nach einem zweiſtuͤndigen moͤrderiſchen Gefechte war die Bruſtwehr erſtiegen, und was der erſte Grimm der Spanier nicht aufopferte, warf ſich in die Stadt. Dieſe war nun zwar dem feindlichen Feuer ſtaͤrker ausgeſetzt, welches von dem eroberten Walle auf ſie gerichtet wurde; aber ihre ſtarken Mauern und der breite waſſerreiche Graben, der ſie rings umgab, ließen wohl einen langen Widerſtand befuͤrchten. Der unternehmende Geiſt des Herzogs von Parma beſiegte in kurzem auch dieſe Schwierigkeit. Indem Tag und Nacht das Bombardement fortgeſetzt wurde, mußten die Truppen ohne Unterlaß arbeiten, die Dender abzuleiten, von welcher der Stadtgraben ſein Waſſer erhielt, und Verzweiflung ergriff die Belagerten, als ſie das Waſſer ihres Grabens, dieſe einzige noch uͤbrige Schutzwehr der Stadt, allmaͤhlich verſchwinden ſahen. Sie eilten, ſich zu ergeben, und empfingen im Auguſt 1584 ſpaniſche Beſatzung. In einem Zeitraume von nicht mehr als eilf Tagen war dieſe Unternehmung ausgefuͤhrt, zu 4¹6 welcher nach dem Urtheile der Sachverſtaͤndigen, eben ſo viele Wochen erforderlich geſchienen. ¹) Die Stadt Gent, nunmehr von Antwerpen und von der See abgeſchnitten, von den Truppen des Koͤnigs, die in ihrer Naͤhe campirten, immer ſtaͤrker und ſtaͤrker bedraͤngt, und ohne alle Hoffnung eines nahen Entſatzes, gab jetzt ihre Rettung auf, und ſah den Hunger nebſt ſeinem ganzen Gefolge mit ſchrecklichen Schritten ſich naͤhern. Sie ſchickte daher Abgeordnete in das ſpaniſche Lager zu Bevern, um ſich dem Koͤnige auf die naͤmlichen Bedingungen zu unterwerfen, die ihr der Herzog einige Zeit vorher vergeblich angeboten hatte. Man erklaͤrte den Ageordneten, daß die Zeit der Vertraͤge vorbei ſey, und daß nur eine unbedingte Unterwerfung den erzuͤrnten Monarchen beſaͤnftigen koͤnne. Ja, man ließ ſie ſogar befuͤrchten, daß man dieſelbe Demuͤthigung von ihnen verlangen wuͤrde, zu welcher ihre rebelliſchen Vorfahren unter Karl dem Fuͤnften ſich hatten verſtehen muͤſſen, naͤmlich halb nackt und mit einem Strick um den Hals um Gnade zu flehen. Troſtlos reisten die Abgeordneten zuruͤck, aber ſchon am dritten Tage erſchien eine neue Geſandtſchaft, welche endlich, auf die Fuͤrſprache eines Freundes von dem Herzoge von Parma, der in gentiſcher Gefangenſchaft war, noch unter ertraͤglichen Bedingungen den Frieden zu Stande brachte. Die Stadt mußte eine Gelobuße von zweimalhunderttauſend Gulden erlegen, die verjagten Papiſten zuruͤckrufen und ihre proteſtantiſchen Bewohner vertreiben; doch wurde den Letztern eine Friſt von zwei Jahren vergoͤnnt, um ihre Sachen in Ordnung zu bringen. Alle Einwohner, bis auf ſechs, die man zur Strafe auszeichnete, aber nachher doch noch begnadigte, erhielten Verzeihung, und der Garniſon, die aus *4 ¹) Strada loc. cit. Meteren XII. Buch. 479. Thuan. II. 529. 417 zweitauſend Mann beſtand, wurde ein ehrenvoller Abzug be⸗ willigt. Dieſer Vergleich kam im September desſelben Jahres im Hauptquartier zu Bevern zu Stande, und unmittelbar dar⸗ auf ruͤckten dreitauſend Mann ſpaniſcher Truppen zur Be⸗ ſatzung ein. ¹) Mehr durch die Furcht ſeines Namens und durch den Schrecken des Hungers, als durch ſeine gewaffnete Macht, hatte der Herzog von Parma dieſe Stadt bezwungen, die groͤßte und feſteſte in den Niederlanden, die an Umfang der inneren Stadt Paris nichts nachgibt, ſiebenunddreißigtauſend Haͤuſer zaͤhlt und aus zwanzig Inſeln beſteht, die durch achtund⸗ neunzig ſteinerne Bruͤcken verbunden werden. Glaͤnzende Pri⸗ vilegien, welche dieſe Stadt im Laufe mehrerer Jahrhunderte von ihren Beherrſchern zu erringen gewußt hatte, naͤhrten in ihren Burgern den Geiſt der Unabhaͤngigkeit, der nicht ſelten in Trotz und Frechheit ausartete, und mit den Maximen der oͤſterreichiſch⸗ſpaniſchen Regierung in einen ſehr natuͤrlichen Streit gerieth. Eben dieſer muthige Freiheitsſinn verſchaffte auch der Reformation ein ſchnelles und ausgebreitetes Gluck in dieſer Stadt, und beide Triebfedern verbunden fuͤhrten alle jene ſtuͤr⸗ miſchen Auftritte herbei, durch welche ſich dieſelbe im Laufe des niederlaͤndiſchen Krieges zu ihrem Ungluͤcke auszeichnete. Außer den Geldſummen, die der Herzog von Parma jetzt von der Stadt erhob, fand er in ihren Mauern noch einen reichen Vorrath von Geſchuͤtz, von Wagen, Schiffen und allerlei Bau⸗ geraͤthe, nebſt der erforderlichen Menge von Werkleuten und Matroſen, wodurch er in ſeiner Unternehmung gegen Antwer⸗ pen nicht wenig gefoͤrdert wurde. ²) 1) Meteren XII. Buch 479. 480. Strada loc. cit. 562. 63. Allg. Geſch. d. vereinigten Niederlande, XXI. Buch 470. 2) Meteren am angefuͤyrten Orte. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 27 418 Noch ehe Gent an den Koͤnig uͤberging, waren die Staͤdte Vilvorden und Herentals in die Haͤnde der Spanier gefallen, auch die Blockhaͤuſer unweit dem Flecken Willebrock von ihnen beſetzt worden, wodurch Antwerpen von Bruͤſſel und Mecheln abgeſchnitten wurde. Der Verluſt aller dieſer Plaͤtze, der in ſo kurzer Zeit erfolgte, entriß den Antwerpern jede Hoffnung eines Succurſes aus Brabant und Flandern, und ſchraͤnkte alle ihre Ausſichten auf den Beiſtand ein, der aus Seeland erwartet wurde, und welchen zu verhindern der Herzog von Parma nunmehr die ernſtlichſten Anſtalten machte. ¹) Die Buͤrger Antwerpens hatten den erſten Bewegungen des Feindes gegen ihre Stadt mit der ſtolzen Sicherheit zugeſehen, welche der Anblick ihres unbezwingbaren Stroms ihnen einfloͤßte. Dieſe Zuverſicht wurde auch gewiſſermaßen durch das Urtheil des Prinzen von Oranien gerechtfertigt, der auf die erſte Nach⸗ richt von dieſer Belagerung zu verſtehen gab, daß die ſpaniſche Macht an den Mauern Antwerpens ſich zu Grunde richten werde. Um jedoch nichts zu verſaͤumen, was zur Erhaltung dieſer Stadt dienen koͤnnte, berief er, kurze Zeit vor ſeiner Er⸗ mordung, den Buͤrgermeiſter von Antwerpen, Philipp Mar⸗ nix von St. Aldegonde, ſeinen vertrauten Freund, zu ſich nach Delft, wo er mit demſelben wegen Vertheidigung Antwer⸗ pens Abrede nahm. Sein Rath ging dahin, den großen Damm zwiſchen Sanvliet und Lillo, der Blaauwgarendyk genannt, un⸗ verzuͤglich ſchleifen zu laſſen, um die Waſſer der Oſter⸗Schelde, ſobald es noth thaͤte, uͤber das niedrige Land von Bergen aus⸗ gießen, und den ſeelaͤndiſchen Schiffen, wenn etwa die Schelde geſperrt wuͤrde, durch die uͤberſchwemmten Felder einen Weg zu der Stadt eroͤffnen zu koͤnnen. Aldegonde hatte auch wirk⸗ ¹) Allgem. G. d. v. N. 470. Meteren 478. Thuan. II. 529. 419 lich nach ſeiner Zaruͤckkunft den Magiſtrat und den groͤßten Theil der Buͤrger bewogen, in dieſen Vorſchlag zu willigen, als die Zunft der Fleiſcher dagegen aufſtand, und ſich beſchwerte, daß ihr dadurch die Nahrung entzogen wuͤrde; denn das Feld, welches man unter Waſſer ſetzen wollte, war ein großer Strich Weideland, auf welchem jaͤhrlich gegen zwoͤlftauſend Ochſen ge⸗ maͤſtet wurden. Die Zuunft der Fleiſcher behielt die Oberhand, und wußte die Ausfuͤhrung jenes heilſamen Vorſchlags ſo lange zu verzoͤgern, bis der Feind die Daͤmme mit ſammt dem Weide⸗ land in Beſitz genommen hatte. ¹) Auf den Antrieb des Buͤrgermeiſters, St. Aldegonde, der, ſelbſt ein Mitglied der Staaten Brabants, bei denſelben in großem Anſehen ſtand, hatte man noch vor Ankunft der Spanier die Feſtungswerke an beiden Ufern der Schelde in beſſeren Stand geſetzt, und um die Stadt herum viele neue Schanzen errichtet. Man hatte bei Saftingen die Daͤmme durchſtochen, und die Waſſer der Weſter⸗Schelde beinahe uͤber das ganze Land Waes ausgegoſſen. In der angraͤnzenden Markgrafſchaft Bergen wurden von dem Grafen von Hohen⸗ lohe Truppen geworben, und ein Regiment Schottlaͤnder un⸗ ter der Anfuͤhrung des Oberſten Morgan ſtand bereits im Solde der Republik, waͤhrend daß man neue Subſidien aus England und Frankreich erwartete. Vor Allem aber wurden die Staaten von Holland und Seeland zu der ſchleunigſten Huͤlfleiſtung aufgefordert. Nachdem aber die Feinde an beiden uUfern des Stroms feſten Fuß gefaßt hatten, und durch das Feuer aus ihren Schanzen die Schifffahrt gefaͤhrlich machten, nachdem im Brabantiſchen ein Platz nach dem andern in ihre Haͤnde fiel, und ihre Reiterei alle Zugaͤnge von der Landſeite ¹) Algem. G. d. v. R. III. 469. Grotius 88. 420 ſperrte, ſo ſtiegen endlich bei den Einwohnern Antwerpens ernſt⸗ liche Beſorgniſſe wegen der Zukunft auf. Die Stadt zaͤhlte da⸗ mals fuͤnfundachtzigtauſend Seelen, und nach den angeſtellten Berechnungen wurden zum Unterhalte derſelben jaͤhrlich dreimal⸗ hunderttauſend Viertel oder Centner Getreide erfordert. Einen ſolchen Vorrath aufzuſchuͤtten, fehlte es beim Anfange der Be⸗ lagerung keineswegs weder an Lieferungen noch an Geld; denn trotz des feindlichen Geſchuͤtzes wußten ſich die ſeelaͤndiſchen Proviantſchiffe mit eintretender Meeresfluth Bahn zu der Stadt zu machen. Es kam alſo bloß darauf an, zu verhindern, daß nicht einzelne von den reichern Buͤrgern dieſe Vorraͤthe auf⸗ kauften, und dann bei eintretendem Mangel ſich zu Meiſtern des Preiſes machten. Ein gewiſſer Gianibelli aus Mantua, der ſich in der Stadt niedergelaſſen und ihr in der Folge dieſer Belagerung ſehr erhebliche Dienſte leiſtete, that zu dieſem Ende den Vorſchlag, eine Auflage auf den hundertſten Pfennig zu machen, und eine Geſellſchaft rechtlicher Maͤnner zu errichten, welche fuͤr dieſes Geld Getreide einkaufen und woͤchentlich liefern ſollte. Die Reichen ſollten einſtweilen dieſes Geld vorſchießen, und dafuͤr die eingekauften Vorraͤthe gleichſam als zu einem Pfande in ihren Magazinen aufbewahren, auch an dem Gewinne ihren Antheil erhalten. Aber dieſer Vorſchlag wollte den reichern Einwohnern nicht gefallen, welche einmal beſchloſſen hatten, von der allgemeinen Bedraͤngniß Vortheil zu ziehen. Vielmehr hielten ſie dafuͤr, daß man einem Jeden befehlen ſolle, ſich fuͤr ſich ſelbſt auf zwei Jahre lang mit dem noͤthigen Proviant zu verſehen; ein Vorſchlag, wobei ſie ſehr gut fuͤr ſich, aber ſehr ſchlecht fuͤr die aͤrmeren Einwohner ſorgten, die ſich nicht ein⸗ mal auf ſo viele Monate vorſehen konnten. Sie erreichten dadurch zwar die Abſicht, dieſe Letztern entweder ganz aus der Stadt zu jagen, oder von ſich abhaͤngig zu machen; als ſie ſich 421 aber nachher beſannen, daß in der Zeit der Noth ihr Eigen⸗ thum nicht reſpectirt werden duͤrfte, ſo fanden ſie rathſam, ſich mit dem Einkaufe nicht zu beeilen. ¹) Der Magiſtrat der Stadt, um ein Uebel zu verhuͤten, das nur Einzelne gedruͤckt haben wuͤrde, erwaͤhlte dafuͤr ein anderes, welches dem Ganzen gefaͤhrlich wurde. Seelaͤndiſche Unter⸗ nehmer hatten eine anſehnliche Flotte mit Proviant befrachtet, welche ſich gluͤcklich durch die Kanonen der Feinde ſchlug und in Antwerpen landete. Die Hoffnung eines hoͤheren Gewinns hatte die Kaufleute zu dieſer gewagten Speculation ermuntert; in dieſer Erwartung aber fanden ſie ſich getaͤuſcht, als ſie an⸗ kamen, indem der Magiſtrat von Antwerpen um eben dieſe Zeit ein Edict ergehen ließ, wodurch der Preis aller Lebens⸗ mittel betraͤchtlich herabgeſetzt wurde. Um zugleich zu verhin⸗ dern, daß Einzelne niet die ganze Ladung aufkaufen, und, um ſie nachher deſto theurer loszuſchlagen, in ihren Magazinen auf⸗ ſchuͤtten moͤchten, ſo verordnete er, daß Alles aus freier Hand von den Schiffen verkauft werden ſollte. Die Unternehmer, durch dieſe Vorkehrungen um den ganzen Gewinn ihrer Fahrt betrogen, ſpannten hurtig die Segel auf und verließen Ant⸗ werpen mit dem groͤßten Theile ihrer Ladung, welche hin⸗ gereicht haben wuͤrde, die Stadt mehrere Monate lang zu ernaͤhren. 2) Dieſe Vernachlaͤſſigung der naͤchſten und natuͤrlichſten Ret⸗ tungsmittel wird nur dadurch begreiflich, daß man eine ganze Sperrung der Schelde damals noch fuͤr voͤllig unmoͤglich hielt, und alſo den aͤußerſten Fall im Ernſte gar nicht fuͤrchtete. Als da⸗ her die Nachricht einlief, daß der Herzog die Abſicht habe, eine ⁴) Allgem. Geſch. d. v. N. III. 472. ²) Grotius 92. Reidan. Belg. Annal. 69. 422 Bruͤcke uͤber die Schelde zu ſchlagen, ſo verſpottete man in Ant⸗ werpen allgemein dieſen chimaͤriſchen Einfall. Man ſtellte zwiſchen der Republik und dem Strome eine ſtolze Vergleichung an, und meinte, daß der eine ſo wenig als die andere das ſpaniſche Joch auf ſich leiden wuͤrde.„Ein Strom, der zwei⸗ tauſend vierhundert Fuß breit, und wenn er auch nur ſein eigenes Waſſer hat, uber ſechzig Fuß tief iſt, der aber, wenn ihn die Meeresfluth hebt, noch um zwoͤlf Fuß zu ſteigen pflegt — ein ſolcher Strom, hieß es, ſollte ſich durch ein elendes Pfahlwerk beherrſchen laſſen? Wo wuͤrde man Baumſtaͤmme hernehmen, hoch genng, um bis auf den Grand zu reichen und uͤber die Flaͤche emvorzuragen? Und ein Werk dieſer Art ſollte im Winter zu Stande kommen, wo die Fluth ganze Inſeln und Gebirge von Eis, gegen welche kaum ſteinerne Mauern halten, an das ſchwache Gebaͤlke treiben und es wie Glas zerſplittern wird? Oder gedachte der Herzog, eine Bruͤcke von Schiffen zu erbauen; woher wollte er dieſe nehmen und auf welchem Wege ſie in ſeine Verſchanzungen bringen? Nothwendig mußten ſie Antwerpen vorbeipaſüren, wo eine Flotte bereit ſtehe, ſie ent⸗ weder aufzufangen oder in Grund zu bohren.“ ¹) Aber indem man in der Stadt die Ungereimtheit ſeiner Unternehmung bewies, hatte der Herzog von Parma ſie vollendet. S bald die Baſteien St. Maria und St. Philipy errichtet waren, welche die Arbeiter und den Bau durch ihr Geſchuͤtz decken konnten, ſo wurde von beiden entgegenſtehenden Ufern aus ein Geruͤſte in den Strom hineingebaut, wozu man die Maſte von den groͤßten Schiffen gebrauchte. Durch die kunſt⸗ reiche Anordnung des Gebaͤlkes wußte man dem Ganzen eine ſolche Haltung zu geben, daß es, wie nachher der Erfolg bewies, 1) Strada 5 60. 423 dem gewaltſamen Andrange des Eiſes zu widerſtehen vermochte. Dieſes Gebaͤlke, welches feſt und ſicher auf dem Grunde des Waſſers ruhte, und noch in ziemlicher Hoͤhe daraus hervorragte, war mit Planken bedeckt, welche eine bequeme Straße formirten. Sie war ſo breit, daß acht Mann nebeneinander darauf Platz hatten, und ein Gelaͤnder, das zu beiden Seiten hinweglief, ſchuͤtzte vor dem Musketenfeuer der feindlichen Schiffe. Dieſe Eſtacade, wie man ſie nannte, lief von beiden entgegenſtehenden Ufern ſo weit in den Strom hinein, als es die zunehmende Tiefe und Gewalt des Waſſers verſtattete. Sie verengte den Strom um eilfhundert Fuß; weil aber der mittlere und eigent⸗ liche Strom ſie durchaus nicht duldete, ſo blieb noch immer zwiſchen beiden Eſtacaden ein Raum von mehr als ſechshundert Schritten offen, durch welchen eine ganze Proviantflotte bequem hindurchſegeln konnte. Dieſen Zwiſchenraum gedachte der Herzog vermittelſt einer Schiffbruͤcke auszufuͤllen, wozu die Fahrzeuge von Duͤnkirchen ſollten herbeigeſchafft werden. Aber außerdem, daß dort Mangel daran war, ſo hielt es ſchwer, ſolche ohne großen Verluſt an Antwerpen vorbeizubringen. Er mußte ſich alſo einſtweilen damit begnuͤgen, den Fluß um die Haͤlfte verengt, und den Durchzug der feindlichen Schiffe um ſo viel ſchwieriger gemacht zu haben. Denn da, wo ſich die Eſtaeaden in der Mitte des Stroms endigten, erweiterten ſie ſich beide in ein laͤngliches Viereck, welches ſtark mit Kanonen beſetzt war, und mitten im Waſſer zu einer Art Feſtung diente. Von da aus wurde auf alle Fahrzeuge, die durch dieſen Paß ſich hindurch⸗ wagten, ein fuͤrchterliches Feuer unterhalten, welches jedoch nicht verhinderte, daß nicht ganze Flotten und einzelne Schiffe dieſe gefaͤhrliche Straße gluͤcklich vorcuͤberzogen. ¹) 4) Strada 560 sq. Thuan. 550. Meteren XII. Vuch. 424 Unterdeſſen ergab ſich Gent, und dieſe unerwartet ſchnelle Eroberung riß den Herzog auf einmal aus ſeiner Verlegenheit. Er fand in dieſer Stadt alles Noͤthige bereit, um ſeine Schiff⸗ bruͤcke zu vollenden, und die Schwierigkeit war bloß, es ſicher herbeizuſchaffen. Dazu eroͤffneten ihm die Feinde ſelbſt den natuͤrlichſten Weg. Durch Eroͤffnung der Daͤmme bei Saftin⸗ gen war ein großer Theil von dem Lande Waes bis zu dem Flecken Borcht unter Waſſer geſetzt worden, ſo daß es gar nicht ſchwer hielt, die Felder mit flachen Fahrzengen zu befahren. Der Herzog ließ alſo ſeine Schiffe von Gent auslaufen, und beorderte ſie, nachdem ſie Dendermonde und Rupelmonde paſſirt, den linken Damm der Schelde zu durchſtechen, Antwerpen zur Rechten liegen zu laſſen und gegen Borcht zu in das uͤber⸗ ſchwemmte Feld hinein zu ſegeln. Zur Verſicherung dieſer Fahrt wurde bei dem Flecken Borcht eine Baſtei errichtet, welche die Feinde im Zaume halten koͤnnte. Alles gelang nach Wunſch, obgleich nicht ohne einen lebhaften Kampf mit der feindlichen Flottille, welche ausgeſchickt worden war, dieſen Zug zu ſtoͤren. Nachdem man noch einige Daͤmme unterwegs durchſtochen, erreichte man die ſpaniſchen Quartiere bei Calloo, und lief gluͤcklich wieder in die Schelde. Das Frohlocken der Armee war um ſo groͤßer, nachdem man erſt die große Gefahr ver⸗ nommen, der die Schiffe nur eben entgangen waren. Denn kaum hatten ſie ſich der feindlichen Schiffe entledigt, ſo war ſchon eine Verſtaͤrkung der letztern von Antwerpen unterwegs, welche der tapfere Vertheidiger von Lillo, Odet von Teligny, anfuͤhrte. Als dieſer die Arbeit gethan und die Feinde entwiſcht ſah, ſo be⸗ maͤchtigte er ſich des Dammes, an dem jene durchgebrochen waren, und warf eine Baſtei an der Stelle auf, um den Gentiſchen Schif⸗ fen, die etwa noch nachkommen moͤchten, den Paß zu verlegen. ¹) 1¹) Meteren 481. Strad. 56/4. 425 Dadurch gerieth der Herzog von Parma aufs neue ins Gedraͤnge. Noch hatte er bei weitem nicht Schiffe genug, weder fuͤr ſeine Bruͤcke, noch zur Vertheidigung derſelben, und der Weg, auf welchem die vorigen herbeigeſchafft worden, war durch das Fort des Teligny geſperrt. Indem er nun die Gegend in der Abſicht recognoscirte, einen neuen Weg fuͤr ſeine Flotten ausfindig zu machen, ſtellte ſich ihm ein Gedanke dar, der nicht bloß ſeine gegenwaͤrtige Verlegenheit endigte, ſondern der ganzen Unternehmung auf einmal einen lebhaften Schwung gab. Nicht weit von dem Dorfe Stecken, im Lande Waes, von welchem Orte man noch etwa fuͤnftauſend Schritte bis zum Anfange der Ueberſchwemmungen hatte, fließt die Moer, ein kleines Waſſer, vorbei, das bei Gent in die Schelde faͤllt. Von dieſem Fluſſe nun ließ er einen Canal bis an die Gegend fuͤhren, wo die Ueberſchwemmung den Anfang nahm, und weil die Waſſer nicht uͤberall hoch genug ſtanden, ſo wurde der Canal zwiſchen Bevern und Verrebroek bis nach Calloo fortge⸗ fuͤhrt, wo die Schelde ihn aufnahm. Fuͤnfhundert Schanz⸗ graͤber arbeiteten ohne Unterlaß an dieſem Werke, und um die Verdroſſenheit der Soldaten zu ermuntern, legte der Herzog ſelbſt mit Hand an. Er erneuerte auf dieſe Art das Beiſpiel zweier beruͤhmten Roͤmer, Druſus und Corbulo, welche durch aͤhnliche Werke den Rhein mit der Suderſee, und die Maas mit dem Rheine verbanden. Dieſer Canal, den die Armee ihrem Urheber zu Ehren den Canal von Parma nannte, erſtreckte ſich vierzehntauſend Schritte lang, und hatte eine verhaͤltnißmaͤßige Tiefe und Breite, um ſehr betraͤchtliche Schiffe zu tragen. Er verſchaffte den Schiffen aus Gent nicht nur einen ſichern, ſondern auch einen merklich kuͤrzern Weg zu den ſpaniſchen Quartieren, weil ſie nun nicht mehr noͤthig hatten, den weitlaͤufigen Kruͤmmungen 426 der Schelde zu folgen, ſondern bei Gent unmittelbar in die Moer traten, und von da aus bei Stecken durch den Canal und durch das uͤberſchwemmte Land bis nach Calloo gelangten. Da in der Stadt Gent die Erzeugniſſe von ganz Flandern zu⸗ ſammenfloſſen, ſo ſetzte dieſer Canal das ſpaniſche Lager mit der ganzen Provinz in Zuſammenhang. Von allen Orten und Enden ſtroͤmte der Ueberfluß herbei, daß man im ganzen Laufe der Belagerung keinen Mangel mehr kannte. Aber der wichtigſte Vortheil den der Herzog aus dieſem Werke zog, war ein hin⸗ reichender Vorrath an flachen Schiffen, wodurch er in den Stond geſetzt wurde, den Bau ſeiner Bruͤcke zu vollenden.) Unter dieſen Anſtalten war der Winter herbeigekommen, der, weil die Schelde mit Eis ging, in dem Bau der Bruͤcke einen ziemlich langen Stillſtand verurſachte. Mit Unruhe hatte der Herzog dieſer Jahreszeit entgegengeſehen, die ſeinem an⸗ gefangenen Werke hoͤchſt verderblich werden, den Feinden aber bei einem ernſthaften Angriffe auf dasſelbe deſto guͤnſtiger ſeyn konnte. Aber die Kunſt ſeiner Baumeiſter entriß ihn der einen Gefahr, und die Inconſequenz der Feinde befreite ihn von der andern. Zwar geſchah es mehrmals, daß mit eintretender Meeresfluth ſtarke Eisſchollen ſich in den Staketen verfingen, und mit heftiger Gewalt das Gebaͤlke erſchuͤtterten, aber es ſtand, und der Anlauf des wilden Elements machte bloß ſeine Feſtigkeit ſichtbar. Unterdeſſen wurde in Antwerpen mit fruchtloſen Deliberationen eine koſtbare Zeit verſchwendet, und uͤber dem Kampfe der Parteien das allgemeine Beſte vernachlaͤſſigt. Die Regierung dieſer Stadt war in allzu viele Haͤnde vertheilt, und der ſtuͤrmi⸗ ſchen Menge ein viel zu großer Antheil daran gegeben, als daß ¹) Strada 565. 427 ⸗ man mit Ruhe haͤtte uͤberlegen, mit Einſicht waͤhlen und mit Feſtigkeit ausfuͤhren koͤnnen. Außer dem eigentlichen Magiſtrate, in welchem der Buͤrgermeiſter bloß eine einzelne Stimme hatte, waren in der Stadt noch eine Menge Corporationen vorhanden, denen die aͤußere und innere Sicherheit, die Proviantirung, die Befeſtigung der Stadt, das Schiffsweſen, der Commerz u. Sgl. oblag, und welche bei keiner wichtigen Verhandlung uͤber⸗ gangen ſeyn wollten. Darch dieſe Menge von Sprechern, die, ſo oft es ihnen beliebte, in die Rathsverſammlung ſtuͤrmten, und was ſie durch Gruͤnde nicht vermochten, durch ihr Geſchrei und ihre ſtarke Anzahl durchzuſetzen wußten, bekam das Volk einen gefaͤhrlichen Einfluß in die oͤffentlichen Berathſchlagungen, and der natuͤrliche Widerſtreit ſo entgegengeſetzter Intereſſen hielt die Ausuͤhrung jeder heilſamen Maßregel zuruͤck. Ein ſo ſchwankendes und kraftloſes Regiment konnte ſich bei einem trotzigen Schiffsvolke und bei einer ſich wichtig duͤnkenden Sol⸗ dateska nicht in Achtung ſetzen; daher die Befehle des Staats auch nur ſchlechte Befolgung fanden, und durch die Nachlaͤſſigkeit, wo nicht gar offenbare Meuterei der Truppen und des Schiffs⸗ volks, mehr als einmal der entſcheidende Augenblick verloren ging.¹) Die wenige Uebereinſtimmung in der Wahl der Mittel, durch welche man dem Feinde widerſtehen wollte, wuͤrde indeſſen bei weitem nicht ſo viel geſchadet haben, wenn man nur in dem Zwecke ſelbſt vollkommen einig geweſen waͤre. Aber eben daruͤber waren die beguͤterten Buͤrger und der große Haufe in zwei entgegengeſetzte Parteien gerheilt, indem die erſtern nicht ohne Urſache von der Extremitaͤt Alles fuͤrchteten, und daher ſehr geneigt waren, mit dem Herzoge von Parma in Unter⸗ ⁴) Meteren 48 4 Thuan. II. 529. Grotius 88. 428 handlungen zu treten. Dieſe Geſinnungen verbargen ſie nicht laͤnger, als das Fort Liefkenshoek in feindliche Haͤnde gefallen war, und man nun im Ernſte anfing, fuͤr die Schifffahrt auf der Schelde zu fuͤrchten. Einige derſelben zogen ganz und gar fort, und uͤberließen die Stadt, mit der ſie das Gute genoſſen, aber das Schlimme nicht theilen mochten, ihrem Schickſale. Sechzig bis ſiebenzig der Zuruͤckbleibenden aus dieſer Claſſe uͤbergaben dem Rathe eine Bittſchrift, worin ſie den Wunſch aͤußerten, daß man mit dem Koͤnige tractiren moͤchte. Sobald aber das Volk davon Nachricht erhielt, ſo gerieth es in eine wuͤthende Bewegung, daß man es kaum durch Einſperrung der Supplicanten und eine denſelben aufgelegte Geldſtrafe beſaͤnftigen konnte. Es ruhte auch nicht eher, als bis ein Edict zu Stande kam, welches auf jeden heimlichen oder oͤffentlichen Verſuch zum Frieden die Todesſtrafe ſetzte. 0) Dem Herzoge von Parma, der in Antwerpen nicht weniger, als in den uͤbrigen Staͤdten Brabants und Flanderns, geheime Verſtaͤndniſſe unterhielt, und durch ſeine Kundſchafter gut bedient wurde, entging keine dieſer Bewegungen, und er verſaͤumte nicht, Vortheil davon zu ziehen. Obgleich er in ſeinen Anſtalten weit genug vorwaͤrts geruͤckt war, um die Stadt zu beaͤngſtigen, ſo waren doch noch ſehr viele Schritte zu thun, um ſich wirklich von derſelben Meiſter zu machen, und ein einziger ungluͤcklicher Augenblick konnte das Werk vieler Monate vernichten. Ohne alſo in ſeinen kriegeriſchen Vor⸗ kehrungen etwas nachzulaſſen, machte er noch einen ernſtlichen Verſuch, ob er ſich der Stradt nicht durch Guͤte bemaͤchtigen koͤnnte. Er erließ zu dem Ende im November dieſes Jahres an den großen Rath von Antwerpen ein Schreiben, worin alle 1) Meteren 485. 429 Kunſtgriffe aufgeboten waren, die Buͤrger entweder zur Uebergabe der Stadt zu vermoͤgen, oder doch die Trennung unter denſelben zu vermehren. Er betrachtete ſie in dieſem Briefe als Ver⸗ fuͤhrte, und waͤlzte die ganze Schuld ihres Abfalls und ihrer bisherigen Widerſetzlichkeit auf den raͤnkevollen Geiſt des Prinzen von Oranien, von welchem die Strafgerechtigkeit des Himmels ſie ſeit kurzem befreit habe. Jetzt, meinte er, ſtehe es in ihrer Macht, aus ihrer langen Verblendung zu erwachen, und zu einem Koͤnige, der zur Verſoͤhnung geneigt ſey, zuruͤckzukehren. Dazu, fuhr er fort, biete er ſelbſt ſich mit Freuden als Mitt⸗ ler an, da er nie aufgehoͤrt habe, ein Land zu lieben, worin er geboren ſey, und den froͤhlichſten Theil ſeiner Jugend zu⸗ gebracht habe. Er munterte ſie daher auf, ihm Bevollmaͤchtigte zu ſenden, mit denen er uͤber den Frieden tractiren koͤnne, ließ ſie die billigſten Bedingungen hoffen, wenn ſie ſich bei Zeiten unterwuͤrfen, aber auch die haͤrteſten fuͤrchten, wenn ſie es aufs Aeußerſte kommen ließen. Dieſes Schreiben, in welchem man mit Vergnüͤgen die Sprache nicht wiederfindet, welche ein Herzog von Alba zehn Jahre vorher in aͤhnlichen Faͤllen zu fuͤhren pflegte, beantwortete die Stadt in einem anſtaͤndigen und beſcheidenen Tone, und indem ſie dem perſoͤnlichen Charakter des Herzogs volle Gerech⸗ tigkeit widerfahren ließ, und ſeiner wohlwollenden Geſinnungen gegen ſie mit Dankbarkeit erwaͤhnte beklagte ſie die Haͤrte der Zeitumſtaͤnde, welche ihm nicht erlaubten, ſeinem Charakter und ſeiner Neigung gemaͤß gegen ſie zu verfahren. In ſeine Haͤnde, erklaͤrte ſie, wuͤrde ſie mit Freuden ihr Schickſal legen, wenn er unumſchraͤnkter Herr ſeiner Handlungen waͤre, und nicht einem fremden Willen dienen muͤßte, den ſeine eigene Billigkeit unmoͤglich gut heißen koͤnne. Nur zu bekannt ſey der unveraͤnderliche Rathſchluß des Koͤnigs von Spanien, und 430 das Geluͤbde, das derſelbe dem Papſte gethan habe; von dieſer Seite ſey all ihre Hoffnung verloren. Sie vertheidigte dabei mit edler Waͤrme das Gedaͤchtniß des Prinzen von Oranien, ihres Wohlthaͤters und Retters, indem ſie die wahren Urſachen aufzaͤhlte, welche dieſen traurigen Krieg herbeigefuͤhrt und die Provinzen von der ſpaniſchen Krone abtruͤnnig gemacht haͤtten. Zugleich verhehlte ſie nicht, daß ſie eben jetzt Hoffnung habe, an dem Koͤnige von Frankreich einen neuen und einen guͤtigern Herrn zu finden, und auch ſchon dieſer Urſache wegen keinen Vergleich mit dem ſpaniſchen Monarchen eingehen koͤnne, ohne ſich des ſtrafbarſten Leichtſinns und der Undankbarkeit ſchuldig zu machen. ¹) Die vereinigten Provinzen naͤmlich, durch eine Reihe von Ungluͤcksfaͤllen kleinmuͤthig gemacht, hatten endlich den Entſchluß gefaßt, unter die Oberhoheit Frankreichs zu treten, und durch Aufopferung ihrer Unabhaͤngigkeit ihre Exiſtenz und ihre alten Privilegien zu retten. Mit dieſem Auftrage war vor nicht langer Zeit eine Geſandtſchaft nach Paris abgegangen, und die Ausſicht auf dieſen maͤchtigen Beiſtand war es vorzuͤglich, was den Muth der Antwerper ſtaͤrkte. Heinrich der Dritte, Koͤnig von Frankreich, war fuͤr ſeine Perſon auch nicht ungeneigt, dieſes Anerbieten ſich zu Nutze zu machen; aber die Unruhen, welche ihm die Intriguen der Spanier in ſeinem eigenen Koͤnig⸗ reiche zu erregen wußten, noͤthigten ihn wider ſeinen Willen, davon abzuſtehen. Die Niederlaͤnder wandten ſich nunmehr mit ihrem Geſuche an die Koͤnigin Eliſabeth von England, die ihnen auch wirklich, aber nur zu ſpaͤt fuͤr Antwerpens Rettung, einen thaͤtigen Beiſtand leiſtete. Waͤhrend daß man in dieſer Stadt den Erfolg dieſer Unterhandlungen abwartete, ¹) Thuan. II, 550: 551. Meteren 485. 586- 431 und nach einer fremden Huͤlfe in die Ferne blickte, hatte man die natuͤrlichſten und naͤchſten Mittel zu ſeiner Rettung ver⸗ ſaͤumt, und den ganzen Winter verloren, den der Feind deſto beſſer zu benutzen verſtand. ¹) Zwar hatte es der Buͤrgermeiſter von Antwerpen, St. Aldegonde, nicht an wiederholten Aufforderungen fehlen laſſen, die ſeelaͤndiſche Flotte zu einem Angriffe auf die feind⸗ lichen Werke zu vermoͤgen, waͤhrend daß man von Antwerpen aus dieſe Expedition unterſtuͤtzen wuͤrde. Die langen und oͤfters ſtuͤrmiſchen Naͤchte konnten dieſe Verſuche beguͤnſtigen, und wenn zugleich die Beſatzung zu Lillo einen Ausfall wagte, ſo wuͤrde es dem Feinde kaum moͤglich geweſen ſeyn, dieſem drei⸗ fachen Anfalle zu widerſtehen. Aber ungluͤcklicherweiſe waren zwiſchen dem Anfuͤhrer jener Flotte, Wilhelm von Blois von Dreslong, und der Admiralitaͤt von Seeland Irrungen entſtanden, welche Urſache waren, daß die Ausruͤſtung der Flotte auf eine ganz unbegreifliche Weiſe verzoͤgert wurde. Um ſolche zu beſchleunigen, entſchloß ſich endlich Teligny, ſelbſt nach Middelburg zu gehen, wo die Staaten von Seeland verſammelt waren; aber weil der Feind alle Paͤſſe beſetzt hatte, ſo koſtete ihn dieſer Verſuch ſeine Freiheit, und mit ihm verlor die Republik ihren tapferſten Vertheidiger. Indeſſen fehlte es nicht an unternehmenden Schiffern, welche unter Verguͤnſtigung der Nacht, und mit eintretender Fluth, trotz des feindlichen Feuers, durch die damals noch offene Bruͤcke ſich ſchlugen, Proviant in die Stadt warfen, und mit der Ebbe wieder zuruͤckkehrten. Weil aber doch mehrere ſolcher Fahrzeuge dem Feinde in die Haͤnde ſielen, ſo verordnete der Rath, daß inskuͤnftige die ¹) Meteren 488 u. folg. Allgem. Geſchichte der v. Niederl. III. 478— 491. Grotius 89. 43²2 Schiffe nie unter einer beſtimmten Anzahl ſich hinauswagen ſollten, welches die Folge hatte, daß Alles unterblieb, weil die erforderte Anzahl niemals voll werden wollte. Auch geſchahen von Antwerpen aus einige nicht ganz ungluͤckliche Verſuche auf die Schiffe der Spanier; einige der letztern wurden er⸗ obert, andere verſenkt, und es kam bloß darauf an, dergleichen Verſuche im Großen fortzuſetzen. Aber ſo eifrig auch St. Alde⸗ gonde dieſes betrieb, ſo fand ſich doch kein Schiffer, der ein Fahrzeug beſteigen wollte. ¹) Unter dieſen Zoͤgerungen verſtrich der Winter, und kaum bemerkte man, daß das Eis ſich verlor, ſo wurde von den Be⸗ lagerern der Bau der Schiffbruͤge nun mit allem Ernſte vor⸗ genommen. Zwiſchen beiden Staketen blieb noch ein Raum von mehr als ſechshundert Schritten auszufuͤllen, welches auf fol⸗ gende Art bewerkſtelligt wurde. Man nahm zweiunddreißig Playten(platte Fahrzeuge), jede ſechsundſechszig Fuß lang und zwanzig breit, und dieſe fuͤgte man am Vorder⸗ und Hinter⸗ theile mit ſtarken Kabeltauen und eiſernen Ketten an einander, doch ſo, daß ſie noch gegen zwanzig Fuß von einander abſtanden, und dem Strome einen freien Durchzug verſtatteten. Jede Plapte hing noch außerdem an zwei Ankertauen, ſowohl auf⸗ waͤrts, als unterwaͤrts des Stroms, welche aber, je nachdem das Waſſer mit der Fluth ſtieg, oder mit der Ebbe ſank, nachgelaſſen und angezogen werden konnten. Ueber die Schiffe hinweg wurden große Maſtbaͤume gelegt, welche von einem zum andern reichten, und mit Planken uͤberdeckt eine ordentliche Straße bildeten, auch wie die Staketen, mit einem Gelaͤnder eingefaßt waren. Dieſe Schiffbruͤcke, davon beide Staketen nur eine Fortſetzung ausmachten, hatte, mit dieſen zuſammen⸗ 1) Strad. 56 4. Meteren 484. Reidan. Annal. 69. 433 genommen, eine Laͤnge von zweitauſend vierhundert Schritten. Dabei war dieſe furchtbare Maſchine ſo kuͤnſtlich organiſirt und ſo reichlich mit Werkzeugen des Todes ausgeruͤſtet, daß ſie gleich einem lebendigen Weſen ſich ſelbſt vertheidigen, auf das Commandowort Flammen ſpeien, und auf Alles, was ihr nahe kam, Verderben ausſchuͤtten konnte. Außer den beiden Forts, St. Maria und St. Philipp, welche die Bruͤcke an bei⸗ den Ufern begraͤnzten, und außer den zwei hoͤlzernen Baſteien auf der Bruͤcke ſelbſt, welche mit Soldaten angefuͤllt und in allen vier Ecken mit Kanonen beſetzt waren, enthielt jedes der zweiunddreißig Schiffe noch dreißig Bewaffnete, nebſt vier Matroſen zu ſeiner Bedeckung, und zeigte dem Feinde, er moͤchte nun von Seeland herauf oder von Antwerpen herunter ſchiffen, die Muͤndung einer Kanone Man zaͤhlte in Allem ſiebenundneunzig Kanonen, die ſowohl uͤber der Bruͤcke, als unter derſelben vertheilt waren, und mehr als fuͤnfzehnhundert Mann, die theils die Baſteien, theils die Schiffe beſetzten, und, wenn es noth that, ein furchtbares Musketenfeuer auf den Feind unterhalten konnten. Aber dadurch allein glaubte der Herzog ſein Werk noch nicht gegen alle Zufaͤlle ſicher geſtellt zu haben. Es war zu erwarten, das der Feind nichts unverſucht laſſen wuͤrde, den mittlern und ſchwaͤchſten Theil der Bruͤcke durch die Gewalt ſeiner Maſchinen zu ſprengen; dieſem vorzubeugen, warf er laͤngs der Schiffbruͤcke und in einiger Entfernung von derſelben noch eine beſondere Schutzwehr auf, welche die Gewalt brechen ſollte die auf die Bruͤcke ſelbſt moͤchte ausgeuͤbt werden. Dieſes Werk beſtand aus dreiunddreißig Barken von betraͤchtlicher Groͤße, welche in einer Reihe, quer uͤber den Strom hingelagert, und je drei und drei mit Maſtbaͤum en aneinander befettigt maren, ſo daß ſie eilf verſchiedene Gruppen bildeten. Jede derſelben ſtreckte, Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII- 28 434 gleich einem Gliede Pikenirer, in horizontaler Richtung, vier⸗ zehn lange hoͤlzerne Stangen aus, die dem herannahenden Feinde eine eiſerne Spitze entgegenkehrten. Dieſe Barken waren bloß mit Ballaſt angefuͤllt, und hingen jede an einem doppelten, aber ſchlaffen Ankertaue, um dem anſchwellenden Strome nach⸗ geben zu koͤnnen, daher ſie auch in beſtaͤndiger Bewegung waren, und davon die Namen Schwimmer bekamen. Die ganze Schiffbruͤcke und noch ein Theil der Staketen wurden von dieſen Schwimmern gedeckt, welche ſowohl oberhalb als unterhalb der Bruͤcke angebracht waren. Zu allen dieſen Vertheidigungs⸗ anſtalten kam noch eine Anzahl von vierzig Kriegsſchiffen, welche an beiden Ufern hielten und dem ganzen Werke zur Be⸗ deckung dienten. ¹) Dieſes bewundernswuͤrdige Werk war im Maͤrz des Jahres 1585, als dem ſiebenten Monate der Belagerung, fertig, und der Tag, an dem es vollendet wurde, war ein Jubelfeſt fuͤr die Truppen. Durch ein wildes Freudenſchießen wurde der große Vorfall der belagerten Stadt verkuͤndigt, und die Armee, als wollte ſie ſich ihres Triumphs recht ſinnlich verſichern, breitete ſich laͤngs dem ganzen Geruͤſte aus, um den ſtolzen Strom, dem man das Joch aufgelegt hatte, friedfertig und gehorſam unter ſich hinwegfließen zu ſehen. Alle ausgeſtandenen unend⸗ lichen Muͤhſeligkeiten waren bei dieſem Anblicke vergeſſen, und keiner, deſſen Hand nur irgend dabei geſchaͤftig geweſen, war ſo veraͤchtlich und ſo klein, daß er ſich nicht einen Theil der Ehre zueignete, die den großen Urheber lohnte. Nichts aber gleicht der Beſtuͤrzung, welche die Buͤrger von Antwerpen er⸗ 1) Strad. Dec. II. Lib. VI. 566. 567. Meteren. 482. Thuan. III. Lib. LXXXIII. 45. Allgemeine Geſchichte der vereinigten Nied lande. III. Band. 497. 435 griff, als ihnen die Nachricht gebracht wurde, daß die Schelde nun wirklich geſchloſſen, und alle Zufuhr aus Seeland abge⸗ ſchnitten ſey. Und zu Vermehrung ihres Schreckens mußten ſie zu derſelben Zeit noch den Verluſt der Stadt Bruͤſſel er⸗ fahren, welche endlich durch Hunger genoͤthigt worden, ſich zu ergeben. Ein Verſuch, den der Graf von Hohenlohe in eben dieſen Tagen auf Herzogenbuſch gewagt, um entweder dieſe Stadt wegzunehmen, oder doch dem Feinde eine Diverſion zu machen, war gleichfalls verungluͤckt, und ſo verlor das bedraͤngte Antwerpen zu gleicher Zeit alle Hoffnung einer Zufuhr von der See und zu Lande. ¹) Durch einige Fluͤchtlinge, welche ſich durch die ſpaniſchen Vorpoſten hindurch in die Stadt geworfen, wurden dieſe un⸗ gluͤcklichen Zeitungen darin ausgebreitet, und ein Kundſchafter, den der Buͤrgermeiſter ausgeſchickt hatte, um die feindlichen Werke zu recognosciren, vergroͤßerte durch ſeine Ausſagen noch die allgemeine Beſtuͤrzung. Er war ertappt und vor den Herzog von Parma gebracht worden, welcher Befehl gab, ihn uͤberall herumzufuͤhren, und beſonders die Einrichtung der Bruͤcke aufs genaueſte beſichtigen zu laſſen. Nachdem dieß geſchehen war, und er wieder vor den Feldherrn gebracht wurde, ſchickte ihn dieſer mit den Worten zuruͤck:„Geh,“ rief er,„und hinter⸗ „bringe denen, die dich herſchickten, was du geſehen haſt. Melde „ihnen aber dabei, daß es mein feſter Entſchluß ſey, mich ent⸗ „weder unter den Truͤmmern dieſer Bruͤcke zu begraben, oder „durch dieſe Bruͤcke in eure Stadt einzuziehen.“ ²) Aber die Gewißheit der Gefahr belebte nun auch auf ein⸗ mal den Eifer der Verbundenen, und es lag nicht an ihren ¹) Strada 567— 571. Meteren 492. 494. Thuan. III. 44. 45 2) Strada 568 436 Anſtalten, wenn die erſte Haͤlfte jenes Geluͤbdes nicht in Er⸗ fuͤllung ging. Laͤngſt ſchon hatte der Herzog mit Unruhe den Bewegungen zugeſehen, welche zum Entſatze der Stadt in See⸗ land gemacht wurden. Es war ihm nicht verborgen, daß er den gefaͤhrlichſten Schlag von dort her zu fuͤrchten habe, und daß gegen die vereinigte Macht der ſeelaͤndiſchen und antwer⸗ piſchen Flotten, wenn ſie zu gleicher Zeit und im rechten Mo⸗ ment auf ihn losdringen ſollten, mit allen ſeinen Werken nicht viel wuͤrde auszurichten ſeyn. Eine Zeit lang hatten ihm die Zoͤgerungen des ſeelaͤndiſchen Admirals, die er auf alle Art zu unterhalten bemuͤht war, Sicherheit verſchafft; jetzt aber be⸗ ſchleunigte die dringende Noth auf einmal die Ruͤſtung, und ohne laͤnger auf den Admiral zu warten, ſchickten die Staaten zu Middelburg den Grafen Juſtin von Naſſau mit ſo viel Schiffen, als ſie aufbringen konnten, den Belagerten zu Huͤlfe. Dieſe Flotte legte ſich vor das Fort Liefkenshoek, welches der Feind im Beſitz hatte, und beſchoß dasſelbe, von einigen Schiffen aus dem gegenuͤberliegenden Fort Lillo unterſtutzt, mit ſo gluͤck⸗ lichem Erfolge, daß die Waͤlle in kurzem zu Grunde gerichtet und mit ſtuͤrmender Hand erſtitegen wurden. Die darin zur Beſatzung liegenden Wallonen zeigten die Feſtigkeit nicht, welche man von Soldaten des Herzogs von Parma erwartete; ſie uͤberließen dem Feinde ſchimpflich die Feſtung, der ſich in kur⸗ zem der ganzen Inſel Doel mit allen darauf liegenden Schan⸗ zen bemeiſterte. Der Verluſt dieſer Plaͤtze, die jedoch bald wieder gewonnen waren, ging dem Herzoge von Parma ſe nahe, daß er die Befeylsyaver vor das Kriegsgericht zog, und den ſchuldigſten darunter enrhaupten lien. Indeſſen eroͤffnete dieſe wichtige Eroberung den Seelandern einen freien Paß bis zur Bruͤcke, und nunmehr war der Zeirpunkt vorhanden, nach genommener Abrede mit den Anrwerpern gegen jenes Werk einen 437 entſcheidenden Streich auszufuͤhren. Man kam uͤberein, daß, waͤhrend man von Antwerpen aus, durch ſchon bereitgehaltene Maſchinen, die Schiffbruͤcke ſprengte, die ſeelaͤndiſche Flotte mit einem hinlaͤnglichen Vorrathe von Proviant in der Naͤhe ſeyn ſollte, um ſogleich durch die gemachte Oeffnung hindurch nach der Stadt zu ſegeln.) Denn ehe noch der Herzog von Parma mit ſeiner Bruͤcke zu Stande war, arbeitete ſchon in den Mauern Antwerpens ein Ingenieur an ihrer Zerſtoͤrung. Friedrich Gianibelli hieß dieſer Mann, den das Schickſal beſtimmt hatte, der Archimed dieſer Stadt zu werden, und eine gleiche Geſchick⸗ lichkeit mit gleich verlornem Erfolge zu deren Vertheidigung zu verſchwenden. Er war aus Mantua gebuͤrtig, und hatte ſich ehedem in Madrid gezeigt, um, wie Einige wollen, dem Koͤnige Philipp ſeine Dienſte in dem niederlaͤndiſchen Kriege anzubieten. Aber vom langen Warten ermuͤdet, verließ der beleidigte Kuͤnſtler den Hof, des Vorſatzes, den Monarchen Spaniens auf eine empfindliche Art mit einem Verdienſte be⸗ kannt zu machen, das er ſo wenig zu ſchaͤtzen gewußt hatte. Er ſuchte die Dienſte der Koͤnigin Eliſabeth von England, der erklaͤrten Feindin von Spanien, welche ihn, nachdem ſie einige Proben von ſeiner Kunſt geſehen, nach Antwerpen ſchickte. In dieſer Stadt ließ er ſich wohnhaft nieder, und widmete der⸗ ſelben in der gegenwaͤrtigen Extremitaͤt ſeine ganze Wiſſenſchaft und den feurigſten Eifer. 2) Sobald dieſer Kuͤnſtler in Erfahrung gebracht hatte, daß es mit der Bruͤcke ernſtlich gemeint ſey, und das Werk der Voll⸗ endung ſich nahe, ſo bat er ſich von dem Magiſtrate drei große ¹) Strad 575. 574. Meteren 195. ²) Meteren 495. Strada 574. 438 Schiffe von hundert und fuͤnfzig bis fuͤnfhundert Tonnen aus, in welchen er Minen anzulegen gedachte. Außer dieſen ver⸗ langte er noch ſechzig Playten, welche mit Kabeln und Ketten aneinander gebunden und mit hervorragenden Haken verſehen, mit eintretender Ebbe in Bewegung geſetzt werden, und, um die Wirkung der Minenſchiffe zu vollenden, in keilfoͤrmiger Richtung gegen die Bruͤcke Sturm laufen ſollten. Aber er hatte ſich mit ſeinem Geſuche an Leute gewendet, die gaͤnzlich unfaͤhig waren, einen außerordentlichen Gedanken zu faſſen, und ſelbſt da, wo es die Rettung des Vaterlandes galt, ihren Kraͤmerſinn nicht zu verlaͤugnen wußten. Man fand ſeinen Vorſchlag allzu koſtbar, und nur mit Muͤhe erhielt er endlich, daß ihm zwei kleinere Schiffe von ſiebenzig bis achtzig Tonnen, nebſt einer Anzahl Playten bewilligt wurden. Mit dieſen zwei Schiffen, davon er das eine das Gluͤck, das andere die Hoffnung nannte, verfuhr er auf folgende Art. Er ließ auf dem Boden derſelben einen hohlen Kaſten von Quaderſteinen mauern, der fuͤnf Schuh breit, vierthalb hoch, und vierzig lang war. Dieſen Kaſten fuͤllte er mit ſechzig Centnern des feinſten Schießpulvers von ſeiner eigenen Erfin⸗ dung, und bedeckte denſelben mit großen Grab⸗ und Muͤhl⸗ ſteinen, ſo ſchwer das Fahrzeug ſie tragen konnte. Daruͤber fuͤhrte er noch ein Dach von aͤhnlichen Steinen auf, welches ſpitz zulief, und ſechs Schuh hoch uͤber den Schiffsrand empor⸗ ragte. Das Dach ſelbſt wurde mit eiſernen Ketten und Haken, mit metallenen und marmornen Kugeln, mit Naͤgeln, Meſſern und andern verderblichen Werkzeugen vollgeſtopft; auch der uͤbrige Raum des Schiffs, den der Kaſten nicht einnahm, wurde mit Steinen ausgefuͤllt, und das Ganze mit Brettern uͤberzogen. In dem Kaſten ſelbſt waren mehrere kleine Oeffnungen fuͤr die Lunten gelaſſen, welche die Mine anzuͤnden ſollten. Zum Ueber⸗ 439 fluſſe war noch ein Uhrwerk darin angebracht, welches nach Ablauf der beftimmten Zeit Funken ſchlagen, und, wenn auch die Lunten verungluͤckten, das Schiff in Brand ſtecken konnte. Um dem Feinde die Meinung beizubringen, als ob es mit die⸗ ſen Maſchinen bloß darauf abgeſehen ſey, die Bruͤcke anzuzuͤn⸗ den, wurde auf dem Gipfel derſelben ein Feuerwerk von Schwefel und Pech unterhalten, welches eine ganze Stunde lang fortbren⸗ nen konnte. Ja, um die Aufmerkſamkeit desſelben noch mehr von dem eigentlichen Sitze der Gefahr abzulenken, ruͤſtete er noch zweiunddreißig Schuyten(kleine platte Fahrzeuge) aus, auf denen bloß Feuerwerke brannten, und welche keine andere Beſtimmung hatten, als dem Feinde ein Gaukelwerk vorzumachen. Dieſe Brander ſollten in vier verſchiedenen Transporten, von einer halben Stunde zur andern, nach der Bruͤcke hinunterlaufen, und die Feinde zwei ganzer Stunden lang unaufhoͤrlich in Athem erhalten, ſo daß ſie endlich vom Schießen erſchoͤpft und durch vergebliches Warten ermuͤdet, in ihrer Aufmerkſamkeit nachließen, wenn die rechten Vulcane kaͤmen. Voran ließ er zum Ueberfluſſe noch einige Schiffe laufen, in welchen Pulver verborgen war, um das fließende Werk vor der Bruͤcke zu ſpren⸗ gen, und den Hauptſchiffen Bahn zu machen. Zugleich hoffte er durch dieſes Vorpoſtengefecht den Feinden zu thun zu geben, ſie heranzulocken und der ganzen toͤdtlichen Wirkung des Vulcans auszuſetzen. ¹) Die Nacht zwiſchen dem aten und 5ten April war zur Aus⸗ fuͤhrung dieſes großen Unternehmens beſtimmt. Ein dunkles Geruͤcht davon hatte ſich auch ſchon in dem ſpaniſchen Lager verbreitet, beſonders da man von Antwerpen aus mehrere Taucher entdeckt hatte, welche die Ankertaue an den Schiffen ¹) Thuan. III. 46. Strad. 574. 575. Meteren 596. 440 hatten zerhauen wollen. Man war daher auf einen ernſtlichen Angriff gefaßt; nur irrte man ſich in der eigentlichen Beſchaffen⸗ heit desſelben, und rechnete mehr darauf, mit Menſchen als mit Elementen zu kaͤmpfen. Der Herzog ließ zu dieſem Ende die Wachen laͤngs dem ganzen ufer verdoppeln, und zog den beſten Theil ſeiner Truppen in die Naͤhe der Bruͤcke, wo er ſelbſt gegenwaͤrtig war; um ſo naͤher der Gefahr, je ſorgfaͤltiger er der⸗ ſelben zu entfliehen ſuchte. Kaum war es dunkel geworden, ſo ſah man von der Stadt her drei brennende Fahrzeuge daherſchwim⸗ men, dann noch drei andere, und gleich darauf eben ſo viele. Man ruft durch das ſpaniſche Lager ins Gewehr, und die ganze Laͤnge der Bruͤcke fuͤllt ſich mit Bewaffneten an. Indeſſen vermehrten ſich die Feuerſchiffe und zogen, theils paarweiſe, theils zu dreien, in einer gewiſſen Ordnung den Strom herab, weil ſie am An⸗ fange noch durch Schiffer gelenkt wurden. Der Admiral der antwerpiſchen Flotte, Jacob Jacobſohn, hatte es, man wußte nicht, ob aus Nachlaͤſſigkeit oder Vorſatz, darin verſehen, daß er die vier Schiffhaufen allzugeſchwind hintereinan er ab⸗ laufen und ihnen auch die zwei großen Minenſchiffe viel zu ſchnell folgen ließ, wodurch die ganze Ordnung geſtoͤrt wurde. Unterbeſſen ruͤckte der Zug immer naͤher, und die Dunkel⸗ heit der Nacht erhoͤhte noch den außerordentlichen Anblick. So weit das Auge dem Strome folgen konnte, war Alles Feuer, und die Brander warfen ſo ſtarke Flammen aus, als ob ſie ſelbſt in Feuer aufgingen. Weit hin leuchtete die Waſſerflaͤche; die Daͤmme und Baſteien laͤngs dem Ufer, die Fahnen, Waffen und Ruͤſtungen der Soldaten, welche ſowohl hier als auf der Bruͤcke in Parade ſtanden, glaͤnzten im Widerſcheine. Mit einem gemiſchten Gefuͤhle von Grauen und Vergnuͤgen betrach⸗ tete der Soldat das ſeltſame Schauſpiel, das eher einer Féte als einem feindlichen Appara te glich, aber gerade wegen dieſes 441 ſonderbaren Contraſtes der aͤußern Erſcheinung mit der innern Beſtimmung die Gemuͤther mit einem wunderbaren Schauer erfuͤllte. Als dieſe brennende Flotte der Bruͤcke bis auf zwei⸗ tauſend Schritte nahe gekommen, zuͤndeten ihre Fuͤhrer die Lunten an, trieben die zwei Minenſchiffe in die eigentliche Mitte des Stroms und uͤberließen die uͤbrigen dem Spiele der Wellen, indem ſie ſelbſt ſich auf ſchon bereit gehaltenen Kaͤhnen hurtig davon machten. ¹) Jetzt verwirrte ſich der Zug, und die fuͤhrerloſen Schiffe langten einzeln und zerſtreut bei den ſchwimmenden Werken an, wo ſie entweder haͤngen blieben, oder ſeitwaͤrts an das Ufer prallten. Die vordern Pulverſchiffe, welche beſtimmt geweſen waren, das ſchwimmende Werk zu entzuͤnden, warf die Gewalt eines Sturmwindes, der ſich in dieſem Augenblicke erhob, an das flandriſche Ufer; ſelbſt der eine von den beiden Brandern, welcher das SGluͤck hieß, gerieth unterwegs auf den Grund, ehe er noch die Bruͤcke erreichte, und toͤdtete, indem er zer⸗ ſprang, etliche ſpaniſche Soldaten, die in einer nahegelegenen Schanze arbeiteten. Wenig fehlte, daß der andere und groͤßere Brander, die Hoffnung genannt, nicht ein aͤhnliches Schick⸗ ſal gehabt haͤtte. Der Strom warf ihn an das ſchwimmende Werk auf der flandriſchen Seite, wo er haͤngen blieb; und haͤtte er in dieſem Augenblicke ſich entzuͤndet, ſo war der beſte Theil ſeiner Wirkung verloren. Von den Flammen getaͤuſcht, welche dieſe Maſchine, gleich den uͤbrigen Fahrzeugen, von ſich warf, hielt man ſie bloß fuͤr einen gewoͤhnlichen Brander, der die Schiffbruͤcke anzuzuͤnden beſtimmt ſey. Und wie man nun gar eins der Feuerſchiffe nach dem andern ohne alle weitere Wirkung erloͤſchen ſah, ſo verlor ſich endlich die Furcht, und 1) Strada 576. 442 man fing an, uͤber die Anſtalten des Feindes zu ſpotten, die ſich ſo prahleri ch angekuͤndigt hatten, und nun ein ſo laͤcher⸗ liches Ende nahmen. Einige der Verwegenſten warfen ſich ſogar in den Strom, um den Brander in der Naͤhe zu beſehen und ihn auszuloͤſchen, als derſelbe vermittelſt ſeiner Schwere ſich durchriß, das ſchwimmende Werk, das ihn aufgehalten, zer⸗ ſprengte, und mit einer Gewalt, welche Alles fuͤrchten ließ, auf die Schiffbruͤcke losdrang. Auf Einmal kommt Alles in Bewegung, und der Herzog ruft den Matroſen zu, die Ma⸗ ſchine mit Stangen aufzuhalten und die Flammen zu loͤſchen, ehe ſie das Gebaͤlk ergriffen. Er befand ſich in dieſem bedenklichen Augenblicke an dem außerſten Ende des linken Geruͤſtes, wo dasſelbe eine Baſtei im Waſſer formirte und in die Schiffbruͤcke uͤberging. Ihm zur Seite ſtanden der Markgraf von Rysburg, General der Reiterei, und Gouverneur der Provinz Artois, der ſonſt den Staaten gedient hatte, aber aus einem Vertheidiger der Re⸗ publik ihr ſchlimmſer Feind geworden war; der Freiherr von Billy, Gouverneur von Friesland und Chef der deutſchen Re⸗ gimenter; die Generale Cajetan und Guaſto, nebſt mehrern der vornehmſten Officiere; alle ihrer beſondern Gefahr ver⸗ geſſend, und bloß mit Abwendung des allgemeinen Ungluͤcks be⸗ ſchaͤftigt. Da nahte ſich dem Herzog von Parma ein ſpa⸗ niſcher Faͤhndrich, und beſchwur ihn, ſich von einem Orte hin⸗ wegzubegeben, wo ſeinem Leben augenſcheinliche Gefahr drohe. Er wiederholte dieſe Bitte noch dringender, als der Herzog nicht darauf merken wollte, und flehte ihn zuletzt fußfaͤllig, in dieſem einzigen Stuͤcke von ſeinem Diener Rath anzunehmen. Indem er dieß ſagte, hatte er den Herzog am Rocke ergriffen, als wollte er ihn mit Gewalt von der Stelle ziehen, und dieſer, mehr von der Kuͤhnheit dieſes Mannes uberraſcht, als durch 4¹3 ſeine Gruͤnde uͤberredet, zog ſich endlich von Cajetan und Guaſto begleitet, nach dem Ufer zuruͤck. Kaum hatte er Zeit gehabt, das Fort St. Maria am aͤußerſten Ende der Bruͤcke zu erreichen, ſo geſchah hinter ihm ein Knall, nicht anders, als boͤrſte die Erde und als ſtuͤrzte das Gewoͤlbe des Himmels ein. Wie todt fiel der Herzog nieder, die ganze Armee mit ihm, und es dauerte mehrere Minuten, bis man wieder zur Beſinnung erwachte. Aber welch ein Anblick, als man jetzt wieder zu ſich ſelber kam! Von dem Schlage des entzuͤndeten Vulcaus war die Schelde bis in ihre unterſten Tiefen geſpalten und mit mauer⸗ hoher Fluth uͤber den Damm, der ſie umgab, hinausgetrieben worden, ſo daß alle Feſtungswerke am Ufer mehrere Schuh hoch im Waſſer ſtanden. Drei Meilen im Umkreiſe ſchuͤtterte die Erde. Beinahe das ganze linke Geruͤſte, an welchem das Brandſchiff ſich angehaͤngt hatte, war nebſt einem Theile der Schiffbruͤcke auseinander geſprengt, zerſchmettert und mit Allem, was ſich darauf beſand, mit allen Maſtbaͤumen, Kanonen und Menſchen in die Luft gefuͤhrt worden. Selbſt die ungeheuern Steinmaſſen, welche die Mine bedeckten, hatte die Gewalt des Vulcans in die benachbarten Felder geſchleudert, ſo daß man nachher mehrere davon, tauſend Schritte weit von der Bruͤcke, aus dem Boden herausgrub. Sechs Schiffe waren verbrannt, mehrere in Stuͤcke gegangen. Aber ſchrecklicher als alles dieß war die Niederlage, welche das moͤrderiſche Werkzeug unter den Menſchen anrichtete. Fuͤnfhundert, nach andern Berichten ſogar achthundert, Menſchen wurden das Opfer ſeiner Wuth, diejenigen nicht einmal gerechnet, welche mit verſtuͤmmelten oder ſonſt beſchaͤdigten Gliedern davon kamen; und die ent⸗ gegengeſetzteſten Todesarten vereinigten ſich in dieſem entſetz⸗ lichen Augenblicke. Einige wurden durch den Blitz des Vul⸗ 444 cans, Andere durch das kochende Gewaͤſſer des Stroms ver⸗ brannt, noch Andere erſtickte der giftige Schwefeldampf; jene wurden in den Fluthen, dieſe unter dem Hagel der geſchleuder⸗ ten Steine begraben, Viele von den Meſſern und Haken zer⸗ fleiſcht, oder von den Kugeln zermalmt, welche aus dem Bauche der Maſchine ſprangen. Einige, die man ohne alle ſichtbare Verletzung entſeelt fand, mußte ſchon die bloße Lufterſchuͤtte⸗ rung getoͤdtet haben. Der Anblick, der ſich unmittelbar nach Entzuͤndung der Mine darbot, war fuͤrchterlich. Einige ſtacken zwiſchen dem Pfahlwerk der Bruͤcke, Andere arbeiteten ſich un⸗ ter Steinmaſſen hervor, noch Andere waren in den Schiffſeilen haͤngen geblieben; von allen Orten und Enden her erhub ſich ein herzzerſchneidendes Geſchrei nach Huͤlfe, welches aber, weil Jeder genug mit ſich ſelbſt zu thun hatte, nur durch ein ohn⸗ maͤchtiges Wimmern beantwortet wurde. Von den Ueberlebenden ſahen ſich viele durch ein wunder⸗ aͤhnliches Schickſal gerettet. Einen Officier, mit Namen Tucci, hob der Windwirbel wie eine Feder in die Luft, hielt ihn eine Zeitlang ſchwebend in der Hoͤhe, und ließ ihn dann gemach in den Strom herabſinken, wo er ſich durch Schwimmen rettete. Einen Andern ergriff die Gewalt des Schuſſes auf dem flandri⸗ ſchen Ufer und ſetzte ihn auf dem brabantiſchen ab, wo er mit einer leichten Querſchung an der Schulter wieder aufſtand, und es war ihm, wie er nachher ausſagte, auf dieſer ſchnellen Luft⸗ reiſe nicht anders zu Muthe, als ob er aus einer Kanone ge⸗ ſchoſſen wuͤrde. Der Herzog von Parma ſelbſt war dem Tode nie ſo nahe geweſen, als in dieſem Augenblicke denn nur der Unterſchied einer halben Minute entſchied uͤber ſein Leben. Kaum hatte er den Fuß in das Fort St. Maria geſetzt, ſo hob es ihn auf, wie ein Sturmwind, und ein Balken, der ihn am Haupte und an der Schulter traf, riß ihn ſinnlos zur Erde⸗. 445 Eine Zeitlang glaubte man ihn auch wirklich todt, weil ſich Viele erinnerten, ihn wenige Minuten vor dem toͤdtlichen Schlage noch auf der Bruͤcke geſehen zu haben. Endlich fand man ihn, die Hand an dem Degen, zwiſchen ſeinen Begleitern, Cajetan und Guaſto, ſich aufrichtend; eine Zeitung, die dem ganzen Heere das Leben wieder gab. Aber umſonſt wuͤrde man ver⸗ ſuchen, ſeinen Gemuͤthszuſtand zu beſchreiben, als er nun die Ver⸗ wuͤſtung uͤberſah, die ein einziger Augenblick in dem Werke ſo vwieler Monate angerichtet hatte. Zerriſſen war die Bruͤcke, auf der ſeine ganze Hoffnung beruhte, aufgerieben ein großer Theil ſeines Heeres, ein anderer verſtuͤmmelt und fuͤr viele Tage unbrauchbar gemacht; mehrere ſeiner beſten Officiere getoͤdtet; und als ob es an dieſem oͤffentlichen Ungluͤck noch nicht genug waͤre, ſo mußte er noch die ſchmerzliche Nachricht hoͤren, daß der Markgraf von Rysburg, den er unter allen ſeinen Officieren vorzuͤglich werth hielt, nirgends aufzufinden ſey. Und doch ſtand das Allerſchlimmſte noch bevor, denn jeden Augenblick mußte man von Antwerpen und Lillo aus die feindlichen Flotten erwarten, welche bei dieſer ſchrecklichen Verfaſſung des Heeres durchaus keinen Widerſtand wuͤrden geſunden haben. Die Bruͤcke war auseinander geſprengt, und nichts hinderte die ſee⸗ laͤndiſchen Schiffe, mit vollen Segeln hindurchzuziehen; dabei war die Verwirrung der Truppen in dieſen erſten Augenblicken ſo groß und allgemein, daß es unmoͤglich geweſen waͤre, Befehle auszutheilen und zu befolgen, da viele Corps ihre Befehlshaber, viele Befehlshaber ihre Corps vermißten, und ſelbſt der Poſten, wo man geſtanden, in dem allgemeinen Ruin kaum mehr zu erkennen war. Dazu kam, daß alle Schanzen am Ufer im Waſſer ſtanden, daß mehrere Kanonen verſenkt, daß die Lunten feucht, daß die Pulvervorraͤthe vom Waſſer zu Grunde gerichtet 446 waren. Welch ein Moment fuͤr die Feinde, wenn ſie es ver⸗ ſtanden haͤtten, ihn zu benutzen! ¹) Kaum wird man es dem Geſchichtſchreiber glauben, daß dieſer uͤber alle Erwartung gelungene Erfolg bloß darum fuͤr Antwerpen verloren ging, weil— man nichts davon mußte. Zwar ſchickte St. Aldegonde, ſobald man den Knall des Pulcans in der Stadt vernommen hatte, mehrere Galeeren gegen die Bruͤcke aus, mit dem Befehle, Feuerkugeln und bren⸗ nende Pfeile ſteigen zu laſſen, ſobald ſie gluͤcklich hindurchpaſſirt ſeyn wuͤrden, und dann mit dieſer Nachricht geradenwegs nach Lillo weiter zu ſegeln, um die ſeelaͤndiſche Huͤlfsflotte unver⸗ zuͤglich in Bewegung zu bringen. Zugleich wurde der Admiral von Antwerpen beordert, auf jenes gegebene Zeichen ſogleich mit den Schiffen aufzubrechen und in der erſten Verwirrung den Feind anzugreifen. Aber obgleich den auf Kundſchaft aus⸗ geſandten Schiffern eine anſehnliche Belohnung verſprochen wor⸗ den, ſo wagten ſie ſich doch nicht in die Naͤhe des Feindes, ſondern kehrten unverrichteter Sachen zuruͤck, mit der Botſchaft, daß die Schiffbruͤcke unverſehrt und das Feuerſchiff ohne Wirkung geblieben ſey. Auch noch am folgenden Tage wurden keine beſſeren Anſtalten gemacht, den wahren Zuſtand der Bruͤcke in Erfahrung zu bringen; und da man die Flotte bei Lillo, des guͤnſtigen Windes ungeachtet, gar keine Bewegung machen ſah, ſo beſtaͤrkte man ſich in der Vermuthung, daß die Brander nichts ausgerichtet haͤtten. Niemand fiel es ein, daß eben dieſe Unthaͤtigkeit der Bundesgenoſſen, welche die Antwerper irre fuͤhrte, auch die Seelaͤnder bei Lillo zuruͤckhalten koͤnnte, wie es ſich auch in der That verhielt. Einer ſo ungeheuern Incon⸗ ¹) Strad. 577 sq. Meteren 497. Thuan. III. 47. Allgem, Seſch. d. v. N. III. 497. 417 ſequenz konnte ſich nur eine Regierung ſchuldig machen, die ohne alles Anſehen und alle Selbſtſtaͤndigkeit Rath bei der Menge holt, uͤber welche ſie herrſchen ſollte. Je unthaͤtiger man ſich indeſſen gegen den Feind verhielt, deſto heftiger ließ man ſeine Wuth gegen Gianibelli aus, den der raſende Poͤbel in Stuͤcken reißen wollte. Zwei Tage ſchwebte dieſer Kuͤnſtler in der augenſcheinlichſten Lebensgefahr, bis endlich am dritten Morgen ein Bote von Lillo, der unter der Bruͤcke hindurch⸗ geſchwommen, von der wirklichen Zerſtoͤrung der Bruͤcke, zu⸗ gleich aber auch von der voͤlligen Wiederherſtellung derſelben beſtimmten Bericht abſtattete. ¹) Dieſe ſchleunige Ausbeſſerung der Bruͤcke war ein wahres Wunderwerk des Herzogs von Parma. Kaum hatte ſich dieſer von dem Schlage erholt, der alle ſeine Entwuͤrfe darnieder zu ſtuͤrzen ſchien, ſo wußte er mit einer bewundernswuͤrdigen Gegenwart des Geiſtes allen ſchlimmen Folgen desſelben zuvor⸗ zukommen. Das Ausdleiben der feindlichen Flotte in dieſem entſcheidenden Augenblicke belebte aufs neue ſeine Hoffnung. Noch ſchien der ſchlimme Zuſtand ſeiner Bruͤcke den Feinden ein Geheimniß zu ſeyn, und war es gleich nicht moͤglich, das Werk ſo vieler Monate in wenigen Stunden wiederherzuſtellen, ſo war ſchon Vieles gewonnen, wenn man auch nur den Schein davon zu erhalten wußte. Alles mußte daher Hand ans Werk legen, die Truͤmmer wegzuſchaffen, die umgeſtuͤrzten Balken wieder aufzurichten, die zerbrochenen zu erſetzen, die Luͤcken mit Schiffen auszufuͤllen. Der Herzog ſelbſt entzog ſich der Arbeit nicht, und ſeinem Beiſpiele folgten alle Officiere. Der gemeine Mann, durch dieſe Popularitaͤt angefeuert, that ſein Aeußerſtes; die ganze Nacht durch wurde die Arbeit fortgeſetzt unter dem 1) Meteren 496. 448 beſtaͤndigen Laͤrm der Trompeten und Trommeln, welche laͤngs der ganzen Bruͤcke vertheilt waren, um das Geraͤuſch der Werkleute zu uͤbertönen. Mit Anbruch des Tages waren von der Verwuͤſtung der Nacht wenige Spuren mehr zu ſehen, und obgleich die Bruͤcke nur dem Scheine nach wieder hergeſtellt war, ſo taͤuſchte doch dieſer Anblick die Kundſchafter, und der Angriff unterblieb. Mittlerweile gewann der Herzog Friſt, die Ausbeſſerung gruͤndlich zu machen, ja, ſogar in der Structur der Bruͤcke einige weſentliche Veraͤnderungen anzubringen. Um ſie vor kuͤnftigen Unfaͤllen aͤhnlicher Art zu verwahren, wurde ein Theil der Schiffbruͤcke beweglich gemacht, ſo daß derſelbe im Nothfalle weggenommen und den Brandern der Durchzug ge⸗ oͤffnet werden konnte. Den Verluſt, welchen er an Mannſchaft erlitten, erſetzte der Herzog durch Garniſonen aus den benach⸗ barten Plaͤtzen und durch ein deutſches Regiment, das ihm gerade zu rechter Zeit aus Geldern zugefuͤhrt wurde. Er beſetzte die Stellen der gebliebenen Officiere, wobei der ſpaniſche Faͤhn⸗ drich, der ihm das Leben gerettet, nicht vergeſſen wurde. ¹) Die Antwerper, nachdem ſie den gluͤcklichen Erfolg ihres Minenſchiffs in Erfahrung gebracht, huldigten nun dem Er⸗ finder desſelben eben ſo leidenſchaftlich, als ſie ihn kurz vorher gemißhandelt hatten, und forderten ſein Genie zu neuen Ver⸗ ſuchen auf. Gianibelli erhielt nun wirklich eine Anzahl von Playten, wie er ſie anfangs, aber vergeblich, verlangt hatte, und dieſe ruͤſtete er auf eine ſolche Art aus, daß ſie mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt an die Bruͤcke ſchlugen, und ſolche auch wirklich zum zweiten Male auseinander ſprengten. Dießmal aber war der Wind der ſeelaͤndiſchen Flotte entgegen, daß ſie nicht auslaufen konnte, und ſo erhielt der Herzog zum zweiten 1) Strada 581 sq. —— 449 Male die noͤthige Friſt, den Schaden auszubeſſern. Der Ar⸗ chimed von Antwerpen ließ ſich durch alle dieſe Fehlſchlaͤge kei⸗ neswegs irre machen. Er ruͤſtete aufs neue zwei große Fahr⸗ zeuge aus, welche mit eiſernen Haken und aͤhnlichen Inſtru⸗ menten bewaffnet waren, um die Bruͤcke mit Gewalt zu durch⸗ rennen. Aber wie es nunmehr dazu kam, ſolche auslaufen zu laſſen, fand ſich Niemand, der ſie beſteigen wollte. Der Kuͤnſtler mußte alſo darauf denken, ſeinen Maſchinen von ſelbſt eine ſolche Richtung zu geben, daß ſie auch ohne Steuermann die Mitte des Waſſers hielten, und nicht, wie die vorigen, von dem Winde dem ufer zugetrieben wuͤrden. Einer von ſeinen Arbeitern, ein Deutſcher, verfiel hier auf eine ſonderbare Er⸗ findung, wenn man ſie anders dem Stradan) nacherzaͤhlen darf. Er brachte ein Segel unter dem Schiffe an, welches eben ſo von dem Waſſer, wie die gewoͤhnlichen Segel von dem Winde angeſchwellt werden, und auf dieſe Art das Schiff mit der ganzen Gewalt des Stroms forttreiben koͤnnte. Der Erfolg lehrte auch, daß er richtig gerechnet hatte, denn dieſes Schiff mit verkehrten Segeln folgte nicht nur in ſtrenger Richtung der eigentlichen Mitte des Stroms, ſondern rannte auch mit ſolcher Heftigkeit gegen die Bruͤcke, daß es dem Feinde nicht Zeit ließ, dieſe zu eroͤffnen, und ſie wirklich auseinander ſprengte. Aber alle dieſe Erfolge halfen der Stadt zu nichts, weil ſie auf Gerathewohl unternommen und durch keine hinlaͤngliche Macht unterſtuͤtzt wurden. Von einem neuen Minenſchiffe, welches Gianibelli nach Art des erſten, das ſo gut operirt hatte, zubereitete und mit viertauſend Pfund Schießpulver an⸗ fuͤllte, wurde gar kein Gebrauch gemacht, weil es den Ant⸗ ¹) Dec. II. Libr VI. 586. Schillers ſaͤmmtl. Werke. VIII. 450 werpern nunmehr einfiel, auf einem andern Wege ihre Ret⸗ tung zu ſuchen. ¹) Abgeſchreckt durch ſo viele mißlungene Verſuche, die Schiff⸗ fahrt auf dem Strome mit Gewalt wieder frei zu machen, dachte man endlich darauf, den Strom ganz und gar zu ent⸗ behren. Man erinnerte ſich an das Beiſpiel der Stadt Leyden, welche zehn Jahre vorher von den Spaniern belagert, in einer zur rechten Zeit bewirkten Ueberſchwemmung der Felder ihre Rettung gefunden hatte, und dieſes Beiſpiel beſchloß man nach⸗ zuahmen. Zwiſchen Lillo und Stabroek, im Lande Bergen, ſtreckt ſich eine große etwas abhaͤngige Ebene bis nach Ant⸗ werpen hin, welche nur durch zahlreiche Daͤmme und Gegen⸗ daͤmme gegen die eindringenden Waſſer der Oſterſchelde geſchuͤtzt wird. Es koſtete weiter nichts, als dieſe Daͤmme zu ſchleifen, ſo war die ganze Ebene Meer, und konnte mit flachen Schiffen bis faſt unter die Mauern von Antwerpen befahren werden. Gluͤckte dieſer Verſuch, ſo mochte der Herzog von Parma immerhin die Schelde vermittelſt ſeiner Schiffbruͤcke huͤten; man hatte ſich einen neuen Strom aus dem Stegreif geſchaffen, der im Nothfall die naͤmlichen Dienſte leiſtete. Eben dieß war es auch, was der Prinz von Oranien gleich beim Anfange der Belagerung angerathen und St. Aldegonde ernſtlich zu be⸗ foͤrdern geſucht hatte, aber ohne Erfolg, weil einige Buͤrger nicht zu bewegen geweſen waren, ihr Feld aufzuopfern. Zu dieſem letzten Rettungsmittel kam man in der jetzigen Be⸗ draͤngniß zuruͤck, aber die Umſtaͤnde hatten ſich unterdeſſen gar ſehr geaͤndert. b 3 Jene Ebene naͤmlich durchſchneidet ein breiter und hoher Damm, der von dem anliegenden Schloſſe Cowenſtein den ¹) Meteren 497. —— —;— 451 Namen fuͤhrt und ſich von dem Dorfe Stabroek in Bergen, drei Meilen lang, bis an die Schelde erſtreckt, mit deren großem Damm er ſich unweit Ordam vereinigt. Ueber dieſen Damm hinweg konnten auch bei noch ſo hoher Fluth keine Schiffe fah⸗ ren, und vergebens leitete man das Meer in die Felder, ſo lange ein ſolcher Damm im Wege ſtand, der die ſeelaͤndiſchen Fahrzeuge hinderte, in die Ebene vor Antwerpen herabzuſteigen. Das Schickſal der Stadt beruhte alſo darauf, daß dieſer Cowen⸗ ſteiniſche Damm geſchleift oder durchſtochen wurde; aber eben, weil der Herzog von Parma dieſes vorausſah, ſo hatte er gleich bei Eroͤffnung der Blocade von demſelben Beſitz genom⸗ men, und keine Anſtalten geſpart, ihn bis aufs Aeußerſte zu behaupten. Bei dem Dorfe Stabroek ſtand der Graf von Mannsfeld mit dem groͤßern Theil der Armee gelagert, und unterhielt durch eben dieſen Cowenſteiniſchen Damm die Com⸗ munication mit der Bruͤcke, dem Hauptquartier und den ſpa⸗ niſchen Magazinen zu Calloo. So bildete die Armee von Sta⸗ broek in Brabant bis nach Bevern in Flandern eine zuſam⸗ menhaͤngende Linie, welche von der Schelde zwar durchſchnitten, aber nicht unterbrochen wurde, und ohne eine blutige Schlacht nicht zerriſſen werden konnte. Auf dem Damme ſelbſt waren in gehoͤriger Entfernung von einander fuͤnf verſchiedene Batte⸗ rien errichtet, und die tapferſten Officiere der Armee fuͤhrten daruͤber das Commando. Ja, weil der Herzog von Parma nicht zweifeln konnte, daß nunmehr die ganze Wuth des Kriegs ſich hieher ziehen wuͤrde, ſo uͤberließ er dem Grafen von Mannsfeld die Bewachung der Bruͤcke, und entſchloß ſich, in eigener Perſon dieſen wichtigen Poſten zu vertheidigen. Jetzt alſo erblickte man einen ganz neuen Krieg und auf einem ganz andern Schauplatze. ¹) 1) Strad. 582. Thuan. III. 48. 452 Die Niederlaͤnder hatten an mehreren Stellen, oberhalb und unterhalb Lillo, den Damm durchſtochen, welcher dem brabantiſchen Ufer der Schelde folgt, und wo ſich kurz zuvor gruͤne Fluren zeigten, da erſchien jetzt ein neues Element, da ſah man Fahrzeuge wimmeln und Maſtbaͤume ragen. Eine ſeelaͤndiſche Flotte, von dem Grafen Hohenlohe angefuͤhrt, ſchiffte in die uͤberſchwemmten Felder, und machte wiederholte Bewegungen gegen den Cowenſteiniſchen Damm, jedoch ohne ihn im Ernſte anzugreifen; waͤhrend daß eine andere in der Schelde ſich zeigte, und bald dieſes, bald jenes Ufer mit einer Landung, bald die Schiffbruͤcke mit einem Sturme bedrohte. Mehrere Tage trieb man dieſes Spiel mit dem Feinde, der, ungewiß, wo er den Angriff zu erwarten habe, durch anhaltende Wachſamkeit erſchoͤpft, und Duuih ſo oft getaͤuſchte Furcht all⸗ maͤhlich ſicher werden ſollte. Die Antwerper hatten dem Grafen Hohenlohe verſprochen, den Angriff auf den Damm von der Stadt aus mit einer Flottille zu unterſtuͤtzen; drei Feuerzeichen von dem Hauptthurme ſollten die Loſung ſeyn, daß dieſe ſich auf dem Wege befinde. Als nun in einer finſtern Nacht die erwarteten Feuerſaͤulen wirklich uͤber Antwerpen aufſtiegen, ſo ließ Graf Hohenlohe ſogleich fuͤnfhundert ſeiner Truppen zwiſchen zwei feindlichen Redouten den Damm erklettern, welche die ſpaniſchen Wachen theils ſchlafend uͤberfielen, theils, wo ſie ſich zur Wehr ſetzten, niedermachten. In kurzem hatte man auf dem Damme feſten Fuß gefaßt, und war ſchon im Begriffe, die uͤbrige Mannſchaft, zweitauſend an der Zahl, nachzubringen, als die Spanier in den naͤchſten Redouten in Bewegung kamen, und von dem ſchmalen Terrain beguͤnſtigt, auf den dichtgedraͤng⸗ ten Feind einen verzweifelten Angriff thaten. Und da nun zugleich das Geſchuͤtz anfing, von den naͤchſten Batterien auf die anruͤckende Flotte zu ſpielen, und die Landung der uͤbrigen —y 453 Truppen unmoͤglich machte, von der Stadt aus aber kein Beiſtand ſich ſehen ließ, ſo wurden die Seelaͤnder nach einem kurzen Gefechte uͤberwaͤltigt und von dem ſchon eroberten Damme wieder heruntergeſluͤrzt. Die ſiegenden Spanier jagten ihnen mitten durch das Waſſer bis zu den Schiffen nach, ver⸗ ſenkten mehrere von dieſen, und zwangen die uͤbrigen, mit einem großen Verluſte ſich zuruͤckzuziehen. Graf Hohenlohe waͤlzte die Schuld dieſer Niederlage auf die Einwohner von Antwerpen, die durch ein falſches Signal ihn betrogen haͤtten, und gewiß lag es nur an der ſchlechten Uebereinſtimmung ihrer beider⸗ ſeitigen Operationen, daß dieſer Verſuch kein beſſeres Ende nahm. ¹) Endlich aber beſchloß man, einen planmaͤßigen Angriff mit vereinigten Kraͤften auf den Feind zu thun, und durch einen Hauptſturm, ſowohl auf den Damm, als auf die Bruͤcke, die Belagerung zu endigen. Der ſechzehnte Mai 1585 war zu Ausfuͤhrung dieſes Anſchlags beſtimmt, und von beiden Theilen wurde das Aeußerſte aufgewendet, dieſen Tag entſcheidend zu machen. Die Hollaͤnder und Seelaͤnder brachten, in Vereini⸗ gung mit den Antwerpern, uber zweihundert Schiffe zuſam⸗ men, welche zu bemannen ſie ihre Staͤdte und Citadellen von Truppen entbloͤßten, und mit dieſer Macht wollten ſie von zwei entgegengeſetzten Seiten den Cowenſteiniſchen Damm be⸗ ſtuͤrmen. Zu gleicher Zeit ſollte die Scheldebruͤcke durch neue Maſchinen von Gianibelli's Erfindung angegriffen und dadurch der Herzog von Parma verhindert werden, den Damm zu entſetzen. ²) 1) Strad. 583. Meteren 498. 2) Strad. 58 4. Meteren 498. 454 Alexander, von der ihm drohenden Gefahr unterrichtet, ſparte auf ſeiner Seite nichts, derſelben nachdruͤcklich zu begegnen. Er hatte, gleich nach Eroberung des Dammes, an fuͤnf ver⸗ ſchiedenen Orten Redouten darauf erbauen laſſen, und das Commando daruͤber den erfahrenſten Officieren der Armee uͤbergeben. Die erſte derſelben, welche die Kreuz⸗Schanze hieß, wurde an der Stelle errichtet, wo der Cowenſteiniſche Damm in den großen Wall der Schelde ſich einſenkt und mit dieſem die Figur eines Kreuzes bildet; uͤber dieſe wurde der Spanier Mondragon zum Befehlshaber geſetzt. Tauſend Schritte von derſelben wurde in der Naͤhe des Schloſſes Cowenſtein die St. Jacobs⸗Schanze aufgefuͤhrt, und dem Commando des Camillo von Monte uͤbergeben. Aufdieſe folgte in gleicher Entfernung die St. Georgs⸗Schanze, und tauſend Schritte von dieſer die Pfahl⸗Schanze unter Gamboa's Befehlen, welche von dem Pfahlwerke, auf dem ſie ruhte, den Namen fuͤhrte; am aͤußerſten Ende des Dammes, unweit Stabroek, lag eine fuͤnfte Baſtei, worin der Graf von Mannsfeld nebſt einem Jialiener, Capizucchi, den Befehl fuͤhrte. Alle dieſe Forts ließ der Herzog jetzt mit friſcher Artillerie und Mannſchaft verſtaͤrken, und noch uͤberdieß an beiden Seiten des Dammes und laͤngs der ganzen Richtung desſelben Pfaͤhle einſchlagen, ſowohl um den Wall hadurch deſto feſter, als den Schanz⸗ graͤbern, die ihn durchſtechen wuͤrden, die Arbeit ſchwerer zu machen.) Fruͤh Morgens, am ſechzehnten Mai, ſetzte ſich die feind⸗ liche Macht in Bewegung. Gleich mit Anbruch der Daͤmme⸗ rung kamen von Lillo aus durch das uͤberſchwemmte Land vier brennende Schiffe daher geſchwommen, wodurch die ſpaniſchen 1) Strad. 582. 584. —— — 455 Schildwachen auf dem Damme, welche ſich jener furchtbaren Vulcane erinnerten, ſo ſehr in Furcht geſetzt wurden, daß ſie ſich eilfertig nach den naͤchſten Schanzen zuruͤckzogen. Gerade dieß war es, was der Feind beabſichtigt hatte. In dieſen Schiffen, welche bloß wie Brander ausſahen, aber es nicht wirklich waren, lagen Soldaten verſteckt, die nun ploͤtzlich ans Land ſprangen, un) den Damm an der nicht vertheidigten Stelle, zwiſchen St. Georgs und der Pfahl⸗Schanze, gluͤcklich erſtiegen. Unmittelbar darauf zeigte ſich die ganze ſeelaͤndiſche Flotte mit zahlreichen Kriegsſchiffen, Proviantſchiffen und einer Menge kleinerer Fahrzeuge, welche mit großen Saͤcken Erde, Wolle, Faſchinen, Schanzkoͤrben u. dgl. beladen waren, um ſogleich, wo es noth that, Bruſtwehren aufwerfen zu koͤnnen. Die Kriegsſchiffe waren mit einer ſtarken Artillerie und einer zahlreichen tapfern Mannſchaft beſetzt, und ein ganzes Heer von Schanzgraͤbern begleitete ſie, um den Damm, ſobald man im Beſitz davon ſeyn wuͤrde, zu durchgraben. ¹) Kaum hatten die Seelaͤnder auf der einen Seite angefangen, den Damm zu erſteigen, ſo ruͤckte die Antwerpiſche Flotte von Oſterweel herbei, und beſtuͤrmte ihn von der andern. Eilfertig fuͤhrte man zwiſchen den zwei naͤchſten feindlichen Redouten eine hohe Bruſtwehr auf, welche die Feinde von einander abſchneiden und die Schanzgraͤber decken ſollte. Dieſe, mehrere Hundert an der Zahl, ſielen nun von beiden Seiten mit ihren Spaten den Damm an, und wuͤhlten in demſelben mie ſolcher Emſigkeit, daß man Hoffnung hatte, beide Meere in kurzem mit einander verbunden zu ſehen Aber unterdeſſen hatten auch die Spanier Zeit gehabt, von den zwei naͤchſten Redouten herbeizueilen und einen muthigen Angriff zu thun, waͤhrend daß das Geſchuͤtz von 1) Strad. 587 sq. Meteren 498. Thuan, III. 48. 456 der Georgs⸗Schanze unausgeſetzt auf die feindliche Flotte ſpielte. Eine ſchreckliche Schlacht entbrannte jetzt in der Gegend, wo man den Deich durchſtach und die Bruſtwehr thuͤrmte. Die Seelaͤnder hatten um die Schanzgraͤber herum einen dichten Cordon gezogen, damit der Feind ihre Arbeit nicht ſtoͤren ſollte; und in dieſem kriegeriſchen Laͤrm, mitten unter dem feindlichen Kugelregen, oft bis an die Bruſt im Waſſer, zwiſchen Todten und Sterbenden, ſetzten die Schanzgraͤber ihre Arbeit fort, unter dem beſtaͤndigen Treiben der Kaufleute, welche mit Unge⸗ duld darauf warteten, den Damm geoͤffnet und ihre Schiffe in Sicherheit zu ſehen. Die Wichtigkeit des Erfolgs, der gewiſſer⸗ maßen ganz von ihrem Spaten abhing, ſchien ſelbſt dieſe ge⸗ meinen Tagloͤhner mit einem heroiſchen Muthe zu beſeelen. Einzig nur auf das Geſchaͤft ihrer Haͤnde gerichtet, ſahen ſie, hoͤrten ſie den Tod nicht, der ſie rings umgab, und fielen gleich die vorderſten Reihen, ſo drangen ſogleich die hinterſten herbei. Die eingeſchlagenen Pfaͤhle hielten ſie ſehr bei der Ar⸗ beit auf, noch mehr aber die Angriffe der Spanier, welche ſich mit verzweifeltem Muthe durch die feindlichen Haufen ſchlugen, die Schanzgraͤber in ihren Loͤchern durchbohrten, und mit den todten Koͤrpern die Breſchen wieder ausfuͤllten, welche die Lebenden gegraben hatten. Endlich aber, als ihre meiſten Officiere theils todt, theils verwundet waren, die Anzahl der Feinde unaufhoͤrlich ſich mehrte, und immer friſche Schanz⸗ graͤber an die Stelle der gebliebenen traten, ſo entfiel dieſen tapfern Truppen der Muth, und ſie hielten fuͤr rathſam, ſich nach ihren Schanzen zuruͤckzuziehen. Jetzt alſo ſahen ſich die Seelaͤnder und Antwerper von dem ganzen Theile des Dam⸗ mes Meiſter, der von dem Fort St. Georg bis zu der Pfahl⸗ Schanze ſich erſtreckt. Da es ihnen aber viel zu lange anſtand, die voͤllige Durchbrechung des Dammes abzuwarten, ſo luden — 457 ſie in der Geſchwindigkeit ein ſeelaͤndiſches Laſtſchiff aus, und brachten die Ladung desſelben uͤber den Damm heruͤber auf ein Antwerpiſches, welches Graf Hohenlohe nun im Triumph nach Antwerpen brachte. Dieſer Anblick erfuͤllte die geaͤngſtigte Stadt auf einmal mit den froheſten Hoffnungen, und als waͤre der Sieg ſchon erfochten, uͤberließ man ſich einer tobenden Froͤhlichkeit. Man laͤutete alle Glocken, man brannte alle Kanonen ab, und die außer ſich geſetzten Einwohner rannten ungeduldig nach dem Oſterweeler Thore, um die Proviantſchiffe, welche unterwegs ſeyn ſollten, in Empfang zu nehmen.) In der That war das Gluͤck den Belagerten noch nie ſo guͤnſtig geweſen, als in dieſem Augenblicke. Die Feinde hatten ſich muthlos und erſchoͤpft in ihre Schanzen geworfen, und, weit entfernt, den Siegern den eroberten Poſten ſtreitig machen zu koͤnnen, ſahen ſie ſich vielmehr ſelbſt in ihren Zufluchtsoͤrtern belagert. Einige Compagnien Schottlaͤnder, unter der Anfuͤh⸗ rung ihres tapfern Oberſten Balfour, griffen die St. Georgs⸗ Schanze an, welche Camillo von Monte, der aus St. Jacob herbeieilte, nicht ohne großen Verluſt an Mannſchaft ent⸗ ſetzte. In einem viel ſchlimmern Zuſtande befand ſich die Pfahl⸗ Schanze, welche von den Schiffen aus heftig beſchoſſen wurde und alle Augenblicke in Truͤmmern zu gehen drohte; Gamboa, der ſie commandirte, lag verwundet darin, und ungluͤcklicher⸗ weiſe fehlte es an Artillerie, die feindlichen Schiffe in der Ent⸗ fernung zu halten. Dazu kam noch, daß der Wall, den die Seelaͤnder zwiſchen dieſer und der Georgs⸗Schanze aufgethuͤrmt hatten, allen Beiſtand von der Schelde her abſchnitt. Haͤtte man alſo dieſe Entkraͤftung und Unthaͤtigkeit der Feinde dazu benutzt, in Durchſtechung des Dammes mit Eifer und Beharr⸗ ¹1) Strad. 589. Meteren 498. 458 lichkeit fortzufahren, ſo iſt kein Zweifel, daß man ſich einen Durchgang geoͤffnet und dadurch wahrſcheinlich die ganze Be⸗ lagerung geendigt haben wuͤrde. Aber auch hier zeigte ſich der Mangel an Folge, welchen man den Antwerpern im ganzen Laufe dieſer Begebenheit zur Laſt legen muß. Der Eifer, mit dem man die Arbeit angefangen, erkaltete in demſelben Maße, als das Gluͤck ihn begleitete. Bald fand man es viel zu lang⸗ weilig und muͤhſam, den Deich zu durchgraben; man hielt fuͤr beſſer, die großen Laſtſchiffe in kleinere auszuladen, welche man ſodann mit ſteigender Fluth nach der Stadt ſchaffen wollte. St. Aldegonde und Hohenlohe, anſtatt durch ihre perſon⸗ liche Gegenwart den Fleiß der Arbeiter anzufeuern, verließen gerade im entſcheidenden Moment den Schauplatz der Hand⸗ lung, um mit einem Getreideſchiff nach der Stadt zu fahren, und dort die Lobſpruͤche uͤber ihre Weisheit und Tapferkeit in Empfang zu nehmen. ¹) Waͤhrend daß auf dem Damme von beiden Theilen mit der hartnaͤckigſten Hitze gefochten wurde, hatte man die Schelde⸗ Bruͤcke von Antwerpen aus mit neuen Maſchinen beſtuͤrmt, um die Aufmerkſamkeit des Herzogs auf dieſer Seite zu be⸗ ſchaͤftigen. Aber der Schall des Geſchützes vom Damme her entdeckte demſelben bald, was dort vorgehen mochte, und er eilte, ſobald er die Bruͤcke befreit ſah, in eigener Perſon den Deich zu entſetzen. Von zweihundert ſpaniſchen Pikenrern be⸗ gleitet, flog er an den Ort des Angriffs, und erſchien noch gerade zur rechten Zeit auf dem Kampfplatze, um die voͤllige Niederlage der Seinigen zu verhindern. Eiligſt warf er einige Kanonen, die er mitgebracht hatte, in die zwei naͤchſten Re⸗ douten, und ließ von da aus nachdruͤcklich auf die feindlichen 1) Meteren 494. 459 Schiffe feuern. Er ſelbſt ſtellte ſich an die Spitze ſeiner Sol⸗ daten, und in der einen Hand den Degen, den Schild in der andern, fuͤhrte er ſie gegen den Feind. Das Geruͤcht ſeiner Ankunft, welches ſich ſchnell von einem Ende des Dammes bis zum andern verbreitete, erfriſchte den geſunkenen Muth ſeiner Truppen, und mit neuer Heftigkeit entzuͤndete ſich der Streit, den das Local des Schlachtfeldes noch moͤrderiſcher machte. Auf dem ſchmalen Ruͤcken des Dammes, der an manchen Stellen nicht uͤber neun Schritte breit war, fochten gegen fuͤnftauſend Streiter; auf einem ſo engen Raume draͤngte ſich die Kraft beider Theile zuſammen, beruhte der ganze Erfolg der Belagerung. Den Antwerpern galt es die letzte Vormauer ihrer Stadt, den Spaniern das ganze Gluͤck ihres Unter⸗ nehmens; beide Parteien fochten mit einem Muthe, den nur Verzweiflung einfloͤßen konnte. Von beiden aͤußerſten Enden des Dammes waͤlzte ſich der Kriegsſtrom der Mitte zu, wo die Seelaͤnder und Antwerper den Meiſter ſpielten, und ihre ganze Steaͤrke verſammelt war. Von Stabroek her drangen die Italiener und Spanier heran, welche an dieſem Tag ein edler Wettſtreit der Tapferkeit erhitzte; von der Schelde her die Wallonen und Spanier, den Feldherrn an ihrer Spitze. Indem jene die Pfahlſchanze zu befreien ſuchten, welche der Feind zu Waſſer und zu Land heftig bedraͤngte, drangen dieſe mit Alles niederwerfendem Ungeſtuͤm auf die Bruſtwehr los, welche der Feind zwiſchen St. Georg und der Pfahlſchanze aufgethuͤrmt hatte. Hier ſtritt der Kern der niederlaͤndiſchen Mannſchaft hinter einem wohlbefeſtigten Walle, und das Geſchuͤtz beider Flotten deckte dieſen wichtigen Poſten. Schon machte der Herzog Anſtalt, mit ſeiner kleinen Schaar dieſen furchtbaren Wall an⸗ zugreifen, als ihm Nachricht gebracht wurde, daß die Italiener und Spanier, unter Capizucchi und Aquila, mit ſtuͤr⸗ 460 mender Hand in die Pfahlſchanze eingedrungen, davon Meiſter geworden, und jetzt gleichfalls gegen die feindliche Bruſtwehr im Anzuge ſeyen. Vor dieſer letzten Verſchanzung ſammelte ſich alſo nun die ganze Kraft beider Heere, und von beiden Seiten geſchah das Aeußerſte, ſowohl dieſe Baſtei zu erobern, als ſie zu vertheidigen. Die Niederlaͤnder ſprangen aus ihren Schiffen ans Land, um nicht bloß muͤßige Zuſchauer dieſes Kampfes zu bleiben. Alexander ſtuͤrmte die Bruſtwehr von der einen Seite, Graf Mannsfeld von der andern; fuͤnf Angriffe ge⸗ ſchahen, und fuͤnfmal wurden ſie zuruͤckgeſchlagen. Die Nieder⸗ laͤnder uͤbertrafen in dieſem entſcheidenden Augenblicke ſich ſelbſt; nie im ganzen Laufe des Krieges hatten ſie mit dieſer Stand⸗ haftigkeit gefochten. Beſonders aber waren es die Schotten und Englaͤnder, welche durch ihre tapfere Gegenwehr die Verſuche des Feindes vereitelten. Weil da, wo die Schotten fochten, Niemand mehr angreifen wollte, ſo warf ſich der Herzog ſelbſt, einen Wurfſpieß in der Hand, bis an die Bruſt ins Waſſer, um den Seinigen den Weg zu zeigen. Endlich, nach einem langwierigen Gefechte, gelang es den Mannsfeldiſchen, mit Huͤlfe ihrer Hellebarden und Piken, eine Breſche in die Bruſt⸗ wehr zu machen, und, indem der Eine ſich auf die Schultern des Andern ſchwang, die Hoͤhe des Walls zu erſteigen. Bar⸗ thelemy Toralva, ein ſpaniſcher Hauptmann, war der Erſſte, der ſich oben ſehen ließ, und faſt zu gleicher Zeit mit demſelben zeigte ſich der Italiener Capizucchi auf dem Rande der Bruſtwehr; und ſo wurde denn, gleich ruͤhmlich fuͤr beide Nationen, der Wettkampf der Tapferkeit entſchieden. Es ver⸗ dient bemerkt zu werden, wie der Herzog von Parma, den man zum Schiedsrichter dieſes Wettſtreits gemacht hatte, das zarte Ehrgefuͤhl ſeiner Krieger zu behandeln pflegte. Den Ita⸗ liener Capizucchi umarmte er vor den Augen der Truppen 461 und geſtand laut, daß er vorzuͤglich der Tapferkeit dieſes Officiers die Eroberung der Bruſtwehr zu danken habe. Den ſpaniſchen Hauptmann Toralva, der ſtark verwundet war, ließ er in ſein eigenes Quartier zu Stabroek bringen, auf ſeinem eige⸗ nen Bette verbinden, und mit demſelben Rocke bekleiden, den er ſelbſt den Tag vor dem Treffen getragen hatte. ¹) Nach Einnahme der Bruſtwehr blieb der Sieg nicht lange mehr zweifelhaft. Die hollaͤndiſchen und ſeelaͤndiſchen Truppen, welche aus ihren Schiffen geſprungen waren, um mit dem Feinde in der Naͤhe zu kaͤmpfen, verloren auf einmal den Muth, als ſie um ſich blickten, und die Schiffe, welche ihre letzte Zuflucht ausmachten, vom Ufer abſtoßen ſahen. Denn die Fluth fing an, ſich zu verlaufen, und die Fuͤhrer der Flotte, aus Furcht, mit ihren ſchweren Fahrzeugen auf dem Strande zu bleiben, und bei einem ungluͤcklichen Ausgange des Treffens dem Feinde zur Beute zu werden, zogen ſich von dem Damme zuruͤck und ſuchten das hohe Meer zu gewinnen. Kaum bemerkte dieß Alexander, ſo zeigte er ſeinen Truppen die fliehenden Schiffe, und munterte ſie auf, mit einem Feinde zu enden, der ſich ſelbſt aufgegeben habe. Die hollaͤndiſchen Huͤlfstruppen waren die erſten, welche wankten, und bald folgten die Seelaͤnder ihrem Beiſpiele. Sie warfen ſich eiligſt den Damm herab, um durch Waten oder Schwimmen die Schiffe zu erreichen; aber weil ihre Flucht viel zu ungeſtuͤm geſchah, ſo hinderten ſie einander ſelbſt, und ſtuͤrzten haufenweiſe unter dem Schwerte des nachſetzenden Siegers. Selbſt an den Schiffen fanden Viele noch ihr Grab, weil Jeder dem Andern zuvor⸗ zukommen ſuchte, und mehrere Fahrzeuge unter der Laſt derer, die ſich hineinwarfen unterſanken. Die Antwerper, die fuͤr 1) Strada. 595. 462 ihre Freiheit, ihren Herd, ihren Glauben kaͤmpften, waren auch die Letzten, die ſich zuruͤckzogen, aber eben dieſer Umſtand verſchlimmerte ihr Geſchick. Manche ihrer Schiffe wurden von der Ebbe uͤbereilt, und ſaßen feſt auf dem Strande, ſo daß ſie von den feindlichen Kanonen erreicht und mit ſammt ihrer Mannſchaft zu Grunde gerichtet wurden. Den andern Fahr⸗ zeugen, welche vorausgelaufen waren, ſuchten die fluͤchtigen Haufen durch Schwimmen nachzukommen; aber die Wuth und 3 Verwegenheit der Spanier ging ſo weit, daß ſie, das Schwert zwiſchen den Zaͤhnen, den Fliehenden nachſchwammen, und Manche noch mitten aus den Schiffen herausholten. Der Sieg der königlichen Truppen war vollſtaͤndig, aber blutig; denn von den Spaniern waren gegen achthundert, von den Niederlaͤndern(die Ertrunkenen nicht gerechnet) etliche Tauſend auf dem Platz geblieben, und auf beiden Seiten wurden viele von dem vornehmſten Adel vermißt. Mehr als dreißig Schiffe fielen mit einer großen Ladung von Proviant, die fuͤr Antwerpen beſtimmt geweſen war, mit hundert und fuͤnfzig Kanonen und anderem Kriegsgeraͤthe in die Haͤnde des Siegers. Der Damm, deſſen Beſitz ſo theuer behauptet wurde, war an dreizehn ver⸗ ſchiedenen Orten durchſtochen, und die Leichname derer, welche ihn in dieſen Zuſtand verſetzt hatten, wurden jetzt dazu gebraucht, jene Oeffnungen wieder zuzuſtopfen. Den folgenden Tag fiel den Koͤniglichen noch ein Fahrzeug von ungehenrer Groͤße und ſeltſamer Bauart in die Haͤnde, welches eine ſchwimmende Feſtung vorſtellte, und gegen den Cowenſteiniſchen Damm hatte gebraucht werden ſollen. Die Antwerper hatten es mit unſaͤg⸗ ichem Aufwande zu der naͤmlichen Zeit erbaut, wo man den Ingenieur Gianibelli, der großen Koſten wegen, mit ſeinen heilſamen Vorſchlaͤgen abwies, und dieſem laͤcherlichen Monſtrum den ſtolzen Namen, Ende des Kriegs, beigelegt, den es —— — — 463 nachher mit der weit paſſendern Benennung, Verlornes Geld, vertauſchte. Als man dieſes Schiff in See brachte, fand ſich's, wie jeder Vernuͤnftige vorhergeſagt hatte, daß es ſeiner unbehuͤlflichen Groͤße wegen ſchlechterdings nicht zu len⸗ ken ſey, und kaum von der hoͤchſten Fluth konnte aufgehoben werden. Mit großer Muͤhe ſchleppte es ſich bis nach Ordam fort, wo es, von der Fluth verlaſſen, am Strande ſitzen blieb, und den Feinden zur Beute wurde. ¹) Die Unternehmung auf den Cowenſteiniſchen Damm war der letzte Verſuch, den man zu Antwerpens Rettung wagte. Von dieſer Zeit an ſank den Belagerten der Muth, und der Magiſtrat der Stadt bemuͤhte ſich vergebens, das gemeine Volk, welches den Druck der Gegenwart empfand, mit entfernten Hoffnungen zu vertroͤſten. Bis jetzt hatte man das Brod noch in einem leidlichen Preiſe erhalten, obgleich die Beſchaffenheit immer ſchlechter wurde; nach und nach aber ſchwand der Getreide⸗ vorrath ſo ſehr, daß eine Hungersnoth nahe bevorſtand. Doch hoffte man die Stadt wenigſtens noch ſo lange hinzuhalten, bis man das Getreide zwiſchen der Stadt und den aͤußerſten Schanzen, welches in vollen Halmen ſtand, wuͤrde einernten koͤnnen; aber ehe es dazu kam, hatte der Feind auch die letzten Werke vor der Stadt eingenommen, und die ganze Ernte ſich ſelbſt zugeeignet. Endlich fiel auch noch die benachbarte und bundesverwandte Stadt Mecheln in des Feindes Gewalt, und mit ihr verſchwand die letzte Hoffnung, Zufuhr aus Brabant zu erhalten. Da man alſo keine Moͤglichkeit mehr ſah, den Proviant zu vermehren, ſo blieb nichts anders uͤbrig, als die Verzehrer zu vermindern. Alles unnuͤtze Volk, alle Fremden, ja ſelbſt die Weiber und Kinder ſollten aus der Stadt hin⸗ 1) Thuan. III. 49. Meteren 485. Strad. 597 sq. 464 weggeſchafft werden; aber dieſer Vorſchlag ſtritt allzuſehr mit der Menſchlichkeit, als daß er haͤtte durchgehen ſollen. Ein anderer Vorſchlag, die katholiſchen Einwohner zu verjagen, erbitterte dieſe ſo ſehr, daß es beinahe zu einem Aufruhr ge⸗ kommen waͤre. Und ſo ſah ſich denn St. Aldegonde genoͤthigt, der ſtuͤrmiſchen Ungeduld des Volks nachzugeben, und am ſieben⸗ zehnten Auguſt 1585 mit dem Herzoge von Parma wegen Uebergabe der Stadt zu tractiren) ¹) Meteren 500. Strad. 600 sq. Thuan. III. 50. Allgem. Geſch. d. v. Niederl III. 499. 8„ 91 ſſeſiſiinſſnſſffſſſiſſiniſſiiſf 7 8 9 10 11 ſf ſiſſſffſſſſſf 3 1 16 17 18 ſnnnſihſſſilllſi 12 1 4 15 —